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Full text of "Handbuch der vergleichenden Psychologie"

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KAFKA 

HANDBUCH DER VERGLEICHENDEN 
PSYCHOLOGIE 



HANDBUCH 

DER 

VERÖLE ICHENDEN PSYCHOLOGIE 

lIKKAL'iSaEGEBEN VON GUSTAV XAFKA 



BANDI: 

DTK ENTWICKLUNGSSTUFEN DES SEELENLEBENS 

Ableilung 1 : Tierpsychologie von Gustav Kafka 
Abteilung 2: Psychologie des primitiven Menschen 

von Richard Tliufnwald 
Abteilung 3 : Kinderpsychologie von Fritz Giese 

BAND H: 
Dil: FUNKTIONEN DES NOEMALEN SEELENLEBENS 

Abteilung 1 : Psychologie der Sprache von Hermann Gutzmann 

Abteilung 2: Psychoh^gie der Religion von Georg Runze 

Abteilung 3: Psychologie der Künste von Richard Miilliir-Freienfels 

Abteilung 4: Psychologie der Gesellschaft von Aloys Fischer 

Abteilung 5: Psychologie der Berufe von Otto Lipmann 

BAND III: 

DIE FLNKTIONEN DES ABNOEMEN SEELENLEBENS 

Abteilung 1 : Psychologie des Abnormen von Hans W. Grüble 

Abteilung 2 : Kriminalpsychologie von M. H. Göring 

Abteilung 3: Psychologie des Traumes von Sante de Sanctis 

Abteilung 4: Psychologie des Geschlechtslebens von Rudolf Allers 



10 2 2 
VEELAG VON EENST EEINHAEDT IN MÜNCHEN 



FsvcK 

^'i2> . HANDBUCH 



I)1:H 



VERGLEICHENDEN PSYCHOLOGIE 



UNTER MITARBEIT VON 

R. ALLERS (WIEN), A. FISCHER (MÜN- 
CHEN), F. GIESE (HALLE). M. H. GÖRLNG 
(GIESSEN). H.W.GUUHLE (HEIDELBERG), 
H. GUTZM.\NN (BERLIN), 0. LIPM.VNN 
(BERLIN), R. MÜLLER - FREIENFELS 
(BERLIN), G. RUNZE (BERLIN), 
S. DE SANCTIS (ROM), 
R.THURNWALD 
(IL\LLE) 

HERAUSGEGEBEN VON 

GUSTAV KAFKA 

IN MÜNCHEN 



DRITTER BAND: 

DIE FUNKTIONEN DES ABNORMEN SEELENLEBENS 

MIT i5 ABBILDUNGEN IM TEXT UND U TAFELN 







19 2 2 
VERLAG VON EENST EEINHAEDT IN MÜNCHEN 



Copyright 1922 by 

Ernst Reinhardt Verlag 

München 



Druck : Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn 



INHALTSVERZEICHNIS DES HI. HANDES 

1. ABTEILUNG: 
rSYCnOLOGIE DES ABNORMEN VUX HANS W GEUHLE 

Seite 

EINLEITUNG 3 

BEGRIFF DES ABNORMEN 3 

ABNORMITÄT DES MASSES (QUANTITÄT) i« 

A. ALF DER GEGENSTAiNDSSEITE lo 

1. Empfindungen . . . • lo 

2. Vorstellungen und gedankliche Inlialle ii 

B. AUF DER ICHSEITE 20 

ABNORMITÄT DER ART (QUALITÄT) 29 

ABNORMITÄT DER FUNKTIONEN (AKTE) 88 

A. INTENTIO.NALER AKT (PROSPEKTIVER GESICHTSPUNKT) 88 

1. Richtung normal, Durchführung abnorm 88 

2. Richtung abnorm, Durchführung normal 107 

3. Richtung und Durchführung abnorm 118 

B. MOTIVZUSAM.MEIVHANG (RETROSPEKTIVER GESICHTSPUNKT) . . . .120 

ABNORMITÄT DER BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN SEELISCHEN 

UND KÖRPERLICHEN VORGÄNGEN 128 

ABNORMITÄT DER SEELISCHEN ENTWICKLUNG i33 

LITERATURVERZEICHNIS i36 

2. ABTEILUNG: 
KEIMLN'ALPSYCHOLOGIE VON M. H. GÖRING 

EINLEITUNG '55 

I. DER VERBRECHER IN SEINER ENTWICKLUNGSZEIT i38 

A. DER EINFLUSS DER VERANLAGUNG . . i58 

i.DerEinflußderRasse i58 

2. Der Einfluß der Familie iGo 

3. Alter und Geschlecht 162 

B. EXOGENE GIFTVVIRKUxNG i63 

C. KOSMISCHE EINFLÜSSE i64 

D. DAS MILIEU i65 

E. DIE WIRKUNG DER ELNFLÜSSE AUFELNANDER 17^ 



Seile 

II. DER VEUBRECHEK VOR DER TAT UNTER BESONDERER 

BERÜCKSICHTIGUNG EINZELNER DELIKTSGRUPPEN i8o 

III. DIE AUSFÜHRUNG DER TAT • 190 

I\ . DER VERBRECHER NACH DER TAT BIS ZUR VERURTEILUNG 2o3 

V. DER VERBRECHER NACH DER VERURTEILUNG 2,0 

LITERATURVERZEICHNIS aiö 



3. ABTEILUNG : 
PSYCHOLOGIE DES TEAUMES VON SANTE DE SAXCTIS 

I. DIE PHYSIOLOGISCHEN BEDINGUNGEN DES TRAUMES ... 333 

A. ATMUNG, BLUTKREISLAUF UND STOFFWECHSEL DI SCHLAFE . . . 234 

B. TOXISCHE UND CHEMISCHE THEORIEN DES SCHLAFES : LOKALISATION 

IM GEHIRN 239 

C. HISTOLOGISCHE UND BIOLOGISCHE THEORIE DES SCHLAFES ... 2^3 

D. EINSCHLAFEN UND ERWACHEN 2^6 

E. DIE TIEFE DES SCHLAFES UND DIE TRÄUME 249 

F. DIE STELLUNG DES SCHLAFENDEN UND DIE TRÄUME 256 

G. DAS NERVENSYSTEM UND DIE TRÄUME 260 

II. STRUKTUR UND DYNAMIK DES TRAUMES 266 

A. STRUKTUR DES TRAUMBEWUSSTSEINS 266 

B. HERKUNFT DES TRAUMMATERIALS ODER DER KOMPONENTEN DES 
TRAUMES 273 

C. INHALTE DES WACHBEWUSSTSEINS, UNTERBEWUSSTSEIN UND INHALT 
DER TRÄUME 278 

D. DYNAMIK DES TRAUMES 282 

111. THEORIEN DES TRAUMES 395 

A. JiLTERE UND NEUERE THEORIEN 296 

B. DIE THEORIE FREUDS UND SEINE SCHULE 3o2 

C. KRITIK DER FREUDSCHEN LEHRE 3o6 

1 . F i n a li s m u s 3o6 

2. Das Unbewußte 3o8 

3. Dynamik des Traumes 3io 

4. Der Wunschtraum 3i2 

5. DerPansexualismus •3i4 

D. THEORIE DES VERFASSERS 3iü 

LITERATURVERZEICHNIS ^27 



4. ABTEILrXG: 

rSYCHOLOGIE DES GESCHLECHTSLEBENS 
VON KUDOLF ALLERS 

ücile 

ELNLEITl N(; ■ . ;i33 

DIE SEXUALITÄT DER GESCHLECHTSHKIFEN .i>a 

DIE ONTOGKNIE DER SEXUALITÄT ^«i 

DIE SEKUNDÄREN PHÄNOMENE • ■ -h'^ 

EROTISCHE TYPEN ^o-j 

DIE ARARTUNGEN /i'9 

EROTISCHE PHANTASIEN, TRÄUME, HALLUZINATIONEN Viü 

DIE LIERE ^ti2 

AUSWIRKUNGEN UND UMGESTALTUNGEN m 

SCHLUSS ^oi 

LITERATURVERZEICHNIS ^o'« 



SACHREGISTER ZUM III. BAND ^07 



PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 



VON 
HAXS W. GPtUHLE 



1 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



KTNLEITUNG 

In diesem Handbuch ist mir für die Psychopathologie ein enger Rahmen 
zugeschnitten. Der Beschränkung, der ich mich zu fügen habe, unterwerfe 
ich vor allem jenes, was irgendwie in die anderen Abschnitte des Werkes 
hinüberragt. Ferner schließe ich absichtlich alles aus, was in die Psychiatrie 
hineinführt ^ So bleibt eine Psychologie des Abnormen übrig, d.h. 
eine Untersuchung der abnormen seelischen Phänomene, sofern sie für den 
Psychologen Wissenswertes fördert. \Venn man betrachtet, was die bekann- 
ten Lehrbücher der Psychologie zum Problem des seelisch Abnormen bei- 
tragen, so bleibt man recht unbefriedigt: man bemerkt die fehlende An- 
schauungskraft der Verfasser; man erkennt, daß sie sich das Abnorme, 
das sie erörtern, entweder theoretisch konstruiert oder aus der Literatur 
wirklichkeitsfremd zusammengestellt haben. Die Psychiater andererseits sind 
selten theoretisch orientiert, sie versinken zu leicht in der Fülle der Er- 
fahrung, sie haften an den Konkretissimis und werden sich nicht genügend 
der Voraussetzungen der Betrachtung und der Gesichtspunkte ihrer Ein- 
teilung bewußt. 

Ich versuche die goldene Mittelstraße zu gehen: aus der Fülle der Er- 
fahrung zu schöpfen und doch dabei das Methodologische nicht außer 
acht zu lassen. 

Wenn ein kritischer Leser manche Theorie abnormer Phänomene und 
besonders ihrer Entstehung vermißt, so erwäge er, daß die wenigsten in 
die Psychopathologie, die meisten in die allgemeine Psychiatrie gehören. 



BETRIFF DES ABNOEMEN 

An der Spitze des Versuchs stehe eine kurze Erörterung des Begriffs 
des Abnormen, wie er hier zugrunde gelegt ist. Man kann selbstverständ- 
lich die Abweichung von einer Norm recht verschieden orientieren, — 
vor allem aber muß die Norm selbst klar umschrieben sein, von der 
etwas abweicht. Es stehen sich im Seelischen zwei Gesichtspunkte gegen- 
über: 

1 . der Vergleich des seelischen Vorgangs mit dem Durchschnitt gleich- 
artiger Vorgänge, 

2. die Beziehung des seelischen Vorgangs auf eine Forderung, eine Wertung. 



1 Dahin rechne ich z. B. die Theorien über die Ursachen der seelischen Störungen. 
1* 



GRLHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 



In der Naturwissenschaft verwendet man meist beide Gesichtspunkte, ohne 
sich ihrer grundsätzhchen Verschiedenheit bewulit zu sein. — Der Begriff 
des Durchschnitthchen ist rein erfahrungsmäßig, statistisch gewonnen.^ Hier 
ergibt die Zähhmg, daß bei irgendeiner Versuchsreihe z. 15. 50 Prozent mit 
einer Leistung von 10 — 20 reagieren, während 25 Prozent unter 10 bleiben, 
andere 25 Prozent 20 übersteigen. Es steht nun im Ermessen des Unter- 
suchers, ob er jene 50 Prozent mit der Leistung zwischen 10 und 20 als 
den Durchschnitt bezeichnen will und also folgerichtig die Leistungen 
unter 10 als unterdurchschnittlich, diejenigen über 20 als überdurchschnitt- 
liche (unternormal und übernormal, aber beide abnorm) einschätzen will, 
oder ob er die Breite der Mittelzone weiter wählt und vielleicht erst dies- 
seits 8 und jenseits 22 die Bezeichnungen abnorm verwendet. 

Erhalte ich bei irgendeiner psychologischen Zeitmessung die Werte 1,2 — 5,.'i — O.2 — 
2.2 — 4,2 — 4-2 — [\.'i — 2,ü — 6,8 — 2,6 — 3,2 — 2,8 — 3,2 — i4,4 

— 2,4 - — 16,2 — 3,6 — 3,6 — 2,4 — 4.2 und bringe ich diese Werte in eine an- 
steigende Reihe, so ergeben sich folgende Ziffern: 1.2 — 2,2 — 2,4 11 2,4 — 
2.6 2,6 — 2,8 — 3,2 — 3.2 — 3,6 — 3,6 — 4,2 — 4-2 — 4.2 — 4,2 1 5,4 

— 0,2 II 6,8 — i4,4 — 16,2. 

In dieser Reihe ist 3,6 das Stellungsmittel; ich habe es nun nach den Erfahrungen 
mit anderen Reihen und sonstigen Erwägungen mit mir auszumaclien. ob ich die Breite 
der Norm zmschen 2,6 und 4,2 annehme oder bis 2,4 und ,6.2 hinausschiebe. Im 
letzteren Fall würde ich in der Sprache wissenschaftliciier Alltagsarbeit sagen, daß der 
Wert 2,2 der Norm noch ..nahe stünde", während der Wert i4,4 zweifelsfrei abnorm sei. 

Der Lmstand, daß man über die Breite einer solchen Normalzone ver- 
schiedener Meinung sein kann, begründet die so häufig wiederholte Be- 
hauptung der fließenden Grenzen. Und in der Tat: man wird im Seelischen 
nach diesen statistischen Gesichtspunkten häufig im Einzelfalle „streiten" 
können, ob ein Phänomen schon als abnorm zu bezeichnen oder „noch 
in den Umfang des Normalen einzurechnen" ist. 

Mag der Einwand auch berechtigt sein, daß bei den seelischen Vorgängen 
im seltensten Falle von einer wirkhchen Meßbarkeit und daher von einer 
zahlenmäßig genau abzugrenzenden Mittelzone gesprochen werden kann — 
mag man in den meisten Fällen also nur auf die allgemeine unmeßbare 
Erf alirung des Forschers angewiesen sein : — die Methode ist klar. 
Dieser Abnormitätsbegriff hat nichts mit einer Wertung, nichts mit einer 
Forderung zu tun. Man verwendet ihn in der Psychologie ebenso, wie 
man etwa in der Somatologie den Tatbestand einer blauen und einer grünen 
Iris, das Vorhandensein einer überzähligen Brustwarze usw. als abnorm 
bezeichnet. In diesen Abnormitätsbegriff ragt noch an keiner Stelle der 
Begriff der Krankheit hinein. 

^lan würde irren, wenn man annähme, daß auch der Krankheitsbegriff 
nur auf derselben Basis beruhe-. Man könnte vermuten, daß bei ihm nur 
ein Neues hinzukäme, nämlich das Einsetzen einer Veränderung. Man 
könnte die Behauptung aufstellen, daß man als krankhaft einen Vorgang 
bezeichnen müsse, der eine Form oder Funktion des Körpers oder der 
Seele derart abändere, daß Form oder Funktion nach der Hypo- oder 



1 Genaueres darüber bei Rautmann (255a). 

- Mit „Krankheit'- ist hier und in der ¥o\^g nicht Krankheitseinheit, sondern Krankhaftig- 
keif gemeint. 



p.ir.iniT Di:s minop.mkn 



Hvperseile aus iler Diirchsrluiilbbroile hinausfieloii. Man würde im \ crlolg 
dieser .Meinung also als ahnorni etwa das Fehlen des I^ignientes bei 
einem Albino (angeboren, unveränderbar), als krankhaft die Zucker- 
krankiieit (Diabetes) bezeichnen (neu einsetzend, Innktionsstörend, tort- 
sehreiterul). Man könnte sich im Ausbau (Heses (ledankens vorstellen, 
dal') nicht nur für jed(^ l'unktion und Fcjrni «miu' DurchschniUsbreite er- 
tuittelt, sondern diese auch noch nach (jeschlecht und Aller abgcstinunt 
worden, und dali jede erhebliche irgendwann neu einsetzende Abänderung 
als krankhaft zu kennzeichnen wäre. Diesen Grundsatz könnte man auch 
auf die Lebensdauer ausdehnen, so dali jede Heeinträchtigung dieser Zeit- 
sj)anne als Folge einer Krankheit anzusehen wiire. 

Tatsächlich aber ragen bei der Feststellung des Inhalts des Iviankhaltig- 
keitsbegriffes in jene naturwissenschaftlichen Gedankengänge andere Ideen 
hinein, die das Leben als Wert anerkennen. Sicherlich nicht unabhängig 
\on ilen Erfahrungen über den Durchschnitt aber doch grundsätzlich anders 
orientiert, setzt sich hier der Glaube an (Muen Idoaltypus durch, der 
für das gesunde Kind, das Weib, den Mann „gilt", l'^in gewisses Optimum 
von Körperstärke, Widerstandsfähigkeit, Kraft, Energie, Aktivität usw. setzt 
man für den gesunden Mann voraus und ist geneigt, alles, was diese 
Eigenschaften \ ermindert, was also die Vitalität und Lebensdauer — den 
Lebenswert - zu beeinträchtigen vermag, als krank zu bezeichnen. — 
Mag der Idealtypus körperlicher Gesundheit noch relativ eindeutig sein, 
so wird das Ideal geistiger Gesundheit schon recht verworren. Hier ent- 



fernt sich der seelische Idealtypus schon erheblich vom Durchschnitts- 
tA.pus. Eine grolSe Zahl der Verhaltungsweisen zu den Kulturwerten spielt 
herein. Vom „rechten", d. h. vom gesunden Mann erwartet man z. ß., dali 
er seine feste Gesinnung habe und sich nicht im Wirbel wechselnder Zeit- 
strömungen leicht mitreifjen lasse. Von der „rechten" Frau fordert man 
eine gewisse Scheu, Zurückhaltung, Takt usw., und man ist geneigt, das 
gegenteilige Verhalten etwa der englischen Wahlrechtsweiber vor dem grofien 
Kriege als krankhaft zu bezeichnen. Ja, man nennt hier in der Presse 
gelegentlich schon den Namen einer bestimmten „Krankheit", der Hysterie. 
Jeder Zeit ist also die Überzeugung eigen, dafj eine Fülle der Kultur- 
einstellungen — d. h. bestimmter dieser Zeit eigentümlichen ^ erhaltungs- 
weisen zur Sphäre der Kulturwerte — als normal, die Abweichung davon 
als krankhaft (pathologisch) einzuschätzen sei^ Man löst sogar die Beur- 
teilung eines Verhaltens als krankhaft von der Persönlichkeit ab, und be- 
zeichnet eine Kulturbewegung oder eine Richtung als pathologisch. Aus 
diesem ungemein interessanten, hier aber nicht zu behandelnden Gedanken- 
kreis sei nur beispielsweise der Symptome gedacht, die den angeblichen 
Verfall einer historischen Epoche zu begleiten pflegen, wie etwa des Rück- 
gangs der Religiosität, der Vernachlässigung gesellschaftlicher Sitten, der 
Auflösung der Familie, des Aufkommens neuer (angeblich entarteter, ja oft 
als psychotisch bezeichneter) Kunstrichtungen. Hier gilt also ein Kultur- 

1 Bernhard (20) z. B. erklärt, der Verbreclier sei anormal, weil er „seilen genug ist, um 
der ('normalen) Mehrheil erlieblich zu mißfallen". (Dabei käme es also gleiclisam auf ein 
Abstimmungsergebnis an.) Er sei, wenn man das anormale Verhallen nur an der Schädiguna: 
der Gesellschaft messe, gleiclisam nur ein spezieller Geisteskranker. 



GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 



phänomen selbst als krankhaft. Man entwirft sich — je nach der Welt- 
anschauung — von dem sozialen Körper einer Zeit und seiner Entwicklung 
ein gewisses Idealschema und schätzt die Abweichungen als krankhaft ein. 
Es ist klar, daß hier kein Häufigkeits-, kein Durchschnittst}'pus mehr hinein- 
spielt: es handelt sich dabei lediglich um Wertgesichtspunkte. Man 
erlebt es nicht nur in der Tagespresse, sondern selbst in /Vrbeiten, die 
wissenschaftliche Maßstäbe für sich fordern, daß ein Arzt um ein Urteil 
über irgendeine Kulturerscheinung befragt wird, daß z. B. ein Psychiater 
ein Gutachten über den Expressionismus als krankhaftes Zeichen einer 
verfallenden Zeit abgeben soll. Welche Begriffsverwirrung! Woher soll denn 
dieser Arzt die Maßstäbe seiner Begutachtung nehmen? Mit Worten läl5t 
sich das trefflich durchführen. Man braucht ja nur vom sozialen Körper, 
von dessen Lebenserscheinungen, Krämpfen, Wehen oder dergleichen zu 
sprechen, um auch den Arzt und die Heilung bei dieser Gelegenheit leicht 
und folgerichtig einzuführen. Aber welcher Einsichtige verkennt, daß es 
sich hier nur um analogische Wortspielereien, um Feuilletons handelt. 
Der Arzt, auch der Seelenarzt, hat mit der Beurteilung von Kulturerschei- 
nungen als Arzt gar nichts zu tun. Die ganze Frage, ob ein Kulturvorgang 
als krankhaft zu bezeichnen sei oder nicht, ist müßig. Der Begriff „krank- 
haft" gehört aus diesen Gedankengängen ganz heraus^. Wenn die Zu- 
sammenstellung von Ausdrücken wie „pathologische Kunst", „krankhafter 
Mystizismus" usw. überhaupt einen Sinn haben soll, so kann er nur zwei- 
fach orientiert sein: 

1. Entweder man versteht darunter die Kunst von Geisteskranken, den 
Mystizismus pathologischer Personen, 

2. oder man will damit nur ausdrücken, daß das als krankhaft kritisierte 
Phänomen dem Ideal widerstreitet, das sich der Kritiker von Kunst, 
Mystik usw. gebildet hat. 

Es wird klar genug geworden sein, daß ich also eine Anwendung des 
Begriffes „krank" auf Kulturphänomene entschieden ablehne. Und doch 
habe ich oben zugegeben, daß der Krankhaftigkeitsbegriff nicht rein natur- 
wissenschaftlich, nicht rein statistisch begründet sei, sondern sich doch in 
die Sphäre der Werte irgendwie eindränge. Aber man beachte, daß es 
sich dabei nur um einen biologischen Wert handelt, nur um die Be- 
jahung des Wertes des Lebens, seiner Intensität und seiner Dauer. Und 
wenn das Bild vom Volkskörper und seiner Gesundheit überhaupt gebraucht 
werden soll, so kann von ihm nur als von der Summe der einzelnen 
körperlichen und seelischen Individuen die Bede sein, und von seiner 
Gesunderhaltung nur als von der Hygiene gesprochen werden. Ein Hygi- 
eniker kann als Arzt von dem Einfluß der Frauenarbeit auf den Zeugungs- 
vorgang, auf die Geburtenzahl usw. handeln, — sobald er sich aber anmaßt, 
über die allgemeine Kulturbedeutung der Frauenemanzipation als eines 



1 Man denke daran, daß Richard Wagners, daß Beethovens Musik seinerzeit für 
pathologisch gehalten %vxirde. TNicht aus der Kenntnis der Persönlichkeit, sondern 
nur der Musik (VII. Symphonie) erklärte Carl Maria von Weber: „Nun haben die 
Extravaganzen dieses Genius das Non plus ultra erreicht; B. ist nun ganz reif fürs 
Irrenhaus." (August Göllerich: Beethoven. II. Aufl., Berlin, Bard-Marquardl. S. äi.) 



HIICUIFF Di:S ABMIUMEN 



k rank ha ricii Faklors /u sprcclioii, M'rh'ilol ihn seine Selbstüberschälzuny 
zu bodiMikliihsleiu nu'thotloloj^'ischcMi Fehler, 

Ks hat sicli in der Psytho[)athoh)^'ie die (jcwohnlieit lieraus^'ohildel, das 
anirebonMi Abnorme als psvehopathisch, das erworben Krankhalte als 
psychotisch zu bezeichnen, obj^'leich die Wortbedeutung' selbst zu einer 
solchen L nterscheithinj; eigentlich nicht berechtigt. Aber es ist von ver- 
schiedenen Stantlpuiikten aus eni[)fehlcnswert, diese Differenzierung streng 
durchzuführen. Dabei darf man jedoch nicht in den l'ehler verfallen, in 
den der erste Autor geriet, der den psychopathischen Absonderlichkeiten 
oine eingehende Arbeit widmete: .1. L. A. Koch (153). Kr nannte seinen 
(legenstantl [)sycho{)athische Minderwertigkeiten, brachte also schon 
in der i' berschrift ein Werturteil, welches er hauptsächlich soziologisch 
meinte. Sachlicli ist gegen diese soziale Bewertung nicht viel einzuwenden, 
denn die überaus große Mehrzahl der Psychopathen ist sozial minderwertig, 
sei es, dafj sie direkt antisozial (kriminell) werden, sei es, daß sie als 
lebensuntüchtige hüls- und rücksichtsbedürltige Persönlichkeiten der Arbeit 
der andern nur zusehen. Aber mit dem Begriff der Psychopathie — wie 
Koch meinte — hat diese soziale Eigenschaft der meisten Psychopathen 
nichts zu tun: auch die Überbegabungen, selbst das Genie sind — wie später 
gezeigt wird — der psychopathischen Sphäre zuzumessen. Kronfeld (165 
und 164) unternimmt neuerdings den Versuch, die Beziehungen methodo- 
logischer .\rt zwischen psychologischen und soziologischen Gesichtspunkten 
darzulegen. 

Begehen schon die Fachleute den F'ehler, soziale oder sonstige Werturteile 
mit dem Abnormitätsbegriff zu verknüpfen, so ist es kein Wunder, wenn 
das Volk in gleicher Weise verfährt ^ Der Psychopath (noch mehr der 
Psychotische) wird nicht wie ein körperlich Kranker eingeschätzt: Jeder 
„Narr" hat bestenfalls nur etwas Lächerliches, meist aber etwas Verächt- 
liches und Grauenvolles an sich. Geisteskrankheit ist dem Volk eine Schande. 
Diese Auffassung hat aber keineswegs nur der Ungebildete. Auch beim 
Literaten findet man häufig den affektbetonten Versuch, die geistige Ab- 
normität eines kulturellen Führers zu behaupten, gleich als ob zugleich 
mit der F'eststellung dieser Abnormität die Persönlichkeit oder die Werke 
dieses geistig Hochstehenden verunglimpft würden. Zahlreich sind die Ver- 
suche der Kulturwissenschaftler, bei der Behandlung des Genieproblems 
von vornherein jede Erörterung der seelischen Gesundheit des Genies 
abzulehnen; jene Forscher glauben meist, den Psychiater „in seine Schranken 
zurückweisen" zu müssen. Aber diese Schranken gibt es natürlich nicht: 
alles Seelische, auch das Geniale unterliegt der Untersuchung des Psychologen. 
Nur ist es leider noch nicht Gemeingut aller Gebildeten geworden, daß die 
Feststellung geistiger Abnormität sich mit kultureller Bewertung nirgends 
und niemals berührt. 

Wie ich es soeben als einen Fehler bezeichnete, wenn F'achpsychologen 
mit dem Abnormitätsbegriff irgendwelche sozialen Urteile verbinden, so ist 
auch die Hineinbeziehung des Rasse nmomentes fehlerhaft. In der 



1 Vgl. MönkemöUer (207). 



GHl HLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 



Sprache der Psychiatrie herrscht noch vielfach das Wort Degeneration, 
Entartung ^ Auch hinter diesem Begriff steckt ein Idealtypus, eine Forde- 
rung. Aber selbst wenn in ihn keine sonstigen Wertungen einbezogen 
werden, sondern lediglich der biologische Wert getroffen werden soll, so 
ist er für die Psychopathologie wenig brauchbar. Denn es gibt trotz der 
großen modernen Vererbungsliteratur noch keine einwandfreien Unter- 
suchungen, die eine wirkliche Verschlechterung der Nachkommenschaft 
durch die geistige Abnormität der Eltern nachwiesen. Man kennt 
selbstverständlich Familien mit allmählich abnehmendem biologischen 
Wert, in denen auch geistige Abnormitäten reichlich vorkommen, 
doch sind auch Stammtafeln sehr wohl bekannt, in denen neben einzelnen 
Psychosen gar keine sonstige „Entartung" festzustellen ist. Am besten läßt 
man den unklaren und vieldeutigen Degenerationsbegi'iff aus der Psycho- 
pathologie ganz heraus 2. Die beste allgemeine Studie über Degeneration 
verdanken wir Bumke (36). Die gewissenhaftesten Sonderuntersuchungen 
über das Vorkommen seelischer Anomalien als ererbter Faktoren hat 
Rüdin (273, 274) angestellt. Seine und seiner Schüler iVrbeiten stellen 
auch die zugehörige Literatur zusammen. 

Wenn man den Versuch macht, die Fülle der Erscheinungen des seelisch 
Abnormen in eine Ordnung zu bringen, kann man nicht — gleichsam von 
außen — an das Material ein festes System von Fächern herantragen, in 
die man nun die einzelnen Erscheinungen unterbringt. Dies würde alles 
auseinanderreißen, was die r>fahrung doch vereint darbietet. Aber selbst 
wenn man bestrebt ist, die Gesichtspunkte der Ordnung dem Stoffe selbst 
zu entnehmen, läßt es sich nicht vermeiden, manches zu trennen, was 
dem Kundigen in der Natur doch zusammengehörig erscheint Ich bin mir 
klar bewußt, daß die von mir gewählte Ordnung manchen unbefriedigt 
lassen wird — bin ich doch selbst mit ihr keineswegs zufrieden. Aber 
ich fand keine bessere. Jeder Bearbeiter des gleichen Materials dürfte je 
eine andere Anordnung wählen; ein consensus omnium ist ganz unmöglich, 
denn keines dieser Systeme ist irgendwie „verbindlich". Am lebendigsten 
und anschaulichsten würde zweifellos jene Darbietung sein, die auf jede 
Systematik verzichtet und eine Folge von Essays aneinanderreiht, wie dies 
etwa Theophrast in seinen Charakterbildern versuchte, oder Pelman in seinen 
psychischen Grenzzuständen (235) in liebenswürdig anregender Weise durch- 
geführt hat. Jede wie immer geartete Ordnung rückt von der Lebendig- 
keit ab, und ich nehme daher von vornherein den Vorwurf des Kritikers 
als berechtigt, aber unumgänglich hin, daß manches in der Natur zeitlich 
einheitliche Phänomen in der hier gewählten Ordnung zerrissen wurde und 



^ Bei dieser Gelegenheit sei der sog. Degenerationszeiclien gedacht, körperliclier Ab- 
weichungen in Form oder Funktion (schlechte Zahnbildung, zusammengewachsene Augen- 
brauen, Beweglichkeit der Ohren usw.), denen man früher (Lombroso) einen großen Wert 
als Merkmalen verborgener geistiger Anomalien zuschrieb. Heute \^i^d ibre Bedeutung geringer 
eingeschätzt. Ich selbst halte sie für ganz unwichtig. 

- Vgl. das anregende, sehr persönliche Buch von Hildebrandt über Norm und Entartung, 
zu dem ich in vielfachem bewußten Gegensatz stehe (12 la). 



IU:<.IUKI' Di:s MiNUKMKN 



unler ^erschieaene^ CberschriflcM. wiederhult u.e, erkolul. •'ea.\\....n ehalt 
Oranun.^ und jode UrdnunK lul den TalsaduM. m .rgeu.l .m mn Wc. 
ewa an WeKhe der n.ö.'luluM, Ordnungen aber der Autor seinen 
""rn darbieten soll, das hängt mmmu^s ICracl^ens gerade von diesen L^m^ 

li Ich glaubte im UahnuM. <-iMe. Handbuches der ^e^glelchenden 1 s>clu - 
tie in; Ordnung widden .u sollen, die sich /u.nal für psychologisch 



.»eschulle Leser eignet 



ABNORMITÄT DES MASSES (QUANTITÄT) 

A. AUF DER GEGENSTANDSSEITE 

Seelische Inhalte und Zustände können in mannigfacher Weise abnorm 
sein. Ganz abgesehen von ihrer Bedeutung im seelischen Gesamtzusammen- 
hang können sie selbst, isoliert, vom Durchschnitt abweichen. Man kann 
ihnen meist einen Grad, eine bestimmte Intensität zuschreiben. Und 
so ist es klar, daß eben dieser Grad abnorm sein kann. Dabei richtet sich 
die Betrachtung zuerst auf jene relativ einfachen seelischen Inhalte, die (nur 
bedingt richtig) als Elemente unter anderen Elementen angesehen werden 
können: auf die Empfindungen. Kann eine Empfindung (oder ein 
Komplex solcher, eine Wahrnehmung) einen abnormen Grad erreichen? 
Der Gedanke liegt nahe, die Empfindung bliebe sich wohl gleich, es sei 
die mehr weniger intensive Zuwendung, die Aufmerksamkeitsbesetzung, die 
abnorm werden könne. Beides ist richtig. 

1. Empfindungen 

Wenn hier von der Abnormität einer Empfindung die Rede ist, 
ist nicht die Abnormität des Reizempfängers, des Sinnesorgans gemeint, 
etwa in dem Sinne, daß z. B. ein Gehörorgan auf Schwingungszahlen schon 
anspricht, die für das Durchschnittsohr als unterschwellig bekannt sind. 
Also eine Unter- oder Überempfindlichkeit des Sinnesorgans bleibt hier 
ebenso außer Betracht, wie das vollkommene Fehlen mancher Sinnesemp- 
findungen etwa bei dem extrem Rot-Grünblinden. Dies wäre ein Kapitel 
aus der Pathophysiologie der Sinnesorgane. Hier ist von jenen Tatbeständen 
die Rede, daß bei vollkommen normalen Sinnesorganen, normalen Reiz- 
leitungen und normalen Gehirnbahnen und -Zentren irgendwelche Emp- 
findungen abgeschwächt zum Bewußtsein kommen, ja in extremen Fällen 
überhaupt nicht erscheinen. Es handelt sich um das Problem der Hyp- 
ästhesie, Anästhesie, ferner um die Hyperästhesie, und endlich um die 
Verfeinerung aller Sinnesqualitäten (Hypersthenie). 

Es gibt Ausnahmezustände ^, in denen plötzlich bei nachweislich gleich- 
bleibendem Reiz die Empfindungsintensität stark zunimmt. Das (objektiv 
gleichbleibende) Rauschen eines Baches schwillt zu gewaltigem Tosen an, — 
das einförmige Zirpen einer Zikade zerreißt me mit gewaltsamen Schnitten 
die Stille der Natur, — die Stimme eines bekannten Menschen erschallt 
wie die Posaune des jüngsten Gerichts. Oder das wohlbekannte Gelb eines 
Trambahnwagens brennt plötzlich unerträglich grell in den Augen. In an- 
deren Fällen klingt das längst gewohnte Schlagen der Zimmeruhr so, als 

1 Bei akuten schizophrenen Wahncrlebnissen, in epileptischen Verstimmungen, ab 
..Aura" epileptischer Anfälle, in hysterischen Entrücktheiten, bei beginnender Narkose 
und sonstigen Vergiftungen (Fieberdelirien). Auch bei Hirn-Herderkrankungen. 



KNIPFINDINGEN. VORSTELLINGEN LND CKDANKLICIIK INHALTE 11 

käme es aus woilester Ferne, der helle Sonnenschein des Sommertages 
verändert sich wie bei einer Sonnenfinsternis, der (ieschniack einer 

sonst hevorzuij^ten Speise wird fad nnd uid)esiitninl. Solche Phänomene 
lassen sich keineswegs nur derarl auffassen, dafj man hei einer scheinbaren 
Verslärkuiip; der Intensität eine \eruichrle, hei einer Abschwächung eine 
verminderte Heachtunp: annehmen kiMiutf: der normale Mensch kann ein 
Geräusch noch so energisch beachten, es wird dadurch nie zu einem 
<lonnernden (lelöse anschwellen. Auch die Empfindungsformen (Anschau- 
ungen, Strukturen) zeigen sich in solchen aijnormen Zuständen gelegent- 
lich verändert: 

Ein wolilbokannlos Gosiclit erscheint plülzlicli verzerrt, irgendeine Gestalt sciieint 
zerstört z»i sein. Oder die Gegenstände des Zimmers, in dem ich mich befinde, sind 
ganz weil weg. gleich als ob icli sie durch ein umgekehrtes Fernglas betrachte (M i - 
kropsie). Der Löffel, mit dem ich in der Teetasse umrühre, wäclist plötzlich an. 
als wolle er das ganze Zimmer erfüllen, — und doch werde ich in diesem Augenblick 
keinesweg^^ an dem Eindruck irre, daß es ein Löffel ist (Makropsie). Auch die 
eigenen Körperempfindungen können sich derart verändern: die Mundhöhle nahm 
riesige Dimensionen an, die Hände erschienen auf die 3 — '» fache Größe gewachsen l. 
Ob sich dabei ein im allgemeinen angenehmes oder peinliches Ergebnis herausstellt — 
die einfachen Töne eines Kinderliedes werden zu unendlicii schönem Sphärengesang, 
das Tropfen der Wasserleitung dünkt dem Fiebernden wie eine Folge von Explosionen — 
hängt wohl von der begleitenden Grundstimmung ab, z. B. von der Euphorie manciier 
Vergiftungen. 1 ' I 

In anderen Fällen kann man weniger gut sondern, was vom Erlebnis 
wirklich in der Empfindung begründet liegt, und was nur der Aufmerk- 
samkeitszuwendung entstammt. \\ enn man in Zuständen starker Ermüdung 
eine große Abschwächung mancher ^^ ahrnehmungen, ja schließlich für ge- 
wisse Qualitäten eine völlige Unansprechbarkeit (Anästhesie) erlebt, so 
dürften hierbei wohl beide Komponenten, die Empfindungen selbst und 
die Schwäche der Zuwendung beteiligt sein -. Hiervon wird später bei dem 
Kapitel der Beachtung nochmals die Rede sein. 

2. \orstellungen und gedankliche Inhalte 

Von den Vorstellungen, den mnestisch ekphorierten Empfindungs- 
inhalten, gilt das gleiche: auch ihre Intensität kann über- oder unterdurch- 
schnittliche Grade erreichen. Es ist ja eine wohlbekannte Tatsache, daß 
gegenüber den Originalempfindungen die wiederbelebten Engramme weniger 
merkmalreich, abgeblaßter, verschwommener, weniger vivid erscheinen. Es 

1 Schilder (279) S. i^. — Eine Kranke Josefsons (1A6): ,.Das Zimmer wird so 
groß", sie findet ,,den Arzt so hocli, sein Gesicht so vergrößert". Es iiandelt sich 
dabei übrigens nicht etwa um Akkonmiodafionsslörungen. — Ein Fall Oppenheims (zitiert 
von Josefson 1/46) sah die Menschen konvex oder konkav. Baudelaire beschreibt im 
Haschischrausch sehr klar eine Mikropsie: er sieht die Schauspieler auf der Bühne außer- 
ordentlich klein und von einer scharfen, sorgfältigen Kontur umrissen. Trotz ihrer 
Kleinheit konnte er an ihnen die subtilsten Einzelheiten unterscheiden, selbst die Linie, 
welche die Perückenstim von der richtigen trennt. (Werke II, Minden. Bruns. S. /j5 
u. 46). — Vgl. femer Sittig (997a), Fischer (6:>a u. b), Heilbronner (lolb). Liebscher 
<i78a). 

- Auch das Ausbleiben der Ermüdungsempfindungen jjei großen Affekten, z. B. bei 
Tobsuchtsszenen. Tanzepidemien usw., geiiört zum Teil hierher. 



]2 GilLIILE: PSYCHOLOGIE DES ABNOIIMEN 



ist hier nicht der Ort, auf die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Emp- 
findungen und Vorstellungen und die Streitfrage einzugehen, ob beide 
gradweise oder grundsätzlich verschieden seien ^. Jedenfalls gibt es Per- 
sönlichkeiten, die die Fähigkeit haben, je nach ihreni Willen ihren \ or- 
stellungsbildern eine besondere Lebhaftigkeit zu verleihen, — eine solciie 
Lebhaftigkeit, dafS sie selbst das Unterscheidungsvermögen dafür verlieren, 
ob sie Gebilde ihrer Einbildungskraft oder der Wirklichkeit vor sich haben. 
Ich denke dabei nicht nur an jene Menschen, von denen die Sprache des 
Alltags sagt, daß sie eine besonders lebendige Phantasie besäßen, sondern 
an jene Psychopathen, die unter ihren lebhaften \ oi-stellungen wie unter 
Sinnestäuschungen leiden^. Ein Gefangener, dessen Lebensweise durcli die 
Verhaftung eine völlige Umwandlung erfährt, der allem Verkehr entzogen, 
der körperlichen Bewegung beraubt, ohne Anregung bei veränderter Er- 
nährung in der Einzelhaft dahinvegetiert, glaubt allmählicli nicht nur, aus 
den seltsamen Geräuschen der Strafanstalt alles mögliche „herauszuhören" 
(Pareidolien), sondern seine erregte VorstcUungstätigkeit zaubert ihm 
schlieiSlich leibhaftige Gestalten ins Zimmer, auf die er vielleicht mit er- 
hobenem Wasserkrug angsterfüllt losschlägt (Verfolgungswahn der hysteri- 
schen Haftpsychose), oder die ihn in seiner Einsamkeit trösten und ihm 
wunscherfüllend glücklichere Zeiten herbeizaubern. Man erinnere sich etwa 
der Szene aus Benvenuto Cellinis Kerkerhaft^. 

Der englische Dichter und Zeichner William Blake enlnalini die j\Iüti\e zu seinen 
Zeichnungen seinen Gesichten, war sich aber bewußt, daß diese wiederum seiner hef- 
tigen Einbildungskraft entstammten. (Freimark 75.) — Eine Kranke erzählt, si& 
habe im Halbdunkel einen Strauß von Ginsterblüten auf dem Tische stehen sehen. 
Sie hab(! sich nun so lange und so lebhaft vorgestellt, daß dies Kirschblüten seien, 
bis sie die Kirschblüten nicht nur, trotz der völligen Dunltelheit, ganz klar und lielt 
gesehen, sondern auch deren Duft deutlich gerochen habe. (Psych. Klinik. Hcidelijerg. 
Mila Schild. i3. Mai iQiS.) — Oder man denke der Worte Flauberts: ,,Die Gestalten 
meiner Einbildungskraft affizieren mich, verfolgen mich, oder vielmehr ich bin es, 
der in ilinen lebt. Als ich beschrieb, wie Emma Bovarj vergiftet wird, hatte ich einen 
so deutlichen Arseniligeschmack auf der Zunge, war ich selbst so richtig verglflcl, 
daß ich hintereinander davon zwei Indigestionen akquirierle, zwei reelle IndigcstioniMi; 
denn ich habe mein ganzes Diner wieder von mir gebrochen ^". 

Manche Psychopathen geben sich ihren Wachträumereien jedesmal hin, 
wenn die Außenwelt ihnen nur Unerfreuliches beschert. Sie ziehen sich 
dann ganz in ihre Phantasien zurück. Bei einem Falle konnten Bouman 
und Grünbaum (31) interessanterweise feststellen, daß ein solcher stark 
Phantasiebegabter bei der Reproduktion visuellen Materials keineswegs 
Gutes leistete. — An die oft überaus lebhaften Vorstellungen der Kinder sei 
hier nur erinnert^. 

„Ich konnte lange nicht einschlafen, da betrachtete ich mir die im Zimmer hängenden 
Bilder. Die nahmen plötzlich alle Gestalt an, auch der Spiegel, Steckkontakt, Wasser- 
flasche, und kamen auf mein Bett zu. Als ich versuchte, mir die Gestalten zu ^er- 



^ Ich persönlich schließe mich im wesentlichen Stumpf (3i3) an und teile weit- 
gehend die Meinungen Semons (290, 291 u. 292). 

2 Vgl. auch das altmodische aber interessante Buch von llil^bort (119). 

^ Rüdins Begnadungswahn (272). 

* Zitiert nach Dilthey {l^g, S. 21). 

^ Siehe auch Ribot (26/1). 



NOnSTELM NGKN L.ND T.KD WkLICHi: IMIAMi: \3 

virUlclicii. da icli in ümon liokannlc (ie^iclilcr zu onhlerkpii ifl.iiiblo. wlclion sio zurück, 
l'ckamni zum Teil plattgodrückf«' Stimm, larijffc Nasen, jranz hohe Stinicn. Köpfe gaiu 
ohne HaU. rlünne Leiber, zu kurze Beine. Die GestalU-n lacliten tnirh aus, »treckten 
mir i|ie Zunge» heraus uufl hefen alle H.ind in Hand." (Ein Kall aus der Psvrhüitr. 
Klinik, Heidelberg.) 

.Man pflegt solche überlebendigcii ^ orslellungen als reine oder illusionäre 
Pseudohalluzinationen von den echten Sinnestäuschungen zu son- 
tlern. Und in der Tat kann man in vielen Fällert letztere als andersartig 
luilerscheiden : sie sind leibhaftig, stehen mir objektiv gegenüber und fügen 
sich in den umgebenden Sinnesrauni ein, ähnlich, wie wenn ich ein fremdes 
I5ild in ein wohlbekanntes Zinniier hänge. Demgegenüber haben die 
Pseujlohalluzinalionen nicht jene Leibhaftigkeit, sie erscheinen mir irgend- 
wie als meine (lebilde und pflegen die Sinneseindrücke des Aufjcnraums 
ganz zu verdrängen. Freilich gibt es eine große Zahl von Fällen, in denen 
die l'ngewandtheit der ausgefragten Person eine Entscheidung verhindert, ob 
1. echte Sinnestäuschungen oder 2. Lmdeutungen der wirklich vorhandenen 
Heize der .Vul^enwelt (sogenannte Illusionen oder Pareidolien) oder 3. Pseudo- 
halluzinationen vorliegen. In anderen Fällen mischen sich aber alle drei 
Phänomene tatsächlich, so daß eine Analyse selbst bei feinster Selbst- 
beobachtung unmöglich ist*. 

Auch an die überaus lebhaften A orstellungsinhalte im Traume sei hier 
erinnert. Schwächliche psychopathische Kinder träumen oft mit solcher 
Lebendigkeit ängstliche Szenen, daß sie schweißbedeckt, zitternd und 
schreiend aus dem Schlaf in die Höhe fahren (Pavor nocturnus)-. 

..Es kam mir nämlich vor. als ob ich durch einen Luftballon, der allmählich an 
Ausdehnung zunähme, in die Luft gehoben «öirde, hierauf aber, wenn ich bis an die 
Sterne gekommen, der Ballon platze und ich zur Erde stürze, worüber icii dann 
in unglaublicher Angst ein heftiges Geschrei ausstieß." (Z. f. Anthropologie iSaö. 
Heft 3, S. 174.) 

Nicht im Sinne der großen Leibhaftigkeit einzelner, sondern im vorzüg- 
lichen leichten, freien und raschen Ablauf aller Vorstellungen äußert sich 
eine andere Anomalie, die von Zuständen außerordentlicher Gefahr, unmittel- 
barer Todeserwartung beschrieben worden ist. Bei Erdbeben z. B. beob- 
achtete man solche Vorstellungserleichterungen, und Livingstone erzählt von 
dem Augenblick, als er unter dem Löwen lag. Ähnliches (Baelz, 8). 

Eine Abnormität der Intensität ^ der Vorstellunsren nach der negativen 
Seite kommt vor allem in Zuständen der Erschöpfung und Schwermut vor. 



1 .\nders Jaspers (i3g — i4o). Auf seine Ansichten geht auch Stumpf ein (3i3). 
M i.i erinnere sich des Versuches von Perky (236), der an die Stelle einer lebhaft 
^fn einstellten Orange allmählich das reale Bild einer wirklichen Orange treten ließ, 
oiine daß die Versuchspersonen dies gewahr wurden. 

- Über Träume vgl. das populäre, alle ernsteren Probleme vermeidende Werk des 
selir belesenen Sanctis (277). Siehe auch S. 37 und 75. Vgl. ferner die Alpträume 
(C!ubasch [4ia], Röscher [268a].) 

^ Ich übersehe keineswegs, daß das Wort Intensität in diesem Zusammenhange viel- 
dfulig ist, doch kann seine Abgrenzung von Lebendigkeit, Vividität usw. hier wegen 
Raummangels nicht erfolgen. Siehe dazu Stumpf (3i3) und Semon (290 — 291). — 
Hibl>ert (119) spricht schon 1825 von der Vividness. Die Ideas seien less intense, 
lest vivid or fainter als die sensatlons. Vgl. auch Linke (i8'i) an mancherlei Stellen, 
besonders S. 43 u. 170. 



14 GIIUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Die melancholischen Kranken klagen darüber, daß sie nicht melir imstande 
wären, sich iliren Mann, die Kinder, das Haus vorzustellen. Alles schwebe 
wie in einer unendlichen Ferne, unbestimmt, unklar, verschwommen. Selbst 
einfache Sinnesqualitäten, wie die Farben, sind nicht mehr ekphorierbar: 
„Ich weiß gar nicht mehr, wie es in der Welt ausschaut." 

Bei den soeben erwähnten Fällen von Abnormität der Intensität von 
Vorstellungen hatte ich Zustände im Auge, die als Ausnahmezustände dem 
gewöhnlichen Vorstellungsablauf gegenüberstehen. Das Vorstellungsleben 
kann jedoch auch an einem ganz anderen Maße gemessen abnorm sein. 
Der durchschnittlich Begabte bringt die Disposition mit auf die Welt, sich 
einen gewissen Schatz von Vorstellungen zu erwerben. Diese Dispositionen selbst 
können nun aui^erordentlich dürftig, die schließlich erworbenen Vorstellungs- 
inhalte können ungemein gering und kümmerlich sein. Zahlreiche, von 
Geburt schwachsinnige (imbezille, debile) Persönlichkeiten vermögen sich 
viele Vorstellungen gar nicht zu erwerben, sie sind, wie schon die Luthersche 
Bibelübersetzung es treffend benennt, geistig arm ^. Man verstehe dies nicht 
so, als wenn das Wesen ihres Schwachsinns allein in der Vorstel- 
lungsarmut beruhe; es kommen selbstverständlich auch Defekte der 
Denkvorgänge usw. hinzu. Aber jener Mangel an Quantität ist doch eines 
der wichtigsten Kennzeichen. Man denke dabei auch des Taubstummen, 
dessen geistige Struktur schon deswegen meist unternormal bleibt, weil 
ihm sein Gebrechen eine Fülle der geistigen Erwerbsmöglichkeiten unter- 
bindet". 

Schließlich gehören aber auch jene Gedächtniskünstler^ hierher, 
die sich eine solche Fülle von Inhalten einzuprägen vermögen, daß der 
Durchschnittsmensch wie vor einem Wunder befangen steht. Wenn Herr 
Dr. Rückle im Kopfe 53116 in 4 Quadrate zerlegen kann, wenn Diamandi 
aus 2000 gelernten Zahlen z. B. die 310. herzusagen vermag, wenn Inaudi 
6241x3635 im Kopfe in 21 Sekunden richtig ausrechnet, so sind diese 
Gaben natürlich abnorm. — Solche Spezialgedächtnisse finden sich gelegent- 
lich auch bei Personen, die im übrigen minderbegabt, ja schwachsinnig 
sind. (Interesset>pen [Van der Kolk, 159, und Wizel, 327]). 

G. E. Müller (215) bringt in seinem dreibändigen W^erk über das Ge- 
dächtnis ein großes Material dieser Cberleistungen des Merkens und ilirer 
verschiedenen Typen zusammen. (Siehe dort auch die neuere Literatur.) 
Es ist eigentlich kein abnormes Phänomen, sondern eine normale Erschei- 
nung, daß im Alter eine große Zahl der Vorstellungsinhalte unerweckbar 
wird: das Gedächtnis nimmt ab. Insofern dies darauf beruht, daß der 
Akt der Erweckung eines Gedächtnisinhaltes geschädigt ist, gehört dieses 
Moment nicht hierher. Aber die Vorräte selbst gehen allmählich verloren. 
Mir sind keine genaueren Untersuchungen darüber bekannt geworden, ob 
im Senium die Inhalte selbst dahinschwinden oder nur ihre sprachlichen 



1 Es findet sich auch bei sonst guter Entwicklung isoliert ein mangelhaftes „Gedächt- 
nis" für geschriebene und gedruckte Wortbilder. Vgl. Schröck (285) mit guten. 
Literaturangaben und eigenen Fällen. 

'^ Über den sogenannten moralischen Schwachsinn siehe S. 25. 

3 Das Buch von Offner (282) bringt nur sehr wenig Abnormes. 



VORSTELLUNGEN UND GEDANKLICHE INHALTK 



Syinbolt*. Die allfiiMiu'inc, iiichl an j^ciiaurr wissoiiscliaftliclicr l'orsclniiii,' 
orionticrli' l!iraliriiiig sdiciiit dal'ür /u sproclipii, dal') die sp rac li 1 iclic ii 
\ orstelluDfrsiidialte zuerst auslallcii. Anlangs sind es die Bezeichnungen 
für die relativ selten wiedcrkelirendeii (und also wenig geübten) Inhalte die 
J'^igeiiiianien - , welche verlorengciien, dann iolgen die sonstigen llaii|ilwürter 
und die l'ligenschattswörler i'ür Atischaiilichcs, daiui die für l nanschauliches, 
ferner die Zeitwörter, Präpositionen, l\t)njunktionen, (Grußformeln. Hihot 
nennt diese Hegel die I^i de la rcarcssion ; sie besagt das eigentlich Selbst- 
verständliche, dalj das wenigst Geübte (Eigennamen und jüngst Ivrworbcnes) 
zuerst zugrunde geht. Nicht nur im Alter, auch durch mancjie lukran- 
kungen des Ciehirns verschwiiulen viele (ledächtriisiidialte allmählich ^ Aber 
es kommt auch vor, dal') das (ledächtnis [)lötzlich eines Teiles seines 
Materials beraubt wird. Es finden sich dann Lücken in der l">innerung 
an den zeitlichen Ablauf der Erlebnisse, die ganz scharf umgrenzt sind 
(zeitliche Amnesie). Es handelt sich dabei stets um schwere plötzliche 
Schädigungen des Gehirns, teils durch innere (Gehirnblutung), vor allem 
aber durch äußere Umstände (Gehirnerschütterung, Schädelbruch). Das 
Interessante dabei ist nicht der Umstand, daß vom Augenblick der Schädi- 
gung an sich nichts Neues mehr einprägt. Denn der Radfahrer, der eine 
bergab führende Straßenkurve falsch genommen hat und mit dem Kopf 
gegen eine Mauer geprallt ist, ist von diesem Augenblick ab natürlich 
bewußtlos: er nimmt keine neuen Eindrücke mehr in sich auf, und es 
ist selbstverständlich, daß er für die Zeit vom Unfall bis zum Erwachen 
aus seiner Bevvufitlosigkeit keine Erinnerung hat (einem Narkotisierten 
vergleichbar). Interessant ist vielmehr, daß auch die Ereignisse, die dem 
Sturz unmittelbar vorausgingen, häufig ganz vergessen worden sind (retro- 
grade Amnesie). So vermag er sich z, B. nicht mehr daran zu erin- 
nern, von welchem Ort er denn am frühen Morgen weggefahren ist, wo 
er zuvor übernachtet liatte usw. Alles weiter Zurückliegende ist ihm jedoch 
dann wiederum wohlbevvußt^. Ganz andersartig sind jene Amnesien zu 

1 Arteriosklerose des Hirns, progressive Paralyse u. a. Diese Kranken pflegen 
dio zahlreichen Lücken ihres Gedächtnisses dann häufig durch hcHebige, immer 
wechselnde kleine Erfindungen auszufüllen, sogenannte Konfabulationen. 

Es ist höclist seltsam, wie Schopenhauer auf den Störungen des Gedächtnisses eine 
Theorie des Wahnsinns aufhaut (Welt als Wille und Vorstellung. II, S ■^'■. nnd JII. 
S 36): Die eigentliche Wurzel des Wahnsinns sei die Störung des Gedächtnisses. 
Dio Gesundheit des Geistes bestehe vor allem in vollkommener Rückerinncrung jedes 
edgentümlichen oder bedeutsamen Vorganges. Werde die Verbindung des Gegenwärtigen 
mit dem Abwesenden und Vergangenen, aus welcher allein ein lückenloses und richtiges 
Weltbild hervorgehe, zerstört oder verfälscht, so trete jene Erscheinung ein, die \vir 
Wahnsinn nennen. Der Faden des Gedankens sei zerrissen, der fortlaufende Zusammen- 
hang sei aufgehoben, keine gleichmäßig zusammenhängende Rückcrinnenmg der Ver- 
gangenheit sei möglich. Die Lücken der Rückorinnerung würden mit Fiktionen aus- 
gefüllt, die entweder, stets dieselben, zu fixen Ideen würden: dann ist es fixer Wahn, 
Melancholie; oder jedesmal andere sind, augenblickliche Einfälle, dann heißt es TNarr- 
heit. — „Meine vieljährige Erfahrung hat mich auf die Vermutung geführt, daß 
Wahnsinn verhältnismäßig am häufigsten bei Schauspielern eintritt." (1) 

'■^ Man stellt sich vor, daß die Gehirnerschütterung besonders diejenigen Engramme 
au.slöscht, deren ,,Spur" noch sehr jung, frisch war. Welche materiellen Vorgänge 
solchen ,, Auslöschungen" zugrunde liegen, kann nicht einmal geahnt werden. Vgl. zu 
den organischen Amnesien auch das alte Werk (1822) von Prichard (a^o). 



16 CnVULE: PSYCHOLOGIE DE? AB^^OR^tE^ 

beurteilen, bei denen nicht eine Zeitstrecke, diese über mit allen ihren 
Inhalten, ausgelöscht ist, sondern bei denen ein innerer Erlebniszusaramen- 
hang (ein Komplex) vergessen worden ist: z. B. alles, was im Leben einer 
Frau mit ihrem Geliebten zusammenhängt. Hierüber wird später bei der 
Frage der psychogenen yVusschaltungen gesprochen werden. 

Es ist seltsam und dabei nicht unwichtig für die Lehren der Psycho- 
logie des Normalen, daß gelegentlich nicht die Gedächtnisinhalte selbst 
verlorengehen, sondern in sich nur gleichsam eine Unordnung erfahren. 
AVenn man in solchen Fällen auch nicht eigentlich von einer Abnormität 
der Quantität oder Intensität reden kann, so liegt doch auch keine eigent- 
lich qualitative Änderung vor. Nur die V o r s te 1 1 u n g s f o r m e n sind gestört, 
die raumzeitliche Anordnung, die Struktur hat gelitten. So erwähnen die 
Sjjezialstudien gern das Beispiel Ludwig Tiecks. 

Tieck ging: von Berlin aus seiner Braut entgegen, die von Hamburg zurückkehrtr-. 
Bei einer \A aldschenke jenseits Tegel wollte er sie erwarten. Allein schon ehe er diesen 
Ort passiert hatte, sah er in erregter Stimmung die Schenke. Zwar lag sie auf dei* 
unrechten Seite der Straße; allein sie war so deutlich, der bekannte Wirt stand unter der 
Tür, die Hühner liefen auf dem Hofe, daß er nicht weiter zweifeln konnte. Di 
er keinen Steg über den längs der Straß© laufendjen Graben fand, entschloß er sich 
7um Sprunge, und erst, als er nach zu kurzem Sprunge im Graben lag, verschwand die 
Erschednung. Das Bild war offenbar von der aufgeregten Phantasie hervorgebracht: 
aber es erschien nur an' einer bestimmten Stelle, was oFine Zweifel durch eine 
passende Umgebung und durch den richtigen Ton des Hintergrundes vermittelt wurde '. 

Man kann die Störungen in der Struktur (Gestalt) von Yorstellungs- 
komplexen deshalb nicht scharf von denen der Wahrnehmungstrukturen 
trennen, weil in die letztere stets die früher erworbenen ^ orstellungen mit 
Eingehen (in einer Weise, die hier nicht näher erörtert werden kann 2), 
Es ist interessant, daß im wirklichen Erleben irgendwelche Eindrücke ganz 
richtig einander zugeordnet sein konnten, aber in der Erinnerung steht 
dann alles auf dem Kopf (Paramnesie a images rer\versees). Es handelt 
sich z. B. im Falle Jules von Lemaitre (172, S. 115) um ein Erlebnis des 
flejä vii (siehe später), bei dem der Kranke glaubt, die im Augenblick 
erlebte Situation schon einmal erlebt zu haben, aber mit allen umgekehrten 
Einzelheiten („les enfants ayant la tefe en bas, le pied des arbres et l'herbe 
etant en l'air" usw,)^. 

Auch ein Fall Janets gehört hierher^: (135) Eine Frau glaubte bei allen 
ihren Körperbewegungen verkehrt zu gehen 'oder umgekehrt bewegt zu 
werden. Alles kam ihr rechts und links vertauscht vor. Beim Laufen schien 
es ihr also, als ginge sie umgekehrt. Bewegte sie sich nicht, oder war sie 
in fremder Umgebung, so fiel das seltsame Phänomen weg, — Auch 
manche Medien (Flournoy, 66) verlieren im Ausnahmezustand die Orien- 
tierung über die Körperlage und über rechts und links. Wenn man Flournoys 
Helene z. B. in den rechten Zeigefinger stach, bewegte sie den linken. 
^AUochirie). — Eine seltsame Drehung der Objekte in der Horizontalen um 
180" beschreibt Pick (246 a) bei Geisteskranken. 

1 INaegeli, S. 53o (221). Siehe auch den Fall von Saint-Paul, zitiert von Pickh'it). 

- Über die Vorstellungstopik der Blinden vgl. Müller (aiS), II, 35o. 

3 Vgl. auch Müller (2i5), II, S. n8. 

* Vgl. auch Müller (2i5), II, S. 207. 



\()USTF:LLrNGi:>' l ND GKDANKLICIIE IMIALTi: 17 

Teils in Beziehung zur geistigen Armut, teils zur Pathologie des Gestalt- 
charakters stehen die Abnormitäten des Erwerbs der „Zahlmomcnte" und 
die Störungen des Opericrens mit Zahlen. Auch in den sogleicli noch zu 
erörternden Agnosien und Agraphien haben die Zahlen ihre Sonderstellung. 
Einen \ ersutii, in die Psychopathologie des Zahlenverständnisses einzu- 
dringen, macht Otto Sittig (297). 

L nter besonderen körperlichen Umständen kann es dahin kommen, daß be- 
stimmte einzelne Vorstellungen oder Gruppen solcher verlorengehen, die zu den 
Sinnesorganen oder zu den ßevvegungsmechanismcn nahe Beziehungen haben. 
\ or allem ist hierbei der Sprache zu denken. Es geschieht, daß bei völlig 
normal arbeitendem Gehörorgan plötzlich der Sinn des Gehörten entfällt 
(sprachliche Agnosie [Pick 246b, Knauer 152b, Liepmann 179j). Die Be- 
deutung der deutlich vernommenen Worte ist verloren gegangen. Es ist, als 
wenn der Erkrankte eine ihm unbekannte Sprache sprechen höre. Diese 
Störungen (sensorische Aphasien) sind sehr vielgestaltig, und es würde den 
Rahmen dieser Abhandlung völlig sprengen, wollte ich näher auf dieses Gebiet 
eingehen. So gibt es Fälle, bei denen der Ivranke nur einzelne Worte (be- 
sonders anschaulichen Inhalts) nicht mehr versteht; dann findet man andere 
Kranke, die den Sinn des Zusammenhangs der gehörten Rede durchaus nicht 
mehr begreifen können, obwohl sie noch ein Urteil darüber haben, ob die 
Reden z. B. französisch oder deutsch sind, und endlich kommen Erkrankungen 
vor, bei denen die gehörte Sprache sinnlos wie ein Geräusch der Natur 
zum Bewußtsein kommt. Bei manchen Kranken hat neben der Verständnis- 
störung der gehörten Rede (oder auch allein) der „Sinn" für Musik Schaden 
gelitten: sie vermögen nicht mehr eine Melodie als diese Melodie zu er- 
kennen, oder sie vermögen nicht die einzelnen Töne zu einer Melodie zu- 
sammenzuschließen (Amusie ^). 

Ein Leser, dem die systematisch genaue Einordnung der Phänomene 
sehr am Herzen liegt, könnte hier einwenden, daß solche Erscheinungen 
doch zur Pathologie der Empfindungen gehören. Er würde irren, denn 
die Empfindungen treten hier richtig in den seelischen Gesamtzusammen- 
hang ein; was hier gestört ist, ist etwas hinzukommendes ^ orstellungsmäßiges: 
die assoziierten Engramme des Sinnes der Worte. Ähnlich ist es auf dem 
Gebiete des Optischen: es gibt Störungen, bei denen das Auge in jeder 
Weise richtig funktioniert, bei denen aber die Zuordnung der ^ orstellungs- 
inhalte zu den Wahrnehmungsinhalten wegfällt : ein bestimmter Form-Farb- 
Komplex wird zwar optisch aufgenommen, doch bleibt die sonst als selbst- 
verständlich verknüpfte ^ orstellung (z. B. „Tisch") aus. Die ganze optische 
Welt ist plötzlich sinnlos, unverständlich. Auch ein Erfassen und Merken 
der Gestaltkomplexe ist oft nicht mehr möglich (Seelenblindheit, Gestalt- 
blindheit) -. Es sind Fälle beschrieben, bei denen nur in einem Teile des 



^ Vgl. Idcrzu Förster (71), Alt (4l>), Rohardt (268), Mingazzini (208) mit l\8 Litcralur- 
angaben, Bronislawski (33), Edgren (56), und von der älteren Forschung (mit guten 
Literaturangaben bis 1899) Probst (25o). — Femer Knauer (i52a). 

2 Vgl. liierzu Henschen (11. 'ja), Pick (2/|6b"), Adler (ra), Liepmann (182a) und 
besonders Slauffenberg (3o^) mit iTk) Literaturangaben, auch Mann (i()^) nnd Gold- 
stein (87). — Ferner Redlich-Bonvicini (258 u. 25g), Bychowski (38), Albrecht (2) 
zum interessanten Problem des Fehlens der Walirnehmung der eigenen Blindheit. 

2 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



18 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 



Gesichtsfeldes die Erfassung der Bedeutung der Wahrnehmungsinhalte 
Schwierigkeiten macht, obwohl das Sehorgan und seine rücklaufenden Nerven- 
bahnen unverändert sind^ 

Ja, CS kommen sogar Erkrankungen vor, bei denen nicht die Auffassung der 
räumlichen und bedeutungsmäßigen Qualität in bestimmten Bezirken des Gesichtsfeldes 
Not gelitten hat, sondern bei denwi die Aufmerksamkeit den Objekten dieser Bezirke 
nur mangelhaft zugewendet werden kann. Z. B. zeigte sich einmal bei großer Enge 
der Aufmerksamkeit (ohne Seelenblindheit) eine Einschränkung des Aufmerksamkeits- 
feldes nach rechts um 35 — '40^ bei normalem Gesichtsfeld '-. 

Gelegentlich vermag ein Ivranker zwar Gegenstände seiner Umgebung und 
allerlei Abbilder richtig zu erkennen, doch versagt sein Verständnis teilweise 
oder vollkommen gegenüber der Bedeutung von geschriebenen Worten und 
Sätzen (Alexie). Vielleicht erkennt er noch die Tatsache, daß bei einem 
Wortzusammensetzspiel das eine Wort mit dem großen Anfangsbuchstaben 
an den Anfang des Satzes gehört, oder er erkennt noch die Symbolbedeu- 
tung eines Wappens: die Sinnbedeutung von Worten selbst vermag er je- 
doch nicht mehr zu vollziehen^. Auch die Färb Inhalte können in seltenen 
Fällen isoliert, zerstört oder vielmehr von den ihnen erfahrungsgemäß zu- 
geordneten Vorstellungen geschieden sein^. 

Auch in der Körperempfindungssphäre können solche Störungen 
erscheinen. Die einzelnen Berührungs-, Druck-, Schmerz-, Temperatur-, 
Spannungsempfindungen usw. sind peripher durchaus vorhanden, aber ihre 
zentrale Zuordnung bzw. Bedeutung ist gestört^. Der Erkrankte erkennt 
nicht mehr, was ich ihm, dessen Augen verbunden sind, für einen Gegen- 
stand in die Hand gedrückt habe (Stereoagnosie). Für Geruch und Ge- 
schmack gilt Ähnliches. 

In anderen Fällen haben die Bewegungsvorstellungen Not gelitten^: 
der Kranke vermag vielleicht vorgesprochene Worte richtig zu wiederholen, 
aber er ist außerstande, selbsttätig die Worte für vorgezeigte Gegenstände 
zu finden, obwohl er sehr wohl weiß, was es für Gegenstände sind. Ein 
anderer ist nicht mehr fähig, aus eigner Initiative zu sprechen ; er vermag 



1 Lenz (175) und Mann (igS). 

~ Vgl. Balint (6). Freilich gehört diese Störung eigentlich nicht in diesen Zu- 
sammerJiang. 

^ Schröck (285; über angeborene Wortblindheit. Heilbronner (lol). 

* Eine Übersicht über die gesamte neuere Literatur dieses Problems gibt Sittig (296). 
Man muß die Farbamnesie von der Farbennamenamncsie unterscheiden! — Siehe auch 
G. E. Müller (2i5), II, 639 ff., Adler (la). 

Lewandowsky (177) beschreibt einen solchen Kranlcen, der zwar zu gezeigten 
Gegenständen die Farben spraclilich imd aus einem Farbenkasten auswählend be- 
zeichnen konnte, der aber »sofort versagte, wemi z. B. die Frage an ihn gestellt 
wurde, was eine (nicht gezeigte) Erdbeere für eine Farbe habe (nicht nur sprachlich). 
\\eder für vorgelegte noch für genannte Farben vermochte er passende Objekte zu 
benennen. Laubblätter und Siegellack schienen ihm in der Erizinerung gleichfarbig zu 
sein, während er sich des Helligkeitswertes von irgendwelchen Gegenständen sehr 
wohl zu entsinnen vermochte. Das Wiederkennen von Farben war erhalten und auch 
die nitclianisch eingelernten Versehen (,,b]au blüht ein Blümelein") waren in der 
Erinnerung geblieben. 

5 S. Frank (7^), Bing und Schwartz (26). 

ö i;ber das Problem der Bewegungsvorstellungen vgl. Fuchs (83a). 



AGNOSIEN. APIIASIEN. APRAXIEN 



19 



/. B. dem Fragenden nicht zu antworten, wie man das Tier nenne, welches 
belle und nachts das Haus bewache. Aber in dem Augenblick, in dem ich 
ihm das Abbild eines Hundes vorweise, findet er richtig den Namen „lliuid". 
Kin besonders schwer I->kraiikter endlich ist auch dieses HiHsiiiiltcls be- 
raubt, er kann weder sprechen noch nachs[)rechen und bringt viclioicht nur 
noch einzelne Laute als einzige S[)rachreste henor (motorische Aphasie). Man 
verwechsle diese Störungen nicht mit jenen des \ ergessens, bei denen ingröljercm 
Umfange das gleiche geschehen ist, was uns oft einmal passiert, wenn uns 
ein Name (vielleicht für ein Tiroler Dorf, das wir früher oft besuchton) 
entfallen ist (amnestische Aphasie). Hier in den eben geschilderten Fällen 
handelt es sich nicht um ein solches Vergessen, handelt es sich also auch 
nicht um das „Sich-nicht-besinnen-Können" (darüber später), sondern hier 
ist der Bewegungsentwurf, der Sprachentwurf gestört. Die betreffenden 
Bewegungsvorstellungen sind dem erweckenden Akt nicht verfügbar. Wenn 
man bedenkt, dafj folgende Hauptformen möglich sind, daß sich diese aber 
auch noch mannigfach kombinieren können, wird man ermessen, wie viel- 
gestaltig die Störungen sind. 

Tabelle I. Schema der Sprachstörungen: 



Psachspreclien 




Spontansprechen 




Sprachverständnis 


+ 




4- 









+ 




+ 




+ 


nur wenn zugleich gelesen 
wird 


-f 




+ 




+ 


nur wenn selbst geschrie- 
ben wird 


+ 




4- 




+ 


nur wenn zugleich mit 
gesprochen wird 


+ 




— 




+ 




i- 




+ 


nur wenn Gewohntes re- 


+ 




-j- nur von Gewohntem 




produziert wird (Reilien) 








(Reihen) 


— 




+ 




-|- nur von Gelesenem 


— 




+ 




— 




— 




+ 




+ 




+ 


doch Wortfindung; f. Ge- 
genstände nur bei Ab- 
tastung 


+ 


usw. 



Die Schädigung der Bewegungskoordinationen vernichtet in vielen Fällen 
die betreffende Kategorie nicht vollkommen, sondern verwirrt sie nur, so 
daß dann (besonders bei mangelhafter Kontrolle durch den Geschädigten 
selbst) Fehlleistungen entstehen, Verschmelzungen verschiedener Bewegungs- 
entwürfe (Paraphasien). In ganz ähnlicher Weise, wie es soeben für den 
Sprachmechanismus kurz dargestellt wurde, kann sich die Störung auch 
auf andere Körperbewegungen erstrecken. Es entstehen dann Fehlhandlungen 
(Apraxien), die es dem Betroffenen z. B. unmöglich machen, einen Brief 
zu kuvertieren, die Zahnbürste richtig zu gebrauchen usw. Auch leichte 



20 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Verkehrtheiten, Unordnungen bei der Ausführung kommen vor (Para- 
praxien)^. 

Man darf mit diesen Störungen des Bewegungsentwurfes nicht jene Altera- 
tionen der Bewegungsausführung verwechseln, bei denen die Ursache in 
einer Schädigung der peripheren Apparate gegeben ist, mögen diese Apparate 
selbst (Muskeln, periphere Nerven) oder ihre Ernährungs- und Führungs- 
zentralen (Kerne) betroffen sein. Beim Sprachmechanismus würde man hier 
von einer artikulatorischen Sprachstörung (im Gegensatz zur Aphasie), also 
von einer Aussprachstörung, reden. Doch hat dieses pathologische Symptom 
mit Psychologie wenig zu tun 2. 

B. AUF DER ICHSEITE 

Die Bewegungen des Körpers sind ein Hauptkennzeichen für die grade 
vorhandene Lebendigkeit (Regsamkeit) des seelischen Gesamtgeschehens, sei 
es, daß sie als Mit- oder Ausdrucksbewegungen irgendwelche Regungen 
begleiten, sei es, daß sie als bewußte Willenshandlungen intendiert werden. 
Und diese Willensregungen können nun an Intensität und Quantität abnorm 
sein. Der Gesunde erlebt alltäglich eine Abnahme der Zahl und Kraft seiner 
Impulse in der Müdigkeit, der Gesunde weiß auch aus eigener Erfahrung 
sehr wohl, daß traurige Verstimmungen mannigfachster Art die Initiative 
lähmen. Im Seelenleben des Abnormen unterscheidet man zweierlei. Manche 
Persönlichkeiten haben von Geburt an eine spärliche und verlangsamte Willens- 
umsetzung, gleichsam ein kleines Willensreservoir. Sie entbehren nicht nur 
der Ausdrucksbewegungen in hohem Grade (einförmiger Gesichtsausdruck, 
mangelnde Gesten), sondern sie entbehren überhaupt der ins Motorische 
und Gedankliche gewendeten Willensimpulse. Sie sind in der Tat rein 
zahlenmäßig ärmer an Bewegungen und Regungen. Man bezeichnet solche 
Persönlichkeiten in der pädagogischen Praxis oft als träge (Birnbaum 26 c). 
Aber man trifft damit, wenn man in dieses Beiwort Unlust und Übelwollen 
hineinlegt, nur einen Teil der Impulsarmen, der Torpiden. Ein anderer 
Teil gehört zu dem alten Temperamentsbegriffe des Phlegmatikers. Man 
pflegt ja, abgesehen von der hier nicht zu betrachtenden Grundstimmung, 
den Phlegmatiker vom Melancholischen dadurch zu unterscheiden, daß 
beide nur eine geringe Zahl der Impulse besäßen 3; der erstere führe aber 
die Bewegung, zu der er sich endlich aufraffe, matt und energielos durch, 



^ Eine genauere Darstellung dieses ganzen ungemein interessanten Gebietes ist nur 
hiöglich, wenn man gleichzeitig die Anatomie und Physiologie des Zentralnerven- 
systems herbeizieht. Dies ist im Rahmen dieses Abschnittes des Handbuches ausgeschlossen. 
Ich verweise auf die neuere Literatur: Besonders die Hirnschüsse haben zugleich mit 
der sehr verbesserten Methodik reiche Erkenntnisse gebracht. In erster Linie stehen 
die Forschungen Goldsteins und Gelbs (87, 88), dann jene Poppelreuthers (a/jS). 
Von einzelnen Studien seien hier als zweckdienlich erwähnt: Heilbronner (io3), 
Adler (la) und die vortreffliche, auch die Literatur bis in die jüngste Zeit be- 
rücksichtigende Studie Lotmars (189), ferner Dejerine (^2, S. 68 — 144). l'ick (^Jii), 
Na%dlle (228). Von älteren Arbeiten wird man besonders Liepmann nicht entbehren 
können (181 — 182^). 

2 Vom Stottern wird später noch die Rede sein. 

3 Hierbei ist Spontaneität und Reagibilität meist zusammengefaßt. 



WILLENSSTÖRUNG 21 



während der Mol;uuholikcr die wonigcMi Impulse machtvoll und ziolhewulit 
aktiviere. Die Krlahrung erp^ibt, dali höhere Grade von Inaktiviläl oit mit 
geringen Geistesanlagen gepaart sind. Der llilfsschullehrer weiß diese 
torpid«in Imbezillen bald von den übri-^'en Soh\vachsinnig<>n zu sondern, und 
in der Iihotenanslalt verraten die hierher^M-luirigen Tyix'ii ihn; Passivität schon 
dadurch, dali sie sich die Fliegen in Auge und Nase herumkriechen und 
Kot und Lrin unter sich gehen lassen. Im (iegensatz dazu steht der Ere- 
thiker, der immer lebendige, unruhige, impulsreiche Typus ^ Er ist die 
Steigerung des sanguinischen Temperaments ins .Vbnorme. 

Wenngleich man im Symptomenreichtum des eigentlich Geisteskranken 
auch Fälle kennt, in denen sich eine motorische Überbereitschaft mit einer 
gedanklichen Hemmung vereint ^ so ist es in der angeborenen Anlage 
meist anders: da ist der motorischen Schwerfälligkeit und Armut meist eine 
geistige Langsamkeit^, der äußeren Lebendigkeit meist eine innere Unruhe, 
Unstetheit, Sprunghaftigkeit gepaart. Der angehende Lehrer muß freilich 
davor gewarnt werden, den Intellekt der stillen, langsamen Kinder zu unter- 
schätzen, den der lebendig regsamen zu hoch zu werten. Geringe Impuls- 
zahl trifft mit geistiger Schwerfälligkeit besonders bei jener nicht mit der 
Anlage verknüpften, sondern erworbenen Willenstörung zusammen : bei 
der Hemmung und Sperrung. Da läßt zugleich mit der fortschreiten- 
den Störung die Zahl der Impulse nach: der Kranke regt sich 
immer seltener, jede Bewegung wird langsamer, jeder Entschluß erlischt 
kurz nach der beginnenden Ausführung. Schlaff, versunken sitzt der Kranke 
am Tisch, er blickt ausdruckserstarrt oder trübselig auf den angefangenen 
Brief. Vier Worte von der ersten Zeile sind geschrieben; nun sitzt der 
Schwermütige schon seit zwanzig Minuten regungslos: er weiß weder weiter 
zu schreiben, noch findet er die Kraft abzubrechen. Steigert sich diese 
Hemmung bis aufs äußerste, so spricht man von einer völligen Impuls- 
und Reaktionslosigkeit: einem Stupor^. Oft sind die Handlungen bei der 
Nahrungsaufnahme der einzig verbliebene Rest der Aktivität. Auch diese 



1 In höheren Graden dieser Anlage auch als konstitutionelle Erregung otler schließlich 
als chronische Manie zu bezeichnen. 

2 Sogenannte agitierte Melancholie mit innerer Hemmung (Depression avec 
agitation). Und ebenso umgekehrt eine motorische Ilemmimg bei seelischer Erregung 
(im manischen Stupor mit Ideenflucht, Manie akinetiqiie). 

^ Ihr braucht keineswegs Oberflächlichkeit, mangelnde Aufwühlbarkeit des Ge- 
mütsgrundes (Kerschensteiner) gesellt zu sein. 

* Man unterscheidet zwei Formen, deren verschiedene Genese sich aui zwei, zwar sehr 
abgebrauchten, aber unentbehrlichen Bildern folgendermaßen klarmachen läßt: beim 
gehemmten (depressiven) Stupor sind alle Regungen seelischer und motorischer Art 
langsam, aber fortschreitend so abgebremst worden, daß der Mechanismus ^^^^in^ die 
Widerslände nicht mehr ankann, sondern schließlich stillsteht (Abiilie). Beim ge- 
sperrten (katalonischenj Stupor ist ein Riegel in den Mechanismus geschoben worden, 
so daß er für den Augenblick eben gesperrt ist: aber in jedem Augenblick kann dieser 
Riegel beseitigt, die alte Beweglichkeit wieder lebendig werden. Preilich dauern auch 
diese Stuporformen zuweilen monatelang. — I>ie zweite Form ist mehr jener plötzlichen 
Still-Legung zu vergleichen, die man beim Schrecken kennt (Emotionstupor). Nichts 
geht im Augenblick im Erschrockenen vor: er ist wie vom Dormer gerührt (attonitus). — 
Einen interessanten, aber recht e.x\^en Versuch, den schizophrenen Mechanismus auf die 
Störung der psychischen Aktivität zurückzuführen, macht Berze (22a). 



22 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

können noch fehlen, so daß der Stuporöse künsüich ernährt werden muf5. 
Die Auffassung des Laien deutet solche Zustände gelegentlich als Schlaf, 
obwohl sie mit diesem gar nichts gemein haben. In den Tageszeitungen 
kehren in regelmäßigen Zwischenräumen Geschichten vom schlafenden Berg- 
mann oder der schlafenden Jungfrau wieder, die angeblich schon seit Wochen 
tief schlafen. Dabei handelt es sich meist nicht um Somnambulismus oder 
dergleichen, sondern um katatonische Stuporen. Auch manche Jahimarkts- 
und Panoptikumswunder gehören wohl in diesen Zusammenhang: auch auf 
suggestivem Wege (Hypnose) lassen sich solche (dann psychogene oder 
hysterische) Stuporzustände erzeugen. Schließlich wird auch manche selt- 
same Erzählung von Wundern aus der Heiligen- und überhaupt der Religions- 
geschichte auf der Beobachtung von Stuporen und ihrem gelegentlich ganz 
plötzhchen Beginn und Ende beruhen. Freilich werden jene Erzählungen 
dadurch an sich nicht weniger seltsam, denn das Phänomen des Stupors 
selbst und seiner plötzlichen Lösung ist vorläufig jeder Theorie unzugänglich ^ 

Über die subjektive Seite der Sperrung, des katatonischen Stupors, vermag 
man von den Kranken selbst meist keine gute Auskunft zu erhalten. Dagegen 
klagen die depressiv gehemmten Kranken oft in eindrucksvoller Weise von 
ihrer Abuhe: 

„Sie habe überhaupt nichts mehr tun können, habe sich schon morgens kaum zum 
Aufslehen entschheßen können; gekocht habe sie den ganzen Winter nicht, hätte den 
ganzen Tag simuheren können, sei ganz schlappig geworden." (Psych. Klinik, Heidel- 
berg, Genoveva Bäumler, 5. Mai 1909.) 

Das Gegenstück ist die Tobsucht. Dies ist freilich mehr eine Bezeich- 
nung des Laien ; der Fachmann gebraucht Heber den Ausdruck „Erregungs- 
zustand" in der Erkenntnis, daß es alle Grade eines solchen Bewegungs- 
überschusses gibt. Die Zahl und die Energie der Bewegungen und ebenso 
der rein seehschen Regungen ist oft gleichermaßen vermehrt; nur selten 
betrifft die Hyperfunktion entweder die motorische oder die geistige Seite. 
Der normale Mensch kennt die subjektive Seite des leichtesten Erregungs- 
zustandes vom Gefühl des Angeregtseins her: nach einer fesselnden, erlebnis- 
reichen Abenddiskussion hat man nicht das Bedürfnis, schon nach Hause 
zu gehen; nach Schluß eines lebhaften Vortrages redet der Redner auch 
im kleinen Kreise laut und aufgeregt weiter, oder er läuft mit großen 
Schritten umher. Jeder, der einen leichten Rausch kennt, kennt dabei auch 
die besondere Willenslage übermäßiger motorischer und vorstellungsmäßiger 
Bereitschaft. Schwerere Erregungszustände kommen bei allen möglichen see- 
lischen Ausnahmezuständen und Erkrankungen vor. 

Hier ist nicht der Ort, auf die allgemeinen Beziehungen der Willenssphäre 
zur Gefühlssphäre einzugehen. Hier ist daher auch nicht zu erörtern, wie 
es wohl erkläi't werden möge, daß in der großen Mehrzahl der Fälle mit 

* Neben dem katatonischen, melancholischen und hysterischen Stupor kommen auch 
bei organischen Himerkrankungen Willenstörungen vor, bei denen vor allem die 
Initiative schwer beeinträchtigt ist. Auf Geheiß führen diese Kranken alles aus, von 
selbst fast nichts. (Bei der Grippe-Enzephalitis, nach Hirnschüssen oder bei sonstigen 
Hirnherderkrankungen, siehe z. B. Balint [6]). Auch die Langsamkeit der Ausführung 
ist bei diesen Kranken oft bemerkenswert. Vgl. Erich Stern (3o5b) 



WILLENS- UND GEFOHLSSTORUNG ^23 

einer Heininunfj gerade eine Scliworniut vorknüpft ist^ Gegenüber dem 
ilepressiven Stupor ist die Zahl der manischen Stuporzuständo verschwin- 
dend gering. Aber an sich sind diese l)e|)ressionen natürhch auch schon 
abnorm tUirch den Grad ihrer eigenen Intensität. Alle Gemütszuslände 
können dem Grad nach abnorm werden. Ks erübrigt sich wohl ihre Auf- 
zählung. Deskriptiv ergeben sie keine besonderen Schwierigkeiten. Da man 
die Affekte selbst aus eigenem Erlebnis kennt, so vermag man sich auch 
in ihre gesteigerten Grade leicht hineinzuversetzen. Immerhin bereichert 
auch hier die Erfahrung des Abnormen den Forscher. Oft wird ein Moment 
erst in seiner Übertreibung recht klar, l nd die Psychiatrie liefert die Be- 
sclireibung der äußersten Gefühlsstärken. 

Die Gefühle — im Lippsschen Sinne unmittelbar erlebte Qualitäten oder 
Bestimmtheiten des Ich; etwas das ich bin, nicht das ich habe- — sollen 
an dieser Stelle nicht daraufhin betrachtet werden, ob ihre Intensität dem 
Anlaß (Motiv) ents[)richt; hiervon ist später die Rede. Die Stärke eines 
wohlbekannten Gefühls kann weit über das durchschnittliche Maß hinaus- 
ragen, aber es gibt auch Persönlichkeiten, deren sämtliche Gefühlsmöglich- 
keiten dauernd unter normal erscheinen (siehe unten). So sehr das Gefühl 
eine Ichqualität ist und daher eigentlich nur subjektiv untersucht werden 
kann, vermag man der Angabc der Aussagenden selbst doch nicht immer 
zu trauen. Es gibt nämlich krankhafte Zustände, in denen die Erkrankten 
sich über den Mangel aller Gefühle beklagen oder einzelne Gefühle zu ver- 
missen behaupten. Dabei ist es nicht so, daß sie nur nicht mehr so an- 
sprechbar sind wie früher, daß etwa dasselbe Erlebnis ihnen nicht mehr 
den gleichen Eindruck macht wie sonst, sondern sie beteuern, daß manche 
Gefühle ihnen ganz abhanden gekommen seien. Nicht nur die Fähigkeit 
zur Freude, zm- Lust jeder /Vrt sei verloren ^ — dies könnte man z. B. bei 
großer Traurigkeit ja leicht „verstehen" — , sondern auch das Mitleiden, 
^litgefühl sei verschwunden; jede Teilnahme, jede Erregung um eigene oder 
fremde Schicksale, jede Spannung auf den Ausgang irgendeines Geschehens 
sei unmöglich. Solche Kranke äußern etwa: sie seien gefühlsleer, wie ab- 
gestorben, versteinert usw. 

— — .AVeinen kann ich überhaupt nicht mehr, ich bin ganz starr." — — ,,lcli 
habe i4 Tage lang kein inneres Gefühl gehabt." — — ,Jch habe keine Liebe 
mehr zu niemandem." — — ,,Ich bin so unglücklich, weil ich den Mann und di)e 
Kinder nicht mehr gern haben kann. Ich bin ganz tot; Sie glauben nicht, wie das 
ist, wenn man seine Kinder so gern gehabt hat und jetzt, jetzt könnt' ich sie grad 
sterben sehen, und früher hab' ich Todesangst gehabt, wenn nur eines gefallen ist. — 
Wenn mein Mann und meine Kinder zu mir kommen, dann ist's gerade, wie 
wenn ich eine Suppe ohne Salz esse." (Psych. Klinik Fleidelberg, Afra Meyer, 
29. Dezember 191 1.) 



1 Bei den gewöhnlichen Formen der Schwermutsanfälle des manisch-depressiven 
Irreseins. 

' Mit Ausschluß der Stumpfschen Gefühlsempfindungen. 

3 Eine Kranke Foreis (70a, S. 20): „Ich mußte mir auch eigentlich Mühe geben. 
Freude zu haben an dem, was zu meiner Ermunterung getan wurde. Die Fähigkeit, 
mich zu freuen, war sozusagen erlahmt, und nur langsam erlernte ich es >vieder." 
— Weitere gute Beispiele bei Schneider (282a). 



24 GRUIILE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Trotz dieser „Gefühlsleere" machen solche Kranke durch Äußerungen 
und Benehmen meist den Eindruck einer tiefen Schwermut. Man hat ver- 
mutet, daß dieser enorm starke Affekt der Trauer die seelische Energie so 
stark an sich reiße, daß für andere Gemütsregungen daneben gleichsam 
nichts übrig sei. Aber man kennt andere anscheinend genau so tief depri- 
mierte Kranke, bei denen das Erlebnis der Gefühlsleere ganz fehlt, und 
die nur von hoffnungsloser Trauer zu erzählen wissen. Selbst bei denselben 
Kranken kann man bei sonst anscheinend gleichbleibender Gemütslage die Ge- 
fühlsleere kommen und verschwinden sehen. Sie ist also sicher nicht an die 
Schwermut untrennbar gebunden. Deshalb hat man eine zweite Theorie auf- 
gestellt: die Gefühlsleere bestünde eigentlich gar nicht, sie sei eine Selbst- 
täuschung oder eine depressive Wahnidee, der Kleinheitsidee oder dem Nichtig- 
keitswahn nahestehend. Ebenso wie der Kranke meine, er sei nichts wert, 
sei verblödet usw. und andererseits, er sei innen hohl oder halb verfault, 
oder habe keine Speiseröhre oder keinen After mehr, genau so behaupte 
er auch, er habe kein „Gefühl" mehr für seine Kinder usw. Hat diese 
Meinung recht, so dürfte man also eigentlich von Gefühlsleere im stren- 
geren Sinne nicht sprechen. Endlich hat man analog der Hemmung, die 
die Willensregungen und Denkvorgänge bei der Schwermut oft erschwert, 
auch an eine Hemmung der Gefühle geglaubt und die geschilderte Gefühls- 
leere als deren Ausdruck betrachtet. .Aber diese dritte Theorie verwickelt 
die Sachlage eher, als daß sie sie klärt. Denn me soll man sich eine 
Hemmung der Gefühle vorstellen, da doch das eine Gefühl, die schwere 
Traurigkeit, nicht gehemmt, sondern im Gegenteil höchst lebendig ist? Man 
müßte geradezu nur an eine Hemmung eines Teiles der Gefühle glauben ^. 

In diesem Sinne ließen sich Beobachtungen deuten, die besonders an 
den erschöpften Teilnehmern des großen Krieges draußen an der Front 
gemacht werden konnten. Da klagten viele darüber, daß keine Nachricht 
aus der Heimat sie mehr bewege, keine Todeskunde eines noch so ver- 
trauten Freundes ihnen ans Herz greife. Sie seien kalt und stumpfsinnig 
geworden. Hier schienen manche Gefühle wirklich nicht mehr zu leben, 
aber andere waren gleichzeitig äußerst lebendig: die gleichen Menschen 
konnten durch die geringsten Anlässe (einen unverdienten Tadel u. dgl.) 
in heftigsten Zorn geraten. In gewissem Sinne gehört ja auch jenes so 
gern benutzte Motiv einer Novelle hierher, daß ein Mensch durch ein ge- 
waltig in sein Leben eingreifendes Ereignis „versteinert" wird, daß ihn nichts 
mehr rührt, daß von diesem Augenblick ab seine Ansprechbarkeit er- 
loschen ist, seine .\ffekte verschwinden. Er vegetiert „gefühllos" bis zum 
Tode. 

Solche Gefühlslähmungen finden sich auch als schnell vorübergehende 
Phänomene. Ein schreckliches Ereignis ruft dann nicht eben den Affekt 
der Furcht, des Entsetzens hervor, sondern der Betreffende ist plötzlich 
aller Gefühle bar, während sein Denken, seine Vorstellungen dabei nicht 



1 Theorien über den Ursprung solcher Gefühlsstörungen gehören nicht hierher. Auch 
sei nur nebenbei erwähnt, daß die geschilderten .\nomalien hauptsächlich bei Schwermuts- 
anfällen des manisch-depressiven Irreseins und bei psvchopathischen Ausnahmezuständen 
vorkommen. In den Verläufen schizophrener Verblödung erscheinen sie nur selten 
und meist nur angedeutet im Beginn des Leidens. 



GEKCIILSARMIT 25 



nur woitor K>1)imi, sondern sogar l)oson(I(Ts lohliall iitul scharf rrsclKMiien. 
Baolz (S") l)fsi-hrolbl oinon solchon Zustaml beiin uncrwarli'lon lünlrill oinos 
großen Knlbebens. 

In ganz, anderem Sinne kann man Non einem Fehlen der (lefidde in 
jenen Fällen sprechen, ilie der ..nionil instinilv", dem geborenen Ver- 
brechertum angehören. Fs sind dies Menschen mit angeborenen Mängeln 
der (.iemülss[)häre. Die besonders in der volkstümlichen Literatur oft ge- 
brauchten Auisdrücke — Schwäche des moralischen Fmpfindens, sittliche 
Defekte usw. — leiten irre. Solche Persönlichkeilen haben keine angebo- 
renen Ausfälle moralischer „Vorstellungen". ( berhaupt braucht ihr \ or- 
stellungsleben keineswegs arm zu sein. Was ihnen fehlt, ist die Mctglich- 
keit mannigfacher (i ef ü hlsregungen ; ihr Ge m ül ist arm. Ihre Ans[)rech- 
barkeit ist so gering, ihr (lemüt so stumpf, dabei ihr Triebleben so roh, 
ihre Aktivität so gewaltsam, daß sie vor dem Verbrechen nicht bewahrt 
werden können. Da sie fast keine Gemütsretjunirsdispositionen besitzen, mit 
denen bestimmte gedankliche Inhalte \ erknüpft wertlen können, gehören 
sie auch zu ilen schwer Frziehbaren, l nverbesserlichen '. Aber man ver- 
meide die Bezeichnung des moralischen Schwachsinns. Der Ausdruck 
„Schwachsinn" sollte für die Defekte der formalen Intelligenz vorbehalten 
bleiben, und um einen solchen handelt es sich oftmals beim geborenen 
Verbrecher nicht. 

Das tberwiegen einer bestimmten Gefühlslage im abnormen Grad kann 
angeboren sein. Fs £ribt Persönlichkeiten, denen das ijanze Leben dauernd 
in Trübsinn getaucht ist-. Die alte Temperamentslehre hat sie als Melan- 
choliker bezeichnet. Der Sprachgebrauch neuerer Zeit bewahrt diesen Aus- 
druck dem eigentlich kranken, dem an einer Melancholie leidenden, vor. 
Es gibt ein Gemütsleiden', bei dem ohne jeden seelischen Anlaß sich das 
Gemüt verdüstert; alle fröhlichen Regungen fallen aus: nichts macht melir 
Freude; kein Ziel \ erlockt. Das Leben erscheint nicht mehr lebonswert, 
jede Tätigkeit dünkt dem Schwermütigen sinnlos. Kommt noch (wie so 
häufig) die oben beschriebene Hemmung hinzu, so verharrt der Kranke in 
hoffnungsloser Resignation. 

In anderen Fällen gesellt sich dem Trübsinn die Angst*. Gräßliche 
Befürchtungen steigen auf: 

Draußen wird ein Grab poschaufolt, um die Kranke lebendig zu begraben — nebenan 
werden die Kinder gemetzelt , gleich kommt auch sie daran — -. eine Kiste wird ge- 
zimmert imd innen mit iNägeln ausgesciilagen, damit der Kranke darin eingv^perrt 
und stundenlang gewälzt werde. Die ,\ngst treibt ilin dann mchl selten zum Selbstmord, 
um ienen grauenvollen Schicksalen zu entgehen. Oft stürzt ihn aber auch die Ver- 
zweiflung in seltsam sinnlose Handlungen: er zündet seine Werkstjtte an, er springt 
kopfülicr in ein ganz flaches Wasser und bleibt darin sitzen, er klettert in der Todesangst 
auf einen ganz hohen Baum (Raptus melancholicus). — Ich lernte im großen Kriege 



1 Vgl. hierzu meine Ausführungen in Grüble (98), S. 397 ff. und die dortselbst 
angeführte Literatur. 

^ Konstitutionell deprlnuerle. Vgl. Reiß (261 V 

* Manisch-depressives Irresein. 

* Über Angst bei Kindern s. Hall (loa). Angst im Traum siehe dortselbst. 



26 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

einen Infanteristen kennen, der sich aus maßloser Angst vor den Schrecken der Schlacht 
aus der Deckung des Schützengrabens hinaus auf einen exponierten Geländepunkt- 
schlich und sich dort mit dem Revolver eine Kugel in die Brust schoß. 

Man hat früher geglaubt, daß in solchen und ähnlichen Fällen schreck- 
liche Vorstellungen die maßlose Angst erzeugen. Man ist heute eher 
umgekehrt orientiert: die Angst erzeugt jene Vorstellungen, — oder viel- 
leicht besser, sie äußert sich, offenbart sich in ihnen. Sie seien in diesem 
Zusammenhang nur als ein Merkmal erwähnt für den außerordentlichen 
Grad, den solche depressiven Affekte annehmen. 

Gelegentlich ist der Ausdruck solcher Gemütsbewegungen ganz bizarr: eine ältere, 
an einer ,.Jammcrmelancholie" leidende Frau läuft händeringend von Krankensaal zu 
Krankensaal: ,,Ach, die vielen Frauen und die schrecklich vielen Betlslellen und so 
viel Handtücher, ach Gott, ach Gott, was sollen v,-ir denn da maciien.'" 

Mit dem Gefühl der Angst paart sich in manchen Fällen ein peinigender 
Zustand der Ratlosigkeit. Andere toben ihre Dysphorie in einer Art 
seeUscher Selbstzerfleischung aus: 

Sie seien nicht lo mal, nein looo mal, nein lo ooo mal, nein trilliontelmal verdammt, 
sie seien die schlechtesten Personen unter der Sonne, müßten ewiglich im Fegefeuer 
schmoren, seien der ewige Jude, würden nie sterben, sondern müßten ihr Leid in alle 
Ewigkeit tragen. 

Endlich äußern sich die maßlos gesteigerten Un Seligkeitsgefühle noch in 
Äußerungen des „Nihilismus", Sie seien ganz zusammengeschrumpft, 
seien winziger als das Tüpfelchen über dem i, sie hätten keinen Mund 
mehr, keine Eingeweide, seien innen ganz verfault. — Wenn ich hier bei 
dem Kapitel der abnormen Intensität der Gefühle alle diese Äußerungen 
anfülire, so geschieht es, um die Stärke dieser krankhaften Gemütszustände 
in jenen Aussprüchen deutlich und anschaulich werden zu lassen. 

Jene Persönlichkeiten, bei denen die Schwermut nicht als eine eigentliche 
Erkrankung, als ein Monate bis Jahre dauernder Ausnahmezustand er- 
scheint (manisch-depressives Irresein, Melancholie), sondern bei denen ein 
Konstitutionsmoment die Grundstimmung ein ganzes Leben lang depressiv 
färbt, nennt man heute konstitutionell deprimierte oder chronisch depressive 
Psychopathen. Ihre dauernde \ erstimmtheit macht sie auch oft zaghaft, 
unschlüssig, sie untergräbt ihr Selbstvertrauen und läßt sie verlegen, un- 
sicher und ängsthch werden (Psychasthenie). 

Zu jenen Unlustgefühlen, die sich in gewissen abnormen Zuständen^ 
übermäßig gesteigert vorfinden, gehört ferner die Gereiztheit, Geladenheit. Auf 
die geringfügigsten Anlässe reagieren diese Kranken mit großen Wutausbrüchen. 

Das Schreien eines kleinen Kindes versetzt den Yerstinunten vielleicht in eine solche 
Wut, daJj er seine Frau dafür verantwortlich macht und sich an ihr vergreift. Er stürzt 
von Haus fort, vermag sich aber nicht zur Arbeit aufzuraffen, macht blau und treibt 
sich in den Anlagen oder Wirtschaften der Stadt umher. Beim Bier führt er wilde 
Redensarten über die Ungerechtigkeit der Welt: überall gebe es nur Lumpen, die den 
kleinen Mann drückten usw. Leicht kommt es zum Streit, zum Ziehen des Messer? 
und zu einem schweren Affektdelikt. 

Man kann sich bei diesen Verstimmungszuständen nicht des Eindrucks 
erwehren, daß hier auch qualitativ abnorme Momente hineinspielen. Bei 



1 Bei der Epilepsie und der epileptoiden Psychopathie. 



GEMÜTSVERSTIMMUNGEN. ABNORME CHARAKTERE 27 

dem Problem des impulsiven Fortlaufens (siehe Seite 30) wird hiervon 
nochmals die Kedc sein.* 

Es ist merkwürdig, dali in manchen dieser endogenen Verstimmungen 
auch die Sexualsphäre abnorm erregt ist. Die dumpie Geladenheil sucht 
nach irgendeinem gewaltsamen Ausbruch, die gewaltige S[)annung will irgend- 
wie abreagiert sein. Hierdurch kommt es gelegentUch zu schweren sexu- 
ellen Gewalttaten: Notzuchtsversuchen und Lustmorden. Bei weniger gewalt- 
tätigen Naturen führt die Verstimmung mit Sexualerregung zuweilen zu den 
seltsameren Befriedigungen der Kntblößung: des Exhibitionismus. 

Der Laie neigt dazu, alles als abnorm gelten zu lassen, was nach der 
Unlustseite hin gesteigert erscheint. \\as jedoch die Lust sehr vermehrt, 
gilt ihm als besonders gesund und normal. Und doch müssen ebenso die 
ungewöhnüchen Steigerungen der Freudigkeit und des Übermuts als abnorm 
angesehen werden. Mischen sie sich mit einer Vermehrung der Impulse, 
mit einer Erleichterung der Bewegungs- und Vorstellungsvorgänge, so spricht 
man vom manischen Zustandsbild.- DafS es Vergiftungen (Räusche) gibt, 
die besonders im Anfang starke Steigerungen der Euphorie herbeiführen 
und depressive Stimmungen beseitigen, ist allbekannt. ^ 

Bei den depressiven ^ erstimmungen war schon davon die Rede, daß 
manche Menschen von Geburt an wehleidig verstimmt sind. Ihr Gegenstück 
sind die konstitutionell Hypomanischen. Man sagt von beiden, daß sie 
einen abnormen Charakter haben. .\ber es gibt außerdem noch viele andere 
abnorme Charaktere (Psychopathen). Es braucht nicht gerade Lust oder 
Unlust zu sein, die durch ihr übermäßiges Vorherrschen den Typus kenn- 
zeichnen, sondern es können Eigentümlichkeiten sehr differenter Gefühls- 
oder Willenslagen sein, die dem Betreffenden die psychopathische Art auf- 
prägen.^ Könnte ich hier gründlicher zu Werke gehen, so würde ich erst 
das (im Laufe der Zeiten recht verschiedenartig formulierte) Wesen des 
Charakters auseinandersetzen und dann erörtern, inwieweit dieses Wesen 
nun abnorm sein, d. h. inwieweit man überhaupt von abnormen Charakteren 
sprechen dürfe. Hier muß es genügen, darauf hinzuweisen, daß alle diese 
normalen Charakterzüge eben dem Grade nach aisnorm werden können, 
und daß natürlich die Lebensführung durch die Abnormität eines Charakters 
von Grund auf bestimmt wird. Man könnte etwa (wie Schleiermacher, 
Sigwart, Ribot usw.) eine Tafel der Charaktere entwerfen und bei jedem 
einzelnen Punkte hinzufügen, inwieweit dieser Charakter nun abnorm sein 
kann. Man kann aber auch für die Zwecke der Psychopathologie ein be- 
sonderes Schema der psychopathischen Persönlichkeiten entwerfen. Ich 
teile hier ein solches mit, das sich beim Unterricht in der Psychiatrie in 
Heidelberg bewährt hat. Es macht keinen Anspruch auf Originalität der 
Erfindung und mag im gleichen Augenblick wegfallen, in dem ein anderes, 

1 Die Franzosen bezeichnen unter „Blanc" einen vorübergehenden Zustand von 
Unbesinnlichkeit und Gedankenleere. (Vischer, 3i8.) 

'^ Eine solche Manie kommt bei der Paralyse, dem manisch-depressiven Irresein 
imd kurz und angedeutet gelegentlich auch bei der Schizophrenie vor. Auch die 
senile Rückbildung ist zuweilen von manischen Phasen begleitet. 

^ Der Wein als Sorgenbrecher. 
* Vgl. Wilmanns (326b). 



28 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

besseres mitgeteilt wird. Es soll nichts geben als eine brauchbare Übersicht. 
Die abnormen Charaktere sind praktisch äußerst bedeutsam. Zumal der 
Kriminalpsychologe, aber auch der Pädagoge müssen sich mit den ver- 
schiedenen Typen genau bekannt machen. Für die theoretische Psychologie 
des Abnormen indessen ist ihre Bedeutung ziemlich gering. 

Abnorme Charaktere: 

1 . A k l i ^ i t ä t : 

a) üboriiormal: erethischer Typus, 
L) untemormal: torpider ,, 

2. Grundstimmung: 

a) heiter: konstitutionelle Manie (auch Abenteurer), 

b) traurig: konstitutionelle Depression (Hypochondrie, konstitutionelle Neurasthenie), 

c) zornmütig: Schimpfer, Polterer, Nörgler, 

d) ängstlich: ängstlicher, schüchterner Typus. 

3. Affektansprechbarkeit: 

a) Roheit. Härte (geborener Verbrecher, moral insaility), 

b) Empfindsamkeit, Beeinflußbarkeit. 
Ix. Willenssphäre: 

a) Energie (Kraftnaturen, Rücksichtslose, Gewaltmenschen), 

])) Sch\A'äche (haltloser Typus, geborener Landstreicher, geborene Prostituierte). 
5. Eigenbeziehung: 

a) stark (arg\vöhnischer, leicht gekränkter, mißgünstiger, eifersüchtiger, paranoider 
Typus: überwertige Idee, psychopathisrhe Paranoia), 

b) schwach (vertrauensseliger, naiver, harmloser Typus). 
G. U m w e 1 t V e r a r b e i t u n g: 

a) starli bejaliend: Streber, Hochstapler, 

b) schwach: Träumer, Phantast (auch Pseudologia phantastica), 

c) stark verneinend: weltfremder Fanatiker und Prophet. 
7. Selbstgefühl: 

a) stark: (selbstbe^^TIßt, sicher, Herrenmenschen), 

b) schvvach: Psychasthenie (Insuffizienzgefühl, mangelndes Selbstvertrauen, Neigung 
zu manchen Zwangssymptomen, Angstneurose), 

c) unnatürlich gesteigert (unecht): hysterischer Charakter (Verlogenheit, Suggesti- 
bilität, Schauspielerei, Sensationsbedürfnis). 



ABNOR.MITÄT DER ART (QUALITÄT) 

Es liegt schon im Begrilf der Abnonniläl, so wie er oben zu cJeiiniercn 
versucht worden ist, daß jede Qualität, die dem Durchschnitt fremd ist, 
als abnorm bezeichnet werden muli. Diese (qualitativ fremdartigen Inhalte 
uiul Zustände sind gleichsam interessanter als jene nur an Intensität unter- 
schiedenen. Zu ihnen führen keine Übergänge: der Normale findet sie in 
seiner Erfahrung nicht vor. Aber ihre Beschreibung bereitet deshalb um 
so größere Schwierigkeiten. Häufig sind die Erkrankten, die über solche 
seltsamen Phänomene Auskunft geben sollen, in der Totalität ihrer Seele 
erkrankt: sie vermögen sich nicht mehr auf die Aufgabe einzustellen, eine 
klare Schilderung zu geben ; sie stehen ihren Erlebnissen nicht mehr objektiv 
gegenüber. Oft muf5 man Äußerungen auffangen, die etwa im Affekt eines 
halluzinatorischen Erlebnisses herausgestoßen werden, oder man muß die 
Wahrheit rückschauend aus Niedei Schriften oder Verhören rekonstruieren, 
die längere Zeit nach dem Erlöschen des krankhaften Zustandes aufge- 
nommen worden sind. Endlich wird die Treue der Aussage über ein ab- 
normes Phänomen gelegentlich dadurch verfälscht, daß der Berichtende sich 
an der Aussage freut, in der Fabelhaftigkeit seiner eigenen Erlebnisse schwelgt 
oder sich interessant zu machen versucht. Und es wären aus der Literatur 
leicht Arbeiten nachzuweisen, die auf den deutlich konfabulierten Aussagen 
abnormer Persönhchkeiten aufbauen und daher gänzlich irrige Folgerungen 
ableitend 

Bei den Empfindungen vermag man ziemlich selten abnorme Quali- 
täten im Gebiet des Geruchs- oder Geschmackssinnes festzustellen. 

,,Er empfand im Beginn des Anfalls einen sehr unangenehmen Geruch, einen ,schreck- 
lichen', wie er ihn nie gehabt, der während des Anfalls anhielt." (Sander, 278, S. 235). 

,,Sie roch die verschiedenartigsten Dinge, die sie nicht näher bezeichnen und deuten 
konnte und wofür sie keine Namen hatte, wozu aber objektive Veranlassung durchaus 
nicht vorhanden war. Der Geruch war gerade nicht unangenehm oder lästig, mitunter 
sogar mit einem Gefülil von W ohlbeliagen verbunden." (Lockemann, i85.) 

Auch der Gesichts- und Gehörsinn, so häufig auch Sinnestäuschungen 
in diesen beiden Gebieten lokalisiert werden, bringen qualitativ kaum etwas 
Abnormes, sondern die Gemeinempfindungen des Körpers aus der Sphäre 
des Tastens, der Temperatur, des Druckes, der Lage, des Schmerzes liefern 
die der .Vrt nach abnormen Eindrücke. (Hitzig [123 a] gebraucht den Ausdruck 
„Selbstempfindungen".) Vor allem Empfindungen, die im Leib und im Kopf 



1 Der Erfahrene ist immer wieder von neuem erschreckt, hei der Lektüre der Werke 
theoretischer Psychologen zu sehen, was sich jene wirklichkeitsfremden Autoren alles 
weismachen lassen. Auch Österreicli gehört leider hierzu. 



30 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

lokalisiert werden (Organempfindungen) \ werden von den Betroffenen in 
recht seltsamer Weise beschrieben. Der Unerfahrene darf freilich nicht 
übersehen, daß gelegentlich ein Wahnkranker höchst merkwürdige Schilde- 
rungen von Sensationen liefert, die doch nur dem Grade nach von der ge- 
wöhnlichen Erfalirung verschieden sind. Er schildert dann nur aus seinen 
Wahngedanken heraus; diese sind das .\bnorme. Auch macht sich gelegent- 
lich ein Rentenquerulant dadurch wichtig, daß er die unglaublichsten Aus- 
drücke z. B. für irgend ein gewöhnliches Erlebnis des Kribbeins wählt. 
Aber es gibt andererseits zweifellos Empfindungen, z. B. im Kopf, bei denen 
die Erkrankten von selbst betonen, daß diese Qualen mit gewöhnlichen 
Kopfschmerzen gar nicht zu vergleichen seien. „Kopfweh", — das sei ihnen 
von früher her wohlbekannt, aber dies sei etwas Neues, nie Dagewesenes. 
Meist hat die Sprache keine Bezeichnungen zur Verfügung, die diesen 
Kranken charakteristisch genug erscheinen. ^ Deshalb greifen sie zu dem 
Mittel der Umschreibung, des Bildest 

„Es war mir, als ob der Kopf hinten einen Buckel bekäme, ich fühlte ihn 
ganz deutlich wachsen, und doch überzeugie ich mich durch Abtasten mit der Hemd 
und im Spiegel, daß nichts von einem Buckel zu sehen war (Zwangsempfindungen). — 
Ich merkte (ohne Spiegel), daß sich meine Gesichtszüge veränderten, sie nahmen einen 
tückischen, boshaften Ausdruck an. — Ein eisernes Band scheint den Kopf zu 
umscUießen und ihn immer enger und enger zusammenzupressen. — Einzelne Sclinurr- 
barthaaro werden herausgewaindert." (Schreber, 284, S. 1/I9.) 

„Sie habo immer das Gefühl gehabt, das Gehirn schwebe zwischen Himmel und Erde, 
wie wenn es mit Wasser mid Blut gespannt voll wäre." (^Psych. Klinik, Heidelberg, 
Genoveva Bäumler, 5. Mai 1909), 

„Im Leib ist es, als wenn alles lebe, als wenn Tiere darin herumkröchen. — 
Tvleine Lunsrenflüffe] waren zeitweise nahezu völlig absorbiert, ob nur durch die Tätigkeit 
des Lungenwurms oder auch durch Wunder anderer Art vermag ich nicht zu sagen; icli 
hatte die deutliche Empfindung, daß mein Zwerchfell ganz ob«n in der Brust fast un- 
mittelbar unter dem Kehlkopfe saß und nur noch ein kleiner Rest der Lungen dazwischen 
sich befand, mit dem ich kaum zu atmen vermochte." (Schreber, 28/i, S. i5o.) 

„Manchmal schien alles in mir lebendig zu werden. Mein Körper wurde oft außer- 
ordentlich elastisch, biegsam, und ich möchte sagen plastisch, mein Becken . , . auffallend 
klein und schmal." (Staudenmaier, 3o3, S, 121.) 

„Ich Jiabe zu öfteren iMalen kürzere oder längere Zeit ohne Magen gelebt , . . 
Manchmal wurde mir unmittelbar vor der Mahlzeit ein Magen sozusagen ad hoc ange- 
^^uIlde^t . . . Freilich war dies nie von langer Dauer; den mir angewunderten, übrigens 
auch nur minderwertigen Magen wunderte mir die v. W.sche Seele in der Regel 



1 Es sei daran erinnert, daß normalerweise den meisten einzelnen inneren Organen 
keine Empfindungskomplexe zugeordnet sind, die über deren Existenz und Lage 
Aufschluß geben. 

-^ Es ist dies ja selbstverständlich: die Sprache ist nur die Summe aller Ausdrücke 
für das Normale. Die geistig Abnormen sind keine Gemeinschaft, die unter sich eirje 
eigene Fachsprache für diese Sensationen schaffen könnten. Und selbst wenn jemand 
glaubte, in den großen Landesanstalten, in denen die Kranken oft Jahrzehnte zusammen- 
leben, müßte eine solche Sprachschöpfung möglich sein, so möge er bedenken, daß es 
sich hier um höchst subjektive Phänomene handelt. Kein Kranker kann den andern 
davon überzeugen, daß beide dasselbe Erlebnis teilen, und nur in den wenigen später 
zu erörternden Fällen des Gedankenmachens, des Gedankenabziehens usw, finden die 
Psychotischen gelegentlich die gleiche sprachliche Bezeichnung. 

^ Seltsame Mißempfindungen s. z. B. bei Serko (29^). 



MISSEMPFINDUNGEN 31 



noch während der bclreffondcn Mahlzeiten wieder ab . . . Die penoäscnen Speisen 
und Getriinke ergossen sicli dann olmo weiteres in die Bauchliühlo und die Obcr- 
sclienkel, ein Vorgaiip, der, so unglaubücli er klingen mag, nach der Djullichkeit der 
t]nipfindu;i;.' für micn außer allem Zweifel lag." (Schreber, 28/4 S. i5i/2.) 

Im folgenden Beispiel vermischen sich Halluzinationen in seltsamer Weise 
mit abnonnoii Ein[)fin(lungen, wobei der Kranke interessanter Weise das 
\ erstand 11 is halluziniorter Worte mit seinen kiiiäslhetischen Sensationen 
in Zusammenhang bringt: 

„Die Sprache kann ich hören, aber nicht verstehen, oder verstehen kann ich. 
was so gesprochen wird, aber nicht erfassen . . . Jetzt geht es auch etwas zu hoch, 
der Gaumen kann das nicht melir leisten." Sein Gaumen und sein Gurgelknopf 
seien beschädigt, er müsse mehr den Oberkopf sprechen lassen. Früher konnte er 
die drei Irrenhäuser verstehen, das sei ihm aber jetzt zu hoch, das geistige Bild sei 
jetzt zurückgegangen, er könne nicht mehr lesen. In Friedrichsberg sei es das 
.Maschinensprechen gewesen, jetzt könne er die hohe Sprache nicht mehr finden. 
Es körme möglich sein, daß er bald nicht mehr weiter sprechen könne. Der Gurgel- 
knopf habe ihn geistig demoliert, so daß er nichts mehr verstehen körme. Dio 
Sprache, dio ihm früher gehörte, habe er jetzt nicht mehr, weil der Gaumen be- 
schädigt sei. (Otto Stoff, 23. XI. 09, Langenhorn.) 

Auch das Gleichgewichtsempfinden ist oft seltsam gestört, z.B. 
bei beginnenden Ohnmächten schwindet alles „Gefühl" der Schwere, alles 
Irdische fällt ab, engelgleiche Leichtigkeit leitet wundervoll über in das 
Bewußtsein des Nichts. Auch in manchen Räuschen, in der Luft des Hoch- 
gebirges, bei schnellen Luftdruckschwankungen entstehen solche Sensationen 
des Schwebens oder des Gegenteils: des Gelähmt- oder Gebanntseins. Viel- 
leicht ist schon das besondere .Allgemein^ — „gefühl", welches bei den meisten 
Kranken das Fieber zu begleiten pflegt, qualitativ etwas Eigenartiges^. 

Manchen Kranken genügt nicht der Vergleich, das Bild, um die Seltsam- 
keit der Sensationen zu bezeichnen: sie greifen zu W^ortneubildungen 
(Neologismen). (Kerners Seherin 150, S. 234.) 

„Ihr Schlaf sei so ,sirisch und verzweiflungsvoll'. Die Verdauung sei rundum ge- 
gangen, es habe den Rückstrang gehoben, und der Schlaf sei hinten oben raus- 
gekommen, dabei habe es den Rückstrang so auf und ab gerissen. Der Kopf war 
wie neblig, wie zugeklappt, als wenn sie gähnen müßte. Die Ruhe war ganz nervös, 
lag immer um den Leib und im Rückgrat. — Einmal \\'urde ihr aus dem Rücken 
ein Rosenkranz gezogen, Perle für Perle habe sie den Schmerz empfunden." (Luise 
Leber, 2. IV. 10, Psychiatr. Klinik, Heidelberg). 

„Ich halte eine Todesnacht. Auf der linken Seite her war es völlig abgebrannt 
bis in die Mitte des Leibes, die Gebärmutter, das, was die Lebensessenz in Natur 
enthält, das hat er mir abgebrannt, abgerissen, das gab sich herunter. An der Lungen 
und im Herzen hat es immer gemacht betteltet; hinten ist es zum Darm hinaus.- 
gefr.hren wie ein Schuß, kein Stuhl, eine Flüssigkeit. Das ganze Jahr hat er mir 
die Natur abgetrieben, ich bin hingefallen vor Elend, wie Dürnclien hab ich Stiche 
im Rücken gehabt. Dann hab ich auch Tierchen mit hineingegessen, schleimartige, 
schmutzige Flöckchen auf dem Kaffee von besonderem Geschmack. Im Magen haben 
die sich netzartig ausgebreitet, N^e aus Seilen, an deren jedem ein Würmchen hängt; 
die haben die Nerven abgebissen, da hat es gckraclit in der Brust und dem Leib wie 
Knochen." (Blinde Schizophrenie. Marie Erlinger, g.I.ii, Psychiatr. Klinik, Heidelberg.) 



^ Auch die gewöhnlichen Schwindelzustände gehören eigentlicli hierher. 
Man vgl. hierzu die alte, vorzügliche Studie von Pui-kinje (25 1); ferner Lotze (190), 
S. 4'»3; Hitzig (128 a), Pick (239 a). 



32 GRUH LE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Taucht in der Erinnerung irgendein eigenes früheres Erlebnis auf, so 
pflegen seine Einzelheiten von dem Bewußtsein der Bekanntheit, dem 
Richtigkeitsbevvußtsein begleitet zu sein. Sei es, daß dieses Moment nur 
eine Begleiterscheinung der einzelnen Vorstellung ist, welches auch fehlen 
kann, sei es, daß es jeder Vorstellung — nur verschieden beachtet — 
anhaftet, auf jeden Fall kann es abnorm gestaltet sein. Es gibt nämlich 
Fälle, in denen eine genaue kühle Beurteilung einer Situation das Gewißheits- 
urteil ergibt: sie ist neu, und trotzdem haben die Einzelheiten, trotzdem 
hat ihre Zusammenordnung den Charakter des „Dejä vu" (Fausse recon- 
naissance). 

Ich trete in eine fremde Wohnung ein, um einen Besuch zu machen, und muß in einem 
Zimmer einige Minuten warten. Und obwohl ich bestimmt weiß, daß ich noch nie- 
mals in diesem Zimmer war, glaube ich plötzlich, genau die gleiche Situation schon 
einmal erlebt zu haben. Bis in alle Einzelheiten geht diese Täuschung; jedes Bild, 
jede Vase, die Zusammenordnung des Ganzen kommt mir gerade so, wie ich sie 
jetzt sehe, bekannt vor. 

Natürlich braucht sich diese Täuschung nicht nur auf Optisches zu er- 
strecken: auch ein Gespräch hat gelegentlich durchaus den Charakter des 
schon einmal Erlebten (De/d entendii). Zuweilen kann die Täuschung solch 
lebhaften Grad erreichen, daß ich trotz gegenteiliger Überzeugung fast 
zwangsmäßig grübeln muß, ob ich nicht doch zum mindesten etwas ganz 
Ähnliches schon einmal erlebte. Ja, das Phänomen kann sogar so genau 
ausgeprägt sein, daß sich die Überzeugung einstellt, es muß lange oder 
es muß kurze Zeit her sein^. JMeist währt das Erlebnis einer fausse recon- 
naissance nur einige Minuten, doch gibt es eigentliche Geisteskranke, bei 
denen es ohne Unterbrechung Jahre andauert. In manchen Fällen bezieht 
es sich so einheitlich "auf jedes Einzelmoment des Alltagslebens"^, daß 
der betreffende Kranke glaubt, ein zweites Leben als völlig getreue Nach- 
ahmung eines ersten Lebens wiederholen zu müssend 

Im Gegenspiel zum Dejä vu kann eine Wahrnehmung, die ich (kühl 
urteilend) als sicher bekannt feststelle, den Charakter der Fremdartigkeit 
annehmen. Ich weiß, dies ist mein Zimmer, es sind meine Bücher, und 
doch kommen sie mir so eigenartig fremd, fern, unwahrscheinlich vor. 
Ich werde dadurch vielleicht an meinem Bekanntheitsurteil nicht irre, aber 
ich weiß doch genau, daß ich etwas Besonderes, Eigenartiges erlebe. Diese 
Entfremdung der Wahrnehmungswelt hat zwar mit den Vorstel- 
lungen, d. h. den Erinnerungen und ihrem Bekanntheitscharakter eng zu 
tun, doch leitet sie andererseits zu den Störungen des Icherlebnisses über 
und wird daher dort nochmals erwähnt werden. 



^ In der schönen Literatur ist dies Moliv oft verwertet wortlen. Fischer (62) 
stellt eine ganze Anzahl Belegstellen zusammen. Seiner Studie entnehme ich auch, daß 
A. L. Wigan in Duality of Mind i8^4 das erstemal darauf aufmerksam gemacht 
haben soll. Vgl. ferner Dromard (54), Bernard Leroy (19), Heymans (117), Janet (i36); 
Ballet (Ca), Anjel (5): Dejä vu als Ermüdungserscheinung. — Kräpelin (162) bringt 
auch eine Auseinandersetzung mit der älteren Literatur (bis 1886). 

2 Ballet (6 a). 

■s Einer der Ursprünge des Glaubens an tlie Seelenwanderung. Über das Dejä VU 
der Geisteskranken vgl. Rosenberg (269). Dort auch die elegant erdichtete, völlig 
außer jeder Erfahrung schwebende Theorie Bergsons. 



ERINNERUNGSTÄUSCm ■^GE^J 33 

Man muß uiilorsc-luMdou : ein aktuelles ICrlcljiiis ^ kann: 

1. riilitii,' beurloilt werdt'u Irol/. des IMiänoinens des drja vrcii, 

2. l'alsch „ „ \vef,'en „ „ „ „ „ 

3. riclitig „ „ trotz ,, „ der l'ji Urem düng, 

4. l'alsch „ „ wegen „ 

Pick (240) schildert z. B. einen Schizophrenen, dem Mozartsche Melodien 
beim Anhören jedesmal als schon von ihm erdacht erscheinen. Der Kranke 
nennt dies „Uecidive in den (Jedanken". Lemaitre (172) macht auf jene 
Fälle aufmerksam, bei denen die Kranken glauben, das nämliche Erlebnis 
schon geträumt zu haben. Er deutet dies gleichsam als einen Ausweg 
aus dem Bewußtsein des Widerspruchs zwischen dem richtigen I'lrlebnis- 
urteil („es ist neu") und dem iloch_ vorhandenen Bekanntheitscharakter. 
„Da ich es tatsächlich noch nicht erlebt haben kann, und da es mir doch 
so bekannt vorkommt, muß ich es wohl so geträumt haben 2." 

In gewissem Sinne verwandt mit dem eben erwähnten Erlebnis des 
Pickschen Kranken ist ein weiteres: dort erscheinen Melodien nicht nur 
schlechtweg als bekannt (also schon erlebt), sondern von ihm erfunden; 
hier sind Cieschehnisse zwar nicht wirklich bekannt (also nicht schon erlebt) 
aber von früher „bestmimt", freilich seltsamerweise nicht von der Kranken 
vorausbestimmt, also prophezeit, sondern ganz allgemein vorausbestimmt. 

,,Es sei ihr immer vorgekommen, als ob alles, was geschehe, vorausbestimmt sei. 
Erst bei den anderen, dann bei sich selbst. Selbst die alltäglichsten Dinge." (Psychiatr. 
Klinik, Heidelljerg, Mihi Schild, i3. V. i5.) (Siehe auch unten.) 

In manchen krankhaften Zuständen ^ zeigen sich Störungen der Bekannt- 
heitsqualität in dem Sinne, daß irgendein Vorstellungskomplex — sei 
es ein Ereignis, von dem andere erzählten, sei es eine eigene Phantasie- 
vorstellung, sei es ein Traum — als real selbst er lebt beurteilt wird. Hier 
stellt sich also nicht nur das Bichtigkeits- oder Bekanntheitsbewußtsein 
(gleichsam als seltsamer Nebenbefund bei sonst korrektem Urteil) ein, son- 
dern das Urteil selbst wird verfälscht: der Kranke glaubt etwas wirklich 
erlebt zu haben, was er tatsächlich nur träumte oder dichtete (Pseudologia 
phantastica)^ oder was er zufällig irgendwie von anderen erfuhr. Man spricht 
dann von Erinnerungstäuschungen^. Aber endlich gibt es auch Fälle, 



' Es kann auch motorisch sein. Vgl. Lemaitres (17^) Paramnesie kitietique (Dejä 
execute). 

2 Daß hierher viele Überzeugungen von Prophezeiungen gehören, ist sichergestellt. 
Hierüber siehe später bei dem ,, zweiten Gesicht". Dromard-Albes (54) und .lanct (i36) 
machen darauf aufmerksam, daß gelegentlich das Z)fyV/-VU- I^riobnis aus dem andern 
der Entfremdung der Wahmehmungswelt erst hervorgeht. Zur Entfremdung vgl. 
Schneider (282 a) und Schilder (281). 

3 Besonders bei dem Korsakovvschen Symptomenkomplex und seinen Konfabulationen 
(beim Kopftrauma, Alkoholismus, Senium) und (seltener) in erlebnisreichen Phasen 
der Schizophrenie. 

^ Eine besondere Rarität ist die negative Paramnesie Lemaitres (172, S. ii/|): 
Der Kranke glaubt, soeben etwas gefragt zu haben und erwartet ungeduldig die Ant- 
wort: Nun? — obwohl er durchaus nichts gefragt hat. 

^ Es sei auch daran erinnert, daß alle nur einigermaßen phantasiebegabten Kinder 
in einer gewissen Zeit ihrer Entwicklung Pseudologisten sind. Man denke an das 
vielgenannte Beispiel aus Gottfried Kellers ,, Grünem Heinrich", I, Kapitel 8, S.87 — 92. 

3 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



34 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

in denen die Kranken einen Vorstellungskomplex oder einen Gedanken, 
den sie soeben wirklich vollzogen haben, in unrichtiger Weise als von 
früher her bekannt auffassen und daher fälschlich weit in die Vergangen- 
heit zurückschieben. So entsteht z. B. eines Tages in einem VVahnkranken 
unvermittelt der Gedanke, er werde von seiner vorgesetzten Behörde ver- 
folgt, und sogleich stellt sich die Überzeugung unverrückbar ein, daß er 
dies dem Benehmen seines Amtsvorstandes schon vor 10 Jahren angemerkt 
habe, als er sich jenem zum Dienstantritt meldete. In der Tat aber hat 
er damals vor 10 Jahren gar nichts bemerkt: es hegt eine Erinnerungs- 
fälschung vor (Rückdatierung) 1. 

Von der Erinnerungsfälschung — Phantasma des Gedächtnisses — (ein 
überhaupt nicht Erlebtes wird als erlebt vorgestellt) unterscheide man 
(mit G. E. Müller 215 III, S. 320) die 'Erinnerungsverfälschung: ein erlebtes 
Ereignis wird in der Erinnerung entstellt. Daß hierzu manche Gemüts- 
kranke besonders neigen, ist begreiflich. So ändert der Melancholiker viele 
seiner früheren Erlebnisse im Sinne schwermütig pessimistischer Auffassung 
ab; der Manische schmückt sie in lustig-übermütiger Weise aus. Alle diese 
Verfälschungen würden in das Gebiet der Psychologie der Aussage 
hineinführen. Man kann auch gelegentlich feststellen, daß die Erinnerung 
an ein früheres wirkliches Erlebnis dadurch verfälscht worden ist, daß über 
die Tatsachen schon einmal eine irgendwie entstellte Aussage erfolgte (ent- 
stellt vielleicht im Scherz oder in bewußter Übertreibung), und nun herrscht 
vor der sozusagen originalen Erinnerung diejenige an die frühere Aussage 
vor. (G. E. Müller 215 III, S. 308.) — Oft werden nicht die Einzelheiten eines 
Erinnerungskomplexes, sondern nur seine zeitliche Entfernung von der 
Gegenwart verfälscht 2. G. E. Müller führt noch mancherlei Einteilungen der 
Erinnerungsfälschungen an : additive und subtraktive (Wernicke), positive 
und negative (Oetiker), und er teilt die positiven wiederum ein in die freien 
Falscherinnerungen und in die mit nur falscher zeitlicher Lokalisation, 
ferner in die akzessorischen usw. (215 III, S. 322.) Doch beleuchten diese 
Schemata das ganze Problem nicht eben hell 2. Eine besondere Form der 
Fehlerinnerung (Paramnesie) ist auch jener Fall, bei dem ein wirk- 
liches einheitliches Erlebnis in der Erinnerung sich spaltet, indem sich 
seine Kontinuität in mehrere gleichartige, aber doch nicht aufeinander be- 
zogene Erlebnisse zerlegt (reduplizierende Paramnesie). Ein solcher Kranker 
erinnert sich z. B. sehr wohl, mit einem Herrn Pick mehrmals zu tun 
gehabt zu haben — vielleicht waren es auch verschiedene Picks — , aber 
jedenfalls deckten sie sich keineswegs mit diesem Professor Pick, bei dem 
er sich gerade befindet, und der ihn doch in der Tat jüngst mehrmals 
besuchte, (Im Semonschen Sinne: mangelnde Homophonie*.) Endlich ge- 



1 Siehe besonders die ältere (1886/87) Arbeit von Kraepelin (162) und G. E. Müller 
(2i5), III, S. 320 ff. 

2 Eine „blasse" Erinnerung läßt schließen: „Es ist schon lange her". 

3 Dies gilt auch von der Älüllerschen Aufstellung einer sechsfachen Entstehung 
von Erinnerungstäuschungen in pathologischen Fällen, III, S. 348. 

* Picks (246) interessanter Fall hat ein organisches Hirnleiden. Eine weitere 
Spielart einer solchen Fehlerinnenong ist jener „zweite Fall" Coriats (ein Alkoholiker), 



EIUNNEUl NGSFaLSCHUNGEN 35 

hört als eine Spezialität auch nocij jenes I'häiioineii, das i)ei Schi/ophreneii 
nicht so seilen ist, in diesen Zusainnienhan;,', dali ein krank<T bei allem, 
was sich gerade abspielt, die Überzeugung hat, gerade so habe er es 
kommen sehen. Er hat nicht etwa versucht, vorher irgend etwas zu pro- 
phezeien, aber allem, was sich nun tatsächlich ereignet, sieht er mit über- 
legen wegwerfendem Gesichtsausdruck zu: es ist mir nicht neu, ich wußto 
ja längst, so nuilite es kommen. Daiuit meint er auch alle von ihm selbst 
gänzlich unabhängigen Einzelheiten, etwa wenn sich ein Schmetterling in 
das Zimmer verirrt. Es handelt sich also hier auch um eine fausse recon- 
naissance, aber kein dejd vu, — nicht um die Täuschung über einen von 
früherer Realität her stammenden Bekanntschaftsclwirakter, sondern um die 
fälschhche — mit Fehlurteil verbundene — Erinnerungsgewißheit einer 
früheren Phantasievorstellung ^, 

Ein aufmerksamer Leser könnte hier mit Recht einwenden, daß es sich 
doch bei diesen abnormen Phänomenen nicht um eine Abnormität der Art 
(Qualität) der ^ orstellungen handle. Es liege nur eine falsche modale Be- 
urteilung vor. (G. E. Müller 215.) Und in der Tat: die letzt geschilderten 
Phänomene bergen das Abnorme nicht in der Qualität der Vorstellungen 
oder zum mindesten nicht in ihr allein, sondern auch in dem angeschlossenen 
Urteil. Insofern würden diese Störungen nicht in diesen Zusammenhang 
gehören. Wenn man aber jene beiden ersten Symptome (das dejä vu und 
die Entfremdung der Wahrnehmungswelt) betrachtet, so kommt es dort 
nicht immer zu einer falschen Beurteilung, sondern nur der den Vor- 
stellungen irgendwie angegliederte Richtigkeitskoeffizient ist abnorm. Dabei 
sei freilich ausdrücklich zugegeben, daß hier nicht das Phänomen des 
Richtigkeitsbewußtseins bzw. das Fremdheitserlebnis selbst als abnorm er- 
scheint, sondern nur seine \erbindung mit einem unzugehörigen Inhalt. 
Die Erinnerungsgewißheit selbst könnte überhaupt nur insofern als 
abnorm gedacht werden, als jemand in der Fähigkeit wiederzuerkennen 
(oder besser die Bekanntheitsqualität zu erleben) im allgemeinen geschwächt 
werden oder indem er sie ganz verlieren könnte. Solche Fälle wurden 
mir nie bekannt^. Der paranoide Schizophrene leistet zwar in Erinnerungs- 
fälschungen gelegentlich Außerordentliches, aber er ist keineswegs all- 
gemein in dieser Hinsicht gestört: neben den gröbsten Täuschungen 
vermag er andere, außerhalb seiner Paranoia liegenden Inhalte völhg klar 
und richtig modal zu beurteilen. Er benutzt also gleichsam den Apparat 
der modalen Beurteilung formal richtig und wird nur auf Grund von ab- 
normen Qualitäten seiner paranoiden Inhalte zu irrtümlichen Folgerungen 
verleitet. Ist diese Auffassung richtig, so gehören diese abnormen Erschei- 
nungen doch in diesen Zusammenhang, da nicht der Urteilsakt, sondern 
die \'orstellungs- bzw. Wahrnehmungsform dann das .Vbnorme bergen. Der 



der ein einheitliches Erlebniskontinuum in fünf Teile zerlegt, dabei aber die Inhalte 
der einzelnen Erlebnisse ganz richtig miteinander identifiziert oder aufeinander bezieht 
(Rosenberg [269]). — Femer Sittig (297 a). 

1 Hierzu vgl. besonders Kraepelin (162). 

' Die assoziative Seelcnblindheit gehört nur scheinbar hierher. Dagegen hat Dupres 
Topagnosie gew-isse Beziehungen zu dem hier Gemeinten (Rosenberg, 269, S. 569). 

3* 



36 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Unterschied zwischen dem Dejä vu und der schizophrenen Erinnerungs- 
täuschung bestünde dann nur darin, daß es im letzteren Fall zu einem 
tatsächlich falschen modalen Urteil kommt, im ersteren nicht, während das 
rein Phänomenale des Erlebnisses selbst in beiden Fällen gleich wäre. 
Die interessante Frage nach der Ursache dieser Verschiedenheit läßt sich 
zwar einfach und banal damit beantworten, daß der Kranke mit dem 
falschen Urteil ja eben der geistig Kranke, der Schizoplu-ene, sei, während 
das De/d-i'fi-Erlebnis (mit der richtigen Beurteilung) ja den nicht Kranken 
(Psychopathen) heimsuche. In der Tat aber läßt sich psychologisch über 
das Zustandekommen des geschilderten Unterschiedes noch fast nichts aus- 
sagen. Man kann zwar darauf hinweisen, daß die paranoiden Erlebnisse 
des Schizophrenen schon „Deutungen" sind, bei denen das rein Wahr- 
nehmungsmäßige zurücktritt und in seiner besonderen Konstellation auch 
nicht rückdatiert wird. Fälschlich rückdatiert wird nur ein sozusagen rein 
inneres Erlebnis, nämlich der Glaube, die Überzeugung, daß — um im 
Beispiel zu bleiben — der Amtsvorstand schon vor zehn Jahren in seinem 
Benehmen Mißgunst ausgedrückt habe. Genauer genommen, tragen also 
hier nicht einzelne Wahrnehmungsinhalte — wie beim Dejä vu — ein 
fälschliches Richtigkeitsbewußtsein, sondern eine Bewußtseinslage, eine 
Bewußtheit wird als schon früher einmal erlebt modal irrtümlich beurteilt. 
Man könnte hieraus also folgern, daß das Wiedererkennen einer Bewußt- 
seinslage oder ihre modale Beurteilung überhaupt besonders schwierig ist. 
Man könnte dies vermutungsweise verallgemeinern, indem man die Er- 
innerungsgewißheit bei allen rein inneren (anschauungsfreien) Erlebnissen 
als besonders schwierig und unbestimmt einschätzt \ Man könnte endlich 
darauf hinweisen, daß beim Dejä vu trotz falscher Richtigkeitskriterien das 
richtige Urteil dennoch meist zustande kommt: „Du hast es n i c h t erlebt", 
und daß bei der Entfremdung der Wahrnehmungswelt trotz der Entfremdung 
das richtige Urteil meist gebildet wird: „es ist dir doch bekannt". Und man 
würde mit diesen Gedankengängen mancherlei Bedenken gegen die Theorien 
türmen, die die Lehre vom Urteil psychologisch allein auf dem Richtigkeits- 
bewußtsein aufzubauen bestrebt sind. Doch sind dies hier nur Hinweise, 
inwieweit gerade die Kenntnis des Abnormen überhaupt psychologische 
Probleme zu beleuchten geeignet ist. Die besondere Frage ist viel zu ver- 
wickelt, als daß sie hier ausführlich dargelegt werden könnte-. 

Während man beim Dejä vu und bei der Selbsttäuschung des Pseudo- 
logisten annehmen kann, daß in den betreffenden Ereignissen oder Phan- 
tasievorstellungen doch einzelne Ähnlichkeiten an frühere wirkliche Erleb- 
nisse vorhanden sind („Anklänge": vgl. Semons Homophonie), und daß 
daher zum mindesten die Tendenz zum Bekanntheitserlebnis einfühlbar 
erscheint, vermag man bei der Entfremdung der Wahrnehmungswelt gar 
nicht recht näher an das Symptom hinanzugelangen. Trotz der klaren 
Überzeugung, in seiner gewohnten Umgebung zu sein, trotz völlig richtiger 



1 Dies würde zu den interessantesten, hier leider zu weit abführenden Gedanken 
über unanschauliche Erlebnisse und ihre zeitlich© Form hinleiten. 

- Vgl. dazu besonders Karl Bühlers Ausführungen in seiner geistigen Entwicklung 
des Kindes (35). 



FRINM.IU Nr.STÄUSCIllNC.KN — ZKIT?^1NN 37 

Beurteilung der Außouwclt, ist dorh alles fremd, fern, unwahrscheiidich. 
Der (lodaiiko ist daiuT nicht von der lland zu weisen, dali hier die Wahr- 
nehmuiiLTen selbst überhaupt nieiit abnorm serändert sind, und dali viel- 
mehr die Subjekt-Ubjekt-Bcziehung und ihr Bewuljtwerden Schaden ge- 
litten hat K 



Im AnschluJj an die Erinnerungsvcrfälschungcn sei auch noch des ab- 
norm veränderten Zeitsinnes- gedacht. Ich will zu dem allgemeinen 
Pri>l)lem selbst hier nicht Stellung nehmen. Ich hätte auch nichts dagegen 
einzuwenden, wenn jemand bezvveileln wollte, ob dies Phänomen in diesen 
Zusaiuiuenhang gehöre. Ich möchte hier nur erwähnen, dal5 mir keine 
Störungen des Zeitsinnes in der .Vrt bekannt geworden sind, daß jemand 
die „Zeitform" irgendwelcher Wahrnehmungen überhaupt verloren hätte. 
Es ist zu erwarten — es ist mir nicht bekannt, ob es irgendwo exakt 
nachgewiesen wurde — , daß Ausnahmezustände (z. B. Vergiftungen, Er- 
schöpfungen) die Genauigkeit von Zeitschätzungen erheblich beeinträchtigen 
dürften^. Doch ist dies wenig interessant, weil dann ein irrtümliches Urteil 
nur auf Grund mangelhafter Beachtung von Einzelheiten der Objekte zu- 
stande käme. Und wenn ich einen Augenblick ängstlicher Spannung wie 
eine Ewigkeit erlebe, so vermag der vorherrschende starke Affekt nebst 
seinen Wünschen wohl nur im gleichen Sinne zu stören. Sicher kommen 
aber Zeitsinnstörungen von Vors teil ujggsabläufen in mehrfachem Sinne 
vor. Einmal kann eine nachweisbar sehr kurze Zeitspanne von einer un- 
endlich großen Zahl innerer Erlebnisse erfüllt sein, so daß ich zu ihrer Er- 
zählung das vielhundertfache der Erlebniszeit brauchen würde. Und sodann 
kann ein nachweisbar sehr kurz dauerndes Erlebnis in der Erinnerung 
außerordentlich lange gewährt haben. Für den ersten Fall kennt jeder Bei- 
spiele: der Träumende erlebt das morgendliche Rasseln des Weckers etwa 
als das Glockensignal des abfahrenden Bodenseedampfers, aber diesem 
Signal ging im Traum eine sehr lange Geschichte voraus, die doch von 
vornherein auf jenes Signal gleichsam eingesteht war.^ Möglicherweise 
spielen hier Erinnerungsfälschungen des Erwachenden hinein, vielleicht 
ordnet auch erst der Wache den manifesten Traumeinzelinhalt im Sinne 
der Signaldeutung nachträgUch ungewollt ein, — aber ich muß zugeben, 
daß ich für das interessante Phänomen weder selbst eine befriedigende 



^ Hierüber siehe später unter Iclistörung. 

* Von älteren Arbeiten über den Zeitsinn sei hier Vierordt (3i7), dann 
d'Allonnes (3), Becher (ii) und endlich BenussLs neue große Arbeit (17) crwähnl. 
Zur Pathologie des Zeitsinns vgl. Klien (i52) und Pick (a/lS). 

"^ Bei starker Merkfähigkeitsstörung (Korsakowschcr Psychose) war dies nicht 
der Fall. Vgl. Gregor (92). Versuche mit Mcscalin Vergiftung in der Heidelberger 
Psychiatrischen Klinik ergaben nichts Bestimmtos entgegen den Erfahrungen Serko9(2g3). 

* Über Träume Vgl. Do Sanctis (277), Hacker (loi), Köhler (107) und Freud (78), 
um nur weniges, sehr verschieden Orientiertos zu nennen. Über patliologische otler 
abnorme Träume ist mir nichts Brauchbares bekannt (weniges in Radcsixjck [aö^J 
von 1879). 



38 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Erklärung beibringen kann, noch eine solche in der Literatur gefunden 
habe.' 

Ein anderes Beispiel für jenen ersten Fall der Zeittäuschung ist jene Er- 
zählung von Menschen, die ihren plötzlichen Tod unmittelbar erwarteten 
und nun in diesen wenigen Sekunden unendlich vieles erleben. 

So berichten etwa Skifahrer, die von dem Luftdruck einer Lawine große Strecke«! 
fortgeschleudert wurden, Bergsteiger, die abstürzten, daß sie in diesen kurzen Augen- 
blicken des Stürzens noch einmal ihren ganzen LebensinJialt an sich vorübereilen 
sahen, oder daß sie noch einmal aller ihrer Lieben einzeln in großer Klarheit ge- 
dachten. Baclz (8) erzählt von einer Dame, die schwimmend von einem ebenfalls 
schwimmenden großen, jungen Hund im Spiele immer wieder unter Wasser gedrückt 
wurde und ihren unmittelbaren Tod vor Augen sah. In diesen wenigen Sekunden 
erlebte sie eine lange Kette von Überlegungen: was man mit iluxjr Leiche tun würde, 
was ihr Mann sagen würde usw. 

Auch hierbei kann man ja annehmen, daß sich der Erlebende täuscht, 
daß er etwa ganze Teile seines Lebens gleichsam in vertretenden Symbolen 
gegenwärtig hat und sich keineswegs der Fülle der Einzelheiten bewußt 
wird, — daß also in jener kurzen Zeitstrecke nur wenige solcher Symbole 
einander jagen, — aber man muß zugeben, daß dies eine etwas vage Deu- 
tung eines häufig genau geschilderten Erlebnisses ist und nur wenig be- 
friedigt. 

Der zweite Fall — die erinnerungsmäßig sehr lange Dauer eines nach- 
weisbar kurzen Ereignisses — ■ stellt sich vor allem bei eigentlichen Psycho- 
sen ein 2. Mit Merkfähigkeitsstörungen haben solche Beeinträchtigungen des 
Zeitsinns aber nichts zu tun (Gregor 92). 

Für den umgekehrten Fall, daß jemandem eine objektiv lange und er- 
eignisreiche Zeitstrecke nachträglich äußerst kurz vorkam, vermag ich keine 
kennzeichnenden Beispiele mitzuteilen. Denn die bei der Schilderung irgend- 
welcher Erlebnisse (etwa eines spannenden Vortrags) häufig zu hörende 
Äußerung: die Zeit verging wie im Fluge — beruht ja auf etwas anderem, 
nämlich darauf, daß innerhalb des interessanten Erlebnisses keia Anlaß 
blieb, auf diesen Zeitablauf selbst zu reflektieren. Nicht aus eigener Er- 
fahrung, sondern aus einer Arbeit Kliens sei erwähnt, daß zuweilen auch 
das aktuelle klare Erlebnis sich ungemein rasch abzuspielen scheint, d. h, 
scheinbar einen plötzlichen Tempowechsel erleidet (152)-\ 

Bisher war in diesem Kapitel mehr von den Vorstellungsformen als von 
den Vorstellungsinhalten selbst die Rede. Können nun auch diese abnorm 
sein? Vielleicht erwartet mancher Leser an dieser Stelle vor allem eine 
Erörterung jener Vorstellungen, die den unbezweifelbar Geisteskranken recht 
eigentlich zu kennzeichnen scheinen, der Wahnideen und der Sinnes- 
täuschungen. 



^ Witry (826 c) beschreibt interessante halluzinatorische Erlebnisse während eines sep- 
tischen Delixs. Außerordentlich lange, komplizierte Ereignisse waren in eine meßbar 
kurze Zeit zusammengedrängt. Siehe übrigens weiter unten S. 268. 

2 Strümpell (3ii) beschreibt nur dürftig vier Typhuskranke, die die Zeit der 
Anstaltsbehandlung enorm überschätzten. 

2 Klien (i52) setzt sich auch mit mancherlei Tlieorien auseinander und bringt 
Lileraturangaben . 



INHALTLICH ABNORME IDEEN 39 

Wenn sich jemand einbildet, er sei ein zweiler Heiland der Welt, so 
wird dios oft als eine abnormo Vorstellung bezeichnet Und in der Tat ist 
nianclierlei ilaran abnorm. \ ielleicht entstand diese Cberzeugunj:^ ganz un- 
mittelbar, ohne jeden Anlalj, primär als waimhaite Bewuljtheit. Dann kiumle 
diese Cienese als abnorm bezeichnet werden. Vielleicht ist die Stärke 
dieser Überzeugung, die Unerschütterlichkeit abnorm, mit der diese Wahn- 
idee vorgebracht wird. Aber man wird nicht |in der Stärke einer ( ber- 
zeugung überhaupt ein Moment sehen wollen, welches zu den (jualitativ 
abnormen > orstellungen oder Gedanken gehört. Vielleicht ist es abnorm, 
dalj in dem Wahnkranken keine Gegenvorstellungen auftauchen, daß von 
ihm keine gegenteiligen Erfahrungen gemacht werden, die die primäre 
Cberzeugtheit erschüttern könnten. Aber auch dies hätte nichts mit den 
Vorstellungsinhalten selbst, nur mit ihrer Verknüp fung zu tun. Schließ- 
lich könnte man in der Bizarrheit oder Ungewöhnlichkcit vieler Wahnideen 
einen Umstand vermuten, der diese Ideen doch zu inhaltlich abnormen 
stempelte. .Vber viele, ja die meisten Wahnideen sind recht einförmig und 
uninteressant und keineswegs bizarr. Und welche Phantasietätigkeit könnte 
nicht in gänzlich normaler W eise Ideen entwerfen, die weit ungewöhnlicher, 
weit verschrobener wären als viele Wahnideen? 

Nur ein Moment ist es, welches, inhaltlich orientiert, vielen Wahnkom- 
plexen in ihren zeitlichen Umläufen eigentümlich bleibt; das Moment der 
Größe oder der Kleinheit. Aber auch dies darf nur gleichsam bedingt 
ausgesprochen werden. Denn wenn sich jemand einbildet, 1000 Schlösser zu 
besitzen, so mag wiederum an diesem Gedanken vieles abnorm sein: in- 
haltlich braucht dieser Gedanke nicht als abnorm bezeichnet werden, da 
doch sicherlich mancherlei „normale" Luftschlösser in ganz anderen „Größcn"- 
Verhältnissen schwelgen. Aber es ist eigenartig, daß das Größenmoment 
selbst — zweifellos ein inhaltliches Moment — zweifellos an sich nicht 
abnorm — durch seine Dauer, durch seine Besetzung aller oder der 
meisten Vorstellungsinhalte manchen Wahn charakterisiert. Alan hat ge- 
glaubt, daß nur der begleitende Affekt diese „Färbung" der Vorstellungs- 
inhalte vornehme, und daß speziell beim Größenwahn die heiter aus- 
schweifende (manische) Grundstimmung des Kranken diese Größenvor- 
stellungen bedinge. Dies trifft aber keineswegs immer zu. Sicherlich gibt 
es Krankheitszustände ', in denen ein glückserfüllter Kranker glaubt, 1 000 
Frauen zu besitzen, Obergeneral aller Generäle zu sein usw., aber man be- 
obachtet auch blöde, gänzlich in sich versunkene, keineswegs fröhüche 
Kranke, deren wenige noch verständliche Sprachlaute solche Größenmomente 
erkennen lassen. Ich erinnere mich eines solchen Kranken, der fast nur 
noch die Worte produzierte: „tief im Neckar". Das war zweifellos das 
persevierende Größenmoment ehemaliger Wahnideen. Aber es gibt schließ- 
lich auch Kranke, die keineswegs lustig sind, vielmehr sich selbst mit 
peinigenden Vorstellungen zermartern und doch das Größenmoment dau- 
ernd produzieren : sie würden niemals sterben, alle andern, ja die ganze 
W'elt überdauern u. dgl. mehr. — Vom Kleinheitsmoment gilt grundsätz- 
lich dasselbe. 



1 Hauptsächlich bei der pro^essiven Paralyse. 



40 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Nur dies an den Wahnideen, und selbst dies Moment nur mit einer 
gewissen Einschränkung, gehört hierher, wo von der inhaltlichen Ab- 
normität der Vorstellungen und gedankUchen Inhalte die Rede ist. Im 
übrigen wird von dem Wahn in anderem Zusammenhange gesprochen 
werden. Hier folgt nur noch ein Beispiel, wie Kleinheits- und Größenideen 
durcheinandergehen : 

,,Icli seh keiiiem ÖMenschen mehr gleich, bin gar iiix mehr auf der Welt. Am 
besten gehör' ich begraben. Ich bin eine Mißgeburt, nur noch Haut und Knochen. 
Wir sind aurli kein Vieh nieliT, gar nix mehr. Herr I>oktor, kann man denn so weit 
kommen, daß man nix mehr is auf der Welt, nur grad eine Gestalt. Man soll 
mich iu ein Loch werfen oder vor die Hunde schmeißen. Oder stellen Sie mich 
aus, so was haben die Leute noch nicht gesehen. — Ich kann ja doch nicht 
sterben, man kann mich nicht einmal begraben, ich muß ewig so herumschweben. — 
Die Menschen können Weihnachten feiern, ich nicht. Ich bin ein böser Patient. 
So gibts unter loooo nicht einen. Alles, was Odem hat, stimmt mit Freuden 
zusammen, ich nicht, ich hab keinen Odem." — (26 Jalire später): ,,Sie wolle 
sich beim Bäcker verbrennen lassen, die ganze untere Partie ihres Körpers sei aus 
Holz und arefühllos. Sie sei kein Mensch mehr, sondern ein Skelett, oder sie sei 
zur Salzsäule geworden." (Sannchen Licht, 10. II. 83, Psychiatr. Klinik, Heidelberg.) 

Hier könnte noch von jenen vorstellungsmäßigen oder gcdankhchen In- 
halten die Rede sein, die aus dem bisherigen Erfahrungsschatze einer Per- 
sönlichkeit nicht zu stammen scheinen, die — ihrer Natiu- nach gänzlich 
neu und ungewöhnlich — unvereinbar sind mit den sonstigen Kenntnissen, 
Fähigkeiten, Interessen dieser Person, und die daher in diesem Sinne als 
abnorme Leistungen imponieren. Doch haben diese Inhalte so viel mit dem 
Problem der Ergriffenheit, des Erleuchtetseins, der Besessenheit zu tun, 
daß sie dort (unter den Willensstörungen) mit behandelt werden. Daß 
mancherlei verwandtschaftliche Beziehungen eines Teils dieser Eingebungen 
zu den Wahnideen bestehen, erscheint wohl begreiflich. 

Wie steht es aber mit den Sinnestäuschungen? Sie könnten nicht 
entstehen, wenn der Kranke nicht zuvor schon einmal entsprechende ^virk- 
liche Walirnehmungen gehabt hätte. Sinnestäuschungen sind also — von 
diesem Gesichtspunkt aus gesehen — zweifellos irgendwie reproduzierte 
Empfindungen, also Vorstellungen und — so dürfte leicht behauptet werden — 
doch sicherUch abnorme Vorstellungen. .Vbnorm ist aber an ihnen 
nur die Entstehung, nur die Tatsache ihres Auftretens, keineswegs ihre In- 
haltlichkeit. Wenn ich durch Druck auf die geschlossenen Augen des x\lko- 
holdeliranten bewirke, daß er mir bunte Blumen oder kaleidoskopartige 
Gebilde beschreibt, die er deutlich zu sehen behauptet, so sind selbstver- 
ständlich diese Vorstellungsinhalte an sich in keiner Weise abnorm. Und 
wenn mir ein schizophrener Kranker schildert, daß er mit elektrischen 
Strömen an den Schläfen gequält wird, so mag das eine Mißempfindung 
am Kopf sein, als wenn dort wirkhch Elektroden angesetzt wären. Für den 
Kranken selbst ist die Tatsache dieser Qual gleichartig, würde sie wirklich 
ausgeübt oder möge sie halluziniert werden. In diesem deskriptiven Sinne 
ist also auch die Sinnestäuschung nicht abnorm, oder sie braucht es zum 
mindesten nicht zu sein. Deshalb gehört auch die Besprechung der Sinnes- 
täuschungen nicht eigenthch in das Kapitel der quahtativ abnormen ^ or- 
stellungen. 



SI NNKSTÄISCIIUNGEN 41 



Al)er dieses Kapitel der Sinnestäuschungen ' j,'eliört auch in keinen anderen 
Zusanunenhang, es steht ganz allein. Man könnte auf den Einlall kommen, 
die IIallu7.inatii)nen in die l'sychologie des intentionalen Aktes in dem- 
jenigen Sinne zu verweisen, dafi bei ihnen ein „lungestelltsein auf", ein 
„Gerichletsein auf", ein „Meinen" fehle. Die Sinnestäuschungen drängen 
sich auf, sie führen eine selbständige Kxistenz, sie wertlen nicht von mir 
ergriffen, sondern sie ergreifen mich; aber ich kann sie nicht einmal 

abschütteln, übersehen. Sie seien nicht ein Material, das mir gegenüberstehe, 
sondern sie seien doch irgendwie auch .,Ich", freilich nicht im Sinne eines 
spontiuien Erfassens. 

Alles dies kommt zweifellos an den Sinnestäuschungen vor, aber es ist 
keineswegs für alle charakteristisch und läßt sich daher auch nicht als 
Merkmal der Einordnung verwerten. In mannigfachster Weise treten die 
Sinnestäuschungen in den seelischen Ciesamtmechanismus ein, sie werden 
von der Persönlichkeit in der verschiedensten Weise verarbeitet, sie sind 
deskriptiv auch sicherlich untereinander sehr verschieden. ,\ber das eine 
wirklich Abnorme, was ihnen allen allein eigentümlich ist, ist nichts un- 
mittelbar Erlebtes. Es ist nur die Tatsache ihrer zerebralen, von den Sinnes- 
organen und der Außenwelt unabhängigen Entstehung, also ein gänzlich 
außerpsychologisches Moment. Die wissenschaftliche Bedeutung dieses 
interessanten Phänomens der Sinnestäuschungen liegt denn auch nicht so 
sehr in der eigentlichen Psychologie als in deren Grenzgebiet zur Physio- 
logie und vor allem bei der Frage des Zusammenhangs zwischen Leib und 
Seele. Alle diese Probleme stehen hier nicht zur Untersuchung. Was aber 
an den Sinnestäuschungen rein psychologisch interessant ist, soll hier gleich- 
sam als Anhang zu dem Kapitel der qualitativ abnormen Vorstellungen 
Platz finden. 

Im .\bschnitt über die quantitativ abnormen Vorstellungen wurde schon 
erwähnt, daß manche phantasiebegabten Menschen sich eine Einzelheit oder 
ein ganzes Erlebnis so merkmalsreich, so plastisch, so lebendig vorstellen 
können, daß es „vor ihnen steht", d. h. daß ihr Urteil Schein und ^^ irk- 
lichkeit nicht mehr zu sondern vermag. Manche bedürfen dabei noch wirk- 
licher Empfindungen als Anhaltspunkte. So lautet eine aus den Zeiten der 
italienischen Renaissance übernommene, immer wieder empfohlene Anwei- 
sung für Maler: eine farbige, moosbegrünte Mauer lange zu betrachten; 
dann sprängen schon die Gestalten daraus hervor (Pareidolien, Illusionen). 
Andere Persönlichkeiten mit lebhafter Phantasie brauchen solche Hilfen nicht. 
Der dichterisch wie der religiös Erregte glaubt die Gestalt leibhaftig zu sehen 
oder zu hören, die ihm Offenbarungen, Heilswahrheiten oder Versuchungen 
vermittelt. Solche einzelnen Gestalten können durchsichtig, „neblig", „wie 
ein Schleier" sein, oder sie können ganz naturwahr kompakt den Hinter- 
grund vercfecken und können sich bewegen, schweben, lächeln, W^orte spre- 
chen oder stumm und undeutlich wieder verschwinden. Der Reichtum 
solcher Schilderungen ist enorm. Nicht nur die Archive der Irrenhäuser, 



1 AJlg^nieüies zum Problem der Sinnestäuschungen brüigon besonders Specht (299 a), 
Jaspers (lüg u. i/jo), Goldstein (89 u. 90), und allenfalls Rülf (275), früher Stör- 
ring (3io) in Vorlcs. 3 — 7, Parish (233 b) und (i8/i5) Brierre de Boismont (3o). 



42 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

auch die Literatur der Religionspsychologie, des Spiritismus und Okkultismus 
sowie die Selbstbiographien bergen ein unendliches Material. Aus der über- 
großen Mannigfaltigkeit läßt sich nur wenig Allgemeines heraussondern; 
dabei ist es auch wichtig, das zu beachten, was selten oder niemals 
halluziniert wird. 

Auf dem Gebiete der optischen Sinnestäuschungen^ herrschen zwei 
Formen : entweder glaubt der Kranke, kleine bewegliche Dinge zu sehen 
(Fäden, Spinnen, Schlangen, Mä;use, sehr kleine Männchen u. dgl.) - oder 
es erscheinen menschliche Gestalten in natürlicher oder gesteigerter Größe 3. 
Erstere Täuschungen sind fast immer echter realistischer Sinnestrug, sie 
sind einfach da, ohne eine besondere Bedeutung, oder Gefühlsbetonung zu 
erlangen. 

Dort sprängen Mäuse unter dem Bette umher, Maikäfer und Mücken sehe er 
auch. Die Käfer krabbeln unten am Fußende dos Bettes herum und kit/eln ihn. 
(Er hascht während der Unterhaltung nach den Mücken.) Beinahe habe er eine 
gefaaigen; werm er wolle, kriege er sie schon. Aus den Löchern am Boden kommen 
fortwährend Mäuse hervor und klettem am Bett in die Höhe. Ein Vieh, so groß 
wie eine Katze, mit langem Schwanz habe er auch gesehen. (Er stößt mit dem Fuß 
nach den Käfern, schnalzt mit den Fingern, lacht, pfeift.) (Peter Treiling, 7. 4- 08, 
Psvchiatr. Klinik, Heidelberg. Delirium tremens.) 

„Hyoscin ist ein sehr beruhigendes Mittel, man spürt das Erschlaffen der Arme, 
Beine, Enttäuschung, man glaubt, Zigarren zu rauchen, will sie in die Hand nehmen, 
Zeitungen zu lesen, die man nicht hat. Jeder Gegenstand, den man sieht, mrd zu 
einer lebendigen Form, die sich bewegt, mit besonders unangenehmen großen Augen, 
fratzenhaften Gesichtern. Es kommen Gestalten, in Massen, groß und klein, man ruft sie 
an, und ärgert sich schrecklich, daß sie das Verbot haben, zu antworten. Es ist ein Zustand 
für mich voll Angst und Unbehaglichkeit, bis ein tiefer Schlaf dem Theater ein Ende 
bereitet." (Vergiftung mit einem Centigramm Hyoscin. Fritz Kalb. Manisch-depressives 
Irresein. Psychiatrische Klinik, Heidelberg, 10. 7. 20.) 

Die in Lebensgröße erscheinenden menschlichen oder menschenähnlichen 
Gestalten sind selten echte Sinnestäuschungen, sie sind vielmehr meist 
mit vorstellungsmäßigen Elementen durchsetzt und fast immer bedeutsam, 
gefühlsbetont. Oft lassen sie sich absichtlich herbeiführen; je nach 
Stimmungslage und Ablauf der Vorstellungen wandeln sie sich auch in der 
Geste, dem Gesichtsausdruck usw. 

Diesen Zusammenhang der „Erscheinungen" mit Gemütszuständen er- 
kannten schon die dämonengeplagten Heiligen des Frühchristentums *, er ist 
auch den modernen Forschern okkulter Phänomene nicht verborgen ge- 
blieben ^ Johannes Müller beschreibt ausgezeichnet (216), wie er seine 
„phantastischen Gesichtserscheinungen befördern und festhalten kann". Er 
vermag sich in eine geeignete Gemütslage zu versetzen, aber dann muß er 
warten, was da kommt. 



1 Vgl. hierzu das gute, alte Buch von Hibbert (119). 

2 Bei alkoholischen und anderen Vergiftungsdelirien, z. B. bei Haschisch (S. 255), 
Mescal (S. 257), Opium (S. 252) in Jastrow (i44). Über Haschisch s. auch Meunier 
(202 a). 

3 Hauptsächlich bei den psychogenen Psychosen und der Schizophrenie. 
* \g!. die Vita des hl. Antonius von Athanasius. Vgl. Stoffels (3o8). 

& Floumoy (6/1, 65, 66, 67, 68, 69). 



OPTISCHE SINNESTÄUSCHUNGEN 43 



..EHe Erscheinung ist urplölzlicli, sie ist nie zuerst eingebildet, vorgestellt und dann 
leuchtend. Ich sehe nicht, was ich schon sehen möchte; ich kann mir nur gefallen lassen, 
was ich ohne alle Anregung leuclitond sehen muß." (aiö, S. aS.) 

bekannt ist die Schilderung Goethes: ,,Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen 
schloß und mit niedergesenktoin Haupte mir in ilie .Mitte des Sehorganes eine Blume 
dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt, sondern sie 
legte sich auseinander, und aus ilirem Innern entfalteten sich wieder neuo Blumen 
aus farbigen, auch wohl grünen Blättern; es waren keine natürlichen Blumen, sondern 
phantastische, jedoch regelmäßig wie die Rosetten der Bildhauer. Es war unmöglich, 
die liervorsprossende Schöpfung zu fixieren, hingegen dauerte sie so lange als mir 
heliehle, ermattete niciit und verstärkte sich nichtt." 

Bei der großen Mehrzahl der geistig Kranken sind die Erscheinenden 
verstorbene oder fernweilende .Vngehörige oder rehgiöse Gestalten. Fast immer 
haben diese etwas Phantastisches oder zimi mindesten verschwommen Ln- 
goWsses. Schon dieser Umstand weist darauf hin, daß Vorstellungen dabei 
äußerst wirksam sind (Pseudohalluzinationen)-, .Vuch insofern sind diese 
Gestalten oft auffallend unnaturalistisch, als sie meist plötzlich da sind oder 
daher schweben oder irgendwo ruhig stehen, ähnlich den Gespenstern der 
Dichtungen. Niemals hört man berichten, daß eine halluzinierte Gestalt im 
gewöhnlichen Schritt des .Ultags herankommt, womöglich gar mit den Ge- 
räuschen des Schreitens. Wenig untersucht sind noch die Größen Ver- 
hältnisse und die Topik der Erscheinungen. Zwar äußern viele Hallu- 
zinanten, die Gestalten seien „so groß wie natürlich" gewesen, wissen aber 
dann nicht genau anzugeben, in welcher Entfernung jene denn gestanden 
habend. G. E. Müller (215, II, S. 410 — 41 Q) nimmt von den Halluzinationen 
an, sie seien an einen festen Ort oder Abstand gebunden, würden rein 
egozentrisch lokalisiert und stets von einem unwirklichen Standpunkt aus 
wahrgenommen. Aber alles dieses ist so generell einfach nicht richtig, wenn 
man die Fülle der Erfahrungen durchmustert. 

Nägeli (221) gibt sich selbst über die Frage der Entfernung Rechenschaft: Einzelne 
Gestalten seien ,,in seiner Nähe gewesen, seltener viele in einiger Entfernung, dio 
dann gewöhnlich dicht gedrängt beisammen waren". Die Landschaften hatten meist 
keinen Vordergrund, aber auch niemals einen sehr entfernten Hintergrund, wenigstens 
anfangs. Die l'iefe der Perspektive nahm mit der Zeit fortwährend zu. Seiner 
Meinung nach waren die Visionen wolü nicht stereoskopisch, und deshalb etwas 
fremdartig. 

Interessanterweise bezieht sich die oben erwähnte Makropsie gelegent- 
lich auch auf die Sinnestäuschungen, z. B. „.\meisen, groß wie Käfer" 
(Eskuchen), drei ungeheuer große Greise (Menschen 11 4 a), Riesen und Zwerge 
an einem blendend weißen Weg (Uhthoff). Über die Größe der Erscheinungen 
siehe auch G. E, Müller (215, II, S. 357 und 389) und die dort angeführten 
vier Literatlirangaben*. Bedenkt man, daß sich jemand in seinem wirk- 

^ Zur Morphologie und Naturwissenschaft. Zitiert nach Müller (216). 

^ Vgl. zum Unterschied die Ausführungen oben (über besonders lebhafte Vor- 
stellungen) und Fechner (60), 2. Bd., S. 468 ff . Seine Ausführungen neben denen 
von Nikolai (224), Nägeli (221), Johannes Müller (216) sind noch immer die wichtig- 
sten Quellen. 

^ Gelegentlich erscheinen die Täuschungen auch halbseitig, z. B. immer rechts: 
Josef son (1/I6). 

* Müller unterscheidet nicht hinreichend zwischen Halluzinationen und Pseudo- 
hulluzinationcn. 



44 GRUIILE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

liehen Zimmer eine Gestalt so lebhaft vorstellt, daß er sie zu sehen 
glaubt, so wird er sie sich begreiflicherweise so vorstellen, wie sie ihm an 
jenem Orte tatsächlich erscheinen würde (d. h. in dem gleichen Sehwinkel). 
Daher sprechen Angaben über besonders große oder auffallend kleine Gestalten 
sehr für echte Sinnestäuschungen (wie beim Deliranten). „Normal" große 
und sich gut in den Raum einfügende Erscheinungen lassen eher auf 
Pseudohalluzinationen schließen. Man hat gelegentlich gefunden, daß die 
Gestalten größer wurden, wenn die Versuchspersonen durch ein Vergrößerungs- 
glas sahen. Dies deutet mit großer Wahrscheinlichkeit auf lebhafte Vor- 
stellungen hin, weil die übrigen Außendinge größer gesehen werden und 
sich die Versuchsperson nun ungewollt dieser Änderung anpaßt (G. E. Müller, 
215, II, S. 384). Aber die Sachlage ist recht kompliziert; man braucht nur 
an seine eigenen Nachbilder (den echten Halluzinationen vergleichbar) zu 
denken, so weiß man auch bei ihnen keineswegs immer genau die Ent- 
fernung anzugeben, in der sie (ohne Projektionsebene) zu schweben scheinen. 
Weiß ein Halluzinant komplizierte Visionen sehr schlecht zu lokalisieren, 
vermag er nur zu schildern, daß sie außerhalb seiner seien (exterioriie) ohne 
zu wissen wo, so kann man mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß 
sie keine wahre realite für ihn besitzen (Janet 137, S. Q3), sondern leb- 
hafte Vorstellungen sind^. Es ist erstaunlich, daß sehr wenige Halluzinanten 
die Farben der Erscheinungen mit einiger Sicherheit wiedergeben können. 
Meist ergänzen sie, gefragt, die Farben nach den gleichen Tendenzen, die 
die Psychologie der Aussage bei den Irrtümern feststellt (das Gewohnte, 
zu Erwartende, Assoziierte usw.). Auch die Unterscheidung von Flächen- 
und Raumfarben (Katz 149a) erscheint bei den optischen Trugwahrnehmungen 
kaum möglich. Zuweilen erlebt man ja flächenhaft farbige Wahrnehmungen 
in der Erinnerung als raumhaft, und allen leuchtenden Farben haftet ja 
von vornherein etwas Raumhaftes an (G. E. Müller, 215, I, S. 57). 

Nägcli (221) unterscheidet: farblose Bilder mit schwach angedeuteten Schatten 
und hl nul ichgrauem oder grünlichgrauem Ton, mehrfarbige Bilder mit blassen, weni^^ 
kontrastierenden Farben, Bilder mit intensiven, doch einförmigen Farben. Neben- 
einanderliegendo Farben waren nie komplementär. Nie zeigten sich direkt© Lichter, 
nie scharfe Schlagschatten. 

Daß in der Erinnerung an echte Sinnestäuschungen die Farben zuerst 
erblassen, oder daß bei langsam verschwindendem Phantasma zuerst die 
Farben undeutlich werden, wird von den Halluzinanten vielfach bestätigt 
(Nikolai, Fechner). G. E. Müller erwähnt, daß auch die Beteiligung der drei 
optischen Spezialsinne (Schwarz-weiß, Rot-grün, Gelb-blau) an den Sinnes- 
täuschungen noch nicht genügend untersucht sei, besonders noch nicht hin- 
sichtlich ihrer Nachhaltigkeit (215, II, S. 629). 

Die Sprache der halluzinierten Erscheinungen ist meist auffallend unreal. 
Zwar ist gelegentlich die Stimme eines Angehörigen wohl erkennbar, aber 
sie beschränkt sich auf wenige Worte: Warnungen, Drohungen, Namens- 
rufe, Die Stimme des Heilandes oder der Jungfrau ist unbestimmt feierlich. 



1 Es kommen auch Sinnestäuschungen vor, die sich auf bestimmte Bezirke des 
Gesichtsfeldes beschränken: de Schweinitz (287 a). 



OPTISCHE SINNESTÄUSCHUNGE N 45 

in den ^^'o^lo^ dürftig. Dio Sätze selbst sind meist der Ribel eiitlelinl. 
Sind doch die Äuljeruiigen einer l^rscheinung einmal aiisfülirlicher 
gewesen, so lassen die Nebenumstände mit grolier Sicherheit echte Sinnes- 
täuschungen ausschlielien. In anderen WOrten: (ileich/eitige optische und 
akustische echte Sinnestäuschungen sind aulierordentlich selten. Je mehr 
man sich in die Beschreibungen der optischen Halluzinationen vertieft und 
sie durch Befragung tler llalluzinanten zu klären sucht, um so mehr wird 
man irre am \ orkommen echter optischer Täuschungen - abgesehen von 
der ersten oben bezeichneten Gruppe. Die allermeisten sind Pseudohalluzi- 
nationen '. Aus der unendlich groiien Zahl möglicher Beispiele folge hier 
nach bestimmten Gesichtspunkten eine kleine Auswahl: 

,,Icli war nämlicli eines Morgeiis bei schon erhelltem Himmel nus einem liefen 
Schlaf aufgewacht, da flimmerten mir Traumbilder der zurückgelegten IVacht und 
insbet^ondcro das Bild eines häßlichen Schwarzen, den ich vorher niemals gesehen, 
so lebhaft vor meinen Augen, als wenn es wirklich Gegenstände außer mir wären. 
Die Gebilde versciiwanden fast ganz, wenn ich, nach anderer Unterhaltung verlangend, 
auf ein Buch oder sonst etwas scharf liinsah, kehrten aber mit derselben l,el)hafLigkeit 
wieder, sobald ich von dem bestimmten Gegenstande wieder hinweg ohne fixierte Aufmerk- 
samkeit auf Verschiedenes hinstierte, bis es dann nach einigen Wiederholungen über 
dem Haupte hinwegschwand." (Aus einem Brief B. de Spinozas an den hoch.veisen, 
hochgolelirten Peter Balling, übersetzt von Pitschaft in Moritz' Magazin zur Erfahrungs- 
seelenkunde.) 

,,Die Gestalt des ^ erstorbenen erschien nicht mehr nach dem ersten erschütternden 
Tage, hingegen kamen sehr deutlich viele andere Gestalten zum Vorschein; zuweilen 
Bekannte, aber meistens Unbekannte. Unter den Bekannten waren Lebende und 
Verstorbene, mehrenteils erstere; nur bemerkte ich, daß Personen, mit denen ich 
täglich umging, mir nicht als Phantasmen erschienen, es waren jederzeit Entfernte. 
Auch versuchte ich, nachdem diese Erscheinungen einige Wochen gedauert hatten 
und ich mich dabei ganz ruhig befand, Phantasmen von mir bekannten Persononr 
selbst hervorzubringen, welche ich mir deshalb sehr lebhaft vorstellte; aber ver- 
geblich. So bestimmt ich m(ir auch die Bilder solcher Personen in meiner selxr 
lebhaften Einbildungskraft daciite, so gelaing es mir doch nie, sie auf mein Verlangen 
außer mir zu sehen, ob ich sie gleich schon \x>r einiger Zeit unverlangt als 
Phantasmen gesehen hatte, und sie sich auch wohl nachher unvermutet mir wieder 
auf diese Art darstellten. Die Pliantasmen erschienen mir schlechterdings unwillkürlich, 
als würden sie mir von außen dargestellt gleich den Phänomenen in der Natur, 
ob sie gleich gewiß bloß in mir entstanden; und dabei konnte ich, so wie ich 
überhaupt in der größten Ruhe imd Besonnenheit war, jederzeit Phantasmen von 
Phänomenen genau unterscheiden, wobei ich mich nicht ein einziges Mal geirrt l»ab&. 
Ich v\-ußte genau, wann es mir bloß schien, daß die Türe sich öffnete und ein 
Phantom hereinkam, und wann die Türe wirklich geöffnet ward und jemand wirk- 
lich zu mir trat. 

Übrigens erschienen mir diese Gestalten zu jeder Zeit und unter den verschiedensten 
Umständen gleich deutlich und bestimmt: Wenn ich allein und in Gesellschaft war, 
bei Tage und in dunkler Nacht, in meinem Hause und in fremden Häusern, doch 
waren sie in fremden Häusern nicht so häufig, und wenn ich auf offener Straße 
ging, sehr selten. Wenn ich die Augen zumachte, so waren zuweilen die Gestalten 
weg, zuweilen waren sie auch bei geschlossenen .\ugen da." (Nikolai, 22 i, S. 335.) 

,, Einige Male sah ich unter ihnen auch Personen zu Pferde, desgleichen Hunde 
und Vögel. Diese Gestalten alle erscliienen mir in Lebensgröße, so deutlich wie man 
Personen im wirklichen Leben sieht: mit den verschiedenen Karnazionen der unbe- 
kleideten Teile des Körpers und mit allen verschiedenen Arten und Farben der 
Kleidungen; doch dünkte mich, als wären die Farben etwas blässer als in der 
Natur. Keine der Figuren hatte etwas besonders Ausgezeichnetes, sie waren weder 



1 Vgl. Stumpf (3i3), auch Stoffels (3o8). 



46 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

schrecklich, noch komisch, noch widrig; die meisten waren gleichgültig, einige aucii 
arigcrieiim." (Nikolai, 224, S. 387.) 

Nicht selten berichten Ilalluzinanten, besonders die hysterischen Persön- 
Hchkeiten, auch vom Erscheinen von leuchtenden Blumen (diese sind dann 
fast immer schön und gefühlsbetont) oder Schriftzügen (diese haben dann 
meist einen, wenn auch dunklen Sinn). Werden einmal Möbel und andere 
Gegenstände halluziniert, so dienen sie nur dazu, einen Raum auszustatten, 
d. h. eine Situation zu vervollständigen, meist einen Raum, in dem dann 
eine irgendwie bedeutsame Person erscheint. Man hört fast niemals einen 
Ilalluzinanten schildern, daß er etwa vereinzelt ein Möbelstück, etwa einen 
Kleiderschrank oder einen Kochlöffel oder dergl. halluziniert habe, es sei 
denn, daß ein solcher Gegenstand irgendeine Wichtigkeit für die betreffende 
Person habe, einen Komplex repräsentiere. Das Fehlen solcher Inhalte unter 
den optischen Sinnestäuschungen ist für ihre Theorie recht bedeutsam^. 

Seltener werden gegenstandslose Farben oder Flecken halluziniert. Nägeli 
(221) berichtet, im Anfang seiner Erkrankung sei das ganze Gesichtsfeld 
gleichmäßig ziemlich intensiv erhellt gewesen. Später erschienen helle Stellen 
auf dunklem Feld. Der Fall Sauden von Menschen (114a) sah gelb und blau: 
nur einen „gefärbten Schein". Und von gewissen Vergiftungen (Santonin) 
werden reine Farbentäuschungen häufig beschrieben (Photopsie, [Rose 268c]). 
Dies führt aus den reinen Sinnestäuschungen schon wieder hinaus und in 
die Verfälschung der Außenwelt (Illusionen) hinein '•"■. 

Auch von Bewegungstäuschungen, oft verbunden mit Farberschei- 
nungen, wissen die lu-anken zu berichten : 

Es seien Lichter gewesen, die ihm nachgehüpft seien, so Stemlein auf dem 
Boden. Manchmal auch in der Höhe der zweiten Etage. „Vielleicht waren es Rad- 
fahrer oder ein Geblänkel mit elektrischem Licht." Des Nachts sah er auf der 
Straße , .Laternen schwingen", was ihn sehr störte. (Thomas Stephan, Psychiatr. 
Klinik, 2. XL 12.) 

Mit dem Problem der halluzinierten Bewegung haben auch die soge- 
nannten Verwandlungen zu tun. 

Nägeli (221) beschreibt trefflich, daß er häufig allmähliche, in sich einheitliche 
Verwandlungen erlebte. So erschienen zahllose Eispyramiden, deren Spitzen sich unter 
Beibehaltung des Farbentons in Köpfe und Fratzen wandelten. Oder der Zipfel der 
Bettdecke ging in einen Gipskopf über. Es wiar keine Ablösung, sondern einei 
wirkliche Verwandlung (wie bed Ovid). „Ich kann zwar nicht angeben, wie sich 
die Landschaft in ein Zimmer, das Meer in ein Haus, die Kirche in eine Person 
umwandelle, allein es sind diese Metamorphosen am Ende nicht viel wunderbarer 
als diejenigen, die ich wirklich gesehen habe." (221, S. 52i.) 



1 Bei den willkürlich erzeugten phantastischen Gesichtserscheinungen Johannes Müllers 
(216) und anderer kamen indessen solche Inlialte vor. — De Schweinitz (287 a) führt 
einen Kranken an, der in seinen Gesichtsfeldlücken, „in the dark fields", Möbel 
halluzinierte. — Nägeli (221) betont, daß er imter den so mannigfaltigen Phan- 
tasmen niemals Gegenstände erblickte, mit denen- er sich sonst immer, beschäftigte, 
nie Mikroskope oder Pflanzen. — Josefson (1/16) berichtet von einem Kranken, der 
Sterne, braune Blätter iind Ringe halluzinierte. 

^ Über pathologische Farbenempfindungen siehe auch Hilbert (121 und 120). — 
Pick (2/12) beschreibt die Halluzination von zwei gelben Streifen in einer bestimmten 
Entfernunsf und von einer halbkreisförmieren Fianar mit Zacken in blendendem Silber. 



OPTISCHE SINNESTÄUSCHUNGEN 47 

,,Als bosoiidcrs eipiMilümliche Ersclieinuiij^ iiiiilS icli das licrvorliobeii, dali sclicxi eirvigo 
Tapw vor Ausbruch der Kraiikliwt mir «lio 'l".itrt'sln.'lli; uiiil überhaupl der fjniizf Gf.sichls- 
krcis in die Luft oder nach einem liclitcii Raum getiommen in dirlit roter Farbe sicli 
zeigte, und dali mir beim Gehen auf ebenem Bcnieji aliwarls iilirkcnd das Gefüld wunle, 
als ob sich *ier lioden bewegend nacl» vorn neigo, aufwärts oder geradeaus blickend das 
Gefüld wurde, als ob der Weg unter den Füßen steige luid über Treppen hinwegführe. 
Püisonen gesehen kamen mir alle grölier als in Wirklichkeit befindlich vor." (Fall 
Freitag, Psjchiatr. Klinik Heidelberg, i8. III. la.) 

^ or den .\ugen fliegen feurigo Kugeln und alle Gegenstände scheinen sich hin und her 
zu bewegen. — Auf einmal habe sie Blumen i/i die Hand bekommen — in der Mitto so 
schön rosa, wie man's sonst nicht sieht, die andern braun und gefleckt. 

. . . Sie war auf einem schmalen Weg mit Gras bewachsen (in der Tat auf ihr 
Bett gesunken), links eine Rotte Menschen und noch etwas, was sie gar nicht beschreiben 
könne. Die Menschen haben ihr gar nicht gefallen, und sie hat sich so verlassen gefühlt. 
Da ist der Heiland aufgetaucht, mit dem Kreuz belastet. Es hat eine schöne Zcif 
gedauert. Auf einmal sei der Heiland vor ihr gelegen. Das war so ein licblicjlier 
Schmerz, die unendliche Liebe der Erlösung. Hifiter ihm eine Menge Menschen, sie 
immer neben ihm. Sie sei ihm auf den Berg gefolgt und sei dann seitwärts gestanden. 
Sie habe wohl das Kreuz gesehen, aber keine Kreuzigung. (Luise Leber, 2. IV. i3., 
Psychiatr. Klinik Heidelberg. — Man beachte, wie eng sich hier das Gesehene mit 
einem gewissen .Milhandeln zu einem Gesamterlebnis verbindet, das schwer zu analysieren 
ist. Der Vergleich mit einem Traumcrlebnis liegt naJie, doch handelte es sich hier nich! 
um ein solches.) 

Vereinzelt sind in der Literatur auch Zeichnungen mitgeteilt worden ^ 
die die Halluzinanten von ihren Erscheinungen entwarfen. Ich lasse hier 
ebenfalls zwei solcher Bilder folgen. 

Tafel 1 gibt eine „freie" Halluzination eines Gesichtes, von einem zeich- 
nerisch gänzhch ungeübten Manne wiedergegeben. 

Tafel 2 ist aus einer Schuhsohle „herausgesehen" und mit Text begleitet. 
Dieser Kranke hat zahllose derartige Zeichnungen angefertigt, die sich wie 
auch das Beispiel von Tafel 1 im Besitze der Bildersammlung der Heidel- 
berger psychiatrischen Klinik befinden. 

Der Autor der Zeichnung der Tafel I nennt seine Zeichnungen von Köpfen „Luft- 
zeichnungen"; eigentlich seien es keine Phantasien, sie seien schon bei Leuten vor .Jahr- 
hunderten gezeichnet gewesen und durch „Luftzug" auf ihn übergegangen, manchmal 
sehe er sie in der Luft; wenn er sie dann gezeichnet habe, sehe er sie nicht mehr, 
dann entstehe eine andere Luflentwicklung; sie stammten aus Luftmengen, die nicht 
mehr existierten; die Luftzeiclinungen seien, wenn sie glückten, wie Luft, würden 
durch Luftzug verweht und gingen auf andere über, die sie wieder zeichneten; er grüble 
nichts aus, sondern zeichne das, was die Luft bei ihm entstehen lasse; das Bild lasse 
die Luft entstehen so ähnlich wie andere Bilder manchmal; der Sumpf lasse auch 
solche Bilder entstehen. (Kr. gesch. Otto Stoff, 23. XI. 09., Langenhorn. — Man be- 
achte das Durcheinandergehen von Eindrücken und ihrer theoretischen Verknüpfung.) 

Schon oben wurde ein Beispiel gebracht, bei dem der Kranke nicht reiner 
Zuschauer bleibt, sondern handelnd in die halluzinierte Situation mit ein- 
greift. Hierfür folge noch eine kennzeichnende Probe: 

,, Plötzlich sah ich einen gewaltigen schwarzen Mann sich über mein Bett beugen. 
Jetzt erfaßte mich eine namenlose jVngsl und Wut zugleich. Schnell war ich aus 
dem Bette, ergriff die auf dem Tisch stehende Lampe und schleuderte sie mit aller 
Kraft gegen den vermeintlichen Riesen. Durch den Lärm ervveckt, eilte mein Logis wirt 
mit Licht ins Zimmer und fort war der ganze Spuk. — Gleich als es zu dunkeln 
begann, sah ich das ganze Haus erleuchtet. Ich konnte durch die Wände das ganze 



*■ Morgenthaler (210) und Schilder (?.79)- 



48 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Haus überi-ehen. Eine Musikkapelle spielte wilde Tänze. Eine Türkgcsellschaft, in den 
phantastischen Kostümen gekleidet, drehte sich im wilden Reigen. Ich glaubte wahr- 
zunehmen, daß diese ganze Gesellschaft mich dabei stets im Auge hatte. Plötzlich 
änderte sich die Szene. EHcht vor meinem Bette sah ich einen Mann von riesigen 
Körpordimensionen sitzen, bekleidet mit einem Schifferhemde und einer Schiffermütze. 
Dieser suchte vergebens seine Schulie auszuziehen. . . . Kaum daß ich wieder zu 
Bett liege, fühle ich mich auf eine große Heide versetjtl. Um mich herrscht ein 
Halbdunkel, und ich sehe eine große schier unermeßliche Herde Schafe an mir 
vorbeiziehen. . . . Als ich nun so weiter wandere, sehe ich plötzlich einen Polizisten 
mir entgegenkommen. Schnell biege ich von der Straße ab. Als ich nun den Polizisten 
liinter mir rufen hörte, ,, halten Sie still, Hebold", setze ich ein beschleunigtes Tempo 
ein. Wie ich nun aber laufe, sehe ich plötzlich wieder eine dunkle Gestalt, in der ich 
einen anderen Polizisten zu erkennen glaube, deutlich vor mir. Schnell kehre ich 
wieder um und laufe zurück, doch schon sehe ich wieder einen Polizisten vor mir. 
Kalter Schweiß bricht bei mir aus, und ich greife in meiner Angst zum Messer. 
Mit offenem Messer bin ich nun vorwärts gelaufen. Dunkle Gestalten sah ich von 
beiden Seiten mich begleiten. . . . MiKlenveile graute der Morgeii, und ich sah 
die GcslaKcii immer weiter zurückweichen." (Fall Julius Hebold, -. IX. igoS, Psychiatr. 
Klinik Heidelberg.; 



Bei den akustischen Sinnestäuschungen verhält sich vielerlei anders 
Für sie hat der normale Mensch meist ein gutes Vorstellungsvermögen 
wenn er sich erinnert, daß er im Einschlafen nicht so selten einmal glaubte 
angerufen worden zu sein oder ein bestimmtes Geräusch zu hören, was 
ihn wieder völlig erweckte (H}^nagoge Halluzinationen^). Die echten akusti- 
schen Täuschungen können nur einzelne Worte (Zurufe, Namen) umfassen 
oder lange Schilderungen. Die Stimme kann so deutlich sein, daß sie als 
die eines Mannes oder einer Frau, eines Bekannten usw. erkannt >vird, ja 
daß sich über sie aussagen läßt, ob sie von rechts oder links, von oben 
oder von unten, von weither oder aus der Nähe kommt, laut oder leise ist. 
Oft läßt sich die Stimme von einer wirklichen Stimme überhaupt nicht 
unterscheiden, oft aber hat sie ein eigentümliches Etwas, was sie von natür- 
lichen Stimmen durchaus abhebt. Man ist nicht selten erstaunt zu erfahren, 
mit welcher Bestimmtheit ein Kranker diese Unterscheidungen trifft. Er 
vermag vielleicht sogar zwei verschiedene Sorten von Stimmen und diese 
wiederum von den natürlichen Stimmen zu sondern: z. B. die Kopfstimme, 
die Herzstimme und die Älenschenstimme. .\ber wenn man ihn dann auf- 
fordert, zu beschreiben, worin denn diese Unterschiede bestehen, so versagt 
er völhg. Die Sicherheit seiner Unterscheidungen ist irgendwie in ihm er- 
fahrungsgemäß begründet, aber die Sprache gibt ihm keine Mittel an die 
Hand, diese trennenden Eigenschaften zu bezeichnen. Tut er es doch, so 
greift er nicht selten zu Wortneubildungen (Neologismen) und wird dadurch 
natürlich nicht wesentlich klarer. 

Ein Beispiel beweist die Seltsamkeit der Unterscheidungen verschiedener 
Stimmen und Sensationen und ihrer Bezeichnungen 2, 



^ Hoppe bringt für die optischen hypnagogen Halluzinationen zahlreiche Beispiele 
mit einer unwahrscheinlichen Theorie ( 1 2 4 a) . 

^ Ich verdanke dieses Beispiel der Güte von Herrn Geheimrat Tuczek. 





•l-a[\l 1 
Zelcluun., nach el..er Sinnesläusclu.ng (ÜUo S.oH', Aus.Ml Lan,.nh..n. ...«ü»- 
Origiiialgröl'x; i () V 3o cm. 






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teLum au-Hjcw/M^. n^iJ- nettiitiei qtoiUJj u^U. JttÜiU, 



fjut^ue/tf /Tntl KMef^tunj />?!ttnn otlfe^u //\AuM 



'IrU, nA ot-n y,iX. f<c jM/i» ': 



• JtiA .Ittr^ 



1 : ii'^iÜ Jetki j3h 3fj/^ da 



yiujic&* i'rr aüt^ 



Zeichnung 



\<J/irdCatA. <ln«/« 

,, ,. — .^otMift^ (LuiA (denutuntix. 

^trii/ii-/ ivayist ut^el Mh (^ 'n'iinätJi'atc* eltX~ 
■Ja^/Iu ^hnfcfi nt7rnfin.jt*td4tgiuAf(iiru( iJiJui 



Tafel II 
nach einer Sinnestäuschung (Carl Laber, Heil- und Pflegeanstalt Schwetz in 
Westpreußen, 7. 8. 1900). Originalgröße /(O X ^^ "". 



AKüSTISCHK SlNNESTÄUSCHrNGEN 



49 



Bezeichnungen eines Hall 
S i n n e s t ü u s c h 



VermilÜungssprcclicii, 

Rapporlsprachc. 

\;ulisprcclicrsliiniiicii, 

Spracliziiubcr. 

Rapporlcurc, 

Maclipappcln. 

Gt'lioimspraclie, 

Gclieimslimrnon, 

Stinimcnkrawall. 



Leibesgespräch , 

Aderngespräch, 

Blutgespräch, 

Herzgespräch, 

Augengespräcli, 

Muskclgespräch, 

Blasengeschwätz. 

Gespräch zwischen den Beinen, 

Gespräch aus der Harnröhre, 



u z i n a n t e n für seine 
11 n g e n, 

Kitzelgcspräch, 

Schmerzenerregendes Ferngespräch, 

Zischgfjpräch, 

Zwirkges-präch, 

Trnunigespräch, 

Kallo Züchligungssprache, 

V <(hiiicgericlitssprache, 

Katliolisclies INervengeschwätz, 

Jüdische Schwiebussprachc, 

Ora-pro-nobis-Sprache, 

Kling-Klang-GIoriasprache. 

Gcschlcchllichcs Gespräch, 
Rapport« eiber, 
Hurengeplapper, 
Heiratsgeschwätz. 
Unsittliches Gespräch, 
Kuhslallgcspräch, 
Be-Be- Gespräch, 
Großes Onanierkonzert, 
Zigeunergespräch, 
Tödliche Sprache. 



Die Inhalte der Stimmen sind oft sehr uninteressant. So hört etwa ein 
Kranker, daß alle seine Handlungen von konstatierenden Bemerkungen 
begleitet werden: „jetzt zündet er sich eine Pfeife an — jetzt ißt er die 
Suppe" usw. Anderen ist es, als wenn eine Stimme plötzlich den ganzen 
I^^benslauf schildere. Sie hören erstaunt und etwas gereizt zu: einen Zweck 
hat „es" ihrer Meinung nach nicht. Andere chronische Halluzinanten ' 
werden wochen- oder monatelang mit widrigen Schimpfworten geplagt. 
In den meisten Fällen sind die Inhalte egozentrisch, wenn auch wie erwähnt 
oft unwichtig; häufig sind sie peinlich oder sogar entsetzlich und Angst 
erregend. Sehr selten sind sie nicht egozentrisch und angenehm, selten 
sind sie phantastisch und wirklichkeitsfremd. Im Gegensatz zu den optischen 
Sinnestäuschungen (mit Ausnahme der deliranten Gruppe) sind die aku- 
stischen Halluzinationen meist echte Täuschungen. Nur die stark egozen- 
trischen und gefühlsbetonten erwecken den Verdacht auf Pseudohalluzinationen. 

„In den Ohren summt und braust es mir, als ob der schwerste Orkan die Welt 
durchtobte, und jedes Geräusch höre icli ,als ein leise geführtes Zwiegespräch zwischen 
mehreren Personen. Dann hörte ich oft den schönsten Gesang oder die schönste Musik 
spielen. Zuweilen hörte ich Spottlieder singen. Oft hörte ich blutige Schlägereien 
und heftigen Streit toben. Dann hörte ich herzerschütterndes Weinen und Klagen 
um mich, und merkwürdig: stets waren es Frauenstimmen, die da weinten. ....... 

Als ich nun so allein, ohne schlafen zu können, dalag, hörte ich erst junge Mädchen, 
die von mir nur durch eine verschlossene Tür getrennt schliefen, durchs Schlüsselloch 
zu mir sprechen und allerlei sinnliche Redensarten führen, aber alles im Flüsterton. 
— Später hörte ich meine Logiswirtin drinnen im Hause üher mich schimpfen und 
mich schlecht machen. — Vor der Tür und dem Fenster standen Männer und Frauen, 
beobachteten und bekritisierten meine ganzen Bewegungen. Welche meinten, jetzt 



1 Fast nur Schizophrene. 
4 Kafka, Versleichende Psychologie III. 



50 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

schläft er, andere dagegen sagten: ,nein, er wacht noch, schade um diesen Menschen", 
und weinten dabei so sehr. — Ein andermal: ,Wir verlassen ihn nicht, morgen 
früh wollen wir ihm helfen'." (Julius Hebold, 7. IX. o5, Psychiatr. Klinik Heidelberg.) 
Er hörte in seinem Zimmer: „Dem gehört das Haus angezündet, damit er aufhört 
mit dem Pfarrhausbau." Dies sagten Leute, die er mit Namen nicht nennen kann, die am 
Haus vorbeigingen. Er hörte es ganz deutlich: „Sie genierten sich nicht", sie >varen 
ca. 20 Schritte vom Haus entfernt. Ein andermal hieß os: „Der möchte ich nicht 
sein, dem geht's schlecht." ,, Jetzt haben wir ihn gerade nicht erwischt, jetzt kommen 
wir heute abend, stürmen ihm das Haus." Er 'kannte dieses Mal die Stimmen gut, 
es waren Joseph Fellner, Ludwig Seyfried usw. Sie sangen ihm ,,das Todeslied". Er 
werde ohne Gesang hinausgetragen. Später vernahm er Hedwig Braun, sie sagte: 
„Es wird docii ohne Blutvergießen abgehen"; „Thomas, geh' 'raus.*' (Thomas Stephan, 
Psychiatr. Klinik Heidelberg, 2. XI. 12.) 

Zuweilen kommen die Stimmen ganz deutlich von außen, so wie man 
eben wirkliche Stimmen hört — daher halten sich viele schizophrene 
Halluzinanten gern die Ohren zu; die Zurufe haben dann oft einen 
befehlenden Charakter (imperative Stimmen) — , zuweilen aber ist den 
Kranken unklar, ob jene von innen oder von außen kommen. 

Nacn kurzem hörte sie die Stimme auch am Tag; sie befahl ihr, sie solle iiirem 
Leben ein Ende machen, sie fiele sonst d urch Mörderhand. Sie hatte nun immer Angst, 
daß die Stimme Herr über sie werde, sie war so, ,,wie wenn man gehorchen muß". 
Die Stimme wurde nun immer eindringlicher, energischer: ich muß, ich muß, sie hat 
mich förmlich dazu gezwungen, ich stand wie in einem Bann 

„Wie wenn die Stimme in mir wäre, aus mir heraussprechen würde und doch wieder, 
als könnte ich die Stimme von mir wegscheuchen." Wenn sie die Stimme hört, danni 
macht sie oft eine abwehrende, wegschleudemde Handbewegung, wie wenn sie vom Körper 
etwas entfernen müßte. (Elisabeth Bader, Psychiatr. Klinik Heidelberg, 17. III. 21.) 

Nikolai (22/1) berichtet (S. 347): „Mein verewigter Freund Moses Mendelsohn 
hatte sich im Jahre 1772 durch zu starke Anstrengungen des Geistes eine Krankheit 
zugezogen, welche auch voll sonderbarer psychologischer Erscheinungen war. Hatte 
er dann am Tage lebhafte Reden gehört, so rief ihm Avährend des Anfalles eine 
Stentorstimme die einzelnen, mit einem hohen Akzent ausgesprochenen oder sonst laut 
geredeten Worte und Silben wieder einzeln zu, so daß ihm auf eine sehr unangenehme 
Art die Ohren davon gellten." 

Gewiß kann man in vielen Fällen einwandfrei vom „Gedanken laut 
werden" reden; die Kranken geben dann selbst an, daß ihre eigenen 
Gedanken nur gleichsam laut in ihnen ertönten oder laut in ihnen selbst 
gesprochen würden. Aber in anderen Fällen werden sich die Psychotiker 
selbst durchaus nicht darüber klar, ob die Stimmen nur gleichsam gehörte 
eigene oder zugerufene fremde Gedanken sind. Vielleicht ist der Unter- 
schied der, daß im letzteren Falle zur Sinnestäuschung noch eine Subjekt- 
Objekt(„Ich-")störung hinzutritt, im ersteren nicht. Manchmal mag aber 
auch nur der Inhalt der Stimmen so absonderlich sein, daß der Kranke 
ihn gar nicht als seine Gedanken anerkennt, sondern sie einem unbekannten 
Etwas zuschiebt. 

,,Am zweiten Abend hat es angefangen, wie wenn das Hirn selber sprechen täte, 
so innerliclio Gedanken; es war bloß so ähnlich wie Sprechen, gesprochen hat 
niemand, es war in meinem Kopf, es war wie gefühltes Sprechen." (Genoveva Bäumler, 
5. V. 09, • Psycliiatr. Klinik Heidelberg.) 

Unter den Sinnestäuschungen überwiegen die optischen und akustischen 
sehr. Aber es finden sich natürlich auch seltsame Geschmacks- und Geruchs- 



SINNESTÄUSCHUNGEN. SYNASTHESIEN 51 

uschungen ^ Auch unangcnehtiie Sensationen der Körperempfindungssphäre 
nd hei «gewissen geistigen Störungen nicht scdtiMi *. 

Man kann hei ihnen nicht innner mit liestinuntheit sagen, ol) es sich 
ibei um wirkhche Sinnestäuschungen handelt, oder ob tiitsächhche I'lrre- 
jngen der betreffenden Nerven oder ihrer Zentren vorliegen, die dem 
irmalen vSchmerz zu vergleichen sind, l'nter der Überschrift der quali- 
tiv abnormen l'lmp fi n d u ngs i n halte ist hiervon schon gesprochen 
orden. Die Kranken selbst begnügen sich meist nicht damit, diese Sensa- 
onen des Körpers einfach zu beschreiben. Sic greifen zu Deutungen, die 
Hin ins Wahnhafte hinübergehen. So erzählen sie von elektrischen Ma- 
diinen, mit denen sie gequält, von Uöhrensystemen, durch die sie angeblasen 
erden. Doch gehören diese \Vahid)ildungen nicht mehr in diesen Zusammen- 
ung. Der an die Sinnestäuschungen sich gelegentlich anschließende Glaube 
es Besessenseins, Verhextseins wird unter „Ichstörung" sogleich noch 
esprochen werden. 

Hier folge noch eine Probe aus einem Briefe einer schizoplircnen Kranken, Augusto 
arasol, vom i8. III. 20. (Psychiatr. Klinik Heidelberg.) 

„Das Wischen", Vibrieren morgens, wenn es noch dunkelt, Am-Herze-Wecken, greift 
ihr an, untergräbt die Gesundheit. Ebenso die unverantwortliche Roheit der Sinnes- 
iuschungen. Sie machen das schon hier, seit .luni 1907, hat gar keinen Wert, da 
:h ja die Täligen nicht keime und kein Urteil über die Vorführung habe, nicht über 
io Dilder des Films, noch über die Alittcilungen Tag und Nacht." 

Als weiterer „Anhang" an das Kapitel von den qualitativ abnormen Vor- 
tellungen sei noch des Phänomens der Synästhesien gedacht, über 
essen .Abnormität man freilich streiten kann. Es gibt zahlreiche Menschen, 
ie, ohne sonst abnorm zu sein, zugleich mit dem Erlebnis eines bestimmten 
inneseindrucks die Erinnerung an einen bestimmten Inhalt aus anderem 
innesgebiet haben. Gerüche zeigen sich mit Farben, Farben mit Tönen 
sw., oft nur gewohnheitsmäfjig, oft aber auch zwangsläufig vereint. Zuweilen 
edient sich der Betroffene absichtlich dieser seiner Eigentümlichkeit, um 
ein Gedächtnis zu verbessern (assoziative Hilfen), zuweilen aber leidet er 
uch ernstlich unter dem Zwang der sich aufdrängenden Mitempfindungen 
bzw. Vorstellungen). Man spricht auch von Synopsien, Audition coloree, 
^hromatismen *. Auch die Verbindung von Vorstellungen anschaulicher 

^ Vgl. z. B. Sander (27S) imd Lockemann (i85). 

'^ Besonders bei der Schizophrenie. Hier finden sich auch die Erlebnisse .vollkommen 
lalluzinierten Geschlechtsverkehrs. In solch einem Augenblicke nimmt die Kranke oft ganz 
aturalistisch die Koitusstellung ein, sie wehrt sich, windet sich, erleidet und spiegelt 
ri ihrem Gesichtsausdruck die entsprechende Mischung aus Wollust und Schmerz. 
^uch aus den großen Besessenheilsepidemien der Nonnenklöster sind solche Symptome wohl 
)ekannt, sie werden z. B. hei der Urheberin der Epidemie im Nazarelhkloster tu Köln 
iG. Jahrh.) genau beschrieben. Schon eine der ersten Klostermassenpsychosen, die des 
irigilfenkloslers in Xanthen (i55o) und später die der Ursulinerinnen in Loudun 
i63i — i63/i) hatten sexuelle Halluzinationen als Hauptsymptom (ßaelz, 7). Andere 
3ese.ssenheiten von Massen (Morzines, 1861) waren ga:iz frei hiervon. 

3 Vgl. G. E. Müller (2i5, II. 407, III. 181 — 209), Lemailre (172), Laures (169), 
Elossigneux (271), ferner Z. f. Psychologie, 67, 1910, S. 38/j und die Literaturangaben 
n Steins differentieller Psychologie. 



52 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Schemata mit unanschaulich gedanklichen Inhalten gehört hierher 
(Diagramme), z. B. wenn jemand die Geschichtszahlen eines Feldzuges 
im Geiste stets auf bestimmte Punkte der Landkarte projiziert ^ Auch 
diese Diagramme können sich gelegentüch in peinlicher Weise aufdrängen, 
so daß der Ergriffene ihrer nicht mehr Herr wird. 



Oben war davon die Rede, daß die \V i 1 1 e n s s p h ä r c in dem Sinne 
abnorm sein kann, daß die Zahl und die Durchführung der Impulse 
irgendwie quantitativ verändert ist. Hier soll ihre qualitative Abnormität 
besprochen werden. Die Frage taucht auf, ob es denn neben dem Entschluß 
zu einer Handlung und ihrer Durchführung noch eine besondere Qualität 
gibt, die abnorm sein kann. Man würde vielleicht gar nicht auf den Ge- 
danken kommen, daß hier noch eine besondere Eigenschaft des Willens 
vorhanden und zu beachten sei, wenn man seine pathologischen Abänderungen 
gar nicht kennen gelernt hätte. Der Psychologe kann sehr wohl von der 
Herkunft des Willensaktes, seiner Richtung, seinem Richtungswechsel u. dgl. 
handeln sowie von seiner Gesamtverknüpfung und seiner Umsetzung in die 
Tat: sobald er aber über das Willensphänomen selbst noch Näheres mit- 
teilen will, sieht er sich auf die Aufforderung beschränkt, der Leser solle 
selbst eine Willenslage oder einen Willensakt erleben, dann wisse er außerhalb 
aller Beschreibungen von selbst, was es damit für eine Bewandtnis habe -. 
Erst durch die Erfahrungen abnormer Persönlichkeiten wird die Aufmerk- 
samkeit des Forschers darauf gelenkt, welch intensive Beziehung das Willens- 
problem zu jenem anderen Problemkomplex hat, der als das Ichgefühl 
bezeichnet wird. Daß mein Wollen mein Wollen ist, erscheint als eine 
Selbstverständlichkeit, und doch gibt es Fälle, in denen dem nicht so ist. 
Ich will hier nicht auf die grundsätzliche Frage eingehen, inwieweit der 
Name des Ichgefühls für jenes Phänomen glücklich ist, ich will ins- 
besondere hier nicht untersuchen, inwiefern denn, wenn im Lippschen Sinne 
alle Gefühle Ichqualitäten seien, nun noch ein besonderes Etwas vorhanden 
sein soll, das speziell als Ichgefühl zu bezeichnen wäre^. Hier sollen nur 
die abnormen Phänomene vorgeführt werden, die mit diesem Ichmoment 
verbunden sind: Die Ich Störungen. 

Wenn ich empfinde, vorstelle, denke, strebe, fühle, so erlebe ich diese 
Aktionen als meine Tätigkeiten, sei es, daß ich mir dabei mehr passiv, 
sei es, daß ich mir mehr initiativ vorkomme. Aber dieses Ichmäßige 
kann nun irgendwie gestört, beeinträchtigt oder vernichtet sein. So 
merkwürdig es klingt, so uneinfühlbar dies dem Normalen erscheint: es 
gibt seelische Tätigkeiten meiner Person, die doch von mu- nicht (oder nicht 
voll) als mir zugehörig anerkannt werden. Schon bei der Empfindung läßt 
sich das Phänomen aufzeigen. Bei dem oben schon geschilderten Erlebnis 

^ Vgl. Müller (2i5, III., S. 72 — i8i), Lemattre (172), mit weiterer französischer 
Literatur und einigen Abbildungen. 

2 Ich seile von dem fruchtlosen Spiel der Worte ab, Wille mit Wollung, Strebung' 
«■ dgl. umschreiben zu wollen. 

3 Vgl. hierzu Kafkas schöne Arbeit (i49). 



ICHSTÖRl'NGEN 53 



der Kn If rem d ii iif? der \\ a li nioh in ungsw ol t äiilj«'rt zwar der |-^rkranklo, 
da(j ihm die A u Ijo ii \vr 1 t Ncräiidcrl vorkomme, dal'» ihm (he l'arbeii, I'ormeii 
ii^w. der Dinge merkwürthg fremd erscheinen, aber er Ijeziehl das abnorme 
l'j-lebnis doch auch schon auf sich selbst: Es käme ihm alles so fremd 
vor, als ginge es ihn nichts an, als sei er gar nicht beteiligt usw. 

Nach oinoni schworen Scliäilcllraum.1 glaul)t ein Voricfzier, sein« eigenen Kleider usw. 
gehörten dein Apotheker G.: Er ,,Iiat seine Sachen den meinen genau naclibilden 
lassen: es hat so den Anschein, als sei ich in meiner Heimat. Es ist aber nicht der 
Fall; l>oi einer guten Portion Idealismus kann man sich solches einbilden." (Roscn- 
bcrg, 369.) 

Man verwechsle die Entfremdung nicht mit dem Tatbestand, daß einem 
Kranken plötzlicli einmal alles verändert, bedeutungsvoll usw. vorkommt: 
dies gehört in die wahnhaften l*hänomene des Schizophrenen ^ Das 
Symptom der Ichstörung sondert sich alsbald in zwei Arten. Zu der ersten 
Art führt der \\ eg von der Entfremdung der Wahrnehnmngswelt, also vom 
Empfinden aus: Es ist das Erlebnis der gesp alten en Persönlichkeit, des 
Doppelichs (Depersonalisation). Die zweite Art stellt sich bei der Ich- 
Störung des Denkens heraus: es ist das Erlebnis des Unterlegenseins unter 
eine andere Macht, das Ge danken machen, Gedanken ab ziehen. 
Man würde das letztere Phänomen am treffendsten als Willensunfreiheit 
bezeichnen, wenn dieser Ausdruck nicht schon allzusehr philosophisch be- 
schwert und populär-psychologisch abgeschliffen wäre. Um einen einheit- 
lichen Ausdruck zur Hand zu haben, kann man folgen dermafjen formulieren: 
Die Ichstörung setzt sich aus zwei verschiedenen Phänomenen 
zusammen: dem Doppelich und der Ichlähmung. Österreich 
(229 230) hat über das Doppelich und verwandte Probleme reichhaltige 
und verdienstvolle .\rbeiten veröffentlicht. 

Beim Erlebnis der Depersonalisation muß man eine ganze Reihe recht 
verschiedenartiger Störungen unterscheiden, die meist kritiklos zusammen- 
geworfen werden. Überhaupt nicht hierher gehört das Erlebnis, daß 
man sich selbst ein zw eites Mal irgendwo sieht (Autoskopie), 
selten sprechen hört 2. Hier handelt es sich lediglich um Sinnestäuschungen 
(meist Pseudohalluzinationen oder gar Träume), bei denen der zufällige 
Inhalt der Täuschung man selbst ist, ohne daß dabei ein grundsätzlicher 
Unterschied von gewöhnlichen anderen Halluzinationen gegeben ist. Eine 
eigentliche Ichspaltung liegt hier gar nicht vor. Nur ist der Betroffene von 
iliesem Phänomen meist gemütlich erregter als dann, wenn er gleichgültigere 
Inhalte seiner Täuschungen erlebt. Hierher gehört das viel zitierte Sesen- 



heimer Erlebnis Goethes, dessen prophetische Ausdeutung wohl auf einer 
späteren Erinnerungsverfälschung beruht (Jubiläumsausgabe 24, S. 64). 

,,Nun ritt ich auf dem Fußpfade gegen Drusenheim, und da überfiel micli eine der 
sonderbarsten Ahnungen. Ich sah nämlich, nicht mit den Augen des Leibes, sondern; 



^ Schilder (281) ist in seinen Unterscheidungen nicht sorgsam genug. Spechts (299) 
Pathologie des Realitätsbewußtseins (ein Fall mit einer heimwehartigen Verstimmung) 
gehört wohl zur Entfremdung. 

- Über die Tendenz, sich selbst erinnerungsmäßig in einer Situation zu sehen. 
A'gl. auch G. E. Müller (210, II, S. 36o), femer V. und C. Henry i'ii'i) und 
Rusk (276). 



54 GRUHLK: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEiX 

des Geistes, mich mir selbst, denselben Weg, zu Pferde wieder entgegenkommen und 
zwar in einem Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtgrau mit etwas Gold. 
Sobald ich mich aus diesem Traume aufschüttelte, war die Gestalt ganz hinweg. 
Sonderbar ist es jedoch, daß ich nach aclit Jahren in dem Kleide, das mir geträumt 
halte, und das ich nicht aus Wahl, sondern aus Zufall gerade trug, mich auf demselben 
Wege fand, um Friedrikon noch einmal zu besuchen." 

Johannes Müller (216) beschreibt S. 79 eine noch eigenartigere phan- 
tastische Gesichtserscheinung der eigenen Person: 

,,Prof. X. kam nach einer seiir lebhaften Lnteriialtung über wissenschaftliche Gegen- 
stände nüchtern und sehr hungrig nach Hause. Der Weg führte vom Lande ül)er eine 
baumreichc Wiese nach deir S|tadt. Plötzlich sieht er in einiger Entfernung sich 
selbst in zwölf bis fünfzehn Exemplaren lauf der Wiese umherwandeln. Die Figxuren 
waren aus verschiedenem Alter des Beobachters und trugen die sonst fast vergessenen 
Kleider verschiedener Zeiten in mancherlei Farben. Die Gestalton einer und derselben 
Person gingen gleichgültig durcheinander auf der Wiese. Es bedurfte nur der An- 
strengung des Gesichtssinnes, der Aufmerksamkeit und der Erinnerung, daß die Selbst- 
erscheinung eine Halluzination sei, um die ganze Gruppe sogleich zu verscheuchen. 
Lichtllecke blieben nicht übrig." 

Gewisse Beziehungen zum eigenthchen Doppelgängererlebnis hat ein 
Beispiel Justinus Kerners. 

„Als ich am 28. Mai 1827 . . . bei ihr allein im Zimmer war . . . sah sie sich 
auf einmal selbst (wie sie mir nachher erzählte) in einem -".veißen Kleide, das sie nicht 
anhatte, aber so eines besitzt, auf dem von ihr gerade gegenüberstehenden Stulile 
sitzen. Sie wollte schreien, konnte aber nicht, konnte sich aber auch nicht bewegen. 
Sie hatte ihre Augen weit aufgerissen, sah aber sonst keinen Gegenstand, als sich und 
den Stuhl, worauf sie saß . . . Das Bild -stand nun auf und lief auf sie zu, und 
erst als es fest an ihr war, fuhr durch ihren Körper wie eine elektrische Erschütterung, 
die ich sah, und nach dieser tat sie einen Schrei, und erzählte mir nun, daß und wie 
sie sich selbst gesehen." (Aus Justinus Kerners: Seherin von Prevorst, S. i38 [i5o]). 

Selbstverständhch hat jedes solche Erlebnis (Halluzination mit dem 
Inhalt der eigenen Person) verschiedene Nuancen, doch sollen hier keine 
weiteren Beispiele gehäuft werden. 

In den Arbeiten von Hennig (na), Blnet (aS), Flournoy (66, 68, 69), ßaelz (7), 
Österreich (280, 228, 229, 226), Lemaitre (172), SoUier (298), Dugas (55a) und anderen 
findet man zahlreiche Einzelheiten geschildert. 

Es sei hier weiter jener Fälle gedacht, die nur in entferntem Zusammen- 
hang mit der Ichstörung stehen, bei denen zwar stets ein vollkommea 
klares und einheitliches Ichgefühl vorhanden ist, bei denen aber ein Nach- 
einander zweier gleichsam verschiedener Personen in einer beobachtet 
wird''. Beide Personen wissen nichts oder nur äußerst Ungewisses von 
einander, so dafS die Verdoppelung bis Verfünffachung der Persönlichkeit 
eigentlich nur für den Beschauer vorhanden ist^. 

So berichtet etwa Naef (220) von einem Herrn, der in Zürich aus der Zeitung 
erfährt, daß er selbst erstaunlichervveise vor Wochen aus seinem australischen Wohnort 
spurlos verschwunden sei. James (i3i) erzählt von einem Wanderprediger, der am 



^ Beim Kapitel der Motivzusammenliänge ^^i^d hiervon nochmals die Rede sein. 

" Es ist mir kein Versuch bekannt geworden, in der Hypnose die beiden Persönlich- 
keiten sich miteinander auseinandersetzen zu lassen. Im Gegenteil, besonders die 
französischen Forscher, die diesen Gegenstand sehr lieben, haben durch ihre Fragen 
diese ,, Spaltung" meist noch mehr gezüchtet. Es handelt sich ganz vorwiegexul um 
ärztliche Kunstprodukte. 



DOPPELICH 55 



17. Januar 1887 aus seinem Woluiort verschwand und darauf unter ganz anderem iSamen 
in einer aiideren Provinz zwei Monate lang einen kleinen Kramladen führlo; er besorgte 
auch alle für sein Geschäft nöligon Einkäufe, bis er am i^. März oiine jodo Erw 
iniierung an das Vergangene plötzlich erwachte und nach Hause zurückkehrte. — 
Seit Charco! ist die psychiatrische Fachliteratur voll von solchen Fällen alternierenden 
Bewußtseins. Bei Hennig (112), Dessoir {^~}, Bertrand (31), Flournoy (60, 08, 69), 
Janet (i3'i. io3, 137 a), findet man ältere und neuere Beispiele. Meist gehe« sie unter 
dem Namen dos Dämmerzustandes. Doch sollte diese Bezeichnung für jene Fälle mit 

g'tn-iiiite!i Erinnerungsketten vorbelialten bleiben (mit Amnesie). Hier folge noch ein 
eispiel für einen solchen Dämmerzustand, bei dem die zwei Persönlichkeiten, die 
einander abwechseln, der Art nach nicht verschieden sind. 

..Ein Seiler, ein wirklicher Nachtwandler bei Tage, von aS Jahren, eiji Manu 
von melancholischem Temperament, hatte seit dritthalb Jahren folgende Beschwerung: 
Es überfiel ihn vielmals am hellen Tage ein Schlaf mitten unter seiner Hantierung, 
es sei im Sitzen, Stehen oder Gehen. Wenn ihn der Paroxismus ankam, zog er 
ihm etliche Male die Stirn und Augen zusammen, bis sich diese fest zuschlössen. 
Wenn ihn der Schlaf im Gehen über Land befällt, so bleibt er nicht stehen, sondern 
läuft weiter, fast geschwinder als wachend, ohxie den rechten Weg zu verfehlen oder 
über etwas im Wege Liegendes zu stolpern, wie er denn mehrmals von Weimar nach 
Naumburg scldafend gegangen und in eine Gasse gekommen sei, wo Bauholz im 
Wege gelesen, worüber er ganz ordentlich wio ein Wachender oline allen Anstoß 
gestiegen. Er soll auch Pferden und Wagen, die ihm begegnet, ausgewichen und 
wieder in seinen ^^ eg gekommen sein. Einstmals war er im Begriff nach Weimar zu 
reiten. Ungefähr ein paar Stunden davon überfällt ihn sein Schlaf, er ritt aber fort, 
traf den Weg auch durch ein kleines Holz, ohne das Ge^^Lcht vom Geisträuch zm 
verletzen, ritt dann durch die lim, tränkte darin sein Pferd, pfiff ihm auch daioi, 
zog die Beine in die Höhe, damit sie nicht naß werden möchten. Passierte hiemäclist) 
durch etliche Gassen über den Markt, der eben voller Leute, Buden und Karren stand, 
und das alles so glücklich und behutsam, daß er, oluie jemand au beschädigen ode'r 
sich Schaden zu tun, in das Haus, in das er gewollt, gelangt. Hier stieg er ab, banld 
sein Pferd an einen an dem Lade« befindlichen Ring, ging durch den Laden seines 
Mitmeisters, wo allerlei im Weere lag. oline es zu berühren, in die Stube und nach 
einigen gesprochenen Worten wieder heraus, mit dem Vorgeben, daß er durchaus auf 
die hochfürstliche Regierung gehen müsse. Als er nun dagewesen und an gedachten 
Ort wieder zurückkam, wachte er auf. — W'enn der Paroxismus zu Ende gehen wollte, 
zog er ihm wie bei seinem ^\n£ang Stirn und Augen zusammen. Darauf kam er zu 
sich selber, öffnete die Augen, schämte sich imd entschuldigte sich gegen die An- 
wesenden." (xMitgeteilt aiL« .\kten von 1725 in Moritz' Magazin zur Erfahrungsseelen- 
kunde, 7. Band, I. Stück, S. 80, von 1789.) 

Wie erwähnt, handelt es sich auch bei diesen Fällen nicht eigentlich um 
eine (subjektive) Spaltung des Ichgefühls. Diese tritt erst ein, wenn der 
Betroffene sich im gleichen Augenblicke eins und doppelt erlebt, 
während es sich dort nur um ein alternierendes Bewußtsein handelt. Man 
hat jenes ganz zutreffend mit dem Raupenich und dem Schmetterhngsich 
verglichen, beide folgen sich und brauchen gleichsam nichts voneinander 
zu wissen. Über die eigenthche Bewußtseinsspaltung als subjektives Phä- 
nomen orientieren am besten zwei Erzählungen von Baelz (7), S. 1043. 

,,Ein . . . etwas neurasthenischer russischer Diplomat lag im russisch-türkischen 
Krieg (1878) an schwerem Abdominaltyphus darnieder. Im Beginn der Rekonvaleszenz, 
so erzählte er mir, habe er wiederholt eine seltsame Erfahrung gemacht. Es war 
ihm, als ob sich sein Selbst in zwei Teile teilte. Er fühlte deutli^ch, wie sich etwa^ 
von ihm ablöste, wäe er aus sich selber heraustrat und sich als sein eigenes Ipji 
gegenüberstand. Dieses neue Ich war sozusagen sein höherer Teil. Es war mehr geistig, 
hatte doch auch körperliche Form. Jedes der beiden Ich war sich des sonderbaren 
Vorgangs bewußt. Beide standen im Verkehr und sprachen manchmal miteinander. 
Nach einigen Minuten verschwand die Halluzination und ließ einen Zustand von Er- 



56 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

schupfung und Verwirrung zurück. Mit fortschreitender Genesung verscIiwanJcn die 
Anfälle." 

,Ein Freund von niir, ein et>vas krittelig angelegter Mann, iiafle Alaluria. AI* 
ich ihm Chinin verordnen wollte, bat ^er, ihm doch lieber ein anderes Mittel zu 
geben, denn jede Dose Cliinin habe bei ihm einen unheimlichen Zustand zur Folge. 
Nach eini"-en Minuten gehe in ihm eine Veränderung vor. Er teile sich in zwei. 
Die Sache sei schwer zu beschreiben, aber sicher sei, daß er sich selber gegen- 
überstehe, und daß jedes Ich sich seiner bcuTjßt sei und sicli über das andere 
wundere, bis beide den Zustand furchtbar komisch finden und in große Ileitork.iit 
ausbrechen. Das dauere manchmal eine Stunde, dann verblasse und verschwinde das 
andere Ich, aber es bleibe noch längere Zeil ein unbehagliches Gefühl zurück." 

Hill Tout (122) fühlte, wie er sein eigener (verstorbener) Vater wurde, während er doch 
er selbst blieb. 

Vgl. ferner Loewy (191), Schilder (280), Jastrow (i/lA S. 323). 

Begreiflicherweise machen solche Erlebnisse auf den Betroffenen einen 
tiefen Eindruck. Je nach seiner Verslandesentwicklung, seiner sozialen und 
kulturellen Schicht und je nach den Anschauungen und der Form der 
Beligiosität seiner Zeit wird er sich mit solchen merkwürdigen Phänomenen 
auseinandersetzen. Manche Erlebnisse des second sight bei den nordischen 
Völkern, auf den Hebriden, in Lappland usw. gehören hierher'. 

Man glaubte schon in der Erscheinung des zweiten Ichs (der Halluzina- 
tion seiner selbst) das Anzeichen des nahen Todes zu sehen oder legte ihm 
sonst eine prophetische Bedeutung bei. Und die abwechselnde Herrschaft 
zweier von einander anscheinend verstandesmäßig, gefühlsmäßig, ja in Bildung 
und Sitten ganz verschiedenartiger Wesen in einer Person, legte selbstver- 
ständlich erst recht dem Laien den Gedanken nahe, daß sich hier ein fremdes, 
vielleicht ein „höheres" oder ein teuflisches Wesen der Persönlichkeit be- 
mächtigt habe, daß sie besessen sei. Schon bei allen Sinnestäuschungen 
liegt, wie oben gezeigt wurde, dieser Gedanke nahe. Ihnen entsprechen 
keine Beize, keine Gegenstände der Außenwelt; sie müssen also im Er- 
griffenen — so meint man — ir^jendwie künstlich erzeu2:t werden. In 
dieser Meinung werden die Angehörigen des Halluzinanten ja durch dessen 
eigene Äußerungen meist noch bestärkt; er deutet, wie der Psychiater es 
nennt, seine Sinnestäuschungen wahnhaft aus*. Noch fester gründet sich 
im Psychotischen die Überzeugung, von einem fremden Wesen geleitet, be- 
herrscht zu werden, besessen zu sein, wenn er nicht nur scheinbare Sinnes- 
eindrücke erlebt, denen sein Ich vielleicht noch irgendwie objektiv — be- 
obachtend, beurteilend usw. — gegenübersteht, sondern wenn das Ich selbst 
vergewaltigt wird. Und damit ist die zweite Form der Ichstörung gegeben, die 
— in sich ^^ieder recht vielgestaltig — als Ichlähmung zusammengefaßt 
werden kann. Hier kommt es nicht zu einer Spaltung des Ichgefühls, 
sondern der Betroffene glaubt, einer fremden Macht zu unterliegen. Er 
empfindet nicht nur am Körper Beeinflussungen, denen äußerlich nichts 
Feststellbares entspricht, er merkt auch ganz deutlich an seinen eigenen 



^ Freilicli werden unter secoild sigllt auch allerlei andere Inhalte von Ausnahme- 
zusländen zusammengefaßt, in die sich die nordischen Magier durcli abenteuerliclie 
Zereimonien und geräuschvolle Musik versetzten. Vgl. von älterer Literatur Martin 
(^97)' ^''^ Archiv für den tierischen Magnetismus aus dem Anfang des 19. Jahr- 
hunderLs, und Hibbert ([119J, S. i33). 

" Vgl. Stoffels (oü8). 



i(:iii.\iiMr\(; 57 



(icdaiiken, dali dies nicht mehr seine eip;enen (icdankcn sind, an seinen 
Wünschen, dali sie ihm gegen seinen WiMen eingegeben werden, an seinen 
ilandhingen, daß man sie ihm aufzwingt. Kr will dies alles nicht denken, 
nicht fühlen, nicht wollen, aber er ist machtlos, er ist seelisch gelähmt. 
So sehr er sich dagegen aufbäumt, so sehr er alle seine ICnergi«' zusamnuMi- 
rafft: er ist der (infolgedessen ,, höheren") (lewalt unterlegen. Er merkt das^ 
\ orhandensein dieser Macht an zweierlei, l-lrstens sind ihm die Inhalte 
des Gedachten, Gewollten fremd. Sic passen nicht in den Zusammenhang 
dessen, womit er sich gerade beschäftigte. Sie fallen von außen her so 
.-törend in die momentane seelische J'^rfüUtheit hinein, wie wenn uns der 
Anruf eines Fremden aus unseren Gedanken aufschreckt. Auch der Gesunde 
kennt „freisteigende Vorstellungen", er kennt Einfälle, die ihn augenblick- 
lich verwundern, die ihn vielleicht sogar stören, deren Zusammenhang er 
aber doch stets bei einigem Nachdenken aufzudecken vermag, und die er 
als seine Einfälle unbedingt anerkennt. Diese gemachten Gedanken 
aber widersprechen dem ganzen Wesen, dem Gharakter des Erkrankten, 
er erlebt sie als unbedingt fremd und daher oft als widrig. Deshalb leidet 
er so sehr unter ihnen. Der Kern seiner Persönlichkeit, seine „Individualität** 
(Unteilbarkeit) ist zerstört: er ist innerlich mit einem fremden Wesen zu- 
sammengeschmiedet. Die Qualen, die solche der Ichlähmung unterworfenen 
schizophrenen Kranken zuweilen auszustehen haben, sind unermeßlich. 
Aber es ist nicht nur die Fremdartigkeit der einzelnen Inhalte, die den 
(jlauben an eine höhere Macht herbeiführen, sondern es ist offenbar auch 
etwas an der Funktion selbst Haftendes. Es gibt Kranke, die auch irgend- 
welchen inhaltlich unauffälligen Gedankengängen anmerken, daß es nicht 
ihre Gedanken sind. Am Gedanken selbst merken sie den fremden Ein- 
fluß. Eine Frau will vielleicht ihrem Mann eine Keissuppe kochen, und 
sie geht an den Herd und bereitet eine Bohnensuppe zu. Sie merkt, dieser 
letztere Entschlufj war ihr eingegeben. Nicht als ob sie nicht schon oft 
Bohnensuppe zubereitet hätte, nicht als ob sie nicht auch an diesem Tage 
hätte Bohnensuppe kochen können, aber am Entschluß selbst erkannte sie 
den gemachten Gedanken ^ Ähnlich ist jenes Phänomen, welches die 
Kranken selbst oft als „G e danken ab ziehen" bezeichnen-. Das gleicht 
nicht dem, wenn dem normalen Menschen einmal ein Gedanke entfällt, 
oder wenn im Zustande der Zerstreutheit sich die Gedankenfäden verwirren. 
Das „/Vhziehen" ist etwas qualitativ Neues, sonst nicht Erlebtes; die Gedanken 
sinken gleichsam nicht passiv dahin, sondern sie werden von irgendwoher 
positiv so beeinflußt, dafj sie sich ändern, ihren Gharakter als meine 
Gedanken einbüßen und dann mir direkt genommen werden. Wieder glauben 
die Kranken, einem äußeren Einfluß, einer fremden Macht zu unterliegen, 
ihr Ich ist in dieser Beziehung gelähmt. Aber man beachte, daß es nur 
in dieser Beziehung gelähmt zu sein braucht. Man fasse den Versuch dieser 
Beschreibung nicht so auf, als ob ein solcher Kranker nun völlig seiner 



^ Pick (2^0) macht auf die unpersönliche Form aufmerksam, in der die Krankea 

oft erzählen: ,.es" wurde mir gegeben, ,,es" ist mir eingekommen, ,,es" jjcginnera 

sicii mir die Gedanken in den Kopf zu schreiben. 

- Ein Kranker Picks (2-I0) erfindet den Ausdruck „intellekluieren". 



58 G IIUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Selbststeuerung beraubt sei. Im Gegenteil: meist sind es nur vereinzelte 
seelische Rcungcn, die den Charakter des Gemachten haben. Zwei Gedanken 
laufen (vielleicht inhaltlich eng mit einander verbunden) kurz hintereinander 
daher, und von dem einen vermag der Kranke mit Sicherheit zu sagen, 
daß es sein Gedanke sei, während der andere mit ebensolcher Sicherheit 
<ils beeinflußt bezeichnet wird. Es kommt freiUch vor, daß der Gedanken- 
gang eines Schizophrenen durch solche querkommende Einflüsse für längere 
Zeit so heftig gestört wird, daß er dadurch gleichsam verwirrt wird, nicht 
anders als wenn ein Nachdenkender durch irgendwelche äußeren Störungen 
beständig abgelenkt und schließlich ganz durcheinander gebracht wird. 

Das Vergewaltigtwerden des Ichs spielt sich in zwei verschiedenen Formen 
ab, die von der klinischen Psychiatrie als die hysterische und die schizo- 
phrene Ichlähmung auseinandergehalten werden. Das Zustandekommen 
heider ist wahrscheinlich völlig verschieden, deskriptiv haben sie mancherlei 
Züge gemein. Auf die l'nterschiede gehe ich später noch ein, hier sollen 
erst einige Beispiele für beide Arten mitgeteilt werden. 

Für die hysterische Form diene eine Beschreibung von Baelz (7, S. 983): 
eine von einem Fuchs besessene Japanerin. 

,, Während sie uns mit Tränen in den Augen ihre Leidensgeschichte erzählte, 
iiieklete sich der Fuclis. Zuerst zoigteji sich leichte, dann stärkere Zuckungen links 
um den Mund und im linken Arme. Sie schlug sich mit der geballten rechten 
Faust wiederholt heftig auf die linke Brust, die von früheren solchen Anlässen 
her ganz geschwollen und blutrünstig war und sagte zu mir: .Ach. Herr, jetzt regt 
er sich liier wieder, hier in meiner Brust.' Da kam plötzlich aus ihrem Munde 
eine fremde, scharfe Stimme in schnarrendem Ton: ,Ja, freilich bi/i ich da, 
imd glaubst du dumme Gans etwa, daß du mich hindern kannst?' Darauf die 
Frau zu uns: .Ach Gott, ihr Herren, verzeiht, ich kann gewiß nichts dafür!', 
dann, sich immer wieder auf die Brust schlagend und mit dem linken Gesicht 
7.uckend zum Fuchs: .Sei still, Bestie, schämst du denn dicii gar nicht vor dieseai 
Herrn?' Der Fuchs: ,Hehehe. ich micli schämen? Warum? .So gescheit we 
diese Doktoren bin ich auch. Wejin ich mLch schämte, so wäre es darüber, daß. 
ich mir ein .so albernes Weib zum Wohnsitz au.sgesuclit habe.' EHe Frau droht 
ihm. beschwört ihn. ruhig zu sein. Er unterbricht sie. und nach kurzer Zeit ist 
er im Alleinbesitz des Denkens und der Sprache. Mit einer unfaßlichen Schlagfertig- 
keit antwortet er auf alle Fragen, hat sofort für alles eine Erklärung ]>ereit. Die 
Frau ist jetzt passiv wie ein Automat, versteht offenbar nicht mehr deutlich, wbh 
man ihr sagt, an ihrer Stelle antwortet immer hämisch der Fuchs." 

Ferner ein Beispiel aus A. Lehmann (171, S. 533) aus einer Schrift des 
beginnenden 17. Jahrhunderts: eine dänische Frau schildert, wie in ihrer 
Familie allmählich Besessenheit die einzelnen Mitglieder ergriff : 

,,Wir halten einen kleinen Knaben, der im neunten Jahre stand. Er wurde so 
wunderlich, daß wir nicht begreifen konnten, was ihm fehlte. Er sagte, es liefe 
immer in seinem Leibe und stäche ihn, . . . Als ich nun ün der Stube stand und 
das Kind in einem Korbbett lag, wurde das Bett anderthalb Ellen von der Erde 
emporgehoben und begann, auf luid nieder zu springen. Ich lief zu Hans und rief 
ihn herein. Als wir hineinkamen, war der Knabe aus dem Bett gehoben, er stand 
auf dem Kopfe, mit den Beinen in die Luft, und mit ausgestreckteii Armen; und 
nur mit großer Mühe gelang es, daß wir ilin in das Bett brachten. Von dem Tage 
an sahen wir großen Jammer an ihm. Der böse Geist lief in ihm auf und ai) 
wie ein Ferkel und . . . legte seine Glieder so fest zusammen, daß vier stämmige 
Kerle nicht stark genug waren, um sie auseinanderzuziehen. Er krähte wie ein Hahn, 
bellte wie ein Hund, führte ihn hinauf auf unsere Balken in der .Stube und ebenso 
auf das Holzlager im Hofe ... Er zog seine Augen in den Kopf zurück und 
ebenso seine Wanecn und machte ilm so steif wie einen Stock, so daß der, der es 



BESESSEMU:iT 59 



lüclit wulito, niclit anders sagvn konnlu, als dab es ein Stück. Holz sei. Wir IioIxmi 
ihn iMnfxu" ^egt>n die Wand. Da stand or oluie alle Bewegungen, wie ein liild 
ans Hol/. . . . .Vhends, wenn wir sänge«: .Eine feste Burg ist unser Gt)tt', oder wenn 
wir (in dfr Bibel) lasen, wieherte er wie ein Pferd und spottete darüber, so viel 
er nur konnte." 

..Vis der Pfarrer ^^.Magi.ster Niels Gloslrupj einmal kam. nm uns zu besnclicn, 
.-Higlo [i\.\> kind) der .Satan zu iiun: .W'eim icii des großen Mannes wegen dürfte, 
tlann windo ich didi s(j t)chandeln, daß du Schande davon hättest. Du betest so innig 
zu dem großen Mann für dies Kind und für dies g.inze Haus und quälst nüch damit, 
Heule sal.'i ich am Saume deines Kleides, aber als du batest für diesen Knaben, 
fiel ich hinab und schlug mir einen Tenfelsschlag, so daß ich Schande bekam.' 
iSlag. iSiels antwortete: ,Du Imst genug Schande, du verdammter Geist.' Dann ant- 
wortete der Satan: ,Das weiß ich selbst.' — ^^^g- Niels fragte ihn nun: ,Waiui wirst 
du, verdammter Geist, diese Wohimng räumen, in welche du dich hineingestohlcn hast, 
und dies arme Kind verlassen, das du Tag und iNacht quälst?' Der böse Geist ant- 
wxjrlete durch den Mund des Kindes: .Willst du mich hinaushahen?' Darauf ant- 
vsorlete Mag. ISicls: .Der allmächtigste Gott soll dich hinaustreiben an den Ort, der 
dir in dem ewigen Feuer bereitet ist.' — Der Satan antwortete: .Wenn der große 
^L^nn sagt: Schere dicii fort!, dann muß ich das Feld räumen usw.'" 

In beiden Beispielen wird die vom Geiste ergriffene Person zur Ver- 
mittlerin seiner Äußerungen und Wünsche. Sie ist es zwar wider 
Willen, ihr eigener Wille ist irgendwie gelähmt und vermag sich nur zwischen- 
durch einmal wieder (ieltung zu verschaffen. Aber sie ist sich der Rolle 
dieser Mittlerschaft (Medium) bewußt, mag sie nun dem Geist eines 
Fuchses (Japan), einer Hyäne (/Vbessinien), eines Tigers (Indien), eines Rindes 
(im Altertum), eines Wolfes (Werwolf, Mittelalter) oder eines Teufels, Engels, 
Gottes oder Verstorbenen zu Äußerungen verhelfen (Hennig 112). Das 
Medium spielt eine Rolle, es spielt sie vielleicht leidend unter Stöhnen, 
Sichkrümmen, Schwitzen und zahlreichen Ausdrucksbewegungen ^, aber es 
ist sich dabei bewußt, das Sprachorgan eines anderen Wesens zu sein. 
Wenn es einen Geist gäbe, der in einen anderen hineinfahren könnte, 
um dort sein Wesen zu treiben, so müßte sich dies wohl in der Tat so 
abspielen, wie es das hysterische Medium darstellt. 

Solche Schilderungen hysterischer Ichlähmungen, von denen die Literatur 
der Religionspsvchologie (Österreich 226 und 227, Delacroix 44, Heyne 
118a, Diefenbach 48 a, Längin 167 a, Roskoff 269 a, Nippold 225 a), der 
Hysterie (Charcot, Janet 132—134, 137, 137 a. Richer 265, Einet 25, 
Mandel 194 a), der okkulten Wissenschaften voll ist, lassen es begreiflich 
erscheinen, wie in den Völkern aller Rassen und Zeiten der Glaube an die 
Besessenheit aufwuchs-. Sie ließ sich auch künstlich erzeugen. Manche 
Vergiftungen werden ja noch heute geschätzt, um sich fabelhaften Sen- 
sationen wollüstig hinzugeben (Opium, Haschisch, Kokain, Meskalin)^. 

1 Zu den Darstellungen der Besessenen in der Kunst vgl. Heitz (io6aj und 
Charcot (3f)b). 

2 Aus der Fülle der meist populären uiad verworrenen Schriften zum Okkultismus, 
die häufig von offenbaren Psvchotikern stammen, seien hier einige ernst zu nehmende 
psychologisch interessante herausgegriffen: Binet (aS), Myers (217, 218), von dem an- 
geblich das Wort Unterbewußtsein stanunt, Marillier (196). Jastrow (lA/i). Gyel (lOO), 
Chowrin [^o), Aksakow (ib), Boirac (29), Sollier (298), Seiling (289), Freimark 
(76), Österreich (aSi), Kotik (160), Tischner (3i4 u. 3i5), v. Wasielewski (323). 

3 Zu den Lustrauschvergiftungen vgl. Jastrow (i44). Meunier (202a), Moreau (209), 
Baudelaire (ga) und die später (unter abnormen Gefühlen S. 81) angeführte Literatur. 



50 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Aber auch in den verschiedensten reUgiösen Kulten bediente man sich 
allerlei Mittel, um jenen Zustand herbeizuführen, in dem „der Geist über 
ihn kommt". Sandalum, Aloe, Piper, Mastix, Krokus, Kostus, Sulphur 
wurden benutzt >, aber auch Gase, die aus Erdspalten hervorquollen, ver- 
setzten die Priesterin in die Nähe ihres Gottes: das nveOjaa Kv^ouöiaönxöv, 
der anlielitus leirae Delphis. Auch Fasten und sonstige Askese bereiteten 
die Seele auf den Umgang mit Gott vor. Freilich war es häufig schwierig, 
zu erkennen, ob dann die Seele Gott oder dem Teufel unterlag. Jamblichos 
bemühte sich in seinem Werke „De Mysteriis" die göttlichen von den 
dämonischen Besessenheiten zu unterscheiden und Kardinal Lambertini 
(Benedikt XIV) führte die unterscheidenden Merkmale der objektiv gött- 
lichen von den trügerischen oder gar dämonischen im 49. Band des 
3. Buches De servorum Dei beatificatione genau an (Job. Müller 216, 
S. 61)-. Bei den großen Massenepidemien, die besonders in den links- 
rheinisch-deutschen, den holländischen und französischen Nonnenklöstern 
vom Mittelalter ab immer wieder ausbrachen ^ vermochten die Besessenen 
sogar die Namen der in sie gefahrenen Teufel zu nennen. Leviathan saß 
in der Stirn, Beherit im Magen, Balaam hatte sich in der zweiten rechten 
Rippe, Isacaron in der untersten rechten Rippe niedergelassen. Noch 1861 
brach in Ober-Savoyen (Morzines) eine Ki'ampf-, Tanz- und Besessenheits- 
opidemie aus, bei der 120 Personen, besonders Mädchen von 9 — 15 Jahren, 
von Dämonen befallen wurden^. Wie oben erwähnt, verstärkten bei 
manchen anderen Epidemien sexuelle Halluzinationen den Glauben an die 
Besessenheit: manches junge Mädchen schwur, mit dem Teufel Beilager 
gehalten zu haben, und bestimmte sich dadurch selbst zum Scheiter- 
haufen. In den Inspirationsgemeinden, die sich von 1688 bis 1850 
fortlaufend verfolgen lassen, ja selbst noch in der sogenannten Kasseler 
Bewegung von 1905 erhielten die Entrückten — oft unter Tänzen und 
Krämpfen — Eingebungen ihres Gottes (Avertisseinenfs). Katholische Welt- 
anschauung lieferte in den Klosterepidemien keineswegs allein die Grund- 
stimmung des Besessenheitserlebnisses, auch die verfolgten französischen 
Protestanten verfielen in der CeAcnnen-Bewegung in ganz ähnliche Aus- 
nahmezustände (Ende des 1 7. Jahrhunderts). In der Gegenwart ist es das 
I^ben der Sekten, in deren engerem vertrauten Kreis sich Entrücktheiten 
mit Aufgabe der eigenen Person und das Ergriffenwerden durch „den 
Geist" abspielen •'•, 

Der Spiritismus, die Gemeinschaftsbewegung, die Heilsarmee, die Metho- 
disten, die Negersekten usw. führen durch allerlei Musik, eintönig rhyth- 
mische Gesänge, Trommeln, Händeklatschen, ferner durch seltsame Be- 



1 ..Fumigationes" des Pelrus de Abano, Elomenta magica. Siehe auch Stoffels (3o8). 

2 Dazu auch Poulain (248a), II, S. 3i — n4, und Laurent (i68a), II, S. 237. 
^ VgL liierzu die Arbeiten von Richer (265), besonders im Anhang ,, Notes histori- 

ques", S. 616, ferner Baelz (7), Österreich (227, 226V Zeitschrift ,. Zeitgenossen", 
ab 1817 N. F. 2, S. A8, Hennig (m). James (i3i). Friedmann (81), Hellpach (108), 
Calmeil (38a). 

■* Ahnhch 1878 in Verzegnis im FriauL 

•' tber die Christian Science vgL z. B. Geiger (86), Hellwig (iioV 



EMRÜCKTHEIT. /l.NT.KNRLDEN 6£ 

leuchtungen, Käucherungen usw. den Zustand lu'rhi'i, in dein dann der 
besontlers Disponierte vom (Jott geschlagen wird (^l'^rweckungen, lirrirdLs). 
Garn ähnhche ICnlrücklheiten uiul Besesscnheilszuslände werden aus den 
sonst so gänzhch anders gearlelon Kulturkreisen des Ostens beschrieben. 
Psychologisch ist es dort derselbe \ organg. Nur fehlt dort meist das 
Moment der Massensuggestion. Viele einzelne Källe von Besessenheit werden 
noch heute in China, Japan, Korea, Sibirien beobachtet. In manchen Ge- 
geiuleu sind ganze l'amilien bekaimt, deren einzelne (ilieder besonders leicht 
vom (leiste belallen werden. \\ ie es im alten babylonischen Reich schon 
berufsmäßige Beschwörer gab (l'^a- und Mardukpriester), wie in Griechen- 
land die ürpheotelesten als „Teufels"austreiber im Lande umherzogen, so 
gibt es heute noch geübte Geistbeschwörer, die im Herumziehen in Si- 
birien (Schamanen) und Japan (Hoin- und llokkepriester) ihr Gewerbe be- 
treiben (Baelz 7). 

Die Überzeugung, daß das eigene Ich in der Besessenheit irgendwie über- 
wältigt und daß wirklich ein fremder Geist in das menschliche Gehäuse 
eingezogen sei, wird nicht nur durch die \'ersicherungen der Beteiligten 
selbst erweckt, welche diese Besitzergreifung oft mit vielen Einzelheiten 
schildern, sondern auch die objektiven Produktionen der Ergriffenen 
im Ausnahmezustand liefern ja hierfür einen „Beweis"^. Wie schon oben 
erwähnt, bedienen sie sich oft „fremder" Worte, d. h. Worte, die ihnen 
selbst bisher gar nicht bekannt waren, also doch auch nicht von ihnen — 
so scheint es — stammen, sondern nur von anderen Wesen eingegeben 
sein konnten. Wenn man Lukians Geschichte von Alexandros, dem Lügen- 
propheten, kennenlernt, so stimmen alle Umstände dieser Massenpsychose 
so getreu mit ähnlichen Bewegungen unserer Tage überein, daß man sich 
Avundert, nicht auch von Neologismen erzählt zu bekommen. Von der 
lallenden und oft unverständlich geheimnisvollen Sprache der Ergriffenen 
in den Krampf- und Tanzepidemien des Mittelalters wird in den Berichten 
nicht selten gesprochen. Jakob Böhme erfand — um nur ganz weniges 
anzuführen — eine Reihe eigener Worte, die Seherin von Prevorst und 
andere von Kerner (150 S. 208 und 233) erwähnten Somnambulen redeten 
in seltsamen Sprachen, „die einer orientalischen Sprache ähnlich zu sein 
schienen". Und die vom Geiste Gottes Ergriffenen haben in den verschie- 
densten Religionskreisen immer „mit Zungen" geredet, d. h. in einer 
von ihnen selbst nicht beherrschten, ihnen selbst unheimlich feierlich 
fremden Art. Man kann (mit Österreich 227) verschiedene Formen dieses 
yXcocJöaiq XaXeiv unterscheiden: auf der ersten Stufe spricht der Ergriffene 
nur in einer gehobenen, gewandten Rede mit gesteigerten und dichterischen 



1 Mit dern Glauben, nur „Gefäß" einer fremden Seele zu sein, hängt natürlicli 
aucli eng jene andere Cberzeugxing der Metempsychose zusammen, in ver- 
gangenen Zeiten selbst sich schon einmal eines anderen Körpergefäßes bedient zu haben. 
Dabei glauben manche Anhänger der Seelenwanderung nicht etwa, früher schon 
einmal auf Erden als solche gewandert zu sein, die im Charakter als ähnlich 
überliefert sind, sondern diese wählen sich rückwärts gewendet meist illustre Persön- 
lichkeiten. (.\ndcrs in den östlichen Religionen.) Manche glauben ernstlich an diese 
Seelenwandcrung. andere fassen sie in freundlich symlx>lischcm Sinn. 

,,Acli. du warst in abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau." (Goethe, 
i4. April 1776.) Vgl. auch Fischer (62). 



g2 GRUH LE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Ausdrücken in einer Weise, die seinem normalen Geisteszustand gänzlich 
unan"-emessen erscheint ^ Man denke etwa an manche Prophezeiungen 
des aUen Testaments''. Auf der zweiten Stufe kommt es zum Reden in 
fremden Zungen, d. h. in fremden Sprachen. Hört man genau zu, so handelt 
es sich zweifellos um Worte einer bekannten Sprache — zuweilen sind 
auch mehrere Sprachen untereinander gemischt — , doch entbehren sie meist 
des lof^ischcn Gefüges, des Satzbaus. Das Erstaunliche dabei ist, daß der 
Prophet diese fremde Sprache zu kennen in seiner gewöhnlichen Geistes- 
verfassung glaubhaft leugnet. Drittens hört die gläubige Gemeinde zuweilen 
eine neue Sprache, die selbst vielsprachenkundige Leute nicht als diejenige 
eines bekannten Kulturkreises anerkennen. Sie ist wirklich neu, wenngleich 
das Ohr zuweilen Anklänge an bekannte Fremdsprachen herauszuhören 
glaubt. Sie ist objektiv wahrhaft sinnlos, wenngleich der Ergriffene natürlich 
ebenso einen Sinn damit verbinden kann, wie der Geisteskranke. Denn 
auch dieser spricht nicht selten in einer selbsterfundenen Sprache, zuweilen 
sicher, ohne etwas zu „meinen", zuweilen ebenso sicher mit einem be- 
stimmten Gegenstandsbewußtsein. Vergl. z. B. Äußerungen von Flournoys 
Medium (66, S. 180): 

Kesin onitidje basimini meleche tinis toutch, 

oder 

Dode ne ci haudan te meche metiche 
(Dies ist das Haus des großen Mannes) 
astane ke de me veche 
(Astane, den du hast gesehen). 

Man vergleiche hiermit die Äußerungen eines erregten, verblödeten Epi- 
leptikers: 

„Winne ta winne ta wien ta ziehn, 
Wie er sitzen auf dem hohen Zahn. 
Tara tara tamineta baff, 

Dann werd ich's einem andern sagen ta baff. 
Rohn, rohn mein Sohn, 
In meinem Sinn, wo ich wohn." 
(Ludwig Robel, 24. Juni 1910, Psychiatr. Klinik, Heidelberg.) 

Hier sei noch eine Probe aus der selbstgeschaffenen Sprache eines kata- 
tonischen Geisteskranken mitgeteilt: 

Freundlich ein vergangen le komlarah (das heißt nichts weiter als: „Guten Abend, 
der Arzt.'") — Fall von Karl Tuczek (3i5a). 

Ich kann hier nicht näher auf das Problem der Glossolalie eingehen 
es ist ein besonderes Kapitel aus der Religionspsychologie ^. Ich will nur 
zur Veranschaulichung des Ausnahmezustandes, in dem sich die Zungen- 

1 Siehe auch später unter Hypnose. 

- Auch im epileptischen Ausnahmezustand kommen solche feierlich gehobenen 
Ansprachen nicht selten vor. Bei diesen handelt es sich freilich fast niemals um ein 
iniialtlich gehobenes Niveau, sondern nur um schwülstig feierliche, inhaltsleere Rede- 
wendungen, die aber trotzdem und gerade wegen ihrer Unbestimmtheit auf gläubig 
disponierte Zuhörer einen großen Eindruck machen können. 

3 Vgl. das mehrfach erwähnte Buch von Österreich (227) und die dort angegebene 
Literatur. Femer Mosiman (212), Hennig (112), Lombard (186, 187), Pfister (aSg). 



ZUNGENREDEN 63 



retlncr befinden, zwei l'robiMi mitteilen: erstens das altvertnuitc Ka[)itel 2 
der A|)i)steIi,'(>s(liiclito (die Frauke der historischen „VVahrhcil" steht hier 
aulierliulb tier iietrachlung). 

Apostelgeschichte Kap. 2, 5. 1 13. 

,,Und als der Tag der Pfingsten erfüllet war, waren sie alle einmülhis hey ciiimuler. 
Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel, als eines •gewaltigen Windes, und 
erfülleto das ganze Haus, da .sie saßen. Und in.in saho an ihnen die Zungen zer- 
tlieilet, als wären sie feurig. Und er setzt*? sich auf einen jeglichen unter ihnen; 
und wurden allo voll des heiligen Geistes, und fingen an zu predigen mit andern Zungen, 
nachdem der Geist ihnen gah auszuspreciic<i. Es ware«i aber Juden zu Jernsaleni 
wchnend, die waren gottesfürchtige Männer, aus allerley Volk, das unter dem Himmel 
ist. Da nun diese Slnnme geschah, kam die Menge zusammen, und wurdeii verslür/t; 
denn es hörele ein jeglicher, daß sie mit seiner Sprache redeten. Sie entsetzten sich 
aber alle, verwunderten sich, und sprachen unter einander: Siehe, sind nicht diese 
alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darinnen 
wir geboren sind? Partlier, und Meder, und Elamitor, und die wir wohnen in 
Mesopotamien, und in Judäa, und Cappadocien, Pontus und Asien, Phrygicn und 
Paniphylien, Ägypten, und an den Enden der Lybien bey Kyrene, und Ausländer von 
Rum. Juden und Judengenossen, Creter und Araber; wir hören sie mit unscrn Zungen 
die großen Thaten Gottes reden. Sie entsetzten sich aber alle, und wurden irre, 
und spraclien einer zu dem andern: Was wall das werden? Die andern aber hatten 
es ihren Spott, und sprachen: „Sie sind voll süßen Weins." 

Ein zweites Beispiel aus unserer Zeit entnehme ich der Einführung in 
die Rehgionspsychologie von Österreich (227)^. Ein Steglitzer Geistlicher 
Paul beschreibt in Heft 109 und 110 seiner Zeitschrift „Die Heiligung" 
selbsterlebtes Zungenreden: 

„Zwischen lO und ii Uhr war die Arbeit an meinem Munde so stark, daß der 
Unterkiefer, die Zunge und die Lippen sich zum SprecheJi bewegten, ohne daß 
ich dies veranlaßt e. Ich war dabei völlig bewußt, ganz still im Herrn, tief 
glücklich, und ließ dies alles geschehen, ohne dabei sprechen zu können. Wenn ich 
auch laut zu beten versuchte, so ging es nicht, denn k e i n e s meiner deutschen 
Worte paßte in die Mundstellung hinein. Ebensowenig paßten 
andere Worte aus einer der mir bekannten Sprachen zu den 
M u n d s t el 1 u n g en, die an mir fort und fort vorgingen. Ich sah auf diese Weise, 
daß mein Mund stumm in einer fremden Zunge redete; und ich erkannte, es müsse mir 
jetzt noch gegeben werden, auch entsprechend auszusprechen. Gegen n Uhr ent- 
ließen wir einige von uns, zumal solche, die jnorgens früh wieder zu arbeiten hallen; 
und so blieben außer mir noch zwei Brüder zurück, einer von ilmen ist Pastx)!' H. 
Als wir wieder beteten, begann die Arbeit wieder an meinem Mund, und ich sah, daß 
ich nun die Gabe brauchte, auch Töne den Lippenbewegungen zu verleihen. Ich 
blickte auf zum Herrn, daß Er es geben wolle: und bald danach wurde ich zum 
Sprechen angeregt. Jetzt aber geschah etwas Wunderbares. Es war mir, als wenn 
in meiner Lunge ein Organ sich bildete, welches die in die Mundstellung passenden 
Laute hervorbrachte. Da die Mundbewegungen sehr schnell waren, mußte dies recht 
rasch geschehen. Es war mir, als wirbelten sich die Töno auf diese Weise heraus. 
So entstand eine wundersame Sprache mit Lauten, wie ich sie nie geredet jiatle. Ich 
hatte den Eindruck nach dem Klang derselben, es müsse ,, chinesisch" gewesen sein. 
Danach kam eine völlig andere Sprache mit ganz anderer Mundslellung und wunder- 
samen Tönen. Da wir gerade an diesem Tage Missionsversammlungen für China tind 
die Südsee hatten, lag es mir nahe, zu denken, es könnte dies eine Mundart der Südsco 



1 Dort finden sich viele wertvolle Beiträge zur Psychologie, nicht nur der Glossolalie, 
sondern auch der Entrücklheit, Ekstase usw. Die Hauptquellen für alle weiteren hierher 
gehörenden Einztilheitcn sind die Werke Flournoys (G/j — Gg). Ihr Studium macht die 
Lektüre «ines großen Teiles der älteren, recht verworrenen Literatur eJilbe'iilich. 
Siehe auch Vorbrodt (32 1). 



^ GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORiMEN 




O 




a2oL 

Fig. I 

(Fig. 2 aus Fiournoy [66]) Schrift der Marsbewohner. 

Erster Marstext von Fräulein S. niedergeschrieben (gemäß Visualhalluzinalionen) 
Natürliche Größe. Anbei folgt die französische Transkription : 

astane 
esenale 
pouze 
mene simand 
ini 
mira 



INSPIRIERTE SCHRIFT 65 



gewesen sein. Ich weiß nicht, wie lange ich so redete. Gewiß wohl einige Minuten- 
Dann mußte icli in deutsclier Sprache in IxAy und Anbetung meines Gottes ausbrechen. 
Bei <licsem ganzen Vorgang saß ich, je<loch wurde mein Leib dabei von einer großen 
Kraft gi'schütt<^lt, keineswegs unangiiiehm otlor schmerzhaft, im Gegenteil waltete 
in und über mir eine stille Ruhe, und d<ir Leib, das irdische G«fäß, bebte unter der 
Macht und Majestät des Herrn. Ich selbst konnte nicht anders. Ich mußte nachher 
nochnials ausrufen: O Jesus, wie schön bist Du!" 

Die Zuhörer der Krweckungen oder die Zuschauer spiritistischer Sitzungen 
werdtMi in ihrer Gläubigkeit natürhch noch gestärkt, wenn sie sehen, wie 
die Medien auch \V erke produzieren, die nicht von ihnen, sondern von 
(leisterhand stammen. 

Floumo\s Vp. Helene Smith keimte nicht nur bekarmtgeben, wie die Sprache 
dor Mar.<l)ewohncr, später die Üllramarssprache, dann die uranische, endlich das 
Mondidiom laiite^^, sondern sie teilte auch die Schriftzeichen von einem jener 
Himmelskörper mit (siehe Figur i) und schrieb außer mit ihrer eigenen Handschrift 
auch mit der ihres Geistes Leopold. (Siehe Figur 2.) 

Jeanno Marie Bouvier de la Motte-Guvon (geboren 16/18) schrieb oft ihre Auf- 
zeichnungen nicht nur ohne, sondern beinahe gegen ihren Willen. Sie berichtet: 

„Dans cette retraite il me vint un si fort mouvement d'ecrire, que je nc pouvais y 
r^sister. . . . Jamais cela ne m'etait arrive. Ce n'est pas que j'eusse rien de particulier 
ä ecrire: je n'avais chose au monde, pas m^me une idee de quoi que ce soit. 
C'etait un simple instinct, avec une plenitude, que je ne jxyuvais supporter . . . En 
prenant la plume je ne savais pas le premier mot de ce que je voulais ecrire. Je 
ine mis ä ecrire sans savoir comment, et je trouvais quo cela veuait avec une 
impetuosile efrange (Delacroix, 44, S. i65). — Gar ceux qui me voient ecrire savent 
bicn que je le fais sans aucune etude ou speculation humaine; et que cela coule de mon 
€»sprit comme un fleuve d'eau coule hors de sa source; et que je no fais que pretei* 
ma main et mon osprit ä une aulre puissance que la mienne (44, S. i58). — J'etaLs 
moi-memo surprise des lettres que vous (il s'agit de Dieu) me faisiez ecrire, auxquelles 
je n'avais guere de part que le mouvement de ma main: et ce fut en ce temps-lä 
qu'il me fut donne d'ecrire par l'esprit Interieur et non par mon esprit . . . aussi 
ma maniere d'ecrire fut-elle toute chang'ee; et l'on etait etonne quo j'ecrivisse avec 
tant de facilile (44, S. i5i). — L'ame ,ne vit plus, n'opere' plus par elle- 
meme, mais Dieu vit, agit et opere" (44. S. i43)^. 

Das Medium Flournoys schuf in ihrer Vielseitigkeit auch noch andere Werke außer 
den inspirierten Schriften. Sie zeichnete Marsblumen, -tiere, -lampen, -landschaften, 
Ultramarsbewohner in ihren Räumen usw. Und alle diese ihr sonst völlig fremden Kennt- 
nisse und Fähigkeiten erhielt sie durch ihren Geist und Beherrscher Leopold (angeblich 
identisch mit Joseph ßalsanio-Cagliostro). Er zeigt sich ihr und verdeckt dabei andere 
Gegenstände der Umgebung, oder er verdrängt mit anderen Visionen die ganze augen- 
blickliche Situation. Er spricht in ihr linkes Ohr, bald aus zwei Meter Entfernung, 
bald von viel weiter. Er rüttelt den Tisch, au:0 demi ihre unbewegten Hände ruhen. 
Kr spricht durch sie mit rauher Mannesstimme in italienischem Tonfall. Er bleibt 
bisweilen wochenlang fort und gibt sich kund, wenn sie es am wenigsten envartet. 
Er diktiert ihr Dichtungen, zu denen sie sonst nicht fähig wäre, er gibt ihr Befehle, 
gegen die sie sich aufbäumt (66, S. 92). 

In anderen Fällen wird nicht eine bestimmte fremde Persönlichkeit ge- 
nannt, der der Produzierende seine Werke verdankt, sondern nur das 
Passive, das Ergriffenwerden, das Erfülltsein wird betont. Es gibt eine be- 
sondere kleine Gattung von Kunst, die unter dem Namen der mediumisti- 
schen Kunst insofern einheitlich ist, als die betreffenden Künstler selbst 



1 Vgl.: V. Henry (ii3). 

2 Delacroix' Werk (44) ist für das Studium der Entrücktheiten, Verzücktheiten usw. 
sehr wichlig. 

5 Kafka, Vergleichende Psychologie HI. 



66 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

%i^ tU ^cryvt cd) ^(MoTVneJ Je //'. 



Vn 



Fig. 2 



(Fig. I aus Flournoy [65]) Doppelte Persönlichkeit mit doppelter Schrift. 

Fragment eines Briefes von Fräulein S. (28. 2. 1900). Es enthält 2^2 Zeilen einer anders- 
artigen Handschrift, mitten in ihre gewöhnliche Schrift eingeschoben. Man beachte besonders 

die Form der p, r, ss und d. 

die Fähigkeit zu dem Geschaffenen bei sich im gewöhnlichen Zustand ver- 
neinen. Selbstverständlich sind von dieser eigenartigen Kunstausübung treff- 
liche und gänzlich wertlose Werke geschaffen worden^. 

Bei der plötzlichen Erscheinung einer künstlerischen Idee, einer tech- 
nischen Erfindung oder eines wissenschaftlichen Gedankens hat der Nach- 
denkende nicht selten den Eindruck, als sei er selbst unbeteiligt. Er er- 
lebt den betreffenden Einfall nicht als fremdartig, erst recht nicht als auf- 
gezwungen, aber er fühlt sich dabei passiv: „es" denkt in ihm. Eine Er- 
leuchtung kam über ihn irgend woher. In dem Zusammenhang dieses 
Kapitels soll dieses Phänomens nur insofern gedacht werden, als das Willens-, 
das Initiativerlebnis, das Verbundensein mit dem Ichgefühl hierbei häufig 
fehlt. In der Breite des normalen Erlebens liegt es ja als ein wohlbekanntes 
Verfahren, daß man seine Aufmerksamkeit auf irgendein Problem (z. B. 
auf eine mathematische Aufgabe) fest konzentriert. Alle Voraussetzungen 
der Aufgabe und die Fragestellung selbst sind klar im Blickpunkt des Be- 
wußtseins vorhanden, eine Lösung zeigt sich im Augenblick nicht, alles 



1 Vgl. Freimark (75), Fleury (63). 



INSPIRATION 67 



stockt, alle seelische Energie ist aufs höchste gestaut: da [)lölzlicii durch- 
bricht der neue Gedanke die Schranken, in einem besonderen (jefühl der 
Lösung, iler Erleichterung, in einem Moment, den die neue Denkpsycho- 
logio gern als das „Aha"-I'>lebnis bezeichnet, stellt sich die Auflösung des 
gedanklichen Problems, der Einfall, die Erfindung ein ^ Man hat ja eben 
den besonderen Ausdruck „Einfall" geprägt, um das nicht weitläufig Abge- 
leitete sondern plötzlich Hereinfallende zu kennzeichnen. Insofern ist an 
dem lUiänomen nichts Absonderliches. In den Fällen dichterischer Intuition 
oder wissenschaftlicher Erkenntnis steigert sich aber das ßewufitsein, nur 
Schauplatz der (bedanken, selbst nur gleichsam erleidend zu sein, zuweilen 
derart, dali sich allmählich Übergänge zu dem oben besprochenen Phänomen 
der Depersonalisation einstellen-. 

Ilclmholtz sagte in einer Rede einmal (1891, zitiert nach Hennig [11 11) : 
„Die günstigen Einfälle . . . schleichen oft ganz still in den Gedanken- 
kreis ein, ohne daß man gleich von Anfang an ihre Bedeutung erkennt; 
dann hilft später zuweilen nur noch ein zufälliger Umstand, zu erkennen, 
wann und unter welchen Umständen sie gekommen sind; sonst sind sie 
da, ohne daß man weiß, woher. In anderen Fällen aber treten sie plötzlich 
ein, ohne Anstrengung, wie eine Inspiration. Soweit meine Erfahrung reicht, 
kamen sie nie dem ermüdeten Gehirn und nie am Schreibtisch". 

Zahllos sind die Zeugnisse der Künstler und Gelehrten, die diesen Tat- 
bestand in immer neuen Formen wiedergeben. Je nach der Bildung, Kultur- 
beherrschung und dem dichterischen VVortvermögen des einzelnen schwanken 
diese Äußerungen zwischen der nüchternen Beschreibung dieser freisteigen- 
den Ideen, für die sich keine Ableitung, keine Herkunft aufzeigen läßt, bis 
zu der Schilderung seltsam verklärter Zustände, in der die Erkenntnisse 
von außen, von „oben" auf den Ergriffenen herabströmen. 

Ein Ausspruch Nietzsches sei noch genannt: 

„Hat jemand . . . einen deutlichen Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter 
Inspiration nannten? . . . Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde 
man in der Tat die Vorstellung, bloß Inkarnation, bloß Mundstück, bloß Medium 
übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung 
in dem Sinne, daß plötzlich mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit etwas sichtbar, 
hörbar wird, etwas, das einen im tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach 
den Tatbestand. Man hört — man sucht nicht; man nimmt — man fragt nicht, wer 
da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit, in der Form ohno 
Zögern, — ich habe nie eine Wahl gehabt . . . Alles geschieht im höchsten Grade 
unfreiwillig, aber wie in einem Sturm von Freiheitsgefühl, von Unbedingtsein, von 
Macht, von Göttlichkeit." 

Und Otto Ludwig an irgendeiner Stelle: „Dies alles in großer Hast, wobei mein 
Bewußtsein ganz leidend sich verbal t." — Goethe zu Eckermann (1828) : 
Der 'Mensch „als ein würdig befundenes Gefäß zur Aufnahm© eines göttlichen 
Einflusses" ■*. 



1 Inwiefern solche Erfindungen schon bei Tieren vorkommen, dazu vgl. Koehlers 
Schimpansenarbeit (i56) und Bühlers Ausführungen hierzu (35), sowie dieses Handb. 
Bd. I. S. 91, 126 ff. 

2 Zur Inspiration, Intuition vgl. Moebius (2o4), Nachmansohn (219), Waldslein f322a). 

3 Vgl. über Goethes Stellung zu diesen und ähnlichen Problemen Seiling (289). 

Der heilige Dunstan ließ eine im Schlaf in einer Eingebung gehörte Antiphonie gleich 
nach dem Erwachen samt der Melodie aufzeichnen. (Vita Dunstani S 29, zitiert 
nach Bezold [23a]. — Zum Problem dos Dichters siehe auch Hinrichsen (338 f.). 

5* 



gg GR UHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Von dieser Art der Ichlähmung, die von den leichten Andeutungen des 
Unbeteiligtseins in der Inspiration bis zu jener Opferung der Persönlich- 
keit an den Dämon gleichsam ansteigt, ist jene zweite Form wesensver- 
schieden, die bei der schizophrenen Geistesstörung vorkommt. Hier hat der 
Kranke nicht das Bewußtsein einer medialen Rolle, er hält sich nicht für 
das Werkzeug eines außerpersönlichen Wesens im Sinne einer Mittlerschaft. 
Hier findet sich auch nichts von irgendeiner Theatralik; er denkt gar 
nicht daran, Zuschauern etwas mitzuteilen, er wüßte auch gar nicht, was 
er mitteilen sollte. Er hört zwischendurch vielleicht einmal ein halluziniertes 
ihm unverständliches Wort, und dann kann man ihn, wenn er sich unbe- 
obachtet glaubt, einmal leise fragen hören, z. B. „Wie? enzodir?" Aber 
sonst ist er still, leidend. Er grübelt vielleicht über den Inhalt der gemachten 
Gedanken nach, er sinnt traurig darüber, wer ihm denn nun wiederum 
seine Gedanken abziehe, wer seine Entschlüsse aufhielte, wer ihn beeinflusse. 
Er ist mit sich reichlich beschäftigt. Er glaubt sich nicht so häufig besessen 
von einem Geist, als gequält von irgendwelchen Verfolgern, welche ihm 
— vielleicht durch Maschinen — jene Beeinflussungsqualen bereiten. 

Um diese Qualen richtig zu beschreiben, bedienen sich die Kranken nun 
sehr verschiedenartiger Ausdrücke. Offenbar ist das ganze Symptom auch 
in sich nicht ganz einheitlich, so daß es nicht nur in der verschiedenen 
Darstellungsfähigkeit der Erkrankten liegt, wenn sie sich recht verschiedener 
Wendungen bedienen, 

Schreber (284) spricht von einem „Denkzvvang", — ,,eln Ausdruck, den mir die 
inneren Stimmen selbst genannt haben, der aber anderen Menschen kaum bekannt sein 
wird, weil die ganze Erscheinung außerhalb aller menschlichen Erfahrung liegt" (S. li'j). 
Er werde zu unablässigem Denken genötigt, und zwar durch Strahlenwirkung, die von 
Tausenden von Seelen auf dem Wege des Nervenanhangejs ihn erreichen. „Bei einer 
bestimmten Gelegenheit zogen auf einmal a/io Benediktinermönche unter Führung eines 
Paters, dessen Name ähnlich wie Starkiewiez lautete, als Seelen in meinen Kopf ein.' 
(S. Aq.) Träume wurden nicht von seinen eigenen Nerven unwillkürlich hervorgerufen. 
Sondern von Strahlen in dieselben hineingeworfen (S. 67). Die göttlichen Strahlen 
lasen auch seine Gedanken (S. i37), sie muteten ihm völlige Regungslosigkeit zu 
(S. ilii), sie verfälschten seine Stimmung durch Wunder (S. i44)- Die Wahl seiner 
Worte beruhte nicht auf seinem eigenen Willen, sondern auf einem gegen ihn geübten 
äußeren Einfluß (S. 216). Zuweilen vnirde automatisch ein Brüllzustand veranlaßt 
(S. /.gi). 

Staudenmaier (3o3) fühlte häufig eine Beeinflussung seiner Augen (S. 21), auch 
seine Hand stand unter dem merklichen Einfluß eines Wesens, die Beine wurden zu 
Krämpfen veranlaßt, der Gesichtsausdruck wurde abgeändert (S. 28). Eine fremde 
Macht war in ihm bestrebt, seine Zunge seitlich hin und' her zu bewegen oder auch 
vorzustrecken (S. Sa). Intelligente Teilwesen, an einen seitlichen Platz im Organismus 
verwiesen, erlangten auf die Gemütsstimmungen imd auf die ganze Lebens- und 
Handlungsweise des bewußten Ichs außerordentlichen Einfluß. Sie suchten ihn nicht 
selten heimlich auszufragen und ihm ihre Ideen aufzudrängen (S. 60). Ganze Ideen- 
gänge wurden ihm von irgendeiner Personifikation suggeriert (S. 61). Machte sich 
eine solche einmal in gemeingefährlicher Weise bemerkbar, so besaß er ihr gegenüber 
doch die erforderliche Widerstandsfähigkeit (73). 

Ein schizophrener Tischler erzählt (Otto Stoff, 20. November 09, Langenhom): 
, .Dieser H. besitzt die Fähigkeiten zu hypnotisieren, und ich habe eine Zeitlang 
unter seinem Einfluß gestanden. Er hat wiederholt versucht, mir Handlungen auf- 
zuzwingen, die, wenn ich sie ausgeführt hätte, jedenfalls schwer bestraft worden wären. 
So z. B. hat er mich öfters auf die Schutzleute gehetzt, ich sollte wiederholt auf der 
Straße einzelne niederschlagen. Ich wurde jedoch an dnr Ausführung dadurch zurück- 



GEMACHTE GEDANKEN 69 



gehalten, daß ich slcls im letzten Momejil an meine Braul daclite, was dann stet» 
7ur Folge hatte, daß ich dadurch blit/sclmell wie umgewandelt war. Das ist die 
Tclepathio". — ,,Ich wußte schon alles vorher durch Telepathie, sogar die Godankco 
anderer Leute, das wissen auch die Ärzte. Ich habe gewissermaßen einen Kontroll- 
blick 1." — ,, .Meine Braut ist mein guter Leitstern, ich habe an der Frau eine ganze 
Welt, ich stehe ja fortgesetzt unter ihrem guten Einfluß, ich kann es ja in mir 
fühlen, wie sie an mich denkt, sogar kann icii in mir merken, wenn sie weint." Er 
habe die Denkkraft verloren, jetzt verliere • er das Bewußtsein, jetzt müsse er anders 
denken, jetzt gehe die Hypnose los. Solange er Mensch w-ar, habe er anders gedacht 
und gegrülH?ll, jetzt habe er etwas verloren. Er komme mitunter auf die QOcr Jahre 
zurück, unil da träume er wie früher, aber nur bis zu einem gewissen Stadium, dann 
habe er wieder Denkkraft. Daim liabe er wieder die iMannessprache. In Friedrichs- 
berg habe er Telepathie tlurcii das Lalxjralorium gemerkt; wenn er geschlafen habe, seien 
die Gespräche durch Telepatlue gekommen. Dort habe er nicht recht essen können, 
weil er von den liegenden Personen zu stark getrieben worden sei, das habe ihn so 
angestrengt. 

„Ich hab' so Durchziehen durch den Kopf. So als wie wenn jemand was erzählt 
oder was von anderen, das zieht dann bei mir durch . . . Daß ich auf diesem 
Weg was mit mir machen lassen muß, statt mündlich oder schriftlich! Daß ich all die 
Sachen vor 20 Jahren oder so durch meinen Kopf muß ziehen lassen, daß ich alles 
auf einmal erfahr'. Ich hab' nur mit Durchziehen zu tun. Besser kann ich's 
nicht au.'-drücken. Manclmial geht's den ganzen Tag, mal stärker mal schwächer. 
Es ist nichts dabei zu unterscheiden von Männer- oder Frauenstimmen. Einmal ist's 
so durchgezogen vom Kaufhaus und vom Massengrab und vom Runlerstürzen und 
mal die Nacht durch von Sibirien. Die Worte weiß ich nicht mehr. (?) Es isti 
kein Ton dabei, nur daß es mal stärker und mal schwächer durchzieht. Es ist wie 
wenn w.is erzählt v>ird; so gut man's sonst mit den Ohren hört, so zieht das dann durch 
den Kopf. Es ist manches wahr, und manches ist dazu gemacht, um den Kopf durch- 
einander zu machen. Manchmal hab' ich gemerkt, daß auch die Gedanken von den 
andern bei mir durchziehen. Ich weiß nicht, von wcm's herkommt, wessen Gedanken 
das sind. Von mir geht nichts aus, ich hab' nur Durchziehen. Es muß ein ganz 
dickes Buch sein, daß icii durch mich muß durchziehen lassen. Den Kindern wird's 
auch durchgezogen. Da hab' ich nichts dagegen machen können. Das ist was anders 
als ■ hören, auch nicht wie nachdenken." (Lina Trenkel, Psychiatr. Klinik Heidelberg, 
20. Mai 191 1.) 

Neben dem Gedankenmachen, dem Gedankenbeeinflussen oder -durch- 
einanderbringen und dem Gedankenabziehen steht wohl hier auch noch 
ein anderes Phänomen an der richtigen Stelle. Manche Kranke glauben, 
ihre Gedanken gehörten nicht ihnen allein; andere hätten daran teil, ja 
die ganze Stadt wisse davon. Solche Überzeugungen können sich selbst- 
verständlich auf verschiedenen Wegen bilden: Wenn ein Paranoiker dem 
Gebaren der Leute überall, wohin er auch reist, anmerkt, daß sie über 
seine Person orientiert sind, oder wenn ein Halluzinant den Inhalten seiner 
„Stimmen" entnimmt, daß diese schon alles wissen, so hat dies gewiß 
nichts mit einer Ichlähmung zu tun. Wenn aber ein Schizophrener an 
seinen eigenen Gedanken — ohne Stimmen zu hören — „fühlt", daß sie 
Gemeingut der Stadt, ja der Welt sind, so spricht vieles dafür, daß es hier 
eben eine qualitative Veränderung dieser Gedankenvorgänge selbst ist: sie 
gehören ihm nicht mehr allein an, sie sind ihm irgendwie entfremdet, sein 
Ich ist nur halb an ihnen beteiligt. Analysiert man die Symptome vieler 



^ Man beachte hier die Kombination des Gedanken-gemacht-Bekommens mit dem 
irrtümlichen Bekanntheitscharakter. (Siehe oben bei dejä Vll.) — Viele Behauptimgeo 
über Gedankenübertragungen usw. sind auf solche schizophrene Selbstzeugnisse zurück- 
zuführen. Vgl. auch hierzu die oben zum Okkultismus angegebene Literatur S. Sg). 



70 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Schizophrener, so ist man von der Zugehörigkeit dieses Phänomens zur 
Ichstörung überzeugt. 

Ein Leser, der den bisherigen Ausführungen über die Pathologie des 
Ich aufmerksam gefolgt ist, wird nun vielleicht noch die Erörterung der 
Zwangsvorstellungen in diesem Zusammenhang erwarten. Ein Kranker, 
der soeben wörtlich angeführt wurde, sprach ja vom Denkzwang. Gehört 
nicht auch das Problem der Zwangsvorstellungen hierher? Sicherlich nicht. 
Beim Denkzwang, wie Schreber (284) es nennt, muß er denken, ganz all- 
gemein, und die dann entstehenden Gedanken sind gemachte oder doch 
irgendwie beeinflußte, z. B. auf halluzinierte Fragen als Antworten erzwungene 
Gedanken. Die Zwangsvorstellung ist nicht von irgendeinem fremden Wesen 
her gemacht, sie ist meine eigene Vorstellung, wenngleich ich mich ver- 
wundere, wie ich selbst auf solches dumme Zeug verfalle. Man macht sich 
ihr Wesen am ehesten klar, wenn man sie mit einer jMelodie vergleicht, 
die einen schon den ganzen Morgen verfolgt. Hierüber siehe dann später. 

Wie läßt sich nun dieses in sich so verschiedenartige hier an mannig- 
fachen Beispielen anschaulich gemachte Symptom der Ichstörung erklären? 
■ — Aber was heißt erklären? Versteht man darunter das Zurückführen auf 
irgendwelche außerpsychische Ursachen, so ist eine Erklärung nicht allzu 
schwer. Alan wird mit Recht bei der Entfremdung der Wahrnehmungswelt 
z. B. die Ermüdungstoffe des Körpers als Ursache bezeichnen können. Man 
wird für manfhe Entrücktheiten die eingenommenen Gifte verantwortlich 
machen können, man wird endlich bei der schizophrenen Geistesstörung 
annehmen können, daß die zwar noch nicht nachgewiesene, aber mit guten 
Gründen angenommene Stoffwechselstörung die Hauptursache der Erschei- 
nungen sein wird. Aber dies sind mehr Fragen der Physiologie oder der 
Medizin. Versteht man jedoch unter „Erklären" die Einordnung dieser 
Symptome in andere wohlbekannte Erscheinungen des Seelenlebens an wohl 
überlegter Stelle, so läßt sich hierzu folgendes sagen. 

Dem naiven Erleben des normalen Bewußtseins erscheint jede seelische 
Regung selbst^'erständlich mit der Ichqualität verbunden. D. h. alle see- 
lischen Inhalte, die in das Blickfeld des Bewußtseins treten, erhalten in 
diesem Augenblicke diese Qualität. Gebraucht ein naiv Erlebender dennoch 
ohne viel Nachdenken einmal das W^ort „es", z. B. es ist mir eben ein- 
gefallen, so meint er damit nur, daß aus der Fülle der Automatismen, die 
sich unbeachtet unaufhörlich in ihm abspielen, ein einzelnes Element in 
den Blickpunkt seiner Aufmerksamkeit getreten ist, ohne daß er es gewollt, 
erstrebt hat. Aber keineswegs will der Nichtreflektierende hiermit etwas 
Ichfremdes kennzeichnen. Der Reflektierende hat jenes Moment verstärkt 
im Sinne, wenn er von dem „es" spricht, das da irgendwie in ihm zum 
Vorschein kommt. Er meint damit nicht nur das nicht Erstrebte, sondern 
auch das nicht Erstrebbare, d. h. dasjenige, was sich auch dann ihm nicht 
darbieten würde, wenn er seine Intention nach jener Richtung wendet. Genau 
so, wie man eine Fülle der motorischen Koordinationen derart eingeübt 
hat, daß sie sich unbeachtet automatisch vollziehen (Gehen, Sprechen usw.), 
genau so gibt es eine Fülle rein seelischer Koordinationen, deren Mechanis- 
mus automatisch abläuft. Man setzt einen solchen Mechanismus nicht selten 
in einer bestimmten Richtung in Tätigkeit, wendet sich dann von ihm ab 



rwviiXKCRLicin: h.wdm.ngen ti 

urul einer anderen Tätip^keit zu, die man hewiißt betreibt, und nacb einiger 
Zeit ist man gleichsam erstaunt zu bemerken, dali jener erste Mechanismus 
inzwischen ein Ergebnis gehabt, eine Idee, einen Einfall produziert hat. 
An ihm glaube ich gleichsam unbeteiligt zu sein, er ist mir bis zu einem 
gewissen (Irad fremd'. Zuweilen geschieht es, daß ich nicht selbst jenen 
ersten Mechanismus einschaltete, dali er vielmehr durch irgendwelche äulieren 
Eindrücke angeregt und tätig wurde; durch lündrückc, die ich selbst gar 
nicht beachtete. So kommt es zu den freisteigenden Vorstellungen, 
die, von mir in keiner Weise intendiert, sich plötzlich einstellen. 

Z. B.: Als ich in angestrengtem Naclidenken über einen religionsgesciuclitlichen 
Gegenstand war, stand ganz abrupt plölzlicli das anschauliclie Bild einer Straße in 
Pegau vor mir. Ich glaube sicher seit Jahrzeiintcn an jenes Städtchen nicht gedaciit 
zu haben, wo ich zuletzt vor rji Jahren nur einen Tng weilte; es hat mich auch 
niemals sonderlich interessiert. Und doch taucht jetzt plötzlich ungerufen eine Einzelheit 
in mir auf, die idi mir l>ewußt vielleicht kaum hätte zurechf rücken können. 

Es ist häufig betont worden, daß jeder Mensch eine Fülle des Gedächtnis- 
materiales mit sich herumträgt, von dessen Existenz er nichts mehr weiß. 
Ja, wenn er absichtlich nach ihm fahndet, so findet er es nicht. Ein direkter 
Zugang zu ihm ist nicht vorhanden, und die verwickelten Umwege zu gehen, 
die zu ihm führen, ist ihm nicht möglich, da er diese assoziativen Bahnen 
in ihrer \ erknüpftheit bewußt nie erlebte. Man kann bei einer derartigen 
Erörterung die Vergleiche, die Bilder nie ganz entbehren, so sehr man sie 
einzuschränken streben soll. So sei der Vergleich gestattet: es ist nicht 
anders, als wenn man durch einen Bekannten zu einem Ziele geführt wurde. 
Im eifrigen Gespräch achtete man des Weges nicht. Und wenn man später 
von selbst das Ziel wieder energisch sucht, bleibt es verborgen, während 
der „Zufall" uns von ungefähr gelegentlich wieder dahin bringt. In der Auf- 
zeigung solcher vergessener Wege, unbeachteter assoziativer Verknüpfungen 
längst verloren geglaubten Materiales, hat besonders die Psychoanalyse 
Sigmund Freuds \ orzügliches geleistet^. Ich wiederhole: Zwei Momente 
sind an solchen freisteigenden Vorstellungen ich fremd: ich habe sie nicht 
beachten wollen, ich hätte sie nicht hervorrufen können; ich war dabei 
passiv. Aber wenn ich an das eben erwähnte Beispiel von Pegau denke, 
so erkenne ich doch den sich mir darbietenden Inhalt als meine Erinnerung 
an: er war schon einmal in mir da. Bei der Intuition ist es anders, da 



^ Dies bezieht sich nicht nur auf Vorstellungen, Gedanken, sondern ebenso auf 
Enbchlüsse. H. Groß bringt hierzu (sogenanntes unwillkürliches Handeln) einen guten 
Beitrag (96): Ein sehr rechtschaffener Hufschmied wirft den verhaßten Stiefvater, 
den er zufällig trifft, als jener zwecks Reinigung tief in den heißen Backofen gebeugt 
ist, ,, impulsiv" in diesen hinein, so daß jener verbrennt. ,,Herr, ich weiß nicht, wie 
CS zuging — eintreten, stoßen und Türe zuschlagen war so rasch geschehen, wiei ich 
nach eineir Mücko schlage; ich hal>e nicht überlegt, habe nicht gedacht, habe 
nicht wollen; es geschah alles von selbst und erst, aJs ich vor dem Hause wari 
wurde mir klar, was ich getan habe. Damals war es aber einerseits schon zu spät, 
die Tat wieder gut zu machen, und andererseits war »ich vom Schrecken gelähmt, 
beim besten Willen konnte ich kein Glied rühren." 

- Hier sei nur sein Hauptwerk jüngster Zeit, seine , »Vorlesungen" genannt (79); 
über seine und seiner Schüler und Anhänger Lehren unterrichten am besten die 
beiden, nun schon vielbändigen Zeitschriften ,,Imago" und die „Internationale 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse". 



72 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNOR.MEN 

sind diese Inhalte neu, entbehren der Erinnerungsgeuißheit. Hier ist das 
Ich^-efühl also in einem dritten entscheidenden Punkte ausgeschaltet, der 
Dichter glaubt nur Werkzeug eines „Höheren" zu sein. 

Es gibt also zweifellos seelische Mechanismen, die, sei es durch das Ich 
selbst ursprünglich angeregt, sei es durch irgendwelche äußere nicht bemerkte 
Eindrücke in Tätigkeit versetzt, eine gewisse Selbständigkeit der Funktion 
haben. Die verfügbare seelische Energie steht nicht ohne weiteres nur einer 
regulierenden Zentralinstanz zur Verfügung, sondern sie fließt nach nicht 
näher bestimmbaren Regeln auch diesen Instanzen zweiter Ordnung zu. Am 
einfachsten entfaltet sich ihr Leben im Traum, da ist die Zentralinstanz 
vollkommen ausgeschaltet: irgendwelche „Psychismen" (Kohnstamm 158) 
führen ein kurzes, bald sinnvolles, bald sinnloses selbständiges Dasein^. Im 
halben Einschlafen vermag man diesem Treiben oft recht gut zuzusehen. 
Im Wachen überläßt man sich gern gelegentlich dem Träumen, wobei schon 
das Wort die Verwandtschaft der seelischen Zustände kennzeichnet; man 
läßt seine Gedanken, seine Phantasie schweifen und legt ihnen nur eine 
lose Fessel auf. Noch immer ist man dabei passiv, und erst dann greift 
z. B. der Künstler aktiv in dieses Geschehen ein, wenn er einen der selb- 
ständig vorüberziehenden Einfälle aufnimmt, um ihn dann bewußt künst- 
lerisch zu bearbeiten und zu gestalten. Jeder Mensch hat in verschieden 
starkem INIaße die Fähigkeit, seinen Automatismen Spielraum zu lassen oder 
die Inhalte bewußt zu bezwingen und zu ordnen-. Das Wiesen der „Auf- 
gabe" z. B. besteht darin, eine bestimmte Konstellation festzuhalten, die 
nur bestimmten (eben zur Aufgabe passenden) Inhalten den Eintritt in das 
Blickfeld des Bewußtseins erlaubt (determinierende Tendenzen). Deshalb 
kann man auch mehrere Tätigkeiten zugleich ausführen, indem man der 
einen Sekundärinstanz gleichsam eine bestimmte Marschorder mitgÜDt und 
sie dann sich selbst überläßt, während man eine zweite Instanz in das 
Bewußtseinsfeld rückt und damit mit der Zentralinstanz vereint. Diese Fähig- 
keiten kann man üben, besonders wenn eine bestimmte Disposition besteht. 
Z. B. bei der Verstellung kann man äußerlich eine bestimmte Einstellung 
festhalten, ohne sie dann für längere Zeit zu beachten, während man ich- 
mäßig mit ganz anderen Inhalten beschäftigt ist. Mancher Schauspieler ver- 
mag eine ganze Kette wohl eingeübter Älechanismen ablaufen zu lassen, 
trotzdem sein augenblickhches Ichbewußtsein keineswegs in ihnen, in der 
Illusion aufgeht. Und der Schauspieler als Boutinier vermag vielleicht außer- 
ordentlich schnell zAvischen diesen verschiedenen dargestellten Personen und 
dem eigenen Ich hin- und herzuspringen. Über ihn, den Schauspieler, 
geht unser Verständnis für den Besessenen. Der Besessene ist in seiner 
Rolle- so darin, wie jener Schauspieler, der sich ganz in seinem Schein 
aufzehrt, der sein eigentliches Ich inzwischen gänzlich opfert. Man hat gelegent- 
lich gefragt, wo denn in solchen Zuständen das Ich eigentlich bleibe, in- 
wiefern es sich opfern könne; dies sei doch nichts mehr als ein Wort. 



1 Sigmund Freud ist anderer Meinung, nach ihm hat jeder Traumteil einen 
,,Sinn" (78), der sich nur hinter Symbolen versteckt. 

- Es ist interessant, daß in der Hypnose sogar zerebellare, d. h. dem normalen 
^^i]len sonst entzogene Mechanismen, ausgelöst werden können. (Bauer-Schilder lo.) 



AI TOMATISMEN 73 



Nun gibt es abnorme Persönlichkeiten mit einer besonderen Gabe des Ein- 
fühlungsvermögens. Oft selbst ohne ausgeprägten Charakter („(inwrphrs"' 
im Siinie von llibots Charakterologie) vermögen sie gewisse Situationen 
besonders i-indringlich Norstoilungsniäliig zu erfassen, sich in andere (Charaktere 
besonders intensiv einzuleben, l nd wenn sie eine solche Situation sich an- 
geeignet, wenn sie die Zusammenhänge einer anderen Persönlichkeit ergrilfen 
haben, dann gewinnt dieser Komplex eine besondere Selbständigkeit in ihnen. 
Grundsätzlich ist es nichts anderes als der Schlaflraum. Nur tritt hier beim 
sich I^infühlenden noch nicht das vage Spiel der Psychismen ein ; das Ober- 
bewulitsein wirkt noch immer insofern elektiv, ordnend ein, als es die see- 
lische Energie allein diesem Komplex zuführt und alles Störende fern 
hält. So wird ein solcher Komplex, anfangs nur zögernd, vorsichtig erlebt, 
allmählich eingeübt, zum Automatismus, während das eigentliche Ichbewul')t- 
sein vom Schauplatz zurücktritt, wiederum wie beim Tagträumen. Die VVillens- 
lage ist die der Passivität mit alleiniger Tätigkeit der einen Idee, des Auto- 
matismus. Man beachte, daß jene Geister, die aus dem Besessenen sprechen 
und ihn zum Handeln verleiten, ja immer relativ einheitlich folgerichtig 
handeln, nämlich so, wie der von ihnen Erfaßte sich auf Grund aber- 
gläubischer, religiöser oder sonstiger Vorstellungen eben solche Geister und 
das, was sie tun und sagen, vorgestellt hat^. Nicht unabsichtlich wurde 
oben gesagt: Wenn es einen Geist gäbe, der in einen andern hineinfahren 
könnte, so müßte sich dies wohl in der Tat so abspielen, wie es das 
Medium darstellt, da, so ist jetzt hinzuzufügen, es sich dies eben so vor- 
stellt. Geht man dazu über, die „übernatürlichen" Leistungen der Medien 
oder Besessenen zu analysieren, wie dies Flournoy (66) so vortrefflich getan 
hat, so zeigt sich, daß hier irgendwelche Automatismen lebendig sind, deren 
einzelne Inhaltlichkeit sich sehr wohl aus dem Erfahrungschatz bzw. der 
Phantasie des Betreffenden ableiten läßt. Wenn die Fremdsprache glosso- 
lalischer Orgiastiker über ein sinnloses Lallen hinausgeht, zu dem ein jeder 
bei einiger Übung ohne weiteres fähig ist"-, so zeigt sich, daß in den scheinbar 
neuen sinnvollen Worten mancherlei Anklänge an wohlbekanntes Sprachgut 
und an früher aufgefaßte Worte stecken, die unter die Schwelle des will- 
kürlich ekphorierbaren Erinnerungsschatzes versunken waren (Kryptomnesien). 
Die Marssprachen Worte z. B. lassen sich nach wohlbekannten und in der 
Sprachwissenschaft klassifizierten \ orgängen auf wirkliche terrestrische 
Wörter zurückführen. 



* Flournoy (66, S. I25) nennt diese Geister „hypnoide Modifikationen" der Medien 
selbst. Vgl. auch Dessoir (^7) und Binet (aS). 

2 Vgl. z. B. das Zungenreden eines schlesischen Geistlichen (1907), das sich nach 
dem Rhythmus des ,,Dies ater" richtet: 

Schua ea, Schua ea, o tschi biro ti ra pea 
Akki lungo, ta ri fungo, u li bara ti ra tungo 
usw. (Hennig, 112. S. 4o.) 

Oder nacii der Melodie „Jesus geh' voran": 
Ea Ischu ra ta 
U ra torida 
Tschu ri kanka 
Oli tanka 
usw. (Österreich, 227, S. 64) ' ' 



74 G RUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Fräulein Smith hat allein mit Hilfe der französischen Syntax — denn von jeder 
anderen Syntax hatte sie nicht die geringste Ahnung — und mit Hilfe einiger ihr 
bekannten Vokabeln aus anderen Sprachen nach den gewöhnlichen Sprachbedeutungs- 
cpsetzcn (Metonymie, Assoziation, Suggestion und Kontamination usw.) ein eigenes 
Vokabular geschaffen." (Henry, ii3, zitiert nach Flourny, 66, S. 268, macht auch 
auf die Ähnlichkeit mit der Sprachumformung im Traume aufmerksam.) — In der 
Literatur wird häufig eine ALigd erwähnt, die im Trancezustand zu aller Staunen 
hebräisch sprach. Als man nachforschte, stellte sich heraus, daß sie früher bei einem 
Pfarrer bedienstet gewesen war, der die Gewohnheit gehabt hatte, einige hebräische 
Sätze in der Art von Gebct^formeln in seinem Studierzimmer häufig laut zu wiederholen. 
Obwohl sie nie daran gedacht halte, sich diese Sätze merken zu wollen, obwohl sie 
sogar im NormalzusLinde jede Kenntnis von ihnen glaubhaft bestritt, standen sie ihr 
doch im Ausnahmezustand zur Verfügung. 

Wenn man eine Gruppe von Männern beobachtet, die in angeregtem 
Ciespräch beieinander stehen, so kann man gelegentlich bemerken, daß der 
eine plötzlich beim Zuhören die Arme über der Brust kreuzt. Und nicht 
lange dauert es, so tut dies ein zweiter. Würde man diesem sagen, er habe 
CS jenem nachgemacht, so \YÜrde er sich mit Recht sehr dagegen verwahren: 
er habe nicht einmal bemerkt, daß der erste die Arme gekreuzt habe. Und 
trotzdem ahmte sein Unterbewußtsein automatisch die Geste nach. — Man 
erlebt es nicht selten, daß jemand anfängt eine Melodie zu pfeifen, die 
einem selbst soeben durch den Kopf ging. Das Erstaunen über den an- 
geblich gleichzeitigen Einfall vermindert sich, wenn sich herausstellt, daß 
vor wenigen Minuten ein fernes Waldhorn die Melodie blies. Aber keiner 
von beiden hatte dies beachtet, jeder schwur, von selbst auf die Töne ver- 
fallen zu sein. — Dies sind allereinfachste Suggestionen, die in vielfachen 
Übergängen hinüberleiten zu den x\utomatismen : nicht erstrebt, vielleicht nicht 
absichtlich herbeiführbar, vielleicht sogar sachlich fremd. Und von hier 
ist nur ein Schritt zur H}-pnosei. Die H>^nose ist eine Ausschaltung der 
Zentralinstanz, der bewußten Willenslage, zugunsten der Automatismen 
oder zugunsten des Willens des Hypnotiseurs. Ein vollkommen normaler 
Mensch muß den Wunsch haben, hypnotisiert zu werden, wenn dies 
glücken soll. Alle gegenteiligen Behauptungen gehören ins Gebiet der Er- 
dichtung oder des Betrugs. Ein hysterisches Mädchen freilich kann schon 
durch einen Blick dem Willen des Hypnotiseurs Untertan werden. Ein 
Hj'pnotisierter glaubt an die Macht des Priesters oder des .\rztes, oder 
wer der HN-pnotisierende auch sei. Ohne diese Vorbedingung würde das 
Gelingen des künstlichen Ausnahmezustandes beim Normalen unmöglich. — 
In der Hypnose — so hört man sehr oft — fallen außer der regulierenden 
Willenseinstellung vor allem die Gegenvorstellungen und die auf ihnen auf- 
gebaute Kritik weg; alle Hemmungen sind beseitigt. Dies ist jedoch nicht 
ganz richtig. Auch in der Hypnose setzt sich trotz ihrer Zurückdrängung 
die Persönlichkeit noch weitgehend durch. Gewiß kann ich jemandem im 
Tiefschlaf Aufträge geben, die er am nächsten Tage trotz ihrer Sinnlosigkeit 
getreulich ausführt. Gewiß werde ich jemandem suggerieren können, er 
sei blind, und dieser Hypnotisierte wird dann mit offenen Augen das Ge- 
baren eines Blinden annehmen, so wie er es einst sah oder es sich vor- 



^ Vgl. Forel (70), Rieger (267), Claparede (^l), Hirschlaff (i23), Wagner-.Tauregg 
(822), Kogerer (i55). — Eine amüsante Theorie der Hypnose bringt Bjerre (aöd). 



AUTOMATISMEN, HYPNOSE. TRAUM 75 

stellt. Aber dieser hypnolislerle „lilintle" vvirtl sich niemals in einem Ab- 
frrund zersciimollern, er wird nie in das Feuer die Hand stecken. Wenn 
ich einem Mädchen suggeriere, sie solle einen andern ermorden, wird sie 
zwar eine entsprechende Theaterszene vorführen, vielleicht eine ungeladene 
Pistole abdrücken, sie wird aber niemals wirklich zur Tat schreiten, es sei 
denn, dalj eigene Motive ernsthait mitwirken. Also auch hier herrscht die 
Macht tles Ich oder seiner Vorstellungen noch im Sinne der Grenzfest- 
setzung 

Nicht nur in der Hypnose, sondern auch im wirklichen Schlaf vermag 
sich ein Automatismus gelegentlich durchzusetzen, dem vor dem Einschlafen 
besonders energische Direktiven gegeben worden sind, oder der aus son- 
stigen (Iründen auftauchte. Freilich sind solche Fälle sicher sehr selten 
und abnorm ^ 

Myers schuf im Traum einen griechischen Vers, der heim Erwaclion sinnlos erschien. 
Doch wurde er sinnvoll, wenn man ihn mit dem ^falschen Gebraucli einer Präpositiion 
las, so wie es Myers in seiner Jugend immer fälschlich gemacht hatte (217). 

,,Bis tief in die Nacht hinein saß ich eifrig vor meinen ägjptischen Inschriften, 
um beispielsweise die Aussprache und die grammatische Bedeutung eines Zeichens . . . 
festzustellen. Ich fand trotz allen . . . Nachdenkens die Lösung nicht, legte mich 
übermüdet in mein Bett . . ., um in einen tiefen Schlaf zu verfallen. Im Traum setzte 
ich die unerledigt gebliebene Untersuchung fort, fand plötzlich die Lösung, verließ 
sofort meine Lagerstätte, setzte mich wie ein Naciitwandler mit geschlossenen Augen 
an den Tisch und schrieb das Ergebnis mit Bleislift auf ein Stück Papier. Ich erhob 
mich, kehrte nach meiner Schlafslätte zurück und schlief von neuem weiter. Nach 
rnoinem Erwachen am Morgen war ich jedesmal erstaunt, die Lösung des Rätsels in 
deutlichen Schriftzügen vor mir zu sehen. Ich erinnerte mich wohl des Traumes, aber 
fragte mich vergebens, wie ich imstande gewesen war, in der dicksten Finsternis 
deutlich lesbare, ganze Zeilen niederzuschreiben?" Aus des Ägvptologen Heinrich 
Brugsch' Selbstbiographie, zitiert nach Ilennig (112, S. 9). — Weitere Fälle dortselbst. 

Der Ausdruck Hypnose ist durch seinen Hinweis auf den Schlaf wenig 
glücklich: es handelt sich nur um eine Ausschaltung der ich-betonten 
Willenslage, nicht aber um eine Einführung der im Schlafe sonst herr- 
schenden Dissoziation. In diesem Zusammenhange wurde die Hypnose 
nur wegen dieser teilweisen Ausschaltung des Zentralfaktors erwähnt (Ich- 
lähmung). Näher auf sie einzugehen verbietet die Beschränktheit des mir 
hier gewährten Raumes. Von den einzelnen Ausschaltungen bestimmter 
Gebiete oder Inhalte wird später die Rede sein. Es gibt abnorme Persön- 
lichkeiten, die eine besondere Neigung dazu haben, ihr Ich auszuschalten. 
Nicht als ob sie etwa mit den Phantasiebegabten identisch wären, die an 
Einfühlungsmöglichkeiten und eigenen Kombinationen sehr reich sind, son- 
dern unter den religiös Besessenen, den Ekstatikern, den Medien gibt es 



1 über den Traum vermag ich nur wenig Literatur zu empfehlen. Freuds An- 
sichten wurden schon erwähnt (78); in den psychanalytischen Zeitschriften finden sich 
viele Traumstudien, die sich seinen Anschauungen mehr oder weniger eng anschließen. — 
Außerhalb dieser Literatur gibt es nqr sehr spärliche wertvolle Traumschriften. Des alten 
Greiner (1817) sei aus historischem Gesichtspunkt gedacht (gS), ferner seien von 
älteren Werken Strümpell (3i2) 1874, Radestock (2.5/i) 1877 und Spitta (3oo) 1892 
erwähnt. Von neueren Arl>eiten scheinen mir nur Kraepelins Traumsprache (161) und 
besonders Hackers systematische Traumbcobachlungen wertvoll (loi), denen Köhler (107) 
nacheifert. De Sanclis (277) stellt vielerlei zusammen. Über abnorme Träume ist 
mir nichts von Belang bekannt. Von den Angstträumen der Kinder war oben die Rede. 



76 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

intellektuell und künstlerisch Hoch- und Tiefstehende. Es ist eine besondere 
Eigenschaft, eine „Ichschwäche", wenn man so will, die alle diese Per- 
sönlichkeiten gemein haben: ihre Medialität. Es ist verständlich, daß sich 
in ergreifenden Schicksalen und in aufregenden sozialen Bewegungen solche 
Individualitäten zusammenfinden; starke bewegende Ideen, aufpeitschende 
Gefühle und vor allem mediale Beispiele heben gleichsam die anderen 
medialen Persönlichkeiten aus der Masse heraus. Das Erlebnis des Auto- 
matismus beim anderen setzt die Tendenz, ihm auch in sich das Feld ein- 
zuräumen. 

Hierher würden manche Folies ä deux^, die Massensuggestionen, über- 
haupt die seelische Ansteckung und die psychischen Epidemien ge- 
hören^. Hier hätte auch die Psychologie der Panik ihren Platz'. 

Aus den hier mitgeteilten Gedankengängen lassen sich leicht die Phänomene 
des alternierenden Bewußtseins und die anderen oben mitgeteilten Ichstörun- 
gen verstehen. Sehr viel schwerer sind einer „Erklärung" jene Zustände 
zugänglich, die oben als eigentliche gleichzeitige Persönlichkeitsverdoppelungen 
beschrieben worden sind (Fälle von Baelz). Sie lassen sich im eigentlichen 
Sinne wohl überhaupt nicht mehr einordnen, das heißt auf normale 
Bewußtheiten beziehen. Und endlich völlig uneinfühlbar, unerklärbar 
sind die schizophrenen Formen der Ichlähmung. Die gemachten, abgezo- 
genen, durchgejagten, künstlich erzeugten, anhypnotisierten (in besonderem 
Sinne), drahtlos telegraphisch erregten, angewunderten, angewunschenen 
Gedanken sind etwas, was mit den geschilderten Automatismen wohl weder 
deskriptiv noch kausal etwas gemein hat. Der normale Mensch kennt nichts 
Ähnliches. IMan könnte annehmen, daß solche gemachten Gedanken nichts 
anderes seien als halluzinierte Gedanken*. Halluziniere man eine Empfin- 
dung (Wahrnehmung), so sei man von der normalen Wahrnehmung her 
ja gewohnt, daß sie von außen, unabhängig von meinem Willen, komme; 
folglich sei sie mit dem Ichgefühl nicht direkt verbunden, folglich habe 
man auch keinen Anlaß, an ihr, der Sinneshalluzination, etwas phänomenal 
Abnormes zu sehen. Der Gedanke aber käme nicht von außen, er sei 
mein Erzeugnis, er sei untrennbar mit meinem Ichgefühl verknüpft. W erde 
nun ein Gedanke in der gleichen — an sich unbekannten — Weise krank- 
haft erzeugt wie eine "echte Sinnestäuschung, so scheine dieser halluzinierte 
Gedanke natürlich von außen zu kommen; er habe daher das Fremde, 



1 Vgl. Schönfeldt (283), der interessantes russisches Material beibringt, und Wollen- 
berg (828), der ein bis 1889 reichendes, gutes Literaturverzeichnis anfügt. 

~ Literatur: Die gesamte Religionspsychologie (Österreich, 227, femer die treffliche 
Arbeit von Heiler, 106), dann Delacroix (lik), Stoll (Sog), Lehmann (171), .lames (loi), 
Friedmann (populär 81), Hellpach (108), Richer (265), Weygandt (325), Zeitschrift 
„Zeitgenossen", N. F., 2, S. 48. — Aus dem großen Kriege wurden abnorme 
Massensuggestionen ebenfalls berichtet. Hierher gehören vor allem die sogenannten Engel 
von Mons. (Machen, ig/l, Begbie, i5.) — Über die Bedeutung der Suggestion im 
sozialen Leben arbeitete Bechterew (i3), er verwendete (sonst schwer zugängliches) 
russisches Material. — Über psychische Epidemien in Schulen vgl. Dix (oo). Über 
die Suggestionen bei den Praktiken der Derwische siehe HellwaJd (109). Moderne 
religiöse Massenbewegungen behandeln Tiesmeyer (3i3a) und Schrenk '(28/ia). 

' Gothein (91). 

* Vgl. die sog. „intellektuellen Halluzinationen". 



EKSTASE 77 

liemachle an sich, was den Kranken so errege und meist peinige. Diese 
.schizophnMUMi Ichlähmungen seien also mir ein Fall aus dem allgemeinen 
Kapitel der llailu/.inationen : es gebe Ilalluzinationcn der Empfindungen, 
der (lefühlo. der \N illenslageii, der Willensimpulse, der Gedanken; — im 
Grundsätzlichen, in der Art der abnormen Erregung seien diese Symptome 
alle gleich, nur ihr Betätigungsfeld sei verschieden. 

Man wird solchen Theorien nicht viel entgegenhalten können ; ich selbst 
lege auf sie keinen großen Wert; man wird sich ihrer so lange bedienen, 
bis sie von einer mehr einleuchtenden Theorie abgelöst werden. 



Bei den Beispielen zum Problem der Ichlähmung wurde mehrmals schon 
seltsamer Gefühle gedacht, die das Erlebnis des Begnadetseins oder des 
Besessenseins begleiten. Mag man das Ichgefühl überhaupt zu den Gefühlen 
im engeren Sinne zählen oder es mehr volitional fassen, sicherlich sind 
seine Störungen meist von Alterationen anderer Gefühle begleitet. Und zwar 
sind dies vielfach qualitativ abnorme Gefühle. Bei dem Studium 
religiöser Ergriffenheiten zeigt sich, daß das dort so häufig beschriebene 
Glücksgefühl mehr ist als nur eine Steigerung des sozusagen gewöhnlichen 
Glücklichseins. Nicht etwa nur neue, zumal sexuelle Körpersensationen 
treten hinzu, sondern es stellen sich wirklich neue Gefühlsqualitäten ein, 
die oft in eigentümlicher Weise mit intuitiven Erkenntnissen verbunden sind. 
Bei der Gewinnung irgendwelcher Einsichten mag wohl auch der Normale 
von Gefühlen der Freude und des Stolzes erfüllt sein, wenn ihn sein Nach- 
enken die große Tragweite seines Gedankens ahnen läßt. Aber in den 
•Erlebnissen der Ekstase ist Gefühl und Erkenntnis in ganz eigenartiger 
Weise vereint. Es sind nicht einzelne Akte des Erkennens, die so glücks- 
betont sind, sondern es ist ein seliger Zustan d des Schauens. Aber wiederum 
ist dieses Schauen nicht nur im eigentlichen Sinne Vision, sondern es ist 
auf unanschauliche Inhalte, eben auf gedankliche Zusammenhänge, insbe- 
sondere auf irgendwelche Werterkenntnisse gerichtet. Aber es ist schon 
unrichtig zu sagen, daß das Schauen „gerichtet" sei; eine aktive „Einstellung 
auf" ist gar nicht gegeben. Ein Erfülltsein kennzeichnet den Ergriffenen. 
Alle Probleme erscheinen gelöst, alles in der Welt zeigt sich gleichsam 
durchsichtig und klar. Zwar liegt eine starke Aktivität recht häufig in dem 
Sinne vor, dafS der Gläubige um diesen äußersten, letzten Glaubenszustand 
ringt, daß er ihn gleichsam mit Gewalt herbeizuführen trachtet: schließlich 
kommt er aber doch als eine Gnade über den Ekstatiker. 

Es gibt wohl nur zwei Formen eigentlicher geistiger Störung, die eine 
solche selige Entrücktheit herbeiführen können ohne alle äußeren oder 
inneren Hilfsmittel: ganz endogen. Es sind dies gewisse Beseligungen im 
^ erlaufe der schizophrenen Verblödung und bei der genuinen Epilepsie. 
Bei der Epilepsie, dem Morbus sacer, „schlägt" der Gott den Erwählten 
nicht nur insofern, als dieser plötzlich zusammenstürzt, sondern er begnadet 
ihn auch durch unerhörte, kaum beschreibbare Entzückungen. Besonders 
als Vorbote des großen Anfalles stellen sich solche außerordentliche Ge- 
fühle ein. 



78 GRUIILE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Dostojewski spricht (nach einer Erzählung von Sonja Kovvalewsky) von einem solchen 
eigenen Anfall (zitiert nach He«nig, 112, S. Sa): 

Und ich fühlte, daß der Himmel zur Erde kam und mich verschlang. Ich fand 
wirklich Gott und ward von ihm erfüllt. ,Ja Gott', schrie ich — und sonst erinne're 
ich mich an nichts mehr." (Einsetzen des großen Anfalls.) — „Ihr seid alle gesunde 
Menschen, und ihr ahnt nicht einmal, was für ein Glück jenes Glück ist, das wir 
Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall empfinden. — Mohammed versichert in 
seinen» Koran, daß er das Paradies gesehen habe und dort gewesen sei. Alle klugen 
Toren sind davon überzeugt, daß er einfach ein Lügner und Betrüger ist — aber nein! 
er lügt nicht! Er war tatsächlich im Paradies, während des Anfalls der Epilepsie, 
an der er gleich mir litt. Ich weiß nicht, ob diese Glückseligkeit Sekunden oder 
Stunden o<ler Monate währt, aber glauben Sie mir aufs Wort, alle Freuden, die 
das Leben geben kami, würde ich für sie nicht nehmen." 

Qualitativ sind die Seligkeiten der Schizophrenen hiervon nicht 
unterschieden ; beide Geistesstörungen hefern in diesen Ausnahmezuständen 
meist echte Visionen, zumal himmlische Erscheinungen und eigenartig be- 
schriebene Lichter. Man kann sagen, daß die Euphorieen verzückter Psy- 
chotiker relativ arm sind, sofern man gedankliche Inhalte beachtet. 
Eigentliche ins Weite gerichtete Erkenntnisse tauchen selten auf. Die Er- 
leuchtungen beziehen sich meist auf die eigene Person: „Du bist mein 
lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe". — „Wahrlich, ich sage Dir, 
Du wirst usw.". Auch die sprachlichen Formen der Eingebungen, seien 
sie nun direkt halluziniert oder nicht, sind ziemlich unoriginell und halten 
sich meist an die Worte der Bibel oder sonstwie bekannte Redewendungen. 
Doch sind die eben genannten Momente nicht so sichere Unterscheidungs- 
merkmale, daß man die echt psychotischen Ekstasen von denen der nicht 
Geisteskranken abgrenzen könnte. Deshalb kann auch der Erfahrene 
— auf Zeugnisse der Literatur rückblickend — nie mit völliger Sicherheit 
sagen, ob solch ein Erleuchteter wirklich geisteskrank war oder nicht. Die 
Zeugnisse der Propheten des alten Testaments z. B. machen vielfach den 
Eindruck, als handle es sich um Epileptiker, deren Verkündigungs- und 
Visionsinhalte später vielleicht durch die Tradition etwas künstlerisch ab- 
gerundet und ausgeschmückt worden sind. 

„Und ich sähe, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Mitternacht her mit 
einer großen Wolke von Feuer, das allenthalben umher glänzte, und mitten in 
demselbigen Feuer war es wie lichthelle; und darinnen war es gestaltet wie vier Tiere, 
und unter ihnen eines gestaltet wie ein Mensch. Und ein jegliches hatte vier An- 
gesichter und vier Flügel . . . Und die Tiere waren anzusehen wie feurige Kohlen, 
die da brennen, und wie Fackeln, die zwdschen den Tieren gingen . . . Die Tiere aber 
liefen hin und her wie ein Blitz. Als ich die Tiere so sähe, siehe, da stand ein 
Rad auf der Erde bei den vier Tieren, und war anzusehen wie vier Räder, und die- 
selbigen Räder waren wie ein Türkis . . . Ilrre Felgen und Höhe waren schreckhch; 
und ihre Felgen waren voller Augen um und um an allen vier Rädern . . . W'o 
der Wind hinging, da gingen sie auch hin . . ., denn es war ein lebendiger Wind 
in den Rädern . . . Und ich höreto die Flügel rauschen wie große Wasser und 
wie ein Getöne des Allmächtigen, wenn sie gingen, und wie ein Getümmel in einem 
Heer . . . Und da ich es gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht und hörete 
einen reden." (Hesekiel, i.) 

Wenn man dagegen eine Probe aus dem Buche Esra setzt, so hat man 
keineswegs den Eindruck einer Vision eines Psychotikers, sondern den 



KKSTASE 79 

einer absichtlich herbeigeführten, von lebhaften \ orstellungen (wohl keinen 
Sinnestäuschungen) begleiteten Verzückungen*: 

..Als ich noch so zu ilir s[)racli. sicho, da ergläiizto ilir Angesiclit plöl/.hch, 
uiul ihr Aussi'hon wanl wie Blitzes Schein, so dalJ ich vor großer F'urcht nicht wagte, 
ihr nahezukommen und sich mein Herz gewallig »-iitselzte. — Während ich noch üher- 
legte. was dies zu bedeuten habe, schrie sie plötzlich mit lauter, furchtbarer .Slinimo, 
daß die Erde vor diesem Schrei erbebte. L'nd als ich hinblickte, da war das Weib 
nicht mehr zu sehen, sondern eine erbaute Stadt, und ein Platz zeigte sich mir 
auf gewaltigen Fundamenten. Da erschrak ich und schrie mit lauter Stimme und 
sprach : Wo ist der Engel Uriel, der im Anfange zu mir gekommen war? Er 
selber hat mich ja in die Fülle dieser Schrecknisse gesandt . . . Als ich noch so 
sprach, siehe, da kam der Engel zu mir . . ." 

In den soeben mitgeteilten Zeugnissen überwiegen die Visionen, und nur 
nebenbei wird das Außerordentliche des ganzen Erlebnisses in den Eigen- 
schaftsworlen gewaltig, furchtbar, schrecklich, feurig ausgedrückt*. Das 
übergroße Glücksgefühl mögen einige andere Proben widerspiegeln: 

,,Iti einem Augenblick hat mich der Herr so glücklich gemacht, daß ich die 
Seligkeit gar nicht besciireiben kann. Ich jauchzte vor Freude und pries Gott von 
ganzem Herzen . . . Ich erinnere mich, daß mir alles neu erschien, die Menschen, 
die Felder, das Vieli und die Bäume. Es war mir, als wäre ich ein neuer Mensch 
in einer neuen Welt." (James, i3i, S. 287.) 

„Als ich am Morgen aufs Feld ging, um zu arbeiten, erschien mir die Herrlich- 
keit Gottes in seiner ganzen sichtbaren Schöpfung. Ich erinnere mich wohl, wir 
holten Hafer ein, und jeder Halm vmd jede Ähre erschien mir im Rcgenlwgen- 
glanz oder, wenn ich so sagen darf, im Glänze Gottes zu erglühen." (Fall Leubas 
in James, i3i, S. a^i.) 

,, Gänzlich uner^vartet, olme daß es mir in den Sinn gekommen wäre, mir könne 
je dergleichen geschehen, auch ohne daß ich je emen Menschen etwas Ähnliches 
hätte erzählen hören, stieg der heilige Geist auf micii herab, daß es mir durch 
Leib und Seele ging. Mir war, als stände ich "unter der Einwirkung eines elek- 
trischen Stromes. In der Tat, der heilige Geist schien in Strömen der Liebe auf 
mich hernieder zu fließen . . . Ich glaubte den Odem Gottes zu spüren, und ich kana 
mich deutlich erinnern, wie ich die Empfindung hatte, von ungeheuren Flügeln 
gefächelt zu werden. Die wunderbare Liebe, die in mein Herz ausgegossen war, läßt 
sich nicht in Worte fassen . . . Jene Wiegen der Liebe überfluteten mich, bis ich 
ausrief: Ich sterbe, werm sie sich noch länger über mich ergießen. Ich sagte: ,Herr, 
mehr kann ich niclit ertragen."' (James, i3i, S. 2^2.) 

Das Erlebnis dieser Liebe ist schlechthin unbeschreibbar. 

Jakob Böhme: „Wer sie findet, der findet nichts und alles; denn er findet einen 
übernatürlichen, übersinnlichen Grund, da keine Stätte zu ihrer Wohnung ist, und 
findet nichts, das ihr gleich sei. Darum kann man sie mit nichts vergleichen, denn 
sie ist tiefer als das Ich; darum ist sie in allen Dingen als ein Nichts, weil 
sie nicht faßlich ist. Und darum, daß sie Nichts ist, so ist sie von allen Dingen 
frei und ist das einige Gute, das man nicht sprechen mag, was es sei'." 

Über den seltsamen Zustand des Gott-Schauens sagt Plotin: 

,, Solch Schauen ist kein Sehen im gewöhnlichen Sinne; es findet keine L^nter- 
scheidung von Subjekt imd Objekt statt. Der Schauende hört auf, er selbst zu sein. 



1 Gunkel (99, S. /jS). 

"^ Pick macht darauf aufmerksam, daß man beim Erlebnis von Gefühlen sich häufig- 
als Erleidender vorkommt: nicht ich bin bange, sondern ,,mir ist bang", ,,micK 
friert". Und je unbekannter und unheimlicher dieses Gefühl ist, um so eher wendet- 
man diese impersonale Form an (a^o). 

* Zitiert nach James (i3i, S. 390). 



80 



GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 



Lou.ilirt nichts von sich selbst. Ganz in Gott versunken, ist er eins mit ihm: Gleich 
wio die Zentren zweier Kreise vollständig zusammenfallen können*." Und Suso: 

„Aus seiner Selbstheit ist er in die fremde Seinsheit vergangen und verloren, 
nach Stillhcit der verklärten glanzreichen Dunkelheit in der bloßen einfältigen Einig- 
keit. Und in diesem entweisten Wo liegt die höchste Seligkeit*." 

Will der buddhistische Mönch zur höchsten Entzückung, die zugleich 
höchste Erkenntnis ist, kommen, so muß er faueiv r= verschließen (die 
Pforte der Sinne), er muß, um mit buddhistischen Texten zu reden, aus 
der Häuslichkeit in die Hauslosigkeit eingehen, mit dem Ziele der Eini- 
gung mit dem höchsten Gut (= evcoöic, unio) zum Nirvana, der Seligkeit des 
Erlöschens. So verschieden die Lehre in den verschiedenen Kulturkreisen 
ist, — die seelischen Zustände des Mystikers sind überall gleich beschrieben. 
Der naive Lebenswille muß ertötet, das natürliche Affekt- und Triebleben 
•muß gewaltsam unterbunden werden; erreicht werden muß die Vernichtung 
(Inder), die Vereinfachung (äxXcoöic; der Neuplatoniker), das Entwerden 
oder Entmenschen (der deutschen Mystiker).^ 

„Da sitzt ein Bettelmönch im \Valde oder an der Wurzel eines hohen 
Baumes oder in einem menschenleeren Haus, die Beine übereinander ge- 
schlagen, den Körper gerade aufgerichtet, wachen Geistes vor sich hin- 
blickend." Er atmet bewußt ein, er atmet bewußt aus ; wenn er lang ein- 
atmet, erkennt er: ich atme lang ein. Wenn er lang ausatmet, erkennt 
er: ich atme lang aus. Im vollen Bewußtsein muß die ganze Willens- 
energie allmählich nach innen konzentriert werden, bis es ganz stille 
wird im Innern. Die geistige \ersenkung durchschreitet nun ihre 
verschiedenen Stufen. Zuerst gedenkt der Mönch der Flüchtigkeil, 
Nichtigkeit und Leidensfülle des Daseins. Dann folgt das Einswerden des 
Geistes, das von Überlegung und Erwägung freie, aus der Sammlung ge- 
borene, freudevolle, lustvolle zweite Jhana. Nun mindert sich die Inten- 
sität des W^onnegefühls, die Luststimmung blaßt ab, es folgt der heitere 
Gleichmut. Im Körper ist noch das weiche Lustgefühl, die Seele ist schon 
in heiliger IndLfferenzstimmung; diese steigert sich schließlich in völlige 
Apathie. Über Lust und Unlust erhaben, frei von Liebe und Haß, gleich- 
gültig gegen Freude und Leid, gleichgültig gegen die ganze Welt, gegen 
Götter und ^lenschen, gegen sich selbst, steht der Heilbeflissene im voll- 
endeten Gleichmut an der Schwelle des Nirvana^. Es ist, so wird immer 
betont, keine Hingabe an den Rausch, keine h}'p notische Bewußtlosigkeit, 
sondern ein angespanntes Ringen, eine höchste Bewußtseinssteigerung. In 
ihr betätigen sich die wunderbarsten Geisteskräfte, sie schauen erkennend 



1 Zitiert nach James (i3i, S. 892). 

2 Zitiert nach James (i3i, S. Sga). 

3 Zur Mystik vgl. folgende Quellen, die psychologisch wichtig sind: Montmorand 
(208), Delacroix (AS u. 4^), Hudtwalcker (126), Grohmann (gS, veraltet, aber lehr- 
reich), Pfister (287, 238, aSg), Rademacher (253), Reitzenstein (262), Stoffels (3o8), 
Zopf (329), Bechterew (12), Behn (16), Jakobi (12g), Jeanne (i45). Heiler (106), 
Buber (34), Herrmann (ii5), Österreich (226), James (i3i) und seine Quellen, 
besonders Starbuck (3o2). — Beck (i/i), Poulain (248a, I, 336 — 4i6), Hansen (102b), 
Achelis (i), Calmeil (38a). 

* Ganz ähnlich die Stadien der sogenannten Intuition Ploüns (Reiff, 260, S. 5g6). 



VERSENKUNG. RAUSCH 81 



die vier heiligen Wahrheiten. Eine seltsame Erkenntnis fremder Herzen 
stellt sich ein. wundersame Eichterscheinungen und ein göttliches Gehör 
werden dem Entrückten zuteil. 

Aber die buddhistische Versenkung kennt auch andere .Ausnahmezustände 
des (lofühls : in der Kasinaübung z. H. geht der Gläubige durch das leere 
Anstarren eines bedeutungsarmen profanen Gegenstandes in das abstrakte 
Ejlebnis der Lnendüchkeit ein; — er geht darüber hinaus und verweilt an 
der Stätte der Nichtheit, bis ihn schliefSlich das nur noch schattenhafte 
Bewulitsoin der eigenen Nichtsheit umfängt: eine kataleptische Starre, ein 
traumloser tagelanger Tiefschlaf ^ (Heiler 106). 

In den Glücksräuschen und in den Zuständen des mystischen Entwerdens 
sind schon alle jene einzelnen Momente enthalten, die man in den Be- 
schreibungen der Gifträusche auffindet*. Deren Literatur ist noch klein 
und befriedigt wissenschaftliche Ansprüche nicht. Meist sind die Berichte 
der Opium- und Haschischraucher, der Morphiumsüchtigen usw. Bruch- 
stücke aus Reiseberichten oder wenn nicht sensationell aufgebauschte, so 
doch künstlerisch gestaltete Aufsätze 3. Das Gefühlsmäßige daran ist nicht 
sonderlich originell, wenn auch sicher zum Teil qualitativ von normalen 
Gemütszuständen unterschieden. Ich glaube, daß schon beim gewöhnüchen 
Aikoholrausch neben den besonderen Empfindungen und Denkstörungen 
auch qualitativ abnorme Lustgefühle entstehen, denen sonst im gewöhn- 
lichen Leben nichts Gleiches entspricht. Auch das Fasten und andere Ze- 
remonien, wie sie z. B. Bastian (9) bei den Urvölkern beschreibt, führen 
Ausnahmezustände des Gemütes herbei. Natürlich können diese auch sug- 
gestiv auf andere übertragen werden. Auch im Fieber stellen sich leichte 
Abnormitäten der Gefühlssphäre ein, die eigenartig sind. Ebenso ist das 
allgemeine Krankheitsgefühl wohl nicht nur ein spezieller Empfindungs- 
komplex, sondern es enthält auch abnorme Ichzustände*. Ob bei den un- 
gewöhnlichen Sexualbetätigungen (dem Fetischismus, Sadismus, Masochis- 
mus, der Homosexualität usw.) auch abnorme Sexualgefühle sich aus- 
leben, oder ob hier die Abnormität nur in der Art der Verknüpftheit mit 
dem besonderen Sexualobjekt besteht, vermag ich nicht mit Sicherheit 
zu entscheiden *. Dagegen bin ich fest davon überzeugt, daß die beson- 
deren Verstimmungen der Pubertätszeit mehr sind als bloße Steigerungen 
normaler Gemütslagen. Diese Jugendlichen befinden sich nicht selten in 
merkwürdigen Spannungszuständen, einer unbestimmten Angst, einer inneren 



1 Eine Differenzierung unter den Glücksgefühlen versucht W. Mayer-Groß (199), 
siehe dazu auch Pick (245). 

- Siehe auch oben S. Sg. 

3 Wenige Angaben bei Pelman (235), S. aSi, über Haschisch. Femer Baude- 
laire (9 a), Moreau (209), Jastrovv (i44), Raulin (a55) mit ansehnlichen, vor allem 
französischen Literaturangaben, Meunier (202 a). Über Opium vgl. Quincey (252), 
Baudelaire (9 a), Raulin (255), über M e s c a 1 i n Serko (298), Guttmann (99 a) und 
Knauer (i52 a). Über Kokain Mayer-Groß (200), Latte (168), Detlefsen (48). 
Über Lachgas Raulin (aSS), über Veronal Schneider (283b). 

* Der Versuch von Stemberg (3o5 c), das Krankheitsgefühl nur auf den Ekel zurück- 
zuführen, erscheint mir viel zu eng. 

■^ Hierüber handelt ja ein besonderer Abschnitt dieses Handbuchs. 

6 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



32 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Unruhe, die sie forttreibt. Sie leiden unter einem gegenstandslosen Sehnen, 
dem sie nicht selten selbst den Namen Heimweh geben. Man glaubte 
früher sogar irrtümhcherweise an eine besondere Heimwehkrankheit (No- 
stalgie), zumal man feststellte, welche seltsamen Entladungen diese Span- 
nungsgefülile oft erfuhren. 

Vor welligen Jaliren lebte im Dachauer Bezirk ein jugendliches Mädchen, das hinter- 
einander in mehreren Dienststellen heimlich den anvertrauten Säuglingen eine Nadel 
zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel in das Rückenmark bohrte, so daß die 
Kinder elend zugrunde gingen. Und als man das harmlos erscheinende, unscheinbare» 
kleine Mädchen fragte, warum sie es denn getan hätte?: Um fortzukommen, aus 
Heimweh. — Ein anderes Mädchen gab dem Säugling Ammoniak in die Milch aus 
demselben Motiv. Jaspers (i38) hat eine größere Anzahl solcher Fälle zusammengestellt. 

Mancher jugendliche Selbstmord ist der Ausgang einer Pubertätsverstim- 
mung gewesen: die jungen Menschen fühlen sich unverstanden und 
allein; sie werden von Weltanschauungskonflikten, deren Problemtiefe sich 
ihnen das erstemal öffnet, so erschüttert und sehen so wenig einen Aus- 
weg, daß sie freiwillig aus dem Leben scheiden ^. Manche Theorien nehmen 
an, daß alle diese Pubertätsstörungen nur Sexualkrisen sind, bald deutlich 
als solche erkennbar, bald symbolisiert. Solche Deutungen machen es sich 
wohl zu leicht. Sicher aber ist in manchen dieser Krisen die sexuelle 
Erregung und ihre Zielunsicherheit offenbar. Frank (72) teilt einen charak- 
teristischen Brief mit: 

„Meine liebe Mutter! Wer hätte gedacht, daß ich jetzt so sclireibe. Veraeih', 
daß ich so war, als Du mich abholtest. Aber ich denke anders. Ich sehe, es 
hilft nichts; ich will mich dreinfügen, so gut's halt geht; Du weißt gar nicht, wie 
das schwer ist, es zu tun. Es ist einfach entsetzlich, wie ich zornig werde. Immer 
und immer wieder kommen Gedanken z. B. fortlaufen. Eine unsägliche Wut und 
einen Zorn, daß ich nimmer ruliig bin. Ich könnte verzweifeln. Alles in Stücke 
zerreißen. Ich kann machen, was ich will, es nützt nichts. Am liebsten wollte 
ich sterben. Ich muß mich entsetzlich zusammennehmen, um Dir den Brief zu 
schreiben. Ich könnte heulen, schreien, lachen, brüllen, weinen, jubeln! Und das 
soll so weitergehen? Ich kann es unmöglich. Und dazu entsetzliches Heimweh nach 
Dir! Und doch könnte ich Dich zerreißen. O, meine teure Mutter, Du weißt nicht, 
was das ist. Lieber wollte ich Prügel haben, bis mir das Fleisch in Fetzen herunter- 
hing, als das noch aushalten. Ich habe Dich so gern, daß Menschen es nicht sagen 
können. So gern, daß ich wahnsirmig werde. Mutter! Ich kann nimmer mehr! 
Größer könnte mein Leiden nicht sein. Mutter! Mutter! — — — Du bist ja 
nimmer meine (Mutter). Es nützt also alles nichts!!!!!" 

Es scheint, als ob absonderliche Situationen Gemütszustände hervor- 
bringen können, die auch qualitativ abnorm sind. So deuten manche Be- 
schreibungen von beginnenden Psychosen in der Haft (Situationspsychosen) 
darauf hin, daß hier Gefühle besonderer .\rt entstehen 2. Und auch von 
jenen Fällen wird Seltsames berichtet, in denen eine Gruppe von Männern, 
in sich immer gleich zusammengesetzt, zwangsmäßig dauernd aufeinander 
angewiesen ist. So nett die Kameradschaft erst sein mag, so sehr sich 

1 Nur wenig brauchbare Literatur, am besten noch Eulenburg (Sg). 

- Vgl. die Irritation nerveuse considerable und melancoUe noire von Napoleon 
auf St. Helena. (Recueil de pieces authentiques sur le capfif de St. -Helene, Paris, 
1822, zitiert nach Vischer, 819. ) — Über die „Lebenslänglichen" vgl. Rüdin (272) 
und Liepmann (i83, S. 747), Lumpp (igS). — Über Gefängnispsvchosen überhaupt 
Wilmanns (326 a), Birnbaum (26 a), Stern (3o5 a). 



VERSTIMMUiNGEN 83 



alle Mülu" geben, sich aufeinander abzustimmen, schiieljlich koiniiil trotzdem 
tuler gerailc deshalb ciru' äußerste Milistiinniiuig, eine geladene (Jereiztheit 
aul, die von der (jerei/llieil des .Normalen wohl nicht nur (juantitativ unter- 
schieden ist Vielleicht gehören hierher auch die „Cafavd" genannten 
\ erstininiungcn der Frcmdenlegionäre', die mit den endogenen Ver- 
stiinuumgen der Kpilejdoiden und auch mit dem Heimweh manches gemein- 
sam zu haben scheinen. \ or allem aber sind es drei Lebenslagen, die 
diese .Xusnahmezustände des Gemüts aufkommen lassen: Das Klosterleben, 
die .Vbgeschlossenheit im Polareis und die Abgesondertheil im Kriegs- 
gefangenenlager. 

Aus seinen Klosterjahren berichtet Heinrich Siemer (agS, S. 79): 
,,i\acli den monatelaiigen Bemühungen um Andacht im Gebet und ununterbrochene 
Aufmerksamkeit im Studium und während des Unterrichtes stellten sicii Kopfschmerzen 
ein, die durch kalte Tücher gebannt wurden. Heftiger wurden die Stiche im Vorder- 
kopf, der Schlaf wurde unruhig und die Verdauung schlecht. Alle Kräfte waren 
nun aufs äußerste angespannt, die Nerven erregt, das Gesicht blaß und schmal. Aber 
der Eifer erlahmte nicht, so leicht ergab man sich nicht, man raffte sich zusammen, 
stampfte dcu Boden mit den Füßen und wollte über sich siegen. 

Dann kam die Zeit, wo einem das Buch in der Hand zitterte, wo man in die 
Höhe fuhr bei einem Geräusch, und wo der Kopf dumpf und schwer wurde. Man 
setzte einen Tag aus imd erging sich im Hof. Die neuen Kräfte genügten wieder 
eine Weile, und dann kam der Zusamnienbruch. Ich kann das alles so genau beschreiben, 
weil ich es am eigenen Leibe erfahren habe. Man war ruiniert. Ich habe Zeiten 
erlebt, wo ich kein Paternoster zu Ende beten konnte, ohne zu beben 2." 

Von den Polarforschern haben eine ganze Anzahl seltsame Ausnahme- 
zustände des Gemüts beschrieben, die vor allem in größter Reizbarkeit 
zu bestehen scheinen (Roß 270, Nansen 222, Payer 234, Drygalski 55, 
Friis 82). Vischer (319) hat auf die Verwandtschaft dieser Störungen mit 
der Stacheldrahtkrankheit aufmerksam gemacht (barbed wire disease. 
psychose du fil de fer), die sich in den Kriegsgefangenenlagern bei Offi- 
zieren und Mannschaften nach etwa einem halben Jahr einzustellen pflegte 
(große Ermüdbarkeit, Schlaflosigkeit, wilde Träume, erhöhte Reizbarkeit, 
Ünstetheit, allgemeiner Pessimismus, Mißtrauen, tagelange Stummheit, Spre- 
chen im Schlaf). Solche gemütlichen Verstimmungen mit ihren üblen 
Äußerungen waren auch aus den Sträflingskolonien Frankreichs, seinen 
weltabgeschiedenen Militärkolonien (mentalite gregaire) und von Schiffs- 
besatzungen bekanntgeworden (Vischer 319 und 318, Bechterew 13). 

,,I1 toume ä l'aigre, mon cafard. II s'en faut de peu, ce soir, que je comprenne 
certaines scenes de casemate qui m'avaient etonne: des hommes silencieux, s'exasperant 
soudain, et pour un mot, se jeitant les uns sux les autres, se battant comme chevaux 
sans avoine dans l'ecurie Pauvres fauves en cages '•." 

Vischer macht auch auf jene eigenartigen Verstimmungen aufmerksam, die schon 
durch eine sehr geringe Situationsänderung eintreten können: durch den Sonntag. 
Langweile, leichte Rührseligkeit und Traurigkeit bilden die Grundlage dieser Sonntag- 
Nachmittag-Stimmung (3 18). 

1 Das Wort ist neuerdings mit erweitertem Sinn vielfach verwendet worden: Siehe 
Huot-Voivenel (127) und Nicole (225). Vielleicht hat auch der sog. Tropenkoller 
hiermit Verwandtschaft. 

^ Vgl. auch Mossier (2i3) über den TrappLstenorden. 

^ Gaston Riou, Journal d'un simple soldat. Paris, 1916, S. i3 (zitiert nach 
Vischer, 3 ig). 

6* 



84 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

In solchen eigenartigen Dysphorien ^ mischen sich vielerlei Gefühls- und 
Kmpfindungsmomente, so daß zum mindesten in dieser Gesamt mischung 
eine qualitativ neue Stimmurigsiage erscheint. Aber selbst wenn vielleicht 
bei einer »genaueren Zerlegung nur das Unbestimmte mancher Gefühlsregungen, 
das Zielunsichere mancher Strebungen herausgestellt werden könnte, während 
sich die Funktionen selbst der Art nach nicht als abnorm erweisen dürften, 
80 ist doch ein Moment hier auch bei den Gefühlen hervorzuheben, das 
später bei den abnormen Akten nochmals erwähnt werden wird, die soge- 
nannte Ambivalenz der Gefühle. Was für ein seelischer Tatbestand 
mit diesem Ausdruck getroffen werden soll, ist jedem Erfahrenen klar, der 
zahlreiche schizophrene Gemütskranke kennen lernte. Schwierig ist dagegen 
die Beschreibung, noch schwieriger die psychologische Einordnung des 
Symptoms. Der Normale kann irgendeinem Gegenstand oder einer Person 
gleichgültig gegenüberstehen, er hat dann dieses bestimmte Gleichgültigkeits- 
erlebnis bezogen auf dieses Objekt; weder Freude noch Unlust wird ge- 
weckt. In einem zweiten Falle vermag der Gegenstand ihn mit einem 
deutlichen Affekt zu erfüllen, etwa mit Abscheu: wieder ist das Erlebnis 
gefühlsmäßig eindeutig, klar. Zuweilen sind es an einem Objekt mehrere 
„Seiten", die den Erlebenden freuen, und andere, die ihn ärgerlich machen, 
und nun fühlt er sich zwiespältig affiziert. Er drückt dies vielleicht so aus, 
daß er keine „rechte" Freude daran haben könne. Jeder kennt diesen un- 
einheitlichen Gemütszustand, wenn er sich z. B. erinnert, daß er einen 
Menschen wegen seiner trefflichen Charaktereigenschaften liebt und sich 
doch wegen seiner schlechten Umgangsformen heftig an ihm ärgert. Gelegent- 
lich ist auch dieses Erlebnis noch klar im Bewußtsein, man kann das Für 
und Wider deutlich aufzeigen. Aber schließlich kennt man auch Zustände, 
in denen man schwankt; man ist unschlüssig, ob man bejahen oder ver- 
neinen soll. Nicht wie im ersten Fall aus Gleichgültigkeit, auch nicht weil 
mancherlei Erwägungen der Vernunft für und andere gegen den betreffen- 
den Gegenstand sprechen, sondern weil wirklich das Gefühlsmoment unklar 
und unentschieden ist. Vielleicht kann man sich diese Gefühlslage am ehesten 
mit dem Bilde klar machen, daß bei der Gleichgültigkeit die beiden Schalen 
der Gefühlswage unbelastet seien, während bei der Zwiespältigkeit die Plus- 
Schale ebenso stark belastet sei wie die Minus-Schale. Es ist nun möglich, 
daß von diesem Zwiespältigkeitserlebnis aus allmähliche Übergänge zu dem 
Phänomen der Gefühlsambivalenz führen, und daß also dies bei der Schizo- 
phrenie so häufige Symptom nur insofern abnorm ist, als es so sehr 
überwiegt gegenüber der Seltenheit beim Normalen. Mir persönlich ist es 
wahrscheinlicher, daß in der schizophrenen Ambivalenz ein qualitativ 
abnormes Moment steckt. Ich vermute, daß, wenn z. B. ein Hebephrener 
seine Mutter gleichzeitig liebt und haßt, es nicht wie beim Normalen so 
geschieht, daß er manche Züge an ihr liebt und andere an ihr haßt, und 
daß je nach der Situation bald diese, bald jene Einstellung überwiegt, sondern 
daß gleichzeitig Liebe und Haß geweckt werden und an einem und 
demselben Gegenstandsmerkmal sich anheften. Freilich könnte sich der 



1 Ihre Analyse ist sehr interessant, kann jedoch hier wegen Raummangels nicht 
durchgeführt werden. 



,\BNORME GEFÜHLE 85 



.Normair in eine solche simultane .Ambivalenz nicht einfühlen; aber es ist 
ja überhaupt ein Kennzeichen der schizophrenen Symptome, daß man 
sich in sie nicht einzufühlen vermag. 

Endlich sei als Anhang der (I«^fühlsstörungen noch erwähnt, dafj sich 
gelegentlich die (lefühle von denjenigen Gegenständen lösen, mit denen 
sie vereinigt waren, oder daß sie sich an Objekte anheften, die zu anderen 
Zeiten und unter anderen Umständen gänzlich werUirm erscheinen. Es 
handelt sich also um eine Störung des (lefühls Verbandes, nicht der 
einzelnen (Qualität. 

Es geschieht z. B.. daß eine Frau sicli in der Scliwaiigerscliaft von dem bisher 
«ihr geliebten Manne altwendel: sie steht fortan zu ilim kalt, fast feindlich. Und erst 
iiiil dein .Vugenblitkt- der Niederkunft ist das alle Wrtrauens- und Liebesverhältnis wieder 
lierge^tellt. In anderen Fälleni gewinnen gleicligtiltigo Gegenstände einen außei-ordent- 

ichen Wert: das \'erzehren von Kreide, das Betastopi von Seide, der Besitz beliebiger 
( legenstände erw^eckt ein sonst in diesem Zusammenhange nicht gekanntes Lustgefühl- 

Gelüste). 

Man vermag keine bewußten Motive für diese Gefühl s lös ungen und 
Gefühls Verschiebungen aufzufinden. Und wenn man auch viellei cht 
mit Recht eine innere Vergiftung des Körpers als Hauptursache der 
Störung verantwortlich macht, so ist doch damit noch keineswegs „erklärt", 
warum sich ein bestimmtes Lustgefühl gerade von dem einen Inhalt ab- 
wendet imd dem andern zuwendet. Manche Forscher' glauben in unter- 
drückten Wünschen den Ausgang und in zufälligen Komplexassoziationen 
den Weg solcher Gefühlsverschiebungen zu sehen. Solch neue Gefühls- 
besetzungen wären dann also VVunscherfüllungen im Symbol. Mich selbst 
befriedigt eine solche Theorie wenig, wenngleich ich keine bessere an 
ihre Stelle setzen kann. 

Bei diesen Gefühlsverschiebungen handelt es sich schon nicht mehr um 
eine .\bnormität der seelischen Inhalte und Zustände, sondern um eine 
Störung der Ve rk nüpf theit. Und damit ist eine interessante Frage an- 
geschnitten : gibt es in der Fülle der Assoziationen solche, die als abnorm 
zu bezeichnen sind? Oder in anderen Worten: was kann an einem asso- 
ziativen Verband als abnorm bezeichnet werden ? Die Antwort lautet 
einfach: nichts. Mag man (mit Semon) annehmen, dafj sich alle Asso- 
ziationen auf den Ursprung der (ileich zeitigkeit zurückführen lassen, mag 
man noch andere selbständige Arten des Assoziationsverbandes gelten lassen, 
jedenfalls besteht folgende Tatsache : innerhalb einer Gruppe irgendwelcher 
Inhalte äußeren oder inneren Erlebens setzt die Reproduktion des einen 
Inhaltes die Tendenz, auch die übrigen wieder lebendig werden zu lassen. 
Die Tatsache der G leichzeitigkeit schafft die Verknüpf theit. 
Was aber könnte hieran abnorm sein? Man könnte sich vorstellen, 
daß diese Verknüpfung unter besonderen Bedingungen in ihrem Uni- 



1 Wiederum haupLsiichlich in der Schwangerschaft, aber auch im Verlauf der 
schizophrenen Verblödung. 

2 Bei manchen der schwangeren Warenhausdiebimien spielt diese Gefühlsverschiebung 
als Motiv ihrer Straftat mit. — Man denke auch daran, wie häufig die Gefühlsstörutig 
und -Verschiebung im Traum erlebt wird. 

•* Besonders die Anhänger Freuds. 



86 GKÜHLE: PSYCHOLOGIE DES AB.NOilME.N 

fange beeinträchtigt würde oder ganz ausbliebe. Stimmt man freilich 
der Theorie zu, daß nichts einmal Erlebtes verloren gehe, sondern alles 
im Gedächtnis aufbewahrt werde, wenngleich es freilich später der Inten- 
tion nicht mehr zugänglich zu sein brauche, so könnte man der 
soeben vorgeschlagenen Annahme nicht zustimmen. Läf5t man aber 
diese an sich nicht beweisbare Ansicht dahingestellt, so könnte man 
gegen jene Annahme nicht viel einwenden. In der Tat könnte man sich 
denken, daß bei manchen Menschen ein irgendwie eintretendes Erlebnis 
dürftige Assoziationen bindet. l']s bleibt gleichsam allein. Manche kümmer- 
liche geistige Veranlagungen, also Debilitäten und Imbezillitäten, mögen 
zum Teil mit auf dieser Tatsache beruhen: der Schatz der vorhandenen 
Assoziationen ist arm. Man könnte sich ferner denken, daß beim „Ver- 
gessen" nicht nur die Inhalte selbst^ verlorengehen, sondern ihre Ver- 
knüpftheit gleichsam erlischt. Auch dies muß man als möglich zugeben. 
Ja es war oben davon die Rede, daß sich manche Agnosien und Aphasien 
am befriedigendsten auf diese Weise erklären lassen. Man wird also zu- 
geben müssen, daß — gemessen am Durchschnitt — der Schatz der vor- 
handenen Assoziationen verringert (vielleicht auch abnorm vermehrt : Wunder- 
gedächtnisse) sein kann. Man könnte endlich noch annehmen, daß die 
simultanen Engramme dispositionell so lose aneinander geknüpft sind, dafi 
das Auftauchen des einen Engramms das andere nur unter besonders 
günstigen Bedingungen mit ekphoriert, während es für gewöhnlich latent 
bleibt. Aber auch dieses Moment liefe wiederum im Ergebnis auf eine 
assoziative Armut hinaus. Inwiefern aber der assoziative Verband quali- 
tativ selbst als abnorm angesehen werden könnte, ist schlechterdings 
nicht auszudenken-. Eine Assoziation an sich kann niemals als 
abnorm bezeichnet werden. 

Der Anhänger der Assoziationspsychologie hat noch einen Einwand be- 
reit. Er meint, daß ungezählte Assoziationen den meisten Menschen gemein- 
sam seien, daß z. B. in fast allen Menschen Weiß und Schwarz, \ ater und 
Sohn, Heidelberg und Schloß verknüpft seien. Wenn dagegen jemand auf 
\Aeiß mit Brasilien, auf Vater mit Lombardei usw. reagiere, so seien dies 
abnorme Verknüpfungen. Sicher ist zuzugeben, daß solche Assoziationen 
ungewöhnlich sind, doch läßt sich sonst nichts Abnormes an ihnen auf- 
zeigen. Wollte man jede nicht geläufige Ideenverbindung als abnorm be- 
zeichnen, so müßte man jeden neuen Einfall, jede Erfindung, überhaupt 
jeden originalen Gedanken zu den abnormen Assoziationen rechnen. Wenn 
einige Autoren, besonders Bleuler-^ hiergegen einwenden, daß nur diejenigen 
Assoziationen als abnorm zu bezeichnen seien, die hinsichtlich des einge- 
schlagenen Gedankengangs (also der früher sogenannten Zielvorstellung) 
als abwegig, bizarr usw. erschienen, so muß man den unleidlichen Miß- 
brauch bedauern, den hierbei das Wort Assoziation erlangt: es deckt all- 

^ S. oben S. i4. 

- Vielleicht hat Richard Semon auch hierüber besondere Meinungen gehabt. Sein 
liinlerlassenes Werk (292 1 brachte nicht jene Pathologie der Mneme, die er bei Leb- 
zeiten versprochen hatte. 

^ In allen seinen Arbeiten. Siehe besonder? 27 (S. 53) und 28. 



GIBT ES ABNORME ASSOZIATIONEN? 87 

mählich alles und daher nichts. Auf das hier gemeinte Symptom der Ver- 
schrobenhoit, Zerfahrenheit usw. gehe ich s[)ätcr ein. Aus dem Cesagten 
erhellt wohl zur (JtMuige, wie es gemeint ist, wenn manche Autoren diese 
Störung als Lockerung der Assoziationen bezeichnen. 

Bisher habe ich die quantitativen und qualitativen Abweichungen der 
seelischen Inhalte und Zustände beschrieben; — in der Folge soll ein 
überblick über jene Störungen folgen, die die Ordnung zwischen den In- 
halten betroffen. Damit sind keineswegs, wie aus dem soeben Gesagten 
hervorgehen wird, die sogenannten Assoziationen gemeint, sondern die Be- 
ziehungen des Ich auf die Gegenstände, die Richtung auf ein Objekt, die 
Weise der Beziehung des Bewußtseins auf einen Inhalt (Brentano), die 
intentionalen Erlebnisse oder Akte (Husserl). Diese Weisen der Beziehung, 
die sich etwa als bloßes Vorstellen, Für-wahr-Halten, Vermuten, Zweifeln, 
Hoffen, Fürchten, Wohlgefallen- oder Mißfallen -Haben, Begehren, Fliehen, 
Urteilsentscheiden, Willensentscheiden usw. darstellen, sind zwar von Bren- 
tano und Husserl weithin geklärt, jedoch noch keineswegs so klar und be- 
stimmt umrissen worden, daß die normale Basis schon fest gegründet 
wäre, auf der eine Phänomenologie der Abnormität der Akte (im psy- 
chologischen Sinne) aufgebaut werden könnte. So reizvoll auch der Versuch 
erscheinen möge, eine „Lehre von den abnormen Akten" zu schaffen, würde 
er doch die mir innerhalb dieses Handbuchs gesetzten Schranken völlig 
sprengen. So dienen mir Husserlsche Gesichtspunkte nur gleichsam als 
Grenzsteine, innerhalb deren das wichtig erscheinende hierher gehörige 
psychopathologische Material aufgestapelt wird, ohne daß seine systema- 
tische Bearbeitung und innerliche Ordnung hier möglich wäre. 



ABNORMITÄT DEE FUNKTIONEN (AKTE) 

A. INTENTIONALER AKT (PROSPEKTIVER GESICHTSPUNKT) 

1. Richtung normal, Durchführung abnorm 

Wenn ich etwas wahrzunehmen bestrebt bin, etwa auf Patrouille einen 
fernen sich bewegenden Gegenstand zu erkennen wünsche, so kann ich 
durch innere Umstände dabei gehindert werden (die äußeren Momente 
interessieren in diesem Zusammenhange nicht). Ich kann mich z. B. dabei 
ertappen, daß ich aus Müdigkeit nicht dauernd scharf beobachte. Ich 
halte zwar meinen Gegenstand dauernd im Auge, auch bin ich innerlich 
beständig auf ihn gerichtet, aber die Intensität dieser Einstellung ist matt, 
ich spüre, wie sich alles gleichsam mechanisch vollzieht, ich weiß, daß ich 
hernach keinen guten Bericht werde abgeben können. Solche Störungen 
finden sich vor allem in der Erschöpfung '. Zwar habe ich noch die be- 
treffenden Empfindungen und deren Struktur vor mir, aber ich bemerke 
nicht mehr das Wichtige an ihnen, ich fasse sie nicht mehr zu Komplexen 
zusammen, ich gelange nicht mehr zur begrifflichen Bearbeitung, zum Ur- 
teil: kurz, die Funktionen (Stumpf) sind gestört. Ich erhalte vielleicht 
den Vorwurf: haben Sie denn nicht bemerkt, daß usw., und ich muß ant- 
worten, ja, ich habe das an sich wohl bemerkt, aber ich habe die Bedeu- 
tung der Sache eben nicht erkannt. Die Apperzeption (im Herbartschen 
Sinn) ist gestört, ich verschmelze die einzelnen Gestaltkomplexe nicht mit 
den sonst aus mir hinzutretenden Elementen. Vielleicht drücke ich es ge- 
legentlich auch so aus, daß ich sage: mir fiel dabei nichts ein, ich kam 
mir so unbeteiligt vor, obwohl ich durchaus die Tendenz hatte, mich da- 
für zu interessieren. Das Erlebnis der seelischen Hemmung äußert sich 
nicht selten in dieser Weise: die Akte des Erkennens sind keineswegs 
vernichtet, aber sie sind erschwert, verlangsamt, eben gehemmt. Freilich 
erstreckt sich diese Hemmung nicht nur auf die Wahrnehmung; auch die 
Vorstellung anschaulicher, das Denken unanschaulicher Inhalte ist in der 
gleichen Weise erschwert. Man hört die Kranken direkt darüber klagen, 
sie hätten den Eindruck, nicht mehr denken zu können; sie fragen ängst- 
Hch, ob sie nicht blödsinnig werden. Aber diese Befürchtung entsteht nicht 
nur aus der inneren Wahrnehmung der Erschwerung, es entgeht diesen 
Kranken auch nicht, daß ihre Spontaneität auf ein Mininum reduziert ist. Es 
geht in ihnen gar nichts vor, sie kommen zu gar keinen Akten (Gedanken- 



1 Auch bei verschiedenen Vergiftungen, z\i denen ja die Erschöpfung wahrschein- 
licli mit gehört. 



MLMMl.NG 89 

leere), die ganze Maschinerie scheint schhoISHch stillzuslehen (Stupor) *. 
Rafft sich der kranke doch einmal zu eiiu'in W illcnsakt auf, so bleibt 
er oft entweder auf halbem Wege stehen, oder er schwankt zwischen diesem 
und einem andern Impuls hin um! her, ohne sich für einen \on beiden 
entschließen zu können (Entschluliunfähigkeit, sogenannte Willensschwäche, 
Abulie)-. Das Unvermögen, sich von einem (Gegenstände loszureißen und 
sich einem anderen zuzuwenden, ist auch objektiv oft recht deutlich (Haften- 
bleiben). Zuweilen befällt die Hemmung nur die Akte des Denkens und 
Wollens (intrapsychische Hemmung), zuweilen erstreckt sie sich auch auf 
die Umsetzung der Impulse ins Motorische'. 

Proben von Hemmung: „Es ist ganz walir. daß ich niclits mehr begreife. Schon 
N-iele Wochen zu Hause verkroch ich niicli immer. Es ist mir unmöglich, einer Untei- 
haltung zu folgiii. Ich kami nicht einen vernünftigen («eilanken mehr fassen. Wenn 
man mir sagt, so und .so muß etwas gemacht w^erdcn, so behalte ich es uiclil. Ich 
habe die Empfindung, ich niul'i immer auf einen Fle-ck starren. In Gedanken unterhalte 
ich mich immer mit dem Ii«'rrii Doktor, aber wonn er kommt, kann icli kein Wort sagen. 
Es ist wirklich keine Einhilihing, daß icli nichts begreife. Ess ist gar nicht möglich, 
daß icii unter Menschen gelie. Ein junges Mädchen in <iiesem Zustande, daß ihm 
alles einerlei ist, ob es ordentlich aussieht oder nichb . . . Ich weiß auch gar nicht 
mehr, wie ich mich betragen soll. Es fällt mir sogar schwer, .guten Tag' zu sagen, 
und ,bitte. nehmen Sie Platz" . Denn wenn man mir einen Salz gesagl hat, kann ich 
ihn in Getlanken zehnmal wiederholen ohiu> doch zu tun. was er tnir sagt. I^o sitze ich 
viele Stunden vor dem Papier und kann .loch niilils Deutliches sciireilieM.' (Gerda 
Linde. Psychiatr. Klinik Heidelberg. lo. XI. 1900.) 

..Ich war wie ein Simpel, im Kopf war es auf «iranal so leer, es war so als 
ob ich einen .Stecken im Kopf hätte." (Psychiatr. Klinik Heidelberg, 2. II. i->.. Kaifiline 
SchuUe.) 

Eine andere Störung des seelischen Ablaufs ist jene, bei der der (legea- 
stand, auf den man gerichtet ist, nicht beibehalten werden kann. Die 
Materie des intentionalen .\ktes ist gestört^. Das kann in verschiedener 
Weise der Fall sein. Nach dem grofSen Kriege klagten viele Feldzugsteil- 
nehmer darüber, daß sie sich nur ganz kurze Zeit auf etwas konzentrieren 
könnten''. Selbst bei ganz einfachen Gegenständen — etwa einem leichten 
Roman — ließe ihre Aufmerksamkeit nach, der Faden risse ihnen 
ab, die Gedanken wären schon wieder wo anders; eine innere Unruhe 
jage sie von Gegenstand zu Gegenstand. Oft faßten sie ihre Klagen in die 
Form, daß ihr Gedächtnis gelitten habe. Und in gewisser Hinsicht war 
dies auch der Fall, denn da sie jedem neuen Inhalt sich nur in unzu- 
reichender Weise zuwendeten, da alles \ olkstümlich gesagt — zum einen 



' Siehe oben S. 21. 

2 Die Janetsche Abulie ist etwas ganz anderes. Über die eigentliche Vbulie, als 
Fehlen der Impulse, siehe oben S. 20. 

3 Daß die Hemmung höheren Grades fast immer mit depressiver Stimmung ver- 
bunden ist. wurde oben schon erwälint (Melancholie). Es wäre \orschnell, zu urteilen, 
daß die Schwermut selber hemmt ; möglicherweise sind Schwermut und Hemmung 
aneinander geknüpfte Symptome einer pjemeinsanien Ui^sache, deren Natur noch unbe- 
kannt ist, aber vielleicht in eiiier inneren Verffiftunc besteht. 

* EHe Terminologie im folgenden lehnt sich vielfach an Husserl (,128) an. Doch 
werden seine Begriffe hier natürlich rein psychologisch gefaßt, im Gegensatz zu 
Husserl selbst. 

•'' Typische Beschreibungen solcher Zustände siehe bei Vischer (3i8). 



90 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Ohr herein- und zum andern wieder hinausging, genügte die aufgewandte 
seeHsche Energie nicht zur Fixierung, zur Einprägung. Vermochten sie sich 
doch einmal zu energischer Konzentriertheit zusammenzureißen, so zeigte 
sich, daß die vvirküche Fähigkeit zum Merken nicht gestört war. Diese 
Kriegsneurotiker erklärten sich zuweilen unfähig zu jeder geistigen Arbeit. 
Selbst die Erfüllung irgendeiner einfachen Aufgabe fiel ihnen schwer, 
denn sie beharrten nicht bei der determinierenden Tendenz (Ach), die zur 
Erledigung einer zusammenhängenden geistigen .\rbeit gehört; sie ver- 
mochten die Richtung des Denkens nicht beizubehalten. 

Zuweilen äußert sich eine solche Störung in einer übermäßigen Ablenk- 
barkeit. Manche Geisteskranke ^ werden durch alle äußeren Sinneseindrücke 
übermäßig in Anspruch genommen. In leichteren Fällen verlieren sie zwar 
noch nicht den Faden, aber sie machen allerhand Umwege. 

Vielleicht will ein solcher Hypomaniacus ein einfaches Venvandtschaftsverhältnis aus- 
einandersetzen. Dabei fällt sein Blick auf die blauen Augen seines Gegenübers, und er 
kann die Bemerkung nicht unterdrücken: „Meine Schwester hatte genau so blaue Augen 
wie Sie." Er erzählt weiter von seiner Mutter, und wird dabei durch die Blumen vor 
dem Fenster gestört: „Gerade solche violetten Petunien pflegte meine Mutter auch 
gern zu ziehen." Eine Tür wrd zugeschlagen: „das war auch mein Fehler, wie oft 
hat mir die Mutter verboten, die Türen zuzuwerfen, dabei wax das Haus gar nicht so 
wacklig gebaut, es war etwa so wie dieses, nur die Fenster waren nicht so groß, und 
dann, wissen Sie, die Einteilung der Fenster war anders, es waren nicht so große Spiegel- 
scheiben, sondern kleinere, mehr in der Art des Barocks" usw. 

In schwereren Fällen entsteht dann eine förmliche Nennwut; jeder Gegen- 
stand der Umgebung wird ausdrücklich sprachlich aufgegriffen und in das 
allmählich immer konfuser werdende Gerede mit hinein verflochten. Nicht 
immer sind es äußere Sinneseindrücke, die sich als Gegenstand in das 
Bewußtsein geradezu gewaltsam eindrängen, sondern es entsteht oft ein 
inneres Weiterschweifen ^. Eine Vorstellung weckt ebenso allerlei 
Erinnerungen, wie beim Normalen, aber während dieser jene leichten inneren 
Anklänge genau so unbeachtet läßt, wie er von zufälligen augenblickUchen 
Geräuschen oder Beleuchtungsänderungen keine Notiz nimmt, steht der 
Manische unter einem gewissen Zwang. Die einzelnen Inhalte sind mächtiger 
als die Energie seiner Auswahl, die determinierende Tendenz seiner augen- 
blicklichen Einstellung (Aufgabe) wird gleichsam vergewaltigt, und die Assozi- 
ationen setzen sich selbständig durch. Diese Ideenflucht ist in leichteren 
Fällen gleichsam nur ein ausschweifendes .\rabeskenwerk um die doch 
schließlich noch festgehaltene Generalidee; in schwereren Fällen kommt es 
zur unendlichen Aneinanderreihung ohne Sinn und ZieP. Häufig sind die 
Bindungen zwischen den einzelnen vorgebrachten Inhalten rein sprachlich, 
lautlich oder sonstwie äußerlich begründet (sogenannte äußere x\ssoziationen). 
Man darf nicht annehmen, daß diese Ideenflucht auch immer ausgesprochen 

1 Manisch -Erregte. 

- Man denke auch an den sogenannten Ideenrausch in manchen Fällen der leichten 
Alkoholtrunkenheit . 

^ Zuweilen bemerkt man noch eine gewisse einlieitliche Tendenz der Aneinander- 
reihung, die zwar keineswegs ,, beabsichtigt" ist. aber doch eine Zeitlang fortwirkt (perse- 
veriert). Z. B. wenn ein Kranker lauter sehr schckie, prächtige, auffallende Dinge anein- 
anderfüfft. 



AI FMKRKSAMKEITSSTÖRUNG. IDEENFLUCHT 91 

werden müßte. In den meisten Fällen besteht zwar gleichzeitig auch eine 
S()rachmotorische (und überhaupt eine motorische) Krregung — die Worte 
überstürzen sich förmlich, die Stinuue ist laut , doch gibt es auch Fälle 
inneren (ledankenjagens bei äuljerlich ruhigem \ erhaltend 

Beispiele: (Zuruf: Heizung.) ..Kühlung Orlisiiilung R.iuch Zigarren, lo Pfennig 
das Stück, gib mir ein Stück Brot, gib mir ein Stück Kticlu-n. du mußt suclion." (F.\a 
Schmöller. Psychiatr. Klinik Heidelberg. 17. XI. 18. j 

(Spont.nn:) ..Herla. Herl.n. luiflichst dankend angenommen. Kunigunde aus Mannheim, 
der Spruch der deutschen Feuerweiir lautet folgendermaßen: wenns liier erwünscht, 
nur zu. Lokalzug über Brucksal — Zürich, Dr. von Bauer, Edmun<l von König, Herbst- 
parade Tempelhof, Vergnügen Stiftskaffee, Achtung hoflichst Filiale, Platzmajor, ist 
dort Station aufgegeben, höflichst dankend angenommen. Blitz Phonograph, jetzt schnell 
geladen, <ler Großherzog geht Mannheim. Velhagen und Klasing, Villa Nißl. apres nous 
le deluge, Dr. Heller. Kolmar stationiert." (Minna Weller. Psvchiatr. Klinik Heidel- 
berg. I. \. 95.) 

Man hat die Ideenflucht auch genaueren psychologischen Analysen unter- 
worfen. Noch nicht völlig geklärt ist die Frage, ob sich die einzelnen 
aneinandergereihten Inhalte mit besonderer Schnelligkeit folgen, oder ob 
nicht jemand, der sich auf diese besondere Form des Assoziierens absichtlich 
einüben würde, die gleichen Zeiten hätte. Alle Versuche, die Ideenflucht 
zu „erklären", die mir bisher bekannt geworden sind, reichen bei weitem 
nicht aus, das Phänomen in die sonst gut beschriebenen psychischen .\b- 
läufe befriedigend einzuordnen. Daß der Rededrang allein nicht die spezielle 
Struktur der Ideenflucht erklären kann, ist ja selbsherständlich. Aber auch 
aus der Annahme einer „Gesamtvorstellung" heraus kann man nicht das 
geordnete Denken, und aus ihrem Fehlen nicht die Ideenflucht begreifen. 
Denn ich kann aus einer Gesamtvorstellung zwar durch Beachtung einzelne 
Teile henorheben, doch regelt eine solche Gesamtvorstellung niemals die 
Sukzession und die Ordnung der Teile. Eine andere Theorie vermutet, daß 
eine „Obervorstellung" für gewöhnlich den Ablauf des Denkens dirigiere. 
Die Einzelheiten setzen angeblich eine Obervorstellung nicht mosaikartig 
zusammen, sondern aus ihnen entstehe etwas Neues, und dies sei die 
Obervorstellung. Zwei Obervorstellungen lassen dann wiederum eine neue 
Obervorstellung höheren Grades entstehen usf. Aber gesetzt den Fall, ein 
solche Obervorstellung sei vorhanden, so könnte man ihr gemäß irgend- 
welche Inhalte ordnen, z. B. etwas aufzählen. Niemals aber könnte die 
Obenorstellung selbst auf Grund ihrer assoziativen Verknüpftheit etwas 
reproduzieren, sie könnte nicht selbst etwas aufzählen. .\ber selbst wenn 
man auch dieses noch zugeben wollte, wenn man also einräumen wollte, 
daß durch den Fortfall einer Obervorstellung das Denken imgeordnet 
würde: warum sollte dann gerade eine ganz bestimmte Form der l ngeordnet- 
heit, nämlich die Ideenflucht, entstehen 2? Sicherlich ist bei dem Zustande- 
kommen der Ideenflucht die seelische Erregung ein Hauptfaktor, sicher ist 



^ Sogenannte gehemmle Manie oder manischer Stupor, eine besondere Form des Misch- 
zustandes aas dem Symptomenkreis des manisch-depressiven Irreseins. EHe Franzosen 
sprechen dann \on einer excitation avec Inhibition psychomotrice imd Ijenennen sie „Manie 
akinefiqiie", „Inhibition maniaque". N>1. Di'nv. 'lO. 

2 Zu diesen Theorien vgl. be.sonders Liepmann (^180). Isserlin (i'i7) und Heil- 
bronner (io4 a). 



92 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

dabei „das Nicht-festhalten-Können", das Schwinden der Intention ein 
zweites Hauptmoment; sicherlich aber wird hierdurch nur die Unordnung 
des Denkablaufes überhaupt, nicht gerade diese ihre spezielle Form in 
Begriffe gefaßt. 

Wenn man z. B. eine weitere Störung des geordneten Denkens, die Ver- 
wirrtheit, ins Auge faßt, so gilt auch für diese zuweilen das erste Moment, 
die Erregung, gilt immer auch der zweite Faktor, das Wegfallen der 
Intention, und doch entsteht hier eine ganz andere Form der Denkstörung. 
Die Verwirrtheit kann sich in sehr verschiedener Weise zeigen. Einmal 
kann in der Wahrnehmung die Einordnung der Empfindungen Not leiden: 
die Apperzeption ist gestört. Fast jeder Mensch vermag sich von einer 
fieberhaften Erkrankung her zu erinnern, daß er dabei einmal leicht ver- 
wirrt wurde. Daß ihm beim Eintritt eines unbekannten /Vrztes mit braunem 
Vollbart und hoher Statur die Erinnerung an Kaiser Friedrich kommt, ist 
durchaus natürhch, — daß er jedoch diesen Herrn für Kaiser Friedrich 
hält, dieser „setzende Akt" ist abnorm. Die Fülle der übrigen Urteile, daß 
Friedrich III. längst gestorben sei, daß er auch bei Lebzeiten den Fiebernden 
kaum besucht hätte usw., dies alles steht dem Kranken nicht im Augen- 
blick zur Verfügung, und so kommt er zu seinem Fehlurteil. 

Der fiebernd Verwirrte nimmt z. B. deuflich und richtig walir, daß am messingnen 
Idaiikca Fuß seiner Lampe Lichterscheinungen zu sehen sind, aber anstatt, daß er wie 
der Normale „mit einem Blicke' erkennt, daß es sich hier um Spiegelungen, um 
Lichtreflexe handelt, ruft er besorgt nach seiner Pflegerin: sie solle schnell die Lampt' 
auslöschen, sie fange unten schon an zu glühen. Solche Fehlurteile führen oft zu 
^erwi^^tem Handeln: er venvechselt Fenster und Türe, will aus dem Suppenteller trinken 
usw. Er erfaßt einzelnes und ordnet dieses einzelne bis zu einem gewissen Grade richtig 
ein, er beurteilt den Suppenteller z. B. richtig als Gefäß mit Nahrung; er ist aber 
dann fälschlich innerlich auf ,, Tasse" eingestellt und versucht daher zu trinken. 

Nicht seine Assoziationen sind gestört — seine plötzlichen Einfälle sind 
zuweilen sogar überraschend treffend und „gescheit" — , sondern die Ord- 
nung, die Bearbeitung des Materiales seiner Wahrnehmungen ist beein- 
trächtigt. Es ist kein Wunder, daß bei dieser gleichsam lückenhaften Auf- 
fassung seiner Umgebung auch seine örtliche und zeitliche Orientierung 
alteriert ist. Er verkennt seine Angehörigen, seinen Aufenthaltsort; er ver- 
mag sich zeitlich nicht mehr zurechtzufinden. Dabei ist es gerade für diese 
Form der Verwirrtheit charakteristisch, daß sie sehr wechselt; in einem 
Augenblicke klar, vermag der Fiebernde im nächsten Moment nur ganz 
verwirrte Angaben zu machen^. Nimmt die Verwirrtheit höhere Grade an, 
so spricht man von einem Delirium*. Selbstverständlich ist dann nicht 
nur die Wahrnehmung und die Merkfähigkeit, sondern auch das Denken 
betroffen. Ein Delirant vermag z. B. oft eine Aufgabe nicht mehr richtig 
zu erfassen, er weiß gar nicht mehr, was er tun soll, und wirtschaftet 
gedanklich oder motorisch sinnlos herum. 



^ Es handelt sich dabei nicht nur um Fiebernde (besonders bei Kindern, dann bei 
Scharlach, Wundrose, Lungenentzündung bei Trinkern, Typhus, Vergiftungen), sondern 
auch um schwer Erschöpfte (Blutverluste, Gebärende) und andere Krankheitszustände 
(Basedowsche Krankheit und die großen Psychosen). 

2 Der französische Ausdruck delire hat canz anderen Sinn. 



VERVMRRTULIT 93 



,,Wi« und ^\eshalb icli iüerher (in die kliiiik^ kam, weiß icli niclit, zu Haust- kam mii 
alles so fremd, uh »ellwl kam mir so kumiscli vor. Hior hatU; ich keiii»- Ahnung, wo icJi 
»ar. Icli dachte >iolleiclit im Tliealer. weil ich »>> viel Slimmeii hörte, uamentlich von 
i«ängem, die ich früher einmal gehört hatte. Dann war mir ganz komisch zunmte, icli 
dachte, es habe ein KrdniL^cli slaltgofimden. die ganze NNelt sei untergegajigen, nur die 
Klinik sei übrig gi'blieben. und ich sei zum Wiederaufbau Ix'rufen. Es war als ob alle 
Häuser einstürzten, alles war wie im Schwindel, alles kam mir so verschüttet \or. Mein 
iJruder kam mir auch so anders, so wacklig >or. E> w;ir wie geträumt. Meiiu' Phantasie 
war äuliersl rege. Es war ein Kunterbunt, stän<lig wecliselte es, da waren Stimmen voi> 
Verstorbenen, die kamen bis zur Tür und wollten mich abholen. Ich war dann sehr ent- 
täuscht, wie niemand kam. Dann war ich jjlöt/licii im Krieg, um Telephonleitungen zu 
legen. — Die .\rzte habe ich anfangs gar nicht erkamit. Ich dachte, sie wollten .Ulk mit 
mir treiben. — Ich war ja den ganzen Tag beschäftigt, war j;i inmier im Dienst, habe u. 
Crtdankeii inmier gearbeitet, getippt, telephoniert, deshalb kommandierte ich ja immei . 
l.\inn kam ich mir vor wie auf einer Wandervogelwanderung." (Marie Basler. Psvchiatr. 
Klinik Heidelberg.) 

Bei einer zweiten Form der Verwirrtheit besteht nur zum kleinen Teil 
die Störung der .\pperzeption, sofern diese auf die Verarbeitung der 
Außeneindrücke eingestellt ist. Bei ihr besteht eine geistige Unordnung, 
die vorzüglich die eigenen Impulse des Kranken und ihre Durchführung 
betrifft. 

Der Psychotische ist z. B. innerlich auf die Befriedigung eines Bedürfnisses eingestellt. 
Aber es kommt ihm in diesem AugCiiblicke nicht zum Bewußtsein, daß er sich in 
«inem fremden Zimmer, etwa im Wartezimmer des Arztes, unter anderen Menschen 
l)efindet. Lnd so stellt er sich mitten in dies Zimm«r und uriniert auf den Teppich. 
Würde man ihn in diesem Augenblicke fragen, wo er sich befände, .so würde er völlig 
Ivorrekt antworten. Aber er bezieht diesen Bewußtseinsinhalt (Sprechzimmer des Arztes) 
nicht auf den anderen (Urinieren;. 

Er verkennt die .Vußenwelt nicht wie der Fieberdelirant, aber er ver- 
bindet seine Inhalte nicht in normaler Weise zu Urteilen, die sein Handeln 
beeinflussen. \Viederum sind nicht seine Assoziationen gestört, sondern 
seine intentionalen Erlebnisse haben Not gelitten. Ähnlich wie der Fiebernde 
kann auch er zu verwirrten Handlungen kommen, aber aus anderer Ursache: 
er „findet nichts darin", wenn er sich plötzlich auf der Straße nackt aus- 
zieht, wenn er als Lehrer in der Schulklasse plötzlich einen unanständigen 
\ ers vorsingt, wenn er „zur Abwechslung*' einmal das Feuer nicht im 
Herd, sondern auf dem Fußboden der Küche anmacht. Aber selbstverständ- 
lich erscheint seine Störung nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken. 
Er vermag verwickeiteren Gedankengängen nicht zu folgen, weil er den 
Gegenstand nicht festhalten, weil er die Beziehungen der Teile zum Ganzen 
nicht erfassen, die Begriffe von Ursache und Wirkung, Grund und Folge, 
Mittel und Zweck usw. nicht anzuwenden vermag. Es fehlt an seinen 
zusammenfassenden, an seinen Urteilsakten. Diese seine Urteilsschwäche 
führt dann zu verwirrten Handlungen und verworrenen Denkprozessen. Jede 
innere Disziplin, jede Haltung ist verloren gegangen^. 

Läßt man etwa einen solchen Kranken Kopfrechnen, so antwortet er 
7., B. auf die Frage 5 X 17 = 75, nein 38, nein 35, ach so, nein 65, ganz 
sicher 65 oder 42 usw. Es ist ein blindes Daherraten ohne Ansatz und 
Beharrlichkeit. Bei dieser Form der Verwirrtheit wirkt meist auch noch 



1 Hierfür seien beispielsweise erwähnt vor allem die progressive Paraüyse, dann auch 
^e Arteriosklerose, das Senium. 



94 GR UHLE: PSYCHOLOGIE DES ABiNQRMEN 

der Umstand mit, daß das Gedächtnis nur noch unregehiiäßig mit- 
arbeitet. Sei es, daß der auf einen Gegenstiind gerichtete Akt jenen nicht 
vorfindet (darüber siehe später), sei es, daß der Gegenstand selbst im 
Gedächtnis verlorengegangen ist, jedenfalls stellt er sich nicht an jener 
Stelle des Denkprozesses ein, an dem er vorhanden sein müßte, wenn ein 
korrekter Urteilsakt zustande kommen sollte. 

Es f'ibt nun eine dritte Form der Verwirrtheit, bei der hauptsäch- 
lich dieses mnestische Moment die Ordnung stört. Wenn man annimmt, 
daß einem die Erinnerungen, deren man bedarf, um irgendetwas 
einzuordnen, nicht mehr zur Verfügung stehen, daß einem die einfach- 
sten Gegenstände nicht mehr einfallen, so kann man sich vorstellen, 
daß man sich benimmt wie in fremder, ganz unübersehbarer Situation. 
Auch das Wiedererkennen ist ja gestört. Ein solcher Kranker verläuft 
sich in den altbekannten Straßen; er schiebt vielleicht einen Brief, den 
er absenden will, unter den heruntergelassenen Rolladen eines Geschäftes; 
er kann sich nicht mehr erinnern, wohin die Abfälle seiner Mahlzeiten 
gehören, und so wickelt er sie sorgsam in Papier und versteckt sie unter 
seinem Bett. Er ist so wenig mehr komponiert, daß er selbst das Wider- 
sinnige seiner Handlungen nicht mehr bemerkt, höchstens daß ihn am 
Abend im hereinbrechenden Dunkel einmal das Bewuf5tsein der geistig 
nicht übersehbaren Situation in lebhaften Angstaffekt versetzte 

Ganz anders ist die Genese einer Verwirrtheit, bei der ein plötzlich ein- 
tretender Affekt „die Sinne verwirrt". Wenn ein großer Schrecken jemandem 
„in die Glieder fährt", ist er oft nicht nur am schnellen und gewandten 
Gebrauch seiner Motilität gehindert — er ist wie gelähmt — , sondern auch 
„sein Verstand steht still". Er vermag sich im Augenblick nicht mehr der 
einfachsten Dinge zu erinnern, er gibt verwirrte Antworten und ist jeder 
Kombinationsfähigkeit bar. 

Man denke nur an die verdrehten Antworten der Examenskandidaten oder an die 
sinnlosen Handlungen der übermäßig Erregten; bei einer Feuersbrunst will ein er- 
schrockenes Mädchen geradeswegs in die Flammen laufen; nach einem nahen Einschlag 
einer Granate beginnt ein heftig Erschreckter angesichts des Feindes ungedeckt und laut 
singend trotz einer Verwundung herumzuspringen; im höchsten Angstaffekt begeht 
mancher Melancholiker ganz sinnlose verwirrte Handlungen (Raptus melancholicus). 

Spricht man doch auch bei starkem Lust af f ekt von Freude trunkenheit. 
Außer starken Affekten sind es auch lebhafte Vorstellungen, sich aufdrängende 
Gedanken, die gelegentlich einen Menschen ganz verwirrt machen. Im 
Grunde ist dies ja nichts anderes, da ein solch „bewegender" Gedanke 
eben ein stark gefühlsbetonter Gedanke oder in anderen Worten ein 
intensiver, auf einen bestimmten Gegenstand gerichteter Gefühlsakt ist. Ein 
Künstler etwa, der, ganz mit einem künstlerischen Problem innerlich beschäf- 
tigt-, in der „Zerstreutheit" Torheiten begeht, — ein Gelehrter, der im 
Verfolg irgendwelcher wissenschaftlicher Gedankengänge sich konfus und 
taktlos benimmt, sind Beispiele für solche leichte Verwirrtheiten. Der Ver- 



1 Hauptsächlich im Senium und nach schweren Kopfunfällen. 

2 Tagträumereien. Es gibt Psychopathen, die fast das ganze Leben wie im Traume 
daherwandeln und unfähig sind zu jeder klaren Tat oder Einstellung. 



VERWIRRTHEIT 95 



gleich mit doin Nachtwaiullcr liegt nahe, uinl er ist mehr als ein \ ergleich. 
Denn auch der .Nachhvaiuiicr handelt in mancher Hinsicht vollkommen 
besonnen uiui klar, in anderen Zusammenhängen wiederum ganz sinnlos 
und verwirrt. 

.\ber eine \ erwirrtheit kann auch auf noch ganz anderem -W ege zu- 
stande kommen. .Nicht in der Apperzeption (im Sinne Herbarts) liegt dann 
das Wesen der Störung, sondern die an sich richtig angesetzte und 
richtig arbeitende Apperzeption wird durch querkommende Sensationen 
gestört. W enn man sich vorstellt, daß man im Augenblicke eines Gedanken- 
ganges dadurch abgelenkt wird, daß einem „Stimmen" unangenehme Worte 
ins Ohr rufen, daß man bei stärkster Aufmerksamkeit schließlich diese 
Zurufe zwar überhört, aber im nächsten Augenblicke durch irgendeine 
„gemachte" Gedankenreihe wieder aus dem Konzept gebracht wird, — 
wenn man sich vorstellt, dafj solche Sinnestäuschungen, wahnhafte Bewußt- 
heiten, gemachte Gedanken usw. sich sehr häufen, so kann man es leicht be- 
greifen, dafj ein solcher geplagter Schizophrener schliefjlich keinen .\kt beibe- 
halten, keine Funktion durchführen kann, sondern eben in eine allgemeine innere 
l ngeordnetheit, die \ erwirrtheit, verfällt. Sehr häufig besteht diese nur 
während solcher erlebnisreicher Attacken und wird dann auch vom Kranken 
selbst sehr wohl bemerkt; nach wenigen Stunden, ja Minuten, kann der 
Kranke wieder völlig klar besonnen orientiert sein. Bei anderen Formen 
geistiger Störung^ mischen sich alle bisher beschriebenen Ursachen, um 
eine Verwirrtheit zu ergeben: einerseits ist die Einordnung der von außen 
kommenden Empfindungskomplexe an sich alteriert, und zudem stören 
noch zahlreiche, lebhafte Sinnestäuschungen, .\ffekte und einzelne Wahn- 
bewußtheiten die Auffassung. 

Es ergeben sich also folgende Formen der ^ erwirrtheit: 

1. apperzeptive, 

2. gedanklich strukturelle, 

3. mnestische, 

4. affektive, 

5. halluzinatorische ^Verwirrtheit. 

Bei allen diesen Formen ist die Bichtung, der Gegenstand, der inten- 
tionalen .\kte, normal, nur ihre Durchführung ist gestört. Um einige an- 
schauliche Beispiele einer völligen Verwirrtheit zu geben, lasse ich hier 
Protokolle über die Äußerungen von zwei Psychotischen folgen: 

„Guten Morgen, Herr Dr. Müller, sind Sie nicht mein Bruder Hermann? Ich 
habe doch alles zerbrochen. (?) Ich habe Ihr ganzes Glück zerbrochen. Sind Sie 
nicht mein Vater? Wo ist das Märchenbuch? Ich weiß nicht, gehört mir das Märchen- 
buch, oder wo ist es? Ich finde nicht zurecht in dem Märchenbuch." (Psychiatr. 
Klinik Heidelberg, MUa Schild, i3. V. i5.) 

Ke nächste Probe gibt die Antwort auf eine gestellte Aufgabe wieder. (Frau 
Kürer, Psychiatr. Klinik, Heidelberg, Ix. V. 1920; ratlos ängstliche Verwirrtheit im 
Verlauf des manisch-depressiven Irreseins.): 

(Wenn ich von 1,17 M. 25 Pf. wegnehme, wieviel bleibt dann übrig?) 8. (Dann 
fragt die Kranke auf Vorhalt nochmals nach der Aufgabe, diese wird wiederholt, 
und sie beginnt zu rechnen:) 117 — 27 = 7, 7 -f- 25 = 117 (falsch!); — 
I M. 17 — 17 =^ I M., I M. — 5 = i5, 100 — 5 := 95. 

^ Z. B. beim Delirium tremens der Alkoholiker. 



96 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES AB.\QRIV1EN 

Die folgende Probe zeigt deutlich, wie sie beim spontanen Erzählen den Faden immer 
wieder verliert. „Die Fahrt dauerte bis ich in die Klinik kam. Dann war Frau Leverenz 
iioch da — da, wie wir auch auf dem Kino gefahren — da waren aber alle Sieges- 
zeichen dab«'i, und dann habe«» sie diese Werner Vogel gegeben zum reinigen. Das 
darf doch nicht sein. — Aber das war alles die Jagd nach dem Geld. Sic dachte, 
das ist von Kriegsgewinnlern. Ich bin auch mal mitgefahren nach England mit meiner 
Citla. England ist eigentlich nichts als Kalkfelsen, wir dachten, daß England noch 
da sei, aber wie wir oben waren, da habe ich selbst gesagt, da kann man nicht leben — , 
in der Zeitung stand das Loch im Westen. Da kommt alles rein, aber da bin ich 
nicht mehr weiter gefahren. Es war >vie eine goldene Kette, die mußte man fassen, 
aber ich liatio doch nicht so viel Geld und da bin ich abgesprungen. Die Frau 
Leverenz iiat doch Porphyrwerke. Ich habe mir inuner gedacht, die Welt ist eine Kugel, 
rund. Das sah ich auch, Heidelberg muß doch auch eine Kugel sein. Wie ich sah, daß 
die Welt rund ist, dachte ich, daß Heidell>erg auf der einen Seite zu schwer sei, da 
müßte es anliegen, mit dem Rhein muß das auch so sein" usw. 

Man glaube nicht, daß mit einer solchen Verwirrtheit stets auch das 
Bewußtsein der Verwirrtheit verbunden sein müßte. Im soeben ange- 
führten Beispiele war dies der Fall, es gibt aber Psychotiker, die ihrer Ver- 
wirrung (besonders derjenigen strukturellen Charakters) gar nicht inne werden, 
wiederum aus ihrer ^ erwirrtheit heraus, denn auch die Selbstbeobachtung 
fordert ja zielsicheres Festhalten der Intention ^ Aus einer Mischung der 
apperzeptiven und strukturellen Verwirrtheit entsteht zuweilen jener Zustand, 
in dem die Kranken weder die Außenwelt mehr richtig erfassen, noch ihrer 
gedanklichen Abläufe mehr Herr sind ; dazu kommt eine gewisse Hemmung: 
man spricht dann von einem getrübten Bewußtsein, einer Benommenheit, 
in schweren Fällen von einem komatösen Zustand. Der „Bewußtlose" ist 
dann meist ganz in sich versunken, nimmt von der Außenwelt nur noch 
ganz dürftige Notiz und ähnelt dem Schlafenden oder Ohnmächtigen. Man 
verwende für diese Zustände am besten die Ausdrücke: Benommenheit 
(Somnolenz) und Koma, und man vermeide die Namen: Bewußtseinstrübung 
und Bewußtlosigkeit. Denn bei der Vieldeutigkeit des Terminus „Bewußt- 
sein" entstehen leicht Mißverständnisse und besonders Verwechslungen mit 
Dämmerzuständen -. 

Die verschiedenen Formen der Verwirrtheit sind meist Äußerungen 
vorübergehender Geistesstörungen. Bei einem Fieberdelir dauern sie vielleicht 
nur Minuten, bei einer Altersverblödung können sie monatelang währen. 
Stellt man sich jedoch vor, daß sie — besonders die gedanklich struktuelle 
Form — nicht Ergebnis einer plötzlichen ^ ergiftung, eines Schädelunfalls 
oder dergleichen sind, sondern daß sie den seelischen Ausdruck einer 
chronischen Gehirnveränderung darstellen, so werden sie irreparabel und 
sind dann ein Anzeichen einer Defektpsychose, eines dauernden geistigen 
\erfalls, einer Verblödung. Man versteht unter Verblödung 
oder Demenz einen erworbenen irreparablen geistigen 
S c h w ä c h e z u s t a n d. Die Aufnahme des Wortes „erworben" grenzt 



^ Etwas ganz anderes. Besonderes ist die Sprach Verwirrtheit ; darüber siehe später. 

- Diese gehören meist in das oben beschriebene Gebiet der Bewußtseinsspaltungen, 
des alternierenden Bewußtseins. Der Ausdruck Dämmerzustand ist wenig glücklich: 
oft handeln die L md.immerten ganz frei und vernünftig, und nur die Erinnerung für 
die Gegenstände dieser Bewußtseinsphase ist in der späteren dann nicht 
vorhanden. 



VERBLÖDUNG 97 



diese Defekte ab gegen die angeborenen (oder in allerfrühestcr Jugend 
entstandenen) geistigen Schwächen (Debihtät, ImbezilHtät, Idiotie). Von 
ihnen war schon oben die Rede. Sie vermögen im Leben nicht das 
normale Ma(j geistiger Kntwickking zu erreichen, da sie weder die 
nötigen \ orräte (\Vis.sensstoffe) zu erwerben imstande sind, noch das 
geordnete Spiel der Akte erlernen können, das die normale Funktion des 
Intellekts konstituiert. — Wenn in der obigen Definition das 
V\ort irreparabel den zweiten Platz hat, so will man dadurch aus dem 
Demenzbegriff alle vorübergehenden geistigen Störungen, die 
beschriebenen Hemmungen, Verwirrungen usw. ausschalten. Und wenn 
endlich von geistigen Schwächezuständen die Rede ist, so will man nicht 
jene Defekte mit umfassen, die unter dem Namen der gemütlichen Ver- 
blödung zusammengefafSt werden. Unter dieser Rezeichnung birgt sich 
zweierlei: einmal eine allgemeine Abschwächung der Affektmöglichkeiten', 
sodann eine Affektabspaltung, die unten bei dem schizophrenen Mechanismus 
mitbeschrieben werden wird. Die Demenz ist also nur die erworbene 
irreparable geistige Verblödung. Wenn man in der psychiatrischen 
Literatur auch vieles andere gelegentlich mit diesem Namen bezeichnet findet, 
so ist sich der Psychiater meist der Unterschiede sachlicher Art wohl be- 
wußt, er ist es nur nicht gewohnt, sich einer psychologisch sauberen 
Terminologie sorgsam zu bedienen. 

Es gibt nun ebenso wie bei der Verwirrtheit recht verschiedene Formen 
der Demenz. In der Wirklichkeit sind sie selten rein, meist überwiegt die 
eine oder andere Art, und die anderen Formen sind nur leicht beigemischt. 
Hier sollen sie kurz theoretisch gesondert werden. 

Die apperzeptive Verblödung ist nur in schweren Defektzuständen 
deutlich. Die Aufnahme der äußeren Sinneseindrücke und die Ver- 
.schmelzung mit den von innen hinzukommenden Elementen (Wundts Assi- 
milation), auch die Aufnahme der sprachlichen Laute und ihre Ver- 
knüpfung mit den entsprechenden Symbolwerten bleibt relativ lange erhalten. 
Man kann z. R. bei senil Dementen häufig beobachten, daß sie die Um- 
gebung noch im groben recht gut auffassen, und daß sie auch sprachlich 
perzeptiv und produktiv kaum auffallen. Sie benehmen sich etwa bei 
einem Resuche korrekt uud erweisen sich noch im Resitze der Umgangsformen 
und einer gewandten Sprache. Erst bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß 
gar keine Spontaneität, keine Einfälle, keine determinierenden Tendenzen usw . 
mehr vorhanden sind. Die experimentelle Psychologie hat sich dieser 
Probleme noch nicht bemächtigt: es bedarf noch genauerer Untersuchungen, 
ob sich gerade nach diesem Gesichtspunkt der Apperzeptionsstörung einzelne 
Formen der Demenz unterscheiden lassen. Rei fortgeschritteneren Fällen 
dürfte freilich eine solche Untersuchung unmöglich sein, da dann schon 
allein die Unterwerfung der Persönlichkeit unter ein Experiment nicht mehr 
möglich ist. 

Die gedanklich strukturelle Demenz ist viel häufiger. Sie be- 
ginnt vielleicht mit leichten Verwirrtheitshandlungen, für die oben Reispiele 



mitgeteilt wurden. Sie sind das erste Symptom des geistigen Verfalls. 



^ Darüber siehe schon oben S. 2 4 
7 Kafka, Vergleicbende Psychologie HI. 



98 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Allmählich nimmt die geistige Verödung zu. Genauere Untersuchungen 
ergeben zwar, daß die einzelnen Inhalte noch sehr lange dem Bewußtsein 
an sich zur Verfügung stehen, aber dieses macht von ihnen nicht mehr 
Gebrauch. Es verlangt ihrer gleichsam nicht mehr, es bezieht sich nicht 
mehr auf sie. Der Kranke wird unfähig, die Gegenstände miteinander in 
zusammenfassenden Akten zu kombinieren. Wenn ich den Ausdruck 
„unfähig" gebrauche, so steckt darin ein Doppeltes: einmal die Fähigkeit 
zur Ausübung eines formalen Vermögens, sodann die Spontaneität dieser 
Ausübung. Das letztere erlischt meist zuerst; die rein formalen Fähigkeiten 
der Intelligenz folgen im Untergang erst später. 

Man macht sich dies am besten klar, wenn man an den Aufbau der eigenen Geistes- 
funklionon in der Kindheit zurückdenkt. Man lernte damals z. B. schnell die Hilfsverse 
der lateinischen Grammatik: als männlich sind auf s, davor ein Konsonant, die Wörter 
fons und mons nebst pons und dens bekannt. Man hatte diese Verse auch nicht etwa 
papageienhaft auswendig gelernt, sondern man hatte sie durchaus ,, verstanden". Aber 
wetin nun irgendwo pons vorkam, so erfaßte man nicht, daß man nun seinen Vers 
anwenden mußte. 

Diese Anwendung irgendeiner Kategorialfunktion erlischt zuerst, die 
Akte höherer Ordnung werden nicht mehr betätigt, es kommt zu jenem 
Schwächezustand, den man gerne als Urteilsschwäche bezeichnet. Dieser 
Ausdruck ist nur glücklich, wenn er im engeren Sinne gefaßt wird. Auf 
der Schwäche muß hier der Ton liegen, auf dem Unvermögen zu kom- 
plizierten Intentionen. Wenn sich ein Kranker indessen auf Grund irgend- 
welcher Wahnideen absonderlich benimmt, so darf man dies keineswegs 
als einer Urteilsschwäche entspringend bezeichnen. Hier ist ein neues 
— später zu erörterndes — Moment hinzugetreten. — xVllmählich leiden dann 
bei fortschreitender Verblödung auch die rein formalen Denkfähigkeiten Not, 
und schließlich kommt es zu völligem geistigen Zerfall, zu geistigem 
Siechtum. 

Meist ist mit dieser Störung der gedanklichen Struktur auch eine m ne- 
stische Verblödung verbunden. Das Gedächtnis erlischt^. Es ist 
klar, daß ein komplizierter Gedankengang nicht mehr möglich ist, 
wenn die im Beginn dieses Gedankengangs erarbeiteten Erkenntnisse dann 
vergessen worden sind, sobald man sich seinem Ende nähert. Vielleicht 
ist auch das Festhalten irgendeines unanschaulichen Wissens, einer Bewußt- 
heit, einer determinierenden Tendenz (Aufgabe) nur eine mnestische Funktion; 
hierüber ist noch nichts Sicheres auszumachen. Jedenfalls ist ein gewisses 
Maß* an gut arbeitendem Gedächtnis erforderlich, wenn die Intelligenz 
einwandfrei fungieren soll. Jedermann weiß, daß die Abnahme der geistigen 
Tätigkeiten im Alter zuerst auf einer Gedächtnisabnahme zu beruhen scheint. 
Freilich ist dieses erste Anzeichen der senilen Involution im wesentlichen 
subjektiv: wenn man objektiv bei einer wohlbekannten Persönlichkeit die 
ersten Anzeichen des Alterns festzustellen bemüht ist, so findet man anfangs 
nicht so sehr das Verschwinden der Inhalte, besonders der Namen 3, als 



1 Oben war schon vom Verlorengehen der Inhalte die Rede. Siehe S. i4- 
* Es kommen Gedächtnishöchstleistungen neben Intelligenztiefstand und auch In- 
telligenzhöchstleistungen bei nur mäßigem Gedächtnis vor. Ja, manche glauben, daß 
Intelligenz höchsten Grades sich mit einem abnorm guten Gedächtnis , .nicht verträgt". 
3 Erst der Eigennamen usw., wie S. i5 mitgeteilt wurde. 



VERBINDUNG 99 



das Krlöschen feinerer seelischer Kegungen: jener Intentionen, die man als 
Taklgefülil zu bezeichnen gewohnt ist, der Sorgsamkeit in Haltung und 
gesellsclialtlichen Formen usw. Auch hier mulS man also wie bei der 
vorigen lH>rm der Demenz unterscheiden: die Fähigkeit zur Frinnerung und 
die S[)<>ntaneilät zur Ausübung dieser Fähigkeit. I"]s ist experimentell noch 
nicht sicher erwiesen worden, aber sehr wahrscheinlich, daß bei der mne- 
stischen \ erblödung die Sprachakt(; zuerst Not leiden, d. h. jene Inten- 
tionen, deren Materie die Bewegiuigsentwürfe des Sprechens sind. Diese 
Akte werden allmählich erschwert, sie können ihren Gegenstiuid gleichsam 
nicht mehr finden, nicht mehr realisieren, während ihre Richtung noch 
vollkommen normal ist. 

Eüi senil Werdender hat das Aussehen jenes Tiroler Dorfes auf der Malser Haide 
optisch noch genau vor sich, er würde auf der Karte und in Wirklichkeit den Weg «lorliiin 
sogleich finden, aber der Name stellt sich motorisch nicht mehr ein, wenngleich er 
akustisch noch „gleichsam im Ohre liegt". 

Die drei Formen der Demenz lassen sich herausarbeiten, wenn man die 
Fülle der tatsächlich beobachteten Defektzustände analysiert. Die Natur liefert 
sie, wie erwähnt, selten rein, meist vermischen sie sich im einzelnen Verlauf der 
Verblödung. Am reinsten zeigt sich die mnestische Verblödung im Alters- 
schwachsinn, ziemlich rein kommt die gedanklich strukturelle Verblödung 
bei der progressiven Paralyse vor; man findet endlich eine besondere Form 
der apperzeptiven Verblödung bei der genuinen Epilepsie und dem trau- 
matischen Schwachsinn. Ganz kurz seien diese drei Typen schematisch an- 
gedeutet: 

Der .Vltei ^schwachsinnige macht anfangs oft einen Zustand der Nörgligkeit und 
Unzufriedenheit durch; er wird eigensinnig, hält starr an alten Gewohnheiten fest und 
wehrt sich gegen jede Veränderung. Er weiß nicht mehr, wohin er seine Sachen verlegt 
hat, und so kommt er leicht auf den Gedanken, betrogen, bestohlen zu werden. All- 
mählich verschwindet auch diese dysphorische Einstellung, hinter der oft noch eine 
gewisse Klarheit über seine abnehmenden Geisteskräfte steht. Seine Gedanken leben ganz 
in früher Vergangenlieit; er lernt und erlebt nichts mehr dazu; er glaubt nl\e überhaupt 
möglichen Erfahrungen schon gemacht zu haben. Er hat keine Interessen mehr außer 
denen für sfjinen äußeren Wohlstand, für Essen vmd Trinken und Körpergesundheit. 
Er hat nichts mehr mitzuteilen, seine Reden werden immer leerer und bewegen sich 
schließlich in alteingeübten Grußformen, Sprichwörtern, Phrasen und Redensarten; 
die Maschine läuft leer. 

Der Paralytiker wird mitten im besten Alter konfus, er begeht zweckwidrige 
Handlungen, führt verwirrte Reden, verwechselt die Begriffe. Er handelt ganz gegen 
seine sonstigen Gewohnheiten, man erkennt die Züge seines Charakters nicht mehr 
wieder, seine Persönlichkeit ist zerstört. Er ist den einfachsten Fragen nicht gewachsen, 
und dann löst er plötzlich eine weit schwierigere Aufgabe völlig korrekt. Man kann 
ihm keinen Augenblick trauen, niemals irgendein Verhalten voraus berechnen. Es 
fehlt jede Haltung, im einen Augenblick ist er schluchzend sentimental, im nächsten 
Augenblick gewaltsam roh. Ein kleines wertloses Geschenk versetzt ihn in Entzücken, 
die Erinnerung an seine vor ;',o Jahren verstorbene Schwester erschüttert ihn plötzlich lief. 

Der Epileptiker faßt außerordentlich schwer auf. Er hört höflich und aufmerksam 
dem Sprechenden zu und weiß doch nicht im mindesten, worauf es ankommt. Er 
vermag Haupt- und Nebensachen nicht zu unterscheiden. Einzelnes hat er sehr wohl 
aufgefangen, dieses haftet auch fest, — aber das Wichtigste entging ihm. Sein ge- 
steigertes Selbstgefühl hindert ihn an der Erkennung seiner Insuffizienz. Er braucht 
zu jeder Erzählung ungewöhnlich lange Zeit. Mit umständlichen, geschraubten Wendungen 
verziert er seine Rede. Er liebt und erfindet Höflichkeitsformen und tönende Phrasen. 
Zur Darlegung des einfachsten Sachverhaltes holt er unendlich weit aus. Seine 



100 GR UHLE: PSYCHOLOGIE DES AB>ORM£N^ 

Uriiatkndliclikeit wird vielleicht seine Sprache merkwürdig verschroben, zuweilen fast 
verwirrt gestalten, doch wird er kaum zu irgendwelchen verwirrten Handlungen — natür- 
lich abgesehen von seinen Ausnahmezuständen — fähig sein. 

In sehr fortgeschrittenen Verblödungen verwischen sich meist wieder alle 
Unterschiede: man kann einer ganz zerstörten Menschlichkeit oft nicht mehr 
ansehen, welcher A erlauf diesem Endzustand vorausging. 

Ich muß nun nochmals an das Problem des Vergessens anknüpfen. 

Ich habe oben besprochen, daß irgendein Inhalt wirklich verlorengehen 
kann. Ich höre z. B., daß jemand die Jahreszahl der Ermordung des mexi- 
kanischen Maximilian gegenwärtig zu haben wünscht, aber der Wunsch 
bleibt umsonst; er versichert, es sicher einmal gewußt zu haben und jetzt 
ebenso sicher zu sein, die Zahl nicht wieder zu finden. Ich vermute, es 
liege eine gegenständliche Indisposition vor, und hypnotisiere ihn, aber auch 
im Tiefschlaf stellt sich die gewünschte Zahl nicht ein. Ich tue ein übriges 
und wende eine andere Methode der Erweckung von Inhalten an: Freuds 
Psychoanalyse — aber auch auf diesem Wege kommt die Zahl nicht her- 
aus. Nun bin ich überzeugt: der Inhalt ist wirklich verlorengegangen. 
Dies ist der erste Fall des Vergessens. In einem zweiten Falle hat jemand 
die feste Überzeugung, einen Namen zu wissen, ohne ihn doch gegenwärtig 
zu haben (sich nicht besinnen können); er weiß ganz genau, was er 
meint, aber er findet jene bestimmte Spracheinstellung nicht, die dem Namen 
entspricht. Er versucht von den verschiedensten Seiten heranzukommen, 
um z. B. den Namen jener sibirischen Verbrecherkolonie zu finden, in der 
Dostojewski schmachtete. Aber nur dunkel liegt ihm erst Orplid auf den 
Lippen; er weiß ganz genau, wie unsinnig das ist, und doch weiß er auch, 
daß Orplid mit dem gesuchten Namen irgend etwas zu tun hat, sei es im 
Rhythmus, sei es in einigen Buchstaben. Bei weiterem Nachdenken stellt 
sich Orlik, dann Orstig und schließlich Ostrog ein. Hier — und auch 
häufig beim Mechanismus des Versprechens, Verlesens, Verschreibens — 
handelt es sich also um eine Entgleisung: O, r und Zvveisilbigkeit werden 
von vornherein richtig getroffen, das weitere folgt erst mühsam unter starker 
Anspannung. Aber gelegentlich bleibt ein Inhalt — es braucht keineswegs 
immer ein Name zu sein — ganz aus. So habe ich gestern vielleicht in 
einem mathematischen Gedankengang an der kritischen Stelle „weiter ge- 
wußt", und heute ist dort das Tor wie verrammelt; alle Anstrengung hilft 
mir nicht auf den richtigen Weg. In solchen Fällen ist also der inten- 
dierte Inhalt nicht verlorengegangen, sondern der völlig korrekt gerichtete 
.'Vkt findet seinen Gegenstand nicht ^. Und in manchen anderen Fällen 
herrscht im Gedankenablauf ein seltsames Haftenbleiben (Perseverieren). 
Es scheint, als wenn ein einzelner Inhalt selbständig geworden wäre und 
sich immerzu aufdränge. Eine Melodie geht mir vielleicht durchaus nicht 
aus dem Sinn, ein bestimmter Gedankengang drängt sich immer wieder 
auf. Hier liegt ein Übergang — es gibt deren mehrere — zu den Zwangs- 
vorstellungen, von denen noch später die Rede sein wird. So konnte 
während des Krieges in Bensheim ein Herr eine heftige Fliegerangst niemals 
los werden. Zwar kamen die feindlichen Flieger sehr selten, und jener 

1 über die Erweckbarkeit der frühesten Kindheitserinnerungen vgl. Henri (ii4)- 



CNBESINNLICHKEIT IUI 



Psychastheuikpr wulSlc auch ganz genau, dali gerade seine Gegend sehr 
wenig gefährdet war, er wulite natürhch auch, dali an regnerischen Tagen 
an eine (Jefahr gar nicht zu denken war - trotzdem Hefi ihn auch an 
diesen Tagen der (Jedanke an die Flieger nicht los und ängstigte ihn un- 
aufhörlich. Auch hier ist der Cüegenstand des intcntionalen Aktes an sich 
nicht abnorm, nur der Vollzug ist in dem Simie gestört, daß die vor- 
handene seelische Energie immer wieder in diesen Akt einmündet, obwohl 
eine lebhafte Tendenz besteht, ihn nicht zu vollziehen. Es zeigt sich also 
•^chon an diesen wenigen Beispielen, daß die Persönlichkeit über ihr Material 
nicht immer frei verfügt, daß sich ihr gelegentlich Inhalte entziehen, und 
daß andererseits Inhalte zuweilen eine merkwürdige Selbständigkeit ge- 
winnen. Diese Beispiele werden jedem Leser ohne weiteres einfühlbar er- 
scheinen, da er Ähnhches aus seinem eigenen Leben leicht wird beibringen 
können. .\ber dieser Tatbestand kann nun normale Grenzen weit über- 
greifen. Es geschieht, daß nicht nur einzelne Inhalte der „Macht" der 
Persönlichkeit trotzen, sondern daß ganze Gebiete als Gegenstände seiner 
Akte wegfallen, obgleich seine Intentionen darauf gerichtet sind. Der Hy- 
steriker hat zuweilen bestimmte Amnesien (Unbesinnlichkeiten), die sich 
von den oben behandelten durchaus unterscheiden. Dort waren bestimmte 
Zeitabschnitte scharf mit ihrem gesamten Inhalt aus dem Gedächtnis getilgt 
und ließen sich durch keine Kunstgriffe wieder vergegenständlichen — 
hier sind Erlebniskomplexe der Erinnerung entfallen, die nicht zeitlich sinn- 
los ausgeschnitten, sondern sinnvoll beziehungsmäßig verknüpft sind. Hier 
ist die Betrachtung wieder von einer ganz anderen Seite her bei jenem 
Phänomen angelangt, das oben als alternierendes Bewußtsein be- 
zeichnet wurde. Vielleicht eine Reise, ein Liebesabenteuer, ein Unglück, 
alles, was mit einer bestimmten Person zusammenhängt usw., ist aus dem 
Gedächtnis verschwunden. Gelegentlich kann ein solches Erlebnis zufällig 
auch zugleich eine zeitliche Abgrenzung haben, wie oben bei dem Beispiel 
des aus Australien unwissentlich Geflüchteten — doch ist dieses Moment 
dabei unwesentlich, es kommt nur auf die innerliche Aufeinanderbezogenheit 
dieses Erlebnisses als eines Erlebnisses an. So sehr der Hysteriker sich 
anstrengt, er kann sich auf diesen Komplex nicht besinnen. Aber was 
ihm unter „normalen" Umständen nicht gelingt, glückt dem Hypnotiseur. 
Unter den Kniffen des Experimentators wird die Erinnerung entweder 
dauernd wiederhergestellt oder doch während des Experimentes wieder 
wachgerufen'. Man pflegt in diesen Fällen von Verdrängungen, Absper- 
rungen oder Ausschaltungen zu sprechen. In der Erinnerung, aber auch 
in der Auffassung der augenblicklichen Umgebung geht diese Ausschaltung 
gelegentlich so weit, daß fast nichts im Blickpunkt der Aufmerksamkeit übrig 
bleibt. Man spricht dann von einer psychogenen Einengung des Bewußt- 
seinsfeldes, z. B. wenn ein Hysteriker im Dämmerzustand von allem, was 



1 Außer der Hvpnosc und Psychoanalyse dient auch das Assozialionsexperiment diesem 
Nachweis. Beachtet man bei ihm nicht die assoziierten Inhalte, sondern die Assoziations- 
teiten, so zeigt sich, daß jene Engramme meist verlängerte Zeiten haben, die den Komplex 
anschneiden. Siehe hierüber die neueste Arbeit von Schwechten (287) und die dort 
angefüllte Literatur. Auch die in der Kriminalpsychologie zu behandelnde sogenannte 
Tatbestandsdiagnostik gehört hierher. Vgl. dazu übrigens schon Prichard /2/19) von i822-- 



102 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

ihn umgibt, nichts als den G lanz der Gegenstände apperzipiert (Pick 240 
und Janet an vielen Stellen). 

Die soeben gewählten Beispiele entsprachen — bildlich gesprochen — 
rein gedanklichen Provinzen. Doch kann diese Ausschaltung auch körper- 
liche Mechanismen betreffen. So kann z. B. die Empfindung eines Körper- 
teils vollkommen ausgeschaltet sein, oder es kann die Berührungs- und 
Temperaturempfindung erhalten bleiben, während nur die Schmerzempfin- 
dung ganz erloschen ist. So kann in der Hypnose der Zusammenhang 
zwischen Motilität und Sensibilität, zwischen Schmerzempfindlichkeit und 
Gefäßkontraktionen, zwischen zwei sonst koordinierten Sinnesqualitäten, 
zwischen der Motilität, Sensibilität einerseits und den Sehnenreflexen an- 
dererseits usw. absichtlich gelöst werden (Sydney Alrutz 4). Auch die 
normale Mischung von Empfindungs- und Vorstellungselementen, die im 
gewöhnlichen Wahrnehmungsprozeß enthalten ist, kann durch psychogene 
Ausschaltungen erheblich verändert werden (Schilder 279). Dies ist der 
Tatbestand, der in diesem Zusammenhang betrachtet werden soll: 

Bei normalen Sinnesorganen, bei normal arbeitenden Nerven 
und Gehirnzentren, bei stärkster Zuwendung der Aufmerksam- 
keit bleibt die Empfindung aus. 

Man nennt dies eine Anästhesie, und man bezeichnet sie als psychogen ^, 
weil man ihre Ursache in der Seele sucht, während man die körperlich 
(peripher oder zerebral) bedingten organisch nennt. 

Ein Madchen liat bei plötzlich eintretendem Hochwasser über eine breite über- 
schwemmte Wiese hinweg das bis an die Knie reichende Wasser durchwaten müssen, 
um sich in Sicherheit zu bringen. Seit jenem Schrecken sind beide Füße und Untere 
Schenkel bis genau zur Kniescheibe — obwohl sie in keiner Weise geschädigt wurden — 
schmerzunempfindlich; auch der Temperatursinn ist dort erloschen, während Tast- 
empfindlichkeit, Lagesinn usw. erhalten geblieben sind. Eine genaue Untersuchung ergibt 
nicht die geringste objektive Veränderung. Dies ist eine psychogene Analgesie; 
durch geeignete seelische Behandlung gelingt es bald, das normale Empfindungsvermögen 
%vieder herzustellen. 

Der Unterschied zwischen einer organischen und seelischen Empfindungs- 
taubheit ist meist in ihrer Ausbreitung gegeben: die erstere folgt genau 
dem oft recht komplizierten Ausbreitungsgebiet eines Nerven oder eines seiner 
Äste, während die psychogene Störung meist einen irgendwie vorstel- 
lungsmäßig abgegrenzten Bezirk befällt (daher der Name ideogen). 
Man findet daher strumpfförmige, handschuhförmige, ringförmige, halb- 
seitige usw. psychogene Anästhesien. Alle Sinnesqualitäten können psychogen 
geschädigt werden. Bei der seelisch entstandenen Taubheit (nach Explo- 
sionen und dgl.) kann man häufig beobachten, daß der Erkrankte über- 
raschend schnell von den Lippen anderer abzulesen lernt (Selbsttäuschung). 
Bei dem seelisch Erblindeten (Feuersbrunst) fällt auf, daß er Hindernissen 
geschickt ausweicht. Nicht selten wird eine — ursprünglich organische — 
Störung psychogen konserviert. Bei einer leichten Verletzung kann z. B. 
der Nervus ulnaris der Hand mit behoffen worden sein. Eine Empfindungs- 
herabsetzung in seinem Versorgungsgebiet ist die unmittelbare organische 
Folge. .\ber nach einiger Zeit hat sich die Funktion des Nerven objektiv 

^ Oft auch als funktionell und unter bestimmten Umständen als hysterisch. 



AUSSCHALTUNG 103 



völlig wiederhergestellt, während die liypalgesie von dem Ulnarisgebiet 
sogar auf die ganze Hand übergegriffen hat. INicht anders ist es mit motori- 
schen Synergismen. 

Z. B. klapt eiii Reiscntlor, der euicii leiclitcn Kisenbahnunfall erlitt, über die Un- 
möglichkeit, seinen Unterschciike! aktiv zu beugen, sein rechtes Bein sei steif. Und 
diese L.ihmung sei nicht iii dem Augenblicke eingetreten, als bei jenem Zusammenstoß 
ein Handkoffer aus dem Gepäcknetz auf .seinen rechten Oberschenkel stürzte, sondern 
erst dann, als er sich glücklich aus dem Wagen in Sicherheit gebracht hatte und auf 
Weitcrbefürderung wartete. 

Wiederum sind bei solchen psychogenen Paresen nicht jene Muskeln 
gelähmt, die von einem bestimmten Nerven innerviert werden, sondern 
eine gedankliche motorische Einheit ist ausgeschaltet, etwa ein ganzer 
Arm oder eine Hand oder dergleichen '. Auch hier läßt sich durch Elektri- 
zität oder in der Hypnose leicht der Nachweis erbringen, daß der Nerv- 
muskelapparat selbst ungeschädigt ist. Man hat zum Nachweis einer psycho- 
genen Bewegungs- oder Empfindungslähmung auch noch ein anderes Mittel 
zur Verfügung: das Erhaltensein der Reflexe*. Die Pupille z. B. erweitert 
sich stets bei der .Vnbringung irgendeines Schmerzreizes, und diese Erweite- 
rung tritt nun auch dann ein, wenn der Hysteriker glaubhaft versichert, 
von den Nadelstichen in seine Fingerspitzen nicht das mindeste zu spüren 3. 
Zum Zustandekommen dieser sensorischen Reflexe ist das „Bewußtsein" 
eben überhaupt nicht erforderlich. Dies beweisen u. a. auch die technisch 
vorzüglichen Versuche von Canestrini (39), der beim Neugeborenen nachwies, 
daß sich lebhafte Schall-, Licht- usw. Reize auch dann schon „einschreiben" 
(Engramme), wenn von einem „Bewußtsein" überhaupt noch keine Rede 
sein kann. Es ist eine Erfahrung fast jedes Menschen, daß man bei starker 
Einengung der Aufmerksamkeit auf irgendeine Aufgabe (Zielen beim Scharf- 
schießen) allerlei Reize nicht bemerkt: man „überhört" die Worte der Um- 
stehenden usw.^. In der .Vufregung einer Gefechtshandlung ist mancher 
Soldat sogar einer Verwundung nicht gewahr geworden. Hier liegt es eben nur 
an diesem „Nicht-gewahr-W^erden", an der fehlenden Beachtung, daß die 
Schmerzempfindung nicht in das Bewußtsein eintritt. Die herannahende 
Empfindung findet gleichsam gar keine seelische Energie vor, deren sie 
.sich bemächtigen könne (Aufmerksamkeitserzwingung). Aber in anderen 
Fällen wende ich mich einer erwarteten Empfindung zu, ich stelle ihr 
reichlich psychische Energie zur Verfügung, ich beachte sie mit äußerster 
Konzentration, imd doch stellt sie sich nicht ein. Ich sehe, wie der Arzt 
seine Nadel tief in meine Fingerkuppe einsticht, und doch bleibt jedes 
Schmerzgefühl aus. 

Die -Vusschaltungen irgendwelcher Sinnesqualitäten können auch vor- 
sätzlich geübt werden : so produzieren sich auf den Messen und Märkten 
nicht selten „Künstler", die sich in den Arm usw. lange Nadeln tief hinein- 



1 Vgl. zu den psychogenen Lahmungen Gaspero (84) und Lewandowsky (178). 

- Freilich nur mit gewissen Einschränkungen. 

^ Beim organisch Analgischen bleibt dieser Reflex natürlich aus. 

' Dies gilt natürlich ebenso von der allgemeinen Abschwächung der Zuwen- 
dungsmöglichkeiten: Erschöpfung. Benommenheit, Bewußtlosigkeit, aber auch von der 
Ekstase, siehe Rohde (268 a), \\, S. i8. 



^04 GR UHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

stechen, ohne nur mit der Wimper zu zucken. An den Armnerven usw. 
dieser Personen ist alles in Ordnung; ideogen haben sie ihre Schraerz- 
empfindung ausgeschaltet. Ich brauche wohl kaum näher auszuführen, daß 
in der gleichen Weise nicht nur Herabsetzungen (Hypästhesien, Hypal- 
gesien, Paresen), nicht nur Aufhebungen (Anästhesien, Analgesien, Para- 
lysen), sondern auch Cberempfindlichkeiten (Hyperästhesien, Hyperalgesien) 
und übermäfiige Bewegungsbereitschaften (Hyperkinesien) erzeugt werden 
können.^ Die Erwägung des letztgenannten Mechanismus leitet zum Be- 
greifen einer weiteren Störung über. Der menschliche Organismus verfügt 
über Einrichtungen, die die Auslösung der Reflexe abzubremsen vermögen. 
Ein sensibler Reiz, etwa das Beklopfen des Unterschenkels dicht unter der 
Kniescheibe, löst nicht immer die gleich starke Schleuderung des Unter- 
schenkels aus. Sondern je nach der Aufmerksamkeitszuwendung fällt diese 
Bewegung verschieden aus. Es gibt nun Fälle, in denen diese Reflex- 
bremsung weitgehend ausgeschaltet wird (ideogen). Der große Krieg er- 
zeugte viele Neurotiker, bei denen schon die leichtesten Berührungen heftige 
Schleuder- und Zitterbewegungen hervorriefen, die dann über die eigent- 
lichen Reflexbewegungen durchaus hinausführten und allerlei ursprünglich 
willkürliche Bewegungskoordinationen mit wachriefen. Und so kam es 
damals zu ganz grotesken motorischen Erscheinungen, z. B. dem sogenannten 
saltatorischen Reflexkrampf, bei dem schon die Berührung des Fußbodens 
hinreichte, um diesen Neurotiker wieder in die Luft zu schnellen, so daß 
er solange gummib allartig auf und nieder flog, bis er erschöpft liegen blieb. 
Auch hierbei haben diese Personen die Herrschaft über irgendeinen Mecha- 
nismus und zwar über jenen verloren, der diese zitternden Glieder ruhig 
stellt Neu tritt hier gegenüber jenen früher erwähnten Ausschaltungen noch 
jenes produktive Moment hinzu, das einen chronischen Reiz setzt. Die 
Erkrankten versichern, daß ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr angespannter 
Wille darauf gerichtet sei, die Störung zu unterdrücken, doch seien sie 
leider dazu nicht imstande. Solche Reizerscheinungen zeigen sich natürlich 
auch auf dem sensiblen Gebiete: 

Ein iSjähriger, von jeher etwas kränklicher Schüler einer Unterprima \¥ird wegen 
einer hartnäckigen Gesichtsakne einer Lichtbehandlung unterworfen. Obwohl man 
selbstverständlich die Augen genügend geschützt hat, machen sich in der Folge Blendungs- 
erscheinungen geltend, die schließlich so heftig werden, daß der Kranke behauptet, das 
verdunkelte Zimmer nicht mehr verlassen zu können. Eine einmalige Hypnose beseitigt 
die Störung. 

Beim Bekanntwerden mit solchen Symptomen liegt dem Unerfahrenen 
begreiflicherweise der Gedanke nahe, es handle sich um eine absichtliche 
Täuschung der Umgebung bzw. des Arztes durch den Kranken. Natürlich 
kommen solche Täuschungen vor. Aber man mache z. B. den Versuch, 
sich selbst etwa eine gürtelförmige Empfindungslosigkeit zu suggerieren, 
und man wird seine Unfähigkeit hierzu bald feststellen können. Besondere 
„Gaben", besondere seelische Mechanismen sind zur Erzeugung solcher 
ideogenen Störungen notwendig. Freilich ist es eine nicht beweisbare 
Theorie, wenn man angeborene Anlagen hierzu immer voraussetzt: man 



^ Vgl. dazu Lange (167). 



AUSSCHALTUNG, AUTÜMATISMÜS 105 

kennt auch mancherlei Situationen (lange körperliche Leiden, religiöse 
Kkstasen, unglückliche Ehen, Rentenkämpfe), die die Disposition zu solchen 
psychogenen Mechanismen erst schufen (hysterisierend wirkten). Hierher 
gehören auch die sogenannten Stigmata d.h. die •''ähigkeit, auf |)sycho- 
genem Wege an den Stellen der Wundmale (Ihristi am eigenen Körper 
Flecke, d. h. Hautblutungen, Ödeme [usw. zu erzeugen. Hierüber siehe 
später S. 129. 

Aus den absichtlich so verschieden gewählten Beispielen ergibt sich also, 
daß es mit dem Begriff der Ausschaltung allein nicht getan ist, wenn 
man die Fülle der unter dem Namen psychogen zusammengefaßten Störungen 
einordnen will; es kommt noch ein neues Moment hinzu, welches sich in der 
Produktion von meist körperlichen Symptomen äußert. Das Gemeinsame 
aller psychogenen Störungen ist, daß sie seelisch (gedanklich) erzeugt werden 
und doch der seelischen Beherrschung entzogen sind. Im Seelischen liegt 
also hier eine Zweiheit. Nicht die Persönlichkeit in ihrer klaren Bewußtheit 
hat die Symptome erzeugt, sondern eine gleichsam untergeordnete Instanz 
hat sie selbständig ins Leben gerufen. Daher verwendet man hiefür gern 
den Ausdruck des Automatism us'. Auf die Frage, wie denn ein solcher 
entstehe, haben sich manche Autoren die Antwort leicht gemacht. Sie be- 
haupten, daß es stets verborgene oder verdrängte Wünsche wären, die 
diese Automatismen schüfen. 

Damit ist etwa folgendes gemeint: Ein Soldat steht an der Front. Er ist ein un- 
erschrockener Mann, der die Gefahr nicht scheut. Aber er hat zu Haus eine Frau, 
deren Leidenschaftlichkeit er kennt. .\us ihren Briefen sprechen Klagen über den all- 
mählichen Niedergang des Geschäftes; es wäre schon ganz zusammengebrochen, wenn 
sich Freunde nicht seiner und ihrer angenommen hätten. Sorgen und Eifersucht erfüllen 
nun sein Gemüt und er\%ecken den Wunsch, zu Haus selbst nacii dem Rechten zu 
sehen. Dieser Wunsch, vom hellen Bewußtsein pflichtmäßig unterdrückt, hat eine 
eigene Macht; er emanzipiert sich gleichsam und wartet nur auf die Gelegenheit, sich 
zu realisieren. Ein naher Granaten-Einschlag gibt den Anlaß: ein heftiger Schrecken hat 
den im Unterstand halb Verschütteten für kurze Zeit der Sprache beraubt. Zwar findet 
er sich schnell wieder, rafft sich zusammen und versucht weiter Dienst zu tun, 
aber die Beine tragen ihn nicht mehr, ein heftiges Zittern befällt seine Glieder. Er 
kommt ins Feld-, dann ins Kriegs- und schließlich ins Heimatlazarett, aber das Ziltem 
weicht nicht von ihm: er beherrscht seine Glieder nicht mehr, der Wunscli hat 
sich durchgesetzt gegen die Persönlichkeit: er kann zu Hause bleiben. Zwar erklärt 
er bona fide, er wolle seine Pflicht tun, wolle meder ins Feld, wäre glücklich, das 
quälende Zittern los zu sein, aber sein subliminaler Wunsch hält das Zittern fp*t. 

Man kann es nicht bezweifeln, daß diese etwas populäre Theorie in 
manchen Fällen recht hat. Man hat es so oft erlebt, daß man solche 
Symptome durch Setzung noch heftigerer Leiden (schmerzende elektrische 
Ströme, Hunger„behandlung" usw.) beseitigte, oder daß sie von selbst ver- 
schwanden, wenn der betreffende Wunsch auf andere Weise erfüllt wurde 
(Heimatkommando), daß die Rückführung mancher psychogenen Symptome 
auf solche heimliche Wünsche wohl das Richtige trifft^. Bemüht man sich 



^ SchoTi oben bei den Ichstörungen war ja unter einem anderen Gesichtspunkt von 
diesen Autoinatismen die Rede. 

■' Derjenige Sprachgebrauch pflegt sich immer mehr durchzusetzen, der den Ter- 
minus „psychogen" jils den Oberbegriff setzt und ihm als „h y s t e r i s c li" jene 
Form unterordnet, die auf Wunsch komplexen aufgebaut ist. 



105 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEiV 

aber, diese Theorie etwas gründlicher zu fassen, so stößt man auf große 
Schwierigkeiten. Waren diese Wünsche einst als bewußte klare Akte des 
Begehrens vorhanden, und wurden sie wirklich von der Persönüchkeit so 
verdrängt, wie wir uns etwa einer peinlichen Erinnerung entledigen, in- 
dem wir unsere Intentionen gewaltsam auf neue Gegenstände richten? Ist 
es „richtig" oder, besser gesagt, theoretisch empfehlenswert, hier Persönlichkeit 
und einzelne /Vkte einander gegenüberzustellen, derart, daß erstere einen 
Akt verdrängt? Man kann es vorziehen, den Sachverhalt anders zu fassen: 
die Persönlichkeit bestehe aus den Akten und ihrer Ordnung; was verdrängt 
wird, sei nicht ein Akt, sondern die Materie eines Aktes. Aber wie kann 
dann diese Materie verdrängt so weiter wirken, daß sie den Einfluß der 
Persönlichkeit, d. h. des Systems der geordneten Akte, auf irgendwelche 
Körpermechanismen, z. B. das Zittern, ausschaltet? — Endlich kann man 
jene Schichtentheorie annehmen, nach der sich in den einzelnen Sphären 
des Bewußtseins^ verschiedene — qualitativ gleiche, aber verschieden 
dirigierte — Akte abspielen, die miteinander konkurrieren können. Die 
psychogenen Symptome würden dann z. B. von den Akten des zweiten 
Bewußtseinsystems geliefert und wären nur den objektivierenden Akten des 
ersten Systems, nicht aber den fundierten des Wollens zugänglich. Endlich 
aber könnte man versuchen, aus den mannigfachen Schwierigkeiten dieser 
Einordnungen dadurch herauszufinden, daß man so formuliert: es gibt nicht 
mehrere Systeme des Bewußtseins, sondern nur beachtete und nicht beach- 
tete Akte*; die psychogenen Symptome werden durch nicht beachtete Akte 
(\Vunschakte) geschaffen; sind sie einmal geschaffen, so werden die be- 
treffenden körperlichen Mechanismen automatisiert, selbständig und dadurch 
dem Einflüsse neuer, nun beachteter Akte entrückt. 

Wie immer man diese Versuche einer Einordnung gestalten möge, sie 
erscheinen mir alle als recht unbefriedigend. Und diese Unzufriedenheit 
wächst, wenn man darauf achtet, daß die Erfahrung auch solche psycho- 
gene Symptome liefert, bei denen bestimmt von einer Wunscherfüllung 
nicht die Rede ist. Zwar greift die Schule Sigmund Freuds (79) sogleich 
zu einer Hilfstheorie. Befriedige ein Symptom einen Wunsch nicht direkt, 
so geschähe dies doch vielleicht symbohsch. 

Wenn z. B. ein Hysteriker eine seltsame zum Schlag ausholende Gebärde wochen- 
lang fixiert beibehalte, so nütze ihm diese Haltung zwar nicht direkt, aber sie ver- 
trete die eigentliche Tat. Er habe zwar den Schlag gegen seinen Gegner nicht 
wirklich ausführen können, aber er ziehe doch jetzt aus der fixierten Haltung dauernd 
eine Menge der Lust. Eine Persönlichkeitssteigerung trete ein, indem er sich innerlich 
an dem Symbol der Tapferkeit seines Benehmens erfreue. (Flucht aus der Wirklichkeit, 
Befriedigung in der Phantasie.) 

Aber selbst wenn man dieser Hilfstheorie in solchen Fällen noch zu- 
stimmen wollte — ich selbst halte sie für recht künstlich und unbefrie- 
digend — , so gibt es weitere subliminale Mechanismen, bei denen der auch 
nur symbolisch erfüllte Wunsch nicht herangezogen werden kann. Schon 
oben wurde in anderem Zusammenhange von Handlungen berichtet, die 



^ Siehe z. B. Kohnstamm (i58). 

- Beachtung im Sinne der Apperzeption vx>n Wandt-Lipp> ^ Aufmerksamkeit. 



AUTO.H-VTISMEN 107 



automatisch im reinen Nachahmungstrieb vorgenommen werden. Die Per- 
zcption eines Gegenstandes „fordert" (Lipps) die Vomalime der zugehörigen 
Handkmg. So veranlaßt mich eine Hose „automatisdi", daran zu riechen. 
Hei JJetrachtung eines herabhängenden (ilockenseiles mulS ich mich vielleicht 
zusammennehmen, um nicht daran zu ziehen. Die Assoziationspsychologie 
half sich in solchen Fällen damit, zu sagen: das (ilockenseil ekphoriere 
eben die von früher her damit schon verknüpfte Hewegungs> orstelhmg. 
.\ber es geschieht tatsächlich mehr: nicht nur die Krinnerung an jene 
Bewegung taucht auf — in Wirklichkeit taucht sie bewußt oft gar nicht 
auf — , nicht nur ein „nicht setzender" Vkt ist auf jene Bewegungsvorstellung 
gerichtet, sondern ganz gegen meine Vbsicht ziehe ich vielleicht tatsächUcli 
an dem Strang, um im nächsten Augenblicke d;u-über heftig erschrocken 
zu sein ^ Die Beispiele genügen wohl, um daran zu erinnern: es gibt 
Automatismen — sie sind in der abnormen Psyche sehr verbreitet und 
wichtig — , die phänomenologisch eine Sonderstellung haben, mögen sie 
nun als Ergebnis nicht beachteter Akte aufgefafSt werden, oder mag man 
sie überhaupt aufierhalb des Bereiches der Akte stellen. 

Bisher war nur davon die Rede, daß die Durchführung, der Vollzug 
eines .\ktes abnorm sein könne, während seine Richtung nebst seinem 
Gegenstande nicht als abnorm zu bezeichnen sei. Jetzt ist der umgekehrte 
Fall zu betrachten. 

2. Richtung abnorm, Durchführung normal 

Schon bei der Besprechung der Denkslörungen ergab sich, daß auch 
mancher Inhalt als abnorm angesehen werden müsse, nicht an sich, son- 
dern hinsichtlich der Richtung des betreffenden Aktes (der determinieren- 
den Tendenz der Aufgabe.) Wenn sich z. B. in eine Erörterung des zweiten 
punischen Krieges plötzlich ein Exkurs über den rationellsten Anbau von 
Stiefmütterchen einschiebt, so ist diese Gedankenverbindung und in 
diesem Zusammenhange also der zweite Inhalt abnorm. Aber er ist es 
eicht in der Tendenz. Denn der Erzählende ist ja durchaus auf den zweiten 
punischen Krieg gerichtet und ist selbst sehr unwillig über jene quer- 
kommende und von ihm keineswegs intendierte Störung. Oben wurde noch 
ein anderes Beispiel gebracht, das dem soeben genannten aufs erste sehr 
ähnlich zu sein scheint: die Hingabe an eine Zwangsvorstellung. Wird 
nicht auch der Zwangskranke in seiner irgendwie gerichteten Intention nur 
durch die gerade querkommende Zwangsvorstellung gestört? Heißt denn 
die Vorstellung nicht gerade deshalb Zwangsvorstellung, weil sie sich dem 
Psychastheniker aufzwingt? 

Wenn jemand einen Brief geschrieben und in den Umschlag gesteckt 
hat, und er erledigt darauf einen zweiten, so taucht ihm leicht der Gedanke 
auf, er könne beide Umschläge verwechselt haben. Er wird sie vielleicht 



1 Hierher gehört ein Teil der sogenannten Zwangsimpulse: der plötzliche 
Blick in einen Abgrund erzeugt blitzschnell den Impuls, hinunterzuspringen. Ein 
blankes Messer, das ich liegen sehe, fordert mich sofort auf, jemanden damit zu 
stechen usw. Über das Für und Wider. Ja und Nein, das damit verknüpft ist, siehe 
im folgenden unter Zwangsvorstellungen. 



108 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABISORMEN 

nochmals öffnen, um sich zu überzeugen, ob jeder Empfänger auch wirk- 
lich den für ihn bestimmten Brief erhält. Und wenn er mit Aufmerksam- 
keit die Angelegenheit geprüft und vielleicht neue Umschläge geschrieben 
hat, so ist für ihn die Sache erledigt, und die Briefe kommen in den 
Briefkasten. Ein leichter Ärger über die doppelte Mühe und die verschwen- 
deten Umschläge stärken vielleicht den Vorsatz, das nächste Mal besser 
aufzupassen. Für den Psychastheniker ist jedoch die Angelegenheit nun 
erst recht verfahren. Er ist der sicheren Überzeugung, gerade erst bei der Prü- 
fung die Briefe verwechselt zu haben. Eine große Unsicherheit befällt ihn: 
er kann sich zwischen der Vorstellung: „Umschläge vertauscht" und „Um- 
schläge nicht vertauscht" nicht entscheiden. Die Sachlage bleibt dahin- 
gestellt, ein ewiges Erwägen und Überlegen setzt ein, das nie zu einem 
Ergebnis kommt, da gar keine Momente mehr vorhanden sind, an die sich 
der Urttiilsakt gleichsam anklammern könnte. Die Qualität des Aktes ist 
alleriert. Unaufhörhch intendiert der Zweifelnde eine Entscheidung, aber 
diese erwägende und fragende Intention findet niemals ihre Vollendung, 
es bleibt ein ewiges Erwägungserlebnis ohne Erfüllung (Husserl 128 II, S. 448). 

Die Ijihalte solcher Zwangserlebnisse sind sehr vielgestaltig. Es gibt wahrhafte Grübel- 
süchlige (les scrupuleux), die niemals die Addition einer Zahlenreihe beenden können, 
weil sie meinen, sie hätten sich doch verrechnet. Andere sehen hundertmal nach, 
ob sie wirklich die Lampe ausgelöscht haben, ob sicher niemand unter dem Bett 
steckt, ob der Schlüssel im Schloß tatsächlich umgedreht ist. Sie könnten ihn ja unab- 
sichtlich im letzten Moment der Berührung wieder zurückgedreht haben. Jemand liest 
von einer Feuersbrunst in der Stadt: kann er nicht die Ursache gewesen sein, ging 
e r nicht gestern dort vorbei, hatte e r nicht eine brennende Zigarre, ist nicht ein Funke 
4avon \ielleicht in den Keller gefallen usw. Zuweilen erstreckt sich diese Zweifelsucht 
auf ganz allgemeine abstrakte Fragen: hat die katholische oder die evangelische Lehre 
größere Vorzüge? Bei dieser ist dies, bei jener jenes höher zu werten. Wenn ich 
nun dies betrachte, so meine ich, der Katholizismus verdiene den Preis, wenn ich 
aber jenes usw. 

Die Unsinnigkeit mancher Gegenstände ist den Zwangskranken oft voll- 
kommen bewußt. Mit den Zwangsgedanken werden vielfach auch die so- 
genannten Phobien abgehandelt Es handelt sich dabei um den Tat- 
bestand, daß jemand vor einer gleichgültigen Sache die schrecklichste 
unbezwinghche Angst hat, etwa vor jeder Kuh, vor jedem Gewitter, vor 
jeder Termin Setzung, vor jeder Überschreitung eines freien Platzes (Agora- 
phobie, Platzangst) usw. Mit dem soeben geschilderten Phänomen der Aweifel- 
sucht haben manche dieser Phobien auch die „ewige Erwägung" gemein. 
Die Kranken haben die klare Einsicht, daß dies alles Unsinn sei, und daß 
sie von diesem Unsinn frei kommen möchten und doch nicht könnten. 
Aber es gibt manche Symptome, die reichhaltiger sind, deren Beschreibung 
sich nicht in dem ewigen Erwägungserlebnis erschöpft. 

Manche seltsamen Erlebnisse stehen mit den Zwangsvorstellungen (im engeren Sinne) 
nur noch in losem Zusammenhang. Z. B. wenn ein Herr, der in eifrigem Gespräche 
mit einem Freunde eine Straße e-'ulang geht, plötzlich einen großen Seitensprung macht: 
,,zwangs"mäßig war plötzlich die Vorstellung aufgetaucht, eine von hinten heran- 
gekommene Straßenbahn drohe beide zu überfahren — , obwohl auf der Straße gar 
keine Trambahnschionen, noch sonst ein Fuhrwerk zu sehen war. Oder wenn jemand 
einen Spaziergang macht und sich urplötzlich tief bückt, unter dem Zwange, es sei 
ein Seil über den Weg gespannt — , obwohl nicht der geringste Anlaß zu einer 
solchen Annahme vorlag. 



ZWANGSVOKGaNGE 1()9 



Die Schule S. Freuds^ hat sich um die Aufklärung der ZwTjngssyinptome 
viele Verdioiistp »»rworben. Freilirli beantwortet seine Psychoanalyse nur die 
Frage nach dem NVeg: wie kam diese Person gerade zu diesem Zwangs- 
symptom; sie steht {vfie auch die übrige Forschung) noch jener Frage ratlos 
gegenüber: warum wurde dieser Weg beschritten, warum kam diese 
Person überhaupt zu einem Zwangssymptom. Das ganze Problem der 
Zwangsphänomene verdient an dieser Stelle fehlt es leider am Raum eine 
ganz neue Darstellung vom Gesichtspunkt der Vktpsychologie aus. Das 
Beste, was bisher über das Problem beigebracht wurde, stammt von 
M. Friedmann (80 und 81a-). Dieser P^orscher betont selbst den Zusammen- 
hang der Zwangsideen mit den sogenannten überwertigen Ideen, wobei 
er diesen Begriff etwas eng faßt. Diese Ideen erlangen im Rahmen des 
psychischen Gesamtzusammenhangs eine übermäßige Bedeutung. Auch sie 
drängen sich auf, auch ihrer vermag man sich nicht zu entledigen, man 
unterliegt ihnen. Aber man erkennt sie immerhin als seine eigenen Ideen 
an, es ist keinerlei Ichstörung mit ihnen verbunden. 

Ein Psychastheniker leidet aus irgend welchen Ursachen an Rücken- 
schmerzen. Er glaubt zu wissen, daß sich in der Gegend dieser Schmerzen 
die Nieren befinden, und so setzt sich in ihm die Überzeugung fest, er 
leide an einer Nierenerkrankung. Er sucht den Arzt auf und wird von 
diesem belehrt, daß sein Urin von allen chemischen und Formbestandteileii, 
die eine Nierenentzündung kennzeichneten, vollkommen frei sei, er sei sicher 
nierengesund. Der Psychastheniker beruhigt sich hierbei aber keineswegs: 
der Arzt könne sich doch getäuscht haben, zufällig könne an diesem Tage 
kein Befund vorhanden gewesen sein. Und so geht der Ängstliche zum 
nächsten Arzt und beruhigt sich auch bei dessen ablehnendem Bescheid nicht. 
Er ist keineswegs glücklich, an dieser ernsten Krankheit nicht zu leiden, 
sondern er wandert von Spezialarzt zu Spezialarzt, trägt seinen Urin in immer 
neue Apotheken und so fort. Nur diese eine überwertig gewordene Idee 
beherrscht ihn: du bist nierenkrank. Aber er findet sich mit diesem an- 
geblichen Tatbestande nicht etwa schließlich so ab, wie sich jemand mit 
der Eröffnung des Arztes abfindet: er habe eine Lungentuberkulose. Er 
richtet sein Leben nicht etwa so ein, daß er die ihm nun noch angeblich 
verbleibenden Lebensjahre möglichst verständig ausfüllt, sondern er lebt 
dieser hypochondrischen Idee selbst. Alle anderen geistigen Inhalte treten 
zurück, alle seine übrigen Interessen erlöschen, selbst seine soziale Einstellung 
(Beruf, Familie) leidet Not. Er kann diesen einen Inhalt nicht abschließen, 
nicht erledigen; in ewiger Unruhe und Spannung treibt er sich umher. Es 
fehlt das Erfüllungserlebnis auf die Frage: „bist du nierenkrank" genau so 
wie auf die Gegenfrage: „bist du es nicht". Man hat von immobilen Ideen 



1 79 und die drei Zeitschriften der psychoanalytischen Forschung: a) Image 
(Kulturwiüsenschaften), b) Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, c) Zentral- 
l>latt für Psychoanalyse (früher). Auch Janets Gedanken zum Zwangsproblem sind 
wichtig (187, 1873 und iSa). 

- Siehe auch das neue Sammelreferat vx>n W. Stöcker (007). Friedmann vermag 
freilich das Problem nicht recht befriedigend der gesamten Psychologie einzuordnen 
Seine Begriffe fügen sich nicht harmonisch in die sonstige Begriffswelt der Normal - 
:OSYchologie ein. 



HO G RUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

und von einem gestauten Denkablauf gesprochen. Wie immer man sich 
den Sachverhalt auch zurecht legen möge: in der Intention des .\ktes selbst 
liegt das Abnorme. 

Man bedient sich des Ausdrucks überwertige Idee noch mit erweitertem 
Umfang. Bei dem soeben erörterten Beispiel des Hypochonders waren zwei 
Umstände wesentlich: das Nicht-abschließen-Können eines Zwiespaltes und 
das völlige Ausgefülltsein mit diesem Erlebnis. Aber man bedient sich jenes 
Terminus auch dann, wenn nur das letztere Moment vorliegt, wenn jemand 
von einer Idee zwar nicht loskommt, aber von ihr auch gar nicht loszu- 
kommen wünscht. Man bezeichnet mit überwertiger Idee auch die einfache 
Tatsache einer ungemeinen Einseitigkeit, Verranntheit auf einen Gesichts- 
punkt. So gibt es Menschen, die sich etwa der Theorie des Yegetarianismus 
ergeben und vielleicht noch auf jene Behauptung schwören, die Gesundheit 
verlange ein minutenlanges Kauen jeden Bissens. Sie treiben eine übermäßige 
Propaganda für diese Ideen, vernachlässigen alle Berufsinteressen und alle 
bisherigen Beschäftigungen, halten die augenblickliche enge Einstellung für 
die einzig wichtige und versuchen aus diesem kümmerlichen Gesichtspunkt 
schließlich eine „Weltanschauung" zu machen. Trifft man diese Persönlich- 
keiten nach einigen Jahren wieder, so ist von Vegetariertum oder von berufs- 
mäßigem Kauen keine Rede mehr: jetzt ist es vielleicht der Kommunismus, 
oder das Siedeln, was sie völlig beherrscht. In ganz gleicher Weise stürzen 
sie sich jetzt in diesen, aber nur in diesen Gedankenkreis, alles andere 
ist völlig versunken. 

Wenngleich es vielleicht aufs erste scheint, daß das Beispiel des Hypo- 
chonders mit dem des kommunistischen Vegetariers nicht viel zu tun habe, 
so ist es dennoch ein psychologisches Moment, welches beiden verschiedenen 
Phänomenen mit gewissem Recht den gleichen Namen der überwertigen 
Idee verleiht; das Nicht-fertig-werden-Können, das Ganz-erfüUt-Sein im Sinne 
der Denkstauung. Im zweiten Falle ist es sicher nicht die Bewußtseinslage 
des Zweifeins, Schwankens, Erwägens, welche dauert, aber doch das Sich- 
ewig-im-Kreise-Drehen um diesen einen Punkt, dessen spezielle Inhaltlichkeit 
an sich ganz gleichgültig ist. Auch hier ist es also eine Aktqualität, welche 
Schaden gelitten hat^. 

Völlig andersartig ist eine andere Abnormität des Seelenlebens, bei der 
ebenfalls die Richtung der Akte beeinträchtigt ist. Wenn jemand in einer 
Gartenanlage auf einer Bank sitzt und das Treiben der Vorübergehenden 
beobachtet, so werden mancherlei wechselnde Gegenstände seine Aufmerk- 
samkeit erregen. Sein Bewußtsein wird bald von einem Buben erfüllt sein, 
der einen Reifen treibt, bald wird es sich einem Mädchen zuwenden, das 
einen Kinderwagen schiebt usw. Er wird an diesen Gegenständen mancherlei 
„meinen". Bald interessiert ihn an dem Kindermädchen eine freundliche 
Tracht, bald an dem Buben ein besonderer Ausdruck usw. Er beurteilt 
vielleicht die Tracht als schön, den Ausdruck als häßlich usw. Allerlei andere 



^ Es ist ja wohl auch kein Zufall, daß die Erfalirung das häufige Zusammen- 
treffen beider Phänomene in einer Person ergibt: derjenige, der immer nur in irgend- 
eine Einseitigkeit verbohrt ist, leidet besonders oft an Phobien oder anderen Zwangs- 
vorstellungen. Allerdings gilt dies nicht umgekehrt. 



IBEIUVKKTIGE IDEE. WAHN m 

Gedankongänpc werden sich anschließen, vielleicht eine leichte freudebetonte 
Erwüpung, welch schöne Anlagen die Sladl hier lür Spaziergänger geschaffen 
habe, wie gesund diese Einriihlung für die Bevölkerung sei usw. kein 
normaler Mensch aber wird auf d<'n (ledanken kommen, dali hinter diesen 
harmlosen Spaziergängern noch etwas „stecke", daß sich hinter diesen 
Dingen noch etwas verberge, dali ein verborgener Sinn in dem kindlichen 
Spiel läge, aber ein Sinn eigener Art. Der I'aranoiker nimmt alle diese 
Objekte von seiner Bank aus genau so wahr wie der Normale. Aber er 
bemerkt mehr. Für ihn kommt noch etwas hinzu, nämlich die primäre 
Bewulilheil, dali jene Wirklichkeit Schein sei, und daß erst die Bedeutung 
der Gegenstände das Wichtige darstelle. Einem anderen mag das Kinder- 
mädchen und der Bube gleichgültig vorkommen, e r weiß, daß dies alles 
nur eine Art Theater ist, eine Aufführung, seinetwegen veranstidtet. Vielleicht 
brauchen die handelnden Personen dieser Aufführung nicht in jedem 
einzelnen Zug irgendwelche Umstände zu verraten, die direkt für ihn wichtig 
sind '. Vielleicht „bedeuten" sie etwas Allgemeines, z. B.„Ruhe vor dem Sturm", 
aber dann spielen sie sich immerhin seinetwegen und vor ihm ab, damit 
er von dem Kommenden (vielleicht dem Weltuntergangserlebnis) rechtzeitig 
Kenntnis erhalte. Meist aber sind die „Anspielungen" der Aufienwelt auf ihn 
äußerst direkt. Der Gesichtsausdruck des Buben besagte deutlich: „Du bist 
längst erkannt, tu nur nicht so", die Tracht des Mädchens in ihren bunten 
Farben sollte ihn reizen; mit und in diesen Farben wollte sie sich über 
ihn lustig machen. Zwar gebe er zu, es waren Farben wie sonst auch, es 
war eine Anlageszene, wie sie häufig zu beobachten sei, zwar vermag er 
keine einzelnen absonderlichen Umstände anzuführen, die ihn auf jene 
Gedanken gebracht hätten, aber er kann eben mehr als andere, er „weiß 
schon Bescheid", er läßt sich kein X für ein U machen. 

Ein solches primär paranoisches Erlebnis ist für den normalen Menschen 
vollkommen uneinfühlbar. Man darf mit ihm nicht Einstellungen originär 
argwöhnischer Menschen verwechseln, die auch schnell hinter allem etwas 
„wittern". Ein solch konstitutionell Mißtrauischer ^ der die Generalidee hat, 
er würde immer umgangen, benachteiligt, schlecht behandelt usw., kann 
zwar auch leicht auf den Gedanken kommen, man schiebe ihm immer 
gerade jene .\ktenstücke zur Bearbeitung zu, die die schwierigsten Fälle ent- 
hielten; er kann sich zwar auch einbilden, daß der Gruß seines Vorgesetzten 
gerade ihm gegenüber besonders leger, beinahe mißachtend sei, aber er wird 
niemals den Gedanken fassen, daß das Fällen eines Baumes im Nachbar- 
garten bedeuten solle, „auch deine Stunde hat geschlagen". Man stelle sich 
zwei Fälle gegenüber, so wird man schneller als in langen Erörterungen 
erfassen, auf welchen Unterschied es ankommt; die angeboren Mißtrauische, 
die einen neuen Hut auf hat und glaubt, alle Leute sähen sie an — und 
der schizophrene Paranoiker, der schildert: „Und dann standen in dem 
Cafe drei Marmortische" (ja, und ?), „und da wußte ich gleich, daß das 
Reich des Antichrists angebrochen sei." Man kann sich auch bei gebildeten 



1 Die Menschen erscheinen vsie Marionetten, die auf Befehl irgendeiner geheimen 
Macht alles ausführen müssen. 

2 Vgl. dazu Kretschmer (i63) und die dort angeführte Literatur. 



JJ2 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORM£i\ 

Paranoikern stundenlang, ja in monatelang fortgesetzten Unterredungen ver- 
geblich bemühen, herauszubekommen, was es denn speziell an den äußeren 
Erlebnissen sei, was das Bedeutungserlebnis begründe. Man hört, es waren 
Marmortische wie in jedem Cafe, der Wahnkranke findet auch in der 
Dreizahl selbst nichts Abnormes, sie bildeten auch im Grundriß nicht etwa 
eine besondere Figur - alle derartigen Fragen werden verneint — , und 
dennoch: der Kranke weiß, daß und so weiter. Er vermag nicht anzu- 
geben, wodurch, aber er ist seiner Sache unerschütterlich sicher (wahnhafte 
Bewußtheit verschiedenster Bezogenheiten) ^. Er kann dabei irgendwelche 
anschaulichen Gegenstände oder ihre Beziehungen „konstatieren" (z. B. daß 
jemand hinter ihm steht, den er weder sieht noch hört, noch sonst emp- 
findet) oder unanschaulicher (gedanklicher) Bewußtheiten inne sein (z. B. 
Deutschlands Kultur werde mit denselben Symptomen zugrunde gehen 
wie die römische Kultur). Hierher gehören jene Wahninhalte, die in der 
religionspsychologischen Literatur unter dem wenig glücklichen Namen der 
„intellektuellen Visionen" gehen (Österreich 227). Untersucht man nun 
solche VVahnerlebnisse, so muß man vorsichtig analysierend verfahren. 
Es ist nämlich relativ selten, daß eine solche Wahnbewußtheit ganz allein 
vorkommt. Meist wird sie durchkreuzt von allen möglichen anderen ab- 
normen Bestandteilen des Seelenlebens, z. B. von Sinnestäuschungen, patho- 
logischen Affekten u. dgl.-. Und beide eben genannten Komplikationen können 
ebenfalls wahnbildend wirken. Es ist früher in der psychiatrischen 
Literatur viel darüber gestritten worden, ob die Wahnideen den Affekt 
oder der Affekt die Wahnideen erzeugen. Beides und noch dazu mancherlei 
anderes ist richtig. Manche primär (d. h. aus psychologisch völlig unbe- 
kannten Motiven) entstandenen Wahnideen führen einen starken Affekt, 
z. B. Angst, herbei, andere nicht Manche intensiven Affekte erzeugen Wahn- 
ideen (z. B. die, verfolgt zu werden), andere nicht Hier ist jeder Fall anders. 
Es ist deshalb von vornherein wenig befriedigend, wenn sich manche 
Forscher bemühen, e i n Moment als sogenannte Ursache der Wahnbildung 
aufzuzeigen. So hört man etwa, der Affekt solle eine „Vorstellung*' derart 
an „Kraft" verstärken können, daß ein falsches, nämlich ein wahnhaftes 
Realitätsurteil entstehe. Aber es gibt eben stärkste .Affekte ohne Wahn- 
ideen und deutliche Wahnideen ohne Affekte. Daran können alle Theorien 
nichts ändern ". Ich begreife z. B. schwer, >vie sich ein so unterrichteter 
Forscher wie Pick mit der Meinung zufrieden geben kann, der Affekt 
schaffe die Ichbeziehung, d. h. den Beziehungswahn (244). Zum mindesten 
taucht doch sofort die weitere, die Hauptfrage auf: welcher Affekt und 
unter welchen Umständen ? Und wenn Berze (22) eigene frühere Arbeiten 
zusammenfaßt in der Behauptung, die Ursache des Beziehungswahnes liege 
in einer Störung des W^ahrnehmungserlebnisses, so knüpft doch 
der Nachdenkende sofort die weitere Frage an: in welcher Störung des 
Wahrnehmungserlebnisses denn? Und warum denn gerade des Wahr- 



1 Vgl. die kleine Studie von Jaspers (i4i), besonders die dort angeführten Proben 
aus Strindbergs Inferno, — und Dromard (5o a). 

2 Siehe z. B. Schreber (284) und Serko (294). 

•'' Daran ändert auch die Hilfstheorie der ..verdrängten" Affekte nichts. 



WAHN n3 

n ehnni ugsericbiiisses, da es doch viele [)riniärc VValinideen <,äbt, die mit 
dem \N aliniehnninjjsakt ül)erh;uij)l gar nichts zu tun haben! Ganz wirk- 
lichki'ilslrcnid sind die Theorien von Juhus Schultz (286), sie passen 
\ielleicht zur Not auf eine kleine Klasse von Wahnideen, keinesfalls aber 
auf <lie Mehrzahl. Diejenigen ^ ersuche einer Paranoiatheorie, die mir bish«»r 
bekannt wurden, unterscheiden meines Erachtens niemals sorgsam genug 
folgende drei Momente: 

1. Die Frage nach der Ursache der Wahnbildung; 

2. die Frage nach etwaigen verständlichen Zusammenhängen einer 
Wahnbildung; 

3. die Frage nach dem Wesen der Wahnbildung selbst. 

Die [ersten beiden Gesichtspunkte sollen hier unerörtert bleiben. Was 
aber den dritten anlangt, so besteht für mich kein Zweifel, daß der pri- 
märe Wahnvorgang eben etwas Primäres, d. h. nicht Ableitbares ist^. Wenn 
ich bei der Betrachtung der roten Mütze eines Bahnhof Vorstehers plötzUch 
die unerschütterhche Gewißheit habe, daß diese sonst tausendfach erlebte 
Mütze plötzUch etwas für mich bedeutet, so hat sich nicht an der Wahr- 
nehmung der Mütze selbst irgend etwas geändert, sondern in der Mütze ist 
gleichzeitig etwas anderes mit „gemeint", die Qualität des /\ktes ist alte- 
riert, andersartig geworden. Was die Ursache dieser .\ktqualitätsveränderung 
ist, ist wiederum eine Frage für sich. Zukünftige Forschungen werden diese 
spezielle paranoische /Vktform noch besser herausarbeiten müssen. 

Die sekundären Wahnideen sind demgegenüber abgeleitet, erschlossen-. 
Sie sind Erzeugnisse irgendwelcher Überlegungen, z. B. wenn ein lebhaft 
akustisch halluzinierender Kranker aus den gehörten Stimmen schheßt, es 
sei eine Verschwörung da, ihn unschädlich zu machen. Oder sie sind 
gleichsam plastische Gestaltungen maßloser Affekte, z. B. wenn eine agitierte 
Melancholika jammernd ausruft, ihre Kinder würden im Nachbarzimmer 
geschlachtet. Natürlich gibt es noch mancherlei andere Wahnmechanismen. 
Sieht man aber von diesen — phänomenologisch minder interessanten — 
sekundären Wahnideen ab, und versucht man, die primären zu ordnen, 
so kann dies auf verschiedene Weise geschehen. Tausendfältige Erfahrung 
ergibt sehr mannigfaltige Bilder. Es hat weniger Sinn, zu unterscheiden, ob 
jemand mit elektrischen Maschinen oder durch Vergiftungsversuche verfolgt 
wird, — auch hier hat freilich die Freudsche Psychoanalyse viele Verdienste, 
indem sie untersuchte, wie der einzelne gerade zu seinen und nicht zu an- 
deren Wahnideen kommt, — sondern abgesehen von dieser persönUchen Fär- 
bung der Symptome (assoziativen Geformtheit) kann man folgende Arten 
unterscheiden : 

Es gibt primäre Wahninhalte, die im ersten Entstehen egozen- 
trisch sind. „Ich sah jene Dame sich mir nähern und wußte sofort, 
daß es mir ans Leben geht". Andere Wahnkranke erleben primär 
unegozentrische Bezogenheiten : eine Ansammlung vieler Kinder an einer 



^ Vgl. auch Heveroch (ii6). 

2 Besonders Bleuler (28) hat diesen Teil der Psychopathologie bereichert. 

Kafka, Vergleichende Psychologie lil. 



,14 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEiN 

Straßenecke bedeutet einen modernen Kreuzzug. — Es lassen sich die 
Wahninhalte ferner danach unterscheiden, ob sie irgendwelche anschau- 
lichen Momente miteinander verknüpfen oder unanschauliche Be- 
ziehungen behaupten. Für den ersten Fall diene als Beispiel, wenn jemand 
annimmt: kleine Strohreste auf der Straße bewiesen die Anwesenheit von 
zwei Detektivs; für den letzteren Fall, wenn eine Zeitungsüberschrift: 
„Aufgeregte Szenen in der französischen Kammer", den Anfang des Welt- 
untero-angs andeuten soll. — Ferner lassen sich die primären Wahnideen 
danach sondern, ob sie von vornherein ganz klar und äußerst speziell 
geformt sind, oder ob sie nur ungewisse Andeutungen geben. Im letzteren 
Falle hat der Kranke oft nur den unmittelbaren bestimmten Eindruck, daß 
„etwas" los sei, ohne doch angeben zu können, was er denn eigentlich 
Bedeutungsmäßiges erfahren habe. — Wenn ich ferner erwähne, daß die 
primären Wahnerlebnisse — wenigstens die im Beginn der Psychose er- 
lebten — meist stark gefühlsbetont sind, während sie in seltenen Fällen 
von den Kranken nur gleichmütig registriert werden, habe ich ein 
weiteres unterscheidendes Merkmal erwähnt. Aber man könnte aus 
dem Material heraus noch manchen anderen Gesichtspunkt der Einteilung 
wählen. Das Gemeinsame an allen noch so verschiedenartigen primären 
Wahninhalten ist, daß diese festen Überzeugungen aus dem Nichts heraus 
geboren oder an gleichgültige äußere Umstände geknüpft werden, die für 
den Normalen nicht das mindeste Bedeutungsmäßige enthalten. Ich lasse 
hier eine Schilderung eines solchen Wahnerlebnisses folgen. Es pflegt oft 
den völlig Gesunden unvermittelt mit allen Schrecknissen eines ungeheuer- 
lichen Ereignisses zu überfallen. A or dem großen Kriege nannten es manche 
Kranke ^ das Weltkriegserlebnis , um das unsagbar Schreckliche anzu- 
deuten, oder man hört die Ausdrücke des Weltuntergangs- oder Karfreitags- 
erlebnisses. 

Es war in der Natur so trübe und so dunkel. Djle Freundin iiatte so trübe 
dunkle Augen. Sie habe zu ihr gesagt: Du siehst so ganz anders aus. Sie half ihr 
Kuchen backen. Als der Kuchen in den Ofen kam, sei ihr der Gedanke gekomme«, 
da wird eine arme Seele in den Backofen gesclioben. Sie konnte nichts essen, es war 
ihr alles so zuwider. — Als morgens die Sonne aufging, war es Karfreitag. Da 
war alles so anders. Die Sonne war so groß und so merkwürdig. Im Garten standen 
drei Pfähle, die kamen mir vor wie drei Kreuze, über dem mittleren Pfahl hing 
ein Tuch. Da meinte sie, es sei der gekreuzigte Heiland. Sie sagte zu den anderen: 
Was ist denn das, wir sind auf dem Kalvarienberg. Es sei ihr alles wie umgewandelt 
vorgekommen. Sie habe gedacht, es sei eine neue Welt. Es fing an zu schneien. 
Es war eine unheimliche Umwandlung. Alles lief so schnell, es war gerade wie 
elektrisiert. Sie war wie in einem Kino. Die Leute auf der Straße liefen so eigen- 
tümlich, so hastig. Als sie zum Fenster hinaussah, da habe sie geglaubt, im Acker 
werden Schützengräben gebaut. In der Natur war alles so benebelt. Sie hörte, wie 
im Gang ein Kreuz geschleppt wurde. Da habe sie gedacht: Der Mensch denkt und 
Gotl lenkt, nun sei sie die erste, die gekreuzigt werde. (Fräulein Meister. Psychiatr. 
Klinik, Heidelberg, 26. Juni 1919.) 

,,Dann stellte es sich am aS. April ein, da fiel plötzlich ein Maikäfer vor mich 
lun auf den Rücken und zappelte. Ich lachte, bekam sofort Muskelschmerzen, hatte 
damit zu tun bis Oktober. Es war damals, als die Vögel so aus den Kästchen plötzlich 
während der Brutzeit flogen, und an den Bäumen hörte ich merkwürdige Sachen, N\ie 



1 Es handelt sich inruner um Schizophrenien. 



WAHN n5 

l-uiso. Lu/io" usw. ( Aupusto I'arasol, Brief vom iM. März 1920, Psychialr. Kliiiik, 
llri.lfllK>rg.) 

rS'achts gegen '.i Ihr waclil«' .'>ir an cineni ganz iiicikxMirdigen ITi^iten aiil'. Es sei 
kein menschliches luul kein Vogelnfoifen gewesen. Ks sei ganz nah am Hans gewesen 
lind doch wieder ganz in der Feme. Da Imlx' der Hahn gekräht, und sie habe 
gedacht, ob e.s denn Passionsreil sei und der Heiland komme. Sie belete und meint«, 
es sei vielleicht die Verkündigung eines <ler siel>en Siegel aus der Of IVnharung. Sie 
dachte, es sei vielleicht die Trübsal ausgt^isson worden, als es so pfiff. Es zog auch 
eine schwarze Wolke so ganz schnell am Schlafzimmer vorbei. Da dachte sie, es 
.sei der böse Geist, .außerdem habc*i dreimal drei helle Lichtstrahlen den Himrnirl 
gespalten. (Luise Biserla, Psvchiatr. Klinik. Heidellurg. •>.') April i<)iy.) 

In solchen primären Wahnerlebnissen sind die Kranken meist auch 
äulierlich auffällig, ängstlich oder ekstatisch erregt. Demgegenüber folgen 
hier die Beobachtungen eines ruhigen Mannes, eines Zugführers, der ein 
Eisenbahimnglück verschuldete : 

Offenbar wolle man ihn nicht mehr einstellen, weil er zu viel Mijjslände in der 
Verwaltung der Ixidischen Eisenbahnen aufgedeckt habe. Er sei den Lr'uten zu ge- 
iähriich. Man wolle ihn kaltstolhn. Er schließe das alles aus ^e^schiedenen Beobachtungen: 
In seinem jetzigen Amt, wo er also seit dem i^. August 191 3 beschäftigt werde, 
falle ihm alles mögliche auf. Ganz offenbar wolle man ihn verwirren. Man 
übertrage ihm Schoinarbeiten, wenigstens der größte Teil seiner Arbeiten bestehe in 
solchen Scheinarbeiten. Z. B. seien manche Schriftstücke, die er zu erledigen habe, 
Sonntags ausgefertigt. Das habe sich herausgestellt, als er die Daten der Abfertigung 
nachgeprüft habe. Es fände sich femer häufig in den Instruktionen der Stempel 
,,EIisenbahnschule Karlsruhe". Dieser Stempel ,,Eisenbahnschnle" sei ganz offenbar 
eine Anspielung darauf, daß er jetzt quasi in eine Eisenbahnschule gehe. In den 
Paragraphen sind nianche Worte oder Sätze sei/ietwegen verdreht. ,,Wcnn mir's 
zu dumm geworden ist, habe ich gar nicht drin gelesen. Ich hab' gemerkt, daß 
es nicht gut tut. Alles ist ja nicht dumm, aber immer wieder kommt so Lumpen- 
kram dazwischen, was einem nicht gut tut, zu lesen." Die Nachricht^nblälter von der 
Generaldirektion würden doppelt geführt, ein Exemplar für ihn, eins für die andern. 
Das schließe er a us einer eigenartigen, doppelten Numerierung der Blätter und Ab- 
schnitte, die früher nicht vorhanden war. Auch waren die Nachrichtenblättcr immer 
so auffällig dick. Man wollte ihn offenbar ,, schulen", indem man ihm Artikel über 
das Eisenbahnunglück hinschob. Es war alles wie Scheinmanüver; nein, doch nicht alles, 
sondern nur teilweise. Z. B. mußte er etwas über die Feuerversicherung «sines 
Wasserturmes ausfertigen! Das sei doch der reinste Hohn. Auch kam auffällig 
oft das Wort Umformerraum vor, das sollte liesagen: sein Raum, insofern man ihn 
umformen will in der Eisenbahnschule. In den Schriftstücken fanden sich zahlreiche 
orthographische Fehler, und er erkundigte sich nun zum Schein jedesmal bei einem 
anderen Beamten, was richtig wäre. Z. B. wurde geschrieben Sääle und lehr (anstatt 
leer). Dahinter habe etwas gesteckt. Doch er nahm sich, sobald er sich einigermaßen 
kräftig fühlte, vor: ,,Ich mach' mit." Bei Dezimalstellen der Summen, die er zu 
addieren hatte, wurde plötzlich nur eine Dezimalstelle geschrieben, und nicht, wie 
es bei Mark und Pfennigen üblich sei, zwei. Dann wurde die Sache immer toller; 
bis Weilmachten nahm es zu, dann , .rüsteten sie ab", sie trugen in der letzten Zeit 
sogar schon die Akten fort. ,,.\m i. Dezember igiS haben, sie schon gedacht, ich 
streck' die Waffen, aber ich hab' ausgehalten" (mit Stolz und Selbstbewußtsein!). Man 
ließ ihn ausgangs NovemI>er eine Sach selbständig schaffen, um ihn auf die Probe 
zu stellen. Der Bau eines Hauses im Industriehafen war auch Schwindel. Man trieb 
mit Hochbau und Tiefbau ein ewiges Spiel. Man hatte extra Drucksachen ,, Straf- 
antrag gegen Werkstättenarbeiter", obwohl das doch so selten vorkomme, daß man dafür 
nicht be.sondere Impressen brauche. ,,Das glaub' ich ganz bestimmt, daß d a s gegen 
mich gemünzt war." Nämlich deshalb, weil e r einen solchen Strafantrag gestellt 
habe. Wenn er weg war, durchsuchte man immer seine Papiere, ja, man rief ihn 
zu diesem Zwecke auch extra ans Telephon. Man hat ilin beobachtet, ist hundertmal 
ganz sinnlos ins Zimmer hereingelaufen usw. ,,IcIj hab' ganz genau gewußt, was ich 

8* 



11g GR UHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

privatim anderen sag', wird weiter getragen." So hab' er einmal einem Kollegen 
er/älilt, ob er wohl die Schriften von Grassmanfi gelesen liabe, und in der Tat, nach 
welligen Tagen fand sich dann auch unter den abzuschreibenden Schriftstücken ein 
solches, wo Grassmaiinstraße drin vorkam. Was er gesprochen habe (er sprach ulle>j 
mit Bedacht und mit Absicht), kam auf diese Weise wieder, anfangs schleppend, 
später: „Schwupp, den andern Tag war's da." Man ist seinetwegen, wenn er ins 
Zimmer trat, „scheinweis" erschrocken, man hat seinetwegen Unterhaltungen gef üliri . 
Man fragte soviel nach Leuten, die akkurat nicht da waren. Z. B. fragte ein Beamter 
im Bureau eines Tages, ob der Tüncher dagewesen sei und das Rattengift gelegt habi'. 
Natürlich wollte man ihn damit nur irre machen, denn was gehe ihn denn Ratten- 
gift an? Diese Mannheimer Stelle sei extra für ilin geschaffen. (Lachend): „Man 
soll ja grad meinen, man war' dort in der Irrenklinik." Alles, das Arbeiten, diö 
Schrifti'tücke, das Vorlesen solle ihn dort krank machen. Zweifellos würden seine 
Arbeiten hinterher wieder vernichtet, weil es eben nur Scheinarbeiten seien. Das 
scidießc er ja schon daraus, daß einmal der Abort verstopft gewesen sei. Und womit 
solle er denn anders verstopft sein als mit seinen Arbeiten!? (Leonhard Bader, 
22. Juli igi^i, Psychiatr. Klinik, Heidelberg.) 

Interessanlerweise glauben manche Ivranken, daß sie nicht nur selbst die 
Anspielungen der andern merken, sondern daß auch ihre eigenen absicht- 
lichen Winke von den andern sehr wohl aufgefaßt werden. So ergibt sich 
dann eine seltsame, nur dem Psychotischen verständliche, vom anderen 
meist gar nicht bemerkte Zeichensprache: 

Frau Küfer legte z. B. ein Bündel Haare ilires Kindes außen vor das Küchenfenster, 
um den Nachbarn zu zeigen, sie habe ein Haar in der Wohnung gefunden. — Weil 
man ihr für die kleine und kalte Wohnung zuviel abverlangte, legte sie eine Schraube 
neben die Haare, um anzudeuten, sie werde geschraubt. — Endlich nahm sie, bevor 
sie aus der Wohnung, wo sie soviel auszustehen gehabt hatte, wegzog, einen großen 
Korb mit in den Hof, wo alle zusehen konnten, und kehrte ihn dort mit einem Besen 
aus. Das bedeutete, daß sie jetzt Schluß mache mit ihrer Wohnung, sie wollte 
ihre Ruhe haben. Als sie sah, daß der Korb schimmelig war, freute sie das 
besonders, denn daraus koimten alle ersehen, daß das schon ,, etwas Altes" (Schimmel 
=^ alt) sei, daß sie immer geplagt würde. Sie drehte sich dann um ihre eigene 
Achse, um zu zeigen, mir ekelt es vor den Leuten. (Berta Küfer, Psychiatr. Klinik. 
Heidelberg, i. III. 21.) 

Bei einem andern Beispiel tauchen deutlich sekundäre Wahnideen auf; 
aus ihnen entwickelt sich dann zuweilen ein richtiges Wahn System. 

Am Dienstagabend kam er vom Dienst heim, da merkte er. ,,daß die Sach' net 
richtig war"; es war ihm unheimlich, er dachte, die Schwarzen könnten ihm was 
tun. Er sah ,,vermülbte Gestalten", die standen am Schulhaus, es war ihm verdächtig. 
Er ließ den Bruder nicht ins Haus, richtete den Revolver und schob Patronen hinein. 
Er hatte Angst, die ganze Nacht standen die Feinde draußen, er war in der Küche, 
ging nicht zu Bett. Als ler früh um 6 Uhr das Haus verlassen wollte, sah er, 
daß die Nachbarin in ihr Haus ging, erschrak, ein Tuch um ihr Licht hing und 
in den Stall ging. Daraus schloß er, daß noch Kerle draußen standen. In ängst- 
liclier Verzweiflung sprang er durch Feld und W'ald, lief Tag und Nacht, um sich 
vor den Verfolgern zu retten. Wo er auch stand, immer hüpften ihm Lichter nach. 
Er warf 4oo M. in den Bach und hockte dann selber ins Wasser. Es sei eine 
eingefädelte Geschichte, die Verfolgung sei schon lange vorbereitet. Er sei das Opfer. 
Wenn er nicht so eine feste Natur hätte, wäre er schon gebrochen, ein halber Mann 
sei er ohnedies schon, es sei traurig. (Thomas Stephan, Psychiatr. Klinik, Heidel- 
berg, 2. November 19 12.) 

Ganz anders sehen die Wahnideen der Melancholischen aus. 
Sic sind zwar auch in gewisser Hinsicht primär, nicht abgeleitet, aber sie 



WAHiN n7 

hängen doch aufs engste mit dein depressiven Affekt /nsanunen. Mit 
ilieseni Affekt beginnt meist die Stctning, und (he \Vahnged;uiken begleiten 
ilni erst, wenn er höhere abnorme (jrade erreicht '. Man liat, wenn man 
viele solche Zustände sah, die feste t berzeugung, dali im depressiven Wahn 
ein ganz andersartiger Mechanismus vorliegt, weimgleich es bisher noch 
kaum möghch erscheint, diesen näher zu beschreiben und vom Well- 
untergangserlebnis abzugrenzen. 

Sie sei (lio Wurzel alles Cbols. Sic sei durcli ein Versehen in die Klinik gehrnrht 
worden, die Aufnahme sei überhaslel, der Schwager habe sich nicht rcchlzoilig alles 
überlegt. Er habe dadurch eine schwere Schuld auf sich geladen, sie sei aber schuld 
daran. >>un komme er wegen Freiheitsberaubung ins Gefängnis. Sie koste zu \iel 
Geld; sie ruiniere die ganze Familie, sie allein sähe, wie traurig alles sei. Sie sei 
die Urheberin alles Unglücks auf der Welt. Am besten wäre sie als lünd schon 
gestorben. Über die Augehörigen habe sie furchtbares Unheil gebracht: Ihrer Nichte 
seien im Bad die Brüste abgeschnitten worden, eine andere Nichte habe man in eine 
Kiste verpackt. (Luise Wollenbach, Psychiatr. Kliruk, Heidelberg, lo. August 1908.) 

Diese nihilistische Wahnbildung nimmt zuweilen ganz seltsame 
Formen an. Die Kranken glauben keinen Magen, keinen .\fter mehr zu 
haben. Es ginge weder oben etwas hinein, noch hinten etwas heraus. Oder 
sie meinen, sie wären nichts; weniger als ein Tüpfelchen auf dem i. Zu- 
weilen haben diese krankhaften Vorstellungen trotz aller Depression einen 
fast humoristischen Zug: 

Die ganze Welt sei voller Wald. Niemand könne mehr hindurchkoinmen. Alles sei 
zunichte gemacht, der Boden in den Himmel und der Himmel da herunter — joi/X 
xNird es nimmer duidicl, jetzt wird es immer heller, das hab' i c h gemacht, i c h bin 
eine Person! — — Ich bin die dümmste Person. Ich hätt' die Nacht nicht auf 
das erste, sondern auf das zweite Klosett gehen sollen, dann wäre es immer dunkel 
geblieben, dann wäre es gar nicht mehr Tag geworden, dann brauchten die Arbeiter 
ilrüben beim Neubau nicht mehr zu arbeiten, dann tat' kein Zug mehr fahren, dann 
hätt' es so geregnet, daß die Flüss' ausgingen, alle wären dann versoffen. (Anna 
Kumpel, Psychiatr. Klinik, Heidelberg, 26. Juli 1920.) 

In fortgeschritteneren paranoischen Fällen von Schizophrenie kann man 
kaum mehr analysieren, was primär, was abgeleitet ist, was auf Sinnes- 
täuschungen beruht usw. Obwohl diese verworrenen Wahnkomplexe ebenso 
wie die klaren Wahnsysteme nur in losem Zusammenhang mit dem hier 
erörterten abnormen Akt des Wahnerlebnisses stehen, seien doch einige 
kleine Proben mitgeteilt: 

,,Bin icli über den Arbeiterstand hinaus (er ist Tischler), so habe ich Denkkraft, 
hin ich imter den Arbeiterstand, so sterbe ich ab. Es gibt acht Menschcnklassen, 
passe ich unter die o. Klasse, so weiß i<;h nicht, was Mensch ist, so weiß ich nieht, 
ob es Weib oder Mann ist. Geistig bin ich (offen gestanden) in der 2. bis 3. Klasse 
gewesen." (Otto Stoff, aS. November 1909. Langenhom.) 

Und von dem gleichen Kranken ein Beispiel für Größenwahn: 

Sein Großvater sei ein gewdsser Roderich von Stoff, ein für irrsinnig erklärter, 
in Friedrichsberg verstorbener Irrenarzt gewesen, ein Mann von ungeheurem Genie, 
dessen ganzer Gedankengang sich auf ihn übertragen hätte, wahrscheinlich durch Ein- 



^ Deshalb halten manche Forscher den gesamten depressiven Waiin für sekundär. 



118 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

iinpiung . . ., dalier rührten aucli seine Impftiarbeii; von ihm stammen auch seine 
Keniitxiisso über alle pröliereji Politiker. In einer Versammlung habe Bebel die gänz- 
liche Slamiiie^gescliiclile der IlohenzoUem uiid der Hohenstaufen auf ihn übertragen- 
Er stamme ab vun einer .Majestät in, der Frau Be«idoif. man könne sie auch Sultanin 
ncnnefi usw. 



3. llichtung und Durchführung abnorm 

Die großen Psychosen hefern zahh-eiche Fälle, bei denen nicht nur die 
richtig begonnenen Intentionen an irgendeiner querkommenden Störung 
scheitern, sondern bei denen außerdem auch die Akte selbst abnorm sind. 
Die Gesamt struktur des Seelenlebens ist eben dann gestört. Eine eigent- 
liche Analyse ist nicht mehr möglich. Man kann nur das Gesamtbild 
schildern und vermag kaum mehr Einzelheiten herauszusondern. Doch 
kann man zwei sehr verschiedene Typen der seelischen Destruktion von- 
einander trennen. Der eine ist der paralytische Typus. Er entspricht am 
ehesten dem oben beschriebenen Zustand der gedanklich strukturellen 
Demenz. Er ist ein vorwiegend negativer Typus. Die Gedanken ver- 
wirren sich, das Gedächtnis nimmt ab, die feineren Regungen des Gemütes 



erlöschen. Einzelne Wahngedanken tauchen auf und werden sofort wieder 
verlassen. Nichts hat Bestand. Etwas eigenthch Neues erscheint nicht. Der 
andere ist der schizophrene Typus. Hier betrifft die Störung am 
wenigsten und erst am spätesten die formalen Fähigkeiten der Seele. 
Die einzelnen Akte des Wahrnehmens, Erinnerns, des Kombinierens, Ur- 
tcilens, Schließens, Begreifens, des Erwartens, Zweifeins, Fürchtens, Hoffens, 
Wünschens, Freuens, Betrauerns usw. können sich hier bis in späte Zeiten 
des seelischen Destruktionsprozesses richtig vollziehen. Und wenn man 
sich trotzdem bei solchen schizophrenen Zerfallsvorgängen gelegentlich des 
Wortes Demenz bedient, so ist dies eigentlich insofern unzulässig, als es sich 
um eine wirkliche formale Demenz im oben definierten Umfang nicht handelt. 
Hier drängt sich der Beschreibung geradezu das alte populäre Bild des Schiffes 
auf, das in seiner inneren Struktur im einzelnen gut erhalten ist, und das 
doch durch ein mangelndes Zusammenarbeiten aller Faktoren inj ganzen 
unfähig geworden ist, ein Ziel zu erreichen: die Steuerung versagt 
Inwieweit zum Beispiel die Fähigkeit der schriftstellerischen Darstellung, 
inwieweit Scharfsinn, Beobachtungsgabe, Gefühlsleben usw. noch gut er- 
halten sind, vermag ein Leser, der Schizophrene selbst zu studieren keine 
Gelegenheit hat, aus den Denkwürdigkeiten Schrebers (284) zu entnehmen. 
Zugleich wird er aus der Lektüre dieses Buches aber erfahren, in welch 
gewaltiger Weise dieser Geist doch gestört worden ist. Viele der bisher 
beschriebenen einzelnen seelischen Abnormitäten finden sich im Verlauf 
der Schizophrenie zusammen : Sinnestäuschungen und Wahnideen, abnorme 
Gefühle und seltsame Willenslagen usw. Aber alle diese einzelnen Ab- 
normitäten machen nicht das Wesen der Störung aus. Alle diese Momente 
sind — wenn ein Vergleich gestattet ist — nicht, wenn auch in wirrer 
Weise, auf ein geordnetes Grundgewebe gestickt, sondern dieses Grund- 
gewebe ist selbst in all seinen Fäden verwirrt, so daß jeder Versuch einer 
einheitlichen Erfassung scheitert. In viele einzelne Seelenabnormitäten vermag 



o 



SCHIZOI'IIUE.NKU MKCHA.MSMl^ 119 

sich auch der Normale nodi hiiioiii /u versetzen, weil er sie hinzufügt zu 
dem normalen l nierbau; in den schi/ophrenen Mechanismus vermag sicli 
kein gesunder einzufühlen, weil hier (he gemeinsame Basis der \ erständigung 
fehlt. Das liierwarlete wird hier stets l^reignis. Die (jefühis.ikte beziehen 
sich nicht mehr auf die (jlegenslände, auf die sie sich bisher bezogen. 
Geliebtes wird gehafit und umgekehrt. Alle alten Ziele werden verleugnet, 
neue, inmier wechselnde Augenblickszicle werden erstrebt. Die Seele hat 
ihre Steuerung verloren. Allni;ihlich wird auch der äußere .Ausdruck, das 
Benehmen, verschroben, seltsame Angewohnheiten stellen sich ein, jede 
gesellschaftliche Form wird ins Groteske übertrieben oder ganz vernach- 
lässigt. Auch die Sprache wird oft verändert, die sprachlichen Laute dienen 
nicht mehr als Symbole für das bisher im Leben Lrlernte, sondern gewinnen 
neue Bedeutungen ; neue Wörter werden erschaffen (Neologismen). Selbst 
im Satzbau \erschwindet die Ordnung, die Steuerung des sprachlich nieder- 
gelegten Gedankengangs (Sprachvervvirrtheit). Die sprachhchen Produkte seien 
hier in einigen Proben veranschaulicht, sie sollen nur eine ungefähre Vorstellung 
geben :eine genaue .\nalyse würde den hier vorgeschriebenen Rahmen sprengen ^ 

..Ich bin eine freie Zitlierspielerin, deshalb brauche ich meine Heiratspapiere.'' 

(Frau Schönemann, lo. ii. i/|, Psychiatr. Klinik Heidelberg.) 

Gedicht. 
Botanik ohne Affen 
Fällt gar schnell 
Botanik mit Affen 
Hält gar grell! 

Der Mann. 
Der Mann kennt seine Korpuskologie, 
Setzt sie in Marmorgröße 
Muskelt seine Stärke, 
Versteht das Begreifen. 

Hemisphäre. 
Voll bewohnte Form 
Tragbar auch in Fremd 
Habend mannigfaltige Kinderleben 
Habend auch den englischen Hof. 
Habend die schweizerischen Maison fen^tre 
Habend die deutschen Finanzen 
Seiend gepflanzt europäisch 
Habend den Baseler botanischen Garten 
Habend den Karlsruher Museumsaal 
Sprechend deutsch, französisch und englisch 
Habend Berliner Zeitungen 
Habend das Parlament Hohenhön 
Seiend gehalten von Gärtner und von Architekten 
Habend das architektonische Heidelberg 
Haltend Heidelberg badisch 
Habend in Karlsruhe den .\rchitekten Weinbrenner 



' Vgl. zu den Sprachneubildungen Meringer und Mayer (201) und Spitzer (3oi). 
Auch Itten (1^8), Haßmann (102 c) und Tuczek (3i5a). 



120 G RUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Sicli verlebten in zehn Jahrigkeit 
Habend außer Kurorte die Stadt Aachen 
Haltend die Stadt Aachen mit Infanterie 
Habend berühmte Buchhandlungen 
Cohn Bonn. 

Danker und Groos Koblenz 
Strauß Bubbecke Bonn 
Lassend lernen Gedichte 

Haltend in Bonn Beethoven, halten Kinder Konzerte 
Lassend in Koblenz Lieder singen 
Lassend die Koblenzer Musik regieren durch Häubner 
Seiend eine tadellose Zehnjährigkeit. 
(Luise Lebrun, 21. Februar 1906, Psycliiatr. Klinik, Heidelberg.) 

Ein ganz extremes Bild der Sprachverwirrtheit (Wortsalat) liefert ein 
Brief einer alten schizophrenen Frau. 

An Ihre Exzellenz Frau Regierungspräsident von N. in Spiere a. Rliein. 

Fischen im Algäu 23. Enascham. ' 

The Tsche Notre I>ame 
Nccravowe compreve desse tischewecente 
dessederavont Ampeffe capovedent amprow 
desseschou. Dechende requipen te Dresseda 
vesedy abo scheve edeserento Kavrote usw. 



Sopron Baronesse 

pilar paz Dell 
De — la Haye. 

(Frau Etzbaum, Juli 1920, Klingemnünst«r.) 

Man würde sehr irren, wenn man glauben würde, daß Kranke, die solch 
wirre Worte reden oder schreiben, nur diese „Sprache" sprechen könnten. 
Man kann sich gelegentlich minutenlang, stundenlang mit einem Schizo- 
phrenen formal korrekt unterhalten, ohne vom Vorhandensein einer solchen 
neuen Sprache eine Ahnung zu haben. Erst wenn zufällig ein bestimmter 
Gedankenkomplex angeschnitten wird, oder wenn ein kundiger, den Kranken 
kennender Arzt ein Zauberwort spricht, stürzt plötzlich diese fremde Sprache 
hervor. Auch dieses Beispiel der Sprachverwirrtheit weist darauf hin: die 
formalen Fähigkeiten korrekter Sprache bleiben erhalten, und daneben 
besteht die katatonische Neuheit. — Man könnte glauben, solche Worte 
seien klangliche Spielereien ohne Sinn: das mag gelegentlich \orkommen. 
Aber sicher gibt es solche neue Sprachen, die Sprachen im eigentlichen 
Sinne sind, d. h. übersetzt werden können. 

Karl Tuczek (3i5 a) glückte es, eine scliizophrene Sprache in statu nascendi zu studieren. 
Aus seinem Material finde hier noch ein Beispiel Platz : 

Der Stein = le Distel (Weil zu Hause auf dem Feld neben ränem Stein, auf dem 

sie oft zu sitzen pflegte, eine schöne rote Distel stand.) 
Das Bett = le Kuchen (Weil die Mutter, als sie krank war, das Nudelbrett zum 

Kuchenbacken ans Bett bringen ließ.) 
Der Arm =^ le Traube (Weil der erste Mensch eine Traube am Arm tätowiert hatte, 

den hat man ihm abgenommen, das waren nämlich zerbrecli- 

liche Menschen.) 
Die Schwester = den Holz (Weil „Schwe" = den ist und ,.ster" = ein Ster Holz, 

also Holz.) 



SCHIZOPHRENER MECHANISMUS 



121 



Auch die spielerische oder künstlerische Betätigung wird durch den 
schizophrenen Mechanismus oft seltsam modifiziert. Ja es ist seit langem 
bekannt, daß Persöidiihkeilen, die bisher weder ein Interesse an der Kunst 
hatten, noch etwa selbst sich darin \ ersucht hatten, erst (hu'ch ihre schizo- 
phrene Geistesstörung zur künstlerischen Betätigung veranlaßt wurden '. Die 
Psychose schafft hier geradezu Werte; ohne sie wäre der Kranke niemals 
zum Künstler geworden. Das Motiv ist im einen Fall (neben dem Unver- 
nuigen, sich sprachhch auszudrücken) vielleicht die Fähigkeit, mit den Händen 
bildnerisch zu arbeiten. Dem geistig wenig ausgebildeten Manne gehorchen 
ja oft die Hände besser als die Zunge. Lud da die Fülle seiner Erlebnisse 
zum Ausdruck drängt (Wille zur Abreaktion ins Motorische und Will«* zur 
Form), wird er zum Künstler. 

Oft sind es nur abnorme innere Gefühle, die nach künstlerischem Aus- 
druck drängen, oft aber suchen sich auch schizophrene Gedanken zu ge- 
stalten. Die Kranken beschäftigen sich mit Gott und der Welt, sie erfinden 
seltsame Systeme, die sie dann bildlich deutlich zu machen versuchen. Für 
die schizophrene Kunst gebe ich hier keine Proben, Morgenthaler (2\\) 
hat soeben einen wichtigen Fall veröffentlicht 2, und Hans Prinzhorn wiid 
bei Springer in kurzem einen Teil der Schätze der Bildersammlung der 
Heidelberger psychiatrischen Klinik erläuternd herausgeben. Für ein ver- 
anschaulichtes schizophrenes „System" gibt Figur 3 ein Beispiel. 






i*»*-«^ 



^^ y^IZt 




Gezeichnete „Weltanschauung" eines Schizophrenen 
(22. l\. i3. Psychiatr. KHnik Heidelherg.) 



' Bejijamin Rush (i745 his i8t3; handelt in dem 5. Band seiner Medical inquiiies 
and Observation« von den Geisteskrankheiten und erwähnt, daß in zwei Fällen sich das 
Zeichentalent während einer Geisteskrankheit entwickelte. Auch gebe es in jedem 
Irrenhaus Kranke mit überraschenden, erst in der Psychose entstandenen mechanischen 
Talenten i Scliiffsbauer u. dgl.). Ähnliches über dichterische Betätigung bei Pinel, 
Sur l'ali^nation mentale, S 210, S. 2/42 und bei Möbius (20A). Siehe auch Haßmann 
(loa c), Prinzhorn (249a), Morgenthaler (210 u. 3ii). 

- Einen weiteren bei Schilder (279), S. 3o. 



122 GRüHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

Zu dieser (um ein Drittel verkleinerten) Zeichnung gab der Kranke 
folgende Erklärung: 

,,Das ist die VWlle, um die sicli alles dreht: Natioiuilslol/. Das soll die Gerechlig- 
koit sein, das Militär, die Polizei also, nicht wahr — eben der Nationalstolz. — Fleiß 
und Geld, das ist das vis-ä-vis. Für Fleiß ist das Geld die Lösung; das alte Wort 
Iioißt: Geld regiert die Welt. Und wer fleißig ist, bringt es zu Geld, auf welchem 
Gebiet ich da arbeite, ist ganz gleich. So sagt schon Schopenhauer: Nicht der Reiche 
ist glücklich, sofidem der Glückliche ist reich. — Das Ganze will das ganze Weltall 
vorstellen, Sonne, Mond und alle Sterne. Das Bindeglied zwischen dem Weltall und 
der Erde ist die internationale Wissenschaft." (Gustav Vierneusel, P.sycliiatr. Klinik 
Ilfidelberg, 23. April igiS.) 

Die Heidelberger psychiatrische Klinik besitzt eine ganze Sammlung von 
Büchern pseudophilosophischen Inhalts, die von Geisteskranken, meist von 
Schizophrenen geschrieben worden sind. Die Leserschaft solcher Bücher 
merkt das nicht immer. Daß z. B. das Buch „Rembrandt als Erzieher, von 
einem Deutschen" so viele Auflagen erlebte, ist nicht nur angesichts der 
Tatsache verwunderlich, daß ein Schizophrener es schrieb, sondern daß 
sich seine Schizophrenie auch in der Schreibweise so deutlich kundtut. 

In dem Bilde schizophrenen Zerfalls fällt häufig eine eigentümliche Ab- 
kapselung von der Umgebung auf. Die wahnhaften Ideen stehen in so hef- 
tigem Widerspruch zur Umgebung, daß diese absichtlich nicht mehr be- 
achtet, sondern ausgeschaltet wird. Der Kranke lebt ganz seiner Ideenwelt 
und entschließt sich oft nicht einmal mehr zum Reden, zur Pflege des 
Körpers usw. (Autismus). Verharrt er dabei auch motorisch regungs- 
los, schlaff oder widerspenstig gespannt (Negativismus), so spricht man 
von einem katatonischen Stupor^. — Die Intentionen zu irgendwelchen 
Bewegungen werden oft nicht zu Ende geführt, sondern mitten drin unter- 
brochen, gesperrt, wie wenn ein Sperrhaken plötzlich in einen bewegten 
Mechanismus eingreift. Eine solche Sperrung kann auch den Gedanken - 
ablauf treffen. In anderen Fällen löst eine — vielleicht sehr unbequeme — 
passive Bewegung nicht die Gegenbewegung aus : die Glieder bleiben in der 
mitgeteilten Haltung lange Zeit unbeweglich stehen (Flexibilitas cerea). Eine 
Tendenz zur ungewollten Nachahmung ist oft deutlich. Es braucht nur 
irgend jemand, der mit dem Katatoniker- das Zimmer teilt, irgendeine 
plötzliche Bewegung zu unternehmen oder einen lauten Ausruf zu tun, so 
kann der Kranke der Tendenz, sie ebenfalls zu vollziehen, nicht wider- 
stehen (Echopraxie, Echolalie). Hiermit hängt auch die andere Tendenz 
mancher Schizophrener zusammen, sich selbst immer wieder zu imitieren, 
d. h. eine einmal begonnene Bewegung, eine Geste, einen Ausruf, einen 
Rhythmus von Lauten lange Zeit einförmig zu wiederholen (Stereotypie). 
Alle diese Symptome kann man beschreiben, aber nicht auf einzelne Ur- 
sachen zurückführen, nicht aus psychologischen Motiven verständlich machen. 
Soweit man in der Auffassung solcher Symptome überhaupt etwas weiter 
gekommen ist, hat man diesen Fortschritt vielfach den Forschungen 

^ Es gibt sicherlich aber auch Stuporen ohne innere Welt, ohne geistige Vorgänge- 

- Katatonie ist eine besondere, stürmische Verlaufsform innerhalb der Schizophrenie. 
Katalepsie ist ein Zustandsbild, eine Tendenz dos Kranken zur stunden- und tagelangen 
Fixierung irgendeiner Haltung. 



SCmZOlMlUKNER MECHANKSMUS 123 

Bloiilers (28) zu Nonlaukou. Kinos ilieser schizophroiien Symptome ist 

j)syclu>l()^nscli von hosoiuliM'em Interesse: tue sofjenaniite A mh i \ a len z. 
Jeder (lesuiuie kennt sell)st\erst;iii(llicli das lirlebnis des Schwankens, des 
Zweilelns. Soweit dieses Zweilein in der Form etwa des (irübelzwanges 
erscheint, wurde es schon oben l)es|)r<»chen. In dem schizo[)hrenen Me- 
chanisnuis lie^t aber noch ein besonderer in seiner lidialtlichkeil abnormer 
Akt \(>rl)orpMi : die .\nd)i\alenz. \ (»r allem im (jelühlsleben ^ zeiligt sie 
merkwürdige l^gebnisse. Liebe und llal'i sind in seltsamer Weise gleichzeitig 
vorhaiulen. Nicht etwa wie es auch beim Gesunden geschieht, daJj er an 
einem Ciegenstand die eine Seite liebt und die andere haßt, sondern die 
gleiche Materie ist zugleich einem Akte der Liebe und des Hasses gegeben. 
Anders ausgedrückt: gleichzeitig bestehende Akte der Zu- und Abneigung 
richten sich auf den gleichen Gegenstand. Bleuler ilrückt dies so aus: Der 
Schizophrene liebt die Kose um ihrer Schönheit w illen und halit sie zu- 
gleich wegen der Dornen. Mich befriedigt diese Fassung des l*hänonien> 
noch nicht recht. .Vber ich müßte weiter ausholen, als es hier der Raum 
erlaubt, um meine eigene theoretische Formung der Tatsachen zu begrün- 
den. Die ganze Lehre der Akte und besonders der Denk\orgänge harrt 
noch der Beleuchtung vom psychopathologischen Standpunkte aus. 

B. MOTIVZUSAMMENHANG (RETROSPEKTIVER GESICHTSPUNKT) 

Bei der hier so kurz zusammengedrängten dürftigen Beschreibung des 
überaus interessanten schizophrenen Alechanismus wurde schon das Problem 
der Moti\e gestreift. Und dies führt in ein ganz neues Gebiet der see- 
lischen A orgänge und ihrer \ erknüpf ung. Bisher wurde gleichsam eine 
zentrifugale Betätigung der seelischen Energie untersucht : die Richtung des 
Aktes auf den Gegenstand. Jetzt erhebt sich die Frage, wie der einzelne 
Akt seelisch begründet ist, wo er herkommt, wie er entsteht, aus was 
er hervorgeht, oder welche Ausdrücke man immer verwenden möge. Dabei 
denke ich nicht etwa an die causa, nicht an das physiologische Substrat 
oder dergleichen, sondern eben an jene Herkunft, für die man den Namen 
der psychischen Kausalität nicht verwenden sollte. Denn diese Kausalität 
hat mit jener nichts gemein. Das Motiv leuchtet ein oder wird abgelehnt, 
die Ursache wird als vorhanden oder nicht vorhanden lediglich festgestellt. 
Das Wort Moti> muß hier im weitesten Umfang verstanden werden, als 
Zusammenhang des psychologischen Sinns, als Sinnbeziehung, nicht in dem 
engeren der Herkunft speziell der Handlung, der Tat. Aber auch auf die 
Lehre von den Motiven hier näher einzugehen verbietet der beschränkte 
Raum. In diesem Zusammenhang erhebt sich hier nur die Frage: Gibt 
es auch abnorme Motive, und was versteht man darunter? 

Wenn ich mich bemühe, mich in jemanden einzufühlen, so bin ich auf 
den Sinnzusammenhang seiner Gefühle, Gedanken, Handlungen eingestellt. 
Ich interessiere mich für die psychologische Herkunft der einzelnen Mo- 



^ Aber auch in der Willensphäre (Impuls — Gegeiximpuls) und in den ürteils- 
akten (schreckliches Wetter — herrlicher Tag) betätigt sich die Ambivalenz. — Horst- 
mann (i24) versucht eine Theorie, doch erscheinen mir seine Begriffe wenig präzis. 



124 GRUH LE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

mente'. Und wenn ich dies auch bei einem geistig Abnormen versuche, 
so erhalte ich bei der Analyse seines Verhaltens: 

I. Die vom Kranken spontan angegebenen Sinnzusammenhänge, darunter : 

a. die von mir affirmativ vollziehbaren; diejenigen, die ich kenne» 
oder die mir „einleuchten": die sinnvollen, 

b. die von mir als sinnmöglich erlebbaren; die sinnhaften, deren 
Sinn ich selbst aber nie erlebte; in die ich mich auch „nicht 
recht" einfühlen kann, 

c. die von mir negativ vollziehbaren; diejenigen, deren Sinnhaftigkeit 
ich zugeben, deren Sinnerfüllung ich leugnen muß: „Ich finde 
da keinen Sinn", 

• d. die von mir überhaupt nicht vollziehbaren, bei denen es Unsina 
ist, überhaupt von einem Sinn zu sprechen. 

11. Die \on mir vorgeschlagenen und vom Kranken angenommenen 
Sinnzusammenhänge. 

III. Die von mir (auf Grund allgemeiner oder persönlicher Erfahrung) 
konstruierten Sinnzusammenhänge, zu denen der Kranke keine Stel- 
lung nimmt. 

Wenn man im Auge behält, daß man sich ja bemühen will, das Ab- 
norme im Seelenleben verstehend zu untersuchen, so erhellt leicht, daß 
la und II sich nicht auf das spezifisch Krankhafte erstrecken können» 
denn es sei hier nicht, wie oben, der Fälle gedacht, bei denen die Vor- 
gänge selbst abnorm sind, sondern nur jener, bei denen der Zusammen- 
hang pathologisch erscheint. Dies ist aber bei la und II nicht der Fall. 
Auch bei Ib erreiche ich noch nicht eigentlich das Gebiet des Abnormen; 
ich höre hier von Zusammenhängen (wie oft im täglichen Leben) bei 
Menschen, die ich „nicht so recht verstehe", mit denen ich „nicht recht 
mitkann", die mir „nicht ganz klar sind", ohne daß ich doch etwas Pa- 
thologisches aufzuzeigen vermöchte. In dessen Bereich trete ich erst ein 
(I c), wenn ich einen Zusammenhang nennen höre, der für mich des 
Sinnes entbehrt oder (Id) bei dem es sinnlos ist, von Sinn zu reden. 
Wenn eine Kranke in einen trüben, finsteren Novemberabend hinaussieht 
und plötzlich von selbst sagt: „Die Sonne sticht und strahlt" und dies auf 
Fragen mit den Worten begründet: „Der Gegensatz macht mir Freude," so 
habe ich Fall I c; antwortet sie: „Sie haben blonde Haare," so liegt I d 
vor. Erhalte ich aber überhaupt keine Auskunft, so liegt, wie schon er- 
wähnt, die Möglichkeit der analogischen Deutung aus der allgemeinen oder 
[)ersönlichen Erfahrung vor (Fall III). 

Hat man nach diesen Gesichtspunkten ein Motiv als abnorm beurteilt, 
so ist diese Abnormität wieder dreifach orientiert. Erstens kann ich ein 
Motiv gemäß Ib als nur relativ abnorm bezeichnen: es steht dann Hand- 
lung und Motiv in einem gewissen Mißverhältnis zueinander. Ich pflege 



^ Das Folgende zum Teil wörtlich aus einem früheren Aufsalz: Gruhle (97). 



MOTIVZUSAM.ME.MlAiNG 125 



dann zu sagen, dali z. B. ein liofliger Affekt abnorm sei, quoad Moti\, „über 
eine solche Kleinigkeit l)rauclit man sich doch nicht so selir aufzuregen". 
Ich vermag zweitens aber ein Motiv als abnorm zu beurteilen, v\'enn es 
sich in die augenblickliche seelische Gesamtlage nicht einfügt, wenn mir 
z. ß. jemand erzählt: er sei anfangs im (lotfesdicnsl aufmerksam und an- 
dächtig gewesen; aber ph'HzIich sei in ihm der kaimi unlerdrückbare Trieb 
entstanden, die Andacht der anderen durch ein fürchterliches (jeschrei jäh 
zu zerstören. — Lnd drittens endhch \ermag ich einen .Motivzusammen- 
hang als abnorm zu bezeichnen, wenn er mir zu der Gesamtheit einer 
Persönlichkeit nicht zu passen scheint. Die allgemeine Menschenkennt- 
nis lehrt, daß gewisse Eigenschaften, Neigungen, Triebe usw., kurz, gewisse 
Persönlichkeitskonstituentien zusammengeordnet sich häufiger vorfinden als 
andere. Ein sensitiver, differenzierter, zum Sentimcntalischen neigender 
Charakter wird erfahrungsgemäfj häufiger eine passive Natur sein als eine 
aktive energievolle Persönlichkeit; ein lebhafter, unruhiger, immer nach 
Neuem begieriger Kopf ^oll Tatkraft und Lnternehmungsgeist wird er- 
falirungsgemälj häufiger frei von den Hemmungen des (Jemüts sein als 
ein rückwärts gewandter Träumer. Kurz, die Erfahrung stellt gewisse 
Häufigkeitstypen heraus, nach denen sich der Charakterologe im einzelnen 
Falle lieber zu richten geneigt ist, ehe er an absonderliche, seltene, kaum 
erlebte, nur vom Hörensagen bekannte Verknüpfungen denkt. Aber meine 
Auffassung eines Menschen als eines mir bekannten Häufigkeits- bzw. Durch- 
schnittst} pus kann freilich jedem einzelnen gegenüber irren. Es bleiben 
nur zwei Momente als Hinweise auf die Richtigkeit meiner Auffassung eines 
anderen übrig; einmal der Consensus plurium, sodann die sog. Einheit- 
lichkeit oder innere Harmonie, das Zwingende einer Auffassung. Wenn 
sich herausstellt, daß die Mehrzahl eines Kreises um einen Lebenden, der 
Historiker um einen Verstorbenen die gleiche Auffassung von der in Frage 
stehenden Persönlichkeit haben, dann mag dies vielleicht ein Hinweis 
darauf sein, daß diese Auffassung, diese Beurteilung das „Richtige" traf, d.h. der 
Realität entsprach. Aber wie oft hat sich die Allgemeinheit in einer 
solchen Auffassung getäuscht, wie oft haben etwa später bekannt gewordene 
Memoiren das Bild, das sich eine Zeit von einer Persönlichkeit machte, 
umgestoßen! — Und was den anderen Maßstab betrifft, die Einheitlichkeit, 
die überzeugende Kraft einer Auffassung: worin besteht diese? 

Es ist kein Zweifel, daß manche Zusammenordnungen bestimmter cha- 
rakterologischer Einzelzüge zu einem Gesamtbilde einheitlich erscheinen, 
dafj die Hinzufügung irgend eines neuen Zuges vielleicht als unpassend, 
störend, nicht hergehörig beurteilt wird. Worin besteht nun diese Ein- 
heitlichkeit? Man darf nicht vermuten, dal^ es nur die Häufigkeit des 
Erlebnisses, der Erfahrung ist, daß man also nur den Durchschnittstypus 
als einheitlich einzuschätzen geneigt ist. Man spricht wohl von einer psycho- 
logisch folgerichtigen Auffassung dann, wenn sich keine Gegensätze (kon- 
tradiktorischer Art) aufdrängen, ^^enn es mir z. B. gelingt, eine Persön- 
lichkeit in all ihren Äußerungen und Handlungen etwa auf das Moment 
der Passivität zu bringen, wenn ich nachzuweisen vermag, daß sie niemals 
aus freiem Antrieb ihr Leben selbsttätig gestaltete, sondern sich stets von 
ihrer Umgebung schieben ließ, nur gezwungen einen Entschluß faßte, allen 



126 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEA 

Entscheidungen möglichst aus dem Wege ging, nie etwas produzierte, viel- 
mehr allein in der Beschaulichkeit und Rezeption ihre Befriedigung fand 
usw., so wird man mir vielleicht zugestehen, da(i meine Auffassung dieser 
Persönlichkeit einheitUch ist. Und wenn es sich ferner herausstellt, daß 
sich im Leben dieses Menschen nichts aufzeigen läßt, was dieser meiner 
Einfühlung widerspräche, so ist man vielleicht geneigt, meine Auffassung 
als zwingend anzusehen. Es spricht in der Tat insofern viel für sie, d. h. 
es besteht große Wahrscheinlichkeit, daß sie sich der Wirkhchkeit nähert, 
als es kaum einem anderen gelingen dürfte, die Gesamtindividualität des 
gleichen Menschen nun gegensätzlich aus der Aktivität heraus psycho- 
logisch zu erklären. Aber es wird immer Beobachter geben, die das ge- 
nannte Moment der Passivität als verschwommen, unklar oder als unwichtig, 
Unwesen thch usw. bezeichnen und sich nun ihrerseits bemühen, die gleiche 
Persönlichkeit auf eine andere charakterologische Formel zu bringen, wieder- 
um mit dem Anspruch, ihre Auffassung als „die" Auffassung, als zwingend 
gelten zu lassen. Und zumal in den Fällen, in denen die Kenntnis oder 
Überlieferung lückenhaft ist, und es sich um sogenannte widerspruchsvolle 
Charaktere handelt, werden gleichzeitig mehrere Auffassungen von der 
gleichen Individualität bestehen, oder es werden in der Geschichtswissen- 
schaft je nach dem Fortschritt in der Kenntnis von Quellen oder nach 
den geistreichen Einfällen neuer Forscher mancherlei Einfühlungen einander 
ablösen. Immer wird sich jene Auffassung am besten behaupten und sich 
des meisten Beifalls erfreuen, die nicht jede einzelne Äußerung, jede Tat 
der betrachteten Persönlichkeit aus einzelnen Zügen zu verstehen sucht, 
sondern einen übergeordneten psychologischen Gesichtspunkt entdeckt, 
der möglichst viele Zusammenhänge verständlich zusammenfaßt (Struktur). 
Jene eigenartige Überzeugung, daß manche Charakterzüge zu einander 
„gehören", während andere ihnen irgendwie entgegengesetzt sind, beruht 
wohl meist auf dem eigenen, d. h. auf dem aus eigener Erfahrung stam- 
menden Erlebnis, daß diese Züge durch ein gemeinsames Etwas, 
sei es einen gemeinsamen Gefühlston, eine gemeinsame Tendenz, eine ge- 
meinsame Einstellung, Strebung oder was immer zusammengefaßt sind; 
ein Gemeinsames, das man dann als übergeordnet, als „höheren" verständ- 
lichen Zusammenhang anzusehen geneigt ist. Häufig ist freilich dieser Zu- 
sammenhang zweiter oder höherer Ordnung noch nicht namhaft zu machen; 
er ruht, einer begrifflichen Formung noch nicht zugänglich, doch erlebt 
in uns, ähnlich wie wir zwischen den Werken zweier Künstler oft etwas 
(lemeinsames entdecken, ohne daß die Sprache es näher zu formulieren vermag. 
Wenn ich also bei sorgsamster Einfühlung in den Werdegang einer Per- 
sönlichkeit eines Tages entdecke, daß jene sich Gedankengängen hingibt, 
die ihr bisher ganz fern lagen, daß sie Handlungen begeht, die ich „nicht 
recht" verstehe, so werde ich mich lange Zeit bemühen, herauszufinden, 
welche Einflüsse wohl auf jene eingewirkt haben mögen, um ihre Ent- 
wicklung so auffällig zu gestalten. Finde ich nichts, und stellen sich nun 
allmählich gar Verhaltungsweisen ein, die mir geradezu sinnlos (oben I c) 
oder unsinnig (Id) vorkommen, so wird sich mir immer mehr der Ver- 
dacht stärken, daß hier eine geistige Erkrankung eingesetzt hat, die den 
bisherigen Alotivzusammenhang dieser Persönlichkeit stört, die bisherige 



ABNORME MOTIVE 



..llaniioiiie" aulgi'luilxMi hat. Ich sa^c von «'üiciu st)lchen KraiiklieiLsprozeli 
(lirt'kl, ilalj vv <lk' IVxsönliclikeil vcriiichleU'. Man übersehe nicht jenen grund- 
sätiliclien l'nU'rschic<l, <>boinelNMS(>nHchk(Mt <la<hirch abnorm ist, daß irgend- 
cineEigciisdial l an ihr gradweise alsaMlj<Mthirchschnittlichlion'()rragt(Talent) 
oder daß eine \ ielzahl der Kigenscliaften außenudontüche (Jrado erreicht 
(Genie), — oder ob an irgendeinem PunkU' der Ijebwisbahn ein gelsti^r 
Zerstörungsprozeß plölzhch oiler schleichend eingesetzt hat. Dort abnonne 
Persönlicldceiten, Psychopathien, abnorme Anhigen mil außerdurchschnitt- 
licher Entwickhuig — hier Psychosen, Krkrankung(Mi, Kran k hei ts | )rozesse '. 
Es sei noch erwälint, daß es vemn/elte rein stx'Usche, wie auch mo- 
torische Verhaltungsweisen gibt, die ganz motivlos entstehen und schnell 
vorübergehen-. Es handelt sich dabei mii Verstimmungen, Dämmerzustände, 
Krämpfe usw. Im nächsten Kapitel wird hiervon nochmals die Rixle sein. 



^ Vgl. Jaspers (i^a). 

2 Es gD^i auch Mischfonneii, d. h. seelische Verhaltungsweisen, die aii sich motivLis- 
entstehen, bei denen aber die spezielle Form des Ablaufes , .verständlich" erscheint. 
So erzählt z. B. in der älteren JLiteratur (die Stelle ist mir leider verlorengegangen) 
Dt. Spurzheim von einer Frau, bei der der Bausinn bei jeder Schwangerschaft so 
erregt war, daß sie eine ordentliche Bauwut bekam. 



ABNORMITÄT DEE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN 
SEELISCHEN UND KÖRPERLICHEN VORGÄNGEN 

In den kurzen Auslühiungen, die der engbegrenzte Raum hier diesem 
Problem gestattet, soll keineswegs das Thema des allgemeinen Zusammen- 
hangs zwischen Körper und Seele auch nur gestreift werden. Lediglich aus 
der Erfahrung sei hier zusammengestellt, inwiefern die Seele in abnormer Weise 
den Körper beeinflußt. Zahlreiche seelische Vorgänge sind von Körper- 
\eränderungen begleitet, die bald in der Tätigkeit muskulärer Organe, bald 
in der Sekretion von Drüsen bestehen. Wenn man hierfür meist die Be- 
zeichnung Ausdrucksbewegungen gebraucht, so ist dieses Wort gleich- 
sam etwas unvorsichtig gewählt. Denn man schiebt diesem Worte leicht 
den Sinn unter, als wenn sich der seelische Vorgang — z. B. die Angst — 
in der Bewegung gleichsam ausdrücken wolle. Dieses irgendwie finale 
Moment darf man nicht annehmen, und man bedient sich daher besser 
des Ausdrucks: Mitbewegungen. Schon der Neugeborene, ja selbst der zu 
früh Geborene, hat Mitbewegungen (siehe Canestrini 39), d. h. irgendein 
die Sinnesorgane und also die „Seele" treffender Reiz führt Bewegungen 
herbei, die denen beim Erwachsenen mit entwickelter „Seele" völlig zu 
gleichen scheinen (z. B. eine Veränderung der Blutfülle des Hirns auf 
einen schrillen Pfiff). Beim erwachsenen Menschen ist ein großer Teil 
dieser Mit- oder Ausdrucksbewegungen dem Willen zugänglich, sei es, daß 
sie absichtlich unterdrückt werden können (Vermeiden des „Zusammen- 
fahrens" bei starken Geräuschen), sei es, daß man sie mit Vorsatz hervor- 
bringen kann (absichtliches Weinen und vor allem die Sprache)^. 

Dieser Zusammenhang zwischen seelischem Vorgang und körperlicher 
Bewegung (im weitesten Sinne) kann gestört werden. Einmal kann man 
bei manchen Psychopathen eine abnorme Labilität der Ausdrucksmecha- 
nismen beobachten. Nicht nur ein übermäßiges Erröten oder Erblassen 
begleitet ihre Gemütsbewegungen, es kann auch zu Gefäßkrämpfen im Ge- 
hirn (Ohnmächten) oder an den Verdauungsorganen (plötzliche reichliche 
Durchfälle bei Schreck oder Ärger) ^ kommen. Nicht nur eine „Gänsehaut"^ 
pflegt dann etwa das Anhören einer gruseligen Erzählung zu begleiten, 
sondern es können — zumal bei psychopathischen Kindern — Angstschweiße, 
Schreikrämpfe, Zittern u. dgl. erscheinen, der Urin kann unwillkürlich ab- 
gehen. Angstvolle Träume können von Schreien oder Aufspringen — während 



^ Vgl. zu den Ausdriicksbevvegungen im allgemeinen Tuke (3i6), Raulin (255), 
Domrich (5i), Krukenberg (i66), Benussi (i8), Leschke (176). Bickel (24). — Im 
französischen „Geschmack" ist das große Werk von Rochas (267 a) verfaßt. 

2 Man denke an den Volksausdruck: Der Ärger ist mir auf den Magen geschlagen. 
Auch das Stottern gehört hierher. 

3 Erregting der kleinsten Muskeln in der Haut. 



Ab.NORMK AUSDRUCKSBEWEGU.NGEN 129 

der Sclilai fortilauort l)Of?loitot sein (Pavor nootumiis, (lubasch 41a). 

Nalürliili kann der KItythmus dos Pulses stark \vo( liselri, der Atem stocken. 
Auch die «'lektrischeii \ (>ri;;iii<,'e am Körper (psychogalvaiiisclies Uel'lex- 
[)hänonuMi) können stark niitheleiligl sein. Die ex[)erinientelle l*syciiologie 
Irdit es sicli ja schon liuv^e angelegen sein, die Ausdrucksi)e\vegungen in 
ilirer verschiedenen Bedingtheit e\akt zu untersuchen'. Doch gehören diese 
Probleme nicht eigentlich hierher. Bei lang dauernden depressiven Affekten 
kann die ganze \ erdauungstätigkeit stark beeinträchtigt werden, wenngleich 
man noch nicht mit Sicherheit behaupten kann, (hdj che melancholische 
Verstimmung die Trägheit der Verdauung herbeifülirt; mögUchervveise 
hängen beide Momente, die Verstimmung und die Verdauungsstörung, von 
einer dritten gemeinsamen Ursache ab 2. Daß die häufigen hypochon- 
drischen Wahninhalte der MelanchoHschen (die Därme seien verfault, es 
gehe nichts durch) mit den \ erdauungsstörungen inhaltlich zusammen- 
hängen, ist kaum zu bezweifeln. Auch die vielfältigen hypochondrischen 
Ideen der Neurastheniker hängen wohl zum Teil mit wirklich (sekundär) 
vorhandenen Alterationen der Bauchorgane zusammen; zum großen Teil 
sind sie freilich auch rein vorstellungsmäßig bedingt. 

Es ist interessant, daß manche Persönlichkeiten eine besondere Macht 
über Körperorgane haben, deren Beeinflussung dem intensivsten Streben 
des Normalen nicht gelingt'. Schon oben wurde erwähnt, daß manche 
Tausendkünstler es zu Erwerbs zwecken gelernt haben, halbseitig zu schwitzen, 
einzelne Muskelteile (z. B. die einzelnen Zacken des M. serratus anterior) 
gesondert zu innervieren oder dgl. Aber auch ohne diese Absicht, selbst 
ohne verborgene Wunschkomplexe läßt z. B. die lebhafte Vorstellung von 
Jodoformgeruch bei einem mit Idiosynkrasie hierfür Behafteten eine heftige 
Übelkeit (Nausea) oder etwa ein deutliches Exanthem entstehen (Ncssel- 
ausschlag: Urticaria). Und es ist noch merkwürdiger, daß manche hyste- 
rischen Persönlichkeiten an umschriebenen Körperstellen solche Verände- 
rungen hervorbringen, und zwar an Körperteilen, die nicht etwa einheitlich 
von einem einzelnen Nerven versorgt werden, sondern von verschiedenen 
Ästen verschiedener Nervenstämme innerviert werden. Sicherlich sind viele 
Erzählungen von Märtyrern, die die heiligen Wundmale Christi an sich 
trugen, fromme Erfindungen. Aber die Tatsache selbst kann keineswegs 
geleugnet werden. Denn wenn es auch wenig Fachleute gibt, die eigent- 
liche Stigmatisierte gesehen haben, so sind doch jedem Erfahrenen 
Fälle bekannt, in denen z. B. eine starke Anschwellung irgendeines Körper- 
teils binnen wenigen Stunden kam und wieder schwand*, und dies viel- 
leicht sogar in mehrfachem Rhythmus. Gegenüber solchen umschriebenen 
Ödemen aber erscheinen die eigentlichen Stigmata (mit Blutaustritten) 



1 über die Mimik der Geistesgestörten gibt es nur wenig Brauchbares. Über das 
Lachen der Schizophrenen vgl. Pascal et Nadal (233 c). 

2 Vgl. Dreyfuß (52) und Wilmanns (326). 

** Über abnorme willkürliche Augen bewegungen siehe Lechner (170) und Levi (176a). 
Einen Fall, in dem sicli hysterische Mechanismen und plumpe Schwindeleien mischen 
und der in der Mitte des 18. Jahrhimderts großes Aufsehen machte, bespricht Meige (200a). 

* Sogenanntes Oedema fugax, angioneurotisches Oedem, Quinckesches Oedem. Siehe 
Cassirer (Sg a). 

•9 ~ Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



130 GRUHLE: PSYCHOLOGIE DES ABIVORMExN 

prinzipiell nicht verwunderlicher. Welche Bedeutung solche abnorme 
Körperbeeinflussungen in den Heiligenlegenden und in den religiösen Be- 
wegungen vergangener Kulturepochen gehabt haben, kann hier nicht aus- 
''eführt werden. Hier sei nur nochmals die Merkwürdigkeit aller dieser 
Erscheinungen betont, daß eine allerintensivste Einfühlung in eine Vor- 
stellung (Kreuzestod Christi) umschriebene körperliche Veränderungen hervor- 
bringen kann, zu denen mit Absicht zu gelangen, vielen äußerst „willens- 
starken" Menschen mit der größten Energieanspannung niemals glückt. 

Am bekanntesten ist die Erzählung von der Erscheinung der Wundmale Christi am 
heiligen Franz. Freilich wurden sie anscheinend erst nach dem Tode des Heiligen 
gefunden. Wenigstens bericiitet Jakob von Vitry (Sermones ad fratres minores, heraus- 
gegeben von Hilarinus Felder, Rom, igoS) et ita expresse sequutus est 

Crucifixum, quod in morte eius in pedibus, manibus et latere vestigia vulnerum 
Christi apparuerunt. (Greven [gA]) ^. Anders Hampe (102 a). 

Auf tlie Pathologie der menschlichen Stimme (Phonation) und der Hand- 
schrift^ soll hier nicht näher eingegangen werden. Auch gehören die 
körperlichen Begleiterscheinungen der großen Psychosen in die Psychiatrie. 
Der sogenannten Ausschaltungen wurde schon oben (S. 101) gedacht. 

Manche Mitbewegungen werden in der menschlichen Entwicklung zu 
Ausdrucksbewegungen im engeren Sinn, d. h. der innerlich „Bewegte" hat 
die .Absicht, sich auch äußerlich zu bewegen; er findet ein Gefühl der 
Befriedigung in der Bewegung, sei es in der Geste, sei es in der Sprache. 
Jemand fühlt sich gedrängt, seinen Schmerz hinauszuschreien : „ich konnte 
es nicht mehr für mich behalten, es mußte raus", „ich hätte es in alle 
Welt schreien können", „ich mußte meinem Ärger Luft machen", „ich 
mußte meine Unruhe austoben" — alle solche Aussprüche weisen darauf hin, 
daß mancherlei Affekte den Abfluß ins Motorische suchen, daß eine wie 
auch immer geartete Gefühlsstauung den Ausweg in die Bewegung sucht 
(Luftsprung vor Freude). Solche „Entladungen" können nun leicht abnorme 
Formen annehmen^. Man denke an das aufgeregte Gebaren der unruhig 
Erregten, an das Zerschmettern eines Gegenstandes durch den Jähzornigen, 
und man gelangt auf dieser Stufenleiter bald zu jenem hysterischen Wut- 
ausbruch, in dem der Verbrecher alles in seiner Zelle zusammenschlägt. 
Nach einem solchen „Tobsuchtsanfall" ist der Erschöpfte dann oft tief 
befriedigt: nun hat er Buhe. Das berüchtigte „heute muß noch einer hin 
sein" des pathologisch Berauschten gehört auch mit hierher, und vielleicht 
besteht auch mit dem Amoklaufen eine gewisse Verwandtschaft. Endlich 
sei in diesem Zusammenhang auch der „Fugrue"zustände gedacht, jenes 
impulsiven Wandertriebes, epileptoider Psychopathen, durch den sie irgend- 
wohin laufen, stundenlang, ziellos, zwecklos, aus einem unbestimmten Trieb 
ins Weite („nur fort, nix wie fort"), bis sie irgendwo erschöpft zusammen- 

* Vgl. auch Beßmer (28), Alrutz (4 a), Imbert (i45 a), Warlomont (822 b). — Über 
eine moderne Stigmatisierte (Gemma Galgani) siehe Ludwig (ig2). 

2 Vgl. dazu Klages (i5i), Lomer (188). Die Schriftstörungen der eigentlichen 
Geisteskranken liegen außerhalb dieses Rahmens. 

3 Vgl. Frank (78). 



AIIUKAKTIONEN 131 



sinken und oft nach niehrstündigem Schlaf zerschlagen, hungrig, ««lend und 
erstaunt erwachen ^ 

Niclit innner ist es direkt die motorische Betätigung, die die iirlcichte- 
rung gi'währt: oil ist es nur der Drang aus dem Gewohnten heraus, die 
Sucht nach etwas Neuem, nach einer Veränderung, einem starken Eindruck, 
selbst wenn er an sich unangenehm ist. 

So erinnere ich mich eines Knaben, der aus jedem kleinen Lebenskonflikt den 
gleiclien Ausweg fand: er löste sich eine Fahrkarle (zuweilen mit zu Hause gestohlenem 
Geld) nach irgendeiner fernen Station, z. B. in Pforzheim nach München. Kam er 
dort nach sechsstündiger Falirt an, so war eigonüich alles schon vorbei und abreagiert: 
or stand dann noch etwas in der ßalmhofsgegend herum und telegraphierte dann sogleich 
nach Hause, man solle ihn doch um Gottes willen gleich wie<ler abholen. 

Und in diesem Zusammenhang sei auch der Sucht mancher Kinder 
gedacht, gelegentlich Ungezogenheiten, Streiche usw. förmlich selbstquälerisch 
zu häufen in Erwartung und Ersehnung des großen Strafgerichts: — war 
dann die Tracht Prügel da, so war wieder alles geordnet und alle Unlust 
vorbei*. 

Man hat die Theorie aufgestellt, daß jeder große hysterische Anfall eine 
solche „Reinigung" von einer unlustvollen Spannung sei, und für einen 
Teil der Anfälle trifft dies wohl auch zu. Für einen noch kleineren Teil 
der Anfälle kann man auch der noch engeren Theorie zustimmen, daß der 
motorische Anfall ein Symbol für den Geschlechtsakt sei: daß die gerade 
unerfüllbare Sehnsucht nach Sexualbefriedigung in den Zuckungen und den 
„attäudes passionelles" des Krampfes ihr Äquivalent findet. .\ber in sehr 
vielen Fällen hat meiner Meinung nach der hysterische Anfall mit SexucJität 
auch im vielfach determinierten Symbolsinne nichts zu tun. 

Die Erfahrung ergibt, daß jene Persönlichkeiten, die sich gern ins Moto- 
rische entladen, und besonders jene, die bei Unlustal'fekten große psychogene 
Anfälle bekommen, in der Mehrzahl energische, robuste, ja brutale Charaktere 
sind, besonders unter den Männern. Aber auch die Frauen, die an hyste- 
rischen AnfäUen (im Sinne des eigentlichen grand mal) „leiden", haben 
meist einen Zug von Aktivität, Impulsreichtum, Spontaneität. Die Bezie- 
hungen vom Charakter zum Ausdruck und insbesondere vom abnormen 
Charakter zum abnormen Ausdruck sind — abgesehen von der Graphologie — 
noch so gut wie nicht untersucht worden. Die Geschichte überliefert auch 
von mancher bedeutenden Persönlichkeit, daß sie ab und zu, besonders 
nach stärksten seelischen Erschütterungen große Anfälle gehabt, d. h. die 
rein seelische Unlösbarkeit schwieriger Konflikte in das Motorische ab- 
reagiert habe (sich in den Anfall „geflüchtet" habe). Daraus ist dann 
nicht so selten die Sage entstanden, sie sei Epileptiker. Prüft man je- 
doch diese Quellen nach, so ergibt sich z. B. von Paulus, daß seine Epi- 
lepsie höchst zweifelhaft ist (Seeligmüller 288), und auch von Napoleon 
kann man mit großer Bestimmtheit aussagen, daß er nicht an Epilepsie 
litt. Ich lasse die Hauptstelle der letzeren Überlieferung hier folgen: 



1 Vgl. dazu Benon et Froissart (i6a) und Stiers umfangreiche Arbeit (3o6). 
Auch die Dipsomanie (das Quartalssaufen) gehört zum Teil hierher. Vgl. Gaupp (85 a) 
lind Pappenheim (aSS a). 

2 Strindberg z. B. erzählt auch von sich diesen Zug. 



9« 



132 GR UHLE: PSYCHOLOGIE DES ABNORMEN 

,,Lc jour meme de son depart de Strasbourg, j'avais dine avec lui; en sortant 
do table il elail ontre seul chcz rimperatrice Josephine; au beut de quelques minutes 
il en sortit brusquement; j'etais dans le salon, il mo prit par le bras et m'amena 
dans sa chambre; M. de Remusat, premier chambellan, qui avait quelques ordres 
ä lui demander, et qui craignail qu'il ne partit sans les lui donner, y antra en m^me 
temps. A peine y etions nous, que l'empvereur tomba par terre; il n'eut que Ic temps 
de me dire de fermer la porte. Je lui arracliais sa cravale parce qu'il avait l'air 
d'elouffer; il nc vomissait point, il gemissait et bavait. M. de Romusat lui donnait 
de l'eau, je l'inondais d'eau de Cologne. II avait des especes de convulsions qui 
cessörent au bout dun quart d'hcure; nous le rnimes sur un fauteuil ; il commen^a 
ä t>arler, se rhabüla, nous recommanda le secret et une demi heure apres, il etait sur 
le cbemin de Karlsruhe. En arrivant ä Stuttgart, il m'ecrivit pour me donner de 
scs nouvelles; sa lettre finissait par ces mots: ,Je me porte bien.'" 

(Talleyrand, Memoires vol. I. pag. 295/96.) 

Es ist begreiflich, daß die Unmöglichkeit einer Abreaktion öfter zu 
peinlichen Verstimmungen, Ausnahmezuständen, ja zu leichten Situations- 
psychosen Veranlassung gibt. Oben ist deren bei der Gefängnis- und 
Stacheldrahtpsychose schon einmal gedacht worden. Aber es wurde auch 
bei den Heimwehverstimmungen schon erwähnt, daß diese gemütlichen Ab- 
normitäten oft nach ganz seltsamen „Lösungen" drängen, Mord, Brand- 
stiftung usw. Und gerade die Brandstiftung ist zuweilen auch bei Erwach- 
senen (Psychopathen) eine seltsame Lösung innerer unerträglicher Spannungen 
(Bychowski 37). Manche Persönlichkeiten finden glücklicherweise harm- 
losere Mittel der Abreaktion: Die Kunst gibt ihnen die Form ihres Aus- 
drucks. Und bei künstlerisch Untalentierten ist es oft die Freude am 
Überschwang, an der Phrase, in der sie Genüge finden: 

„So wie der Wind mit welken Blättern spielet, so spielet das Leben mit Menschen- 
schicksalen. Herbst ist es geworden, das große Sterben zieht ins Tal. Alles Getier 
scheint verschwunden zu sein, nur den Zaunkönig hört man, des Winters unentwegter 
Gesangsmeister. Eintönig und grau vergeht der Tag. Gleich Zyklopenmauem türmt 
sich bald die Nacht empor. Schon oft lag ich wach und schaute in die Nacht. Zwischen 
Wolkenfetzen sendet der Mond sein fahles Licht. Die Sterne rieseln weich und weiß 
am Himmel. Und wirbelnde Gedanken in der Seele. Sinnlos hör' mein lautes Blut 
ich singen. Von fem erklingt eine Glocke dumpf wie kranker Herzen Stöhnen. 
Und ist der Ton auch längst verhallt, mir tönt er immer noch im Herzen nach- 
Da überkommt mich dann ein leises Grauen. Gerade wie als Kind mich oft befiel 
ein leises Zagen im dunklen Wald. Es weinet die Seele und klaget um dich." 

(Ernst Linde, Brief an seine Frau, Psychiatr. Klinik, Heidelberg.) 

Es ist selbstverständlich, daß auch der Selbstmord nicht selten nur 
ein Abfluß ins Motorische ist; in die Tat. Sicherlich gibt es Fälle, in 
denen eine besondere Verwicklung objektiver Umstände auch dem Nor- 
malen den Selbstmord als die einzig mögliche Lösung erscheinen läßt; 
sicherlich bestimmen gelegentlich auch einzelne krankhafte Ideen einen 
Kranken zum Selbstmord. In der Mehrzahl der FäUe werden es aber 
abnorme Gemütsverstimmungen sein, Schwermutsanfälle u. dgl., die den 
Tod als das einzig noch Wünschenswerte erscheinen lassen: Beendigung 
einer unerträglich gewordenen Situation ^. Besondere Gefahr bringen die 
Verstimmungen der Pubertätszeit 2. 



1 Vgl. Placzek (247). Reboul (256), Stelzner (3o5), Gaupp (85). 

2 Redlich-Lazar (267), Eulenburg (Sg). 



SELBSTMORD. ANFÄLLE 133 



Eii» hinleilasbfiiiT Brief von 1-8(3 koimfeiclinPt in seiner Scliiidilheit gut die 
Ivtzto Sliiiuimag eines Selbstmörders (aus Dieff(jnl)acli L. F. — (jraf Franz zu Krbacli 
- E.. Darnistadl, 1879): 

,,Wenn Du dieses erhaltest, bin ich nicht mehr. — Die Well isl mir zu enge. 
Widerwärtigkeiten, die ich von Jugend auf zu ertraget! hatte, und die ich mit zu- 
nehmenden Jahren immer lebhafter zu füiiien anfange, lassen mich den Tod als das 
glücklichste Ereignis meines Lebens ansehen. Gott erbarme sich meiner." 

Es ist nicht eigentlich Aulgabe der Psychoj)athologie, jener Störungen 
des Seelenlebens ausführlicher zu gedenken, die durch .\lterationen der 
Körpenorgänge oder schließlich der Gehirnfunktionen gesetzt werden. 
Krankhafte Veränderungen des inneren Körperstoffvvechsels, äufiere Ver- 
giftungen, Veränderungen des Blutkreislaufes im Gehirn, ferner direkte 
Schädigungen der Gehirnsubstiinz (Entzündungen, traumatische Zerstörungen 
usw.) sind selir häufig mit den verschiedensten seelischen Alterationen ver- 
bunden. Dabei gelingt es in vielen Fällen, deren Ursachen in den Körper- 
iunktionen einwandfrei nachzuweisen. In vielen anderen Fällen liingegen 
bleibt die Vermutung, eine Körperstörung verursache die Seelenstörung, 
eine nicht erweisbare Theorie^. Gerade das Fehlen seelischer „Ursachen" 
(d. h. im oben erörterten Sinne seehscher Sinnzusammenhänge) veranlaßt 
in solchen Fällen den Forscher, „wenigstens" nach den hypothetischen 
körperlichen Ursachen zu suchen. Dabei wird er sich meist der Schiefheit 
seiner methodischen Stellung nicht recht klar. Beide „Richtungen" des 
Suchens sind ganz verschieden orientiert. In jedem Falle einer seelischen 
Störung muß der Psychologe nach den Sinnzusammenhängen forschen; er 
muß, wenn es ihm vielleicht auch nicht gehngt, das „Auseinanderhervor- 
gehen" zu ergründen, zum mindesten den Versuch unternehmen, die Form, 
in der sich die Störung seeUsch äußert, aus der Persönüchkeit abzuleiten. Der 
Forscher muß — um einen anders gewendeten Ausdruck zu gebrauchen — 
sich stets um die Einfühlung bemühen. FreiUch kommt er dabei in 
vielen Einzelfällen sehr bald an jene Grenze der Einfühlbarkeit, von der 
oben gesprochen worden ist. Der Seelenarzt, der Menschenkenner, der 
Pädagoge muß sich dieser Einfühlung gleichermaßen befleißigen. Der erstere 
freilich hat dazu noch eine weitere Aufgabe: er muß stets auch in jener 
anderen Richtung nach den körperlichen Ursachen einer seelischen Störung 
fahnden. Dies darzulegen ist jedoch Aufgabe der Psychiatrie. Für den 
Psychologen sei hier nur noch einmal deutlich jene Tatsache hen orgehoben, 
daß sich für manche seelische abnorme Erscheinungen ein sinnvoller Grund 
nicht finden läßt. Er läßt sich aber nicht darum nicht finden, weil es 
dem Suchenden an Geschicklichkeit oder Kenntnissen fehlt, sondern weil 
er grundsätzlich nicht gefunden werden kann. Genau so wie das große 
Übel des Epileptikers, das grand mal des Morbus sacer, ohne Motive ur- 
plötzlich über des Kranken Körper hereinbricht — die Hand des Herrn 
schlägt ihn — , genau so gibt es seelische Zustände, die motivlos im 
Menschen entstehen. Es sind nicht nur die sog. epileptischen (seelischen) 
Äquivalente, sondern es sind auch andere Gemütsverstimmungen, Erregungs- 
zustände u. dgl,, die grundlos in der pathologischen Persönlichkeit wurzeln. 



1 Ich gehe hier selbstverständlich den allgemeinen Theorien über den Zusammen- 
hang von Leib tind Seele bewußt aus dem Wege. 



ABNORMITÄT DER SEELISCHEN ENTWICKLUNG 

Nur wenige Worte seien hier den' Problemen gewidmet, die von der 
abnormen Entwicklung der menschlichen Seele handeln. Dabei ist nur die 
Ontogenese, die Reifung des einzelnen Individuums gemeint, denn nach 
den obigen Ausführungen über den Begriff des Abnormen kann von einer 
abnormen Phylogenese prinzipiell nicht gesprochen werden. Hierzu fehlt 
jeder Maßstab. Aber auch die abnorme Reifung ist eigentlich mehr ein 
Thema der pädagogischen Psychologie (Heilpädagog^) einerseits, der Psychia- 
trie anderseits. Es ist auch mehr von praktischem, als theoretischem In- 
teresse, zu erörtern, inwieweit das Tempo einer kindlichen Entwicklung 
abnorm werden kann. Einerseits findet man eine frühzeitige Reifung im 
Sinne des Vorausgehens bestimmter Anlagen \ So gibt es eine Anzahl 
wohl beschriebener Fälle, in denen die mathematische Begabung sich schon 
auf sehr frühen Stufen der Kindheit offenbarte-. Und die musikalische 
Begabung zeigt sich ja ebenfalls oft schon sehr zeitig: die Wunderkinder 
haben zwar zu allen Zeiten das Staunen und die Teilnahme eines größeren 
Publikums erweckt, sind jedoch erst in neuester Zeit auch genaueren psycho- 
logischen Analysen unterworfen worden ^. 

Der Bildhauer Joseph Kopf benutzte schon als Sechsjähriger die Hauswand zu 
Zeichnungen, und die Ziegelmasse in der Ziegelei des Vaters für Plastiken. Der 
Tiroler Landschaftsmaler Anton Koch hat als Ziegenhütejunge hoch oben im Ge- 
birge die Felswände mit Zeichnungen bedeckt, die (mittels Kohle vom Hcrdfcuer) 
Landschaften und Geschichten, besonders aus der Offenbarung Johannis, wiedergal>eo . 

Möbius vermag (204) 24 bildende Künstler von Rang zusammenzu- 
stellen, die schon in früher Jugend ihr Talent offenbarten und betätigten. 
^ on Dichtern bringt er unter dem gleichen Gesichtspunkt nur 5 zusammen. 
A. Baeyer entdeckte im 1 2. Lebensjalu- ein neues Doppelsalz, das erst 4 Jahre 
später von Struve beschrieben wurde. 

Häufig sind solche Wunderkinder nicht nur in ihrer Entwicklung un- 
ausgeglichen, sondern diese Unausgeglichenheit ist nur ein Symptom in 
einer Kette solcher Symptome psychopathischer Art. Aber gelegentUch 
kommt es auch in frühen Entwicklungsstadien zu einer Reife und Tiefe 



1 Körperliche und geistige Reifung können auch stark divergieren. Siehe z. B. den 
Fall Lenhosseks (i74). 

2 Siehe z. B. Moebius (2o5). — Über Schach Wunderkinder: Becker (lob). Bauni- 
garten (loa). 

* Vgl. z. B. Revesz (203) und die dort angeführte Literatur, und Riebet (266), 
auch Feis (6i), Stumpf (3 12 a). Besonders die phänomenalen Gedächtnisse sind 
auch hinsichtlich ihrer frülizeitigen Offenbarung schon seit langem beachtet worden 
In dem Buche von Offner (232), S. 200 ff., und den drei Bänden G. E. 
Müllers (2i5) finden sich mancherlei Hinweise. Einen interessanten Beitrag über 
das Wunderkind Christian Henrich Heineken (geb. 172 1) bringen die ..Interessanten 
Lebensgemälde", von Samuel Baur I. Leipzig. Voß & Co., i8o3. 



ABiNOllMITAT DER SEELlSGUEiN ENTWICKLUNG 135 

des Lirteils, einer Weite der Interessen und einem Ernst in allen Betätigungen, 
daß man nicht von der Überentwicklung einzelner Gaben reden kann, 
sondern oino allseitige geniale Entwicklung annehmen muli. .Vis wichtigstes 
Dokument hierfür dienen die nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten, 
Otto Braun (32). 

Andererseits bleiben manche Kinder in der Entwicklung in der ver- 
schiedensten Weise zurück, sei es, daß einzelne „Gebiete" sich als nicht 
recht anbaufähig erweisen, sei es, daß bestimmte Anlagen sich in dem 
Augenblick als zurückgeblieben herausstellen, sobald der Unterricht zum 
ersten Mal an sie appelliert (etwa das optisclie Vorstellungsvermögen in 
der Geometrie), sei es, daß alle geistigen Funktionen schwierig großzu- 
ziehen sind. Die Pädag<^^ hat sich ja in ihren besonderen Zweigen der 
Hilfsschul- und Heilpädagogik höchst ausführlich, wenn auch in ihrer Ein- 
stellung etwas einseitig mit diesen Problemen beschäftigt. Hier sei von der 
außerordentlich großen, speziellen, allerdings meist mehr populären Lite- 
ratur nur einiger zusammenfassender Werke und der 6 Zeitschriften gedachte 

Daß manche geistig Zurückgebhebene dennoch in einzelnen Gebieten 
Hervorragendes leisten können, w urde schon oben erwähnt. Besonders das 
Rechnen- und Gedächtnis 3, aber auch das Zeichnen können trotz erheb- 
licher Debilität vorzüglich sein. 

Endlich -sei bei der Frage des abnormen Tempos in der seeüschen 
Ent\vicklung noch jener Persönlichkeiten gedacht, bei denen die Ent- 
Nvicklungsjahre besonders stürmisch oder konfliktreich verlaufen. Über 
diese Probleme liegen noch keine Arbeiten vor, die wissenschaftUch auf 
einem höheren Niveau stehen. In der populären Literatur, aus der deshalb 
hier einiges genannt werden muß, findet man zwar mancherlei feine Einzel- 
beobachtungen aber kaum mehr, und nur der Zusammenhang der Ver- 
wahrlosung mit den Pubertätsjahren ist eingehender untersucht worden.* 



1 Weypandl (32^), Handbuch (Sao), Heller (107), Fuchs (83). 

Zeitschrift für Kinderforschung, Langensalza, Beyer, 1920, 2 5. Jahrgang. 

Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik. Quelle 
u. Meyer. Leipzig, 1920. 21. Jahrgang. 

Eos. Graeser, Wien-Leipzig. 191 7. i3. Jahrgang. 

Die Hilfsschule, Halle, Marhold. 1920. i3. Jahrgang. 

Zeitschrift für angewandte Psychologie. Leipzig, Barth, 1920. 17. Jahrgang. 

Zeit<ichrifl für die Behandlung Schwachsinniger. Halle, Marhold. 1920. io. Jahr- 
gang-. 

Zeitschrift für die Erforschung und Behandlung des jugendlichen Schwachsinns. 
Jona, Fischer, 1920. 8. Band. 

" Wizel (327).. 

3 Van der Kolk (lag) mit Literaturangaben. 

* Vgl. hierzu Grüble (98), femer Pappenheim-Groß (233) und sonst allenfalls die 
kleine populäre Sammlung von Eger, Die Entwicklungsjahre (67). 

(Während der Korrekturen erschien soeben die sehr b^chtenswerte Arbeit von Charlotte 
Bühler. Das Seelenleben des Jugendlichen. Jena. Fischer, 1922.) 



LITERATURVERZEICHNIS' 

Es ist nicht leicht, aus der Fülle der psychologischen und psychiatrischen 
Literatur diejenigen psychopathologischen Arbeiten herauszusuchen, die 
dem Psychologen die in diesem Grenzgebiet gesuchten Materialien und 
(jesichtsp unkte vermitteln. Ich habe von den älteren Werken nur jene 
angeführt, die besonders wichtig erscheinen oder die mit Unrecht allgemein 
\ergessen worden sind. Im übrigen beschränkte ich mich auf neuere 
.\rbeiten, die die ältere Literatur gut kennen und auch zitieren. Mancher 
kritische Leser wird dieses oder jenes vermissen, doch wird mir, glaube 
ich, nicht viel Wesenthches entgangen sein^. Wenn ich mancherlei weg- 
ließ, so schien mir dies mehr in das Gebiet der reinen Psychologie, reinen 
Psychiatrie oder Pädagogik zu gehören. Auch hielt ich mich streng an 
das Programm dieses Handbuchs. Sexualpsychologie, Kriminalpsychologie 
usw. haben ihre eigenen Bearbeiter. 

Von Gesamtdarstellungen der Psychopathologie gab es bisher 
eigentlich nur die zwei Arbeiten von Stoerring (310) und Jaspers (143). 
Die geringe Befriedigung, die das veraltete Störringsche Buch gewährte', 
und das Fehlen einer modernen Darstellung waren wohl die Motive zu 
Jaspers' Buch gewesen, das die gesamten psychopathologischen Probleme 
von einer gänzUch neuen, vor allem methodologischen Seite aufgriff. 
Gerade in diesem Gesichtspunkt liegt seine Hauptstärke. Aus dem Versuch, 
in die Fülle angehäufter Beobachtungen einmal klare Ordnung zu bringen, 
spricht der energische Forscherwille einer mit allen modernen Problemen 
vertrauten Persönlichkeit. Aber es wäre gut, wenn wir heute nicht eine, 
sondern vier, fünf Psychopathologien besäßen. Die mannigfach ver- 
schlungenen Fragen des abnormen Seelenlebens haben nicht eine be- 
friedigende Antwort, sie lassen sich recht verschieden behandeln. Es gilt 
mehr, die einzelnen Probleme aufzuzeigen und von allen Seiten zu beleuchten, 
als sie eindeutig zu lösen. 

Wünscht ein Leser tiefer in das Gebiet der eigentlichen Psychiatrie 
einzudringen, so sei ihm das Lehrbuch von Bleuler empfohlen (27). Hinter 
ihm steht die grosse Kraepelinsche Psychiatrie (161a). 

Über die wichtigsten bisher erschienenen Pathographien gibt ein 
Anhang zum Literaturverzeichnis Auskunft. 



^ Für mancherlei wertvolle Hinweise bin ich den Herren Professoren Dr. G. 
Steiner, Dr. A. Wetzel und Herrn Dr. Mayer-Groß dankbar. 

2 Die ausländische Literatur seit igi4 fehlte mir allerdings größtenteils. — Auf 
die Frage der Priorität eines Gedankens habe ich niemals Wert gelegt. Ich habe 
hierfür keiti Verständnis. Insbesondere sei gegenüber Stransky betont, daß er sicher 
viele der hier mitgeteilten Ideen zuerst gehabt haben mag. 

3 Das noch ältere Emminghaussche Werk (58) hat nur noch historisches Interesse. 
— Inwieweit die üblichen Methoden der experimentellen Psychologie auch auf dag 
Gebiet des Abnormen angewendet werden können, stellt Gregor (92 a) zusammen. 



LITERATURVERZEICHNIS 137 



Über mancherlei Beziehungen al)nornier (icistesverfassung zur Kunst 
YNird ein demnächst erscheinendes liuch vi)n Hans Prinzhorn orientieren. 

Zalilreiche interessante Dokumente zur I*sycho[)athologie stellt Birn- 
baum zusammen (26 b). 

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Die Pathographien, die es sich zur Aufgabe machen, die Persönlichkeit be- 
deutender Menschen auf abnorme Züge zu untersuchen, sind hier gesondert 
aufgeführt. So wenig die meisten unter ihnen befriedigen — die Verfasser, 
besonders Moebius, hüten sich selten vor den ungeniertesten Werturteilen — , 
hielt ich es doch für empfehlenswert, als Material für den psychologischen 
Forscher alles zusammenzustellen, was ich fand. 



PATHOGRAPHIEN 

33o. Abraham , Karl, Giovanni Segantini, Ein psychoanalytischer Versuch, Leipzig. 

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364. Schweitzer, Albert, Die psychiatrische Beurteilung Jesu, Tübingen, Mohr, 1918 

(dort auch weitere Literatur zu diesem Problem). 

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369. Weiß, E., Psychologische Streifzüge über Oskar Wilde, Leipzig, Apian-Bennevitz, 

1908 (nicht selbst eingesehen). 

Nach Abschluß der Revision erschien : 

370. Schneider, Kurt, Der Dichter und der Psychopathologe. Mit einem Literatur- 

nachweis, Köln, Rheinlandverlag, 1922. 



KRIMINALPSYCHOLOGIE 



VON 
M. H. aÖRING 



lOa 



EINLKITUNG 

Die Kriminal Psychologie kann man zurückverfolgen bis zum B^un 
tle^ iS. Jahrhunderts (i34, l\2S). Feuerbach hat ihren Wert schon 
erkannt (SSg), doch versuchte er noch nicht, sie systematisch zu ver- 
arbeiten. Den Hauptaufschwung nahm sie durch den Grazer Straf- 
rechtslehrer Hans Groß, der in seinen Arbeiten und in dem von ihm 
herausgegebenen Archiv inuner wieder auf ihre Wichtigkeit hinwies, und 
die Literatur und seine eigenen Erfahrungen schließlich in seinem Werke 
„Kriminalpsychologie'" verarbeitete (i3/i). 

Das Wort Kriminalpsychologie hat verschiedene Bedeutung. Die einen 
verstehen unter ilir nur die Lehre von dem Seelenleben des Verbrechers 
und behandeln sie als Unterabteilung der Kriminalanthropologie (io4, 
383). Andere fassen das Gebiet viel weiter und rechnen dahin ,,alle 
Lehren der Psychologie, welche der Kriminalist bei seiner Arbeit not- 
wendig hat" (i33, 399). So kommt Groß dazu, die Kriminalpsychologie 
in einem vorläufigen Schema der Kriminologie (i33) an drei ver- 
schiedenen Stellen zu benennen ; wir finden die objektive Kriminal- 
psychologie unter der Kiiminalanthropologie, die soziale unter der 
Kriminalsoziologie und die subjektive unter der Kriminalphänomenologie; 
außerdem enthalten die Untersuchungskunde und der zweite Teil der 
Kriminalpolitik, die Pönologie, ungenannt noch Abschnitte der Kriminal- 
psychologie. Nach Schneickert (423) müßte dem heutigen Bedürfnis 
entsprechend ein vollständiges System der Kriminalpsychologie folgende 
Gebiete umfassen: die Psychologie der Aussage, des Verbrechers, des 
Verbrechens und der Urteilsfindung. 

Im Rahmen eines Handbuches der vergleichenden Psychologie erscheint 
es nicht zweckmäßig, in dem Band, der von dem abnormen Bewußtsein 
handelt, die Psychologie des Richters imd des Zeugen aufzunehmen; 
sie wird daher nur so weit berührt werden, als sie in Beziehimg* steht 
zur Psychologie des Verbrechers. 

Bevor wir auf unser Thema eingehen, müssen kurz die Mittel be- 
sprochen werden, die uns befähigen, die Psyche des Verbrechers kennen- 
zulernen. 

Als erstes kommt die Verwertung der philosophisch gerichteten Psycho- 
logie in Betracht. Es hat sich aber, besonders auf dem XII. Kongreß 
der J. K. V., gezeigt, daß seitens der Juristen der Wert dieser Psychologie 
für Juristen nicht hoch angeschlagen wird. Auf dem genannten Kongreß 
haben sich besonders van Hamel jim. und Hoff ding (336) ihr gegen- 
über durchaus ablehnend verhalten. Mezger (336) will lediglich das 
induktiv gesammelte Material zu wissenschaftlicher Betrachtungsweise, 
zur Gewinnung allgemeiner Typen und Gesetze heranziehen; dagegen 
glaubt er, von der theoretischen Psychologie keine wesentlichen Vorteile 

lOa* 



156 GORIJNG : KRIMINALPSYCHQLOGIE 

erhoffen zu dürfen. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß man diese 
gänzlich unberücLsichtigt lassen soll. Aschaffenburg (i5), Hellwig (17/4) 
und Münsterberg (35/i) haben recht, wenn sie behaupten, daß die philo- 
sophisch gerichtete Psychologie durch die Erfahrungspsychologie nicht 
ersetzt werden könne, imd Otto Lipmann (298) meint, die theoretische 
Psychologie müsse erörtert werden, um die angewandte verstehen zu 
können. 

Ein heftiger Kampf entbrannte um die Frage nach der Brauchbarkeit 
der Statistik. Von Aschaffenburg (ili), Wulffen (5o2) u. a. wurde sie 
in ausgiebigster Weise benutzt, Ijcsonders zur Feststellung des sozialen 
Einflusses. Der eifrigste Verfechter für ihre Verwendung ist Greorg 
V. Mayr (33o). Ihm ist Hoegel entgegengetreten (.201, 202); er weist 
auf die Fehlerquellen hin, ohne damit die Kriminalstatistik ganz und 
gar zu vei'werfen, ein Standpunkt, den auch Hurwicz (282) einninunt. 
Zweifellos kann die Statistik der Kriminalpsychologie große Dienste» 
leisten: mu- darf man nicht zu viel von ihr verlangen. Einmal darf 
man nicht vergessen, daß sich viele Tausende der Bestrafung und somit 
auch der Statistik entziehen (i85), und zweitens kann, me Wassermann 
treffend sagt (485), idie Kriminalstatistik nur eine Wissenschaft sein, 
die die Wirklichkeit schildert, wie sie ist; sie kann im besten Fall 
ein Bild von Partialiu-sachen geben, aber nie ein vollständiges Bild des 
Ablaufs. 

Unter Berücksichtigung der genannten Einschränkung wird man die 
Kriminal Psychologie immer weiter ausbauen müssen. Leider ist die 
Anregimg Hellwigs (166) zu einer Statistik der Beweggründe, die auch 
V. Mayr empfiehlt (33o), während v. Inama-Sternegg sie für midurch- 
führbar hält (234), noch nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Natürlich 
könnte es sich bei dieser Statistik nur um eine Erfassung konkreter 
Motive, nicht um eine statistische Eigenart der Individualität des Täters 
handeln (23i). 

In erster Linie muß sich die Kriminalpsychologie der Biologie als 
Hilfswi^enschaft bedienen, worauf schon Kafka in der Einleitung hin- 
gewiesen hat. Dieses ist mu- möglich durch gründliche Bearbeitung 
von Einzelfällen. Schon vor fast 200 Jahren haben Pitaval (38o) und 
etwas später Feuerbach (87) Schilderungen von Einzelfällen gegeben; 
sie hielten sich aber mehr an das juristisch Interessante. Erst in neuerer 
2^it, nachdem man erkannt hatte, daß die Statistik nicht alle Wünsche 
erfüllen konnte, wandte man sich wieder der Bearbeitung der Einzelfälle 
zu (243); vor allem haben Sommer (448) und in jüngster Zeit Grüble 
und Wetzel einen besonderen Wert auf die Bearbeitung des Einzelfalles 
gelegt (149. 147, 493); von Münsterberg wird sie für die gesamte 
Psydiotechnik verlangt (354). Dabei handelt es sich aber nicht so sehr 
um eine Beschreibung der Tat und der für den Juristen wichtigen 
Umstände zum Ergreifen des Täters, sondern um eine exakte Beschreibung 
des einzelnen psychischen Vorgangs im Verbrecher und der kriminogenen 
Würdigui^ des psychischen Einzelvorgangs, woraus nach Mezgers Ansicht 
(337 a) die Kriminalpsydiologie den größten Vorteil f iehen wird. In 
dieser Hinsicht könnte die Psychiatrie für die Kriminal psychologie vor- 



KIM.mi \(. 157 

bildlich sein (5i7). Sonuner (449) vcrlangU' auf dem VII. IiiUirnationaleii 
Kongreß für Kriminalpsychologie die Übertragung der MeÜiodik der 
empirischen Psychologie luid Psychiatrie auf <lie Kriminalpsychologie. 
Es sollen die Motive, die Denkweise, die Art des Zusamineidebens und 
der Organisation sowie die Ursachen der Verbn^Jicn auf analytischer 
Grundlage metliotüsch erforscht werden (448). Sommer sowohl wie 
Aschaffenburg (i5) empfehlen die Schaffung kriminalpsychologischer 
Kliniken. 

Die neu»»ste Phase, in der wir uns befinden, ist die BearIxMtung einzelner 
Verbrechen in größerer Menge (243); es handelt sich hier also um 
eine Verquickung von Statistik und Einzelbearbeitungen, um eine Indi- 
vidualstatistik. Auf Grund der Arbeiten von Passow (874) und Wasser- 
mann (485) hält Wetzel (494) die Bearbeitung der Einzelfälle aus den 
beiden folgenden Gründen für wichtig: einmal sollen sie als Masse 
zur Aufdeckung allgemeiner Ursachen verhelfen und zweitens der Auf- 
stellung psychologischer imd psychopathologischer Zusammenhänge beim 
Zustandekommen eines Deliktes dienen; dabei kann dargetan werden, 
wie die statistisch erfaßten Ursachen bei dem Individuum wirksam ge- 
worden sind. Diese äußerst nutzbringende Verbindung zwischen Einzel- 
forschmig und Statistik war früher schon von Groß angeregt worden 

(^39). . 

Mit dieser Hervorhebung der Einzelforschung soll natürlich nicht gesagt 

sein, daß sie auf die ganze Allta^kriminalität angewandt werden muß. 

Wetzel selbst erklärt (494), daß bei der landläufigen Kriminalität die 

statistische Methode ausreichen würde, weil es hier gelingen würde, die 

ursächliche Bedeutung statistisch erfaßter allgemeiner Beziehungen zu 

prüfen, ohne das Einzeldelikt des einzelnen Täters zu zergliedern. 



I. DER.VERBEECHER IN SEINER ENTWICKLUNGSZEIT 

Schon bei Besprechung der Statistik als Hilfsmittel der Kriminal- 
psychologie wurde darauf hingewiesen, daß es kaum einen Fall gibt, 
in dem nur eine einzige Ursache wirkt. So stellt auch die soziale Straf- 
rechtsschule das Verbrechen als gesetzmäßiges Resultat individueller und 
sozialer Faktoren hin (227), und Irk (235) nennt die Kriminalität 
eine zusammengesetzte Erscheinung, das Ergebnis biologischer, sozialer 
vuid physikalischer Komponenten. Auf letztere wird nur kurz einge- 
gangen, da sie, wie wir sehen werden, am unwichtigsten ist. Wir werden 
mit der Besprechung der endogenen Komponente beginnen. 

A. DER EINFLUSS DER VERANLAGUNG 

I. Der Einfluß der Rasse 

Die Untersuchungen über die Rasse als Kriminalitätsfaktor sind 
schwierig, da weder Sprache noch Staatsgebilde für die Abgrenzung 
einer Rasse ausschlaggebend sind und vielfach eine Mischung der Rasse 
stattgefimden hat (447). Auch steht die Bearbeitung von Einzelfällen 
und deren Vergleichen sov\de die experimentelle Untersuchung der Rassen 
noch ganz im Anfangstadiiun (354)- Außerdem muß man inouner 
daran denken, ob es gerade die Rasse ist, die gewisse Eigenschaften 
hervorbringt, oder ob nicht vielleicht das Klima, die Ernährung u. a. 
auch einen wichtigen Faktor darstellen (283). Während Kovalevsky (270) 
die Rasse kaum berücksichtigt, hebt Rüdin (409) ihren Einfluß besonders 
hervor. Es gibt allerdings Landstriche, in denen unter annähernd gleichen 
Lebensbedingungen Angehörige verschiedener Rassen nebeneinander leben, 
z. B. Arier, Mongolen, Neger und Indianer in den Vereinigten Staaten 
von Nordamerika; ihre Kjiminalität ist auch schon verglichen worden; 
die Arbeiten beruhen aber lediglich auf der Statistik. Fehlinger hat ge- 
funden (82), daß die Kriminalität bei den Negern viel größer ist als 
bei den Weißen, aber geringer als bei den Mongolen vmd Indianern; 
er ist sich bewußt, daß neben den Rasseneigentümlichkeiten auch die 
wirtschaftliche Lage eine Rolle spielt; er hält sie aber nicht für allein 
ausschlaggebend, i Sie auszuschließen, ist jedoch der Statistik nicht 
möglich. Dazu gehören Einzelbeobachtungen, die uns einstweilen nicht 
zur Verfügung stehen. Näcke (358) glaubt, daß man, je mehr man siöh 
mit der vergleichenden Pathologie und Kriminalistik der Rassen be- 
schäftige, um so mehr finden werde, daß die Einwirkung der Rasse 
nicht zu unterschätzen sei; zu solchen Untersuchungen sei aber erforder- 
lich, daß man zunächst Genaueres über die Methodik einer solchen 
Forschung und über die Fragestellung festsetze, anstatt sich in 



DER EINFLliSS DER RASSK 159 

Slati&tikon m stürzen. Beeondors nachteilig wirkt die Vormiftchung hetero- 
gener Hassenelemente, worauf u. a. Weinberg aufmerksam gemacht hat 

Innerhalb der Rasse muß man Unterabteilungen bilden. Wir wissen, 
daß Germanen, Romanen und Sla>\'en ganz anders geartet sind, was sich 
auch in ihrer Kriininaiilät widerspiegelt. Man lese die ArbiMten der 
Italiener, aus denen deutlich hervorgeht, welchen Einfluß der Affekt 
auf die Handlungsweise der Italiener ausübt; Wulffen meint, daß man 
Beispiele von gleichartiger Affektwirkung nur ganz selten in der deutschen 
Praxis finden werde (5o2). Die Mischungen innerhalb der Lnterab- 
teihmgen können von großem Nutzen sein, wie z. B. der germanische 
Einschlag in Frankreich, während die Slawenbeimischung in Ost- un<l 
Mitteldeutschland auf die Germanen ungünstig gewirkt hat. Die Unter- 
schiede zwischen den Süddeutschen tmd Rheinländern einerseits und 
den Norddeutschen andererseits sollen auf die Beimischung von romani- 
schem und keltischem Blute zurückzuführen sein (356 a). Sicher könnte das 
Studium der Geschichte über den Einfluß der Rasse auf die Kriminalität 
noch manchen .\uf Schluß geben. 

Am schwierigsten sind die Rassen zu beurteilen, deren Angehörige 
verstreut zwischen anderen Rassen wohnen, besonders die .Juden und 
die Zigeuner. In der Zeitschrift für Demographie und Statistik der 
Juden wurde viel über die Kriminalität der Juden geschrieben, ohne 
daß man zu einem endgültigen Ergebnis gekommen wäre. Es gibt zu 
viele Bedingimgen, die mitsprechen; so haben beispielsweise Hoppe 
(212) Tuid Mönkemöller (344) die Vermutung ausgesprochen, daß die 
geringe Verbreitung des Alkohols eine Ursache für die geringe Anteil- 
nahme der Juden an der Kriminalität sei. Während in der letzten Zeit 
de Roos (4o4) der Rasseneigentümlichkeit eine besondere Bedeutung bei- 
mißt, vor allem glaubt, daß nicht der Beruf Ursache der Teilnahme der 
Juden an gewissen Delikten ist, sondern daß die Berufswahl und diese 
Delikte gemeinsame Ursachen in der Eigenart des jüdischen Volkes haben, 
meint Wassermann (484), daß die Kriminalität der Juden vor allem das 
Prodxdct sozialer Verhältnisse sei, daß die Kriminalität der Gesamtheit 
eines Landes der Kriminalität seiner Juden ähnlicher werde, je mehr 
das Land Industriestaat werde. Dazu würden die in Amsterdam gemachten 
Erfahrungen stimmen; dort sind die Juden meist Feibrikarbeiter und 
stellen in der Kriminalistik einen hohen Prozentsatz bei den Körperver- 
letztmgen, im Gegensatz zu den Juden anderer Länder, die meist Händler 
sind und sich mehr an Eigentumsdelikten beteiligen (5i4). Auch Franz 
V. Liszt (3o2) steht auf dem Standpunkt, daß die Kriminalität der 
Juden keine Rassen-, sondern eine Berufskriminalität sei. Die Frage 
nach der Erhöhung der Kriminalität bei Kindern aus christlich- jüdischen 
Mischehen ist bis jetzt nur angeschnitten worden (32o) ; sie bedarf 
noch weiterer Bearbeitung. 

Nicht so schwer wie das Studium der Juden ist das der Zigeuner, 
da sie ihre Eigenart bewahrt und sich kamn mit der seßhaften Bevölkerung 
vermischt haben. Eine Zusammenstellung der Literatur findet man bei: 
Hellwig (168), der vor allem auf die Eigentümlichkeit der Zigeuner,^ 



160 GÖRING: KRIMINALPSYCHOLOGIE 



bei Eigentumsdelikten den Aberglauben der Bevölkerung auszunutzen, 
hingewiesen hat. Es wäre statistisch falsch, wollte man die Straf- 
fälligkeit der Zigeuner zur einheimischen hinzurechnen, da es sich um 
einen Volkstanmi handelt, dessen Sitten und Anschauungen in denkbar 
schärfstem Gegensatz zu jenen der Umgebimg stehen (202). Leider 
fehlen über die Zigeunerkriiminalität noch genauere Untersuchungen. 

2. Der Einfluß der Familie 

In die Vererbung von Familieneigentümlichkeiten ist man weiter ein- 
gedrungen als in die Übertragung von Rasseneigentümlichkeiten auf ein 
Individuum. Gruhle kommt in seinen eingehenden Untersuchungen über 
die Flehinger Zöglinge (ikS) zu dem Ergebnis, daß bei 20 Prozent der 
Verwahrlosten die Ursache des sozialen Verfalles ausschließlich oder 
vorwiegend in der abnormen Artiuig, in weiteren 21 Prozent allein oder 
hauptsächlich in der Anlage, die aber nicht als abnorm zu bezeichnen 
sei, zu finden sei. Sommer hat betont, daß eine Individualpsychologie 
mit der Familienforschung untrennbar verbunden sei (447)- Er hat 
darauf hingewiesen, daß es Verbrecher gibt, die aus einer unbescholtenen 
Familie hervorgegangen und doch infolge Vererbung zum Verbrecher 
geworden sind. Das sind die Fälle, in denen eine in der Familie zu be- 
obachtende Anlage aktiv wird. Sie sind besonders wichtig, weil sie in der 
Regel übersehen werden. So manches Rätsel könnte gelöst werden, wenn 
man sein Augenmerk auf den Familiencharakter richten würde (446). 
Zu dieser Gruppe dürfte der von mir begutachtete Frhr. v. C. gehören, 
der aus idem Kadettenkorps entfernt Averden mußte, eine landwirtschaftliche 
Schule ohne Erfolg besuchte, vergeblich sich bemühte, Offizier zu wer- 
den, mit 2 Jahren ein Vermögen durchgebracht hatte und sich dann 
eine große Anzahl Eigentumsdelikte zuschulden kommen ließ. Anderer- 
seits gibt es Familien, in denen die kriminelle Veranlagung so ausge- 
sprochen ist, daß zahlreiche Familienglieder ihr zum Opfer fallen. Mendel 
hat versucht, Vererbungsgesetze aufzustellen, auf deren Bedeutung für 
die Familienforschung Sommer (447) > ^^^ ^^® Kriminalistik Fehlinger 
(98) hingewiesen haben. Es wurden zwei ^\ege eingeschlagen, um die 
hereditären Verhältnisse bei den Verbrechern zu studieren; entweder 
prüft<^ man die Heredität der Insassen einer Strafanstalt imd baute 
darauf eine Statistik auf (i55), oder man untersuchte ganze Verbrecher- 
familien (262). Am interessantesten sind die Bearbeitungen der Familien 
Yuke (76), Kerangal (22), Zero-Markus (248), Viktoria (345) und vor 
allem Lundborgs Werk über ein 2282 köpfiges Bauerngeschlecht (3i4), 
von dem er aber ausdrücklich behauptet, daß man es keineswegs als Ver- 
brechergeschlecht bezeichnen dürfe, wenn es auch auf einem recht 
niedrigen moralischen Niveau stehe. Sighele (443) hat in dem italienischen 
Dorf ,\rtena, in dem die meisten Einwohner miteinander verwandt sind, 
eine 6 fach höhetre Zahl von schweren Verbrechen gefunden als im 
übrigen Italien. Sowohl bei der Untersuchung der Verbrecherfamilien als 
auch bei der Prüfung der Heredität der Anstaltsinsassen fand man, daß 
die verbrecherische Neigung und die Anlage zu Geisteskrankheiten Hand 



DKR EUSFLUSS DER FAMILIE 161 

in Hand gehen, daß also eine polymoq)he Vererbung vorliege. Infolge- 
dessen ist es auch verständlich, daß unter Vererbung verbrtxherischer 
Neigung nicht die Nererbung der Fähigkeit zu verbrecherischen Ent- 
schlüssen als solche, sondern nur die Vererbung von Unregelmäßigkeiten 
in der Bildung von \N illensentschlüssen zu verstellen ist, worauf Rosenfeld 
aufmerksam gemacht hat (4o6). Es hat aber den Anschein, als ob die*se 
Unregelmäßigkeit nicht eine gänzlich vage ist, sondern als ob die abnorme 
Bildung von Willensentschlüssen in manchen Fällen in einer bestimmten 
Richtmig verläuft; so hat z. B. Kurella gefunden (28/i), daß in bestimmten 
Familien die Neigung zu gewissen Delikten, wie Betrug, Brandstiftung, 
Grausamkeiten und Sittlichkeitsverbrechen, immer wieder auftritt. 

Bisher wurde angenommen, daß im allgemeinen das Zentralnerven- 
system der Träger des Vererbten sei. In vielen Fällen trifft dieses auch 
zu ; in anderen fehlt aber jeder Anhaltspunkt für eine solche Annahme. 
Die Forschungen auf dem Gebiete der inneren Sekretion (35) geben 
uns ganz neue Gesichtspunkte, die für die Kriminalpsychologie von aus- 
schlaggebender Bedeutung werden können. Es darf angenommen werden, 
daß gerade die Störungen des innersekretorischen Systems auf die Psyche 
des Menschen von besonderer Wichtigkeit sind, was im .\bschnitt E 
noch näher dargelegt werden soll. Auf Grund dieser Forschungen würde 
die polymorphe Vererbung ohne Zwang ihre Erklärung finden, zugleich 
aber auch die Grenze zwischen Geistesstörung und Verbrechen mehr als 
bisher verAvischt werden. 

Besonderer Beachtung bedarf die Frage nach dem schädigenden Einfluß 
des Alkohols auf die Keimdrüse. Rosenberg (4o5) hat den Einfluß des 
Alkohols auf die Nachkommenschaft bei den Bürgern eines Dorfes ge- 
prüft und gefunden, daß bei der Deszendenz von Trinkern Minderwertig- 
keit in körperlicher, intellektueller, moralischer und ökonomischer Rich- 
tung auftritt. Fehlinger (8^) vertritt nun den Standpunkt, daß der Alko- 
holismus nicht die Entartung, sondern die Entartung den Alkoholismus 
hervorruft, bestreitet allerdings nicht, daß der Alkoholismus die Ent- 
artung zum Vorschein zu bringen vermag. Schallmayer dagegen hat 
darauf hingewiesen (4i5), daß der Alkohol, ebenso wie das luetische 
Gift, nicht nur die wichtigsten OrgEuie, sondern auch die Erbsubstanz 
schädige. Zu der gleichen Ansicht kommt Hoppe auf Grund der Sta- 
tistik (218) und seiner Beobachtungen an Fürsorgezöglingen (212); er 
behauptet, daß nach dem heutigen Stande der Wissenschaft nichts sicherer 
sein könne als die degenerierende Wirkung des Alkohols. Eine gute 
Übersicht über die Bedeutung der elterlichen Trunksucht gibt Gruhle (i48). 
Sehr schwer ist die Frage zu beantworten, ob der Rausch zur Zeit der 
Zeugung als solcher eine degenerierende Wirkung auf die Nachkommen 
ausüben kann. Näcke (Sog) hat mit Recht darauf hingewiesen, daß diese 
Frage noch nicht genügend geklärt ist und sehr schwer zu klären sein 
wird, da in erster Linie das Vorhandensein des Rausches und die Tat- 
sache der Zeugung festgestellt werden muß. 



11 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



5g2 GÖRl-NG : KRIMINALPSYCHOLQGIP: 

3. Alter und Geschlecht 

Die Eigentümlichkeiten des Alters und des Geschlechts stehen mit der 
Entwicklung der Geschlechtsdrüsen in engster Beziehung, was sich auch 
heim Begehen von Verbrechen deutlich zeigt. Über Verbrechen im Kindes- 
alter hat MönkemöUer ausführlich berichtet (346). Vor der Pubertäts- 
zeit fehlt es dem Kind oft an ethischem Bewußtsein. Das Affekt- und 
Triebleben mit ihrem kaum zu bezwingenden Egoismus herrschen (5o3^. 
Es fehlt die Überlegung. Die Delikte sind Augenblickshandlungen, bei 
denen die Suggestion eine große Rolle spielt (347), ^ besteht eine be- 
sondere Neigimg zum Lügen (3 17). Während der Pubertätszeit drängt 
in dem Jugendlichen alles nach Neuem; wie im Körper (3 17), so geht 
auch in der Psyche eine Änderung vor; es beginnt die Koppelung der 
Erotik an die psychischen Eigenschaften (92). Während dieser Über- 
gangszeil fehlt dem Kinde der nötige Halt. Die Beeinflußbarkeit kann 
noch größer sein als vorher. Die Gefühlslage ist sehr schwankend (32.5). 
Es besteht eine Neigimg zu Unzufriedenheit. In der Fremde tritt häufig 
Heimweh auf (242, i34)- Jaspers (242) vergleicht das jugendliche 
Wesen mit einer Pflanze, die aus dem Boden genommen >vird; nach 
Wulffen (5o4) läßt sich das Heimweh zuweilen überhaupt nicht moti- 
vieren: es kann geradezu im Gegensatz zu den häuslichen Verhältnissen 
stehen. Oft ist mit ihm Zorn oder Rache verbunden. Die Tat 
wird meist unter dem Drang, nach Hause zu kommen, ohne Prüfung der 
Folgen begangen. Erich Stern (53o) stimmt Hoffmann (523) darin bei, 
daß nicht jeder jugendliche Verbrecher ein Psychopath oder Schwach- 
sinniger sei, meint aber, daß leichte Intelligenzdefekte bei Fürsorgezög- 
lingen und jugendlichen Kriminellen doch überaus häufig seien. 

Bei der senilen Involution wird die Psyche in zwei Richtungen ver- 
ändert: vorhandene Charakterzüge werden intensiver, neue treten 
hinzu (289). In mäßigem Grade werden die Eigenschaften, die man 
beim Eunuchen findet, wie Egoismus und Reizbarkeit, angetroffen (i34). 
Der Geschlechtstrieb, der schon gesch\\amden war, kann wieder auf- 
flackern, unter Umständen in veränderter Form (364, 57). 

Nicht nur das Alter, auch das G^chlecht übt einen bedeutenden Ein- 
fluß auf die Kriminalität aus, was in der Konstitution und Geschlechts- 
funktion des Weibes begründet ist (490, 342). Kühlewein charakte- 
risiert den Unterschied kurz, aber treffend (282): Das Verbrechen des 
Mannes trägt mehr den Stempel des Brutalen, das des Weibes mehr den 
der Unehrlichkeit an sich. Eine ausführlichere Schilderung der Frauen- 
psyche finden wir bei Wilh. Liepmann (298 a), Möbius (342) imd in 
speziell kriminalpsychologischer Hinsicht bei Groß (i34) sowie vor allem 
bei Lombroso-Ferrero (3 10). Wulffen (5o4) u. a. haben darauf hin- 
gewiesen, daß die Sexualität der Frau einen besonderen Einfluß auf 
ihre Kriminalität ausübe; ihre Beurteilung ist aber sehr erschwert, 
weil das Sexuelle bei der Frau meist versteckt ist (i34); es wirkt nur 
unsichtbar. Jaßny (244) will in den Verbrechen des Weibes ihre 
Schwäche wiedererkennen, die ihr einen ehrlichen, offenen Streit nicht 
erlaubt. W^ichtig sind die Beobachtungen,, die Bloch während des Kriegen 



EXÜGK.NE GIFIVVIHkl NG 163 



gt macht liat (/j/ia). Er fand, dalS eine grolie Anzahl Delikte, die Iriiher 
mir von Männeni begang<Mi >\-iirden, Frauen ausführt^^n. die in die Stellen 
der iMänner eingerückt waren. Eine besondere lieachtung verdienen die 
mit der Menstruation (^5) und der Geburl (^i) einhergehenden psychi- 
schen Veränderungen. Wollenberg (/199) hat auf die Launenhaftigkeit, 
die gesteigerte Reizl>arkcit, Unverträglichkeit, eifersüchtigen Hegungen 
hinge\vies<ni. Marx (325) will vor den Menses Triebhaltigkeil, Ijinüd- 
barkeit, gesteigerte: und venninderte intellektuelle l^istimgsfähigkeil Ix'- 
obachtet haben. Triebartigt>^ Handlungen und Affektentgleisungen finden 
wir vor allem auch vor und nach der Geburt (39). 

Die Psyche des Homosexuellen ähnelt der des Weibes, was auch Urninge 
zug^;'d>en : auch bei ihnen finden wir das Unaufrichtige als hervor- 
stechendes Merkmal (/jiS). 

B. EXOGENE GIFTWIRKUNG 

Eine sehr bedeutende Rolle unter den für Verbrechen in Betracht kom- 
menden Bedingungen spielen Gifte, welche die Psyche des Menschen so 
ujigünstig beeinflussen, daß die zum Verbrechen treibenden Eigenschaften 
die Vorherrschaft erlangen. 

An erster Stelle ist der Alkohol zu nennen. Er ruft allmählich eine 
sittliche Verrohung hervor (271), die zu den schwersten Konflikten mit 
dem Strafgesetz führt. Zwei Umstände sind es, die so verheerend wirken: 
die immer mehr sinkende Widerstandskraft und der stets zunehmende 
Drang nach alkoholischen Getränken. Seitens der Gießener Klinik wTirde 
ein Alkoholist, K., begutachtet, der aus guter, allerdings verarmter Familie 
stammte und infolge dauernden Alkoholmißbrauches so verkommen wai', 
daß er, um Geld für Schnaps zu erhalten, seine Sachen versetzte, unter 
Vorspiegelung falscher Tatsachen Geld borgte und schließlich 8 Diel> 
stähle ausfülirte. Von anderen Alkoholpsychosen seien nur das Delirium 
tremens, die Alkoholhalluzinose und der Eifersuchtswahn der Trinker 
erwähnt, da sie wegen ihrer Wahnideen zu den schwersten Verbrechen 
Anlaß geben können (197, 220). Über die Wirkung des Alkohols ist 
schon sehr viel geschrieben worden; Hirschfeld (196) glaubt, man könnte 
die Strafanstalten um die Hälfte verkleinem, wenn es keinen Alkohol 
gäbe. Killen (256), der selbst im Gefängnis war, hält sogar zwei Drittel der 
Insassen der Anstalt, in der er war, für Opfer der Trunksucht; 
Kurella (284) meint, daß fast alle Gewohnheitsverbrecher dem Alkohol 
verfallen seien, öhlert (371) und Yvernes (5o8) möchten dem Wein 
eine Sonderstellung zuweisen: sie glauben, ihm nicht so oft wie anderen 
alkoholischen Getränken die Schuld an Delikten zumessen zu dürfen, 
ob mit Recht, möchte ich mit Kürz (285 a) bezweifeln ; die, allerdings 
auch nicht unbedingt maßgebenden, statistischen Angaben über die Krimi- 
nalität in der Rheinpfalz sprechen dagegen (218). 

Außer dem Alkohol gibt es noch eine Anzahl Gifte, die das ethische 
Empfinden herabsetzen (i85), z. B. Äther, Kokain, das Gift des Stech- 
apfels und Fliegenschwamms, Haschisch, Ophim und Morphium (106); 
die beiden letztgenannten haben sich bei uns besonders eingebürgert. 



164 GÖIUNG: KPJMINALPSYCHOLOGIE 



Die Kranken, die unter ihrer Wirkung leiden, verkommen vollkommen; 
sie scheuen sich auch nicht, Rezepte, also Urkunden, zu fälschen, nur 
um in den Besitz des Giftes zu gelangen. 

Die Einwirkung des syphilitischen Giftes auf die Psyche des Men- 
schen sei hier nur kurz erwähnt; es handelt sich um ausgesprochene 
Geisteskrankheiten, die in jedem Lehrbuch der Psychiatrie genau be- 
schrieben sind. Am bekanntesten ist die progressive Paralyse, die schon 
frühzeitig Zerstreutheit, Gedächtnisschwäche und vor allem ein Nach- 
lassen der ethischen Gefühle hervorruft, was zu Delikten aller möglichen 
Art führen kann. 

Auch andere Infektionskrankheiten sowie das Fieber an sich können 
die Psyche dadurch beeinflussen, daß sie Verwirrtheitszustände hervor- 
rufen, die vor allem mit Wahnideen und Sinnestäuschungen einher- 
gehen (271). 

G. KOSMISCHE EINFLÜSSE 

Das Klima eines Landes, die verschiedenen Jahreszeiten, die Höhen- 
lage eines Gebietes scheinen nicht ohne Einfluß auf die Begehung von 
Verbrechen zu sein (i85), wenn man ihnen auch, wie Rüdin im Gegen- 
satz zu Kovalevsky mit Recht hervorhebt (409, 270), kein zu großes 
Gewicht beimessen darf. Gaedeken hat darauf hingewiesen (iio), daß 
die Sonnenstrahlen einen physiko-chemischen Einfluß auf den mensch- 
lichen Organismus ausüben; er glaubt, daß auf diesen Einfluß unter Um- 
ständen Sittlichkeitsdelikte zurückzuführen sind. Wenn dieses auch nicht 
die alleinige Ursache ist, so darf immerhin angenommen werden, daß 
die Hitze nicht unbeteiligt ist, was auch aus statistischen Erhebungen 
hervorgeht, nach denen vor allem die Unzuch tsverbrechen im Sommer 
zahlreicher sind als im Winter (i4)- Man darf aber nicht vergessen, 
daß im Sommer mehr getrunken wird und der Alkohol die sexuelle Be- 
gehrlichkeit steigert; Hentig (i85) glaubt allerdings, daß an schönen 
Sommertagen nicht soviel getrunken wird wie an Regentagen, da die 
Menschen bei gutem Wetter mehr ins Freie gehen, als in Wirtschaften 
sitzen. In heißen Gegenden scheint der Alkohol aber doch eine recht 
erhebliche Rolle zu spielen; er wird von Europäern meist in sehr kon- 
zentrierter Form getrunken; auch wird er in den Tropen schlechter ver- 
tragen. Wichtig sind die diesbezüglichen Untersuchungen französischer 
Ärzte. Jullien (249) und Gran jux (182) warnen davor, beim „Cafard", 
der migefähr unserem Tropenkoller entspricht, dem Klima zu viel Schuld 
beizumessen, und verweisen auf die anderen Ursachen, die bei Entstehung 
dieser Erkrankung sehr wesentlich sind, während Dautheville dem Klima 
die Hauptschuld beimißt (68). Die in den heißen Gegenden begangenen 
Delikte bestehen vor allem in äußerst brutalen Gewaltakten. Am meisten 
Aufsehen machte in Deutschland um 1900 der Fall Arenberg, bei dem 
aber auch Alkoholismus und psychische Minderwertigkeit eine große 
Rolle spielten (375 b). 

Es sei noch erwähnt, daß Antonini in der Provinz Bergamo ein Zu- 
nehmen der Verbrechen gegen die Person, des Betrugs imd des Dieb- 
stahls mit dem Hinabsteigen von den Bergen in die Ebene fand (12). 



DAS MIUKII 165 



D. DAS MILIEU 

Über die Frage, ob mehr die Veranlagung o<ler das Milieu Verbrocher 
erzeuge, ist viel gestritten worden. Die Untersuchungen Gruhles haben 
gezeigt (i^8), daß bei den Flehingor Zwangszöglingen in i8 Prozent dem 
Milieu die Schuld an der Verwahrlosung zuzuschreiben war. Andere 
Autoren legen dem Milieu eine weit größere Betloutung bei (357). «Tacob- 
ßohn (236) hat, während er Berater am Berliner Jugendgericht war, die 
Erfahrung gemacht, <laß nur i Prozent der Jugen<llichen, die sich stralharer 
Handlungen schuldig gemacht hatten, aus besser situierten Familien 
stammten. Fürstenheim (109) führt die erste Entstehung verbrecherischer 
Handlungen meist auf soziale Ursachen ziuniick. Bei Beurteilung dieser 
Frage kommt es auch auf die subjektive Auffassung an. Sicher hat bei 
den Menschen, die durch Alkoholismus oder progressive Paralyse mora- 
lisch verkommen sind, das Milieu in den meisten Fällen Einfluß gehabt, 
obwohl die Begehung der Delikte unmittelbar auf die Giftwirkung zurück- 
geführt werden muß. Bonger (5o) geht noch weiter; er steht auf dem 
Standpunkte, daß auch die Veranlagimg mehr oder weniger auf soziale 
Umstände zurückzuführen sei, dadurch, daß ihr schlechte hygienische 
und Emähnmgsverhältnisse zugrunde lägen. Dieses hatte Morel (35o) 
schon 1857 erkannt und es wurde auch auf dem V. Internat. Kriminalanthr. 
Kongreß betont (356). Die englische Kommission zur Erforschung der 
Entartung glaubt, daß die Entartung weniger ererbt, als im Einzelleben 
erworben ist (58 b), was das Massenexperiment des englischen Groß- 
industriellen W. H. Lever auch zu beweisen scheint (4i5). 

Das Milieu ist abhängig von der herrschenden Kultur. Es gibt Menschen, 
die sich der Kultur ihrer Zeit und somit dem Milieu, in dem sie leben, 
nicht anpassen können, die eine von der Mehrheit abweichende Stellung 
einnehmen. Kauf f mann sagt (253), daß die Spitzbuben eine Welt für 
sich bilden, ihre eigenen Lebensanschauungen und Gesetze haben. Klee- 
mann (261) glaubt, daß diese Gewohnheitsverbrecher in ihrem Tun und 
Treiben nichts Unrechtes erblickten, da sie den Staat und seine sittlichen 
Normen nicht anerkennten. Aber auch einzelne vom Gesetzgeber mit Strafe 
bedrohte Handlungen haben nach Ansicht ganzer Bevölkerungsschichten 
zu Unrecht Aufnahme in den Strafgesetzen gefunden. In erster Linie 
sind einzelne Sittlichkeitsdelikte zu nennen. Je nach ihrer Veranlagung 
haben die Völker zu verschiedenen Zeiten und in den verschiedenen 
Gegenden Gesetze erlassen, mn der Zügellosigkeit in geschlechtlicher 
Beziehung zu steuern; natürlich sind sie ganz verschieden ausgefallen 
(95). So ist der Begriff und die Vorstellung des Inzestes relativ kurzen 
Datums (3 18). Infolgedessen denkt das Volk nicht so hart über dieses 
Verbrechen (323) wie der Gesetzgeber, und es kommt oft vor, daß die 
Einsicht für die Strafbarkeit einer solchen Handlung vollständig fehlt 
(319). Vor allem stehen die Homosexuellen auf dem Standpunkt, daß 
ein gleichgeschlechtlicher Verkehr durchaus nicht verabscheuungs würdig 
sei, infolgedessen auch nicht unter Strafe gestellt werden dürfe (240, 
196 a). Diese Anschauung besteht schon lange in den romanischen 
Ländern und scheint sich in den germanischen allmählich Bahn zu 



jgg GÖRING: KRIMINALPSYCHOLOGIE 

brechen. Kurella {'28^) hält die Bestrafung der Homosexualität für 
ein Überbleibsel der römischen Ehe- und Bevölkerungspolitik in Ver- 
bindung mit den damals vom Orient her sich verbreitenden asketischen 
Gedanken. 

Das >'erbot der Abtreibung wird in vielen Bevölkerungskreisen als 
ein unberechtigter Eingriff in die Rechte der schwangeren Frau ange- 
sehen, vor allem dann, wenn die Frau gegen ihren Willen geschwängert 
worden ist (36o). 

Auch in bezug auf Eigentums- und andere Delikte, wie Zoll- und 
Steuerdefraudationen, stimmen die Ansichten einzelner Individuen mit 
denen der Allgemeinheit durchaus nicht überein. So haben wir während 
des Krieges und vor allem nach Ausbruch der Revolution gesehen, daß 
die meisten Menschen kein Verständnis für die aus der Lebensmittel- 
knapphcit entstandenen Gesetze haben; sie sträuben sich gegen die Ein- 
griffe in ihr Eigentumsrecht und verstoßen gegen die Straf bestimmungen. 
Eine noch tiefere Kluft besteht zwischen der Allgemeinheit imd den 
linksstehenden Sozialisten. Diese wollen das Privateigentum nicht an- 
erkennen und haben dementsprechend sich auch betätigt, wenn sie in 
einem Orte die Oberhand hatten. Sollten sie ans Ruder kommen, so 
würde das, was imter Verbrechen zu verstehen ist, eine vollständige Um- 
änderung erfahren. Bezeichnend sind die Ansichten der Arbeitnehmer- 
beisitzer in den Schlichtungsausschüssen; sie entschuldigen Handlungs- 
weisen, sogar Eigentumsvergehen der Arbeiter ständig mit der Notlage, 
der mangelhaften Bildung und schlechten Erziehung. Viele Arbeiter 
stehen auf dem Standpunkt, daß die Gesetze für sie nicht maßgebend sind 
vor allem in bezug auf den Vertragsbruch und Streik (282 a). Mit Macht 
bricht sich, wie es scheint, eine neue Rechtsanschauung Bahn. Oborniker 
sagt mit Recht (370), das Verbrechen sei das Produkt aus der Eigenart 
des Verbrechers einerseits imd den den Verbrecher im Augenblick der Tat 
umgebenden gesellschaftlichen Verhältnissen andererseits. Ein gutes Bei- 
spiel dafür ist die Geschichte des Duells (287). Die Gesellschaft be- 
stinuiit, Avas ein ^ erbrechen ist; sie ist, wie Jhering (2 45) sagt, die 
Erzeugerin des sittlichen Willens. Auch der Fall Wilden-Nettelbeck 
(96) ist auf die herrschende Gesellschaftsordnung zurückzuführen. Der 
Verkehr zAvischen Fräulein Wilden und Dr. Nolten war von der Ge- 
sellschaft mißbilligt worden; infolgedessen verlangte sie von ihm Reha- 
bilitierung in der ehrengerichtlichen Verhandlung, was er ver>veigerte. 

Unsere Kultur hat es mit sich gebracht, daß sich die Gegensätze 
zwischen den einzelnen Klassen immer mehr verschärfen. Das Tun 
und Treiben der meisten ist beherrscht von der Sucht nach dem Gelde; 
Armut und Reichtum stehen sich schroff gegenüber, und aus diesem 
Gegensatz, also aus den wirtschaftlichen Verhältnissen, entstehen unend- 
lich viele Verbrecher (870). Es ist nicht notwendig, daß eine ausge- 
sprochene Notlage voi liegt; der Wunsch, mehr zu besitzen, ebensoviel 
wie andere ausgeben zu können, ist schon ein starker Verbrechensantrieb. 
Die stärkste Triebfeder wird aber die Not sein (029), die in den Groß- 
städten einen kaum denkbaren Grad erreicht (i45). Um seine Bedürf- 
nisse zu befriedigen, wird man sich in den meisten Fällen nur am 



DAS MILIKI 167 



Eigenlimi anderer vergreifen; doch köuuca damit auch andere Delikte, 
vor allem solche gegon die Person, in Verbindung .stellen, in letzter Linie 
der Raubnu>rd: es ist aber zu beachten, daß Ixn ausgesprochener Not- 
lage nur sehr selten zum Mord gescliritlon wird (7a). Nicht nur ein 
positiver (Jewinn, auch die Scheu vor neoer finanzieller Belastung kann 
zum Verbrechen treiben; es sei hier an den kindsmord erinnert, bei dem 
sicher die Not (118) tnler, wie Högel «ich ausdrückt (199), die Be- 
hinderung im Fortkommen und die Schwierigkeit der Aufziehung des 
Kindes ein stark mitbestimmender Faktor ist, was allerdings .Vschaffen- 
burg auf Grund der Statistik bestreiten zu müssen glaubt (i4)- E>iö 
Not kann auch darin bestehen, daß man selbst Erpressungen ausgesetzt 
ist, wie der von Godeluppi beschriebene Homose.vuelle (63), und keinen 
auideren Ausweg sieht, als daß mau sich das für den Erpresser bestimmte 
Geld auf unrechtmäßige Weise verschafft. Bonger behauptet sogar (5o), 
daß selbst bei Sittlichkeitsdelikten die wirtschaftliche Notlage eine große 
Rolle spiele; so steht z. B. mißgewachsenen und alten Männern, denen 
sich ohne Entgelt kein Mädchen zur Verfügung stellt, falls sie 
Geld haben, das Bordell offen ; sind sie arm, so werden sie sich unter 
L mständen zu Notzucht und Unzucht an Kindern liinreißen lassen (57). 

Mönkemöller hat bei seinen Untersuchungen der Hannoveraner Kor- 
rigendinnen keine .\bhäng^igkeit von der wirtschaftlichen Konjunktur 
feststellen können, im Gegensatz zu den Korrigenden (344)- Diese Tat- 
sache findet ihre Bestätigung in den Untereuchimgen von G. v. Grabe 
(i3i), Chr. Müller (353) und Sichel (44i) über Prostituierte, wenn 
auch in einzelnen Fällen die Not ausschlaggebend gewesen sein mag (364)- 

Als Notlage kann man es auch bezeichnen, wenn Eltern infolge ihrer 
Erwerbstätigkeit nicht in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern. 
Zweifellos spielt die Vernachlässigung durch die Eltern, die mangelhafte 
Erziehung, eine große Rolle im Leben des angehenden Verbrechers. Dazu 
kommt noch das schlechte Beispiel. Man muß dabei nicht gleich daran 
denken, daß Eltern absichtlich ihre Kinder zu schlechten Menschen 
erziehen wollen, oder daß es ihnen gleichgültig' ist, was aus ihren Kindern 
wird. Meist wird das schlechte Beispiel ganz ungewollt gegeben. Leben 
die Kinder mit ihren Eltern in einem einzigen Räume, so hören sie vieles, 
was für sie nicht gut ist; sie sehen, wenn sie mit den Eltern im gleichen 
Räume schlafen, den Sexualverkehr, schlafen auch oft mit einem der 
Eltern oder mit Geschwistern im gleichen Bett (324); das Scham- 
gefühl ist bei der imteren Bevölkerungsschicht nicht so ausgebildet (5oo), 
daß man bei ihr Verständnis für che Einw^irkungen auf die kindliche 
Seele erwarten darf. Sergi sagt mit Recht, die Seele sei empfindlicher 
als die Magnolienblüte, die an der berührten Stelle ihre weiße Farbe 
verliert; es gebe für sie nichts Gefährlicheres als den wiederholten 
Kitzel (439). In manchen Fällen bleibt es aber njcht bei dem ungewollten 
schlechten Beispiel. Ein traiu'iges Bild, wie es in Großstädten keine 
Seltenheit ist, entwirft PoUak (382) von dem Vorleben von i3 Knaben 
und Mädchen im Alter von 11 bis 16 Jalu^en, die sich zu einer Verbrecher- 
bande zusammengeschlossen hatten. Bei den meisten waren die häus- 
lichen Verhältnisse trostlos; die Mütter gingen tagsüber zur Arbeit; 



J58 GÖRING : KRIMINALPSYCHOLOGIE 

manche lebten in wilder Ehe; eine Mutter verleitete sogar ihre eigene 
Tochter zur Prostitution. Über die Vorgänge, die Kinder in den gemein- 
samen Schlafstuben sehen müssen, hat Horch vor kurzem wieder ein 
furchtbares Beispiel veröffentlicht (216). Der in Gießen begutachtete 
M. hatte als Vater einen Trinker, der sich wochenlang umhertrieb und 
für seine Familie nicht sorgte; seine Mutter ließ sich mit anderen ein 
und wurde deswegen vom Vater erstochen. M. beging sein erstes Delikt 
mit i5 Jahren und hatte mit 20 und 28 Jahren je 1V2 Jahre Zuchthaus 
wegen Eigentumsverbrechen zu verbüßen. 

Man findet übrigens nicht nur in der armen Bevölkerungsschicht das 
schlechte Beispiel imd die Vernachlässigung, sondern auch in besser 
situierten Kreisen. Die Eltern sind durch Geschäft, Ehrenämter und 
gesellschaftliche Verpflichtungen derart in Anspruch genommen, daß 
sie für die Erziehung der Kinder keine Zeit haben. Der oben eovähnte, 
von mir begutachtete K., der zahlreiche Diebstähle begangen hatte, um 
sich Geld für Schnaps zu verschaffen, hatte in der Jugend nicht die 
Erziehung genossen, die er so notwendig gebraucht hätte; auf dem 
elterlichen Tische stand stets die Weinflasche; der Vater war derart 
in Anspruch genommen, daß er die Erziehung seines Sohnes fremden 
Leuten überließ, obwohl er wissen mußte, daß sein Sohn intellektuell 
und ethisch, wenn auch nur in mäßigem Grade, minderwertig war. 
Er merkte nicht einmal, in wie schlechte Gesellschaft sein Sohn geraten 
war. Auch der dauernde Widerspruch in den Anordnungen der Eltern, 
übermäßige Strenge des Vaters einerseits und unangebrachte Milde der 
Mutter andererseits wirken oft sehr ungünstig; ein von mir begutachteter 
Primaner kam zum Teil durch ein solches Verhalten der Eltern auf 
die schiefe Bahn, ging mit einer Prostituierten durch und bot sich, als 
er kein Geld mehr hatte, dem französischen Militärattache als Spion an. 

Besonders groß ist die Vernachlässigung bei den unehelich geborenen 
Jugendlichen, was auf das Fehlen der väterlichen Zucht zurückzuführen 
ist. Dazu kommen aber noch andere Umstände, die auf diese Kinder 
ungünstig ein>\drken; die Mutter liebt sie oft nur wenig, bringt sie 
meist bei fremden Leuten unter imd kümmert sich kaum mehr um sie; 
in der Schule werden sie scheel angesehen; die Lebensbedingungen sind 
gewöhnlich äußerst ärmlich (364)- So ist es zu erklären, daß ■\>nr 
bei den unehelich Geborenen eine verhältnismäßig große Kriminalität 
finden. Bolte (/jg) und Näcke (364) glauben allerdings, daß die körper- 
liche und geistige Minderwertigkeit, die bei unehelich Geborenen weit 
häufiger zutage tritt als bei ehelich Greborenen (268), nicht nur auf das 
Milieu, sondern auch auf die Veranlagung zurückzuführen sei. Ein 
Aufschluß über die Verbrechensursachen bei unehelich Geborenen wird 
aus der Statistik kaum erwartet werden können, da vor allem die Zahl 
der ehelich und unehelich geborenen Straf mündigen, die als Grund- 
lage dienen müßte, fehlt (202). Daß der Mangel an Erziehung einen 
ganz erheblichen Einfluß auf die Jugendlichen ausübt, haben wir im 
Kriege wahrnehmen können, worauf Bovensiepen (56), Hellwig (176), 
Franz v. Liszt (3o3), Wittig (682) u. a. hinge>\-iesen haben. 



DAS MlUEll 169 



Ob die Erwerbsarbeit die Jugendlichen ungünstig beeinflußt, ist noch 
nicht geklärt: Hoinburger lx>streitet e« auf Grund von statistischen An- 
gaben (2o5), während Forcher es bejalit (loi;. Über die Frage nach 
einer ungünstigen Einwirkung des Berufs im allgemeinen auf die Psyche 
des Menschen hat Lindenau (3oo) einige Anhaltspunkte gegeben. Er 
hat gefunden, daß es hauptsächlich drei Wege sind, auf denen die 
Berufstätigkeit zimi Verbrechen ausartet: i. der Beruf bietet objektiv 
Gelegenheit zum Verbrechen; 2. der Täter verwendet die im Beruf 
erworbene Fertigkeit in sozial-gefährlicher Weise; 3. der Beruf übt 
einen imgünstigen Einfluß auf die sittlichen Anschauungen der Angt*- 
hörigeji aus. Die Lösung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen 
Beruf imd Verbrechen bietet aber manche Schwierigkeiten. Man muß 
z. B. daran denken, daß die Berufsangabe nur als Deckmantel dienen 
kann (344), oder daß eine bestimmte Veranlagung, die zu Verbrechen 
führt, auch für die Berufswahl ausschlaggebend gewesen sein kann, worauf 
besonders Hurwicz (228) und Stekel (454) aufmerksam gemacht halxMi. 
Letzterer hält die Berufswahl zum Teil für eine Sublimierung der eroti- 
schen \md kriminellen Triebe. Hurwicz hat gefunden, daß beispielsweise 
die italienischen Schlächter zu Roheitsdelikten neigen, und meint, daß 
sowohl die Gewalttaten als auch die Berufswahl aus der Veranlagung 
hervorgegangen seien. Bei Taglöhnem mache sich der unheilvolle Ein- 
fluß des Mangels eines ständigen Verdienstes und Berufes bemerkbar; 
die Tätigkeit als Taglöhner sei aber meist gewählt worden wegen ange- 
borener oder erworbener verminderter Arbeitsfähigkeit. Bei den Berufen, 
deren Angehörige sich in einer günstigen wirtschaftlichen Lage be- 
fänden, wie die Beamten, höheren Angestellten, sei die Kriminalität sehr 
gering. Wie recht Hur>ricz damit hat, daß dabei die wirtschaftliche Lage 
und nicht der Beruf das Ausschlaggebende sei, geht daraus hervor, daß 
seit der Teuerung der Lebensmittel Beamte nicht mehr so selten sich am 
Staatseigentum vergreifen; so wurde von mir ein städtischer Beamter 
begutachtet, der aus Not Unterschlagungen begangen hatte: es war 
ihm bei dem kärglichen Lohn nicht möglich, mit seiner großen Familie 
durchrukommen, zumal seine Frau und eine Tochter krank waren. Neben 
der Not spielte die günstige Gelegenheit und die psychopathische \'er- 
anlagung eine Rolle. Hurwicz meint, man solle in Anbetracht der ange- 
führten Tatsachen nicht von Berufs-, sondern von Standes- oder Sozial- 
kriminalität sprechen. Er wünscht eine möglichst umfassende Unter- 
suchung der Lage einer bestimmten sozialen Gruppe und hat sell>st 
angefangen mit der Bearbeitung der Kriminalität der weiblichen Dienst- 
boten (229), wobei er zu dem Schluß konunt, daß die Kriminalität 
der weiblichen Dienstboten sehr günstig dastehe, im Gegensatz zu de 
Rykere (4 12) und Fehlinger (85), der allerdings die Verhältnisse in 
Nordamerika schildert, während v. Michaelis seine Ansicht teilt (34i). 
Hurwicz' Bearbeitimg der Dienstbotenkriminalität sollte für andere Grup- 
pen vorbildlich sein. 

Besonderer Erwähnung bedürfen die Schmarotzer der menschlichen 
Gesellschaft, die Landstreicher, die aus Arbeitscheu wandern, und die 
Prostituierten. Während Chr. Müller (353) und Seige (435) beide einander 



170 GÖRING : kHlML\AL]'SYCH(JLOGIE 

gegenüberstellen, glaubt v. Grabe (i3i j keine Anhaltspunkte für Beziehun- 
gen beider zueinander gefunden zu haben. Jedenfalls neigen beide zum 
Begehen von Straftaten. Die Ursache ist aber nur sekundär in der Tätig- 
keit zu suchen. Das Primäre ist die Wranlagung und das Milieu in der 
Jugeiui (^^76), welche das Individuum auch zum Landstreicher und zur 
Prostituierten gemacht haben, wozu kriminalitätfördernd das neue 
Milieu hinzuJcommt. Bei den Landstreichern sind, wie Wilmanns fest- 
goätellt hat (496)> die Affektverbrechen besonders zahlreich; sie werden 
meist unter der Wirkung des Alkohols begangen. Zwischen dem Land- 
streichertum und dem professionellen Verbrechertum bestehen seiner 
Ansicht nach kaiun Beziehungen (497) . Widffen weist aber darauf bin, 
dafj auch die Schwerverbrecher häufig wandcTn imd gerade auf der 
Landstraße ihre De'i kte begehen (Soa). Die Prostitution (373) soll 
nach Lombroso ein Äquivalent der Kriminalität sein (3io), eine Ansicht, 
die auch von Grame/ vertreten (65), von anderen, wie Näcke (364), 
nicht geteilt wird. V. Grabe glaubt (i3i), daß Kriminalität und Prosti- 
tution weder Gegensätze noch Äquivalente, aber häufig vereint seien. 
Die Ansichten über die Häufigkeit der Kriminalität der Prostituierten 
gehen se^hr auseinander; v. Grabes Ansicht, daß es sich bei den Be- 
strafmigen Prostituierter nicht nur um isittenpolizeiliche Verstöße, sondern 
sehr oft um Eigentmnsdelikte handle, teilt Bonhöfer (5i) und Sigbele 
(^^l) im Gegensatz zu Baumgarten (3o) und Hübner (221). Hermann 
(189) hält die Neigung zu Verbrechen bei heimlichen Prostituierten für 
stärker als bei öffentlichen. Daß aber auch diese leicht zu Verbrechen 
verleitet werden, zeigt der Prozeß Riehl, der uns ein Bild gibt von 
den schauerlichen Zuständen in einem Wiener Bordell und von dem 
Einfluß der Bordellwirtin auf ihre Prostituierten (5 16). 

Daß die männliche Prostitution mit dem Erpressen in engster Ver- 
bindung steht, ist bekannt. Hirschfeld (195) hält die Erpr^ser meist 
für Gelegenheitsprostituierte; für wenige sei die Prostitution nur Vorwand. 

Einen großen Einfluß auf die Kriminalität üben Kriege aus. Sommer 
(45 1) nennt sie ein Massenexperiment über die Auslösung von Affekten 
mid die Aktivierung geistiger Eigenschaften. Starke hat in einer Ab- 
handlung von i884 (453) fast nur von der versittlichenden Kraft des 
Krieges gesprochen, und Travers (473) glaubte zu Beginn des Welt- 
krieges noch an die günstige Wirkung auf die Kriminalität, an eine 
moralische Besserung des deutschen Volkes durch den Krieg. Er hat 
sich schwer getäuscht. Die Begeisterung im August 191 4 mag wohl 
vorübergehend einen günstigen Einfluß auf die Psyche des Volkes aus- 
geübt haben. Sie hat aber mit dem Kriegshandwerk nichts zu tun. Auer 
(23) hat auf die zahlreichen Roheitsdelikte gerade der aus der Front 
heimgekehrten Soldaten hingewiesen; Höpler (207) erwähnt die Lockerung 
der Sitten besonders bei den ausziehenden Truppen. Aber nicht nur bei 
den Soldaten, auch bei den Daheimbleibenden wirkt der Krieg ungünstig. 
Kleemann hat beobachtet (205), daß der krasse Egoismus, der Mangel 
an Gemeinsinn, gerade während des Krieges besonders deutlich zutage 
getreten ist. Die Ursachen dafür sind mannigfaltig. Das Frontleben 
übt sicherlich einen verwildernden Einfluß aus; aber auch die Zustände 



1)A> MILIKl m 

in der Heimat spielen eine i^Toße Rolle. A.iif die mangelhafte lirziehuiij,' 
wixrde sch<in oben hingewit'sen. Höplor (207) und v. Liszt (3o3) schreiben 
d*>m lniirhab*Mi \on Vertraufiisslellunjj:«'!!. deui nbertriclx'iion Selbstlx- 
wußtsein der jungen Männer und den hohen Löhnen für junge I^eute 
einen schädigenden Kinfhili zu. während Auer (^S) darauf w<Miig«*r 
Gt^wicht legt. Die schädigende Wirkung des überreichlichen Arbeibs- 
verdiensU^ erwähnt auch Hellwig (17O). Klsa v. Liszt glaubt, daß neben 
der .\ufsichtslosigkeit die allgemeine Amnestie l>ei Jugendlichen krimi- 
nalität«, teigern d gewirkt hat (3oi). VVittig (532) fafSt die äußere Ursache 
für die Zunahme der kriminalität der Jugendlichen zu.sammen unter 
die Begriffe: Erziehungsnot, Wirtschaftsnot, Gewissensnot. Die günstige 
Gelegenheit, kriminell zu werden, wirkte aber nicht nur auf junge Leute. 
Die Möglichkeit, leicht große Sununen zu verdienen, reizte viele .Menschen 
zu Handlungen, die sie im Frieden nie begangen hätten. Dazu konunt, 
daß der plötzliche rechtmäßige Vermögenserwerb, wie Auer mit Recht 
sagt (23), verheerend auf die allgemeinen sittlichen .\nschauungen der 
wenig Gebildeten wirkte. 

Noch schlimmer als Kriege ist der Einfluß von Revolutionen, da 
durch sie die Staatsautorität vernichtet wird. Wer im Winter 1918/1919 
noch im Heeresdienst war, der weiß, daß der Begriff Staatseigentum 
für unzählige Individuen erloschen war. Noch 1920 war die Zahl der 
Eigentumsdelikte erschreckend hoch (282 a). Dieselbe Macht, die unser 
Volk bei Kriegsbeginn gehoben, stürzte es bei der Revolution in die 
Tiefe: es war die Massensuggestion, wie wir sie immer wieder in der 
Geschichte finden können ; es sei nur an die französische Revolution 
(470) und die schon vor dem Krieg in Erscheinung getretenen russischen 
Zustände (3i) erinnert (444)- 

Nach Le Bon (288) folgt die Masse nicht denselben psychologischen 
Gesetzen \vie das Individuum. Sie ist impulsiv, leichtgläubig, kritiklos, 
überschwenglich. Kraus (277) nennt die Massenseele, die das Resultat 
widersprechender und konformer Äußerungen der einzelnen Massenteil- 
nehmer ist, eine variable, je nach der Natur der Komponenten, die das 
Übergewicht bei ihrer Bildung erlangen. Eine eingehende Analyse der 
Kollektiv- und Kumulativverbrechen finden wir bei Strasser (46i). 
Die Kollektivverbrechen können planmäßig infolge eines chronischen 
Gärungsprozesses entstehen (Bandenverbrechen) oder durch relativ ein- 
fache Übertragung gefühlsbetonter Ideen unter der Wirkimg von Kontagion 
und Suggestion mit explosiver Wirkung. Letztere entstehen auf Grund 
von Gläubigkeit und I^ichtgläubigkeit oder durch gleichartige Affektivi- 
tät, oder durch Übereinstimmung alles überragender, wildleidenschaftlicher 
Affekte. Die Moral der Menge wird, wie Zaitzeff sagt (612), schlechter, 
der Verstand geringer, der Wille stärker. Wie gewaltig die Suggestion 
wirkt, hat Rieh. Wagner, der selbst als 17 jähriger von ihr zur Zeit 
der Pariser Julirevolution i83o mitgerissen wurde, geschildert (224) 
Jelgersma (246) hält die Kontagion nicht nur für eine intellektuelle, 
sondern auch für eine emotive, d. h., daß die Menge zuerst die Gesten 
des Affekts einzelner nachahmt und dann die ihnen entsprechenden 
Gefühle empfindet. Für eine Teil Verantwortung besteht bei dem einzelnen 



172 GÖRIIVG : KRIMINALPSYCHOLOGIE 

Individumn kein Gefühl; es glaubt sogar, wie Le Bon betont (280), 
nur seine Pflicht zu tun, wenn es an den Handlungen teilnimmt. Die 
Seele dieser Masse ist nichts anderes als der Makroanthropos Schopen- 
hauers (iSli). Aber nicht jeder läßt sich mit fortreißen; abgesehen von 
Jugendlichen besteht ein großer Teil der Masse aus der seelisch oder 
moralisch verkommenen Hefe des Volkes (444)- Nach ßrennecke (5i8) 
liegt die psychologische Begründung der Revolution in dem tiefwurzelnden 
Egoismus des Einzelindividuums und dem summierten, brutalen Egoismus 
der Masse. Kraepelin (520) dagegen hebt das Psychopathische hervor; 
er glaubt, daß ein laugandauernder Druck, wie die Not und Entbehrungen 
der Kriegsjahre, hysterische Massenpsychosen hervorrufen kann. B^de 
Autoren sind mit Kahn (525) der Ansicht, daß die überwiegende Mehr- 
heit der revolutionären Führer zu den psychopathischen Persönlichkeiten 
zu rechnen sind. 

Banden, die gemeinschaftliche Verbrechen ausüben, können auch auf 
Grund von Suggestion entstehen, besonders wenn Jugendliche sich unter 
einem Älteren zusammenfinden und sich von diesem leiten lassen, 
wie Pollak es geschildert hat (882). Meist werden aber Banden aus Ge- 
wohnheitsverbrechern bestehen (444), die sich zwar g^enseitig beein- 
flussen können, aber von vornherein in der Absicht, Verbrechen zu be- 
gehen, zusammengeschlossen haben. Im modernen Staat hat sich das 
Äußere der Bande geändert; an Stelle der physischen Übermacht ist die 
List getreten (192). Vor allem sind die Organisationen zum Betreiben 
des Mädchenhandels und für Versicherungschwindel berüchtigt; ihre 
Verkettung ist oft ebenso innig wie die der Banden in früheren Zeiten, 
wie die Vorschriften einer Brooklyner Brandstifterbande lehren (4i4)- 
Vielfach sind die Mitglieder eidlich miteinander verbimden; Verrat wird 
mit dem Tode bestraft wie bei der bekannten Mafia (191). 

Von diesen Kollektivverbrechen hat Strasser das Kumulativverbrechen 
unterschieden. An Hand der bekanntesten Prozesse schildert er die 
Wechselwirkung des individuellen Faktors imd der sozialen Verhältnisse; 
es handelt sich hier mn eine gegenseitige Induktion, die schleichend 
wirkt; jeder Beteiligte trägt immer wieder neue Ideen hinzu, die auf 
den Partner einwirken und bei ihm neue Gedanken auslösen; so schil- 
dert Sommer eine Familie (447), ^^" ^^^ ^ Angehörige dauernd sich 
ungünstig beeinflußten; alle waren zur Beobachtung in der Gießener 
Klinik. In einem von mir begutachteten Falle veranlaßte eine Frau ihren 
Mann zu unnötigen Ausgaben; er deckte sie durch Unterschlagungen. 
Die Ehegatten waren schwere Psychopathen und hatten sich in der Heil- 
und Pflegeanstalt Eglfing kennengelernt. Strasser sagt, infolge der 
gegenseitigen Ein>virktmgen sei es nicht möglich, aus der psychologi- 
schen Analyse der Tatbestände oder aus der Individualpsychologie eine 
befriedigende Erklärung der Entstehung von Kumulativverbrechen zu er- 
halten. 

Häufiger als die gegenseitige Induktion findet man die einseitige; 
auch bei der gegenseitigen ist meist ein Teil der kräftiger induzierende. 
Die induzierten Individuen sind in der Regel schwer psychopathisch ver- 
anlagt, von geringer Willenskraft und großer Beeinflußbarkeit. In der 



DAS MILIKI 173 



Gielieiier Klinik wiirdo ein Psychopath von mir beobachtet, der, durch 
die Rtxlo eines Komniunistenführers begeistert, der Partei beitrat und 
7 Tag«» s|>äter sich mit an die Spitze eines Pulsches stellte, obwohl er 
sich früher kaum mit Politik Ixischäftigt hatte. VVeygandt (495) hat 
4 Grup[)en unterschieden, von denen die auslösende psychische Beein- 
flussung und der Einfluß von Geisteskranken auf geistig Gesunde ohne 
Entwicklung einer ausgesprochenen Psychose am wichtigsten sind. N^n 
dieser Wachsuggestion kennen wir noch die Hypnose, in der der Hypno- 
tisierte in einem außerordentlichen Abhängigkeitsverhältnis zum Hypnoti- 
seur steht; dieses Abhängigkeitsverhältnis kann bei besonders guten Medien 
so stark sein, daß in der Hypnose Delikte begangen werden. Forel (loo) 
und V. Schrenck-Notzing (428) haben solche Erfahrungen gemacht, 
ersterer auch auf experimentellem Wege. Auch Wagner von Janregg 
ist der Ansicht, daß man auf Grund der Laboratoriumsversuclie die Mög- 
lichkeit des Mißbrauchs Hypnotisierter zur Ausführung von Verbrechen 
zugeben muß (53i). 

Einen stark suggestiven Einfluß üben, vor allem auf Jugendliche, 
Schundliteratur und -films aus (43o). Nur muß man sich hüten, gleich 
alles auf sie zurückzuführen. Helhvig hat gefunden, daß Lektüre und 
Kinobesuch nicht selten als Ausrede tmd Entschuldigung vorgebracht 
werden (171)- Er rechnet auch nicht die ganzen Indianergeschichten, 
wie die Schriften von Karl May (179), dahin. Für besonders schädlich 
hält er, wie auch Kleemann (268) und Näcke (364), die Kriminalromane 
und Berichte über Skandalprozesse. Die Frage, ob Lektüre oder Film 
schädigender wirke, beantwortet Meyer (335) dahin, daß der Film in- 
struktiver sei und nachhaltiger wirke, während die Lektüre erst in der 
Phantasie zu einem Bild umgearbeitet werden müsse, was auch von Näcke 
betont wird (364). Münsterberg schlägt vor (354) unter Hinweis auf 
die Tatsache, daß beim Eintreten der Erschlaffung am Ergographen weder 
Wille noch Zureden, wohl aber Vormachen zu erneuter Tätigkeit anregen 
kann, es solle durch psychologische Experimente geprüft werden, welche 
Faktoren den Gang zum Verbrechen oder die Hemmung des verbreche- 
rischen Impulses steigern können. — Selbstverständlich ist die Wirkung 
von Schundliteratur und -film durchaus nicht bei jedem Individuum 
gleich schädlich. Es kommt vor allem auch auf die Veranlagung an 
(364, 475). 

Im Zusammenhang mit der Suggestion muß auch kurz auf die Beein- 
flussung des Verbrechens durch die Religion hingewiesen werden. Darüber 
besteht wohl kein Zweifel, daß es Menschen gibt, die durch ihre Reli- 
gion vom Verbrechen abgehalten werden. Andererseits weiß man auch, 
daß eine Religiosität im Sinne des Verbrechers sehr wohl mit einer ver- 
brecherischen Gesinnung vereinbar ist (46). So ermordete der Mönch 
Mazoch den Mann seiner Geliebten, Pfarrer Riembauer seine Geliebte, 
wobei sie den Sterbenden die Absolution erteilten (890). Eine Frau 
tötete ihr neugeborenes Kind, nachdem sie ihm die Nottaufe gegeben 
hatte (77). In Grete Beiers Briefen finden sich häufig fromme Aus- 
sprüche, bisweilen sogar angewendet auf ilire verbrecherischen Pläne (119). 
In der Gießener Klinik wurde ein Student begutachtet, der vor einem 



J74 GÖ RING : KRlMliNALPSYCllOLOGlK 

Selbstmord zurückschreckte, weil er dann nicht die Absolution empfangen 
könne. Er scheute sich aber nicht, seinen Vater zu ermorden, ja glaubte 
soear, damit ein gutes Werk zu tun, da sein Vater sich mehrfach den 
Tod gewünscht hatte. Zugleich mit dem Vater tötete er drei Geschwister, 
damit diese nicht unversorgt zurückblieben. 

Ob die Konfession einen Einfluß auf die Begehung eines Verbrechens 
ausübt, ist sehr mi wahrscheinlich. Wassermann (484) bestreitet es für 
die Juden, und ernste Kritiker halten Ritualmorde für ausgeschlossen 
(i8ü, i37)- Nur der Ohrenbeichte wird von einzelnen Autoren ein ge- 
wisser Einfluß zugeschrieben. Einmal kann der Beichtvater durch seinen 
Zuspruch ein Verbrechen verhindern; es kann aber auch die infolge der 
Beichte zu erteilende Absolution ein die Kriminalität steigerndes Moment 
sein (169); endlich ist erwähnt worden, daß Geständnisse über das Sexual- 
leben im Beichtstuhl zu Sittlichkeitsvergehen geführt haben (i6i). 

Wichtiger als die Religion ist für die Kriminalität der .\berglaube. 
i> ist weiter verbreitet, als man gewöhnlich annimmt. Hellwig, ein 
Spezialist auf diesem Gebiete, hat in vielen Aufsätzen und Broschüren 
darauf hingewiesen, daß es kaum ein Delikt gibt, welches nicht aus 
Aberglauben begangen werden kann, vom Morde angefangen bis zum 
harmlosen Diebstahl (178, 291); besonders hervorgehoben seien Gewalt- 
taten g^en vermeintliche Hexen, Leichenschändungen und Meineid. 
Löwenstimm (3 12) hat über religiösen Fanatismus berichtet, der mit 
Ermordungen einherging. Es sei auch bemerkt, daß unter Ausnutzung 
des Aberglaubens schwere Eigentumsdelikte begangen werden (178); 
dahin gehört endlich auch die Kurpfuscherei mit ihren Sympathie^ 
und VVunderkuren (178, 172) und die Ausnutzung des Geister- 
glaubens (427, 4i6)- 

E. DIE WIRKUNG DER EINFLÜSSE AUFEINANDER 

Schon bei Besprechung der einzelnen Einflüsse mußte immer wieder 
darauf hingewiesen Averden, daß es nur selten eine einzige Ursache ist, 
die zum Verbrechen führt. Meist findet ein Zusammenwirken mehrerer 
Ursachen statt. Die dabei denkbaren Kombinationen sind natürlich sehr 
zahlreich. Es besteht die Möglichkeit, daß eine ungünstige Veranlagung 
durch ein günstiges Milieu nicht in Erscheinung tritt (529). Die un- 
günstige Veranlagung kann aber auch so stark sein, daß das Milieu 
seinen Einfluß nicht mehr zur Geltung zu bringen vermag. Sie ist nicht 
immer gleichartig, wie wir gesehen haben, denn sie kann nicht nur quan- 
titativ, sondern auch qualitativ verschieden sein. So kann z. B. die un- 
günstige Veranlagung mehr auf dem moralischen oder mehr auf dem 
affektiven Gebiete liegen. Es gibt auch Fälle, in denen das Milieu für 
die Verbrecherlaufbahn eines Menschen ausschlaggebend wurde. Es ist 
aber auch denkbar, daß eine Veranlagung so ausgezeichnet ist, daß selbst 
das ungünstigste Milieu ohne Wirkimg bleibt. Die kosmischen Einflüsse 
scheinen eine nur untergeordnete Rolle zu spielen. Alkoholismus und 
syphilitische Gehimerkrankungen können an sich ausschlaggebend für 
Delikte sein ; man wird aber immer daran denken müssen, daß bei der 



PIK wiKKU.NG imw i:i\Fi,üssE aikkina.ndl:!; 1_75 

Akqiiisilioii dieser Krkrankiuigen in iloii allormoisteu Fällen die Veran- 
lagiiiii!' lind <las Milien eine \ves«'ntliclie IU)11<^ gespielt haben. Üborliaupt 
wird man in jodein einzelnen l'alle genan |)nilen müssen, ob nicht nel)en 
der bervorsttvhi'iiden l rsache noch andt're vorhanden sind; iiunst >viid 
man sie linden, vor allem im Zusammenwirken von Veranlagung und 
Milieu; so fand Grüble (i/|8), dali l)ei den Flehinger Zwangszc>glingeu 
in /|i Prozent \eraidagung und Miliou /u gleichen Teilen an <ler Ver- 
wahrlosung schuld waren. 

Trotz dit'ser auljerordentiichen Mannigfaltigkeit hat man inmier wieder 
versucht, eine Einteilung der \ erbrecher vorzunehmen. Nur die klassi- 
sche Strafrechtschule will nichts davon wissen; so erwartet z. B. 
Högel (198) von der Einführung des biologischen Momentes bei der Ein- 
teilung der Verbrecher nui' Schallen: er will lediglich eine Trennung 
zwischen Erwachsenen und Jugendlichen gelton lassen. EHe anderen 
bemühen sich, eine brauchbare Einteilung zu finden; doch ist man noch 
zu keinem endgültigen Ergebnis gelangt, v. Liszt (3o4) teilt die ganze 
Kriminalität in die akute und chronische; er erwähnt ausdrücklich, 
daß bei der ersteren der äufk^re Anlaß, bei der letzteren die dauernde 
Eigenart über>vi^e; dem entspricht die Einteilung von Marx ('inb) in 
Situationsverbrecher und verbrecherische Persönlichkeit. Kauf f mann (2 53) 
unterscheidet den willensschwachen Verbrecher, den Landstreichertyp, zu 
dem er auch die Leidenschafts- und Gelegenheitsverbrecher rechnet, von 
dem energischen Verbrecher. Er hat bei dieser Einteilung die Milieu- 
wirkung weniger berücksichtigt, <lagegen zwei verschiedenartige Veran- 
lagungen als Grundlage angenommen. Nur auf die Veranlagung stützt 
sich Garofalo (112), wenn er zwischen den durchaus unmoralischen, 
den heftigen, den haltlosen und den zynischen Verbrechern unterscheidet. 
Am differenziertesten gliedert Aschaffenburg (i4), und zwar in Zufalls-, 
Affekts-, Gelegenheits-, Vorbedachts-, Rückfalls-, Gewohnheits- und Be- 
rufsverbrecher. ^ebaek (478) griff in seinem an die Brüsseler anthro- 
pologische Gesellschaft 191 1 eingereichten Bericht unter besonderer Her- 
vorhebung der endogenen und exogenen Momente auf Aschaffenburg 
zurück. Zafita (5 10) hat versucht, die Verbrechertypen psychologisch 
zu systematisieren; von denen, die die verbrecherische .Vbsicht unmittel- 
bar verwirklichen, nennt er die Verbrecher mit emotionalem Affekt und 
die mit intellektuellem Defekt; ihnen stellt er die Verbrecher, bei denen 
der verbrecherischen Absicht Bedenken hinsichthch Verbot imd Strafe 
entgegentreten, gegenüber, imd zwar den uneigentlichen Verbrecher, bei 
dem der Gedanke an das Verbot den konträren Sollungsgedanken verur- 
sacht, den eigentlichen Verbrecher, bei dem der Gedanke an die Strafe 
imd nur er eine der .\bsicht konträre Strebung hervorruft, und endlich 
den moralisch irren Verbrecher, bei dem die Bedenken überhaupt keine 
konträre Wollung verursachen. 

Während Zafita auf der Psychologie seine Einteilung aufbaut, benutzen 
die anderen biologische Grundlagen, aber nicht ausschließlich: immer 
spielt auch der Erfolg hinein. I>er einzige, welcher versucht hat. auf 
rein biologischer Gnmdlage einen bestimmten Verbrechertyp herauszu- 
arbeiten, war Lombroso (3o6, 307, 3o8). Auf Grund bestimmter psvchi- 



17Ö GÖRING : KRLVUNALPSYCHOLOGIE 

scher Eigenschaften in Verbindimg mit körperlichen Degenerationszeichen, 
auf die zuerst Morel (35 1) aufmerksam gemacht hat, konstruierte er 
den „geborenen Verbrecher". Über Lombrosos Lehre entbrannte ein 
heftiger Streit; die Kritiken sind außerordentlich zahlreich (5o2). Wäh- 
rend viele Italiener, >vie Ferri (86) u. a. ihm mit großem Beifall zu- 
stimmten, hatte er in Deutschland besonders heftige G^ner wie 
Bär (27) und Näcke (36i). Doch gab es auch viele, die Lombrosos 
Verdienste durchaus anerkannten, wenn auch nicht so uneingeschränkt 
Avie Kurella (285). Sommer (448) trennte die Frage nach dem geborenen 
Vorbrecher in zwei Teile: er verneinte die Frage, ob sich angeborene 
moralische Abnormitäten in signifikanten morphologischen Kennzeichen 
ausdrücken, dagegen bejahte er die Frage, ob es Menschen gibt, die 
in einem so jugendlichen Alter ausgeprägte Neigung zu verbrecherischen 
Handlungen zeigen, daß man von angeborenen moradischen Abnormitäten 
reden kann. Auch Bleuler (^2), Garofalo (112), Gaupp (ii3), 
Giuhlo (i48), Kauffmann (253), Longard (3ii), Svenson (468) u. a. 
lehnen Lombrosos Lehre nicht vollkommen ab. So sagt Bleuler aus- 
drücklich, es sei kein einziges stichhaltiges Argument gegen die Auf- 
fassung Lombrosos vorgebracht worden. Garofedo (m) hatte auf dem 
Internationalen Kriminalanthropologischen Kongreß in Paris 1889 bean- 
tragt, Lombrosos Lehre solle von einer Kommission methodisch geprüft 
werden, was auch einstimmig angenommen wurde; doch mußte er 1896 
in Genf feststellen, daß nichts geschehen war und man noch immer auf 
sich oft widersprechende Einzeluntersuchimgen angewiesen ist (112). 

Lombroso hat psychische Eigenschaften und Degenerationszeichen wahl- 
los zusammeaigestelit und geglaubt, aus ihnen einen Verbrechertyp kon- 
struieren zu können. Er hat nicht versucht, ihre Ursachen zu ergründen. 
Erst allmählich hat man angefangen, psychische und morphologische Ab- 
normitäten, die man beim Verbrecher findet, mit bestimmten Störungen 
in Beziehung zu setzen. So hat Sommer darauf hingewiesen (448), daß 
sehr oft ein Zusammenhang zwischen Abnormitäten des Schädelbaues 
und in der frühesten Entwicklungszeit überstandenen Gehirnerkrankungen, 
die angeborenen Schwachsinn oder Epilepsie hervorrufen können, besteht. 
Andere morphologische Abnormitäten, wie mangelhafte Ausbildung der 
sekundären Geschlechtsmerkmale und übermäßige Ausbildung der Extre- 
mitäten, finden wir, wie Fischer ausführlich angibt (91, 92), beim Eu- 
nuchoidismus. Bär (27) und Kiu'ella (283) betonen die Häufigkeit un- 
gewöhnlich dichten Haares bei schwachem Bartwuchs, das späte Er- 
grauen und Ausfallen des Haares, das frühzeitige Auftreten von Falten 
und Runzeln im Gesicht, Lombroso (3o6) die große Spannweite der Arme 
im Verhältnis zm* Körperlänge bei Verbrechern, alles Symptome, die wir 
beim Eunuchoiden finden. Auch Tierexperimente haben zu der Erkenntnis 
geführt, daß das innersekretorische System auf die Körperbildung einen 
sehr starken Einfluß ausübt, so ist von Abderhalden (i) u. a. an Kaul- 
quappen gezeigt vwrden, daß das Füttern mit wirksamen Substanzen inner- 
sekretorischer Drüsen erhebliche gesetzmäßige Mißbildimgen hervorruft. 

Aber nicht nur bezüglich der morphologischen Abnormitäten finde! 
man Gesetzmäßigkeiten, auch bezüglich der persönlichen Eigenschaften 



Dil; WIHM .N(; DKK KINFLÜSSK AMFKINANDKR 177 

kann man unter öen Verbrechern einzelne Typen herauslieben, vor allem 
den eunuchoiden xmd epileploid«'n Typ. Bei ersterem finden wir ein 
verschlossem"«, abweisendes, miljtrauisclu's, teilnahndoses, entschluliun- 
fähiges. reizbar*^, egoistisches und emptindliciie« Wesen; Fischer (90) 
hält den Ausfall der inneren Sekretion der (jK'schlechtsdrüse für das 
ursprüngliclie ätiologische Moment; <lieser wiederum hat seine Ursache 
in der mangelhaften Geschlechtsdrüsenentwicklung, die nach Fischers 
Ansiclit entweder auf einen ungenügenden Reiz der Zirbeldrüse auf die 
Geschlechtsdrüse oder auf eine Unterwertigkeit der Geschlechtsdrüse und 
dadurch hervorgerufene mangelhafte Reaktionsfähigkeit auf Reize der 
Zirbeldrüse beruht. Jedenfalls ruft diese mangelhafte Funktion der Ge- 
schlechtsdrüse eine Enterotisierung des gosamteu innersekretorischen 
Systems hervor. Der epileptoido Typ, der neben höflichen Formen, ober- 
flächlicher Religiosität imd Pedanterie eine egozentrische Einstellung, 
Reizbarkeit mit Neigung zu impulsiven Handlungen und Empfindlichkeit 
aufweist, scheint u. a. auch auf innersekretorischen Störungen derNelx^n- 
nieren zu beruhen. Fischer (98, 94) hofft, nicht nur Krämpfe durch 
Entfernung einer Nebenniere (58 a) günstig beeinflussen zu können, 
sondern auch Reizbarkeit und Jähzorn zu mildem. 

Zu diesen beiden Typen kommt als dritter der mit einem anomalen 
sexuellen Triebleben (275). Diese Anomalien werden meistens für an- 
geboren gehalten, wenn es auch, wie Groß sagt (i/jo), unter jungen 
Leuten, namentlich wenn sie in der Erziehung zurückgeblieben sind, un- 
entschiedene Naturen gibt, die durch irgendeinen Einfluß von außen zum 
Hetero- oder Homosexuellen entwickelt werden können. Strasser (462) 
dagegen glaubt, man tue denjenigen Kranken, die sich als Homosexuelle, 
als Fetischisten, Sadisten usw. betraichten, sicher kein schwereres Unrecht, 
als daß man ihre Krankheiten mit einer angeborenen, unbeeinflußbaren 
Veranlagung belaste. Nach Hoche (197) erhalten alle Triebe den zuge- 
ordneten Vorstellungsinhalt erst im Einzelleben; was von vornherein ab- 
norm sein könne, sei eine das gewöhnliche Maß übersteigende Bestimm- 
barkeit des Geschlechtstriebes durch zufällige erste Eindrücke und eine 
vom Gewöhnlichen abweichende Gefühlsbetonung, durch welche Lust und 
Unlust nicht von denselben Eindrücken hervorgerufen werde, wie bei der 
Mehrzahl der übrigen Menschen. Welch große Rolle das assoziative Mo- 
ment in geschlechtlichen Dingen spielt, hat auch Senf (437) an einzelnen 
Beispielen ausgeführt. Stekel spricht von einer Neurose (454 a). 

Die neueren Untersuchungen auf innersekretorischem Gebiete weisen 
uns einen ganz anderen Weg (5 19). Schulz (429) und Steinach (455) 
haben bei Tieren durch Transplantation von Geschlechtsdrüsen Männchen 
feminiert und Weibchen maskuliert. Lichtenstern (292) hat durch eine 
nach einer Kastration vorgenommene Hodenimplantation positive Re- 
sultate erzielt; ihm und Mühsam (352 a) ist es auch gelungen, durch 
Einpflanzung normaler Hodensubstanz bei Homosexuellen den perversen 
Geschlechtstrieb normal einzustellen. Auf Grund dieser Untersuchungen 
behauptet Fischer (92) mit Recht, daß der Geschlechtstrieb keine an- 
geborene Gehirnanlage sei; seine Ausbildung, d. h. die Erotisierung der 
Psyche, sei die Leistung der reifen Geschlechtsdrüse, eine Anschauung, 

12 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



^7g GÖRING: KRIMINALPSYCHOLOGIE 

die auch schon in der i/j. Auflage von Krafft-Ebbings Psychopathia 
sexualis erwälint wird. Fischer konunt weiter auf Grund anderer Unter- 
suchungen zu dem Schluß, daß die Wirkung der innersekretorischen 
Keimdrüse sowohl auf die morphologischen Eigenschaften wie auf die 
Gharakteranlagen keine unmittelbare ist, sondern durch eine Vergeschlecht- 
lichung des ganzen innersekretorischen Apparates zustande kommt. 

Von großer Bedeutung wäre es, würde man noch den psychopathischen 
Typ in dieses System einordnen können. Seine Symptome, die von Birn- 
baum ausführlich beschrieben sind (37), sind die Neigung zu überstarken 
Empfindungen, einseitige Gefühlsbetontheit, übertrieben ausgeprägte Gha- 
rakterzüge, Disharmonien, labile Stimmung und Widers tandslosigkeit. 
Von ihm zu trennen wäre der Verbrecher mit moralischen Defekten, der 
.\hnb'chkeit mit dem eunuchoiden Typ besitzt. Sowohl beim psycho- 
pathischen als auch beim moralisch defekten Verbrecher muß keine 
Intelligenzstörung vorhanden sein. Gemäß dieser Erkenntnis in Verbindung 
mit der seit langem bekannten imd praktisch verwerteten Erf ahrimgstatsache, 
daß man durch Kastration vorher unbrauchbare Tiercharaktere zu brauch- 
baren Arbeitstieren machen kann, ferner den Ergebnissen der Experimente 
von Gannon (61 a) und de la Paz (375 a), w^elche nach Entfernung der 
Nebennieren bei Katzen ein Fehlen der Affektäußerungen feststellen konn- 
ten, und den Feststellungen Nagels (365 a) und Stillings (458 a), daß 
bei den Tieren in der Brmiftzeit mit ihrer gesteigerten Reizbarkeit und 
Aggressivität eine Hypertrophie der Nebennieren einhergeht, nimmt Fischer 
an (92), daß der Charakter, soweit er unabhängig von der Intelligenz ist, 
keine selbständige Gehirnanlage ist, sondern die Reaktion des Gehirns 
auf die Tätigkeit des innersekretorischen Systems. Zu dieser Annahme 
hat auch die Tatsache beigetragen, daß bei heftig auftretenden Affekten 
fast immer eine mehr oder weniger erhebliche Bewußtseinstörung zu 
finden ist; Voß (48o) hält bei allen Affektverbrechen eine lückenhafte 
Erinnerung für naturgesetzlich, weil das plötzliche Eintreten oder rapide 
Anschwellen eines auf Vorstellungen beruhenden Gefühles mit solcher 
Intensität auftritt, daß dadurch jeder anderweitige Bewußtseinsinhalt ver- 
drängt wird (247)- Auf Grund der Freudschen Lehre glaubt Stekel (454), 
daß jeder Neurotiker mit „verdrängten" kriminellen Gedanken kämpfe; 
er erkranke, weil sich seine psychische Energie im Kampfe zwischen dem 
Kriminellen und den ethischen Hemmungsvorstellungen aufreibe. 
Ribot (4o3) hat schon die Theorie aufgestellt, daß das Wesentliche, die 
Wurzel des Gefühlslebens, nicht in dem Bewußtsein von Lust und Un- 
lust liege, sondern daß die Ursachen in den Tiefen des körperlichen Ge- 
fühls zu suchen seien, welches seinerseits eine Resultante der Lebens- 
fähigkeiten darstelle. Wichtig für die Beurteilung der Affekte ist die 
Äußerung Mezgers (339), ^ *®i falsch, daß die kurze Dauer, der rasche 
Ablauf ein charakteristisches Merkmal des wahren Affektes bilde, wie es 
vielfach angenommen werde; genau so gut, wie es akute Affekte gebe, 
kämen auch chronische Affekle vor, vor allem auf pathologischer Grund- 
lage. Mezger (337) führt die Affekte zurück auf die ihnen zugrunde 
liegenden Triebe; gerade in ihnen — den guten und schlechten — sei 
die kriminalpsychologische Bedeutung der Affekte zu suchen. Jeden- 



du: Wliikl .NG DEU EIINFLÜSSE AUFEINANDER 179 

falls ist. wie Kurolla (aSS) sagt, die Erforschung der individuellen Affekt- 
disposition das fundanientidc Problem der KrimLnalpsychologic, und 
Fischer (yi?) verlangt mit Recht als eine der wesentlichsten Aufgaben der 
Kriminal[^>sychologie die Analysierung der Verbrecher nach ihren Gha- 
rakteix'igeiischaften und Trieben. Vielleicht wird es möglich sein, auf 
Grund der Forschungen über imiere Sekretion bald tiefer in das Wesen 
des Affekt- und Trieblcbens einzudringen und vor allem die psychopa- 
thischen Verbrecher genauer zu ergründen. 

Die Störiuigen des innersekretorischen Systems werden meist auf Ver- 
anlagung beruhen ; doch können sie auch durch Erkrankungen, besonders 
in der Kindheit oder wiUirend des embryonalen Lebens sowie durch über- 
mäßigen Alkoholgenuß entstanden sein. 

Außer diesen Störungen des Affektes und Trieblebens können Erkran- 
kungen oder mangelhafte Veranlagung der Großhirnrinde zu Störungen, 
besonders auf intellektuellem Gebiete, führen (190), die häufig Anlaß zu 
Delikten geben. Das Gehirn kann primär erkrankt sein, etwa infolge 
von vererbter Syphilis, oder sekundär, z. B. infolge primärer Erkran- 
kung der Schilddrüse, was Myxödem und Kretinismus hervorrufen 
kann (A81, 24i). 



12* 



II. DER VERBRECHER VOR DER TAT 

UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG 

EINZELNER DELIKTSGRUPPEN 

Nachdem wir im vorigen Kapitel die Einflüsse, die zum Verbrechen 
führen können, im allgemeinen besprochen haben, wenden wir uns nun- 
mehr den unmittelbaren Ursachen bestimmter Deliktsgruppen zu und zu- 
gleich dem Verhalten des Verbrechers vor der Tat. Gewöhnlich bezeichnet 
man die unmittelbare Ursache als Motiv. Manchen ist diese Fassung 
allerdings zu eng; so meint Wallner (483), man müsse unter Motiv ein- 
mal jede innere und äußere Bedingung für das Zustandekommen einer 
Handlung verstehen, andererseits den durch eine Handlung bezweckten 
Erfolg. Hübner imd Löwenstein (221a) definieren das Motiv als die 
Vorstellung eines Zweckes, sofern sie Antrieb zur Tat wird. Handelt es 
sich bei Begehung eines Verbrechens nicht um eine Triebhandlung, so 
ist ein Entschluß erforderlich. Kleemann (205) unterscheidet zwischen 
Wahlhandlung, bei der aus zwei Motiven eines gewählt wird, und Willkür- 
handlung, bei der die Wahl aus mehreren Motiven getroffen wird. 
Zafita (5ii) hat die psychischen Voraussetzungen des Entschlusses ge- 
prüft und sie in der zeitlichen Differenz zwischen Entschlußfassung und 
Realisierung sowie in der Lösung des Wollungskonfliktes gefunden; diese 
Lösung besteht bei gleichartigen Wollungsgedanken in der Überwindung 
des einen durch den anderen, bei verschiedenen in der Erreichung des 
relativ höchsten Intensitätsgrades des Begehrungs- bzw. Sollungselements. 
Hurwicz (226) hat darauf hingewiesen, daß die Verbrechensmotive nicht 
nur emotioneller, sondern auch intellektueller Art sein können, sich oft 
sogar zu Rechtfertigungsgründen steigern. Eine weitere psychologische 
Differenzierung hat Senf versucht (h^'j) ; er nennt als Verbr^hensmotive 
die absolute Unverfügbarkeit über Hemmungsvorstellungen xmd endlich 
die systematische Abstumpfung und Vernichtung der Hemmungs Vorstel- 
lungen. Nicht selten findet man, daß es nicht möglich ist, einen Ein- 
klang zwischen der Tat und dem später angegebenen Motiv herzustellen, 
ohne daß man dem Täter eine Lüge vorwerfen könnte. In diesen Fällen 
handelt es sich gewöhnlich um eine Triebhandlung, und die Motivierung 
ist eine retrospektive (448). 

Um Aufschluß über die Motive zu erhalten, ist es notwendig, daß alle 
Hilfsmittel gesammelt werden, die auf sie Bezug haben können. Allge- 
mein ist aus der Schrift (i35, 267) und Sprache (260, i5i) der Ver- 
brecher manches zu entnehmen, was kriminalpsychologisch von Interesse 
ist. Im einzelnen können die Aufzeichnungen von Verbrechern, die Kerker- 
palimpseste (809) und Autobiographien (289) von Bedeutung sein; doch 



DF.!? VERRHECHK R VOK DKR TM' ]8] 

darf man iiiclil vergessen, dalS dioso Aufzeichnungen meist l)ef>timmU' 
Zwecke verfolgeji ; vor allem lieben die \ erbrtx:her aus Eitelkeil oder 
anderen Gründen ihre Handlungsweise zu beschönigen. Ebenso wird 
man Aussagen der Verbrecher vor Gericht nur mit Vorsicht verwenden 
dürfen. Dagegen wird man manchi« «rlahren können, wenn man, wie 
Plvnl (<)9). kauffmann (203) und Klätr<'i' (-'-59) mit den Verbrecliern 
/usanimen lebt, da sie sich natürlich in Freiheit ganz anders geben als 
in Gefangenschaft. 

Besonders mannigfaltig und nicht selten unklar sind die Ursachen, 
die zum Morde führen ^ Einer der wichtigsten Gründe für die Unklar- 
heit ist darin zu suchen, daß der Hauptzeuge der Tat, der Ermordete, 
keine Angaben mehr machen kann. Besonders selten dringt man in die 
Psvcho des Mörders ein. wenn es sich um einen Gattenmord handelt; 
oft fehlt, wenigstens äußerlich, die Zerrüttung der Ehe, wie Keukauff 
sie in 2 Fällen geschildert hat (/joi). Voß meint (479), die Ehe sei 
wie mit einer chinesischen Mauer umgeben. Überhaupt ist, sobald das 
Sexualleben bei der Tat eine Rolle spielt, eine Enthüllung der Motive 
schwer möglich. Bei dem von mir begutachteten Gattenmörder Rein lag 
der Verdacht vor, er habe ein Verhältnis mit einem Mädchen gehabt und 
seine Frau ermordet, um das Mädchen heiraten zu können; der Beweis 
konnte nicht erbracht werden, da sowohl der Mörder wie auch das Mäd- 
chen jegliches Verhältnis zueinander bestritten, obwohl die Zeugenaus- 
sagen auf ein solches hinwiesen. — Es gibt aber auch Fälle, in denen 
tatsächlich kein greifbares Motiv vorliegt, so, wie es scheint, bei dem ge- 
walttätigen, verschlossenen, trotzigen und zynischen Massenmörder Stephan 
VVanyck (392) und dem von Huler beschriebenen jugendlichen Raub- 
mörder, der schon in der Schule schlecht, verschlossen und heimtückisch 
war (222). Vor allem wird dies auch bei den Giftmördern behauptet. 
Hellwig (170) meint, es handle sich bei diesen Fällen lediglich um ein 
dämonisches Behagen, was auch Scholz (42 4) von der Gesche Gottfried 
annimmt, während Abels (3) und Wulffen (5o5) bei ihnen eine sexuelle 
Komponente erkennen zu können glauben. Bloch (44) sieht bei vielen 
professionellen Giftmischerinnen, vrie Jegado, Brivilliers, Gottfried in 
ihren Taten eine sadistische Neigung, was auch bei der Zwanziger nicht 
ausgeschlossen erscheint. Feuerbach meint allerdings (87), das Gefühl 
unwiderstehlicher Macht, die Freude, eine Kraft zu besitzen, womit sie 
jede Beschränkung nach Gefallen umwerfen, jeden Zweck erreichen könne, 
sei der Grund für die Giftmorde der Zwanziger; sie selbst sagte dem 
Untersuchungsrichter, ihr Tod sei für die Menschen ein Glück; denn es 
wniirdo ihr nicht möglich gewesen sein, die Giftmischereien zu unterlassen. 

Am verständlichsten dürfte der Raubmord erscheinen; er ist nur einem 
moralisch tiefstehenden Individuum zuzutrauen, was auch in den zahl- 
reichen beschriebenen Fällen zum Ausdruck kommt; nur gehen die An- 
sichten darüber auseinander, ob die Raubmörder langsam dazu erzogen 



' Das Wort Mord wird im folgenden nicht im juristischen Sinne gebraucht, sondern in 
allen Fällen, in denen Tötungsabsicht bestand. 



J82 GÖRING: KRIMINALPSYCHOLOGIE 

werden und erst andere Delikte verüben, oder ob sie gleich mit dem Morde 
beginnen (208, Agi)' ^^ ^^^ Mörder im allgemeinen gilt, daß sie 
die Tat zumeist im jugendlichen Alter begehen, sich also zum Morde 
sehr zeitig entschlossen haben (384). Der Raubmord wird vorher genau 
überlegt; nur selten zögert der Täter vor der Ausführmig infolge von 
Gewissensbissen oder ninamt Alkohol zu sich, umi genügend Kraft zur 
Tat zu erlangen. Zuweilen wird nur ein Raub in erster Linie beabsich- 
tigt; der Täter ist sich aber schon vor der Tat schlüssig, daß er, falls 
er auf Widerstand stoßen sollte, die Ermordung des Gegners vornehmen 
werde; auch für diesen Fall wird ein Plan vorher entworfen. Nicht selten 
handelt es sich um mehrere Täter, unter denen meist einer — nicht selten 
eine Frau (2 44) — der intellektuelle Urheber, ein anderer der Aus- 
führende ist. Daß große Not zum Raubmord führt, kann nur dann 
angenommen werden, wenn außerdem die endogenen Bedingungen dazu 
gegeben sind, wie in Haldys Fall (i53). Psychologisch aufs engste 
mit dem Raubmord verknüpft sind die Morde, die auch aus Habgier 
begangen werden, ohne daß damit eine Beraubung im juristischen Sinne 
verbunden ist. Gewöhnlich handelt es sich um die Erlangung eines Erbes 
oder einer Versicherungsumme. Diese Morde sind meist von langer 
Hand vorbereitet; so hatte Hau seinen Plan in England erdacht; er gelang 
nicht vollkommen; trotzdem ließ er nicht von ihm ab; es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß ihn vor der Tat Gewissensbisse plagten, die er durch 
Verkehr mit Prostituierten zerstreute (5oi). Es sind Fälle bekannt, wie 
der des Frankfurter Mörders Hopf und des Grazer Zotter (459), in denen 
die Mörder heirateten, um zu morden ; in den genannten Fällen gelang den 
Tätern dieses Manöver mehrfach; immer wdeder brachten sie ihre Frauen 
um, ohne ertappt zu werden. Auch die Engelmacherin, die für ein Ent- 
gelt Kinder umbringt, gehört hierher (2 44)- Den gleichen sittlichen 
Tiefstand zeigen die wenigen Mörder, die die Tat begehen, um berühmt 
zu werden, wobei meist noch Habgier mitwirkt, ferner der von Höpler 
geschilderte Fall (209), in dem ein Mörder im Gefängnis einen Mord 
beging, um für den ersten Mord das Wiederaufnahmeverfahren durch- 
zusetzen. 

Verhältnismäßig zahlreich sind die Gatten- rnid Familienmorde. Mit 
Recht sagt Voß (479) > daß gerade die Ehe der Nährboden für die 
schwersten Konflikte und heftigsten Leidenschaften sei. Das ständige 
Zusammensein steigert Widerwillen und Haß; schließlich genügt bei leicht 
erregbaren Menschen ein Wort oder sonst ein unbedeutender Anstoß, um 
eine furchtbare Tat hervorzurufen. Nicht selten gesellt sich zu dem Haß 
eines Ehegatten seine Liebe zu einem dritten Menschen. In diesen Fällen 
tötet, wenn es sich um Frauen handelt, meist nicht der Ehegatte, sondern 
der Geliebte unter dem Einfluß des Ehegatten, wie der Allensteiner (428) 
und andere Prozesse zeigen; oft ist der Altersunterschied zwischen den 
Ehegatten sehr erheblich und der Grund für die ehelichen Zwistig- 
keiten (4oi). Dem Morde könnte man gleichstellen, wenn ein Mensch 
einen anderen durch gehässige, still arbeitende Verleumdung zum Selbst- 
mord treibt (4oi). Meist wird der Mord vorher genau vorbereitet. Der 
Haß muß sich nicht immer auf den Ehegatten beziehen: er kann sich 



DER VERBRECIIKK VOR DER TAT 183 

auch go^^n andere riditen, die im Hause wohnen, besonders g(^en die 
Eltern uiul Sch\Niegereltern, die sich auf ihren Altenteil xurückgezogeii 
haben luul den jungen Leuten zur La>t fallen, was Keukauff aus der 
Geschichte und dem Lclx^n der Naturvölker zu erklären versucht {f\oi), 
schließlich überhaupt gegen Leute, die im Wege sind; so ermordete 
ein Neffe seine bei ihm und seiner ganzen Familie verhaßte Tante, weil 
sie keine pekmiiäre l nterstützung leisten wollte (/»oi), und ein Homo- 
sexueller den Onkel eines von ilim zum Sexualverkehr erwählten jungen 
Mannes, weil er den Verkehr hindern wollte (33). Kaum glaublich klingt 
der von zwei jugendlichen Mördern angegebene Grund, der Ermordete 
habe sie so oft verklatscht (29). 

Eine wichtige Rolle spielt verschmähte Liebe, Eifersucht, die, wie 
Friedmann sagt (io5), zur dämonischen Gewalt wird, wenn man sie 
systematisch hegt und emporzüchtet. Es sind genug Fälle bekannt, 
in denen besonders der Ehemann seine Frau oder deren wirklichen oder 
vermeintlichen Liebhaber umbrachte, ohne sich vorher lange zu besinnen, 
als wenn es selbstverständlich sei. Reukauff (4oi) berichtet von einem 
Bulgaren, der aus einer Art krankhaften Verirrung ideeller Lebensauf- 
fassung sein Mädel ermordete, und Seyfarth (44o) von einer Frau, 
die ihren ersten Liebhaher erschoß und dem zweiten Schwefelsäure 
ins Gesicht goß, so dedi er erblindete; nach beiden Taten machte sie 
Selbstmordversuche: dem zweiten erlag sie. Bei Urningen ist der Mord 
aus Eifersucht eine große Ausnahme (364)- Ein Fall ist von Nema- 
nitsch (4oi) beschrieben, ein anderer, in dem ein Urning merkmirdiger- 
weise seine Frau aus Eifersucht tötete, von Näcke (364). Es ist übrigens 
nicht nötig, daß sich die Eifersucht gegen ein bestimmtes Objekt richtet: 
es gibt auch eine abstrakte Eifersucht, wie Marcuse sagt (322), aus 
sinnlichem Despotismus. 

Es kommen Fälle vor, bei denen infolge drückender Not zum Morde 
gegriffen wird; meist beabsichtigt der Täter zugleich sich selbst zu 
töten. Der Grad der Not steht dabei in der Regel in umgekehrtem Ver- 
hältnis zur Schwere der Psychopathie. Muralt (355) spricht in diesen 
Fällen von kompliziertem, Straßmann (463) von kombiniertem oder 
erweitertem Selbstmord (487). Liebe zu den nächsten Angehörigen, 
besonders zu den unmündigen Kindern, und Mitleid mit ihnen sind die 
Tnebfeder zu der Tat. Der Entschluß fällt meist sehr schwer; schließlich 
treibt die Verzweiflung zur Tat. Ergreifend ist die Schilderung von 
dem Schicksal des Christian Holzwart (5i5), der seine Frau und Kinder 
umbrachte; nichts .Abnormes konnte an ihm festgestellt werden, nur 
das Unglück trieb ihn endlich zur Tat, zu der ihm, wie er selbst sagte, 
die Liebe die Kraft gab; der Selbstmordversuch mißglückte. Zu dieser 
Gruppe gehören die meisten Fälle von Massenmord, soweit sie nicht 
von Geistesgestörten begangen werden (11 4, 494)- Das Mitleid mit 
einem unheilbar kranken Kinde hat schon zum Morde geführt, wenn 
die Mutter glaubte, das Kind \\äirde nach ihrem Tod unversorgt sein (364)- 
Auch bei unglücklichen Ehen kommt die Tötung der Kinder und Selbst- 
mord nicht so selten vor. Erfolgt die Tat gleich nach einem ehelichen 



184 GÖRING : KRIMrSALPSYCHOLOGIE 

Zwist, so sind die Vorbereitungen meist kurz; die Streitigkeit wäre dann 
das auslösende Moment für eine schon lange beabsichtigte Tat. 

Ein interessanter Fall ist von Reukauff beschrieben (4oi), in dem 
ein Selbstmordversuch dem Morde vorausging; der Selbstmordversuch 
erfolgte aus wirtschaftlicher Not und ehelichem Zwiste, der Mord wegen 
Verbitterung, vor aJlem wohl desw^en, weil die Frau auf den Selbst- 
mordversuch mit den sehr schweren Verletzungen nicht reagierte. 

Der erweiterte Selbstmord kommt auch noch vor bei Liebenden, die 
aus irgendeinem Grunde sich trennen müssen. In diesen Fällen ist der 
Entschluß meist außerordentlich schwer. Tagelang trägt sich das Paar 
mit dem Gedanken; aber immer wieder wird die Tat aufgeschoben. 
Gewöhnlich ist die Frau der treibende, der Mann der ausführende, infolge- 
dessen auch der hemmende Teil. Der Einfluß der Frau auf den Mann 
ist unter Umständen so bedeutend, daß man von einer Hörigkeit sprechen 
kann (211). Meist liegt eine schwere psychopathische Veranlagung bei 
beiden Teilen vor. Seltener sind die Fälle, in denen auf Wunsch ein 
Mord begangen wird, ein lanschließender Selbstmord aber nicht beabsichtigt 
ist, wie im Falle Brunke (407). Psychologisch kaum verständlich sind 
die Morde, die ausgeführt werden, angeblich um selbst hingerichtet zu 
werden (i84). 

Von anderen Ursachen sind noch zu erwähnen der Mord aus Rache, 
der bei uns von Frauen ausgeübt wird, wenn der Geliebte sie verschmäht, 
auch ohne daß dabei Eifersucht im Spiele zu sein braucht (4oi) ; besonders 
oft finden wir ihn bei Slawen imd Südeuropäern, von denen er meist 
nicht als ein entehrendes Verbrechen aufgefaßt wird (25i); es sei 
nur an die korsische Vendetta erinnert. Scholz hat einen Fall beschrieben 
(/|25), in dem ein 1 4 jähriges Mädchen ein 2V2 jähriges Kind in eine 
Klosettgrube warf, weil es von der Mutter des Kindes eine Ohrfeige 
bekommen hatte, und ein 81/2 jähriges Kind schlug und dann bewußtlos, 
aber noch lebend verscharrte, weil es angeblich unartig gewesen war. 
Politische Morde waren früher vor allem in den romanischen Ländern 
übhch (2o4), in revolutionären Zeiten sind sie bekanntlich auch bei uns 
beliebt. Selten ist der Mord aus Aberglauben. Der Lustmord wird bei 
den Sexualdelikten behandelt werden. Von ihm sind die Fälle zu unter- 
scheiden, in denen das Opfer getötet wird, um den Zeugen eines anderen 
Verbrechens, z. B. einer Notzucht, zu verdecken. Diese Fälle sind vielleicht 
auch häufiger als die Lustmorde. Man findet sie nicht nur zum Ver- 
decken von Sexualdelikten, sondern auch von anderen Delikten, besonders 
schwerer Diebstähle, und nicht zuletzt, um eine Schwangerschaft aus der 
Welt zu schaffen; im letzteren Falle geht eine Vorbereitung meist 
vorher, während bei den anderen, besonders bei den Sexualdelikten, die 
Absicht, zu töten, meist plötzlich auftritt. 

Bei Jugendlichen kommen Morde aus Heimweh vor (242); die psycho- 
logische Erklärimg ist oft schwer; manchmal wird der Drang nach 
Hause so groß sein, daß nichts, selbst ein Mord nicht, gescheut wird, 
lun heimzukommen. 

Bei Ermordung durch Geisteskranke (129) sind die Motive nicht 
immer leicht sicherzustellen (365) ; oft sind sie durch die der Tat 



DEH VEHBRECHER VOR DER TAT 185 

zMgnin<l<' lU>^'eiulo WahuiiNN- erklärbar: es handelt sich gewöhnlich um 
\orfolgiiiig>i(l«MMi odiT sehr schwere Dcpri'ssioiieii mit Versündigungs- 
ideen; in U't/.tenMM Falle handelt <'s sich dann um Krmordung d<'r An- 
gehörigen mit Selbstmordabsicht, alst) um eine Krgänzung zum normal- 
psychologischen erweiterten Selbstmord. Mt)rde auf Grund von Zwangs- 
gedanken sind sehr selten. Angriffe auf Personen in Schlaftrunkenheit 
sind mehrfach beschrieb<Mi (36'i), ohne dalS jedoch die Ermordung 
erfolgte. 

Psychologisch am nächsten steht dem Mord die beabsichtigte schwere 
Körperverletzimg; die Motive können dieselben .sein. .Auf den tiefsten 
sittlichen Stand weisen die Kindsmißhandlungen; die Gründe dafür 
sind meist darin zu suchen, daß ein Elternteil zum zweiten Male ge- 
heiratet hat, das Kind ihnen lästig ist, oder daß bei unehelichen Kindern 
eine Entfremdung zwischen Mutter und Kind eingetreten ist, weil es 
zuerst bei Fremden aufgezogen wurde (210, f\^\2). Teils werden sie im 
Affekt, teils aber auch mit der Absicht, den Tod des Kindes herbei- 
zuführen, vorgenommen. 

Von moralischem Defekt zeugen auch die Kastrationen (219) und auf 
Entstellung hinzielende Körperverletzungen (78) aus Eifersucht. Das 
Schlagen der Kinder auf das Gesäß (20) und das sogenannte Messer- 
stechen (862) können auf sadistische Neigungen hinweisen; doch sagt 
Näcke mit Recht (364), nicht laus der Tat, sondern nur aus den Motiven 
könne erkannt werden, ob Sadismus vorliege. 

Die meisten Körperverletzungen werden im Affekt begangen. Die 
Epileptoiden sind vor allem gefährlich; der kleinste Anlaß genügt, um 
eine Entladung herbeizuführen. Als krasser Fall einer Körperverletzung 
im Affekt sei der von Altmann (7) erwähnt, in dem der Täter nach 
dem Beischlaf die Dirne schwer verletzte, aus Ekel über sich selbst 
und aus Wut darüber, daß die Dirne ihn verleitet hatte. Bei den Affekt- 
delikten spielt der voraufgegangene Alkoholgenuß meist eine große Rolle 
(274)- Sehr lehrreich sind die statistischen Mitteilungen, die darüber 
veröffentlicht worden sind, vor allem die Erhebungen in Bayern (36A) 
imd Belgien (186). Es sei auch auf die Gruber-Kräpelinschen Wand- 
tafeln, auf Azcarates (25), Aschaffenburgs (i4) und Aulls (2/4) Aus- 
fühnuigen sowde auf die Berufs- und geographische Verbrecherstatistik 
(53, 217, 344) hingewiesen. Man darf aber nie vergessen, daß, wie 
schon oben erwähnt, in der Statistik immer nur eine Bedingung zum 
Ausdruck konmit (258) und außerdem vielfach Delikte zusammengefaßt 
werden, die psychologisch nicht zusammengehören. 

Natürlich reagiert nicht jeder Mensch auf Alkohol gleichstark; tritt 
nach geringen Mengen eine übermäßig starke Wirkung ein, so spricht 
man von pathologischem Rausch. An der Münchener Klinik habe ich 
einen vielfach vorbestraften Mann u. a. mit dem Weilerschen Arbeit- 
schreiber untersucht; er leistete an den alkoholfreien Tagen öög kgcm, 
an den AJkoholtagen 1268 kgcm (126). Einen noch größeren Unter- 
schied erreichte ein in der Gießener Klinik beobachteter Gelegenheits- 



J86 GÖRING: KRIIVmVALPSYCHOLOGIE 

arbeiter, nämlich an den alkoholfreien Tagen 674 kgcm, an den Vlkohol- 
tagen i5i7 kgcm. 

Einer besonderen Besprechung bedarf die Kindstötung. Die Mutter 
ist meist in einer ungünstigen wirtschaftlichen Lage, oft in einer Not- 
lage; dazu kommt die Sorge, was aus dem Kinde, das sie mangels eines 
eigenen Hausstandes nicht selbst aufziehen kann, werden soll. Gleispach 
(118) glaubt, die Mutter könne das Wimmern de^ Kindes als Bitte 
um Tötung auffassen, der sie in ihrer Erregung nachkommt. Dazu kommt 
die Furcht vor Schande, die sich natürlich nach der Ansicht der Volks- 
schicht richtet, zu der die Mutter gehört. Gleispach hat darauf auf- 
merksam gemacht, daß z. B. in Kärnten trotz der großen ZaM der 
unehelich Geborenen sehr wenig Kindstötungen vorkommen (199), was. 
er auf geringe Not und vor allem auf den wenig ausgeprägten Ehren- 
notstand zurückführt. L'ber die genannten Motive kann die Mutter schon 
während ihrer Schwangerschaft nachdenken, ^vie eine in der Gießener 
Klinik begutachtete Magd, die ihr erstes Kind eine Stunde nach der 
Geburt so, wie sie es vorgehabt hatte, tötete, während sie nach der 
zweiten Geburt 16 Stunden wartete. Die Ansichten darüber, wie der Gre- 
burtsvorgang auf die Psyche wirkt, gehen auseinander. Groß (iSg) hält 
die physiologischen und psychologischen Momente, die zur Zeit der 
Geburt auftreten, nicht für ausschlaggebend; Bischoff (4i) meint, die 
Affektt? der heimlich Schwangeren würden durch den Geburlsvorgang 
normalerweise nicht zu pathologischer Höhe g^teigert, sehr schwere 
Ergriffenheit würde durch den Geburtsvorgang nicht gefördert, sondern 
gehemmt, besondere Disposition besäßen nur geistesschwache ledige Erst- 
gebärende. Die meisten anderen Autoren teilen diese Ansicht nicht. 
Margarete Meier (33 1) und Plempel (38 1) halten den erschütternden 
und schAvächenden Einfluß beim Geburts Vorgang für derart ver>virrend, 
daß die Furcht vor Not imd Schande mit abnormer Kraft ausgestattet 
wird, für das ,, Zuviel" des Reizzuwachses, das die Tat zur Ausführung 
kommen läßt. Der Entschluß zur Kindstötung werde der Mutter meist 
durch die Wucht der erdrückenden Tatsachen imd Verhältnisse erst 
im Augenblick der Tat aufgezwungen. Gleispach (118) will gerade den 
Geburtschmerzen die größte Bedeutung beimessen; er vergleicht die 
häufige, heftige, wenn auch nur vorübergehende Abneigung der Mutter 
gegen das neugeborene Kind mit der Wut imgebildeter Personen bei 
Schmerzen gegen den Urheber oder vermeintlichen Urheber des Schmerzes, 
besonders leblose Gegenstände und Tiere. Er widerspricht Groß' Ansicht 
(iSg), daß stets äußere Momente mitgewirkt haben müssen. Aschaffen- 
burg hat schon zweimal den Wunsch ausgesprochen (18), ein psychiatrisch 
geschulter Frauenarzt möge die bei normalen ehelichen some unehelichen 
Geburten auftretenden Zustände genau beobachten und analysieren, ohne 
daß er, soviel ich weiß, bisher erfüllt wurde; nur Aschner ist auf die 
Psyche des Weibes etwas näher eingegangen (21). 

Die Kindstötung kann als eine höhere Stufe der Abtreibung aufgefaßt 
werden (10). Daher findet man bei der .\b treibung im allgemeinen 
dieselben Motive wie bei der Kindstötun?: nur fällt das im Geburts- 



DKR VERBRECHER VOR DER TAT 187 

Vorgang selbst licgeiulo Moinont fort. Dagegi^n kommt bei der Abtreibung 
hinzu, (lalS sie dem sittlichen Empfinden des Volkes nicht widerspricht 
(Siga). Dies gilt vor allem für inlerne Mittel, weniger für mechanische 
örtliche Eingriffe. 

Sowohl bei der .\btreibung als auch bei der Kindstötung gibt es 
genug Eälle. in denen lediglich der moralische Tiefstand der Mutter 
die Tat hervorbringt (388). 

Bei den Siltlichkeitsdelikten führt in vielen Eällen ein übermäßiger 
Sexualtrieb, den Moll in den Detumeszenz- und Kontrektationstrieb 
zerlegt (3/i3, 3/to), und ein Mangel von Hemmungen ihm gegenüber 
zur Tat, vor allem zur Notzucht und unzüchtigen Handlungen an Kindern. 
Diese beiden Delikte werden besonders oft von Schwachsinnigen be- 
gangen, bei denen die Hemmungen meist sehr gering, der Sexualtrieb 
dagegen sehr stark ausgebildet ist. Es gibt aber auch Fälle, in denen 
genügend Hemmmigen vorliegen : sie überwinden zunächst den Drang 
zu sexueller Betätigung; der Kampf wird fortgesetzt, bis schließlich 
die Hemmungen überwunden werden. So hat ein von mir in Gießen 
begutachteter Arbeiter, der unzüchtige Handlungen an einem jungen Mäd- 
chen vorgenommen hatte, angegeben, schon tagelang vor der Tat sei 
er beim Anblick des Mädchens erregt gewesen: er habe seine Gesell- 
schaft gemieden, damit nichts passiere, aber schließlich sei er dem 
Triebe doch unterlegen. Bei besonders heftigen Kämpfen spiegelt sich 
die innere Tätigkeit außen wnder; Unruhe, Zittern, Rötung des Kopfes 
mid Schweißausbruch treten auf. Oft fehlt jede äußere Ursache für 
die Tat, wie bei dem von Ungewdtter (477) erwähnten Manne, der 
wegen seiner Frömmigkeit bekannt war und 1 1 Kinder hatte, trotzdem 
aber keine Gelegenheit zm- sexuellen Betätigung vorübergehen ließ und 
4o Jahre lang unzüchtige Handlimgen an Kindern vornahm. Besonders 
verhängnisvoll ist die Wirkung des Alkohols; er beseitigt nicht nur 
die Hemmungen, sondern steigert auch die sexuelle Begehrlichkeit (128). 
Krohne schloß einen i883 gehaltenen Vortrag mit den Worten: „Die 
Verbrechen gegen die Sittlichkeit, mögen sie Notzucht, Unzucht mit 
Erwachsenen und Kindern heißen, haben fast ausschließlich ihre Ursache 
im Branntwein.'" Baiser (26), Bonhoeffer (62) und Dannemann (66) 
behaupten, daß Notzuchtsdelikte nur selten vorkämen, ohne daß Alkohol 
dabei eine Rolle spiele. xAschaffenburg (i4) bringt eine statistische 
Tabelle, aus der wir ersehen, daß unter 44 Sittlichkeitsverbrechern 
29 Gelegenheits- imd 4 Gewohnheitstrinker waren. Ganz plötzlich auf- 
tretende Triebhandlungen kommen nur bei Geisteskranken vor, vor allem 
bei epileptischen Dämmerzuständen und kata tonen Erregungszuständen. 
In diesen Fällen konmit dem Kranken das Unrechte der Tat gar nicht 
zum Bewußtsein. Zu solchen krankhaften Handlungen gehört ein Teil 
der Fälle von Exhibitionismus. Er kann aber auch andere Ursachen 
haben; Mönkemöller (349) ^^^^ darauf hingewiesen, daß das Ex- 
hibilionieren nicht selten bei Trinkern vorkomme und damit zu erklären 
sei, daß der Alkohol nicht nur die sexuelle Begehrlichkeit steigere, sondern 
auch die sexuelle Leistungsfähigkeit herabsetze. Im übrigen sieht Mönke- 



^83 GÖRING : KRIMINALPSYCHOLOGIE 

möUer im Exhibitionieren nur den Wunsch des Täters, eine Person 
des anderen Geschlechts sexuell zu erregen; es handelt sich dabei stets 
um Männer, da Frauen nur im geisteskranken Zustande exhibitionieren. 
Wulffen hält den Exliibitionismus für einen abgeschwächten Sadismus 
(öo/i), eine Ansicht, die wohl nur in einzelnen Fällen zutreffen dürfte. 

Sadistische Akte werden entweder gut vorbereitet oder triebartig während 
des Geschlechtsverkehrs ausgeübt. Es ist bekannt, daß Andeutungen 
von Sadismus auch beim normalen Geschlechtsverkehr vorkommen (44)» 
daß der Biß einen Kuß ersetzen kann, daß ferner sexuelle G«sten zur 
Grausamkeit reizen (364) und Schreien, Schmerzen, vor allem das 
Blul des Partners die Libido steigern körmen (362, i34)- So kann 
es vorkommen, daß der Beischlaf begonnen wdrd ohne jede Absicht, 
sadistische Handlungen vorzunehmen, und erst während der Ausführung 
der sadistische Trieb zur Betätigung drängt. Den Höhepunkt sadistischer 
Handlungen stellt der Lustmord dar (276, 5o4). Psychologisch ist er 
nicht immer in gleicher Weise zu erklären; es gibt Lustmörder, die 
im Überwältigen und Zerstören ihre sexuelle Befriedigung finden, und 
solche, die erst während des Koitus den Drang zum Töten verspüren, 
hyperhedonische Lustmörder, wie Ziehen sie nennt (438, 233) ; Marcuse 
meint (322), beim Lustmord handle es sich oft nicht um einen reinen 
Sadismus; er sucht vielmehr die Ursache in dem Haß gegen das weib- 
liche Mysterium des Geschlechtlichen. Eine sexuelle Ursache hatte auch 
der von Abels (3) berichtete Giftmord, der von einer Frau begangen 
wurde, angeblich imi eine Leiche schmücken zu können, da bei einer 
solchen Handlung stets sexuelle Erregungen auftraten. Es sollen auch 
Morde vorkommen, die lediglich aus Übersexualität begangen werden, 
wenn der seelische Drang nach der Geliebten zu groß wird oder die 
sinnliche Begierde nach Wollust über isich selbst hinausgehen will (322); 
so tötete Streffau im höchsten sexuellen Affekt seine geliebte, jung- 
fräuliche Braut, weil sie ihm den Beischlaf verweigerte (436). 

Auch zu Diebstählen kann der Sexualtrieb führen. Es gibt Menschen, 
vor allem Männer, deren Sexualtrieb auf einen bestimmten Gegenstand, 
den Fetisch, gerichtet ist; sie versuchen ihn auf jede Weise zu erhalten, 
sei es durch Kauf, sei es durch Diebstahl; manchmal ist sogar der Dieb- 
stahl für die sexuelle Erregung Vorbedingung. Näcke hat darauf auf- 
merksam gemacht (363), daß der Fetischismus aus dem Normalen 
hers^orgegangen sei ; denn es seien nicht nur die primären und sekundären 
Geschlechtsmerkmale, die den Mann erregten, sondern noch viele andere 
Reize, bald bewußt, bald unbewußt. In anderen Fällen ist der Trieb 
nicht auf einen bestimmten Gegenstand, sondern die Beschädigung eines 
solchen gerichtet; sie besteht meist in einer Besudelung von Kleidern; 
es handelt sich dabei um eine Art von Sadismus; die psychologischen 
Merkmale, die für den Messerstecher als typisch von Näcke angegeben 
sind (362), finden auch hierauf Anwendung (47)- 

Verhältnismäßig selten kommt heutzutage der Inzest vor. Als Grund 
werden die merkwürdigsten Umstände angegeben, z. B. die Ähnlichkeit 
der Tochter mit der verstorbenen Frau oder die unnötigen Kosten, die 
der Sohn sich machen würde, wenn er mit einem Mädchen sich einlasse 



DKU VKRBKKCIIKil \()U DKU TAT 189 

(3 19). Meist liegt boi den Tätern eine erhebliche geistige Minderwertig- 
keit vor, die sie auch daran hindert, für das Verbot den Inzestes Ver- 
ständnis zu zeigen; dazu kommt eine große Verwahrlosung im allge- 
meinen {'Ol'])- Besonders kraii ist der von Pollitz beschriebene F'all 
(385 a). in dem die eigene Mutter von ihrtnn sittlich sehr defekten, 
intellektuell beschränkten, sehr sinnlich veranlagten Sohne genotzüchtigt 
wurde. 

Die verbreiletste abnorme Geschlechtsbetätigung ist die homosexuelle. 
Im allgemeinen haben die Homosexuellen genau denselben Trieb zum 
gleichen Geschlecht wie die Heterosexuellen zum anderen. Ein von mir 
begutachteter Homosexueller erklärte, so kalt, wie er vielleicht nach 
aulSen erscheine, so heiß, ja wütend toll seien seine Gefühle; aber 
gegen das weibliche Geschlecht habe er eine ausgesprochene Abneigung, 
in seinen Träumen sehe er nur Knaben, meist umgeben von roten 
Blumen. Sicher würden die Homosexuellen den Geschlechtsverkehr mit 
ihresgleichen genau so regelmäßig ausüben, falls das Gesetz es nicht 
verbieten würde. Bei der Sodomie handelt es sich gewöhnlich um mangel- 
hafte Erziehung, geringe Begabung (i52) und einen Mangel an Ge- 
legenheit zum normalen Geschlechtsverkehr (79), die g^stige Gelegen- 
heit zur Betätigung an Tieren und einen starken Geschlechtstrieb (467)- 
Ähnlich verhält es sich bei der Leichenschändimg ; doch spielt hier 
nicht so selten die Perversion des Geschlechtstriebes eine Rolle (52/i). 

Gerade bei Beurteilung der Sexualverbrechen besteht die Neigimg, 
aus der Tat selbst Schlüsse auf eine Geisteskrankheit des Täters zu ziehen. 
Es muß daher immer wieder darauf hingewiesen werden (127), daß 
eine noch so unglaubliche Tat nicht unbedingt von einem Geisteskranken 
begangen sein muß. Nur eine genaue Analyse der ganzen Persönlichkeil 
kami uns Aufschluß geben. 

Nach Hentig und Viernstein (52 2) soll sich nach der Beendigung 
des Krieges die Zahl der Sittlichkeitsverbrecher vermindert haben; sie 
schieben dieses einerseits auf die politischen Unruhen und die Möglich- 
keil, rohe und destruktive Instinkte unter allen möglichen Formen aus- 
zuleben, andererseits auf den großen Frauenüberschuß mit seiner weit- 
gehenden Entspannung der sexuellen Abwehrstellung sowie der Möglich- 
keit, ohne Schwierigkeit Geldentschädigungen zu zahlen. 

Um die Vergehen gegen die Ehre richtig zu beurteilen, muß man 
zunächst den Haß und Neid näher betrachten. Die häufigsten Ursachen 
des Hasses sind Eifersucht, Liebe oder ein zugefügter Schmerz. Der 
Neid entspringt meist aus der wirtschaftlichen Lage; er ist tiefer 
eingewurzelt als der Haß, gibt aber nicht so leicht zu impulsiven Hand- 
lungen Anlaß (i34)- Bei Verleumdungen und falschen Anschuldigungen 
spielen Haß und Neid eine große Rolle. Während die Beleidigung 
gewöhnlich in der Erregung, im Verlauf eines oft unbedeutenden Streites, 
nicht selten unter dem Einfluß von Alkohol ausgesprochen wird, geht 
der Verleumdung und falschen Anschuldigung meist eine Überlegung 
voraus; man spricht nicht zu seinem Gegner, sondern über ihn zu 
anderen, und bezweckt in der Regel, ihm einen Schaden irgendwelcher 



jgQ GÖRING: KIÜMINALPSYCHOLOGIE 

Art zuzufügen. Diese beiden Delikte werden besonders gern von Frauen 
begangen; eine hysterische Veranlagung findet man bei den Täterinnen 
häufig (378); es besteht ein Bedürfnis nach starken Gefühls- und 
Phantasieerregungen (4o). Die Ursache scheint gewöhnlich darin zu 
suchen zu sein, daß die Täterin von ihrem Geliebten verlassen wurde 
oder wenigstens sich von ihm zurückgesetzt fülilt und sich an ihm rächen 
möchte, vor allem auch verhindern will, daß der Abtrünnige bei einer 
anderen sein Glück findet (Sgö). Es gibt aber auch moralisch tief- 
stehende Individuen, die nur deswegen die genannten Delikte begehen, 
weil sie auf das Glück anderer neidisch sind, ohne ein tieferes Interesse 
au ihnen zu haben (364). 

Fälle sind bekannt, in denen Verleumdungen und falsche An- 
schuldigungen nur deswegen begangen wurden, damit der Täter sich 
selbst vor Schaden schützt, z. B. aus Scham vor einem • mißglückten 
Selbstmord (397) oder, um verlorenes Geld nicht ersetzen zu müssen. 
Haldy berichtet von einem Mädchen (i54), welches einen Notzuchts- 
versuch vortäuschte, weil es HeimAveh hatte imd nach Hause wollte. 
In diesen Fällen wird ein Täter nicht genannt. Selbstbezichtigungen 
sind vorgekommen, um sich der Militärdienstpflicht zu entziehen (364). 

Beschuldigungen und Selbstanzeigen Geisteskranker infolge von Wahn- 
ideen, Sinnestäuschungen, Angstzuständen, Zwangsvorstellungen u. a. 
kommen oft vor (220, i58, 197). Von besonderer Wichtigkeit sind 
die falschen Anschuldigungen Hysterischer nach Narkosen und Hypnosen 
(197, 220); es scheint nicht ausgeschlossen, daß die Ursache in erotischen 
Träumen zu suchen ist (2). 

Wie schon im i. Teil beschrieben, bildet die Notlage und die Habgier 
die Hauptursache für die Eigentumsdelikte. Meist wenden sie ohne 
langes Besinnen begangen, besonders wenn die Gelegenheit günstig ist. 
Unter den Eigentumsverbrechern findet man viele Gewohnheitsverbrecher, 
die zm* Arbeit keine Neigung verspüren imd lieber auf unehrliche Weise 
sich ihr Brot verschaffen. Es gibt sogar unter ihnen solche, die aus 
Freude an ihrer Tätigkeit sie fortsetzen (486), wie der Wecliselfahrer, 
der ims in seiner Lebensbeschreibung schildert (6), mit welchem Eifer 
er seinem Handwerk nachging und, schon dem Tode nahe, trotz bester 
häuslicher Pflege von ihm nicht lassen konnte. Dahin gehören auch die 
mit einer besonderen Phantasie ausgestatteten Hochstapler, wie Mano- 
lescu (3 16), der noch im TUter im Schwindeln auf literarischem Gebiet 
und im Erfinden von Diebstählen Befriedigung fand (5o6), ferner der 
von mir beschriebene hysterische Schwindler, der sich so tief in seine 
Schwindlerrolle hineinversenkte, daß er vorübergehend Schauspiel und 
Wirklichkeit selbst nicht mehr recht auseinander zu halten vermochte (i25). 
Auch Karl May dürfte hierher zu rechnen sein; ihm gelang es aber 
noch rechtzeitig, seine phantastischen Neigungen auf das literarische 
Gebiet zu übertragen (179). Zu dieser Art Betrug gehört eine besondere 
Begabung für einfallsmäßiges Denken (54), ein Überwiegen der lust- 
vollen Betonung des Ichkomplexes (37). Für den Hochstapler ist das 
Schwindeln Bedürfnis. Eine besondere Bolle spielt die Phantasie bei 



DKU VERBRECHER VOR DKK lAT m 

jugendlichoii Nerbrcchcni; sie wird durch Lektüre und Kinovorstellun- 
gen angeregt und führt meist zu Diebstiihlen, die mit groliem Kalfine- 
ment angelegt sind, während für lietrug imd Unterschlagung weniger 
Neigung In^stelit, weil bei diesen das Ronumlische fehlt und d<'r Erfolg 
nicht so sichtbar ist ('if\']). 

Zu don iVlikton aus Leidenschaft gehören auch das Schmuggeln, Wil- 
dem und Falschspielen ; bei ihnen kann natürlich die Geldgier nebenher 
oder als treibende Kraft beteiligt sein. Das Schmuggeln wird, wenn wir 
von dem berufsmäßigen der Grenzbevölkening^ absehen, mit besonderer 
Vorliebe von Frauen betrieben; es gibt Frauen, die in den besten Ver- 
hältnissen leben, aber trotzdem keine Grenze überschreiten, olme zu 
schmuggeln. Abels bezeichnet solche Fälle als Sport (3, 5). Bei diesen 
Delikten scheint der besondere Reiz in dem Wettstreit der Kräfte, vor 
allem der geistigen Kräfte, in dem raffinierten Überwinden des Gegners 
zu liegen. Beim Wildern und Falschspielen ist die Handlung aji sich 
schon von Bedeutung; das Jagen und Spielen sind Leidenschaften, die 
bei manchen Menschen nicht einzudämmen sind. Einen ähnlichen Reiz 
findet man im Warenhausdiebstahl (74)- Nicht aus Not, nicht zur 
Befriedigung eines tatsächlichen Bedürfnisses wird gestohlen, sondern 
zwecklos. Es handelt sich fast nui um Frauen, nach Gudden (i5o) in 
99 Prozent der Fälle. Legrand du Saulle (287) und Lombroso-Ferrero (3io) 
haben darauf hingewiesen, daß der Warenhausdiebstahl sehr oft zur 
Zeit der Menses begangen wird. Nebenbei hat auch die leichte Möghch- 
keit zum Stehlen, ebenso wie bei den Diebstählen durch Dienstboten, 
einen Einfluß auf den Entschluß des Täters (229). Eine besondere 
sexuelle Grundlage finden wir bei den Diebstählen der Fetischisten, die 
bei den Sexualdelikten erwähnt wurden. 

Auch falscher Stolz imd Eitelkeit können die Ursache des Diebstahls sein ; 
so begutachtete ich in München einen jungen Mann, der die Erlaubnis hatte, 
im Nationalmuseum zu arbeiten, und bei dieser Gelegenheit wertvolle 
Münzen entwendete, um sie zu verkaufen; seine Eltern hatten ihm immer 
wieder vorgeworfen, daß er nichts verdiene; er konnte sich aber zu 
einem Examen nicht aufraffen; andererseits wollte er auch keine anderen 
als wissenschaftliche Arbeiten ausführen. Selten sind Diebstähle aus 
Rache. In Gießen woirde ein Bankbeamter begutachtet, der 280 000 Mark 
unterschlagen hatte, weil er sich für eine vermeintliche Zurücksetzung 
seitens der Bankleitung rächen wollte, was ihm mit Gewalt nicht mög- 
lich erschien. 

Sogar ideale Gründe können zum Diebstahl führen, z. B. die Liebe zu 
Angehörigen, welche Not leiden, der Wunsch, andere zu beschenken; bei 
letzterem spielt allerdings meist Eitelkeit mit. Auch bei dem von Abels 
beschriebenen Banknotenfälscher (3), welcher die Tat beging, um Ma- 
lariaforschungen ausführen zu können, war wohl die Hoffnung auf Ruhm 
und Belohnung ein treibender Faktor. Höpler (207) berichtet von einem 
18 jährigen Manne, der stahl, um eingesperrt zu werden, weil er hoffte,, 
auf diese Weise von seinem liederlichen Leben, dem er aus eigener Kraft 
nicht mehr entsagen konnte, geheut zu werden. Karl Schurz hat selbst 
beschrieben (/i3i), wie er aus falscher Scham fast zum Betrüger wurde. 



^92 GÖRING: KRIMINALPSYCHQLOGIE 

Über Diebstähle aus Aberglauben ist von Hellwig und anderen be- 
richtet worden, wie im i. Teil dargelegt wurde. 

Geisteskranke verüben Eigentumsdelikte infolge von Wahnideen, be- 
sonders Größenideen, Dämmerzuständen, Urteilschwäche u. a. 

Als Eigentumsdelikte müssen auch Kuppelei und Zuhälterei aufgefaßt 
werden, da es sich bei ihnen in der Hauptsache um Gelderwerb 
handelt. Allerdings gibt es auch Ausnahmen; so hat Mezger einen Fall 
beschrieben (S/jo), in dem ein Mann das Verhältnis seiner Frau zu einem 
Dritten begünstigte, weil er impotent war, seine Frau aber ohne Sexual- 
verkehr nicht leben zu können glaubte, vor allem auch, weil ihm dieses 
Verhältnis einen sinnlich-seelischen Genuß bereitete. 

Sachbeschädigungen kommen viel seltener vor als Diebstähle, weil für 
den Täter meist kein Vorteil damit verbunden ist; sie werden im Affekt 
oder aus Rache ausgeführt und zeugen oft von großer Roheit. Gerade 
sie reizen zur Nachahmung, wie man es bei der Zerstörung unserer Grab- 
denkmäler durch die Franzosen gesehen hat. Die kindliche Zerstönmg- 
sucht beruht meist nicht auf unedlen Motiven, sondern lediglich auf der 
Lust am Unfug (347)- Nur Baumfrevel und Tierquälerei weisen auf 
einen schlechten Charakter hin. Hie imd da liegt der Sachbeschädigung 
doch die Erreichung eines Lustgefühls zugrunde. So besudelte eine Frau 
ein Haus mit Kot, um einen Reflektanten von dem Kauf des Hauses ab- 
zuhalten, da sie ihm ihr Haus verkaufen wollte (294). 

Sehr schwierig kann die Beurteilung des Brandstifters sein. Am klarsten 
sind die Fälle, in denen aus Rache, Haß, Habsucht oder Not gehandelt 
wird; dieses sind auch die häufigsten Ursachen (472). Eine besondere 
Spezialität bilden die Brände, die angelegt werden, um eine hohe Ver- 
sichenmgsumme zu erhalten (4i4)- Aus ihnen spricht eine besonders 
rohe Gesinnung; meist ist es den Tätern vollkommen gleichgültig, oh 
bei dem Brande Menschen zugrunde gehen. Es werden auch Brände au- 
g^elegt, um andere Verbrechen zu verdecken oder um während des Brandes 
andere Verbrechen auszuführen (43, 62). Gerade bei der Brandstiftung 
darf man den Angaben des Täters bezüglich des Motives nicht trauen. 
In zahlreichen Fällen kann der Täter aber auch wirklich das Motiv nicht 
angeben; manchmal scheint der Grund in der Freude am Feuer zu suchen 
zu sein, z. B. bei Kindern (364). Dieser Freude am Feuer kann eine 
nicht zum Bewußtsein kommende Sexualempfindung zugrunde liegen, 
worauf u. a. Byloff hingewiesen hat (60) ; auffallend ist, daß die Nei- 
gung zum Anlegen von Feuer besonders stark ist zur Zeit der Menstruation 
und Pubertät. Bei Erwachsenen würde man von einem Rückfall in das 
kindliche Spiel mit dem Feuer sprechen können (4 18). Nicht selten 
spielt dabei vorheriger Alkoholgenuß eine Rolle (472). Der Brandstifter 
von Trofaiach motivierte seine Taten mit der Lustempfindung, die ihn 
befällt, wenn er das Feuerblasen hört, mit der Feuerwehr ausrückt, 
das Feuer sieht und bei den Rettungsarbeiten mitwirkt (60). Die Freude 
an den Bränden wurde besonders im Kriege, vor allem bei den Russen, 
wahrgenommen, während im Inland die Zahl der Brandstiftungen zurück- 
ging (472). Die Anhänger Freuds halten die Brandstiftung für eine 
symbolische Handlung, die der gestauten Libido Abfluß verschafft (4 18), 



DEK \i:nuiu:(:nEU vou dkk tat 193 

was nach Többens Ansicht (472) entsclüedon zu weit geht. Oft wird, 
besonders bei weibllclien Dienstboten, als Grund der Tat Heimweh an- 
gegeben ; es macht aber nicht selten den Eindruck, als ob es .>ich um 
endogene \ erstimmungen handle, die sich nach außen als Heimweh 
projizieren (242); *^ Sexualleben scheint dabei nicht unbeteiligt zu 
sein. Als seltene Motive seien genannt die Brandlegung aus Ruhmsucht 
nach dem \orbild des Herostrat und aus /Vborglauben (175). Von Geistes- 
gestörten werden nach Kraepelin (273) Brandstiftungen begangen, wenn 
eine Abschweifung oder Ent^Nicklungshenunung der psychischen Funk- 
tionen vorliegt oder infolge von Wahnideen und pathologischen Affekten, 
bei denen die Brandstiftung eine Entlastung des psychischen Druckes 
herbeiführen soll; Jaspers (242) spricht von einem unfreiwilligen Drang, 
einer inneren Angst, welche durch das Sehen einer Flamme beseitigt 
werden soll. Mönkemöller (348) hält die Motive für sehr mannigfach 
und auch bei pathologischen Individuen sehr oft für verständlich; gerade 
für sie sei die Brandstiftung das bequemste Mittel der Rache. Eine 
gewisse Steigerung will er während der Pubertätszeit gefunden haben. 
Többen (472) faßt die Ursachen der Brandstiftung dahin zusammen, daß 
entweder normale Beweggründe vorliegen oder eine geringe Widerstands- 
kraft gegen augenblickliche, mitunter vielleicht sexuell betonte .\ffekte 
oder Intelligenzstöningen, Alkoholmißbrauch, Epilepsie, Hysterie, Aus- 
nahmezustände in der Pubertät und bei der Menstruation oder endlich 
krankhafte Störungen der Geistestätigkeit. 

Den Eigentumsdelikten stehen die Urkundenfälschungen nahe, da sie 
meist begangen werden, um sich an dem Eigentum anderer zu bereichern. 
Selten sind andere Motive maßgebend; doch kommt es vor, daß Urkunden 
gefälscht werden zwecks Erfüllung anderer Wünsche; so wurden während 
des Krieges ärztliche Atteste von Kriegerfrauen gefälscht, damit der Mann 
Urlaub erhalte (3i3). 

Die politischen Verbrecher wollen entweder sich selbst bereichem oder 
halten die bestehende Staatsform für einzelne Klassen der Bevölkerung 
für ungeeignet und sind bestrebt, darin eine Änderung herbeizuführen, 
aber nicht mit erlaubten, sondern mit ungesetzUchen Mitteln. Die Führer 
sind, wie Robespierre (io3), meist psychopathisch veranlagte, leicht er- 
regbare Menschen, die, mit suggestiver Kraft ausgestattet, jede günstige 
Gelegenheit benutzen, um ihre Ideen ihrer Umgebung einzuimpfen. Streiks 
sind besonders zweckmäßig für die Vorbereitungen, da durch sie die 
Unzufriedenheit gewöhnlich vermehrt und infolge reichlichen Alkoholge- 
nusses (i85) die Erreglichkeit gesteigert wird. Je besser das Feuer in 
der Umgebung unterhalten wird, um so eher kann man es im geeigneten 
Augenbhck mit wenigen Worten zur lodernden Flamme anfachen. Ist 
die Lage für einen allgemeinen Aufstand nicht günstig, so findet man 
immer wieder einen Fanatiker, der für sich eine Tat begeht in der Hoff- 
nung, damit dem Volk oder einer Schicht desselben einen Dienst zu 
erweisen, wie die Fürstenmörder (5o2). Doch spielt in diesen Fällen 
häufig gekränkte Eitelkeit mit, wie bei Luccheni. 

13 Kafka, Vergleichende Psychologie Hl. 



jg4 GÖRLNG : klUMLNALPSVClIOLOGIE 

Der Meineid wird, meist wohl überlegt, aus den verschiedensten Gründen 
bc"^angen. Man schwört aus Dickköpfigkeit und Leichtsinn falsch; die 
(reringe Aussicht auf Bestrafung und die Aussicht auf Sündenvergebung 
durch die Beichte erleichtern den Entschluß zur Ausfühning der 
Tat (5o2). Oft wird auch durch Aberglauben das Gewissen erleich- 
tert (i63). Vermögensvorteile halber ^vi^d besonders oft falsch geschwo- 
ren ; es sei nur an den Offenbarungseid und den Eid bei Alimenten- 
prozessen erinnert. Aber auch falsches Ehrgefühl (5o2), Renommage (Sgö) 
und der Glaube, einen Freundschaftsdienst erweisen zu müssen (i6/i), 
führen zum Meineid. 

Psychologisch von großem Interesse ist die Fahnenflucht (458). Byloff 
unterscheidet zwischen echter und unechter Desertion (6i); bei der echten 
liegt als Ursache der Wunsch, sich dauernd dem Heeresdienst zu ent- 
ziehen, zugrunde. Als Grundstimmung ist stets ein Gefühl des Über- 
drusses vorhanden. Die Ursachen für die imechte Desertion sind be- 
sonders zahlreich: Pönitz (386) unterscheidet das Davonlaufen mit und 
ohne Ziel; zu letzteren gehören Unlustgefühl, Angst, Freiheitsdrang, zu 
ersteren Heimweh nach den Angehörigen, sexuelle Zielvorstellungen, Eifer- 
sucht, der Wunsch, von der Heimattruppe ins Feld zu kommen. Außer- 
dem kommen natürlich Psychosen, vor allem Dämmerzustände, als Ur- 
sache in Beti'acht. Manche glaubten, der Strafe sicherer aus dem Wege 
zu gehen, wenn sie sich, statt sich zu entfernen, verstümmelten, worüber 
Bennecke berichtet hat (82); dies kam auch vor dem Kriege schon vor, 
um nicht in den Heeresdienst eingestellt zu werden; die Gründe waren 
meist materieller Art, so der Wunsch, das Geschäft weiterzuführen, 
die Sorge mn die eigene Gesundheit, mag sie berechtigt oder unberech- 
tigt gewesen sein; von anderen Ursachen sind sexuelle Momente und 
Furcht vor Unannehmlichkeiten, vor allem vor Strafen, besonders häufig- 

Bisher war nur die Rede von vorsätzlich oder in einem Zustande von 
Geistesstörung begangenen Delikten; diese können aber auch aus Fahr- 
lässigkeit begangen werden. Schon Feuerbach (88) hat unterschieden 
zwischen bewußter Fahrlässigkeit, bei der dem Täter ein gewisser Prozent- 
satz von Gefahr klar vor Augen steht, und imbewußter Fahrlässigkeit, 
bei dem die Folgen der Handlung nicht in das Bereich der Möglichkeit 
gezogen wurden. Nach Stern (456) liegt in der bewußten Fahrlässigkeit 
der Fehler auf dem Gebiete der Erkenntnis, der logischen Wertung und 
erst mittelbar auf dem der moralischen Wertung, da zunächst erwogen 
wird, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß die vom Täter nicht 
gewollten Folgen, deren Eintritt als möglich erkannt werden, eintreten; 
erst in zweiter Linie wird erwogen, bei welchem Grade von \A^ahrschein- 
lichkeit man die Tat vornehmen soll. Bei dieser Art Fahrlässigkeit wird 
man genau wie beim Vorsatz eine große Zahl Unverbesserlicher 
finden (i85), die immer wieder beim Urteilen leichtsinnig vorgeht. 
Noch mehr als bei der bewußten tritt bei der unbewußten Fahrlässigkeit 
die logische Wertung in den Vordergrund. Einmal ist für sie die Er- 
klärung in der Eigentümlichkeit des menschlichen Seelenlebens zu finden. 



PKK VKHBIIKCIIKK \()K DKH TM' 195 

daß nur dio zu oiuor gof,'ob<Mien luuslellung passiMiden Vorstellungen zum 
liewiißbNeiii konunen. wiUirend die anderen keineji «genügenden AflVklwert 
besitzen, um durdizmlringen. Zweitens kann die unbewulole Fahrlässig- 
keit darin L>estelien, daß der Handelnde die Folgen der Tat übcrhau)>t 
nicht kannte. In beiden Fällen ist neben der logischen Wertung aber 
auch <he moralische zu berücksichtigen; im ersleren Falle hätte unter 
rmständen der Täter die \orstellungen zum Bew^ilitsein bringen müssen, 
d.h. nicht vergessen dürfen, im anderen Falle hätte er die Folgen erkeimen 
müssen. Ein Meineid kann z. B. beruhen auf mangelnder Aufmerksam- 
keit und ungenügender Kritik bei Reproduktion des Beobachteten (3i5). 
Ein Selbstmörder kann beim Aufdrehen des Gashahnes vergessen, daß der 
Zimmergenosse zugegen ist (45). Ärzte und Apotheker können den Tod 
eines Menschen herbeiführen, weil ihnen die erforderlichen Kenntnisse 
oder die notwendige Zuverlässigkeit fehlen (9). 

Bei der Stellungnahme zum Problem der Willensfreiheit wird sich die 
Kriminalpsychologie, die sich auf endogenen und exogenen Ursachen, kos- 
mischen, soziologischen und biologischen Einflüssen aufbaut, eher dem 
Determinismus als dem Indeterminismus, deren Für und Wider 
Messer (333) veranschaulicht hat, ohne sich für das eine oder andere zu 
entscheiden, zuwenden müssen (197, 220). Jeder psychische Vorgang 
ist, wie Mezger sagt (338), notwendig so und nicht anders gegeben und 
steht in einem bestimmten und notwendigen Kausalnexus. Ob wir diesen 
Kausalnexus immer finden werden, ob der Determinismus als Postulat 
auch zum Determinismus als Forschungsergebnis werden wird, das kann 
nur die Forschung selbst ergeben. Windelband (/jqS) spricht von Wahl- 
freiheit, wenn bei dem Wählenden in seiner Reaktion auf die momentanen 
Motive die ganze Energie der konstanten Motive des dauernden Wesens, 
des Charakters zur Geltung kommt; es ist die Freiheit, von der, wie 
Messer sagt (334), auch der Determinist reden kann, in ihr liegt die 
Aktivität und Spontaneität des Individuums; dieses konstante Motiv kann 
natürlich aus der Kausalkette nicht entfernt werden. Sommer betont (448), 
daß der Wille zwar einerseits natürlich bedingt, aber andererseits ein 
dynamisches Moment im Ablaufe des psychophysischen Geschehens sei. Der 
Wille ist nicht ursachlos; die Willensfreiheit unseres Strafgesetzbuches 
bedeutet nach Dohna (71) nur, daß der Wille ursächlich bestimmend 
in die Außenwelt eingreifen kann. Er ist, wie Senf sich ausdrückt (437), 
determiniert dadurch, daß ihn stets eine Vorstellung, deren Rcalisienmg 
ein Lustgefühl verheißt, zum Tätigwerden und die Aussicht auf Unlust 
zum Untätigbleiben veranlaßt, und daß die Summe der für die Willens- 
bildung verfügbaren Vorstellungen und Gefühle bedingt ist durch die 
Reize setzende Umgebung, in welcher er lebt, durch seine Natur und die 
ihm angeborene und von ihm erworbene psychische Anlage. Selbst 
Krauß (276) erkennt an, daß es keine absolute Willensfreiheit für den 
Menschen gibt. 



13* 



III. DIE AUSFÜHRUNG DER TAT 

Der Umstand, wie ein Verbrechen ausgeführt wird, läßt sehr oft Schlüsse 
auf die Psyche des Täters zu. Deswegen dürfen die Organe der Straf- 
rechtspflege keine Mühe scheuen, um alles, was zum Erkennen beitragen 
kann, auszunutzen. So muß bei den Zeugenvernehmungen nicht nur da- 
nach gefragt werden, ob der Täter das Delikt begangen hat, sondern 
auch, wie er es begangen hat. Natürlich wird man beim Vernehmen der 
Zeugen stets an die zahlreichen Fehlerquellen denken müssen, die bei 
der Wahrnehmung, Erinnerung und Aussage selbst vorliegen können (i3/j), 
worauf an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann. Neben 
den Zeugenaussagen werden auch die Sachverständigenaussagen, der Lokal- 
augenschein (i34) und die Besichtigung der Verbrecherwerkzeuge 
(Sog, 178, 460) gute Dienste leisten können. Die Vernehmung des Täters 
und sein Geständnis werden im nächsten Teile besprochen werden. Bei der 
ganzen Beweisaufnahme wird man nicht vergessen dürfen, daß der Ver- 
nehmende und Besichtigende psychologische Individuen sind, wie Münster- 
berg sagt (354), daß ihre Ausbildung, ihr psychologisches Verständ- 
nis (465), ihre Befangenheit (21 5) und ihre physischen Eigenschaften (i34) 
von größter Bedeutung für das rechte Erkennen sind. 

Wir wenden uns nunmehr den einzelnen Deliktsgruppen zu. 

Bei Mord und Körperverletzung wird die Art der Verletzung über 
manches Auskunft geben können. Man wird aus ihr erkennen können, 
ob der Täter eine schnell zum Tode führende Art auswählte, wie meist 
bei Familien- und Geliebtenmorden, oder ob ihm das Leiden seines Opfers 
ganz gleichgültig war, ob er, was in juristischer Beziehung von besonderer 
Bedeutung ist, im Affekt oder mit Überlegung gehandelt hat; bei dem 
in Gießen verhandelten Falle Rein legte das Gericht großen Wert auf 
die Aussage des Sachverständigen, daß die der Ehefrau beigebrachten 
Verletzungen nicht stehend hätten beigebracht werden können; Rein hätte 
seine Frau dazu hinwerfen müssen; der Lokalaugenschein wies aber 
darauf hin, daß die Frau nicht schon auf der Straße gelegen hatte, son- 
dern abseits, daß sie sich also zuerst dorthin begeben haben mußte; 
daraus schloß unter Hinzuziehung von anderen Umständen das Gericht, 
daß Rein seine Frau mit Überlegung getötet habe. Bei Kindsmißhand- 
lungen wird das verschiedene Alter der Verletzungen sowie ihre Art 
Aufschluß über den Charakter des Täters geben können, vor allem auch 
darüber, ob die Absicht zu töten vorlag oder nicht; Höpler (210) warnt 
aber davor, zu glauben, daß auserwählte Martern und erfinderische Züch- 
tigungsmittel den Eltern nicht zuzutrauen seien. Es sei hier auch an 
die Verstümmelung von Kindern, um sie zum Betteln tauglich zu machen, 
erinnert. In der Art, wie der Mord begangen wird, kann man auch auf 



PIK AI SFC IIIU NG PKK TAT 197 

die Intelligonz dos Täters schliofien; so Avirtl ein beschränkter Mensch 
kaum einen Giftrnonl begehen können oder gar einen Mord mit Rein- 
kulturen von Bazillen (h, 527). Auch die Entfenmng der Spuren werden 
Anhaltspunkte geben; tler eine wird beispielsweise einen Solbstmord\ er- 
such geschickter als der andere vortäuschen (377). Ob ein sexuelles 
Moment mitspielte, wird die Lokalisation der Wunden und die Besich- 
tigung der Geschlechtsteile meist ergeben. Dagegen wird es schwer sein, 
zu erkennen, ob es sich um einen Lustmord otler um eine unabsichtlich© 
Tötung beim Hindern am Rufen, mn Verdecken eines Sexualdeliktes han- 
delt (/|02); Groß (i4^) meint, das Erdrosseln sei mehr ein Zeichen für 
Lustmord, das Zuhalten oder ^'^e^stopfen des Mundes sowie Faustschläge 
auf den Kopf das Zeichen, daß ein Hindern am Schreien beabsichtigt 
w;u*. Bei Körperverletzungen weist ein Stich in die Genitalgegend, der 
plötzlich und unerwartet ausgefülirt wird, sowie das rasche Sichent- 
fernen des Täters auf ein sexuelles Moment bei der Tat hin (862). Die 
Messerstecher zeigen, ebenso wie die Zopfabschneider, meist eine sehr 
große Gewandtheit. Am Verwischen der Spuren des Verbrechens kann 
man auch erkennen, ob der Täter behutsam ist oder nicht; häufig findet 
man bei guter Vorbereitimg der Tat nachher ein lässiges Verhalten. So 
unterließen die beiden von Glos (121) beschriebenen Raubmörder die ge- 
nügende Vernichtung der Verbrechensspuren aus Freude an der großen 
Beute. Strafella berichtet (459) von einem Mörder, dem 4 Giftmorde 
gelungen waren und der den 5. Mord aus Leichtsinn durch Erschlagen 
beging und dadurch ertappt wurde. Anna Margareta Zwanziger war 
beim Ausgeben von Gift sehr leichtsinnig; nachdem ihr vorher mehrere 
Morde gelungen waren, verteilte sie noch am Tage der Abreise Gift, trotz- 
dem ihr auf eine Vergiftung hin gekündigt worden war und sie darüber 
hätte stutzig werden sollen (87). In den seltensten Fällen findet man, 
daß der Täter vom Mord abläßt, wenn die erste Verletzung nicht zum 
Tode führt. Meist greift er dann sein Opfer noch wütender an ; man 
könnte glauben, das Sehen von Blut rege zur Tat noch an (278). Eins 
der krassesten Beispiele ist die von Schütze veröffentlichte ,,Abschlach- 
tung" einer Geisteskranken (432). Ein überflüssiges Drauflosschlagen 
findet man sehr häufig (4oi). 

Eine psychologische Deutung des Gesichtsausdruckes einer Leiche ist 
unzulässig (280) ; dagegen värd es hie und da möglich sein, aus der 
letzten Handlung des Ermordeten im Augenblick der Tat Schlüsse zu 
ziehen auch auf die Psyche des Täters (i42). 

Hat der Täter sein Verbrechen vorbereitet, so führt er es oft aus, 
selbst wenn die Voraussetzungen nicht so günstig liegen, als er gedacht 
hatte ; so schoß Hau auf seine Schwiegermutter, obwohl er sich beobachtet 
fühlte und die alte Frau nicht allein war. 

Nicht selten spiegelt sich das Geschlecht des Täters in der Tat wider. 
Frauen wenden gern Mittel an, bei denen sie dem Stärkeren nicht offen 
entgegenzutreten brauchen oder wenigstens ihn sofort unfähig machen, 
sich zu wehren. So sind die Frauen besonders stark an Giftmorden be- 
teiligt (3o8, 108), femer nicht selten der intellektuelle Urheber anderer 
Morde (244)- Seltener finden wir, daß Frauen ihr Opfer erschießen 



J98 GÖRLXG : KRIMLNALPSYCEIOLOGIE 

(96, 119, 368). Das Bespritzen des Gesichtes mit Vitriol ist eine Lieb- 
lingswaffe der Frau (igS). Geisteskranke Frauen wählen oft die den 
Männern eigentümlichen Mordmittel (494)- In einem von Reukauf f 
beschriebenen Falle (4oi) gelang es einer Frau sogar, ihren Mann zu 
überwältigen und zu ersticken. 

Für Aberglauben des Mörders würde sprechen, wenn einzelne Organe 
der Leiche, z. B. Herz oder Geschlechtsteile, entfernt sind (178). 

Sehr schwer wird es sein, aus der Ausführung des Kindsmordes Schlüsse 
auf die Psyche der Täterin zu ziehen. Meist wird das Kind bei der 
Geburt zur Erde fallen gelassen oder gleich im Anschluß an die Geburt 
erstickt. Wird das Delikt mehr als einmal begangen, so wird man 
allerdings daran denken dürfen, daß die Täterin roh und gemütsstumpf 
ist, besonders wenn sie die Tötung in brutaler Form vornimmt, z. B. 
durch Eingießen von giftigen Flüssigkeiten, wie Dörr es beschrieben 
hat (69), oder durch Verbrühen, was eine in der Gießener Klinik begut- 
achtete Mutter fertiggebracht hat. 

Der Sexualtrieb findet seine Entladung oft auf eine dem normal 
eingestellten Menschen ganz unverständliche Weise. So ist von Brock 
ein Fall beschrieben (58), in dem ein junger Bursche eine 82 jährig-e 
Frau notzüchtigte. Bei den Homosexuellen wird man die Päderasten 
und Kinderschänder anders beurteilen müssen als die übrigen Urninge, 
was sie selbst auch zugeben; ein homosexueller Lehrer sagte mir einmal, 
er verurteile homosexuelle Handlungen an Kindern durchaus; sie zeugten 
von einem schlechten Charakter. Für den Sadismus findet man häufig 
Andeutungen im normalen Geschlechtsverkehr. Die Stufen des Sadismus 
sind äußerst zahlreich. Schon das Erschrecken kann einen sadistischen 
Akt darstellen; es folgen die Körperverletzungen, die in verschiedener 
Schwere imd allen möglichen Variationen auftreten; den Schluß bildet 
der Lustmord (275, 5o4, 3/i3, 362). Sadistische Handlungen, Notzucht 
und Unzucht an Tieren werden oft mit unglaublicher Roheit begangen. 
Auffallend ist, wie wenig sich die Täter durch eine ungünstige Ge- 
legenheit beeinflussen lassen; das gilt besonders auch für Fetischisten, 
die einen Diebstahl begehen, und für Exhibitionisten, auch dann, wenn sie 
die Tat nicht in einem Dämmerzustand ausführen. Es scheint, als ob 
der Sexualtrieb so mächtig sein kann, daß die notwendige Vorsicht 
außer acht gelassen wird. Unzüchtige Handlungen an Kindern werden 
meist vorgenommen, nachdem die Kinder in die Wohnung des Täters 
gelockt worden sind; es sind aber auch Fälle bekannt, daß solche 
Handlungen von einem Lehrer am Katheder begangen wurden. Sehr 
beliebt sind Kinos wegen der Dunkelheit und der Enge der Sitzplätze 
(32 1). Es ist nicht notwendig, daß stets ein und dieselbe perverse 
Handlung von einer Person vorgenommen wird; es sind Fälle bekannt, 
in denen sich der Täter von einer zur anderen wandte; so hat Gruber 
einen Fall beschrieben (i46), der chronologisch folgende Reihenfolge 
aufwies: Onanie, Koitus, Kunnilingus, sadistische, fetischistische Hand- 
limgen, Exhibitionismus. Ein ähnlicher Wechsel woirde von Aronsohn 
festgestellt (i3). 



nii: \i sFüiiRiNc. Dr.u tat 199 

Großes kriniinalpsycliologischcs Iiilonvsse kommt (itMi falsclien ;Vn- 
schuidigungon zu. Ist ein« Frau der Täter, so sind sie meist sexuell 
gefärbt (828^: Groß schiebt den Menses einen großen Einfluß zu (i^i)- 
Es ist erstaunlich, von welcher Mannigfaltii^k.<»il sie sind, un<l mit welchem 
Raffinement sie ausgeführt werden; man nuiß sich oft fragen, ob 
man dem Täter, der nun endlich vor dem llichter steht, so viel Sclilau- 
heit zutrauen darf. Notzuchtattentate werden bis ins Ideinste genau 
l>\>ichriebon (21 f\). Beschädigungen werden sich beigebracht (4o), be- 
sonders von Hysterischen, nur um einen bestimmten Zweck zu erreichen, 
sich selbst von einer Schande oder Unannehmlichkeit zu befreien oder 
einen anderen aus Rache, Haß oder Neid ins Unglück zu stürzen. 
Nicht selten stellen sich die Anschuldiger nicht selbst als Objekt der 
Straftat hin, sondern bezichtigen ihr Opfer eines von einem Dritten oder 
nf)ch häufiger eines von ihnen selbst begangenen Verbrechens (206, 4o8). 
Geschieht die Anzeige anonym, so spricht dies für eine mehr oder 
minder große Feigheit des Eienunzianten (/j2i). 

Bei den Eigentumsdelikten steht die Gewandtheit des Täters im um- 
gekehrten Verhältnis zur günstigen Gelegenheit. Ist der Inhaber einer 
\^'ohnung verreist und die Tür unkompliziert geschlossen, so wird mit 
Hilfe eines Postens ein Einbruch auszuführen sein, ohne daß dem Täter 
eine besondere Begabmig zugesprochen werden muß. Man muß sich 
oft wundem, wie unverfroren die Diebe vorgehen, wie ein von mir begut- 
achteter junger Mann, der bei hellichtem Tag in einer belebten Straße 
von einem Postkarren ein Paket entwendete und mit diesem auf der 
elektrischen Straßenbahn verschwand. Natürlich ist der Schluß nicht 
zulässig, daß ein Verbrecher beschränkt sei, weil er primitive Mittel 
angewandt habe. Strafella hat darauf hingewiesen (460), daß der Ver- 
brecher nicht selten gezwungen ist, primitiv zu handeln, weil er sich alles 
selbst schaffen muß. Manche besitzen allerdings eine erstaunliche Ge- 
wandtheit im Verfertigen ihrer V^erkzeuge. Neuerdings gibt es auch 
Sc blosser meister, die berufsmäßig Verbrecherwerkzeuge herstellen (agS). 
Bei manchen Berufen führt die Gelegenheit zum Diebstahl, so bei 
Dienstmädchen (229), die täglich mit dem Eigentum ihrer Arbeitgeber 
umgehen, und die, besonders wenn sie jung und leichtsinnig sind, oft 
den Wunsch hegen, diesen oder jenen Gegenstand selbst zu besitzen. 
Auch bei den Warenhausdiebinnen spielt die günstige Gelegenheit eine 
große Rolle; mehr als zwei Drittel der Täter, meist psychopathisch ver- 
anlagte Frauen, betreten ohne bestehende Diebesabsicht das Kaufhaus 
(i5o); der Rest ist zum großen Teil sehr gewandt; er kleidet sich 
zweckmäßig und scheut sich nicht, auch in den Körperhöhlen die ge- 
stohlenen Gegenstände zu verbergen. Eine große Gerissenheit besitzen die 
Spezialdiebe (/J19). Die Kassendiebe und Bankräuber halten sich meist 
an ein ganz bestimmtes Vorgehen, das sie genau ausgearbeitet haben. 
Teils arbeiten sie lieber allein (225), teils in Banden, wie die bekannten 
amerikanischen Bankräuber, die sog. Yeggs (38o). Sie sind mit dem 
feinsten Werkzeug ausgestattet und meist modern bewaffnet, scheuen 
Mch auch nicht davor, Störenfriede niederzuschießen. Wichtig ist die 



200 GÖRING : KRIMINALPSYCHOLOGIE 

Ablenkung des Publikums, z. B. durch einen Bombenanschlag auf ein 
benachbartes Haus (286). Am gewandtesten benehmen sich die Hotel- 
diebe, die gewöhnlich sehr elegant auftreten und mit großer Vorsicht, 
aber auch mit um so größerer Ausdauer ans Werk gehen (4oo, /i74)- 
Die Entwendung von Leichenteilen oder Gegenständen, die bei einer 
Leiche waren, weist meist auf einen abergläubischen Täter hin (161). 
Eine besondere Begabung gehört zum Betrügen; auch hier haben 
sich zahlreiche Spezialitäten ausgebildet. Am nächsten dem Diebe, und 
zwar dem Taschendiebe, kommt der Wechselfahrer, dem es darauf an- 
kommt, durch Fingerfertigkeit und Betören des Wechselnden zuviel 
ziu-ückzuerhalten (228, 6); sehr selten kann man ihm einen Betrug 
nachweisen, da er stets angibt, er habe sich geirrt. Eine andere Art 
von Ladenschwindelei hat Hirsch beschrieben (194): man kauft mehrere 
Gegenstände ein \md läßt sie mit quittierter Rechnung an eine falsche 
Adresse schicken; selbst nimmt man etwas weniger Wertvolles gleich 
mit und läßt den Betrag der Rechnung hinzufügen. Von besonders 
großer Bedeutung sind Betrügereien an Banken; meist handelt es sich 
um große, ja enorme Summen. Die Ausführung setzt eine große Be- 
gabung, Kaltblütigkeit und Gewissenlosigkeit voraus. Am bekanntesten 
ist der Leipziger Bankprozeß. Der Betrug beruhte nicht auf einfachen 
Buchfälschungen, sondern wurde viel raffinierter vorgenommen. Es wurde 
für die Trebertrocknungsgesellschaft ein Geheimbuch angelegt, ebenso 
bei dieser für die Leipziger Bank. Später wurde eine Zwischeninstanz 
zwischen beide Firmen eing^choben, nämlich der Direktor und die Auf^ 
sichtsratsmitglieder der Trebertrocknungsgesellschaft, und diese standen 
als Gläubiger bei der Leipziger Bank zu Buch. Eine ausführliche Dar- 
stellung hat Weber gegeben (488). Sehr einträglich ist auch der Adels- 
und Heiratschwindel; diese Betrüger treten außerordentlich gewandt 
imd forsch auf, geben sehr schlagfertig Antwort und sind trotz der 
schwierigsten Situationen ruhig und überlegsam (120). Vielfach bietet 
eine psychopathische Veranlagung die Grundlage zu der Möglichkeit 
ihres Vorgehens. Sie leben sich in die Rollen, die sie spielen, derart 
ein, daß sie selbst mehr oder weniger daran glauben (i25, 16), was 
ihnen eine große Sicherheit in ihrem Auftreten verleiht (464), besonders 
wenn der Leichtsinn und die Leichtgläubigkeit des Publikums ihnen 
ihr Tun erleichtert (42o). Es sind sogar Fälle beschrieben, in denen 
solche Psychopathen schwindeln, ohne daß sie einen Vermögensvorteil 
für sich erwirken wollen (SgS, 2 04); sie befriedigen dadurch ihre 
Eitelkeit. Den Heiratschwindlern ähnlich sind die Betrüger, die sich 
an alte, alleinstehende Damen heranmachen, ihr Vertrauen erwecken und 
sie schließlich zur Herausgabe größerer Geldbeträge bewegen (Sog). 
Auch die Anwendung religiöser Bräuche, das Auftreten als Geistlicher 
dienen dazu, das Volk zu beeinflussen (417); gerade 'auf dem Lande 
kann man durch solche Manipulationen manches harte Bauemherz er- 
weichen ; gute Dienste leisten in dieser Beziehung auch die bekannten 
Himmelsbriefe (482). Besonders gern wird der Spiritismus zu Schwin- 
deleien herangezogen; entweder werden Trancezustände nur markiert oder 
solche Zustände in leichter Form zum Betrügen verwendet (167, 427). 



PIK ALSFCHRl">G DER TAT 201 

In Gießen wurde ein Sclnvindlex begutachtet, der behauptete, daß er 
zu UnU^rschlapunpen (hu-ch M'inen \etter vemiitteLs Hypnose; voranlaßt 
worden war, was je<k)cli vom (iutachter widerlegt wurde. 

Beim Wrsicherungsehwindel handelt es sich entweder um einen ab- 
sichtlichen lietnig, bei «lern meist äußerst raffiniert ein Leiden, das selbst 
Fachärzten Kopfzerbrechen bereiten kann (332, 12/1), oder gar ein Mord 
(98) vorgeUiuscht wird, oder es handelt sich — und das ist die Regel 
um ein leichtes Ix?iden, welches durch den Kranken schlimmer dargestellt 
Avird. als es wirklich ist. Nicht selten glauben die Kranken selbst, 
daß das Leiden so schwer ist, wie sie es darstellen ; dazu ist allerdings 
eine Veranlagung notwendig; man bezeichnet diese Erkrankungen aJs 
Unfalls- und Begehrungsneurosen (366). Selbstbeschädigungen sind 
seltener, konunen aber auch vor. 

Ein beliebtes Mittel, Betrügereien nicht aufkommen zu lassen, ist 
das Abfangen von ankommenden Briefen; so wurde in Gießen eine 
Frau begutachtet, die nicht nur Sendungen an ihren Mann auffing, 
sondern auch einen Brief eines Bekannten, dessen Namen sie unter einen 
^^'echsel gefälscht hatte, an sich zu nehmen verstand, nachdem sie gehört 
hatte, daß er abgesandt worden sei, imd denselben beantwortete. 

Trotz der Habgier der Eigentumsverbrecher findet man bei ihnen nicht 
selten ein Mitgefühl mit Armen imd Schwachen; so hat Dolenc einen 
Fall beschrieben (73), in dem weibliche Räuber ihre Opfer unter denen 
aussuchten, die keine Kinder imd keine Bedürfnisse hatten, und der 
Verbrecher, dessen Betrachtung Fliegenschmidt übermittelt hat (97), be- 
hauptet, die Reichen geschröpft, aber die Armen geschont zu haben. 
Schon Lombroso hat erwähnt (3o7), daß Bankerottierer, Spieler und 
Fälscher gern Arme unterstützen und ihr Wohltätigkeitsinn oft über- 
trieben ist. 

Im Gegensatz zu den Betrügern gehen die Erpresser meist plump 
vor unter Ausnutzung von vorgenommenen Abtreibungen (257) oder 
abnormer sexueller Betätigung, vor allem der homosexuellen, was bei 
uns infolge der Bestrafimg des gleichgeschlechtlichen Verkehrs zwischen 
Männern besonders beliebt ist (240). Ein mehrfach beobachteter Trick 
ist das Photographieren in kompromittierenden Stellungen (398). Im 
Erpresser liegt stets etwas Feiges, Hinterhältiges; er nutzt die Schwächen 
seiner Mitmenschen, die er möglicherweise noch selbst durch seinen 
Einfluß und sein Zureden ans Tageslicht gefördert hat, aus, um sich 
selbst zu bereichem. 

Mancher, der sich zum Betrug nicht entschließt, wird eine Urkunden- 
fälschimg nicht scheuen. Es macht den Eindruck, als ob das Gewissen 
beim schriftlichen Betrug viel weiter sei als beim mündlichen (375). 
Eine Fälschung ist ja auch so einfach; oft genügt ein Federstrich, 
um Tausende zu gewinnen. Die Gewandtheit, mit der Fälschungen vor- 
genommen werden, ist staunenswert; die Wiederherstellung durch Säuren 
zerstörter, das Flicken dm*chlochter Stellen ist so tadellos, daß oft 
mikroskopisch nichts sichtbar ist. Der Plan beim Ausgeben falschen Geldes 
ist meist bis ins kleinste ausgearbeitet; bei der Auswahl der Helfer, 
besonders der Vorzeiger, wird große Vorsicht angewandt (38oa). Den 



202 GÖRING: KRIMINALPSYCHOLOGIE 



Handschriftenfälschern kommt zu ^te, daß die Sachverständigen sich 
sehr leicht irren (387). 

Brandstiftungen werden sehr verschieden ausgeführt (60 J; handelt 
€6 sich um einen Versicherungsbrand (/ii4), so ist die Anlage meist 
raffiniert, ebenso bei dem. Brand zum Verdecken eines anderen Verbrechens, 
wie im Falle Beckert (43), in dem der Täter zunächst einen Raubmord 
beging, dann dem Opfer seine Kleidung anzog und endlich das Haus 
anzündete; die verkohlte Leiche konnte aber am Gebiß identifiziert 
werden. Der echte Brandstifter dagegen wird vom Feuer angezogen; 
er hilft sogar oft bei den Rettungsarbeiten (472). 

Andere die Allgemeinheit gefährdende Verbrechen, wie die Gefährdung 
von Bahntransporten, werden sehr selten verübt; sind sie der Ausfluß 
von Habgier, so zeugt es von großer Gemütstumpfheit, wenn solche 
Mittel, durch die so viele Menschenleben zugrunde gehen können, gewählt 
werden. Daß Geisteskranke Bahntransporte gefährden, kommt nicht so 
selten vor ; in die Münchener %^linik wurde ein Lokomotivführer auf- 
genommen, der mit einer Geschwindigkeit von 90 km durch Pasing 
gefahren war, obwohl er dort hätte halten sollen; er litt an progressiver 
Paralyse. Die gleiche Krankheit hatte ein in Gießen aufgenommener 
Streckenarbeiter, der kurz vor der Durchfahrt eines Zuges Steine auf 
die Schienen abgeladen hatte. 

Die politischen Massenverbrechen werden meist mit ausgesuchter Roheit 
ausgeführt; dabei ist das .Verantwortungsgefühl eines jeden einzelnen 
herabgesetzt. Für beides bietet die Geschichte genügend Beispiele (46 1 ) ; 
auch bei uns hat es sich in der letzten Zeit wieder bewahrheitet. 

Selbstverstümmelungen zwecks Befreiung vom Heeresdienst werden nur 
selten geschickt ausgeführt ; meist handelt es sich um geistig beschränkte 
Täter, die nicht in der Lage sind, zu übersehen, wie weit ein Arzt ihre 
Handlungsweise klarzustellen vermag; man findet Verletzungen durch 
Beilhiebe, Messerstiche, mit Nadeln und durch Schüsse (32). 

Allgemein sei bemerkt, daß viele Gewohnheitsverbrecher abergläubisch 
sind und durch gewisse Handlungen, z. B. die Beschmutzung des Tat- 
ortes mit Kot, dem sog. Grumus merdae (162), das Gelingen der Tat 
erhoffen. Auch das Mitführen bestimmter Gegenstände (i65), wie einer 
geweihten Kerze bei Brandstiftungen (107), vor allem auch von Leichen- 
teilen (434) soll Erfolg bringen. 

Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß Delikte durch Reflex- 
(34) oder reflexoide Handlungen (i36) ausgeführt werden können. 



IV. DER VKRRRECHEI.' NACH DER TAT 
BIS ZUR VERURTEILING 

Das Verhalten des Tälers nach der Tat ist für den Kriminal|>sychologen 
ebenso >vichtig wie das \'erhalten vor und während der Tat. Stern (456) 
hat an Experimenten zu erforschen versucht, ob ein Mensch im allge- 
meinen bei oder nach Begehung einer Straftat an die Folgen für den 
Leidenden oder nur an die ihn selbst treffenden Folgen denkt. Bei 
seinen ^e^suchen hat sich herausgestellt, daß die Versuchsperson stete 
an sich und meist überhaupt nicht an den Betroffenen gedacht hat. 
Ganz unverständlich sind zwei von Lindau (299) beobachtete Fälle, 
in denen zwei Mörder nach ihrer furchtbaren Tat für ein Kind und 
einen Kanarienvogel sorgten, damit diese nicht verhungerten. In den 
meisten Fällen legen Mörder eine Stumpfheit und Gleichgültigkeit an 
den Tag, die ihresgleichen nicht findet. So essen und schlafen viele nach 
der Tat ausgezeichnet; Reukauff (4oi) erwäJint eine Dirne, die 2 Monate 
lang mit der Leiche des von ihr ermordeten Geliebten zusammen geschlafen 
und gewohnt hatte (sie gab an, sie hätte sich an die Nähe der Leiche 
gewöhnt, gut gelüftet und nicht geheizt), ferner einen schwaclisinnigen 
Arbeiter, der neben der von ihm ermordeten Stiefmutter seine Mahlzeit 
verzehrte. Peßler (876) berichtet von einem Menschen, der mit seiner Ge- 
liebten, deren Mann er erschlagen hatte, gleich nach der Tat im Bett 
de^ Erschlagenen den Koitus ausübte, was Reukauff allerdings lediglich 
als eine Gewaltentladung seelischer Hochspannung ansieht (4oi). Nur 
die Affektverbrecher sind meist sehr eoregt nach der Tat (807) und 
stellen sich oft freiwillig der Polizei. Während die berufsmäßigen Diebe 
und Betrüger nach der Tat vorsichtig sind, selbst ihrem Genossen, auch 
wenn er für sie bezahlt, nicht gern ihre Schätze zeigen (253), findet 
man bei den anderen Verbrechern, besonders auch bei den Raubmördern, 
ein Gefühl von Sicherheit, als ob sie dächten, nachdem ihnen die Tat 
gelungen sei, könne ihnen nichts mehr passieren. Sie geben übermäßig 
Geld aus, obwohl es zu ihrem Vorlel>en nicht paßt (i33); sie veräußern 
die erbeuteten Sachen in leichtsinniger Weise, besonders wenn die ersten 
vorsichtig vorgenommenen Verkäufe glatt gelungen sind (384)- Nur 
an eine Sicherheitsmaßnahme wird verhältnismäßig oft gedacht, das 
Verschaffen des Alibibeweises (122). Mit welch kaltblütiger Ruhe er 
gesucht wird, selbst nach der Ermordung der nächsten Angehörigen, ist 
kaum zu glauben (278). Zuweilen ist beobachtet worden, daß Eitelkeit 
dem Verbrecher zum Verderben gereichte, wie den beiden von Bosetti (55) 
erwähnten Dieben, die sich photographieren ließen in der Pose, wie 
einer dem anderen die Börse entwendet. 

Bei Sittlichkeitsverbrechem findet man nach der Tat nicht selten 



204 GÖRI.NG: KRIMINALPSYCIIOLOGIE 

einen ausgesprochenen Abscheu vor der Handlungsweise, eine Empfin- 
dung von dem Scheußlichen der Tat, von den Gegensätzen, die in ihnen 
wirken; so berichtet Liman (298b) von einem Päderasten übelster Art 
aus guter Familie, der selbst angab, er sei erschreckt über die Gegen- 
sätze, die in ihm beständen: neben dem Gefallen an allem Schönen 
und Edlen die Sucht, mit Männern aus der Hefe des Volkes zu verkehren. 

Wie der Täter sich nach Begehung des Delikts verhält, kommt nicht 
zum wenigsten auf sein Gewissen an (372), d. h. auf seine soziale Ge>- 
fühlsäußening der eigenen Handlung gegenüber, die einen Mitmenschen 
verletzt oder verletzen soll, wie Gerland sich ausdrückt (117)- Oppen- 
heim (372) definiert das Gewissen als die Tatsache des Regewerdens 
unserer sittlichen, bzw. religiösen Vorstellungen und Gefühle in bezug 
auf von uns vorgenommene oder erst vorzunehmende oder in der Aus- 
führung b^riffene Handlungen. Das Gewissen kann also auch vor 
Begehung der Tat schlagen; es kann vorher anders sprechen als nach- 
her (3o5). Wie groß die Macht des Gewissens sein kann, zeigen die 
bei Lohsing (3o5), angeführten Beispiele. Schlägt das Gewissen, so 
kann der Täter über die Tat Reue empfinden; d. h. es befällt ihn eine 
psychische Depression, weil er sich von der Unrichtigkeit einer Hand- 
lung in ihren Folgen überzeugt hat (117)- Die Reue ist ein Gefühl von 
Unlust, das sich gegen den Urheber des Geschehenen selbst richtet (295, 
457). Manchmal sind die Anwandlungen von Reue nur von kurzer 
Dauer, hervorgerufen durch äußere Umstände. In anderen Fällen han- 
delt es sich nur scheinbeir um Reue, während tatsächlich Furcht vor 
Strafe der Anlaß zn dem äußerlich reumütigen Verhalten darstellt (479). 
Viele Verbrecher können überhaupt keine Reue empfinden; sie sind zu 
stumpf dazu; sie empfinden nicht altruistisch genug (5o2); sie sehen 
gar nicht ein, daß sie ein Unrecht getan haben, z. B. .Jugendlicbei, die 
aus Heimweh ein Delikt begangen haben (242). Bei gebildeten Leuten 
findet man äußerst selten Reue über Zoll- imd Steuerdefraudationen ; es 
darf daher auch nicht verwunderlich sein, wenn wahrend der Revo- 
lutionszeit Diebstähle an Staatsgut als etwas Selbstverständliches galten 
und zu Reue keine Veranlassung gaben, trberhaupt erscheinen Eigen- 
tumsvergehen unpersönlicher, unschuldiger; bei Delikten gegen die Per- 
son findet man häufiger Reue (226). Äußerst selten bereuen Homo- 
sexuelle ihr Tun; ein Lehrer, der sich an Knaben vergangen hatte, sagte 
mir, er sei sich zwar der Schwere des Vergehens bewußt gewesen, habe 
aber doch keine Reue empfunden, höchstens Mitleid und Bedauern gegen- 
über den Kindern , — Nicht selten ergreift einen Täter Scham; es ist 
das Gefühl der Unlust, welches entsteht durcb erfolgte oder als möglich 
gedachte abfällige Urteile dritter Personen (117). Häufiger als Reue 
und Scham findet man Depression und Verzweiflung über die Tat ausi 
rein egoistischen Gründen, wegen der schlechten Lage, in der sich der 
Täter befindet (5o2). 

Bei der Festnahme wehren sich nicbt viele Verbrecher. Je schwerer 
das Verbrechen ist, je weniger also für den Täter auf dem Spiele steht, 
wenn er dem begangenen Verbrechen noch ein neues hinzufügt, um so 
leichter >\ird er sich dazfu entschließen, kein Mittel zu scheuen, um 



DKU VKtlBllKCHKR NACH DHU TAT 205 

der Verhaftung zu entgehen. Außerdem sind leicht erreglicho Menschen, 
bosondors wenn sie .\lkohol genossen haben, geneigt, sich der Festnahnio 
zu widersetzen. 

Das lionohnien des Verbrechers bei der Nernehmung ist aufierordontlich 
verschieden. .\us der Art des .\uflretens wird man, wenn aucli sehr 
vorsichtig, manchen Schluß ziehen können. Von iKSsonderer ßodeutung 
sind die Gt^tändnisse. Liegt ein solches vor, so sollte auch stets nach 
seinem .Motiv geforscht werden (3o5). Nach Groß nmß nicht immer 
ein Motiv vorliegen (i3/l), was Lohsing bestreitet (3o5). Die Ursachen, 
die ein Geständnis henorrufen, sind sehr mannigfaltig. Lolising (3o5) 
hat sie in vier verschiedene Gruppen eingeteilt. In die erste gehören 
die ethischen Motive; das Gewissen, die Reue, religiöse Motive, L'i^ye, 
Rücksicht auf Freundschaft und Kameradschaft, Patriotismus und Na- 
tionalgefühl, endlich Ehrgefühl können die Veranlassung zu einem Ge- 
ständnis geben; doch sind diese Fälle verhältnismäßig selten. Häufiger 
sind unethische Motive, wie Rachie, Renonmiiersucht, Opportunismus. 
Gerade der letztere spielt eine große Rolle; oft wartet der Täter mit 
dem Geständnis, bis er sieht, daß die Beweise sich so verdichten, daß 
das Leugnen zwecklos ist; dann schlägt er eine andere Taktik ein, ge- 
steht zwar, sucht aber beispielsweise geisteskrank zu erscheinen, wie 
der Lustmörder Dittrich, der sich zu diesem Zwecke sogar noch anderer 
Morde, die er gar nicht begangen hatte, beschuldigte (367). Als dritte 
Gruppe führt Lohsing einige andere Veranlassungen zum Geständnis an: 
die Reue ohne ethische Grundlage, Resignation, Verblüffung und Zwang. 
Körperlicher Zweuig wird schon lange nicht mehr angewendet; aber auch 
psychischer ist verpönt; er ist jedoch noch; häufiger in Gebrauch, als 
meui denkt. Das Auftreten des Vernehmenden kann auf die Psyche des 
Verbrechers günstig einwirken, so daß er seine Tat zugibt. Nur darf 
der Vernehmende den psychischen 'Zustand des Verbrechers nicht in 
jeder Weise ausnutzen, um sein Ziel zu erreichen (436) ; wir würden 
dann zu einer psychischen Folterung zurückkehren, die niemandem förder- 
lich ist (469)- Ebensowenig darf durch Hypnose ein Geständnis herbei- 
geführt werden. Die sog. Tatbestandsdiagnostik, die experimentell oft 
erprobt worden ist (^92, io4, i8i, 19, 25o), sollte im Verfahren nicht 
angewandt werden, weil, abgesehen von den zweifelhaften Ergebnissen 
(45o, 109), der Vernehmende dem .Angeschuldigten nicht offen gegen- 
übertrilt (182). Zweifelhaft ist auch, ob es berechtigt ist, dem Ange- 
schuldigten mit Bestimmtheit die Täterschaft vorzuhalten, obwohl man 
selbst noch nicht davon überzeugt ist. Macht der Vernehmende unwahre 
Angaben, so kommt es oft vor, daß der Angeschuldigte aus Wut und Em- 
pörung widerspricht und sich zum Geständnis hinreißen läßt (376). 
Als letzte Gruppe erwähnt Lohsing das Geständnis aus psychopathischen 
Gründen. Verhältnismäßig oft löst das Wiedererleben am Tatort imd 
das Zugegensein bei der Obduktion ein Geständnis aus (376) ; es Ist 
nicht anzunehmen, daß ein solches Geständnis auf einer ethischen Grund- 
lage beruht; vielmehr scheint meist ein innerer Zwang zum Geständnis 
TU treiben, wie man ihn auch bei Warenhausdiebinnen findet (74)- Über- 
haupt spielt die Mystik bei Verbrechern noch eine gewisse Rolle. Aus 



206 G üRl-NG : KRIMLNALPSYCliOLQGlE 

Aberglauben wurden Geständnisse abgelegt (167), und ergreifende Ein- 
drücke, wie ein Leichenzug mit Trauermusik, der wälirend der Verneh- 
mung vorbeizog (116). haben den Täter bewogen, die Tat zuzugeben. 

Wenn ein Geständnis abgelegt wird, so ist damit durchaus noch nicht 
»esagt, daß der Täter die Wahrheit sagt; einmal kann er mit dem Ge- 
ständnis der Tat, aber mit Leugnen von Nebenumständen eine mildere 
Beurteilung bezwecken, was man bei Mördern sehr oft sieht, damit sie 
wegen Totschlags verurteilt werden. Anderei-seits kommt es vor, daß 
Nebensächliches aus ganz unverständlichen Gründen, z. B. aus Eitel- 
keit (i3A) oder Schamhaftigkeit, die beim Täter sonst nicht bemerkt 
wurden, geleugnet wird (376). Vielfach wird Sexuelles l^estritten, wäli- 
rend alles andere zugegeben wird. Besondiers oft findet man bei Ver- 
brechern, che zum erstenmal vor Gericht stehen, hartnäckiges Leugnen, 
weil sie sich schämen, ihre Tat einzugestehen oder auch sich ihrer Lage 
nicht bewußt sind; es ist daher falsch, die Strafzumessung lediglich auf 
che Tatsache des Gestehens oder Leugnens aufzubauen (177). 

Es kommen auch vollkommen falsche Geständnisse vor; meist sind 
ausgesprochene Geisteskrankheiten, wie Melancholie, Dementia praecox 
oder andere geistige Störungen, vor allem hysterischer Att mit Pseudo- 
logia phantastica, die Ursache (436). Andere Gründe sind sehr selten (87). 
Sie sind beobachtet aus Renommiersudit, um ein Obdach zu erlangen, 
um zum Tode verurteilt zu werden, aus guten Motiven, um andere zu 
retten, oder aus falschem Ehrgefühl, wie beim Leutnant de la Ron- 
ciere (21 4), endlich auch auf Druck von seilen der Vernehmenden (182); 
einen solchen Fall hat Kroch beschrieben (279); einem Dienstmädchen 
sagte ein Schutzmann, sie allein könne diesen Diebstahl ausgeführt 
haben; aus Angst leugnete sie nicht; später widerrief sie ihr Geständnis 
nicht, weil sie glaubte, es hal>e doch keinen Zweck. Karmin (262) be- 
richtet von einem so intensiven psychischen Einfluß auf den Beschul- 
digten, der mit der Drohung, er müsse bei der Leiche schlafen, seinen 
Höhepunkt erreichte, daß er schließlich die Tat, die er nicht begangen 
hatte, zugab. Jugendliche sind in weit höherem Maße beeinflußbar als 
Erwachsene (2/12) und sind auch über die gesetzlichen Bestimmungen 
nicht so genau unterrichtet, so daßi man sie leicht einschüchtern kann; 
meist genügt, wenn der vernehmende Polizeibeamte droht, er würde ihn 
nicht nach Hause lassen, wenn er die Tat nicht zugebe, um ©in Ge- 
ständnis zu erzielen. 

Bei Beurteilung der Aussagen des Angeschuldigten ist von großer W ich- 
tigkeit sein Erinnenmgsvermögen. Nach Affektverbrechen wird der Täter 
kaum eine einwandfreie Erinnerung an die Tat haben ; in der Regel be- 
steht eine lückenhafte Erinnerung (48o). Schon die Aufmerksamkeit 
ward, worauf Pick hingewiesen hat (379), durch die überwertige Idee so 
in Anspruch genommen sein, daß eine lückenlose Erinnerung nicht er- 
wartet werden kann; es kann sogar zu einer förmlichen Auswahl des 
zu Perzipierenden kommen und femer neben der auslöschenden Wirkung 
nicht selten zu einer modifizierenden. Sturm hat darauf aufmerksam 
gemacht (466), daß es durchaus nicht gleichgültig ist, über was man 
aussagen soll; die Wiedererkennung z. B. von Personen ist leichter als 



DKH VEHBHECllEH NACH DKH TAT 207 

ciie von Sachen, selbst wenn man si© täglich gebraucht. Besonders man- 
j.'elhaft kann dio He{)r<Kluklic)ii Iwi psychischon Störungen sein. Bekannt 
ist, wie schlecht oll IVychojxiÜjt'n ihre Erlebnisse wiedergeben; es gibt 
unter ihnen solche, die selbst an ihre unrichtigen Aussagen glauben, nacli- 
(lem sie sie anderen mehrfach eriälilt haben (/|0.1j. MacJi reichlichem 
Cienuß von Alkohol (271) und Gehirnerschütterung (879, 433) sind Ge- 
«lächtnisstörungen die Regel. 

Das äußere \erhalten eines Menschen läiil nicht selten psycliische Nor- 
gänge erkennen. Kiesel (2 05) meint, die Mimik' sei ausdrucksreicher, 
ausdrucksfähiger, im .\blauf nicht so kompliziert, also auch schneller 
als \\orte iind Handlungen; er verkennt aber nicht, daß wegen des sub- 
jektiven Einschlags der Ausdrucksdculung immer die Gefahr irriger Auf- 
fassung bestehe. Große \orsicht ist zweifellos am Platze. Doch wird 
man die Beurteilung der Mimik deswegen nicht vollständig beiseite lassen 
dürfen. Margulies verlangt (528) für Gerichtsverhandlungen zwei Proto- 
kollanten, einen zur Registrierung der sprachlichen und lautlichen, den 
anderen zur Registrierung der im engeren Sinne motorischen, also vor 
allem auch der mimischen Ätd^erungen. Die Lehre von dem Ausdruck 
der Gemütsbewegung hat einen bedeutenden Fortschritt durch Darvvin (67) 
erfahren, der drei Prinzipien aufstellte, das der zweckmäßigen, asso- 
ziierten Gewohnheiten, das des Gegensatzes und das der direkten Tätigkeit 
des Nervensystems. Störend bei der Beurteilung der Gesichtszüge eines 
Menschen ist natürlich der Einfluß der starren Form, vor allem des 
knöchernen Gerüstes (607) . 

Man muß unterscheiden zwischen Mimik und Physiognomik; mimische 
Ausdrucksbewegungen können in physiognomische Züge übergehen und 
lassen dann dauernde Stimmungen und Temperamentlagen erkennen (266). 

Skraup (445) hat eine Anleitung herausgegeben, aus der man den 
Charakter eines Menschen aus seinem Äuf^ren erkennen soll. Krucken- 
berg (281) hat sie speziell für den Gesichtsausdruck verfaßt. Auch Groß 
gibt zahlreiche Erläuterungen (i34). Nun wird man sich fragen müssen, 
ob Angeschuldigte sich nicht oft regehridrig benehmen, ob sie in der 
Lage sind, ihre Gefühle nach außen hin nicht zu zeigen. Näcke hat einen 
derartigen Fall beschrieben (364), in dem eine zum Tode Verurteilte allet 
ihre Gefühle bis zuletzt zu maskieren verstand. Kaum verständlich ist 
auch die Ruhe, mit der Grete Beier das Todesurteil vernahm und zur 
Richtstätte ging; Nerlich hielt sie für echt (368). Dasselbe wurde bei 
der Anna Margarete Zwanziger beobachtet (87). Groß meint (i34)r 
daß Gesten viel seltener irreführen als Worte, weil, wie Kleemann 
sagt (266), es viel leichter sei zu lügen, als die Mimik, die auf psycho- 
physischen Gesetzen beruhe, künstlich im Zaume zu halten; selbst die 
Wahl der Ausdrucksweise mache schon Schwierigkeiten. Man muß aber, 
wenn man die Ausdrucksbewegungen beim Verurteilten verwenden \rill, 
sie natürlich auch richtig beurteilen können. So können Erregungszu- 
stände bei der Verhaftung auftreten, ohne daß der zu Verhaftende der 
Täter ist (894); Kämiän (252) hat z. B. von einem Manne, der eines 
Mordes verdächtig, tatsächlich aber unschuldig war, berichtet, er habe 



208 GÖRING: KRIMINALPSYCHÜLOGIE 

bei der Verhaftung gedroht, sich zu erschießen, falls er mit den 
Polizisten über die Straße gehen müsse; wahrscheinlich erfolgte die 
Drohimg aus Scham. Auch aus dem Erröten darf man nicht auf eine 
Beteiligung an der Tat schließen. Wer einer Straftat verdächtigt wird und 
vorher mit dem Gericht noch nichts zu tun gehabt hat, wird sicher 
nicht gleichgültig dastehen, sondern intensiv auf die ßeschuldigimg 
reagieren, etwa mit einem Erregungszustand oder mit Erröten, Erbleichen, 
Zittern usw. Wie schwer es ist, Gesten richtig zu beurteilen, geht aus 
folgendem Beispiel hervor. Bei dem schon mehrfach erwähnten Prozeß 
gegen den Gattenmörder Rein wxirdo ein Mädchen vernommen, welches 
das Verhältnis des Angeklagten gewesen imd vielleicht an der Tat be- 
teiligt sein sollte; bei Lbreu* Vernehmung war sie ruhig, schaute im 
Zuhörerraum umher und benahm sich so, als ob sie die ganze Sache 
nichts angehe; daraus schloß der eine Sachverständige, daß das Mädchen 
mit dem Täter gar nicht in Beziehung gestanden habe, weil das Benehmen 
des Mädchens durchaus ungezwungen sei; der andere dagegen hielt das 
Auftreten für dreist und frech und glaubte daraus entnehmen zu dürfen, 
daß das Mädchen dadurch ihr Verhältnis zum Täter habe verdecken wollen. 
Groß (i3/i) weist darauf hin, daß es besonders wichtig sei, den Gesichts- 
ausdruck des Sprechenden beim Zuhören zu sehen. Es gibt aber auch 
Menschen, besonders Psychopathen, die durch Miene und Geste ihre 
Stimmimg beeinflussen können, die durch nachgeahmte Komplexe be- 
stimmter äußerer Momente innere Bewegung wachrufen können. Bei der 
Pseudologia phantastica besteht kein Gegensatz zwischen den unwahren! 
Angaben und den Gesten, da diese Leute ja selbst glauben, was sie 
sagen, oder zum mindesten sich derart hineingeredet haben, daß sie das., 
was sie aussprechen, miterleben. 

Ein Zeichen für einen Mangel an Reue ist das Bedauern des Mißlingens 
einer Tat oder das Verleumden und Verspotten des Opfers (3o6). Manche 
Verbrecher zeigen ihre Mitschuldigen an, obwohl sie deren Namen ver- 
schweigen könnten, teils aus Neid, teils aus Rache (i34). Trotzdem 
darf man dem Verbrecher, auch dem Gewohnheitsverbrecher, nicht jedes 
Ehrgefühl absprechen; die meisten halten es für unehrenhaft, ihre 
Kameraden zu bemogeln oder anzuzeigen (261); allerdings glaubt Lieber- 
mann v. Sonnenberg, daß das Nichtverraten nicht eine gute Regung 
sei, sondern Klugheit, da sich sonst die Komplizen vom Angeklagten 
abwenden; er berichtet sogar von einem Fall, in dem einer 2 Jahre 
Zuchthaus unschuldig auf sich genommen hat (293). Es gibt Ver- 
brecher, die gekränkt sind, wenn man sie auf Fehler, die sie beim 
Begehen der Tat hätten vermeiden können, aufmerksam macht (i34)- Da- 
gegen ist für sie das Eingesperrtsein durchaus ehrenhaft (261); je 
mehr Jahre einer abgesessen hat, desto angesehener ist er (253). Man 
könnte diesen Standpunkt mit dem der Kriegsgefangenen vergleichen, 
die in den von den Feinden, besonders den Franzosen, verhängten Arrest- 
strafen durchaus nichts Unehrenhaftes erblickten; im Gegenteil, man 
hielt den, der noch nicht bestraft war, für einen Menschen ohne Rückgrat. 

Unvorsichtigkeiten treten nicht nur gleich nach der Tat, sondern 
auch noch später zutage; schon manchem hat sein Mitteilungsbedürfnis 



DER VERBRECHKH NACH DER IM 209 

zur Strafe verholfeii. Gerade den Mitgefangenen wird zuviel getraut (ii, 

Einzelne An^t'klagtt» haben die Gab*% während der Verhandlung durch 
Blicke oder Fragt-Ji auf die Zeugen einzuwirken, sie einzuschüclitem : 
es sind die, die auch Ix-soiulers geeignet sind. Ixn Betrügereien die Leute 
zu betören. 

Auf jugendliche Angeklagte kann unter l niständen die Verhandlung 
ungünstig wirken: der Richter muß daher das Rtx-ht halien, jugendliche 
Übeltäter zeitweise aus dem \ erhandlungsraume zu entfernen, wenn er- 
zieherische Rücksichten es erfordern (59). 



14 Kafka, Vergleichende Psychologie IM. 



V. DER VERBRECHER NACH DER VERURTEILUNG 

Immer mehr kommt man davon ab, die Strafe als Sühne aufzu- 
fassen, wenn auch die alte Straf rech tschiüe noch daran festhält. Die 
neuere Richtung geht dahin, zu strafen, um z'u bessern oder, wenn das 
nicht möglich ist, um die Gesellschaft zu sichern (i/j). Diese Besserung 
wird zum Teil schon durch die Straf Vorstellung erreicht, zum Teil 
erst durch die S traf empf in düng (i85). Es gibt aber eine ganze Anzalil 
Verbrecher, abgesehen von Geisteskranken, die auch, der Strafempfindung, 
selbst wenn sie erhebliche Grade erreicht, nicht zugänglich ist. Die 
Methode der Rückfallstatistik war lange falsch; erst allmählich wurde 
sie verbessert, nachdem Köbner (269) darauf hingewiesen hatte, daß als 
Grundlage die Rückfallsfähigen gelten sollten. Warum eine Strafe oft 
so wenig oder gar ungünstig auf den Verbrecher einwirkt, hat verschiedene 
Gründe; einer der wichtigsten ist die Veranlagung (352); dazu kommt 
das Gefängnismilieu vmd das Milieu, in das der Verbrecher nach der 
Entlassung kommt. Groß (iSg) hält den Rückfall für so häufig, 
weil die früher wirkenden Kräfte in der Psyche des Bestraften die- 
selben geblieben und nicht durch Verbüßung der Strafe verdrängt worden 
sind. Im folgenden wird auf die Gründe noch eingegangen werden. 
Selten wirkt aber nur ein Faktor, wenn auch einer meist besonders 
hervorsticht. 

Die W^irkung einer Strafe auf einen Verbrecher zu erkennen, ist oft 
nicht einfach, da er bei Unterredungen entweder verstockt ist oder un- 
wahre Angaben macht. Man muß sich aus seinem ganzen Verhalten ein 
Bild zu machen versuchen, und wird vor allem auch seine Briefe, Notizen, 
Zeichnungen usw. (289, 809) in Betracht ziehen müssen, worauf schon 
im II. Teil aufmerksam gemacht wurde. 

Die Freiheitstrafen bringen dem Verbrecher eine gänzlich veränderte 
Lebensweise; Freiheitsberaubung, Abgeschlossenheit von der Außenwelt 
und dem regelmäßigen Verkehr mit der Familie, Schweigegebot, Ein- 
tönigkeit des Lebens, Arbeitszwang imd ungewohnte Arbeitsart wirken 
auf die Psyche des Verbrechers ein, dazu die Gedanken an die Zukunft 
imd der Blick in die verbrecherische Vergangenheit (17); das Bewußtsein 
der Schuld kommt in der Freiheit nicht so sehr zum Durchbruch wie 
in der Gefangenschaft (327). Die Wirkung des Strafvollzuges ist natür- 
lich nicht die gleiche für alle Gefangenen; viele ertragen Um stumpf; 
andere freuen sich sogar ihrer Sorgenfreiheit (17). Waren die Stürme 
draußen besonders heftig, so kann die Inhaftierung Ruhe, ein Gefühl 
der Sicherheit bringen (827). Die meisten Gefangenen passen sich an; 
nur wenige zeigen sich widerspenstig; unter diesen seien noch besonders 
die Queridanten erwälint, die auch in der Haft nicht zur Rulie kommen 
können. Ein großer Unterschied besteht zmschen der Gemeinschafts- 



nr.K \kiuwu:chi:k nach dku vkiu ktkili nc 2n 

uaa.d Einzelhall. Wor in Kric^^ofangcnscliafl mit Einzelhaft bestraft 
wurde, weilS, <laü <lie ei'sl^Mi Ta^ (Kt Ruhe wegi^n meist angenehm 
ejnpfiui<l<Mi >\ur<ion. <la(j dann alxM- ein4' Si'^hiisuchl nach don Kameraden, 
nach MitleihuipMi aus der lloiniiil, nach einer AiuiS])rache immer stärker 
zutap^e trat, <lie schlieüJich zu einer kaum ertiiighchen Qual wurde. 
Ich kannte einen Hauptmajm, den in <ler Einzelhaft heftige Wein- 
krämpfe überfielen. Die Reaktion auf die Einsamkeit ist natürlich 
individuell verschieden; so erzählt Colucci (0.4) von einem Sträfling, 
der sich an <len Zustand gewölmt hatte, nachdem er in don Ixnden ersten 
Tagen sehr erregt gewesen war; er gab selbst an, zimächst einen solchen 
Haß eanpfimden zu haben, daß er einen Menscheji hätte zerreißen können. 
Nach Radbruch (89 1) macht die Gemeinschaftshaft schlechter, die Einzel- 
haft sclnvächer; sie bessert angeblich nur für die Anstalt, nicht für das 
Leb<Mi ; als Folgen der Einzelhaft zählt Ratlbruch auf: Gebrochene 
\\illens kraft, phantastische Hoffnungen mit folgender Enttäuschung, Ver- 
zweiflung, neue Schuld und neue Strafe. Diese Ansicht wird in einem 
solchen Umfange durchaus nicht von allen geteilt; als gute Eigenschaften 
der Einzelhaft Avird gerade der bessernde Einfluß hervorgehoben, femer 
(Ue Möglichkeit der Gewährung eines humaneren Strafvollzuges und des 
Fenihaltens schädigender Einflüsse (288, 385). Bei psychopathisch ver- 
anlagten Individuen kimn die Einzelhaft allerdings Psychosen (4io) her- 
vorrufen oder zu Selbstmordversuchen Anlaß geben (826). 

Die Bestrafung Jugendlicher macht ihrer Beeinflußbarkeit wegen 
Schwierigkeiten. Liepmann meint (296), ein nicht geringer Teil der 
Fürsorgezöglinge würde nicht so verwahrlost in die Anstalt konunen, 
wenn er nicht vorher Gefängnisstrafen abgesessen hätte. 

Nicht ohne Einfluß auf die Psyche des Gefangenen ist das Anstalts- 
milieu, der Ton, der in der Anstalt herrscht, die Art, wie die Gefangenen 
von den Anstaltsbeamten behandelt werden. Wulffen (5o2) sagt, daß 
<üe hauptsächliche Bedeutung beim Strafvollzug der sogenannten psycho- 
logischen Behandlung zukomme, woran die Anstaltsgeistlichen einen Haupt- 
anteil hätten. .Allerdings lehnen viele, besonders männliche Gefangene, 
den Geistlichen ab, da sie, wenn sie überhaupt Religiosität haben, von 
edner Vermittlung der Kirche nichts wissen wollen. Wulffen legt Wert 
darauf, kirchliche Äußerlichkeiten, ästhetische und künstlerische Ein- 
drücke, die Natur auf den Gefangenen einwirken zu lassen, und verspricht 
sich davon Günstiges. Für die Gefangenen, die nicht stumpf und gleich- 
gültig sind, trifft dies auch sicher zu, weiß ich doch aus eigener 
Erfahrung, welch wehmütiges Gefühl wachgerufen wird, wenn man 
nach Monaten wieder einmal irgendeine Naturschönheit sehen darf. Auf 
einer Zitadelle, auf der ich als Kriegsgefangener saß, konnten wir nichts 
anderes sehen als Wall und Kasemenhof ; nur wenn man auf den Speicher 
unseres Pavillons ging, war es möglich, in der Feme ein paar Bärune 
imd einen Streifen Meer zu sehen. Selbst die rauht*sten Krieger gingen 
hinauf, um den Blick in sich aufzunehmen und sich an ihm zu erfreuen. 

Inwieweit der Unterricht von Nutzen ist, wird verschieden bewertet; 
nach Lombroso (3o6) hat er wenig oder gar einen schlechten Einfluß 
auf die Psyche des Verbrechers, was Pollitz einen grotesken Standpunkt 

14* 



212 GÖRING : KRIMINALPSYCHOLOGIE 



nennt (385). Der Arbeitszwang an sich ist vielen verhaßt, dagegen scheint 
die „instruktive Arbeitsversorgung", wie Amerika sie in seinen „Re- 
jormatories" kennt (402), auf die Verbrecher, und zwar in erster Linie 
auf die jugendlichen, einen guten Einfluß auszuüben; dies ist eine 
Vereinigung von Arbeit und Unterricht; es wdrd dem Verbrecher dadurch 
ermöglicht, sich Kenntnisse, die er bei seiner Entlassung verwerten 
kann, anzueignen, um sich in eine bessere Klasse hinaufzuarbeiten (8o). 
Ein Teil der Verbrecher wirjd auch von der besten Anstaltsbehandlung 
nicht beeinflußt werden, vor allem die gewerbsmäßigen Eigen timis- 
verbrecher; die Zeit, die zwischen iden einzelnen Strafen liegt, ist oft 
äußerst kurz (i88). Ferner kann man bei Landstreichern fast stets 
mit Erfolglosigkeit rechnen (435). Endlich sind, was in der Natur 
der Sache liegt, Homosexuelle durchweg bezüglich ihrer Neigung un- 
verbesserlich (i4o); das ist nach den Ausführungen im L Teil 
selbstvenständlich, und weist von neuem auf die Frage hin, ob man es 
nicht auch bei den anderen Unver'besserlichen mit Störungen des inner- 
sekretorischen Systems zu tun hat. 

Daß antisoziale Individuen auch gute Regungen haben können, geht 
aus den Erfahrungen von Groß hervor (i43), die er anläßlich eines 
Brandes machte; er glaubt allerdings, daß die Strafanstaltsbeamten 
in geschickter Weise es verstanden haben, sie wachzurufen. 

Von den beeinflußbaren Verbrechern wird sicher durch die bedingte 
Verurteilung und die bedingte Begnadigung mancher von neuen Straftaten 
abgehalten. Nach Dohna (70) beträgt die Zahl der bedingt Begnadigten, 
welche ihre Strafe nicht verbüßen, vier Fünftel. Er fügt aber hinzu, 
daß die Walirscheinlichkeit des Rückfalls zuninunt, je weiter das ver- 
urteilende Erkenntnis zurückliegt. Rupprecht (4ii) glaubt auch, daß 
die guten Vorsätze für längere Zeit wirksam seien; eine besondere 
Schwierigkeit bestehe für Mädchen, die sich der Gewerbsunzucht er- 
geben hätten; sie könnten selten dem Drang der erweckten Sinnlichkeit 
und dem Anreiz des bec[uemen Gelderwerbs dauernd widerstehen. 

Gute Einwirkung auf die Psyche des Verbrechers scheint man in 
Amerika mit der unbestimmten Verurteilung gemacht zu haben (452, 
520), eine Forderung, die 1880 schon Kraepelin aufgestellt hat (272), 
auf die Mayer wieder hinweist (329), wenn er kein Wählen der Zeit- 
größe, sondern der Behandlungsart verlangt, und für die Sturm neuer- 
dings eingetreten ist (466 a). Im amerikanischen Reformatory, das aller- 
dings nach Pollitz' Ansicht (385) über G^ühr gerühmt wird, bestimmt 
der Verbrecher die Länge der Haft selbst, d. h. er kann sich allmählich 
heraufarbeiten und durch gutes Verhalten eine bedingte Entlassung er- 
wirken, deren Dauer auch nicht von vornherein festgelegt wird. Sicher 
gibt es unter den Verbrechern viele, die auf diese Weise zu brauchbaren 
Menschen erzogen werden können. Reagiert ein Schwerverbrecher nicht 
auf diese Behandlungsweise, so wird er durch sehr lange Freiheitstrafen 
unschädlich gemacht. Durch diese Behandlungsart wird ein gewisser 
Wettbewerb im guten Sinne hervorgerufen und mehr oder weniger die 
ungünstige Beeinflussung der Gefangenen untereinander vermieden. Das 
Drückende des Strafvollzuges, die Verbitterung, von der Oskar Wilde 



DKH XKIUUU.CIIKH WCll DKlt NKHl H IKILI N« i 213 

spricht (i56), wird hiiitaiigohalteii (i>5G;. Das Gerechtigkeitsgefühl, das 
bei vieloii \ t'rbrivliorn, wie aus Lombrosos Hcispiclcn hervorgeht (3o6), 
gut ontwicki'lt ist. wini iuhi Ix'h'bt. Dit's<'lb<'ii guten Krfahrungon, die 
aus Amerika berichten werden, hat Fiiikehil>urg im Jugcndgefjüignis zu 
\\ittlich gemacht (89). Das Ehr- und IMlichlgelühl wird geweckt, das 
solbstäiidige Streben imd die Betätigung des Willens angespannt. Sehr 
wichtig ist. daß die entlassejien Gefangenen nicht olme jetlen Halt ins 
Lt^ben hinausgestoßen werden (276, i38); es kommt nicht darauf an, 
ihnen ein paar Mark in die Hand zu drücken, sondern ihnen eine ge^ 
eignete .\rbeitstelle zu verschaffen; dann wird es einzelnen gelingen, sich 
in die Höhe zu arbeiten. Die Erfolge unserer Fürsorgevereine scheinen 
nicht groß m sein (5o2), was nicht zu ver>vundern ist, da es nicht leicht 
ist. die richtige Auswahl zu treffen ; ein von mir begutachteter Schneider, 
dem eine Stelle verschafft worden war, nachdem er eine wegen Raubes 
zuerteilte 3 jährige Gefängnisstrafe verbüßt hatte, mußte nach 10 Tagen 
entlassen werden, nach weiteren 8 Tagen verübte er zwei Einbruchs- 
diebstähle. 

Von den Verbrechern sehr gefürchtet ist das Arbeitshaus (i38); die 
Scheu vor ihm geht so weit, daß eine Selbstanzeige wegen Mordes von 
einem Insassen erstattet wurde, da er lieber jede andere Strafe auf sich 
nehmen wollte (8). 

Besonders schwer haben es die lebenslänglich Verurteilten. Többen hat 
darauf hingewiesen (^']i), daß sie durchaus nicht immer zu den unver- 
besserlichen gehören ; das ist einleuchtend ; denn es handelt sich ja bei 
ihnen nicht um eine bestimmte Kategorie von Verbrechern, sondern um 
Menschen, die ein schweres Delikt begangen haben imd wegen des Erfolges, 
nicht wegen ihrer Gesinnung, nun dauernd eingesperrt bleiben. Bei 
ihnen kommen sehr viele Psychosen vor (4 10), und nicht selten schreiten 
sie 2rum Selbstmord, wenn sie keinen anderen Ausweg sehen (i83). 

Die Prügelstrafe wird von den meisten verworfen. Sie bestand kurze 
Zeit in Dänemark, wurde aber wieder abgeschafft (476) ; sie ist neuer- 
dings in Ungarn eingeführt (52 1). Neben sehr großen Nachteilen (187) 
bringt sie nur geringe Vorteile; Marx (32 5) sagt, daß das körperliche 
Schmerzgefühl nicht nachhaltig wirke, daß man aber bei den Menschen, 
die seelisch unter der Prügelstrafe litten, auch mit anderen Strafen aus- 
kommen mirde. Havelock Elhs (80) hat sich energisch gegen die 
englischen Bestinmiungen ausgesprochen, weil durch sie die, welche sie 
erdulden, und die, welche sie ausführen, brutalisiert und herabgewürdigt 
werden. 

Über die Todesstrafe ist viel geschrieben worden. Schon Holtzendorff 
hat sie bekämpft (2o3). Vor allem hat Liepmann ein großes Gutachten 
darüber abgegeben (297), in dem er sich energisch gegen sie wendet; 
andere wieder treten für sie ein (290). Sie scheint durchaus nicht 
immer die kriminalitätsmindernde und abschreckende Wirkung zu haben, 
die man erwarten sollte (422). Nicht selten findet man gerade bei Ver- 
brechern, die es mit dem Leben anderer nicht genau nehmen, daß sie 
auch auf ihr eigenes Leben nicht viel Wert legen und bis zu ihrem letzten 
Augenblick gleichgültig, ja sogar zynisch bleiben (3o9). Sommer (448) 



214 



GÖRING : KRIMINALPSYCHOLOGIE 



kann der Todesstrafe weder eine individual- noch eine sozial-pädagogische 

^F!^TstrrfTrt'^''die"uns©r Strafgesetzbuch nicht kennt, die Deportation, 
^r^sehr vtläen beurteilt (§.5). Auf den Verbrecher selbst schemt 
sie nach dem Bericht von Heindl (i6o) keinen günstigen Einfluß aus- 
zuüben; die moralische Ansteckung wirkt zu zerrüttend. . • , , 
Die Wirkung der Geldstrafe sei hier nur gestreift. Solange sie nicht 
nach dem Vermögen des Täters abgestuft ist, wird sie dem Reichen 
deich^ltig sein, sofern nicht die Bestrafung an sich ihn druckt; den 
Armen der statt ihrer möglicherweise eine FreUieitstrafe alisitzen niuii, 
wird sie verbittern. Kraepelin nennt sie eine, eminente Immorahtät, 
Hentig eine eminente gesetzliche Torheit (i85). 



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Nachtrag 

517. F) i r n b a u m , Karl, Kriminal-Psychopathologie, Berlin, 1921. 
5iS. Brennecke, Hans, Psychopathie und Revolution, Deutsche Strafrechtaztg., 
8, 21. 

519. Göring, M. H., Der Wert der neuen Forschung auf dem Gebiete der inneren 

Sekretion für die Kriminalpsychologie, Ajch. f. Krim., 73, 2^3. 

520. Heindl, Das amerikanische Probationssystem, Ajch. f. Krim., 73, 291. 

521. — , Einführung der Prügelstrafe in Ungarn, Arch. f. Krim., 73, 298. 

522. Hentig, Hans v., und Viernstein, Theodor, Untersuchungen über den 

Sitllichkeitsverbrecher, Zeitsclir. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatr., 70, 33.'». 

523. Hoffmann, Walter, Psychologie der straffälligen Jugend, Leipzig, 1919, 

nach Stern, Psychologie der straffälligen Jugend. 

524. Hülst, J. P. L., Beitrag zur Kenntnis der Nekrophilie und des Nekrosadismus, 

Arch. f. Krim., 73, 2o5. 
025. Kahn, Eugen, Psychopathen als revolutionäre Führer, Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. u. Psychiatr., 52, 90. 

526. Kraepelin, Emil, Psychiatrische Randbemerkungen zur Zeitgeschichte, Süd- 

deutsche Monatshefte, 16, H. g. 

527. Lempp, Über Mordversuche mit pathogenen Bakterien, Arch. f. Krim., 73, 2^7. 

528. Margulies, Max. Über Ausdruckstätigkeit und Erleben, Arch. f. Krim., 73, gS. 

529. Nötzel, Karl, Das Verbrechen als soziale Erscheinung, München, 1920, 

nach Ref. im Arch. f. Krim., 73, 3ii. 

530. Stern, Erich, Psychologie der straffälligen Jugend, Zeitschr. f. d. ges. Straf- 

rechtswissenschaft, 42, H. 4/5. 
53i. Wagner v. Jauregg, Vorgetäuschter Mordversuch in der Posthypnose, 

Deutsche Straf rechtsztg., 8, 5i. 
532. Wittig, K., Der Einfluß des Krieges imd der Revolution auf die Kriminalität 

der Jugendlichen, Zeitschr. f. Kinderforschung, 26, 8, nach Ref. im Zentralbl. 

f. d. ges. Neurol. u. Psychiatr., 25, 52i. 



PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 



VON 
SANTE DE SANCTIS 



1. DIE PHYSIOLOGISCHEN BEDINGUNGEN 
DES TRAUMES 

DeT Traum wurde inid muß nach einer exakten wissenschaftlichen 
Methodik untersucht werden. Diese Methodik habe vor vielen Jahren 
ich (89) und in der Folge verschiedene Autoren erörtert. Schließlich 
nalmi ich den Gegenstand selbst wieder auf im Jahre 191 9 (gS), und 
darum verweise ich den Leser auf meine jüngste Veröffentlichung. End- 
lich muß ich daran erinnern, daß ich mich nicht in Übereinstimmung 
mit den Forschern, wie Foucault, Havelock Ellis, L. Luciani, befinde noch 
befand, welche ausschließlich die subjektive Methode verwerten, die man 
rückwärtsschauende Selbstbeobachtung (auto-intro-retrospektive Methode) 
nennen könnte. Ich habe immer alle Methoden verteidigt und an- 
gewendet, die man in der modernen Psychologie benützt, um die psychi- 
schen Tatsachen zu erforschen, und das ist nicht nur die Methode der 
Seibetbeobachtung, sondern auch der Fremdbeobachtung (Verhör und 
Ausfrage [Enquete oder Inquiry]), der Psychoanalyse im Sinne Freuds^ 
(welche darauf ausgeht, den „latenten Inhalt" im Gregensatz zum ,, mani- 
festen Inhalt" des Traumes zu erforschen), der äußerlichen Beobachtung 
<les Schlafenden (oder physiologische Methode 2), und die vielfältigen 
und sehr reichen experimentellen Methoden, nach welchen neuerdings 
Mourly Vold seine lang^vierigen und mühsamen Untersuchungen aus- 
fülirte, und welche ich in weitem Umfange in den vergangenen Jahren, 
besonders in der letzten Zeit, anwendete. 



^ Ich hab** von der gewöhnlichen Psychoanalyse (Heteropsychoanalyse) eine Auto- 
psychoanalyse unterschieden und Beweisnialerial dafür gesammelt, daß die Autopsycho- 
analyse eines eigenen Traumes, die im Erwachen oder nachts im Halbschlaf oder dgl. 
stattfindet, oft zur Enthüllung der verborgenen Bedeutung des Traumes selbst führt. Der 
Träumer erkennt nämlich spontan, daß durch die Traumerscheinungen Ereignisse, die vom 
Wachzustand recht verschieden sind, gewissermaßen allegorisch dargestellt werden. Wie 
kommt er zu solchem Erkennen? Sicherlich auf affektivem Wege; er erkennt die 
.Vhnlichteit des Affektzustandes im Traume mit einem Affektzustande des Wach- 
l)Owußtseins. der mit anderen Vorstellungsbildein verknüpft war, und diese kehren 
nach Vollzug jenes Wiedererkennens wieder ins Be\\'ußtsein zurück (assoziative 
Wechselbeziehung zwischen Vorstellung und GefüM). Eigentümlicherweise kann 
man zuweilen während des Traumes selbst zur Bedeutung des Traumes vordringen 
(Näheres darüber im folgenden), so daß man zwei Arten von Auto-Psychoanalyse unter- 
scheiden könnte, nämlich die Auto-Psychoanalyse während des Traumes {intraottirico) 
und jene nach dem Traume {postoniricn); die erste findet im Zustand völligen Unter- 
bewußtseins (Schlaf zustand) und daher automatisch, die zweite im Zustand des Halb- 
wachens (schlafähnlicher Zustand) halbwillkürlich statt. 

2 Wie ich in einer vorangehenden Arbeit nachgewiesen habe, ist die physiologische 
Methode alt und klassisch. Hier möchte ich hinzufügen, daß auch Pierre Janet sie mit 
Erfolg bei neuropathischen Personen anwendete, wie er in einem neuen Werk (36) 
berichtet. 



234 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Diese methodologische Vorbemerkung genügt, um dem Leser verständlich 
zu machen, daß ich für die >vissenschaftliche Untersuchung des Traumes 
die Kenntnis der Erscheinung: Schlaf für imentbehrlich halte. In der 
wissenschaftlichen Traumlehre folge ich den Prinzipien und Methoden 
der zeitgenössischen Psychologie. Wie es meiner Meinung nach nicht 
zulässig ist, eine wissenschaftliche Psychologie ohne Rücksicht auf die 
Lebenserscheinungen zu betreiben, so scheint es mir auch nicht am 
Platze, bei der Untersuchung des Traumes den schlafenden Organismus 
zu vernachlässigen. 

Daher muß der Traum psycho-physiologisch aufgefaßt werden, indem 
man ihn unter seinen natürlichen Bedingungen, am lebenden Organismus 
als eine Erscheinung des Schlafes, also unter seinen physiologischen 
Voraussetzungen, betrachtet. 

Di^er Gesichtspunkt ist nichts weniger als neu. Schon Chr. Wolff ^ 
legte besonderen Wert auf die physiologischen Bedingungen des Gehirns 
während der Entstehung des Traumes. Melchior Gioia (32, IL S. 2o3ff.) 
schloß sich ihm an; dieser Philosoph gab sogar eine vergleichende Dar- 
stellung der physischen Zustände des Träumers und der ihnen im all- 
gemeinen entsprechenden Träume. So bedeutet das Bestehen einer ge- 
nauen Übereinstimmung, daß die physiologischen Bedingungen sogar bis- 
weilen dem individuellen Faktor das Gegengewicht halten. So füllen wir 
eine Lücke aus, die sich bei einigen der jüngsten Autoren, insbesondere 
bei der Freudschen Schule, in ihrer Behandlung des Traumes findet. 
Freud hält zwar die Hypothese einer räimiHchen Auffassung der psychi- 
schen Vorgänge nicht für nötig; er kann jedoch eine biologische Auf- 
fassung dieser Vorgänge nicht für ebenso unnötig halten. Bergson er- 
klärt, daß zwischen dem Gehirn und dem Gedanken dieselbe Wechselbe- 
ziehung besteht wie zwischen einem Kleid und dem Nagel, an den man 
es hängt. Schade, daß das Leben kein Nagel ist! — Ich bin hingegen 
überzeugt, daß man über die Elemente und speziell über die Dynamik 
des Traumes besonders klare Aufschlüsse erhält, wenn man die Ver- 
fassung des Gehirns des Schlafenden imd im allgemeinen den physio- 
logischen Zustand des Schlafes in Betracht zieht. Ich trete entschieden 
den Versuchen entgegen, gewi^e Probleme zu behandeln und dabei der 
Physiologie die Türe vor der Nase zu verschließen. Freud einerseits 
und Bergson andererseits vergessen, daß auch der Traum eine Lebens- 
erscheinung ist. Die Psychologen jedoch müssen diesen Umstand im 
Gedächtnis behalten, sonst laufen sie Gefahr, hinter A. Haller, Burdach, 
Job. Müller, Vierordt, ja sogar hinter Aristoteles zurückzubleiben. 

A.ATMUNG, BLUTKREISLAUF UND STOFFWECHSEL IM SCHLAFE 

Es wäre indessen ein Zeitverlust, sich bei den sogenannten Theorien des 
Schlafes aufzuhalten. Eine große Gruppe von Schriftsteilem hat sich 
schon bemüht, sie darzulegen und zu kritisieren. Ich habe selbst davon 

1 PsYchologia ratlonalis melhodo scientifico pertractata usw., Frankfurt und I^ipzig, 
17^0, S. 201 ff. 



ATMUNG. ÜLLfkRHSLALF L'ND STOFFWKCHSEL IM SCHLAF!-: 235 

cetjprochon i, und der Lcsor mag, außer bei A. Mosso, bei Luciani (49, IV), 
balmon (83), Ernst Trömnier - (in, 112) und besonders bei Pieron (66) 
nachlesen, der den G^^enstand erschöpfend behandelt, indem er eine 
Klassifikation aller Theorien gibt und sie mit Scharfsinn und Objek- 
tivität kj-itisiert, so daß er jo*len Schriflj>teller von weiteren Verpflich- 
tungen entbindet. 

Mir genügt es, einige Hinweise in bezug auf die physiologischen Voraus- 
setzungen des Schlafes zu geben. 

Dei- Zustand des Atmungsapparates wäJirend dos Schlafes wurde von 
verachieilenen Physiologen boschrieben, besonders von A. Mosso (1878, 
1886 und später). Die Atemfrequenz ist geringer, und der Rhythmus 
kann einen intermittierenden oder auch periodischen .Vblauf annehmen, 
besonders bei Kindern und Greisen (Mosso, Luciani), das Einatmen wird 
verlängert, das Ausatmen verkürzt. Gleichwohl sind die Dinge nicht so 
einfach, wie man glaubt. Mendicini (56) beschäftigte sich kürzlich in 
meinem Laboratorium mit diesem Gegenstande (Textfig. i). Nach Mendi- 

^^^vwwvvvvvvvvv\/vvvwv^ 

Fig. I. 

Thorakales Pneumogramm einer normalen Sojährigen Frau, während des Sclilafes 
(21. Apri! igiö, 12 Uhr i5 a. ni.) von A. Mendicini mit dem Brondgeestschen Pneumo- 
graphen aufgenommen. Die Form der Kurve ist tatsächlich für den Schlaf typisch, weil 
sie sich, abgesehen von dem Ausschluß aller Fehlerquellen (vgl. Marey, La methode 
graphique), in allen wälirend des Schlafes aufgenommenen Pneumogranmien konstant er- 
hält, wälirend sie in den Pneumogrammen des Wachzustandes nicht vorkommt. Im 
einen wie im anderen Falle ruhte die Versuchsperson stets in Rückenlage. Überdies 
wurden einige Schlafkurven im unmittelbaren Anschluß an die Wachkurven am gleichen 
Abend aufgenommen, ohne daß die geringste Änderung in der Aufstellung der Apparate 

stattgefunden hätte. 

cini wird im Gegensatz zu andern Beobachtern die Atmung (thorakales 
Pneumogramm) der normalen Frau im tiefen Schlafe tiefer und häufiger. 
Mendicini fand im Schlafe niemals die periodische oder remittierende 
oder intermittierende Atmung, die von Mosso und andern Physiologen 
verzeichnet wurde. In bezug auf den Atmungsrhythmus (den Atmungs- 
quotienten der übrigen Autoren) hatte Mosso beobachtet, daß im Schlaf 
eine Umkehrung stattfinde; von 12 Teilen entfielen 10 auf die Eanat- 
mung und 2 auf die Ausatmung. Nach Mendicini bestand die gleiche Um- 



1 89, Notiz z. S. 333, wo ich die histologische Theorie und die jüngsten Varianten 
(i. J. 1900) der vasomotorischeri Theorie zurückweise. 

- Der Verfasser erörtert den Widerspruch zwischen den zwei Theorien des Blut- 
andranges und der Blutleere des Gehirns, stellt der Ermüdungstheorie stichhaltige Gründe 
entgegen und bekämpft die Annahme eines Schlafzentrumsgehims, sei es, daß man es 
in die Stimlappen oder in die Sehhügel verlegen wolle. 



Wachzustand 






Schlaf 


quenz Höhe 


Quotient 


Frequ. 


Höhe 


20 4,7 


0,98 






20 8,2 


0,78 


23 


7'7 


20 5,8 


0'97 







236 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

kchrung des Rhythmus, wie sie Mosso angegeben hatte, im Schlafe normaler 
Personen; aber im Schlafe seiner Melancholikerinnen fehlte die Um- 
kehrung, also überwog bei ihnen die Ausatmung. Bei einer Melancho- 
likerin nahm indessen der Quotient zu, weil sie nach Aussage des Ver- 
fassers lebhaft träimite. 

Normale Person § ^.,^11./-» 

3o Jahre Frequenz Höhe Quotient rrequ. Höhe Quot. 

Torakales Pneumogramm 

i,5o 

Ich glaube, daß die Abweichungen z. T. durch den indi\dduellen 
Faktor, z. T. durch die verschiedenen Phasen des Schlafes, z. T. 
durch die vorhandene Traumtätigkeit verursacht sind. Mendicini findet 
beim Schlafe seiner Melancholikerinnen in allen Teilen der Pneumo- 
grammkurve häufige Pausen und zitternde Schwankimgen. Dies läßt 
sich diu-ch das gleichzeitige Vorhandensein unlustvoller Traumeindrücke 
erklären und würde mit der „Z i 1 1 e r - A t m u n g" {tremhlee) über- 
einstimmen, die schon zusammen mit andern Störungen der melancho- 
lischen Depression während des Wachens vermerkt wurde (Häufigkeit 
der Atmungsakte, Seufzer, die sich einzeln oder in Gruppen periodisch 
wiederholen, usw.). 



Fig. 3. 

ITiorakales Pneum»gramm einer Sojährigen Frau, wälirend der ersten Stunde des Schlafes 
(21. April igiS, 12 Uhr 55 a. m.) aufgenommen. Spontanes Erwachen gegen das Ende 
der Kurve, ungefähr i5 Sekunden, nachdem die Kurve regelmäßig geworden war. Die 
Versuchsperson bestätigt auf Befragen, daß sie eben träumte. Die Unregelmäßigkeiten der 
Kurve sind vielleicht zu erheblich, als daß sie insgesamt auf die Traumtätigkeit der 
Schläferill zurückgeführt werden könnten. Die Frequenz (24 Atemzüge in der Minute) 
ist nicht gesteigert. In dem Kiu~vent«il, der sich über die Abszisse erhebt, fallen drei ober- 
flächliche Atemzüge auf, wie sie in Kurven vorzukommen pflegen, die während der 
Bewußtseinslage der Erwartung aufgenommen werden (Material des Institutes für 

experimentelle Psychologie). 

Mendicini pflegte seine Patienten zu wecken, wenn sich im Pneumo- 
gramm bemerkenswerte Unregelmäßigkeiten zeigten. Kaum erweckt, 
fragte er sie, ob und was sie im Augenblick des Wiederenvachens ge- 
träumt hätten. In einem Fall (normale Frau) hatte er ein Resultat, das 
berichtet zu werden verdient (Textfig. 2). 

Daß während des Schlafes der Blutkreislauf im allgemeinen und ins- 
besondere im Gehirn ge^visse naturgemäße Veränderungen erleidet, ist 
eine allgemein anerkannte Tatsache (Mosso, Fano imd viele andere) 1. Es 



^ S. die alte Literatur über diesen Gegenstand bei Jules Soviry (101). Die neueren 
Forschungen finden sich bei Ernst Weber (117), Hans Berger (8). Von den phYsiologischen 



ATMUNG. BLUTKREISLAUF UND STOFFWECHSEL IM SCHLAFE 237 

scheint sicher, daß Ixn kleinen Kiinlem die Differenz der Ileriwchlägo 
und de>; Pulses im Wachen oder SchUifen sehr jj^ering ist'. Ms Lsl in 
der Tat eine alte Beobachtung-, dali sich der PuLs im Schlafe verlang- 
samt (Galen, Haller); aber auch aus meinen zahlnnchen Beobachtungen 
gehl hervor, daß sich bei kleinen Kin<lem der Puls im Schlafe wenig 
verändert, daß er alx^r selbst bei Kindern und Ixn Erwachsenen bemer- 
kenswerte Änderungen zugleich mit Atmungsänderimgen zeigt, wenn man 
aus mimischen /Vnzeichen das Vorhandensein eines lebhaften Traumes 
folgern kann. 

^'on der alten und wiederbelebten vasomotorischen Theorie des Schlafes 
fand die Theorie der Blutleere des Gehirns (Howell, Mosso) verschiedene 
Gegner unter den Physiologen und Pathologen, so daß die entgegenge- 
setzte Theorie Ansehen gewann (Blutfülle: Czemy, Schleich). Experi- 
mente und Kritiken von Ferramini, Rummo, Morselli, Tanzi, de Sarlo, 
Riebet und besonders von H. Berger ließen darauf schließen, daß die 
vasomotorischen Verändenmgen im Schlafe, die sich übrigens durch 
direkte Beobachtungen an Schlafenden mit Schädelbrüchen gut feststellen 
ließen, die Wirkung und nicht die Ursache oder wenigstens Begleit- 
erscheinungen des Schlafes bilden. Indessen müßte man wissen, ob der 
Zu- oder Rückfluß des Blutes von der Hirnrinde den verschiedenen Schlaf- 
phasen und der mehr oder weniger lebhaften Traum tätigkeit des Schla- 
fenden entspreche oder nicht. 

Auch Varianten der vasomotorischen Theorie hatten kein größeres 
Glück, wie z. B. der Vorschlag von Pilez (Blutfülle des Hirnstammes und 
Blutleere des Hirnmantels) und der andere spätere von Surbled, welcher 
das antagonistische Spiel der beiden vom Willisschen Polygon ausgehen- 
den Gefäßsysteme (des durch die Hirnrinde und des durch die Basal- 
ganglien ziehenden) ins Treffen führt. 

Der organische (normale und pathologische) Stoffwechsel im Schlafe 
^^■urde von allen Physiologen behandelt (Pettenkofer und Voit, Lieber- 
meister, Quincke, Beaunis, Delsaux usw.) und ist auch hier zu er- 
wähnen 2. 



Bedingungen des Sclüafes handelt John F. Shepard (99). Nachzulesen ist besonders 
Pieroo; dieser behandelt ausführlich die Herztätigkeit, den Blutdruck, die Atmung, 
die Verdauungs- und Sekretionserscheinungen, die Wärmeerzeugung und die senso- 
motorischen Erscheinungen des Scidafes und faßt die physiologischen Erscheinungen des 
Schlafes in Kap. VI, S. i4o ff., zusanunen. Ohne die übrigen physiologischen Be- 
dingungen des Sclüafes wie den Zustand der Sekretionstätigkeit und der Wärme- 
erzeugung zu berücksichtigen, will ich nur noch erwähnen, daß ich mich in bezug 
auf die theoretische Ansicht von Vascliide über die konstant© Temperatur im Schlafe 
völlig der von Pieron geübten Kritik anschließe. 

1 Dr. Bäculo (Resoconto del Brefotrofio dell'Annunziata I a clinica ,,Baliato") nahm 
den Herzdruck bei Säuglingen von wenigen Tagen und Monaten im Schlaf und im 
Wachen auf und gelangte sogar mit Rücksicht auf die Zalil der Pulsschläg« zu den 
gleichen Ergebnissen. Der Rliythmus, der im Wachen unregelmäßig ist, bleibt im 
Schlafe ebenso unregelmäßig. Bei einem kleinen Mädchen findet er Allorhythmie ent- 
sprechend den Atmungsbewegungen: systolisches Plateau mit und ohne Zacken. 

2 In Italien schrieb darüber schon vor vielen Jahren Belmondo (7). 



238 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Es scheint natürlich, daß im Schlafe zugleich mit der Herabsetzung 
der Tätigkeit der Nervenzontren die Stoffwechselprozesse gleichfalls ver- 
langsamt und der Luftaustausch und folglich auch die Sauerstoffversor- 
<mng der Gewebe auf ein Mindestmaß heruntergedrückt werden (Verwoni, 
ßaglioni). Jedoch muß man zur Klärung und Kritik solcher Lehren 
wenigstens 2 Punkte im Auge behalten: i. daß die Herabsetzung der 
Tätigkeit der Nervenzentren im Schlaf ausschließlich auf zwei Faktoren 
zurückgeführt werden darf, auf die Erhöhung der Reiz- und Empfindungs- 
schwelle imd auf die Unbeweglichkeit ; während die psychische (kortikale) 
Tätigkeit durchaus niciit ausgeschaltet ist, wie die Verfasser gewöhnlich 
sagen; 2. daß ein Teil der Stoff Wechseländerungen während des Schlafes 
gerade von der Traimitätigkeit abhängt. Daß diese Tätigkeit tatsächlich 
zu Oxydationsvorgängen Anlaß gibt, haben die Physiologen zwar nicht 
be\\iesen, aber die Tatsache ist nichtsdestoweniger gewiß, weil, wie ich 
schon in meinen vorangehenden Veröffentlichungen über den Traum 
zeigte, eine Traumermüdung besteht, eine Erscheinung, die schon 
Tissie (109, iio) an der Hand von Beispielen klargelegt hatte. Die Er- 
müdung läßt sich hinreichend erklären durch die Bewegungen und noch 
mehr durch die Muskelkontraktionen, welche man zuweilen am Träumen- 
den beobachten kann 1. 

Ich lenke die Aufmerksamkeit auf zwei landläufige wissenschaftliche 
Vorurteile, nämlich daß der Schlaf immer eine vollkommene Wiederher- 
stellung der organischen Kräfte bewirke (Übergewdcht der Assimilations- 
prozesse), imd daß dementsprechend die Traumtätigkeit ein psychisches 
Ausruhen sei, nämlich Verminderung der psychischen Spannung. Das 
trifft zu, aber nur in allgemeiner Hinsicht; denn bisweilen verbraucht 
man sich im Schlaf eher, als daß man sich erholt; d. h. der Traum 
kann trotz der fehlenden Wirkimg der Außenreize der Umgebimg eine 
dissimilatorische anstatt eine assimilatorische Phase des Stoffwechsels dar- 
stellen. 

Man vergleiche ein jüngst aufgenommenes Protokoll: 

Nachts, am ij. November 1919. Niederschrift um 8 Uhr. 

(V. R. 9 26 J.) Ich liabe geträumt, daß M.'s Schwester von M. einen Brief bekam 
(ich fühle, daß der Brief etwas Unangenehmes für mich enthält, aber ich bin nicht 
sicher, ob dies Gefühl zum Traum oder zur Erinnerung des Traumes gehört). Ich 
weine leidenschaftlich und lange; allmählich komme ich dazu, die Müdigkeit de» 
Weinens zu fühlen (Muskelschmerzen in der Brust und an den Schläfen, Kopf\\ eh, 
Druck in der Kehle). Ich wache für kurze Zeit auf: Schwere im Kopf, peinlich© 
Empfindung eines bleiernen Schlafes. Ich schlafe wieder ein und träume, noch zu 
weinen wie zuerst. Beim Erwachen heute morgen bin ich ruhig, aber erschöpft. 

Es ist zu bemerken, daß M.'s Schwester gestern abend wirklich einen Brief von 



^ Niemand wird die Ermüdung durch Vorstellungen bezweifeln (besonders durch 
motorische Vorstellungen). Das praktische Leben bietet deutliche Beispiele. Jüngst habe 
ich folgenden Fall beobachtet: Eine Dame, die dem Kinostück ,,Die zwei Wachtmeister" 
beiwohnte, erklärte mir, daß sie bei <ler aufregenden Schwimmszene Müdigkeit der 
Arme verspürte, weil sie mit der Phantasie die Bewegungen des Schwimmens verfolgte. 
AJs dieselbe Dame einen Film sah, der die italienischen Truppen auf dem Adamello 
darstellte, erklärte sie. Müdigkeit in der Lendengegend zu fühlen, weil sie in Gedanken 
den Soldaten beim Schleppen schwerer Geschütze half. 



TOXISCHE UiND CHEMISCHE THEORIEN DES SCHLAFES 23£ 

M. mit einer iiiiangeiirhiiicii Millcilung für inicli erhielt. Ich hatte einen selir heftigen 
>cliincrzanraJl, di^stii ÄuiSorung ich gewaltsam luilerdrückte. Später Erschöpfung, 
luhiger Schmerz, Schlallosigkeit oluie LiiruJie. Mehrmals unterdrückte ich mit grofier 
Gewalt das Weinen; aber dann legte ich mich nieder und scldief. 

B. TOXISCHE UiND CHEMISCHE THEORIEN DES SCHLAFES: 
LOKALISATION IM GEHIRN 

Das Studium des Stoffwechsels im Wachen und im Schlaf eröffnet 
den Zugang zu den toxischen imd chemischen Theorien. Die von Preyer 
erdachte Theorie (Erzeugung von Ermüdungstoffen im Wachzustande) 
fand starke Unterstützung bei neueren Physiologen und auch Pathologen, 
z. B. Dejerine. Die chemische Tlieorie wurde trotz mancher Gegner- 
schaft oft erneuert und in veränderter Form auch von Dubois in Lyon 
(1896) aufrechterhalten, so daß sie unter dem Namen „biochemische" und 
..neurodyn emiische" Tlieorie von den Zeiten Purkinjes, Pflügers und 
Preyers zusammen mit der Theorie Pierons, von der ich weiter unten 
sprechen werde, bis heute das Feld behauptet hat. 

Nach Salmon (81, 82) wäre der Schlaf eine vegetative Funktion innerer 
Sekretion, die der organischen Wiederherstellung der Nervenzentren 
diente; sie bestünde in der Erzeugung einer Reservesubstanz — der 
Substanz der Nißlschen färbbaren Zellkörper — während des Schlafes. 
Die Hypophyse löse die Funktionen des Schlafes aus. Abgesehen davon, 
(laß dieser Einfluß der Hypophyse durch'aus nicht von ihm bewiesen 
wurde, muß man Salmon entgegenhalten, daß er auf logischem Weg, 
aber von Analogien aus zu seiner Hypothese gelangt, die alles andere 
als berechtigt sind, wie z. B. die Analogie zwischen normalem Schlaf 
einerseits imd pathologischem Schlaf und pathologischer Somnolenz 
(Lethargie) andererseits. Daher erscheint mir die Kritik, die Gemelli 
an der Hypothese von Salmon übt, durchaus überzeugend 1. 

Pieron (66) und Legendre haben die chemisch-toxische Theorie des 
Schlafes mit zureichenderen Gründen verteidigt. Sie machten zahlreiche 
Experimente, um sich über die Natur des Schlafes zu vergewissern, imd 
konnten eine Toxinsubstanz nachweisen, das Hypnotoxin, welches 
sich im Wachzustande bildet und die sensomotorische Ermüdung in der 
Form eines Bedürfnisses nach Ruhe und Schlaf hervorruft. Pieron meint, 
daß das Hypnotoxin in denjenigen Zellgruppen der Hirnrinde wirkt, 
die zur Aufrechterhaltung eines gewissen sensomotorischen Tonus und 
der Aufmerksamkeit notwendig sind, indem es mehr oder weniger üire 
Funktionen lähmt und ihre Gestalt verändert. Was die Frage der 
Lokalisation in der Hirnrinde betrifft, so zeigt sich Pieron mit Recht 
zurückhaltend, doch neigt er dazu, den Stimlappen (beim Hund die 
Regio cruciata frontalis) und in dieser Gegend die großen Pyraraiden- 



1 Salmon ist auf den Gegenstand im Jahre 1916 zurückgekommen (84), indem er 
die „W interschlafdrüs e", welche ihren ursprünglichen Sitz in unmittelbarer 
Nähe der Thymusdrüse hat, bei den Winterschläfern behandelt und vermerkt, daß dor 
Winterschlaf derselben den nächtlichen Schlaferscheinungen der Tiere mit konstanter 
Temperatur ent-spricht. Wir bleiben aber immer bei Analogien 1 Ähnlichkeit der Er- 
scheiniongen bedeutet nicht Identität des Wesens. 



240 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

»elleai (nach Shaw Bolton die Vermittler der assoziativen und will- 
kürlichen Tätigkeit) oder die polymorphen Zellen (nach Shaw Bolton 
die Vermittler der instinktiven Tätigkeit) oder die einen und die anderen 
ins Treffen zu führen. An die Frage des Angriffspunktes der hypnotoxi- 
schen Wirkung muß mit größter Zurückhaltung herangegangen werden. 

Pighini (67) nimmt vorläufig die Hypnotoxinhypothese von Pieron 
in Ermanglung einer besseren an, aber im Grunde nur deshalb, weil 
er dieser Hypothese eine Ergänzung beizufügen hat, die für ihn von 
Bedeutung ist. Diese Ergänzung ist folgende: Indem sich das Hypnotoxin 
in den Nervenzellen ansammelt, versetzt es sie in den Schlaf zustand, 
und wenn es aus diesen Zellen ausgezogen und bei Hunden im Wach- 
zustand in die Höhle des vierten Ventrikels eingespritzt wird, so setzt 
es sich in den Nervenzellen fest und versenkt sie von neuem in Schlaf- 
zustand. Also wirkt das Hypnotoxin wie ein Narkotikum; aber Pighini 
möchte wissen, ob jene Substanz wie die Nai'kotika lipoidlöslich 
ist, imd ob ihre Lösung die Oberflächenspannung des Wassers herab- 
setzt, oder ob sie vielmehr den Charakter eines Ferments oder Toxins 
habe xmd chemische Veränderungen bei Berührung mit dem Zellplasma 
und mit dem Blut erfahre; ob sie nicht einen Oxydations- oder Reduk- 
tionsprozeß durchmachen müsse, mn gebunden oder gefällt zu werden 
usw. Pighini weiß dies alles nicht; aber um bequemer folgern zu können, 
nimmt er es an; und indem er sich auf die Voraussetzung stützt, 
daß das Hypnotoxin als Narkotikum wirke, nimmt er weiterhin an, 
daß das Narkotikum entsprechend seinem schwachen Adhäsionsdruck 
aus dem wäßrigen Zustand in den komplexen Zustand der Nerven- 
zellenbestandteile übergehe, sich in den oberflächlichen Schichten dieser 
anhäufe und gleichzeitig deren Oberflächenspannung und das Berührungs- 
potential usw. herabsetze. Und so gelingt es Pighini, so gut es geht, 
sowohl den Schlaf als auch das Wiedererwachen zu erklären. 

Vor ganz kurzem ist ein Arzt, Dr. M. Barbara (6), auf die Theorien 
des Schlafes zurückgekommen. Die Gründe, die dieser Autor anführt, 
um seine Hypothese zu verteidigen, sind einer Erläuterung würdig. 
Barbara bemerkt ganz richtig, daß die Aufhebung der Beziehungen 
aiwischon dem Individuum und der Umgebung nur einen Teil der 
verschiedenen Erscheinungen darstellt, welche sich während der nächt- 
lichen Phase abspielen, und daß der Schlaf eine Funktion des Gesamt- 
komplexes alles Organischen ist. Vorausgesetzt, daß der Stoffwechsel 
zwischen dem Organismus und der Umgebung, d. h. der Metabolismus, 
aus zwei entgegengesetzten Prozessen besteht (aus dem synthetischen oder 
aufbauenden oder anabolischen, assimilatorischen, und aus dem analyti- 
schen oder abbauenden oder katabolischen, dissimilatorischen), und daß 
mit dem Zyklus des Stoffwechsels der Energieaus tausch innig verbunden 
ist, d. h. der energetische Zyklus (Spannkraft oder potenzielle Energie 
und lebendige Kraft oder kinetische Energie), behauptet der Autor, daß 
der Schlaf der Ausdruck der anabob'schen (assimilatorischen) Phase, 
d. h. der Energieaufspeicherung, ist, und daß das rhythmische und 
abwechselnde Ül>er\viegen der anabolischen (assimilatorischen) Erschei- 
nungen bei Nacht und der katabolischen (dissimilatorischen) bei Tag 



TOXISCHE UND CHEMISCHE TllKüKlEN DES SCHLAFES ' 241 

nicht im entferntesten die Folge des InaktivitäLs- oder AktivitätszusUind«-« 
des Gehirns, sondern unabhän^ij:^ davon ist. Er folgert auch daratus, 
dalS der Schlaf eine aktive Erscheinung ist und als solche die Kurve 
anderer Tätigkeiten wit^<lergelxMi kann; dali er eine Erscheinung ist, 
bei welcher idle zelluläivn lüeniento beteiligt sind, und die dt^shalb 
nicht einen auf dieses oder jenes Organ beschränkten Sitz haben kaiui. 

Es kam jedoch darauf an, den den Rhythmus Schlaf-Wachen herbei- 
führenden und regelnden Mechanismus ausfindig zu machen. Nun findet 
der Autor, dalS der periodische Wechsel der zwei entgegengesetzten Phasen 
des organischen Stoffweclisels diu-ch eine jjeriodische und abwecliselndo 
Sekretion und ein überwiegen einzelner antagonistischer Hormongruppen 
geregelt wird, deren Tätigkeit sich nach einem periodischen und inter- 
mittierenden Rhytlimus abspielt. Während der Nacht überwiege die 
den Aufbau erregende Hormongruppe, wie aus den Wirkungen des 
Schlafes auf den Trophismus und aus der Zunahme des Tonus des 
autonomen Systems hervorgeht, auf den die Hormone dieser Gruppe 
eine spezifische Reizwirkung ausüben. Dieser Zustand von Hypertonie 
des autonomen Systems wäre, nach dem Verfasser, verantwortlich für 
die funktionellen Änderungen der Kreislaufs-, Atmungs- und Verdauungs- 
organo und des Auges. Während der Nacht wäre indessen die den 
.\bbau erregende Hormongruppe insuffizient, wie aus den Veränderungen 
des Chemismus imd der Wärmeerzeugung hervorgeht, und auf diese 
Insuffizienz wären die Veränderungen der verschiedenen Funktionsarten 
des Nervensystems (Mobilität, Sensibilität, Reflexe, Psyche) ziuückzu- 
führen, auf welche die Hormone dieser Gruppe eine wohlbekannte 
aktivierende Wirkung ausüben. Die Hormone der den Abbau erregenden 
Gruppe würden indessen mit einer gleichzeitigen Zunahme des Tonus 
des sympathischen Systems während des Tages überwiegen. 

Es ist kein Zweifel, daß die Hypothese von Barbara viele Tatsachen 
erklärt imd deshalb als Richtlinie für das physiologische Studium des 
Schlafes in Betracht kommt, .andererseits ist sie jedoch nicht in der 
Lage, alle Erscheinungen des Schlafes zu erklären; sie ist schematisch, 
fast möchte ich sagen — naiv. Umgekehrt läßt alles darauf schließen, 
daß das Spiel des sympathisch-endokrinen Systems viel komplizierter 
im Schlafe sei, zumindest mit Rücksicht auf die verschiedenen Phasen 
desselben. Man muß die allzu allgemeinen Ansichten aufgeben, wenn 
man die psychischen Tatsachen, die während des Schlafes vor sich gehen, 
aufhellen will. 

Eine Spezifizierung der Theorien und Hypothesen über den Schlaf 
behufs Erklärung des Traumes ist neuerdings von Eugenio Rignano 
(77, 78) versucht worden. .\ber obwohl dieser Autor vom energetischen 
Zyklus ausgeht, gelangt er zu dem Schlüsse, daß eben, diesem Zyklus 
zufolge, während des Schlafes die gesamte affektive Tätigkeit des Geistes 
aufgehoben sein müßte, während die Verstandestätigkeit lebhaft bleibe; 
nun steht diese Anschauimg nicht in Einklang mit der Psychologie des 
Traumes, da die Behauptung, die Träume seien im wesentlichen nicht 
affektiv, der gewöhnlichen Beobachtung widerspricht. Im Gegenteil, 
es herrscht im Traume die Af fektivität ; die Anarchie im Ideenablaufe 

16 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



242 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

wahrend des Traumes kann anders erklärt werden als — wie Reg^nano 
will — mit dem Aufhören jeder affektiven Leitung. 

Wie wir erwähnt haben, beschäftigten sich jedoch die Autoren, welche 
nach dem wirksamen Bestandteil des hypnogenen Toxins suchten oder 
ihn gefunden zu haben vorgaben, auch mit der Bestimmung des Punktes, 
an dem das Toxin selbst angreife, um den Schlaf hervorzurufen. Wenn 
auch einige anerkennen, daß im Schlafe der ganze Organismus und nicht 
nur das Nervensystem schläft, so war es doch natürlich, daß alle als An- 
griffspunkt des Toxins das Gehirn oder bestimmte Teile des Gehirns be^ 
zeichneten. So kam es, daß einzelne im Gehirn das Organ (das Zentrum) 
des Schlafes suchten. Hatte nicht schon Wundt es im Apperzeptions- 
zentrum lokalisiert? Diese Untersuchung erschien also allen berechtigt. 

Schon im Jahre 1890 gelangte Mauthner (55), der sich wieder des 
Kriteriums der Analogie (diesmal mit der Schlafkrankheit) bediente, zu 
der Ansicht, daß der Schlaf durch die Müdigkeit des zentralen Höhlen- 
grau veranlaßt wird, welche eine Unterbrechung der zentripetalen wie 
der zentrifugalen Reizübertragnng bewirke. Er ninmit daher ein Schlaf- 
zentrum im Mittelhim an. Diese Lokaüsation kam gelegentlich der 
lethargischen Enzephalitisepidemie (Italien 191 9) wieder zu Ehren, welche 
von vielen im wesentlichen als eine Poüomesenzephalitis betrachtet Aviu-de. 
Andere (Oppenheim) lokalisierten den Schlaf in die Sehhügel. 

Dr. F. Veronese (116) hat es vor einiger Zeit für nötig- gehalt^i, 
die Frage d^ Schlaf Zentrums im Gehirn nachzuprüfen. Aber er geht 
auf logischem Wege vor, ein Weg, dessen Gefahren allgemein bekannt 
sind. Er behauptet erstens, daß der Schlaf im Verschwinden der Auf- 
merksamkeit oder besser, in der Lähmung des psychophysiologischen 
Vorgangs der Aufmerksamkeit bestehe. (Ich bemerke nebenbei, daß diese 
Behauptung alt ist. Wir finden sie zuerst bei Leibniz, dann bei Wundt 
und vielen anderen, bis zu Galasso, Claparede und Kahane.) Veronese 
sucht zweitens nach dem Sitz der Aufmerksamkeit im Gehirn und 
verlegt ihn, abweichend von Wimdt und all den anderen Psychophysiologen, 
nicht in die Hirnrinde, sondern in den Sehhügel. Er beweist seine 
Behauptung, indem er die große Wichtigkeit dieses Gehirnteiles und 
seine engen Beziehungen zu der Hirnrinde anführt, auf Grund 
deren der Sehhügel von Monakow als Vermittlimgsorgan der Rinde 
aufgefaßt wird. Aber in dieser ganzen logischen Konstruktion fehlt 
ein kleiner unentbehrlicher Punkt: der Verfasser hätte beweisen müssen, 
daß nur der Sehhügel und kein anderes Organ, nicht einmal die Rinde, 
fähig ist, die Fimktion der Aufmerksamkeit auszulösen. Wenn er 
dies aber nicht getan hat, ist die Annahme gerechtfertigt, daß seine 
Hypothese nicht ökonomisch ist; dann kann man sich aber mit gleichem 
Rechte der bestehenden Meinung anschließen, um so mehr als es imer- 
klärt bleibt, warum gerade der Sehhügel von jener spezifischen auf der 
Anhäufung dissimilatorischer Produkte beruhenden Müdigkeit betroffen 
werden soll, die dem Zustand des Schlafes 1 entspricht. 

1 über die Frage des Schlaf Zentrums siehe auch eine Arbeit von Giannuli (3i). Die 
Literatur über das Schlaf Zentrum ist reichhaltig, bezieht sich aber fast ausscldießlich 



m.-roLor.iscHE i nd luuiiKiisciiE Theorie des Schlafes 243 

Kurz: Vl>^'\t^'luMi von gcwisstMi psycliolopiachen, beeoiidcns schichten- 
mäßipon Lokalisationon, die Bolton und einigen modernen Histologen so 
gefallen, die jedodi erst einer Be.stätigung l)edürfen, kann man nicht 
umlün, deiij<Mii^'en ruzustinunen, welche biJiaupten, dafi die Uin<le im 
Schlafe tief in Mitleidenschaft gezogen ist. Das bringt jedoch noch nicht 
eine topographisch aktive Lokalisation des Schlafes mit sich. Vielmehr 
ist es "v\alirscheinlich, <laß die hypnogene Substanz eine hemmende Wirkung 
ausübt luul daher auf die Nervenbahnen in derscJben Weise wirkt wie 
gewisse» Mittel, welche das Bewußtsein nicht auflieben, sondern vielmehr 
wache Delirien bewirken. 

C. HISTOLOGISCHE UND BIOLOGISCHE THEORIE DES 

SCHLAFES 

Die Streitfrage der Lokalisation des Schlafes fuhrt jedoch zu der 
histologischen Theorie des Schlafes über, die manche Physiologen in 
der Tat allzu freudig begrüßten. Jene Theorie oder besser: jene 
phantastische Hypothese entwickelte sich im Schatten anderer Theorien 
und phantastischer Hypothesen, die aus der Neuronenlehre ^ geschöpft 
waren. Die Beschreibimg des Zusammen zieh ungs- und Erschlaffungs- 
zustandes der Rindendendriten im Schlaf und in anderen Zuständen, 
die Demoor, Querton, Stefanowska usw. gegeben haben, sind schon wegen 
der angewandten Experimentalmethode zu verwerfen (Tötung von Tieren 
im Schlaf und im Wachen). Die Beschreibungen der (nach der Golgi- 
Methode behandelten) Zellen und Fasern der Hirnrinde von selten anderer 
Autoren kommen infolge des Umstandes, daß die Beobachtungen an 
Tieren gemacht wurden, die mit giftigen Schlafmitteln und Betäubimgs- 
mitteln behandelt waren, ebenfalls nicht in Betracht, weil die angenommene 
Analogie zwischen physiologischem Schlaf und künstlicher Vergiftung 
der Rindenzellen durchaus willkürlich ist. Noch unhaltbarer erscheinen 
die histologischen Beschreibungen, Folgerungen und Hypothesen von 
Rabl-Rückard, Matthias Duval, Lepine und anderen, wenn man bedenkt, 
daß der erwartete Nachweis amöboider Bewegungen der Nervenzellen aus- 
blieb ; sie begegneten daher auch einer scharfen Kritik von selten KöUikers 
und Ramon y Cajals; doch brachte, beeinflußt durch die Hypothese M. 
Duvals (1898), Ramon y Cajal selbst eine andere Hypothese vor, die 
der Grundlagen nicht weniger ermangelte, und die er selbst später iesis 
tan estranibotica (,,eine ziemlich abenteuerliche Hypothese") nannte. Er 
schreibt der Neuroglia eine spezifische Funktion bei der geistigen Tätig- 
keit zu. So glaubte er, daß im Zustand der Ruhe und des Schlafes die 
Ausläufer der Neurogliazellen erschlafften, während sie im Wachzustand 
imd bei geistiger Tätigkeit sich zusammenzögen, derart, daß sie im 
ersten Falle den Kontakt zwischen den Ästen der Neuronen imd den 
Zellkörpem sowie den Durchgang des Nervenstroms verhinderten und 



auf Gehirntumoren (Righetti 1908, Lugaro 1908, Franceschi 190/») und lethargische 
Encephalitisepidemien . 

^ Siehe z. B. einen Artikel von Ruiz Rodriguez (79). 

16» 



244 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TR,\UMES 

im zweiten Fall ihn erleichterten. Durch diesen Mechanismus der Neu- 
roglia hielt es Cajal für möglich, nicht nur den Übergang vom Schlaf 
zum Wach-en und zu den Trävunen, sondern auch im allgemeinen die 
Idoenassoziation histologisch zu erklären; aber neuerdings hat der spani- 
sche Histologe seine unbegründete Hypothese verworfen i. 

Seit imgefähr i5 Jahren spricht man von einer biologischen Theorie 
des Schlafes (H. Forster und G. Brunelli). Hier jedoch muß ich die 
Worte wieder anführen, die ich in meinem Werke von 1899 schrieb: 
„Alles drängt dazu, daran festzuhalten, daß der Schlaf als ein Beispiel 
des großen Gesetzes der Periodizität und des Rhythmus betrachtet werden 
muß, der die kosmischen und vitalen Phänomene beherrscht." Ich 
beabsichtige aber durchaus nicht, die Priorität in Anspruch zu nehmen! 
Die biologische Betrachtungsweise des Schlafes geht bis in ferne Zeiten 
zurück, und sie lag sehr nahe, wenn mian bedenkt, daß alle Lebens- 
erscheinungen eine gegenseitige .\bwechselung und Verkettung von Tätig- 
keit imd Ruhe miteinander erfordern, d. h. daß sie zyklische Erschei- 
nungen sind. Wir finden die biologische Theorie schon bei Cabanis, 
Burdach (i4)^. Wundt (2. Ausgabe der Physiol. Psychologie), von 
andern ganz zu schweigen. 

G. Brunelli (11, 12, i3) vertiefte das biologisch© Problem des Schlafes 
im Jahre 1908. Für ihn ist der Schlaf ein Anpassungsphänomen, das 
sich im Kampf ums Dasein entwickelt. Claparede führte i. J. 1906 (i5) 
die Idee von H. Forster (1900), von Brunelli und von all jenen anderen 
Physiologen weiter aus, von denen im folgenden die Rede sein wird. Nur 
betrachtete er das Phänomen von innen heraus, übersetzte die Anpassung 
in psychologische Ausdrücke und nannte sie Instinkt und Reaktion der 
Interesselosigkeit. Für ihn wäre der Schlaf verursacht durch eine „reaction 
de desinteret pour Ja Situation präsente." Die Ansicht von Claparede 
wurde in Frankreich und Italien gut aufgenommen, aber von anderen 
abschätzig beurteilt (Lugaro) und scharfsinnig kritisiert (Pieron). Daß 
der Schlaf ein positives und zyklisches, biologisches Phänomen ist, läßt 
sich nicht bezweifeln. Aber die Lehre von Claparede enthält, wie so viele 
Lehren von heutzutage, einen teleologischen Gedanken von ausgesprochen 
philosophischem Charakter und ist infolgedessen mit den Methoden und 
den Zwecken der Erfahrungswissenschaft wenig vereinbar. 

Die Behauptung, die G. Brimelli schon i. J. 1902/08 aufstellte, daß 
nämlich jede Untersuchung des Schlafes und der verwandten Zustände 
zwecklos sei, die nicht nach genetischer Methode unternommen würde. 



^ (73), S. 3i8/3ig. Der Autor nennt die Theorie der amöboiden Bewegungen der 
Neurogliazellen eine „osada conceptwn ctija ingenuidad me hace hol sonreir" („gewagte 
Vorstellung, über deren Naivität ich heute lächeln muß"). 

^ Daselbst eine Geschichte der Schlaf- und Traumforschung und ein Literaturnach- 
weis. Bei diesem Autor finden sich Stellen von großem Interesse über den periodischen 
Ablauf der Lebenserscheinungen wie über den Schlaf der Tiere und der Menschen 
und seine Träume. Schon damals betrachtete er den Schlaf als ein periodisches biolo- 
gisches Phänomen, durch welches der Schlafende seinem embryonalen Leben wieder 
angenähert wird. 



HISTOLOGISCHE IM) hfOLOGISCHE TllHORIE DES SCHLAFES 245 

fand cino weitroioheiulo Ikslätigiing in tlon bonicrkenswerton Arbeiten 
und l iitersucluini^eii lV»liinantis (68, 08a). Dieser Autor untcTsuchte 
den l rsprung des Schlafes bei den ticrisclien (Jaltungen, die Faktoren, 
die ihn l>e^instigen, wie das Lager, die Abwesenheit von Reizen usw., 
oder welche ihn hemmen, wie der Ihmfj:er, die Verteidifrunn^ usw.; er 
untersuchte seine Tiefe uiul Dauer in Ixv.uj,'' auf die anderen bioloj^ischen 
Funktionen, wie die Sexualitiit, und <lie anderen inneren und äuliereii 
Faktoren, z. B. die Tem|x^ratur. Nach Polimanti ist der Schlaf ein 
biologisches Phänomen mit rhythmischem Ablauf wie alle biologischen 
Phänomene. Es fehlt bei den Seetieren und sogar bei den Reptilien, bei 
denen man niu- die .Vnfängo des Phänomens beobachtet, und zwar in 
Übereinstimmung mit der schon gut eingeleiteten Entwicklung des End- 
himes. Bei den \ ögeln tritt der Schlaf deutlich in Erscheinung; bei 
den Säugetieren nimmt er jene Kennzeichen der Dauer, der Tiefe un<l 
der Verteilung zwischen Tag und Nacht an, welche wir schließlich 
beim Menschen antreffen. 

Ich kann mich der Ansicht Polimantis nicht ganz anschließen, daß 
der Schlaf in der zoologischen Stufenleiter mit dem Auftreten des Endhirns 
beginne; vielleicht kann das zutreffen, wenn man dem Schlaf die bloße 
anthropomorphe Bedeutung beilegt; aber nicht im biologischen Sinne, 
den mit Recht Polimanti dem Schlafe gibt. Man bedenke indessen, 
daß das Schlafbedürfnis in seinen Ursprüngen in kürzester Zeil befriedigt 
werden kann und auch tatsächlich befriedigt wird, und daß daher die 
Beobachtung ein Seetier schwerlich im Schlaf zustand überraschen kann. 
Dazu kommt, daß meine eigenen Beobachtungen nicht ganz für die 
Auffassung Polimantis sprechen. .\ber, abgesehen von einigen Vorbehalten 
im einzelnen, erscheint mir je<le Kritik an der biologischen Theorie des 
Schlafes unangebracht. Brunelli, Polimanti, Claparede wie die alten 
Physiologen — von Burdach bis Forster — haben durchaus recht. Nur 
ist jene Theorie unzulänglich und bedarf eines weiteren Ausbaues; über- 
dies wird man den Schlaf trotz der biologischen Auffassung nicht ver- 
stehen lernen, wenn man ihn nicht am Menschen, nämlich in seiner 
höchsten Ausbildung, untersucht. 

Ein erster unentbehrlicher Zusatz zur biologischen Definition des 
Schlafes muß sich auf die unmittelbare Ursache desselben beziehen. 
Dabei scheint es, daß die Hypnotoxintheorie Pierons ernsthaft in Betracht 
gezogen werden muß, weil sie sich auf positive Untersuchungen stützt; 
aber wir müssen uns auch in zwei anderen I^mkten an Pieron an- 
schließen, und zwar: i. daß das Hypnotoxin, d. h. die Vergiftung, 
nur mit dem unwiderstehlichen Schlafbedürfnis in Verbindung steht, 
aber daß der Schlaf nach dem Gesetz der Periodizität eintreten kann, 
ehe das Hypnotoxin ihn imvermeidlich macht; d. h., daß man schläft, 
ohne die Vergiftung abzuwarten, ganz ebenso, wie man atmet, ohne erst 
die Erstickung, und wie man ißt, ohne den äußersten Hungerzustand 
abzuwarten, und daß der Schlaf von anderen Faktoren, wae Dunkelheit, 
Stille, Körperlage, Wille, begünstigt sein kann; 2. daß in jedem 
Falle das Hypnotoxin indirekt als Reiz wirkt, indem es einen Hemmungs- 



245 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

reflex auslöst, d. h. dem Betreffenden das Interesse für die Wirk- 
lichkeit entzieht, indem es, kurz g-esagt, seine Aufmerksamkeit lähmt. 
Jedoch nicht einmal unter diesen Annahmen erscheint das Phänomen 
des Schlafes vollständig- aufg^eklärt. 

D. EINSCHLAFEN UND ERWACHEN 

Wir müssen vielmehr einsehen, in welcher Art das Toxin oder die 
biologische Gesetzmäßigkeit oder die Grew^ohnheit jenen hemmenden Reflex 
hervorruft, der, wenn er tatsächlich eintritt, ,,Sclilaf" genannt wird. In 
psychologischer Ausdrucksweise: wir müssen die Arten der Entstehung 
des Traumbewußtseins (Einschlafen) imd diejenigen der Wiederkehr 
des Wachbewußtseins (Erwachen) festlegen. 

Es herrscht darin Übereinstimmung, daß im Schlafe die sensomotori- 
schen Funktionen und noch mehr die motorische Reflextätigkeit spezifisch 
herabgesetzt sind. Sicher sind während des Schlafes alle Schwellen 
beträchtlich erhöht, imd je tiefer der SchJaf ist, desto höher steigen 
die Reizschwellen aller Sinnesgebiete an, wenn schon in verschiedenem 
Maße. Patrizi (63) untersuchte die vasomotorischen Reflexe; während 
im Wachen die Reflexzeit für Sinnesreize am Arm ungefähr 3" und 
am Bein 5" beträgt, ist sie im Schlafe viel länger; aber die Pieflex- 
zeit nimmt vom Gehirn zum Arm allmählich ab und ist in den Gefäßen 
der unteren Extremität nicht mehr festzustellen. Die Rinde ist weniger 
empfindlich gegen künstliche Reize, und die Pupillen-, Hautmuskel- 
und Sehnenreflexe nehmen ab (Pieron und Toulouse). 

Wie die Sinne allmählich einschlafen und die Reizbeantwortung nach 
und nach erlischt, ist eine ganz bekannte Tatsache. Nach Abschluß 
unseres Tagewerks legen wir uns nieder, imd bald danach beginnt das 
Stadium des Vorschlafes (Praedormitium) oder die hypnagoge oder 
praehypnische Periode (von Baillager, Maur>, Claparede, Trömner, 
Salmon u. a. untersucht). Über die hypnagogen oder prähypnischen 
Halluzinationen gibt es bereits eine so umfangreiche Literatur, daß es 
unnötig ist, darauf einzugehen. Wenn wir uns hingelegt haben, kommt 
es entweder vor, daß die Vergiftungen und Hemmungen, die den Schlaf 
hervorrufen, erheblich sind, und der Schlaf mit Notwendigkeit eintritt, 
oder, wie es öfter geschieht, wir selbst vollbringen ,,den Verzicht" auf 
das Bewußtsein des Wachzustandes durch einen Willensakt: das Schlafen- 
wollen. Die Pforten des Wachbewußtseins schließen und die des Traum- 
bewußtseins öffnen sich. Es ist richtig, daß der Schlaf oft ein der 
Selbsthypnose ganz ähnlicher Prozeß ist. Wir können die gradweise 
Unterdrückung der Außenreize verfolgen (wobei unser Wille helfend 
eingreifen kann), nämlich die fortschreitende Abstumpfung imseres 
Empfindungsvermögens und unserer Aufmerksamkeit. In einigen Fällen 
empfand ich, wie nach und nach die Lähmung meiner Aufmerksamkeit 
entstand: während ich mit dem Willen die Gedanken auf einen Gegen- 
stand richtete, merkte ich das Eindringen fremder Bilder und Lücken 
in meiner Gedankenreihe, bis diese Bilder mein oranzes Bewußtseinsfeld 
einnahmen und die Gedanken endgültig verdrängt waren. 



EINSCHLAFEN UND ERWACHEN 247 

Der Augenblick des EinschiafonÄ ist violleicht unbewußt; wenigstens 
wird jener kurze Augenblick nicht erinnert, so daß dieser „Sprung" 
ininier eine L iibekannto bleibt. Nachdem der Augenblick scheinbaren 
Todes über>vunden ist, sind wir in der Welt der Träume. Ist dieser 
Zustand eingetreten, so ist die Phantasie frei, und die Phantasmen 
ei-scheinen ; innerhalb der Trauminhalte Ix^ginnt der Prozeß der Um- 
wandlung und der Dissoziation. Das \\ achl)ewußtsein verflüchtigt sich 
nach und nach in das Traumbe^^'ußtsein oder lx>sser, es weicht dem 
eindringenden Traumbe\N'ußtsein. Dieses herrscht seinerseits, solange der 
Schlaf dauert, aber es weicht -wiederum nach und nach zurück mit 
der \\iederkehr des Wachbewüßtseins. 

Das Wiederenvachen kündigt sich durch den sogenannten Zustand 
des allgemein als ,, Halbschlaf" bezeichneten ,, Nachschlaf es" (Post- 
dormitium oder expergef actio [Haller]) an, das Traumbewußt- 
sein verflüchtigt sich stufenweise in das Wachbewußtsein. Man kann 
jedoch sagen, daß jeder Traum sich in den Wachzustand hinein ver- 
längert. Im Postdormitium (dessen Dauer von Fall zu Fall bei 
den verschiedenen Individuen imd je nach der Krankheit variiert: bei 
den Epileptikern ist sie länger, >vie Neyroz und ich gefunden haben) 
verharren die Spuren des Traunibe>\Tiß1seins ; gerade dann treten alle 
die Nachtraumerscheinungen auf. Schon Homer sagt von Agamemnon, 
daß die Stimme des Zeus, die er im Schlafe gehört hatte, noch vor 
seinen Ohren widerhallte, als er schon wach war. Hier noch eine 
persönliche Beobachtung, die ich meinen jüngsten Protokollen entnehme. 

Protokoll: Nacht vom 3o. Mai 191 4. Ich erwache um 6.3o Uhr mit deutlicher Er- 
innerung an folgenden Traum: Ich finde einen kleinen Schatz in einem alten Hause. 
An den kleinen Goldklumpen ist ein Zettel geheftet, der den Namen meines reichen 
alten Venvandten mit dem Datum i357 trägt; jedoch ist der Name und das Datum 
mit schöner Elzeviertvpe gedruckt. Während des Schlafes bemerke ich den Widerspruch 
zwischen dem Datum und dem Druck ; aber dennoch wrd der Widerspruch von 
mir hingenommen. Lm 6,35 Uhr schreibe ich dieses kleine Protokoll nieder imd 
sehe dabei den Widerspruch ein, merke aber noch nicht dessen Ungeheuerlichkeit. 
Erst nachdem ich geschrieben habe und den gehabten Traum überdenke, lächle ich 
über die Seltsamkeit eines Elzevierdruckes, der das Datum i357 trägt! 

Ich führe Protokolle an, um die Erscheinungen zu erläutern, die im 
Postdormitium und auch nach dem vollständigen Erwachen auftreten 
können. 

Protokoll: Nacht vom 19. Juni 1914. Sclmelle Niederschrift am Morgen, kaum 
erwacht. Gestern ein anstrengender Tag, legte mich müde nieder. Schneller, leb- 
hafter, klarer, ergreifender Traum: Ein Mädchen im Bett. Ich schaue sie an; ich 
kenne sie nicht, aber ich bemerke, daß sie sich unter meinem Blick nach und nach 
verändert; sie wird bläulich im Gesicht, sie erscheint mir von Binden umwickelt; ich 
frage: wer bist du? Ich erkenne sie: es ist meine Frau; sie ringt mit dem Tode 
und ruft mich mit sehr schwacher Stimme: ,,Santuzzo!" Ich erwache; es ist nachts 
i,3o Uhr. Ich präge mir den Traum ein. Nach einigen .Minuten lege ich mich zurecht, 
um weiterzuschlafen. aber nach einiger Zeit höre ich, auf der linken Seite liegend, 
die Stimme meiner Frau, die mich ruft: ..Santino!" Ich war gut wach (posthvpnische 
Halluzination des Gehörs). 

Die Nachtraumphänomene sind selten ; aber es kommen sogar physische 
Erscheinungen mit Bezug auf den gehabten Traum vor, z. B. Zittern, 



248 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Lähmungen, Kontrakturen (die Fälle von P. Janet) usw., die ich in 
meinen Büchern erwähnt habe. 

Die Ungereimtheit des Traumes erkennt man manchmal nicht gleich 
nach dem Erwachen; hier ein Beispiel: 

Protokoll: Nacht vom 26. April 1916. Geschrieben am Morgen des 27., um 8 Uhr. 
LtLhafter, vollständiger Traum emer Auferstehung. Der Fall wird erörtert, aber ich 
überzeuge mich angesichts der Tatsache; dem Toten schlägt das Herz; ich lasse es von 
einer Ärztiji, meiner Assistentin, feststellen. Es war sogar eine vor vielen .Tahren ver- 
storbene bekannte Persönlichkeit, vielleicht eine historische Persönlichkeit? Im Traume 
denke ich an die Theorie der drei Todesarten: Tod der Sinne (die gewöhnliche), Tod 
der Seele; an die dritte Art erinnere ich mich nicht. Mehrmals in der Nacht erwache 
ich und denke wieder an den Traum und verstehe gut, daß es ein Traum war, aber 
korrigiere die Traimiüberzeugung von der Auferstehung nicht ganz. Jetzt — 8 Uhr — 
nehme ich eine vollständige Berichtigung vor; ich verstehe die Ungereimtheit. 

Das bedeutet, daß die Rückkehr zum Wachen, d. h. die Entfernung 
des Schlafhindernisses, langsam imd unter Schwankungen eintritt. 
Hierin gibt es bedeutende individuelle Abweichungen, aber die Art des 
Erwachens ist bei allen die gleiche. Bei den Epileptikern z. B. findet 
man ein verspätetes Erwachen der Sinne. Ich habe beobachtet, daß das 
Erwachen im wesentlichen dadurch bestimmt wird, daß die Sinnes- 
organe ihre Tätigkeit aufnehmen, und wenn das Erwachen dem Tätig- 
werden der Sinne entspricht, so kann man folgern, daß der Schlaf im 
allgemeinen ihrem Untätigwerden entspricht. Ich habe bemerkt, daß 
sich, wenn man einer Person, die im Begriffe ist, zu erwachen, die 
Sinnesreize entzieht oder fernhält, das Erwachen wenigstens für eine 
gewisse Zeit hemmen, d. h. hinausschieben läi^t. Den beweiskräftigsten 
Versuch kann jedermann bei sich selbst anstellen, wenn er die Augen- 
lider geschlossen hält oder den Kopf unter die Decke steckt. Das 
Öffnen der Augen, also das Sehen, bestinunt die Rückkehr des Be^vußt- 
seins, nämlich die Entfernung des Schlafhmdernisses. Nach dem Er- 
wachen mit einem lebhaften Traum im Sinne gescliieht es mir zuweilen, 
daß sich, wenn ich die Augen offen halte, die Bilder und Überzeugungen 
des Traumes schnell verflüchtigen; aber wenn ich dann die Augen 
selbst durch einen Willensakt wieder schließe, können sie andauern, und 
das Traumbe\\aißtsein bleibt durch das Verharren des Trauminhaltes 
im geistigen Blickfeld erhalten. 

Es ist hier nicht am Platze, sich mit den Nachtraumbildern, den 
verlängerten Gemütsbewegungen des Traumes imd dem Eindringen des 
T^aumbe^A'ußtseins in das Wachbewußtsein aufzuhalten. Zuweilen ver- 
längert sich das Tramiibe\A-ußtsein in das Wachbe^vußtsein hinein oder 
überschwemmt es; d. h., die Wirklichkeit des Trauma überdeckt wegen 
der Lebhaftigkeit ihrer Inhalte die Wirklichkeit des Wachens, auch 
nachdem der Schlafzustand beendet ist. Es handelt sich dabei um 
pathologische Fälle, die ich ausführlich erläutert habe („Wachtraum- 
zustände"), und für idie Dr. Marro^ (54) jüngst ein schönes Beispiel 
erbracht hat. 



1 Man beachte wohl : die Wachtraumzustände haben nichts zu tun mit den 
Traumdelirien, die Regis besclireibt. Nebenher sei erwähnt, daß die von Dr. Marix) 
angestellte Psychoanalyse in seinem Fall keinen Sexualkomplex enthüllte. 



DIE TIKFE DES SCHLAFES IM) DIKTRÄl^ME 249 

Spilta, Dclboouf und noch später Foucault (26) haben die Organi- 
sa tJd 11. sarlx'it Ix^schriolH'ii, Nvflcher der Traum unterliegt, sobald der Schlaf 
beendet ist. Fouciudl hat von der Evolution <les Traumes gesprochen, 
die er auf den Vergleich seiner unmittelbaren Notizen über den Traum 
{notes immediatcs) mit später niedergeschriebenen Erinnerungen 
{difjerees) begründete. .Nach Foucault wäre somit der Traum das 
Erg<4>nife einer doppelten Arl)eit, einer Arbeit logischer KonsLniktion, 
welche, vor dem \\ iedererwachen begonnen, hauptsächlich in der Peri(xlo 
des \\ it^lererNvachens ziLstando kommt un<l dann fortgesetzt wird, und 
einer automatischen Arbeit während des Schlafes. Das bestätigt den 
langsamen Übergang des Traumbewoißtseins in das Wachbewußtsein 1.^ 

E. DIE TIEFE DES SCHLAFES UND DIE TRÄUME 

Vielleicht die wichtigste Frage ist die nach der Quantität des 
Schlafes bei den Individuen unserer Himmel striche, deren Leben und 
Arbeit sich nach modernen Gewohnheiten regelt. Aber das Maß der 
Quantität war nur soweit von Wichtigkeit, als es das Maß der Inten- 
sität einschließen konnte. 

Wenn im Schlafe die Reizschwelle erhöht ist, so folgt daraus, daß 
seine Intensität dadurch gemessen werden kann, daß man die Stärke eines 
gegebenen Reizes mißt, den man auf den Schlafenden einwirken läßt. 
Je intensiver der Reiz ist, der angewendet werden muß, um einen 
Schlafenden zu wecken, desto tiefer wird sein Schlaf gewesen sein. 
Auf dieses Prinzip gründen sich die Methoden, die verschiedene Autoren 
venvenden, um die Tiefe des Schlafes zu verschiedenen Stunden der 
Nacht zu messen und um die Schlafkurve zu konstruieren -. 

Das Messen der Tiefe oder der Intensität des Schlafes war schon 
in sehr früher Zeit^ ein Gegenstand der Untersuchung, aber es mußten 
noch genauere Methoden zur Konstruktion der Kurve ausgearbeitet werden ; 
es erschien zweckmäßiger, die Versuche anstatt an der eigenen Person 
an fremden Personen, wenn auch nur zur Kontrolle, anzustellen, ver- 
schiedene Reize zu verwenden, vielfältige Erregungen henorzurufen, anstatt 
die Kurve nur aus 4 oder 5 Werten zu konstruieren. 



1 Der von Foucault beobachteten Tatsache könnte icli entgegenstellen, daß die Evolution 
bisweilen im umgekehrten Verhältnis stattfindet. In diesem Fall wacht man mit dem 
klar zusammenhängenden Traum im Gedächtnis auf (notes immediates), und 
sofort beginnt er sich allmählich zu verflüchtigen und dunkel und dann unbestimmt zu 
werden. Wie es auch sein mag, wir führen die logische Vervollständigung des Traumes 
bewußt durch; wir wissen, daß wir unsern Traum nur mit Schwierigkeit ausdrücken, 
und daß wir ihn ergänzen. Dann gehört aber jener Moment nicht mehr dem Traum- 
bewußtsein, sondern dem Wachbewußtsein an. 

2 Über die Methode, Anhaltspunkte für die Konstruktion der Kurve zu gewinnen, siehe 
89, S. 207 ff. Dort findet sich auch die betreffende Literatur und die Beschreibung 
der von Kohlschütter, Mönninghoff und Piesberger, Michelson und Czemy tind be- 
sonders von Lambranzi angewandten Methoden. 

3 Spilta (102, S. 3i ff.). Der Verfasser spricht dort über das Messen der Schlaf- 
intensität. Er wendete die Methode des Enveckens und des Akumeters (Schall- 
pendels) an. 



250 



DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 



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Gesunde Schlaf tief enkur\e (nach Kraepelin, 4o. I- S. 289). ,.Die Abszissen geben die 

Nachtstunden, die Ordinate« Schallstärken in Grammzentimetern an, wie sie durch 

fallende Stahlku^eln auf einer Elfenbeinunterlaare erzeugt werden." 



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Fig. 4. 

Kurve der Schlaftiefe nach F. Hacker (a. a. O.). Michelsonsche Methode. ,,E>er 
Fallapparat bestand aus einem Gestell mit einem verschiebbaren Eisenring, durch den 
man die Kugel auf das Fallbrett, das aus dickem Eichenliolze bestand, auffallen lassen 
koimte. Die Störung, die durch die Anwesenheit des E.\perimentators bedingt war. 
und die Michelson durch seine Versuchsanordnung vermieden hatte, konnte ich bei 
meinen Versuchen nicht umgehen, doch war sie. glaube ich. nicht so groß, daß sie 
sehr in Betracht käme. EHe Versuche ^viirden in den Monaten August und Dezember 
1910 und Januar 191 1 an 3o einzelnen Tagen ausgeführt. Das Erwecken wurde in jeder 
Nacht immer nur einmal herbeigeführt. Die gewonnene Kurve entspricht ungefähr 
denen von Michelson. also den ausgeprägteren Morgentypen. Ich zeige auch selbst eine 
starke Morgendisposition. Ich bin in der Frühe besonders frisch, dagegen abends bald 
müde und gehe zeitig zu Bett. Hervortretend an der Kurve ist der rasche Anstieg imd 
die relative Höhe, auf der sie sich bis zur dritten Stunde hält." 



Unter den Reizen, die zum Erwecken verwendet wurden, wurde der 
Gehörreiz bevorzugt (Kohlschütter, Michelson, Kräpelin [Textfig^. 3], 
Hacker [Textfig. 4]), aber um ganz genau zu sein, müßte man ver- 
schiedene Reize anwenden, daraus verschiedene Kurven und aus diesen 
schließlich eine Mittelkurve konstruieren; denn die Schwelle des Er- 



PIK TIKFK DKS SCHLAFES UND DIE TRAUME 251^ 

Wachens wechselt je nach den verschiedenen Reizen in den verschiedenen 
Phasen des Schlafes. 

Lanil)ranzi [\i)) stininite meiner Kritik bei und suchte die Methotle 
zu verbessern. 

Die vorschi<Hlenen Kurven liaben alle einip-e q-enieinsame Punkte, d. h. 
daß trotz der \erschiedenheit <ler Methoden alle die wirklichen \erhältnisse 
darstelN'ii ; aber sie zeigen erhebliche l ntei-schi<Mle, die auf die Rechnung 
der angewandten MeÜiode und mehr noch vielleicht auf die der indi- 
vi<luellen Verschiedenlieiten, besonders des Geschlechts und Alters, zu 
setzen sind. Ich halte es fCu* überflüssig, von allen Schlafkiu-vcn zu 
sprechen, die bisher konstruiert wurden, und werde nur einiges über 
the Kurve von Lambranzi und die meine anführen. 

Lambranzi fand, daß die Kurve der Scldaftiefe im Verlauf von 
8 Stunden in der i. Stunde schnell ansteigt und den Höhepunkt 
in der i. Hälfte der 2. Stunde erreicht, sodann anfänglich sehr 
schnell, später langsam heraibsinkt und sich von der 2. bis 5. Stunde 
auf einer geringen, von Schwankungen mehr oder weniger luiter- 
hrcKrhenen Höhe hält; um die Mitte der 6. Stunde findet ein 
neuer Anstieg statt, dem ein zuerst schnelles, dann langsames .Vbsinke«! 
folgt. Dieser Verlauf unterscheidet sich nicht sehr von den anderen 
Kurven, aber in der Periode, die etwa von der Mitte der 6. Stunde 
bis zum Erwachen reicht, beobachtet man einen bemerkenswerten Unter- 
!K:hied: die Kurve zeigt oft ein Wiederansteigen, das, nach Lambranzi, 
in den meisten Fällen zur Traum tätigkeit in Beziehung stehen soll. 
Der Schlafende soll den Gehörreiz wahrnehnnen, aber nicht ganz er- 
wachen, weil er im Traum verharrt und das gehörte Geräusch in den- 
selben hineinverarbeitet. Diese Annahme erscheint mir durchaus g^ 
rechtfertigt; wenn die Aufmerksamkeit des Schlafenden im Traum be- 
schäftigt ist, erhöht sich in der Tat die Reizschwelle, und das könnte 
nicht nur in der 6. Stunde, sondern auch in allen anderen Stunden 
des Schlafs vorkommen. 

Die Kurve von De Sanctis-Neyroz 1 (96) legt großes Gewicht sowohl 
auf den Beginn des Erwachens nach einem Reiz wie auf das vollständige 
Erwachen; folglich haben wir 2 Kurven konstruiert: eine der be- 
wußten Reaktion auf den Reiz (vollständiges Erwachen), d. i. 
die eigentliche Kurve der Schlaftiefe, und eine der unterbewußten 
Reaktion (unvollständiges Erwachen). Unsere Versuche betrafen auch 
psychopathische Personen ; doch gehört diese Frage mehr in das Gebiet 
der pathologischen Individualpsychologie als in die allgemeine Psychologie. 

Uns dagegen interessiert an der Schlafkurve am meisten der Umstand, 
daß im Grunde genommen der wahre Schlaf auf die i. Phase der 
Kurve beschränkt ist (Textfig. 5). Der Mensch schläft, mit Rücksicht 
auf seine Gewohnheiten und besonders auf die Gewohnheit, seine weniger 
dringenden geringeren Bedürfnisse völlig zu befriedigen, viel mehr, als 
ihm nötig ist, und, was noch mehr ins Gewicht fällt, er gibt sich an 
Stelle der vom müden Organismus geforderten Ruhe einem von för- 



1 Ich gebe hier die Kurven nicht wieder, die schon in 89 dargestellt sind. 



252 



DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TR.\UMES 



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Kurve der Schlaftiefe (nach De Saudis und Neyroz, 96. S. 161/2). Versuche mit 
oinem Griesbachschen Ästhesiometer mit abgestumpften Spitzen an einer normalen 
mi-nnhchen Versuchsperson. Kurve der bew-ußten Reaktionen (ausgezogene Linie), 
Kurve der unterbewiifSten Reaktionen (punktierte Linie). Traumkurve 'gestrichelte Linie). 
Das Vorhandensein von Träumen wird durch die Erhebungen der Kurve angezeigt. 
Man beachte die Seltenheit der Träume in der ersten Hälfte des Schlafes (Tiefschlaf) 
und ihre verhältnismäßige Häufigkeit in der zweiten Hälfte (leichter Schlaf). Die 
Zahlen auf der Ordinate geben die Größe der Druckreize nach den beiden überein- 
anderstehenden Skalen des Griesbachschen Ästhesiometers an. Je höher die Kune, umso 
größer daher auch die Schlaftiefe. 



dernden Hilfsmitteln, ^vie Dunkelheit, Stille, Isolierung, Ünbeweglichkeit, 
Lager usw., unterstützten Schlafe hin! Nur die i. Phase des 
Schlafes entspringt einem biologischen Bedürfnis; die anderen Phasen 
sind die des Luxusschlafes. Der Bedürfnisschlaf ist instinktiv, 
die Erscheinung eine biologische, zyklische und unabwendliche; der 
andere ist im Anfang als Schlaf gewollt und A\ärd dann zm* Gewohn- 
heit; so "wie der Schlaf am Tage, der sich in verschiedener Hinsicht 
von dem nächtlichen, erfrischenderen und tieferen Schlaf unterscheidet, 
ein Produkt der Gewohnheit ist (Vaschide [11 3]). Ich finde diese 
Bemerkimg bei Polimanti, der auch von diesem Gesichtspunkt aus den 
Schlaf den anderen biologischen Erscheinungen annähert. Ißt man wirk- 
lich immer nur aus Hmiger? Übt man den Geschlechtsverkehr immer 
nur aus sexuellem Bedürfnis aus? Nein: der Wille, die Sitte, die 
Gewohnheit haben die Bedürfnisse ausgedehnt. Deshalb wird der Schlaf 
zum Teil vom Willen des Schlafenden beherrscht. Er kann nicht seinen 
Traum beherrschen und ihn voraussehen, aber er kann seinen Schlaf 
beherrschen. Das gewollte Erwachen ist eine bekannte Tatsache. Noch 
geAvöhnlicher ist der gewollte \Mderstand gegen den Schlaf und der 
Entschluß, einzuschlafen. Lm jedoch die Beziehungen z\\dschen Schlaf 
und Willen richtig zu verstehen, darf man die Phasen des Schlafes 
nicht vergessen. Nach meiner Erfahrung sind der Tagesschlaf, 
der nächtliche Schlaf (im eigentlichen Sinne) und der morgend- 
liche am leichtesten zu beherrschen, sch-sverer der abendliche (der 



DIE TIEFE DES SCHLAFES UND ÜIE TRvL'ME 253 

erste Schlaf), der zugleich der tiefste ist. Wer am Abeiul iiiclil schlafen 
Nvill, g-eht iiicIil ins lielt. l lul dali der Wille bis zu einem ,ir<'!wissen 
(irado den Schlaf iK^herrschen kaim, vei-stehl man, wenn man l)edenkt, daß 
tho absichtliche Aufmerksamkeit EinflulS auf die Reizschwelle und auf 
den Muskeltonus ausüben kann^. 

Für tlen Psychologen ist jedoch die Phase des Luxusschlafes ebenso 
wichtig wie die dt>s Ikxlüifnisschlafes, weil jene dem Zustand der 
„Träumerei" näher konuiit als dii«e und daher mehr von erinnenmgs- 
fähigen Träumen belebt ist. 

Sicherlich variieren die Träume je nach der Tiefe des Schlafes, 
d. h. je nach den verschiedenen Phasen der Kurve. Bekanntlich be- 
haupten viele Autoren, daß die Träume imr im leichtesten Schlaf, im 
hvpnagogen Zustand und im Augenblick des Erwachens auftreten. Ich 
glaube es nicht. Gewiß verlangsamen und erschweren angenehme oder 
interessante Träume das Erwachen. Zuweilen hat man das Gefühl, 
als wolle majn den Traum hinausziehen. In diesem Fall ist der 
Schlaf nicht sehr tief; hier nähert man sich dem Zustand des Prä- 
oder Postdormitiums und der ,, Trau merei ". Gerade in 
diesen Zuständen kann der Wille — in begrenztem Maße — auf die 
Phantasie einwirken. Die am häufigsten angenommene Beziehung zwischen 
den Träumen und der Tiefe des Schlafes wurde schon von Heerwagen 
ausgesprochen: je leichter der Schlaf ist, desto mehr träumt mau. Die 
Menge erinnerungsfähiger Träume im sommerlichen Tagesschlaf beweist 
seine geringe Tiefe im Gegensatz zum nächtlichen Schlaf. 

Der größte Teil der Veränderungen im Ablauf unserer Träume ist 
durch die Schwankungen der Schlaftiefe veranlaßt. Gerade von dem 
Grad der Tiefe hängen die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit des un- 
mittelbaren Reizes, die Abgeschmacktheit oder die Logik des Traumes 
imd nach Stepanoff auch die Anzeichen von Verwunderung imd Erstaunen 
ab, die der Träumer zuweilen angesichts gewisser schneller Veränderungen 
in seinem Tramn erkennen läßt. 

Darin liegt nichts Überraschendes. Je tiefer der Schlaf ist, desto 
fester ist man im Traumbewußtsein befangen. Die Tiefenschwankungen 
vermindern auch die Tiefe des Traumlse wußtsei ns und folglich die An- 
näherung an das Wachbewußtsein. Diese Beziehungen zwischen Traum- 
und Wachbewußtsein, w^elche den Graden der Schlaftiefe parallel laufen, 
wurden von Stepanoff ausführlich bestätigt. Ich behaupte noch mehr: 
Die logische Verarbeitung gewisser Einzelheiten des Traumes während 
des Traumes stammt aus kurzen unvollständigen Phasen des Ei"wachens, 
d. h. aus Phasen eines schnellen und tiefen Herabsinkens der Schlaf kurve '-. 
Claparede beobachtete, daß die Träume des ersten Einschlafens mit der 
wirklichen Situation nicht das geringste zu tun haben, als ob die Natur 
jegliches Hindernis entfernen wolle, das sich der Schlaffunktion ent- 
gegenstellt. Ich kann diese Selbstbeobachtung Claparedes nicht aus eigener 



1 über die Beziehungen des Willens zum Schlafe über die hypnische Volition Iiat 
kürzlich Dr. Georges Peyer Angaben gemacht (69. S. 89 £f.). 

2 Siehe Kap. III. 



254 D E SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TR.\LMES 

Erfahrung bestätigen, aber die Angabe ist wahrscheinlich richtig, denn 
gerade in der i. Stunde erreicht (wie alle Schlaf kurven zeigen) der 
Schlaf seine größte Tiefe. 

All das ist nicht neu; es wurde von den älteren wie von den neueren 
Forschem als Tatsache hingestellt. Hier nur ein Beleg; schon A. Piloz i 
gelangte im Jahre 1899, auf Selbstbeobachtungen gestützt, zu dem Ergebnis, 
daß die jüngsten Ereignisse im leichten, die älteren im tieferen Schlaf 
und (wenn man sich an die experimentellen Resultate hält) besonders 
im abendlichen Schlafe wdeder auftauchen. Im Grunde wäre diese Be- 
trachtungsweise eine durchaus wahrscheinliche Anwendung des Gesetzes 
der mnemischen Regression auf den Traum. Je tiefer der 
Schlaf ist, desto weniger dringt die schwache Wirklichkeit durch, und 
tun so weniger können die Tageserfahrungen und die nächstliegendea 
Erinnerungen wiedererweckt werden. Die Isolierung ist größer, und die 
Erinnerungen sind entfernter. Je weniger das Bewußtsein von Sinnes- 
eindrücken erfüllt ist, desto göttlicher scheint die Intuition. 

Hacker (33) (der leicht in sehr tiefen Schlaf verfiel) hat besser 
als jeder andere die Träume des tiefen Schlafes untersucht. In dieser 
Periode sind die Vorstellungen fast alle visuell, aber wenig lebhaft; es 
scheint, daß die Wortvorstellungen sehr verblassen, die affektiven Zustände 
sind schwach und spärlich, die Wünsche schweigen, die jüngsten Er- 
fahrimgen treten in den Hintergrund, und die ferner liegenden Erfahrun- 
gen werden neu belebt (2. tmd 3. Tabelle von Hacker); die Kritik ist 
schwach, obgleich die Urteilsfähigkeit bestehen bleibt (Köhler, 39). 
Hacker hat femer beobachtet, daß die Traumbilder im Wachen um so 
weniger verharren und sich um so weniger auf assoziativem Wege wäh- 
rend des W^achens reprodiizieren lassen, je tiefer der Schlaf ist. 

Ich bin in diesen letzten 10 Jahren darauf bedacht gewesen, soviel wie 
möglich von dem aufzuzeichnen, an was ich mich von meinen Träumen 
erinnern konnte, wann ich zufällig nach i oder i^/g Stunden Schlaf auf- 
geweckt wurde. (Man weißi, daß die größte Tiefe des Schlafes gerade 
in der i. Stunde des Schlafes oder kurz danach eintritt.) Jedoch 
habe ich in 2 Jahren, 191 2 und 191 5, nur 8 ganz kurze Protokolle 
gesammelt mit folgenden Resultaten: a) daß die Träume des tiefen 
Schlafes sehr selten erinnert werden; b) daß der Schläfer zuweilen 
sagen kann, ob er geträumt hat oder nicht; c) daß in einigen — ge>viß^ 
nicht in vielen — Fällen 'der Schläfer sagt, „er habe das Gefühl, sehr 
ferne und tiefe Dinge geträumt zu haben: es scheine ihm, daß er beim 
Erwachen aus weiter Ferne zurückkehre". 

Die Vorstellung einer ,, Rückkehr aus weiter Feme" spricht für die 
von einigen gewichtigen Beweisen imterstützte und auch von Pieron und 
Vaschide in Betracht gezogene Hypothese, daß die unterbewußten Inhalte 
der tieferen und älteren Schichten um so leichter emporsteigen, je tiefer 
der Schlaf ist, wie es bei der hysterischen Regression der Fall ist. Die 
Tatsache verdient genau in Erwägung gezogen zu werden; sie wäre das: 



1 Schon angeführt in 



l>li: TILFE DES SCHLAFES UND DU-: TKaLj.ME 255 

Analogen zu anderen Tatsachen, die von einigen, z. B. <lc Rochas, im 

kÜJisUicluMi Schlaf (llvpnose) iK-obachlel wunloii. WcJin icli mich an 
meine Beobachtungen halle, ist das Traunibewuljtsein im Komazustundo 
(z. B. im urämischen und uachapoplektischeji Koma) und im klassischen 
epileptischeJi Anfall am meisten heriJ>gesetzt ; es ist wacher und tätiger 
im Chlorofonnschlaf mul im hysterischeu Anfall, noch leblKÜ"ter im 
leichten hysterischen und epileptischen Anfall. 

Der (j<>genstand war interessant, und ich habe daher im Jidu^ 19^7 
andere Selbstbeobachtungen zu Protokoll gebracht. Die einzige Tatsache» 
von einiger Bedeutmig jedoch, die ich diesen Protokollen entnehme, ist 
folgende : wenn ich beim Erwachen das Gefühl habe, selir tief geschlafen 
und mich in meinen Gedanken von meinem gewöhnlichen psychischen 
Umkreis „sehr weit entfernt" zu haben, somit gleichsam das Gefühl 
der Rückkehr besitze, so erinnere ich mich in diesen Fällen ent- 
weder an nichts von dem Geträumten, oder der summarisch erinnerte 
Traum hat einen eigentümlich neuen, fremden und wunderbaren Charakter 
und ist mit einem Gefühl von Wohlbefinden verknüpft. Im .\nschluß. 
hieran scheint mir ein Protokoll meines .\ssistenten Dr. Cohen (1919) 
interessant, in dem er sagt, daß, wenn das Erwachen nicht spontan ein- 
tritt, sondern künstlich herbeigeführt wird, er oft das Gefühl habe, 
als käme er von weit her, nämlich (so drückt er sich aus) „aus wesent- 
lich andersartigen Lebensbedingimgen". Dieses Gefühl der Rückkehr 
ist niemals von einem ausgeprägten affektiven Zustande begleitet, aber 
es charakterisiert sich jedenfalls als ein eher unangenehmes Gefühl. 

.All dieses ist verständlich, wenn man nochmals die Bedingungen des 
Schlafes betrachtet. Wenn das Schlafen in einer kortikalen Hemmung' 
infolge der Unwirksamkeit der Reize besteht, so muß natürUch diesem 
Hemmung durch das Zunehmen der Schlaftiefe verstärkt werden. In 
diesem Falle betrifft die Hemmung vornehmlich die jüngsten nervösen 
Spuren und Dispositionen, während sie die älteren und die ältesten, 
die sogar den subkortikalen Zentren angehören, nicht erreicht; diese 
werden vielmehr entlastet imd folglich gerade durch das Dazwischen- 
treten der intrakortikalen Hemmung belebt. Dadurch erhalten wir, wicf 
schon angedeutet, Aufschluß über die Wiederbelebung der unterbewußten 
Inhalte, die aus dem Wachzustand, aus der Kindheit und aus den Erb- 
teilen von Familie und Gattung stammen imd zwangsmäßig diirch visuelle 
Bilder überdeckt oder durch diese und andere Bilder abgeändert erschei- 
nen, soweit ihnen der konkrete Ausdruck fehlte oder ihr alter ursprüng- 
licher Ausdruck sich nicht zu reproduzieren vermochte. 

In den gewagten Aufstellimgen von Durand de Gros finden wir dieselbe 
Auffassimg wieder. Je tiefer man schläft, desto mehr verlieren die 
Zentren der Persönlichkeit — das primäre Ich — an Kraft und desto 
mehr erlangen die ^»sekundären Ich", „Ze.v .Souffleurs Caches, les sug- 
gesteurs secrets de nos sentiments, de nos pensees, de nos resolutions" 
(„d ie verborgenen Einbläser, die geheimen Anstifter un- 
serer Gefühle, unserer Gedanken, unserer Entschlüsse"),, 
das Übergewicht. 



256 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TR.\UMES 

F DIE STELLUNG DES SCHLAFENDEN IM SCHLAF UND DIE 

TRÄUME 

Von Bedeutung für die Untersuchung der Träume, d. h. der Schwan- 
kungen des Traumbewußtseins, sind aber nicht nur die Phasen der 
Schlaftiefe, sondern auch alle anderen Zustände des Schlafenden, wie 
die Zustände des viszeralen und des muskulären Apparates, Stellung 
des Körpers und des Kopfes, die Öffnung des Mimdes, die Lage der 
unteren Gliedmaßen, der Widerstand gegen das Gewicht der Decken, 
die Anpassung an die Beschaffenheit des Bettes usw. Zu den Bemer- 
kungen, die ich schon bei emderer Gelegenheit (89) über den Einfluß 
der Lage des Schlafenden vorgebracht habe, wdll ich noch einige Punkte 
iiinrufügcn. Die Angabe, daß der Körper im Schlafe dazu neigt, die 
embryonale Lage einzunehmen, ist richtig. Man beobachtet diese Tat- 
sache nicht so sehr bei den Säuglingen als vielmehr bei den Kindern, 
besonders wenn sie irgendwie in der Entwicklung des Pyramidensystems 
zurückgeblieben sind. Jene Stellung ist eine krampfhafte Beugestellung; 
der Schlafende verkürzt im Liegen seinen Körper nach allen Richtungen. 
Die genu-pektorale Stellung habe ich mehrmals bei Idioten beobachtet. 
Es handelt sich hier allerdings um eine Stellung von fötalem Typus; 
aber man muß sich darüber klar werden, daß sie durch die Unterent- 
wicklung des motorischen Systems, d. h. durch die Hypertonie der 
Beuger, bestimmt ist. Dies ist ein neuer Beweis für die Lehre, nach 
welcher ein pathologischer Umstand die phylo- oder ontogenetischen, 
morphologischen imd funktionellen Erinnerungen bestimmt. 

Wenn man sich in der medizinischen Semiotik mit der Art des Liegens 
beschäftigt, so unterscheidet man das „aktive" Liegen des Gesunden 
von dem „passiven" des Schwerkranken und dem ,, zwangsmäßi- 
gen" Emderer Kranker, die an besonderen K ran kheits formen leiden. Man 
kennt wohl das Liegen der Rippenfellkranken und der Kranken mit 
Lungenentzündung, der Typhus- imd Anginakranken und einiger Nerven- 
leidender, aber soviel ich weiß, ist das Liegen der normalen imd der an 
Entwicklungshemmungen erkrankten Kinder noch nicht in Betracht ge- 
zogen worden. Und doch liegt hier eine Tatsache vor, deren biologische 
Wichtigkeit nicht vernachlässigt werden darf. Burdach verzeichnete die 
Stellung einiger Tiere im nächtlichen Schlafe. .Alle suchen die Dunkel- 
heit oder wenigstens die Isolierung; alle verkleinern ihre Körperober- 
fläche in der Art, daß sie sich der embryo- fötalen Stellung annähern. 
Von allen Beobachtern wurde vermerkt, daß die Vögel den Kopf unter 
dem Flügel (meistens dem linken) verbergen, und daß einige sich im 
Schlaf auf ein einziges Bein stützen. Ich habe viele Beobachtungen 
über die Schlaf Stellungen der Tiere in den zoologischen Gärten von Paris, 
Antwerpen, Frankfurt a. M., Köln, Basel imd Rom gesammelt und mich 
überzeugt, daß alle Vögel den Hals einziehen und ein Bein verbergen. 
Die Ibisse, die Kraniche, die Marabus aus Indien und Senegal erscheinen 
daher im Schlafe wie große, je nach der .Art graue oder rosa, auf einen 
schwachen Stiel aufgepflanzte Knäuel. Auch die Papageien aller Arten, 
desgleichen die Raubvögel verbergen ein Bein. Nur ist zu beachten, daß die 



PIK STKLUNC; DES SCHI. AKKNDKN IM SCHLAF l .ND PIK THaIMK 257 

Vögel, Ix'soiulers (lio Ilaubvö^ol. ii i c 1» l imiiiiT in s<jlclier Stellung 
schlaff'ii. Diosor l iiu»^Uin<l lälil miili \«M-iiuitoii. dalS die SU'sUuiig der 
IJoiuo und die Nerkür/ung (U-iS Halses (li<' Slolluiig des tiefen Schlafes 
oder In^sser einer Phase des Schlafes sei. 

Die Kunst bietet keinen beileuts<iinon Beitrag zur Kenntnis der Schlaf- 
stellungen. Ich besitze eine ziendich reiche Sammlung von photographi- 
schen \\ ie<lergalxMi und von Zeichnungen schlafender Personen. Dio 
ni(xleriien Künstler geben die Stellungen vviod<^r, die man in der antiken 
Bildhauerei und in der klassischen Malerei findet. 

Im wirklichen Leben läßt sich die Schlafstellung im Kalten (Winter) 
von derjenigen im Warmen (Sommer) unterscheiden. In der Kunst 
jedoch sieht man mit Vorliebe die letztere dargestellt. Eine sehr rea- 
listische Sommerstellung ist die des Hermaphroditen (Mliseo ßorghiaso, 
Rom) und die andere, sehr ähnliche der Diana von Tizian. Dasselbe 
gilt von der Sommerstellung im , .Schlaf des Morpheus" (französisches 
Kunstwerk des 17. Jahrhunderts; Museum Cluny, Paris, Saal ili). Die 
Winterstellung ist hingegen in einer Marmorstatuette (nackte Frau) aus 
dem 17. Jahrhundert ,,Le sommeil" festgehalten (Saal i3 des Museums 
Clunv). 

Bei den Schlafenden in Winterstellung ist der Allgemeinausdruck oft 
ein leidender; bei den Schlafenden in Sommerstellung hingegen bemerken 
wir einen .\usdruck der Heiterkeit oder einer Entspannung der Muskeln 
(wie im Tode). Eine klassische Stellung ist das Aufstützen des Kopfes 
auf die geöffnete oder zur Faust geballte Hand (meistens die rechte) 
und die ausgestreckte oder sitzende Lagerung des Körpers auf der Erde 
oder einem Ruhebett. In der antiken Skulptur gibt es dafür ein klassi- 
sches Beispiel: den „Schlafenden Putto" (Museo nazionale delle Terme, 
Rom). Wir sehen sie bei Giottos ,,Der heilige Franziskus erscheint Gre- 
gor IX." und „Der Traum des heiligen Franziskus vom Palast" (Chiesa 
super, di San Francesco, .Assisi). Wir sehen sie auch in der „Vision 
der heiligen Ursula" von Carpaccio (Accademia di Belle Arti, Venedig). 
Sehr originell ist die Stellung des mit dem Gesicht auf die zum Gebet 
gefalteten Hände gestützten Kopfes bei einem der Schlafenden im Fresko 
,, Jesus erscheint der Magdalena" (Kapelle Scrovegni, Padua). Diese 
Stellung kommt im täglichen Leben (siehe Textfigur 10) häufig vor. 
Aber die Wirklichkeit bietet auch einen außergewöhnlichen Reich- 
tum an Stellungen; nicht selten ist z. B. die genu-pektorale Stellung, 
dio sich in der Kunst nicht findet (Textfig. 6 — 11). 

Daß die Schlafstellung für die Träume Bedeutung besitzt, vermerkte 
schon Radestock (72). Ich erinnere an die Angabe vieler älterer Autoren, 
daß die Rückenlage besondere, meistens beängstigende Träume, ja sogar 
Albdruck, hervorrufe. Im italienischen Volk erzählt man auch, daß man 
beim Schlafen auf der linken Seite (auf dem Herzen) häßliche Träume 
habe. All das trifft wahrscheinlich zu, weil sich der Blutkreislauf, die 
Atmung, die Muskel- und Gelcnkeinpfindungen je nach der Lage des 
Körpers verändern. Vermutlich wird man der Stellung» während des 
Schlafes eine noch spezifischere Bedeutung beilegen müssen, wenn die 
neuen Auffassungen über die Funktion des sympathischen Systems und 

17 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



258 



J^E-^i^I^£Ilh_I^ICHOLOGIEms TRAUMES 




Fig. 6 




Fig. n 



-^^. 




DIE STKLLl NG DES SCHLAI KNDEN IM SCIILAT l ND DIE TI'.Äl ME 259 




Fiß-9 




Fig. lO 




Fig. II 



Fig. 6— II. Schlafstellungen. Unveröffentlichte Zeichnungen nach der Natur aus Rom 
und der Campagna von Querci, Prof. am Istituto di Belle Arti zu Rom, aus den Jahren 
1859—61. Man beachte die Figur 7, welche zwei kleine Bauemmädchen in genu-pektoraler 

Schlafstellung zeigt. 



17* 



260 DE SAN'CTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

der ,, postural activity" („Stellungsaktivität") von Sherrington bei tk-n 
Physiologen Zustimmung findend 

Ich behandle jedoch diesen Gegenstand vor allem deshalb, weil ich 
zwei Tatsachen beobachtet hal>e: i. daß der Lagewechsel im Schlafe 
den Traum verändert; 2. daß der Lagewechsel beim Erwachen den Traum' 
schnell vergessen läßt und folglich djie wahrheitsgemäße Niederschrift 
des Traumes erschwert. Diese zwei Tatsachen ergaben sich mir aus 
vielen Erfahrungen. Im Traume sehen wir die Gegenstände im geistigen 
Raum unter einem bestimmten, der Lage des Kopfes entsprechendi^n 
Gesichtswinkel derart, daß jeder geträumte Gegenstand von einer Raum- 
vorstellung begleitet ist. Der Lagewechisel des Kopfes beim Erwachen 
verschiebt den Gegenstand oder die Handlung aus ihrer Szenerie, und 
so verliert man eine Möglichkeit, den Traum zurückzurufen, ein wesent- 
liches Element, ihn zu erinnern, nämlich die Berührungsassoziation und 
die räumliche Beziehung. Infolge der fortgesetzten Ver\vandlung der 
Szene selbst und ihrer Elemente verschiebt sie sich aber durch di© Be- 
wegung auch nicht im Ganzen, wie dies im Wachzustande der Fall ist. 
Die Veränderung des Traumes, seines Ablaufs imd seines Ausgangs im 
Zusammenhang mit der Lageveränderung ergibt sich mir aus Beobach- 
tungen über den sommerlichen Tagesschlaf, die ich in verschiedenen 
Epochen an mir selbst angestellt habe. Die zweite Tatsache ergibt sich 
mir aus den zahlreichen Erfahrungen bei der Niederschrift von Träu- 
men. Diese Tatsache muß bei der Methodologie in Betracht gezogen 
werden (gS). 

G. DAS NERVENSYSTEM UND DIE TRÄUME 

Die Physiologie des Traumes hat aber noch eine Hauptaufgabe zu lösen. 
Es steht fest, daß im Schlaf eine Erhöhung aller Schwellen stattfindet, 
daß infolgedessen eine sehr bedeutsame zerebrale Hemmimg (Lähmung 
der Aufmerksamkeit) - und daher die Entwicklung einer Traumaufmerk- 
samkeit eintritt, die von der gleichzeitigen Ausbildung von Vorstellungen 
meist halluzinatorischen Charakters begleitet ist. Nunmehr fragt es sich, 
ob sich diese grundlegende Tatsache des Traumes in Ausdrücken der 
Gehirnphysiologie darstellen läßt. Nach meiner Meinung ist die Frage 



1 über diesen Punkt lese man besonders bei I. Böke (10) (für den morphologischen 
Teil) und bei Van Rynberk (80) (für den physiologischen Teil) nach. Einen Überblick 
dieser Frage hat V. Ducceschi (19) gegeben. 

2 Belmondo hat behauptet und bewiesen, daß die vollständige Unterdrückung der 
Reize den Schlaf hervorbringt. Auch Boris Sidis hat neuerdings (100) betont, daß der 
Schlaf eintritt, wenn der Organismus nicht meiir auf die Reize reagiert. Abgesehen 
von der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung steht fest, daß der Traum als 
eine Hemmung betrachtet werden muß. Pawlow (64) und seine Mitarbeiter beobachteten 
bei ihren Experimenten über bedingte Reflexe, daß ein Hund von Schläfrigkeit ergriffen 
wurde, besonders wenn man ihn wiederholt der Einwirkung intensiver kalter und warmer 
Temperaturreize aussetzte. Bei genauer Untersuchung zeigte sich, daß das fortgesetzte 
Einwirken von Kalt und Warm auf denselben Punkt der Haut das Aufhören der höheren 
nervösen Funktionen und damit den Schlaf erzeugte. Es handelte sich also um einen 
passiven Reflex, der den Schlaf hervorrief. Das wäre die gewöhnliche all- 
gemeine Hemmung. 



DAS NERVENSYSTEM 1 M) Dil: TUÄlMi: 261^ 

zu bK'jahon. Auf die von einem (jefülil der \\ irklichkeit (cks Traumes) 
iK'gleitele Well der Traumbilder lassen sich leicht diesc|l>en l'>klärunf,^en 
anwenden wie auf die Halluzination im Wachen (107, I. S. ^V^ff)- 

Das Sprechen im Traume kann durch die Anatomie imd Physiologie 
diT Sprache Erklärung finden; darüber sammidle Mourly Vold (üi) 
interessante Btxibachlungen. Schwerer zu erklären ist das grofSe Übex- 
gewicht der Gesiciitsbilder im Traum imd der visuelle Symbolismus von 
Kllis oder die Cbt^rtragung der aktuellen Kmpfindungen des Schlafen- 
den in (lesichtsbilder. Diese Tatsache könnte zii der phylo- und onto- 
g«'iietischen Bedeutung des Osichtsinnes, zu der Markhildung der opti- 
schen Bahnen und des Fasciculus longitudinalis inferior, die schon in 
der VortraumejK)che (von der Geburt bis zum 5. oder 6. Monat) statte 
findet, imd zu der Vielfältigkeit der Verbindungen zwischen den anderen 
Hirnlappen und den Hinterhaviptlapjjen in Beziehung stehen. Außerdem 
muß man sich daran erinnern, daf5 die ersten assoziativen Bahnen, in 
«lenen die Markbildung erfolgt, diejenigen der Gehör- und Gesicht- 
sphäro (Ti und Oo) sind. Indessen müßte man noch wissen, ob außer 
«ier optischen afferenten Bahn auch die Bahnen, welche die akustischen, 
faktil-kinäslhetischen und gustativ-olfaktorischen Empfindungs- und Ge>- 
«liichtniszentren mit den visuellen Gedäch Iniszentren verknüpfen (Er- 
iniierungsfeld von Wilbrand in der äußern Oberfläche des Hinterhaupt- 
la{tj>ens), zahlreich, wegsam und zu frühzeitiger Markbildung befähigt 
sind. 

Wichtig ist es festzustellen, ob das Nervensystem (abgesehen von der 
bt^prochenen wenigstens zeitweisen Hemmung) im Schlafe nach dem- 
selben fundamentalen Gesetz wie im W^achen zu funktionieren fortfährt. 
Es liegt in der Tat gar kein Grund zu der Annahme vor, daß sich das 
Schema des Reflexes nicht auf die Traumtätigkeit ganz ebenso wie 
auf die psychische Tätigkeit im ^^achen anwenden lasse (91) ^. Die 
• ifipariiio simulacrorum (Erscheinung von Bildern) im Traum 
isl durch äußere (sensitive oder sensorische) und innere (Muskel-, 
Gelenk-, Kreislauf-, Atmung-, sexuelle, koinästhetische [GemeinempfLn- 
dung]) Reize bestimmt. Das Auftauchen aller unterbewußten vererbten 
oder aus der eigenen Erfahnmg des kindlichen oder täglichen Lebens 
stammenden Inhalte muß also auf besondere Erregungen unserer Organe 
und des Gehirns selbst zurückgeführt werden. Die sog. ,,psychi- 
schen Träume" oder , ,11 al lu zi n a tio n s träume" fügen sich 
— ebenso wie die Illusionsträume — dem Schema des Reflexes 
ein. Deshalb haben Psychologen wie Patini, welche an den rein soma- 
tischen Ursprung des Traumes glauben, in gewisser Hinsicht recht. 

1 Mail beachte wohl: mein Slandpunkt darf nicht mit anderen, wie z. B. dem von 
Kostyleff, verwechselt werden. Ich halte auf psychologischem Gebiet an einem a g n o- 
stischen Proportionalismus fest. Wenn ich daher behaupte, daß die 
geistige Tätigkeit wie diejenige des Nervensystems nach dem Schema des Reflexes oder 
besser des zyklischen Reflexes abläuft, so beliaupte ich nichts über das 
Wesen und den Wirkungszusanuneniiang der Tätigkeit selbst: ein Wesen und ein 
Wirkungsrusammenhang, über den die wissenschaftliche Psychologie nichts auszusagen 
vermag. 



262 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Die ganze moderne Bewegung der Physiologie wendet sich gegen die 
sog. Theorie des Automatismus. Die Nervenzentren entwickeln 
Energie nicht durch Explosion, sondern durch Reizwirkung. In der- 
selben Art werden Handlungen und Gedanken durch Vorstellungen hervor- 
gerufen, die als innere (dynamische) Reize wirken. Wenn das Gehirn 
während des Schlafes zu funktionieren fortfährt, so läßt sich vermuten, 
daß die psychische Tätigkeit überhaupt niemals aussetzt. Auch der 
Schlafende lebt nicht nur, sondern denkt; und er träumt, weil er auch 
im Zustand des Schlafes denkt und empfindet. Die alte Frage, ob es 
einen Schlaf ohne Träume gebe, kann daber nach dem Vorgang vieler 
Philosophen im allgemeinen verneinend beantwortet werden. Der Ein- 
wand, daß sich die Träume erst unmittelbair im AugenbKck des Er- 
wachens entwickeln (Meunier Boris Sidis, welcher meint, daß der Traum 
der Hauptsache nach erst im hypnoidalen Zustand, d. h. zwischen Traum 
und W^achen, zustande komme, und andere), Ist nicht auf die Erfahrung 
gestützt 1. 

Es gibt aber auch indirekte Bewieise für die Kontinuität der psychi- 
schen Tätigkeit, selbst in den Fällen, wo der Schlafende es bestreitet, 
geträiunt zu haben. Einer dieser Beweise ist schon von mir aufgestellt 
und von vielen anderen bestätigt worden, daß es nämlich genügt, an 
das Träumen zu denken, um sofort die Erinnerung an den Traum zu er- 
wecken und zu beleben, als ob eine Brücke zwischen der Tätigkeit des 
Traumes und des wachen Geistes g^chlagen würde. Ein anderer Be- 
weis liegt in den auf die Traumkunde angewandten Ergebnissen der 
Beobachtungsmethode. Das Gebaren des Schlafenden kann dem er- 
fahrenen Auge das Vorhandensein eines Traumes auch im tiefen Schlaf 
und in den Fällen offenbaren, in denen der Schläfer beim Erwachen be- 
hauptet, nicht zu wissen, ob er geträumt hal>e. 

Aber es erscheint auch augenfällig, wie sich im Traume die Zusammen- 
setzimg und Anordnung der Reflexe durch die Verselbständigung von 
Gruppen und durch die Unterbrechung von Verbindungen zwischen den 
verschiedenen Serien der Reflexketten verändert. Der Traum könnte 
daher auch mit Kostyleff als eine Dissoziation von Gehimreflexen be- 
trachtet werden; denn im Schlaf ist die Dynamik der zerebralen Zu- 
sammenhänge und folglich die koordinierende und integrierende Fimktion 
des Nervensystems erheblich gestört (Sherrington) 2, 

1 Jemand hat behauptet, daß ich im Anschluß an verschiedene Psychophyslologeii, 
darunter an Wundt, der Ansicht sei, es gebe einen traumlosen Schlaf. Diese Auslegung 
ist ungenau. Ich habe nur behauptet, daß kein Psychologe mit Sicherheit das 
Vorhandensein eines Traumes bei einem Schlafenden feststellen könne, wenn der Schläfer 
ilm nicht nach dem Erwachen bestätigt; denn ohne Selbstbeobachtung ist keine Gewiß- 
heit möglich. Daher konnte Tiedemann glauben, daß die Ausrufe, Bewegungen, 
Ausdrucksbewegungen der kleinen Kinder während des Schlafes kein Zeichen des Traumes, 
sondern bloß Reflexhandlungen auf Augenblicksreize seien. Wenn jedoch eine Bestäti- 
gung des Schlafenden nicht erbracht werden kann, so läßt sich gewiß auch die 
physiologische oder objektive Methode mit Berechtigung anwenden. 

2 An dieser Stelle wäre der physiologischen Hypothesen über die Natur der Hemmung, 
der Ermüdung, imd andererseits der Verbreitung der nervösen Erregungen, des Re- 
fraktärstadiums, der latenten Reizsummation, der Abwicklung der Stoff>vechselprozesse, 



DAS M:RV1!:.\SY.STLM L.ND DIL TRaLMI: 263 

Auch die Erscheinung der ,, Entfesselung des Unterbewußtseins" im 
Traum erklärt sich genü^'oiui durch die spezielle Physiologie dos Schla- 
fenden. Der selbst nur toihveisen Ilenuuung der sensorischen und psycho- 
motorischen IVozesse entspricht der Knergiezuwachs anderer Prozesse, 
deren Sitz in der Hirnrinde selbst und wahrscheinlich auch in subkorti- 
kalen .\bschnitten des Gehirns gelegen ist. I>ie Neuropathologen wissen 
sehr wohl, daß ein gewisser Antagonisnms zwischen den neuen und den 
alten liewußtseinsinhalten besieht. Es genügt, daß die aktuelle Energi.^ 
der Hirnrinde vermindert, d. h. daß ihe j^sychische Spannung herabge- 
setzt ist, damit im Bewußtsein die alten Inhalte übermächtig aufsteigen. 
Tatsächlich kehren im Zustand der Ermüdung oder der Gehirnerschöpfung 
die Kindheitserinnerungen mit Lebhaftigkeit wieder; wenn man durch 
kortikale (senile) Atrophie das Gedächtnis für die jüngsten Ereignisse 
und die Fähigkeit verliert, die Erinnerungen zu fixieren und zu bewahren, 
zehrt man an alten Erinnerungen, und die Neigungen, Gedanken und iMei- 
nungen der Kindheit kehren zurück. Die Tuberkulösen im letzten Sta- 
dium, die Sterbenden zehren an alten Be>vußtseinsinhalten und sprechen 
oft eine fremdartige Sprache, die eben durch ihre Beziehungen zu tiefen 
und fernen Inhalten den Anschein von Magie oder Prophetie erweckt. 
So bewahren die einfältigen Seelen und alle Menschen, die nur über 
einen spärlichen Besitz an äußeren Erfahrungen verfügen, ebenso die 
Unwissenden, die von der Außenwelt abgetrennt leben, jene „intuitive 
Fähigkeit", von der schon der heilige Augustinus sagt, daß sie im 
Traum verfeinert werde, mit größter Lebhaftigkeit. So schafft die 
Entfremdung von der Sinnenwelt Raum für alte tausendjährige Vorstellun- 
gen und Gedanken; dann verwandelt sich die Welt für den Betrachter, 
und alles scheint ihm verändert. Das sehen wir bei den an Dementia 
paranoides leidenden Kranken wie bei den Somnambulen. So gewinnt 
die Behauptung einen klaren Sinn, daß der Schlaf in gewisser Hinsicht 
an zurückliegende Zustände der psycho-physischen Entwicklung erinnere, 
und daß auch, wie der große Physiologe Burdach bemerkte, der Schlaf 
eine .\rt Rückkehr zum embryonalen Leben sei, und daß er vom psycho- 
logischen Standpunkt (wie es der Theosoph Myers wiederholte) den „pri- 
mitiven" Zustand darstelle, während das Wachen nur ein „sekun- 
därer" Zustand sei. Es schiene also, als ob der Zustand des Schlafes 
das Gehirn in jene Zeit zurückversetze, in welcher der Prozeß darr 
, »psychologischen Synthese" noch nicht oder infolge unge- 
nügender oder fehlender Entwicklung der Markbildung und der inter- 
neuronischen zerebralen Verknüpfungen erst sehr unvollständig einge- 
leitet war. Auch die Behauptung Stekels, daß im Traum der alte Kampf 

der Hemmungsphänomene zu gedenken. Die ganze Umwandlung der Traumbilder wird 
begleitet odei- erklärt durch Störungen der zentralen Leitung und Übertragung. 
durch die ,,posthumen Entladungen" Sherringtons (Reizbeantwortungen. 
weiche die Dauer der Reizwirkung überschreiten). Dies sind Phänomene, welche in 
deutlicher Korrelation zur Abschwächimg oder Ausschaltung des Prozesses der logischen 
Synthese un<l Verkmiiifung, zu der gehinderten Funktion des schlafenden Ich und 
gleichzeitig zu der Wiederbelebung der Tätigkeit anderer Zentren stehen, die im 
Wachzustande durch die überwiegende Tätigkeit der Organe, der sensorischen und 
perzeptorischen Bahnen und Zentren gehemmt sind. 



264 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TR.\UMES 

ums Dasein Aviederkchre und der Mensch sich in seinen primitiven In- 
stinkten Luft mache, erliält jetzt ihren guten Sinn. 

Wie man bei der Hysterie eine Dissoziation oder Verdopplung (Janet) 
in den Systemen der viszeralen Innervation und in andern nervösen Syste- 
men annimmt, um die hysterischen Symptome zu erklären, so kann mau 
im Schlaf eine analoge Dissoziation annehmen. Hier treten tatsächlich 
Sejunktionen (im Sinne von \\ ernicke) , I n n e r v a t i o n s k o m - 
plexe. Schizothymien (Kohnstamm), die im Unterbewußten ent- 
stehen, Diaschisen im Sinne von: Monakow oder besser Psycho- 
schisen im Sinne von Levi-Bianchini (47) auf. Kurz, es handelt sich 
auch im Traum um ,, Sequester" von Assoziationsketten, die den ,, Seque- 
stern" von zerebralen Innervationsystemen entsprechen, und die wir vor- 
läufig ihrem Wesen nach für dynamisch halten müssen. Da der Prozeß 
der Spaltung im tiefen Schlaf intensiver ist, so läßt sich denken, daß 
sich in jener Phase das Unterbewußtsein l>esonders befreit, und daß 
folglich in das Traumbewußtsein die jüngste (abgespaltete) Erfahrung 
nur in geringerem Maße, die aktuellen (gehemmten) Sinneseindrücke da- 
gegen so gut wie gar nicht eingehen. 

Wenn man bedenkt, daß nach dem Ausspruch Ribots (76) das Unter- 
bewußte lein Akkumulator von Energien ist, indem es einen Vorrat auf- 
speichert, aus dem das Bewußtsein verschwinden kann, so versteht man 
auch leicht. Wie sich nach Verlangsamung der kortikalen Hemmungen 
die in den Organen des Unterbewußten aufgehäufte potentielle Energie 
aktualisiert und der Traum, d. h. ein Ausdruck des freieren Traum- 
bcvAißtseins. zustande kommt. Eine derartige energetische Vorstellung der 
Traumtätigkeit legt sich nicht im geringsten auf irgendeine philosophische 
Doktrin fest. Einen Beweis dafür bieten die Äußerungen des Anti- 
materialisten Dwelshauvers (21) über das dynamische Unbe^vußte, der 
keine Schwierigkeit in der Annahme findet, daß dem dynamischen Unbe- 
wußten ein Zustand der Spannung im Zentralnervensystem entspricht. 

Der Versuch, die physiologischen Bedingungen des Traumes noch ge- 
nauer zu bestinmien, wird daher kein eitles Bemühen sein, wenn man 
sich die Nervenorgane des aufsteigenden Unterbe^^^.lßtseins im Licht 
unserer heutigen Kenntnisse vorstellt. 

Bei anderer Gelegenheit (91) hal>e ich vom anatomisch-physiologischen 
Standpunkt zwei Entwicklungsgesetze des Nervensystems dargelegt, die 
eine Anwendung des biogenetischen Grimdgesetzes bilden. Nach dem 
ersten Gesetz bewaliren die höheren Tiere, w^ährend sie neue nervöse 
Strukturen und Funktionen erwerben, nicht nur die elementare Struktur, 
sondern auch teihveise die groben Morphologie- und die Funktionsarten 
der niederen Tiere. Daß sogar im menschlichen Organismus fortgesetzt 
Tropismen und instinktive Bewegungen vorkommen, ist daher sehr be- 
greiflich und konnte dem Polyzoismus Durand de Gros' einen Schein 
von Berechtigung geben. Der Mensch bewahrt, wie man es ausdrücken 
könnte, die Spur der Formen und Strukturen der unter ihm stehenden 
Tiere in seinem Nervensystem und zeigt daher in seiner Tätigkeit alle 
Bewegungen und Handlungen von den einfachsten bis zu den kompli- 



DAS NERVENSYSTEM IND DIE TRÄUME 265 

zierteslen. Nur lial or infolge clor luWieren Entwicklung seiner ULm- 
rirule ganz s|M/.ielle luolorisolie l^iiisleilimgeii und die Sprache («rworlxm. 
und ist inf(t|g<> seines rtMclien lU'silzes an S\nib<)l<'n mit Vernunri iK'-gubt. 

Dementsprechend gibt es ein zweites Gesetz, das sich folgendermaßen 
ausdrücken läßt: die später ausgel)il(lel«^n IIiriij)arlien erben auf phylo- 
genetischem Wege ilie ><>n den friiher ausgebildeten Ilirnparlien (in der 
Art, wie es den IkNÜirfnissen des Tieres angepafSt ist) besorgten höheren 
Funktionen und komplizieren sie inuner mehr. Indessen verbleibt doch 
auch den früher ausgebildeten Gehirnpartien ein Rest der alten Funktion, 
der sich frei von der Kontrolle des Be>\^ißtseins zu betätigen bereit ist. 

Unter diesen Voraussetzungen wird die weitere Armahme nicht allzu 
gewagt erscheinen, daß auch mit Rücksicht auf das BcNMifitsein in dem 
Nervensegment, welches dem später ausgebildeten Segment seine eigent- 
liche Funktion abtritt, noch die Fähigkeit zu der früher ausgeübten Funk- 
tion zurückbleibt. Darum kann die Behauptung richtig sein, daß auch 
bei den höhereu Tieren das Rückenmark ein rudimentäres Bewußtsein 
besitzt (Luciani), und daß die Annahme eines Bewußtseins mit noch 
größerer Wahrscheinlichkeit für das verlängerte Rückenmark zutrifft 
(Job. Müller, Longet, ^ulpian, Luciani). 

Man kann daher sagen, daß das Unterbe\vußtsein über ein nervöses 
Organ verfüge, und weim dieses Organ für das persönliche Unterbewußt- 
sein in den Gedächtniszentren und den Assoziationsbahnen liegen soll, 
so kann das ältere Unterbewufote, das im Wachen niemals ülx^r die 
Schwelle des Bewußtseins tritt, das ihm eigene Organ in andern Gehim- 
leilen (dem Paläenkephalon Edingers), z. B. nach Luciani im Kleinhirn, 
finden. Das Nervensystem funktioniert von seinem Auftreten in der Onto- 
genese an immer wie es kann, und das Paläenkepiialon, dessen Entwicke- 
lung der des Neenkephalon auch in der Ontogenese vorangeht, funktio- 
niert schon in der fötalen Epoche unter dem Einfluß der Reize. 

Diese Nerventätigkeit vor der Geburt bildet die erste Anlage der In- 
stinkte und Intuitionen (5o) ; sie umfaßt die vorbewußte Periode des 
Individuums. Die individuellen Erfahrungen, welche eigentlich erst bei 
der Geburt beginnen, geben den Anstoß zur Entwicklung des Nerven- 
systems nach den Entwicklungsgesetzen der Art imd komplizieren und 
vervollständigen seine Funktion. Mit der Komplizierung der Funktion 
entwickelt sich nach und nach das Bewußtsein, so daß die Behauptung 
gerechtfertigt ist, das BeAvußltsein nehme seinen Ursprimg aus dem 
Unbe>vußten. Doch ist auch die entgegengesetzte Behauptung nicht ganz 
unrichtig, daß nämlich jedes unterbewußte Phänomen einmal bewußt war. 

Es muß aber noch hinzugefügt werden, daß sicherlich auch das sym- 
pathische System ein Zentrum der imterbe\vußten Phänomene ist (28). 
Infolgedessen erscheint die viel mißbrauchte Hypothese Grassets über 
das Zentrum O und das Polygon als Organ der niederen Seelentätigkeit 
und daher des Schlafes ganz überflüssig. 



II. STRUKTUR UND DYNAMIK DES TRAUMES' 

In diesem Kapitel behandle icii zuerst die psychologischen Kompo- 
nenten des Traumes oder die Bestandteile des Traumbewoißtseins und 
ihren Ursprung, dann ihre Tätigkeit oder den Prozeß des Traumes und 
die Kräfte, die ihn bestinunen. 



A. STRUKTUR DES TRAUMBEWUSSTSEINS 

Die psychischen Komponenten der Traumtätigkeit weisen gewiß sozu- 
sagen quantitative Unterschiede auf, je nacn Alter, Creschlecht, Rasse. 
Intelligenz, Phantasie, Art und Weise des Arbeitens, Grad der Müdigkeit, 
ferner nach den Umständen, in denen sich die Organe des vegetativen 
Lebens befinden, dem Krankheitszustand und nach der Lage des Körpers 
des Schlafenden. Es gibt eine differenzielle Psychologie des 
Traumes 2. Qualitativ bleiben jedoch die Komponenten bei allen Indi- 
viduen übereinstimmend. Ja, nicht nur die einfachen Komponenten des 
Traumes sind übereinstimmend, wie in jedem beliebigen Bev^aißtseins- 
zustand, sondern es gibt auch bekanntlich ideoaffektive Traumkombi- 
nationen und Gruppierungen, welche sich fast übereinstimmend bei allen 
Träumenden wiederholen, z. B. die von S. Freud als typisch bezeich- 
neten Träume: Träume vom Examen, vom Tode geliebter Personen, von 
rasendem Laufen usw., mehr noch die sog. Familienträume. 

Beschäftigen wir uns also mit dem Inventar des Traumbew^ßtseins. 
Alle Meinungen stimmen darin überein, daß der Traum besonders reich 
an visuellen Elementen (bis zu 90 Prozent aller Vorstellungen) ist; ja 
man kann sagen, daß er im wesentlichen eine zum größten Teil pano- 
ramische imd sehr schnell© geistige Vision ist. Individuelle Unterschiede 
gibt es nicht wenige; aber im allgemeinen k^ann man sogar sagen, daß 
die visuellen Vorstellungen im Traume bei allen Leuten lebhafter sind 
als im Wachen. Nach Marie de Manaceine (Sa) betragen die 
visuellen Trämne, welche gleichzeitig akustische Vorstellungen enthalten, 
ungefähr 60 Prozent. Die rein akustischen Träume kommen nur bei 
Musikern vor. Auf 35 Prozent belaufen sich diejenigen visuellen Träume, 
welche mit taktilen, muskulären und thermischen Empfindungen kombi- 
niert sind ; die Geruchs- und Geschmacks träume betragen 5 Prozent. Hacker 
verzeichnete auf 100 persönliche Träume gS visuelle Vorstellungen, 78 

1 Aus meiner Monographie (gi). Hier gebe ich daraus nur das Unentbehrliclie 
wieder. Dieses Kapitel ist auf Grund neuer, seit igii von mir gemachter Erfahrungeo 
verfaßt. 

2 Der differenziellen Psychologie des Traumes ist fast mein ganzes, schon zitiertes 
Buch (89) gewidmet. In vorliegender Arbeit komme ich darauf nur gelegentlich zurück. 



STRIKU R DES TRArMREWl SSTSKINS ?67 

akustische, i6 taktile, i8 kinästhetische, 3 Gcruchs-Geschniacksvorstellungen. 
Diese Ziffern eiiUprei^lieii annäluTiid den Ziffern der Statistik von M. \\ . 
Calkins. Auch die Be>ve^unf,'sträume sind etwas sehr Gewöhnliches. Icli 
habe oftmals bei Schlafenden und sogar bei Tieren rudimentäre Be- 
wegiinfren der Glieder und des Kopfes beobachtet, welche Träumen von 
schnellem Laufen, von Flucht, Verteidigung usw. entsprechen. Wirklich 
gibt es auch im Traume nicht mir eine Menge von Bewegungs Vorstellungen 
an un<l für sich, sontlern auch Ansätze zur Ausführung derselben, 
Versuche, mittels Körperbewegungen die eigenen Traumvisionen gewisser- 
maßen ins Leben umzusetzen. 

Wir kommen nun zu den Wortvorstellungen. Kraef>elin (4i). Meu- 
mann (58) und neuerdings Hacker und Köhler beschäftigten sich mit 
dem Sprechen, dem Lesen und dem Schreiben im Traume. Gestütz! 
auf meine allgemeine Erfahrung kann ich mich damit einverstanden 
erklären, den Vorgang des Schreibens im Traum als selten zu bezeichnen, 
jedoch nicht denjenigen des Lesens. 

Die Erscheinung des Sprechens im Traum ist eine sehr gewöhnliche: 
ich zum Beispiel spreche viel und begleite mit Worten die Bilder und 
die Ereignisse, wobei ich fast immer meine Stimme höre. Es gibt 
jedoch Individuen, welche versichern, daß sie niemals im Traume geredet 
haben (Stumpfheit der verbomotorischen Vorstellungstätigkeit), oder doch 
zum mindesten, daß sie niemals die eigene Stimme im Traume gehört 
haben (Stumpfheit der verboakustischen Vorstellungstätigkeit). Es muß 
sicher große individuelle Verschiedenheiten geben. Für mich hat sich 
jedoch gezeigt, daß der Fall häufiger ist, in welchem beim Sprechen 
im Traume die Artikulationsbewegungen und die die eigene Rede be- 
gleitenden Gebärden wahrgenommen werden. Kurz gesagt: im Traume 
gehört man eher dem verbomotorischen als dem verboakustischen Typus 
an. Die von Worten und Gesten begleiteten, also pantomimischen Träume 
sind selten und ähneln dem Schlafwandeln (Somnambulismus). Die 
ausgeübten Handlungen werden niemals im Gedächtnisse behalten, wenn 
auch der Traum selbst erinnert wird. Im folgenden ein von mir be- 
obachteter Fall. 

1915. Ein Stubenmädchen, welches Kindermädchen gewesen war, träumt, daß ihm 
das Kind aus dea Armen gefallen sei, sich verwxmdet und Blut vergossen habo. 
Die Träumende steht aus dem Bette auf, geht zum Wasserkrug und wäscht \viederholt 
die eigene Brust, mit lauter Stimme sprechend: ,,Ach, armes Kind, wieviel Blut!" 
Am Morgen erzählte das Mädchen seinen schlimmen Traum; von den ausgeführten 
Handlungen wußte es nichts. 

Im Traume finden wir gewölinlich synthetische, das heißt extensive 
(räumliche) und zeitliche Vorstellungen; die ersteren werden aus aktuellen 
Empfindungen oder aus Erinnerungsresten von Eindrücken des Wachseins, 
sei es visuellen, sei es taktilen und inneren Eindrücken oder von vorzugs- 
weise akustischen Vorstellungen gebildet. Aber die räumlichen und zeit- 
lichen Vorstellungen unterliegen im Traume so gründlichen Umformungen 
im Vergleich zu jenen des Wachseins, daß darin eines der hervorstechend- 
sten Unterscheidungsmerkmale zwischen den Bestandteilen des Traumes 
und denjenigen des Wachseins besteht. Eine richtige Einteilung der 
Zeit ist jedoch auch im Traum etwas Gewöhnliches. 



2G8 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Protokoll, ohne Datum (E. G., 21 Jahre alt. Aufgeschrieben am Nachmittag des 
Tages nach der Ps'acht des Traumes). X. telephoiiierte mir: ,, Finde dich l>ei mir 
binnen einer Viertelstunde ein.*" — „Aber ich komme doch nicht mehr zurecht?!" — 
..Doch: 8 Minuten, um dich anzukleiden, und 7, um herzukommen!" Das Geräusch 
der Weckuhr weckt micii auf. (Vollkommen richtig.) 

Es gibt bekanntlich Träume, welche als kurz, und solche, welche als 
sehr lang eingeschätzt werden. Die Zeiteinschätzung im Traume \vurde 
von mehreren Verfassern studiert und erörtert, besonders nach dem be^ 
rüJimten Traum A. Maurys von der Guillotine (Claviere, Tovolowska, 
Pieron, Vaschide, Foucault, H. Ellis, Stepanoff). Viele nahmen an, 
daß der Gedanke eine enorme Schnelligkeit im Traume hätte, und diese 
würde dem Traume sicherlich gestatten, sich vollständig im Augenblicke 
des Erwachens abzuwickeln. Ich habe diese Erklärung bereits bekämpft. 
Ich glaube, daß die Sache folgendermaßen zu erklären ist: die durch 
äußere Reize hervorgerufenen Wahrnehmungen (Ursache des Erwachens) 
werden mit den im Traume vorangegangenen Ereignissen verknüpft, 
dank der Deutung des Träumenden in dem Augenblicke, wo er erwacht 
oder den Traum niedersclireibt. Wir verfügen über so manches Beispiel, 
um sagen zu können, daß die Träume die Dauer haben, welche dem 
Vorstellungsvorgang im Wachen zukommt. Die von einigen gegebene 
Erklärung, daß die Schlußwahrnehmung die Bilder des Traumes, welche 
ihm vorangingen, durch Assoziation hervorgerufen hätte, entbehrt meines 
Erachtens jedweder Grundlage. 

Hacker sagt, daß im Traume die Möglichkeit, sich die Vergangenheit 
und die Zukunft vorzustellen, fehlt. Jaspers ist der gleichen Ansicht; 
ich habe mir keine sichere Meinung gebildet. 

Sehr interessant ist die Analyse des Raumes im Traume. Alle Träume 
werden in das bilaterale Gesichtsfeld vollkommen so projiziert wie die 
im Wachen gesehenen Gegenstände. So gibt es zweifellos ferne Visionen, 
weitausgedelmte Horizonte, Himmelsräume und .Abgründe; der gewöhn- 
lichere Fall ist aber der, daß sich das geträumte Ereignis in einem 
kleinen Räume vollzieht, wie etwa einer Kammer, einer Straße, einem 
Platze. Es versteht sich, daß bezüglich des Raumes der Traum häufig 
unsinnig ist. Aber wenn man genau zusieht, findet sich diese unsinnige 
Darstellung des Raumes auch in der Kunst. Beredte Beispiele zeigen 
uns die Malerei und die Dichtkunst. 

Der Traum ist voll von jenen Vorstellungsgruppen, welche Ziehen 
J.Konstellationen" nannte. Die Ideen kehren mit ihren gewöhnlichen 
Begleitideen wieder, ausgestattet mit ihrem Gefühlston, und schließen sich 
in festen Gruppierungen um gewisse den Kern bildende Elemente zu- 
sammen. 

Sicher finden sich im Traume sogar Urteile und Überlegungen wie 
im ordentlichen Bewußtsein, Es wäre unrichtig, zu sagen, daß im Traum 
immer, schon dem Begriffe nach, die Logik fehlt. Köhler fand, daß 
in seinen Träumen die Urteile nur selten falsch waren (nur k Prozent). 
Die Schlußfolgerungen waren seltener als die Urteile und waren zu 
I Prozent falsch, während zu 20 Prozent mittelbare und 80 Prozent un- 
mittelbare Schlußfolgerungen waren. 



snU KTüK DES TRAl MIWOWUSSTSEINS 269 

Thompstm ' (io8), sich der .Nh-sinunf,'' von (ialkiiis anschlieliend, bo- 
hauptot mit' (inind konkroter lUM)lxicliluii^'«'n, dalS t l)erk'^'unjL,'vii, GtMlanken 
und Kritik sich, wcnti aucli .selten, in doii Träimu'ii t'ind«Mi köiiiu'n. 

In dor Tal iiahnion dies auch dio allen Autoren an, jinIocIi suchten 
sie <Lie tlx^rle^ung^en im Traum«' mit dem VN t\-h.s«'ls|)ielo der Bilder zu 
erklären (Scholastiker). Nach meinem Dafürhalten kann diese Krklärung 
in einigen FiUlen gelten; in anderen aber nicht. Wie später gesagt 
werden wird, ist das, was im Traum Urteile fällt, das VVachbovußLsoin ; 
demnach ist eine andere Erklänuig überflüssig-. 

Ich beobachte, daß ich im Traum in den meisten Fällen Ereignisse 
erfinde \Hid L rteile fälle, welche sich auf Personen und Sachen beziehen, 
sogar l rteile wissenschaftlicher Art. Zuweilen aber enthalten meine 
Träume unglaubliche Naivitäten, welche ich nach dem Erwachen all- 
mählich verbessere. Im folgenden Traume wehrte sich das Traum- 
bewußtsein gegen eine Ungereimtheit. 

Protokoll. 39. November 1919, nachl.s (V. R., Studentin). Ich träume, daß sclir 
schlechtes Wetter ist. Ich schaue durch die Fensterscheiben hinaus. Es regnet ia 
Strömen, dann sclineit es. Ich bin höchst erstaunt; denke: Aber es ist warm! — 
Ich öffne die Feiustcr. fühle die von draußen kommende warme* Luft de« Sciiirokko; 
ich sage und denke: ...\ber wie ist das möglich?, der Schnee müßte auftauen!" 
Lnd dennoch überzeuge ich mich, daß es schneit. 

In dem folgenden Protokoll erscheint der Traum in hohem Grad 
intellektuell, übrigens reich an kinästhetischen Elementen. 

Protokoll. Naciit auf den 20. Juni 1914 0'. R., Studentin). Den Abend vorher 
studiere ich das logarithmische Gesetz von Fechner; ich begreife es aber nicht. Ich 
schlafe sofort ein. Ich habe sehr lebhafte, schnelle Träume von Gegenständen aus 
der Psychologie mit undeutlichen Bildern des Raumes . . . Was darin herrscht, ist 
das ,. Eilen meiner Gedanken". Ich habe den Eindruck, vorwärts zu gehen, vorwärts, 
immer vorwärts . . . Ich habe außerdem den Eindruck, micli gegen jemanden aufzu- 
lehnen und großen Widerstand zu finden. Ich weiß nicht, um was es sich handelt; 
auf einmal rufe ich: „Ja, ja, ich begreife es. Es ist das logarithmische Gesetz." 
Ich schüttle mich und bin halb wach; Gefühl großer Müdigkeit. Es gelingt mir 
nicht, mich zu I>ev^egen ; ich wiederhole: ,,Das logaritlimische, das logarithmische!" 
Gefühl der Anstrengung und der Ermüdung im Kopfe; immer wieder ertönt das 
NNort. Endlich, wie von einem Alpdrucke erlöst, wache ich vollständig auf und 
sehe das Licht. Ich habe den Beweis des logarithmischen Gesetzes höchst klar im 
Kopfe. Ich bin ruhig, ich schlafe wieder ein. 

Zuweilen habe ich selbst Träume, in welchen feine Kritik und genaue 
ästhetische Urteile vorkommen. 

Protokoll. Nacht auf den 18. Dezember 191^; eine halbe Stunde nach dem 
Envachon aufgeschrieben. Ich habe geträumt, meinen Landhausgarten mit einer Aus- 
schmückung versehen zu haben, welche bei joder Biegung der Pfade angebracht war. 
Es ist ein großer Schild aus Lederriemen hergestellt, welche ineinander verflochten 
und grün bemalt waren, jeder Riemen aus dem Schilde heraushängend. Ich findo 
jedoch, daß verschiedene Einzelheiten der Verzierung nicht harmonisch sind; ich tadle 



1 Diese Schrift Thompsons ist sehr interessant bezüglich der Fragen der Individual- 
Psychologie des Traumes. 

2 Aristoteles in dem Werke ,,Über die Träume", I, 4, schreibt folgende Worte, 
welche mir sehr bedeutungsvoll erscheinen : ,.Ich halte dafür, daß nicht alles das, was 
wir im Sclilafe sehen, ein Traumbild sei und daß wir mit Hilfe der Vorstellung vor- 
stellen, was wir einsehen." 



270 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TR.\LMES 

deshalb meinen Sohn, welcher der Ausführende meines Entwurfes war. Lebhafte 

Auseinandersetzung. Ich mache eine Zeichnung, welche ich beim Erwachen ganz 
klar im Gedächtnis habe. Einen Tag nach dem Traume, 19. Dezember 191 4, habe 

ich die geträumle Verzierung aufgezeichnet und einem Künstler gezeigt, mit der 

Bitte mir zu sagen, wer, ich oder mein Sohn, in der geträumten Auseinandersetzung 

recht hatte. Der Künstler erkennt an, daß die Zeicimung schön ist und daß in 
der Auseinandersetzung ich vollkommen recht hatte. 

Wundl sagt, wie die Mehrzahl der Psychologen, daß im Traume der 
\Ville fehlt. In gewissem Sinn ist dies wahr; der Wille, sei es, daß 
er als Autonomie des Individuums, sei es, daß er als Gesamtheit aller 
Willensvorgänge aufgefaßt werde, ist im Traume nicht uneingeschränkt 
wiederzufinden, auch weil im Traxmie der Wille nicht über sein spezifisches 
Organ, den Bewegungsapparat, verfügt. Auch die alten Philosophen er- 
klärten mit Übereifer, daß im Traume die Willensfreiheit aufgehoben, 
tmd daß das, was gewollt zu sein scheint, nur die Einbildung einer 
Willensfreiheit sei. Dugald Stewart 1, welcher Interessantes über den 
Traum schrieb, behauptete, daß im Traume der Wille nicht fehle, nur 
seien ihm die Organe nicht gehorsam, und führte als Beispiel den Alpdruck 
an. Der Philosoph Galuppi (29), welcher Dugald Stewart konunentiert, 
setzt auseinander, daß sich im Tramne die Gefühle des Wollens, al^er 
nicht das Wollen selbst darstelle. Wenn auch die Willensakte im Traum 
in ihrer Entwicklung von einem beliebigen phantastischen Bilde gestört 
sein können, und wenn auch eine Dissoziation zwischen Urteil und 
Wille eintreten kann, so daß der Willensakt nur scheinbar ist, so ist 
es doch gewiß, daß dieser Fall zuweilen nicht eintritt. 

Das Vorhandensein der „Aufgabe" und einer determinierenden Tendenz 
im Traum im Sinne von Ach habe ich mehrere Male erlebt (abgesehen 
natürlich von der Erinnerungstäuschung). 

Hacker und P. Köhler untersuchten auf Veranlassung von 0. Külpe, 
ein jeder für sich, ob es im Traume Gedanken gebe. Hacker fand 
in seinen Träumen sehr oft die Dissoziation zmschen Gedanken und Vor- 
stellungen (Bedeutimgsbewußtsein, Beziehungsbewoißtsein usw.), ebenso 
auch Köhler (Bedeutungsbe^^-ußtsein, Beziehungsbewußtsein, Regelbe\vußt- 
sein, Erfindung, determinierende Tendenz usw.) -. 

Hacker fand, daß gewisse Worte von ihm im Traume nicht verstanden 
ANTU-den, während sie sofort nach dem Erwachen verständlich waren; das 
war dadurch verursacht, daß im Traume Dissoziation zwischen dem Emp- 
findungsinhalt und dem BewTißtsein von seiner Bedeutung bestand. Diese 
Tatsache läßt sich bestätigen, wenn auch nicht so oft, wie Hacker meint. 
Wie dem auch sei, schließt sie nicht aus, daß in anderen Momenten des 
Traumes die Bedeutung jedes beliebigen, auch abstrakten Wortes genau 
wie im Wachsein verstanden wird. 



^ Dugald Stewart: Elements de la Philosophie de l'Esprit humain; Iraduit de 
1 anglais. Tome second, Geneve, 1868, S. 80 ff. 

-' Hacker legt Wert darauf, diese Traumgedanken zu unterscheiden vom 
Unbewußten im Sinne von Freud, und meint, daß es sich nicht um ..Entstellung", 
wohl aber um ..Abweichungen" vom Seelenleben im Wachzustande handelt, 
als eine Folge des besonderen physiologischen Zustandes des Gehirns im Schlafe. 



STRlkTLH DES TKAl MÜLWUSSTSEINS 271 

Bew-ulitseinslagen (Bewußtheiten nach Ach, atliludes der Ame- 
likanerl boobachtote auch Köhler in 5o seiner Träume. Ich fand 
dies alh's durcl» meine jxM-süidiche Erfahrung bestätigt. Meine später 
als i(|i'i aulgcnonunenen l'ndokolle Ix^tätigen es ebenfalls (94;- Es 
versteht sich wohl, dali icli niich zurückhalle bezüglich der .Vuslegung 
ähnlicher Erfahrungen, wie sie von Bühler und anderen der Külpeschen 
Schule vorgebracht worden sind. 

Mit den Traumvorstellungcn sind affektive Zustände verbunden, welche 
zuweilen eine große Stärke erreichen. 

Die intensiv affektiven oder emotionellen Träume sind sehr häufig, 
ihr Vorhandensein wird nicht nur vom Träumenden beim Erwachen be- 
zeugt, sondern läßt sich auch objektiv während des Traumes selbst er- 
weisen. Wichtig ist die Bemerkung Hackers, daß die intensiv affektiven 
Träume im tiefen Schlafe fehlen. Seit 1896 bin ich (86) überzeugt, daß 
der interessanteste und sozusagen beständigste Teil des Traumes der affek- 
tive Zustand ist, während die Vorstellungen überaus flüchtig und ver- 
änderlich sind. Die affektiven Zustände des Traumes sind die wahre und 
innere Stimme, welche die Wünsche des Schlafenden enthüllt; sie leiten 
den Vorstellungsinhalt in seinem Entwicklungsgange. Es kommt im 
Traume dasselbe vor wie bei den Melancholikern, bei denen die Vor- 
stelltmgen die Erklärung für ein bereits bestehendes affektives Bedürfnis 
liefern ; eine Auffassung, welche sich so gut schon bei Griesinger aus- 
gedrückt findet. 

Frau von Manaceine stellte fest (indem sie sich auf die 5 Jahre 
hindurch bei 87 Personen durchgeführten Beobachtungen stützte), daß 
die Eindrücke, welche die Aufmerksamkeit während des Wachseins am 
meisten in Anspruch nehmen, niemals das Gewebe der Träume bilden. 
Dasselbe sagten andere Beobachter vor und nach Frau von Manaceine, 
Eine meiner Mitarbeiterinnen teilte mir mit: „Ich beobachte seit beinahe 
einem Monate meine Träume, gerade weil mein Wachbewußtsein aus- 
schließlich von einem einzigen Objekte beherrscht Avird und ich mir 
Rechenschaft zu geben wünsche, ob es in meinen Träumen wiederkehrt. 
Doch sind die Träume immer dürftig, sehr verblaßt und vor allem in- 
different. Nur sehr selten und auch dann nur flüchtig kommen Bruch- 
teile von Dingen vor, welche mein vorherrschendes Gefühl betreffen." 

Dies stimmt für Objekte, welche gleichzeitig stark affektbetonte Kom- 
})lexe bilden. Zweifellos werden unsere Gemütsbewegungen und gewohnten 
Gedanken wieder hervorgerufen; jedoch nicht die stärksten Gemütsbe- 
wegungen und auch die andauerndsten. Ich bestätige die Tatsache, daß 
im Traume die Gefühle der Spannung, hingegen nicht die Gefühle 
der Lösung wieder auftreten (ich bediene mich der Terminologie von 
Wundt in seiner dreidimensionalen Gefühlstheorie). So träumt man die 
Gemütsbewegungen des Zweifels, der Erwartung, des Wunsches, des Er- 
strebens. Außerdem ist der Traum in hohem Grad egoistisch. Wenn 
eine Tatsache uns nichts angeht, selbst wenn sie im Wachsein vms eine 
starke Erregung erzeugt hat, so erscheint sie gewöhnlich im Traume 
nicht wieder. 



272 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TILVUMES 

ßoi Kindern ist die Wiederholung der Tageserregungen, gleichviel von 
welcher Stärke — namentlich vom vorangegangenen Tage — in den Träu- 
men häufiger als bei Erwachsenen. Dasselbe kommt bei «den psychasthe- 
nischen und melancholischen Erwachsenen vor, bei denen es so weit kom- 
men kann, daß das Traumbewußtsein durch das Fortbestehen der Inhalte 
des Wachbe\vußtseins gehemmt wird. Die von mir beobachteten Fälle 
sind zahlreich. Eine schwer psychasthenische Frau träumte, nachdem sie 
ihre Mutter verloren hatte, während einer langen Reihe von Nächten von 
der Verstorbenen und von deren Begräbnisfeier, wobei sie Tag und Nacht 
in trostloser Weise litt. Als einen der neuesten Fälle kenne ich einen 
60 jährigen Mann mit Gehirnarteriosklerose, welcher mit einer Zahlen- 
manie behaftet war. Dieser Kranke also träumte viele Monate hin- 
durch, nämlich solange ich ihn unter Beobachtung hatte, unablässig von 
Zahlen und Rechnungen; so sehr, daß ihti dieses im Schlaf ermüdete 
und er deswegen von mir Erleichterung verlangte. Die Schlafmittel hatten 
den Erfolg, den Kranken weniger träumen zu lassen (wahrscheinlich Ver- 
tiefung des Schlafes mit verminderter Erinnerung an die Träume). 

Bei gesunden Menschen kann man dieselbe Tatsache vorfinden (Berufs- 
träume) ; dann aber ist der Grefühlsfaktor niedriger oder fehlt geradezu. 
Bei großen Seelen ist das Fortdauern der vorherrschenden Ideen auch im 
Traume hochpoetisch. Wir finden z. B. bei Homers Agamemnon und 
Achilles Träume, welche die vorherrschenden Gredanken der Helden wider- 
spiegeln. 

Ein affektiver Zustand, der mit besonderer Häufigkeit im Traume 
wiedererscheint, ist die Furcht. Man träumt das, was man fürchtet, 
insbesondere das, was man im geheimen fürchtet. Zuweilen bilden die 
Befürchtungen des Wachseins das Gewebe stereotyper Träume. Gewöhn- 
lich werden auch die Liebe, der Hunger und der Durst im Traume wieder 
lebendig, und oft wird im Traume der Wunsch des W^achseins erfüllt. 
Lehrreich sind des Hungerkünstlers Succi Träume vom Hungern, welche 
ich im Jahre iSgS studierte. 

Es gibt keinen Zweifel darüber, daß man leicht von der Frau träumt, 
um welche man vergeblich wirbt, wie auch von den Speisen und Ge- 
tränken, die man sich zwar wünscht, aber nicht erhalten kann. Aus 
meiner persönlichen Erfahrung ergibt sich, daß im Traume der Wunsch 
wieder auftritt, der unsere Seele im Wachsein in Spannung hält, oder der 
unter sonstigen affektiven Zuständen und unter gewöhnlichen Beschäfti- 
gungen versteckt im Unterbew^ußtsein arbeitet. Dies will jedoch nicht 
sagen, daß im Traum unsere Wünsche befriedigt werden. Die im Traum 
erfolgende Wunscherfüllung ist gewiß eine gewöhnliche Tatsache; aus 
meinen Beobachtungen ergibt sich aber, daß sie in Beziehiuig zu einer 
eigenartigen physiologischen Verfassung steht. Es gibt Individuen, die 
vom G^scldechtstrieb auch im Traume gequält werden, welche das Ver- 
langen träumen, aber nicht seine Erfüllung. Es gibt hingegen andere, 
bei denen das Verlangen verwirklicht wird. Der geträumte Beischlaf 
(ohne physiologische Begleiterscheinung) mit Befriedigung ist etwas Sel- 
tenes im Vergleiche zum häufigen Wiederträumen des begehrten Weibes. 
Der Traum ist also das Reich unseres Sehnens, unserer Befürchtungen, 



HERKl NFT [)I-S TRAUMMATERIALES 273 

' ■ 

der verdrängton Rt'^'ung«n; unseres Stolzes und unserer Wollust, aber 
nicht immer das glückselig© Reich der Verwirklichung unserer Wünsche. 
Meine lange Erfaluning hat mir gezeigt, dali im Traum alle Gefühle 
ohne Ausnahme witxierorzeugt worden; mithin auch diejenigen, welche 
als moralische oder ethische bezeichnet werden'. Das will besagen, daü 
im Traume die moralischen Eigenschaften des Träumers sich nicht mehr 
und nicht weniger als im Wachsein enthüllen können; mit anderen Worten, 
dalS es TrauminhalLe gibt, welche im Traum als moralisch oder als un- 
moralisch vom Träumer bewertet werden, und dali in einem Traume, 
dessen Inhalt als unmoralisch erachtet wird, vom Träumenden Reue emp- 
funden werden kann. Beobachtungen vom Jahre 191 4 ab bestätigen mir, 
was ich bereits früher festgestellt hatte, nämlich, daß ich bei Individuen, 
die nach meiner Kenntnis und nach anderweitigem Zeugnis mit feinem 
nwralischen Empfinden begabt und von tadellosem Lebenswandel waren, 
verbrecherische Träume niemals beobachtet habe, die 
bis zu Ende durchgeführt und ohne gleichzeitiges Ge- 
fühl von Mißbilligung, von Widerstreben oder von Ge- 
wissensbissen im Traum erlebt worden wären. 

Protokoll einer Nacht von 191 5 (Dr. Consoni, Psycholog, 4o Jahre alt). Ich be- 
finde mich in einem Kaffeehause und habe das BewTjßtsein, ein blutiges Verbrechen 
begangen zu haben. Ich überlege: Ich bin also ein Mörder, demnach wird man nach 
mir fahnden ... — Peinliches Gefühl wegen des Verbrechens, echte Gewissensbisse; 
Angst vor der Gefahr, verhaftet zu werden. 

B. HERKUNFT DES TRAUMMATERIALES ODER DER KOMPO- 
NENTEN DES TRAUMES 

Es ist klar, daß das Material entweder «von außen kommt (Empfindun- 
gen von Reizen, die während des Schlafes einwirken) oder von innen (Er- 
lebnisse, die im Wachen bereits bewußt oder unterbewußt waren). Wir 
werden übrigens weiter unten sehen, daß der Traum in der Weise die 
Empfindungen während des Schlafes verarbeitet, daß man von un- 
mittelbarer und mittelbarer psychischer Herkunft besser als 
von somatischer 2 oder psychischer Herkunft der Traumkomponenten reden 
kann. 

Über die Herkunft des Traummateriales herrschte unter den Psychologen 
stets Meinungsverschiedenheit. Einige schätzten den Einfluß des äußeren 
Reizes gering, während andere den ganzen Traum von unmittelbaren 
Empfindungen abhängig sein ließen, insbesondere aber von organischen, 
in dem Grade, daß sie erklärten, die Träume wären nicht Halluzinationen, 
sondern eher Illusionen. 



1 S. Freud widmet diesem Thema einige Seiten (27, S. /j^). Der Verfa.s.ser bet- 
richtet über die Auffassung verschiedener Autoren. 

2 Es ist ül>erflüssig, noch von einer somatischen Theorie, im Gegensatz zu einer 
psjchogenetischen Theorie der Träume zu sprechen. Freud neigt dazu, den äußeren 
Ursprung der Träume zu unterschätzen, weil er einen bestimmten Zweck im Traume 
annimmt, derart, daß die unmittelbaren Empfindungen von den übrigen psychischen 
Aktualitäten in sich aufgenommen und verarbeitet werden (27, S. 170 u. 171 ff.). 

18 Kafka, Vergleichende Psychologie III. 



274 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Mir scheint, daß dieser Meinungsverschiedenheit ein Mißverständnis zu- 
grunde liegt. Nach unseren Feststellungen über die physiologischen Be- 
dingungen des Traumes kann man sich nicht vorstellen, daß dieser aus 
der festgewordenen Erfahrung des Wachseins oder aus den unterbe- 
wußten Tiefen ohne äußeren Reiz entspringt. Deshalb könnten in diesem 
Sinn alle Träume „Illusionen" genannt werden, insoweit, als der Sinnes- 
oder organische Reiz irgendeinen psychischen Inhalt wdederer weckte, 
welcher das erste, gewiß nicht außerhalb des Inhaltes des Traumes selbst 
befindliche Glied der Traumkette darstellen vmrde. Mit dem Hinweise 
darauf, daß wir die Beschaffenheit der organischen Anreize nicht kennen, 
wird die Gewißheit dessen nicht verringert, daß jene Reize während des 
Schlafes wirken und einen Einfluß auf den Traum ausüben. Weil sich 
aber die organischen Reize unserer Kontrolle entziehen, während wir 
uns von der Beschaffenheit der Sinnesreize besser Rechenschaft ablegen 
können, mag man inunerhin die alte Unterscheidung zwischen 1 1 1 u - 
s i o n s - und Halluzinationsträumen aufrechterhalten, 'indem man 
den letzteren Begriff auf die durch innere, unkontrollierbare Reize 
hervorgerufenen Träume einschränkt. Doch wird der Reiz, woher immer 
er stammen möge, von der individuellen Tramnphantasie verändert und 
verarbeitet 1. 

Es ist klassisches Wissensgut, daß der Ursprung der visuellen Vorstel- 
lungen im Traume zum großen Teile peripherisch ist (Hyslop, Ellis, 
de Manaceine, Weigandt und viele andere). Ladd (44) hatte mit zahl- 
reichen Einzelheiten bewiesen, daß die optischen Elemente der Träume 
imd die Gesichtsbilder, die uns schon erscheinen, wenn das Auge ge- 
schlossen ist, zum großen Teile dem physiologischen Zustande des Or- 
ganes zuzuschreiben sind: Erweiterung der Blutgefäße in der Hornhaut 
oder den Lidern, Veränderung des äußeren Lichtes, Lage im Bett usw. 
Die farbigen visuellen Träume werden durch subjektive Erregungen des 
Auges hervorgebracht. Dies ist eine alte Beobachtung von Johannes 
Müller. Baldwin nannte diese Erregungen: unterbewußte Sug- 
ges tionen. 

Gewiß sind die durch augenblickliche sensorische Erregungen hervor- 
gerufenen Träume sehr häufig. Was die taktilen und muskulären Kom- 
ponenten betrifft, sind die Beobachtungen einigermaßen unstimmig. 
Wundt (ii8, S. 366 ff.) sagt, daß im Traume die Bewegungsvorstellungen 
unmittelbar entstehen, d. h. von aktuellen Reizen hervorgerufen werden. 
In der Hauptsache ist das richtig; aber man kann die Möglichkeit der' 
Reproduktion von taktilen und muskulären Eindrücken des Wachseins 
nicht leugnen, auch nicht das Wiederauftauchen kinästhetischer Bilder, 
die von den Vorstellungen oder den Gedanken dissoziiert sind, mit welchen 
sie im Wachsein verbunden waren. Ich habe jedoch im allgemeinen 

^ Chr. Wolff schreibt: „Omne somnium initium capit a sensatione et per phan- 
tasrnalum successionem continuatur" ; aber in einem anderen Paragraphen fügt er 
hinzu: ,,si in duabns personis somnium initium capit ab eadem sensatione aebili^ 
somnia tarnen diversa sunt." Vgl. Psychologia empirica methodo scientifico pertractata 
etc. Autore Christiane Wolfio etc. Francofiurti et Lipsiae, 1732. Er spricht von 
den Träumen vtMi Seite 77 bis 89. 



HERKUNFT DKS TKAl MMATKKIALES 275 



an der Aktualität der tiiktilen und muskulären Empfindungen im Traum 
und an der Ableitung der anderen Traumvorstellungen aus ihnen festge- 
halten. 

Icii bestätige die Einwirkung der meteorischen Verhältnisse auf die 
Tramntäligkeit (meteorische Sensibilität). Greise, Demente und Idioten 
sind diejenigen, welche sie am deutlichsten spüren; aufSerdem unter- 
liegen den Einflüssen derartiger äußerer Bedingungen gewisse Kranke, 
welche dem Weclisel der Atmosphäre, der Feuchtigkeit, dem trockenen 
Wetter, den Föhn- oder Nordwinden gegenüber, auch während des Schla- 
fes, äußerst empfindlich sind. Es mag seltsam erscheinen, aber ich 
möchte sagen, daß wir von den atmosphärischen Kräften (und allgemein 
gesagt, von unserer physischen Umgebung) am unabhängigsten sind, wenn 
wir vmser Bewußtsein und unsere Hemmungsfähigkeilen voll beherrschen, 
daß wir dagegen ihrem Einfluß in der entgegengesetzten Verfassung am 
stärksten unterliegen. 

Von einer ganz besonderen Wichtigkeit ist die Frage, ob die Sprache 
im Traume peripheren oder zentralen Ursprung hat (unmittelbare Er- 
regung der Sprachzentren in der Rinde). M. Vold imterscheidet verschie- 
dene Arten, wie das Sprechen im Traume vor sich geht; entweder bezieht 
es sich auf ein Gespräch im Wachen, insbesondere auf ein solches vom 
vorangegangenen Abend, ohne daß im Traum eine Ursache für seine 
Entstehung nachweisbar wäre, oder es kann sich um ein durch Asso- 
ziation hervorgerufenes Sprechen handeln. Die Spur des Abends hat 
andere Spuren geweckt und im Traum offenbart sich plötzlich diese 
latente Energie durch das Auftauchen desselben oder eines ähnlichen 
Wortes. In einigen Fällen sind die Worte des Traumes dem Klange nach 
denen des Wachens ähnlich. Ein Wort kann sich einem anderen ohne 
irgendein logisches Verbindungsglied anschließen, weil zwei Teile des 
Sprachzentrums, diu'ch je ein von dem anderen unabhängiges Wort des 
Tages beeinflußt, in demselben Augenblicke des Traumes in Tätigkeit 
treten, so daß sich daraus als Synthese ein in seinen Teilen nicht zu- 
sammengehöriges Wort ergibt. Ich bemerke beiläufig, daß wir dieselbe 
Tatsache bei gewissen Hypophasikern beobachten. Eine andere Form 
der unlogischen Wortverknüpfung ist nach M. Vold die sukzessiv-syn- 
thetische, bei welcher ein in einem gewissen Momente des Traumes auf- 
tretendes Wort ein anderes vermöge der Ähnlichkeit des Klanges hervorruft. 

Zuweilen handelt es sich um einen Reim der Endsilben, zuweilen um 
die Assonanz (den Gleichlaut der Anfangsbuchstaben von zwei oder meh- 
reren Wörtern, die aufeinanderfolgen). 

Einer meiner Freunde (Venezianer) träumte von Venedig (November 
1919). Er befand sich in ,,C a n n areggi o" in Betrachtung versunken. 
Nach und nach sieht er, daß sich der Stadtteil umgestaltet; er war in 
„Viareggio". Hier scheint mir die Klangassoziation klar vorzuliegen. 

Die Wortvorstellungen im Traume können auch von aktuellen peripheren 
Reizen erweckt werden, natürlich nicht immer. M. Vold hat in dieser 
Hinsicht sehr interessante Versuche gemacht imd Betrachtungen angestellt. 
Er geht von der Beobachtung aus, daß bei Schlafenden der Mund zumeist 
trocken ist, und zwar infolge des Umstandes, daß er halbgeöffnet und 



18» 



276 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

die Zunge leicht hervorgestreckt gehalten wird. I>er geöffnete Mund 
erregt zum Teil Vorstellungen von Geschmack, Berührung, Druck, Pfeifen, 
Singen, Lachen; zum Teil ruft er das Traumbild des geöffneten Mundes 
bei einer anderen Person hervor, und schließlich löst er geradezu Wort- 
vorstellungen aus. Der Lautbildungsapparat ist im Traume von großer 
Wichtigkeit, nicht nur für die Worte, welche ausgesprochen, sondern 
auch für die, welche vernommen werden. Oft ist es, wenn man beim 
Erwachen ein Gespräch aus dem Traume wieder überdenkt, schwierig, zu 
sagen, ob es sich um motorische oder um akustische Vorstellungen 
handelt, ob um vernommene oder um selbstgesprochene Worte. Vold ist 
nun der Meinung, daß die Stellungen oder die schwachen Bewegungen 
des Sprachorganes che Ursache der im Traume vemonamenen Worte, wenn 
auch nicht immer, bilden. Der halb geöffnete Mund mit den etwas 
vorspringenden Lippen erzeugt bestimmte Laute (die labialen) ; wenn 
die Zimge hinter den Zähnen belassen wird, ergeben sich andere (die 
dentalen) usw. Ich besitze keine Erfahrungen, durch welche diese Be- 
merkimgen Volds bestätigt würden. 

Zuweilen wiederum werden die Worte des Traumes im Sprachapparate 
von bestimmten peripheren Zuständen der Haut und der Muskeln hervor- 
gerufen, weil das Sprachzentrum vom Zustand© der Haut und des 
Muskelapparates beeinflußt werden kann. Natürlich können die von 
den Muskelerregungen hervorgerufenen Worte ebensowohl der Mutter- 
sprache des Träumenden als auch einer fremden Sprache angehören. 
Ebenso existieren solche Worte nicht immer als im Traume gehört oder 
ausgesprochen, sondern sie können auch als geschrieben geistig geschaut werden. 

Mourly Vold hat also, entgegen der Meinung vieler neuerer Autoren, 
die große allgemeine Bedeutung der Empfindungen während des Schlafes 
als indirekter oder direkter Erreger der verschiedenartigsten Traum- 
vorstellungen betont. 

Wie dem auch sei, gewiß werden im Traume Wortneubildungen ge- 
schaffen, wie Kraepelin (40, S. ^22 f.; /ii) und ich selbst wiederholt 
gezeigt haben; und dies stellt eine zweite Analogie zwischen dem Traum 
und gemssen chronischen Psychosen wie der Dementia praecox und der 
Paranoia dar. Die Wortneubildungen können allerdings peripheren 
Ursprung haben, zumeist aber entstehen sie aus Verschmelzungen ge- 
träumter Worte (94)- In manchen Fällen gelingt es leicht, den Ursprung 
der Wurzel cnler der ersten Silbe zu erkennen, während uns die Endung 
oder die zweite Silbe dunkel bleibt. Ich erinnere mich hier einer meiner 
Wortneubildungeni im Traume: Grad. Ich fand alsbald, daß gra . . . 
aus der am Abend vor der Traum^nacht vorgenommenen Lektüre ent- 
sprungen war, und zwar aus derjenigen der Legende des heiligen Grals, 
konnte aber nicht die Herkunft des Endbuchstaben ,,d" begreifen. 

Was die innerorganischen und die kinästhetischen Vorstellungen betrifft, 
so ist es nicht ausgeschlossen, daß sie im Traume wieder aufleben können 
durch unkontrollierbare (unmittelbar aus den entsprechenden Rindenge- 
bieten entspringende?) Reize, wie es bei Hypnotisierten und bei Hysteri- 

1 Neubildung nalürlicli nur im Italienischen. 



HERKl.NFT DES THAlMM ATEHIALKS 277 

sehen in der Phase der Ucfres^ion <k*r IVrMinlichkcil (S<>llier) einzu- 
treten pflcfrt; iibiT auch diese \on>tellunf'on leben gewöhnlich durch 
die Einwirkung {>exipherer Erri'igvyigen wieder auf. Viele Psychiater 
nahmen bei H)|K»chondern einen zentralen Ursprung ihrer Wahnideen 
an, andüj^ aber und ich M^lbst verzeichneten bei Melancholikern, l>enienten, 
Paranoiden und Senilen den Sachverhalt, daß die Wahnideen von einer 
psychisciien Umbildung durch \ orändcrungen der (lemeingefühle geschaffen 
werden, welche aus Veränderungen der Empfindlichkeit einiger innerer 
Organe entstehen. Es ist bemerkenswert, tlali die kinästhetischen und 
von den inneren Organen herrührenden Empfindungen, da sie von einem 
unverkennbaren (iefühlston begleitet werden, eine besondere Bedeutung 
im Traum annehmen und daher ganz eigenartige Träume verursachen 
können, z. B. : Al|)drücken, gewisse lange, traurige Träume, Träume vom 
Ersticken, vom Stürzen aus großer Höhe, vom Tode usw. 

Im Traum also überwiegt das Gemeingefühl über die Sinnesempfin- 
dungen, aber in den meisten Fällen werden die organischen Empfindungen 
nicht direkt zu Traumvorstellungen, sondern werden zumeist durch 
.\ssoziation in andere Vorstellungen übersetzt, welche aber — imd das 
ist von größter Bedeutung — zuweilen den Gefühlston annehmen, der 
mit der lu^prünglichen Empfindung verbunden war. Bei einem Knaben 
verwandelte sich eine unangenehme Empfindung am Fuß in den Traum 
eines Spieles mit den eigenen Genossen um; aber das geträumte Spiel 
wurde von imangenehmen Gefühlen physischer Ermüdung und Ver- 
drießlichkeit begleitet. Zuweilen scheint es, daß der Gefühlston der 
ursprünglichen \ iszeralempfindung vom Gefühlston der sekundären 
Empfindung überwogen wird. So ist es eine gewöhnliche Tatsache, 
daß der lästige Zustand der starken Anfüllung der Blase eine geschlecht- 
liche Erregung hervorruft und diese wiederum einen affektiven Zustand 
lustvoller erotischer Begierde. Ich habe mehrere Male bei jimgen Mädchen 
die Tatsache verzeichnet, daß die Erfüllung der erotischen Begierde 
gerade mit dem Abgänge von Urin während des Schlafes zusammenfällt. 
In gewissen Fällen endlich tauchen Bilder begehrter Frauen aus den 
aufgespeicherten Erlebnissen des Wachseins im Augenblick einer un- 
angenehmen Empfindung in den inneren Organen auf, und dann nimmt 
der Traum einen sehr seltsamen Charakter an. 

Es ist bekannt, daß kleine, von zu starker Anfüllung des Magens 
(57) erzeugte Störungen der Herztätigkeit und Atmung in sekundärer 
Weise Träume von schnellem Laufen, schwerer körperlicher Arbeit oder 
auch von Schweben oder von Fliegen zustande bringen (L. Strümpell). 
Deshalb entspricht die Meinung derjenigen nicht den Tatsachen, welche 
besondere Magen-, Atmungs- oder Herzträume beschrieben. Es ist nicht 
berechtigt, so zu spezifizieren, weil das viszerale Nervensystem (sym- 
pathisches System) selbst an alle anderen Teile des zerebrospinalen 
Nervensystems angeschlossen ist, und wenn eine Erregung bei der Rinde 
anlangt, können verschiedene psychische Vorgänge zustande kommen, welche 
nicht von der Quelle, aus der die Err^rung entsprang, Kunde geben. 
Und von neuem stoßen wir hier auf jenen Vorgang der Umbildung 
im Traume, welche ich im nächsten Paragraphen behandeln werde. 



278 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

C. INHALTE DES WAGHBEWUSSTSEINS, UNTERBEWUSSTSEIN 
UND INHALT DER TRÄUME. 

Zum Thema, welches wir behandeln, gehört die viel erörterte Frage 
über den Einfluß der jüngsten Erlebnisse des Wachbevvußtseins auf 
den Traum. Ich habe die Ansicht vertreten tuid vertrete sie noch, 
daß die jüngsten Erlebnisse des Tages zu einem sehr hohen Prozentsatz 
in unsere Träume eindringen, wenngleich umgebildet und manchmal nur 
nach einer einfachen AutopsychoanaJyse erkennbar. 

Protokoll. Nacht des 2. Dezember 191/i. Niedergeschrieben sofort nach dem Er- 
wachen. Ich bin vor Gericht, es wird verhandelt, man spielt die Marseillaise; ich 
sehe den Professor Dubois aus Bern, aber viel jünger; ich bleibe im G«richtssa] 
mit einer jungen, brünetten Frau; ich verliere mehrere Male den Hut. Es ist ein 
langer Traum, lebhaft, bis in die Einzelheiten ausgeführt, alles gut zusammenhängend. 

In diesem Traum erkenne ich sofort die folgenden Elemente aus dem 
Wachbewußtsein wdeder: 

Gerichtshof — ich hatte bei Gericht zwei Tage vor der Nacht des Traumes 
ein Gutachten abgegeben. 

Marseillaise — man hörte sie ununterbrochen auf den Straßen spielen. 

Professor Dubois — wegen des Aufschubes des Neurologenkongresses in Bern 
hatte ich gerade einen Tag zuvor an Professor Dubois geschrieben. 

Junge, brünette Frau — ich verliere den Hut — ich finde nichts 
in den vorhergehenden Tagen; ich bemerke nur, daß es mir sehr oft im Traume 
vorkommt, daß ich Hut und Kleider verliere, eine gewöhnliche Erscheinung, welche 
die Freudianer kennen imd in ihrer Weise erklären. 

Protokoll. Nacht des 17. August 191 7. Niedergeschrieben eine halbe Stunde nach 
dem Aufstehen. Besuch einer unbekannten Kirche Roms in Begleitung von Freunden . . . 
Die Kirche ist ganz rot tapeziert (Papier oder Damast?), drin sind zwei .\ntiquarei, 
welche die Zeichnung an der Verkleidung der Wände kopieren: Es waren große Rosen; 
ich halte dem Sakristan vor: ,^Das ist doch eine Papiertapete und nicht einmal 
antik . . ." Papier oder Damast? Zweifel — schließlich Entscheidung, daß es 
Damast ist. Der Patron der Kirche, ein Kardinal, tritt ein (ein kleiner Greis, ganz 
rot gekleidet). Ich erfahre, daß die Tapete nach Meinung der Abzeichnenden von 
großem Wert ist . . . (Sprung), Verlassen der Kirche mit den Freunden. Eine 
fremde Frau gibt dem Sakristan ein Trinkgeld. Nahe am Ausgang befindet sich ein 
offener Glasschrank mit vielen antiken Gegenständen, insbesondere etruskischen Terra- 
kotten und anderen Kuriositäten. Ich bewundere sie begehrlich; mir kommt der Ge- 
danke, diesen oder jenen Gegenstand zu nehmen, dann aber enthalte ich mich dessen, 
aus Bedenklichkeit. Inzwischen gibt mir einer meiner Freunde von ferne ein Zeichen, 
daß er eine Statuette aus etruskischer Terrakotta gestohlen habe . . . Ich weiß, daß 
der Traum reicher an Einzelheiten war, aber ich erinnere mich nicht an mehr. Die 
Elemente dieses Traumes gehörten alle zu den jüngsten Erlebnissen des Wachbewußtseins: 

Besuch einer unbekannten Kirche . . . Am Nachmittage des der 
Traumnacht vorangegangenen Tages hatte ich in Begleitung von Verwandten und des 
jungen Eigentümers den Saal eines alten Schlosses mit Gemälden, Möbeln, antiken 
Waffen usw. besucht. 

Rot . . . Papier oder Damast . . . Drin sind zwei Antiquare. 
Zwei oder drei Tage vor der Traumnacht hatte ich mich mit einem Antiquar über 
den Wert eines Stückes roten Damastes mit Rosen unterhalten, welches ich dann er- 
worben hatte. 

Der Kardinal . . . Nichts Ähnliches in den jüngsten Erlebnissen des Wach- 
seins. Vielleicht handelt es sich um eine oberflächliche Assoziation zu ,, roter Farbe". 

Fremde Frau . . . Glasschrank mit antiken Gegenständen... 
Ich hatte einige Tage vor dem Traume einige ausländische Kunstliebhaber beim Antiquar 
Di Castro angetroffen. Ich hatte in mehreren Antiquitätengeschäften kleine Gegen- 
stände im Glasschrank bewundert. 



INHALT DES WACHRKWTSSTSEINS. INTKRBEWUSSTSEIN U. TRALMINHALT 279 

Idoo, wegzunohnion . . . zurückgedrängt durch moralische 
Erwägujigeii. Bei dorn Besuch im Saalo dos Schlosses hatte ich den Wunsch 
empfuntlon, iwoi oder drei GogensUüide zu besitzen. Mein Wuiwch wird im Diebstahl 
des Freundes >-orwirklicht. EHos ist oiii F\ill von Projektion eines affektiven Zustande». 

Gerado durch die intimen Beziehungen, welche zwischen dem Traum- 
inhalt und den jüngsten Erlebnissen des Wachbewußtseins bestehen, 
werden dem Träumer die Allegorien oft sehr klar, und er erklärt sie 
sogleich 1 nach dem Er>vachen durch Intuition wie in den Vorgängen 
des W'iedererkennens. Bei mir kommt dies sehr oft vor; hier sind 
2 Protokolle aus neuester Zeit: 

Protokoll. Nacht vom 2g. August 1919. Niedergeschrieben vier Tage später. In 
der Naclit auf den 29., 2I/2 Ulir, envache icli durch starkes Leibgrimmen mit ziem- 
lichen Schmerzen. Ich stelle die Talsache fest, treffe meine Vorsichtsmaßregeln, wt>bei 
ich zu mir selbst sage: Was für eine Revolution! (im Leibe). Ich verändere meine 
Lage und scldafe sofort wieder ein. Ich träume von einer Revolution in Italien . . . 
Ausschüsse, Gericlilshof, Personen . . . viele Einzelheiten. Interessanter Traum, nicht 
peinlich. Ich erwache gegen 6 Uhr morgens, indem ich mich des Traumes gut 
erinnere und seine Ursache sowie seine B^eutung sofort verstehe. In jenen Tagen 
las ich ein Bucli über den Bolschewismus. Bei einer derartigen EHsposition der 
Phantasie hatte das Leibgrimmen die Bilder einer Revolution inszeniert. 

Protokoll. Nacht auf den 5. September 1919. In der Nacht auf den 5. September 
l»abe ich lebhafte Träume, aus welchen ich mich beim Erwachen (7 Uhr morgens) sehr 
gut folgender Bilder erinnere: Ich schlafe mit meiner ganzen Faunilie außer Haus; 
es ist spät, ich stehe auf, mache allein mein Gepäck so gut wie möglich zurecht und 
bin daran, auszugehen. Ich verirre mich im Hotel Ich trete in ver- 
schiedene Zimmer ein. in denen andere Leute sciilafen. Beim Hinausgehen sehe ich, 
me sich Reisetaschen, Bündel, Gegenstände in erschreckender Weise vermehren . . . 
ein peinlicher Traum; ich weiß nicht, wie ich mir helfen soll; ich habe niemanden, 

der mir Hilfe leistet, keine Transportmöglichkeiton Ich reise mit meinem 

ungeheuren Gepäck ab bald befinde ich mich im Automobil, bald zu! Pferd . . ., 

ich erreiche niemals ein Ziel; eine Reise voller Mißgeschick (nicht mit der Eisen- 
bahn) .... Unter derartigen Bildern und mit einem Gefühl der Mutlosigkeit waclie 
ich auf. Ich denke gleich über meinen Traum nach und mit einem Schlage wird 
mir seine Bedeutxmg klar (niedergeschrieben 8 Uhr): Als ich mit meiner Tochter 
von Salsomaggiore, wo wir ims aufhielten, abreisen mußte, sprach man oft von Koffern, 
Reisetaschen und der Art, wie wir unser Gepäck auf ein Mindestmaß einschränken 
könnten. Am Tag vorher wartete ich auf die Anmeldung zweier Personen zu ärztlichen 
Besuchen in ihren Hotelzimmern. 

Einige Tage hindurch, jedoch nicht fortgesetzt, füllte ich im Winter 
1916 Formulare wie folgendes aus: 



Die der Nacht des Traumes 
vorangehenden Tage 


Vorstellungen im Traume 


4ter 


3ter 


2ter 


Iter 













1 Vgl. Kap. I, Einleitung über die Traumwassenschaftsmethoden. 



?80 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUME S 

Aus den 1 6 ausgefüllten Bogen entnehme ich, daß keiner der 1 6 Träume 
von den Emdrücken des Wachbevvußtseins eines oder mehrerer der 
4 vorangegangenen Tage frei ist; daß in 12 die Eindrücke der ' 
vorangegangenen Tage vorwiegen, daß in allen entstellte, ab^kürzte 
oder erweiterte Eindrücke vorhanden sind, und nur in zweien aS ak 
S« H t.f' /. vorangegangenen Tage. Ich bemerke jedoch, daß^ nur 
das Hauptthema des Traumes niedergeschrieben wurde 

Im Jahre 191 5 und 1916 verteilte ich an einige Personen (Studenten 
beiderlei GescWechts und an meine Assistentin) lin Formular zur EiV 
t^s'fZnr^;ZLl: -^^^-"^^^^>^-^- Nächten. Ich entnahm 

a) Im Durchschnitt bestanden Träume in 3o Prozent der dächte- 
T.^ t' J'^T^ ^""^'^^^u Tatsachen oder affektive Zustände von einem 
Tage, 2 oder 3 Tagen vorher in 75 Prozent der Nächte zur Darstellung 

c) m den anderen Fällen bezogen sich die Vorstellungen im Traum 
auf Tatsachen (im Wachsein bewußt), die der Träumer in meh/^e^ 
w«iiger weit bis ins Knabenalter (nicht in die Kindheit) zurückreichenden 
Jahren erlebt hatte, und zwar 1 5 Prozent; "i^Kreicnenaen 

d) in einer Minderzahl der Fälle (10 Prozent) enthielten die Träume 
VorsteUungen oder affektive Zustände, welchen im Augenblick (es v^r^e 
^Wen "^^" '^"''^*^ ^""' ^^*^^^^^" desVachbivuß^ns' 

Im Traume werden demnach ideoaffektive Komplexe von unmittel- 

^rJT I^'"""' '^^''^' '?" J^^^^*«^ (^"^ Tage' des Traumes) und 
von mel^ oder weniger weit zurückliegender (einige Tage vor dem 
Traum) Entstehung verarbeitet. V ö ^«^o« vor aem 

Im übrigen kann man sagen, daß im Traum ebensowohl Tatsachen 
teT^r:^"' ^^"\^''^^^' geringfügige Aufmerksamkeit entgegenbrach- 
heJ^t^n. ^^^"^ä^^J-hkeiten), wie Tatsachen, die uns sehr 

Doch leben im Traum ausnahmsweise längst vergangene und ganz 

mXn'^'T f l'^^r "^^^^ ^"^' "^^^^^ im Unterbewußtsein schlSn 
^Zh :i Ich habe diesen Gegenstand früher einmal behandelt, werde 
rmch daher kurz fassen. Es kehren im Traum atavistische EriebnLse 
wieder, solche aus der Familie, dem frühesten Kindesalter, diT ^ 

auch im Traum Inhalte wieder, deren man sich aber im Wachen bereits 
wieder erinnert ha te. Ich legte schon Beweise für das Wiederkehren 
unbewußter atavistischer Erlebnisse vor (soweit es überhaupt mS 
eni^ •' ^t^^l ^'' Beobachtmig ies Schlafenden und mit Vr- 
jemgen seiner Berichterstattung beim Erwachen Beweise zu liefern), 
Ina . • J'^^"^^ T^""™ Schwimmen der Neufundländer Hunde und die 
Zt !l n"^ l" ^T"^^ ^f' ^^^^^" ^°^ Erwachsenen. Die Wieder- 
diirrh ? U^terbewußteeins im Traume wird in unzweifelhafter Weise 
^Z^n A' r"^^ äf ^^ PartieUer Amnesie behafteten Personen be- 
kennen im V^'"" Wachbewußtsein) verlorengegangenen Erinnerungen 
können im Traume wieder erscheinen, und dara7fhiS werden die Ereig- 



IMlAl/rnKSWACilBEWUSSTSKINS. UM KUBKWl >SrSEL\ V. TRAIJMI.NHALT 2«! 

uisso borirlilet (I'ali df^ Ilociiwünli':!! Ilaiina, erläutert von SidLs Im 
Jahre Kjof), benihmter Fall der Mili Beauchainps von Morton Princc 
und viele andere pathologische Fälle). Die Wiederkehr des IJnleirbowußton 
aus der Kindheit wird durcJi die allgemeine Frlahrung Ix'wicsen. Es 
ist gleichwold von Nutzen, daß icli ein pcrsönliche,s Protokoll zur 
Kenntnis bringe, welchem ich besonderen Wert zuschreibe: 

Protokoll. -Nacht dci i/|. Jiuu i<)i.4; niiMlorgoschriobon um "j Uhr morgens; der 
Tag (i3. Juni) war ansLr»'iiptiid. UnunU'rbrfKhoiier Schlaf, im Momente des Erwachons 
das Grefühl. viel geträumt zu lialnii ; Kopfsdimerz. Klare Erinnerung an eine Einzelheit 
der gehöhten Träume: ein Beet mit zwei (oder vier?) langgestreckten Erhöhungen . . . 
der Arbeiter hat einen Spaten . . . Leichname sind dageblieben, als andere wegge- 
schafft wurden. Nach einigen Spatensticlien erscheinen in der Tat (zwei oder vier) 
aixspej. treckt liegrude Skelette. Sie bestehen aber nicht alle nur aus Knoclien, zum 
Teil sind »io von \\'eichteilon umhüllt, genau so wie in der ..Aiiferstehung der Toten" 
von Luca Signorelli im Dome von Orvieto (dieser Vergleich ist ein Bestandteil des 
Traumes). Ich be<trachfe sie mit Neugierde, aber ohne Traurigkeit; bei der Be- 
trachtung bemerke ich, daß sie mimische Bewe^ngen ausführen, und lenke die Auf- 
merksamkeit der .\nwesenden auf (bese Tatsache. .\lle erkennen den Sachvorhalt, 
ohne sich jedoch zu wiuidem. Indem ich auch auf die Leichname schaue, sehe ich, 
daß sie sich immer mehr und mehr beleben, die Arme aufheben und sich strecken .... 
sie sind ernst und beachten uns nicht .... ich bemerke: der Tod ist nichts als 
ein Traum, und es wäre nur erforderlich, ein Mittel zu finden, um das Envachen, 
wann immer es nuch erfolge, nicht zu verhindern. Ich habe das Gefühl — im 
Traume — , daß das Ereignis dieses Wiederauflelxms der Toten, dieses Wieder- 
erwachens, eine von mir sclion mehrere Male beobachtete und ganz sichere Sache sei. 
(Ich bemerke beiläufig, daß Auferstehungsträume bei mir oft vorkommen.) Ich sag«) 
im Traume: wie wunderlich ist diese Art der Auferstehung der Toten! Das Fleisch, 
welches sich nach und nach über den Knochen wieder form,t und doch ist es so. 

Aufzeichnung 12 Llir am i/j. Juni: Es ist ein Traum, welcher sich vom Alltäg- 
lichen entfernt; in den Ereignissen der Tage, die der Traumesnacht vorangegangen 
waren, finde ich nur politische Gespräche und Gedanken aus Anlaß der Revolution! 
in der Romagna, außerdem die reichliche Arbeit des i3. Juni. Dieser Traum ist aus 
Elementen geoildet, welche dem Kindeealter angehöreni. In der Tat hatte ich gerade* 
in meiner Kindheit oft das Fresko Signorellis vor Augen. Im Traum kehrt nicht nur 
die Erinnerung an das Fresko wieder, sondern auch der Glaube, daß die Auf- 
erstehung der Toten in der Weise geschehen müsse, vrie sie Signorelli vorschwebte. 
In der Tat war ich als Kind vollkommen davon überzeugt, aber als ich erwachsen war, 
hat sich nvir diese Überzeugung niemals wieder bewiißt aufgedrängt, nicht einmal als 
Erinnerung. 

Es ist wahrscheinlich, daß viele Fälle von Paramncsie im Traume 
(falsche Erinnerungen an Erlebnisse des Wachbewußtseins, die man 
im Traume hat) nichts anderes sind als das Wiedererscheinen von Er- 
eignissen oder Anschauungen der Kindheit. Das Wiederauferstehen des 
Unterbewußten aus der Kindheit, wie es sich im Traum ereignet, kann 
uns über einen großen Teil der wunderbaren und von einigen Mystikern 
des Altertums imd der Neuzeit für übernatürlich gehaltenen Träume 
Aufschluß geben, Träume, welche gleichwohl heutzutage auch von deo 
angesehensten Spiritisten und Theosophen (Steiner) ziemlich gering ge- 
schätzt werden. Das Wiedererwachen der Inhalte des Unterbewußtseins 
erklärt auch, warum der Traum als empfindlichstes Reagens zur Ent- 
hüllung der normalen und anormalen geschlechtlichen Triebe gilt (P. 
Naocke) ; weil sich im Traume das moralische Niveau des Träumenden 
senkt und die sittlichsten Personen im Traum unsittlich werden können; 
weil sich nicht nur gewisse Körperkrankheiten durch die vermehrte 



282 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Empfindlichkeit der inneren Organe und durch das Übemdegen des 
Gemeingefühls, sondern weil sich auch gewisse krankhafte Wahnideen 
infantilen und ethnischen Charakters usw. im Traume früher als im 
Wachsein kundgeben. 

Daß also zu den Träumen Komponenten gehören, welche aus dem 
Unterbewußtsein abgeleitet sind, gehört zum klassischen Wisseasgute, 
welches keiner Bestätigung bedarf, insbesondere wenn man bedenkt, daß 
auch in jeder unserer psychischen Tätigkeiten des Wachbewußtseins die 
unterbe\\'ußten Komponenten (erbliche, neugebildete und unterbewußte 
aus der Kindlieit) vorhanden sind und eine große Bedeutung besitzen, 
wie z. B. bei der Empfindung, beim Wiedererkennen, in den Gewohn- 
heilen, dem Charakter, in den Anlagen, in der Erfindungstätigkeit, in 
den krankhaften Systembildungen der Persönlichkeit usw. Es ist das, 
was Patini aktives latentes Unbewußtes (incosciente latente 
attivo) und was Dwelshauvefs dynamisches Unbewußtes nennt. 
Nur über folgende Punkte kann eine Kontroverse entstehen: a) ob 
nämlich das Unterbewußtsein jene unbedingte Vorherrschaft im 
Traume besitze, welche ihm von den Freudianern zugeschrieben wird. 
Das von mir aufgenommene Inventar der Traumelemente bestätigt 
diese Meinung nur teilweise, b) ob auch die Komponenten, die unmittel- 
bar aus dem Traume selbst, und die Komponenten, die aus der Er- 
fahrung des Wachbewußtseins stammen, eine mehr oder weniger geheim- 
nisvolle Umbildung durch das Unterbewußte aus der Kindheit und über- 
haupt durch die seit langer Zeit vergessenen, willkürlich oder unwill- 
kürlich verdrängten Erfahrungen des Wachbewußtseins erleiden. Diese 
Möglichkeit wird im allgemeinen nicht geleugnet. Es wird im folgenden 
gesagt werden, mit welchen Einschränkungen sie zugegeben werden kann. 



D. DYNAMIK DES TRAUMES i 

In diesem Paragraphen soll auf folgende Fragen geantwortet werden: 
Wie entNvickelt sich der Traumvorgang, und welchen Kräften gehorcht 
er? Die Antwort der Freudschen Lehre auf diese Fragen ist bekannt. 
Übrigens w^rde ich im nächsten Kapitel von ihr sprechen. Der Traum- 
vorgang ist in funktioneller Hinsicht eine Metamorphose i. Die Meta- 
morphose betrifft die Empfindungen des Schlafenden, die aus seiner 
vergangenen bewußten Erfahrung hervorgehenden (vom Subjekte nach 
dem Erwachen wiedererkannten) Erlebnisse sowie die Entwicklung der 
Trauminhalte selbst, woher sie auch ursprünglich stammen mögen. Im 
folgenden ist das von mir in einem anderen meiner Werke gegebene 
Schema ersichtlich. Die Zusätze und Erläuterungen werde ich im Text 
entwickeln. 



^ Sicul aspicienti in nubibus in vi^lando apparent similitudines hominum et alionun, 
quae cito permutantU|r a figura in figuram quando movetur successive post aliam, eodem 
modo est de simulacris quod quolibet apparet post aliud et unum in aliud cito permutatur. 
So der heilige Thomas von Aquino. 



DYNAMIK DES TRAUMES 283 



Metamorphose des Traumes 
von einfachen VorsU'Uung^Mi, MiUh^rn, Ereignissen, wie sie bei gewissen 
Vergiflnngcn vorkommen: 

I. Umbildung im engeren Sinne: 

a) durch Neboneinanderlagerung: schnelle Aufeinandorfolgo zweier 
Bilder mit oder ohne ,,I*erscveration" des vorhergehenden Bildes. Beispiel: 
doppeldeutiger Traum (sogno bi fronte); 

b) durch Übereinandorle^ng, unbewegliche oder beweg- 
liche; feste Übereinanderlegimg, wie in zusammengesetzten Photo- 
graphien ; bewegliche Übereinanderlegung, wie in den sog. Wandelbildem : 

c) durch Kontrast der Vorstellungen oder Affekte. 

2. Verschmelzung: 
von Silben oder Wörtern, von einfachen Vorstellungen, Bildern, Ereig- 
nissen, Zeil und Baum usw. 

3. Übersetzung ins Optische: 

a) Umbildung aktueller Empfindungen in Gesichtsvorslellungen 
(Wundl, Lipps, EUis, Mourly Vold usw.), daher der ,, Symbolismus" 
des Traumes; 

b) Personifikationen und geistige Ikonographie im Traume. 

/(. Dissoziation (Autonomie) : 

a) zwischen Empfindung und Gefühlston, zwischen Idee und ent- 
sprechendem affektiven Zustande. Das ist der Vorgang der affektiven 
,, Verschiebung" oder der affektiven Übertragung (,, Transitivismus") ; 

b) zwischen den höheren Verknüpfungen, z. B. zwischen Urteil und 
VVillensdetermination, zwischen den einzelnen Elementen des Urteiles usw\ 

Vor allem muß festgestellt werden, daß im Traum eine Umbildung 
der Vorstellungen stattfindet, seien diese nun von unmittelbarer Herkunft, 
seien sie Erinnerungen usw. Man vergegenwärtige sich den berühmten 
Traum Irmas, bei Freud, wo das Angesicht einer Person sich in das- 
jenige einer anderen venvandelt; man erinnere sich ferner an die Ver- 
wandlungen bei Homer 1. 

Protokoll. Nacht des i. März 1916 (Frl. Z., 28 JaJire alb). Ich befinde niicli 
vor dem rSemi-See; ich betrachte die Landschaft in ihren kleinsten Einzelheiten. Die 
Zweige der Bäume sind in zitternder, gleichsam eine verhaltene Kraft ausdrückender 
Bewegimg. Ich habe zur Linken den Herrn P., zwischen uns beiden befindet sich 
jemand, der bald G., bald C. ist, bald ich selbst. Wenn nicht ich es bin, die sibli 
dazwisclienschiebt, so fühle ich mich durch ihn angezogen, aber durch wen? . . Ich 
entdecke, daß es nicht mehr G. ist, nicht C., noch einer der anderen; es ist ein© 
unbekannte Person; ich spreche mit P. über die Schönheit der Natur, aber ich fühle 
mich innerlich sehr bewegt, fühle in mir den Kampf von Gefühlen. Ich leide; endlich 
weine ich viel; darauf beruhige ich mich und fühle mich sehr erschöpft. Nun fühle 
ich mich allein; rasch aber werde ich gewahr, daß ich selbst die ,, zitternden Bäume" 
bin, daß ich die Kraft bin, welche sie zittern macht. Ich fühle mich mit der Umwelt 
vollkommen verwachsen; ich spreche mit dem Herrn P.; ich sage ihm, daß icli 
Ungeheueres genieße, aber er versteht mich nicht. Verzweiflung. Es schnürt mir 
die Kehle tu. Ich erwache schluchzend. 



1 Vgl. Ninck, Die Bedeutung des Wassers im Kult und Leben der Alten, Philologus, 
Suppl. XIV. I, 192 1. 



284 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUM£S 

Autopsychoanalyse: Ich finde die Komponenten des Traumes in folgenden Tal- 
sachen: I. Gestern war ich in der Vorlesung. Auf dem Rückweg sprach P. mit mir 
in CToßer Besorgnis von seinem Sohne, den ich nicht kenne. 2. Den Tag vorher 
halle ich viel an das ästhetische Gefühl gedacht und hatte den Schluß gezogen, daß 
der höchste Grad dieses Gefüliles das Bewußtsein des Verschmelzens der eigenen Seele 
mit der beseelten Umgebung sei. 3. Drei Tage vorher eine Unterhaltimg mit meiner 
Mutter über Naturgenuß und Mystizismus. 4. Den Nemi-See hatte ich drei Jahre 
vorher nur flüchtig gesehen. 5. Ich gebe mir darüber Rechenschaft, daß ich von 
einem großen Liebesbedürfnis erfüllt bin, es jedoch streng und bewußt unterdrücke. 
Der Traum zeigt meine Natur, wie auch die Verdrängung. 

Dennoch ist die Tatsache der Umbildung nicht allein dem Traum 
eigentümlich, vielmehr muß man annehmen, daß sie ein allgemeines 
psychologisches Gesetz darstellt; die geistigen Inhalte sind in unab- 
lässiger Tätigkeit und lösen einander ohne Unterlaß ab, immer, wenn 
die physiopsychologische Spannung sich nicht auf einer gewissen 
Höhe hält. Eine Beständigkeit, eine wahre Kristallisation der Inhalte 
gibt es nur in einigen pathologischen geistigen Zuständen. Die Bilder 
werden umgestaltet, assoziieren und dissoziieren sich auch im Wach- 
bewußtsein, was der experimentellen Psychologie wohlbekannt ist (Taine, 
Ribot, Janet, Peillaube usw.). 

P. Janet sagt ganz richtig, daß die früheren Bewußtseinszustände 
dahin drängen, sich wieder zu erzeugen, soweit es der Zustand des 
augenblicklichen Bewußtseins zuläßt. Die Assoziationsgesetze des Ari- 
stoteles, Hamiltons (Reinlegration), Shadworth Hodgsons (Interesse) er- 
klären (wenigstens bis zu einem gewissen Grade) solche Umbildungen. 

Der Umbilduugsvorgang wird im Traum und in der Träumerei 
(reverie) übertrieben, weil er auf keine Hemmungen stößt. Man kann 
dies auch experimentell, z. B. mit Hilfe der „cristal-vision" beweisen. 
Galton gab schon einige Experimente an. Jeder beliebige Reiz kann 
angewendet werden, um über die Umbildung Versuche anzustellen. 
Interessant ist der Versuch, den man machen kann, indem man sich auf 
ein Wort konzentriert imd es in der Stille viele Male wiederholt; nach 
imd nach verliert das Wort seine Bedeutung, empfängt einen anderen 
Klang und Sinn, tind wenn man mit dem Versuche fortfährt, hört 
man im Geist andere Worte, welche in keiner Weise mit dem ersten 
assoziiert zu sein scheinen; und schließlich stellen sich auch Personi- 
fikationen ein (geistige Ikonographie). 

Ganz richtig ist von mehreren Verfassern angegeben worden, daß 
der Traiun der wahre Typus der „wechselnden Halluzinationen" ist, 
welche bei Vergiftungen vorkommen. (Sully, Maury.) Delboeuf verglich 
die Metamorphose im Traume mit den „zerfließenden Bildern". 
Es ist ISO, wie wenn man auf dieselbe Bildfläche und dieselbe Stelle 
mittels zweier Latema magicas zwei Bilder projizieren und das eine 
erleuchten, während man das andere auslöschen wollte. Es gehören 
zum Vorgange der Umbildung auch die Neben- und Übereinanderlegung 
zweier Traumbilder. 

Dem sehr seltenen Phänomen, daß der Träumende die Übereinander- 
lagenmg erkennt, gleichwohl aber die übereinandergelagerten Geschehnisse 
des Traumes wohl unterschieden empfindet, so, als wären sie neben- 



DYNAMIK DES TR.\UMES 285 

oinandorgola^rt, gab ich den Namen : doppeldeutiger Traum 
(sogno bifrontr). In diesem Fall erkennt der Träuiu(Mide in einem 
einzigen Bild otler einer Aufeinanderfolge von Bildern nicht eine, sondern 
zwei verschiedene Handlungen. Es ist, um es genau zu sagen, nicht 
das Bild, welduv; sich umgestalt<'*t, (>s ist <ler Zust.md des Träumenden, 
der die Bedeutiuig der Handlung spaltet, und hierl)ei erscheint den 
ganztMi Traum hindurch die Handlung wirklich doppell (eigene Proto- 
kolle). Es ereignet sich aber auch zuweilen, dali der Träumende — im 
Schlafe — die Bedeutung seines Traumes durch die phantastische Sym- 
bolik hindurch erfaßt. Den Vorgang, durch welchen der Träumer zu 
diesem Ergebnisse gelangt, habe ich „im Traume durchgeführte 
Au to psy c hoan a 1 yse" fautopsicoanalisi intraoiiiriai) benannt. Hier 
ist die Sache anders, sofern eine reine Intuition, nicht aber eine dopi)elte 
Traumerscheinung vorliegt. 

Es ist wunderbar, daß auch der doppeldeutige Traum ein voll- 
kommenes Gegenstück in der Erfahrung des Wachbewußtseins findet, 
d. h. daß es im Leben ganz ähnliche Lagen gibt. Ein Beispiel: Zwei 
Gruppen von Freunden und Freundinnen spielen Tennis. Während der 
Eifer des Spieles zimimmt und vielleicht Ermüdung hinzutritt, wird 
der scheinbare Kampf für einen Spieler, der in eine der Spielgenossinnen 
verUebt ist, zu einer Allegorie. Das Tennis ist das Wirkungsfeld zur 
Eroberung der Liebe. Der nicht verliebte Spieler hingegen sieht oder 
empfindet in der Partie die Allegorie des Kampfes um die Vorherrschaft 
im Leben. Diese Zustände des Bewußtseins werden nicht selten in der 
Kunst dargestellt. 

Die Umbildung im Traume wird oft von außen her vollzogen. Eine 
aktuelle Empfindiing während des Schlafes verwandelt die Personen des 
Traumes und ihr Handeln wie auch ihre Gefühle, weil der Gefühlston 
der Empfindung auf die Personen übergeht. Beispiel: Ein Traum 
hat einen regelmäßigen Verlauf in bezug auf Personen und Geschehnisse; 
in einem gewissen Moment tritt das Bedürfnis des Urinierens ein oder 
eine Erektion, und dann werden die Personen und Geschehnisse andere: 
das Urinieren verwandelt sich in Empfindungen und Bedürfnisse, welche 
wir oder andere Personen haben; die Erektion gibt dem ganzen Traume 
den erotischen Verlauf. 

Der Vorgang der Verschmelzung ist einer der wichtigsten Spezialfälle 
des allgemeinen Vorganges der Umbildung. In den meisten Fällen werden 
die Wortneubildungen des Traumes durch eine Verschmelzung mehrerer 
Wörter in eines hervorgebracht. (M. Vold, De Sanctis.) Ich berichtete 
schon, daß bei 3o Prozent meiner Träume die Personen die 
physiognomische und moralische Verschmelzung von zwei oder melireren 
Personen darstellen, welche der Erfahrung des Wachbewußtseins ange- 
hören. Eine kurze beim Erwachen vorgenommene Überlegung hat mich 
davon so manches Mal überzeugt. Aber die Verschmelzung bezieht sicli 
auch auf die im Wachsein erlebten Ereignisse. 

Die Verschmelzung ist also nichts anderes als eine Verdichtung. In 
der Tat faßt Schubert sie so auf. Nach diesem Forscher scheint dem 
Traume, der in wenigen Bildern die Geschichte eines ganzen Lebens 



286 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

zusammenfaßt, eine schwindelnde Schnelligkeit eigen zu sein. (So 
Schubert, welcher über einen mehligen Fall von Moritz berichtet.) Die 
Verdichtung vollzieht sich mit Hilfe einer allegorischen vmd zusammen- 
fassenden hieroglyphischen, geistigen Sprache, sagt Schubert, die nicht 
an grammatische und assoziative Regeln gebunden ist, einer Sprache, 
welche aus dem Gefühl und dem Herzen hervorquillt (Sprache dos 
Herzens) und von allen ohne Unterschied der Rasse oder der gesprochenen 
Sprache (Wortsprache) verstanden wird. 

Zweifellos erscheint der Traum, wenn er gut analysiert wird, oft wie 
eine Zusammenfassung (wenn er nicht eine Übereinanderlagerung ist) 
von verschiedenen Dingen und Ereignissen i. 

Wahrscheinlich sind die Verwandlimgen von Ort und Zeit im Traum 
als Vorgänge der Verschmelzung zu betrachten. Es ist hier am Platz, 
auf eine andere Erscheinung der Metamorphose des Traumes hinzu- 
weisen. Es kommt zuweilen vor, daß wir im Verlaufe des Traumes 
dieselbe Persönlichkeit des Traumspieles an verschiedenen Örtlichkeiten 
gleichzeitig auftreten sehen. Dies ^^^l^de auch von Dugald Stewart ^ 
beobachtet. Vielleicht behaupten diejenigen, welche die Anwesenheit einer 
Person, z. B. eines Heiligen, an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit 
bezeugten, etwas Ähnliches. 

Im Traume verkürzt sich die Zeit, der Raum verengert sich; sogar 
das, was sich in einer gewissen Aufeinanderfolge ereignen sollte, wird 
zuweilen in einen einzigen Augenblick zusammengefaßt. Dies ist die 
Verdichtimg der Zeit, besser gesagt: die zeitliche Verschmelzung. Das- 
selbe gilt für den Raum; die Raumbilder erscheinen überein ander- 
gelagert. Das, was den Träumenden am meisten interessiert, wird unter 
Mißachtung der Logik in den Vordergrund versetzt. Der Traum zeigt 
daher dieselbe Eigenart wie das Kunstwerk: der Gefühlswert über- 
trifft den Verstau des wert. Die Reise Dantes zum Mittelpunkte der Erde 
(Inferno) dauert nur 24 Stunden; das ist irrationell, aber es ist künstle- 
risch gerechtfertigt, väe es ein ganz gewöhnliches Geschehnis im Traume 
wäre. Weder im Traume noch in der Kunst sind ungenutzte Stimden 
und leere Räume erlaubt. Die Handlung gibt den Ausschlag, das Gefühl 
beherrscht jede Logik. Das Heimweh beschleunigt z. B. die Zeit und 
verkürzt die Entfernung an einer bestimmten Stelle des Rolandliedes 
(Chanson de Rolland). Zeit und Raum haben, wie in der Kunst, so 
auch im Traume, nicht dieselbe Ausdehnung wie in der Wirklich- 
keit, noch auch ein gleichbleibendes Maß, wie Fraccaroli (i4) sagt. 



1 In Wirkliclikeit versteht S. Freud unter ,, Verdichtung" das, was >vir Ver- 
schmelzung nennen; wenn er sagt, daß jedes Element des Trauminhaltes über- 
determiniert ist, so will er darunter gerade die Verschmelzung mehrerer Traum- 
gedanken in ein einziges Element verstanden wissen. Es ist übrigens klar, daß sich 
bei Freud der Begriff ..Verdichtung" auf die Traumgedanken bezieht und deshalb 
wolü vmterschieden werden muß vom Verschmelzungsvorgange, welcher den manifesten 
Trauminhalt betrifft. Über den Prozeß der Verdichtung schrieb mit Berichten über 
Traumbeobachtungen E. R. Thompson (io8). 

2 A. a. O. S. 100. 



DYNAMIK DES TRAUMES 287 

Zeit und Kaum empfangen die Gesetze von iiuem Inhalt eher, als daß 
sie diesem ein Gej>etz vorsclireiben. 

Die Umbildung der aktuellen Traumemplindungen in Vorstellungen 
anderer Art — wovon ich weiter oben sprach — bildet einen klas- 
sischen Besitz der Traurakun<le (A. Maury, Wundt. Scherner, Strüm- 
pell, 11. Ellis, M. Volil usw.). Es gibt nach Vold eine halluzinatorische 
Gleichwertigkeit der Empfindungen (sensorielle Äcjuivaleriz). Die Traum- 
bilder (wie auch die Halluzinationen) können Folgen von verschied )nen 
und insbesomlen^ kut-anoomotorischen Sinneserregungen sein. Die Um- 
bildung scheint tiefer zu greifen, wenn es sich um organische Empfin- 
dungen des Körpers handelt, wie schon Jastrow (87) bemerkte; aber 
auch die akustischen Empfindungen werden erheblich lungcbildet, wie 
die neuen Versuche Stepanoffs (io5) und eine sehr große Menge alter 
Beobachtungen zeigen. Hanunond und v. a. beschreiben einige Träume, 
welche von der Umbildung unmittelbarer Geruchsempfindungen hervor- 
gebrach t >\Tirden , 

Aber der wichtigste Vorgang der Metamorphose des Traumes ist 
zweifellos derjenige, den ich die Übersetzung in optische 
Bilder {traduzione ri.sica) nennen will. H. Ellis (22) sagt, daß 
die Gesichtsbilder, aus denen sich der Traum zusammensetzt, das 
Symbol für Empfindimgen verschiedener Ordnung sind. Es soll, auch 
nach Ellis, im Traum eine .-irt von sensorischem Symbolis- 
mus ^ herrschen. Man kann sagen, daß fast alle Empfindungen im 
Traum in Gesichtsbilder venvandelt werden. Der Vorgang der Über- 
setzung wurde von allen Beobachtern gut beschrieben, welche sich mit 
Träumen beschäftigten. Aber die Tatsache erhielt einen unwiderruf- 
lichen Beweis durch die experimentelle Methode. Schon Hildebrandt 
(1875) bemerkte in Versuchen an sich selbst, daß derselbe akustische 
Reiz sehr verschiedenen Träumen Entstehung gab, in welchen die Um- 
wandlung der Bilder ganz zweifellos war. Ich selbst hatte schon in 
meinem Buche von 1899 geschrieben, daß dieselben Reize niemals voll- 
kommen gleiche Träume hervorrufen, nicht einmal bei denselben Indi- 
viduen. Über Art und Weise dieser Übersetzung und ihre Einwirkung 
auf die Entwicklung und die Lösung des Traumspieles sind unsere 
Kenntnisse dagegen nicht gleich sicher. 

Es scheint, daß sich ein wahrer Kampf zwischen den von außen 
eingeführten Elementen und dem autogenetischen Traum entwickelt; 
ein Kampf, der sich im Traume deutlich widerspiegelt, Avie Stepanoff 
gezeigt hat. Bald siegt der aktuelle Eindruck, bald unterliegt er so weit, 
daß er im Traume gar nicht erscheint, zumeist paßt er sich dem Thema 
des Traumes an, welches sich eben entwickelt. Ich vertrete die An- 
sicht, daß diese Ergebnisse aus der Summation und der Interferenz 
von Gefühlskräften hervorgehen, welche mit dem Eindrucke selbst ver- 
knüpft sind, weil, wie ich später darlegen werde, die Dissoziation 



^ Eine Kritik des Symbolismus (im Sinne von Freudj im Traume hat A. Kronfeld (^a) 
gegeben . 



288 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

zwischen Vorstellung und Gefühlston nicht die Regel, sondern die Aus- 
nahme bildet 1. 

Solche Konflikte sind übrigens keineswegs dem Traum eigentüm- 
lich, wie Stepanoff zu glauben scheint. Ich wiederhole es noch ein- 
mal: das VViderstreiten und das Sichanpassen sind Erscheinungen 
allgemeiner psychologischer Gesetze. Wohlbekannt sind solche Konflikte 
z. B. den Improvisatoren von Reden und Versen, sowie den Dichtem. 

Es wären noch verschiedene andere Fälle zu berücksichtigen, welche 
aus meinen Protokollen hervorgehen. Es handelt sich z. B. zuweilen 
nicht um Umbildungen einer Vorstellung, sondern um eine vrirkliche 
allegorische Übersetzung der während des Schlafes erlebten Empfindung. 
Diese Tatsache ist sehr häufig. Man könnte sie phantastischen Symbolis- 
mus nennen. Friert man im Schlafe, ruft diese Empfindung eine Gruppe 
von Vorstellungen hervor: winterliches Feld, Schnee, der Träumende 
befindet sich nackt im Freien . . . 

Außer anderen Fällen scheint mir vorzugsweise eine Beobachtung 
interessant. Ich bin zur Überzeugung gekommen, daß es zwei Arten 
visueller Symbolismen gibt. Der erste entsteht aus der Umwandlung 
der während des Schlafes erlebten Empfindungen in Gesichtsbilder, 
der andere rührt vom (visuellen) Überdenken des Traumes nach dem 
Erwachen her. Aber auch diese Symbolismen sind nicht imstande, uns 
die Erklärung für die erhebliche Vorherrschaft der Gesichtsbilder im 
Traume zu geben. Noch ein dritter Fall ist in Betracht zu ziehen: 
Es werden nicht nur die unmittelbaren Empfindungen irgendwelcher 
Art, sondern auch die affektiven Zustände und die Eindrücke des 
Wachbewußtseins in Gesichtsbilder umgewandelt. Man muß deshalb neben 
dem extraonirischen visuellen Symbolismus — außerhalb des Trauma — 
(entstehend aus dem Vorgange der Rekonstruktion oder des Überdenkens 
des Traumes) zwei intraonirische visuelle Symbolismen — innerhalb 
des Traumes — unterscheiden : den illusorischen, den ich als 
ersten erwähnte, und den halluzinatorischen, welcher im dritten 
Falle zum Ausdruck kommt. 

Ich gehe nun zu der vierten Art der Metamorphose des Traumes über, 
nämlich zur Dissoziation oder Autonomie. Die Dissoziation beruht 
auf der Möglichkeit, daß die aus Vorstellungen, Affekten und kin- 
ästhetischen Empfindungen zusammengesetzten Komplexe sich mehr oder 
minder vorübergehend in ihre Komponenten auflösen. Ich habe die 
verschiedenen Phänomene der Dissoziation zwischen der Vorstellung und 
ihrem Gefühlston oder ihren begleitenden affektiven Zuständen seiner- 
zeit ausführlich behandelt. Hier muß ich auf Grund neuerer Er- 
fahiungen die ganz verschiedenen Arten der Verschiebung oder Sub- 

1 Meine Bemerkung scheint mir am Platze, weil Stepanoff sagt, daß der Inhalt des 
vorhergeh endeji Traumes die Art und Weise bestimmt, wie der äußere Reiz wahr- 
genommen wird, und dadurch eine Illusion entstehen läßt, welche der Verfasser h y p - 
nische Illusion (illusfone ipnica) nennt. Es ist aber ganz klar, daß das 
Traumbewußtsein (ich wende meine Bezeichnungsweise an, nicht die von Stepanoff) 
nicht irgendeiner Illusion unterworfen ist, weil es in seiner Natur liegt, seine Nahrung 
nicht aus derselben Wirklichkeit zu ziehen wie das Wachbewiißtsein. 



DYNANUK DES TILVL.MES 289 

stitution boslätig«n, die ich schon in luwnon frühoren Büchern und 
Monographien bescliriebcn hal>i\ Ich l)estätige auch noch die IxÄonders 
wichtige Tatsache, daß ein physischer Schmerz im Traume durch einen 
seehschon Schmerz und imigekehrt ers^'tzt wird, sei es, daß der Träumer 
selbst oder eine andere Person des Traumes (Objektivierung) den ge- 
träumten Schmerz erleidet. 

Die Dissoziation tritt in vielerlei Erscheinungen auf. Im folgenden 
einige Beispiele. Ein Ereignis otler eine Person aus dem wirklichen 
Leben wird im Tramno durch Ereignisse oder Personen ersetzt, wobei 
dennoch im Träumenden die vom Ereignis oder von der Person des 
wirklichen Lebens eingeflößten Gefühle genau dieselben bleiben. Oder 
dieselbe Person, z. B. eine Frau, erscheint unverändert im Traum, 
aber während sich im Wachsein an sie ein Gefühl des Widerwillens 
knüpfte, erscheint sie im Traume begehrenswert und umgekehrt. 

Es ist bekannt, daß eine gleichgültige Empfindung beim Träumen- 
den zu einer sehr schmerzlichen (mehr oder weniger umgebildeten) 
Vorstellung werden kann. Andererseits kann die Empfindung wenig- 
stens annähernd unverändert bleiben, während sich der begleitende Gre- 
fühlston vollständig ändert. Ich erinnere mich eines Protokolles von 
1902, in welchem sich eine wohlriechende Blume, an die Nase eines 
schlafenden Knaben gehalten, in die Vorstellung eines verzauberten 
Gartens, voll von giftigen Blumen mit einem ekelerregenden Geruch 
umwandelte. So könnte sich der Freudsche Vorgang der „Verschi^Ming" 
zum Teil dem allgemeinen Dissoziationsvorgang unterordnen 1. 

Es können Fälle einer nur scheinbaren Verschiebung im Traume vor- 
kommen. Im Zusammenhang mit einem schönen Fall affektiver Polari- 
sation, den ich in einer meiner (85) früheren Monographien (über die 
psychischen Kontraste) anführte, berichtete ich, daß eine Person zwei- 
mal den affektiven Zustand des Zahnziehens im Traum als angenehm 
erlebte, also mit einem der Angst entgegengesetzten Affektzustand, wie 
sie ihn in den ersten Tagen empfunden, nachdem sie sich zum Zahn- 
ziehen entschlossen hatte. Man kann nicht sagen, daß es sich um 
einen Traum mit Affektverschiebung handelte, weil die Tatsache der 
Polarisation bei jener Person auch dem Wachbewußtsein angehörte. 
Der Traum zeigt nur, daß entweder die affektive Polarisation auch in 
das Unterbewußtsein eingedrungen war, oder daß der Traum die affek- 
tive Situation des Wachbewußtseins wiedergab und nicht das Unter- 
bewußtsein betraf 2. Der Vorgang der Dissoziation zwischen Vorstel- 
hmgsbildern und deren begleitenden Affekten ist dem Traume gleich- 
falls keineswegs eigentümlich. Das Transfert oder die affektive 

1 Für Freud aber besteht die Verschiebung im Traume darin, daß die 
, .psychische Intensität" sich vom latenten Inhalt auf den manifesten verschiebt und 
umgekehrt. EHe Verschiebung ist eines der hauptsächlichsten Mittel, dessen sich die 
,,endops)chische Zensur" für die Entstellung bedient. 

2 Gerade mit Rücksicht auf die EHssoziation hat der Traum manchmal an- 
scheinend alle die« Merkmale de« Denkens, welches Bleuler autistisch 
(im Gegensatz zum logischen Denken) nennt. Dieser Umstand gibt uns eine Erklärung 
für die Annäherung, welche einige moderne Psychopathologen zwischen dem Traume 
und der schizophrenen Mentalität herstellen. 

19 Kafka, Vergleicliende Psyctiologie III. 



290 DE SANCTiS: PSYCII0L(3GIE DES TRAUMES 

Übcrlragung (Transitivismus) ist sogar eine gewöhnliche Tatsache 
auch im alltäghchen psychischen Leben. Wir sehen z. B., wie bei dem- 
selljcn Individuum dieselben Leidenschaften abwechselnd an ganz ver- 
schiedene politische oder philosophische Ideen gebunden sind, wie sich 
bei den Bekehrten und bei den Heiligen die passio erotica in die 
charilas umwandelt; und wir sehen auch, wie sich das Umgekehrte 
ereignet. 

Ich verhehle mir nicht, wie schwer es ist, die Tatsache der Ver- 
schiebung oder der affektiven Übertragung zu erklären, die im Grund 
eines der wichtigsten Phänomene der Traumtätigkeit und insbesondere 
einen der Stützpunkte der Freudschen Theorie darstellt. Gewiß kann 
man die Tatsache sehr wohl mit Hilfe der energetischen Hypothese 
verstehen: aber es muß ein für allemal gesagt werden, daß wir nicht 
wissen, was psychische Energie heißen soll, sobald wir sie als ver- 
schieden von der nervösen Energie ansehen wollen. In die moderne 
wissenschaftliche Psychologie dürfen neue Mythen nicht eindringen, ob 
man von einer psychischen Energie im Sinne von Ostwald oder im 
spiritualistischen Sinne redet. Eher können wir uns über die ideo- 
affektiven Dissoziationen Rechenschaft ablegen, indem wir uns an die 
Psychophysiologie wenden, diese liefert uns Beweise dafür, daß wir 
an eine genetische Unabhängigkeit von Erkenntnis und Affekt denken 
dürfen, indem jene den zerebrospinalen Strang, dieser das sympathisch- 
endokrine System zum Organ hat. 

Aus solchen Gründen versteht man ohne weiteres, warum man nicht 
mit Sicherheit behaupten kann, daß die Richtung der Verschiebung 
diu'ch die Richtung der Assoziation bestimmt werde. Dazu sei bemerkt, 
daß in der Freudschen Lehre die Assoziation allmächtig herrscht, aber 
die heutige Psychologie kann diese angebliche Allmacht nicht ohne Kritik 
anerkennen. 

Es ist deshalb notwendig, sich mehr an die Tatsachen als an die Theorien 
zu halten. 

Die Erklärung der Dissoziationsphänomene berührt die Lehre vom 
affektiven Gedächtnis, die von Ribot aufgestellt worden ist und so viel 
Gegnerschaft bei den Psychologen von Fouillee bis zu Titchener und bis 
zu Külpe usw. gefunden hat. Über die Deutung könnte man streiten, 
aber die Tatsachen bestehen. 

Ich bringe hier in Erinnerung, was Dante sagt: 

„Qual e colui che sommiando vede 

E dopo Jl sogno la passdone impressa 

Rimane e 1' altro alla mente non riede.'" 

(„Wie einer Dinge sieht im Traumgesicht 

Und nach dem Traumgefühl, das er empfunden, 

Zurückbleibt und vom ander« weiß er nichts.") 

(Übers, von Gildemeiister.) 

Ich muß mich hier auf die Erklärung der Phänomene des affektiven 
Gedächtnisses berufen, welche ich mehrere Male in meinen Vorlesungen 
und Schriften gab, weil ich dieselbe Erklänmg auf den Traum anwende. 
Die Vorstellung scheint entschwunden zu sein, während ihr Gefühlston 



DYNAMIK DES TRAUMES 291 



fortbci^toht, aber in U'irklichkcil ist sie nicht verlorengegangen, sondern 
einfach utitergoLaucht, d. h. für den Aug«'nblick vergessen. Mithin 
ist die Dissoziation vorübergehend. lieini Erwachen dauert das Vergessen 
an — i\er von I)aiit<' gescliihlerte und von mir, gelegentlich der Be- 
sprechung der NachtrauniphäMdineno, ausi'ührlich behandelte Fall — - 
otler die \orslellung wird durch Psychoanalvsc wieder in Erinnerung 
gebracht. Eine andere Erklärung nun, um die affektive Verschiebung 
als Tatsache anzunehmen, ist folgende: daß es eine mittelbare 
Assoziation gebe, deren Element unter der Schwelle entwtxler des VVach- 
l/ewulitseans o<ler des Traumbewulilseins bleibt. Dieser Sachverhalt ist 
in der Psvchopathologie etwas Gewöhnliches. Es gibt traurige und 
schweigsame kranke, bei denen auf das Ausfragen eine intellektuello 
Motivierung folgt, welche sofort als eine scheinbare erkannt wird; in 
diesem Fall le^t das Bewußtsein des Kranken schlechtes Zeugnis ab, 
und es besteht eine offensichtliche Dissoziation zwischen Vorstellung 
und Affekt. Wenn daher das Bewußtsein nicht in seinem ganzen 
1 mfang und seiner ganzen Geschichte betrachtet wird, gelangt man 
zu keinem Ergebnis. 

Aber die Phänomene der Traumdissoziation sind die denkbar ver- 
schiedensten. Ein lehrreiches Beispiel ist die Projektion unseres Ange- 
sichtes auf irgendeine Person des Traumspieles, die LTbertragung irgend- 
eines unserer persönlichen Merkmale oder geradezu unserer ganzen Persön- 
lichkeit auf ein anderes Individuimi (Tatsachen der Identifizierung oder 
Objektivierung.) 

Ein jungei* Mann, 2^ Jahre all, an Herzklopfen leidend, hat in der Zeit der Anfälle 
Itvängs-tigende Träume von Bedrückung, erwacht stets mit Schrecken, weil er im Traume 
L*ute sieht, welche jemanden seiner Familienangehörigen würgen. In einer Nacht 
träumte er, daß in das Haus eingedrungene Diebe sein^i Bruder erwürgten. 

M. Vold spricht von der Objektivierung des Trautmes, d. h. 
iler Tatsache, daß gewisse Ereignisse des Traumes vom Subjekte nicht 
auf sich selbst, sondern auf jemand anderen bezogen werden, und erklärt 
sie durch die Vorherrschaft des Gesichtsinnes im Leben des Menschen. 

Ein anderes Beispiel ist der ziemlich häufige Fall, daß man im 
Traum ein Wort oder einen Satz ausspricht, während man einen ganz 
anderen Gedanken hat, als ihn das Wort oder der Satz auszudrücken 
oder nahezulegen vermöchte. Ich habe bereits im Anfange dieses Ab- 
schnittes ein Phänomen beschrieben, welches sich augenscheinlich auf 
eine Dissoziation beziehen und ein „vielfältiger Traum mit 
parallelen Szenen" (sogno multiplo a scene parallele) genannt 
werden könnte, ein Traum, welcher, nach Foucault, nach dem 
Erwachen vereinheitlicht würde. Es scheint dies ein Zustand der Ver- 
doppelung der Persönlichkeit zu sein, der nach meiner Theorie durch 
das schnelle und vorübergehende Zusammentreffen von Inhalten des 
Wachbewiißtseins (das die aktuellen Reize wahrnimmt) mit Inhalten 
des in der Entwicklung begriffenen Traumes erklärlich wird^. .\ber ein 
solches Phänomen verstärkt sich in gewissen Fällen erheblich, nämlich 

1 Vgl. Kap. III. 
19* 



292 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

im „Traume mit doppelter Bedeutung" (sogno a doppio 
significato). Hier hat man einen Inhalt von unmittelharer Herkunft 
aus aktuellen, nur wenig lungebildeten oder symbolisierten Reizen und 
einen Inhalt von alter Herkunft (Unterbewußtsein), welcher bereits alle- 
gorisierl und symbolisiert ist, als wenn er ein Mythus wäre. Die beiden 
Inhalte begegnen sich, vielleicht durch die 'Ab- und Zunahme der Schlaf- 
tiefe, und anstatt sich beim Erwachen (in der Erinnerung an den Traum) 
zu verbinden, vermischen sie sich in der Weise, daß der eine 
als Allegorie des anderen erscheint und sich auf diese Art ihre Bedeutung 
verdoppelt. 

Diese Traumphänomene (Übereinanderlagerung von zwei oder mehre- 
ren Begriffen) finden in der Kunst ein klares Gregenstück. Das Symbol 
beherrscht die Kirnst. Das Dantesche „velame de li .versi strani" 
(„Schleier der seltsamen Verse") weist klar auf die Allegorie hin, aber 
es gibt — wie es im Traume vorkommt — auch in der Kunst niemals 
einen strengen Parallelismus zwischen der buchstäblichen und der alle- 
gorischen Bedeutung. Die Allegorie wechselt immer, einmal vereinigt 
sie siph mit dem wörtlichen Sinne, das andere Mal entfernt sie sich 
weit von ihm. Man denke an den ersten Gesang der „Göttlichen Komödie". 
Hier halt Dante die beiden Bedeutungen, die wörtliche und die bild- 
liche, nicht recht auseinander i. I>eshalb ist die Dichtkunst, wie der 
Traum, den seltsamsten Auslegungen zugänglich. Man denke an die 
Homerischen Gedichte imd an Dante. Grimm sagt, daß jede wahre Poesie 
der verschiedenartigsten Auslegimg fähig ist, weil sie, dem Leben ent- 
sprossen, zu ihm auch immer wieder zurückkehrt; sie trifft ims wie 
das Licht der Sonne, in welchem Ort auch immer wir uns befinden. 
Die Analogie zwischen Dichtkunst und Traum findet sich bei Dante 
selbst; z. B. in den drei im Fegefeuer zugebrachten Nächten hatte 
Dante drei Träume, alle drei waren allegorisch. Das Gedicht Goethes 
,,An Schwager Kronos" wurde nach der Angabe Ben. Croces (17), 
der es übersetzt und erläutert hat: „auf der Reise ersonnen, während 
der Dichter im schweren Postwagen eine bergige Landschaft durch- 
fuhr, im Wechsel zwischen schnellem Bergab- und langsamem und 
mühevollem Bergauffahren. Dem Gefühl und der Phantasie des reisenden 
und träumenden Dichters verwandelt sich bald der Wagenführer zu 
Kronos, den Gott der Zeit, die Reise zur Reise des Lebens, die 
flotte Abwärjsfahrt zmn jugendlichen Lauf in das Getümmel der Welt, 
die ermüdende Aufwärtsfahrt zu den mühseligen Kämpfen, welche das 
Lebenswerk des Menschen erfordert, die Aussicht, welche sich von 
der Höhe eröffnet, zu den Freuden der Kunst und der Gedankenwelt, 
der erfrischende Trunk, den ihm die Jungfrau auf der Schwelle dar- 
reicht, zu Liebe und Lebenslust. Und dann vergleicht er wieder die Fahrt 
talwärts bei Sonnenuntergang, dem Bestimmungsort entgegen, mit dem 
Lebenslauf dem Tode zu, jenem sehnlichst erwünschten Tod ohne 
Greisenalter und Kräfteverfall, in voller Glut und Trunkenheit, 
welche den Sprung in den düsteren Strudel freiwillig ertragen und 

1 Vgl. 26, Kap. 12. 



|)\\\Mlk DES TRAl.MES 293 

vollziehen, <len Gang zum Orkus nicht peinlich, nicht widerwärtig er- 
scheinen liilil, weil <üese Tat. freilicli die letzte, noch immer eine Tat 
des LelxMis, einen notwendigen ,\lxs<"hnitt, den Abschluß, zugleich aber 
die Erfüllung (Jes Lebens bildet, ohne welche das vorangegangene 
Ti-^iben weder Bedeutung noch Anlaß besäße." 

Es ist die .Allegorie, welche jedem Traum und vielen Dichtungen 
gemeinsam ist. Wie e;s [)oetische Allegorien genialer Individuen gibt, 
so gibt es alltägliche Allegorien der gewöhnlichen Menschen. 

Protokoll. Nacht des i.'i. Dezember igi^. Sofort nach dem Erwachen niederge- 
*cl>ricl>oji. Am NacJimittage des i3. xinlorhalto ich mich sehr bei einem Konzerte von 
Wcijcf im .\ugu.steum. In der folgenden ISacht habe ich lange, erotische Träume, 
aber ohne jede Geilheit. Mädchen werden von Jünglingen unter lauten Freuden- 
gefangen verfolgt; aber der Lauf ist rhythmisch, vollzieht sich in einem lichtvollen, 
lebhaft gefärbten Räume .... die Vexfolgung, die Reigen, die Umarmungen tragen 

rein musikalischen CKarakter im Schlafe begreife ich, daß alles dies nichts 

anderes ist, als ein Geigenspiel ich fühle mich von einem Schauer durch- 
rieselt und empfinde und sage zu mir selbst, daß das Leben selig ist ich] 

erwache in bester Laune. 

Der Vorgang der Dissoziation würde allein hinreichen, uns die Ursache 
für die Zusammenhang! osigkeit oder für die Symbolik des Traumes 
anzugeben. Während die affektiven Zustande, die Instinkte und die 
Leidenschaften des Schlafenden mit ihren organischen und besonders 
mit ihren motorischen Begleiterscheimmgen wie eine Symphonie ohne 
Worte im Schlaf andauern, lagern sich die unmittelbaren Empfindungen 
(imig^ildet oder nicht) imd die in der Erinnerung behaltenen und 
vergessenen Dinge über die Musik; wir könnten auch sagen, daß sie 
auf dem affektiven Kanevas gestickt werden. Der Affektzustand ist, kurz 
gesagt, imstande, aus ein und demselben Stoff entweder eine Traum- 
posse oder eine Traum tragödie zu gestalten. Die affektiven Zustände 
und ihre kinästhetischen Elemente senken ihre Wurzeln in unser Dasein 
ein und haben dadurch größere Beständigkeit als die Vorstellungen. Dies 
hat Ribot (76) trefflich aufgeklärt. 

Und nun ist es Zeit, daß wir uns folgende Fragen vorlegen: Wie ist 
die Kraft beschaffen, welche das Traumbewußtsein beherrscht? Welcher 
ist der Motor des Traumes? 

In der Freudschen Lehre ist alles Energie mit immanenter Logik. Der 
Mensch schafft in derselben Weise wie die Natur aus dem Unbewußten. 
Der Traum ist für Freud ein psychischer Vorgang in dem Sinne, daß 
er logisch ist und einem Ziele zustrebt. Er beschreibt den Weg des 
affektiven Denkens (affektive Logik oder Logik der Werte, von welcher 
auch Ribot spricht), welcher unter dem konstellierenden Einflüsse detef- 
minierender unbewußter Elemente zurückgelegt wird. Die Vorstellungen 
sind im freien Zustand in der Tat miteinander „konstelliert" ; sie sind 
verbunden durch vermittelte Assoziationen, durch unbewußte Beziehun- 
gen, einer Analogie zufolge, welche sich durch die richtunggebende Tätig- 
keit des vorherrschenden „Komplexes" regelnd einstellt. Solcher Kom- 
plexe, d. h. ideoaffektiv-motorischer psychischer Systeme besitzen wir 
alle mehrere, aber der eine ist dem anderen untergeordnet. Den Traum 
beherrschen indessen die Komplexe sexuellen Ursprungs. I>er Instinkt 



294 DK SAiNCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

der Fortpflanzung ist der herrschende, nachdem der Instinkt der Er- 
nährung unter dem Einfluß der Einrichtungen des sozialen Lebens usw. 
an Kraft verloren hat. So begreift man, daß für Freud die Sexualität 
nicht nur den Traum, sondern sogar die Kunst und Religion beherrscht. 
Andere Psychologen (sogar Freudianer) gestehen freilich der Libido 
nicht die Leitung im Traume zu; so gibt nach Adler der ,, Wille zur 
Macht", nach Stekel der Haß, nach James und Janet die Furcht dem 
Traume seine Richtung. Andere Psychologen beschränken sich darauf, 
als Triebkraft der Träume den affektiven Zustand zu erklären, so unter 
den neuesten Dwelshauvers. 

Meine Ansicht über die Frage sei hier in wenigen Sätzen zusammen- 
gefaßt: Der Motor des Traumes ist der affektive Zustand, dessen 
Triebkraft die Äußerung der affektiven Energie ist. In der Psychologie 
ist die affektive Energie besser verstanden als die intellektuelle. Abef 
der affektive Zustand im Traum ist ein freier, er wird nämlich durch 
den Schlaf von der Kette der Überlegungen und von den Forderungen 
der Wirklichkeit unabhängig. Aber die affektive Freiheit im Traum er- 
reicht, je nach den Phasen des Schlafes, verschiedene Grade, weil die 
Annäherung an das Wachbewiißtsein oder das Abrücken von ihm (wie 
im III. Kapitel gesagt werden wird) die verschiedenen Grade dieser Frei- 
heit bestimmt. So lassen sich gewisse Zusammenhanglosigkeiten im 
Traum erklären. 

Dieser Geidanke bringt den Traum in Annäherung an die Kunst, ohne 
ihn mit ihr zusammenfallen zu lassen. Der Traum ist das Reich dies 
wilden Dionysos, während die Dichtkunst das Reich Apollos ist, könnte 
man mit Nietzsche sagen. 

Man würde das Reich des Traumes künstlich beschränken oder aus- 
dehnen, wenn man behaupten woUte, daß er die Libido oder die Liebe 
oder der „elan rital" oder der Hochmut oder der Haß sei. Es ist 
richtiger, zu sagen, daß er das befreite Individuum ist, befreit 
sowohl von Sokrates als auch von Apollo. 

Man muß im übrigen dessen eingedenk sein, daß diese Betrachtungs- 
weise eine sehr allgemeine ist. In jedem besonderen Traume findet man 
fem er gelegentliche Züge, welche von automatischen Assoziationen, von 
Interferenzen aktueller Empfindungen und von augenblicklichen und teil- 
weisen Einflüssen der Überlegung und Kritik stammen, soweit diese mit 
den Schwankungen der Schlaftiefe vereinbar sind. 

Von dieser Eventualität soll im folgenden Kapitel ausführlich gesprochen 
werden. 



III. THEORIEN DES TRAUMES 

Daß der Traum oiiie j^^roßc Rolle in <lor (^^schiclite aller Völker gespielt, 
dalj er groISon Einfluli auf die Ausbildung von IMiüosophien und Reli- 
gionen ausgeübt hat, daß er immer eine Lebensquelle für die Kunst ge- 
>ve>en ist, das ist bereits eine so bekannte Tatsache, daß es nicht der 
Mühe wert ist. sie in einer kurzen Zusammenfassung eines so ausge- 
d»'hnlen Themas wie der Traumpsychologie in Erinnerung zu bringen'. 
Soll man wenigstens von den philosophischen und wissenschaftlichen 
Anschauungen sprechen, welche die angesehensten Psychologen über die 
iSatur und die Redeutung des Traumes hatten oder haben? 

In einer wissenschaftlichen ^Vbhandlung über den Traum könnte das 
Kapitel über die Theorien freilich fehlen. Eine Darstellung der alten 
und der heutigen Theorien des Traumes verliert schon deshalb an Wert, 
weil sich eine solche schon in mehreren bereits veröffentlichten Werken 
findet. Ich zitiere z. R. die großen Enzyklopädien - und die Werke von 
Dugald Stewart 3, von Melchiorre Gioia (32), von Radestock (72) und 
vielen anderen. 

Immerhin könnte die vorliegende Monographie, ohne das Kapitel über 
die Theorien zu berühren, als unvollständig bezeichnet werden; für man- 
chen könnte es sogar eine Verzichtleistung oder Neutralitätserklärung 
gegenüber dem schwierigen psychologisch-philosophischen Probleme des 
Traumes bedeuten, dessen Fragestellung ganz modern ist. Femer würde 
ich, wenn ich von den Theorien zu sprechen unterließe, die Erwartung 
vieler Psychologen und Philosophen enttäuschen, welche auch heutzutage 
weiterhin die Meinung vertreten, daß die allgemeinen Fragen, die sich 
bei der Rehandlung eines jeden wissenschaftlichen Themas aufdrängen, 
gerade die interessantesten sind. 

Ich werde also von den Theorien des Traumes reden; aber die Leser 
mögen aus den oben angeführten Gründen nur eine kurze Abhandlung 
erwarten. Die Literatur über den Traum ist sehr reichhaltig, und sie 
können jederzeit ihre Wißbegierde leicht befriedigen, wenn sie irgend- 
eines der in meinem alten Ruch oder die in der vorliegenden Mono- 
graphie angeführten Werke zu Rate ziehen. 



^ Vgl. 88, 89. Ich mache die Leser darauf aufmerksam, daß ich in diesem Kapitel 
fast gar nichts von dem wieder vorbringen werde, was sich in meinem Buche 
vom Jahre 1899 — 1901 und den ansclilipßenden Aufsätzen findet, so daß das Kapitel 
fast gänzlich neu ist. 

2 So bee. Ersch und Gruber, Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste, 
Leipzig, i8i8,ff., unter den Stichworten ,, Traum", ,, Schlaf" usw. 

' Elements of the philosophy of the human mind, Eldinburgh, 1792 — 1827. 



296 D E SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

A. ÄLTERE UND NEUERE THEORIEN 

Vor allem haben vnr die Theorien zu betrachten, welche die Bedeutung 
des Traumes leugnen oder abschätzig behandeln; dies sind präjudizierte 
Tlieorien, wie man mit einem juristischen Ausdrucke sagen könnte. Es 
»ibt deren mehrere. Für einige ist der Traum nichts als eine im wachen 
Zustande stattfindende Rekonstruktion aus Empfindungen und zusammen- 
hanglosen Erinnerungen, die im Schlaf erlebt wurden. Dementsprechend 
wären die Traumbilder von mechanischer, zufälliger Bildung, der Träumer 
selbst wäre es, der nach dem Er>vachen, je nach seinen Tendenzen xmd 
augenblicklichen Dispositionen, ihnen einen Zusammenhang und eine Be- 
deutung verliehe. Foucault (2 5) (auch Jankelevitch) stehen dieser An- 
schauung nahe. Ähnlich ist die Meinung derjenigen, welche den Traum 
für nichts anderes halten als ein sehr schnelles Spiel der Phantasie im 
Augenblicke des Erwachens. 

Diesen Meinungen steht das Ergebnis der Beobachtungen an Schlafen- 
den entgegen, die sprechen und den eigenen Traum mit Gebärden be- 
gleiten ; jenen Meinungen entg^;en stehen auch die durch Erwachen unter- 
brochenen und dann fortgesetzten Träume usw. Es ist nicht verständ- 
lich, wie Bergson in seiner berühmten Rede von 1901 die oben erwähnte 
Meinung aufrechterhalten konnte. 

Andere wieder haben ausschließlicli die physiologische Seite des Traumes 
in Betracht gezogen und Theorien vorgebracht, deren Schwäche oder 
auch Nutzlosigkeit selbst dem oberflächlichen Beobachter in die Augeo 
springt. Nur ein Beispiel: die Kurzschluß-Theorie von H. Henning (35). 
Der Verfasser wendet sich gegen Freud, aber er hat sehr unrecht, dem 
Traume jedwede Bedeutung abzusprechen, indem er ihn zu einem zu- 
fälligen, von Kurzschlüssen im Nervensystem hervorgerufenen Phänomen 
herabsetzt, davon ganz zu schweigen, daß der Kurzschluß eine Metapher 
ist, die letzten Endes nichts erklärt. 

Von iieueren Schriftstellern gab bereits S. Freud (27) eine Einteilung 
und Übersicht über die berühmtesten Theorien (von Binz, Burdach, Wundt, 
Strümpell, Delboeuf, Lipps usw^), und es erscheint mir überflüssig, sie 
anzuführen oder zu kommentieren. Es möge genügen, darauf hinzuweisen, 
daß dieser Autor berechtigte Einwände gegen diejenigen Theorien vor- 
bringt, welche er in wenig genauer Weise „zerebrale" nennt. Viel we^ 
niger überzeugend sind einige der vielen Einwände, welche er selbst gegen 
diejenigen Theorien erhebt, die (wie die Delboeuf sehe) annehmen, daß 
die psychische Tätigkeit des Wachseins im Zustande des Traumes fortbe- 
stehe, freilich unter anderen Verhältnissen. Scharfsinnig ist dagegen die 
Kritik Freuds an den Theorien, welche aus dem Traum eine Art Zustand 
der Verrücktheit oder Verwirrtheit und des Schwachsinns machen möchten. 

Hier \vill ich nur einiges über die Theorien von Autoren vorbringen, 
die ich in dem klassischen Buche S. Freuds nicht finde. 

Es gab immer und es gibt noch heute Tlieorien des Traumes von rein 
poetischem und hterarischem Wert (auch S. Freud spricht von solchen), 
z. B. jene, die man wie folgt zusammenfassen kann: der Traum ist 
der freieste Flug der von den Banden des Körpers befreiten Seele. An 



ALTERE IND NEIERE THEORIKN DES TRAl.MES 297 

(li«» hun<lerl S<*hrifUtollor dor alU'n iirul noiien Zeit Ix'gniigon sicli mit 
dit^t^iT billigten IWiauptiing, <iio schon Priszian und 'IVrtullian verkündeten, 
und die in der neueren Zeit von vielen Philt>s<»plien, unter ihnen Schelling, 
in niaßj?elH^nd<^r \\'eise erhiutert wurde. Kin anderes Beispiel: <ler 
Traum ist die hiUlliche Erscheinung und die IJerichlerstattung aus einer 
fernen Weit, (he der Geist erkennt, wenn er für kurze Zeit den ini 
Schlaf vexfallenen Körper verläßt. Das ist eine Theorie, die sich bis 
in das fernste ,\llertum zurückverfolgen läl^t, aber auch mit Wärme von 
allen theosophischen Schulen, annähernd auch von dem durch seine 
Subliminaltluxme sehr bekannten amerikanischen Schriftsteller Myers 
wieder erneuert und aufrechterhalten wurde. Ich sage annähernd, weil 
Mvers mehrere Ausnahmen und Abweichungen von der erwähnten Grund- 
idee macht. 

In den Jahren 1900 und 1901, auch später noch einige Male, hatt© 
ich Gelegenheit, mich mit einigen Meistern der Theosophie zu unterhalten 
und auseinanderzusetzen (A. Bcsant, Leadbeater, Oakley, Blech), und in 
der Folge habe ich die Werke Steiners gelesen. Alle versicherten, daß 
während des Schlafes unser „Doppel wesen" entweicht, um in die Astral- 
ebene überzutreten, wo es mit anderen zusammentreffen kann, so daß 
eine Traumerinnerung so viel bedeuten vmrde, wie daß das physische 
Gehirn beim Erwachen weiß, was uns in der Astralebene zugestoßen ist. 
Dabei unterscheiden jene Theosophen im Einklänge mit ihrer Philo- 
sophie einen automatischen Traum (Tätigkeit des physischen Ge- 
hirns) imd einen luziden (Erzeugnis des astralen). Einige aber, die 
gebildeteren, identifizieren das „Doppelwesen" mit dem Unterbewußtsein 
(Theorie des „Subliminal" von Myers). 

Die Theosophen imd Okkultisten sprechen auch von realen Träumen, 
welche in den Erfahrungen des höheren Ego oder Seif oder Ich (das 
höhere Marias der Inder) bestünde; aber sie erklärten, daß es sich nicht 
um Träume handelt, sondern um echte und eigentliche ,, Visionen" ^. In 
der Tat ist für die Okkultisten der Traum eine Bewegung oder ein Zu- 
stand der Phantasietatigkeit des primitiven Bewußtseins; er weicht von 
ihr nur insofern ab, als sie durch die Gegenwart des weiterentwickelten 
Ich abgeändert wird. So Steiner (io3), welcher der gebildetste und 
ernsteste von allen zeitgenössischen Theosophen ist. Jedenfalls kann, 
da die Tätigkeit des Ich unbewußt ist, keine Traumerfahrung die Kennt- 
nis einer übersinnlichen Welt vermitteln. Vielmehr treten die Spuren 
der Phantasietätigkeit des primitiven Bewußtseins nicht eher in Aktion, 
bevor das Ich nicht ausgeschaltet ist. Hieraus schließt Steiner, daß die 
Träume keine okkultistische Bedeutung haben. 

Wir werden die Vorläufer der modernen Theosophen bei den alten 
Griechen finden, besonders in Pythagoras und den Pythagoräern. Nach 
jenem Philosophen ist die Luft voller Geister, und von diesen werden 
den Menschen die Träume und die Vorahnungen von Krankheit und Ge- 
sundheit zugesandt. Hier wird die Transzendenz des Traumes unzwei- 



^ Beireffend die theosophischen Theorien vgl. Blavatsky (9) und C. W. Leadbeater (46). 



298 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TUVUMES 

deutig ausgesprochen. Übrigens war bei den Antiken die Mehrzahl der 
Meinung, daß der Traum den Menschen von außen her gegeben würde. 
Heraklit, welcher glaubte, daß die Vernunft nicht im Menschen, son- 
dern in seiner Umwelt (jtepiexov) liege und mittels der Atmung durch 
die Poren und die Sinne in jeden Menschen eindringe, sagte: da während 
des Schlafes die Wege der Sinne fast verstopft seien, sei unser Greist 
von den Verbindungen mit der Umwelt abgeschnitten und mit ihr nur 
durch das Mittel der Atmung gleichsam wie durch eine gemeinsame 
Wurzel verbunden; in solcher Weise abgetrennt, verliere der Geist die 
Gedächtniskraft, die er vorher besessen habe. Wenn nun der Geist 
beim Erwachen von neuem vor die Sinne, vor seine Fenster, tritt, ver- 
einige er sich dadurch mit der Umwelt und werde von neuem mit Er- 
kenntniskraft ausgerüstet. Demgemäß bemerkt Sextus Empiricus, daß 
wir nach Heraklit nur im Wachsein vernünftig (voepoi) im Schlafe da- 
gegen erinnerungslos seien (XrjQ'aioi). So wie sich die Kohlen durch die 
Veränderung ihrer Natur entzünden, wenn sie an das Feuer herange- 
bracht, und verlöschen, wenn sie vom Feuer hinweggenommen werden, 
so ist derjenige Teil der Umwelt, welcher in unseren Körpern beherbergt 
wird, vernunftlos, soweit er abgetrennt ist, gleicht sich aber dem Ganzen 
an, soweit er mit dem Ganzen durch eine sehr große Zahl von Wegen 
in Verbindung steht. 

Demokrit nähert sich mehr den modernen Anschauungen, aber auch 
er sagt sich nicht von der Annahme eines entscheidenden, von außen her 
konmienden Einflusses los. Er glaubt in der Tat, daß sich die „Bilder" 
(eibcoXa) von den äußeren Körpern ablösen, in uns eindringen, und daß 
so in uns die Empfindung imd die geistige Tätigkeit hervorgebracht 
werden. Weil nun die Bewegung der Bilder auch während des Schlafes 
andauert, so entstehen auf diese Weise die Träume. 

Die Theorien der indischen Philosopliie, z. B. die der Synkretisten 
Pracastapäda und Kegava-Micra ^, entbehren nicht des Interesses; etwas 
Gemeinschaftliches mit unserem Gedanken bietet insbesondere der Be- 
griff des Schlafes, der im Texte zwei verschiedene Namen führt, näm- 
lich: Niclra und Sushupti, wobei unter dem zweiten Worte der 
tiefe Schlaf ohne Traum verstanden wird. 

Mit Aristoteles 2 beginnt sozusagen die moderne Betrachtungsweise des 
Traumes. Wie so viele andere Lehren des Aristoteles, so ist auch seine 
Lehre vom Traum erstaunlich modern. Für den großen Philosophen 
ist der Traum im wesentlichen ein Werk der Einbildungskraft bzw. des 
Empfindungsvermögens. Aristoteles entwarf auch eine ,,Individuar"- 
Psychologie des Traumes, und seine Beobachtungen sind zutreffend. 
Er bekämpfte den Gedanken des Eingreifens der Götter und der Genien 
in die Träume (wobei er gleichwohl die Möglichkeit gottgesandter Träume 

^ Wiedergegeben \on Luigi Sauli (97). Die Theorie des Schlafes und des Traumes, 
die in diesem Buche entwickelt wird, ist mit denjenigen des Vedänta und das 
Sämkhya verknüpft. 

^ In den Parva naturalia, besonders in dem Abschnitt de insomniis findet sich die 
Lehre des Aristoteles über die Träume recht klar dargestellt. 



Äl.TF.RK r.ND NKl ERi: TUKORILN DES TIUIMKS 299 

zugab) lind verwarf auch das Wahrsagen aus Träumen und die prophe- 
tischen Träume'. 

Cicero behandelU^ meisterhatl (1;ls l'roblem der Träume und VValir- 
sagnngon. Seiner Anschauung, die übrigens die gleiche war wie die 
der Philostiphen des Altertums, schlössen sich alle fast ohne Wider- 
spruch an. \):i> gilt auch für Petrarca, der seinem Freunde Giovanni 
d' Andna aus Bologna auf die Frage nach seiner Meinung über dio 
Träume folgendes schrieb-: „Affe che a chi conoxce le dottrine degli 
antichi non puö rispanuiarsi V acctisa di curioxitä se chiede ancora la mia... 
Sappi che come in molte nitre coxe, cosi pure in questa io la penso 
€4il mio M. TuIIio." (,, Wahrhaftig, wer die Lehren der Alten kennt, 
dem kann der Vorwurf der Neugierde nicht erspart werden, wenn er 
auch noch meine fordert . . . Wisse, daß ich, wie in vielen anderen 
Fragen, gerade auch in dieser so wie mein M. Tullius denke.") Und 
ganz in Übereinstimmung mit Cicero leugnet Petrarca in jenem Brief 
alles Übernatürliche selbst in einem wirklich außerordentlichen, tele- 
pathischen Traume (wie tnan heutzutage sagen würde), den er hatte, und 
von dem er eine so natürliche und wissenschaftliche Erklärung gibt, daß 
wir weiter unten darauf zuriickkommen werden müssen. 

Die gute Hälfte der sog. Theorien des Traumes, welche die neuzeit- 
lichen Autoren von wissenschaftlicher Bedeutung am Schluß ihrer Mono- 
graphien über den Traum aufstellen, sind nur Varianten eines einzigen 
Grundgedankens, nämlich, daß der Traum die Geschichte des Träumen- 
den ist, oft ihm selbst unbewußt; eine Geschichte, welche sich mittels 
d^-s Mechanismus der Ideenassoziationen in einem der Gedankenfreiheit 
günstigen Moment abspielt, wenn sich nämlich der Organismus im Schlafe 
befindet, durch die Gegenwart fast ungestört und nicht im Besitze 
der höheren geistigen Fähigkeiten, wie z. B. des Willens. 

Man könnte sagen, daß die Gelehrten, überdrüssig, bei den Alten zu 
lesen, daß der Traum die Zukunft sei (Warnungen, Ein>virkung fremder 
Kräfte auf den Schlafenden), sich vorgenommen hätten, zu beweisen, daß 
er im Gegenteil die Vergangenheit darstelle. Nun aber haben sich, wie 
wir berichteten, die Gelehrten neuerer Zeit bemüht, zu beweisen, daß der 
Traum vielmehr die aktuelle Gegenwart des Träumers, d. h. ein auto- 
matisches Erzeugnis des Zustandes der Sinnes- und der inneren Organe 
sei (Vaschide et Pieron [ii5] und alle, die sich mit den Träumen der 
gewöhnlichen Kranken und der Irren beschäftigen) und aus der Lage 



^ Im Mittelalter folgt Thomas v. Aquino. rler christliche Übermitller fler Aristo- 
telischen Philosophie, dem Meister und somit ist auch für ihn die (aktuelle) passio 
sensus externi beim Traume .nicht von Wichtigkeit, vielmehr definiert er diesen 
als apparitio simulacrorum in somno. EHe Behandlung des Gi^gpustandes boi 
Thomas ist meisterhaft, besonders in den Erklärungen, warum im Traume die Bilder 
die vorherrschende Rolle spielen, femer woher es komme, daß zuweilen der Schlafende- 
sich dessen bewußt sei, daß er träume u. a. m. 

2 I>elle cose familiari, V. Buch, 7. Brief vom 37. XII. i343 aus Parma, mitgeteilt 
von Ronchini, La dimora di Petrarca in Parma, Modena, 187A. Ich sagte schon einiepes 
über diesen Brief des Dichters in meinem Buche von 1899. ^&^- ^- 382. 



DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 



300 

der Körperorgane während des Schlafes und im allgemeinen aus orga- 
nischen Empfindungen hervorgehe i. 

Mit mehr oder weniger persönlichen, mehr oder weniger beachtens- 
werten Theorien ist die Literatur des Traumes angefüllt; im allgemeinen 
wollen jedoch die Autoren mit ihrer Theorie des Traumes die eigenen 
philosophischen Anschauungen zur Geltung bringen, oder sie versuchen, 
aus einer oder wenigen persönlichen Beobachtungen weitgehende Schlüsse 
zu ziehen, und verfallen somit in den Fehler der Verallgemeinerung, die 
unter den Gelehrten, insbesondere wenn sie die induktive Methode mit 
geringer Vorsicht handhaben, so weit verbreitet ist. 

Den negativen Theorien, von welchen wir im Anfange gesprochen 
haben, folgten andere verwandte Theorien, die in Wirklichkeit nichts 
erklären. Viel Glück hatte vor 5o oder 70 Jahren die pathologische 
Theorie. Beachtung wurde ihr durch Moreau de Tours (60) zuteil, der 
dartun zu können glaubte, daß der Traum nichts anderes als eine geistige 
Störung sei. EHese Theorie erhielt sich, allerdings unter gewissen Ab- 
schwächungen, bis in die neueste Zeit hinein; die Irrenärzte bestanden 
auf der Analogie zvdschen Traum und Wahnsinn, füllten aber die Lücken 
mit keiner ernst zu nehmenden Theorie aus. Mit Recht wurde die patho- 
logische Theorie von Freud, von N. Vaschide und R. Meoinier (ii4) 
bekämpft. Gleichwohl kehren von Zeit zu Zeit die pathologischen Theo- 
rien wieder; neuerdings tauchten sie unter dem Namen „toxische Theorien" 
auf (57). 

Andere lassen den Traum in einer Lähmung der Aufmerksamkeit oder 
des Willens bestehen usw. ; aber auch hier liegt die Einseitigkeit auf 
der Hand. Schwerlich können diese Auffassungen auf die Bezeichnung 
oder den Rang von Theorien Anspruch erheben. Indessen gibt es deren 
andere, und zwar bedeutendere. 

Vaschide (ii3) behauptet, daß der Traum das Reich der Emotiyitat 
und die „Vergeistigung" der Bilder genannt werden könne, d. h. daß 
sich das Traumbild, das stets emotiv sei, aus einer abstrakten Synthese 
von tausend im Wachbewußtsein getrennten und dissoziierten Vorgängen 
zusammensetze. Abstraktion und Emotivität seien die Merkmale des 
Traumcss . Diese Anschauung krankt einerseits an Unbestimmtheit, ander- 
seits an Einseitigkeit. Wenn die Theorie von Vaschide (und von R. Meu- 
nier) in der mißbrauchten Phrase zusammengefaßt werden soll, daß 
der Traum von der Logik des Gefühls regiert wird, dann verliert sie 
jedwede Originalität, weil man ja, wie schon gesagt wurde, S. Freud 
die allgemeine Verbreitung dieser Anschauung verdankt. 

^ übrigens glauben selbstverständlich diejenigen eher im Rechte zu sein, welche 
zwischen Wahrnehmungsträumen {presentation dreams) und Vorstellungsträumen {repre- 
sentation dreams der Mary Calkins, Havelock Ellis u. a.) oder, wie sich viele 
Psychologen, z. B. Wundt, auszudrücken vorziehen, zwischen Illusions- und Halluzi- 
natjonsträumen unterscheiden und daraus den Schluß ziehen, daß der Traum igledcbi- 
zeitig der Zeuge für die Vergangenheit und die Gegenwart des Träumers sei; und noch 
mehr diejenigen, welche zwar der bequemeren Analyse wegen die genannte Unter- 
scheidung annehmen, im übrigen aber mit A. Maury behaupten, daß die Träume 
ftcts Vorslellungsträume seien, indem die aktuellen Empfindungen stets vom Träumer 
entstellt und umgeformt werden. 



vl.lKfU: l NT) NKIEKKTUKOKIEN DK-J TRAUMES 301 

Ich wende micli nunmehr einer Abhandlung G. L. IXiprals (20) 
zu, die ich in mancher Hinsicht für bedeutsam halte. Für diesen Psycho- 
logen ist der Traum ein Zustand geistiger Regression. Eis gibt leichte 
Grade der Regression, wie den llalbschlaf, die hypnagogischen Zu- 
stände, in welchen der Symbolismus der Sprache noch bewahrt Ist, ob- 
gleich Zusammenhanglosigkeit vorherrscht; aber es gibt auch extreme 
Zustände der Regression (im tiefen Schlafe). Somit erscheint der Schlaf 
als Folge einer Rückbildung des normalen Ich. Die geistige Tätigkeit 
im Traimi ist also, kurz gesagt, eine primitive, d. h. auf vor- 
logischer Stufe stehende geistige Tätigkeit. Hieraus folgt, daß der 
Träumer, auf sein ursprüngliches Ich zurückgeführt, zu dem primi- 
tiven \erfahren der bildlichen Darstellung (imagerie) greift, um eine 
geistige Arbeil zu verrichten, für die im Wachen geeignetere und 
ökonomischere Mittel zur Verfü^ng stehen. In einem gewissen Sinn 
ist der Traum der in Empfindungen übergeführte Gedanke; und Träumen 
heißt, an Stelle der Wortbilder die Tatsachen, welche das Wort synthetisch 
ausdrücken sollte, selbst setzen. 

Die Theorie von Duprat steht nicht im Einklänge mit den langen und 
mühsamen Beobachtungen über die Träume der großen Masse der Träu- 
menden. Daß es in gewissen Träumen eine psychische Tätigkeit von 
vorlogischem Typus gibt, ist gewiß, aber darin liegt nicht das Charak- 
teristische des Traumes. Ich werde darauf weiter unten Im gleichen 
Kapitel zurückkommen. 

Auch Morton Prince (70) hat eine Theorie des Traumes aufgestellt, 
welche aus seinen psychopathologischen Beobachtungen entstanden ist, 
besonders aus Beobachtungen an der berühmten Miß Beauchamp. 

Ich wollte einige der zahlreichen neueren Theorien streifen, um die 
Änderung in der Richtung zu zeigen, welche sich in diesen letzten Jahren 
in der Traumlehre vollzogen hat. Die von physiologischen Gesichtspunkten 
und Begriffen aus gebildeten Theorien sind nach und nach durch rein 
psychologische Theorien abgelöst worden, welche auf Grund der Itegriffe 
des Unterbewußten und des Unbewußten gebildet wTirden und zum Teil 
eine Auferstehung der Theorien Schuberts, Scherners und Volkelts be- 
deuten. 

Eine Ausnahme bildet die Theorie von E. Rignano, welche ich in dem 
I. Kapitel 1 erwähnt habe. Der Autor setzt voraus, daß die beiden 
Arten von affektiver Tätigkeit während des Wachens unausgesetzt wirksam 
sind; da also die Erholung derselben zu dieser Zeit nicht stattfinden kann, 
so vollzieht sie sich während des Schlafes. Aus diesen Voraussetzungen 

^ E. Rignano hat seine Ideen in seinem bereits zitierten großen Werke zusammen- 
gefaßt und sie dadurch der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht (gleichzeitig auch 
in französischer Sprache erschienen). Der Autor unterscheidet eine primäre und 
eine sekundäre Affektivität. Die primäre bestünde aus Interessen, die sekundäre aus 
dem Wunsche, keine Fehler _?u machen, aus der Furcht, nicht in der wirksamsten 
Weise zu handeln usw. ; während die primäre Affektivität zur Tat treibt, wird sie von 
der sekundären gehemmt, welche auf diese Weise den Zustand der Aufmerksamkeit 
henorruft, mit dessen Hilfe die Tat selbst vollbracht wird vmd von dem ihre größere 
oder geringere Wirksamkeit abhängt. 



302 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TR-\UMES 

ist CS Rignano ein leichtes, zu folgern, daß eines der ursprünglichsten und 
hervorstechendsten Merkmale des Traumes die Eigenschaft sei, anaffektiv 
zu sein. Der Verfasser drückt sich folgendermaßen aus: „/ sognl sono il 
resultato di im assopimento affettivo, non accompacjnato da un corrinpon- 
denfe asxopimento inteMettivo ; e, in altre parole, essi sono un' anarchia 
ideatica per essere remito a cesmre ogni gorerno affettivo." („Die 
Träume sind das Resultat des Einschlummerns der Affekte ohne entspre- 
chendes Einschlunmiern der Gedankenwelt; in anderen Worten: es 
!)errschl in ihnen Anarcliie der Ideen, da jede affektive Leitung auf- 
gehört hat.") 

B. DIE THEORIE EREUDS UND SEINER SCHULE 

Den genialen Anstoß zu der früher erwähnten Auferstehung hat, \>ie 
schon wiederholt in den vorhergehenden Kapiteln ausgesprochen wurde, 
Sigmund Freud gegeben, so daß eine Besprechung der Lehre Freuds 
mit einer Besprechung aller seiner Vorläufer und Epigonen gleich- 
bedeiitend ist. Übrigens beabsichtige ich nicht, in diesem Kapitel das 
bereits in den anderen Gresagte zu wiederholen, zumal ja die Freudsche 
Traumtlieorie sehr bekannt ist ^, sondern vielmehr auf einige Teile der 
Freudschen Traumtheorie einzugehen, welche mir am meisten anfechti.ar 
erscheinen. 

Die duich die äußerst interessanten Untersuchungen, und mehr noch 
durch die kühnen Deutungen und Theorien Freuds und seiner .Vnhänger 
eingeleitete Bewegung war und ist vielleicht noch jetzt eine der um- 
fassendsten, welche Psychologie und Geistes^^issenschaft in der Kultur 
der Gegenwart zu verzeichnen haben. 

Wie schon gesagt (Kapitel II), ist für Freud der Traum weder ein 
physiologischer automatischer Vorgang noch ein Gemenge von zufälligen 
Assoziationen oder von körperlichen Empfindungen während des Schlafes, 
wofüj' er zu allen Zeiten von vielen gehalten Avurde, und wofür er noch 
jetzt bei mehreren Gelehrten gilt. Er ist ein selbständiges und sinnvolles 
Erzeugnis der geistigen Tätigkeit. Die Empfindungen sind nicht Ursache 
des Traumes, sondern sie Liefern nur das Material für die psychische 
Arbeit. Der Traum ist, wie jedes komplizierte psychische Produkt, ein 
Werk, welches seine Motive, seine vorhergehenden assoziativen Verket- 
tungen hat und wie eine wohlüberlegte Handlung von einer Logik geleitet 
wird; er ergibt sich aus dem Wettkampf und dem Sieg einer Tendenz 
des Individuums über eine andere. Der Mangel an Zusammenhang und 
die Dunkelheit der Träume ist nur scheinbar; jeder Traum hat einen 
bedeutungsvollen „latenten Inhalt", weil er mit dem ganzen Leben des In- 



1 Ich könnte wahrhaftig die Darslellung der S. Freudschen Traumtheorie ohne weiteres 
überspringen, so bekannt ist sie heutzutage in den Ländern der deutschen, wie in 
denjenigen der englischen und französischen Sprache. Auch in Italien fand sie 
kritische Darsteller und Kommentatoren: .Assaggioli, Ferrari, Levi-Biancliiiii, Patini, 
Sciuti, außer dem Verfasser der vorliegenden Monographie. Siehe insbesondere unter 
den neuesten Veröffentlichungen die Artikel und Referate von R, Assaggioli (3), S. De 
SancÜs (92). Aber Freud selbst (28) hat ein neues Büchlein geschrieben, welches ein 
Auszug des größeren Werkes (27) ist. 



nii: TUKoHiK frkids indskineh sciui.e 303 

(lividuuins \crknri{)ft ist. IXt Traiiin wärt' doinnach in seinem ..mani- 
IVsten Iiiliallo" nur die unlM'wiiljIc rhcrtraf^iin;,'' psychischer I^reii^Tiiss:', 
die sich im l nbewuliten absjiiclcn, d. h. latenter Vorstellungx'n und 
Getianken. 

\her warum bop«'f?net uns im scheinbaren Traume der „Traump'edank ■'" 
in symb<^»hscher I>inkloi<hing? Der Grund he^l in einem metaphorisch 
als „Zensur" be/eichneten Vorpanj^e, der die l'^inkleidung besorgt: und 
der Vorgang ist dem l mstiinde zu verdanken, dali die Gedanken (dev 
latente Inhalt) durch große Widerstände verhindert werden, ins Be- 
wußtsein einzutreten ; ja, die individuellen InterCvSsen des Träumenden 
gestatten kaum, daß sie sich mittels Symbolen kundgeben. 

Um den Begriff der latenten Gedanken noch weiter zu klären, 
will ich die Freudsche Theorie in folgende Formel zusammenfassen: 
Der Traum ist die maskierte Erfüllung eines im frühen 
Kindesalter verdrängten unbewußten Wunsches sexu- 
eller Natur (Verdrängung oder refoulenicnt). Diese Formel enthält 
Vltes und Neues, Wahres und Falsches; jedenfalls liegen in ihr die Keime 
zu endlosen und leidenschaftlichen Kritiken und Auseinandersetzungen. 

Indessen lege ich Wert auf die Feststellung, daß man durch die Auf- 
stellung des Gnmdbegriffes des latenten Inhaltes dazu neigt, den Be- 
griff des manifesten Inhaltes zu unterschätzen, mit dem sich die 
Psychologie bis jetzt fast ausschließlich beschäftigt hat. Eine solche 
Lnterschätzung wäre jedoch ein arger Mißgriff: der manifeste Inhalt 
ist die Tatsache; er bestimmt das Verhalten des Träumenden, und. 
deshalb muß man ihm einen inneren Wert ersten Ranges zusprechen. 
Der latente Inhalt, mit welchem sich die Freudsche oder psychoanalytische 
Methode ausschließlich beschäftigt, hat gleichwohl l)eträchtlichen Wert 
(vorausgesetzt, daß es uns gelingt, ihn mittels wissenschaftlicher Methode 
zu bestätigen), besonders in der Psychopathologie, in der Psychotherapie 
und zur Erklärung der Bedeutung des Traumes. 

Im Mittelpunkte der Diskussion stand und steht der (bewußte oder 
unbewußte?) Wunsch ^ seine sexuelle Natur, die willkürliche oder un- 
willkürliche Verdrängung, sein infantiler Ursprung usw. Und natürlich 
erweitert sich die Diskussion, wenn man auf die von Freud angewandte 
Methode der Untersuchung und die Erklärung eingeht, und wenn man 
seine Lehre vom Unbewußten prüft, welche die theoretische Grundlage 
der Psychoanalyse als Methode wie als Theorie bildet. Die Psychoanalyse 
hat eben die Aufgabe, die den manifesten Inhalt bildenden Teile, ohne 
jede Rücksicht auf die manifeste Bedeutung, in ihre Elemente zu zer- 



1 Freud behauptet, daß ein bewußter Wunsch nur dann zum Traumerreger wird, wenn 
es ihm gi^'lingl. einen gleichlautenden unbewußten und zwar infantilen Wunsch zu 
wecken, durcli den er verstärkt wird. Man weiß übrigens, daß der Freudsclie Gedanke 
nach und nach so maiiche Abänderung erfuhr. Nacli Freud stammt der Wunsch im 
latenten Inhalte des Traumes der Erwaclisenen aus dem Unbewußten, während jener 
Iwi den Kindom aus dem wr.chen Zustande stammt, weil beim Kinde noch nicht 
die Zensur zwischen Vorl>ewußtem und LInbewußlem besteht. Man vergleich© den 
Beilrag von T. H. Pear zur Kritik der Freudschen Theorie über den infantilen 
Wunschtraum. 



304 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

spähen, und sie hat die andere Aufgabe, den Assoziationen zu folgen, die 
sich aus jedem dieser Elemente entwickeln. Auf diese Weise dringt man 
in die Ide<! oder den Gedanken (latenten Inhalt) des Traumes ein, d. h. 
in die Sphäre der unbefriedigten Wünsche, welche gerade im Traum 
ihre halluzinatorische Erfüllung finden. 

Es wäre noch zu untersuchen, ob die Methode der freien /Vssoziationen, 
im rückläufigen Sinn angewandt, geeignet ist, den Psychoanalytiker 
bis in das Greheinmis der Ursprünge einzuführen. Sicher gelangt man 
nicht immer so weit, wenn man nicht etwa um jeden Preis so weit ge- 
langen will. 

Die Freudsche Lehre wimmelt von philosophischen Begriffen. Unter 
ihnen herrscht z. B. die Finalität des Traumes vor. Nach Freud hätte 
der Traum eine Funktion der Verteidigung oder auch der Beschützung 
des Schlafes. Der Schlaf würde eben gegen die im Wachzustand unbe- 
friedigt geblid)enen psychischen Komponenten, d. h. gegen die unbe- 
wußten Wünsche, verteidigt werden, welche den Schlafenden in dem 
MafSe beunruhigen, daß, wenn ein Kampf zwischen Zensur und Traum- 
gedanken entsteht, „der Fluß aus den Ufern tritt" und den Schlafenden 
weckt. Aus dieser Quelle stammen die Angstträume. Diese Anschauung 
Freuds wurde von mehreren aufgenommen. Einige schlössen sich ihr 
einfach an i, während andere sie erörterten, weiterentwickelten oder be- 
richtigten. 

Zu den (eigentlich wenig disziplinierten) Schülern Freuds zählt Jung 2, 
der einige Gedanken des Meisters, besonders über die ,, Libido" (sexuelle 
Natur der verdrängten Gedanken), modifiziert, vor allen Dingen aber die 
Dynamik des Traumes, im Freudschen Sinne, mit Feinheit erläutert hat. 
Jeder unserer geistigen Zustände hängt von unserer Geschichte ab. In 
unserer Vergangenheit gibt es Elemente von verschiedenem Werte, welche 
die psychische Konstellation (ich glaube, daß das Wort von Ziehen 
stammt) bestimmen. Die großen Leidenschaften und die Haupterlebnisse 
bilden starke und dauerhafte Komplexe (Jung und Bleuler) von 
Assoziationen. Der Komplex entfaltet eine große ,,konstellierende' 
Kraft, und die Erzeugnisse der psychischen Tätigkeit hängen vor allem 
von den stärksten „konstellierenden" Einflüssen ab. 

Jung sagt, daß in den Komplexen mit starkem emotionel- 
len Koeffizienten inrnier Wünsche und Widerstände eine RoUa 
spielen. Das ganze Leben zielt auf eine Verwirklichung unserer Be- 
strebungen ab, und diese Verwirklichimg tritt im Traum ein. Nur daß 
die Wünsche, welche die Gedanken des Traumes bilden (Freuds latenter 
Inhalt), uneingestandene, verdrängte, von der Überlegung wegen ihrer 
Peinlichkeit ausgeschlossene Wünsche sind, die im Traume mannig- 
fach verkleidet (Freuds manifester Inhalt), also in symbolischem 
Gewände, wieder auferstehen. Der Träumer kennt den latenten Inhalt 



1 Michele Sciuti (98) bemerkt kurz, daß, wie der Schlaf den Organismus, so auch 
der Traum den Schlaf beschützt. 

- Jung (38) gab ein© treffliche Zusammenfassung seiner Ideen in seinem Aufsatze 
über die Aiialyse der Träume. 



Din TUKOUIK FHKl PS IM) SRI.NEU SCHULE 305 

solnes 'Irauni«"« nicht, da die Iloimuiin«^ (Zensur Freuds) dein (j<'dankcn 
das Aultrolen nur in synibolischoin (lewande gestattet. Hieraus lolgt, dali 
es nötig ist, den geheimen und wirklichen Gedanken <lc8 Traumes mittels 
der Assoziationen (Jung), durch Nachforschungen über das Leben des 
Träumenden, d. h. mittels der psychoanalytischen Methode Freuds', auf- 
zudecken, um die Theorien Freuds zu bestätigen und zu beweisen. 

Ein anderer, teilweise von ihm unabiiängiger Ausleger der Lehre 
Freuds ist Adler (i) in Wien. Dieser hält den Traum, wie alle psychi- 
schen Erscheinungen, für das Erzeugnis der gesamten Kräfte des Träu- 
menden. Er ist ein Schwingen unserer Gedanken in der vom Charakter 
eingeschlagenen llichtung. Im Traume wird der unbewußte Zweck offen- 
bar; der Wille triumpliiert, während er im Wachsein durch die bewußten 
Inhalte unterdrückt war. Der Traum ist aber voll von Symbolen und 
^erschrobenheiten. Die Ursache von so großer Dunkelheit biTuht darauf, 
daß der Traum ein Spiel von Kräften widerspiegelt. Der Traum hat eine 
prophetische und vorbereitende Funktion, sagt Adler bereits im Jahre 
1908. Der Sinn des Traumes, wenn er einmal verstanden ist, enthüllt 
gewiß nicht die Zukunft, aber zeigt ihren Weg an. Der Traum ist wie 
der Rauch — er zeigt die Richtung des Windes an. Der Traum stellt 
die Meilensteine in der Gedankenwelt des Träumers dar, der Gedanken, 
welche die Zukunft mittels der persönlichen Erfahrungen des Menschen 
zu erkennen versuchen. Der Traum sagt nicht die Handlungen voraus, 
sondern reflektiert, wie in einem Spiegel, die Ereignisse und die Ein- 
stellungen, welche in enger Beziehung zu unseren Handlungen stehen. 

Mäder (5i) geht davon aus, daß die wesentliche Funktion des Traumes 
nach Freud darin besteht, den Schlaf zu beschützen, indem der Schlafende, 
anstatt durch seine Wünsche oder seine Bedürfnisse aufgeweckt zu 
werden, im Schlaf von ihrer Verwirklichung träumt und somit friedlich 
schlummert. Indessen hat nach Mäder der Traum zwei Nebenfunktionen, 
welche ihn dem Spiel und der Tagträumerei {j'everie) annähern, und zwar 
einerseits eine vorbereitende Funktion : sie bereitet die Lösung 
moralischer Konflikte vor; sie ist insofern eine vorbereitende Übung, 
als die Träume die Tendenzen und Einstellungen verraten, die später 
in dem Verhalten imd den Gedanken der Person erscheinen werden. 
Er hat ferner eine kathartische Funktion: gewisse Träume dienen 
Befürchtungen oder Wünschen zum Ventil, welche mit den Erforder- 
nissen des Lebens unvereinbar sind, wie gewisse atavistische Instinkte 
im Spiel oder in der Phantasie befriedigt oder erschöpft werden (Kanali- 
sation der sozialen Instinkte bei Claparede). Somit stellt der Traum 
eine Art Ersatz des kindlichen Spieles dar und erscheint als die Äußerung 
einer und derselben Funktion: der Funktion des Spielens. 



1 Ich erinnere daran, daß diese Methode im Verhören über die wichtigsten Einzel- 
heiten des Traumes besteht, wobei man die Person dazu anhält, sich jeder Kritik (Zensur) 
zu entJialten, die willkürliche Aufmerksamkeit aufzugeben und alles zu sagen, was ihr 
einfällt (Zustand der Passivität oder hypnoider Zustand). Man muß sie über die 
dunkelsten Punkte der 7\nalyse befragen und soll vor den durch „Hemmungen" erzeugten 
Redepausen der Person nicht haltmachen, weil ja diese Pausen höchst bezeichnend 
sind: Zeichen von Widerstand! 

20 Kafka, Vergleicheade Psychologie III. 



306 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

Von Freud zu Stekel (lo/j) — von den Dolomiten zur Sächsischen 
Schweiz, wie Hellpach so treffend sagt (34)- Stekel, der kühne Populari- 
sator der Freudschcn Theorie, wandte sie auf die Erklärung der Neurose 
und auf die Traumdeutung in so grober Weise an, daß er weder bei 
ernsten Psychologen noch bei erfahrenen Ärzten Beifall finden konnte. 
Die sexuelle Symbolik des Traumes nach Stekel ist einfach ein schlechter 
Witz. Indessen ist Freud selbst von der Symbolik des Traumes, ins- 
besondere der erotischen, überzeugt. Er sagt in der Tat, daß die Symbole 
(manifester Inhalt) der sexuellen Komplexe bei den Träumern verschie- 
dener Sprachen universell sind, was einen ungemein großen Wert für 
die Technik der Traumdeutung besitzt. Er gelangt zu dem Schlüsse, 
daß wir uns dadurch dem Volksideal einer Übersetzung des Traumes 
nähern und uns unsererseits an die hermeneu tische Technik der Völker 
des Altertums wieder anschließen. 

C. KRITIK DER FREUDSCHEN LEHRE 

Es ist nicht meine Absicht, mich weiterhin mit der Kritik aufzuhalten i. 
Hier werde ich in aller Kürze nur folgende Punkte der Freudschen Lehre 
kritisch behandeln: den Finalismiis des Traumes, das Unbewußte, die 
Dynamik des Traumes, den Wunschtraum und den Pansexualismus. 

I. Finalismus 

Für Freud ist der Traum der Beschützer, der „Wächter" des Schlafes. 
Für Adler ein affektiver Regulator, für Mäder hat der Traum außer der 
Funktion des Schutzes zwei andere Nebenfunktionen, eine ,, vorbereiten de" 
und eine ,,kathartische". Nun aber steht das alles im Einklänge mit 
anderen teleologischen Anschauimgen, welche in der Biologie und be- 
sonders in der Psychologie und Medizin gang und gäbe sind. Bereits bei 
Kant finden wir den Gedanken der beschützenden Funktion des Traumes. 
Der Traum sei geradezu ein von der Natur zur Wiedererweckung der zu- 
weilen abgestumpften Lebenskraft vorgesehenes Mittel sowie ein Mittel 
zur Vermeidung von Gefahren, die unser Leben selbst bedrohen. So 
dienen z. B. beim Alpdruck die erschreckenden Bilder dazu, uns zu 
heftigen Bewegungen zu veranlassen und dadurch den Kreislauf des 
Blutes wieder zu beleben, der sonst Gefahr liefe, ins Stocken zu geraten. 
Auch die Theorie der „Katharsis" von Breuer glänzt zwar nicht durch 
Neuheit, verstößt aber nicht gegen irgendeinen wissenschaftlichen Grund- 
satz. Dieser Theorie begegnet man bereits in der Ästhetik des Aristo- 



^ Zahllos sind die von Philosophen und Psychologen an S. Freud und seiner 
Lehre geübten Kritiken. Einige sind richtig, andere aber lassen mich sehr gleichgültig, 
z. B. die von Regis und Hesnard {']^), welche zeigen will, daß Freud von Bergson, 
von Morton Prince (S. 827 ff.) abhängig ist, und daß die Psychoanalyse nur 
ein Versuch der Systematisierung der Ergebnisse der französischen psychologischen 
Analyse (S. 33i) ist. Es dürfte vm-klich nicht vergessen werden, daß Freud seine 
Lehre vor mehr als 20 Jahren aufgestellt hat. Gewiß kamen ihm P. Janet und 
Charcot mit ihrer Theorie der „Souvenirs traumatiques" zuvor, aber Freud ist weit 
darüber hinausgegangen. Wie dem auch sei, es ist vninderlich, daß jene Verfasser 
vergessen haben, daß zu den Vorläufern Freuds Schopenhauer gehörte. 



KRITIK DER FREIDSCHEN LKURK 307 

(elcs. Da>^ Trauorspiol sucht <hirch I'urrlil und Mitleid die Kallrirsis 
jener Affekle zu erreichen. Das Wt^en der tragischen Katharsis bestellt 
demnach für Aristoteles nicht in der Ausschaltung (Kenosis) jener I)eiden 
Affekle, sondern in der Mäßigung, welche auf sie durch die ästhclischo 
Wirkung des Trauerspiels ausgeübt wird. Später hat die Heilkunde der 
lMük)sophie Wort und liegritl' der Katharsis entlehnt (kathartische lleil- 
niiltel), aber mit Breuer Ix'giiuil man die Katharsis der Philosophie oder 
wenigstens der normalen und pathologischen Psychologie zurückzugehen. 

Nun ist es aber zweifellos, dali der TekH)iogismas auf dem Felde des 
Wissens cum grano salis zu nehmen ist, weil, je nach dem philo- 
sophischen Standpunkte des Beobachters, auf dieselben Geschehnisse und 
dieselbe Funktion ganz verschiedene finalistische Betrachtungsweisen an- 
wendbar sind. So wird für den Physiologen (G. Riebet) der Schmerz 
der Beschützer, die Schildwache des Lebens sein, während er für die 
religiösen Gemüter als Beschützer des Glaubens auftreten wird, da er 
von den irdischen Dingen ablenkt. Wissenschaftlich gesprochen, ist je- 
doch die Annahme eines Finalismus des Traumes nichts als eine Hypo- 
these, welche nicht einmal auf die Rolle einer Arbeitshypothese An- 
spruch erheben kann. Sie ist als ein allgemein-biologischer Gesichtspunkt 
zu betrachten, logisch zxilässig, vor allem poetisch und deshalb von an- 
regendem Wert, einer jener Gesichtspunkte, in denen sich der Lyrismus 
der Männer der Wissenschaft offenbart. Die finalistische Hypothese 
ist mithin annehmbar, jedoch mit der Einschränkung, daß sowohl die 
immanente These (im strengen philosophischen Sinne verstanden) vvie 
die transzendentale These (Traumtheorien der voraristotelischen Zeiten) 
die Grenzen der Wissenschaft überschreiten. 

Nützlicher scheint mir ein anderer Gesichtspunkt des Freudschen Fi- 
nalismus zu sein. Freud hat den Traum auf die Gresetze der allgemeinen 
Psychologie zurückgeführt und ihm dadurch eine Bedeutung und einen 
Wert gegeben. Dies will besagen, daß auch der Traum, weil er ein 
psychischer Vorgang ist, einem Ziele zustrebt. Freud hat den Verlauf 
der Überlegung (der affektiven Logik oder Logik der Werte, würde Ribot 
sagen) beschreiben wollen, welcher unter dem „konstellierenden" Ein- 
flüsse bestimmter unbewußter Elemente vor sich geht. Nun ist ein 
solcher psychologischer Finalismus von der Wirklichkeit weniger ent- 
fernt (76) und annehmbar, wenn man ihn nur von jedweder philosophi- 
schen Idee befreit. Gleichwohl verändert sich die Sachlage, wenn man zu 
den einzelnen Äußerungen des angenommenen Finalismus übergeht. Dann 
kann die wissenschaftliche Forschung der Logik gegenüber einigen ^Vid?^- 
spruch erheben. Nach der Freudschen psychogene tischen Theorie geht 
der Finalismus so weit, daß der Tramn unter den Sinnesreizen, welche 
auf den Schlafenden einwirken, mit Rücksicht darauf eine Auswahl 
trifft, ob sie seinem Zweck gemäß anzunehmen, zu verarbeiten oder aber 
zurückzuweisen seien. Hingegen könnte eine ökonomischere, auf die 
Erfahrung begründete, aber deswegen noch keineswegs mechanistische 
Theorie annehmen, daß der äußere Reiz je nach der Tiefe des Schlafes 
aufgenommen oder zurückgewiesen, und daß er je nach der (ideativen 
oder affektiven) Verwandtschaft zwischen ihm und den im Augenblicke 

20« 



308 DE SANCTIS: PSYCHOLOGIE DES TRAUMES 

des Traumes sich entwickelnden Vorstellungen mehr oder weniger um- 
gestaltet wird. 

Die äußeren Assoziationen des Traumes sind nicht wegzuleugnen; 
sie bilden eine der Ursachen der scheinbaren Zusammenhanglosigkeit 
des Traumes. Zugegeben auch, daß die oberflächliche Assoziation, dio 
hauptsächlich durch äußere Reize hervorgerufen wird, vom Traume für 
seine angenommenen Zwecke verwendet werde, so scheint mir doch diese 
Verwendung sicherlich immer durch den Reiz bedingt zu sein, weil sie 
nur nach der Einwirkung des Reizes und dem Eintritte <ler oberfläch- 
lichen Assoziation erfolgten könnte. In der Tat zeigen die Ergebnisse 
der Versuchs träume bei Kindern und /Erwachsenen, daß der Reiz wirklich 
den ganzen Traum hervorrufen, zum mindesten aber I>eeinflussen oder 
seine Lösung beschleunigen kann. Im Falle starker Reize fällt diese 
Tatsache fast immer in die Augen. Zusammenfassend läßt sich der 
Regriff des Finalismus des Traumes in einem sehr allgemeinen Sinn 
anerkennen; dennoch kann die finalistische Auffassung nicht als Grund- 
lage für die Deutung der einzelnen Träume dienen. 

2. Das Unbewußte 

Uns interessiert die Vorstellung wenig, welche sich Freud von der 
psychischen Tätigkeit im allgemeinen macht. Die psychische Dynamik, 
wie sie Freud ^ sich vorstellt, ist eine der so vielen Schema tischen Vor- 
stellu