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Full text of "Handbuch der Forstwissenschaft"

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Veplae den h. Laupp'schen Buchhandlung 
tn Tübingen 








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borey's 
ßandbudi der Forsti9issenschaft 

Zweite perbesserte und permehrte Auflage 

In Perbtndung mit 

Profeffor Dr. H. Bfihler In Cfibtngen -^ 6ertchtsrat Profeffor Dr. K. Didtel tn Charlottenburg- 
Berlin - £. Ritter pon Dombrowski In Wien - Profeffor Dr. fll. £ndres In manchen ^ 
Profeffor Dr. C. Fromme in Giemen - Oberforftrat Dr. B. pon FQrft, Direktor der forftfldien 
Bodifdiule in Hfdiaffenburg - ßofrat Profeffor H. Ritter pon Guttenbergin Wien -^ Profeffor 
Dr. B. Bausrath in Karlsruhe - Profeffor Dr. b. Klein dafelbft - Regierungsrat Profeffor 
6. b a u b dt in Wien - t Profeffor Dr. C. u o n b o r e y In Cfibingen - Geh. Regierungsrat Profeffor 
Dr. H. IRetzger In IRflnden - Geh. Oberforftrat Dr. Hl. fleum elfter, DIrelitor der Forft- 
ahademie In Charandt - Profeffor Dr. £. R a m a n n in manchen - ßofrat Profeffor Dr. Fr. S ch w a dt- 
h a f e r in Wien -^ Forftmelfter Profeffor Dr. B. S di w a p p a di in Eberswalde -^ Forftrat Profeffor 
F. W a n g in Wien - Profeffor Dr. R. W e b e r In mondien 

herausgegeben pon 

Profeffor Dr. ßeriRonn Stoeteer, 

Seh. Obeiforsfrat und Direldor der Grossh. sddislsdien Forstlehronstalt Slsenoch. 



ün pter BAnden. 

Pferter Band. 

Forfflidie Perwalfungs- und Redifskunde, Forffpoltfik und ForHgefdiidife. 



Cflbingen 1903. 
Perlag der 5. baupp'fdien Budihandlung. 



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ForMIdie 

Penodhings- und Rechtskunde, 
f orftpoliflk und f orftgefdiidite 

ün Perbtndung mit 

K. Dickel, m. Endres, H. Sdiwappadi 

herausgegeben 



pon 



ßermann Stoetzen 



CO hingen 1903. 
Perlag der 5. [i a u p p ' (dien Buchhandlung. 



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Alle Rechte vorbehalten. 



Druck Ton H. Laupp Jr in Tttbingen. 



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"tf -Ät^* 



Inhalt des vierten Bandes. 



Xm. Forstverwaltang. 

Von 

A. Schwappach. 

Seite 

I. Diensteinrichtnng 1 

Organisation der geistigen Arbeit 2 

Staatsforstverwaltong 2 

Von den Dienstesstellen 2 

Organisation nach den Geschäftsaufgaben: 
Forsttechnische Stellen : Direktionsstellen 4. Inspektionsstellen 5. Lo- 
kalforstmeister 7. Zentralstelle 7. Verwaltungsstellen im engeren 
Sinne 9. Forstmeister- nnd Oberförstersystem 10. Hilfsarbeiter 12. 
Betriebsregolierangsarbeiten 12. Forststatistik 13. Forstschntzbe- 
amte 13. Kassenbeamte 15. Baligeschäfte 16. Rechtsgeschäfte 17. 
Forstpolizei 18. 
Organisation nach der räumlichen Ausdehnung der Dienstbezirke : Be- 
zirkseinteilung 19. Verwaltungsbezirke 21. Schutzbezirke 22. 

Von den Dienstesorganen 23 

Staatsdienerverhältnis 23. Diensteid 24. Rechte und Pflichten 24. 
Beförderung 26. Wissenschaftliche Weiterbildung 27. Besoldungsver- 
hältnisse 28. 

Gemeindeforstyerwaltung 30 

Staatsaufsicht 31. Dienstbezirke 32. Dienstverhältnis 33. Beförde- 
rung, Besoldung 34. 

Frivatforstverwaltung 34 

Verschiedenheit nach Ausdehnung des Besitzes 34. Forstpolizei 35. 
Dienstbezirke, Dienstorgane 35. 

Forstlicher Unterricht 36 

Ausbildung der Verwaltungsbeamten 36 

Hochschulen 36 (Universität, Polytechnikum). Isolierte Forstlehran- 
stalten 37. 

Ausbildung der Schutz- und Betriebs-Beamten 48 

Prüfangswesen 51 

Forstliches Versuchswesen 54 

Organisation der mechanischen Arbeit 60 

Arbeitskräfte 60. Organisation der Arbeit 61. Ständige Waldarbeiter 
62. Arbeitsverteilung 63. Lohn 64. Hilfskassen 64. Versicherung 
65 (Krankenversicherung, Unfallversicherung, Invaliditäts- und Alters- 
versicherung). 



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VI Inhalt des vierten Bandes. 

Seite 

II. Geschäftsbehandlung 74 

Geschäfte der Projektierung 74 

Budget; Wirtschaftspläne 75. 
Geschäfte der Ausführung 78 

Holzemte 79. Materialverwertung 79. Nebeimutzungen 80. Kulturen 80. 

Weghauten 81. Betriebsregulierung 82. Forstschutzgeschäfte 83. 
Buchführung und Rechnungslegung 85 



XIY. Forstliche Bechtskunde. 

Von 

K. Dickel. 

Grundbegriffe 90 

I. Das Deutsche bürgerliche Recht 94 

1. Allgemeiner Teil 95 

Personen 95. (Natürliche Personen, Juristische Personen im allgemeinen, 
Vereine.) Sachen 102. (Im allgemeinen, Frucht.) Berechtigungen 111. 

Die Rechtsgeschäfte 111. Begriff und Arten 111. Gegenstand 113. Willens- 
äuBserung 114. Willensbestimmung 116. Verträge 118. Vertretung, Voll- 
macht 120. Frist, Termin 123. Verjährung 126. Ausübung der Rechte 
128 (Im allgemeinen, Staatshilfe, Selbsthilfe). Sicherheitsleistung 134. 

2. Schuldverhältnisse 135 

Allgemeine Bestimmungen 135 

Geldschuld 136. Schadensersatz 137. Zurückbehaltungsrecht 143. Ver- 
zug 144. Vertrag 145. üebertragung der Forderung 150. Schuldüber- 
nahme 152. Mehrheit von Schuldnern 153. 

Einzelne Schuldverhältnisse 154 

Kauf und Tausch 154. Miete und Pacht 168. (Pfandrecht) Dienstver- 
trag 173. Werkvertrag 176. (Frachtgeschäft) Auslobung 179. Auf- 
trag 180. Gesellschaft 181. Bürgschaft 183. Vergleich 184. Schuld- 
versprechen 184. Unerlaubte Handlungen 186. 

3. Sachenrecht 191 

Besitz 191. Rechte an Grundstücken 193. Eigentum 196. Begrenzung 

197. Nachbarrechte 202. Erwerb und Verlust des Eigentums an Grund- 
stücken 214. Erwerb des Eigentums an beweglichen Sachen 218. Mit- 
eigentum 227. Dingliche Rechte 229. Erbbaurecht 230. Grunddienstbar- 
keiten 230. Persönliche Dienstbarkeiten 240. (Niessbrauch, Vorkaufsrecht, 
Reallasten.) Pfandrecht 246. 

4. Jagdrecht 251 

Begriff 251. Rechtliche Natur 253. Eigentumserwerb am Wilderergute 256. 
Wildschade 258. 

n. Strafrecht 262 

Allgemeine Lehren 263. Widerstand gegen die Staatsgewalt 271. Be- 
leidigung 274. Tötung 275. Bedrohung 275. Diebstahl 275. Hehlerei 
278. Jagdvergehen 279. (Gegenstand, Täter, Handlung, Ort der Hand- 
lung, Vorsatz, Fahrlässigkeit, Mit Schlingen, In Wäldern, Nachtzeit, Mit- 
täterschaft, Gewerbsmässigkeit.) Unbefugtes Fischen 289. Sachbeschädi- 
gung 289. Gemeingefährliche Verbrechen 290. Verbrechen und Ver- 
gehen im Amte 291. Uebertretungen 292. Reichsvogelschutzgesetz 296. 

III. Gerichtsverfassung 298 

IV. Strafprozess 303 



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Inhalt des vierten Bandes. VII 

XV. Forstpolitik. 

Von 

J. Lehr. 

Für die 2. Auflage durchgesehen von M. Endres. 

Seite 

I. Begriff, verwandte Bezeichnungen 310 

II. Bedeutung, Wichtigkeit der Waldungen 315 

Die örtliche Verteilung der Wälder 316. Die wirtschaftliche Bedeutung des 
Waldes 319. Der Wald als Schutzwald 322. 

ni. Die nationalökonomischen Eigentümlichkeiten der Waldwirtschaft . . 332 
Die Kapitalien der Forstwirtschaft 332. (Boden 332. Vorrat 335.) Die 
Arbeit in der Forstwirtschaft 341. Wirtschaf tsumfang 344. Untemehmungs- 
formen 346. Transport, Absatz 348. Frage der Einträglichkeit und der 
Beweglichkeit des Betriebs 349. 

rv. Aufgaben des Staates im allgemeinen 353 

Historisches 353. (Forst- und Jagdregal 355. Forstordnungen 358.) Heutige 
Forstgesetzgebung 359. 

V. Beschränkungen der Privatwaldwirtschaft 367 

Begründung der Aufsicht 367. Gründe gegen die Staatsaufsicht 370. Die 
Beschränkungen im einzelnen (das Rodungsverbot 373. Das Aufforstungs- 
gebot 377. Das Devastationsverbot 379. Positive Wirtschaftsvorschriften 
381. Die BefÖrsterung 382. Forstschutz 382. Waldteilungen 383. Ver- 
kauf 386. Holzverbrauch 387.) 

VI. Der Schutzwald 387 

Begriff 388. Feststellung der Schutzwaldungen 390. Voraussetzungen für 
zwangsweises Einschreiten 392. Die Massregeln im einzelnen 395. Enteig- 
nung von Waldungen 397. Internationale Regelung 402. 

VII. Gemeinde-, Körperschafts-, Anstaltswald 402 

Begriff der Gemeinde 402. Gemeindewald-Besitz und seine Entstehung 403. 
Beaufsichtigung im allgemeinen 404. Allgemeine Vermögensaufsicht 406. Be- 
fÖrsterung 411. Veräusserungen 414. Waldteilungen 415. Aufforstungen 
415. Körperschafts-, Anstaltswald 416. 

VIIL Der Staatswald 417 

Bedeutung, Entstehung, rechtliche Stellung 417. Gründe für Beibehaltung der 
Staatsforste 419. Gründe gegen den Staatswaldbesitz 427. Folgerungen. 
Grundsätze bei einem Verkauf. Neuerwerb 430. Allgemeine Grundsätze der 
Bewirtschaftung 432. (ümtriebszeit 435). 

IX. Die Pflege der Forstwirtschaft 439 

Schutz gegen Rechtsverletzungen und Beschädigungen 439. Beseitigung und 
Regelung von Waldgrundgerechtigkeiten 444. (Begriff, Entstehung 444. All- 
gemeine Rechtsgrundsätze 446. Bedeutung der Waldgrundgerechtigkeiten 447. 
Freiwillige und zwangsweise Beseitigung 448. Regulierung 450. Ablösung 
452). Ordnung von Jagd und Fischerei 462. ümlegungen, Zusammenlegungen, 
Zorundungen 467. Waldgenossenschaften 469. Holzhandel 477 (Holzverkehr 
des deutschen Reichs 477. Holzzölle 483). Holztransport 496. Statistik 
507. Naturgefahren 509. 



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Vm Inhalt des yierten Bandes. 

XYI. Forstgeschichte. 

Von 

A. Schwappach. 

Seite 

I. Von den ältesten Zeiten bis zur Earolingerzeit 515 

Grenzwald 515. Markgenossenschaften 516. Bannforste 520. Villenverfassang 
Karls des Grossen 521. 
II. Vom Aussterben der Karolinger in Deutschland bis zum Schlnss des Mittel- 
alters, 911—1500 522 

Waldungen des Adels, der Kirchen und Klöster 522 . Waldnutzungsrechte 524 
Sicherung der Grenzen 525. Waldrodungen 526. Hackwaldbetrieb 526. 
Holznutzung, Nebennutzungen 527. Anfang einer Geldwirtschaft 529. Bann- 
forst, Jagdregal, Forsthoheit 531. Forststrafrecht 533. Forstyerwaltung 534. 
Anfänge einer Literatur 535. 

III. Vom Beginn der neueren Zeit bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts 1500 — 1750 536 

Vermehrter Waldbesitz der Landesherren 536. Markenteilung, Privatwald- 
besitz 538. Forstberechtigungen 539. Marksteine 541. Fortgesetzte Ro- 
dungen 541. Forstordnungen 542. Forstnutzungen 543. Waldbau 544. Forst- 
kulturbetrieb insbes. 547. Waldpflege 548. Forsteinrichtung 549. Holz- 
emte 550. Holzverwertung 552. Forsthoheit 553. Beschränkung der Pri- 
vaten und Gemeinden 554. Verwaltung 555. Forststrafwesen 557. Forst- 
liche Literatur 558. (Hausväter 558, Forstmathematik 559, Forstbotanik 559). 

IV. Neuere Forstgeschichte 560 

Waldbesitzstand 560. (Privatwald 560, Domänen, Staatswald 560. Ge- 
meindewald 562). Servituten 563. Waldbau 565. Fremde Holzarten 565. 
(G. L. Hartig 567. H. Cotta 568. Hundeshagen 568. König 568. Pfeil 
569. K. J. Heyer 569). Bestandespflege 574. Forsteinrichtung 576. Forst- 
politik 581. Forstverwaltung 582. Forststrafwesen 583. Forstwissenschaft 
und Literatur 583. Forstvermessung 586. Holzmesskunde 587. Forstliche 
Statik 590. Forstbotanik 590. Forstzoologie 592. Forstpolitik 593. Forstl. 
Unterricht 593. Forstvereine 596. Forstl. Zeitschriften 597. 



Sachregister 599 



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IX 



Verzeichnis der Abkürzungen. 



A. F. u. J.-Z. 

C. f. d. g. F. 
F. Bl. 

F. Cbl. 

J. d. prenss. F. n. J. 

J. d. schles. V. 

Krit. Bl. 

Leb.-Büd. 

M. f. F. n. J. 

N. J. 

Oest. F. 

Oe. V. 

Prakt. F. f. die Schw. 

Schw. Z. 

Suppl. d. A. F. u. J. 

Suppl. z. Thar. J. 

Thar. f. J. 
V. deutsch. F. 
Z. f. F. u. J. 



=: Allgemeine Forst- and Jagd-Zeitung. Frankfurt a. M., 
J. D. Sauerländer. 

= Centralblatt für das gesamte Forstwesen. Wien, Frick. 

= Forstliche Blätter (von Grunert und Leo, bezw. Grunert 
und Borggreve), eingegangen. 

= Forstwissenschaftliches Centralblatt (von Fürst, früher 
Monatsschrift f. F. u. J.). Berlin, Parey. 

= Jahrbuch der preussischen Forst- und Jagdgesetzgebung 
und Verwaltung. Berlin, Springer. 

=: Jahrbuch des schlesischen Forstvereins. Breslau, Mor- 
genstern. 

= Kritische Blätter (von Pfeil und Nördlinger). Leipzig, 
Baumgärtner ; eingegangen. 

= Hess, „Lebensbilder hervorragender Forstmänner". Berlin, 
Parey. 

= Monatsschrift für Forst- und Jagdwesen. Stuttgart, 
Schweizerbart. 

= Neue Jahrbücher der Forstkunde von v. Wedekind. 
Frankfurt a. M., J. D. Sauerländer; eingegangen. 

= Oesterreichische Forstzeitung (von Weinelt). Wien, 
Hitschmann. 

= Oesterreichische Vierteljahrsschrift (früher Monatsschrift 
für Forstwesen). Wien, Verlag des österr. Reichsforst- 
vereins. 

= Der praktische Forstwirt für die Schweiz. Davos, 
Richter. 

= Schweizer Zeitschrift für das Forstwesen. Zürich, Orell, 

Füssli u. Co. 
= Supplemente zur Allgemeinen Forst- und Jagd-Zeitung. 

Frankfurt a. M,, J. D. Sauerländer. 
= Supplemente zum Tharander forstl. Jahrbuch. Dresden, 

Schönfeld. 
= Tharander forstliches Jahrbuch. Dresden, Schönfeld. 
= Bericht über die Versammlung deutscher Forstmänner. 
= Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen (begründet von 

Danckelmann). Berlin, Springer. 



Uandbuch d. Fonfcw. 2. Aufl. IV. 



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V 



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XI 

Jtibatts-aebersicht 



zu 



toTty's I)andbttch der f orstwissensd^aft. 

Zweite Huf läge, herausgegeben von $toet}er. 

Jn vier Bänden. 



I. Baid. Die nufgabeN der f or$twirt»cbaft und f oritlicbe Produktioailebre. eriter teil, 
t. Die üufgaben der ¥orstwirtsd)dft. — Prof. Dr. Oleber-tnOncben. 

2. ?orsllid)e Standortslebre. - Prof. Dr. Ramann-tnOncben. 

3. ¥orstbotanit(. — Prof. Dr. Kleiii*Karlsrtihe. 

4. (Ualdbau. — ütis dem Dacblass des Prof. Dr. von Corey berausg. von Stoetzer. 
ünbang : Zur Pflege der aialdessd)$nbei(. — 6eb- Oberforstrat Dr. Stoetzer-Cisenad). 

II. Baal foritlicbe Prodiilctioailebre» xweiter Ceil. 

5. forstscbulz. — Oberforstrat Dr. von fOrst-JTscbaffenburg. 

6. Jorsibenutzung. 

a) Ce(bnisd)e Eigenscbaften der fJSIzer. — Regierungsral Prof. Caubödc-Olien. 

b) ¥orstprodukten-€rnte, Uerwertung und Aufbewahrung. — 0eb. Oberforstrat Dr. Stoetzer- 
€isenad). 

c) Candwfrtsd)aftlid)e Dulzungen im (Ualde. — Prof. Dr. BQhler-CQbingen. 

d) forstlid)-d)emisd)e Ced)nologie. — ßofral Prof. ScbwadcbSfer^CUien. 

e) Das (Ueidwertc. — €rnst Ritter von Dombrowstci-dlien. 

f) fisd)erei und ¥isd)zud)t. — 0eb- Regierungsrat Prof. Dr. tnetzger-ttliinden. 

III. Band, foritlicbe Betriebilebre iiad for$tlicbe$ lagenieurweiea. 

7. forstvermessungslebre. — Prof. Dr. fromme-0iessen. 

$. aialdwertred)nung und Statitc. — 0eb. Oberforstrat Dr. $toetzer-€isenad). 
Q. Bolzmesstcunde. — l)ofrat Prof. von Guttenberg-dlien. 
10. forsteinrid)tung. — 0eb. Oberforstrat Dr. Deumeister-Charandt. 

11. Qolztransportwesen. — Prof. Dr. Bausratb-Karlsrube. 

12. CUildbad)verbauung. — forstrat Prof. (Uang-CUien. 

IV. Baaä. f oritlicbe Oerwaltuaa»- uaä RecbtilciiNäe aebit f or$trolitilc und f oritgeicblcbte. 

13. forstverwaltungslebre. — forstmeister Prof. Dr. $d)wappad)-€berswalde. 

14. forstlicbe Red)tskunde. - 6erid)tsrat Prof. Dr. Didcel-Berlin. 

15. forstpolitik. — Prof. Dr. €ndres-mQnd)en. 

16. forstgesd)id)te. — forstmeister Prof. Dr. $d)wappad)-€berswalde. 



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XIII. 

Forstverwaltung. 

Von 

Adam Schwappach. 



Litteratur: Micklitz, Porstliche Haushaltungskunde oder Darstellung des Forst- 
organismus, 2. Aufl. Wien 1880. — Albert, Lehrbuch der Forstverwaltungskunde. München 
1883. — Schwappach, Handbuch der Forstverwaltungskunde. Berlin 1884. — Schwap- 
pach, Handbuch der Forst-, Jagd- und Fischereipolitik. Leipzig 1894. 

§ 1. Die Lehre von der Einrichtung und Durchführung des forstlichen Betriebes 
nach den Absichten des Waldbesitzers und den durch die Betriebsregulierung festge- 
stellten wirtschaftlichen Verhältnissen bildet das Gebiet der Forstverwaltungs- 
lehre, früher auch Forsthaushaltungskunde genannt; sie hat lediglich 
die formelle Seite der Wirtschaft ins Auge zu fassen. 

In dieser Beziehung sind zwei Fragen zu erörtern, nämlich : 1) W e r hat die Auf- 
gaben des forstlichen Betriebes durchzuführen und 2) Wie sind diese in fonneller Weise 
zu behandeln? 

Die Beantwortung der ersten Frage erfolgt in der Diensteinrichtung, 
jene der zweiten in der G e s c h ä f t s b e h a n d l u n g. 

I. Diensteinrichtimg. 

§ 2. Die Aufgabe der Diensteseinrichtung besteht in der zweckmässigen Organi- 
sation der menschlichen Arbeitskraft behufs einer den Verhältnissen entsprechenden An- 
wendung der Lehren der Forstwissenschaft auf die Waldungen. Wenn man voraussetzt, 
dass die Forstverwaltnng eine selbständige Wirtschaft und nicht einen Bestandteil einer 
anderen Verwaltung darstellt, wie dieses z. B. bei den sog. Montanforsten, welche den 
Bergwerken und Salinen zur Nutzung überwiesen sind, der Fall ist, so wird die Or- 
ganisation der Forstverwaltung wesentlich bedingt durch: 1) die Form des Eigentums 
(Staats-, Gemeinde-, Privat- Wald), 2) die Ausdehnung des Besitzes und 3) den Inten- 
sitätsgrad der Wirtschaft. 

Da die Organisation der Forstverwaltung in steter Uebereinstimmung mit den aus 
der Gesamtheit der Verhältnisse hervorgegangenen wirtschaftlichen Zwecken stehen 
muss, diese aber nicht nur an und für sich sehr verschieden, sondern auch für einen 
und denselben Waldkomplex im Lauf der Zeit fortwährendem Wechsel unterworfen sind, 
so kann die Lehre von der Forstdiensteinrichtung kein absolutes, unter allen Umständen 
zn erstrebendes Ideal konstruieren, sondern nur ausführen, welche Form der Organi- 

Handbach d. Fontw. 3. Aufl. JV. 1 



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2 Xni. Schwappach, Forstvcrwaltung. 

sation sich unter bestimmten Verhältnissen als die zweckmässigst« empfehlen dürfte. 

Schon ein ganz oberflächlicher üeberblick über die Verwendung menschlicher Ar- 
beitskraft im Forsthaushalt zeigt, dass diese in sehr verschiedenartiger Beschaffenheit 
gefordert wird , nämlich teils als die höher entwickelte geistige Tätigkeit der 
Verwaltungs- und Schutzbeamten, teils als die mehr rein mechanische Kraft- 
leistung des gewöhnlichen Waldarbeiters. Diese Unterscheidung bietet sehr gute 
Anhaltspunkte für die Besprechung und soll deshalb fernerhin zu diesem Zweck bei- 
behalten werden. 

1. Organisation der geistigen Arbeit. 

§ 3. Da nur ausnahmsweise der ganze Komplex geistiger Arbeit für den gesamten 
Umfang eines Waldbesitzes von dem Eigentümer selbst oder von einem einzigen Be- 
amten geleistet werden kann, so wird mit Ausnahme der kleinsten Verhältnisse überall 
eine Arbeitsteilung sowohl nach der Art der Arbeit als nach der räumlichen Ausdeh- 
nung der verschiedenen Wirkungskreise notwendig. Man hat daher zu unterscheiden: 

1. eine Verteilung der Arbeit nach der Geschäftsaufgabe (materielle 
Teilung) und 

2. eine Verteilung nach der räumlichen Ausdehnung des Wirkungs- 
kreises (territoriale Teilung). 

Die materielle Teilung oder die sachliche Zuständigkeit der einzelnen Arbeits- 
kräfte wird durch dieDienstesinstruktionen (Dienstreglement, Dienst- 
unterricht) vorgenommen. Durch diese wird festgestellt, welche Geschäfte den 
einzelnen Kategorien von Organen zugewiesen sind und nach welchen allgemeinen Ge- 
sichtspunkten die Geschäftsbehandlung zu erfolgen hat. 

Die Dienstesinstruktionen sollen kurz und bündig, sowie nach Form und Ausdruck 
dem Bildungsgrade des Personales angemessen sein und möglichst wenig technische 
Vorschriften enthalten. Ein Haupterfordernis für sie ist, dass der Wirkungskreis der 
einzelnen Organe nach seiner materiellen Seite scharf begrenzt wird, um Kompetenz- 
konflikte und unnötige Anfragen zu vermeiden. 

Die räumliche Arbeitsteilung erfolgt durch die Feststellung und Begren- 
zung der Dienstbezirke der einzelnen Organe. 

Die Art und Weise, wie in einem Forsthaushalt einerseits die Sonderung der Ar- 
beit vorgenommen und andererseits für ihre Uebertragung an geeignete Persönlichkeiten 
Vorsorge getroffen ist, nennt man die Organisation der Verwaltung oder 
auch des Dienstes. 

Die Untersuchung über eine zweckmässige Anordnung der Arbeitsteilung durch 
Schaffung dauernder Stellen einerseits und über ihre Besetzung mit Personen (Organen 
im engeren Sinne) andererseits ergiebt eine Teilung dieses Abschnittes in zwei Kapitel, 
von denen das erste die Dienstesstellen und das zweite die Dienstesorgane 
behandelt. 

Da die Forstdienstesorganisation aus verschiedenen im folgenden noch näher zu 
besprechenden Gründen enge mit der Qualität des Besitzes zusammenhängt, so soll 
ihre Betrachtung getrennt nach den drei Kategorien: Staats-, Gemeinde- und Privat-Forst- 
verwaltung erfolgen. 

A. Staatsforstverwaltung. 

I. Von den Dienstesstellen. 

§ 4. Die Staatsforstverwaltung ist ein Teil des allgemeinen Behördenorganis- 
mus. Behörden sind diejenigen staatlichen Organe, welche zur Ausübung eines be- 



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Forsttechnische Stellen. § 5. 3 

^enzten Kreises staatlicher Befugnisse durch ein anderes Organ des Staates berufen 
sind. Nach der Ansicht von Gg. M e y e r ^) sind auch jene Organe, welchen die Ver- 
waltung staatlicher Anstalten oder Vermögensrechte übertragen ist. zu den Behörden 
zu rechnen und gehören demnach die Organe der Staatsforstverwaltung selbst dann, 
wenn sie sich ausschliesslich mit der Bewirtschaftung der Staatswaldungen zu beschäf- 
tigen haben, zu den Behörden. 

Die Mitglieder der Behörden heissen Beamte; eine Behörde kann aus einem 
oder aus mehreren Beamten bestehen ; im letzteren Fall ist sie entweder kollegial 
oder bureaukratisch organisiert. Die ersterwähnte Einrichtung liegt vor, wenn 
die Beschlösse vermittels einer Abstimmung der Mitglieder, also durch Majorität, ge- 
fasst werden, eine Kollegialbehörde muss daher ausser dem Vorstand noch mindestens 
2 stimmberechtigte Mitglieder haben. Bei der bureaukratischen Einrichtung steht die 
Entscheidung und damit auch die Verantwortlichkeit lediglich dem Vorstande zu, wäh- 
rend die anderen Mitglieder nur als seine Gehilfen oder höchstens als seine Stellver- 
treter fungieren. 

Bei der kollegialen Organisation sowohl als bei der bureaukratischen kann die 
Verteilung der Geschäfte unter die Mitglieder der Behörde räumlich oder sachlich er- 
folgen. Im ersten Fall (Bezirksreferate) bearbeitet ein Dezernent alle in einem 
bestimmten Bezirk vorkommenden Angelegenheiten, nach Bedarf unter Mitwirkung an- 
derer Dezernenten. Letzteres ist namentlich bei Bau-, Kassen-, und Rechtssachen der 
Fall. Bei dem System der Sachreferate erstreckt sich die Tätigkeit der ein- 
zelnen Dezernenten, welche nur bestimmte Zweige z. B. Forsteinrichtung, Holzverkauf, 
Personalfragen etc. bearbeiten, über den ganzen Wirkungskreis der betr. Behörde. 
Das System der Bezirksreferate sichert eine genauere Würdigung der gesamten ört- 
lichen Verhältnisse, jenes der Sachreferate bietet den Vorteil einheitlicherer Ent- 
scheidung über den ganzen Wirkungskreis. Je ausgedehnter die Bezirke und je ver- 
schiedenartiger daher die Verhältnisse in ihnen sind, desto mehr empfiehlt sich die 
räumliche Trennung der Arbeitsgebiete. Gewisse Angelegenheiten, welche eine be- 
sondere Ausbildung oder eine einheitliche Behandlung für das ganze Gebiet erfordern, 
werden dagegen stets besser von Sachreferenten bearbeitet (Arbeiterversicherung, Wild- 
bachverbauung, Forsteinrichtung). 

Die Ausdehnung des Staatswaldbesitzes sowohl als auch der Umstand, dass den Be- 
amten der Staatsforsten Verwaltung meist nicht nur dessen Bewirtschaftung, sondern 
auch die Durchführung der forstpolitischen Aufgaben des Staats hinsichtlich der üb- 
rigen Waldungen obliegt, macht in allen Staaten die Einrichtung verschiedener 
Gruppen von Forstdienstesstellen notwendig, welche nun im einzelnen näher betrachtet 
werden sollen. 

I. Organisation nach den Geschäftsaufgaben. 

1. Forsttechnische Stellen. 

§ 5. Die Aufgabe der forsttechnischen Stellen besteht in der Anordnung, 
ü eberwach nng und Ausführung des Betriebes im engeren Sinne, sowie 
in der Beschützung der Waldungen. Je nachdem vorwiegend der Betrieb oder 
mehr der Schutz den einzelnen Stellen zugewiesen ist, unterscheidet man : Forst- 
verwaltungsstellen und Forstschutzstellen. Die ersteren zerfallen 
selbst wieder in Stellen für die D i r e k t i o n , für die I n s p e k t i o n oder Kon- 
trolle und für den Vollzug oder die Verwaltung im engeren Sinn. 

1) Q. Meyer, Die Behörden Organisation der Verwaltung des Innern, in Schön- 
berg, Handbuch der politischen Oekonomie. 

1* 



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4 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

§ 6. Den Direktionsstellen (der Landesf orstbehörde) obliegt die 
oberste Leitung der gesamten Forstverwaltung innerhalb eines Staates und zwar be- 
züglich der Staatsforsten nach Massgabe des in verfassungsmässiger Weise durch den 
Waldeigentümer bestimmten Wirtschaftszieles, bezüglich der übrigen Waldungen aber 
auf Grund der hiefür bestehenden gesetzlichen Normen. 

Zu den Aufgaben der Direktionsstellen gehört besonders: der Erlass von gene- 
rellen Bestimmungen über die Bewirtschaftung der Staatsforsten, Genehmigung der 
Forsteinrichtungswerke, Aufstellung und Vertretung des Etats der Forstverwaltung, 
Fortbildung der Forstgesetzgebung durch Ausarbeitung von Gesetzesentwürfen, ihre 
Vertretung bei den gesetzgebenden Faktoren und Erlass von Vollzugsvorschriften zu 
den angenommenen Gesetzen, Entwurf der Dienstesinstruktionen, Organisationsvor- 
schriften und Bezirkseinteilung, Bearbeitung besonders wichtiger Verwaltungsgeschäfte, 
namentlich des grössten Teiles der Personalangelegenheiten und der bedeutenderen Aen- 
derüngen im Besitzstand, umfassender Materialabgaben etc., ferner obliegt den Direk- 
tionsstellen die gesamte Leitung des Dienstes durch Inspektionsreisen, welche sich 
sowohl auf den technischen Betrieb als auf die Verhältnisse des Personals und die Ver- 
waltung im allgemeinen erstrecken. 

Die Forstdirektionsstellen müssen in allen wichtigeren Fällen die Genehmigung des 
Ressortministers und unter Umständen auch jene des Souveräns einholen. Welche 
Gegenstände von der Direktion selbständig erledigt werden können und welche einer 
höheren Genehmigung bedürfen, ist in den einzelnen Staaten sehr verschieden geordnet ; 
im allgemeinen lässt sich nur sagen, dass in den grösseren Staaten die Direktions- 
stellen umfangreichere Kompetenzen besitzen als in kleineren, andrerseits werden dort 
auch viele Verwaltungsangelegenheiten von den Mittelstellen erledigt, welche hier der 
Entscheidung der Direktionsstellen vorbehalten sind. 

§ 7. Die Organisation der Landesf orstbehörden ist je nach der Ausdehnung des 
betr. Landes sowie der W^aldfläche überhaupt und speziell des Staatswaldbesitzes eine 
sehr verschiedene. Da sich aus praktischen Gründen die Tätigkeit der Landesforstbe- 
hörde nicht bloss auf die Staatsforsten, sondern auch auf die Körperschaftswaldungen 
im weiteren Sinn, sowie die Privatwaldungen zu erstrecken hat, so erscheint es im 
allgemeinen zweckmässig, wenn sie eine Abteilung eines Ministeriums der inneren Ver- 
waltung bildet. So ist z. B. in Preussen seit 1879 die Landesforstbehörde die 3. Abtei- 
lung des Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten ; in Oesterreich gehört die 
Oberleitung der Forst Verwaltung zum Departement des Ackerbauministeriums, in Frank- 
reich zum Ministerium für Ackerbau und Handel, in Kussland zum Ackerbauministerium. 

In Deutschland, wo der Staatswaldbesitz verhältnismässig bedeutend ist und einen 
Teil des Domaniums bildet, dessen Verwaltung meist dem Finanzministerium untersteht, 
ressortiert auch die Landesforstbehörde mit Ausnahme von Preussen fast durchweg von 
diesem Ministerium, bezw. von der Finanzabteilung des Ministeriums. 

Um ein einseitiges Ueberwiegen des forsttechnischen Momentes bei der Bewii't- 
schaftung der Nichtstaatswal düngen zu verhüten, hat man in früherer Zeit öfters die 
oberste Forstbehörde als eine eigene, mehreren Ministerien untergeordnete Mittelbehörde 
organisiert, sodass sie für die wichtigsten Fragen nur eine begutachtende und bean- 
tragende Stelle war, während die eigentliche Entscheidung in den Händen von Nicht- 
technikem lag; diese Einrichtung besteht noch jetzt in Baden und Braunschweig. 
Aehnlich liegt das Verhältnis in jenen Staaten, z. B. in Bayern, wo die Landesforst-- 
behörde eine Abteilung des Finanzministeriums ist, aber die Oberaufsicht über die Nicht- 
staatswaldungen einem anderen Ministerium untersteht. Hier haben ebenfalls für letztere 
lediglich juristisch geschulte Beamte das Dezernat in den Händen und holen bei Ent- 



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Inspektionsstellen. § 9. 5 

Scheidung von technischen Fragen nur das Gutachten der Forstdirektionsstelle ein. 

Besser wird das forstliche Interesse gewahrt, wenn, wie es in Württemberg der 
Fall ißt, für die verschiedenen Kategorien der Waldungen zwar eigene Abteilungen bei 
verschiedenen Ministerien bestehen, aber die gleichen forsttechnischen Mitglieder in den 
verschiedenen Abteilungen tätig sind und das Kollegium zur obersten Leitung der Nicht- 
staatswaldungen aus diesen und aus Räten der entsprechenden Ministerial-Abteilung 
gebildet wird. 

Bisweilen ist auch die Oberleitung der Felddomänen mit jener der Forsten zu 
einer Behörde verbunden, so in Baden, Hessen und Braunschweig. Politische Rück- 
sichten und Ersparnisse können diese Organisation rechtfertigen, doch sollte in Hin- 
blick auf die gegenwärtig höhere volkswirtschaftliche Bedeutung und den grösseren 
Umfang der Forstdomänen gegenüber den Felddomänen dem forsttechnischen Elemente 
stets das Uebergewicht in den betr. Kollegien gewahrt sein. 

§ 8. Bei der Verschiedenartigkeit der Geschäfte des Forsthaushaltes, welche in 
oberster Instanz ihre Regelung bei der Direktionsstelle erwarten, ist es notwendig, 
dass diese ausser den forsttechnischen Beamten noch eine Reihe Referenten (Dezer- 
nenten) für die nicht forsttechnischen Angelegenheiten umfasst. 

Die forsttechnischen Beamten bestehen bei selbständigen Forstabteilungen aus 
dem Vorstand, einer Anzahl von Räten mit räumlich oder sachlich abgegrenzten Refe- 
raten, den nötigen Hilfsarbeitern und dem ünterpersonal für Kanzlei und Registratur. 
Wo keine eigene Forstabteilung vorhanden ist, tritt an die Stelle des Direktors der 
Forstabteilung der forsttechnische Rat des Ministeriums, das Unterpersonal für Kanzlei 
und Registratur ist alsdann für die ganze Behörde gemeinsam. 

Als Angelegenheiten, deren Erledigung nicht von den forsttechnischen Beamten oder 
doch wenigstens nicht von diesen allein erfolgt, sind die Rechts-, Kassen- und Bauange- 
legenheiten anzuführen. Indessen wird es doch nur selten notwendig sein, dass für die 
Zwecke der Landesforstbehörde allein entsprechende Beamte angestellt werden, meist 
bearbeiten die betr. Fachreferenten die bezüglichen Fragen für verschiedene Ressorts. 

Da die Landesforstbehörde stets eine Mehrzahl von Beamten umfasst, so kann 
ihre Organisation sowohl kollegial als bnreaukratisch sein. Nach den allgemeinen 
Grundsätzen ist erstere dann vorzuziehen, wenn die Aufgabe der betr. Behörde nicht 
im Vollziehen sondern im Kontrollieren liegt, sowie in solchen Fällen, in welchen es 
sich um die Entscheidung über Rekurse gegen Verfügungen der ünterbehörden handelt. 
Bei der Landesforstbehörde sind jedoch auch viele gesetzgeberische und organisa- 
torische Fragen zu bearbeiten, welche die energische und einheitliche Durchführung 
eines Grundgedankens erfordern. 

Um dieses zu ermöglichen und andererseits doch auch eine allseitige und ein- 
gehende Würdigung sicherzustellen , sollen solche Angelegenheiten nur der Begut- 
achtung, nicht aber der Entscheidung des Kollegiums unterliegen, während 
wichtige wirtschaftliche Angelegenheiten, Personalsachen, dann die Verbescheidung von 
Beschwerden und Rekursangelegenheiten eine kollegiale Behandlung erwünscht erscheinen 
lassen. Ausserdem ist eine rein kollegiale Behandlung hier auch aus dem Grund aus- 
geschlossen, weil verfassungsmässig stets der Minister persönlich verantwortlich bleibt, 
er kann also nicht an die Entscheidung eines Kollegiums gebunden sein. 

Die weniger wichtigen Gegenstände werden auf stets auf dem Bureauweg erledigt. 

§9. Inspektionsstellen. Die Aufgabe der Kontrolle- oder Inspektions- 
stellen besteht in der technischen Beaufsichtigung aller Waldungen ihres Bezirkes, wo- 
bei das Mass der Einwirkung auf die Nicht-Staatswaldungen von den jeweils gelten- 
den gesetzlichen Bestimmungen abhängt. 



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6 XIII. S c h w a p p a c h , Forstverwaltiing. 

Die Organisation der Inspektionsstellen ist z. Z. in Deutschland eine sehr ver- 
schiedene und bildet noch immer eine umstrittene Frage. Eine allgemeine Lösung hie- 
für gibt es jedoch nicht, sondern diese wird, wie überhaupt die Einrichtung aller Be- 
hörden, durch äussere Verhältnisse bedingt. Die zweckmässigste Einrichtung der 
Stellen, welche die Kontrolle des Betriebes durchzuführen haben, hängt namentlich ab : 
von der Grösse des Landes und der Ausdehnung der ihrer Aufsicht unterstehenden 
Waldungen, feiner von den Verkehrsmitteln und der Ausbildung der Verwaltungsbe- 
amten, sowie von den politischen Verwaltungseinrichtungen. 

Die z. Z. üblichen Einrichtungen dieses Dienstzweiges lassen sich in 3 Gruppen teilen : 

§ 10. In den grösseren Staaten, Preussen, Bayern und Elsass-Lothringen, wird 
die Kontrolle der Forstverwaltung von Inspektionsbeamten besorgt, welche zu Lokal- 
mittelkollegien vereinigt sind (Regierungsforsträten). In den genannten 
Staaten sind diese Instanzen an die Provinzialbehörden der inneren bezw. Finanzver- 
waltung angelehnt, wofür besonders die Rücksicht auf Ersparung an Personal (lusti- 
tiarius, Baubeamten), Einheitlichkeit des Kassen- und Rechnungswesens sowie der all- 
gemeinen Landesverwaltung, ferner auf erleichterten Verkehr mit den übrigen Pro- 
vinzialbehörden der inneren- und Finanz-Verwaltung massgebend war. In Oesterreich 
dagegen sind die Forst- und Domänendirektionen als selbständige Behörden einge- 
richtet, weil sie einerseits ihren fachlichen Charakter und ihre fachliche Unabhängigkeit 
unter allen Umständen behaupten sollen und weit andererseits die Verteilung des Staats- 
waldes über die einzelnen Kronländer eine ungemein verschiedene ist. 

Es kann allerdings nicht geleugnet werden, dass dann, wenn die forstlichen Mittel- 
stellen selbständig organisiert sind, eine sachgemässere Abgrenzung der Verwaltungs- 
gebiete nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten unbeeinflusst von der politischen Bezirks- 
einteilung möglich und eine grössere Unabhängigkeit in technischen Fragen gesichert 
ist. Allein die in Deutschland übliche Form bietet doch, neben der Ersparnis an Per- 
sonal und der Gelegenheit zu mancher Arbeitsvereinigung noch ganz wichtige admini- 
strative Vorteile und ist namentlich dann unbedingt notwendig, wenn der Staatsforst- 
verwaltung gleichzeitig die wichtigsten Aufgaben der Forstpolizei übertragen und hie- 
für nicht eigene Beamte geschaffen sind, wie in Oesterreich, wo letztere dann aller- 
dings auch mit den politischen Verwaltungsbehörden verbunden sind (vgl. unten § 26). 
Die fachliche Unabhängigkeit und Selbständigkeit lässt sich auch bei dem deutschen 
System recht gut wahren, namentlich dann, wenn, wie in Bayern, die forstliche Mittel- 
stelle als eine, in forsttechnischen Fragen vollständig selbständige, Regierungsforst- 
abteilung organisiert ist. Sehr unrichtig wäre es natürlich, w^enn man die technischen 
Fragen der Entscheidung eines Kollegiums unterstellen wollte, in welchem die forst- 
lichen Mitglieder in der Minorität sind, wie dies in Bayern vor der Organisation vom 
Jahr 1885 der Fall war. 

In den grösseren Staaten, in welchen die Inspektionsbeamten zu eigenen Mittel- 
stellen vereinigt sind, besteht ebenso wie in den übrigen Zweigen der Staatsverwal- 
tung auch auf forstlichem Gebiet eine gewisse Dezentralisation, indem den Provinzial- 
forstbehörden einzelne Arbeitsteile zur selbständigen Erledigung zugewiesen sind, welche 
in kleineren Staaten den Direktionsstellen vorbehalten bleiben (vgl. oben § 6). 

Unter den genannten Voraussetzungen bestehen die Vorzüge dieses Systems in 
folgenden Momenten : a) Es ermöglicht eine kollegiale und damit zugleich auch eine all- 
seitige, sowie unparteiische Behandlung der Geschäfte, b) Der Inspektionsbeamte, 
welcher gleichzeitig Mitglied einer Zentralstelle ist, kann seinen Inspektionsdienst er- 
folgreicher durchführen, weil er die leitenden Anschauungen und verfügbaren Mittel 
besser kennt als ein alleinstehender Inspektionsbeamte, ausserdem ist er bei der weiteren 



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Inspektionsstellen. § 12. 7 

Behandlung aller Fragen auf dem Büreauweg stets als Dezernent oder Kodezement be- 
teiligt, c) Sehr beträchtlich fällt die Vereinfachung des schriftlichen Verkehrs in die 
Wagschale, indem der Inspektionsbeamte bei dieser Einrichtung stets als Eeferent 
auch Bureaugeschäfte endgültig erledigt, während bei jenem System, nach welchem 
diese Beamten isoliert in ihren Bezirken wohnen, sie stets nur begutachtend oder an- 
tragstellend tätig sein können, d) Ebenso darf der Umstand, dass durch den gegen- 
seitigen Verkehr der Beamten und die grössere Mannigfaltigkeit der zu ihrer Kenntnis 
kommenden Fälle, femer durch die Berührung mit Beamten anderer Verwaltungszweige 
der Gesichtskreis erweitert und eine gewisse Einseitigkeit ferngehalten wird, nicht ge- 
ring angeschlagen werden. 

Von den verschiedenen Vorwürfen, welche dieser Einrichtung gemacht werden, 
verdient nur folgender besondere Erwähnung : Man behauptet nämlich, dass trotz der 
kollegialen Geschäftsbehandlung bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten zwischen In- 
spektions- und Verwaltungsbeamten letztere meist im Nachteil sein werden, weil der 
erstere im Kollegium für diese Fälle stets Referent oder Korreferent sei oder doch 
von seinen Kollegen nicht im Stich gelassen werde, da jeder von diesen leicht in ähn- 
liche Verhältnisse kommen könne und dann ebenfalls seine Meinung durchsetzen möchte. 

§ 11. In den meisten mittleren und kleineren Staaten, wohnten bisher die In- 
spektionsbeamten in ihren Dienstbezirken und waren der forstlichen Zentralstelle unter- 
geben. (Lokalforstmeister.) 

Der grösste Vorzug dieses Systems besteht in der im allgemeinen genaueren Kennt- 
nis der Waldungen, des Personals und der sonstigen Verhältnisse des Dienstbezirkes 
gegenüber den meist weiter entfernten Regierungsbeamten. Allerdings liegt aber an- 
dererseits eben infolgedessen die Gefahr nahe, dass die Lokalforstmeister diesen Um- 
stand, sowie die häufigere Anwesenheit im Dienstbezirk, namentlich bei jüngeren und 
weniger enei^schen Wirtschaftsbeamten leicht dazu benutzen können, nicht nur eine 
inspizierende, sondern eine die ganze Ven^altung dirigierende Tätigkeit auszuüben. 
Entsprechende Grösse der Dienstbezirke und klare Dienstvorschriften schwächen dieses 
Bedenken ganz wesentlich ab , während andererseits dem Verwaltungsbeamten beson- 
ders dem jüngeren, die leicht zu erreichende Kenntnis der Ansicht des erfahreneren In- 
spektionsbeamten oft sehr schätzenswert sein kann. 

Das System der Lokalforstmeister ist hervorgegangen aus jenem der später zu 
besprechenden Wirtschaftsforstmeister, indem die Selbständigkeit der Re- 
vierverwalter vergrössert, die Mitwirkung der Wirtschaftsforstmeister beim Betrieb 
selbst aber beschränkt und ihre Tätigkeit im Wald im wesentlichen eine kontrollierende, 
auf dem Bureau aber eine begutachtende wurde. In dem Masse als die Ausbildung der 
Revierverwalter sich hob und die Verkehrsmittel sich verbesserten, wurden die Lokal- 
forstmeister überflüssig, weshalb man in der Neuzeit mehr und mehr zu ihrer Beseiti- 
gung^und zu dem in § 12 zu besprechenden System überging. Von den Mittelstaaten 
hat nur noch das Königreich Sachsen die Lokalforstmeister beibehalten, dürfte 
aber in absehbarer Zeit wohl auch dem Beispiel der übrigen Mittelstaaten folgen. 
In manchen Kleinstaaten, wo es noch fortbesteht (Sachsen-Weimar) bildet die Rück- 
sicht auf die Anstellungsverhältnisse der vorhandenen zahlreichen Aspiranten einen 
Hauptgrund für die Beibehaltung. 

§ 12. In neuester Zeit hat jenes System , bei welchem die Mitglieder der 
Zentralstelle selbst die Kontrolle ausüben, ungemein an Verbreitung 
gewonnen und dürfte bald in allen jenen Staaten, wo nicht die Ausdehnung des Wald- 
besitzes und des Landes zu einer Dezentralisation durch Schaffung besonderer Mittel- 
behörden nötigt, allgemein üblich werden. 



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8 XITT. Schwappach, Forstverwaltung. 

Von den grösseren Staaten hat Baden hiemit begonnen, dann folgte Hessen und 
neuerdings ist auch Württemberg zu dieser Einrichtung übergegangen. 

Massgebend sind hiefür namentlich die Rücksichten auf Geschäftsvereinfachung 
und bessere Stellung der Revierverwaltung gewesen, daneben kommt auch noch die 
Ersparnis an Kosten in Betracht. 

Als Schattenseite dieses Systems ist vor allem das Fehlen einer höheren Instanz 
zu erwähnen, wodurch es unmöglich wird, Meinungsdifferenzen zwischen Verwaltungs- 
und Inspektionsbeamten einer unbeteiligten dritten Behörde zur Entscheidung vorlegen zu 
können. Die Erledigung solcher Anstände im Kollegium beseitigt jedoch dieses Be- 
denken grossenteils. 

§ 13. Mag die Organisation der Kontrollestellen in der einen oder anderen 
Weise durchgeführt sein, so bleibt stets die Beaufsichtigung des Betriebs an Ort und 
Stelle die Hauptaufgabe der betreffenden Beamten. Bei der Bildung von Lokalmittel- 
kollegien weist die Dezentralisation diesen noch eine Reihe von Geschäften zu, deren 
Erledigung bei den beiden übrigen Systemen Sache der forstlichen Zentralstelle ist, so 
dass erstere zu förmlichen Mitteldirektionsstellen werden. Wenn auch im einzelnen 
diese Arbeitsteilung zwischen Direktions- und Kontrollinstanz je nach den örtlichen 
Verhältnissen und den allgemeinen forstpolitische Gesetzen sehr schwankt, so er- 
streckt sich doch im allgemeinen das Tätigkeitsgebiet der letzteren stets bezüglich 
der Staatswaldungen auf Leitung des Betriebs und der Materialverwaltung, Prüfung 
und Zusammenstellung der Material- und Geldrechnungen, Leitung und örtliche Prüfung 
der Forsteinrichtungsarbeiten, Prüfung und Anstellung der Forstschutzbeamten sowie 
einzelne Personalangelegenheiten des Verwaltungspersonals. Für die Körperschafts- 
waldungen liegen ihnen die Oberaufsicht über den Betrieb, die Prüfung der Forstein- 
richtungsarbeiten, sowie je nach den gesetzlichen Bestimmungen verschiedene Personal- 
angelegenheit^n ob. Hinsichtlich der Privatwaldungen ist ihre Wirksamkeit im wesent- 
lichen forstpolizeilicher Natur. 

Wieweit die Mitteldirektionsstellen in eigener Kompetenz verfügen können und 
in welchen Fällen die Einholung höherer Entscheidung notwendig ist, hängt von den 
jeweiligen Bestimmungen ab. 

Von wesentlicher Bedeutung ist die Einrichtung des Geschäftsganges bei den 
Mitteldirektionsstellen. Behufs des Vollzuges des Inspektionsdienstes wird jedem forst- 
technischen Mitgliede dieser Behörde ein eigener Inspektionsbezirk zugeteilt, eine Aus- 
nahme macht nur bisweilen der Vorstand, welcher z. B. nach der bayerischen Organi- 
sation keinen solchen hat, sondern sich nur über den jeweiligen Stand der Forstwirt- 
schaft des ganzen Regierungsbezirkes und über die allgemeine Geschäftsbehandlung im 
äusseren Dienst mittels kursorischer Inspektionen stets informiert halten soll. 

Als der genaueste Kenner der Verhältnisse seines Bezirkes ist der betreffende 
Inspektionsbeamte stets Referent oder wenigstens Korreferent in allen diesen be- 
treffenden Angelegenheiten; da aber gewisse Angelegenheiten, z. B. die Materialver- 
wertung für einen grösseren Bezirk am besten einheitlich geleitet werden, so hat die 
bayerische Einrichtung, nach welcher die Inspektionsbeamten nur in den rein wirt- 
schaftlichen Fragen des Betriebes die Dezernenten für ihren Bezirk sind, während 
ausserdem noch sog. Sachreferate bestehen , durch welche manche Geschäfte von den 
einzelnen Mitgliedern der Regierungsforstabteilung für den ganzen Umfang des Regie- 
rungsbezirkes bearbeitet werden , bedeutende Vorzüge , welchen der Nachteil gegen- 
übersteht, dass verschiedene Personen für den gleichen Bezirk vei'fügen und ihn be- 
reisen, wodurch bisweilen ünzuträglichkeiten entstehen können. 

Die Inspektionsbeamten müssen als solche selbständig sein und dürfen nicht in 



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Verwaltungsstellen. § 15. 9 

den wichtigsten forsttechnischen Fragen lediglich als Gehilfen des Vorstandes der 
Forstabteilangerscheinen, was eine grosse Schattenseite der prenssischen Einrichtung bildet. 

Die Erledigung aller wichtigen Fragen erfolgt bei den Mittelstellen auf Grund 
kollegialer Beratung, da sämtliche Momente, welche überhaupt für eine solche Ein- 
richtung sprechen, hier gegeben sind und der bei den Direktionsstellen erhobene Ein- 
wand, dass hiedurch die gleichmässige Durchführung grosser Gesichtspunkte in wich- 
tigen Fragen der Organisation etc. beeinträchtigt werde, bei diesen Behörden wegföllt, 
indem sich ihre Kompetenz auf solche Gegenstände überhaupt nicht erstreckt. 

Wesentlich einfacher ist die Einrichtung des inneren Dienstes bei den Lokal- 
forstmeistem, da diese Einzelbeamte sind, denen nur in einzelnen Staaten Verwaltungs- 
dienstadspiranten als technische Gehilfen zur Seite stehen. 

§ 14. Der Schwerpunkt der ganzen Organisation liegt in den eigentlichen Be- 
triebs- oder den Verwaltungsstellen im engeren Sinn. Ihre Aufgabe 
besteht in der Betriebsverwaltung der ihnen unterstellten Staatswaldungen und der 
Finanzverwaltung ohne Kasse, ferner sind sie fast überall auch die eigentlichen Exe- 
kutivorgane für die forstpolizeilichen Aufgaben des Staates. Zweckmässigkeitsgründe 
veranlassen bisweilen, dass ihnen auch noch andere, mit der forstwirtschaftlichen Tä- 
tigkeit nicht zusammenhängende Funktionen übertragen werden, wie dieses in ganz 
hervorragender Weise in den östlichen Provinzen von Preussen der Fall ist, wo der 
Oberförster zugleich auch noch Forst- Amtsanwalt, Gutsvorsteher, Amtsvorsteher, Stan- 
desbeamter und als solcher auch Aeltester des Gemeindekirchenrates, femer Wahlmann 
für den Kreistag und schliesslich Mitglied des Kreistages sein kann. Dass unter einer 
solchen Aemterhäufnng die eigentliche forstwirtschaftliche Tätigkeit des Oberförsters 
Not leiden muss, ist naheliegend. 

Gelegentlich ist auch der Vorschlag gemacht worden, die Material Verwertung 
vom Betrieb vollständig zu trennen und für erstere besondere Holz verkauf samt er 
einzurichten. Wenn auch zugegeben werden muss, dass von Seite der Verwaltungs- 
beamten bisher öfters zum Nachteil des finanziellen Ertrages die technische Seite allein 
zu sehr berücksichtigt wurde, sowie dass eine Verfolgung der Handelskonjunkturen 
und der Verkauf des eigentlichen Kommerzialholzes zweckmässiger von einer Zentral- 
stelle aus geleitet wird, so erscheint es deswegen doch noch nicht notwendig, eigene 
Organe zu diesem Zweck zu schaffen. Auch innerhalb des bisherigen Rahmens lässt 
sich dasselbe erreichen, wenn in grösseren Staaten die Kontrolle- und in kleineren die 
Direktionsstellen die Materialverwertung wenigstens teilweise in den Bereich ihrer 
Tätigkeit ziehen, die gemeinschaftliche und möglichst frühzeitige Bekanntmachung des 
zum Einschlag gelangenden Materials bewirken, grössere Kaufsofferte entgegennehmen 
und allgemeine Direktiven über die Fortsetzung des Fällungsbetriebes nach Massgabe 
der Marktverhältnisse erteilen. In dieser Beziehung scheint die bayerische Einrichtung 
sehr beachtenswert, die bei den Regierungsforstabteilungen ein eigenes Handelsreferat 
geschaffen hat, welches die Verwertung der Forstprodukte im allgemeinen, Holzsortie- 
rnng, Zoll- und Frachtangelegenheiten für den ganzen Regierungsbezirk zu bearbeiten 
hat. Bei besonderen Holzverkaufsämtem liegt die Gefahr nahe, dass durch das kom- 
merzielle Interesse die forsttechnischen Rücksichten zu sehr in den Hintergrund ge- 
di*ängt werden und leicht Reibung zwischen den Verwaltungs- und Verkaufsstellen 
entstehen. 

§ 15. Die Betriebsführung kann in doppelter Weise organisiert sein. Es können 
sich nämlich an ihr zwei Beamte in der Weise beteiligen, dass der höhere Beamte den 
Betrieb an allen wichtigen Teilen selbst leitet, einzelne wichtige Geschäfte sogar selbst 
ausfuhrt oder unter seiner Aufsicht ausführen lässt und für die übrigen spezieUe An- 



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10 XIIT. Schwappach, Forstverwaltung. 

Ordnungen trifft, der untergeordnete Beamte dagegen nur Vorschläge macht, welche 
der höhere nach Belieben abändern kann, und die Dispositionen des letzteren ausführt. 
Buchführung und Rechnungslegung erfolgt durch den vorgesetzten Beamten nach den 
ihm gelieferten Materialien und Vorarbeiten. 

Dieses System wird gewöhnlich als „Forstmeister-** oder „Revierförster- 
system** bezeichnet, weil hier häufig der höhere der beiden Beamten den Titel „Forst- 
meister** (Wirtschaftsf orstmeister im Gegensatz zu dem oben in § 10 — 13 
besprochenen Kontroll f orstmeister), der niederere aber die Bezeichnung „Re- 
vierförster** führt oder doch wenigstens früher führte. 

Wenn dagegen Antragstellung, Vollzug und Rechnungslegung in allen wesent- 
lichen Punkten in den Händen eines Beamten, des Revierverwalters, vereinigt sind, 
so spricht man vom „Oberförster System**. Die längere Zeit fast in ganz 
Deutschland verbreitete Bezeichnung dieser Beamten als „Oberförster** ist zuerst von 
Bayern durchbrochen worden, wo jetzt alle Revierverwalter „Forstmeister** heissen. 
In vielen anderen Staaten wird neuerdings dieser Titel den älteren Oberförstern meist 
unter gleichzeitiger Beilegung eines höheren Ranges verliehen (Preussen, Elsass- 
Lothringen, Sachsen, Baden, Braunschweig, Mecklenburg-Schwerin). 

Als eine besonders charakteristische Einrichtung des Revierförstersystems ist zu 
bezeichnen, dass der Wirtschaftsforstmeister stets seine Tätigkeit über verschiedene 
Verwaltungsbezirke ausdehnt und ihm ausser der Leitung der Wirtschaft auch noch 
andere Funktionen, z. B. Verteilung der Kredite an die Wirtschaftsbeamten, Entschei- 
dung in gewissen geringfügigen Personalangelegenheiten übertragen ist, so dass er 
wenigstens in manchen Beziehungen zu den Inspektionsbeamten gehört. Anderer- 
seits muss sich bei diesem System der Revierverwalter häufig auch selbstverantwortlich 
an der Ausübung des Forstschutzes beteiligen und ist hier die Trennung zwischen 
Verwaltung und Schutz meist noch nicht scharf durchgefühlt. 

Nur eine genaue Kenntnis der Dienstesvorschriften und tatsächlichen Verhältnisse 
kann entscheiden, ob in einem konkreten Fall das eine oder andere System wirklich 
vorliegt. Gar häutig sind es die Persönlichkeiten und die Tradition, welche selbst 
entgegen dem Wortlaute der Instruktion in der Praxis den Verwaltungsbeamten zum 
Reviertörster herabdrücken. 

Umgekehrt kommt es auch vor, dass bei zu grossen Dienstbezirken der Revier- 
verwalter nicht mehr in der Lage ist, bei der Durchführung des Betriebes überall so 
einzugreifen, wie es wünschenswert erscheint und infolge dessen gezwungen ist, sich 
auf die Anordnung und Ueberwachung des Betriebes zu beschränken, den eigentlichen 
Vollzug aber seinen Untergebenen zu überlassen. Letztere werden dadurch zu „Re- 
vierförstem** und der Revierverwalter zum „Wirtschaftsforstmeister**. 

Ueberhaupt ist die oben vom systematischen Standpunkt ausgegebene Definition 
des Revierförster- bezw. Oberförstersystems in der Praxis keineswegs stets scharf durch- 
zuführen und finden sich zwischen beiden mannigfache Uebergänge. 

§ 16. Bei der Beurteilung beider Systeme muss der eingangs aufgestellte Ge- 
sichtspunkt, dass es in der Verwaltungslehre kein absolutes Ideal giebt, streng fest- 
gehalten werden. Es ist allerdings auf das nachdrücklichste zu betonen, dass bei 
jener Vorbildung der Wirtschaftsbeamten und dem Intensitätsgrad der Wirtschaft, 
welche gegenwärtig im weitaus grössten Teil der deutschen Waldungen vertreten sind, 
das sog. Oberförstersystem unbedingt den Vorzug verdient. Nur durch dieses wird 
eine sachgemässe wirtschaftliche Arbeitsteilung zwischen Kontrolle und Verw^altung 
herbeigeführt, es ermöglicht allein die Kraft und Schaffensfreudigkeit eines Mannes 
wirksam auszunützen, weil es ihm die volle Verantwortlichkeit für seine Tätigkeit 



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Verwaltungsstellen. § 17. 11 

überträgt, aber eben dadurch allein auch Befriedigung zu gewähren veimag. 

Dagegen hatte das Revierförstersystem solange seine Berechtigung, als das Ver- 
waltungspersonal seiner grossen Mehrzahl nach lediglich eine empirische Schulung 
durchgemacht hatte und man ihm keine grössere Selbständigkeit und Initiative ein- 
räumen durfte. Ausserdem ist diese Einrichtung da am Platz , wo der Ertrag der 
Waldungen gering, die Wirtschaft extensiv und einförmig, sowie eine Besserung dieser 
Verhältnisse auch durch einen Uebergang zu intensiveren, grösseren geistigen Arbeits- 
aufwand erfordernden Formen des Betriebes nicht zu erwarten ist, dieses vielmehr in- 
folge der vermehrten Ausgaben für Verwaltung und Schutz unwirtschaftlich genannt 
werden müsste. Zustände, wie sie z. B. in manchen Teilen der östlichen Provinzen von 
Preussen vorliegen. In einzelnen Staaten, z. B. in Anhalt, hat man Oberförster und 
R^vierförster nebeneinander mit Rücksicht auf die sehr verschiedene Grösse der 
Waldkomplexe, welche wegen ihrer zerstreuten Lage häufig ein Zusammenfassen zu 
einem grösseren Verwaltungsbezirk nicht zulassen. 

Die mit Recht vielbeklagten Schattenseiten des Revierförstersystems ergeben sich 
hauptsächlich dadurch, dass Revierförster und Wirtschaftsforstmeister die gleiche Aus- 
bildung genossen haben und ersterer weder einen seinen Kenntnissen entsprechenden 
selbständigen Wirkungskreis, noch auch einen angemessenen Rang gegenüber den übrigen 
Beamtenklassen erlangt. 

Wenn die Verhältnisse die Einführung des Revierförstersystems erwünscht er- 
scheinen lassen, dann müssen diese Stellen entweder nur mit Beamten von geringerer 
technischer und allgemeiner Vorbildung besetzt werden oder man überträgt sie Ver- 
waltungsdienstadspiranten als Durchgangsposten, wie es in Bayern und Württemberg 
bei den Forstamtsassessoren und Forstamtmännern der Fall ist. Letztere Einrichtung 
bietet den Vorzug, einerseits die Beamten allmählich zur grösseren Selbständigkeit zu 
erziehen und andrerseits für die Wirtschaft stets technisch vollkommen vorgebildete 
Persönlichkeiten zur Verfügung zu haben. Dagegen erregt die neue württembergische 
Einrichtung, weniger geeignete Persönlichkeiten dauernd in der Stellung von „Forst- 
amtmännem^ zu belassen, schwere Bedenken, da sie alle Nachteile des alten Revier- 
förstersystems besitzt und mit Notwendigkeit unzufriedene Beamte schafft. 

§ 17. Die moderne Entwicklung des Forstverwaltungsdienstes bringt es mit 
sich, dass die Revierverwaltung einen sehr komplizierten Apparat von Schreibge- 
schäften erfordert, welcher wenigstens nach seinem mechanischen Teil dem Ver- 
waltungsbeamten abgenommen werden muss, wenn dieser nicht seinem eigentlichen 
Tätigkeitsgebiete, dem Walde, zu sehr entfremdet werden soll. 

Neben der Vereinfachung des schriftlichen Dienstes, wofür häufig noch recht er- 
hebliches geschehen könnte, ist es aber durchaus notwendig, dass dem Oberförster zur 
Bewältigung der immerhin sehr beträchtlichen Bureaugeschäfte eine Schreibhilfe von 
Seite des Staates zur Verfügung gestellt und dieser auch die Verantwortlichkeit für 
die Richtigkeit der Rechnungsarbeiten nach der formellen Seite übertragen wird. 
Passende Persönlichkeiten hiefür bieten sich in den jüngeren Schutzdienstadspiranten. 
Die blosse Gewährung einer Geldsumme, mit welcher sich die Oberförster die Schreib- 
hilfe selbst beschaffen sollen, erscheint weniger zweckmässig, denn einerseits ist es 
meist kaum möglich, für diesen Betrag eine geeignete Kraft zu gewinnen, andererseits 
liegt die Versuchung nahe, die schriftlichen Geschäfte selbst zu besorgen, und nur die 
nach Oben gehenden Vorlagen abschreiben zu lassen, was nicht selten von den Fa- 
milienangehörigen geschieht. 

Zur ständigen Unterstützung der Revierverwalter sowohl bei den schriftlichen 
Arbeiten als bei den Dienstgeschäften im Walde werden ihnen nach Bedarf ständige 



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1 2 XTIT. Schwapp ach, Forstvonvaltnnp. 

Assistenten aus der Zahl der Verwaltungsdienstadspiranten beigegeben. 

Für einzelne Betriebsgeschäfte, welche nur vorübergehend eine Vermehrung der 
verfügbaren Arbeitskräfte erheischen, wie z. B. Vermessung, Forsteinrichtungen etc. 
kommen in der Revierverwaltung auch noch unständigeHilfsarbeiter zur Ver- 
wendung, in besonders umfangreichem Mass ist dieses da der Fall, wo ständige tech- 
nische Assistenten fehlen. 

§ 18. Zu den wichtigsten Geschäften des Forstverwaltungsdienstes gehört die 
Durchführung der Betriebsregulierungs- und Waldstandsrevisions-Ar- 
b e i t e n , durch welche die Grundlagen für die ganze Wirtschaft geschaifen werden 
sollen. Aus diesem Grund ist Vertrautheit mit den lokalen Verhältnissen unerlässliche 
Voraussetzung für eine sachgemässe Arbeitserledigung, ausserdem erfordern aber die 
Vermessung, Kartierung, Massenaufnahmen, das Tabellenwerk etc. eine gewisse Routine 
und eine genaue Kenntnis der diesbezüglichen Vorschriften. Da letztere bei dem Wirt- 
schaftsbeamten unmöglich stets vorausgesetzt werden können und zugleich auch die 
Forsteinrichtung eine sehr bedeutende Mehrung der Arbeiten mit sich bringt, welche 
neben den laufenden Geschäften kaum zu bewältigen sind, so erscheint es zweckmässig, 
wenigstens den mechanischen und taxatorischen Teil einem besonderen Personal zu 
übertragen; die wirtschaftlichen Fragen jedoch können und dürfen nur im Einver- 
ständnis und unter Zuziehung der Lokalverwaltungs- und Inspektionsbeamten erledigt 
werden. 

Es bestehen daher in verschiedenen Staaten eigene Stellen, welche die Bearbei- 
tung der Forsteinrichtungsgeschäfte besorgen; hiedurch wird sowohl die Möglichkeit 
geboten, stets über ein speziell geschultes Personal verfügen zu können, als auch eine 
rasche und gleichmässige Durchführung der Arbeit gesichert. 

Ob man zu diesem Behuf für das ganze Land nur eine Zentralstelle schaffen 
soll, wie dieses in Sachsen, Elsass-Lothringen, Baden und Weimar der Fall ist, oder 
ob sich der Wirkungskreis solcher Stellen nur über eine einzelne Provinz zu erstrecken 
hat, hängt wesentlich von der Grösse des Landes ab. 

In grösseren Staaten würden bei völliger Zentralisierung die Arbeiten zu sehr 
anschwellen und auch die nötige Kenntnis der lokalen Verhältnisse fehlen, hier ist es 
daher zweckmässig, die Forsteinrichtungsarbeiten nur für einzelne oder mehrere Pro- 
vinzen gemeinsam ausführen zu lassen. 

Wo für das ganze Land eine Forsteinrichtungsanstalt besteht, wird diese am 
besten als eine selbständige, der Direktionsstelle unmittelbar untergeordnete Behörde 
organisiert, wie z. B. in Sachsen. 

Wenn die Forsteinrichtungsarbeiten nur für die einzelnen Provinzen bearbeitet 
werden sollen, empfiehlt sich die Anlehnung an die Kontrollestellen, ein Referent der 
in solchen Staaten ohnehin vorhandenen Mittelkollegien kann dann mit Unterstützung 
der nötigen Hilfsarbeiter die betreffenden Geschäfte erledigen. 

Es ist zweckmässig, wenn wenigstens alle befähigteren Verwaltungsdienstadspi- 
ranten auch eine Zeit lang bei den Forstverwaltungsarbeiten beschäftigt werden, damit 
sie einen Einblick in den Gang des Geschäftes, sowie den inneren Zusammenhang eines 
Forsteinrichtungswerkes gewinnen. 

Wenig zweckmässig erscheint die z. Z. u. a. noch in Preussen bestehende Ein- 
richtung, die Forsteinrichtungsarbeiten durch besondere, nur vorübergehend gebildete 
Kommissionen ausführen zu lassen. Die Oberleitung der Arbeiten hat hier der Ijand- 
forstmeister des betr. Bezirks als Ministerialkommissar, die Durchführung der Arbeiten 
wird von einem Taxationskommissar mit Unterstützung von Assessoren besorgt. Als Taxa- 
tionskommissare werden bestellt : a) der Oberförster des Verwaltungsbezirkes (verhält- 



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ForstschatzBtellen. § 20. 13 

nismässig selten!), b) ein fremder Oberförster, c) der einschlägige Inspektionsbeamte 
(Forstrat), d) der Inspektionsbeamte eines sonstigen Bezirkes. Am häufigsten findet 
sich die unter b angegebene Form, wobei die Durchführung des Geschäftes eine Art 
Probearbeit für die Beförderung zum Forstrat bildet. 

Bei dieser Organisation kommen nicht nur die bereits oben erwähnten Schatten- 
seiten (mangelnde Kenntnis der formalen Bestimmungen und lokalen Verhältnisse) zur 
Geltung, sondern namentlich auch der Umstand, dass die Taxationsarbeiten*!! als eine 
Nebenbeschäftigung neben einem sonst oft schon recht schwierigen Hauptamt 
durchgeführt werden müssen und dass die einzelnen Kommissare meist nur kurze Zeit 
als solche tätig sind. Den Hilfsarbeitern muss unter diesen Umständen häufig ein 
recht grosser Teil wichtiger Arbeiten fast ganz selbständig überlassen bleiben. Zu 
beklagen ist ferner die sehr beschränkte Beteiligung des einschlägigen Revierverwalters, 
falls er nicht selbst Taxationskommissar ist. 

In den meisten übrigen Staaten ist die früher ziemlich verbreitete Einrichtung, 
die Taxationsarbeiten den betreffenden Revierverwaltem zu übertragen, zu Gunsten mehr 
ständiger Beschäftigung mit diesen Arbeiten verlassen worden. 

§ 19. Noch sehr wenig entwickelt ist die Organisation der Forststatistik. 

Soweit diese von selten der Einzelstaaten durchzuführen ist, was für die wich- 
tigsten Teile der Wirtschafts- oder Produktionsstatistik gilt, können die Angaben aus 
den Forsteinrichtungswerken und den jährlichen Yerwaltungsberichten entnommen 
werden. Es bedarf hiefür meist weniger eines eigenen Personals als der Vereinbarung 
zweckmässiger Bestimmungen über jene Punkte, auf welche sich diese Erhebungen zu 
beziehen haben. 

Nur in den grössten Staaten wären in den Zentralstellen die Bearbeitung und 
Veröffentlichung besonderen Beamten zu übertragen. 

Ein wichtiger Schritt zur Anbahnung einer einheitlichen Forststatistik ist im 
Jahr 1901 dadurch gemacht worden, dass der deutsche Forstverein unter Zustimmung 
und Mitwirkung der Staatsforstverwaltungen ein Formular vereinbart hat, nach welchem 
die Erhebungen über die wichtigsten Fragen der Produktionsstatistik ausgeführt werden 
sollen. 

Zum Zweck des weiteren Ausbaues der Forststatistik sowie zur gemeinschaftlichen 
Bearbeitung der von Einzelstaaten gelieferten Angaben wäre die Berufung eines forst- 
lichen Technikers in das statistische Keichsamt dringend erwünscht. Gegenwärtig wird 
von selten des deutschen Forstvereins der Versuch gemacht, einzelne Teile der Pro- 
dnktionsstatistik zusammenzustellen und zu veröffentlichen. 

§ 20. Die Aufgabe der Forstschutzbeamten besteht in erster Linie in 
der Handhabung des Forstschutzes und eventuell auch des Jagdschutzes, wenn die Jagden 
für den Staat administriert werden. 

Indessen ist diesen Beamten keineswegs das ganze Gebiet des Forstschutzes (im 
wissenschaftlichen Sinn) zugewiesen, sondern nur die Abhaltung der Eingriffe von selten 
der Menschen in das Waldeigentum, sowie die Konstatiernng und Anzeige wirklich er- 
folgter Eigentumsverletzungen, Gesetzwidrigkeiten und sonstigen Schäden. Ausserdem 
Mird von ihnen fast stets auch noch eine Unterstützung des Eevierven^'alters beim Wirt- 
schaftsvollzug gefordert, welche je nach den Verhältnissen oft sehr weitgehend ist. 

Bei sehr grossen Revieren und extensiver Wirtschaft nähert sich ihre Stellung 
jener des Revierförsters, und die eigentliche Schutzaufgabe tritt mehr zurück, es werden 
ihnen alsdann sogar öfters die Anordnung und der Vollzug einfacher Betriebsgeschäfte, 
bisweilen selbst die Abhaltung kleinerer Versteigerungen , zur selbständigen Durchfüh- 
rung unter der Leitung des Oberförsters überlassen (Preussischer Revierförster). 



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14 Xm. Schwappach, Porstverwaltong. 

Mindestens wird aber in dieser Richtung überall von dem Forstschatzbeamten 
verlangt : die unmittelbare Beaufsichtigung der Waldarbeiter, die Aufstellung der Lohn- 
listen für die in seinem Bezirk beschäftigten Arbeiter, die Aufnahme des fertiggestellten 
Materials und die Ueberweisung der Walderzeugnisse an die Empßlnger, femer gewöhn- 
lich auch noch die Auszeichnung von Durchforstungs- und Keinigungshieben nach voraus- 
gegangenen Probeauszeichnungen. Mit Rücksicht auf diese Mitwirkung beim Betrieb, 
welcher beim Steigen der Wirtschaftsintensität gegenüber der Tätigkeit im Forst- 
schutz fortwährend an Bedeutung gewinnt, werden immer mehr Wünsche laut, dass 
diese Beamten nicht als „Schutzbeamte^ sondern als „Betriebsbeamte^ bezeichnet werden 
möchten. 

Der Schutzbedienstete muss jedenfalls soviel technisches Verständnis besitzen, 
um beurteilen zu können, ob die vom Wirtschafter gegebenen Anordnungen auf alle 
konkreten Verhältnisse, welche sich bei der Ausführung ergeben, passen oder ob spezielle 
Anordnungen einzuholen sind. 

Je nach den Anforderungen, welche in einem Staat an die Forstschutzbediensteten 
gestellt werden, ist ihre Vorbildung und Organisation eine sehr verschiedene. 

§ 21. Früher erhielten die Ver waltungsdiens t adspiranten häufig 
ihre erste Anstellung im Forstschutzdienst. Hiedurch wurde ihnen frühzeitig eine stän- 
dige, honorierte Beschäftigung verschafft, ausserdem lernten sie zugleich den Dienst 
nach allen Richtungen kennen. So erwünscht auch eine solche Funktion als Durch- 
gangsstelle für kurze Zeit ist, so bietet diese Einrichtung dann grosse Schattenseiten 
in dienstlicher und sozialer Hinsicht, wenn die Verwendung als Forstschutzbeamter auf 
Stellen mit starkem Frevel längere Zeit (in Bayern früher oft 8 — 10 Jahre) dauert; 
der junge Mann wird dann nicht nur der wissenschaftlichen, sondern gar häufig auch 
der wirtschaftlichen Thätigkeit zu sehr entfremdet. 

Die brauchbarsten Schutzbediensteten liefert die Verwendung von speziell 
für diesen Dienstgrad vorgebildeten Beamten (Förstersystem). 
Dieses empfiehlt sich namentlich, wenn von ihnen auch eine weitergehende Teilnahme 
am Betrieb gefordert wird ; es hat gleichzeitig den Vorzug, dass in den Anwärtern und 
jüngeren Bediensteten auch ein sehr geeignetes Personal zur Gewährung der Schreib- 
hilfe für die Oberförster geboten ist. 

Ungleich billiger als das eben erwähnte Förstersystem ist die Anstellung solcher 
Leute zu Forstschutzbediensteten, welche keine besondere forsttechnische 
Vorbildung genossen haben , aber infolge ihrer früheren Beschäftigung mit den 
forstlichen Verhältnissen und den wirtschaftlichen Manipulationen, welche sie anzuordnen 
und zu leiten haben, bereits vertraut sind, also namentlich von geeigneten Waldarbeitern 
(Forstwartsystem), welches in bester Form in Württemberg vertreten ist. Hie- 
durch bieten sich zugleich grosse Vorteile für die Heranziehung eines guten W^ald- 
arbeiterstandes. 

Weniger empfehlenswert ist es, solche Personen, welche von den forstlichen Ver- 
hältnissen gar keine spezielle Kenntnis zu haben brauchen, also auch nicht Waldarbeiter 
waren, ohne weitere spezielle Schulung auf Grund der allgemeinen Elementarkennt- 
nisse als Forstschutzbeamte anzustellen, wie es früher z. B. in Hessen der Fall war. 

Da sich aber die ebengenannte Kategorie von Schutzbediensteten nicht zu einer 
weitergehenden Verwendung im eigentlichen Forstbetrieb eignet, so ist das Forstwart- 
system nur da angezeigt, wo der Revierverwalter oder dessen technischer Nebenbeamte 
in der Lage ist, den Betrieb nach allen Richtungen selbst leiten zu können. Wenn 
letzteres jedoch wegen zu grosser DieÄstbezirke, Kränklichkeit etc. nicht der Fall ist 
dann nehmen diese Schutzbedienstete >eicht tatsächlich die Stellung von Revierförstern 



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Porstliche Kassengeschäfte. § 22. 15 

oder mindestens von Förstern ein, ohne die hiezu erforderliche Vorbildung zu besitzen. 

Die Erkenntnis dieser Missstände hat in neuester Zeit dazu geführt, auch den 
Forstwarten durch besondere Einrichtungen (Kurse), auf welche weiter unten näher 
eingegangen werden wird, wenigstens die einfachsten Kenntnisse des Waldbaues, Forst- 
schutzes und der Forstgesetzgebung beizubringen (vgl. unten den Abschnitt „Unterricht"). 

Unter gewissen Voraussetzungen, namentlich bei isoliert gelegenen kleinen Par- 
zellen, kann es angezeigt sein, ihren Schutz solchen Personen zu übertragen, welche 
diese Funktion neben ihrem sonstigen Beruf ausüben, man wird hiezu hauptsächlich 
solche Leute wählen, welche entweder durch ihren Beruf (Landwirtschaft) oder gele- 
gentliche Ausübung der Waldarbeit den forstlichen Verhältnissen näher stehen. 

Während die bisher besprochenen Kategorien von Forstschutzbediensteten alle im 
höheren oder geringeren Mass sich auch am Betrieb zu beteiligen haben, kommen auch 
noch solche Organe des Forstschutzes zur Verwendung , deren Tätigkeit sich nur 
auf diesen zu erstrecken hat. Hieher gehören die preussischen Forsthilfsaufseher, welche 
Anwärter auf Försterstellen sind, und je nach Bedarf teils ständig, teils zeitweise aus- 
schliesslich zur Handhabung des Forst- und Jagdschutzes verwendet werden können, 
gewöhnlich aber gleichzeitig Hilfe im Betriebe leisten, ferner die nunmehr voll- 
ständig umgewandelte württembergische Forstschutzwache, welche in den 1850er Jah- 
ren errichtet und rein militärisch organisiert war. Auch die allgemeinen Sicherheitsorgane 
haben den Eigentumsverletzungen am Wald ihr Augenmerk zuzuwenden, können aber 
in ausserordentlichen Fällen, wenn die Kräfte des Forstschutzpersonales nicht ausreichen, 
speziell zu dessen Verstärkung herbeigezogen werden. Unter Umständen wird zum 
gleichen Zweck sogar Militär requiriert. 

Da jede der verschiedenen Arten von Forstschutzbediensteten je nach der Lage 
der Verhältnisse recht gute Dienste leisten kann, diese aber meist nicht in allen Be- 
zirken und Waldteilen gleichartig sind, so finden sich gewöhnlich mehrere der genannten 
Formen in demselben Staat nebeneinander. 

§ 22. Die Verwaltung der forstlichen Kassengeschäfte, d. h. die 
Realisierung der durch den Forstbetrieb veranlassten Geldausgaben und Geldeinnahmen, 
sowie die entsprechende rein finanztechnische Rechnungslegung ist in Deutschland nir- 
gends den Organen der Forstverwaltung, sondern stets besonderen Organen übertragen, 
dagegen ist z. B. in Russland die Revierverwaltung noch vollständig mit der Kassen- 
verwaltung vereinigt. Auch in Oesterreich und Ungarn können wenigstens die Forst- 
verwalter nach Bedarf bis zu einem gewissen Grade zur Besorgung der Kassengeschäfte 
mit herangezogen werden. In Deutschland werden die Geldgeschäfte der Forstverwal- 
tung entweder von den allgemeinen staatlichenKassenämtern *oder von 
eigens aufgestellten Forstkassenbeamten besorgt. 

Das erstere System ist mehr in Süd- und Westdeutschland verbreitet und besitzt 
den Vorzug, dass das Publikum bei Gelegenheit der Zahlung von Steuern oder wenn 
es sonst zu den Staatskassen muss, auch die Zahlungen und Forderungen, welche 
sich auf den Forstbetrieb beziehen, erledigen kann. Als Nachteile werden angeführt, 
dass durch diese Greschäftsvermehrung oft die Bildung neuer Kassen mit hoch besoldeten 
Vorständen notwendig, sowie dass die gehoifte Erleichterung für das Publikum durch 
Bezeichnung verschiedener Amtstage für die einzelnen Geschäfte illusorisch gemacht 
wird. 

Bei eigenen Forstkassen, welche sich hauptsächlich in Norddeutschland finden, 
ist der Verkehr zwischen Forstverwaltung und Kasse erleichtert und auch die aus ver- 
schiedenen Gründen erwünschte Anwesenheit des Forstkassenbeamten bei der Verwertung 
der Forstprodukte ermöglicht. 



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16 XIII. Schwappach, ForstYerwaltimg. 

Indessen ergiebt sich hier die Schattenseite, dass wenn nicht grosse zusammen- 
hängende Waldkomplexe vorhanden sind, eigene Forstkassenbeamte nur für einen 
sehr ausgedehnten Bezirk aufgestellt werden können, was für das Publikum sehr un- 
bequem ist, wenn nicht nochmals Untererheber verwendet werden. 

Man tiberträgt mit Rücksicht hierauf die Forstkassengeschäfte öfters solchen Be- 
amten, welche überhaupt im Kassen- und Rechnungswesen bereits angestellt sind und 
deshalb von der Forstverwaltung nicht voll besoldet werden müssen, als Nebenamt. So 
ist die Einrichtung z. B. in Elsass-Lothringen und war sie früher auch vielfach in 
Preussen, doch werden hier in neuerer Zeit, namentlich um die Anwesenheit des Forst- 
kassenbeamten bei den Holzverkäufen zu ermöglichen, immer mehr selbständige Forst- 
rendanturen eingerichtet. 

Nach den deutschen Auffassungen ist es zur Wahrung der Integrität der Forst- 
beamten absolut unzulässig, dass diese sich an den Kassengeschäften unmittelbar be- 
teiligen; Gelderhebungen im Interesse des Dienstes dürfen diese niemals, Auszah- 
lungen nur ausnahmsweise und bei untergeordneten Gelegenheiten (hauptsächlich Porto- 
auslagen und Botenlöhne) vornehmen. 

Die Forstkassenbeamten sollen im Interesse des Dienstes den Oberförstern selb- 
ständig und unabhängig gegenüberstehen, d\e Geldeinnahmen nach den ihnen von dem 
Oberförster zugehenden Erhebungslisten durchführen, die Zahlungen auf Grund der 
Etats und eröffneten Kredite nach den vorschriftsmässigen Normen leisten und allein 
verantwortlich ihre Geldrechnungen aufstellen. 

Die Leitung des Dienstes der Forstkassenstellen und namentlich auch ihre ordent- 
lichen und ausserordentlichen Visitationen finden da, wo die allgemeinen Kassenämter 
die forstlichen Geldgeschäfte mitbesorgen, lediglich von der vorgesetzten Finanzstelle 
aus statt, während die Revision und Visitation der speziellen Forstkassen entweder 
von der Forstverwaltung allein, oder doch wenigstens unter Mitwirkung von Forstbe- 
amten durch die zuständigen Organe der Finanzverwaltung vorgenommen wird. 

In den mittleren und oberen Instanzen bieten die forstlichen Kassengeschäfte 
keine Besonderheiten. 

Die Forstkassen liefern ihre Ueberschüsse entweder an die Regierungshauptkassen 
oder direkt an die Zentralkassen ab, ebenso werden die von ihnen gelegten Rechnungen 
lediglich als ein Teil der Staatshaushaltungsrechnung nach den allgemeinen Vorschriften 
behandelt. 

§ 23. Die bei der Forstverwaltung vorkommenden Baugeschäfte werden, 
soweit sie in das Hochbaufach einschlagen und nicht ganz einfacher Natur sind, 
meist in 'allen Instanzen von den in der Staatsverwaltung überhaupt angestellten Bau- 
beamten mitbesorgt. Den Forstbeamten obliegt nur die Antragstellung, Prüfung und 
Begutachtung der Pläne vom Standpunkt der Forstverwaltung aus, Wahrung ihrer 
Interessen bei der Bauausführung, Prüfung der ausgeführten Bauten behufs üeber- 
nahme, femer die Bereitstellung der erforderlichen Mittel. 

Die Erbauung kleiner, unbedeutender Objekte (Waldhäuser, ünterkunftshütten), 
sowie geringfügige ünterhaltungsarbeiten an allen Hochbauten werden vom Forst- 
personal mit Hilfe der gewöhnlichen Bauhandwerker durchgeführt. 

Wesentlich anders als bei den Hochbauten liegen die Verhältnisse bei A n 1 a g e 
und Unterhaltung der forstlichen Transportanstalten. Hier kommen 
in erster Linie forsttechnische Rücksichten bei der Projektierung in Betracht, während 
die Bauausführung meist ziemlich einfach ist. 

Mit Ausnahme von Württemberg, wo bei der Forstdirektion ein eigenes bau- 
technisches Bureau besteht, werden diese Arbeiten daher überall von den Forstverwal- 



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Forstliche Bauangelegenheiten. § 24. 17 

tnngsbeamten selbst geleitet, nur bei grösseren Kunstbauten, namentlich bei Brücken, ist 
die Zuziehung eines Ingenieurs erwünscht und können für diese Fälle die Techniker, 
welche füi' das Ingenieurfach in anderen Zweigen der Staatsverwaltung angestellt sind, 
sachgemäBse Hilfe leisten. Die oft sehr grossartigen Wasserbauten, welche zum Zweck 
des Holztnmsports in den höheren Gebirgslagen notwendig sind, werden fast ausnahms- 
los unter Leitung des Lokalforstpersonals durch die in solchen Oertlichkeiten allerdings 
meist höchst gewandten Arbeiter ganz zweckentsprechend durchgeführt. 

Das gleiche gilt bei den sog. Meliorationsbauten, wie Bewässerungen 
und Entwässerungen, Verbauung von Wildbächen, Wiesenanlagen etc. welche ebenfalls 
meist vom Forstpersonal geleitet werden. Nur bei umfangreichen Arbeiten dieser Art ist 
die Mitwirkung von Technikern und Kulturingeoieuren nötig , soweit die Forstverwal- 
tnng sich nicht ein eigenes Personal hiefür ausbildet (Forsttechnische AbteUung für 
Wildbachverbauung in Oesterreich.) 

§ 24. Bei den forstlichen Rechtsgeschäften ist die Staatsforstver- 
wältung als Verwalterin und Vertreterin eines Teiles des Staatsvermögens den allge- 
meinen gesetzlichen Normen, welche zur Durchführung der Justizhoheit erlassen sind, 
unterworfen ; nur im Strafprozess beteiligen sich die Organe der Staatsforstverwaltung bis 
zu einem gewissen Grad aktiv an der Eechtspüege, Besonderheiten ergeben sich bloss 
daraus, wie die Vertretung des oft ziemlich komplizierten Organismus geordnet ist. 

Als Vertreter der Staatsforstverwaltung in Rechtsangelegenheiten erscheinen in 
den grösseren Staaten die Bezirksregierungen, in den kleineren die Zentralstellen. 

Am häufigsten kommt die Forstverwaltung in die Lage, die Mitwirkung der frei- 
willigen Gerichtsbarkeit in Anspruch nehmen zu müssen. Dieses ist na- 
mentlich der Fall beim Abschluss von Verträgen wegen Eigentumsübertragung (Kauf 
und Tausch). Die betreflTenden Vertragsentwürfe werden hiebe! von den rechtskundigen 
Mitgliedern der Zentral- bezw. Direktionsstellen gefertigt oder geprüft, während die 
Vertretung des Fiskus bei Beurkundung des Geschäftes mittels besonderen Dekretes 
dem einschlägigen Verwaltungsbearaten übertragen wird. 

Kleinere Rechtsgeschäfte, namentlich Holzverkaufs-, Lieferungs- und Dienstverträge, 
werden meist nur im Verwaltungsweg nach den bestehenden Vorschriften erledigt. 

In Sachen der Verwaltungsgerichtsbarkeit kann die Staatsforstver- 
waltung sowohl Klägerin (z. B. bei gewissen Eigentumsstörungen) als auch Beklagte 
(z. B. wegen Zugehörigkeit von Forstbezirken zu Gemeindeiiuren) sein. Die Parteien 
können sich hiebei durch Bevollmächtigte vertreten lassen. 

Im Zivilprozess kann die Staatsforstverwaltung ebenfalls sowohl Klägerin 
als Beklagte sein. Bezüglich der Vertretung vor Gericht gelten hier die Bestimmungen 
der Reichszivilprozessordnung v. 30. Jan. 1877, nach welchen die Parteien vor den 
Landgerichten und allen Gerichten höherer Instanz sich durch einen bei dem Prozess- 
gericht zugelassenen Rechtsanwalt vertreten lassen müssen. Dieser erhält hier ebenso 
wie bei den Verwaltungsrechtsstreitigkeiten von den juristischen Mitgliedern derjenigen 
Stelle, welcher im betr. Fall die Vertretung des Forstes obliegt, die nötigen Infor- 
mationen und Instruktionen. Die forsttechnischen Organe haben dem Rechtsanwälte 
nach Bedarf die erforderlichen Aufschlüsse, Gutachten etc. zu erteilen. 

Im Strafprozess kann die Staatsforstverwaltung (weil eine juristische Per- 
son) niemals Angeklagte sein, dagegen kann sie die Hilfe des Gerichtes anrufen ent- 
weder wegen einer Verletzung ihrer eigenen Rechtssphäre oder in Ausübung der Auf- 
sicht über die Nichtstaatswaldungen als Anzeigerin einer in diesen begangenen Ge- 
setzesverletzung. 

Bei den einfacheren Delikten haben die Organe der Staatsforstverwaltung meist die 

Handbuch d. Fontw. 2. Aufl. IV. 2 



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18 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

Funktionen des Amtsanwaltes im Prozessverfahren zu versehen, da die Mitwirkung 
eines Sachverständigen in diesen Fällen doch zweckmässig ist und auf diese Weise die 
Strafrechtspflege rasch und einfach gefördert wird. Soweit es erforderlich erscheint, 
werden die Staatsforstbeamten im Strafprozess von den Gerichten auch noch besonders 
zur Abgabe von Gutachten aufgefordert. 

§ 25. Zur Forstwirtschaft eines Landes tiitt der Staat in doppelter Richtung 
in Beziehung, einerseits als Eigentümer einer gewissen Waldfläche, andrerseits als 
Inhaber von Hoheitsrechten, nämlich der V e r w a 1 1 u n g s- und der Polizei-Hoheit, 
welche sich auf alle Waldungen ohne Ausnahme erstrecken. 

Beide Hoheitsrechte kann der Staat in doppelter Weise ausüben, nämlich 

a. durch die Verwaltung , d. h. durch Schutz und Förderung, ohne in eine 
ihm fremde Rechtssphäre einzugreifen. Dieses geschieht durch den Erwerb und die 
Art der Bewirtschaftung von Waldungen, sowie durch freie Einwirkung auf die Privat- 
waldwirtschaft, z. B. Gründung von Lehranstalten, Abgabe von Pflanzen aus dem 
Staatswald etc. 

b. Durch die Polizei oder die staatliche Zwangsgewalt in der inneren Ver- 
waltung, wenn zur Durchführung bestimmter staatlicher Zwecke Einschränkungen der 
Privatrechtssphäre notwendig und zugelassen sind. Letzteres gilt für alle Zw^angs- 
niassregeln, welche sich auf die Waldwirtschaft beziehen, z. B. Ablösung von Forst- 
servituten, Verbot der Rodung und des Kahlabtriebes etc. 

§ 26. Darüber, dass zur Durchführung der Verwaltungsaufgabe des Staates hin- 
sichtlich der Nichtstaatswaldungen die Staatsforstbeamten die geeignetsten Organe sind, 
falls deren sonstiger Wirkungskreis dieses überhaupt zulässt, besteht wohl allgemein 
üebereinstimmung. Weniger ist dieses der Fall bezüglich der Organisation der Forst- 
polizei im engeren Sinn. Hier ist wenigstens vom theoretischen Standpunkt aus die 
Forderung zu stellen, dass die Handhabung der Forstpolizei in allen Instanzen von 
der Verwaltung getrennt sein müsse, da der Staat durch seine Forstwirtschaft ebenso- 
gut fremde Interessen verletzen kann wie jeder andere Waldbesitzer. In der Praxis 
ist jedoch diese Sonderung, wenigstens in Deutschland, in den unteren Instanzen nirgends 
durchgeführt; überall sind die Forstverwaltungsbeamten zugleich auch die Organe für 
die Ausübung der Forstpolizei. In den mittleren und oberen Instanzen findet allerdings 
gewöhnlich eine Trennung statt, allein die forsttechnischen Referenten der Behörden, 
welchen die Handhabung der Forstpolizei obliegt, sind doch stets die gleichen Per- 
sonen wie für die Verwaltung der Staatsforsten. Diese Vereinigung erscheint abge- 
sehen von dem Vorzug der Billigkeit, umsomehr zulässig, als für die notwendig werden- 
den Eingriffe in fremde Rechtssphären doch die Forstbeamten nie allein zuständig sind, 
sondern stets die Mitwirkung der Beamten der inneren Verwaltung oder jene von 
Spezialgerichten und unter Umständen auch der ordentlichen Gerichte in Anspruch 
nehmen müssen. Andrerseits dürfte aber auch die Aufsicht, welche von Forstbeamten 
der inneren Verwaltung über die Bewirtschaftung der Staatsforsten ausgeübt werden 
würde, von keinem grossen praktischen Wert sein. 

In jenen Ländern und Landesteilen dagegen, in welchen Staats Waldungen oder 
vom Staat beförsterte Gemeindewaldungen nur in geringem Umfang vorhanden sind, 
und infolge dessen nicht eine genügende Anzahl von Staatsbeamten zur Handhabung 
der Forstpolizei zur Verfügung steht, erscheint allerdings die Aufstellung eigener Or- 
gane zu diesem Zweck wünschenswert und notwendig. Unter diesen Voraussetzungen 
hat man z. B. in Oesterreich seit 1869 ein eigenes „forsttechnisches Personal der po- 
litischen Verwaltung" geschaffen (neueste Organisation v. 1. XI. 95), welches die poli- 
tischen Behörden in der Ausübung der staatlichen Forstaufsicht zu unterstützen, die 



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Bezirkseinteilung. § 28. 19 

Forstkultur durch Belehrung der einer Anweisung und Anleitung bedürftigen Waldbe- 
sitzer zu fördern und unter Umständen die Bewirtschaftung bestimmter Waldungen 
selbst zu fuhren oder zu leiten hat. Hierher sind auch die neuerdings in Bayern er- 
richteten Forstämter ohne Staatswald zu rechnen. 

Ebenso kann es zweckmässig sein, für Durchführung gewisser, die Forstwirtschaft 
mitberührenden Massregeln der allgemeinen Landeskultur dann ein eigenes Forstpolizei- 
pei'sonal zu schaffen, wenn diese von grösserem Umfang sind und für ihre zweckent- 
sprechende Durchführung eine längere spezielle Uebung erfordern, wie u. a. für die 
Verbauung der WUdbäche oder grössere Aufforstungen unter besonders schwierigen 
Verhältnissen. Zu diesem Behuf ist z. B. in Oesterreich die forsttechnische Abteilung 
für Wildbachverbauung eingerichtet worden. 

Wenn das Staatsforstverwaltungspersonal in einzelnen Landesteilen wegen des 
Zurücktretens des Staatsw^aldbesitzes zur Handhabung der Forstpolizei nicht ausreicht, 
ein eigenes staatliches Personal aber hiefür nicht aufgestellt werden soll, so kann der 
Staat durch Delegation von Hoheitsrechten die Vertretung seiner Interessen solchen 
Organen überlassen, welche an den betr. Waldungen sonst gar keine Interessen oder 
doch nur jene des Eigentümers zu vertreten hätten. Dieses ist z. B. bei den sog. 
provisorischen Forstämtern im Grossherzogtum Hessen der Fall, ebenso war man früher 
auch in Oesterreich bestrebt, zum Vollzug der Forstpolizei Hilfskräfte aus dem Wirt- 
schaftspersonal der Gemeinden und Privaten heranzuziehen, doch ist diese Einrichtung 
der „delegierten Forstinspektionsbeamten" bereits seit geraumer Zeit wieder beseitigt. 

§ 27. Ausser der Forstpolizei ist auch die allgemeine Landespolizei 
in den Waldungen auszuüben, z. B. Gestattung von Niederlassungen, Aufsicht über die, 
die Waldungen durchziehenden öffentlichen Strassen, Sicherheitspolizei etc. Hiefür sind 
die politischen Verwaltungsbehörden und deren Hilfsorgane jedoch, abgesehen von der 
Sicherheitspolizei, gewöhnlich nur im Einvernehmen mit den Forstbehörden tätig ; aus- 
nahmsweise z. B. in den östlichen Provinzen von Preussen und in Sachsen werden 
solche polizeiliche Funktionen auch direkt den Oberförstern übertragen (vgl. oben § 14). 

II. Organisation nach der räumlichen Ausdehnung der Dienstbezirke. 

§ 28. Zu einer vollständigen Dienstesorganisation ist es eri'orderlich, dass der 
Wirkungskreis der einzelnen Behörden nicht nur sachlich, sondern auch räum- 
lich durch Zuweisung eines bestimmten Wirkungskreises abgegrenzt wird; letzteres 
geschieht durch die Bezirkseinteilung. 

Die Tätigkeit der Staatsforstbehörden ist, wie früher bereits erörtert wurde, 
mit der rein forsttechnischen Bewirtschaftung der Staatswaldungen noch keineswegs er- 
schöpft, sondern sowohl die Abgabe der Forstprodukte als auch namentlich die Ausübung 
der Forstpolizei bringen es mit sich, dass ihr Wirkungskreis auch Nichtstaatswaldungen 
und sogar forstlich nicht benutztes Gelände umfasst, ausserdem bestehen häufig zwi- 
schen einzelnen Walddistrikten und den Bewohnern der umliegenden Ortschaften ver- 
schiedenartige Beziehungen, welche teils durch Recht teils durch Herkommen begründet sind. 

Bei der Bildung der Dienstbezirke hat man daher meist zu unterscheiden zwischen 
der Grenze des einem bestimmten Beamten oder einer Behörde zugewiesenen Staats- 
waldbezirkes und ihrer politischen Grenze. Für erstere entscheiden technische Gründe, 
bei Festsetzung der politischen Grenzen ist es zur Vereinfachung des Geschäftsganges 
in allgemeinen Verwaltungsangelegenheiten wünschenswert, dass diese möglichst mit 
der politischen Bezirkseinteilung des Landes hannonieren. 

Wie die Dienstesinstruktionen den Wirkungskreis sachlich so klar scheiden sollen, 
dass Kompetenzkonflikte möglichst vermieden werden, so soll auch ein üebergreifen 

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20 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

oder gar Ineinanderliegen der Dienstesbezirke von Behörden gleicher Kategorie bei 
der Bezirkseinteilnng vermieden werden. 

Mit Rücksicht auf' die wirtschaftlich gebotene Sparsamkeit soll die Arbeitsauf- 
gabe der einzelnen Beamten sachlich und räumlich so bemessen sein, dass sie die durch- 
schnittliche Arbeitskraft eines Mannes voll beansprucht. Die im Interesse des Dienstes 
wünschenswerten und zulässigen Abweichungen hiervon nach oben sowohl als nach unten 
ergeben sich durch die lokalen Verhältnisse von selbst. 

Eine nur zeitweise Arbeitsmehrung kann entweder durch vorübergehend er- 
höhte Leistung des Beamten oder durch Beigabe von Geschäftshilfen überwunden 
werden, bedingt aber noch nicht die Bildung neuer Bezirke. 

§ 29. Am einfachsten gestaltet sich die Abgrenzung der Dienstbezirke bei den 
Direktionsstellen, indem sich deren Wirkungskreis über das ganze Land er- 
streckt. Seine Ausdehnung sowie die Grösse der Waldfläche äussert ihren Einfluss nur 
auf die Zahl der zu beschäftigenden Beamten, sowie bei der Organisation der Kontroll- 
stellen. Der Sitz der Direktionsstelle muss naturgemäss am gleichen Ort wie jener 
der übrigen obersten Staatsbehörden sich befinden. 

§ 30.' Die BezirksbUdung bei den Kontrollstellen hängt wesentlich von 
deren Organisation ab. Wo Mitteldirektionsstellen bestehen und diese mit den übrigen 
Provinzialbehörden der politischen oder Finanzverwaltung vereinigt sind, fällt die 
Grenze ihres Wirkungskreises gewöhnlich mit jener der Provinzen, Regierungsbe- 
zirke etc. zusammen, aber auch da, wo die forstlichen Mittelstellen selbständig organi- 
siert sind, sucht man ihre Grenzen mit jenen grösserer politischer Einheiten in Ueber- 
einstimmung zu bringen. 

So umfasst z. B. in Oesterreich die 1. Domänendirektion: Niederösterreich, Steier- 
mark und Böhmen, die 2. Salzkammergut und Oberösterreich, die 5. : Kämthen, Krain, 
Küstenland und Dalmatien, die 6. : Galizien und Lodomirien. 

Die Ausdehnung der Bezirke äussert im ersten Fall ebenso wie bei den Zentral- 
stellen nur ihre Wirkung auf die Zahl der verwendeten Beamten, wobei man mit Rück- 
sicht auf ihre Hauptaufgabe, den Inspektionsdienst, die einzelnen Inspektionsbezirke 
nicht grösser macht, als dass der betr. Beamte neben Erledigung seiner Bureauge- 
schäfte jährlich noch mehrmals (in Preussen und Elsass-Lothringen mindestens drei- 
mal) jedes Revier seines Bezirkes bereisen kann. 

Der Sitz der mit den übrigen Provinzialbehörden vereinigten Mitteldirektionsstellen 
ist durch erstere bestimmt. 

Bei der Bildung der Dienstbezirke für selbständige forstliche Mittelstellen kommt 
namentlich die Ausdehnung und Zusammenlage der betr. Waldungen sowie der leichtere 
oder schwerere Verkehr mit ihnen in Betracht. Ebenso sind für die Wahl ihres Sitzes 
die günstige Lage zum Hauptkomplex dieser Waldungen sowie gute Eisenbahn- und 
Strassenverbindungen massgebend. 

Die isoliert wohnenden Inspektionsforstmeister haben meist bedeutend kleinere 
Dienstbezirke, als bei den zentralisierten Mittelstellen auf je einen Inspektionsbeamten 
treffen, weil bei diesem System das Hauptgewicht auf die häufigere Anwesenheit im 
Wald gelegt wird. 

Der Sitz dieser Beamten ist am zweckmässigst«n im grössten Ort ihres Bezirkes, 
da dieser zugleich den Vorzug des leichteren Verkehrs mit den übrigen Behörden bietet 
und auch in den meisten Fällen die günstigsten Verkehrsgelegenheiten nach allen 
Richtungen gewährt. 

Mag das eine oder das andere System vorliegen, so hängt die relative Grösse 
der Dienstbezirke wieder ab von a) der Intensität des Betriebes, b) der Zusammenlage 



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Verwaltungsstellen. § 31. 21 

der Waldungen, c) dem Mass der Selbständigkeit, welches den Wirtschat'tsbeamten ein- 
geräumt ist, und d) der Terrainbeschaffenheit sowie den Verkehrsmitteln. In letzterer 
Beziehung ist jedoch sowohl hier als auch bei den Bezirken der übrigen Organe zu 
berücksichtigen, dass die schwierigsten Terrainverhältnisse im Hochgebirg wieder 
mit extensiver Wirtschaft zusammentreffen und deshalb eine grössere Ausdehnung zu- 
lassen. 

Extensive Wirtschaft in grossen, ebenen Waldungen bei vollständigem Ober- 
forstersystem gestattet die grössten Inspektionsbezirke, die umgekehrten Verhältnisse 
verlangen eine entsprechende Verkleinerung. 

Die durchschnittliche Grösse der Inspektionsbezirke beträgt in Deutschland bei 
dem System der zentralisierten Inspektionsbeamten etwa 25000 ha, bei jenem der lo- 
kalen Inspektionsbeamten dagegen nur etwa die Hälfte und ist umso geringer, je mehr 
sich die Einrichtung dem Revierförstersysteme nähert. 

§ 31. Aehnlich liegen die Verhältnisse bezüglich der Ausdehnung der Dienstbe- 
zirke bei den eigentlichen Verwaltungsstellen. Auch hier sind in erster Linie 
Wirtschaftsintensität, Terrainverhältnisse und Zusammenlage der Waldungen von Ein- 
fluss. Ausserdem kommen hier aber noch folgende Momente in Betracht: a. Ob Ober- 
förster- oder Revierförstersystem besteht, ersteres hat die grössten und letzteres die 
kleinsten Reviere; schon oben in § 15 wurde übrigens darauf hingewiesen, dass eine 
zu grosse Ausdehnung des Dienstbezirkes vom Oberförstersystem indirekt wieder zum 
Revierförstersystem führt, b. Ob der Oberförster auch noch durch den Betrieb von forst- 
lichen Nebengewerben, durch die Verwaltung von Kameraldomänen und gar durch 
politische Aemter in Anspruch genommen ist, oder ob er seine ganze volle Zeit und 
Arbeitskraft dem Wirtschaftsbetriebe widmen kann. c. Die Belastung des Reviers mit 
Berechtigungen sowie die Art und Weise der Materialverwertung. Ausgedehnte Nutz- 
holzberechtigungen sowie meistbietende Versteigerung in kleinen Losen erschweren 
die Arbeit ganz ungemein und zwingen damit zu einer Verkleinerung der Bezirke. 

Unter Berücksichtigung dieser verschiedenen Momente ist die Ausdehnung der 
Reviere so zu bemessen, dass der Wirtschaftsbeamte für den Betrieb nach allen Rich- 
tungen verantwortlich sein kann, nicht aber auf blosse Anordnung beschränkt ist und 
bezüglich der Richtigkeit der Ausführung von der Auffassung seiner Untergebenen ab- 
hängig wird. 

Die mittlere Grösse der Verwaltungsbezirke beträgt in Deutschland gegenwärtig 
etwa 2500 ha. 

Gerade für diese Dienstesstufe, in welcher die grosse Mehrzahl von den Ver- 
waltungsbeamten verbleibt, ist es von besonderer Wichtigkeit, dass nicht alle Bezirke 
bis zur äussersten LeistungsiUhigkeit eines Mannes vergrössert werden, damit nicht 
durch geringere Rüstigkeit bei zunehmendem Alter oder oft im Dienst zugezogene 
Kränklichkeit entweder der Dienst leidet oder frühzeitige Pensionierung nötig vnrd, 
während der betr. Beamte zur Ven\'altung eines kleineren oder weniger beschwerlichen 
Reviers noch sehr wohl beföhigt wäre. 

Für den Verwaltungsbeamten ist die Wahl des Wohnsitzes von einschneidender 
Bedeutung, weil er sowohl durch günstige Lage zum Wald die Ausübung der äus- 
seren Berufsgeschäfte erleichtem und befördern, sowie einen bequemen Verkehr mit 
dem I^iblikum gestatten, als auch dem Beamten und seiner Familie einen nach 
allen Beziehungen möglichst günstigen Aufenthalt bieten soll. Früher hat man haupt- 
sächlich nur auf den ersten Punkt Rücksicht genommen und den Wohnsitz des Ober- 
iörsters mit Vorliebe in den Wald oder doch möglichst nahe an denselben heran ge- 
legt, in neuerer Zeit hat sich in dieser Beziehung jedoch vieles gebessert ; wo es nach 



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22 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

Lage der Verhältnisse überhaupt möglich ist, wählt man jetzt für diesen Zweck einen 
grösseren Ort, was um so eher zulässig erscheint, als nunmehr fast überall den Ober- 
förstern für Beschaffung von Fuhrwerk eine besondere Vergütung gewährt wird und 
daher die Nähe des Waldes wenigstens nicht mehr in dem Mass ausschlaggebend ist 
wie früher, als dieses nur selten der Fall war. 

§32. Da der Schutzbedienstete in dem ihm anvertrauten Bezirk mög- 
lichst viel anwesend sein soll, um ihn erfolgreich gegen Beschädigungen und Eingriffe 
von Seiten der Menschen zu schützen sowie um die Waldarbeiter zu überwachen, so 
kommen bei Bildung der Schutzbezirke neben der Ausformung des Geländes noch haupt- 
sächlich folgende Punkte in Betracht: die Zusammenlage und äussere Umgrenzung der 
Waldungen, die Nähe der Ortschaften, femer Charakter und Beschäftigung der An- 
wohner. Je ungünstiger diese Verhältnisse, je parzellierter und langgestreckter die 
Waldungen, je näher die Ortschaften und je mehr zu Holzdiebstahl geneigt deren Be- 
wohner sind, desto kleiner müssen diese Bezirke sein. Das Gleiche gilt für sehr mit 
Berechtigungen belastete Komplexe, da deren Ausübung vielfache Veranlassung zu Ein- 
griffen in das Waldeigentum bietet. Je mehr ferner der Schutzbedienstete zum Wirt- 
schafts- und Jagdbetrieb, sowie zum Jagdschutz herangezogen wird, desto weniger 
kann er sich dem Forstschutz widmen und deshalb nur einen kleineren Bezirk versehen 
wenn ihm nicht wenigstens nach Bedarf noch eine Unterstützung gewährt wird. Diese 
ist überhaupt gerade bei dieser Kategorie von Bediensteten öfters in besonders umfang- 
reicher Weise notwendig, da die Angriffe auf das Waldeigentum meist nur zu ge- 
wissen Jahreszeiten besonders häufig sind, in den übrigen aber sehr zurücktreten ; nach 
den oben in § 28 entwickelten allgemeinen Grundsätzen bemisst man aber die Bezirke 
nicht nach den ungünstigsten, sondern nach den durchschnittlichen Verhältnissen und 
gewährt in der kritischen Zeit eine Aushilfe. Durchschnittlich umfasst der Bezirk 
eines Schutzbeamten in Deutschland etwa 500 ha. 

Zum Zweck der erfolgreichen Ausübung des Forstschutzes sowie auch im Inte- 
resse des Publikums ist es wünschenswert, dass diese Bediensteten nahe bei ihrem Be- 
zirk wohnen und in der Lage sind, möglichst unbemerkt von der Bevölkerung dorthin 
gelangen zu können. Die Rücksichten auf die angenehmen Lebensverhältnisse und das 
Bedürfnis eines feineren Verkehrs treten bei dem Bildungsgrad der Forstschutzbeamten 
ohnehin zurück. 

§ 33. Bei Bildung der Forstkassenbezirke ist der Grundsatz festzu- 
halten, dass sämtliche Einnahmen und Ausgaben einer Oberförsterei stets bei ein und 
derselben Kasse zu verrechnen sind, auch dann, wenn ihre einzelnen Teile der Lage 
nach verschiedenen Kassenbezirken angehören. 

Wenn die Kassengeschäfte der Forstverwaltung den allgemeinen Kassenämtem 
mit überwiesen sind, so kommt für die Zuteilung der einzelnen Oberförstereien haupt- 
sächlich die Geschäftslast und die Höhe der aus den forstlichen Geldgeschäften etwa 
anfallenden Tantiemen in Betracht. 

Bei den selbständigen Forstkassen ist für die Bezirksbildung in erster Linie der 
Verkehr mit den Forstbehörden und dem Publikum massgebend. Bei sehr grossen Forst- 
kassenbezirken, die sich über ganze Inspektionsbezirke erstrecken, wie z. B. in Sachsen, 
müssen entweder eigene Untereinnehmer angestellt sein, oder es ist notwendig, dass 
auf andere Weise (Barzahlung an den bei den Versteigerungen anwesenden Kassen- 
beamten, sowie durch Abhaltung von auswärtigen Amtstagen) eine Erleichterung ge- 
schaffen wird. 

§ 34. Bezüglich der Bezirksbildung für Ausführung der forstlichen Bauten 
ist nur da etwas besonders zu bemerken, wo eigene Techniker für das forstliche In- 



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Von den Dienstesorganen. § 37. 23 

geniearfach angestellt sind. Diese haben ihren Sitz teils bei der Zentralstelle, teils in 
der Nähe jener grösseren Waldkomplexe, für welche sie dauernd "bestimmt sind. 

Die Staatsbaubehörden haben eine sich über das ganze Land erstreckende selb- 
ständige Bezirkseinteilung, durch welche auch die Zuständigkeit für die einzelnen Forst- 
bezirke gegeben ist. 

§ 35. Das gleiche gilt für die Sprengel der Verwaltungs-, Zivil- und 
Kriminalgerichte, in Forstfrevelangelegenheiten ist aus Zweckmässigkeitsgründen 
in manchen Staaten z. B. in Bayern nicht das forum delicti commissi, sondern das 
forum domicilii zuständig. 

Wenn für die Forstpolizei eigene, von der Staatsforstverwaltung unabhängige, 
forsttechnische Organe aufgestellt sind, so schliessen sich deren Wirkungskreise an die 
politische Bezirkseinteilung an. Soweit die Forstpolizei Sache der Staatsforstverwaltungs- 
beamten ist, wird ihr Bezirk durch die oben § 28 angeführten politischen Grenzen 
bestimmt. 

Die Waldungen bilden entweder eigene Gemeinden (Gutsbezirke) 
oder sind anderen Gemeindemarkungen zugeteilt. 

2. Von den Dienstesorganen. 

§ 36. Die Personen, welchen die Durchführung der Aufgaben der Staatsforstver- 
waltung übertragen ist, gehören zu den Staatsbeamten. Mit Rücksicht auf die zu dieser 
Stellung erforderliche längere technische Vorbereitung, können die Geschäfte der Staats- 
forstverwaltung nur von Personen besorgt werden, welche aus dieser Tätigkeit ihren 
Lebensbemf machen (bureaukratische Verwaltung im Gegensatz zur Selbst- 
verwaltung). 

Die Staatsbeamten werden unterschieden in a) höhere Beamte, denen die Voll- 
macht verliehen ist, innerhalb eines bestimmten Bereiches öffentlicher Angelegenheiten 
relativ selbständig zu handeln und zu erkennen, sie besitzen eine wissenschaftliche Vor- 
bildung ; b) Subalternbeamte mit nur geschäftlicher Vorbildung ; c) Unter- 
beamte, welche vorwiegend zu nur mechanischer Verrichtung angestellt sind. Sub- 
altern- und ünterbeamte arbeiten nur im Dienst eines Amtes ohne eigene Kompetenz 
und Selbständigkeit. 

In manchen Staaten werden nur die höheren Beamten als eigentliche Staats- 
beamte betrachtet, während Subaltem- und Unterbeamte Staatsdiener heissen. 

Weitergehender als diese staatsrechtliche Auffassung des Beamtenverhältnisses 
ist jene des Reichsstrafgesetzbuches (§ 359) , nach welchem alle jene Personen zu den 
Beamten gehören, welche im Dienst des Reiches oder im mittelbaren oder unmittel- 
baren Dienst eines Bundesstaates auf Lebenszeit, auf Zeit oder nur vorläufig angestellt 
sind, ohne Rücksicht darauf, ob sie einen Diensteid geleistet haben oder nicht. 

§ 37. Die Begründung des Beamtenverhältnisses erfolgt durch Berufung des 
Anzustellenden von selten der Staatsgewalt und durch deren Annahme von selten des 
Berufenen. Die Beamtenstellung beruht jedoch nicht auf einem Vertrag im privat- 
rechtlichen Sinn, weil sie stets die Begründung eines öffentlich-rechtlichen Ge- 
waltverhältnisses bedingt; eben deshalb kann auch niemand einen Rechtsanspruch auf 
eine Anstellung haben oder ohne Anstellung z. B. durch Kauf oder Anwartschaft Staats- 
diener werden. 

Nicht immer erfolgt die Berufung durch den Souverän selbst, sondern in den 
grossen Staaten ernennt dieser nur die höheren Beamten, während die Anstellung der 
übrigen den Ministerien bezw. den Mittelstellen überlassen ist. 

Für den Beginn des Staatsdienerverhältnisses oder einer Veränderung in ihm 



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24 XIII. Schwappach, Forstverwaltimg. 

ist der im Anstellungsdekret als solcher bezeichnete Termin, und wenn ein solcher fehlt, 
das Datum des Dekretes massgebend. 

Bei Beginn des Staatsdienerverhältnisses ist der sog. Diensteid abzulegen, durch 
welchen der Beamte die gewissenhafte Erfüllung der Dienstpflichten gelobt, und welcher 
auch als ein Mittel zur Befestigung der Verfassung dient. Darüber ob dieser auch bei 
jeder Beförderung oder gar bei jeder Versetzung von neuem zu leisten ist, oder ob der 
blosse Hinweis auf den einmal geleisteten Eid genügt,- sind die Bestimmungen in den 
einzelnen Staaten verschieden. 

Meist ist eine formelle Einführung des Beamten in ein neues Amt durch 
den betreffenden Vorgesetzten oder durch einen Kommissär der Inspektions-, bezw. Di- 
rektionsstelle üblich, bei welcher Gelegenheit er auch seinen Untergebenen offiziell vor- 
gestellt wird. 

Notwendig ist eine solche Diensteseinweisung überall da, wo es sich gleichzeitig 
um Uebemahme von Wertobjekten, Geld, Inventargegenständen, unverwertetem Holz etc. 
handelt, weil hierbei das Vorhandensein dieser Objekte festgestellt wird und damit auch 
die Haftbarkeit für dieselben auf den neuen Beamten übergeht. 

Die Wirkung des Anstellungsdekretes ist bei nichtrichterlichen Beamten in manchen 
Staaten, z. B. Bayern und Hessen, nicht sofort unwiderruflich, sondern es ist hier auch 
bei den höheren Beamten eine gewisse Probezeit vorgesehen, während welcher sie ohne 
weitere Förmlichkeiten durch einfache Verfügung der ernennenden Stelle wieder ent- 
lassen werden können (Provisorium von 3 — 5 Jahren). Das gleiche Verhältnis besteht 
hier für die Subaltem- und Unterbeamten dauernd, doch pflegt wenigstens einzelnen 
Kategorien nach längerer Dienstzeit Stabilität verliehen zu werden. In anderen Staaten 
z. B. in Preussen kennt man dieses Provisorium nur bei den auf nicht rein mechani- 
sche Dienstverrichtungen beschränkten Unterbeamten. Die Dauer der Probe- 
dienstleistung beträgt für diese in der Eegel sechs Monate und höchstens ein Jahr. 

§ 38. Das Beamtenverhältnis bringt verschiedene K e c h t e und Pflichten 
mit sich. Zu ersteren gehört, dass der Beamte innerhalb seines W^irkungskreises öffent- 
lichen Glauben geniesst, von seinen Untergebenen Befolgung seiner Befehle fordern 
kann und bei rechtmässiger Ausübung seiner Amtspflichten besonders geschützt ist (Wi- 
derstand gegen die Staatsgewalt, §§ 113, 114, 117, 118, d. deutsch. Reich-Straf-Ges.-B.). 
Hat der Beamte eine Handlung auf Befehl seines Vorgesetzten vorgenommen, so ist er nur 
dann haftbar, wenn eine Gesetzesverletzung vorliegt. Für seine Leistungen hat der 
Beamte Anspruch auf Eang, Titel und Gehalt, ebenso hat er das Recht, sowie bei ge- 
wissen Gelegenheiten die Pflicht, eine besondere Amtskleidung (Uniform), soweit eine 
solche vorgeschrieben ist, zu tragen. 

Kein Beamter hat ein Recht auf Beibehaltung seines Amtes , doch ist auch der 
nichtrichterliche Beamte gegen eine willkürliche Entlassung sichergestellt (vergl. unten 
§40). 

Die wichtigsten Pflichten, welche aus der Bekleidung eines Amtes entspringen, 
sind folgende: 

Der Beamte hat zunächst seine dienstlichen Aufgaben genau zu erfüllen, sowie 
die Rechte und Interessen des Staates in allen Fällen zu wahren. Er hat alles zu un- 
terlassen, was dem Ansehen des Amtes in der öffentlichen Meinung schaden könnte, 
dieses unparteiisch und ohne Rücksicht auf seinen Privatvorteil zu verwalten und darf 
in Bezug auf sein Amt Geschenke etc. weder annehmen, noch sich versprechen lassen 
(§§ 331 und 332 d. R.-Str.-G.-B.). Wie er von seinen Untergebenen Gehorsam zu for- 
dern berechtigt und verpflichtet ist, so muss er auch seinerseits allen Befehlen seiner 
Vorgesetzten Folge leisten, welche in der vorgeschriebenen Foi-m an ihn gelangen und 



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Von den Dienstesorganen. § 40. 25 

nicht gegen bestehende Gesetze Verstössen. Im Interesse des Dienstes ist es notwendig, 
dass die sog. Amtsverschwiegenheit beobachtet wird. Jeder nichtrichterliche 
Beamte mnss sich sowohl eine Aendemng seines Dienstbezirkes als auch der Art der 
Dienstleistung (Qnaliükation vorausgesetzt) bei Wahrung seiner privatrechtlichen Ge- 
haltsansprüche gefallen lassen. 

Aus dem Amte geht femer im Interesse des Dienstes eine Eeihe von Beschrän- 
kungen hervor, indem kein Beamter sich ohne Urlaub von seinem Posten entfernen 
darf, ebenso es ihnen untersagt ist, einen Gemeinde- oder Privatdienst ohne Genehmigung 
seiner Vorgesetzten zu übernehmen. Die Mitgliedschaft des Vorstandes, Aufsichts- oder 
Verwaltungsrates von Aktien-, Kommandit- und BergwerksgeseUschaften, sowie die Be- 
teiligung bei der Gründung solcher Gesellschaften ist, sobald hiemit eine Remuneration 
verbunden ist, allenthalben gesetzlich verboten. 

Da das Amt den Charakter eines Standes trägt und die erspriessliche Durchfüh- 
rung der Amtspflichten bis zu einem gewissen Grad auch durch das Privatleben des 
Beamten beeinflusst w^ird, so hat er auch ausserhalb seines amtlichen Wirkens alles zu 
vermeiden, was dem Interesse und der Würde des Standes und des Staates schaden 
könnte. 

§ 39. Die Verletzungen der Amtspflichten können Zuwiderhandlungen gegen die 
bestehenden Gesetze sein, oder nur gegen die Voraussetzungen einer berufsmässigen 
Amtsführung Verstössen. Während erstere vor das Forum des Strafrichters gehören, 
steht zur Ahndung der letzteren den Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen eine Dis- 
ziplinargewalt zu. Für Verletzungen der Amtspflichten werden Disziplinarstrafen 
erkannt, welche in mündlichen und schriftlichen Verweisen, Geldstrafen, Haus- und 
Zivilarrest, Strafversetzung, sowie in Dienstentlassung mit und ohne Verlust des An- 
spruches auf Pension bestehen können. Unter Umständen kommen Disziplinarstrafen 
auch noch neben der öffentlichen Bestrafung wegen einer Uebertretung oder eines Ver- 
gehens in Anwendung. 

Während die einfacheren Disziplinarstrafen durch den nächsten Vorgesetzten des 
betr. Beamten verhängt werden, findet in den schwereren Fällen ein förmliches Diszi- 
plinarverfahren ähnlich jenem des Kriminalprozesses statt. Eine prinzipielle Verschie- 
denheit ergiebt sich daraus, dass in manchen Staaten das Disziplinarverfahren rein auf 
administrativem Weg durchgeführt wird, während in anderen (z. B. Preussen) eigene 
Disziplinargerichtshöfe bestehen. Auf Kassation kann jedoch auch im ersten Fall nur von 
den ordentlichen Gerichten erkannt werden. 

§ 40. Die Beendigung des Staatsdienstverhältnisses kann entweder voll- 
ständig sein , d. h. nach Staats- und privatrechtlicher Beziehung zugleich 
erfolgen, oder es kann nur das Amtsverhältnis allein aufhören, während die 
privatrechtlichen Beziehungen noch fortdauern. 

Ersteres tritt ein : 1) durch den Tod des Beamten, 2) durch sein freiwilliges Aus- 
scheiden aus dem Dienst mit Verzicht auf Eang, Titel und Gehalt, 3) als Straffolge, 
und zwar bei richterlicher Verurteilung zur Zuchthausstrafe immer, zur Gefängnisstrafe 
nur dann, wenn gleichzeitig auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte oder der Fähig- 
keit zur Bekleidung öffentlicher Aemter erkannt worden ist (§§ 32, 33 und 35 d. R.- 
StG.B.), 4) wenn auf Dimission des Beamten mit gleichzeitigem Verlust des Titels und 
Gehaltes durch ein rechtskräftiges Urteil eines ordentlichen Gerichtes, bezw. des Dis- 
ziplinargerichtshofes (vgl. oben § 39) erkannt worden ist, 5) durch einen Willensakt 
des Regenten oder durch Verfügung der anstellenden Behörden, soweit dieses nach 
dem Verfassungsrecht der einzelnen Staaten zulässig ist. 

Das Aufhören des Amtsverhältnisses allein mit Beibehaltung des Ranges, Titels, 



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26 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

sowie des ganzen oder teil weisen Gehaltes kann veranlasst werden: 1) bei nichtrich- 
terlichen Beamten in einigen Staaten (z. B. Bayern) jederzeit durch das freie Ermessen 
des Souveräns. 2) durch ein entsprechendes Urteil des Disziplinargerichtshofes, 3) durch 
den freien Willen des Beamten, wenn dieser entweder eine bestimmte Anzahl von Jahren 
aktiv war, oder ein gewisses Lebensalter erreicht hat (z. B. in Bayern 40 Jahre aktiv 
oder 70. Lebensjahr, Sachsen ebenfalls 40 Jahre aktiv oder 65. Lebensjahr, inPreussen 65. 
Lebensjahr), 4) jederzeit infolge einer durch physische oder geistige Gebrechen veran- 
lassten Unföbigkeit der stabilen Beamten, den Pflichten des Amtes zu genügen. In- 
dessen wird doch meist auch den nicht stabilen Beamten die gleiche oder eine ähnliche Ver- 
günstigung zu teil, namentlich dann, wenn die Gebrechlichkeit eine Folge des Dienstes ist. 
In manchen Fällen ist das Aufhören des Amtsverhältnisses nur ein z e i t w e i s e s, 
nämlich dann, wenn der Beamte aus administrativen oder organisatorischen Erwägungen 
zur Disposition gestellt, oder, wie in anderen Staaten die Bezeichnung lautet, mit 
Vorbehalt der Wiederverwendung pensioniert ist. Das gleiche gilt für die 
Suspension vom Dienst in einzelnen Fällen nach Einleitung der Untersuchung 
wegen Vergehens oder Verbrechens gegen den Beamten. Diese zeitweise Sistierung des 
Amtsverhältnisses kann entweder in eine dauernde Beendigung (bei Suspension auch 
in Dienstesentlassung) übergehen oder durch Reaktivierung des Beamten aufgehoben 
werden. Während des Zeitraumes dieser Stellung bezieht der Beamte entweder die ge- 
setzliche Pension oder ein besonders normiertes Wartegeld. 

Beförderung. 

§ 41. Im Interesse des Dienstes sowohl als auch in jenem der Beamten ist es 
notwendig, dass das Vorrücken in die höheren Dienstesstufen nach einem gerechten 
und zweckmässigen System erfolgt, sowie dass selbst der Schein von Willkür und Ne- 
potismus ausgeschlossen ist. 

Für die Entscheidung über die Befähigung einer Persönlichkeit zur Beförderung 
oder zur Anstellung können folgende Momente als Anhaltspunkte dienen: 

1) der Erfolg der theoretischen und praktischen Prüfung, 

2) der Ausfall eines bei jedem Beförderungsanspruch von neuem zu bestehenden 
Examens, 

3) das Dienstalter (die Anciennität), 

4) die dienstliche und ausserdienstliche Qnalitlkation. 

Letztere kann festgestellt werden a) durch sog. Promotionslisten und b) durch das freie 
Ermessen der Oberbehörden. 

ad 1. Wenn auch der Ausfall der verschiedenen Examina einen 
ziemlich guten Massstab für die Kenntnisse des Kandidaten abgiebt, so liegt doch hierin 
keine Garantie dafür, inwieweit sich die betr. Persönlichkeit den Anforderungen des 
Dienstes gewachsen zeigen wird, und zwar um so weniger, je länger der Zeitraum 
seit dem Bestehen der Examina ist. 

ad 2. Der gelegentlich gemachte Versuch , bei jeder Beförderung oder 
wenigstens für gewisse Grade besondere Prüfungen vorzuschreiben, ist 
gegenwärtig vollständig aufgegeben, da förmliche Prüfungen in höheren Lebensaltern 
doch nicht mehr passen und es auch schwer ist, die verschiedenartigen Anforderungen, 
welche namentlich an die höheren Dienstesstufen gestellt werden, in dem Rahmen eines 
Examens zusammenzufassen. Die beste Prüfung liegt jedenfalls in der interimistischen 
Uebertragung des betr. Amtes, wozu sich im Verlauf des Dienstes hinreichende Gele- 
genheit bietet. 

ad 3. Einen sehr vielfach benützten Anhaltspunkt bei den Beförderungen bildet 



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Beförderung der wissenschaftlichen Weiterbildung. § 42. 27 

das Dienstalter. Dieses bietet jedoch nur die Wahrscheinlichkeit, keineswegs aber 
die Grewissheit dafür, dass der betr. Beamte sich durch das längere Verweilen im Dienst 
eine grossere Summe von praktischen Erfahrungen gesammelt habe, und lässt den Schein 
der Willkür am besten vermeiden. Da aber zur Bekleidung der höheren Aemter noch 
andere Eigenschaften erforderlich sind als für die mittleren Stellen, welche unter nor- 
malen Verhältnissen von der grossen Mehrzahl der Beamten erreicht werden, und auch 
bei der Beförderung lediglich nach dem Dienstalter das Vorrücken in die höheren Stellen 
erst in einem Alter erfolgen würde, in welchem die Beamten weder die nötige geistige 
Frische und Initiative, noch auch die für den im Forstfach so wichtigen Inspektions- 
dienst erforderliche körperliche Rüstigkeit mehr besitzen, so reicht dieses System we- 
nigstens nicht für alle Fälle aus. 

4. Ausser den bisher besprochenen mehr mechanischen Beförderungsnormen bietet 
die freie Würdigung der dienstlichen und ausserdienstlichen Ei- 
genschaften eines Beamten durch seine vorgesetzten Behörden eine weitere Moda- 
lität, die Tauglichkeit urfd Befähigung der Beamten in unparteiischer Weise zu prüfen. 

Solche Qualifikationen müssen von selten der Inspektions- bez. Direktionsstellen 
periodisch vorgenommen und sich auf das dienstliche sowie ausserdienstliche Verhalten 
sämtlicher Beamten erstrecken, da sie nicht bloss Anhaltspunkte für die Beförderungen 
liefern, sondern zugleich einen Ueberblick darüber gewähren sollen, ob die Beamten 
den Anforderungen ihrer gegenwärtigen Stellung entsprechen oder ob es notwendig ist, 
dieselben im Interesse des Dienstes ganz oder doch wenigstens von ihrem derzeitigen 
Dienstesposten zu entfernen. 

Nach dem Ei^ebnis dieser Qualifikation werden alsdann zweckmässig sog. Pro- 
motionslisten aufgstellt. 

Für die obersten Stellen endlich sowie für einzelne ganz besonders schwierige 
Posten reichen auch diese nicht aus und wird immer lediglich die freie Würdigung der 
Anforderung des Amtes einerseits und der persönlichen Verhältnisse des Kandidaten 
andrerseits massgebend sein können. Dagegen ist es unzweckmässig, wenn auch für 
sonstige Stellen die Beförderung nach diesem System erfolgt, namentlich in grösseren 
Staaten, wo bei den leitenden Personen eine genügende Kenntnis aller in Betracht kom- 
menden Persönlichkeiten unmöglich erwartet werden kann, sodass Ungerechtigkeiten 
alsdann gar nicht zu vermeiden sind. 

Es dürfte sich daher empfehlen: 

1) die ersten Anstellungen im Venvaltungsdienst bis zum Revierverwalter einschliess- 
lich sowie im Forstschutzdienst stets nach dem durch Zeit und Ausfall der Prüfungen ge- 
regelten Dienstalter erfolgen zu lassen, wobei bezüglich der Besetzung der einzelnen 
Stellen die Brauchbarkeit für die speziellen Anforderungen bei der Auswahl unter den 
dienstältesten Anwärtern entscheidet, 

2) Bei Besetzung der Inspektionsstellen die von selten der Inspektions- und Direk- 
tionsstellen nach kollegialer Beratung festgestellten Promotionslisten mit der oben an- 
geführten Modifikation als Grundlage zu nehmen, 

3) Zu den Direktionsstellen und auf sog. Vertrauensposten geeignete Persönlich- 
keiten nach freier Würdigung aller entscheidenden Momente zu berufen. 

Förderung der wissenschaftlichen Weiterbildung. 

§ 42 . um die Fortschritte der Wissenschaft und Technik dem Personal zugäng- 
lich zu machen und es zu Verbesserungen anzuregen, finden sich in allen Staaten beson- 
dere Veranstaltungen , da der Dienst und der Erlolg der Wirtschaft in vorteilhafter 
Weise hiedurch beeinflusst werden. 



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28 XIII. Schwappach, Porstverwaltung. 

Die gebräuchlichsten Mittel, welche jedoch keineswegs sämtlich überall gleich- 
massig zur Anwendung gelangen, sind: 

1) staatlich unterstützte oder unterhaltene Lesezirkel für Fachzeitschriften, 

2) Anschaffung besonders wichtiger Litteraturerscheinungen für die Bibliotheken 
aller Reviere oder wenigstens der Kontrollstellen, 

3) Abhaltung von Konferenzen der Beamten innerhalb der einzelnen Kontroll- 
bez. Wirtschaftsgebiete (besonders entwickelt indem hessischen „Wirtschaftsrat"), 

4) Gründung von Lokalforstvereinen, 

5) Gewährung von Stipendien und sonstigen Begünstigungen (Urlaub, Diäten, 
Fahrpreisermässigung etc.) für forstliche Studienreisen und den Besuch der grossen Forst- 
versammlungen, 

6) Aufstellung von Preisaufgaben (wenig gebräuchlich und erfolgreich), 

7) Abhaltung von sog. Fortbildungskursen, wie sie gegenwärtig in Oester- 
reich an der Hochschule für Bodenkultur regelmässig stattfinden. In Deutschland wurden 
ebenfalls schon hiemit Versuche gemacht, doch fehlt bisher die genügende Förderung 
seitens der Zentral-Forstbehörden. 

Besoldungs Verhältnisse. 

§ 43. Nach den allgemeinen Grundsätzen der Lohn- und speziell der Besoldungs- 
politik soll der Zeitraum, während dessen der Beamte unentgeltlich oder nur mit un- 
gewissen oder ungenügenden Diäten und Remunerationen Dienste leistet, möglichst kurz 
sein ; zwischen den Besoldungen der einzelnen Aemter soll ein richtiges Verhältnis be- 
stehen und femer der Beamte in nicht zu spätem Lebensalter den Anspruch auf einen 
angemessenen Ruhegehalt erlangen. Die Höhe des Gehaltes muss so bemessen werden, 
dass dieses dem Beamten und dessen Familie einen standesgemässen Lebensunterhalt 
sowohl während der aktiven Altersperiode als auch nach deren Beendigung ohne 
Voraussetzung eigenen Vermögens gewährt und zugleich auch eine angemessene Er- 
ziehung der Kinder ermöglicht. 

In der Staatsforstverualtung sind, oder waren doch wenigstens bis in die neueste 
Zeit herein, die Verhältnisse für den Beginn des Gehaltsbezuges nicht ungünstig, indem 
sowohl im Verwaltungs- als im Schutzdienst nach nicht zu langer Zeit ziemlich ständige 
und verhältnismässig gut honorierte Posten zu erreichen waren, namentlich in jenen 
Staaten, in welchen die Anwärter als Revier- und Forstamtsassistenten nicht bloss 
diätarisch beschäftigt werden, sondern etatsmässige Stellen bekleiden. 

Die Gelegenheit zur Erlangung höherer Stellen ist im Staatsforstdienst keine 
bedeutende, indem die weitaus grösste Mehrzahl aller Verwaltungsbeamten ihre dienst- 
liche Laufbahn als Revierverwalter, der Schutzbediensteten aber als Förster bez. Forst- 
warte beschliesst. 

Infolgedessen liegt der Schwerpunkt der Besoldungspolitik hier in der richtigen 
Bemessung des Gehaltes dieser beiden Diensteskategorien. Eine Verbesserung der Gehalts- 
bezüge ist deshalb nur durch Dienstesalterzulagen zu erreichen, für welche zwei 
Systeme bestehen. Nach dem einen, welches für den Beamten das angenehmere ist, rückt 
er jeweils nach Ablauf einer bestimmten Anzahl von Jahren in eine höhere Gehalts- 
stufe ein, während bei dem andern jeder Gehaltsstufe ein bestimmter Bruchteil der Be- 
amten jeder Kategorie angehört und diese bei eintretenden Erledigungen nach Massgabe 
ihres Dienstalters in die höheren Gehaltsklassen vorrücken. 

Der Unterschied zwischen den Bezügen verschiedener Dienstesstufen vom Revier- 
verwalter an aufwärts ist nirgends eine sehr beträchtliche und gestaltet sich sogar nicht 
selten durch die Dienstalterszulagen sowie gewisse Nebenbezüge der genannten Beamten 
zum Nachteil der höheren Stellen. 



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Besoldungsverhältnisse. § 45. 29 

§ 44. Für die Pensionierung gelten bei den Forstbeamten die gleichen Normen wie 
tiir Staatsdiener überhaupt. Da aber jene infolge der grösseren körperlichen Anstreng- 
ungen im allgemeinen verhältnismässig früher ausser Aktivität treten müssen und in 
den meisten Staaten die Forstbeamten im Genuss verschiedener Nebenbezüge sind, 
welche bei der Pensionierung entweder überhaupt nicht oder doch nur zu einem sehr 
geringen Betrag bei der Bemessung des Ruhegehaltes in Ansatz gebracht werden, so 
sind diese Verhältnisse für die Forstbeamten nicht günstig. Mit Rücksicht auf die Ein- 
basse an seinen Bezügen im Fall der Pensionierung wird daher mancher nicht mehr 
leistungsfähige, aber in schlechten Vermögensverhältnissen befindliche Beamte zum Nach- 
t«il des Dienstes noch in Aktivität belassen. 

Durch die grossartige Entwicklung der Verkehrsanstalten in den letzten Dezen- 
nien ist auch eine gewaltige Aenderung in den Preisen der wichtigsten Lebensmittel 
hervorgerufen worden, welche in sehr vielen Fällen eine höchst ungünstige Rückwirkung 
auf die Kosten und die Art des Lebensunterhaltes der Familien auf dem platten Lande 
geäussert hat, indem diese jetzt eine Reihe der gewöhnlichsten Dinge ungleich teurer 
bezahlen müssen als früher und trotzdem nicht mehr sicher sind, stets ihren Bedarf 
decken zu können. Dazu kommt noch der Umstand , dass die Forstbeamten häufig 
nicht nur auf eine Reihe feinerer Lebensgenüsse und auf besseren geselligen Verkehr 
fast vollständig verzichten müssen, sondern auch genötigt sind, füi* einzelne Zwecke, 
namentlich Erziehung der Kinder und Beschaffung ärztlicher Hilfe, einen ungleich grös- 
seren Aufwand zu machen als die Beamten, welche in der Stadt wohnen. Es dürfte 
daher sowohl im Hinblick auf diese Verhältnisse, als auch auf den Umstand, dass den 
Forstbeamten ein sehr wertvoller und schwer zu kontrollierender Teil des Volksvermö- 
gens zur Verwaltung anvertraut ist, die Forderung gerechtfertigt sein, dass seine Ge- 
haltsbezüge mindestens ebenso hoch sein müssen wie jene der andern Beamten in 
gleichem Rang. 

§ 45. Infolge der historischen Entwicklung sowohl als der bei den äussern Forst- 
beamten obwaltenden besondern Verhältnisse besteht der Gehalt derselben noch teilweise 
in Naturalbezügen, namentlich : Dienstwohnung, Dienstland, Holz etc. Da aber hiedurch 
nicht nur eine oft recht unerwünschte Ungleichheit in den Bezügen der Beamten gleicher 
Kategorie veranlasst wird, sondern auch die oben bereits erwähnten Missstände bei der 
Pensionierung entstehen, so ist man in neuester Zeit bemüht, die Geldwirtschaft auch hier 
vollständig zur Durchführung zu bringen, indem man die Nebenbezüge möglichst be- 
schränkt und sie, wie z. B. in Bayern und Hessen, nicht mehr neben dem Geldgehalt 
einräumt, sondern letzteren für sich nach den allgemeinen Erwägungen bestimmt, für den 
Genuss der Wohnung, Grundstücke etc. aber von den Beamten eine entsprechende Summe 
als Miete bez. Pacht erhebt. 

Das öfters noch sehr umfangreiche Dienstland sollte sowohl wegen der immer 
schwieriger werdenden Verhältnisse des landwirtschaftlichen Betriebes als auch im In- 
teresse des Dienstes möglichst beschränkt werden. 

Für jenen Aufwand , welcher lediglich mit der Ausübung des Dienstes 
verknüpft ist, wie namentlich Miete eines Bureaus, wenn keine Dienstwohnung vor- 
handen ist, für Fuhrkosten , eventuell auch für Beschaffung einer Schreibhilfe, wo diese 
dem Oberförster überlassen ist, erhalten die Beamten eine je nach den Verhältnissen 
und Staaten in verschiedener Weise festgesetzte Entschädigung. 

Tagegelder werden meist nur für Leistungen ausserhalb des Dienstbezirkes 
vergütet, dagegen ist für vermehrte Zehrungskosten und Uebemachten bei längerer 
Abwesenheit innerhalb desselben gewöhnlich ebenfalls eine Aversalsumme für den sog. 
Dienstaufwand festgesetzt. Eine Ausnahme macht Hessen, wo auch für jede über 



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30 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

fünf Stunden dauernde Diensttour innerhalb des Bezirkes Diäten gezahlt werden. 
Umzugskosten, ferner Sterbemonat, Witwengehalt und Er- 
ziehungsgelder werden den Forstbeamten nach den in der Staatsverwaltung über- 
haupt geltenden Normen gewährt. 

B. G-emeindeforstverwaltung. 

§ 46. Zwischen der Gemeinde- (und auch der Privat-)Forstverwaltung einerseits 
und der Staatsforstverwaltung anderseits besteht der prinzipielle Unterschied, dass es 
sich bei ersterer nur um die Bewirtschaftung eines eigenen Besitzes, niemals aber um 
aktive und direkte Ausübung staatlicher Hoheitsrechte durch die Organe der Gemeinden 
oder Privaten handelt. 

Wegen des durch die Gesetzgebung in ganz Deutschland anerkannten öffentlich- 
rechtlichen Interesses, welches der Staat speziell an diese Teile des Gemeindevermögens 
besitzt, nimmt er bisweilen die Leitung des technischen Betriebes und sogar des Forst- 
schutzes in den Kommunalwaldungen ganz an sich oder übt doch wenigstens eine ziem- 
lich weitgehende Kontrolle hierüber aus. 

Neben der Ausdehnung des Waldbesitzes und der Intensität der Wirtschaft hängt, 
daher die Organisation der Gemeindeforstverwaltung ganz wesentlich von dem jewei- 
ligen Mass der staatlichen Einwirkung auf die Gemeindeforstwirtschaft ab. 

Es lassen sich nach letzterem 3 Haupttypen der Organisation unterscheiden: 

§ 47. In verschiedenen Staaten und Landesteilen hat der Staat die Bewirt- 
schaftung und teilweise auch den Schutz der Gemeindewaldungen in der W'eise über- 
nommen, dass er beides durch von ihm angestellte Beamte besorgen lässt (volle 
Beförsterung). In Deutschland besteht dieses System in: Teilen von Hannover, in 
Hessen-Nassau, Grossherzogtum Hessen, Unterfranken, Kheinpfalz, Baden, Elsass-Loth- 
ringen, Waldeck, Braunschweig, Schwarzburg-Rudolstadt, Sachsen-Altenburg, im ganzen 
auf 45 ^/o der gesamten Gemeindewaldfläche. Ausserhalb Deutschland gilt es in: Frank- 
reich, Belgien und Tirol. Die Wirtschaftsbeamten (und event. auch die Schutzbeamten) 
haben je nach der örtlichen Zusammenlage und den bestehenden Einrichtungen ent- 
weder nur Gemeindewaldungen oder solche und Staatswaldungen gleichzeitig zu ver- 
sehen, ebenso hängt es von den örtlichen Verhältnissen und von der Grösse des Wald- 
besitzes ab, ob sie ihre Tätigkeit nur auf die W^aldungen einer oder auf jene mehrerer 
Gemeinden zu erstrecken haben. 

Die Funktionen der Verwaltungs- und Schutzbeamten sind hier im allgemeinen die 
gleichen wie bei der Staatsforstverwaltung, doch wird den Wünschen der Gemeinde- 
vertretung beim Entwurf der periodischen und jährlichen Betriebspläne möglichst Rech- 
nung getragen. Die Materialverwertung und die Rechnungslegung in finanzieller Richtung 
ist stets Sache der Gemeinden. 

Der Inspektionsdienst in den Kommunalwaldungen dieser Kategorie wird von den 
betr. technischen Beamten im wesentlichen nach den gleichen Normen wie in den Staats- 
waldungen besorgt, doch ressortieren diese bezüglich der Kommunalwaldungen von einer 
andern Regierungsabteilung als hinsichtlich der Verwaltung der Staatsforsten. 

Auch die Direktionsstellen beteiligen sich an der Bewirtschaftung der beförsterten 
Gemeindewaldungen durch Oberinspektionen, ferner in den Fragen der Organisation, 
Gesetzgebung etc. Die Ressortverhältnisse sind jedoch auch hier anders geordnet als 
bei den Staatswaldungen, indem die höchste Instanz für Gemeindewaldungen entweder 
jenes Ministerium ist, welchem überhaupt die Oberaufsicht über die Vermögensverwal- 
tung der Gemeinden zusteht, oder sich verschiedene Ministerien bei der Entscheidung 
über die betr. Angelegenheiten beteiligen. 



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Gfemeindeforstverwaltung. § 48. 31 

Wenn die Anstellung der Forstschntzbeamten den Gemeinden überlassen ist, so 
bleibt doch deren Bestätigung stets dem Staate vorbehalten. 

§ 48. Eine mittlere Stufe der staatlichen Einwirkung auf die Gemeindeforst- 
^virt8chaft ist dann gegeben, wenn verlangt wird, dass a) die Bewirtschaftung durch 
qualifizierte Beamte geführt werde und auch für den Schutz in entsprechender Weise 
Vorsorge getroffen sei und b) dass sich die Bewirtschaftung auf staatlich genehmigte 
Betriebspläne stütze (weitgehende Staatsaufsicht). Es bleibt dann den einzelnen 
Gemeinden überlassen, entweder für sich allein oder in Verbindung mit andern gemein- 
schaftlich einen befähigten Verwaltungsbeamten aufzustellen, wenn sie nicht vorziehen, 
mit benachbarten Forstverwaltungsbeamten eine Vereinbarung darüber zu treffen, dass 
diese die Bewirtschaftung der fraglichen Gemeindewaldungen als ein Nebenamt über- 
nehmen. In Deutschland ist dieses System bei nahezu der Hälfte (49,4 ®/o) aller Ge- 
meindewaldungen üblich. 

In manchen Staaten übernimmt der Staat im Weg der freien Vereinbarung mit den 
Gemeinden die Bewirtschaftung und bisweilen auch den Schutz ihrer Waldungen durch 
seine Beamten. Durch letztere Modalität wird der Uebergang zum System der vollen 
Beförsterung angebahnt, indem der Staat dadurch, dass er seinen Beamten die Erlaub- 
nis versagt, die Bewirtschaftung von Gemeindewaldungen als ein Nebenamt zu über- 
nehmen, in der Lage ist, dasselbe auf diesem Umwege einzuführen, wie es z. B. gegen- 
wärtig in Bayern geschieht. 

Wenn die Gemeinden eigene Betriebsbeamten aufstellen, so versehen diese die 
gleichen Funktionen wie die Staatsoberförster; wählen aber die Gemeinden einen der 
beiden anderen Wege, so besorgen sie die Materialverwertung sowie die Rechnungs- 
legung in finanzieller Hinsicht ebönso, wie beim System der vollen Beförsterung. 

Bei der Leitung und Ueberwachung des Betriebes ist hier die technische Seite 
von der administrativen zu trennen. Die Aufsicht in ersterer Richtung wird 
von den forsttechnischen Inspektions- und Direktionsbeamten des Staates besorgt, bei 
der Entscheidung etwaiger Anstände pflegen jedoch die Aufsichtsbehörden für das Ge- 
meindevermögen in diesem Fall einen weitergehenden Einfiuss zu haben als bei dem 
erstangeführten System der vollen Beförsterung. 

Die Entscheidung in den rein administrativen Fragen, namentlich Bestimmung 
der allgemeinen Richtung des Betriebes, Gewähning der Geldmittel, Bestimmung des 
jährlichen Hiebssatzes innerhalb des periodischen Etats, steht hier meist ausschliesslich 
den Gemeinden zu. Letztere sind bei diesem System namentlich auch deshalb dem 
Wirtschaftsbeamten gegenüber viel selbständiger, weil seine Annahme und Entlassung, 
allerdings mit Vorbehalt der staatlichen Genehmigung, durch die Gemeinde erfolgt. 

Dieses gilt auch für das Schutzpersonal, doch ist es zur Sicherung eines aus- 
giebigen Forstschutzes unbedingt notwendig, dass auch die Entlassung eines solchen 
Bediensteten nur mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde erfolgt und nicht, wie z. B. 
in Bayern, dem Belieben der Gemeinden überlassen bleibt. 

Wenn die Bewirtschaftung der Gemeindewaldungen bei diesem System nicht im 
Weg der Vereinbarung vom Staat übernommen wird, so hängt die Dienstesorganisation 
hauptsächlich von der Ausdehnung des Besitzes ab und finden sich dann hier die 
gleichen Formen wie bei der Privatforstvei'Waltung , auf deren Besprechung in § 55 
deshalb Bezug genommen wird. Als Regel kann angenommen werden, dass eine mög- 
lichst billige Verwaltung erstrebt wird, weshalb auch das „Revierförstersystem" sehr 
beliebt und verbreitet ist. Verhältnismässig am teuersten gestaltet sich die Organi- 
sation für Gemeinden mit kleinem Waldbesitz von nur einigen Hundert Hektaren, 
namentlich wenn diese isoliert gelegen sind und daher ein Anschluss an andere Verwal- 



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32 Xni. Schwappach, Forstverwaltung. 

tangen nicht möglich ist. 

§ 49. 3. Da, wo den Gemeinden das grösste Mass von Selbständigkeit 
in Bezog auf die Benützung ihres Waldes eingeräumt ist, bewirkt nur das eigene 
wohlverstandene Interesse, dass in angemessener Weise für die Bewirtschaftung und 
den Schutz des Waldes Sorge getragen wird. 

Die alsdann möglichen Verhältnisse sind aber äusserst verschiedenartig und 
hängen neben der Intensität des Betriebes noch ganz wesentlich von der Ausdehnung 
des Besitzes ab. Wegen der verschiedenen Formen der Dienstesorganisation wird auf 
§ 55 verwiesen. 

Die Staatsforstbeamten haben sich mit den Waldungen dieser Kategorie nur in 
ihrer Eigenschaft als Organe der Forstpolizei zu beschäftigen, wenn sie nicht ihre 
Bewirtschaftung un Vertragsweg als Nebenamt übernommen haben. 

§ 50. Für die forstlichen Kassengeschäfte sind nur in einzelnen 
StÄdten Norddeutschlands mit bedeutendem Waldbesitz eigene Forstkassenrendanten 
bestellt, der Regel nach werden sie von jenen Organen besorgt, welchen die Erledigung 
der Kassengeschäfte überhaupt in den Gemeinden übertragen ist. 

Die Forstpolizei wird in den Gemeindeforsten von den hiezu berufenen Staats- 
behörden betätigt. 

Für die farstlichen Baugeschäfte sowie für die Zwecke der forst- 
lichen Rechtspflege sind von den Gemeinden nirgends eigene Beamte aufgestellt. 

Als Vertreter der Gemeindeforstverwaltung in allen Rechtsfällen erscheinen die 
von der Gesetzgebung berufenen Vertreter des Gemeindevermögens. 

§ 51. Für die Bildung der Dienstbezirke der Verwaltungs- 
beamten kommt hier in Betracht, ob das System der vollen Beförsterung vorliegt 
oder eines der beiden übrigen, welche den Gemeinden grössere Selbständigkeit ein- 
räumen. 

Im ersten Fall gelten im allgemeinen die gleichen Gesichtspunkte, welche bereits 
oben im § 31 bezüglich der Bildung reiner Staatswaldreviere angeführt worden sind. 
Etwas grössere Bezirke erscheinen in diesem Fall deshalb zulässig, weil der Verwal- 
tungsbeamte bei den Gemeindewaldungen nichts mit der sonst oft sehr viel Zeit in 
Anspruch nehmenden Materialverwertung zu tun hat. Anderseits ist aber zu berück- 
sichtigen, dass auch der Verkehr mit den Gemeindeverwaltungen, namentlich dann, 
wenn das Revier aus zahlreichen kleinen Wirtschaftsganzen besteht, sehr umständlich ist. 

In manchen Staaten, z. B. in Hessen, werden die Bezirke lediglich nach der Zu- 
sammenlage, bald aus reinen Staatswaldungen, bald aus Gemeindewaldungen, und auch 
aus beiden gemischt, gebildet. In anderen Staaten, so in einzelnen Provinzen von 
Preussen, werden die Bezirke nur aus Waldungen der gleichen ' Kategorie formiert. 
Bei letzterem Verfahren ergiebt sich eine unnötige Erschwerung und Verteuerung des 
Dienstes, weil vielfach die Waldungen eines Verwaltungsbeamten von jenen des andern 
ganz oder teilweise umschlossen werden und auch oft sehr ungünstig gestaltete Dienst- 
bezirke entstehen. Ausserdem werden dann auch die Gemeindewaldreviere häufig Be- 
amten übertragen, die wegen mangelhafter Vorbildung oder ungünstiger dienstlicher 
Qualifikation für Staatswaldreviere nicht so ganz erwünscht sind; dieses stellt aber 
eine Abweichung von den Gesichtspunkten dar, welche die volle Beförsterung als an- 
gezeigt erscheinen lassen. 

Bei Voraussetzung grösserer Selbständigkeit entscheidet für die Bildung der Ver- 
waltungsbezirke namentlich die Grösse des Waldbesitzes. Oft wird hier schon für eine 
etwas kleinere Waldfläche ein eigener, aber geringer besoldeter Verwaltungsbeamter 
aufgestellt, oder umgekehrt, diesem ein entschieden zu grosser Bezirk übertragen, weil 



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Gemeindeforstverwaltung. § 53. 33 

dieser für zwei Verwaltnngsbeamte doch za klein wäre, in letzterem Fall hilft man sich 
alsdann durch Anwendung des Eevierförstersystemes. 

Durch die Gemeindewaldungen wird die Grösse der Dienstbezirke der forst- 
liehen Inspektionsbeamten insofern beeinflusst, als diese, wenn sie auch den 
Gemeindewaldungen ihre Tätigkeit zuzuwenden haben, nur eine kleinere Staatswald- 
fläche beaufsichtigen können als ausserdem. 

Für die Organisation der Schutzbezirke gelten die früher (§ 33) bereits ent- 
wickelten Gesichtspunkte. Modifikationen ergeben sich auch hier namentlich aus der 
Grösse des Waldbesitzes in ähnlicher Weise wie bei den Verwaltungsbeainten. 

§ 52. Die Forstbeamten, denen die Verwaltung der Gemeindeforsfcen übertragen 
ist, gehören teils zu den mittelbaren, teils zu den unmittelbaren Staatsbeamten. 

Beim System der vollen Beförsterung verwalten die betr. Beamten allerdings Ge- 
meindevermögen , allein sie sind vom Staat zur Wahrnehmung seines Interesses von 
diesem aufgestellt und üben daher zugleich staatliche Hoheitsrechte. Sie zählen deshalb 
zu den unmittelbaren Staatsbeamten, für deren Stellung das oben in § 37 Gesagte gilt. 

Aber auch bei den übrigen Systemen liegt noch kein rein privatrechtlich zu be- 
urteilendes Verhältnis vor. Die Gemeindeforstbeamten ersetzen hier den staatlichen Re- 
gierungsapparat und üben wenigstens in gewissen Beziehungen staatliche Funktionen 
aus, indem sie das rechtlich geschützte Interesse, welches der Staat an der Erhaltung 
der Gemeindeforsten hat, vertreten. Aus diesem Grund greift auch der Staat bei der 
Organisation des Forstdienstes in das Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden ein, indem 
er bestimmte Bedingungen für die Qualifikation zum Gemeindeforstbeamten vorschreibt. 

Diese G^meindeforstbeamten gehören daher zu den mittelbaren Staatsbeamten. 

§ 53. Die Begründung des Dienstverhältnisses erfolgt durch den Ab- 
schlnss des Dienstvertrages bez. durch dessen Genehmigung von der zuständigen Behörde. 

Auch hier wird meist bei Antritt des Dienstes ein Eid abgelegt, dieser findet 
sich bei den Gemeindeforstbeamten in doppelter Form. Er kann sich nämlich entweder 
auf die gewissenhafte Vermögensverwaltung beziehen und wird dann vor der vorgesetzten 
Behörde (Bürgermeister) geleistet, oder er betrifft die Vereidigung auf das Forstdieb- 
stahlsgesetz ; zur Abnahme dieses wenigstens, von allen Schutzbediensteten zu leistenden, 
Eides sind nur die ordentlichen Gerichte zuständig. 

Die Rechte und Pflichten der Eommunalforstbeamten entsprechen im wesent- 
lichen jenen der Staatsforstbeamten, soweit sie nicht lediglich ein Ausfluss des Staats- 
dienerverhältnisses sind. 

Hervorzuheben ist, dass auch die Gemeindeforstbeamten bei Ausübung ihres 
Dienstes durch gesetzliche Bestimmungen besonders geschützt sind (§§ 117, 118 und 
119 d. R.Str.G.B.). Das Verbot des Betriebes öffentlicher Gewerbe gilt für sie eben- 
falls. Zur Aufrechthaltung der dienstlichen Ordnung steht den Gemeinden eine Dis- 
ziplinargewalt über ihre Beamten zu. 

Die Beendigung des Dienstverhältnisses erfolgt durch: 1) den Tod des Be- 
amten , 2) durch Verzicht mit Zustimmung der Gemeinde, wenn er sich auf bestimmte 
Zeit durch Vertrag gebunden hat , 3) als Straffolge bei richterlicher Verurteilung in 
gleicher Weise wie bei den Staatsbeamten, 4) durch ein entsprechendes Urteil eines 
Disziplinargerichtshofes, soweit ein solcher hier zuständig ist, 5) durch Erlöschen des 
Vertrages entweder nach Ablauf der vereinbarten Dienstzeit oder infolge einer in ver- 
tragsmässiger Weise erfolgten Kündigung. 

Werden Gemeindeforstbeamte auf Lebenszeit angestellt, so erhalten sie auch An- 
sprüche auf Pension, gewöhnlich nach Analogie der für die Staatsbeamten bestehenden 
Bestimmungen. 

Haadbacli d. Forttw. 2. Aufl. IV. 3 



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34 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

Von einem eigentlichen Befördernngssystem ist in der Gemeindeforst Ver- 
waltung keine Rede, da meist nur eine Kategorie von Verwaltungs- oder Schutz- 
beamten vorhanden ist. 

§ 54. In jenen Gemeindewaldungen, in welchen der Staat Verwaltung und 
Schutz durch von ihm angestellte Beamte besorgen lässt, ist deren Besoldung 
gerade so hoch, als wenn sie nur für Staatswaldungen angestellt wären. Die Gemein- 
den haben dann entweder den ganzen auf sie nach Verhältnis ihrer Waldfläche ent- 
fallenden Anteil an diesen Gehältern zu bezahlen oder nur einen sog. Besoldungsbeitrag 
nach verschiedenen Normen zu leisten. So ist z. B. in Württemberg da, wo der Staat 
die Betriebsführung in den G^meindewaldungen übernommen hat, 80 Pfg. pro ha Wald- 
fläche zu entrichten. 

In den übrigen Gemeindewaldungen ist die Höhe der von den Gemeinden ge- 
botenen Besoldung wesentlich ausschlaggebend für die Qualität ihrer Beamten: ist 
erstere niederer als im Staatsdienst, so erhalten sie entweder nur jüngere Beamten (Ver- 
waltungsdienstanwärter) oder solche, welche Grund haben, den Staatsdienst zu meiden. 

C. Frivatforstverwaltang. 
I. Von den Dienstetsteilen. 

§ 55. Bei den Privatforsten ist neben den allgemeinen Verhältnissen, von wel- 
chen die Organisation der Verwaltung abhängt, diese in erster Linie durch die Aus- 
dehnung des Besitzes bedingt, und ergeben sich mit Rücksicht hierauf verschiedene 
Anwendungen und Kombinationen der bereits früher dargestellten Formen. 

Im allgemeinen lassen sich folgende Gruppen bilden: 

1. Kleinbesitz. 

a. Der Besitzer leitet in den kleinsten Fällen die Bewirtschaftung nach den 
eigenen Anschauungen und Kenntnissen oder erhält doch nur gelegentlich den Rat und 
das Gutachten eines Sachverständigen. Der Schutz wird entweder vom Eigentümer 
oder durch gemeinschaftliche Waldhüter besorgt, bisweilen übernimmt der Staat den 
Forstschutz, z. B. in Hessen. 

b. Bei etwas grösserem Waldbesitz wird gewöhnlich Verwaltung und Schutz 
einem Beamten übertragen, der zwar forsttechnische Kenntnisse, aber nicht die 
Qualifikation für den Staatsforstverwaltungsdienst besitzt. Unter Umständen kann es 
sich auch empfehlen, wegen der Betriebsleitung mit einem benachbarten Forstverwal- 
tungsbeamten ein Uebereinkommen zu treffen und nur einen Schutzbeamten ohne tech- 
nische Vorbildung (Forstwart) anzustellen. 

2. Mittlerer Waldbesitz. 

a. Der Betrieb wird von einem eigenen, technisch gebildeten Verwaltungsbeamten 
geleitet, für den Schutz sind einfache Waldaufseher bestellt. 

b. W^enn der Wirtschaftsbeamte den Betrieb nicht mehr in allen Teilen anordnen 
und mit der Hilfe von Forstwarten durchführen kann, dann wird es nötig, dadurch 
zum Reviertörstersystem überzugehen, dass dem Wirtschaftsforstmeister nun besser vor- 
gebildete Betriebsbeamte (Revierförster) und diesen allenfalls nach Bedarf noch Forste 
warte oder Waldaufseher beigegeben werden. 

3. Grossbesitz. 

a. Ein forsttechnischer Beamter hat die Oberleitung über den gesamten Forst- 
betrieb, ihm unterstehen für den Betrieb forsttechnisch vollständig ausgebildete Ver- 
waltungsbeamte, sowie das erforderliche Schutz- und Hilfspersonal. 

b. In den grössten Privatwaldungen endlich findet sich eine vollständige Organi- 



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Privatforstverwaltung. § 57. 35 

sation des Forstdienstes mit Direktions-, Inspektions-, Verwaltimgs- und Schutzstellen, 
welche sich von der Staatsforstverwaltung prinzipiell gar nicht mehr unterscheidet. 

§ 56. Charakteristisch bleibt für die Privatforstverwaltung wohl ausnahmslos 
die Stellung, welche die leitenden Forstbeamten zu den übrigen Organen der Güter- 
und Vermögensverwaltung einnehmen. Die Oberleitung über diese ist, soweit der Be- 
sitzer sie nicht selbst führt, entweder einem einzelnen Beamten, meist einem Kamera- 
listen oder Juristen, übertragen, oder wird von einem Kollegium gefuhrt, an dessen Spitze 
fast stets ein Nichtforstmann steht. Da aus diesem Verhältnis für die Forstbeamten viele 
Unannehmlichkeiten entspringen, so ist ihr Streben meist darauf gerichtet, gegenüber 
der Güterdirektion eine möglichst selbständige und unabhängige Stellung einzunehmen. 

Als weitere Eigentümlichkeit der Privatforstverwaltung ist noch hervorzuheben, 
dass sich hier das eigentliche Oberförstersystem, wie im Staatsdienst, sehr selten findet, 
sondern meist das Revierförstersystem, weil es billigere und gefügigere Beamten liefert. 
Die Privatforstbeamten müssen sich femer wohl überall auch in sehr bedeuten- 
dem Umfang an der Jagdausübung beteiligen und spielen dann bei den grösseren Jagden 
häufig eine Rolle, welche sehr an den Jagdbedienten früherer Zeiten erinnert! 

Bezüglich der übrigen Zweige der Forstverwaltung ist zu bemerken, dass die 
Forstpolizei in den Privatwaldungen durch die staatlichen Organe, entweder 
Forstverwaltungsbeamte oder eigene Forstpolizeibeamte, ausgeübt wird. Bezüglich der 
Delegation dieser Funktion an Privatbeamte wurde bereits oben (§ 27) das nähere 
mitgeteilt. 

Die Privatwaldbesitzer können im Strafprozess auch als Ange^k lagt e erscheinen. 

Für die Bildung der Dienstbezirke kommen hier die in dieser Hinsicht 
bereits früher sowohl bei der Staatsforstverwaltung als namentlich auch bei der Ge- 
meindeforstverwaltung angegebenen Momente in Betracht. Die Grösse des Besitzes 
überhaupt, sowie die Kosten fallen hier besonders ins Gewicht. 

2. Von den Dienttetorganen. 

§ 57. Die Privatforstbeamten sind lediglich die Vertreter von Vermögensinte- 
ressen und nehmen daher eine rein privatrechtliche, durch den jeweiligen Dienstvertrag 
bestimmte Stellung ein. Ausnahmen hievon finden statt bei den Forstschutzbeamten, 
welche, wenn sie gerichtlich auf das Forstdiebstahlsgesetz beeidigt sind, bei Ausübung 
des ihnen übertragenen Forstschutzes den Charakter im Dienst des Staates stehender 
öffentlicher Beamtet haben. Ebenso werden Privatforstbeamte, denen die Handhabung 
der Forstpolizei übertragen ist, hierdurch zu mittelbaren Staatsbeamten. 

Die Rechte und Pflichten, ebenso die Besoldungsbezüge, Stabilität und Pensions- 
ansprüche der Privatbeamten richten sich lediglich nach dem Dienstvertrag und nach 
den Grundsätzen des gemeinen Rechts. 

Mit Rücksicht auf die in der Forstwirtschaft obwaltenden besonderen Verhältnisse 
gemessen die Privatforstbeamten bei Ausübung ihres Dienstes, ebenso auch der Wald- 
eigentümer selbst den Schutz der §§ 117—119 des R.Str.G.B. 

Für die Beschaffenheit des Personales ist im Privatforstdienst ganz besonders die 
Hohe der Besoldung massgebend. Wenn diese auch während der Aktivität, wenigstens auf 
den grösseren Besitzungen, nicht ungünstig zu sein pflegt, so ist es doch im allgemeinen 
mit der Stabilität und den Pensionsansprüchen wenigstens für die mittleren und unteren 
Beamten schlecht bestellt. Es werden deshalb die Verwaltungsstellen im Privatdienst 
häufig nur als Durchgangsposten von Anwärtern des Staatsforstverwaltungsdienstes 
übernommen. Füi' die im Privatdienst dauernd verbleibenden Beamten bietet der Ein- 
kauf in Lebensversicherungs- etc. Kassen eine Möglichkeit, diesen Missstand zu mildern. 

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36 XIII. Schwappacli, Forstverwaltnng. 

D. Forstliolier XTnterriolit. 
I. Aosbildung der Verwaitungtbeamten. 

a. Hochschalen. 

§ 58. In Deutschland und Oesterreich wird von den Anwärtern des Staats- 
forstverwaltungsdienstes als Vorbedingung das Reifezeugnis eines humanistischen oder 
Realgymnasiums gefordert. In Preussen ist in neuerer Zeit den Absolventen der latein- 
losen Realschulen auch die Forstverwaltungskarriere eröffnet worden, ohne dass jedoch 
bis jetzt hievon ein nennenswerter Gebrauch gemacht worden ist. 

Dass das Realgymnasium als Vorbereitung für die forstliche Laufbahn dem hu- 
manistischen Gymnasium mindestens gleichwertig ist, wird von keiner Seite bestritten, 
während die lateinlosen Realschulen wenig Sympathien in forstlichen Kreisen finden. 

Mit Rücksicht auf die Strapazen des forstlichen Berufes \^ird in vielen Staaten 
bei Beginn des Studiums, in anderen bei der Anmeldung für den praktischen Dienst, 
der Nachweis körperlicher Rüstigkeit gefordert. 

Der starke Andrang zum forstlichen Beruf hat mehrfach zu einer solchen Ueber- 
füUung mit Anwärtern geführt, dass diese erst sehr spät, in einem Alter von 40 und 
selbst mehr Jahren als Revierverwalter angestellt werden und bis dahin vom Staat 
teilweise gar nicht, teilweise wenigstens nicht ständig beschäftigt werden können, 
manchmal sogar in ganz anderen Berufen (Hessen!) Verwendung suchen müssen. Die 
sich hieraus sowohl für die Beamten als auch für den Staat ergebenden Missstände 
haben in einigen Staaten (bis jetzt Preussen und Bayern, Württemberg dürft« bald 
folgen) dazu geführt, zum Eintritt in die Verwaltungslaufbahn jährlich nur eine be- 
stimmte Anzahl von Personen zuzulassen, wie es ausserhalb Deutschlands z. B. in Frank- 
reich schon seit langem geschieht. 

So berechtigt diese Massregel ist, so schwierig wird die Auswahl, wenn trotz 
gewisser allgemeiner Anforderungen (gute Censur in der Mathematik, körperliche Rüstig- 
keit, Nachweis eines entsprechenden Vermögens) der Andrang noch immer zu stark ist. 
Härten und auch der Vorwurf der Parteilichkeit sind dann unvermeidlich. 

§ 59. In vielen Staaten beginnt die fachliche Ausbildung mit einer V^ — ^ Jahre 
dauernden praktischen Vorbereitungszeit, der sog. Vorlehre, während welcher sich 
der junge Mann wenigstens die allgemeinsten Anschauungen von Wald und Wirtschaft 
namentlich vom Hauungs- und Kulturbetrieb verschaffen, sowie bezüglich der Beschwer- 
den des gewählten Berufes orientieren soll. 

Eine solche Vorlehre bietet manche nicht zu unterschätzende Vorteile, wenn sie 
nicht zu lange (d. h. 6—7 Monate während der Hauungs- und Kulturzeit) dauert, nur 
auf geeigneten Oberförstereien, sowie, was noch wichtiger ist, unter der Leitung ge- 
eigneter Revierverwalter absolviert wird. Die Dauer von 12 Monaten (Preussen, Elsass- 
Lothringen, Braunschweig, den meisten thüringischen Staaten und Oesterreich) erfordert 
einen unverhältnismässigen Zeitaufwand im lern^higsten Alter. 

Die Vorlehre fehlt u. a. in: Bayern, Hessen, Württemberg und Baden. 

§ 60. Das Fachstudium ist in den einzelnen Staaten ungemein verschiedenartig 
organisiert. Bevor die bestehenden Einrichtungen näher besprochen werden, erscheint 
es zweckmässig, die leitenden Grundsätze zu erörtern, wobei an die Darstellung der 
geschichtlichen Entwickelung anzuknüpfen ist. 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der forstliche Unterricht in Deutsch- 
land an sehr verschiedenartigen Anstalten erteilt: 

1. an der Universität: für Hessen (Giessen), 

2. am Polytechnikum: für Baden (Karlsruhe), Braunschweig (Braunschweig), 



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Forstlicher Unterricht. § 61. 37 

3. an isolierten Forstlehranstalten fiir Prenssen (Neastadt-Ebers- 
walde), Bayern (Aschaifenburg) , Sachsen (Tharand), Württemberg (Hohenheim) , Thü- 
ringen (Eisenach), Kurhessen (Melsnngen). Tharand und Hohenheim waren ausserdem 
gleichzeitig landwirtschaftliche Lehranstalten. 

Die Ansichten über die zweckmässigste Form der Bildungsstätten war schon da- 
mals geteilt, allein die isolierte Fachschule, welche im wesentlichen auf die Bedürfnisse 
des Eevierverwalters (im damaligen Sinne!) zugeschnitten war, von unserem Stand- 
punkt aus also als Mittelschule bezeichnet werden muss, war doch um 18öO 
weitaus herrschend. 

Vereinzelte Stimmen hatten zwar schon vorher eine bessere Organisation ge- 
wünscht, z. B. Theodor Hartig, welcher bereits 1838 für die Vereinigung des forst- 
lichen Unterrichts mit einer Hochschule eintrat, während Pfeil und v. Berg die iso- 
lierten Fachschulen verteidigten. 

Allgemeiner und dringender wurde jedoch erst das Bedürfnis und der Wunsch 
nach Reformen, als um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Anforderungen an die 
Leistungen und damit auch an die Kenntnisse der Forstbeamten rasch stiegen. 

Dieses Ziel liess sich auf zwei Wegen erreichen : Es war einerseits möglich, die 
Fachschulen so zu verbessern, dass sie wirkliche Hochschulen wurden, also zu Aka- 
demien emporstiegen, andererseits konnte auch die Verlegung des forstlichen Unter- 
richts an allgemeine Hochschulen (Universität, Polytechnikum, wohl auch die 
Vereinigung mit höheren landwirtschaftlichen Bildungsstätten) in Betracht gezogen 
werden, wofür u. a. namentlich auch finanzielle Gründe sprachen. 

Die tatsächliche Entwicklung bewegte sich zunächst nach der ersterwähnten 
Richtung, während über die Frage: Akademien oder allgemeine Hoch- 
schulen eine litterarische Fehde entstand, welche immer mehr an Heftigkeit und 
Ausdehnung gewann und schliesslich in der Versammlung deutscher Forstmänner zu 
Freiburg 1874 sowie in der hiemit zusammenhängenden Litteratur ihren Höhepunkt 
erreichte. 

Die praktischen Folgen dieses Kampfes waren die Verlegung des forstlichen Un- 
terrichts in Bayern an die Universität München 1878 (wenigstens teilweise s. u.), in 
Württemberg an die Universität Tübingen (1881) und in Oesterreich an die Hochschule 
Inr Bodenkultur in Wien (1875). 

Aber auch in Preussen und Sachsen, wo die Akademien in verbesserter Form 
fortbestanden, wurden dem Prinzip des Universitätsunterrichts insofern Zugeständ- 
nisse gemacht, als man inzwischen ausser dem Studium an den Forstakademien, we- 
nigstens einen zweisemestrigen Besuch der Universität eingeführt hat. Die gegenwärtige 
Einrichtung ist jedoch deshalb ungenügend, weil keine zweckmässige Trennung des Un- 
terrichtsgebietes zwischen Universität und Akademie besteht. Tjetztere ist mit Lehr- 
stoff überhäuft, während solcher für die Studienzeit an ersterer fehlt, woraus sich man- 
nigfache Missstände ergeben. 

§ 61. Bei der Beurteilung der Frage, ob die Ausbildung des Forstverwaltungs- 
beamten an besonderen Akademien oder an allgemeinen Hochschulen zu erfolgen habe, 
kommen heute, wo die Rücksicht auf die soziale Stellung des Forstbeamtenstandes 
hiebei nicht mehr in gleichem Mass ins Gewicht ftlllt wie früher, namentlich folgende 
Gesichtspunkte in Betracht: 

Der Beruf des Forstmannes setzt sehr vielseitige Kenntnisse voraus: naturwissen- 
schaftliche, mathematische, volkswirtschaftliche und rein forstliche. Es ist ungemein 
schwierig, eine einerseits gleichmässige und andererseits doch den Bedürfnissen eines 
Forstbeamten entsprechende Ausbildung an der gleichen Bildungsstätte zu erreichen. 



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38 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

An den Universitäten und sonstigen Hochschulen sind im allgemeinen nur die 
staatswirtschaftlichen Fächer in einer den Verhältnissen des Forstmannes entsprechen- 
den Weise vertreten, ungünstiger liegt die Sache für die naturwissenschaftlichen, mathe- 
matischen und juristischen Disziplinen, da diese sogen. Grund- und Hilfswissenschaften 
für den Forstmann nur bei Berücksichtigung seiner besonderen Bedürfnisse fruchtbar 
werden. 

Wenn man zunächst von den landwirtschaftlichen Hochschulen absieht, so 
werden an den Universitäten (und technischen Hochschulen) die grundlegenden Vor- 
lesungen über Naturwissenschaften und Jurisprudenz in einem solchen Umfang gehalten, 
dass hiedurch die für die eigentliche Fachbildung zur Verfügung stehende Zeit viel 
zu sehr beschränkt wird. Ausserdem haben aber an allen diesen Anstalten die natur- 
wissenschaftlichen Dozenten im speziellen Teil ihrer Disziplinen vorwiegend das Bedürf- 
nis der Mehrzahl ihrer Zuhörer, an Universitäten namentlich der Mediziner, im Auge, 
während diesen gegenüber die Forstleute an grösseren Univei*sitäten stets verschwinden. 

Eine Berücksichtigung der letzteren bei den allgemeinen Vorlesungen ist nur auf 
kleineren Universitäten (z. B. Giessen!) zu erreichen, wo sie einen verhältnismässig 
grossen Prozentsatz der Hörer ausmachen. 

Unter letzterer Voraussetzung halten auch gelegentlich die Dozenten für allge- 
meine Naturwissenschaften Spezialvorlesungen für Forstleute (Tübingen und Giessen). 
Bei einigermassen erheblicher Zuhörerzahl werden sich zwar an grösseren Universitäten 
stets Dozenten finden, welche bereit sind, solche Vorträge zu halten, es fragt sich nur, 
wieweit sie in der Lage sind, den forstlichen Bedürfnissen Rechnung zu tragen? Am 
leichtesten und sichersten ist dieses hinsichtlich des Forstrechts und der Forstbotanik 
zu erreichen, umsomehr als bei letzterer einzelne Abschnitte noch durch die Dozenten des 
Waldbaues und Forstschutzes ergänzt werden können. Schwieriger ist die Aufgabe, geeig- 
nete Dozenten für Forstzoologie und forstliche Bodenkunde zu finden, da diese Vorlesungen 
eine besondere Vorbereitung erfordern und, um fruchtbar erteilt werden zu können, 
auch einige Kenntnisse der forstlichen Verhältnisse voraussetzen. 

Eine eingehende Beschäftigung mit den einschlägigen Fragen, namentlich soweit, 
dass der betreffende Lehrer auch in der Lage ist, an der Weiterbildung die- 
ser Teile der Forstwissenschaft selbständig mitarbeiten zu 
können, was doch im Interesse unseres Faches dringend gefordert werden muss, 
lässt sich nur bei dauernder Tätigkeit erwarten. Naturwissenschaftliche Dozenten, 
welche nur vorübergehend Vorlesungen für Forstleute halten, werden hiezu umso weni- 
ger geneigt sein, als sie durch derartige Arbeiten unter Umständen (namentlich auf 
dem Gebiet der Zoologie) bei den herrschenden Strömungen ihre weiteren Berufungen 
geradezu gefährden. 

Auch Forstleute werden bei der geringen Anzahl solcher Stellen und der Un- 
sicherheit einer Berufung nur ganz ausnahmsweise geneigt sein, sich derartigen Gebieten 
soweit zu widmen, dass sie diese vom allgemein wissenschaftlichen Stand- 
punkt aus auch wirklich beherrschen, erfahrnngsgemäss trifft dieses fast ausschliesslich 
nur für Botanik zu. 

Unter diesen Umständen ist eine befriedigende Lösung nur durch Errichtung be- 
sonderer Lehrstühle für angewandte Naturwissenschaften (Forstbotanik, Forstzoologie, 
Bodenkunde und Mineralogie) möglich, wie sie in München bestehen. 

Die Rücksichten auf den Kostenpunkt und die Zuhörerzahl ermöglichen jedoch 
solche Einrichtungen nur in grösseren Staaten und selbst hier bloss an einzelnen Uni- 
versitäten. 

§ 62. Die Vorlesungen über die forstlichen Disziplinen können von den ge- 



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^ Forstlicher Unterricht. § 63. 39 

eigneten Persönlichkeiten ebenso gnt an einer Akademie wie an einer Universität oder 
einer sonstigen Hochschule gehalten werden. 

Besondere Berücksichtigung erfordert aber der Anschauungs-Unterricht, 
welcher für den Forstmann eine ebenso unerlässliche Ergänzung der theoretischen Vor- 
lesungen bildet, wie tur den Mediziner der Besuch der Kliniken. 

Der Anschauungs-Unterricht besteht nun teils aus kleineren Uebungen und Ex- 
kursionen, welche sich unmittelbar an die Vorlesungen und den Gang des forstlichen 
Betriebes anschliessen , teils aus forstlichen Studienreisen, welche hauptsächlich den 
Zweck haben, den wirtschaftlichen Charakter eines grösseren Waldgebietes im ganzen 
oder Formen der Wirtschaft und des Betriebes vorzuführen , welche sich nur an be- 
stimmten Oertlichkeiten finden. 

Während letztere bei den heutigen Verkehrsverhältnissen von jedem Ort aus 
ziemlich gleich gut gemacht werden können, kommen für die erspriessliche Angliede- 
rung des erstgenannten Teiles an die Vorlesungen besonders drei Umstände in Betracht: 

1. Die unmittelbare Nähe eines verschiedenartige Verhältnisse umfassenden Wald- 
gebietes, damit die als Ergänzung der Vorlesungen besonders wichtigen kleineren Ex- 
kursionen sowohl auf rein forstlichem Gebiet, als auch auf jenem der Forstzoologie, 
Forstbotanik so\vie Vermessungskunde mit dem geringsten Zeitaufwand abgehalten 
werden können. 2. Die Anpassung des Betriebes in diesen Waldungen an die Bedürf- 
nisse des Unterrichts, um mannigfache Formen des Betriebes und der Kulturen auch über 
den Rahmen des unmittelbaren Bedürfnisses der lokalen Verhältnisse hinaus vorzuführen. 
3. Die Möglichkeit, die Geschäfte des laufenden Betriebes in umfassender Weise für 
Lehrzwecke verwerten und namentlich auch Demonstrationen ohne die immer mehr oder 
minder amständlichen , stets aber zeitraubenden und lästigen Verhandlungen mit dem 
Revierverwalter machen zu können. 

Das Bedürfnis dieses praktischen Unterrichts ist ein so dringendes, dass man ausser- 
halb Deutschlands da, wo in der Nähe der Unterrichtsanstalten geeignete Waldungen feh- 
len, den Unterricht Monate lang in den Wald verlegt (Frankreich, Russland, Schweden, 
Amerika). Näheres hierüber findet sich unten bei Besprechung der Einrichtungen in 
den verschiedenen Ländern. 

Hinsichtlich des Demonstrationsunterrichts, soweit dieser als unmittelbare Ergänzung 
der Vorlesungen dient, sind die deutschen Forstakademien infolge der bei ihnen beste- 
henden Einrichtung der Lehrreviere den Universitäten unbedingt überlegen und hierin 
liegt das Einzige, aber auch das schwerwiegendste Argument 
für ihre Erhaltung trotz ihrer unleugbaren, erheblichen Schattenseiten. 

An den Universitäten sucht man durch Einrichtung grösserer Forstgärten und 
Nutzbarmachung der Arbeiten des Versuchswesens, welche beide eben den Vorteil be- 
sitzen, den Dozenten vom Revierverwalter unabhängig zu machen, den vorhandenen 
Missständen abzuhelfen, ohne jedoch auf diesem Wege jene Vielseitigkeit und die grösseren 
Verhältnisse erreichen zu können, welche in den Lehrrevieren der Akademien geboten 
werden. 

Als Nachteil der Einrichtung der Lehrreviere ist die Ueberlastung ihrer Ver- 
walter mit rein formellen und mechanischen Geschäften hervorzuheben. Diese Schatten- 
seite lässt sich jedoch leicht dadurch beseitigen, dass man diese Lehrreviere, soweit deren 
Verwalter gleichzeitig Dozenten sind, verkleinert, letzteren tüchtige Assistenten beigiebt, 
welche die Verwaltungsgeschäfte unter eigener Verantwortlichkeit besorgen und ihnen 
auch die Feststellung der jährlichen Betriebspläne selbständig überlässt. 

§ 63. Bei Erörterung der Frage über die zweckmässigste Organisation des forst- 
lichen Unterrichts ist weiter noch folgendes zu berücksichtigen: 



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40 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

1. Auf den Universitäten wird die allgemeine Bildung der Studierenden durch 
Hören von Vorlesungen, welche ausserhalb des engsten Rahmens des eigentlichen fach- 
lichen Bildungsganges liegen, sowie durch den Umgang mit Studierenden anderer Be- 
rufszweige gefördert. Die ganze Methode des Studiums ist eine wissenschaftlichere, 
nicht vorwiegend auf die Bedürfnisse des Examens zugeschnitten. Auf den Universi- 
täten werden daher wertvolle Anregungen für eigene wissenschaftliche Tätigkeit und 
ein weiterer Gesichtskreis erworben. Letzterer Umstand ist namentlich für die künf- 
tigen Verwaltungsbeamten von Bedeutung. 

Der Besuch der Universität unter derartigen organischen Einrichtungen, 
dass für den grossen Durchschnitt der Studierenden ein wirklicher Gewinn hieraus 
entsteht, muss unter den heutigen Verhältnissen in Deutschland 
für die Ausbildung des Forstverwaltungsbeamten als unent- 
behrlich bezeichnet werden. 

2. An den Akademien besteht das Direktorialsystem teils als historisches 
Produkt teils als Verwaltungseinrichtung, namentlich für die Lehrreviere. Ausserdem 
liegen an den Akademien gewöhnlich die wichtigsten Vorlesungen (meist Waldbau und 
Forsteinrichtung) in den Händen des Direktors, während die übrigen forstlichen Do- 
zenten nur mehr untergeordnete Fächer vertreten, weshalb man den Akademien in 
dieser Richtung, nicht ganz mit Unrecht den Vorwurf gemacht hat, sie seien Fort- 
setzungen der alten Meisterschulen. Weiter bringt die bureaukratische Oberleitung 
die gefährliche Möglichkeit einer weitergehenden Einmischung des Direktors in den 
Gang des Unterrichts mit sich, als es mit der Lehrfreiheit und Berufsfreudigkeit der 
Dozenten vereinbar ist. 

Wenn auch kaum ein Direktor heutzutage eine unmittelbare Einmischung in die 
eigentliche Lehrtätigkeit versuchen wird, so giebt doch z. B. schon die Verhandlung 
über die Bewilligung von Geld für Anschaifungen an Lehrmitteln Veranlassung zu oft 
unerfreulichen Erörterungen und zu indirekter Beeinflussung der Lehrtätigkeit. Die 
Anwesenheit des Direktors bei Exkursionen anderer Dozenten, ist auch gelegentlich zu 
einer recht unangenehmen Kontrolle oder zu unpassenden Einmischungen in die Vor- 
träge der Kollegen missbraucht worden. 

Sollen die Akademien als solche fortbestehen, so erscheint dies nur bei möglichster 
Annäherung an das Prinzip der allgemeinen Hochschulen zulässig, insbesondere ist vom 
Standpunkt der Dozenten zu verlangen: a) Volle und wirkliche Lehrfreiheit, b) Besei- 
tigung des unnötigen büreaukratischen Apparates, c) gleichmässige Verteilung des Lehr- 
gebietes, d) den übrigen Hochschuleu entsprechende Rang- und Gehaltsverhältnisse, 
e) Befreiung jener Dozenten , welche gleichzeitig Revierverwalter sind, einerseits von 
den rein mechanischen und formellen Geschäften, andererseits von der Kontrolle der 
Inspektionsbeamten hinsichtlich der Bewirtschaftung ihrer Reviere. 

Nur unter diesen Voraussetzungen wird es möglich sein, tüchtige Persönlichkeiten 
dauernd für die Uebemahme der Dozentenstellen, namentlich auch für die naturwissen- 
schaftlichen Disziplinen an den Akademien zu gewinnen. Am sichersten werden diese 
Forderungen erreicht, wenn die Akademien von der Forstverwaltung getrennt, und 
unter das Unterrichts-Ministerium gestellt werden. 

Die Verlegung des forstwirtschaftlichen Unterrichts an die landwirtschaft- 
lichen Hochschulen kann trotz der vielen Beziehungen zwischen Land- und Forst- 
wirtschaft und der grossen Aehnlichkeit des Bildungsganges wegen der wesentlichen 
Verschiedenheit in der Beschaffenheit der Zuhörer und der von diesen verfolgten Ziele 
nicht befürwortet werden. 

Aus den bisherigen Ausführungen ergiebt sich, dass es sehr schwierig, ja fast un- 



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Forstlicher Unterricht. § 64. 41 

möglich ist, die verschiedenen Wünsche und Ansprüche an einer Kategorie von Bil- 
dungsstätten gleichmässig zu befriedigen. 

Man hat deshalb schon den Vorschlag gemacht, das Studium in der Weise zu 
teilen, dass zuerst auf der Universität die allgemeinen naturwissenschaftlichen, femer 
die staatswissenschaftlichen und juristischen Kollegien gehört werden sollen, worauf 
nach einem „Yorexamen" über diese Absclinitte das Fachstudium an der Akademie 
folgen würde, wo auch die angewandten Naturwissenschaften ihre Stätte zu finden 
hätten. 

Diese Losung bietet namentlich den Vorzug einer wirklich organischen Einfügung 
des Universitätsunterrichtes in den Bildungsgang, während ein anderer Vorschlag, 
welcher den Universitätsbesuch an den Schluss der theoretischen Ausbildung legen will 
und ihm dann nur die staatswissenschaftlichen Fächer überweisen kann, keinen wesent- 
lichen Fortschritt gegen das bisherige preussische System bedeutet. Mindestens müssten 
dann die Universitätssemester in die Periode zwischen das erste und zweite Examen 
fallen, da sie sonst wieder zum grössten Teil zur Vorbereitung für die Referendarexa- 
men benützt werden würden. Jedenfalls bleibt aber die Schattenseite bestehen, dass die 
als Grundlage für Forstpolitik wie Forsteinrichtung wichtige Nationalökonomie nach 
diesen Vorlesungen gehört würde, ausserdem wird in dieser Periode der allgemeine pä- 
dagogische Wert des Universitätsbesuchs bei weitem nicht in dem Mass zur Geltung 
kommen, als während der ersten Semester des Studiums. 

Werden Nationalökonomie und Forstrecht bei der letzterwähnten Einrichtung 
bereits an den Akademien gelehrt, dann bleibt für die Universität eine einigermassen 
angemessene Aufgabe überhaupt nicht mehr zu lösen, und wird der Universitätsbesuch 
alsdann für die grosse Mehrzahl ohne jeden Wert sein, wenn auch einzelne mit Eifer 
SpezialStudien betreiben werden. 

Die heutige Organisation des forstlichen Unterrichts ist ausser durch die allge- 
meinen Gesichtspunkte noch in erheblichem Mass von praktischen Erwägungen, wie 
Grösse des Landes, örtliche Verhältnisse, politische Rücksichten sowie durch die ge- 
schichtliche Entwicklung bedingt. 

Die Zukunft des höheren forstlichen Unterrichts, in Deutsch- 
land wenigstens, liegt in der Vereinigung mit der Universität! 

Zu Gunsten der Akademie spricht lediglich die Möglichkeit einer besseren und 
bequemeren Einrichtung des Anschauungsunterrichtes, während alle anderen Gründe 
für die Universität in die Wagschale fallen. Da nun die Erfahrung lehrt, dass es 
leichter ist, einen den örtlichen Verhältnissen entsprechenden Ausweg für die Einrich- 
tung des Anschauungsunterrichts zu finden, als das überlebte System der Akademie 
zeitgemäss umzugestalten, so kann die Entscheidung nicht schwer fallen! 

§ 64. Die heute in den wichtigsten Staaten bestehende Einrichtung des höheren 
forstlichen Unterrichts ist folgende : 

1. Deutschland. 

a)Preussen: Einjährige Vorlehre, vier Semester Studium an einer der beiden 
Akademien Eberswalde und Münden event. mit Ministerialgenehmigung, Besuch einer 
auswärtigen gleichwertigen forstlichen Hochschule, zwei Semester Universität, nach dem 
Referendarexamen, letztere für rechts- und staatswissenschaftliche Vorlesungen. 

In Ebers walde sind neben dem Direktor 11, in Münden 10 Professoren bezw. 
Dozenten tätig, in Eberswalde stehen 4 Lehrreviere zur Verfügung, in Münden sind sie 
1902 weggefallen. 

b) B a y e r n. Die Anwärter des bayerischen Forstverwaltungsdienstes erhalten ihre 
Ausbildung zuerst während vier Semester an der forstlichen Hochschule zu Aschaffenburg 



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42 Xin. Schwappach, Forstverwaltnng. 

„behufs der zum Studium der Forstwissenschaft an einer Universität erforderlichen Vorbe- 
reitung in den Grund- und Fachwissenschaften,'^ dann während weiterer vier Semester 
an einer Universität , von dieser Zeit ist jedoch mindestens ein Jahr in München zum 
Zweck der Beteiligung an denUebungen im forstlichen Versuchswesen zu verbringen. An 
der Universität München wird Forstwissenschaft gehört, ferner wird daselbst das Stu- 
dium der rechts- und staatswissenschaftlichen Disziplinen sowie des angewandten Teiles 
der Naturwissenschaft betrieben. Die Forstwissenschaft ist der staatswirtschaftlichen 
Fakultät zugeteilt, an welcher speziell für das Bedürfnis der Forstleute 6 ordent- 
liche Professuren (3 für Forstwissenschaft, 1 für Forstbotanik, 1 für forstliche Boden- 
kunde und Meteorologie und 1 für Forstzoologie) geschaffen sind. (V. v. 21. IV. 81). 
Die Teilung des Unterrichts zwischen Aschaffenburg und München ist nicht eine 
Folge pädagogischer Erwägungen, sondern lediglich durch politische Rücksichten ver- 
anlasst, da nur um den Preis der Erhaltung von Aschaffenburg die Zustimmung des 
Landtags zur Einrichtung des forstlichen Unterrichts in München zu erlangen war. 
Eine sachliche Notwendigkeit zum Besuch von Aschaffenburg besteht nicht, es werden 
vielmehr in München alle Fächer , also auch jene , welche von den Anwärtern des 
bayerischen Staatsdienstes in Aschaffenburg gehört werden, gelesen. 

c) In Württemberg bildet die Forstwissenschaft einen Teil des Gebietes 
der staatswirtschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. Plangemäss wird dort die 
Forstwissenschaft von zwei ordentlichen und einem ausserordentlichen Professor vor- 
getragen. Eine bestimmte Studienzeit ist für die Adspiranten des Staatsforstdienstes 
ebensowenig vorgeschrieben wie ein bestimmter Studienort. Durchschnittlich beträgt 
erstere 7—8 Semester (V. v. 20. X. 82). 

d) Sachsen: Der forstliche Unterricht wird an der Akademie Tharand erteilt 
und umfasst 5 Semester. Als Lehrer sind der Direktor sowie 10 Professoren und Do- 
zenten tätig. Die sächsischen Staatsdienstanwärter müssen beim Eintritt neben 
Erfüllung der übrigen Vorbedingungen noch das Zeugnis über ein zweisemestriges Stu- 
dium an einer deutschen Universität beibringen, in welchem der Besuch der Vorlesungen 
über Volkswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft, allgemeines Verwaltungs- und Ver- 
fassungsrecht als obligatorische Fächer sowie über einige naturwissenschaftliche Fächer 
und allgemeine Mathematik bescheinigt sein muss. 

e) Baden: Hier wird der forstliche Unterricht an der einen integrierenden Be- 
standteil des Polytechnikums zu Karlsruhe bildenden Forstschule z. Z. von zwei ordent- 
lichen Professoren und einem ausserordentlichen Professor erteilt. Von den ordentr 
liehen Professoren ist einer gleichzeitig Forstrat und Inspektionsbeamter, sie wechseln 
in der Vorstandschaft der Forstschule ab. Die Studienzeit beträgt 3 Jahre, welche 
an einer technischen Hochschule, Universität oder Akademie verbracht werden können 
(V. V. 14. m. 79). 

f) Hessen hat zuerst von allen deutschen Staaten bereits 1831 den forstlichen 
Unterricht an eine Universität und zwar nach Giessen verlegt, wo für Forstwissen- 
schaft gegenwärtig zwei ordentliche Professoren tätig sind. Die Dauer der Studien- 
zeit beträgt drei Jahre an einer Universität, technischen Hochschule oder Akademie 
(V. V. 31. Vn. 79). 

g) Für die T h ü r i n g ischen Staaten (formell für das Grossherzogtum Sachsen) 
besteht eine Forstlehranstalt zu Eisenach mit zweijährigem Kursus, neben dem Di- 
rektor sind drei forstliche Dozenten sowie zwei Dozenten für Naturwissenschaften und 
je einer für Mathematik und Rechtskunde tätig (vgl. auch unten S. 46). 

§ 65. Ausserhalb Deutschlands sind die entsprechenden Verhältnisse in Kürze 
folgende : 



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Forstlicher Unterricht. § 85. 43 

In esterreich ist für die Vorbereitung zum Staatsforstverwaltnngsdienst 
(V. V. 13. II. 75) und zum politischen Dienst der Forstverwaltung (V. v. 27. VII. 83) 
die forstliche Sektion der Hochschule für Bodenkultur in Wien 
bestimmt, welche nach der im Jahr 1875 erfolgten Autliebung der Forstakademie Maria- 
bmnn errichtet wurde. (Studienzeit 3 Jahre, 6 forstliche Dozenten.) 

Ungarn: Seit 1870 besteht inSchemnitzin Verbindung mit der dortigen Berg- 
akademie eine Forstlehranstalt. Die allgemeine Forstschule umfasst drei Jahrgänge, für 
die Forstingenieure folgt noch ein vierter Jahrgang behufs weiterer Ausbildung im 
Maschinen- und Baufache. 

Kroatien: Im Jahre 1898 wurde anstelle der 1860 in Kreutz begründeten 
land- und forstwirtschaftlichen Lehranstalt eine Forstakademie im Anschluss an die 
Landesuniversität in A g r a m errichtet. Die Studienzeit ist dreijährig. 

Für die Schweiz wird der höhere forstliche Unterricht an der, eine Abteilung 
des eidgenössischen Polytechnikums zu Zürich bildenden Forstschule (eröffnet 1858) 
durch drei Professoren erteilt. Die Studienzeit ist dreijährig. Der Besuch dieser Forst- 
schule ist jedoch nicht obligatorisch, nur tritt alsdann an Stelle der Diplomprüfung des 
Polytechnikums eine „forstwissenschaftliche** Prüfung. 

Frankreich. Die Ausbildung für den Forstverwaltungsdienst (jedoch n i c h t iiir 
sämtliche Revierverwalter s. u. S. 47) erfolgt an der^fecole nationale forestiere in Nancy, 
für den Eintritt in dieses Institut ist das Abgangszeugnis des Institut agronomique in 
Paris (Dekret v. 2. VII. 94) mit guter Zensur in der Mathematik sowie der Nachweis 
der Kenntnis der deutschen Sprache durch ein besonderes Examen (Dekret v. 20. IV. 
96) erforderlich. Der Unterrichtskursus ist zweijährig. Das Lehrpersonal besteht ausser 
dem Directeur und dem Sousdirecteur aus 4 Professoren, 5 Dozenten und einem In- 
specteur des J^tudes. 

Beim Eintritt in die Forstschule müssen sich die Anwärter zu einer dreijäh- 
rigen Militärzeit verpflichten. Während der Studienzeit in Nancy werden sie als unter 
der Fahne stehend betrachtet, machen hier militärische Uebnngen und erhalten kriegs- 
wissenschaftlichen Unterricht (100 Lektionen, jede zu IVa Stunden). Nach Absolvie- 
rung der Forstschule können sie zu Reserve-Offizieren ernannt werden und als solche 
das dritte Dienstjahr bei einer aktiven Truppe durchmachen (Ges. v. 15. VII 89). Die 
Zahl der jährlich zum Studium zugelassenen Zöglinge ist durch Verordnung v. 16. X. 
Ol auf höchstens 18 festgesetzt, da man von dem Grundsatz ausgeht, dass, wer ein- 
mal zum Staatsdienst zugelassen wird, auch von Anfang an angemessen versorgt werden 
muss, wenn er nicht durch eigene Schuld seine Ansprüche verwirkt. Bei Bemessung 
der Anzahl der Zuhörer kommt auch noch die Rücksicht auf die Zöglinge der „Ecole 
secondaire^ in Barres (s. u. S. 47) in Betracht. 

Russland: Hier bestehen zwei höhere forstliche Lehranstalten : 1. das Forst- 
institut zu Petersburg und 2. die forstliche Abteilung des Institutes für Land- und 
Forstwirtschaft zu Nowo-Alexandrowsk (bei Warschau). Studiendauer an bei- 
den Anstalten vier Jahre, hievon bezwecken die beiden ersten Jahre hauptsächlich für 
die naturwissenschaftliche Ausbildung, während die beiden letzten dem Fachstudium ge- 
widmet sind. 

Am Polytechnikum in Riga werden forstliche Vorlesungen für die Angehörigen 
der Ostseeprovinzen gehalten. 

Für Finnland besteht ein Forstinstitut zu E v o i s , der Kurs ist zweijährig, die 
Aufnahme findet nur alle zwei Jahre statt. Der Unterricht wird teils in finnischer, teils 
in schwedischer Sprache erteilt. 

In Schweden zerfällt der höhere forstliche Unterricht in zwei Abschnitte : 



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44 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

a) der vorbereitende Unterriclit wird an zwei Forstschulen in m b e r g und K 1 o t e n 
in der Zeit vom 15. Juli des einen bis zum 15. Juni des folgenden Jahres erteilt. Zu- 
gelassen werden alljährlich 10 Studierende vom Lehrerkollegium des Forstinstituts in 
Stockholm, welche das Reifzeugnis eines humanistischen oder Realgymnasiums be- 
sitzen müssen. Der Unterricht an diesen Forstschulen wird von je einem Oberförster 
mit Unterstützung eines Assistenten erteilt, er umfasst hauptsächlich praktische Uebungen 
in Geodäsie, Holzmesskunde, Holzanbau, Holzemte, Köhlerei, Buchführung, femer die 
dienstliche Korrespondenz, Planzeichnen, Jagd. 

b) Wenn die Studierenden ein genügendes Abgangszeugnis dieser Schulen erlangt 
haben, folgt das Studium am Forstinstitut in Stockholm. Dieses dauert zwei Jahre, 
das Sommersemester (13. Juli bis 9. Oktober) ist ganz dem praktischen Unterricht im 
Wald gewidmet. 

Für jene Studierenden, welche ein genügendes Abgangszeugnis von der Forstschule 
nicbt erlangt haben, findet behufs Vorbereitung zum Privatforstdienst ein Kursus am 
Forstinstitut in Stockholm vom 13. Juli des einen bis 13. Oktober des folgenden Jahres 
statt. An diesem Kurs können auch solche junge Leute teilnehmen, welche nur für 
den Privatforstdienst adspirieren. 

Das Lehrpersonal am Forstinstitut besteht aus dem Direktor, einem forstlichen 
Lebrer, einem Lehrer für Botanik, Zoologie und Geologie und 4 nur nebenamtlich 
tätigen Lehrern für Physik etc., Rechtskunde, Nationalökonomie und Agronomie. Die 
Anstellung zweier weiterer Lehrer für Fortswissenschaft und Zoologie ist beim Reichs- 
tag beantragt. 

In Norwegen bildet der forstliche Unterricht seit 1897 eine Abteilung der 
Hochschule für Bodenkultur (Landbrugshöiskole) zu A a s bei Christiania, in welcher Land- 
wirte, Forstwirte, Gärtner, Molkereibeamte und Kulturtechniker gemeinschaftlich 
ausgebildet werden. Vorbedingung: Absolutorium eines Gymnasiums und Bestehen der 
Aufnahmeprüfung, welche den Zweck hat, den Andrang einzuschränken. Während des 
ersten Jahres ist der Unterricht für alle Abteilungen gemeinschaftlich (Foellesklassen) 
und umfasst: Mathematik, Vermessungskunde, Physik, Chemie, Mineralogie und Geo- 
logie, Botanik, Zoologie, Bodenkunde, Zeichnen, Volkswirtschaftslehre und Encyklo- 
pädie der Forst- und Landwirtschaft, Die weitere Ausbildung erfolgt gesondert nach 
Disziplinen (Fagklassen) und umfasst der speziell forstliche Kursus (Skogbrugsafdelingen) 
für Staatsdienstaspiranten zwei Jahre. Das Unterrichtsjahr beginnt Mitte August und 
schliesst Ende Juni des folgenden Jahres. 

Grossbritannien. Der Unterricht in Forstwirtschaft wird hier am umfassend- 
sten seit 1889 an der Universität in Edinburg erteilt, der Kursus ist einjährig und 
umfasst ungefähr hundert Vorlesungen, welche hauptsächlich für künftige Gutsverwalter 
bestimmt sind. 

Für England werden forstliche Vorlesungen gehalten am Durham College in 
Newcastle, am Agriculture College in Cirencester und an der Universität in 
Cambridge. An letzterer hören auch zukünftige Gutsbesitzer. 

Die Forstschule zu Coopers Hill, ein Teil des Royal Indian Engineering 
College, ist für die Ausbildung von Forstleuten für den Dienst in Indien bestimmt, 
alljährlich treten hier etwa 6—7 junge Leute auf Grund einer Eintrittsprüfung ein. 
Das Studium umfasst 3 Jahre, wovon 2V8 Jahre in Coopers Hill und ^/s Jahr auf 
geeigneten Oberförstereien des Kontinents, meist in Deutschland, zugebracht werden. 

In Coopers Hill sind zwei forstliche Lehrer tätig. 

Eine Verbesserung des forstlichen Unterrichts wird beabsichtigt. Wahrscheinlich 
wird für England und Schottland je eine forstliche Hochschule in Verbindung mit einer 



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Forstlicher Unterricht. § 65. 45 

Universität (Oxford oder Cambridge für England, Edinburg für Schottland) eingerichtet 
werden. 

In Belgien wird der forstliche Unterricht am Institute Agricole zuGrembloux 
(verbünden mit der katholischen Universität zu Löwen) abgehalten. Studiendauer vier 
Jahre, von denen die ersten drei gemeinsam mit den Landwirten sind. Nach Absol- 
viernng dieses Teiles erhalten die Studierenden das Diplom als Ingenieur agricole und 
machen dann das vierte Jahr an der Sektion „des eaux et forets" durch, nach be- 
standenem Examen werden sie zum „garde g^n^ral adjoint" ernannt. 

Holland erteilt seinen forstlichen Unterricht in der höheren landwirtschaftlichen 
Lehranstalt in Wageningen. Die Anwärter für den Kolonialdienst werden dann ein 
Jahr lang bei der sächsischen Forsteinrichtungsanstalt beschäftigt. 

Dänemark hat bereits seit 1796 forstlichen Unterricht. Seit 1832 wird dieser 
in Kopenhagen erteilt und zwar seit 1863 an der dortigen landwirtschaftlichen 
Hochschule, wo zwei Lehrstühle für Forstwissenschaft bestehen. Der forstliche Lehr- 
plan umfasst sieben Semester, wovon drei auf die Grrundwissenschaften entfallen. Nach 
dem Examen in letzteren folgt eine einjährige Praxis im Wald vor den eigentlichen 
Fachvorlesungen. 

In Spanien besteht eine Fachschule (Escuela especial de ingenieros de montes) 
zu Escorial seit 1870 (neuestes Eeglement von 1899). 

Zum Eintritt ist Maturität nicht erforderlich, sondern das Bestehen eines beson- 
deren Examens und ein Alter unter 25 Jahren. Das Studium dauert fünf Jahre. Das 
erste Jahr (Curso preparatorio) ist der Physik, Chemie und mikroskopischen Technik 
gewidmet, das eigentliche Fachstudium umfasst vier Jahre. Das Lehrpersonal besteht 
aus dem Direktor, 4 Professoren für Forstwissenschaft, 7 Professoren für Naturwissen- 
schaft, Mathematik und Geodäsie, sowie 6 Hilfslehrern. 

Italien. Die Forstverwaltungsbeamten werden in Vallombrosa ausgebildet. 
Die Zulassung der ordentlichen Hörer erfolgt durch den Minister für Landwirtschaft 
nach einem besonderen Examen, Maturität ist nicht erforderlich. Das Studium dauert 
4 Jahre. 

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist 1898 der erste forst- 
liche Unterricht als Teil der Comell University zu Ithaka im Staat New-York ein- 
gerichtet worden. 

Die Zulassung zur Universität erfolgt für alle Studierende auf Grund eines 
Examens, welches durch die Zeugnisse anerkannter Schulen ersetzt werden kann. Be- 
hufs Eintritts in das College of Forestry ist noch ein weiteres Examen zu bestehen, 
in welchem vorgeschrittene Kenntnisse der deutschen und französischen (event. statt 
der letzteren lateinischen) Sprache, sowie der Mathematik nachgewiesen werden. 

Dauer des Studiums 4 Jahre , wovon die ersten beiden fast ausschliesslich den 
Grundwissenschaften gewidmet sind. Nach Beendigung des Studiums kann der Forst- 
beflissene den Titel „Forest-Engeneer*^ erlangen. Ein 12000 ha grosser Lehrforst liegt 
in den Adirondacks, etwa 300 km von Ithaka. Hier finden alljährlich drei Monate hin- 
durch die praktischen Arbeiten der Studierenden statt. Die Zahl der forstlichen Do- 
zenten an der Comell University beträgt z. Z. drei. 

Seit 1899 ist auch bei der Yale-University zu New-Haven (Connecticut) eine 
forstliche Abteilung mit zwei forstlichen Dozenten eingerichtet. Der Unterricht ist 
zweijährig. 

Eine weitere Forstschule ist von Vanderbilt in Biltmore (Nord-Carolina) ein- 
gerichtet worden. 

In Japan besteht seit 1890 eine eigene land- und forstwirtschaftliche Fakultät 



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46 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

(No-ka-daigakko) an der Universität T o k i o mit dem Sitz in Komaba, 5 km von Tokio. 

Zum Eintritt in den ersten Kurs ist die Maturitas einer höheren Schule erfor- 
derlich, das Vorrücken in die höheren Kurse erfolgt alljährlich auf Grund eines Exa- 
mens nach Massgabe der verfügbaren Stellen. 

Das forstliche Studium dauert drei Jahre. 

Wer alle Examina bestanden hat und am Schluss seines Studiums dem Professo- 
renkollegium eine von diesen angenommene Abhandlung einreicht, darf den Titel ,,Ein- 
Gakushi" (gelernter Forstmann) führen. Nach weiterem fünfjährigem Studium als Mit- 
glied der „üniversity Hall** kann vom Unterrichtsminister der Titel „Ringaku-hakushi" 
„gelehrter Forstmann" verliehen werden, letzterer wird bei offiziellen Gelegenheiten 
gebraucht, während der Titel „Rin-Gakushi" keine Würde bedeutet und deshalb offi- 
ziell nicht gefiihrt werden darf. 

Die Zahl der forstlichen Dozenten beträgt z. Z. vier, demnächst soll noch ein 
fünfter Lehrstuhl errichtet werden. 

b) Forstliche Mittelschule. 

§ 66. Die Entwicklung des forstlichen Unterrichts hat sich in Deutschland seit 
der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Richtung des Hochschulunterrichts und zwai* 
ganz wesentlich mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Staatsforstverwaltungsbeamten 
entwickelt. Am längsten ist Eisenach auf dem Standpunkt der Mittelschule ver- 
harrt. Seit etwa 10 Jahren sucht indessen auch diese Anstalt ihre Lehrziele und 
Lehrmittel mit Erfolg immer mehr zu erweitem. 

Den Bedürfnissen der Privat- und Gemeindewaldbesitzer wird jedoch, sowohl 
mit Rücksicht auf die verschiedene Ausdehnung des Besitzes und die Billigkeit 
als auch wegen des Fehlens der staatswirtschaftlichen Aufgaben, häufig besser durch 
sog. „Revierförster" entsprochen, als durch Verwaltungsbeamte, welche die volle 
Ausbildung für den Staatsforstverwaltungsdienst besitzen. Solche Persönlichkeiten 
finden im Privat- und Kommunaldienst nur bei sehr ausgedehntem Besitz in den leiten- 
den Stellungen dauernde Verwendung. 

In Deutschland war und ist es noch heute gebräuchlich, dass die Anwärter für 
derartige mittlere Stellen ihre Ausbildung als Hospitanten auf den forstlichen Hoch- 
schulen suchen, oder dass die Adspiranten des Staatsforstverwaltungsdienstes vorüber- 
gehend solche Stellen bis zu ihrer Anstellung als Revierverwalter im Staatsdienst über- 
nehmen. Ein Teil dieser Beamten ist auch aus dem Stand der Schutzbeamten (Förster) 
hervorgegangen. 

Formell übernimmt gegenwärtig nur die forstliche Hochschule zu Aschaffen- 
burg die Ausbildung von Forstbeamten für mittlere Stellungen insofern, als dort neben 
den obligatorischen Disziplinen auf besonderen Wunsch für Anwärter des Privat- 
forstdienstes sowie für Ausländer noch sonstige Vorlesungen gehalten werden, um die 
vollständige Ausbildung für den „Revierförster" an dieser Anstalt zu gewähren. 

In dem Masse als jedoch in neuerer Zeit das Interesse der Privatwaldbesitzer 
an einer besseren Bewirtschaftung ihrer Waldungen steigt und gleichzeitig die Zahl 
der Staatsforstdienstadspiranten infolge der Beschränkung der Zulassung zum Studium 
sinkt, macht sich auch in Deutschland das Bedürfnis nach der Errichtung von Mittel- 
schulen geltend. Die Berechtigung dieses Wunsches wird umsomehr anerkannt, als der 
Staat der Pflege der Privat- und Gemeindeforstwirtschaft in neuerer Zeit eine grössere 
Aufmerksamkeit zuwendet. In pädagogischer Beziehung kommt ausserdem noch der 
Umstand in Betracht, dass eine verhältnismässig grosse Anzahl von Zuhörern, welche 
andere Ziele verfolgen, als dem Charakter der Anstalten entspricht, wenig wünschens- 
wert ist. 



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Forstlicher Unterricht. § 66. 47 

In Würdigung dieser Verhältnisse hat der deutsche Forstwirtschaftsrat im Jahr 
1901 an die preussische Staatsforstverwaltnng den Antrag gerichtet, die Einrichtung 
forstlichen Mittelschulunterrichts in Erwägung zu ziehen. 

§ 67. Ausserhalb Deutschlands haben teils die Ausdehnung des Privatwaldbesitzes, 
teils die notwendige extensivere Bewirtschaftung der Staatsforsten öfters dazu geführt, dass 
hier der Mittelstufe des forstlichen Unterrichts grössere Aufmerksamkeit gewidmet 
wird, als in Deutschland. 

Am frühesten und im ausgedehntesten Mass ist dieses inOesterreich ge- 
schehen, wo schon 1852 für den Zweck des Privatforstdienstes vom mährisch-schlesi- 
schen Forstschulverein eine solche Mittelschule errichtet wurde (Mährisch-Aussee). In 
Oesterreich bestehen gegenwärtig folgende forstliche Mittelschulen: Mährisch- 
Weisskirchen, Weisswasser (Böhmen), Brück a. d. Mur, Pisek, Lem- 
berg und Serajewo. Letztere Anstalt bildet eine Abteilung der dortigen tech- 
nischen Mittelschule und ist speziell zur Ausbildung von Beamten für Bosnien und 
Herzegowina bestimmt. Die Dauer des Unterrichts umfasst in Serajewo 4, in Pisek 2, 
an den übrigen Anstalten 3 Jahre. 

Auch in anderen Ländern finden sich ähnliche Einrichtungen. 
Frankreich besitzt in Les Barres eine : £cole secondaire, welche 
den Zweck hat Brigadiers zu den Stellungen von Oberförstern (Gardes g^neraux stagi- 
aires) vorzubereiten. Durch Dekret v. 16. X. Ol ist bestimmt, dass die Zahl der in 
les Barres aufzunehmenden Zöglinge jeweils die Hälfte des Zugangs in Nancy betragen 
soll. Die Zulassung erfolgt auf Grund eines besonderen Examens. (Dekr. v. 10. 11. 97). 
Diese Einrichtung soll also den besten Schutzbeamten ermöglichen, neben den 
Schülern in Nancy in die Stelle von Revierverwaltem einzurücken. 

Besondere Aufmerksamkeit hat Russland dem System der Mittelschulen zu- 
gewendet. Zur Zeit bestehen dort 30 solche „Waldbauschulen", deren Zahl fortwährend 
vermehrt wird. Mit Rücksicht auf die ausserordentlich mannigfaltigen Verhältnisse 
Russlands tragen diese Schulen einen ausgeprägten lokalen Charakter und bezwecken 
die Ausbildung immer nur für je ein bestimmtes Waldgebiet. Der Kursus ist zwei- 
jährig, wobei jedes Jahr 6 Monate im Wald zugebracht werden. Die dort erzielten 
Resultate müssen als vorzüglich bezeichnet werden. 

Auch Finnland lässt in E v o i s zweijährige Kurse zur Ausbildung einer ähn- 
lichen Beamtenkategorie abhalten. Vorläufig werden nur 8 Schüler aufgenommen, doch 
soll ihre Zahl allmählich auf 25 erhöht werden. 

In Holland wird derartiges Personal zu Frederiksoord (Heidegegend) in 
einem zweijährigen Kursus von einer Privatanstalt für Landwirtschaft, Gartenbau und 
Forstwirtschaft mit staatlicher Beihilfe ausgebildet. 

Schweden hat 5 staatliche Mittelschulen (Bispgarden, Grönsinka, 
Bjurfors,', Hunneberg und KoUeberga), an welchen jährlich je 10 Eleven 
zugelassen werden. Diese erhalten freien Unterricht, freie Wohnung und je 150 Kronen 
pro Kurs. Dieser dauert vom 1. September bis zum 15. Juni des folgenden Jahres. Die 
Verlängerung auf IIV» Monate ist vorgesehen. 

Italien beabsichtigt eine solche Mittelschule (scuola per le Guardie forestali) 
nach dem Muster der Schule in Barres zu Cittaducale zu errichten, der Kurs soll 
einjährig sein. Bisher konnte diese Schule wegen Mangels an Teilnehmern noch nicht 
eröffnet werden, doch sollte dieses im Jahr 1901 geschehen. 

In Britisch-Indien besteht eine derartige Schule zu D e h r a - D u n am Fuss 
des Himalaya im nordwestlichen Teil inmitten geeigneter Lehrforsten behufs Ausbil- 
dung von Eingeborenen zu Revierförstem. Der Kurs umfasst 18 Monate. 



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48 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

In die Kategorie des Mittelschule - Unterrichts sind ferner zu rechnen die 
„leichten** Kurse (subsidiary courses), welche Japan in Tokio eingerichtet hat, 
mit geringerer Anforderung hinsichtlich der Vorbildung von nur 3jähriger Dauer, um 
rascher mit der Ausbildung eines Förstpersonals vorwärts zu kommen. 

So mannigfach diese Schulen entsprechend den verschiedenen Bedürfnissen der 
einzelnen Länder organisiert sind, so haben sie doch gewisse gemeinschaftliche Züge : 

Zum Eintritt wird die Maturitas eines Gymnasiums oder einer gleichstehenden 
Anstalt nicht gefordert. Der Unterricht hat eine vorwiegend praktische Tendenz, 
die Naturwissenschaften linden nur soweit Berücksichtigung als zum Verständnis der 
forstlichen Vorlesungen unbedingt erforderlich ist, dagegen wird der niederen Mathe- 
matik und meist auch der Vermessungskunde besondere Aufmerksamkeit (namentlich in 
ßussland) geschenkt. Die volkswirtschaftlichen Vorlesungen fehlen ganz, die rechts- 
wissenschaftlichen bezwecken lediglich das Verständnis der bestehenden Forstgesetz- 
gebung. 

Es ist nicht zu verkennen, dass ein lebhaftes Bedürfnis nach Forstbeamten, welche 
eine derartige Ausbildung erhalten haben, allenthalben, wenn auch in wechselndem 
Umfang, je nach dem Intensitätsgrad der Forstwirtschaft und der Verteilung der ver- 
schiedenen Eigentumskategorien in Wald besteht. Dass man in Deutschland dieser 
Stufe des forstlichen Unterrichts bisher so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist 
zu bedauern. 

2. Ausbildung der Schutz- und Betriebs-Beamten. 

§ 68. Die Ausbildung der Forstschutzbeamten ist gegenwärtig in den verschie- 
denen Staaten eine sehr ungleichmässige, weil sie namentlich davon abhängt, ob und 
wieweit von ihnen nur die Ausübung des Forstschutzes und Ueberwachung der Wald- 
arbeiten oder auch eine weitergehende Unterstützung der Verwaltungsbeamten im Be- 
trieb gefordert wird. 

Da, wo der Forstschutz und höchstens die Ueberwachung des Holzhauereibetriebes 
die Aufgabe dieser Beamten bildet, werden sie meist aus dem Waldarbeiterstande oder 
aus sonstigen geeigneten Elementen der ländlichen Bevölkerung gewählt. Man verlangt 
von ihnen hauptsächlich körperliche Eüstigkeit und Unbescholtenheit ; die nötige Kennt- 
nisse der Forststrafgesetze und der elementarsten Begriffe des Forstschutzes müssen 
sie sich allmählich unter Leitung des RevieiTerwalters aneignen. 

Derartige Personen genügen bei den einfachsten Verhältnissen, namentlich da, 
wo für Betrieb in verhältnismässig kleinen Bezirken noch „Reviertörster" vorhan- 
den sind. 

Solche Verhältnisse bestanden bis fast zur Gegenwart in verschiedenen deutschen 
Staaten (Württemberg , Baden , Hessen , Thüringen) , nur dass man hier auch den 
Nachweis der Kenntnisse einer Elementarschule verlangt, und sind ausserhalb Deutsch- 
lands noch heute sehr verbreitet. 

Neben dieser Kategorie von Schutzbeamten hat sich aber schon frühzeitig eine 
andere herausgebildet, welche ihre Vorbildung durch eine 2 — 3jährige Lehrzeit bei 
einem verwaltenden Forstbeamten erhielt. Letzteres System war bis etwa vor 30 Jahren 
in Deutschland und Oesterreich fast durchweg herrschend. Als Nachteile sind zu nen- 
nen: die ungleichmässige Ausbildung in den Elementarfächem, eine beschäftigungslose 
Periode von 2 — 3 Jahren zwischen der Entlassung aus der Volksschule und dem Ein- 
tritt in die Lehre, sowie endlich die sehr wechselnde, nicht selten recht mangelhafte 
forstliche Ausbildung in der Lehre selbst. Je mehr die Intensität der Forstwirtschaft 
stieg und je mehr von den Schutzbeamten eine immer weiter gehende Beteiligung am 



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Aosbildung der Forstschatzbeamten. § 69. 49 

Betrieb verlangt wurde, während gleichzeitig der Forstschutz gegen die Eingriffe von 
Seiten der Menschen zurücktrat, um so fühlbarer machte sich das Bedürfnis nach 
einer besseren und gleichmässigeren Schulung der Forstschutzbeamten geltend, welchem 
in sehr verschiedenartiger Weise entsprochen wird. 

§ 69. In Deutschland ist zuerst Preussen mit einer Verbesserung der Aus- 
bildung der Forstschutzbeamten vorgegangen. Hier besteht seit langer Zeit eine enge 
Verbindung der Forstschutzkarri^re mit dem Militärdienst in 
der Weise, dass alle Forstschutzdienstanwärter nach Beendigung der Lehrzeit in 
den Jägerbataillonen dienen müssen. Die Unteroflizierschulen sowie die Einrichtung 
und allmähliche Verbesserung des forstlichen Unterrichts durch Forstassessoren und 
Oberförster bei den Jägerbataillonen in Verbindung mit der militärischen Zucht haben 
den tüchtigen Stand von Forstschutzbeamten geschaffen, dessen sich Preussen und El- 
sass-Lothrlngen erfreuen. 

In neuester Zeit werden indessen Stimmen laut, welche eine Verbesserung dieses 
Systems der forstlichen Ausbildung für geboten erachten. Insbesondere wünscht man 
den Ersatz der Lehre durch Waldbauschulen einfacher Art, da die Ausbildung bei 
ersterer zu ungleichmässig ist und die forstliche Weiterbildung bei den Jägerbataillonen 
mit der militärischen Ausbildung bei dem gesteigerten Dienstbetrieb oft kollidiert. 
Schwerwiegende Bedenken erregt auch die Verwendung der Assessoren unmittelbar nach 
dem Staatsexamen als Lehrer bei den Bataillonen, meist nur für je ein Jahr. 

In Preussen wurde auch am frühesten in Deutschland der Versuch gemacht, die der 
Lehrzeit anhaftenden Mängel durch die Einrichtung besonderer Schulen zu beseitigen, welche 
erstere ganz oder teilweise ersetzen sollen. Zur Zeit bestehen zwei derartige Institute, näm- 
lich die Forstlehrlingsschulen zu Gross-Schönebeck (R.B. Potsdam, 1878 als Privat- 
anstalt eröffnet, seit 1883 Staatsanstalt) und zu Pro skau (R.B. Oppeln, 1882 eröffnet). Es 
ist dringend zu wünschen, dass diese Einrichtung allen Lehrlingen zugänglich gemacht wird. 

Die höchste Vorbildung erhalten die Schutzbeamten z. Z. in Bayern, wo seit 
1886 der Besuch von Waldbauschulen vorgeschrieben ist, von denen fünf bestehen: 
Kanfb euren, Kelheim, Lohr, Trippstadt und Wunsiedel. 

Die Studienzeit ist vierjährig, in den beiden unteren Kursen sollen die Zöglinge 
gründlichen Elementarunterricht, in den beiden oberen aber die nötige Unterweisung 
in den Fachkenntnissen erhalten und sich an den Waldarbeiten beteiligen. Das I^ehr- 
personal besteht aus dem betr. Revierverwalter , zugleich Leiter der Anstalt, einem ihm 
für die Zwecke des Unterrichts beigegebenen Assistenten, dem Ortsgeistlichen und einem 
tüchtigen Volksschullehrer. 

Bei Würdigung der bayrischen Bestimmungen ist zu berücksichtigen, dass es sich 
lediglich um die Ausbildung des wirklichen Schutz personals handelt , da die Stelle 
des „Revierförsters** anderer Verwaltungen hier durch die „Forstamtsassessoren ** wahr- 
genommen wird und nur eine beschränkte Anzahl der Schutzbeamten den Grad eines 
^Försters* erreicht, welcher annähernd gleiche Funktionen zu bekleiden hat. Die Ver- 
matnng, dass die bayrische Einrichtung des guten zuviel tut und sich zu sehr der Mittel- 
schale nähert, kann nicht als unbegründet bezeichnet werden. 

Hessen hat 1901 eine Forstwartschule zuDarmstadt eingerichtet, in welche 
die Aufnahme auf Grund einer Vorprüfung erfolgt. Der Kurs dauert von November 
bis Juli, der Besuch dieser Schule ist solange fortzusetzen , bis der Anwärter von der 
Ministerialforstabteilung für genügend vorgebildet zum Bestehen der Prüfung erachtet 
wird. Alle Anwärter werden in das Inf. -Reg. Nr. 115 in Darmstadt eingestellt. 

Ebenso besteht in Meiningen eine Forstwartschule. 

In umfangreichem Masse wird auch in e s t e r r e i c h die Ausbildung des nie- 

Handbach d. Foratw. 2. Aufl. IV. 4 



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50 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

deren Forstpersonals auf Waldbauschulen betrieben, hier jedoch vorwiegend mit Rück- 
sicht auf die Bedürfnisse der kleineren Privatforsten, in welchen derartig vorgebildetes 
Personal häufig auch gleichzeitig die Verwaltung zu besorgen hat. 

Die erste Waldbauschule wurde hier 1876 in Aggsbach (an Stelle der von 
1865 — 1875 bestandenen Waldbauschule Hinterbrühl) errichtet, hierauf folgt« die Staats- 
forstverwaltung mit Errichtung der k. k. Försterschulen zu Hall (Tirol) 1881, Guss- 
werk (Steiermark) 1881 , B o l e c h o w (Galizien) 1883 und I d r i a (Krain) 1892. 
Femer ist der höheren Forstlehranstalt in Mährisch- Weisskirch ebenfalls eine 
Waldbauschule angegliedert, in Eger und Budweis wurden 1899 deutsche niedere 
Forstschulen (Waldbauschulen) eingerichtet. An allen diesen Anstalten ist der Kurs 
einjährig, nur an der 1884 zu P i s e k (in Verbindung mit der dortigen Ackerbauschule) 
eingerichteten Waldbauschule besteht ein zweijähriger Kurs. 

Zweck sämtlicher Anstalten ist die Heranbildung von Organen für den Forst- 
schutz- und technischen Hilfsdienst. 

Ungarn besitzt 4 Waldbauschulen mit 2jährigem Kurs zuKiralyhalom (1883), 
Vadaszerdö(1884), Lipto-Uj var (1886) und Görgeny-Szt. Imre (1893). 

Frankreich hat in Les Barres neben der bereits erwähnten „Ecole se- 
condaire" noch eine „Äcole primaire" zur Vorbereitung für den Grad eines Bri- 
gadier, welcher jenem des preussischen Fönsters entspricht. 

Die Zahl der Zuhörer ist nicht beschränkt, der Kurs dauert 11 Monate. Nach 
absolviertem Examen werden die Zuhörer als „Gardes forestiers" angestellt und nach 
2—3 Jahren zu Brigadiers befördert. 

In Belgien wurden bisher die Gardes forestiers tunlichst aus jenen Leuten ge- 
wählt, welche während ihrer Militärdienstzeit an den Regimentsschulen zu Bouillon 
und Biest einen Kurs über Waldbau durchgemacht hatten. 1902 ist mit der Er- 
richtung besonderer Waldbauschulen in Verbindung mit Ackerbauschulen begonnen worden. 
Vorläufig bestehen zwei solcher Anstalten (H u y und P a 1 i s e u 1) mit 6monatlichem Kurs. 

§ 70. Einen etwas anderen Weg zur Ausbildung des niederen Forstpersonales 
hat zuerst die Schweiz eingeschlagen , indem hier nicht förmliche Schulen einge- 
richtet, sondern schon seit langer Zeit in verschiedenen Kantonen Kurse von mehr- 
wöchentlicher Dauer abgehalten wurden, in welchen der Schwerpunkt auf der prak- 
tischen Ausbildung in den wichtigsten Betriebsarbeiten lag, welche noch durch einige Vor- 
lesungen soweit ergänzt wurden, als es das Verständnis und die praktische Ausführung 
der Arbeiten erforderte. 

Durch die Bundesbeschlüsse vom Jahre 1876, 1878 und 1880 haben diese Kurse, 
welche von selten des Bundes unterstützt werden, folgende Organisation erhalten. Man 
unterscheidet : 

a. Unterförster-Kurse von mindestens zweimonatlicher Dauer zur Aus- 
bildung von Wirtschafts- und Schutzbeamten für kleinere Verhältnisse. Die Anstel- 
lungsfähigkeit ist vom Bestehen der Prüfung abhängig. 

b. Fortbildungskurse für Untert' örster in der Dauer von mindestens 14 
Tagen. Zugelassen werden nur frühere Schüler von Unterförster-Kursen. 

c. Bann wartkurse zur Ausbildung von Schutzbeamten in Kantonen, welche 
wenigstens auf je 6000 ha Waldfläche einen wissenschaftlich gebildeten Förster besitzen. 
In Kantonen, welche sich bereits an den zweimonatlichen Kursen für Unterförster be- 
teiligen, ist die kürzeste Dauer der Bannwartkurse auf 14 Tage, in den übrigen auf 
20 Tage bemessen. 

Die Ausstellung der Patente als Bannwart ist vom Bestehen einer Prüfung am 
Schluss des Kurses abhängig. 



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Prüflings wesen. § 71. 51 

Dem Beispiel der Schweiz ist bald Oester reich gefolgt, und zwar zunächst in 
Tirol und Vorarlberg durch die Lehrkurse in Bregenz (1876), Rotholz (ünterinn- 
thal seit 1882) und San Michele a. d. Etsch (seit 1880), hieran haben sich dann 
1887 die Waldanfseherkurse zu Czernowitz und Franzthal in der Bukowina 
angeschlossen. Die Dauer dieser Kurse beträgt für jene in Czernowitz seit 1896 sieben 
Monate, für die übrigen 8 — 12 Wochen. Die allmähliche Ausgestaltung des ersteren in 
eine Försterschule ist in Aussicht genommen. 

Neuerdings sind auch einige deutsche Staaten, welche bis dahin Forstwarte ohne 
besondere Vorbildung anstellten, diesem Beispiele gefolgt. Dieses ist der Fall inWürt- 
t e m b e r g und Baden, wo nunmehr ebenfalls Forstwartkurse mit achtwöchentlicher 
Dauer eingerichtet sind. 

In Amerika werden mehrfach solche Kurse abgehalten und zwar in Verbindung 
mit dem praktischen Unterricht der Cornell-University in den Adirondacks, der Yale- 
University in Milford (8 Wochen) und in Biltmore-Forest (Nord-Carolina). 

E. Früfüngswesen. 

§ 71. Die Zulassung zum Staatsforstdienst und bis zu einem gewissen 
Grad auch die Verwendung in diesem hängt nicht nur von dem Besuch der vorge- 
schriebenen Anstalten, sondern auch vom Nachweis des Besitzes der erforderlichen 
Kenntnisse durch besondere Prüfungen ab. 

Für den Verwaltungsdienst werden in Deutschland fast durchweg min- 
destens zwei Prüfungen gefordert, von denen die eine am Schluss der Hochschulstudien 
abgehalten wird und den Nachweis liefern soll, dass der Anwärter die erforderliche 
allgemeine Bildung und die hinreichende Auffassungsgabe besitzt, sowie dass er seine 
Fachstudien mit Erfolg betrieben und ein genügend sicheres Fundament für die weitere 
praktische Ausbildung gelegt hat. Im zweiten Examen, nach Beendigung einer meist 
zwei- bis dreijährigen Praxis, sollen namentlich die Kenntnisse des praktischen Betriebes 
und der Dienstesvorschriften dargetan, sowie auch bewiesen w^erden, dass der Kan- 
didat in der Lage ist, sich ein selbständiges Urteil über die verschiedenen, bei Aus- 
übung seines Berufes an ihn herantretenden Fragen zu bilden und dass er auch selb- 
ständig wissenschaftlich weitergearbeitet hat. 

Innerhalb Deutschlands findet eine weitere Prüfung nach Schluss der Hochschul- 
studien nur in Baden und in einigen kleineren Staaten nicht mehr statt. Dagegen 
ist dieses ausserhalb Deutschlands fast durchweg der Fall. 

Mit Rücksicht auf das umfangreiche Gebiet der Grund-, Hilfs- und Fachwissen- 
schaften findet sich bisweilen die Einrichtung, dass das erste (theoretische) Examen in 
zwei zeitlich getrennte Abschnitte zerfällt, von denen der erste (Vor ex amen) ge- 
wöhnlich die Naturwissenschaften und Mathematik, der zweite die juristischen und 
volkswirtschaftlichen Disziplinen sowie die Fachwissenschaften umfasst. 

Diese sehr empfehlenswerte Teilung besteht in Baden, Hessen und Württemberg, 
sowie, wenn auch in nicht gleicher systematischer Weise, in Bayern (Absolutorium von 
Aschaffenburg) und in Dänemark. 

Das erste forstliche Examen (Referendar-Ex., theoretisches Ex., erste Dienstprü- 
fung, Fachprüfung etc.) findet in Deutschland in jenen Staaten, welche eigene forst- 
liche Lehranstalten haben, meist an diesen statt, teils im Beisein eines Regierungs- 
Kommissars teils ohne einen solchen, nur in Preussen ist neuerdings auch das Refe- 
rendarexamen nach Berlin verlegt worden. In Baden, wo nach Schluss der theoretischen 
Studien bloss noch ein Examen (die Hauptprüfung) stattfindet, wird diese von einer 
besonderen Kommission der Domänenverwaltuug abgehalten« Letzteres Verfahren ist in 

4* 



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52 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

den Staaten ohne forstliche Hochschulen allgemein üblich, soweit nicht das Examen einer 
fremden Hochschule als Nachweis für die fachliche Ausbildung zugelassen wird (z. B. 
in einigen Thüringischen Staaten und Anhalt das Examen in Eisenach). 

Bei Abhaltung des Examens an den Hochschulen prüfen der Regel nach die betr. 
Dozenten. In Preussen wird beabsichtigt, dass fernerhin Dozenten der beiden Forst- 
akademien an der Zusammensetzung der Prüfungskommission auch für das Referendar- 
examen überhaupt nicht mehr beteiligt sein sollen, während bisher solche wenigstens 
die Naturwissenschaften und Mathematik examinierten. 

Bei der gebotenen Anpassung des naturwissenschaftlichen Unterrichts an die Be- 
dürfnisse des Forstfaches und der ungenügenden Studienzeit von nur 4 Semestern muss 
die Heranziehung von Examinatoren, welche den forstlichen Verhältnissen femer stehen, 
schwere Bedenken erregen, umsomehr als diese Einrichtung zwar früher bereits bestanden 
hat, aber wegen der gemachten üblen Erfahrungen wieder fallen gelassen wurde. Ebenso 
erscheinen auch die im praktischen Dienst stehenden Forstbeamten weniger geeignet, 
um das beim ersten Examen festzustellende Mass theoretischer Kenntnisse zu ermitteln, 
als die in ihrem Spezialfach stets auf dem Laufenden befindlichen Dozenten. 

Die zweite Prüfung (praktische-, Staats-Prüfung, Assessor-Examen) wird allent- 
halben bei den Direktionsbehörden abgehalten und fungieren hiebe! meist nur Mitglieder 
dieser Behörde sowie sonstige höhere Forstbeamte als Examinatoren. 

Bezüglich der Forstschutzbeamten richtet sich das Prüfungswesen nach 
der Organisation dieses Dienstzweiges. 

Wo diese Beamten ohne fachliche Vorbildung angestellt und teilweise aus dem 
Waldarbeiterstand entnommen werden, wird höchstens der Nachweis der nötigen Ele- 
mentarbildung, Kenntnis der Dienstesvorschriften für ihre Stellung sowie des Forstdieb- 
stahlgesetzes durch eine einfache, von einem Revier Verwalter abzuhaltende Prüfung 
verlangt. 

Wird wenigstens eine „Lehrzeit" gefordert, so findet eine fönnliche Piüfung durch 
den betr. Inspektionsbeamten oder bei den Zentralstellen statt. 

In Preussen und Elsass-Loth ringen müssen sich die Anwärter sogar einer dop- 
pelten Prüfung unterziehen, nämlich der sogen, Jägerprüfung im zweiten Jahr 
ihrer Dienstzeit bei den Jägerbataillonen , und der Försterprüfung nach Voll- 
endung des achten und vor Vollendung des elften Dienstjahres. 

Beim Besuch besonderer BUdungsanstalten, wie z. B. in Bayern und Hessen, findet 
die entscheidende Prüfung beim Abgang von diesen Schulen statt. 

§ 72. Bezüglich der Adspiranten für den Dienst der Gemeinden und Pri- 
vaten liegen die Verhältnisse für den Nachweis der erforderlichen Vorbildung ausser- 
ordentlich mannigfaltig. 

In Deutschland pflegt man im allgemeinen für den Gemeindeforstdienst das Be- 
stehen der gleichen Prüfungen, wie sie für den Staatsforstdienst vorgeschrieben sind, 
zu fordern. 

Eine besondere Prüfung für den Gemeindeforstverwaltungsdienst besteht formell 
noch für die preussischen Regierungsbezirke Trier, Coblenz und Arnsberg, doch ist 
schon seit etwa 10 Jahren wegen üeberftillung der Staatsforstkarriere kein solches 
Examen mehr abgehalten worden. 

Für die Anwärter des Privatdienstes finden an den verschiedenen Lehranstalten 
besondere Examina statt, soweit sie nicht im Besitz des Zeugnisses über bestandene 
Staatsprüfungen sind. Der Umfang und die Intensität dieser Examina ist jedoch sehr 
ungleichartig, insbesondere bleibt durchweg den Kandidaten die Auswahl der Prüfungs- 
fächer überlassen. 



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Prüfungswesen. § 72. 53 

Wesentlich anders ist diese Angelegenheit in Oesterreich geregelt, wo ge- 
setzlich für Waldungen von „hinreichender Grösse** die Aufstellung sachkundiger Wirt- 
schaftsftihrer verlangt wird und ausserdem auch der sehr ausgedehnte Privatwaldbesitz 
im eigenen Interesse den Nachweis eines bestimmten Masses forstlicher Kenntnisse for- 
dert. Hier findet für jene Persönlichkeiten, welche Verwaltungsstellen im Bereich der 
Gemeinde- und Privatforstverwaltung erstreben, eine besondere „Staatsprüfung 
für Forstwirte** bei den politischen Landesbehörden statt. 

Entsprechend der sehr ungleichmässigen Ausbildung bewegen sich die Bedingungen 
flir die Zulassung zu dieser Staatsprüfung auch in weitem Rahmen. Der Kandidat hat 
nämlich nachzuweisen: 

I. a) die Ablegung der beiden theoretischen Staatsprüfungen an der Hochschule 
lur Bodenkultur, oder b) die Absolvierung des forstwirtschaftlichen Studiums an der 
Hochschule für Bodenkultur als ordentlicher oder ausserordentlicher Hörer und die mit 
genügendem Erfolg abgelegten Fortgangsprtifungen aus jenen Lehrfächern, welche be- 
hufs Ablegung der theoretischen Staatsprüfung gehört werden müssen, oder c) Absol- 
vienmg einer der Forstlehranstalten in Weisswasser, Mährisch -Weisskirchen oder Lem- 
berg mit gutem Erfolg nach vorangegangener Absolvierung von mindestens 4 Klassen 
eines Gymnasiums, einer Realschule oder eines Realgymnasiums sowie die Vollendung 
des 22. Lebensjahres, oder d) die Absolvierung eines Obergymnasiums oder einer Ober- 
realschule. 

II. in den Fällen unter la eine zweijährige, in jenen unter b und c eine drei- 
jährige, endlich in jenen unter d eine fünfjährige praktische Vei*wendung in Staats- 
oder Privatforsten oder im forsttechnischen Dienst bei der politischen Verwaltung. 

Femer muss in Oesterreich jeder Forstschutzbeamte, welcher als solcher beeidigt 
werden will, die „Staatsprüfung für den Forstschutz- und technischen 
Hilfsdienst** ablegen. Behufs Zulassung zur Prüfung hat der Kandidat nachzu- 
weisen 1. die Vollendung des 18. Lebensjahres, 2. a) die Absolvierung einer der Förster- 
schulen in Hall, Gusswerk, Idria, Bolechow oder einer der Waldbauschulen zu Aggs- 
bach und Pisek mit gutem Erfolg oder b) die Absolvierung der Volksschule, der Bür- 
gerschule, des Untergymnasiums oder der Unterrealschule, 3. eine dreijährige praktische 
Verwendung unter der Leitung eines geprüften Forstwirts. Die an den unter 2 a ge- 
nannten Lehranstalten verbrachte Lehrzeit ist in die dreijährige praktische Verwendung 
einzurechnen. 

In Ungarn wird ebenfalls für die Verwendung als Waldhüter in den unter 
öffentlicher Aufsicht stehenden und zur Vorlage von Wirtschaftsplänen verpflichteten 
Waldungen seit 1889 das Bestehen einer besonderen Waldwärterprüfung gefordert. 

Die zur Zeit in Deutschland bestehenden Verhältnisse haben zu berechtigten 
Klagen von selten der Privatwaldbesitzer geführt, da die jetzt beigebrachten Zeugnisse 
keinerlei Garantie über genügende Ausbildung ihrer Dienstesad Spiranten bieten, wenn 
letztere nicht die volle Qualifikation für den Staatsforstdienst besitzen und daher in der 
Lage waren, die hiefür stattfindenden Prüfungen mitzumachen. 

Eine Abhilfe wird nach zwei Richtungen erstrebt: einerseits dadurch, dass An- 
wärter mit genügender Vorbildung zw'ar die Prüfungen für den Staatsforstdienst 
mitmachen, aber ausdrücklich auf jeden Anspruch hieraus auf Anstellung im Staats- 
dienst verzichten, andrerseits ist in Aussicht genommen, dass Prüfungen nach Art der 
österreichischen Staatsprüfungen für Forstwirte von selten des deutschen Forstvereins 
abgehalten werden. 

Der Entwurf einer derartigen Prüfungsvorschrift ist bereits ausgearbeitet und 
dürfte in Bälde genehmigt werden. 



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54 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

F. Forstliches Yersuchswesen. 
§ 73. Die Forstwissenschaft bedarf zu ihrer exakten Begründung und Weiter- 
bildung der Anstellung von Versuchen. Diese werden hier in doppelter Form vorge- 
nommen, entweder nach der bei den Naturwissenschaften vorzugsweise üblichen Methode 
der Beobachtung eines Vorganges unter ausschliesslicher Einwirkung bestimmter be- 
kannter Ursachen oder nach der statistischen Methode der Massenbeobachtung. 

Da die Wachstums Vorgänge des Waldes sich stets unt^r der Einwirkung zahl- 
reicher Faktoren vollziehen, welche nur teilweise bekannt sind und noch weniger e i n- 
zeln in ihrer Wirkung kontrolliert werden können, so hat die Methode der Massen- 
beobachtung hier besonderen Wert, und sind wir zur Ijösung vieler Fragen aus- 
schliesslich hierauf angewiesen, ohne dass jedoch Untersuchungen nach anderer Methode 
ausgeschlossen sind. 

Eine weitere Eigentümlichkeit der forstlichen Forschungen besteht in den langen 
Zeiträumen, welche die Beobachtung bei vielen Untersuchungen erfordert. Die 
meisten Arbeiten über die Entwicklung der Bestände im allgemeinen und den Einfluss 
wirtschaftlicher Massnahmen erfordern Jahrzehnte hindurch dauernde Beobachtungen. 

Endlich ist noch zu berücksichtigen, dass die überwiegende Mehrzahl dieser For- 
schungen sich nicht in dem beschränkten Kaum eines Laboratoriums oder eines Ver- 
suchsgartens ausführen lassen, sondern grössere Flächen mit den natürlichen Wachs- 
tumsverhältnissen des W^aldes erfordern, welche nur da aufgefunden werden können, 
wo die betr. Holzarten gedeihen. 

Die forstlichen Untersuchungen besitzen also in ihrer Mehrzahl die folgenden 
Eigentümlichkeiten : 1. lange Zeitdauer, 2. Ausführung an verschie- 
denen oft weit auseinanderliegenden und oft vom Wohnort des Forschers 
entfernten Oertlichkei ten und 3. Notwendigkeit einer grossen Zahl 
von Einzelbeobachtungen. 

Hieraus ergiebt sich, dass für derartige Arbeiten eine Einrichtung bestehen mnss, 
welche gestattet, sie unabhängig von dem W^echsel der Person des Forschers und in 
dem durch die eigenartigen Verhältnisse bedingten weiteren Rahmen durchzuführen. 

Diese Untersuchungen können sich entweder auf forsttechnische Fragen im enge- 
ren Sinn (Wachstumsgang der Bestände, Einfluss wirtschaftlicher Massregeln et«.) be- 
ziehen oder auch auf die naturwissenschaftliche Begründung des Waldbaues, die Un- 
tersuchung der Einwirkung des Waldes auf Boden und Klima und endlich auch auf 
den Schutz des Waldes gegen tierische und pflanzliche Feinde erstrecken. 

Die Organe, welche zur Lösung dieser Fragen bestehen, sind die forstlichen 
Versuchsanstalten. Sie haben sich mit solchen Untersuchungen zu beschäftigen, 
welche die Kräfte des einzelnen Forschers übersteigen, sei es wegen zu langer Dauer, 
sei es wegen des grossen Umfanges des zu beschaffenden Materiales. 

Wenn nun hiemit die Aufgabe der forstlichen Versuchsanstalten prinzipiell be- 
grenzt ist, so darf doch nicht unberücksichtigt bleiben, dass einerseits bei den grossen 
Untersuchungen auch die Gelegenheit zur Lösung einfacherer Fragen geboten Avird und 
benützt werden muss, sowie dass andererseits keine scharfe Grenze zwischen der Tätig- 
keit des Gelehrten als Mitglied einer Versuchsanstalt und jener als Einzelforscher ge- 
zogen werden kann. 

Die forstlichen Versuchsanstalten stellen nur ein erweitertes Laboratorium dar, 
welches, den eigenartigen Verhältnissen entsprechend, teilweise in den Wald verlegt 
wird. Aus letzterem Gnind ist auch ein gewisses Zusammenwirken zwischen den Or- 
ganen der Verwaltung und jenen der Wissenschaft erforderlich, welches in den Ver- 



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Forstliches Versuchswesen. § 75. 55 

Sachsanstalten amtlich geregelt ist. 

§ 74. Das Bedürfnis nach exakten Versuchen auf forstlichem Gebiet ist schon 
sehr frühzeitig hervorgetreten. 

Die erste Aufforderung hiezu dürfte in der von E^aumur im Jahr 1713 er- 
teilten Anweisung zur Untersuchung des Wachstumsganges von Niederwaldungen ent- 
halten sein. 

Im 19. Jahrh. wurden solche Untersuchungen zuerst von G. L. H a r t i g (über 
die Dauer der Hölzer) und von Hundeshagen (über den Einfluss der Streunutzung) 
ausgeführt. 

Sehr frühzeitig wurde indessen erkannt, dass die Tätigkeit des Einzelforschers 
mit beschränkten Mitteln zur Durchführung der wissenschaftlichen Begründung unseres 
Faches nicht ausreichen. Wedekind schlug schon im Jahr 1826, angeregt durch 
Hundeshagens Arbeit über die Streunutzung, eine Organisation in Form eines Aus- 
schusses vor, dessen Aufgabe es sein sollte, die bereits vorhandenen Daten zu sammeln, 
zu sichten und zu ordnen. „Eine Gesellschaft reicher Forstfreunde oder eine Staatsregie- 
rung" würden das am besten bewirken. 

In den nächsten Dezennien veranlasste die Entwicklung des Forsteinrichtungs- 
wesens in verschiedenen Staaten Arbeiten, welche dem Gebiet des forstlichen Versuchs- 
wesens angehören, so wurden z. B. in Baden durch die Taxations-Instruktion die An- 
lage ständiger Versuchsflächen eingeleitet, in Bayern kamen die bekannten Massenta- 
feln zu Stand, Burckhardt bearbeitete von mehreren Mitarbeitern unterstützt seine 
Hilfstafeln. 

In verschiedenen Versammlungen (deutsche Land- und Forstwirte zu Karlsruhe 
1838 und Potsdam 1839) wurde der Wunsch ausgesprochen, dass die Forstdirektionen 
die Vornahme von Versuchen fördern möchten. Am energischsten trat Carl Heyer 
hiefür ein, indem er 1845 gelegentlich der Versammlung der süddeutschen Land- und 
Forstwirte mit einem Aufruf zur Gründung eines forststatischen Vereins hervortrat und 
an das Beispiel der Landwirtschaft anknüpfend die Notwendigkeit vergleichender Ver- 
suche für die Forstwirtschaft nachwies. C. Hey er erhielt seitens der Versammlung 
den Auftrag, eine Instruktion hiefür auszuarbeiten. Bereits 1846 legte er der Ver- 
sammlung zu Freiburg seine „Anleitung zu forststatischen Untersuchungen" vor, welche 
den ersten ausführlichen Plan zur Organisation des forstlichen Versuchswesens enthält. 
In Erkenntnis der Unzulänglichkeit privater Tätigkeit beantragte Heyer, dass sich 
der Verein unter staatlicher Führung bilden solle. Leider scheiterte letzterer Vor- 
schlag und damit gleichzeitig die ganze Bewegung an dem Widerstand Klaup- 
rechts, welcher es als einen Beweis „für Mangel an Tatkraft und Liebe zur Wissen- 
schaft erklärte, wenn man auf dem Gebiet der forstlichen Statik Staatshilfe bean- 
spruche, während doch deutscher Fleiss und deutsche Energie zur Erreichung des Zie- 
les genügen würden. '^ 

§ 75. Die Frage kam erst wieder inFluss, als 1857 ein von Gustav Heyer, 
Eduard Heyer und Faustmann unterzeichneter Aufruf zur Vornahme von forst- 
statischen Untersuchungen und ein Artikel von Baur „Was könnte in Oesterreich für 
forststatische Untersuchungen geschehen?" erschienen. 

1861 folgte ein Aufsatz von Ebermayer über die forstlichen Versuchssta- 
tionen. 

Diese Anregungen hatten nunmehr die praktische Wirkung, dass in verschiedenen 
Staaten mit solchen Untersuchungen angefangen wurde, jedoch ohne eigentliche Orga- 
nisation, so in Preussen (Streuversuche bei Eberswalde), Braunschweig (Durchforstungs- 
versuche), Sachsen (Anbau- und Durchforstungsversuche 1865), Bayern (Forstlich-meteo- 



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56 Xin. Schwappach, Forstverwaltung. 

rologische Stationen 1867, Versuche über Waldstreunutzung), auch in Württemberg, 
Baden und Hessen wurden einzelne Versuche begonnen. 

Die eigentliche Organisation von Versuchsanstalten wurde eingeleitet durch einen 
1867 ei-schienenen Aufsatz von Gay er „lieber forstliche Versuchsstationen insbeson- 
dere in Bayern", während die 1868 von Baur veröffentlichte Schrift „lieber forstliche 
Versuchsstationen" auch einen förmlichen Organisationsplan brachte, welcher die Grund- 
lage der weiteren Verhandlungen bildete und deshalb bei der demnächstigen Emchtung 
von Versuchsanstalten vielfach als Leitfaden diente. 

Auf der 26. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte zu Wien im Septem- 
ber 1868 wurde in einer Sektionssitzung beschlossen, ein Komite von fünf Mitgliedern 
zu beauftragen, einen Plan für die forstlichen Versuchsstationen zu beraten und die 
dringendsten Arbeiten zu bezeichnen, dabei sich über die zweckm&ssigste Organisation 
auszusprechen und den betr. Regierungen Bericht zu erstatten. 

Hierzu wurden gewählt: W e s s e 1 y (Mariabrunn), G. H e y e r (Münden), Eber- 
mayer (Aschaifenburg), Judeich (Tharandt), Baur (Hohenheim). 

Dieses Komite trat bereits im November 1868 in Regensburg zusammen und be- 
riet zunächst die Organisationsfrage. Hier wurde vorgeschlagen, dass die grösseren 
Staaten (Oesterreich, Preussen, Bayern) selbständige Versuchsbureaus schaffen möch- 
ten, deren Dirigent Mitglied der obersten Forstbehörde sein sollte, für kleinere Staaten 
wurde die Verbindung mit den Unterrichtsanstalten unter Vermehrung der Lehrkräfte 
empfohlen. Weiterhin wurden verschiedene Fragen bezeichnet, deren Untersuchung in 
erster Linie wünschenswert sei, und endlich die Gründung eines Bundes zur Förderung 
der gemeinsamen Interessen des Versuchswesens befürwortet. 

An diese Vorschläge knüpfte sich eine lebhafte Debatte, an welcher sich u. a. 
Danckelmann, Hess, Schuberg, Judeich, Seckendorff beteiligten. 

Die Beschlüsse hatten weiterhin die erfreuliche Folge, dass nun auch bald 
von selten verschiedener Staaten mit der Organisation des forstlichen Versuchswesens 
vorgegangen wurde, teilweise etwas verzögert durch die Ereignisse des Feldzuges 
1870/71. Es wurden Versuchsanstalten errichtet in: Baden 1870, Sachsen 1870, 
Preussen 1872, Württemberg 1872, weiterhin folgten noch in Deutschland: Braun- 
schweig 1876, Hessen 1882, Elsass Lothringen 1882 und Bayern 1882 (hier war schon 
1875 Ganghofer für forstliche Versuchsarbeiten ins Finanzministerium einberufen wor- 
den, die Reorganisation des forstlichen Unterrichts veranlasste dann die Verlegung des 
Versuchswesens an die Universität). In Thüringen besteht ebenfalls eine forstliche 
Versuchsanstalt jedoch ohne eigentliches Statut. 

Der Vorschlag der Kommission zu Regensburg, einen Bund zur Förderung der 
gemeinsamen Interessen des Versuchswesens zu schaffen, wurde gleichfalls bereits 1872 
gelegentlich der ersten Versammlung deutscher Forstmänner zu Braunschweig durch 
die Gründung des Vereins deutscher forstlicher Versuchsanstalten 
verwirklicht. 

Die wichtigste Leistung dieses Vereines deutscher forstlicher Versuchsanstalten 
besteht in der Vereinbarung einheitlicher Grundsätze für die Durchführung der Mes- 
sungen und grösseren Arbeiten, wodurch die Resultate der von verschiedenen Forschern 
ausgeführten Untersuchungen vergleichbar werden und überhaupt erst praktische Be- 
deutung erlangen. Die fast alljährlich stattfindenden Zusammenkünfte der Versuchs- 
leiter verbunden mit der Besichtigung von Versuchsflächen sind ausserordentlich wert- 
voll durch Vermittlung regen Meinungsaustausches zur Klärung auseinandergehender 
Ansichten, sowie zur Weiterbildung der Wissenschaft; sie ermöglichen auch allein die 
Aufrechthaltung einheitlicher Anschauungen über solche Fragen, welche sich schriftlich 



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Forstliches Versnchswesen. § 76. 57 

schwer fixieren lassen wie z. B. die Normalität der Bestände. Eine weitere Aufgabe 
des Vereines besteht in der Vermittlnng der Zasammenfassnng des Untersnchnngsma- 
teriales verschiedener Versnchsanstalten in jenen Fällen, wo eine gemeinschaftliche nnd 
einheitliche Bearbeitung als wünschenswert erscheint. 

Die Erfolge des Vereines deutscher forstlicher Versnchsanstalten haben so all- 
gemeine Anerkennung gefunden, dass auf dem internationalen land- nnd forstwirtschaft- 
lichen Eongress zu Wien im Jahr 1890 die Errichtung eines internationalen 
Verbandes forstlicher Versuchsanstalten angeregt wurde. Dieser 
worde nach den vorbereitenden Verhandlungen in Badenweiler 1891 gelegentlich der 
Versammlung des Vereines deutscher forstlicher Versuchsanstalten zu Eberswalde 1892 
begründet und umfasst z. Z. den Verein deutscher forstlicher Versuchsanstalten, die 
Versuchsanstalten in Gestenreich, Ungarn, Schweiz, Russland, Schweden und Belgien, 
sowie die spanische Staatsforstverwaltung, femer das New- York State College of Fo- 
restry in Ithaka, das Forstinstitut in Vallombrosa und das Board of Agriculture in 
London^). Der Beitritt weiterer Versuchsanstalten ist zu erwarten. 

§ 76. Bei der Gründung forstlicher Versuchsanstalten hatte sich eine lebhafte Dis- 
kussion über die Frage entsponnen, ob sie zweckmässiger mit den forstlichen Direktions- 
stellen oder mit den forstlichen Bildungsstätten zu vereinigen seien. Für erstere Ein- 
richtung wurde namentlich der erleichterte Verkehr mit den Organen der Forstver- 
waltung sowie die Furcht vor einer bureaukratischen Bevormundung der freien For- 
schertätigkeit des akademischen Lehrers geltend gemacht. 

Praktisch hat sich das Verhältnis so gestaltet, dass mit Ausnahme von Oester- 
reich in allen Staaten, welche forstliche Bildungsstätten und ein organisiertes Ver- 
suchswesen besitzen, das Vei'suchswesen mit ersteren verbunden ist. 

Die anfangs namentlich von Heyer und Hess geäusserte Befürchtung, dass die 
forstlichen Zentralstellen den als Versuchsleiter tätigen Professoren lästige Vorschrif- 
ten über ihre Wirksamkeit machen und dadurch die „freie Forschertätigkeit ** be- 
schränken könnten, hat sich als unbegründet herausgestellt. Andrerseits schätzen die 
Dozenten die ihnen durch die Versuchsanstalt gebotenen reichen Mittel zu Unter- 
suchungen sowie zur Vermehrung der Objekte des Demonstrationsunterrichtes hoch, 
namentlich gilt letzteres in jenen Staaten, wo der forstliche Unterricht an Universi- 
täten erteilt wird. 

Etwaigen Wünschen der Staatsforstverwaltung wegen Beantwortung einzelner 
Fragen wird stets gerne entsprochen. 

Viel gefährlicher für die freie wissenschaftliche Tätigkeit der Versuchsleiter als 
die Einwirkung der forstlichen Zentralstellen, hat sich eine bureaukratische Organisa- 
tion, wie sie z. B. in Preussen noch formell besteht, erwiesen. Erstere stehen den in 
Betracht kommenden Fragen viel zu fern und hemmen höchstens durch Versagung von 
Geldmitteln die Einleitung neuer Versuche, während bei letzterer gerade in dieser 
Richtung, wie die Erfahrung bewiesen hat, ein „direktorialer Satteldruck" 
sehr unangenehm fühlbar werden kann. Für Arbeiten auf dem Gebiet des forstlichen 
Versuchswesens bildet, wie für alle wissenschaftlichen Untersuchungen überhaupt, die 
volle Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Forschers die 
erste und unentbehrlichste Voraussetzung! 

Da die Notwendigkeit besteht, für die Durchführung der Versuche auch bis zu 



1) Bisher haben folgende Versammlungen des internationalen Verbands stattgefunden : 
1893 in Mariabrunn, 1896 in Braunschweig und 1900 in Zürich. Alle diese Versammlungen 
waren auch von Vertretern verschiedener anderen, dem Verein nicht angehörigen Staaten 
besucht. 



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58 Xm. Schwappach, Forstverwaltung. 

einem gewissen Grad die Mitwirkung der Verwaltungsbeamten in Anspruch zu nehmen 
(Mithilfe bei Ausw^ahl von Versuchsflächen, ständige Ueberwachung der letzteren, Aus- 
führung der Kulturversuche) , so müssen die Beziehungen der Versuchsanstalt zur Ver- 
waltung dienstlich geregelt sein. 

Von der anfangs bestandenen und neuerdings wieder angeregten (Weise !) Idee, 
die Revierverwalter mit der Ausführung von Versuchen, welche nicht unmittelbar mit 
dem Betrieb zusammenhängen (z. B. Kulturversuche) zu betrauen, ist man sehr bald 
abgekommen. Mangel an Kenntnis der Versuchstechnik, Ueberhäufung mit dienstlichen 
Arbeiten anderer Art und häufiger Wechsel der Beamten lassen eine derartige Verbindung 
von wissenschaftlicher Forschung mit der Revierverwaltung nicht zu. Eine reinliche 
Scheidung beider Gebiete, wobei selbstverständlich erstere niemals die Fühlung mit der 
Praxis verlieren darf, ist unbedingt geboten, wenn das gewünschte Ziel erreicht werden soll. 
In Oesterreich lassen einzelne Waldbesitzer durch ihre Beamte Versuche unab- 
hängig von der Versuchsanstalt lediglich nach deren Arbeitsplänen ausführen. Die Er- 
gebnisse ermuntern nicht zur Fortsetzung der Methode und lassen den Verlust der für 
diese Arbeiten gebrachten Opfer von Kraft und Geld bedauern! 

Ebenso hat man auch in Russland Versuchsreviere eingerichtet, welche mit sehr 
tüchtigen Beamten besetzt wurden, denen ziemlich reiche Mittel und grosse Selbständig- 
keit hinsichtlich ihr Arbeiten eingeräumt sind. Allein auch hier tritt einerseits die 
Belastung mit Reviergeschäften und andrerseits das Streben nach Wechsel des Auf- 
enthaltsortes und der Stellung nach kurzer Zeit schon sehr störend sowie für die Re- 
sultate der eingeführten Versuche sehr gefährdend hervor. 

§ 77. Die gegenwärtige Organisation des forstlichen Versuchswesens ist folgende: 

1. Deutschi and 

a. Preussen. Die Hauptstation des forstlichen Versuchswesens (im Gegensatz 
zu den Nebenstationen im Wald) ist mit der Forstakademie Eberswalde verbun- 
den, deren Direktor zugleich Leiter der Versuchsanstalt ist. Sie umfasst folgende 6 Abtei- 
lungen : a. forstliche mit einer Prüfungsanstalt für Waldsamen, b. metereologische, c. boden- 
kundliche, d. pflanzenphysiologische, e. pflanzenpathologische, f. zoologische. An der Spitze 
jeder Abteilung steht ein Dirigent, von denen jener der meteorologischen, zoologischen 
und pflanzenphysiologischen mit im Nebenamt, die übrigen im Hauptamt an der Ver- 
suchsanstalt tätig sind. Mit der preussischen Versuchsanstalt ist gleichzeitig auch die 
Geschäftsleitung des Vereins deutscher forstlicher Versuchsanstalten verbunden. Eine 
Aenderung dieser Organisation ist beantragt und in Aussicht genommen. 

b. Bayern. Die Versuchsanstalt ist mit dem forstlichen Unterricht an der 
Universität München verbunden. Nach dem Organisationsdekret vom 30. Xn. 82. 
zerfällt die Versuchsanstalt in eine forstliche und eine forstlich-naturwissenschaftliche 
Sektion, letztere gliedert sich in eine a) chemisch-bodenkundliche und forstlich-meteoro- 
logische, ß) botanische und y) zoologische Abteilung. 

Alle beim forstlichen Versuchs wesen beteiligten Professoren haben in ihren Fächern 
jährliche Praktika für die Studierenden abzuhalten. Die Leitung des Gesamtinstituts 
nach der formellen Seite besitzt der Anstaltsvorstand, welcher für je 3 Jahre aus der 
Zahl der mit dem Versuchswesen betrauten Professoren ernannt wird. 

c. In Sachsen besteht eine Kommission für das forstliche Versuchs wesen, 
welche unter dem Vorsitz des Direktors der Forstakademie Tharandt von sämt- 
lichen ordentlichen Lehrern der Forstakademie je für ihre Fächer gebildet wird, ausser- 
dem gehört zu ihr auch noch der Direktor des Forsteiurichtungsbureaus in Dresden. 
Die forstlichen Arbeiten liegen hauptsächlich in der Hand des Professors für Forst- 
mathematik. 



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Forstliches Versuchßwesen. § 78. 59 

d. Württemberg. Die forstliche Versuchsstation ist seit 1882 ein Institut 
der Universität Tübingen unter der Vorstandschaft eines der ordentlichen Profes- 
soren der Foi'stwissenschaft. Als üniversitätsinstitut ressortiert die forstliche Ver- 
suchsstation vom Ministerium für Kirchen- und Schulwesen, soweit die Arbeiten in den 
Staatswaldnngen ausgeführt werden sollen, ist das Einverständnis der Forstdirektion 
erforderlich, welche auch die Kosten der Aufnahmen bestreitet. 

e. Baden. Die forstliche Versuchsanstalt untersteht seit 1876 dem Finanzmi- 
nisterium und zwar unmittelbar der Domänendirektion. Die Versuchsarbeiten werden 
durch zwei Kommissäre ausgeführt, von denen einer dem forstlichen Kollegium, der 
andere dem Lehrerpersonal der Forstschule entnommen ist. 

f. Hessen. Die forstliche Versuchsanstalt steht in organischer Verbindung mit 
dem Forstinstitut der Universität Giessen und ist in administrativer Hinsicht dem 
Finanzministerium untergeordnet. Als Versuchsleiter sind die beiden Professoren der 
Forstwissenschaft je für die von ihnen vertretenen Fächer tätig, die formelle Ver- 
tretung der Anstalt als ganzes liegt in der Hand des Direktors des Forstinstituts. 

g. Braunschweig. Die forstliche Versuchsanstalt ist der herzoglichen Kam- 
merdirektion der Forsten unterstellt, Vorstand ist ein Mitglied dieser Behörde. 

h. In Elsass-Lothringen besteht in Strassburg eine Hauptstation für 
das forstliche Versuchswesen, welche zur Finanzabteilung des Ministeriums gehört und 
vom Voi-stand des Forsteinrichtungsbureaus geleitet wird. 

i. Thüringen. Für die thüringischen Staaten besorgt eine gemeinsame forst- 
liche Versuchsanstalt unter der Leitung des Direktors der Forstlehranstalt Eise- 
naeh diese Untersuchungen. 

§ 78- 2. Eine von den deutschen Einrichtungen wesentlich verschiedene Organi- 
sation besitzt das forstliche Versuchswesen in Oesterreich, indem dort die forstliche 
Versuchsanstalt als eine selbständige, unmittelbar unter dem Ackerbauministerium 
stehende Behörde mit bureaukratischer Verfassung organisiert ist, welche ihren Sitz 
in Mariabrunn hat. Der Leiter der Anstalt führt den Titel „Direktor", als blei- 
bend angestellte Hilfsarbeiter fungieren Adjunkten oder Assistenten, ausserdem können 
auch Beamte der Staatsforstverwaltung vorübergehend der Versuchsanstalt zugewiesen 
werden. 

Die Versuchsarbeiten werden jedoch nur teilweise von den Beamten dieser Anstalt 
unmittelbar ausgeführt, daneben bestehen nämlich für die einzelnen Kronländer oder 
tür Gruppen von solchen (Versuchsgebiete) Landesversuchsstellen mit vor- 
wiegender Rücksicht auf die Vertretung der Forstvereine. Diese sollen in ihren Krei- 
sen für die Vornahme von Versuchsarbeiten durch die Waldbesitzer und deren Beamte 
wirken und den geschäftlichen Verkehr zwischen der Versuchsleitung und den Ver- 
suchsanstalten, welche dem Kreise der verschiedenen W^aldbesitzer (Staat, Gemeinden, 
Private) angehören, vermitteln. 

Eine Zeitlang sollte sich die Versuchsleitung überhaupt nur auf die Anregung 
und Prüfung von Versuchsarbeiten und die Bearbeitung von ihr freiwillig überlassenen 
Versuchsergebnissen beschränken, Versuchsflächen sollten von ihr selbst nur als sogen. 
-Musterversuchsflächen" angelegt werden. Die Ergebnisse dieses Systems waren jedoch, 
wie vorauszusehen, so ungünstig, dass man seit etwa 10 Jahren dazu übergegangen 
ist, auch die Versuchsarbeiten selbst immer mehr durch die Versuchsanstalt ausführen 
za lassen. 

Diese besitzt einen reicheren Stab von Beamten, als alle übrigen Versuchsan- 
stalten. 

Die Verbindung zwischen der Forstwirtschaft und dem Versuchswesen soll durch 



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60 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

die sog. Fachkonferenz hergestellt werden, welche von Vertretern des Acker- 
bauministeriums, der Versuchsanstalt, der Hochschule für Bodenkultur und Delegierten 
der Forstvereine beschickt wird. Hier werden die Arbeitspläne beraten, der allgemeine 
Operationsplan und die speziellen Arbeitspläne für das nächste Jahr festgesetzt sowie 
überhaupt die Fühlung zwischen den Bedürfnissen der Praxis und den Arbeiten der 
forstlichen Versuchsanstalt hergestellt. 

Eine sehr erhebliche Arbeit erwächst in Oesterreich der forstlichen Versuchsan- 
stalt durch die Beantwortung der aus den Kreisen der Praxis an sie gerichteten An- 
fragen über die verschiedensten Verhältnisse. 

Mit der Versuchsanstalt ist auch eine Samenkontrollstation verbunden. 

3. Ungarn. Hier besteht eine forstliche Versuchsanstalt in Verbindung mit 
der Forstakademie in Schemnitz. 

4. Schweiz. Im Jahr 1888 wurde die eidgenössische Zentralanstalt für das 
forstliche Versuchswesen im Anschluss an die forstliche Abteilung des Polytechnikums 
in Zürich errichtet. Sie wird von einem der forstlichen Professoren geleitet unter Auf- 
sicht einer Kommission von 7 Mitgliedern, welche vom Bundesrat gewählt wird. Unter 
den Mitgliedern müssen sich drei ausübende Forstwirte aus den Kantonen befinden. 

5. Frankreich hat 1882 eine forstliche Versuchsanstalt in Verbindung mit 
der Ecole nationale forestiere in Nancy begründet, die Versuche werden unter der 
Leitung des Direktors von einem Inspecteur besorgt. Wegen Mangels der nötigen Mittel 
hat sich die Anstalt bis jetzt noch nicht in erwünschter Weise entwickeln können. 

6. In R u s s 1 a n d ist das forstliche Versuchswesen bis jetzt noch nicht einheit- 
lich organisiert. Es bestehen gegenwärtig dort : a) vier Versuchs-Oberförstereien (Sta- 
tionen) zur Untersuchung der Verhältnisse der Steppe (Mariupol bei Welik-Anatol, 
Derkoul im Gouvernement Charkow, Kameni-Steppe im Gouvernement Woronesh, 
Feodosia in der Krim), b) ein Forsttaxator macht seit 5 — 6 Jahren forstliche Versuche 
verschiedener Art in Mittel-Russland, c) in Neu- Alexandria besteht eine Versuchsan- 
stalt an der dortigen Forstschule unter Leitung eines der Professoren, welche gegen- 
wärtig hauptsächlich die Untersuchung der technischen Eigenschaften des Holzes betreibt. 
Eine systematische Organisation wird gegenwärtig beraten. 

7. In Schweden ist im Jahre 1902 eine forstliche Versuchsanstalt zu Stock- 
holm eingerichtet worden, welche aus einer forstlichen und einer botanischen Abtei- 
lung besteht und vom dortigen Forstinstitut unabhängig ist. 

8. Das Jahr 1902 hat auch für Finnland die Einrichtung einer forstlichen 
Versuchsanstalt in Verbindung mit der Forstakademie in Evois gebracht. 

9. Japan hat ebenfalls seit 1887 eine Versuchsanstalt zu Tokio, welche dem 
Forstbureau unterstellt ist. 

2. Organisation der meehanisehen Arbeit. 

§ 79. Der grösste Teil der im Forstbetrieb vorkommenden Geschäfte, welche eine 
Mitwirkung der Waldarbeiter notwendig machen, wiederholt sich alljährlich in gleicher 
Zeitfolge und auch wenigstens in annähernd gleichem Umfang. Daneben giebt es aber 
auch Geschäfte, welche nur in längeren Zwischenräumen vorzunehmen sind, wie na- 
mentlich Vermessung und Betriebsregulierung. Ausserdem kommen noch in verhält- 
nismässig kleinem Umfang solche Arbeiten vor, deren Ausführung eine besonders an- 
gelernte handwerksmässige Geschicklichkeit erfordert. Letztere werden in der Re^el 
von den betreffenden in der Nähe wohnenden Handwerkern ausgeführt und brauchen 
deshalb bei den folgenden Betrachtungen nicht weiter berücksichtigt zu werden. 

Die Beschaffung der nötigen Arbeitskräfte für die beiden ersterwähnten Arten 



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Waldarbeiter. § 80. 61 

von Betriebsgeschäften kann in verschiedener Weise erfolgen. 

a. In Deutschland ist jene Einrichtung am verbreitetsten, bei welcher ein Rechts- 
bez. Vertragsverhältnis zwischen jedem einzelnen Arbeiter und dem Waldbesitzer oder 
dessen Vertreter besteht. Die Arbeiter verbinden sich untereinander nur so weit, als 
es die örtliche Zusammenlage der Waldungen und Wohnungen sowie die zu bewälti- 
gende Arbeit unbedingt erfordern, es ist dieses das System der Fr ei arbeit er oder 
Freidinger. Je nachdem diese Arbeiter während des ganzen Jahres oder nur für 
einzelne Arbeitsteile im Wald beschäftigt sind, unterscheidet man ständige und 
unständige Arbeiter. Die historische Entwicklung sowie die sozialen und die wirt- 
schaftlichen Verhältnisse der betr. Gegend haben einen gewaltigen Einfluss sowohl auf 
die Beziehungen zwischen Waldbesitzer und Waldarbeiter als auch auf die Qualität 
der letzteren. In grösseren Waldgebieten bilden die Arbeiter bisweilen vollständig ge- 
schlossene Korporationen mit zunftmässiger Gliederung, während in der Nähe grosser 
Städte und Industriegebiete sowie in wohlhabenden, ackerbautreibenden Gegenden mit 
geringer Waldfläche der Wirtschaftsbeamte froh sein muss, wenn er zur Durchführung 
der Geschäfte überhaupt die nötigen Arbeitskräfte, welche häutig wechseln, zusammen- 
bringen kann. 

b. In den Alpengebieten Bayerns und Oesterreichs sowie in den Karpathen und 
anderen entlegenen grossen Waldungen übernehmen einzelne Personen (Unternehmer) 
vom Waldbesitzer die Durchführung der gesamten Arbeit und stellen dann ihrer- 
seits die nötigen Leute. Bei diesen Unternehmermannschaf ten tritt nur der 
Obmann mit dem Waldbesitzer in ein Rechtsverhältnis und bildet eine verantwortliche 
Kittelsperson zwischen dem Waldbesitzer und den von ihm angenommenen Arbeitern, 
indessen muss sich auch stets der Waldbesitzer noch einen direkten Einfluss auf letz- 
tere wahren. Dieses System findet sich sowohl in der Fonn, dass wenigstens der 
Unternehmer und der grösste Teil der Arbeiter in der Nähe des Waldes ansässig sind 
und alljährlich die Arbeit in den gleichen Revieren übernehmen, als auch so, dass 
solche Unternehmermannschaften periodisch zuwandern, oft aus grossen Entfernungen, 
und dann nach längerer oder kürzerer Zeit wieder weiterziehen ; letzteres ist der Fall 
bei den sog. Krainem (Arbeitern aus Steiermark, Kärnthen, Krain), welche durch 
ganz Südungarn bis in die Türkei ziehen, ähnlich auch bei den Südtiroler Holzhauern 
welche bei den beträchtlichen Anfällen an Holz infolge ausgedehnter Kalamitäten wäh- 
rend der jüngsten Zeit in einem grossen Teil Deutschlands zu finden waren. 

c. Selten ist jetzt noch das System der Regiearbeiter vertreten, bei wel- 
chem der Waldbesitzer, um die nötigen Arbeiter zu erhalten, förmliche Kolonien 
schafft und dann bisweilen für den gesamten Lebensunterhalt dieser Leute nach allen 
Richtungen Vorsorge treffen muss. Dieses findet sich nur noch in den entlegensten 
Gegenden Oesterreichs und Ungarns und auch hier meist lediglich als Folge bereits 
vor längerer Zeit entstandener Ansiedlungen. Indessen nötigen die schwierigen Ar- 
beiterverhältnisse der neuesten Zeit öfters wieder, zur Ansiedlung von Arbeitern oder zur 
Enichtung von Wohnhäusern und deren Verpachtung an Waldarbeiter zu greifen, was 
eine Annäherung an das alte System der Regiearbeiter darstellt. 

Aus den Arbeitern, welche die jährlichen Arbeiten leisten, werden alsdann die 
gewandtesten und brauchbarsten tiir die periodischen Arbeiten ausgewählt, bei denen 
der Bedarf an mechanischen Hilfskräften doch stets nur ein geringer ist. 

§ 80. Mag die Beschaffung der Arbeitskräfte in der einen oder andern Weise 
erfolgen, so ist zur zweckmässigen Durchführung der Arbeit noch eine weitere, innere 
Organisation notwendig. Nur ganz ausnahmsweise sind alle Arbeiter eines Reviers 
am gleichen Platz beschäftigt. Sowohl Mangel an Raum als auch die Unmöglichkeit, 



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62 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

die Leute ordentlich beschäftigen and überwachen zu können, führt zu einer Sonderang 
in grössere Abteilungen (Gruppen, Rotten, Kompagnien), deren jeder meist 
ein besonderer Arbeitsplatz angewiesen wird. Innerhalb der Rotte treten dann, na- 
mentlich bei der Holzhauerei, wieder soviele Leute (meist 2—4) in ein engeres Ver- 
hältnis zu einander, als bei sachgemässer Arbeitsteilung je nach den Erfordernissen 
der auszuführenden Arbeit zusammenwirken müssen. Diese Unterabteilungen heissen 
Partien, Sägen, Schürze, Passe etc. 

An der Spitze jeder Rotte steht der von den Arbeitern mit Zustimmung des 
Revierverwalters aus ihrer Mitte gewählte Rottmeister (Regimenter etc.). Dieser 
ist eine für den Geschäftsbetrieb sehr wichtige Persönlichkeit und erscheint als Ver- 
treter der Arbeiter gegenüber dem Revierverwalter, empfängt dessen Befehle, überwacht 
in Abwesenheit des Forstpersonales die Arbeit, weist die jüngeren Arbeiter an etc 
Ebenso erhebt der Rottmeister die Löhne nach Anweisung des Revierverwalters bei 
der Kasse, wenn hiefür nicht ein eigener Lohnmann (Sachsen) aufgestellt ist, und 
zahlt diese an die einzelnen Arbeiter, bezw. an die Partien aus. 

Als weitere besondere Funktionen innerhalb der Rotten sind jene des Holz- 
setzers (bei der Holzhauerei) und des Vorarbeiters (bei sonstigen Waldarbei- 
ten) anzuführen. Häufig ist der Rottmeister auch zugleich Holzsetzer und Vorarbeiter. 

§ 81. Für den Forstbetrieb ist es von grösster Wichtigkeit, dass der Verwal- 
tungsbeamte stets die nötigen Arbeitskräfte in ausreichender Anzahl 
und entsprechender Beschaffenheit zur Verfügung habe. Je nach der 
Gewohnheit der Bevölkerung und der Lage des Arbeitsmarktes kann dieser Forderung 
bald leicht, bald nur sehr schwierig und ungenügend entsprochen werden. 

Am günstigsten liegen die Verhältnisse in dieser Beziehung im Herzen geschlossener 
Waldgebiete, fern von den grossen Zentren der Industrie und des Verkehrs, wo die 
Bevölkerung durch Tradition an dem Wald hängt und von jeher gewohnt ist, den 
grössten Teil ihrer Lebensbedürfnisse aus dem Wald und durch die Waldarbeit zu 
decken. 

Die Verbesserung der Verkehrsmittel , allgemeine Militärpflicht , Freizügigkeit 
und die ganze Zeitströmung bringen jedoch auch in diese Gegenden Genusssucht, höhere 
Lebensansprüche und die Kenntnis von anderen, wenn oft auch nur scheinbar besseren 
Verhältnissen. Infolge dessen ist die Arbeiterfrage für die Forstwirtschaft fast allent- 
halben eine recht brennende geworden, namentlich nicht selten dadurch, dass man in 
Verkennung der geänderten Sachlage zu lange an dem alten patriarchalischen Ver- 
hältnis zwischen Waldbesitzer und Arbeiter festgehalten, notwendige Verbesserungen 
besonders die rechtzeitige, angemessene Erhöhung der Löhne unterlassen und dadurcli 
namentlich die Heranziehung jüngerer Kräfte unmöglich gemacht hat. 

Noch schwieriger wird die Beschaffung der nötigen Waldarbeiter dann, wenn 
allgemein oder auch nur lokal eine besonders starke Nachfrage nach Arbeitskräften 
eintritt, wie z. B. durch einen allgemeinen Aufschwung der Industrie oder durch ein- 
zelne grosse Unternehmungen, wie Eisenbahnbauten. Umgekehrt findet bei einem Dar- 
niederliegen der Industrie ein Andrang von vielen, mitunter recht unbrauchbaren und 
unerwünschten Elementen zur Waldarbeit statt. 

§ 82. Eine rationelle Lösung der Waldarbeiterfrage kann nur dadurch erfolgen, 
dass der Wirtschaftsbeamte sucht, sich einen S t a m m von tüchtigen, ständigen 
Waldarbeitern heranzuziehen und zu erhalten. 

Hiezu ist vor allem erforderlich, dass diesen Arbeitern und ihren Familiengliedern 
durch eine richtige Verteilung der vorkommenden Arbeiten während ihrer dispo- 
niblen Arbeitszeit volleBeschäftigung gewährt wird. Hiedurch ergiebt 



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Waldarbeiter. § 83. 63 

sieb vom Standpunkt des Arbeiters der Vorzug, dass er nicht durch Mangel an Arbeit 
während eines beträchtlichen Teiles des Jahres gezwungen wird, anderweitig Verdienst 
zu suchen und zugleich bei entsprechender Verwendung auch von Frauen- und Kinder- 
arbeit den einzelnen Familien ein möglichst grosser Verdienst zufliesst, andererseits 
hat hiebei der Waldbesitzer den Gewinn, dass bei einem derartigen Vorgehen die 
Arbeit in raschester, bester und billigster Weise durchgeführt wird. 

Ein Hauptfehler, welcher auch gegenwärtig noch in vielen Forsthaushalten gemacht 
wird, besteht darin, dass teils aus Gewohnheit, teils aus Bequemlichkeit die Waldar- 
beit auf einen möglichst kurzen Zeitraum eingeschränkt wird. Soweit nicht lokale un- 
günstige Arbeiterverhältnisse oder Rücksichten auf Landwirtschaft und Gewerbebetrieb 
hiezu drängen, liegt ein technischer zwingender Grund hiefür nicht vor. Mit Ausnahme 
eines Teiles der Frühjahrskulturen und der Lohrindenernte gestatten alle anderen Be- 
triebsgeschäfte einen ziemlich grossen zeitlichen Spielraum und können unter normalen 
Verhältnissen ebensogut durch eine kleinere Zahl von Arbeitern in längerer Zeit als 
durch eine grössere Anzahl in kürzerer Frist ausgeführt werden. 

Ferner ist zu berücksichtigen , dass nicht alle Arbeiten das gleiche Mass von 
körperlicher Kraft erfordern und deshalb neben Mannesarbeit die Verwendung von 
Frauen- und Kinderarbeit nicht nur zulässig, sondern im Interesse besserer und billi- 
gerer Arbeitsausführung öfters sogar geboten erscheint. 

Ausschliessliche Mannesarbeit ist die Holzernte (mit Ausnahme vielleicht des 
Wellenbindens) und der Holztransport, doch kann durch Benutzung guter Instramente, 
sowie mechanischer Transportmittel (W^aldeisenbahnen !) der Bedarf an menschlicher 
Arbeitskraft sehr wesentlich vermindert werden. Die Kulturarbeiten gestatten und er- 
fordern den ausgedehntesten Gebrauch von Frauen- und Kinderarbeit, während der 
Wegbau wieder, voi-wiegend wenigstens, Sache der Männer ist. 

§ 83. Durch zweckmässige Arbeitsteilung und Arbeits Vereinigung 
lässt sich vielfach eine bessere und raschere und damit zugleich auch billigere Aus- 
führung ermöglichen. 

Den grössten Einfluss auf die Beschaffenheit der Arbeitsleistung hat die Art and 
Weise der Entlohnung, d. h. ob die Arbeit im Tag lohn oder im Akkord ausge- 
tiihrt wird. Letzterer ist in dieser Beziehung dem ersteren weitaus vorzuziehen, weil 
der Arbeiter hier in unmittelbare Beziehung zum technischen Erfolg seiner Arbeit ge- 
setzt wird. Die Verakkordierung der auszuführenden Arbeiten findet daher auch im 
Forstbetrieb in aasgedehntem Massstab und zwar überall da statt, wo die Güte der 
Arbeit nicht unter der Raschheit der Ausführung leidet und auch ohne fortwährende 
Ueberwachung genügend kontrolliert werden kann. Im Taglohn wird daher eigentlich nur 
der grösste Teil der Kulturarbeiten und Wegunterhaltung ausgeführt, der Stücklohn 
dagegen ist gebräuchlich bei der Holzhauerei, einzelnen Kulturarbeiten und bei den Weg- 
neubanten. Die Verakkordierung der letzteren erfolgt meist in der Form des Grup- 
penakkordes, indem sich mehrere Arbeiter in korporativer Weise zur Herstellung 
einer bestimmten Arbeit oder zur Uebernahme grösserer, zusammenhängender Arbeits- 
anfgaben verbinden. 

Ausserdem findet sich der Gruppenakkord in der Waldarbeit noch in grösserem 
Umfang bei der Vergebung der Holzhauerei an ünternehmermannschaften. 

Wenn auch durch die Organisation der Waldarbeit in der bisher besprochenen 
Weise der Bedarf an Arbeitern sehr gemindert wird , so ist es doch stets notwendig, 
während des Fällnngsbetriebes noch weitere Arbeitskräfte herbeizuziehen , allein an 
solchen ist in einer Jahreszeit, in welcher der Feldbau und auch manche andere Be- 
schäftigungen (Bauhandwerk) ruhen, selten Mangel. Immerhin dürfte es aber doch an- 



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64 XIII. Schwappach, Porstverwaltung. 

g^ezelgt sein, die Zahl der ständigen Arbeiter möglichst hoch za halten, da diese 
neben grösserer Geschicklichkeit auch ein erhöhtes Interesse und mehr Anhänglichkeit 
für den Wald haben. 

§ 84. Neben der technischen Organisation der Waldarbeit spielt für vorliegende 
Verhältnisse die Vorsorge für die wirtschaftliche Lage der Arbeiter eine Haupt- 
rolle, gerade in dieser Beziehung kann und muss noch sehr viel geschehen, um dem 
Arbeiter eine angemessene Existenz zu verschaffen und ihn dadurch aber auch so zu 
stellen, dass er durch jene Anerbietungen nicht verlockt wird, welche unter normalen 
Verhältnissen von anderen Seiten an ihn herantreten. 

In erster Linie kommt hiebei die Höhe des Lohnes in Betracht. Der Ver- 
dienst einer Arbeiterfamilie in der Waldarbeit muss so hoch sein , dass er zu ihrem 
Unterhalt in der der Gegend üblichen Weise hinreicht. Wenn auch die Waldarbeit 
keine besonderen Auslagen für Vorbildung erfordert, so ist sie doch sehr ansstrengend 
und nicht selten auch gefährlich, ferner erleidet sie durch die Witterung öfters Unter- 
brechungen. Der durchschnittliche Verdienst pro Arbeitstag muss sich daher bei der 
Waldarbeit um etwa 10 — 20 ®/q höher stellen als jener der landwirtschaftlichen Arbeiter. 

Der Lohn braucht aber nicht ausschliesslich in Form von barem Geld gegeben 
zu werden. Die Forstverwaltung ist vielmehr in der Lage, durch Einräumung einer 
Reihe von für sie ziemlich geringwertigen Nutzungen und Vergünstigungen, wie Frei- 
holz, Waldweide, Waldgras, billiges Pachtland u. s. w, den Arbeitern einen für diese sehr 
wertvollen Zuschuss zu ihrem Geldlohn zu gewähren und sie eben dadurch noch enger 
an den Wald zu fesseln. 

§ 85. Nach den allgemeinen Grundsätzen der Lohnpolitik soll der Verdienst 
auch hinreichen , um dem Arbeiter die Möglichkeit zu gewähren , in jenen Zeiten , in 
welchen er wegen Krankheit, Unfalles, hohen Alters oder temporären Arbeitsmangels 
nicht oder überhaupt nicht mehr erwerben kann, sich und seine Familie zu unterhalten. 

In dieser Beziehung waren bis vor kurzem die Verhältnisse in der Forstwirt- 
schaft im allgemeinen sehr ungünstig, indem in einem grossen Teil Deutschlands der 
Lohn der W^aldarbeiter eben hinreichte, um den arbeitsfähigen Mann nebst Familie 
notdürftig zu ernähren; trat dann aber Erwerbsunfähigkeit ein, so fielen die Arbeiter 
entweder ihren Angehörigen zur Last oder waren auf die öffentliche Armenunterstütz- 
ung angewiesen; bei Unglücksfallen wurde zwar meist eine Unterstützung gewährt, 
allein diese trug mehr den Charakter eines Gnadenbeweises, war meist sehr unzu- 
reichend, und wurde nur selten in eine ständige Subvention umgewandelt, wenn infolge 
eines Unfalles dauernde Erwerbsunfähigkeit eintrat. 

Da die ganze wirtschaftliche Lage der Waldarbeiter nicht dazu angetan ist, um 
aus ihrem Lohn Erübrigungen für solche kritische Zeiten zu machen, oder sich in Ver- 
sicherungskassen einzukaufen, so veranlassten diese Verhältnisse in verschiedenen Ge- 
genden Deutschlands die Gründung von Waldarbeiterhilfskassen. Einzelne 
sind schon sehr alt (die Harzer wurde bereits 1718 gegründet), die meisten ent- 
standen jedoch erst in neuerer Zeit. Indessen war doch die von ihnen gewährte 
Hilfe meist ziemlich ungenügend, nur wenige, z. B. jene in den Stolberg- Wemigerode'- 
schen Waldungen und für die fiskalischen Waldarbeiter im Harz machten eine rühm- 
liche Ausnahme , allein die Bezirke , in denen in solcher Weise vorgesorgt war, um- 
fassten nur einen kleinen Teil der deutschen Waldungen. 

Erst die neue sozialpolitische Gesetzgebung hat durch das Eintreten des Staa- 
tes und das Auferlegen eines höchst notwendigen Zwanges auch auf diesem Gebiet 
einen Wandel geschaffen. Wenn sie auch, namentlich infolge der gleichzeitigen Behand- 
lung der land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter, noch nicht allen berechtigten An- 



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Waldarbeiter. § 86. 65 

Sprüchen genügt, so ist hiedurch wenigstens bereits ein erheblicher Fortschritt gegen 
früher erreicht. 

Als jene Fälle, in welchen eine Unterstützung von Seiten des Arbeiters gewünscht 
wird , sind anzuführen : a) Erkrankungen , b) Unfälle , c) Erwerbsunfähigkeit wegen 
hohen Alters, d) Verdienstlosigkeit infolge Arbeitsmangels. 

Wenn man von einer Unterstützung für letztere absieht, da diese in der Forstwirt- 
schaft bis jetzt weder gefordert wurde noch wohl in naher Zeit erfolgen wird, so fragt 
es sich: welche Sicherheiten sind dem Waldarbeiter z. Z. in den 3 ersten Fällen ge- 
boten oder können ihm wenigstens verschafft werden? 

§ 86. Zu diesem Behuf ist es notwendig, zu untersuchen, wieweit auf dem Wege 
der Gesetzgebung Vorsorge getroffen ist. 

Da die Gesetzgebung des deutschen Reiches nicht alle Gebiete gleichmässig be- 
rücksichtigt, so müssen diese drei Fälle getrennt behandelt werden. 

1. Krankenversicherung. Das Gesetz vom 15. Juni 1883 betr. die 
Krankenversicherung der Arbeiter (Fassung nach der Novelle vom 10. IV. 92) gewährt 
nach § 6, soweit nicht durch Ortskrankenkassen etc. günstigere Bedingungen ennöglicht 
sind, mindestens: 

1. vom Beginn der Krankheit an freie ärztliche Behandlung, Arznei, sowie Bril- 
len, Bruchbänder und ähnliche Hilfsmittel. 

2. im Fall der Erwerbsunfähigkeit vom dritten Tag nach dem Tag der Erkran- 
kung an für jeden Arbeitstag ein Krankengeld in der Höhe der Hälfte des ortsüblichen 
Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter. 

An der Stelle der erwähnten Leistungen kann freie Kur und Verpflegung in 
einem Krankenhaus treten, und zwar für Verheiratete in der Regel nur mit ihrer 
Zustimmung, für sonstige Erkrankte aber unbedingt; die Familienangehörigen des Er- 
krankten erhalten alsdann die Hälfte des Krankengeldes. 

Die Krankenunterstützung endet spätestens mit Ablauf der 13. Woche nach Be- 
ginn der Krankheit, im Fall der Erwerbsunfähigkeit spätestens mit Ablauf der 13. Woche 
nach Beginn des Krankengeldbezuges. 

Die Durchführung der Versicherung erfolgt entweder durch die auf Selbstver- 
waltung beruhenden Hilfskassen (teils eingeschrieben gemäss Reichsg. vom 7. IV. 76, 
teils auf landesgesetzlichen Vorschriften beruhende freie H.) oder durch folgende Ein- 
richtungen : 

a) Ortskrankenkassen für die in einzelnen Gemeinden oder Bezirken be- 
schäftigten Versicherungspflichtigen eines oder mehrerer verwandter Gewerbe, es kön- 
nen aber unter Umständen auch mehrere und selbst alle Gewerbszweige und Betriebs- 
arten eines Bezirks in einer Kasse vereinigt werden. 

b) Betriebskrankenkassen für sämtliche Arbeiter eines grösseren Un- 
ternehmens. 

c) Gemeindekrankenkassen. Letztere sind nicht förmliche Kassen, 
sondern eine kommunale Einrichtung, welche für alle Gemeinden ohne Ausnahme obli- 
gatorisch ist. Sie besteht subsidiär für jene Versicherungspflichtigen, welche keiner 
der anderen Formen angehören. 

Die Beiträge der Versicherungspflichtigen sind bei der Gemeindekrankenversiche- 
rung V/ü bis höchstens 2 7o des ortsüblichen Tagelohns gewöhnlicher Tagearbeiter, für 
die übrigen Kassen (ausschliesslich Knappschafts- und freie Hilfskassen), 3 bis höchstens 
4V2®/o des durchschnittlichen Lohnes derjenigen Klasse von Arbeitern, für welche die 
Kasse errichtet wurde. Zu diesen Beiträgen der Versicherungspflichtigen treten die Bei- 
träge der Arbeitgeber mit 50*/o des Betrages der ersteren, so dass ein Drittel der Ge- 
Handbuch d. Foratw. 2. Anfl. IV. 5 



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66 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

samtbeiträge von diesen und zwei Drittel von den Arbeitern aufgebracht werden. 
Reichen diese Beiträge nicht aus, so mnss bei Gemeindekrankenkassen die Gemeinde, 
bei Betriebskrankenkassen der Unteiiiehmer den Fehlbetrag decken, Ortskrankenkassen 
werden beim Mangel genügender Mittel geschlossen. 

Der Arbeitgeber hat die gesamten Beiträge einzuzahlen und rechnet bei der Lohn- 
zahlung den Versicherungspflichtigen den auf sie entfallenden Betrag an. 

Die Waldarbeiter fallen nicht ohne weiteres unter dieses Gesetz , sondern 
können nach § 2 Ziif. 6 nur durch besonderen Beschluss einer Gemeinde, eines Bezirks 
oder eines weiteren Kommunalverbandes den Bestimmungen des Gesetzes unterworfen 
werden. Ausserdem sind sie nach § 4 berechtigt, den Ortskrankenkassen, wenn solche 
in ihrem Wohnort bestehen, beizutreten. Dagegen unterliegen die in den forstwirt- 
schaftlichen Nebenbetrieben der Sägemühlen, TorMiche und Steinbrüche beschäftigten 
Arbeiter und Betriebsbeamte der Versicherungspflicht. 

Durch das Reichsgesetz vom 5. V. 86. betr. die Unfall- und Krankenversicherung 
der in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen ist bestimmt 
worden, dass diese auch durch die Landesgesetzgebung der Krankenversicherungspflicht 
nach Massgabe des Reichsgesetzes vom 15. VI. 83. unterworfen werden können. 

Bei Ausdehnung der Versicherungspflicht auf die Forstarbeiter sollen die von ihnen 
fortbezogenen Naturalien auf das Krankengeld angerechnet werden. 

Eine solche landesgesetzliche Regelung der Krankenversicherung für Waldarbeiter 
hat bis jetzt stattgefunden in Bayern, Sachsen, Württemberg, Braunschweig, Baden 
und Hessen, während in anderen Staaten, so namentlich in Preussen und Elsass-Loth- 
ringen derartige Gesetze fehlen. 

Soweit eine landesgesetzliche , einheitliche Ordnung der Krankenversicherung 
fehlt, gehören die Waldarbeiter teils Ortskrankenkassen, teils Gemeindekrankenkassen 
an, teils sind von den Waldbesitzern Betriebskrankenkassen eingerichtet worden, öfters 
unter entsprechender Umwandlung älterer Kassen-Einrichtungen. Letztere sind auch 
bisweilen in freie Hilfskassen umgestaltet worden. Häufig dauert noch der frühere 
Zustand fort, in welchem bald vom Arbeitgeber bald auch aus den von den Arbeitern 
gezahlten Beiträgen in Krankheitsfällen Unterstützungen gewährt werden. 

Eine reichsgesetzliche Regelung der Krankenversicherung für die Waldarbeiter 
wäre dringend erwünscht, ist aber wegen der gemeinschaftlichen Behandlung der land- 
und forstwirtschaftlichen Arbeiter bei der gegenwärtigen politischen Strömung kaum 
bald zu erwarten. 

Solange sie noch nicht erfolgt ist , haben die Waldbesitzer im eigenen Interesse 
sowohl als in jenem der Arbeiter dringende Veranlassung die Unterstützung der Ar- 
beiter in Krankheitsfällen sowie bei Betriebsunfällen während der ersten 13 Wochen 
(s. u.) ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge zuzuwenden. 

Ueber die Verhältnisse der Krankenversicherung in der preussischen Staatsforst 
geben folgende Zahlen einen Einblick: Im Etatsjahr 1898/99 waren von der Staats- 
forstverwaltung 142 631 Arbeiter beschäftigt, hievon gehörten forstfiskalischen Betriebs- 
krankenkabsen an: 6308 (4,4^0), den Ortskrankenkassen und der Gemeindekranken- 
versicherung 36285 (25,40/0). 

Etwas günstiger stellt sich das Verhältnis bei Berücksichtigung der Arbeitstage : 
von 10 387 933 Arbeitstagen waren geleistet worden von Versicherten bei Betriebskran- 
kenkassen: 879 623 (8,570), bei Orts- und Gemeindekrankenkassen : 2878018 (27,7». 

Forstliche Betriebskrankeukassen bestehen in: Merseburg, Erfurt, Königsberg, 
Posen. 

Im Etatsjahr 1892/93 haben die Kosten für jeden versicherten Arbeiter betragen 



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Waldarbeiter. § 87. 67 

in den forsttiskalischen Betriebskrankenkassen: 1,77 M., bei den übrigen Kassen da- 
gegen nur 0,98 M. 

§ 87. Unfallversicherung. 

Das erste Unfallversicherungsgesetz vom 6. VII. 1884 hatte die land- und forst- 
wirtschaftlichen Arbeiter überhaupt nicht berücksichtigt. Für diese ist erst durch das 
Gesetz betr. die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirtschaftlichen 
Betrieben beschäftigten Personen vom 5. V. 86. Vorsorge getroffen worden. Dieses 
Gesetz umfasst zwei Hauptteile: A. Unfallversicherung, B. Krankenversicherung. Der 
ei-ste hat durch das Gesetz vom 30. Juni 1900 betr. die Abänderung der Unfallver- 
sicherungsgesetze erhebliche Aenderungen erfahren. 

Nunmehr sind alle in land- oder forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten 
Arbeiter und Betriebsbeamte, letztere sofern ihr Jahresarbeits verdienst an Gehalt oder 
Lohn 3000 M. nicht übersteigt, gegen die Folgen der bei dem Betrieb sich ereignen- 
den Unfälle^) versichert, wenn der Verletzte den Unfall nicht vorsätzlich herbeige- 
ftibrt hat. 

Ausserdem fallen unter dieses Gesetz auch Arbeiter und Betriebsbeamte in sol- 
chen Unternehmungen, welche der Unternehmer eines land- oder forstwirtschaftlichen 
neben seiner Land- oder Forstwirtschaft aber in wirtschaftlicher Abhängigkeit von ihr 
betreibt (Nebenbetriebe). Hiezu gehören namentlich auch Betriebe zur weiteren Bear- 
beitung oder Verarbeitung von Erzeugnissen der Land- oder Forstwirtschaft, soweit 
sie nicht nach näherer Bestimmung des Reichsversicherungsamtes wegen ihres erheb- 
lichen Umfanges , oder wegen besonderer maschinellen Einrichtungen den unter das 
Gewerbe-Unfallversicherungsgesetz fallenden Fabriken zuzurechnen sind. 

Ferner kann die Versicherungspflicht durch Statut auch auf Betriebsunternehmer 
ausgedehnt werden, deren Jahresarbeitsverdienst 3000 M. nicht übersteigt und welche 
regelmässig nicht mehr als zwei Arbeiter beschäftigen. Auf Reichs-, Staats- und Kom- 
munal-Beamte findet dieses Gesetz nur insoweit Anwendung, als sie nicht mit festem 
Gehalt und Pensionsberechtigung angestellt sind oder soweit für sie nicht auf Grund 
des Gesetzes vom 15. III. 86. durch sog. Beamten-Unfallversicherungsgesetze (s. u. S. 69) 
Vorsorge getroffen ist. 

Durch das Gesetz werden gewährt: 

a. im Fall der Verletzung vom Beginn der 14. Woche nach Eintritt des 
UnfaUs ab: 

1. freie ärztliche Behandlung, Arznei und sonstige Heilmittel, sowie die zur Si- 
cherung das Erfolges des Heilverfahrens und zur Erleichterung der Folgen der Ver- 
letzung erforderlichen Hilfsmittel (Krücken, Stützapparate etc.). 

2. Eüne Rente für die Dauer der ErwerbsunfUhigkeit und zwar «) im Fall völliger 
Erwerb-sunfähigkeit 66^3^/0 des Jahres-Arbeitsverdienstes (Vollrente), ß) im Fall teil- 
weiser Erwerbsunfähigkeit für deren Dauer jenen Teil der Vollrente, welcher dem Masse 
der durch den Unfall herbeigeführten Einbusse an Erwerbsfilhigkeit entspricht (Teil- 
rente). Ist der Verletzte nicht nur völlig erwerbsunfähig, sondern derart hilflos geworden, 
dass er ohne fremde Warte und Pflege nicht bestehen kann, so ist für die Daner die- 
ser Hilflosigkeit die Rente auf 100 7o des Jahresarbeitsverdienstes zu erhöhen. Bis 
Zum beendeten Heilveifahren kann unter bestimmten Voraussetzungen an Stelle der 

1) Unter Betriebsunfall wird ein dem regelmässigen Gang des Betriebes fremdes, aber 
doch mit diesem in Verbindung stehendes abnormes Ereignis verstanden . dessen Folgen für 
das Leben oder die Gesundheit schädlich sind. Zwischen diesem abnormen Ereignis und der 
Verletzung des Arbeiters muss ein nachweisbarer ursächlicher Zusammenhang vor- 
banden sein. 

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68 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

Gewährung von Kosten und Rente freie Kur und Verpflegung in einem Krankenhaus treten, 
b. Im Fall der Tötung ist als Schadensersatz ausserdem zu leisten: 

1. als Sterbegeld der 15. Teil des Jahresarbeits Verdienstes , jedoch mindestens 
ein Betrag von 50 M., 

2. eine den Hinterbliebenen vom Todestag ab zu gewährende Rente. Diese be- 
trägt fiir : 

a) die Witwe bis zu deren Tod oder Wiederverheiratung, sowie für jedes hin- 
terbliebene Kind bis zu dessen zurückgelegtem 15. Lebensjahr je 20®/o des Jahresar- 
beitsverdienstes. Im Fall der Wiederverheiratang erhält die Witwe 60°/o des Jahres- 
arbeitsverdienstes als Abfindung. 

ß) Verwandten in aufsteigender Linie wird, falls ihr Lebensunterhalt ganz oder 
grösstenteils vom Verstorbenen bestritten worden war, bis zum Wegfall der Bedürf- 
tigkeit eine Rente von insgesamt 20 7o des Jahresarbeits Verdienstes gewährt. 

y) Elternlose Enkel erhalten unter gleicher Voraussetzung bis zum zurückgeleg- 
ten 15. Lebensjahr ebenfalls 20^0 des Jahresarbeitsverdienstes. 

Die unter a bis y genannten Renten dürfen 60^0 des Jahresarbeitsverdienstes 
nicht übersteigen. Ergiebt sich ein höherer Betrag, so werden die Renten gekürzt. 

Uebersteigt der Jahresarbeitsverdienst den Betrag von 1500 M., so ist der Ueber- 
schuss bei Berechnung der Rente nur mit einem Drittel anzurechnen. 

Die Vorsorge für den Verletzten während der ersten 13 Wochen liegt bei den 
sonstigen unter das TJnfallversicherungsgesetz fallenden Kategorien den Krankenkassen 
ob, da die Waldarbeiter aber nicht regelmässig auf Grund gesetzlicher Bestimmungen 
solchen Kassen angehören, so musste diese Lücke durch das Unfallversicherungsgesetz 
ausgefüllt werden. Letzteres bestimmt daher in § 27 , dass während der ersten 13 
Wochen nach dem Unfall die Gemeinde, in deren Bezirk der Verletzte beschäftigt war, 
die Kosten des Heilverfahrens nach § 6 Abs. 1 Ziff. 1 (siehe oben) des Krankenversiche- 
rungsgesetzes vom 15. VI. 83 zu tragen hat, falls nicht der betreffende Arbeiter einer 
Krankenkasse angehört. Man hat also zur subsidiären Gemeindekrankenversicherung 
gegriffen. Die Waldarbeiter sind aber dadurch schlechter gestellt als die industriellen 
Arbeiter, dass ihnen nur dieKosten desHeilverfahrens, nicht aber ein 
Krankengeld gewährleistet sind. 

Die Renten werden durch die Post in monatlichen Raten im voraus gezahlt. 

Die Versicherung der Arbeiter gegen die Folgen von Betriebsunfällen erfolgt 
nach dem bereits durch die Unfallversicherungsgesetze vom Jahr 1884 aufgestellten 
Grundsatz auf Kosten der Betriebsunternehmer ohne Beihilfe aus öffentlichen Mitteln 
und ohne Beiträge der versicherten Arbeiter. 

Die Betriebsunternehmer werden zum Zweck der Durchführung der Versicherung 
in Berufsgenossenschaften vereinigt, welche juristische Persönlichkeit und weitgehende 
Selbstverwaltung besitzen. Die Abgrenzung der Berufsgenossenschaften findet nach 
Berufszweigeu statt, welche gleiche oder verwandte wirtschaftliche Interessen haben, 
ihr Bezirk kann das ganze Reich oder einen örtlichen Teil hievon umfassen. Den Ver- 
sicherten ist eine umfängliche Mitwirkung bei der Verwaltung der Unfallversicherung 
eingeräumt, welche durch Vertreter der Arbeiter ausgeübt wird. Bei den meisten für 
Rechnung des Reiches und der Bundesstaaten betriebenen Unternehmungen tritt teils 
obligatorisch, teils fakultativ an Stelle der Berufsgenossenschaft das Reich oder der 
Bundesstaat, für dessen Rechnung der Betiieb geführt wird. 

Die gleichen Prinzipien sind auch in den Gesetzen von 1886 und 1900 für die Land- 
und Forstwirtschaft zur Anwendung gekommen, jedoch mit einigen Abänderungen. 

Die Land- und Forstwirtschaft mit ihren Nebenbetrieben bilden einen einzigen 



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Waldarbeiter. § 87. 69 

Berufszweig, für welchen ebenfalls Bernfsgenossenschaften gebildet wurden. Diese 
Bchliessen sich an die Verwaltungsorganisation nach Staaten nnd Provinzen an. Dem- 
gemäss erstrecken sich die land- und forstwirtschaftlichen Bernfsgenossenschaften fast 
immer über die Bezirke je eines Bnndesstaates, und zwar besteht entweder für das ganze 
Gebiet nur eine Genossenschaft (Sachsen, Baden, Hessen) oder mehrere für die ver- 
schiedenen Verwaltungsbezirke (Preussen 12 Provinzen, Bayern 8 Kreise, Württem- 
berg 4 Kreise), einzelne kleinere Bundesstaaten haben sich an die Berufsgenossen- 
schaften von Nachbarstaaten angeschlossen (Lübeck und Waldeck an Gebietsteile von 
Oldenburg und Preussen). 

Bei land- und forstwirtschaftlichen Betrieben, welche für Rechnung des Reiches 
oder eines Bundesstaates verwaltet werden, tritt an Stelle der Berufsgenossenschaft 
das Reich bzw. der Staat. 

Die Mittel zur Deckung der von den Berufsgenossenschaften zu leistenden Ent- 
schädigungen und der Verwaltungskosten werden alljährlich nach dem Umlagever- 
fahren aufgebracht. Dabei wird für jedes Jahr nur derjenige Betrag erhoben, wel- 
cher in ihm aus Anlass der in diesem Jahr oder früher entstandenen Unfälle bzw. 
an Verwaltungskosten bar auszuzahlen gewesen ist nnd ausserdem derjenige Betrag, 
welcher in den Reservefond eingelegt werden muss (in der Regel 2®/o des Jahres- 
bedarfs). 

Die Umlage der Beträge erfolgt grundsätzlich nach der Höhe der mit dem Be- 
trieb verbundenen Unfallgefahr (Gefahrenklassen) und nach der Höhe der in den be- 
treffenden Jahren tatsächlich gezahlten Löhne. 

Die Gefahrenklassen werden durch die Genossenschaftsversammlung je nach dem 
Grad der mit den verschiedenen Betrieben verbundenen Unfallgefahr gebildet, für das 
Verhältnis der an den einzelnen Gefahrenklassen zu leistenden Beiträge wird ein „Ge- 
fahrentarif« aufgestellt. 

Der Arbeitsbedarf wird in der Land- und Forstwirtschaft nur abgeschätzt, durch 
Statut kann aber bestimmt werden, dass die Beiträge als Zuschläge zu bestimmten 
Staats- und Kommunalsteuern, namentlich zur Grundsteuer erhoben werden. Letzteres 
ist in Bayern, Sachsen, Württemberg und Hessen der Fall. In Preussen hat man die 
Wahl des Massstabes den Berufsgenossenschaften anheimgestellt, von welchen drei die 
Umlegung nach dem Arbeitsbedarf, die übrigen neun aber jene nach der Grundsteuer 
beschlossen haben. Baden hat landesgesetzlich die Einschätzung nach dem Arbeitsbe- 
darf vorgeschrieben. 

Die Beamten im Dienste des Reiches, von Bundesstaaten oder Kommunen sind 
bei Beginn der Unfall Versicherungsgesetzgebung nicht einbegriffen worden, da man an- 
nahm, dass den in Unfallversicherungspflichtigen Betrieben verunglückten Beamten 
durch die Dienstespragmatik, besondere Gesetze oder statutarische Bestimmungen des 
betreffenden Kommunalverbands mindestens die gleiche Fürsorge gewährt werden solle 
wie den Arbeitern. 

Soweit dieses durch die bisherigen dienstespragmatischen Bestimmungen nicht 
bereits der Fall war, haben daher alsbald alle Staaten sog. Beamten-Unfall gesetze er- 
lassen (deutsches Reich 18. VI. Ol., Preussen 15. VI. 87., Sachsen 9. IV. 88., Hessen 
18. \T[, 87., Württemberg 23. IV. 90., Bayern, Verordnung für nicht pragmatische Be- 
dienstete vom 26. VI. 94). 

Der § 6 des Unfallversicherungsgesetzes für Land- und Forstwirtschaft vom 30. VI. 00 
sagt daher, dass dieses Gesetz anf Beamte, welche in Betriebsverwaltungen eines Bun- 
desstaates oder eines Kommunal Verbandes mit festem Gehalt und Pensionsberechtigung 
angestellt sind, sowie auf andere Beamte eines Bundesstaates oder Kommunal verban- 



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70 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

des, für welche eine gleichwertige Vorsorge in Kraft ist, keine Anwendung findet. 

Die Berufsgenossenschaften sind befugt, und auf Verlangen des Reichsversiche- 
rungsamtes verpflichtet, Vorschriften zn erlassen: 

1. über die von ihren Mitgliedern zur Verhütung von Unfällen in ihren Betrieben 
zu treffenden Einrichtungen, 

2. über das in den Betrieben von den Versicherten zur Verhütung von Unfällen 
zu beobachtende Verhalten. 

Zu der erstgenannten Gruppe von „ Unfall verhütungs- Vorschriften" gehören Be- 
stimmungen über a) Betriebseinrichtung z. B. Schlagftihrung , Schutzwehren, Wege, 
Brücken, Nachrichtendienst etc., b) solche über Ausrüstung der Arbeiten: Verwahrung 
der schneidenden Werkzeuge, Bereithaltung von Seilen und Verbandzeug, über Schutz- 
brillen etc. 

Während die Industrie von solchen Vorschriften umfassenden und erfolgreichen 
Gebrauch gemacht hat, finden sie sich im eigentlichen forstlichen Betrieb sehr selten. 

§ 88. Invaliditäts- und Altersversicherung. 

Hier gelten auch für die Forstarbeiter die gleichen gesetzlichen Bestimmungen 
wie für alle übrigen versicherten Kategorien. Letztere umfassen nach der Berufs- 
statistik vom 14. VI. 95.: 11813259 Personen, ausserdem ist weiten Kreisen das 
Recht zur Selbstversicherung eingeräumt. 

Der Versicherungspflicht sind alle Lohnarbeiter und kleinen Betriebsbeamten bis 
zu 2000 M. Gehalt vom vollendeten 16. Lebensjahr ab unterworfen. Von der Ver- 
sicherungspflicht können u. a. auf ihren Antrag von der Polizeibehörde befreit wer- 
den : über 70jährige Personen und solche Personen, welche in bestimmten Jahreszeiten 
für nicht mehr als 12 Wochen Arbeit nehmen z, B, Holzhauer, Kulturarbeiter, sofeme 
für sie nicht bereits 100 Wochen lang Beiträge gezahlt worden sind. Die Invalidi- 
täts- und Altersversicherung ist begründet durch das Gesetz vom 22. VI. 89., dieses 
hat nach den gemachten Erfahrungen durch die Novelle vom 19. VII. 99. verschiedene 
Abänderungen erfahren und führt nun nach neuer Redaktion lediglich die Bezeichnung : 
Invalidenversicherungsgesetz. Gegenstand der Versicherung ist der An- 
spruch auf Gewährung einer Rente für den Fall der Erwerbsunfähigkeit oder des 
Alters. 

Invalidenrente erhält ohne Rücksicht auf das Lebensalter derjenige Versicherte, 
dessen Erwerbsfähigkeit infolge von Alter, Krankheit oder anderen Gebrechen auf 
weniger als ein Drittel herabgesetzt ist, diese Rente wird auch jenen erwerbsunfähi- 
gen Versicherten gewährt, welche während 26 Wochen ununterbrochen erwerbsunfähig 
waren, für die weitere Dauer der Erwerbsunfähigkeit. 

Altersrente erhält ohne Rücksicht auf Erwerbsunfähigkeit derjenige Versicherte, 
welcher das 70. Lebensjahr vollendet hat. 

Zur Erlangung eines Anspruches auf Invaliditäts- und Altersrente ist ausser dem 
Nachweis der Erwerbsunfähigkeit bzw. des gesetzlich vorgesehenen Alters erforderlich : 

1. die Zurücklegung der vorgeschriebenen Wartezeit und 2. die Leistung von 
Beiträgen. 

Die Wartezeit beträgt: 

a) bei der Invalidenrente, w^enn mindestens für 100 Wochen Beiträge auf Grund 
der Versicherungspflicht geleistet worden sind, 200 Beitragswochen, andernfalls 500 
Beitragswochen; 

b) bei der Altersrente 1200 Beitragswochen. 

Die Zeit bescheinigter, mit zeitweiser Erwerbsunfähigkeit verknüpfter Krank- 
heit, ebenso die Zeit militärischer Dienstleistung werden als Beitragszeit gerechnet, 



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Waldarbeiter. § 88. 71 

ohne dass Beiträge gezahlt zu werden brauchen, soweit beide volle Wochen umfassen. 
Die Renten-Beträge richten sich nach Lohnklassen , deren fünf gebildet worden 
sind, in welchen die Arbeiter nicht nach der Höhe ihres Individualverdienstes, sondern 
nach Durchschnittslöhnen für grosse Kategorien von Arbeitern eingereiht sind. 
Die Klassen sind folgende: 

Klasse I. bis zu 350 M. einschliesslich, 

„ U. von mehr als 350 M. bis einschliesslich 550 M. 
n ni. „ „ „ 550 „ „ , 850 „ 

, IV. „ , „ 850 „ „ „ 1150 „ 

, V. , „ „ 1150 „ 
Jede Rente besteht aus einem festen Zuschuss des Reiches von 50 M. und einem 
von der Versicherungsanstalt aufzubringenden Beitrag, welcher sich nach Lohnklassen 
bei der Invalidenrente auch nach Beitragszeit, berechnet. 

Für die Invalidenrente wird letzterer Beitrag in der Weise berechnet, dass einem 
Gmndbetrage die der Zahl der Beitragswochen entsprechenden Steigerungssätze hinzu- 
gerechnet werden. 

Für Klasse beträgt der Grundbetrag Steigerungssatz 

I 60 M. 3 Pf. 

II 70 „ 6 „ 

m 80 , 8 „ 

IV 90 , 10 „ 

V 100 „ 12 „ 

Der Berechnung des Grundbetrages der Invalidenrente werden stets 500 Bei- 
tragswochen zu Grund gelegt. Sind weniger als 500 Beitragswochen nachgewiesen, 
so werden für die fehlenden Wochen Beiträge der Klasse I in Ansatz gebracht. Sind 
mehr als 500 Beitragswochen nachgewiesen, so werden stets die 500 Beiträge der 
höchsten Lohnklassen zu Grund gelegt. Kommen für diese 500 Wochen verschie- 
dene Lohnklassen in Betracht, so wird als Grundbetrag der Durchschnitt der diesen 
Beiträgen entsprechenden Grundbeträge in Ansatz gebracht. 
Die Invalidenrente beträgt demnach 
für Klasse nach 200 Wochen (Minimum) nach 2500 Wochen (50 Jahre) 

I 116 M. 185 M. 

II 132 „ 270 „ 

III 146 „ 330 „ 

IV 160 „ 390 „ 
V 174 „ 450 „ 

Bei der Altersrente beträft der von der Versicherungsanstalt aufzubringende Teil 
in Lohnklasse I 60 M. 

n n 90 „ 

ni 120 „ 

IV 150 „ 

V 180 , 

Kommen Beiträge in verschiedenen Lohnklassen in Betracht, so wird der Durch- 
schnitt der diesen Beiträgen entsprechenden Altersrente gewährt. Sind mehr als 1200 
Beitragswochen nachgewiesen, so sind die 1200 Beiträge der höchsten Lohnklasse zu 
Gnmd zu legen. 

Die Altersrente beträgt daher wenigstens 

für Lohnklasse I 110 M. 

U 140 „ 



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72 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

für Lohnklaßse IH 170 M. 

. IV 200 , 

V 230 „ 

Die zur Durchführung der Versicherung erforderlichen Mittel werden durch das 
Reich, die Arbeitgeber und die Versicherten aufgebracht. Das Reich beteiligt sich mit 
einem festen Zuschuss von 50 M. zu jeder Rente, übernimmt jenen Anteil von Bei- 
trägen, welcher auf die Dauer der militärischen Dienstleistungen der Versicherten ent- 
fällt und trägt die Kosten des Reichsversicherungsamtes sowie des Rechnungsbureaus. 
Alle sonst erforderlichen Mittel werden von den Arbeitgebern und den Versicherten 
(bei Selbstversichemng von letzteren allein) beschafft, welche beide zu gleichen Teilen 
zu leisten haben , die aber von ersteren vorgestreckt werden müssen. Die Beiträge 
werden nach Wochen bemessen und für Perioden von je 10 Jahren vom Bundesrat im 
voraus so festgesetzt, dass durch sie der Eapitalwert der in diesem Zeitabschnitt vor- 
aussichtlich entstehenden Renten , die Verwaltnngskosten und die Rücklagen zur Bil- 
dung eines Reservefonds gedeckt werden (Deckungsverfahren). 

Für die Zeit bis Ende 1910 betragen die Beiträge pro Woche in Lohnklasse I. 
14, II. 20, III. 24, IV. 30, V. 36 Pfennige. Die Beiträge werden in Form von Mar- 
ken (für je 1, 2 oder 13 Wochen) entrichtet, welche in Quittungskarten, die auf den 
Namen des Versicherten lauten und für 52 Beitragswochen ausreichen, eingeklebt. So- 
bald eine Karte vollständig beklebt ist, wird sie gegen eine neue umgetauscht. 

Die Durchführung der Invaliditäts- und Altersversicherung erfolgt durch beson- 
dere Versicherungsanstalten, deren Bezirke an die weiteren Kommunalverbände angelehnt 
werden sollen, aber auch Gebiete oder Gebietsteile mehrerer Kommunalverbände oder 
Bundesstaaten umfassen dürfen. Jede Versicherungsanstalt verwaltet ihre Einnahmen 
und ihr Vermögen selbständig. Da sich ergeben hat, dass die Einnahmen verschiede- 
ner Versicherungsanstalten nicht ausreichten, um ihren Verpflichtungen nachkommen 
zu können , so wird jetzt das Vermögen jeder Anstalt in ein „Gemeinvermögen** und 
ein „ Sondervermögen ** geteilt. Aus letzterem sind die von allen Versicherungsträ- 
gern gemeinsam aufzubringenden Lasten (Gemeinlasten) und die den einzelnen Ver- 
sicherungsträgern verbleibenden besonderen Lasten (Sonderlast) zu decken. 

Die Gemeinlast wird gebildet durch: ^4 sämtlicher Altersrenten, die Grundbe- 
träge aller Invalidenrenten , die Rentensteigerung infolge Krankheitswochen , und die 
Rentenabrundung. Alle übrigen Verpflichtungen bilden die Sonderlast der Versiche- 
rungsanstalt. 

Zur Deckung der Gemeinlast werden jeder Versicherungsanstalt vom 1. Januar 
1900 ab */io der Beiträge buchmässig zugeschrieben, ergibt sich nach 10 Jahren, dass 
das so angesammelte Gemeinvermögen einschliesslich der Zinsen zur Deckung der Ge- 
meinlast nicht ausreicht oder nicht erforderlich ist, so hat der Bundesrat für die 
nächsten 10 Jahre über den auszuscheidenden Teil der Einnahmen zu beschliessen. 
Eine Erhöhung des für das Gemeinvermögen auszuscheidenden Teiles bedarf der Zustim- 
mung des Reichstags. 

Alle Versicherungspflichtigen gehören jener Versicherungsanstalt an, in deren 
Bezirk ihr Beschäftigungsort liegt. Die allgemeine Vertretung der Interessenten führt 
ein aus Delegierten gebildeter Ausschuss, in welchem Arbeitgeber und Versicherte zu 
gleicher Anzahl vertreten sind. Ausserdem wird von der Landesregierung für jede 
Versichemngsanstalt noch ein Staatskommissar ernannt. Die Aufsicht über die Ver- 
sicherungsanstalten führt das Reichsversicherungsamt oder innerhalb einzelner Staaten 
das etwa errichtete Landesversicherungsamt. Die Rentenansprüche werden auf Antrag 
des Berechtigten bei der unteren Verwaltungsbehörde seines Wohnortes instruiert und 



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Waldarbeiter. § 89. 73 

von dem Vorstand der Versicherungsanstalt, an welchen zuletzt Beiträge gezahlt wur- 
den, beschieden. Die Auszahlung der Renten erfolgt durch Vermittlung der Post. 

§ 89. Neben den bisher besprochenen beiden Hauptmomenten: entsprechende 
Höhe des Lohnes und Arbeiterversicherung, kommen für eine günstige wirtschaftliche 
und soziale Lage des Waldarbeiters noch folgende Punkte in Betracht: 

Wie in der Industrie, so darf auch bei der Waldarbeit die Lohnzahlung 
nicht in zu grossen Zwischenräumen, sondern muss spätestens etwa alle 14 
Tage erfolgen, weil die Arbeiter sonst leicht in ökonomische Unordnung und in ein 
Abhängigkeitsverhältnis von den Eaufleuten geraten. Wenn die Forstkassen weit ent- 
fernt sind und die Gelderhebung von seiten der Rottmeister nur mit erheblichen Kosten 
und Verlust von Arbeitszeit möglich ist, dann soll in irgend einer Weise und zwar 
am richstigten von seiten des Waldeigentümers Abhilfe geschaffen werden, wie dieses 
z. B. in Sachsen der Fall ist, wo der Lohnbote für seine Mühewaltung eine vom Ober- 
lorstmeister festzusetzende Entschädigung erhält. 

Im Interesse grosserer Sesshaftigkeit und besserer Gesundheitspflege ist den Ar- 
beitern der Erwerb eigener, zweckmässig gebauterWohnungen durch 
Gewährung von Vorschüssen, billiges Ueberlassen von Baugrund und Baumaterial mög- 
lichst zu erleichtem. Unter Umständen kann der Waldbesitzer auch selbst solche 
Wohnungen errichten und diese unter gilnstigen Bedingungen den Arbeitern verkaufen 
oder vermieten. 

In jenen entlegenen Waldungen, von denen die Arbeiter nicht täglich nach ihren 
Behausungen zurückkehren können , ist es notwendig durch Erbauung von Unter- 
knnftshäusern Räume zu schaffen, in welchen die Arbeiter die Nacht zubringen 
und auch bei schlechtem Wetter Zuflucht finden können. 

Da eine gute Qualität der Arbeitsgeräte sowohl im Interesse der 
Arbeiter, als wegen der rascheren und eben dadurch billigeren Arbeitsleistung auch im 
Interesse des Waldbesitzers gelegen ist, so erscheint es der Billigkeit entsprechend, 
wenn letztere nicht nur durch Empfehlung von Bezugsquellen und durch Vermittlung 
dafür sorgt , dass die Arbeiter stets im Besitz guter und zweckmässiger Geräte sind, 
sondern auch einen Teil der durch die Anschaffung besserer Werkzeuge veranlassten 
Kosten selbst trägt. 

Grössere und kostspieligere Apparate müssen stets von der Forstverwaltung ge- 
stellt werden. 

Für die Heranziehung guter Arbeiter fällt es sehr in die Wagschale, wenn die 
tüchtigsten Persönlichkeiten zu besseren Stellungen als Wegwarte , Waldauf- 
seher etc. gelangen können. 

Bei dem Verkehr zwischen Forstpersonal und Waldarbeitern müssen einerseits 
Gerechtigkeit und Unparteilichkeit verbunden mit konsequenter 
Strenge, wo dieses im Interesse des Dienstes notwendig ist und anderseits H u m a- 
uität und Wohlwollen als Richtschnur dienen. Arbeiter, welche sich Unbot- 
mässigkeiten gegen das Forstpersonal zu Schulden kommen lassen, femer solche, welche 
wegen eines entehrenden Vergehens oder eines Verbrechens, wegen Wilddiebstahls oder 
wegen wiederholten Holzdiebstahls verurteilt wurden, sind von der Arbeit zu entlassen. 
Geringere Ordnungswidrigkeiten sind mit Disziplinarstrafen zu ahnden, deren Höhe 
zur Vermeidung des Scheines der Willkür vorher bestimmt sein muss. 

Eine weitergehende Fürsorge für die Besserung der materiellen Lage der Ar- 
beiter sowie zur Weckung und Befriedigung höherer Bedürfnisse, z. B. Gründung von 
Konsumvereinen, Errichtung von Spar- und Darlehenskassen, Veranstaltung von Fest- 
lichkeiten etc. kann nur bei Privatwaldbesitzem stattfinden, da der Staat durch seine 



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74 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

bureaukratischen Fonnen für derartige Veranstaltungen zu sehr gebunden ist. 

§ 90. Wenn auch durch entsprechende Benutzung der im vorstehenden darge- 
legten Gesichtspunkte eine zweckmässige und für beide Teile befriedigende Lösung der 
Arbeiterfrage, sowie die Heranziehung eines tüchtigen Stammes ständiger Waldarbeiter 
möglich ist, so können doch namentlich bei plötzlich stark steigender Nachfrage nach 
Arbeitskräften Fälle eintreten, in denen sie nicht ausreichen und wenigstens teilweise 
ihre Wirkung versagen. Immerhin kann ein vorsichtiger Wirtschaftsbeamter auch 
dann noch einen gi'ossen Teil der Gefahr beseitigen, wenn er der unter solchen Um- 
ständen stets steigenden Tendenz des Lohnes in geeigneter Weise und namentlich 
frühzeitig genug Rechnung trägt. 

Sollte es aber trotzdem nicht gelingen, genügende Arbeitskräfte festzuhalten, um 
die Arbeiten in der gewöhnlichen Weise zu erledigen, so bieten sich doch auch dann 
noch Mittel, um ohne weitgehende Schädigung über solche Krisen hinwegzukommen, 
und zwar umsomehr, als letztere doch nur vorübergehend sind. 

Hiebei kommen namentlich folgende Punkte in Betracht: Nur ein Teil der Ar- 
beiten muss innerhalb eines eng begrenzten Zeitraumes ausgeführt werden, andere, na- 
mentlich Meliorationsarbeiten, manche Wegbauten und Durchforstungen können auch 
ganz gut einige Zeit zurückgestellt werden. Ebenso lässt das Fällungsquantum eine 
Minderung zu, namentlich wenn es sich nur um kurze Zeiträume handelt. Neben der 
durch sorgfältige Oekonomie in der Arbeitserteilung und vermehrte Verwendung von 
mechanischen Hilfskräften ermöglichten Ersparung ist zu berücksichtigen, dass durch 
ausgedehnte Anwendung der natürlichen Verjüngung, Unterlassung der Stockrodung, 
die Benutzung schwächeren Pflanzenmateriales bei den Kulturen, sowie der Saat statt 
der Pflanzung hier ganz wesentliche Vereinfachungen möglich sind. Ausserdem können 
auch verschiedene Waldprodukte , namentlich Nebennutzungen von dem Empfänger 
selbst gewonnen werden. Bei hohen Arbeitslöhnen kann es auch angezeigt sein, 
Nutzungen, welche nur einen geringen Ertrag bisher lieferten, vorübergehend ganz ein- 
zustellen. 

II. Geschäftsbehandlung. 

§ 91. Die Geschäftsbehandlung hat zu untersuchen, in welcher Weise formell 
die Lösung der wirtschaftlichen Aufgaben durch die Organe der Forstverwaltung 
erfolgen soll, und welche Arbeitsteile den verschiedenen Dienstesstufen hiebei zuzuwei- 
sen sind. 

Die Form der Geschäftsbehandlung ist wesentlich von der Organisation des 
Forstdienstes bedingt; hier soll lediglich die Geschäftsbehandlung in der Staatsforst- 
verwaltung untersucht werden, da sich nicht nur die gleichen allgemeinen Gesichts- 
punkte , sondern häufig auch dieselben Formen , nur vereinfacht , in der Gemeinde- 
und Privat-Forstverwaltung wiederfinden. 

I. Geschäfte der Projektierung. 

§ 92. Alle Betriebsgeschäfte, welche innerhalb eines gewissen Zeitraumes zur 
Ausführung gelangen, basieren auf Voranschlägen, welche von den zuständigen Behör- 
den genehmigt sind. Dieses ist sowohl mit Rücksicht auf einen geordneten Geschäfts- 
gang als auch aus finanziellen Gründen notwendig. 

Die Geschäfte der Forstverwaltung sind so vielseitig, dass es für den ausfüh- 
renden Beamten unerlässlich ist, schon im voraus einen klaren üeberblick über die 
auszuführenden Arbeiten zu haben, um hienach seine Anordnungen treffen zu können. 



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Geschäfte der Projektierung. § 94. 75 

Wegen den weitreichenden Folgen, welche sich an die wirtschaftlichen Operationen 
knüpfen, müssen bereits die Pläne hiefür von den zuständigen Aufsichts-Organen ge- 
prüft werden. 

Der Forstbetrieb hat die Aufgabe, Erträge zu liefern, weiter erfordert aber seine 
Durchführung auch gewisse Geldmittel. Einnahmen sowohl als Ausgaben müssen mit 
den allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen und den Ansätzen des Staatshaushalts- 
Etats harmonieren. 

Diesen Anforderungen lässt sich ebenfalls nur dann genügen, wenn die Betriebs- 
geschäfte auf Grund sorgÄltig aufgestellter und geprüfter Pläne zur Durchführung 
gelangen. 

Im Forstbetrieb lassen sich je nach der Periode, auf welche sie sich beziehen, 
2 Gruppen von solchen Anschlägen unterscheiden, nämlich 1) die generelle Pro- 
jektierung, welche sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und 2) die spezielle 
Projektierung, welche sich allein auf das kommende Wirtschaftsjahr bezieht. 

§ 93. Die generelle Projektierung erfolgt ebenso wie die spezielle nach den 
beiden eben angeführten Richtungen, nämlich a) vom forsttechnischen und b) 
vom finanziellen Standpunkt aus. 

Durch die Betriebsregulierung und durch die Waldstandsrevisionen werden jene 
Wirtschaftsoperationen bestimmt, deren Ausführung innerhalb des nächsten (meist 10 
Jahre umfassenden) Zeitabschnittes nach den Grundsätzen der Wissenschaft und den 
speziellen Instruktionen als notwendig oder doch als erwünscht erscheint, wobei aller- 
dings auch die finanziellen Verhältnisse und die allgemeine wirtschaftliche Lage, so- 
weit es hier möglich ist, Berücksichtigung finden. 

In Anhalt an die technischen Bestimmungen der Betriebsregulierung erfolgt als- 
dann die Projektierung vom finanziellen Standpunkt aus. 

Wie alle Einnahmen und Ausgaben des Staates, so werden auch jene aus dem 
Forstbetrieb in das Staatsbudget aufgenommen und durch das jeweilige Finanz- 
gesetz festgestellt. Die Aufstellung des Etatsvoranschlags für die Staatsforstverwal- 
tung erfolgt durch die Direktionsstellen auf Grund der von den Verwaltungs- und In- 
spektionsstellen zu liefernden Angaben unter Berücksichtigung des technischen Mo- 
mentes und der allgemeinen Finanzlage. Der Erlass des Finanzgesetzes ist Sache der 
gesetzgebenden Faktoren; durch dieses werden die Betriebs-Einnahmen und Betriebs- 
Ausgaben staatsrechtlich für je eine Finanzperiode festgesetzt. Wo einjährige Finanz- 
perioden bestehen, werden meist im Interesse der Geschäftsvereinfachung die Einnahmen 
und Ausgaben der einzelnen Oberiörstereien von der Zentral-Forstverwaltung für eine 
längere Periode präliminiert (in Preussen z. B. nach einem regelmässigen Turnus für 
6 Jahre) und aus diesem Voranschlag immer die entsprechenden Positionen in das Bud- 
get eingesetzt. 

Die Projektierung aller Einnahmen und Ausgaben des Staates erfolgt, um eine 
Ordnung und Uebersicht über das gesamte Kassen- und Rechnungswesen zu ermög- 
lichen, nach einem bestimmten Schema, welches unter Anlehnung an die verschie- 
denen Zweige der Verwaltung in Abschnitte, Rubriken, Titel etc. geteilt ist; diese 
gehen mit der gleichen Bezifferung und Benennung durch das ganze Etats- und Rech- 
nungswesen des Staates hindurch. 

§ 94. Auf Grund der periodischen Betriebspläne und der Positionen des Staats- 
haushaltetats, welche den Inspektions- und Verwaltungsstellen in geeigneter Weise, so- 
weit sie deren Wirkungskreis betreffen, mitgeteilt worden sind, erfolgt die spezielle 
Projektierung durch Aufstellung der verschiedenen Wirtschaftspläne für das 
kommende Jahr unter Berücksichtigung der forstwirtschaftlichen Bedürfnisse, der 



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76 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

Absatz- und Arbeiterverhältnisse sowie der zur Verfügung stehenden Mittel und zu 
erzielenden Einnahmen. 

Die Ausführung der Betriebsgeschäfte hängt von der Jahreszeit, sowie der Wit- 
terung ab und bildet innerhalb eines Zeitraumes von 12 Monaten einen Zyklus, wel- 
cher am Schluss des Kalenderjahres keinen passenden Abschnitt besitzt. Man hat des- 
wegen im Forstbetrieb ein eigenes, von jenem abweichendes Wirtschaftsjahr ein- 
geführt , welches fast allgemein mit dem 1. Oktober beginnt und mit dem 30. Sep- 
tember endigt. 

Die Verrechnung der Einnahmen und Ausgaben erfolgt aber aus finanzpolitischen 
Gründen für einen, meist ebenfalls vom Kalenderjahr verschiedenen Zeitabschnitt, 
nämlich für das Etats- oder Rechnungsjahr (gewöhnlich 1. April bis 31. März). 
Die Bestimmungen darüber, wie der Zusammenhang zwiscJien Wirtschafts- und Etats- 
jahr hergestellt wird, ist in den einzelnen Staaten verschieden. So werden z. B. die 
Einnahmen und Ausgaben des am 30. September endenden Wirtschaftsjahres in Hessen 
für das bereits am 31. März desselben Jahres, also ein halbes Jahr früher abgelaufene 
Eechnungsjahr, in Preussen dagegen erst für das am 31. März des folgenden Kalender- 
jahres endenden Rechnungsjahr verrechnet, so dass eine am gleichen Tage in beiden 
Staaten gemachte Einnahme oder Ausgabe unter Umständen für zwei ganz verschiedene 
Jahre gebucht wird, was bei statistischen Arbeiten wohl zu berücksichtigen ist. 

§ 95. Die wichtigsten speziellen Betriebspläne, welche bisweilen zu einem ge- 
raeinsamen Wirtschaftsplan vereinigt werden (Hessen) sind folgende : 

1. Der Hauungs- oder Fällungsplan. Dieser enthält die Bestimmungen 
für die Holznutzungen während des nächsten Wirtschaftsjahres nach Hiebsort, Hiebs- 
art und voraussichtlichem Fällungsquantnm. Dem Hauungsplan wird gewöhnlich eine 
Berechnung des nach der Betriebsregulierung und den bisherigen Fällungen zulässigen 
Hiebssatzes beigegeben. Beabsichtigte Abweichungen hievon müssen durch technische 
oder allgemein wirtschaftliche Gründe motiviert werden. 

2. Der Kulturplan giebt eine Uebersicht über die auszuführenden Forstver- 
bessernngen nach verschiedenen Unterabteilungen. Ausser dem Ort der auszuführenden 
Arbeiten und der Kulturmethode muss er auch ersehen lassen, welche Samen- und 
Pflanzenmengen zur Verwendung gelangen sollen und welche Kosten erforderlich werden. 

3. Der Wegbauplan, welcher bisweilen , wie z. B. in Preussen hinsichtlich 
der Holzabfuhrwege, mit dem Kulturplan vereinigt ist. In diesem werden die Unter- 
haltungsarbeiten von den Neubauten getrennt. Erstere werden nur summarisch nach 
den erfahrungsmässigen Durchschnittssätzen beantragt, während bei den letzteren eine 
viel eingehendere Detaillierung des Kostenvoranschlages notwendig ist. Bei wichtigen Ar- 
beiten müssen auch die nötigen Zeichnungen, Massenberechnungen und Kostenvoranschläge 
für die einzelnen Arbeitsteile nebst Erläuterungen und Motiven zur Vorlage gelangen. 

4. Der Nebennutzungsplan. In ähnlicher Weise wie durch den Fällungs- 
plan die Anordnungen über die Gewinnung der Hauptnutzung sollen durch diesen solche 
für die Werbung der zulässigen oder gebotenen Nebennutzungen gegeben werden. 
Wegen der verhältnismässig untergeordneten Bedeutung, welche diese in den meisten 
Forsthaushalten besitzen, wird der Nebennutzungsplan viel weniger detailliert und 
häufig wenigstens nicht für sämtliche Nutzungen alljährlich, sondern nur periodisch 
vollständig aufgestellt, es genügt gewöhnlich alsdann alljährlich ein berichtlicher An- 
trag, in welchem namentlich die auf Grund von Berechtigungen erfolgenden Abgaben 
besonders berücksichtigt werden. 

5. Wenn die Jagden administriert werden, ist auch ein eigener Jagdbetriebs- 
plan aufzustellen, welcher auf Grund einer Uebersicht über den vorhandenen Wild- 



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Geschäfte der Projektierung. § 96. 77 

stand den zulässigen Abschuss und ausserdem die voraussichtlichen Kosten, sowie den 
zu erwartenden Ertrag ergiebt. 

6. Der Bauantrag für Dienstgebäude. Durch diesen werden nur die ge- 
wöhnlichen Reparaturen, welche von selten des Staates hergestellt werden müssen, all- 
jährlich regelmässig zur Kenntnis der vorgesetzten Behörden gebracht. Anträge auf 
Neubauten dagegen erfordern wegen Ausarbeitung der Baupläne und Erwirkung der 
notwendigen Mittel einen eigenen Instanzenzug. 

7. Preis- und Lohn-Voranschläge. Wenn sich der Preis der Forstpro- 
dukte auch naturgemäss nach den allgemeinen Marktverhältnissen bestimmt und mit diesen 
fortwährend ändert, so ist es doch notwendig, dass die Forstverwaltung entsprechende 
Durchschnittswerte als Taxen festsetzt, um hienach die zu erwartenden Erlöse und den 
ganzen Wirtschaftseffekt berechnen zu können. Ausserdem bilden diese einen wichtigen 
Anhaltspunkt bei der Materialverwertung und sind massgebend bei der Verrechnung 
aller Materialabgaben, bei denen nicht eine spezielle Preisfestsetzung unter allgemeiner 
Konkurrenz stattfindet (Handabgaben, Besoldungsholz, Vorbuchung des Geldwertes bei 
Berechtigungsabgaben) . 

Die Taxen sollen den augenblicklichen Marktpreisen möglichst nahe stehen und wer- 
den deshalb, wenigstens für das Holz, bisweilen alljährlich, meist aber alle 3 oder 6 Jahre, 
bei starken Preisschwankungen noch öfter, neu bestimmt. Die Taxen der Nebennut- 
zungen bleiben meist für einen längeren Zeitraum gleich und werden auch nach an- 
dern Gesichtspunkten reguliert, als die Holztaxen, da meistbietender Verkauf hier sel- 
t*?ner vorkommt und ein Teil dieser Nutzungen zur Unterstützung der ärmeren Bevöl- 
kerung und der Waldarbeiter dient (Leseholz, Waldgras, Streu auf den Wegen etc.) 

Die Anträge auf Regulierung der Preise enthalten gewöhnlich den bisherigen 
Preis, Durchschnittserlös der letzten Zeit, Absatzlage und Vorschlag der künftigen Taxe 
mit entsprechender Motivierung. 

Die Festsetzung der Löhne erfolgt nach den oben in § 71 erörterten all- 
gemeinen Gesichtspunkten unter Berücksichtigung der augenblicklichen Lebensmittel- 
preise und der Nachfrage nach Arbeit. 

Die Bestimmung der Taglohnhöhe bietet keine besondere Schwierigkeit. Die Ein- 
heitssätze für Akkordarbeit müssen so reguliert werden, dass ein mittlerer Arbeiter 
unter gewöhnlichen Verhältnissen mindestens ebenfalls den Taglohnssatz gewöhnlicher 
Arbeiter verdienen kann. Liegen in dieser Beziehung noch keine Erfahrungen vor, so 
muss die lieistungsfähigkeit durch vorsichtiges und sorgfältiges Probieren unter fort- 
währender üeberwachung ermittelt werden. 

Die ebenfalls stets mit motivierendem Bericht vorzulegenden Anträge auf Abän- 
derung der Löhne müssen neben den neuen Sätzen auch die bisherigen ersehen lassen. 

8. Der Forsteinrichtungsantrag, durch welchen die zur Durchführung 
der Forst vermessungs- und Taxationsrevisions- bezw. Betriebsregulierungsarbeiten er- 
forderlichen Geldmittel und Arbeitskräfte erwirkt werden sollen, wird nicht alljährlich, 
sondern nur kurz vor Ablauf einer W^irtschaftsperiode eingereicht. 

§ 96. Die Aufstellung der verschiedenen Anträge ist Aufgabe des Revierver- 
walters, welcher sich im Lauf des Jahres die nötigen Daten hierzu sammelt. Die 
Betriebspläne müssen allenthalben so frühzeitig bei der vorgesetzten Behörde einge- 
reicht werden, dass deren Prüfung und Festsetzung noch vor Beginn der Arbeiten er- 
folgen kann. Gewöhnlich erfolgt ihre Aufstellung nach Beendigung der Frühjahrs- 
kulturen. 

Die Prüfung der Anträge ist Sache der Inspektionsbeamten und zwar muss diese 
nach doppelter Richtung geschehen : auf dem Bureau auf Grund der generellen Betriebs- 



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78 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

plane und Etats, dann, wenigstens bezüglich der wichtigeren wirtschaftlichen Opera- 
tionen, auch an Ort und Stelle. 

Meinungsverschiedenheiten über die auszuführenden Geschäfte oder über die Art 
und Weise ihrer Durchführung können dadurch entschieden werden, dass die Ansicht 
des Inspektionsbeamten zunächst massgebend bleibt und gegen diese nur der Weg der 
Beschwerde zulässig ist. Viel zweckmässiger erscheint es jedoch, wenn die Ansicht des 
mit den lokalen Verhältnissen in der Regel wenigstens am genauesten vertrauten Wirt- 
schaftsbeamten nebst der abweichenden Meinung des Inspektionsbeamten dem Kollegium 
der Inspektionsbeamten (Bayern) vorgelegt wird, welches alsdann je nach der Sachlage 
entweder lediglich auf Grund der Akten oder nach vorheriger örtlicher Prüfung durch 
einen besonderen Kommissär entscheide. 

Wo das System der Lokalforstmeister besteht, unterliegen die Wirtschaftspläne 
noch der Genehmigung und nach Bedarf auch der Superrevision durch die Direktions- 
stellen. 

Nach erfolgter Prüfung der Betriebspläne werden diese dem Verwaltungsbeamten 
zur Ausführung der genehmigten Arbeiten zurückgegeben, gleichzeitig werden ihm durch 
Eröffnung der nötigen Kredite bei der Forstkasse die hierzu erforderlichen Mittel zur 
Verfügung gestellt. 

IL Geschäfte der Ausführung. 

§ 97. Die Grundsätze der Wissenschaft, die Bestimmungen des genehmigten 
Wirtschaftsplanes und die verfügbaren Mittel bilden die Grundlagen für die Durchfüh- 
rung der Betriebsgeschäfte. 

Für den Wirtschaftsbeamten ist die Grösse des für die einzelnen Geschäftsteile 
zur Verfügung gestellten Kredites unbedingt bindend, und bleibt er für jede Ueberschrei- 
tung persönlich haftbar. Sollten die Kredite zur Ausführung der beantragten oder im 
Lauf des Jahres notwendig werdenden Arbeiten nicht ausreichen, so ist, falls nicht Ge- 
fahr auf Verzug ist , vor Ueberschreitung der genehmigten Summe , andernfalls aber 
so rasch als möglich die Bewilligung weiterer Mittel nachzusuchen. 

Die Uebertragungen von Ersparnissen an einzelnen Kreditspositionen zur Bestrei- 
tung von Mehrausgaben bei andern ( V i r e m e n t s) dürfen von den Verwaltungsbeamten 
niemals und selbst von den höheren Stellen nur innerhalb der gesetzlichen Schranken, 
welche in den einzelnen Staaten verschieden sind, vorgenommen werden. 

Dagegen kann der Wirtschaftsbeamte für die Erreichung des voraussichtlichen 
Gelderlöses nicht verantwortlich gemacht werden, wenn nicht eine unter umständen 
sehr unwirtschaftliche Ueberschreitung des beantragten Nutzungsquantums eintreten soll. 
In der Regel nimmt man daher letzteres als massgebend an, wobei natürlich ein abso- 
lutes Festhalten an dessen Ziffern im einzelnen aus technischen und tinanziellen Gründen 
weder möglich noch erwünscht ist. Stets wird dem Wirtschaftsbeamten, wenigstens be- 
züglich der verschiedenen Positionen, ein gewisser Spielraum eingeräumt, vorausgesetat 
dass der Gesamtanfall dem Antrage nahezu entspricht. Am strengsten wird in dieser 
Beziehung die Nutzung des Holzes überwacht , so darf in Preussen von selten des Re- 
vierverwalters das Fällungssoll ohne Genehmigung überhaupt nicht, in Hessen nur bis 
um 5®/o überschritten werden. 

Es erscheint jedoch wünschenswert, nicht nur bei Aufstellung des Fällungsplanes, 
sondern auch bei dessen Ausführungen den kaufmännischen Standpunkt mehr als bisher 
üblich zu berücksichtigen und etwaigen Aenderungen in den Handelskonjunkturen, sei 
es durch Abweichung vom Fällungsquantum im ganzen, sei es in den einzelnen Posi- 
tionen ohne büreaukratische Engherzigkeit, wenn auch natürlich nur nach vorherge- 



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Geschäfte der Ausführung. § 98. 79 

gangener Genehmigung, Rechnung zu tragen. 

Bei Durchführung der wichtigeren Geschäfte des Forsthaushaltes sind im einzelnen 
folgende formelle Gesichtspunkte zu beobachten. 

§ 98. Holz ernte. Die wichtigste Vorarbeit für den Fällungsbetrieb bildet 
die Anweisung der Schläge nach Massgabe des genehmigten Hauungsplanes. Diese 
Auszeichnung erfolgt bei der Winterfällung im Spätsommer und Frühherbst, bei der 
Sommerfällung im Frühjahr. Sie bildet eine der wesentlichsten Aufgaben des Revier- 
verwalters, nur minder wichtige Hiebe dürfen unter Verantwortlichkeit des Oberförsters 
von dem entsprechend zu instruierenden Schutzpersonal ausgezeichnet werden. Bei der 
hohen Bedeutung eines guten Durchforstungsbetriebes muss nunmehr der Revierver- 
walter der Auszeichnung dieser Hiebe ein grösseres Mass von eigener Tätigkeit zu- 
wenden, als bisher üblich war. 

Die Ermittlung des voraussichtlichen Materialanfalles geschieht bei dieser Gelegen- 
heit gewöhnlich lediglich durch Schätzung nach dem Augenmass; nur dann, wenn das 
Holz stehend verwertet werden soll, wird eine genauere Massenermittlung und eine 
detaillierte Aufzeichnung über das angewiesene Material vorgenommen. 

Die Fällungen finden in den Verjüngungsschlägen des Hochwaldes meist während 
des Spätherbstes und Winters, im höheren schneereichen Gebirg vom Weggang des 
Schnees bis zum Herbst, im Ausschlagswald meist während der Monate Februar bis Mai 
statt. Die Ausführung der Durchforstungs- und Reinigungshiebe ist weniger streng an eine 
bestimmte Jahreszeit gebunden, und können diese mit Vorteil zur Beschäftigung der 
ständigen Waldarbeiter benützt werden, wenn sonstige Arbeitsgelegenheit mangelt. 

Nach Beendigung der Hiebe folgt die Uebernahme des Materiales für 
die Forstverwaltung durch die Nummerierung, Abmessung und Verbuchung in den sog. 
Nummembüchem , AbzählungsprotokoUen etc. Die eigentliche Materialaufnahme ist 
Sache des Schutzpersonals, diese wird vom Revierverwalter alsdann revidiert (Schlag- 
abnahme). Aus den Nummernbüchern werden hierauf jene Listen gefertigt, welche 
die Grundlage für Material-Einnahme und -Ausgabe, sowie für den Verkauf bilden. Sie 
sind in den einzelnen Staaten sehr ungleich eingerichtet und führen verschiedenartige 
Bezeichnungen. 

An die Uebernahme der Fällungsergebnisse schliesst sich die Berechnung des 
Hanerlohnes und dessen Auszahlung an, soweit die Holzhauer nicht bereits 
während der Arbeit hierauf Abschlagszahlungen erhalten haben. 

Das übernommene und verbuchte Material wird nach den bestehenden Vorschriften 
verwertet, an die Berechtigten übergeben, im Forsthaushalt selbst verwendet etc. 
Die Materialverwertung nach den vorgeschriebenen Formen und innerhalb der 
verordnungsmässigen Grenze ist Sache des Revierverwalters; nur dann, wenn dessen 
Befugnisse nicht mehr ausreichen, namentlich bei erheblichem Zurückbleiben der Ange- 
bote hinter der Taxe wird die Genehmigung der Inspektions- und unter Umständen 
sogar der Direktionsstellen erforderlich. 

Das Schutzpersonal ist nur ausnahmsweise zur Holzabgabe in eigener Kompe- 
tenz befugt, meist dann, wenn augenblickliche, nicht abwendbare Gefahr der Entwen- 
dung vorliegt. 

Wie über die Holzeinnahme so muss auch über die Holzausgabe entsprechende 
Vormerkung geführt werden. 

In manchen Staaten dienen jene Listen (Schlagregister) , in welchen die ge- 
schehene Abgabe sowie der Erlös vorgemerkt wird , gleichzeitig auch als Beleg für 
die Materialausgabe (Bayern) , in andern Staaten muss hierüber nochmals eine beson- 
dere Aufschreibnng vorgenommen werden. Die Verkaufslisten gehen an die Forst- 



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80 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

kasse, welche hienach die Erhebung der Erlöse vornimmt. 

Die Ueberwelsung des abzugebenden Materialesandie Empfönger 
ist Sache des einschlägigen Forstschutzbeamten , weil dieser nur hiedurch in die Lage 
versetzt wird, den Forstschutz in wirksamer Weise auszuüben, und weil er zugleich 
die ordnungsmässige Materialabgabe kontrollieren soll. 

§99. Nebennutzungen. Im wesentlichen ist der formelle Gang bei Ge- 
winnung und Verwertung der Nebennutzungen der gleiche wie bei der Holzernte. Als 
Verschiedenheiten sind hier folgende Momente hervorzuheben: 

Die Gewinnung des Holzes erfolgt, wenigstens in Deutschland, fast ausschliess- 
lich auf Rechnung des Waldbesitzers, während die Werbung der Nebennutzungen in 
ungleich ausgedehnterem Mass den Empfängern selbst überlassen bleibt. Es geschieht 
dieses deshalb, weil viele Nebennutzungen zur Unterstützung der ärmeren Bevölkerung 
dienen sollen und diesen alsdann weit billiger abgelassen werden können, als wenn die 
Forstverwaltung erst beträchtliche Kosten hiefür hätte aufwenden müssen. Nur unter 
dieser Voraussetzung können manche Nutzungen, wie Beeren und Pilze, welche in 
vielen Gegenden eine grosse Einnahmequelle bilden, überhaupt gewonnen werden. Bei 
verschiedenen Produkten, z. B. Gras zur Grünfütterung, ist es ihrer Natur nach aus- 
geschlossen, dass sie von der Forstverwaltung eine Zeitlang im voraus bereit gestellt 
werden. Endlich liegt auch die Gewinnung mancher Produkte, z. B. landwirtschaft- 
liche Benutzung von Grundstücken, Betrieb eines Steinbruches etc. soweit ausserhalb 
des sonstigen Geschäftskreises der Forstverwaltung, dass ihre sachgemässe Werbung 
eine besondere Organisation und damit unverhältnismässige Kosten erfordern würde. 

Bei der Verwertung der Nebennutzungen ist als Besonderheit hervorzuheben, 
dass neben den übrigen Abgabeformen auch die bei der Holzernte nicht übliche Form 
der Verpachtung nicht selten ist; dies geschieht entweder für je ein Jahr oder für 
eine längere Periode. 

Die Einleitung der Nutzung erfolgt hier ebenfalls durch den Revierverwalter, 
doch ist dessen Vorgehen sehr verschieden je nach der Art der Nutzung und der Ver- 
wertungsform. 

Wenn die Gewinnung der Produkte durch die Forstverwaltung selbst geschieht, 
oder wenn sich die Gestehungskosten nach der Einheit des Verkauf smasses richten, so 
findet in den meisten Fällen eine Aufnahme des angefallenen Materials durch das 
Schutzpersonal in den Nummembücheni wie bei der Holzernte statt. 

Teils aus diesen Nummernbüchern, teils nach den Ergebnissen der Versteige- 
rungen und sonstigen Verkaufsverhandlungen werden die Verkaufslisten nach Ana- 
logie der Holzverkaufslisten, sowie die Vormerkung über das gewonnene Material ge- 
fertigt. 

Die Verwertung der Nebennutzungen ist Sache des Revierverwalters, der meist- 
bietende Verkauf findet hier weniger häufig statt als beim Holz. Verpachtungen, die 
sich über mehrere Jahre erstrecken, unterliegen stets der Genehmigung der vorgesetz- 
ten Behörden. 

Die üeberwachung der Gewinnung der Nebennutzungen und die Ueberwelsung 
der Produkte, soweit eine solche erforderlich ist, gehört zu den Obliegenheiten des 
Schutzpersonales. 

§ 100. Forstkulturen und Wegebauten. 

1. Forstkulturen. (Künstliche Verjüngung.) a) Saat: Die wichtigste Vor- 
arbeit bildet hier die Beschaffung des nötigen Samens. Diese kann erfolgen «) durch 
Selbstgewinnung, ß) durch Bezug von anderen Revieren oder von Klenganstalten, welche 
in eigener Regie der Forstverwaltung betrieben werden , und y) durch Ankauf in Sa- 



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Betriebsregnlierungsarbeiten. § 100. 81 

menhandlungen. 

Aus mehrfachen Rücksichten erscheint es im letzteren Fall zweckmässig, dass 
nicht jede einzelne Oberförsterei ihren Samenbedarf für sich bezieht, sondern dass der 
Ankauf für einen grösseren Bezirk gemeinschaftlich durch die Inspektions- bez. bei 
kleineren Verhältnissen durch die Direktionsstellen vermittelt wird. 

Die Samenlieferung muss so frühzeitig erfolgen, dass vor dem Beginn der Saat- 
zeit noch die Anstellung von Keimproben und event. der Austausch des nicht die ver- 
tragsmässige Keimfähigkeit besitzenden Samens erfolgen kann. 

Die Kulturfläche ist vorzubereiten und einzuteilen, ersteres kann, wenn es die 
Rücksicht auf die disponiblen Arbeitskräfte erfordert , oft vorteilhaft zu einer andern 
Zeit erfolgen als unmittelbar vor der Aussaat. 

b) Pflanzung. Hier tritt an die Stelle der Samenbeschaifung die Anzucht des 
nötigen Pflanzenmateriales. In jedem geordneten Forsthaushalt muss der Revierver- 
walter die unter normalen Verhältnissen erforderlichen Pflanzen durch einen geregel- 
ten Saat- und Pflanzschulenbetrieb selbst erziehen. 

Ausser für Pflanzen ist auch für die Beischaffung des sonstigen Zubehörs für 
Ausführung der Pflanzung, z. B. Rasenasche, Pflanzerde etc., Vorsorge zu treffen. 

Die bei regelmässigem Pflanzverband erforderliche Einteilung der Kulturfläche 
hat schon vor Ankunft der Arbeiter zu erfolgen. 

Auch hier kann ein Arbeitsteil, nämlich die Vorbereitung der Pflanzstellen, oft 
vorteilhaft zeitlich von der Ausführung der Pflanzung getrennt werden. 

Im Interesse eines ungestörten Fortganges des Pflanzgeschäftes ist eine zweck- 
mässige Organisation der Arbeit notwendig; insbesondere ist für eine geregelte Bei- 
schaffung des notwendigen Pflanzmateriales Sorge zu tragen und diese bei weiter Ent- 
fernung der Pflanzgärten von der Kulturstätte sowie bei trockener Witterung sorg- 
fältig zu überwachen. 

Dass bei dem Pflanzgeschäft auf eine geeignete Verwendung auch von Frauen- 
and Kinderarbeit sowohl wegen der Billigkeit als auch wegen der besseren Arbeits- 
ausführnng Rücksicht zu nehmen ist, wurde bereits oben § 81 angeführt. 

c) Sonstige Forstverbesserungen. Als solche sind namentlich Bewässerungs- und 
Entwässerungsanlagen, sowie Schonungsgräben in Betracht zu ziehen. Diese werden 
nach Anleitung des Oberförsters vom Schutzpersonal abgesteckt und von den Arbei- 
tern zu einer Zeit, wenn sonstige Beschäftigung mangelt, meist im Akkord ausgeführt. 

2. Wegbauarbeiten, a) Neubauten. Die hiezu erforderlichen Vorarbei- 
ten sind sehr verschieden und wechseln nach der Bedeutung des betr. Objektes. 
Grundsätzlich soll der Ausbau der einzelnen Wegstrecken auf Grund eines alle ein- 
schlägigen Verhältnisse berücksichtigenden Wegbauplanes und einer vorausgegangenen 
Wegnetzlegung erfolgen. Für die Wege höherer Ordnung sind alsdann noch die spe- 
ziellen V^orarbeiten, Massenberechnungen und Kosten veranschlage zu fertigen, welche be- 
reits als Belege den betr. Bauanträgen beigegeben werden. Kleinere Neubauten und 
Wege niederer Ordnung werden meist nur nach der beiläufigen Länge und dem erfah- 
rungsmässigen Durchschnittskostensatz pro Längeneinheit beantragt und oft erst un- 
mittelbar vor der Ausführung speziell abgesteckt. 

Die Ausführung der Wegneubauten erfolgt regelmässig im Akkord unter sorg- 
föltiger Bauaufsicht zur Vermeidung einer unsoliden und betrügerischen Ausführung. 
Nur einzelne besonders schwierige Stellen, welche einen sicheren Kostenvoranschlag 
nicht zulassen, Kunstbauten und ungewohnte Anlagen werden im Taglohn gefertigt. 

b) Wegunterhaltung. Nach der Anfuhr und Zerkleinerung des nötigen Materiales 
erfolgt die Reparatur und Instandhaltung des Wegkörpers und sonstiger Bauteile. 

Handbuch d. Foratw. 2. Aufl. IV. 6 



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82 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

Wenn auch für den Antrag ein Durchschnittssatz über die Kosten pro Längen- 
einheit genügt, so wechseln sie im Einzelfalle doch so sehr, dass eine Verakkordie- 
rung dieses Arbeitsteiles nicht tunlich erscheint, sondern hier die Taglohnsarbeit mit 
sorgfältiger Ueberwachung von selten des Schutzpersonals Platz greifen muss. 

Die ständige Wegpflege durch Ablassen des in den Geleisen sich ansammelnden 
Wassers, Offenhalten der Durchlässe etc. wird entweder zuverlässigen Waldarbeitern 
oder eigenen Forstwegaufsehern übertragen. 

§ 101. Die Leitung der Kultur- und Wegbauarbeiten gehört zu den wichtigsten 
Aufgaben des Revierverwalters ; dieser kontrolliert auch das Arbeitspersonal, bestimmt 
die Taglohnsätze innerhalb der tarifmässigen (xrenzen, nimmt die Akkordarbeiten ab 
und weist den Lohn verdienst an. 

Das Schutz- und sonstige Hilfspersonal hat die Arbeiter ständig zu tiberwachen 
und soll , soweit es die übrigen Obliegenheiten gestatten , dauernd auf den Arbeits- 
plätzen anwesend sein. Bei starkem Frevel ist daher während der Kulturzeit häutig 
eine Verstärkung des Forstschutzes notwendig. 

Das Schutzpersonal hat auch die verwendeten Materialmengen an Samen, Pflan- 
zen, Steinen etc. zu kontrollieren und die Arbeitsleistung abzumessen, ausserdem ob- 
liegt ihm die Führung und Aufstellung der Lohnlisten über Taglohns- und Akkord- 
arbeit. 

Die Prüfung des Kultur- und Wegbaubetriebes bildet einen wesentlichen Teil 
der Tätigkeit der Inspektionsbeamten, nicht minder wenden aber auch die Direktious- 
beamten bei den Oberinspektionen diesem Gebiete ihre besondere Aufmerksamkeit zu. 

Ueber die Ausführung der Arbeiten im Taglohn oder im Akkord sowie über die 
zulässige Verwendung von schwächeren Arbeitskräften wurde bereits teils bei Besprechung 
der betr. Geschäfte, teils oben in § 82 das Nötige angeführt. Hier ist nur noch zu 
erwähnen, dass die leichteren, ein geringes Mass von Geschicklichkeit und Kraft er- 
fordernden Arbeiten Gelegenheit bieten, die Forststrafarbeiter sowie die Empfänger 
von Leseholz- und Gras-Scheinen, wenn solche gegen Ableistung von Waldarbeit abge- 
geben werden, zu verwenden. Die Leistungen dieser Personen sind aber trotz der 
notwendigen fortwährenden Ueberwachung und der komplizierten Buchführung sehr 
unbedeutend und schlecht. 

Um dem früher bereits angeführten Grundsatz der häufigen Lohnzahlung Rech- 
nung zu tragen, ist es nicht nur notwendig, die verdienten Taglöhne etwa alle 2—3 
Wochen zur Auszahlung anzuweisen, sondern es müssen auch bei den Akkordarbeiten 
ebenso wie bei der Holzhauerei auf Grund provisorischer Abmessung der Arbeitsleis- 
tung entsprechende Abschlagszahlungen gemacht werden. 

§ 102. Betriebsregulierungsarbeiten. Diese haben eine sehr ver- 
schiedene Ausdehnung, sowohl je nachdem es sich um die erstmalige Herstellung eines 
Forsteinrichtungswerkes oder um eine periodische Waldstandsrevision handelt, als auch 
nach der Grösse des betr. Waldkomplexes. Je ungeordneter bisher die Verhältnisse 
waren, desto umfassender und schwieriger sind die Vorarbeiten, welche sich auf die 
Ermittlung der Flächengrösse , der Eigentumsverhältnisse, Untersuchung der Wachs- 
tums-, Wirtschafts- und Absatz- Verhältnisse erstrecken. Doch liegen wenigstens in 
den deutschen Waldungen nunmehr wohl allenthalben Vermessungswerke und Aufzeich- 
nungen über die Ergebnisse der Wirtschaft vor , welche hiebei als Anhaltspunkte be- 
nützt werden können. Wesentlich einfacher gestaltet sich die Sache bei den Wald- 
standsrevisionen, da hier durch die Bestimmungen der grundlegenden Forsteinrichtung 
und durch die genau verzeichneten Ergebnisse der bisherigen Bewirtschaftung eine 
sichere Grundlage für die fernere Tätigkeit gegeben ist. 



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Forstschutzgeschäfte. § 103. 83 

Der erste Arbeitsteil besteht in jedem Falle in den Vorarbeiten, welche teils 
im Wald, teils im Bureau zu fertigen sind und sich auf die Vermessung und Wald- 
einteilung sowie auf den Abschluss der Bücher und die Anfertigung von tabellarischen 
Zusammenstellungen über die Resultate der bisherigen Bewirtschaftung erstrecken. 

Hierauf folgt eine Prüf ung der Ergebnisse der bisherigen Wirtschaft 
und die Festsetzung der allgemeinen Grundzüge, welche fernerhin mass- 
gebend sein sollen. Bei grösseren derartigen Arbeiten wird über die betr. Verhand- 
lungen ein besonderes Grundlagenprotokoll (Vorverhandlung) aufgenommen. 

Hieran schliessen sich die eigentlichen Forsteinrichtungsarbeiten 
wie Massenaufnahme, Ertragsberechnung, Anfertigung der neuen generellen Betriebs- 
pläne, Karten etc. 

Das fertiggestellte Operat unterliegt sodann einer kalkulatorischen und 
technischen Revision im Bureau und einer örtlichen Prüfung im Walde, 
worauf dessen Genehmigung erfolgt. 

Die geschäftliche Behandlung der gesamten Arbeiten hängt wesentlich von dem 
Umstand ab, ob eine Forsteinrichtungsanstalt besteht oder nicht. 

Im ersten Fall wird wenigstens der überwiegende Teil aller Forsteinrichtungsar- 
beiten durch die Beamten der Anstalt gefertigt, nur die Herstellung der periodischen 
Betriebspläne erfolgt durch den Revierverwalter selbst oder wenigstens unter dessen 
Mitwirkung. 

Es ist unbedingt erforderlich, dass der Revierverwalter als der lokalkundige 
Wirtschaftsbeamte nicht nur berechtigt ist, jederzeit von dem Stand der Arbeiten Ein- 
sicht zu nehmen, sondern dass diese ihm auch bei jedem wichtigen Abschnitt zur Er- 
klärung seines Einverständnisses oder zur Abgabe allenfallsiger Einwendungen vorge- 
legt werden ; ganz besonders gilt dieses bezüglich der Dispositionen für die zukünftige 
Bewirtschaftung. 

Wenn keine Forsteinrichtungsanstalt besteht, so muss entweder der Revierver- 
walter sämtliche Arbeiten mit Unterstützung seines technischen Hilfspersonales oder 
der speziell hiefür beigegebenen Geschäftshilfe ausführen oder sie werden von beson- 
ders berufenen Kommissionen besorgt (s. oben S. 12). 

Die kalkulatorische und technische Prüfung im Bureau erfolgt bei der Forstein- 
richtungsanstalt bez. bei den Inspektionsstellen, die örtliche Prüfung im Wald ist Sache 
der Inspektionsbeamten unter Zuziehung des Wirtschafters sowie event. des Vorstan- 
des der Forsteinrichtungsanstalt. 

Die Genehmigung der Betriebsregulierungsarbeiten mit den generellen Betriebs- 
plänen und Wirtschaftsetats erfolgt stets bei der Landesforstbehörde , welche ihr, we- 
nigstens bei ausgedehnteren Forsteinrichtungsarbeiten, eine Superrevision an Ort und 
Stelle vorangehen lässt. 

§ 103. Forstschutzgeschäfte. 

1. Grenzschutz. Die Aufgabe des Grenzschutzes besteht in der Instandhaltung 
der äusseren und inneren Eigentumsgrenzen und in der Beseitigung etwaiger Gebrechen 
an ihnen entweder auf gütlichem Weg unter Zustimmung der Anlieger oder durch An- 
rufung gerichtlicher Hilfe. 

Da der Revierverwalter der verantwortliche Verwalter der ihm übei^wiesenen 
Forstfläche ist, so hat er diesem Geschäfte seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwen- 
den und wird hiebe! von dem Inspektionsbeamten überwacht. 

Das eigentliche Organ des Grenzschutzes ist der Schutzbeamte. Dieser hat nicht 
nur bei seinen gewöhnlichen Dienstgängen die Beseitigung der in seinem Bezirk vor- 
gekommenen Grenzgebrechen und Uebergriffe von selten der Angrenzer entweder selbst 

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84 XIII. Schwappach, Forstverwaltung. 

zu veranlassen oder dem Revierverwalter hievon Meldung zu machen, sondern muss 
auch periodisch, \alljährlich mindestens einmal, sämtliche Grenzen und Grenzzeichen re- 
vidieren. Solche Grenzbesichtigungen haben regelmässig auch die Revierverwalter und 
in einzelnen Staaten (Preussen) sogar die Inspektionsbeamten vorzunehmen, doch er- 
scheint letzteres als eine unnötige und sehr lästige Mehrarbeit. 

Auch die wirtschaftlichen Grenzen, die Distrikts- und Abteilungslinien, sind stets 
kenntlich zu erhalten. 

2. Schutz gegen Forstdiebstahl und sonstige Gesetzesverletz- 
ungen. Die wirksame Beschützung des Waldeigentums durch Verhütung von Ent- 
wendungen und andern rechtswidrigen Handlungen von selten der Menschen, sowie 
durch Entdeckung und Veranlassung der Bestrafung veiübter Gesetzesverletzungen ist 
eine der wesentlichsten, häufig sogar die wichtigste Aufgabe des Forstschutzpersonales. 
Bestimmte Regeln für die Ausübung des Forstschutzes lassen sich nicht aufstellen, da 
hier alles von den örtlichen und zeitlichen Verhältnissen abhängt. Das Hauptstreben 
des Schutzbediensteten muss dahin gerichtet sein, durch umsichtige Verteilung seiner 
Tätigkeit und geschickte Benutzung der verschiedenen Momente in den Frevellustigen 
die üeberzeugung hervorzurufen, dass sie nie vor ihm sicher sein können. Die Furcht 
schützt den Wald! 

Der Revierverwalter leitet und kontrolliert die Tätigkeit der Schutzbediensteten, 
veranlasst bei besonders exzessiven Freveln ein Zusammenwirken der verschiedenen 
Schutzbediensteten und erwirkt, wenn die Kräfte seines Personales nicht ausreichen, 
dessen vorübergehende oder bleibende Verstärkung. Unter Umständen kann es sogar 
angezeigt sein, dass der Revierverwalter persönlich die Handhabung des Forstschutzes 
leitet. 

Wieweit derselbe in der Lage ist, von ihm selbst wahrgenommene Holzdieb- 
stähle und andere Kontraventionen zu verfolgen und zur Anzeige zu bringen, hängt 
wesentlich davon ab, ob er nach der Gesetzgebung des betr. Staates zu den Hilfsbe- 
amten der Staatsanwaltschaft gehört und auf das Forstdiebstahlgesetz beeidigt ist 
oder nicht. 

Die Anzeigen über die entdeckten Forstvergehen werden in Form von Verzeich- 
nissen zusammengestellt und gewöhnlich periodisch, in dringenden Fällen aber sogleich, 
den kompetenten Organen der Forststrafrechtspflege zur Einleitung der strafrechtlichen 
Verfolgung übergeben. 

3. Schutz gegen Tiere. Als forstschädliche Tiere kommen namentlich die 
Insekten und Mäuse in Betracht. 

Man hat bei Schutzmassregeln zu unterscheiden: solche, welche regelmässig an- 
zuwenden sind, weil die betr. Tiergattung wenigstens in geringerer Anzahl fortwäh- 
rend vorhanden ist, und solche, welche nur bei einem abnorm starken Auftreten der- 
selben ergriffen werden. 

Unter allen Umständen hat das vom Revierverwalter entsprechend zu unterrich- 
tende Personal sein Augenmerk darauf zu richten, dass das Vorkommen von solchen 
forstschädlichen Tieren alsbald entdeckt wird. Man hat deshalb namentlich zu jenen 
Jahreszeiten, in welchen die betr. Tiere aufzutreten pflegen, besonders wachsam zu 
sein. Bei den Insekten werden die nötigen Vorbeugungsuiittel, namentlich das Probe- 
suchen, Fällen von Fangbäumen, Legen von Rindenplatten etc., schon vor Beobach- 
tung des wirklichen Auftretens alljährlich angewendet, um so mehr, da diese zugleich 
als die besten Beobachtungsmittel über das Vorkommen gewisser Arten dienen und 
daher die Ueberwachung wesentlich erleichtern. 

Entsteht trotz aller Vorsichtsmassregeln ein Frassherd von grösserer Bedeutung, 



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Bnchführnng und Rechnimgslegung. § 105. 85 

dann ist es die Aufgabe des Revierverwalters, sowie je nach Umständen auch der In- 
spektions- und Direktionsbehörden die geeigneten Gegenmassregeln anzuordnen und 
durchzuführen. 

4. Schutz gegen widrige Naturereignisse. Auch hier zerfallen die in Be- 
tracht kommenden Massregeln in solche, welche vorbeugend wirken sollen und solche, 
welche erst dann ergriffen werden, wenn eine Kalamität eingetreten ist. 

Die Vorbeugungsmassregeln gegen Beschädigungen durch Frost, Hitze, Sturm, 
Schnee etc. sind, soweit solche überhaupt möglich, Aufgaben des Waldbaues sowie der 
Betriebsregulierung und gehören ebenso wie die Beseitigung der durch erstere veran- 
lassten Beschädigungen zu dem Wirkungskreis des Yerwaltungsbeamten. 

Die Schutzbeamten haben lediglich über die eingetretenen Kalamitäten zu be- 
richten und nur da selbständig vorzugehen , wo und insoweit Gefahr auf Verzug und 
sofortige Abhilfe möglich ist. 

Die Inspektions- und Direktionsbehörden greifen hier ebenso wie bei den Insek- 
tenbeschädigungen dann ein, wenn die betr. Kalamität ungewöhnlich grosse Ausdeh- 
nung hat und sich namentlich über mehrere Verwaltungsbezirke erstreckt. Die An- 
ordnung der alsdann erforderlichen umfassenden Massregeln für Aufarbeitung des ange- 
fallenen Materiales, Verstärkung des Schutz- und Hilfspersonales, Sistierung der Fällungen 
in den angrenzenden Bezirken ist Sache der höheren Behörden. Diese müssen auch 
stets von dem Eintreten und dem Umfang solcher Ereignisse von ungewöhnlicher Aus- 
dehnung mit Umgehung des gewöhnlichen Instanzenzuges direkt benachrichtigt werden. 

5. Schutz gegen Waldbrände. Die nötigen Vorbeugungsmassregeln, wie 
Verbot des Feueranmachens etc. werden vom Revierverwalter angeordnet, während 
die Schutzbeamten, namentlich bei grosser Trockenheit, besondere Aufmerksamkeit auf 
die Verhütung und Entdeckung von Waldbränden zu richten haben. Unter Umstän- 
den kann es sogar erforderlich werden, eigene Feuerwachen aufzustellen. 

Die Bekämpfung entstandener Waldbrände ist Sache jedes in der Nähe befind- 
lichen Forstbeamten unter Anwendung aller möglichen Löschmassregeln und mit Auf- 
bietung aller verfugbaren Arbeitskräfte. 

Wenn sich bei der Nachforschung nach der Veranlassung des Brandes Anhalts- 
punkte dafür ergeben, dass böswillige oder fahrlässige Brandstiftung vorliegt, so ist 
hiervon sofort die Staatsanwaltschaft in Kenntnis zu setzen, in den übrigen Fällen 
genügt die Anzeige an die vorgesetzte Behörde. 

IIL Geschäfte der Buchführung und Rechnungslegung. 

§ 104. Die Geschäfte der Buchführung und Rechnungslegung sind dazu bestimmt, 
einerseits den aktenmässigen Nachweis über die wirkliche Ausführung der beantragten 
Betriebsgeschäfte zu liefern und andererseits einen Ueberblick über die im Forstbetrieb 
tätigen Kapitalien und die hiermit erzielten Erfolge zu gewähren. 

Wie in jedem Geschäft so müssen auch in dem Forstbetrieb Aufschreibungen über die 
verschiedenen in ihm tätigen Kapitalien, sowie über Einnahme und Ausgabe geführt 
werden und zwar so, dass es möglich ist, zu jeder Zeit und in allen Geschäftsteilen eine 
vollständige Uebersicht zu haben sowie nach Bedürfnis die Bilanz zu ziehen. 

Während in verschiedenen österreichischen Privatforstwirtschaften die Form der 
Buchführung sich möglichst nahe an jene der kaufmännischen doppelten Buchführung 
anschliesst, erfolgt diese in den deutschen Staatsforsten nach wesentlich andern, mehr 
büreaukratischen Gesichtspunkten. Bei dieser Betrachtung ist zweckmässig die Buch- 
führung über die festen und flüssigen Kapitalien gesondert zu behandeln. 

§ 105. Buchführung über die stehenden Betriebskapitalien. 



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86 XIII. Schwapp ach, Forstvcrwaltung. 

1. Bodenkapital. Da die Grösse der Waldfläche die Grundlage der Forst- 
einrichtung bildet und Unklarheiten oder Unrichtigkeiten in der Aufschreibung sich 
beim Ausbruch von Streitigkeiten über das Eigentumsrecht bitter rächen können, so wird 
die Buchführung über dieses Kapital, dessen Grösse auch genau ermittelt werden kann, 
in Flächenregistern, Flächeninhalts Verzeichnissen, Grenzregistem etc. sehr sorgföltig 
vorgenommen, und werden alle Aenderungen hieran auf das genaueste vorgemerkt. 
Letztere werden alsdann alljährlich in besonderen Uebersichten zusammengestellt, durch 
deren Abschluss sich jederzeit die jeweilige Flächengrösse leicht ermitteln lässt, regel- 
mässig geschieht dieses bei den Betriebsreguliemngen und Waldstandsrevisionen. 

2. Holzkapital. Ungleich weniger genau als die Grösse des Bodenkapitals 
lässt sich jene der vorhandenen Holzmasse bestimmen. Viele Forsteinrichtungsvor- 
schriften verzichten daher überhaupt auf die Massenaufnahme in den jüngeren Bestän- 
den und beschränken diese auf jene Abteilungen, welche demnächst zur Verjüngung 
kommen sollen. Die Massenermittlung findet periodisch gelegentlich der Betriebsregu- 
lierung und Waldstandsrevisionen statt, wobei die Ergebnisse in den Akten und Tabellen 
der Forsteinrichtungsoperate niedergelegt werden. 

3. Dienstwohnungen und Dienstgründe. Ueber beide werden eigene Ver- 
zeichnisse geführt und fortwährend evident gehalten. 

4. Aktiv- und Passivgerechtsarae. Da beide nicht nur die Erträgnisse 
der Waldungen sowie unter Umständen sogar die Bewirtschaftungsweise ganz wesent- 
lich bestimmen, sondern auch nicht selten die Veranlassung zu langwierigen Prozessen 
bilden, so muss über sie in den Grundlastenverzeichnissen, Berechtigungskataster etc. 
sehr sorgfältig Buch geführt werden. Man trägt in diesen nicht nur die Art und 
Grösse der Berechtigung, sowie Name und Wohnstätte des Empfängers bez. Leistungs- 
pflichtigen genau vor, sondern bemerkt auch, soweit dieses möglich, den Grund der 
Entstehung der Berechtigungen, etwaige Liquidationsverhandlungen und inzwischen er- 
gangene richterliche oder Administrativ-Entscheidungen. Alle Veränderungen, welche 
sich z. B. durch Ablösung, Transferierung etc. ergeben, müssen ebenfalls sorgfältig 
gebucht werden. 

5. Uebersicht über die vorhandenen Arbeitskräfte. Am genauesten 
und früher auch beinahe ausschliesslich, wird eine solche bezüglich der Beamten in den 
Personallisten, Personalstatus etc. geführt. Bezüglich der Waldarbeiter haben ähn- 
liche Uebei*sichten bisher da gefehlt, wo diese nicht eine feste Organisation hatten und 
eine Genossenschaft bildeten, in welche eine förmliche Aufnahme stattfand. Die neuere 
Gesetzgebung über Arbeiterversicherung macht aber eine genauere Buchführung auch 
in dieser Richtung notwendig. 

6. Ueber die vorhandenen, zum Forstbetrieb notwendigen Mo- 
bilien, Z.B.Arbeitsgeräte, Büreau-Utensilien, die Bibliothek etc., soweit diese Gegen- 
stände vom Waldeigentümer gestellt werden, geben die Inventar e Aufschluss, welche 
durch Vormerkung des Zu- und Abganges stets auf dem Laufenden gehalten und 
alljährlich revidiert werden. 

Von diesen sämtlichen Verzeichnissen sind stets mehrere Exemplare vorhanden, 
gewöhnlich je eines bei jener Stelle, welcher die Verwaltung bez. die Benutzung des 
betr. Vermögensteiles überwiesen ist und ein zweites bei der nächst vorgesetzten Be- 
hörde. Nur bezüglich der Waldfläche, Dienstwohnungen und Dienstgründe, sowie über 
sämtliche Beamte werden solche Uebersichten immer, wenn schon meist in etwas an- 
derer Form als bei den übrigen Stellen, auch bei der Direktionsbehörde geführt. 

§ 106. Buchführung über die flüssigen Betriebskapitalien. Die 
im Betrieb tätigen flüssigen Kapitalien (z. B. Geldvorräte zur Ablohnung der Arbeiter, 



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BachfühmDg und Rechnangslegung. § 106. 87 

Vorräte an Samen und Pflanzen, geerntetem aber noch nicht verwertetem Material) sind 
nicht in besonderem Verzeichnisse zusammengestellt, sondern lassen sich nur aus jenen 
Aufschreibungen entnehmen, welche über den Forstbetrieb in technischer, mate- 
rieller und pekuniärer Hinsicht geführt werden. 

Um am Jahresschluss die Ausführung der in den speziellen Betriebsplänen bean- 
tragten Wirtschaftsoperationen aktenmässig nachweisen zu können, müssen über die 
einzelnen vollzogenen Betriebsgeschäfte Vormerkungen gemacht werden. Da aber die 
Nachweisung über die wirtschaftlichen Manipulationen zugleich eine Darstellung des 
hiemit erzielten Erfolges erfordert, so ist in der Praxis die technische Buchführung 
stets mit der materiellen und pekuniären Buchführung verbunden. 

Die materielle Buchführung erstreckt sich hauptsächlich auf die Einnahme und 
Ausgabe an Holz, sowie den übrigen Forstprodukten. Es muss ermöglicht sein, jeder- 
zeit zu ersehen, welche und wieviele Forstprodukte im laufenden Wirtschaftsjahr ge- 
emtet worden sind, welche davon bereits verwertet wurden und wie gross demnach 
der augenblickliche Vorrat an unverwertetem Material ist. 

Im Interesse der einfacheren Buch- und Rechnungsführung wird darnach gestrebt, 
die während eines Jahres vereinnahmten Forstprodukte auch noch im gleichen Wirt- 
schaftsjahr oder wenigstens im gleichen Etatsjahr zu verwerten. Soweit dieses nicht 
möglich war, gehen die unverwertet zurückgebliebenen Bestände als Materialreste auf 
das folgende Jahr über. 

Die zum Forstbetrieb notwendigen Gegenstände, wie Samen, Pflanzen, Steine etc. 
werden nur bezüglich ihrer Verwendung genauer kontrolliert, indem zusammengestellt 
wird, wie viele Pflanzen, Samen etc. und an welchen Verbrauchsorten sie zur Verwen- 
dung gelangten. 

Die Menge der zu diesem Zweck vereinnahmten Gegenstände wird nur dann ge- 
bucht, wenn sie entweder gekauft wurden, oder wenn durch ihre Werbung eine be- 
sonders nachzuweisende Lohnforderung entstand. 

Wie früher (§ 22) ausgeführt worden ist, hat sich die Forstverwaltung regel- 
mässig mit der Einnahme und Auszahlung von Geld nicht zu befassen, allein trotzdem 
ist es erforderlich, dass sie eine genaue Aufschreibung über die durch Verwertung der 
Forstprodukte erzielten Erlöse, sowie über die durch den Betrieb veranlassten Aus- 
gaben fährt. 

Hiedurch wird das Material für eine Bemessung des Wirtschaftseifektes gewonnen, 
und zugleich sowohl die Grundlage für die von den Kassen zu betätigende Gelder- 
hebung geschaffen, als auch die Einhaltung der verfügbaren Kredite kontrolliert. 

Die Buchführung in pekuniärer Beziehung bezieht sich demnach auf a) die Soll- 
Geldeinnahmen für die verwerteten Forstprodukte und b) die Kosten des Betriebes. 

Die Vormerkung über die Solleinnahme erfolgt in den Verkaufslisten und in den 
Registern über die Materialausgabe, erstere gehen an die Kasse zur Vereinnahmung 
der in ihnen enthaltenen Beträge, letztere dienen hauptsächlich zu wirtschaftlichen 
Zwecken. 

Mit Rücksicht auf das oben bereits erwähnte Ziel der Erhebung des Wirtschafts- 
erfolges ist es notwendig, dass auch für jenes Material, welches nicht zu dem Markt- 
preis verwertet werden kann, sondern unentgeltlich oder nur gegen eine kleine Ent- 
schädigung an Berechtigte abgegeben wird, im Forsthaushalt selbst zur Verwendung 
gelangt etc., eine Berechnung des wirklichen Geldwertes angestellt wird, wobei ge- 
wöhnlich die Forsttaxe als Anhalt dient. Hiedurch entsteht auch, abgesehen von den 
Ausfällen bei der Erhebung, eine Differenz zwischen der Geldeinnahme und dem wirk- 
lichen Ertrag, welche bisweilen, namentlich bei stark mit Berechtigung belasteten 



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88 XIII. Schwappach, Forstverwaltimg. 

Waldangen, sehr erheblich sein kann. 

Die Grundlage für die Auf Schreibung über die Ausgaben werden gebildet durch 
die Taglohnslisten, Lohnlisten über Akkordverdienst und die Holzhauerlohnberech- 
nungen. Alle vom Revierverwalter auf Grund dieser Listen gemachten Anweisungen 
werden in ein übersichtliches, nach den Titeln des Rechnungsschemas angelegtes Tage- 
buch eingetragen, welches ersehen lässt, wieweit die einzelnen Kreditspositionen jeweils 
bereits in Anspruch genommen sind. 

Da die Buchführung über die flüssigen Betriebskapitalien mit dem Fortgang der 
Wirtschaft unmittelbar zusammenhängt, so ist sie fast ausschliesslich Sache des Re- 
vierverwalters. Die Direktions- und Inspektionsstellen merken nur die von ihnen den 
untergebenen Behörden eingeräumten Kredite vor, da auch sie für die Erhaltung der 
ihnen zur Verfügung gestellten Mittel verantwortlich und an die Positionen des Budgets 
gebunden sind. 

§ 107. Rechnungslegung. Am Schluss jeden Wirtschaftsjahres werden die 
auf den jährlichen Betrieb sich beziehenden Bücher und Listen abgeschlossen und deren 
Endergebnisse mit den dazu gehörigen Nachweisungen und Erlösen zu den Abrech- 
nungen über die einzelnen Teile der Verwaltung zusammengestellt. 

Anschliessend an die Buchführung erfolgt auch die Rechnungslegung in tech- 
nischer, materieller und pekuniärer Richtung. 

In manchen Staaten (Baden, Bayern, Hessen) werden über den Vollzug der ge- 
stellten Betriebsanträge besondere Nachweisungen vorgelegt, welche sich in der Form 
eng an jene der Anträge anschliessen, in anderen Staaten (z. B. Preussen) ist die Rech- 
nungslegung in technischer Hinsicht mit der Materialrechnung verbunden. 

Den Forstverwaltungsstellen obliegt hauptsächlich die Legung der Natural- (Ma- 
terial-) Rechnung, sowie der Nachweis über die Verwendung der Kredite ; Abweichungen, 
welche sich bei der Ausführung gegenüber den Positionen der Anträge ergeben , sind 
entsprechend zu erläutern und zu rechtfertigen. 

Um jedoch eine Berechnung des zahlenmässigen Effektes der Forstwirtschaft und 
eine Kontrolle der Kassenverwaltung zu ermöglichen, wird mit der Natural-Rechnung 
auch eine bald mehr bald minder eingehende Berechnung der Geld-Einnahmen und 
-Ausgaben verbunden. 

Diese muss mit den vom Kassenbeamten zu stellenden Rechnungen nach den 
Ziifem der Soll- Geld-Einnahmen und Geld-Ausgaben für die sachlichen Ausgaben über- 
einstimmen. 

Die Trennung der Natural- und Geldrechnung bleibt auch in der Mittel- und der 
Zentralinstanz fortbestehen. Diese prüfen die Uebereinstimmung zwischen beiden, fertigen 
Zusammenstellungen hieraus für den ganzen Verwaltungsbezirk, bezw. für das ganze 
Land, welche für Verwaltungszwecke und namentlich bei Aufstellung der Etats benutzt 
werden. 

§ 108. Die durch Buchführung und Rechnungslegung erhobenen Resultate der 
bisherigen Wirtschaft dienen auch noch zu dem wichtigen Zweck, die durch die Forst- 
einrichtung festgelegten Grundsätze zu erproben und Anhaltspunkte zu deren Weiter- 
entwicklung zu liefern. 

Zu diesem Behuf werden besondere Vormerkungen in den sog. Haupt- oder 
Wirtschaftsbüchern geführt, welche sich jedoch meist nur auf das Materialer- 
gebms der Hauptnutzungen erstrecken, während Nebennutzungen, Betriebskosten und 
Erlöse gewöhnlich hierbei nicht berücksichtigt werden. 

Es ist indessen dringend zu wünschen, dass auch die Betriebskosten und Erlöse, 
allerdings nur in einfacher, den Wirtschaftsbeamten nicht zu sehr belastender Weise 



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Haupt- oder Wirtschaftsbücher. § 108. 89 

verbucht werden möchten, um hiedurch genügende Anhaltspunkte für eine gedeihliche 
Weiterentwicklung der Statik und Statistik zu gewinnen. 

Ausser den nackten Zahlen sind aber vom wirtschaftlichen Standpunkt aus auch 
noch Notizen über die Ursachen der verschiedenen Wirtschaftsoperationen, Erklärung 
für einzelne, besonders auffallende Erscheinungen, Angaben über den Eintritt der Samen- 
jahre etc. erwünscht und sollte deshalb überall mit dem Wirtschaftsbuch eine kurze 
Revier Chronik (Preussen: Taxations-Notizenbuch) verbunden werden. Aus dieser 
kann man alsdann in der Zukunft ebenso interessante als lehrreiche Nachrichten ent- 
nehmen und oft wichtige Folgerungen für die künftige Wirtschaft ableiten. 



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XIV. 

Forstliche Rechtskunde. 

Von 

Karl Dickel. 



Literatur: Frhr. v. Stengel (Prof. in München), Rechtsenzyklopädie für Forst- 
männer, 1900 (6 M., geb. 7 M.). Dies Buch enthält eine Darstellung des Reichsrechts und 
des bayerischen Landesrechts (allg. RechtsbegrifFe, Privatrecht, Straf recht, Gerichtsverfassung und 
gerichtliches Verfahren, Staats- und Verwaltungsrecht). — Die Bücher von Ziebarth, Das 
Forstrecht 1889 und Olshausen, Grundriss zu rechtswissenschaftlichen Vorlesungen an 
der Kgl. Forstakademie zu Eberswalde, 1889 bis 1891, sind auch noch jetzt nach dem In- 
krafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs und seiner Nebengesetze von Wert für das Straf- 
recht und den Strafprozess, ferner für die noch geltenden Bestimmungen des alten Zivilrechts, 
endlich in dem nicht seltenen Falle der Notwendigkeit , auf die früher in Geltung gewesenen 
Rechtsvorschriften zurückzugehen, Ziebarth auch für das preussische Verwaltungsrecht. 

Grundbegriffe. 

§ 1. Recht. Das Wort „Recht?" hat verschiedene Bedeutungen: 1. wenn ich 
von meinem Rechte der Jagdausübung auf einem Grundstücke spreche, so meine ich Recht 
im Sinne von Befugnis, Berechtigung, (Recht im subjektiven Sinne). Eine 
solche Berechtigung ist nur auf Grund einer Norm möglich. Der Inbegriff der Normen, 
welche für das äussere Verhalten der Menschen zu einander massgebend sind, ist das Recht 
im objektiven Sinne; so z. B. deutsches bürgerliches Recht, preussisches Jagdrecht. 
Das Recht im objektiven vSinne ist eine Ordnung der Lebensverhältnisse ; diese wird 
geschaffen durch den allgemeinen Willen. Das Recht im subjektiven Sinne ge- 
währt einen Anteil an den Lebensgütern und wird durch das Recht im objektiven 
Sinne gewährleistet. — 2. Ferner sind zu unterscheiden: Recht im philosophischen 
Sinne (Naturrecht) und Recht im positiven Sinne. Letzteres ist das vom Gesetz- 
geber gesetzte Recht; es ist ein in geschichtlicher Entwicklung entstandenes, dem 
Wechsel der Zeiten unterworfenes und in den verschiedenen Staaten verschiedenes 
Recht. — 3. Recht bedeutet bisweilen auch Gericht, z. B. die Klage ist rechtshängig ; 
der Rechtsweg (im Gegensatze zum Verwaltungsweg) ist eröffnet. 

Das Recht hat es mit den äusseren Beziehungen der Menschen zu tun und 
bildet insoweit einen Gegensatz zur Moral, deren Normen die innere sittliche Be- 
ziehung der menschlichen Persönlichkeit bestimmen. Die Normen des Rechts gestatten 
zur Durchführung des Rechts äusseren Zwang, im Gebiete der Moral giebt es 
keinen anderen erlaubten Zwang als den des Gewissens. 



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Das Recht im objektiven Sinne. § 2. 91 

§ 2. Das Recht im objektiven Sinne. I. Bürgerliches und öffentliches 
Recht. l.Im bürgerlichen Rechte (Privat recht oder Zivilrecht) handelt es sich um 
die Rechtsverhältnisse der Privatpersonen unter einander. Diese Rechte sind ihrem In- 
halte nach eigennütziger Natur. Im öffentlichen Recht überwiegt das Interesse 
der Gesamtheit; die öffentlichen Rechte sind gemeinnütziger Natur. Um diesen Un- 
terschied zu verstehen, ist zu bedenken, dass der Mensch einerseits als freie Person, 
andererseits als Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft in Betracht kommt; einerseits 
kommt das E i n z e l Interesse, andererseits das Gemeininteresse in Betracht; es findet 
aber eine Wechselbeziehung der beiden Interessensphären statt; eine scharfe Schei- 
dung von Privatrecht und öffentlichem Recht ist nicht möglich, da die Interessen der 
Gesamtheit und des einzelnen vielfach auf einander angewiesen sind. 

Das Privatrecht ist grösstenteils Vermögensrecht. Dem öffentlichen Rechte 
gehören zu: Staatsrecht, Verwaltungsrecht, Polizeirecht, Strafrecht, Prozessrecht. — 
Wenn der Gesetzgeber sagt: Das Jagdrecht ist Ausfluss des Grundeigentumsrechts, so 
ist diese Bestimmung eine privat rechtliche; wenn er dann aber in Rücksicht auf die 
öffentliche Sicherheit, aus wirtschaftlichen und idealen Rücksichten die Jagdausübung 
beschränkt, so trifft er polizeirechtliche Bestimmungen; die Jagdpolizeigesetze enthalten 
also vorwiegend oder ausschliesslich öffentliches Recht ^). 

Das heutige deutsche bürgerliche Recht ist teils römischen, teils deutschen Ur- 
sprungs. Im alten Germanien hatte jeder Stamm sein eigenes Recht ; diese St ammesrechte 
(Volksrechte) wurden seit ungefähr 500 n. Chr. aufgezeichnet (Lex Salica, lex Ribua- 
ria u. s. w.). Im Mittelalter wurde in dem , heiligen römischen Reiche deutscher Nation" 
das römische Recht aufgenommen. Gleichwohl erhielten sich viele deutschrechtliche An- 
schauungen, namentlich auch forst- und agrarrechtliche. — Das Privatrecht, wie es nach 
der Aufnahme des römischen Rechts, in Deutschland — als allen Teilen gemeinsames Recht 
— galt, hiess gemeines Recht. Dies gemeine Recht wurde dann aber vielfach durch 
Partikularrechte der einzelnen Staaten verdrängt, namentlich in Preussen durch 
das Allgemeine Landrecht von 1 794. Auf dem linken Rheinufer galt der code 
civil Napoleons, ebenso in kleineren Gebieten auf dem rechten Rheinufer in der preussi- 
schen Rheinprovinz und in einer deutschen üebersetzuug als „Badisches Landrecht " in 
Baden. 

Ein für ganz Deutschland einheitliches bürgerliches Gesetzbuch ist ertt am 
1. Januar 1900 in Kraft getreten. In den Jahren 1874 bis 1888 wurde der erste Ent- 
wurf von einer nur aus Juristen bestehenden Kommission (jetzt sog. ersten Kommis- 
sion) fertiggestellt. Eine zweite Lesung fand 1891 bis 1895 statt; in dieser „zweiten 
Kommission^ sassen auch Nichtjuristen, namentlich Landforstmeister Bernhard 
Danckelmann'^). 

Gleichzeitig mit dem B.G.B. erlangten zahlreiche Nebengesetze Gesetzeskraft: 
1- vor allem das Einführungsgesetz (18. 8. 1896); dasselbe enthält a) allgemeine 
Bestimmungen, b) Bestimmungen über das Verhältnis des B.G.B. zu den Reichsgesetzen, 
c) zu den Landesgesetzen, d) Uebergangsvorschrif ten ; 2. Grundbuch Ordnung (24.3. 

1) Für das Staats- und Verwaltungsrecht vgl. namentlich das ausgezeichnete „Hand- 
buch der Verfassung und Verwaltung in Preussen und dem Deutschen Reiche" von Graf Hue 
de Grais (Regierungspräsident a. D.), 1902 in 15. Aufl., 644 Seiten, 7,50 M. — Vgl. ferner 
Bi ermann (Prof. in Giessen) Privatrecht und Polizei in Preussen, 1897. 

2) Im übrigen vgl. über die Entstehungsgeschichte Dickel, Das Deutsche bürgerliche 
Recht für Forstmänner (1900) § 3 S. 11 f. — Aus den Materialien seien hier erwähnt : 
1. Motive zum ersten Entwürfe des B.G.B., 5 Bd., 1888 flf., 2. Protokolle der zweiten Kom- 
mission, d. i. der Kommission für die zweite Lesung ; im Auftrage des Reichsjustizamts von 
Achilles, Gebhard, Spahn, 1897 flf. , 7 Bd., 3. Verhandlungen des preuss. Landcsökonomie- 
koUeginms in den landwirtschaftlichen Jahrbüchern von Thiel Bd. 18 (1889), Ergänzungs- 
band II, betreffend die Land- und Forstwirtschaft berührenden Fragen. 



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92 XIV. DickeK R^chtskunde. 

1897); 3. Gesetz über Zwangsversteigerung und Zwangsverwaltung von Grundstücken 
(24. 3. 1897); 4. Handelsgesetzbuch nebst Einführungsgesetz (10. 5. 1897); 5. Gesetz 
über die Angelegenheit der freiwilligen Gerichtsbarkeit (17. 5. 1898); femer Novellen 
zum Gerichtsverfassungsgesetz, zur Zivilprozess- und Konkursordnung. — Diese neuen 
Eeichsgesetze veranlassten zahlreiche neue Landesausführungsgesetze, landesherrliche 
Verordnungen und Ministerial Verfügungen^). 

2. Verhältnis des B.G.B. zum älteren Rechte: a) die R e i c h s gesetze bleiben be- 
stehen, soweit nicht das Gegenteil bestimmt ist (Art. 32 E.G.). b) Die Landes ge- 
setze privatrechtlichen Inhalts sind aufgehoben, soweit nicht Ausnahmen gemacht 
sind; diese Ausnahmen sind aber überaus zahlreich („Verlustliste des nationalen Ge- 
dankens** nannte ein Reichstagsabgeordneter die Art. 56 ff. des E.G.), namentlich ver- 
bleiben der Landesgesetzgebung folgende Materien: Jagd- und Fischereirecht ge- 
mäss Art. 69—72 E.G.; fast das ganze Agrarrecht, vgl. Art. 113, 114, 62 (Renten- 
güter), 63 (Erbpacht), 64 (Anerbenrecht); ferner Wasserrecht Art. 65; Bergrecht, 
Art. 67; Waldgenossenschaften Art. 83; Pfändungsrecht, Art. 89; Belastung von 
Grundstücken (Reallasten und Grunddienstbarkeiten) gemäss Art. 115, 117; Teilung 
von Grundstücken, Art. 119; Aneignung von Tauben im Freien, Art. 130; Beschrän- 
kung des Eigentums in Ansehung tatsächlicher Einwirkungen im öffentlichen Interesse, 
Art. 111; Enteignung im öffentlichen Interesse, Art. 109; Gesinderecht gemäss Art. 95. 

3. Im Gebiete des bürgerlichen Rechts unterscheidet man Vermögensrechte 
und Personen rechte: 

a) Vermögensrechte: 1. obligatorische oder Forderungsrechte, 2. 
dingliche oder Sachenrechte, 3. Erbrecht. — Das obligatorische Recht ist 
Recht eines Gläubigers gegen einen Schuldner auf eine Leistung; letztere kann auch 
ein Unterlassen sein, § 241 B.G.B; das B.G.B. nennt die obligatorischen Beziehungen 
Schuldverhältnisse. Das dingliche Recht unterwirft dem Berechtigten eine 
Sache unmittelbar. Kaufe ich von A. ein Pferd, so erlange ich dadurch ein Forde- 
rungsrecht, der Kauf begründet ein Schuldverhältnis zwischen A. und mir; kraft des- 
selben ist A. verpflichtet, mir das Pferd zu übergeben und mich zum Eigentümer zu 
machen; durch den Kaufvertrag erlange ich nur ein Recht auf Leistung gegen A., ge- 
langt das Pferd, bevor es mir übergeben wird, in den Besitz eines dritten, so kann 



3) Von den zahlreichen Ausgaben der Landes ausführungsgesetze und den Schriften 
über das übrige Landesprivatrecht seien hier erwähnt: 1. für Anhalt: Pannier, Die 
anhaltischen A.G. z. B.G.B. und dessen Nebengesetze, Textausgabe mit gutem Register, 2. für 
Baden Textausgabe der Ausf. -Gesetze nebst Verordn. bei Scherer in Karlsruhe, Kommentar 
z. A.G. V. E. Dorner, 3. für Bayern: Textausgabe der Ausf.-Ges. und Verordn . bei 
Beck , Ausgaben des Ausf.-Ges. mit Anmerk. M e i k e 1 (Inirz) , ausführlich : H e n 1 e und 
Schneider, ferner Böhm und Klein, 4. für Braunschweig amtliche Textausgabe 
bei Grevitz, mit gemeinverständlichen Anmerkungen. Brandis, Ausgabe des A.G. zum 
B.G.B., ferner A. Hampe, Das partikulare braunschweigische Privatrecht, 2. Aufl. 1901, 
5. für Elsass-Lothringen: Textausgabe der Ausftlhrungsgesetze im amtlichen Auf- 
trage bei Heinrich, femer Kommentare z. A.G. z. B.G.B. von E. Aron und von G. Mo- 
litor, 6. Hamburg: W. Bitter, Textausgabe der A.G. u. Verordn. mit kurzen An- 
merk., 7. für Hessen Ausg. der Ausf. -Gesetze von Best, 8. für beide Mecklenburg 
Ausgabe der Ausf. -Verordnungen von A. Langfeld (u. Brückner), 9. für Oldenburg: 
E. Ruhstrat, Das oldenburgische Landesprivatrecht, 10. für Preussen: zahlreiche 
Textausgaben z. B. bei C. Heymann und bei J. Guttentag erschienen. Kommentare z. A.G. von 
Krusen u. Müller 2 Bde. (sehr ausführlich), Stranz u. Gerhard (kürzer) , Samm- 
lung der noch geltenden preuss. Gesetze über Privatrecht: von A. Weissler 2 Bd., und 
von Fischer u. Schröder 2 Bd., 11. für Sachsen: Textausgabe der Ausf.-Ges. von 
Breit, 12. für Weimar Textausg. der A.G. (ohne Register) bei Böhlau. 



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Das Becht im objektiven Sinne. § 2. 93 

ich diesen nicht verklagen, da zwischen ihm nnd mir kein Schuldverhältnis besteht; 
wird mir das Pferd in Erfüllung des Vertrages übergeben, so erlange ich das Eigen- 
tam und also ein dingliches Recht, gelangt nun das Pferd zufällig in den Besitz eines 
dritten, so kann ich diesen kraft meines dinglichen Eechts verklagen; denn das ding- 
liche Recht besteht an der Sache und richtet sich also gegen jeden dritten. — Die 
Gesetze über Erbrecht regeln den üebergang des Vermögens eines Verstorbenen. 

b) Personenrechte: 1. Persönlichkeitsrechte z. B. das Recht auf den Namen 
(§ 12 B.G.B.). Persönlichkeitsrechte sind auch die Aneignungsrechte, soweit sie nicht 
Ausfluss des Eigentums sind; so auch das Jagdrecht, wo es nicht Ausfluss 4es Eigen- 
tums ist. 2. Familienrecht. 3. Vormundschaftsrecht. 

4. System. Das B.G.B. behandelt das bürgerliche Recht in 5 Büchern: I.All- 
gemeiner Teil, 2. Schuldverhältnisse, 3. Sachenrechte, 4. Familienrechte, 5. Erbrechte. 

II. Die Rechtsquellen. Dies sind die Quellen, aus denen das Recht im ob- 
jektiven Sinne geschöpft wird: Gesetz und Gewohnheitsrecht. Jenes entsteht 
durch den Willen des Gesetzgebers, dies durch die Rechtsüberzeugung des Volkes. 
Was jenes bestimmt, wird urkundlich festgestellt. Diese Feststellung erfolgt oft erst 
nach langjähriger Arbeit, z. B. beim B.G.B. : Vorkommission (1874), erste Kommission 
(1874—1888), öffentliche Kritik und Bearbeitung dieser Kritik (1888—1892), zweite 
Kommission (1892 — 1896), Beratungen im Bundesrate (Plenum , Ausschuss , nochmals 
Plenum), Reichstag, Kommission, 3 Lesungen im Plenum, Unterschrift des Kaisers und 
Gegenzeichnung des Reichskanzlers, Veröffentlichung im Reichsgesetzblatte (1896). Was 
das Gesetz bestimmt, ist aus dem Gesetzblatte des betreffenden Staates zu ersehen; 
die gewohnheitsrechtliche Bildung ist nur aus der gleichmässigen tatsächlichen üebung 
zu entnehmen. Das Gesetz heisst auch geschriebenes Recht, Gewohnheitsrecht 
heisst u n geschriebenes Recht. Das Gesetz gleicht, wie man wohl gesagt hat, der müh- 
sam erbohrten Quelle eines Badeortes, das Gewohnheitsrecht einer Gebirgsquelle. 

Gesetz im weitesten Sinne ist jede Regel der Notwendigkeit, z. B. Naturgesetz. 
Hier handelt es sich nur um Gesetz im Rechtssinne. — Wer der Gesetzgeber ist, be- 
stinunt die Verfassung. Im deutschen Reiche sind Bundesrat und Reichstag 
Gesetzgeber (§ 5 R.V.), dem Kaiser aber steht es zu, die Verkündung der Gesetze 
anzuordnen (Art. 17 R.V.); diese erfolgt „von Reichswegen" im Reichsgesetzblatte; 
wenn nichts anderes gesagt ist, tritt das Gesetz mit Beginn des 14. Tages nach Ab- 
lauf des Tages, an welchem das betreffende Blatt in Berlin ausgegeben ist, in Kraft. 
— Staatsverträge gelten als Gesetze der betreffenden Staaten. 

Das Wort „Gesetz" umfasst in unseren Gesetzen oft das Gewohnheitsrecht; es 
heisst in zahlreichen Gesetzen „Gesetz im Sinne dieses Gesetzes ist jede Rechts- 
n o r m", z. B. Art. 2 E.G. ; so auch in der Z.P.O. und Str.P.O., wenn es dort heisst, 
die Revision kann nur auf Gesetzesverletzung gestützt werden. 

In einem engsten Sinne ist Gesetz Gegensatz zur Verordnung. Vgl. darüber 
Dickel,^Das bürgerliche Recht für Forstmänner § 6 Anm. 37, 38. 

Das Gewohnheitsrecht heisst Observanz, wenn es nur einen engeren Geltungs- 
bereich hat, entweder örtlich, oder für eine bestimmte Art von Verbänden oder für 
Berufsgenossen u. s. w. 

Autonomie ist die Befugnis gewisser Verbände im Staate, sich selbst 
Recht zu setzen und zwar mit verbindlicher Kraft gegen Dritte ; dies kann geschehen 
durch Beschlüsse (Gesetze) oder durch tatsächliche Uebung auf Grund der Rechtsüber- 
zeugong (Gewohnheitsrecht). Das Recht der Autonomie steht zu: Den Familien des 
hohen Adels (vgl. Art. 57, 58 E.G.), den Gemeindeverbänden, der Kirche, anderen 
Korporationen des öffentlichen Rechts. 



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94 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

III. „Muss" und „Soll". Die Z.P.O. und ihr folgend andere Reichs- und Landes- 
gesetze, und so namentlich auch das B.Gr.B., unterscheiden scharf. „Muss" heisst : Die 
Vorschrift zwingt unbedingt, Nichtbeachtung hat Nichtigkeit zur Folge. „Soll" 
dagegen ist nur instruktioneil. Sowohl bei „Soll" wie bei „Muss" handelt es sich um 
einen Befehl , die Wirkung der Nichtbeachtung aber ist verschieden , z. B. §§ 56 AT. 
B.G.B. über die Voraussetzungen der Eintragung eines Vereins; die Eintragung soll 
nur erfolgen, wenn die Zahl der Mitglieder 7 beträgt, sind es nur 6 Mitglieder, so 
wird der Amtsrichter die Eintragung ablehnen, geschieht die Eintragung aber trotz 
der mangelnden Voraussetzung, so wird der Verein doch eine juristische Person; die 
Satzung muss den Zweck ... des Vereins angeben, erfolgt die Eintragung, obwohl 
der Zweck nicht angegeben ist , so wird der Verein trotz der Eintragung nicht juri- 
stische Person. 

Die meisten Bestimmungen der Zivilgesetze und namentlich des B.G.B. sind nicht 
zwingend, (dispositiv, nachgiebig), z.B. ich kaufe von einem Pferdehändler 
ein Pferd; nach B.G.B. sind Pferd und Preis Zug um Zug zu leisten, Erfüllungsort 
ist der W^ohnsitz des Verkäufers, Eigentum und Gefahr gehen mit der Uebergabe über 
u. 8. w. , die Vertragsgenossen aber können bestimmen: Der Preis solle gestundet 
werden, Erfüllungsort sei der Wohnsitz des Käufers oder ein dritter Ort, die Gefahr 
solle sofort mit Vertragsschluss übergehen, das Eigentum solle dem Verkäufer bis zur 
vollen Bezahlung des Preises vorbehalten bleiben. Die Bestimmungen im Gesetze dienen 
also nur als Reserve für den Fall, dass die Parteien über den betreffenden Punkt 
nichts vereinbart haben. 

IV. Nach ihrer Geltung teilt man die Rechtsvorschriften ein: 1. Gemeines 
Recht und Partikularrecht. Gemeines Recht ist das Recht, das allen Teilen 
des Staates gemeinsam ist, so früher das römische Recht in Deutschland nach der Auf- 
nahme, jetzt das B.G.B., die Reichsverfassung, das Strafgesetzbuch ; Partikular recht 
ist das nur in einem Teile des Staates geltende Recht (z. B. das Allgemeine Land- 
recht , das Recht einer Provinz , ein Landesgesetz über Forstdiebstahl u. s. w.). — 
2. Gemeines Recht und Sonderrecht; jenes gilt für alle (z. B. B.G.B.), dieses 
nur für eine Klasse bestimmter Personen, Sachen oder Rechtsverhältnisse (z. B. Privi- 
legien der regierenden Familien). 

Erster Teil. 
Das Deutsche bürgerliche Recht. 

Vorbemerkung. Wer sich mit dem deutschen bürgerlichen Rechte be- 
schäftigen will, bedarf unter allen Umständen einer Textausgabe des Bürgerlichen Ge- 
setzbuchs *). 

Literatur: Dickel, Das deutsche bürgerliche Recht für Forstmänner, 
1900 (10 M. , geb. 11 M.); Brandis (Oberamtsrichter in Braunschweig), Was der Land- 
wirt von dem B.G.B., der Grundbuchordnung, dem Handelsgesetzbuche und den einschlägigen 
Landesgesetzen wissen muss, 1900 (3 M.); Brühl (Oberlandesgerichtsrat zu Dresden), Das 
Recht des B.G.B. in seinen Beziehungen zur Landwirtschaft, 1900 (1 M.); Löwenherz 
(Amtsgerichtsrat zu Köln), Was der Landwirt aus dem B.G.B. wissen muss, 1900; Oert- 



4) Es giebt deren zahlreiche ; genannt seien hier : 1 . die von Prof. Hottinger im 
Selbstverlag, Berlin C, 50 Pf. (kleiner Druck), 2. die bei Vahlen in Beriin erschienene 
mit ausführlichem Sachregister, geb. 3,60 M., 3. die bei Albert Berg er in Leipzig (M ein- 
hol ds Jurist. Handbibl.) erschienene, geb. 2,50 M., 4. die bei 0. H. Beck in München, 
geb. 2,50 M. , 5. die von Achilles, 6. die von Fischer u. He nie, zu 5 u. 6 mit 
Anmerkungen, geb. 7 M. 



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Natürliche Personen. § 3. 95 

mann (Prof., jetzt in Erlangen), Die wirtschaftliche Bedeutung des B.G.B. , 5 Vorträge, 
gehalten im Verein für Volkswirtschaft und Gewerbe zu Frankfurt a. M.), 1900 ; S c h e p p 
(Landrat in Siegen), Das öffentliche Recht im B.G.B. , 1899 ; B o r n h a k (Prof. in Berlin), 
Das Verwaltungsrecht in Preussen unter der Herrschaft des B.G.B. , im Verwaltungsarchiv 
Bd. 8 S. 1 ff., auch besonders erschienen 1900. 

Von den grösseren Kommentaren zum B.G.B. seien erwähnt Planck, ferner v. Stau- 
dinger, in je 6 Bänden, der letztere berücksichtigt namentlich die bayerischen Rechtsver- 
hältnisse ; zum Einführungsgesetze zum B.G.B. noch besonders N i e d n e r ; von Lehrbüchern 
erwähne ich Dernburg, Das Bürgerliche Recht bisher 3 Bd. , Endemann, Einführung 
in das Studium des B.G.B., 3 Bd., Cr ome, System des Deutschen Bürgerlichen Rechts, bisher 
Bd. 1 (allg. Teil) und Bd. 2 (Schuldverhältnisse) erschienen. T u r n au und Förster (Reichs- 
gerichtsräte), Das Liegenschaftsrecht nach dem Deutschen Reichsgesetze und den Preussischen 
AnsfÜbrungsbestimmungen; für die Praxis bearbeitet, 1900, 2 starke Bände. 



Erstes Buch: Allgemeiner Teil. 

1. Abschnitt. 
Personen. 

Vorbemerkungen: 1. Person oder Rechtssubjekt ist alles, was Träger 
eines Rechts sein kann, d. h. jedes Subjekt, dem ein Recht zustehen kann. Es handelt 
sich hier also um Rechtsfähigkeit. Diese ist nicht zu verwechseln mit Handlungs- 
fähigkeit. Letztere ist die Fähigkeit , durch eigene Handlung Rechte zu er- 
werben. Ein Kind in der Wiege kann Eigentümer von Millionen sein, es kann auch 
weitere Rechte erwerben (kraft Gesetzes oder durch seinen gesetzlichen Vertreter, es 
ist rechtsfähig), aber es kann nicht durch eigene Handlungen Rechte erwerben (es 
ist nicht handlungsfähig). 

Person ist vor allem der Mensch; er ist die natürliche Person. Es giebt 
aber auch juristische Personen, so namentlich Staat, Gemeinde, Kirche und andere 
offentlichrechtliche Personen, Aktiengesellschaften und andere Vereine ; bei einigen von 
diesen juristischen Personen ist ihre Rechtssnbjektivität so selbstverständlich , wie die 
des Menschen als natürlicher Person, z. B. beim Staate; bei anderen juristischen Per- 
sonen ist die Verleihung der Rechtspersönlichkeit (Rechtsfähigkeit) bezw. die Ermög- 
lichnng ihres Erwerbs lediglich aus Zweckmässigkeitsrücksichten erfolgt, z. B. bei Ver- 
einen. Es giebt Genossenschaften, welche ohne Rechtsfähigkeit ihrer Aufgabe gar 
nicht gerecht werden können, z. B. Waldgenossenschaften; „Rechtsfähigkeit ist hier 
I^bensföhigkeit^ (vgl. Danckelmann Gemeindewald und Genossenwald S. 33). 

2. Der Ausländer wird im bürgerlichen Rechte dem Inländer im allgemeinen 
gleichgestellt; es giebt aber einige Ausnahmen, vgl. z. B. Art. 88 E.G. für den Er- 
werb von Grundstücken, vgl. fenier Art. 31 E.G. 

3. Als Persönlichkeitsrecht (vgl. oben S. 93 Abs. 2) wird im § 12 B.G.B. 
das Recht auf Namen behandelt. Der Schutz des § 12 steht nicht bloss dem Menschen, 
sondern auch der juristischen Person, namentlich dem eingetragenen Vereine zu; ge- 
schützt ist jedes (nicht bloss ein vermögensrechtliches, auch ein persönliches, ein ideales) 
Interesse. — (In gleicher Weise wie das Namensrecht gemessen andere Persönlich- 
keitsrechte des richterlichen Schutzes, z. B. die Ehre; so wenigstens nach der richtigen 
Ansicht). 

§3. Natürliche Personen. 1. Die Rechtsfähigkeit des Menschen be- 
ginnt mit der vollendeten Geburt (§ 1 B.G.B.) und endet mit dem Tode. Der Be- 
weis der Gebart und des Todes wird durch die vom Standesbeamten beglaubigten Aus- 



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96 XIV. Di ekel, Rechtskande. 

Züge aus den Geburts- und Sterberegistern des Standesamtes auf Grund des Reichs- 
gesetzes vom 6. Febr. 1875 geführt. 

2. Männer und Frauen sind in privatrechtlicher Hinsicht fast vollständig 
gleichgestellt, insbesondere ist die Frau geschäftsfähig, sie kann sich namentlich ver- 
bürgen; nach dem Tode des Mannes oder der sonstigen Beendigung der elterlichen 
Gewalt des Vaters hat sie die elterliche Gewalt über ihre ehelichen Kinder; sie kann 
auch Handelsfrau, z. B. Holzhändlerin sein, sie kann den Betrieb sogar ohne vorherige 
Einwilligung des Mannes beginnen, der Mann aber kann gemäss § 1354 B.G.B. Ein- 
stellung des Betriebes verlangen. 

3. Verwandtschaft undSchwägerschaft. Grossvater, Sohn, Enkel u.s.w. 
sind in grader Linie verwandt, Geschwister, Neffe und Oheim in der Seitenlinie. 

Oft kommt es auf die G r a d e s nähe an, z. B. bei der Beantwortung der Frage, 
wer Erbe sei (§§ 1924 ff. BGB.), ferner bei dem Zeugnisverweigerungsrechte (§ 51 
St.P.O., § 383 Z.P.O.). Der Grad der Verwandtschaft bestimmt sich nach der Zahl der 
sie vennittelnden Geburten (§ 1589 B.G.B.). Vater und Sohn sind also im 1. Grade, 
Grossvater und Enkel im 2. Grade verwandt. In der Seitenlinie ist auf den gemein- 
schaftlichen Vorfahr zurückzugehen, z. B. 



Die Geschwister b und c sind im 2. Grade, die Vettern d und e im 4. Grade, der 
Neffe d mit seinem Oheim c im 3. Grade verwandt. 

Verschwägert bin ich einerseits mit den Blutsverwandten meines Ehegatten und 
andererseits mit den Ehegatten meiner Blutsverwandten; Ijinie und Grad der Schwäger- 
schaft bestimmen sich nach der Linie und dem Grade der sie vermittelnden Verwandt- 
schaft (§ 1590). Man ist also z. B. mit den Schwiegereltern im 1. Grade, mit der 
Schwägerin im 2. Grade verschwägert. Mit den Ehegatten der Blutsverwandten meines 
Ehegatten (z. B. dem Manne der Schwester meiner Frau) und mit den Blut^svei'wandten 
der Ehegatten meiner Blutsverwandten (z. B. dem Bruder des Mannes meiner Schwester) 
bin ich nach unseren Gesetzen nicht verschwägert. 

4. Standes unterschiede spielen im B.G.B. in der Regel keine Rolle; soweit 
solche noch bestehen, sind sie in der Grundlage öffentlich rechtlicher Natur und 
gehören also nicht in das B.G.B. — a) Was die Geburts stände betrifft, so sind 
Art. 57, 58 E.G. zu erwähnen, welche die Rechte des hohen Adels betreffen; kraft der 
Vorbehalte für die Landesgesetze können letztere dem Stande einen Einfluss auf die 
Privatrechte gewähren, so z. B. in Bayern Beschränkung der Fideikommisse auf den 
Adel gemäss Art. 59 E.G.; r e i c h s gesetzliche Garantien für Erhaltung der Vorrechte 
des Adels giebt es nicht, sie hängen allein von der Landesgesetzgebung ab. — b) Der 
Berufs stand wird im B.G.B. hier und da berücksichtigt, z. B. Beamte (Abtretung 
des Rechts auf Diensteinkommen, § 411, Einfluss der Versetzung auf die Miete, § 570) 
Militärpersonen (Wohnsitz § 9). Von besonderer Bedeutung ist im H.G.B. der Handels- 
stand; für den Land- und Forstwirt aber kommt das H.G.B. in der Regel nur 
mittelbar in Betracht, soweit er nämlich zu dem Kaufmann in rechtliche Beziehung 
tritt , z. B. durch Verkauf von Holz an den Holzhändler ; hinsichtlich des Haupt- 
betriebes ist der Land- und Forstwirt niemals Kaufmann, hat er einen kaufmännischen 



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Natürliche Personen. § 3. 97 

Nebenbetrieb (z.B. Brennerei, Ziegelei), so kann er sich, wenn er will, ins Handels- 
register eintragen lassen und wird dadurch Kaufmann*^). 
Die §§ 1 bis 3 des H.G.B. lauten; 

§1. „Kaufmann im Sinne dieses Gesetzbuchs ist, wer ein Handelsgewerbe 
betreibt. 

Als Handelsgewerbe gilt jeder Gewerbebetrieb, der eine der nachstehend bezeich- 
neten Arten von Geschäften zum Gegenstande hat: 

1. die Anschaffung und Weiterveräusserung von beweglichen Sa- 
chen (Waren)", z. B. Holz, ,,oder Wertpapieren, ohne Unterschied, ob die Waren 
unverändert oder nach einer Bearbeitung oder Verarbeitung weiter veräussert werden; 

2. die Uebernahme der Bearbeitung oder Verarbeitung von Waren 
für andere, sofern derBetrieb über den Umfang des Handwerks 
hin ausgeht; 

3. die Uebernahme von Versicherungen gegen Prämie; 

4. die Bankier- und Geldwechslergeschäfte; 

5. die Uebernahme der Beförderung von Gütern oder Reisenden zur See, die Geschäfte der 
Frachtführer oder der zur Beförderung von Personen zu Lande oder auf Binnen- 
gewässern bestimmten Anstalten, sowie die Geschäfte der Schleppschiflfahrtsunternehmer ; 

6. die Geschäfte der Kommissionäre, der Spediteure oder der Lagerhalter; 

7. die Geschäfte der Handlungsagenten oder der Handelsmäkler" u. s. w. 

§ 2. „Ein gewerbliches Unternehmen, das nach Art und Umfang einen in 
kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert, 
gilt, auch wenn die Voraussetzungen des § 1 Abs. 2 nicht vorliegen, als Handelsgewerbe 
im Sinne dieses Gesetzbuchs, sofern die Firma des Unternehmers in das Handelsregister 
eingetragen worden ist. Der Unternehmer ist verpflichtet, die Eintragung nach 
den für die Eintragung kaufmännischer Firmen geltenden Vorschriften herbeizuführen." 

§ 3. „Auf den Betrieb der Land- und Forstwirtschaft finden die Vorschriften 
der §§ 1, 2 keine Anwendung. 

Ist mit dem Betriebe der Land- oder Forstwirtschaft ein Unternehmen verbunden, 
das nur ein Neben gewerbe des 1 a n d - oder f o r s t wirtschaftlichen Betriebs darstellt, 
so findet auf dieses der § 2 mit der Massgabe Anwendung, dass der Unternehmer berech- 
tigt, aber nicht verpflichtet ist, die Eintragung in das Handelsregister herbeizuführen; 
werden in dem Nebengewerbe Geschäfte der im § 1 bezeichneten Art geschlossen, so gilt 
der Betrieb dessenungeachtet nur dann als Handelsgewerbe, wenn der Unternehmer von 
der Befugnis, seine Firma gemäss § 2 in das Handelsregister eintragen zu lassen, Ge- 
brauch gemacht hat. Ist die Eintragung erfolgt, so findet eine Löschung der Firma nur 
nach den allgemeinen Vorschriften statt, welche für die Löschung kaufmännischer Firmen 
gelten." 

Der Kaufmann vermittelt zwischen dem Produzenten und Konsumenten. Der Land- 
und Forstwirt sind in ihrem Hauptbetriebe Produzenten. 

Zu bemerken ist noch, dass nach § 4 H.G.B. die Vorschriften über Firmen, Handels- 
bücher und die Prokura auf Handwerker, sowie auf Personen, deren Gewerbebetrieb nicht 
über den Umfang des Kleingewerbes hinausgehen, keine Anwendung finden (§ 4 H.G.B.). 
So unterscheidet man Minder kaufleute und Voll kauf leute. 

5. Altersstufen. Das B.G.B. unterscheidet Minderjährige (bis zum voll- 
endeten 21. Lebensjahre, § 2 B.G.B.) und Volljährige; bei den Minderjährigen kommt 
es darauf an, ob sie das 7. Jahr vollendet haben oder nicht; die letzteren (Kinder) 
sind völlig geschäftsunfähig, die Minderjährigen nach dem vollendeten 7. Lebensjahre 
sind beschränkt geschäftsfähig. — Wer das 18. Jahr vollendet hat, kann durch das 
Vormundschaftsgericht für volljährig erklärt werden und steht dann einem Volljährigen 
gleich (§ 3—5 B.G.B.). 

6. Geisteskranke und Geistesschwache, Verschwender, Trunken- 
bolde können nach § 6 B.G.B. entmündigt werden. Der Entmündigte erhält einen 
Vormund (§ 1896), er verliert alsdann auch die Vertretungsmacht gegenüber seinen 

5) VgL hiezu Dickel, Ztsch. f. F. u. J.-W. 1897. S. 27 ff., Ritter, „Landwirt- 
schaftliches Nebengewerbe" im Archiv f. bürgerl. R. von Kohler Bd. 20 S. 291. 

Handbuch d. Fontw. 3. Aufl. IT. 7 



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98 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Kindern (§§ 1676, 1686). Der wegen Geistes k r a n k h e i t Entmündigte ist völlig ge- 
schäftsunfähig ; die anderen werden in ihrer Geschäftsfähigkeit nur beschränkt (§§104, 
106, 114). — Schon vor der Entmündigung kann nach Stellung des Antrages auf Ent- 
mündigung eine vorläufige Vormundschaft eingeleitet werden (§§ 1906 — 1908); so- 
gar schon vorher kann nach Bedürfnis ein Pfleger bestellt werden (§ 1910 Abs. 2, 3). 

7. Wohnsitz, §§ 7 ff. B.G.B. Wenn jemand an einem Orte eine Wohnung 
bezieht, so hat er dort seinen Wohnort (zu unterscheiden vom Aufenthaltsort, 
bei dem es auf eine Wohnung nicht ankommt). Wohnsitz begründet jemand nur 
dann an seinem Wohnorte, wenn er sich „ständig niederlässt" ; die Absicht, nur 
vorübergehende Wohnung an dem Wohnort« zu nehmen, schliesst den Begriff des 
Wohnsitzes aus. Der Forstbeflissene, der sich zum Zwecke zweijährigen Studiums am 
Sitze der Forstakademie niederlässt, begründet dort zwar seinen Wohnort, aber nicht 
seinen Wohnsitz ; der neuernannte Oberförster, der seine Dienstwohnung oder eine ge- 
mietete Wohnung bezieht, begründet daselbst seinen Wohnsitz. Der Beamte hat am A mt s- 
sitze nicht notwendig seinen Wohnsitz im Sinne des B.G.B. ; er begründet dort den 
Wohnsitz nur, wenn er daselbst eine Wohnung bezieht. Wenn einige Gesetze vom 
„dienstlichen Wohnsitze* sprechen, so gilt dies nur für das betreffende Gesetz, 
z. B. in §§ 21, 22 des Reichsbeamtengesetzes, für das öffentliche Recht. 

Der Wohnsitz ist von grosser praktischer Bedeutung, namentlich nach §§ 269, 
270 B.G.B. für Bestimmung des Erfüllungsortes bei Schuldverhältnissen (in der Regel 
ist der Wohnsitz des Schuldners massgebend). 

Die Bestimmungen des B.G.B. über Wohnsitz sind, wie man annimmt, auch für 
die Reichsgesetze massgebend, soweit aus den betreftenden Gesetzen nicht etwas anderes 
folgt, z. B. für die Z.P.O. ; nicht minder entsprechend für die Landesgesetze (z. B. Jagd- 
scheingesetze), doch wird immer zunächst zu prüfen sein, ob nicht aus dem Zusammen- 
hange der betreffenden landesgesetzlichen Bestimmungen ein anderer Begriff des Wohn- 
sitzes abgeleitet werden muss. 

8. Das B.G.B. enthält in § 12 auch Bestimmungen über den Namen. Diese 
Vorschriften kommen hier weniger in Betracht. Zu erwähnen sind aber §§17 ff. H.G.B. 
über die Firma. Darunter versteht das H.G.B. den Namen, unter dem der Kauf- 
mann im Handel seine Geschäfte betreibt und die Unterschrift abgiebt; unter diesem 
Namen kann der Kaufmann auch klagen und verklagt werden. Die Firma kann mit 
dem Geschäfte, für welches sie geführt wird, veräussert werden. ^Firmen Wahrheit*" 
besteht nach unserem Handelsrechte nicht. W^er ist Inhaber der Holzhandlung „Fried- 
rich Lehmann" ? Aus der Firma ist dies nicht zu entnehmen ; bei Begründung des Ge- 
schäfts wird Friedrich Lehmann Inhaber gewesen sein, jetzt ist es vielleicht Adolf 
Schulze, der das Geschäft mit Firma gekauft hat ; vielleicht A. Schulze und B. Müller, 
die es gekauft haben. Das Handelsregister giebt bei eingetragenen Firmen Auskunft; 
das Register wird beim Amtsgericht geführt. Die Vorschriften des H.G.B. über Firmen 
linden auf Personen, deren Gewerbebetrieb nicht über den Umfang des Kleingewerbes 
hinausgeht, keine Anwendung (§ 4 H.G.B.). 

Lautet die Finna „Müller & Cie." so deutet dies auf eine Handelsgesellschaft 
hin (eine offene Handelsgesellschait oder eine Kommandit gesellschaft) ; doch ist 
es möglich, dass Schulze Inhaber ist, nachdem er das Geschäft mit der Finna gekauft 
hat. Die Firma einer Aktiengesellschaft, sowie die einer Kommanditgesellschaft auf 
Aktien wird in der Regel von dem Gegenstande des Unternehmens entlehnt, die erstere 
Firma hat ausserdem die Bezeichnung „Aktiengesellschaft", die letztere „Kommandit- 
gesellschaft auf Aktien". 

§ 4. Juristische Personen im allgemeinen. 1. Um eine juristische 



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Juristische Personen im allgemeinen. § 4. 99 

Person anzunehmen, müssen folgende 3 Voraussetzungen erfüllt sein: a) eine geeig- 
nete Grundlage; solche ist entweder eine Anzahl natürlicher oder mehrere juris- 
tische Personen (Verein) oder ein Vermögen (Stiftung, Anstalt), b) eine Verfas- 
sung, die namentlich zu bestimmen hat, wie die juristische Person, die ja selbst 
keinen Willen hat, vertreten wird, c) rechtliche Anerkennung. Hiemach ist 
z. B. das „Publikum" keine juristische Person; es fehlen Verfassung und rechtliche 
Anerkennung; folglich kann das Publikum z. B. keine Wegegerechtigkeit haben. 
(Eine ganz andere Frage ist die, ob ein solches Recht einer bestimmten Gemeinde 
für ihre Mitglieder zustehen kann , sog. Gemeindeservitut). Bei der Grunddienstbar- 
keit, z. B. Wegegerechtigkeit, handelt es sich — so sagt man — um das Recht eines 
„herrschenden" an einem „dienenden" Grundstücke; wäre dies juristisch wörtlich zu 
nehmen, so müsste man das „herrschende" Grundstück als juristische Person ansehen, 
denn alles, was Träger eines Rechtes sein kann, ist eine Person, entweder eine na- 
türliche oder eine juristische (vgl. oben S. 95 zu 1), es fehlt aber die gesetzliche An- 
erkennung der juristischen Person bei dem „herrschenden Grundstücke" ; als Berech- 
tigter ist der jeweilige Eigentümer des „herrschenden Grundstücks" zu denken. 

Eine Gesellschaft ist juristische Person, wenn sie als solche gesetzlich anerkannt 
ist, so z. B. die Aktiengesellschaft (§ 210 H.G.B.), dagegen nicht die offene Handels- 
gesellschaft, bei letzterer sind die jeweiligen Inhaber die Berechtigten und Ver- 
pflichteten. 

2. Die Rechts- und Erwerbsfähigkeit der juristischen Personen ist nicht die 
gleiche wie die der natürlichen Personen; selbstverständlich gilt nicht das Familien- 
recht für die juristischen Personen, aber auch im Vermögensrechte bestehen Be- 
schränkungen; das E.G. lässt nämlich die landesgesetzlichen Vorschriften unberührt, 
welche: a) den Erwerb von R. beschränken oder von staatlicher Genehmigung ab- 
hängig machen, soweit es sich um einen Wertgegenstand von mehr als 5000 M. han- 
delt (Art. 86 E.G.), b) den Erwerb von Grundstücken durch Ausländer von staatlicher 
Genehmigung abhängig machen (Art. 88 E.G.). — Soweit keine Ausnahmen gemacht 
sind, kann die juristische Person im Gebiete des Vermögensrechts ebenso Rechte er- 
werben, wie der Mensch, namentlich auch Besitz, und verpflichtet werden, namentlich 
durch unerlaubte Handlungen ihrer Vertreter. 

3. Man teilt die juristischen Personen ein in solche des bürgerlichen und des 
öffentlichen Rechts; letztere sind der Staat (namentlich auch als Träger von 
Vermögensrechten, Fiskus genannt) , die Verbände der politischen Gemeinden 
(Provinzen, Stadt- und Dorfgemeinden u. s. w.), die Kirche, gewisse An- 
stalten; für diese öflfentlichrechtlichen juristische Personen hat das B.G.B. nur die 
Vorschrift des § 89 ; das Weitere gehört nicht in das B.G.B. , da dies nur das bürger- 
liche Recht behandelt. 

Der Staat ist nur eine Person; der Fiskus ist keine besondere Person; die 
einzelnen fiskalischen Stationen (Kassen) sind keine selbständigen Personen ; sie können 
deshalb nicht mit einander in einen eigentlichen Rechtsverkehr treten, sondern nur 
in einem w^echselseitigen rechnungsmässigen Verhältnisse stehen, also auch keine Pro- 
zesse gegen einander führen. Die Vertretung des Fiskus ist in der Weise unter ver- 
schiedene Staatsbehörden geteilt, dass jeder einzelnen von ihnen „für einen bestimmten 
örtlich und sachlich abgegrenzten Kreis von vermögensrechtlichen Angelegenheiten des 
Staats die Befugnis zur Vertretung beigelegt ist" (vgl. Entsch. d. preuss. O.V.G. Bd. 
11 S. 61, Bd. 21 S. 788, Bd. 35 S. 293, 294, Bd. 36 S. 18). Nur in solchem Sinne 
kann man von Forstftskus, Militärfiskus u. s. w. sprechen. Folglich sind „Abmach- 
ungen zwischen verschiedenen staatlichen Vermögensverwaltungen, welche äusserlich 

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100 XIV. Di ekel, Rechtskande. 

als Verträge erscheinen, wie z. B. die üeberlassung eines Grundstücks seitens des 
Forstfiskus an den Militärfiskus weiter nichts als Verwaltnngsmassregeln im Interesse 
eines ordnungsmässigen Haushalts" (Stengel S. 25). 

In Deutschland sind nun aber natürlich Reichsfiskus und Landesfiskus 
verschiedene juristische Personen, können also namentlich Verträge mit einander 
schliessen und Prozesse gegen einander fuhren. 

Der Landesfiskus geniesst gewisse Privilegien, an denen in jedem einzelnen 
Lande auch der Reichsfiskus teilnimmt, so namentlich Steuerfreiheit. Das B.G.B. 
giebt dem Fiskus das Recht auf das Vermögen eines aufgelösten Vereins (§ 45) oder 
einer aufgehobenen Stiftung (§ 88), auf ein aufgegebenes Grundstück (§ 928), auf 
erblose Verlassenschaft (§ 1936, Fiskus wird Erbe) ; vgl. auch Art. 139 E.G. z. B.G.B. 

Der allgemeine Gerichtsstand des Fiskus wird durch den Sitz der Be- 
hörde bestimmt, welche berufen ist, ihn in dem Rechtsstreite zu vertreten (§ 18 Z.P.O.). 

Nicht zu verwechseln mit den politischen Gemeinden sind die sog. Realge- 
meinden. Darunter, im weiteren Sinne des Worts, versteht man alle Arten der 
(hauptsächlich gewohnheitsrecht entstandenen) agrarischen und forstwirtschaft- 
lichen Genossenschaften, bei denen die Berechtigung der Mitglieder regelmässig 
an den Besitz von Grund und Boden geknüpft ist, bisweilen aber auch ohne solchen 
Besitz besteht; sie kommen unter den verschiedensten Namen vor: Markgenossen- 
schaften, Märkergenossenschaften, Nutzungsgemeinden, Rechtsame-Gemeinden, Interessen- 
schaftsforsten, Halben-Gebrauchswaldungen, Haubergsgenossenschaften, Gehöferschaften 
u. s. w. — Diese „ Realgemeinden *^ werden in Art. 164 E.G. z. B.G.B. erwähnt ; die 
Frage aber, ob sie juristische Personen sind, wird offengelassen; fast überall gelten 
sie als solche, für Bayern vgl. aber Staudinger Vorträge aus dem Gebiete des 
B.G.B. S. 157: 

„Im Bayerischen Rechte unterscheidet man bezüglich der Gemeindenutzungsrechte 
bekanntlich, je nachdem dieselben im Gemeindeverbande i\Tirzeln oder privatrechtlicher 
Natur sind. Daran ändert sich durch das B.G.B. gar nichts. Derartige Nutzungsrechte, 
welche im politischen Gemeindeverbande begründet sind, stellen sich einfach als Attribute 
der (lemeindezugehörigkeit dar. In Bezug aber auf die Gesamtheit der Träger von Ge- 
meindenutzungsrechten, welche auf privatrechtlicher Grundlage beruhen, ist bisher gewöhn- 
lich überhaupt nicht eine eigentliche Juristische Person, d. h. weder eine solche des öffent- 
lichen noch des bürgerlichen Rechts, angenommen worden. Vor Gericht wenigstens sind 
jene privatrechtlich Nutzungsberechtigten regelmässig als Streitgenossen gestanden." 

Zu den juristischen Personen des öffentlichen Rechts gehören auch die 
Zwangsinnungen (Gewerbeordnung), die juristischen Personen der sozialpolitischen 
Gesetze: Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Versicherungsanstalten; nach Lan- 
des recht auch die Zwangsgenossenschaften : Jagd-, Fischerei-, Wald-, Wasser-Ge- 
nossenschaften , ferner Universitäten und andere höhere Schulen, Landwirtschafts- 
kammern u. s. w. 

Nach § 89 B.G.B. sind die oben genannten juristischen Personen des öffentlichen 
Rechts für den Schaden verantwortlich, den ein verfassungsmässig berufener Vertreter 
durch eine in Ausführung der ihm zustehenden Verrichtungen begangene, zum Schadens- 
ersatze verpflichtende Handlung einem dritten zufügt (§ 31). Diese Bestimmung gilt 
aber nicht bei schädigenden Handlungen, die ein Vertreter oder Beamter in Ausübung 
der ihm anvertrauten öffentlichen Gewalt vorgenommen hat, wegen solcher be- 
steht Haftung der juristischen Person nach den Landesgesetzen (Art. 77 E.G. z. B.G.B), 
ausgenommen Grundbuchbeamte (vgl. § 12 G.B.O., unten § 64 Abs. 1). 

Juristische Personen des Privat rechts sind: a) Vereine, b) Stiftungen. 
Näher zu erörtern sind hier nur die Vereine^ Ueber Stiftungen vgl. §§ 80 ff. B.G.B. 



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Vereine. § 5. 101 

§ 5. Vereine. Das Vereinsrecht ist teils öff entliclies und teils bürger- 
liches Recht; das B.G.B. behandelt nur das letztere und auch dies nur zum geringen 
Teile. Zunächst gelten nämlich 1. die besonderen Reichsgesetze, wie sie für 
einzelne V. erlassen sind z. B. für Aktiengesellschaften im H.G.B., für Genossen- 
schaften (mit unbeschränkter Haftpflicht, mit unbeschränkter Nachschusspflicht und mit 
beschränkter Haftpflicht) im Ges. vom 1. Mai 1889, jetzt 20. Mai 1898, für einge- 
schriebene Hilfskassen nach dem Ges. vom 7. April 1876; 2. die besonderen Lan- 
desgesetze in den ihnen vorbehaltenen Materien, z. B. Jagd- und Fischereirecht 
(Art. 69), namentlich auch — auf Antrag von Danckelmann aufgenommen — für 
Waldgenossenschaften (Art. 83)*^). — Fehlt es in den Sondergesetzen an 
Vorschriften, so treten ergänzend die Bestimmungen des B.G.B. ein. In folgendem 
werden nur die Vorschriften des B.G.B. kurz erörtert: 

1. Zu unterscheiden sind Vereine mit Rechtsfähigkeit und ohne solche. Letztere 
sind gar keine juristischen Personen; sie haben keine Rechtsfähigkeit und werden 
nach den Vorschriften des B.G.B. über Gesellschaften, §§ 705 flg. behandelt. Wer 
namens eines solchen nicht rechtsfähigen Vereins einem dritten gegenüber ein Rechts- 
geschäft vornimmt, z. B. mit ihm einen Vertrag schliesst, haftet persönlich 
(mehrere als Gesamtschuldner), § 54 B.G.B. ; dasselbe gilt für ausländische juris- 
tische Personen, welche als solche in Deutschland nicht anerkannt sind (Art. 10 E.G.). 
§ 54 gilt aber nicht für Vereine , die schon vor 1900 bestanden , da das B.G.B. dem 
§ 54 rückwirkende Kraft nicht beilegt (vgl. S. 102 zu 6). 

2. Für den Erwerb der Rechtsfähigkeit sind an sich ganz verschiedene 
Möglichkeiten gegeben : a) der Gesetzgeber überlässt es den Vereinen, sich selbst nach 
ihrem Belieben Rechtsfähigkeit beizulegen (System der freien Körperschafts- 
bildung), b) entgegengesetztes Extrem: der Staat entscheidet in jedem einzelnen 
Falle, ob er die Rechtsfähigkeit verleihen will (Konzessionssystem), c) in der Mitte 
zwischen diesen beiden Systemen: der Staat stellt gewisse Bedingungen und bestimmt, 
dass jeder Verein Rechtsfähigkeit haben soll, falls er diese Bedingungen erfüllt (Sy- 
stem der Normati vbestimmungen) (und zwar entweder ohne oder mit dem 
Zwange der Eintragung in ein Register). 

Das B.G.B. unterscheidet bei inländischen Vereinen : a) solche, deren Z w e c k 
auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet ist, die also Produktion 
oder Umsatz wirtschaftlicher Güter geschäftsmässig betreiben, z. B. Silos; b) solche 
bei denen dies nicht der Fall ist, z. B. der „Deutsche Forstverein", die „Deutsche 
Versuchsanstalt für Prüfung der Handfeuerwaffen" zu Haiensee bei Berlin (beide ein- 
getragen beim Amtsgerichte zu Charlottenburg). Bei den Vereinen zu a) wird die 
Rechtsföhigkeit durch Verleihung des betreffenden Staates (§ 22 B.G.B.), bei letzteren 
durch Eintragung in das Vermögensregister des Amtsgerichts erworben (§ 21 B.G.B.). 
Das B.G.B. hat also das System der freien Körperschaftsbildung verworfen und bei 
Vereinen mit idealem Zwecke das System der Normativbestimmungen mit Register- 
zwang , im übrigen das Konzessionssystem angenommen ; auch bei den V. mit idealem 
Zwecke spielt die Konzession insofern eine hervorragende Rolle, als die Verwaltungs- 
behörde die Eintragung der religiösen, politischen und sozialpolitischen Vereine nach 
Belieben verbieten kann. Die preussische Verwaltungsbehörde, in deren Gebiet der 
Deutsche Forstverein seinen Sitz hat, hätte hiernach die Eintragung des Deutschen 
Forstvereins verhindern können, da er sich unzweifelhaft mit Sozialpolitik beschäftigt ; 



6) Vgl. Protokolle Bd. 6 S. 494 ff. (Das Wesentliche mitgeteilt von D i c k e 1 § 22 
Anm. 107). 



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102 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

sie hat aber der Eintragung nicht widersprochen. 

3. Für die Verfassung des V. sind zunächst gewisse Vorschriften des B.G.B. 
massgebend, die zwingender Natur sind (vgl. oben § 2 zu III), z. B. § 26, dass 
der V. einen Vorstand haben muss, sodann kommt es auf die Satzung des V. an 
und erst wenn es an einer Bestimmung derselben fehlt, auf die dispositiven Vor- 
schriften des B.O.B. Welche Bestimmungen des B.G.B. zwingender und welche nach- 
giebiger Natur sind, ergibt sich aus § 40 B.G.B. — Im übrigen vgl. Dickel S. 54 ff. 

4. Die Auflösung eines V. erfolgt durch Beschluss der Mitgliederversammlung 
(Mehrheit von Tö^o erforderlich); vgl. § 41 B.G.B. 

5. Der V. verliert die Rechtsfähigkeit a) durch Konkurseröffnung, § 42, b) durch 
Entziehung gemäss §§ 43, 44 und 73 B.G.B. 

6. Da die Gesetze, soweit das Gegenteil bestimmt ist, keine rückwirkende Kraft 
haben, so gelten die Bestimmungen des B.G.B. über juristische Personen nur soweit, 
als dies besonders bestimmt ist, vgl. Art. 163 E.G. — Für gewisse juristische Per- 
sonen bleiben die landesgesetzlichen Bestimmungen massgebend, namentlich in Preussen 
für die Realgemeinden und ähnliche Verbände, deren Mitglieder als solche zu Nutz- 
ungen an land- und forstwirtschaftlichen Grundstücken berechtigt sind, für land- 
schaftliche und ritt«rschaftliche Kreditanstalten, Art. 164, 167 E.G., in Bayern ge- 
mäss Art. 165, in Sachsen gemäss Art. 166 E.G. 

2. Abschnitt. 
Sachen. 

§ 6. Im allgemeinen. Sachen im Sinne des B.G.B. sind körperliche 
Gegenstände (§ 90 B.G.B.) z. B. ein Grundstück, ein Stück Holz; doch nur solche 
Gegenstände, die sich im Verketir belinden, also nicht die Luft, die Wasserwelle, da- 
gegen wohl der Raum über der Erdoberfläche eines Grundstücks (Luftsäule, Wasser- 
säule). — In einem weiteren Sinne versteht die Rechtswissenschaft unter Sache auch 
Rechte und Handlungen, also alles, was Gegenstand von Rechten sein kann. Wenn 
aber das B.G.B. von Sachen spricht, ohne das Recht oder die Handlung daneben zu 
erwähnen, so meint der Gesetzgeber nur körperlichen Gegenstand. 

Man unterscheidet verschiedene Arten von Sachen: 

1. Sachen, die unbeschränkt, und solche, die nur beschränkt verkehrs- 
fähig sind; jene heissen gewöhnlich res in commercio, diese res extra commercium. Zu 
der letzteren Art gehören namentlich die im Gemeingebrauche des sog. Publikums 
stehenden Sachen (öffentliche Strassen, Plätze, Flüsse, Brücken, Brunnen), ferner das 
sog. Verwaltungsvermögen des Staates und der Gemeindeverbände (z. B. Gebäude für 
öfTentliche Behörden, Festungen). Die Zweckbestimmung derartiger Sachen darf nicht 
durch privatrechtliche Einwirkungen in Frage gezogen werden ; deshalb ist namentlich 
Ersitzung entgegen dem öffentlichen Zwecke ausgeschlossen. Im übrigen sind bür- 
gerliche Rechte zulässig: vor allem Eigentum (gewöhnlich des Staates, der Gemeinde, 
oder anderer öfTentlichrechtlicher Personen, bisweilen auch einer Privatperson); ferner 
Nachbarrecht, Miete-Pacht. 

Das B.G.B. spricht von den beschränkt-verkehrsfähigen Sachen nicht, weil die 
Beschränkungen dem öffentlichen Rechte angehören und letzteres im B.G.B. nicht ge- 
regelt ist. Soweit Privatrecht in Betracht kommt, sind im E.G. Vorbehalte zu gunsten 
der Landesgesetzgebung gemacht, z. B. Art. 65 für Wasserrecht, Art. 113 für Regu- 
lierung der Wege. (Vergl. Forstass. Dr. v. Eschstruth, „Der öffentliche Weg**; Ber- 
liner Diss., 1902). 

Die Anlieger haben der Regel nach kein privatrechtliches Benutzungsrecht 



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Sachen im allgemeinen. § 6. 103 

an öffentlichen Wegen; ihr Recht beruht regelmässig auf demselben Rechtsgrunde, auf 
dem das Recht jedermanns beruht; deshalb ist aber auch das Interesse der Anlieger 
ein öffentliches Verkehrsinteresse, ebenso wie beim Durchgangsverkehr, und ist von 
der Wegepolizeibehörde zu schützen; so gemäss O.V.G Bd. 32 S. 213, 36 S. 232. 

Von Domänen spricht das B.G.B. nicht. Für Staatsdomänen gilt zunächst das 
Landesrecht, weil es sich bei ihnen um öffentliches Recht handelt. Für die Domänen 
der in Art. 57, 58 benannten hohen Familien sind zunächst Hausverfassungen und 
Landesgesetze massgebend, erst danach kommt das B.G.B. in Frage ^). 

2. Bewegliche Sachen oder Fahrnis (Mobilien) und unbewegliche Sachen 
oder Grundstücke, Liegenschaften (Immobilien) ®). — Diese Einteilung — im römischen 
Rechte fast bedeutungslos — war im germanischen Rechte die Grundlage des ganzen 
Sachenrechts und behielt auch im Mittelalter die grösste Bedeutung; auf dem Grund- 
besitze ruhte der ganze Bau des öffentlichen Rechts; dies ist heute, nachdem beweg- 
liches und unbewegliches Vermögen in der Hauptsache gleichwertig geworden sind, 
nicht mehr der Fall, aber der Besitz des beweglichen Vermögens gewährt eine andere 
soziale Stellung und obwohl die neue Gesetzgebung in vieler Hinsicht das Immobiliar- 
vermögen mobilisiert hat, so ist doch das Grundstück nicht zur W^are geworden. Die 
Unterscheidung von Fahrnis und Liegenschaft behenscht das ganze Sachenrecht des 
B.G.B.; auch insofern tritt der Unterschied zwischen beiden hervor, als im E.G. für 
das Liegenschaftsrecht sehr viel öfter, als für das Fahrnisrecht auf die Landesgesetz- 
gebung verwiesen ist. 

Grundstöcke sind Teile der Erdobei-fiäche und die mit ihr fest verbundenen 
Sachen. Gewisse Rechte sind den Grundstücken gleichgestellt, so dass auf sie „die 
sich auf Grundstücke beziehenden Vorschriften" Anwendung finden, so im B.G.B. das 
Erbbaurecht (§ 1017). — Man unterscheidet einfache und zusammengesetzte 
Grundstücke; erstere bilden einen einheitlichen Flächenabschnitt, von letzteren spricht 
man, wenn räumlich gesonderte Flächen wirtschaftlich eine Einheit bilden (z. B. Ritter- 
gut, Bauerngut, Wirtschaft, Stelle, Nahrung). Das B.G.B. gestattet Vereinigung und 
Zuschreibung (§ 890) ; für beide Fälle ist nur vorausgesetzt, dass keine Verwirrung zu 
besorgen ist (§ 5 R.G.O); nach Art. 110 Nr. 3 E.G. kann die Landesgesetzgebung die 
Vereinigung wie auch die Zuschreibung untersagen oder beschränken. 

In einigen Bestimmungen spricht das B.G.B. von landwirtschaftlichen 
Grundstücken; dies sind solche Grundstücke, welche dem Landbau gewidmet sind; 
entsprechend spricht es einmal von forstwirtschaftlichen Grundstücken (Art. 164 E.G). 
In mehreren Stellen spricht das B.G.B. von „Landgut"; dies ist ein Grundstück, 
das zum selbständigen Betrieb der Landwirtschaft eingerichtet ist; es können auch 
mehrere Grundstücke sein, die grundbnchmässig getrennt sind, aber wirtschaftlich eine 
Einheit bilden. Ein einzelner Acker ist ein landwirtschaftliches Grundstück, aber kein 
Landgut ; Voraussetzung für letzteres sind namentlich die erforderlichen Baulichkeiten. 

3. Vertretbare und nicht vertretbare Sachen. Unter jenen (auch 
f u n g i b 1 e Sachen genannt) versteht man „b e weglicheSachen, die imVerkehre 
nach Zahl, Mass oder Gewicht bestimmt zu werden pflegen", § 91 B.G.B., na- 
mentlich Geld; nicht vertretbar (species) heisst die individuell bestimmte Sache, 
z. B. ich leihe jemandem 100 M. (Darlehn, § 607), der Empfänger muss mir Sachen 
in gleicher Art (also 100 M.) zurückerstatten; ich leihe jemandem ein Buch (Leihe, 
§ 598), er muss mir das ihm gegebene Buch zurückgeben. Verkaufe ich 1000 Fest- 

7) Für Preussen vgl. T u r n a u - F ö r s t e r Bd. 2 S. 348 ff. 

8) Für das Liegenschaftsrecht ist namentlich T.u rnau-Förster zu ver- 
gleichen. 



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104 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

meter „Grubenholz", so handelt es sich um vertretbare Sachen, verkaufe ich eine be- 
stimmte Eiche in meinem Walde, so wird der Veiixag über eine nicht vertretbare 
Sache geschlossen. 

Als vertretbare Sachen kommen namentlich Geld und Wertpapiere 
in Betracht. Wertpapiere sind Urkunden. Nicht alle Urkunden aber sind Wertpapiere. 
Urkunden haben verschiedene rechtliche Bedeutung: a) sie dienen einem Forderungs- 
rechte, so z. B. der Schuldschein der Darlehnsf orderung ; letztere ist die Hauptsache, 
ersterer ist Zubehör (vgl. z. B. § 952 B.G.B.) ; b) umgekehrt kann ein Forderungs- 
recht derart verbrieft sein , dass seine Existenz an die Urkunde geknüpft ist ; eine 
solche Urkunde ist ein W e r t p a p i e r. Das Recht ist, wie man es ausdrückt, in der 
Urkunde verkörpert; letztere istTrägerin desRechts; dies kann ohne 
die Urkunde weder entstehen, noch ausgeübt, noch auf einen andern übertragen werden. 
In Wirklichkeit handelt es sich um das Recht; im Rechtsverkehr aber wird es 
so angesehen, als hätte das Papier selbst — das doch nur eine fast wertlose Sache 
ist — den Wert. Wer Eigentümer des Papiers ist, ist der Forderungsberechtigte, 
wer den Besitz des Papiers hat, kann das Recht ausüben, wem das Papier verpfändet 
ist, hat ein Pfandrecht an der Forderung. 

Man unterscheidet folgende Arten der Wertpapiere: 

I. Nach der rechtlichen Beschaffenheit des in der Urkunde verkörperten Rechts: 

1. F r d e r u n g s Wertpapiere (über ein Schuldverhältnis); nur diese sind oben im Texte 
erwähnt; es giebt aber auch 

2. 8 a c h e n rechtliche Wertpapiere über dingliche Rechte, 

a) liegenschaftsrechtliche z. B. Grundschuldbriefe. 

b) fahrnisrechtliche, z. B. Ladescheine der Frachtführer; 

3. personenrechtliche über Geschäftsanteile, namentlich Aktien. 

II. Nach Art der Bestimmung des Berechtigten: 

1. Inhaber papiere. Sie lauten auf den Inhaber ; diese sind die vollkommensten 
Wertpapiere, vgl. namentlich §§ 793 ff. (unten § 55). Die Uebertragung geschieht einfach 
durch Ueberlieferung. (Keine Wertpapiere sind Einlasskarten, Garderobemarken und andere 
Legitimations papiere auf Inhaber, sog. hinkende Inhaberpapiere.) 

2. Namens papiere. Diese lauten auf den Namen einer bestimmten Person, z. B. 
Anweisungen, §§ 783 ff. (vgl. unten § 54). Die Namenspapiere sind wieder einzuteilen in 

a) Order papiere. Diese können durch Indossament übergeben werden. Einige 
sind Orderpapiere kraft Gesetzes, so namentlich der Wechsel, andere nur, soweit der Ge- 
setzgeber es gestattet, wenn sie an Order lauten, z. B. kaufmännische Verpflichtungs- 
scheine (z. B. der Kaufmann schreibt: ich zahle 10 000 Mark an Herrn X oder dessen 
Order). — üeber die Bedeutung des Indossaments vgl. unten § 35 Anm. 1). 

b) Rektapapiere, d. h. solche, die nicht durch Indossament übertragen werden 
können, z. B. Grundschulden auf Namen. Wechsel mit der Klausel „zahlen Sie an Herrn X, 
nicht an dessen Order", (Rektaklausel), Aktien auf Namen mit Rektaklausel. (Es 
giebt auch „Legitimations papiere" auf Namen, bei denen der Verpflichtete berechtigt 
ist, ohne weitere Prüfung der Legitimation des Berechtigten, an den Vorzeiger des Papiers 
zu leisten, aber auch einen weiteren Ausweis verlangen darf ; sog. hinkende Namens- 
papiere, so namentlich Sparkassenbücher, Versicherungsscheine, Cheks ; vgl. § 808 B.G.B.) 

4. Verbrauchbare und nicht verbrauchbare Sachen. Verbrauchbar 
sind nach § 92 B.G.B. : a) der Natur der Sache gemäss: bewegliche Sachen, deren 
bestimmungsmässigerGebrauch imVerbrauche besteht, z. B. Brenn- 
holz, (Verbrauch im eigentlichen Sinne), b) kraft gesetzlicher Vorschrift: aach 
bewegliche Sachen, deren bestimmungsmässigerGebrauch in der 
Veräusserung besteht, z.B. Geld, Banknoten (Verbrauch im uneigentlichen 
Sinne), c) kraft gesetzlicher Fiktion: bewegliche Sachen, die zu einem Waren- 
lager oder zu einem sonstigen Sachinbegriffe gehören, dessen b e s t i m- 
mungs massiger Gebrauch in der Veräusserung der einzelnen Sachen 



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Sachen im allgemeinen. § 6. 105 

besteht, z. B. Holz des Holzhändlers. , 

5. Teilbare und unteilbar e Sachen. N a t ü r 1 i c h teilbar ist jede körper- 
liche Sache, z. B. ein Stück Holz, ein Grundstück, ein Tier. Rechtlich teilbar 
aber ist ein Tier nicht, ist eine Sache überhaupt nur dann, wenn sie sich ohne Ver- 
minderung des Wertes in gleichartige Sachen zerteilen lässt, z. B. ein Stück Holz. 
Ein Grundstück ist teilbar , aber in der Regel nur vertikal (perpendikulär), 
nicht horizontal; das in Süddeutschland häutiger vorkommende Stockwerkseigen- 
tum (Primus kann Eigentümer des Grund und Bodens, Sekundus Eigentümer des 
unteren Stocks, Tertius des obem Stocks sein u. s. w.) ist ins B.G.B. nicht aufge- 
nommen, aber nach Art. 182 des E.G. da, wo es vor 1900 bestand, in Kraft erhalten. 

— Auch die vertikale Teilung ist aus wirtschaftlichen Gründen oft gesetzlich ausge- 
schlossen oder nur beschränkt zugelassen gewesen ; derartige Beschränkungen in der 
Landesgesetzgebung sind nach Massgabe des Art. 119 KG. aufrecht erhalten (vgl. 
unten im Sachenrechte § 65). 

6. Sache (Sacheinheit) und S a c h t e i 1 e. Die Sache kann eine ein- 
fache sein, z. B. ein Baumstamm, oder eine zusammengesetzte, z. B. ein Theodolit. 

— Das B.G.B. unterscheidet wesentliche und unwesentliche Bestandteile. 
Unter den wensentlichen Bestandteilen versteht es nicht etwa, wie man zunächst denken 
mochte, die Bestandteile, welche das Wesen der Sacheinheit ausmachen, (was man sonst 
gewöhnlich Substanz nannte) , d. h. die Teile , ohne die sie nicht das sein kann , was 
sie sein soll. Das B.G.B. fasst den Begriff der wesentlichen Bestandteile in einem 
ganz anderen Sinne, wie man nach dem Worte annehmen möchte, in einem viel weiteren 
Sinne : als die Bestandteile, die von einander nicht getrennt werden können, ohne dass 
der eine oder der andere zerstört oder in seinem Wesen verändert wird, § 93 B.G.B. 
Hiemach kommt es nicht darauf an, ob es der Sache wesentlich ist, den be- 
treffenden Bestandteil zu haben, sondern darauf, ob es dem Bestandteile wesent- 
lich ist, mit dem betreffenden anderen Bestandteile verbunden zu sein. Die „Zer- 
störung*', von der das Gesetz spricht, ist nicht, wie man zunächst denken könnte, 
eine reale; gemeint ist eine wirtschaftliche; der Bestandteil ist im Sinne des 
§ 93 „zerstört*, wenn er durch die Trennung seine wirtschaftliche Bedeutung verliert. 
„In seinem Wesen verändert" ist der Bestandteil, wenn die wirtschaftliche 
Bedeutung eine wesentliche andere wird, als sie vorher war. 

Besondere dingliche Rechte lässt das B.G.B. an diesen Bestandteilen 
nicht zu, z. B. eine in einem Walde stehende 200jährige Eiche ist Bestandteil meines 
Grundstücks und zwar wesentlicher Bestandteil; mein Eigentumsrecht an dem Grund- 
stück erstreckt sich natürlich auch auf die Eiche , die an dem Grundstücke bestehen- 
den dinglichen Rechte dritter, z. B. Niessbrauch, Hypothek, bestehen auch an der Eiche 
als einem Teile des Grundstücks. Ein anderes dingliches Recht aber, wie am ganzen 
Grundstücke, kann an der Eiche, solange der Stamm noch mit dem Boden verbunden 
ist, nicht bestehen, es ist unmöglich, dass ein dritter Eigentümer des stehenden Baumes sei. 
Den letzteren kann ich zwar verkaufen, da durch den Kaufvertrag nur ein persönliches 
(obligatorisches) Recht (vgl. oben § 2 zu 3) erworben wird, auch kann ich, wie die 
herrschende Ansicht der Juristen annimmt, den Baum dem Käufer übergeben (§ 865 
B.G.B.), aber Eigentümer kann der Käufer vor der Trennung nicht werden. 

Zu den wesentlichen Bestandteilen eines Grundstücks gehören nach § 94 
Abs. 1 B.G.B. in der Regel die mit dem Grund und Boden fest verbundenen 
Sachen, namentlich die Gebäude, auch die Erzeugnisse des Grundstücks, so 
lange sie mit dem Boden zusammenhängen (also jeder Baum im W^alde, jeder Ast, 
jedes Blatt am Baume, jeder Pilz im Walde, jeder Grashalm auf der Wiese); Samen 



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106 XIV. Dickcl, Rechtskunde. 

wird mit dem Aussäen, eine Pflanze wird mit dem Einpflanzen wesentlicher Bestand- 
teil des Grundstücks. Zu wesentlichen Bestandteilen eines Gebäudes gehören in 
der Regel die zur Herstellung des Gebäudes eingefügten Sachen (also jeder Stein in 
der Mauer, jeder Ziegel auf dem Dache), § 94 Abs. 2 B.G.B. Werden fremde Sachen 
eingepflanzt oder eingebaut, so geht das fremde Eigentum unter; „solo cedit quod solo 
inaediticatur, implantatur" ; „alle Balken in der Scheuer gehören zu der Scheuer'*. 
Der bisherige Eigentümer der fremden Sache hat nur einen Schadensersatzanspruch 
gegen den, der eingepflanzt oder eingebaut hat, bezw. einen Anspruch aus ungerecht- 
fertigter Bereicherung gegen den Bereicherten (vgl. unter „Verbindung"; § 946 ff. 
B.G.B.). 

Von den vorstehend mitgeteilten Regeln gibt es aber Ausnahmen: 1. Zu 
den Bestandteilen gehören nicht die nur zu einem vorübergehenden Zwecke mit 
dem Boden verbundenen Sachen, z. B. Ausstellungsgebäude, Scheuer des Pächters, die nach 
beendeter Pacht wieder abgerissen werden soll. Pflanzen in der Baumschule zum Ver- 
setzen (§ 95 Abs. 1 B.G.B.) ; 2. zu den Bestandteilen gehört auch nicht ein Gebäude 
oder anderes Werk , das in Ausübung eines Rechts an einem fremden 
Grundstücke von dem Berechtigten mit dem Grundstücke verbunden worden ist, 
z. B. in Ausübung einer Grunddienstbarkeit wiid ein Wehr gemacht (§ 1021), i§ 95 
Abs. 1); 3. Sachen, die nur zu einem vorübergehenden Zwecke in ein Ge- 
bäude eingefügt sind, z. B. Haken zur Anlegung der Leiter während Vornahme 
einer Ausbesserung (§ 95 Abs. 2) ; 4. das Sonde reigentum an stehenden Erzeug- 
nissen, insbesondere an Bäumen, soweit es vor 1900 bestand, ist bestehen geblieben 
(Art. 181 Abs. 2 E.G.^), ebenso das schon oben erwähnte S to ck Werkseigentum 
(Art. 182); 5. nach §§ 810, 824 Z.P.O. können Früchte auf dem Halme (frühe- 
stens einen Monat vor der gewöhnlichen Zeit der Reife) im Wege der Zwangsvoll- 
streckung vom Gerichtsvollzieher gepfändet werden; diese Bestimmungen der Z.P.O. 
sind als r e i c h s gesetzliche durch Art. 32 E.G. gedeckt. Man hat gefragt, ob zu den 
„Früchten auf dem Halme** auch stehende Bäume gehörten. Einem Forstmanne wird 
es nicht zweifelhaft sein, dass stehendes Holz nicht so bezeichnet werden kann, und 
dass man bei ihm nicht von Reife im Sinne der Halmfrüchte sprechen kann. 

Nach § 96 B.G.B. gehören zu den Bestandteilen — nicht aber zu den „wesent- 
lichen" — auch die Rechte, welche mit dem Eigentum an einem Grundstücke 
verbunden sind. Diese Rechte werden in der Wissenschaft gewöhnlich Re airechte, 
vom A.L.R. „subjektiv-dingliche" Rechte genannt; hauptsächlich kommen in 
Betracht die Grunddienstbarkeiten (§ 1018), Reallasten (§§ 1105, 1110) und Vorkaufs- 
rechte (§§ 1105, 1110), wenn sie so bestellt sind; vgl. auch § 913 B.G.B. Ob zu 
diesen Realrechten auch das Jagd- und Fischereirecht gehört, ist streitig; darüber 
unten im Jagdrechte. 

7. Hauptsache und Zubehör. Soll eine Sache dazu bestimmt werden, 
dem wirtschaftlichen Zwecke einer anderen Sache (als der Hauptsache) zu dienen, so 
kann dies in zweierlei Art geschehen ; entweder, die Nebensache wird mit der Haupt- 
sache dauernd verbunden, wird Teil der Hauptsache (Bestandteil, wesentlicher Be- 
standteil), oder die Nebensache bleibt eine Sache für sich, wird aber ihrer nun- 
mehrigen Zweckbestimmung gemäss zu der Hauptsache in das erforderliche räumliche 
Verhältnis gebracht (Zubehör), z. B. das Schloss an der Tür des Pflanzgartens ist 

9) Vgl. hiezu Niedner zu Art. 181 Nr. 5 gegen Ende (S. 372): In Preussen 
namentlich Rechte an dem wildaufwachsenden Holze (§§ 187, 197, 200 A.L.R. I, 22), im Ge- 
biete des französischen Rechts, z. B. Sondereigentum an den vom Anlieger einer öffent- 
lichen Strasse auf diese gepflanzten Bäume ; in Württemberg an Obstbäumen. 



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Frucht. § 7. 107 

Bestandteil des Zaunes und also des Grundstücks (es ist wesentlicher Bestandteil .und 
kann also nicht Gegenstand anderer dinglicher Rechte, als der an dem Grundstücke 
bestehenden Hechte) sein; der Schlüssel zu dem Schlosse ist Zubehör, nicht Bestand- 
teil, er kann also Gegenstand besonderer Rechte sein, ja sogar im Eigentume eines 
Dritten stehen (letzteres war nach einigen früheren Gesetzen, namentlich nach A.L.R., 
unmöglich). 

Zubehör kann nach B.G.B. nur eine bewegliche Sache sein; und Zubehör 
ist eine Sache nur, wenn folgende 3 Voraussetzungen erfüllt sind: a) ein massgeben- 
der Wille, welcher die Sache mit rechtlicher Wirksamkeit dazu bestimmt, 
dauernd dem wirtschaftlichen Zwecke der Hauptsache zu dienen, ohne Be- 
standteil zu werden ; b) ein entsprechendes räumlichesVerhältnis; c)die 
Sache muss im Verkehr als Zubehör gelten. Hiernach sind Zubehöre : der Schlüssel 
des Hauses bezw. des betreffenden Behältnisses , das Stativ des Theodoliten , Karten 
und Risse und Urkunden über die Rechtsverhältnisse des Grundstücks, Holz aus dem 
Walde des Grundstücks, soweit es bis zum nächsten Holzschlage für die Wirtschaft 
des Grundstücks erforderlich ist. — Vgl. noch § 952 B.G.B. : leihe ich jemandem 
1000 M. und lasse mir einen Schuldschein geben, so ist der letztere Zubehör der Dar- 
lehnsforderung. — Vielfach wird das Jagdrecht ein Zubehör des Eigentumsrechts ge- 
nannt; dies wäre richtig, wenn das Jagdrecht ein selbständiges Recht neben dem Eigen- 
tum an Grund und Boden wäre (was einige Schriftsteller annehmen), es ist aber nicht 
richtig , wenn man das Jagdrecht als Ausfluss des Grundeigentumsrechts ansieht. 
Darüber unten im Jagdrecht. — Nähere Bestimmungen über die Zubehörstücke eines 
Gebäudes und eines Landgutes trifft § 98 B.G.B. 

In den der Landesgesetzgebnng vorbehaltenen Materien können die Voraussetz- 
ungen des Zubehörs anders geregelt und kann namentlich auch bestimmt sein, dass ein 
Grandstück Zubehör sein kann (vgl. z. B. § 4 des preussischen Gesetzes vom 8. 6. 1896 
betreffend das Anerbenrecht bei Rentengütern). 

Das B.G.B. gibt: a) Auslegungsregeln (z. B. § 314, § 1062 B.G.B.), b) einige 
Bestimmungen von unmittelbarer sachenrechtlicher Bedeutung (z. B. § 926, § 1031 B.G.B.). 

8. Einzelne Sache und Sach Inbegriff. Werden mehrere für sich bestehende 
Sachen zu einem wirtschaftlichen Zwecke dauernd vereinigt, so ist zu unterscheiden, 
ob die eine Sache Hauptsache und die andere Nebensache ist. Ist dies der Fall, so 
ergibt sich der oben zu 7 erörterte Begriff von Hauptsache und Zubehör. Ist es nicht 
der Fall, so hat man den Begriff des Sachinbegriffs oder der Gesamtsache. 
Geboren dazu nur körperliche Sachen, so spricht man von körperlichem Inbegriffe 
(universitas facti) z. B. eine Herde, ein Stoss Holz, das Gutsinventar; gehören dazu 
auch Rechte, so nennt man ihn unkörperlichen (universitas juris) z. B. das Gesamt- 
verraögen einer Person , auch die Sonder Vermögensmasse (wie z. B. das Gesell- 
schaftsvermögen, eingebrachtes Vermögen der Frau). 

Da das B.G.B. keine Bestimmungen über Gesamtsachen hat, so wird angenommen, 
dass jedes Stück der Gesamtsache eine Sache für sich bleibt, dass also an ihm auch be- 
sondere Rechte Dritter bestehen können, so bleibt ein in meinem Stosse Holz versehent- 
lich eingelegtes fremdes Stück im Eigentum des Dritten trotz der Einlegung, das an 
einem Stücke bestehende Pfandrecht eines Dritten bleibt trotz der Einlegung bestehen. 

Von der Gesamtsache zu unterscheiden ist die Mengesa che z. B. Pulver, 
Schrot, Getreide, Bienenschwarm; bei dieser gilt das einzelne Stück nicht als Sache 
un Rechtssinne, als letztere gilt nur die Menge; die verschiedenen dazu gehörigen 
Stücke bilden eine Einheit (vgl. z. B. §§ 961 ff. über den Bienenschwarm). 

§ 7. Frucht. Das B.G.B. hält sich nicht an den wirtschaftlichen Begriff der 



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108 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Frucht, gibt vielmehr einen rein juristischen Begriff. „Früchte einer Sache 
sind die Erzeugnisse derSache und die sonstige Ausbeute, welche 
aus der Sache ihrer Bestimmung gemäss gewonnen wird." — Vom 
wirtschaftlichen Standpunkt ist Frucht Ertrag; sie macht den Ertragswert der Haupt- 
sache aus, setzt also voraus, dass sie (regelmässig) wiederkehre; von diesem Stand- 
punkt aus ist zwar das Obst des Obstbaumes Frucht, nicht aber Obstbaum Frucht des 
Grundstücks, sind Bäume des Waldes nur Früchte, soweit sie forstwirtschaftlich schlag- 
bar sind, nicht aber Windbruch, Schneebruch. Nach der Begriffsbestimmung des B.G.B. 
sind alle Bäume als Erzeugnisse des Bodens Flüchte desselben. — Der wirtschaftliche 
Begriif der Frucht findet seine Grenze in der ordnungsmässigen Wirtschaft; darauf 
kommt es nach B.G.B. nicht an; auch die durch Raubbau gewonnenen Erträge sind 
nach B.G.B. Früchte. — Nach B.G.B. sind auch die nutzbaren Bodenbestandteile, 
welche sich nicht erneuern, Früchte, falls es sich nur um eine Ausbeute handelt, die 
aus der Sache ihrer Bestimmung gemäss gewonnen wird. — Im ersten Augenblicke 
befremden diese Ergebnisse, die Begründung zu den entsprechenden Bestimmungen des 
1. Entwurfes (Bd. 3 S. 68) aber hat den formal-juristischen Fruchtbegriff folgender- 
massen gerechtfertigt: Die in dem geltenden Rechte hervortretende Beschränkung des 
Fruchtbegriffs auf die Erzeugnisse, welche ohne Verminderung der Substanz der Sache 
aus der letzteren gezogen werden könnten, verdunkele den Begriff, indem sie 
in ihn ein Moment hineintrage , das seine Bedeutung nur für das einem anderen 
als dem Eigentümer der Sache zustehende Recht zum Fruchtbezuge habe; 
wenn dem Pächter und dem Niessbraucher grundsätzlich nur diejenigen Erzeugnisse 
gebührten, deren Gewinnung zur bestimmungsmässigen bezw. wirtschaftlichen Nutzung 
der Sache gehörte, so werde hierdurch nur der Inhalt des Pachtrechts und des 
Niessbrauchs, nicht aber auch der Fruchtbegriff berührt; dieser Begriff 
müsse, um ihm die sachgemässe Verwendung im Gesetzbuche zu sichern, unabhängig 
von dem Inhalte des jeweiligen Rechts zum Fruchtbezuge bestimmt 
werden. 

Das B.G.B. beseitigt die nachteiligen Folgerungen aus seinem Fruchtbegriffe: 1. 
bei der Pacht durch § 581 Abs. 1; der Pächter hat nicht das Recht auf alle Früchte, 
sondern nur auf die, welche nach den Regeln einer ordnungsmässigen 
Wirtschaft als Ertrag anzusehen sind. Hätte der Pächter den Genuss der 
Früchte im Sinne des Fruchtbegriffs des B.G.B., so könnte er Obstbäume, Zierbäume 
als Brennmaterial verwenden oder als Nutzholz verkaufen; da er aber nur das Recht 
auf Frucht hat, die nach den Regeln einer ordnungsmässigen Wirtschaft als Ertrag 
anzusehen sind, so gebührt ihm zwar das Obst, nicht aber der Obstbaum; eignet er 
ihn sich gleichwohl zu, so haftet er auf Schadensersatz und macht sich strafbar ; auch 
der dritte, welcher diese vom Pächter rechtswidrig genommene Sache, mit dem Be- 
wusstsein, dass der Pächter rechtswidrig handelt, kauft, ist strafrechtlich verantwort- 
lich (als Teilnehmer der Unterschlagung oder als Hehler). — 2. Der Niessbraucher 
erwirbt alle Früchte im Sinne des B.G.B., nach § 1039 Satz 1, auch das Eigentum 
„von solchen Früchten, die er den Regeln einer ordnungsmässigen Wirtschaft zuwider 
oder die er deshalb im Uebermasse zieht, weil dies in Folge eines besonderen Ereig- 
nisses notwendig geworden ist", z. B. infolge von Windbruch, Schneebruch, Raupen- 
frass, Wildschälen. Die Rechte des Niessbrauchers gehen also viel weiter als die 
Rechte des Pächters ; jedoch gilt dies nicht für alle rechtlichen Beziehungen des Niess- 
brauchers ; es gilt nur Sachen rechtlich, also für die Frage des Eigentums erwerbs. 
Dem Eigentümer gegenüber ist der Niessbraucher (o b 1 i g a t o r i s c h also, 
vgl. oben § 2 Abs. 5) gemäss § 1039 Satz 2 B.G.B.: a)für Verschulden haftbar 



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Nutzung. § 8. 109 

(also gemäss § 249 B.G.B. namentlich auf sofortige Herausgabe der im Uebermasse 
gezogenen Früchte), b) auch wenn kein Verschulden vorliegt, „verpflichtet, den Wert 
der Früchte dem Eigentümer bei der Beendigung des Niessbrauchs zu ersetzen und 
für die Erfüllung dieser Verpflichtung Sicherheit zu leisten**, „sowohl der Eigentümer 
als der Niessbraucher kann verlangen, dass der zu ersetzende Betrag zur Wiederher- 
stellung der Sache insoweit ven^^endet wird, als es einer ordnungsmässigen Wirtschaft 
entspricht," Abs. 2 des § 1039. „Wird die Verwendung zur Wiederherstellung der 
Sache nicht verlangt, so fällt die Ersatzpflicht weg, soweit durch den ordnungswidrigen 
oder den übermässigen Fruchtbezug die dem Niessbraucher gebührenden Nutzungen 
beeinträchtigt werden". — Nach dem Gesagten wird der Niessbraucher Eigentümer 
auch des Holzes, das er gegen alle Regeln ordentlicher Forstwirtschaft schlägt, selbst 
dann, wenn er dabei wider besseres Wissen handelt; durch den Verkauf des Holzes 
macht er sich nicht strafbar, da er ja Eigentümer ist, der Käufer kann ebensowenig 
strafrechtlich belangt werden, da er vom Eigentümer erwarb, deren Kenntnis des Käu- 
fers von dem völlig unsachmässigen Verhalten des Niessbrauchers ist unerheblich, der 
dritte haftet selbst in diesem letzteren Falle nicht zivilrechtlich; denkbar wäre die 
Haftung aus § 826 B.G.B. (vgl. unten § 58 zu 4); der Niessbraucher allein haftet 
zivilrechtlich für Verschulden und gemäss § 1039. Hiernach ist dem Eigentümer zu 
raten, den Niessbraucher zu überwachen und einzuschreiten, sobald der Niessbraucher 
anföngt, die Grenze des Erlaubten zu überschreiten oder dazu Anstalten macht ; nötigen- 
falls kann der Eigentümer auf Unterlassung klagen und Erlass einstweiliger Verfügung 
nach §§ 935 ff. Z.P.O. beantragen (in schleunigen Fällen auch wenn der Streitgegen- 
stand mehr als 300 M. betraf, beim Amtsgericht, §942Z.P.O.). — 3. Wenn es sich 
um ein Grundstück samt Inventar handelt, so kommen in Betracht : a) § 
586 Abs. 2 für die Pacht, b) § 1048 für den Niessbrauch. — 4. Für das Verhältnis 
des Vor erben zum Nach erben (d. h. für den Fall, dass zunächst der eine, und erst 
nach einiger Zeit, etwa nach dem Tode desselben, ein anderer Erbe werden soll) trifft 
§ 2133 B.G.B. Bestimmung. — 5. Im Hypothekenrechte kommt der wirt- 
schaftliche Gesichtspunkt in § 1122 zur Geltung. — 6. lieber die Haftung des 
redlichen Besitzers einer fremden Sache vgl. § 993 B.G.B. und Dickel S. 90. 

Das B.G.B. bestimmt in § 99 weiter: 

Absatz 2: „Früchte eines Rechtes sind die Erträge, welche das Recht seiner 
Bestimmung gemäss gewährt, insbesondere bei einem Rechte auf Gewinnung von Boden- 
bestandteilen die gewonnenen Bestandteile. '^ 

Absatz 3: „Früchte sind auch die Erträge, welche eine Sache oder ein Recht 
vermöge eines Rechtsverhältnisses gewährt." 

Die Früchte im Sinne des Abs. 3 heissen bürgerliche Früchte im Gegen- 
satze zu den natürlichen Früchten; als bürgerliche Früchte kommen namentlich 
Miet- und Pachtzinsen in Betracht. § 99 Abs. 2 bezieht sich auf die natürlichen 
Früchte eines Rechtes z. B. Zinsen einer Forderung , Leistungen auf Grund der 
Reallast; bei einem Recht auf Gewinnung von Erzeugnissen und Bodenbestandteilen 
sind die gewonnenen Erzeugnisse und Bodenbestandteile die natürlichen Früchte des 
Rechts. Als Früchte eines Rechts gelten nur Erträge, also z. B. bei einer Hypo- 
thek zu 4^/4^0, wobei ^/4**/o Amortisationsquote ist, nur die 4®/o. 

Grosser Streit besteht darüber, ob die jagdbaren Tiere oder wenigstens die 
Jagdbeute Frucht des Grundstücks ist, darüber unten im Jagdrecht. 

§ 8. Nutzung. § 100 B.G.B.: „Nutzungen sind die Früchte einer Sache 
oder eines Rechts, sowie die Vorteile, welche der Gebrauch der Sache oder eines Rechts 
gewährt,** also Früchte und Gebrauchsvorteile. Dazu gehört auch die Jagd; ist die 



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110 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Jagdbeute nicht Frucht des Grundstücks, so ist doch die Jagd gewiss Gebrauchsvorteil 
(ob des Grundstücks oder des Jagdrechts , davon unten im Jagdrecht) ; also hat der 
Niessbraucher eines Grundstücks unzweifelhaft Anspruch auf den Jagdertrag. Der in 
einem Grundstück entdeckte Schatz ist sicher keine Frucht, er ist aber auch, obwohl 
ein Vorteil, kein Gebrauchs vorteil und also nicht Nutzung. — Streit herrscht, ob 
die gemäss § 910 B.G.B. vom Eigentümer eines Grundstücks abgeschnittenen Wurzeln 
und Zweige, welche vom Nachbargrundstück eingedrungen sind, zu den Nutzungen 
meines Grundstücks gehören. Planck (zu § 100 B.G.B. bejaht, „obwohl dies zweifel- 
haft ist"*, Rehbein (zu § 100 B.G.B.) verneint, da das Recht nur der Abwehr von 
Schaden diene. Die letztere Ansicht dürfte die richtigere sein ; der Eigentümer behält 
die Wurzeln und Zweige als ein Aequivalent für seine Arbeit; dass dies die Absicht 
des Gesetzgebers war, ergiebt sich schlagend daraus, dass der Eigentümer die Zweige 
erst abschneiden und behalten darf, nachdem die dem Nachbar gesetzte angemessene 
Frist erfolglos verstrichen ist; hieraus muss man entnehmen, dass der Eigentümer 
kein Recht auf Wurzeln und Zweige als eine Nutzung hat. 

§9. Auseinandersetzung. § 101 B.G.B. bestimmt : Ist jemand berech- 
tigt, die Früchte einer Sache oder eines Rechts bis zu einer bestimmten Zeit oder 
von einer bestimmten Zeit an zu beziehen, so kommt es für die Auseinandersetzung 
zunächst auf die für den Fall getroffene Bestimmung an, z. B. X hat in seinem 
Testamente den E zum Erben eingesetzt, den Niessbrauch an seinem Walde aber dem 
N auf Lebenslang vermacht; hier muss zwischen dem E und N eine Auseinander- 
setzung zu Beginn des Niessbrauchs (Tod des Erblassers), eine solche zwischen dem 
E, oder falls er inzwischen verstorben ist, seinen Erben und den Erben des N nach 
beendetem Niessbrauch erfolgen; für diese Auseinandersetzung kommt es an ei*ster 
Stelle auf die Bestimmungen in dem Testament an. Fehlt es an solchen besonderen 
Bestimmungen, so erhält der, welcher die Früchte zu beziehen hat (in dem soeben ge- 
setzten Beispiele der N oder später dessen Erbe) : a)die natürlichen Früchte, 
soweit sie während der Dauer der Berechtigung von der Sache getrennt werden, 
b) die bürgerlichen Früchte, in der Regel soweit sie während der Dauer der 
Berechtigung fällig werden, dagegen einen der Dauer derBerechtigung ent- 
sprechenden Teil, wenn die Früchte in der Vergütung für die Ueberlassung des 
Gebrauchs oder des Fruchtgenusses, in Zinsen, Gewinnanteilen oder anderen regelmässig 
wiederkehrenden Erträgen bestehen ; diese letztere aus dem deutschen Rechte ent- 
nommene Bestimmung erscheint im § 100 als die Ausnahme, sie ist aber offenbar 
praktisch die Regel. 

Z. B. im obengesetzten Falle stirbt X am 1. November 1902, der Niessbraucher 
N erhält an natürlichen Früchten von den bereits 1902 getrennten nichts, er nimmt also 
namentlich keinen Anteil an der 1902 gezogenen Ernte von dem Felde, wurde im Forste 
Holz geschlagen, so erhält er von den bis 31. Oktober 1902 geschlagenen Stämmen nichts, 
dagegen alles Holz , das nun weiter vom 1 . November ab geschlagen wird ; anders bei 
Miet- und Pachtzinsen : hat der Erblasser X diese Zinsen am 1 . Oktober für die Zeit vom 
1. Oktober bis 31. Dezember 1902 eingezogen, so muss der Erbe E den auf die Zeit 
vom 1. November ab zu rechnenden Betrag dem N erstatten; entsprechend bei den Leis- 
tungen auf (irund einer Reallast (Dickel S. 98 Abs. 1). — Stirbt nun N am 15. Mai 1903. 
so erlischt sein Niessbrauchsrecht (§ 10(51 B.(i.B.), deshalb wird eine neue Auseinander- 
setzung, diesmal zwischen den Erben des N und dem E notwendig : an natürlichen Früchten 
erhalten die ersteren nur die vom 1. November 1902 bis 15. Mai 1903 getrennten, von 
den für April bis Juni 1903 eingezogenen Miet- und Pachtzinsen müssen sie die Hälfte 
an den E herauszahlen, hinsichtlich der natürlichen Früchte können die Erben des N 
die Gewinnungskosten in Rechnung stellen (§ 102 B.G.B.). Nach dem Gesagten kann der 
Fall eintreten, dass während der Dauer des Niessbrauchs natürliche Früchte nicht getrennt 
werden und dass bürgerliche Früchte überhaupt nicht in Frage stehen, alsdann würde es 



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Rechtsgeschäfte. Begriff und Arten. § 11. 111 

in dem soeben gesetzten Falle dahin kommen, dass der Niessbraucher und seine Erben gar 
keine Früchte bezögen, dass sie vielmehr nur die Gewinnungskosten in Rechnung stellen 
könnten. Dies erscheint nicht gerecht, da der Niessbraucher während der Dauer seines 
Rechts die Lasten trägt, namentlich die Hypothekenzinsen bezahlen muss (§ 1047 B.G.B.). 
Das Allg. L.R. vennied das bedauerliche Ergebnis, indem es die Teilung auch der natür- 
lichen Früchte während des betreffenden Wirtschaftsjahres anordnete ; vgl. hierüber Dickel 
S. 92 Anm. 169. 
Ist jemand zur Heransgabe von Früchten verpflichtet, so kann er Ersatz der Ge- 
winnungskosten verlangen, soweit sie einer ordnungsmässigen Wirtschaft entsprechen 
und den Wert der Früchte nicht übersteigen (§ 102 B.G.B.). üeber die Bedeutung 
der Verpflichtung zur Tragung der Lasten einer Sache oder eines Rechts trifft § 103 
Bestimmung: wer bis zu einer bestimmten Zeit oder von einer bestimmten Zeit an 
verpflichtet ist, die Lasten zu tragen, hat, sofern nicht etwas anderes für den be- 
treffenden Fall bestimmt ist, die regelmässig wiederkehrenden Lasten nach dem Ver- 
hältnisse der Dauer seiner Verpflichtung, andere Lasten insoweit zu tragen, als sie 
während der Dauer seiner Verpflichtung zu entrichten sind. 

3. Abschnitt. 
Berechtigungen. 

§ 10. Im allgemeinen. Berechtigungen (Rechte im subjektiven Sinne) sind die 
Befugnisse der Person auf Grund des Rechts im objektiven Sinne (der Rechtsnorm), 
vgl. oben § 1 Abs. 1. — Sie entstehen durch Handlungen (z. B. aus Verträgen), 
durch Zufall (z. B. auf Grund der geschlossenen Feuerversicherung das Recht auf 
Bezahlung der Versicherungssumme durch die infolge Blitzschlages eif olgte Einäscherung 
des Gebäudes), durch Z e i t a b 1 a u f (z. B. durch Ersitzung) u. s. w. 

Man unterscheidet verschiedene Arten von Berechtigungen, namentlich: a) ab- 
solute und relative; erstere richten sich grundsätzlich gegen jeden Dritten, z.B. 
Eigentum, Grunddienstbarkeitsrechte und alle anderen dinglichen Rechte, jeder Dritte 
kann, rechtlich betrachtet, in die Lage kommen, das Recht zu stören; bei dem rela- 
tiven Rechte steht dem Berechtigten eine bestimmte Person, oder es stehen mehrere 
bestimmte Personen gegenüber, z. B. beim Kaufe Verkäufer und Käufer. Der Fiskus 
hat im fiskalischen Walde Holz schlagen lassen und mir verkauft, aber noch nicht 
übergeben; ein Dritter eignet sich das Holz rechtswidrig zu: eine Klage gegen den 
Dritten steht nur dem Fiskus, nicht mir zu; da mir das Holz noch nicht übergeben 
war, so ist der Fiskus nach wie vor Eigentümer, kraft dieses absoluten Rechts kann 
er gegen den Dritten auf Herausgabe klagen (dingliche Klage) ; ich kann nicht 
gegen den Dritten klagen, da ich auf Grund des Kaufes nur ein relatives Recht gegen 
meinen Vertragsgenossen, den Fiskus , habe (persönliche Klage). — b) H a u p t- 
reohte und Neben rechte. Letztere können nur in V e r b i n d u n g mit einem andern 
Rechte bestehen, z. B. Zinsenrechte nicht ohne Rechte auf Kapital. 

Die Rechtsgeschäfte. 

§ 11. Begriff und Arten. Rechtsgeschäft im vSinne des bürgerlichen Rechts 
ist eine Handlung, welche sich richtet auf Begründung oder Veränderung oder Auf- 
hebung einer Berechtigung , aber nur die erlaubte Handlung kommt in Betracht 
und auch nur die P r i v a t handlung. Kein Rechtsgeschäft ist hiernach die Wild- 
dieberei, die Sachbeschädigung; kein Rechtsgeschäft ist die öffentlich-rechtliche 
Handlnnfc des Beamten, z. B. Verfügung einer Verwaltungsbehörde, dagegen wohl das 
Angebot znm Verkaufe von Holz durch den fiskalischen Beamten, da diese Handlung 



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112 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

eine privatrechtliche ist. 

Man unterscheidet: 1. einseitige und zweiseitige Rechtsgeschäfte. Jene 
werden durch den Willen einer Person ins Leben gerufen, z. B. Aneignung herren- 
loser Sachen zum Zwecke des Eigentumserwerbs (§ 958 B.G.B.), Auslobung (§ 657 
B.G.B.), Testamentsemchtnng, Kündigung ; diese durch den übereinstimmenden Willen 
mehrerer Personen ; das zweiseitige Rechtsgeschäft ist der V e r t r a g , z. B. Kauf, 
Schenkung; der Vertrag erzeugt entweder nur auf einer Seite der vertragschliessen- 
den Teile Pflichten, so z. B. bei der Schenkung, oder auf beiden Seiten, so z. B.Kauf; 
im letzteren Falle heisst er im B.G.B. „gegenseitiger Vertrag" (vgl. unten § 32). — 
2. Entgeltlich heisst das Geschäft, wenn es mit Rücksicht auf eine Gegenleistung 
verpflichtet, z. B. Kauf, Miete, unentgeltlich ist z. B. Schenkung. — 3. „Von Todes- 
wegen" heisst das Rechtsgeschäft, wenn der gewollte Erfolg zn Gunsten des Bedachten 
nur eintritt, falls dieser den Bedenkenden überlebt, z. B. Testamentserrichtung (§ 2064), 
Erbvertrag (§§ 2274 ff.) ; das Geschäft von Todeswegen kann widerruflich sein (so das 
Testament) oder unwiderruflich (so der Erbvertrag). Den Gegensatz zu den Geschäften 
von Todeswegen bilden die Geschäfte „unter Lebenden", z. B. Kauf, Miete. — 4. Eine 
grosse Anzahl von Rechtsgeschäften ist nur wirksam, wenn die Erklärung einem andern 
gegenüber erfolgen muss (z. B. das Angebot zu einem Kaufe; wenn ich dem Holz- 
händler Holz zum Kaufe anbiete, so bindet mich dies Angebot nur, wenn ich es ihm 
oder einem seiner Vertreter erkläre) ; solche Rechtsgeschäfte heissen empfangsbe- 
dürftige. Gewöhnlich handelt es sich um Fälle, in denen die Erklärung gegenüber 
einer Privatperson erfolgen muss (z. B. Angebot zum Kaufe), es gibt auch Fälle, 
in denen die Erklärung gegenüber einer Behörde erfolgen muss (§ 928) oder nach 
Wahl des Erklärenden entweder gegenüber einer Privatperson oder einer Behörde 
(z. B. § 1748), oder nach Wahl gegenüber der einen oder der anderen Privatperson 
(z. B. § 28 Abs. 2). Nicht empfangsbedürftig sind z. B. Auslobung (öffentliche Aus- 
setzung von Prämien), Aneignung herrenloser Sachen. — 5. Von besonderer Bedeutung 
sind die Handelsgeschäfte, deren Begriffsbestimmung in § 343 H.G.B. gegeben 
wird: a) alle Geschäfte eines Kaufmannes, die zum Betriebe seines Handels- 
gewerbes gehören, b) einzelne Geschäfte, wie namentlich Anschaffung und W^ei- 
terveräusserung von beweglichen Sachen (Waren) , Uebernahme der Bearbeitung oder 
Verarbeitung von Waren für andere, sofern der Betrieb über den Umfang des Hand- 
werks hinausgeht, — sind auch dann Handelsgeschäfte, wenn sie von einem Kaufmann im 
Betriebe seines gewöhnlich auf andere Geschäfte gerichteten Handelsge- 
werbes geschlossen werden. — Die von einem Kaufmanne vorgenommenen Rechtsge- 
schäfte werden im Zweifel als zum Betriebe seines Handelsgewerbes gehörig ange- 
sehen; bei den von einem Kaufmanne gezeichneten Schuldscheinen gilt dies ohne Zu- 
lassung eines Gegenbeweises, falls sich nicht aus dem Scheine selbst ergibt, dass die 
Verpflichtung nicht im Betriebe des Handelsgewerbes vorgenommen wird, § 344. — 
Man teilt die Handelsgeschäfte in e i n seitige und beider seitige, je nachdem sie nur 
auf der einen Seite oder auf beiden Seiten der Vertragsgenossen Handelsgeschäfte 
sind. Da der Forstwirt und der Landwirt hinsichtlich ihres Hauptbetriebes 
niemals Kaufleute sind (vgl. oben § 3 zu 4), so ist der Verkauf von Holz nur dann Handels- 
geschäft, wenn er mit einem Holzhändler oder einem andern Kaufmann für dessen Handels- 
verkehr geschlossen wird, und auch dann nur als ein seitiges Handelsgeschäft, nämlich 
auf Seite des Kaufuiannes. 

Ein jedes Rechtsgeschäft setzt zu seiner Giltigkeit voraus: a) Geschäfts- 
fähigkeit der Person, b) geeigneten Gegenstand, c) gehörige W'illensäusse- 
rung, d) gehörige Willensbestiramung. — Von diesen allgemein-wesentlichen 



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Gegenstand der Rechtsgeschäfte. § 13. 113 

Erfordernissen soll im folgenden die Rede sein. 

§12. Geschäftsfähigkeit. Geschäftsfähig ist jeder, der nicht geschäfts- 
unfähig ist oder in der Geschäftsfähigkeit beschränkt ist: 1. Geschäftsunfähig 
sind : a) Kinder bis zum vollendeten 7. Lebensjahre , b) wer wegen Geisteskrankheit 
entmündigt ist, c) auch andere Geistesgestörte nach jäherer Bestimmung des § 104 
B.G.B. , d) jeder im Zustande der Bewusstlosigkeit. — Die Willenserklärungen der 
Geschäftsunföhigen sind nichtig, d.h. sie gelten als nicht vorgenommen und 
können nicht giltig werden, § 105 B.G.B. — 2. In der Geschäftsfähigkeit beschränkt 
sind: a) Minderjährige, die das 7. Lebensjahr vollendet haben, § 106 B.G.B., b) wer 
wegen Geistesschwäche, wegen Verschwendung oder wegen Trunksucht entmündigt ist 
oder wer von derartig determinierten Personen vor der Entmündigung unter vorläufige 
Vormundschaft gestellt ist, § 114. Diese beschränkt geschäftsfähigen Personen können 
durch ihre Handlungen Rechte erwerben, sie können sich aber nicht verpflichten; 
schliesse ich mit einem Minderjährigen einen Vertrag ab, Inhalts dessen ich ihm einen 
Gegenstand verkaufe, so bin ich verpflichtet, er ist berechtigt, aber er ist nicht ver- 
pflichtet (sog. hinkendes Geschäft) ; es kommt nun darauf an , ob der gesetzliche 
Vertreter (z. ß. Vater) das Geschäft genehmigt, bezw. ob der Minderjährige nach er- 
langter Selbständigkeit genehmigt (vgl. §§ 108 ff. B.G.B., D i c k e 1 S. 99). In zwei 
Fällen aber gibt das B.G.B. dem nur beschränkt Geschäftsfähigen in gewisser 
Hinsicht die Stellung eines Vollgeschäftsfähigen, nämlich wenn ihm gestattet wird, 
a) selbständig ein Erwerbsgeschäft, z. B. eine Holzhandlung, zu betreiben, § 112 
B.G.B., b) in Dienst oder Arbeit zu treten, § 113. Im letzteren Falle ist 
die Zustimmung des gesetzlichen Vertreters (des Vaters ; wenn dieser nicht mehr da ist, 
der Mutter; event. des Vormundes) erforderlich, die Genehmigung des Vonnundschaftsge- 
richts ist nicht erforderlich ; hat der beschränkt Geschäftsfähige den Wunsch in Dienst oder 
Arbeit zu treten, — will er sich z. B. an den Arbeiten in unserem Walde beteiligen — , 
und der gesetzliche Vertreter weigert sich, ihm die erforderliche Ermächtigung zu 
geben, so muss er sich beruhigen, wenn er in der elterlichen Gewalt des Vaters oder 
der Mutter steht, ist er dagegen bevormundet, so kann das Vormundschaftsgericht die 
fehlende Ermächtigung erteilen und muss dies tun, wenn es im Interesse des Mündels 
liegt; die in einem Falle erteilte Ermächtigung gilt als allgemeine Ermächtigung zur 
Eingehung von Rechtsverhältnissen derselben Ai*t; ist die Ermächtigung in der einen 
oder in der anderen Weise erteilt, so ist der sonst beschränkt Geschäftsfähige für 
solche Rechtsgeschäfte, welche die Eingehung oder Aufhebung eines Dienst- oder Ar- 
beitsverhältnisses der gestatteten Art oder die Erfüllung der sich aus einem solchen 
Rechtsverhältnis ergebenden Verpflichtungen betreffen, unbeschränkt geschäftsfähig 
(ausgenommen sind solche Rechtsgeschäfte, zu denen der gesetzliche Vertreter der 
Genehmigung des Vormundschaftsgerichts bedarf, namentlich die Fälle der §§ 1821, 
1822; es kann aber eine allgemeine Ermächtigung im voraus erteilt werden, § 1825). 

Alles dies gilt auch für das Gesinde, daran kann die für das Gesinderecht im 
allgemeinen massgebende Landesgesetfcgebung nichts ändern, Art. 95 E.G. z. B.G.B. 

Insoweit eine Person Vertrags verpf licht ungs fähig ist, insoweit ist 
sie auch prozess fähig, § 52 Abs. 1 Z.P.O. 

§ 13. Gegenstand der Rechtsgeschäfte. 1. Streitig ist, ob derselbe einen 
Vermögenswert haben müsse, vgl. darüber Di ekel S. 102. So viel ist aber un- 
zweifelhaft, dass zu einem Hauptvertrage, dessen Gegenstand einen Vermögenswert 
hat, eine Nebenabrede zulässig ist, welche für sich keinen Vermögenswert betrifft, z. B. 
bei einem Jagdpachtvertrage die Bestimmung, dass der Pächter die Jagd nur waid- 
männisch ausüben dürte, dass Sonntagsjagd verboten sei, dass der Pächter verpflichtet 

Handbuch d. Foritw. 2. AuO. IV. 8 



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114 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

sei, für gewisse Arten von Vögeln Niststätten anzulegen oder die Vögel zu futtern. — 
2. Gegenstand des Rechtsgeschäfts kann auch eine zukünftige Sache sein, z. B. 
ein Hund aus dem zu erwartenden Wurfe einer Hündin, ein Reh, das noch geschossen 
werden soll; so kann sich ein Jäger rechtswirksam verpflichten, alles Wild, das er 
erlegt, einem Wildprethändler zu überlassen (Kauf); verkaufe ich einen „Wald auf 
Abholzung«, d. h. so, dass der Käufer nicht das Grundstück, sondern nur das Recht 
erhält, sich alle Bäume zuzueignen, so verkaufe ich nicht das Grundstück, der Vertrag 
ist also nicht ein solcher über eine unbewegliche Sache, er ist ein Verkauf der zu- 
künftigen beweglichen Stämme ; ebenso ein Vertrag , inhalts dessen jemand 
berechtigt sein soll, Steine in meinem Steinbruche zu brechen und für den Kubikmeter 
einen bestimmten Geldbetrag zu zahlen. — 3. Das B.G.B. geht davon aus, dass eine 
Partei rechtsgeschäftlich verfügen kann, was sie will ; so besteht namentlich die V e r- 
t r a g s f r e i h e i t. Aber es gibt Ausnahmen, die teils selbstverständlich er- 
scheinen, teils positiv bestimmt sind : manches kann nicht sein, z. B. das im Walde 
liegende Nutzholz ohne Fuhrwerk fortzuschaffen, etwa mit Luftballons, also ist der 
Käufer selbstverständlich berechtigt, die Wege zum Zwecke der Abfuhr zu benützen; 
manches darf nicht sein : a) ein Rechtsgeschäft, das gegen ein gesetzliches Verbot 
verstösst, ist nichtig (§ 134 B.G.B.), z. B. § 225 Ausschliessung und Erschwerung der 
Verjährung (so in der Regel), § 248 Zinseszinsen ; Jagdpacht an mehr als die in den 
Jagdgesetzen zugelassene Anzahl von Personen, auf eine geringere oder längere als 
die im Gesetze bestimmte Zeit. — Bezweckt das Gesetz nur den Schutz bestimmter 
Personen , so wirkt die Nichtigkeit nicht gegen jeden , sondern nur relativ zu 
Gunsten der betreifenden Beteiligten, z. B. bei Veräusserung eines Fideikommissgut«s, 
vgl. §§ 135, 136 B.G.B. Im einzelnen Falle kann das Gesetz etwas anderes bestimmen, 
b. Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstösst, namentlich ein 
wucherisches, ist nichtig. § 138 B.G.B. — 4. Der Gegenstand des Rechtsgeschäfts 
muss entweder genau bestimmt oder wenigstens bestimmbar sein, z. B. der Preis 
beim Kaufe (entweder ziffermässig oder der angemessene Preis; oder, was ein 
dritter als Preis bestimmt, doch darf dies nicht offenbar unbillig sein, vgl. § 319 B.G.B.) ^®). 

§ 14. Willensäusserung. Bisweilen erfordert das Gesetz eine ausdrück- 
liche Erklärung (z. B. § 244). In der Regel aber genügt eine Aeusserung durch kon- 
kludente Handlung. Darf sich der Jagd gast während der Jagdausübung am Jagd- 
schutze beteiligen, z. B. einen fremden Hund erschlossen, wenn in dem Falle der Jagd- 
berechtigte nach dem betreflfenden Ortsrechte den Hund töten dürfte ? Das Reichsgericht 
(Bd. 34 S. 197 f. Zivils.) antwortet bejahend, falls der Jagdgast von dem Jagdherru 
zur Ausübung des Jagdschutzes ermächtigt war. Diese Ermächtigung braucht m. E. 
nicht ausdrücklich stattgefunden zu haben, sie kann stillschweigend geschehen sein. 
Ob das blosse Stillschweigen Zustimmung bedeuten soll oder etwa das Gegenteil, ist 
im einzelnen Falle zu beurteilen ; oft bestimmt aber der Gesetzgeber die Wirkung des 
Stillschweigens, bald als Genehmigung (z. B. § 416), bald als Ablehnung (z. B. § 146), 
nach § 151 kommt ein Vertrag durch die einfache Annahme des Vertragsaner- 
bietens zustande, ohne dass der Wille, anzunehmen, dem Anbietenden gegenüber erklärt 
wird, wenn in dem betreflfenden Falle eine Antwort nach der Verkehrssitte nicht zu 
erwarten ist oder der Antragende auf die Antwort verzichtet hat. 

Von grösster Bedeutung für die Frage der Wirksamkeit der Willensäusserung 
ist es, ob der Gesetzgeber eine Form vorschreibt. 



10) Vgl. Dickel S. 106 Anm. 195 über die Vereinbarung der Beteiligten bei der 
Jagd auf einer Enclave nach § 7 des preuss. J.P.G. 



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Willensäusserung. § 14. 115 

Dass die Parteien die Wirksamkeit eines Vertrags von der Beobachtung einer 
bestimmten Form abhängig machen können , also z. B. vereinbaren können , dass ein 
Pachtvertrag erst nach notariellem Abschlüsse wirksam werden soll, ist selbstverständ- 
lich, da das B.G.B. von der Vertragsfreiheit ausgeht (vgl. oben S. 114 zu 3). Den 
Parteien ist zu empfehlen, möglichst ihre Verträge schriftlich zu schliessen, namentlich 
deshalb, weil sie dadurch das beste Beweismittel erhalten. 

Im BGB. wie im HGB. ist in der Regel keine Form vorgeschrieben ; wo sie aber 
vorgeschrieben ist, bewirkt ihre Nichtbeobachtung Nichtigkeit des Geschäfts (§ 125 
BGB.). Ist für einen Vertrag Schriftform vorgeschrieben, so müssen nicht bloss die 
Haupt abreden, sondern auch die Nebenabreden schriftlich fixiert werden, widrigen- 
falls sie nicht gelten ; doch können besondere Fälle eintreten (vgl. z. B. für Miet- 
verträge Niendorf Miete § 12c). 

Das BGB. schreibt in einigen Fällen einfache Schriftform vor, z. B. § 566 
für Miete eines Grundstücks auf mehr als 1 Jahr, desgl. für Pacht, § 581 Abs. 2. 
Vgl. hierzu § 126 B.G.B. : Der Aussteller der Urkunde muss eigenhändig mit seinem 
Namen untei*schreiben ; wenn er nicht schreiben kann, muss er ein Handzeichen machen, 
letzteres muss gerichtlich oder notariell beglaubigt sein; telegraphische Uebermittlung 
genügt nicht; handelt es sich um einen Vertrag, so müssen entweder alle vertrag- 
schliessenden Teile auf derselben Urkunde unterzeichnen oder es müssen mehrere gleich- 
lautende Urkunden aufgenommen werden, von denen jede der Parteien die für die 
andere Partei bestimmte Urkunde unterzeichnet, Briefwechsel genügt hiernach nicht. — 
Das BGB. verlangt die einfache Schriftform , z. B. bei M i e t e und Pacht über ein 
Grundstück auf länger als ein Jahr, fehlt diese Form, so gilt der Vertrag als auf un- 
bestimmte Zeit geschlossen und kann von jedem Teile gekündigt werden, jedoch nicht 
auf früher als den Schluss des ersten Jahres, § 566 (580, 581 Abs. 2), bei Ueber- 
nahme einer Bürgschaft, § 766, ausgenommen den Fall , dass die Bürgschaft auf selten 
des Bürgen ein Haodelsgeschäft ist (§ 350 H.G.B.). 

In zahlreichen Fällen schreibt das BGB. gerichtliche oder notarielle 
Beurkundung vor : 

1. Die gerichtliche Beurkundung erfolgt durch die Amtsgerichte, § 167 
Abs. 1 des R.G. über freiwillige Gerichtsbarkeit vom 17. Mai 1898. — 2. Für die Be- 
urkundung eines Vertrages genügt es in der Regel, wenn zuerst der Antrag und nach- 
her die Annahme beurkundet wird, § 128 B.G.B., vgl. auch § 152. — 3. Die Landes- 
gesetze können bestimmen, dass nur die Gerichte oder nur die Notare zu- 
ständig sein sollen, Art. 141 E.G. z. B.G.B. — 4. Die gerichtliche oder notarielle Be- 
urkundung ist nach BGB. namentlich erforderlich a. bei dem Vertrag, in welchem sich 
der eine Teil verpflichtet, dem anderen das Eigentum an einem Grundstücke zu 
übertragen, namentlich also Kauf- und Tausch vertrag, § 313 B.G.B.; diese Formvor- 
schrift bezweckt hauptsächlich richtige und vollständige Beurkundung des Vertrags- 
willens, Verhütung übereilter Verträge und namentlich der berüchtigten Wirtshaus- 
verträge, gegen die oft der Einwand des Irrtums, Betruges und namentlich der sinn- 
losen Trunkenheit erhoben wurde; ein ohne Beobachtung der Form über ein Grund- 
stück geschlossener Vertrag ist nichtig, er wird aber seinem ganzen Inhalte nach giltig, 
wenn die Auflassung und die Eintragung im Grnndbuche später erfolgen, § 313; landes- 
gesetzUche Vorschriften können gemäss Art. 142 E.G. z. B.G.B. hinsichtlich der im 
Gebiete des betreffenden Bundesstaats liegenden Grundstücke bestimmen, dass für die 
Beurkundung auch andere Behörden und Beamte zuständig seien. Im übrigen 
vgl. zu §313 unten §39 zu Anfang; b. §873 B.G.B. bei Belastung eines Grundstücks 
u. 8. w., c. § 1434 Ehevertrag. 

8* 



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116 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

Vielfach schreibt das B.G.B. öffentliche Beglaubigung vor. Bei dieser 
Form handelt es sich nicht um Beurkundung einer vor dem Beamten abgegebenen 
und von dem Beamten aufgenommenen Erklärung, sondern nur um Beglaubigung der 
Unterschrift. — Nach § 129 B.G.B. erfolgt die Beglaubigung durch einen zuständi- 
gen Beamten (nach § 167 Abs. 2R.G. über freiwillige Gerichtsbarkeit vom 17. Mai 
1898 der Amtsrichter) oder Notar. — Die Beglaubigung wird z. B. verlangt in § 403 
B.G.B. (bei Abtretung einer Forderung auf Verlangen des neuen Gläubigers). 

§ 15. Willensbestimmung. Das Rechtsgeschäft ist eine Willens- 
erklärung, folglich kann es nur rechtsgiltig sein, wenn es von einer gehörigen Willens- 
bestimmung beherrscht wird; wenn sich also die Parteien beim Abschluss eines Ver- 
trages nicht einigen, so kommt kein Vertrag zustande, z. B. ich verkaufe „mein 
Pferd" für 500 M. , ich meine den Schimmel, der Käufer erklärt „für mein Pferd*' 
500 M. geben zu wollen, er meint aber den Fuchs. Nichtig ist deshalb auch die Er- 
klärung, wenn sie im Einverständnisse des anderen Teils nur zum Scheine abge- 
geben wird ; wird durch das Scheingeschäft ein anderes Geschäft verdeckt, so gilt das 
letztere, § 117 B.G.B. Nichtig ist auch die nicht ernstlich gemeinte Aeusserung, 
jedoch nur dann, wenn sie in der Erwartung abgegeben wird, der Mangel der Emst- 
lichkeit werde von dem andern Teile, dem gegenüber die Erklärung erfolgt, nicht ver- 
kannt werden (namentlich der Fall des Scherzes), §118; in solchem Falle haftet 
der Erklärende dem andern Teile gemäss § 122 auf Schadensersatz. Behält sich je- 
mand einseitig insgeheim vor, das Erklärte nicht zu wollen, so ist dieser Vorbehalt 
nur erheblich, wenn der andere Teil ihn kennt; andernfalls ist der Erklärende trotz 
des Vorbehaltes an seine Erklärung gebunden. § 116 B.G.B. 

Für die Nichtigkeit kommen §§ 139 bis 141 B.G.B. in Betracht. 

In anderen Fällen gestattet das Gesetz eine Anfe chtung des vorgenommenen 
Rechtsgeschäfts, d. h. das Geschäft wird trotz eines wesentlichen Mangels nicht als 
nichtig, d. h. als nicht geschlossen, betrachtet, es ist vielmehr trotz des Mangels zu- 
nächst giltig und vollwirksam, bis die Anfechtung erfolgt, und es bleibt dauernd voll- 
giltig, wenn die Anfechtung nicht rechtzeitig geschieht: 

1. Irrtum. Nicht jeder Irrtum begründet Anfechtbarkeit des Geschäfts, sondern 
nur der in den §§ 119, 120 B.G.B. für wesentlich erklärte: a) Irrtum über den In- 
halt der Erklärung, z. B. es unterschreibt jemand einen Jagdpachtvertrag in der 
Meinung, die Dauer des Vertrages sei in dem Schriftstück auf 12 Jahre bestimmt, 
während sie auf 3 Jahre angegeben ist , b) Irrtum über die H a n d 1 u n g , z. B. es 
verspricht sich jemand, indem er statt „nein" „ja" sagt, c) Irrtum über solche Eigen- 
schaften der Person oder Sache, die im Verkehr als wesentlich angesehen werden, 
z. B. es verpachtet jemand eine Jagd an einen Mann, der nach unseren Gesetzen 
keinen Jagdschein erhält ; ein anderes Beispiel unten § 32 zu 1. Der Irrtum ist aber 
in allen diesen Fällen nur erheblich, wenn der Irrende die Willenserklärung bei 
Kenntnis derSachlage und bei verständiger Würdigung des Falles 
nicht abgegeben haben würde; fehlt es an jenem subjektiven oder an diesem objek- 
tiven Moment, so ist die Anfechtung unzulässig; z. B. ich will mein Holz dem Holz- 
händler A anbieten , ich schreibe aber auf die Adresse des Briefes die Firma des B, 
letzterem wollte ich keinesfalls das Holz anbieten, aber bei verständiger Würdigung 
des Falles konnte ich das Holz dem ebenso angesehenen und zahlungsfähigen B wohl 
anbieten ; hier kann ich nicht anfechten. — Ferner ist d) nach § 120 B.G.B. eine von 
der zur üebermittlung verwendeten Person oder Anstalt unrichtig übermittelte 
Willenserklärung unter gleichen Voraussetzungen anfechtbar, wie eine irrtümlich ab- 
gegebene Erklärung, z. B. ich biete jemandem telegraphisch Holz zum Preise von 



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Willensbestimmung. § 15. 117 

12 Mark an, der Telegraph übermittelt 11 Mark. Wurde der Irrtum durch Fahr- 
lässigkeit veranlasst, so steht dies der Anfechtung nicht entgegen. — Die An- 
fechtung muss ohne schuldhaftes Zögern (unverzüglich) erfolgen, nach- 
dem der Irrende von dem Irrtume Kenntnis erlangt hat ; erfolgt die Anfechtung gegen- 
über einem Abwesenden, so gilt sie als rechtzeitig erfolgt, wenn die Anfechtungs- 
erklärnng unverzüglich abgesandt ist; nach 30 Jahren aber ist die Anfechtung 
wegen Irrtums unbedingt ausgeschlossen, § 121 B.G.B. ; im Prozesse muss der Irrende 
den Irrtum beweisen, wenn der Prozessgegner, wie es regelmässig der Fall sein wird, 
den Irrtum bestreitet; erfolgt die Anfechtung des Geschäfts, so ist der Irrende nach 
Massgabe des § 122 B.G.B. zum Schadensersatze verpflichtet. Wegen dieser Scbadens- 
ersatzpflicht und wegen der Schwierigkeit des Beweises, dass ein Irrtum vorliege, ist 
dem Irrenden häutig die Unterlassung der Anfechtung zu empfehlen. — Ganz uner- 
heblich ist der Irrtum im Beweggrunde (Motive) , z. B. es pachtet jemand eine 
Jagd in der Meinung, dass es ihm gelingen würde, viel Wild zu erlegen; oder der 
Holzhändler kauft Holz in der Hoffnung, das Holz zu einem erheblich höheren Preise 
verkaufen zu können. 

2. Arglistige Täuschung oder widerrechtliche Drohung. In 
diesem Falle kommt es auf die Verkehrsauffassung gar nicht an, es entscheidet allein 
die subjektive Auffassung des Getäuschten bezw. Bedrohten; er kann also immer an- 
fechten, § 123 B.G.B.; doch nur binnen Jahresfrist nach Entdeckung der Täuschung 
bezw. nach Aufliören der Zwangslage, und nicht mehr nach 30 Jahren seit Abgabe 
der Willenserklärung, § 124. 

Erfolgt die Anfechtung (wegen Irrtums oder wegen Betruges u. s. w.) , so wird 
die Sache nach § 142 B.G.B. so angesehen, als wäre das Geschäft von Anfang an 
nichtig gewesen; wer die Anfechtbarkeit kannte oder, indem er die gehörige 
Sorgfalt ausser acht Hess, kennen musste, wird, wenn die Anfechtung erfolgt, so 
behandelt, wie wenn er die Nichtigkeit des Rechtsgeschäfts gekannt hätte oder hätte 
kennen müssen, z. B. A hat das ihm gehörige Pferd dem B verkauft und überliefert, 
B verkauft mir jetzt das Pferd , nunmehr fleht A den mit B geschlossenen Kauf 
und Eigentumsübergang gegen B. wegen Irrtums oder Betruges mit Erfolg an; hat 
diese Anfechtung Einfluss auf meinen Eigentumserwerb ? Nein, falls ich die An- 
fechtbarkeit zur Zeit meines Erwerbes nicht kannte und nicht kennen musste, dagegen 
ja, falls ich den Mangel kannte oder kennen musste. Kannte ich die Anfechtbarkeit 
nicht und musste ich sie auch nicht kennen, weil ich die gehörige Aufmerksamkeit an- 
gewendet hatte, so wirkt auch die infolge der Anfechtung eintretende Nichtigkeit nicht 
gegen mich, also bin ich gutgläubig im Sinne des § 932 B.G.B. und bleibe Eigen- 
tümer (dem A wird alsdann nur übrig bleiben, sein Interesse gegen B auf Zahlung 
eines Geldbetrages geltend zu machen, das Pferd erhält er gegen meinen Willen nicht 
wieder). Kannte ich dagegen die Anfechtbarkeit oder habe ich sie fahrlässigerweise 
nicht gekannt , so wird die Sache gemäss § 142 B.G.B. so angesehen , als hätte ich 
gewusst oder wissen müssen, dass B. nicht Eigentümer des Pferdes geworden war, in- 
folge dessen muss nun nach § 932 angenommen werden, dass ich überhaupt nicht Eigen- 
tümer des Pferdes geworden sei, und der A. kann mit der Eigentumsklage das Pferd 
herausverlangen. — Gesetzt: ich hätte das Pferd nicht selbst, sondern durch einen 
Bevollmächtigten gekauft, so entsteht die Frage, ob mein Kennen bezw. Ken- 
nenmüssen des Willensmangels (Irrtums u. s. w. des A) massgebend ist oder das des 
Bevollmächtigten. Auf diese Frage gibt § 166 B.G.B. die Antwort: hiernach 
kommt, soweit die rechtlichen Folgen einer Willenserklärung durch Willensmängel 
oder durch die Kenntnis oder das Kennenmüssen gewisser Umstände beeinflusst werden, 



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118 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

in der Regel nicht die Person des Vertretenen, sondern die des Vertreters in Be- 
tracht; handelt es sich aber, wie im obigen Beispiel um eine Vollmacht und der 
Vertreter hat nach bestimmten Weisungen gehandelt, die ich 
ihm gegeben hatte, so ist ein doppelter guter Glaube notwendig, näm- 
lich in der Person des Vertreters und des Vertretenen, § 166 Abs. 2. Im 
oben gesetzten Falle kommt es also darauf an, ob der Bevollmächtigte nach bestimmten 
Weisungen gehandelt hat oder nicht; im ersteren Falle kann A die Herausgabe des 
Pferdes nicht bloss dann verlangen, wenn ich den Mangel kannte oder kennen musste, 
sondern auch dann, wenn nur mein Bevollmächtigter ihn kannte oder kennen 
musste ; kamen dagegen bestimmte Weisungen für den Bevollmächtigten nicht in Be- 
tracht, so kommt es nur auf das Kennen oder Kennenmtissen des Bevollmächtigten 
an, nicht auf das meinige. 

§ 16. Zeitpunkt der Wirksamkeit und Auslegung der Rechtsge- 
schäfte. 1. Ist eine Willenserklärung, um wirksam zu sein, einem anderen gegenüber 
abzugeben (sog. empfangsbedürftiges Rechtsgeschäft), so kommt es darauf an, ob der 
andere anwesend oder abwesend ist. Jenem gegenüber wird die Erklärung sofort 
wirksam, wenn sie ihm abgegeben ist, dem Abwesenden gegenüber wird die Erklärung 
erst wirksam, wenn sie ihm zugeht, § 130 Abs. 1 B.G.B., z. B. ich biete dem an- 
wesenden A mündlich Holz zum Kaufe an, ich bin sofort gebunden; ich biete das 
Holz dem abwesenden A schriftlich an , ich bin , nachdem ich den Brief geschrieben 
habe, noch nicht gebunden, auch nicht nach der Absendung, ich kann mir den Brief 
von der Post zurückgeben lassen oder an A telegraphieren, der Brief solle als nicht 
geschrieben gelt-en, gebunden bin ich erst im Augenblicke der Ankunft des Briefes bei 
A, geht meine widerrufende Depesche früher zu, so bin ich nicht gebunden, geht sie 
erst nachher dem A zu, so bin ich gebunden. Das Gesagte gilt auch, wenn die Er- 
klärung gegenüber einer Behörde erfolgt (§ 130 Abs. 3 B.G.B.). 

lieber den Fall, dass der, dem die Willenserklärung zugeht, geschäftsunfähig oder 
in der Geschäftsfähigkeit beschränkt ist, vgl. Dickel S. 120, Anm. 223. 

Auf die Wirksamkeit der Erklärung ist es regelmässig ohne Einfluss, wenn der 
Erklärende nach Abgabe der Erklärung stirbt oder geschäftsunfähig wird, § 130 Abs. 2, 
z. B. der Holzhändler A macht dem Fiskus ein Anerbieten zum Ankaufe bestimmten 
Holzes und erklärt sich 2 Wochen gebunden, unmittelbar nachher stirbt er; der Fiskas 
kann die Offerte dem Erben des A gegenüber annehmen. Dies gilt auch dann, wenn 
die Erklärung gegenüber einer Behörde abzugeben ist (§ 130 Abs. 3 B.G.B.). 

2. Bei der Auslegung ist nicht der buchstäbliche Sinn des Ausdrucks mass- 
gebend, vielmehr ist der wahre Wille zu erforschen, § 133 B.G.B.; Ver- 
träge sind so auszulegen, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Ver- 
kehrssitte es erfordern, § 157 B.G.B. ; z. B. ich bestelle bei einem Kaufmanne Samen 
ohne den Preis zu bestimmen, der Kaufmann sendet mir die Ware mit Rechnung; 
schweige ich jetzt, so genehmige ich den in der Rechnung angesetzten Preis. 

lieber „veränderte Umstände" vgl. Dickel S. 121 ; die nachträgliche Ver- 
änderung ist in der Regel unerheblich ; z. B. ich pachte eine Jagd auf 6 Jahre, werde 
aber nach einigen Monaten krank, so dass ich die Jagd nicht mehr ausüben kann, 
gleichwohl bin ich an den Vertrag gebunden und muss also den Pachtzins zahlen; das 
Recht zum Rücktritte vom Veitrage hätte besonders bedungen werden müssen. 

§ 17. Verträge. Für Verträge gilt zunächst das in den §§ 11 bis 16 Ge- 
sagte; denn Verträge sind Rechtsgeschäfte, vgl. oben S. 112 zu 1; der Vertrag ist 
gegenseitig geäusserte Uebereinstimmung des Willens mehrerer, z. B. ich biete dem A. 
eine bestimmte Menge Grubenholz zum Preise von 8 M. an, er antwortet mir, dass 



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Verträge. § 17. 119 

er das Holz nehme. Es gibt öffentlich-rechtliche und p r i v a t rechtliche Ver- 
träge ; hier ist nur von letzteren die Eede, dieselben begründen namentlich : S chnld- 
verhältnisse, z. B. Kauf: der eine ist schuldig, die Sache zu liefern, der andere 
ist schuldig, die Sache abzunehmen, den Preis zu zahlen (§ 433), Sachenrechte, 
z. B. Anflassung bezweckt den Uebergang des Eigentums an eiüem Grundstücke (§ 873, 
925; der Erwerb des dinglichen Rechts aber vollendet sich regelmässig erst mit der 
Eintragung). 

Der Vertrag kommt durch Antrag und Annahme zu Stande. Wer einen 
Antrag macht, ist an den A n t r a g gebunden, § 145 B.G.B. (vgl. S. 118 zu 1) ; vor- 
ausgesetzt, dass der Antrag bestimmt genug sei; letzteres ist nicht der Fall, wenn 
z. B. ein Kaufmann in der Zeitung Wai-en zu einem bestimmten Preise anbietet (es 
fehlt die genügende Bezeichnung der Person des Gegenkontrahenten und es handelt 
sich also in Wahrheit nicht um einen Antrag, sondern um die Aufforderung an das 
Publikum, Anträge zu machen; an derartige Aufforderungen ist niemand gebunden — 
(anders bei der Auslobung); eine Bestellung von 1000 — 1200 Meter Holz ist kein ge- 
nügend bestimmter Antrag. — Der Antrag erlischt, wenn der, dem er gemacht 
ist, ihn dem Antragenden gegenüber ablehnt oder ihm nicht rechtzeitig antwortet, 
§ 146 B.G.B. — Wie lange ist der Antragende gebunden? 1. Hat der Antragende 
eine Frist bestimmt, so ist diese massgebend, § 148. 2. Fehlt es an einer solchen Be- 
stimmung, so kommt es darauf an, ob der Antrag einem A n wesenden oder einem A b- 
wesenden gemacht ist; im ersteren Falle (also namentlich auch dann, wenn der An- 
tragende und der andere Teil den Fernsprecher benutzen) muss die Annahme, um wirk- 
sam zu sein, sofort erfolgen; im Falle der Abwesenheit dessen, dem der Antrag 
gemacht ist, muss die Antwort spätestens in dem Zeitpunkt eingehen, in dem der An- 
tragende den Eingang der Antwort unter regelmässigen Umständen erwarten durfte. 
-- Erklärt sich der, dem der Antrag gemacht ist, verspätet, so kommt der Ver- 
trag nicht zu Stande, der Antragende ist an seinen Antrag nicht mehr gebunden ; der 
aber, welcher die Annahme verspätet erklärte, bindet sich als Antragsteller und es 
bleibt nun abzuwarten, ob der andere Teil diesen ihm gemachten Antrag annimmt, 
§ 150 Abs. 1 B.G.B., z. B. ich biete dem A Holz zum Preise von 2000 M. an und 
erkläre mich 2 Wochen lang gebunden, nach 3 Wochen antwortet A, er wolle das 
Holz nehmen ; hier bin ich nicht gebunden, und brauche, wenn ich das Holz nicht mehr 
zu 2000 M. verkaufen will, auch gar nicht mehr zu antworten: wenn ich aber will, 
so kann ich den Kauf perfekt machen , ich muss diese Absicht nur dem A mitteilen ; 
geschieht letzteres nicht bis zu dem Zeitpunkt, in dem der Antragende den Eingang 
der Antwort unter regelmässigen Umständen erwarten durfte (also etwa in 48 Stunden), 
80 ist nun auch A nicht mehr gebunden. Verschieden von dem Falle ist der seltenere 
Fall, dass der, dem der Antrag gemacht ist, rechtzeitig antwortet, diese Antwort aber 
verspätet eingeht; für diesen Fall trifft § 149 B.G.B. Bestimmung (vgl. Dickel S. 125). 
— Erklärt der, dem der Antrag gemacht ist, die Annahme unter Erweiterungen, Ein- 
schränkungen oder sonstigen Aenderungen, so gilt dies als Ablehnung des erhaltenen 
Antrages unter gleichzeitiger Stellung eines neuen Antrages, z. B. ich biete dem A 
für 2000 M. Holz zum Kaufe an, er antwortet sofort, dass er das Holz gegen ein Zah- 
lungsziel von 6 Monaten oder dass er es gegen Wechsel nehmen wolle, jetzt gilt mein 
Antrag als abgelehnt und es kommt darauf an, ob ich den mir gemachten Antrag an- 
nehmen will; will ich dies nicht und antworte ablehnend oder antworte gar nicht, so 
wird auch A frei. 

In der Begel muss die Annahme eines Antrages dem Antragenden gegen- 
über erklärt werden; aber der § 151 B.G.B. macht 2 Ausnahmen: a. wenn der An- 



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120 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

tragende auf die Erklärung der Annahme verzichtet hat, b. wenn eine solche Erklärung 
nach der Verkehrssitte nicht zu erwarten ist. — Ein besonderer Fall wird in § 152 
B.G.B. behandelt: Nach § 128 B.G.ß. kann der gesetzlich vorgeschriebenen gericht- 
lichen oder notariellen Beurkundung eines Vertrags in der Weise genügt werden, dass 
zunächst der Antrag und sodann die Annahme des Antrages von dem Gericht oder 
einem Notar beurkundet wird; in solchem Falle kommt der Vertrag durch die so er- 
klärte Annahme zu Stande. 

Stirbt der Antragende vor der Annahme des Antrages oder wird er vorher ge- 
schäftsunfUhig, so wird dadurch das Zustandekommen des Vertrags in der Kegel nicht 
gehindert; eine Ausnahme tritt nur ein, soweit dies nach dem Willen des Antragenden 
geschehen soll, § 153 B.G.B. 

Bei der Versteigerung kommt der Vertrag durch den Zuschlag zu Stande; 
der Bieter bleibt an sein Gebot solange gebunden, bis ein Uebergebot abgegeben ist 
oder die Versteigerung ohne Erteilung des Zuschlags geschlossen wird, § 156 B.G.B. 

Zu erwähnen ist schliesslich die P u n k t a t i o n. Von einer solchen spricht man, 
wenn die Parteien bei Abschluss eines Vertrags vereinbaren, den Vertrag nochmals 
in einer besonderen, nicht schon gesetzlich vorgeschriebenen, Form z.B. gerichtlich oder 
notariell, zu vollziehen. Ein solches Abkommen ist giltig, wie ein anderer Vertrag. 

§18. Nebenbestimmungen. I.Bedingung. Durch Hinzufügung einer 
Bedingung wird der durch das Rechtsgeschäft beabsichtigte Erfolg vom Eintritt oder 
Nichteintritt eines ungewissen Ereignisses abhängig gemacht ; z. B. ich verkaufe einem 
Eigentümer Bauholz unter der Bedingung, dass er für einen bestimmten beabsichtigten 
Bau Bauerlaubnis erhält. Man teilt die Bedingungen ein in aufschiebende (suspen- 
sive) und auflösende (resolutive) ; bei jener fragt es sich, ob das Recht überhaupt 
ins Leben tritt, es entsteht also zunächst nur eine Anwartschaft auf Erwerb 
des Rechts, z. B. ich kaufe ein Pferd unter der Bedingung, dass ich versetzt werde; 
(kaufe ich eine Ware auf Probe oder auf Besicht, so steht die Billigung des 
gekauften Gegenstandes ganz in meinem Belieben; die Wirksamkeit des Geschäfts 
ist, wenn nichts besonderes vereinbart ist, von meiner Billigung abhängig, aufschie- 
bend bedingt, § 495 B.G.B.) ; bei der auflösenden Bedingung entsteht zunächst das 
Recht, es fragt sich aber, ob es bestehen bleibt, z. B. ich kaufe ein Pferd, behalte 
mir aber vor, binnen 2 Monaten den Vertrag rückgängig zu macen, falls sich heraus- 
stellen sollte, dass das Reiten meiner Gesundheit nachteilig ist. 

Den Parteien ist es verboten, den Eintritt der Bedingung oder Nichteintritt gegen 
Treu und Glauben zu beeinflussen, § 162 B.G.B. Wer das von der Bedingung ab- 
hängige Recht durch sein Verschulden während der Schwebezeit vereitelt oder beein- 
trächtigt, ist zum Schadensersatze verpflichtet, § 160 B.G.B. 

2. Zeitbestimmung, z. B. 1. Januar nächsten Jahres oder 3 Monate nach mei- 
nem Tode. 

3. Auflage: Es verpflichtet sich eine Partei zu einer bestimmten Leistung, 
z. B. sie erhält einen bestimmten Geldbetrag, um eine Brücke zu bauen; der Unter- 
schied von der Bedingung ist dieser: bei der Bedingung erhält sie den Betrag nicht, 
und muss den schon gezahlten Betrag zurückzahlen, falls sie nicht die Brücke baut; 
ein Zwang gegen die Partei, die Brücke zu bauen, flndet nicht statt; nimmt sie aber 
das Geld mit der Auflage an, die Brücke zu bauen, so kann sie durch Klage ange- 
halten werden, die Brücke zu bauen. 

§ 19. Vertretung. Vollmacht. I. Wenn ich einem Fuhrmanne durch 
einen Arbeiter sagen lasse , er möge mir zu einer bestimmten Zeit ein Gespann in den 
Wald schicken, so bediene ich mich des Arbeiters als eines Werkzeuges, er ist 



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Vertretung. Vollmacht. § 19. 121 

Bote; wenn dagegen ein Holzhändler jemanden ermächtigt, in seinem Namen bei 
einer Holzversteigerung mitzubieten, so hat der Ermächtigte den Holzhändler i m W i 1- 
len zu vertreten und ist ein Vertreter, er hat Vertretungsmacht. — Letz- 
tere gründet sich entweder auf das Gesetz, z. B. die des Vaters eines ehelichen Kindes 
(§ 1627 B.G.B.), Vormundes (§ 1793 B.G.B.), des Vorstandes eines rechtsfähigen Vereins) 
§ 26 Abs. 2 B.G.B.) oder einer Stiftung (§ 86 B.G.B.), oder sie gründet sich auf 
Rechtsgeschäft (Vollmacht). 

Man unterscheidet u n mittelbare und mittelbare Stellvertretung. Von ersterer 
spricht man, wenn der Vertreter dem dritten gegenüber als Vertreter auftritt, also 
das Geschäft nicht bloss für Rechnung des dritten, sondern auch in dessenNamen 
sehliesst; von mittelbarer Stellvertretung spricht man, wenn der Vertreter dem dritten, 
mit dem er das Geschäft sehliesst, gar nicht sagt, dass er im Namen eines Auftrag- 
gebers handelt; der Stellvertreter in diesem letzteren Falle heisst auch ein stiller 
Stellvertreter. Z. B. A hat bei einer Holzversteigerung von mir Holz gekauft, dass 
er das Holz für einen dritten kaufe, hat er nicht gesagt, es stellt sich aber jetzt her- 
aas, dass er das Holz für den Holzhändler X. gekauft hat; in solchem Falle war A 
sog. stiller Stellvertreter und kommt im Verhältnisse zu mir als Vertreter 
überhaupt nicht in Betracht, folglich haftet e r mir als Käufer auf Bezahlung des Prei- 
ses, anderseits kann nur er das Holz von mir fordern; X würde nur dann das Holz 
von mir verlangen können, wenn A seine Forderung aus der Versteigerung gegen 
nüch dem X abgetreten hätte; den X könnte ich weder auf Abnahme des Holzes 
noch auf Bezahlung des Preises verklagen. 

In einigen Fällen ist Stellvertretung ausgeschlossen, z. B. Unterschreiben einer 
Urkunde, wenn das Gesetz die Schriftform verlangt, § 126 B.G.B. (im Zweifel gilt dies 
auch für die durch Rechtsgeschäft bestimmte Form, § 127). 

Wer geschäftsunfähig ist, kann nicht Vertreter sein, wohl aber der in der 
Geschäftsfähigkeit Beschränkte, § 165 B.G.B. Schickt z. B. ein Holz- 
händler seinen noch minderjährigen Sohn als Bevollmächtigten zur Holzversteigerung, 
so liegt eine giltige Vollmacht vor; dagegen würde es an einer solchen fehlen, wenn 
er einen Geisteskranken schickte. 

In gewissen Fällen werden die rechtlichen Folgen einer Willenserklärung durch 
Willensmängel (z. B. Irrtum) oder durch die Kenntnis oder das Kennenmüssen gewisser 
Umstände beeinflusst; alsdann fragt es sich im Falle einer Stellvertretung, ob es auf 
die Person des Vertreters oder des Vertretenen ankommt. Für diesen Fall trifft § 166 
B.G.B. Bestimmung; darüber vgl. oben S. 117 am Ende. 

n. Vollmacht. 1. Man unterscheidet : a. General- und S p e z i a 1 bevoll- 
mächtigten. Der letztere ist nur ermächtigt, das eine bestimmte oder mehrere be- 
stimmte Geschäfte zu schliessen, z. B. bei einer einzelnen oder bei mehreren bestimmten 
Holzversteigerungen mitzubieten. Der Generalbevollmächtigte hat eine umfangreichere 
Vollmacht : er kann zu allen Geschäften und Rechtshandlungen ermächtigt sein, welche der 
betreffende Betrieb mit sich bringt, z. B. ein Forstverwalter; weiter geht die Voll- 
macht des Generalhandlungsbevollmächtigten eines Kaufmanns, der nach dem H.G.B. zu 
allen Geschäften und Rechtshandlungen ermächtigt ist, die der Betrieb eines derar- 
tigen Handelsgeschäfts gewöhnlich mit sich bringt (§ 54 H.G.B.), deshalb kann der 
Generalbevollmächtigte eines Holzhändlers im Rahmen des gewöhnlichen Betriebes eines 
derartigen Geschäfts Holz kaufen. (Die Generalvollmacht genügt aber nicht zur 
Veräussemng oder Belastung eines Grundstücks, zur Eingehung von Wechselverbind- 
lichkeiten, zur Aufnahme von Darlehen und zur Prozessvollmacht; zu solchen Rechts- 
handlungen müsste er besondere Vollmacht haben.) 



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122 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Am weitesten geht die Vollmacht des Prokuristen eines Kaufmanns; dieser 
kann alles tun, was der Inhaber des betreffenden Geschäfts tun kann, nur zur Bestel- 
lung eines weiteren Prokuristen und zur Veräusserung und Belastung von Grundstücken 
des Geschäftsherrn bedarf er der Spezial (Sonder-) vollmacht, § 49 H.G.B. ; auch kann 
der Prokurist auf den Betrieb einer einzelnen Niederlassung des Geschäftsherm be- 
schränkt sein, falls diese unter einer besonderen Firma geführt wird, § 50 H.G.B. 

Der Ueberbringer einer Quittung gilt als ermächtigt , eine dem Aussteller 
geschuldete Leistung zu empfangen, falls nicht die dem Leistenden bekannten Umstände 
der Annahme einer solchen Ermächtigung entgegenstehen, § 370 B.G.B. Diese Be- 
stimmung schützt den, der auf eine ihm vorgelegte Quittung leistet; die T^eistung an 
den Inhaber der Quittung ist also auch dann giltig, wenn der letztere gar nicht er- 
mächtigt war, die Leistung zu empfangen, z. B. der Dieb der Quittung ; vorausgesetzt 
ist aber selbstverständlich, dass die Quittung echt sei, d. h. dass sie von dem Gläu- 
biger oder einem gehörig Bevollmächtigten unterzeichnet sei; fälscht ein Angestellter 
des Gläubigers (der keine Vollmacht hat) das sich als Quittung ausgebende Schrift- 
stück, so ist der Ueberbringer eines solchen Schriftstücks nicht ermächtigt, die I^istung 
zu empfangen, da es ja gar keine Quittung im Sinne des Gesetzes ist, vielmehr nur 
den Anschein einer Quittung für sich hat. Wird eine echte Quittung vorgelegt, so 
darf der Schuldner nur leisten, falls ihm nicht Umstände bekannt sind, die der An- 
nahme entgegenstehen, dass der Quittungsinhaber die Leistung empfangen solle, z. B. 
dass die Leistung an den Inhaber der Quittung nur unter besonderen Voraussetzungen 
erfolgen soll, die nicht erfüllt sind. — Das Gesagte bezieht sich nicht nur auf den 
Fall, dass der Schuldner Geld zu leisten hat, sondern auch auf jede andere Leistung, 
z. B. von Holz. 

2. Die Vollmacht kann erteilt werden entweder durch Erklärung gegenüber 
dem zu Bevollmächtigenden oder durch Erklärung gegenüber dem dritten, 
demgegenüber die Vertretung des Vollmachtgebers bestimmt wird, § 167 Abs. 1. Die 
Erteilung der Vollmacht kann formlos geschehen, namentlich bedarf sie nicht der Form, 
welche für das vorzunehmende Rechtsgeschäft bestimmt ist (§ 167 Abs. 2) ; vgl. jedoch 
für e i n seitige Rechtsgeschäfte, z. B. Kündigung einer Miete, § 174 B.G.B. und Dicke) 
S. 135 Anm. 242. 

Ist die Vollmacht durch Erklärung gegenüber einem dritten erteilt, so bleibt sie 
diesem gegenüber in Kraft, bis ihm das Erlöschen angezeigt wird, § 170 B.G.B.; doch 
muss er auch dann das Erlöschen gegen sich gelten lassen, wenn er es erfährt oder 
bei Anwendung der gehörigen Sorgfalt hätte erfahren müssen, § 173 B.G.B. 

Das B.G.B. erklärt es auch für zulässig, die Erteilung der Vollmacht durch 
Kundgebung der Vollmacht zu ersetzen ; dies kann auf zweierlei Art geschehen : 
a) der Vollmachtgeber kann einem bestimmten dritten mitteilen oder auch öffentlich 
bekannt machen, dass er eine bestimmte Person bevollmächtigt habe ; im ersteren Falle 
ist der Bevollmächtigte dem bestimmten dritten, im letzteren Falle jedem dritten 
gegenüber zur Vertretung des Machtgebers befugt, § 171 Abs. 1 B.G.B. (In diesem 
Falle bleibt die Vertretungsmacht bestehen, bis die Kundgebung in derselben Weise, 
wie sie ertblgt ist, widerrufen wird, § 171 Abs. 2 B.G.B.; doch muss der dritte das 
Erlöschen der Vollmacht gegen sich gelten lassen, wenn er weiss, dass sie erloschen 
ist, und wenn er dies bei Anwendung der gehörigen Sorgfalt wissen müsste, § 173 
B.G.B.). b) Der Volbnachtgeber giebt dem zu Bevollmächtigenden eine Vollmachts- 
urkunde und der letztere legt die Urkunde dem dritten vor, § 172 Abs. 1 B.G.B. 
(In diesem Falle bleibt die Vertretungsmacht bestehen, bis die Vollmachtsurkunde dem 
Vollmachtgeber zurückgegeben ist oder sie für kraftlos erklärt wird, § 172 Abs. 2 



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Frist. Termin. § 20. 123 

B.G.B.; doch nmss anch hier, wie in dem vorigen Falle, der dritte das Erlöschen der 
Vollmacht gegen sich gelten lassen, wenn er es erfährt oder seine Unkenntnis auf 
Fahrlässigkeit beruht, § 173 B.G.B.) 

3. Die Vollmacht erlischt, abgesehen von den bereits erörterten besonderen 
Fällen: a) wenn es sich um Erledigung eines bestimmten Geschäfts handelt, mit der 
Abwicklung des Geschäfts, z. B. die Sondervollmacht zum Ankaufe eines bestimmten 
Grundstücks oder die zum Mitbieten bei einer bestimmten Holzversteigerung; b) auch 
schon vor Abwicklung des bestimmten Geschäfts durch Widen-uf von Seiten des Voll- 
machtgebers; dieser Widerruf ist in der Regel nach dem Belieben des Vollmachtgebers 
zulässig, aber ausnahmsweise ausgeschlossen, wenn sich die Unzulässigkeit des Wider- 
rufs aus dem betreifenden Rechtsverhältnis ergiebt, so z. B, wenn der Hypotheken- 
gläubiger bis zu seiner vollen Befriedigung unwiderruflich bevollmächtigt ist, die Miet- 
zinsen einzuziehen, um sich dadurch zu befriedigen; die Erklärung des Widerrufs er- 
folgt in derselben Weise, wie die Erteilung der Vollmacht geschehen ist, § 168 Satz 3 
B.G.B. 

Gemäss § 176 B.G.B. kann eine gegebene Vollmachtsurkunde mit Genehmigung 
des Amtsgerichts durch öffentliche Bekanntmachung für kraftlos erklärt werden. Nach- 
dem die Vollmacht erloschen ist, muss sie dem Vollmachtgeber zurückgegeben werden ; 
dies auch dann, wenn der Bevollmächtigte nach allgemeinen Regeln (§ 273 B.G.B.) 
ein Zurückbehaltungsrecht gegenüber dem Machtgeber hätte, § 175 B.G.B. 

4. Selbstverständlich darf sich niemand mit dem früher Bevollmächtigten eines 
anderen einlassen, wenn er weiss, dass die Vollmacht erloschen ist; ebensowenig darf 
er sich einlassen, ohne sorgfältig zu prüfen, ob die Vollmacht noch besteht, hätte er 
bei gehöriger Prüfung das Erlöschen kennen müssen, d. h. beruhte seine Unkenntnis 
auf Fahrlässigkeit, so muss er das Erlöschen der Vollmacht gegen sich gelten lassen. 
Es fragt sich aber, ob er in allen Fällen mit Sicherheit daraufrechnen darf, dass die 
Vollmacht noch fortbesteht, wenn er das Erlöschen weder kennt noch kennen muss? 
Diese Frage ist im allgemeinen zu verneinen. Er ist, wenn er das Erlöschen der 
Vollmacht weder kennt noch kennen muss, nur in folgenden 3 Fällen gesichert: a) 
wenn ihm gegenüber die Vollmacht erklärt und das Erlöschen nicht angezeigt war, 
ij 170 B.G.B., b) wenn die Vollmacht ihm oder wenn sie öffentlich kundgemacht war 
und das Erlöschen nicht in derselben Weise kundgegeben ist, § 171 Abs. 2, c) wenn 
eine Vollmachtsurkunde dem Bevollmächtigten ausgehändigt war und diese noch im 
Besitze des Bevollmächtigten ist, auch noch nicht für kraftlos erklärt war, § 172 
Abs. 2. 

ni. Handelt jemand als Vertreter eines anderen, ohne Vertretungsmacht zu 
haben, oder überschreitet er seine Vollmacht, so entstehen oft sehr komplizierte und 
äusserst schwierige Rechtsfragen, deren Lösung nur durch einen Fachmann möglich 
sein wird. Hier ist aus den §§ 177 bis 179 B.G.B. nur folgendes zu erwähnen: ge- 
nehmigt der Vertretene die Rechtshandlung dessen, der als Vertreter ohne Vertretungs- 
macht gehandelt hat, so wird die Handlung giltig; weist der dritte, der als Vertreter 
eines anderen mit mir verhandelt hat, seine Vertretungsmacht nicht nach, und ver- 
weigert gleichzeitig der, für den er gehandelt hat, die Genehmigung, so halte ich mich 
an den, der als Vertreter aufgetreten ist, und verlange von ihm entweder Erfüllung 
des Vertrages oder Schadensersatz wegen Nichterfüllung. Der, welcher als Vertreter 
gehandelt hat, haftet mir aber nicht, wenn ich den Mangel der Vertretungsmacht 
kannte oder kennen musste. 

§ 20. Frist. Termin. Bei ersterer handelt es sich um einen Zeitlauf, 
bei letzterem um einen Zeitpunkt. Die §§ 187 bis 193 B.G.B. enthalten Auslegungs- 



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124 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

regeln und zwar sowohl für die in Gesetzen, wie auch für die in gericht- 
lichen Verfügungen wie auch für die in Rechtsgeschäften enthaltenen 
Frist- und Terminsbestimmungen. Gribt das Gesetz, wie hier, Au slegungs regeln, 
so kommt es auf diese Regeln selbstverständlich erst an , wenn im einzelnen Falle 
keine besondere Bestimmung getroffen ist, z. B. ein Jagdpachtverti*ag erreicht am 

1. Oktober 1903 sein Ende, die Parteien vereinbaren am 1. Juli 1903 Verlängerung 
um 3 Jahre, erreicht nun der Vertrag am 1. Juli 1906 oder am 1. Oktober 1906 
sein Ende? Nach § 190 B.G.B. wird im Falle einer Verlängerung die neue Frist von 
Ablauf der vorigen gerechnet: also läuft der Pachtvertrag bis 1. Oktober 1906; 
doch können die Parteien selbstverständlich vereinbaren, daös der Vertrag am 1. Juli 
1906 enden solle; dies kann ausdrücklich geschehen und es kann sich auch, wenn es 
nicht ausdrücklich geschieht, aus den Umständen ergeben. — Endet die Frist an einem 
Sonntag oder allgemeinen Feiertag, oder fällt ein Termin auf einen 
solchen Tag, z. B. es wird eine Ware gekauft, lieferbar bis zum 10. nächsten Monats, 
und dieser Tag ist ein Sonntag, oder z. B. lieferbar heute in 1 Monat und dieser Tag 
ist ein allgemeiner Feiertag; in solchen Fällen ist nach § 193 B.G.B. der nächste 
Werktag massgebend, jedoch nur dann, wenn nichts anderes vereinbart ist; wird 
z. B. vereinbart bis spätestens am 10. nächsten Monats, etwa deshalb, weil der 
Käufer die Sachen am 11. früh braucht und nachher nicht mehr brauchen kann, so 
muss die Lieferung trotz der Auslegungsregel des § 193 spätestens am 10. und wenn 
dies wegen des Sonntags nicht möglich ist, spätestens am 9. geschehen, die Lieferung 
am 11. wäre verspätet (sog. Fixgeschäft). Ein anderes Beispiel : A bietet mir Sachen 
zum Kaufe an, ich soll mich binnen 3 Tagen erklären, ich erhalte das Angebot am 
Donnerstag, den 21. Dezember; ist ans den Umständen zu entnehmen oder irgendwie 
zum Ausdrucke gebracht, dass A nach Ablauf von 3 Kalendertagen nicht mehr gebunden 
sein will, (z. B. er setzt zu seinem Angebote hinzu: eine längere Frist kann ich nicht 
stellen, da ich zu Weihnachten eine Entscheidung zu haben wünsche), so muss ich 
meine Annahme des Angebots spätestens am 24. Dezember erklären, sonst ist A nicht 
mehr gebunden. Ist aber von A nichts Näheres darüber bestimmt, wie die 3 Tage 
gemeint sind und ergiebt sich auch namentlich nichts aus den Umständen, so ist die 
Frist von 3 Tagen nach den Bestimmungen des B.G.B. wie folgt zu berechnen: nach 
§ 187 beginnt die Frist im obigen Beispiel am 22. Dezember zu laufen, endet also, 
da der 24. Sonntag und der 25. und 26. Feiertage sind, erst am 27. Dezember abends. 
— § 187 Abs. 1 B.G.B. nimmt den Tag als kürzeste Zeiteinheit; beginnt 
eine Frist im Laufe eines Tages, so wird der Tag in die Frist nicht miteingerechnet, 
in dem soeben erörterten Beispiele (Angebot am 21. Dezember eingegangen, Er- 
klärungsfrist 3 Tage) beginnt also die dreitägige Frist erst am 22. Dezember. Es 
kann sich im gegebenen Falle aber auch um eine nach Stunden bemessene Frist han- 
deln, z. B. ich erhalte früh um 8 Uhr ein Angebot zur Erklärung binnen 24 Stunden, 
so läuft die Frist, wenn kein anderer Wille des Anbietenden ersichtlich ist, am fol- 
genden Morgen um 8 Uhr ab. — § 187 Abs. 2 B.G.B. trifft für den Fall Bestimmung, 
dass eine Frist mit Beginn eines Tages zu laufen anfängt, z. B. eine Leistung soll 
erfolgen binnen 14 Tagen vom 1. April ab, alsdann beginnt die Frist nicht am 

2. April, sondern schon am 1. April und endet mit Ablauf des 14. April. 

§ 188 Abs. 2 B.G.B. bezieht sich auf die nach Wochen, Monaten oder nach meh- 
reren Monaten (Jahr, halbes Jahr, Vierteljahr) zu berechnende Frist. Massgebend 
ist der Tag, welcher durch seine Benennung oder seine Zahl dem Tage entspricht, in 
den das Ereignis oder der Zeitpunkt fällt, und zwar in der Weise, z. B.: 1. zu liefern 
heute (Dienstag den 1. Mai) in einer Woche; die Frist endet am Dienstag den 8. Mai; 



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Verjährung. § 21. 125 

2. za liefern innerhalb einer Woche von Dienstag den 1. Mai ab; die Frist endet am 
Montag den 7. Mai. — Heute (1. Juni) in 3 Monaten oder heute in einem Vierteljahr 
ist der 1. September; heute (1. Februar 1903) in einem Jahre, ist 1. Februar 1904. Heute 
(31. Januar) in einem Monat ist der 28. Februar, im Schaltjahre der 29. Februar. 
Heute (28. Februar) in 3 Monaten ist der 28. Mai. 

Unter einem halben Jahre versteht das B.G.B. eine Frist von 6 Monaten, unter 
einem Vierteljahr eine Frist von 3 Monaten; ein halber Monat ist gleich 15 Tagen 
(§ 189 B.G.B.). Ist eine Frist z. B. auf IVa Monaten bestimmt, so ist zuerst der 
Monat zu rechnen und nachher die 15 Tage, z. B. IVa Monate am 20. Januar begin- 
nend; also zunächst 1 Monat 20. Februar, dann 15 Tage bis 7. März, im Schaltjahre 
bis 6. März; (würde man zuei*st die 15 Tage und erst nachher den Monat rechnen, so 
wäre vom 20. Januar auf 4. Februar und dann im Gemeinjahre wie im Schaltjahr 
auf 4. März zu rechnen sein). 

Unter Anfang eines Monats ist der 1., unter Mitte der 15. (auch im Februar), 
unter Ende der letzte Tag des Monats zu verstehen, § 192 B.G.B. 

Ist ein Zeitraum nach Monaten oder nach Jahren in dem Sinne bestimmt, dass 
er nicht zusammenhängend zu verlaufen braucht, so wird nach § 191 B.G.B. der Mo- 
nat zu 30 Tagen, das Jahr zu 365 Tagen gerechnet, z. B. ein Privatbeamter hat sich 
bei der Anstellung jährlich zusammengerechnet einen Monat Urlaub ausgehalten, er hat 
nur Anspruch auf zusammen 30 Tage, dies aber auch, wenn er im ganzen Februar 
(vom 1. bis 28.) Urlaub nimmt; er behält alsdann noch ein Recht auf 2 Tage Urlaub. 

Man nimmt an, dass die Bestimmungen des B.G.B. über Fristen und Termine 
allgemeine Geltung haben, also nicht auf das bürgerliche Recht beschränkt sind. In 
erster Linie kommt es aber immer, wie schon oben bemerkt, auf den einzelnen Fall 
an, so wird nach den Gesetzen über Ausstellung der Jagdscheine regelmässig ange- 
nommen, dass nur kalendermässig gerechnet wird, und dass der Tag des Beginnes 
eingerechnet wird, z. B. A wünscht einen Jagdschein auf 3 Tage, vom Freitag den 10. 
ab giltig; der Schein ist auszustellen für die Tage vom 10. bis 12.; A wünscht einen 
Jagdschein von heute auf 3 Tage, ebenso auszustellen (vom 10. bis 12. giltig); der 
Schein soll vom 1. Oktober ab auf 1 Jahr gelten; auszustellen am 1. Oktober bis 
30. September. 

§ 21. Verjährung. I. Man setze folgenden Fall : ich habe von dem Kaufmann 
K Samen für 100 M. gekauft und den Geldbetrag einige Tage nachher bezahlt. K ver- 
klagt mich jetzt auf Zahlung von 100 Mk. Preis für den Samen, ich wende ein, den Be- 
trag gezahlt zu haben, Kläger bestreitet dies. In solchen Fällen muss ich die stattge- 
habte Zahlung beweisen ; Kläger nämlich braucht nicht zu beweisen, dass er das von ihm gel- 
tend gemachte Recht jetzt habe, er braucht nur die E n t s t e h u n g des Rechts dar- 
zulegen — diese ist hier unstreitig — , meine Aufgabe ist es, jede Veränderung in 
dem einmal entstandenen Rechtsverhältnisse darzulegen und im Bestreitungsfalle zu 
beweisen, so namentlich die Tilgung der Schuld durch Zahlung. Hieraus ergibt sich: 
Wer einen Geldbetrag oder sonst eine Leistung schuldig geworden ist, wird gut tun, 
wenn er leistet, sich den Beweis der Leistung zu sichern; namentlich etwa durch 
Quittung oder durch Zeugen. Als Beweismittel wird in der Zivilprozessordnung auch 
der Eid anerkannt, jedoch nicht so, dass der Beweispflichtige schwört, vielmehr 
nur so, dass er den Eid dem andern Teile zuschiebt; schwört alsdann der Prozess- 
gegner — vielleicht deshalb, weil er im oben gesetzten Beispiele fest überzeugt ist, 
dass er das Geld nicht erhalten habe — so unterliege ich im Prozesse. — Gäbe es 
nun keine Verjährung, so müsste man sich, um sich den Beweis der Erfüllung zu 
sichern, Quittungen dauernd aufbewahren. Ein solches, praktisch unhaltbares Ergebnis 



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126 XIV. Dickel, Rechtakunde. 

wird durch die Verjährung unmöglich gemacht. Die Gesetze und namentlich auch 
das B.G.B. bestimmen , dass in der Eegel ein Anspruch mit Ablauf einer im Gesetze 
bestimmten — teils längeren (gewöhnlich 30 Jahre) teils kürzeren Frist — verjähre. 
Nach Eintritt der Verjährung besteht die Vermutung, dass das Recht erloschen sei; 
der Verpflichtete braucht sich nicht auf Darlegung der Erlöschungsart einzulassen und 
ist nicht zum Beweise der Tilgung verpflichtet; er kann sich einfach auf den Eintritt 
der Verjährung berufen. Sind deren Voraussetzungen gegeben, so ist die Klage ab- 
zuweisen. Nach Eintritt der Verjährung einer Forderung kann deshalb der Verpflichtete 
die Quittung vernichten, der Tod eines Zeugen oder der Verlust eines anderen Beweis- 
mittels schadet ihm nicht mehr. — Ob in einem Prozesse die Verjährung berücksichtigt 
werden soll, hängt allein von der als Verpflichteten in Anspruch genommenen Partei 
ab ; beruft sich diese auf den Eintritt der Verjährung, so muss der Eichter prüfen, ob 
deren Voraussetzungen gegeben sind ; beruft sich die Partei nicht auf die Verjährung, 
so kommt es auf diese nicht an, von Amtswegen kann der Richter die Verjährung 
nicht berücksichtigen. § 222 Abs. 1 bestimmt, dass der Verpflichtete nach Eintritt 
der Verjährung berechtigt sei, die Leistung zu verweigern (vgl. S. 127 zu III). 
U. Voraussetzungen: a. Gegenstand. Verjähren kann nur ein An- 
spruch, d. h. das Recht, von einem anderen ein Tun oder Unterlassen oder Dulden 
zu fordern, z. B. wie im obigen Falle das Recht auf Zahlung des Preises für ge- 
lieferte Waren, ebenso das Recht auf Lieferung der gekauften Ware, femer auf ding- 
liche Ansprüche, z. B. der Anspruch des Eigentümers auf Herausgabe einer Sache gegen 
den, der sie besitzt. Recht auf Duldung einer Grunddienstbarkeit. Bei diesen ding- 
lichen Rechten aber handelt es sich regelmässig nur um den Anspruch, nicht um das 
zu Grunde liegende Recht, z. B. eine mir gehörige Sache kommt zufällig in den Besitz 
des B, klage ich 30 Jahre lang nicht und verjährt mein Anspruch auf Herausgabe, 
so kann ich die Herausgabe der Sache nicht mehr erzwingen, trotzdem bleibe ich 
Eigentümer, kommt die Sache nachher zufällig wieder in meinen Besitz, so kann ich 
sie behalten, da ich ja noch Eigentümer der Sache bin; anders würde es liegen, wenn 
B inzwischen die Sache ersessen oder sonstwie das Eigentum erlangt hätte. — Gewisse 
Ansprüche sind unverjährbar, z. B. § 758 Anspruch auf Aufhebung einer Gemeinschaft, 
§ 898 gewisse Ansprüche auf Berichtigung des Gnindbuchs, § 902 Ansprüche aus den im 
Grundbuch eingetragenen Rechten (eingetragener Widerspruch steht gleich, § 899), (ausge- 
nommen die Ansprüche auf Rückstände und Schadensersatz, ausgenommen ferner bei den 
Dienstbarkeiten, wenn auf dem belasteten Grundstück eine Anlage, durch welche die Grund- 
dienstbarkeit beeinträchtigt wird, errichtet worden ist, der Anspruch des Berechtigten auf 
Beseitigung der Beeinträchtigung, auch wenn die Dienstbarkeit eingetragen ist), § 924 
gewisse nachbarrechtliche Ansprüche, z. B. Anspruch auf Gewährung eines Notweges, 
Grenzerneuerungs- und Grenzscheidungsklage. — b. Ablauf der Verjährungszeit. 
Diese beträgt in der Regel 30 Jahre, § 195 B.G.B., ausnahmsweise weniger, namentlicii 
kommt eine Verjährung von 2 und von 4 Jahren in Betracht. In 2 Jahren verjähren 
(§ 196 BGB.) zahlreiche Forderungen aus Rechtsgeschäften des täglichen Verkehrs, 
besonders Forderungen der Kaufleute, Fabrikanten, Handwerker u. s. w. für Lieferung 
von Waren, Ausführung von Arbeiten und Besorgung fremder Geschäfte, mit Einschluss 
der gemachten Auslagen (ausgenommen den Fall, dass die Leistung für den Gewerbe- 
betrieb des Schuldners erfolgt, alsdann beträgt die Verjährungsfrist 4 Jahre, § 196 
Abs. 2), ferner verjähren in 2 Jahren die Forderungen derer, die Land- oder Forst- 
wirtschaft betreiben, für Lieferung von land- oder forstwirtschaftlichen Erzeug- 
nissen, sofern die Lieferung zur Verwendung im Haushalte des Schuldners erfolgt, 
z. B. Brandholz für den eigenen Bedarf, (sonst in 4 Jahren , z. B. Kauf des Holz- 



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Verjährung. § 21. 127 

händlers für sein Geschäft). — In 4 Jahren verjähren (§ 197 B.Ct.B.) : Die Ansprüche 
auf Kückstände von Zinsen , von Miet- und Pachtzinsen in der Regel , von Renten, 
Auszugsleistungen, Besoldungen, Wartegeldem, Ruhegehalten und allen anderen regel- 
mässig wiederkehrenden Leistungen. — In 3 Jahren verjähren die Ansprüche auf Er- 
satz des aus einer unerlaubten Handlung (z. B. Sachbeschädigung, Beschädigung durch 
Tiere) entstandenen Schadens von dem Zeitpunkt an, in dem der Verletzte von dem 
Schaden und der Person des Ersatzpflichtigen Kenntnis erlangt (spätestens aber in 
3() Jahren nach Zufügung des Schadens), § 852 B.G.B. 

3. Berechnung der Verjährungsfrist. Die letztere beginnt erst zu 
laufen, wenn der Anspruch, um dessen Verjährung es sich handelt, geltend gemacht 
werden kann: in der Regel ist dies möglich, mit der Entstehung des Anspruchs, bei 
dem Anspruch auf Unterlassung mit der Zuwiderhandlung (§ 198 B.G.B.) Eine Aus- 
nahme machen die oben erwähnten Fälle der 2- und 4jährigen Verjährung; hier be- 
ginnt die Frist erst mit dem Schlüsse des betreffenden Kalenderjahres zu laufen, in 
welchem der Anspruch zuerst geltend gemacht werden kann, z. B. wenn ich am 
10. Februar 1902 Holz verkaufe und der Preis mangels einer anderen Abrede sofort fällig 
wird, so beginnt der Lauf der 2jährigen Frist am 31. Dezember 1902; ist der Preis 
bis 1. Januar 1903 gestundet, so läuft die Verjährungsfrist vom 31. Dezember 1903 
bis 31. Dezember 1905 (§ 201 B.G.B.). — So lange eine Leistung gestundet ist, ist 
die Verjährung gehemmt; das Gleiche gilt in anderen Fällen gemäss § 202 B.G.B. 

Handelt es sich um einen dinglichen Anspruch und es findet während der Ver- 
jährungsfrist ein Besitz Wechsel statt, z. B. die Verjährung der Klage auf Herausgabe 
einer Sache beginnt gegenüber dem Besitzer A und danach erhält B den Besitz, so 
kommt die während des Besitzes des Rechtsvorgängers verstrichene Zeit dem Rechts- 
nachfolger zu statten, § 221. 

Nach dem Beginne des Laufes der Verjährung darf die Frist nicht unter- 
brochen werden; wird sie unterbrochen, so kann nachher die Verjährung von neuem 
zu laufen beginnen, die früher verstrichene Zeit kommt dabei nicht in Betracht, § 217 
BGB. Die Verjährung wird unterbrochen namentlich durch Klage und andere dieser 
gleichstehende prozessuale Akte (§§209 bis 211 B.G.B.), auch durch Anerkennung 
der Verbindlichkeit (z.B. durch Abschlagszahlung, Zinszahlung, oder durch ausdrück- 
liche Erklärung), (§ 208 B.G.B.). In einigen Fällen gilt die Unterbrechung unter be- 
stimmten V^oraussetzungen als nicht erfolgt (§§ 212 bis 216 B.G.B.). 

III. Wirkung. Mit Eintritt der Verjährung steht dem Verpflichteten das 
Recht zu, die Leistung zu verweigern, aber die Vei'pflichtung bleibt, wenn sie nicht 
in ii^end einer Weise getilgt wird, trotz der Verjährung bestehen und also kann der 
Verpflichtete, wenn er will, immer noch erfüllen, zahlt er also z. B. den geschuldeten 
Preis, so liegt nicht eine Schenkung vor, vielmehr wird die alte Verbindlichkeit getilgt. 

Wie schon oben bemerkt, handelt es sich bei der Verjährung nur um den An- 
spruch. Infolge dessen gilt trotz des Eintritts der Verjährung das dingliche 
Recht, um welches es sich bei dem Ansprüche handelt, nicht als erloschen ; es gilt viel- 
mehr als fortbestehend und äussert seine Wirkung, so gut dies nach Verjährung des 
Anspruchs noch möglich ist (vgl. oben IIa); dies gilt nun auch für Grunddienst- 
barkeiten. Bei letzteren ist aber im § 1028 eine wichtige Ausnahme gemacht: es 
handelt sich um den bereits erwähnten Fall, dass auf dem mit der Dienstbarkeit be- 
lasteten Grundstück eine Anlage errichtet worden ist, durch welche die Dienstbarkeit 
beeinträchtigt wird; in solchem Falle unterliegt der Anspruch des Berechtigten auf 
Beseitigung der Beeinträchtigung der Verjährung, selbst wenn die Dienstbarkeit im 
Giiindbuch eingetragen ist; mit der Verjährung des Anspruchs erlischt die Dienstbar- 



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128 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

keit, soweit der Bestand der Anlage mit ihr im Widerspruche steht. 

Mit dem Haupt anspruche verjährt der Ansprach auf die von ihm abhängenden 
Nebenleistungen, auch wenn die für den Anspruch geltende besondere Verjährung noch 
nicht eingetreten ist, § 224 B.G.B. Im übrigen vgl. über Verjährung des Haupt- und 
Nebenanspruchs § 223 B.G.B. 

IV. Durch Rechtsgeschäfte, insbesondere durch Verträge, kann die Verjährung 
abgekürzt, auch sonst erleichtert, aber weder ausgeschlossen noch erschwert 
werden, § 225 B.G.B. Nur ausnahmsweise kann die Verjährungsfrist durch Ver- 
trag verlängert werden, z. B. für die Wandelungs- und Preisminderungsklage des 
Käufei-s (§ 477 B.G.B.), entsprechend beim Werkvertrage (§ 638 B.G.B.). 

V. Für die U eb er gangs Verhältnisse, d. h. für die unter der Herrschaft des 
alten Rechts vor dem 1. Januar 1900 begonnene Verjährung, vgl. Art. 169 E.G. z. 
B.G.B. und Dicke l S. 148 Anm. 259. 

VI. In Kraft geblieben sind die 1 a n d e s gesetzlichen Bestimmungen, 1. soweit 
sie dem öffentlichen Rechte angehören, da das B.G.B. nur das Privatrecht regelt, 
2. die landesprivat rechtlichen Bestimmungen, soweit sie Materien betreffen, welche 
der Landesgesetzgebung überlassen sind. 

Im Anschluss an das römische Recht nahm das gemeine Deutsche Recht an, dass 
gewisse öffentlich-rechtliche, vielfach auch privatrechtliche Verhältnisse zu schützen seien, 
wenn sie seit Menschengedenken bestanden hätten; gewöhnlich verlangte man 
zur Annahme dieser „unvordenklichen Verjährung" („Immemorialpräskription", „vetustas"*) 
zwei Feststellungen : die positive, dass der Zustand seit langer Zeit (gewöhnlich wurden 
40 Jahre verlangt) bestanden habe und die negative, dass keine sichere Kunde von 
einem anderen Rechtszustand im Gedächtnisse der Menschen sei. Die unvordenkliche Ver- 
jährung begründete die rechtliche Vermutung, dass der seit Menschengedenken bestandene 
Zustand rechtmässig entstanden sei. Das B.G.B. hat diese Art von Verjährung nicht auf- 
genommen ; sie ist aber in Kraft geblieben, soweit die Landesgesetze sie für die oben unter 
VI erwähnten Materien gestatten. 

§ 22. Ausübung der Rechte. I. Im allgemeinen. „Wer sich sei- 
nes Rechtes bedient, tut niemandem unrecht", ist ein alter unbestritt»ener 
Satz. Wenn ich durch Anlegung einer Pflanzung oder durch den Bau eines Hauses auf 
meinem Grundstücke dem benachbarten Villenbesitzer die Aussicht beeinträchtige, so muss 
er sich dies (falls er nicht ein besonderes Recht auf Aussicht gegen mein Grundstück 
erworben hat) gefallen lassen. — Wenn jemand sich seines Rechtes bedient, so muss er 
sich aber innerhalb der gesetzlichen Schranken halten. Dieser Satz ist ebenso selbstver- 
ständlich wie der obige. Beide Sätze sind deshalb vom B.G.B. ohne weiteres vorausgesetzt. 
— § 226 B.G.B. enthält dann aber ein allgemeines Verbot der Schikane: „eine 
Rechtsausübung ist unzulässig, wenn sie nur den Zweck haben kann, einem anderen 
Schaden zuzufügen", also nur dann, wenn sie aus Bosheit erfolgt. Deshalb darf 
z. B. niemand einen Bau nur zu dem Zwecke aufführen, um dem gehasst«n Nach- 
bar die Aussicht zu verbauen (sog. Neidbau). Jeder Eigentümer darf in Ausübung 
seines Eigentums fremdes Vieh , das ohne Recht des fremden Eigentümers auf sein 
Grundstück gekommen ist, fortjagen, er darf aber nicht, ohne dass es nötig wäre, 
das Vieh und namentlich nicht ein trächtiges Tier schlagen. Ein Jagdpächter darf 
zum Zwecke der Jagdausübung fremde Grundstücke betreten; er handelt aber unbe- 
fugt, wenn er ein bestelltes Grundstück nur deshalb betritt, um den Eigentümer zu 
ärgern. 

Wird uns als Berechtigten die Anerkennung unseres Rechtes nicht zu teil, wie 
wir sie zu beanspruchen haben , macht sich insbesondere ein dritter einer Verletzung 
unseres Eigentums oder anderen dinglichen Rechtes schuldet, oder erfüllt der Ver- 
pflicht-ete nicht, was er uns schuldig ist, so dürfen wir nicht ohne weiteres Selbst- 



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Ausübung der Rechte. § 22. 129 

hilfe üben; wir müssen vielmehr das Gericht oder andere Staatsbehörden anrufen, 
uns zu helfen. Zieht der Mieter, dem wir eine Wohnung vermietet hatten, nach Ab- 
lauf der Mietzeit nicht aus, so sind wir nicht berechtigt, ihn selbst mit Gewalt zu 
entsetzen, wir müssen vielmehr, um unser Recht geltend zu machen, das Amtsgericht 
anrufen und auf Räumung klagen; der Amtsrichter kann auch auf unseren Antrag, 
wenn unser Recht glaubhaft gemacht ist, durch eine sofort vollstreckbare einstweilige 
Verfügung den Mieter entsetzen. 

II. Staatshilfe. Der Staat gewährt seine Hilfe dem z i v i 1 rechtlich Berech- 
tigten in der Regel durch die ordentlichen Gerichte (Amts-, Land-, Oberlandesge- 
richte, Reichsgericht). Gemäss § 13 des deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes aber 
hat die Landesgesetzgebung über die Zulässigkeit des Rechtsweges zu ent- 
scheiden und kann namentlich die Entscheidung einer Zivilsache durch Verwaltungs- 
behörden und Verwaltungsgerichte anordnen"). Das Weitere gehört in die Gerichts- 
verfassung und den Zivilprozess. Vgl. auch Di ekel S. 151 — 154. Die Anrufung der 
ordentlichen Gerichte muss in der Regel durch Klage erfolgen. Es gibt aber auch 
n n vollkommene Schuld Verbindlichkeiten (Naturalobligationen), bei denen einerseits keine 
Klage stattfindet, andererseits aber auch eine Rückforderung des etwa freiwillig Ge- 
leisteten unzulässig ist, z. B. bei Spiel und Wette, §§ 762 f£.; so ist es auch bei 
Vertragsstrafe und Lohn für Vermittlung eines Dienstvertrages, soweit die Beträge 
unverhältnismässig hoch sind (§ 343, § 655); so auch bei sittlichen und Anstands- 
pflichten, § 814. — Hier ist nur noch zu bemerken, dass das Gesetz in einigen Fällen 
dem zivilrechtlich Berechtigten im Strafprozesse hilft, so namentlich in denForst- 
diebstahl- und Feld- und Forstpolizeigesetzen. So z. B. § 9 Abs. 1 des 
preuss. Forstdiebstahl-Gesetzes vom 15. 4. 1878 „In allen Fällen ist neben der Strafe 
die Verpflichtung des Schuldigen zum Ersätze des Wertes des Entwendeten 
an den Bestohlenen auszusprechen. Der Ersatz des ausser dem Werte des 
Entwendeten verursachten Schadens kann nur im Wege des Z i v i 1 prozesses 
geltend gemacht werden.« Entsprechend §§ 67, 68 des preuss. F.F.P.G. vom 1. 4. 1880. 

in. Selbsthilfe. Man unterscheidet Selbstverteidigung und Selbsthilfe 
im engeren Sinne. Bei jener handelt es sich um den Schutz eines nur bedrohten 
Rechts, z. B. ein Holzdieb bedroht mich mit der Axt; von Selbsthilfe im engeren 
Sinne ist die Rede, wenn bereits eine Rechtsverletzung stattgefunden hat und 
wieder beseitigt werden soll, z. B. ein Dieb hat das im Walde entwendete Laub be- 
reits aufgeladen und beginnt fortzufahren. 

A. Sich zu verteidigen, ist nach allen Rechten jedermann befugt, wenn er 
angegriffen wird. „Not kennt kein Gebot"; „ein Notschlag kein Totschlag". Die 
Selbstverteidigung kann sich richten: 

1. Gegen Personen (Notwehr). Notwehr ist nach § 227 Abs. 2 B.G.B. 
(wörtlich übernommen aus § 53 des St.G.B.) „diejenige Verteidigung, welche erforderlich 
ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder 
einem Anderen abzuwenden. '^ Notwehr darf ich zu Gunsten meines Lebens und meiner kör- 
perlichen Unversehrtheit üben nicht minder aber auch zu Gunsten meiner Vermögensrechte 
und überhaupt zu Gunsten eines jeden rechtlich geschützten Gutes (R e c h t s gutes); 
nicht bloss zu Gunsten meines Rechtes, auch zu Gunsten des Rechtes eines Ande- 
ren; das Sprichwort sagt „Ritterschaft ist keine Sünde". (Darf die Notwehr 

11) Letzteres ist z. B. im preuss, Wildschadensgesetze vom 11. 7. 1891 geschehen, 
nach welchem die Polizei einen Vorbescheid erlässt und sodann das Verwaltungsstreitverfahren 
stattfindet. — Vgl. das ausgezeichnete Werk von 0. S t ö 1 z e 1 , Rechtsweg und Kompetenz- 
konflikt in Preussen, 1901. 

Handbuch d. Foratw. 2. Aufl. IV. 9 



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130 XIV. Dickcl, Rechtskunde. 

auch zum Schutze eines geringwertigen Rechtsgutes durch Zufngung eines Schadens 
von grösserem Umfange stattlinden? Darf ich z. B. um mich im Besitze meines Stückes 
Holz zu erhalten, nötigenfalls das Leben dessen, der mir das Holz abnehmen will, 
vernichten? Mit anderen Worten : ist eine Relativität der Interessen vorauszusetzen? 
Darüber vergleiche unten S. 131 Abs. 1.) 

Was ich um Notwehr zu üben tue, ist „nicht widerrechtlich" (§ 227 Absatz 1 
B.G.B.) d. h. rechtmässig, jedoch nur soweit, als das zum Zwecke der Notwehr 
geschehene geboten war; denn „Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erfor- 
derlich ist . . .** Zwar lässt das St.G.B. den i^ 53 Abs. 3 dieUeberschrei- 
t u n g der Notwehr straflos, „wenn der Täter in Bestürzung, Furcht oder Schrecken 
über die Grenzen der Verteidigung hinausgegangen ist" ; eine solche Ueberschreitung 
aber ist deshalb nicht rechtmässig, vielmehr widerrechtlich und verpflichtet nach all- 
gemeinen Regeln (also Verschulden vorauszusetzen, vgl. unten S. 137) zum Schadens- 
ersatze, vergleiche R.G. in Z.S. Bd. 21 S. 296. — Streitig ist es, ob sich der ange- 
griffene, wenn möglich durch die F 1 u c h t dem Angriffe entziehen müsse ; einige meinen, 
diese Frage bei einem Soldaten verneinen, bei einer Zivilperson bejahen zu müssen. 
Das Reichsgericht (Z.S. Bd. 16 S. 72) erteilt folgende Antwort: Das Gesetz habe füg- 
lich nicht verlangen können, dass als Mittel, dem Angriffe zu entgehen, die Flucht 
dann gewählt werde, wenn dieselbe „nicht ohne eigenes Opfer an berechtigten Interessen 
bewirkt werden könne, namentlich also, wenn sich solche nach den Anschauungen des 
gesellschaftlichen Verkehrslebens unter den gegebenen Umständen als schimpflich oder 
unehrenhaft darstellen würde." — Dass im übrigen, soweit nötig, zur Beseitigung des 
Angriffs nicht bloss Abwehr- sondern auch Angriffshandlungen gestattet sind, ist all- 
seitig anerkannt. 

2. Selbstverteidigung gegen Sachen, Notstand. § 228 B.G.B bestimmt : 
„Wer eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, um eine durch sie drohende 
Gefahr von sich oder einem anderen abzuwenden, handelt nicht widerrechtlich, wenn die 
Beschädigung oder die Zerstörung zur Abwendung der Gefahr erforderlich ist 
und der Schaden nicht ausser Verhältnis zu der Gefahr steht. 
Hat der Handelnde die Gefahr verschuldet, so ist er zum Schadensersatze verpflichtet '^. 
Von einem Notstand ist hiernach unter folgenden Voraussetzungen die Rede: 
a. wenn durch eine fremde Sache Gefahr droht, z. B. ein wütendgewordener Stier 
dringt auf uns ein und gefährdet unser Leben ; ob die Gefahr mir selbst oder einem 
nahen Angehörigen droht oder einem ganz fremden Menschen, ist gleich- 
giltig. Der § 54 des St.G.B, nahm einen andern Standpunkt ein ; hiemach war meine 
beschädigende Handlung als im Notstande geschehen nur dann straflos, wenn ich selbst 
oder ein naher Angehöriger bedroht war; bedrohte der fremde Stier das Leben mei- 
nes Kindes, so durfte ich ihn niederschiessen, nicht aber, wenn er ein fremdes Kind 
gefährdete; dies entsprach dem christlichen Begriffe des „Nächsten" nicht. 
Der § 228 B.G.B. hat den Fehler des St.G.B. beseitigt; denn er erklärt die Handlung 
zum Schutze eines „andere n", d. h. eines jeden Anderen unter den übrigen Vor- 
aussetzungen für „nicht widerrechtlich", d. h. rechtmässig, b. Die Beschädigung oder 
Zerstörung der fremden Sache muss zur Abwendung der Gefahr notwendig sein, 
z. B. wir schiessen den Stier nieder, weil wir uns nicht anders retten können, c. der 
Schaden der durch die Sache droht, darf nichtausser Verhältnis zu dem Schaden 
stehen, der aus ihrer Beschädigung entsteht, z. B. in dem soeben gesetzten Falle: 
unser Leben ist wertvoller als das Leben des Stieres ; würde der Stier dagegen nur in 
unser Besitztum eindringen und dort einige Pflanzen zertreten, so dürften wir ihn nicht 
töten. 



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Ausübung der Rechte. § 22. 131 

Ob die Belativität der Interessen auch bei der Notwehr vorauszusetzen sei 
ist sehr streitig. Vgl. darüber Dickel S. 157 if. , insbesondere auch die daselbst in 
Anmerkung 279 erwähnte Entscheidung des Beichsgerichts in Strafsachen Band 23 
S. 117. — Hier können nur einige Beispiele angeführt werden, welche darauf hinweisen, 
dass auch bei der Notwehr eine Relativität der Interessen zu verlangen sei: 1. Allseitig 
wird anerkannt , dass die Notwehr auch zum Schutze der Ehre zulässig sei ; gesetzt 
nun: es beleidigt mich jemand mit Schimpfworten; darf ich ihn, um die Fortsetzung der 
Beleidigung zu verhindern , — falls mir kein anderes Mittel zur Verfügung steht — tot 
schiesen? Darf ich einen Bauer, der durch meine Schonung fährt, und trotz meines Zu- 
rufs nicht stehen bleibt , um die weitere Beschädigung der Schonung zu verhüten , in 
die Beine schiessen ? — Es läfst sich hoffen, dass jeder deutsche Forstmann dem gesunden 
Menschenverstände gemäss diese Fragen nicht bloss vom sittlichen, sondern auch vom 
rechtlichen Standpunkt aus verneint. 

Die Strafkammer des Landgerichts zu Düsseldorf hat angenommen, der Jäger, welcher 
in seinem Jagdrevier den jagenden fremden Hund erschoss, sei dazu nicht befugt gewesen, 
weil er sich „mit einem leichten Streifschusse" hätte begnügen können ; dem 
werden die Leser dieses Handbuchs bei aller Hochachtung vor der Treffsicherheit der deut- 
schen Jäger vermutlich nicht zustimmen. — Beachtenswert aber ist ein urteil des Preuss. 
Oberverwaltungsgerichts vom 7. Mai 1897 (Entsch. Bd. 32 S. 444): Der Hund darf nicht 
erschossen werden, wenn er in anderer Weise unschädlich gemacht werden kann , nament- 
lich wenn er angelockt und eingefangen werden kann, aber die Versicherung des Be- 
klagten, dass er dies vergeblich versucht habe, verdient ohne weiteres Glauben, weil er- 
fahrungsmässig im Jagen begriffene Jagdhunde durch einen Zuruf vom weiteren Jagen nicht 
abgehalten werden; der Hund war im vorliegenden Falle eine Bracke; im amtsgericht- 
lichen Urteile war auch die vermeintliche Möglichkeit der Verscheuchung durch einen 
blinden Schuss, einen Steinwurf oder ein anderes Schreckmittel hingewiesen, derartige 
Mittel aber haben, wie das O.V.G. bemerkt, gegenüber Jagdhunden, die im Jagen be- 
griffen sind, keine dauernde Wirkung u. s. w. 

Die Bestimmung über Notstand schützt wie die über Notwehr nicht bloss Leben 
und Gesundheit, auch Eigentum; deshalb würde der § 228 auch gegenüber dem 
Wildschaden in Anwendung kommen, aber das B.G.B. hat den Wildschaden be- 
sonders geregelt und Art. 69 ff. des E.G. z. B.G.B. überweisen das Jagdrecht der 
Landesgesetzgebung. Auch Aneignungs berechtigte, z. B. Jagdberechtigte, würden 
sich auf § 228 B.G.B. berufen können, wenn nicht das Jagdrecht, der Landesgesetz- 
gebang überlassen wäre (Art. 69 ff. E.G. z. B.G.B.) — Ueber das Recht zur Tötung 
re\äerender Hunde und Katzen gibt es zahlreiche Sondergesetze, Verordnungen, Pro- 
vinzial- und Lokalbestimmungen , vergl. Schuhmacher, die Befugnis der Jagdbe- 
rechtigten zur Tötung fremder Hunde und Katzen in Preussen 2. Aufl. (1897), Joseph 
Bauer, Die Jagdgesetze Preussens (1896) S. 307 ff. (auch besonders erschienen). Fehlt 
es an derartigen Sondervorschriften, so entscheidet die allgemeine Vorschrift des § 228 
danach darf ich den fremden Hund, die fremde Katze nur töten, wenn die oben im 
Texte mitgeteilten Voraussetzungen des Notstandes gegeben sind; vor allen Dingen 
muss also Gefahr drohen, dies ist nicht der Fall, wenn nach Lage der Sache gar 
nicht zu erwarten ist, dass der fremde Hund mein Wild verfolgen wird. (Das Land- 
gericht zu Giessen hat am 25. Juni 1901 erkannt : „Der Eigentümer eines Gartens sei 
im Literesse des Schutzes der Singvögel nicht berechtigt, fremde in seinen Garten kom- 
mende Katzen zu töten, sofern die getötete Katze nicht einen Angriff auf einen Sing- 
vogel gemacht habe; nicht alle Katzen gingen auf Vogelfang und Nestraub aus**, ver- 
gleiche Hess. Rspr. 1901 S. 83.) Femer ist vorauszusetzen, dass die Tötung des fremden 
Tieres zur Abwendung der Gefahr notwendig sei. 

Wer meinen Hund gereizt und dadurch zu einer bedrohlichen Haltung veranlasst, 
demnächst zu seinem Schutze den Hund verletzt, handelt nach den Gesetzen im Not- 
stand und also nicht widerrechtlich; deshalb ist seine Handlung auch nicht strafbar 
(der § 54 St.G.B. ist insoweit durch das B.G.B. abgeändert worden) ; gleichwohl ist er 

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132 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

verpflichtet, mir den entstandenen Schaden zu ersetzen, da dies in § 228 Satz 2 B.G.B. 
ausdrücklich bestimmt ist. 

Vom Notstand ist die sog. Nothilfe zu unterscheiden, z. B. Wegnahme einer 
fremden Sache wegen Hungers. § 904 B.G.B. bestimmt : „Der Eigentümer einer Sache 
ist nicht berechtigt, die Einwirkung eines anderen auf die Sache zu verbieten, wenn 
die Einwirkung zur Abwendung einer gegenwärtigen Gefahr notwendig und der droh- 
ende Schaden gegenüber dem aus der Einwirkung dem Eigentümer entstehenden Schaden 
unverhältnismässig gross ist. Der Eigentümer kann Ersatz des ihm entstehenden Schadens 
verlangen." Beim Notstande droht uns Gefahr durch die fremde Sache, im obigen 
Beispiele durch den fremden Stier; bei der Nothilfe handelt es sich um eine Gefahr, 
die nicht durch die fremde Sache droht, die fremde Sache wird in Anspruch genom- 
men, um die Gefahr zu beseitigen. 

lieber die Anwendung der §§ 228, 904 B.G.B. auf Beschädigungen fremden 
Eigentums bei Waldbränden (Anzündung von Gegenfeuer, Fortnahme von Büschen 
zum Ausschlagen des Feuers) vgl. Lehnpfuhl, Ztsch. f. F. u. J.-W. 1901 S. 650 ff. 

B. Die Selbsthilfe im engeren Sinne. Bei dieser wird, wie oben be- 
reits bemerkt, vorausgesetzt, dass eine Rechtsverletzung bereits geschehen sei. 
Diese Selbsthilfe ist im allgemeinen unzulässig; sie ist nur zulässig in den im Gesetz 
angegebenen Fällen. Nach § 229 B.G.B. darf ich zum Zwecke der Selbsthilfe eine 
Sache wegnehmen, zerstören oder beschädigen, ich" darf zum Zwecke der Selbsthilfe 
einen der Flucht verdächtigen Verpflichteten festnehmen, auch den Widerstand des 
Verpflichteten gegen eine Handlung, die der Verpflichtete zu dulden verpflichtet ist, 
beseitigen, wenn obrigkeitliche Hilfe nicht rechtzeitig zu erlangen 
ist und ohne sofortiges Eingreifen die Gefahr besteht, dass die 
Verwirklichung des Anspruchs vereitelt oder wesentlich er- 
schwert werde. 

Die Selbsthilfe darf nicht weiter gehen, als zur Abwendung der Gefahr erforder- 
lich ist; wird eine Sache weggenommen, so ist, wenn möglich, Zwangsvollstreckung zu 
erwirken und, wenn dies nicht geht, der dingliche Arrest zu beantragen ; wird ein Ver- 
pflichteter festgenommen, so ist der persönliche Sicherheitsarrest bei dem Amtsgericht 
in dessen Bezirk die Festnahme erfolgt ist, zu beantragen, auch ist der Verpflichtete 
unverzüglich dem Gerichte vorzuführen; wird der Arrestantrag verzögert oder abge- 
lehnt, so hat die Rückgabe der weggenommenen Sache bezw. die Freilassung des Fest- 
genommenen unverzüglich zu erfolgen (§ 230 B.G.B.). 

Wer in dem Glauben, zur Selbsthilfe berechtigt zu sein, eine der in § 229 B.G.B. 
bezeichneten Handlungen vornimmt, in Wahrheit aber mangels der gesetzlichen Vor- 
aussetzungen zur Selbsthilfe nicht befugt ist, muss nach § 231 B.G.B. dem anderen 
Teile Schadensersatz leisten. Nach allgemeinen Regeln über Verpflichtung zum Schadens- 
ersatze würde er nur dann zum Ersätze verpflichtet sein, wenn Verschulden vorliegt 
(Vorsatz oder Fahrlässigkeit); nach der Bestimmung des § 231 tritt hier eine Aus- 
nahme ein, die Schadensersatzpflicht tritt auch dann ein, wenn kein Verschulden vor- 
liegt. Wer sich selbst helfen will, soll hiernach vorsichtig sein; er handelt ganz auf 
eigene Gefahr; sein Irrtum schützt ihn niemals vor der Schadensersatzpflicht. 

Das B.G.B. regelt einige besondere Fälle der Selbsthilfe 

1. gegen verbotene Eigenmacht, §§ 859, 860; hiervon wird unten in 
der Lehre vom Besitze gehandelt, 

2. Nachbarrecht gegen Wurzeln und Zweige, § 910, davon unten 
im Nachbarrechte, 

3. Verfolgung eines ausziehenden Bienenschwarmes, § 962, 



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Ausübung der Rechte. § 22. 133 

davon unten im Aneignungsrechte. 

4. Privatpfändungsrecht, z. B. die PtUndung von Vieh, das in unserem 
Walde da, wo nicht gehütet werden darf, betroffen wird. Dies Pfändungsrecht entstammt 
dem germanischen Kechte; es war gemeinrechtlich anerkannt und in fast allen Parti- 
kularrechten, namentlich auch im A.L.R. (I, 14 §§ 413 ff.) geregelt (nicht aufgenommen 
im Code civil entsprechend dem römischen Kechte). Die Selbstpfändung war zuge- 
lassen, damit sich der Pfändende den Beweis des stattgehabten Schadens und dessen 
Ersatz sowie auch die Verhütung künftiger Schadenszufügungen und Beeinträchtigungen 
sichere. Sie war zulässig, wenn der Zweck der Sicherstellung durch richterliche Hilfe 
nicht erlangt werden konnte, aber regelmässig nur auf frischer Tat oder innerhalb der 
Grenzen der Feldflur; jeder Excess war natürlich verboten. Als Gegenstände der 
Pfändung kommen in Betracht: Vieh und andere bewegliche Sachen, Personen nur, 
wenn die Sachpföndung nicht oder nicht ohne sich der Person zu versichern, bewerk- 
stelligt werden konnte. Regelmässig war Anzeige bei der Behörde vorgeschrieben. 

Das B.G.B. hat das Selbstpfändungsrecht nicht aufgenommen. Das Einf.-Ges. 
gestattet aber im Art. 89 den Landesgesetzen, Vorschriften über Pfändung von Sachen 
zum Schutze von Grundstücken und Erzeugnissen von Grundstücken 
zu treffen und gleichzeitig die Entrichtung von Pfandgeld und Ersatzgeld zu verordnen. 

Die Motive bemerken dazu: Die Gründe für diese Bestimmung lägen auf agrar- 
politischem Gebiete, im Interesse der Land- und Forstwirtschaft sei es un- 
umgänglich, dem Grundbesitzer und Nutzniesser einen leicht bereiten Schutz gegenüber den 
zahlreichen und schwer verfolgbaren Kulturbeschädigungen durch fremde Personen und 
Tiere zu gewähren ; mit Hilfe der Pfändung sei der Beschädigte in der Lage , durch so- 
fortigen Zugriff den Tatbestand der Beschädigung in kaum bestreitbarer Weise festzustellen, 
während die nachträgliche Ermittlung des Sachverhältnisses bei der Natur der betreffenden 
Beeinträchtigungen schwierig , ja oft unmöglich sein würde ; dem Beschädigten sei ferner 
in dem Pfandgeld ein Mittel geboten, durch Beschränkung seines Anspruches auch den 
ein- für allemal festgestellten Betrag der misslichen, Zeit und Geld kostenden Erörterungen 
über Dasein und Höhe des nicht selten nur mittelbaren oder sonst nicht im einzelnen zu 
schätzenden Schadens zu entschlagen ; soweit es zu einem Prozesse komme , sei in den 
Landesgesetzen regelmässig für ein der Sachlage entsprechendes Verfahren gesorgt, der in 
polizei s t r a f rechtlichen Bestimmungen den Grundbesitzern gewährte Schutz sei nicht ge- 
nügend, er vermöge nur künftigen Verletzungen vorzubeugen, wahre aber nicht das Ver- 
mögensinteresse des Beschädigten ; die Beibehaltung des Pfändungsrechts in neueren Ge- 
setzen, wie im preuss. F.F.P.G., bezeuge deren Wert wie ünentbehrlichkeit ; da das Pfän- 
dungsrecht mit dem der Landesgesetzgebung überlassenen Agrarrecht eng zusammen- 
hänge, so sei es selbst am besten der Landesgesetzgebung zu überlassen; der letzteren 
aber seien gewisse Grenzen zu ziehen. In letzterer Hinsicht bemerken die Motive fol- 
gendes : Obwohl das Pfändungsrecht seinen Ausgangspunkt von der Schutzbedürftigkeit der 
Land- und Forstwirtschaft genommen habe, so sei das Pfändungsrecht doch nicht auf Feld- 
nnd Waldgrundstücke zu beschränken, eine solche Einschränkung entspreche nicht der ge- 
schichtlichen Entwicklung, namentlich in Preussen, auch sei eine entsprechende Abgrenzung 
von anderen Grundstücken schwierig ; es sei davon Abstand genommen , das Pfändungs- 
recht auf Fälle strafbarer Handlungen zu beschränken oder von einer Beschädigung der 
Grundstücke abhängig zu machen; die Bedürfnisfrage sei von der Landesgesetzgebung zu 
würdigen ; die Festnahme der Person selbst aber dürfe nur erfolgen, wenn die Voraus- 
setzungen der Selbsthilfe (jetzt §§ 229, 230) gegeben seien. 

Zu den Grundstücken gehören auch Rechte, die als Grundstücke behandelt 
werden, z. B. das Erbbaurecht (§ 1017 B.G.B.), ferner die unbeweglichen Rechte der 
Landesgesetzgebung, femer die Rechte, welche gemäss § 96 als Grundstücks bestand- 
teile behandelt werden (die sog. Real rechte, vergl. oben S. 106 zu 6 am Ende), 
namentlich die Grunddienstbarkeiten. — Es fragt sich, ob die Landesgesetze auch das 
bei Pfändungen zu beobachtende Verfahren regeln darf. Dies ist selbstverständlich ; 



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134 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

in der 2. Kodifikationskommission war man darin einig (Protokolle Bd. 6 S. 433 Ab- 
satz 3). 

Wer Selbstpfändnng in der irrtümlichen Meinung vornimmt, dazu berech- 
tigt zu sein, haftet dem anderen Teile fiir den ihm verursachten Schaden nach allge- 
meinen Grandsätzen, also in der Regel nur dann, wenn ihm Verschulden zur Last fällt. 
Für den Fall der Selbsthilfe bestimmt § 231 B.G.B., wie oben bemerkt, unbedingte 
Haftung (auch wenn kein Verschulden des Handelnden vorliegt). In der 2. Kommission 
war beantragt worden, den jetzigen § 231 auf das Pfändungsrecht auszudehnen; der 
Antrag wurde aber abgelehnt, in der Erwägung, dass eine solche Bestimmung hier 
hauptsächlich die zum Forst- und Feldschutze berufenen Beamten träfe, dass aber die 
Haftung der Beamten für Amts- und Diensthandlungen an anderer Stelle geregelt sei 
vergl. § 839 B.G.B.), dass endlich die unbedingte Haftung der Pfändenden in höchst 
nachteiliger Weise auf die Energie der Beamten wirken und damit die Vorteile des 
Pfändungsrechts in Frage stellen würde (Prot. Bd. 6 S. 433). 

Innerhalb der in Art. 89 gegebenen Grenzen ist das Privatpfändungs- 
recht in den Gebieten des gemeinen Rechts erhalten , soweit es nicht von der Ge- 
setzgebung des betreffenden Landes aufgehoben ist; letzteres ist, soviel ich sehe, für 
Preussen im A.G. zum B.G.B. Art. 89 Nr. 8 geschehen ; desgleichen hat das p r e u s- 
sische A.G. in Art. 89 Nr. 2 die Bestimmungen des A.L.R. im 14. Titel beseitigt, so 
dass im ganzen preussischen Staate das Sclbstpfändungsrecht nur noch in den 
gesetzlich bestimmten Sonder fällen aufrecht erhalten ist. Als solche Sondervorschriften 
sind zu nennen: 1. §§ 77 ff. des F.F.P.G. v. 1. 4. 1880 (Vieh, Reit- und Zugtiere), 2. § 48 
Abs. 1 des Fischereiges. v. 30. 5. 1874 (Fischereigeräte, die der Einziehung unterliegen), 
3. § 189 A.L.R. I, 8 Enten zum Schutze der Fischerei), 4. § 67 A.L.R. II, 16 (Jagdhunde, 
die nicht mit Vorsatz an der Grenze gelöst worden). (Die zu 2 bis 4 erwähnten Bestim- 
mungen sind durch das F.F.P.G. nicht beseitigt, vgl. § 96 Abs. 3 Nr. 2 F.F.P.O.). — 
Für Anhalt bestimmt das A.G. zum B.G.B. vom 18. 4. 1899 Art. 11, dass die Fest- 
nahme einer Person zur Ausübung der Privatpfändung (§ 66 der F.P.O. v. 10. 11. 1849) 
nur nach Massgabe der Vorschriften der §§ 229, 230 B.G.B. zulässig ist. Dies ist selbst- 
verständlich ; denn Art. 89 E.G. zum B.G.B. gestattet nur die Pfändung von Sachen, folg- 
lich bleibt nur die Möglichkeit der Anwendung der §§ 229, 230 B.G.B., welche durch die 
Landesgesetzgebung nicht beeinträchtigt werden konnte. — Das A.G. zum B.G.B. für 
Schwarzburg-Rudolstadt v. 11. 7. 1899, Art. 4, beseitigt alle früheren Bestim- 
mungen über Privatpfändung mit alleiniger Ausnahme des § 30 des Ges. v. 27. 12. 1870 
zum Schutze der Holzungen. — In allen übrigen deutschen Staaten sind, soviel ich habe 
feststellen können, die alten Vorschriften über Privatpfändung in den Grenzen des Art. 89 
E.G. bestehen geblieben. 

Darf der Jagdberechtigte einem Wilderer das Gewehr abnehmen? Unzweifelhaft, 
wenn er, wie der staatliche Forstschutzbeamte, als Hilfsbeamter der Staatsanwaltschaft 
zur Beschlagnahme (vgl. unten im Strafprozesse) befugt ist. Das Reichsgericht hat in Bd. 21 
S. 203 seiner strafrechtl. Entsch. auch dem P r i v a t beamten das Recht der Fortnahme 
des Gewehrs auf Grund des Pfändungs rechts da, wo dies gesetzlich zulässig war, zu- 
erkannt. Mit Aufhebung des Pfändungsrechts entstanden Zweifel, ob nunmehr noch der 
P r i V a t jagdberechtigte dem Wilderer das Gewehr werde fortnehmen dürfen (vgl. Di ekel, 
Ztsch. f. F. u. J.-W. 1899 S. 360). In einer Entscheidung vom 14. 10. 1902 (Bd. 35 S. 407) 
nimmt der höchste Gerichtshof auch unter der Herrschaft des neuen Rechts ein Wegnahme- 
recht des Privatjagdberechtigten an und zwar gemäss § 227 B.G.B. über Notwehr und 
§ 368 Nr. 10 St.G.B. , wenngleich der Wilderer schon die Aneignung des Wildes vollendet 
hat, vorausgesetzt nur, dass er noch ausserhalb des öffentlichen zum gemeinen Gebrauche 
bestimmten Weges zur Jagd ausgerüstet betroffen wird. Widersetzt sich der Wilderer dem 
Privatjagdberechtigten oder seinem Förster gegen die Fortnahme des Gewehrs, so liegt auch 
nach jetzigem Rechte strafbarer Widerstand vor, da der Jagdberechtigte in rechtmässiger 
Ausübung seines Rechts handelt (§117 St.G.B.). 

§ 23. Sicherheitsleistung. Eine solche ist in vielen Fällen zu leisten 
nicht bloss wenn dies durch Vertrag, Testament oder andere Privatwillenserklärung, 
z. B. unter den „Bedingungen bei einem Holzverkaufe" bestimmt ist, sondern auch sehr 



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Geldschuld. § 26. 135 

oft anf Grnnd einer G e s e t z e s Vorschrift, so namentlich 1. zu Gunsten des Eigen- 
tümers einer Sache gegenüber dem Niessbraucher: § 1051, wenn durch das Ver- 
halten des Niessbrauchers die Besorgnis einer erheblichen Verletzung der Rechte des 
Eigentümers begiündet wird, § 1038 bei Windbruch, Raupenfrass, 2. § 1391 zu Gunsten 
der Ehefrau gegenüber dem Manne als Nutzniesser am Frauengut , 3. zu Gunsten 
des Eigentümers gegenüber dem Vormunde, § 1844, 4. zur Sicherung der Befriedigung 
eines Gläubigers, §§ 321, 509 u. s. w. 5. zur Abwendung, der Ausübung des Zurückbe- 
haltungsrechtes, auch des Pfandrechts, z. B. §§ 273 Abs. 3, 562, 6. in zahlreichen 
Fällen im Prozesse. 

Das B.G.B. überlässt die Regelung der Rechtsverhältnisse, welche sich aus einer 
auf Grund des öffentlichen Rechtes wegen der Führung eines Amtes oder wegen eines 
Gewerbebetriebs erfolgten Sicherheitsleistung ergeben, der Landesgesetzgebung (Art. 90 
E.G. z. B.G.B.). Das B.G.ß. bestimmt in § 232, w i e die Sicherheit mangels einer ab- 
weichenden Bestimmung der Parteien zu leisten sei, ferner in §§ 234 bis 239, wann 
und inwieweit Wertpapiere, bewegliche Sachen, Hypothekenforderungen, Grundschulden 
u. 8. w. zur Sicherheit geeignet sind, in § 239, wann ein Bürge tauglich ist, § 233 
bestimmt, dass der Berechtigte mit der Hinterlegung der Sicherheit ein Pfandrecht er- 
langt. 

Zweites Buch: Schuldverhältnisse. 

1. Abschnitt. 

Allgemeine BestixEunungen. 

§ 24. Ueber den Begriff der Schuld Verhältnisse vergl. oben S. 92 zu 3, a. — 
Schuldverhältnisse entstehen 1. aus Rechtsgeschäften (vergl. oben S. 112) 
a. e i n seitigen, z. B. Auslobung, b. Verträgen z. B. Kauf, 2. aus unerlaubten 
Handlungen (Delikten), insbesondere aus Rechtsverletzung (§ 823 Abs. 1 B.G.B.) 
und Gesetzesverletzung (§ 823 Abs. 2), 3. u n mittelbar aus dem Gesetze z. B. aus 
ungerechtfertigter Bereicherung, § 812 B.G.B. 

Mit Recht legt der Gesetzgeber grosses Gewicht auf „Treu und Glauben": in 
§ 157 B.G.B. ist für Verträge bestimmt, dass sie so auszulegen seien, wie Treu und 
Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern; § 242 verordnet, dass in 
entsprechender Weise bei Schuldverhältnissen die Leistung zu bewirken sei. Habe ich 
das in meinem Walde lagernde Holz verkauft, so muss ich dem Käufer auch die Be- 
nutzung der Wege und das Betreten des Waldes zum Zwecke der Fortschaffung ge- 
statten, 80 wie dies im Verkehr in solchem Falle üblich ist. Vergleiche unten S. 143 
Abs. 2. 

§25. Gattungsschuld. Hat Jemand eine der Gattung nach bestimmte 
Sache (vergl. oben S. 103 zu 3) zu leisten, z. B. 10 Meter Buchenbrennholz, so kommt 
es hinsichtlich der Güte des zu liefernden Holzes auf die Abrede an, fehlt es an solcher, 
so sind Sachen von mittlerer Art und Güte zu leisten (§ 243 Abs. 1 B.G.B.). 

Mit der Ausscheidung der dem Gläubiger zukommenden Stücke verwandelt 
sich die Schuld der vertretbaren Sachen in eine Schuld der ausgeschiedenen E i n z e 1- 
gegenstände ; das Schuldverhältnis beschränkt sich alsdann auf die ausgeschiedenen 
Stücke. Die Ausscheidung kann erfolgen. 1. Durch Uebergabe an den Gläubiger 
oder dessen Vertreter, 2. durch die Vereinbarung der Parteien, z. B. dass der Käufer 
des Brennholzes die Stösse 20—25 erhalten soll, 3. endlich auch dadurch, dass der 
Schuldner das tut, was er zum Zwecke der Leistung zu tun hat, § 243 Abs. 2 B.G.B. 



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136 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Für den letzteren Fall sind zu unterscheiden: a. Hol schuld, d.h. der Gläubiger muss 
sich den geschuldeten Gegenstand holen, z. B. ich habe dem Fiskus 100 Telegrafen- 
stangen (zu je 12 Meter) verkauft und mich verpflichtet, die Stangen hauen und trans- 
portfähig herrichten zu lassen, der Fiskus wird die Stangen holen lassen. In solchem 
Falle habe ich das Erforderliche getan, wenn ich die Stangen habe herrichten lassen 
und dem Käufer anzeige, dass dies geschehen ist. Allgemein ausgedruckt : Der Schuldner 
hat das Erforderliche getan, wenn er die geschuldeten Sachen zur Empfangnahme be- 
reit stellt und den Gläubiger benachrichtigt, dass dies geschehen sei. b. Bring schuld, 
d. h. der Schuldner muss den geschuldeten Gegenstand bringen, z. B. ich habe mich 
verpflichtet, in meinem Walde 10 Meter Grubenholz hauen und auf den Lagerplatz 
des Agenten des Käufers am Bahnhofe zu Z. fahren zu lassen. In solchem Falle habe 
ich das Erforderliche getan, wenn das Holz auf den Lagerplatz geschafft ist. 

§ 26. Geldschuld. Zunächst kommt hier das Keichsmünzgesetz vom 9. Juli 
1873 in Betracht: Nach Art. 1 gilt die Goldwährung; nach Art. 9 ist niemand ver- 
pflichtet, Silber münzen im Betrage von mehr als 20 Mk. (ausgenommen die Taler, 
Art. 15) und Nickel- und Kupfermünzen im Betrage von mehr als 1 Mk. in Zahlung 
zu nehmen (nur Reichs- und Landeskassen nehmen Reichssilbermünzen in jedem Be- 
trage). Schuldet mir also jemand 1000 Mk., so brauche ich 1 und 2Mk.-Stücke oder 
50 Pfennig-Stücke nicht anzunehmen ; ich kann Gold verlangen, jedoch kann der Schuld- 
ner in Talern erfüllen. — Auch Geldzeichen (Geldsurrogate) , namentlich Schuldver- 
schreibungen auf den Inhaber (Staatspapiergeld und Banknoten; erstere vom Staate, 
letztere von einer Bank, der sog. Noten- oder Zettelbank) brauche ich nicht anzunehmen, 
wenn nicht das Gegenteil vereinbart ist; nehme ich solche Scheine, so wird gezahlt. 

Das B.G.B. enthält Bestimmungen über Geldschulden namentlich in § 244, ist 
eine Geldschuld in ausländischer Währung ausgedrückt z. B. 1000 österr. Kronen, aber 
in Deutschland zu zahlen, so kann die Zahlung in Reichswährung erfolgen, wenn nicht 
Zahlung in ausländischer Währung ausdrücklich (z. B. durch den Zusatz „effektiv") 
bedungen ist; die Umrechnung erfolgt nach dem Kurswerte, der z. Zt. der Zahlung 
für den Zahlungsort massgebend ist. (Vergl. ferner § 245.) 

Von Geldschulden ist noch zu erwähnen, dass bei ihnen kraft Gesetzes Zinsen 
vorkommen können. 

§ 27. Zinsen. Unter Zinsen versteht man die Vergütung für den dem Zins- 
schuldner überlassenen Gebrauch, namentlich Mietzins bei einer Wohnung, Kapitalzins 
bei einem Kapital. Zinsen sind Vergütigung für eine in Geld oder anderen Umlaufs- 
mitteln bestehende Kapitalschuld ; sie sind eine Quote des Kapitals, von Getreide z. B. 
wieder Getreide, von Geld wieder Geld oder auch Geld bei anderen Kapitalschulden 
wie Geld, also auch z. B. von 1000 Getreide 5®/o in Geld. 

Die Höhe der Zinsen beträgt nach § 246 B.G.B. 4^0, wenn nicht anderes ver- 
einbart ist, bei beiderseitigen Handelsgeschäften 5^0 (§ 352 B.G.B.). 

Die Zinsen entstehen hauptsächlich aus Verträgen (und anderen Rechtsgeschäften 
wie testamentarischen Verfügungen). Die Höhe der Zinsen unterliegt dem Grundsatze 
der Vertragsfreiheit entsprechend der Vereinbarung, es gibt aber Einschränkungen: 
1. Verbot des Wuchers nach Massgabe des § 138 B.G.B. (Verbot des K r e d i t wuchei-s 
und des S a c h Wuchers, also nicht bloss bei kreditiertem Geldbetrage, sondern auch bei 
Miete, Pacht, u. s. w.) ; die Anwendung des Wucherparagraphen setzt voraus : a. das^4 
die Gegenleistung, welche dem Gläubiger für dessen Leistung zu gewähren ist, exor- 
bitant hoch sei und dass eine Ausbeutung der Notlage oder des Leichtsinns oder der 
Unerfahrenheit stattfinde ; 2. sind höhere Zinsen als 6®/o vereinbart, so kann der Schuldner 
in der Regel nach Ablauf von 6 Monaten unter Einhaltung einer Kündigungsfrist von 



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Schadensersatz. § 28. 137 

6 Monaten kündigen (§ 247 B.G.B.) ; 3. Zinseszinsen, d. h. Zinsen von einer ungetilgt 
gebliebenen Zinsschnld sind in der Regel unznlässig (§ 248 B.G.B.). 

In zahlreichen Fällen entsteht eine Zinsverbindlichkeit da, wo keine Zinsen durch 
Rechtsgeschäft bestimmt sind, auf Grund gesetzlicher Vorschrift; aber nur bei einer 
Geld schuld (es wird angenommen, dass es verhältnismässig leicht und üblich sei, Geld 
nutzbringend anzulegen), so namentlich Verzugszinsen gemäss § 288, wenn der Schuldner 
die geschuldete Geldleistung nicht rechtzeitig macht, femer, wenn kein früherer Termin 
in Betracht kommt, seit dem Prozessbeginn (das ist regelmässig mit Klagezustellung) 
(§ 291 B.G.B.) u. 8. w. 

§28. Schadensersatz. Für diese Lehre kommen in Betracht: 

1. die §§ 249 bis 255 des B.G.B., welche allgemeine Regeln aufstellen, 

2. die §§ 276 bis 283 über den Schadensersatz im Falle der Verletzung 
einer bereits bestehenden Verpflichtung, namentlich bei Nichterfüllung 
einer vertragsmässig übernommenen Pflicht, 

3. die §§ 823 bis 853 über den Schadensersatz bei „unerlaubten Hand- 
lungen", d.h. in denFäUen, in denen eine Verpflichtung erst durch die schädigende 
Handlung oder Unterlassung entsteht z. B. bei Diebstahl, Sachbeschädigung. 

Dem System des B.G.B. folgend gehe ich hier nur auf die allgemeinen Regeln 
ein und bespreche den Schadensersatz im Falle der Verletzung einer bereits bestehen- 
den Verpflichtung, die Lehre von den „unerlaubten Handlungen" findet sich unten am 
Schlüsse der Schuldverhältnisse. 

L Ueber Schadensersatz im allgemeinen: 

1. Bei dem Worte „Schade" denkt man gewöhnlich an den materiellen 
oder Vermögens schaden. Es giebt aber auch einen immateriellen oder idealen 
Schaden; wegen eines solchen kann Entschädigung in Geld nur in den durch das Ge- 
setz bestimmten Fällen gefordert werden ; dies ist z. B. der Fall (gemäss § 842) bei 
Verletzung der Ehre eines Menschen oder einer sonstigen gegen die Person gerichteten 
unerlaubten Handlung (es werden die Nachteile berücksichtigt, welche die unerlaubte 
Handlung für den Erwerb oder das Fortkommen des Verletzten haben), ferner (gemäss 
§ 847) im Falle der Verletzung des Körpers oder der Gesundheit sowie im Falle der 
Freiheitsentziehung (hier kann der Verletzte auch wegen des Schadens, der meist Ver- 
mogensschade ist, eine billige Entschädigung in Geld verlangen.) 

2. Eine Ersatzpflicht tritt bei Schadenszufügung in der Regel nur unter folgenden 
3 Voraussetzungen ein: a. wenn die Beschädigung rechtswidrig war, b. in 
der Regel wird vorausgesetzt , dass dem Beschädiger Verschulden zur Last fällt, 
c. ursächlicher Zusammenhang zwischen der schädigenden Handlung und 
dem nachteiligen Erfolge. Treffen diese Voraussetzungen zusammen, so hat der Be- 
schädiger, wie das B.G.B. sagt, den Schaden zu „vertreten"; endlich spielt das mit- 
eintretende Verschulden des Beschädigten eine Rolle. 

Zu a ist zu bemerken: war der, welcher den Schaden verursachte, zu den schä- 
digenden Handlungen berechtigt, z. B. im Falle der Notwehr, so ist er selbstverständ- 
lich nicht zum Schadensersätze verpflichtet; so der Forstbeamte, der einen Wilderer, 
der das Gewehr auf ihn anlegt, erschiesst, oder einen Wilderer, der auf Aufforderung 
nicht da« Gewehr ablegt, in Ausübung des Rechts zum Waffengebrauche, durch einen 
Schuss verletzt. — Als rechts widrig gilt eine Handlung nicht bloss dann, wenn sie 
durch das Gesetz vertreten ist, sondern auch dann, wenn sie durch Vertrag oder ein 
anderes Rechtsgeschäft für unzulässig erklärt war. 

Zu b. Von Verschulden kann nur da die Rede sein, wo eine entsprechende 
Fähigkeit vorhanden war ; das B.G.B. nennt dieselbe Verantwortlichkeit; nicht 



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138 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

verantwortlich sind namentlich Kinder und Geisteskranke (die §§ 827, 828 B.G.B. 
gelten allgemein für den Schadensersatz, § 276 Abs. 1 Satz 3). Das Gesetz unter- 
scheidet Vorsatz und Fahrlässigkeit; von ersterem ist die Rede, wenn der, 
der den Schaden verursachte, den Eintritt des Schadens wollte (Vorsatz, Absicht, 
Arglist, Böswilligkeit, bösliches Verhalten; Bewusstsein, dass die Handlung Schaden 
verursacht). Für vorsätzliche, rechtswidrige Schädigung wird immer gehaftet. Haben 
die Parteien vereinbart, dass keine Haftung fdr Verschulden eintreten solle, so haftet 
der Beschädiger gleichwohl für vorsätzliche Schädigung; insoweit ist das getroffene 
Abkommen nichtig (§ 276 Abs. 2); erst nach Eintritt des Schadens ist ein Verzicht 
auf Ersatz des vorsätzlich verübten Schadens wirksam. 

Fahrlässig handelt nach § 276 Abs. 1, „wer die im Verkehr erforder- 
liche Sorgfalt ausser acht lässf*, d. h. wer nicht wie ein vernünftiger und 
anständiger Mensch handelt ; (früher sprach man vom guten Hausvater als Nor- 
mal menschen). Fahrlässig handelt: 1. wer die gewöhnliche Rücksicht ausser acht 
lässt, z.B. nicht genügend um sich sieht, 2. wer eine Handlung vornimmt, von der 
er nichts oder wenig, nicht genug versteht, z. B. Schiessen, Fahren, Reiten, 3. wer 
bei der Auswahl von Gehilfen , von Arbeitern u. s. w. nicht die nötige Sorgfalt an- 
wendet (sog. culpa in eligendo), 4. wer bei Abwendung möglicher Gefahren nicht die 
gehörige Sorgfalt anwendet, insbesondere bei der Aufsicht (culpa in custodiendo), z. B. 
haftet ein Bauer , ein Gast in der Sommerfrische u. s. w. , wenn er seine Kinder nicht 
gehörig beaufsichtigt und diese im Walde Schaden anrichten; so haftet man für den 
Verlost eines wichtigen Briefes, den man bei Anwendung der gehörigen Sorgfalt hätte 
einschreiben lassen sollen. 

In einigen Fällen aber haftet der Beschädiger nicht für jede Fahrlässigkeit, näm- 
lich a) bisweilen nur für grobe Fahrlässigkeit, d. h. bei einer besonders schweren Ver- 
letzung der schuldigen Sorgfalt, z. B. der Finder (§ 968), der Schuldner, während der 
Gläubiger im Verzug ist (§ 300), b. bisweilen nur für die Sorgfalt, die er in seinen 
eigenen Angelegenheiten anzuwenden pflegt, z. B. der Vorerbe im Verhältnisse zum 
Nach erben; § 2131, z. B. A hat seinen Wald testamentarisch dem Primus auf 
10 Jahre vermacht (Vorerbe), dann soll Sekundus den Wald erhalten (Nacherbe); doch 
linden hier zwei Begrenzungen statt: einerseits tritt immer Haftung ein, wenn grobe 
Fahrlässigkeit vorliegt, der Beschädiger haftet also auch dann, wenn er in seinen 
eigenen Angelegenheiten sehr nachlässig ist (§ 277 B.G.B.), und andererseits genügt die 
Anwendung der Sorgfalt des guten Hausvaters, auch wenn der Beschädiger in seinen 
eigenen Angelegenheiten noch sorgföltiger zu Werk zn gehen pflegt (vgl. Di ekel 
S. 175 Abs. 1). 

Die Parteien können die Folgen der Fahrlässigkeit anders bestimmen, z. B. dass 
für keine Fahrlässigkeit gehaftet werde, oder umgekehrt für jede u. s. w. Der Aus- 
schluss der Haftung für Fahrlässigkeit empfiehlt sich oft, um Prozessen mit zweifel- 
haftem Ausgange zu entgehen. 

In einigen Fällen tritt kraft Gesetzes eine Haftung auf Schadensersatz auch 
dann ein, wenn kein Verschulden des Beschädigers vorliegt, so namentlich, wie schon 
erwähnt, bei der Beschädigung im Falle von Selbsthilfe (§ 231 B.G.B.) , Haftung für 
Tiere (§ 833), für Wildschaden (§ 835), Haftung dessen, der Dienste der in § 627 
B.G.B. bestimmten Art zu leisten hat; in solchen Fällen genügen für die Haftung auf 
Schadensersatz 2 Voraussetzungen: Rechtswidrigkeit der Handlung und ursächlicher 
Zusammenhang; (man spricht von Erfolg haftung). 

Kommt es bei der Frage der Schadensersatzpflicht auf Verschulden des Beschä- 
digers an, (wie es in der Regel der Fall ist), so muss im Prozesse der Beschädigte, 



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Schadensersatz. § 28. 139 

welcher auf Ersatz des Schadens klagt, darlegen, worin das Verschulden des Beschä- 
digers bestehen soll, und muss diese Tatsachen, falls der Beschädiger sie bestreitet, 
beweisen. Es giebt aber Ausnahmen so z. B. nach mehreren Forstdiebstahl- und Feld- 
und Forst-Polizeigesetzen (z.B. §11 des preuss. F.D.G., §5 des preuss. F.F.P.G.); hier- 
nach haftet für Geldstrafe, Wertersatz und Kosten, zu denen Personen veruiteilt wer- 
den, welche unter der Gewalt, der Aufsicht oder im Dienste eines anderen stehen und 
zu dessen Hausgenossenschaft gehören, letzterer im Falle des Unvermögens des Ver- 
urteilten; er haftet aber nicht, wenn festgestellt wird, dass die Tat nicht mit seinem 
Wissen verübt ist und dass er sie nicht verhindern konnte, die Vermutung spricht 
also für ein Verschulden, die Vermutung aber kann durch Beweis der Nichtschuld ent- 
kräftet werden. 

Zu c. Die Feststellung des Begriffs des ursächlichen Zusammenhangs, 
der Kausalität, macht der Rechtswissenschaft grosse Schwierigkeit; in eine For- 
mel sind die Voraussetzungen nicht zu bringen. Entsteht der Schaden unmittelbar 
aus der schädigenden Handlung, z. B. ein Fuhrmann fährt durch meine Schonung, ein 
Holzdieb föUt einen Baum, so besteht kein Zweifel. Die Schwierigkeit tritt erst ein, 
wenn der Schade infolge des Dazwischentretens eines Ereignisses ein mittelbarer 
ist; für einen solchen mittelbaren Schaden haftet der Beschädiger nur, wenn er den 
Schaden nicht bloss veranlasst hat , sondern auch verursacht hat. Dies 
ist der Fall, wenn der Beschädiger die schädigende Handlung vornahm, obwohl er 
wusste oder wenigstens wissen musste, dass der nachteilige Erfolg zu erwarten oder 
zu befürchten sei, z. B. ein Bauer lässt sein Vieh ohne Hirten herumlaufen , das Vieh 
betritt fremde Aecker oder weidet auf fremden Wiesen, ein Jäger hängt sein nicht 
entladenes Gewehr in den Hausflur, ein fremder nimmt das Gewehr, dies geht los, der 
Schuss verletzt jemanden; ein Forstbeamter lässt Holz, das er zu verkaufen hatte, 
mi Walde liegen, bis es unverkäuflich geworden ist. Dagegen setze man folgenden 
Fall : ein Wilderer hat in meinem Walde einen Hirsch geschossen , ich schicke einen 
Wagen, um den Hirsch fortzuschaffen, es entsteht ein Gewitter, der Blitz tötet das 
Pferd oder den Fuhrmann, haftet der Wilderer für diesen Schaden, den er doch ver- 
anlasst hat? Nein, er hat ihn nicht verursacht, denn er konnte einen solchen Erfolg 
nicht voraussehen. Ueber das Legen von Giftbrocken vgl. Dickel S. 176 Anm. 19. 

Zu d. Ein Förster hat sein nicht entladenes Gewehr auf den Flur gehängt; 
ein dritter, der mit einem Gewehre nicht genügend umzugehen versteht, nimmt das 
Gewehr und verletzt sich selbst durch einen Schuss. Haftet der Förster? Die obigen 
Voraussetzungen zu a bis c sind gegeben, es entsteht aber deshalb eine Schwierigkeit, 
weil auch dem Beschädigten Verschulden zur Last fällt. §254 B.G.B. bestimmt: „hat 
bei der Entstehung des Schadens ein Verschulden des Beschädigten mitgewirkt, so 
hängt die Verpflichtung zum Ersätze , sowie der Umfang des zu leistenden Ersatzes 
von den Umständen, insbesondere davon ab, inwieweit der Schaden vorwiegend von 
dem einen oder dem anderen Teile verursacht worden ist**. Hiemach entscheidet rich- 
terliches Ermessen; der Richter wird festzustellen haben, welches Verschulden in- 
tensiver gewirkt hat; im obigen Falle dürfte dies die Fahrlässigkeit des Försters 
sein und vermutlich wird ihn der Richter verurteilen. Bei dem miteintretenden Ver- 
schulden des Beschuldigten kommt es nicht bloss auf dessen eigenes Verschulden, son- 
dern ebenso auf das Verschulden derer an, deren er sich zur Erfüllung seiner Ver- 
bindlichkeit bedient, z. B. Gehilfen, Dienstboten), vgl. § 278 und § 254 a. E. 

Zur Anwendung des § 254 B.G.B. ist es nicht notwendig, dass es sich immer um 
Verschulden auf beiden Seiten handelt; falls jemand in den gesetzlich 
bestimmten Ausnahmefällen auch ohne Verschulden für den Erfolg haftet, z. B. wenn 



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140 XTV. Di ekel, Rechtskimde. 

er Selbsthilfe übte, obwohl deren gesetzliche Voraussetzungen fehlten; kommt es hier 
auch auf Verschulden des Beschädigers nicht an, so wird doch der Bichter zu ermessen 
haben, ob bei der Beschädigung ein Verschulden des Beschädigten mitgewirkt hat 
und ob etwa durch dies Verschulden vorwiegend der nachteilige Erfolg verursacht ist. 
Pflanzt jemand sehr wertvolle Ziersträucher da an, wo Beschädigung durch Kotwild 
oder Rehe zu erwarten ist, so kann ich mich seiner auf § 835 B.G.B. gestützten Wild- 
schadensersatzklage gegenüber, obwohl es auf ein Verschulden auf meiner Seite gar 
nicht ankommt, doch auf das Verschulden des Beschädigten berufen ; dieser musste den 
Schaden voraussehen und konnte ihn leicht durch Umzäunung abwenden. 

3. lieber die Art des Schadensersatzes bestimmt § 249 als Regel: dass der 
Zustand herzustellen sei, der bestehen würde, wenn der zum Ersätze ver- 
pflichtende Umstand nicht eingetreten wäre — natürlich nur soweit dies möglich ist, 
z. B. A hat mir eine Sache entwendet, er muss sie mir wiederbringen; B hat in einer 
Gegend, wo nur der Jagdberechtigte sich Geweihe zueignen darf, ein Geweih gefunden 
und sich zugeeignet, er muss es mir zur Verfügung stellen, dass ich es mir aneignen 
kann; 5. der Wilderer hat in meinem Jagdrevier einen Rehbock geschossen, er muss 
mir den Bock und das Gehörn zur Verfügung stellen. 

Ausnahmen: a) ist eine Person verletzt, oder eine Sache beschä- 
digt, so hat der Beschädigte die Wahl, ob er Herstellung des früheren Zustandes oder 
statt derselben den dazu erforderlichen Geldbetrag verlangen will, § 249 Satz 2 B.G.B., 
z. B. ein Fuhrmann ist durch meine Schonung gefahren und hat Pflanzen beschädigt; 
hier brauche ich mich auf eine Wiederherstellung des früheren Zustandes nicht ein- 
zulassen , ich kann Geld ersatz verlangen, b. Der Beschädigte kann dem Ersatz- 
pflichtigen zur Herstellung des früheren Zustandes eine angemessene Frist mit 
der Erklänmg setzen, dass er nach fruchtlosem Ablaufe der Frist die Herstellung ab- 
lehne ; nachher kann alsdann der Ersatzberechtigte den entsprechenden Geldbetrag ver- 
langen, wenn die Herstellung nicht bis zum Ablaufe der Frist erfolgt, Herstellung darf 
er alsdann nicht mehr verlangen, § 250 B.G.B. Die Frist kann kalendermässig be- 
stimmt sein; nötig ist dies aber keineswegs; der Beschädigte kann sagen: ich ver- 
lange jetzt die Wiederherstellung „binnen angemessener Frist", c. Der Beschädiger 
kann den Beschädigten immer in Geld entschädigen, wenn die Herstellung nur mit 
unverhältnismässigen Aufwendungen möglich ist, § 251 Abs. 2 B.G.B. 

Noch ein Fall ist zu erwähnen: Man setze, ich habe dem Fahrradhändler F. 
mein Rad zur Ausbesserung gegeben, diesem, der das Rad nicht mit der gehörigen 
Sorgfalt gewahrt hat, wird es gestohlen; F. muss mir Schadensersatz leisten, er darf 
mir nicht etwa entgegenhalten, ich hätte einen Eigentumsanspruch gegen den Dieb 
und müsse zunächst mit Hilfe dieses Anspruchs meine Sache wiederzuerlangen suchen. 
Freilich kann ich diesen Weg einschlagen, ich brauche es aber nicht zu tun; ich kann, 
wenn ich will, von F. Schadensersatz, also namentlich Bezahlung des Wertes des 
Rades verlangen. Tue ich dies, so muss ich aber dem F. meinen Eigentumsanspruch 
abtreten. Vgl. § 255 B.G.B. 

Die Geldentschädigung wird regelmässig in einer Kapital summe entrichtet, 
nur ausnahmsweise in Geldrente (so bei Körperverletzung, Tötung u. s. w. §§ 843 
bis 845). 

4. Umfang des zu ersetzenden Vermögensschadens. Die Höhe des letzteren er- 
glebt sich durch Vergleich des Vermögens des Beschädigten vor der schädigenden 
Handlung und des Vermögens , wie es nach her ist ; hierbei ist das Gesamt ver- 
mögen des Beschädigten zu berücksichtigen; es kann nämlich der Fall eintreten, dass 
der Beschädigte durch die Handlung des Beschädigers nicht bloss Nachteil , sondern 



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Art der Leistung. § 29. 141 

auch Vorteil gehabt hat; ist letzterer dem Nachtelle gleich oder gar grösser, so ist 
nichts zü ersetzen. — Zu berücksichtigen ist nicht nur der positive Schade, sondern 
auch der entgangene Gewinn; d.h. ,,der Gewinn, der nach dem gewöhn- 
lichen Laufe der Dinge oder nach den besonderen Umständen, insbesondere nach den 
getroffenen Anstalten und Vorkehrungen mit Wahrscheinlichkeit erwartet werden konnte", 
§ 252 B.G.B., z. B. ein Jäger hat Schlingen ausgehängt, um Krammetsvögel zu fangen, 
ein dritter hat die Schlingen zerstört ; der Beschädiger muss nicht bloss die Schlingen 
bezahlen und soviel zulegen, um die Schlingen wiederherstellen zu lassen; er muss 
auch den Verkaufswert der Krammetsvögel zahlen, deren Fang mit Wahrscheinlichkeit 
zu erwarten war; wieviele? wird sich unter Berücksichtigung der sonst gefangenen 
Vögel ermitteln lassen. 

n. Schadensersatz im Falle der Verletzung eines bereits bestehen- 
den Schuldverhältnisses. Hier gilt zunächst das zu I Gesagte. Der Schuld- 
ner haftet immer für Vorsatz und in der Kegel auch für Fahrlässigkeit. Eine überaus 
wichtige Verstärkung der Haftung des Schuldners tritt gemäss § 278 B.G.B. im An- 
schluss an das französische Becht ein : der Schuldner haftet für das Verschulden seines 
gesetzlichen Vertreters (Vaters, Mutter, Vormundes, Vorstehers eines Vereins u. s. w.) 
und der Personen, deren er sich zur Erfüllung seiner Verbindlichkeit bedient, in glei- 
chem Umfange, wie für eigenes Verschulden, z. B. der Schmied übernimmt es, mein 
Pferd zu beschlagen., der von ihm mit der Ausführung betraute Geselle vernagelt das 
Tier; von dem Vormunde eines Minderjährigen habe ich ein Grundstück des letzteren 
gekauft, der Vormund verletzt bei der Erfüllung fahrlässig meine Kechte, ich kann 
den Ersatz von dem Mündel verlangen. Streit ist, ob nach § 278 der Verpflichtete 
auch für das Verschulden seiner Leute haftet, wenn sie bei Gelegenheit der Er- 
füllung einen Schaden verüben, der mit der Erfüllung der Verpflichtung nichts zu 
tun hat, z. B. die Leute eines Fuhrunternehmers, der sich uns verpflichtet hat, das 
(rrubenholz aus unserem Walde nach dem Bahnhofe zu fahren, veriiben bei Gelegenheit 
der Ausführung der Arbeit eine „Wilddieberei"; meiner Ansicht nach haftet der Fuhr- 
unternehmer dafür nicht; eine soweit gehende Haftung kann nicht die Absicht des 
Gesetzes gewesen sein, andernfalls müsste der Fuhrunternehmer auch für einen von 
seinen Leuten während der Holzabfuhr verübten Mord oder für ein Verbrechen gegen 
die Sittlichkeit haften. Der § 278 gilt auch für das Gesinderecht ; obwohl die Landes- 
gesetzgebung das letztere zu ordnen hat, kann sie doch an der Anwendbarkeit des 
§ 278 nichts ändern ; Art. 95 E.G. z. B.G.B. 

§ 29. Art der Leistung. 1. Teilleistung braucht der Gläubiger in der Regel 
nicht anzunehmen, § 266 B.G.B.; selbstverständlich gilt dies nur, wenn es sich um 
ein Schnldverhältnis handelt; z. B. A schuldet mir aus einem Kaufe 1000 M., er 
bietet mir 600 M. ^ä Conto **, diese brauche ich nicht zu nehmen; A schuldet mir aus 
einem Kaufe 1000 M., aus einem anderen 600 M., er bietet mir zur Tilgung der ersteren 
Schuld 1000 M., diese kann ich nicht zurückweisen, weil er mir noch mehr schuldig 
ist. — Ob es empfehlenswert ist, von dem Rechte des § 266 Gebrauch zu 
machen, ist eine andere Frage; häufig wird die Zahlungsfähigkeit des Schuldners 
zweifelhaft sein, alsdann ist dem Gläubiger zu empfehlen, den angebotenen Teilbetrag 
zu nehmen, weil er sonst möglicherweise später nichts erhält. Schuldet mir jemand 
5 M., so kann ich den mir angebotenen Teilbetrag von 25 Pfg. zurückweisen. 

Ausnahmsweise muss der Gläubiger den angebotenen Teilbetrag annehmen : 
1. wenn ausdrücklich oder stillschweigend Teilzahlungen bewilligt sind, 2. im Konkurse 
des Schuldners, 3. bei Wechselschulden (Art. 38 der Wechselordnung), 4. wenn der 
Richter ein Teilurteil erlassen hat, z. B. 500 M. sind eingeklagt, der Schuldner be- 



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142 XIV. Dickel, Rechtsknnde. 

streitet die Schuld nur in Höhe von 200 M., der Richter verurteilt den Schuldner vor- 
läuüg zur Zahlung von 300 M., 5. wenn auf Grund eines vollstreckharen Titels eine 
Zwangsvollstreckung nach der Z.P.O. stattfindet. 

2. Das B.G.B. bestimmt in einigen Fällen, dass der Schuldner zur Leistung in 
Person verpflichtet sei, (so § 613 der Dienstverpflichtete, § 664 der Beauftragte): 
selbstverständlich kann eine persönliche Erfüllung auch von den Parteien vereinbart 
werden. Soweit eine solche Vorschrift oder Abrede fehlt, kann ein dritter erfüllen: 
a) der Gläubiger kann, wenn er will, die ihm von dem dritten angebotene Leistuag 
von diesem immer annehmen, auch wenn der Schuldner widerspricht, er m u s s an- 
nehmen, wenn der Schuldner der Leistung durch den dritten nicht widerspricht, vgl. 
§ 267 B.G.B. Noch weiter geht § 268 Abs. 1 betreffend das sog. jus offerendi, vgl. 
Dickel S. 187 Anm. 41. 

3. Leistungs r t , §§ 269, 270 B.G.B. Zuerst kommt es darauf an, ob ein 
Leistungsort ausdrücklich oder stillschweigend vereinbart, oder aus den Umständen 
insbesondere aus der Natur des Schuldverhältnisses zu entnehmen ist. Ist auf Grund 
eines Kaufs ein Grundstück zu übergeben oder ein Wald auf Abholzung, so kann die 
üebergabe natürlich nur da erfolgen, wo das Grundstück liegt; ist eine bewegliche 
Sache verkauft, die sich mit Wissen beider Teile an einem dritten Orte befindet, so 
wird gewöhnlich dieser Ort als Leistungsort angesehen. Kann der Leistungsort in 
dieser Art nicht bestimmt werden, so hilft das Gesetz: der Schuldner braucht nicht 
zu bringen, der Gläubiger muss holen (Hol schuld) und zwar von da, wo der 
Schuldner zur Zeit der Entstehung des Schuld Verhältnisses seinen Wohnsitz 
hatte, und, wenn die Verbindlichkeit im Gewerbebetrieb des Schuldners entstanden ist 
und der Schuldner die gewerbliche Niederlassung an einem anderen Orte hatte, von 
da, wo sich die Niederlassung befand. Die Uebersendung der Ware erfolgt also, wie 
der Kaufmann zu schreiben pflegt — es ist überflüssig — auf des Adressaten „Hech- 
nung und Gefahr"! Erfolgt, wie es oft geschieht, die Versendung der geschuldeten 
Sache an einen anderen Ort auf Kosten des Schuldners, so ist aus dieser Abrede allein 
noch nicht zu entnehmen, dass der Ort, nach welchem die Versendung zu geschehen 
hat, Leistungsort sein soll. Von grosser Bedeutung ist die Bestimmung des Leistungs- 
ortes namentlich für den Gerichtsstand im Falle eines Prozesses (§§ 13 flg. Z.P.O). 
Man setze : ich, wohnhaft zu A., habe von einem Kaufmann zu B. eine Ware für 100 M. 
gekauft, der Bestimmung gemäss zugesendet erhalten und bezahlt; es stellt sich jetzt 
nachträglich ein Mangel der Ware heraus; da der Verkäufer das Vorhandensein des 
Mangels nicht anerkennt, so bleibt mir nur übrig den Bichter anzurufen, und zwar 
unzweifelhaft das Amtsgericht, da der Streitgegenstand 300 M. nicht übersteigt (§ 23 
G.V.G.); welches Gericht aber ist örtlich zuständig? Unzweifelhaft kann ich beim 
Amtsgericht zu B. klagen, weil dort der Schuldner seinen allgemeinen Gerichtsstand 
hat (§§ 12, 13 Z.P.O.); es wäre mir aber (begreiflicherweise) angenehmer bei dem 
Amtsgerichte meines Wohnsitzes A. zu klagen; da nun nach § 35 Z.P.O. der 
Kläger unter mehreren zuständigen Gerichten die Wahl hat, so entsteht die Frage, 
ob nicht auch A. örtlich zuständig ist und dies scheint nach § 29 Z.P.O. der Fall zu 
sein. Hiernach können nämlich Klagen auf Erfüllung oder Aufhebung von Verträgen 
da erhoben werden, wo die streitige Verpflichtung zu erfüllen ist. Nach § 269 
B.G.B. ist aber der Wohnort (bezw. die Niederlassung) des Schuldners massgebend, 
— auch dann, wenn er mir die Ware der Bestimmung gemäss zugesendet hat, selbst 
dann, wenn die Zusendung auf seine Kosten erfolgt ist; ich muss also zu B. klagen. 

Eine weitere Bestimmung enthält § 270 B.G.B. für Geldschulden. Hier- 
nach hat der Schuldner, wenn es an einer anderen Bestimmung fehlt, den Geldbetrag 



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Verzug. § 31. 143 

auf seine Gefahr nnd seine Kosten dem Gläubiger an dessen Wohnsitz zu 
übermitteln, und, wenn die Forderung im Gewerbebetrieb des Gläubigers entstanden 
ist, und der Gläubiger seine gewerbliche Niederlassung an einem anderen Orte hat, 
an den Ort der Niederlassung; massgebend ist hier nicht der Wohnsitz bezw. der Ort 
der gewerblichen Niederlassung des Gläubigers zur Zeit der Entstehung des 
Scboldverhältnisses, sondern zur Zeit der Zahlung; erhöhen sich infolge einer 
Aenderung des Wohnsitzes bezw. der Niederlassung des Gläubigers die Kosten oder 
die Gefahr der Uebermittlung, so hat der Gläubiger im ersteren Falle die Mehrkosten, 
im letzteren Falle die Gefahr zu tragen. Durch diese besonderen Bestimmungen des 
§ 270 B.G.B. aber wird an dem gesetzlichen Leistungsorte, wie er sich aus § 269 
B.G.B. ergiebt, nichts geändert. Gesetzt: ich, wohnhaft zu A., erhalte auf meine Be- 
stellung von einem Kauf manne zu B. eine Ware zugesandt, da die Ware der Bestellung 
nicht entspricht, verweigere ich die Zahlung des Preises von 100 M. Der Verkäufer 
verklag mich beim Amtsgerichte zu B., weil ich nach § 270 B.G.B. verpflichtet sein 
würde, ihm den Geldbetrag auf meine Gefahr und meine Kosten zu übermitteln; ist 
das Gericht zu B. zuständig? Nein! Denn Leistungsort bleibt trotz des § 270 der 
Wohnsitz des Schuldners, also der Ort A. ; ich brauche mich also zu B. nicht einzu- 
lassen und kann Abweisung der Klage wegen örtlicher Unzuständigkeit verlangen. 

Es wird für selbstverständlich erachtet, dass die Geldsendung auf Gefahr und 
Kosten des Schuldners nicht an irgend eine beliebige Stelle des Wohnsitzes des Gläu- 
bigers, sondern in dessen Wohnung bezw. in sein Geschäftslokal erfolge ; dies entspricht 
den Erfordernissen von „Treu und Glauben" im Verkehre, § 242 B.G.B., (vgl. oben 
Abs. 2, § 135). Habe ich dem Gläubiger 100 M. zu senden, und bediene ich mich der 
Postanweisung, so muss ich also nicht bloss 20 Pfg. Porto, sondern auch 5 Pfg. Be- 
stellgeld zulegen, (und also die Anweisung mit 25 Pfg. frankieren). 

Soll die Erfüllung eines Kaufs Zug um Zug geschehen, d. h. bei Empfang der 
Sache der Preis bezahlt werden, so muss der Käufer den Kaufgegenstand vom Ver- 
käufer abholen und daselbst bezahlen. 

4. Leistungszeit, § 271 B.G.B. Zunächst kommt es darauf an, ob die Zeit 
kalendermässig bestimmt ist (sei es durch Vertrag oder anderes Eechtsgeschäft, oder 
durch das Gesetz; letzteres z. B. in § 551 B.G.B. für die Bezahlung des Mietzinses). 
Fehlt es an solcher Bestimmung, so fragt es sich, ob sich die Zeit der Leistung aus 
den Umständen ergiebt, z. B. A hat sich verpflichtet, auf meinem Grundstück einen 
Weg zu bauen ; selbstverständlich muss ihm eine angemessene Zeit gelassen wer- 
den. Erst danach kommt es auf die gesetzliche Bestimmung an, dass der Gläubiger 
die Leistung sofort verlangen, der Schuldner sie sofort bewirken 
kann. Ist eine Leistungszeit bestimmt, so wird im Zweifel angenommen, dass dies 
zu Gunsten des Schuldners geschehen sei, folglich kann im Zweifel zwar der 
Gläubiger die Leistung nicht vorher verlangen, der Schuldner aber sie vorher be- 
wirken; § 271 Abs. 2; bezahlt der Schuldner eine verzinsliche Schuld vor der 
Fälligkeit (sei es, dass der Gläubiger das Geld schon jetzt annehme, obwohl er dazu 
nicht verpflichtet ist, oder dass der Gläubiger nach dem soeben Gesagten dazu ver- 
pflichtet ist), so hört der Zinsenlauf auf, bezahlt er eine unverzinsliche Schuld vor- 
zeitig, 80 darf er nach § 272 B.G.B. (mangels anderer Vertragsabrede) keinen Abzug 
(Diskont) machen. 

§ 30. Zurückbehaltungsrecht, §§ 273, 274 B.G.B. Dem A habe ich 
mein Gewehr zur Ausbesserung übergeben, er hat die Arbeit gemacht und verlangt 
dafür 20 M. ; er braucht mir das Gewehr nur gegen Zahlung der 20 M. herauszugeben, 
es sei denn, dass etwas anderes vereinbart wäre. Das Zurückbehaltungsrecht ist nur 



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144 XIV. Dlckel, Rechtskunde. 

zulässig wegen eines Anspruchs aas demselben Eechtsverhältnisse, auf dem die 
Verpflichtung beruht (K n n e X i t ä t) ; auch muss der Anspruch fällig sein. Ist 
jemand zur Herausgabe eines Gegenstandes verpflichtet, so hat er das Zurückbehaltungs- 
recht, wenn ihm ein fölliger Anspruch wegen Verwendungen auf den Gegenstand oder 
wegen eines ihm durch diesen verursachten Schadens zusteht, z. B. ich habe eine 
Grundstücksparzelle in dem guten Glauben, Eigentümer derselben zu sein, in Besitz 
genommen und bepflanzen lassen; wenn ich sie jetzt dem wahren Eigentümer heraus- 
geben muss, so kann ich Ersatz für die von mir gemachten Verwendungen (Bepflanzung) 
verlangen und habe zu Gunsten dieses Anspruchs das Zurückbehaltungsrecht. Wer 
aber die von ihm herauszugebende Sache durch Diebstahl oder durch eine andere v o r- 
sätzlich begangene unerlaubte Handlung erlangt hat, dem steht ein 
Zurückbehaltungsrecht nicht zu (§ 1000 B.G.B). 

Wird das Zurückbehaltungsrecht gegen mich ausgeübt, so kann ich es durch 
Sicherheitsleistung abwenden, Bürgen braucht jedoch der Gegner nicht anzunehmen 
§ 273 Abs. 3. 

§31. Verzug. I. Des Schul dn er s: setzt voraus: a) immer Fällig- 
keit der Forderung, b) in der Regel auch Mahnung; d. i. ein Leistungsbegehren, 
doch muss es selbstverständlich berechtigt sein; es wäre unberechtigt, wenn es vor 
Fälligkeit der Schuld geschähe. Ausnahmsweise kommt es auf Mahnung nicht an, so 
namentlich wenn die Leistungszeit kalendermässig bestimmt ist (hier gilt das Sprich- 
wort „Glockenschlag mahnt^). Der Mahnung steht gleich Zustellung der Klage 
oder eines gerichtlichen Zahlungsbefehls, c) Verschulden des Schuldners , § 285 
(§ 282). Kommt der Schuldner in Verzug, so muss er dem Gläubiger vollen Schadens- 
ersatz gewähren; er kann auch die Leistung, wenn sie infolge des Verzuges für ihn 
kein Interesse hat, ablehnen und Schadensersatz wegen Nichterfüllung verlangen, § 286. 
Während des Verzuges muss der Schuldner jede Fahrlässigkeit vertreten; er hat 
sogar für die während des Verzugs durch Zufall eintretende Unmöglichkeit der Leistung, 
(für die er sonst nicht haftet), einzustehen; ausgenommen ist aber der Fall, dass der 
Schuldner beweist, der Schade wäre auch bei rechtzeitiger Leistung eingetreten 
(§§ 287, 282). — Handelt es sich um eine Geld schuld, so hat der Schuldner Verzugs- 
zinsen zu zahlen; diese betragen 4^0; waren schon vorher höhere Zinsen zu zahlen, 
so sind Zinsen in gleicher Höhe fortzuentrichten ; (von Verzugszinsen sind keine Zinsen 
zu zahlen, § 289). Kann der Gläubiger einen höheren Schaden nachweisen, als ihm 
durch Zahlung der Zinsen gewährt ist, so kann er Ersatz auch dieses Schadens ver- 
langen. Vgl. §§ 288. 289. — lieber Bestimmung des Wertes einer während des Ver- 
zugs untergegangenen Sache vgl. § 290. — Ist eine Vertragsstrafe vereinbart, so ver- 
fällt dieselbe im Falle des Verzugs, § 339 B.G.B. (Vergl. unten S. 146 a. E.) 

Der Verzug hört auf, wenn der Schuldner nachträglich erfüllt, ferner, wenn der 
Gläubiger die ihm nachträglich angebotene Leistung rechtswidrig nicht annimmt, end- 
lich wenn das Schuldverhältnis durch Vereinbarung oder sonstwie aufgehoben \vird. 

n. Verzug des Gläubigers tritt ein, wenn er die ihm angebotene Leistung 
nicht annimmt, obwohl der Schuldner zur Erfüllung befugt, imstande und 
bereit ist. Das Angebot ist in der Regel nur in Ordnung als Real oblation (§ 294 
B.G.B.); ein wörtliches Angebot genügt nur ausnahmsweise, nämlich dann, wenn 
der Gläubiger dem Schuldner erklärt hat, er werde die Leistung nicht annehmen oder 
wenn zur Bewirkung der Leistung eine Handlung des Gläubigers erforderlich ist, (so 
namentlich wenn der Gläubiger den geschuldeten Gegenstand abholen muss, z. B. der 
Käufer des im Walde lagernden Holzes); in solchen Fällen genügt die Aufforderung 
an den Gläubiger, die erforderliche Handlung vorzunehmen, § 295. Gemäss § 296 



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Gegenseitiger Vertrag. § 32. 145 

ist ein Angebot nicht erforderlich, wenn der Gläubiger zn bcBtimmter Zeit eine 
Handlang vorzunehmen hat und diese nicht rechtzeitig vornimmt (§ 296 B.G.B.), z. B. 
wenn die Parteien vereinbart haben, das verkaufte Pferd solle am 1. Oktober dem 
Käufer auf dem Markte zu X überliefert werden ; der Käufer erscheint nicht auf dem 
Markte, er kommt in Annahmeverzug, auch wenn der Verkäufer ihm nicht noch ein- 
mal das Pferd anbietet. 

Der Gläubiger kommt niemals in Annahmeverzug, wenn der Schuldner zu der 
entscheidenden Zeit nicht imstande ist, die Leistung zu bewirken (§ 297 B.G.B.). — 
Ist die Zeit der Leistung nicht bestimmt oder ist der Schuldner — wie im Zweifel 
anzunehmen ist (vgl. oben S. 143 zu 4) — befugt, vor der bestimmten Zeit zu leisten, 
so kommt der Gläubiger nicht dadurch in Verzug, dass er vorübergehend nicht 
zur Annahme bereit ist; soll der Gläubiger in solchem Falle in Verzug kommen, so 
muss ihm der Schuldner die Leistung eine angemessene Zeit vorher ankündigen (§ 292). 

Der Verzug des Gläubigers setzt — im Gegensatze zu dem des Schuldners — 
kein Verschulden voraus; deshalb liegt zwar kein Schuldnerverzug vor, wenn 
der Schuldner infolge eines Naturereignisses, z. B. wegen Ueberschwemmung, völlig 
ausser Stande ist, das verkaufte Holz zu liefern, dagegen liegt Annahmeverzug des 
Gläubigers auch dann vor, wenn derselbe durch ein Naturereignis gehindert wurde, 
den gekauften Gegenstand abzunehmen. 

Wirkungen des Annahmeverzugs : a) während desselben haftet der Schuldner 
nur füi- Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit (§ 300 B.G.B.); er trägt also 
namentlich nicht mehr die Gefahr des zufälligen Unterganges oder der zufälligen Ver- 
schlechterung, z. B. ich habe das in meinem Walde gefällte Holz dem A verkauft, es 
ist vereinbart, dass das Holz dem Käufer an einem bestimmten Tage vormittags über- 
geben werden soll, infolge eines Naturereignisses ist es dem A unmöglich, zur be- 
stimmten Zeit das Holz zu holen, nachmittags wird es durch einen Waldbrand be- 
schädigt; obwohl den Käufer kein Verachulden trifft, ist er doch in Annahmeverzug 
geraten; da ich die Beschädigung des Holzes weder durch Vorsatz noch durch grobe 
Fahrlässigkeit verursacht habe, so hafte ich nicht; der Käufer muss den Nachteil 
tragen. — b) Handelt es sich um eine verzinsliche Geldschuld, so fällt während des 
Verzugs des Gläubigers die Zinspflicht fort, § 301 B.G.B. — c) Muss der Schuldner 
die Nutzungen eines Gegenstandes herausgeben oder ersetzen, so hat er während des 
Annahmeverzugs des Gläubigers nicht, wie sonst die Nutzungen zu ersetzen, die er hätte 
ziehen können, sondern nur die wirklich gezogenen Nutzungen zu ersetzen, § 302 
B.G.B. — d) Hat der Schuldner ein Grundstück herauszugeben, so kann er, nachdem 
der Gläubiger in Verzug gekommen ist, den Besitz des Grundstücks aufgeben; er muss 
nur, falls es tunlich ist, dem Gläubiger das Aufgeben des Besitzes androhen, § 303 
B.G.B. — e) Vgl. § 304 B.G.B. über Erstattung der Mehraufwendungen des Schuldners. 
— f) Ueber Hinterlegungs- und Verkaufsbefugnis des Schuldners vgl. S. 148, 149. 

Der Annahmeverzug hört auf, wenn der Gläubiger die erforderliche Mitwirkung 
zur Leistung des Schuldners eintreten lässt. 

§32. Gegenseitiger Vertrag, z. B. Kauf, Tausch, Werkvertrag, lieber 
den Begriff vgl. oben S. 112, Abs. 2 zu 1. 

1. Gesetzt: ich habe dem A für 3000 Mk. Nutzholz verkauft, die Uebergabe des 
Holzes soll sofort erfolgen, der Preis ist auf 3 Monate gestundet; bevor ich dem A 
das Holz überliefere, tritt in den Vermögensverhältnissen des A (infolge von unglücklichen 
Börsenspekulationen) eine so erhebliche Verschlechterung der Vermögensverhältnisse 
ein, dass mein Anspruch auf den Kaufpreis gefährdet erscheint. Muss ich gleichwohl 
das Holz übergeben? Das B.G.B. schützt mich im § 321 durch die Bestimmung, dass 

Hmndbuch d. Fontw. 2, Aufl. IV. 10 



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146 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

ich die Ueberliefernng des Holzes verweigern kann, bis A mir den Kaufpreis zahlt 
oder Sicherheit leistet (vgl. oben § 23, z. B. durch einen tauglichen Bürgen). — Soll 
nun das Gleiche gelten, wenn die Verschlechterung der Vermögensverhältnisse schon 
vor Abschluss des Kaufs eingetreten war, mir aber erst nachher bekannt geworden ist? 
Dies ist nicht bestimmt; in solchem Falle wird nur eine Anfechtung des Kaufs wegen 
Irrtums (§§ 119 flg. B.G.B.) oder Betrugs (§ 123 B.G.B.) möglich sein; liegt keine 
„arglistige Täuschung" vor (§ 123), so kommt es darauf an, ob mein Irrtum erheblich 
war: handelt es sich um einen Irrtum über eine Eigenschaft der Person? würde ich 
bei Kenntnis der Sachlage den Abschluss des Kaufs unterlassen haben? würde dies 
letztere einer verständigen Würdigung des Falles entsprochen haben ? Diese 3 Fragen 
dürften regelmässig zu bejahen sein ; dass der Nichtbesitz der erforderlichen Zahlungs- 
mittel eine schlechte „Eigenschaft" des Käufers sei, wurde wenigstens in der früheren 
Bechtsprechung allgemein angenommen. — Liegen die Voraussetzungen für die An- 
fechtung des Vertrags wegen Irrtums vor, so ist die Vorschrift des § 121 B.G.B. zu 
berücksichtigen, wonach die Anfechtung nur unverzüglich erfolgen kann. 

2. Tritt nach Begründung des Schuldverhältnisses Unmöglichkeit der Er- 
füllung ein, so sind 3 Fälle zu unterscheiden: 

a) keine von beiden Parteien ist für die Unmöglichkeit verantwortlich, § 323 
B.G.B., 

b) der Gläubiger hat die Unmöglichkeit zu vertreten, § 324 B.G.B., 

c) der Schuldner hat sie zu verantworten, § 325 B.G.B. 
Näheres siehe in Dickel S. 202. 

3. Ueber die Wirkungen des Verzugs des Schuldners vgl. §§ 326, 327 
B.G.B. und D i c k e I S. 203, sowie auch unten S. 158. 

§ 33. Bestärkungsmittel bei Verträgen. I. Draufgabe. Ich beab- 
sichtige einige Wochen zu A zu bleiben und miete deshalb daselbst ein möbliertes 
Zimmer ; da die Vermieterin mich nicht kennt , so verlangt sie von mir eine Drauf- 
gabe von 10 M. ; ich zahle ihr diesen Betrag. Diese Draufgabe (auch arrha, Handgeld, 
Haftgeld genannt), ist ein Z e i ch e n des geschlossenen Vertrags (§ 336 Abs. 1 B.G.B.). 
Die Frau aber verlangte von mir vermutlich die arrha, um sich einigermassen zu sichern. 
Es wird nun vielfach die Frage aufgeworfen, ob der Geber der Draufgabe unter Preis- 
gabe derselben oder der Nehmer unter Rückgabe (event unter Zahlung des doppelten 
Betrags) vom Vertrage zurücktreten könne. Dies ist zu verneinen, es wäre denn ein 
solches Rücktrittsrecht ausdrücklich vereinbart oder für stillschweigend vereinbart an- 
zusehen; die Draufgabe gilt imZweifel nicht alsReugeld (§ 336 Abs. 2 B.G.B.). 

Ist nichts Besonderes darüber vereinbart, was aus dem als Draufgabe Gegebenen 
werden soll, so ist sie auf die vom Geber geschuldete Leistung anzurechnen und wenn 
dies nicht möglich ist, bei der Vertragserfüllung zurückzugeben (§ 337 Abs. 1). Wird 
der Vertrag wieder aufgehoben, so ist die Draufgabe zurückzugeben (§ 337 Abs. 2). 
Wird aber die vom Geber geschuldete Leistung infolge eines Umstandes, den er zu 
vertreten hat, unmöglich, oder verschuldet der Geber die Wiederaufhebung des Ver- 
trags, so darf der Empfänger die arrha behalten (§ 338). 

IL Vertragsstrafe (Konventionalstrafe). Der Begriff ergibt sich 
aus § 339 B.G.B. und ist bekannt. Vorausgesetzt ist meist eine Haupt Verbindlich- 
keit; ist eine solche vereinbart aber nicht gütig (z. B. Verkauf eines Grundstücks 
durch Briefwechsel § 313 B.G.B., und Vereinbarung einer Vertragsstrafe für Nichter- 
füllung), so ist auch die Vereinbarung der Vertragsstrafe wirkungslos (§ 344 B.G.B.). 
Die Strafe ist verwirkt, wenn der Schuldner in Verzug kommt (§ 339 B.G.B.). 
Ueber die Voraussetzungen des Verzugs vgl. oben S. 144 zu I. Handelt es sich um die 



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Erlöschen der Schuldverhältnisse. § 34. 147 

Verpflichtung etwas zu unterlassen, so tritt die Verwirkung mit der Zuwiderhandlung 
ein (§ 339 Satz 2). 

Die Strafe kann 1. auf den Fall gesetzt sein, dass der Schuldner nicht er- 
ffillt, oder 2. auf den Fall, dass der Schuldner nicht gehörig erfüllt ( 339). 
Im ersteren Falle (§ 340 B.G.B.) kann der Griäubiger, wenn die Strafe verwirkt ist, 
Erfüllung der Hauptverbindlichkeit oder die Strafe verlangen; erklärt der Gläubiger 
dem Schuldner , dass er die Strafe verlange , so ist nunmehr der Anspruch auf Er- 
füllung ausgeschlossen. Hat der Gläubiger wegen der Nichterfüllung des Schuldners 
gegen letzteren einen Anspruch auf Schadensersatz, so erhält er die Vertragsstrafe als 
Mindest betrag (also auch dann, wenn der Schade ein geringerer sein sollte); hat er 
höheren Schaden erlitten, so kann er auch diesen ersetzt verlangen. — Hierbei ist 
vorausgesetzt, dass es sich um den gewöhnlichen Fall, nämlich den der Bestimmung 
eines Geldbetrags als Vertragsstrafe handelt. Ist ein anderer Gegenstand bestimmt, 
so fällt jeder weitere Anspruch auf Schadensersatz fort ; doch bleibt es dem Gläubiger 
unbenommen, den Anspruch auf die Strafe nicht geltend zu machen und vielmehr 
Schadensersatz in voller Höhe zu fordern. 

War die Vertragsstrafe auf den Fall nicht gehöriger Erfüllung gesetzt 
(§ 341 B.G.B.), so kann der Gläubiger im Falle des Verzugs des Schuldners die Strafe 
und Erfüllung verlangen; auch hier gilt die Vertragsstrafe als Mindestbetrag des 
Schadens. Wenn der Schuldner nachträglich in der Hauptsache erfüllt, so muss sich 
der Gläubiger das Recht auf die Vertragsstrafe vorbehalten, sonst verliert er den 
Anspruch. 

Die Höhe der Vertragsstrafe unterliegt dem Grundsatze der Vertragsfreiheit 
gemäss der Vereinbarung; ist aber die Strafe unverhältnismässig hoch, so kann sie 
auf Antrag des Schuldners vom Richter herabgesetzt werden, solange sie noch nicht 
geleistet ist, § 343 B.G.B. 

lieber Beweislast ist § 345 zu vergleichen. 

§ 34. Erlöschen der Schuld Verhältnisse. Dies kann eintreten 1. durch Er- 
füllung, 2. in zahlreichen Fällen auch ohne Erfüllung (Zufall, Verzicht, unter Um- 
ständen Tod u. s. w.). Die Erfüllung ist mögUch durch Leistung des Geschuldeten 
(so namentlich durch Zahlung des geschuldeten Geldbetrages) oder Hinterlegung, dann 
aber auch durch einen Erfüllungsersatz (Angabe an Erfüllungsstatt, Aufrechnung). 

I. Leistung, Zahlung, § 362 ff. B.G.B. Persönlich braucht der Schuldner 
nur dann zu leisten, wenn es nach der Abrede oder nach der Natur des Geschäfts ge- 
rade auf die Handlung des Schuldners ankommt, z. B. ein „ Wildhirt", nach B.G.B. 
überhaupt der zur Dienstleistung verpflichtete (§ 613 B.G.B.), der Beauftragte (§ 664 
Abs. 1), der Verwahrer (§ 691). Soweit eine solche Ausnahme nicht festzustellen ist, 
kann sich der Verpflichtete vertreten lassen. Darüber, ob ein Fremder erfüllen kann, 
vgl. oben § 29 zu 2. — Die Leistung kann an den Gläubiger oder dessen Vertreter 
erfolgen. 

Wird die Leistung nicht gehörig angeboten, so braucht der Gläubiger sie 
nicht zu nehmen. Nimmt er sie als Erfüllung an, so kann er später immernoch 
geltend machen, die Leistung sei keine gehörige gewesen, er muss alsdann aber 
die Beweislast dafür übernehmen, dass der Mangel vorhanden gewesen sei, z. B. ich 
nehme eine Geldrolle für 50 Thlr. an, finde aber nachher, dass die Rolle nur 49 Thlr. 
enthält. Vgl. § 363 B.G.B. 

Stehen mehrere Forderungen mit gleichartigen Leistungen aus verschie- 
denen Schuldverhältnissen in Frage, so können Zweifel entstehen, auf welche Schuld 
die Leistung zu verrechnen ist, besonders bei Geldschulden ; für diesen Fall trifft § 366 

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148 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

B.G.B. Bestimmung; vgl. auch § 367 für den Fall, dass es sich um Hanptleistung 
einerseits, Zinsen und Kosten andererseits handelt. 

Entsteht Streit darüber, ob eine Leistung gemacht ist, so trifft den Schuldner 
die Beweis last. Deshalb ist jedem, wenn er leistet, zu empfehlen, sich den Beweis 
der Erfüllung zu sichern. Als vorzüglichstes Beweismittel kommt die Quittung in 
Betracht ; diese ist ein schriftliches Bekenntnis des Empfängers eines Geldbetrages oder 
einer anderen Leistung. Der Gläubiger ist nach § 368 B.G.B. zur Ausstellung einer 
Quittung auf Verlangen des Schuldners verpflichtet ; dies gilt auch für eine Teilleistung, 
falls der Gläubiger sie anzunehmen verpflichtet ist, oder freiwillig annimmt. Der Schuldner 
kann die Leistung zurückbehalten, bis ihm Zug um Zug die Quittung angeboten wird 
(§ 273 B.G.B.). Erfüllt der Schuldner, ohne sich Quittung geben zu lassen, so kann 
er noch nachher die Ausstellung einer solchen verlangen und nötigenfalls darauf klagen. 
— Es kommt vor, dass der Gläubiger die Quittung in Erwartung der Leistung 
gibt; bleibt alsdann die Leistung aus und wird auf solche geklagt, so würde der 
Schuldner mit der in seinen Händen befindlichen Quittung die angeblich bereits be- 
wirkte Leistung beweisen können; selbstverständlich steht aber dem Gläubiger das 
Eecht offen, den Gegenbeweis zu führen, dass trotz Aushändigung der Quittung nicht 
geleistet sei. — Nicht selten hat der Schuldner ein rechtliches Interesse an einer be- 
sonderen, z. B. gerichtlich oder notariell beglaubigten. Form, um etwa das Schriftstück 
beim Grnndbuchamte zu benutzen; in solchem Falle kann der Schuldner die Erteilung 
der Quittung in der entsprechenden Form verlangen. — Die Kosten der Quittung sind 
vom Schuldner zu tragen, soweit sich nicht aus § 369 B.G.B. ein anderes ergibt. 

Ist über eine Forderung ein Schuldschein ausgestellt, so kann der Schuldner, 
wenn er leistet, ausser der Quittung Rückgabe des Scheins verlangen; er kann 
nötigenfalls auf letztere klagen; behauptet jedoch der Gläubiger zur Rückgabe nicht 
imstande zu sein, so kann sich der Schuldner mit dem öffentlich beglaubigten Aner- 
kenntnisse des Gläubigers, dass die Schuld erloschen sei, begnügen. § 371 B.G.B. 

Fordert jemand von mir unter Vorlegung einer Quittung die Leistung, so hat er 
vermutete Vollmacht; ich werde durch Leistung an ihn befreit, wenn mir keine Um- 
stände bekannt sind , welche der Annahme entgegen stehen , dass der Inhaber der 
Quittung zur Empfangnahme ermächtigt sei. Hierbei ist jedoch vorausgesetzt , dass 
die Quittung echt sei. Hat z. B. der Präsentant der Quittung das Schriftstück ge- 
fälscht und ich leiste ihm gegen Aushändigung dieses Schriftstücks, so werde ich nicht 
befreit; ich bin vielmehr betrogen und muss mich an den Betrüger halten. Bin ich 
nicht in der Lage , die Echtheit des Schriftstücks zu prüfen , so werde ich gut tun, 
die Leistung in anderer Weise zu bewirken: denn ich handle, wenn ich dem Ueber- 
bringer leiste, insoweit auf eigene Gefahr. 

II. Hinterlegung, §§ 372 ff. B.G.B. Das Gesetz unterscheidet nach dem 
Gegen Stande: 1. § 372 ff.: Geld, Wertpapiere und sonstige Urkunden 
sowie Kostbarkeiten (nach der Landesgesetzgebung auch andere Gegenstände, Art. 
145, 146 E.G.). 2. andere Sachen, § 383. 

1. Handelt es sich um die zu 1 bezeichneten, zur Hinterlegung geeigneten 
Gegenstände, so kann der Schuldner zum Zwecke der Tilgung einer Schuldver- 
bindlichkeit hinterlegen : a) wenn der Gläubiger im Annahmeverzug ist, b) wenn 
der Schuldner aus einem anderen in der Person des Gläubigers liegenden Grunde oder 
infolge einer nicht auf Fahrlässigkeit beruhenden üngewissheit über die Pereon 
des Gläubigers, z. B. wenn mehrere, etwa jeder von ihnen als angeblicher Erbe, An- 
spruch auf die Erfüllung erheben, seine Verbindlichkeit nicht oder nicht mit Sicherheit 
erfüllen kann, § 372. Die Hinterlegung erfolgt bei der von der Landesgesetzgebung 



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Erlöschen der Schuldverhältnisse. § 34. 149 

bestimmten Hinterlegungsstelle nach näherer Vorschrift der Landesgesetzgebung, 
und zwar ohne gerichtliche Anordnung; man wendet sich also unmittelbar an die 
Hinterlegungsstelle (Art. 145 Abs. 2 E.G. z. B.G.B.). 

Zuständig ist die Hinterlegungsstelle des Leistungsortes, § 374 Abs. 1 
B.G.B. ; erfolgt sie bei einer anderen Stelle, so hat der Schuldner dem Gläubiger den 
daraus entstehenden Schaden zu ersetzen. Der Schuldner hat, wenn es tunlich ist, 
dem Gläubiger die Hinterlegung unverzüglich anzuzeigen, sonst ist er zum 
Schadensersatze verpflichtet, § 374 Abs. 2. Ist der Schuldner nur gegen Empfang 
einer Gegenleistung zur Leistung verpflichtet, so kann er das Kecht des Gläubigers, 
die hinterlegte Sache zu empfangen, von der Bewirkung der Gegenleistung abhängig 
machen, § 373 B.G.B. 

Der Schuldner, welcher hinterlegt hat, ist in der Regel befugt, die hinterlegte 
Sache nach seinem Belieben zurückzunehmen; doch macht § 376 B.G.B. 3 Aus- 
nahmen : 1. wenn er der Hinterlegungsstelle gegenüber auf Rücknahme verzichtet hat, 
2. wenn der Gläubiger der Stelle die Annahme angezeigt hat, 3. wenn der Hinter- 
legungsstelle ein zwischen dem Gläubiger und dem Schuldner ergangenes rechtskräftiges 
Urteil vorgelegt wird, das die Hinterlegung für rechtmässig erklärt. 

Was die Wirkungen der stattgehabten Hinterlegung betrifft, so kommt es 
darauf an, ob der Schuldner noch das Recht der Rücknahme hat oder nicht. In letz- 
terem Falle wird der Schuldner durch die Hinterlegung gerade so von der Schuld be- 
freit, als hätte er an den Gläubiger geleistet, § 378 B.G.B. Ist dagegen noch die 
Rücknahme zulässig , so kann der Schuldner den Gläubiger auf die hinterlegte Sache 
verweisen; solange die Sache hinterlegt ist, trägt der Gläubiger die Gefahr, der 
Schuldner braucht keine Zinsen zu zahlen und hat nicht Ersatz für nicht gezogene 
Nutzungen zu leisten; nimmt dagegen der Schuldner die hinterlegte Sache zurück, so 
wird die Angelegenheit so behandelt, als wäre die Hinterlegung nicht erfolgt, der 
Schuldner muss also dann auch Verzugszinsen zahlen, falls er im Verzug ist. § 379 
B.G.B. 

Die Wirkung der Hinterlegung tritt in der Regel mit Ueber lieferung des Gegen- 
standes an die Hinterlegungsstelle ein. Es ist aber auch möglich , die zu hinterlegende 
Sache der Hinterlegungsstelle durch die Post zu übersenden; in diesem Falle wirkt 
die Hinterlegung auf die Zeit der Aufgabe der Sache zur Post zurück. § 375 B.G.B. 
(Vgl. noch § 380 B.G.B.) 

Nimmt der Schuldner die hinterlegte Sache zurück, so muss er die Kosten der 
Hinterlegung tragen; andernfalls fallen dieselben dem Gläubiger zur Last. 

Hat der Gläubiger Anzeige von der Hinterlegung erhalten und meldet sich dem- 
nächst nicht innerhalb 30 Jahren bei der Hinterlegungsstelle, so erlischt sein Recht 
auf die hinterlegte Sache; tritt dieser Fall ein, so ist der Schuldner zur Rücknahme 
berechtigt, auch wenn er früher auf Rücknahme verzichtet hatte, § 382 B.G.B. 

2. Handelt es sich um andere Sachen, als die oben bezeichneten, so ist zwischen 
unbeweglichen und beweglichen zu unterscheiden : bei ersteren ist von 
Hinterlegung keine Rede ; der Schuldner aber kann, wenn es sich um Herausgabe eines 
Grundstücks handelt, nach dem Eintritte des Verzugs des Gläubigers den Besitz auf- 
geben ; jedoch muss er , wenn tunlich , die Absicht dem Gläubiger vorher androhen, 
§ 303 B.G.B. Handelt es sich um eine bewegliche Sache, so kann der Schuldner den 
geschuldeten Gegenstand versteigern lassen und den Erlös hinterlegen ; dies jedoch nur 
in 2 Fällen (§ 383 Abs. 1 B.G.B.): a) wenn der Gläubiger im Annahmeverzug ist, 
b) wenn der Gläubiger nngewiss ist oder sonst ein Hindernis für die Erfüllung in der 
Person des Gläubigers liegt und es sich um Sachen handelt, deren Verderb zu besorgen 



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150 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

ist oder deren Aufbewahrung mit unverhältnismässigen Kosten verknüpft ist. Die 
Versteigerung geschieht am Leistungsorte und öffentlich gemäss § 383 Abs. 1, 2B.G.B. 
Hat die Sache einen Börsen- oder Marktpreis, so ist freihändiger Verkauf nach § 385 
zulässig. Ueber die Kosten vgl. § 386 B.G.B. 

III. Angabe an Erfüllungsstatt. Davon spricht man, wenn an Stelle 
des geschuldeten Gegenstandes ein anderer geleistet wird, z. B. ein Pferd statt der 
geschuldeten 500 M. Der Gläubiger braucht dies niemals anzunehmen, wenn er sich 
nicht selbst dazu verpflichtet hat. Die Hingabe an Erfüllungsstatt ist also nur durch 
Vertrag möglich. § 364 Abs. 1 B.G.B. 

An Stelle des zunächst geschuldeten Gegenstandes kann auch eine Forderung 
gesetzt werden, so namentlich eine Wechsel f orderung. 

IV. Aufrechnung. Dem A schulde ich 100 M. ; er schuldet mir 120 M.; 
ich kann meine Gegenforderung in Höhe von 100 M. zur Aufrechnung stellen und for- 
dere nur noch 20 M. ; schuldet mir A nur 75 M., so kann ich in dieser Höhe aufrech- 
nen und zahle ihm nur 25 M. 

Die Aufrechnung ist unter folgenden Voraussetzungen zulässig (§ 387 B.G.B.) : 
Gläubiger und Schuldner müssen bei beiden Forderungen dieselben Personen sein, 
2. die Forderungen müssen gleichartig sein (namentlich kommt in Betracht Geld 
gegen Geld), 3. wer aufrechnen will, muss die ihm gebührende Leistung fordern und die 
ihm obliegende Leistung bewirken dürfen. 

In einigen Fällen bestehen Beschränkungen; so findet namentlich gemäss § 394 
B.G.B. die Aufrechnung gegen eine Forderung, die der Pfändung nicht unterworfen 
ist (vgl. §§ 850 flgd. Z.P.O.) , in der Regel nicht statt ; gegen eine Forderung 
des Reichs oder eines Bundesstaats oder eines Gemeinde verbau des ist die Aufrechnung 
nur zulässig, wenn die Leistung an dieselbe Kasse zu erfolgen hat, aus der die For- 
derung des Aufrechnenden zu befriedigen ist (§ 395). Schulde ich einer Reichs kasse 
100 M. , so kann ich nicht aufrechnen mit einer Forderung an eine preussische 
Forstkasse; denn es handelt sich um verschiedene Personen, die mir gegenüber- 
stehen. Schulde ich dagegen einer preussischen Gerichtskasse 1000 M. und habe einen 
gleichen Betrag aus einer preussischen Forstkasse zu fordern, so kann ich, obwohl mir 
dieselbe Person, nämlich der preussische Fiskus gegenübersteht, doch nicht 
aufrechnen, weil § 395 es aus Verwaltungsrücksichten verbietet ; ein gleiches gilt, wenn 
ich der Forstkasse zu A. schulde und von der Forstkasse zu B. zu fordern habe ; da- 
gegen kann ich selbstverständlich aufrechnen, wenn ich der Forstkasse zu A. 1000 M. 
schulde und von ihr 1000 M. zu fordern habe. Ganz ausgeschlossen ist die Aufrechnung 
gegen eine Forderung aus vorsätzlich begangener unerlaubter Handlung, § 393 B.G.B. 

Die Aufrechnung erfolgt dadurch, dass sie dem anderen Teile erklärt wird, 
§ 388 B.G.B. ; die Erklärung ist unwirksam, wenn sie unbedingt und unbefristet erfolgt. 

§ 35. Uebert ragung der Forderung. Der Gläubiger kann sein For- 
derungsrecht durch Vertrag auf einen anderen übertragen; diese Uebertragung heisst 
Abtretung (Zession). 

Der neue Gläubiger erlangt die Rechte des bisherigen Gläubigers, so gut und 
so schlecht sie sind (nur ganz ausnahmsweise steht er günstiger). Wird ihm ein Recht 
abgetreten, das gar nicht besteht, so erwirbt er kein Recht; wird ihm ein bestehendes 
Recht, das durch Einrede, z. B. der Verjährung, entkräftet werden kann, so muss er 
sich die Einrede gefallen lassen. Für ihn gilt der Satz: Niemand kann mehr Rechte 
übertragen als er selbst hat. Auch wenn er beim Erwerbe des Rechts gar nicht weiss 
und nicht wissen kann, dass das Recht nicht besteht oder auf schwachen Füssen steht, 
so nützt ihm dies in der Regel fast gar nichts, — Anders beim Indossament 



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Uebertragung der Forderung. § 35. 151 

auf den Ordrepapieren (vgl. oben S. 104), namentlich beim Wechsel. Der Indossatar 
erwirbt die Rechte aus dem Papier, auch wenn der Indossant keine Rechte oder 
entkräftbare Rechte hatte; vorausgesetzt ist nur, dass der Indossatar die Mängel im 
Rechte des Indossanten nicht kennt und dass ihm keine grobe Fahrlässigkeit zur Last 
fällt. In einigen Fällen treten die Wirkungen der Abtretung kraft Gesetzes ein; 
z. B. § 774 B.G.B. 

Auch ist es möglich, dass mir eine Forderung im Wege der Zwangsvoll- 
streckung übereignet wird, z. B. ich habe dem Holzhändler B für 1000 M. Holz 
verkauft, da er nicht bezahlte, habe ich geklagt und einen vollstreckbaren Titel auf 
Zahlung von 1000 M. nebst Zinsen und Kosten erlangt ; auf Grund desselben beantrage 
ich bei dem Amtsgerichte des Wohnsitzes meines Schuldners B., mir die diesem gegen 
den S zustehende Forderung auf Zahlung des Preises für verkauftes und überliefertes 
Holz zu pfönden ; auf Grund der Pfändung kann mir vom Amtsgerichte (gleichzeitig) 
auf meinen Antrag die Forderung entweder zur Einziehung überwiesen oder an Zah- 
lungsstatt zum Nennwert tibereignet werden. In letzterem Falle treten die Wirkun- 
gen der Abtretung ein. 

Handelt es sich um eine in einem Inhaberpapiere verkörperte Forderung, so 
kommt die Lehre von der Abtretung nicht zur Anwendung ; das Recht ist im Papier ver- 
körpert und wird übertragen, als handelte es sich um eine körperliche Sache, z. B. etwa 
ein Stück Nutzholz. Handelt es sich dagegen um ein Sparkassenbuch, oder ein anderes 
sog. hinkendes Namenspapier (vgl. oben S. 104) so geschieht die Uebertragung nicht 
durch einfache Uebergabe des Buches, es ist vielmehr Zession notwendig. 

Bei der Abtretung handelt es sich nicht bloss um Forderungsrechte, 
(vgl. oben S. 92 zu 3, a), sondern auch um dingliche Klagen, z. B. Klagen des 
Eigentümers auf Herausgabe einer körperlichen Sache (Vindikation). Aber nicht das 
Eigentumsrecht selbst kann abgetreten werden, sondern nur die Klage. Durch Ab- 
tretung der Klage auf Herausgabe (Vindikationszession) kann die Uebergabe der be weg- 
lich ei\ Sache selbst ersetzt werden, z. B. eine mir gehörige bewegliche Sache befindet 
sich im Besitze des Tertius, ich verkaufe jetzt die Sache dem Primus und möchte ihm 
das Eigentum an der Sache übertragen ; der Uebergang des Eigentums vollzieht sich darch 
Uebergabe (§ 929 B.G.B.) : solche ist im gesetzten Falle nicht möglich, weil ich nicht im 
Besitze der Sache bin ; gemäss § 931 aber kann die Uebergabe dadurch ersetzt werden, dass 
ich dem Primus den Anspruch gegen Tertius abtrete. — Einige Forderungen können 
n ic h t abgetreten werden, z. ß. die Forderungen, die nicht gepfändet werden können 
(§ 400 B.G.B.), ferner, wenn die Abtretung durch Vereinbarung des Gläubigers und 
Schuldners ausgeschlossen ist (§ 399 B.G.B.). 

Die Abtretung erfolgt durch Vertrag : Erklärung des Gläubigers (Zedenten), dass 
er die Forderung abtrete und Annahme dieser Erklärung durch den Zessionar). Der 
Schuldner (debitor cessus) braucht nicht zuzustimmen; ihm kann es gleichgiltig sein, 
ob er an den Primus oder an den Sekundus leistet. Kann die Leistung nicht ohne 
Veränderung des Inhalts der Verbindlichkeit geschehen, so ist die Abtretung unzu- 
lässig (§ 399). 

Wirkung der Abtretung: 

1. Der Anspruch des Zedenten geht auf den Zessionar (den neuen Gläubiger) 
über; nicht bloss der H a u p t anspruch , auch Hypotheken- und Pfandrechte, Rechte 
aus einer Bürgschaft, Vorzugsrechte — ohne weiteres, soweit nicht etwa das Gegen- 
teil vereinbart sein sollte, (was praktisch fast gar nicht vorkommt), ob auch andere 
Rechte, wie solche auf Zinsen, Früchte, Vertragsstrafe, übergehen, ist aus der (aus- 
drücklichen oder stillschweigenden) Abrede zu entnehmen. § 401 B.G.B. 



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152 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

2. Verhältnis des bisherigen Gläubigers zum neuen Gläubiger: 
letzterer tritt an Stelle des ersteren (§ 398 B.G.B.), doch kann vereinbart werden, 
dass der Zessionar nur formell Gläubiger werde und dass der alte Gläubiger trotz der 
formellen üebertragung Gläubiger bleiben solle, alsdann wird der Zweck der Ueber- 
tragung der sein, den Zessionar zur Einziehung der Schuld zu bestellen (Inkassoman- 
datar); es kann aber sein, dass der Zessionar die Forderung nur zu seiner Sicherheit 
für eine ihm gegen den Zedenten zustehende Forderung haben solle (sog. Sekuritäts- 
zession), alsdann erwirbt der Zessionar materiell nur Pfandrecht. Im übrigen vergl. 
Dickel S. 224. 

3. Verhältnis zwischen dem neuen Gläubiger und dem Schuldner: Der 
Schuldner darf durch die Abtretung in keine schlechtere Lage kommen; er darf dem 
neuen Gläubiger die Einwendungen entgegensetzen, die er gegen den alten Gläu- 
biger hatte, § 404 B.G.B., vgl. jedoch § 405. Der Schuldner ist aber dem neuen 
Gläubiger gegenüber erst dann verpflichtet, wenn entweder der bisherige Gläubiger ihm 
die Abtretung schriftlich angezeigt hat oder aber der neue Gläubiger ihm eine schrift- 
liche Abtretung aushändigt. Im übrigen vgl. §§ 407 bis 409 B.G.B. 

Da das B.G.B. keine Bestimmung über die Form der Abtretung enthält, so ist 
die auch nur mündlich erklärte Abtretung wirksam; der auch nur mündlich abge- 
tretene Anspruch geht auf den Zessionar über. Da aber der Schuldner nicht zu leisten 
braucht, wenn die oben im Texte angeführte schriftliche Erklärung fehlt, so ist den 
Beteiligten (namentlich dem Zessionar) die Schriftform dringend zu empfehlen ; im Ver- 
kehr wird die schriftliche Abtretung überwiegen. 

Ueber den Fall, dass ein Beamter den abtretbaren Teil seines Diensteinkommens 
u. 8. w. abtritt, vgl. § 411 B.G.B. 

§36. Schuldübernahme. Der Gläubiger kann durch Vertrag sein Recht 
auf einen anderen übertragen, wie im vorigen Paragraphen dargelegt ist. Kann so 
auch der Schuldner seine Verbindlichkeit auf einen anderen übertragen? Natürlich 
nicht ; es besteht offenbar ein grosser Unterschied. Dem Schuldner kann es gleichgiltig 
sein, ob er an Primus oder an Sekundus leistet, da er durch die Abtretung in keine 
schlechtere Lage kommen darf. Dem Gläubiger aber wird es nicht gleich sein, ob A 
oder B sein Schuldner ist, schon deshalb nicht, weil der eine zahlungsfähig, der andere 
zahlungsunfähig sein kann. 

Von Schuldübernahme im weitesten Sinne spricht man 1. wenn neben den 
bisherigen Schuldner ein neuer Schuldner hinzuti'itt, so namentlich bei der Bürg- 
schaft, §§ 765flgd.; 2. wenn der neue Schuldner an Stelle des bisherigen Schuld- 
ners tritt, der letztere also aus der Haftverbindlichkeit ausscheidet; das ist selbstver- 
ständlich nur mit Zustimmung des Gläubigers möglich. Nur im zweiten Falle 
spricht das B.G.B. von Schuldübernahme, §§ 414 flgd. 

Allerdings behandelt das B.G.B. im § 419 auch einen Fall, in welchem der üeber- 
nehmer als neuer Schuldner neben den alten Schuldner tritt. (Uebcrnahme eines ganzen 
Vermögens; der Uebernehmer haftet auf den Bestand des übernommenen 
Vermögens). 

Einen ähnlichen Fall behandelt das H.G.B. in § 25. 

„Wer ein unter Lebenden erworbenes Handelsgeschäft unter der bisherigen Firma 
mit oder ohne Beifügung eines das Nachfolgeverhältnis andeutenden Zusatzes fortführt, 
haftet für alle im Betriebe des Geschäfts begründeten Verbindlichkeiten des früheren In- 
habers. Die in dem Betriebe begründeten Forderungen gelten den Schuldnern gegenüber 
als auf den Erwerber übergegangen, falls der bisherige Inhaber oder seine Erben in die 
Fortführung der Firma gewilligt haben. 

Eine abweichende Vereinbarung ist einem Dritten gegenüber nur wirksam, wenn 
sie in das Handelsregister eingetragen und bekannt gemacht oder von dem Erwerber oder 



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Einzelne Schuldverhältnisse. § 38. 153 

dem Veräasserer dem Dritten mitgeteilt worden ist. 

Wird die Firma nicht fortgeführt, so haftet der Erwerber eines Handelsgeschäfts 
für die früheren Geschäftsverbindlichkeiten nur, wenn ein besonderer Verpflichtungsgrund 
vorliegt, insbesondere wenn die Uebemahme der Verbindlichkeiten in handelsüblicher Weise 
von dem Erwerber bekannt gemacht worden ist.'' 

In diesem letzteren Falle geht die Haftung des neuen Firmeninhabers weiter, als 
die Haftung des Uebemehmers nach § 419; der Firmenübernehmer haftet nicht bloss bis 
zum Bestände des übernommenen, sondern mit seinem ganzen Vermögen. 

Ein besonders wichtiger Fall des praktischen Lebens wird im § 416 B.G.B. (nach 
bayerischem Vorbilde) behandelt: kaufe ich ein Grundstück für 100000 M., auf welchem 
Hypotheken lasten, z. B. für Primus 50000 M., für Sekundus 20000 M., so übernehme 
ich regelmässig diese Hypotheken in Anrechnung auf den Kaufpreis und zahle dem 
Verkäufer nur 30000 M. Die Abrede, dass ich die Hypotheken übernehme, betrifft 
die persönliche Verbindlichkeit. Dass ich den Hypothekengläubigem, wenn sie 
keine Zahlung erhalten, die Befriedigung aus dem Grundstücke gestatten muss, ist 
selbstverständlich, obwohl ich mich ihnen gegenüber nicht verpflichtet habe; denn sie 
haben ein dingliches Recht a m Grundstück und können kraft desselben ihre Be- 
friedigung aus der verpfändeten Sache verlangen. Auf Grund der im Vertrage mit 
dem Verkäufer getroffenen Abrede der Schuldübernahme hafte ich nunmehr aber auch 
mit meinem übrigen Vermögen ; denn ich habe die den Hypotheken zu Grunde 
liegende Schuldverbindlichkeiten übernommen ; wirksam ist diese Schuld- 
Übernahme jedoch, wie oben allgemein bemerkt, nur, wenn der Gläubiger sie geneh- 
migt. § 416 bestimmt nun aber weiter: Diese Genehmigung setzt voraus, dass 
der Veräusserer des Grundstücks dem Hypothekengläubiger die Schuldübemahme mit- 
teilt. (Die Mitteilung kann wirksam erst erfolgen, wenn der Erwerber als Eigentümer 
im Grundbuch eingetragen ist; sie muss schriftlich geschehen und den Hii^weis ent- 
halten, dass der Uebernehmer an die Stelle des bisherigen Schuldners tritt, wenn nicht 
der Gläubiger die Verweigerung innerhalb der 6 Mon. erklärt. § 416 Abs. 2 B.G.B.) 

Erfolgt die Mitteilung und der Hypothekengläubiger lässt nichts von sich hören, 
so gilt nach 6 Monaten die Genehmigung als erteilt; der frühere Schuldner wird 
also frei; dem Hypothekengläubiger haftet nur noch der Uebernehmer. Der Ge- 
setzgeber geht von der Vermutung aus, dass der Gläubiger das Hauptgewicht nicht 
auf die Forderung , sondern auf die Hypothek lege. — Der Veräusserer des Grund- 
stücks ist auf Verlangen des Erwerbers verpflichtet, dem Gläubiger die Schuldüber- 
nahme mitzuteilen. Die Verweigerung der Genehmigung ist dem Veräusserer mitzu- 
teilen; dieser ist verpflichtet, den Erwerber zu benachrichtigen. Genehmigt der Hy- 
pothekengläubiger die Uebemahme (vor Ablauf der 6 Monate), so hat der Veräusserer 
gleichfalls die Verpflichtung, den Erwerber zu benachrichtigen. § 416 Abs. 3. 

§ 37. Mehrheit von Schuldnern. Drei Möglichkeiten stehen in Frage : 
Die mehreren Schuldner haften jeder für einen entsprechenden Teil der Schuld (z. B. 
3 schulden 3000 Mk., jeder zahlt 1000 Mk.), oder jeder haftet auf das Ganze, durch 
Zahlung des einen, werden die anderen frei (Gesamtschuldner), oder alle haften 
gemeinschaftlich. 

Nach B.G.B. kommt es darauf an, ob die von den mehreren Schuldnern zu ma- 
chende Leistung eine teilbare ist, z. B. 1000 Mk., oder eine unteilbare, z. B. ein Pferd. 
Bei einer teilbaren Schuld wird im Zweifel angenommen, dass jeder nur auf den An- 
teil hafte ; die Ausnahmen von dieser Regel aber werden praktisch überwiegen, nament- 
lich haften die mehreren als Gesamtschuldner, wenn sie sich gemeinschaftlich durch 
Vertrag verpflichtet haben und nichts anderes bestimmt ist (§ 427 B.G.B.) und ebenso 
die Teilnehmer einer unerlaubten Handlung, § 840 B.G.B., soweit nicht das Gegenteil, 



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154 XIV. Di ekel, Rechtßkunde. 

wie ausnahmsweise in einem Falle des Wildschadens bestimmt ist (§ 835 Abs. 3 B.G.B.) 
gesagt ist. 

Haften mehrere als Gesamtschuldner, so kann sich der Gläubiger nach seinem 
Belieben an den einen oder an den anderen halten, er kann auch alle als Gesamtschuldner 
verklagen; soweit einer leistet, werden die übrigen befreit. — Im Verhältnisse zu 
einander haften die Gesamtschuldner im Zweifel zu gleichen Teilen, § 426. 

2. Abschnitt. 
Einzelne SohuldverMItniBse. 

§ 38. Einleitung. Für die Schuld Verhältnisse gilt der Grundsatz der V er- 
tragsfreiheit;die Parteien können deshalb Verträge schliessen, welcher Art und wie 
sie wollen, selbstverständlich innerhalb der gesetzlichen Grenzen (vergl. oben S. 114.), 
also namentlich nicht gegen ein gesetzliches Verbot und nicht gegen die guten Sitten. 
Das B.G.B. behandelt eine grosse Anzahl von Verträgen, wie sie häufig im Verkehr 
vorkommen, als Vertrags t y p e n ; es behandelt ferner Schuld Verhältnisse aus einseitigen 
Rechtsgeschäften, wie z. B. die Auslobung, endlich ungerechtfertigte Bereicherung und 
schliesslich unerlaubte Handlungen. Von den Verträgen werden behandelt zunächst 
solche, welche dem Güterumsatze dienen (Kauf, Tausch; im Anschlüsse daran 
Schenkung), sodann solche, welche der Erlangung von Gebrauchswerten dienen 
(Miet- und Pachtvertrag, Leihe, Arbeitsvertrag, namentlich Werkvertrag, Dienstvertrag), 
weiter Kredit geschäfte , wie Darlehen , Geschäftsbesorgung, Gesell- 
schaft. 

Die Bestimmungen des B.G.B. sind, soweit nicht das Gegenteil gesagt oder wissen- 
schaftlich, nachweisbar ist, dispositiver Natur (vergl. oben S. 94 zu III) ; die Par- 
teien können insoweit nach ihrem Belieben Abweichungen treffen. 

§39. Kauf, Tausch. Bei ersterem handelt es sich um den Umsatz von 
Sache gegen Geld, bei letzterem um Sache gegen Sache. Für beide Arten der entgelt- 
lichen Veräusserung gelten dieselben Eegeln (§ 515 B.G.B.). Der leichteren 
Darstellung halber wird im folgenden nur vom Kaufe gespro- 
chen. Der Vertrag kommt durch Einigung der Parteien über Sache und Gegenleis- 
tung zustande. Das B.G.B. behandelt auch die öffentliche Versteigerung als Kauf. Eine 
Form ist vorgeschrieben bei Grundstücken (§ 313 B.G.B.) und Rechten an Grundstücken 
(§ 873 B.G.B.), im übrigen kann der Vertrag formlos geschlossen werden. 

lieber die Form der Verträge bei Grundstücken vergl. zunächst oben S. 115 gegen 
Ende. Hier ist noch folgendes zu bemerken. Der § 313 bezieht sich nur auf den Fall, 
dass sich der eine Vertragsschliessende Teil dem anderen zur Uebertragung des 
Eigentums am Grundstücke verpflichtet, dagegen nicht auf den Fall der Ueber- 
tragung oder Begründung oder Belastung eines Rechts an einem Grundstücke, wie 
etwa Hypotheken-, Grundschuld, Rentengrundschuld, Darlehenszusagen der Landschafts- 
direktion. 

Fehlt dem Vertrage die in § 313 vorgeschriebene Form, so ist er nichtig, 
er hat also nicht die geringste Wirkung, so z. B. ein privatschriftlicher oder durch 
Briefwechsel oder über eine Grund stücksparzelle unter Hingabe eines Schlussscheines 
geschlossener Kauf; in derartigen Fällen ist also keiner der Vertragsschliessenden 
Teile dem andern gegenüber verpflichtet, aufzulassen bezw. die Auflassung entgegenzu- 
nehmen, oder etwa die fehlende Form nachzuholen ; wird dem andern Teile auf Grund 
des in nicht genügender Foim geschlossenen Vertrags das Grundstück Übergeben, oder 
sonst etwas geleistet, so kann auf Rückgabe geklagt werden, da eine solche Uebergabe 



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Kauf, Tausch. § 39. 155 

oder Leistung ohne Rechtsgrund geschehen ist. — Die Nichtigkeit des Vertrags 
kann aber geheilt weixlen; dies geschieht durch Auflassung des Grundstücks und Ein- 
tragung des Eigentumsübergangs im Grundbuche. Hierdurch wird der Vertrag, auch 
rare er nur mündlich geschlossen, seinem ganzen Inhalte nach voll wirksam ; man wird 
annehmen dürfen, dass die Sache rechtlich so anzusehen sei, als wäre der vor der Auf- 
lassung geschlossene Vertrag durch die Auflassung in dieser bestätigt worden, (so na- 
mentlich Planck); dies entspricht auch augenscheinlich dem Willen der Vertrags- 
schliessenden Teile und wird auch dann angenommen, wenn die Auflassung erst Jahre 
lang nach Abschluss des formlosen Vertrages stattfindet. Die Heilung hat rückwir- 
kende Kraft, d. h. sie wirkt nicht erst vom Augenblicke der auf Grund der Auflassung 
erfolgten Eintragung des Eigentumsübergangs, sondern schon vom Zeitpunkte des ge- 
schlossenen Vertrages ab (allerdings ist dies nach dem Gesetze nicht zweifellos, aber 
es entspricht der herrschenden Meinung). Handelt es sich um einen Tausch vertrag, 
so ist der Formmangel erst geheilt, wenn die Eigentumsübertragung von beiden 
Seiten geschehen ist (anderer Ansicht Dernburg Bd. 3 § 89 Nr. 8). —Geheilt 
wird natürlich nur der Formmangel, nicht der etwa durch Betrug, Irrtum, Zwang 
u. 8. w. veranlasste Mangel ; handelt es sich um einen Fall der letzteren Art, so bleibt 
die Zulässigkeit der Anfechtung und die Rückforderung des geleisteten auch nach Auf- 
lassung und Eintragung des Eigentumsüberganges unberührt. 

Gesetzt : Die Parteien schliessen den Veräusserungsvertrag schriftlich, treffen 
aber einige Nebenabreden mündlich, (z. B. über Zeit der Uebergabe, Er- 
satz von Verwendungen, die vor der Uebergabe auf die Sache gemacht werden, Haf- 
tung für Zufall, Haftung für Fehler), demnächst erfolgen Auflassung und Eintragung 
des Eigentumsübergangs, gelten nun, da der Formmangel geheilt ist, auch die münd- 
lichen Nebenabreden? Unzweifelhaft! — Gilt nun aber dasselbe, wenn die Parteien den 
Vertrag gerichtlich oder notariell, also formell giltig schliessen und Nebenabreden münd- 
lich oder privatschriftlich oder durch Briefwechsel hinzusetzen? Nach dem Wortlaute 
des § 313 anscheinend nicht „ein ohne Beobachtung dieser Form geschlossener Ver- 
trag wird ..." Die 2. Kommission aber hatte, wie die Protokolle ergeben, die Ab- 
sicht, den erwähnten Fall mit § 313 Satz 2 zu decken; man nimmt im Anschlüsse 
daran allgemein an, dass diese Absicht auch im Gesetze durch die Worte „seinem 
ganzen Inhalte^ nach genügend zum Ausdrucke gebracht sei. 

Im Einzelnen: 

A. Gegenstand des Kaufs ist eine Sache (§ 433 B.G.B.), d. h. ein körper- 
Ucher Gegenstand (§ 90 B.G.B.) oder ein Recht (§ 433), dagegen nicht eine Handlung; 
soll letztere ohne Entgelt geleistet werden, so liegt Schenkung vor (§ 516 B.G.B.), 
soll sie gegen Entgelt stattfinden, so handelt es sich um einen Dienstvertrag (§ 611) 
oder einen Werkvertrag (§ 631). Gegenstand kann eine bewegliche Sache sein, eine 
unbewegliche, nicht bloss eine gegenwärtige, auch eine zukünftige Sache, nicht bloss 
eine ganze Sache, auch ein volles Stück, namentlich eine Grundstücksparzelle, nicht 
bloss das ganze Recht, auch ein ideeller Teil desselben zum Zwecke des Erwerbes des 
Miteigentums), nicht blos die einzelne Sache, auch Sachgesamtheit. 

B. Der Preis muss ernstlich gemeint sein (sonst liegt Schenkung vor), femer 
bestimmt z. B. ziffermässig (100 M.), oder wenigstens bestimmbar, z. B. der angemessene 
Preis, der Marktpreis; im letzteren Falle gilt nach § 453 B.G.B. im Zweifel der für 
den Erfüllungsort zur Erfüllungszeit massgebende Marktpreis als vereinbart; die Be- 
stimmung des Preises kann auch durch einen von den Parteien bestimmten dritten, 
namentlich einen Sachverständigen erfolgen. 

Dem wahren Werte der Sache braucht der Preis nicht zu entsprechen ; man kann 



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156 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

namentlich teuer kaufen und billig verkaufen. Die früher meist zulässige Anfechtung 
eines Kaufs wegen Verletzung über die Hälfte (z. B. ich kaufte ein Pferd für 1000 
Mark, das einen Wert von nur 400 Mk. hat), ist im B.Gr.B. nicht. Gemäss § 138 
B.G.B. ist aber der Sachwucher verboten; der Kauf ist also nichtig, wenn der Ver- 
käufer die Notlage des Käufers, oder seinen Leichtsinn oder seine Unerfahrenheit aus- 
gebeutet hat, indem er sich einen Kaufpreis versprechen liess, welcher den Wert des 
Kaufgegenstandes dergestalt übersteigt, dass den Umständen nach der Preis in auffäl- 
ligem Missverhältnisse zu dem Werte der Sache steht. 

Zulässig ist die Vereinbarung der Parteien, dass der Preis nicht in bar zu ent- 
richten, sondern mit einer Gegenforderung aufzurechnen oder durch Angabe an Erfül- 
lungsstatt oder Schuldübemahme oder wie sonst zu tilgen sei. Der Preis kann ge- 
stundet werden (Kreditkauf): es kann vereinbart sein, was seltener vorkommt, dass 
zunächst der Preis zu zahlen und erst nachher die Sache zu übergeben sei (Pränume- 
rationskauf) ; ist nichts Besonderes vereinbart, so ist Zug um Zug zu erfüllen (Barkauf). 

C. Wirkungen des Kaufs. 

I. Eigentums Übergang. Der Kauf bezweckt nach § 433 B.G.B. Erwerb 
des Eigentums für den Käufer. Der Eigentumserwerb vollzieht sich aber nicht durch 
den Kauf, sondern bei einer beweglichen Sache durch üebergabe gemäss §§ 929 ff., 
bei einem Grundstücke durch Auflassung und Eintragung im Grundbuche gemäss §§ 
925 ff. üeber die Kosten der Üebergabe trifft § 448, über die der Auflassung und 
Eintragung § 449 B.G.B. Bestimmung. 

II. üebergang der Gefahr, der Nutzungen und Lasten. Die Par- 
teien können die Zeit nach ihrem Belieben bestimmen ; ist dies nicht geschehen, so kommen 
folgende Regeln zur Anwendung; 

1. bei der beweglichen Sache entscheidet die Üebergabe. Wird der Kauf- 
gegenstand vom Verkräufer dem Käufer auf dessen Verlangen nach einem anderen Orte 
als dem Erfüllungsort übersandt (sog. Versendungsgeschäft), so geht die Gefahr 
in dem Augenblicke der Auslieferung der Sache an den Spediteur oder den Fracht- 
führer oder die sonst zur Ausführung der Versendung bestimmte Person oder Anstalt 
über ; der Verkäufer ist aber für den dem Käufer entstehenden Schaden verantwortlich, 
wenn der Käufer über die Art der Versendung eine besondere Anweisung erteilt hat 
und der Verkäufer ohne dringenden Grund von der Anweisung abgewichen ist. § 447 
B.G.B. 

2. Bei Grundstücken kommt es auf Üebergabe einerseits, auf Eintragung des Ei- 
gentumsübergangs andererseits an ; welche zuerst stattfindet, ist massgebend. § 446 
B.G.B. 

Geht die Gefahr schon vor der üebergabe über (weil dies vereinbart ist oder bei 
Grundstücken, weil zunächst die Eintragung des Eigentumsübergangs stattgefunden hat) 
so ist es möglich, dass der Verkäufer Verwendungen auf die Sache macht. Waren 
diese notwendig, so kann er von dem Käufer Ersatz verlangen, wie wenn der 
Käufer ihn mit der Verwaltung der Sache beauftragt hätte (vergl. §§ 665, 666, 669, 
namentlich § 670, hiernach hat er Anspruch auf Ersatz auch für solche Verwen- 
dungen, die er den Umständen nach für erforderlich halten darf), 
§ 450 Abs. 1 B.G.B. ; der Verkäufer kann auch für nicht notwendige Verwen- 
dungen Ersatz verlangen, jedoch nur nach den Bestimmungen über Geschäftsführung 
ohne Auftrag (§§ 677 ff., vergl. besonders § 678, 679, 681, 683 bis 685 B.G.B.), § 450 
Abs. 2, B.G.B. 

III. Verpflichtungen des Verkäufers: 

1. Der Verkäufer muss, nachdem der Kauf zustande gekommen ist, dem Käufer 



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Kauf, Tausdj. § 39. 157 

über die den verkauften Gegenstand betreffenden rechtlichen Verhältnisse die nötige 
Auskunft erteilen, beim Verkaufe eines Grundstücks namentlich über die Grenzen, 
Gerechtsame und Lasten, über Miet- und Pachtverhältnisse. Der Verkäufer muss fenier 
die in seinem Besitze befindlichen, zum Beweise des Rechts dienenden Urkunden 
ausliefern; und zwar die Urschriften (Originalien), ausgenommen den Fall, dass 
sich der Inhalt der Urkunde auch auf andere Angelegenheiten erstreckt, in diesem letz- 
teren Falle ist der Verkäufer nur zur Erteilung eines öffentlich beglaubigten Auszugs 
verpflichtet. 

Diese Einschränkung der Urkundenauslieferungspflicht des Verkäufers ist nach 
den Protokollen von der zweiten Kommission gemacht, weil nicht selten, zumal bei Grund - 
Stücksverkäufen, der Verkäufer ein gerechtfertigtes Interesse daran habe, die Original- 
urkunden in seiner Hand zu behalten, z. B. wenn die Urkunde (Testament u. s. w.) 
noch einen anderen für den Käufer gleichgiltigen Inhalt habe, wenn sie auch auf an- 
dere Grundstücke sich beziehen oder zwar nur ein Grundstück betreffe, von diesem 
aber nur eine Parzelle verkauft werde. 

Hat der Käufer dann noch ein weiteres Interesse an Einsichtnahme der Urschrift 
so kann er die Einsichtnahme gemäss § 810 B.G.B. verlangen. — § 444 B.G.B. 

2. Der Verkäufer muss dem Käufer das gehörige Eecht verschaffen, 
deshalb vor allem wenn es sich um einen körperlichen Gegenstand handelt, die Sache 
übergeben und das Eigentum verschaffen; handelt es sich um ein Eecht, so muss der 
Verkäufer dem Käufer das Eecht verschaffen und, wenn das Eecht zum Besitze einer 
Sache berechtigt, z. B. das Niessbrauchsrecht, die Sache übergeben. § 433 Abs. 1 B.G.B. 

Der verkaufte Gegenstand ist frei vonRechten zu verschaffen, die von dritten 
gegen den Käufer geltend gemacht werden können, § 434 B.G.B. Als solche Eechte 
dritter kommen zunächst die dinglichen Eechte in Betracht (Hypotheken-, Grundschuld-, 
Rentenschuld-, Pfandrechte, Grunddienstbarkeiten, eingetragene wie nicht eingetragene) 
in Betracht, dann aber auch persönliche Eechte, welche durch eingetragene Vormer- 
kungen gesichert sind, auch persönliche Eechte, die, ohne eingetragen zu sein, gegen 
den Käufer wirken, wie Miete und Pacht von Grundstücken gemäss §§ 571, 581 B.G.B, 
dagegen kommen hier nicht die Nachbarrechte in Frage, welche nicht als Eechte an 
dem Kanfgegenstande gelten, vielmehr Begrenzungen des Eigentumsrechts sind. — 
Diese Verpflichtungen des Verkäufers treten nun aber nicht erst dann in Wirksamkeit, 
wenn der berechtigte diitte das ihm zustehende Eecht gegen den Käufer geltend macht, 
sondern sofort mit der Wirksamkeit des Kaufs; der Käufer kann also seine Eechte 
gegen den Verkäufer geltend machen, obwohl noch nicht feststeht, dass der dritte Be- 
rechtigte von seinem Eechte Gebrauch machen werde. Der Verkäufer ist ohne weiteres 
verpflichtet, dem Käufer die Sache frei von jenen Eechten zu verschaffen (sog. Ver- 
schaffungsprinzip). Doch ist dies alles nicht zvvingendes Eecht ; selbstverständlich kann 
etwas anderes vereinbart werden und dies geschieht bei Grundstücken fast regelmässig ; 
indem die auf dem Grundstücke ruhenden Lasten von dem Käufer übernommen werden 
— namentlich in Anrechnung auf den Kaufpreis, z. B. ich kaufe das Grundstück, auf 
dem eine Grundschuld für Primus (40000 Mk.), eine Hypothek für Sekundus (25000 Mk.) 
ruht, für 100000 Mk., übernehme die 65000 Mk. in Anrechnung auf den Kaufpreis und 
zahle bar nur 35000 Mk. (vergl. oben unter Schuldübemahme S. 153). 

Ist ein Grundstück oder ein Eecht an einem Grundstücke verkauft, so geht die 
Verpflichtung des Verkäufers noch weiter. Nach § 434 hat der Verkäufer die Sache 
frei von Eechten zu verschaffen, d. h. von Eechten, die zu Gunsten eines dritten wirklich 
bestehen; bei Grundstücken aber kann der Fall eintreten und tritt praktisch nicht 
selten ein, dass Eechte im Grundbuch eingetragen sind, die nicht oder nicht mehr be- 



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158 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

stehen. § 435 B.G.B. bestimmt, dass der Verkäufer auch diese Rechte auf seine Kosten 
zur Löschung zu bringen habe, wenn sie im Falle ihres Bestehens das dem Käufer zu 
verschaffende Recht beinträchtigen würden. 

Das B.G.B. macht nun aber von dem Gesagten Ausnahmen: 1. § 439 B.G.B. 
der Verkäufer hat den Mangel im Rechte nicht zu vertreten, wenn der Käufer den 
Mangel beim Abschlüsse des Kaufs kennt. Selbstverständlich kann das Gegenteil ver- 
einbart werden ; auch gilt die Ausnahme ferner nicht, wenn es sich um eine Hypothek, 
eine Grundschuld, eine Rentenschuld oder ein Pfandrecht oder um eine Vormerkung 
zur Sicherung des Anspruchs auf Bestellung eines dieser Rechte handelt; derartige 
Rechte sind vom Verkäufer zu beseitigen, auch wenn der Käufer die Belastung kennt, 
es müsste denn etwas anderes vereinbart werden. 2. § 436 B.G.B, handelt es sich um 
ein Grundstück, so wird bezüglich der öffentlichen Abgaben und anderen öffentlichen 
Lasten, die sich zur Eintragung ins Grundbuch nicht eignen, ohne weiteres angenommen, 
dass sie bekannt seien; der Verkäufer haftet deshalb auch bei solchen Rechten nicht 
auf Freiheit von ihnen, es sei denn anderes vereinbart. 

Gewährt der Verkäufer die Sache nicht frei von Rechten, so sind folgende Regeln 
zu beachten: Der Käufer hat die Rechte aus §§ 320 bis 327 B.G.B. (vergl. oben S. 145) 
1. Wird er auf Erfüllung des Vertrags verklagt, so kann er einwenden, der Verkäufer 
habe ihm die geschuldete Leistung noch nicht gehörig angeboten und es kann dann der 
Käufer schlimmstenfalls nur auf Leistung gegen die Zug um Zug erfolgende Gewäh- 
rung des Verkaufsgegenstandes frei von Rechten dritter verurteilt werden und treffen 
die Kosten des Rechtsstreits den Verkäufer, weil der Käufer zu dem Prozesse keine 
Veranlassung gegeben hat (§ 93 Z.P.O.), §§ 320, 322 B.G.B. 2. Der Käufer kann 
selbstverständlich ebenfalls die Initiative ergreifen; er kann von dem Verkäufer ge- 
hörige Erfüllung, d. h. Gewährung des Gegenstandes frei von Rechten dritter, ver- 
langen und auf diese Gewährung klagen. 3. Er kann aber auch gemäss § 326 B.G.B. 
dem Verkäufer eine angemessene Frist mit der Erklärung bestimmen, dass er nach 
fruchtlosem Ablaufe der Frist die Annahme des Kaufgegenstandes ablehne ; erfolgt als- 
dann die Leistung des Verkäufers nicht gehörig, so ist der Käufer berechtigt, Schadens- 
ersatz wegen Nichterfüllung zu verlangen oder von dem Vertrage zurückzutreten; der 
Anspruch auf Erfüllung ist alsdann ausgeschlossen ; doch gilt dies gemäss § 326 Abs. 1 
Satz 3 und § 325 Satz 2 nur unter der Voraussetzung, dass der Kaufgegenstand, wenn 
er dem Käufer nicht frei von Rechten dritter gewährt wird, für den Käufer kein In- 
teresse hat, andernfalls steht ihm kein Rücktrittsrecht zu und muss er auf Erfüllung 
und Schadensersatz klagen. — Ist es dem Verkäufer unmöglich, den Kaufgegenstand 
frei von Rechten dritter anzubieten, so beurteilen sich die Rechte des Käufers nach 
§§ 323 bis 325 B.G.B. und es kommt namentlich der Fall in Betracht, dass der Ver- 
käufer die Unmöglichkeit zu vertreten hat, z. B. weil er sie selbst herbeigeführt hat, 
(§ 325 B.G.B.) und dass weder der Verkäufer noch der Käufer verantwortlich ist (§ 
323 B.G.B.). 

Ist eine bewegliche Sache verkauft und dem Käufer zum Zwecke der üeber- 
tragung des Eigentums tibergeben, so tritt eine erhebliche Einschränkung des Rechtes 
des Käufers für den Fall ein, dass es sich um das Recht eines dritten handelt, das 
zum Besitze der Sache berechtigt; in diesem Falle kann der Käufer Schadensersatz 
wegen Nichterfüllung nur verlangen, wenn eine der folgenden 3 Voraussetzungen ein- 
tritt: dass er die Sache dem dritten mit Rücksicht auf dessen Recht herausgegeben 
hat oder dass er sie dem Verkäufer zurückgewährt hat oder dass die Sache unterge- 
gangen ist, § 440 Abs. 2. (Der Herausgabe der Sache an den dritten steht es gleich, 
wenn der letztere den Käufer oder dieser den dritten beerbt oder wenn der Käufer 



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Kauf, Tausch. § 39. 159 

das Recht des Dritten anderweit erwirbt oder den dritten abfindet, § 440 Abs. 3). 

Macht der Käufer in einem Prozesse gegen den Verkäufer, oder, wenn letzterer 
gegen ihn klagt, den Mangel im Rechte geltend, so kann es tatsächlich streitig sein, 
ob der Mangel überhaupt besteht; alsdann hat der Käufer den Mangel zu beweisen 
(§ 442 B.G.B.). 

Hinzuweisen ist noch auf §§ 66 ff. und §§ 72 ff. Z.P.O. über Nebenintervention 
und Streitverkündigung (vergl. Di ekel S. 239). 

Haben die Parteien vereinbart, dass eine Haftung für Mängel im Rechte nicht 
eintreten solle, so ist dies, wie bereits bemerkt, zulässig; die Vereinbarung ist aber 
nichtig, wenn der Verkäufer den Mangel arglistig verschwiegen hat, § 443 B.G.B. 

3. Der Verkäufer ist endlich zur Gewährleistung wegen Mängel der 
Sache selbst verpflichtet (§§ 459 ff. B.G.B.). Das B.G.B. macht aber einen grossen 
Unterschied, ob es sich um Vieh oder um anderere Sachen handelt: 

a. Gewährleistung im allgemeinen. Massgebend Lst der Zeitpunkt, 
in welchem die Gefahr auf den Käufer übergeht (§ 459), vergl. oben S. 156 zu U. — 
In Betracht kommen einerseits gewöhnlich vorausgesetzte andererseits z u- 
gesicherte Eigenschaften. Der Verkäufer haftet (gemäss §§ 459, 460 B.G.B.): 1. 
fdr Fehler, „die den Wert oder die Tauglichkeit zu dem gewöhnlichen oder dem 
nach dem Vertrage vorausgesetzten Gebrauch aufheben oder erheblich mindern'^. 
Doch tritt hier eine Ausnahme für den Fall ein, dass der Käufer den Mangel beim 
Vertragsschlusse kannte. Hat der Käufer den Mangel infolge grober Fahr- 
lässigkeit nicht entdeckt, so haftet der Verkäufer nur dann, wenn er den Fehler 
arglistig verschwiegen hatte. „Augen auf! Kauf ist Kauf!" „Wer die Augen 
nicht auftnt, tue den Beutel auf^, z. B. es kauft jemand einen Stamm, ohne zu be- 
merken, dass er gewunden ist ; Holz das er schneiden will, ohne zu sehen, dass es sehr 
ästig ist n. s. w. — 2. Der Verkäufer haftet für zugesicherte Eigenschaften, auch 
dann, wenn der Käufer den Mangel bei gehöriger Aufmerksamkeit hätte entdecken 
müssen, dagegen selbstverständlich dann nicht, wenn der Käufer den Mangel kennt. 

Wirkung der Gewährleistungspflicht : Der Käufer hat die Wahl zwischen Rück- 
gängigmachung des Vertrags (Wandelung) und Herabsetzung des Preises (Min- 
derung), § 462 B.G.B. Fehlt der Sache zur Zeit des Kaufes eine zugesicherte Eigen- 
schaft, so kann der Käufer statt der Wandelung oder der Minderung Schadensersatz 
wegen Nichterfüllung verlangen ; ein gleiches Recht steht dem Käufer für den Fall zu, 
dass der Verkäufer den Mangel arglistig verschwiegen hat, § 463 B.G.B. In diesen 
Fällen hat also der Käufer noch ein drittes Wahlrecht. Ein Recht auf Beseitigung 
des Mangels zu klagen, steht dem Käufer auch dann nicht zu, wenn der Verkäufer in 
der Lage wäre, dem Antrage zu entsprechen (anders beim Werkvertrage, § 633 Ab- 
satz 2); doch steht natürlich nichts im Wege, dass der Käufer den Verkäufer er- 
sucht, den Mangel freiwillig zu beseitigen; gegebenen Falls ist dies sogar zu em- 
pfehlen, da eine gütliche Erledigung fast immer dem Prozesse vorzuziehen ist. 

Nimmt der Käufer eine mangelhafte Sache an, obwohl er bereits den Mangel 
kennt, so stehen ihm die erwähnten Rechte (Wandelung, Minderung, Schadensersatz) 
nur dann zu, wenn er sich seine Rechte wegen des Mangels bei der Annahme vorbe- 
hält (§ 464 B.G.B.). 

Das Wahlrecht steht dem Käufer solange zu, bis Wandelung oder Minderung 
vollzogen ist; dies ist der Fall, sobald sich die Parteien darüber geeinigt haben, § 465 
B.G.B., dazu gehört bei Preisminderung selbstverständlich auch die Festsetzung des 
Betrags der Minderung. Ist diese Einigung erfolgt, so verliert der Käufer im Falle 
des § 463 auch das Recht auf Schadensei*satz. Kommt keine Einigung zu stände, so 



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160 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

bleibt dem Käufer nur übri^, sein Wahlrecht auszuüben und den Verkäufer zu verklagen. 
Die einseitige Erklärung des Käufers, er wandle oder er mindere (oder er verlange 
Schadensersatz wegen Nichtei-füllung) , ist nicht massgebend, solange nicht das Ein- 
verständnis des anderen Teiles vorliegt; deshalb kann der Käufer auch nach Abgabe 
einer derartigen einseitigen Erklärung vor der Einwilligungserklärung des Verkäufers 
von der getroffenen Wahl wieder abgehen, — auch im Prozesse. 

Wie einerseits der Käufer ein Interesse daran hat, die Wahl zwischen Wand- 
lung und Minderung endgiltig zu vollziehen, so hat auch entsprechend der Verkäufer 
ein Interesse. Er kann (gemäss § 466) dem Käufer eine angemessene Frist zur Er- 
klärung setzen, ob er Wandelung verlange. 

Auf die Wandelung finden nach § 467 gewisse Vorschriften über das vertrags- 
mässig eingeräumte Rücktrittsrecht Anwendung (§§ 346 ff, B.G.B.): 1. wenn Wande- 
lung erfolgt, ist der Käufer wie auch der Verkäufer verpflichtet, die empfangenen 
Leistungen zurückzugewähren (§ 346). Die Verpflichtung ist also lediglich obliga- 
torisch, bei Grundstücken könnte ihr durch Eintragung einer Vormerkung 
dingliche Wirkung beigelegt werden. (Vgl. über Vormerkung im Sachenrechte.) 2. Ob 
und inwieweit ein Anspruch auf Schadensersatz wegen Verschlechterung, Unterganges 
oder einer aus einem anderen Grunde eintretenden Unmöglichkeit der Herausgabe 
besteht (z. B. das gekaufte Pferd ist gestürzt), bestimmt sich im Falle der Wandelung 
von dem Empfange der betreffenden Leistung, also namentlich hier des Kaufgegen- 
standes nach den Vorschriften, welche für das Verhältnis zwischen dem Eigentümer 
und dem Besitzer von dem Eintritte der Rechtshängigkeit des Eigentumsanspruchs an 
gelten; Entsprechendes gilt für den Anspruch auf Herausgabe oder Vergütung von 
Nutzungen (z. B. das Pferd ist gefahren) und von dem Anspruch auf Ersatz von Ver- 
wendungen (so namentlich Kosten der Heilung einer Krankheit) , vgl. §§ 989 ff. 
B.G.B. Der Verkäufer muss den erhaltenen Kaufpreis vom Tage des Em- 
pfanges verzinsen (§ 347 B.G.B.). 3. Die Verpflichtungen des Verkäufers und 
Käufers sind Zug um Zug zu erfüllen (§ 348 j. 4. Die Wandelung wird nicht da- 
durch ausgeschlossen, dass der Kaufgegenstand durch Zufall untergegangen ist, z. B. 
das gekaufte Pferd ist gestürzt und hat deshalb getötet werden müssen (§ 350j. 5. Die 
Wandelung ist aber ausgeschlossen: a) wenn der Käufer eine wesentliche Verschlech- 
terung oder den Untergang der ganzen Sache oder eines erheblichen Teiles oder die 
anderweitige Unmöglichkeit der Herausgabe des Kaufgegenstandes verschuldet 
hat, oder dies unglückliche Ergebnis durch das Verschulden des Gesindes des Käufers 
oder einer andern Person verursacht ist, für welche der Käufer nach § 278 B.G.B. 
haftet (vgl. oben S. 141 zu II) (§ 351), b) wenn der Käufer den Kaufgegenstand durch 
Verarbeitung oder Verbindung in eine Sache anderer Art umgestaltet hat (§ 352), 
c) wenn der Käufer den Kaufgegenstand oder einen erheblichen Teil desselben ver- 
äussert oder mit dem Rechte eines dritten belastet hat und bei dem Erwerber der 
Sache die soeben zu a oder zu b angegebenen Voraussetzungen zugetroffen sind ; hier- 
bei steht es einer Verfügung des Käufers gleich, wenn eine Veräusserung oder Be- 
lastung im Wege der Zwangsvollstreckung (also namentlich durch Pf&ndung) oder 
durch x\rrest oder durch den Konkursverwalter erfolgt (§ 353). 6. Kommt der Käufer 
mit der Rückgewähr des Kaufgegenstandes oder eines erheblichen Teiles des Gegen- 
standes in Verzug, so kann ihm der Verkäufer eine angemessene Frist mit der Er- 
klärung bestimmen, dass er die Annahme der Sache nach dem Ablaufe der Frist ab- 
lehne; alsdann wird die Wandelung unwirksam, wenn nicht die Rftckgewähr des 
Kaufgegenstandes vor dem Ablaufe der Frist erfolgt (§ 354). 7. Handelt es sich um 
mehrere Käufer, so kann die Wandelung nur von allen Käufern ausgeübt werden; 



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Kauf, Tausch. § 39. 161 

erlischt das Wandelangsrecht für einen Känfer, so erlischt es anch für die übrigen, 
handelt es sich um mehrere Verkäufer , so kann die Wandelung nur gegen alle Ver- 
käufer ausgeübt werden (§ 356). 

lieber die Rechte des Gewehrkäufers im Falle einer Sprengung des Grewehrs 
vgl. Monatshefte des Jagdschutzvereins, 7. Jahrg. (1902), S. 373. 

Sind mehrere Sachen verkauft und es ist nur eine oder es sind einige der- 
selben mangelhaft, so kommen die §§469 bis 471 B.G.B. zur Anwendung : Wandelung 
kann nur in Ansehung der mangelhaften Sache verlangt werden ; dies auch dann, wenn 
für alle Sachen ein Gesamtpreis festgesetzt ist; der Gesamtpreis ist in dem Verhält- 
nisse herabzusetzen, in welchem zur Zeit des Verkaufs der Gesamtwert der Sachen in 
mangelfreiem Zustande zu dem Werte der von der Wandelung nicht betroffenen Sachen 
gestanden haben wird; der Betrag, auf welchen der Gesamtwert herabzusetzen ist 
(x) wird auf Grund des Ansatzes gefunden: der Gesamtwert der Sachen in mangel- 
freiem Zustande zur Zeit des Kaufs verhält sich zu dem Werte der von der Wande- 
lung nicht betroffenen Stücke, wie der Gesamtpreis zu x; z. B. 3 Pferde sind für 
3600 M. gekauft, bezüglich eines der Pferde tritt Wandelung ein, der Wert der 3 
Pferde in mangelfreiem Zustande würde 3000 M. betragen, die von der Wandelung 
nicht betroffenen 2 Pferde haben einen Wert von 1800 M., alsdann lautet der Ansatz : 

3(XX) : 1800 = 3600 : x, also x = -^-^^-= 2160 M. — Es kommt vor, dass neben 

dem in Gelde festgesetzten Preise andere Leistungen bedungen werden. Handelt es 
sich alsdann um die oben im Texte erwähnte Herabsetzung des Preises, so sind diese 
Leistungen, soweit es sich nicht um vertretbare Sachen handelt, nach ihrem Werte zur 
Zeit des Verkaufs in Geld zu veranschlagen ; die Herabsetzung der Gegenleistung des 
Käufers erfolgt an dem in Gelde festgesetzten Preise (nicht an den anderen Leistungen !) ; 
ist der Geldbetrag geringer als der abzusetzende Betrag, so hat der Verkäufer den 
überschiessenden Betrag dem Käufer zu vergüten. § 473 B.G.B. Z. B. der Geldpreis 
beträgt 300 M., der Wert der übrigen Leistungen 100 M., abzusetzen sind 50 M., zu 
gewähren sind alsdann 250 M. bar und die übrigen Leistungen. Beträgt der Geld- 
preis 300 M. und der Wert der übrigen Leistungen 280 M. , und sind 320 M. abzu- 
setzen, so zahlt der Käufer bar gar nichts, er darf aber von den übrigen Leistungen 
nicht solche im Werte von 20 M. zurückbehalten, er muss vielmehr alle übrigen 
Leistungen machen, der Verkäufer liefert den Kaufgegenstand und zahlt gleichzeitig 
20 M. bar. 

Ausnahme von dem Gesagten tritt ein: 1. wenn die Sachen als zusammen- 
gehörend verkauft sind, z. B. ein Viergespann oder 2 „Passpferde"; alsdann kann 
jeder Teil verlangen, dass die Wandelung auf alle Sachen erstreckt werde, wenn die 
mangelhaften nicht ohne Nachteil für ihn von den übrigen getrennt werden können 
(§ 469 B.G.B.), 2. wenn eine Sache die Hauptsache und die andere die Nebensache 
ist; alsdann erstreckt sich die Wandelung wegen eines Mangels der Hauptsache auch 
auf die Nebensache (§ 470 B.G.B., ist dagegen nur die Nebensache mangelhaft, so ist 
die Wandelung in Ansehung der Hauptsache nicht zulässig, es tritt nur Wandelung in 
Ansehung der Nebensache ein). 

Zu erwähnen ist schliesslich auch der Fall des § 468: Sichert der Verkäufer 
eines Grundstücks dem Käufer eine bestimmte Grösse des Grundstücks zu, so haftet 
er für die Grösse, wie wenn eine Eigenschaft zugesichert wäre; der Käufer kann 
aber wegen des Mangels der zugesicherten Grösse nur dann wandeln, wenn der 
Mangel so erheblich ist, dass die Erfüllung des Vertrags für den Käufer kein In- 
teresse hat. (Der gesetzgeberische Grund liegt darin, dass die Rückauflösnng einer 

Handbuch d. Forstw. 2. Aufl. IV. H 



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162 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Grundstücksveräusserun^ meistens zu grossen Verwicklungen und Weiterungen führt.) 
Sehr wesentlich wird der Gebrauchswert in Betracht kommen, z. B. Bauplatz in einer 
grossen Stadt ; ist der Mangel nicht so erheblich, so kommen für den Käufer nur Recht 
der Preisminderung und Recht auf Schadensersatz in Frage (§§ 462, 463 B.G.B.). Ob 
eine bestimmte Grösse zugesichert ist, kann im gegebenen Falle zweifelhaft sein, z.B. 
wenn unter Vorlegung eines Katasterauszuges das Grundstück verkauft wird ; die Vor- 
legung des Auszuges kann möglicherweise lediglich der Identitätsfeststellung dienen; 
zur Beseitigung des Zweifels ist dem Käufer, falls er auf die Grösse entscheidendes 
Gewicht legt, zu empfehlen, bei Abschluss des Vertrages klare Lage zu schaffen,, indem 
er die Aufnahme einer ausdrücklichen Bestimmung über Zusicherung der Eigenschaft 
in den Vertrag beansprucht. Für den Fall , dass mehrere Grundstücke verkauft 
sind, ist keine besondere Bestimmung getroffen ; die Motive Bd. 2 S. 234 bemerken da- 
rüber : in einem solchen Falle seien die als ein Ganzes zusammengefassten Grundstücke 
für die Anwendung des Gesetzes ohne Zweifel in der Regel als ein Grundstück an- 
zusehen; die Bestimmungen des Code civil Art. 1623, wonach bei Verkauf mehrerer 
Grundstücke zu einem Gesamtpreise der Mangel an Flächengehalt eines der Grund- 
stücke nur insoweit in Betracht komme, als derselbe nicht durch den Mehrgehalt der 
anderen Grundstücke dem Werte nach ausgeglichen werde, seien willkürlich und ka- 
suistisch ; sie berücksichtigten nicht den verschiedenen Wert, den die einzelnen Grund- 
stücke nach ihrer Bonität an sich und ihrer Kulturart und speziell für den Erwerber 
haben könnten, führten deshalb zu einem ungerechtfertigten Zwange ; andererseits stehe 
nichts im Wege, dass der Richter bei der Preisminderung (§ 472 B.G.B.), wie bei der 
Erwägung der Frage, ob der Erwerber an der Erfüllung des Vertrags kein Interesse 
habe, unter Umständen auch bei der Abwägung des Schadensersatzes das über die 
Zusage hinausgehende höhere Mass der anderen Grundstücke in Anschlag bringe. 

Für die Preisminderung ist folgendes zu bemerken : 1. § 472 Abs. 1 B.G.B. 
beantwortet die Frage, wie die Herabsetzung des Preises erfolgen soll. Gesetzt: ich 
habe eine Sache für 100 M. gekauft, wegen eines Fehlers aber ist sie nur 60 M. wert; 
darf ich nun einfach 100 — 60 = 40 M. abziehen und zahle nur 60 M. ? Diese Rechnung 
entspricht nicht dem § 472 Abs. 1 ; hiernach ist nämlich der Kaufpreis in dem Ver- 
hältnisse herabzusetzen, in welchem zur Zeit des Verkaufs der Wert derSache 
in mangelfreiem Zustande zu dem wirklichen Werte gestanden haben 
würde; zunächst ist also der Wert der Sache in mangelfreiem Zustande zur Zeit des 
Kaufs zu ermitteln; beträgt derselbe im gesetzten Beispiele 120 M., so ist zu rechnen 
120 : 60 = 100 : x, also darf ich von den 100 M. vereinbarten Preises 50 M. abziehen. 
— 2. Sind mehrere Sachen für einen Gesamtpreis verkauft, z. B. mehrere Hölzer 
zu 400 M., und es stellt sich demnächst heraus, dass eins der Hölzer mangelhaft ist 
(offenbar lindet hier die Minderung nur wegen der mangelhaften Sache statt), so ist 
festzustellen, einmal der Wert der Hölzer, wenn das mangelhafte Stück ohne Fehler 
wäre, sodann der Wert der Hölzer unter Berücksichtigung des Fehlers, ist jener Wert 
430, dieser 375, so lautet der Ansatz 430 : 375 = 400 : x; der zu zahlende Preis be- 

trägt also '^.^ (Vgl. § 472 Abs. 2 B.G.B.) — 3. Für die praktische Erledigung 

der Preisminderung kommt es nun darauf an, ob der Preis bereits bezahlt ist oder 
nicht. Im letzteren Falle zieht der Käufer den Betrag, um den er mindern darf, einfach ab ; 
ist der Verkäufer damit nicht einverstanden, so muss ihm überlassen werden, gegen den 
Käufer zu klagen, und der Richter hat alsdann zu prüfen, ob das Vorbringen des be- 
klagten Käufers erheblich ist. Hat der Käufer bereits gezahlt, so bleibt ihm nur 
übrig, gegen den Verkäufer auf Rückzahlung zu klagen. 



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Kauf, Tausch. § 39. 163 

Hat wegen eines Mangels der Käufer den Preis gemindert und es stellt sich 
demnächst ein weiterer Mangel heraus, so hat der Käufer trotz der bereits erfolgten 
Preisminderung doch wegen des weiteren Mangels alle Rechte des Käufers, wie oben 
dargestellt; er kann also von neuem mindern, ja sogar noch wandeln. § 475 B.G.B. 

Die gesetzlichen Bestimmungen über Gewährleistungspflicht sind dispositiver Natur ; 
die Parteien können sie also abändern und namentlich auch vereinbaren, dass gar kein 
Gewährleistungsanspruch stattfinden soll. Im letzteren Falle aber, sowie auch dann, 
wenn die Verpflichtung des Verkäufers beschränkt wird, ist die Vereinbarung nichtig, 
wenn der Verkäufer den Mangel arglistig verschwiegen hat. § 476 B.G.B. 

Hat der Verkäufer den Mangel arglistig verschwiegen, so verjährt der 
Gewährleistungsanspruch in der gewöhnlichen Verjährungszeit von 30 Jahren (§ 195 
B.G.B.) ; im übrigen tritt nach § 477 B.G.B. sowohl für den Wandelungs- wie den 
Minderungsanspruch, nicht minder für den Schadensersatzanspruch wegen Mangels einer 
zugesicherten Eigenschaft eine kurze Verjährung ein: bei beweglichen Sachen in 6 
Monaten von der Ablieferung, bei Grundstücken in 1 Jahre von der Uebergabe an. 
Die Verjährungsfrist kann hier durch Vertrag verlängert werden, § 477 Abs. 1 am 
Ende (Ausnahme von § 225 B.G.B.). Im übrigen gelten die Abs. 2 und 3 des § 477 
für die Verjährung. 

Ist die Verjährungsfrist abgelaufen, so hat der Käufer keine Klage mehr; 
ist der Preis bezahlt, so kann er den Mangel in keiner Weise mehr geltend machen. 
Hat er aber den Preis noch nicht bezahlt, so kann er sich noch helfen, er lässt sich 
nämlich verklagen und erhebt die Einrede der Mangelhaftigkeit der Sache; doch kann 
er dies nur unter der Voraussetzung, dass er den Mangel dem Verkäufer angezeigt 
oder die Anzeige an ihn abgesendet hat, bevor der Anspruch auf Wandelung oder 
Minderung verjährt war. § 478 Abs. 1 (vgl. noch weiter Satz 2). — Dazu ist noch 
folgendes zu bemerken: 

1. Wenn der klagende Verkäufer die Anzeige bestreitet, so muss der Beklagte 
die stattgehabte Anzeige oder Absendung der Anzeige beweisen. Zu dem Ende muss, 
wenn es sich um eine briefliche Nachricht handelt, auch der Beweis geführt 
werden, dass der Brief mit der gehörigen Adresse versehen war. Die Erfahrung lehrtr, 
dass die Zeugen dies regelmässig nicht bekunden können. Dem Absender der Anzeige 
ist deshalb zu empfehlen, den Brief einschreiben zu lassen; der Schalterbeamte 
der Post könnte ersucht werden, die Adresse des Adressaten auf dem Posteinlieferungs- 
scheine vollständig anzugeben. Noch sicherer würde es sein, die Anzeige durch den 
Gerichtsvollzieher zustellen zu lassen. 

2. In § 377 H.G.B. ist für den Fall, dass der Kauf für beide vertragschliessen- 
den Teile ein Handelsgeschäft ist, bestimmt, dass der Käufer die Ware unverzüg- 
lich nach der Ablieferung durch den Verkäufer, soweit dies nach ordnungsmässigem 
Geschäftsgänge tunlich ist, zu untersuchen und, wenn sich ein Mangel zeigt, dem Ver- 
käufer unverzüglich Anzeige zu machen habe. Eine solche weiter gehende Ver- 
pflichtung, als die oben im Texte geschilderte, besteht für den gewöhnlichen Kauf 
nicht, also namentlich dann nicht, wenn der Forstmann, da er nicht Kaufmann ist, 
kauft. Er braucht die erhaltene Sache weder sofort auf Mängel zu prüfen, noch braucht 
er den entdeckten Mangel sofort anzuzeigen ; es genügt für die Erhaltung der Einrede 
die Anzeige innerhalb der Verjährungszeit. Gleichwohl ist dem Käufer einer Ware 
dringend zu empfehlen, sofort eine Untersuchung auf Mängel vorzunehmen und wenn 
sich ein Mangel findet , ihn anzuzeigen , um den Streitpunkt alsbald zu erledigen. — 
Sind die soeben angegebenen Voraussetzungen erfüllt, so kann der Käufer die Zahlung 
des Preises auch nach Ablauf der Verjährungsfrist noch insoweit verweigern, als er 

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164 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

auf Grund der Wandelung oder Minderung dazu berechtigt sein würde. Steht das 
Eecht auf Schadensersatz wegen Mangels einer zugesicherten Eigenschaft in Frage, so 
kann der Käufer auch nach Ablauf der Verjährungsfrist noch mit dem Anspruch gegen 
die Klage des Verkäufers auf Zahlung des Preises aufrechnen, falls die oben mitge- 
teilten Voraussetzungen erfüllt sind (Anzeige geschehen ist). § 479 B.G.B. — Auf die 
Anzeige kommt es nicht an, wenn der Verkäufer den Mangel arglistig verschwiegen 
hat, § 478 Abs. 2 B.G.B. 

Für den Fall, dass eine der Gattung nach bestimmte Sache verkauft ist, z. B. 
ein Werkzeug, trifft § 480 B.G.B. Bestimmung : 1. Der Käufer kann wegen des Mangels 
zwischen Wandelung und Minderung wählen ; er kann aber auch, wenn er will, Liefe- 
rung einer mangelfreien Sache an Stelle der mangelhaften beanspruchen. Auf diesen 
Anspruch finden die in § 480 Abs. 1 erwähnten Bestimmungen über Wandelung An- 
wendung. 2. Fehlt der Sache zu der Zeit, zu welcher die Gefahr auf den Käufer 
übergeht, eine zugesicherte Eigenschaft oder hat der Verkäufer einen Fehler arg- 
listig verschwiegen, so kann der Käufer (statt der Wandelung oder Minderung oder 
Lieferung einer mangelhaften Sache) Schadensersatz wegen Nichterfüllung verlangen. 
b) Gewährleistung bei V i e h m ä n g e 1 n *^). Das B.G.B. folgt dem deutsch recht- 
lichen System für Pferde, Esel, Maulesel und Maultiere, Rindvieh, 
Schafe und Schweine. 

Die Motive bemerken dazu: ^ein Hauptvorzug dieses deutschrechtlichen Systems 
liegt darin, dass es die Rechtssicherheit erhöht und zur Abschneidung von Prozessen dient. 
Nach dem römischrechtlichen Systeme muss in jedem einzelnen Streitfall auf der Grund- 
lage von Sachverständigengutachten, die sich häufig widersprechen, darüber entschieden 
werden, ob der von dem Käufer gerügte Mangel als ein verborgener und nach Lage der 
Sache erheblicher anzusehen ist und ob er schon zu der für die Haftung entscheidenden 
Zeit vorhanden war. Dagegen beschränkt sich nach dem Systeme des Entwurfes die Be- 
weispflicht des Käufers auf die ungleich leichter festzustellende Tatsache, dass ein Haupt- 
mangel innerhalb der Gewährfrist hervorgetreten ist. Das deutschrechtliche Sy- 
stem trägt ferner den Bedürfnissen des Viehhandels besser Rech- 
nung. Der Verkäufer ist von vornherein sicher, dass er nur bestimmte Mängel zu ver- 
treten hat und auch sie nur, wenn sie innerhalb der Gewährfrist sich gezeigt haben. Dies 
' kommt namentlich der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu 
statten, welche an dem Viehhandel vorzugsweise durch Verkauf beteiligt ist. Eine 
erhebliche Benachteiligung des Käufers ist andererseits von der Beschränkung der gesetz- 
lichen Haftung nicht zu befürchten. Auch ihm ist in der Regel mit beschränkten, aber 
leichter durchführbaren Gewährleistungsansprüchen mehr gedient, als mit einer ausgedehnten 
Haftung des Verkäufers, deren praktische Geltendmachung durch die Schwierigkeit des Be- 
weises beeinträchtigt wird. Soweit erforderlich, kann er sich im einzelnen Falle immer 
noch durch eine vertragsmässige Erweiterung derHaftung schützen.^ 

„Erfahrungsgemäss liegt beim Viehhandel die Gefahr eines Missbrauchs des 
Minderungsrechts besonders nahe" (Denkschrift S. 68), — Nur lebende Tiere! gleich- 
giltig ob Schlacht- oder Zucht- oder Nutztiere (Zugvieh, Reitpferd,. Milchkuh 
u. s. w.). Andere Tiere, als die bezeichneten kommen nicht in Betracht, also nicht 
Ziegen, Hunde, Katzen , Geflügel , Fische ; nicht jagdbare Tiere , die etwa ausgesetzt 
werden sollen. Für solche Tiere gelten lediglich die allgemeinen Vorschriften zu a. ( Vergl. 
oben S. 159.) — Nach B.G.B. haftet, wenn es sich um die oben angegebenen Tiere handelt: 
1. der Verkäufer gesetzlich nur für gewisse gesetzlich bestimmte Mängel 



12) Vgl. Schneider (Oberlandesgerichtsrat und Mitglied desD. Landwirtschaftsrats] 
Rechtsregeln des Viehhandels nach deutschen Gesetzen, 1899, 2,50 M. — Reuter und 
Bauer, Die Gewährleistung bei Viehveräusserungen nach dem B.G.B., in rechtlicher und 
technischer Hinsicht f. d. Praxis, G,00 M. — Steuer, Keine üebervorteilung im Viehandel 
mehr, 2,50 M. 



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Kauf, Tausch. § 39. 165 

(Hauptmängel), § 482 B.G.B., 2. im allgemeinen auch für diese nur dann, wenn sie i n- 
nerhalb der gesetzlich bestimmten Gewährfrist hervortreten 
(§ 482), 3. geschieht letzteres, so wird vermutet dass die Mängel schon zur entschei- 
denden Zeit vorhanden gewesen seien (§ 484 B.G.B.), 4. der Käufer hat regelmässig 
nur die Wandelung s-, (nicht die Minderungsklage), gemäss § 487 B.G.B. 

Im Einzelnen können hier nur folgende Bestimmungen hervorgehoben werden: 
die Gewährfrist beginnt mit dem Ablaufe des Tages, an dem die Gefahr auf den Käufer 
übergeht (§ 483) ; sie kann durch Vertrag verlängert oder abgekürzt werden, die ver- 
einbarte Frist tritt dann an die Stelle der gesetzlichen (§ 486); der Käufer muss bei 
Verlust seines Anspruchs binnen spätestens zwei Tagen nach dem Ablaufe der Gewähr- 
frist, oder falls das Tier vor dem Ablaufe der Frist getötet worden oder sonst ver- 
endet ist, nach dem Tod des Tieres den Mangel dem Verkäufer anzeigen oder wenig- 
stens die Anzeige absenden u. s. w., ausgenommen den Fall, dass der Verkäufer den 
Mangel arglistig verschwiegen hat (§ 485); kurze Verjährung (6 Wochen), § 490 
B.G.B. ; handelt es sich um ein der Gattung nach bestimmtes Tier, z. B. einen schotti- 
schen Schäferhund, so kann der Käufer statt der Wandelung Lieferung eines mangel- 
freien Tieres verlangen (§ 491 B.G.B.). 

Gemäss § 482 Abs. 2 B.G.B. sind die Hauptmängel und die Gewährfristen durch 
eine mit Zustimmung des Bundesrats zu erlassende Kaiserliche Verordnung zu be- 
stimmen ; diese Bestimmungen können auf demselben Wege wieder abgeändert werden. 
Die Verordnung ist am 27. März 1899 ergangen (R.G.Bl. S. 219). 

Soweit das B.G.B. keine Sonderbestimmungen über Viehmängel hat, kommen die 
allgemeinen Vorschriften über Haftung für Mängel der Sache zur Anwendung (vgl. 
oben zu a S. 159 flg.). 

IV. Verpflichtungen des Käufers, § 433: 

1. Den Kaufpreis zu zahlen, und nach § 452 von dem Zeitpunkte an, von 
welchem ihm die Nutzungen des gekauften Gegenstandes gebühren, zu verzinsen; 
(ist der Preis gestundet, so tritt die Verpflichtung, Zinsen zu zahlen, selbstverständlich 
erst mit der Fälligkeit ein). — Gesetzt: der Käufer zahlt den Preis nicht pünktlich, 
kann nun der Verkäufer vom Vertrage zurücktreten? Nach § 326 B.G.B. würde dies 
Recht unter den daselbst angegebenen Voraussetzungen bestehen. Der § 454 B.G.B. 
trifft aber eine Abänderung, nämlich für den Fall, dass der Verkäufer den Vertrag 
bereits erfüllt und den Kaufpreis gestundet hat; in solchem Falle besteht das Rück- 
trittsrecht nicht, die übrigen Rechte stehen dem Verkäufer nach § 326 B.G.B. zu 
(Recht auf Schadensersatz). Ist der Preis nicht gestundet, so steht dem Verkäufer das 
Rücktrittsrecht zu, auch wenn die Sache schon überliefert und der Käufer auch schon 
Eigentümer geworden ist. Entsprechendes gilt nach § 454 B.G.B. für den Fall, dass 
die Leistung des Käufers unmöglich wird und der Käufer für diese Unmöglichkeit ver- 
antwortlich ist (§ 325 Abs. 2 B.G.B.). Der § 454 bezieht sich auf den Kauf von 
Grundstücken ebenso wie auf den Kauf beweglicher Sachen. 

2. Die gekaufte Sache abzunehmen. 

V. Nebenverträge. 

1. Vorbehalt des Eigentums, d. h. bis zur Bezahlung des Preises. 

a) Bei beweglichen Sachen kommt ein solcher Vorbehalt sehr oft vor — 
zur Sicherheit des Verkäufers; der Käufer wird alsdann vor Bezahlung des ganzen 
Preises, obwohl ihm die Sache übergeben ist, nicht Eigentümer; wird der Kaufpreis 
nicht bezahlt, so kann der Verkäufer mit der Eigentumsklage die Sache zurückfordern. 

b) Bei Grundstücken hat die Abrede eines Eigentumsvorbehalts keine Be- 
deutung. Wird das verkaufte Grundstück dem Käufer nur übergeben, so wird er auch 



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166 XIV. Di ekel, Kechtsknnde. 

ohne Eigentumsvorbehalt noch nicht Eigentümer. Das Eigentum an einem Grundstücke 
kann nur durch Auflassung und Eintragung des Erwerbers im Grundbuch erworben 
werden. Eine Abrede, dass der Verkäufer des Grundstücks trotz Auflassung an den 
Käufer und Eintragung des letzteren Eigentümer bleiben solle, ist unzulässig; denn 
der Eigentumsvorbehalt enthält eine Bedingung; eine solche aber würde die Auflassung 
unwirksam machen (§ 925 Abs. 2 B.G.B.). 

2. Vorbehalt des Rücktrittsrechts des Verkäufers für einen bestimmten 
Fall, namentlich für den Fall der nichtpünktlichen Zahlung des Preises, ist zulässig. 

3. Garantie versprechen, z. B. der Verkäufer einer Maschine „garantiert 
auf 5 Jahre" . Durch eine solche Abrede wird möglicherweise die Verjährungsfrist ver- 
längert, eine gesetzliche Ausschlussfrist für nicht wirksam erklärt; auch kann das 
Versprechen so gegeben werden, dass der Verkäufer für jeden Fehler, der innerhalb 
bestimmter Frist hervortritt, bedingungslos einsteht (so dass gamicht zu untersuchen 
ist, ob der Mangel eine Folge der fehlerhaften Beschaffenheit der Ware ist, wodurch 
zweifelhafte Prozesse vermieden werden). 

VI. Besondere Arten des Kaufs. 

1. Kauf nach Probe (oder Muster), § 494, z. B. ich kaufe Samen nach einer 
mir übersandten Probe. Die Ware muss alsdann der Probe entsprechen. Liefert mir 
der Verkäufer eine Ware, die nicht der Probe entspricht, so kann ich ihn auf Liefe- 
rung gemäss der Probe verklagen. — Im übrigen gelten die obigen Regeln über 
Mängel zugesicherter Eigenschaften; denn die Eigenschaften der Probe (des Musters) 
gelten nach § 494 B.G.B. als zugesichert. 

2. Kauf auf Probe (auf Besicht), §§ 495, 496 B.G.B. Dieser Kauf ist be- 
dingt, im Zweifel aufschiebend bedingt ; der Verkäufer erhält mit der Einigung 
der Parteien noch nicht die Rechte aus dem Kaufvertrage; solche erwirbt er nur, 
wenn der Käufer den Kaufgegenstand billigt; ob der Käufer billigt, hängt voll- 
ständig von seinem freien Belieben ab. Z. B. ich bestelle eine bestimmte 
Sorte Samen auf Probe. Bereue ich demnächst, die Bestellung gemacht zu haben, 
so brauche ich nur zu erklären, dass ich die Ware nicht billige, und ich bin völlig 
frei; dies darf ich tun, obwohl ich die Ware tadellos und vorzüglich finde; es kommt 
ganz auf mein Belieben an. (Ob es sittlich gerechtfertigt ist , die Billigung zu 
versagen, ist eine andere Frage, auf die es rechtlich nicht ankommt.) — Vom Kaufe 
nach Probe unterscheidet sich hiemach der Kauf auf Probe sehr wesentlich: dieser 
ist bedingt und hängt ganz vom Belieben des Käufers ab, jener dagegen ist unbe- 
dingt. (Vollwirksam und unbedingt ist auch der Kauf zur Probe ; ich schreibe einem 
Samenhändler: schicken Sie mir so und so viel Samen zur Probe; ich muss die be- 
stellte Menge ohne Einschränkung nehmen, auch wenn sie mir nicht gut gefällt, brauche 
aber später nicht mehr zu bestellen, auch wenn die Ware vorzüglich ist.) 

Ist unter den Parteien zur Erklärung über die Billigung eine bestimmte Frißt 
gesetzt, so kann der Käufer nur innerhalb der Frist billigen; ist keine Frist verein- 
bart, so kann der Verkäufer einseitig eine angemessene Frist setzen. Schweigt der 
Käufer bis zum Ablaufe der Frist, so gilt dies als Billigung, wenn die Ware übergeben 
war, andernfalls als Missbilligung. 

3. Wiederkaufsrecht, §§ 497 flg., Vorkaufsrecht, §§ 504 flg. Jenes 
setzt voraus, dass der Berechtigte die Sache dem andern Teile verkauft hat ; das Vor- 
kaufsrecht kann auch einem Dritten eingeräumt werden. Das Wiederkaufsrecht ent- 
steht nur aus dem Vertrage, wenn ein solches Recht vereinbart wird; das Vorkaufs- 
recht kommt auch kraft Gesetzes vor (z. B. § 2034 unter Miterben, wenn ein Miterbe 
seinen Anteil an einen dritten veräussert). Das Wiederkaufsrecht ist nach B.G.B. ein 



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Kauf, Tausch. § 39. 167 

lediglich persönliches (obligatorisches) Eecht^^), das Vorkaufsrecht kann auch dinglich 
sein (§§ 1094 flg. B.G.B.). Von letzterem ist unten im Sachenrechte die Rede. — 
Habe ich ein Wiederkaufsrecht, so kann ich die Sache wiederverlangen, sobald ich den 
Wunsch habe, sie wieder zu erlangen; ich kann nach meinem Belieben die Initiative 
ergreifen. Habe ich ein Vorkaufsrecht, so kann ich mein Recht erst ausüben, wenn 
der Verpflichtete die Sache verkauft. 

a) Wiederkaufsrecht. Die Erklärung des Wiederkaufsberechtigten, dass 
er von seinem Rechte Gebrauch mache, bedarf nicht der für den Kaufvertrag bestimmten 
Form; dies ist wichtig für den Fall, dass es sich um ein Grundstück handelt (§ 313 
B.G^.; vgl. oben S. 154 (§ 39)) (§ 497 Abs. 1 B.G.B.); der Vorbehalt des Wieder- 
kaufsrechts bedarf selbstverständlich der Form des §313). Ist über den Preis nichts be- 
sonderes gesagt, so wird angenommen, dass der Preis des früheren Kaufs massgebend 
sei (§ 497 Abs. 2). Fehlt es an einer Bestimmung über die Frist, innerhalb deren das 
Wiederkaufsrecht ausgeübt werden darf, so beträgt die Frist bei Grundstücken 30 
Jahre, bei beweglichen Sachen 3 Jahre nach der Vereinbarung des Wiederkaufs- 
rechts u. 8. w. 

b) Vorkaufsrecht. Der Berechtigte kann das Recht ausüben, sobald der 
Verpflichtete mit dem Dritten einen Kaufvertrag über den in Frage stehenden Gegen- 
stand geschlossen hat (§ 504). Das Recht wird ausgeübt durch eine Erklärung an 
den Verpflichteten; hinsichtlich der Form gilt das beim Wiederkaufsrechte Gesagte 
(§ 505). Fehlt es an einer durch Rechtsgeschäft bestimmten Frist für die Ausübung 
des Rechts, so gilt nach § 510 Abs. 2 bei Grundstücken eine Frist von 2 Monaten, 
bei beweglichen Sachen eine solche von einer Woche. Das Vorkaufsrecht kann nicht 
auf andere übertragen werden ; vererblich ist es nur, wenn dies vereinbart ist oder 
wenn es auf bestimmte Zeit vereinbart ist und der NichtÜbergang auf die Erben nicht 
vereinbart ist (§ 514) u. s. w. 

4. üeber den Kauf in Bausch und Bogen enthält das B.G.B. keine Vorschrift. 
Als selbstverständlich gilt das, was Ziebarth S. 33 darüber sagt: „In Bausch und 
Bogen verkaufen, verpachten heisst das Uebermässige (Bausch) mit dem unter- 
mässigen (Bogen) ausgeglichen, eins ins andere gerechnet ; das Vorhan- 
dene, wie es ist als Ganzes genommen. Diese Abrede erleichtert den Ver- 
käufer, er haftet nicht für Mass, Zahl, Gewicht, Beschaffenheit, auch nicht für nachträg- 
liche Verschlechterung bis zur Uebergabe (dagegen die Gefahr des Unterganges trägt er 
auch hier), er schuldet nicht das gesetzliche Zubehör . sondern das tatsächlich 
vorhandene. Aber die Abrede nützt auch dem Käufer, er erhält das etwaige Mehr- 
mass, die Mehrqualität, das Mehrinventar. Praktisch überwiegt das Interesse des Verkäufers, 
der schon dafür sorgt, dass nicht zu viel üeberschuss vorhanden ist.^ 

5. Der Kauf von Holz auf dem Stamme ^^), namentlich Kauf einer 
Waldparzelle auf Abholzung. Das Holz auf dem Stamme ist nach §§ 93, 94 (vgl. 
oben S. 105 zu 6) wesentlicher Bestandteil des Grundstücks und kann also nicht Gegenstand 
besonderer dinglicher Rechte sein ; an diesem stehenden Holze kann kein Dritter 
Eigentum, Pfandrecht, Niessbrauch u. s. w. haben; aber selbstverständlich kann ein 
Schnldverhältniss in Bezug auf die stehenden Stämme ins Leben gerufen 



13) Nach der Landes gesetzgebung kann dies in den ihr vorbehaltenen Materien 
anders sein; so ist z. B. das Wiederkaufsrecht bei Rentengütern nach Art. 2 des preuss. 
A.G. z. B.G.B. ein dingliches Recht (vgl. Art. 62 E.G. z. B.G.B.). Auch kann dem Wieder- 
kaufsrecht nach Reichsrecht eine dingliche Wirkung durch Vormerkung gegeben werden. 
Hierüber im Sachenrechte unter „ Vormerkung ''. Vgl. Leonhard Der allg. Teil des B.G.B. 
S. 420 Anm. 1. Dernburg Bd. 2 Abt. 2 S. 102 zu VIIL 

14) Vgl. Landsberg, Der Kauf von Holz auf dem Stamme, Posen 1900 (Sonder- 
abzng aus der Jurist. Monatsschrift für Posen, W^est- und Ostpreussen, 1899 Nr. 12). 



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168 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

werden; sie können also nicht verkauft werden. Gegenstand dieses Kaufs ist nicht 
das Grundstück als solches; deshalb kommt die Formvorschrift des § 313 B.G.B. 
(vgl. oben S. 154 § 39) nicht zur Anwendung; der Kauf des stehenden Holzes ist 
formlos giltig. 

Der Verkäufer ist verpflichtet, die Abholzung zu gestatten ; tut er dies nicht, so 
kann er gemäss § 433 Abs. 1 B.G.B. verklagt werden ^'^); der Käufer andererseits 
kann auf Abholzung verklagt werden, § 433 Abs. 2. Geht das Eigentum von dem 
Grundstück auf einen Dritten über, so haftet dem Käufer nicht der neue Eigentümer, 
sondern allein der Verkäufer ; dieser ist, falls er den neuen Erwerber des Grundstücks 
nicht veranlassen kann, die Fortnahme der Bäume zu gestatten, zum Schadenser- 
satze verpflichtet. Der neue Eigentümer würde auf Duldung der Abholzung nur 
haften, wenn er die Schuldverbindlichkeit des Verkäufers übernommen hätte. Ohne 
solche üebemahme haftet er auch dann nicht, wenn er beim Erwerbe des Grundstücks 
das Recht des Holzkäufers kannte. 

Ein dingliches Recht kann das Recht des Holzkäufers weder am Grundstücke 
noch an den stehenden Bäumen werden. Eine andere Frage ist es, ob dem, der das 
Abholzungsrecht erwerben soll, nicht ein Niessbrauch oder eine beschränkte persönliche 
Dienstbarkeit eingeräumt werden kann; alsdann würde er ein dingliches Recht am 
Grundstück erwerben; davon unten! 

VII. Die Bestimmungen des B.G.B. über den Kauf gelten , wie schon oben be- 
merkt, auch für den Tausch. Einige Bestimmungen aber finden auf alle anderen Ver- 
träge , die auf Veräusserung gegen Entgelt (namentlich auch Verträge , deren 
Hauptgegenstand wenigstens auf einer Seite Handlungen sind, so z. B. der Werk- 
vertrag, Angabe an Erfüllungsstatt, § 365 B.G.B.) oder Belastung (Verpfändungen, 
Verträge über Bestellung von Grunddienstbarkeiten und Reallasten) einer Sache ge- 
gen Entgelt gerichtet sind, entsprechende Anwendung; so 1. gemäss § 445 die 
§§ 433 bis 444 (Verschaffung des Rechts einerseits, Abnahme und Zahlung der Gegen- 
leistung andererseits, Haftung für Mängel im Rechte, Auskunftspflicht u. s. w.), 2. ge- 
mäss § 493 die §§ 459 bis 492 über Gewährleistung. 

§ 40. Miete, Pacht. Begriff und Wesen. 1. Nach § 535 B.G.B. hat der 
Vermieter dem Mieter den Gebrauch des vermieteten Gegenstandes zu gewähren. 
Der Pächter hat nach § 581 B.G.B. nicht bloss ein Recht auf Gebrauch, sondern auch 
auf den Genuss der Früchte, soweit solche nach den Regeln einer ordnungsmässigen 
Wirtschaft als Ertrag anzusehen sind. 

Mieter und Pächter haben den vereinbarten Zins als Entgelt für die Benutzung 
der Sache zu entrichten. Mietzins ist meistens Geld; aber auch andere Leistungen, 
z. B. bei der Pacht ein Teil der Früchte. 

Miete wie Pacht kommen durch Einigung der Parteien über Gegenstand 
und Höhe des Zinses zustande. Die Parteien können gemäss dem Grundsatze von 
der Vertragsfreiheit die Vereinbarungen nach ihrem Belieben treifen, nur einige Be- 
stimmungen des B.G.B. sind zwingend , z. B. § 567 : wird der Vertrag auf eine län- 
gere Zeit als 30 Jahre geschlossen, so kann in der Regel nach 30 Jahren jeder Teil 
das Verhältnis unter Einhaltung der gesetzlichen Frist (§ 565) kündigen. — Auch 
die Höhe des Zinses unterliegt der freien Vereinbarung, doch ist im § 138 Abs. 2 
B.G.B. über Sachwucher zu erinnern. 

Das Gesetz enthält einige besondere Bestimmungen über die Miete von Grund- 
stücken; als solche gilt auch die Miete von Wohnräumen und anderen Räumen (§ 580). 



15) Vgl. darüber Di ekel S. 256 Anm. 165. 



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Miete, Pacht. § 40. 169 

2. Mieter und Pächter sind nicht dinglich, sondern nur obligatorisch be- 
rechtigt. Allerdings sind sie Besitzer der Sache, sobald ihnen übergeben ist 
(§ 868), aber sie erlangen auch dadurch kein dingliches Recht. Deshalb kann die 
Miete und Pacht von Grundstücken auch nicht ins Grundbuch eingetragen werden. 
Mieter und Pächter müssen sich dritten Personen gegenüber regelmässig mit dem Be- 
sitzschutze begnügen ; gegenüber dem neuen Eigentümer des gemieteten oder gepach- 
teten Gmndstücks werden sie (vom Falle der Z w a n g s veräusserung des Grundstücks 
abgesehen) durch die §§ 571 flgd. in Schutz genommen (Kauf bricht nicht Miete); 
vgl. unten VIII. 

3. Die Bestimmungen des B.G.B. über Miete gelten im allgemeinen auch für 
die Pacht (§ 581). Im folgenden wird zunächst nur von der Miete die Rede sein; 

II. Wie unterscheidet sich die Miete von anderen ähnlichen Verträgen? 

1. Die Miete gehört zu den Leih vertragen im w. S. Zu letzteren gehört auch 
das Darlehn, dessen Gegenstand nur Geld oder andere vertretbare Sachen sind, so 
dass also der Empfänger eines Darlehns Sachen von gleicher Art zurückgeben 
muss. Gegenstand der Leihe im e. S. (§§ 598 flgd.) und der Miete sind speziell 
bestimmte Sachen ; Leiher wie Mieter müssen d i e zum Gebrauch erhaltenen 
Sachen nach Beendigung des Rechtsverhältnisses zurückgeben. Der Unterschied zwi- 
schen Leihe i. e. S. und Miete ist der: jene ist unentgeltlich, diese ist entgeltlich. 

2. Man spricht auch von einer Dienst miete (§§ 611 flgd.). Hier aber (im § 40) 
handelt es sich nur um S ach miete, das ist nicht Miete von Diensten, sondern Miete 
körperlicher Sachen. 

3. „Heidemiete". Davon spricht man, wenn der Waldeigentümer einzelnen 
Personen — meistens sind es ärmere Leute — gestattet, (auf Grund ausgegebener 
Scheine) Holz aus dem Walde — meist Raff- und Leseholz — oder andere Walder- 
zeugnisse gegen ein Entgelt zu entnehmen. Dieser Vertrag ist, wenn das Entgelt 
wirklich eine Gegenleistung für das Holz sein soll, nur Kauf der betreffenden Wald- 
erzeugnisse, niemals eine Miete des Grundstücks. Es kann auch sein, dass das Entgelt 
ein ganz geringes ist , z. B 5 Pfg. , und nur als sog. Rekognitionsgebühr in Frage 
kommt, d. h. zur Anerkennung des „Heidemieters", dass er keine Gerechtsame auf 
Entnahme der Walderzeugnisse habe. In solchem Falle ist die „Heidemiete" Schenkung; 
so z. B. besonders oft bei Beeren. 

UI. Die Dauer der Miete wird regelmässig im Vertrage bestimmt, z. B. auf 
1 Jahr, meist mit dem Zusätze, dass sich der Vertrag auf ein weiteres Jahr verlängere, 
wenn nicht eine bestimmte Zeit vor Ablauf, z. B. 3 Monate vor Ablauf von der einen 
oder anderen Seite gekündigt werde. Die Beendigung der Miete kann auch von einem 
Ereignisse abhängig gemacht werden, z. B. von der Zeit der Beendigung der Arbeit 
an einem bestimmten Orte (etwa: Taxation zu x). 

Wie schon zu I, 1 bemerkt, darf in der Regel die Miete nicht auf länger als 
30 Jahre vereinbart werden (§ 567). Diese Bestimmung ist aus volkswirtschaftlichen 
Gründen getroffen, um Erbmiete und ähnliche an die Rechtsverhältnisse des Fundal- 
staats erinnernde rechtliche Beziehungen unmöglich zu machen. Sie erleidet aber eine 
Ausnahme: zulässig ist die Miete für die Lebenszeit des Mieters wie auch für die des 
Vermieters. Gilt letzteres auch bei der Miete einer juristischen Person, z. B. wenn 
der Fiskus vermietet oder mietet? Dies ist vom Standpunkte der angegebenen gesetz- 
geberischen Absicht wie auch des Wortlauts zu verneinen (bei „Lebenszeit" einer Person 
wird man an Fiskus oder andere juristische Personen nicht denken können). 

Regelmässig wird die Zeitdauer der Miete vertragsmässig genau bestimmt; doch 
ist es auch zulässig , auf unbestimmte Zeit zu mieten ; alsdann kann die Miete unter 



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170 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist (§ 565 B.G.B.) gekündigt werden. Eine 
Miete auf unbestimmte Zeit wird auch angenommen, wenn der Mieter nach Ablauf der 
Mietzeit den Gebrauch der Sache fortsetzt und nicht binnen 2 Wochen der Mieter oder 
der Vermieter seinen entgegengesetzten Willen dem andern Teile kundgibt, § 568 
B.G.B. Die Frist beginnt für den Mieter mit der Fortsetzung des Gebrauchs, für den 
Vermieter mit dem Zeitpunkt, in welchem er von der Fortsetzung Kenntnis erlangt. 

Der Tod des Vermieters hat auf die Dauer der Miete keinen Einfluss. Stirbt 
aber der Mieter, so kann nach § 569 B.G.B. sowohl der Erbe des Mieters, wie auch 
andererseits der Vermieter unter Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist (§ 565) 
kündigen; die Kündigung kann aber nur für den ersten Termin erfolgen, für den sie 
zulässig ist. Handelt es sich um mehrere Erben, so können diese nur gemein- 
schaftlich kündigen (§ 2038); hat der Erblasser einen Testamentsvollstrecker be- 
stimmt, so hat dieser zu entscheiden (§ 2205). 

Nach § 570 B.G.B. kann die Versetzung eines Beamten einen Einfluss auf die 
Mietdauer erlangen, wenn er an einen andern Ort versetzt wird ; der Beamte, welcher 
gemietet hat, kann kündigen, jedoch nur unter Beobachtung der gesetzlichen Kündi- 
gungsfrist (§ 565) und nur zum ersten Termin zu dem die Kündigung zulässig ist. 

IV. Eine Form ist für die Miete im allgemeinen nicht vorgeschrieben. Aus- 
nahme bei der Miete von Grundstücken (§ 566). Soll dieselbe länger als ein Jahr be- 
stehen, so ist Schriftform erforderlich. Fehlt es an dieser Form, so gilt der Ver- 
trag als auf unbestimmte Zeit geschlossen ; es ist deshalb Kündigung zulässig (§ 565), 
jedoch nicht für eine frühere Zeit als den Schluss des ersten Jahres. 

V. Verpflichtungen des Vermieters. 

1. Der Vermieter muss die vermietete Sache dem Mieter in einem solchen Zu- 
stand überlassen, dass dieser den vertragsraässigen Gebrauch machen kann; der Ver- 
mieter muss die Sache auch in solchem Zustand erhalten; die Verpflichtung des Ver- 
mieters gehörig vorzuleisten , ist eine täglich sich erneuernde. Nähere Bestimmungen 
treffen §§ 537—543 B.G.B., vgl. Dickel S. 258. 

2. Der Vermieter hat die auf der Sache ruhenden Lasten zu tragen, § 546 ; dies 
sind öffentliche Lasten (Steuern, Pflasterung, Kanalisation, Reinigung des Bürgersteigs 
u. s. w.) und private Lasten (z. B. Hypothekenzinsen). 

Anders steht es mit der Einquartierungslast; diese ruht nicht auf dem Grund- 
stück; die Last trifft deshalb den Mieter ebenso wie den Vermieter. Beide können 
aber unter sich abmachen, dass nur der eine oder nur der andere die Last tragen soll. 

3. Der Vermieter hat dem Mieter Verwendungen zu ersetzen, § 547 B.G.B. 
das Recht des Mieters auf Ersatz verjährt in 6 Monaten (§ 558). 

VL Verpflichtungen des Mieters: 

1. zur Entrichtung des Mietzinses. Kommt der Mieter in Verzug, so fragt es 
sich zunächst , ob der Vertrag die Folge bestimmt (bei Wohnungsmiete wird oft dem 
Vermieter das Recht eingeräumt, die sofortige Räumung zu verlangen, wenn der Mieter 
auch nur einmal nicht pünktlich den Zins entrichtet). Fehlt eine vertragsraässige Be- 
stimmung, so entscheidet § 554 (der Vermieter kann sofortige Räumung verlangen, 
wenn der Mieter für zwei auf einander folgende Termine mit der Entrichtung des 
Mietzinses oder eines Teiles im Verzug ist. — Das Recht auf Zahlung des Zinses ver- 
jährt in 4 Jahren; die Frist wird vom 31. Dezember des Jahres ab gerechnet, in 
welchem die Forderung fallig geworden ist, z. B. der Anspruch auf den am 1. April 
1900 fällig gewordenen Zins verjährt mit Ablauf des 31. Dezember 1904. 

2. Macht der Mieter einen vertragswidrigen Gebrauch von der Sache, so 
kann der Vermieter abmahnen; hat dies keinen Erfolg, so kann er auf Unterlassung 



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Miete, Pacht. § 40. 171 

klagen (§ 550 B.Gr.B.) ; werden die Rechte des Vermieters durch den trotz Abmahnung 
fortgesetzten vertragswidrigen Gebrauch in erheblichem Masse verletzt (z. B. After- 
vermietung an einen dritten ohne Erlaubnis des Vermieters^*) oder wird die Sache 
durch Vernachlässigung der dem Mieter obliegenden Sorgfalt erheblich gefährdet, so 
kann der Vermieter sofortige Aufhebung der Miete verlangen, § 553 B.G.B, 

3. Der Mieter hat dem Vermieter unverzüglich Anzeige zu machen, wenn im 
Laufe des Mietverhältnisses ein Mangel der gemieteten Sache hervortritt, femer wenn 
eine Vorkehrung zum Schutze der Sache gegen eine nicht vorhergesehene Gefahr er- 
forderlich wird, endlich wenn ein dritter sich ein Recht an der Sache anmasst. § 545 
Abs. 1. 

4. Der Mieter muss den gemieteten Gegenstand nach Beendigung der Miete zu- 
rückgeben. Genügt der Mieter dieser Verpflichtung nicht, so kann der Vermieter für 
die Dauer der Vorenthaltung als Entschädigung den vereinbarten Mietzins, auch Ersatz 
des weiteren Schadens verlangen (§ 557). Hat der Mieter Gegenansprüche, so steht 
ihm ein Zurückbehaltungsrecht zu, wenn es sich um eine bewegliche Sache handelt, 
dagegen nicht, wenn ein Grundstück gemietet war (§ 556). 

Ist der Mieter ausser Stande, die gemietete Sache zurückzuliefern oder ist die- 
selbe beschädigt, so haftet der Mieter, wenn ihn Verschulden trifft, auch haftet er für 
das Verschulden seiner Leute (§ 278), auch für das Verschulden derer, die er aufnahm 
oder denen er sonst den Gebrauch überliess (§ 549 Abs. 2) ; für zufällige Beschädigung 
und zni^lligen Untergang haftet er nur, wenn es so vertragsmässig bestimmt ist. üeber 
die Beweislast vgl. Dickel S. 263 zu d. Die Ansprüche des Vermieters wegen Ver- 
änderung oder Verschlechterung verjähren in 6 Monaten (§ 558). 

VIL Gesetzliches Pfandrecht des Vermieters von Grundstücken, 
§§ 559 bis 563 B.G.B. 

1. Dies Pfandrecht sichert das Recht des Vermieters auf den Zins sowie andere 
Forderungen aus dem Mietverhältnisse; ausgenommen sind künftige Entschädigungs- 
forderungen und das Recht auf Mietzins für eine spätere Zeit als das zur Zeit der 
Geltendmachung des Pfandrechts laufende und das folgende Mietjahr. 

2. Gegenstand des Pfandrechts sind die eingebrachten Sachen des Mieters (also 
nicht Sachen der Ehefrau — es sei denn dass diese mitgemietet hätte — , der Kinder, 
der aufgenommenen Gäste und der Untermieter, geliehene Sachen, auf Abzahlung ent- 
nommene noch nicht vollbezahlte Sachen u. s. w.). — Das Pfandrecht besteht nicht 
an Sachen, die der Pföndung nicht unterworfen sind (§§ 811, 812 Z.P.O., z. B. an 
unentbehrlichen Kleidungsstücken), § 559 Satz 3. — Das Pfandrecht erstreckt sich 
auch auf die Früchte der Sache, z. B. die von der eingebrachten Hündin geworfenen 
Jungen. 

3. Der Vermieter hat das Recht der Selbsthilfe, § 561 Abs. 1 ; er darf die Fort- 
schafFnng der Sachen verhindern. Werden die Sachen mit Wissen und ohne Wider- 
spruch des Vermieters entfernt, so erlischt das Pfandrecht; erfolgt die Fortschaffung 
ohne Wissen des Vermieters oder trotz seines Widerspruchs, so hat er eine Klage auf 
Ruckschaffung innerhalb eines Monats. 

4. Der Mieter kann die Geltendmachung des Pfandrechts durch Sicherheitsleistung 
abwenden , und zwar bezüglich einer jeden einzelnen Sache durch Sicherheitsleistung 
in Höhe des Wertes. 

5. Lässt ein anderer Gläubiger des Mieters eingebrachte Sachen pfänden — der 

16) üeber Verbot der Aftermiete vgl. § 549. Gestattet ist aber die Aufnahme von 
Gästen, ebenso gut, wie die des Personals ; dies folgt aus allgemeinen Grundsätzen von Treu 
und Glauben (§ 157, § 242 B.G.B.). 



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172 XIV. Di ekel, Rechtskiindc. 

Vermieter kann dies nicht verhindern — , so erwirbt der pfändende Gläubiger ein 
Pfandrecht (§ 804 Abs. 1 Z.P.O.); das Pfandrecht des Vermieters aber geht vor, da 
es älter ist, jedoch nicht hinsichtlich des Mietzinses für eine frühere Zeit als das letzte 
Jahr. § 563 B.G.B. 

VIII. „Kauf bricht nicht Miete." Nach römischem Rechte war die Miete 
lediglich ein obligatorisches Recht; verkaufte der Vermieter die Sache oder veräusserte 
er sie sonstwie, so musste der Mieter dem neuen Eigentümer weichen. So auch im 
gemeinen Rechte. Anders nach A.L.R. Nach letzterem hatte der Mieter vom Augen- 
blicke des Besitzerwerbs oder der Eintragung im Grundbuch ein dingliches Recht ; des- 
halb brauchte er dem neuen Eigentümer nicht zu weichen; es galt der Satz „Kauf 
bricht nicht Miete". Nach B.G.B. hat der Mieter wie im römischen Rechte immer nur 
ein obligatorisches Recht, gleichwohl braucht er nach positiver Gesetzesvorschrit't nicht 
zu weichen und es gilt der Satz „Kauf bricht nicht Miete" : 

1. für bewegliche Sachen folgt dies aus § 986 Abs. 2 B.G.B.; vgl. Dickel 
S. 268, 

2. für Grundstücke aus §§ 571 ff. Der neue Eigentümer des Grundstücks 
tritt kraft Gesetzes in die sich während der Dauer seines Eigentums aus dem Miet- 
verhältnis ergebenden Rechte und Pflichten. Dies gilt auch bei dem Erwerbe durch 
Zwangsversteigerung, jedoch darf der Ersteher unter Einhaltung der gesetzlichen 
Kündigungsfrist — zum ersten möglichen Termin — kündigen. 

Hat der frühere Eigentümer vor der Eigentumsübertragung über den Mietzins 
für die Zeit nachher verfügt, so gilt dies dem neuen Eigentümer gegenüber vollständig 
nur, wenn er die Verfügung zur Zeit des Eigentumsübergangs kannte, andernfalls für 
das laufende und das folgende Kalendervierteljahr, nicht weiter, § 573. 

Der Mieter kann, solange er keine Kenntnis von dem Eigentumsübergang hat, 
noch giltig an seinen früheren Vermieter zahlen und sonstwie Rechtsgeschäfte über 
den Mietzins giltig vornehmen, jedoch nur für das laufende und das folgende Kalen- 
dervierteljahr, § 574. 

Im übrigen vgl. Dickel S. 269 bis 271. 

IX. Uebergangsvorschriften. Art. 171, 172 E.G. z. B.G.B. Gesetze 
haben im allgemeinen keine rückwirkende Kraft; so auch das B.G.B., namentlich für 
Schuldverhältnisse (Art. 170) , also auch für die Regel bei der Miete ; z. B. im Jahre 
1898 ist ein Grundstück auf 30 Jahre vermietet; der Vertrag ist dauernd nach altem 
Rechte zu beurteilen. Die Art. 171, 172 bestimmen aber einige Abweichungen. 

§ 41. Pacht insbesondere 17). I. lieber den Begriff. § 581 Abs. 1 B.G.B. Vgl. 
oben § 40 zu I, S. 168; vgl. auch oben S. 108. 

Hiernach wird durch die Pacht nicht nur Gebrauch eines Gegenstandes 
sondern auch Fruchtgenuss gewährt. Als Gegenstand der Pacht kommen des- 
halb nicht bloss körperliche Sache, wie Grundstücke, z. B. auch Wälder, sondern auch 
Rechte in Betracht, von denen Früchte gezogen werden können (vgl. oben S. 109 § 7, 
gegenEnde), so z. B. Bergwerkseigentum" Bei Jagd- und Fischereipacht kommt es 
darauf an, ob Jagd- und Fischereirecht ein Ausfluss des Eigentums am Grundstück 
ist, wie es fast überall in Deutschland der Fall ist, oder nicht; in jenem Falle sbd 
Jagd- und Fischereipacht Verträge über Grundstücke, in diesem Falle Verträge über 
(selbständige) Rechte. 

Gemäss § 581 Abs. 2 B.G.B. kommen die Bestimmungen über Miete auf die Pacht 
entsprechend zur Anwendung, so namentlich § 566 über die Form der Gnindstücks- 

17) Vgl. Elster, Wörterbuch der Volkswirtschaft „Pacht"; für Pacht von Wäldern 
vgl. unter Forstpolitik. 



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Dienstvertrag. § 43. 173 

pacht fftr länger als ein Jahr, §§ 571 if. (Kauf bricht nicht Pacht), § 567 (Zeitdauer 
nicht über 30 Jahre) u. s. w. 

II. Das B.G.B. enthält aber eine Anzahl von besonderen Bestimmungen: 

1. für die Pacht im allgemeinen (§§ 595 bis 597), 

2. für Pachtung landwirtschaftlicher Grundstücke (§§ 582 bis 585, 591), 

3. für Pachtung von Grundstücken mit Inventar (§§ 586 bis 590), 

4. für Landgut er pacht (§§ 593 594). 

§ 42. Leihe. Dar lehn. Ueberlasse ich jemandem ein Gewehr zum Gebrauche 
(etwa auf 4 Wochen) gegen Entgelt, so wird ein Mietvertrag geschlossen; über- 
lasse ich ihm das Gewehr zum Gebrauch unentgeltlich, so liegt eine Leihe vor. Der 
„ Leihbibliothekar '^ schliesst also nicht Leihen, sondern Mietverträge. Leihen im volks- 
tümlichen Sinne ist jede Ueberlassung zum Gebrauche, also auch die Miete. Bei Leihe 
wie bei Miete ist der Empfänger der Sache verpflichtet, die erhaltene Sache zu- 
rückzugeben. 

Darlehn ist Hingabe von Geld oder anderen vertretbaren Sachen (vgl. oben 
iS. 103 zu 3), z. B. 100 M. oder Samen einer bestimmten Art. 

I. Leihe, §§ 598 if. B.G.B. Der Entleiher trägt die gewöhnlichen Kosten der 
Erhaltung, namentlich Pütterungskosten eines geliehenen Tieres. Wird die geliehene 
Sache durch den vertragsmässigen Gebrauch verändert oder verschlechtert, so haftet 
der Entleiher dafür nicht. Der Entleiher darf die Sache nicht ohne Erlaubnis des 
Verleihers einem dritten tiberlassen; er darf überhaupt keinen anderen als den ver- 
tragsmässigen Gebrauch machen; er hat die Sache nach Ablauf der bestimmten 
Zeit zurückzugeben (weitere Bestimmungen über Rückgabe § 604). Der Verleiher kann 
die Sache sofort zurückverlangen, wenn 1. der Entleiher stirbt, 2. der Entleiher einen 
vertragswidrigen Gebrauch macht, namentlich die Sache einem dritten unbefugt über- 
lässt oder durch Vernachlässigung die Sache gefährdet, 3. wenn der Verleiher der 
Sache die Folge eines nicht vorhergesehenen Umstandes bedarf. 

n. Dar lehn. Die Rückerstattung erfolgt zu der bestimmten Zeit; fehlt es an 
solcher, so muss zunächst gekündigt werden; im letzteren Falle wird das Darlehn 
fällig nach 3 Monaten, wenn es sich um mehr als 300 M. handelt, sonst nach 1 Monat. 
Erfolgt die Rückzahlung nicht pünktlich, so sind Zögerungszinsen von der Fälligkeit ab 
zu entrichten (§ 288 B.G.B.); von Hingabe des Darlehns ab dürfen Zinsen nur bean- 
sprucht werden, wenn sie vereinbart sind. 

Verspreche ich jemandem die Hingabe eines Darlehns, so muss ich mein Ver- 
sprechen halten, sonst kann er mich verklagen; tritt aber in den Vermögensverbält- 
nissen des anderen Teils eine wesentliche Verschlechterung ein, durch die der Anspruch 
auf Rückerstattung gefährdet wird, so kann ich mein Versprechen widerrufen. 

§43. Dienstvertrag ^®). I. Begriff. Der eine Teil verpflichtet sich , ge- 
wisse Dienste zu leisten (Dienstverpflichteter), der andere (Dienstberechtigter) soll eine 
Vergütung gewähren, § 611. So auch beim Werkvertrage (vgl. unten § 44); bei letz- 
terem aber kommt es auf ein bestimmtes Ergebnis von Diensten oder Arbeit 
an, namentlich Herstellung eines Werks, z. B. eines Weges, einer Brücke, eines Wald- 
teufels. 

In Betracht kommen Dienste jeder Art: körperliche wie geistige, handwerks- 
mässige wie wissenschaftliche und künstlerische, — also Dienste von Tagelöhnern, Ge- 
hilfen, Gesinde, Lehrern, Aerzten, Rechtsanwälten, Privatbeamten (Forst- und Jagd- 

18) Vgl. Mücke, Das Recht der Privatbeamten in land- und forstwirtschaftlichen 
Betrieben nach dem B.G.B. mit bes. Berücksichtigung der Arbeiterschutzgesetze und der Ge- 
sindeordnungen, 1900. 



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174 XIV. Di ekel, Rechtskonde. 

beamten) ; nicht aber die Dienste der öffentlichen Beamten ; die letzteren gehören dem 
öffentlichen Rechte an (Art. 80 E.G. z. B.G.B.). So auch das Reichsgericht (Zivils. 
Bd. 18 S. 173); es hält aber die Analogie privatrechtlicher Dienstverhältnisse für zu- 
lässig; so würde z. B. § 618 Abs. 1 B.G.B. in Betracht kommen: „Der Dienstbe- 
rechtigte hat Räume . Vorrichtungen oder Gerätschaften , die er zur Verrichtung der 
Dienste zu beschaffen hat so einzurichten und zu unterhalten und Dienstleistungen, 
die unter seiner Anordnung oder seiner Leitung vorzunehmen sind, so zu regeln, dass 
der Verpflichtete gegen Gefahr für Leben und Gesundheit soweit geschützt ist, als die 
Natur der Dienstleistung es gestattet.'^ 

Das B.G.B. unterscheidet Dienste niederer und höherer Art (§§ 622, 627), 
spricht auch von Diensten, „die auf Grund eines besonderen Vertrauens übertragen zu 
werden pflegen (§ 627), von „dauernden Dienstverpflichteten'^ (§§ 617, 629, 630), 
namentlich von solchen, „welche die Erwerbstätigkeit des Verpflichteten vollständig 
oder hauptsächlich in Anspruch nehmen" (§§ 617, 622), von dem Falle endlich, 
dass der Dienstverpflichtete in die häusliche Gemeinschaft aufgenommen 
ist (§§ 617, 618 Abs. 1). 

IL Mit dem Dienstvertrage befassen sich viele Sonder gesetze : R e i c h s ge- 
setze (namentlich die Gewerbeordnung betreffs der gewerblichen Arbeiter ; das Handels- 
gesetzbuch betreffs der Handlungsgehilfen) und L a n d e s gesetze in den ihnen über- 
lassenen Rechtsstoffen (z. B. betreffs des Gesindes). Soweit diese Sondergesetze nichts 
bestimmen, kommen ergänzend die Vorschriften des B.G.B. zur Anwendung. Hinsicht- 
lich des Gesindes sind aber die §§ 617 bis 619 in erster Linie massgebend, die Lan- 
desgesetzgebung kann an diesen Bestimmungen nichts ändern. Zum Gesinde gehören 
nur die Dienstverpflichteten, welche zu gewissen niederen häuslichen oder wirtschaft- 
lichen Diensten in die häusliche Gemeinschaft aufgenommen sind und der Hausgewalt 
des Dienstherrn unterworfen sind. Dahin können auch Privatforstbeamte gehören- 
Vgl. Radtke S. 260 flg. 

III. Die Parteien bestimmen die Höhe der Vergütung; es darf aber natürlich 
kein Wucher stattfinden, sonst ist der Dienstvertrag nichtig (§ 138); wird der Lohn 
nicht ziffermässig bestimmt, so entscheidet die Taxe (z. B. bei Droschkenfahrten) sonst 
das, was üblich ist. Vergütung ist regelmässig Geld ; es können aber auch Naturalien 
sein, wie es namentlich bei Privatbeamten vielfach vorkommt (Wohnung, Holz, 
Ländereien). 

IV. Der Dienstverpflichtete hat die Dienste, soweit nichts anderes ver- 
einbart ist, in Person zu leisten ; er darf sich also auch eines Gehilfen nur dann 
bedienen, wenn dies ausdrücklich oder stillschweigend vereinbart ist. Er haftet fiir 
Vorsatz und jede Fahrlässigkeit, auch seiner Gehilfen (§ 278 B.G.B., vergl. oben 
§ 28 zu IL S. 141). 

Der Verpflichtete hat die Dienste nur dem, welchem er sich verpflichtet«, zu 
leisten und dessen Erben. Der Dienstberechtigte darf seinen Anspruch nicht abtreten ; 
auch die Gläubiger des Dienstberechtigten können deshalb den Anspruch auf Leistung 
der Dienste nicht im Wege der Zwangsvollstreckung pfänden (§ 613 B.G.B., § 851 
Abs. 1 Z.P.O.). 

V. Der Dienstberechtigte muss: 1. die Vergütung entrichten; dies auch 
dann, wenn der Verpflichtete für eine verhältnismässig nicht erhebliche Zeit durch 
einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistang 
verhindert wird, z. B. infolge von unverschuldeter Krankheit, infolge von militärischer 
Dienstleistung (bis etwa 14 Tage), Schöffen- und Geschworenendienst u. s. w. Da 
das B.G.B. nichts anderes bestimmt, so düi-fte es den Parteien freistehen, abweichende 



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Werkvertrag. § 44. 175 

Vereinbarungen zu treffen. — 2. Der Dienstberechtigte muss den §§ 617 bis 619 B.a.B. 
genügen. Diese Bestimmungen sind von hervorragender sozialer Bedeutung; sie gelten 
auch für das Gesinde, jedoch kann die Landesgesetzgebung dem Gesinde weitergehende 
Befugnisse einräumen, Art. 95 E.G. z. B.G.B. 

Kommt der Dienstberechtigte mit der Annahme der Dienste in Verzug, so muss 
er, obwohl infolge dessen die Dienste nicht geleistet werden, doch die vereinbarte 
Vergütung verlangen, ohne einen Anspruch auf Nachleistung zu haben; so z. B. muss 
ein Grundbesitzer dem lebenslänglich angestellten Förster, wenn er ihn ohne genügen- 
den Grund entlässt, (insbesondere auch, wenn sich der angenommene Grund nicht als 
vorhanden erweisen lässt), das vereinbarte Gehalt bezahlen, (auch wenn ihn kein Ver- 
schulden trifft, vgl. oben § 31 zu II.); der Dienstverpflichtete muss sich jedoch den 
Wert dessen anrechnen lassen, was er infolge davon, dass die Dienste nicht geleistet 
werden, erspart oder durch andere Verwendung seiner Dienste, z. B. vorübergehende 
Annahme einer anderen Stelle, erwirbt oder zu erwerben böswillig unterlässt, § 615 
B.G.B. Der Dienstverpflichtete braucht nicht notwendig eine sich ihm bietende andere 
Stellung anzunehmen. Er handelt nur dann böswillig, wenn er die Annahme 
wider Treu und Glauben in der Absicht, dem anderen Teile zu schaden, unterlässt. 

VI. Der Dienstvertrag endet: 1. mit Ablauf der bestimmten Zeit, 2. durch 
Kündigung, wenn die Dauer weder aus der Beschaffenheit noch aus dem Zwecke der 
Dienste zu entnehmen ist; das B.G.B. unterscheidet in den §§ 621 bis 624 sieben ver- 
schiedeiie Fälle ; die Kündigung ist regelmässig nur zu einem bestimmten Kalenderzeit- 
punkte zulässig. — Für die Privatforstbeamten kommen die §§ 622, 624 
B.G.B. in Betracht : ist die Anstellung auf Lebenszeit oder für längere Zeit als 5 Jahre 
erfolgt, so ist der Dienstherr an diese Zeit gebunden, der Dienstverpflichtete aber darf 
nach Ablauf von 5 Jahren das Dienstverhältnis kündigen ; die Kündigungsfrist beträgt 
6 Monate ; in anderen Fällen kann die Kündigung nur für den Schluss eines Kalender- 
vierteljahres und nur unter Einhaltung einer Kündigungsfrist von 6 Wochen er- 
folgen **). — Bei Dienst gegen Stücklohn entscheidet § 623. — Wird ein Dienstver- 
hältnis, nachdem es beendet ist, von den Verpflichteten mit Wissen des Berechtigten 
fortgesetzt, ohne dass der Berechtigte unverzüglich widerspricht, so gilt für die Kün- 
digung das soeben Gesagte gleichfalls, § 625. — 3. Liegt ein „wichtiger Grund" 
vor, so kann das Dienstverhältnis von jedem Teile sofort aufgehoben werden, § 626 ; 
was ^wichtiger Grund" ist, entscheidet im Streitfalle der Richter nach freiem Ermessen. 

Vn. Für dauernde Dienstverhältnisse vgl. noch §§ 629, 630 B.G.B. (Urlaub 
zum Zwecke des Aufsuchens eines anderen Dienstverhältnisses, Zeugnis). 

§44. Werkvertrag. I. Gegenstand des Werkvertrags kann die Her- 
stellung einer Sache oder die Veränderung, insbesondere Ausbesserung einer Sache, 
aber auch ein anderer durch Arbeit oder Dienstleistung herbeizuführender Erfolg sein, 
— also z. B. Herstellung eines Weges, Fertigung einer Gerätschaft, Bewirkung einer 
Vermessung, Abgabe eines Gutachtens, Wagenfahrt nach einem bestimmten Orte; es 



19) Da Gesetze keine rückwirkende Kraft haben, so gelten für die vor 1900 geschlos- 
senen Dienstverträge die Vorschriften des alten Rechts. In den Verordn. zur Ausf. des B.Ct.B. 
för Mecklenburg-Schwerin (§41) und Mecklenburg-Strelitz (§ 40) findet sich eine besondere 
Bestimmung betreffs der vor 1900 geschlossenen Dienstverträge der Hoftagelöhner , Deputa- 
tisten und anderen zum Betriebe der Land- und Forstwirtschaft verpflichteten Personen : 
mangels ausdrücklicher anderer Vertragsbestimmung kann das Dienstverh. von jedem Teile 
am Dienstag nach Ostern und innerhalb einer Woche für den nächsten 24. Oktober, und 
wenn dieser Tag ein Sonntag ist, für den 25. Okt. gekündigt werden ; der Dienstverpflichtete 
bleibt auch dann „zur Stelle und im Dienste", wenn der Dienstberechtigte (Gutsherr, Pächter. 
Erbpächter u. s. w.) wechselt. 



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176 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

muss sich nur immer um einen bestimmten Erfolg handeln. Der Werkmeister heisst 
Unternehmer, der andere Teil Besteller. Dass der Unternehmer persönlich handle, 
ist nicht erforderlich; er kann sich durch andere vertreten lassen und sich der Ge- 
hilfen bedienen, falls nicht das Gegenteil vereinbart ist; es kann sich also auch um 
„Entreprise" handeln. 

Zwei Fälle sind zu unterscheiden: 1. der Unternehmer erhält den erforderlichen 
Stoff vom Besteller geliefert oder es kommt zur Herbeiführung des Erfolgs auf gar 
keinen Stoif an; 2. der Unternehmer liefert auch den Stoff. 

n. Liefert der Besteller den erforderlichen Stoff, z. B. das 
ganze Material zu dem auf dem Grundstück des Bestellers zu bauenden Wege wird 
aus dem Grundstück entnommen, oder ich übertrage dem Unternehmer einen Bau, zu 
dem ich ihm auf meine Rechnung die erforderlichen Materialien von bestimmten Lie- 
feranten liefern lasse, — oder es kommt auf einen bestimmten Stoff gar nicht an, 
z. B. bei Abschätzung eines Waldes, so gelten folgende Eegeln: 

1. Ist die Höhe der Vergütung nicht bestimmt, so entscheidet die Taxe, wenn 
es an dieser fehlt, ist die übliche Vergütung zu gewähren (§ 632). Die Vergütung 
kann für das ganze Werk in ungetrennter Summe bestimmt sein, oder für die Ein- 
heit, z. B. für das Meter der Länge des zu bauenden Weges. 

2. Der Unternehmer muss das Werk der getroffenen Vereinbarung gemäss fertig 
stellen ; bedingungslos und ohne Einschränkung müssen die zugesicherten Eigenschaften 
gewährt werden; der Besteller muss diese Eigenschaften gewähren und er darf nicht 
etwa unter Berufung auf angeblich Sachverständige geltend machen, so wie er das 
Werk gefertigt habe, sei es ebenso gut oder besser als nach der Bestellung. 

Hat das Werk nicht die gehörige Beschaffenheit, so kann der Besteller die Be- 
seitigung des Mangels — mag es sich um einen positiven Fehler oder um 
Mangel einer zugesicherten Eigenschaft handeln — verlangen (— dies ist 
anders als beim Kaufe, wenn es an den erforderlichen Eigenschaften fehlt — ); der 
Unternehmer ist aber berechtigt, die Beseitigung des Mangels zu verweigern, wenn sie 
einen un verhältnismässigen Aufwand erfordert, z. B. wenn ein Bauwerk vollständig um- 
gebaut werden müsste. Selbstverständlich braucht sich aber der Besteller bei der Ableh- 
nung der Veränderung nicht zu beruhigen und den Mangel nicht gefallen zu lassen; 
es treten die weiteren Rechtsfolgen ein. 

Der Besteller muss zunächst dem Unternehmer Gelegenheit geben, den Mangel 
zu beseitigen; kommt dann aber der Unternehmer mit der Beseitigung des Mangels in 
Verzug, so darf der Besteller den Mangel selbst beseitigen und Ersatz der erforder- 
lichen Aufwendungen verlangen, § 633. — Ist hiemach der Besteller in der Regel b e- 
rechtigt, den Unternehmer auf Beseitigung des Mangels zu verklagen, so ist er 
doch dazu nicht verpflichtet, wenn er seine Interessen wahren will ; er kann 
nämlich einen andern Weg einschlagen; er kann nach näherer Bestimmung des § 634 
B.G.B. dem Unternehmer eine angemessene Frist zur Beseitigung des Mangels 
mit der Erklärung bestimmen, dass er nach erfolglosem Ablaufe der Frist die Annahme 
ablehne; tut er dies, so kann er alsdann nach erfolglosem Ablaufe der Frist einerseits 
nicht mehr die Beseitigung des Mangels verlangen ; er kann aber entweder wandeln 
oder die Vergütung mindern; die Wandelung ist nur ausgeschlossen, wenn der 
Mangel den Wert oder die Tauglichkeit des Werkes nur unerheblich mindert. 
§ 634 Abs. 3. — Das Wahlrecht, zu wandeln oder zu mindern, steht dem Besteller 
auch ohne Bestimmung einer Frist zu, wenn 1. die Beseitigung des Mangels unmög- 
lich ist, 2. die Beseitigung von dem Unternehmer verweigert wird, 3. wenn die 
sofortige Geltendmachung des Anspruchs auf Wandelung oder Preisminderung 



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Werkvertrag. § 44. 177 

durch ein besonderesinteresse des Bestellers gerechtfertigt wird. § 634 Abs. 2. 

Entsprechende Rechte stehen dem Besteller nach näherer Vorschrift des § 636 
auch dann zn, wenn das Werk ganz oder znm Teile nicht rechtzeitig hergestellt wird,, 
z. B. infolge eine^ Streiks der Arbeiter; dies also auch, wenn kein Verschulden des 
Unternehmers vorliegt ; handelt es sich um ein solches, so treten überdies die Wirkungen 
des Verzuges ein (vgl. oben § 31 zu I. S. 144). 

Gemäss § 637 können die Parteien nach ihrem Belieben über die Wirkungen 
der Mängel des Werkes andere Bestimmungen treffen. 

üeber Verjährung treffen die §§ 638, 639 B.G.B. Bestimmungen, namentlich die 
folgende: der Anspruch des Bestellers auf Beseitigung eines Mangels verjährt in 
6 Monaten, bei Arbeiten an einem Grundstück in 1 Jahre, bei Bauwerken in 5 Jahren ; 
das Gleiche gut für die Ansprüche des Bestellers auf Wandelung, Minderung oder 
Schadensersatz; doch gelten diese (kurzen) Verjährungsfristen nicht, wenn der Unter- 
nehmer den Mangel arglistig verschwiegen hat; die Verjährung beginnt mit der Ab- 
nahme des Werkes; die Verjährungsfristen können durch Vertrag verlängert werden. 

Zu erwähnen ist endlich noch die Verpflichtung des Unternehmers, dem Besteller 
unverzüglich Anzeige zu machen, wenn sich ergiebt, dass die Ueberschreitung eines 
zu Grunde gelegten Kostenanschlages zu erwarten ist, für dessen Richtigkeit der Unter- 
nehmer nicht die Gewähr übernommen hat, § 650. 

3. Der Besteller ist verpflichtet: a) das Werk abzunehmen, 
wenn es vertragsmässig hergestellt ist, d. h. als Erfüllung entgegenzu- 
nehmen, also die Ordnungsmässigkeit anzuerkennen. Nimmt der Besteller das Werk 
ab, obwohl es einen Mangel hat, so kommt es für die weitere Beurteilung der Sache 
darauf an, ob er den Mangel kennt oder nicht; im ersteren Falle muss er sich seine 
Rechte wegen des Mangels vorbehalten, sonst kann er die Ansprüche wegen der 
Mangelhaftigkeit nicht geltend machen (§ 640); im letzteren Falle kann er die sich 
aus der Mangelhaftigkeit ergebenden Rechte geltend machen, er muss aber gemäss 
§ 363 B.G.B. im Bestreitungsfalle den Mangel beweisen. Weigert sich der Besteller 
das ihm angebotene Werk wegen eines Mangels abzunehmen, so kann der Unternehmer 
auf Abnahme klagen, e r muss aber alsdann die Mangellosigkeit beweisen, b) Der 
Besteller hat die Vergütung bei der Abnahme des Werkes zu entrichten. Ist das Werk 
in Teilen abzunehmen und die Vergütung für die einzelnen Teile bestimmt, so ist die 
Vergütung für jeden Teil bei dessen Abnahme zu entrichten; wird die bei der Ab- 
nahme fällige Geldvergütung nicht entrichtet, so ist sie von der Abnahme an zu ver- 
zinsen, § 641; handelt es sich nicht um eine Abnahme, so entscheidet die Vollendung 
des Werkes, § 646. c) Eine weitere Verpflichtung des Bestellers ergiebt sich aus 
§ 642: ist nämlich bei der Herstellung des Werkes eine Handlung des Bestellers not- 
wendig, z. B. Materiallieferung, Erklärung über die Art der Fortsetzung der Arbeit, 
so kann der Unternehmer, wenn der Besteller es unterlässt, die Handlung vorzunehmen 
und dadurch in Verzug kommt, — zwar nicht auf Vornahme der Handlung klagen, 
auch nicbt selbst die Handlung vornehmen (wenn nicht etwa die Voraussetzungen der 
Geschäftsführung ohne Auftrag vorliegen), er kann aber eine angemessene Entschädi- 
gung verlangen (§ 642, Höhe der Entschädigung Abs. 2) ; er kann auch dem Besteller 
eine angemessene Frist zur Nachholung der Handlung mit der Erklärung bestimmen, 
dass er den Vertrag kündige, wenn nicht die Handlung bis zum Ablaufe der Frist 
vorgenommen w^erde; der Vertrag gilt alsdann als aufgehoben, wenn nicht die Hand- 
lung bis zum Ablaufe der Frist nachgeholt wird (§ 643); der Unternehmer kann in 
diesem Falle einen der geleisteten Arbeit entsprechenden Teil der Vergütung und Ersatz 
der in der Vergütung nicht inbegriffenen Auslagen verlangen, für Verschulden haftet 

Handbuch d. Foratw. 2. Aufl. IV. 12 



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178 XIV. Di ekel, Rechtsknnde. 

der Besteller ausserdem nach allgemeinen Regeln (§ 645). 

4. Die Gefahr des Werks geht in der Regel mit der Abnahme auf den Be- 
steller über; kommt er in Verzug der Annahme, so geht die Gefahr in diesem Augen- 
blick über ; der Unternehmer haftet also in der Regel bis zur Annahme bezw. bis zum 
Annahmeverzuge des Bestellers, er haftet jedoch nicht für den zufälligen Untergang 
und eine zufällige Verschlechterung des vom Besteller gelieferten Stoffes, § 644. Wird 
das Werk vom Unternehmer auf Verlangen des Bestellers nach einem anderen Orte, 
der nicht Erfüllungsort ist, versandt, so gilt die Bestimmung des § 447 B.G.B. über 
Kauf. (Vgl. oben § 39 zu C, IL, a.) 

Es kann der Fall eintreten, dass das Werk vor der Abnahme infolge eines 
Mangels des vom Besteller gelieferten Stoffes oder infolge einer von dem Besteller für 
die Ausführung erteilten Anweisung untergeht, verschlechtert oder unausführbar wird, 
ohne dass ein Umstand, den der Unternehmer vertreten muss, mitgewirkt hat ; alsdann 
kann der Unternehmer einen der geleisteten Arbeit entsprechenden Teil der Vergütung, 
ausserdem Ersatz der in der Vergütung nicht inbegriffenen Auslagen verlangen; auch 
haftet der Besteller wegen eines ihm zur Last fallenden Verschuldens. § 645. 

Kommt eine Abnahme des Werks wegen seiner Beschaffenheit nicht in Betracht, 
so tritt an Stelle der Abnahme die Vollendung, § 646. 

5. Der Unternehmer wird gesichert a) durch ein gesetzliches Pfandrecht 
(§ 647), b) wenn es sich um ein Bauwerk oder einen Teil eines Bauwerks handelt, 
durch einen Titel auf Bestellung einer Sicherheitshypothek (§ 648). 

6. Der Besteller kann jederzeit noch vor Vollendung des Werks den Vertrag 
kündigen, geschieht dies, so ist aber der Unternehmer berechtigt, die vereinbarte Ver- 
gütung zu verlangen ; im übrigen kommt es darauf an, ob ein Kostenanschlag zu Grunde 
gelegt ist, und wenn dies der Fall ist, ob der Unternehmer die Gewähr für die Rich- 
tigkeit übernommen hat oder nicht, § 650. 

TIF. Hat der Unternehmer das Werk aus eigenen, von ihm zu beschaffe n- 
denStoffeherzustellen ^^), so sind gemäss § 651 B.G.B. 2 Fälle zu unterscheiden : 
1. die herzustellende Sache ist eine vertretbare, z. B. ein Arbeitsgerät, 2. sie ist 
eine nicht vertretbare, z. B. ein Gebäude, eine Brücke. In ersterem Falle sind 
allein die Bestimmungen über den Kauf anzuwenden; das ganze Geschäft gilt als 
Kauf. Im zweiten Falle ist der Vertrag gleichfalls ein Kauf; an die Stelle einiger 
Vorschriften über den Kauf aber treten Vorschriften über den Werkvertrag, nament- 
lich betreffend Uebergang der Gefahr, Abnahme, Gewährleistung, Verjährung. § 651 B.G.B. 

IV. Auch bei dem Frachtgeschäft handelt es sich regelmässig um einen 
Werkvertrag. Das H.G.B. hat die massgebenden Bestimmungen in den §§ 425 flg. 
„Frachtführer ist, wer es gewerbsmässig übernimmt, die Beförderung von Gütern zu 
Lande oder auf Flüssen oder sonstigen Binnengewässern auszuführen." §§ 453 flg. 
treffen besondere Bestimmungen über die Beförderung von Gütern und Personen auf 
den Eisenbahnen. Spezialvorschriften gelten für die Post; das B.G.B. findet auf sie 
keine Anwendung. 

Von besonderer Bedeutung sind folgende Bestimmungen: § 440 der Frachtführer 
hat ein gesetzliches Pfandrecht am Frachtgute wegen aller seiner durch den Fracht- 
vertrag begründeten Forderungen, § 429 „der Frachtführer haftet für den Schaden, 
der durch Verlust oder Beschädigung des Gutes in der Zeit von der Annahme bis zur 
Ablieferung oder durch Versäumung der Lieferzeit entsteht, es sei denn, dass der Ver- 

20) Um diesen Fall handelt es sich nicht, wenn sich der Unternehmer nur zur Be- 
schaffung von Zutaten oder sonstigen Nebensachen verpflichtet. In diesem 
Falle gilt ausschliesslich das oben zu II Gesagte. 



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Auftrag. § 46. 179 

lust, die Beschädigung oder die Verspätung auf Umständen beruht, die durch die Sorg- 
falt eines ordentlichen Frachtführers nicht abgewendet werden konnten. Für den Ver- 
lust oder die Beschädigung von Kostbarkeiten, Kunstgegenständen, Geld und Wert- 
papieren haftet der Frachtführer nur, wenn ihm diese Beschaffenheit oder der Wert 
des Guts bei der Uebergabe zur Beförderung angegeben ist , § 429 Abs. 2. Der 
Frachtführer muss hiemach im Falle des Verlustes oder der Beschädigung die Um- 
stände dartun, welche den Verlust oder die Beschädigung des Frachtgutes verursacht 
haben und mit Bezug auf diese Umstände den Nachweis führen, dass ihm kein Ver- 
schulden zur Last fällt, — wie die Denkschrift zum Entwürfe des H.G.B. bemerkt. 
Für die Eisenbahn gilt § 456: sie „haftet für den Schaden, der durch Verlust oder 
Beschädigung des Gutes in der Zeit von der Annahme zur Beförderung bis zur Ab- 
lieferung entsteht, es sei denn, dass der Schaden durch ein Verschulden oder eine nicht 
von der Eisenbahn verschuldete Anweisung des Verfügungsberechtigten, durch höhere 
Gewalt, durch äusserlich nicht erkennbare Mängel der Verpackung oder durch die 
natürliche Beschaffenheit des Gutes .... verursacht ist." „Höhere Gewalt" ist ein Zu- 
fall, der sich nicht abwenden lässt, unüberwindlich ist ; Feuer braucht noch nicht not- 
wendig höhere Gewalt zu sein, es liess sich vielleicht bei gehöriger Sorgfalt abwenden. 
Die Eisenbahn haftet, wenn sich nicht feststellen lässt, ob höhere Gewalt vorliegt 
oder nicht. 

Aus der Eisenbahn-Verkehrsordnung vom 26. Okt. 1899 (R.G.Bl. S. 566) sei hier 
mitgeteilt : 

^ Hunde und andere Tiere dürfen in den Personenwagen nicht mitgeführt werden. 
Ausgenommen sind kleine Hunde, welche auf dem Schosse getragen werden, sofern 
j^egen deren Mitnahme von den Mitreisenden derselben Abteilung Einspruch nicht erhoben 
wird. Die Mitnahme von grösseren Hunden, insbesondere Jagdhunden, in die dritte Wagen- 
klasse darf ausnahmsweise gestattet werden, wenn die Beförderung der Hunde mit den 
begleitenden Personen in abgesonderten Abteilungen erfolgt. Die Verpflichtung zur Zahlung 
der tarifmässigen Gebühr für Beförderung von Hunden wird hierdurch nicht berührt. 

Die Beförderung anderer von Reisenden mitgenommener Hunde erfolgt in abgeson- 
derten Behältnissen, Soweit solche in den Personenzügen nicht vorhanden oder bereits be- 
setzt sind, kann die Mitnahme nicht verlangt werden. Bei Aufgabe des Hundes muss ein 
Beforderungsschein (Hundekarte) gelöst werden. Gegen Rückgabe dieses Scheines wird der 
Hund nach beendeter Fahrt verabfolgt. Die Eisenbahn ist nicht verpflichtet, Hunde, welche 
nach Ankunft auf der Bestimmungsstation nicht sofort abgeholt werden, zu verwahren. 
Wer einen Hund ohne Beförderungsschein (Hundekarte) mitführt, hat zu bezahlen . . . 
Wegen sonstiger Beförderung von Hunden siehe § 30 Abs. 3 und §§ 44 ff. 
§ 30 Abs. 3 „kleine Tiere sowie Jagdhunde können in Käfigen, Kisten, Säcken und 
dergl. zur Beförderung als Reisegepäck angenommen werden". 
§§ 44 Versendung lebender Tiere. 

§ 45. Auslobung, §§ 657 flg. Darunter versteht das B.G.B. die öffent- 
liche Bekanntmachung einer Belohnung für die Vornahme einer Handlung, nament- 
üch die Herbeiführung eines Erfolges, z. B. Erlegen von Schwarzwild. Wer die 
Handlung vornimmt, erwirbt das Recht auf die Belohnung, auch wenn er von der Aus- 
setzung nichts wusste. Wer eine solche Belohnung aussetzt, kann sie widerrufen, 
jedoch selbstverständlich nur, bevor die Handlung vorgenommen ist. Der Widerruf 
erfolgt entweder in der Weise, wie die Aussetzung erfolgt ist oder durch eine Mit- 
teilung an die betreffende Person. Das Recht des Widerrufs besteht aber nicht, wenn 
Ijei der Aussetzung auf den Widerruf verzichtet ist; wird für die Vornahme einer 
Handlung eine Frist gesetzt, so wird im Zweifel Verzicht auf Widerruf angenommen. 
Der Auslohende darf sich die Festsetzung der Höhe der Belohnung vorbehalten z. B. 
ftr ein Stück Schwarzwild 1 bis 15 M. ; er braucht dann nur 1 M. zu zahlen. Auf 
^Währung der Belohnung kann geklagt werden. 

12* 



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180 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

Für den Fall, dass die Handlung von mehreren vorgenommen wird, z. B. An- 
zeige eines Verbrechers, treffen die §§ 659, 660 Bestimmung. 

§ 46. Auftrag (§§ 662 flg.) ist die üebertragung einer unentgeltlichen Ge- 
schäftsbesorgung. Einige Bestimmungen gelten auch für den Dienstvertrag sowie für 
den Werkvertrag, wenn ein solcher eine Geschäftsbesorgung zum Gegenstande hat 
(§ 675), so namentlich: 1. § 663 „wer zur Besorgung gewisser Geschäfte öffentlich 
bestellt ist oder sich öffentlich erboten hat, ist, wenn er einen auf solche Geschäfte 
gerichteten Auftrag nicht annimmt, verpflichtet, die Ablehnung dem Auftraggeber un- 
verzüglich anzuzeigen" ; sonst ist er zum Schadensersatze verpflichtet. Das gleiche 
gilt, wenn sich jemand dem Auftraggeber gegenüber zur Besorgung gewisser Geschäfte 
erboten hat. — 2. § 665. Der Beauftragte darf von den Weisungen des Auftraggebers 
abgehen, wenn er den Umständen nach annehmen darf, dass der Auftraggeber bei 
Kenntnis der Sachlage die Abweisung billigen würde; der Beauftragte muss nur vor 
der Abweisung dem Auftraggeber Anzeige machen und dessen EntSchliessung abwarten, 
falls dies nach Lage der Sache möglich ist. 3. § 666. Der Beauftragte muss die er- 
forderlichen Nachrichten geben, auf Verlangen Auskunft erteilen und Rechenschaft ab- 
legen u. s. w. 

Rat und Empfehlung sind Gefälligkeiten, sie verpflichten nur aus- 
nahmsweise zum Schadensersatze, nämlich wenn sich dies aus einem unter den Par- 
teien bestehenden Vertragsverhältnisse ergiebt, ferner wenn der, welcher den Rat erteilt 
oder empfohlen hat, den andern betrogen hat (§ 823 Abs. 2) oder gegen die guten 
Sitten gehandelt hat (§ 826) oder seine Amtspflicht verletzt hat (§ 839). 

§ 47. Geschäftsführung ohne Auftrag, §§ 677 flg., z. B. ich bessere 
das Haus meines abwesenden Nachbars aus, nachdem es durch einen Sturm beschädigt 
worden ist. Der Geschäftsführer soll das Geschäft so führen, wie das Interesse des 
Geschäftsherrn mit Rücksicht auf seinen wirklichen oder mutmasslichen Willen es er- 
fordert; geschieht dies, so hat er Anspruch auf Ersatz seiner Aufwendungen. Er 
wird im allgemeinen wie ein Beauftragter behandelt und hat namentlich die erforder- 
lichen Nachrichten zu geben, Auskunft zu erteilen und Rechenschaft abzulegen, das 
Erlangte herauszugeben. 

§48. Verwahrung, §§ 688 flg. Diese Bestimmungen des B.G.B. beziehen 
sich nur auf bewegliche Sachen. Der Verwahrer haftet für jedes Verschulden, 
wenn er für die Verwahrung ein Entgelt erhält, andernfalls braucht er nur die Sorg- 
falt anzuwenden, welche er in eigenen Angelegenheiten anzuwenden pflegt. Wenn 
nichts besonderes vereinbart ist, darf er die Sache nicht bei einem dritten hinterlegen. 
Für das Verschulden eines Gehilfen haftet er gemäss § 278 B.G.B. Der Verwahrer ist 
berechtigt, die vereinbarte Art der Aufbewahrung zu ändern, wenn er den Umständen 
nach annehmen darf, dass der Hinterleger bei Kenntnis der Sachlage die Aenderung 
billigen würde; von der Aenderung muss er Anzeige machen und die EntSchliessung 
des Hinterlegers abwarten, wenn nicht mit dem Aufschübe Gefahr verbunden ist. Der 
Hinterleger kann die hinterlegte Sache jederzeit zurücknehmen; der Verwahrer kann 
jederzeit die Rücknahme der Sache verlangen, wenn nicht eine bestimmte Zeit für die 
Verwahrung vereinbart ist oder wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Der Hinterleger 
muss sich die Sache abholen. 

§ 49. Einbringung von Sachen bei Gastwirten, §§ 701 flg. Der 
Gastwirt (der Fremde beherbergt, nicht der Schankwirt) haftet für Verlust sowie für 
Beschädigung der eingebrachten Sachen ; als eingebracht gelten die Sachen auch schon 
nach der üeberlieferung an die Leute des Gastwirts, z. B. am Bahnhof. Für Geld, 
Wertpapiere und Kostbarkeiten haftet der Gastwirt nur bis 1000 M., für den höheren 



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Gesellschaft. § 50. 181 

Wert nur, wenn er die Sachen in Kenntnis ihrer Eigenschaft als Wertsachen zur 
Aufbewahrung übernimmt oder wenn er die ihm zur Aufbewahrung angebotenen 
Sachen nicht annimmt und dem Gaste erklärt, dass er sie in seinem Besitze behalten 
möge, oder wenn der Schade von ihm oder von seinen Leuten verschuldet wird. 

Die Ersatzpflicht des Gastwirts tritt nicht ein, wenn der Schade von dem Gaste, 
einem Begleiter des Gastes oder einer Person, die er bei sich aufgenommen hat, ver- 
ursacht wird, oder durch die Beschaffenheit der Sachen oder durch höhere Gewalt 
entsteht. Der Anspruch des Gastes erlischt, wenn er nicht unverzüglich nach erlangter 
Kenntnis von dem Verluste bezw. der Beschädigung dem Gastwirt Anzeige macht; 
diese Bestimmung gilt aber selbstverständlich dann nicht, wenn die Sachen dem Wirte 
zur Aufbewahrung übergeben waren. Der Gastwirt hat ein Pfandrecht an den einge- 
brachten Sachen für seine Forderungen gemäss § 704 B.G.B. 

§ 50. Gesellschaft, §§ 705 flg. I. Unter Gesellschaft im weiteren Sinne 
versteht man jede Vereinigung mehrerer Personen zur Förderung eines erlaubten ^i) 
Zwecks durch gegenseitige Leistungen. Eine solche Vereinigung wird häufig zwangs- 
weise durch das Gesetz bewirkt (Zwangsgenossenschaft); letztere gehört dem 
öffentlichen Rechte an z. B. die Vereinigung der Grundeigentümer eines be- 
stimmten Bezirks zu einer Jagdgenossenschaft, die Vereinigung mehrerer Beteiligter 
zu einer Wassergenossenschaft oder einem Deichverbande, oder einer Waldgenossen- 
schaft u. s. w. ^^j. Von diesen Zwangsgenossenschaften ist, da sie dem öffent- 
lichen Rechte angehören, im B.G.B. , da es nur das Privatrecht enthält, nicht die 
Rede. Hier handelt es sich nur um freiwillige Vereinigungen (Verbände im 
privat rechtlichen Sinne). 

Die Gesellschaften im weiteren Sinne sind grossenteils zu juristischen Per- 
sonen gestaltet, früher meist Korporationen, jetzt V e r e i n e (§§ 21 flg. B.G.B.) 
genannt; darüber vgl. oben S. 101. Der Verein ist eine rechtliche Einheit; er ist 
ein von den Mitgliedern verschiedenes Rechtssubjekt ; der Verein als solcher ist 
eine Person 2'). — Gesellschaften im engern und gewöhnlichen Sinne 
sind endlich die Vereinigungen, welche der rechtlichen Einheit entbehren, bei denen 
also die einzelnen Gesellschafter, auch im Verhältnisse zu dritten Personen als 
Berechtigte und Verpflichtete erscheinen. Bei diesen Gesellschaften im engeren 
Sinne aber kommt schliesslich ein sehr wesentlicher Unterschied in Betracht : sie können 
nämlich Gesellschaften im r ö m i s c h rechtlichen und solche im d e u t s c h rechtlichen 
Sinne sein, üeber den Unterschied äussert sich die Denkschrift zum B.G.B. folgender- 
massen sehr treffend: 

„Nach dem Rom. Rechte, welchem das Gem. Recht und das Sachs. Gesetzb. folgen, 
begründet der Gesellachaftavertrag nur Verbindlichkeiten der Gesellschafter unter einander. 
In ihrer gegenseitigen Pflicht, zur Erreichung des gemeinsamen Zweckes vertragsmässig 
beizutragen, liegt die einzige Gewähr für die Erreichung dieses Zweckes. Ein wirkliches 
Gesellschaftsvermögen ist nicht vorhanden ; vielmehr kommen die Vermögensgegenstände, 
die in Folge des Vertrags oder in Folge gemeinsamen Erwerbes den Gesellschaftern ge- 
meinschaftlich geworden sind, den Einzelnen zu bestimmten Anteilen zu. Jeder Gesell- 



21) Selbstverständlich! §§ 134, 138 B.G.B. Nichtig ist deshalb z. B. eine Vereini- 
pmg von 10 Personen, die durch eine von ihnen eine Gemeindejagd pachten, indem sie das 
Jagdgesetz, das nur wenige, meist 3 Personen zulässt, zu umgehen unternehmen. 

22) In Betracht kommt hier hauptsächlich die L a n d e s gesetzgebung : Art. 65 E.G. 
z. B.G.B. (Wasserrecht), Art. 67 (Bergrecht), Art. 69 (Jagdrecht), Art. 75 (Versicherungs- 
recht), Art. 83, (Waldgenossenschaften). 

23) Die oben erwähnten Zwangsgenossenschaften des öffentlichen Rechts sind fast überall 
juristische Personen. 



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182 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

schafter kann über seinen Anteil an den einzelnen Gegenständen verfügen, and seine Gläu- 
biger können die Zwangsvollstreckung in diesen Anteil betreiben. Nach der deutsch- 
rechtl. Auffassung, der im Grundgedanken das P r e u s s. und das Franz. Recht (A.L.R. 
I, 17 §§ 198, 263 bis 268, 63, 67 bis 74) sowie bei der Regelung der offenen Handels- 
gesellschaft das H.G.B. gefolgt sind, werden dagegen die gemeinschaftlichen Gegenstände 
dem Gesellschaftszwecke unmittelbar dienstbar gemacht und zu einem selbständigen, den 
Grundsätzen der sogenannten Rechtsgemeinschaft zur gesamten Hand unterliegenden Ge- 
sellschaftsvermögen vereinigt. Die Verfügung über die einzelnen zu dem Gesellschaftsver- 
mögen gehörenden Gegenstände steht nur den Gesellschaftern gemeinschaftlich zu, die Zwangs- 
vollstreckung in diese Gegenstände erfordert einen gegen alle Gesellschafter vollstreckbaren 
Titel. Gegen eine Gesellschaftsforderung kann der Schuldner eine ihm gegen einen einzelnen 
Gesellschafter zustehende Forderung nicht aufrechnen. Die Gläubiger eines einzelnen Ge- 
sellschafters dürfen sich nur an dasjenige halten, was ihm als Gewinnanteil oder bei der 
Auseinandersetzung zukommt". 

Das B.G.B. hat das Gesellschaftsrecht nach den Grundsätzen des deutschen 
Rechts von der gesamten Hand gestaltet ; die Gesellschaften haben also in der Gesell- 
schaft ein besonderes Sondervermögen und eine besondere RechtsspMre. Das B.G.B. 
behandelt daneben in den §§ 741 ff. nach römischem Vorbilde die Gemeinschaft nach 
Bruchteilen. 

11. Wie es eine erhebliche Zahl von juristischen Personen gibt, deren Rechts- 
verhältnisse in besonderen Gesetzen behandelt sind, z. B. Aktiengesellschaft im H.G.B., 
so gibt es auch eine grosse Anzahl von Gesellschaften , welche in Sonder gesetzen 
geregelt sind, so namentlich im Handelsgesetzbuch: Die offene Handelsgesell- 
schaft und dieKommandit gesellschaft. Diese beiden Arten von Gesellschaften bilden 
in ihrer juristischen Struktur den Gegensatz zur Aktiengesellschaft ; letztere ist eine ju- 
ristische Person, ein Verein ; die offene H.G. und die Kommanditgesellschaft sind keine 
Vereine, sondern Gesellschaften. Nach § 105 H.G.B. ist eine Gesellschaft eine offene, 
wenn „ihr Zweck auf den Betrieb eines Handelsgewerbes unter gemeinschaftlicher Firma 
gerichtet ist und bei keinem der Gesellschafter die Haftung gegenüber den Gresell- 
schaftsgläubigem beschränkt ist" ; den Gläubiger haftet also nicht bloss das Gesell- 
schaftsvermögen (wie es bei der Aktiengesellschaft der Fall ist), sondern auch 
jeder Gesellschafter mit seinem ganzen Privatvermögen. Die Firma „der offenen Han- 
delsgesellschaft lautet gewöhnlich: z. B. „Müller u. Cie." oder „Müller u. Schulze"; es 
ist aber auch möglich, dass der Kaufmann Müller und der Kaufmann Schulze die Holz- 
handlung des „Franz Hoffmann" mit dem Rechte der Fortführung unter der bisherigen 
Firma übernehmen und zwar als offene Handelsgesellschaft; verkaufe ich dieser Ge- 
sellschaft für 300 Mk. Holz, so kann ich den Preis einklagen gegen: 1. Die Firma 
Franz Hoffmann, 2. den Holzhändler Müller, 3. den Holzhändler Schulze als Gesamt- 
schuldner (§ 128 H.G.B.); wenn demnächst Schmitz als neuer Gesellschafter eintritt, 
so haftet auch dieser mit seinem ganzen Vermögen (§ 130 H.G.B.). — Die Gesellschaft 
ist eine Kommanditgesellschaft, wenn nur ein Gesellschafter oder mehrere mit ihrem 
ganzen Vermögen haften sollen (persönlich haftende Gesellschafter), bei einem oder 
mehreren Anderen die Haftung auf eine Vermögens e i n 1 a g e beschränkt ist (Kom- 
manditisten) § 161 H.G.B.; der Kommanditist haftet den Gläubigem bis zur Höhe 
seiner Einlage unmittelbar; nachdem er die ganze Einlage gemacht hat, haftet 
er also gar nicht mehr. Die Firma der Kommanditgesellschaft kann lauten „Schulze 
und Cie." 

Bei den juristischen Personen, deren Rechtsverhältnisse in Sondergesetzen ge- 
regelt werden, gilt, soweit es an Sonderbestimmungen fehlt, das B.G.B. mit seinen Be- 
stimmungen über Vereine ; entsprechend sind die Bestimmungen des B.G.B. über Gesell- 
schaften hinter den Vorschriften des Sondergesellschaftsrechts Reserve bestimmungen. 



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Vergleich. § 52. 183 

Die Bestimmungen des B.G.B. über Gesellschaften galten unmittelbar für alle 
Gesellschaften, die nicht in Sondergesetzen geregelt sind, namentlich auch für Vereine 
die nicht juristische Personen sind, (§ 54 B.G.B) (vergl. oben § 5 zu 1), z. B. einen 
Verein, der jswar idealen Zwecken dient, aber, well er weniger als 7 Mitglieder hat, 
nicht im Vereinsregister eingetragen werden kann, sowie für einen Verein, der zwar 
sehr viele Mitglieder hat und also eingetragen werden kann, aber nicht eingetragen 
ist. — Die Bestimmungen des B.G.B. über Gesellschaften gelten auch für auslän- 
dische juristische Personen, die im Inlande nicht als juristische Personen aner- 
kannt sind (Art. 10 E.G. z, B.G.B.) 

in. Eine Gesellschaft, die vor 1900 ins Leben getreten ist, wird fortdauernd 
nach dem alten Rechte beurteilt (Art. 170 E.G. z. B.G.B.). Von einigen Schriftstellern 
ynrd dies bestritten; wie dies möglich ist, bleibt unverständlich. 

IV. Die Rechtsverhältnisse der Gesellschaft werden im B.G.B. sehr eingehend 
behandelt. Erwähnt sei hier nur § 709. Hiemach steht die Führung der Geschäfte 
der Gesellschaft den Gesellschaften gemeinschaftlich zu, für jedes Ge- 
schäft ist die Zustimmung aller Gesellschafter erforderlich, z. B. haben 3 Personen 
gemeinschaftlich eine Jagd gepachtet, so ist zur Zulassung eines Jagdgastes die Zu- 
stimmung aller Pächter notwendig. Natürlich kann unter den Gesellschaftern etwas 
anderes vereinbart sein, z. B. dass jeder das Recht haben soll, einen Gast einzuführen, 
oder dass Stimmenmehrheit entscheidet. Gegebenenfalls wird man annehmen müssen, 
dass etwas derartiges stillschweigend vereinbart ist, wenn es in der Gegend so üblich 
ist (§ 157 B.G.B.). 

V. Ueber Gemeinschaft nach Bruchteilen vergl. unten § 73 (Miteigentum) zu II 
am Ende. 

§ 51. Bürgschaft, §§ 765 ff. Man unterscheidet Bürgschaft im gewöhnlichen 
Sinne und „Ereditauftrag''. In beiden Fällen handelt es sich darum, dass sich jemand 
zu Gunsten eines Gläubigers verpflichtet, ihm für die Erfüllung der Verbindlichkeit des 
Schuldners einzustehen ; die Bürgschaft kann auch für eine künftige, auch für eine be- 
dingte Verbindlichkeit übernommen werden. 

Der Bürge tritt als Verpflichteter neben den Schuldner ; verpflichtet sich gleich- 
zeitig noch jemand als Bürge, so heisst er Mit bürge ; die Mitbürgen haften als Ge- 
samtschuldner; verbürgt sich jemand zu Gunsten des Gläubigers als Bürge nach dem 
ersten Bürgen, so heisst er Nachbürge (After bürge); wer sich zu Gunsten des 
Bürgen verbürgt, heisst Rückbürge. 

Die Bürgschaitserklärung muss schriftlich erfolgen ; der Mangel der Form 
wird durch Erfüllung der Verbindlichkeit geheilt. Die Schriftform ist nicht erforder- 
lich, wenn der Bürge Vollkaufmann ist und die Bürgschaft auf seiner Seite ein Handels- 
geschäft ist (§§ 350, 351 H.G.B.) 

Der Bürge haftet in der Regel nur subsidiär, d. h. er kann die Befriedi- 
gung des Gläubigers verweigern, solange nicht der Gläubiger die Beteiligung der ge- 
schuldeten Leistung gegen den Hauptschuldner ohne Erfolg versucht hat (§§ 771, 772!) 
In einigen Fällen aber ist die Einrede der Vorausklage ausgeschloss n: 1. wenn der 
Bürge auf die Einrede verzichtet hat, namentlich, wenn er sich als S elb st Schuld- 
ner verbürgt hat (dieser Fall ist der gewöhnliche), 2. wenn über das Vermögen des 
Hauptschuldners der Konkurs eröffnet worden ist u. s. w. § 773, endlich wenn der 
Bürge Vollkaufmann ist und die Bürgschaft auf seiner Seite ein Handelsgeschäft ist 
(§ 351 H.G.B.) 

Hat sich der Bürge für eine bestehende Verbindlichkeit auf bestimmte 
Zeit verbürgt, so muss der Gläubiger die Einziehung der Forderung unverzüglich be- 



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184 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

treiben, das N'erfahren ohne wesentliche Verzögerung fortsetzen und unverzüglich nach 
der Beendigung des Verfahrens dem Bürgen anzeigen, dass er ihn in Anspruch nehme; 
geschieht dies nicht, so wird der Bürge frei: vergl. § 777. 

Kreditauftrag: z. B. der Bankier A erklärt mir, ich möge dem Holzhändler 
B auf Gefahr des A Holz bis zum Betrage von 6000 Mk. verkaufen. Tue ich dies 
auf Grund der Erklärung des A so wird B als Käufer des Holzes mein Hauptschuldner, 
A haftet wie ein Bürge, folglich nur subsidiär. Vergl. § 778. 

§ 52. V e r g 1 e i c h , § 779. Streiten die Parteien über ein Rechtsverhältnis, 
so ist ihnen zur Beseitigung des S t r e i t s die Möglichkeit des Rechtsstreits regelmässig 
eröffnet; dieser Weg wird auch gewöhnlich beschritten. Zu bedenken ist aber, dass 
der Prozess meist erheblichen Zeitaufwand und Verdruss veranlasst, dass durch ihn 
nicht unerhebliche Kosten erwachsen, die zwar der Sieger erstatten verlangen darf, 
der unterliegende Teil aber recht oft nicht zahlen kann; auch ist daran zu erinnern, 
dass die Richter nicht unfehlbar sind und dass deshalb ein als ganz unantastbar vor- 
handen geglaubtes Recht im Prozesse nicht anerkannt wird. Deshalb emptiehlt sich 
sehr oft nach bekanntem Sprichworte der magere Vergleich. Ein solcher kann auch 
geschlossen werden, wenn noch kein Streit unter den Beteiligten besteht, wohl aber 
Ungewissheit obwaltet, Ungewissheit über das Recht oder auch solche über die 
Zahlungsfähigkeit des Schuldners. Der Vergleich ist über obligatorische Rechte, nicht 
minder über dingliche Rechte zulässig, z. B. über die Grenze (namentlich durch Tei- 
lung eines streitigen Grenzstücks). Ein Vergleich ist namentlich im Prozesse möglich ; 
der zu gerichtlichem Protokoll geschlossene Vergleich ist vollstreckbar (§ 794 Nr. 1,2 
Z.P.O). 

Eine Form ist für den Vergleich nicht vorgeschrieben, er ist also mündlich 
giltig; wird aber im Vergleich eine Partei zur üebertragung des Eigentums an einem 
Grundstücke verpflichtet, so ist gerichtliche oder notarielle Beurkundung erforderlich 
(§ 313 B.G.B.). Wird ein Vergleich mit einem Bevormundeten geschlossen, so bedarf 
nach § 1822 Nr. 12 der Vormund der Genehmigung des Vormundschafts g e r i c h t s 
wenn der Gegenstand des Streites oder der ungewissheit mehr als 300 Mk. wert oder 
unschätzbar ist. Wird der Vergleich mit einem in elterlicher Gewalt stehenden Kinde 
geschlossen, so bedarf der Gewalthaber der gerichtlichen Genehmigung nicht, § 1643. 

Der Vergleich ist unwirksam, wenn der nach dem Inhalte als feststehend zu 
Grunde gelegte Sachverhalt der Wirklichkeit nicht entspricht und der Streit oder die 
ungewissheit bei Kenntnis der Sache nicht entstanden wäre, also namentlich, wenn die 
Parteien davon ausgegangen sind, dass der Fall noch nicht durch Urteil unter den 
Parteien erledigt sei, sich aber später ein Urteil vorfindet, oder wenn die Parteien 
davon ausgegangen sind, dass über das Rechtsverhältnis keine Urkunde vorhanden sei, 
aber nachher eine solche vorgefunden wird. Ein anderer Irrtum aber ist regelmässig 
unerheblich; so z. B. kann der Vergleich weder für unwirksam erachtet noch auch 
nur angefochten werden, w-enn eine Partei sich gerade in dem Punkte geirrt hat, der 
durch Vergleich erledigt werden sollte, z. B. sie hielt es für zweifelhaft, ob ihre Be- 
hauptungen würden bewiesen werden können, überzeugt sich aber nachher, dass die 
Aussagen ihren Zeugen genügt hätten. 

§ 53. Schuldversprechen, -Anerkenntnis, §§ 780fF. Nach vielen deutschen 
Gesetzen vor 1900 war das abstrakte Versprechen oder Anerkenntnis nicht ver- 
bindlich, z. B. „ich verpflichte mich, dem K. am 1. Oktober 3000 Mk. zu zahlen" oder 
„ich erkenne an, dem K. 3000 Mk. schuldig geworden zu sein und verpflichte mich 
diesen Betrag am 1. Oktober zu zahlen", so namentlich nach A.L.R.; anders schon 
nach altem Handelsgesetzbuch, wenn ein Kaufmann das Versprechen (Anerkenntnis) 



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Vorlegung von Sachen. § 56. 185 

ablegte. Aach das B.G.6. erkennt die abstrakte Verpflichtung an ; die Erklärung muss 
aber in der Regel schriftlich sein, ausgenommen: 1. wenn sie auf Grund 
einer Abrechnung oder im Wege des Vergleichs erfolgt (§ 782 B.G.B.), 2. wenn sie 
von einem Vollkaufmann abgegeben wird und auf dessen Seite ein Handelsgeschäft ist 
(§§ 350, 351 H.aB.), z. B. von einem Holzhändler. 

Ein abstraktes Versprechen kann auch mittels Wechsel abgegeben werden. 

§ 54. Anweisung, §§ 783 ff. Das B.G.B. spricht nur von der schrift- 
lichen Anweisung. 3 Personen kommen in Betracht : Der Anweisende (d. i. der sie 
gibt), der Anweisungsempfänger (dem sie gegeben wird), der Angewiesene (der leisten 
soll). Die Anweisung wird namentlich gegeben „auf Schuld", d. h. zu dem Zwecke 
um die Tilgung einer Schuld zu versuchen, z. B. der Holzhändler, dem ich für 3000 
Mark Holz verkaufe, gibt mir eine Anweisung auf den Bankier Z, bei dem er ein 
Konto hat, damit ich bei Z den Geldbetrag erhebe. Getilgt wird die Schuld in solchem 
Falle nicht schon durch Annahme der Anweisung (die hier auch C h e k genannt wird, 
sondern erst durch Empfangnahme des Geldes beim Bankier (§ 787 B.G.B.) ; zahlt 
letzterer nicht, so kann ich selbstverständlich gegen den Holzhändler auf Zahlung 
klagen. Ich kann aber auch nach meinem Belieben, bevor der Bankier etwa die Zah- 
lung verweigert, die Anweisung zurückgeben, wenn nichts anderes vereinbart ist. Mache 
ich von dieser Befugnis Gebrauch oder verweigert der Angewiesene die Leistung, so 
muss ich dem Anweisenden unverzüglich Anzeige machen. Nimmt der Angewiesene 
dem Anweisungsempfänger gegenüber die Anweisung an, so ist er zur Erfüllung ver- 
pflichtet und kann auf Leistung verklagt werden (§ 784). 

§ 55. Schuldverschreibungen auf den Inhaber, § 793 ff. Es handelt 
sich hier um Inhaber papiere mit obligatorischen Verpflichtungen (vergl. oben 
§ 6 zu 3). Gläubiger ist der Eigentümer der Urkunde, aber der Aussteller muss 
dem Inhaber leisten, falls er ihm nicht nachweist, dass derselbe nicht berechtigt sei (z. 
B. dass er das Papier gestohlen habe). In Deutschland dürfen Inhaberpapiere, in denen 
die Zahlung einer bestimmten Geldsumme versprochen wird, nur mit staatlicher 
Genehmigung ausgegeben werden (§ 795) ; das Recht, Banknoten auszugeben, kann 
nur durch Beichsgesetz erworben werden. 

Erneuerung einer beschädigten Urkunde kann auf Grund des § 798 beansprucht 
werden; verloren gegangene und vernichtete Urkunden können aufgeboten werden (§§ 
799, 800). Früher war Ausserkurssetzung des Inhaberpapiers zulässig, jetzt 
ist es nur möglich, den Aussteller zu ersuchen, die Urkunde auf den Namen umzu- 
schreiben; der Aussteller ist aber dazu nicht verpflichtet (§ 806). 

Ueber die hinkenden Namenspapiere (vergl. oben § 6 zu 3), z. B. Spar- 
kassenbücher, (der Gläubiger ist benannt, die in der Urkunde versprochene Leistung 
aber kann an jeden Inhaber bewirkt werden) trifft § 808 Bestimmung : hier wird der 
Schuldner, wenn er an den Inhaber leistet, befreit; der Schuldner braucht aber nicht 
zu leisten ; um ein Recht auf Leistung zu erlangen, ist eine Abtretung notwendig, ohne 
letztere ist also die Rechtsstellung des Sparkassenbucherwerbers eine mangelhafte 
(vergl. oben § 35). 

§56. Vorlegung von Sachen und Duldung der Wegnahme 
(Exhibition). Mir ist ein Hund entlaufen, wie ich jetzt glaube ermittelt zu haben, 
befindet sich der Hund im Besitze des A; letzterer besitzt seit einiger Zeit einen Hund, 
der dem meinigen sehr ähnlich ist; um mir Gewissheit zu verschaffen, ob der Hund 
der meinigo ist, muss A mir die Besichtigung des Hundes gestatten. Der Servitutbe- 
rechtigte hat ein Interesse, zu ermitteln, ob ein zur gehörigen Ausübung seiner Ser- 

24) Vgl. Dernburg, Bürgert, ü. Bd. 2 S. 95, Seuffert, Archiv Bd. 16 Nr. 48. 



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186 XIV. Di ekel, Rechtsknnde. 

vitut erforderlicher Holzbestand vorhanden ist ; der Eigentümer und Besitzer des Waldes 
ist verpflichtet, ihm die Besichtigung des Waldes unter Zuziehung von Sachverstän- 
digen zu gestatten. Mein Knecht hat meinen Kalk auf einen fremden Acker gefahren, 
der Eigentümer und Besitzer des Ackers müssen mir gestatten, den Kalk fortzunehmen. 
Mit A habe ich einen schriftlichen Vertrag geschlossen; er sowohl wie ich hat ein 
Exemplar erhalten, jetzt ist mein Exemplar nicht aufzufinden, A muss mir die Einsicht 
seines Exemplars gestatten. 

Das B.Gr.B. hat folgende Bestimmungen: 

1. im allgemeinen §§ 809 bis 811, 

2. § 866 zu Gunsten des früheren Besitzers, § 1005 zu Gunsten des Eigentümers 
(Abholungsanspruch), 

3. § 962 ; bei Verfolgung eines Bienenschwarmes darf der Eigentümer des Schwanns 
fremde Grundstücke betreten, 

4. auch §§ 894 bis 898 betreffend Berichtigung des Grundbuches dürfte hierher 
zu rechnen sein. 

5. §§ 1044 beim Niessbrauch. 

Andererseits aber ist daran zu erinnern, dass gewisse Geheimnisse rechtlich 
geschützt sind: Briefgeheimnis (§ 299 St.GB.), Privatgeheimnisse (§ 300 St.G.B.), 
Betriebsgeheimnisse (§ 84 des ünfallversicherungsges. vom 6. 7. 1884), Geschäftsge- 
heimnisse (§ 9 des Reichsges. über den unlauteren Wettbewerb vom 27. Mai 1896). 

§ 57. Ungerechtfertigte Bereicherung, §§ 812 ff. Wer durch die 
Leistung eines anderen oder in sonst irgend einer Weise auf dessen Kosten etwas 
ohne rechtlichen Grund erlangt, ist ihm zur Herausgabe verpflichtet u. s. w. 
vergl. § 812. Namentlich besteht ein Rückforderungsrecht bei irrtümlich geleisteter 
Zahlung. Wer leistet, um den, der einen Anspruch erhebt, klaglos zu stellen, kann 
nur zurückfordern, wenn er nicht gewusst hat, dass die Forderung nicht bestand, oder 
wenn er sich das Recht auf Rückforderung vorbehielt. 

Die Verpflichtung zur Herausgabe erstreckt sich auch auf die gezogenen Nutz- 
ungen; sie ist aber ausgeschlossen, soweit der Empfänger nicht mehr bereichert ist 2*); 
eine Veränderung nach Zustellung der Bereicherungsklage oder nach sonstigem Eintritt 
der Rechtshängigkeit kommt zum Nachteile des Bereicherungsklägers nicht in Betracht 

§ 58. Unerlaubte Handlungen, §§ 823 ff. I. In §28 (oben S. 137) 
sind die allgemeinen Regeln des B.G.B. über den Schadensersatz mitgeteilt und 
ist der Schadensersatz im Falle der Verletzung einer bereits bestehenden Verbindlich- 
keit behandelt. Jetzt handelt es sich um Schadensersatz in solchen Fällen, in denen 
eine Verpflichtung erst durch die unerlaubte Handlung entsteht, z. B. bei Diebstahl, 
Jagdvergehen. In der Regel 2^) tritt eine Haftung nur im Falle eines Verschul- 
dens ein; und zwar (§§ 823 bis 826) namentlich: 

1. bei Rechtsverletzung: Verletzung des Lebens, des Körpers, der Gesundheit, 
der Freiheit, des Eigentums, oder eines sonstigen Rechts, (nicht aber bei blosser Ver- 
m ö g e n s beschädigung ohne Rechtsverletzung; vgl. Entsch. des Reichsgerichts Bd. 51 
S. 93); 

2. bei Gesetzes Verletzung : wenn jemand gegen ein den Schutz eines anderen 
bezweckendes Gesetz (Schutzgesetz) verstösst; namentlich gehören hierher die zahl- 
reichen Polizeigesetze, z. B. § 366 Nr. 8 Str.G.B. (Schiessen an einem von Menschen 
bewohnten Orte), § 368 Nr. 6 St.G.B. (Anzünden von Feuer an gefährlichen Stellen 

25) Weiter geht die Haftung des S c h 1 e c h t gläubigen (§ 819). 

26) Die Ausnahmen unten in § 59. 



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unerlaubte Handinngen. § 58. 187 

in Wäldern oder Halden), auch §§ 135, 136 der Gewerbeordnung (Beschränkung der 
Arbeit jugendlicher Personen) ; 

3. bei Kreditgefährdung, § 824; 

4. bei jeder vorsätzlich verübten Handlung , die gegen die guten Sitten verstösst 
z. B, Ableitung des Wassers, nur um den andern zu schädigen, absichtliche Erteilung 
eines falschen Rates, Aussetzung wilder Kaninchen. § 826 (actio doli, Klage wegen 
„illoyalen Handelns**); hier kommt jede Vermögensbeschädigung in Betracht (wesent- 
licher Unterschied von dem Falle zu 1). 

Nur wer verantwortlich ist, haftet ; nicht verantwortlich sind : a. Bewusst- 
lose und Geisteskranke § 827, b. Kinder (bis zum vollendeten 7. Jahre), c. Minder- 
jährige vom vollendeten 7. bis zum vollendeten 18. Jahre, wenn sie bei Bejahung der 
schädigenden Handlung nicht die zur Erkenntnis der Verantwortlichkeit erforderliche 
Einsicht gehabt hatten, d. Taubstumme wie zu c. 

In Frage kommt aber bei solchen Personen die Haftung des Vaters, der Mutter, 
des Vormundes, des Aufsehers und der anderen Aufsichtspflichtigen; subsidiär aber 
haften auch die an sich unverantwortlichen Personen, wenn die Billigkeit nach 
den Umständen, insbesondere nach den Verhältnissen der Beteiligten eine Schadloshal- 
tung erfordert, § 829. 

Haben mehrere einen Schaden gemeinschaftlich verübt (Mittäter, Gehilfen, 
Anstifter), so haften alle als Gesamtschuldner; das gleiche gilt, wenn sich nicht er- 
mitteln lässt, wer von mehreren Beteiligten den Schaden durch seine Handlung verur- 
sacht hat; Beteiligter ist nur der, welcher sich an der V er Übung der unerlaubten 
Handlung beteiligt hat. 

II. Eine Haftung für andere tritt ein: 

1. gemäss § 831 bei Versehen in der Auswahl und bei Beschaffung von Vor- 
richtungen und Gerätschaften, 

2. gemäss § 832 bei Erfüllung einer Aufsichtspflicht. 

Zu 1: Wer einen anderen zu einer Verrichtung bestellt, muss den Schaden er- 
setzen, den der Bestellte in Ausführung der Verrichtung einem dritten widerrechtlich 
zufügt, z. B. ein Unternehmer übernimmt die Herstellung eines Weges in meinem 
Walde, seine Arbeiter fahren bei dem Transport des erforderlichen Materials durch 
die Schonung ; ein Köhler bestellt einen Vertreter oder Gehilfen , derselbe beschädigt 
beim Fahren des Kohlholzes Bäume oder veranlasst einen Waldbrand, indem er 
den Kohlenmeiler nicht gehörig beaufsichtigt. Würden die Arbeiter des Unterneh- 
mers oder die Gehilfen des Köhlers die Gelegenheit benutzen, um für sich Holz zu 
stehlen oder Wilddieberei zu treiben, so würden die Arbeitgeber dafür nicht haften, 
denn dieser Schaden wird nicht in Ausführung der Verrichtung, sondern bei der 
Gelegenheit zugefügt. — Wer nach § 831 haftet, kann sich von der Haftpflicht 
befreien, indem er beweist, entweder, dass er bei Auswahl des bestellten Arbeiters 
die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet habe (z. B. sich auf gute Zeugnisse, 
gute Empfehlungen, die ihm zuverlässig erscheinen mussten, auf bewiesene Zuverlässig- 
keit verlassen habe) oder dass der Schade auch bei Anwendung dieser Sorgfalt ent- 
standen wäre z. B. bei stürmischem Wetter. 

Dies alles gilt auch für die Verrichtungen des Gesindes (Art. 95 E.G. z. B.G.B.). 

Nach dem Gesagten kann es sein, dass dem Beschädigten mehrere haften, z. B. 
der Gehilfe des Köhlers gemäss § 823, der Köhler selbst gemäss § 831 ; alsdann kann 
der Beschädigte nach seinem Belieben den Gehilfen oder den Köhler belangen, beide 
haften als Gesamtschuldner, § 840 Abs. 1 ; im Verhältnisse der Haftpflichtigen zu ein- 
ander aber haftet der zur Verrichtung Bestellte allein; wird im gesetzten Falle der 



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188 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Köhler vom Waldeigentümer belangt, so kann der Köhler gegen den Grehilfen, der den 
Schaden angerichtet hat, Rückgriff nehmen, § 840 Abs. 2. 

Zu 2 : Ob die Aufsichtspflicht eine gesetzliche ist (z. B. die der Eltern) oder eine 
vertragsmässige, bleibt sich gleich. Der Aufsichtspflichtige kann sich, wenn er für 
einen Schaden der seiner Aufsicht unterstellten Person in Anspruch genommen wird, 
durch den Nachweis befreien, dass er seiner Aufsichtspflicht gehörig genügt oder dass 
der Schade auch bei gehöriger Aufsichtsführung entstanden wäre. Im übrigen gilt 
§ 850 (vergl. oben zu 1 letzter Absatz). 

Berechtigt zur Erhebung einer Schadensersatzklage ist der Verletzte, 
wer mittelbar benachteiligt ist, z. B. bei einer Tötung des dritten, dem der 
Getötete unterhaltspflichtig war , in den gesetzlich bestimmten Fällen (§§ 844 Ab- 
satz 2, 845). 

Wer auf Schadensersatz klagt, muss darlegen die schädigende Handlung, den 
Eintritt des behaupteten Schadens, den ursächlichen Zusammenhang, das Verschulden 
des Beklagten. Werden diese Tatsachen bestritten, so muss der Kläger beweisen; 
gelingt ihm dies nicht, so unterliegt er. 

Der Beschädiger muss vollen Ersatz sein; vergl. obenS. 140 zu 3, 4; vergl. ferner 
für den Fall einer Verletzung der Person, der Körperverletzung, der Tötung §§ 842 
bis 847. Wer eine Sache dem Berechtigten durch unerlaubte Handlung entzogen hat, 
z. B. Diebstahl (auch wohl Jagdvergehen durch Fortnahme eines Geweihes oder des 
Schädels eines verendeten Tieres mit Geweih), muss die Sache zurückgeben, er haftet 
ebenso selbstverständlich für Untergang und Verschlechterung, die er verschuldet hat; 
er haftet auch für den Fall, dass die Rückgabe durch Zufall unmöglich geworden ist, 
ausgenommen den Fall, dass der zufällige Schaden auch ohne die Entziehung einge- 
treten wäre, § 848. — Gemäss § 849 sind auch Zinsen zu zahlen. 

Der Beklagte hat Gegenansprüche wegen Verwendungen, die er auf die Sache 
machte, wie der Besitzer einer Sache, der von dem Eigentümer auf Herausgabe be- 
langt wird; regelmässig wird als Beschädigter der Eigentümer klagen, doch kommt 
es auf den Nachweis des Eigentums nicht an"), § 850, §§ 994 ff. B.G.B. 

Das Recht auf Schadensersatz verjährt in 3 Jahren von dem Zeitpunkt an, in 
welchem der Verletzte Kenntnis von dem Schaden und der Person des Ersatzpflichtigen 
erhalten hat; erlangt der Beschädigte diese Kenntnis nicht, so tritt Verjährung in 
30 Jahren ein, § 852; vergl. § 853. 

§ 59. Unerlaubte Handlungen, Fortsetzung. Besondere Fälle: I. Haftung 
für Einsturz, §§ 836 bis 838. II. Haftung der Beamten: für Verletzung der ihnen 
einem dritten gegenüber obliegenden Amtspflicht und zwar a. bei vorsätzlicher 
Beschädigung unmittelbar, b. bei fahrlässiger nur subsidiär, d. h. wenn der Ver- 
letzte nicht auf andere Weise Ersatz zu verlangen vermag 2®). Die Ersatzpflicht des 
Beamten tritt nicht ein, wenn der Verletzte vorsätzlich oder fahrlässig es unterlassen 
hat, den Schaden durch Gebrauch eines Rechtsmittels abzuwenden, § 839 Abs. 3. Es 
kann der Fall eintreten, dass jemand einen dritten beschädigt und dass gleichzeitig 



27) Der Beschädiger darf den Ersatz dem bisherigen Besitzer leisten ; dieser wird als 
der Berechtigte angesehen. Ist der Besitzer nicht der wahre Eigentümer, so wird der Be- 
schädiger doch durch Leistung des Schadensersatzes an den Besitzer befreit, ausgenommen, 
wenn er weiss, dass ein dritter Eigentümer ist oder wenn er dies wegen grober Fahrlässig- 
keit nicht weiss, § 851. 

28) Verursacht der Grundbuch beamte einen Schaden durch sein Verschulden, so 
haftet dem Beschädigten die Körperschaft, in deren Diensten er steht : Staat, Gemeinde u. s. w., 
§ 12 Gmdb.-O. 



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Unerlaubte Handlungen. § 61. 189 

ein Beamter haftet, weil er den Beschädiger nicht gehörig beaufsichtigt hat; alsdann 
haften zwar dem Beschädigten der Beschädiger und der Beamte als Gesamtschuldner, 
im Verhältnisse der beiden Haftpflichtigen aber zu einander haftet der Beschädiger 
allein, der Beamte kann also, wenn er den dritten entschädigen muss, gegen den Be- 
schädiger Rückgriff nehmen, § 841. 

in. Haftung ohne Verschulden: 

1. für Tiere, §§ 833, 834 B.G.B. das Gesetz verordnet eine Haftpflicht für 
den Fall, dass durch ein Tier ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit 
eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt wird, also z. B. für den Fall, dass 
ein Hund einen Menschen oder ein fremdes Tier beisst, oder etwa in unseren Wild- 
park oder auch in freier Wildbahn ein jagdbares Wild zerreisst, für den Schaden, den 
unsere Bienen an einer Stelle, an der Zucker verarbeitet wird, anrichten. Dagegen 
tritt keine Haftung gemäss §§ 833, 834 ein, wenn z. B. unser Hund jemanden ver- 
hindert, ein bestimmtes Grundstück zu betreten, in solchem Falle entsteht eine Haftung 
nur, wenn die S. 186 ff. angegebenen Voraussetzungen vorliegen; femer scheiden die 
erwähnten beiden §§ aus bei Wildschaden, soweit dieser § 835 geregelt ynid, und bei 
dem Schaden, der durch das Zuwiderhandeln gegen ein zum Schutze von Grundstücken 
erlassenes Strafgesetz verursacht wird, da die Erledigung dieser Angelegenheit gemäss 
Art. 107 E.G. z. B.G.B. (vergl. auch Art. 89) der Landesgesetzgebung überlassen ist. 

Unerheblich ist es, ob das Tier seiner Natur gemäss oder entgegen seiner Natur 
ob es aus eigenem Antrieb oder, nachdem es durch jemanden gereizt war, den Schaden 
angerichtet hat ; wenn also z. B. jemand meinen Hund auf einen Menschen gehetzt hat, 
so hafte ich gleichwohl, weil ich das Tier halte; selbstverständlich haftet in solchem 
Falle gemäss § 823 auch der, welcher das Tier gehetzt hat, dem Verletzten; gemäss 
§ 840 haften wir beide als Gesamtschuldner. Ganz unerheblich ist es, ob den, der das 
Tier hält, irgend ein Verschulden trifft, deshalb haftet z. B. auch der Eigentumer eines 
bissigen Hundes, wenn ein dritter ganz unbefugterweise den Hund losgelassen hat 
und letzterer demnächst einen Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt. Es haftet : 

a. wer das Tier hält; dies kann der Eigentümer oder der Niessbraucher oder 
der Mieter, überhaupt jeder sein, der für das Tier dauernd sorgt ; für einen mir zuge- 
laufenen Hund, dessen ich mich nur vorläufig angenommen habe, hafte ich also nicht, 
(es haftet der Tierhalter); ist mir ein Hund entwendet worden, so hafte ich füg- 
lich nicht mehr, da ich das Tier nicht mehr halte; femer haftet 

b. auch der, welcher die Führung der Aufsicht über ein Tier vertragsmässig 
übernommen hat, z. B. der Kutscher , der Hirt ; die Verantwortlichkeit tritt nur dann 
nicht ein, wenn der Aufseher dartut, dass er bei Führung der Aufsicht die im Ver- 
kehr erforderliche Sorgfalt beobachtet hat oder dass der Schade auch bei Anwendung 
dieser Sorgfalt entstanden sein würde. 

Beschädigen sich mehrere Tiere gegenseitig, so kann jeder der beiden Tierhalter 
von dem andern Ersatz des entstandenen Schadens beanspruchen. 

Hat der Beschädigte das Tier gereizt und dadurch selbst den Schaden veranlasst, 
so kommt zum Nachteile des Beschädigten der § 254 B.G.B. zur Anwendung (vergl. 
oben S. 139 zu d). 

2. Wildschaden, § 835; vgl. unten im Jagdrechte. 

§ 60. Unerlaubte Handlungen. Forts. Der Landes gesetzgebung ist es vorbe- 
halten, Bestimmungen zu treffen über 

1. Die zum Schutze der Grundstücke und der Erzeugnisse von Grund- 
stücken gestattete Pfändung von Sachen mit Einschluss der Vorschriften über die 
Entrichtung von Pfandgeld oder Ersatzgeld (Art. 89 E.G.) (vergl. oben § 22 gegen 



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190 XrV. Dickel, Rechtskunde. 

Ende). In Betracht kommen hier namentlich die Bestimmungen der Feld- und Forst- 
polizeigesetze, wie sie sich in fast allen deutschen Landesgesetzen finden. 

2. lieber die Verpflichtung zum Ersätze des Schadens, der, durch das Zuwider- 
handeln gegen ein zum Schutze von Grundstücken erlassenes Strafgesetz verursacht 
wird (Art. 106 E.G.). Hiemach kann die Landesgesetzgebung eine weitergehende Haf- 
tung, als das B.G.B. sie zulässt, verordnen, namentlich also auch in den Fällen, in 
denen kein Verschulden vorliegt; gedacht ist nach den Motiven besonders an die zum 
Schutze der Feld- und Wald grundstücke gegebenen Polizeistrafbestimmungen ; ins- 
besondere kann die Landesgesetzgebung in weitestem Masse eine Haftung dritter Per- 
sonen, besonders derer, unter dessen Gewalt oder Aufsicht oder in dessen Diensten der 
Beschädiger steht, bestimmen; derartige Haftungen linden sich in den Forststrafge- 
setzen sowie in den Feld- und Forstpolizeigesetzen sehr vieler Bundesstaaten. Der 
Artikel 107 ermöglicht eine Haftung dritter Personen auch in anderen Rechtsmaterien 
als in denen, welche gemäss weitergehende Vorbehalte, z. B., Jagdrecht, der Landes- 
gesetzgebung überlassen sind, z. B. in den Fällen der §§ 368 Nr. 9, 370 Nr. 1, 2 
St.G.B. 29). 

3. lieber die Verpflichtung zum Ersätze des Schadens der bei einer Zusammen- 
rottung, einem Auflauf oder einem Aufruhr entsteht (Art. 108 E.G.). 

§ 61 . Unerlaubte Handlungen. Fortsetzung. Geltendmachung des Scha- 
densersatzanspruches : 

1. in der Regel im Zivilprozess und zwar entweder bei dem Gerichte des 
Wohnortes des Beklagten (§§ 12, 13 Z.P.O.) oder auch bei dem Gerichte, in dessen 
Bezirke die unerlaubte Handlung begangen wurde (§ 32 Z.P.O.) 

Gemäss § 287 Z.P.O. entscheidet das Gericht unter Würdigung aller Umstände 
nach freier Ueberzeugung, ob ein Schade entstanden ist und wie hoch er sich oder 
das zu ersetzende Interesse belaufe. Das Gericht kann auch anordnen, dass der Be- 
weisführer den Schaden oder das Interesse eidlich schätze; in diesem Falle hat das 
Gericht zugleich den Betrag zu bestimmen, welchen die eidliche Schätzung nicht über- 
steigen darf. 

2. Ausnahmsweise auch im Straf prozesse, so namentlich bei Forst dieb stahl 
und gewissen Uebertretungen der Feld- und Forstpolizeigesetze. 

So z. B. nach preuss. F.D.G. vom 15. 4. 1878: der Richter hat in allen Fällen von 
Amtswegen neben der Strafe die Verpflichtung des Schuldigen zum Ersätze des Wertes 
des Entwendeten an den Bestohlenen auszusprechen ; ist ein weiterer Schade 
entstanden, z. B. im Falle der Verübung eines Forstdrebstahls durch Entwendung der 
Haupttriebe stehender Bäume, oder in einer Schonung, so muss im Zivilprozesse geklagt 
werden. So ferner nach § 68 des preuss. F.Z.P.G., wenn die Entscheidung über eine Feld- 
entwendung durch den Richter auf Grund der Hauptverhandlung erfolgt; der Richter hat 
alsdann auf Antrag des Beschädigten neben der Strafe die Verpflichtung des Schuldigen 
zum Ersätze des nach den örtlichen Preisen abzuschätzenden Wertes des Entwendeten an 
den Beschädigten auszusprechen ; im übrigen muss im Zivilprozesse geklagt werden (§ 67). 
(Aus den gesetzlichen Bestimmungen, in welchen der Beschädigte auf den Zivilprozess ver- 
wiesen wird, ist in einer schöff^engerichtlichen Entscheidung entnommen worden, dass der Eigen- 
tümer nicht befugt sei, einem Forst- oder Felddieb, den er auf frischer Tat ertappt, die 
entwendeten Gegenstände wieder abzunehmen ; in einem Falle hatte der Forstbeamte von 
einem Laubdiebe, den er beim Aufladen des zusammengerechten Laubes betraf, verlangt, 
das aufgeladene Laub wieder abzuladen, und hatte, da der Dieb dies verweigerte, selbst 
das Laub abgeladen; das Schöifengericht erklärte dies Verhalten des Beamten für unge- 



29) Vgl. z. B. Preussen §§ 11, 12, Forstdiebst. Gos. v. 15. 4. 1878 § 5 P.F.P.G. 
V. 1. 4. 1880; Baden, Forststrafges. v. 15. 2. 1879 §§ 13, 17, 23, Elsass-L o thr. 
Forststrafges. v. 28. 4. 1880 §§ 3, 4. 



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Besitz, § 63. 191 

rechtfertigt und sprach aus, der Waldeigentümer hätte nur das Recht auf Bezahlung des 
Wertes gehabt and dies im Zivilprozesse geltend machen müssen. Dies ist ganz falsch. 
Jeder Besitzer ist befugt, sich einem Diebe gegenüber im Besitze zu erhalten und ihm die 
entwendete Sache mit Gewalt wieder abzunehmen (§ 859 Abs. 2 B.G.B. ; vgl. unten § 63 
zu y, 3, b) ; so gut ich Yon diesem Rechte gegen einen Landstreicher Gebrauch machen kann, 
der sich auf mein Pferd oder mein Rad setzt, um damit zu verschwinden, so gut kann 
ich dies als Waldbesitzer gegenüber dem, der mir Laub entwendet. 

Einige Landesgesetze enthalten besondere Bestimmungen, so z. B. § 9 Abs. 2 
preuss. F.D.G. „der Wert des Entwendeten wird sowohl hinsichtlich der Geldstrafe als 
hinsichtlich des Ersatzes, wenn die Entwendung in einem Königlichen Forste verübt 
worden, nach der für das betreffende Forstrevier bestehenden Forsttaxe, in anderen 
Fällen nach den örtlichen Preisen abgeschätzt", § 68 Abs. 1 des preuss. F.F.P.G.: der 
Wert des Entwendeten wird nach den örtlichen Preisen abgeschätzt. Nach der Forst- 
strafgesetzgebung einzelner Staaten ist vom Strafrichter nicht nur auf den Ersatz des 
Wertes, sondern auch mit auf denjenigen des besonderen Schadens zu erkennen. 

Drittes Buch: Sachenrecht« 

§ 62. Vorbemerkung. Das B.G.B. behandelt in den §§ 854 ff. zunächst 
den „Besitz" und gibt „allgemeine Vorschriften überRechte an Grund- 
stücken". 

1. Besitz ist tatsächliche Herrschaft über Sachgüter; diese ergibt sich 
aus der Natur der Lebensverhältnisse; der Mensch ist dauernd auf den Gebrauch der 
Sachgüter angewiesen. Besitz wird oft vulgär, wie auch in Gesetzen, z. B. in zahl- 
reichen Jagdgesetzen — im Sinne von Eigentum gebraucht, z. B. Gutsbesitzer. Juristisch 
aber ist scharf zu unterscheiden : Besitz ist tatsächliche Herrschaft , Eigentum 
ist rechtliche Herrschaft ; der Dieb, der Wilderer werden trotz der Unrechtmässig- 
keit ihres Erwerbes Besitzer, nicht aber Eigentümer; Eigentum und Besitz brauchen 
also nicht in einer Hand vereinigt zu sein; aber nach dem Gesetze besteht doch eine 
enge Beziehung : bei der beweglichen Sache wird in der Regel — der Lebenserfahrung 
entsprechend — vermutet, dass der Besitzer der Eigentümer sei (§ 1006); auch inso- 
fern liegt im Besitze eine rechtliche Macht, als der Besitz, ohne dass es auf die 
Prüfung des zu Grunde liegenden Rechts ankommt, in der Regel geschützt wird (Selbst- 
verteidigung, Selbsthilfe, Klage, vgl. S. 193 zu V) ; dies geschieht, um den Rechtsfrieden 
zu bewahren und zwar nicht bloss bei beweglichen, sondern auch bei unbeweglichen Sachen. 
— Auch insofern hat der Besitz eine grosse Bedeutung für das Recht, als er Mittel 
für den Rechts er wer b ist, z. B. ich werde Eigentümer eines herrenlosen Tieres durch 
Aneignung (§ 958), ich werde Eigentümer des gekauften Pferdes nicht durch Ab- 
schloss des Kaufs , sondern durch üebergabe des Verkäufers an mich (§§ 929) ; 
an einer beweglichen Sache kann mit Hilfe des Besitzes Eigentum durch Ersitzung 
erworben werden (§ 937). 

2. Wie der Besitz bei der beweglichen Sache, so hat die Eintragung eines 
Rechts im öffentlichen Buche (Grundbuche) für Grundstücke eine 
sehr grosse Bedeutung. Wer als Berechtigter eingetragen ist, von dem wird vermutet, 
dass er berechtigt sei; auch diese Vermutung ist, wie die Vermutung zu Gunsten des 
Besitzers einer beweglichen Sache, eine Erfahrungs Vermutung. Vielfach wird das 
Recht erst durch Eintragung erworben , z. B. ich werde Eigentümer des gekauften 
Onmdstficks nicht schon durch den Kauf, sondern durch Auflassung (§ 925) und Ei n- 

30) üeber straf rechtliche Folgerungen vgl. R.-G. in Strafs. Bd. 14 S. 307. D i c k e 1 , 
8. 330, Anm. 9. 



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192 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

tragung (§ 873 Abs. 1). 

§ 63. Besitz. I. Begriff. 1. Der Besitz ist tatsächliche Herrschaft 
(vgl. § 62 zu 1); es genügt aber selbstverständlich nicht jede augenblickliche Gewalt; 
es muss eine auf die Dauer angelegte Gewalt, ein befestigter Zustand geschaffen 
sein: z. B. ein Spaziergänger im fiskalischen Walde wird nicht Besitzer des Waldes, 
setzt er sich um auszuruhen auf einen Baumstamm, so wird er nicht Besitzer im Rechts- 
sinne; stelle ich eine Falle, um wildes Tier zu fangen, so werde ich, wenn es in die 
Falle gerät, nur Besitzer, falls es sich so fest gefangen hat, dass es sich nicht mehr 
selbst befreien kann. — 2. Die tatsächliche Gewalt braucht nicht körperliche 
Berührung zu sein, wie z. B. bei dem Stocke, den man trägt ; ich besitze vielmehr 
auch die Bäume und Erzeugnisse in meinem noch so entfernten Walde (vgl. Stengel 
S. 48, Anm.), (es kommt in vieler Hinsicht beim Besitze auf den Willen zu besitzen 
an ; ein geistiges Band wird regelmässig vorausgesetzt). — 3. Der Besitzer kann auch 
die erforderliche tatsächliche Gewalt durch einen andern ausüben (Besitz ge hilf e, Besitz- 
diener), z. B. Dienstboten, Forstaufseher, Jagdaufseher ; auch kann es sich um eine Vertre- 
tung im eigentlichen Sinne handeln, z. B. besitzen juristische Personen durch ihre Beamten. 

IL Arten: 1. E i g e n besitzer und F r e m d besitzer. Ersterer ist, „wer eine 
Sache als ihm gehörend besitzt" (§ 872); der Fremdbesitzer erkennt das Eigentum 
eines anderen an : a) der Verwaltungs besitzer z. B. Verwahrer, b) der Nutzung s- 
besitzer z. B. Niessbraucher , Mieter, Pächter. 2. Unmittelbarer und mittel- 
barer Besitzer (§ 868) , z. B. verpachte ich mein Grundstück und übergebe es dem 
Pächter, so wird letzterer unmittelbarer Besitzer, ich bin mittelbarer Besitzer. 3. V o 1 1- 
besitz und Teilbesitz (§ 865), z. B. ist es möglich, an stehenden Bäumen Besitz zu 
übertragen, obwohl die Bäume Teile des Grundstücks sind (der Besitzer aber kann 
nichtEigentümer der stehenden Bäume werden, da letztere wesentliche Bestand- 
teile des Grundstücks und also nicht Gegenstand besonderer Rechte sein können, §§ 93, 
94 Abs. 1). 4. Rechtmässiger Besitzer (z. B. der Käufer einer Sache) und un- 
rechtmässiger (z. B. der Wilderer). 5. Gutgläubiger und schlechtgläubiger 
Besitzer, je nachdem der Besitzer nicht weiss oder es weiss, dass er kein Recht zum 
Besitze hat. 6. Fehlerhaft ist der Besitz, wenn er durch verbotene Eigen- 
macht erlangt ist (§ 858 Abs. 1) ; der letzteren ist schuldig, wer dem Besitzer ohne 
dessen Willen den Besitz entzieht oder ihn im Besitze stört, es sei denn, dass das Ge- 
setz die Entziehung oder Störung gestatte ; die Entziehung kann gewaltsam oder heim- 
lich geschehen. 

III. Erwerb: Durch Erlangung der tatsächlichen Gewalt (§ 854). 1. ein- 
seitig, ursprünglich, originär, z. B. durch Aneignung eines bisher in Frei- 
heit gewesenen Tieres ; der Wunsch , der Wille über das Tier zu verfügen , genügt, 
nicht, ein Real akt ist erforderlich ; schiesst der Jäger auf ein Wild, so wird er noch 
nicht Besitzer, auch wenn das Tier tödlich getroffen ist, auch noch nicht, wenn das 
Tier verendet; eine Ergreifung ist nötig, natürlich braucht diese nicht notwendig in 
einer Berührung zu bestehen (vgl. D i c k e 1 S. 335 Anm. 19) ; 2. zweiseitig, ab- 
geleitet, derivativ, d. h. von einem bisherigen Besitzer; a) körperlich z. B. 
Hingabe einer Sache von Hand zu Hand, b) durch einfachenVertrag: a) kurzer 
Hand (brevimanu traditio) z. B. ich habe dem A ein Pferd geliehen, jetzt verkaufe 
ich es ihm und wir vereinbaren, dass er es behalten soll (hierdurch erlangt A den 
Eigen besitz), (vgl. § 929 Satz 2), ß) constitutum possessorium z. B. ich 
verkaufe das in meinem Stalle befindliche Pferd mit der Abrede, dass ich es noch 
14 Tage als Verwahrer behalten soll (vgl. § 930). — Der Besitz kann auch durch 
einen Stellvertreter oder Gehilfen erworben werden, z. B. durch einen angestellten 



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Allgemeine Vorschriften über Hechte an Grundstücken. § 64. 193 

Jäger oder Jagdgast. 

IV. Verlust des Besitzes: wenn die tatsächliche Gewalt aufhört (freiwillig oder 
unfreiwillig) § 856; eine vorübergehende Verhinderung in der Ausübung der Gewalt 
beseitigt den Besitz nicht, z. B. ich bleibe Besitzer des in meinem Walde liegenden 
Holzes , auch wenn ich mich zu Hause beftnde , selbst dann , wenn ich wegen eines 
Naturereignisses im Augenblicke nicht über das Holz verfügen kann. — Der Besitz er- 
lischt nicht durch den Tod, geht vielmehr auf die Erben über, § 857. 

V. Wirkungen: 1. Vermutung für das Recht zum Besitze bei beweglichen 
Sachen (§ 1006), 2. Mittel zum Erwerbe von Rechten, 3. Selbsthilfe gegen ver- 
botene Eigenmacht (§ 859 Abs. 1) : a) Recht der Selbst Verteidigung, wie bei jedem 
Angriffe (vgl. oben § 22), b)Wiederbemächtigungs recht sofort nach der Ent- 
ziehung (§ 859 Abs. 2, 3); diese Rechte stehen auch dem Vertreter, namentlich dem 
Beamten , auch dem Besitzgehilfen (§ 860 , vgl. oben zu I, 3) zu ; 4. B e s i t z k 1 a g e 
steht jedem Besitzer (dem Fremdbesitzer wie Eigenbesitzer, dem mittelbaren wie dem 
unmittelbaren Besitzer u. s. w.), auch dem Erben, dem Käufer oder einem anderen 
Sondemachfolger , — wenn ihm der Anspruch mit abgetreten ist, — dagegen nicht 
dem Besitzgehilfen zu; sie richtet sich gegen den, der den Besitzer entsetzt oder 
gestört hat , dies kann auch eine juristische Person sein ; sie geht auf Wiederein- 
räumung des entzogenen Besitzes bezw. auf Beseitigung der Störung; die Klage ist 
nur innerhalb eines Jahres zulässig (§§ 861, 862); die Besitzklage geht nicht auf 
Schadeusersatz; letztere Klage setzt Verschulden auf selten des Störers voraus, die 
ßesitzklage dagegen nicht. (Näheres D i c k e 1 S. 340 ff.); 5. Abholungsauspruch, 
(§ 867), z. B. der Nachbar muss dulden, dass ich mein auf sein Grundstück gerolltes 
Stück Holz zurückhole (vgl. oben § 56). 

VI. Rechtsbesitz. Das B.G.B. erkennt im allgemeinen nur Besitz an Sachen, 
d. h. körperlichen Gegenständen (§ 90) an; an Rechten kommt der Besitz nur aus- 
nahmsweise vor: 1. an Rechten, die nach § 96 B.G.B. Grundstücksbestandteile sind 
z. B. Grunddienstbarkeiten, 2. bei Grunddienstbarkeiten (§ 1029) (vgl. unten § 76 zu 
VII unter B) und besonders bei beschränkten persönlichen Dienstbarkeiten (§ 1090); 
3. nach der Landesgesetzgebung : a) in den ihr vorbehaltenen Rechtsmaterien, z. B. 
Wasserrecht, b) in den besonders bestimmten Fällen, namentlich bei Gninddienstbar- 
keiten gemäss Art. 128, 187, 191 Abs. 2 Einf.-Ges. 

§ 64. Allgemeine Vorschriften über Rechte an Grundstücken. 
Wenn ich ein Grundstück kaufen will oder wenn ich es mir zur Sicherheit für ein zu 
gebendes Darlehn verpfänden lassen will, sowie in manchen anderen Fällen, habe ich 
ein Interesse, zu erfahren, wer Eigentümer der Liegenschaft ist, welche Lasten darauf 
ruhen. Um eine Erkennbarkeit der dinglichen Rechtsverhältnisse zu gewähren, 
ist das Grundbuch eingeführt; (über geschichtliche Entwicklung vgl. Di ekel S. 345 
Anm. 46). Das Grundbuch hat öffentüchen Glauben (§§ 892, 893), d. h. ich darf an- 
nehmen, es sei richtig und vollständig; das Sprichwort sagt „wer dem Buche glaubt, 
kommt nicht zu Schaden", z. B. ich kaufe ein Grundstück von dem als Eigentümer 
eingetragenen A, erhalte Auflassung und werde als Eigentümer eingetragen, nachher 
stellt sich heraus, dass A versehentlich eingetragen und nicht Eigentümer war; da 
ich keine Kenntnis von der Unrichtigkeit des Grundbuchs hatte, so werde ich ge- 



31) Natürlich muss die Einigung rechtswirksam sein ; ist sie nichtig, z. B. weil der 
eine Teil wahnsinnig ist , oder wird sie später wegen Irrtums , Betrugs angefochten und 
treten deshalb nachher die Wirkungen der Nichtigkeit ein (g 142), so gilt die erwartete 
Rechtsänderung als nicht eingetreten. 

Handbuch d. Forttw. 2. Aufl. IV. 13 



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194 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

schützt, ich habe trotz der Unrichtigkeit der Eintragung das Eigentum erworben 
(§§ 892, 893). Geschädigt ist der dritte, dessen Eigentum nicht eingetragen war; hat 
ein Grundbuchbeamter durch sein Versehen den Schaden verursacht, so haftet dem Ge- 
schädigten der Staat, der gegen den Beamten Rückgriff nehmen kann (§12 Grund- 
buchordn.). Aus dem Gesagten ergibt sich die Regel, dass dingliche Rechte am Grund- 
stücke zu ihrer Wirksamkeit der Eintragung bedürfen (Eintragungszwang) ; dies gilt 
nach B.G.B. auch für Grunddienstbarkeiten, die nach Anlegung des Grundbuchs ent- 
stehen. — Das Grundbuch besteht bereits in den meisteü Teilen Deutschlands; wo es 
noch nicht besteht, muss es eingerichtet werden; bis es angelegt ist, gilt das ältere 
Recht nach Massgabe des Art. 189 E.G. ; landesherrliche Verordnung bestimmt das bei 
der Anlegung zu beobachtende Verfahren und besonders den Zeitpunkt, in welchem das 
Grundbuch als angelegt gilt (Art. 186 E.G.). 

I. Ueber die Erfordernisse der Erwerbung, Belastung, Aenderung, Auf- 
hebung von Rechten durch Rechtsgeschäfte treffen §§ 873 bis 878 Bestimmung. 
§ 873 enthält die das ganze Immobiliarsachenrec ht beherrschende 
Regel: zur üebertragung des Eigentums, zur Belastung mit einem Rechte sowie zur 
Cebertragung oder Belastung eines solchen Rechts ist erforderlich : I.Einigung des Be- 
rechtigten und des anderen Teils über den Eintritt der Rechtsänderung, 2. die Ein- 
tragung der Rechtsänderung in das Grundbuch (also: dinglicher Vertrag und 
Eintragung). — Zur Aufhebung des eingetragenen Rechts ist in der Regel Er- 
klärung des Berechtigten und Löschung erforderlich. 

II. Rangordnung,- §§ 879 bis 882. In derselben Abteilung ist die 
Reihenfolge massgebend , soweit nicht etwas anderes eingetragen ist ; stehen die 
Rechte in verschiedenen Abteilungen eingetragen , so hat das Recht den Vorrang 
(Priorität) , das unter Angabe eines früheren Tages eingetragen ist ; Rechte unter An- 
gabe desselben Tages haben gleichen Rang (Parität). 

III. Vormerkungen, §§ 883 ff. Ein obligatorisches Recht, das niemals 
dinglich werden kann, ist niemals eintragungsfähig, z. B. Miete oder Pacht, Kauf 
stehenden Holzes auf Abholzung (vgl. oben § 39, VI zu 6). Handelt es sich dagegen 
um ein obligatorisches Recht, das durch Eintragung dinglich werden kann und soll, 
z. B. Niessbrauch, Reallast, Grunddienstbarkeit, so kann es schon durch eine Vor- 
merkung gesichert werden. Eine solche kann eingetragen werden auf Grund 
der Bewilligung desjenigen, dessen Recht von der Vormerkung betroffen wird oder auf 
Gi-und einer einstweiligen Verfügung. Ist mir von einem Grundeigentümer 
nur Recht auf Erwerb z. B. einer Reallast — zunächst also nur obligatorisch einge- 
räumt — es fehlt aber noch die Eintragungsbewilligung und der Verpflichtete zögert, 
sie mir zu erklären, so wird möglicherweise mein Recht gefährdet; alsdann kann ich 
gemäss g§ 940 ff. Z.P.O. den Prozessrichter (entweder das Gericht der Haupt- 
sache oder das Amtsgericht, in dessen Bezirke das Grundstück belegen ist), um Erlass 
einer einstweiligen Verfügung ersuchen; zum Zwecke der Beschleunigung ist das Pro- 
zessgericht befugt, das Grundbuchamt um Eintragung zu ersuchen (§ 941 Z.P.O.) ; das 
letztere entspricht dem Ersuchen. 

Habe ich bereits ein dingliches Recht, das im Grundbuche nicht eingetragen 
ist, so kann, wenn sich im Grundbuch eine Unrichtigkeit findet, ein Widerspruch 
eingetragen werden (§ 899) , z. B. ich bin Eigentümer eines Grundstücks oder eines 
Teiles desselben, aber ein anderer steht als Eigentümer eingetragen. 

IV. Grundbuchberichtigung (§§ 894 bis 899). Enthält das Grundbuch 
eine Unrichtigkeit und steht deshalb sein Inhalt mit der wirklichen Rechtslage nicht 
im Einklänge, so kann der, welcher durch die unrichtige Eintragung betroffen wird, 



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Allgemeine Vorschriften über die Rechte an Grandstücken. § 64. 195 

die Zastimmung zu der Berichtigang von dem verlangen, dessen Recht durch die Be- 
richtigung betroffen wird, z. B. ich bin Eigentümer des Gnindstücks, es steht aber H 
als Eigentümer infolge eines Irrtums eingetragen, so ist H verpflichtet, darein zu 
willigen, dass ich als Eigentümer eingetragen werde ; die Kosten treffen mich (§ 897). 
Der Anspruch auf Berichtigung kann, wie schon oben zu III Abs. 2 bemerkt, durch 
Widersprach im Grundbuche sichergestellt werden; er ist unverjährbar (§ 898). 

V. Ansprüche aus eingetragenen Rechten verjähren nicht, ebensowenig ein 
Recht, zu dessen Gunsten ein Widerspruch eingetragen ist; dagegen verjähren An- 
sprüche auf Rückstände wiederkehrender Leistungen oder auf Schadensersatz (§ 902). 

VI. Aus der Reichsgrundbuchordnung vom 24. März 1897: Die Grundbücher 
werden von den Grundbuchämtem geführt : es sind dies meist ausschliesslich die Amtsge- 
richte, so namentlich in Preussen ; regelmässig die Amtsgerichte, daneben auch andere Be- 
hörden und Beamte, so in Bayern, in beiden Mecklenburg (besondere Grundbuchämter für 
ritterschaftliche Landgüter) ; regelmässig nicht die Amtsgerichte, sondern andere Behörden, 
so in Baden (Notare), Württemberg (Bezirksnotare, für die standesherrlichen und ritter- 
schaftlichen Güter die Amtsgerichte). In der Regel erhält jedes Grundstück (ebenso 
die Rechte, welche als Grundstücke behandelt werden, vgl. oben § 6 zu 2) ein be- 
sonderes Grundbuchblatt; für mehrere Grundstücke desselben Eigentümers kann ein 
gemeinschaftliches Grundbuchblatt angelegt werden, falls keine Verwirrung zu besorgen 
ist. Jedermann, der ein berechtigtes Interesse dartut, hat Recht auf Einsicht des 
Grundbuchs. Eine Eintragung erfolgt in der Regel nur, wenn der, dessen Recht davon 
betroffen wird, sie bewilligt (Konsensprinzip) ; diese Bewilligung muss vor dem Grund- 
bnchamte zu Protokoll erklärt oder in ölfentlicher oder öffentlich beglaubigter Urkunde 
nachgewiesen werden. Durch landesherrliche Verordnung kann bestimmt werden (§ 91) 
der R.G.B.O.), dass „die Grundstücke des Fiskus oder gewisser juristischer Personen, 
die öffentlichen Wege und Gewässer, sowie solche Grundstücke, welche einem dem 
öffentlichen Verkehre dienenden Bahnuntemehmen gewidmet sind , nur auf Antrag ein 
Grundbnchblatt erhalten; das gleiche gilt von Grundstücken eines Landesherm und 
den Grundstücken, welche zum Hausgut oder Familiengut einer landesherrlichen Familie, 
der Fürstlichen Familie Hohenzollem oder der Familie des vonnaligen Hannoverischen 
Königshauses, des vormaligen Kurhessischen und des vormaligen Herzoglich Nassau- 
seben Fürstenhauses gehören" ; diese Grundstücke heissen buchungsfreie Grund- 
stücke ^*) ; der Eigentümer eines derartigen buchungsfreien Grundstücks kann, wenn das 
Grundstück im Grundbuch eingetragen ist, die Ausscheidung verlangen, vorausgesetzt, 



32) Die sämtlichen in § 90 erwähnten Grundstücke in Bayern (V. 1. 7. 98; Jurist. 
Fers, im Sinne des § 90 sind die Kreis- und Distriktsgemeinden, die politischen und Kirchen- 
gemeinden, die Ortschaften, die öffentl. Stiftungen, Klöster und Versicherungsanstalten f. In- 
valid.- und Alters versieh.}, so auch Braunschweig (V. 12. 6. 99, auch die Realgenossenschaften ; 
hinsichtlich der Forstgenossenschaften aber verbleibt es bei den Vorschriften des (les. Nr. 16 
V. 19. 5. 1890, betr. die ungeteilten Genossenschaftsforsten und der §§ 43, 44 des A.G. z. 
B.G.B. 12. 6. 99); Grundstücke des Reichs, die Domänen und sonstige Grundstücke des 
Staats, Grundstücke der Gemeinden und Kirchen , öffentliche Wege und Gewässer , (Jrund- 
stücke, die einem dem öffentlichen Verkehre dienenden Bahnunternehmen gewidmet sind , in 
Baden (§ 71 V. 13. 12. 00, daselbst auch Grundstücke des Landesherrn, Hausgut oder Fa- 
miliengnt der landesherrl. Familie), Bremen (§ 29 V. 19. 12. 99). Elsass-Lothringen (V. 
11. 12. 99), Hamburg (V. 14. 7. 99), Preussen (Art. 1 V. 13. 11. 99), Waldeck-Pyrmont 
•Art. 1 V. 20. 12. 99); öffentliche Wege, Plätze, (xewässer und die Marksteinschutzflächen 
izur Sicherung der trigonometrischen Messungen) in Anhalt (Art. 1 V. 10. 12. 99), öffent- 
liche (3ewasser in Hessen (§ 51 V. 13. 1. 00); für Reuss alt. Linie vgl. § 5 V. 24. 3. 97, 
fllr Sachsen § 5 V. 26. 7. 99. 

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196 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

dass eine Eintragung, von welcher das Recht des Eigentümers betroffen wird, z. B. 
eine Grunddienstbarkeit, nicht vorhanden ist. 

§ 65. Eigentum. Das Eigentum ist ein Recht (Unterschied vom Besitze, 
der zunächst nur Tatsache ist!), und zwar ein Vermögensrecht, also ein Pri- 
vatrecht, und zwar ein dingliches Privatrecht und zwar das stärkste ding- 
liche Recht , das es gibt. Der Inhalt des Eigentums ergibt sich nicht aus der Logik 
gleichmässig für alle Völker und alle Zeiten (wie etwa 2 mal 2 immer und überall 4 
war und ist), er ist ein geschichtlich gewordener. Man kann sich das Eigentum 
mehr heidnisch -individualistisch, man kann es sich mehr christlich-sozial denken; der 
letztere Standpunkt fand einen geeigneten Boden im germanischen Rechte. 

Nach dem B.G.B. hat der Eigentümer einer Sache die Befugnis, mit ihr nach 
Belieben zu verfahren und andere von jeder Einwirkung auszuschliessen , soweit nicht 
das Gesetz oder Rechte dritter entgegenstehen (§ 903). So gewiss das Eigentum das 
umfassendste Vermögensrecht ist, das es gibt, so ist es doch kein völlig unbeschränktes 
Recht ; ein solches Recht gibt es überhaupt in keinem Staate, in welchem die Tyrannei 
verboten ist ; aber das Eigentum ist ein verhältnismässig unbeschränktes Recht. 
Das Gesetz geht von der Eigentums f r e i h e i t aus. Wer ein Recht zur Einschränkung 
behauptet, muss dies dartun. Auch bei der Frage der Zulassung von „Inmissionen*' 
in ein fremdes Grundstück geht das B.G.B. nicht etwa von der Inmissionsfreiheit, 
sondern von der Eigentumsfreiheit aus (vgl. unten S. 202 zu a). 

Der Eigentümer darf also z. B. auch sein Grundstück umzäunen, also auch einen 
Wildpark anlegen , so dass es dem in seinem Parke befindlichen Wilde nicht mög- 
lich ist, die Grenze zu überschreiten ; er darf sogar Einsprünge anlegen , wodurch es 
ihm möglich ist, das herrenlose Wild sich anzueignen. Unzulässig aber ist ein solches 
Verfahren hinsichtlich der jagdbaren Tiere, wenn die Jagdgesetze des betreifenden 
Landes es verbieten ^*) ; denn die Regulierung des Jagdrechts ist der Landesgesetzgebung 
vorbehalten (Art. 69 Einf .-Ges.) ; das Reichsrecht kommt also bezüglich des Jagdrechts 
erst dann zur Anwendung, wenn die Landesgesetzgebung es gestattet; Art. 69 macht 
nur 2 Ausnahmen, welche im vorliegenden Falle nicht in Frage stehen. 

Das Eigentumsrecht an einem Grundstück „erstreckt sich auf den Raum über 
der Oberfläche und auf den Erdkörper" (auch der Keller und Höhlen, vgl. Entsch. des 
R.G, inZ.S. Bd. 28 S. 152) „unter der Oberfläche« (§ 905). Massgebend ist also die 
vertikale (perpendikuläre) Fläche nach oben und nach unten (vgl. oben § 6 zu 5) ; 
dies gilt namentlich für einen in der Erde auf der Grenze liegenden Stein, ich kann 
ihn bis zur vertikalen Grenzfläche abhauen, denn soweit steht er in meinem Eigentume. 
Die vertikale Grenzfläche ist auch mass gebend für eine auf der Grenze stehende Mauer 
für Bäume auf der Grenze. Für Bäume würde daraus folgen, dass jeder Eigentümer den 
Baum bis zur Grenzfläche beseitigen dürfe, weil aber dadurch der Baum vernichtet wurde, 
so trifft § 923 B.G.B. eine besondere Bestimmung; für Wurzeln und Zweige gibt § 910 
B.G.B. eine Vorschrift. — § 905 bestimmt noch : „Der Eigentümer kann Einwirkungen 
nicht verbieten, die in solcher Höhe oder Tiefe vorgenommen werden, dass er an der 
x^usschliessung kein Interesse hat", z. B. Durchfliegen der Brieftauben oder eines Luft- 
ballons. — Man hat wohl gesagt: Das Eigentum an einem Grundstück erstrecke sich 
nach unten bis zum Mittelpunkte der Erde und nach oben unbegrenzt. Dies ist eine 

34) Nach A.-L.-R. § 60 11 16 war es verboten, ohne obrigkeitliche Erlaubnis ^ ver- 
zäunte Gehege, zum Schaden der Nachbarschaft und Hemmung des Wildwechsels zu errichten, 
Einsprünge anzulegen oder die Grenzen nächtlich zu verlappen" . Das preuss. Ober- 
tribunal hat am 22. 9. 1874 (Entsch. Bd. 73 S. 72) die Anlegung von Einsprüngen seit dem 
Ges. vom 31. 10. 1848 für zulässig erklärt. 



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Begrenzung des Eigentums. § 66. 197 

phantastische Auffassung; es handelt sich um ein reales Verliältnis. Das Eigentum 
kann nicht weiter gehen, als das Grundstück wirtschaftlich ausgenützt werden kann 
(als die Herrschaft der Menschen reicht) ; insoweit kann man von der Luftsäule sprechen 
und sagen, das Eigentum des Grundstückseigentümers besteht an dem Erdkörper einer- 
seits, an der Luftsäule andererseits. Die Luftsäule ist der Raum über der Erdober- 
fläche, nicht die Luft als solche (letztere ist überhaupt keine Sache im Rechtssinn). 
— Das Eigentum an einer Waldung umfasst „nicht bloss die Holznutzung, sondern 
auch alle. sog. Forstnebenbenutzungen, mit Einschluss der im Boden befindlichen Erden 
und Steine und des Torfs. Ausgenommen sind aber jene Mineralien, die dem Berg- 
werkseigentum unterliegen" v. Stengel S. 51 Anm. Betreffs des Jagdrechts vgl. unten. 

Ein vor 1900 entstandenes Eigentum wird nach B.G.B. beurteilt (Art. 181 E.G. 
z. B.G.B.). 

Gegenstand des Eigentums kann im allgemeinen nur die körperliche Sache 
sein, Ausnahmen gelten für Realrechte als Grundstücksbestandteile (§ 96 B.G.B., vgl. 
oben S. 106, § 6 zu 6 am Ende) und Gerechtigkeiten, die wie Grundstücke behandelt 
werden, z. B. Erbbaurechte. 

§ 66. Begrenzung des Eigentums. Das Eigentum ist, wie in g 65 
bemerkt, kein unbeschränktes Recht; duroh zahlreiche Gesetze wird einerseits das 
Eigentumsrecht, andererseits der Eigentums i n h a 1 1 näher bestimmt; diese Be- 
grenzungen sind teils öffentlich rechtlicher, teils p r i v a t rechtlicher Natur. Die 
öffentlichrechtlichen sind grossenteils polizeilicher Natur; der Eigentümer darf 
nicht so über sein Eigentum verfügen, dass eine gemeine Gefahr entsteht (vgl. §§ 306 flg. 
St.G.B. über Brandstiftung u. s. w.); er muss sein Grundstück in einem Zustande er- 
halten, dass nicht polizeilich zu schützende öffentliche Interesse gefährdet werden; 
diese Verpflichtung ergiebt sich „aus dem Eigentum selbst und den allgemeinen Pflichten 
des Eigentümers, ohne welche eine geordnete menschliche Gemeinschaft überhaupt nicht 
bestehen kann" (Preuss. O.V.G. 28. 10. 1896), vgl. Stier-Somlo die Pflicht des 
Eigentümers zur Erhaltung seines Eigentums in polizeigemässem Zustande. 

A. Begrenzungen in Ansehung rechtlicher Verfügungen d. h. Begrenzungen 
des Eigentums rechts; es handelt sich nur um Immobiliar recht. Die meisten 
der zahlreichen altdeutschrechtlichen Beschränkungen durch Familienrechte, Gemeinde- 
rechte, Königsrechte sind heute beseitigt. Für Grundstücke kommen noch in Betracht : 

L off entlich rechtliche Beschränkungen: das B.G.B. hat solche nicht über- 
nommen, aber es gestattet der L a n d e s gesetzgebung : 

1. Die Belastung mit gewissen Grunddienstbarkeiten oder beschränkten persön- 
lichen Dienstbarkeiten oder mit Reallasten zu untersagen oder zu beschränken (Art. 
115 E.G. z. B.G.B.). Hier ist zunächst festzustellen, dass das E.G. z. B.G.B. in Art. 
113 der Landesgesetzgebung die Ordnung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse, 
die Ablösung der Reallasten, Teilung der Gemeinheiten (d. h. der gemeinsamen Be- 
nutzung ländlicher Grundstücke), weitere Ablösung der Dienstbarkeiten u. s. w. ge- 
stattet. In Verbindung mit dieser Gesetzgebung linden sich in den meisten Landes- 
gesetzen Bestimmungen, welche nunmehr durch Art. 115 gestützt werden ^^). 

a. In Lübeck und Mecklenburg besteht keine Ahlösungsgesetzgebung ; die 
Neubegründung von Dienstbarkeiten und Rcallasten ist gestattet. Dasselbe gilt fürPreussen 
auf Helgoland. 



35) Vgl. hierzu, sowie zum folgenden S. 198, 199 Niedner, Kommentar zum Einf.- 
(Jes. z. B.G.B, Neubauer, Zuammenstellungen. Im übrigen vgl. Danckelmann, Ab- 
lösung und Regelung der Waldgrundgerechtigkeiten , ferner für Preussen die Literatur in 
Schlieckmann, Handbuch der Staatsforstvcrwaltung S. 465. 



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198 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

b. Reallasten: 1. Neubegründung allg. verboten in Baden (Ges. 5. 10. 1820, 
10. 4. 1848), Württemberg (Ges. 14. 4. 1848), auf dem linken Rheinufer in Preussen 
(Art. 529, 530 code civil). 2. Nur Leibzucht gestattet in H e s s e n , 3. nur feste Geld- 
renten und Alimentationsleistungen bezw. Geldrenten und Komabgaben gestatten Lippe 
(Ges. 4. 9. 1888), Waldeck und Pyrmont (Ges. 20. 11. 1848), 4. nur die nicht 
für ablösbar erklärten Reallasten gestattet in Meiningen (Ges. 5. 5. 1850, 12. 6. 1865, 
9. 2. 1869), Sachsen-Coburg-Gotha (Ges. 3. 5. 1852 § 56, femer für Coburg 
(25. 1. 1849), für Gotha (5. 11. 1853), Schwarz burg-Ru d olstadt (Ges. 27. 4. 1849 
Art. 18); so auch in Preussen, gestattet sind aber hier feste Geldrenten (Ges. 2. 3. 
1850 §§ 6, 91 E.G.), Oldenburg (Ges. 18. 2. 1849 Art. 59, 11. 2. 1851 Art. 18). 

In einigen Staaten ist nur für bestimmte Arten von Reallasten die Neubegründung 
untersagt : in B a y e r n namentlich Jagdgerechtigkeit (Ges. 30. 3. 1852), Forstberechtigungen 
(Ges. 28. 3. 1852 Art. 34), Weiderechte (Ges. 28. 5. 1852 Art. 34, 35); Sachsen (Ges. 
17. 3. 1832, alle Abentrichtungen, welche die Freiheit in der Bewirtschaftung beeinträch- 
tigen), vgl. aber hierzu Grützmann, Lehrb. des Sachs. R. Bd. 1 S. 341. 

Ist die Neubegründung von Reallasten gestattet, so ist sie meist von Beschränkungen 
abhängig gemacht : in Mecklenburg (die dingliche Wirkung in der Zwangsversteige- 
rung ist abhängig von Eintragung eines bestimmten Maximalbetrages, Ges. 18. 10. 1848 
8 5 u. s. w.). Vielfach wird die Bedingung der Ablösbarkeit gestellt : Braunschweig 
(Ges. 20. 12. 1834 Art. 5, Oldenburg (Art. 59 des Staatsgrundges.), Reuss ä. L. 
Verf.-Urk. § 32, Reuss j. L. (Verf.-Urk. § 24), Sondershausen (Ges. 8. 4. 1850 
Art. 4); Preussen für zugelassene GeWLrenten (Ges. 2. 3. 1850 §§ 91 flg.). 

c. Dienstbarkeiten. Hier handelt es sich entscheidend um Weide-, Streu- und 
Holzservituten. Die Landesgesetzgebung befördert meistens deren Beseitigung durch Ab- 
lösung ; dieser Gegenstand wird in der Forstpolitik behandelt. 

2. Die Landesgesetze können die Belastung eines Grundstücks über eine bestimmte 
Wertgrenze hinaus untersagen, also eine Verschuldungsgrenze festsetzen (im Bundes- 
rat eingeschoben); sie können ferner die Belastung eines Grundstücks mit einer un- 
kündbaren Hypothek oder Grundschuld untersagen oder die Ausschliessung des Kün- 
digungsrechts des Eigentümers bei Hypothekenforderungen und Grundschulden zeitlich 
beschränken und bei Rentenschulden nur für eine kürzere Zeit als 30 Jahre (§ 1202 
Abs. 2 B.G.B.) zulassen; Art. 117. 

Das Bedürfnis der Festsetzung einer Verschuldungsgrenze ist hauptsächlich auf dem 
Cipbiete des Anerben- und Rentengtiterrechts hervorgetreten ; insoweit ist die Landesgesetz- 
gebung schon durch Art. 62 anerkannt; der Art. 117 ermöglicht die Einschränkung auf 
anderen Gebieten. Die meisten Bundesstaaten haben keine einschlägigen Vorschriften, so 
namentlich auch Bayern. Baden (Art. 27 des A.G. z. B.G.B. v. 17. 6. 1899) und Würt- 
temberg (Art. 213 des A.G. z. B.G.B. v. 28. 7. 1899) untersagen die unkündbaren Hy- 
potheken und Grundsclmlden und beschränken die Ausschliessung des Kündigungsrechts des 
Eigentümers auf 10 Jahre, (in Baden ausgenommen Amortisationshypotheken), die Be- 
schränkung auf 10 Jahre gilt in Baden auch für Rentenschulden. In Preussen war 
es durch § 29 Ed. ^ betreif, die Regulierung der gutsherrl. und bäuerl. Verh. v. 14. 9. 1811 
verboten, Bauerngüter über ein Viertel des Wertes hypothekarisch zu belasten ; diese Be- 
stimmung ist durch § 1 der V. v. 29. 12. 1843 aufgehoben; § 92 des prcuss. Ges. über 
die Ablösung u. s. w. v. 2. 3. 1850 beschränkt die Ausschliessung der Kündigung der Kapi- 
talien auf 30 Jahre (ausgenommen sämtliche Kreditinstitute), entsprechend die späteren Ab- 
lösungsgesetze : § 19 d. Ges. V. 28. 5. 1860 (Hohenzollern), § 14 d. Ges. v. 15. 2. 1872 
(Regierungsbez. Wiesbaden und vorm. hess. Landesteile), § 55 d. Ges. v. 3. 1. 1873 (Schleswig- 
Holstein), § 26 d. Ges. v. 23. 7. 1876 (Kassel) ; code civil hatte 30 Jahre in Art. 5H0 ; 
keine Beschränkungen waren in Hannover, Lauenburg, Helgoland ; jetzt gilt für den ganzen 
preuss. Staat Art. 32 des preuss. A.G. z. B.G.B. für Hypotheken, Grundschulden, Rent-en- 
schulden 20 Jahre. Anhalt (Art. 50 d. A.G. z. B.G.B. 18.4. 1899) und Schwarz- 
burg -Sonders h.ausen (Art. 40 A.G. z. B.G.B. 19.7. 1899) beschränken auf 30 Jahre. 

3. Die Landesgesetze können im allgemeinen Interesse der Landeskultur sowie 
zu Gunsten der Realgläubiger nach Art. 119 E.G.: 

a) die Veräusserung der Grundstücke beschränken. 

Es gibt Veräusserungsbeschränkungen, welche in der besonderenRechtsstel- 



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Begrenzung des Eigentnms. § 66. 199 

1 n n g einer Person ihren Grund haben, z. B. juristische Personen (vgl. oben S.99 zu 2), 
Mündel, Ehegatte. Davon ist gehörigen Orts im B.G.B. die Rede; der Art. 119 be- 
zieht sich darauf nicht. — Für eine ganze Anzahl von Grundstücken ergibt sich die Er- 
mächtigung der Landesgesetzgebung zu Veräusserungsbcschränkungen auf Grund des all- 
gemeinen Vorbehalts des Einf.-Ges., so gemäss Art. 57, 58 in Ansehung der Güter der 
landesherrl. und der anderen daselbst genannten hochadeligen Familien, Art. 59 für Familien- 
fideikommisse, Lehen, Stammgüter, Art. 63 für Erbpacht u. s. w., Art. 64 für Anerbenrecht. 
Der Art. 119 deckt Yeräusserungsbeschränkungen im allg. öffentlichen Interesse: 
zu Gunsten der Landeskultur, des Realkredits oder der Steuererhebung (Niedner zu 
Art. 119): Württemb. Pfandges. Art. 178, 203, Darmstädt. Pfandges. Art. 78, Sachs. Ges. 
V. 30. 11. 1843 §§ 51 ff. E.G. 

b) Die Landesgesetze können ferner gemäss Art. 119 E.G. die Teilung eines 
Grundstücks oder die getrennte Veräusserung von Grundstücken, die bisher zusammen 
bewirtschaftet worden sind, untersagen oder beschränken (Dismembration). 

Auch hier — wie im Falle zu a — kommen zunächst allgemeine Vorbehalte in 
Betracht: Art. 54, 59, 63, 64. 
Auf Art. 119 beruhen: 

1 . einige landesgesetzliche Bestimmungen im Interesse der Realgläubiger, z. B. B a y c r n 
Ges. 1. 6. 1822 § 36, Weimar, Ges. 6. 5. 1839, § 139, Württemberg. Pfandges., Darm- 
städter Pfandges. ; 

2. einige Landesgesetze untersagen oder beschränken im allgemeinen Interesse: 
Altenburg, Ges. 9. 4. 1859, Lippe-Detmold V. 23. 3. 1864, Schaumburg- 
Lippe Ges. 11. 4. 1870, Schwarzburg-Sondershausen Ges. 23. 11. 1888, 
Waldeck Ges. 24. 9. 1851; 

3. einige Landesgesetze bestimmen ein Mindestmass : Hessen Aufteilung nicht unter 
10 Ar Ackerland, 6 Ar Wiese, 50 Ar Wald, Teilung von Wald überdies nur mit Geneh- 
migung der Zentralbehörde (Art. 94 — 95 des Ausführ.-Ges. z. B.G.B.), Sachsen-Weimar 
ähnlich (§§ 102, 108 des Ausf.-Ges. z. B.G.B.) ; 

4. einige Landesgesetze beschränken in noch anderer Weise : Bremen, Hamburg, 
Lübeck, Schwarzburg-Rudolstadt (Flurbuchsberichtigung muss vorausgehen), 

5. für Braunschweig vgl. §§ 5, 8 des Ges. v. 19. 5. 1890 betr. die ungeteilten 
Genossenschaftsforsten ; die auf Grund dieser Vorschriften bestehenden Veräusserungs- und 
Teilungsbeschränkungen bedürfen nicht der Eintragung zur Wirksamkeit gegenüber dem 
öffentlichen Glauben des Grundbuchs (§ 52 des Ausf.-Ges. hebt dies hervor), 

6. einige Ges. treffen Bestimmungen über die Folgen der gesetzwidrigen Teilung : 
Württemberg Nichtigkeit. Sa chsen-Koburg-Gotha Art. 23 § 6 und Schwarz- 
burg-Rudolstadt Art. 64 des Ausf.-Ges. trotz des Verbots Rechtsgiltigkeit. Bei den 
meisten Gesetzen muss die Auslegung entscheiden, welche Folge eintritt. 

c) Die Landesgesetze können endlich auf Grund des Art. 119 E.G. die Vereini- 
gung mehrerer Grundstücke oder die Zuschreibung eines Grundstücks zu einem anderen 
untersagen oder beschränken (Verkoppelung). 

Es handelt sich um eine Einschränkung der sich aus § 890 B.G.B. (§ 5 G.B.O.) er- 
gebenden Befugnisse des Eigentümers. 

Die meisten der früheren Beschränkungen sind durch die Arrondierungsgesetzgcbungen 
fortgefallen; letztere bleibt den Landesgesetzen vorbehalten (Art. 113). Es gibt aber noch 
Beschränkungen im Interesse der Landeskultur in Schaumburg-Lippe (Ges. 14. 4. 
1870 § 19), Preussen (Ges. 7. 7. 1891 § 4). Im Interesse der Realgläubiger ist die 
Zusammenlegung von Grundstücken, die nicht gleichmässig belastet sind, verboten in Bayern 
(Hyp.-Ges. 1. 6. 1822 § 36), Hamburg (Ges. 4. 12. 1868 § 16). 

Aus den Ausführungsges. z. B.G.B. sind zu vergleichen: Altenburg §§54 — 59, 
Bremen §§ 21, 22, Coburg-Gotha Art. 23 §§ 1—5, Hessen Art. 81, Lübeck 
§69, 70, Me ekle nburg -Schwerin §§ 109, 110, -Strelitz §§ 107, 108, Preussen 
Art. 89 Nr. 1 b, Reuss ä. L. §§ 78—83, Reuss j. L. § 54, Sachsen § 12, Würt- 
temberg Art. 19. Vgl. auch § 16 des A.G. zur Grundbuch-Ordn. f. Elsass-Lothr. 

Einige Ausführungsgesetze gestatten die Vereinigung nur bei solchen Grundstücken, 
die in derselben Feldmark oder in demselben Grundbuchbezirke liegen oder aneinander- 
grenzen (Altenburg, Coburg, Elsass-Lothr., Hessen, Württemberg). 



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200 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Die Bestimmungen zu a und c sind im Bundesrat eingefügt. 
11. P r i V a t rechtliche Beschränkungen: 

1. gesetzliche Vorkaufs- und Wiederkaufsrechte in den der Landesgesetzgebnng 
vorbehaltenen Rechtsmaterien, z. B. gemäss Art. 62 (für Rentengüter), Art. 109 (für 
Enteignung) ; 

2. bei den sog. gebundenen Gütern (Familienfideikommissen und Lehen) gemäss 
Art. 59 E.G. (meist Ober- und üntereigentum, so namentlich in Preussen nach A.L.R.). 

B. Beschränkungen des Eigentums in Ansehung tatsächlicher Einwir- 
kungen, d. h. Begrenzungen des Eigentums i n h a 1 1 s. In Frage kann kommen ein 
Dulden oder ein Unterlassen oder ein Tun. Diese Begrenzungen gelten für Grundstücke 
kraft Gesetzes auch ohne Eintragung im Grundbuche: 
I. öffentlich rechtliche, 

a) r e i c h s rechtlich : namentlich kraft der Militärhoheit und besonders gemäss 
dem Reichsrayongesetze vom 21. Dez. 1871 ; femer nach der Reichsgewerbeordnung 
vom 21. Juni 1869 besonders § 18 flg. für Anlagen, welche durch die örtliche Lage 
oder die Beschaffenheit der Betriebsstätte für die Besitzer oder Bewohner der benach- 
barten Grundstücke oder für das Publikum überhaupt erhebliche Nachteile, Gefahren 
oder Belästigungen herbeiführen können" z. B. Schiesspulverfabriken. Der Bundesrat 
ist ermächtigt, das Verzeichnis der Anlagen vorbehaltlich der Genehmigung des nächst- 
folgenden Reichstags abzuändern ; dies ist schon oft geschehen ; ferner zur Abwehr ge- 
wisser Seuchen und anderer Erkrankungen (Reichsgesetz zur Bekämpfung der Rinder- 
pest vom 7. 4. 1869, 23. 6. 1880, 1. Mai 1894, Nahrungsmittelgesetz 14. 5. 1879), zur 
Bekämpfung der Reblaus (Reichsgesetz 3. 7. 1883) u. s. w. 

b) L a n d e s rechtlich. Hier kommen die Vorbehalte des Einführungsgesetzes be- 
treffend Landeskultur, Wald, Wege, Gewässer, Bergwerke u. s. w. in Betracht. Dazu 
kommt aber dann namentlich noch der Art. 111 „Unberührt bleiben die landesgesetz- 
lichen Vorschriften, welche im öffentlichen Interesse das Eigentum in 
Ansehung tatsächlicher Verfügungen beschränken". Hier handelt es sich 
besonders um die baulichen und baupolizeilichen Beschränkungen; der Artikel kann 
aber auch von ganz hervorragender Bedeutung für die Erhaltung und Sicherstellung 
des Waldes, z. B. gegen Rauchbeschädigung, übermässige Abholzung, werden. 

Es ist mir nicht möglich, alle hier in Betracht kommenden Gesetze der einzelnen 
Länder anzuführen. Für Preussen kommen namentlich folgende Gesetze in Betracht : 
6. Juli 1875 betr. Schutz Waldungen und Waldgenossenschaften, vom 14. August 1876 betr. Ver- 
walt. der Gemeinde- und Anstaltswald., vom 14. März 1881 über gemeinsch. Holzungen, 
Waldkulturges. für Wittgenstein vom 1. Juni 1854, die Haubergordnungen für Siegen 
vom 17. März 1879, für Dillkreis und Oberwesterwaldkreis vom 4. Juni 1887, für Alten- 
kirchen vom 9. April 1890, betr. Forstverhältnisse im ehem. Justizamte Olpe vom 3. Au- 
gust 1897, betr. Schutzmassregeln im Quellgeb. der linksseit. Zuflüsse der Oder in Schlesien 
vom 16. September 1899; Ges. vom 2. Juni 1902 gegen die Verunstaltung landschaftlich 
hervorragender Gegenden. - Zum Teile kann sich die Landesgesetzgeb. für solche Gesetze 
auch schon auf die Art. 65 — 67, 69, 113 stützen. 
Vgl. auch unten § 67 zu I, 3. 
Hervorzuheben ist, dass zu Gunsten der Landesgesetzgebung ein soweit gehender 
Vorbehalt nur hinsichtlich tatsächlicher Einwirkungen gemacht ist; in recht- 
licher Hinsicht werden der Landesgesetzgebung die Grenzen in Art. 115 bis 117 
und 119 scharf gezogen. 

IL P r i V a t rechtliche : 

1. das Schikaneverbot (§ 226 B.G.B.) vgl. oben § 22 S. 128. 

2. § 904 B.G.B. über Not Selbsthilfe (Nothilfe). Hiernach muss der Eigen- 
tümer einer Sache eine Einwirkung auf die Sache dulden, wenn 3 Voraussetzungen 



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Begrenzung des Eigentums. § 66. 201 

erfüllt sind, wenn nämlich a) die Einwirkung zur Abwendung einer gegenwärtigen 
Gefahr erfolgt, b) diese Einwirkung zur Abwendung einer solchen Gefahr not- 
wendig und c) der drohende Schade gegenüber dem aus der Einwirkung 
dem Eigentümer entstehenden Schaden unverhältnismässig gross ist. Ge- 
dacht ist hier zunächst an Fälle wie : Yerzehrung einer fremden Sache, um den Hunger 
zu stillen, Eindringen in das Nachbarhaus bei einem Brande. Auf Grund des § 9()4 
wird abei' auch ein mit seinem Gefährt verunglückter Bauer berechtigt sein, einen 
Stamm in fremdem Walde zu hauen, um mit dem Wagen fortzukommen, femer wird 
ein Waldbesitzer bei einem Waldbrande, wenn er seinen Wald nicht anders retten 
kann, auf dem Nachbargrundstücke einen Schutzgraben ziehen, auch Bäume auf diesem 
fremden Grundstücke fällen dürfen. — Es muss nur immer die Einwirkung zur Ab- 
wendung einer gegenwärtigen Gefahr notwendig sein und es muss eine Re- 
lativität der Interessen bestehen. Sind diese 3 Voraussetzungen erfüllt, so muss 
der Eigentümer der Sache die Einwirkung dulden ; er hat nicht das Recht der Selbst- 
verteidigung, der andere hat vielmehr das Recht der Selbsthilfe ; seine Handlung ist 
deshalb nicht rechtswidrig, sondern rechtmässig und ist also selbstverständlich auch 
nicht strafbar. — üeber die Anwendung des §904 bei Waldbränden vgl. Lehn- 
pfuhl, Ztsch. f. F. u. J.W. 1901 S. 650 flg. (oben S. 132). 

Wer gemäss § 904 eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, muss den ent- 
stehenden Schaden ersetzen. 

Von dem Rechte des Notstandes (vgl. oben S. 130) unterscheidet sich der 
Fall der Notselbsthilfe dadurch : beim Notstande droht die Gefahr von der Sache, 
nicht aber bei der Notselbsthilfe, bei letzterer bedarf man vielmehr der fremden Sache, 
um sich aus der Notlage zu befreien; beim Notstande handelt es sich um eine Ver- 
teidigong, bei der Notselbsthilfe um einen Angriff. Die Unterscheidung ist namentlich 
wegen der im Falle der Notselbsthilfe bestehenden Verpflichtung, Schadensersatz zu 
gewähren, von Bedeutung. 

Um etwas ganz anderes handelt es sich bei der Enteignung (Expropriation) ; 
von ihr spricht man, wenn das Eigentum an einer fremden Sache im öffentlichen 
Interesse zwangsweise entzogen oder beschränkt wird. Vgl. den Vorbehalt für die 
Landesgesetzgebung in Art. 109. 

Es gibt eine Enteignung von Grundstücken und von beweglichen Sachen. 
Die erstere ist von besonderer praktischer Bedeutung. Sie ist zum grossen Teile schon 
durch andere Vorbehalte der Landesgesetzgebung gesichert, so namentlich durch Art. ()0 
(Wasserrecht), Art. 66 (Deich- und Sielrecht), Art. 67 (Bergrecht) Art. 69 (Jagd- und Fischerei- 
recht), Art. 83 (Waldgcnossenschaften), Art. 113, 119 (Agrarrecht). 
Der Art. 109 gewährt die Zuständigkeit der Landesgesetze: 

a. für die sog. allgemeinen Enteignungsgesetze ; 

b. sowie Sondergesetze, welche durch die allgemeinen Vorbehalte nicht gedeckt sind, 
z. B. über Landestriangulation, Wegebauten. 

3. Nachbarrecht. Davon im folgenden §. 67. 

lU. Schliesslich kommen die Kegalien in Betracht. Diese sind staatliche 
Berechtigungen und zwar entweder höhere (essentialia sive majora) oder niedere 
fnon essentialia s. minora). Jene sind staatliche Hoheitsrechte, die der Staat nicht 
entbehren kann, z. B. Gesetzgebungsrecht, sie gehören vollständig dem öffentlichen 
Rechte an und werden also durch das B.G.B. nicht berührt. Die niederen Regalien 
(Berg-, Jagd-, Fischerei-, Bernstein-, Mühlen-Regal) sind ebenso p r i v a t rechtlicher 
wie off ent lieh rechtlicher Natur; für sie sichert Art. 73 die Landesgesetzgebung. 
Letztere kann denigemäss den Umfang der Regalität bestimmen sowie auch Entstehung, 
Veränderung, Aufhebung regeln. 



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202 XIV. Dickcl, Rechtskunde. 

§67. Nachbarrechte ^*). „Nachbar" ist hier nicht nur der nächste, 
sondern auch der Eigentümer entfernterer Grundstücke z. B. auch der Waldeigentümer, 
wenn er durch ein weitentfernt gelegenes Hüttenwerk beeinträchtigt wird, ebenso die 
Anwohner eines Flusses, soweit es sich dabei um die Reinhaltung des Wassers handelt, 
z. B. eine Stadt, deren Wasserleitung durch Bestandteile beeinträchtigt wird, die weit 
entfernt von der Stelle liegen, von der sie in den Fluss gelangen. Praktisch aber 
kommt vorwiegend der nächste Nachbar in Frage. 

Grundsätzlich ist gemäss § 903 B.G.B. von der Freiheit des Eigentums 
auszugehen (vgl. oben § 65); der Eigentümer eines Grundstücks darf also grundsätz- 
lich innerhalb der räumlichen Grenzen seines Grundstücks nach seinem Belieben zu 
Werke gehen, Veranstaltungen und Vorrichtungen treffen. Der Eigentümer darf hier- 
nach namentlich sein Grundstück bebauen, mit Bäumen bepflanzen u. s. w., auch wenn 
er dadurch dem Nachbar die bisherige schöne Aussicht vernichtet (anders natürlich, 
wenn dem Nachbar eine Grunddienstbarkeit auf Untersagung zusteht, Aussichts- 
gerechtigkeit). (Vgl. oben S. 196.) 

Der Eigentümer darf deshalb z. B., soweit nicht besondere Gesetze entgegen- 
stehen 3^), auf seinem Grundstücke einen Brunnen oder Gruben anlegen, auch wenn 
dadurch dem Brunnen des Nachbars oder einer anderen Wasseranlage das Wasser ent- 
zogen wird (vgl. Entsch. des Reichsgerichts Bd. 12 S. 183, Bd. 16 S. 229, Bd. 26 
S. 224, Bd. 35 S. 170). Das Reichsgericht hat Bd. 8 S. 182 seiner Zivilentscheidungen 
auch angenommen, dass der Eigentümer einen Damm auf werfen kann, um sein Grund- 
stück vor üeberschwemmungen zu bewahren, sollte auch durch solche Anlage der Nach- 
bar einer stärkeren üeberschweramungsgefahr ausgesetzt werden. 

I. Nach B.G.B. 1. Zuführungen (Immissionen). Solche würden nach 
den allgemeinen Grundsätzen über die Rechte des Eigentümers nicht zulässig sein; 
der Eigentümer muss sich in den räumlichen Grenzen seines Eigentums halten. Da 
mein Eigentum grundsätzlich frei ist, so brauche ich mir eine Einwirkung aus dem 
Räume des Nachbars nicht gefallen zu lassen. 

Naturgemäss muss es aber Ausnahmen geben; ohne solche wäre ein Nebenein- 
andei*wohnen der Menschen nicht möglich. Ohne jede Einschränkung der Eigentums- 
freiheit würde z. B. der Nachbar kein Lied singen, niemals musizieren dürfen, wenn 
hierdurch Zuführungen auf das Nachbargrundstück stattlinden; er würde nicht einmal 
an der Grenze des Grundstücks eine Zigarette rauchen dürfen, wenn der Rauch über 
die Grenze hinüberzieht. 

a) § 906 B.G.B. verbietet dem erwähnten Grundsatze von der Freiheit des Eigen- 
tums gemäss die Zuführung — also ist auszugehen von der Eigentumsfreiheit, nicht 
Immissionsfreiheit — er gestattet aber die Zuführung von Gasen, Dämpfen, Gerüchen, 
Rauch, Russ, Wärme, Geräusch, Erschütterungen und ähnlichen^®) von dem Nachbar- 
grundstücke ausgehenden Einwirkungen, wenn durch solche Einwirkung entweder 
die Benutzung des Grundstücks nicht oder nur unwesentlich beeinträch- 
tigt wird , oder wenn die Einwirkung durch eine solche Benutzung des anderen 
Grundstücks herbeigeführt wird, welche nach den örtlichen Verhältnissen 



36) Vgl. namentlich Schneider, Das Nachbarrecht nach dem B.G.B. in der han- 
noverschen Land- und forstwirtschaftlichen Zeitung 1900 S. 590 ff.. S. 606 ff. Meisner, 
Das in Bayern geltende Nachbarrecht. 

37) Namentlich kann hier die Landesgesetzgebung auf Grund der Art. 65, 124 E.G. 
z. B.G.B. besondere Bestimmungen treffen, so z. B. auch das Recht an unterirdischen Wasser- 
läufen regeln. 

38) Z. B. Asche, Funken, Steinsplitter, elektrische Ströme. 



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Nachbarrechte. § 67. 203 

bei Grrandstücken dieser Lage gewöhnlich ist. 

Einerseits mnss ich es mir hiemach gefallen lassen, dass der Nachbar eine Fabrik 
anlegt, von welcher ans die Benntznng meines Grundstücks für Land- oder Forstwirt- 
schaft oder als Garten nur unwesentlich beeinträchtigt wird. Andererseits muss ich 
mir eine neue Fabrikanlage trotz des eindringenden Bauches und Geräusches in einer 
Fabnkstadt gefallen lassen, nicht aber eine Zinkhütte in der Nähe meines Waldes, 
wenn daselbst bisher keine Hüttenwerke waren. Der Nachbar muss sich in der Kegel 
das nicht aussergewöhnliche Heulen meines Jagdhundes gefallen lassen, da man an- 
nehmen muss, dass dadurch die Benutzung seines Grundstücks nur unwesentlich beein- 
trächtigt wird, überdies das Halten und bisweilen unvermeidliche Geheul von Hunden 
örtlich gewöhnlich sein wird. 

Für die Frage, ob die Beeinträchtigung eine wesentliche oder eine unwesentliche 
ist, kommt es nicht auf die persönlichen Empfindungen de» jeweiligen Eigentümers an, 
z. B. weil er krank ist (derartige Empfindungen zu berücksichtigen, könnte der Nach- , 
bar nur moralisch verpflichtet sein) sondern allein auf den objektiven Standpunkt. 

Darf ich auf meinem Grundstück einen Schiessstand anlegen? Nur dann, wenn 
in der Gegend Schiessstände etwas Gewöhnliches sind sowie auch dann, wenn durch 
solche Benutzung meines Grundstücks die Nachbarn nur unwesentlich beeinträchtigt 
werden. 

Darf ein Jagdberechtigter an der Grenze Lärm machen, durch den er meine 
Jagd beeinträchtigt? Schikanös gewiss nicht (vgl. § 226 B.G.B., oben S. 128); im 
übrigen kommt es zunächst darauf an, ob das Jagdgesetz des betreffenden Landes 
eine Bestimmung enthält, alsdann ist diese massgebend (Art. 69 E.G.); fehlt es an 
einer solchen Bestimmung, so ist § 906 B.G.B. massgebend. Für das preussische Recht 
ist vom Kammergerichte zu Berlin das Wildscheuchen sowohl zum Zwecke der Ver- 
hütung des Wildschadens wie auch zum Zwecke der Verhütung des Austritts auf be- 
nachbartes Gebiet, um es vor dem Abschüsse zu bewahren, für erlaubt erklärt worden, 
vgl. Bauer Jagdrecht S. 5. 

Darf ich auf meinem Grundstücke Bienen oder Tauben halten? Unzweifel- 
haft! Der Nachbar aber kann einschreiten, wenn er durch diese Tiere in Ausübung 
seines Eigentums wesentlich beschränkt wird. Letzteres ist auch schon vor dem B.G.B. 
von mehreren höchsten Gerichtshöfen angenommen worden, so z. B. vom Ob. Gerichts- 
hofe für Bayern 1876 (Seuff. Arch. Bd. 33 S. 8): die vom Nachbar in grosser Anzaiil 
gehaltenen Tauben Hessen sich fortwährend auf dem Hause des Klägers nieder, sie 
pickten den Mörtel von den Ziegeln, verunreinigten die Dachrinnen und den Hof des Klä- 
gers u. s. w.; entsprechend O.L.G. Braunschweig (1884, Seuff. Arch. Bd. 40 S. 272 
und 404) und das Reichsgericht (1884, Entsch. in Zivilsachen Bd. 12 S. 173) sowie 
das O.L.G. Stuttgart 1888, Seuff. Arch. Bd. 47 S. 140) hinsichtlich der Bienen. 

Das preussische Obertribunal hat (Striethorst Archiv Bd. 95 S. 2) in folgendem 
Falle erkannt: der Beklagte hatte auf seinem Grundstücke Berberizensträucher, die 
Luft und die Insekten übertrugen die Pilze von diesen Sträuchern auf die mit Roggen 
bestellten Felder des Klägers, dadurch entstand der Grasrost; Kläger klagte auf Be- 
seitigung des Uebelstandes mit Erfolg. — Entsprechend würde offenbar gegen den 
Nachbar geklagt werden können, wenn er wilde Kaninchen auf seinem Grundstücke 
aussetzt. 

Das Reichsgericht hat in Bd. 50 S. 226 seiner Zivilentscheidungen folgenden 
Fall entschieden: Die Elsäss. Petroleumgesellschaft hatte mit Genehmigung der Ver- 
waltungsbehörde eine Petroleumraffinerie errichtet. Ein Eigentümer, dessen Grund- 
stück 110 m von der Grenze der Anlage und 230 m vom Fabrikschomstein entfernt 



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204 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

liegt, behauptete, seiu Grundstück sei durch die drohende Feuers- und Explosionsgefahr 
entwertet, auch sei Erhöhung der Feuerversiclierungsprämie zu erwarten; er verlangte 
Schadensersatz. Die Klage ist abgewiesen: Das Verhalten der Beklagten sei rechtmässig; 
die Verwaltungsbehörde habe gemäss § 16 der Gewerbe-Ordnung die Genehmigung zur Er- 
lichtung der Anlage erteilt; die Art der Benutzung des Grundstücks wirke nicht 
über das Grundstück hinaus; die §§ 906, 907 B.G.ß. kämen nicht zur Anwendung; 
§ 906 handele nur von sinnlich wahrnehmbaren (wenn auch imponderabeln) Hin- 
überw^irkungen , nicht aber etwa von einer „idealen*' Immission, wie Kläger sie sich 
vorstelle u. s. w. ; da kein gesetzliches Verbot bestehe, so bleibe es bei der Regel des 
§ 903 B.G.B., wonach der Eigentümer nach Belieben mit seiner Sache verfahren dürfe. 

Immer ausgeschlossen ist (§ 906 am Ende) die Zuführung durch eine besondere 
Leitung; ob durch solche eine wesentliche Beeinträchtigung oder eine örtlich nicht 
übliche bewirkt wird, bleibt sich gleich. 

Dem beeinträchtigten Nachbar steht auf Grund des § 1004 B.G.B. die Eigen- 
tumsfreiheitsklage (negatorische Klage) zu, nicht bloss dem benachbarten Eigentümer, 
auch dem Grunddienstbarkeitsberechtigten (§ 1027), dem Niessbraucher (§ 1065) u. s. w., 
nicht aber dem Mieter-Pächter, letztere müssen sich zum Zwecke der Beseitigung de« 
Uebelstandes an den Vermieter-Verpächter halten. Die Eigentumsfreiheitsklage richtet 
sich auf Beseitigung der unzulässigen Einwirkung; wie sie zu bewirken sei, ist Sache 
des Beklagten; ob er z. B. bei einer unzulässigen Zutiihrang von Rauch die Feueran- 
lage ganz beseitigen oder etwa eine genügende Rauchverzehrungsanlage machen will, 
bleibt ihm überlassen; nötigenfalls aber muss er die Anlage ganz beseitigen. Eine 
wichtige Ausnahme wird aber durch § 26 der Gewerbeordnung gema<;ht: „Soweit die 
bestehenden Rechte zur Abwehr benachteiligender Einwendungen, welche von einem 
Grundstücke aus auf ein benachbartes Grundstück geübt werden, dem Eigentümer oder 
Besitzer des letzteren eine Privatklage gew^ähren, kann diese Klage einer mit 
obrigkeitlicher Genehmigung errichteten Anlage 3^) gegenüber 
niemals auf Einstellung des Gewerbebetriebes, sondern nur 
auf Herstellung von Einrichtungen, welche die benachteiligende Wirkung 
aussch Hessen, oder, wo solche Einrichtungen untunlich oder mit einem gehörigen 
Betriebe des Gewerbes unvereinbar sind , auf Schadloshaltung gerichtet 
werden"*^). Die Landesgesetze dürfen diese Bestimmung auch auf Eisenbahn-, 
Dampfschiffahi-ts- und ähnliche Verkehrsuntemehniungen ausdehnen (Art. 125 E.G.)**) 
Nach § 51 der Gewerbeordnung kann aber die Verwaltungsbehörde jeder Zeit eine ge- 



39) Vgl. §§ 16 ff. der Gewerbeordnung. Di ekel, S. B65 Anm. 91. üeber die 
Zulässigkeit polizeilicher Anordnungen bei den nach § 16 Gew.-Ordn. genehmigten An- 
lagen vgl. Arndt im Verwaltungsarchiv Bd. 10 S. 185 if. — Handelt es sich um einen 
genehmigungspflichtigen Gewerbebetrieb, so können im Verwaltungs verfahren vor der Entschei- 
dung über die Genehmigung Einwendungen binnen einer Ausschlussfrist von 14 Tagen 
nach Bekanntmachung des beabsichtigten Unternehmens gemacht werden; § 17 Gew.-Ordn.; 
die Einwendungen können auch auf die Bestimmungen des B.G.B. über Nachbarrechte gestützt 
Averden. 

40) Vgl. Roch oll, Rechtsfälle des Reichsgerichts Bd. 2 S. 879. — Dass die Klage 
auf Schad loshaltung immer Erfolg haben müsse, sagt § 26 nicht ; allgemeine Grund- 
sätze entscheiden , es kommt deshalb regelmässig auf Verschulden an. Vgl. für das 
frühere Recht: Reichsgericht Bd. (i S. 217. Bd. 11 S. 841. 

41) Die meisten Landesgesetze haben von diesem Vorbehalte Gebrauch gemacht. — 
Vgl. übrigens die Entsch. des Reichsgerichts Bd. 7 S. 266 ff. ; Klage gegen den Eisenbahn- 
fiskus auf Schadensersatz wegen der Beschädigungen durch Erschütterungen und Eindringen 
von Funken. 



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Nachbarrechte. § 67. 205 

werbliche Anlage untersagen, wenn für das Gremeinwohl übennegende Nachteile und 
Gefahren entstehen. 

b. Die Eigentumsfreiheitsklage gewährt dem Nachbar nur dann einen Schutz, wenn 
er bereits beeinträchtigt wird. Der § 907 B.G.B. geht nun aber noch weiter und ge- 
währt schon dann eine Hilfe, wenn nur Beeinträchtigung zu besorgen ist: „Der Eigen- 
tümer eines Grundstücks kann verlangen, dass auf den Nachbargrundstücken nicht An- 
lairen hergestellt oder gehalten werden, von denen mit Sicherheit vorauszusehen ist, 
ilass ihr Bestand oder ihre Benutzung eine unzulässige *^) Einwirkung auf sein Grund- 
stück zur Folge hat." Hierdurch wird die negatorische Klage zu einem v orb en- 
gend en Schutzmittel. Aber dies gilt nicht: 

a- für Bäume und Sträucher § 907 Abs. 2; hier kann die Landesgesetzgebung 
gemäss Art. 124 E.G. helfen, vergl. unten II S. 214. 

ß. Wenn die Landesgesetze einen bestimmten Abstand von der Grenze oder 
sonstige Schutzmassregeln vorschreiben, so kann die Beseitigung der Anlage erst ver- 
langt werden, wenn die unzulässige Einwirkung tatsächlich hervortritt, § 907 Abs. 1 
Satz 2. Diese Bestimmung hat nicht die Bedeutung, dass die Landesgesetzgebung durch 
Bestimmung eines Abstandes oder durch andere Schutzmassregeln den Fortbestand der 
Anlage sichern und die Klage auf Schadensersatz ausschliessen kann; die Landesge- 
setzgebung kann durch Anordnung der Schutzmassregeln lediglich die Klagen gegen 
die Herstellung verhindern und somit erreichen, dass der Bedrohte erst klage, 
wenn die unzulässige Einwirkung tatsächlich hervortritt. 

Zu den „Anlagen" im Sinne des § 907 gehören nicht bloss gewerbliche 
Anlagen; der Begriff ist umfassender; es handelt sich auch um Anlagen, die ohne Hin- 
zutritt einer weiteren menschlichen Tätigkeit funktionieren, z. B. Wassergruben, Teiche 
vergl. Mot. Bd. 3 S. 295. Fenster und Türen gehören nicht zu den Anlagen im 
Sinne des § 907 ; bezüglich ihrer kann die Landesgesetzgebung gemäss Art. 124 Bestim- 
mung treffen. 

Zu a und b vergl. noch § 924 B.G.B. : Die Anspräche unterliegen nicht der Ver- 
jährung. 

2. Gegen drohende Einsturzgefahr hilft § 908. 

3. Gegen gefährdende Vertiefung des Nachbargrundstücks gewährt § 909 
Schutz: „ein Grundstück darf nicht in der Weise vertieft werden, dass der Boden 
des Nachbargrundstückes die erforderliche Stütze verliert, es sei denn, dass für eine ge- 
nügende anderweitige Befestigung gesorgt ist.*^ 

Einen bestimmten Abstand von der Grenze zu beobachten, ist im Reichsrechte nicht 
vorgeschrieben, dagegen kann die Landesgesetzgebung einen Abstand anordnen (Art. 
124; vergl. S. 214.) Die Landesgesetzgebung kommt namentlich auch vom Stand- 
punkte des Art. 111 E.G. in Frage: hiernach kann sie Entscheidung treffen, sobald 
es sich um Vertiefung im öffentlichen Interesse handelt**). 

Der Anspruch aus § 909 B.G.B. unterliegt nicht der Verjährung (Art. 924). 

4. üeberbau, vergl. §§ 912 bis 916 B.G.B. Art. 116 E.G. 

5. N otweg, §§ 917, 918 B.G.B. Es handelt sich darum, dem Eigentümer eines 



42) Unzulässig ist die Einwirkung, wenn sie den Bestimmungen des § 906 zuwider 
ist, (vgl. zu a S. 202 flg.). 

44) Betreffs Veränderungen des unterirdischen Wasserlaufs durch Abgraben 
erwähnt Kober in Staudingers Kommentar zu § 909 für Bayern die Entschei- 
dungen in Seuff.-Archiv Bd. 47 Nr. 96, E.D. O.G.H. Bd. 7 Nr. 47, Blätter für Rechtsanwen- 
dnng Bd. 42 S. 386. 



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206 XIV. Dickel, Rechtsknnde. 

Grundstücks eine Verbindung mit einem öffentlichen Wege zu verschaifen. Der Nach- 
bar muss den Notweg gestatten, wenn zwei Voraussetzungen gegeben sind: 

a. wenn dem Grundstücke die Verbindung mit einem öffent- 
lichen Wege fehlt; nach Art. 123 E.G. kann die Landesgesetzgebung auch dann 
helfen, wenn es sich um die Verbindung mit einer Wässerstrasse oder einer E i- 
senbahn handelt. Dieser Vorbehalt für die Landesgesetzgebung ist vom Bundesrat 
eingestellt; er hat besonders für die Landesgesetzgebungen Bedeutung, welche die Ge- 
währung eines Notweges nach allgemeineren Grundsätzen zulassen, vergl. z. B. 
§§ 3 ff. A.L.R. I, 22, §§ 345 bis 349 sächs. G.B. 

Auch der Art. 113 des E.G. sichert den Einfluss der Landesgesetzgebung. 

b. wenn eine solche Verbindung bei ordnungsmässiger Benutzung 
notwendig ist ; es kommt hierbei nicht darauf entscheidend an, wie das Grundstück 
früher tatsächlich benutzt worden ist ; massgebend ist das wirtschaftliche Bedürfnis — 
auch dann, wenn der Eigentümer die Benutzungsart ändert und vielleicht erst dadurch 
das Bedürfnis nach dem Wege veranlasst; entscheidend ist nur, dass es sich um eine 
ordnungsmässige Benutzung handle. Die Zugangsnot braucht hiernach nicht 
etwa durch ein elementares Ereignis, z. B. Wolkenbruch, Erdrutsch, herbeigeführt zu 
sein. Die vom Gesetze vorausgesetzte Zugangsnot wird auch dann anzunehmen sein, 
wenn sich der Eigentümer in anderer Weise unter Aufwendung ganz übermäs- 
sig hoher Kosten helfen könnte. 

Bei dem , Notweg" handelt es sich nicht bloss um Anlegung eines neuen Weges; 
auch die Verbreiterung eines schon vorhandenen Weges kann in Frage 
kommen, namentlich wegen des durch intensivere Bewirtschaftung oder durch neue ße- 
nutzungsart vermehrten Bedürfnisses. 

Der Eigentümer, bei dessen Grundstück die Zugangsnot entsteht, kann sich, falls 
mehrere benachbarte Grundstücke für die Gewährung des Notweges in Frage kommen, 
das ihm geeignet erscheinende aussuchen. Der Nachbar, von welchem er Duldung de,s 
Notweges verlangt, hat nicht die Befugnis, ihn an einen anderen Nachbar zu verweisen, 
auf dessen Grundstück der Notweg besser oder auch nur ebensogut hergestellt werden 
könnte. 

Gemäss § 918 B.G.B. tritt die Verpflichtung zur Duldung des Notweges nicht 
ein, wenn 

a. bisher eine Verbindung des Grundstücks mit einem öffentlichen Wege bestAnd. 
diese Verbindung aber durch eine willkürliche Handlung des Eigentümers aufgehoben 
wird; dies kann namentlich 1. durch willkürliche Beseitigung der früheren Verbindung 
geschehen, dann aber auch 2. durch eine Aenderung der Benutzungsart, die nicht den 
wirtschaftlichen Verhältnissen entspricht, 

ß. wenn das Bedürfnis durch Veräusserung eines Teiles des Grundstücks entsteht, 
indem infolge der Veräusserung der veräusserte bezw. der zurückbehaltene Teil von der 
Verbindung mit dem öffentlichen Wege abgeschnitten wird ; das gleiche gilt, wenn der 
Eigentümer mehrere Grundstücke hat und eins derselben veräussert ; in solchen Fällen 
muss der Eigentümer des Teils, über welchen bisher die Verbindung bestanden hat, 
den Notweg dulden. 

Ein anderes Ereignis, und sollte es auf Verschulden des Eigentümers beruhen, hin- 
dert den Anspruch auf Duldung des Notweges nicht. 

Tritt der Fall der Duldung eines Notweges ein, so ist den Beteiligten sehr zu 
empfehlen, sich über die Richtung und Grösse des Weges, Umfang des Benutzungs- 
rechts, z. B. ob regelmässig oder nur zu bestimmten Zeiten, etwa zur Zeit der Emte^ 
zu einigen. Misslingt der Versuch der Einigung, so kann der Eigentümer auf DnJ- 



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Nachbarrechte. § 67. 207 

düng des Notweges klagen und den Richter ersuchen die erforderlichen Einzelbestira- 
mungen zu treffen. Der Verpflichtete Nachbar hat aber immer nur zu dulden, er braucht 
nicht positiv zur Erledigung mitzuwirken. Die Klage ist beim ordentlichen Gerichte 
(Amts- bezw. Landgerichte, je nachdem der Streitwert mehr als 300 Mk., oder nicht 
soviel beträgt) zu erheben; nach §§ 13, 14 Gericht sverf. -Ges. aber könnte die Ent- 
scheidung auch anderen Behörden landesgesetzlich übertragen werden. 

Der Nachbar, über dessen Grundstück der Notweg gelegt wird, ist durch eine 
Geldrente zu entschädigen, vergl. § 917 Abs. 2 B.G.B. 

Das Recht auf Duldung des Notwegs ist unverjährbar (§ 924 B.G.B.). 

6. Grenzrecht *'^). Gewöhnlich handelt es sich hier um zwei Nachbarn; es 
können aber auch mehr sein. 

a. Grenzerneuerung s- oder Abmarkungsklagefür den Fall der Grenz- 
verdunkelung, d. h. für den Fall, dass ein Grenzzeichen fehlt oder verrückt 
worden oder unkenntlich geworden ist. Der Eigentümer kann in solchem Falle von 
dem Eigentümer des Nachbargrundstücks die Mitwirkung zur Errichtung fester Grenz- 
zeichen oder zur Wiederherstellung der Grenzzeichen verlangen. Vorausgesetzt ist 
hierbei, dass die Grenze unstreitig sei; es handelt sich also lediglich um Beurkun- 
dung der Grenze. Ist die Grenze selbst streitig, so vergl. weiter unten zu b. 

Sind die Beteiligten einig, so werden sie leicht das Erforderliche veranlassen 
können. Verweigert dagegen der Nachbar die Mitwirkung, so kann Klage erhoben 
werden. Klagberechtigt ist der Eigentümer (§ 919 B.G.B.), der Miteigentümer (§ 1011), 
dagegen nicht jeder, der ein Recht an dem Grundstücke hat, wohl aber der Niess- 
braucher (§ 1065). Die Klage ist gegen den Eigentümer des Nachbargrundstückes zu 
richten (§ 919). Die Klage unterliegt nicht der Verjährung (§ 924). 

lieber die Art der Abmarkung und da sVer fahren entscheiden die Landesge- 
setze; soweit diese keine Bestimmungen enthalten , entscheidet die Ortsüblichkeit 
(§ 919 Abs. 2). 

üeber die K o s t e n trifft § 919 Abs. 3 Bestimmungen, sie sind von den Beteiligten 
zu gleichen Teilen zu tragen, sofern nicht aus einem zwischen ihnen bestehenden Rechts- 
verhältnisse (z. B. auf Grund einer Vereinbarung) sich etwas anderes ergibt. 

Um einen besonderen Fall handelt es sich, wenn z. B. der zwischen den Grund- 
stücken des A und des B befindliche öffentliche Weg von dem B nach dem Grund- 
stücke des A hinübergedrängt wird; hier muss A sein Eigentumsrecht gegen den 
Strassenherm geltend machen; er kann gegen B keine Abmarkungsklage erheben, B 
ist gar nicht sein Nachbar; Nachbar ist bei der Abmarkungsklage nur der nächste 
Nachbar, A kann aber gegen B gemäss § 823 ff. (vergl. oben S. 186) auf Schadenser- 
satz wegen unerlaubter Handlung klagen, wenn die Voraussetzungen für diese Klage, 
namentlich das erforderliche Verschulden, gegeben sind. 

b. Grenzscheidungsklage (actio ünium regundorum). Diese bezweckt 
Beseitigung eines Streits über die Grenze, der Grenz verwirr ung. Die 
Klage bezweckt Herstellung des Grenzfriedens durch Ermittlung der richtigen Grenze 
und wenn dies nicht möglich ist durch Festsetzung einer Grenze. Behauptet ein Nach- 
bar, ein bestimmtes Grenzstück sei sein Eigentum und verlangt er Feststellung seines 
Eigentums, so ist die Klage nicht Grenzscheidungsklage, sondern Eigentumsfeststellungs- 
klage (§ 903 B.G.B., § 256 Z.P.O.) ; verlangt er auch Herausgabe des im Besitze des 
Nachbars befindlichen Grundstücks, so ist die Klage insoweit eine Vindikation (§ 985 ff. 



45) Vgl. Wolff (Oberlandesgerichtsrat) in der Zeitschrift „Das Recht "^ 1900 Nr. 21 
447 ff. 



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208 XIV. D i c k e 1 , Rechtskunde. 

B.G.B.j ; verlangt er Beseitigung der Störung des Nachbars, so ist die Klage die Eigen- 
tumsfreiheitsklage (§ 1004 B.G.B.). Kläger muss in diesen Fällen, da der Beklagte 
das vom Kläger behauptete Eigentum bestreitet, beweisen, dass er Eigentümer sei; ge- 
lingt ihm dieser Beweis nicht, so ist er abzuweisen; damit ist der Prozess zu Ende, 
der Grenzfriede wird also nicht hergestellt; denn es bleibt auch nunmehr immer noch 
streitig, wo die Grenze ist. 

Bei der Grenzscheidungsklage geht der Kläger selbst davon aus, dass die Grenze 
ungewiss sei, dass Kläger wenigstens nicht imstande sei, das Eigentum an dem streitigen 
Stücke zu beweisen. Bei dieser Klage hat der Richter zunächst auf Grund des Vor- 
bringens der Parteien die Ermittlung der wirklichen Grenze zu versuchen. Misslingt 
dies, so soll nach § 920 B.G.B. der Besitzstand entscheiden; die Vermutung spricht 
also dafür, dass der Besitzer der Eigentümer sei; eine solche Vermutung besteht bei 
beweglichen Sachen in viel weiterem Umfange (§ 1006 B.G.B.), bei Grundstücken nur 
hier ; vorausgesetzt ist aber bei diesem Besitze, dass der Besitz fehler frei sei, dem 
Besitzer darf also entgegengehalten werden, der Besitz sei durch verbotene Eigenmacht 
erlangt, also fehler h a f t (§ 858 B.G.B. ). Kann der Besitzstand nicht ermittelt werden, 
so ist jedem der beteiligten Grundstücke ein gleich grosses Stück der streitigen Fläche 
zuzuteilen. 

§ 920 Abs. 2: „Soweit eine diesen Vorschriften entsprechende Bestimmung der 
Grenze zu einem Ergebnisse führt, das mit den ermittelten Umstunden, insbesondere 
mit der feststehenden Grösse der Grundstücke, nicht übereinstimmt, ist die Grenze so 
zu ziehen, wie es unter Berücksichtigung dieser Umstände der Billigkeit ent- 
spricht." Steht z. B. der Flächeninhalt der in Betracht kommenden Grundstücke 
sowie der des streitigen Stückes fest, so ist durch Ausmessung und Berechnung fest- 
zustellen, wieviel Flächenmass jedem der Beteiligten zukommt und danach die Grenze 
zu bestimmen. Ist eines der beiden in Betracht kommenden Grundstücke noch einmal 
so gross, wie das andere, so kann der Richter im Verhältnisse von 2 : 1 teilen. Auch 
kann gegebenen Falles ein natürliches Grenzzeichen benutzt werden, wenngleich die 
Teilung alsdann dem Flächenmasse nicht genau entspricht. 

Das Urteil geht auf Feststellung einer bestimmten Grenze; beide Teile werden 
verurteilt, die vom Richter gezogene Grenze als die massgebende anzuerkennen. Eine 
Vollstreckung aus diesem Urteile findet nicht statt. Dagegen hat nunmehr jeder 
Teil wieder Abmarkung zu verlangen (vergl. oben zu a). 

Die Grenzscheidungsklage unterliegt, wie die Abmarkungsklage, nicht der Verjäh- 
rung (§ 924). 

c. Grenzgemeinschaft: Im § 921 spricht das B.G.B. hinsichtlich der 
(rrenz einri chtungen eine Vermutung für Benutzung sgemeinschaft aus, 
so namentlich hinsichtlich des Zwischenraums, Raines, Winkels, Grabens, der Mauer, 
Hecke, Planke. Wie schon oben S. 196 bemerkt, ist nicht immer Mit e i g e n t u in an- 
zunehmen, wenigstens nicht hinsichtlich einer Erhöhung auf dem Erdboden ; denn 
die vertikale Grenzfläche bezeichnet die Grenze auch hinsichtlich der Erhöhung. Die 
Vermutung spricht nur für B e n u t z u n g s gemeinschaft, wenn nicht äussere Merkmale 
darauf hinweisen, dass die Einrichtung einem der Nachbarn allein gehöre, z. B. wenn 
sie nicht auf der Grenze, sondern auf dem einen Grundstück an der Grenze st«ht 
und ein äusseres Merkmal auf Alleineigentum hindeutet; was als solches gelten kann, 
wird nach den örtlichen Anschauungen zu beurteilen sein, z. B. bei einem Graben der 
Erdaushub nur auf einer Seite, bei einer Planke die Pfosten nur auf einer Seite. 

Die Benutzungsgenieinschaft wird, wie angegeben , nur vermutet; es ist also 
(regenbeweis zulässig. 



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Nachbarrechte. § 67. 209 

Für den Fall, dass die Nachbarn zur Benutzung der Grenzeinrichtung gemein- 
schaftlich berechtigt sind, trifft § 922 B.G.B. weitere Bestimmungen; 1. jeder Nach- 
bar darf sie zu dem Zwecke, der sich aus ihrer Beschaffenheit ergibt, insoweit benutzen, 
als nicht die Mitbenutzung des anderen beeinträchtigt wird, 2. die Unterhaltskosten 
sind von den Nachbarn zu gleichen Teilen zu tragen, 3. so lange ein Nachbar ein In- 
teresse am Fortbestande der Einrichtung hat, darf sie nicht ohne seine Zustimmung 
beseitigt oder geändert werden (vgl. § 370 Nr. 1 StG.B.), 4. im übrigen kommen 
die §§ 741 ff. B.G.B. über die Gemeinschaft zur Anwendung. 

Durch Vereinbarung können selbstverständlich die Rechtsverhältnisse anders ge- 
ordnet werden, so unter den Nachbarn für ihre Person und ihre Erben; soll die Wir- 
kung eine dingliche sein, so müsste eine Eintragung im Grundbuche auf Grund eines 
dinglichen Vertrages erfolgen. 

Die Rechte der Nachbarn aus § 921, 922 B.G.B. unterliegen der Verjährung 
(vergl. § 924). 

7. Einer besonderen Behandlung bedürfen noch die Rechtsverhältnisse betreffs 
eines Baumes oder eines Strauches an der Grenze und eines solchen auf der 
Grenze*®). Im folgenden ist der Kürze wegen nur die Rede vom Baume; das 
gleiche gilt aber auch für den Strauch, eine lebendige Hecke. 

Der Baum a n der Grenze ist ein Baum, der nahe der Grenze aber nicht auf 
der Grenze steht. Es entscheidet die vertikale Grenzfläche und die Stelle, an welcher 
der Stamm die Erde verlässt. Der Baum gilt also als Baum an der Grenze und 
nicht als Baum auf der Grenze, wenn der Stamm nahe der Grenze die Erde ver- 
lä.sst, an dieser Stelle also die vertikale Grenzfläche den Stamm nicht schneidet. Ragen 
Zweige des Baumes in den Luftraum des Nachbars, so ändert dies nichts; der Baum 
ist gleichwohl kein Baum auf der Grenze. Steht der Stamm nicht senkrecht und 
ragt in den Luftraum des Nachbars, so ändert auch dies nichts; der Baum ist ein 
Baum an der Grenze. 

Der Baum a n der Grenze steht im Allein eigentume des Grundeigentümers, 
auf dessen Boden er steht ; hinsichtlich des Eigentums am Baume auf der Grenze ent- 
scheidet die vertikale Grenzfläche; vergl. oben S. 196). 

Es handelt sich hauptsächlich um folgende Fälle: 

a. hinsichtlich des Baumes a n der Grenze : 

ff. Ueberwurzelung, üeberhang. Die Regel ist: Der Eigentümer darf 
die Wurzeln, welche aus dem Nachbargrundstücke eingedrungen sind, abschneiden und 
behalten. § 910 B.G.B. Er hat also ein besonderes Recht der Selbsthilfe. Er darf 
aber die in seinen Luftraum ragenden Zweige erst abhauen, nachdem er dem Nachbar 
euie angemessene Frist zur Beseitigung bestimmt hat und der Nachbar der Aufforderung 
nicht innerhalb der Frist genügt hat ; schneidet er nach erfolglosem Ablaufe der Frist 
die Zweige ab, so darf er sie auch behalten. Die Frist muss eine angemessene sein: 
hinsichtlich der erforderlichen Zeitdauer, nicht minder hinsichtlich der Jahreszeit, sie 
darf also nicht zur Zeit der Ernte oder einer andern Zeit gesetzt werden, zu welcher 
der Nachbar und seine Arbeitskräfte anderweit vollständig in Anspruch genommen 
sind, auch nicht in der Wachsperiode. Der erste Entwurf des B.G.B. wollte eine Frist 
von 3 Tagen setzen, einige Mitglieder der 2. Kommission wollten auf 2 Wochen ver- 
längern, schliesslich kam man von jeder absolut bestimmten Frist ab und verlangt nun 
vom Nachbar Beseitigung des Uebelstandes binnen „angemessener" Frist. Der, welcher 



46) Vgl. Ortloff, „Rechtsschutz betr. Üeberhang, Ueberfall, Grenzbaum im Nach- 
barrecht " im Archiv f. bürg. R. von Kohler Bd. 17 S. 234 ff. 

Handbuch d. Fontw. 2. Aufl. IV. 14 



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210 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

die Frist setzt, braucht also die' Zeit gar nicht ziffermässig zu bestimmen ; es gentigt. 
eine Aufforderung zur Beseitigung des Uebelstandes „binnen angemessener Frist". Man 
hat hierbei erwogen (vergl. Port. ßd. 3 S. 142): es sei überhaupt nicht ratsam, eine 
bestimmte Frist zu setzen; zuweilen lasse sich in einigen Stunden Abhilfe schaffen, 
zuweilen müsse dem Nachbar durchaus längere Zeit gewährt werden; manche Arbeit, 
z. B. das Beschneiden von weit ausgedehnten lebenden Hecken, erfordere sehr viel 
Zeit und Arbeit und es könne dem Nachbar nicht zugemutet werden, eine solche Arbeit 
etwa in der Erntezeit vornehmen zu lassen, wenn seine Arbeitskräfte durch nötigere Ver- 
richtungen in Anspruch genommen seien; man werde deshalb besser tun, wenn man eine 
angemessene Frist verlange ; freilich könne dadurch zuweilen Streit entstehen und 
der Eigentümer müsse ein gewisses Risiko übernehmen, wenn er nach dem Ablauf einer 
nach seiner Meinung angemessenen Frist zur Selbsthilfe schreite : indessen mussten die 
Nachteile mit in den Kauf genommen werden, da die Feststellung einer bestimmten 
Frist jedenfalls zu grösseren Ungerechtigkeiten fähren könne. 

Der Gesetzgeber macht aber Ausnahmen von der Regel : 

1. Der Eigentümer hat nicht das angegebene Recht, wenn die Wurzeln oder 
die Zweige die Benutzung seines Grundstücks nicht beeinträchtigen, § 910 Abs. 2. In 
der Kodifikationskommission zeigte sich nur in einem Punkte Meinungsverschiedenheit: 
ob auch bei den Wurzeln das Recht der Beseitigung ausgeschlossen werden solle, 
wenn die Wurzeln das Grundstück nicht schädigen; von einer Seite 
wurde ein unbedingtes Recht auf Beseitigung empfohlen, da die Wurzeln dem Boden 
Nahrung entzögen und der Eigentümer befugt, sein müsse, sich dadurch vor Schaden 
zu bewahren, dass er von vornherein die Wurzeln abstosse ; von anderer Seite erachtete 
man indessen diese Befürchtung für übertrieben; der Eigentümer könne sich gegen 
das Weiterwachsen der Wurzeln schützen, indem er einen Graben ziehe; man werde 
auch hier einen gewissen Schutz gegen das zwecklose Beschädigen von Bäumen ge- 
währen müssen. Der letzteren Ansicht schloss sich die Kommission an. 

2. Gemäss Art. 122 E.G. bleiben die landesgesetzlichen Vorschriften in Kraft, 
welche abweichende Vorschriften in Ansehung der Obst bäume an der Grenze bestim- 
men. In der 2. Kommission hatte einem Wunsche der Württembergischen Regierung 
gemäss ein Mitglied vorgeschlagen, das Recht auf Beseitigung der Wurzeln und Zweige 
in der Zeit vom 1. April bis 30. September auszuschliessen. Der Antrag wurde be- 
gründet: lebende Bäume, namentlich Obstbäume, könnten erheblich geschädigt werden 
oder würden gar eingehen, wenn eine starke Ausästung in der Periode des Wachstums 
vorgenommen werde; um eine unnötige Zerstörung von Werten zu verhüten, werde 
daher für diese Zeit eine Beseitigung nicht verlangt und im Wege der Selbsthilfe nicht 
vorgenommen werden dürfen. Von anderer Seite aber wurde darauf hingewiesen, dass 
die Beseitigung doch jedenfalls dann gerechtfertigt sei, wenn z. B. der Eigentümer 
auf seinem Grund und Boden ein Bauwerk errichten wolle. In Anerkennung der 
Richtigkeit dieses Einwurfs ergänzte der Antragsteller seinen Antrag dahin , dass die 
Beschränkung nicht Platz greifen solle, wenn die Benutzung des Nachbargrundstücks 
die Beseitigung notwendig mache. Aber auch mit dieser Einschränkung fand der Vor- 
schlag keinen Beifall; die Mehrheit nahm an: eine derartige kasuistische Bestimmunc: 
werde nur in einer Anzahl von Fällen passen, in anderen dagegen unnötig sein und 
belästigend wirken. Von einer Seite wurde noch bemerkt, die „angemessene'' Frist 
die man an Stelle der 3 Tage des Entwurfs beschlossen habe, werde in besonderen 
Fällen soweit auszudehnen sein, dass die Beseitigung der Aeste nicht gerade in der 
Periode des Wachstums vorgenommen zu werden brauche. — Ferner wurde in der 2. 
Kommission vorgeschlagen, bei Obstbäumen eine besondere Bescliränkung dahin zu be- 



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Nachbarrechte. § 67. 211 

schliessen, dass die Ansästun^ nur bis zur Höhe von 2 Vi Metern vorgenommen zu 
werden brauche, also lediglich soweit, dass die Bestellung des unter den Zweigen 
liegenden Feldes mit Zugvieh möglich sei. Auch dieser Vorschlag wurde von der 
Mehrheit abgelehnt. — Im Bundesrate wurde dann aber der jetzige Art. 122 E.G. auf 
Antrag der Wurttembergischen Regierung eingefügt. 

3. Von besonderer Bedeutung ist die Frage der Anwendbarkeit des § 910 auf 
die W a 1 d grundstücke. Ursprünglich beabsichtigte die Kodiükationskommission, die 
Entscheidung dieser Frage vollständig der Landesgesetzgebung zu überlassen (damals 
§ 861 des Entwurfs, Art. 67 des Entwurfs des Einf.-Ges.); dagegen wurde aber mit 
Erfolg geltend gemacht (Prot. Bd. 4 S. 146): Die Verhältnisse des Waldes seien im 
Allgemeinen in ganz Deutschland die gleichen , jedenfalls soweit der Ueberhang und 
die Ueberwurzelung in Betracht komme; es erscheine deswegen richtiger, in diesem 
Punkte eine reichsrechtliche Regelung anzustreben ; dafür falle auch ins Gewicht, dass 
sich die Vei-sammlung deutscher Forstmänner in Karlsruhe für reichsrechtliche Be- 
stimmungen ausgesprochen habe ; sei also davon auszugehen, dass hinsichtlich der nach- 
barrechtlichen Verhältnisse auch beim Walde der § 910 in einer zweckentsprechenden 
Fassung für anwendbar erklärt werden müsse, so bleibe es selbstverständlich der Lan- 
desgesetzgebung vorbehalten , aus polizeilichen oder kulturellen Gründen Vorschriften 
über die Waldwirtschaften zu erlassen, insbesondere bei der Neuanlage von Wäldern 
die Einhaltung eines bestimmten Abstandes von der Grenze vorzuschreiben; die laut 
gewordenen Bedenken bewegten sich wesentlich in der Richtung, dass es nicht möglich 
sei, den § 910 so zu fassen, dass derselbe allen Bedürfnissen gerecht werde ; von einer 
Seite wurde hervorgehoben, dass sich in der Waldwirtschaft erhebliche Aenderungen 
vollzögen und dass namentlich die Anschauungen über die Notwendigkeit von Auf- 
forstungen gewechselt hätten ; die Entwickelung sei in dieser Richtung noch nicht ab- 
geschlossen und man müsse deswegen jedenfalls für einen gewissen Spielraum sorgen, 
damit den wechselnden Bedürfnissen entsprochen werden könne. Einige Mitglieder der 
zweiten Kommission beantragten eine Verpflichtung des Nachbars zur Duldung der 
Wurzeln und Zweige (s^s^ti^ Entschädigung durch Rente oder Kapital) zu Gunsten der 
Wälder (und Obstbäume) festzusetzen; diese Duldung wurde als durchaus notwendig 
bezeichnet, sonst würden ganze Waldbestände gefährdet, indem nämlich vielfach durch 
Zerstörung des sog. Waldmantels der Wald des natürlichen Schutzes beraubt werde 
und der Vernichtung durch Sturm, Austrocknen des Bodens u. s. w. anheimfalle. Gegen 
diese letzteren Anträge wurde geltend gemacht: Durch solche ganz neue und unge- 
wöhnliche Belastung der Nachbargrundstücke würden die Interessen der W aldbesitzer 
einseitig berücksichtigt, eine solche Neuerung würde namentlich dann als ungerecht 
empfunden, wenn durch Neuanlage eines Waldes die Grundstücke der Nachbarn in 
solcher Weise belastet würden; die Feststellung einer Entschädigung führe notwendig 
zu Zweifeln und Streitigkeiten; die im Interesse der Waldbesitzer vorgeschlagene 
Erweiterung der Duldungspflicht, werde wahrscheinlich durch die damit verbundene 
Entschädigungspflicht das Gegenteil dessen bewirken, was sie bezwecke; die Rente 
werde nämlich vielfach aus Schikane verlangt werden, die Möglichkeit eine Rente zu 
erlangen , werde die Begehrlichkeit der Nachbarn steigern und sie in grösserem Um- 
fang als bisher veranlassen, mit Ansprüchen auf Beseitigung von Zweigen und Wurzeln 
hervorzutreten, das müsse zu Nachbarstreitigkeiten und Zerwürfnissen führen, deren 
Vermeidung im öffentlichen Interesse liege u. s. w. Von anderer Seite wurde folgen- 
der Standpunkt vertreten: § 910 gewähre dem Baumbesitzer insofern einen wesent- 
lichen Schutz, als er die Duldung des Ueberhangs und der Ueberwurzelung vorschreibe, 
falls dadurch die Benutzung und die Bearbeitung des Nachbargrundstücks nicht beein- 

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212 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

trächtigt werde; regelmässig werde dieser Schutz auch für den Wald genügen, des- 
halb werde man den § 910 auf Waldgrundstücke erstrecken und den Art. 67 , be- 
treifend Vorbehalt für die Landesgesetzgebung streichen können; wo sich aber infolge 
besonderer Verhältnisse für die bestehenden Wälder eine weitgehende Duldungs- 
pflicht herausgebildet habe oder sich in Zukunft ein Bedürfnis dafür zeigen sollte, 
werde man das bestehende Recht aufrecht zu erhalten und auch für die Zukunft ein 
Einschreiten der Landesgesetzgebung zu ermöglichen haben ; indem man so dem Walde 
einerseits den Schutz des § 910 gebe, andererseits den etwa bereits bestehenden oder 
durch die Landesgesetzgebung in Zukunft einzuführenden weiteren Schutz ermögliche, 
treffe man das richtige; durch diese Gestaltung vermeide man namentlich die unprak- 
tische Entschädigungspflicht, und man komme — ähnlich wie beim Wildschaden — zu 
einer r e i c h s gesetzlichen Regelung, die zur Not als genügend anzusehen sei und ein 
Eingreifen der Landesgesetzgebung in der Regel entbehrlich mache, ohne ihre Mög- 
lichkeit auszuschliessen. 

Die Kommission nahm den letzteren Standpunkt an, strich den Art. 67 und fugte 
den jetzigen Art. 183 des Einf.-Ges. ein: „Zu Gunsten eines Grundstücks, das zur Zeit 
des Inkrafttretens des B.G.B. mit Wald bestanden ist, bleiben die landesgesetzlichen 
Vorschriften, welche die Rechte des Eigentümers eines Nachbargrundstücks in Ansehung 
der auf der Grenze oder auf dem Waldgrundstücke stehenden Bäume oder Sträucher 
abweichend . . . bestimmen, bis zur nächsten Verjüngung des Waldes 
in Kraft. '• Einverständnis bestand in der zweiten Kommission nach den Protokollen 
Bd. 3 S. 148 insbesondere darüber, dass die Landesgesetzgebung diejenigen Be- 
schränkungen, welche durch das B.G.B. den Nachbargrundstücken im Interesse der 
Baumkultnr auferlegt seien, nicht beseitigen, sondern nur noch andere Beschränkungen 
hinzufügen dürfe, die einen weitergehenden Schutz des Waldes bezweckten. 

ß. Wie bereits bemerkt, kann der Fall eintreten, dass nicht bloss die Zweige, 
sondern der Baum an der Grenze selbst (der Stamm) in den Luftraum des Nach- 
bars hineinragt. Für diesen Fall trifft § 910 nicht zu; trifft das B.G.B. überhaupt 
keine Sonderbestimmung. — Der Nachbar kann Beseitigung des Uebelstandes verlangen 
gemäss § 903 B.G.B., wonach das Eigentum frei ist, soweit nicht der Baumeigentümer 
ein besonderes Recht der Einschränkung, etwa durch Vertrag, erworben hat. 

b) Grenzbaum: Betreffs des Baumes und Strauches auf der Grenze trifft 
§ 923 Bestimmung; — eine Bestimmung, die unter Zurücksetzung der Rechtslogik 
lediglich auf Zweckmässigkeitsgründen beruht , um unter den Nachbarn den Frieden 
zu sichern, der erfahrungsgemäss oft bei den unbedeutendsten Dingen gefährdet ist. 

Die Früchte des Baumes und Strauches auf der Grenze gebühren den Nach- 
barn zu gleichen Teilen; das gleiche gilt vom Baume selbst, wenn er gefällt wird. 

Jeder Nachbar kann jeder Zeit (nur selbstverständlich nicht aus Schikane, § 226) 
die Beseitigung verlangen. Die Kosten der Beseitigung fallen den Nachbarn zu gleichen 
Teilen zur Last; der Nachbar, der die Beseitigung verlangt, hat jedoch die Kosten 
allein zu tragen, wenn der andere auf sein Recht an dem Baume verzichtet ; in diesem 
Falle erwirbt er das Alleineigentum und zwar mit der Trennung. Die Ansprüche auf 
Beseitigung sind unverjährbar (§ 924 B.G.B.). 

Ausnahmen: 

1. Der Anspruch auf Beseitigung ist ausgeschlossen, wenn der Baum als Grenz- 
zeichen dient und den Umständen nach nicht durch ein anderes zweckmässiges Grenz- 
zeichen ersetzt werden kann ," § 923 Abs. 2 am Ende ; (also nicht schon dann , wenn 
der Baum zur Zeit das einzige Grenzzeichen ist). Die Bestimmung ist für notwendig 
erachtet , da in manchen Gegenden , namentlich in den üeberschwemmungsgebieten 



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Nachbarrechtc. § 67. 213 

^osser Flüsse, die Grenzen der Wiesengrundstücke oft nicht anders als duich sog. 
Kopfbänme (gekappte Weiden) zuverlässig bezeichnet werden können. 

2. Bei Obstbäumen, vvie oben S. 210 zu 2. 

3. Bei Waldgrundstücken, wie oben S. 211 zu 2. 

c) Ueberfall. Hier ist wiederum zwischen dem Baume und Strauche auf der 
Grenze und dem an der Grenze zu scheiden. 

«. Hinsichtlich des Baumes und Strauches auf der Grenze trifft § 923 die schon 
erwähnte Vorschrift, dass die Früchte unter den Nachbarn gleich zu teilen sind; 

ß. Hinsichtlich des Baumes und Strauches an der Grenze trifft § 911 B.G.B. 
eine andere Bestimmung : F r ü c h t e , die von einem Baume oder einem Strauche auf 
ein Nachbargrundstück hinüberfallen, gelten als Früchte dieses Grundstücks. Sie 
fallen also dem zu, der den Fruchtgenuss hat, also nicht etwa nur dem Eigentümer, 
sondern gegebenen Falls dem Pächter , Niessbraucher u. s. w. Bevor die Früchte 
abgefallen sind, darf der Nachbar sie sich nicht zueignen; auch dann nicht, wenn sie 
an Zweigen in seinem Lufträume hängen. Die Bestimmung des § 911 entspricht dem 
deutschen Rechte und ist aufgenommen, um Zwistigkeiten unter den Nachbarn vorzu- 
beugen, lieber den Zeitpunkt des Fruchterwerbs gelten die allgemeinen Vorschriften 
(§§ 953 ff.), vgl. unten S. 219. 

Der § 911 macht eine Ausnahme für den Fall , dass das Nachbargrundstück 
dem öffentlichen Gebrauche dient. Hier sind Streitigkeiten unter den Nach- 
barn nicht zu befürchten. Tn der zweiten Kommission war auch folgendes erwogen : 
in den Gegenden Deutschlands, in welchen, wie in Württemberg die Verpflichtung 
bestehe, an den Wegen Obstbäume zu pflanzen, entspreche es dem Rechtsbewusst- 
sein, dass sich der Eigentümer der Bäume die auf den Weg fallenden Früchte zueigne ; 
es sei auch unpraktisch, die Früchte in solchem Falle dem Eigentümer der Strasse, 
also dem Staate, der Gemeinde u. s. w. nach der Regel des § 911 zufallen zu lassen, 
da solche Eigentümer füglich nicht Gelegenheit hätten, die herabgefallenen Früchte 
einzuernten (Prot. Bd. 3 S. 149). — In der zweiten Kommission war der Antrag ge- 
stellt, die auf öffentlichen Grundstücken fallenden Früchte für herrenlos zu erklären; 
die Annahme des Antrags hätte den wünschenswerten Erfolg gehabt, Streitigkeiten 
wegen Diebstahls abzuschneiden; der Antrag wurde aber abgelehnt, weil man es für 
richtiger hielt, das Recht des Baumeigentümers auf Fruchtgenuss anzuerkennen, was 
namentlich dann z. B. von erheblicher Bedeutung wird , wenn ein Sturm eine ganze 
Obsternte herunterschleudert (Prot. Bd. 3 S. 149). — Das Recht auf die Früchte, 
welche auf das öffentliche Grundstück fallen, steht also dem zu, der den Fruchtgenuss 
am Baume hat. Wer das auf dem öffentlichen Weg gefallene Obst rechtswidrig 
fortnimmt, wird deshalb wegen Diebstahls bezw. Mundraubs zu bestrafen sein, so 
namentlich bei Obst. Bei anderen Früchten, z. B. wilden Kastanien, Eicheln, wird oft 
anzunehmen sein, dass der Eigentümer der Bäume keinen Anspruch auf die Früchte 
mache. 

II. Nachbarrechte nach Landesrecht. 

1. Der Art. 124 E.G. bestimmt: „Unberührt bleiben die landesgesetzlichen Vor- 
schriften, welche das Eigentum an Grundstücken zu Gunsten der Nachbarn noch 
anderen als den im B.G.B. bestimmten Beschränkungen unterwerfen. Dies gilt ins- 
besondere auch von den Vorschriften, nach welchen Anlagen sowie Bäume und Sträucher 
nur in einem bestimmten Abstände von der Grenze gehalten werden dürfen." 

Der Art. 124 enthält einen weitgehenden Vorbehalt zu Gunsten der Landesge- 
i^etzgebung, doch geht er nicht soweit, dass die letztere die zu I erörterten, vom B.G.B. 
abgehandelten Nachbarrechte berühren dürfe. Der Art. 124 gestattet nur die Regu- 



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214 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

lierung anderer Arten von Nachbarrechten; in Betracht kommen namentlich: 1. Ham- 
merschlags- oder Leiten-echt, 2. Umwende-, Tret-, Trepp-, Kehr- oder Pflugrecht, 
3. Schaufelschlagsrecht, 4. Fenster- oder Lichtrecht. Vgl. Di ekel S. 377, Niedner 
zu Art. 124. 

Soweit die Nachbairechte der liandesgesetzgebung in Kraft bleiben, soweit kann 
diese Gesetzgebung auch der Inhalt und die rechtliche Wirkung regeln. 

In Betracht kommen hier hauptsächlich A.L.R. I, 8 §§ 125- 128, 181, 133, 138 
bis 140, 142-144, 148, 152, 153, 155, 162—167, 169—174, 185, 186, rode civil Art. 
671, 672 Abs, 1, 674-681, vgl. Art. 89 Nr. 1»' und Nr. 2 des preuss. Ausf.-Ges. z. B.G.B. ; 
Sachs. B.G.B. §§ 350, 351, 353—357, 359 und folgende Bestimmungen der Ausfüh- 
rung s gesetze : Baden Art. 13 — 23, Bayern Art. 62—80 fv. Stengel S. 53 An- 
merk. 1), E 1 s ass-L o thrin g en §§ 59—66, Hessen Art. 83 — 89, Oldenburg 
SS 24—30. Reuss ä. L. §§ 97-99, Reuss j. L. §§ 96—72, Sach sen- Altenburg 
SS 70 -74, -Koburg- Gotha Art. 24, -Meiningen Art. 15, Schwarzburg- 
Rudol Stadt Art. 66 — 73, -Sonder shausen Art. 31, Württemberg Art. 217 
bis 254, Grossh. Sachsen 8 109—113. 

2. Die Landesgesetzgebung kommt aber ferner in Betracht, soweit Vorbehalt« 
allgemeinerer Art für sie gemacht sind: 

a) namentlich gemäss Art. 111 E.G., wenn es sich um das öffentliche In- 
teresse handelt. 

b) nach den Vorbehalten betreffend Wasserrecht (Art. 65), Deich- und Sielrecht 
(Art. 66), Bergrecht (Art. 67), Jagdrecht (Art. 69) u. s. w. 

III. Von besonderer Bedeutung ist die Frage, ob dem Waldeigentümer ein ge- 
nügender Schutz gegen Rauch- und ähnliche Beschädigungen gegeben sei. Der auf 
Grund der §§ 906, 907 B.G.B. ihm gebührende Schutz dürfte vielfach nicht ausreichen, 
namentlich dann nicht, wenn es sich um Einwirkungen handelt, die nach den örtlichen 
Verhältnissen bei Grundstücken der betreifenden Lage gewöhnlich sind. 

Es fragt sich, ob hier die Landes gesetzgebung helfen kann. Art. 124 kommt 
nicht in Frage; denn er spricht nur von der landesgesetzlichen Regelung anderer 
als der im B.G.B. abgehandelten Nachbarrechte; im vorliegenden Falle aber handelt 
es sich allein um Zuführungen, bezüglich dieser hat das B.G.B. die massgebenden Be- 
stimmungen getroifen. Jedoch verweist § 907 auf die Landesgesetzgebung, aber nur 
in der Art, dass ein bestimmter Abstand der Anlage von der Grenze oder sonstige 
Schutzmassregeln vorgeschrieben werden können. Durch eine solche Bestimmung könnte 
dem Waldbesitzer möglicher Weise geholfen werden; es wäre gegebenen Falles mög- 
lich , dass durch die Beobachtung eines Abstandes oder auch durch Anbringung von 
Schutzmassregeln die Beschädigung des Waldes gänzlich verhütet werde. Ist letzteres 
aber nicht der Fall , so nützt die gemäss § 907 in Wirksamkeit tretende Landesge- 
setzgebung nichts oder nicht genügend; im Gegenteile, sie verschlechtert seine Lage, 
da er nunmehr abwarten muss, bis die unzulässige Einwirkung tatsächlich hervortritt. 
Durchgreifende Hilfe gewährt aber der Art. 111 des Einf.-Ges. (vgl. oben zu II, 2, a); es 
ist a 1 1 seitig anerkannt, auch von den Juristen, dass die Erhaltung und Sicherung des 
Waldes im öffentlichen Interesse liegt. 

§ 68. Erwerb und Verlust des Eigentums an Grundstücken. 

I. In Betracht kommen Vorschriften des B.G.B. , anderer Reichsgesetze und 
mehrerer Landesgesetze. Vorerst aber fragt es sich, wer Eigentum an einem Grund- 
stück erwerben kann? Im allgemeinen jede Person. Es gibt aber Beschränkungen: 
hinsichtlich der juristischen Personen vgl. oben S. 99. Betreffs der Menschen kann die 
Landesgesetzgebung Einschränkungen machen, einmal kraft öffentlichen Rechts, z. B. 



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Erwerb und Verlust des Eigentums an Grundstücken. § 68. 215 

hinsichtlich der Beamten zur Sicherung der Integrität des Beamtenstandes *^) , sodann 
in den der Landesgesetzgebung vorbehaltenen Materien*^). 

IL Die freiwillige Veräusserung (lieber tragung) des Eigentums findet 
gemäss der für das liegenschaftssachenrecht grundsätzlich massgebenden Bestimmung 
des § 873 B.G.B. (vgl. oben § 64 zu I.) durch Einigung und Eintragung im 
Gruiidbuche statt. Die Einigung heisst hier Auflassung. Sie ist ein Vertrag, ein 
Veräusserungsvertrag, aber nicht obligatorisch wie etwa der Kauf, sondern ein ding- 
licher Vertrag; der bisherige Eigentümer (der Auflassende) verpflichtet sich nicht, 
wie beim Kaufe, zu einer Leistung, er veräussert vielmehr das Grundstück dem andern 
Teile dinglich; der Eigentumserwerb wird aber erst durch die Eintragung des neuen 
Eigentümers vollendet. Gewöhnlich wird der Auflassung ein obligatorischer Vertrag, 
namentlich Kauf, vorausgehen; doch ist dies für die Giltigkeit der Auflassung nicht 
nötig. Die Auflassung ist ein abstrakter Vertrag. Es kann also die Auflassung 
stattfinden, obwol der beabsichtigte Kaufvertrag noch nicht geschlossen ist ; z. B. wenn 
der Kauf über das Grundstück nicht in der im § 313 B.G.B. vorgeschriebenen Form 
geschlossen und deshalb (gemäss § 125 B.G.B.) nichtig ist. Findet im letzteren Falle 
die Auflassung und Eintragung statt, so wird der obligatorische Vertrag nunmehr 
seinem ganzen Inhalte nach giltig (§ 313 Satz 2). 

Die Auflassung muss gemäss § 925 B.G.B. bei gleichzeitiger Anwesen- 
heit beider Teile vor dem Grundbuchamt erklärt werden. Hier greift aber 
wiederum die Landesgesetzgebung ein; sie kann einerseits erleichtern, anderer- 
seits erschweren; — erleichtern gemäss Art. 143 E.G. ; sie kann hiernach 
die Erklärung der Auflassung auch vor einem Gericht oder einem Notar oder vor einer 
anderen Behörde oder vor einem anderen Beamten zulassen*^); auch kann von gleich- 
zeitiger Anwesenheit beider Teile abgesehen werden, wenn das Grundstück durch ein 
Grericht oder einen Notar versteigert worden ist und die Auflassung noch im Ver- 
steigerungstermin erfolgt^®); — erschweren gemäss §98 Grundb.-Ordn. ; hiernach 
kann die Landesgesetzgebung anordnen, dass das Grundbuchamt die Erklärung der 
Auflassung nur entgegennehmen soll , wenn die nach § 313 B.G.B. erforderliche Ur- 
kunde vorgelegt wird. — Die Auflassung darf nicht unter einer Bedingung und nicht 
unter einer Zeitbestimmung erfolgen, sonst ist sie unwirksam (§ 925). 

Ist der Auflassungsvertrag geschlossen, so ist damit die p r i v a t rechtliche Seite 
der Veräusserung bewirkt ; der Veräusserer ist nun nicht mehr zu einer weiteren Mit- 
wirkung verpflichtet. Trägt der Grundbuchbeamte trotz stattgehabter Auflassung nicht 



47) Vgl. z. B. für Preussen bei freiwilligem Erwerbe: Kgl. Befehl v. 29. 2. 1812 
hinsichtlich der Beamten der D o m ä n e n Verwaltung, K.O. vom 5. 9. 1821 hinsichtlich der 
Königlichen Forstbeamten . . . ^dass kein im Dienste des Staates stehender Forst-Bediente 
ohne Unterschied seines Ranges, befugt sein soll, ein Grundstück zu erwerben, welches in 
den seiner Aufsicht und Verwaltung anvertrauten Forsten und Revieren , ein Holzungs-, 
Uütungs- oder sonstiges Recht hat, oder mit denselben grenzet. Ausnahmen hiervon dürfen 
nur in bes. dazu geeigneten Fällen, auf den Antrag der Prov.-Reg.. durch das Ministerium 
gestattet werden. " Diese Bestimmungen werden tatsächlich ein Hindernis des Erwerbs 
sein ; die Beamten würden sich , bei Ausserachtlassung der Bestimmung disziplinarrechtlicher 
Verfolgung aussetzen. Falls aber entgegen den erwähnten Verboten ein Erwerb stattfinden 
sollte, so wäre er privat rechtlich giltig und unanfechtbar, da das E.G. z. B.G.B. keinen 
Vorbehalt für die Landesgesetzgebung enthält. 

48) Vgl. z. B. § 105 des preuss. Bergges. vom 24. 6. 1865. Hier kann die Landes- 
gesetzgebung auch die p r i v a t rechtliche Giltigkeit des Erwerbs verhindern, da der Art. 67 
des E.G. einen allgemeinen Vorbehalt für das Bergrecht enthält. 

49) Vgl. Niedner zu Art. 148 (8. 270). 

50) Vgl. Niedner zu Art. 143 (S. 271). 



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216 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

ein, so findet Beschwerde statt. 

Für die üebertragung nichtbuchungspflichtiger Grundstücke bleibt 
die L a n d e s gesetzgebung massgebend, Art. 127 E.G. Dies ist eine wichtige Aus- 
nahme von dem Grundsatze der §§ 873, 925 B.G.B. 

Hinsichtlich der Zubehörstücke trifft § 926 Bestimmung: 1. soweit die zur 
Zeit des Erwerbes vorhandenen Zubehörstücke dem Veräusserer gehören, er- 
langt der Erwerber an ihnen das Eigentum, wenn beide Teile darüber einig sind, dass 
sich die Veräusserung auf sie erstrecken soll ; 2. letzteres wird im Zweifel angenommen; 
3. erlangt der Erwerber auf Grund der Veräusserung den Besitz von Zubehörstücken, 
die dem Veräusserer nicht gehören, oder mit Rechten dritter belastet 
sind, so linden die im nächsten Paragraphen zu besprechenden Grundsätze über Er- 
werb des Eigentums an beweglichen Sachen Anwendung. 

III. Nach dem Rechte vor 1900 konnte das Eigentum an einem Grundstücke 
auch durch Ersitzung erworben werden, d. h. durch gutgläubigen Besitz während 
der Ersitzungszeit. Mit der Entwicklung des Grundbuch Systems trat die Bedeu- 
tung der Tabulareintragung immer mehr in den Vordergrund ; die Ersitzung ausserhalb 
des Grundbuchs hörte immer mehr auf. Das B.G.B. hat: 

1. § 900 Abs. 1, Tabularersitzung; es ist möglich, dass Jemand im Grundbuch 
als Eigentümer eingetragen wird, ohne das Eigentum zu erlangen; in solchem Falle 
erwirbt der Eingetragene das Eigentum, wenn die Eintragung 30 Jahre bestan- 
den hat und wenn er während dieser ganzen Zeit das Grundstück im Eigenbe- 
sitze gehabt hat. Für die Ersitzung im strengen Sinn ist stets guter Glaube vor- 
ausgesetzt, hierauf kommt es bei der „Tabularersitzung" nicht an ; die Beseitigung des 
„doppelten Eigentums" (d. h. des wahren Eigentums des Nichteingetragenen und des 
Scheineigentums des Eingetragenen) liegt im öffentlichen Interesse; der wahre Eigen- 
tümer hat in 30 J. Zeit genug, sein Recht geltend zu machen. Es handelt sich also 
entscheidend darum: Nach § 891 Abs. 1 hat der im Grundbuch als berechtigt Einge- 
tragene die Vermutung für sich, dass ihm das Recht zustehe; diese Vermutung 
kann zunächst widerlegt werden, sie wird aber unwiderleglich nach 30 J. unter 
den Voraussetzungen des § 9(X). — Hat Jemand vor der Zeit, zu welcher das Grund- 
buch als angelegt gilt, Ersitzungsbesitz gemäss dem alten Rechte erlangt und ist zu 
dieser Zeit als Eigentümer eingetragen, so findet auf die Vollendung der Tabularer- 
sitzung die Bestimmung des Art. 169 E.G. über Verjährung (vgl. D i c k e 1 S. 158 Anm. 259) 
entsprechende Anwendung (Art. 189 Abs. 2 E.G.) , ist er nicht eingetragen , so 
wird die Ersitzung nicht fortgesetzt. 

Die Bestimmung des § 9(X) Abs. 1 findet entsprechende Anwendung auf dingliche 
Rechte Dritter (§ 900 Abs. 2). 

2. § 927. Hat Jemand ein fremdes Grundstück 30 Jahre lang im Eigenbesitze, 
so kann der wahre Eigentümer durch ein Aufgebots verfahren ausgeschlossen 
werden; ist aber der wahre Eigentümer im Grundbuch eingetragen, so ist das Aufge- 
botsverfahren nur zulässig, wenn er gestorben oder verschollen ist und eine Eintra- 
gung in das Grundbuch, die der Zustimmung des Eigentümers bedurfte, seit 30 Jahren 
nicht erfolgt ist. Wer das Ausschlussurteil im Aufgebotsverfahren erwirkt, erlangt 
das Eigentum dadurch, dass er sich als Eigentümer in das Grundbuch eintragen lässt. 

Dies Ausschlussurteil wirkt aber nicht gegen einen Dritten, wenn dieser vor 
Erlassnng des Ausschlussurteils als Eigentümer im Grundbuch eingetragen worden ist, 
oder wenn zugunsten seines Eigentums ein Widerspruch gegen die Richtigkeit des 
Grundbuchs eingetragen worden ist. 

Der Unterschied zwischen dem Falle des § 900 (zu 1) und dem Falle des § 927 



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Erwerb und Verlust des Eigentums an Grundstücken. § 68. 217 

(zu 2) ist der, dass in jenem Falle mit Hilfe der Eintragung, in diesem Falle 
dagegen trotz der entgegenstehenden Eintragung das Eigentum erlangt 
werden kann. Im letzteren Falle spricht man von Tabular v e r Sitzung. 

IV. Der Eigentümer kann auch durch Verzicht sein Eigentum aufgeben, 
§ 928 B.G.B. Der Verlust des Eigentums tritt dadurch ein, dass der Verzicht gegen- 
über dem Grundbuchamt erklärt und im Grundbuch eingetragen wird. Das Recht zur 
Aneignung des so herrenlos^*) gemachten Grundstücks steht dem Fiskus des Bundes- 
staats zu, in dessen Gebiete das Grundstück liegt; der Fiskus erwirbt das Eigentum, 
indem er sich eintragen lässt. An Stelle des Fiskus können gemäss Art. 129 E.G. 
die Landesgesetze eine bestimmte andere Person '^*'^) bestimmen. 

Die Ausführungs gesetze schweigen. In Preussen kommen in Betracht : 
Das Auen recht, d. h. das Recht der Rittergutsbesitzer auf herrenlose Grundstücke, auch 
Wege, der bäuerlichen Feldmark, so namentlich in Schlesien ; vgl. auch § 77 des westpreiiss. 
Provinzialrechts vom 19. 4. 1844. Für die Rheinprovinz und Westfalen vgl. K.-O. v. 
14. 8. 1825; hiemach sollen Parzellen, „die bei der Katastervermessung als herrenlos 
sich entdecken, mit allen Vorteilen und Lasten der Gemeinde, in deren Feldmark sie liegen, 
überlassen werden, wenn solche sie unter diesen Bedingungen annehmen wollen", v. Kamptz, 
Annalen Bd. 9 S. 605, Mot. zum Entw. des B.G.B. Bd. 3 zu § 8«8. Das Obertribunal 
hat am 20. Aiignst 1821 (vgl. Simon, Rsprech. Bd. 1 S. 236) erkannt: „einer Stadt 
gebühre vermöge ihres Weichbildrechtes das Eigentum an den innerhalb des Weichbildes ge- 
legenen Gütern, welche nicht Anderen aus einem besonderen Titel gehören*^. 

Dem Fiskus steht ein solches Aneignungsrecht gemäss Art. 190 E.G. auch auf Grund- 
stücke zu, die zur Zeit der Anlegung des Grundbuchs herrenlos sind; auch hier kann 
die Ijandesgesetzgebung an Stelle des Fiskus eine andere (natürliche oder juristische) 
Person bestimmen. 

Als herrenlos gelten z. B. nach Art. 8 des hess. Ges. vom 29. 10. 1830 solche 
(trundstücke, die in den Kopien der Flurbücher und Karten als herrenlos bezeichnet 
sind (Niedner zu Art. 190). 

V. Es gibt auch Fälle, in denen sich Verlust und Erwerb des Eigentums an 
einem Grundstücke ausserhalb des Grundbuchs vollziehen, so z. B. gemäss 
§ 1922 durch Erbgang, gemäss § 1438 bei allgemeiner Gütergemeinschaft, gemäss 
§ 90, §§ 180 flgd. des Keichsgesetzes, betreffend die Zwangsversteigerung in das un- 
bewegliche Vermögen, durch Zuschlag '^^). 

VI. Nach Landesrecht vollzieht sich der Erwerb des Eigentums an Grund- 
!«tücken : 

1. In den Fällen der der Landesgesetzgebung allgemein vorbehaltenen Materien : 
Enteignung im allg, (Art. 109), Enteignung im Interesse der Landeskultur (Art. 113), 
Erwerb nach Wasserrecht, auf Anlandungen, Inseln, verlassenen Flussbetten (Art. 65), 
I>eich- und Sielrecht (Art. 66), Bergrecht (Art. 67), Bahneinheit (Art. 112). 

2. Gemäss Art. 126 des E.G. kann das dem Staate an einem Grundstücke zu- 
stehende Eigentum auf einen Gemeindeverband und das einem Gemeindeverband an 
einem Grundstücke zustehende Eigentum auf einen anderen Gemeindeverband oder auf 
den Staat durch Landessondergesetz übertragen werden. 

Die Ausführ.-Ges. schweigen. Vgl. aber preuss. Ges. v. 8. Juli 1875 § 18 Abs. 2, 
und vom 18. Januar 1881 § 2. 

51) üeber den Fall der Notwendigkeit eines Prozesses gegen den Eigentümer vgl. 
Ü 58 Z.P.O., Dickel S. 881 Anra. 144. 

52) Nur eine bestimmte Person; nicht also wie früher im gemeinen Rechte der 
erste Besitznehmer. 

53) Vgl. auch Reichsges. vom 25. Mai 1873, Dickel S. 382 Anm. 145. 



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218 XIV. Di ekel, Rechtskundc. 

3. Für die Uebertragung des Eigentums an nichtbuchungsp flichtigen 
Grundstücken (vgl. oben § 64 zu VI) sind die Landesgesetze massgebend, wenn das 
Grundstück nach der Grundbuchordnnng auch nach der Uebertragung nicht eingetra- 
gen zu werden braucht, Art. 127. 

Nach den meisten Ausführungsgesetzen genügt Einigung und solenne Beurkundung 
derselben, vgl. Niedner zu Art. 127: gerichtliche oder notarielle Beurkundung oder 
durch einen Beamten der betreffenden Behörde : Braunschweig § 48, Lübeck 
8 65, Oldenburg § 12, Birkenfeld § 40, Preussen Art. 27 (vgl. Dickel S. 882 
Anm. 146); gerichtliche Beurkundung: Schwarzburg-Sondersh. Art. 23, Erklä- 
rung zu Protokoll vor dem Grundbuchamt oder Einreichung öffentlicher Beurkundung: 
Sachsen- Weimar § 122, Schwarzburg-Rudolstadt Art. 75 ; öffentlich be- 
glaubigte Form : M e c k 1 e n b u r g - 8 c h w. § 1 03, -S t r e 1. § 101 ; Beurkundung durch 
einen elsass-lothr. Notar : Elsass-Lothr. § 74. Für Bremen bestimmt § 16 : Um- 
schreibung im Flurbuch als genügend , H a m b u r g § 29 bringt die Bestimmungen des 
B.G.B. zur Anwendung. 

§69. Erwerb des Eigentums an beweglichen Sachen. 

I. Die Uebertragung des Eigentums geschieht durch Einigung über 
den Eigentumsübergang und Uebergabe, § 929 B.G.B. Die „Einigung" ist wie 
die Auflassung (oben § 68) ein dinglicher abstrakter Vertrag ; das Eigentum kann also 
übertragen werden, auch wenn der beabsichtigte Kauf oder andere obligatorische \'er- 
trag noch nicht geschlossen ist; andererseits genügt der Abschluss des Kaufvertrages 
nicht, es muss Uebergabe mit der Absicht der Eigentumsübertragung hinzukommen. 

Soll eine Uebertragung des Eigentums an einer beweglichen Sache geschehen, so 
muss selbstverständlich vor allen Dingen ein geeigneter Gegenstand vorhanden sein. 
Ist dies z. B. ein stehender Baum ? Das Obertribunal hat dies früher für das Gebiet 
des preuss. allg. Landrechts bejaht; nach B.G.B. ist es zu verneinen, der Baum ist 
als Erzeugnis des Grund und Bodens, solange er von letzterem nicht getrennt ist, ein 
wesentlicher Bestandteil (§ 94 B.G.B.) und kann also nicht Gegenstand beson- 
derer Rechte sein (§ 93); eine Uebertragung des Eigentums an den Baum ist nur 
möglich einerseits mit dem Grund und Boden zugleich, andererseits nach der Trennung 
vom Boden. 

Die Uebergabe kann sein: 

1. eine körperliche, z.B. von Hand zu Hand, aber auch so, dass der bis- 
herige Besitzer den Erwerber in die Lage setzt, die Gewalt über die Sache auszuüben, 
z. ß. bei dem im Walde zugerichteten Holze durch Aushändigung des Verabfolgezettels, 
§ 854 Abs. 2; 

2. kurzer Hand, § 929 Satz 2 ; ist der, welcher das Eigentum erwerben soll, 
schon im Besitze der Sache, so genügt die Einigung über den Eigentumsübergang; 

3. die Uebergabe kann auch ersetzt werden §§ 930, 931 B.G.B., vgl. Dickel 
S. 384. 

Für die Uebertragung von Rechten gilt der selbstverständliche Satz: ^Niemand 
kann mehr Rechte übertragen als er selbst hat." Scheinbar macht der Gesetzgeber 
insofern Ausnahmen, als er dem Erwerber einer Sache das Eigentum zuspricht, obwohl 
der Veräusserer nicht Eigentümer war. In solchen besonderen Fällen erwirbt der Er- 
werber der Sache das Eigentum kraft Gesetzes. Dies gilt gemäss §§ 932 flg^d. 
namentlich zum Schutze des gutgläubigen Erwerbes ; kaufe ich z. B. ein Pferd 
und erhalte vom Verkäufer die Uebergabe, so werde ich in der Regel auch dann Eigen- 
tümer, wenn der Veräusserer nicht Eigentümer war; vorausgesetzt ist nur, dass ich 
keine Kenntnis von dem Mangel im Rechte des Veräusserers habe und meine Unkennt- 
nis nicht auf grober Fahrlässigkeit beruht; alsdann erlischt das Eigentum des dritten. 



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Erwerb des Eigentums an beweglichen Sachen. § 69. 219 

nicht minder das auf der Sache lastende Recht eines Dritten, z.B. ein Pfandrecht^*). 

Diese Sätze gelten jedoch nur dann, wenn der dritte Berechtigte den Besitz der 
Sache freiwillig aufgegeben hatte. Dies entspricht dem deutschen Rechte : „Trau! 
Schau! Wem?" „Wo du deinen Glauben gelassen hast, da sollst du ihn wiedersuchen", 
.Hand wahre Hand". Jene Sätze über den Eigentumserwerb zu Gunsten des gut- 
gläubigen Besitzers gelten dann nicht, wenn die Sache dem Dritten gestohlen worden, 
verloren gegangen oder sonst abhanden gekommen war; jene Sätze gelten bei solchen 
unfreiwilligen Besitzverluste nur dann, wenn es sich um Geld oder Inhaberpapiere 
handelt oder wenn die Sache in ötfentlicher Versteigerung veräussert wird. §§ 935, 
936 B.G.B. — Gesetzt: ich verleihe mein Pferd dem A, A verkauft und übergibt es 
an B, letzterer wusste beim Erwerbe nicht, dass A nicht Eigentümer war, handelte 
auch nicht grobfahrlässig. B ist Eigentümer geworden ; mein Eigentum ist erloschen ; 
ich kann nur von A Schadensersatz beanspruchen. Gesetzt: A stiehlt mir Holz aus 
meinem Walde und verkauft und tibergiebt es an B. Letzterer wird nicht Eigentümer, 
weil mir das Holz entwendet war; ich kann das Holz von B herausverlangen. Ge- 
setzt: A hat durch Jagdvergehen in meinem Jagdi-evier einen Hirsch erlegt und das 
Geweih an B verkauft und überliefert. Ist hier die obige Regel oder die Ausnahme 
anzuwenden? Die Voraussetzung der Ausnahme trüft nicht zu; A hat zwar gegen 
meinen Willen den Hirsch erlegt, aber er hat ihn nicht meinem Besitze gegen meinen 
Willen entzogen, ich hatte den Besitz noch gar nicht erworben. Folglich ist die Regel 
anzuwenden: B ist Eigentümer des Geweihes geworden, wenn er beim Erwerbe nicht 
wusste, dass A es durch Jagdvergehen erworben hatte und ihm auch keine grobe 
Fahrlässigkeit zur Last fällt. — Gesetzt: A zahlt mir einen geschuldeten Geldbetrag ; 
ich erwerbe das Eigentum, auch wenn das Geld gestohlen war. — A verpfändet mir 
Inhaberpapiere; ich erwerbe das Pfandrecht auch dann, wenn die Papiere dem Eigen- 
tümer gegen seinen Willen abhanden gekommen waren. Nur immer vorausgesetzt, dass 
ich den wahren Sachverhalt nicht kannte und mir nicht grobe Fahrlässigkeit zur 
Last fäUt. 

U. Ersitzung. Hinsichtlich der Liegenschaften vgl. oben § 68 zu III. Für 
bewegliche Sachen erkennt das B.G.B. in §§ 937 flg. die Ersitzung an. Letztere 
ermöglicht einen Eigentumserwerb zu Gunsten dessen, der eine Sache in gutem Glauben 
erworben hat, ohne dadurch Eigentümer geworden zu sein, — durch Besitz während 
einer bestimmten Zeit (10 Jahre). Vgl. Dickel S. 387. 

III. Erwerb von Erzeugnissen und sonstigen Bestandteilen einer 
Sache, §§ 953 flg. B.G.B. Es handelt sich hier um Erwerb von Früchten; aber 
nicht alle Früchte kommen hier in Betracht, sondern nur die soeben benannten, also 
namentlich nicht die Jagdbeute. 

Das römisch-gemeine Recht liess in der Regel die Trennung von der Mutter- 
sache zn Gunsten des Eigentümers der letzteren entscheiden (sog. Substantialprinzip) ; 
das germanische Recht dagegen hatte den Grundsatz des verdientenGutes (sog. 
Produktionsprinzip) und liess das Eigentum mit Entstehung der Frucht zu Gunsten 
des Fruchtziehungsberechtigten entscheiden, „wer säet, der mähet" (Lohn der Arbeit), 

54) Der Dritte erhält sich sein dingliches Recht , namentlich Pfandrecht , durch B e- 
sitz, § 936 ; z. B. der Holzhändler Primus hat dem Fiskus Wertpapiere verpfändet, er 
verkauft sie jetzt dem Sekundus und ül)ergibt sie dem Käufer durch Abtretung des Anspruchs 
auf Herausgabe (§ 931), hierdurch wird das Pfandrecht des Fiskus nicht berührt, da er 
sich den Besitz erhält, die Nichtkenntnis des Erwerbers vom Pfandrechte des Fiskus (z. B. 
er nimmt an, das Pfandrecht sei durch Zahlung des Schuldbetrages getilgt) ist völlig uner- 
heblich ^§ 936, namentlich Abs. 3;. 



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220 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

so war es namentlich nach dem sächsischen Rechte des Mittelalters (Sachsenspiegel II, 
58 § 2), nach A.L.R. § 221 I, 9. 

Das B.Gr.B. stellt den römischen Satz als Regel an die Spitze (§ 953); in der 
Repel entscheidet also die Trennung zu Grünsten des Eigentümers der Muttersache. 
Bis zur Trennung ist die Frucht nach B.G.B. überhaupt keine Sache im rechtlichen 
Sinne, vielmehr nur Teil der Muttersache. Das B.G.B. macht dann aber Ausnahmen: 

1. auf Grund eines Rechts an der Muttersache, § 954, 

2. auf Grund des Eigeubesitzes der Sache, § 955, 

3. auf Grund eines obligatorischen Rechts 

a) des Eigentümers oder eines anderen Berechtigten, § 956, 

b) eines gutgläubigen Nichtberechtigten, § 957. 

Massgebend ist bei diesen Abweichungen teils die Trennung, teils die B e- 
s i t z ergreifung : 

1. Mit der Trennung erwirbt 

a) jeder zum Genüsse der Früchte dinglich Berechtigte, so namentlich der 
Niessbraucher (§ 1030), Servitutberechtigte (§ 1018), Pfandnutzungsberechtigte (§ 1213), 
§ 954, 

b) der zum Genüsse der Früchte persönlich Berechtigte, wenn er kraft seines 
Rechts S ach besitz hat, so namentlich der Pächter, § 956, 

c) der gutgläubige Besitzer, d. i. E i g e n besitzer, (wenn er sich für den 
Eigentümer hält) und Nutzungsbesitzer, also auch der Pächter, § 955. 

2. Mit der Besitzergreifung: der mittels persönlichen Rechts zum 
Fruchtgenusse Berechtigte, 

a) wenn er nicht Besitz der Sache hat, § 956, 

b) wenn er vom Nichtberechtigten ein Recht zum Fruchtgenuss in gutem 
Glauben erhalten hat, § 957. 

Soweit die Trennung massgebend ist, macht es keinen Unterschied, wie sie 
bewirkt wird, ob ohne menschlichen Willen, etwa infolge der Reise oder durch den 
Wind, oder durch menschlichen Willen, sei es durch einen Berechtigten oder durch 
einen Unberechtigten. 

§70. Fortsetzung. Aneignung (Okkupation) ^s). I. Nach § 958 Abs. 1 
B.G.B. setzt der Erwerb des Eigentums durch Aneignung voraus : 1. Herrenlosig- 
keit der Sache (in Betracht kommt hier nur die bewegliche Sache) ®^), 2. Erwerb 
des Besitzes, 3. W i 1 1 e des Besitzers, die Sache als ihm gehörend zu be- 
sitzen (E i g e n besitz). 

Herrenlos ist eine Sache, wenn sie in Niemandes Eigentum steht, sei es dass sie 
sich noch nie im Eigentume Jemandes befunden hat, sei es dass sie vom Eigentümer 
preisgegeben (derelinquiert) ist; letzteres ist nach § 959 der Fall, wenn der Eigen- 
tümer in der Absicht, das Eigentum aufzugeben, den Besitz der Sache aufgegeben hat. 

Hinsichtlich der wilden Tiere wird der Begriff der Herrenlosigkeit in § 960 
B.G.B. näher bestimmt: „Wilde Tiere sind herrenlos, so lange sie sich in der Freiheit 
betinden. Wilde Tiere in Tiergärten und Fische in Teichen oder anderen geschlossenen 
Privatgewässem sind nicht herrenlos." Ueber den Begriff des „Tiergartens" im Sinne 
des Gesetzes herrscht Streit. Die Motive zum ersten Entwürfe bemerkten Bd. 3 S. 171: 
es würde einem Miss Verständnisse, welches das Gefangenhalten zu eng auffasst, vorge- 

55) Vgl. St au ding er in den Blättern für Rechtsanwendang Bd. 63 (1898) S. 
285 flgd. 

56) Ueber herrenlose Grundstücke vgl. oben § 68 zu IV. 



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Aneignung. § 70. 221 

beugt; das Gefängnis kann ein engeres oder ein weiteres, also auch ein eingehegtes 
Grundstück oder ein abgeschlossenes Gewässer sein. Die Motive der 2. Kommission 
dagegen sagen : von den Tiergärten und geschlossenen Gewässern seien wohl zu unter- 
scheiden „eingehegte Reviere", das in solchen gehaltene jagdbare Wild gelte wenigstens 
in grossen Teilen Deutschlands als herrenlos, die rechtswidrige Zueignung werde als 
Jagdvergehen, nicht als Diebstahl gestraft. Im Anschluss an die letztere Aeusserung 
der Motive nehmen mehrere Schrittsteller an, es komme nicht bloss darauf an, dass das 
Wild am Austreten verhindert sei, es komme ausserdem auch auf die Grösse des ein- 
gefriedeten Raumes an, ob er noch unter den Begriif des „Gartens" vernünftigerweise 
zu stellen sei (so Scherer zu § 958 Abs. 1, Kipp bei Windscheid Bd. 1 § 184 
S. 840, Meisner zu § 958 Anm. 1). Meines Erachtens ist diese Ansicht nicht richtig; 
ich w^ürde die Gehege, Wildparks, eingehegte Jagdgründe zu den Tiergärten im Sinne 
des Gesetzes rechnen. Es ist nicht einzusehen, warum der Fall anders zu behandeln 
sein soll, wenn der Park eine grössere Ausdehnung hat; entscheidend kommt es doch 
darauf allein an, ob das Tier seiner Freiheit beraubt ist; auch würde es recht schwer 
sein, im Sinne der Anhänger der entgegengesetzten Meinung die notwendige Grenze 
zu ziehen (wie gross darf der Garten sein, um als Tiergarten im Sinne des § 960 
zu gelten ?). — Entsprechendes gilt für T e i c h e. M. E. braucht derselbe nicht von 
Menschenhand gemacht und ein kleines Behältnis zu sein; er kann ein See, selbst von 
grösserer Ausdehnung sein, wenn er nur unter normalen Verhältnissen (also namentlich 
vom Falle einer Ueberflutung abgesehen) abgeschlossen ist. „Privatgewässer" bildet 
den Gegensatz zum öffentlichen Gewässer. 

Der § 960 B.G.B. bestimmt weiter: „Erlangt ein gefangenes wildes Tier die 
Freiheit wieder, so wird es herrenlos, wenn nicht der Eigentümer das Tier unverzüg- 
lich verfolgt oder wenn er die Verfolgung aufgibt. — Ein gezähmtes Tier wird herren- 
los, wenn es die Gewohnheit ablegt, an den ihm bestimmten Orte zurückzukehren." 

Hiernach unterscheidet man wilde, zahme und gezähmte Tiere. Die 
wilden Tiere stehen im Gegensatze besonders zu den Haustieren. „Zoologische 
Gattungsmerkmale entscheiden nicht. Dieselbe Gattung kann je nach der Gegend bloss 
in zahmen oder bloss in wilden oder sowohl in wilden wie in zahmen Exemplaren vor- 
kommen" (Mot. Bd. 3 S. 371). Man denke an wilde Ente und zahme Ente. Ein mir 
gehöriges Haustier bleibt in meinem Eigentume, auch wenn es sich verläuft, z. B. ein 
Jagdhund; ein Rind, selbst dann, wenn es wild wird und sich wie ein wildes Tier 
verhält; eine Taube, wenn sie sich verfliegt, selbst wenn sie in fremden Taubenschlag 
gelangt. Ein Dritter darf sich also diese mir abhanden gekommenen Tiere nicht zu- 
eignen; er kann durch Aneignung an ihnen kein Eigentum erwerben. 

Hinsichtlich der Tauben aber kann es Ausnahmen geben; der Art. 130 E.G. 
hält nämlich die Landesgesetze betreffend das Recht zur Aneignung der einem anderen 
gehörenden, im Freien betroffenen Tauben aufrecht. Die Begründung (Bd. 1 S. 151) 
bemerkt hierzu : „Das aus der allgemeinen Freiheit folgende Recht eines Jeden, Tauben 
zu halten, schliesst selbstverständlich für die Grundstücksbesitzer nicht die Verpflich- 
tung in sich, die Feldfrucht fremden Tauben preiszugeben. Landesgesetzliche Vor- 
schriften, welche das Recht, Tauben zu halten, an gewisse Voraussetzungen knüpfen 
oder verordnen, dass die Tauben zu bestimmten Zeiten, namentlich innerhalb der Saat- 
zeit, einbehalten werden sollen, gewähren lokale und beschränkte Abhilfe". . . „Neben 
Vorschriften polizeilicher Natur dient zur Abwehr der Beschädigung fremder Grund- 
stücke durch Tauben im einzelnen Staate auch die privatrechtliche Bestimmung, dass 
Tauben, welche im Freien betroffen werden, dem freien Zueignungsrecht selbst dann 
unterliegen, wenn dieselben nicht herrenlos sind. . . Der Artikel sorgt dafür, dass 



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222 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

dieser Weg, welcher zum Schutze der Felder sich als zweckmässig erwiesen hat, durch 
das Inkrafttreten des B.Gr.B. nicht abgeschnitten wird." — lieber die Frage, wann 
eine Taube als „im Freien" befindlich zu erachten sei, vgl. die Entsch, des Reichsge- 
richts in vStrafs. Bd. 20 S. 271; es kommt auf den Sinn der betreffenden Gesetzes- 
stelle an; es kann sein, dass das Gesetz meint: „im Freien" sei ausserhalb des Auf- 
bewahrungsorts, also auch im fremden Taubenschlage ; alsdann habe ich das Recht, die 
fremde Taube, welche sich in meinen Taubenschlag verflogen hat, zu occupieren; ich 
erwerbe dann an ihr das Eigentum durch Aneignung ; die Taube ist zwar nicht herren- 
los, sie gilt aber als herrenlos. 

Vgl. für Pr aussen §§ 111—113 A.L.R. I, 9, § 40 Feldpol.-Ordn. v. I. XL 1847 
(der Art. 27 des Entwurfs eines Ausf.-Ges. wollte die Bestimmungen des A.L.R. und 
§ 40 Abs. 2 F.P.O. beseitigen; der Landtag aber Hess dies nicht zu. Vgl. Bericht der 
Kommission des Abgeordn.-Hauses S. 38 flgd.) (D i ck e 1 S. 492, 493), die Begründung zum 
Entw. des preuss. Ausf.-Ges. Art. 27 enthält eine Zusammenstellung der preuss. Provin- 
zialgesetze. Die Ausführungsgesetze haben im allg. an den bestehenden Sonderbestimmungen 
nichts geändert. Vgl. jedoch Anhalt Art. 49, Schwarzburg-Sondersh. Art. 33. 
Hinsichtlich der Militärbrieftauben entscheidet das Reichsgesetz vom 
28. Mai 1894, vgl. D i c k e 1 S. 493 Anm. 10, v. R i e p e n h a u s e n das deutsche Brief- 
taubenrecht mit Berücksichtigung der französ. Gesetzgebung, Diss. Greifswald 1900. 

Wird ein zahmes Tier wild, so bleibt es, wie schon bemerkt, im bisheiigen 
Eigentum. Der Eigentümer eines Forstes darf also nicht ohne weiteres das darin be- 
findliche wild gewordene Rind töten; — er dürfte dies nur unter besonderen Voi-aus- 
setzungen, z. B. wenn die Voraussetzungen der Notwehr oder des Notstandes vorliegen. 
Er muss dulden, dass der Eigentümer es einfängt oder tötet. Tötet der Waldbesitzer 
das Tier, so muss er es dem Eigentümer herausgeben. (Selbstverständlich kann er 
aber Ersatz des ihm durch das Tier angerichteten Schadens beanspruchen). — Ganz 
anders, wenn ein gezähmtes Tier „die Gewohnheit", an den ihm bestimmten Ort 
zurückzukehren ablegt ; ein solches Tier wird wieder herrenlos und kann also occupiert 
werden. 

Wird ein wildes Tier gefangen genommen, so erwirbt der Besitznehmer, wenn 
der den Willen hat, das Tier als ihm gehörend zu haben, das Eigentum. Erlangt dann 
aber das gefangene wilde Tier die Freiheit wieder, so wird es wieder herrenlos und 
unterliegt dem Aneignungsrechte. Der Eigentümer aber kann sich das Eigentum er- 
halten, wenn er das entfliehende Tier unverzüglich verfolgt. Geschieht letzteres, so 
bleibt das bisherige Eigentum erhalten, sobald aber der Eigentümer die Verfolgung 
aufgibt, wird das Tier herrenlos. Vgl. hierzu Di ekel S. 494 flg. 

Nach Art der wilden Tiere werden auch die Bienenschwärme be- 
handelt ^'). Zieht der Bienenschwarm aus, so darf der Eigentümer ihn verfolgen und 
hierbei fremde Grundstücke betreten (§ 962 B.G.B.); der Schwärm wird herrenlos, 
wenn nicht der Eigentümer ihn unverzüglich verfolgt oder wenn der Eigentümer die 
Verfolgung aufgibt (§ 961). 

IL Für bewegliche Sachen geht das B.G.B. von der Aneignungs freiheit 
aus, d. h. Jedermann kann durch Aneignung das Eigentum an einer herrenlosen Sache 
erwerben, wenn nicht die Aneignung verboten ist oder ein ausschliessliches Aneignungs- 
recht einer bestimmten Person oder einer bestimmten Art von Personen bestimmt ist. 
In der Regel ist hiernach das Aneignungsrecht ein Per s ön lieh k ei ts recht; es 
kann aber auch ein Ausfluss des Eigentumsrechts sein, so ist es namentlich das Jagd- 
und Fischereirecht (vgl. unten im Jagdrecht § 87 zu IV). 



57) Vgl. Pritzl, Blätter für Rechtsanwendung Bd. 66 S. 457. 



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Aneignnng. § 70. 223 

III. Die Aneignung vollzieht sich durch Erwerb des Eigenbesitzes, 
üeber Besitzergreifimg vgl. oben § 63 zu III. Der Jäger, welcher ein Tier anschiesst, 
erwirbt dadurch noch nicht Besitz, auch noch nicht durch die Verfolgung, vielmehr 
erst durch Erlangung der tatsächlichen Gewalt. Legt der Jäger in seinem Jagdrevier 
ein E^sen, um einen Fuchs zu fangen, so erwirbt er den Besitz (und also, da er den 
zum Eigenbesitze erforderlichen Willen hat, das Eigentum an dem Fuchs, sobald sich 
der Fuchs gefangen hat. Hierbei ist nur nach der herrschenden und richtigen Meinung 
vorauszusetzen, dass sich der Fuchs so gefangen hat, dass er sich nicht noch selbst 
wieder befreien kann, vgl. D i c k e 1 S. 497. — Lege ich in meinem Tiergarten Ein- 
spränge an, 80 erwerbe ich den Besitz, den Eigenbesitz und also auch das Eigentum 
an dem einspringenden Hirsch im Augenblicke des Einspringens. 

Die Aneignung kann auch durch einen Besitz dien er, z. B. einen angestellten 
Jäger, geschehen. 

üeber den Fall, dass jemand einen anderen in dessen zur Besitzergreifung ge- 
machten Anstalten durch unerlaubte Handlung stört und so selbst den Besitz ergreift 
vgl. Di ekel S. 498. 

IV. Der Erwerb des Eigentums durch Aneignung einer herrenlosen Sache ist 
ausgeschlossen, wenn 1 . die Aneignung gesetzlich verboten ist, 2. wenn durch 
die Besitzergreifung das Aneignungsrecht eines anderen verletzt wird, § 958 Abs. 2. 

1. „Gesetzlich" ist die Anerkennung verboten, wenn ein Gesetz oder eine 
\'erordnung oder ein Gewohnheitsrecht sie verbietet, ob Reichsrecht oder Landesrecht 
bleibt sich gleich ; denn nach Art. 2 Einf.Ges. z. B.G.B. ist Gesetz im Sinne des B.G.B. 
jede Rechtsnorm. Ein Verbot der Aneignung im Sinne des § 958 Abs. 2 liegt aber 
vor, wenn nicht die Aneignung selbst, sondern nur eine bestimmte Art der Aneignung, 
oder die letztere zu einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Orte verboten 
ist oder wenn das Verbot sonstwie einen lediglich polizeilichen Charakter trägt ^). 
Der Jagdpächter erwirbt das Eigentum an einem Rehbock auch dann, wenn er ihn 
während der Schonzeit erlegt, er erwirbt das Eigentum an einem Hasen auch dann, 
wenn er ihn dem Gesetze zuwider in einer Schlinge fängt, er erwirbt das Eigentum 
an einem Marder auch dann, wenn er ihn dem Verbote des § 368 No. 7 St.G.B. in 
gefährlicher Nähe eines Gebäudes oder entgegen der Bestimmung des § 368 No. 10 
St.G.B. ohne Genehmigung des Jagdberechtigten und ohne sonstige Befugnis von dem 
fremden Jagdgebiet aus erlegt, oder indem er entgegen den gesetzlichen Bestimmungen 
ein fremdes Grundstück betritt. 

Verboten ist die Aneignung selbst namentlich 

a) in § 368 No. 11 St.G.B. Hiernach wird bestraft, „wer unbefugt Eier oder 
Junge von jagdbarem Federwild oder von Singvögeln ausnimmt". 

Vgl. auch die Wild s c h o n gesetze z. B. § 6 Abs. 1 des preuss. Wildschongesetzes 
vom 26. 2. 1870 „das Ausnehmen der Eier oder Jungen von jagdbarem Federwilde ist 
auch für die zur Jagd berechtigten Personen verboten ; doch sind dieselben (namentlich 
die Besitzer von Fasanerien) befugt, die Eier, welche im Freien gelegt sind, in Besitz zu 
nehmen, um sie ausbrüten zu lassen.'^ 

b) gemäss dem Reichs Vogelschutz gesetze vom 22. März 1888, z. B. § 3 Abs. 2 
.der Bundesrat ist ermächtigt, das Fangen und die Erlegung bestimmter Vogelarten . . . 
allgemein ... zu verbieten". 

c) in den Wild schon gesetzen, wenn zur Erhaltung der betreifenden Art oder 
der Sicherung des wirtschaftlich wünschenswerten Bestandsumfangs die Aneignung 

58) Anderer Ansicht anscheinend Kipp in Windscheid Pandekten Bd. 1 § 184 S. 840, 
Cosack § 203 Nr. 3. Vgl. dagegen namentlich Staudinger a. a. 0. 



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224 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

selbst verboten ist, z. B. der Rehgeisen, Rebkälber, bestimmter Arten von Fischen, 
von Vögeln u. s. w.; so namentlich auch Staudinger, anderer Ansicht Männer, 
Ergänzungsheft z. d. Jagdrecht d. Pfalz S. 56 ff. 

Der hier gemachte Unterschied ist von nicht unerheblicher praktischer Trag- 
weite. Es handelt sich nicht bloss um die zivilrechtliche Frage, ob das Eigentum er- 
worben wird, sondern auch um eine strafrechtliche Frage. Erwirbt nämlich der 
Aneignende das Eigentum, wie in den Fällen, in denen nicht die Aneignung selbst 
sondern nur die Art der Aneignung verboten ist oder zeitliche oder örtliche Beschränk- 
ungen bestehen, so darf er auch über die Sache verfügen und der Erwerber macht 
sich keiner strafbaren Handlung schuldig, selbst wenn er zur Zeit des Erwerbs weiss, 
dasb der Aneignende die Sache entgegen einer Gesetzesvorschrift und unter Verübung 
einer Straftat, erlangt hat; Hehlerei (§ 259 St.G.B.) liegt hier nicht vor. Ganzanders, 
wenn die Aneignung selbst verboten war, z. B. der Jungen; hier wird kein Eigentum 
erworben, der Aneignende erlangt also auch kein Verfügungsrecht; wer von ihm er- 
wirbt, macht sich der Hehlerei schuldig, wenn es weiss oder den Umständen nach an- 
nehmen muss, dass die Sache durch eine strafbare Handlung erlangt ist. 

2. „Das Eigentum wird nicht erworben, wenn durch die Besitzergreifung das 
Aneignungsrecht eines anderen verletzt wird." Hiemach erwirbt unzweifel- 
haft der Aneignende das Eigentum nicht, also namentlich nicht der Wilderer, 
aber auch nicht der, welcher im fremden Jagdrevier ein jagdbares Tier in dem guten 
Glauben erbeutet hat, er sei am Orte der Aneignung jagdausübungsberechtigt. 

Es fragt sich aber weiter, ob die Sache, deren sich der Unberechtigte bemächtigt 
hat, trotz der Aneignung herrenlos bleibt, oder ob sie nicht durch die Aneignungs- 
handlung des Unberechtigten in das Eigentum des Jagdberechtigten kommt. In der 
2. Kommission traten bezüglich dieser Frage 3 ganz verschiedene Ansichten hervor. 
Vgl. darüber Prot. Bd. 3 S. 250 flg. D i c k e 1 S. 501 flg. Die Materialien lassen 
nicht mit Sicherheit erkennen, was der Gesetzgeber beabsichtigte; es bleibt deshalb 
nur übrig, sich lediglich an das Gesetz zu halten und aus ihm allein die Frage zu 
beantworten, ob das Wilderergut herrenlos bleibt oder ins Eigentum des Jagdberech- 
tigten gelangt. Nach anerkannter Auslegungsregel muss bei Auslegung einer Gesetzes- 
vorschrift im Zweifel das Geringere angenommen werden; in dubio minus; d. h. 
für den vorliegenden Fall: der, welcher die Aneignung verbotswidrig vornimmt^ 
erwirbt das Eigentum nicht. Der Gesetzgeber schliesst nicht j e d e n Eigentumserwerb 
aus. Der § 958 Abs. 2 ist eine Fortsetzung des Abs. 1 ; letzterer aber spricht nur 
von dem, der die Sache in Besitz nimmt. 

Nimmt man an, dass das Wllderergut mit der Aneignungshandlung des Wilderers 
in das Eigentum des Jagdberechtigten kommt, so hat man in jeder Hinsicht eine dem 
gesunden Verstände, namentlich dem Rechtsgefühle des Jägers, entsprechende Lage. 
Nimmt man an, dass die Sache herrenlos bleibe, so ist die rechtliche Lage eine ganz 
unbefriedigende. Gesetzt: der Wilderer A erbeutet in meinem Jagdrevier einen Reh- 
bock, er verkauft und übergibt den Rehbock dem B, dem bekannt ist, dass A durch 
Jagdvergehen das Tier erlangt hat, der Bock wird nun dem B von C entwendet. 
Nimmt man an, dass die Sache harmlos bleibe, so liegt kein Diebstahl vor; denn 
zum Tatbestande des letzteren gehört eine fremde, d. h. eine in fremdem Eigentum 
stehende, Sache ; an einer herrenlosen Sache kann kein Diebstahl verübt werden. Ge- 
setzt das Gehörn des erwähnten Rehbocks kommt später zufällig in den Besitz des D,, 
so hat der Jagdberechtigte alsdann möglicher Weise gar kein Klagerecht gegen den 
Besitzer. Die denkbare Möglichkeit, mit einer Exhibitionsklage zu helfen — vgl. 
Dickel S. 507 Anm. 16 gegen Ende — ist in der Praxis bisher nicht anerkannt. 



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Fund. § 71. 225 

Ob man dem Jagdberechtigten das Eigentum am Wilderergute zusprechen muss, 
kann erst im Jagdrechte entschieden werden (vgl. unten § 88). Es ist dort zunächst 
die rechtliche Natur des Jagdrechts und der Jagdbeute festzustellen. 

V. Die §§ 961 bis 964 über Bienenschwärme können durch die LandesgiBsetz- 
^ebung nicht geändeit werden, da hinsichtlich der Bienen kein Vorbehalt gemacht ist. 
Dagegen gelten die §§ 958 bis 960 nicht unbedingt fiir Jagd und Fischerei. Von die- 
sen Bestimmungen ist nui' die oben zu IV behandelte Vorschrift des § 958 Abs. 2 
ohne Einschränkung massgebend; die übrigen Bestimmungen gelten für Jagd und 
Fischerei nur, soweit nicht die Landesgesetzgebung anders bestimmt. Letztere könnte 
z. B. bestimmen, dass die jagdbaren Tiere auch in freier Natur als im Eigentume des 
.Tagdberechtigten stehend und nicht als herrenlos anzusehen sein sollten; geschehen 
ist dies, soviel mir bekannt, nirgends und wird gewiss nirgends bestimmt werden ; da- 
iregen ist es wohl möglich, dass die Landesgesetzgebung den § 960 für ihr Jagdrecht 
authentisch auslege, z. B. hinsichtlich des bestrittenen Begriffs „Tiergarten", „Teich,'* 
.geschlossenes Privatgewässer''. Die Landesgesetzgebung kann sodann den Augenblick 
der Aneignung genauer und anders als im B.G-.B. geschehen, bestimmen. 

§ 71. Fund. L Von einem Funde im gew öhnlichen Sinne sprechen die 
Juristen, wenn die gefundene Sache verloren war. 

Das B.G.B. verlangt von Niemandem, dass er sich der verlorenen Sache annehme, 
wenn er sie findet. Der Finder hat nur, wenn er die verlorene Sache an sich nimmt, 
f^ewisse Pflichten, und zwar hauptsächlich: Anzeigepflicht (§ 965), Verwahrungspflicht 
(^ 966, 967), Ablieferungspflicht, wenn die Polizei die Ablieferung verlangt (§ 967), 
Herausgabepflicht (§ 969), er haftet für Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit (§ 968). - 
Der Finder hat Anspruch auf Ersatz von Vei-wendungen (§ 970), auf Finderlohn (^971), 
auf Eigentumserwerb (§§ 973 flgd.). Einen Unterschied macht es, ob die gefundene 
Sache bis 3 M. Wert hat oder mehr. 

IL Die §§ 978 bis 982 B.G.B. handeln vom „Funde'^ in den Geschäfts- 
räumen oder den Beförderungsmitteln einer öffentlichen Behörde 
oder einer dem Verkehre dienenden Anstalt. Hier handelt es sich nicht eigentlich um 
Fund im technischen Sinne; die Sache braucht nicht verloren zu sein; es kann sein, 
dass der bisherige Besitzer weiss, wo sich die Sache befindet. Wer die Sache in den 
bezeichneten Räumen findet und an sich nimmt, ist nicht bloss verpflichtet, Anzeige 
zu machen, er muss sie auch an die Behörde oder die Verkehrsanstalt oder einen ihrer 
Angestellten abliefern (§ 978). Es findet dann unter den Voraussetzungen des § 980 
B.G.B. die öffentliche Versteigening gemäss § 979 und Erwerb des Versteigerungser- 
löses nach § 981 B.G.B. statt. Rechte des Findera werden im Gesetze nicht anerkannt '^^). 

IIL Die zu II angegebenen Vorschriften finden auch dann Anwendung, wenn 
eine öffentliche Behörde im Besitz einer Sache ist und zur Herausgabe ver- 
pflichtet ist, ohne dass die Verpflichtung zur Herausgabe auf Vertrag beruhte. Selbst- 
verstandlich ist dabei vorausgesetzt; dass der Behörde der Empfangsberechtigte oder 
dessen Aufenthalt unbekannt ist. § 983 B.G.B. 

IV. Der § 984 B.G.B. handelt vom Erwerbe des Eigentums an einem Schatze. 
Darunter versteht man eine Sache, die so lange verborgen gelegen hat, dass der 
Eigentumer nicht mehr zu ermitteln ist. Liegt der Schatz in einem Grundstucke, so 
gilt er nicht als Teil des Grundstücks ; befindet er sich in einer beweglichen Sache, so 
gilt er nicht als Teil derselben; er ist vielmehr herrenlos. Der Erwerb des Eigen- 

59) Zu §§ 980 , 981 , 983 vgl. die Bekanntmachungen der Landesregierungen ; für 
Preussen: gemeinschaftlichen Erlass der preuss. Ressortminister vom 18. Nov. 1899 (Jahrb. 
T. Danckelmann 1900 S. 95). 

Handbuch d. Foratw. 2. Aufl. IV. 15 



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226 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

tums am Schatze findet aber nicht durch Aneignung gemäss § 958 B.G.B. statt. § 984 
bestimmt vielmehr: wird der entdeckte Schatz in Besitz genommen, so wird das Eigen- 
tum kraft des Gesetzes zur Hälfte vom Entdecker, zur Hälfte vom Eigentümer der 
Sache erworben, in der er entdeckt wurde; so z. B. einerseits der Arbeiter, der den 
Schatz beim Graben in unserem Grundstück entdeckt und an sich nimmt, andererseits 
wir als Grundstückseigentümer. Abweichung tritt ein, wenn Arbeiter zu „Ausgrabungen'' 
gedungen werden; in solchen Fällen erwerben die Arbeiter nur für den Arbeitgeber. 

— Handelt es sich um ein geschichtlich oder wissenschaftlich wertvolles Denkmal, so 
hat der Staat an sich kein Recht auf den Schatz ; die Landesgesetze aber können Ab- 
lieferung an den Staat anordnen (Art. 109 E.G.Z.B.G.B.). 

§72. Ansprüche aus dem Eigentum: 1. Eigentumsklagen: 

a. im Falle der Besitzentziehung: Klage auf Herausgabe (Vindikation) 
§§ 985 flgd. B.G.B., 

b. im Falle anderer Störung : Eigentumsf r e iheitsklage (negatorische Klage), 
§ 1004 B.G.B. 

c. im Falle der noch nicht geschehenen aber drohenden Störung: Eigentums- 
feststellungsklage gemäss §§ 256 flgd. Z.P.O. 

2. Abholungsanspruch (Exhibition) § 1005 B.G.B., 

3. bei beweglichen Sachen erleichtert das B.G.B. in §§ 1006, 1007 die Gel- 
tendmachung des Eigentums sehr wesentlich. 

Gesetzt: 1. Mein Nachbar B behauptet, Eigentümer eines bestimmten Grenz- 
stückes zu sein. Besitzhandlungen hat er bisher auf der Parzelle nicht vorgenommen ; 
da ich das Eigentum für mich in Anspruch nehme, so kann ich auf Feststellung 
meines Eigentums klagen; im Prozesse aber muss ich beweisen, dass ich Eigentümer 
bin, sonst werde ich abgewiesen. (Kann ich mein Eigentum nicht beweisen, so em- 
pfiehlt es sich, nicht auf Feststellung des Eigentums zu klagen, sondern vielmehr die 
Grenzscheidungsklage zu erheben (vgl. oben S. 208 Nr. 6 zu b). — 2. Der Nach- 
bar nimmt die Parzelle in seinen Besitz und gestattet mir nicht die Inbesitznalime : 
ich klage mit der Vindikation auf Herausgabe, falls ich mein Eigentum beweisen kann. 

— 3. Ein mir gehöriger Hund ist mir entlaufen, er befindet sich jetzt im Besitze des 
B; ich kann mit der Vindikation auf Herausgabe klagen. Doch empfiehlt sich diese 
Klage nur, wenn ich mein Eigentum, das B bestreiten wird, auch beweisen kann. Da 
es sich hier um eine bewegliche Sache handelt, so empfiehlt es sich, gemäss § 1007 
Abs. 2 die Herausgabe zu verlangen; diese Klage stützt sich lediglich auf die Tat- 
sache, dass ich Besitzer des Hundes war und dass mir das Tier gegen meinen Willen 
abhanden gekommen ist. Klage ich so , alsdann müsste B den Nachweis unternehmen, 
dass e r Eigentümer sei oder dass e r die Sache vor meiner Besitzzeit besessen und 
dass sie ihm gegen seinen Willen abhanden gekommen sei. Gelingt ihm wieder der 
eine noch der andere Beweis, so ist er zur Herausgabe zu verurteilen. 

Die Vindikation steht dem Eigentümer zu. Auch ist es möglich, eine Vin- 
dikation abzutreten, alsdann kann der Zessionar klagen. Entsprechend steht eine 
solche Klage auch dem Niessbraucher (§ 1065), dem Servitutberechtigten (§§ 1027, 
1090) zu. Die Klage richtet sich gegen den unmittelbaren wie mittelbaren Besitzer. 
Falls der Beklagte das Eigentum des Klägers bestreitet, muss letzterer es beweisen: 
einfach ist dies bei einem Grundstücke, wenn der Kläger als Eigentümer in das Grund- 
buch eingetragen ist (§ 891 B.G.B.), schwierig, oft unmöglich, wenn die Eintragung 
fehlt oder wenn es sich um eine bewegliche Sache handelt. 

Der Vindikant hat auch Ansprüche auf gewisse Nutzungen, wobei es darauf an- 
kommt, ob der Beklagte gutgläubig oder schlechtgläubig ist, ob er entgeltlich oder 



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Miteigentum. § 73. 227 

unentgeltlich erworben hat (§§ 990 bis 998 B.G.B.); femer hat der Vindikant An- 
sprüche auf Schadensersatz (§§ 989, 990, 992, 993). 

Der Beklagte kann geltend machen, er habe ein Eecht zum Besitze, z. B. ge- 
mietet ; der Beklagte hat auch Ansprüche auf Ersatz von Verwendungen 
nach Massgabe der §§ 994 bis 1003 B.G.B. 

Die negatorische Klage oder Eigentums f r e i h e i t s klage steht dem Eigen- 
tümer sowie dem Miteigentümer (§ 1011 B.G.B.) zu; sie findet gegen den statt, der 
dem Eigentümer zwar nicht den Besitz entzieht, wohl aber stört, z. B. durch unzu- 
lässige Zuführungen von Rauch, durch Herstellung unzulässiger Anlagen oder durch 
andere Verletzung des Nachbarrechts, durch Anmassung eines Rechts an der Sache 
z. B. einer Leseholz- oder Wegegerechtigkeit oder einer anderen Grunddienstbarkeit, 
einer Reallast. Die Klage auf Unterlassung der Störung findet nicht statt, wenn der 
Störer an den Tag legt, dass er kein Recht zu der Störung habe (in solchem 
Falle hilft meist der Strafrichter; jedenfalls ist keine Veranlassung zu einer Zivil- 
klage) ; die Klage findet gegen den statt, der ein Recht zu den störenden Handlungen 
zu haben behauptet, auch gegen den, der sich tatsächlich so verhält, als habe er das 
Recht, vgl. Dickel S. 408 Anm. 207. 

Der Abholungsanspruch steht nicht bloss gemäss § 867 dem früheren Besitzer, 
sondern auch dem Eigentümer zu (§ 1005). 

§ 73. Miteigentum. I. Hier ist zunächst an das oben bei der Gesell- 
schaft Gesagte (§ 60 zu I) zu erinnern. Das B.G.B. behandelt in den §§ 1008 bis 
1011 das (römisch-rechtliche) Miteigentum mehrerer nach Bruchteilen (zu 
ideellen Teilen, pro partibus indivisis). Das B.G.B. hat das im Gegensatze dazu ste- 
hende deutsch rechtliche System der Gemeinschaft zur gesamten Hand (Ge- 
meinschaftliches Eigentum, Gesamt eigentum) nur ausnalimsweise, nämlich bei der Ge- 
sellschaft, bei der Gütergemeinschaft der Eheleute, bei Miterbengemeinschaft, angenommen. 
Bei dieser deutschrechtlichen Gemeinschaft haben die einzelnen Teilhaber, solange die ge- 
nossenschaftliche Verbindung besteht, keinen Anteil an den einzelnen Vermögens- 
stücken ; jeder hat nur einen Anteil an dem ganzen gemeinschaftlichen Vermögen ; nach 
aussen ist nur ein einheitliches Gesellschaftsvermögen vorhanden, das Einzelrecht des 
einzelnen Genossen kommt nach aussen nicht in Betracht, soweit nicht in einem die 
Genossen bindenden Abkommen oder im Gesetz etwas Abweichendes bestimmt ist, können 
die Genossen nur e i n stimmig über den gemeinschaftlichen Gegenstand oder einen Teil 
des Eigentums an ihm verfügen (veräussern, verpfänden oder sonstwie belasten). Einen 
Rechtsstreit können deshalb im allgemeinen auch nur alle Genossen (als Kläger wie 
auch als Beklagte) führen. 

Handelt es sich um ein Grundstück, so kann nicht die Gemeinschaft 
a 1 s s 1 c h e als Eigentümerin eingetragen werden. Denn diese ist keine juristische 
Person. Träger der Rechte sind die Genossen. Deren Namen müssen also ein- 
getragen werden. Eine Ausnahme besteht bei der offenen Handelsgesellschaft und der 
Kommanditgesellschaft; bei diesen kann nach dem B.G.B. die gemeinschaftliche Firma 
(z. B. A u. Cie.) eingetragen werden; es besteht dann aber nicht ein Eigentum der 
Firma als solcher, denn diese ist keine juristische Person, sondern ein gemein- 
schaftliches Eigentum der Genossen. 

Begrifflich ist das Miteigentum vom AUeineigentume nicht verschieden ; es liegt 
nur eine Teilung vor, aber nicht dem Inhalte nach, so dass das Eigentum der ver- 
schiedenen Eigentümer ein verschiedenes wäre, wie Ober- und üntereigentum bei Lehen. 
Familienfideikommissen u. s. w., sondern nur dem Umfange nach, jeder Miteigentümer 
hat ein gewisses Quantum des Eigentums ; die Qualität des Eigentums ist für alle Mit- 

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228 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

eigentümer dieselbe. 

Das Miteigentum kann durch Vertrag entstehen, z. B. A und B kaufen sich ein 
Grundstück, ferner durch Erbgang, z. B. es vermacht A sein Grundstück dem B und C 
zu gleichen Rechten; die Anteile brauchen nicht gleich zu sein, z. B. B erhält ^/lo, 
C 7io. Miteigentum nach Bruchteilen ist regelmässig auch das Miteigentum an Zwi- 
schenräumen, Winkeln u. s. w. (vgl. Niedner zu Art. 181). 

II. Die Bestimmungen des B.G.B. über das Miteigentum (§§ 1009 flgd.) sind 
Sachen rechtlicher Natur : 

1. Die gemeinschaftliche Sache kann nicht bloss zu gunsten eines Dritten, sondern 
auch zu gunsten eines Miteigentümers belastet werden, § 1009 Abs. 1. Die Belastung 
des gemeinschaftlichen Grundstücks kann auch zu gunsten des jeweiligen Eigentümers 
eines anderen Grundstücks, auch kann die Belastung eines anderen Grundstücks zu 
Gunsten der jeweiligen Eigentümer des gemeinschaftlichen Grundstücks erfolgen; eine 
solche Belastung wird nicht dadurch ausgeschlossen, dass das andere Grundstück einem 
Miteigentümer des gemeinschaftlichen Grundstücks gehört. § 1009 Abs. 2. 

2. Jeder Miteigentümer hat das Recht, über seinen Anteil zu verfügen; er hat 
selbst das Verwaltung«- und Nutzungsrecht im Rahmen seines Miteigentums. Die Mit- 
eigentümer können nach ihrem Belieben die Verwaltung und Benutzung regeln; auch 
können sie das sonst jederzeit jedem Miteigentümer zustehende Recht, die Aufhebung 
der Gemeinschaft zu verlangen, für eine bestimmte Zeit oder für immer ausschliessen ; 
sie können namentlich bestimmen, dass die Geltendmachung des Rechts, Aufhebung der 
Gemeinschaft zu fordern, von Einhaltung einer Kündigungsfrist abhängen soll. Alle 
derartigen Vereinbarungen wirken aber zunächst nur unter denen, die sie treffen, und 
ihren Erben, bei beweglichen Sachen wirken sie auch Dritten gegenüber (§ 14i\ 
B.G.B.), bei Grundstücken wirken sie auch zu g u n s t e n des Käufers und anderer 
Sondernachfolger des Miteigentümers, gegen sie aber nur, wenn die Vereinbarung als 
Belastung des Anteils im Grundbuch eingetragen ist (§ 1010 Abs. 1; selbstverständlich 
ist diese Eintragung nur nach Massgabe der §§ 873 flgd. B.G.B. zulässig; der Mit- 
eigentümer, dessen Sondernachfolger gegenüber sie gelten soll, muss also die Eintra- 
gung bewilligen); das letztere gilt auch hinsichtlich der Ausgleichungsansprüche der 
Grundstücks-Miteigentümer (§ 1010 Abs. 2). 

Mit Hilfe der Bestimmungen des § 1010 ist es namentlich möglich, die Spren- 
gung der Gemeinschaft zu verhindern. Die Mitglieder können noch weiter gehen und 
vereinbaren, dass bei Veräusserung des Miteigentumsanteils den übrigen Mitgliedern 
oder einem derselben ein Vorkaufsrecht eingeräumt werden soll; wird dies als Be- 
lastung im Grundbuch eingetragen, so ist das Vorkaufsrecht ein dingliches Recht. Nach 
dem Rechte vor 1900 bestand vielfach ein gesetzliches Vorkaufsrecht, so nament- 
lich nach Allg. L.R. , nach dem bayerischen Landtagsabschiede vom 10. Nov. 1861 ; 
dies ist im B.G.B. nicht anerkannt. Wollen die Mitglieder das Eindringen unliebsamer 
Genossen verhindern, so müssen sie, wie angegeben, vorgehen. 

Die Ansprüche aus dem Eigentume stehen jedem Miteigentümer in Anse- 
hung der ganzen Sache zu; so namentlich die Eigentumsfreiheitsklage ; nur bei 
der Klage auf Herausgabe besteht die Beschränkung, dass der Miteigentümer nicht auf 
Herausgabe an sich allein, sondern nur an alle Miteigentümer zusammen, eventuell 
auf Hinterlegung oder auf Ablieferung an einen gemeinschaftlichen Verwahrer klagen 
kann. § 1011. 

Im übrigen gelten die allgemeinen Vorschriften des B.G.B. und zwar 

a. die s a c h e n rechtlichen , namentlich § 925 für die Uebertragung des Eigen- 
tums an einem Grundstücke, 



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Die dinglichen Rechte an fremder Sache. § 74. 229 

b. die obligatorischen, besonders §§ 741 flgd. Hiernach sind die Anteile 
im Zweifel die gleichen (§ 742); jeder Miteigentümer hat ein Anrecht auf den seinem 
Anteil entsprechenden Teil der Früchte (§ 743), er muss dem anderen Teile gegenüber 
Lasten und Kosten nach Verhältnis der Anteile tragen (§ 748) ; auch die Stimmen- 
mehrheit ist nach der Grösse der Anteile zu bestimmen (§ 745 Abs. 1). 

in. Auf die Gemeinschaft nach Bruchteilen, die vor 1900 entstanden ist, würden 
nach der Regel des Art. 170 die Bestimmungen des alten Rechts zur Anwendung 
kommen, Art. 173 aber macht eine Ausnahme und verordnet Anwendung des neuen 
Rechts. 

Der Art. 181 Abs. 1 bestimmt, dass auf das zur Zeit des Inkrafttretens des 
B.G.B. bestehende Eigentum von dieser Zeit an die Vorschriften des B.G.B. Anwen- 
dung finden sollen. Dies gilt auch für das Miteigentum. — Anders hinsichtlich des 
gemeinschaftlichen Eigentums Mehrerer (zur gesamten Hand); hier sollen die 
alten Bestimmungen massgebend bleiben; Art. 181 Abs. 2. — Zu Art. 181 vgl. die 
ausführlichen Erörterungen von Niendorf. 

§74. Die dinglichen Rechte an fremder Sache. A. üebersicht: 

I. Erbbaurecht (früher auch Superficies, Platzrecht, Kellerrecht genannt). 

IL Dienstbarkeiten (Servituten im w. S.) 

1. Grunddienstbarkeiten (P radial- oder Realservituten, Grundgerech- 
tigkeiten, Servituten im engern, eigentlichen Sinne), §§ 1018 flgd. 

2. Persönliche Dienstbarkeiten (Personal Servituten) : 

a. Niessbrauch (üsusfrukt), §§ 1030 flgd. 

b. beschränkte persönliche Dienstbarkeiten (Usus, Gebrauchsrechte), §§ 
1090 flgd.) ; 

III. Vorkaufsrecht (Retraktrecht), §§ 1094 flgd. 

IV. Reallasten, §§ 1105 flgd. 

V. Pfand rechte 

1. an Grundstücken. Der Gesetzgeber hat keinen technischen Ausdruck 
für diese Art von Pfandrecht; man könnte es Grundpfand nennen. 

a. Hypothek, §§ 1113 flgd. 

b. Grundschuld 

a) gewöhnliche, §§ 1191 flgd. 

ß) Rentenschuld, besser Rentengrundschuld, §§ 1199 flgd. 

2. an beweglichen Sachen und Rechten, §§ 1204 flgd. 

VI. Erbpachtrecht (Emphyteuse) , Büdner- Häuslerrecht, nur nach der Landes- 
gesetzgebung gemäss Art. 63 Einf.-Ges. z. B.G.B. 

B. Niessbrauch und Pfandrecht sind nicht bloss an Grundstücken, sondern auch 
an beweglichen Sachen und Rechten möglich; die anderen zu A erwähnten dinglichen 
Rechte können nur an Grundstücken bestellt werden. 

C. Das r ö m i s che Recht hatte nur die Servituten (beide Arten) , das Erb- 
banrecht, die Erbpacht und das Pfandrecht. Das gemeine Recht hat diese ding- 
lichen Rechte übernommen und noch Reallasten und Vorkaufsrechte hinzugegeben. Das 
A.L.R. stellte den Satz auf: jedes persönliche Recht, das sich auf Besitz einer Sache 
oder auf Eintragung im Grundbuch richte, erlange Dinglichkeit mit dem Augenblicke 
des Besitzerwerbs bezw. mit der Eintragung ; hiernach wurden auch Miete, Pacht, Leihe 
dinglich. Das B.G.B. kehrt zum römisch-gemeinen Rechte zurück, indem es nur be- 
stimmte dingliche Rechte an fremder Sache anerkennt (numerus clausus) ; die Ding- 
lich keit wird im B.G.B. in der Weise zum Ausdrucke gebracht, dass das Gesetz sagt : 
eine Sache »kann in der Weise belastet werden, dass (einerseits für 



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230 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Grundstücke §§ 1012, 1018, 1030, 1090, 1094, 1105, 1113, 1191, andererseits § 1204j. 

Nach B.G.B. ist die Zahl der dinglichen Eechte an fremder Sache insofern ge- 
schlossen, als andere Rechte wie die erwähnten nicht dinglich sein können ; Miete und 
Pacht namentlich können also nie dinglich sein, wenn sie seit 1900 ins Leben gerufen 
worden sind. Nicht geschlossen aber ist die Zahl der Grunddienstbarkeiten und der 
beschränkten persönlichen Dienstbarkeiten. Mit Hilfe dieser Kategorien kann deshalb 
auf künstlichem Wege — wenigstens bisweilen — der praktische Erfolg, wie nach 
A.L.R., zu gunsten der Dinglichkeit erreicht werden. Nicht geschlossen ist auch die 
Zahl der Reallasten. — Die Landesgesetze aber können die Belastung eines Grund- 
stücks mit gewissen Grunddienstbarkeiten oder beschränkten persönlichen Dienstbar- 
keiten oder mit Reallasten untersagen oder beschränken (Art. 115 E.G.). 

§75. Erbbaurecht, §§ 1012 flgd. Dies ist das veräusserliche und 
ver erbliche Recht , auf oder unter der Oberfläche des belasteten Grundstücks ein 
Bau werk zu haben. Unzulässig ist hiemach die Pflanzungs superiizies. Dern- 
burg Bd. 3 § 961; Anm. 3 bedauert dies mit Recht: „Gerade für solche wäre jedoch 
Zulassung von superüziarischen oder emphyteutischen Rechten Bedürfnis. Die unfrucht- 
baren und wüsten Sandhügel der Mark Brandenburg an der Havel z. B. werden neuer- 
dings in fortschreitendem Masse in Obstanlagen verwandelt. Zu diesem Zwecke wer- 
den sie mehrfach von Anbauem auf 40 Jahre gepachtet. Die Pacht ist aber keine 
zweckmässige Rechtsform für derartige Verhältnisse, da sie — und zwar insbesondere 
nach dem B.G.B. — kein dingliches Recht gibt, durch Kündigungen bedroht ist, vgl. 
B.G.B. § 567, Zwangs Versteigerungsgesetz § 57, und namentlich auch keine Stelle im 
Grundbuche gewährt. Es würde die Entwicklung fördern und die Anbauer sichern, 
wenn ihnen ein dingliches, vererbliches und veräusserliches Nutzungsrecht an ihren 
Pflanzen bewilligt werden könnte. Nach dem B.G.B. ist dies nicht zulässig. Die Mo- 
tive führen aus : durch die Zulassung der Pflanzungssuperfizies würde die im volks- 
wirt,schaftlichen Interesse bei der unbeschränkten Dauer der Superfizies erforderliche 
strenge Begrenzung des möglichen Inhaltes dieses Rechtes aufgegeben werden, obgleicli 
kein Bedürfnis einer solchen Erweiterung hervorgetreten sei; die Pflanzungssuperfizies 
könne ausserdem wegen Fixierung der Kulturart schädlich wirken. — Das alles er- 
scheint wenig stichhaltig." 

Die Bestimmungen der Landesgesetze über Pflanzungssuperflzies sind beseitigt ; 
so auch §§ 243 bis 245 A.L.R. I, 22 „Bäume und Holzungen« auf fremdem Grund und 
Boden. Beim Alten aber bleibt es hinsichtlich der vor 1900 geschaffenen Pflanzungs- 
superflzies (nach Massgabe des Art. 184 E.G. z. B.G.B.). 

Das Erbbaurecht wird wie ein Grundstück behandelt (§ 1017) ; dies gilt 
auch hinsichtlich des vor 1900 ins Leben gerufenen Erbbaurechts (Art. 184 E.G.). 

§ 76. Grunddienstbarkeiten. I. Nach der versteckten Begriffsbe- 
stimmung des § 1018 ist die Grunddienstbarkeit Belastung eines Grund- 
stücks (nicht zulässig an einem Miteigentumsanteile) zu gunsten des jeweiligen 
Eigentümers eines anderen Grundstücks; der Eigentümer des dienenden 
Grundstücks kann verpflichtet sein, zu dulden, dass der Berechtigte das Grundstück 
in einzelnen Beziehungen benutze (Holzungs-, Weide-, Wege-, Tränkgerechtigkeit u. s. w. 
oder zu unterlassen, gewisse Handlungen auf dem dienenden Grundstücke vorzu- 
nehmen (z. B. höher zu bauen) oder gewisse Rechte niclit auszuüben, die sich aus dem 
Eigentum an dem belasteten Grundstücke dem anderen Grundstücke gegenüber ohne 
die Belastung ergeben würden (z. B. Ausübung von Nachbarrechten) ; ausnahmsweise 
auch etwas zu tun, z. B. einen Weg zu unterhalten (vgl. unten zu V). Das Tun 
des Eigentümers (Leisten,) kann niemals Haupt Inhalt der Grunddienstbarkeit sein ; 



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Granddienstbarkeiten. § 76. 231 

darin liegt der Unterschied von der R e a 1 1 a s t. Bei letzterer ist der Eigentümer des 
belasteten Grundstücks gerade zu einem Tun (Leisten,) verpflichtet. Die Unterschei- 
dung zwischen Grunddienstbarkeiten und Reallasten ist namentlich deshalb von grosser 
Bedeutung, weil meistens die Reallasten nach der Landesgesetzgebung ablösbar sind, 
nicht aber die Grunddienstbarkeiten; nach älterem Rechte bestand auch bei Reallasten 
gewöhnlich Eintragnngszwang, nicht aber bei Grunddienstbarkeiten (so z. B. nach § 12 
des preuss. Eigent.-Erw.-Ges. vom 5. Mai 1872). 

Der Inhalt der Grunddienstbarkeit ist konkret zu bestimmen; eine Belastung 
schlechthin ohne jeden konkreten Lihalt ist unzulässig. Die Grunddienstbarkeit ist 
eine Prädialservitut, d. h. es stehen sich die jeweiligen Eigentümer eines herr- 
schenden und eines dienenden Gnindstücks gegenüber. 

Darin liegt der Unterschied zwischen der Grunddienstbarkeit und der be- 
schränkten persönlichenDienstbarkeit; letztere steht einer bestimmten ein- 
z e In e n Person, einer natürlichen oder juristischen Person zu. Eine Trennung der Grund- 
dienstbarkeit von dem herrschenden Grundstück ist nicht möglich; dagegen erlischt nach 
§ 889 B.G.B. die Grunddienstbarkeit im allgemeinen nicht, wenn nach der Be- 
gründung eine Vereinigung der Grundstücke in der Hand eines Eigentümers statt- 
findet. 

Das römische Recht verlangte, dass die beiden in Frage stehenden Grundstücke 
benachbart seien. Das B.G.B. verlangt dies nicht. Aber selbstverständlich müssen 
die Grundstücke so liegen, dass das eine zu gunsten des anderen genutzt oder ge- 
braucht werden kann (vgl. D i c k e 1 , S. 420, das. auch Anm. 235). 

Nach römischem Rechte musste das belastete Grundstück vermöge seiner 
natürlichen Beschaffenheit die dem Berechtigten zukommenden Vorteile ge- 
währen, d. h. ohne künstliche Anlagen und ohne Handlungen des Besitzers („causa 
perpetua"). Nach B.G.B. kommt es, wie im deutschen Rechte, darauf nicht an. Mög- 
lich ist deshalb z. B. eine Holzgerechtigkeit, auch wenn dieselbe nur bestehen kann, 
falls der Eigentümer des belasteten Waldes nach den Regeln der Forstwirtschaft wirt- 
schaftet; zulässig ist namentlich auch eine Anlage auf dem dienenden Grundstücke 
(§ 1021). Zulässig ist die Servitut auch dann, wenn schliesslich, wie z. B. bei einem 
Tonlager oder einem Steinbruche, die Servitut schliesslich bedeutungslos wird und 
deshalb zu bestehen autliören muss, weil ein vollständiger Abbau stattgefunden hat. 

Nach B.G.B. muss die Grunddienstbarkeit dem herrschenden Grundstücke Voi1;eil 
bieten; letzterer braucht nicht notwendig Geldwert zu haben; es genügen auch An- 
nehmlichkeiten, Bequemlichkeiten, wie ästhetische Interessen, solche müssen aber dem 
herrschenden Grundstücke zu gute kommen, nicht etwa bloss der bestimmten Person 
des zeitigen Eigentümers. — Es fragt sich aber, ob die Grunddienstbarkeit nur soweit 
gehen darf, als die Bedürfnisse des herrschenden Grundstücks reichen. Nach römi- 
schem Rechte bestand eine dahingehende Beschränkung, nach deutschem Rechte bestand 
diese nicht ; deshalb wurde vielfach auch in neueren Landesgesetzen die Entnahme ge- 
wisser Grundstücksbestandteile zu gunsten des Servitutberechtigten zu beliebiger 
Verwendung, namentlich also auch zum Verkaufe (in beliebiger Menge) für zu- 
lässig erklärt, so z. B. § 55 der preuss. Gemeinheitsteilungsordnung vom 7. Juni 1821 ; 
nur im Zweifel wurde gewöhnlich dem römischen Grundsatze gemäss das Mass 
einer unbestimmten Servitut auf das Bedürfnis des herrschenden Grundstücks beschränkt, 
so besonders bei Waldservituten, wie Holz- und Waldstreuberechtigung (so z. B. § 52 
der preuss. Gem.-Teil.-Ordn. vom 7. Juni 1821 und Alt. 4 der Novelle vom 2. März 
1850). — Das B.G.B. beschränkt hier im Sinne des römischen Rechts, § 1019: nur 
soweit „die Belastung für die Benutzung des Grundstücks des Berechtigten Vorteil 



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232 XIV. Di ekel, Rechtskunde, 

bietet ** ; „über das sich hieraus ergebende Mass hinaus kann der Inhalt der Dienstbar- 
keit nicht erstreckt werden." Ist die Grunddienstbarkeit schon vor 1900 ins Leben 
gerufen, so findet § 1019 keine Anwendung; es entscheidet also das alte Recht, 
Art. 184 E.G. 

Hier handelte es sich nur um die Begrenzung des Begriffs der Dienstbarkeit. 
Damit ist nicht zu verwechseln die Bestimmung des Inhalts, des ümfangs im einzelnen 
Falle. Gemäss Art. 115 E.G. bleiben die Landesgesetze in Kraft, welche den Inhalt 
und das Mass der Dienstbarkeit näher bestimmen. 

Die Grunddienstbarkeit gilt als ein Bestandteil des herrschenden Grundstücks. 
§ 96 B.G.B. 

II. Arten. 

L Man teilt die Grunddienstbarkeiten im allgemeinen ein in 

a. Feld- und Gebäude Servituten (Rustikal- und U r b a n a 1 servit.), (vom 
B.G.B. nicht erwähnt); zu den ländlichen Dienstbarkeiten gehören Wege-, Wasser-, 
Weidegerechtigkeit, 

b. gleichfalls nach dem Inhalte der Dienstbarkeit : «) solche , kraft deren der je- 
weilige Eigentümer des herrschenden Grundstücks das dienende Grundstück) in ein- 
zelnen Beziehungen benutzen darf, ß) solche , kraft deren er dem Eigen- 
tümer des dienenden Grundstücks verbieten darf, gewisse Handlungen auf seinem 
Grundstücke und Benutzungen des letzteren vorzunehmen , y) solche, durch welche der 
Eigentümer auf die Ausübung gewisser aus den nachbarlichen Beziehungen sich erge- 
benden Rechte verzichtet. Vgl. § 1018 B.G.B. 

zu a\ Recht auf Duldung, zu ß, y: Recht auf Unterlassung. Servitus in patiendo 
und in non faciendo; im römisch-gemeinen Rechte nannte man jene affirmative, diese 
negative Rechte, im deutschen Rechte und A.L.R. nannte man jene negative und die^e 
Untersagungsrechte ; affirmative Rechte waren hiernach die Reallasten als jura in fa- 
ciendo. 

c. Von einer gewissen Bedeutung ist die im B.G.B. nicht erwähnte Unterscheidung : 
1 )ienstbarkeiten auf Gebrauch des dienenden Grundstücks, z. B. Wegegerechtigkeit, 
und solche auf Zueignung von Grundstücksbestandteilen, z. B. Holz, 
Gras, Steinen, Lehm, Sand. 

d. Ständige und nicht ständige Servituten ; jene kontinual, z. B. Was- 
serleitung, diese diskontinual , z. B. Hütungsrecht oder Servitut mit einer Anlage 
auf dem dienenden Grundstücke, Holzgerechtigkeit, je nachdem sie immerwährend 
oder nur vorübergehend ausgeübt werden. Diese Einteilung wurde in älteren 
Gesetzen erwähnt ; sie war regelmässig von besonderer Bedeutung für die E r s i t z u n g ; 
das B.G.B. spricht nicht von ihr; die Einteilung aber kommt bei §§ 1021, 1022, 1028 
und Art. 191 Abs. 2 Einf.-Ges. in Betracht. 

e. Sichtbare (erkennbare, apparentes) und nicht sichtbare (non appa- 
rentes) Servituten, je nachdem sie vom dienenden Grundstück aus wahrgenommen 
werden können oder nicht. Diese Einteilung war in einigen Gesetzen, namentlich im 
A.L.R. und im Code civil von erheblicher Bedeutung, besonders für Ersitzung, im 
B.G.B. kommt sie bei den zu d erwähnten §§ in Betracht. 

f. Gemessene (fixierte) und ungemessene (nicht fixierte). Das B.G.B. 
spricht nicht davon; nach Art. 113 E.G. bleiben aber die Landesgesetze in Kraft, nach 
denen die Umwandlung der ungemessenen in gemessene Servituten gestattet ist. 

2. Das Gesetz gibt keine bindenden Normen über die einzelnen Servituten und 
deren Inhalt. Der letztere muss deshalb aus dem Bestellungsakte entnommen werden. 
Bei der Auslegung der Willenserklärung, namentlich der vertragsmässigen Bestellung 



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Granddienstbarkeiten. § 76. 233 

der Dienstbarkeit wird man die örtlichen Sitten und Gewohnheiten und die volkstüni- 
lichen Rechtsanschauungen zu Hilfe nehmen müssen. 

Im Einzelnen kommen namentlich in Betracht : 

a. die Wege gerech tigkeit ; in verschiedenem Umfange möglich : Fussweg, Fahr- 
weg, Viehtrieb. Es kommt ganz auf die Bestellung an. Im Zweifel wird man, wie 
sonst bei der Auslegung, das Geringere annehmen müssen, z. B. wer das Recht hat, 
über ein Grundstück zu gehen, hat deshalb noch nicht das Recht, darüber zu reiten 
oder gar zu fahren (Qui habet iter, non habet actum); wer das Recht hat, zu reiten 
oder zu fahren, hat noch nicht ohne weiteres das Recht, Vieh zu treiben. Auch muss 
aus dem Bestellungsakt entnommen werden, ob ein bestimmter Wegezug einzuhalten 
sei. Im übrigen werden mangels näherer Bestimmungen bei oder nach der Bestellung 
der Wegegerechtigkeit die §§ 1020, 1023 B.G.B. zu gunsten des Eigentümers des die- 
nenden Grundstücks heranzuziehen sein. 

b. Weide gerechtigkeit. Sie hat sich aus der deutschrechtlichen Gemeindever- 
fassnng entwickelt (Hütungsrecht der Gemeindegenossen auf dem Gemeindegute, All- 
mende)***). Der Umfang des Rechts ist sehr verschieden. Meistens steht das Weide- 
recht mehreren zu (K o p p e 1 hut), namentlich auch wechselseitig. Hat der Eigen- 
tümer des belasteten Grundstücks gleichfalls das Recht, sein Vieh auf dem Grundstücke 
weiden zu lassen, so spricht man von Mit hut. 

c. Wald dienstbarkeiten , namentlich H o 1 z u n g s gerechtigkeit (Bauholz oder 
Brennholz oder beides, Raff- und Leseholzgerechtigkeit, — gemessen oder ungemessen), 
Recht auf Waldstreu (Laub, Moos, Gras). 

m. Entstehung. Nach § 873 B.G.B. (vgl. oben § 64 zu I) ist dinglicher 
Vertrag und Eintragung notwendig. Das Erfordernis der letzteren ist für die 
meisten Staaten Deutschlands eine schwer wiegende Neuerung, namentlich auch für 
Preussen. Unmöglich ist wegen des Eintragungszwanges die stillschweigende 
Bestellung, wie sie nach älterem Rechte oft angenommen wurde und — was von 
grösster praktischer Tragweite ist — die Ersitzung. Nach älterem Rechte war die 
Ersitzung zulässig. War sie dem älteren Rechte gemäss vor Anlegung des Grund- 
buchs vollendet, so bleibt ihre Wirkung selbstverständlich bestehen (Art. 187, 189). 
Die noch nicht vollendete Ersitzung läuft nicht weiter. Ist aber die Dienstbarkeit schon 
vor 1900 eingetragen worden, so tindet von der Eintragung ab die Tabularersitzung 
statt (§ 1900 Abs. 2). Vgl. über Tabularersitzung oben § 68 zu III, 1. 

üeber die Gründe, welche zum Eintragungszwange hinsichtlich der Grunddienstbar- 
keiten führten, äussert sich die Denkschrift S. 140: „Die allgemeinen Vorschriften 
über die rechtsgeschäftliche Begründung von Rechten an einem Grundstücke (§§ 857 ff., 
jetzt 873 ff.) gelten auch für Grunddienstbarkeiten. Zur Begründung ist somit auch hier 
die Eintragung in das Grundbuch erforderlich. Der Entwurf geht damit von dem gelten- 
den Rechte ab. Nach den meisten Gesetzen , und zwar auch nach denen , welche dem 
Grundhuchsystem folgen, bedürfen Grunddienstbarkeiten zu ihrer Entstehung der Eintragung 
nicht, so namentlich in Preussen, Bayern, Sachsen. — Indessen treffen die Gründe, aus 
denen der Entwurf den rechtsgeschäftlichen Erwerb des Eigentums und anderer Rechte 
an Grundstücken von der Eintragung abhängig macht , nicht minder für Grunddienstbar- 
keiten zu. Auch diese müssen im Interesse der Sicherheit des Grundstückverkehrs aus 
dem Grundbuch erkennbar sein, da sie nicht selten den Wert des belasteten Grundstücks 
erheblich vermindern. Das Erfordernis der Eintragung hat überdies, indem es die Zu- 
lässigkeit einer Ersitzung ausschliesst, die für die Verhältnisse des Grundbesitzes günstige 
Folge, dass in Zukunft Grunddienstbarkeiten nicht mehr durch fortgesetzten Missbrauch 
nachbarlicher Duldung erworben werden können. Endlich wird die Eintragung zu einer 
erheblichen Verminderung der Rochtsstreitigkeiten auf diesem Gebiete führen; denn unter 

60) Vgl. G i e r k c Genossenschaftsrecht Bd. 2 S. 253 flgd. 

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234 XIV. Di ekel, Rechtekunde. 

allen umständen wird durch die Eintragung das Bestehen regelmässig aber auch der In- 
halt der Dienstbarkeit ausser Zweifel gestellt. — Dass mit der Eintragung von Grund- 
dienstbarkeiten der Umfang der Grundbücher un verhältnismässig zunehmen werde, ist um 
so weniger zu besorgen, als sich das Bedürfnis der Bestellung solcher Dienstbarkeiten in 
neuerer Zeit für den ländlichen Grundbesitz durch die Auseinandersetzungen und Flurver- 
einigungen, in den Städten durch Bauordnungen gegen früher wesentlich vermindert hat."^ 

Ausnahmsweise besteht der Eintragungszwang nicht: 

1. Das alte Recht ist massgebend für die Begründung, Uebertragung, Belastung, 
Antliebang bis das Grundbuch als angelegt anzusehen ist; das Gleiche 
gilt für Aenderung des Inhalts und des Ranges der Rechte; ein nach dem B.G.B. un- 
zulässiges Recht aber kann nicht mehr begründet werden (Art. 189 Abs. 1). Ent- 
sprechendes gilt für Aufhebung auch nach Anlegung des Grundbuchs, solange 
das Recht nicht im Grundbuch eingetragen ist (Abs. 3). 

2. Der Eintragungszwang bezieht sich nicht auf Grunddienstbarkeiten, die 
zu der Zeit bestehen, zu welcher das Grundbuch als angelegt anzu- 
sehen ist, Art. 187 : die Eintragung ist nicht notwendig zur Erhaltung der Wirk- 
samkeit gegenüber dem ölfentlichen Glauben des Grundstücks ; die Eintragung hat aber 
zu erfolgen, wenn sie von dem Berechtigten oder von dem Eigentiuner des dienenden 
Grundstücks verlangt wird; wer die Eintragung verlangt, hat die Kosten zu tragen 
und vorzuschiessen. 

Die Landesgesetzgebung aber kann den Eintragungszwang anordnen (Art. 187 
Abs. 2). Sie kann ihn a) auf einzelne Arten von Gnmddienstbarkeiten beschränken 
(namentlich auf nichtsichtbare), b) eine vom Zeitpunkte der Anlegung des Grundbuchs 
laufende längere oder kürzere Frist zur Anmeldung gewähren, c) den Eintragungs- 
zwaug auf einzelne Bezirke (namentlich etwa die, in denen die Flurbereinigung schon 
erfolgt ist) beschränken. (Vgl. Niedner zu Art. 187.) 

Der Eintragungszwang erstreckt sich also nicht auf die Grunddienstbarkeiten, die 
vor 1900 begründet worden sind, ferner auch nicht auf die, welche dort, wo das Grund- 
buch am 1. Januar 1900 noch nicht angelegt war. in der Zwischenzeit bis zur Anlegung 
des Grundbuchs begründet werden. 

Diese Ausnahme wird von den Protokollen gerechtfertigt 1. durch die Unmöglich- 
keit, sämtliche bestehende Grunddienstbarkeiten, die dem Beteiligten nicht selten ganz 
unbekannt sind, oft nicht ohne die erheblichsten Schwierigkeiten, bisweilen sogar nicht 
ohne Beseitigung von Bauwerken zu ermitteln sind, 2. durch die Erwägung, dass diese 
Grunddienstbarkeiten teils durch äussere Einwirkungen hervortreten, teils andrerseits die 
Interessen des Eigentümers des belasteten Grundstücks wenig beeinträchtigen, 3. durch 
die Tatsache, dass bis 1900 in den meisten Teilen Deutschlands ein Eintragungszwang 
nicht bestand, 4. endlich durch die Schwierigkeiten, welche die nur wenig fortgeschrittene 
Flurbereinigung, — namentlich in den östlichen Provinzen Preussens und in Bayern — 
bieten. 

Bis 1900 war die Eintragung der Grunddienstbarkeiten nicht notwendig in 
Bayern, Koburg - Gotha , Hamburg, Hessen, Lübeck, Oldenburg, Preussen (ausgenommen 
vormal. Herzogt. Nassau), Sachsen, Weimar, Württemberg; zulässig war die Eintragung 
in Oldenburg , Preussen u. s. w. ; der Eintragungszwang bestand in der Hauptsache in 
Baden, Braunschweig, Elsass-Lothringen, beiden Mecklenburg, Württemberg. 

Die meisten Ausführungsgesetze haben von der Befugnis des Art. 187 Abs. 2 
keinen Gebrauch gemacht. Der Eintragungszwang ist verordnet in Bayern: Art. 10 
des Ges. v. 9. 6. 1899 betreff. Uebcrgangsvorschriften (vgl. auch Art. 11 — 18 und 44. 
45), Hamburg: Die Eintragung muss bis spätestens in 10 Jahren vom 1. Januar 
1900 ab erfolgen, die unbekannten Grunddienstbarkeiten können durch Aufgebot beseitigt 
werden, Hessen: Die Eintragungspflicht kann durch landesherrliche Verordnung bestimmt 
werden, Mecklenburg-Schwerin und -S t r e 1 i t z. 

3. Die L a n d e s gesetzgebung ist massgebend hinsichtlich der Begründung (und 

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Grunddienstbarkeiten. § 76. 235 

Aufhebung) einer Dienstbarkeit an einem nicht buchungspflichtif^en Grund- 
stücke (vgl. oben § 64 zu VI am Ende) (Art. 128). 

Einige Landesgesetze machen von dem Vorbehalt des Art. 128 keinen Gebrauch: 
Baden, Bremen, Elsass-Lothr., Preussen (Über die Gründe vgl. Di ekel S. 424 Anm. 
240 a.), Waldeck. Einige Ausftihrungsgesetze verordnen, dass zur Begründung der Dienst- 
barkeiten an nicht buchungspfl. Grundst. die dingliche Einigung, zur Aufhebung ein- 
seitiger Verzicht gentige (jene wie dieser in gerichtlicher oder notarieller Beurkundung ; 
einige begnügen sich mit öifentlicher Beurkundung, andre sogar mit schriftlicher Form). 

Nach einigen Ausf.-Gcs. erfolgt die Aufhebung der Grunddienstbarkeiten auch mit 
Ablauf einer bestimmten Frist nach der letzten Ausübung: 10 Jahre . . ., 20 Jahre . . ., 
30 Jahre ... 

IV. „Bei der Ausübung einer Grunddienstbarkeit hat der Berechtigte das 
Interesse des Eigentümers des belasteten Grundstücks tunlichst zu schonen" 
(civiliter utü). § 1020 B.G.B. Diese Pflicht der schonlichen Ausübung entspricht dem 
alten Rechte. Die Grunddienstbarkeit erstrebt und ermöglicht einen volkswirt- 
schaftlichen Nutzen, wenn ihr Vorteil für das herrschende Grundstück grösser 
ist als der Nachteil für das dienende Grundstück ; hiernach ist es Aufgabe des Gesetz- 
gebers, den Nachteil nach Möglichkeit zu mindern ^^). Wer das Recht hat, über mein 
Gut zu fahren oder zu reiten, wird hiernach verpflichtet sein, die von ihm beim 
Passleren geöffneten Gattertore wieder zu schliessen; er wird sich nicht minder eine 
Umzäunung des bisher nicht umzäunt gewesenen Grundstücks oder eine Eingatterung 
zur Herstellung eines Wildparks gefallen lassen müssen; eine erhebliche Erschwerung 
der Ausübung seines Rechts wird darin nicht zu erblicken sein. Vgl. Demburg Bd. 3 
§ 165 No. 2 «2). 

Hält der Berechtigte zur Ausübung der Dienstbarkeit auf dem belasteten Grund- 
stück eine Anlage (z. B. einen Wassergraben), so hat er sie in ordnungsmässigem Zu- 
stande zu erhalten, soweit das Interesse des Eigentümers es erfordert. § 1020 Satz 2. 

Die vorstehend ei-wähnten Bestimmungen des § 1020 finden auch auf die vor 
1900 entstandenen Dienstbarkeiten Anwendung (Art. 184 E.G.) 

Wer an Stelle des Eigentümers das Nutzungs- oder Gebrauchsrecht am herr- 
schenden Grundstück hat, darf die Dienstbarkeit im Rahmen seines Rechtes ausüben, 
z. K. der Niessbraucher, nicht minder der Mieter und Pächter. Eine Uebertragung 
des Rechtes dagegen ist gänzlich unzulässig. 

V. Unterhaltspflicht des Eigentümers des belasteten Grundstücks, §§ 1021, 
1022 ; diese Vorschriften gelten nach Art. 184 E.G. auch für die vor 1900 entstandenen 
Dienstbarkeiten : 

1. Soweit nichts anderes bestimmt ist, hat der Berechtigte die Anlagen zu 
unterhalten. Die Beteiligten können aber bestimmen, dass deV Eigentümer des be- 
lasteten Grundstücks die Unterhaltungspflicht habe, soweit das Interesse des Berech- 
tigten es erfordere. Hierdurch wird der rechtliche Charakter der Servitut nicht be- 
einträchtigt (vgl. oben zu I). 



61) Die wirtschaftliche Zweckbestimmung der Grunddienstbarkeit „weist darauf hin, 
dass die Wertsteigerung des herrschenden Grundstücks nur unter dem Gesichtspunkte einer 
sozialen Ausgleichung der Trennung der verschiedenen Eigentumssphären stattfinden soll.'^ 
Endemann Bd. 2 § 102 zu 1. 

62) Die Verpflichtung „schonlich auszuüben" schliesst nicht aus, dass das belastete 
Grundstück in höherem Masse in Anspruch genommen wird, wenn die Bedürfnisse des herr- 
schenden Grundstücks steigen. Es kommt hier auf die Auslegung des Bestellungsrochtsge- 
schäftes an. Vgl. Endemann Bd. 2 § 102, Demburg, Preuss. Privatrecht Bd. 1, 
§ 294 Nr. 1, Kohler im Archiv f. d. zivil. Praxis Bd. 87, S. 221. — Auch die Landes- 
gesetzgebung greift hier gemäss Art. 115, E.G. ein. 



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236 XIV. D i c k e 1 , Rechtekunde. 

Steht dem Eigentümer der belasteten Sache das Eecht zur Mitbenutzung der 
Anlage zu, so kann dem Berechtigten die Unterhaltungspflicht auferlegt werden, so- 
weit es für das Benutzungsrecht des Eigentümers erforderlich ist § 1021 Abs. 1 Satz 2. 

Für den Fall des Rechts einer baulichen Anlage auf einer baulichen Anlage des 
Dienstbarkeitsverpflichteten vgl. § 1022. 

2. Auf die Unterhaltspflicht finden nach § 1021 Abs. 2 die Bestimmungen über 
Reallasten entsprechende Anwendung, namentlich: § 1107 (auf die einzelnen 
Leistungen finden die für Hypothekenzinsen geltenden Vorschriften entsprechende An- 
wendung; der neue Eigentümer haftet für Rückstände nur mit dem Grundstücke, per- 
sönlich dagegen nur dann, wenn er sie so übeniommen hat), § 1108 Abs. 1 (hiernach 
haftet der Eigentümer des belasteten Grundstücks für die während der Dauer seines 
Eigentums fällig werdenden Leistungen auch persönlich, soweit nicht ein 
Anderes bestimmt ist. Zweifelhaft ist, wann die Beträge als fällig anzusehen 
sind, vgl. Kohler im Archiv f. d. zivil. Praxis Bd. 87 S. 215; Dernburg Bd. 3 
§ 164 Anm. 7. Man wird annehmen müssen, dass der Zeitpunkt des eingetretenen 
Ausbesserungsbedürfnisses massgebend ist), § 1108 Abs. 2 (im Falle der Teilung des 
belasteten Grundstücks haften die Eigentümer der einzelnen Trennstücke als Gesamt- 
schuldner) u. s. w. 

3. Die Landesgesetze haben auf die Unterhaltspflicht keinen Einfluss, Art. 116 
E.G. z. B.G.B. 

Es handelt sich aber entscheidend nicht um Reallast, sondern um Dienstbarkeit; 
deshalb wird die Unterhaltspflicht nicht als Reallast eingetragen, es gelten deshalb 
für die Unterhaltspflicht auch nicht die Vorbehalte der Art. 113 bis 115 E.G. 

VI. Veränderungen sind nach §§ 1023 bis 1026 möglich; diese Vor- 
schriften finden auch auf Dienstbarkeiten aus älterer Zeit Anwendung (Art. 184 
E.G. z. B.G.B.) 

1. Verlegung (§ 1023). Es handelt sich hier um den Fall, dass die Dienst- 
barkeit auf einen Teil des belasteten Grundstücks beschränkt ist, z. B. Wege-, Wald- 
streu-Gerechtigkeit. Der Eigentümer des belasteten Grundstücks hat das Recht, die 
Verlegung der Ausübung auf eine andere Stelle zu verlangen, wenn folgende Voraus- 
setzungen zusammentreffen: a) wenn die Ausübung der Dienstbarkeit „an der bisherigen 
Stelle für ihn besonders beschwerlich ist", b) wenn die Verlegung in den Grenzen des 
belasteten Grundstücks möglich ist ^3), c) wenn die vom Eigentümer angebotene andere 
Stelle für den Berechtigten ebenso geeignet ist, wie die bisherige Stelle, d) wenn der 
Eigentümer des belasteten Grundstücks die Kosten übernimmt und auf Verlangen vor- 
schiesst. — Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so hängt das Recht, die Verlegung zu 
verlangen, nicht etwa davon ab, dass sich seit Begründung der Servitut die Umstände 
verändert haben ; darauf kommt gar nichts an. Mit Recht wird angenommen, dass 
der § 1023 zu Gunsten des belasteten Eigentümers auch dann in Betracht kommt, 
wenn die Wahl des Ortes dem Berechtigten freisteht; hier handelt es sich dann ent- 
scheidend um eine Festlegung der Ausübung. Staudinger-Kober zu§ 1023 Anra. 2. 

63) Der Berechtigte braucht sich also wol auf Verlegung auf ein anderes Grund- 
stück nicht einzulassen. Dies ist in Berücksichtigung der vielleicht grossen Verschiedenheit 
des Rechtszustandes der beiden Grundstücke bestimmt. (Die Ansichten sind geteilt. Vgl. 
K h 1 e r im Archiv f. d. zivil. Praxis Bd. 87. iS. 233 flgd.) Die Landesgesetzgehung kann 
aber hinsichtlich bestimmter Grundstücke , bezüglich deren ein Bedürfnis anerkannt wird, 
die Befugnis des Belasteten erweitern , sodass er auch das Recht hat , die Verlegung auf 
ein anderes Grundstück zu verlangen; dies ergiebt sich aus Art. 115 E.G. z. B.G.B.. 
wonach die Landesgesetzgebung Inhalt und Mass der Dienstbarkeiten bestimmen darf. In 
Kraft bleibt deshalb z. B. § 81 A.L.R. I, 22 für die Hütungsgerechtigkeit. 



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Grunddienstbarkeiten. § 76. 237 

Mit Rücksicht auf den gegebenen Falls sehr erheblichen volkswirtschaftlichen 
Nutzen kann das Recht auf Verlegung durch Rechtsgeschäft weder ausgeschlossen noch 
beschränkt werden. § 1023 Abs. 2. 

Kommt der § 1023 B.G.B. in folgendem Falle zur Anwendung? A hat durch 
Vertrag eine Tränkgerechtigkeit an meinem See in ganzer Ausdehnung der Ufer er- 
worben ; kann ich Beschränkung auf einzelne Stellen des Ufers verlangen? 
M. E. kommt § 1023 nicht in Frage; denn es handelt sich nicht um Verlegung, auch 
nicht um den erwähnten Fall, dass der Berechtigte die Wahl des Ortes hat ; es handelt 
sich lediglich um Beschränkung. Massgebend ist also allein § 1019: es kommt also 
darauf an, wie weit der Vorteil des Berechtigten geht ; über das sich hieraus ergebende 
Mass hinaus kann der Inhalt der Dienstbarkeit nicht erstreckt werden. Der § 1019 
entscheidet aber nur, wenn die Dienstbarkeit unter der Herrschaft des neuen Rechts 
begründet worden ist (Art. 184 E.Q. z. B.G.B.). Ist die Dienstbarkeit vor 1900 ins 
Leben gerufen so entscheidet das frühere Recht®*). 

2. Kollision (§ 1024). Wenn eine Grunddienstbarkeit mit einer anderen 
Grunddienstbarkeit oder mit einem sonstigen Nutzungsrecht an dem belasteten Grund- 
stücke zusammentrifft dergestalt, dass die Rechte nebeneinander nicht oder nicht voll- 
ständig ausgeübt w^erden können, so kommt es darauf an, ob die zusammentreffenden 
Rechte gleichen oder verschiedenen Rang haben. Im letzteren Falle besteht kein 
Zweifel; es entscheidet die Priorität; dies ist als selbstverständlich im Gesetze nicht 
ausgesprochen. Haben die Rechte gleichen Rang, so kann nach § 1024 jeder Berech- 
tigte Ausgleichung nach billigem Ermessen verlangen, namentlich hinsicht- 
lich des Masses der Benützung und der Zeit der Ausübung. Mehrheitsbeschlüsse 
können hier nicht gefasst werden; es ist den Beteiligten aber dringend Einigung zu 
empfehlen. 

Die Bestimmung des § 1024 gilt auch beim Niessbrauche (§ 1060). 

3. Teilung 

a) des herrschenden Grundstücks (§ 1025). Früher war über die rechtliche 
Behandlung dieses Falles Streit; vielfach nahm man an, dass die Servitut bis zur 
Wiedervereinigung der Trennstücke wirkungslos sei. Nach B.G.B. kommt es darauf 
an, ob die Dienstbarkeit nur einem bestimmten Teile des herrschenden Grundstücks 
oder dem ganzen Grundstücke zum Vorteile gereicht. In jenem Falle, z.B. Bau- 
holzberechtigung für das auf dem herrschenden Grundstücke befindliche Haus, oder 
Recht des jeweiligen Eigentümers in dem auf dem belasteten Grundstücke befindlichen 
See zu des Tisches Notdurft zu fischen, — erlischt die Dienstbarkeit mit der Teilung für 
die übrigen Teile *'^). Gereicht die Servitut dem ganzen herrschenden Grundstücke 
znm Vorteile, z. B. Wegegerechtigkeit, so besteht die Grunddienstbarkeit für die ein- 
zelnen Teile fort, die Ausübung ist aber im Zweifel nur in der Weise zulässig, dass 
bie für den Eigentümer des belasteten Grundstücks nicht beschwerlicher wird. Dies 
ist von grosser Bedeutung namentlich für Holz- und Waldstreuberechtigungen. (Vgl. 
Dickel S. 427 Anm. 248). 

bjDes dienenden Grundstücks (§ 1026). Hier tritt selbstverständlich gar 
keine Veränderung ein, wenn die Dienstbarkeit auf dem ganzen belasteten Grund- 
stücke ruht, z. B. Weiderecht. Beschränkt sich dagegen die Servitut auf einen be- 
stimmten Teil, z. B. den See, so werden „die Teile, welche ausserhalb des Bereichs 



64; Im Gebiete des A.L.R. also § 29 I, 22: 

65) So auch schon früher meistens entschieden. Vgl. für Bayern O.G.H. Bd. 5, 
8. 812. 



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238 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

der Ausübung liegen", von der Dienstbarkeit frei. 

4. Nach vielen Landesgesetzen müssen sich die Servitutberechtigten die Um- 
wandlung ihrer u n gemessenen in gemessene Nutzungsrechte gefallen lassen. Diese 
Landesgesetze sind durch Art. 113 E.Gr. aufrecht erhalten. 

Vn. Schutz. 

A. Des Rechts (petitorischer Schutz), Konf essorienklage. § 1027. 
Kläger kann der Eigentümer des herrschenden Grundstücks sein, auch der Mit- 
eigentümer (§ 1011), der Erbbauberechtigte (§ 1017), der Niessbraucher (§ 1065), — 
nicht dagegen der nur obligatorisch berechtigte Pächter (letzterer muss sich an seinen 
Verpächter halten; ist dieser der Eigentümer, so steht diesem die confessoria zu). 
Beklagter ist der jeweilige Eigentümer des belasteten Grundstücks, auch jeder stö- 
rende dritte. Der Kläger muss im Bestreitungsfalle beweisen, dass ihm die Dienst- 
barkeit zusteht, da nach § 903 B.G.B. das Eigentum als frei vermutet wird. Der 
Klageantrag ist auf Beseitigung der Beeinträchtigung eventuell auf Unterlassung 
weiterer Störung zu richten. Im Falle einer nur drohenden oder nur wörtlichen Stö- 
rung ist auf Feststellung zu klagen, dass dem Beklagten das beanspruchte Recht nicht 
zustehe. 

B. Besitz schütz, § 1029. Das B.G.B. hat einen Rechts besitz im allgemeinen 
nicht angenommen (vgl. oben § 63 zu VI); folglich kann bei Rechten auch von einem 
Besitzschutze keine Rede sein. Bei Grunddienstbarkeiten aber sind Abweichungen. Die 
Motive Bd. 3 S. 489 bemerken zu gunsten des Besitzschutzes der Dienstbarkeiten : da- 
für spreche die gleichmässige Gewährung im geltenden Rechte, auch bestehe ohne Be- 
sitzschutz eine erhebliche Gefahr, dass der Berechtigte durch Unterbrechung der Aus- 
übung, zu denen der Verpflichtete ihn nötige, grossen Schaden erleide, mit Selbstver- 
teidigung komme der Berechtigte oft nicht durch, auch werde eine einstweilige 
Verfügung des Richters nicht immer leicht zu erlangen sein; bei Bestimmung der 
Voraussetzungen des Besitzschutzes sei die Analogie zwischen der Sachinhabung 
und dem Zustande der Ausübung der Grunddienstbarkeit zu benutzen. Zu be- 
rücksichtigen ist aber § 96 B.G.B. Hiernach ist die Grunddienstbarkeit ein Bestand- 
teil des herrschenden Grundstücks, folglich handelt es sich im Sinne des Gesetzes gar 
nicht um Rechts-, sondern um Sachbesitz. 

Zu unterscheiden ist, ob das Grundbuch schon als angelegt anzusehen ist 
oder nicht: 

1. Ist das Grundbuch als angelegt anzusehen, so ist zu unterscheiden, ob 
die Dienstbarkeit im Grundbuch eingetragen ist oder nicht. 

a. Ist sie eingetragen (man spricht alsdann von „Tabular besitz") so 
hat der Besitzer des herrschenden Grundstücks den Besitzschutz, soweit die Dienst- 
barkeit innerhalb eines Jahres vor der Störung, sei es auch nur einmal, 
ausgeübt worden ist. § 1029. Die Besitzklage setzt hiernach voraus «. Eintragung 
der Servitut, ß. Ausübung wenigstens einmal innerhalb eines Jahres vor der Störung, 
y. Beeinträchtigung des Besitzers. Als „Besitzer" kommt nicht bloss der Eigenbe- 
sitzer in Frage (§ 872), auch jeder andere Besitzer, wie Pächter. Der Besitzschutz 
umfasst: Recht der Selbsthilfe gegen verbotene Eigenmacht (§ 859) und Besitzklage 
wegen Entziehung (§ 861) wie wegen Störung (§ 862). Es handelt sich ab^r nur um 
Besitzschutz, nicht um Besitz zum Ende einer Ersitzung. 

b. Ist die Dienstbarkeit nicht eingetragen, so ist zunächst zu berücksich- 
tigen, dass nach B.G.B. die Servitut ohne Eintragung gar nicht entstehen kann. Gleich- 
wohl sind aber noch Dienstbarkeiten ohne Eintragung möglich: «. nach Massgabe der 
Landesgesetze an nichtbuchungspflichtigen Grundstücken (Art. 128, vgl. oben zu III, 3), 



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Grunddienstbarkeiten. § 76. 239 

ß' die vor 1900 gemäss dem alten Rechte entstandenen (Art. 187). Das Gesetz ge- 
währt nun aber, um dem eine Servitut Ausübenden nach Möglichkeit zu helfen, den 
Besitzschutz ohne Rücksicht auf die Frage, ob die Dienstbarkeit vor Anlegung des 
Grundbuchs entstanden ist oder nicht, jedoch mit folgenden näheren Bestimmungen: 

a. bei einer Grunddienstbarkeit, mit welcher das Halten einer dauernden 
Anlage verbunden ist, wird der Besitzschutz unbedingt gewährt, so lange Dienst- 
barkeiten dieser Art nach Art. 128, 187 E.G. zur Erhaltung der Wirksamkeit gegen- 
über dem öffentlichen Glauben des Grundbuchs nicht der Eintragung bedürfen, 

ß, bei anderen Servituten, wenn die Dienstbarkeit in jedem der drei letzten 
Jahre wenigstens einmal ausgeübt worden ist. Handelt es sich um unständige Dienst- 
barkeiten, die ihrer Natur nach nicht jährlich ausgeübt werden können, z. B. Bauholz- 
oder Mastgerechtigkeit, so findet also der Besitzschutz der nicht eingetragenen Dienst- 
barkeit gegebenen Falls nicht statt. 

2. Ist das Grundbuch noch nicht als angelegt anzusehen, so bleiben inzwi- 
schen die Landesgesetze aus der Zeit vor 1900 in Kraft, Art. 191 Abs. 1 E.G.; 
selbstverständlich können diese auch in der Zwischenzeit durch Landesgesetz abge- 
ändert werden. 

Einige Ausführungsgesetze lassen das neue Recht entscheiden: § 1029 B.G.B. und, 
falls die Dienstbarkeit nicht eingetragen ist, Art. 191 Abs. 2. Vgl. Hessen Art. 140. 
Elsass-Lothringen § 86, Mecklenburg-Schwerin § 185, -Strelitz 
§ 183, Sachsen-Weimar § 129, Seh warzbu rg-Ru d ol s ta d t Art. 82, 
Preussen Art. 28, Bayern Ges. betr. üebergangsvorschr. v. 9. 6. 1899, Art. 45, 
Ges. über das Liegenschaftsrecht in der Pfalz Art. 22. 

Vm. Ende: 

1. alle Dienstbarkeiten können erlöschen a. durch Untergang des dienenden 
oder herrschenden Grundstücks (z. B. Abspülung), b. Ablösung, soweit die Landes- 
gesetzgebung die Ablösung gestattet (Art. 113), c. Gemeinheitsteilung, wie 
zu b., d. Verjährung ist nach § 1028 in weiterem Umfunge, als sonst der Regel 
der §§ 194 ff. gemäss, zulässig: ist nämlich auf dem belasteten Grundstücke eine An- 
lage errichtet worden, durch welche die Grunddienstbarkeit beeinträchtigt wird, so 
unterliegt der Anspruch des Berechtigten auf Beseitigung der Beeinträchtigung auch 
dann der Verjährung, wenn die Dienstbarkeit im Grundbuch eingetra- 
gen ist. Auch der § 892 findet nach ausdrücklicher Vorschrift des § 1028 Abs. 2 
keine Anwendung; die Verjährung läuft also auch dann weiter, wenn das heiT- 
schende Grundstück veräussert wird und der Erwerber angenommen hat, dass die Dienst- 
barkeit in vollem Umfange fortbestünde. Eine weitere Besonderheit des § 1028 ist 
noch die, dass mit der Verjährung nicht bloss der Anspruch, sondern die Dienst- 
barkeit selbst erlischt, soweit der Bestand der Anlage mit ihr im Wider- 
spruche steht. — Der § 1028 ist im Reichstag eingefügt; es ist dabei erwogen: er- 
fahrnngsmässig gerieten viele Servituten infolge von Nichtausübung und namentlich 
wegen völlig veränderter Verhältnisse in Vergessenheit. Die Berichtigung sei in solchen 
Fällen besonders schwierig, deshalb komme der wirkliche Wert des Grundstücks nicht 
znr Anerkennung, auch werde die Verkauf lichkeit der mit solchen Servituten belasteten 
Grundstücke ungünstig beeinflusst. Der Antragsteller hatte beantragt, die Vorschrift 
für alle Servituten zu geben, die Mehrheit beschränkte sich aber auf eine die Dienst- 
barkeit beeinträchtigende Anlage. — Der § 1028 findet auch auf Dienstbarkeiten An- 
wendung, die vor 1900 entstanden sind (Art. 184 E.G.). 

2. Eingetragene Servituten erlöschen ferner gemäss §§ 875, 876 B.G.B. 
durch Vertrag und Löschung. 



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240 XIV. Dickcl, Rechtskunde. 

3. Nicht eingetragene erlöschen, soweit sie noch Geltung haben, nach der Lan- 
desgesetzgebung (Art. 128, 189, Abs. 3 B.G.B.). 

Dienstbarkeiten erlöschen nicht dadurch, dass der Eigentümer des belasteten 
Grundstücks das Recht oder der Berechtigte das Eigentum an dem belasteten Grund- 
stück erwirbt, § 889 BGB. 

§ 77. Niessb rauch. I. Der Niessbraucher hat das Recht auf die Nutz- 
ungen (§ 1030 B.G.B.); der Stammwert bleibt dem Eigentümer. Der Niessbrauch 
kann durch Rechtsgeschäft (Vertrag, Testament), durch Ersitzung (§§ 1033, 900 Abs. 2 
B.G.B.) und kraft Gesetzes entstehen. Letzteres ist nach B.G.B. der Fall zu gunst^n 
des Ehemanns am Vennögen der Frau (§ 1363) und des Vaters (§ 1649), nach Been- 
digung der elterlichen Gewalt des Vaters der Mutter (§ 1686); doch finden auf diese 
Fälle der gesetzlichen „Nutzniessung" die betreffenden Bestimmungen des Familien- 
rechts, die Vorschriften über Niessbrauch nur insoweit Anwendung, als besondere darauf 
verwiesen ist. Die §§ 1030 ff. B.G.B. gelten zunächst nur für den rechtsgeschäft- 
lich bestellten und durch Ersitzung begründeten Niessbrauch Anwendung. Soweit 
der Niessbrauch nach Landesrecht möglich ist, können auch die Landesgesetze nähere 
Bestimmungen darüber treffen. 

Ein dem Niessbrauche praktisch ähnliches Rechtsverhältnis liegt im Falle der 
fideikommissarischen Substitution vor (§§ 2100 ff.), z.B. der Erblasser vermacht seinen 
Wald dem A, nach dessen Tode dem B ; A ist alsdann „Vorerbe" , B wird nach des 
A Tode „Nacherbe"; hier fragt es sich im Interesse des B, wieweit das Verfügungs- 
recht des A geht; das A.L.R. beschränkte ihn wie den Niessbraucher, das B.G.B. tut 
dies nicht, regelt vielmehr das Rechtsverhältnis durch besondere Bestimmungen (§§ 2112 
bis 2115, hinsichtlich des Waldes §§ 2123, 2136—2138). 

Der Niessbraucher hat das Recht auf alle Nutzungen ; dies sind nach § 100 B.G.B. 
Früchte und Gebrauchsvorteile, also auch die Jagd, soweit nicht (auf Grund des Art. 69 
E.G.) die Landesgesetzgebung anderes bestimmt. Der Niessbrauch kann aber durch 
Ausschluss einzelner Nutzungen beschränkt werden (§ 1030 Abs. 2), z. B. kann ein 
Gutsbesitzer an seinem Gute dem A den Niessbrauch bestellen, sich selbst aber das 
Jagdausnbungsrecht vorbehalten. 

Der Niessbrauch ist unvererblich (§ 1061) und unveräusserlich, nur die Ausübung 
kann einem anderen überlassen werden (§ 1059). 

II. Die Bestellung erfolgt nach allgemeinen Grundsätzen des Sachenrechts, bei 
Grundstücken also durch Einigung und Eintragung (§873 B.G.B., vgl. oben § 64 zu 1); 
hinsichtlich des Zubehörs vgl. § 1031. 

in. Der Niessbraucher hat das Recht: 1. die Sache zu besitzen (§ 1036 
Abs. 1) ; er wird unmittelbarer Besitzer und geniesst demgemäss den vollen Besitz- 
schutz ; 2. die Sache zu nutzen, auch durch Verpachtung (1059 Satz 2 , § 1056) ; 
er erwirbt das Eigentum an den Früchten sogar dann, wenn er welche im üebermasse 
zieht, § 1039 (vgl. oben § 7) ; 3. er hat das Recht auf Ersatz von Verwen- 
dungen, zu denen er nicht verpflichtet war, wie ein Geschäftsführer ohne Auftrag, 
sowie das Recht der Wegnahme einer Einrichtung, mit der er die Sache versehen hat, 
§ 1049; diese Rechte verjähren in 6 Monaten (§ 1057), 4. Kl agerechte, wie der 
Eigentümer (§ 1065). 

Die Rechte des Niessbrauchers werden durch einige Vorschriften noch näher 
begrenzt : 

1. § 1039, vgl. oben S. 108 Abs. 2. 

2. Der Niessbraucher hat bei Ausübung seines Nutzungsrechts „die bisherige wirt- 
schaftliche Bestimmung der Sache aufrecht zu erhalten und nach den Regeln einer ord- 



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Niessbrauch. § 77. 241 

nungsmässigen Wirtschaft zu verfahren**, § 1036 Abs. 2; er darf also z.B. nicht einen 
Park wie einen dem Holzertrage dienenden Wald behandeln (vgl. D e r n b u r g Bd. 3 
§ 186), er darf nicht Holzungen in Getreidefelder verwandeln (anderer Ansicht D e r n- 
burg a. a. 0.), er darf nicht alles Hochwild abschiessen; er muss die Jagd nach waid- 
männischen Grundsätzen ausüben, da nur diese Ai*t von Jagd einer ordnungsmässigen 
Wirt^schaft entspricht. 

3. Der Niessbraucher ist nicht befugt, „die Sache umzugestalten oder wesentlich 
zu verändern" (§ 1037) ; der Niessbraucher eines Grundstücks darf jedoch „neue An- 
lagen zur Gewinnung von Steinen, Kies, Sand, Lehm, Ton, Mergel, Torf und sonstigen 
Bestandteilen errichten, sofern nicht die wirtschaftliche Bestimmung des Grundstücks 
dadurch wesentlich verändert wird." 

4. Hinsichtlich des Niessbrauchs an einem Walde trifft § 1038 eine sehr wich- 
tige Bestimmung: sowohl der Eigentümer, wie auch der Niessbraucher können ver- 
langen , dass das Mass der Nutzung und die Art der wirtschaftlichen 
Behandlung durch einen Wirtschaftsplan festgestellt werden ; im Falle erheblicher 
Aenderung der Umstände kann jeder Teil eine entsprechende Aenderung des Wirt- 
schaftsplans verlangen; jeder Teil trägt die Hälfte der Kosten. 

Diese Bestimmung ist auf Antrag Danckelmann's aufgenommen. Die Mehr- 
heit der zweiten Kommission hat bei Annahme des § 1038 erwogen: Für die Mehr- 
zahl der Wälder, an denen ein Niessbrauch bestellt sei, beständen Wirtschaftspläne. 
Die Aufstellung solcher Wirtschaftspläne sei ein Erfordernis, das durch die Eigentüm- 
lichkeit der Waldverhältnisse bedingt sei : sie gewähre gewisse nicht zu unterschätzende 
Vorteile für die Inventarisierung des Waldes. In Fällen, in denen kein Wirtschafts- 
plan aufgestellt sei, liege es im Interesse sowohl der Forstkultur als der Beteiligten, 
wenn jedem der Beteiligten das Recht gewährt werde, die Aufstellung eines Wirtschafts- 
planes zu verlangen; das gleiche gelte hinsichtlich der Berichtigung eines bestehenden 
Wirtschaftsplans. Hinsichtlich der Kosten keine Bestimmung zu treffen, sei nicht an- 
gängig, weil die Kosten meist recht erheblich seien. Ebenso wenig rechtfertige es sich 
aber, die Kosten dem Antragsteller aufzuerlegen ; die Aufstellung des Wirtschaftsplanes 
gewähre meist auch dem anderen Teile gewisse Vorteile, so dass eine Halbierung der 
Kosten angemessen erscheine. 

Der § 1038 Abs. 2 dehnt die Bestimmung auf Bergwerke und andere auf 
Gewinnung von Bodenbestandteilen gerichtete Anlagen aus. Vgl. T) i c k e l S. 436 
Anm. 271. 

Eine dem § 1038 entsprechende Vorschrift trifft § 2123 für das Rechtsverhältnis 
zwischen Vor erben und Nacherben (Begriff oben § 77 zu I Abs. 2). 

5. Darüber, ob der Niessbraucher das Wirtschaftssystem ändern darf, enthält 
das B.G.B. keine Bestimmung. In den Grenzen der §§ 1036, 1037 wird er es dürfen 
{vgl. oben zu 2,3). So wird der Niessbraucher eines Waldes also auch z. B. vom 
regelmassigen Hochwald- zum Plenterbetrieb oder umgekehrt übergehen dürfen. Ist der 
Eigentümer damit nicht einverstanden, so kann er sich mit § 1038 helfen (vgl. zu 4) ; 
ebenso wird der Eigentümer, wenn er eine Abweichung vom bisherigen Wirtschafts- 
s\'8teiD wünscht, gestützt auf § 1038 eine Veränderung herbeiführen können. 

6. Das Recht des Niessbrauchers erstreckt sich nicht auf den in der Sache ge- 
fundenen Schatz (§ 1040). 

IV. Der Niessbraucher hat folgende Pflichten: 

1. Erhaltung der Sache in ihrem wirtschaftlichen Bestände; hinsicht- 
lich der Ausbesserungen und Erneuerungen wird zwischen gewöhnlichen und 
aussergewöhnlichen unterschieden. 

Handbuch d. Forstw. 3. Anfl. IV. IG 



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242 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

a. gewöhnliche, d. h. laufende, solche, welche in Zwischenräumen regel- 
mässig wiederkehren, z. B. Fütterung von Tieren, Bestellung kultivierter Flächen, Aas- 
besserung von Wegen und Zäunen ; diese liegen dem Niessbraucher ob ; er hat also 
keinen Ersatzanspruch. Nimmt der Niessbraucher die ihm obliegende Ausbessernng 
oder Erneuerung nicht vor, so ist der Eigentümer berechtigt, sie zu bewirken (§§ lOtl. 
1044). 

b) Werden aussergewöhnliche Ausbesserungen und Erneuerungen, nament- 
lich solche, welche infolge von Zerstörung oder Beschädigung oder zum Schutze der Sache 
gegen eine nicht vorhergesehene Gefahr ®') notwendig, so hat der Niessbraucher dem Ei- 
gentümer unverzüglich Anzeige zu machen. Wer die Emeuerungspflicht habe, wird im Ge- 
setze nicht direkt ausgesprochen. Au.s §§ 1042 flgd. 1049 aber ergibt sich folgendes: Der 
Eigentümer ist zur Wiederherstellung verpflichtet ; will er wiederherstellen, so niüss 
der Niessbraucher dies dulden. Uebemimmt der Eigentümer nicht die Herstellung, &» 
darf der Niessbraucher die Wiederherstellung vornehmen ; der Eigentümer muss als- 
dann diese Wiederherstellung dulden; der Niessbraucher darf alsdann (§ 1043) •inner- 
halb der Grenzen einer ordnungsmässigen Wirtschaft auch Bestandteile des Grundstucks 
verwenden, die nicht zu den ihm gebührenden Früchten gehören.^ Der Niessbrancher 
hat dann ein Recht auf Ersatz (§ 1049). 

2. Verpflichtung zu versichern und die Prämien zu bezahlen (§§ 1045. 
1046). 

3. Der Niessbraucher hat für die Dauer seines Rechts gewisse Lasten zn tra- 
gen: Die auf der Sache ruhenden öffentlichen Lasten mit Ausschluss der ansser- 
ordentlichen, die als auf den Stammwert der Sache gelegt anzusehen sind" (namentlich 
Staats- und Gemeindesteuern) sowie die privatrechtlichen Lasten, welche schon znr 
Zeit der Bestellung des Niessbrauchs auf der Sache ruhten (namentlich Zinsen von 
Hypotheken, Grundschulden, Reallasten) ; doch gilt dies alles nur im Verhältnisse des 
Niessbrauchers zum Eigentümer. § 1047. 

4. Sicherheitsleistung, event. gerichtliche Verwaltung (Sequestration) § 1052. 
Auf Verschulden des Niessbrauchers kommt es dabei nicht an. 

5. Macht der Niessbraucher einen Gebrauch von der Sache, zu dem er nicht be- 
fugt ist (ob er dabei die Rechte des Eigentümers in erheblichem Masse verletzt, ist 
gleichgiltig, und setzt er den Gebrauch ungeachtet einer Abmahnung des Eigentümers 
fort, so kann der Eigentümer Anordnung einer gerichtlichen Verwaltung verlangen. 
§ 1054. 

V. Der Niessbrauch endet: 1. mit dem Tode des Niessbrauchers ; ist letzterer eine 
juristische Person, mit deren Untergänge. 2. Durch Rechtsgeschäft (bei Grundstucken 
muss Eintragung im Grundbuche hinzukommen, § 875) u. s. w. 

lieber Rückgewähr und Auseinandersetzung, vgl. Dickel S. 439 zu VIL 

VL Schliesslich sei hier über den Niessbrauch der Beamten an ihren Dienst- 
wohnungen, L ä n d e r e i e n u. s. w. bemerkt, dass dies Recht nicht privater, son- 
dern off entlich rechtlicher Art ist, wie ihr Recht auf andere Dienstbezüge. Die 
Rechtsverhältnisse sind durch Regulative geregelt ^^). 

§ 78. Beschränkte persönliche Dienstbarkeiten. Sie sind nur 
an Grundstücken möglich; inhaltlich wie Grunddienstbarkeiten, namentlich Recht 
auf Benutzung „in einzelnen Beziehungen" ; sie stehen aber — dies ist der Unterschied 
von der Gmnddienstbarkeit — nicht dem jeweiligen Eigentümer eines herrschenden 



67) Auch Verteidigung gegen ein geltend gemachtes Recht gehört hierher. 

68) Vgl. z. B. für Preussen Dickel S. 440, Anm. 281. 



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Reallasten. § 80. 243 

Grundstücks, sondern einer bestimmten — natürlichen oder juristischen — Person zu 
(§ 1090)^®). Das Recht erlischt mit dem Untergange des Berechtigten. Es ist also 
unvererblich. Es ist auch unübertragbar ; die Ausübung aber kann einem Andern über- 
lassen werden, wenn die üeberlassung der Dienstbarkeit dies gestattet. Im übrigen 
vgl. §§ 1090 flgd. — Solche Dienstbarkeiten können auch einer Gemeinde zu gun- 
sten einzelner Mitglieder zustehen (sog. Gemeindeservituten). 

§ 79. Vorkaufsrecht, lieber das nur obligatorisch wirkende Vor- 
kaufsrecht vgl. oben § 39 zu VI, 3 b. 

Als dingliches Recht ist es nur bei Grundstücken möglich. § 1094. 
Derartige Rechte waren früher sehr zahlreich, namentlich kraft Gesetzes. Das B.G.B. 
gibt ein gesetzliches Vorkaufsrecht nur in § 2034; es l&sst aber das rechtsgeschäft- 
liche zu, um „gewissen sozialpolitischen Bestrebungen, welche auf Sesshaftmachung der 
ländlichen und industriellen Arbeiter gerichtet sind, die Wege zu ebnen" (vgl. D i c k e 1 
S. 443, Anm. 290). 

Die Bestellung erfolgt gemäss § 873 durch Einigung und Eintragung (vgl. oben 
§ 64 zu I), und zwar entweder zu gunsten einer bestimmten Person oder zu gunsten 
des jew^eiligen Eigentümers eines Grundstücks. 

Die Ausübung des Vorkaufsrechts ist auf den Fall des freiwilligen Ver- 
kaufs beschränkt, dagegen nicht möglich im Falle der Zwangsversteigerung (im letz- 
teren Falle mag der Berechtigte im Verkaufstermin höher bieten). Im übrigen vgl. 
i}§ 1094 flgd. V. Stengel S. 70, Dickel S. 444, 445. 

§ 80. Reallasten. I. Bei der Reallast handelt es sich nur um Grund- 
stücks belastungen zu gunsten bestimmter Personen oder der jeweiligen Eigentümer 
von Grundstücken; der Unterschied von den Dienstbarkeiten ist der, dass die Real- 
lasten den Eigentümer des belasteten Grundstücks zu einem positiven Tun ver- 
pflichten, was bei den Dienstbarkeiten nur ganz ausnahmsweise möglich ist (vgl. oben 
§ 76 zu I). 

Das römische Recht erachtete die Reallasten nur im Gebiete des öffentlichen 
Rechts beschränkt zulässig; das deutsche Recht dagegen gestattete die Reallasten 
in umfangreichster Weise auch privatrechtlich. Die persönliche Abhängigkeit nahm 
hier gar häufig von Besitz und Nutzung eines von einem Oberherren überwiesenen 
Grundstücks ihren Ausgang; der wirtschaftlich und politisch Untergeordnete wurde 
dadurch zu bestimmten Diensten verpflichtet. Diese Abhängigkeit war eine öffentlich- 
rechtliche; die Lasten waren gleichfalls zunächst öfi'entlich-rechtlicher Natur, erst mit 
dem 12. Jahrh. entwickeln sie sich auch als privatrechtliche'®), in der das deutsche 
Recht kennzeichnenden Mannigfaltigkeit. 

Nach dem Rechte vor 1900 war es sehr streitig, ob die Reallasten persönliche 
oder dingliche Rechte seien; nach der herrschenden Ansicht und nach preussischer 
Rechtsprechung waren sie dingliche Belastungen der Grundstücke, der Eigentümer des 
belasteten Grundstücks haftete für die während der Dauer seines Eigentums fällig 
werdenden Lasten nicht bloss aus dem Grundstücke, sondern auch persönlich; so auch 
nach B.G.B. §§ 1105, 1107, 1108. Das Recht kann einer bestimmten Person zu- 
stehen (P e r 8 n a l reallast) , es kann aber auch dem jeweiligen Eigentümer eines 
Grundstücks zustehen (Prädialreallast). Die letztere kann nicht von dem herr- 
schenden Grundstücke getrennt werden (§ 1110), jene erstere kann nicht mit dem 

69 j Im gemeinen Rechte sprach man von irregulären Personalservituten. 

70) Vgl. Endemann Bd. 2§ 108, Stobbe-Lehmann, Deutsches Privatrecht 
Bd. 2. S 1B7, Roth, Deutsches Privatrecht Bd. 2 § 284. Dernburg, Preuss. Privat- 
recht Bd. l § 305. 

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244 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

Eigentum an einem Grrundstücke verbunden werden ; der Anspruch kann aber übertrag- 
bar sein, ist er nicht übertragbar, so kann das Recht nicht veräussert und nicht be- 
lastet werden (§ 1111). 

Ueber die Frage, ob die Reallasten im B.G.B. zu behandeln seien, bemerken die Motive 
(Haidien Bd. 2 S. 321): ,,In einigen Gebieten des Reiches sind die R. gänzlich beseitigt; 
in anderen ist ihre Neubegründung verboten. Nur wenige Staaten haben es bei den 
Grundsätzen des gem. dtsch. Privatr. belassen; die meisten sind im Wege der Gesetzg. 
vorgegangen, so zwar, dass nur gewisse Rechte neu begründet werden können. Das In- 
stitut kommt somit nicht lediglich in den überlieferten Rechten zur Erscheinung; vielmehr 
muss es, wenn auch in beschränktem Umfange, noch jetzt als eine lebende Einrichtung 
anerkannt werden. Hieraus folgt aber, dass die Rechte im B.G.B. nicht einfach zu über- 
gehen, sondern als ein sachenrechtliches Institut zu ordnen sind. 

In einer Zeit, in welcher beachtenswerte Bestrebungen zur Wahrung der Inter- 
essen des ländlichen Grundbesitzes wiederholt und noch neuerdings an die Gesetzgeb. die 
Anforderung gestellt haben, die Belastung der Grundstücke auf das Institut der seitens der 
Berechtigten nicht kündbaren Renten zu beschränken, kann ein B.G.B. für das deutsche 
Reich sich der Regelung des Institutes der Reallast nicht entziehen, obgleich nicht zu 
bezweifeln ist, dass die gegenwärtige Kodilik. des Privatr. nicht mit wirtschaftl. Fragen 
belastet werden darf, welche wegen der Schwierigkeiten, die sie bieten, der Spezialgesetzg. 
vorzubehalten, zur Zeit auch noch nicht reif zur gesetzgeberischen Lösung sind." 

II. Man unterscheidet: öffentliche und p r i v a t rechtliche Reallasten (das 
B.G.B. behandelt nur die letzteren) , ferner übertragbare und nicht übertrag- 
bare. Im einzelnen: Grundrenten (Gülten, Ewiggeld, census, teils in Geld, teils 
in Naturalien) ^i) , Zehnten (Gewährung eines bestimmten Teiles des Ertrages von 
Feldfrüchten, (Blutzehnt), Frohnden oder Dienste, Scharwerk, (Hand- und Spann- 
dienste, bei Bestellung der Aecker und Einbringen der Ernte, auch bei Arbeiten im 
Walde und namentlich auch früher bei der Jagd), Besitzveränderungs abgaben 
(Moituarium, Besthaupt, Handlohn, Leibgeld) u. s. w. 

Die Reallasten entstehen durch Einigung und Eintragung (§ 873 ; vgl. 
oben § 64 zu I); eine Ausnahme machen die §§ 912 bis 918 B.G.B. für die Geldrente 
bei üeberbau und Not weg; nach B.G.B. nicht durch Ersitzung; nach der Landes- 
gesetzgebung im Auseinandersetzungsverfahren (Art. 113 E.G.). 

III. Wirkungen. Das B.Q.B. überlässt fast alle wichtigen, die Reallasten 
betreifenden Fragen der Landesgesetzgebung. Nur folgende Vorschriften aus dem B.G.B. 
kommen hier in Betracht: 1. ein Bruchteil eines Grundstückes kann mit einer Real- 
last nur belastet werden, wenn er in dem Anteil eines Miteigentümers besteht" (§ llOüj, 
2. „auf die einzelnen Leistungen linden die für die Zinsen einer Hypothekenforderung 
geltenden Vorschriften entsprechende Anwendung (§ 1107): die Gefölle sind aus dem 
Grundstücke zu entrichten , der jeweils belangte Eigentümer muss alle laufenden und 
alle rückständigen Leistungen erfüllen oder zum Zwecke der Befriedigung des Gläu- 
bigers die Zwangsvollstreckung in das Grundstück dulden; 3. der jeweilige Eigen- 
tümer haftet auch persönlich für die während der Dauer seines Eigentums fällig 
werdenden Leistungen, soweit nicht ein Anderes bestimmt ist (§§ 1108 Abs. 1); 4. für 
den Fall der Teilung gilt folgendes : a. des belasteten Grundstücks : die Eigen- 
tümer der einzelnen Teile haften als Gesamtschuldner; (§ 1108 Abs. 2), vgl. aber 
Art. 120 Abs. 1 und Abs. 2 Nr. 1 E.G., b) des Grundstücks des Berechtigten 



71) Erhält der Eigentümer des belasteten Grundstücks für (icwährung der Rente einen 
bestimmten Geldbetrag , so spricht man von Renten kau f. Dies Geschäft kann wirt- 
schaftlich genommen die Funktion des Darlehns übernehmen (verschleiertes Darlehn). In der 
geschichtlichen Entwicklung namentlich in Verbindung mit der Wuchergesetzgebung spielt 
dieser Fall eine besonders wichtige Rolle. 



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Reallasten. § 80. 245 

t e n , wenn es sich um eine P r ä di a 1 reallast handelt : hier kommt es darauf an , ob 
die Reallast nur einem der Grundstücksteile zum Vorteile gereicht — alsdann bleibt 
sie mit diesem Teile allein verbunden (§ HOC) Abs. 3) — andernfalls «. kann der Be- 
rechtigte bestimmen, dass das Recht nur mit einem Teile und mit welchem verbunden 
bleiben soll (§ 1109 Abs. 2); veräussert der Berechtigte den Teil, ohne eine solche 
Bestimmung zu treifen, so bleibt das Recht mit dem bei ihm zurückbleibenden Teile 
verbunden; ß, fehlt es an den Voraussetzungen zur Anwendung der Bestimmungen zu a, 
so besteht die Reallast für die einzelnen Teile fort ; ist die Leistung teilbar, so bestim- 
men sich die Anteile der Eigentümer nach dem Verhältnisse der Grösse der einzelnen 
Teile; ist sie nicht teilbar, so ist nach § 432 B.G.B. zu verfahren (§ 1109 Abs. 1). - 
5. Der Reallastberechtigte hat eine Klage auf Feststellung seines Rechts, wenn die 
Voraussetzungen einer Feststellungsklage (§§ 256 flgd. Z.P.O.) gegeben sind, und auf 
l^istung, wenn alle Voraussetzungen für das Recht auf diese erfüllt sind. 

IV. üeber Aufgebot unbekannter Berechtigter vgl. §§ 1112, 1104. 

V. Die Landesgesetzgebung. Die Reichsgesetzgebung glaubte es nicht als 
ihre Aufgabe ansehen zu sollen, das in den meisten Staaten im Absterben betindliche 
Institut der Reallasten neu zu beleben, aber sie konnte es auch nicht unberücksichtigt 
lassen. Nach den Bestimmungen des Einführ.-Ges. sind fast alle wichtigen Fragen der 
l^ndesgesetzgebung überlassen; die wenigen im B.G.B. enthaltenen Bestimmungen 
kommen also nur in Betracht, soweit überhaupt die Landesgesetzgebung die Reallasten 
noch duldet; für die Frage, inwieweit letztere dies geschehen lässt, wird es namentlich 
auf die geschichtliche Entwickelung in dem betreifenden Rechtsgebiet ankommen. 

Die Landesgesetzgebung ist zunächst nach allgemeinen Grundsätzen selbstver- 
ständlich für alle ö f f e n 1 1 i c h rechtlichen Reallasten massgebend, da diese im B.G.B. 
überhaupt nicht geregelt werden, ferner aber auch für die p r i v a t rechtlichen und 
zwar: 1. die Reallasten aus der Zeit vor 19iX) (Art. 184), 2. für die aus späterer Zeit 
bis zur Anlegung des Grundbuchs, wenn letzteres am 1. Januar 1900 noch nicht an- 
gelegt war (Art. 189). Im übrigen kommt es auf folgende Vorbehalte an: 

1. Die Landesgesetzgebung darf die Belastung der Grundstücke mit gewissen 
Reallasten beschränken, ja sogar ganz untersagen, ebenso darf sie den In- 
halt und das Mass der Reallasten bestimmen, Art. 115, 

2. für Gemeinheitsteilung, Ordnung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse, 
Ablösung, Umwandlung oder Einschränkung von Dienstbarkeiten und 
Reallasten, Art. 113, 

3. Bestimmung, nach denen die im vStaate oder einer öffentlichen Anstalt infolge 
der Ordnung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse, oder der Ablösung von Dienst- 
barkeiten , Reallasten oder der Oberlehnsherrlichkeit zustehenden Ablösungs- 
renten und sonstigen Reallasten zu ihrer Begründung und Wirksamkeit 
gegenüber dem öffentlichen Glauben des Grundbuchs nicht der Eintragung bedürfen, 
Art. 114, 

4. Verbot der Belastung über eine bestimmte Wertgrenze, Art. 117, Abs. 1, 

5. Bestimmungen über den Vorrang der Meliorationsgeldrenten, Art. 118, 

6. über Befreiung eines Grundtrennstücks bei Nachweis der Unschädlich- 
keit, Art. 120, Abs. 1, 

7. Verteilung der Reallast auf die einzelnen Grundstücksteile im Falle der 
Teilung des belasteten Grundstücks, Art. 120 Abs. 2, Nr. 1, vgl. auch Nr. 2, 

8. Bestimmungen, dass im Falle der Teilung eines für den Staat oder eine öffent- 
liche Anstalt mit einer Reallast belasteten Grundstücks nur ein Teil mit der Reallast 
belastet bleibt, und dafür zu gunsten des jeweiligen Eigentümers dieses Teils die übri- 



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246 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

gen Teile mit gleichartigen Reallasten belastet werden, Art. 121, 

9. über Kirchen- und Schulbaulast, Art. 132 (meistens beruhten diese 
Lasten auf dem öffentlichen Rechte und bleiben also selbstverständlich unberührt.; es 
gibt aber auch privatrechtliche; für diese gilt der Vorbehalt), 

10. über Rentengüter, Art. 62. 

11. über einen mit der Gutsüberlassung in Verbindung stehenden Leibgedings- 
Leibzuchts-, Altenteils- oder Auszugsvertrag, soweit sie das Schuldverhältnis für den 
Fall mangelnder Vertragsbestimmung regeln, Art. 96; 

§ 81. Pfandrecht im allgemeinen. Dies bezweckt in der Regel reale Sicher- 
heit für eine Forderung. Das Pfandrecht kann nach B.G.B. als Hypothek oder als 
Grundschuld an einem Grundstück oder auch an beweglichen Sachen 
und Rechten bestellt werden. 

Ueber Hypothek und Grundschuld ist hier nur folgendes zu bemerken : Bei beiden 
handelt es sich darum , dass eine bestimmte Summe aus dem Grundstücke zu 
zahlen ist; der jeweilige Eigentümer des letzteren haftet also mit diesem. Der Unterschied 
ist dieser: bei Hypothek wird von einer Forderung ausgegangen, die Hypothek dient 
den Zwecken der Forderung, doch gehört die letztere nicht notwendig zum Wesen der 
Hypothek; die letztere erscheint als selbständiges Recht; es ist ein Wechsel der For- 
derung möglich. Bei der Grundschuld kommt es begriffsmässig auf eine Forderung gjir 
nicht an. 

Die Hypothek ist entweder Sicherungs hypothek, lediglich zur Sicherheit einer 
Forderung, streng accessorischer Natur, oder eine Hj'pothek im gewöhnlichen 
Sinne (Verkehrshypothek). Bei der letzteren darf der Erwerber der Hypothek 
davon ausgehen, dass die Forderung, zu deren Befriedigung sie dienen soll, so be- 
st e h t , wie sie im Grundbuch eingetragen ist; der Glaube an die Richtig- 
keit des Grundbuchs schützt ihn; sie heisst Brief hypothek, wenn über sie ein Brief 
ausgestellt ist ; wenn dies nicht geschehen ist, Buch hypothek, weil sie nur im Grund- 
buch eingetragen ist. 

Antichretisches Pfandrecht, d. h. Pfandrecht mit Nutzung des Pfand- 
gegenstandes, ist nur noch an beweglichen Sachen möglich; die vor 1900 begründete 
Grundstücksantichrese besteht aber weiter. Revenuen hypothek, d. h. Hypothek an 
den Einkünften, nicht an der Substanz der fruchttragenden Sache, ist dem B.G.B. fremd : 
die vor 1900 begründete aber besteht fort; ebenso ist sie noch bei Lehen, Fideikom- 
missen gemäss Art. 59 E.G. nach den Landesgesetzen zulässig. 

Im Uebrigen vgl. Dickel S. 449 flgd. 

§ 82. Pfandrecht an beweglichen Sachen. I. Dies bezweckt lediglich Sicher- 
heit einer Forderung ; gewöhnlich einer Geld f orderung, aber auch einer anderen For- 
derung, welche in eine Geldforderung übergehen kann; die Forderung braucht noch 
nicht fallig zu sein, sie kann auch bedingt sein. Die Verpföndung kann auch für eine 
fremde Schuld geschehen. Das Pfandrecht ist hiernach ein accessorisches Recht : 
es erlischt deshalb auch mit der Forderung (§ 1252), ebenso wenn es mit dem Eigen- 
tum in derselben Person zusammentrifft (§ 1256 Satz 1; Ausnahmen Satz 2 und 
Abs. 2.) 

II. Das Pfandrecht entsteht durch Vertrag und Uebergabe (§ 1205) ; u n- 
zulässig ist aber hier die Uebergabe, bei welcher der Pfand geber im Besitze bleibt (das 
sog. constitutum possessorium, § 930) ; das B.G.B. gestattet nur Besitz pfand, Faust- 
pfand — im Interesse der äusseren Erkennbarkeit (Publizität). Gewöhnlich wird hier- 
nach, wenn nicht der Gläubiger bereits im Besitze der zu verpfändenden Sache ist, 
das Pfandrecht durch körperliche Uebergabe begründet; als Ersatz derselben 



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Pfandrecht an beweglichen Sachen. § 82. 247 

kommen nur in Betracht: gemäss § 1206 Mitbesitz, gemäss § 1205 Abs. 2, genügt es, 
wenn sich der Eigentümer im mittelbaren Besitze befindet, dass er den mittel- 
baren Besitz auf den Pfandgläubiger überträgt und die Verpfändung dem unmit- 
telbaren Besitzer anzeigt; ist z. B. die Sache schon dem Primus verpfändet und soll 
nun dem Sekundus an zweiter Stelle verpföndet werden, so genügt eine Abrede zwi- 
schen dem Eigentümer und dem Sekundus und Anzeige an Primus. — In einigen Fällen 
entsteht das Pfandrecht kraft Gesetzes: zu gunsten des Vermieters, Verpächters 
(§§ 559 flgd., § 81 Abs. 2) vgl. oben § 40 zu VII, des Pächters (§ 590), des Unter- 
nehmers bei der Werkverdingung (§ 647) u. s. w., endlich durch Pfändung im 
Wege der Zwangsvollstreckung nach Z.P.O. (§ 804 Abs. 2), gemäss der Landesgesetz- 
gebung (auf Grund des Art. 89 E.G.) durch Selbstpfändung. 

Gemäss §§ 1207, 1208 wird der gutgläubige Erwerber in gewissen Fällen ge- 
schützt. Wenn mir jemand eine Sache verpfändet , die ihm , wie sich später heraus- 
stellt, nicht gehört, so wird zu meinen Gunsten das Pfandrecht als entstanden ange- 
sehen, vorausgesetzt, dass ich nicht wusste, dass der Verpfänder nicht Eigentümer war, 
— nach dem Grundsatze „Hand wahre Hand" ; es kommt also darauf an, ob der dritte 
Berechtigte den Besitz der Sache freiwillig aufgegeben ^^) oder unfreiwillig verloren 
hatte, in jenem Falle habe ich das Pfandrecht erworben, in diesem Falle nur dann, 
wenn es sich um Geld oder Inhaberpapiere handelt. Hatte der dritte den Besitz gegen 
seinen Willen verloren und es handelt sich nicht um Geld oder Inhaberpapiere, so 
werde ich nicht geschützt; der dritte kann die Herausgabe der Sache verlangen und 
braucht mir den Betrag, für den ich die Sache zu Pfand genommen habe, nicht zu 
ersetzen. 

III. Gegenstand: alle beweglichen Sachen, die Vermögenswert haben ; 
nicht aber wesentliche Bestandteile einer anderen Sache, namentlich eines Grund- 
stücks, also nicht stehende Bäume und andere auch nicht getrennten Erzeugnisse (aus- 
genommen Pf&ndungspfandrecht nach Z.P.O. ; vgl. oben S. 1(16 Abs. 2 zu 4). Das Pfand- 
recht erstreckt sich auch auf die Erzeugnisse, z. B. Wolle von Schafen (§ 1212). Sind 
mehrere Sachen verpfändet, so haftet jede für die ganze Forderung (§ 1222). 

IV. Das Pfand haftet für die Forderung im jeweiligen Bestände, namentlich 
auch für Zinsen und Vertragsstrafen, Anspruch auf Ersatz von Verwendungen, Kosten 
der Kündigung, Rechtsverfolgung und Pfandverkauf (§ 1210). 

V. Den Rang der verschiedenen Pfandgläubiger bestimmt das Alter (§ 1209). 
Der nachstehende Gläubiger hat das Recht auf den üeberschuss (§ 1247), auf Ablö- 
sung des vorgehenden (§ 1249), unter Umständen auch auf Pfandverkauf (§ 1222 
Satz 2. 

VI. Der Pfand gläubiger hat das Recht auf Besitz der Pfandsache (nach Er- 
langung desselben auf Besitzschutz), die Klagen analog wie der Eigentümer (§ 1227), 
Recht auf Ersatz von Verwendungen (§ 1216, 1226), unter Umständen auch auf Nutz- 
ungen (§§ 1213, 1214), Recht der öffentlichen Versteigerung, wenn unter Gefährdung 
der Sicherheit des Gläubigers Verderb oder Minderung droht (§§ 1219 bis 1221), 
endlich Recht auf Pfandverkauf. 

Hinsichtlich des letzteren ist folgendes zu beachten: a. Wird Geld verpfändet, 
so geht selbstverständlich die Absicht der Parteien dahin, dass der Gläubiger im Falle 
der nicht rechtzeitigen Leistung seine Befriedigung durch Aneignung des Geldes er- 
lange. Handelt es sich nicht um Geld, so kann das Pfand so bestellt sein, dass sich 
der Gläubiger lediglich durch Nutzung befriedige. Handelt es sich nicht um einen 

72) Dem steht der Fall gleich, dass der Dritte den Besitz niemals erlangt hatte. 



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248 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

dieser Fälle, so kann der Gläubiger nur durch Pfandverkauf Befriedigung verlangen; 
die Abrede, dass das Pfand zum Zwecke der Tilgung der Forderung verfallen sein solle, 
ist nichtig, (§ 1229); dies gilt auch bei Verpfändung von Rechten (§ 1277); eine der- 
artige Vereinbarung kann erst nach Eintritt der Verkaufsberechtigung getroffen wer- 
den. — b. Das Recht des Pfandverkaufs steht dem Gläubiger zu, der die Sache im 
Besitze hat (§ 1232), bei dem Pfandrecht an einer Forderung darf nur der erste 
Pfandgläubiger einziehen (§ 1290). — c. üb der Gläubiger von seinem Verkaufsrechte 
Gebrauch machen will, ist lediglich seine Sache ; er braucht also z. B. bei Wertpapieren 
auch dann nicht zu verkaufen, wenn der Kurs stetig sinkt; der Gläubiger kann also 
namentlich auch warten, wenn er nach dem jetzigen Kurse nicht völlige Befriedigung 
erhalten würde, indem er auf Steigerung des Kurses hofft. (Selbstverständlich darf 
er nicht schikanös handeln, § 226.) — d. Der Verkauf ist zulässig, wenn folgende Vor- 
aussetzungen erfüllt werden : a. Die Forderung auf eine Geld leistung gerichtet, sowie 
^. die pfandgesicherte FordeiTing — wenigstens zum Teile — fällig ist (§ 1228 Abs. 2). — 
e. Hat der Gläubiger mehrere Pfänder , so kann er mangels anderer Vereinbarung 
das wählen, welches verkauft werden soll, selbstverständlich immer nur soviel, als zu 
seiner Befriedigung notwendig ist (§ 1230). f. Früher war meistens eine Klage not- 
wendig, um einen Titel zur Zwangsvollstreckung zu beschaffen, und Zwangsvollstreck- 
ung wie Verkauf nach dem Prozessgesetze. Nach §§ 1234 flgd. B.G.B. ist Privat- 
verkauf zulässig : einen Monat nach der Androhung (§ 1234) ; in der Regel öf!*entliche 
Versteigerung (§ 1235 Abs. 1), Ausnahme : wenn das Pfand einen Börsen- oder Markt- 
preis hat (in diesem Falle kann der Pfandgläubiger, „den Verkauf aus freier Hand 
durch einen zu solchen Verkäufen öffentlich ermächtigten Handelsmäkler oder durch 
eine zur öffentlichen Versteigerung befugte Person zum laufenden Preise bewirken*; 
§ 1235 Abs. 2); über den Ort der Versteigerung § 1236; Zeit und Ort der Verstei- 
gerung sind öffentlich bekannt zu machen, vgl. § 1237; der Verkauf ist nur mit fol- 
genden Massgaben zulässig : a. sofortige bare Zahlung des Preises und femer ß» kassa- 
torische Klausel, d. h. der Käufer verliert seine Rechte aus dem Zuschlage, wenn er 
nicht bis zum Schlüsse des Versteigerungstermins den Preis bar bezahlt (§ 1238); 
Gold- und Silbersachen dürfen nicht unter dem Gold- und Silberwerte zugeschlagen 
werden (§ 1240). — g. lieber die Rechtsverhältnisse beim Pfandverkauf ist noch zu 
bemerken: Verletzung gewisser Vorschriften — genau aufgezählt in § 1243 Abs. 1 — 
bewirkt Nichtrechtmässigkeit des Verkaufs, nach billigem Ermessen kann eine von den 
gesetzlichen Vorschriften über das Verkaufsverfahren (§§ 1235 bis 1240) abweichende 
xVrt des Verkaufs verlangt werden, (§ 1246), das Gericht entscheidet, wenn sich die Be- 
teiligten nicht einigen; Eigentümer und Pfandgläubiger können selbstverständlich eine 
abweichende Art des Pfand Verkaufs vereinbaren (§ 1245). Von der Regel, dass der 
Verkäufer für Mängel der Sache haftet, tritt hier eine Ausnahme ein (§ 461), wenn 
die Sache in öffentlicher Versteigerung verkauft wird, dagegen nicht, im Falle des frei- 
händigen Verkaufs. 

Kommt der Eigentümer des Pfandgegenstandes in Konkurs, so hat der Pfand- 
gläubiger ein Recht auf abgesonderte Befriedigung aus dem Pfandgegenstande (§ 48 
Konk.-Ordn.; vgl. § 127 das.) 

VIT. Pflichten des Pfandgläubigers: 1. Verwahrung (§ 1215); 2. Anzeige zu 
machen bei drohendem Verderb (§ 1218 Abs. 2); dies gilt aber nicht bei drohender 
Wertverminderung; 3. Zurückzugeben, wenn andere Sicherheit geleistet wird (§ 1218 
Abs. 1); Rückgabe nach Erlöschen des Pfandi-echts (§§ 1223, 1224); nach dem Ver- 
kaufe tritt der Ueberschuss an Stelle des Pfandes (§ 1247 Satz 2); Hinterlegung im 
Falle erheblicher Verletzung der Rechte des Verpfänders (§ 1217); Benachiichtigung 



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Pfandrecht an Rechten. § 83. 249 

an den Eigentümer nach Verkauf (§ 1241). 

VIII. Mit Uebertragung der Forderung geht das zu ihren Gunsten beste- 
hende Pfandrecht auf den neuen Gläubiger über (§ 405, § 1250 Abs. i); der letztere 
kann deshalb Herausgabe verlangen (§ 1255 Abs. 1). uebertragung des Pfandrechts 
ohne die Forderung ist unzulässig (§ 1250 Abs. 1). 

IX. Das Pfandrecht erlischt: 1. gemäss der Vereinbarung, 2. durch 
Untergang der Sache, 3. mit Erlöschen der Forderung (§ 1252), aber nicht 
mit Verjähi-ung (§ 223 Abs. 1), 4. duixh rechtmässigen Pfandverkauf (§ 1229), 5. durch 
Rückgabe der Sache an den Verpfönder (§ 1253 Abs. 1) u. s. w. 

§ 83. Pfandrecht an Rechten, namentlich an Forderungen und an W e r t- 
papieren, §§ 1273 flgd. I. Nur ein übertragbares Recht kann verpfändet werden; 
also z. B. nicht Dienstbarkeiten, nicht das Recht der Nutzniessung des Mannes am 
Vermögen der Ehefrau (§ 1408). Die Bestellung des Pfandrechts erfolgt nach 
den Vorschriften für die Uebertragung (§ 1274); bei Forderungen also durch Ab- 
tretung, dazu muss noch Anzeige an den Schuldner hinzukommen (§ 1280 desgl. bei 
Grundschulden § 1291); gehört zur Rechtsübertragung üeberlieferung einer körper- 
lichen Sache, z. B. bei der Hypothek Üeberlieferung des Hypothekenbriefs, so ist die 
Uebertragung des wirklichen Besitzers nötig, wie wenn die Sache selbst zum Pfände 
bestellt werden sollte (§ 1274 Abs. 1 Satz 2), es genügt hiernach Einräumung des 
Mitbesitzes, nicht aber constitutum possessorium (mit Rückgabe der Sache erlischt 
das Pfandrecht) ; zur Verpföndung einer Buch hypothek ist Eintragung im Grundbuche 
notwendig, bei der B r i e f hypothek genügt die Beurkundung des Pfandrechts und Ueber- 
gabe des Briefs (§ 1154). 

Die Wirkung der Uebertragung des Rechts zum Zwecke der Bestellung eines 
Pfandrechts ist nun aber nicht wirklicher üebergang des Rechts, sondern nur Pfand- 
recht; der üebergang vollzieht sich nur formell, d. h. so, dass der, dem das Recht 
übertragen ist, dem Schuldner oder sonstigen Beteiligten gegenüber zur Ausübung er- 
mächtigt gilt. 

Soweit nicht das B.G.B. etwas abweichendes bestimmt, finden die Vorschriften 
über das Pfandrecht an beweglichen körperlichen Sachen Anwendung (oben § 82). 

11. Besondere Bestimmung für Verpfändung von Forderungen. Auseinander- 
zuhalten sind hier 1. die Forderung, zu deren Sicherheit das Pfand gegeben wird (die 
pfandgesicherte Forderung), 2. die Forderung, die als Pfand gegeben wird (die 
verpfändete Forderung). Drei Personen kommen in Betracht: 1. der Pfandgläu- 
biger, 2. die Pfandgeber, 3. der sog. Drittschuldner (d. i. der Schuldner der verpfön- 
deten Forderung): 

1. Das Pfandrecht erstreckt sich auch auf die Zinsen (§ 1289). 

2. Hinsichtlich der übrigen Wirkungen ist folgendes zu sagen : a. das Pfandrecht 
kann erst verwirklicht werden, wenn die pfand gesicherte Forderung fällig und 
G e 1 d forderung ist. Bevor dieser Zeitpunkt gegeben ist, kann der Drittschuldner 
die verpfändete Forderung nur tilgen, indem er an den Pfandgläubiger und den Gläu- 
biger gemeinschaftlich leistet (§ 1281). Im übrigen vgl. §§ 1285 flgd., Dickel 
S. 484. — b. Nach Eintritt des Pfandverwirklichungsrechts (§ 1228 Abs. 2) kann 
der Pfandgläubiger allein die Forderung einziehen , jedoch nur soweit , als 
dies zu seiner Befriedigung notwendig ist; der Schuldner kann nur an ihn leisten. 
Hängt die Fälligkeit der verpfändeten Forderung von einer Kündigung ab, so ist auch 
der Pfand gläubiger zur Kündigung berechtigt (§ 1283 Abs. 2). 

3. Bestehen an derselben Forderung mehrere Pfandrechte, so ist nur der vor- 
gehende Pfandgläubiger zur Einziehung befugt. 



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250 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

4. Für das Pfandrecht an einer Grundschuld, insbesondere einer Rentengrundschuld. 
gilt das Gleiche wie für das Pfandrecht an Forderungen. § 1291. 

5. Hinsichtlich der Verpfändung von Forderungen, die im S c h u 1 d b u c h e eines 
deutschen Staates eingetragen sind, gelten die Landesgesetze, für das Reichs schuld- 
buch Ges. vom 31. Mai 1891 § 7 Abs. 3. 

in. Wertpapiere (vgl. oben § 6 zu 3): 

1. Für alle Wertpapiere gilt § 1296: Das Pfandrecht erstreckt sich auf die 
zu dem Papiere gehörenden Zins-, Renten- und Gewinnanteilscheine nur dann, wenn 
sie dem Pfandgläubiger übergeben sind; der Verpfänder kann mangels einer anderen 
üebereinkunft die Herausgabe der Scheine verlangen, soweit sie vor der Möglichkeit 
der Pfandverwirklichung (§ 1228 Abs. 2: Geldforderung und Fälligkeit) fallig werden. 

2. Für Wechsel- und andere Orderpapiere gelten folgende Besonder- 
heiten : 

a. Zur Bestellung des Pfandrechts genügt es, wenn sich Verpfönder und Pfand- 
nehmer über die Entstehung einigen und das Papier indossiert und alsdann dem Pfand- 
nehmer übergeben wird, § 1292. 

b. Der Pfandgläubiger erlangt, wenn die zu a angegebenen Voraussetzungen er- 
füllt sind, ein Pfandrecht, — formell, d. h. dem äusseren Anscheine nach, Eigentum; er 
ist in der Lage, das Gläubigerrecht vollständig auszuüben. Die Verwirklichung des 
Pfandrechts erfolgt in der Regel durch Einziehung, letztere kann erfolgen, auch wenn 
die Voraussetzungen des § 1228 Abs. 2 (Geldforderung und Fälligkeit) noch nicht ein- 
getreten sind; ausnahmsweise gilt dies nicht: wenn etwas anderes vereinbart ist: na- 
mentlich wenn dem Pfandgläubiger Verkaufsrecht eingeräumt ist, femer wenn es sich 
um Orderpapiere handelt, die einen Börsen- oder Marktpreis haben ; im letzteren Falle 
kann der Pfand gläubiger nach Eintritt der Voraussetzung des § 1228 Abs. 2 (Geld- 
forderung und Fälligkeit) den Verkauf aus freier Hand durch einen zu solchen Ver- 
käufen öffentlich ermächtigten Handelsmakler oder durch eine zur öffentlichen Verstei- 
gerung befugte Person zum laufenden Preise bewirken lassen (§ 1295). 

3. Für Inhaberpapiere gilt folgendes: 

a. Die Bestellung erfolgt wie bei beweglichen körperlichen Sachen (§ 1293), 
also durch Einigung und üebergabe (vgl. oben S. 246 § 82 zu U). 

b) Hinsichtlich der Wirkung des Pfandrechts gilt gleichfalls im Allgemeinen 
das oben in § 82 Gesagte; die Befriedigung erfolgt also durch Verkauf nach Androh- 
ung und Ablauf der Wartefrist (§ 1234). Hat das Papier, wie es gewöhnlich der Fall 
sein wird, einen Börsen- oder Marktpreis, so kann der Pfandgläubiger den Verkauf aus 
freier Hand durch einen zu solchen Verkäufen öffentlich ermächtigten Handelsmakler 
oder durch eine zur öffentlichen Versteigerung befugte Person zum laufenden Preise 
bewirken (§ 1235). Der Pfandgläubiger kann dem Drittschuldner kündigen und die 
Forderung einziehen, auch wenn die Voraussetzungen für die Vei-wirklichung des Pfand- 
rechts noch nicht gegeben sind. Der Drittschuldner darf nur an den Pfandglänbiger 
leisten (§ 1294). 

Sind Sparkassenbücher, wenn sie zwar auf den Namen lauten, aber die Rück- 
zahlung an den das Buch vorzeigenden Inhaber erfolgen kann, wirkliche Inhaberpapiere ? 
Dies ist zu verneinen. Soll ein Pfandrecht an einem Sparkassenbuche bestellt werden, so 
müssen also, da es sich in Wirklichkeit um eine Forderung handelt, die oben zu I 
angegebenen Voraussetzungen erfüllt sein; es ist also Abtretung und Anzeige not- 
wendig (vgl. oben S. 249 § 83 Abs. 1). 

§ 84. Nach römischem R. gab es eine Emphiteuse (Erbpacht), d. i. 
ein veräusserliches und vererbliches Recht eigentumsähnlicher Benutzung, besonders an 



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Jagdrecht, BegriflF. § 85. 251 

Ijändereien. Dies dingliche Gebrauchs- und Nutzungsrecht wurde auch im gemeinen 
Rechte und im A.L.R. anerkannt. Die neuere Gesetzgebung hat es meist verworfen, 
dajs B.G.B. hat es nicht zugelassen; das Einführ.-Ges. gestattet aber im Art. 63 eine 
landesgesetzliche Zulassung und Eegulierung. Die Erbpacht ist noch in Mecklen- 
burg von grosser Bedeutung. 



Viertes Buch: Jagdrecht ^^j, 

§ 85. Begriff. I. Das Woii, „Jagd" hat verschiedene Bedeutungen: 1. im 
gewöhnlichen Sinne : Verfolgung und Aneignung jagdbarer Tiere, selbstverständ- 
lich gehört dazu Halten und Hegen, wie Z i e b a r t h treffend hervorhebt, was leider fast 
immer tibersehen wird, 2. im weiteren Sinne : Verfolgung und Aneignung nicht bloss 
jagdbarer, sondern auch anderer wilder Tiere, die von Jägern wie jagdbare Tiere nach 
weidmännischen Regeln verfolgt werden, z. B. Fuchsjagd dort, wo der Fuchs nicht 
jagdbar ist ; 3. in einem anderen Sinne : Aneignung aller Gegenstände des Jagdrechts 
nicht bloss der Tiere, auch des Fallwildes und der Geweihe. 

So oft die Gesetze von Jagd sprechen, ist die Bedeutung des Wortes zu unter- 
suchen ; verlangt das Gesetz z. ß. vom Jäger Lösung eines Jagdscheins, so dürfte Jagd 
im gewöhnlichen Sinne gemeint sein (oben zu 1), nicht aber Verfolgung nicht jagdbarer 
Tiere oder gar Aneignung von Geweihen und Fallwild^*). Handelt es sich dagegen 
um §§ 292 flgd. St.G.B. (Jagdvergehen), so dürfte die obige Bedeutung zu 3 gemeint 
sein (vgl. unter Strafrecht). Der § 368 Nr. 10 St.G.B. bedroht den, der ohne Be- 
fugnis auf einem fremden Jagdgebiete ausserhalb des öffentlichen zum gemeinen Ge- 
brauche bestimmten Weges, wenn auch nicht jagend, doch zur Jagd ausgerüstet be- 
troffen wird, mit Strafe; es herrscht Streit, was hier unter Jagd zu verstehen ist; es 
dürfte die obige Bedeutung zu 2 gemeint sein ^°) ; um letztere wird es sich auch regel- 
mässig handeln, wenn in Polizeigesetzen die Sonntagsjagd eingeschränkt ist ^**). — Wenn 
das Gesetz oder etwa der Vorstand einer Jagdausübungsberechtigten Gemeinschaft be- 
stimmt hat , dass die Jagd ruhen soll , so handelt es sich gewiss nur um Jagd- 
objekte, aber auch gewiss nicht um Fallwild und Geweihe; bei letzteren Objekten 
wäre das Ruhenlassen sinnlos; entsprechendes gilt von den Wildschongesetzen. 

Von „Jagd" im technischen Sinne wird regelmässig nur die Rede sein können, 
wenn es sich um Tiere in der Freiheit oder um noch nicht okkupierte andere 
Gegenstände der Jagd, wie Fallwild, Geweihe, handelt. — Nach § 960 Abs. 2 B.G.B. 
wird ein gefangenes wildes Tier herrenlos, wenn es die Freiheit wieder erlangt, aus- 
genommen den Fall, dass der Eigentümer das Tier unverzüglich verfolge, solange er 
die Verfolgung nicht aufgibt. Als Jagd im technischen Sinne kann diese Verfolgung 
so wenig angesehen werden, wie etwa die Verfolgung eines fortlaufenden zahmen Tieres. 
Ob die Parforcejagd eine Jagd im technischen Sinne ist, insofern die „Jäger" ein in 
Freiheit gesetztes Tier (z. B. Wildschwein) verfolgen, um es einzuholen und abzu- 



73) Vgl. v. Anders, Das Jagd- und Fischereirecht 1884, Albert, Die deutsche 
Jagdgesetzgebung 1890. Stengel, ö. 380 flgd., Di ekel, S, 488 flgd. 

74) So z. B. preuss. Jagdscheinges. v. 31. 7. 1895. Vgl. Groschuff, die preuss. 
.Strafges. S. 354, Anm. 6, Stelling, Hannovers Jagdrecht S. 121 Anra. 8, Kammerge- 
richt Berlin Johows Jahrb. Bd. 19 S. 278, Neue Folge Bd. 1, Strafs. S. 27. — Vgl. auch 
Johow Jahrb. Bd. 21 Seite 96 c. betreff, das Nassauische Ges. vom 6. Jan. 1860. 

75) Vgl. Di ekel, Zeitschr. f. F. u. J. W. Bd. 26 (1894) S. 38 flgd.; dagegen 
Olshausen, Kommentar zum St.G.B. zu § 368 Nr. 10. 

76) Vgl. z. B. Entsch. des Kammergerichts Berlin in Johows Jahrb. 1899 S. 314. 



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252 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

fangen, mag zweifelhaft sein; mit diesem Falle beschäftigte sich das Reichsgericht in 
Strafs. Bd. 26 S. 216 (Danckelmann Jahrb. 27 S. 93). 

II. Spricht man von Jagd recht, so wird es sich dabei füglich nur um Jagd 
im Sinne der Begriflfsbestimmungen zu 1 und 3 handeln. — Jagdrecht im objekti- 
ven Sinne ist der Inbegriff der die Jagd regelnden Normen ; im subjektiven Sinne 
ist es die Befugnis zu jagen. — Von besonderer Wichtigkeit ist die Unterscheidung 
von Jagdrecht und Jagd ausübungs recht. Beide Rechte treffen nicht immer 
in derselben Person zusammen ; namentlich kann es sein, dass A das Jagdrecht, B das 
Ausübungsrecht hat, dass A das Jagdrecht hat, dass aber weder dem A noch sonst 
jemandem das Ausübungsrecht zusteht. In Deutschland ist seit 1848 das Jagdrecht 
mit dem Eigentum am Grund und Boden verbunden; nicht jedem Grundeigentümer 
aber steht das Recht der Jagdausübung zu; meistens setzt das letztere das Eigentum 
an einer grösseren Fläche (z. B. in Preussen 300 Morgen land- oder forstwirtschaftlich 
benutzbare Fläche) voraus. Ohne strenge Unterscheidung von Jagdrecht und -ausübungs- 
recht entsteht grosse Verwirrung. Das B.G.B. lässt den Unterschied in § 835 deutlich 
hervortreten, vgl. Abs. 1 einerseits und Abs. 2, 3 andererseits. In Art. 69 E.G. da- 
gegen umfasst „Jagdrecht" auch das Jagdausübungsrecht. 

§86. Uebersicht über die Q u e 1 1 e n. I. Das B.G.B. und sein Einführungs- 
gesetz enthalten 

1. wenige Bestimmungen, welche das Jagdrecht unmittelbar betreffen, nämlich 

a) § 958 über den Eigentumserwerb an herrenlosen Tieren durch Aneignung und 
§ 960 über den Begriff der herrenlosen wilden Tiere, 

b) § 835 über Wildschaden, 

c) Art. 69 bis 72 E.G. Vorbehalte für die Landesgesetzgebung, 

2. zahlreiche Vorschriften , welche das Jagdrecht mittelbar berühren, z. B. 
Fruchtbegriff, Pacht, Besitz. 

n. Die Landesgesetzgebung auf grund der Vorbehalte der Art. 69 bis 
72 E.G. Hiernach kann die Landesgesetzgebung an den Bestimmungen des B.G.B. über 
Wildschaden nur insoweit etwas ändern und diese Materie regeln, als das E.G. Vor- 
behalte macht (Art. 70, 71). Im übrigen ist bestimmt, dass die Landesgesetze an 
§ 958 Abs. 2 B.G.B. auch für Jagd- und Fischereirecht gebunden sind (vgl. S. 223 § 70 
zu W). Sieht man von diesen beiden Einschränkungen ab, so ist die Landesgesetz- 
gebung V 1 1 s t ä n d i g f r e i. Sie kann deshalb den Begriff der Jagd und des Jagd- 
rechts genauer begrenzen, die Gegenstände des Jagdrechts bestimmen (namentlich ent- 
scheiden, welche Tiere jagdbar sein sollen, ferner ob Geweihe dem ausschliesslichen 
Aneignungsrechte des Jagdausübungsberechtigten unterworfen sein sollen, desgleichen 
betreffs des Fallwildes) ^^) ; sie könnte unter Beseitigung des § 960 B.G.B. bestimmen, 
dass jagdbare wilde Tiere nicht als herrenlos gelten, vielmehr als im Eigentume des 



77) Welcher Partikularismus im Gebiete des Jagdrechts herrscht, zeigt namentlich die 
Beantwortung der Frage: was ist jagdbar? Jeder einzelne Staat kann nach seinem Be- 
lieben entscheiden. In Preussen nimmt man an, dass die im Wildschongesetze (dies gilt 
fast in der ganzen Monarchie) genannten Tiere im Gebiete dieses Gesetzes jagdbar seien ; 
doch gilt dies nicht hinsichtlich aller im § 1 Nr. 10 erwähnten Vögel, nicht bloss „Trappen. 
Schnepfen, wilde Schwäne'^, sondern auch ., alles andere Sumpf- und Wassergeflügel, mit 
Ausnahme der wilden Gänse und Fischreiher" wird genannt. Der Entwurf des Ges. sprach 
nur von jagdbarem Sumpf- und Wassergeflügel ; auf Antrag des Abg. Virchow wurde 
„jagdbar" gestrichen, um in umfangreicher Weise etwas für den Vogelschutz zu tun (Vgl. 
Dickel, Hat der Storch in Preussen eine Schonzeit? in Ztschr. f. Forst- und Jagdw. Bd. 30, 
1898, S. 609 flgd.). Soweit das Wildschonges. nicht entscheidet, kommt es auf die engeren 



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Rechtliche Natur de§ Jagdrechts. § 87. 253 

Jagdberechtigten stehend angesehen werden sollen ^^), sie kann nach der oben §70 ver- 
tretenen Ansicht bestimmen, dass das vom Wilderer erbeutete Wild mit der Aneig- 
unngshandlung des Wilderers in das Eigentum des Jagdausübungsberechtigten fällt, 
sie kann die Rechtsverhältnisse der Jagdpacht regeln, namentlich die Form der Jagd- 
pachtverträge , Vorschriften über Geschäftsfähigkeit u. s. w. erlassen ; sie kann an- 
ordnen, dass der Niessbraucher und Pächter eines Grundstücks an Stelle des Eigen- 
tümers die Jagdnutzung haben oder nicht haben sollen und hierdurch eine Streitfrage 
(Vgl. oben S. 289) erledigen. 

Man hört oft Zweifel, ob diese, eine so weitgehende Landesgesetzgebung zulas- 
sende Ansicht richtig sei. Diese Zweifel sind gänzlich unbegründet, wie sich aus dem 
mit der gesetzgeberischen Absicht völlig übereinstimmenden Wortlaute des Art. 69 E.G. 
klar ergibt. Auch analoge Fälle bestätigen diese Ansicht. Der § 2 E.G. z. St.G.B. ge- 
stattet z. B. der Landesgesetzgebung strafrechtliche Regulierung der Materie des Forst- 
diebstahls. Auf grund dieses Vorbehalts darf die Landesgesetzgebung, wie allseitig 
anerkannt wird und in den Landesgesetzen angenommen ist, nicht etwa bloss die Strafe 
des Forstdiebstahls bestimmen; sie darf auch den Begriff des Forstdiebstahls (nach 
(legenstand. Ort, Zeit u. s. w.) festsetzen, die Fälle der Anstiftung, Beihilfe, Begünsti- 
gung, Rückfall, ja den Einfluss des jugendlichen Alters, Verjährung, in einer vom deut- 
schen Strafgesetzbuch abweichenden Weise regeln; dagegen kann sie nicht etwa Prü- 
gelstrafe, nicht Zuchthaus, nicht Gefängnis von mehr als 2 Jahren androhen, weil dar- 
über in § 5 des E.G. z. St.G.B. besonders bestimmt ist. Die Reichsgesetzgebung steht in 
solchen Fällen nur als Reserve hinter der Landesgesetzgebung (soweit nicht die Reichs- 
gesetzgebung Grenzen gezogen hat). 

Vergl. die Zusammenstellungen von Neubauer 1880, Jagdrecht S. 85 bis 102. 

§87. Rechtliche Natur desJagdrechts. I. Geschichtliche Ent- 
M'icklung. Als es in Germanien noch kein Privateigentum an Grund und Boden gab, 
hatte jeder waffenfähige Mann das Recht zu jagen ; das Jagdrecht war ein P e r s ö n- 

Landesgesotze an, also namentlich auf das AUgem. Landrecht. Letzteres trifft zwar Be- 
stimmung über verschiedene Tiergattungen und bestimmt: „Im Mangel anderer Bestimm, 
gehören vierfüssige wilde Tiere und wildes (leflügel, insofern beide zur Speise gebraucht 
zu werden pflegen, zur ausschliessenden Jagdgerechtigkeit" § 82 II, 16; das A.L.R. gilt 
aber wie im allg. , so auch hinsichtlich des Jagdrechts nur subsidiär ; es kommt also in 
erster Linie auf die P r o vi nz ialges. an. Diese entscheiden also z.B., ob der Fuchs, der 
Krammetsvogel u. s. w. jagdbar sind. Ausserhalb des landrechtl. Gebietes gelten gleichfalls 
Provinzial- bezw. — meist alte — Sondergesetze. 

Nun kommt es nicht selten vor, dass ein Provinzialgesetz bestimmt: „jagdbar sind ..." 
alsdann werden die betreffenden Tiergattungen genannt. Danach fragt es sich, wie es mit 
den nicht genannten Tieren zu halten sei. Würden z. B. im Gebiete des allgemeinen 
Landrechts, wenn ein Provinzialgesetz unter den jagdbaren Tieren den Krammetsvogel oder 
das Kaninchen nicht nennt, solche Tiere nach der subsidiären Vorschrift des A.L.R. jagd- 
bar sein, weil sie zur Speise gebraucht werden? Hierüber äussert sich die Entscheidung 
des Reichsgerichts in Strafsachen Bd. 5 S. 89 also: „Die nicht benannten wilden 
Tiere unterliegen dem freien Tierfange. Das Schweigen des Gesetzes ist für 
ein absichtliches, nicht für eine Lücke anzusehen. Es ist unstatthaft, 
die Jagdbarkeit der im Gesetze nicht aufgeführten Tiere nachdem im A.L.R. subsidiär aufge- 
stellten Prinzipe zu beurteilen". Vgl. Entsch. des preuss. Gber-Trib. in Goltdammer Archiv 
Bd. 7 8. 693, Bd. 49 S. 41. — Die subsidiäre Vorschrift des A.L.R. kommt also nur dann 
zur Geltung, wenn das Provinzialgesetz über die Frage der Jagdbarkeit gar keine Vor- 
schrift enthält oder bei Benennung der jagdbaren Tiere irgendwie erkennen lässt, dass die 
Aufzahlnng keine erschöpfende sein soll. 

78) Dass die Landesgesetzgebung dies wirklich tue, ist natürlich nicht zu erwarten; 
es wQrde die schlimmste Verwirrung eintreten; aber giltig wäre eine solche Bestimmung 
der Landesgesetzgebong. 



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254 XIV. Dickel, Rechtskunde. 

lichkeitsrecht. (Der Sachsenspiegeln, 61 § 1 sagt: „Do Grot den menschen ge- 
schup, do gaf he ime gewalt over vische unde vögele unde alle wilde dier".) Als das 
Privateigentum an Liegenschaften anerkannt war, galt allseitig auch das Jagdrecht 
als Teil dieses Eigentums. Der Grundeigentümer hatte das Recht auf die 
Jagdbeute wie auf die übrige Bodenrente ; die Jagdbeute war Frucht des Grundes und 
Bodens, wie die agrarischen Erzeugnisse, ursprünglich hatte die Jagdbeute sogar einen 
erheblich höheren Wert als die agrarische Frucht. Erst als die Land- und Forstwirt- 
schaft mehr intensiv betrieben wurde, gewann allmählich die agrarische Frucht grössere 
Bedeutung. Die Entwicklung des Jagdrechts ist nur in Verbindung mit der Entwick- 
lung des Liegenschaftsrechts zu verstehen. Als sich im Mittelalter das Liegenschafts- 
recht zersplitterte, nahm auch das Jagdrecht eine besondere Gestalt an, es wurde als 
für sich bestehendes Recht, als Regal angesehen. Seit 1848 (in Frankreich schon 
Gesetz vom 4. 8. 1789 über Aufhebung der Feudalrechte) wurde das Jagdrecht in 
Deutschland fast überall wieder mit dem Grundeigentume vereinigt; es wurde das 
wiederhergestellt, was ursprünglich gewesen war: Jagdrecht als Ausf luss, als Be- 
standteil des Eigentums an Grund und Boden. Diese Entwicklung ist besonders 
treffend geschildert und verwertet von Th. Jaehner, der Eigentumserwerb am 
Wilderergute (Dissert., bei Fock, Leipzig). Die Richtigkeit dieser Ansicht ist mir nie 
zweifelhaft gewesen (vgl. Ztsch. f. Forst- u. Jagdw. Bd. 29 S. 320 zu 3) und ich habe 
sie in meinem Lehrbuche S. 508 f. vertreten, allerdings teilweise wesentlich andere Fol- 
gerungen, wie Jaehner, daraus gezogen. 

IL Einige Schriftsteller nehmen an, dass das Jagdrecht, obwohl mit dem Grund- 
eigentume verbunden, doch immer noch ein selbständiges Recht sei. Das Jagdrecht 
wäre dann ein subjektiv - dingliches Recht, Realrecht (vgl. oben § 6 zu 6 am Ende). 
Welche der beiden Ansichten die richtige ist, kann im allgemeinen und noch nament- 
lich für die Anwendung des B.G.B. dahingestellt bleiben. Man kommt nämlich in der 
Hauptsache vom Standpunkte der einen wie der anderen Ansicht zu demselben Ergebnisse, 
namentlich dazu, dass die Jagdbeute Frucht des Bodens sei: ist das Jagdrecht 
natürlicher Bestandteil des Eigentumsrechts, so ist die Jagdbeute wissenschaftlich an- 
gesehen ebenso sehr Frucht des Bodens, wie die agrarischen Erzeugnisse, obwohl sie 
nicht Erzeugnis ist; § 99 Abs. 1 B.G.B. passt allerdings dem Wortlaute nach nicht 
auf den vorliegenden Fall, wohl aber nach der gesetzgeberischen Absicht; die Motive 
sagen: „Früchte sind vor allem die organischen Erzeugnisse und ferner die Ausbeute, 
welche zwar nicht auf organischem Wege erzeugt wird, aber doch von der Sache ge- 
wonnen werden muss, wenn anders dieselbe die Vorteile gewähren soll, welche ihrer 
Bestimmung entsprechen." Ist das Jagdrecht ein Realrecht, so ist die Jagdbeute ein 
Ertrag, welcher von einem Rechte seiner Bestimmung gemäss gewonnen wird, also 
Frucht im Sinne des § 99 Abs. 2 ; und zwar gemäss § 96 (vergl. oben S. 106 Abs. 3) 
Frucht eines Grundstücksbestandteils. 

Dass die Jagd zu den Nutzungen (§ 100 B.G.B.) gehört, ist klar; man müsste 
dies auch annehmen, wenn man die Jagdbeute nicht als Frucht betrachtete; denn 
gewiss wäre sie Gebrauchs vorteil. 

III. Aus dem Gesagten ergeben sich zahlreiche Folgerungen von grösster prak- 
tischer Bedeutung, namentlich 

1. Bestimmungen des B.G.B. über Nutzungen und Früchte kommen zur Anwen- 
dung : a. Der Niessbraucher eines Grundstücks hat die Jagdnutzung (§ 1030) : 
er hat also, wenn der Eigentümer nach den Landesgesetzen Jagdausübungsrecht hätte, 
an seiner Stelle das Jagdausübungsrecht, es sei denn die Jagd bei der Bestellung de^ 
Niessbrauehs ausgenommen; gemäss § 1039 erwirbt der Niessbraucher bei Ausübung 



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Rechtliche Natur des Jagdrechts. § 87. 255 

der Jagd das Eigentum an der Jagdbeute auch dann, wenn er entgegen den Regeln 
einer ordnungsmässigen Wirtschaft im Uebermasse abschiesst (vergl. oben § 7, auch 
§§ 77)7»); auch der Ehemann (§ 1363), der Vater (§ 1649), die Mutter (§ 1686) 
als Inhaber der elterlichen Gewalt ; b. Pächter (§ 581) ; c. Kauf und Tausch (§ 446), 
d. Eigentumsklage (§§ 987 f.). Alles dies gilt aber nur, soweit nicht die Landesgesetz- 
^ebung etwas anderes bestimmt (vgl. oben § 85 zu II). 

2. Bestimmungen des B.Gr.B. über Pachtung von Grundstücken kommen 
zur Anwendung, da das Jagdrecht entweder immanenter Teil des Eigentums am Grund- 
stück ist oder als Realrecht gemäss § 96 B.G.B. Grundstücksbestandteil ist: a. Der 
Vertrag bedarf der schriftlichen Form, wenn er auf länger als 1 Jahr geschlossen 
wird; ist die Form nicht beobachtet, so gilt der Vertrag als auf unbestimmte Zeit 
geschlossen; die Kündigung ist aber nicht für eine frühere Zeit als für den Schluss 
des ersten Jahres zulässig (§ 566); b. über Fehler der verpachteten Sache und Zu- 
sicherung einer bestimmten Grösse des Grundstücks vgl. § 537; c. der Pächter hat 
wegen gemachter Verwendungen kein Zurückbehaltungsrecht (§ 556 Abs. 2); d. Ge- 
setzliches Pfandrecht des Verpächters (§ 559 flg.); e. Kündigung nur für den Schluss 
eines Kalendervierteljahrs zulässig, spätestens am 3. Tage des Vierteljahrs (§ 565); 
eine Kündigung kommt in Betracht zu gunsten der Erben des Pächters (aber nur zum 
ersten Termin nach dem Tode des Pächters) (§ 569) und zu gunsten des Erstehers 
im Falle des Verkaufs in der Zwangsversteigerung (§ 57 Reichsges. vom 24. 3. 1897); 
f. Kauf bricht nicht Pacht (§§ 571—575, 579 B.G.B., aber § 57 des Reichsges. vom 24. 3. 
1897); g. über Verpachtung des Niessbrauchers § 1056 (§ 1423, § 1663, § 2135); 
h. der Jagdpächter hat Besitz des Grundstücks (§ 868) und also Besitzschutz (§ 858), 
letzterer kommt auch dem Jagdaufseher zu (§ 860, § 855). 

Alle diese Bestimmungen kommen nur zur Anwendung, soweit nicht die Landes- 
gesetzgebnng Abweichendes bestimmt (vgl. oben § 85 zu II). Ueber den Einfluss der 
Konkursordnung und des Reichsges. über Zwangsversteigerung vom 24. 3. 1897 vgl. 
Dickel S. 519 flg. 

3. Von besonderem Interesse ist der Einfluss der oben über das Wesen des 
Jagdrechts aufgestellten Theorie auf die vielerörterte Streitfrage, ob der Staat auf 
Grund des § 14 des Reichsges. über die Naturalleistung für die bewaffnete Macht im 
Frieden vom 13. Februar 1875 (21. 6. 1887) für den durch Truppenübungen dem Jagd- 
berechtigten verursachten Schaden verpflichtet ist. § 14 bestimmt: „Alle für die Be- 
nutzung von Grundstücken zu Truppenübungen . . . entstehenden Schäden werden aus 
Militärfonds vergütet." Fast alle Gerichte haben vor 1900 die Entschädigungspflicht 
verneint. Jetzt wird sie unzweifelhaft zu bejahen sein ; denn sieht man das Jagdrecht 
nicht als immanenten Teil des Grundeigentums an, so gilt es nach § 96 B.G.B. als 
Gmndstücksbestandteil; dass aber für Beschädigung eines Grundstücksbestandteils nach 
§ 14 Schadensersatz zu leisten sei, dürfte nicht zweifelhaft werden können. 

4. Auch für die Landesgesetze kommt das Gesagte in Betracht, soweit nichts 
Abweichendes bestimmt ist; sprechen diese z. B. von Zulässigkeit der Polizeiverord- 
nnngen zum Schutze des Eigentums an Grundstücken, so kann auch die Jagd durch 
solche Verordnungen geschützt werden (vgl. Entsch. des Kammergerichts Berlin, Straf s., 
bei Johow, Bd. 22 C S. 110). 

5. In Steuergesetzen kommt es hier und da auf die Höhe der Einnahme aus der 

79) Vielleicht wäre es zweckmässig gewesen, für die Jagd eine ähnliche Bestimmung 
wie die des § 1038 für den Niessbrauch am Walde zu geben, dies ist nicht geschehen. 
Die Landesgesetzgebung kann hier helfen (vgl. oben § 85 zu II). 

Ueber das Verhältnis des Vorerben zum Nacherben vgl. § 2133 B.G.B. 



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256 XIV. Di ekel, Rechtskunde. 

Bewirtschaftung des Grundes und Bodens an. Es fragt sich, ob der Jagdpachtzins hier 
zu berücksichtigen ist. Das preuss. Oberverwaltungsgericht hat Bd. 39 S. 71 die Frage 
verneint. Aus dem oben Gesagten dürfte sich die Unrichtigkeit der Entscheidung 
ergeben. 

IV. Das Jagdrecht ist nach dem Gesagten fast überall in Deutschland ein 
Bestandteil des Eigentums, also ein Privatrecht. Auch das Jagdausübungs recht 
ist ein Privatrecht, wenn es lediglich dem Jagdberechtigten zusteht. Nach den Landes- 
gesetzen ist letzteres aber vielfach nicht der Fall. In den meisten Staaten, und namentlich 
in Preussen, sind Jagdpolizeigesetze erlassen und ist die Ausübung der Jagd aus 
mancherlei Gründen , namentlich polizeilich , beschränkt. In Altpreussen z. B. wurde 
das Jagdrecht durch Gesetz vom 31. Oktober 1848 als Bestandteil des Eigentums er- 
klärt; in diesem Gesetze wurde zunächst auch dem Jagdberechtigten mit geringen, 
namentlich die Umgebung der Festungswerke betreffenden Ausnahmen gestattet, ,in 
jeder erlaubten Art das Wild zu jagen und zu fangen". Noch an demselben Tage 
aber stellte der König durch Kabinetsordre die Reaktion für den Fall in Aussicht, 
dass „die . . . polizeilichen Vorschriften sich nach der Erfahrung als unzureichend er- 
weisen sollten, um der öffentlichen Sicherheit den nötigen Schutz zu gewähren"; das 
Jagdpolizeigesetz vom 7. März 1850 unterwarf alsdann „die Ausübung des einem 
jeden Grundbesitzer auf seinem Grund und Boden zustehenden Jagdrechts" einer ganzen 
Anzahl von Beschränkungen; es gab namentlich das eigene Jagdausübungsrecht dem 
Eigentümer nur „auf solchen Besitzungen, welche in einem oder mehreren aneinander- 
grenzenden Gemeindebezirken einen land- oder forstwirtschaftlich benutzten Flächen- 
raum von wenigstens 300 Morgen einnehmen und in ihrem Zusammenhange durch kein 
fremdes Grundstück unterbrochen sind" (Wege, Gewässer trennen nicht), ferner „auf 
allen dauernd und vollständig eingefriedeten Grundstücken", endlich „auf Seen, auf 
zur Fischerei eingerichteten Teichen und auf solchen Inseln, welche Ein Besitztum 
bilden" (§ 2). Im übrigen wurden Jagdverbände eingerichtet; regelmässig bilden die 
übrigbleibenden Grundstücke einer Gemeinde einen gemeinschaftlichen Jagdbezirk (§ 4) ; 
doch gibt es Ausnahmen: mehrere Gemeindebezirke können vereinigt werden, ein Ge- 
meindebezirk kann in mehrere Jagdbezirke geteilt werden (doch muss jeder wenigstens 
300 Morgen gross sein), ferner Ausnahmen beim isoliert belegenen Hofe (§ 5), bei 
Waldenklaven (§ 7), bei Festungswerken (§ 8). Aehnlich in den meisten deut-schen 
Staaten. Alle diese und viele andere Bestimmungen der Jagdpolizeigesetze sind polizei- 
rechtlicher und also ö f f en 1 1 i c h rechtlicher Natur. Dies ist von grösster Tragweite^). 
Die Grundbesitzer in einem Gemeindejagdbezirk sind also nicht, wie früher meist an- 
genommen wui'de, eine „erlaubte Privatgesellschaft", sondern, wie namentlich das 
preussische Oberverwaltungsgericht in fester Rechtsprechung zutreffend annimmt, eine 
juristische Person des öffentlichen Rechts. — Der Charakter solcher Be- 
stimmungen der Gesetze als öffentlichrechtlicher hindert aber selbstverständlich nicht 
die Annahme, dass die Jagd p a c h t vertrage Privat rechte begründen. Wie allseitig 
mit Recht anerkannt wird, ist das Recht des Jagdpächters ein Privat recht — nicht 
etwa bloss im selbständigen Jagdbezirke (etwa des Grossgrundbesitzers), sondern auch 
im Gemeindejagdbezirke. 

§88. Eigentumserwerb am Wild erer gute. Oben S. 224 zu 2 
ist bereits dargelegt, dass nach § 958 Abs. 2 B.G.B. und Art. 69 E.G. der Wilderer 
nicht Eigentum am Wilderergute erwerben kann, da er durch seine Aneignungshand- 

80) Vgl. z. B. Oberverwaltungsgerichtsrat Schultzenstein im Preuss. Verwal- 
tungsblatt 1902, Nr. 48, S. 753 flgd. 



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Eigentumserwerb am Wilderergute. § 88. 257 

lung das Aneignungsreclit eines Anderen verletzt. Ferner ist daselbst die Streitfrage 
berührt , ob ti'otz der Vorschrift des § 958 Abs. 2 der Jagdausübungsberechtigte durch 
die Aneignungshandlung des Wilderers das Eigentum erwirbt. Die meisten verneinen 
dies und nehmen an, dass das Wilderergut trotz der Aneignungshandlung des Wilderers 
herrenlos bleibe. Meiner Ansicht nach ist dies, wie im Lehrbuch S. 502 ff. aus- 
führlich begründet, nicht richtig. Trotz des § 958 Abs. 2 kann angenommen werden, 
dass der Jagdausübungsberechtigte durch die Aneignungshandlung des Wil- 
derers das Eigentum erwirbt, und dies muss angenommen werden, wenn es wissen- 
schaftlich zu begründen ist. Letzteres ist namentlich in der erwähnten Dissertation 
von Jaehner und in meinem Buche S. 522 ff. versucht. Die meiner Ansicht nach 
massgebenden Gründe (Jaehner hier und da abweichend!) sind kurz folgende: 

Wie bereits bemerkt, ist die Jagdbeute, wissenschaftlich angesehen und trotz des 
Bedenken verursachenden Wortlauts des § 99, auch nach B.G.B. Frucht des Grundes 
und Bodens. Eine Frucht fällt in das Eigentum des Fruchtziehungsberechtigten in 
dem Augenblick, in dem sie Ertrag wird. Gesetz und Gewohnheitsrecht bestimmen, 
wann dies der Fall ist. In Betracht kommen : Zeitpunkt der Entstehung (so 
z. B. im § 221 A.L.R. I, 9), Zeitpunkt der Trennung (Separation, so in der 
Regel nach römisch-gemeinem Rechte und nach B.G.B.), Zeitpunkt der Besitznahme 
(Perzeption, so ausnahmsweise nach römisch-gemeinem Rechte und nach B.G.B.) . 
Hierbei ist zunächst nur an agrarische Früchte gedacht. 

In der geschichtlichen Entwicklung ist kein Bedenken zutage getreten, dass 
das Wild in freier Natur herrenlos sei; von einem Eigentumserwerb mit Ent^ 
stehung des Wildes kann somit keine Rede sein. Denkbar wäre es dagegen, die Ana- 
logie der Trennung zu ziehen ; alsdann wurde das vom Jagdausübungsberechtigten an- 
geschossene Wild in dem Augenblick, indem es verendet, in sein Eigentum fallen, 
auch wenn es noch nicht ergriffen ist und vielleicht noch sehr zweifelhaft ist, ob es 
überhaupt ergriffen wird ; der Jagdausübungsberechtigte würde alsdann Eigentümer des 
Fallwildes werden, in dem Augenblick, in dem das Tier eingeht, Eigentümer eines 
Hirschgeweihes, wenn solches nach der Landesgesetzgebung zu den Gegenständen des 
ausschliesslichen Jagdaneignungsrechtes gehört, in dem Augenblick, in dem es abge- 
worfen wird. Auf diesen Standpunkt kann man sich nicht stellen , da das Rechtsbe- 
wusstsein und die geschichtliche Entwicklung entgegenstehen^^). Hält man sich aber 
an den Gesichtspunkt der Perzeption, so entscheidet die Aneignung ; die Jagd- 
beute wird Ertrag mit der Aneignung. Dies Ergebnis entspricht dem Rechts- 
bewusstsein der Jäger und der geschichtlichen Entwicklung; es muss als gewohn- 
h ei ts rechtlich so entschieden angesehen werden. 

Kommt es hiernach einerseits für den Eigentumserwerb des Berechtigten auf die 
Aneignung an und kann andererseits der Wilderer das Eigentum nicht selbst er- 
werben, 80 entsteht jetzt nur noch die Frage, ob der Jag d (aus Übung s)berec h- 
t i g t e durch die Aneignungshandlung des Wilderers das Eigentum erwirbt. Ein solches 
Ergebnis entspricht durchaus dem Rechtsbewusstsein der Jäger und ich halte es in 

81) Allerdings heisst es in einigen Jagdgesetzen, das Tier „gehöre" dem, in dessen 
Bezirk es niederfalle (z. B. Bad. Ges. v. 2. 12. 1850; Kurhess. Ges. v. 7. 9. 1865 
§ 29 . Abs. 2). Hierdurch ist wohl kein sofortiger Eigentumserwerb ausgesprochen ; das 
Wort , gehören" drückt vielfach und eigentlich den Rechtsanspruch aus, vgl. Di ekel 
S. 524 Anm. 33 a. — Die Landesgesetzgebung kann den Eigentumserwerb, abgesehen von 
der mehrerwähnten Ausnahme des § 958 Abs. 2 B.G.B., nach ihrem Belieben regeln und 
also die Analogie der Separation ziehen; dass dies geschehen wird, ist aber nicht zu er- 
warten, vgl. oben Anm. 78. 

Uandbach d. Forttw. 2. Aufl. IV. 17 



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258 XIV. Dickel, Rechtakunde. 

üebereinstimmung mit Jaehner wissenschaftlicli für annehmbar. Die Gründe finden 
sich in dem Lehrbuche S. 524 ff.®^). Hiernach erwerbe ich das Eigentum an einem 
vom Wilderer in meinem Jagdrevier erlegten Hirsche, ebenso das Eigentum an einem 
von einem Unberechtigten gefundenen und an sich genommenen Geweihe, wenn das 
Geweih Gegenstand des Jagdrechts ist. Dagegen erwerbe ich nicht den Besitz; man 
kann also nicht annehmen , dass der Hirsch oder das Geweih meinem Besitze gegen 
meinen Willen entkommen sei; kauft also ein dritter Gutgläubiger dem Wilderer die 
Jagdbeute ab, so findet nicht § 935 B.G.B., vielmehr § 932 B.G.B. Anwendung; der 
dritte erlangt also das Eigentumsrecht (vgl. oben § 69 zu I.). — Gegen den Wilderer 
habe ich die Klage auf Herausgabe des Erlangten, nicht bloss als Schadensersatzklage 
(§§ 823 if., vgl. oben § 58), sondern auch als Eigentumsklage (§§ 985 if., vgl. oben 
§ 72). Da ich Eigentümer bin, so habe ich auch eine Klage gegen den dritten, der 
zufällig oder vom Wilderer in Kenntnis des Sachverhalts oder z. B. auf Grund eines 
Werkvertrags die Sache erhält (z. B. das Geweih zum Aufsetzen). Ob ich eine solche 
Klage habe, wenn man fortdauernde Herrenlosigkeit des Wilderergutes annimmt, mag 
sehr zweifelhaft sein ; die herrschende Meinung verneint die Klage, indem sie §§ 823 ff. 
B.G.B. nicht anwendet; es ist aber eine actio ad exhibendum für zulässig zu erklären 
(vgl. oben S. 256). 

Nimmt man an, dass der Jagdberechtigte das Eigentum am Wilderergute er- 
wirbt, 80 kommt man auch strafrechtlich zu einem befriedigenden Ergebnisse: ein 
dritter, der das Wilderergut entwendet, ist wegen Diebstahls zu bestrafen ; wollte man 
mit der herrschenden Meinung annehmen, das Wilderergut bleibe herrenlos, so wäre 
kein Diebstahl möglich, da § 242 solchen nur an einer fremden, d. h. im Eigentum 
eines anderen stehenden Sache, für möglich erklärt. Andererseits verübt aber der 
Wilderer dadurch, dass er das Wilderergut veräussert, nicht ausser dem Jagdvergehen 
(§§ 292 ff. St.G.B.) noch etwa eine Unterschlagung (§ 242 St.G.B.), so wenig wie der 
Dieb, wenn er den entwendeten Gegenstand verkauft, noch eine Unterschlagung ver- 
übt (vgl. Dickel S. 526). 

§ 89. Wildschade. I. Nach einer für die 2. Kommission von Danckel- 
mann gefertigten, in den Prot. Bd. 2 S. 820 abgedruckten Uebersicht gab es vor 
dem B.G.B. in Deutschland 3 verschiedene Systeme: 1. auf ungefähr 11 ^o der Reichs- 
fläche war ein Recht auf Wildschadensersatz ausgeschlossen (Königreich Sachsen, Würt- 
temberg, Baden im allgemeinen, Sachsen-Weimar, Koburg-Gotha, Altenburg, Rudolstadt, 
Waldeck, Hamburg, Lübeck), 2. auf etwa 9®/o der Reichsfläche war das gemeine Scha- 
densersatzrecht massgebend (Elsass-Lothringen, Rheinbayem, Rheinhessen, beide Meck- 
lenburg, Braunschweig im allgemeinen), 3. im übrigen Reichsgebiet (ungefähr 80 ^/o) 
Wlldschadensersatz auf Grund besonderer Gesetze (so namentlich in Preussen, Bayern 
rechtsrhein., Hessen, Anhalt, Sondershausen, Meiningen, Schaumburg-Lippe)***). 



81) Vgl. auch Jaknbezky (bayer. Ministerialrat, Mitglied der 2. Kommission), Be- 
merk, zu dem Entw. d. B.G.B. S. 242. 

82) Vgl. Prot. Bd. 2 S. 822: Oester reich (Patent 7. 3. 1849 § 11; J. 0. 28. 
2. 1786 § 15; Min.-Entsch. 1, 10. 1870): Ersatzpflichtig sind die zur Ausübung der 
Jagd Berechtigten für die in ihren Jagdbezirken entstandenen Schäden aller jagdbaren Wild- 
arten, ferner die Waldbesitzer für die durch ausgetretenes Wild in fremden Jagdbezirken 
verursachten Schäden nur dann, wenn Verschulden durch Hegung eines übermässigen Wild- 
standes vorliegt. Ungarn (J.G. 18. 2. 1872 § 7): Ersatzpflichtig sind für den durch 
Rot-, Dam- und Schwarzwild verursachten Schaden die Besitzer bezw. Pächter, in deren 
Jagdgebiet das Wild gehegt wird. Frankreich: Wildschadensersatz auf Grund des 
gemeinen Schadenrechts im code civil Art. 1382, 1383. Italien (B.G.B. §§1151, 1152), 
wie in Frankreich. Spanien (B.G.B. 24. 7. 1889 Art. 1906): Ersatzpflicht des Jagd- 



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Wildschade. § 89. 259 

Der 1. Entwurf hatte die ganze Angelegenheit des Wildschadensersatzes wegen 
des nahen Zusammenhangs mit dem Jagdrecht und der grösstenteils öffentlich-recht- 
lichen Natur des letzteren der Landesgesetzgebung tiberlassen; auch die Versammlung 
deutscher Forstmänner in Aachen (1887) hatte sich auf diesen Standpunkt gestellt. 
Danckelmann aber und die meisten übrigen Mitglieder der 2. Kommission be- 
jahten die Bedurfnisfrage der reichsrechtlichen Regelung ; „sie erfüllt eine auf die Dauer 
nicht abweisbare Forderung der Gerechtigkeit und des im Volke lebenden Rechtsbe- 
wusstseins, indem sie bei gänzlich fehlendem oder bloss gemeinrechtlichem Wildscha- 
densersatzrechte dazu berufen ist, erhebliche, auch in sozialer Hinsicht bedenkliche 
Ungerechtigkeiten zu beseitigen" (Prot. Bd. 2 S. 828); in letzterer Hinsicht wurde 
namentlich auf die „ungleiche, oft drückende Verteilung von Wildschaden und Jagd- 
nutzen in Gemeinde- Jagdbezirken , bei Jagd-Einschlüssen (Enklaven) und Anschlüssen 
sowie bei Jagdgerechtigkeiten auf fremdem Grund und Boden" hingewiesen; „die Klein- 
besitzer tragen häufig den hauptsächlichsten Schaden, die grösseren Besitzer ziehen den 
tiberwiegenden Nutzen". In der Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen Bd. 28 S. 39() 
bemerkte Danckelmann über den Rechtsgrund für Wildschadensersatz, derselbe 
bestehe darin, „dass den Grundeigentümern, denen die Ausübung des Jagdrechts auf 
ihren Grundstücken nicht zusteht, mit der Jagd das wirksamste Mittel gegen Wildbe- 
schädigung entzogen" sei. Die 2. Kommission beschloss Einfügung des damaligen § 819, 
um wenigstens das Mindestmass der Wildschadensersatzpflicht zu sichern; das übrige 
wurde der Landesgesetzgebung vorbehalten. Der Reichstag gab noch den durch Fa- 
sanen bewirkten Schaden hinzu. In längerer Debatte wurden in 2. Lesung des 
Reichstags die Fragen erörtert, ob nicht auch für H a s e n schaden Ersatz zu gewähren, 
und ob nicht hinsichtlich des durch Schwarz- oder Rotwild bewirkten Schadens ein 
Rückgriffsrecht gegen denjenigen zu geben sei, in dessen Jagdbezirk das Wild seinen 
Stand hat. Diese Fragen wurden schliesslich glücklicherweise verneint, nachdem die 
Regierungsvertreter ihre Bedenken entwickelt und erklärt hatten , dass für den Fall 
der Annahme das ganze Gesetzbuch unannehmbar wäre. Der Abgeordnete Enneccerus 
regte die Frage eines halben Rückgriffsrechtes an; er beantragte Anordnung eines 
Rückgriffs gegen denjenigen'', aus dessen Walde das Wild ausgetreten ist, auf die 
Hälfte des entstandenen Schadens; auch dies wurde abgelehnt ®3). So entstanden §835 
B.G.B. und Art. 69—71 E.G. 

II. Bei Feststellung der Bedeutung des § 835 und der Art. 69 bis 71 E.G. ist 
es, wie sonst im Jagdrechte, von grösster Bedeutung, Jagdrecht und Jagdaüstibungs- 
recht zu unterscheiden (vgl. oben § 85 zu II.). Hauptsächlich handelt es sich um 
folgende Fälle: 

1. Wildschade im Ei gen Jagdbezirke, wenn Jagdrecht und Ausübungsrecht dem 
Eigentümer zustehen, dies ist namentlich der gewöhnliche Fall auf dem Gute des 

eigentümers für Schäden aller jagdbaren Wildarten auf Nachbargrundstücken, sofern er die 
Vermehrung des Wildstandes nicht verhindert oder die' benachbarten Grundeigentümer an 
der Jagdausübung gehindert hat. 

83) Die Reichstagsverhandlungen sind im Jahrb. von Danckelmann Bd. 28 (1896) 
S. 202 ff. abgedruckt, und zwar S. 271 Kommissionsbericht, S. 202 ff. die Verhandl. 2. Le- 
sang, S. 266 ff. 3. Lesung. — Vgl. femer Danckelmann, „Das Rückgriffsrecht gegen- 
über fremden Jagdbezirken bei Wildschadensersatz" in der Ztschr. f. Forst- u. Jagdw. Bd. 
28(1896)8. 389 ff. und Danckelmann, ,. Wildschadensersatz für Hasen und Fasanen" 
daselbst S. 401 ff. — Es handelt sich bei Ablehnung des Ersatzes für Hasenschaden und 
des Rttckgriffsrechts namentlich um Verhütung und Vernichtung der einträglichen Hasen- 
jagden, um Verhütung von Missbräuchen, Prellereien und kostspieligen, im Ausgange höchst 
zweifelhaften Prozessen. 

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260 XIV. Di ekel, Recbtskunde. 

Grossgrundbesitzers. Selbstverständlich muss er den Schaden tragen; das Gesetz 
spricht von diesem Falle nicht; es geht davon aus, dass er sich selbst helfen kann; 
er kann nach seinem Belieben Wild abschiessen. Ein Rückgriffsrecht gegen andere 
Jagdberechtigte, aus deren Jagdbezirk das Wild gekommen ist , wird , wie zu I. be- 
merkt, nicht zugelassen; auch die Landesgesetzgebung kann es nicht einführen, da es 
an einem Vorbehalte in Art. 71 fehlt. Dagegen bleibt die Möglichkeit einer Haftung 
dessen, aus dessen Gehege jagdbares Wild ausgetreten ist und Schaden bewirkt hat, 
nach den Landesgesetzen (Art. 71 Nr. 2 ; z.B. nach §§ 14 ff. des preuss. Gesetzes vom 
11. 7. 1891). — Hat der Eigentümer das Gut unter Vorbehalt des Jagdausübungsrechts 
verpachtet, so haftet der Eigentümer als Verpächter nach allgemeinen Regeln; um 
Zweifel abzuschneiden, empfiehlt es sich für beide Teile, bei Abschluss des Pachtver- 
trags Bestimmungen zu treffen. Entsprechendes gilt, wenn der Eigentümer einem dritten 
den Niessbrauch bestellt und sich das Jagdausübungsrecht vorbehält. 

2. Wildschade im Eigen Jagdbezirke, wenn der Eigentümer zwar das Jagdrecht, 
nicht aber das Jagdausübungsrecht hat. Hier handelt es sich hauptsächlich um zwei 
Fälle: a) die Jagd ist verpachtet, b) ein dritter hat kraft Gesetzes die Nutzniessung 
und mit ihr das Jagdausübungsrecht. Von solchen Fällen spricht das Gesetz nicht; 
in jenem ersten Falle mag sich der Verpächter bei Abschluss des Vertrags schützen, 
im zweiten Falle trägt der Nutzniesser selbstverständlich den Nachteil, wie er ja auch 
den Vorteil hat. 

3. Das Jagdrecht steht nicht dem Eigentümer, sondern einem dritten zu. 
Dieser Fall ist nur noch in Mecklenburg sowie noch da möglich, wo die gesetzlich 
zugelassene Ablösung der Jagdgerechtigkeit noch nicht durchgeführt ist (z. B. im ehe- 
maligen Kurhessen). § 835 Abs. 1 bestimmt: der Jagdberechtigte ist zum Ersätze des 
Schadens verpflichtet. 

4. In einigen Fällen ist dem Eigentümer des Grundstücks die Ausübung des 
ihm zustehenden Jagdrechts durch das Gesetz entzogen, so namentlich kraft öffentlichen 
Rechts bei Jagdeinschlüssen (Enklaven). Für diesen Fall trifft § 835 Abs. 2 Satz 2 
die Vorschrift : der, welcher auf Grund der öffentlichrechtlichen Bestimmung die Jagd 
pachtet, hat den Wildschaden zu ersetzen. 

5. Der Fall, um den es sich praktisch hauptsächlich handelt, ist die vom Gesetz 
erklärte Vereinigung der Eigentümer eines Bezirks zum Zwecke gemeinschaft- 
licher Jagdausübung zu einem Verbände. Ist der Verband eine juristische 
Person, so haftet diese (§ 835 Abs. 2 Satz 1). Ist der Verband keine juristische 
Person, so sind die Eigentümer der in Betracht kommenden Liegenschaften nach dem 
Verhältnisse der Grösse ihrer Grundstücke ersatzpflichtig (§ 835 Abs. 3). In dem 
letzteren Falle handelt es sich um den springenden Punkt der ganzen Wildschadens- 
ersatzfrage^*). Die Landesgesetzgebung kann abweichende Bestimmung treffen, Art. 71 



84) Dies läset namentlich die Entwicklung des preuss. Rechts erkennen. „Das Jagd- 
polizeigesetz vom 7. März 1850 bestimmt, dass die Grundstücke einer Gemeinde, soweit 
sie nicht selbständige Jagdbezirke sind, in der Regel einen gemeinschaftlichen Jagdbezirk 
bilden (auf die Ausnahmen kommt hier nichts an), § 4 ; die Pachtgelder und andere Ein- 
nahmen von der Jagd werden nach Abzug der Verwaltungskosten unter die beteiligten Be- 
sitzer nach dem Verhältnisse des Flächeninhalts dieser Grundstücke verteilt, § 11. Der 
§ 25 bestimmte sodann weiter: Absatz 1: „ein gesetzlicher Anspruch auf Ersatz des durch 
das Wild verursachten Schadens findet nicht statt" ; Abs. 2 : „den Jagdpächtern bleibt da- 
gegen unbenommen, hinsichtlich des Wildschadens in den Jagdpachtkontrakten vorsorgliche 
Bestimmungen zu treffen". Damit glaubte man allen Anforderungen gerecht zu werden. 
Die Gemeinschaft der beteiligten Grundbesitzer konnte sich in den Pachtverträgen helfen; 
die Besitzer wurden entschädigt durch den Anteil an Pachtgeldern und anderen Einnahmen, 



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Wildschade. § 89. 261 

Nr. 5 E.G. (hauptsächlich für Sachsen von Bedeutung). 

III. Im einzelnen: 

1. das Gesetz behandelt den Wildschadensersatz, als handle es sich um eine 
Haftung aus unerlaubter Handlung. Die Vorschriften über die letztere sind deshalb 
zur Anwendung zu bringen : mehrere Verpflichtete haften (ausgenommen der Fall oben 
zu n., 5, § 835 Abs. 3) als Gesamtschuldner (§ 840 Abs. 1), daneben ist Haftung eines 
dritten aus §§ 823, 826 denkbar, die Verjährung tritt nach § 852 in 3 bezw. 30 Jahren 
ein. Auch § 254 B.G.B. kommt zur Anwendung; wenn also z. B. jemand besonders 
wertvolle Pflanzen oder etwa eine Baumschule nicht durch Umzäunung schützt, so wird 
man ihm raiteintretendes Verschulden vorwerfen dürfen; ein solches kann auch darin 
z. B. gefunden werden, dass die Erzeugnisse unnötig lange auf dem Felde ungeschützt 
stehen gelassen werden (vgl. oben S. 139 am Ende). 

2. Es gilt das sog. Spezial System, d. h. es kommen nur die in § 835 genannten 
Tiergattungen in Frage: Schwarz-, Rot-, Elch-, Dam-, Rehwild und Fasanen. Die 
liandesgesetzgebung kann aber weiter gehen und namentlich also auch das General- 
system annehmen (Art. 71 Nr. 1 E.G.). 

3. Ersatz berechtigt sind die jeweils Verletzten; also nicht bloss Eigentümer, 
auch Niessbraucher, Pächter u. s. w. 

4. Zu ersetzen ist der am Grundstück angerichtete Schade, nicht minder 
der an Erzeugnissen, an den noch nicht getrennten, wie auch an den getrennten, 
wenn sie noch nicht in der Scheune oder auf dem Boden eingeerntet, noch nicht in 
Diemen oder Mieten oder sonstwie untergebracht sind. 

IV. Wie bereits bemerkt, kann die Landesgesetzgebung gemäss Art. 69 zwar 
das Jagdrecht im allgemeinen regeln; sie darf aber nicht den § 835 B.G.B. ändern, 
ausgenommen : 1 . sie kann die Grundsätze bestimmen, nach denen der Wildschade fest- 
zustellen ist und vorschreiben, dass der Anspruch auf Ersatz innerhalb einer bestimmten 
Frist bei der zuständigen Behörde geltend zu machen sei (Art. 70), 2. weitergehende 
und teilweise anders gestaltete Haftung vorschreiben (Art. 71). 3. Besteht in Ansehung 
des Grundstücks, wie z. B. in Mecklenburg, ein zeitlich nicht begrenztes Nutzungsrecht 
(Vgl. oben § 84), so tritt bei Anwendung des § 835 B.G.B. an Stelle des Grundeigen- 
tümers der Nutzungsberechtigte (Art. 72). 

Hinsichtlich des Art. 71 ist noch zu bemerken: es kommt in Betracht: Nr. 1 
für Prenssen in Hannover und Kurhessen, Bayern, Elsass-Lothringen, Nr. 2 für Preussen 
im Gebiete des Wildschadensgesetzes von 11. 7. 1891 und in Hannover, für Württem- 
berg, Nr. 3 für Württemberg und Sachsen, Nr. 4 für Preussen in Kurhessen, für 
Bayern, Württemberg, Elsass-Lothringen, Nr. 5 für Preussen in Hannover, für Sachsen, 
Xr. 6 für Preussen in Hannover und Kurhessen, für Württemberg, Elsas