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Full text of "Handwörterbuch der gesammten Chirurgie und Augenheilkunde"

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Handwörterbuch 

der 

gesammten 

Chirurgie und Augenheilkunde, 

herausgegeben 

von den Professoren 

Dr. W. Walther* Dr. ffl. tTteger, Dr. JT. JRadius, 

in Leipzig. in Erlangen. in Leipzig. 



Mit Königl. Würtemb, Privilegium gegen den Nachdruck* 



Zweite? Hand. 

\t i ')ph in — Fa^cia scn^ularis 



Leipzig, 

Weygaud'sche Verlags- Buchiiaudluu; 

(L. GEBHARDT.) 

18 3 7. 



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v* V 






Sr. Hochwohlgeboren 
dem. Herrn 

Johann Nepomuk von Rust 



und 



Sr. Wohlgeboren 

dem Herrn 

Friedrich Jaeger 



widmen 

den zweiten Band dieses Handbuches 

aus wahrer Hochachtung 



die Verfasser. 



ATROPHIA (rgicpsiy. ernähren und cc privativ), s. Aridura, 
s. Tabes , s. Emaciaiio , Schwinden, Abmagerung-, 
Darrsucht, bezeichnet denjenigen Zustand des Körpers, bei 
welchem die Ernährung in Folge des Erkrankens eines Organes 
derselben den Ersatz an Stoffen und Kräften nicht liefern 
kann, welchen der naturgemässe Verbrauch erfordert. Durch 
die aus vielfachen Ursachen hervorgebrachte Beeinträchtigung 
der Ernährung eines Theiles oder des ganzen Körpers erfolgt 
nicht allein eine Abnahme des Volumens desselben, bisweilen 
ein völliges Schwinden eines Theiles , sondern auch die ganze 
Lebensthatigkeit wird gestört und aufgehoben. Hier be- 
schäftigt uns vorzüglich die Airophlapartlalis, topica, die 
örtliche Darrsucht, das Schwinden eines Theiles, welchem 
ein jedes Organ, ein jeder Theil des Körpers unterworfen 
ist und welches häufig durch örtliche Lähmungen , durch 
Druck auf die ernährenden Gefässe, Verengerungen, Ver- 
schliessungen oder anderen Entartungen derselben, durch dys- 
krasische Entzündungen dieser Theile , durch Affection eines 
entfernteren , mit dem schwindenden Organe in consensueller 
Verbindung stehenden Theiles , z. B. der Brüste und der Ge- 
bärmutter, durch giftige und arzneiliche Stoffe, z.B. durch über- 
mässigen Gebrauch der Jodine, hervorgebracht wird. Die ana- 
tomischen Veränderungen, welche wir bei den an Atrophie 
leidenden Organen wahrnehmen, sind theils nach den Organen 
selbst theils nach dem Grade der Atrophie verschieden ; so findet 
man z. B. von den Eierstöcken oft nur eine faserige Hülle. Im 
Allgemeinen vermindert sich in dem atrophischen Theile der 
Umfang desselben, weil meistens das Parenchyma eines Organes 
sich verringert und einschrumpft, oder seine gewöhnliche Fes- 
tigkeit verliert, und entweder eine grosse Schlaffheit des Ge- 
webes oder ejne völlige Erweichung desselben entsteht ; zu- 
weilen findet man nur einige Ueberreste eines atrophischen 
Handwörterb. d. Ch. H. \ 



2 Atrophia. 

Organes in einer Masse von Zellgewebe und in seltenen Fäl- 
len nur dieses Zellgewebe, als das allgemeine Element der 
Organisation. Bei der Atrophie eines Nerven findet man den 
Umfang desselben oft um ein Viertel oder um ein Drit- 
theil verkleinert, die Marksubstanz schwindet und verwan- 
delt sich in einen grauen, durchscheinenden Stoff, oder das 
Neurilem, welches aber auch zuweilen fibrös , ja sogar knor- 
pelig gefunden wird, bildet eine dünne, häutige Scheide, wel- 
che ein halbflüssiges Zellgewebe enthält. Häufig findet man 
bei Lähmungen der Glieder die vorderen und hinteren Wur- 
zeln der Rückenmarksnerven kleiner als gewöhnlich. Bei 
der Atrophie der Knochen vermindert sich der Umfang dersel- 
ben, wie bei der der Lungen, nicht, das Gewebe wird locker 
und erweicht sich. — Die Vorhersagung bei diesem Uebel ist 
meistens ungünstig, der einmal ergriffene Theil erhält selten 
sein Volumen, seine Vitalität wieder, wenn nicht die Ursa- 
chen zeitig gehoben werden können. Bei der Behandlung 
suchen wir zuvörderst die Ursachen , wenn sie noch einwir- 
ken , zu entfernen , daher dyscrasische Entzündungen durch 
zweckmässige Mittel geheilt, Exostosen, Balggeschwülste 
entfernt werden müssen u. s. w. ; örtliche Lähmungen erfor- 
dern die Anwendung von Frictionen, Einreibungen Spirituo- 
sen, stärkender Mittel und Salben , aromatischer Eisenbäder, 
Douche, Urtication, spanische Fliegenpflaster, Moxa, Glüh- 
eisen u. s. w. Erscheint das Uebel als Reflex einer consen- 
suellen Krankheit in einem entfernten Organe, so ist dagegen 
die Behandlung zu richten. Wenn die partielle Abmagerung 
als Symptom der allgemeinen Atrophie auftritt, so muss auch 
mit der örtlichen, dem Organe angemessenen, eine allgemeine 
Behandlung eingeschlagen werden. Leichte, nährende Kost, 
massiger Genuss von W ein , tägliche Bewegung in freier Luft, 
See-, Stahl-, Malz-, Moor -Bäder, innerlich bei besonderer 
Berücksichtigung der Verdauungswerkzeuge China, Eisenmit- 
tel , Quassia , Calmus u. s. w. dies wird , wenn auch nicht 
zu einer völligen Heilung, doch zu einer längeren Erhal- 
tung des Lebens und Erleichterung des Zustandes bei einem 
von allgemeiner Atrophie ergriffenen Individuum wesentlich 
beitragen. 

Literatur: C. 'F. Nürnberger Diss. de atrophia partiali s. 
« de aridurö. Viteb. 1792. 4. }\\ 



Atrophia bulbi oculL 3 

ATROPHIA BULBI OCULI, Darrsucht, Schwin- 
den, Vers chrumpfen des Augapfels, bezeichnet 
denjenigen Zustand, wo der Augapfel unter seine normale 
Grösse in Folge unzureichender Ernährung herabsinkt. Es 
müssen dabei dem Grade des Leidens nach die Verrichtungen 
des Auges mehr oder minder leiden , und so findet man denn 
in der That, dass bei Atrophie die niederen Grade der Schwach- 
sichtigkeit bis zur vollständigsten Erblindung gefunden wer- 
den. Die Darrsucht ist bald allgemein bald nur theilweise, 
namentlich findet sich öfters Atrophie der vordem Theile des 
Auges, besonders der Hornhaut, was man mit dem Namen von 
Hornhautverschrumpfung, Rhytidosis, bezeichnet hat. All- 
einige Atrophie der hinteren Partien habe ich nicht bemerkt, 
und glaube nicht, dass man Grund hat Auflösung des Glas- 
körpers als eine Atrophie der hinteren Augentheile zu betrach- 
ten, wie von Einigen geschehen. — Je nachdem die Ursachen 
der Atrophie verschieden sind , je nachdem findet man bei ihr 
auch verschiedene Erscheinungen. Entweder nämlich ist sie 
bei übrigens unverletztem Auge Folge von gesunkener oder 
gänzlich aufgehobener JVerventhätigkeit des Auges, die in 
höherem Alter eben so wie das Erlöschen der Kraft anderer 
Sinnesnerven beobachtet wird, und dann oft erst nach lange 
vorausgegangener Amaurose hervortretend ; oder sie folgt auf 
Zerstörung einzelner Theile des Auges durch Eiterung oder 
Verwundung. Im ersteren Falle, zu dem ausser hohem Alter 
auch Cachexien, namentlich gichtische und syphilitische, Ver- 
anlassung geben, den Plenk (Doctr.de morb. ac. p. 108) 
auch durch unterdrückten Kopfausschlag entstehen sah, geht, 
wie gesagt, Erblindung gewöhnlich voran, der Augapfel be- 
kommt ein matteres Ansehen, seine Bewegungen werden stei- 
fer, unbeholfener, er fängt an sich zu verkleinern, die Farbe 
der Sclerotica wird porzellanartiger, todter, die der Iris matt, 
verändert, die Pupille wird bisweilen trüb, andere Mal aber 
hält sie sich rein. Die Augenlider sinken ein, die Thränen- 
absonderung vermindert sich. Der Grad derVerschrumpfung 
des Apfels ist verschieden, beträgt aber aber wohl nur selten 
über \ — 1 des Durchmessers ; ein Zusammenschrumpfen 
bis auf einen kleinen Knopf wie bei der zweiten Art häufig ist, 
mag wohl gar nicht vorkommen. Im zweiten Falle tritt die Er- 
blindung mit der die Atrophie bedingenden Ursache gleichzei- 

1* 



4 Atrophia bulbl oculi. 

tig auf; die Flüssigkeiten des Auges sind durch die "Wunde, 
oder durch die geborstene Hornhaut ausgeflossen, die Stru- 
ctur des Auges mehr oder minder vernichtet. Die Verschrum- 
pfung erreicht bald einen höheren bald nur einen niederen Grad, 
bisweilen so dass der Augapfel nur wie ein kleiner schmuzig gel- 
ber, unebener, meistens mit einer Querfurche versehener Knopf 
Im Hintergründe der Orbita erscheint, die Lider aber ganz nach 
innen eingezogen sind. Streng genommen kann der zweite Fall 
nur dann zur Atrophie gerechnet werden , wenn zu dem durch 
äussere Gewalt oder Vereiterung bedingten Collapsus sich 
auch in Folge des begleitenden Krankheitsprocesses Mangel 
des Ernährtwerdens der übrig gebliebenen Theile gesellt, was 
nicht immer geschieht , obgleich häufig genug keine so starke 
Reproduction eintritt 9 dass das Zerstörte ersetzt wird, die 
fortbestehende Ernährung auch in Folge des Krankheitspro- 
cesses eine fehlerhafte wird. Angeborene Kleinheit des Apfels 
(Mikrophthalmus) kann streng genommen auch nicht hier- 
her gerechnet werden, wenn gleich es hier und da geschieht. 
Anlangend die anatomischen Veränderungen 
eines atrophischen Auges, so finden sich im ersten Falle, wo 
nur Sinken der Nerventhätägkeit die Veranlassung gab, ausser 
der allgemeinen oben bezeichneten Verkleinerung gemeinig- 
lich Verdünnung der Häute, besonders der Sclerotica, wes- 
halb denn auch die Chorioidea stark durchschimmert; in 
manchen Fällen vermindert sich die Pigmentbildung, das 
Auge bekommt ein mehr kreide- als milchweises Ansehen. 
Bisweilen trüben sich die Flüssigkeiten , andere Mal behalten 
sie wenigstens für lange Zeit ihre Durchsichtigkeit. Ausser 
dem Angegebenen zeigen sich noch die mannichfachen Ver- 
änderungen, wie sie bei Amaurose beobachtet werden. Im zwei- 
ten Falle , wo Zerstörung eines Theils des Augapfels Veran- 
lassung zur Atrophie wurde, findet man den Apfel tief in seine 
Höhle zurückgezogen und oft bis zum Umfange einer grossen 
Erbse verkleinert, uneben, furchig, in der Mitte an der 
Stelle, wo die Hornhaut ihren Platz hatte, mit einer Quer- 
furcheversehen, von der Hornhaut selbst meist keine Spur, 
da sie entweder ganz geschwunden oder in ihren übrig geblie- 
benen Theilen der Sclerotica ähnlich geworden ist. Die Be- 
weglichkeit oft ganz mangelnd. Die Farbe des Bulbus ist 
meist gelblichweiss. Die Sclerotica ist verdickt, die Cho- 



Atropliia bulbi oculi — Atrophia testiculorum. 5 

rioidea gewöhnlich ihres Pigmentes beraubt, die Netzhaut 
geschwunden, oder strangartig zusammengefallen ; in einem 
Falle fand ich sie verknöchert, was auch Mannoury (Philad. 
med. rccord. Apr. 1827 p. 475) beobachtete. Vom Glas- 
körper gewöhnlich nur eine Spur, und dabei Verdünnung 
desselben ; die Linse ist gewöhnlich ausgeflossen. Die Vor- 
hersage ist gewöhnlich schlecht, immer sehr misslieh. 
An eine Heilung der vorgerückteren Grade von Atro- 
phie ist nicht zu denken , ja es wird sogar oft unmöglich ein 
künstliches Auge einzulegen , wenn der Apfel zu sehr zusam- 
mengeschrumpft ist. Wo das Uebel sich erst zu entwickeln 
anfängt, ist bisweilen Hülfe möglich, indem man der Ent- 
zündung, der allgemeinen Cachexie, dem örtlich sinkenden 
Leben entgegenarbeitet, welches mit Mehrerem bei Behand- 
lung der Amaurose entwickelt worden ist. In P 1 en k' s oben 
erwähntem Falle zeigten sich Fontanelle hinter den Ohren 
hülfreich. Rds* 

ATROPHIA MAMMAUUM, die A t r o p h i e der B r ü s t e 
kann angeerbt oder erworben seyn; man hat sie namentlich 
nach Krankheiten der Eierstöcke, nach Tribadismus, nach 
Missbrauch der Iodine, in Folge zu engei* und fest angeleg- 
ter Schnürbrüste u. s. w. entstehen sehen. Nicht zu ver- 
wechseln ist die Atrophie mit dem Skirrhus der Brüste. W. 

ATROPHIA TESTICÜLORUM, s. Aridura, s. May- 
cor testium ^ d a s Schwinden, die Abmagerung der 
Hoden. Diese Krankheit entsteht in Folge von Entzündung 
der Hoden (A. C oop er), vom Drucke der Gefässe bei Cirso- 
cele (Richter, Pott), von tiefen Nackenwunden und Aus- 
schweifungen in venere et baccho (Larrey); häufiger und 
wahrscheinlicher mag sie nach Onanie und Ausschweifungen 
in der Liebe als in Folge von Enthaltsamkeit in der physi- 
schen Liebe, wie Mo nf alc on behauptet, entstehen; aus- 
serdem kann sie sich durch Druck schlechter Bruchbänder, in 
Begleitung der Tabes dorsualis, im hohen Alter bei allgemei- 
ner Abnahme des Körpers und nach übermässigem Gebrauche 
der Jodine entwickeln. Larrey will beobachtet haben, dass 
mit dem Schwinden der Hoden, womit die Zeugungskraft na- 
türlich verloren geht, auch der Character der Männlichkeit 
verloren gehe und weibliche Physionemie, Bartlosigkeit 5 Kör- 



6 Atrophla unguium — Auflockerung des Gewebes. 

per - und selbst Geistesschwäche entstehe. Bei der Cur die- 
ses Uebels muss man , wenn es möglich ist , die einwirken- 
den Schädlichkeiten entfernen , Waschungen mit kaltem Was- 
ser der Geschlechtstheile , Frictionen des ganzen Körpers mit 
Flanell, Seebäder und die gleichzeitige Anwendung innerer 
stärkender Mittel verordnen. 

Literatur: A. G. Richter, observat. chirurg. fascic. II. p. 2L 
Gott. 1776. 8. — Larrey, med. chirurg. Denkwürdigkeiten. 
A. d. Franz. T. I. Leipzig. 1813. S. 216. — A. Cooper, die 
Bildung und Krankheiten des Hodens. Weimar. 1832. p. 42. 

w. 

ATROPHIA UNGUIUM , d a s Einschrumpfender 
Nägel, welches meistentheils in Folge allgemeiner dys- 
crasischer Leiden, als Syphilis, Gicht, Rhachitis u. s. w. 
entsteht, beginnt gewöhnlich mit einer krankhaften AfFection 
der Nagelwurzel ; der Nagel wird weiss , trocken , verliert 
seinen Glanz und geht in Stücken ab. (Siehe Alopecia un- 
guium), w. 

ATTRITUS , Ättritio , Biatrimma ; Intertrigo , A f - 
terfratt, Wolf. Man bezeichnet damit das Wundseyn 
am Damme zwischen den Hinterbacken. Das Uebel entsteht 
besonders bei heisser Witterung, bei starken, fetten Perso- 
nen, welche sehr schwitzen, nach vielem Gehen; zuweilen mag 
auch Unreinlichkeit zur Entstehung Veranlassung geben. 
Das Mittelfleisch wird von der Oberhaut entblösst und sehr 
schmerzhaft, bisweilen entstellen auch Pusteln. Oefteres 
Waschen mit kaltem Wasser, mit Kalkwasser, Entfernung 
reibender, enger Kleidungsstücke, und Auflegen eines mit 
Hirschtalg oder Unguentum rosatum bestrichenen Leinwand- 
lappens bringt das Uebel bald zur Heilung. W. 

AUDITUS D1FFICILIS , Schwerhörigkeit. Hier- 
mit bezeichnet man im Allgemeinen eine Verminderung des 
Hörvermögens , wo nur nahe und starke Töne gehört werden, 
die aus den verschiedensten Ursachen entstanden seyn kann. 
Es lässt sich daher keine allgemeine Behandlung dieses Krank- 
heitszustandes angeben, sondern diese kann nur gegen die 
verschiedenen Ursachen gerichtet seyn, die diesem Uebel zum 
Grunde liegen. W. 

AUFLOCKERUNG DES GEWEBES. In Folge vor- 
ausgegangener Krankheiten, besonders chronischer Entzün- 
dungen , Schleimflüsse u. s. w. bleibt oft eine Auflockerung) 



Auflockerung des Gewebes — Äuge, kunstliches. 7 

Erschlaffung des Zellgewebes , der Häute und selbst des Par- 
renchymas der Organe zurück ; am deutlichsten sieht man 
diese Auflockerung an der Bindehaut des Auges und den Au- 
genlidern nach chronischen Augenentzündungen. Da diese 
Auflockerungen in den einzelnen Tiieilen des menschlichen 
Körpers als besondere Krankheitsformen erscheinen, so wird 
ihrer in den bezüglichen Artikeln gedacht werden. Hier be- 
trachten wir nur die Auflockerung der Haut und des Zellge- 
webes besonders nach chronischen Entzündungen , Beinbrü- 
chen, Verrenkungen u. s. w. Man erkennt die Auflockerung 
daran , dass die Theile angeschwollen sind, ihren natürlichen 
Ton und Spannung nicht besitzen, dass ihre Bewegung be- 
hindert, ihr Gebrauch beschränkt ist, dabei ist jedoch kein 
Schmerz; vermehrt wird sie durch den Gebrauch der Glieder, 
durch abhängige Lage und durch massigen Druck. Hier 
passen stärkende Mittel mit Berücksichtigung auf die veran- 
lassenden Ursachen , als : Einwickelungen , kalte , spirituöse 
Waschungen und Bäder, Frictionen, tonisch - aromatische 
Bäder von Eichenrinde , Calmus u. s. w., Eisen-, animalische 
Bäder, an den unteren Extremitäten Schnürstrümpfe u. s. w. 

Literatur: Gendrin's anatomische Beschreibung der Entzün- 
dung und ihrer Folgen u. s. w. Uebersetzt und mit Nachträgen 
versehn v. D. J. Radius. Leipzig 1828. 8. $$^ 

AUFTREISUiYG nennt man vorzüglich Geschwulst der 
Knochen, welche nach verschiedenen Krankheiten, z. B. Sy- 
philis, Gicht, Rhachitis u. s. w., eine Vermehrung ihres Um- 
fange« erleiden. Da man die verschiedenen Arten .und For- 
men der Knochenauftreibungen besonders charakterisirt und 
benannt hat, so verweisen wir auf die sie betreffenden Arti- 
kel : T opinis t Modus > Callus, Exostosis, Spina ventosa, 
Knochenkrankheiten u. s. w. IV. 

AUGE, KÜNSTLICHES, Oculus arUficiälis. Nach 
Verlust des Auges wird es wünschenswerth die dadurch ent- 
standene Verunstaltung zu heben oder doch zu mindern. 
Diesen Zweck sucht man durch Anbringung eines künstlichen 
Auges zu erreichen ; und ist, wenn die Umstände günstig 
sind, oft so glücklich dies so täuschend zu machen, dass es 
nur bei genauer Prüfung von einem gesunden menschlichen 
Auge unterschieden werden kann. Die zweckmässigsten Au- 
gen werden in Paris bei Boissenau ( Quai de l'Hortage 



8 Auge, künstliches. 

No. 53) und Ilazard-Mirault (rue de Faubourg Poisso- 
nierelVo. 17.) aus emaillirten Goldplatten gefertigt. Die gläser- 
nen venetianischen stehen ihnen in Form, guter Malerei, Dauer- 
haftigkeit sehr nach. Sie haben die Gestalt flacher Nussscha- 
len , sind jedoch dem normalen Augapfel gemäss an ihrer un- 
teren Hälfte etwas flacher als an ihrer oberen. Auf ihrer ge- 
wölbten Fläche ist die Gestalt, Farbe und Zeichnung des noch 
vorhandenen gesunden Auges mit möglichster Treue nachge- 
ahmt. Hat man nicht eine hinlängliche Auswahl künstlicher 
Augen an seinem Orte vorräthig, so muss man passende ferti- 
gen lassen, zu welchem Zwecke es vor allen Dingen nöthig ist, 
ein Modell von Holz, Blei oder Wachs anzuschaffen, welches 
man sodann nebst einer sorgfältig colorirten Zeichnung des ge- 
sunden Auges dem Künstler einsendet. Richtiger Stand und 
gehörige Wölbung der Hornhaut, Stand und mittlere Weite 
der Pupille, Farbe der Iris und Sclerotica, so wie die etwa 
sichtbaren Gefässe in letzter und ihr wässriges Ansehen sind 
mit grösster Genauigkeit zu berücksichtigen. Nothwendiges 
Erforderniss guter künstlicher Augen besteht darin , dass sie 
leicht und gehörig glatt sind, nirgends scharfe oder hervor- 
stehende Ränder haben, an den Stumpf des Auges überall 
genau passen. Anlangend den Stumpf, so ist er dann zur Auf- 
nahme eines künstlichen Auges am geeignetsten, wenn vom 
Apfel nicht über ein Drittheil am vordem Theile desselben 
fehlt, derselbe glatt, ohne beträchtliche Erhabenheiten und 
seine Muskeln in unverletztem Zustande sind. Wo man es also 
einigermassen in seiner Gewalt hat, den Stumpf des Apfels zu 
bilden , wie bei Staphylom u. s. w., muss man ihm die ebenge- 
nannten Beschaffenheiten zu geben suchen. Hat man dann 
ein gutes künstliches Auge, so wird man, da es sich auch mit 
dem gesunden gleichmässig bewegt, oft nur mit Mühe das 
künstliche von dem gesunden unterscheiden. Fehlt mehr vom 
Augapfel als vorhin erwähnt, so kann man sich bis auf einen 
gewissen Grad damit helfen , dass man die hintere Fläche des 
künstlichen Auges mit Wachs ausfüllt. Wo aber über die 
Hälfte fehlt, mithin auch die Anfügungsstellen der Muskeln 
geschwunden sind, oder wo der Apfel gar nur einen kleinen 
unbeweglichen Knopf im Hintergründe der Augenhöhle bildet, 
oder wo die Augenlider fehlen oder beträchtlich verunstaltet 
sind, da kann man ein künstliches Auge der eben beschriebe- 



Auge, künstliches — Augenbad. 9 

nen Art nicht anbringen und thut besser die Augenhöhle mit 
einer leichten Binde, wozu sicli grüner oder schwarzer Taffefc 
am besten eignet, oder mit einer Brille die dunkles Glas oder 
Taffet fasst , zu bedecken. 

Die Einlegung des künstlichen Auges wird auf die Weise 
bewerkstelligt , dass man es behutsam unter das obere Augen- 
lid schiebt und dann das untere etwas nach aussen zieht, 
Worauf das Emailauge leicht seinen normalen Platz einneh- 
men wird. Das Herausnehmen muss über einem weichen 
Gegenstande geschehen , weil das Auge sonst beim unvorher- 
gesehenen Herausfallen leicht Schaden nehmen könnte. Es 
geschieht am besten, indem man wie beim Einbringen das un- 
tere Lid etwas abzieht, mit der andern Hand ein stumpfes 
glattes Holz- oder Hornspähnchen unter das Auge bringt 
und es so herausbefördert. Die Herausnahme geschieht 
jeden Abend, theils um die Augenlider und den Stumpf nicht 
unnöthig zu reizen, theils um das zu schnelle Mattwerden des 
Emails zu verhindern. Letzteres erfolgt nach der Güte des 
Fabrikats bald nach 6 bald nach 12 — 16 Monaten. Die 
Aufbewahrung geschieht am besten in Wasser. 

Die Anwendung des künstlichen Auges muss verschoben 
werden, so lange noch eine Spur von entzündlicher Reizung 
im Stumpfe oder in den Lidern vorhanden ist, daher gewöhn- 
lich mehrere Monate vergehen müssen, ehe man nach theil- 
weiser Abtragung des Apfels, oder nach freiwilligem Zusam- 
menfallen desselben in Folge von Verwundungen oder Verei- 
terungen zur Einlegung eines Auges schreiten darf. Mehren- 
theils macht es anfänglich dennoch nicht unbeträchtliche Rei- 
zung und muss nur für kurze Zeit auf einmal eingelegt wer- 
den , bis sich die kranken Theile mehr und mehr daran ge- 
wöhnen. 

Schon die Alten benutzten ähnliche künstliche Augen und 
nannten sie Hypoblephari , während eine noch frühere Art 
Eliblephari genannt wurde, die in einer mit Haut überzoge- 
nen Bein- oder Metallplatte bestanden, die mit ein paar Aer- 
men vor der Augenhöhle befestigt wurde und auf der Aussen- 
seite das Bild eines Auges trug. Rds. 

AUGENBAD, Balneum oculare. Man versteht dar- 
unter das Baden der Augen in reinem Wasser oder arzneiischen 



10 Augenbad. 

Flüssigkeiten, z. B. Feldkümmelaufguss , Wasser mit einem 
Zusatz von Kampherspiritus , Rosmaringeist u. s. w. Es war 
in früherer Zeit übliclier als jetzt und wurde gewöhnlich mit 
eigens dazu aus Glas, Porcellan oder Holz gefertigten Gelas- 
sen, Cucurbita, Pelvis oeularls, bewerkstelligt. Diese ha- 
ben die Form von grossen Nussschalen oder kleinen Wannen 
und sind mit einem Stiele und Fusse gleich den Eiernäpfehen 
versehen , damit man sie an das Auge halten , aber auch auf 
einen Tisch stellen kann. Die Wannen müssen eirund und 
so ausgeschnitten sein, dass sie bei geschlossenen Augenli- 
dern genau an die Augenhöhlenränder passen ohne zu drücken, 
wenn sie massig fest daran gehalten werden. Sie haben den 
Nachtheil, dass sie nur eine kleine Menge Flüssigkeit auf- 
nehmen, welche sich also leicht erwärmt, und zweitens bei 
irgend stärkerem Andrücken den Kreislauf des Bluts hemmen 
können; doch kann ersterer Uebelstand durch fleissiges Wech- 
seln der Flüssigkeit , der zweite aber durch Vorsicht mehreji- 
theils beseitigt werden, und es haben diese Wännchen ande- 
rerseits den Vortheil, dass man das Auge bei ziemlich auf- 
rechter Haltung des Kopfes baden kann. Die Lider werden 
in dem Wännchen, jenachdem die Flüssigkeit nur mit ihnen 
oder auch mit dem Apfel in Berührung kommen soll, entwe- 
der geschlossen, oder geöffnet, jedenfalls dürfen sie nicht stark 
zusammengepresst werden. In vielen Fällen und in Erman- 
gelung eines Augenbaders kann die hohle Hand, mit der man 
immer neues Wasser schöpft, Ersatz leisten. Oft wird auch 
das Baden des Auges durch Waschungen ersetzt werden kön- 
nen , wobei die vorerwähnten Nachtheile wegfallen. Auch 
bei ihnen hat man eine möglichst wenig gebückte Stellung zu 
empfehlen, besonders da, wo vermehrter Blutandrang nach 
dem Auge stattfindet. Häufig werden auch befeuchtete Com- 
prcssen , oder Badschwämme, die man locker überlegt, die 
Stelle des Bades vertreten können. Anwendung finden die 
Augenbäder und Waschungen bei in die Augen gedrungenen 
aber nicht eingestossenen zahlreichen fremden Körpern , be- 
sonders Staub , bei Congestionen nach dem Auge und Entzün- 
dung desselben, bei manchen Arten der Augenschwäche 
n. s. w. und müssen diesen verschiedenen Umständen gemäss 
verschieden eingerichtet werden , wie seines Ortes angegeben 
werden wird. Vergl. auch Au genheil mittel. Rds. 



Augenbinde. 11 

AUGENBINDE. Die Augenbinden dienen tlieils zur Be- 
deckung des Auges, theils zur Befestigung anderer Verband- 
stücke, welche nach Verwundungen oder Krankheiten des 
Augapfels und der benachbarten Organe angewendet werden. 
In ersterer Beziehung sind sie grössentheils entbehrlich , oft 
nachtheilig, und man braucht zu diesem Zwecke mit grösse- 
rem Vortheile eine Binde, welche aus 2 kleinen leinenen Com- 
pressen bestellt, die an ein schmales Band so angenäht sind, 
dass sie sich in der Mitte zum Theil decken ; das Band führt 
man über die Stirn zum Nacken und bindet es dort zusam- 
men. Auch bei Mangel des Augapfels oder der Augenlider 
bedient man sich dieser Binde, wählt dann statt der leinenen 
Compresse ein Stück Seidenzeug und befestiget ein Band an 
einem obern Winkel des viereckigen Seidenzeuges, das andere 
an dem entgegengesetzten untern Winkel und führt dieses 
Band unterhalb des Ohres nach dem Nacken. — Aussei-dem 
gebrauchte man sonst die Augenbinde von Wenzel. Zwei 
nach der Grösse des Auges ausgedrehte Schalen von Eben- 
holz, welche auf ein Band befestigt, auf die Augen gelegt 
und durch dieses Band im Nacken in ihrer Lage erhalten wer- 
den. — Zur Befestigung anderer Verbandstiicke dienen folgende 
Augenbinden : 1) die e.inäugigeAu genbinde, Monocu- 
hiSf s. Monophthalmus , Fascia ocularis simple x , s. Ocu- 
lus Simplex» Sie ist 6 Ellen lang und zwei Querfinger breit. 
Man fängt mit der Binde im Nacken an , geht unter dem Ohre 
hervor, über die Wange hinweg bis zum Auge, welches durch 
diesen Gang bedeckt wird , von da über die Stirn und über 
das entgegengesetzte Scheitelbein zum Nacken zurück; man 
macht nun eine Cirkeltour um den Hals, und wiederholt dann 
die erste Tour, so dass auf der Wange ein aufsteigender, und 
auf dem Hinterkopfe ein absteigender Hobelgang gebildet 
wird. Die Binde wird bei jeder Tour über der Nasenwurzel 
gekreuzt, ohne dass man das andere Auge damit bedeckt. 
Einige fangen mit Cirkeltouren um den Kopf an. — 2) Die dop - 
pelteAu genbinde, Genius duplex, Binoculus. Diese 
Binde mnss 10 — 12 Ellen lang, zmcI Querfinger breit, und 
kann einköpfig oder zweiköpfig seyn. Mit der einköpfigen 
fängt man im Nacken an und macht oberhalb der Ohren zwei 
bis drei Cirkeltouren um den Kopf. Wieder im Nacken ange- 
langt, geht man über den Winkel des Unterkiefers zur Nasen- 



12 Augenbinde — Augendouche. 

Wurzel, wodurch ein Auge bedeckt wird. Hieraufgeht man 
schräg über die Stirn um den Kopf herum , und steigt, indem 
man diese Tour mit der vorigen kreuzt, schrägüber die Na- 
senwurzel nach dem Winkel des Unterkiefers herab und un- 
terhalb des anderen Ohres zum Nacken. Diese Gänge wie- 
derholt man 2 — 3 mal und endiget die Binde mit Cirkeltou- 
ren oberhalb der Ohren. — Mit der zweiköpfigen Binde fängt 
man im Nacken an, geht mit beiden Köpfen unter den Ohren 
hinweg bis zur Nasenwurzel, wechselt und kreuzt dort die 
Köpfe, geht schräg über die Stirn und oberhalb der Ohren 
nach dem Nacken zurück , wechselt die Köpfe abermals , wie- 
derholt diese Touren und endiget die Anlegung der Binde mit 
Cirkeltouren um den Kopf. — 3 ) Die Augenbinde von 
Schreger zum Verbände nach der Staaroperation besteht 
aus der beweglichen T - Binde mit zwei Köpfen. An dem 
Horizontaltheile derselben befestigt man zwei die Augen be- 
deckende Compressen. Nachdem man mit dem Horizontal- 
theile einige Cirkeltouren um den Kopf gemacht hat, führt 
man die Vertikalstücke herab zum Kinn, kreuzt sie daselbst 
nnd befestiget sie durch Cirkeltouren ? die man mit dem Hori- 
zontaltheile um den Hals macht. W» 

AUGENDOUCHE bezeichnet das Bespritzen des Auges 
oder seiner Umgegend mit einem Strahle Flüssigkeit. So wie 
bei andern Douchen so giebt man ihm auch liier bald mehr bald 
minder Durchmesserund Kraft, was durch verschiedene Auf- 
sätze auf den Spritzapparat, und durch Verschiedenheit der 
Kraft, mit welcher man die Flüssigkeit heraustreibt, oder die 
Höhe, von der man sie fallen lässt, erlangt wird. Man bedient 
sich entweder einer einfachen Spritze zur Anwendung dieses 
Mittels, oder auch eigenthümlicher Einrichtungen, dergleichen 
unter andern Beer, II i ml y, Jüngken angegeben haben. 
Die des ersteren findet sich in seinem Werke „Pflege gesun- 
der und kranker Augen , Wien 1800" abgebildet und besteht 
aus einem doppelten Blechcylinder, indessen äusseren Räume 
Eis oder Schnee oder sonst kaltmachende Masse gethan wer- 
den kann, wenn die Bouche recht kalt seynsoll, dessen in- 
nerer aber mit der zum Douchen bestimmten Flüssigkeit ge- 
füllt wird. Aus letzterem geht eine 4 — 5 Fuss lange Blech- 
röhre heraus, welche unten umgebogen, mit einem Hahne 
zum Schliessen versehen ist und in eine feine Spitze ausläuft. 



Augendouche — Augengläser. 13 

Der Kasten "wird an die Decke des Zimmers aufgehängt, wo 
dann , wenn der mittlere Behälter gefüllt und der Hahn der 
Röhre geöffnet ist, die Flüssigkeit aus der untern Oeffnung 
der Röhre in die Höhe spritzt und als Douche benutzt wer- 
den kann. H i m ly'.s Maschine ist eine einfache Spritze, de- 
ren Kopf mit verschiedenen Aufsätzen versehen werden kann. 
Am einfachsten ist J ü n g k e n ' s Apparat (Rust Hdbch. d. 
Chir. 2. 521). Derselbe besteht aus einer 24- — 3 Fuss 
langen Glasröhre , von der Stärke einer gewöhnlichen Baro- 
meterröhre, deren unteres Ende hakenförmig gekrümmt und 
spitz ausgezogen werden muss, so dass es eine Oeffnung un- 
gefähr von der Stärke einer Stecknadel erhält. Das obere 
lange und weite Ende der Röhre wird in ein mit Wasser ge- 
fülltes und etwas hochgestelltes Glas gesenkt, und darauf die 
Luft aus dem unteren spitzen Ende so lange ausgesogen, bis 
das Wasser aus diesem hervorspritzt. Verschiedene Aufsätze, 
z. B. eine Brause, lassen sich liier nicht gut anbringen; aus- 
serdem ist diese Einrichtung eben so einfach als zweckmäs- 
sig. — Je nach der beabsichtigten Wirkung sind die zum Dou- 
chen gewählten Flüssigkeiten verschieden, am häufigsten 
wird einfaches frisches Wasser benutzt , andere Male hat mau 
kohlensaures Wasser, oder mit geistigen oder aromatischen 
Flüssigkeiten gemischtes in Anwendung gezogen. Zusätze von 
Kampher-, Rosmarin-, Lavendelgeist sind am gewöhnlichsten. 
Die Krankheiten, in denen man sich der Douche am zweckmäs- 
sigsten bedient, sind Zustände von Schwäche und Unthätigkeifc 
im Auge, daher Nervenübel paralytischer Art, dahin ge- 
hörige Amblyopien und Amaurosen, aber auch Zustände 
von Ausschwitzung nach vorhergegangenen Entzündungen. 
Bei Congestionen ist sie bedenklich, da selbige, wenn 
sie nicht von einem hohen Grade von Torpor abhängen , da- 
durch leicht vermehrt werden können. — Die Anwendung er- 
folgt täglich 1 — 4 und mehrere Male, je nachdem das Auge 
mehr oder minder empfindlich und der Zustand älter oder 
neuer ist. Mds. 

AUGENGLÄSER. Man versteht darunter Gläser, durch 
welche man entweder die Folgen einer fehlerhaften Bildung 
des Augapfels auszugleichen sucht, wie dies bei Kurz- oder 
Fernsichtigkeit und manchen Arten von Schwachsichtigkeit 
der Fall ist, oder welche dazu dienen, kleine oder entfernte 



14 Augengläser. 

Gegenstände zu vergrössern und dem Auge näher zu bringen. 
Die erste Art, von der hier vorzugsweise nur die Rede seyu 
kann , nennt man Brillen, wenn sie für die Dauer einer ge- 
wissen Beschäftigung vor den Augen befestigt werden, II a n d- 
b rillen aber oder Lo rgn etten, wenn sie nur zeitweise, 
um etwas deutlicher zu erkennen, vor das Auge gehalten 
werden. Die zweite Art nennt man ihrem verschiedenen 
Zwecke nach Fernröhre und Vergrösserungsgläser 
oder Mikroskope; letztere zerfallen wiederum in einfache, 
(Lesegläser, Lupen) und zusammengesetzte, jenach- 
dem man nämlich nur ein Glas auf einmal anwendet, oder 
mehrere mit einander in Verbindung setzt. — Nothwendiges 
Erforderniss aller Augengläser ist, dass sie völlig gleichmäs- 
sig geschliffen sind (in Formen gepresste sind gänzlich zu 
verwerfen) , dass sie keine Blasen, Schrammen oder Risse ha- 
ben, dass sie möglichst hart sind und gleichmässig wasserhell 
oder gleichmässig gefärbt sind. Statt des Glases hat man 
sich wohl auch des brasilianischen Bergkrystalls bedient, der 
wegen seiner schönen Weisse und grossen nur vom Demant 
üb er troffen en Härte grosse Vorzüge verdient. Ihre Form ist 
am besten eine runde ; dies hat besonders auf die Brillen Be- 
zug, weil anders geformte Gläser, z. B. die kleinen ovalen, 
leicht ein Danebenhinsehen erlauben. Die Fassung der Glä- 
ser muss so seyn , dass sie möglichst wenig auffallend , vor 
Allem aber nicht blendend ist. Stahl, Neusilber, Silber 
oder Gold sind die geeignetsten Fassungsmittel; für Vergrös- 
serungsgläser können auch Hörn, Schildkrot oder Messing 
mit Nutzen gebraucht werden. 

Die Brillen theilt man hinsichtlich ihres Gebrauchs in 
solche 1) für Kurzsichtige, 2) für Weitsichtige, 3) für 
Schwachsichtige. Ohne hier auf die optischen Regeln einge- 
hen zu wollen, nach denen man solche Gläser herstellt, mag 
so viel Platz linden , dass für erstere concave , für zweite con- 
vexe, für die dritten plane oder schwach convexe nöthig sind. 
Einige andere Brillen z. B. Schielbrillen, bei denen oft gar 
nicht einmal ein Glas in Anwendung kommt, sollen an andern 
Orten Erwähnung finden. Unwirksam und also ohne Nach- 
theil, wenn sie unnöthig ist, ist keine Brille, denn das Glas 
bildet ein bei weitem dichteres Medium als die Luft, und 
muss nothwendigerweise , selbst wenn es völlig parallellau- 



Augengläser. 15 

fende Filichen hat, plan ist, dem gesunden Auge schädlich 
werden ; daher denn auch das besonders vor einigen Jahren 
zur Mode gewordene Brillentragen unbezweifelt vielen Nach- 
theil herbeiführte und bei Manchem ein wirkliches, vorher 
nicht vorhandenes Bediirfniss nach einer Brille veranlasste. 

Beim Auswählen einer Brille sind besonders folgende 
Punkte ins Auge zu fassen: 1) dass sie nicht vergrössert oder 
verkleinert, sondern bei der gewöhnlichen Sehweite von 12 
— 25" die Gegenstände in natürlicher Grösse deutlich dar- 
stellt; 2) keine schmerzhaften Empfindungen, Gefühl von 
Zusammenziehung, Drücken oder gar Stechen erregt; 3) keine 
Röthung und Thränen der Augen veranlasst; 4) keine farbi- 
gen oder schwarzen Flecke , Einfassungen der gesehenen Ge- 
genstände macht , sondern vielmehr ein scharfes reines Bild 
der Gegenstände giebt, ohne die Augen in irgend hohem 
Grade zu ermüden, wobei jedoch wohl zu bemerken ist, dass 
alle bewaffnete Augen leichter ermüden als unbewaffnete, 
dass ihnen also auch häufiger und länger Ruhe geschenkt wer- 
den inuss. Man wähle eine hinlänglich scharfe Brille , weil 
die Augen sonst fortgehends in einen angestrengten Zustand 
versetzt werden und sich gemeiniglich verschlechtern, wäh- 
rend eine hinlänglich passende Brille häufig viele Jahre ohne 
Yertauschung mit einer andern getragen werden kann, und 
dadurch, dass sie die Augen erleichtert, auch bessert. Dies 
findet wenigstens oft mit kurzsichtigen Augen statt. Die Glä- 
ser müssen mit ihrem Centrum genau vor die Pupille zu ste- 
hen kommen, das Verbindungsglied zwischen beiden Gläsern, 
der sogenannte Steg, muss also weder zu breit, noch zu 
schmal seyn. Die ganze Brille muss leicht seyn und hinläng- 
lich fest an den Kopf ansthliessen ohne zu drücken. Kennt 
man einigermassen die Sehweite, so wird man von einem 
geschickten Optiker leicht eine passende Brille erhalten, be- 
sonders wenn man ihm noch mittheilt, ob der Kranke bei 
hellem oder schwachem Lichte deutlicher sieht und ob die Brille 
für die Ferne oder Nähe, für den Tag oder für den Abend ge- 
wünscht wird, was für Gläser vorher getragen wurden u. s. f. 
Nicht selten haben die beiden Augen nicht einerlei Stärke, in 
welchem Falle denn verschiedene Gläser einzusetzen sind. 
Kurzsichtige haben dann Grund eine Brille und zwar , wie be- 
reits gesagt, eine concave zu wählen, wenn sie kleine Gegen- 



1 G Augengläser. 

stände zu nahe an das Auge nehmen müssen, näher als 5 — 6" ; 
wenn sie, um deutlich zu unterscheiden, gern mit einem 
Auge sehen, wenn sie, um dasselbe zu erreichen, die Augenli- 
der zusammenpressen, grössere Gegenstände kaum auf ein 
Paar Schritte erkennen. Uebrigens sehen dergleichen Per- 
sonen kleine Gegenstände bei schwacher Beleuchtung gewöhn- 
lich besser als bei starker. 

Fernsichtige dürfen sich dann einer conrexen Brille be- 
dienen , und haben dazu noch schleuniger zu schreiten als 
Kurzsichtige, wenn bei naher Betrachtung kleiner Gegenstände 
dieselben unter einander laufen, sie vielmehr, um deutlich er- 
kannt zu werden, weit vom Auge entfernt werden müssen; 
wenn ein grosses Bedürfniss zu starker Beleuchtung vorhan- 
den ist , nahe Gegenstände bei aufmerksamer Betrachtung sich 
in einen Nebel hüllen und die Augen schmerzen ; wenn das 
Gesicht nach dem Schlafen schwächer ist, und erst nach eini- 
ger Zeit den gewöhnlichen Grad von Stärke wieder erlangt. 

Schwachsichtige werden verhältnissmässig seltener durch 
den Gebrauch einer Brille erleichtert, und müssen überhaupt 
bei Wahl derselben noch vorsichtiger seyn, als die vorgenann- 
ten Klassen. Wo organische Veränderungen irgend beträcht- 
licher Art die Gesichtsschwäche bedingen, da wird die Brille 
durchaus nichts helfen, wo aber nur ein Torpor oder zu grosse 
Gereiztheit 7.us;egen ist, da werden im ersten Falle plane oder 
ganz schwach gewölbte weisse Gläser, im zweiten gefärbte und 
zwar am besten blaue dienlich seyn. Man pflegt solche Brillen 
Conservationsbrillen zu nennen , da sie die schwache 
Sehkraft erhalten. 

In Bezug auf die Handbrillen oder Lorgnetten 
gilt alles das bis jetzt Gesagte, sie dürfen aber nicht zu häu- 
fig und nie zu lange auf einmal gebraucht werden, da sie 
sonst Schaden thun ; es ist nämlich sehr leicht möglich , dass 
ihr Mittelpunkt nicht gerade vor die Augen kommt, dass sie 
zu nahe oder entfernt oder unstet vor die Augen gehalten wer- 
den. Ganz dasselbe gilt von den Lesegläsern, die theils 
durch unpassende und schwankende Entfernung, in der 
sie vom Auge gehalten werden, theils dadurch schaden, 
dass sie die Augen anstrengen. Sie sind biconvex und ha- 
ben eine beträchtliche Grösse, so dass map mit ihnen, ohne 



Augengläser — Augenhalter. 17 

die Hand sehr zu verrücken, eine Zeile in einem Buche bequem 
überschauen kann. 

liücksichtlich der Vergrösserungsgläser, sowohl der ein- 
fachen als zusammengesetzten , sowie in Bezug auf die Fern- 
gläser sey hier nur bemerkt, dass sie als die Augen an- 
strengende Werkzeuge nicht zu häufig und nie zu lange auf 
einmal gebraucht werden dürfen, besonders bei Benutzung 
des glänzenden Sonnenlichtes. Rds, 

AUGENHALTER , Ophthalmosiati. Sie zerfallen in 
zwei Klassen, nämlich solche , welche zur Festhaltung, Fest- 
stellung des Augapfels dienen sollen, Augenhalter im en- 
gern Sinne, und in solche, welche die Augenlider auseinan- 
der halten, Augenlid h alter, Blepharostati. Mehr 
oder minder wirken die angegebenen Instrumente reizend auf 
das Auge, oft auch drückend ein, sind daher möglichst zu 
meiden, was auch für einen geschickten Operateur in den 
mehrsten Fällen thunlich seyn wird. Besonders die Augen- 
halter sind nachtheilig wirkende und in der Mehrzahl der 
Fälle unnütze Instrumente, insofern sie ihren Zweck, das bei 
der Operation unruhige Auge zu fixiren , nicht erfüllen und es 
meistens in höherem Grade verletzen, als dies durch die Ope- 
ration selbst geschieht. Die bekanntesten und vielleicht vor- 
züglichsten der hierhergehörigen Instrumente sind der Speer 
oder Spiess von Paraard und der Fingerhut von Rumpelt. 
Beide sind einander darin ähnlich, dass sie aus einem feinen 
^ — 1 '" langen Stachel bestehen, hinter dem sich ein klei- 
ner Querbalken oder ein Knöpfchen befindet, um das zu tiefe 
Eindringen in das Auge zu verhindern. Dieser Stachel sitzt 
beim ersteren auf einem 2 — 2?" langen stählernen Stiele, 
der in der Mitte entweder nur kreisförmig oder nach Beer 
doppelt winklig gebogen ist, um über die Nase gebraucht wer- 
den zu können. Der Stiel nun ist mit einem gewöhnlichen 
Hefte nach Art der Staarmesser versehen. Beim zweiten 
sitzt der Stachel auf einem nur \" langen Stiele , der an der 
Seite der Wölbung eines Fingerhutes befestigt ist. Ausser 
diesen Augenhaltern sind die von Bonzelet, Caasamata, 
LeCat,Berenger und Deraours die bekanntesten. Von 
den Augenlidhaltern hat der Rieh t er' sehe, dessen sich 
auch Beer bediente , die meisten Vorzüge und kann in lnan- 
Handwörterb. d. Ch. II. 2 



18 Augenhalter — Augenheilkunde, 

chen Fällen nicht entbehrt werden. Er besteht aus starkem 
Silberdrathe , "welcher am Körper des Instruments in einer 
Entfernung von 5 — 6 '" Par. parallel läuft, an beiden Enden 
aber bogenförmig vereinigt und in einander entgegengesetzter 
Richtung hakenförmig umgebogen ist. Das ganze Instrument 
hat 2|" Länge. Eine Abänderung besteht darin, dass 
man es an einem Ende anstatt des Hakens mit einem eine 
Platte vorstellendem Horngriffe versehen hat, der bei einigen 
Operationen an den Augenlidern mit Nutzen gebraucht wer- 
den kann. Ueber die Anwendung der Augenhalter vergleiche 
das bei Cataracta Angeführte. Abbildungen finden sich un- 
ter andern in Wenzel's Manuel de POculiste Tome II, in 
Richter's Handbuch der Wundarzneikunst Bd. 3., ferner 
in Beer'sj Weller's, Rosas's Werken. Rds. 

AUGENHEILKUNDE, Ophthalmiatria , von oy&alfiog 
Auge und laxQEia Heilung; nicht zu verwechseln mit Oph- 
thalmologia von öcpd-a?. l u6g und Xoyoc, welches einen weitern 
Sinn hat, und die gesammte Lehre vom Auge, im gesunden 
sowohl als kranken Zustande, umfasst. Augenheilkunde ist 
die Lehre von der Erkennung, Behandlung und Verhütung der 
Krankheiten des Auges , giebt demnach genaue Darstellung 
derjenigen Erscheinungen und ihrer Bedingungen am Auge, 
durch welche man seine Erkrankung überhaupt erkennt und 
die verschiedenen Formen derselben unterscheidet; lehrt fer- 
ner die Heilmittel und Heilmethoden kennen, welche zur 
Beseitigung der verschiedenen Krankheitsformen nöthig sind. 
Die Heilmittel sind theils innerlich, theils äusserlich anzuwen- 
dende , zu welchen letzteren auch die in mehreren Fällen in 
Gebrauch zu ziehenden Instrumente gehören. Aus letzterem 
geht genugsam hervor, wie es gekommen ist, dass man die 
Augenheilkunde bald der innern, bald der äusseren Medicin 
zugesellte, und es liegt darin wohl auch der Grund, weshalb 
sie von den Aerzten meistentheils vernachlässigt wurde. Da 
diese nämlich den zu vollbringenden wundärztlichen Hand- 
leistungen nicht gewachsen waren, sagten sie sich lieber von 
der ganzen Augenheilkunde los, die sie öfters in Verlegenheit 
setzen musste. Wundärzte hinwiederum ermangelten der nö- 
thigen ärztlichen Kenntnisse, um glückliche Augenärzte zu 
seyn. Und so kam es, dass dieser wichtige Theil der Heil- 



Augenheilkunde. 19 

künde lange Zeit in tiefer Erniedrigung schmachtete, und auch 
nur sehr allinählig, trotz einzelner Versuche ihn emporzu- 
heben, die Pflege gewann, die er -seiner Wichtigkeit hal- 
ber stets verdient hätte. Gegenwärtig darf man behaupten, 
dass er in allen gebildeten Ländern Europas sogar mit Vor- 
liebe gepflegt wird. Die Behandlung der Augenheilkunde als 
eigene Doctrin findet darin ihren Grund und zum Theil 
Rechtfertigung, dass sie 1) ihre Lehren theils aus der in- 
neren, theils aus der äusseren Heilkunde hernimmt, 2) 
ein sehr grosses Feld darbietet , 3) viel Erfahrung und Ue- 
bung, besonders was den operativen Theil anlangt, erfordert, 
auch eine sehr genaue anatomische und physiologische 
Kenntniss des Auges voraussetzt. 

Männer, welche sich vorzugsweise oder gar ausschliess- 
lich mit Behandlung von Augenkrankheiten beschäftigen, 
nennt man Augenärzte, Opht/ialtmatri. Unerlässlich 
muss man von ihnen verlangen, dass sie mit den Lehren der 
Augenheilkunde genau vertraut sind, und in den am Auge vor- 
kommenden Operationen genügsame Uebung erlangt haben. 
Mehr noch als bei andern Aerzten bedürfen sie natürlich gute 
und geübte Beobachtungsgabe, müssen vornehmlich einen sehr 
guten Gesichts- und Tastsinn, ausserdem aber auch eine 
leichte Hand haben , daher ihnen schwere Arbeiten zu wider- 
rathen sind ; doch muss man hierin auch nicht zu weit gehen, 
denn es kommt nicht sowohl auf die Grösse und Härte oder 
Kleinheit und Weiche der Hand, als auf die ihr eigene Ge- 
schicklichkeit und Gewandtheit an ; man findet nämlich sehr 
zarte und feine, aber dennoch sehr unbehülfliche Hände und 
umgekehrt. Die Uebung im Operiren wird zunächst am 
Leichnam gewonnen, oder, wo diess ganz unthunlich, an 
herausgenommenen Menschen- oder wohl auch Schweinsau- 
gen, die man mit zwei Fingern auf ein Kissen oder zusam- 
mengelegtes Tuch hält; später gewährt das Operiren am 
lebenden Menschen die beste Schule. Die Uebung am Augen- 
phantom hat mehrere Empfehlungen für sich , ich habe mich 
aber nie von ihrer Nützlichkeit überzeugen können. Die 
Uebungen müssen mit guten und gehörig scharfen Instrumen- 
ten vorgenommen werden , weil sonst leicht Verwöhnung der 
Hand erfolgen kann; sie müssen ferner sowohl mit der linken 
als mit der rechten Hand gemacht werden, weil für beide Hände 

2* 



20 Augenheilkunde. 

gleiche Fertigkeit, wenn nicht unerlässlich nöthig, doch sehr 
■wünschenswert!! ist, da manche Operationen nur auf unbe- 
holfene Weise mit der rechten Hand vollbracht werden , z. B. 
die des grauen Staares, der künstlichen Pupille u. s. w. am 
rechten Auge. Von nicht minderer Wichtigkeit ist es für 
den Augenarzt, allgemeine ärztliche Kenntnisse sich erwor- 
ben zu haben , weil er sonst in Behandlung des edelsten aller 
Organe , welches in den vielfachsten Beziehungen zu den an- 
deren Körpertheilen steht, im Allgemeinen auch dieselben 
Erkrankungsformen darbietet wie jene , unmöglich den rech- 
ten Weg treffen kann , viele Augenkrankheiten durchaus eine 
innere Behandlung erheischen , die äussere aber entbehren 
können oder sogar nicht vertragen. Traurige Beispiele von 
dem Mangel solcher Kenntnisse hat man bei sogenannten rei- 
nen Augenärzten, d. i. solchen, die sich der Augenheilkunde 
ausschliesslich widmen , häufig zu sehen Gelegenheit ; es 
scheinen dalier die Aerzte am zweckmässigsten zu handeln, 
weiche die Augenheilkunde mit dem Studium oder noch bes- 
ser mit der Ausübung der inneren Heilkunde verbinden. 

Anlangend die Geschichte der Augenheilkunde, so erlaube 
ich mir auf Sprengel's Geschichte der Chirurgie zu ver- 
weisen, und von den Werken , welche die gesammte Augen- 
heilkunde abhandeln, auch nur die anzuführen, welche mir 
für den practischen Augenarzt gegenwärtig die wichtigsten 
scheinen. 

Allgemeine Werke. 
Antoine Maitre-Jan, Traite des maladies de l'oeil , et 
des remedes propres pour leur guerison. Troyes 1707. Deutsch. 
Kürnberg 1725. — Charles de St. Yves, Nouveau traite des 
maladies des yeux, les remedes qui y conviennent etc. Paris 1722. 
8. — H. Boerhaave, Praelectiones publicae de morbis oculorum 
ex codice M S. editae. Gottingae 1746. 200 p. 8. — Guerin, 
Traite' sur les mal. des yeux etc. Lyon 1769. XVI und 445 p. 8. 
Deutsch, Frankfurt 1773. — Jean Jan in, Me'moires et observa- 
tions anatomiques , physiologiques et physiques, sur l'oeil et sur 
les maladies, qui afi'ectent cet organe. Lyon et Paris 1772. Joh. 
Janin, Abhandlung und Beobachtung über das Auge u. s. w. über- 
setzt von CG. Seile. 2te Aufl. 1778. XVI und 416 S. 8. — 
Joh. Jac. Plenck, Doctrina de morbis oculorum. Viennae 1777. 
219 p. 8. J. J. Plenck Lehre von den Augenkrankheiten. A. 
d. Lat. von F. v. Wasserberg. Wien 1788. — A. G. Rich- 
ter, Anfangsgründe der Wundarzneikunst. 3. Band. Goett. 1790. 
— Jos. Beer, Lehre von den Augenkrankheiten. Wien 1792. mit 



Augenheilkunde. 21 

Kupf. 8. — Ant. Scarpa, Saggio di osservazioni ed esperienze 
sulle principali malattie degli occhi. Pavia 1801. Ins Franz. übers, 
von Leveill e. Pract. Abhandlung über die Augenkrankheiten. 
INach der franz. Ausgabe des Leveille mit Zusätzen von F. H. 
Martens. 2 Th. mit Kupf. Leipzig 1803. — Benj. Bell Lehr- 
begriff der Wundarzneikunst. Aus dem Engl. Leipzig 1804 — 10. 
2ter u. 6ter Band. — Ant. Scarpa Trattato delle principali 
malattie degli occhi. Pavia 1816. 2 Bde. 8. Ant. Scarpa Tratte des 
principales maladiesdes yeux. Trad.de Pital. en fram;. surlaöiemeet 
derniere edit. Accomp. de notes et d'addit. par F o um i e r- P e s- 
cay et Begin. 2 Tom. Par. 1821. 8. —De Wenzel Manuel de 
l'oculiste ou Bictionnaire ophthalmologique etc. Orne de 24 plan- 
ches. 2 Tom. Paris 1808. 8. — G. Joseph Beer, Lehre van 
den Augenkrankheiten , als Leitfaden zu seinen öffentlichen Vorle- 
sungen entworfen. 2 Bde. 1813 und 1817. 8. — John Cunning- 
ham Saunders, A Treatise on some practica! points relating to 
the diseases of the eye etc. etc. by J. R. Farre. New ed., with 
additions. The whole illustrated by engravings. London 1816. XL VII 
und 234 p. 8. — A. P. Demours, Traite des Maladies des 
yeux, avec des planches colorie'es etc. suivi de la description de 
l'oeil humain traduite du Latin de S. Th. Soemm erring. 3 
Tome, Paris 1818. 8. (Atlas in 4.) — G. Baratta, Osservazioni 
pratiche sulle principali mal. degli occhi. 2 Vol. Mtlano 1818.. J. 
Baratta pract. Beobacht. über die vorzüglichsten Augenkrank- 
heiten. Aus dem Ital. von E. W. Güntz. 2 Th. mit 6 Kupfern. 
Leipzig. 1823. 8. — Carl Heinrich Well er, die Krankhei- 
ten des menschlichen Auges, ein Handbuch für angehende Aerzte. 
Mit 5 Taf. Berlin 1819. VI. und 350 S. 8. Ins Engl, übersetzt 
von Monteath 1821, 3te Aufl. 1826. — Benj. Travers, A 
Synopsis of the diseases of the eye , and their treatraent : to 
which are prefixed a short anatomical description and a sketch of 
the physiology of that organ. 2. ed. with 6 plates. London 1821 
XXI und 462 p. 8. — A.. P. Demours, Precis the'orique et pra- 
tique sur les maladies des yeux. Paris 1821. XII und 598 p. 
8, — T. W. G. Benedict, Handbuch der pract Augenheil- 
kunde. 5 Bde. Leipzig 1822 — 25. 8. — Karl Jos. Beck 
Handbuch der Augenheilkunde zum Gebrauch bei seinen Vorle- 
sungen. Heidelberg, 1823. XX und 440 S. 8. — loa. Theoph. 
Fabini, Doctr. de morbis oculorum. In usmn auditorum suorum. 
Pesth. 1823. 355 p. 8. — Anton Rosas, Handbuch der theore- 
tischen und practischen Augenheilkunde, 3 Bde. Wien 1830. Mit 2 
Taf. ■ — J. Nep. Fischer Klinischer Unterricht in der Augen- 
heilkunde. Mit 7 lith. Taf. Prag, 1832. LXVH und 416 S. 8. — J. 
C. Jungk en, Lehre von den Augenkrankheiten. Berlin 1832.8. — 
Anton Rosas, Lehre von den Augenkrankheiten. Wien 1834. 8. 
Ueber Augenoperationen. 
G. J. Guthrie, Lectures on the operative surgery of the eye. 
etc. etc. London. 1823. 2. ed. 1827 with 7 plates. XXVI und 524 p. 8. 



22 Augenheilmittel. 

J. C. Jüngken, Die Lehre von den Augenoperationen. Ein 
Handbuch für Aerzte und Wundärzte. Mit 4 Kupfern, Berlin, 
1829. XXVI und 898 S. 8. 

Ueber pathol. Anatomie des Auges. 
James Wardrop, Essays on the morbid anatomy of the hu- 
man eye. Illustr. by plates. Edbg. 1818. 2. ed. Lond. 1819 2 Vol. 
gr. 8. — Math. Joh. Albr. Schön, Handbuch der pathol. Anato- 
mie des menschlichen Auges. Mit einem Vorworte von Meckel. 
Homburg 1828. VI und 233 S. 8. 

Gesammelte und Zeitschriften. 
K. Himly und Schmidt, Ophthalmologische Bibliothek. Han- 
nover und Jena 1803 — 7. 3 Bände. — Ph. F. v. Walt her 
Abhandlungen aus dem Gebiete der pract. Medicin, besonders der 
Chirurgie und Augenheilkunde 1 Bd. mit 3 Kupf. Landshut 1810. 
8. — Karl Himly, Bibliothek für Ophthalmologie, Kenntnissund 
Behandlung der Sinne überhaupt. 1 Bd. Hannover 1816. — C. J. 
J. M. Langenbeck, Bibliothek für Chirurgie und Ophthalmolo- 
gie. 4 Bände. Göttingen 1806 — 13. 8. — Derselbe, Neue Biblio- 
thek für Chir. und Ophth. 4^ Bd. Hannov. 1815 — 24 8. — J. 
N. Rust Magazin für die ges. Augenheilkunde. Berlin 1816, bis 
jetzt 38 Bände. 8. — C. v. Gräfe u. Ph. v. Walt her, Journal 
für Chirurgie und Augenheilkunde. Berlin 1816 ff. bis jetzt 18 
Bde. — Just. Radius, Scriptores Ophthalmologie! minores. Lips. 
1826. III Vol. 8. — F. Ph. Ritterich, jährliche Beiträge zur 
Vervollkommnung der Augenheilkunst. 1 Bd. Leipzig 1827. — Fr. 
Aug. v. Ammon, Zeitschrift für Ophthalmologie. Dresden u. Hei- 
delberg 1831 ff. bis jetzt 5 Bände. Reh, 

AUGENHEILMITTEL nennt man solche Dinge, welche 
äusserlich auf das Auge zur Beseitigung krankhafter Zustände 
angewendet werden, ungeachtet sehr häufig innerlich zu rei- 
chende Mittel einen grössern Nutzen für das Auge leisten, als 
äusserlich in Gebrauch zu ziehende. Chirurgische Instru- 
mente rechnet man geAvöhnlich nicht hierher. Es wäre unnö- 
thig ihnen eine eigene Erwähnung zu schenken, wenn nicht bei 
ihrer Bereitung einige ganz besondere Rücksichten zu nehmen 
wären, geboten durch die grosse Zartheit und Empfindlich- 
keit des Organes, auf welches sie in Anwendung kommen. 
Als eine Hauptregel muss dienen , dass sie in möglichst fehl 
vertheilter Form angewendet werden , in den meisten Fällen 
völlig löslich oder doch sehr weich , das Auge nicht belästi- 
gend, auch nicht zu schwer sind. Man thut wohl nicht zu 
grosse Mengen zu verordnen, da viele, namentlich Salben, 
schleimige Wasser u. s. w. leicht verderben und dann oft Scha- 



Augenheilmittel. 23 

den thrai oder wenigstens ihren Zweck nicht erfüllen. Die 
gebräuchlichsten Formen sind: 

1) Das Pulver. Man benutzt es theils zum Einbrin- 
gen zwischen die Augenlider, z. B. bei Verdunkelung der 
Hornhaut, oder als trockene Bähung in Kisschen genähet auf 
die Augenlider. Das" Pulver zum ersten Gebrauche muss völ- 
lig unfühlbar zwischen den Fingern, Pulvis alcoholisatus, und 
wie gesagt möglichst auflöslich seyn, daher man sich denn 
auch meistens nur des einfachen weissen Zuckers, des Candis- 
zuckers, mitunter mit einem kleinen Zusatz von Metallsalzen, 
namentlich des Calomels, rothen Quecksilberpräcipitats u. s.w. 
bedient. Die Einbringung des Pulvers geschieht am besten 
so, dass man die hinreichende Menge, gewöhnlich von dem 
Umfange einer Linse, in eine an beiden Enden aufgeschnittene 
Federkiele bringt, diese nun nahe vor das Auge hält und hin- 
einbläst; oder man taucht einen Haarpinsel in das Pulver und 
trägt es so in das Auge ; Manche bedienen sich auch einer klei- 
nen Chirette oder des Spatels zum Eintragen zwischen die 
Lider. Die Anwendung der Augenpulver kann gewöhnlich 
nur einmal täglich oder einen Tag um den andern gesche- 
hen. — Zum zweiten Gebrauche muss das Pulver nur grob seyn 
und als solches auf der Vorschrift bezeichnet werden. Man 
füllt dies in Säckchen, die etwas durchnäht werden, damit 
der Inhalt sich nicht auf einer Stelle zusammenhäuft, und 
hängt diese locker über die Augen, indem man sie entweder an 
einer Nachthaube befestiget, oder an 2 Ecken mit breitem 
Bande versieht , vermittelst welchem sie hinreichend fest an 
den Kopf gebunden werden. Vor der Benutzung hat man die 
Kisschen, die leicht und dünn seyn müssen, etwas auszuklopfen, 
damit in ihnen etwa vorhandenes feines Pulver herausstäube, 
und nicht späterhin in die Augen falle. Die gewöhnlichsten 
Bestandteile der hierhergehörigen Pulver sind Blüthen und 
Blätter, z.B. Flieder, Chamillen, Majoran, Feldkümmel u. s.w. 

2) Das Wasser, Cdllyrium , zu dem man auch Lösun- 
gen von Pflanzen- oder mineralischen Theilen rechnet. Es 
muss rein, ohne feste Bestandteile oder Bodensatz seyn, da 
durch dergleichen unlösliche Dinge seine Einwirkung auf die 
Augen durchaus nachtheilig werden muss , obgleich sonst und 
bisweilen noch jetzt gegen diese Regel gesündigt wurde. Man 
benutzt es entweder zum Einträufeln ins Auge oder zu Wa- 



24 Augenheilnaittel. 

schlingen und Bädern, über letztere vergl. die Art. Augenbad 
und Augendouche. Am häufigsten werden die Augenwäs- 
ser nur zwischen die Augenlider gebracht, und da diese nur ein 
Paar Tropfen zwischen sich aufnehmen können , so ist es völ- 
lig unnöthig grössere Mengen des Wassers in Anwendung zu 
bringen. Am einfachsten ist die Einbringung, wenn man ein 
ganz reines Schwämmchen , oder noch besser leinenes Läpp- 
chen mit dem Wasser tränkt, den Kopf nach hinten beugt oder 
sich ganz legt, mit 2 Fingern die Lider aus einander hält und 
mit der andern Hand das Läppchen über dem geöffneten Auge 
ausdrückt, welches letztere dann nur sanft geschlossen, nicht 
stark zusammengepresst werden muss. Kinder legt man am 
besten auf den Rücken , während man das Einträufeln voll- 
bringt. Man bedient sich auch mit Vortheil der von v. 
Gräfe angegebenen Tropfgläschen, wenn man dergleichen 
vorräthig hat ; nicht minder ist eine mit einem sehr breiten 
Schnabel versehene Federkiele dazu sehr brauchbar. Wo es 
darauf ankommt sehr zähen Schleim aus dem Auge zu spülen, 
z. B. bei Augenentzündungen Neugeborner, oder wo man ge- 
hörige OefFming der Lider nicht erlangen kann, bringt man 
die Wässer wohl auch mittels einer kleinen Spritze ein , die 
mit einer rund gearbeiteten gehörig glatten Hörn- oder Kno- 
chencanule versehen ist. Nach Verschiedenheit der Krank- 
heitsform, besonders aber nach verschiedener Kräftigkeit des 
Mittels kommen die Augenwässer vielleicht täglich nur einmal 
in Anwendung, z.B. starke Lösungen des Höllensteins, Queck- 
silbersublimats u. s. w., oder auch öfter bis zu 10 — 12 mal, 
z. B. schleimige , gelind zusammenziehende Wässer. In der 
Mehrzahl von Fällen wird jedoch eine 4 — 6 malige Anwen- 
dung ausreichen. Selten wird man mehr als 1 — 2 Unzen 
auf einmal verordnen. 

3) Die Salbe. Die in sie eingehenden Dinge, mehren- 
theils Metallsalze : Zinkblumen , weisser oder rother Queck- 
silberpräcipitat , Bleiextract, Cadmium sulplmricum, müs- 
sen sehr fein vertheilt seyn; in Wasser unlösliche Stoffe kön- 
nen zwar in sie aufgenommen werden , dürfen aber nie in zu 
grosser Menge beigegeben werden ; rein mechanisch wirkende 
Dinge, wie Bolus, Os sepiae, dürften trotz mancher Empfeh- 
lung lieber entfernt bleiben. Als Excipiens bedient man sich 
wohl am häufigsten des frischen Schweineschmalzes , es darf 



Aiiffenheilmittel — Augeninstrumente. 25 



jedoch nicht unbemerkt bleiben, dass manche Augen eine 
Idiosynkrasie dagegen zu haben scheinen , hingegen eine Mi- 
schung aus 2 Theilen Mandelöl und ITheil Wachs, oder frische 
ungesalzene Butter, oder Cacaobutter gut vertragen. Wo 
diess alles nicbt wohl vom Auge aufgenommen wird, kann man 
auch dicke Schleime z. B. Quittenkern- oder Flöhsamen- 
schleim nehmen, hat jedoch dann für sehr häufige Erneuerung 
zu sorgen , da sie sonst ganz fest und spröde werden. Mehr 
oder minder muss diess auch mit den Fettsalben geschehen, 
weil sie bei längerem Stehen ranzig werden und dann das 
Auge mehr, als beabsichtigt wird , reizen. Man verordne da- 
her selten mehr als ein Quentchen auf einmal. Wo aber eine 
reizende Einwirkung durch Fettsäure gewünscht wird, z. B. 
bei einigen Dünnsalben oder Oelen , darf man etwas grössere 
Mengen verordnen , und kann sie sogar bei gehöriger Siche- 
rung gegen Staub offen stehen lassen , was, wo Oxydation ver- 
hindert werden soll, ebenfalls sorgfältig gemieden werden 
muss. Die Anwendung der Salben geschieht am besten vom 
Kranken selbst, indem er mit der einen Hand das untere Au- 
genlid etwas herabzieht und nun die Salbe, welche er auf eine 
Fingerspitze der andern Hand gefasst hat, auf dem Rande des 
unteren Lides vom innern nach dem äusseren Augenwinkel zu 
abstreift. Man kann sich auch eines feinen Haarpinsels zu 
demselben Zwecke bedienen. Ist die Salbe zu hart, so haucht 
man die jedesmal anzuwendende Menge hinlänglich lange an. 
Helling empfahl das Eintragen mit einer Chirette, deren 
sich der Arzt mit Vortheil statt des Fingers bedient, wenn 
man einem Kranken die Salbe einbringen will. Nachdem die 
Salbe eingetragen ist, lässt man die Lider sanft schliessen 
und reibt sie gelind mit dem Finger , wodurch die Verkei- 
lung der Salbe im Auge vollbracht wird. Scheint dies nicht 
genügend, will man namentlich auf die innere Fläche des obe- 
ren Lides kräftig einwirken , so muss man dieses umwenden 
und die Salbe mittels eines Pinsels auftragen, es ist dies je- 
doch nur in seltenen Fällen, z. B. der sogenannten ägypti- 
schen Augenentzündung von nöthen. Rds. 

AUGENINSTRUMENTE , Instrumenta ophthahnica. 
Man versteht darunter Werkzeuge, deren man sich zu Opera- 
tionen am Auge bedient. Sie zerfallen gleich den übrigen 
wundärztlichen Instrumenten in stumpfe und schneidende, und 



28 Augeninstrumente. 

es gilt von ihnen alles das, was über chirurgische Instrumente 
überhaupt im Artikel Akologie beigebracht worden ist. Be- 
sonders die schneidenden und stechenden müssen mit grosser 
Sorgfalt in Bezug auf Härte, Politur, Schneide, streng rich- 
tige Verhältnisse, gefertigt werden, daher denn manche sonst 
gute Arbeiter doch bei Augeninstrumenten Manches zu wün- 
schen übrig lassen , wovon oftmals der Grund darin liegt, dass 
ihnen gute Modelle abgehen, denn nach Abbildungen genau zu 
arbeiten, ist meistens unmöglich. Ohne Anderen, deren 
Instrumente ich nicht kenne, zu nahe zu treten, dürften die 
von Windler in Berlin, Endler in Göttingen, Hornn, 
Loewe in Leipzig, Weiss in London, Sir -Henry in 
Paris , Gockel, Malliar in Wien vorzüglich Empfehlung 
verdienen. 

Es giebt der Augeninstrumente eine ungeheure Anzahl, 
da sich fast noch mehr als bei andern chirurgischen Instru- 
menten eine Menge von Aerzten dadurch einen Namen zu ma- 
chen suchte, dass sie die älteren oft brauchbaren Werkzeuge 
bald auf mehr bald auf weniger wesentliche Weise veränder- 
ten und diese Erfindung der Welt anpreisend mittheilten. 
Einfachheit ist der wesentlichste Vorzug eines jeden , beson- 
ders aber eines Augeninstrumentes , daher denn die zusam- 
mengesetzten Messer, Nadeln, Haken u. s. w. häufig von Nie- 
manden weiter als ihrem Erfinder und gewöhnlich selbst von 
diesem nicht lange gebraucht wurden. Grosse Aerzte wer- 
den nicht leicht Spielerei mit neuen Instrumenten treiben, 
es bestellt darin vielmehr die Thätigkeit kleiner Geister. Die 
Hauptsache liegt am Operateur; man sieht oft mit unvollkom- 
menen Instrumenten gut, mit guten schlecht operiren; ist eine 
Nadel nur nicht zu gross, gut polirt, gehörig spitzig und schnei- 
dend, so wird auf kleine Abweichungen in der Form wenig 
ankommen, sobald jemand an sie gewöhnt ist. Der Apparat 
von Instrumenten braucht nur einfach zuseyn; nach meiner 
individuellen Meinung bedarf man zur Vollbringung sämmtli- 
cher Augenoperationen ausser einem gewöhnlichen Taschen- 
bestecke (Bd. I. S. 129) etwa folgender Instrumente: einen 
Ri cht er 'sehen Augenlidhalter, einen dergl. mit Hörn platte 
nach Jäger, eine kleine Pincette mit schmalen geraden 
Armen, eine Bio m er 'sehe Hakenpincette, eine kleine Pin- 
cette mit schmalen gebogenen und am Ende mit kleinen Löf- 



Augeninstrumente — Augenlöffel. 27 

felchen versehenen Schenkeln, eine Wimperpincette , eine 
Jäger 'sehe Entropiumpincette , eine Gräfe'sche oder 
Himly'scheEntropiumzange, eine kleine Spritze, am besten 
mit Glasrohr, eine starke und mehrere dünne silberne, so- 
wie ein paar Fischbeinsonden, eine spitzige Sonde von mitt- 
ler Stärke, mehrere Thränencanalröhrchen nach Dupuy- 
tren mit dazu gehörigem Röhrchenträ'ger, mehrere Stücken 
zubereitete Darmsaite, einen D a vi el 'sehen Löffel mit Spa- 
tel, 1 — 2 mittelgrosse Haken zum Fassen von Geschwül- 
sten , welche am besten im Hefte fest fr hen, zwei Mohren- 
heim 'sehe Häkchen , einen R e i s i n g er 'sehen Doppelhaken, 
4 — 5 Scalpelle von verschiedener Gestalt zum Ausrotten 
von Geschwülsten an den Lidern, dem Augapfel und in der Au- 
genhöhle, Eröffnung des Thränensackes, besonders bedarf man 
eines oder zwei rundgearbeiteter Scarpa' ischer mit schmaler 
verhältnissmässig langer Ferse, und eines schmalen sehr spitzi- 
gen, ein Leber 'sches Messer, drei Beer 'sehe Stapmesser, 
ein Beer 'sches Staphylommesser, zwei gerade Beer 'sehe 
Staarnadeln, zwei auf der Fläche gebogene La ngenb eck'- 
sche Keratonyxisnadeln , eine kleine feine Incisionsscheere 
ausser der grösseren im Bindezeuge , eine Louis 'sehe und 
eine Cowper'sche Scheere, eine Ma uno ir' sehe Scheere 
ohne und eine mit Knopf. 

Mit diesen Instrumenten wird man ausreichen und, da man 
sie öfters zu brauchen Gelegenheit hat, Uebung damit erlan- 
gen. Sie sämmtlich in einem Etui aufzubewahren würde un- 
bequem seyn, auch braucht man sie selten gleichzeitig; am 
gerathensten scheint es die Staarmesser, Staarnadeln, klei- 
nen Häkchen und Augenlöffel in einem Kästchen zu vereini- 
gen , die grösseren Scalpelle und Haken in dem gewöhnlichen 
Exstirpationsetui (Bd. I. S. 131 III.) zu haben, den Schee- 
ren ein besonderes Etui zu widmen, die übrigen Instrumente 
aber nur bedarfsweise in Papier gewickelt mit sich zu nehmen. 
Abbildungen vergleiche unter Andern in Beer 's Lehre von 
den Augenkrankheiten , inRosas's Handbuch Bd. 3., in 
Wenzel's Manuel de l'oculiste Tom 2. Rds. 

-AUGENLÖFFEL. Er ist eine Erfindung Daviel's, 
wurde aber später vonS iegwart, Pellier, Arne mann, 
Wenzel mehrfach abgeändert. Der beste dürfte der Beer'- 
sche seyn. (Beer, Lehre von den Augenkrankheiten Bd. 2* 



28 Augenschirm. 

Taf. 5. Fig. 21). Ein goldenes oder silbernes, jedenfalls 
sehr biegsames, " langes Stäbchen trägt an einem dünnen Halse 
ein 3 — 4'" langes und i //; breites auf der Fläche etwas ge- 
krümmtes Löffelchen , welches gehörig tief, nicht gar zu 
flach oder zu seicht, wie sich Beer ausdrückt, seyn und keine 
scharfen, vielmehr rundliche Ränder haben muss. Das Stäbchen 
steht auf einem achteckigen Hefte von lö"' Länge, an dessen 
anderem Ende ein feiner, ebenfalls von Silber oder Gold gear- 
beiteter, sehr elastischer Spatel angebracht ist. Die Anwen- 
dung des Löffels, den man gleich einem Staarmesser fasst, 
findet statt um Staarreste aus dem Auge zu entfernen, welche 
nach der Ausziehung zurückgeblieben sind, auch um fremde 
Körper unter den Lidern wegzunehmen. Rds. 

AUGENSCHIRM, Umhella ocularis , dient zur Beschir- 
mung der Augen gegen zu grelle blendende Lichtstrahlen. 
Oft reicht ein grosses Schild an einer Mütze, welches entwe- 
der mit Tuch überzogen oder matt lackirt ist, ans, namentlich 
bei übrigens gesunden, nur hervorstehenden Augen. Ganz 
verwerflich sind die Nürnberger Schirme von grünlackirtem 
Pergament mit Drahteinfassung und Drahtkranz , theils weil 
sie das Licht zu stark reflectiren , theils weil sie von der Seite 
her zu wenig schützen , endlich weil sie oft einen lästigen 
Druck machen. Am zweckmässigsten sind aus Taffet gear- 
beitete, welche an den Seiten auch hinlänglich weit herunter 
greifen , damit das Licht von der Seite nicht zu grell einfalle. 
v. Gräfe giebt dazu folgende Vorschrift: Man schneidet aus 
Sparterie oder gestreiftem Petinet völlig runde Scheiben von 
IG" Durchmesser, legt den Petinet halb zusammen oder 
schneidet die Sparterie halb auseinander, so dass man auf diese 
Weise einen Schirm erhält , welcher mit grünem Taffet glatt 
überzogen , an den Rändern aber mit Putzmacher- und Drath- 
band eingefasst M'ird. Die Ecken verbinde man durch ein 
8 — 12" langes Stück Drahtband, welches nun mit dem ge- 
raden Rande des Schirmes einen Kranz bildet und zur Befesti- 
gung am Kopfe dient. Für Aermere und öffentliche Anstalten 
thun auf ähnliche Weise gearbeitete Schirme von dünner 
mattgrün überzogener Pappe, die auch einen Kranz von Pappe 
haben , gute Dienste. Wenn nur für einige Tage ein Schirm 
gebraucht wird, kann man ihn auch mittels eines mattgrünen 
Papieres und daran gesteckten Bandes herstellen. Rds, 



Augenspatel — Aurum. 29 

AUGENSPATEL ist ein von feinem Silber oder Gold ver- 
fertigtes Instrument, welches aus einem dünnen runden 
Stäbchen besteht, das nach vorn zu breit und flach gearbeitet, 
1"' breit, am Ende rund und fast schneidend ist (Beer). 
Das ganze Instrument hat ohne das Heft 1" 4 — 5"' Länge 
und ist auf der Fläche etwas gebogen ( B e e r Augenkrank- 
heiten Bd. 1. Taf. IV. Fig. 2.) Später schlug Beer einen 
schmaleren Spatel vor, der noch mehr federt, an bei- 
den Seiten scharf ist, und an dem anderen Ende des Heftes 
des Augenlöffels angebracht war. (Ebend. Bd. 2. Taf. V. 
Fig 21). Es kann dieses Instrument in den mehrsten Fällen 
durch den Löffel ersetzt werden. Rds. 

AURISCALPIUM , der Ohrlöffel, ist ein bekanntes 
Instrument von Hörn, Holz oder Metall, um Ohrenschmalz 
oder fremde Körper aus dem äussern Gehörgange zu entfernen. 

w. 

AURUM, Gold. Am häufigsten und zweckmässigsten 
verordnet man unter den verschiedenen Zubereitungen des 
Goldes das sodahaltige Chlorgold, Annan chloratum na- 
tronatwn (A. muriaticum? Ph. Bor.}, s. Chlor etu-m auri 
cum chlor elo natri > entweder mit Stärkemehl verbunden 
oder in einfachem destillirten Wasser aufgelöst und in einem 
schwarz gefärbten , mit eingeriebenem Stöpsel versehenen, 
gegen den Einfluss des Lichts und der Luft geschützten Glase 
aufbewahrt. Mit einem eingedickten Pflanzensafte zu —, 
T ' T — -g- Gran täglich einmal in das Zahnfleisch , die Zunge 
oder das innere Wangenfleisch eingerieben oder auch in die 
äusseren Schamlefzen u. s. w. Es wird besonders in denje- 
nigen hartnäckigen Uebeln empfohlen , gegen welche bereits 
die gewöhnlichen Mittel ohne Erfolg angewendet worden 
sind ; hierher gehören scrophulöse, syphilitische, krebsartige, 
herpetische Geschwüre, Knochenfrass , Exostosen, krebsar- 
tige Verhärtungen der Zunge, chronische scrophulöse Au- 
genentzündungen, Gebärmutterkrebs, Wassersucht u. s. w. 
Nach J. W e n d t findet einige Aehnlichkeit zwischen den 
Wirkungen des salzsauren Goldes und des milden salzsauren 
Quecksilbers statt, was sich auch durch die bei beiden Mitteln 
hervortretende Richtung auf den Darmcanal und auf die Spei- 
cheldrüsen offenbart; allein das Gold greift weit stärker in 



30 Aurum — Auscultatlo. 

die Ernährung und in die Cohärenz des Organismus ein. Es 
darf daher nur mit der grössten Vorsicht verordnet werden. 
Kr. Auri chlorat. natronati gr. i. R/. Auri chlorat. natron. gr. vi — 
Aniyli grJ ., xyi. 

M. f. pulvis Dividatur in Axung. porc. 3JP. 

duodechn partes aequales. S. M. exact. f. ung. S. Zum 

Täglich ein Stück in die Zunge Einreiben. Gegen Exostosen, 

eine Minute lang einzureiben. Scirrhus, syphilitische Cachexie 

Gegen syphilitische Cachexie. u. s. w. Sachs. 

W erneck. 
B/. Chloreti auri puri gr. vi. 
Acidi nitrico - muriatici §i. 
M. S. Mittelst eines Charpiepinsels an die kranke Stelle zu 
bringen , wodurch eine tiefe Aetzung und Schorfbildung bewirkt wird, 
welche sich nach 3 — 4 Tagen losstösst, worauf man die Cauterisa- 
tion noch 6 — 8 mal, je nach der Grösse und Beschaffenheit des 
Geschwüres wiederholt. 

Gegen Krebsgeschwüre. Re'camier. 

w. 

AUSCULTATIO, die Auscultation, die Erforschung 
durch das Gehör. Die Auscultation ist entweder eine 
unmittelbare {Auscultation immediate), welche mit unbewaff- 
netem Ohre , oder sie ist eine mittelbare (Auscultation me- 
diate), welche mit dem von L a e n n e c erfundenen Stethoscop 
vorgenommen wird. Das Stethoscop ist ein hölzerner, ohn- 
gefähr 12 Zoll langer Cylinder, welcher 16 Linien im Durch- 
messer hat und in seiner Mitte von einem 3 Linien im Durch- 
messer haltenden Canal durchbohrt ist. Dieser Canal geht 
am unteren Ende des Cylinders in eine Aushöhlung aus, wel- 
che mit einem Schliessstück verschlossen werden kann. Man 
setzt das Stethoscop , indem man es wie eine Schreibfeder 
zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger hält und mit Hülfe 
der drei übrigen Finger unterstützt, mit der unteren Fläche 
auf den zu untersuchenden Körper auf und legt das Ohr auf 
das obere Ende an. 

Lisfranc hat die Anwendung des Stethoscops zur Er- 
kenntniss der Knochenbrüche, der Blasensteine, Gallensteine, 
Tympanitis, Gelenk- und Rückgratswassersucht und fremder 
Körper in den Gelenken gemacht; ausserdem dient es zur ge- 
naueren Erkenntniss innerer Pnlsadergeschwülste. 

Bei Knochenbrüchen setzt man das Stethoscop so nahe als 
möglich der Bruchstelle auf, und lässt Extension und Contra- 



Ausdehnung — Ausfüllen der Zähne. 31 

extension nur in einem massigen Grade vornehmen, und man 

•wird Crepitation hören. 

Literatur. Laennec, de l'auscultation me'diate, ou traite du 
pronostic des maladies des poumons et du eoeur etc. etc. 2. Edit. 
Paris 1826. 2 Vol. S. — Lisfranc, Memoire de nouvelles ap- 
plications du Stethoscope de Mr. Laennec. Paris 1823. Aus dem 
Franz. Weimar 1824. 8. W* 

AUSDEHNUNG, Extensio, Di&tractifl, ist dasjenige 
chirurgische Verfahren, wodurch man die Verschiebung ge- 
brochener und verrenkter Glieder aufzuheben sucht. (Siehe 
Fraciura und Luxatio.) 

AUSFALLEN DER ZÄHNE, das, kann sowohl durch 
mechanische Ursachen, Schlag, Fall, Stoss u. s.w., als 
durch Krankheiten der Zähne oder des Körpers im Allgemei- 
nen, z. B. Scorbut, Gicht, Mercurialkrankheifc u. s. w. ge- 
schehen. Die Kunst kann meistentheils nichts Anderes dafür 
thun, als durch mechanische Befestigungsmittel, seidene, 
Gold - und Piatinafäden , den Zahn zu erhalten suchen. Auf- 
gabe des Arztes ist es den Krankheitszustand, welcher das 
Ausfallen bedingt, zu verhüten oder zu heben. Durch sorg- 
fältiges Reinigen der Zähne mit weichen Zahnbürsten, durch 
Anwendung äusserlicher, adstringirender und roborirender 
Mittel, der Ratanhia, des Calmus , der Myrrhe, des peru- 
vianischen Balsams u. s. w. durch Scarificationen des Zahn- 
fleisches, Spalten desselben u. s. w. lassen sich bisweilen die 
schädlichen Einwirkungen der verschiedenen Krankheitszu- 
stände auf die Zähne im Anfange beseitigen. W. 

AUSFEILEN DER ZÄHNE , das , geschieht mit sehr 
feinen, scharfen Feilen , welche jedesmal vor ihrer Anwen- 
dung in warmes Wasser eingetaucht werden müssen. Man 
fasst den kranken Zahn mit den Fingern der andern Hand, um 
jede Erschütterung des Zahnes zu verhindern. Man wendet 
das Ausfeilen bei denjenigen cariösen Zähnen an, wo man 
voraussehen kann , die Caries ganz entfernen zu können. Bei 
Kindern , sehr reizbaren Individuen , und wo die Caries zu 
weit vorgeschritten ist, darf man es nicht unternehmen. Nach 
dem Ausfeilen bleibt einige Tage eine grosse Empfindlichkeit 
gegen Kälte und Temperaturwechsel an den Stellen zurück, 
wogegen sich Kranke schützen müssen. W. 

AUSFÜLLEN DER ZÄHNE, das, geschieht, um Oeff- 
nungen durch eine Masse gegen Luft und Eintritt von Spei- 



32 Ausfüllen der Zähne — Ausziehen der Zähne. 

sen und Getränken zu verstopfen. Im Allgemeinen eignet 
sich trockene Caries besser als feuchte zum Ausfüllen ; auch 
darf der Zahn bei der Berührung nicht mehr schmerzhaft 
sevn. Vor dem Ausfüllen muss man den Zahn von aller ca- 
riösen Masse befreien und die Höhle mit trockner Baumwolle 
reinigen. Zum Ausfüllen bedient man sich verschiedener 
Metalle, besonders Piatina, Gold, Silber, Stanniol, Blei, 
Wismuth , Zinn, wovon die ersteren zu dünnen Blättchen ge- 
schlagen sich am besten eignen, letztere werden in einem 
gewissen Verhältnisse zu einem Amalgam geschmolzen. Auch 
hat man verschiedene Kitte, z. B. Sandarac und Mastixharz 
gleiche Theile in rectificirtem Weingeist aufgelöst und bis 
zur zähen Flüssigkeit abgedampft; weisses Pech und leben- 
diger Kalk gleiche Theile mit Cocosnussöl zum Kitt gemacht ; 
ferner Terpenthin und lebendiger Kalk gleiche Theile mit Fir- 
niss oder Hausenblase zur Paste gemacht. W. 

AUSZIEHEN DER ZÄHNE, Evutsio s. Extr actio 
dentium,, ist dasjenige operative Verfahren, wodurch man 
vermittelst eines zweckmässigen Instrumentes einen Zahn aus 
seiner organischen Verbindung mit dem Kiefer entfernt. Im 
Allgemeinen zieht man solche Zähne aus , welche cariös und 
schmerzhaft sind , welche durch ihre Stellung die benachbar- 
ten weichen Gebilde, Zunge, Lippen u. s. w. , beständig 
reizen, die Milchzähne, welche die nachfolgenden in ih- 
rer Entwickelung hindern , oder diesen eine falsche Stel- 
lung geben , ferner solche , welche die Ursache zu Krank- 
heiten der Kiefer oder der benachbarten weichen Theile 
sind, Zähne bei alten Leuten, welche locker sind und ein- 
zeln stehen , und endlich diejenigen , welche um anderer 
Operationen willen , z. B. wegen Resectionen des Unter- 
kiefers u. s. w. entfernt werden müssen. — Dagegen dürfen 
nicht ausgezogen werden: Zähne, welche zwar schmer- 
zen, aber nicht cariös sind, und cariöse, welche nicht 
schmerzen; mit denen eine Entziindungsgeschwulst, die in 
Eiterung überzugehen droht, verbunden ist; wo ein scorbu- 
tischer Zustand , der eine heftige Blutung besorgen lässt, 
zugegen ist ; mit benachbarten oder mit dem Kiefer verwach- 
sene Zähne. — 

Es giebt verschiedene Verfahren des Zahnausziehens, je 
nachdem man sich dabei der Zange, des Schlüssels, des Pe- 



Ausziehen der Zähne. 33 

lekans, des Geissfusses , des Ueberwurfes, des pyramidenför- 
migen Hebels oder eines Wurzelhakens bedient. Die Zange 
wendet man nur bei Vorderzähnen oder bei schon bewegli- 
chen Backenzähnen an , den Schlüssel zur Ausziehimg fest 
stehender Backenzähne ; des Pelekans bedient man sich zwar 
auch bei Herausnahme feststehender Backenzähne und zurück- 
gebliebener Wurzeln, allein sehr leicht werden durch seine An- 
wendung die nebenstehenden Zähne locker gemacht, einge- 
drückt oder abgebrochen ; den Geissfuss, den Ueberwurf, den 
pyramidenförmigen Hebel und den Wurzelhaken gebraucht 
man vorzüglich zum Ausheben der Zahnwurzeln. — Bei dem 
Ausziehen eines Vorderzahnes aus der unteren Kinnlade stellt 
man sich vor den Kranken, welcher auf einem gewöhnlichen 
Lehnstuhle sitzt, drückt mit dem linken Zeigefinger die Lippe 
herab , legt den Daumen an den nächsten Zahn und die übri- 
gen Finger unter das Kinn. Mit einer mit der rechten Hand 
ergriffenen, krummen Zange fasst man den Zahn so tief als 
möglich am Halse, macht einige massige Bewegungen nach 
innen und nach aussen , d. h. luxirt ihn , und hebt dann den 
Zahn in der Richtung, in welcher er steht , mit einem kräfti- 
gen Zuge aus. Bei dem Ausziehen eines Vcrderzahnes aus 
der oberen Kinnlade steht man hinter dem Kranken , welcher 
auf einem niedrigen Sessel sitzt, hebt mit dem linken Daumen 
die Lippe in die Höhe, fasst mit einer geraden Zange den 
Zahn, bewegt ihn massig nach innen und nach aussen, und 
zieht ihn mit einem kräftigen Zuge nach unten aus. — Die 
Backenzähne werden entweder mit dem Schlüssel oder dem 
Pelekan ausgezogen. Den Schlüssel versieht man nach Ver- 
hältniss der Dicke des Zahnes mit einem grösseren oder klei- 
neren Haken und umwickelt den Bart oder die Fletsche des 
Schlüssels mit Leinwand oder einem Tuche. Man stellt sich 
vor den Kranken, welcher auf einem Stuhle sitzt, fasst den 
Griff des Schlüssels mit der rechten Hand , wenn der kranke 
Zahn auf der linken Seite steht ( und mit der linken Hand, 
wenn er auf der rechten Seite sich befindet), so an , dass der 
Zeigefinger längs dem Stiele liegt. Die Spitze des Hakens 
setzt man mittels des anderen Zeigefingers so tief als möglich 
an die innere Seite des Zahnes an und lässt den Zeigefinger 
darauf ruhen. Die Fletsche legt man an die äussere Seite 

des Zahnes , versucht alsdann ob der Haken gut gefasst hat, 
Handwötrerb. d. Ch. II. 3 



34 Ausziehen der Zähne. 

und dreht nun den Griff in einem halben Zirkel um seine 
Achse nach aussen bei einem Zahne der obern Kinnlade auf- 
wärts, bei einem Zahne der untern Kinnlade aber abwärts, 
wodurch der Zahn gewöhnlich ausgezogen wird. Ist der 
Zahn noch mit dem Zahnfleische in Verbindung, so nimmt 
man ihn entweder mit den Fingern oder mit iler Zange weg 
oder man setzt den Schlüssel nochmals an. Ist die innere 
Seite des Zahnes cariös oder abgebrochen , so legt man den 
Haken aussen, die Fletsche innen an, dreht den Griff nach 
innen , wobei man für die rechte Seite den Schlüssel in die 
rechte Hand , für die linke Seite in die linke Hand nimmt. — 
Bei der Anwendung des Pelekans verfährt man auf folgende 
Weise : Der Kranke sitzt auf einem niedrigen Stuhle. Man 
fasst bei Zähnen der rechten Seite den Pelekan mit der rech- 
ten Hand, und umgekehrt mit der linken ; nachdem man den 
Haken der Dicke des Zahnes angepasst, nach der Entfernung 
des Stützpunktes vom kranken Zahne gestellt und die Krone 
des Instruments mit Leinwand umwickelt hat, setzt man die 
Spitze des Hakens so tief als möglich an die innere Fläche des 
Zahnes, die Krone aber gegen die vordere Fläche der beiden 
nebenstehenden Zähne, an deren hintere Fläche man den 
Daumen der freien Hand anlegt, und das Kinn mit den übri- 
gen Fingern von aussen und unten umfasst. Nun bewegt man 
den Griff horizontal von hinten nach vorn und ein wenig seit- 
wärts, wobei man den kranken Zahn zu heben und zugleich 
dem Drucke der Krone gegen die gesunden Zähne entgegen 
zu wirken sucht. Sind keine Nebenzähne zum Stützpunkte 
vorhanden, so legt man ein Stück Kork unter die Krone. — 
Der Geissfuss wird besonders bei schon lockeren Zähnen an- 
gewendet. Der Kranke sitzt auf einem Stuhle, wenn man 
einen Zahn des Unterkiefers ausziehen will , und man steht 
vor dem Kranken, setzt die Klaue des Instrumentes aussen ge- 
gen den Hals des Zahnes, den linken Zeigefinger aber gegen 
die innere Seite desselben , und hebt nun den Zahn aus , in- 
dem man den Griff des Instrumentes bei den unteren Zähnen 
senkt, bei den oberen aber hebt. Bei der Ausziehung von 
Zähnen des Oberkiefers steht man hinter dem auf einem nie- 
drigen Stuhle sitzenden Kranken. — Wenn man den Ueber- 
wurf anwendet, so setzt man den Haken so tief als möglich an 
die innere Fläche des Zahnes, die Stützfläche an die äussere 



Ausziehen der Zähne — Avena excorticata. 35 

Fläche , und drückt den Griff massig nach aufwärts bei den 
Zähnen des Oberkiefers , nach abwärts bei denen des Unter- 
kiefers. — Den pyramidenförmigen Hebel und den Wurzelha- 
ken wendet man vorzugsweise zum Ausziehen von Zahnstiften 
und Zahnwurzeln an. Die Spitze des Hebels setzt man näm- 
lich, besonders bei den letzten Backenzähnen, tief an die 
Seite des Halses vom ki-anken Zahne an , und zieht ihn he- 
belartig nach der Seite hin , wo der geringste Widerstand ist, 
ans ; zuweilen setzt man auf jeder Seite einen Hebel an. Den 
Wnrzelhaken setzt man tief zwischen den kranken Zahn und 
das Zahnfleich ein und wirkt wie bei dem Schlüssel angege- 
ben worden ist. — 

Nach der Herausnahme des Zahnes lässt man den Mund 
mit Wasser ausspülen , und drückt den Zahnfächerrand mas- 
sig zusammen. Ist ein Stück von demselben abgebrochen, 
so nimmt man die Splitter mit der Zange oder einer Pincette 
weg; sitzen die Splitter aber fest, so drückt man sie in ihre 
natürliche Lage. Abgerissenes Zahnfleisch schneidet man 
mit der Scheere vollends ab. Zuweilen entsteht eine heftige, 
lang anhaltende Blutung aus der Zahnfächerhöhle; wenn 
keine Knochensplitter oder Wurzelstücken, welche man ent- 
fernen muss , die Blutung unterhalten , so sucht man sie durch 
styptische Mundwässer zu stillen, gelingt dies aber nicht, so 
nimmt man kleine Kugeln von in Essig getränktem Löschpapier, 
füllt damit die Höhle aus und lässt den Kranken den Mund 
schliessen. Sollte auch dieses Mittel nichts fruchten, so 
macht man eine Stricknadel oder Sonde glühend und cauteri- 
sirt damit die Stelle bis die Blutung steht. Andere Folge- 
krankheiten des Zahnausziehens , Entzündung des Zahnflei- 
sches , Caries des Alveolarrandes u. s. w. behandelt man nach 
allgemeinen Regeln. 

Literatur: Laforgue, die Kunst des Zahnarztes. A. d. 
Franz. v. D. Aronson, Berlin 1803. Carabelli v. Lun- 
v kaszprie, G., Handbuch der Zahnheilkunde. Wien 1831. 

w. 

AVENA EXCORTICATA, die Hafergrütze wird 
in Wasser 711 einer mehr oder weniger schleimigen Consistenz 
gekocht und theils als Umschlag, um zu erweichen und zu 
erschlaffen, zur Zeitigung oberflächlicher Abscesse, Pana- 
ritien, Furunkeln u. s. w. theils als Klystier angewandt. 

w. 

3* 



36 Bad. 



I&AD , Balneum, s. battneum. Hierunter versteht man das 
längere oder kürzere Eintauchen — oder auch Begiessen — 
des menschlichen Körpers oder einzelner Theile desselben in 
eine flüssige oder gasförmige oder imponderable oder trockne 
oder festweiche Substanz. Auch nennt man die Anwendung 
von einer gewissen Höhe auf den Körper herabfallender Flüs- 
sigkeiten Bad, z. B. Tropf-, Giess - Bad , Douche. — Man un- 
terscheidet die Bäder: I) nach der äussern Form, 2) nach 
der Temperatur , 3) nach den Bestandteilen und 4) nach 
der Wirkung. 

In Bezug auf die Form der Bäder giebt es : einfache na- 
türliche Wasserbäder, oder auch künstliche, mit Arzneistof- 
fen gemischte oder aus andern Flüssigkeiten bestehende Bä- 
der, welche man als ganze Bäder, Halhbäder (semicuphi) 
oder als örtliche Bäder für einzelne Theile, z. B. für die Au- 
gen , Arme, Hände, Füsse (jnanu-, pedüuvia ) , für das Ge- 
sässe, für die Geschlechtstheile (insessus, bidets) anwen- 
det. Es gehören hierher die Eintauchung, die Begiessung, 
das Sturzbad, das Spritz- oder Douche -Bad, Tropf-, Regen- 
und Staubbad. Man kann nun entweder im Freien, irn Flusse, 
in der See, in grösseren, offenen, gemeinschaftlichen Wasser- 
behältern, oder in Wannen und abgesonderten Räumen baden. 

Was die Temperatur betrifft, so nimmt man am zweck- 
mässigsten nach W e t z 1 e r folgende Bestimmungen an : 

eiskalte Bäder von 1° — 5° Reaurnur. 

kalte Bäder unter 16° R. 

kühle Bäder von 16° — 20° R. 

laue Bäder von 20° — 26° R. 

warme Bäder von 26° — 33° R. 

heisse Bäder über 33° R. 
Indessen kommt sehr viel bei der Bestimmung des Wärmegra- 
des auf die individuelle Empfindlichkeit an. Ueber 36° R. 
kann man niemals baden. 

In Bezug auf die Bestandtheile eines Bades hat man : a) 
einfache natürliche Wasserbäder, Bäder von anderen Flüssig- 
keiten, als Wasser mit verschiedenen vegetabilischen, ani- 
malischen und mineralischen Substanzen vermischt ; b) Bäder 
in trocknen und halbweichen Substanzen, als Erd-, Sand-, 



Bad. 37 

Aschen -Bäder, in trocknen Vegetabilien , Schnee- und 
Schlammbäder ; c) Bäder in gas- und dampfförmigen Flüssig- 
keiten; d) Bäder in imponderablen Flüssigkeiten. 

Nach der Wirkung theilt man die Bäder ein in a) reini- 
gende, b) stärkende, c) schwächende, d) reizende, e) er- 
schlaffende. — 

Die allgemeinen Wasserbäder gehören unter die "wichtig- 
sten und kräftigsten Heilmittel ; sie wirken nicht allein durch 
den Grad der Temperatur auf den menschlichen Organismus, 
sondern auch durch den Druck des \\ assers y durch die Ab- 
haltung der äusseren Luft von der Haut, durch die Ent- 
ziehung der natürlichen Electricität und durch die Erweichung 
der Haut und Aufsaugung einer mehr oder minder grossen 
Menge Wassers durch dieselbe. 

Die kalten Bäder, in welchen Kranke nur kurze Zeit — 
je kälter das Wasser , um so kürzere Zeit — verweilen dür- 
fen , entziehen dem Organismus seine freie Wärme ; es ent- 
steht zuerst Rücktritt des Blutes von der Peripherie des Kör- 
pers nach den Centralorganen und, in Folge der dadurch her- 
vorgebrachten Reaction, ein stärkerer Andrang des Blutes 
nach der Haut mit vermehrter Wärmeentwickelung und Thä- 
tigkeit der Haut. Verweilt der Kranke längere Zeit im kalten 
Bade, so entsteht Zusammenziehung, Verdichtung der orga- 
nischen Substanz, namentlich des Zellgewebes, und daher 
Verminderung des Umfanges des Körpers. Es geht hieraus 
hervor, dass kalte Bäder, wenn sie nur kurze Zeit, mehr als 
Eintauchungen oder Begiessungen, angewendet werden, rei- 
zend w irken , wenn dagegen der Kranke längere Zeit darin 
verweilt, eine schwächende Wirkung haben. Erstere sind 
daher besonders angezeigt bei örtlichen paralytischen Lei- 
den, diese dagegen bei örtlichen Entzündungen, namentlich 
nach Verletzungen z. B. des Gehirns, Auges u. s.w., ferner 
bei Erschlaffungen, Vorfällen, Pulsadergeschwülsten, Blut- 
aderknoten, eingeklemmten Brüchen u. s. w. 

Die lauen und warmen Bäder vermehren die Expansion 
der Gefässe und den Turgor vitalis, beleben das Nervensy- 
stem und, indem sie eine gleichmässigere Vertheilung der 
Biutmasse bewirken, beruhigen sie zugleich dasselbe; alle 
Ab- und Aussonderungen vorzüglich der Haut werden dadurch 
befördert, die Aufsaugung bethätigt. Je höher aber die 



38 Bad. 

Temperatur des Bades ist , desto mehr werden die Blutge- 
fässe ausgedehnt und die Nerven aufgeregt, desto leichter ent- 
stehen Wallungen nach Brust und Kopf, Herzklopfen, 
Schwindel, Ohnmächten u. s. w. ; dasselbe kann auch ge- 
schehen, wenn man sich zu lange im warmen Bade aufhält. 
Laue und warme Bäder werden daher vorzugsweise bei Kräm- 
pfen , bei Entzündungen besonders innerer Theile , z. B. des 
Gehirns, des Unterleibes, bei Congestionen , Lähmungen, 
Contracturen angewendet ; heisse Bäder dürfen nur in selte- 
nen Fällen und mit grösster Vorsicht verordnet werden. 

Oertliche kalte Bäder , Eintauchungen und Begiessungen 
leisten bei örtlichen Entzündungen, Vorfällen, Pulsaderge- 
schwiilsten oft gute Dienste; eben so werden örtliche laue 
und warme Bäder häufig mit dem grössten Nutzen als ablei- 
tende Mittel in Form von Arm-, Hand-, Fuss-, Gesäss- Bä- 
dern bei Congestionen nach Kopf und Brust, bei Hämorrhoi- 
dal- und Menstruations - Leiden angewendet. Reizender 
wirkt das Tropfbad, vorzüglich wenn die Tropfen von einer 
bedeutenden Höhe herabfallen, und man benutzt dasselbe zur 
Zertheilung kalter Geschwülste, bei Lähmungen, Ausschwi- 
tzungen , Steifigkeiten , Contracturen. Eine noch stärkere, 
reizendere und erschütterndere Wirkung kann man mittels 
der Douche hervorbringen, welche an dem Orte der Anwen- 
dung meist eine kräftige Reaction hervorruft, die sich zuwei- 
len selbst in tiefer gelegenen Theilen äussert und sich durch 
Schmerz und Anschwellung zu erkennen giebt. Steifigkei- 
ten, Contracturen, veraltete Lähmungen, Geschwülste, Er- 
giessungen, Neuralgien, diess sind besonders die chirurgischen 
Krankheitsformen , gegen welche man die kalte oder auch die 
warme Douche empfohlen hat. — Noch werden in der Chirur- 
gie angewendet die Schlamm- oder Moor -Bäder, und die 
Dampfbäder, die allgemeinen sowohl als die örtlichen, wo- 
durch die Haut kräftiger belebt und erregt wird als durch das 
blosse Wasser, bei Neuralgien, Lähmungen, Steifigkeiten 
nach schweren Verletzungen. Sodann die Räucherbäder oder 
Räucherungen von trockenen aromatischen, harzigen Sub- 
stanzen, als Bernstein, Mastix, Myrrhe, Opium oder von 
Schwefel, Quecksilber, bei Lähmungen, Steifigkeiten, Was- 
sersuchten , Geschwüren , Hautkrankheiten, Syphilis, wobei 
entweder nur einzelne Theile des Körpers durchräuchert wer- 



Bad. 39 

den, oder der ganze Körper, mit Ausnahme des Kopfes, in 
einem besonderen Apparate, einem Räucherungskasten. Fer- 
ner die thierischen Bäder oder die Einbringung kranker Theile 
in frischgeschlachtete Thiere oder das Auflegen einzelner 
Theile von frisch geschlachteten Thieren bei denselben Krank- 
heitsformen , vorzugsweise aber bei Verkürzungen der Seh- 
nen und Contracturen der Muskeln nach Knochenbrüchen. — 
Endlich müssen hier erwähnt werden die künstlich bereite- 
ten , mit Arzneistoffen geschwängerten Bader , welche zum 
Theil der Natur nachgeahmt sind; dahin gehören die künstli- 
chen Schwefel -Bäder , welche man aus Schwefelkali (Kali 
sulphuratum s. Hepar sulphuris salinum') , wovon man 
5i — 5Ü auf ein Bad für einen Erwaschenen rechnet, bereitet. 
Ihre Anwendung findet vorzüglich nach eingewurzelten sy- 
philitischen Uebeln statt, um sich von deren vollkommener 
Heilung zu überzeugen , aber auch bei Lähmungen, Haut- 
krankheiten, nach Metallvergiftungen. — Die künstlichen 
Eisen- oder Stahl -Bäder, welche man gewöhnlich aus einer 
Auflösung der sogenannten Eisen- oder Stahlkugeln (Globuli 
ferri tartarici s. martiales s. chalybeati ) , 51 — 5üi auf 
das Bad eines Erwachsenen, bereitet. Man bedient sich aber 
auch zuweilen der Löschwasser- und Schlackenbäder, oder 
auch des Liquor ferri muriatici s. Oleum martis, wovon 
mau 5i — 5ii einem Bade zusetzt, oder endlich des Ff'rrum 
oxydatum sulphuricum s. Vitriolum mariis $ß — 51"/? auf 
ein Bad. Bei allgemeiner Körperschwäche nach starken 
Blutverlusten und Vereiterungen , bei Rhachitis, atonischen 
Schleimflüssen, Neuralgien und Lähmungen werden diese Bä- 
der mit Vortheil benutzt. — Die Bäder aus ätzendem Queck- 
silbersublimat (Hydrargyrus per chlor atus s. sublimatus 
corrosivus) 5i — 5/5 auf ein Bad für einen Erwachsenen, wo- 
bei wohl zu bemerken ist, dass an dem Körper keine wunde 
Stelle seyn darf; zweckmässiger möchten die Fussbäder mit 
Sublimat seyn. Man hat diese Bäder, welche nach Ver- 
ducci in einem steingutenen Gefässe t Stunde lang bei 36° 
Reaum. genommen werden sollen , gegen Syphilis , aber auch 
gegen scrofulöse, Gelenkkrankheiten, Verhärtungen, angewen- 
det. — Die aromatischen und stärkenden Bäder, welche man 
aus den Aufgüssen und Abkochungen aromatischer, stärkender 
Vegetabilien bereitet, werden ebenfalls nach schweren Ver- 



40 Bad. 

wun düngen, Knochenbrüchen, Blut- und Schleimflüssen, Ver- 
eiterungen , bei Lähmungen , scrofulösen und rhachitischen 
Leiden in Anwendung gebracht. Man rechnet hierher die 
Bäder von Malz, Feldkümmel, Münze, Lavendel, Quendel, 
Mairan, Wermuth, Chamillen, Kalmus, Weiden-, Ulmen-, 
Eichen-, China-Rinde, denen man noch Wein oder Spiritus 
zusetzen kann. Von den aromatischen Vegetabilien nimmt 
man =viii — §xvi zu einem Bade eines Erwachsenen, von den 
stärkenden Binden ( £i — <£ii zum Aufgusse oder zur Ab- 
kochung. 
Iy. Herb, menth. pip. B/, Cort. Salicis 

Flor. Lavand. äa 5Ü - Hippocastani 

Rad. Calam. arom. - Quercus 

Cort Salic. ää 5Ü5. Rad. calam. arom. ää 5'iii. 

Sem. Carvi §i. C. M. S. Mit 4 Quart. Wasser I 

C. M. S. Mit 3 Quart Wasser Stunde lang zu kochen , durch- 
angebrüht, durchzuseihen und zuseihen und dem Bade beizu- 
einem Bade beizumischen. Berends. mischen. 

Von den electrischen Bädern haben wir bis jetzt noch zu 
"wenig Erfahrung. Das Schneebad ist bisher nur gegen Er- 
frierung angewendet worden; das Erdbad oder das Bedecken 
des Körpers, mit Ausnahme des Kopfes, mit frischer Erde 
bei Asphyxie der BlitzgetroiFenen ; das erwärmte Aschen- und 
Sand -Bad bei Ertrunkenen mit Erfolg. 

Es ist eine allgemeine Regel, dass man niemals bei vol- 
lem Magen baden darf, sondern erst 3 — 4 Stunden nach der 
Mahlzeit , besser vor derselben. Mit warmem oder gar er- 
hitztem Körper darf man nicht in das Bad gehen, am wenig- 
sten in ein kaltes. Die Dauer des Aufenthaltes in einem 
Bade richtet sich nach der Temperatur desselben und nach 
dem Heilzwecke. Im kalten Bade darf der Kranke höchstens 
3 Minuten verweilen, im kühlen Bade ohngefähr 10 Minuten, 
im lauen Bade 15 — 30 Minuten, in einigen besonderen 
Fällen sogar mehrere Stundenlang, im warmen undheissen 
Bade 5 — 8 Minuten; höher als 36° Reaum. kann die Tem- 
peratur des Bades nicht ohne Nachtheil für die Gesundheit 
gesteigert werden. Oertliche Bäder nimmt man gewöhnlich 
zu 30° Reaum. Es ist zweckmässig, besonders zu Anfang 
des Badens den Kranken sich nur bis an die Herzgrube in das? 
Wasser legen und den Oberkörper frei zu lassen, weil sonst 
leicht Athmungsbeschwerden eintreten. Nach dem Bade zu 



Balanitis. 41 

ruhen ist heil- und rathsam, zu schlafen nicht nachtheilig, 
wenn nicht Congestionen des Blutes nach dem Kopfe zuge- 
gen sind : 

Literatur: Marcard, Ueber die Natur und den Gebrauch der 
Bäder. Hannover 1793 — J. J. Rausch, Ueber die Bäder. 
Leipzig 1806. — Diel, Ueber den Gebrauch der Thermalbäder 
zu Ems. Frankfurt a. M. 1825. Jf. 

BALANITIS (ßäluvog die Eichel), Entzündung der 
Eichel, hat ihren Sitz in der die Eichel und die innere Platte 
der Vorhaut überkleidenden feinen Schleimhaut und ihren 
zahlreichen Drüsen und geht sehr bald in Blennorrhoe über, 
wesswegen man sie auch Balanitis blennorrhoica 3 Bala- 
noblennorrhoea, Eich eltripper heisst. Die An- 
lag e zu dieser Entzündung findet Vorzüglich bei der ange- 
bornen Verengerung der Vorhaut statt; Gelegenheits- 
ursachen sind: Nichtreinigung der Eichelkrone von dem 
daselbst angesammelten dick und scharf gewordenen Schleime, 
besonders in der Jugend, Ansammlung von Urin oder Harn- 
steinen zwischen der Vorhaut und Eichel, mechanische Rei- 
zung dieser Theile beim Beischlafe und der Onanie, manch- 
mal auch Hämorrhois oder Gicht (wo sie dann als Herpes 
haem>. oder Arthr. praeputü auftritt) , am häufigsten ein un- 
reiner Beischlaf während und sogleich nach der Menstruation 
oder der Wochenreinigung oder einem Fluor albus erethisticus 
oder gonorrhoicus oder syphiliticus. Manchmal ist die 
Blennorrhoe eine secundäre, die Folge der Ausstrahlung der 
Entzündung und der Ansteckung durch Berührung des Schlei- 
mes beim Tripper. 

Das entzündliche Stadium dauert nur 6 — 24 
Stunden und zeichnet sich durch Jucken und Brennen im 
Umfange der Eichel oder Clitoris mit dunklen rothen Flecken 
daselbst aus. Unter Fortdauer dieser Symptome gesellt sich 
bald das blenorrhoische Stadium dazu ; es wird ein anfangs 
wässerjger, grünlicher, später consistenter, eiterartiger, schar- 
fer und unangenehm riechender Schleim abgesondert, der 
durch sein Liegenbleiben die Entzündung der Vorhaut ver- 
mehrt und daher bei etwas etfger Vorhaut Pfiimcrsis inflamma- 
toria undExcoriationen der Eichel und Vorhaut sowie der näch- 
sten Partien, z. B. des Hodensackes, der Nymphen, erregt. 



42 Balanitis — Balggeschwulst. 

Bei syphilitischen und gonorrhoischen Ursachen und bei 
grosser Unreinlichkeit entstehen tiefe Geschwüre. 

Die Prognose ist gut, wenn man die Ansammlung 
des scharfen und specifischen Schleimes verhüten kann. Die 
Behandlung muss daher nebst der Berücksichtigung der 
Ursachen sogleich die Vorhaut zurückzubringen suchen; bei 
massiger Enge gelingt diess durch allmähliges Ziehen dersel- 
ben nach hinten, bei wirklicher Phimosls congenita muss die 
innere Platte seicht eingeschnitten werden. Der Kranke liege 
horizontal und mache zur Verminderung der Entzündung und 
krankhaften Schleimabsonderung kalte oder laue Fomentatio- 
nen von einfachem Wasser, oder Aqua calcls , saturni „ Sol. 
calcuriae oxymuriaticae ; heilen die Excoriationen bei die- 
ser Behandlung nicht, so betupfe man sie mit Höllenstein 
oder wende die Sol. urgent, nitric, c. Titict. op. crocata an. 

J. 

BALGGESCHWULST, Tumor cystkus, ist eine im 
Zellgewebe aller Organe, besonders in dem unter der Haut, 
sich langsam und ohne Spur von Entzündung entwickelnde 
kugelige und häutige Geschwulst mit flüssigem oder halbfe- 
stem Inhalte, welche als eine krankhafte Nachahmung der se- 
rösen Häute mit krankhafter Absonderung zu betrachten ist. 

Symptome. Es bildet sich allmählig und meist ohne 
bekannte Ursachen in oder unter der Haut oder unter den 
Muskeln eine bewegliche runde , kugelige, glatte, gespannte, 
elastische, manchmal fluctuirende Geschwulst, die sehr lang- 
sam wächst, anfangs keine Beschwerden und nur bei bedeu- 
tender Grösse oder durch ihren besonderen Sitz Druck auf die 
benachbarten Theile verursacht. Nach der verschiedenen 
Resistenz gegen den Fingerdruck und dem zu vermuthenden 
Inhalte erhalten die Balggeschwülste verschiedene Namen, 
die später angeführt werden sollen. Die älteren Benennun- 
gen nach der Form : „Testudines , Tulpue , Nattue" sind 
nicht mehr gebräuchlich. Anfangs ist die Geschwulst immer 
rundlich und beweglich; durch die Umgebungen, z. B. Druck 
der Muskeln , Sehnen und Knochen, wird sie manchmal platt 
und unbeweglich. Sie sitzt in der Regel breit , selten ge- 
stielt auf, und die sie bedeckende Haut ist unverändert, doch 
kann sie sich verdünnen, gelblich oder roth und injicirt wer- 
den. Wahre Balggeschwülste haben keine allgemeinen Zu- 



Balggeschwulst. 43 

fälle zur Folge , doch können sie von den Zeichen der sie ver- 
ursachenden Dyscrasie, Gicht und Rheumatismus, begleitet 
seyn. In der Regel kommen sie einzeln, manchmal mehr- 
fach und selbst in grosser Anzahl an einem Orte, z. B. am 
Kopfe vor. Die über verschiedene Theile des Körpers ver- 
breiteten Geschwülste sind keine Balg- sondern Fett- oder 
Speckgeschwülste. Selten bricht die Balggeschwulst auf und 
entleert einen Theil ihres Inhaltes ; sie wird dann meistens 
fistulös , doch hat man sie auch heilen und gewöhnlich all- 
mählig die vorige Grösse wieder erlangen sehen. Der Ueber- 
gang in Krebs ist der einfachen Balggeschwulst nicht eigen. 
Nach dem verschiedenen Sitze verursachen sie verschiedene 
locale Zufälle. Am Kopfe gehen ihnen häufig Schmerzen 
voraus, sie treten mehrfach auf, sind häufig von Schmerzen 
begleitet, und verursachen durch die Verdünnung der Haut 
und das Schwinden des Fettes und der Haarwurzeln das Aus- 
fallen der Haare und ein gestieltes Aufsitzen. An den Au- 
genlidern, wo sie nach dem Kopfe am häufigsten, beson- 
ders bei Kindern vorkommen, haben sie gewöhnlich im obe- 
ren Augenlide oder am Augenhöhlenrande und unter dem M, 
orbicidaris ihren Sitz; das Oeffhen des Lides wird erschwert, 
es entsteht chronische Conjunctivitis und selbst Ectropium. 
Die Balggeschwülste der Augenhöhle entwickeln sich 
meistens unter dem Augapfel, und sind in der Regel von 
Schmerzen in der Augenhöhle, in der Schläfe, im Kopfe, 
von Conjunctivitis begleitet; sie treiben den Augapfel nach 
vorn und aussen, es entsteht unter Schielen, Diplopie, Am- 
blyopie , Amaurosis und Erweiterung der Pupille Exophthal- 
mus. Die Geschwülste am Halse lieben den Verlauf der 
Trachea und der Halsgefässe, hindern die Respiration, De- 
glutition, den Rückfluss des venösen Blutes und dürfen 
nicht mit Ranula oder Struma cartilagmea verwechselt 
werden. Die Balggeschwülste der Knochen kommen am 
häufigsten im Unterkiefer und in der Tibia vor, Knochen- 
abscesse werden aber häufig mit ihnen verwechselt, z. B. der 
Abscessus oder Hydrops antri Hlghmori. Crepitation der 
sehr verdünnten und ausgedehnten Knochenlamelle ist das 
Hauptsymptom. Selten sind die Balggeschwülste des Rückens 
und der Extremitäten, weniger die der Milchdrüsen, der 
Schamlippen und des Samenstranges. 



44 Balggeschwulst. 

Anatomischer Character. Die Balggeschwulst 
besteht aus einem rundlichen häutigen Sacke und seinem 
Inhalte. Die äussere Fläch e des Sackes ist flockig, 
cellulös, und hängt durch Filamente mit der Tunica subcu- 
tanea oder den Fascien oder Muskeln lose zusammen, so dass 
man ihn oft mit dem Scalpellstiele oder den Fingern leicht 
ausschälen kann ; selten entdeckt man in diesem verbinden- 
den Zellstoffe viele Blutgefässe. Die innere Fläche ist glatt, 
glänzend, weisslich, graulich, röthlich und hat das Ansehen 
einer serösen Haut, oder sie ist aufgelockert, weich, gefäss- 
reich, röthlich, glatt oder faltig oder netzförmig, zellig, 
oder fungös, und gleicht einer serös -mucösen oder einer 
stark entwickelten mucösen Haut. Manchmal ist die letzte 
mit feinen Härchen besetzt. Der Balg ist bald so dünn wie 
eine seröse Haut, bald hat er 2 — 12 Linien in der Dicke, 
was theils von dem Ankleben des verhärteten Inhaltes an der 
inneren Fläche , theils von derEntwickelung von Knorpel- und 
Knochenlamellen zwischen der äusseren und inneren Schicht, 
theils endlich von der Verdickung des umgebenden Zellge- 
webes herrührt. Der Inhalt der Geschwulst ist entweder 
ein von Aussen in den Theil gekommener fremder Kör- 
per, z. B. eine Kugel, oder ein Theil des Organis- 
mus selbst, besonders eine andere neue Bildung (z.B. 
Blut, Eiter, Tuberkel, Scirrhus, Stein), oder und zwar ge- 
wöhnlich eine vom Balge selbst abgesonderte Sub- 
stanz; diese ist entweder flüssi g von verschiedener Cön- 
sistenz und Farbe , als wässerig , schleimig, ölig, gallertartig, 
wasserhell , gelb , röthlich , bräunlich , grünlich , schwarz, 
oder halbflüssig, halb fest, wie Svrup, Honig, Brei 
oder Butter, und dabei weiss, gelblich, bröcklich. Der 
flüssige Inhalt besteht aus Wasser, Eiweissstoff, mit salz- 
und phosphorsaurem Natrum, Spuren von essigsaurem Natrum, 
phosphor- und kohlensaurem Kalk, kohlensaurer Magnesia, 
Osmazom und Schwefel; der halbflüssige Inhalt aus Eiweiss, 
Fett, Fettwachs und einigen Salzen. Nicht selten sind 
Haare (2 — 6" und selbst mehrere Fuss lang), Zähne, 
Hörner, Knorpel und Knochen und selbst Theile von Fötus 
unter die fette Substanz gemischt. 

Ursachen. Die allgemeine Anlage zur Balgbildung 
findet sich im ganzen Körper, wo sich fibröses Zellgewebe fin- 



Balggeschwulst. 45 

det, daher am häufigsten unter der Haut und in der Nähe fi- 
bröser Häute. Jene Dyscrasien , welche das Zellgewebe und 
die fibrösen Häute in einen Reizungszustand versetzen , wie 
Gicht und Rheumatismus, bilden die besondere Anlage, daher 
erklärt sich die Entstehung mehrerer Balggeschwülste am 
Kopfe nach vorausgegangenen Kopfschmerzen. Aber auch 
ohne die specielle Anlage können Druck, Stoss , Fall, Ver- 
nachlässigung der Hautcultur, Verkältung, Unterdrückung 
chronischer Hautausschläge, Schwangerschaft die Gele- 
genheitsursachen seyn. Die nächste Ursache 
der Balggeschwülste ist nicht die Ausdehnung von Saugadern 
oder Schleimbeuteln oder Hauttalgzellen (Girard, A. 
Cooper u. A.) oder entzündliche Exsudation in das Zell- 
gewebe (Broussais, Dzondiu. A. ), sondern eine durch 
irgend einen localen oder Constitution eilen Reiz bedingte Po- 
tenzirung des Zellgewebes, besonders der untersten Haut- 
maschen, zu einer kugeligen serösen oder serös - mucÖsen 
Haut mit secundärer Absonderung eines pathologischen Se- 
rums oder anderer Krankheitsproducte der Schleimhäute 
(Haare, Zähne, Hörner u. s. w.) Die Balggeschwülste ge- 
hören demnach nicht zu den Ausgängen der Entzündung, son- 
dern zu den analogen neuen Bildungen (Afterorganisationen) 
und sind als regelwidrige Wiederholnng der serösen Häute, 
als krankhafte Balgbildung zu betrachten. Man theilt sie 
ein: 1) in wahre oder primitive und 2) in falsche oder 
secundäre, d. h. jene, welche sich von fremden Substanzen 
bilden , während bei den ersten der Balg das sich zuerst Bil- 
dende ist. Die wahren zerfallen nach der Verschiedenheit 
ihres Inhaltes in folgende Arten : a) Hydatiden oder se- 
röse Bälge (s. d. Art. Hydatis); b) Meliceris, Ho- 
niggeschwulst; c) Atheroma, Breigeschwulst (die Un- 
terscheidung beider ist unwesentlich, sie werden auch mei- 
stens nur als Synonyme für Balggeschwulst gebraucht; s. 
diese Artikel); eine Abart derselben ist die Haar- und 
Zahnbalggeschwulst, welche sich nicht diagnosticiren lässt; 
d) Hornbalg (s. Comua cutis); e) Zeugungsähn- 
liche Bälge {Foetus in foetti) , d. h. Säcke aus Eihäuten 
und einem Mutterkuchen , welche mehr oder weniger ent- 
wickelte Theile eines Fötus enthalten und im Unterleibe, 
oder am Mittelfleische, in einem Hoden, am Kopfe u. s. w. 



46 Balggeschwulst. 

männlicher Individuen vorkommen und nach Umständen ent- 
fernt werden können und müssen. — Die Ganglien, Hy- 
grome und Steatome gehören nicht zu den Balg- 
geschwülsten. ' 

Die Diagnose der unter der Haut gelegenen Balgge- 
schwülste mit Mitessern, Verhärtungen der Lymphdrüsen, 
Speckgeschwülsten, Lipomen, Ganglien, Hygromen, Seirrhen 
ist leicht , wenn man die allmä'hlige und schmerzlose Ent- 
wicklung der Balggeschwülste, ihre Glätte, Elasticität, Un- 
schmerzhaftigkeit , Beweglichkeit, ihren Sitz und die Abwe- 
senheit der den anderen Geschwülsten pathognomonischen 
Symptome berücksichtigt. Doch kann demungeachtet an der 
Nasenwurzel eine Verwechslung des Markschwammes oder 
des Hirnbruches , am Halse der Ranula und der Struma mit 
Balggeschwülsten stattfinden , (s. diese Artikel). 

Die P r o g n o s e ist im Allgemeinen gut, weil die Krank- 
heit meistens local und oberflächlich gelagert ist. Bei tie- 
fer Lage hingegen, in der Nachbarschaft edler Theile, z.B. 
in der Augenhöhle, am Halse, ist die Operation oft schwie- 
rig und gefährlich ; wenn die Zeichen einer rheumatischen 
oder gichtischen oder herpetischen Dyscrasie vorausgegangen 
oder noch vorhanden sind , wenn die Anwesenheit mehrerer 
Geschwülste eine constitutionelle Ursache andeutet, so ist 
die Prognose in Beziehung auf die Entfernung derselben un- 
günstig, weil gerne Recidive oder heftige Entzündungen der 
an die Operationswunde grenzenden oder mit ihr in Consens 
stehenden serösen und fibrösen Häute erfolgen , die man mit 
Unrecht für Metastasen der plötzlichen Entfernung des Krank- 
heitsproductes hält. 

Behandlung. Beim Verdachte einer constitutionellen 
Ursache muss man eine zweckmässige Vorbereitungscur ein- 
leiten. Die Zertheilung der Balggeschwülste, namentlich 
der Brei- und Honiggeschwülste, gelingt nie, und die Beför- 
derung ihrer Eiterung , besonders durch Aetzmittel , ist nicht 
zu empfehlen , weil die Oeffnung häufig fistulös wird und die 
Behandlung selbst schmerzhafter und langwieriger als beim 
operativen Verfahren ist. Dieses besteht entweder 1) in der 
Function; diese passt im Allgemeinen nur bei Hydatiden, 
z. B. der Thränendrüse oder als Vorakt der Exstirpation 
bei sehr grossen Balggeschwülsten, oder bei jenen , bei denen 



Balggesch willst — Balsam um. 47 

man kein anderes Verfahren anwenden kann (z. B. der Leber) 
oder darf (bei sehr ängstlichen Kranken). Man kann dann 
den Balg ausziehen oder reizende Stoffe in ihn injiciren. 2) 
Das Setaceura (einfach oder doppelt ) ist langwierig und 
unsicher und passt mehr für manche Arten der Fett- oder 
Speckgeschwülste ; doch hat man es auch für tiefliegende Balg- 
geschwülste der Augenhöhle , nach vorheriger Incision em- 
pfohlen. 3) Der Einschnitt der ganzen vordem Wand 
des Balges ; nach der Entleerung des Inhaltes wird der Sack 
mit der Pincette ausgezogen (Heister, Richter, A. 
C o o p e r) oder die Seitenwände mit der Scheere entfernt und 
der Grund geätzt. Wenn man auch den Erfolg und die Zweck- 
mässigkeit in vielen Fällen nicht läugnen kann , so muss doch 
auf die Schwierigkeit der Entfernung des Balges und die da- 
bei stattfindende Zerrung sowie die Möglichkeit der Recidive 
in manchen Fällen aufmerksam gemacht werden. 4) Die 
Unterbindung; die totale, mit oder ohne vorherigen 
Hautschnitt, ist im Allgemeinen nicht gebräuchlich und würde 
nur bei gestielten Geschwülsten oder mittels mehrerer Kreuz- 
ligaturen anwendbar seyn ; die partielle wird nur in Verbin- 
dung mit der Punction oder Exstirpation angewendet. 5) 
Die Exstirpation ist die gebräuchlichste und beste Me- 
thode, weil sie den Balg als Krankheitsherd am vollkommen- 
sten entfernt und' daher am seltensten Recidive zur Folge hat. 
Sind mehrere Balggeschwülste vorhanden , z. B. am Kopfe, so 
entferne man sie nicht auf einmal, sondern in mehreren Si- 
tzungen, um die Verletzung zu vermindern; das Wachsen der 
zurückgebliebenen ist nicht zu fürchten , wenn man nicht zu 
lange Zwischenräume eintreten lässt (siehe Ex st irp atio 
in moru m). 

Literatur: Mich. Jaeger, Ueber Ba'ggeschwülste. (A. d. IV. 
Bande des Encyclop. Wörterb. der med. AVissenschafteu beson- 
ders abgedruckt). Berlin 1830. j 

BALSAMUM, der Balsam. Man versteht unter die- 
sem Namen in der Materia chirurgica nicht allein die na- 
türlichen Balsame (Balsama nativa ) , sondern auch künst- 
liche , aus verschiedenen Substanzen zusammengesetzte Arz- 
neistoffe {Malsami factitif) , die oft gar keinen natürlichen 
Balsam enthalten. Die natürlichen Balsame sind harzige, 
dem Linimente ähnliche Substanzen, welche aus Bäumen, 



48 Balsamum. 

oder Sträuchern , meist durch Einschnitte, gewonnen werden, 
und theils äusserlieh, theils innerlich angewendet , vorzüg- 
lich auf die Schleimhäute reizend einwirken. Man benutzt 
in der Chirurgie gegenwärtig noch folgende zwei: 

1) Balsamum Copaivae s. de Copahu, Copaiva- Bal- 
sam, der Saft von Copaifera officinalts L., welcher an- 
fangs dünnflüssig, farbenlos, durchsichtig und von scharfem 
Geschmack ist, sich in Alcohol, Aether und ätherischen Oe- 
len auflöst, mit Wasser nicht vereinigt, durch Schleim oder 
Eidotter mit Wasser verbunden eine Emulsion bildet. Man 
wendet ihn an : innerlich gegen Vereiterungen innerer Or- 
gane, vorzugsweise aber gegen chronische Schleimflüsse aus 
den Geschlechtsorganen , namentlich gegen Nachtripper. Er 
ist aber auch in dem erstem Stadio des Trippers und zwar zu 
Anfange der Krankheit, noch ehe sich die Entzündungspe- 
riode deutlich entwickelt hatte , in grossen Gaben , zu einer 
halben Unze pro dosi täglich zweimal, mit Nutzen von Del - 
pech, Ribes, Dugos, Kopp und von mir gegeben wor- 
den. Aeusserlich -wird derselbe seltner, gleich andern Bal- 
samen, bei schlaffen Wunden und Geschwüren , Verletzungen 
der Sehnen und Nerven , zur Zertheilung kalter Geschwülste, 
Ueberbeine, und als Einspritzung gegen Nachtripper und 
Schleimhämorrhoiden gebraucht. Zuweilen erregt der inner- 
liche Gebrauch desselben Durchfall oder einen nesselartigen 
Hautausschlag. Man giebt ihn tropfenweise zu 5 — 60 Tro- 
pfen täglich einigemal auf gestossenem Zucker, oder in Emul- 
sionen , seltner und weniger zweckmässig in Pillen. 
B/. Baisami copaivae 5ü — 5"- B/. Baisami copaivae 
Vitelli ovor. No. 1. tere in Aq. menth. crisp. 

mort. marm. et adde - flor. aur. 

Aq. commun. gvi. Syrup. citri ^ 51 

Syrup. cort. aur. ~jß. Acidi sulphur. dil. 5i- 

M. S. Alle 2 Stunden einen Ess- M. S. Einen Esslöffel voll Mor- 
löffel voll zu nehmen. gens und Abends zu nehmen. 

Defpech. 
B/. Aq. menth. crisp. 
Spirit. vini 
Balsam, copaiv. 
Syrup. capill. ven. äa 51. 
Aq. fl. Naphae 5IS. 
Spirit. nitr. dulc. 5i> 
M. S. Täglich dreimal einen Esslöffel voll zu nehmen. 

Chopart. 



Balsamum. 49 

B/ 5 Balsam, copaiv. 3"- 
Pulv. gumm. arabic. 5i- 
Aq. destill, q. s. ut f. emulsio, cui adde 
Pulv. catechu 
Limatur. ferri 
Pulv. irad. gentian. aa 5U>. 
M. f. pilul. pond. gr. ii. Consp. S. Täglich dreimal 8 — 12 Stück 
zu nehmen. 

Aeusserlich zu Einspritzungen oder Klystieren wird der 
Copaivbalsam mit Eidotter oder fetten Oelen oder auch schlei- 
migen Abkochungen vermischt beigebracht; als Salbe wird 
derselbe mit Oelen gemischt angewendet. — 

2) Balsamum, peruvianum s. hidlcum nigrum., schwär- 
zerPeru baisam. Ein wahrscheinlich durch Auskochen der 
zerschnittenen kleinen Aeste, der Rinde und des Holzes von 
Myroxylon peruiferum L. gewonnener Saft, von dunkelbrau- 
ner Farbe, angenehmem vanilleartigem Gerüche , scharfem, 
etwas bitterlichem Geschmacke, von der Consistenz eines Sy- 
rups. Man wendet ihn innerlich ebenfalls in Emulsionen ge- 
gen habituelle Schleimflüsse, besonders Nachtripper an, häu- 
figer aber äusserlich bei schlaffen, unreinen Wunden und Ge- 
schwüren, bei Verletzungen der Sehnen und Nerven, bei Ca- 
ries , Frostbeulen , Schwerhörigkeit , Ohrenfluss , Lähmun- 
gen der Augenlider, Amaurose und wunden Brustwarzen. — 
Innerlich giebt man den Perubalsam auf Zucker zu 5 — 60 
Tropfen oder in Emulsionen wie den Copaivbalsam. Aeus- 
serlich reibt man ihn ein oder legt ihn mit Charpie auf. 

Iy. Balsam, peruvian. 5i- B/. Balsam, peruvian. 5ü\ 

Olei amygdal. dulc. 5iß> Opii crudi gr. xii. 

Gumm. arab. 5ü- Empl. lithargyr. simpl. 5ü- 

Aquae rosar. 51. M. f. empl. S. Auf Seidenzeug 

M. S. Täglich mehrmals die gestrichen gegen Frostbeulen, 

wunde Brustwarze damit zu Rust. 
bestreichen. 

B/. Balsam, peruvian. 5ß- 
Fell, tauri- §iß. 
M. S. Zum äusserlichen Gebrauch gegen Ohrenfluss. 

Thomson. 

Die künstlichen Balsame sind meistentheils zum äusserli- 
chen Gebrauch bestimmte, aus verschiedenen Substanzen, 
ätherischen Oelen u. s. w. zusammengesetzte Arzneiformel), 
welche eine etwas festere Consistenz haben als die Salben, und 
Handwörterb. d. Ch. II. 4 



50 Balsamum. 

einen angenehmen Geruch besitzen. Es gehören vorzüglich 
hierher folgende : 

Balsamum Arcaei s. Utiguentum Elemi, Arcaeus-Bal- 
sam, Elemi- oder Oelbaumharz- Salbe, besteht ans gleichen 
Theilen Elemiharz, venetianischem Terpenthin , Hammeltalg 
und Schweinfett. Man gebraucht diesen Balsam jetzt nur 
äusserlich bei schlaffen, atonischen Geschwüren, unreinen 
Wunden, um die Capillargefässe zu reizen und die Eiterung 
zu befördern. 

Balsamum- commendatoris s. traumaticum,, s. Tinctura 
benzoes cotnposita , Commandeur-, Wund-Balsam, 
zusammengesetzte Benzoetinctur, wird bereitet aus 3 Unzen 
Benzoeharz, 1^ UnzeStyrax, 1 Unze Perubalsam, | Unze Aloe 
und 3 Pfund höchst rectificirtem Weingeiste durch dreitägige 
Digestion in einem verschlossenen Gefässe, und bei unreinen, 
schlaffen Wunden und Geschwüren , Zahnschmerzen , ehe- 
dem bei Knochenfrass , Verletzungen der Sehnen und Aponeu- 
rosen häufig angewendet. 

Balsamum Locatelli s. italicum,, Locatell-Balsam, 
wird bereitet aus 6 Theilen weissem Wachs, 18 Theilen Oli- 
venöl, 6 Theilen venetianischem Terpenthin ; sind diese am 
Feuer geschmolzen und gemischt, so giesse man 18 Theile 
Pontac - Wein und 9 Theile Rosenwasser dazu. Zur Reinigung 
unreiner, schlaffer Geschwüre , eiternder Frostbeulen, beson- 
ders nach vorhergegangener Anwendung des Cosme 'sehen 
Mittels zur Heilung des zurückbleibenden Geschwüres bei dem 
Hautkrebse anzuwenden. 

Balsamum ophthalmtcum rubrum, s. Unguentum, rubrum 
hydrargyri, der rothe Augenbalsam, wird nach Hu- 
feland ausgleichen Theilen frischer, ungesalzner Butter, 
flüssigem weissen Wachse und fein gepulvertem rothen Queck- 
silberoxyde zusammengemischt. Wenn man einer Drachme 
von dieser Mischung einen Gran Campher und zwei Gran 
Zinkoxyd zusetzt, so erhält man St. Yves Augenbalsam, Bal- 
samum ophthalmicum St. Yves. Es ist jedoch zweckmäs- 
siger, diese Salben jedesmal frisch und in kleiner Menge zu 
verschreiben , weil Licht und Luft nachtheilig darauf einwir- 
ken. Bei Geschwüren und Flecken der Hornhaut , bei chro- 
nischer Entzündung der Bindehaut des Augapfels von scro- 
fulöser, psorischer, rheumatischer und gichtischer Ursache, 



Balsamum — Belladonna. 51 

bei Psorophthalmia, Blephar Ophthalmia glandulosa, Lip- 
pitudo, Ectropium, u. s. w. häufig mit grossem Vortheil an- 
gewendet. In diesen erwähnten Krankheitsformen und im 
zweiten Stadio fast aller Ophthalmien wendet R u s t folgende 

Composition an : 

fy. Hydrargyri oxydati rubri gr. iv — "vi. 
Butyri recent. ins. 5ü- 
Acet. Saturn. 
Tinct. opii croc. Ta. 5ß. 
M. exact. donec omnis humiditas disparuerit ut f. ung.-S. Früh 
und Abends eine Linse gross zwischen die Augenwimpern zu 
streichen. 

Balsamum, Opodeldoc s. Linimentum saponato - cam,- 
phoratum, Opodeldoc, seifenhaltiges Kampherliniment, 
wird am zweckmässigsten bereitet aus : 
R. Sapon. domestic. alb. 

hispanic. ^ giß. 
Camphor. 5iü- 

Spirit. vin. rectificatiss. 3jxx. 
Ol thymi 5f3. 
- rorismarini 5i- 
Liquor, animon. caust. 5iii. 
Der Opodeldoc muss eine feste, seifenartige Consistenz 
haben , halbdurchsichtig und opalisirend seyn. Man wendet 
ihn bei rheumatischen und arthritischen Affectionen, Neural- 
gien, Paralysen, kalten Geschwülsten, Frostbeulen, Sublu- 
xationen und Verhärtungen an, indem man ihn auf die Haut 
der afficirten Stelle einreiben lässt. 

Balsamum, vitae externums. Sapo terehitithina,tus> &\i&- 
serlicherLebensbalsam, Terpenthinseife, besteht aus : 
fy. Sapon. hispan. alb. pulv. 
Olei terebinthinae ^ Si. 
Kali carbonic. 511. 
Dieser Balsam wird ebenfalls bei rheumatischen und ar- 
thritischen Affectionen, Paralysen, kalten Geschwülsten, 
Contracturen als Einreibung mit Nutzen angewendet. W. 

BELLADONNA, Wolfskirsche, Tollkirsche, 
Waldnachtschatten, von Atropa belladonna L. Man 
gebraucht von dieser Pflanze die Blätter und die Wurzel, wel- 
che noch einmal so kräftig wirkt als jene. Die Belladonna 
gehört zu den stärksten vegetabilischen Giften. Ihre Wir- 
kung ist nach den Graden und nach der Individualität ver- 
schieden; im ersten Grade nimmt man lebhaftere Blutbewe- 

4* 



52 Belladonna. 

gung, besonders nach den Venen der äusseren Haut wahr, da- 
her das Gesicht mehr geröthet, die Haut, namentlich am 
Kopie, -wärmer wird. Die Esslust ist dabei vermindert , die 
Verdauung etwas gestört, Zunge und Rachen trockner und 
mehr Durst; die Schleimhäute sind thätiger und es wird mehr 
Urin abgesondert. Im zweiten Grade sind diese Wirkungen 
gleich anfangs stärker; der Durst ist heftiger, der Kranke hat 
ein Gefühl von Zusammenschnürung im Halse mit Brennen 
und Krampf im Magen , nicht selten Uebelkeit und Erbre- 
chen , unregelmässiges Sehen, Flimmern vor den Augen, Er- 
weiterung der Pupille, welche sich auf Lichtreiz nicht wie- 
der zusammenzieht, Brausen vor den Ohren, Alienation der 
Sinne, Abstumpfung des äusseren Gefühls; die Augenlider 
sind entweder halb geschlossen oder sie sind weit geöffnet und 
der Blick stier , der Kranke ist wie trunken , und es stellen 
ßich zuweilen wahre Delirien ein ; der Puls ist häufiger, voller, 
und härter, das Gesicht aufgetrieben , sehr roth , die Binde- 
haut wie eingespritzt, die Lippen bläulich, das Athmen schnel- 
ler, die Sprache undeutlicher. Nach mehrstündiger Dauer 
dieser Zufalle , wobei zuweilen ein f rieselähnlicher Ausschlag 
mit starkem Schweisse erscheint, lassen die Zufälle unter den 
Erscheinungen einer vermehrten Schleimabsonderung nach. 
Im stärksten Grade sind die Zufälle gleich anfangs viel hefti- 
tiger, die allgemeine Aufregung geht allmählig in Lähmung 
über und unter soporösen und paralytischen Erscheinungen 
kommen blaue Flecken auf der Hand und entmischtes Blut 
aus mehreren OefFnungen zum Vorschein, der Puls wird klei- 
ner, unregelmässiger und unter Convulsionen erfolgt der Tod. 
Gegen die Vergiftung durch Belladonna hat man anfangs 
Brechmittel, sodann vegetabilische Säuren, Opiurntinctur 
tropfenweise, Camphor, Wein, Kaffee und vorzüglich Essig- 
klystiere empfohlen. In der Chirurgie wendet man die Bella- 
donna an innerlich gegen Amblyopie und Amaurose , Läh- 
mungen, namentlich des Schlundes, Wasserscheu, Neuralgien, 
Verhärtungen, besonders der Drüsen, Scirrhus, Krebs, äus- 
serlich zur Erweiterung der Pupille, bei Entzündungen, 
Krampf- und Schleimflüssen des Auges, bei eingeklemmten 
Brüchen , Verhärtungen , krampfhaften Zusammenschnürun- 
gen der Sphincteren , Geschwüren u. s. w. Innerlich giebt 
man die Blätter zu 1 — 8 Gran in Pulverform oder im Auf- 



Belladonna — Bistouri. 53 

gusse zu 1 — 2 Drachmen auf 4 Unzen Wasser esslöffelweise 
dreimal täglich : die Wurzel nur zur Hälfte dieser Gabe. Das 
Extract, zu 1 — 6 Gran täglich 1 — 2 mal, ist nichtsehr zu 
empfehlen. Aeusserlich wendet man die Belladonna an als 
Aufguss, Breiumschlag, Injection, Salbe, Pflaster. 

Jry. Herb. Belladonn. conc. 3i- B/. Herb. Belladonn. 5ii. 

inf. c. aq. ferv. q. s. col. inf. aq. ferr. q. s. ad sol. 

3iv. 5vii. 

S. Aller 3 Stunden einen Ess- S. Mit Compressen lauwarm über 
lüffel voll zu nehmen. die Augen zu legen. 

Gegen heftige und schmerzhafte Schleimflüsse der Augen. 

v. Gräfe. 

B^. Herb. Belladonn. $i — }iß. B/. Pulv. rad. Belladonn. gr. x. 
inf. c. aq. ferv. q. s. col. - - rhei -)ii. 

5viii. S. M. f. pulvis div. in x part. aeq. 

Klystier, dem 1 — 2 Esslöffel S. Zwei- bis dreimal täglich ein 
Oel zuzusetzen. Gegen einge- Pulver. 

klemmten Bruch. Bei Verhärtung drüsiger Organe. 

Vitschaft. Hufeland. 

Iy. Estr. Belladonn. 5ü- 

Axung. porc. ji. 
M. f. ung. S. Zum Einreiben. 
Gegen krampfige Zusammenschnürung des Muttermundes. 

Chaussier. 

BISTOURI, das, Incisorium , ist diejenige Art voi* 
chirurgischen Messern , deren Klinge in einem festen Scha- 
lenhefte charnierförmig befestigt ist und beim Gebrauche fest- 
gestellt werden kann. Die Bistouris sind entweder einfach 
oder zusammengesetzt, gerade oder krumm, spitzig oder 
stumpf, geknöpft oder ungeknöpft. Das einfache Bistouri 
besteht aus der Klinge und dem Hefte oder der Schale. Die 
Klinge, welche gewöhnlich aus Stahl verfertigt wird, ist am 
vorderen Theile, der 14- — 3i-" lang seyn kann, schneidend, 
an dem hinteren Theile, der Ferse, der meistens länglich vier- 
eckig und mehr oder weniger stark ist, stumpf. An dem 
vorderen , schneidenden Theile der Klinge unterscheidet man 
die Schneide, den Rücken, die Flächen, die Spitze und die 
Basis. Die Schneide muss fein und scharf seyn, sie kann ge- 
rade , convex oder concav seyn. Der Rücken wird von der 
Basis zur Spitze allmählig dünner und ist etwas abgerundet. 
Die Flächen, welche bald schmaler bald breiter, von 2 — 6 ul 
an der Basis, seyn können, müssen fein polirt und glatt seyn ; 



54 Bistouri. 

sie sind meist ein wenig ausgehöhlt , welches man den Hohl- 
schliff nennt; dieser Hohlschliff erstreckt sich von der Schneide 
bis ohngefähr £ — \ nt vom Rücken, wo sich eine schmale, 
platte Fläche befindet, die zur Verstärkung des Rückens dient, 
und die Nebenriickenfläche oder Abschaffung genannt wird. 
Die Spitze ist entweder spitzig oder stumpf, oder mit einem 
verschieden geformten Knöpfchen versehen. Die Basis geht 
in den stumpfen Theil der Klinge so über, dass die Flächen 
abgerundet sind. Der hintere stumpfe Theil , die Ferse , ist 
etwas stärker als der vordere schneidende Theil, besonders an 
dem inneren, der Schneide zugekehrten Rande, seltener an 
dem äusseren Rande ; zuweilen ist die Ferse eben so breit als 
der vordere schneidende Theil. Das hintere Ende der Ferse 
endigt sich in einen schmalen Fortsatz, welcher meist mit 
einem Knöpfchen auf dem Hefte liegt und sowohl zum Oeff- 
nen des Instrumentes als zur Befestigung der Klinge dient ; in 
der Mitte der Ferse ist ein Loch zum Durchgang eines Nietes, 
wodurch die Klinge mit dem Hefte verbunden wird; dieses 
nennt man das Schloss. Das Heft, die Schale, ist gewöhn- 
lich von Hörn, Holz, Knochen, Schildpatt, Elfenbein, Perl- 
mutter u. s. w. gefertigt und besteht aus zwei Blättern , deren 
Grösse und Form der Klinge, die sie aufnehmen , gleich sind, 
meistens etwas breiter. Das vordere Ende , wo das Heft mit 
der Klinge durch einen Niet verbunden ist, ist entweder ab- 
gerundet oder gerade ; das hintere Ende ist gewöhnlich durch 
ein zwischen die Blätter festgenietetes Stück Holz, Hörn oder 
Metall, welches die Stärke der Ferse hat, unter sich verbun- 
den und ebenfalls abgerundet oder geht in einen schnecken- 
förmigen Fortsatz aus. Zur Befestigung der Klinge mit dem 
Hefte hat man folgende Vorrichtungen : 1) mittels eines ver- 
schiebbaren metallenen Ringes ; 2) mittels einer Feder, welche 
in den Einschnitt der Ferse mit einem Zapfen fällt; 3) mit- 
tels eines Schraubengewindes, welches durch Schrauben- 
mutter und Schlüssel fest geschroben werden kann; 4) mit- 
tels eines breiten Stiftes und eines runden Loches. Die zu- 
sammengesetzten Bistouris sind von den einfachen ganz ver- 
schieden und werden, da sie besonderen Operationen ange- 
hören , unter ihren eigenthümlichen Benennungen beschrie- 
ben, z. B. Hcrrüotomus , Lithoiomns, Cysfotomus u. s. w. 
Man bedient sich des Bistouris besonders zur Trennung 



Bistouri — Blennorrhoea. 55 

weicher Theile, der allgemeinen Bedeckungen, zur Eröffnung 
tiefer Abscesse , Spaltung fistulöser Canäle u. s. w. Entwe- 
der operirt man mit dem Bistouri allein, oder man gebraucht 
dazu in gewissen Fällen eine gerinnte Sonde. Das Bistouri 
wirkt durch Zug und Druck. Um mit dem Bistouri gehörig 
zuoperiren, muss man es nach bestimmten Regeln halten; 
diese lassen sich auf drei zurückführen. Erste Position. 
Man hält das Bistouri wie eine Schreibfeder; der Daumen 
ruht an der einen Seite und der Zeigefinger an der andern 
Seite des Messers da , wo die Klinge mit dem Hefte in Ver- 
bindung steht, der Mittelfinger auf der Fläche der Klinge, 
mehr oder weniger von der Spitze entfernt, um die Tiefe des 
Einschnittes zu bestimmen; der Ringfinger und der kleine 
Finger dienen zum Stützpunkte. Die Schneide des Bistou- 
ris ist gegen die hohle Hand gerichtet und die Spitze gegen 
den Cubitalrand. Auf diese Weise eröffnet man mit dem 
Bistouri Abscesse, scarificirt, exstirpirt Geschwülste u. s. w. 
Zweite Position. Man fasst das Bistouri so, dass 
Daumen und Mittelfinger auf dem Gelenke der Klinge mit 
dem Hefte ruhen und der Zeigefinger auf der Fläche der 
Klinge , mit dem Ringfinger und dem kleinen Finger umfasst 
man das Heft dergestalt, dass es durch sie an den Cubital- 
rand der hohlen Hand gedrückt wird. So durchschneidet 
man von links nach rechts die allgemeinen Bedeckungen bei 
Geschwülsten u. s. w. , auch hält man das Bistouri so , wenn 
man mit Hülfe einer gerinnten Sonde operirt, wobei man das 
Bistouri unter einem Winkel von 45° in die Rinne setzt, 
fortschiebt und ausführt. (Bei diesen beiden Positionen kann 
die Schneide sowohl aufwärts als abwärts gerichtet werden.) 
Dritte Position. Das Bistouri wird wie ein Violinbo- 
gen gehalten ; Daumen und Mittelfinger liegen an der Ge- 
lenkverbindung der Klinge mit dem Hefte , der Zeigefinger 
auf der Fläche der Klinge, der Ringfinger an der Seite des 
Heftes und der kleine Finger bleibt frei und abstehend. Bei 
Trennung von Hautfalten u. s. w. Die Literatur ist bei Acus 
angegeben. W, 

BLENNORRHOEA , von ßXtvya Schleim , und qk) ich 
fliesse, der Schleim f 1 u s s. Hitzig und mit starker Abson- 
derung verlaufende Schleimflüsse nennt man auch Blennor- 
rhayia, von ß/Jwa und Qi' t yvv(xi ich stürze hervor. DieFran- 



56 Blennorrhoea. 

zosen gebrauchen letzteres Wort, um damit schlechthin den 
Schleimfluss der Geschlechtstheile zu bezeichnen , was je- 
doch höchst willkürlich und deshalb falsch ist, eben so als 
wenn es uns gefallen wollte unter Hämorrhagie schlechthin 
einen Blutsturz derselben oder anderer beliebiger Organe zu 
verstehn. Man begreift unter Blennorrhoe eine das normale 
Mass überschreitende Ab- und Aussonderung der Schleim- 
häute, die gewöhnlich auch der Beschaffenheit nach, jenach- 
dem das eine oder das andere Organ ergriffen ist , mehrfache 
beträchtliche Verschiedenheiten darbietet. Auch der Grad 
des Ergriffenseyns und der Zeitraum, in welchem sich die 
Krankheit befindet, übt einen sehr grossen Einfluss auf die 
Art des Absonderungsstoffes. Anlangend die Menge, so fin- 
det man bald nur höchst unbeträchtliche Ueberschreitung des 
gewöhnlichen Masses, z. B. beim Nachtripper, wo bisweilen 
täglich kaum ein oder ein Paar Tropfen zu viel abgesondert 
werden, und sich kaum durch etwas anderes als durch eine 
schwache Verklebung der Mündung der Harnröhre kenntlich 
machen; bald eine sehr grosse Ueberschreitung, so dass der 
Schleim stromweise hervorkommt, wie dies z. B. bei soge- 
nannten purulenten Augenentzündungen der Fall ist, oder 
täglich 1 — 2 Pfund beträgt , wie bisweilen bei Schleimfluss 
der Athmungs- oder der weiblichen Geschlechtswerkzeuge. 
Der Art nach findet man ihn in Farbe, Consistenz, Schärfe, 
Gerüche, Geschmacke verschieden. In erster Beziehung hat 
man ihn weiss, gelb, grünlich, wasserhell, bisweilen röth- 
lich, grau oder schwärzlich gefärbt. Der Consistenz nach ist 
er bald so dünn , dass er einer serösen Absonderung sich nä- 
hert, bald so dick, dass er zum Abfliessen unfähig wird, bis- 
weilen ist er so zähe, dass er sich zu langen Fäden ziehen 
lässt. Der Schärfe nach findet man ihn bald mild , so dass 
er selbst in grosser Menge und lange auf anderen Theilen 
verweilend keine Reizung derselben veranlasst, während an- 
dere Male sehr schnell völliges Wundseyn oder gar Verschwö- 
rung bewirkt wird. Von Geruch ist der reine Schleim fade, 
doch nicht besonders unangenehm. Durch Beimischung fremd- 
artiger Theile, wie dies theils im normalen Zustande bei 
manchen Personen, theils im kranken gewöhnlich vorkommt, 
nimmt er oft einen überaus widrigen Geruch an ; ähnlich ver- 
hält es sich mit dem Geschmacke , dieser fehlt in der Regel, ist 



Blennorrhoea. 57 

aber bei manchen Personen schon im normalen Zustande, aber 
mehr noch im kranken "widrig 1 , salzig, bitter, faulig. — 
Im Allgemeinen kann man annehmen , dass jedes mit einer 
Schleimhaut ausgekleidete Organ unter Umständen die ver- 
schiedenen Arten Schleim absondern kann, doch ist gewissen 
Organen mehr als andern die Absonderung gewisser Arten 
eigenthümlich , und es findet in dieser Beziehung zwischen 
mehreren eine elgenthümliche Verwandtschaft statt. So 
bemerkt man , dass die Augenlider und die Harnröhre in der 
Art des abgesonderten Schleimes grosse Aehnlichkeit ha- 
ben, namentlich giebt es wohl kein anderes Organ, welches 
bei entzündlicher Reizung einen so eiterähnlichen Schleim 
und im Verhältniss der absondernden Fläche in so grosser 
Menge zu liefern im Stande wäre, als die zuletztgenannten 
beim Tripper und den sogenannten eitrigen Augenentzündun- 
gen ; ein wasserheller sehr dehnbarer fast dem geschmolze- 
nen Glase ähnelnder Schleim , den man deshalb auch glasar- 
tigen nennt, wird vorzüglich im Kehlkopfe und der Luftröhre 
unter gewissen Umständen abgesondert. Besonders häufig 
ist Färbung mit Blut, weil überhaupt krankhafte Schleiraab- 
sonderung und Blutabsonderung in sehr naher Beziehung 
stehen, von gleichen nur graduell verschiedenen Ursachen 
abhängen , wie wir häufig genug an den Athmungs- und Ge- 
schlechtswerkzeugen wahrnehmen können. — Bisweilen ist 
ein Schleimfluss völlig schmerzlos, andere Male ruft er ein 
lästiges spannendes Gefühl, ja sogar stechende Schmerzen 
hervor, was von der mehreren oder minderen entzündlichen 
Reizung der Schleimhaut abhängig ist. Ist er beträchtlich, 
so bringt er gleich anderen übermässigen Ausleerungen Ab- 
spannung, Abmagerung, nach und nach auch völlige Abzeh- 
rung hervor, oft übt er auch einen grossen Einfluss auf die 
Reizbarkeit des Gemüths, wie dies vorzüglich bei Fluor albus 
gefunden wird. 

Das Wesen des Schleimflusses besteht entweder in 
Schlaffheit der leidenden Theile oder Reizung derselben, durch 
Congestion oder Entzündung. In letzterer Beziehung bildet 
die Blennorrhoe streng genommen nur einen Zeitraum der Ent- 
zündung einer Schleimhaut und der zunächst unter ihr gelege- 
nen Gewebe. Heftige Entzündung unterdrückt jede Abson- 
derung, schwache, mag sie ursprünglich als solche auftre- 



58 Blennorrhoea. 

ten , oder es erst im Verlaufe der Zeit bei Abnahme der Hef- 
tigkeit werden , und oft nahe an blosse Congestion gränzende 
vermehrt sie. Dauert ein solcher entzündlicher Schleimfluss 
eine Zeit lang fort, ist er chronisch geworden, so tritt in 
dem absondernden Organe ein immer höherer Grad von 
Schlaffheit und Auflockerung der Gewebe ein , ,das Secret 
trägt den Character des sogleich zu schildernden zweiten 
Zeitraumes der entzündlichen Blennorrhoe, und ist von der 
ersten Art dieser Krankheit, die oft ohne alle vorgängige Ent- 
zündung, nur durch allmähliges Schlafferwerden der Or- 
gane entsteht, nicht zu unterscheiden. Man findet bei dem 
entzündlichen Schleimflusse drei deutlich zu unterscheidende 
Abschnitte, die von v. Gräfe mit dem Namen der Hydror- 
rhoe, Phlegmcdorrhoe und Pyorrhoe sehr richtig bezeichnet 
wurden , sich aber nicht blos auf Schleimflüsse der Augen- 
bindehaut, sondern auf jeden Schleimfluss überhaupt bezie- 
hen. Nachdem nämlich ein höherer Grad der Entzündung 
nachlässt, sondert die Schleimhaut zunächst einen wässrigen 
oft dem reinen Wasser sehr ähnlichen Schleim ab, welchen 
Zeitraum man mit dem Namen der Hydrorrhoe bezeichnet; 
später wird das Abgesonderte dicker, nimmt den Character 
des wahren Schleims an und bildet den Zeitraum , den man 
Phlegmatorrhoe nennt; zuletzt zeigt das Abgesonderte oft die 
grösste Aehnlichkeit mit dem Eiter, ist dick, gelb, im Wasser 
zu Boden sinkend, körnig, und führt den Zeitraum herbei, 
den man Pyorrhoe zu nennen pflegt, der die Höhe des acuten 
Schleimflusses bildet und auf den bei eintretender Rückbil- 
dung der Krankheit wieder ein phlegmatorrhoisches und hy- 
drorrhoisches Stadium folgt. Eine bestimmte Dauer haben die 
angegebenen Zeiträume nicht, oft verlaufen sie langsam und 
sehr deutlich unterscheidbar , andere Male mit solcher 
Schnelligkeit, dass der eine oder andere gänzlich zu fehlen 
scheint, wie dies namentlich beim Schleimfluss der Augenlider 
und der Harnröhre oft beobachtet wird. 

Die anatomischen Veränderungen der Schleim- 
häute, die lange eine abnorme Absonderung machten, ist ver- 
schieden , jenachdem ein reiner Schwächezustand, oder eine 
entzündliche Reizung dazu Veranlassung gab. Im ersteren 
Falle bieten sich nur äusserst geringe Veränderungen dar: 
sowohl im Leben als noch mehr nach dem Tode findet sich die 



1 Blennorrhoe a, 59 

Schleimhaut bleich , bisweilen etwas aufgelockert , erweicht, 
ihre Schleimbälge vergrössert, das unter ihr gelegene Zellge- 
webe in einem Zustande von Auflockerung. Im zweiten Falle, 
wo die Blennorrhoe blos einen Zeitraum der Entzündung bil- 
det, gestalten sich die Verhältnisse anders. Die Haut zeigt 
sich dann, im Leben wenigstens, bald mehr, bald weniger ge- 
röthet, sammetartig, geschwollen, oft etwas runzlig, leicht 
blutend, gespannt, heiss , die in ihr enthaltenen Bälge grup- 
penweise vergrössert, das unter ihr gelegene Zellgewebe oft 
ungeheuer aufgelockert. Nach dem Tode verlieren sich aber 
die mehrsten dieser Kennzeichen und es bleibt fast nichts zu- 
rück als etwas Verdickung, selten etwas Röthung oder nur 
einzelne rothe Streifen , gewöhnlich Anschwellung des unter 
der Haut gelegenen Zellgewebes, mit dem sie völlig ver- 
schmolzen erscheint, so dass man nur mit Mühe die Gränze 
unterscheidet. 

Die Ursachen des Schleimflusses zerfallen in prädis- 
ponirende und erregende. Zu den ersteren , die zum Theil, 
wenn sie einen hohen Grad erreichen, auch erregende werden 
können, gehören allgemeine Körperschwäche , lymphatische 
Constitution und phlegmatisches Temperament, das weib- 
liche Geschlecht, das jugendliche und höhere Alter , Cache- 
xien, besonders Scrofeln und Gicht, Lustseuche. Zu den 
letzteren, die jedoch, wenn sie bloss in niederem Grade vor- 
handen sind, häufig nur als disponirende oder sogenannte 
Hülfs- oder Nebenursachen auftreten , sind zu zählen zu war- 
mes Verhalten, besonders durch Kleider, Betten, Ofenwärme, 
Kohlentöpfe; Aufenthalt in feuchter mit thierischen Ausdün- 
stungen erfüllter Luft; sitzende Lebensweise; schwerverdauli- 
che wenig reizende Nahrungsmittel : Kartoffeln, Hülsenfrüchte, 
Mehlbrei, zu reichlicher Genuss erschlaffender warmer Geträn- 
ke, des Kaffees, Thees, der nicht gehopften Waizenbiere u. s.w. ; 
reizend einwirkende Stoffe: fremde Körper, Verwundun- 
gen, Geschwüre, Geschwülste, ätzende Dünste ; ein eigenthüm- 
licher Ansteckungsstoff, der dem eiterartigen Schleime anhängt 
und sowohl durch unmittelbare Uebertragung als auch durch 
Anschwängerung der Luft durch diese sich verbreitet und 
gern entzündliche Blennorrhöen hervorruft (eitrige Augen- 
entzündungen, Tripper) ; niederdrückende Gemüthsbewegun- 
gen: Sorge, Kummer u. s. w. Nicht minder sind hierher zu 



60 Blennorrhoea. 

rechnen mehrere krankhafte Zustände anderer Organe , wel- 
che sympathisch , und zwar entweder consensuell oder anta- 
gonistisch , ein Erkranken der Schleimhäute bedingen , wie 
wir z. B. öfters weissen Fluss bei Stockungen in den Verdau- 
ungswerkzeugen , chronischen Schleimfluss der Luftröhre 
hei Unterdrückung der Hautthätigkeit bemerken. Im Gegen- 
satz zu diesen zuletzt erwähnten consensuellen Schleimflüs- 
sen nennt man die, welche von ursprünglichem Erkranken 
der Schleimhäute abhängen , idiopathische. 

Die Vorhersage richtet sich nach dem Grade des 
Uebels, nach der KörperbeschafFenheit und Lebensart des 
Leidenden , nach den Theilen , welclie ergriffen sind , und 
dem Nachtheile, der dadurch auf den ganzen Organismus aus- 
geübt wird. In Regel sind die Schleimflüsse langwierig, und 
erfordern Beharrlichkeit in der angeordneten Lebensweise und 
dem Gebrauche zweckmässiger Heilmittel. Lebensgefährlich 
werden die dem Wundarzte zufallenden Krankheitsformen 
dieser Art selten , aber öfters bedingen sie beträchtliche und 
überaus nachtheilige Veränderungen in den befallenen Orga- 
nen der Harnblase, Harnröhre, den Augen u. s. w. 

Die Heilung der Schleimflüsse erheischt vor allen 
Dingen genaue Erwägung des Grades der Reizung, die in der 
leidenden Schleimhaut stattfindet. Nicht selten nämlich 
verlangt dieser eine reizmildernde einhüllende Heilmethode, 
um nicht zu sagen eine entzündungswidrige. Zu den hier- 
her gehörigen Mitteln sind laue erweichende örtliche Bä- 
der, Dämpfe, Einspritzungen, Umschläge zu rechnen, so- 
wie Anordnung einer milden einhüllenden Diät. Man hat 
sich aber sehr zu hüten mit dieser Methode zu lange fortzu- 
fahren, weil sonst leicht ein zu hoher Grad von Erschlaffung 
und dadurch grössere Langwierigkeit des Uebels, ja wohl auch 
organische Veränderungen in dem leidenden Iheile hervor- 
gebracht werden. Ist der entzündliche Reiz entfernt, mehr 
ein Zustand der Schwäche hervorgetreten, was theils aus 
der mindern Anschwellung der Schleimhaut, ihrer bleicheren 
Farbe , der grossen Schlaffheit ihrer Gefässe , der Dauer des 
Uebels, dem allgemeinen erschlafften Zustande des Kranken 
erkannt wird, so finden die kräftigenden inneren und äus- 
reren Mittel ihren Platz , in deren zeitgemässer Anwendung 
oft die ganze Kunst beruht, ein sonst sehr langwieriges und 



Blennorrhoea intestini recti. 61 

lästiges Leiden bald zu beseitigen. Man geht von den leicht 
bittern und aromatischen Mitteln zu den stärker bittern 
und adstringirenden über, ohne jedoch zu langsam vorzu- 
schreiten, wenn die mildern Mittel ihren Dienst versagen. 
Innerlich empfehlen sich besonders das Millefolium , Marru- 
bium, Centaurium minus, Gentiana rubra, Tormentilla, Ra- 
tanhia, Catechu, Alaun, Eisen , Salix, China, Abrota- 
num, Absynthium, Pyrola umbellata, Uva ursi, Diosma 
crenata, die Cubeben , der Copaivabalsam u. s. w. ; äusser- 
lich Waschungen, Einspritzungen, Salben von den gleichen 
oder einigen andern innerlich wenig gebräuchlichen Mit- 
teln, als Abkochung von Ulmen- oder Eichenrinde, Auflösung 
von Zinkvitriol , Höllenstein, Salben von Zinkblumen u. s. w. 
Durch die Ursachen werden oft noch besondere Indicationen 
gegeben, so namentlich bei den durch Cachexien hervorgeru- 
fenen oder erhaltenen Schleimflüssen, z. B. bei Scrofeln die 
gegen sie gerichteten Mittel, unter denen sich mir der vor- 
sichtige Gebrauch des Iodeisens, die Adelheidsquelle, die 
Antimonialia, Salz- und Seebäder oft sehr nützlich bewährt ha- 
ben; bei gichtischer Cachexie die Antarthritica; bei consen- 
suellen Schleimflüssen von Leiden des Unterleibes die auflö- 
senden, späterhin kräftigenden Mittel, als Rad. Graminis, Ta- 
raxaci, Millefolium, Rheum, Cent, minus, Magentincturen 
11. s. w. ; bei unterdrückter Hautthätigkeit Sudorifera und 
überhaupt die Haut bethätigende Mittel, unter denen Essig- 
waschungen und laue Bäder, mit kalten Begiessungen vereint, 
sehr zu beachten sind. In allen Fällen wird ein zweckmässi- 
ges diätetisches Verfahren von grossem Nutzen seyn , Genuss 
leicht verdaulicher aber nährender Speisen und Getränke, 
die nur bei noch vorhandener Entzündung etwas zu beschrän- 
ken sind, kräftige Bewegung, Aufenthalt in reiner Luft, in 
hoch und frei gelegenen Gegenden , besonders auch heitere 
fröhliche Gemüthsstimmung. Rds. 

BLENNORRHOEA INTESTINI RECTI, Proctorrhoea 
mucosa (von nQcoy.zog After und q£co ich fliesse) , Schleim- 
f 1 u s s des Mastdarms. Diese Krankheit kommt in allen 
verschiedenen Lebensaltern , am häufigsten jedoch im kindli- 
chen und im höheren vor. Meistens ohne schmerzhafte Em- 
pfindung, bisweilen aber auch unter dem Gefühle von Jucken, 
Brennen und Stuhlzwang, wird der Schleim ausgeleert, und 



62 Blennorrhoea instestini recti. 

zwar stets vom Kothe deutlich getrennt, wodurch sich diese 
Art des Schleimfltisses von der aus höheren Theilen des 
Darmcanals herrührenden deutlich unterscheidet, in welchen 
letzterem Falle nämlich der Schleim und Koth mit einander 
gemengt abgehen. Bei eintretendem Stuhldrange wird vor- 
erst der Schleim ansgeleert, welchem dann der Koth folgt, 
bisweilen geht er aber auch ohne Stuhl, nach vorherigem 
Zwängen und Pressen hinweg. Das Allgemeinbefinden ist 
bald mehr, bald weniger gestört, ersteres findet besonders 
bei dem nur periodisch eintretenden Hämorrhoidalschleimflusse 
statt, bei dem sich oft Mattigkeit, Auftreibung, Ziehen und 
Spannen im Unterleibe, erschwerter Abgang des Stuhls 
und Harns, Jucken in der Eichel, Ausschläge am Mittelflei- 
sche und am Kreuze vorfinden. Die Menge des abgehenden 
Schleims ist in der Regel gering und beträgt gewöhnlich nur 
t — 2 Esslöffel voll, jenachdem die Ausleerungen in kürzeren 
oder längeren Zwischenräumen folgen ; nur in seltenen Fällen 
ist die Menge grösser oder die Ausleerung häufiger oder wohl 
gar ununterbrochen , welches letztere einen sehr hohen Grad 
von Erschlaffung auch des Schliessmuskels voraussetzt, und 
nicht nur grosse Erschöpfung herbeiführt, sondern sogar bis- 
weilen Abzehrung veranlassen soll. Der Schleim hat ver- 
schiedene Beschaffenheit, oft gehört er dem sogenannt glas- 
artigen an , andre Male ist er milchig, gelblich, oft von Blute 
röthlich gefärbt , bisweilen , wenn Verschwärungen im Mast- 
darm vorhanden sind , mit Jauche gemischt. Sein Geruch ist 
gemeiniglich unangenehm sauer; oft besitzt er beträchtliche 
Schärfe, so dass der After und die benachbarten Theile, mit 
denen er in Berührung kommt, davon wund werden. 

Ursachen. Am häufigsten ist Reizung der Darm- 
schleimhaut, mag sie idiopathisch oder sympathisch seyn, 
Grund des Uebels ; so geben z. B. starker Blutandrang nach 
dem Mastdarme, wie er bei Hämorrhoidarien vorkommt, eine 
sehr gewöhnliche Veranlassung und man findet ihn hier häu- 
fig vicariirend oder alternirend mit Blutfluss ; Vorfall des Af- 
ters , Geschwüre, Verschwärungen erzeugen ihn nicht min- 
der, ebenso mechanisch oder chemisch reizende Dinge, die 
theils im Darme sich erzeugten, Würmer, Hämorrhoidalkno- 
ten , andere Geschwülste , oder von aussen eingeführt wur- 
den , scharfer Ausfluss aus den Genitalien , Päderastie u. s. w. 



Blennorrhoea Intestini recti — saccl lacryrn. 63 

Bisweilen giebt aber auch ein unmittelbar erschlaffend wir- 
kender Einfluss Bedingung zum Schleimflusse, wohin allge- 
meines Zuwarmhalten, mehr aber noch örtliches gehört, was 
besonders bei einigen sitzenden Beschäftigungen vorkommt 
(Schuhmacher) und um so leichter eintritt, wenn die Sitze sehr 
weich und warm sind (die Grossvaterstühle mancher Gelehr- 
ten) ; der zu häufig und zu lang fortgesetzte Gebrauch warmer 
Klystiere. 

Die Vorhersage ist insofern günstig , als wenigstens 
nicht leicht Lebensgefahr für den damit behafteten hervor- 
geht, hinsichtlich der Langwierigkeit ist das Leiden aber den 
sehr lästigen zuzuzählen. In manchen Fällen , wo es vica- 
rirend für Hämorrhoidalfluss auftritt, darf es nicht ohne 
Nachtheil des Wohlbefindens des Kranken ohne Gebrauch ge- 
eigneter innerer Mittel unterdrückt werden. 

Die Heilung wird mehr durch innere als durch äussere 
Mittel erzielt, und fällt insofern mehr dem Arzte als Wund- 
arzte anheim; doch giebt es auch, wie aus der Darstellung 
der Ursachen hervorgeht, manche Aufgaben für letzteren, 
die jedoch hier einer weiteren Auseinandersetzung nicht be- 
dürfen , da von Behandlung der Mastdarmfisteln , Hämorrhoi- 
dalknoten , Geschwüren des Mastdarmes u. s. w. an den be- 
treffenden Orten gehandelt wird. Nie wird aber ein Wund- 
arzt sich verleiten lassen einen derartigen Schleimfluss , der, 
wie oben erwähnt, häufig von inneren Leiden abhängig ist, 
durch zusammenziehende und austrocknende Mittel ohne in- 
nere Behandlung zu beseitigen. Reinlichkeit, das Ausspri- 
tzen mit milden , schmerzstillenden Flüssigkeiten , die An- 
legung von Blutegeln , wenn ein höherer Grad entzündlicher 
Reizung oder Blutandrang vorhanden , Vermeidung zu war- 
men örtlichen Verhaltens werden in den mehrsten Fällen 
dienlich, überhaupt aber die unter Blennorrhoea im Allgemei- 
nen angeführten Rücksichten auch hier nicht hintanzusetzen 
seyn. Rds. 

BLENNORRHOEA SACCI LACRIMALIS , Schleim- 
flussdes Thränensackes, Dacryocystoblerinorrhoea. 
Man versteht darunter eine vermehrte Schleimabsonderung im 
Thränensacke, verbunden mit Erschlaffung seiner Wandun- 
gen. Aus letzterem Grunde und weil der in Menge ver- 
mehrte und an Beschaffenheit verdickte Schleim meistens bald 



64 Blennorrhoea sacci lacrymalis. 

den Nasencanal verstopft, oder dieser gar ursprünglich ver- 
engt oder verschlossen war, sammelt sich der Schleim im 
Thränensacke an, und fliesst gemeiniglich nur bei angewen- 
detem äussern Drucke durch den Nasencanal oder die Thrä- 
nenröhrchen ab , oft aber lässt sich auch dies nicht bewerk- 
stelligen, woraus hervorgeht, dass dieses Leiden, streng- 
genommen, den Namen eines Schleim fl u s s e s mit Un- 
recht trägt. Gewöhnlich entwickelt es sich sehr allmählig, 
bleibt häufig auf einem niedern Grade stehen, so dass es keine 
Belästigung und äussere Anschwellung erregt, und den damit 
Behafteten höchstens veranlasst von Zeit zu Zeit den ange- 
sammelten Schleim durch die Thränenröhrchen auszudrücken. 
Andere Male aber und zAvar in den Fällen , wo das Uebel mit 
Verstopfung des Nasencanals verbunden ist , erreicht es einen 
höheren Grad, macht sich durch eine deutliche Anschwel- 
lung des Thränensackes, die eine bohnenförmige Gestalt 
annimmt, sowie bisweilen durch ein spannendes und jucken- 
des Gefühl bemerklich. Ueberschreitet die Geschwulst die 
Grösse einer Bohne, so kann dies nicht ohne beträchtliche 
Ausdehnung der vordem Wand des Thränensackes geschehen, 
welchen Zustand man dann mit dem Namen von Jlernia 
sacci lacr. (s. diese) bezeichnet. Gemeiniglich erstreckt 
sich die vermehrte Schleimabsonderung nicht blos auf den 
Thränensack, sondern auch in den Nasencanal, und erhält dann 
wohl auch den allgemeineren Namen Blennorrhoea viarum la- 
crymalium.. Sehr häufig ist mit höheren Graden des Schleim- 
flusses Thränenträufeln und Trockenheit der entsprechenden 
Nasenhälfte verbunden , doch ist dies nicht immer der Fall. 
Oft ist die Umgegend des Sacks etwas ödematös geschwollen, 
ebenso die Thränencarunkel und halbmondförmige Falte. 
Die Haut über der Geschwulst behält bei niederen Graden des 
Uebels stets und bei höheren oft ihre gewöhnliche Farbe, 
doch kommen auch Fälle der letzteren Art vor, wo sie eine 
bläuliche, und wenn die Geschwulst in Entzündung geräth, 
eine rothe Farbe annimmt. Letzterer Ausgang ist der am 
wenigsten erwünschte und stellt sich theils bei Personen ein, 
die zu Entzündungen, namentlich specifischen geneigt sind, 
theils dann, wenn die Spannung durch die Anhäufung von 
Schleim zu gross wird, oder derselbe eine reizende Beschaf- 
fenheit annimmt, oder von benachbarten Organen sich die 



RIennorrhoea sacci lachrym. 65 

Entzündung zu ihm verbreitet, wie bei Entzündungen der 
Lider , Gesichtsrose u. s. w. Nicht immer ist die Absonde- 
rung an Menge gleich , sie mindert sich nicht nur in der 
Nacht, daher man am Morgen die Geschwulst gewöhnlich fla- 
cher findet, sondern ist auch bei trockner warmer Witterung 
gemeiniglich geringer als bei feuchter kalter. Der Schleim ist 
in der Regel dünn , da er mit Thränen reichlich gemischt ist, 
doch kommt er auch so dick vor, dass er nur mit Mühe oder 
gar nicht durch die Thränenröhrchen hinweggedrückt werden 
kann , in letzterem Falle nimmt er auch bisweilen einen sehr 
üblen Geruch an. Oft dauert das Uebel viele Jahre lang, ver- 
schwindet aber bisweilen bei Veränderung der Lebensweise, 
des Climas , zunehmender Kräftigkeit des Individuum , Ver- 
schwinden von Cachexien von selbst. Die Schleimhaut des 
Sackes zeigt sich so wie das über ihr liegende Zellgewebe 
aufgelockert, und soll bisweilen mit schwammigen Auswüch- 
sen besetzt seyn. 

Anlangend die Ursachen, so ist Entzündung des Thrä- 
nensackes, namentlich catarrhalische , eine der häufigsten (s. 
Dacryocystitis) , oft aber bildet sich die Krankheit auch ohne 
einen solchen Vorläufer aus in Folge allmählig eintretender 
Erschlaffung und fehlerhafter Thätigkeit des Thränen sackes, 
welche letztere Entstehungsweise man bei schwachen schlaf- 
fen, gleichzeitig mit andern Schleimflüssen der Augen be- 
hafteten , besonders aber scrofulösen, gichtischen und syphili- 
tischen, zu chronischen Hautausschlägen geneigten Personen 
findet. Ausser den zuletzt genannten Körperbeschaffenheiten 
giebt Aufenthalt in feuchten dumpfigen mit thierischen Aus- 
dünstungen, feinem Staube gefüllten Wohnungen, so- 
wie Anstrengung der Augen, vieles Weinen u. s. w. Nei- 
gung dazu. 

Die Vorhersage richtet sich sehr nach den Complica- 
tionen, ist aber in der Regel gut. — Heilung. Niedere 
Grade verlieren sich bei Kräftigung des ganzen Körpers durch 
zweckmässigeres allgemeines Verhalten von selbst, oder fin- 
den doch in fleissigem Einträufeln oder Waschen des Auges 
mit einem gelind zusammenziehenden Augenwasser (3 — 4 
Gran Alaun oder eben so viel göttlichen Stein, oder 1 — 2 
Gran Zinkvitriol und dergleichen auf 1 Unze Wasser ) Hei- 
lung, wenn gleich gewöhnlich lange Zeit mit diesen Wa- 
Haudwörterb. d. Ch. II. 5 



68 Blennorrhoea vesicae urinariae. 

schungen fortgefahren werden muss , Tor denen jedes Mal der 
Thränensack durch einen Druck nach unten oder oben seines 
Inhaltes zu entleeren ist. Während oder unmittelbar nach 
dem Waschen oder Einträufeln ist für einige Minuten eine 
Rückenlage anzunehmen , um die Aufnahme der Flüssigkeit 
in die Thränenpunkte zu erleichtern. Von Salben habe ich 
bei weitem geringeren Erfolg gesehen , was natürlich ist , da 
sie durch die Thränenröhrchen nicht in den Sack gelangen. 
Bei höheren Graden muss man, mit den angeführten Mitteln 
um so beharrlicher seyn, und wird dadurch oft seine Erwar- 
tungen übertroffen seilen ; wo Verschliessung des Nasencanals 
Schuld trägt, ist dieser zu eröffnen (s. Fistula sacc. lacn/m.) 
Wo Cachexien zum Grunde liegen, hat man diese zu beseitigen 
und in jedem Falle eine Lebensweise, wie oben bei Behand- 
lung der Blennorrhoe im Allgemeinen angegeben wurde, zu 
empfehlen. Rds. 

BLENNORRHOEA VESICAE URINARIAE, Catar- 
rhus vesicae , Harnblasens chleimflus s, Blasenca- 
tarrh. Bezeichnet eine zu reichliche Absonderung von 
Schleim in der Harnblase, welche sich oft auch bis in die 
Harnleiter und Nierenbecken erstrecken mag, da man theils 
ein Gefühl von Spannung, gelindem Drucke bis in diese Tbeile 
wahrnimmt, theils bei Leichenöffnungen häufig eine vermehrte 
Schleimanhäufung in ihnen findet. Der Schleim mengt sich 
dem Urin bei und wird mit diesem ausgeleert, setzt sich aber 
bald auf dem Boden des Uringefässes entweder als eine gleich- 
massige den Bierhefen ähnliche oder auch, jedoch seltener, als 
eine flockige Masse ab. Letzteres findet man häufiger, wenn 
Samen dem Urin beigemengt ist. Die Menge ist in der Regel 
nicht sehr beträchtlich , doch werden einige Fälle von über- 
aus reichlichem und dann die Kräfte sehr erschöpfendem Ab- 
gange erzählt. Die Farbe des Schleimes ist in der Regel grau- 
lichweiss, doch kommt er auch oft von Blut gefärbt, röth- 
lich oder braun vor. Meist ist er ohne auffallenden Ge- 
ruch, andre Male übelriechend. Ein Gefühl von Brennen, 
Schwere in der Blase begleitet dieses Uebel, Zwängen in der 
Harnröhrenmündung wie beim Tripper ist nicht zugegen. 
Gewöhnlich ist die Krankheit langwierig, befällt besonders 
Männer, namentlich in höherem Alter, und dauert entweder 
ununterbrochen fort oder kehrt in gewissen Zeitabschnitten 



Blennorrhoea vesicae nrinariae. 67 

typisch wieder, wie dies überhaupt bei mehreren Schleim- 
ilüssen , besonders wenn sie mit hämorrhoidalischem Leiden 
in Zusammenhange stehen, der Fall ist. 

Der Leichenfund mit Schleimfluss der Blase Verstor- 
bener zeigt, ausser manuichfachen Entartungen der Harnwerk- 
zenge überhaupt, Verdickung und Auflockerung der Sehleim- 
haut, welche mit zähem, dickem, bisweilen mit Blutstreifen 
durchwebtem Schleime überzogen ist, auch nicht selten 
schwammige Wucherungen darbietet. 

Unter den Ursachen sind hier vorzüglich anzuführen 
ein niederer Grad von Entzündung der Blase , wie sie theils 
durch blosse dynamische Einwirkungen, am häufigsten aber 
durch Steine oder Gries in derselben , sowie durch unvorsich- 
tige und zu häufige Anwendung oder langes Liegenlassen des 
Catheters erregt wird. Ferner giebt vermehrter Blutan- 
drang, sogenannte Blasenhämorrhoiden , eine verhältniss- 
mässig häufige Veranlassung, nicht minder organische in der 
Blasengegend Platz nehmende Krankheiten , z. B. Stricturen 
des Mastdarmes , endlich direct die Lebenskraft der Genita- 
lien und der mit ihnen so nahe verbundenen Harnwerkzeuge 
erschöpfende Dinge, wie zu häufig geübter Beischlaf, noch mehr 
aber Onanie. Auch der lang fortgesetzte Genuss die Harnwerk- 
zeuge sehr reizender Speisen, Getränke und Arzneien, nament- 
lich der reichliche Genuss der sogenannten Weissbiere, giebt 
zu Erschlaffung und Verschleimung der Blase Veranlassung. 

Die Vorhersage richtet sich nach den Krankheiten, 
welche den Schleimfluss bedingen; ist reine Schwäche die 
Ursache, so wird sie gemeiniglich bei sorgfältiger diäteti- 
scher und medicinischer Behandlung zu lieben seyn, schwie- 
riger, oft unmöglich ist es bei organischen Fehlern der Harn- 
werkzeuge. 

Die Heilung erfordert das unter Blennorrhoe im All- 
gemeinen Angegebene, Kräftigung des Körpers durch Beseiti- 
gung eines zu warmen Verhaltens, zweckmässige Kost, hei- 
tere Gemüthsstimmung, Genuss der reinen freien Luft. Un- 
ter den Heilmitteln sind die zu wählen , welche den verschie- 
denen Ursachen entsprechen, daher häufig die gegen Hämor- 
rhoiden empfohlenen. Ist ein höherer Grad von entzünd- 
licher Reizung zugegen, so nützen oft Blutegel, kühlende 
Arzneien , schleimige einhüllende Getränke ; ist dagegen ho- 

5* 



68 Blepharidoplastice — Blepharoplastice. 

her Grad von Erschlaffung eingetreten , so nehmen die bittern 
und zusammenziehenden Mittel Platz, sowie die balsamischen 
und einige scharfe, die specifisch die Thätigkeit der Harn- 
werkzeuge anspornen. Grossen Ruf haben sich die Blätter 
der Uva ursi , sowie die Canthariden in kleinen Gaben inner- 
lich , und als Pflaster oder Einreibung in die Blasengegend 
erworben. Man kann sie mit flüchtigen und aromatischen 
Dingen verbinden. Selbst kalte zusammenziehende Einspri- 
tzungen in die Blase sind empfohlen worden, dürften aber 
wohl grosse Vorsicht erheischen. Als ein sehr kräftig erre- 
gendes Mittel zeigt sich die Douche auf das Kreuz. 

Literatur: Mich. Troja über die Krankheiten der Kieren, 
der Harnblase und der übrigen zu Ab- und Aussonderung des 
Harns bestimmten Theile. Ein Ausz. a. d. Ital. Leipzig 1788. — 
S. Th. v. So mmer ring über die tödtlichen Krankheiten der 
Harnblase und Harnröhre alter Männer. 2te Aufl. 1822. 

Rds. 
BLEPIIARIDOPLSTICE (ßUqjaQig Augenwimper und 
nluGGco ich bilde), Insltio ciliorum, , Augenwimperbil- 
dung, E i n p f 1 a n z u n g neuer Augenwimpern. 
Durch Dzondi, Dieffenbach, Wiesemann ist nach- 
gewiesen worden, dass Haare, die man auszieht und in kleine 
Hautwunden einpflanzt, fortwachsen und ihre Eigenthümlich- 
keiten beibehalten. So versah Dzondi ein neugebildetes 
Augenlid mit Wimpern und Dieffenbach benutzte die 
Barthaare eines jungen Mannes, um ihm die sehr dünnen Au- 
genbrauen zu verstärken. Rds. 

BLEPHAROPLASTICE, von ßUcpaQov Augenlid und 
nlccGGco ich bilde, Blepharoplastik, Bildung neuer 
Augenlider. Seit durch F. v. Gräfe die Aufmerksam- 
keit der Aerzte von Neuem auf Wiederersetznng verlorner 
Theile durch Ueberpflanzung fremder gerichtet wurde, konnte 
es nicht fehlen, dass man auch auf Mittel dachte die theil- 
weis oder ganz verlornen Augenlider wieder zu ersetzen. 
Gräfe selbst beschreibt schon in seiner Rhinoplastik S. 15 
die Wiederersetzung eines durch Brand zerstörten Stückes 
des untern Augenlides mittels eines Stückes Haut aus der 
Wange, und war somit der erste, der sie übte. Ihm folg- 
ten Dzondi (Beitr. z. Vervollk. d. Heilkunde 1. 166 ff.), 
J ü n g k e n (Lehre von den Augenop., IX und 267), F r i c k e, 



Blepharoplastice. 69 

Fried r. Jäger, Knispel (Gross heim Lelirb. der 
op. Chirurg. 1. 260); endlich gab auch der um die Chirur- 
gia curtorum hochverdiente Dieffenbach eine neue Me- 
thode an. / 

Der Verlust der Lider ist verhältnissmässig selten, bis- 
weilen erfolgt er aber durch Verwundungen , Ulceration, 
Brand. Oft sind die Lider nur so umgeschlagen oder ver- 
krüppelt, dass sie zu fehlen scheinen, durch chirurgische 
Mittel aber zur Norm zurückgeführt werden können , andere 
Mal ist nur ihre äussere Bedeckung zerstört; in beiden Fäl- 
len hat man bisweilen die zu vollbringenden Operationen mit 
dem Namen von Blepharoplastik 'bezeichnet. Die Operation 
gehört insofern zu den eine weniger sichere Vorhersage ge- 
währenden, als das neu gebildete Lid die Neigung hat, sich 
gleich aller überpflanzter Haut zusammenzuziehen und da- 
durch zu wölben, so dass man nicht ein flaches, sondern 
mehr kugelförmiges das Auge drückendes Lid erhält. Ist 
es daher irgend möglich, und dies ist es bei der Dehnbarkeit 
der Haut der Umgebungen häufig, so suche man den 
Mangel durch erweichende Einreibungen und Ausdehnung 
des Lides (s. Ectropium} zu ersetzen, die noch dadurch 
vermehrt werden kann, dass man in einiger Entfernung und 
parallel mit dem Lide einen Einschnitt in die Wangen - oder 
Stirnhaut macht. Die Narbe muss breit und durch Granula- 
tionen ausgefüllt werden , weil sonst wieder grössere Ver- 
kürzung folgt. Die Methode F r i ck e' s ist folgende. 

Nachdem die nöthigen Gehülfen und Instrumente (meh- 
rere feine Messer, eine scharffassende Pincette, eine Seheere, 
kleine krumme feine Nadeln, Heftfäden aus feinem Zwirne 
oder Seide, Schwämme , eine kleine Spritze, Charpie, Heft- 
pflaster) vorhanden sind, wird der Kranke in die nÖthige 
Stellung gebracht, und die vorhandene Narbe um- und aus- 
geschnitten, mit Hinwegnahme aller entarteten Haut und 
Zellgewebes. Eine ebene schmale Narbe braucht nur durch- 
schnitten zu werden, so dass der Schnitt parallel mit dem 
Tarsus (Augenlidrande) läuft, und so weit als möglich von 
ihm entfernt ist, damit Haut zur Anheftung des Lappens 
erspart werde. Man fängt in der Mitte des Lides an , und 
führt den Schnitt von danach aussen, dann nach innen über 
das ganze Lid. Die Haut lässt man nun auseinander ziehen, 



70 Blepharoplastice. 

und trennt das Zellgewebe und den Kreismuskel bis zur Con- 
junctiva, welche nicht verletzt werden darf. Hat der Mus- 
kel nicht gelitten , und kann er erhalten werden, so ist dies 
für die Beweglichkeit des neuen Lides sehr wichtig. Ms 
zweiter Act der Operation ist die Bildung des Hautlappens zu 
betrachten, welche für das obere Lid aus demjenigen Theile 
der Stirnhaut geschieht, der sich etwas nach aussen 2" ober- 
halb des Orbitalrandes befindet. Kann sich der Wundarzt 
nidit auf sein Augenmass verlassen , so muss er eine Messung 
der auszufüllenden Wunde vornehmen. Der Lappen muss 
wegen der späterhin eintretenden Zusammenziehung eine 
Linie länger und ebensoviel breiter seyn als die Wunde. 
Nach gehöriger Abmessung wird nun die Haut sorgfältig und 
zwar so, dass ein Schnitt in den andern fällt, bis zum Mus- 
kel auf beiden Seiten getrennt , und von diesem bis auf die 
nach unten liegende Grundfläche des zu bildenden Lappens 
abgelöst. Sollte der Hautlappen noch nicht ohne Zerrung, 
Umschlagung oder Faltenbildung der Haut in das Augenlid 
eingepasst werden können , so muss der äussere Hautschnitt 
noch etwas weiter nach aussen geführt werden. Nachdem 
nun dieser Hautlappen gebildet ist , besteht noch eine Haut- 
brücke zwischen dem inneren Schnitte, der den Lappen bil- 
det, und dem äusseren Winkel der Wunde, die in das Au- 
genlid gemacht ist. Diese Hautbrücke muss durchschnitten 
und ein so grosses Stück Haut herausgenommen werden , dass 
hierauf der Hautlappen genau in den dadurch entstandenen 
Zwischenraum passt. Für das untere Lid wird das Haut- 
stück an der äussern Seite des Augenlides in derselben Ent- 
fernung und Richtimg wie beim obern von der Wange genom- 
men , und der Lappen ganz auf dieselbe Weise gebildet. — 
Der dritte Act besteht in sorgfältiger Stillung der Blutung 
durch Bespritzen und Abtupfen mit kaltem Wasser. — Die 
Anheftung des Lappens , welche den vierten Act bildet, ge- 
schieht mittels der Knopfnaht. Die ersten Hefte werden 
am äusseren Winkel angefangen und dann der obere Rand 
zuerst, später der untere befestigt , damit die durch die Na- 
delstiche entstehende Blutimg leichter gestillt werden könne. 
Zur genauen Vereinigung sind am obern Rande 8 — 10, am 
untern 6 — 8 Hefte nöthig. Hierauf wird das Augenlid ge- 
schlossen , locker mit Charpie und diese mit schmalen Strei- 



Blepharoplastice. 71 

fen Heftpflaster bedeckt. Die äussere Wunde wird mit in 
Oel getauchter Charpie belegt. Nach 48 Stunden werden, 
nachdem die Vereinigung stattgefunden hat, die Fäden ent- 
fernt und durch schmale Heftpflaster ersetzt. 

Bei beträchtlicher Geschwulst müssen Umschläge von 
Goulard'schem Wasser angewendet werden. Piaben einzelne 
Stellen sich nicht vereinigt, so werden sie mit einer reizen- 
den Salbe (z. B. F r i c k e' s Ungu. nigrum.) verbunden, und 
in 10 — 18 Tagen wird die Heilung vollkommen geschehen 
seyn. Nun wird es nöthig, die bei vorhanden gewesenen 
Ectropien stattfindende Auflockerung und Entartung der 
Bindehaut zu berücksichtigen , und diese entweder durch ge- 
eignete Mittel zum Normalzustande zurückzuführen, oder 
auch durch das Messer oder die Scheere in grosserem oder 
kleinerem Umfange zu entfernen. Fr icke rathet dieses 
wo möglich schon vor der Hauptoperation zu thun; es dürfte 
jedoch seine Schwierigkeiten haben , da, so lange die Binde- 
haut nach aussen gewendet bleibt, eine Rückkehr zum Nor- 
malzustände weder durch Ausschneiden noch durch andere 
Mittel zu erwarten ist. 

Dieffenbach, dessen Methode die mehrste Empfeh- 
lung verdient , beginnt bei dem Wiederersatze eines verloren 
gegangenen unteren oder obern Lides damit, dass er die 
gewöhnlich zurückgebliebene klappenförmige , oder diese Ge- 
stalt annehmende Augenlidbindehaut mittels eines nach der 
Richtung des obern oder untern Orbitalrandes geführten 
Schnittes trennt, ablöst, und nach dem Apfel zu aufklappt. 
Nun trägt er ein dreieckiges Hautstück, dessen Grundfläche stets 
am Auge ruht, während die Spitze die entgegengesetzte Rich- 
tung nimmt , mittels eines feinen Messers ab. Hierbei sind 
soviel als möglich die unter dem abzutragenden Hautstücke 
liegenden wichtigen Nervenverzweigungen zu schonen. Ist 
dieser erste Act vollzogen, so führt man bei Bildung des 
obern sowohl als des unteren Lides einen horizontalen Haut- 
schnitt über den Procesus zygomaticus in der Richtung ober- 
halb des äussern Gehörganges, und fängt ihn da an, wo der 
äussere Augenlidwinkel seyn würde, wenn sich nicht jetzt die 
äussere Spitze der Basis der dreieckigen Hautwunde daselbst 
befände. Dieser Horizontalschnitt muss breiter seyn als die 
grösste Ausbreitung der Augenlidspalte , da gerade hier der 



72 Blepharoplastice. 

Haupttheil abgetrennt werden muss, der den Rand des zu 
bildenden Lides abgeben soll. Von dem äussersten Punkte 
dieses Schnittes ist nun bei Eildung des unteren Lides ab- 
wärts , bei der des obern aufwärts , parallel mit der äusseren 
Seite des dreieckigen Hautschnittes ein Schnitt zu fuhren, des- 
sen Ende in einer Linie mit der Spitze des ausgeschnittenen 
Dreieckes steht. Hierdurch sind die Grenzen des Hautlap- 
pens gebildet, welcher verpflanzt werden soll, und das neue 
Augenlid bilden wird. Mittels leichter und feiner Messer- 
züge ist jetzt der zu verpflanzende Hauttheil nach seinem 
Zusammenhange mit den allgemeinen Bedeckungen hin von 
der ganzen unteren Fettlage zu trennen, wobei so viel als 
möglich auf Schonung der dort ebenfalls reichlich verzweigten 
Nerven zu sehen ist. Ist die Blutung sorgfältig gestillt, so 
reinigt man die innere Fläche des zu verpflanzenden Hautlap- 
pens von allem Blutgerinnsel und verrückt ihn so von aussen 
nach innen , dass die innere Seite des Lappens an den vom 
innern Augenwinkel ausgehenden Schenkel des ausgeschnitte- 
nen Dreieckes passt. Der Hautlappen wird nun zuerst am 
inneren Augenwinkel mittels einer Knopfnaht befestigt. 
Hierauf wird die vorhandene und abgetrennte Bindehaut mit 
5 feinen seidnen Heften an die Tarsalseite des neuen Lides an- 
gesäumt, worauf durch die Dieffenbach'schen Nadeln die 
Befestigung auf der inneren Fläche mit 4 — 5 Heften fortge- 
setzt wird. Der äussere Augenwinkel wird durch keine Naht 
befestigt, sondern man legt den äusseren Theil des hinüber 
geschobenen Lappens hier nur an. Der zur Seite des untern 
oder obern neugebildeten Lides befindliche dreieckige Sub- 
stanzverlust wird mit Charpie und Heftpflasterstreifen bedeckt. 
Bildet sich Eiter, so hat er am nicht angehefteten Wund- 
rande Abfluss. 

Die Nachbehandlung erheischt besonders die Anwendung 
kalter Wasserüberschläge und möglichst sorgfältige Verhin- 
derung von Blutung und Eiterung. Die Hefte werden, sobald 
Anklebung erfolgt ist, etwa am 2. — 4. Tage herausgenommen. 

Literatur: Fricke, J. C. G., Die Bildung neuer Augenlider 
nach Zerstörungen und dadurch hervorgebrachten Atfswärtswen- 
dungen derselben. Mit i. Steindruck tafeln, Hambg. 1829. 42 S. S. 
— Dreyer, J. Traug., Diss. inaug. med.-chir. pertractans no- 
vam Blepharoplastices methodum (die vou Fr. Jäger). Vind. 



Blepharoptosis. 73 

1831. C. II. tab. lith. impressis. 64. p. 8. — Dief fenbach's 
neue Methode der Blepharoplastik. Ein Schreiben des Dr. v. 
A m m o n an Ritter Dr. F r i c k e in v. Ämmo n' s Zeitschrift 
f. Ophthalmologie u. s. w. IV. S. 428 ff. ftfa 

BLEPHAROPTOSIS (ßlecpaQov Augenlid, Tuvcomg Fal- 
len , Herabsinken ), Ptosis palpebrae , Herabsinken des 
Augenlides, auch fehlerhaft Vorfall des Augenlides ge- 
nannt, bezeichnet dasjenige Leiden der Augenlider, bei wel- 
chem das obere weiter als im gesunden Zustande über das 
Auge herabhängt, das untere aber nicht in seiner normalen 
Lage erhalten werden kann, sondern abklafft. Bedeckt das 
obere die Hornhaut bis über die Pupille, so nennt man es Bl. 
completa, wird die Pupille davon nicht bedeckt, Bl. incom- 
pleta. Nach Verschiedenheit des Wesens hat man es in 2 Ar- 
ten zu theilen: 1) Bl. atonicä, Blepharatouia, Atonia 
palpebrarum,, Atoniatonblepharon , Herabsinken von 
Erschlaffung, Ausdehnung des Lides. 2) BL 
paralytica , Blepharoplegia , Herabsinken von Läh- 
mung, Augenlidlähmung. Die erstere Art beruht auf 
Erschlaffung, Ausdehnung der Gewebe des Lides vornehm- 
lich der äusseren Haut ; die zweite auf höheren oder niederen 
Graden von Lähmung des Aufhebers des oberen Lides und des 
Schliessmuskels. Die des Aufhebers veranlasst das Uebel 
am oberen Lide, die des Schliessers am unteren. Am oberen 
nämlich tritt die des letzteren , wenn sie allein vorhanden 
ist, als ein eigenthümliches Leiden, als paralytisches Hasen- 
auge auf (s. Layophthalmus), wobei das Auge nicht geschlos- 
sen werden kann, während das Oeffnen ungehindert von stat- 
ten geht , wenn der Aufheber in voller Kraft geblieben ist. — 
Beide Arten von Blepharoptosis , die sich bisweilen mit ein- 
ander vereinen, bieten eigenthümliche Erscheinungen dar; Bei 
Blepharatonie zeigt sich das Lid bleich , die äussere Haut 
geschwollen, ausgedehnt, verlängert; die Schleim- und Thrä- 
nenabsonderung vermehrt; die Empfindung fehlt nicht, und 
die Beweglichkeit auch nicht ganz; der Leidende kann das 
Lid etwas bewegen , wie wenigstens bei dem Bestreben es zu 
thun durch Faltung der Haut, gelindes Zucken deutlich be- 
merkbar wird. Andere Augenfehler sind meistens nicht da- 
mit verbunden , wenn nicht in Folge des gänzlichen Bedeckt- 
seyns der Pupille Mydriasis, niederer Grad von Amblyopie 



74 Blepharoptosis. 

oder Lichtscheue entsteht. Bei Blepharoplegie fehlt die Be- 
weglichkeit oder ist doch mir in ganz schwachem Grade vor- 
handen. Ebenso fehlt meistens die Empfindlichkeit. Ge- 
wöhnlich erstreckt sich dies auch auf die Umgebungen der 
Augen , daher öfters die Augenbraue der leidenden Seite et- 
was tiefer steht, gleich der einen Stirnhälfte nicht gerunzelt 
werden kann , nicht empfindet. Mitunter klagt der Kranke 
über ein Gefühl von Kälte in der Umgegend des Auges, über 
Benommenseyn des Kopfes auf der leidenden Seite. Oft ist 
die Lähmung des Lides mit völliger halbseitiger Lähmung des 
ganzen Körpers verbunden. In Folge von Lähmung einzel- 
ner Augennerven kommen Complicationen mit Schielen, Dop- 
peltsehen , Schwachsichtigkeit und Amaurose, Schwäche der 
Thränendrüse vor. Am deutlichsten treten die bis jetzt an- 
geführten Erscheinungen am oberen Lide hervor, daher man, 
wenn eine nähere Angabe nicht erfolgt, die angeführten Na- 
men in der Regelauf dieses bezieht; amunteren Lide kann der 
anatomischen Bildung halber das Heruntersinken nur unbe- 
deutend seyn , es entsteht vielmehr theils durch Erschlaf- 
fung, theils durch Lähmung ein mehr oder minder bedeuten- 
des Abklaffen vom Apfel, welches als Ectropium beschrieben 
wird (s. dieses). Gewöhnlich kommt das Uebel nur an einem 
Auge vor, und oft nur an einem Lide. Häufig findet man 
gastrische, rheumatische, oder allgemeinere paralytische Uebel 
mit der zweiten, cachectische mit der ersten Art verbunden. 
Die Ursachen der BI. atonica sind langwierige Ent- 
zündungen , wodurch theils Infiltration , theils Erschlaffung 
und Ausdehnung des Lides, namentlich der äusseren Haut be- 
dingt wird, welchen letzteren Zustand Einige mit dem Na- 
men der Blepharoptosis ausschliesslich belegen. Wurde das 
Auge lange zugebunden, wohl gar noch mit warmen Um- 
schlägen für längere Zeit behandelt, so tritt dieser Erfolg 
um so eher ein. Schlecht geheilte Wunden geben nicht min- 
der bisweilen Veranlassung , obwohl bei weitem häufiger da- 
durch Verkürzung entsteht. Ferner findet sich dieses Uebel 
mitunter in Folge von der Angewöhnung das eine Auge bei 
anhaltendem Gebrauche von Augengläsern zuzudrücken. Die 
zweite Art, die Bl. paralytica, findet am häufigsten statt nach 
Erkältungen besonders des Kopfes, aber auch nach Verwun- 
dungen in der Umgegend des Auges, bei Entartungen des 



Blepharoptosis. 7d 

Hirns, Druck auf dasselbe, durch Wasser-, Blutaustre- 
tung u. g. w., nach Unterdrückung gewohnter Ausleerungen, 
des Menstrual - und Hämorrhoidalflusses , Unterdrückung von 
Hautausschlägen, Zuheilung alter Geschwüre u. s. w., be- 
sonders im hohen Alter und bei durch Krankheit erschöpften 
Personen. 

Die Vorhersage richtet ^ich vorzüglich nach der 
Dauer des Uebels : besteht es schon lange, so ist die Pro- 
gnose sehr ungünstig, besonders bei der paralytischen Ptosis; 
zweitens kommt aber auch der Grad, den das Leiden erreicht 
hat , die Complicationen mit anderen örtlichen Leiden so- wie 
mit Cachexien u. s. w. in Betracht. 

Die Cur wird mehr oder minder eine reizende seyn 
müssen. Gegen Erschlaffung des Lides zeigen sich geistige 
und gewürzhafte Einreibungen und Waschungen, Spiritus Ro- 
ris marini, Serpylli, Tinct. Arnicae, allein oder mit Zusatz von 
etwas ätherischem Oel, cölnisches Wasser, Mixtura oleoso- 
balsamica, Cantharidentinctur nützlich, sowie eine den gan- 
zen Körper kräftigende Behandlung durch Bäder, Bewegung, 
Kost u. s. w. Hat die Hautverlängerung des Lides einen sehr 
hohen Grad erreicht , so dienen wohl auch die Anwendung 
der Schwefelsäure in der Nähe des Lides nach Hellin g 's 
Methode, oder die Ausschneidung einer Hautfalte, s. En- 
tropium., Bei paralytischem Herabsinken kommen zu die- 
sen Mitteln die stärker reizenden: das Einreiben rei- 
ner Cantharidentinctur, des ätzenden Salmiakgeistes, des 
Senfalcohols , das Auflegen kleiner Streifen spanischen Flie- 
genpflasters über die Augenbrauen, desselben oder des Drouot- 
tischen Pflasters , oder eines Sublimatpflasters auf die Schläfe, 
oder auf die Stelle zwischen dem Zitzenfortsatz und dem 
aufsteigenden Aste der untern Kinnlade, wo J. A. Schmidt 
ein Aetzmittel von der Grösse eines Zweigroschenstückes auf- 
setzte und , nachdem der Schorf abgefallen war , einige Zeit 
lang Eiterung erhielt. Elektricität und Galvanismus sind 
nicht minder empfohlen und Rosas (Med. Jahrb. d. k. 
k. österr. Staates XII. St. 3.) erzählt unter andern einen 
Fall von Lähmung des obern Lides mit Schiefstehen des Aug- 
apfels verbunden , welche er nach vergeblich angewendeten 
andern Mitteln dadurch heilte, dass er den Zinkpol einer 
Volta'schen Säule an die Incisura supraorbitalis ; den Ku- 



76 Blepharospasmus. 

pferpol aber an den inneren Augenwinkel brachte. 22 Sitzun- 
gen, während welcher die Plattenpaare von 5 nach und nach 
auf 36 vermehrt worden waren , reichten zur völligen Hebung 
des Uebels hin. Oft wird eine innere Behandlung der Läh- 
mung, des rheumatischen oder gastrischen oder des Wurm- 
zustandes nöthig. 

Literatur: Schmidt, J. Ad., Neue Heilung der Augenlid- 
lähmung und des anhaltenden Augenlidkrampfes, in Abh. der k. 
k. med. chir. Josephsacademie zu Wien. II. 365. Rds. 

BLEPHAROSPASMUS, ßlecpccQOv und anaa^tog Krampf, 
Augenlid kr ampf. Das Wesen dieses Leidens ist 
durch den Namen ausgedrückt. Je nachdem der Krampf 
mehr den Augenlidschliesser oder den Aufheber ergreift, sind 
die Lider bald völlig geschlossen, bald mehr oder minder ge- 
öffnet, welchen letzteren Zustand man Lagophthalmus spas- 
modicus nennt. Der Krampf ist tonisch oder clonisch. Im 
ersteren Falle sind die Lider entweder anhaltend geschlossen, 
oder anhaltend aufstehend. Dass Krampf, nicht Lähmung, 
Schuld an dem Geschlossenseyn der Liderträgt, wird ausser 
anderen Zeichen des Krampfes vornehmlich dadurch klar, dass 
man bei Anfassung des Lides dasselbe nicht ohne beträcht- 
liche Kraftanwendung in die Höhe schieben kann, und bei ih- 
rer Anwendung leicht Umstülpung des Lides veranlasst. Bei 
dem clonischen Krämpfe oder der Convulsion der Lider kom- 
men entweder nur einzelne Zuckungen in den Fasern der 
Muskeln, vorzüglich des Schliessers vor, oder die gesamm- 
ten Muskeln nehmen daran Theil, wo dann ein Auf- und Nie- 
derbewegen der Lider, besonders desobern, ein krankhaftes 
Blinzeln, JSict'datio morbosa ß erfolgt. Oft ist der Krampf 
der Lider mit anderen Leiden des Auges und des übrigen Kör- 
pers verbunden , mit Schielen , nervöser Gereiztheit, Ver- 
engerung der Pupille, Lichtscheu, Entzündung, vermehr- 
tem und scharfem Thränenfiusse, Schleimabsonderung, Span- 
nen und Jucken im Auge und der Umgegend desselben, Ge- 
reiztheit des ganzen Körpers , hysterischen und hypochon- 
drischen Beschwerden. Man findet ihn idiopathisch und 
sympathisch. Seine Dauer ist bald nur Stunden bald Wochen 
lang, in welchem letzteren Falle die gewöhnlich schon vor- 
handene Lichtscheu immer mehr gesteigert, und durch das 
Warmhalten des Apfels Congestionen und mehrfache andere 



Blepharospasmus. 77 

Nachtheile, auch ErscldafFung oder Lähmung der Lider veran- 
lasst werden. Am häufigsten findet er sich bei nervenschwa- 
chen Personen, Kindern und Frauenzimmern, zu Scrofeln, 
Gicht u. s. w. Geneigten. 

Ursachen. Der idiopathische wird theils durch 
fremde in das Auge gefallene Körper, scharfe Dünste, Blen- 
dung, theils durch Erkältungen erregt, der sympathische be- 
gleitet am häufigsten Entzündungen, namentlich die soge- 
nannten specifischen, die scrofulöse so gewöhnlich, dass er zu 
den pathognomonischen Zeichen derselben gerechnet wird, 
gastrische Zustände, Wurmleiden, Gehirnleiden, besonders 
von Druck durch Wasserergiessungen , Geschwülste u. s. w., 
Krämpfe des Rückenmarks und Gangliensystems, häufig da- 
her die Hysterie, Zurückhaltung oder Unterdrückung der 
Menstruation, Unterdrückung von Ausschlägen und anderen 
gewohnten Ausleerungen. 

Die Vorhersage ist günstig, nur bei sehr veralteten 
Fällen kommt mitunter der Ausgang in Lähmung vor. 

Die Behandlung ist theils eine örtliche, theils eine 
allgemeine. Den Ursachen ist vor allem zu begegnen , daher 
fremde Körper, reizende Dünste, zu grelles Licht zu ent- 
fernen, scrofulöse, rheumatische, gichtische, syphilitische 
Cachexien zu heben, Würmer auszutreiben, die Verdauung 
zu bessern, der Druck aufs Gehirn zu beseitigen oder doch zu 
massigen , Ausleerungen hervorzurufen , allgemeine krampf- 
hafte Leiden zu beschwichtigen. Bleibt das Uebel selbststän- 
dig geworden dennoch zurück, so treten die gegen dasselbe 
direct gerichteten Mittel ein , unter denen einfaches gelindes 
Reiben, Einreibungen über den Augenbrauen von verdünn- 
tem Opium-, Hyoscyamus- oder Belladonnaextract einen vor- 
züglichen Platz einnehmen ; zweckmässig verbindet man 
die genannten Extracte mit Quecksilberpräparaten, indem 
man sie entweder zu 1 — 2 Granen mit eben soviel Calomel 
und der nöthigen Menge Speichel über den Augenbrauen ein- 
reiben lässt, oder indem man zu 2 Quent. grauer Quecksilber- 
salbe 6 — 20 Gran derselben hinzufügt, und davon täglich 
ein Paar mal soviel eine Erbse beträgt auf gleiche Weise be- 
nutzt. Laue Aufgüsse von Chamillen, Flieder, Belladonna- 
oder Hyoscyamuskraut thun ebenfalls gute Dienste , wenn sie 
als Waschmittel oder zum Befeuchten dünner, überzulegender 



78 Blindheit. ' 

Läppchen gebraucht werden. Erhard «und Rust em- 
pfehlen zu demselben Zwecke eine Lösung von l — 2 Qu. 
Borax in 4 Unzen Fliederwasser. Bei Gichtischen trockne 
erwärmte Kräutersäckchen , Einreibung von Laudanum, Cha- 
millen- oder Cajeputöl mit Mandelöl verdünnt. Neben die- 
sen Mitteln sind die ableitenden: Frottiren, laue Bäder, 
Senfteige, Senfalcohol, Drouottisches Pflaster, Vesicato- 
rien hinter die Ohren, in den Nacken , auf die Arme, scharfe 
Fussbäder, nicht zu versäumen. Innerlich werden bald die 
das Gangliensystem reizenden , also ableitend wirkenden Mit- 
tel,' besonders Brechweinstein in kleinen Gaben (Richter- 
sche Pillen, Brechwein), bald die beruhigenden , also durch 
Consensus wohlthätigen, dienen: Opium, Strarnonium, 
Zinkblnmen, blausaurer Zink, Ipecacuanha u. s. w. End- 
lich hat man, um die Rückkehr des Uebels zu verhindern, nach 
Beseitigung desselben die nervenkräftigenden Mittel im Allge- 
meinen zu benutzen, unter denen sich Bäder, China und 
Eisen am mehrsten empfehlen. Rds. 

BLINDHEIT, Coecttas 9 Caecitas, bezeichnet den Zu- 
stand der Augen, in dem sie zum Sehen untauglich sind. 
Sie wird durch verschiedene Ursachen bedingt, als I) Er- 
schöpfung und Lähmung der Nervenkraft, nervöse Blindheit, 
bei welcher die Lichtstrahlen zwar in das Auge eindringen, 
aber nicht empfunden werden ; 2) Trübung einzelner oder 
mehrerer durchsichtiger Theile des Auges , der Hornhaut, 
Linse, des Glaskörpers ; 3) Verschliessung der Pupille, wo- 
durch das Eingehen der Lichtstrahlen überhaupt oder bis zu 
der erforderlichen Tiefe vereitelt wird, organische Blind- 
heit ; oder 4) mehr oder minder vollkommene Zerstörung 
des Augapfels, wodurch beides , Verhinderung der Aufnahme 
und des Empfindens der Lichtstrahlen, bedingt wird. Da 
die genannten Augenleiden, welche als Ursachen der Blind- 
heit auftreten , verschiedene Grade darbieten , so muss das 
Nämliche mit der Blindheit selbst stattfinden, und man hat 
die Zustände, wo die Erblindung nicht vollständig ist, son- 
dern die Gegenstände wenigstens noch in ihren Umrissen er- 
kannt werden können, Blödsichtigkeit, Stumpf- 
sichtigkeit, Amblyopia , Hebetudo visus , Visus obtu- 
sus genannt. Sowohl Blödsichtigkeit als völlige Blindheit 
kommen angeboren , bei weitem häufiger aber erst in spätem 



Blindheit — Blutweinen. 79 

Zeiten erworben vor. Zu dem angebornen Uebel giebt beson- 
ders häufig 1 grauer Staar Veranlassung, doch auch Amaurose 
und andere Augenleiden sowie ursprüngliche Missbildung. 
Viele Fälle von sogenannter angeborner Blindheit entstanden 
erst nach der Geburt durch die eitrige Aiigenentzündung der 
iVeugebornen , sonst auch durch die Blattern. 

Die Blindheit übt einen eigenthümlichen Einfluss auf 
das Gemüth und auf die übrigen Sinne , welche in der Re- 
gel sich um so kräftiger und feiner entwickeln, daher 
denn auch mehrere Künste von Blinden mit vieler Fertigkeit 
geübt werden können. Zur Ausbildung dieser Anlage hat 
man an mehreren Orten Lehranstalten für Blinde, soge- 
nannte Blindeninstitnte, errichtet. Die Gemüthsstimmung 
des völlig Blinden ist ergeben, heiter, leutselig, freund- 
lich , und unterscheidet sich dadurch auffallend von der des 
Tauben, der oft unzufrieden, widerspenstig, misstrauisch 
ist. Die Zeit der entstehenden Blindheit ist für den seiner 
Bewussten eine höchst qualvolle, aber es tritt Ergebung, in- 
nerer Frieden ein, wenn die Ue,berzeugung des unwiderruf- 
lichen Verlustes des Gesichtes gekommen ist. Die Hal- 
tung des Körpers und Kopfes Blinder ist eigenthümlich , so 
dass man sie, ohne ihre Au gen genau zu betrachten, schon von 
weitem erkennt. Die Haltung des Körpers ist unsicher, der 
Gang schwankend, die Arme und Hände zum Tasten und 
Schützen bereit. Der Kopf gemeiniglich gleich den Augen 
nach oben gerichtet, seltener nach vorn gebeugt. 

Vorhersage und Behandlung sind nach Ver- 
schiedenheit der die Blindheit hervorbringenden Ursa- 
chen überaus verschieden und daher unter den betref- 
fenden Artikeln nachzusehen ; bald wird Behandlung der 
Entzündung, bald der Lähmung, bald der Hornhauttrübun- 
gen, der Cataracte, bald Eröffnung einer künstlichen Pu- 
pille angezeigt seyn. Rds. 

BLUTWEiNEN, Lacrymatw sangtrinea, Haematodacry- 
sis , Ducryaemorrhysis , von aif.ia Blut, daxQvto ich weine. 
Man bezeichnet damit die Absonderung und das Hervorträu- 
feln von Blut oder doch einer blutigen Flüssigkeit zwischen 
den Augenlidern. Dass diese Benennung für viele Fälle 
unzweckmässig ist, bemerkte schon J. A. S cJimi d t, da mei- 
stens nicht die Thränendrüse , sondern andere Theile des 



80 Blutweinen. 

Auges, (die Bindehaut, Thränenearunkel), die blutige Abson- 
derung veranlassen ; doch mag sie in manchen Fällen auch 
von der Thränendrüse herrühren. J. A. Schmidt und v. A m- 
mon vermuthen dies bei scorbutischen Leiden, ich möchte 
es eher bei sehr gesteigerter Congestion nach der Thränen- 
driise annehmen. Die Blutung tritt entweder l)selbstständig 
auf, was jedoch sehr selten ist, unter andern aber von Kühl 
bei einem löjährigem gesunden Frauenzimmer beobachtet 
wurde, welche, ohne die geringste Verletzung erlitten zu 
haben, nach plötzlich eintretendem Jucken und Schmerzen 
im innern Augenwinkel eine Blutung aus der Thränenearun- 
kel bekam , die kalter und zusammenziehender Mittel unge- 
achtet, doch nach Verlauf einiger Wochen sich stets erneuerte. 
Die Menstruation war regelmässig und schien mit dem Leiden 
in keinem Zusammenhange zu stehen (Clarns und Ra- 
dius Beitr. z. prakt. Hlkde. IL S. 348). Oder die Blutung 
ist 2) für unterdrückte anderweite Blutungen vicarirend, was 
am öftersten für Menstrual - oder Hämorrhoidalfluss stattfin- 
det; ein Fall der erstem Art kam vor Kurzem zur Beobach- 
tung des Dr. Walther hierselbst, einen andern erwähnt 
Dodonaeus (Obs. cap. XV.) ; zu der letztern Art gehört wahr- 
scheinlich der von Zacutus (Prax. adm. lib. 1) erwähnte Fall, 
wo alle Monate ein 4 — 5 Unzen betragender Blutfluss aus 
den Augenwinkeln erfolgte , und zwar ohne allen Schmerz, 
Jucken oder Röthung des Auges. Oder die Blutung begleitet 
3) scorbutische Uebel , wie ich dies zweimal bei Kindern zu 
beobachten Gelegenheit hatte, welche mit Blutfleckenkrank- 
heit behaftet waren, und gleichzeitig ein venöses Blut aus 
Nase, Zahnfleisch, Augen und Ohren ergossen, aber dennoch 
am Leben erhalten wurden. Die Blutung aus den Augen kam 
wenigstens zum grossen Theil durch die Schleimhaut und die 
Carunkel zu Stande; ob die Thränendriisenabsondernng da- 
bei Antheil hatte , wage ich nicht zu bestimmen. Endlich 
kommt 4) blutige Absonderung bei heftigen blennorrhischeii 
Augenentzündungen vor, da überhaupt, wie ich schon in dem 
Art. Blennorrhoea anführte, Blut- und Schleimabsonderung 
in sehr naher Verwandtschaft stehen. 

Das Blutweinen ist bisweilen ohne andere Leiden , andere 
Male aber geht ihm Schwindel , Benommenseyn und Schwere 
des Kopfes voran, oder es ist mit umregelmässigem Blutumlaufe 



Blutweinen — Bolus arraena. 81 

oder Cachexien und den dazu gehörigen Beschwerden ge- 
paart. Blutungen nach Verwundungen gehören nicht hierher. 
— Die Ursachen gehen aus der gegebenen Beschreibung der 
Krankheiten hervor, bei der idiopathischen scheint eine Er- 
schlaffung der Gefässe der Thränencarunkel oder eine eigen- 
tümliche Neigung zu Blutungen ( Idiosyncrasia hämor- 
rhagica Kühl) zum Grunde zu liegen. — Für das Auge dürfte 
von der Blutung an sich nicht viel zu fürchten seyn. Die 
Behandlung ist durch die Ursachen bestimmt, die idiopathi- 
sche gebietet kräftigende und zusammenziehende Augenwasser 
mit Alaun, weissem Vitriol, göttlichem Stein u. s. w. , oder 
gelind gewürzhafte Aufgüsse von Thymus Serpyilum, Sal- 
via u. s. w. mit etwas rothem Wein oder Kamphergeist. 

Rds. 
BUPHTHALMUS, Buphthalmia, von ßovg Ochse, und 
ocpd-a?.(.iog , das Ochsenauge, Elephantenauge. 
Man verstellt darunter eine so beträchtliche Anschwellung des 
Augapfels, dass er von den Lidern nicht bedeckt werden 
kann , sondern sich zwischen ihnen hervordrängt. Die da- 
durch entstehende Entblössung vermehrt den an sich gereiz- 
ten Zustand des Augapfels noch mehr, und giebt nicht selten 
zu Entzündungen, Verschwörung , Trübung der Hornhaut 
u. s. w. Veranlassung. Nicht zu verwechseln ist dieser Zu- 
stand mit Ophthalmoptosis , Au gapfei Vorfall. Die Ursa- 
chen der Auftreibung und des Ilervortretens des Apfels sind 
verschieden, am gewöhnlichsten Eiterung oder Wassersucht, 
seltener Cirsophthalmie und fungöse Entartung. Die Vor- 
hersage ist in Bezug auf Erhaltung des Sehvermögens 
meistens ungünstig, oft kann aber auch nicht einmal der 
Apfel erhalten werden, ja bisweilen ist sogar das Leben ge- 
fährdet. Die Behandlung ist nach den Ursachen einzu- 
richten , daher auch hier etwas Specielles nicht anzugeben, 
sondern auf die Artikel Cirsophthalmia , Fungus oculi, Hy- 
drophthalmusj Ophthalmitis zu verweisen ist. Rds. 

BOLUS ARMENA, s. rubra, arm enischer oder rother 
Bolus, ein Mineral, welches aus Thonerde, Kieselerde, 
Magniumoxyd und Eisenoker besteht, und Säure absorbirende 
und adstringirende Eigenschaften besitzt. In der Chirurgie 
wendet man ihn bei habituellen Mutterblutflüssen, chroni- 
schem weissen Fluss und Nachtripper innerlich, jedoch nicht 
Handwörterb. d. Ch. II. ß 



82 Bougie. 



b' 



hänfig an ; äusserlich wird er öfter gebraucht gegen Nasen- 
bluten als Schnupfpulver, gegen Hornhautflecke, Pannus, 
Blennorrhöen der Augenlider. 

B/. Boli armenae B/. Boli armenae 
Aluminis rupei ^ §ß- Crem, tartari 
Sanguinis dracon. 5ü- Sacch. cryst. j^. 3i- 
Colcothar. vitriol. §i. Lapid .div. c. aerug par. $\\. 
M. f. pulv. subtiiiss. S. Prisen- M. f. pulv. tenuiss. S. Zum Ein- 
weise in die Nase zu ziehen. blasen ins Auge. Gegen Pan- 
Gegen heftiges Nasenbluten. nus von chronischen catarrha- 
Griffith. lischen Augenentzündungen. 

Fr. Jäger. 

w. 

BOUGIE, Kerze, Wachskerze, Wachsstock, 
Cereolus, Specilluin cerewni, Candela cerea, wird ein 
dünnes, längliches, cylindrisches , ehemals meist aus einer 
Mischung von Wachs oder Pflaster gefertigtes Instrument ge- 
nannt, dessen man sich besonders zur Erweiterung vereng- 
ter Canäle bedient. Die Länge und Stärke der Bougies rich- 
tet sich nach den Organen und Krankheiten, bei welchen sie 
angewendet werden. Für die Harnröhre werden sie gewöhn- 
lich 10 Pariser Zoll lang und von 1 Linie im Durchmesser bis 
zu 4 Linien stark cylindrisch mit abgerundeter Spitze — neu- 
erlichst von Du camp eine besondere Art. derselben bau- 
chig (b. ä venire) — verfertigt. Von anderen Dimensio- 
nen sind die Bougies für den Nasencanal, die Speiseröhre, 
den Mastdarm , die Scheide u. s. w. Man theilt die Bougies 
in einfache ( cereoli sitnplices) und zusammenge- 
setzte (c. compositi) ein. Die einfachen Bougies bestehen 
entweder aus einem Stücke Wachsstock ( candela cerea ), 
dessen man sich jetzt wohl nur im Nothfalle noch bedient; 
oder aus einfacher Pflastermasse ( cereoli simplices) , deren 
Anfertigung in den verschiedenen Pharmacopöen verschieden 
angegeben wird , oder aus Darmsaite (cereoli ex intestinis 
parat i s. chordae) , die am meisten zu empfehlen sind ; oder 
aus einer durch Schwefeläther bewirkten Auflösung von 
Cautchouc, womit ein Geflecht von Seide überzogen ist, wel- 
che meist hohl sind und elastische Bougies (c. elastici s. 
flejciles) genannt wei'den ; oder aus Bleidrath (e. plutnbei), 
welche vorzugsweise bei Verengerung des Nasencanals an- 
gewendet werden. Die aus Pergament verfertigten Bougies 



Bougie. 83 

sind nicht mehr üblich. Die zusammengesetzten Bougies 
sind entweder arzneiliche Bougies (c. medicati}, welche 
bald aus krampfstillenden , beruhigenden Mitteln, z. B. Ex- 
tract. hyoscyami , opü , belladonnae , salnrni, bald aus 
beizenden und zerstörenden Mitteln, z. B. Hydrarg yrus per- 
chlor ai us , ammoniato-muriaiicus, Kall causticum be- 
reitet wurden , jetzt aber selten in Gebrauch gezogen wer- 
den ; oder armirte, caustische Bougies (c. armali, caustici), 
welche eigentlich nur Träger von Aetzmitteln , namentlich 
von Höllenstein und Äetzkali sind. In die Mitte der Bougie 
machte man (J. Hunter, E. Home, Whately, Ar- 
nott) nämlich eine kleine Vertiefung und drückte ein 
Stückchen Höllenstein oder Äetzkali hinein. In neuerer Zeit 
hat vorzüglich Du camp ein besonderes Instrument, Bou- 
gieträger (conducior}, erfunden, welches aus einer elasti- 
schen Röhre besteht , an deren Ende eine Vorrichtung von 
Piatina zur Aufnahme von Höllenstein angebracht ist, wo- 
durch man das Aetzmittel, ohne die Wandungen der Harn- 
röhre zu verletzen, an den zuvor abgemessenen Ort der Ver- 
engerung bringen , daselbst hervorschieben und auf die Ver- 
engerung selbst einwirken lassen kann. 

Die Wirkung der einfachen Bougies ist mechanisch aus- 
dehnend, wodurch aber zugleich ein dynamischer Reiz auf die 
Wandungen hervorgerufen wird ; daher sehen wir zuerst eine 
vermehrte Schleimabsonderung entstehen. Durch den Druck 
sowohl als durch den Reiz wird aber die Aufsaugung beför- 
dert, Verhärtungen, Verengerungen, Wucherungen geho- 
ben. Sie werden daher vorzüglich angewendet bei mecha- 
nischen Hindernissen in Canälen, bei Verengerungen, krampf- 
hafter oder organischer Natur, Auswüchsen, Varicositäten, 
ferner um einen Beiz auf die Schleimhaut des Canals hervor- 
zurufen. Wenn man eine Bougie in einen Canal einführen 
will, so muss man denselben zuvörderst gehörig reinigen 
durch Einspritzungen oder durch Einführung dünnerer Bou- 
gies, hierauf beölt man die Bougie und sucht ihr die Tem- 
peratur des Körpers zu geben. Ueber die Art und Weise 
der Einführung der Bougies in die verschiedenen Canäle des 
Körpers wird in den verschiedenen diese Operation betref- 
fenden Artikeln das Nähere gesagt werden. 

Literatur: Jon. F. Th. Hager, Geschichte der Kerzen und 

6* 



84 Brand. 

ihres Gebrauches in der Wundarzneikunde. A. d. Lat. dessen. 
1796. — T. Du camp, Ueber Harnverhaltungen, w. d. Veren- 
gerung der Harnröhre verursacht werden, u. v. d. Mitteln, durch 
welche man die Obstruction dieses Canals zerstören kann. A. 
d. Franz. Mit 4 Kupfertafeln. Leipzig. 1823. fjr 

BRAND, Gangraena (von yQocivco, ich verzehre), h ei s- 
s er Brand, Sphacelus (von GcpcctTOi, ich tödte) , kalter 
Brand, Mortificatio, Sideratio, Necrosis, auch Caries. Man 
versteht unter Brand im Allgemeinen das vollkommene oder 
unvollkommene Absterben eines mit dem Organismus verbun- 
denen Theiles , und dessen Neigung zur chemischen Zer- 
setzung. Wenn ein organischer Theil seine Empfindung, 
Bewegung und natürliche Wärme allmählig verliert , wenn er 
seine Function nicht mehr verrichten kann , und eine dunkle, 
blaue, braune oder schwarze Farbe annimmt, so hat sich in 
diesem Theiie der Brand, der örtliche Tod, entwickelt. 
Das Wesen des Brandes ist also örtliche Verminderung und 
endliches Erlöschen der Lebensthätigkeit eines organischen 
Theiles, Lähmung der Capillargefässnerven , Stockung, Ge- 
rinnung und Zersetzung der flüssigen Theiie und Zerstörung 
der Organisation. Die ihres Lebens beraubten weichen Theiie 
kehren unter die Herrschaft der physischen Gesetze und che- 
mischen Verwandtschaften zurück; sie verlieren ihre selbst- 
ständige Temperatur und fallen der Fäulniss anheiin. Die 
Fäulniss ist jedoch dem Brande nicht wesentlich, noch we- 
niger mit ihm identisch, indem sie zuweilen nicht, zuweilen 
sehr spät eintritt und von zufälligen inneren und äusseren Ur- 
sachen , z. B. vom Baue des Organs , Ansammlung von Blut, 
Serum , Eiter im Gewebe , von der Wärme der atmosphäri- 
schen Luft u. s. w. abliängt. — 

I. Symptome des entzündlichen Brandes. 

1) Stadium, prodromorum* Die Entzündung ist sehr 
heftig und hat schnell ihre Höhe erreicht; Schmerz und Hitze 
sind unerträglich, brennend, spannend, stechend; die Röthe 
wird dunkel, purpurfarben, manchmal grüngelb, violett, 
oft wie bei Ecchymosen ; die Geschwulst sehr hart und ge- 
spannt; die Function des Theiles bedeutend gestört und das 
Fieber heftig und synochal. Es fehlen die Zeichen der be- 
ginnenden Eiterung. Die Dauer dieses Stadiums ist ver- 



Brand. 85 

schieden, im Allgemeinen bei asthenischer Entzündung 
kürzer. — 

2) Stadium gangraenosum, Gangraena 3 beginnen- 
der oder heisser Brand. Die Entzündungssymptome Tas- 
sen mehr oder weniger an Heftigkeit nach und gehen allmählig 
in jene des Brandes über. Der Sehmerz nimmt ab, aber nicht 
immer plötzlich, ist mehr drückend, dumpf, die Geschwulst 
nicht mehr so gespannt und hart, sondern weich, teigig und 
nachgiebig, ödematös, aber etwas grösser und nicht selten 
runzelt sich die Haut in ihrem Umfange; die hohe Röthe wird 
dunkler, bläulich, schmuzig braun und verbreiteter, und 
die Wärme vermindert sich mehr. Die Oberhaut erhebt sich 
schon jetzt nicht selten in Blasen , die mit einer klaren oder 
röthlichen oder bläulichen Flüssigkeit gefüllt sind» Die 
Function des Theiles ist noch mehr gestört; das bisher ent- 
zündliche Fieber wandelt sich in Synochus um, der Puls ist 
schneller, weniger voll und stark, der Urin noch röthlich 
und trüb. Bei asthenischer Entzündung ist die Röthe noch 
dunkler und auch die Dauer dieses Stadiums kürzer. Beim 
fortschreitenden Brande verbreitet sieh die durch die Imbibi- 
tion der Brandjauche bedingte Entzündung rasch weiter , der 
Theil schwillt bald , die Haut wird gelblich und bläulich und 
es tritt das folgende Stadium plötzlich ein. — 

3) Stadium sphacelosum, Sphacelus, vollkom- 
mener, wahrer oder kalter Brand. Die Symptome 
zeigen im Allgemeinen das Gegentheil der Entzündung. Der 
drückende und dumpfe Schmerz des vorigen Stadiums geht in 
ein Gefühl von Kriebeln, Einschlafen, Taubheit, bleierner 
Schwere über und hört endlich und oft plötzlich ganz auf; 
das Gefühl und die Wärme verlieren sich allmählig, so dass 
endlich die Berührung, Stechen und Schneiden nicht em- 
pfunden werden und der Theil cadaverös kalt ist. Die dunkle 
Röthe wird noch missfarbiger, bläulich, marmorirt, mit er- 
weiterten Venen durchzogen, aschgrau, matt, schwärzlich 
und endlich ganz schwarz. Beim Brande asthenischer Ent- 
zündungen wird der brandige Theil manchmal blass, schmu- 
zigweiss, z. B. beim Wasserkrebs. Der sphacelöse Theil 
schwillt auch mehr auf, ist welk , teigig , weich , breiig an- 
zufühlen , beim Druck entsteht nicht selten ein knisterndes 
Geräusch (Emphysema gangraenosum), die Oberhaut er- 



86 _ Brand. 

hebt sich in hohe, rundliche, anfangs einzeln stehende, bald 
aber zusammenfliessende Blasen (Brandblasen), welche ein 
schmuziggelbes oder graues, grünliches, röthliches , bluti- 
ges, scharfes Wasser enthalten und spät bersten; die unter- 
liegende Haut ist braunroth , sammtartig , weich , breiig (er- 
weicht) , später grau , bleifarben , unempfindlich und durch 
Druck leicht zerstörbar. Beim Brand einer Schleimhaut oder 
eiternden Stelle werden die Schleimzotten oder die Granula- 
tionen schlaff , livid , bläulich , grünlich , grauschwarz, mit 
einem dunkelrothen oder schmuziggelben oder weisslichen 
Schleim bedeckt. Der Eiter und der Schleim sind dünn, 
grünlich, röthlich, bläulich, schwärzlich, scharf und sehr 
übelriechend, zuweilen blutig, und nicht selten entstehen 
aus den eiternden Flächen wiederkehrende paralytische Blu- 
tungen, wobei ein dünnes, aufgelöstes, stinkendes Blut aus- 
geleert wird. Der brandige Theil zerfliesst in Jauche , mit 
der alle Gewebe infiltrirt sind ; sie dringt aus allen Zwischen- 
räumen ; es lösen sich einzelne Fetzen Haut , Zellgewebe, 
Sehnenscheiden, Muskeln, Gelenkbänder, Schleimhäute los; 
es entwickelt sicli ein specifischer, scharfer, ammoniacalisch- 
faulig stinkender Geruch, der von dem bei Eiterung oder bei 
der Fäulniss todter Theile verschieden und eine Verbindung 
beider ist, und von der Verflüchtigung des Brandgäses, von 
gekohltem und gephosphortem Wasserstoff- und hydrothion- 
saurem Gas mit einer eigenthümlichen thierischen Beimi- 
schung entsteht. Er ist manchmal so scharf , dass er Bren- 
nen auf der äusseren Haut der Umstehenden veranlasst. Wür- 
mer erzeugen sich nie. Der Eintritt der von freien Stücken 
entstehenden Zersetzung ist übrigens keine nothwendige Wir- 
kung des Sphacelus, sondern hängt vorzüglich vom Bau des 
Theiles , seinem Säftereiclithum und der durch die Entzün- 
dung erfolgten Auflockerung der Theile ab. — In der Nach- 
barschaft des sphacelösen Theiles findet noch Gangrän und 
weiter von dieser Entzündung statt. Die Umgegend ist da- 
her heiss, sehr gespannt und geschwollen oder ödematös, 
braunroth und die Venen und Lymphgefässe können als ge- 
schwollene und schmerzhafte Stränge gefühlt werden. Wenn 
die Umgegend bald dieselben Symptome der Gangrän und des 
Sphacelus zeigt, so heisst man den Brand fortschreitend, was 
in manchen Fällen ausserordentlich schnell erfolgt. — Den 



Brand. 87 

Sphacelus innerer Organe erkennt man aus dem plötzlichen 
Aufhören der heftigen Schmerzen und anderer Zufälle der 
Entzündung, aus dem scheinbaren Wohlbefinden des Kran- 
ken bei einem sehr kleinen , ungleichen Pulse und der gröss- 
ten Schwäche, überhaupt aus den constitutionellen Sympto- 
men; höchst selten ist äusserlich ein schwarzer Fleck zu sehen. 
Mit dem Anfange dieses Stadiums tritt auch bei einiger 
Ausdehnung des Brandes eine bedeutende Veränderung der 
allgemeinen Symptome ein , so dass diese den localen voll- 
kommen entsprechen. Höcht selten behält das Fieber den 
ursprünglich entzündlichen oder bei asthenischen Entzündun- 
gen den catarrhalisch - rheumatischen oder gastrisch - galli- 
gen Character, sondern es verwandelt sich durch die Auf- 
nahme der Brandjauche in das Blut mehr oder weniger bald in 
ein nervöses Faulfieber (febris nervosa -putrida) mit Pro- 
stration der Kräfte und Säfteentmischung, oder es werden die 
oben genannten Cardinalfieber nervös , namentlich kommt zu 
den Verletzungen im Felde nicht selten ein sehr bösartiges 
nervöses Gallenfieber. Es tritt plötzliche Kälte und Frost 
ein, der Puls wird immer schneller (120 — 130), kleiner, 
weicher, schwächer, fadenförmig, zitternd und aussetzend, 
die Respiration ebenfalls schwächer, erschwerter, röchelnd 
und geht zuletzt nur durch die Hals- und Bauchmuskeln vor 
sich; die anfangs noch heisse und trockne Haut des übrigen 
Körpers wird bald ebenfalls kalt, selbst marmor- und lei- 
chenkalt und mit klebrigem Schweisse bedeckt, das Gesicht 
blass, erdfahl, eingefallen und eigenthümlich verändert, der 
Blick ist nämlich ängstlich, zerstreut, die Augen matt, 
glanzlos, gelblich, das Aussehen wild oder leichenartig. Die 
Lippen, Zähne und Zunge sind trocken und schwärzlich be- 
legt; der Kranke hat sehr grossen Durst, keinen Appetit, 
Druck im Magen, Neigung zum Erbrechen, wirkliches Er- 
brechen und heftiges Schluchsen; dazu gesellen sich bald 
Meteorismus, äusserst übelriechende wässerige Stuhlauslee- 
rungen, dunkelrother oder bläulich - schwärzlicher Urin, 
grosse Unruhe, Schlaflosigkeit, Angst und eine grosse und 
stets zunehmende Schwäche. Der Kranke sinkt daher im 
Bette herunter, die Hände zittern, die Arme können kaum 
erhoben werden , bei der geringsten Anstrengung und selbst 
beim Aufsitzen erfolgt Ohnmacht, die Augenlider fallen herab, 



88 Brand. 

die Augen stellen mehr hervor, der Unterkiefer hängt herab, 
Gehör, Gesicht, Stimme und Athmen sind schwach; der 
Lungenauswurf stockt und rasselt, das Schlingen ist er- 
schwert, es tritt Harnverhaltung und unwillkürlicher Urin- 
nnd Kothabgang ein. Endlich erscheinen noch Sehnenhü- 
pfen, Flockenlesen, Zuckungen, stille Delirien, Ohrensausen, 
Sopor und die Zeichen der allgemeinen Säfteentmischung, 
als stinkender, kalter Athem, aashaft stinkende Stühle, auf- 
gelöster dunkler, bald in Fäulniss übergehender Urin, Pe- 
techien, Blutungen aus der Nase, dem Zahnfleische, der 
Scheide u. s. w. So wie in manchen Fällen die örtlichen, so 
sind in andern die allgemeinen Symptome von scheinbarer und 
täuschender Geringfügigkeit; so kann z. B. beim traumati- 
schen fortschreitenden Brande der Puls wenig beschleunigt, 
das Aussehen nicht entstellt, der Durst gering und der Kopf 
frei sevn, und auf einmal treten Delirien, Unruhe, schnel- 
ler Puls u. s. w. auf. — Nicht selten sind die Symptome des 
Sphacelus mit denen der Eiterung, besonders der Eiteran- 
sammlung in Sehnenscheiden , Gelenken , Venen und ande- 
ren serösen Häuten verbunden, was sich vorzüglich durch 
jene Modifikation des Eiterungsfiebers beurkundet, welche 
man fälschlich Febris intermittens traumatica perniciosa 
nannte und welches sich durch unregelmässig sich wieder- 
holende und sehr heftige Frost- und Schweissparoxysmen 
auszeichnet. 

II. Symptome des nicht entzündlichen 
Brandes. 

a) Trockner. Die Vorboten bestehen manchmal in 
einem Gefühle von Ameisenkriechen , Schwere und Taubheit 
im Theile. Das gangränöse und sphacelöse Stadium lassen 
sich hier weniger deutlich unterscheiden. Gefühl und Wärme 
vermindern sich oder gehen plötzlich verloren, der Theil 
wird kalt, welk, blass, selten leichenartig oder weiss, mei- 
stens missfarbig, aschgrau, bleifarbig, schwärzlich, sinkt 
ein, schrumpft zusammen und trocknet in eine dem dürren 
Leder ähnliche Masse ein, wobei der Theil schwindet und 
der Gestank fehlt. Er ist also meistens ein trockner Brand 
mit schwärzlichem, doch zuweilen auch gelblich -weissem 
Brandschorfe, erstreckt sich in der Regel nur langsam wei- 
ter und begrenzt sich nicht selten durch die sich secundär 



Brand. 89 

bildende Entzündung. Die constitutionellen Symptome sind 
oft sehr unbedeutend oder fehlen ganz ; bisweilen sind sie 
jedoch sehr heftig und haben den torpiden Character. Das 
Fieber ist mehr nervös, während es beim entzündlichen 
Brande mehr putrid ist. 

b) Feuchter. Er entsteht durch gänzlich aufgehobenen 
Kreislauf, besonders bei der Unterbindung von Aftergebilden 
oder ganzer Glieder oder Theile, z. B. des Penis. Der Theil 
wird bald kalt, taub, gefühllos, der Kranke hat anfangs das 
Gefühl von Kriebeln und Einschlafen, später von bleierner 
Schwere; der Theil schwillt ödematös und emphysematös an, 
die Haut bekommt bläuliche, bleifarbene oder violette Flecken 
und Streifen und wird endlich gleichmässig dunkel- oder 
schieferblau und schwärzlich ; es bilden sich Brandblasen ; 
die weiche und teigige Haut berstet endlich und man findet 
im Innern Alles in Verwesung. Dieser Brand begrenzt sich 
an der Stelle, wo das Hinderniss der Circulation stattfindet, 
manchmal etwas weiter oben. Das Fieber ist im höhern 
Grade faulig - nervös. 

Jeder organisirte und mit dem lebenden Ganzen noch im 
Zusammenhange stehende Theil des Körpers kann brandig 
werden. Eine besondere Anlage zum Brande liegt in all- 
gemeiner Schwäche des Körpers, z. B. bei Neugebornen und 
bei Greisen, in geringer Vitalität eines Theiles und in einer 
feinen Organisation ; daher kommt der Brand am häufigsten im 
freien Zellgewebe , in membranösen Häuten, in Sehnen und 
Knochen, in vom Herzen entfernten Theilen, z. B. an den 
Fusszehen , in der feinen und gefässreichen Haut der Augen- 
lider und des Hodensackes vor. Gelegenheits Ursa- 
chen sind: a) mechanische , als Druck durch Aufliegen und 
festen Verband, Aufhebung des Kreislaufes durch Druck auf 
die Blutgefässe und Unterbindung derselben, Herzkrankhei- 
ten , Dehnung , Zerrung und Quetschung der weichen Theile, 
wodurch die Organisation zerstört , die Capillargefässe und 
ihre Nerven gelähmt werden und das Blut stockt, b) Dyna- 
mische, als 1) Entzündungen, entweder sehr heftige , phleg- 
monöse, oder bösartige, nervöse, gangränöse; 2) Gifte, ve- 
getabilische sowohl als animalische, z. B. Blausäure, Bella- 
donna, Mutterkorn in schlecht gegohrenem Brode, Schlan- 
gengift, Miasmen und Contagien; verdorbene Luft, schlechte 



90 Brand. 

Ausdünstungen in überfüllten Krankenzimmern , Kotz-, Ty- 
phus-, Pest- und gelbe Fieber- Contagium, Cadaver- und 
Brandjauche ; 3) physische und chemische Schädlichkeiten, 
als Kälte — Brand von Erfrierung' , wobei zu bemerken , dass 
sehr kalte Fomentationen nach Operationen mit starkem Blut- 
verluste oder vorausgegangener starker Eiterung, zuweilen 
Brand der sehnigen oder dünnen Hautpartien verursachen 
— ; Hitze — Brand von Verbrennung — ; scharfe thierische 
Flüssigkeiten, als Urin, Galle, Roth , Blut, Eiter, Serum; 
ätzende Substanzen, als concentrirte Säuren, Kalk, Phos- 
phor, Höllenstein, Aetzkali, Sublimat, Arsenik, Metall- 
dämpfe. Die Wirkung dieser Schädlichkeiten ist nach dem 
Grade der Einwirkung verschieden , daher entsteht bald blos 
Reizung und Entzündung, bald augenblicklich Brand ; 4) psy- 
chische Schädlichkeiten, als Aerger, Zorn, Schreck, Furcht, 
wodurch Abscesse und Geschwüre schnell brandig werden 
können. 

Obgleich die Mehrzahl dieser Gelegenheitsursachen rei- 
zend auf das Gefäss- und Nervensystem einwirkt, und da- 
durch mehr oder weniger Entzündung verursacht, die dann 
häufig in Brand endet, so ist dennoch nicht, wie viele Schrift- 
steller annehmen, der Brand stets und blos die Folge von 
Entzündung, so z. B. nach Einwirkung vegetabilischer Gifte, 
deprimirender Leidenschaften, bei Umänderung des Blutes 
durch Miasmen und Contagien u. s. w. Jedoch gehören diese 
Fälle zu den seltenern und im Allgemeinen ist es wohl am 
zweckmässigsten den Brand als Ausgang der Entzündung ab- 
zuhandeln. 

Man theilt den Brand ein: A) nach den Ursachen, 
in 1) örtlichen oder idiopathischen Brand, dahin gehören 
der Brand nach einer phlegmonösen Entzündung; nach trau- 
matischen Verletzungen ; von Frost ; von Verbrennimg und 
Aetzung (caulerisatio); in 2) constitutionellen oder sym- 
pathischen Brand, hierher gehören der symptomatische Brand 
bösartiger Entzündungen und Fieber, z. B. die brandige 
Halsbräune; der kritische Brand; der metastatische; der 
miasmatische, der contagiöse ; der Hospitalbrand ; der Brand 
nachScorbut; der Brand der Neugebornen; der Wasserkrebs ; 
der Brand von Mutterkorn; in 3) entzündlichen oder secun- 
dären Brand (Sphacelus irrilatimis) , der durch eine mehr 



Brand. 91 

oder weniger deutlich vorausgegangene Entzündung bedingt 
ist und ein Gemisch von Entzündungs- und Brandsymptomen 
darstellt, und der häufigste ist; in 4) den nicht entzündli- 
chen oder primär trocknen Brand (Sphacelus adynamicus), 
welcher ohne Entzündung entsteht, die sich nur zuweilen als 
Heilbestreben der Natur dazug^sellt, z. B. nach Vergiftung, 
Aetzung u. s. w. — B) nach den befallenen Ti ien, in 
1) den Brand der weichen Theile (Gangraena et Sphacehis) ; 
in 2) den Brand der Knochen (JYecrosis, Osteonecrosis.) — 
C) nach dem Grade der Ausbildung, in 1) den heissen , un- 
vollkommenen oder beginnenden Brand (Gangraena y Gan- 
graenescenthi) , welches der höchste Grad der Entzündung 
weicher Theile ist , wo das Absterben beginnt , aber noch Le- 
ben , Gefäss- und Nerventhätigkeit im Theile vorhanden ist, 
das Blut noch in den grössern Gefässen circulirt , die Nerven 
ihre Sensibilität nicht ganz verloren haben, und somit die 
Wiederherstellung noch möglich ist. Die Gangraenesceu- 
tia ist als der erste Anfang, als der niedrigste Grad der Gan- 
grän häutiger Gewebe zu betrachten ; in 2) den kalten , voll- 
kommenen oder wahren Brand (Sphacelus), welcher ein voll- 
kommenes Abgestorbenseyn der weichen Theile ist. Der 
Kreislauf hat in den weichen Theilen ganz aufgehört, die 
Nerven haben ihre Sensibilität verloren, die Lebenskräfte 
sind erloschen und es findet keine Möglichkeit der Wieder- 
herstellung statt. Dieser Zustand kann auch ohne Gangrän 
eintreten, z. B. bei Aetzung , Verbrennung , beim Brande der 
Greise. Uebrigens werden beide Begriffe Gangraena und 
Sphacelus von den verschiedenen Schriftstellern sehr ver- 
schieden gebraucht. — D) nach den verschiedenen Sympto- 
men, in 1) feuchten Brand {Gangraena et Sphacelus hu- 
midus ) , wobei der brandige Theil mit verdorbenen Säften, 
Blut, Eiter, Serum, abgestorbenem Zellgewebe, Muskeln, 
Membranen, infiltrirt ist, in Brandjauche zerfliesst und in 
eine faulige Auflösung übergeht. Eine Abart dieses Bran- 
des ist die Gangraena emphysematosa , wo sich Luft im 
brandigen Theile entwickelt. Meistens ist der entzündliche 
Brand ein feuchter; in 2) trocknen Brand (Gangraena et 
Sphacelus siccus, Mumificatio), die Theile werden hierbei 
nicht aufgelockert und saftvoll, sondern schrumpfen und 
trocknen mumienartig ein, werden aschgrau , schwarz (An- 



92 Brand. 

thraconecrosis) , selten todtenblass (Leuconecrosis) , und 
verwesen und vermodern langsam. Gewöhnlich ist nur der 
Sphacelus trocken. — E) nach der Verbreitung, in 1) den 
oberflächlichen Brand, wohin der Brand der Haut, der Ge- 
schwüre gehört ; ist er zugleich trocken, so nennt man ihn 
Brandschorf (Eschara) ; in 2) den tiefen Brand , wenn er 
sich in die Muskeln oder die Substanz eines Eingeweides er- 
streckt. Von Einigen wird dieser Brand , wenn er zugleich 
trocken ist, Necrosis genannt; in 3) den stellenden Brand 
( fijnis ) , wenn er nicht weiter fortschreitet ; in 4) den fort- 
schreitenden Brand (progredient), wohin vorzüglich der trau- 
matische gehört, der sich fast immer sehr schnell verbreitet. 
Im Allgemeinen ist der Brand nicht ansteckend ; die auf 
Andere übertragene Brandjauche wirkt nur miasmatisch und 
verursacht wohl Entzündung der Haut, des Zellgewebes 
u. s. w. , aber nicht den Brand. Nur der Hospitalbrand und 
die Putrescenz der Gebärmutter erzeugen ein fixes, selten ein 
flüchtiges Contagium. — Was das Fortschreiten oder die 
Weiterverbreitung des Brandes (die Selbstansteckung) be- 
trifft, so ist man sehr getheilter Meinung, besonders in Be- 
zug auf die Aufsaugung der Brandjauche. Es ist wolil mehr 
als wahrscheinlich, dass die Weiterverbreitung der Brand- 
jauche nicht durch die vitale Resorption der Lymphgefässe 
und Venen, sondern allein durch die sogenannte unorgani- 
sche Resorption , d. h. durch die Imbibition aller Gewebe, 
also auch der Venen und Lymphgefässe in den todten und le- 
bendigen Theilen mit Brandjauche und Gas mittels der un- 
sichtbaren Porosität (Endosmose) erfolgt. Die auf diese 
Art in die Lymph- und Capillargefä'sse aufgenommene Jauche 
kommt in die Aeste der Lymphgefässe und Venen , sowie 
durch die fortschreitende Imbibition in das Zellgewebe unter 
die Haut und längs der Gefässe. Die Anschwellung der 
Lymphgefässe und der nächsten Lymphdrüsen , das Emphy- 
sem des Zellgewebes und die Gegenwart von Jauche in den 
grossem Venen lassen über die Weiterverbreitung durch die 
unorganische Resorption keinen Zweifel mehr walten. Dass 
bei massiger Imbibition des Zellgewebes mit Jauche oder Gas 
mit Erfolg, ohne Recidive des Brandes, amputirt werden 
könne, zeigen die Erfahrungen von Larrey, L a n g e n b e c k 
u. A. Das in geringer Quantität zurückgebliebene Miasma 



Brand. 93 

wird durch die Reaction des Körpers , durch die der Opera- 
tion folgende kraftige Entzündung besiegt. Ist aber alles 
Zellgewebe infiltrirt, so ist das Blut vergiftet, es übt den 
normalen Reiz auf die Organe , besonders auf das Nervensy- 
stem nicht mehr ans , dieses wird gelähmt , der Organismus 
kann nicht reagiren und der Brand bricht wieder aus. — Ein- 
zelne Arten des Brandes kommen nur in gewissen Gegenden 
häufiger vor, z. B. die brandigen Mastdarmentzündungen in 
tropischen Ländern, der Wasserkrebs im nördlichen Europa 
und Amerika, die Pustida maligna in Hochasien und im 
Norden Europas. — Der Brand kann auch den Fötus befal- 
len, wie aus den Narben an den Stumpfen Neugeborner 
(C haussier, M. Jäger u. A.) und aus den Resten der 
Knochen an der Placenta deutlich hervorgeht ; auch hat man 
den Brand der Extremitäten sogleich bei der Geburt wahr- 
genommen. 

Der Brand entfaltet sich bald langsam, bald schnell, zu- 
weilen sogar in einigen Stunden, was von den Ursachen, von 
dem Orte und dem allgemeinen Kräftezustand abhängt. So 
verläuft der Brand innerer Theile, besonders der Schleim- 
häute, oft sehr rasch, namentlich wenn ihm eine asthenische 
Entzündung zum Grunde liegt; das Stadium der Vorboten ist 
meistens sehr kurz und das gangränöse Stadium geht un- 
merklich in das sphacelöse über. — Es ist ausserdem , na- 
mentlich bei Operationen , beim. Brande von Wichtigkeit die 
Tiefe und Verbreitung desselben unter der Haut zu bestim- 
men, was oft nicht leicht ist. Man berücksichtige dabei 
zuerst die Ursache und mache in zweifelhaften Fällen einen 
diagnostischen Einschnitt. — 

Die Ausgänge des Brandes sind: 1) Genesung, 
welche auf eine doppelte Weise erfolgen kann; a) durch Zer- 
theilung oder Eiterung der Entzündung im ersten und zwei- 
ten Stadium , wenn die Entzündung nicht zu heftig und nicht 
zu verbreitet ist. Die im Erlöschen begriffene Lebensthätig- 
keit erholt sich wieder, es entsteht eine active Entzündung, 
die dann meist in Eiterung oder Verschwärung übergeht; der 
Theil wird wieder wärmer, hellroth, gespannt, der Kranke 
empfindet wieder stechende Schmerzen und die Brandsym- 
ptome verschwinden. Bei Wunden und Geschwüren sah man 
die Zertheilung durch spontane Blutung erfolgen (Thom- 



94 Brand. 

son); ja sie -wurde sogar beider Gangraena senilis beob- 
achtet, wo die schwarze Haut sich wieder röthlich und weiss 
färbte. Häufiger ist aber die Heilung durch Eiterung, z. B. 
bei Decubitus, wo die dunkelblaue, violette und mit Bläschen 
bedeckte Haut in Verschwärung übergeht, b) Durch Ab- 
stossung des sphacelösen Theiles. Dieser Ausgang erfolgt 
am häufigsten beim Brand des Zellgewebes , der Knochen, der 
Haut nach Verbrennung, Erfrierung, Aufliegen, der Schleim- 
häute, z. B. bei Angina gangraenosa, Hemia incarcerata, 
am seltensten beim tiefen , namentlich traumatischen Brande 
eines grösseren Gliedes. Der Process , mittelst dessen die 
Natur den Brand begrenzt und das Abgestorbene abstösst , er- 
folgt durch eine neue Entzündnng, als örtliche Reaction ge- 
gen den als fremden Körper wirkenden abgestorbenen Theil. 
Die Entzündungss^mptome treten wieder mehr hervor ; die 
brandige blauschwarze Farbe des Theils, welche ohne scharfe 
Grenzen allmählig in die gesunde Hautfarbe überging, be- 
kommt im Verlauf eines oder zweier Tage eine scharf abge- 
schnittene Grenze ; im Umfange derselben bildet sich eine 
schmale blassrothe, selten hochrohte Entzündungslinie (De- 
maicationslinie) , die ein Product der eigenen wieder er- 
wachten Lebenskraft ist. Auf dem Entzündungshofe erhe- 
ben sich wallartig längliche und weissgelbe Blasen, unter de- 
nen Eiter ist, und indem sie sich öfFnen , geht die Entzün- 
dung in eine eiternde Spalte über, welche sich allmählig 
durch die Haut und das Zellgewebe, die Fascien und Muskeln, 
Nerven, Gefässe, Sehnen und Knochen erstreckt und wie 
eine eiternde Ampntationswunde verhält. Der Eiter ist an- 
fangs dünn und sparsam, besonders beim nicht entzündlichen 
Brande, wird aber mit der grösseren Tiefe der Spalte besser 
und häufiger. Die Gefässe und Sehnen widerstehen nebst 
den Knochen am längsten der verschwärenden Aufsaugung. 
Durch die den Brand und Abstossungsprocess begleitende 
Entzündimg verwachsen die Wände der Gefässe unter sich 
oder mit dem geronnenen Blute ; daher erfolgt bei ihrer Tren- 
nung in der Regel keine Blutung. Man hat aber auch die 
Blutgefässe unverwachsen und ohne Blutcoagulum gefunden, 
und da auch hier keine Blutung eingetreten ist , so hängt dies 
davon ab, weil das Blut von den abgestorbenen Theile nicht 
mehr angezogen wird. Kleine Gelenke fallen von selbst ab, 



Brand. 95 

bei grösseren mnss man gewöhnlich die stärksten Sehnen 
vollends mit der Scheere trennen. Gleichzeitig mit dem An- 
fange des Ahstossungsprocesses vermindert sich das Fieber 
und hört endlich ganz auf. 2) Ausgang in den Tod, 
dieser kann herbeigeführt werden: a) durch Aufhebung der 
Function eines Organs , das zum Leben nothwendig ist oder 
mit dem Nervensystem in einem bedeutenden Consens steht, 
b) Durch das Brandfieber; dies findet vorzüglich beim ver- 
breiteten Brande der äusseren Theile oder dort statt, wo das 
gastrisch -nervöse oder nervös - putride Fieber dem Brande 
vorausgeht, z. B. bei manchen Anthraxformen. c) Durch 
heftige Blutungen beim Abfallen des Brandschorfes ; dies ist 
im Allgemeinen selten der Fall. 

Die anatomischen Veränderungen brandiger 
Theile sind folgende : die äussere Haut ist missfarbig, dun- 
keln) th, grau oder bleifarbig; schwärzlich, weich und zer- 
reiblich oder hart, trocken und zusammengeschrumpft. — 
Das Zellgewebe ist weissgrau , bräunlich, grünlich, weich, 
leicht zu zerreissen und mit röthlicher, bräunlicher oder 
schwärzlicher Flüssigkeit und mit Luft gefüllt. — Die Mus- 
keln werden erweicht, schwammig, missfarbig, dunkel- oder 
braunroth, wenn sie nicht mit der Luft in Berührung sind 
und unter dem trocknen Brandschorfe liegen; ausserdem sind 
sie graulich, bläulich, schwärzlich und mit den Säften in 
eine stinkende, breiige, weinhefenähnliche Masse verwan- 
delt, aus der sich Gas entwickelt und beim Einschneiden eine 
schaumige, scharfe, ätzende, höchst stinkende Flüssigkeit 
fliesst. Beim trocknen Brande sind sie schwärzlich und trock- 
nen mumienartig ein, so dass sie wie geräuchertes Fleisch auf- 
bewahrt werden können. In den Sehnenscheiden ist eine 
dünne, scharfe, röthliche Jauche; später sind sie necrosirt 
und die entblössten Sehnen trocken , schwärzlich oder ganz 
schwarz. — Die entblössten Knochen sind bald weiss , bald 
schwarz, bald grünlich. — Die Nerven und Gefässe, beson- 
ders die Arterien bleiben lange, besonders wenn sie mit ihren 
Scheiden überzogen sind, unversehrt, sind sie aber davon 
entblösst, so werden sie bräunlich, gelblich, weich (eben 
so die Nerven) und allmählig getrennt, so dass Blutungen 
entstehen. Häufiger ist aber das Blut in den Arterien bis in 
das Gesunde geronnen , oder diese sind mit coagulirtem Fa- 



96 Brand. 

serstoff gefüllt oder verwachsen oder verengert. Nicht sel- 
ten sind die Arterien und Venen entfernt vom brandigen Theile 
verstopft. Wenn der Brand schnell fortschreitet, so findet 
weder Verstopfung durch Gerinnung des Blutes noch Ver- 
wachsung der Wände statt, die Arterien sind dann offen 
(Lawrence, M.Jäger). Die Capillargefässe enthalten 
immer nicht nur coagulirtes sondern auch zersetztes Blut. 
Das Blut selbst ist dunkler, flüssiger und oft mit Luftblasen 
vermischt. — Die serösen Häute sind matt , graulich , schie- 
ferblau, schwärzlich, weich, dehnbar und lösen sicli in Fetzen 
ab, selten sind sie trocken. Aehnlich verhalten sich die fi- 
brösen Häute. — Die Schleimhäute sind dunkelroth, bräun- 
lich, grünlich, bläulich oder schwarz, aufgelockert und 
weich, das Epithelium streift sich ab, die Schorfe sind gelb- 
lichweiss oder grau , selten schwärzlich. Bei asthenischen 
Schleimhautentzündungen wird das Secret erst zähe, klei- 
sterähnlich und hängt mit der Schleimhaut fest zusammen, 
endlich glutinös, pulpös und die ganze Schleimhaut erweicht, 
so dass sie in Fetzen abgeht oder dass das ganze Gewebe wie 
gekochtes Eiweiss aussieht und zerfällt, indem die Schleim- 
haut mit den angrenzenden Geweben ihre Organisation ver- 
liert und in eine homogene gallertartige Zellgewebsmasse um- 
gewandelt, in das niederste Gewebe zurückgebildet wird 
(Hospitalbrand). Die parenchymatösen und drüsigen Or- 
gane werden im Ganzen selten von dem eigentlichen Brande 
befallen, am häufigsten findet dies noch an den Leistendrü- 
sen (syphilitische und Pestbubonen) und in der Lunge statt. — 
Die Leichen der am Brand , besonders am traumatischen 
Verstorbenen gehen sehr bald in Fäulniss über; es entwi- 
ckelt sich oft schon 2 — 3 Stunden nach dem Tode ein über 
den ganzen Körper verbreitetes Emphysem. 

Die V o r h e r s a g u n g beim Brande ist im Allgemei- 
nen immer gefährlich, wenigstens für den befallenen Theil, 
und nur ausnahmsweise ist er manchmal heilsam, wenn durch 
ihn ein krankhaftes Product, z. B. die krebshafte Brust, ein 
Aneurysma cubliule oder femarale, zerstört wird oder wenn 
er kritisch ist , z, B. in der Pest. Das brandige Absteiben 
anderer Aftergebilde führt selten zur Heilung, indem sie nur 
oberflächlich zerstört werden, z. B. Polypen, Mark- und 
Blutschwämme. Die specielle Vorhersagung hängt von den 



Brand. 97 

Ursachen, von dem befallenen Organe, dem Stadium und 
Verlauf, von der Ausbreitang, von der Mitleidenschaft des 
Gesammtorganismus, von der Constitution, dem Alter des 
Kranken und endlich von den äusseren Verhältnissen ab; 

Bef der Behandlung sind folgende Anzeigen zu er- 
füllen: 1) den Brand zu verhüten; 2) sein Fortschreiten 
aufzuhalten und die Abstössung des Abgestorbenen zu befor- 
dern ; 3) unangenehmen und gefährlichen' Zufällen zu begeg- 
nen; 4) oder endlich das Abgestorbene zur Rettung des Kran- 
ken zu entfernen. Die erste Anzeige erfüllen wir zunächst 
durch Entfernung der Gelegenheitsursachen; wir suchen alle 
mechanische Schädlichkeiten , als Druck, fremde Körper z« 
entfernen, Einklemmungen zu heben u. s. w. , Miasmen, 
Contagien durch Brechmittel, Diaphoretica aus dem Körper zu 
schaffen u. s. w. , deletere Stolle durch kalte Umschläge, 
Aetz- und Brennmittel zu zerstöron. Die dem Brande vor- 
ausgehende und ihn begleitende Entzündung behandele man 
ihrem Character gemäss und suche sie zu zertheileri oder 
zur Eiterung zu bringen. Hat die Entzündung den activen 
Character, sind die Symptome heftig und ist das Fieber rein 
synochal, die Körperconstitution kräftig, so ist der antiphlo- 
gistische Apparat angezeigt ; doch sey man mit starken und 
wiederholten Aderlässen vorsichtig, und sehe mehr auf die 
Härte als die Völle und Schnelligkeit' des Pulses. Ausserdem 
ist die Anwendung von Blutegeln in der Nähe, -Von Scarifica- 
tionen des entzündeten Theiles , anhaltend kalte Umschläge 
von Wasser und Essig oder Bleiwasser, oder wenn diese nicht 
vertragen werden , laue Fomentationen , warme Umschläge 
mit Bleiwasser, die strengste Ridie des leidenden Theiles, in- 
nerlich Salpeter , Tamarinden j River'scher Trank , Glauber- 
salz, vegetabilische Säuren , kühlende Klystiere und antiphlo- 
gistische Diät angezeigt. — Ist hingegen die Entzündung asthe- 
nisch und hat das Fieber mehr den erethischen Character 
oder neigt es sich schon zum Synochus , ist der constitutiö- 
nelle Brand zu befürchten, so sind Blutentziehungen mit noch 
mehr Vorsicht und nur in kleinen Quantitäten anzuwenden; 
man verfahre örtlich kühlend, adstringirend und wende nach 
den etwa nöthigen Blutegeln oder Scarificationen kalte oder 
laue Fomentationen von Wasser und Essig, Salmiak, Blei- 
essig oder Cataplasmen an ; bei bedeutender örtlicher Atonie 
Haudwörterb. d. Ch. XI. 7 



98 Brand. 

verfahre man gelind reizend ; hier passen gährende Cataplas- 
men, Fomentationen von Flieder- oder Chamillen-Aufguss 
mit Essig oder Bleiwasser. Aromatische , spirituöse Fomen- 
tationen , Balsame und Harze sind hier schädlich. Innerlich 
gebe man River'schen Trank , Salmiak , Mineralsäuren, 
Minderer's Geist. Die Diät sey leicht nährend und nicht 
erhitzend ; eine besondere Berücksichtigung verdient der Zu- 
stand der Haut und des Darmcanals , daher Bäder , laue Wa- 
schungen mit Wasser und Essig, reine Wäsche, reine Luft, 
leicht eröffnende Mittel und Klystiere nicht zu vernachlässi- 
gen. China, Chinin, Opium, Campher, so wie A. Coo- 
p er 's Mittel zur Verhütung des Brandes, Abends zwei Gran 
Calomel und des Tages Liquor ammonii acetici mit einigen 
Tropfen Opiumtinctur, sind nicht zu empfehlen, meist schäd- 
lich. — Bei dem ohne Entzündung entstehenden Brande em- 
pfiehlt man Mittel , welche die Gefäss- und Nerventhätigkeit 
beleben, als trockne Wärme mittels Sand-, Kräuter-, Aschen-, 
Salzsäcken, Bäder, besonders thierische, Reibungen und Wa- 
schungen mit Spir. vin. camph. , Serpylli , Liniment, volat., 
reizende Fomentationen und Cataplasmen, innerlich Opium, 
Ammonium u. s. w. Diese Mittel sind aber nur heilsam , wo 
die allgemeine und örtliche Reaction ganz fehlt oder sehr ge- 
ring ist, z. B. beim schmerzlosen Brande der Alten; in an- 
deren Fällen z. B. bei Störung des Kreislaufes sind sie schäd- 
lich. — Bei der zweiten Anzeige sucht man die Natur zur 
Erregung einer neuen Entzündung, wodurch der Brand sich 
begrenzt, und das Abgestorbene getrennt und entfernt wird, 
durch innere und äussere Mittel zu unterstützen. Was die 
örtliche Behandlung betrifft, so mache man auf den sich noch 
im entzündlichen oder gangränösen Stadio befindenden INfach- 
bartheil, wo sich der Sphacelus begrenzen soll, massig kalte 
Fomentationen, wenn die Entzündung heftig ist und noch 
den synochalen Charakter hat, oder bei massiger Intensität 
derselben einfache warme Cataplasmen , um sie in Eiterung 
zu bringen. — Ist hingegen die Entzündung gering und von 
asthenischem Character, ist um den Brandschorf eine teigige, 
blassrothe oder li\ide Anschwellung zurückgeblieben , so sind 
die gelind reizenden Mittel angezeigt , als: warme Fomenta- 
tionen von Bleiwasser, Salmiaksolution , Flieder-, Chamil- 
len-Aufguss, Species aromat. , Herb, menth., rorismar., 



Brand. 99 

Arnicae mit oder ohne Essig, Wein, Campher- oder Ser- 
pyllengeist u. s. w. Die meisten andern empfohlenen Mittel 
sind zu reizend, statt den Stillstand des Brandes zu bewir^ 
ken , befördern sie sein Fortschreiten und passen daher nur 
beim gänzlichen Mangel von Entzündung oder bei dem sehr 
bösartigen Brande theils zur schnellen Zerstörung des Bran- 
digen , theils zur Ilervorrufung einer kräftigen Reaction und 
suppurativen Entzündung, z. B. bei Pustula maligna, An- 
thrax, Cancer aquaticus, Hospitalbrand u. s. w. Solche 
Mittel sind: Liniment, volat., Oleum terebinth. , petrae, 
Ung. camphor. , Fomentationen von Solutio acidi nitrici 
oder Calcar. oxymur. oder Arsenici, Bestreichen mit Kreo- 
sot, Senfteige, Vesicantien, Cauterisiren mit Acid. salis, 
nitricum, siilphuricum, Liq. ammon. caust. oder mit dem 
Gliiheisen. — Zur Verhütung des Ueberganges der Gan- 
grän in Sphacelus und zur Beförderung des Abstossungs- 
processes empfahl man früher tiefe Scarilicationen ; allein sie 
sind beim trocknen Brande ganz unnöthig; schädlich hinge- 
gen , wenn man sie im entzündeten und gangränösen Theile 
macht, weil sie zu gefährlichen Blutungen und zur Weiter- 
verbreitung des Brandes Veranlassung geben. Mit Vortheil 
werden sie dagegen angewendet zur Entfernung der Brand- 
jauche in den Brandblasen und im Zellgewebe unter der Haut, 
und des Eiters daselbst und in den Sehnenscheiden, des er- 
gossenen Urins und Kothes und des abgestorbenen Zellgewe- 
bes beim Pseudoerysipel, beim Brande der Glieder mit 
gleichzeitiger Eiterung besonders in den Sehnenscheiden, 
beim Carbunkel, bei eingeklemmten brandigen Brüchen, bei 
Harndepots u. s. w. L i sf r an c macht sie auch zur Entlee- 
rung des Brandgases und schlägt die gänzliche Entfernung des 
Brandschorfes vor, um die fauligen Ausdünstungen besser und 
schneller entweichen zu lassen. Zur Begrenzung des Bran- 
des legt derselbe eine Ligatur um das Glied. Eben so wurde 
früher das Brennen angewendet. — Um die Fäulniss der halb- 
abgestorbenen Theile, den üblen Geruch und die Aufsaugung 
der Brandjauche zu verhüten und die brandigen Theile wie- 
der zu beleben, sind eine Menge von Mitteln von älteren und 
neueren Aerzten angewendet worden, theils als Einstreupul- 
ver, theils als Fomentationen und Injectionen, theils als 

Salben, welche zum grössten Theil entbehrlich, zuweilen 

7 * 



IÖO Brand. 

aaehiheflig sind. Man beobachte die grösste Reinlichkeit 
and sorge vorzöglieb; für den Äbfin&s der Jauche durch la- 
fectionen von aromatischen Kräuteraufgussen; htim Brande 
der ScbLeimhäufe passen auch, Injeetlonen von Kalkwasser, 
Holzessig und Chlcrkalksolution.. Den brandigen Theil kann 
man durch kalte Fonientationen mit Salpeter and Essig vor 
gänzlicher Fäulniss bewahren; halb" oder ganz gelöste Par- 
tien der Haut, des Zellgewebes und der Sehnen entferne 
man vorsichtig 5 wegen des möglichen Zusammenhanges mit 
usierliegenden Arterien, mit Scheere oder Messer. Ein- 
tretende gute Eiterung behandelt man mit Cataplasmen und 
Abends trockner Charpie , bei geblechter briste man reizende 
Salben , als Uaguent« basllic. mit Tinet. myrrh., Laudan. 
oder Charpie mit Terpesllunol oder Solut» lapid. infern. ei 
Tinct* epii befeuchtet in die Bemarcationslime nnd mache 
noch ausserdem, aromatische Fomentatfonen. Sind die ^rei- 
chen 'Fheile einer Extremität bis auf den Knochen getrennt 
und steht der Brand , so durchsäge man den Knochen an der 
Grenze der weichen Theile , nm den Kranken von dem lästi- 
gen Gestank zu befreien und die Heilung zu beschleunigen ; 
das Knochenende neerosirt sich meist später oder steht her- 
vor j wodurch die Heilung sehr lange dauert und der Stumpf 
schlecht ist. In einzelnen Fällen * wenn man nach dem Ab- 
fallen des Schorfes eine Blutung zu fürchten hat, z« B. hei 
Sebnsswunden j nach Anwendung des Glüheisens, muss man 
die Abstossung der Brandkrusfe der Natur überlassen nnd 
dies sogar durch Anwendung adstringirender Mittel, durch 
Solut. alumin. . zinci oder cupri sulphurici, Aq. saturn, 
verzögern. — Die allgemeine Behandlung sey genau dem 
Grade und Charaeter des Fiebers angepasst ; gegen den Syno- 
chus und das beginnende nervöse Fieber gebe man Wein und 
Selterwasser, Fleisch-, Hühnerbrühe, Eigelb, Sago- vnA 
Weinsuppen , Burgunder, Mineral-, versüsste Säuren, Naph- 
then, Campher; ist das Nervensystem sehr geschwächt , das 
Fieber mehr nerrös als putrid, so sind Valeriana, Serpen- 
taria , Arnica , Moschus , Ammonium carbonicum , Acid. 
pyrolignosum, Waschungen mit Weinessig angezeigt. Die 
China passt nur bei allgemeiner Schwäche, wenn sich das 
Fieber vermindert hat und die Verdauung nicht zu schwach 
oder gestört ht } am besten giebt man sie dann als Extract. 



Brand, 101 

frigide par, in einem aromatischen Nasser mit Spirit. nitri 
©der Sal. dulc. Zugleich sorge man für eine gesunde, reine 
Luft durch häufiges OefFnen der Fenster oder auch durch. 
Räuchernngen mit Chorkalk u. s. w. — Bei der dritten 
Anzeige hat man besonders Rücksicht zu nehmen auf: sehr 
heftige Schmerzen j welche Opium oder besser Morphium er- 
fordern; auf: Blutungen aus dem brandigen Theile, welche, 
als paralytische, durch reizend -adstringirende Mittel und 
aelbst durchs Glüheisen gestillt werden müssen. M, Jä- 
ger empfiehlt in einzelnen Fällen die brasilianische Kinde 
{curt. Barbailmao) als Einstrenpulver oder Decoct zu Eo- 
mentationen und Insertionen, und innerlich in Pulver zu 
3 — 6 Senipel mit Zimrat, Bei bedeutenden Blutungen an 
ö.en Gliedern ist die Unterbindung des liaupjstammes der Ar- 
terie, und selbst die Amputation, wenn auch der Brand con- 
sütutionell ist und sich noch nicht begrenzt hat , vorzuneh- 
men ; auf: Durchfälle, wobei man die Mineralsäuren weglasst 
und Cascarilla, Columbo, Extract. nuc. vornicae, Opium, 
ist der Abgang sehr stinkend und faulig, mit vegetabilischer 
Kohle, oder auch das salz- oder schwefelsaure Eisen oder 
Kupfer, und Klystiere von Inf. nuc. vom. verordnet; auf: 
Schluchzen , wogegen kaltes Wasser, Moschus, Morphium; 
auf: Meteorismus, wogegen spirituös- balsamische Einrei- 
bungen, aromatische Fomentationen und Klystiere, innere 
Reizmittel und kalte Ueberschläge auf den Unterleib oder 
Electricität anzuwenden ; auf: Harn- oder Roth - Infiltratio- 
nen beim Brande der Blase und der Gedärme, welche durch 
Einschnitte zu entfernen sind; und endlich auf: die sich wie- 
derholenden Fi eb er an fälle , welche von Eiteransammlung in 
serösen Häuten , namentlich in den Gelenken , Sehnenschei- 
den und Venen herrühren, diese muss zuvörderst entfernt 
werden, und dann erst können die Anfälle durch Chinin und 
Morphium gehoben werden. — Die vierte Anzeige erfüllen 
wir, indem wir eine ganze brandige Gliedinaasse entfernen, 
um dadurch das Leben zu erhalten. Die Frage über die 
Amputation beim Brande ist in der neuesten Zeit vielfach be- 
leuchtet Morden. Die Resultate der Erfahrungen und For- 
«ebungen sind folgende: Man darf beim Brande nicht ara- 
p u t i r e n , wenn derselbe ein constitutioneller fortschreiten- 
der ist; wenn derselbe von Erfrierung, nach Unterbindung 



102 Brand. 

von Arterien j Obliteration von Venen und Aneurysmen ent- 
standen ist und sich noch nicht begrenzt hat ; wenn der bran- 
dige Theil schon bis auf den Knochen oder das Gelenk ge- 
trennt , der Kranke sehr schwach und eine neue Verletzung 
und Blutung offenbar gefährlich ist. Zweckmässiger ist es in 
einem solchen Falle blos den Knochen oder die Sehnen zu 
trennen. — Dagegen kann man mit Vortheil beim Brande 
amputiren, beim constitutionellen Brande , wenn das Fie- 
ber fast ganz nachgelassen hat und die Kräfte des Kranken 
nicht zu sehr gesunken sind ; auch wenn sich noch keine tiefe 
Demarcationslinie gebildet hat; wenn sich der Brand von 
Störung des Kreislaufes und von Erfrierung beschränkt hat, 
und hier kann man selbst in der Demarcationslinie amputi- 
ren. — Es giebt aber auch Fälle, wo man die Begrenzung 
des Brandes nicht abwarten , sondern ohne ihn zur Lebens- 
rettung amputiren soll ; dies findet namentlich beim trauma- 
tischen Brande statt, weil sich dieser, wenn er von einiger 
Bedeutung ist, ausserordentlich selten begrenzt, weil die 
Amputation in der Begel das Fortschreiten des Brandes heimrat 
— indem sie die Ursache desselben , die zunehmende Imbi- 
bition der Gewebe mit Brandgas und Jauche verhütet — , und 
dieser in der Amputationswunde nicht wieder erscheint, wenn 
man die Amputation an einer Stelle vornimmt, wo die wei- 
chen Theile nicht gequetscht oder die Haut noch nicht ge- 
röthet — gangränös ist, - — und wenn der Kranke nicht zu 
sehr geschwächt ist, die Colliquatiorissymptome nicht zu be- 
deutend sind. Auch versetzt die Amputation den Kranken in 
keine grössere Gefahr, sie ist unter den angegebenen Um- 
ständen das einzige Rettungsmittel. In zweifelhaften Fällen, 
wo der Arzt wegen grosser Schwäche oder schwer zu stillender 
Blutung die Amputation nicht unternimmt, der Kranke aus 
Furcht nicht zulässt, schlägt M.Jäger das Abbinden 
des Gliedes vor, S. L'ujatura. 

Literatur: G. Fabr. H i 1 d a n i de gangraena et sphacelo Iract. 
method. Ed. X. Oppenh. 1617. i. — Quesnay, Traite de 
la gangrene Paris 1750. — Kirkland, A Treatise on gangrene. 
Nottingham. 1752. — O' Halloran, on gangrene and sphace- 
lus. London 1705. — Ch. White, Observ. on gangrenes and 
mortifications. London 1790. Uebers. Hannover 1793. — A F. 
Hecker, TJeber die Fäulniss lebender und todter thierischer 
Körper. Hildb. 1795. — C. Himly, üeber d. Brand d. weichen 



Brand vom Aufliegen oder vom Druck. 193 

uud harten Theile. Güttingen 1801. — Neumann, Abhandl. 
vom Brande. Wien 18U1. — Larrey, Med. chir. Denkwürdigk. 
A. d. Franz. Leipzig. 1813. — John Thomson, Ueber Ent- 
zündung. A. d. Eng!, v. Krukenberg. 2 Bde. Halle 1820. 
— Hanke, Ueber den heissen und kalten Brand im Allgem. 
u. s. w. Breslau 1826. — Franyois, Essai sur les gangrenes 
spontane'es. Paris 1832. — Ausserdem die Handbücher über Chi- 
rurgie und Medicin, viele Dissertationen, Monographien in En- 
cyclopädien und Zeitschriften ; vorzüglich ist nachzulesen der 
Artikel Gangraena von M. Jäger in dem encyclopäd. Wörter- 
buch der medicinischen Wissenschaften. Bd. XIII. Berl. 1835, 
woraus dieser Aufsatz zum grössten Theil entnommen ist. 

w. 

BRAND VOM AUFLIEGEN ODER VOM DRUCK, 

Gangraena s. Sphacelus ex decubitu s. Decubitus gangrae- 
nosa. Dieser Brand ist Folge einer Entzündung von Haut- 
stellen , welche auf Knochen liegen und anhaltend gedrückt 
werden. Die Haut wird bleich , bleifarben , im Umfange 
roth , heiss , livid , schmerzt und verschwärt oberflächlich, in- 
dem die Oberhaut Risse bekommt, welche nässen und sich 
in ein unreines Geschwür verwandeln , oder es bildet sich ein 
oberflächlicher Brandschorf, der bei der Fortdauer des Druckes 
die ganze Dicke der Haut einnimmt und mit Entzündung des 
Zellgewebes und selbst der nächsten Muskeln verbunden ist. 
Oedematöse Geschwulst entsteht nur an den Stellen , wo die 
Haut auf Muskeln liegt, z. B. an den Seiten des Kreuzbeins, 
an den Hinterbacken. Der Brandschorf, welcher bald tro- 
cken bald feucht ist, wird durch die Eiterung abgestossen 
und das Geschwür heilt entweder, oder es greift in die Tiefe ; 
Zellgewebe , Muskeln , Gelenkbänder werden erweicht und 
zerstört, die Knochen entblösst, rauh und necrotisch , und 
Gelenke geöffnet. Im höheren Grade des Uebels wird die et- 
waige allgemeine Krankheit bedeutend verschlimmert und 
selbst der Tod veranlasst. Immer aber bleibt der Brand ört- 
lich, d. h. er erstreckt sich nur auf jene Stellen, welche ge- 
drückt werden und schreitet nicht weiter. Am häufigsten 
beobachtet man ihn an Theilen, wo die Knochen fast nur mit 
der Haut bedeckt sind , am Kreuzbein , an den Trochauteren, 
den Schulterblättern, den Ellbogen, den Knöcheln , der 
Ferse, am Knie, Kinn und Brustbein, doch auch an den Hin- 
terbacken , an der innern Fläche der Schenkel zwischen dem 
Scrotum und dem Perinaeum, namentlich bei Wassersüchti- 



Brand toiu Aufliegen oder vom Druck. 

gen ; Trenn Kranke ihre Lage nicht verändern können oder 
durch Verbandstücke anhaltend gedrückt werden. Die jei- 
gentliehe und einzige Ursache ist iminer der beständige Druck, 
also ein äusseres, traumatisches Moment. Allgemeine Schwä- 
che, Lähmung u« s. w., tragt blos zur schnelleren Entstellung 
und Ausbildung desselben bei , so wie auch f Jnreinlh 'ikeit, 
grobe Bettwäsche, Wärme der Federbetten. Kritisch ist die- 
ser Brand niemals. — Der Brand vom Aufliegen gehört zu 
den unangenehmsten Complicationen, macht sehr viel Be- 
schwerden, verzögert oft sehr die Genesung lind verursacht 
sogar zuweilen den Tod. — Bei der Behandlung haben wir 
vorzüglich zwei Anzeigen zu berücksichtigen : I) den Brand 
wo möglich zu verhüten oder 2) den bereits beginnenden 
oder ausgebildeten zu heilen. Die erste Anzeige erfüllen wir 
durch die grösste Reinlichkeit, durch öfteren Wechsel der 
Bettwäsche, welche fein, ohne vorstehende Nähte und ohne 
Falten gelegt seyn muss; bei Kranken, welche unwillkür- 
lichen Abgang von Koth und Urin haben , muss die Gegend 
der Genitalien, Oberschenkel und Hinterbacken täglich eini- 
gemal mit lauem Wasser gereinigt werden , das Lager muss 
täglich wenigstens zweimal erneuert werden. Vor allem aber 
sey die Lage des Kranken selbst eine solche — wo möglich 
eine horizontale — dass die Schwere des Körpers auf meh- 
rere Punkte verth eilt ist. Unter das Betttuch, welches fest 
angezogen und an den Seiten eingestopft seyn muss , kann 
man ein Rehfell mit nach oben gekehrten Ilaaren oder ein 
mit Oel bestrichenes Wachstuch legen. Statt der Unterbett 
ten bediene man sich einer rosshaarnen Matratze. Alle Af- 
ter- oder Becken -Kränze sind nachtheilig. Verdächtige 
Stellen wasche man Häufig mit kaltem Wasser, V/asser und 
Branntwein, Bleiwasser, Citronensaft oder reibe sie mit ei- 
ner Salbe aus Eiweiss und Branntwein ein (2 Eiweiss auf 
-vi) oder Weickard's Salbe (Album, vvi I. Spirit. vin. 
cawpk. gi& $acch. Saturn, "5ß. HJ.) — Wird aber eine 
Stelle roth und schmerzhaft , so behandle man sie wie eine 
oberflächliche Hautentzündung, vermeide alle spirituöse, ad- 
stringirende und saure Mittel, bedecke die Stelle mit Em- 
plastr. noricum , saponatum , oder mache Fomentationen 
von Bleiwasser oder Decoct. cort. quere, mit Acet. plumbi. 
Geht dks Entzündung in Verschwörung über, so verbinde man 



Brand der Alten. 105 

mit Ung. saturni, zinci oder wende ein Cataplasma mit 
Acetnm saturni an. Bei zunehmender, brandiger Ver- 
schwörung mache man diese Cataplasmen warm. Hat sich 
eine Brandkruste gebildet, so suche man durch einfache Ca- 
taplasmen das Abfallen derselben zu befördern und behandle 
das Geschwür seinem Character gemäss mit milden oder leicht 
reizenden Mitteln, z. B. Ung. basilic. , styracis. Die 
allgemein gebräuchliche reizende Behandlung mit Terpen- 
thinsalben , Opium , China , Campher u. s. w. so wie das 
Scarificiren der Brandkruste sind schädlich. TV, 

BRAND DER ALTEN, Greise, Gangracna s. Spha- 
celus senilis, Melasma. Dieser Brand ist entweder acut 
entzündlich, oder chronisch nicht entzündlich. 1) Gau- 
graena soiilts acuta s. inßammaiorla 3 s. arthritica s. 
spuria, Brand der Fusszehen, Pott'scher Brand, Brand 
der Reichen , Brand durch Lebensart. Der Kranke em- 
pfindet heftige brennende Schmerzen im ganzen Fusse, die 
in der Nacht zunehmen und sich endlich an einer Stelle, 
z. B. am Nagelgliede , an einer oder mehreren Zehen, der 
Ferse, einem Knöchel festsetzen; das Glied oder der affi- 
cirte Theil desselben ist oft kalt und taub, später entsteht 
an diesen Punkten und auf dem Fussrücken , an der vordem 
Seite des Unterschenkels eine rosige Röthe der Haut , in der 
sich allmählig mehrere bläuliche Flecke , selten Blasen bil- 
den ; die Oberhaut löst sich ab, es entstehen Excoriationen 
und unter fortdauernden Schmerzen und Fieber schwillt der 
Fnss ödematös an, wird schwarz und trocknet endlich all- 
mählig ein. Zuweilen gellt das Oedem den Schmerzen vor- 
aus und die Haut wird feucht, violet, weich und übelrie- 
chend. Das Fieber hat meist den erethischen , seltner den 
synochalen, höchst selten den torpiden Character. Der 
Brand schreitet meist bis zum Zehen- oder Fussgelenk, zu- 
weilen bis zum Unterschenkel oder Knie, höchst selten bis 
zum Hüftgelenk, und bisweilen in 3 — 4 Tagen fort. — 
Die Anlage zu diesem Brande findet vorzüglich bei Männern 
statt, deren Lebenskräfte durch Ausschweifungen in venere 
et baccho , durch übermässigen Genuss gewürzhafter Spei- 
sen und geistiger Getränke, durch deprimirende Leidenschaf- 
ten sehr geschwächt sind oder die ihr Leben unter Kummer 
und Sorgen bei schlechte* Nahrung und schweren Arbeiten 



106 Brand der Alten. 

dahin schleppen. Gelegenheitslirsache ist meist eine Aus- 
schweifung, Erkältung, seltner eine mechanische Verletzung, 
als Druck der Fussbekleidung, Ausschneiden der eingewach- 
senen Nägel oder der Hühneraugen. Das Wesen der Krank- 
keit ist eine asthenische, besonders gichtische Entzündung, 
der ihr folgende Brand ist ein constitutioneller. Die Vor- 
hersagung ist im Allgemeinen ungünstig; meistens stirbt der 
Kranke unter Fieber, Delirien und kaltem Schweisse. Selt- 
ner erfolgt Heilung durch Abstossung des Brandigen , am sel- 
tensten durch Zertheilung der brandigen Entzündung und 
Wiederbelebung der gangränösen Haut. In höchst selte- 
nen Fällen wird dieser Brand kritisch seyn. Der Brand er- 
streckt sich aber nicht immer in die Tiefe , sondern be- 
schrankt sich oft auf die Haut und kommt bisweilen allein 
an der IVase vor; zuweilen entsteht gleichzeitig brandiges 
Absterben der Haut an andern Theilen , z. B. an den Augen- 
lidern , wo er durch Abstossung heilt, während er an den 
Füssen fortschreitet. Bei der Behandlung hat man die ent- 
fernten Ursachen zu berücksichtigen, die asthenische Ent- 
zündung der fibrösen Häute ihrem Grade nach zu bekämpfen, 
das Absterben zu verhüten oder den Abstossungsprocess zu 
unterstützen. Aderlässe und andere antiphlogistische Mit- 
tel sind nur bei sehr heftigen Schmerzen , grosser Geschwulst 
und synochalem Fieber angezeigt. Das namentlich von Pott 
so sehr empfohlene Opium passt nur bei einem geringen 
Grade von Entzündung oder Congestion, entweder allein oder 
mit Calomel oder Moschus, um die Schmerzen zu lindern. 
Die äussere Behandlung bestehe in Flussbädern und Fomen- 
tationen von Milch, Cataplasmen von Leinsamenmehl, Milch 
und Fett, oder mit Bleiwasser, und nur beim Mangel aller 
Schmerzen brauche man zur Beförderung des Abslossungs- 
processes aromatische Fomentationen. Die innere Behand- 
lung sey dem Fieber angemessen , vorzüglich passen Mine- 
ralsäuren , leichte Kost. Alle reizende , äussere sowohl als 
innere Mittel sind schädlich. Vesicantia können leicht den 
Brand vermehren. Einschnitte und Amputation sind nicht 
angezeigt, nur die Trennung abgestorbener, schmerzloser 
Theile und das Durchsägen der Knochen. 2) Gangracna 
senilis chronica s. vera s. genuina s. atonica, Sphacelus 
s. Muniificalio senilis, Melasma, J\ecrosis semtm, schmerz- 



Brand der Altem 107 

loser Brand der Alten, trockner atrophischer Brand der 
Greise. Der Kranke befindet sich entweder ganz wohl oder 
klagt über Frösteln, Schläfrigkeit, Gefühl von Schwere und 
Hinfälligkeit , verminderten Appetit, Kalte und Ameisenkrie- 
chen in den Füssen oder Händen. Der Puls ist langsam und 
schwach. Ohne allen Schmerz entstellt ein rother Fleck, die 
Haut schrumpft ein, der Fleck wird missfarbig, aschgrau, 
bläulich oder schwarz , es bilden sich mehrere allmählig, die 
sich vereinigen und langsam weiter verbreiten. Sehr selten 
ist die Haut blass , mattweiss statt schwarz. Zuweilen tritt 
die schwarze Färbung in einer Nacht ein. Der Theil wird 
trocken, fest, leder- oder mumienartig. Der Brand kriecht 
langsam weiterund begrenzt sich selten, und nur bei guten 
Kräften und geringer Tiefe ; auch hier erfolgen dann häufig 
noch vor der Vernarbung Recidive. Der Verlauf ist in der 
Begel langsam und dauert oft Monate. In andern Fällen geht 
dem Brande allgemeiner Torpor und selbst Fieber voraus , es 
entsteht ein schwarzgrauer Fleck mit rosiger Entzündung der 
nahe liegenden Theile und in kurzer Zeit erfolgt der Tod un- 
ter heftigem Frost, Sehnenhüpfen und Sopor. — Diese Art 
des Brandes entsteht meist fast ohne alle Spuren von Entzün- 
dung in Folge des allinähligen Sinkens der Lebenskräfte durch 
das natürliche Alter, namentlich bei gleichzeitigen Störun- 
gen des Kreislaufes durch organische Herzkrankheiten oder 
\ erknöcheruugen oder Verstopfung der Arterien. Häufig 
scheinen Erkältungen Gelegenheitsursache zu seyn. Vor- 
züglich kommt dieser Brand bei jenen Greisen vor, welche 
bei einer sitzenden Lebensart viele und nahrhafte Speisen 
und Getränke gemessen. Daher, und weil sich zuweilen 
Symptome der Entzündung beim Weiterschreiten dieses Bran- 
des in den benachbarten Theilen sichtbar einstellen , ist es 
nicht ganz unwahrscheinlich , dass eine schleichende Entzün- 
dung vorausgegangen ist. Die Vorhersagung ist höchst un- 
günstig, meist ist der Ausgang tödtlich. Die Behandlung be- 
steht in Belebung des Nerven- und Gefässsystems durch rei- 
zende stärkende Mittel und Diät. Wein, Campher, Moschus, 
Naphthen, Opium in grossen Gaben (3 — 6 Gran täglich), 
China, Valeriana, Arnica , Ammonium; äusserlich Füssbä- 
der mit Salmiak oder Kali , thierische und aromatische Bin- 
der, Cataplasmen mit Opium, Bierhefen, sphituöse \\c- 



108 Brandjaucho — Breiter Fuss» 

» j 

»chnngen ; Einschnitte miä Ampu^atioBen sind aicht angezeigt, 
nur das Durchschneide» einzelner Sehnen und das Absägea 
der Knochen. 

Literatur: Ausser den beim Brande im A??gemeraen asge/ilhr- 
Sen Schriften, Pott, Cfur. Werke. Bd. TL Berlin. 17S3. — J>q- 
anont- Observat. sur la gangrene seche de ?e>tt 7 1» Annales 
cljn. de fa Soc. de Med. prat. de Monip. par Baames. T. 39. 
j>. 255. Montp. 1816. — Bapaytrea m Fror. Notiz. Bd. X, 

p- 20Q - ??; 

BRÄNDJAUCHE , Sanies gangraenosa, ist eine braune, 
dunkle oder schwärzliche, mit zersetztem Blute gemischte 
Flüssigkeit mit einem eigenthümlichen 9 hrenzliehen ? höchst 
unangenehmen Gestanke , in welcher sich oft Stücke von brei- 
artig aufgelösten Haut-, Zellgewebe-, Muskel- und Sehnen- 
Partien vorfinden. Die Brandjauche tränkt das Gewebe der 
Organe , bläht sie schwammig auf and sammelt sich züweileis 
1h besonderen Höhlen, den Branddepots, an, welche ei- 
nen bedeutenden Umfang erreichen können, eise sie bersten. 
Auf der Oberhaut, zwischen dieser und der Epidermis bildet 
sie Blasen (Brandblasen) , welche dunkel aussehen , anfangs 
getrennt stehen und später zusammenfliessen ; nnter ihnen ist 
immer ein fauler Fleck in der Haut, welche alsdann in ei- 
nem grösseren Umfange brandig wird. Eine chemische Ana- 
lyse der Brandjauche hat man wegen der Verschiedenheit der- 
selben durch die verschieden einwirkenden Ursachen , so wie 
■wegen der verschiedenen dabei betheiligten organischen 
Theile nicht feststellen können ; nur drei Stufen der Verwe- 
sung kennt man , die erste, wo die Jauche sauer, die zweite, 
wo sie ammoniakalisch reagirt und die dritte, wo sich Schwe- 
felwasserstoffgas entbindet. Der eigenthümliche Brandge- 
ruch entsteht durch die Verflüchtigung des Brandgase s, 
welches nicht blos gekohltes und gephosphortes Wasserstoflgas 
und hydrothionsaures Gas ist, sondern welches auch eine ei- 
genthümliche thierische Beimischung hat, deren iraponde- 
rablem Agens jenes brennbare Gas nur zum Träger und 
zum materiellen Vehikel dient. Ueber die Aufsaugung der 
Brandjauche ist bereits in dem Artikel Brand das Nöthige 
gesagt werden. W, 

BREITER FUSS ist derjenige, dessen Breite stärker 
tet als gewöhnlich. Die Breite nimmt de« Mittel- und Vor- 



Breiter Fuss — Bronchotomia, 109 

derfuss ein und wird nach vorn immer bedeutender. Sie 
scheint iß einem Ausehianderwefchen der Fuss- und beson- 
ders der Miitelfussknochen zu bestdien und ist gewöhnlich 
mit einem stärkeren Fleischlgseyn des Fusses verbunden. 
Häutig liegen die Zellen in einer Richtung, m dass die zwei 
eisten vor der letzten wenig vorstellen. Die Wölbung des 
Fussrik-kens und des feueren Randes des Fusses sind ge- 
wöhnlich auch etwas geringer, doch nie so bedeutend als 
beim Flattfass, Die Knochen des Unterschenkels stehen mit 
dem Fusse in gehöriger Richtung und di<a damit Behafte- 
ten sind gute Fossgänger. Der breite Fuss ist meistens 
angeboren, doch kann er auch durch Barfussgehen und weite 
schwere Schuhe In der Jugend erworben werden. Man darf 
ihn nicht mit dem Plattfuss verwechseln (vergL den Artikel 
CurvaturaS) J. 

BROKCHOTOMIA {ßooyyog y Kehle, und t0ti, ich 
schneide), Kehlschnitt, Eröffnung der Luftwege durch 
sclmeidende Instrumente. Diese Operation wird eingetheilt :• 
1) in den Kehlkopfseimitt, Larynyotomia , 2) in den Lnft- 
röhrenschnitt, Track eotomia , und 3) in den Kehlkopf-Luft- 
röhrenschnitt, Laryngo- Traeheolomta. 

Asclepiades soll zuerst (C. SprengePs Geschiehia 
der Chirurgie Bd. L) den Luftröhrenschnitt gemacht haben s 
gegen welchen sich Caelius Aurelianus und Aretaeus 
heftig erklärten. Antyllus gab eine nähere und sorgfalti- 
gere Bestimmung der Anzeigen zu dieser Operation und ver- 
richtete sie auf eine sehr einfache Weise , indem er die Luft- 
röhre zwischen dem 2. und 3. Knorpelringe ohne besonderen 
vorherigen Hautschnitt in die Quere öffnete. Die Araber schrie- 
ben dem Antyllus nach, waren aber zu furchtsam diese Ope- 
ration zu unternehmen. Im Mittelalter wurde sie fast ganz ver- 
gessen. Erst zu Anfange des 16. Jahrhunderts wurde sie wie- 
der von Roland und Benivieni wegen Abscessen im Kehl- 
kopfe verrichtet. Fabricins ab Aqnapendente machte 
wegen fremder Körper den »Schnitt unter dem dritten Knorpel 
erst in der Länge, lim die Muskeln zu spalten, öffnete dann 
die Luftröhre und legte ein Röhrchen mit Handhaben zur Be- 
festigung ein ; sein Schüler J. Casserius wandte gekrümmte 
und durchlöcherte Röhrchen und mehrere Vorsichtsmaassre- 
geln an. Sanctorlus gebrauchte zuerst den Troikar dazu. 



110 Bronehotomia. 

Zu Anfange des 17. Jahrhunderts empfahl IV. II a b i c o t die 
Operation sehr nach seinen glücklichen Erfahrungen; Seve- 
rinus, Fonteyn, Solingen, Moreau, Purmann 
verrichteten sie mit Glück. D eck er s vereinfachte das bis- 
herige Verfahren und gebrauchte einen kleinen Troikar, den 
er ohne vorgängigen Hautschnitt , zwischen zwei Luftröhren- 
ringen einstiess und dessen Itöhre sogleich liegen blieb. 
Dionis führte auf einer Lanzette, welche erzwischenden 
Knorpeln einstiess, eine Sonde und auf dieser eine Röhre 
ein; eben so de la Vauguyon und de la Charriere. 
Zu Anfange des 18. Jahrhunderts machte J un cker zuerst 
eines fremden Körpers wegen den Längenschnitt, den auch 
Heister empfahl. Detharding schlug die Bronchotomie 
bei Ertrunkenen vor. Gherli, Martini, Garengeot, 
Bergier, le Dran und Zach. Platner bedienten 
sich meist der Lanzette; Sharp will nur bei angeschwolle- 
ner Schilddrüse die Operation gestatten. V i r g i 1 i spaltete 
die Luftröhre bei einer heftigen Entzündung bis zum 6. Ringe 
herab. B anchot erfand den Bronchotom ; R i c li t e r ver- 
besserte denselben und stellte die Anzeigen zur Operation 
fester. Ficker empfahl nach B.Beil und Martin eine 
doppelte Röhre , eine elastische in der silbernen Bronchotom- 
röhre. Ferriere nahm eine blosse Federspule dazu. D e- 
s a u 1 1 war der erste , welcher die Laryngotomie im engeren 
Sinne vorschlug , die von Vicqd'Azyr, J. II u n t e r u. A. 
unternommen wurde. Boy er empfahl die Laryngo - Tra- 
cheotomie. In neuester Zeit habe t zur Verbesserung dieser 
Operation beigetragen :Bretonneau, Pelletan, Law- 
rence, Klein, Jameson und Wedemeyer u. A. 

Man verrichtet die Bronchotomie in einer doppelten Ab- 
sicht, entweder um der Luft einen künstlichen Weg in die 
Lungen zu bahnen, wenn der natürliche durch den Mund, die 
Nase und dieOeffnung des Luftröhrenkopfes gehemmt ist, oder 
um einen fremden Körper aus den Luftwegen zn entfernen. 
Angezeigt ist die Operation bei Erstickungsgefahr durch fol- 
gende krankhafte Zustände hervorgebracht: Jt) durch die Ge- 
genwart fremder Körper in den Luftwegen ; diese können ent- 
weder durch den Mund, oder durch eine äussere Wunde am 
Halse, oder durch die Lungen dahin gelangt seyn, oder sich 
in der Luftröhre selbst erzeugt haben; 2) durch sehr entzünd- 



Bronchotomia. 111 

liehe Affectionen des Luftröhrenkopfes (Laryngitis), der 
Mandeln (Ang. tonsillaris) , der Zunge (Glussitis) und des 
Schlundes {Pharyngitis) , wenn zumal in den letzteren 
Krankheitsfonnen Scarificationen nicht angewendet werden 
konnten , oder keinen Nutzen schafften ; 3) durch Oedema 
glottidis, sowohl das primäre als auch das seeundäre , wel- 
ches häufig PAthisis laryngea begleitet; 4) durch Angina 
membranacea , wo sie von einigen Aerzten im ersten Stadio, 
von anderen im dritten , wenn die häutige Masse beweglich ist 
und nicht ausgeworfen werden kann , empfohlen wird ; 5) 
durch Wunden, namentlich Schusswunden des Halses, Brüche 
des Kehlkopfes , Abscesse und Geschwülste in der Luftröhre 
selbst ; 6) durch Geschwülste , Polypen , fremde Körper im 
Schlünde , der Speiseröhre und den nahegelegenen Theilen, 
wodurch zuweilen die Luftröhre zusammengedrückt oder z. B. 
beim Anschwellen der Schlundpolypen nach Unterbindung 
verschlossen wird. 7) Ist die Bronchotomie angezeigt beim 
Scheintode durch mephitische Gasarten , Ertrinken u. s. M r . 
herbeigeführt , wenn nicht , nach D e s a ul t ' s Rath , eine ela- 
stische Röhre durch den Mund oder die Nase in die Luftröhre 
eingebracht werden kann. — Gegenanzeigen giebt es bei die- 
ser Operation nicht; doch darf man in den angezeigten Fällen 
die Operation, wenn die allgemeinen und örtlichen Mittel 
ohne Erfolg angewendet worden sind , nicht als das letzte und 
änsserste Mittel betrachten und so lange verschieben, bis Ent- 
zündung oder Emphysem der Lungen entstanden ist, die in 
den meisten Fällen , selbst nach Entfernung eines fremden 
Körpers u. s. w. den Tod zur Folge haben. 

Die Stelle, welche man zur Operation wählt, hängt theils 
von dem die Operation bedingenden Krankheitsobjecte und dem 
zu erreichenden Zwecke, theils von der individuellen Beschaf- 
fenheit der Theile ab. Im Allgemeinen ist zu bemerken, 
dass die Laryngotomie bei männlichen Erwachsenen vortheil- 
hafter und leichter zu machen , die Tracheotomie dagegen bei 
Kindern und bei weiblichen Erwachsenen passender ist, weil 
bei jenen der Raum zwischen dem untern Rande der Schild- 
drüse und dem Brustbeine kleiner ist als bei Kindern, der 
Kehlkopf aber verhältnissmässig grösser und hervorstehender ; 
in der Gegend des Kehlkopfes kommen auch anomal verlaufende 
Arterien seltener vor als an der Luftröhre , man wird bei der 



112 Broncho tomia. 

Laryngotomie die Schilddrüse nicht so leicht verletzen und 
unangenehme Blutungen veranlassen (Burn s). Dagegen ist 
der Kehlkopf bisweilen , namentlich bei alten Personen, ver- 
knöchert und dann sehr schwierig zu trennen, man kann leicht 
die Stimmritzenbänder verletzen, der Kehlkopf selbst soll 
(Richter) weit empfindlicher und reizbarer als die Luft- 
röhre selbst seyn und die Stimme lange Zeit oder immer heiser 
bleiben (P e 1 i e t a n). Die Eröffnung der Luftröhre unter- 
halb des Ringknorpels , die Tracheotomie , ist nicht ohne Ge- 
fahr der Verletzung der Schilddrüse und ihrer Adern , deren 
Blutung oft sehr schwierig zu stillen ist; nicht selten kom- 
men Anomalien grösserer Blutgefässe hier vor, so fand 
Bums die Art. innominata nahe am unteren Rande der 
Schilddrüse und selbst die Carotis die Luftröhre schief durch- 
kreuzen ; bei dick - und kurzhalsigen Personen wird die Tra- 
cheotomie äusserst schwierig seyn. Am zweckmässigsten 
scheint es dalier, wenn nicht der Krankheitszustand eine be- 
stimmte andere Stelle erfordert, das Ligamentum crico-thy- 
reoideum medium s. conöideum zur Eröffnung zu wählen. 

Um die Luftwege an einer von den erwähnten Stellen zu 
eröffnen, hat man zwei Methoden; nämlich den Quer- 
schnitt und den Längenschnitt. Jener ist der 
älteste, aber, obgleich weniger verwundend, indem er nur 
bei der Tracheotonie die zwischen den Knorpeln ausgespannte 
Haut durchschneidet, wohl in seltnen Fällen ausreichend 
sowohl zur Anlegung eines neuen Luftweges als auch insbe- 
sondere zur Ausziehung fremder Körper; er wird deshalb in 
neuerer Zeit selten nocli verrichtet. Dieser ist sowohl 
zur Bildung eines neuen Luftweges als auch zur Auszie- 
hung fremder Körper und anderer Krankheiten des Kehlkopfs 
xmd der Luftröhre vorteilhafter. — Als Varianten kann man 
das Verfahren von Zang, S. Cooper und Chevalier 
ansehen, von denen die beiden ersten den Querschnitt senkrecht 
erweitern, und letzterer, nachdem er zwei Ringe der Luft- 
röhre senkrecht gespalten hat, den häutig-muskulösen Zwi- 
schenraum in der Quere theilt und auf diese Weise eben- 
falls einen Kreuzschnitt bildet. Endlich verdient das Ver- 
fahren von Lawrence Erwähnung, welcher einen Län- 
genschnitt von ■£" durch die Mitte der Knorpel der Luft- 
röhre macht, und von den Schnitträndern einen kleinen Strei- 



Bronchotouiia» 113 

fen abschneidet, um so gleichsam eine künstliche Rima 
glottidis zu bilden und das Offenbleiben der Wunde zu bewir- 
ken; Andre verfahr ähnlich beim Croup, indem er vom 3. 
und 4. Ringknorpel ein viereckiges Stück ausschnitt ; dasselbe 
that 1 d k n o w nach R o g e t am Kehlkopfe , und schnitt l" 
grosses Stück vom untern und Seitentheile des Schildknorpels 
ab, und Bell trug die Ecken von der durch einen Kreuz- 
schnitt gespaltenen Membr. crico - thyreoidea ab. — 

Zur Operation bedarf man: ein bauchiges, ein gerades 
Bistouri oder Scalpell und ein gekrümmtes geknöpftes Bi- 
stouri, eine Pincette, zwei stumpfe Haken , eine Kornzange, 
eine gekrümmte Polypenzange, einen Bronchotom von Rich- 
ter (Michaelis's und Trowbridge's Werkzeuge zur 
Fixirung der Luftröhre und Auseinanderhalten der Schnitt- 
wunde sind entbehrlich) , eine Hohlsonde , eine Kniescheere, 
eine gerade Scheere, eine elastische Röhre, einige Sonden, 
Blutstillungsapparat , Heftnadeln und Fäden , Charpie , Coin- 
pressen , Heftpflaster, Binden, kaltes Wasser und Schwämme,, 
Gehülfen hat man drei nöthig ; im Nothfalle muss man ohne 
Gehülfen operiren können. Der Kranke liege in einem 
massig erwärmten Zimmer mit zurückgebogenem Kopfe auf 
einem Bette , Tische , oder sitze auf einem Stuhle mit nie- 
driger Lehne; ein Gehülfe halte den Kopf, ein zweiter assi- 
stire dem Operateur und ein dritter gebe Instrumente und 
Wasser zu. Der Operateur steht an der rechten Seite des 
Kranken. 

A. haryng ot om,ia 3 der Kehlkopfschnitt, ist 
namentlich da angezeigt, wo ein fremder Körper im oberä 
Theile oder in den Taschen des Kehlkopfs liegt, und wo man 
die Schilddrüse zu verletzen nothwendig vermeiden muss. 

I. Akt. Hautschnitt. Man bildet auf der Mitte 
des Lig. crico -thyreoideum med. eine Querfalte, welche 
der zur Linken stehende Gehülfe mitfasst, und durchschneidet 
diese mit dem bauchigen Bistouri oder Scalpell in dem Um- 
fange, dass der Schnitt bei einem Erwachsenen einen reich- 
lichen Zoll Länge hat, 

II. Akt. Blossleg ung der Eröffnungsstelle 
und Stillung der Blutung. Mit dem Messerhefte 
trennt man das Zellgewebe und den Raum zwischen den MM» 
ßterno - hyoideis und sterno r thyreoideis beider Seiten und 

Handwvrterb. d. Ch, II; e 



1 14 Bronchotomia. 

liisst diese mit stumpfen Haken auseinanderhalten. Man stillt 
die Blutung durch kaltes Wasser oder, sobald es nötliig ist, 
durch die Unterbindung. Auf diese Weise dringt man bis 
zum Ligam. crico - thyreoid. m. ; trifft man dabei auf den 
mittleren, oft sehr nach oben vorragenden Theil der Schild- 
drüse (die sogenannte Pyramide des Lalo nette), so schiebt 
man diesen auf die linke Seite, oder, wenn dies nicht angeht, 
durchschneidet man denselben. Die Blutung muss auf das 
sorgfältigste gestillt werden , bevor man weiter operirt. 

III. Akt. Eröffnung des Kehlkopfes, a) 
Querschnitt. Man nimmt dazu entweder ein gerades 
Bistouri oder eine Lanzette oder einen Bronchotora. Man legt 
den Daumen und Mittelfinger der linken Hand an die beiden 
Seiten der Luftröhre und fixirt so den Kehlkopf, die Spitze 
des linken Zeigefingers setzt man mit abwärts gerichtetem 
Nagel auf das obere Drittheil des Ligam. crico - thyreoid. in. ; 
nun fasst man das gerade Bistouri wie eine Schreibfeder, 
sticht es unter Leitung des Nagels etwas nach links vorsichtig 
und ganz flach ein , und indem man die Schneide nach rechts 
drückt, macht man einen Querschnitt von 3 /;/ und etwas 
darüber (B o y e r). Die Erweiterung des Einstiches geschieht 
auch vermittelst einer Hohlsonde und eines Knopfbistouris 
oder einer geknöpften Scheere. Statt des Einstichs kann 
man den mittleren untern Theil des Ligam. crico - thyreoid. 
m. mit der Pincette fassen und mit flach geführter Klinge ein 
Stückchen ausschneiden, worauf man die Hohlsonde einführt. 
— Mit der Lanzette operirt man wie es mit dem geraden Bi- 
stouri nach Boy er augegeben worden ist. — Bedient man 
sich des Bronchotoms (von 11 i ch t e r) , so setzt man am Nagel 
des Zeigefingers die Spitze des beölten Instrumentes senk- 
recht auf die Mitte des Bandes auf und indem man das Instru- 
ment einstösst, hebt man den Griff ein wenig in die Höhe, um 
die Spitze desselben abwärts in die Luftröhre zu leiten. Wenn 
die Scheide des Bronchotoms \ u tief in der Wunde ist , so 
fasst man mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand 
den Rand oder Bing der Scheide, zieht die Klinge heraus und 
schiebt die Scheide so tief ein, als nöthig ist. — b) Län- 
genschnitt. Man fasst das gerade Bistouri wie eine 
Schreibleder , sticht es , indem man dieselben Vorschriften 
wie bei dem Querschnitte befolgt, mit nach unteu gerichteter 



Broncliotomia. 115 

Schneide in der Mitte des Lig. crico - thyreoid. m. einige 
Linien tief ein und führt den Schnitt vorsichtig bis zum Ring- 
knorpel. Wenn man das Lig. crico - thyreoid. m. durch 
einen Kreuzschnitt spalten will , so bedient man sich einer ge- 
knöpften Scheere ; um die Ecken der Wundlappen abzutragen 
(C. Bell), fasse man diese mit einer Pincette und schneide 
sie mit der Coivper' sehen Scheere ab. Desault spaltete, 
nach einem Hautschnitt, der den Schildknorpel bis zum Ring- 
knorpel blossgelegt hatte, den Schildknorpel in seiner ganzen 
Länge dem hervorragenden Winkel nach von unten nach oben, 
nachdem er das Lig. crico - thyreoid. m. mit einer Lanzette 
durchstochen und durch diese OefFnung eine Hohlsonde ein- 
geführt hatte. 

B. Tracheotomia, der Luft röhrenschnitt, 
ist vorzüglich angezeigt bei fremden Körpern, welche sich im 
unteren Theile der Luftröhre befinden, und bei Gefahr der Er- 
stickung. 

I. Akt. Hautschnitt. Man bildet auf der Mitte 
der Luftröhre eine Querfalte oder spannt die Haut an und 
durchschneidet mit einem bauchigen Bistouri oder Scalpell 
die Haut von dem Ringknorpel bis zum Brustbein herab. 

II. Akt. Blosslegung der Luftröhre und 
Stillung der Blutung. Im Allgemeinen verfährt man 
auf dieselbe Weise wie bei der Laryngotomie. Die Schild- 
drüse sucht man in die Höhe zu schieben, die Seitenlappen 
derselben nach rechts und nach links. Gelingt dies nicht, so 
muss man sie in der Mittellinie durchschneiden und die ge- 
wöhnlich sehr bedeutende Blutung durch Unterbindung, kal- 
tes Wasser oder wenigstens vorläufig durch Compression zu 
stillen suchen. Ragt bei Kindern die Thymusdrüse hervor, 
so schiebt man diese nach abwärts. 

III. Akt. Eröffnung der Liiftröhre. a) 
Querschnitt. Dieser wird auf gleiche Art verrichtet 
wie bei der Laryngotomie. Nach Fixirung der Luftröhre 
setzt man den nach abwärts gekehrten Nagel des linken Zeige- 
fingers auf den obern Rand einer zwischen dem 3. und 4. oder 
4. und 5. Ringknorpel gelegenen Membran und sticht dann 
entweder das Bistouri, die Lanzette oder den Bronehotom 
nach den angegebenen Regeln ein. b) Längenschnitt* 
Man fasst das Bistouri wie eine Schreibefeder mit der Schneide 



116 Bronchotomia, 

nach oben , sticht es unter Leitung des nach aufwärts gerich- 
teten Nagels des linken Zeigefingers , welcher in den unteren 
Wundwinkel den oberen Rand eines Ringknorpels in der 
Mitte berührt, V" tief ein und indem man den Griff des Mes- 
sers senkt, spaltet man 2 — 4 Knorpelringe von unten nach 
oben. Bei unruhigen Kranken bedient man sich zweckmässi- 
ger zur Erweiterung des Einstiches entweder einer geknöpf- 
ten Scheere oder einer Hohlsonde und eines geknöpften Bi- 
stouris. Nothwendig ist es, nach Trennung der Haut und 
der Muskeln, die Luftröhre selbst mit den Fingern blosszule- 
gen und ihre Fläche sorgfältig zu untersuchen , ob eine va- 
riirende Arterie da verläuft. 

C. Lary tigo- Track eotomia, der Kehlkopf- 
Luft röhrenschnitt, ist insbesondere bei fremden Kör- 
pern in den Luftwegen, bei Brüchen des Kehlkopfes an- 
gezeigt. 

I.Akt. Haut schnitt. Dieser beginnt vom oberen 
Rande des Schildknorpels und reicht bis zum Brustbein und 
wird nach den angegebenen Vorschriften verrichtet entweder 
mit Bildung einer Hautfalte oder bei angespannter Haut. 

II. Akt. Blosslegung der Eröffnungsstelle 
und Stillung der Blutung. Man verfährt wie bei 
der Laryngotomie bereits erwähnt worden. 

III. Akt. Eröffnung des Kehlkopfs oder 
der Luftröhre. Man kann entweder das Ligam. crico- 
thyreoid. m. zuerst mit einem geraden Bistouri eröffnen , eine 
Hohlsonde einführen und auf dieser mittels eines starken 
Bistouris den Ringknorpel und einige Knorpelringe der Luft- 
röhre der Länge nach in ihrer Mitte spalten, oder, was zweck- 
mässiger scheint, man sticht das Bistouri zwischen dem 3. u. 
4. Knorpelring der Luftröhre ein, und spaltet auf einer Hohl- 
sonde die oberen Ringe, den Ringknorpel und das Lig. crico- 
thyreoid. m. bis zum untern Rande des Schildknorpels von 
unten nach oben. Auf diese Weise vermeidet man nicht al- 
lein leichter die Verletzung der Schilddrüse , sondern auch 
zufällig anomaler Blutgefässe. — Lacatmontis schnitt al- 
lein den Ringknorpel durch und liess die Wunde mit Haken 
auseinander ziehen. 

Verband und Nachbehandlung. Nach Eröff- 
nung des Kehlkopfs oder der Luftröhre sucht man einen frem- 



Bronchotomia. 117 

den Körper , wenn derselbe nicht durch Husten ausgestossen 
wird , durch eine Pincette , Korn - oder Polypenzange zu ent- 
fernen ; Kehlkopibrüche reponire man ; Polypen und andere 
Geschwülste entferne man nach den Regeln der Kunst u. s. w. 
Hat man die Eröffnung zur Bildung eines neuen Luftweges 
verrichtet, so lässt man den Kopf des Operirten nach dem 
Querschnitte stark rückwärts beugen, nach dem Längen- 
schnitte aber vorwärts , um die Wunde, so lange es nÖthig ist, 
klaffend zu erhalten. Das Einlegen aller Röhren und Schei- 
den von Bronchotomen ist mehr schädlich als nützlich , weil 
sie nicht allein immer mit Schleim verstopft werden , sondern 
weil sie auch einen steten Reiz auf die Schleimhaut der Luft- 
röhre oder des Kehlkopfs ausüben. Wenn daher die Wunde, 
welche man zur einstweiligen Unterhaltung der Respiration 
gemacht hat, eine grosse Neigung zeigt sich zu schliessen, so 
zieht man die Ränder derselben durch Heftpflaster massig 
auseinander, belegt sie mit einem beölten Plumaceau und 
bringt in einen Wundwinkel ein dünnes Bourdonnet etwa 3'" 
tief ein , welches man mit einem Streifen Heftpflaster befe- 
stigt. Ueber das Ganze legt man ein Stück Flor oder Gaze. 
Die Beugung des Kopfes suche man durch die Fascia pro de- 
pressione capitis beim Querschnitte, und durch die Fascia 
pro erectione beim Längenschnitte zu unterstützen und er- 
halten. Hat man sich einer Bronchotomröhre bedient, so 
zieht man die Wundränder massig durch Heftpflasterstreifen 
zusammen , bedeckt sie mit Pluraaceaux und legt unter den 
Rand der Röhre ein gespaltenes Leinwandläppchen 5 auf die zu 
beiden Seiten der äusseren Oeffnung der Röhre befindlichen 
Ränder oder Ringe legt man ein paar schmale Longuetten, 
wodurch die Ränder auf die Luftröhre gedrückt werden, und 
befestigt alles dieses mit Heftpflasterstreifen, — Wurde die 
Operation wegen Scheintod gemacht , so bringt man bei Er- 
stickten eine elastische Röhre in die Luftröhre und bläst mit- 
tels eines Blasebalgs vorsichtig Luft ein; bei Ertrunkenen 
entfernt man zuvor mit einem Schwämme das in der Luftröhre 
enthaltene Wasser. — 

Bei der Nachbehandlung hat man besonders darauf zu 
achten, dass sich keine Entzündung des Kehlkopfs oder der 
Luftröhre entwickelt, dass die Wunden der Knorpel und Bän- 
der sich eher schliessen als die der Haut, und dass keine 



118 Bronchotomia. 

Eitersenkungen entstehen. Es wird daher in den meisten 
Fällen eine mit Rücksicht auf Constitution , Alter, Ursache 
der Krankheit u. s. w. angemessene antiphlogistische Behand- 
lung angezeigt seyn. Allgemeine und örtliche Blutentleerun- 
gen, kalte Fomentationen und innere entzündungswidrige Mit- 
tel, mit denen man bei dem häufigen Reize zum Husten De- 
mulcentia, Bechica und Antispasmodica verbindet, müssen 
in Anwendung gebracht werden ; dabei muss der Kranke in 
einer massigen Temperatur leben, die strengste Ruhe beob- 
achten und milde, seiuen Kräften angemessene Nahrung zu 
sich nehmen. Die örtliche Behandlung und, nach erreichtem 
Zwecke, die Heilung der Wunde siehe unter Vulnus. 

Literatur. F. Wendt hist. tracheol omiae. VraiisJ. 177t. — 
Richter, Obs. chir. Fase. II. Gott. 1776. p. 40. — Dessen 
Anfangsgründe der Wundarzneik. Bd. IV. C. 10. p. 225. — De- 
sault, Abhandlung über d. Bronchol. , im chirurg. Nachl. 
Bd. II. Th. 1. p. 247. — Klein in chirurg. Bern. Stuttg. 1801, 
u. im Chiron IL 2. p. 649. in v. Gräfe und v. Walt her 
Journal Bd. I. p. 441. — Michaelis in Hufeland's Journal 
Bd. IX. St. 2. Bd. XI. St. 3. — Lawrence on some affect. in 
Med. -chir. Transact. Vol. VI. p. 221. Lond. 1815. — S. Coo- 
per Handb. d. Chir. I. p. 317. — Boy er in Nouv. J. d. med. 
red. par Beclard. T. VII. 1820. — Dessen chirurg. Krankh. Bd. 
VII. P . 133. — A. Burns chir. Anat. d. Kopfes u. Hals. p. 368. 
ß. u s t Magazin Bd. VII. Hft. 2. p. 262. W, 

BRONCHOTOMUS. (von ßgoy/oc, Kehle, und rfavro, ich 
schneide) oder auch Tracheotom nennt man ein Instru- 
ment, welches zur Eröffnung der Luftröhre dient. Es be- 
steht aus einer starken , lanzettenförmigen 1 — 2^" langen 
und 3 — 4'" breiten Klinge , welche sich in einer platten, 
silbernen Scheide befindet; andern hintern Ende der Klinge 
ist ein Griff von Ebenholz oder Hörn, 24-" lang, der an der 
Klinge gleiche Breite mit dieser hat, nach hinten aber etwas 
stärker wird. Das vordere Ende der Klinge gebt in eine kurze 
scharfe Spitze aus , welche 3"' aus der Scheide hervorsteht. 
Die Klinge selbst ist von Stahl und entweder gerade , wie bei 
dem Bronchotom von ■Bauciiot, die Flächen platt und nach 
den Rändern zu etwas gewölbt, die Ränder bis 3"' vom vor- 
dem Ende gerade verlaufend, oder sie hat die Krümmung eines 
Viertelzirkels oder eines Halbzirkels, wie bei denen von Rich- 
ter und B e i n 1. Die Scheide ist von Silber, hat genau die 



Bronchotomus — Bruchband. 119 

Form der Klinge , Ist am vorderen Ende offen und quer abge- 
schnitten und liegt fest an der Spitze der Klinge an ; am hin- 
teren Ende ist ein mehr oder minder vorstehender Rand oder 
Ring, an dessen beiden Seiten kleine Löcher sind zur Befe- 
stigung der Scheide an dem Halse. B eil 's Bronchotom hat 
eine doppelte Scheide. Die ersten Bronchotome von San- 
ctoriu s und Decker waren eigentliche Troikars von klei- 
nerem Durchmesser. Gegenwärtig bedient man sich sehr sel- 
ten dieses Instruments. Siehe Bronchotomia, JK. 

BRUCHBAND (Brackerium. , Mamma, fr. Brayer, 
Bandage herniaire , engl. Truss) ist ein Verbandstiick, wel- 
ches die durch natürliche oder widernatürliche OefFnungen 
des Unterleibes unter die Haut getretenen Eingeweide zurück- 
hält oder das Nachfolgen mehrerer verhütet. Die Bruchbän- 
der werden eingetheilt: 1) nach den Substanzen, aus de- 
nen sie bereitet sind , a) in weiche oder unelastische, 
b) in harte oder steif e, c) in elastische; 2) nach den 
Th eilen, an welchen die Pelotte angelegt wird, in Leisten-, 
Schenkel-, Nabel-, Dammbruchbänder u. s. w. ; 3) nach 
der Zusammensetzung in einfache, doppelte, künstliche, 
Ein jedes Bruchband besteht 1) aus seinem Körper, dem 
Theile, mit dem es um den Leib befestigt wird, und an dem 
man das vordere (H als) und hintere Ende (Schwanz) und 
den Mitteltheil unterscheidet ; 2) aus der Pelotte (Ballen, 
Knopf, K#pf), welche auf die Bruchöffhung zii liegen kommt ; 
3) aus den zuweilen nöthigen Hülfsriemen. Da jeder 
Wundarzt den Bau der Bruchbänder kennen muss, so handle 
ich zuerst von ihm und gebe dann die vorzüglichsten Bruch- 
bänder in spccie an. Das Leisten - und Schenkelbruchband 
geben als die häufigst gebräuchlichen den Typus der ganzen 
Lehre von den Bruchbändern ab , was icli daher von ihr an- 
gebe, gilt vorzugsweise von jenen. 

I. Das unelastische oder weiche Bruch- 
ban d. Der Körper desselben heisst Bauchgürtel und besteht 
aus einem wattirten Gurt oder Lederriemen, der mittelst 
Knöpfe, Haken oder Schnallen vorn mit der Pelotte befestigt 
wird; diese besteht aus einer Platte von Pappdeckel , Leder, 
Blech, Eisenblech und ist mit Kuh- oder Rosshaaren (weni- 
ger gut mit Sägespänen) gefüttert oder sie ist ganz aus Holz 
oder Elfenbein (z. B. für Nabelbrüche) bereitet. In der neue- 



120 Bruchband. 

sten Zeit hat man auch die Pelotte mit einer Feder versehen. 
Der weichen Bruchbänder bediente man sich zuerst und zum 
Theil geschieht es jetzt noch von Laien ; man hat aber längst 
eingesehen, dass es nicht hinreicht eine feste , gutgeformte, 
oder selbst durch ein Rad stellbare oder mittels einer Feder 
elastische Pelotte anzuwenden , dass sie auch gleichmässig auf 
die Bruchöffnung festgehalten werden muss, um einen bestän- 
digen Druck gegen die andrängenden Eingeweide auszuüben. 
Dazu ist aber der Gürtel unzureichend; der Umfang des Un- 
terleibes ist durch seinen Inhalt und die Bewegungen nicht 
immer derselbe , weswegen der Gürtel entweder zu fest oder 
zu lose sitzt, und so entweder Beschwerden, einen schädlichen 
Druck auf den Unterleib und Hinderung der Bewegung verur- 
sacht oder die Bruchpforte unvollkommen schliesst. Das un- 
elastische Bruchband wird daher allgemein als unzureichend 
verworfen. Seine Wohlfeilheit ist jetzt kein Grund mehr zu 
seiner Anwendung, da die elastischen nicht viel theuerer sind, 
wohl aber können manche Umstände seinen Gebrauch bedin- 
gen oder entschuldigen, z. B. Krankheiten der Hüftgegend 
(S c h r e g e r) , die Unreinlichkeit kleiner Kinder , beständige 
Lage im Bette , Baden , nicht reponible Brüche. Man wen- 
det es jetzt meistens nur bei Nabelbrüchen kleiner Kinder an ; 
am wenigsten passt es für Schenkelbrüche. 

IL Feste oder steife Bruchbänder. Da man 
das Unzureichende der weichen Bruchbänder einsah, so machte 
man (F a b r i c i u s II i 1 d a n u s) den Körper (Gürtel) des Bruch- 
bandes von Eisen, das man halbzirkelförmig krümmte, das vor- 
derebreitere Ende 4 — 5 Zoll vertical nach unten verlängerte 
und den Schild bildete, unter den zur Bildung der Pelotte ein 
Federkisschen gelegt wurde. Auf dem äusseren Theile des 
Schildes war ein hakenförmiger Nagel, um den vom hintern 
Ende des eisernen Halbkreises ausgehenden Lederriemen zu 
befestigen. Diese Bandage war sehr voluminös und unbequem 
und drückte heftig, ohne den Bruch zurückzuhalten, weil sie 
keinen gleichmässigen und beständigen Druck bei den ver- 
schiedenen Bewegungen des Körpers auf die Bruchstelle aus- 
übte. Man suchte zwar später das Steife und Harte des 
Eisens zu vermindern , indem man es kalt schmiedete und ihm 
so einige Elasticiiät gab, oder indem man Eisen- oder Mas- 
sivblech oder Eisendraht oder eine Mischung aus Stahl und 



Bruchband. . 121 

Eisen (A r n a u d) wählte , oder man suchte die Elastlcität des 
Körpers durch Pelotten, welche mittels Stellräder stellbar 
waren, zu ersezten ; allein dadurch wurden sie zwar beque- 
mer , aber nicht sicherer, hatten alle Nachtheile der weichen 
und kosteten ebensoviel als jetzt ein gutes elastisches Bruch- 
band. Und demungeaehtet werden sie doch noch auf dem 
Lande von Schlossern, und Schmieden bereitet ! 

III. Die elastischen Bruchbänder haben wir 
den (freilich sehr unvollkommenen) Versuchen ron Blegny 
(1676) und Blakey (1759, mit Uhrmacherfedern , daher: 
Bundages ä ressort de pendule elasiiques), besonders 
aber den Bemühungen von Camper, Arnaud, Juville 
und Richter zu verdanken. Die Bestandtheile derselben 
sind : A) die Feder; sie ist eine elastische Stahlschiene, 
welche den Unterleib ganz oder zur Hälfte einfasst und mit- 
tels der am vordem Ende befestigten Pelotte auf den Bruch 
drückt, und als ein Hebel der 3. Art zu betrachten ist, indem 
sie die Kraft in der Mitte, den Stützpunkt auf dem Rücken 
und den Widerstand an der Bruchöffnung hat. Sie muss aus 
gutem, fehlerfreiem englischen oder steyermärki sehen Stahle, 
Guss- oder gewalztem Stahlbleche bereitet werden und nicht 
zu hart und nicht zu weich seyn, weil sie im 1. Fall zu stark 
drückt und leicht zerbricht und im 2. den Bruch nicht zu- 
rückhalten kann. Die Uhrmacherfedern sind daher zu spröde 
und die Mischung von Stahl und Eisen zu weich. Die Feder 
von C o 1 e ' s und E g g ' s Patentbruchband ist aus Stangen- 
stahl gehämmert und nicht flach , sondern dick und reifför- 
mig, wodurch sie die Elasticität und die an ihnen so ge- 
rühmte widerstrebende Eigenschaft verliert und constanter 
Druck ohne gleichmässige und anschmiegende Wirkung her- 
beigeführt wird (Ueber die Bereitung der Feder mögen In- 
strumentmacher die Schriften von Juville, Bourdie und 
Gerdy nachlesen). — Die Länge der Feder ist verschie- 
den ; sie betrug anfangs den ganzen Umfang des Körpers 
(Blegny), was Neuere (Lafond) wiederholten und was 
zum Theil beim Nabelbruchband noch besteht; später setzte 
man die Hälfte des Beckenumfanges fest. Nach Camper 
soll die Feder |° Ob so dass sie vom Leisten- oder Schenkel- 
ring bis an die Spina ant. sup. der entgegengesetzten Seite 
reicht), nach Ulhoorne \> nach Arnaud 1 oder \> 



122 Bruchband. 

nach Richter fV des Becken timfanges haben; jetzt nimmt 
man allgemein tt "her die Hälfte des Beckens an (so dass 
die Feder 1 — 2 Zoll über die Mitte des Rückens geht und 
die ganze Länge bei Kindern 8 — 15, bei Erwachsenen 
15 — 23 Zoll beträgt; die für Weiber ist | — H Zoll 
länger als die für Männer. Da eine grössere Feder eine stär- 
kere Elasticität und Kraft hat, ohne dass sie so stark als eine 
dicke Feder drückt, so ist für grosse, schwer zurückzuhal- 
tende Brüclie die Feder auch grösser zu machen , selbst bis 
zur Camp er 'sehen Länge (Boy er), für kleine Brüche 
hingegen ist die halbzirkelförmige Feder ausreichend. — Die 
Breite beträgt gewöhnlich 8 — 10 Linien und die D i cke 
(Stärke) £ — 1| Linie. Die Breite ist im Mitteltheile und 
am Schwänze am stärksten , damit es sicherer aufliegt. 
Manche machen das Schwanzende breiter als das Mittelstück 
und Juville versah ersteres mit einem Stützblech, damit 
es fester aufliege , Cole, Salmon undLafond brachten 
eine tellerförmige Felotte daselbst an , um den PJrgänzungs- 
riemen zu entbehren (Rons seil e-Cli ams eru) . Die 
Dicke muss an allen Punkten gleich stark seyn. E gg's Fe- 
der ist reifförmig und dick und läuft gegen das Schwanzende 
immer schmäler zu. Die Stärke der Feder hängt von ihrer 
Dicke und Breite ab und richtet sich nach der Grösse und 
Art des Bruches, der Leichtigkeit des Austrittes der Einge- 
weide, dem Alter, der Körperbeschaffenheit und der Lebens- 
art des Kranken , sie beträgt daher im Allgemeinen zwischen 
1| — 4 pariser Pfund. Die Angabe, dass die Feder des 
Schenkelbruchbandes nicht so stark wie des Leistenbruchban- 
des zu seyn brauche , ist daher zu allgemein. Man hat die 
Stärke der Feder durch Hülfsfedern zu verstärken gesucht, 
welche in den scheidenartigen ledernen Ueberzug der Haupt- 
feder auf die äussere Seite der letzten gesteckt werden (Sal- 
in on, Lafond), allein dies ist ganz unnöthig, wenn die 
Feder ihre gehörige Kraft hat. Die Form der Feder muss 
genau den Vertiefungen und Erhöhungen des Beckens ent- 
sprechen ; da sie am Kreuzbein 14- — 2 Zoll höher zu liegen 
kommt als am Schenkel oder Leistenring , so muss sie, für 
diese Orte, gekrümmt abwärts steigen (Cliir. Kpf. T. 7. f. 2.). 
Man unterscheidet dreierlei Biegungen der Feder: a) die 
nach der Länge, wodurch die halbzirkelförmige (für Na- 



Bruchband. 123 

belbrüche), oder elliptische (fürLeisten- und Schenkelbrüche) 
Form mit äusserer Convexität und innerer Concavität bewirkt 
wird; b) nach ihren Rändern (Breite); die Kniebiegung 
an ihrem vordem Ende stellt diesen Theil zu der übrigen Fe- 
der in einen stumpfen Winkel, von ihr hängt die Stellung 
der Pelotte ab ; c) nach ihren Flächen an dem hintern 
und vordem Ende der Federn, die den schiefen Flächen, wo- 
hin die beiden Enden zu liegen kommen , entsprechen 
muss. — B) Die Pelotte wird durch den Schild und die 
Fütterung gebildet; der Schild ist eine bald runde, bald 
ovale bald abgerundet dreieckige , flache oder leicht convexe 
oder concave Eisenplatte von verschiedener Grösse , welche 
mit dem vordem Theile der Feder gewöhnlich durch einige 
Stifte , manchmal durch stellbare Schieber, Schrauben u, s. w. 
befestigt, an den Rändern mit kleinen Löchern zur Befesti- 
gung des Ueberzuges und an ihrer vordem (äusseren) Fläche 
mit 1 oder 2 (selten 3 nach Hesselbach) Knöpfen zur Be- 
festigung der Bauch- und Hülfsriemen , selten mit einer 
Klammer (Richter, Hofer, A. Cooper) versehen ist. 
Jetzt bringt man nur einen Knopf für beide Riemen an der 
der Mitte der Bruchpforte entsprechenden Stelle an. Zur 
Fütterung des Schildes braucht man nebst einer schwach 
convexen Platte Kork oder Kiehnenrinde gewöhnlich Ross- 
haare, weniger gut sind Kuhhaare , Wolle, Leinwand, gra- 
duirte Lagen von Tuch (Dzondi), Sägespäne, elastisches 
Harz, Luft, Drall tfedern , Kork, Holz oder Elfenbein. Die 
Polsterung erhebt sich an den Rändern 6 — 9, in der Mitte 
9 — 15 Linien über die Platte. Man hat auch Pelotten ganz 
aus Holz (Ryff, Morin, neuerdings Brauer, Dela- 
croix) oder Elfenbein (Fauvel). Die hölzernen zeichnen 
sich durch die Wohlfeilheit aus, besonders da sie keinen 
Ueberzug nothwendig haben , müssen aber von einem festen 
und glatten Holze bereitet seyn. Die elfenbeinernen sind 
tbeuer und ihre Politur wird durch den Schweiss verdorben. 
Die Form und Grösse der Pelotte richtet sich nach der 
Grösse und Richtung der Bruchpforte; die Bänder der letz- 
ten sollen im Allgemeinen r Zoll breit bedeckt werden. 
Meistens werden die Pelotten zu gross gemacht, was oft die 
Bewegung hindert. Der Längendurchmesser des Leistenbruch- 
bandes beträgt 2 — 3, der Querdurchmesfeer li —r 2 Zoll, 



124 Bruchband. 

dasselbe hat eine dreieckig runde Form , für den angehenden 
Leistenbruch und Schenkelbruch ist letzte oval oder elli- 
ptisch, für den Nabelbruch rund. Die Pelotte ist selten 
flach, z. B. die von Holz (sie lässt aber die Eingeweide 
zwischen die Schenkel der Bruchpforte treten , was die Hei- 
lung verhindert), meistens leicht convex (gewöhnlich in 
der Mitte, selten am äussersten und untersten Rande). Wie 
die Grösse, so war auch die Convexität der Pelotte in frühe- 
ren Zeiten zu stark, besonders beim kurzhalsigen Leisten- 
bruch und beim Schenkelbruch. Bei fetten Personen muss 
die Convexität stärker seyn, als bei mageren. Concave 
Pelotten wurden von den Alten (R y ff) häufig gebraucht, und 
auch in der neuen Zeit haben Mehrere ihre Pelotten leicht con- 
cav gemacht; jetzt bedient man sich der vollkommen conca- 
ven (Jßrayer ä cuiller) nur bei verwachsenen Brüchen, um 
das fernere Vordringen von Eingeweiden zu verhüten; die 
Concavität muss genau der Convexität der Bruchgeschwulst 
entsprechen und diese von dem wulstigen Rande der Pelotte 
umgeben werden. Die Richtung der Pelotte folgt der 
Richtung der Bruchpforte , so dass ihr grösster Durchmesser 
in den grössten der Bruchpforte kommt. Die Neigung der 
Pelotte gegen den Unterleib richtet sich nach den Flächen 
des letzten und des Rückens, sowie der Fettheit oder Mager- 
keit; im Allgemeinen muss bei Schenkel- und Leistenbrü- 
chen der obere Rand mehr vom Unterleibe ab, nach auswärts, 
der untere nach innen, dem Unterleibe zugewendet seyn, bei 
Nabelbrüchen stehen beide Ränder gleich. — Seit der Mitte 
des vorigen Jahrhunderts hat man an der Pelotte und ihrer 
Verbindung mit der Feder verschiedene künstliche Vorrich- 
tungen angebracht, theils um die Unvollkommenheit der 
Feder zu ersetzen, theils um den Pelotten eine beliebige 
Stellung zu geben und so das Bruchband für verschiedene 
Individuen und verschiedene Zustände passend zu machen, 
oder endlich um die Radicalcur zu beschleunigen. Hierher 
gehören folgende Modificationen: a) die elastischen 
Pelotten {Band, äpompe, Bruchband mit dem Druckwerk) ; 
sie sollen die mangelhafte Elasticität der Feder ersetzen, 
zu starken Druck verhüten und einen gleichmässigen ausüben. 
Man liess daher von dem Schild eine conische Spiralfeder, 
welche auf ihrer Höhe mit einer kleinen Korkpelotte endigt, 



Bruchband. 1 25 

i 

aufsteigen (Monnikoff, Brünninghausen, Cole), 
oder brachte eine runde Spiralfeder zwischen 2 Schildplat- 
ten (Böttcher, Denardis's hohle hölzerne Pelotte mit 
2 Spiralfedern) oder verband die Pelotte mit der Feder 
durch eine kleine Feder (W eissenborn), oder man ver- 
fertigte sie von Harz (Monza) oder füllte eine Blase mit 
Luft (Heritz, die neuen Wiener Harzpelotten). Alle 
diese Vorrichtungen sind nicht sicher, theuer, nicht haltbar 
und werden daher allgemein der einfachen Pelotte nachge- 
setzt, besonders da sie keine Vortheile, sondern meistens 
sogar Nachtheile gewähren; hat nämlich die Feder zuviel 
Kraft, so drückt sie zu stark, ist sie zu schwach, so lässt 
sie Eingeweide austreten. ß) Stellbare Pelotten ; es 
giebt verschiedene Arten, aa) solche, wo man den Hals der 
Feder verlängern und verkürzen kann, indem die Pelotte mit 
der Feder durch einen stellbaren Schieber (mit Rollschrau- 
ben) verbunden ist; hierher gehören die Bruchbänder von 
öudet, Squire, Salmon, Weiss; bb) solche, wo 
man der Pelotte eine stärkere Biegung nach unten geben kann, 
so dass die von der Feder über den oberen Rand laufende 
gerade Linie in eine mehr oder weniger convexe verwandelt 
wird; hierher gehören die Bruchbänder von Verdi er, 
W e i s s , das neue Wiener ; cc) solche, bei denen man die 
Neigung des unteren Randes zum Unterleib nach Willkür 
vermehren oder vermindern kann , um dadurch einen stär- 
kern oder geringern Druck gegen die Bruchpforte ausüben zu 
können. Da wo die Pelotte mit dem Hals der Feder verbun- 
den ist, hat letztere eine runde Form und ein Stellrad (die 
Alten) oder ein Schraubengewinde mit einem Handgriffe 
(Fontanelle). Solche Pelotten sind aber schwerer zu 
verfertigen, theurer, zerbrechlicher, ohne den Hauptzweck 
zu befördern, im Gegentheil ist die Veränderung der Nei- 
gung der Pelotte schädlich. Hierher gehört auch Q u i n e t's 
Bandage omniforme , deren Pelotte statt der gewöhnlichen 
Fütterung auf dem grossen Schilde 7 kleine gefütterte Plat- 
ten hat , welche einzeln durch Durckschrauben vor- und rück- 
wärts zu stellen sind , um an einer beliebigen Stelle einen 
stärkeren Druck hervorbringen zu können ; durch ihre Ver- 
engerung bilden sie eine grosse stellbare Pelotte, welche 
aber mit Recht von Allen verworfen worden ist; &d) solche, 



126 Bruchband. 

welche mehrere dieser Vorrichtungen vereinigen , z. B. die 
von Weiss; am Vordertheil der Feder ist durch eine 
Schraube eine nach oben und unten stellbare Pelotte befestigt, 
welche sich über einen Zapfen dreht; die ovale Pelotte selbst 
kann verlängert und verkürzt nnd das Bruchband rechts und 
links angelegt werden , die Pelotte ist aber zu beweglich und 
lässt bei starken Bewegungen den Bruch austreten. 7) Be- 
wegliche Pelotten ; sie sind segmentarische Teller von 
Eisenblech , die mit der Feder durch ein Nussgelenk verbun- 
den sind (Pflug, Salmon, Wiekau, Lafond); man 
wollte dadurch der Pelotte bei den verschiedenen Bewegun- 
gen des Körpers die zweckmässigste und beständigste Lage 
zur Zurückhaltung des Bruches geben , allein gerade die zu 
grosse Beweglickeit der Pelotte nach allen Richtungen lässt 
den Bruch austreten , indem die Eingeweide den Umfang der- 
selben erheben. J) Pelotten mit Arzneimitteln 
gefüttert wurden schon oft, neuerdings wieder von Beau- 
mont zur Beförderung der Verengerung oder Verwachsung 
der Bruchpforte empfohlen; solche Ingredientien sind aro- 
matische Kräuter, Galläpfel, Cypressennüsse, Rosskastanie, 
Lohe, Opium und Ammonium subcarbonicum (B e a u m on t ;) 
diese Pelotten helfen so wenig als die äussere Anwendung 
dieser und ähnlicher Arzneimittel in verschiedenen Formen, 
sie sind vielmehr blos Mittel der Bandagisten , ihre Bruch- 
bänder um einen 3 — 4 fach höheren Preis anzubringen. 
Alle die unter a — d angeführten Künsteleien an den Pelotten 
haben den Erwartungen nicht entsprochen , so dass sie schon 
von Arnaud, Juville, Richter verworfen und der ein- 
fachen Stahlfeder und gewöhnlichen Pelotte nachgesetzt wur- 
den , da diese die erforderliche Eigenschaft zur Zurückhal- 
tung des Bruches haben und keiner fremden Hülfe bedürfen; 
nur für einzelne Fälle und Arten der Brüche sind einige der 
Modificationen beizubehalten. — C) Der Bauchriemen 
(Schluss- oder Ergänzungs - Riemen) ist ein einfacher Rie- 
men , der am hintern Theil der Feder befestigt ist und ihn 
mit der Pelotte in Verbindung setzt und so die ganze Ban- 
dage schliesst. Der hintere Theil ist auf dieselbe Weise wie 
*lie Feder gepolstert, der vordere aber nicht, sondern mit 
Löchern versehen , welche in den Knopf der Pelotte befestigt 
werden. Die Hülfsriemen haben den Zweck , der Ver- 



Bruchband. 127 

Schiebung des Bruchbandes nach oben oder unten bei Bewe- 
gungen vorzubeugen. Zur Verhütung der Verschiebung der 
Leisten- und Schenkelbruchbänder nach oben und des Austrit- 
tes der Eingeweide unter der Peiotte hat man den Schen- 
kelrieiuen; dieser besteht aus einem schmalen Streifen 
Barchent oder festem Leder ( und mit weichem Leder über- 
zogen), der mittels einer Schlinge an die Feder und vorn 
durch Löcher an den Knopf der Peiotte befestigt wird. Un- 
nöthig ist die Elasticität des Schenkelriemens durch Zug- 
(J u vi 11 e) oder Draht - oder Gummifedern. Bei der Nei- 
gung zur Verschiebung der Peiotte nach unten, die vorzüg- 
lich bei sehr dicken Personen vorkommt, versieht man das 
Bruchband mit einem Schulterriemen. — D) Der Be- 
satz; die mit einem guten Firniss lackirte Feder erhält ei- 
nen Ueberzug von feiner Leinwand, Wachsleinwand, oder 
Seide, an der concaven Seite von 3 Lagen feinem Flanell und 
endlich von feinem weichen, gelben oder weissen Hirsch- 
oder Gemsleder, und an der äusseren Seite einen Streifen 
grünen oder rothen Safian ; ebenso die Peiotte. Da das Le- 
der die Feuchtigkeit an sich zieht und dann an die Haut klebt 
und endlich die Feder verdirbt, so wählte II unter statt 
dessen braunes Haasenfell mit nach aussen gekehrten Haa- 
ren , besonders für zarte Personen , was aber wenig Nachah- 
mung fand. Laserre umgiebt die Feder und Peiotte mit 
einem Ueberzug von elastischem Harz, um sie für Badende 
und Kinder brauchbar zu machen. Um den gewöhnlichen 
Besatz vor Schweiss zu schützen , kann man ihm noch einen 
abnehmbaren Ueberzug von feiner Leinwand oder Calico (das 
Hemd des Bruchbandes) geben. 

Die Eigenschaften eines guten elastischen 
Bruchbandes sind folgende: Es muss möglichst einfach, 
haltbar und von entsprechender Stärke seyn , gleichmässig und 
gehörig fest anliegen, ohne dabei Beschwerden zu verursa- 
chen , namentlich muss die Peiotte die Bruchpforte ganz be- 
decken , die gehörige Richtung und Stellung haben und in 
allen Stellungen überall gleichmässig fest aufliegen, so dass 
kein Theil unter ihr hervortreten kann. — Das M a a s s zu 
einem Bruchbande nimmt man gewöhnlich von der 
Bruchpforte bis an die Wirbelsäule mittels eines Bindfadens 
oder eines Papierstreifens, besser mittelst eines starken Drah- 



128 Bruchband. 

tes oder einer glatten Bleistange (Scarpa), wobei beide 
alle Contouren des Unterleibes mit der Flächenbiegung und 
Neigung der Pelotte erbalten ; man legt dann den nachdem 
Unterleib gebogenen Halbring auf einen Bogen Papier und 
zieht um dasselbe mit Bleistift eine Linie, wodurch der Künst- 
ler eine genaue Gestalt des Unterleibes erhält , nur muss er 
etwa 1 Zoll an der Länge für die Fütterung zugeben. — Die 
Anlegung des Bruchbandes geschieht nach der Ent- 
leerung der Blase und des Mastdarmes und nach genauer Re- 
position der vorgefallenen Eingeweide , am besten des Mor- 
gens und in der Rückenlage mit etwas angezogenen Schenkeln 
(doch auch stehend) ; mit den Fingern der einen Hand hält 
man die Eingeweide so lange zurück , bis die Pelotte gehörig 
auf die Bruchöffnung angelegt ist; man drückt dann mit den- 
selben Fingern die Pelotte an, bis der Bauchriemen be- 
festigt ist. Die Feder des Leisten- und Schenkelbruchbandes 
muss zwischen der Spina ant. sup. ilei und dem Trochan- 
ter maj. auf der kranken Seite liegen ; einige machen die 
Feder länger und legen sie auf der gesunden Seite an, so dass 
der Hals derselben über die Schamgegend herüber zur Bruch- 
stelle gehen muss (Et ienne, Lafond, Weiss). Man 
lässt dann den Kranken aufstehen , husten , gehen und sich 
bücken, um sich zu überzeugen , dass die Pelotte die Bruch- 
pforte gehörig verschliesse und kein Eingeweide vorgefallen 
sey, um ihm entweder eine zweckmässigere Lage zu geben 
oder ein passenderes zu wählen. Das Unterlegen von Com- 
pressen unter die Pelotte oder den Körper taugt nichts. An- 
fangs liege es nicht zu fest an , bis sich der Kranke an den 
Druck gewöhnt hat. Die Stellen, wo es aufliegt , kann man 
öfters mit Branntwein waschen. Entsteht Excoriation, so 
lege man daselbst Blei- und Zinksalbe über oder bestreue die 
Gegend mit Galineipulver oder Cimoliterde; lässt der Druck 
nach und schliesst die Pelotte die Bruchpforte unvollkommen, 
so müssen der Bauch- und Hülfsriemen fester angezogen wer- 
den. Alle unter der Pelotte anzuwendenden adstringi- 
renden Mittel helfen nichts und verderben nur die Pelotte. 
Das Bruchband muss beständig getragen werden , beson- 
ders bei kleinen und frischen Brüchen junger Leute; da- 
durch kann endlich radicale Heilung bewirkt werden; wird 
es aber vor erfolgter gänzlicher Obliteration der Bruch- 



Bruchband. 1 29 

pforte abgelegt, so erfolgt die Einklemmung um desto leicht 
ter, je enger die Oeffnung ist. Ist die Radiealcnr aber auch 
vollkommen eingetreten, so darf das Bruchband auch nicht 
auf einmal entfernt werden und der Genesene muss sorgfältig 
Alles vermeiden, was einen starken Andrang der Eingeweide 
nach der früheren Bruchpforte veranlassen könnte. Beim 
Tragen des Bruchbandes muss jede sehr heftige Anstrengung, 
hartnäckige Verstopfung und lange Zurückhaltung von Urin 
verhütet werden, und ist erste nicht zu vermeiden, so unter- 
stütze man die Pelotte mit der einen Hand. Treten Schmer- 
zen in der Bruchstelle ein , so muss das Bruchband in liegen- 
der Stellung abgenommen und. ein etwa vorgefallener Darm- 
theil zurückgebracht werden. 

IV. L e i s t e n b 1 u c h b ä n d er sind für jene Brüche be- 
stimmt, welche durch den äusseren Leistenring (Bauchring) 
treten; die äusseren frisch entstandenen Leistenbrüche haben 
einen langen Hals , der Hals der Feder muss daher kurz und 
die Pelotte stärker convex und länglich seyn , um über die 
Ränder des inneren und äusseren Leistenringes zu gehen und 
den ganzen Leistencanal zusammenzudrücken (Cooper in 
Chir. Kpf. T. 7. f. 4. 6.). Beim alten und grossen äusseren 
und beim inneren Leistenbrucbe, welche beide einen kurzen 
Hals haben und rundlich sind, muss der Hals der Feder län- 
ger, die Pelotte mehr dreieckig rund, nicht so stark convex 
und mit ihrem unteren Rande gegen das Becken gerichtet 
seyn, und dieser den horizontalen Ast des Schambeins berüh- 
ren. Wenn die Feder wegen Grösse des Bruches und Häu- 
figkeit der Anstrengungen stark seyn muss und so der Saa- 
menstrang gedrückt wird , so kann man den unteren Band der 
Pelotte mit einem schmalen Anschnitt für den Saamenstrang 
versehen. Die bekanntesten Leistenbruchbänder sind: a) 
einfache, als das von Camper ( mit langer Feder und 
daher vorzüglich für voluminöse, schwer zurückhaltbare 
Brüche passend), Juville (Chir. Kpf. T. 7. f. 3) , Hof er, 
Cooper (ibidem f. 1 . 4. 7.) , Heine, u. s. w. — b) m i t 
künstlichen Pelotten: I) Die älteren Bruchbänder 
mit Stellrad (die Feder endet vorn mit einem dicken Draht, 
in dessen Mitte ein Rad ist , in das die an der äussern Fläche 
der Pelotte befindliche Feder fällt) ; 2) Bruchbänder von 

Weissenborn ( die birnförmige Pelotte hängt mit dem 
Handwürterb. der Ch. II. 9 



130 Bruchband. 

schmalen Halse der Feder durch eine Feder zusammen) ; 3) 
Bruchbänder vonFontanelle mit stellbarer Pelotte (durch 
ein Schraubengewinde); 4) Verdier's Bruchbänder mit 
stellbarer Pelotte (gross und leicht concav für grosse Brüche) ; 
.5) Squire's Bruchbänder mit verlängerbarem Halse der 
Feder ; 6) Oudet's Universalbruchband ( mit verlänger- 
barem Halse und stellbarer Pelotte ) ; 7) Bruchband von 
Brünninghausen mit elastischer Pelotte ; 8) S a 1 - 
mon's Patentbruchband mit beweglicher Pelotte und verlän- 
gerbarem Halse ; es wird auf der entgegengesetzten Seite an- 
gelegt und hat keinen Bauch- und Schenkelriemen ( Chir. 
Kpf. T. 89.f. 1—4); 8) Jalade-Laf ond's Bandage 
renixigrade (dem vorigen nachgebildet; ibid. f. 5 — 12 ) ; 
9) Weiss 's Bruchband mit doppelt stellbarer Pelotte und 
verlängerbarem Halse ; es kann rechts und links angelegt wer- 
den und zwar jedesmal auf der gesunden Seite, c) Dop- 
peltes Leistenbruchband ist für Brüche auf beiden 
Seiten bestimmt und hat entweder nur eine oder zwei Federn ; 
im ersten Falle muss. die Feder sehr stark seyn und auf der 
Seite des grössern Bruches liegen; die zweite Pelotte für den 
Bruch der anderen Seite hängt mit der ersten durch eine Fort- 
setzung des Halses der Feder zusammen ; der Verbindungs- 
stab ist entweder gerade , und zwar einfach oder verlänger- 
bar, oder in einem stumpfen Winkel nach unten gebogen ; der 
Bauchriemen wird an der zweiteu Pelotte befestigt ; beide Pe- 
lotten haben ihre Schenkelriemen. Die bekanntesten Bruch- 
bänder dieser Art sind von Böttcher mit schieb- und stell- 
barer Pelotte und von Juville mit elastischen Pelotten. Da 
die zweite Pelotte weniger kräftig als die erste wirkt und so 
der Druck ungleichmässig ist, so wird diese Art jetzt allgemein 
verworfen und das doppelte Bruchband mit zwei Federn an- 
gewendet. Zwei passende Bruchbänder werden hinten und 
vorn durch Riemen, Schnallen und Knöpfe vereinigt (Chir. Kpf. 
T. 7. f. 5. 6.). Die stählernen Schlossbänder (er emaillere) 
von J ii v i 1 1 e ii. A. sind tlieuer und unnöthig ; Brünning- 
hausen ' s Unterstützungsblech am Rücken ist für manche 
Fälle passend. 

V. Schenkelbruch band ist gegen den Austritt 
der Eingeweide durch den Schenkelring bestimmt; es hat 
eine kürzere Feder mit sanfter Flächenkrümmung, stärkerer 



Bruchband. 131 

Kniebeugiing und einer kleineren , mehr ovalen Pelotte (2" 
lang, \" — 15'" breit), die schräg von aussen nach innen und 
von oben nach unten laufen muss. Der Schenkelriemen ist 
selten zu entbehren , und der Knopf für den Ergänzungsrie- 
men muss in der Mitte seyn. Die bekanntesten Schenkel- 
bruchbänder sind die von Bernstein, Juville, Fon- 
tanelle, Brünning hausen, Langenbeck, Weiss 
(zugleich auch für den Leistenbruch). Das doppelte kann 
nur mit zwei Federn gemacht werden. Ein Leisten- und 
Schenkelbruch an derselben Seite fordern eine grosse , den 
ganzen Raum der Leistengegend ausfüllende Pelotte* 

VI. Nabelbruchband : 1) unelastis che; eine 
eingewickelte Metallplatte oder Münze oder eine graduirte 
Compresse (S c h r e g e r) , oder eine halbe Wachskugel oder 
Muscatnuss (Richter), oder eine hölzerne Halbkugel wird 
durch gut klebende , kreuzweis liegende Heftpflasterstreifen 
auf den Nabel befestigt und durch eine Compresse und Leib- 
binde unterstützt; dieser Verband ist bei kleinen Kindern zur 
Radicalheilung hinreichend (Petit, Heister, Pott, 
Desault, Richter und Neuere), und eine gestrickte 
(Becker) oder eine am Rücken zuschnürende (D i e f f e n - 
b a c h) Binde nicht nothwendig. Bei mehr erwachsenen Kin- 
dern ist eine hölzerne Pelotte zweckmässig, welche mittels 
eines hölzernen Knopfes an ihrer äusseren Seite in die Spalte 
des Bauchgürtels befestigt wird (Bass, Brünninghau- 
sen's Nabelschildchen, Stark)* Es giebt auch unelasti- 
sche Nabelbruchbänder mit elastischen Pelotten (Monro). — 
2) elastische; die Elasticität wirkt entweder a) auf den 
Nabelring und schliesst diesen , oder b) auf beide Seiten des 
Unterleibes und drückt so die Spalte in der Linea alba zu- 
sammen, oder c) sie vereinigt beide Wirkungen; wir haben 
daher folgende drei Arten der elastischen Schenkelbruchbän- 
der: ad a: Eine halbkreisförmige , etwas breite Feder, die 
nur die Längenbiegung hat, drückt mit einer runden con- 
vexen Pelotte auf den Nabelring und wird durch den Ergän- 
zungsriemen befestigt (Platner, de Launay, Camper, 
Richter). Da die einfache Feder sich leicht verschiebt 
und der Ergänzungsriemen den Leib zu sehr zusammen- 
schnürt, so nahm man 2 Federn, die an der Pelotte befestigt 
sind und am Rücken durch Schnallen vereinigt werden; hie-s 

9* 



132 Bruchband. 

her gehören die Bruchbänder von Squire und Eagland« 
Ersteres (Chir. Kpf. T. 43. f . 9 ) besteht aus einem ovalen 
convexen Pelottenschild (der an einer Stellschraube die ei- 
gentliche kleine Pelotte trägt) und aus 2 mit ihm durch Char- 
niere verbundenen Federn. Beim Bruchband von E a g - 
1 a n d (Chir. Kpf. T. 43. f. 1 — 3) ist eine leicht concave 
Pelotte aus Zinn zu beiden Seiten durch Charniere mit den Fe- 
dern verbunden, welche mit kleinen tellerförmigen Pelotten auf 
einem Rückenkissen liegen; ad b: die hierher gehörigen heisst 
man Nabelbruchbänder mit dem Federkasten, 
Band, exomphales ä barillet. Durch die Feder iu oder 
auf der Pelotte lässt sich der Bauchriemen erweitern oder ver- 
engern und passt sich so der Ausdehnung des Unterleibes an, 
wodurch ein gleichmässiger Druck sowohl auf die Oeffnung in 
der Linea alba als auch auf die Seitenwände des Unterleibes aus- 
geübt wird, wesswegen diese Bandage vorzüglich für die Brüche 
der Linea alba passen und eine längliche Pelotte fordern. Hier- 
her gehört vor allen das Nabelbruchband von Suret ( Chir. 
Kpf. T. 43. f. 10), in dessen hohlem Schilde sich eine zusam- 
mengesetzte Feder befindet. Modificationen desselben sind 
die Bandagen von Richter (an 4 Federn an der äusseren Seite 
des Schildes ist der Bauchgurt befestigt), Juville und Har- 
ten keil. Da alle diese Vorrichtungen theuer sind, so 
suchte T h e d e n die Feder in der Pelotte durch 3 Zoll lange, 2 
Zoll breite Stücke elastisches Harz auf beiden Seiten der Pe- 
lotte zu ersetzen, die aber bald ihre Elasticität verlieren, was 
auch der Fall mit den Wiener Caoutchouc- Nabelbruchbändern 
ist; besser eignen sich die Drahtfedern (Verdi er) dazu. — 
ad c: Bruchbänder mit einfachen oder elastischen Pelotten 
und elastischem Bauchriemen (mit Draht- oder Harzfedern), 
als die von Brünninghausen (Chir. Kpf. T. 43. f. 7. 8, 
elastische Pelotte und Bauchgurt aus Hosenträgerfedern ) 
S c a r p a (ebenso), O k e n (einfache Pelotte mit Hosenträger- 
federgurt). Unzweckmässig sind die von Morrison (Chir. 
Kpf. T. 43. f. 4 — 6; eine fast zirkeiförmige hinten offene 
Feder ist vorn breit und bildet einen grossen ovalen Ring, von 
dessen einer Seite eine Stahlfeder mit Pelotte zum Bruche 
geht) und Jalade-Lafond (JB. omph.-renixigrade , das 
nach denselben Grundsätzen wie das für die Leisten- und 
Schenkelbrüche gebildet ist). 



Bruchband — Brustbinden. 133 

VII. Bauchbruchbänder werden ähnlich wie die 
vorigen gebildet. Das von Trecourt besteht aus einer 
zirk elf bringen Feder mit 2 Pelotten, welche zur Seite der 
Spalte zu liegen kommen und zusammengeschnürt werden. 

VIII. Dammbruchband; das unelastische be- 
steht aus einer T-Binde mit convexer hölzerner Pelotte am 
verticalen Theile; bei dem von Pip ele t ist letzterer von 
Leder, während den horizontalen eine Feder bildet. S c arp a 
hat ein ganz elastisches angegeben ; es besteht aus einer 
zirkelfdrmigen Feder für das Becken , von deren mittlerem 
hinteren Theile eine segmentarische Feder abwärts geht und 
sich mit einer Pelotte endigt (Chir. Kpf. T. 47). Aehnlich 
sind die von Kos ch und Jacobson. 

Die Bandagen für die übrigen Brüche müssen nach den je- 
desmaligen Eigenthümlichkeiten gemacht werden. 

Literatur: Ausser den Werken über Hernien und Verbände 
sind zu nennen: Camper, Mein, sur la construction des ban- 
dages pour les hernies , in Me'm. de l'Acad. de Chir. T. V- — 
Juville, Traite des Bandages herniaires. Paris 1786. A. d. Fr. 
v. Schreger. Nürnberg 1800. m. Kpf. — J a lad e-L af ond, 
Consid. sur les Band. hern. Paris 1818. — Burdin, Art. Band, 
hern. im Dict. des sc. med. T. VI. — Seifert, Art. Bruchband 
in dem Encycl. Wörterb. der med. Wissenschaften. B. 6. Berl. 
1831. — Döring^ Art. Hamma, in Rust's Handb. der Chir. 
B. 8. Berlin 1833. J # 

BRUSTBINDEN, Fasciae mammillares , hat man ver- 
schiedene ; sie lassen sich am zweckmässigsten auf folgende 
drei Arten zurückführen. 

1) die einfache aufhebende Binde der Brü- 
ste, Suspensorium, s. Fascut, mammillarls simplex ; sie ist 
10 — 12 Ellen lang , 2£" breit und einköpfig. Ein Gehülfe 
hält den Anfang der Binde in der Achsel der kranken Seite fest. 
Man geht mit der Binde unter dem Arm hervor, unterhalb der 
kranken Brust schräg aufwärts zwischen beiden Brustdrüsen 
hindurch zur gesunden Schulter, von hier schräg über den Rü- 
cken dahin zurück, von wo man ausgegangen ist, wiederholt 
diese Tour, um damit das obere Drittheil der ersten zu bedecken. 
Hierauf macht man zwei gleiche Touren über den oberen Theil 
der kranken Brust so , dass die zweite Tour die erste nach der 
Brustwarze zu ein Drittheil bedeckt , und geht nun mit einer 
fünften Tour über die noch frei gebliebene Mitte der Brust 



134 Brustbinden. 

über die Warze. Die Tonren in der Achsel , auf den Schul- 
tern und dem Rücken müssen sich genau bedecken und bil- 
den demnach auf der Brust unterhalb der Brustwarze eine 
Dolabra adscendens und oberhalb derselben eine Dolabra 
descendens. Ist man mit dem Kopfe der Binde bis zur ge- 
sunden Schulter gekommen, so macht man um diese eine 
Achtertour, um die daselbst befindlichen Touren zu befesti- 
gen, und endigt den Verband, sobald man mit dem Kopfe 
der Binde schräg über den Rücken zur kranken Achsel ge- 
langt ist , mit Zirkeltouren um den Leib. 

2) Die doppelte aufhebende Binde der 
Brüste, Suspensorium, s. Fascia mammillaris duplex, 
ist etwas länger als die einfache, weil sie beide Brüste ein- 
hüllen soll. Man geht mit der Binde aus der rechten Ach- 
sel unter der rechten Brust vorbei, zwischen den Brüsten 
hindurch zur linken Schulter, steigt von da zur linken Ach- 
sel unter der linken Brust vorbei, zwischen den Brüsten 
durch zur rechten Schulter, und wiederholt, wenn man zur 
rechten Achselhöhle gelangt ist, dieselbe Tour, jedoch so, 
dass man sie , statt unterhalb , nun oberhalb der Brüste fort- 
führt, und somit eine Kreuzung auf dem oberen Theil der 
Brustbeins bildet, während die vorigen auf den unteren 
Theil desselben zu liegen knmmen. Wenn man diese bei- 
den Kreuztouren nach den bei der einfachen Brustbinde an- 
gegebenen Vorschriften nochmals wiederholt hat, und also 
beide Brüste bis auf die Brustwarzen unterhalb mit einer 
Dolabra adscendens f oberhalb mit einer Dolabra descen- 
dens bekleidet hat, so deckt man durch zwei neue, sich auf 
dem Brustbeine kreuzende Gänge auch die Brustwarzen, und 
beendigt, nachdem man um jede Schulter eine Achtertour ge- 
macht hat, den Verband durch Zirkeltouren um den Leib. 

Man wendet diese Binden nach Abnahme der Brüste, bei 
Eiterung, Verhärtung, Milchstockungen der Brüste an. 

3) Die zusammengesetzte oder vierköpfige 
an fliehende Binde der Brüste, Suspensorium s. 
Fascia mammillaris composita s. quatuor capitibus comp. 
Man nimmt ein viereckiges Stück Leinwand von angemesse- 
ner Grösse, welches man an jeder Ecke mit einem 2 Ellen 
langen und 2 Querfinger breiten Bande versiebt, so dass zwei 
davon an dem äussern Rande horizontal, und zwei an dem 



Brustbinden — Brustharnisch. 135 

untern Rande perpendiculär befestigt werden. Bei ßpr An- 
legung lässt man die kranke Brust in die Höhe heben und 
legt den Theil der Binde , woran sich die horizontalen Bän- 
der befinden, ganz nahe unter der Brust an, führt die Bän- 
der um den Leib zum Rücken , wechselt sie dort, führt sie 
wieder nach vorn und befestigt sie unter den Brüsten. Man 
bedeckt hierauf mit dem viereckigen Stück Leinwand die 
kranke Brust und führt die perpendiculär laufenden Bänder 
über die Schultern , kreuzt sie auf dem Rücken , führt sie 
unter den Achseln hervor und befestigt sie über der Mitte der 
Brüste. Wenn beide Brüste krank sind, so nimmt man ein 
grösseres Stück Leinwand, und legt den Verband so an, dass 
beide Brüste von dem viereckigen Stücke bedeckt werden. — ? 
Man bedient sich dieses Verbandes um nach Operationen oder 
bei Krankheiten der Brüste Verbandstücke, Umschläge zu be- 
festigen. W. 

BRÜSTHARNISCH, Panzer, Kürass, Schnür- 
brust, Cataphractes , ist eine von Galen bereits bei 
Verletzungen der Brust, des Rückens , der Schulterblätter, 
namentlich bei Rippenbrüchen angewendete Binde, welche 
meist, seit Heister, mit Quadriga (s. diesen Artikel) ver- 
wechselt wird. Beide Binden haben auch grosse Aehnlich- 
keit, nur ist die eigentliche Galen'sche Harnischbinde ein- 
köpfig. Man gebraucht dazu eine 12 — 16 Ellen lange, 3 
Finger breite, auf einen Kopf gerollte Binde, geht zuerst 
um die linke Achsel, dann dicht unterhalb des Schlüsselbeins 
schräg über die Brust nach der Seite und dem Schulterblatte 
des rechten Armes , quer über den Rücken zu der linken Ach- 
selhöhle , von da über den ersten Bruststreifen hinweg, so 
dass auf dem Brustbein ein X entsteht ; nun steigt man schräg 
zum Schulterblatt der rechten Seite, und von dort zur lin- 
ken Achselhöhle ; dann vorn herauf über die linke Schulter-« 
höhe, über den Nacken , so dass in der Rückengegend auch 
ein X gebildet wird; sodann unter die rechte Achsel und 
schräg hinauf über das Schlüsselbein , so dass hier ebenfalls 
ein X entsteht; endlich über die untere Nackengegend über 
das linke Schulterblatt bis unter die linke Achsel. Auf diese 
Weise entstehen vier X Figuren , eine vorn , eine hinten und 
auf jedem Schlüsselbeine eine. Dieselben Touren wieder- 
holt man, so oft es nöthig ist ? und zieht die Binde um Brust 



136 Brustwarzendeckel — Bubo. 

und Seiten so herum, dass der ganze Verband einem Harnisch 
ähnlich ist. W. 

BRUSTWARZENDECKEL \ B r n s t h ü t c h e n , verfer- 
tigt man am zweckmässigsten von Caoutchouc ; sie haben die 
Form eines Fingerhutes mit einem breiten Vorsprunge am 
untern Ende, an der Spitze haben sie einige kleine Oeffnun- 
gen, -wenn das Kind dadurch saugen soll. Man bedient sich 
dieser Brusthütchen bei Frauen , welche zu kleine oder tief- 
liegende Brustwarzen haben; diese Frauen, wenn sie selbst 
stillen wollen , lässt man die Hütchen mehrere Wochen oder 
Monate vor ihrer Entbindung stets tragen, um dadurch die 
Warzen hervorzuziehen. Wenn Excoriationen der Brust- 
warzen während des Stillens entstehen, so sind diese Hüt- 
chen ein gutes Mittel, um die wunden Warzen vor den Rei- 
bungen des Hemdes , dem Zutritte der Luft zu schützen ; end- 
lich können auch Kinder, welche mit Zähnen geboren wer- 
den, durch diese Hütchen saugen. W. 

BUBO (ßovßtov, die Leisten), Panus s. Adenophyma 
ingulnalls 3 Panochia ^ Leistenben le y Drüsenbeule, 
Drüsengeschwulst in den Leisten, Pauke. 
Bubo bezeichnet im Allgemeinen eine jede entzündliche An- 
schwellung der lymphatischen Drüsen, im Besonderen eine 
Drüsenanschwellung in der Leistengegend. Wir verweisen 
in Bezug auf Symptome, Verlauf, Ausgänge und Behand- 
lung dieses Uebels auf den Artikel Inflammatio glandula- 
rutn y und beschränken uns hier auf die Angabe einiger dia- 
gnostischer und ätiologischer Momente. — Am häufigsten kann 
der Bubo mit einem Bruche (Hernici) in der Leistengegend, 
einem Leisten- oder Schenkel - Bruche , verwechselt werden, 
besonders wenn dieser alt , verwachsen und nicht mehr zu- 
rückzubringen ist. Bildet sicli nun in diesem Bruche eine 
chronische Entzündung, werden die umgebenden Theile da- 
von mit ergriffen, enthält der Bruchsack wenig oder keinen 
Darm , sondern mehr Netz oder Gekrös , wodurch die Ge- 
schwulst eine unebene Oberfläche erhält, so ist die Diagnose 
zuweilen sehr schwierig. Die näheren diagnostischen Kenn- 
zeichen werden unter Henüa angegeben werden ; hier kann 
nur erwähnt werden , dass ein Bruch meist plötzlich nach 
einer gewaltsamen Anstrengung des Körpers entsteht, sich 
beim Husten , tiefen Einathmen , Niesen , Pressen vergrös- 



Bubo. 137 

sert, nicht selten mit Verdauungsbeschwerden , Kollern und 
ziehenden Schmerzen im Leibe verbunden ist und durch Darm 
oder Netz oder ein anderes Eingeweide mit der Unterleibs- 
höhle in einer fühlbaren Verbindung steht ; seine Geschwulst 
ist gewöhnlich glatt und rund, elastisch , vermindert sich, 
wenn er nicht entzündet und verwachsen ist, durch horizon- 
tale Lage. Ein Bubo entsteht gewöhnlich langsam, wächst 
nur allmählig, ist hart, uneben, lässt sich etwas verschie- 
ben und steht mit den nahe gelegenen Lymphgefässen in ei- 
ner, wie bei angespannten Saiten, fühlbaren Verbindung. 
Steigt ein Hode spät durch den Leistencanal, klemmt er sich 
daselbst ein und entzündet sich , so kann er mit einem Bubo 
verwechselt werden . findet man aber bei Untersuchung des 
Hodensackes den Hoden nicht, so ist man bald im Klaren. — 
Im Betreff der ursächlichen Verhältnisse unterscheidet man 
zuvörderst den Bubo insons s. benignus von dem Bubo ve- 
nei'cus. Dieser ist ein Symptom der Syphilis (siehe diesen 
Artikel); jener erscheint als Symptom vieler anderen Krank- 
heiten , welche nicht allein seine Entstehung bedingen , son- 
dern auch seinem ferneren Verlauf eine bestimmte Richtung 
ertheilen. Man nimmt folgende Formen an : 

1) Bubo crescentium, > Wachsbeule, kommt als 
eine wenig schmerzhafte , nicht sehr harte und bewegliche 
Leistendrüsenanschwellung bei jungen Personen in der Pe- 
riode eines schnellen Wachsthums zur Zeit der Pubertät nicht 
selten vor und besteht in einer Reizung dieser Lymphdrüsen 
in Folge der Entwickelung des Sexualsystems. Diese An- 
schwellung verschwindet bei ruhigem Verhalten von selbst. 

2) Bubo scrophulosus ist ein Symptom der Scrofelkrank- 
keit , welche durch ihre allgemeinen Erscheinungen bald er- 
kannt wird. Die Behandlung richtet sich nach der Natur des 
allgemeinen Leidens. 

3) Bubo catarrhal'ts et rheumaticus ist bisweilen ein 
Symptom catarrhalischer oder rheumatischer Beschwerden 
oder derartiger Fieber, bisweilen kann aber auch eine solche 
Drüsenanschwellung auf der Höhe der Entzündung Fieber 
hervorrufen; gemeiniglich entsteht sie nach Erkältung der 
Füsse, verläuft als ein acut entzündliches Leiden, seltner als 
ein chronisches, zur Drüsenverhärtung dann hinneigend. 
Antiphlogistische Diät, ruhiges, warmes Verhalten, reicht 



138 Bubo — Bubonulus. 

oft zur Heilung dieses Uebels aus ; zuweilen erfordert es auch 
allgemeine und örtliche antiphlogistische Behandlung. 

4) Bubo metastatlcus et criticus. Als solcher kommt 
der Bubo oft nach exanthematischen Fiebern , z. B. Poeten, 
Scharlach vor und ist dann häufig kritisch, aber auch nach 
nervösen, typhösen, z. B. der Pest. Man muss in der Regel 
diese Bubonen frühzeitig in Eiterung zu setzen suchen und 
bald eröffnen. S. Abscessus metastaticus, 

5) Bubo sympathicus. Durch Fortpflanzung einer 
krankhaften Reizung der Lymphgefässe erscheint diese An- 
schwellung in den Leistendrüsen sehr häufig beim Tripper, 
bei Geschwüren au den Unterschenkeln , in den Achseldrüsen 
nach Einimpfung der Pocken. Nur durch Vernachlässigung, 
Erkältung, Anstrengungen entzünden sich die Drüsen heftig 
und erfordern dann eine antiphlogistische Behandlung durch 
Blutegel , Quecksilbereinreibungen , Bleiwasserumschläge 
u. s. w. ; in der Regel erfolgt Zertheilung bei ruhigem Verhalten. 

6) Bubo gangraenosus entsteht entweder in einem dys- 
crasischen Subjecte, nach Missbrauch des Quecksilbers, 
beim epidemisch herrschenden Hospitalbrande, oder nach ei- 
ner sehr heftigen, namentlich erysipelatösen Entzündung 
der Leistendrüse, und nimmt dann schnell einen grossen 
Umfang ein ; die benachbarten Theile werden mit zerstört. 
Die Behandlung richtet sich ganz nach den unter Brand an- 
gegebenen Vorschriften. Vor allem sind frühzeitige Ein- 
schnitte angezeigt. W. 

BUBONULUS , ein k 1 e i n e r B u b o. Man bezeichnet 
mit diesem Namen eine Entzündung und Anschwellung der 
Saugadern des männlichen Gliedes. Meistenteils an der un- 
teren Fläche des Gliedes, in der Nähe des Frenulum, in der 
Vorhaut fühlt man ein oder einige angeschwollene Lymphge- 
fässe , welche hart und umschrieben , bei der Berührung und 
bei herabhängender Lage des Gliedes schmerzhaft sind. Zu- 
weilen ist die den kleinen Bubo bedeckende Haut geröthet und 
nimmt Theil an. der Entzündung, zuweilen nicht und dann er- 
kennt mau denselben nur durch das Gefühl. Es können sich 
sowohl die oberflächlichen als die tiefer gelegenen Saugadern 
des männlichen Gliedes entzünden , und daher wird der Bu- 
bonulus auch in den superficialis und profundus einge- 
teilt. Nicht selten gehen sie in Eiterung über. Der kleine 



Bubonulus — Bugbinde. 139 

Bubo ist entweder Folge eines Trippers oder einer Phimosis 
oder einer entzündlichen besonders syphilitischen Affection 
des Gliedes überhaupt; er kommt oft in Verbindung mit Bu- 
bonen vor. Die Behandlung muss antiphlogistisch seyn ; 
man lässt ein Suspensorium tragen , laue Bäder für das Glied 
machen, graue Quecksilbersalbe im Umkreise der Geschwulst 
einreiben. Erscheint der kleine Bubo als Symptom einer 
andern Krankheit, z. B. des Trippers, so richtet man die 
Behandlung gegen diese. Geht die Entzündung in Eiterung 
über , so behandelt man diesen Abscess auf die gewöhnliche 
einfache Weise. 

Literatur: J. Hunter, Abhandlung über die vener. Krank- 
heit. A. d. Engl. Leipz. pag. 393 und 439. — v. Siebold, 
Sammlung chirurg. Bemerk, und Erfahr, deutscher Aerzte und 
Wundärzte. Bd. III. Arnstadt 1812. p. 282. Jf 9 

BUGBINDE, Spica inguinal! s , Kornähre für die 
Leistengegend, nennt man denjenigen Verband , welcher 
folgendermaassen bestellt wird. Man nimmt eine einköpfige, 
12 — 14 Ellen lange, 2£" breite Binde, befestiget das Ende, 
welches man auf der kranken Seite anlegt, mit einigen Zirkel- 
touren um den Unterleib, führt darauf die Binde vorwärts 
schief über den Kopf des Schenkelknochens nach der inneren 
Seite des Oberschenkels herab, beinahe im Zirkel um den 
obern Theil des Schenkels herum , indem man die erste Tour 
über dem grossen Trochanter kreuzt, und geht alsdann schief 
über den Unterleib nach der gesunden Seite in die Höhe. 
Diesen Gang wiederholt man noch dreimal mit herabwärts- 
steigenden Hobeltouren, wodurch eine Kornähre über dem 
grossen Trochanter gebildet wird. Ist man zum vierten 
Male an der innern Seite des Schenkels herabgestiegen, so 
macht man nun eine Zirkeltour um den Schenkel herum, wo- 
durch an der vorderen Seite des Schenkels ein dreieckiger 
Baum gebildet wird, geht alsdann über den vorderen Theil 
des Schenkels und über den Unterleib in die Höhe und endigt 
mit Zirkeltouren um den Leib. — 

Auf eine andere Weise fängt man mit dem Ende der Binde 
auf der gesunden Seite an, und nachdem man drei Zirkeltou- 
ren um den Leib gemacht hat, geht man über den obern 
Theil des kranken Schenkels nach hinten zwischen den Hin- 
terbacken hinab um den Schenkel herum nach hinterwärts 



140 Bürste — Callus. 

in die Höhe , und wiederholt diese Touren , wie bei der vori- 
gen Art. — Man wendet diese Binde zur Befestigung der Ver- 
bandstücke bei Verletzungen der Weichengegend, der Hin- 
terbacken , des obern Theiles der Schenkel u. s. w. an. 

W. 
BÜRSTE. Ein bekanntes Werkzeug, welches man bei 
der Trepanation , so wie auch zuweilen bei Durchsägung an- 
derer Knochen dazu braucht, um die, sich an den Trepan 
und den Sägen anhängenden Knochenspäne zu entfernen. 

W. 
BUTYRUM, Butter, eine thierische fettige Substanz, 
welche man äusserlich zum Einschmieren des Unterleibes, 
der Geburtstheile, des Mastdarmes anwendet, um Spannung, 
Trockenheit und Anschwellung zu heben; als Butterpflaster 
(Ceratum, ad mammas) bei strotzenden, von Milch ange- 
schwollenen, entzündeten Brüsten, Milchknoten u. s. w., 
ferner bei Verbrennungen und Excoriationen , als Zusatz zu 
Salben, Pflastern, Umschlägen und Klystieren. Bei dem 
Gebrauch der Butter muss man vorzüglich darauf sehen , dass 
sie vollkommen rein, ungesalzen und nicht ranzig ist. 

W. 
CADMIUM SULPHURICUM, schwefelsaures Cad- 
mium, ist eine Auflösung des metallischen Cadmiums in 
Schwefelsäure, welche seltner innerlich , häufiger äusserlich 
bei Augenkrankheiten, entweder als Einträuflungsmittel in 
Auflösung oder als Salbe gegen Verdunkelungen der Horn- 
haut, welche mit schleichenden entzündlichen oder blenor- 
rhoischen Augenleiden verbunden sind, gegen chronisch ver- 
laufende, torpide Bindehautentzündungen und eben solche 
Auflockerungen , so wie gegen blennorrhoische Augenleiden 
von niederer Entwickelung mit Erfolg angewendet wird. 

_ „ , .. , ,' . .. R/. Cadmii sulph. gr. i — iL 

R/. Cadmii sulph. gr. 1 — n. * _ 

y . ' J? Aq. destill. 5ß. 

Axung. porc. 31. ' . " 

Sol. S. Täglich 1 — 2 mal ms 



M. f. ung. S. Augensalbe ; ge 
gen Hornbautflecke. 

Radius. 



Auge zu tröpfeln. Gegen Horn- 
hautflecke der Kinder. 

Kopp. 

w. 



CALLUS (die Härte) wird zur Bezeichnung verschiedener 
Verdickungen der Haut und der Knochen gebraucht, als : 1) 
C allus cutis f Verdickung der Haut , Hautschwiele; 2) 



Callus — Calaraus aromaticus. 141 

Call us ulceris , Verdickung der Hautränder bei eitern- 
den Wunden, Geschwüren und Fisteln (siehe Ulcus callosum) ; 
fälschlich haben Einige diesen Ausdruck auf die Fleischwärz- 
chen ausgedehnt. 3) Callus ossium, Beinschwiele, 
Knochennarbe (siehe Fractura). 

Der Callus cutis (Tyloma. , Sohlen geschwulst) ist 
eine Hypertrophie, eine gewöhnlich unschmerzhafte Ver- 
dickung der Oberhaut in Folge von beständigem Druck, daher 
am häufigsten an den Füssen, besonders der Ferse, und in 
den Handtellern durch schwere und grobe Arbeiten. Bei 
Fortdauer des Druckes entsteht manchmal Entzündung der 
Lederhaut und des subcutanen Zellgewebes. Die Haütschwiele 
unterscheidet sich vom Leichdorne durch grösseren Umfang 
und nicht Eingedrücktseyn in die Haut und fehlende oder ge- 
ringe Schmerzen. Ausser Entfernung des Druckes muss man 
die Schwiele durch laue Bäder, Salben, Pflastererweichen 
und dann flach abschneiden oder mit Bimsstein abraspeln. 

J. 

CALAMÜS AROMATICUS, aromatisch erKalmus, 
von Acorus calamus L. Die Kalmuswurzel , welche zu den 
aromatischen, erregend - stärkenden Mitteln gehört, wird so- 
wohl innerlich , den Magen stärkend, die Verdauung beför- 
dernd und auf die Schleimhäute kräftig einwirkend , wie auch 
äusserlich in Aufguss und in Pulverform die Thätigkeit der 
Haut erhöhend häufig augewendet. Daher giebt man sie in- 
nerlich besonders bei Drüsenleiden , Rhachitis , Scorbut, Ca- 
chexien und bei atonischen, schlaffen Geschwüren in Verbin- 
dung mit China, Eisen u. s. w., häufiger noch als Gurgelwas- 
ser bei Mundfäule, brandiger Bräune, als Foment mit Myrrhe, 
Opium, gegen unreine und schlaffe Geschwüre, in Pulverform 
zu Zahnpulver, mit Salmiak, Kohle, China, Campher zum 
Einstreuen in scorbutische , krebsigte und putride Geschwüre, 
welche viele und dünne Jauche absondern. Ihr Gebrauch zu 
aromatischen Bädern ist sehr gewöhnlich. Man rechnet zum 
Aufguss gemeiniglich 3'ii — 5/? auf 5vi — 5viii Colatur. 

Iy. Rad. calam. aroraat. 5C 
in f. aq. ferv. 5\iii col. add. 
Aquae oxymuriatic. s. Chlori 5Ü 
M. S. Gurgelwasser bei Mundfäule und brandiger Bräune. 



142 Calcaria chlorata — Calvities. 

CALCARIA CHLORATA s. chlorinka , der Chlor- 
kalk. Diese Verbindung des Chlors (der oxygenirten Salz- 
säure) mit Kalkhydrat ist ein weisses Pulver, welches sich im 
Wasser leicht auflöst, kann innerlich nur mit grosser Vorsicht 
angewendet werden; häufiger und sicherer ist sein äusserlicher 
Gebrauch in Form von Auflösungen, Waschungen, Ein- 
spritzungen und als Salbe. Seine Wirkung ist auflösend und 
reizend, zugleich fäulnisswidrig und Contagien und Miasmen 
zerstörend. Zur Verbesserung der Luft in eingeschlossenen 
Räumen, Cloaken, Hospitälern, bei Asphyxie von irrespirablen 
Gasarten , zur Reinigung von anklebenden Contagien , beim 
Hospitalbrand, Carbunkel, überhaupt bei brandigen Affectio- 
nen , bei stinkenden , fauligten , atonischen Geschwüren, aber 
auch bei chronischen Blennorrhöen , Verbrennungen in ver- 
schiedenen Perioden , Frostbeulen , bei Geschwüren mit zu 
starker Wucherung von Fleischwärzchen u. s. w. Labar- 
raque empfiehlt blosses Besprengen der mit unreiner Luft 
gefüllten Gemächer mit einer Auflösung von 1 Theil Chlor- 
kalk in 50 — 200 Th. Wasser. Auch reicht es hin , einige 
Loth Chlorkalk auf irdenen Tellern ausgebreitet, trocken oder 
befeuchtet hinzustellen und von Zeit zu Zeit einen Löffel voll 
frischen Chlorkalk zuzumischen. Um einem in Fäulniss be- 
griffenen Cadaver den Übeln Geruch zu benehmen, bringt 
man 1 Pfd. Chlorkalk in ohngefähr 16 Quart Wasser, rührt 
das Gemisch gut um, taucht ein leinenes Tuch in die Flüssig- 
keit und breitet dieses über den Körper, wodurch der Gestank 
sogleich aufhört. 

R> Calc. chloratae 5i — o'h %'• Calc. chlorat. 5& 

Aq. destill, gvi. Axung. porc. 51. 

M. S. Gegen brandige Affectio- M. f. ung. S. Einen Tag um den 

nen zur Reinigung beim Hc t^i- andern ohngefähr 15 Gran ein- 

talbrande, stinkende Geschwüre zureiben. — Gegen Kropf. Muss 

und Blennorrhoe!!* ,f? wegen Reizung der Haut oft 

einige Tage ausgesetzt werden. 
Werneck. 

CALVITIES s. Lapsus cdpSllorum > s. Alopecia, das 
frühzeiti ge Ausfallen der Kopfhaare, entsteht 
gewöhnlich nach Krankheiten , welche entweder den ganzen 
Körper schwächen , als Nervenfieber, eingewurzelte Syphilis, 
Mercurialkrankheit, Hautkrankheiten, Kopigrind, oder welche 
vorzugsweise mit heftigen Kopfschmerzen verbunden waren, 



Calvities — Camphora. 143 

z. B. Rheumatismus und Gicht des Kopfes , Kopfrose u. s. w. 
Zuweilen scheint das Uebel erblich zu seyn. Erkältung bei 
schwitzendem Kopfe ist häufig eine veranlassende Ursache. 
Die Haare werden trocken und spröde, spalten sich an der 
Spitze und gehen mit der Wurzel aus ; dabei nimmt zugleich 
die Kopfhaut eine andere Beschaffenheit an, es entstehen 
Schuppen, sie wird härter, gespannter und oft glänzend. 
Wenn nicht Zerstörung der Haarwurzeln und des Bodens, 
worin diese festsassen, des Schleimgewebes unter der Haut, 
damit verbunden ist, so hat man Hoffnung, dass die Haare 
wieder wachsen werden. Eine Folge mangelhafter Ernährung 
ist auch das Erbleichen (Canitles) der Haare, welches ein 
langsames oder plötzliches Absterben der inneren Substanz der- 
selben ist. — Die Behandlung muss sich zunächst nach den Ur- 
sachen der Krankheit richten. Oertlich sucht man durch Rein- 
lichkeit der Haut überhaupt , durch allgemeine Bäder, und des 
Kopfes insbesondere, durch häufiges Abschneiden und Ab- 
scheeren der Haare , durch laue Waschungen von erweichen- 
den Decocten mit Milch oder durch erweichende Salben, wenn 
die Haut trocken, die Haare spröde, die Absonderung von 
kleienartigen Schuppen häufig ist, eine Umstimmung der Vi- 
talität der Haut und der Haarwurzeln hervorzurufen. Ist all- 
gemeine Körperschwäche die Ursache, so wendet man örtlich 
stärkende Mittel an; hier haben sich Citronensäure, Waschun- 
gen und Einreibungen von aromatischen, reizenden und toni- 
schen Mitteln , Abkochungen von Reis und China, eine Salbe 
von Rindsmark mit Chinaextract, spanischer Fliegentinctur und 
Beimischung von ätherischen Oelen u. s.w. erfolgreich bewährt. 
By. Succ. citri rec. expr. 5'- 

Extr. cort. peruv. frig. par. 3ü- 
Medull. bovin. 5Ü. 
Ol. bergam. ^i- 
M. f. ung. S. Haarpomade. 
Literatur. Hons, Diss. de calvitie praecipue de praematura 

Berol. 1820. — Burk. Eble, die Lehre von den Haaren. 

Wien 1831. Bd. 2. 

CAMPHORA , C a m p h e r , ein ätherisches , in gewöhn- 
licher Temperatur festes, krystallinisch geformtes, durch- 
scheinend weisses Oel, welches von einem Lorbeerbaume, 
Laurus Camphora L., gewonnen wird. Innerlich genommen 
wirkt der Campher in kleinen Gaben vorzüglich auf Gehirn 



144 Camphora. 

und Rückenmark als ein Nervino - tomcum , kräftig und er- 
regend und die Energie der Muskeln , die Thätigkeit des Her- 
zens und der grösseren Gefässe, die Circulation beschleuni- 
gend, die thierische Wärme vermehrend, besonders auf die 
peripherischen Enden des Nerven Systems und der Capillarge- 
fässe, im hohen Grade schweisstreibend ; in grösseren Gaben 
(zu 10 — 20 Gr.) mehr erhitzend, Congestionen , Schwin- 
delverursachend. Aus seiner mehr nach der irritabeln Seite 
(die Muskelkraft erhebenden , die zu grosse Empfindlichkeit 
des Nervensystems herabstimmenden) und besonders nach 
der Haut gerichteten Thätigkeit lassen sich auch seine speci- 
fischen Einwirkungen auf die Geschlechtstheile und Nieren 
erklären; in diesen besänftigt er jede zu hoch gestiegene sen- 
sible Reizbarkeit und Empfindlichkeit, insofern sie von Atonie 
und Schwäche in diesen Theilen begleitet oder bedingt ist. 
Der Campher wird daher innerlich in folgenden chirurgischen 
Krankheitsformen angewendet: bei örtlichen Entzündungen, 
namentlich erysipelatösen häutiger Gebilde, welche sich zum 
Typhus oder Faulfieber gesellen , oder wenn sthenische Ent- 
zündungen in asthenische überzugehen und die gehörige Kraft 
und Thätigkeit zur völligen Durchführung der Krise zu erlah- 
men droht, sowie bei nervösen, torpiden und rein asthenischen 
Entzündungen, welche in Brand überzugehen drohen; bei 
Krämpfen , namentlich Trismus und Tetanus , wenn sie von 
rheumatischen Veranlassungen herrühren ; bei Krankheiten 
der Urin- und Geschlechtswerkzeuge, z. B. Strangurie, Dysu- 
rie, Satyriasis, Reizung durch Onanie oder vorzüglich nach 
Canthariden, Chorda venerea u. s.w.; nur hüte man sich, 
ihn in rein entzündlichen Zuständen dieser Organe anzuwen- 
den. Am gewöhnlichsten wird der Campher in Pulverform 
oder in Emulsionen zu * — 6 Gran täglich 3 — 4mal ge- 
reicht. — Aeusserlich angewendet zeigt der Campher eben- 
falls sehr durchdringende, kräftig erregende und belebende 
Eigenschaften; er vermehrt die Thätigkeit des Hautsystems 
und der Capillargefässe , befördert die Einsaugung und löset 
Stockungen auf, und vermag sogar in atonischen und paralyti- 
schen Theilen einen gewissen Grad von Reaction hervorzu- 
bringen , der angehenden Fäulniss Grenzen zu setzen, also da, 
wo der Organismus eines kräftigen und flüchtigen Reizes be- 
darf, um die Functionen mit erhöhter Thätigkeit zu beginnen. 



Camphor a — Cancer. 145 

Er wird daher gerühmt bei Verrenkungen und Quetschungen 
membranöser Theile im spätem Zeitraum , bei asthenischen, 
chronischen Entzündungen, beim Brande, Frostbeulen, Stei- 
figkeiten der Glieder , Oedem , bei alten , jauchigten , unem- 
pfindlichen Geschwüren , worin sich Würmer erzeugen» Der 
Campher wird äusserlich häufig in Pulverform benutzt, oder 
auch als Auflösung in Weingeist, fetten Oelen, Eigelb, 
Schleim; als Räucherung, entweder mittels eines besonderen 
Räucherungsapparates, oder indem man Watte über Campher, 
welcher auf einer heissen Metallplatte verdunstet , hält und 
damit tränkt (Lana camphor ata); als Salbe. 
Iy. Camphor. $i. By. Camphor. 3i- 

Solve in Mucil. gumm. arab. Gumm. mimos. 3ü*. 

q. s. admisce Sacchari alb. ^ß. 

Emulsion, simpl. 5iv. Aceti vini Si. 

M. S. Aller 2 Stunden einen Ess- M. S. Campheressig zu Ümschlä- 
löffel voll zu nehmen. gen, Bähungen, Klystieren, 

Wasch - , Riech - und Räucher- 
mittel in ansteckenden Krank- 
heiten. 
|y. Camphorae 5Ü. By. Pulv. flor. sambuc. 

Spirit. vini rectific. Sii. - - chamomill. ^ ^ii. 

M. S. Campherspiritus bei Stei- Camphor. trit. 3ß. 

figkeiten, mechanischen Ver- M. S. Zum Kräuterkissen, bei 
letzungen, Ausdehnungen , Su- atonischen Entzündungen der 
gillationen u. s. w. Augen und der Haut. Jf r m 

CANCER. Den Ausdruck „Krebs" (Carcinoma, 
KciQxtvog) gebraucht man im weitern und engeren Sinne ; nach 
dem ersten gehören jene bösartige Anschwellungen der Or- 
gane hieher, welche in Folge der Ablagerung einer eigen- 
thümlichen Substanz von verschiedener Consistenz, Farbe 
und Form in das Gewebe derselben entstehen, eine entschie- 
dene Neigung zur Organisation und Erweichung dieser Sub- 
stanz haben , und von einer allgemeinen Dyscrasie und Zer- 
störung des Gewebes begleitet sind. 

Man hat die Krebse unter dem Namen heterologe neue 
Bildungen zusammengefasst und sie in folgende Species ge- 
theilt 1) den harten Krebs (Scirrhosis, Cancer xcrc- 
i'§oyr>v ),2) den weichen (Fungus medullaris) , 3) den 
Pigmentkrebs (Fungus melanoticus) und 4) den 
Blutkrebs (Fungus haematodes). Einige rechnen auch 
mehrere nicht in Erweichung übergehende (analoge) neue 
Handwörterb. d. Ch. II. 10 



1 46 Cancer. 

Bildungen und Entzündungen (so Eisenmann die Arthro- 
cacen) hierher; so theilt Carswell das Krankheitsgenus 
Carcinoma in folgende Species: 1) Scirrhoma; die krank- 
hafte Ablagerung hat wenig oder keine Neigung zur Organi- 
sation und Erweichung, ihre Bildung und ihr Wachsen hängt 
von der ernährenden Thätigkeit des Mutterorgans ab, 
sowie die Verschiedenheit ihrer Form von ihrer Quantität, 
Vertheilung , Farbe und Consistenz ; er zählt den Scirrhus, 
das Sarcoma pancreaticum von Abernethy, das Stea- 
toma , die Mutiere colhriäe von Laennec und den Cancer 
gelatiniformis von Cruveilhier hierher; 2) Cephaloma; 
die Ablagerung hat eine mehr oder minder starke Neigung 
zur Organisation , weswegen auch ihre spätere Entwicklung 
völlig unabhängig von der ernährenden Thätigkeit des Or- 
gans, in welchem die Bildung vorkommt, ist; Varietäten sind 
das Sarcoma, vasculosum , mammillare und medulläre. 
Ich halte es bei dem jetzigen Standpunkte der pathologischen 
Anatomie und Physiologie für zweckmässiger, das Wort 
Krebs, Carcinoma, blos im engeren Sinne, als Erwei- 
chung und bösartige Verschwärung des harten (Krebs-) Kno- 
tens, des Scirrhus, zu nehmen und betrachte letzteren als sein 
erstes Stadium. 

Symptomatologie. 1) Stadium, scirrho- 
sum, Scirrhus , Krebsknoten. Ohne auffallende Ursachen, 
und nur unter den Zeichen der Congestion oder Plethora, 
entsteht langsam und unmerklich eine, meistens genau be- 
grenzte, bewegliche, ungleiche oder glatte, unschmerz- 
hafte und bedeutend (oft stein-) harte Geschwulst eines Thei- 
les; die Function desselben ist nicht offenbar gestört, na- 
mentlich die Secretion nicht, nur durch die Grösse und 
Schwere entstehen manchmal mechanische Störungen; es 
fehlen die Zeichen der Entzündung , vielmehr finden manch- 
mal das Gefühl von eisiger Kälte, vollkommene Unempfind- 
lichkeit, nur massige Volumensvermehrung, ja sogar zuwei- 
len Einschrumpfung der Haut statt; die nächsten Lvmph- 
gefässe und Drüsen zeigen keine Veränderung und auch im 
Gesammtorganismus bemerkt man keine auffallende Trü- 
bung , das Ansehen ist sogar oft noch frisch und der Körper- 
umfang dick; doch finden sich manchmal schon jetzt Ab- 
nahme der Kräfte und des Körper umfanges und unregelmäs- 



Cancer. 147 

sige Fieberbewegungen ein. Die Dauer dieser Periode ist 
verschieden, doch meistens lang, besonders je härter die 
Geschwulst, je älter das Individuum, je gefässärmer das 
Mutterorgan ist und je mehr alle dynamischen und mechani- 
schen Reizungen desselben vermieden und die allgemeinen 
Secretionen in Thätigkeit erhalten werden ; sie kann daher 
Jahre währen, während in andern Fällen der Uebergang in 
die folgende Periode in einigen Monaten erfolgt. — 2) St a - 
d tum c arc i n omatos u m , Cancer , Krebs. Es ent- 
stehen periodische, lebhafte, flüchtige, hindurchschiessende, 
stechende oder wie Kohlen brennende Schmerzen in der Ge- 
schwulst, die anfangs selten auftreten, sich aber allmählig 
häufen, besonders gegen Abend, in der Nacht, bei gewitter- 
hafter Luft und feuchter Kälte y und endlich alle Nachtruhe 
rauben. Die Geschwulst ist anfangs gegen Berührung und 
Druck noch unschmerzhaft, wird aber allmählig empfind- 
lich , grösser und unbeweglich ; sie ist nicht mehr so genau 
begrenzt, geht allmählig in das Gewebe des Organs über, 
verwächst mit den benachbarten Theilen, wird höckerig und 
an den hervorspringendsten Stellen weich, scheinbar fluctui- 
rend. Dabei breitet sie sich sowohl nach dem Verlaufe der 
Lymphgefässe , als da wo laxes Zellgewebe ist, und in die 
Tiefe aus (von dieser entfernten Aehnlichkeit mit den Bei- 
nen des Seekrebses entlehnten die Alten den Namen Can- 
cer). Die umgebenden Theile, besonders die äussere Haut, 
verwachsen mit der Geschwulst, die Haut wird gespannt, 
verdünnt sich, wird mit Venen durchzogen und livid, die 
nächsten Lymphdrüsen schwellen an und schmerzen; der 
Appetit vermindert sich , die Ernährung des Körpers leidet, 
die Muskeln werden schlaff, das Fett schwindet, die Haut, 
namentlich die des Gesichtes, wird blass, schmuzig und 
erdfahl. Nachdem diese Symptome (Cancer occultus) 
eine kurze Zeit, höchstens einige Monate gedauert haben, 
erfolgt nnter vermehrten, häufiger wiederkehrenden und 
länger anhaltenden Schmerzen an den erhabensten, missfar- 
bigsten und entzündetsten Stellen der Haut (oder der 
Schleimhaut) der Aufbruch der Geschwulst unter der Gestalt 
eines Hautrisses oder mehrerer kleiner siebähnlicher Löcher, 
die sich schnell vereinigen , aber nur wenig dünne , scharfe, 
gelbliche Flüssigkeit entleeren , ohne dass dadurch die Ge- 

10 * 



148 Cancer. 

schwulst an Umfang oder die Schmerzen an Heftigkeit ver- 
lieren. Die Oeffnung verwandelt sich in ein bösartiges , stets 
um sich fressendes (phagedänisches) Geschwür mit unglei- 
chem , höckerigem, sehr hartem, missfarbigem oder dunkel- 
rothem Grunde, mit harten, höckerigen, zackigen, beeng- 
ten, unterminirten oder wallähnlich aufgeworfenen und 
ein- oder auswärts gestellten Rändern und harter Umgebung, 
mit Absonderung einer dünnen, gelblichen, ätzenden, spe- 
cifisch riechenden und manchmal mit venösem Blute ver- 
mischten Flüssigkeit, die sich wesentlich vom guten Eiter 
unterscheidet und viel Ammonium und hepatisches Gas ent- 
hält ( weswegen die silberne Sonde anläuft). In diesem Ge- 
schwüre ( Cancer apertus , Krebsgeschwür) bil- 
den sicli keine guten kräftigen Granulationen , sondern häu- 
fig blumenkohlähnliche, scharfes Serum absondernde, leicht 
blutende, oberflächlich absterbende, aber sich immer wie- 
der erzeugende Schwämme ( Cancer fungosus , nicht aber 
Fungus Käemqtodes). Die stechenden und brennenden 
Schmerzen und die Blutungen werden immer häufiger, 
die letzteren erleichtern die ersten momentan, schwächen 
aber am Ende, besonders wenn sie arteriell sind und durch 
Erosion einer grösseren Arterie entstehen, z. B. der Art. 
maxillaris ext. beim Krebse der Unterkieferdrüse; das 
Blut der parenchymatösen Blutung ist dünn, venös und 
scharf. Die Verhärtung und die Verschwärung greifen im- 
mer weiter um sich , die anfängliche Geschwulst nimmt aber 
während des Verlaufes der Krankheit nicht an Umfang zu, 
sondern wird zerstört, indem die Wucherung faulig und 
der Geschwürsgrund in einen schmuzigen, grau -grünlichen, 
höchst stinkenden Brei umgewandelt und mit der Jauche 
entfernt werden, während die Verhärtung in die Tiefe und 
Breite wächst, und demselben Erweichungsprocesse unter- 
liegt , so dass die ergriffenen Theile und ganze Organe all- 
mählig ganz zerstört werden, z. B. die Milchdrüse, die 
Gebärmutter, die Haut des Gesichtes u. s. w. ; kein Ge- 
webe, selbst der Knochen nicht , widersteht ihm. Auch in 
entfernten Theilen, besonders in den angeschwollenen 
Lymphdrüsen bilden sich scirrhöse Knoten, welche densel- 
ben Verlauf nehmen. Das Geschwür widersteht den ge- 
wöhnlichen Mitteln und ist in der Regel , ohne vorläufige 



Cancer. 149 

Zerstörung seiner Oberfläche, seines scirrhösen Bodens 
und der Ränder, unheilbar. Mit dem Aufbruche der Ge- 
schwulst erscheinen bei einiger Grösse des Krebses oder bei 
seinem Sitze in einem wichtigen Organe die Symptome 
der Dyscrasia carclnomatosa , Abmagerung, grosse 
an Oedem grenzende Schlaffheit der Muskeln, schmuzig 
gelbe Hautfärbung, Abneigung gegen Speisen, hartnäckige 
Verstopfung, reissende Glieder-, Gelenk- und Knochen- 
schmerzen, scorbutische Ecchymosen und Zehrfieber mit 
unregelmässigem remittirenden Typus ; der Puls ist etwas 
beschleunigt, weich und klein, die Haut gegen Abend heiss, 
in der Regel trocken, oft pergamentartig, der Frost fehlt, 
zu eigenthümlichen Colliquationen wie beim hectischen Fie- 
ber kommt es selten. Nachdem die Erscheinungen der Tu- 
berculosis oder Scirrhosis anderer Organe , z. B. der Lungen, 
oder Oedem oder Wassersucht innerer Höhlen sich noch 
dazu gesellt haben und das Geschwür nicht selten seine 
Schwämme verloren hat und fast trocken geworden ist, erfolgt 
endlich der Tod durch Erschöpfung in Folge der 
Schmerzen und der Blutungen , manchmal bei noch ziemlich 
gutem Aussehen und Appetit. Bei Recidive nach der 
mechanischen Entfernung des Scirrhus oder Krebses erschei- 
nen neue Scirrhert — kugelig oder platt — in der Narbe 
oder in der Umgegend oder in den nächsten Lymphdrüsen, 
selten in entfernten sympathisirenden Organen, die in der 
Regel Aveicher sind und schneller in Carcinom übergehen 
als die primären. Der Verlauf des zweiten Stadiums ist 
manchmal ausserordentlich langsam und dauert viele Jahre, 
so z. B. der des Gesichtskrebses 10 — 15 Jahre; selbst der 
Krebs der Schleimhäute, z. B. des Mastdarmes, kann mehrere 
Jahre dauern , wenn der Kranke sehr massig lebt , sich warm 
und rein hält. Die Heilung des Scirrhus ist ausserordent- 
lich selten , sie ist mehr ein Stehenbleiben , als eine Rück- 
bildung der Ablagerung j die Fälle von Zerth eilung des Scir- 
rhus durch Schwangerschaft, Febris intermittens , Durch- 
fälle gehören der einfachen Verhärtung, nicht dem Scirrhus. 
Noch seltener ist Vernarbung eines Krebsgeschwüres (Nie od, 
Bayle); häufig ist diess aber nur scheinbar und es erfolgt 
bald Recidive, z. B. beim Nasenkrebs, oder sie ist Folge 
der allgemeinen Schwäche und ein Vorbote des nahen To- 



150 Cancer. 

des. Beim Scirrhus drüsiger Organe , besonders der Brust, 
will man Heilungen durch den totalen Brand beobachtet haben 
(Home, Steidele, Dupuytren, Hie her and, Bayle, 
Cajol, Garneri) und Rigol will ihn sogar mit Erfolg (?) 
eingeimpft haben. 

Anatomischer Cliaracter. 1) Stadium, scir- 
rhosum. Das Organ ist härter, fester, etwas vergrössert 
und hat eine mehr bleiche Farbe , man unterscheidet im nor- 
malen Gewebe , z. B. zwischen den Muskelfasern , weissliche 
Streifchen oder nadelkopfgrosse, weisse weiche oder knorpeli- 
ge Knötchen oder einen einzigen harten, schweren, weissen 
Knoten von der Grösse einer Erbse bis zu der einer Faust in 
dem Parenchym. Die Geschwulst ist von keinem Balge um- 
geben und lässt sich manchmal , besonders wenn sie klein 
ist, leicht ausschälen, während die grössere allmählig in das 
normale Gewebe übergeht. Gewöhnlich nimmt man an, dass 
das scirrhöse Gewebe aus 2 Substanzen bestehe, a) aus sehni- 
gen , faserknorpeligen , undurchsichtigen Fäden und Blätt- 
chen, die vom Centrum nach der Peripherie laufen oder sich 
imregelmässig durchkreuzen, Zellen bilden und organisch seyn 
sollen , und b) aus einer mehr oder weniger durchsichtigen, 
schmuzig- weissen oder gelblichen oder hellbräunlichen oder 
röthlichen , weniger harten , ungeformten und unorganischen 
Substanz, welche in den Zellen der ersten enthalten ist. 
(Chir. Kpf. T. 98.). Hodgkin nimmt mit D e 1 p e c h ei- 
nen allgemeinen Sack an, der über mehrere birnförmige Tu- 
berkel umgeschlagen ist, welche mittels kurzer Stiele an der 
inneren Fläche des Sackes entspringen. Der Balg ist offenbar 
zufällig und auch die citronen - oder birnförmige Bildung der 
Substanz gehört nicht dem Scirrhus an; der faserige Theil der- 
selben scheint kein neues, sondern nur das zusammengepresste 
normale Gewebe des Organs zu seyn, denn man findet es mir 
beim Scirrhus drüsiger Organe, namentlich der Milchdrüse, 
nicht hingegen bei jenem der äusseren Haut und der Schleim- 
häute, wo der Scirrhus parallele weisse Streifen darstellt, die 
An dral fälschlich als Hypertrophie des Zellgewebes erklärt. 
Am deutlichsten sieht man diese Streifen beim Krebs der Lip- 
pen, des Oesophagus und des Magens ; sie sind hier zwischen 
der Mucosa und Muscularis; die allmählig verschwindet (Chir. 
Kpf. T. 174.); ja selbst in den drüsigen Organen fehlt die 



Cancer. 151 

fächerige Substanz häufig, so dass die ganze Masse ein homo- 
genes speckähnliches Ansehen hat (Chir. Kpf. T. 269. f. 1.) ; 
manchmal besteht sie aus einzelnen drüsenähnlichen Knoten, 
die sich durch concentrische Ringe , wie bei Speckgeschwül- 
sten bilden, was ohne Zweifel die von Abernethy pan- 
creasartiges Sarcom genannte Species bildet. Die Consistenz 
des scirrhösen Gewebes ist anfangs die eines Knorpels oder 
Faserknorpels , die Farbe schmuzig weiss , graulich, man be- 
merkt keine Spur von rothen Gefässen. — 2) St ad tu m c a r- 
c inomai osum. Die scirrhöse Masse wird entweder in der 
Mitte oder meistens an der Oberfläche weicher und mit feinen 
Blutströmehen durchzogen, die man anfangs nur als sehr feine 
Blutpunkte erkennt, so dass beim Druck mit dem Scalpell eine 
matt rosige milchige Flüssigkeit herausgedrückt wird ; die 
Gefässchen werden allmählig deutlicher, sie bilden anfangs 
zerstreute Ecchymosen — Gefässinseln — die allmählig in 
längliche Ramificationen ausstrahlen, von denen man aber nie 
einzelne lang verfolgen kann. Diese Gefässe sind so zart und 
fein wie die des Gehirns, ihr Zusammenhang mit den benach- 
barten Gefässen des Mutterorgans lässt sich nicht nachweisen. 
Die normalen Gefässe des Mutterorgans sind in Folge des Dru- 
ckes obliterirt. Immer ist da, wo sich am meisten Gefässe 
entwickelt haben, die Substanz weich, röthlich grau; die er- 
weichte Masse bildet endlich kleine fächerige Höhlen mit 
röthlich grauer Flüssigkeit, welche sich vom Eiter physisch 
und chemisch unterscheidet. Die Fächer scheinen eine noch 
nicht erweichte Substanz zu seyn. Nicht selten sind dünn- 
häutige Höhlen mit gelblichem oder röthlichem scharfen Se- 
rum oder mit Blut oder mit einer sulz-oder syrupähnlichen 
Substanz gefüllte Höhlen (Meckel's Balggeschwülste der 
Scirrhen) in der Substanz. Ob diess Reste der früher erwei- 
terten Venen sind, ist noch nicht ausgemittelt. Manchmal 
ist hie und da etwas Figment abgelagert , was aber noch nicht 
berechtigt, diess Cancer melanoticus zu nennen (vergl. Fun- 
gus meltmoticus). — Nach den chemischen Untersu- 
chungen von Collard de Martigny, Breschet, 
Lassaigne, Lobstein u. A. besteht das scirrhös-earci- 
nomatöse Gewebe grösstenteils aus Eiweissstoff und Gallerte 
mit Fibrin, Wasser, Fettsubstanz und Spuren von phosphor- 
sauren Salzen und Cholestearine, Die mit der Geschwulst 



152 Cancer. 

verwachsene Haut oder Schleimhaut ist sehr verdünnt , bläu- 
lich roth ; unter ihr ist nicht selten ein Convolut von zarten 
Gefässen (mit dünnem wässerigen Blute) und scharfer Lymphe, 
welche scheinbar fluctuirende Geschwülste bilden, die nach 
einer Incision blos Lymphe und beim Druck ein Convolut fei- 
ner Gefässe austreten lassen , was H i m 1 y Schwammbildung 
vor dem Aufbruche, Neuere fälschlich Blutscliwamm nannten. 
Selten ist wirklicher Eiter unter der Haut. Das Fett und 
Zellgewebe um die Geschwulst und namentlich unter der Haut 
schwindet gänzlich , ja endlich diese selbst fast ganz. Die 
warzigen Hervorragungen aus den Geschwürflächen sind keine 
Granulationen sondern kleine Scirrhen , die sich allmählig er- 
weichen und verwittern ; es können sich nur sehr wenige und 
schlechte Granulationen bilden , weil der Zellstoff fehlt ; das 
Secret der Geschwürsfläche enthält daher nur wenig Eiter, son- 
dern lymphähnliche Flüssigkeit und ist das Product der Zer- 
setzung, Die nächsten Lymphdrüsen schwellen nicht durch 
Fortpflanzung des scirrhösen Gewebes selbst ( M e c k e 1, 
Carswell u. A.) sondern durch Aufsaugung der scharfen 
Lymphe an und erleiden dann dieselbe Veränderung. Seröse 
Häute scheinen den Krebs aufzuhalten ; so findet man bei tief- 
gehenden Brust - und Uterus ■? Krebsen die Pleura und das Pe- 
ritonaeum 2 — 3 Linien dick. — Ueber den primären Sitz 
desScirrhus sind die Meinungen verschieden; Einige (v. W a 1- 
ther) nahmen die Lympbgefässe und Drüsen als sol- 
chen an , während S c a r p a glaubt, dass die Lymphdrüsen 
immer nur secundär ergriffen werden ; über sein primäres 
Auftreten in mehreren Absonderungsdrüsen (Milchdrüse, Ho- 
den, Speicheldrüse, Thränendrüse, Leber und Prosta- 
ta) ist kein Zweifel ; auch in den Lymphdrüsen kann er pri- 
mär entstehen, doch ist diess nach meinen Beobachtungen 
sehr selten ; am häufigsten noch in denen des Halses. In der 
Leber bildet er ohne Zweifel Fare's Tubera hep. circum- 
scripta , hat oft ein steatomatöses Aussehen und nähert sich 
dem Fungus medullaris, eben so der Scirrhus prostatae. 
In der Schilddrüsse scheint sich der wahre Drüsenkrebs nicht 
entwickeln zu können (entgegengesetzter Meinung ist v. Wal- 
ther) , wohl aber der Fungus medullai-is und haematodes ; 
was man fälschlich Struma scirrhosa (harter Kropf) nennt, 
ist Hypertrophie mit Knorpel- und Knochenbildung. Ein 



Cancer. 153 

zweiter primärer Sitz des Krebses ist die äussere Haut und 
zwar höchst wahrscheinlich deren Talgdrüsen (Scarpa; 
daher am häufigsten im Gesichte); nach v. Walther ent- 
steht der Hautkrebs aus den scirrhösen Papillen der Hautner- 
ven (?). Das warzige Aussehen (daher der Name : Warzen- 
krebs, Cancer tuberosus) kommt nicht nur beim XIautkrebse 
sondern bei jedem anderen vor. Endlich nimmt man (S c a r- 
pa 11. A.) auch die Schleimdrüsen der Schleimhäute als den 
Sitz der Krankheit an , allein diese scheinen es nicht im- 
mer zu seyn, sondern häufiger das submucose Zellgewebe, 
denn man findet beim Lippen-, Zungen-, Speiseröhren-, Ma- 
gen - und Mastdarmkrebse sehr oft die Schleimhaut noch ganz 
gesund und das scirrhöse Gewebe als Körner oder Streifen zwi- 
schen der Schleim - und Muskelhaut entwickelt und erst mit 
der Erweichung im 2. Stadio die Schleimhaut entzündet und 
verschwärt ; es scheint mir daher , dass auch das Zellge- 
webe den primären Sitz bilden könne. Secundär ergreift 
der Krebs einige andere Gewebe, z. B. die Beinhaut (beim 
Lippenkrebs) , die Nerven (z. E. den Nervus mentalis beim 
Wangenkrebs), nicht aber die Knochen ; diese werden nur all- 
mählig durch Schwinden zerstört; was man Knochen- und Ge- 
lenkkrebs nennt, ist Markschwamm oder Osteosarcom, welche 
beide nicht zum wahren Krebs gehören. Eben so wenig auch 
die Nervenknoten. — Nach dem Sitze t heilt man den Krebs 
in den primären und secundären und in den Haut -^ 
Drüsen-, und Schleimhautkrebs. Die Unterschei- 
dung nach einzelnen Symptomen und anatomischen Characte- 
ren (Alibert u. A.) in Cancer ebumeus, mollis, nodu- 
losus y tuberosus, globosus, fungosus, varicosus, mela- 
noticus, anthracineus , lardosus, hydatidosus etc. ist als 
unwesentlich zu verwerfen. 

Aetiologie. Die Anlage (Diatkesis carcinomatosti) 
findet vorzüglich in der Involutionsperiode, zwischen 40 — 55 
(seltener vor dem 30. und nach dem 60. Jahre), immer zur 
Zeit , wo die Zeugungsfähigkeit schwindet , statt ; verstärkt 
wird sie durch die scrophulöse Anlage der früheren Pe- 
riode, durch ein reizbares Nervensystem und atrabiläre 
Constitution und cholerisches Temperament und bestehen- 
de Verhärtung eines Organs. Die Gelege nheitsur- 
Sachen sind a) Schwächung des Nervensystems und der 



1 54 Cancer. 

Reproduction durch deprimirende Affecte (Kummer , Gram, 
Sorgen, Aerger, Schrecken), Ausschweifungen, Anstren- 
gungen des Geistes, sitzende Lebensart in eingeschlosse- 
ner verdorbener Luft; b) Unterdrückung normaler oder 
krankhafter Secretionen, als der Ilautausdünstung (einfacher 
Rheumatismus oder rheumatische Entzündungen sind da- 
her sehr häufig die veranlassende Ursache des Ausbruches 
der Krankheit ; dalier kommt der Krebs auch häufiger in der 
gemässigten Zone , wo chronische Rheumatismen herrschen, 
als in der warmen vor, z. B. in Aegypten ist er fast gar 
nicht gekannt — Clot); der Flechten, der Menstruation, 
der Leber- und Darmsecretion (daher Gicht und Haemor- 
rhois) ; c) chronische (idiopathische oder consensuelle) Rei- 
zung eines Organs durch mechanische, chemische oder dy- 
namische Reize, Z.B.Druck, Stoss, häufiges Betasten , die 
Einwirkung von Nässe, von Säuren (auf den Oesophagus), der 
heständige Genuss von Branntwein, der physischen Liebe 
(daher so häufig in den Geschlechtstheilen : Hoden, Uterus und 
Mamma, namentlich bei Unfruchtbarkeit , Ehelosigkeit, un- 
terlassener Selbststillung), chronische Congestionen und Ent- 
zündungen , z. B. der Lippen , des Magens , des Mastdarms 
u. s. w. — Der Krebs ist eine meistens durch eine allgemeine 
Dyscrasie bedingte Ablagerung eiweisstoffartiger Substanzen 
aus dem Blute in das Gewebe drüsiger Organe , wodurch eine 
neue das normale Gewebe verdrängende Substanz gebildet 
wird , welche sich organisirt und bei fortschreitender Ablage- 
rung sich erweicht und dadurch das Mutterorgan zerstört und 
durch Entwickelung einer allgemeinen Säfteentmischung den 
Tod herbeiführt. Die materiellen Elemente des Krebses (Ei- 
weissstofF, Salze, Harnstoff?) werden zwar aus dem Blute aus- 
geschieden und in das Gewebe einzelner Organe auf dieselbe 
Weise abgelagert , wie die gerinnbare Lymphe bei der Ent- 
zündung, allein wenn auch das Blut den Stoff hergiebt, so ist 
doch die Krebsmaterie so wenig wie der Eiter primär im Blu- 
te oder in den Blutgefässen vorausgebildet , wie Carswell 
u. A. annehmen ; auch bedarf er zu seiner Ausscheidung kei- 
nes serösen Balges (Hodgkin); diese erfolgt aus den Ge- 
fässen durch Imbibition. Seröse Bälge sind zufällig und ge- 
hören nicht zur nothwendigen Bedingung und krebsige Mate- 
rie wird nie im Blute oder an den Gefässwänden gefunden, 



Cancer. 1 55 

wohl aber kann ein Markschwamm in der Nähe grosser Venen 
auf diese übergehen. Die Annahme von II un t e r und Ad uns, 
dass das Wesen des Carcinoms in Bildung von lebenden Hyda- 
tiden (den sehnenartigen, weisslichen und sich durchkreuzen- 
den Fäden, den Zellen und Bälgen mit verschiedenem Inhalte) 
bestehe, welche das Organ zur Schwammbildung reizten, um 
vor der Luft geschützt zu seyn , bedarf keiner Widerlegung, 
wohl aber die zu allgemeine Annahme von vorausgehender 
Entzündung (Bresch et) ; der Krebs entsteht in der Regel 
ohne alle Zeichen der Entzündung und hat ganz andere anato- 
mische Charactere und Ausgänge; die beobachtete Entzündung 
(der Haut, Schleimhäute, Lymphgelässe) ist immer secundär. 
Jedoch giebt es Fälle , wo der allgemeine dyscrasische Krank- 
heitsprocess unter der (Krankheits -) Form von Entzündung 
auftritt und sich offenbart (wie auch andere Dyscrasieen, z. B. 
die Scropheln, Gicht, Syphilis), so dass sich der Krebs aus 
dem Ausgang der Entzündung in Verhärtung oder Verschwä- 
rung entwickelt. Allein auch einfache Verhärtungen und Ge- 
schwüre können den scirrhösen Character annehmen und eine 
krebsige Dyscrasie zur Folge haben , wenn sie beständig me- 
chanisch , chemisch oder dynamisch gereizt werden und die 
Localität nicht die Bildung guter Granulationen und die Ver- 
narbung zulassen. Hieher gehören viele Geschwüre der Lip- 
pen, des Rachens, des Darmcanals, die durch die beständige 
Bewegung dieser Theile und die Benetzung mit fremden Stof- 
fen an der Heilung verhindert, oder die rheumatischen Ge- 
schwüre des Gesichtes und des Gaumensegels , welche durch 
den fortdauernden rheumatischen Reiz unterhalten , oder Ge- 
schwüre , welche immer mit reizenden Mitteln behandelt wer- 
den. Bei allen diesen kann sich die Dyscrasie erst später 
durch die Aufnahme scharfer Stoffe in die nächsten Lymph- 
drüsen entwickeln , so dass auch hier nach der Exstirpation 
Recidive erfolgen. Die Vertheidiger (R u s t u. A.) des be- 
ständigen constitutionellen Ursprungs der Krankheit nehmen 
in solchen Fällen eine verborgene Dyscrasie, eine Anlage an 
und behaupten , dass der Scirrhus nie und in keiner Periode 
örtlich sondern stets das Product einer allgemeinen Krankheit 
sey ; allein viele Scirrhen und Carcinome , welche sich we- 
der in ihren Symptomen noch in dem anatomischen Chara- 
cter von den wahren und constitutionellen unterscheiden, 



158 Cancer. 

i 

aber doch ohne Recidive exstirpirt werden (besonders die 
Hautkrebse) , bei langer Dauer aber die bekannte Bösartigkeit 
erlangen, sind als 1 o c al e Scirrhen (v. W a 1 1 h e r, der Verf.) 
zu betrachten, denen die Dyscrasie erst nachfolgt und die bei 
guter Zeit ohne Recidive entfernt werden können. — Der Krebs 
ist nicht ansteckend, wie die Impfversuche von B i e 1 1, 
Alibert u. A. sowie die zahlreichen zufälligen Verletzungen 
bei der Exstirpation und Zergliederung wahrer Krebse aller 
Organe (Verf. ü. A.) und der Coitus beim Gebärmuttei'krebs 
beweisen ; seine Jauche veranlasst in der Regel keine oder nur 
eine einfache miasmatische Entzündung, welche sich be- 
schränkt und keine Weiterverbreitung oder Entartung der 
Säfte zur Folge hat , doch ist die Möglichkeit der Ansteckung 
bei grosser Intensität der Krankheit mit bedeutender Anlage, 
d. h. bei einer schon bestehenden Dyscrasie nicht abzuleug- 
nen. Die Erblichkeit des Krebses (Bayle, v. Wal- 
ther) hat auch in der Anlage ihren Grund und kann daher 
durch Verminderung oder Vermehrung der Gelegenheitsursa- 
chen vermindert oder verstärkt werden. 

Diagnose. Der Scirrhus kann verwechselt werden : 
1) mit der einlachen (gutartigen) Verhärtung und mit der 
Hypertrophie einzelner Gewebe und Organe, z. B. der 
Lymphdrüsen, allein bei der Verhärtung ging eine active 
(acute) reine oder subacute, chronische dyscrasische Entzün- 
dung mit den pathognomonischen Zeichen derselben voraus, die 
Geschwulst beginnt gleich schmerzhaft, ziemlich gross , nicht 
genau begrenzt und weich, wird aber allmählig kleiner, be- 
grenzter, härter und weniger schmerzhaft, kann sich zerthei- 
len oder in neue Entzündung nnd Eiterung übergehen. Der 
Uebergang in Scirrhus nnd Krebs erfolgt nur bei anhaltenden 
mechanischen oder dynamischen Reizungen, besonders beim 
Aufhören der Genitalfunction mit dem Bestehen einer Dyscra- 
sie. Die Hypertrophie ist von wenigen oder gar keinen 
Schmerzen begleitet und geht nicht in Erweichung über. Beim 
Scirrhus gehen keine Zeichen der Entzündung, sondern höch- 
stens die der Congestion und Reizung voraus, die Geschwulst 
ist anfangs klein, begrenzt, schmerzlos, sehr hart, knotig, 
beweglich, wird aber allmählig grösser , schmerzhaft und an 
einzelnen Stellen weich , verschwärt bei fortdauernder Härte 
nnd zertheilt sich nicht; 2) mit Balggeschwülsten; 



Cancer. 157 

diese entwickeln sich im laxen Zellgewebe langsam und ohne 
Schmerzen , sind glatt, nicht hart , sondern elastisch und bre- 
chen nicht auf ; 3) mit S p e c k g e s c h w ü 1 s t e n ; sie wach- 
sen ebenfalls sehr langsam und schmerzlos und erreichen ei- 
nen bei weitem bedeutenderen Umfang und kommen meistens 
in der Nähe fibröser Gewebe vor, verschwaren nicht und 
wenn die sie bedeckende Haut diess thut, so bildet sich keine 
Dyscrasie aus; 4) mit Mark- oder Blut schwamm, 
bei beiden tritt die Erweichung mit dem täuschenden Gefühl 
der Fluctuation sowie die Dyscrasie früher als beim Krebse 
ein. — Die Krebsgeschwüre darf man nicht mit ande- 
ren , localen oder constitutionellen Geschwüren verwech- 
seln , welche nur einen krebsähnlichen Habitus ( Ulc, can- 
croidea} haben, z. B. mit vernachlässigten und reizend 
behandelten einfachen, oder mit scrophulösen , pseudosy- 
philitischen, herpetischen, leprösen und rheumatischen 
Geschwüren, besonders im Gesichte; das Krebsgeschwür ist 
durch seine vorausgegangene ungleiche Härte, den harten, 
warzigen Grund, die auffallende Schwammbildung, die 
Blutungen, die Absonderung einer scharfen Jauche, die 
Schmerzen , den hartnäckigen Widerstand gegen alle dynami- 
schen Mittel und endlich durch die Entwicklung der Krebs - 
dyscrasie so ziemlich characterisirt und der Totaleindruck 
desselben in Verbindung mit dem Orte seiner Entwicklung 
sowie der Berücksichtung des Alters und der Constitution 
erleichtert in der Regel die Diagnose ; allein demungeach- 
tet haben manche Geschwüre an manchen Orten einen so auf- 
fallend krebsigen Character, dass sie für wirkliche Krebse 
gelten, so z. B. die rheumatischen des Gesichtes und 
Rachens. 

Prognose. Sie ist eine der ungünstigsten unter al- 
len dyscrasischen Krankheiten; man kann weder auf die 
Heilkraft der Natur noch auf die Kunst mit einiger Zuver- 
lässigkeit rechnen und in der Regel endet das Uebel über 
kurz oder lang mit dem Tode , es ist in der Mehrzahl der 
Fälle unheilbar ; die Zertheilung des Scirrhus ist zwar keine 
Unmöglichkeit, aber eine der grössten Seltenheiten der Medi- 
cin , die AI. M o n r o beobachtet haben will. Da wo ein 
oder das andere der vielen empfohlenen dynamischen Mittel 
den Scirrhus oder Krebs zertheilt haben soll, war entweder 



158 Cancer. 

eine gutartige (nicht scirrhöse) Verhärtung oder ein noch lo- 
caler Scirrhus oder ein krebshaft scheinendes Geschwür der 
Gegenstand der Beobachtung, auch die Zerstörung des Scir- 
rhus durch Aetzmittel oder die Exstirpation hat häufig Reci- 
dive zur Folge, besonders wenn schon die nächsten Lymph- 
drüsen angeschwollen sind und der Scirrhus angefangen hat, 
sich zu erweichen. Am ungünstigsten ist die Prognose beim 
schnell wachsenden und sehr schmerzhaften Scirrhus und 
beim offenen Drüsenkrebse mit entwickelter Dyscrasia car- 
cinomatosa, es ist fast immer Recidive zu befürchten, indem 
theils die Ursachen fortdauern und die Säfteentmischung 
schon besteht , theils Keime der Krankheit dem Aetzmittel 
oder Messer entgehen. Dennoch ist selbst die Application 
der Aetzmittel und die Exstirpation im Allgemeinen nur als 
ein Palliativmittel zu betrachten , bei deren Anwendung man 
wohl erwägen muss, ob sie wohl dem Kranken Aussicht zur 
möglichen Heilung oder Erleichterung oder Verschlimmerung 
gewähren werden. Im Anfange des scirrhösen Stadiums, 
wo noch keine oder nur seltene stechende Schmerzen vorhan- 
den sind, ist eine radicale Heilung durch Exstirpation oder 
Aetzung möglich ; nach S c a r p a scheint hier der abgela- 
gerte bösartige Keim latent zu verweilen; ja es giebt nach 
v. Walther seltne Fälle, in welchen Cancer occultus, 
ja apertus noch als Localübel bestehen , die allgemeine con- 
stitutionelle Krankheit nicht entwickelt oder in so massigem 
Grade vorhanden ist, dass sie leicht für einige, selbst für 
längere Zeit ausser Wirksamkeit gesetzt oder von den Kräf- 
ten der Natur und Kunst überwunden und nach vollständi- 
ger Hinwegnahme alles Entarteten die Wiedererzeugung 
des Krebses für immer oder wenigstens für Jahre verhütet 
werden kann. 

Behandlung. Die eigentliche Prophylaxis be- 
zieht sich nicht sowohl auf die Verhütung des Uebergangs des 
Scirrhus in Cancer, als vielmehr auf die Verhütung des Scir- 
rhus. Bei Menschen mit Anlage zum Scirrhus, welche in den 
Jahren der Decrepidität sind, verhüte man die Heizung und 
Congestionen nach Organen , in welchen sich der Krebs gerne 
entwickelt, halte alle Secretionsorgane offen und wirke ge- 
gen eine schon bestehende Dyscrasie , z. B. die Ueberbleibsel 
der scrophulösen ? gegen die Anfänge oder Reste der rheu- 



Cancer. 159 

matischen, gichtischen, hämorrhoidalischen , herpetischen, 
syphilitischen , gonorrhoischen , regulire die Nahrungsweise 
in s. w. Bildet sich Entzündung oder Verhärtung aus, so 
muss die Behandlung sehr vorsichtig und reizmildernd und 
ableitend seyn. Hat sich ein Scirrhus oder der wirkliche 
offene Krebs ausgebildet, so hat die Indlcatlo morbl 
nebst Berücksichtigung der Ursachen die Entfernung der 
Afterorganisation auf dynamischem oder chemischem oder me- 
chanischem Wege zu bewirken. — I. Dynamische Mit- 
tel. Es ist ganz natürlich, dass man alle sogenannten zer- 
theilenden und auflösenden Mittel gegen eine so hartnäckige, 
scheussliche und furchtbare Krankheit versuchte , dass nicht 
blos Charlatane sondern auch sehr gelehrte und erfahrene 
Aerzte Specifica, Anticancrosa suchten und dass eine sehr gros- 
se Anzahl aus allen Reichen der Natur empfohlen wurde. Wenn 
ich sie alle aufzähle, so geschieht es mehr, um jüngere Aerzte 
von dem schon längst betretenen Wege des Suchens nach spe- 
cifiken Mitteln abzuhalten , und ihnen die durch S t ö r k, 
Collin, van Swieten, Gilibertu. A. bewirkten Hei- 
lungen verdächtig zu machen, als sie zur Anwendung und 
Nachahmung aufzufordern. A) Antiphlog istic a. 
1) Diät-, Eniziehungs- und Hungercur (Pear- 
son, Ponteali, Heiberg, Recamier, Lisfranc) ge- 
wöhnlich in Verbindung mit den folgenden Mitteln, theils 
um die Resorption zu befördern , theils um die Säfte umzu- 
ändern ; 2)Wassercur(Poutea u), 5 — 6 Pfd. Wasser 
täglich bei Entziehung aller Nahrung 2 Monate lang, oder 
blos Genuss des destillirten Wassers (W. L a m b) ; 3) B 1 u t - 
entziehung, allgemeine (Valsalva, Fearon) und 
örtliche (Laserre, Lair, Fallot, Lisfranc); bei 
inneren Scirrhen liess man wiederholt zur Ader, selbst wenn 
der Puls die Aderlässe nicht indicirte , es soll dadurch die 
Schwäche nicht vermehrt sondern alle Symptome verbessert 
und verringert worden seyn. Die Blutegel werden alle 2 — 3 
Tage in der Umgegend des scirrhösen Theils applicirt, theils 
zur Verminderung der Congestion, theils zur Beförderung 
der Resorption (Lisfranc). Die Erfahrung zeigt, dass 
die flüchtigen Stiche und die brennende Hitze sich anfangs 
momentan vermindern und das Wachsen der Geschwulst steht, 
allein wahre Scirrhen werden dadurch nie zertheilt; doch 



160 Cancer. 

sind sie zur Verminderung der Congestion, zur Verhütung 
des Ueberganges des Scirrhus in Cancer occultus in Verbin- 
dung mit anderen Mitteln anzuempfehlen. 4) Kalte oder 
laue Fomentationen und Cataplasmen von Carota 
(Sultzer, Bridault); die kalten Fomentationen (beson- 
ders mit Bleiwasser) sind sowohl im scirrhösen als im carci- 
nomatösen Stadio anzuempfehlen , sie vermindern in beiden 
die brennenden Schmerzen am besten und verspäten die Er- 
weichung. Die Cataplasmen sind nur bei sehr schmerzhaf- 
ten Geschwüren passend, der Carottenbrei hat aber nichts 
vor den gewöhnlichen voraus. 5) Die Compression 
(Desault, Pearson, Young, Recamier) wirkt be- 
kanntlich reizend auf die Lymphgefässe und befördert da- 
durch die Resorption; allein diese erfolgt nur in dem, den 
Scirrlms umgebenden Zell- und Fettgewebe (Ratier, der 
Verf.), wodurch anfangs allerdings das Volumen der Ge- 
schwulst scheinbar vermindert wird, der Scirrhus selbst aber 
unverändert bleibt und nicht selten rascher wächst, (die 
Versuche im Middlesexhospitale). Recamier empfiehlt 
sie vorzüglich beim breiten Scirrhus, ja selbst bei Carcinoma 
mammae und hat sie auch bei jenen der Achseldrüsen und 
des Uterus versucht; nach Fusler ist die Compression da 
am geeignetsten, wo ausser Schmerz, Geschwulst und ein- 
facher Verdichtung noch keine wesentliche Structurverände- 
rung (also einfache Verhärtung, Milchknoten !) oder wenig- 
stens nur an einzelnen Stellen vorhanden ist. Wenn die 
Verhärtung nicht zertheilt werde, so werde wenigstens der 
Uebergang in Krebs längere Zeit aufgehalten (?), oder der 
Scirrhus beweglicher und zur Exstirpation geeigneter, sie 
passe auch zur Zertheilung der nach der Exstirpation zurück- 
gebliebenen Verhärtungen ! Beim wahren Scirrhus ist die 
Compression stets zu verwerfen. Sie muss nach Reca- 
mier 's Vorschrift sanft, gleichmässig, permanent seyn und 
3 — 6 Monate applicirt werden; eine Pyramide von immer 
kleiner werdenden Feuerschwammschichten wird mittels 2 
vorn X-förmig sich kreuzenden Binden , welche am Rücken 
gegenseitig durch die Spalten ihrer Enden gezogen werden, 
auf die Brust befestigt. Manchmal applicirt er erst das Aetz- 
mittel, dann den Druck und exstirpirt dann! Ch. Bell em- 
pfiehlt zur Zertheilung beginnender Brustscirrhen Schutz vor 



Cancer. 161 

allem äussern Reize durch das Bedecken mit Ungt. merc. oder 
Empl. Thuris c. Extr. cicut. , eine Kapsel von Wachstaffent, 
einer Lage Baumwollenwatte und endlich das Suspensorium 
matmnael — Die Unterbindung des Hauptstammes der 
Arterie hilft beim wahren Scirrhus nichts, sondern höchstens 
bei gutartigen Hypertrophien. — B) Zert h eilende Ve- 
getabilien. 1) Digitalis innerlich und äusserlich , zu 
Injectionen, Fomentationen (Infus., Succus rec. expr.), Salben. 
2) Hy oscyamus. 3) Aconitum. 4) Pulsatilla 
nigricans. 5) Phellandr ium, aquat icum (in- 
nerlich und äusserlich als Cataplasma (Gilibert). 6) Ci- 
cut a wurde von Störk nicht blos als schmerzstillendes 
sondern auch als aufsaugendes Mittel empfohlen, machte viel 
Aufsehen und ist jetzt noch bei vielen Aerzten in grossem An- 
sehen; man gab das Extractum zu 20 — 40 Gran innerlich 
und äusserlich das Infusum herbae zu Fomentationen , Inje- 
ctionen , localen und allgemeinen Bädern (H o f m a n n , Hu- 
feland, Günther), Cataplasmen und das Pulver zum 
Einstreuen ; De Haen, Fothergill, Bierken, Aken- 
s ide und in der neueren Zeit Viele, z.B. Alibert, der Ver- 
fasser, stellten längere Zeit Versuche an, und fanden es 
völlig unwirksam und selbst als Palliativmittel gegen die 
Schmerzen von geringem Werth. 7) Belladonna (Lam- 
b erger) wurde auf dieselbe Weise gebraucht, wirkt heftiger 
aber nie zertheilend 5 , und wurde mit Recht schon von Stahl 
und Nuck wegen ihrer die Fäulniss vermehrenden Wirkung 
verworfen. 8) Sedum acre (Quesnay, Lombard), 
gequetscht zum Ueberlegen. 9) Calen dul a offi c i n a- 
lis (Westring), das Extract oder das Pulver zu 6 — 10 
Gran täglich dreimal allein oder mit Ferrum carbon. (R u s t), 
äusserlich den Succus rec, Infusum und Pulvis auf Geschwü- 
re, allein es leistet nicht mehr als andere Narcotica ; der Suc- 
cus rec, mit Butter zur Salbe gemacht, soll der Helm und- 
schen Salbe analog ätzend wirken (S t e i n). 10) Ebenso das 
Extract. Chaerophy lli sylv. (Westring). 11) Der 
Succus rec. Onopor di i ac anth ii (äusserlich gegen Haut- 
krebs). 1 2)Succus rec. Scrophula ri ae aquat. 1 3) Das 
Infusum Pyrolae um bell. (Mosset). 14) Aqua lauro- 
cerasi. 15) Laudanum (Steidele gegen den Haut- 
krebs). 16)Russ und Creosot (B 1 a u d u. A.) verbessern 
Handwörterb. der Ch. II. JJ 



162 Cancer. 

weder die Secretion und Granulation, noch befordern sie die 
Zertheilung, vermehren vielmehr die Schmerzen. 17) Ilel- 
m intochorton (F a r e) als Irifiisum von 5;> auf 12 Unzen 
Colatur innerlich dreimal täglich ein Weinglas voll, zur Beför- 
derung der Resorption von Scirrhen. 18) T'odi n e } die Solutio 
iodii oder Kali hydriodinici oder die Tinctura iodii oder das 
Ferrum iodinicum innerlich , äusserlich das Ungt. iodinicum 
(Uli mann, Henne m ann u. A.); das Iod wirkt zu rei- 
zend und befördert die Erweichung, es hat mir bei Scirrhen 
nie. genützt, wohl aber mag seine Anwendung bei krebshaft 
scheinenden Hautgeschwüren, besonders des Gesichtes (Ull- 
mann) Empfehlung verdienen. 19) Oleum animale 
D ipp elii. 20) Sassap a rill a ; das Decoctum Zitt- 
manni und der Syrup von L äff ectenr wirken vortheilhaft 
bei rheumatischen , syphili tischen und scrophulösen Knoten 
und Geschwüren des Gesichtes und der Zunge , nie ^ber bei 
wahren Scirrhen und Krebsen. Wenn Rust und C h e 1 i u s 
das Decoctum Zittm. beim Lippen - und Zungenkrebs mit Er- 
folg anwandten, so waren letzte ohne Zweifel krebshaft schei- 
nende Geschwüre. — C) Animalische Stoffe. 1) Das 
Ochsenblut (van Wy). 2) Stic cus g astricus (Se- 
n e b i e r) ist blos Palliativmittel bei Krebsgeschwüren. 3) E i - 
dechs encur (F lores in Mexico 1781, Ferr ero, S an- 
zi); man schneidet lebendigen Eidechsen (hacerta agilis) 
Kopf, Schwanz und Füsse ab, öffnet den Bauch , nimmt die 
Eingeweide schnell heraus , zieht die Haut ab und lässt das 
lebendige Fleisch ganz oder in kleine Stücke getheilt oder 
kauend 1 — 3 mal täglich hinunterschlucken und äusserlich 
Cataplasmen davon auf die Geschwüre machen. Hitze, 
Schweiss und vermehrte Urinsecretion sind die Folgen, die 
gerühmte Verbesserung und Heilung des Krebsgeschwüres hin- 
gegen werden mit Recht bezweifelt. 5) Die thierische 
Kohle (W eise), innerlich zu} — 2 und mehr Gran, selbst 
1| Unzen, und äusserlich zum Aufstreuen oder in Salbenform, 
hat sich nicht bestätigt, wirkt aber gegen einfache Verhärtun- 
gen und schlaffe Geschwüre vortheilhaft. — D) Minerali- 
scheMittel. 1) Alealien und Säuren wurden wech- 
selsweise empfohlen, von Martinet das Ammonium in Was- 
ser zum inneren Gebrauch und rein als Fomentation, von Bar- 
ker die Solution derPotasche, vonPeyrilhe das Acidum 



Cancer. 163 

carbonicum, von Andern das Acidum oxygenatum. 2) A qu a 
calci s innerlich und äusserlich ; P 1 e n k ' s Aqua vulnera- 
ria gehört auch hieher. 3) Calcari a c arbonic a, 
4) Alaun. 5) Terra p/jtiderosa salita (Craw- 
ford). 6) Metalle : a) Quecksilber; die Engländer, 
besonders Abernethy, geben Abends eine PI um mer'sche 
Pille , oder blaue Pillen mit Sassaparilldecuct, strenger Diät, 
Ziegenmilch und Aufenthalt auf Gebirgen , die meisten deut- 
schen Aerzte Calomel und äusserlich das Unguentum mercu- 
riale und Solutionen von Sublimat oder Merc. nitrosus, man- 
che beabsichtigen namentlich Speichelfluss. Wo Mercurial- 
präparate geholfen haben, waren die »Verhärtungen und Ge- 
schwüre anderer Natur, beim wahren. Scirrhus und Krebs ist 
der Mercur immer schädlich (B a y 1 e, v. W a 1 1 h e r, V e r f.), 
unter welcher Form man ihn auch anwendet , er befördert die 
Erweichung und die Krebsdyscrasie , am auffallendsten durch 
Salivations- und Schmiercuren. b) Gold (West ring, Goz- 
z i, W en d t) in Verbindung mit Calendula oder Chaerophyllum 
innerlich und äusserlich zum Einreiben. Es wirkt zu erhi- 
tzend und reizend, c) Kupfer; G am et, Gerb ier, Soli er 
de laRomellais gaben den Grünspan von 4 — 30 Gran 
mit Eisenfeile und Extr. cicutae in Pillen, Neuere haben 
Köchlin's Tinct. antimiasmatica innerlich und äusserlich 
empfohlen, d) Blei} Goulard empfahl Fomentationen von 
Blehvasser zur Zertheilung der Scirrhen und Brambilla 
das Empl. de minio , jetzt wendet man das erste blos als ein 
die Erweichung des Scirrhus verspätendes Mittel oder zur Lin- 
derung der Schmerzen bei Krebsgeschwüren an. e) Ar s e n i k 
wurde von Lefebure (1775), Rönnow (1778), Jus ta- 
rn o n d in Solution (gr. iv. auf Aqu. dest. »1.) zum inneren und 
äusseren Gebrauch in steigender Dosis empfahlen , besonders 
bei anfangender Krebsdyscrasie. Desault, Lentin, Lo- 
der, Tode, Seile, Klein, Simmons, Schmalz, 
Walch, Jahn, Stark, Rust, Adair, Wenzel, Her- 
mann, Vorstmann, Schön berg und zum Theil auch 
v. Walther haben theils die Empfehlung des inneren Ge- 
brauchs wiederholt, theils selbst versucht und mehr oder we- 
niger Nutzen davon gesellen, allein Acrel, Metzger, Bell, 
Desgranges, Thilenius, Cloquet, Benedict und 
viele Andere hatten keinen Erfolg ; nach Einigen bekommen 

11* 



1 64 Cancer. 

zwar die Geschwüre ein besseres Ansehen, verlieren den üblen 
Geruch und die Heftigkeit der Schmerzen und heilen an ein- 
zelnen Stellen, allein während der Krebs in der Besserung 
fortschreitet , verschlimmert sich das hectische Fieber , dem 
die Kranken unterliegen ; er wirkt so feindlich auf die Repro- 
duction und das Nervensystem , dass er mit der Herabstim- 
mung der Schmerzen und Beschränkung der kranken Vegeta- 
tion auch die Ernährung beschränkt und das Nervensystem 
zerstört; und ist daher nicht zu empfehlen, wird auch sel- 
ten mehr von Wundärzten augewendet, f) Eisen; Car- 
m i c h a el giebt das Ferrum carbon. oder phosphor. zu 30 — 60 
Grran pro dosi in Verbindung mit Extr. cicutae oder bei Nei- 
gung zu Verstopfung mit Extr. aloes , Rust kleine Dosen mit 
Extr. calendulae ; die von Carmichael, Fischer, Rust 
u. A. gerühmten Erfolge haben sich Andern (v. Walther, 
dem V e r f.) nicht bestätigt ; das Eisen wirkt wie andere stär- 
kende Mittel wohlthätig auf die Blutbereitung, widersteht da- 
her der Krebsdyscrasie und vermindert die profusen venösen 
Blutungen, besonders beim Gebärmutterkrebs , aber zerthei- 
lende Kräfte hat es nicht. Auch der äussere Gebrauch des 
Ferrum carb., phosph., sulph., acet. (Carmichael, Rust), 
oder hydrocyanicum unter der Form von Streupulver, Pasta 
oder Salbe, Solution , auf Krebsgeschwüre gewährt nur pallia- 
tive Hülfe gegen die Blutungen, Schmerzen und die Schwamm- 
bildung. — Die meisten der angegebenen empfohlenen Mittel 
verdanken ihren momentanen Ruf und ihre Entdeckung ent- 
weder Hypothesen oder Charlatan eilen (in neuerer Zeit gehört 
Graham'« Geheimmittel hieher !) oder zufälligen Umstän- 
den und Irrthümern in der Diagnose, namentlich der Ver- 
wechslung herpetischer, syphilitischer , rheumatischer, fun- 
göser, callöser Geschwüre mit krebsigen. So wirksam die 
meisten zur Zertheilung gutartiger Verhärtungen und zur Ver- 
narbung von looalen und den meisten constitutionellen Ge- 
schwüren sind , so wenig leisten sie nach allgemeiner Er- 
fahrung beim Scirrhus und Krebs. Es giebt keineinziges 
dynamisches Mittel gegen wahren Krebs , von dem 
anders als ausnahmsweise eine radicale Heilung beobachtet 
wurde oder zu erwarten wäre ; der wahre Scirrhus ist der Zer- 
theilung nicht fähig und verträgt die Anwendung der 
Resolventia, besonders die locale der wirksamen, nicht 



Cancer, 165 

(v. Walther) und auch die Versuche der inneren Anwen- 
dung' sind immer gefährlich, weil sie lange und in grossen Do- 
sen angewendet werden müssen, wodurch der noch bestehen- 
de Grad der Gesundheit zerstört und die günstige Zeit zur 
mechanischen Entfernung verloren geht, und weit mehrere 
selbst die Entwicklung der Geschwulst offenbar befördern., 
Die meisten inneren Mittel werden daher mehr als Palliative 
gebraucht; man wende sie daher nur im Anfange des Scirrhus 
bei zweifelhafter Diagnose an und wähle solche, welche keine 
locale Reizung und Congestion verursachen ; contraindicirt 
sind sie beim entwickelten Scirrhus und besonders beim offe- 
nen Krebs sowohl äusserer als innerer Organe und bei Recidi- 
ven nach der Cauterisation und Exstirpation. Auch R u s t 
stimmt damit überein, dass die sogenannten Specifica antican- 
crosa am wenigsten zum Ziele führen, stimmt aber für die 
Anwendung von Mitteln , welche das Lymphsystem umstim- 
men und alle Colatorien öffnen , wodurch manche acht krebs- 
artige Metamorphose geheilt werde. Er rathet ausserdem, 
den wahren Scirrhus unberührt zu lassen (also nicht zu exstir- 
piren), er könne bei zweckmässiger, mehr diätetischer als 
pharmaceu tischer Pflege 15 — 20 Jahre lang getragen werden ? 
ohne in wahren Krebs überzugehen oder das Gesammtbefinden 
bedeutend zu trüben. Entgegengesetzter Meinung ist die 
Mehrzahl älterer und neuerer Aerzte und erfahrener Wund- 
ärzte aller Länder; sie rathen vielmehr bei jedem für Scirrhus 
oder Krebs erklärten Uebel sobald als möglich zu einem der 
folgenden Mittel zu greifen. 

II. Cauterisation, Die Zerstörung des Krebses durch 
Cauterien ist dann angezeigt, wenn er seinen Sitz in der Haut 
oder auf zugänglichen Schleimhäuten hat und nicht tief sich 
erstreckt , so dass er auf einmalige Application der Aetzmittel 
zerstört werden kann, eben so bei Recidiven. Eine Contrain- 
dication ist der tiefe Hautkrebs und der Drüsenkrebs. Man 
hat folgende Mittel dazu : A) Caut er i um, potent tu le. 
1) Ar senicum albu-m; obgleich er schon seitCelsus 
in Auflösung gegen Krebsgeschwüre bekannt war, so seheint 
er doch in concentrirter Gestalt, als Aetzmittel, erst im 16. 
Jahrhundert eingeführt worden zu seyn. Man brauchte ihn 
anfangs als Pulver, rein oder mit geringen Beimischungen 
(neuerdings Benedict blos mit Ungt. digest.) ; wegen der 



166 Cancer. 

leicht erfolgenden Vergiftungszufälle wandte man Ihn aber bald 
nicht mehr allein sondern in Verbindung mit verschiedenen 
Substanzen an, welche seine schädlichen Einwirkungen auf die 
thierische Oeconomie beschränken sollten , ohne seine Brand- 
schorf bildende Kraft zu vermindern. Die bekannteste und jetzt 
noch allen vorzuziehende Mischung ist dasCosrae's che Pul- 
ver, von dem Rousselot, Dubois und P a t r i x das Koh- 
lenpulver der Schuhsohlen mit Unrecht wegliessen und das 
Gewichtsverhältniss der übrigen Substanzen veränderten. An- 
dere vermischten den Arsenik mit andern Substanzen , so 
Fuchs mit Ofenruss undSerpentaria, PI unket und Plenk 
mit Ranunculus acer und Flammula vulgaris , Justamond 
und Plenk mit Schwefel oder Flores zinci, B a u m a n n mit 
Nitrum , Kali subcarb. und Rad. ari , Dupuytren mit Calo- 
mel , Carmichael empfiehlt eine Mischung aus Ferrum ar- 
senicos. mit Ferrum phosphoricum; aber alle diese Mittel ha- 
ben keinen Vorzug vor der Co sm e' sehen Mischung, die vor- 
züglich bei dem in das unterliegende Zell- und Muskelgewebe 
sich erstreckenden Hautkrebs geeignet ist , während die An- 
wendung des Arseniks in der Salbenform ( J u s t a m o n d, II a r- 
gens, Birch, Harless, besonders aber Heimund) 
bei weniger tiefen aber breiteren Hautkrebsen passend ist, da 
sie langsamer , sanfter und beschränkter wirkt und daher auf 
grosse Flächen ohne Gefahr von Vergiftungszufällen , beson- 
ders bei sehr schwachen Individuen, oder auf beschränkte Stel- 
len, z. B. die Augenlider, sicher applicirt werden kann. Mit 
Unrecht fürchten Benedict und Dzondi das Zerfliessen 
der Salbe oder die Schwächung der Wirksamkeit. Die Pfla- 
sterform ist nicht mehr gebräuchlich, v. Walther und 
Rust schreiben den Vorzug des Arseniks vor allen andern 
Aetzmitteln nicht blos seiner stark ätzenden und die Ge- 
schwürsfläche auf einmal zerstörenden Eigenschaft, sondern 
der dadurch bewirkten Umstimmung derselben und selbst der 
ganzen Constitution zu. 2) Kali call stielt m wird von 
Dupuytren u. A. beim oberflächlichen Krebse der Vaginal- 
portion gebraucht. Recamier verwandelt durch Auflegen 
des Kali caust. den Scirrhus in offenen Krebs und exstirpirt 
ihn dann. Sicherer ist beim Hautkrebs die saturirte Solution. 
3) S u bl i m a t (G m e 1 i n , Zink, W i 11 i s o n, Günther) 
ist nicht zu empfehlen , >veil er noch leichter als der Arsenik 



Cancer. 167 

allgemeine Zufälle veranlasst. 4) Zlnc u m m u r i aticum 
(Hanke, Canguoin) als reines Pulver oder mit Mehl als 
Pasta oder als Solution scheint vorzüglich für sehr ausge- 
breitete Hautkrebse zu passen, wo man den Arsenik wegen all- 
gemeiner Zufälle meiden zu müssen glaubt. 5) S oL Kali 
ehr oniic i (Jacobson). 6) Arg entum nitricum 
fusum wird von Recamier bei oberflächlichen Krebsge- 
schwüren (?) der Vaginalportion gebraucht. 7) Buty r u m 
antimonli ist nicht zu empfehlen, weil sie zu sehr zer- 
fliesst. 8)Concentrirte Säuren, besonders Acid. sul- 
phur. (mit etwas Honig oder Crocus, damit sie weniger flies- 
sen) passen vorzüglich bei Krebsgeschwüren der inneren Nase 
und des Rachens (der Verf. mehrmals). Recamier em- 
pfiehlt auch den Liquor B eil o st ii oder die Sol. lapid. 
inf. in Salpetersäure, oder die Sol. auri muriatici pari gr. vi. in 
Acid. nitrico - muriatici 5i ; es kann hier wohl von keiner Zu- 
rückbildung des Scirrhus durch das Gold sondern vielmehr blos 
von der Zerstörung durch die Säure die Rede seyn. 9) Creo- 
s o t hat keinen Vorzug vor Arsenik undpasst mehr für krebsar- 
tige Geschwüre. — B) Ca u teri u m a dual e. Das schon 
von Hippokrates empfohlene Gliiheisen bildet zu schnell 
Borken und wirkt daher weniger kräftig in die Tiefe (R u s t) ; 
Le Comte's Brennen mit dem Brennglase hat keine Nach- 
ahmung gefunden. — C) Bas Einimpfen des Brandes 
(Rigol) ist höchst unsicher. 

III. Exsti rp ati o n. Obschon auch sie lacht ganz Tor 
Recidiven sichert, indem sich häufig neue Scirrhen in oder 
neben der Narbe , oder in den nächsten Lymphdrüsen oder in 
entfernten sympathisirenden Organen entwickeln oder die 
Operationswunde in ein Krebsgeschwür sich umwandelt 
oder anderweitige Krankheiten, z. B. Phthisis , Wassersuch- 
ten, entstehen, so ist die Operation doch sobald als möglich 
zu verrichten, weil sie doch mehr Wahrscheinlichkeit der Hei- 
lung gewährt als das Warten auf Naturhülfe, und die pallia- 
tive Hülfe von einigen Jahren nicht zu theuer durch die 
Schmerzen der Operation erkauft wird. Houpeville, 
Triller, AI. Monro, in neuerer Zeit besonders Rust, 
verwerfen die Operation, weil sich der Krebs als Product ei- 
nes allgemeinen Leidens nie durch die blosse Entfernung des 
Oertlichen, am wenigsten durch das Messer radical heilen 



168 Cancer. 

lasse ; wer nach R u s t drei Jahre nach erlittener Exstirpation 
eines Scirrhus der Mamma, des Testis, noch lebe und gesund 
geblieben sey , habe an keinem Scirrhus gelitten , sondern nur 
an einer gutartigen Verhärtung; der beliebte Grundsatz: 
5 , dass es besser sey , einen Kranken , wenn auch nur auf kür- 
zere Zeit, durch die Operation des Scirrhus von einem schmerz- 
haften , Schauder erregenden Uebel zu befreien , u sey weder 
erfahrungsgemäss noch gewissenhaft ( ? ! ). Ich behaupte 
dagegen mit D u p u y t r e n und Al.Monro: Allerdings sey 
es Pflicht j palliative Operationen zu unternehmen , besonders 
daThatsachen genug vorhanden sind, welche die radicale Hei- 
lung mehrer Krebse durch die Exstirpation oder Cauterisation 
ausser Zweifel setzen. Die Operation hebt zwar die Diathese 
nicht , allein der Kranke kann noch lange nach der Operation 
leben, ohne dass die Diathese Krebs hervorbringt, wenn die 
entfernten Ursachen abgehalten werden; ja manchmal hat die 
Operation, unter den ungünstigsten Verhältnissen und sogar 
bei allgemeiner Dyscrasie unternommen, doch unerwarteten 
Erfolg (Ho upe vi lle, Vaeher, LeCat, Sabatier, 
Deschamps und viele Neuere), obwohl es auch Fälle giebt, 
wo gerade die Operation die Recidive beschleunigt. Allein 
es giebt in der Natur kein Gesetz, dass das Eine oder Andere 
immer der Fall seyn müsse, was die Geschichte aller Krank- 
heiten zeigt. Demgemäss steht der Grundsatz so ziemlich 
fest, bei jedem Scirrhus und nicht zu tiefem und zu grossem 
Krebsgeschwüre zu operiren , die Operation hingegen zu un- 
terlassen, wenn nicht alles Entartete entfernt werden kann 
(z. B. bei der Verwachsung der scirrhösen Achseldrüsen mit 
den Gefässen) oder wenn mehrere Organe, z. B. die Achseldrü- 
sen beider Seiten, ergriffen sind «der wenn die Dyscrasie in ei- 
nem hohen Grnde entwickelt ist (v. W a 1 1 h e r, D u p u y t r e n, 
der Verf.). Der zu erwartende Nutzen der Operation nmss 
mit den Gefahren und Schmerzen derselben inVerhältniss ste- 
hen und sie darf den Tod nicht beschleunigen; deswegen ist 
die Exstirpatio uteri so selten angezeigt ! Für die Operation 
gelten folgende Regeln: 1) Man entferne alles Kiankhafte und 
Verdächtige, besonders die strangartigen Fortsetzungen in den 
Muskeln (z. B. beim Zungen- und Brustkrebs) und die ange- 
schwollenen Lymphdrüsen der Umgegend, selbst wenn sie 
noch nicht Scirrhus sondern blos sympathisch entzündet sind 



Cancer. 169 

(gegen Louis, Desault, Assalini u. A., welche sie oh- 
ne Schaden zurückliessen). Die den Scirrhus bedeckende 
Haut niuss soweit mit hinweggenominen werden , als sie nicht 
frei beweglich, runzlig, missfarbig (mattweiss , gelblich, 
bläulich) und verdünnt ist. Wo möglich operire man ganz im 
Gesunden und nehme den Boden , in dem der Scirrhus sitzt, 
ganz weg, z.B. die ganze Brustdrüse bei nussgrossen Scir- 
rhen , das Kinn bei Lippen - und Kinnkrebs , der sich bis auf 
die Beinhaut, den Knochen, den Nervus mentalis und die Sub- 
lingualdrüsen erstreckt. Die Nichtbeachtung dieser Regel und 
die Unmöglichkeit, sie immer auszuüben, hat vielleicht mehr 
Schuld an den häufigen Recidiven als die Krebsdyscrasie. 
2) Man erspare soviel als möglich Haut und bilde eine solche 
Wunde, dass die Heilung durch die erste Vereinigung oder 
wenigstens ohne langwierige Eiterung erfolgen kann (B ay 1 e, 
S c a r p a) , um sie allen äusseren und inneren Schädlichkei- 
ten, weichein ihr einen disponirten Theil finden könnten, zu 
entziehen. Martinet's (de Creuse) Vorschlag durch Ue- 
berpfianzung von Haut die 'Recidive zu verhüten, und D i ef- 
f enb ach's seitliche Einschnitte nach der Vereinigung schei- 
nen bei bedeutendem Substanzverluste, z. B. der ganzen Un- 
terlippe, mehr Nachahmung zu verdienen. Die Hoffnung der 
älteren Aerzte, dass die eiternde Wunde das sich noch im Blu- 
te befindende Krebsgift ausscheide, ist nicht begründet und es 
lässt sich die vicarirende Secretion auf anderm Wege durch 
eine zweckmässige Nachcur erreichen. Man halte alle rei- 
zenden Einwirkungen von der Wunde ab , der Verband sei da- 
her einfach; bläuliche, schlaffe, warzige, speckige, fungöse 
Granulationen zerstöre man durch Arsenikpasta oder Hel- 
mund's Salbe. Mehrere französische Wundärzte applici- 
ren sogleich nach der Operation und Kern gegen das Ende 
der Heilung eine Aetzpasta auf die Wundfläche , was bei ge- 
nauer und vollständiger Exstirpation nicht immer nothwendig 
ist. 3) Die Narbe werde vor Druck , Reibung und Erkältung 
durch ein Kaninchenfell geschützt und eine passende Na ch- 
cnr zur Verhütung der Recidive eingeleitet; man wähle dazu 
vorzüglich Mittel, welche die Secretionen vermehren und die 
Blutbereitung verbessern, z. B. ausser warmer Kleidung, Auf- 
enthalt in reiner heiterer Landluft, Körperbewegung und ei- 
ner heiteren GemÜthsstimmung den Gebrauch einer Molken- 



170 Cancer. 

cur, Karlsbad, Marienbad, Eger, Ems, oder Irgend ein 
auflösendes und stärkendes anderes Bad, oder bei Leberan- 
schoppungen Aloe , Elect. lenitivum, das Decoct. Zittmanni, 
das Infusum helmintochorton , endlich das Ferrum carboni- 
Giira , und eine Fontanelle in gehöriger Entfernung von der 
Narbe (Des champs, Garnier, der Verf. und A. hat- 
ten jedoch von den Fontanellen keinen Erfolg; sie scheinen 
blos bei krebsähnlichen Geschwüren angezeigt zu seyn). 
Die sogenannten Specifica, z. E. Belladonna, Cicuta u. s. w., 
sind nicht zu empfehlen. 4) Gegen Recidive verfahre 
man wie gegen das primäre Auftreten, d. h. man wiederhole 
die Cauterisation oder Exstirpation so oft als es möglich ist, 
Sabatier, Lacombe und A. operirten die Recidive mit 
Erfolg und Dupuytren sali erst nach der vierten Operation 
vollkommene Heilung. Wenn aber die Recidive entfernt 
von der Operationsstelle ausbricht, so enthalte man sich der 
zweiten Operation, weil nun eine tiefere Infection anzunehmen 
ist. Uebrigens dauert es oft länger, alsRust angiebt, bis 
Rückfälle eintreten, 4 — 9 Jahre (Dupuytren, der 
Verfas s er). 

3. Indicatio palliativ a. Bei Unheilbarkeit des 
Uebels und bei der Unmöglichkeit der Cauterisation oder Ex- 
stirpation muss man die beschwerliehen Symptome lindern 
und das Leben fristen, a) Zur Li nderu n g der Schmer- 
zen dienen vorzüglich : die öftere Application von Blutegeln ; 
kalte Fomentationen , besonders von Bleiwasser, Sol. tinet. 
martis sah, Einstreuen von Pulvis ferri phosphorici (Car- 
michael), oder wenn die Kälte nicht vertragen wird, laue 
Ueberschläge ; ferner allgemeine und locale (besonders mit 
Bleiwasser) Bäder , Cataplasmen , einfache oder welche aus 
Carottenbrei mit Leinsamenmehl und Fett oder narcotischen 
Kräutern (Cicuta, Hyoscyamus, Belladonna, Folia lauroce- 
rasi) bereitet. Wenig leistet der äussere Gebrauch der Aqua 
lactucae, laurocerasi, opii, das Laudanum, am meisten die 
grösste Reinlichkeit und Entfernung der scharfen Jauche durch 
Injectionen, Begiessungen, Bäder und die innerliche Anwen- 
dung der reinen Narcotica , besonders des Morphium , weil es 
nicht erhitzt, keine Congestionen macht und die Venosität 
weniger begünstigt als die Blausäure enthaltenden Mittel, 
b) Die Verbesserung der Krebsjauche und des 



Cancer. 171 

Geruches geschieht am besten durch Reinlichkeit, Streupul- 
ver von vegetabilischer Kohle mit einem Zusatz von Campher 
oder Chlorkalk, oder eine Pasta von China und Cuprum sul- 
phuricum (Coates), Carottenbrei , Kalkwasser, Bleiwasser, 
schwache Chlorkalksolution. Die Solutionen von Natrum 
oxymuriaticum , Terra pond. sal. , Tart. borax. ( R u s t ), 
Allanen, Acetum , Acid. muriat., Hepar sulph. (Chelius), 
Sublimat, Arsenik (Walther) haben keinen Vorzug vor 
ihnen, eben so wenig die Salben von Boy er (Op. pur. 5i 
Acet. saturn. 5ii Ol. papav. 5ii Gerat, saturni q. s. ut f. 
Ungt. ) oder Pi ssier (Ol. lin. £i, Minii, Cerussae, Cerae 
alb. ana 5iv Terebinth. 51/^ Op. %ß M. f. Ungt.) ; die mei- 
sten derselben vermehren die Schmerzen , ohne die Secretion 
zu verbessern. c) Blutungen müssen gestillt werden, 
wenn sie profus werden und den Kranken schwächen ; man 
applicire die Aqua vuln. Thedeni, Sol. cupri sulph., aluminis, 
Aqua creosoti, Pulvis styptic 11 s, Pulv. cupri sulphur. et rad. 
ratanhiae, das Glüheisen , und im Nothfalle muss man die 
entfernte Unterbindung des Hauptstammes der Arterie vor- 
nehmen. Innerlich gebe man Infus, secal. cornut. , Decoct. 
ratanhiae, Extr. rat. mit Ferrum phosphoricum, d) Durch 
eine nährende und nicht erhitzende Diät erhalte man die 
Kräfte und wirke durch Säuren oder Milch, Stahlmolken, 
Selterwasser, leichten Wein , der Säfteauflösung entgegen. 

I. Drüsenkrebs. Was vom Krebs im Allgemeinen 
angegeben wurde , gilt vorzugsweise vom Drüsenkrebs. Das 
Folgende diene nur zur Erläuterung der durch die Locali- 
tät bedingten Modificationen der Symptome und ihrer Be- 
handlung. 

1) Cancer glandulae lacrymalis, Krebs der 
Thränendrüse. Eine seltene Krankheit , welche nach 
Rosas mehr bei Frauen als bei Männern und zwar zur Zeit 
des Rücktritts der monatlichen Reinigung vorkommt. Früher 
scrofulöse , später gichtische Individuen sind besonders dazu 
geneigt. J. A. Schmidt sah sie nie für sich selbst be- 
stehen, Benedict (Hdbch. II.) beschreibt sie sehr ausführ- 
lich. Entzündung der Drüse soll gewöhnlich vorhergehen, 
andere Male aber auch ohne sie Verhärtung und Anschwel- 
lung der Drüse entstehen , wodurch der Augapfel nach aus- 
sen und dem innern Winkel zu getrieben wird , und an Be- 



172 Cancer. 

Möglichkeit verliert, woran auch die Mitleidenschaft Theil 
hat, in welche die Muskeln gezogen werden. Die geschwol- 
lene Drüse wird unter dem Lide als ein unebener , festsitzen- 
der, nicht beweglicher Körper bemerkt. Schmerzen sind 
anfänglich nicht vorhanden, wohl aber Versiegung der Thrä- 
nenabsonderung. Hierdurch, so wie durch Consens und Con- 
tiguität wird die Bindehaut und auch Sclerotica in einen ge- 
reizten gerötheten Zustand versetzt. Die Hornhaut bekommt 
ein mattes abgestorbenes Ansehen , ein Gefühl von Trocken- 
heit des Auges belästigt den Kranken. Nach und nach 
schwindet das Sehvermögen. Das obere Lid ist schon von 
Anfang her geröthet, sein Band mit Schleim bedeckt, spä- 
ter bemerkt man auch Auftreibung der Adern in ihm und 
Verwachsung mit der scirrhösen Drüse. Tritt nicht eine zu- 
fällige Reizung durch Schläge, Stösse, erregende Arznei 
hinzu, so verbleibt die Drüse oft lange, ja lebenslänglich in 
diesem scirrhösen Zustande. Im Gegenfalle stellt sich 
Uebergang in Krebs unter den gewöhnlichen diesen Vorgang 
begleitenden Symptomen ein : flüchtigen reissenden Schmer- 
zen, stärkerer Entwickelung der Geschwulst, die nach und 
nach aufbricht , eine dünne übelriechende Jauche ergiesst, 
wodurch die benachbarten mehr und mehr in Mitleidenschaft 
tretenden Theile immer stärker gereizt werden, und bald 
alle Kennzeichen eines Krebsgeschwüres darstellen. Schwam- 
mige leicht blutende Wucherungen schiessen aus den ulce- 
rirten Stellen hervor, und drängen die Augenlider immer 
stärker auseinander. Nach und nach stellt sich unter all- 
mähliger Entartung des übrigen Inhaltes der Augenhöhle 
Zehrfieber und Tod ein. 

In Bezug auf Ursachen und Vorhersage gilt das über den 
Krebs im Allgemeinen Angegebene. Die Behandlung muss, 
so lange nur noch scirrhöse Entartung vorhanden , eine ganz 
passive seyn , da örtliche gewöhnlich nur Schaden bringt 
und den Uebergang in Krebs befördert. Die allgemeine ist 
die beim Scirrhus und Krebs überhaupt empfohlene. Ist be- 
reits Krebs vorhanden, so bleibt ausser zeitiger Ausrottung 
der Drüse und aller in Mitleidenschaft gezogener Theile 
(s. Geschwulst der Augenhöhle) kein Mittel übrig, 
aber auch dieses vermag oft nicht das Leben des Kranken zu 
retten. Rds. 



Cancer. 173 

2) Scirrhus et Cancer parotidis. In derPar- 
rotisgegend bildet sich allmählig bei alten Leuten eine stein- 
harte, höckerige Geschwulst, welche langsam wächst, end- 
lich die ganze Gegend einnimmt, das Ohrläppchen in die 
Höhe hebt, unbeweglich wie eingemauert ist und bald die 
Bewegung des Unterkiefers, das Schlingen, und endlich auch 
das Sprechen beeinträchtigt und von stechenden, brennen- 
den Schmerzen und Schlaflosigkeit begleitet ist. In der 
Regel erfolgt der Tod vor dem Uebergang in oifenen Krebs. 
Obschon die sogenannte Parotis scirrhosa häufig in scirrhöser 
Anschwellung der Lymphdrüsen dieser Gegend besteht; so ist 
doch an der primären Entwicklung des Scirrhus in der Drüse 
selbst nicht zu zweifeln; manchmal geht auch der Hautkrebs in 
Cancer parotidis über. Eine Verwechslung des Sc.parot. mit an- 
geschwollenen Lymphdrüsen (die nur in der Jugend vorkom- 
men und weicher sind), mit Induratio benigna (Sarcoma paro- 
tidis, nach vorausgegangener Parotitis rheumatica aut meta- 
statica ), Balggeschwülsten oder Markschwamm ist nicht leicht 
möglich ; letzterer kommt auch im kindlichen und mittleren 
Alter vor, wächst schneller, ist gleich anfangs weich und ela- 
stisch, scheinbar fluctuirend. Die Zertheilungsversuche, die 
Caustica und die Ligatur (Hopf) sind gänzlich zu verwerfen; 
die Exstirpation der Parotis ist nur dann angezeigt, wenn 
der Scirrhus sich in der Parotis selbst entwickelt oder der 
Cancer nur von der Haut auf sie übergegangen ist, ohne 
dass die Lymphdrüsen am Halse in der Gegend des Proces- 
sus mastoideus angeschwollen sind. Bildet aber der Scir- 
rhus eine unbewegliche, nicht genau begrenzte Geschwulst 
dieser Gegend, so ist die Exstirpation unmöglich, indem sich 
dann die Afterorganisation bis zur Wirbelsäule und Basis 
cranii erstreckt, wo selbst die vorherige Unterbindung der 
Carotis die Operation nicht ausführbarer machen kann. Um 
die Exstirpation vollständiger und mit mehr Sicherheit vor 
Recidiven machen zu können, sollte man den aufsteigenden 
Ast des Unterkiefers mit exstirpiren, was wesentlichere Vor- 
theile als die Unterbindung der Carotis gewährt. 

3) Scirrhus et Cancer gl andulae sub- 
til axillaris entwickelt sich bei alten Säufern primär aus 
einer acuten oder subacuten rheumatischen Entzündung oder 
als Recidive des Lippen- und Wangenkrebses ; ist die Drüse 



174 Cancer. 

beweglich, so ist die Exstirpation derselben angezeigt; ist 
sie hingegen mit den umliegenden Lymphdrüsen und dem 
Untertiefer fest verschmolzen, so ist selbst von der Exarti- 
culation der einen Hälfte des Unterkiefers selten etwas zu 
erwarten ; ist Krebs eingetreten , dann ist jede Operation 
contraindicirt; die Art. maxillaris wird corrodirt (so dass 
die oft heftigen Blutungen die Unterbindung der Carotis com. 
fordern) oder der Unterkiefer zerstört. 

4) Scirrhus et Cancer tonsillarum et 
faucium. kommt auch bei jungen Leuten von mittlerem 
Lebensalter in Folge chronischer rheumatischer Entzündun- 
gen vor; das speckige callöse GeselnTÜr erstreckt sich über 
eine oder beide vergrößerte Mandeln und das Gaumensegel, 
verursacht Schling- und Sprachbeschwerden und widersteht 
allen dynamischen Mitteln. Ist es auf die Drüsen be- 
schränkt und nicht zu gross, so kann man sie exstirpiren; 
ausserdem muss man es durch Bepinseln mit Sol. lapid. cau- 
stici zerstören. 

5) Scirrhus et Cancer m, a m, m, a e. Der Brust- 
krebs ist einer der häufigsten, schmerzhaftesten und am leich- 
testen zu diagnosticiren und giebt den Typus der Drüsen- 
krebse ab ; er kommt sehr selten bei Männern vor und scheint 
dann meistens von der Haut und der Warze auf die Drüse 
überzugehen , bei Weibern geht er gewöhnlich von der Brust- 
drüse selbst aus und erscheint am häufigsten zur Zeit der Ces- 
sation der Reinigung, zwischen dem 40. und 55. Jahre, 
seltner zwischen 30 — 40 , am seltensten zwischen dem 20. 
und 30. Jahre ; vom 60. Jahre an wird er immer seltner, 
doch kommt er selbst in dem 80. Jahre noch vor. Die Ur- 
sache ist fast immer Störung oder unvollkommene Verrich- 
tung oder zu häufige Reizung der Geschlechtsorgane, daher 
bei Weibern, die nicht gestillt haben, bei alten Jungfern, 
bei zarten, nervösen und wollüstigen Frauen, — Die Sym- 
ptome des von der Haut und der W^arze ausgehenden Brust- 
krebses sind die des Hautkrebses ; der eigentliche Drüsen- 
krebs beginnt mit einem auffallend harten , unschmerzhaften, 
beweglichen , glatten oder ungleichen Knoten von der Grösse 
einer Bohne in der Substanz der Mamma, die in der Regel 
mehr in dein Zustande der Turgescenz ist, als es nach dem 
Alter oder dem normalen Zustande des Genitalsystems seyn 



Cancer. 175 

sollte. Das Aussehen ist noch gut, selbst frisch und der 
Körper beleibt. Der Knoten wird allmählig grösser , höcke- 
rig, weniger umschrieben, und weniger beweglich, er ver- 
schmilzt mit der Brustdrüse, seltner mit andern neu sich 
bildenden ähnlichen Knoten und endlich mit der Haut und 
dem Pectoralis maj. ; es entsteht eine strangartige Anschwel- 
lung der Lymphgefässe und des sie umgebenden Zellgewebes 
am unteren Rande des Pectoralis maj. bis zur Achselhöhle, 
deren Drüsen anfangen aufzuschwellen. Die bisher mehr 
wollüstigen Gefühle der Congestion verwandeln sich in flüch- 
tige Stiche, die immer heftiger wiederkehren, besonders nach 
jeder hitzigen Nahrung, während der Menstruation, nach 
libidinösen Gedanken oder dem Coitus , gegen Abend und in 
der Nacht und bei feuchter und kalter Luft, sie erstrecken 
sich in den höheren Graden bis in die Schulter und den Ober- 
arm und gehen endlich in das Gefühl von beständigem Brennen 
über. Der Druck der Brust schmerzt dabei in der Regel gar 
nicht oder unbedeutend oder erst später, wenn der Scirrhus 
aufzubrechen droht. Die Achsel- und Claviculardrüsen 
schwellen stärker an, hindern die Bewegung, besonders die 
Elevation des Armes, der häufig ödematös wird; die Brust- 
warze zieht sich manchmal bedeutend zurück und verschwin- 
det selbst ganz , die Haut der Brust erhält ein gestreiftes 
markähnliches Aussehen , wird bläulich, mit Gefässen durch- 
zogen, rötliet sich an einer Stelle, wo sie mit der Geschwulst 
am längsten verwachsen und verdünnt ist, und bricht unter 
der Form von nässenden Rissen auf, welche scharfes, blutiges 
Serum absondern, sich überkrusten und allmählig in ein tie- 
fes , kesseiförmiges Geschwür auf steinhartem Boden über- 
gehen. Die ganze Brust ist nun geschwollen und schmerz- 
haft, der anfangs warzige rothe Grund des Geschwürs wird 
bald von einer weichen , grauen , ausserordentlich stinkenden 
und scharfen, weichen und fauligen Substanz gebildet, wel- 
che sich abstösst und aus der umgebenden harten Masse wie- 
der erzeugt wird, die beständigen juckenden und brennenden 
Schmerzen werden durch die Blutungen aus dem Geschwüre 
nur momentan gemindert, es gesellt sich endlich noch eine 
brennende Hitze unter dem Sternum und an der Insertion der 
2. 3. und 4. Rippe, nach dem Verlaufe der Art. mammaria, 
Husten, Gppression der Brust dazu, welche die Folge der 



176 Cancer. 

Fortleitimg der Reizung durch die Mammaria und der ent- 
zündlichen Mitleidenschaft der Pleura, nicht der Anschwel- 
lung der Lymphdrüsen längs der Mammaria (Camper) 
sind. Die Symptome der Cachexia carcinomatosa stellen 
sich mit der Vermehrung der lanzinirenden Schmerzen ein, 
die Kranke verliert ihre Frische und fängt von nun an ab- 
zumagern, es bildet sich Abneigung gegen Speisen, Auf- 
stossen , Erbrechen , hartnäckige Stuhlverstopfung abwech- 
selnd mit Diarrhöe und ein unregelmässiges remittirendes 
Fieber, das selten den Character und die Heftigkeit des he- 
ctischen erreicht, so das man keine auffallende Hitze oder 
Kälte bemerkt. In Beziehung auf die Prognose muss man 
sich nach dem Kräftezustande richten. Der Tod tritt in Folge 
der Schmerzen, Blutungen (die nicht blos parenchymatös 
sondern durch Erosion grösserer Gefässe auch arteriell und 
bedeutend seyn können) und der Cachexie gewöhnlich früher 
ein als die Brust zerstört ist; nicht selten ist er durch Pleuresie 
oder Hydrothorax , höchst selten durch Brand der Brustdrüse 
vermittelt. Manchmal erfolgt er plötzlich, obschon die 
Kranke noch gutes Aussehen und Appetit hatte. Selten 
exulcerirt die ganze Brust mit den Achseldrüsen dieser Seite, 
so dass die Rippen blossliegen oder schwinden, und die sehr 
verdickte Pleura den Grund des Geschwürs bildet. Selten 
wird auch die andere Brust scirrhös, während die erste zer- 
stört wird, eben so selten entwickelt sich der Krebs in an- 
dern Organen , obschon einzelne Symptome ( Erbrechen, 
Druck in der Leber, scharfer, übelriechender weisser Fluss 
u. s. w.) Scirrhus des Magens , der Leber , des Uterus ver- 
muthen lassen sollten. Der Krebs erstreckt sich nie auf die 
Lungen, wohl aber findet man manchmal Tuberkel in ihnen oder 
Knoten und Markschwämme in der Leber; der Uterus ist in der 
Regel normal, selbst wenn weisser Fluss vorausgegangen ist. 
Manchmal verläuft der Scirrhus und selbst der Krebs ausser- 
ordentlich langsam und ist selbst Jahre lang unschmerzhaft 
(chronischer Scirrhus) , bis Druck, Verkältung, Cessiren der 
Reinigung, Leidenschaften u. s. w. das Wachsen und die Ge- 
fässbildung beschleunigen. Je härter der Scirrhus gleich 
vom Anfange ist, desto langsamer ist der Verlauf, ja manch- 
mal schrumpft er bei alten Leuten bedeutend zusammen, so 
dass die Haut sich runzelt und in den dadurch entstandenen 



Cancer. 1 77 

Einkerbungen die Warze verbirgt; höchst selten ist die Hei- 
lung oder vielmehr Vernarbung des Krebsgeschwüres (Ni- 
cod, Bayle), aber nur des harten trocknen ; der Scirrhus 
schrumpft zusammen, allein die Kranke unterliegt gewöhn- 
lich iunereu Brustschmerzen , Zusammenschnürung und Fie- 
ber, so dass demnach die Vernarbung kein gutes Zeichen ist 
(Po ute au) und keine Heilung genannt werden kann. In 
andern Fällen ist der Verlauf ausserordentlich acut und währt 
blos einige Monate. — Man kann die so glückliche innere 
und äussere Behandlung und Operation in manchen Fällen 
aus der leicht möglichen Verwechslung des Scirrhus und des 
Krebses mit folgenden Krankheiten erklären: 1) mit sympathi- 
scher Congestion nach den Brüsten bei Anomalien der Rei- 
nigung, Krankheiten der weiblichen Genitalien, bei Neuralgia 
costalis und chronischer Spondylitis und Myelitis, besonders bei 
zarter lobulöser Structur der Brüste und grosser Empfindlich- 
keit des Gefäss- und Nervensystems ; die Geschwulst ist nicht 
sehr hart, nimmt den grösseren Theil der Drüse ein und 
ist gegen Druck schmerzhaft; die kurze Dauer und das Ver- 
halten derselben gegen passende innere und äussere Arznei- 
mittel lassen ihre Natur leicht erkennen. 2) Mit chroni- 
scher Entzündung und gutartiger Verhärtung ( die 
vorausgegangenen Ursachen, die Dauer, die nicht bedeu- 
tende Härte der Geschwulst, das jugendliche Alter und die 
Gesundheit des Kranken sind zu berücksichtigen). 3) Mit 
Hypertrophie der Brustdrüsen, es leiden in der Regel 
beide, die Geschwulst ist bedeutender, die Härte geringer. 
4) Mit Milchknoten; sie entstehen in der Schwanger- 
schaft oder im Wochenbett unter den Zeichen von Entzün- 
dung, wachsen nicht, sondern vermindern sich allmählig 
während der Lactation, nach dem Wiedereintritt der Men- 
struation oder in der nächsten Schwangerschaft; doch kön- 
nen sie unter ungünstigen Umständen , bei vorhandener An- 
lage und unter dem Einflüsse mehrerer Gelegenheitsursachen 
in wahren Scirrhus übergehen , z. B. bei älteren Frauen , bei 
welchen die Reinigung oder eine neue Schwangerschaft 
nicht mehr eintritt, und die an Hämorrhois oder Gicht lei- 
den. 5) Mit dem Milchabscesse, d.h. der Zurück- 
haltung und Extravasat von Milch; wenn man die nicht 
schmerzhafte Brust fixirt, so fühlt man Fluctuation, 6) Mit 
Handwörterb. d. Ch. IL 22 



178 \ Cancer. 

Hydatiden unter dem Pectoralis (v. G r ä f e ). 7) Mit Tu- 
mor cysticus\\i\ Zellgewebe unter der Haut oder unter der 
Drüse , er fühlt sich glatt an , wächst sehr langsam und ist 
ausserordentlich selten. 8) Mit Li pom-a mummae f 

9) Steatoma, die Brust wird sehr hart und grösser wie 
beim Scirrhus, wächst auch viel langsamer als dieser. 

1 0) Mit scrofu lösen Tuberkeln (B a y 1 e, der V e r - 
f a s s.) ; das Alter und die scrofulöse Constitution der Kranken 
und die Mehrzahl der Knoten entscheiden. 11) Mit Mark- 
schwamm; die elastische Härte geht bald in das Gefühl der 
Fluctuation über. 12) Mit Herpes mit Verdickung der 
Haut und des unterliegenden Zellgewebes. — Die dynamischen 
Mittel sind auf die prophylactische Behandlung chronischer 
Entzündung und Verhärtung zu beschränken, zur Zerthei- 
lung des Scirrhus verwarf sie schon Nuck und empfahl die 
Exstirpation , die wirklich auch das einzige Mittel ist , in- 
dem selbst die Caustica nur beim Hautkrebs angezeigt sind. 
Statt der partiellen Exstirpation beim beginnenden Scirrhus 
nehme man zweckmässiger nach Bell's Rath jedesmal die 
ganze Drüse weg, wodurch Recidive sicherer verhütet 
wird , auch dann , wenn der Scirrhus einen chronischen Ver- 
lauf hat. Angeschwollene Achseldrüsen derselben Seite 
müssen immer mit entfernt werden , indem man unmöglich 
die gutartige , sympathische Anschwellung von der beginnen- 
den scirrhösen unterscheiden kann , und auch diese mit ein- 
facher weicher Auflockerung der Drüsensubstanz beginnt; 
wohl aber können Drüsengeschwülste der anderen Achselhöhle 
zurückbleiben. Contraindicirt ist die Operation, wenn die 
Achseldrüsen sehr geschwollen und hart sind , so dass man 
Verwachsung derselben mit den Achselgefässen vermuthen 
kann, ferner wenn beim Cancer occultus oder beginnendem 
Cancer apertus die Scirrhosität in der andern Brust beginnt 
und endlich wenn der Krebs bedeutend ist, namentlich tief 
geht und die Rippen und Achseldrüsen zerstört hat. Le 
Cat's und Foubert's glückliche, unter solchen Umstän- 
den verrichtete Operationen sind nicht ermunternd , weil sie 
in den meisten Fällen den Tod offenbar beschleunigen. 

6) Scirrhus glatidul. sub axillarium, ist 
selten idiopathisch, sondern fast immer consensuell, beim 
Krebs der Brust oder der Hand. 



Cancer. 1 79 

7) Scirrhus et Cancer testiculi, Sarcocele 
der Alten , Hodenkrebs. Nebst den Brüsten sind die Ho- 
den am häufigsten der Scirrhosis unterworfen , theils wegen 
ihrer Lage, theils wegen ihrer Function und ihrem äusserst 
regen Leben. Es ist derjenige Krebs , der am häufigsten aus 
chronischer Entzündung und Verhärtung, traumatischer oder 
rheumatischer, hämorrhoidaliscber , am seltensten primär 
entsteht. — Der Hode wird empfindlich , grösser ( selten aber 
grösser als eine Faust), härter, schwerer, höckerig, von 
periodischen stechenden, reissenden Schmerzen in der Ge- 
schwulst und nach dem Verlaufe des Saamenstrangs durchzo- 
gen , der mit varikösen Venen besetzte Hodensack verwächst 
allmählig mit dem Hoden und entartet und verschwärt unter 
Vermehrung der Schmerzen, der Saamenstrang wird varikös, 
weich , dann hart, die Leistendrüsen derselben Seite schwel- 
len an, es stellt sich Febris hectica mit den Zeichen der 
Dyscrasia carcinomatosa, Störung der Verdauung, Blähungen, 
Verstopfung, Oedem der Füsse, Ascites oder krebsartige Des- 
organisation der Unterleibseingeweide (Markschwamm) mit 
dem Ausgange in den Tod ein. Manchmal kommen zu den 
localen Symptomen die der ( secundären ) Hydrocele. — Die 
faserknorpeligen Strahlen, Reste der normalen Fächer des 
Hoden, enthalten in kleinen Maschen Höhlen mit Ichor, das 
sehr harte und verdickte Vas deferens enthält Eiter. — Der 
scirrhöse Hode , bei dem das Alter des Kranken , sein atra- 
biläres Aussehen, die bedeutende Härte der nicht grossen, 
aber höckerigen Geschwulst mit den brennenden stechenden 
flüchtigen Schmerzen characteristisch sind, kann verwech- 
selt werden: 1) mit gutartiger (traumatischer, rheumati- 
scher), scrophulöser und syphilitischer Verhärtung des 
Hoden oder der äusseren Scheidenhaut oder mit dem 
Seh warn m der Tunica albuginea; 2) mit chronischen Ab- 
s c e s s e n (Fisteln) aus denselben Ursachen entstanden ; 3) mit 
Markschwamm ; 4) mit Hydatiden und Balggeschwülsten 
(Haar- und zeugungsähnlichen Bälgen) , Knorpel- und Kno- 
chenbildungen ; 5) mit Hypertrophia scroti; 6) Varicocele; 
7) Hydrosarcocele. Mehrere (1. 2.) haben viel Aehnlich- 
keit mit dem Scirrhus und Cancer und können eine krebsähn- 
liche Hartnäckigkeit gegen Arzneimittel zeigen und selbst 
in den wirklichen Krebs übergehen. Die Prognose ist beim 

12* 



180 Cancer. 

Mangel der Drüsenanschwellungen und der Krebsdyscrasie, 
und bei der Beschränkung des Uebels auf den einen Ho- 
den und den unteren Theil des Saanienstranges gut für die 
Operation (S. Castratio), welche nur allein Aussicht zur 
Heilung gewährt; nicht selten entsteht aber Recidive in 
der Narbe oder in den Lymphdrüsen der Leisten- und Scham- 
gegend oder des Unterleibes. Contraindicirt ist die Opera- 
tion unter den obigen entgegengesetzten Umständen, beson- 
ders wenn der Unterleib etwas geschwollen und empfindlich 
ist. Die Unterbindung der Art. spermatica passt bei dem 
Krebse nicht. 

8) Seirrhus prostatae mag höchst selten seyn; 
was man so heisst, ist entweder Induratio oder Hypertro- 
phia oder Steatoma. 

II. Cancer' cutis, Herpes exedens, Noll me 
längere , entspringt in den Jahren der Decrepidität aus klei- 
nen Hautknotehen, die sich vermehren und eine Anschwel- 
lung und dunkle Röthe der Haut verursachen, nässen, sich 
abschilfern und endlich mit fest aufsitzenden Krusten be- 
decken, unter denen anfangs kleine nadelkopfgrosse Vertie- 
fungen, später flache, hochrothe harte Geschwürchen sind, 
welche wenig eitern , sich unter prickelnden Schmerzen all- 
mählig, wenn auch noch so langsam, in die Breite und Tiefe 
vergrössern und so die Haut, unterliegende Knorpel und 
Knochen (durch Schwinden) zerstören und dann von heftigen 
brennenden, stechenden, reissenden Schmerzen nach dem 
Verlaufe der fibrösen Häute und von Anschwellung der Lymph- 
drüsen begleitet sind. Der Verlauf ist oft ausserordentlich 
langsam , 10 — 20 Jahre während , besonders im Gesichte, 
der Tod erfolgt durch die fortdauernden Schmerzen und 
Schlaflosigkeit; die Absonderung ist sehr gering und scharf ; 
dass die kleinen Geschwürchen krebsig sind, zeigt ihr Ent- 
stehen aus Hautknötchen (Scirrhen), ihr Widerstand gegen 
alle dynamischen Mittel, die stechenden Schmerzen, die gros- 
sen Zerstörungen der Haut , Muskeln , Beinhaut und Knor- 
pel und Knochen , z. B. des grössten Theiles des Gesichtes, 
ja selbst der Löcher in den festen Schädelknochen, die 
Anschwellung der Lymphdrüsen und die Recidiven nach der 
Exstirpation lange dauernder Hautkrebse. Manchmal ent- 
stehen sie auch aus rauhen Warzen , maulbeerähnlichen Ex- 



Cancer. 181 

crescenzen , oder aus erbsengrossen Hautknoten. Die Fran- 
zosen heissen den Hautkrebs primäres, d. h. oline Scir- 
rhus entstandenes, Krebsgeschwür, was aber unrichtig ist, 
weil er stets aus kleinen Knötchen entsteht; am häufigsten 
entwickelt er sich secundär aus andern dyscrasischen Ge- 
schwüren, oder Herpes , z. B. scrofulösen, rheumatischen, 
gichtischen, syphilitischen (Ulcera caneroidea). Am lieb- 
sten befällt der Hautkrebs zarte, gefäss- und nerven- und 
drüsenreiche Partien der Haut , als : die der Nase , der Au- 
genlider , Stirn, der Wangen , des Hodensackes , der grossen 
Schamlippen , des Handrückens. Aetzmittel sind zu seiner 
Behandlung am passendsten. Doch muss auch an einzelnen 
Stellen die Exstirpation gemacht werden; z. B. an den Au- 
genlidern und Schamlippen. J. 

1) Cancer palpebrarum, Augen dli dkrebs. 
Gleich wie an andern Theilen ist auch an den Augenlidern der 
Scirrhus und Krebs oft Folge eines innern allgemein krankhaften 
Zustandes , bei dessen Vorhandenseyn es oft nur unbedeuten- 
der Veranlassungen bedarf , um diese Bildung hervorzurufen. 
Andere Male scheint das Leiden rein örtlich zu seyn , wie 
dies bei Hautkrebs überhaupt öfters der Fall ist. Cacheeti- 
sche Personen , Scrofulöse, Herpetische zeigen am häufigsten 
Neigung dazu. Am gewöhnlichsten entwickelt sich Krebs 
der Lider aus einer vorhergehenden scirrhösen Verhärtung, 
welche sieh entweder unter begleitenden entzündlichen Zu- 
fällen oder auch ohne solche ausbildet. Das Lid ist dabei 
hart, uneben, gespannt, besonders am Rande, mehr oder 
minder geröthet, anfangs unschmerzhaft, später beim Ueber- 
gang in wirklichen Krebs von heftigen , reissenden und bren- 
nenden Schmerzen ergriffen, unter denen die Geschwulst sich 
immer mehr erhebt, aufgetriebene Adern im Umkreise zeigt,, 
endlich Risse bekommt, aufbricht und alle Kennzeichen eines 
Krebsgeschwüres mit harten aufgeworfenen Rändern , bluten- 
dem wuchernden Grunde, übelriechender dünner Jauche dar- 
bietet. Nicht selten bildet sich Krebs aus verhärteten übel 
behandelten Gerstenkörnern oder aus Venen, seltener aus 
sogenannten Papulis malignis , theils bei Verletzungen, theils 
bei reizender Behandlung, oft aber auch ohne alle Veranlas- 
sung. Nach und nach verbreitet sich die krankhafte Entar- 
tung gewöhnlich auf die übrigen Augenhöhlentheile und bringt 



182 Cancer. 

so , wenn nicht zeltig Hülfe geschafft wird , Krebs des gan- 
zen Auges hervor (s. diesen). 

Die Vorhersage ist, wie bei allern Hautkrebse, gün- 
stiger als beim Krebs des Augapfels oder der Thränendrüse, 
da er oft nur ein örtliches , nicht in der ganzen Constitution 
begründetes Uebel ist. Uebrigens bat man den Umfang des- 
selben und die Zerstörung, die er bereits gemacht hat, in An- 
schlag zu bringen. 

Die Heilung ist nur mittelst der Ausrottung möglich, 
wozu sich das Cosme'sche oder andere Arsenikmittel am zweck- 
mässigsten eignen würden, wenn man davon nicht zu grosse 
Beeinträchtigung des Augapfels zu fürchten hätte. Nur wo 
der Krebs sehr oberflächlich blos die Haut des Lides ergriffen 
hat, kann man mit Sicherheit die genannten Aetzmittel in 
Anwendung bringen. Bei grösserer Ausbreitung und tiefe- 
rem Eingreifen dürfte der Augapfel schwerlich hinreichend 
geschützt werden können, und es ist dann die Ausrottung 
mittelst des Messers am zweckmässigsten. Ueber die Art 
der Vollbringung lässt sich etwas Näheres nicht angeben , es 
gelten die allgemeinen Regeln das Krankkafte möglichst sorg- 
fältig zu entfernen, aber doch auch so viel zu erhalten als 
irgend möglich ist, was hier deshalb höchst nöthig ist, weil 
der seiner Bedeckung beraubte Augapfel bald zu Grunde 
gehen würde; ferner hat man bei der Ausrottung an den 
späterhin zu bildenden Ersatz zu denken , da es in den mei- 
sten Fällen möglich seyn wird , die weggenommene Stelle zu 
ersetzen (s. Blepharoplastice 3 Vulnus palpebr.}. Um 
bei der Ausrottung eine feste Unterlage zu haben, schiebt man 
eine Hornplatte unter das Lid, wie sie am Jag er 'sehen Au- 
genlidhalter befindlich ist. Die allgemeine Behandlung 
muss die bei Krebs überhaupt seyn. Rds. 

2) Cancer nasi, Herpes exedens oder Ulcus pha- 
gedaenicum, nasi. Der eigentliche Nasenkrebs entsteht nicht 
aus Polypen oder Markschwamm der Nasenhöhle, sondern 
stets als Hautkrebs, aus Hautknoten, warzenartigen Excre- 
scenzen, am häufigsten aus dunkelrothen, stechende, bren- 
nende Schmerzen verursachenden herpesähnliehen Bläschen 
von der Grösse einer Nadelspitze bis zu der eines Nadelko- 
pfes , welche in schorfige oberflächliche Excoriationen über- 
gehen. Diese Geschwürchen haben ein blasses Aussehen, 



Cancer. 183 

sondern einen dünnen, blassen und scharfen Eiter ab, der 
schnell zu Krusten erhärtet, und überziehen sich auch mit 
einem zarten Häuichen, unter beiden dauert aber die Ver- 
schwörung mit nagenden Schmerzen fort; nimmt man sie 
weg, so findet man die Geschwürchen tiefer, kesseiförmig 
vom Umfange eines Nadelkopfes; mehrere fiiessen zusam- 
men , entblössen nach und nach den Nasenknorpel , in wel- 
chem ebenfalls nadelkopfgrosse Vertiefungen entstehen, so 
dass er allmählig schwindet. Die umliegende Kaut ist hart, 
dick, weisslich oder mit vielen Gefässen durchzogen, mit 
kleinen Knötchen bedeckt. Die Geschwüre beginnen ge- 
wöhnlich am knorpeligen Theil, seltner auf dem Nasenrücken, 
und verbreiten sich von da auf die Wangen und Augenlider, 
täuschen nicht blos den Kranken , sondern auch die Aerzte 
durch ihr scheinbares Stehenbleiben, wachsen ausserordent- 
lich langsam , aber immer und zerstören endlich die Haut 
des ganzen Gesichtes, und die Nasen- und Oberkieferkno- 
chen, Wangenbeine, die Augäpfel; auf die Schleimhäute 
gehen sie nicht über. — Die Anlage zum Gesichtskrebse findet 
sich bei Männern von 40 — 60 Jahren , welche in ihrer Ju- 
gend an Scrofeln und später noch an Mitessern und Plethora 
abdominalis litten, welche eine herpetische Dyscrasie ha- 
ben ; Gelegenheitsursachen sind meistens Verkältungen der 
stets schwitzenden Nase. Man verwechsle den Nasen- 
krebs nicht: 1) mit'Herpes exedens scrofulosus, 
der bei scrofulösen Menschen zwischen 10 — 30 Jahren 
an den Nasenrändern beginnt und mit Entzündung der Na- 
senschleimhaut verbunden ist; 2) mit leprösen Ge- 
schwüren; 3) mit Gutta r os a c e a , die aber häufig 
den Anfang des Nasenkrebses bildet. — Die Behandlung 
mit aromatischen Fomentationen , Solut. zinci sulph. , Aqua 
saturn., Ungt. saturn. mitTinct. op. oder reiner Opiumünctur, 
Creosot, hilft nie radical, sondern blos die Zerstörung der 
Geschwürsfläche mit der ganzen umgebenden Härte der Haut 
durch Aetzmittel; im Anfange und bei oberflächlichem Sitze 
dienen die Säuren, die Sol. arsen., das Ungt. Helmundi, 
bei tieferer Verbreitung das Pulvis Cosmi; ist aber die ganze 
Haut der Nase und ein Theil der Wange sehr verdickt, das 
Krebsgeschwür hart, callös, so ist die Exstirpation der Nase 
und Wange, nach Umständen mit darauffolgendem Brennen der 



184 Cancer. * 

Beinhaiit angezeigt. Nach der Heilung kann der Verlust der 
Nase durch die Rhinoplastik ersetzt werden. Zur Nachcur 
berücksichtige man die innern Ursachen , besonders die Ple- 
thora abdominalis, die Krankheit der Hautdrüsen, daher Bäder, 
Waschungen der Nase mit lauen Mineralwassern, Gebrauch von 
Kissingen, Karlsbad, Marienbad (K r ü g e 1 s t e i n, F i s c h e r). 

3) Ca ii cd' (iuris ist selten und meistens nur bei 
alten Männern, er erstreckt sich allmählig auf das ganze 
äussere Ohr und fordert Exstirpation des ganzen Ohres. 

4) Cancer scr oti s. Caminar'torum, , Krebs des 
Hodensackes oder der Schornsteinfeger. Am unteren 
Theile des Hodensackes entsteht eine kleine härtliche Warze 
(Russwarze) , die sich sehr langsam , manchmal aber bis zu 
der Form eines Hornes vergrössert. Durch häufige mecha- 
nische und chronische Reizungen, z. B.Reiben des Hcden- 
sackes beim Kaminfegen , Weben, durch den Russ und Staub 
von Wolle, bilden sich Fissuren in der Warze und oberfläch- 
liche Geschwürchen, Mehrere Warzen nehmen denselben 
Verlauf, wodurch eine mehr oder weniger grosse rundliche, 
blumenkohlähnliche Fläche mit vielen , theils kleinen , wei- 
chen und glatten, theils grössern, härteren und dunkleren 
Warzen besetzt entsteht ; zwischen denen die Geschwüre mit 
rauhem höckerigen Grunde und zackigen Rändern sich befin- 
den , und einen juckenden brennenden Schmerz verursachen. 
Die Verhärtung der Haut erstreckt sich allmählig auch auf den 
Hoden, den Saamenstrang bis in den Bauchring, die Ge- 
schwüre bilden knorpelige harte fistulöse Gänge gegen den 
Hoden , die Leistendrüsen schwellen an , es stellt sich he- 
ctisches Fieber, Abmagerung und endlich unter den Sympto- 
men der Phthisis pulm. oder des Markschwammes des Unter- 
leibes oder von kalten Abscessen an verschiedenen Theilen 
der Tod ein. Prädisponirend ist die starke Secre- 
tionsthätigkeit der Haut des Hodensackes , — die secernirte 
Materie häuft sich zwischen den Runzeln an , vermischt sich 
mit Russ oder dem Dampfe der Steinkohlen , oder dem Staub 
von Tuch und verwandelt sich in ein warziges Fell , das in 
Verbindung mit der beständigen Friction des Hodensackes 
bei dem Auf- und Absteigen in den sehr engen Kaminen oder 
beim Weben chronische Entzündung, Verdickung (Ablage- 
rung einer speckartigen Substanz) und endlich Ulceration des 



Cancer. 185 

Hodensackes verursacht, welche sich nicht zertheilt und keine 
gute Granulationen bildet , sondern bei der fortdauernden lo- 
calen Reizung die Bösartigkeit des Hautkrebses erlangt 
und auf den Hoden übergeht ; Tuberkelbildung findet nicht 
statt. — Die Prognose ist gut, solange die Verhärtung den Ho- 
den nicht ergriffen hat; ist diess der Fall, so kann er nicht 
erhalten werden; sind aber die Leistendrüsen geschwollen, 
so ist die Bildung der Krebsdyscrasie und Recidive zu fürch- 
ten. Die warzenartige Verdickung der Haut kann durch Ab- 
haltung der mechanisch - chemischen Reize, Reinlichkeit, all- 
gemeine und locale Bäder, erhöhte Lage des Hodensackes, 
wiederholte Application von Blutegeln, kalte oder warme Ue- 
berschläge, Einreibungen von Ungt. mercur. in die Leistenge- 
gend (Earle hält jedoch das Quecksilber für schädlich)', 
Compression mit nicht reizenden Pflastern , u. s. w. zertheilt 
werden. Ist Exulceration eingetreten , so exstirpire man die 
entartete Haut und, wenn sie sich bis zum Hoden erstreckt, den 
Hoden; weniger sicher ist das Aetzmittel. J. 

III. Zellgewebs - und Schleimhautkrebs hat 
seinen Sitz in dem subserösen und submucösen Zellgewebe 
und tritt selten als knotige sondern meistens als plattenförmi- 
ge Verdickung oder Strictur der Schleimhäute auf; letztere 
verdünnen sich undverschwären und zeigen dann die characte- 
ristischen Symptome des Krebsgeschwüres. Hieher gehören : 

1) Cancer bulbi oculi, Exophihahnta carcinoma- 
tosa Beer, Kr eb s des Augapfels. Es giebt sehr an- 
gesehene Schriftsteller , z. B. Wardrop, Travers, 
welche das Vorkommen des Krebses am Augapfel bezweifeln 
und der Meinung sind, dass die zu ihm gerechneten Fälle ent- 
weder gar nicht zu dieser Krankheitsform gehören , sondern 
zu dem Blut- oder Markschwamme, oder dass doch der Krebs 
nicht ursprünglich in den dem Augapfel eigenthürnlichen Ge- 
bilden sich entwickele, sondern von den Augenlidern, der Bin- 
dehaut , der Thränencarunkel oder Thränendrüse sich auf sie 
verbreite. Andere Schriftsteller lassen den Krebs auch im 
Augapfel ursprünglich Platz nehmen , z. B. Be er, der jedoch 
gerade für diesen Fall nur eine geringe Autorität ist , da die 
wichtigsten Untersuchungen über Blut- und Markschwamm 
erst zur Zeit der Herausgabe seines grösseren Werkes oder 
nach demselben gemacht wurden. Ich selbst habe noch kei- 



1 86 Cancer. 

nen Krebs des Augapfels gesehen , während mir schwammige 
Verbildungen in England häufig, in Deutschland einige Male 
zu Gesicht kamen , er mag also selten seyn. Sehr gegen das 
öftere Vorkommen des Krebses spricht auch die Beobachtung, 
dass das männliche Alter, sonst dem Krebse am meisten unter- 
worfen, in diesem Falle fast frei ausgeht, während das kind- 
liche ihm sehr unterworfen ist. Alle Fälle, welche D e s a u lt 
erzählt, betreffen Kinder unter 12 Jahren. Es ist jedoch 
keinesweges unwahrscheinlich, dass krebshafte Entartung auch 
an dem Augapfel, namentlich in dem Zellgewebe, welches 
die einzelnen Theile desselben verbindet, sowie an der Con- 
junctiva vorkomme, da ausser den Drüsen das Zellgewebe, 
die Haut und ihre Fortsetzung die Schleimhäute dem Krebse 
am mehrsten ausgesetzt sind. Er geht gewöhnlich aus einer 
scirrhösen Verhärtung {ExOphthalmia scirrhosa Beer) her- 
vor. Diese giebt sich nach Beer zu erkennen durch eine 
höckerige sehr harte Anschwellung des ganzen Augapfels, 
durch eine weissröthliche Farbe, wobei jedoch Schmerz und 
Fieber mangeln. Desto öfter ist aber Anschwellung der Hals-, 
Achsel-, Brustdrüsen u. s. w. damit verbunden. Ein voll- 
kommen scirrhöser Augapfel besteht aus einer bräunlichen 
sehr festen Masse , in welcher man auch nicht eine Spur von 
der eigenthümlichen Organisation des Auges zu entdecken im 
Stande ist. Höchstens die Sclerotica lässt noch etwas davon 
ahnen. Seltener sind die Fälle, in welchen diese Metamor- 
phose des Augapfels sich aus einzelnen warzenähnliciien sehr 
schmerzhaften und dunkelrothen Knötchen der Bindehaut 
hervorbildet, welche Papulae oder Carunculae m.aiignae, 
rebelies genannt werden. Beim Uebergang des Scirrhus in 
Krebs stellen sich reissende äusserst empfindliche Schmerzen 
ein , die tief in den Augapfel eingreifen , auf der Oberfläche 
der Lider und selbst in den Augenlidern entwickeln sicli über- 
all Kropfadern, das ohnehin schon unförmliche Auge nimmt 
unter diesen Erscheinungen unaufhaltsam an Ausdehnung zu, 
verliert seine Beweglichkeit , drängt sich aus der Augenhöhle 
hervor und zeigt eine sehr grosse Empfindlichkeit selbst bei 
der leisesten Berührung; ein bedeutendes Fieberleiden gesellt 
sich bald hinzu , welches die vollendete Ausbildung des v e r- 
borgenen Krebses verkündet. Früher oder später bricht 
derselbe in ein oder mehrere Krebsgeschwüre auf, der Schmerz 



Cancer. 187 

wird unerträglich und nur zuweilen durch vorübergehende 
aber sehr heftige ohne bemerkbare Veranlassung entstehende 
Blutungen aus den sich immer mehrenden varikösen Gefässen 
gemindert. Diese Blutungen sind mitunter äusserst heftig, 
und rauben gleich der fortgehends ausfliessenden stinkenden 
ätzenden Jauche die schwachen Kräfte, ja sollen zuweilen tödt- 
lich werden. Die tiefgreifenden Geschwüre haben aufgewor- 
fene, ungleichförmige, sehr harte bleifarbige Bänder, wu- 
chernden Boden, der cachectische Habitus des Organismus 
nimmt auffallend zu und das schleichende Fieber schreitet vor. 

Die anatomischen Veränderungen sind die bei an- 
dern Krebsleiden gewöhnlichen. Ais Ursachen des Kreb- 
ses des Augapfels betrachten Beer, Benedict u. A. Ent- 
zündung, besonders bei scrofulösen und gichtischen Individuen, 
es stimmt dies aber nicht mit der Entstehung des Scirrhus und 
Krebses in anderen Organen überein, auch würde er, wenn diess 
wirklich Ursache wäre, häufiger seyn. Vielmehr haben wir 
wohl auch hier eine eigen thümliche Entartung des Bildungspro« 
cesses anzunehmen, bei deren Vorhandenseyn denn auf die ver- 
schiedenartigsten oft sehr unbedeutenden Gelegenheitsursa- 
chen, Verletzungen, Entzündungen das böse Uebel hervorbricht. 

Die Vorhersage ist überaus ungünstig ; nicht blos das 
Leben des Auges , sondern selbst des ganzen Körpers ist ge- 
fährdet. 

Anlangend die Heilung so kann nur die Ausrottung des 
Apfels in den Fällen Hülfe schaffen , wo die Entartung sich 
nicht auch auf das Gehirn erstreckt. Man hüte sich aber mit 
der Exstirpation zu rasch einzuschreiten, und überzeuge 
sich vorher genau, ob wirklich Krebs den ganzen Apfel be- 
fallen habe, denn es erzählt unter andern Watson 3 Fälle, 
wo der Apfel wegen Carcinom der Conjunctiva ausgerottet 
wurde, wo sich aber bei angestellter Zergliederung die übrigen 
Häute gesund fanden. S. Exstirpatw bulhi ocult. Rds. 

2) Cancer labiorum, Lippenkrebs, kommt 
meistens an der Unterlippe, selten an der Oberlippe vor, geht 
in der Begel vom rotben Lippentheil aus und erstreckt sich 
allmählig auf die Haut des Kinnes, die Wange, das Zahnfleisch 
und die Schleimhaut des Mundes, die Nasenränder, macht die 
Lymphdrüsen unter dem Kinn und an den Seitenästen des Un- 
terkiefers, die Sublingual- und Submaxillardrüsen anschwellen, 



188 Cancer. 

zerstört die ganze Lippe und selbst den Knochen. Er ent- 
steht bald aus einfachen oder dyscrasischen Exulcerationen, 
bald aus scirrhöser, mehr verbreiteter als rundlicher Verhär- 
tung , selten aus warzigen Excrescenzen , am häufigsten bei 
Männern zwischen 30 und 60 Jahren, die sich viel erkältet 
haben oder an Dyscrasia haemorrhoidalis leiden, daher so 
häufig bei Tagelöhnern , Bauern und Juden. Branntweinge- 
nuss und Tabackrauchen sind selten anzuklagen. Er ist nicht 
immer örtlich , wie so häufig behauptet wird , sondern zwei- 
felsohne eben so häufig die Folge einer Dyscrasie, weil er so 
oft nach vollkommen gelungenen Exstirpationen wieder er- 
scheint. — Scrofulöse, syphilitische, herpetische und le- 
pröse Geschwüre können für krebsige gehalten werden ; das 
Alter, die vorausgegangenen und begleitenden Erscheinungen 
entscheiden , sie nehmen aber häufig ein krebsähnliches Aus- 
sehen und Hartnäckigkeit an , die syphilitischen fangen in den 
Mundwinkeln an, die scrofulösen sind mit Entzündung und 
Verschwärung der Oberlippe und. der Nasenränder verbunden, 
die herpetischen mit Gesichtsflechten , die leprösen mit den 
übrigen Symptomen der Lepra. — Die Aetzmittel , besonders 
der Arsenik, den man früher fast ausschliesslich selbst bei be- 
deutender Ausdehnung und Tiefe des Krebses anwandte , sind 
nur bei oberflächlichen , nicht sehr harten und erhabenen Ge- 
schwüren angezeigt; ausserdem entfernt man jetzt ziemlich 
allgemein den Lippenkrebs durch die Operation und zwar den, 
den grössten Theil des rothen Lippenrandes einnehmenden 
durch einen segmentarischen Schnitt mittelst der Scheere — 
Abscissio labii inf. , Ablation (nach Ri eher an d ohne dar- 
auf folgende Vereinigung und mit Heilung der Wunde durch 
Eiterung) , und den weiter nach unten geilenden Krebs durch 
die eigentliche Exstirpation mit einem V- oder U- Schnitt, 
mit darauf folgender Vereinigung durch die umwundene Naht 
oder mit der Lippenbildung aus der Haut des Halses. Ver- 
härtete oder verschwärte Stellen des Zahnfleisches der vordem 
Seite des Unterkiefers, oberflächliche Caries des letzten müs- 
sen mit dein Glüheisen berührt und angeschwollene Lymph- 
drüsen an der äusseren und inneren Seite der Maxilla exstir- 
pirt werden. Die Vereinigung der Wunde durch die Naht 
ist angezeigt, wenn noch 2 — 3 Linien des rothen unteren 
Lippenrandes erhalten werden können ; diese dehnen sich all- 



Cancer. 189 

niählig zur normalen , wohlgestalteten Unterlippe aus. Muss 
aber die ganze Unterlippe bis zu den Winkeln oder noch über 
einen oder beide hinaus entfernt werden , so wird die Span- 
nung der Haut nach der Vereinigung zu stark, wenn man sie 
bis an die aufsteigenden Aeste abpräparirt und nach der 
Anlegung der Naht seitlich einschneidet, sie wird dadurch 
entzündet, verhärtet und giebt zu Recidiven Veranlassung; in 
solchen Fällen ist die Lippenbildung durch Heraufziehen der 
Haut des Halses über das Kinn oder besser durch Umschlagen 
eines Hautlappens angezeigt. Hat der Krebs sich auch auf 
das hintere Zahnfleisch und die Sublingualschleimhaut, auf 
die Ausstrahlung des Nervus mentalis , auf den Knochen des 
Kinnes erstreckt und sind dieLymph- und Sublingual- und 
Submaxillardrüsen angeschwollen, so ist die Resection des 
Kinnes angezeigt, ja es scheint sicherer, den Knochen, als Ba- 
sis des Krebses, jedesmal dann mit wegzunehmen, wenn die 
Beinhaut ergriffen ist (indem das Brennen derselben nicht im- 
mer die Recidive verhütet , wie viele Fälle , z. B. der von 
SmiÜi zeigen) oder die Sublingual- nnd Lymphdrüsen dieser 
Gegend angeschwollen sind (indem ihre genaue Exstirpation 
ohne Resection kaum möglich ist). Zur Nachcur gebe man 
Mittel gegen die muthmassliche innere Ursache, Rheumatis- 
mus, Plethora abdominalis, Flechte u. s. w., wozu das Deco- 
ctum Zittmanni (R u s t, der Verf.; Chelius wandte es zwei- 
mal mit Erfolg ohne Operation an) oder das Infusum helmin- 
thochorton am geeignetsten sind. Erscheint Recidive in der 
Narbe , so muss die Operation wiederholt werden , am besten 
mit Hautüberpflanzung oder Resection des Kinnes; entsteht 
aber Scirrhus der Lymphdrüsen auf dem Seitenast oder den 
Submaxillardrüsen, welcher den Knochen allmählig schwinden 
macht; so kann im Anfange, wo blos die Drüsen leiden und 
das umliegende Zellgewebe noch nicht Scirrhus ist , die Rese- 
ction des Scitentheils versucht werden. 

3)Cancer lingiiae, Zungenkrebs, bildet sich mit 
einem harten, warzenartigen, über die Oberfläche sich et- 
was erhebenden Knoten an irgend einer Stelle der oberen Seite 
der Zunge , welcher dife Grösse einer Bohne und selbst einer 
Nuss erreicht, rissig wird und unter lanzinirenden Schmerzen 
von der Oberfläche gegen die Tiefe verschwärt ; die Härte des 
Grundes und der Umgebung, die lividen Auswüchse i die fres- 



190 Cancer. 

sende scharfe, und höchst stinkende Jauche, das Umsichfres- 
sen charakterisiren leicht das krebsige Geschwür, das von be- 
ständigem Zusammenfliessen des Speichels im Munde, von Be- 
schwerden beim Sprechen und Schlingen, von Heiserkeit, Na- 
^ensprache, Schmerzen im Kehldeckel und in den Eustachi- 
schen Röhren , Husten, Anschwellung der Mandeln , der Sub- 
lingual- und Submaxillardrüsen , der Parotis begleitet ist und 
endlich auf die Schleimhaut des Mundes und des Rachens über- 
geht und den Tod unter furchtbaren Leiden durch Hunger und 
die Cachexia carcinomatosa herbeiführt , ehe noch die Hälfte 
der Zunge zerstört ist. — Mechanische Insultationen durch 
öfteres Beissen auf die Zungenspitze oder Aufritzen der 
Schleimhaut durch scharfe Zähne, chemische Reizung durch 
scharfe Speisen und Getränke , Tabackrauchen oder Kauen 
sind höchst selten Ursache , meistens Rheumatismus der Zun- 
ge und des Rachens, Unterdrückung der Menstruation und des 
Herpes und Unterleibsleiden , besonders Hämorrhoidalgicht. 
Plethora abdominalis scheint auch hier, wie beim Lippen - 
Magen - und Mastdarmkrebs die Anlage zu bilden. Der Zun- 
genkrebs kann auch in der Jugend vorkommen und sich aus 
syphilitischer Entzündung, syphilitischen, rheumatischen, 
mercuriellen Geschwüren entwickeln. Der wahre Scirrhus 
kann nicht verwechselt werden mit einfachen entzündlichen 
Knötchen , vergrösserten Zungenwärzchen , mit der erworbe- 
nen Hypertrophie und der syphilitischen und mercuriellen, 
rheumatischen Induration ; das Krebsgeschwür mit ein- 
fachen (traumatischen) sympathischen (bei Plethora abdo- 
minalis, Strictura oesophagi et ventriculi), scrophulösen, mer- 
curiellen, syphilitischen, rheumatischen, gichtischen, leprö- 
sen; das Alter des Kranken, der Verlauf der Krankheit, die 
übrige Symptomengruppe entscheiden, doch können sie alle 
den krebsigen Character annehmen. Die Prognose hängt 
von den Ursachen, dem Grade und dem Sitze des Uebels ab; 
gut ist sie bei syphilitischen Knoten, schlimm bei abdominel- 
ler Ursache und tiefem Sitze. — Die Behandlung hat vor 
allen die Ursachen zu berücksichtigen; daher entferne man 
scharfe und cariöse Zähne , gebe bei metastatischen , rheuma- 
tischen oder mercuriellen Entzündungen das Decoctum Zitt- 
manni (R u s t) , bei alter Syphilis Mercurial - Salivationscu- 
ren (Vallisnieri, v. Gräfe, die Louvrier's Schmiercur 



Cancer. 191 

mit Erfolg) oder das Gold (W e s t r i n g) ; zur Unterstützung 
dienen die Hungercur, Vermeidung von Sprechen und Kauen, 
die Soliitio aluminis, das Bestreichen mit Alaunpulver, bei 
oberflächlichen Geschwüren das Bepinseln mit Alaun , Sol. la- 
pid. infernalis (Burmann, Earle), — virid. aeris, — 
plumb. acetici (Steinheim), die öftere Application von 
Blutegeln unter der Maxilla, das Setaceum im Nacken, inner- 
lich das Extr. cicutae , die Carbo animalis. Bei wahren Scir- 
rhen und Krebsgeschwüren helfen weder die genannten Mittel, 
noch die Sol. arsenicalis, — merc. sublimat. (O b erteuf f er) 
— acid. nitrici, — kali hydriodinici (Magen die; wenn 
sie nicht, wie in Gerard's Fall, Bi'and hervorbringt), die 
Aqua Pisselaei, der Carottenbrei und der Succus rec. lactucae 
sat. etc. Ist der Knoten oder das Geschwür umschrieben und 
nicht an der Zungenwurzel gelegen, sind die Drüsen nicht ge- 
schwollen und die Schleimhaut nieht ergriffen, so ist die 
Operation des Zungenkrebses mittelst der Unterbindung 
oder besser mittelst derExstirpation mit darauf folgender Ap- 
plication des Glüheisens angezeigt; unter den entgegengesetz- 
ten Umständen und bei Recidive tritt die palliative Behand- 
lung ein, wozu besonders die Anwendung der Blutegel, des 
Alauns , der Bleisolution zu empfehlen ist. 

4) Ca nc er oesophayi (Dysphagia scirrkosd) befällt 
am häufigsten den oberen Theil der Speiseröhre hinter dem 
Kehlkopfe, am seltensten den mittleren und tritt anfangs un- 
ter den Symptomen der Strictura oesophagi auf. Schmerzen in 
der Kehlkopfgegend, Druck unter dem Zungenbein, erschwer- 
tes Schlingen von flüssigen und festen Speisen (welche nur 
in kleinen Portionen bei gestrecktem Halse herabgedrückt 
werden können , wobei das Brod das Gefühl von Trockenheit 
und Kratzen verursacht), seifenartiger Speichel, Brennen im 
Munde und an der Zunge, periodische oberflächliche brennen- 
de Geschwürchen derselben , stechende Schmerzen im Halse, 
Zunahme der Schlingbeschwerden, Wiederausbrechen der 
Speisen mit stinkendem blutigen Eiter, Unmöglichkeit eine 
dünne Schlundsonde einzulegen , Abzehrung, gelbe Hautfarbe 
sind die vorzüglichsten Symptome. Man findet zwischen 
der Tunica mucosa et muscularis ein weiches , speckartiges 
und in die Quere gestreiftes Gewebe, die Schleimhaut stark 
gefaltet oder glatt und trocken und endlich verschwärt und 



192 Cancer. 

mit fungösen Auswüchsen , hartem Grunde und callösen Rän- 
dern. Selten erfolgt Perforation der Luftröhre oder der Lun- 
ge , weil der Tod früher durch den Hunger und die Krebsdys- 
crasie eintritt. Die Ursachen sind gewöhnlich: Verlei- 
tungen, Metastasen von chronischen Hautausschlägen, Fuss- 
schweissen , Tripper , Genuss spirituöser Getränke , Häraor- 
rhoidalgicht. Verwechslung ist möglich mit Verdi- 
ckung des Kehldeckels, Strictura laryngis, Strictura oeso- 
phagi mechanica et spastica, Phthisis laryngea, Strictura car- 
diae und Paralysis oesophagi. Die Schlingbeschwerden , die 
Freiheit der Sprache und des Athmens , die Abwesenheit von 
Husten und Heiserkeit, sowie von Geschwülsten am Halse, 
von Magenbeschwerden , endlich die Untersuchung des Kehl- 
deckels mit den Fingern und des Schlundes mit der Sonde er- 
leichtern die Diagnose. Die Prognose ist immer un- 
günstig, selbst im Anfange, wo die B eh andlung blos die 
Ursachen berücksichtigen kann , als die Wiederherstellung 
chronischer Hautausschläge und des Trippers (?) und Ablei- 
tung auf die Haut und den Darmcanal durch Bäder, Dampf- 
bäder, Diaphoretica, Decoctum Zittinanni, Syrupus de Laffe- 
cteur , Vesicantien , Ungt. et Empl. stibiatum im Nacken oder 
zwischen den Schulterblättern, Setaceum an der vordem Seite 
des Halses. Von den aufsaugenden Mitteln gewähren blos 
diewthierische Kohle, besonders aber das Kali und Natrum car- 
bonicum (in Verbindung mit Aqua laurocerasi oder Extr. cicu- 
tae), der Gebrauch von Ems, Karlsbad einige Besserung. 
Iod, Gold, Quecksilber, die Aetzmittel sind zu verwerfen, 
die Ausdehnung durch Bougie , Schlundsonden u. s. w. selten 
möglich , so dass man meistens auf die palliative Behandlung 
durch ernährende Klystiere, Trinken von Molken, Weilbacher 
Wasser mit Milch, Bäder, schwache alcalische Solutionen mit 
Narcoticis, Kalkwasser, Alaunpillen beschränkt ist. 

4) Cancer recti et ani, Mastdarm- und Af- 
terkrebs, Rectostenosis scirrhosa. Der primäre Mast- 
darmkrebs kommt bei beiden Geschlechtern gleich häufig vor, 
hat meistens 2 Zoll über dem After, besonders zuerst an der 
hintern Wand seinen Sitz, erstreckt sich dann allmählig auf 
den After, die Blase und die Vagina; der secundäre ist die 
Folge des Krebses in den zwei zuletzt genannten Organen. 
Die A n 1 a g e zu ihm findet im mittleren Alter, besonders beim 



Cancer. 193 

weiblichen Geschlechte in den cliraacterischen Jahren (nach 
He de uns wie 10 zu 1) und bei Unterleibsplethora statt; 
der Mastdarm nimmt an den Krankheiten der Leber , Milz, 
Pfortader und der Genitalien und Harnblase consensuellen 
Antheil , daher der Einflnss folgender Gelegenheitsur- 
s ach en auf die Bildung des Krebses in ihm, als: Congestio- 
nen nach dem Mastdarm durch erhitzende Getränke (beson- 
ders Kaffee) , Tabakrauchen , Aloetica , Beischlaf, Reizung 
desselben durch Stuhlzäpfchen, Päderastie, fremde Körper 
im Mastdarme; Unterdrückung der Menstruation, der Hä- 
morrhoiden, Metastasen von Rheumatismen, Gicht, Herpes, 
Tripper. Syphilis und Druck durch Reiten , oder durch den 
schwangern Uterus sind wahrscheinlich unschuldig. — - 
Symptome. Nachdem längere Zeit Hämorrhoidalcongestion 
und Neigung zu Stuhlverstopfung vorausgegangen sind, stellt 
sich ein unbehagliches Gefühl und ein beständiger Drang 
zum Stuhl ein , nach dessen Befriedigung aber das Gefühl, 
als sey der Darm nicht ganz entleert, zurückbleibt; dabei 
fühlt der Kranke vermehrte Wärme, Brennen, flüchtige Sti- 
che, Druck und Schwere im After und Kreuzbeine , beson- 
ders beim Stuhlgange, der immer schmerzhafter und be- 
schwerlicher wird ; der Koth ist dünn , platt oder kugelig^ 
mit viscösem Schleim bedeckt, periodisch normal j manch- 
mal gar nicht verändert (wenn der Krebs blos eine Wand 
einnimmt); dabei sind Blähungen, Aufgetriebenheit des Un- 
terleibes , besonders des linken Colon , Verdauungsbeschwer- 
den, Trockenheit der Zunge und des Schlundes, Druck in 
der Magengegend, Aufstossen, Neigung zum Erbrechen, 
Blasenkrampf. Bei der gewöhnlich schmerzhaften Untersu* 
chung findet man den Sphincter weit nach oben und krampf- 
haft zusammengezogen, den Mastdarm heiss, enge, hartj 
knorpelig, die Schleimhaut glatt, selten aufgelockert; die 
Verengerung ist bald ring- bald polypenartig, 1—^-2 Zoll 
über dem Sphincter, selten an der Flexura sigmoidea ; die 
dorthin gebrachte elastische Sonde ist gewöhnlich vom An« 
stossen an die mit Blut überfüllte Schleimhaut mit etwas Blut 
tingirt ; bei Weibern ist nicht selten auch die vordere Wand 
der Scheide verdickt und Fluor albus zugegen. Im hohen 
Grade der Verengerung geht gar kein Koth mehr ab j der Te- 
nesmus entleert blos etwas scharfen Darmschleim oder nach 
Handwörterb* d. Ch. U. io 



194 Cancer, 

dem Gebrauch von Abführungsmitteln unter verstärktem Dran- 
ge gelbliches Wasser. Nicht selten hat nun der Kranke auch 
heftige ischiadische Schmerzen oder ist an den unteren Ex- 
tremitäten halb gelähmt , ohne Zweifel weniger in Folge des 
Druckes der scirrhösen Geschwulst oder der Fäcalmaterie, als 
der Fortsetzung der Reizung auf die Nerven. In anderen 
Fällen ist Acne rosacea im Gesichte vorhanden (C u 11 erier). 
Die Dauer des scirrhösen Stadiums ist meistens lang, es hat 
im Anfange nicht unbedeutende Intermissionen und zur Zeit 
der Menstruation stets bedeutende Verschlimmerung. Sobald 
der Scirrhus exulcerirt , so verschlimmern sich alle Zufälle ; 
der brennende Schmerz im Mastdarme und der Drang zum 
Stuhlgange lassen selten mehr nach, es findet ein beständiger 
Abgang einer scharfen, blutigen, höchst stinkenden Flüssig- 
keit statt. Bei der Untersuchung findet man die Schleimhaut 
aufgelockert, schwammig, mit Excrescenzen , Rissen und 
Geschwüren, die sehr leicht bluten; bedeutende Blutungen 
stellen sich oft plötzlich ein, die Haut am After wird oft auch 
scirrhös, es entstehen durch Perforation des Mastdarms Koth- 
abscesse in der Nähe des Afters, im Mittelfieische, an den 
Hinterbacken, Scheiden- oder Blasenfistel. Fieberanfälle 
und Convulsionen bei jeder Stuhlentleerung, Schmerzhaftig- 
keit des Magens , Erbrechen , selbst kothiges, Schlaflosigkeit, 
grosse Schwäche, gelbe Hautfärbung, hectisches Fieber, 
Oedem der Genitalien, Ascites, Fhthisis pulmonalis fuhren 
den Tod allmählig herbei ; jedoch erfolgt dieser oft plötzlich 
durch Peritonitis, in Folge der Ruptura recti beim Stuhlgange 
(Marjolin), wo plötzlicher heftiger Schmerz , Tympanitis 
u. s. w. auftreten. Der Verlauf dieses Stadiums ist kurz, 
wenn die Krankheit den grössten Theil des Mastdarms ein- 
nimmt , lang , 2 — 6 Jahre hingegen , wenn das Krebsge- 
schwür nur die Grösse eines Zwanzigkreuzerstückes hat und 
an der hintern Wand sitzt, und grosse Reinlichkeit und eine 
zweckmässige diätetische Pflege beobachtet wird. Im ersten 
Stadium kann Verwechslung mit chron. Tenesmus , einfacher 
Verengerung, falschen Membranen, Lipomen und Polypen 
des Mastdarms, mit der symptomatischen Verstopfung bei 
Krankheiten der benachbarten Theile (Polypus, Steatoma, Scir- 
rhus uteri, Hypertrophia prostatae, Blasenstein, Aneurysma 
art. iliacae) } im zweiten mit Fissuren des Mastdarms , exul- 



Cancer. 195 

cerirten Härnorrhoi dalknoten , syphilitischen Exerescenzen, 
leprösen Geschwüren (hei der Marschkrankheit) u. s. w. statt- 
finden; die hier mögliche Untersuchung mit dem Finger (un- 
passend mit dem Speculum ani) erleichtert die Diagnose ; nur 
ist noch zu bemerken , dass mehrere der angegebenen Krank- 
heiten des Mastdarms den krebsigen Character oder die kreb- 
sige Natur annehmen können. — Im Anfange der Krankheit 
berücksichtige die Behandlung die Ursachen durch Wie- 
derherstellung der Flechten, des Trippers, Regnlirung der 
Menstruation n. s. w. , vermindere die venöse Congestion und 
Reizung und suche die Zertheilung der Verhärtung einzulei- 
ten , was durch Vermeidung aller reizenden und stark nähren- 
den Speisen und Getränke, Sorge für regelmässige Stuhlent- 
leerung mittelst nicht erhitzender diätetischer und pharma- 
ceutischer Mittel, z.B. Molken, Buttermilch, Tamarinden, 
Manna , Ol. ricini (nicht Aloe , Rheum oder Calomel), Oelin- 
jectionen , wiederholte Application von Blutegeln an das Mit- 
telfleisch und um den After, von Sinapismen und Vesicantien 
auf die Oberschenkel , Becken- und allgemeine Bäder, war- 
mes Verhalten, horizontale Lage, Diät oder Entziehungscur, 
Salmiak in grossen Dosen, thierische Kohle, Extr. cicutae, 
Decoct. Zittmanni, Ems, Marienbad, Karlsbad u. s. w. ge- 
schieht. Der äussere und innere Gebrauch von Quecksilber, 
Iod , Gold , Arsenik ist zu erhitzend und beschleunigt die Er- 
weichung , die Compression durch dicke gelbe Wachskerzen, 
Bourdonnets (mit narcotischen oder zertheilenden Salben), 
hohle Bougies wird selten vertragen und gewährt, wenn diess 
auch der Fall ist, keine wesentliche Besserung. Die Zerstö- 
rung der scirrhösen Degeneration durch Höllenstein oder 
durch Einschneiden (R i c h e r a n d) ist unzulässig , die durch 
das Glüheisen (C an eil a) nur bei dem Krebs der Afterhaut 
und des unteren Endes des Mastdarmes anwendbar ; die Ex- 
cision (Schreger) ist nur bei tuberculösen Auswüchsen 
des Afterrandes oder einer Wand möglich , und auch L i s - 
franc's Exstirpatio ani ist nur beim Krebs des Anus und des 
untersten Theiles des Mastdarmes (2 Zoll hoch) angezeigt^ 
der Erfolg immer aber zweideutig. In den meisten Fällen, 
besonders aber im 2. Stadio ist man auf die palliative Be- 
handlung beschränkt; gegen die Schmerzen gebe man die 
nicht erhitzenden Narcotica; Extr. cicutae: — hyoscyamL, — 

13* 



196 Cancer. 

lactucae sat., — helladonnae, Aqua laurocerasi, Morphium, 
(Opium ist zu erhitzend) , Bäder ; die Suppositoria mit Extr. 
belladonnae oder hyoscyami, die Klystiere von Infusen narco- 
tischer Kräuter leisten nichts , mehr die einfachen lauen Was- 
serklystiere und die grösste Reinlichkeit. B r o d i e schnei- 
det den Sphincter mit Erleichterung 1 ein. Die Kräfte erhalte 
man durch Eigelb und Malaga, Sulzen, gebratenes Fleisch, 
etwas Rheinwein und Selterwasser, gegen die Blähungen 
und die Neigung zum Erbrechen gebe manPotioRiveri, Cham- 
pagner und mache bei grosser Aufgetriebenheit des Unterlei- 
bes kalte Fomentationen. 

6) Cancer peniSf Krebs des männlichen Glie- 
des, entsteht beinahe immer an der Eichel und Vorhaut aus 
harten unschmerzhaften Knoten oder aus einfachen oder syphi- 
litischen Geschwüren, am seltensten mit Verhärtungen oder 
Steatomen des Rückens des Penis. Ursachen sind Unrein- 
lichkeit, beständige Reizung durch Urin, ätzende Mittel; da- 
durch werden einfache imd syphilitische Geschwüre bösartig, 
besonders bei Plethora abdominalis oder nach Unterdrückung 
des Trippers. Die Anlage ist durch den Bau bestimmt, da 
die sehr zarte Schleimhaut mittels wenig Zellstoff auf den 
fibrösen Penis geheftet ist, so dass bei ihrer Exulceration, 
besonders aber bei der der Eichel und der Corpora cavernosa, 
nie gute Granulationen entstehen können. Die ganze Eichel 
oder der ganze Penis ist sehr dick, hart, das Geschwür tief 
und von scirrhösen Hautränderungen umgeben, der Grund 
höchst unrein, mit halbverfaulten Zellgewebslappen und Aus- 
wüchsen besetzt, die Urethra geöffnet, die Absonderung sehr 
stinkend, es stossen sich ganze faserige Lappen ab und es 
treten starke Blutungen ein. Die heftigen Schmerzen er- 
strecken sich durch den Penis bis in die Blase, zum Mast- 
darm und bis in die Schenkel, und werden beim jedesmaligen 
Uriniren vermehrt ; die Haut des knorpelig harten und sehr 
verdickten Stumpfes des Penis ist mit varikösen Venen durch- 
zogen und callös , die Leisten - und Schambergdrüsen sind 
geschwollen, der Kranke hat keinen Schlaf, Fieber, magert 
ab und ist des Lebens überdrüssig. Nur im Anfange des 
Uebels und bei krebsähnlichen Geschwüren , welche die Fol- 
ge von Reizung der Excoriationen , Unreinlichkeit , Plethora 
abdominalis , Syphilis sind , kann man durch Reinlichkeit 



Cancer. 197 

erhöhte Lage des Penis, Blutegel, Cataplasmen, Fomentatio- 
nen, besonders mit Bleiwasser und Laudanum, Solut. calcar. 
oxymuriat., Schlammbäder, Abführungen, das Decoctum Zitt- 
manni (der Verf.), Mercurialcuren Heilung herbeiführen ; 
bei bedeutender Härte und grosser Zerstörung kann man nur 
durch die Entfernung des Penis mittelst des Schnittes (Ex- 
stirpatio penis) oder der Ligatur dem Fortschreiten des Kreb- 
ses Schranken setzen, wenn die nächsten Lymphdrüsen noch 
nicht angeschwollen sind, indem sich ausserdem nach der 
Operation Krebs der Leistendrüsen oder Markschwamm des 
Unterleibes entwickelt. 

7) Scirrhus et Cancer labiorum pudendi 
et clitoridis kommt sowohl primär als secundär (bei 
Mastdarmkrebs) vor und kann anfangs mit dem Pruritus hae- 
morrhoidalis , bei dem sich die Schleimdrüsen verhärten und 
heftig brennen , oder mit syphilitischen nässenden Auswüch- 
sen verwechselt werden. Der Scirrhus tritt entweder unter 
der Form eines Auswuchses oder als verbreitete Verhärtung 
der Schamlippe auf, das Krebsgeschwür geht endlich auf 
die Scheide über, die Lymphdrüsen schwellen an und unter 
grossen Schmerzen gehen grosse Zerstörungen vor sich. Die , 
Zertheilungsversuche, besonders mit den Einreibungen von 
Aurum muriaticum, helfen nichts ; die Exstirpation des Scir- 
rhus ist angezeigt, solange die Lymphdrüsen nicht geschwol- 
len sind ; der oifene Krebs kann selten operirt werden. 

8) Sei r r hus et Cancer ute r i. Der Krebs der 
Gebärmutter ist nach dem der Brüste der häufigste und 
fängt beinahe immer am Gebärmutterhalse, namentlich an der 
hintern Lippe des Muttermundes, wohl sehr selten, vielleicht 
nie auf der Schleimhaut der Gebärmutterhöhle oder des Grun- 
des an. Er kann sicli (nach dem Eintritte der Menstruation) 
vom 29. — 70. Jahre entwickeln, am häufigsten zwischen 40 
und 50 , seltener zwischen 30 und 40 und 50 und 60 , am 
seltensten zwischen 60 und 70 und 20 und 30 Jahren. Die 
grösste Anlage zu ihm giebt die torpid - scrophulöse, atra- 
biläre und nervöse Constitution und die Zeit der Cessation 
der Menstruation ; Gelegenheits Ursachen sind alle die 
Gefüss - und Nerventhätigkeit des Uterus abnorm und wieder- 
holt aufregenden Momente, als : häufig und ungestüm ausgeüb- 
ter Beischlaf , Onanie , Abortivmittel , wiederholter Abortus, 



198 Cancer. 

Nichtbefriedigung des aufgeregten Geschlechtstriebes, Un- 
terlassen des Selbststillens , stark nährende , erhitzende und 
reizende Speisen und Getränke, z.B. starker Kaffee, bei si- 
tzender Lebensart (Plethora abd. , Haemorrhois , namentlich 
der Gebärmutter = Gebärmutter -Infarcten oder venöse Ent- 
zündung der Gebärmutter nach S i e b o 1 d und Amnion), 
Verkältungen (Rheumatismus s. Neurcsis uteri), Gicht, Un- 
terdrückung der Menstruation, des Herpes, des Trippers und 
deprimirende Leidenschaften. Weniger sind Syphilis, Un- 
terdrückung der Gebärmutterblutungen durch kalte Injectio- 
nen und mechanische Schädlichkeiten anzuklagen, als schwe- 
re , besonders Zangenentbindungen , künstliches Lösen der 
Placenta, Pessarien, oder der Uebergang von Polypen und 
Steatomen in den Krebs. Aus der Verschiedenheit der Ur- 
sachen erklärt sich, warum junge Mädchen (Bayle, Gröss- 
ner) und alte Jungfern mit unversehrtem Hymen, Weiber, 
die vielmal und glücklich geboren und gesäugt haben , aus- 
schweifende Mädchen und Frauen und züchtige Damen gleich- 
massig vom Krebs befallen werden. — Symptome. Im 
1. Stadio gelien oft lange die Zeichen der Congestion und 
Reizung des Uterus voraus, das Aussehen ist dabei noch 
blühend, der Körper gut genährt; die Krankheit beginnt 
dann meistens mit Unregelmässigkeit der Menstru- 
ation; letzte erscheint zu häufig , zu stark und dauert län- 
ger und artet allmählig in Blutfluss aus , oder es stellen sich 
bei nicht mehr geregelten Frauen Blutungen ein, welche 
durch ihre scheinbare Periodicität anfangs die Wiederkehr 
der Menstruation vorspiegeln und gewöhnlich auf Gemüths- 
bewegungen und nach dem Coitus auftreten. Mit oder oh- 
ne Zeichen der Plethora abdominalis (Druck, Völle, Hitze, 
Aufgetriebenheit des Unterleibes, Stuhlverstopfung und Hä- 
morrhoidalzufälle) fühlt die Kranke eine lästige Schwere in 
der Tiefe der Scheide, Druck im Kreuze, Drängen nach der 
Schoosgegend und den Damm, Ziehen nach dem Verlaufe 
der Mutterbänder (in den Weichen) , ein Unbehagen in der 
Hüft- und Lendengegend, dumpfe oder stechende Schraev- 
zen im Halse des Uterus, die an Häufigkeit und Intensität 
immer zunehmen und sicli allmählig auf die Weichen , den 
oberen Theil der Schenkel , den Magen und bis in die Brü- 
ste erstrecken ; nicht selten sind auch die Blase und der 



Cancer. 199 

Mastdarm in einem gereizten Zustande (daher Brennen beim 
Urinlassen , Stuhlzwang) , die Brüste werden voller, härter 
und schmerzen vorübergehend. Nach dem Beischlafe, der 
anfangs erwünscht, bald aber schmerzhaft ist, erfolgt eine 
saniöse oder blutige Ergiessung, die sich allmählig in einen 
scharfen , übelriechenden weissen Fluss und Abgang 
dicker Schleimpfröpfe verwandelt, dem nicht selten erst die 
Blutungen folgen. Dabei finden Mangel an Appetit, ja eine 
unüberwindliche Abneigung gegen Speisen, Magendrücken, 
Verdauungsbeschwerden, Erbrechen, Verstopfung, bestän- 
dige Unruhe, Schlaflosigkeit, Reissen in verschiedenen Thei- 
len des Körpers, Melancholie, Hysterie u. s. w. und Ver- 
schlimmerung aller Zufälle nach dem Genüsse reizender Nah- 
rung und deprimirender Leidenschaften statt. Bei der Un- 
tersuchung der Scheide findet man diese meistens im un- 
teren Theil sehr faltig, heiss, den Mutterhals tiefer stehend, 
geschwollen , höckerig, weich oder hart, oder an einzelnen 
Stellen hart und an anderen weich, gegen Druck empfindlich, 
selbst schmerzhaft, den Muttermund weiter und unregel- 
mässig, beim Druck auf die hintere Lippe fliesst blutiger 
Schleim aus. Der Gebärmutterkörper ist manchmal etwas 
geschwollen, was man sowohl durch die Scheide und den 
Mastdarm als beim Druck auf die Blasengegend bemerkt. 
Der Uebergang in das zweite oder carcinomatöse 
Stadium geschieht unmerklich; man kann das letzte an- 
nehmen, wenn der Ausfluss anhaltend und bedeutender 
ist und einen specifischen höchst stinkenden ( widerlich säu- 
erlich süssen) scharfen Geruch hat; die Jauche ist dünn, 
graulichgelb oder leberfarbig und mit fauligen Flocken und 
Blutklumpen vermischt, nicht selten auch dick und grünlich- 
gelb, fast immer aber sehr scharf, so dass sie nicht blos die 
Scheide, Schamlippen und Schenkel excoriirt, sondern auch 
durch ihren Dunst auf der Haut des Beobachters ein ste- 
chendes Jucken und Prickeln verursacht, Die stechenden 
und brennenden Kreuzschmerzen erreichen nun den höchsten 
Grad und verlassen die Kranke nie; sie werden dem Brennen 
von einerglühenden Kohle verglichen, verhindern das Auf- 
rechtstehen und Gehen und können selbst Convulsionen her- 
vorbringen , unter denen nicht selten der Tod erfolgt, oder 
die Kranke zum Selbstmord treiben; doch sind manchmal 



200 Cancer. 

die Schmerzen massig ; die Kranke klagt blos über ein Ge- 
fühl von Schwere im Becken und flüchtige Stiche ; bei andern 
sind die consensuellen Scbmerzen in den Schenkeln oder im 
Magen auffallender. Die Blutungen sind oft ausseror- 
dentlich profus, besonders bei jungen, saftvollen und pastö- 
sen Subjecten, geringer bei älteren hageren Personen mit 
straffen Fasern , welche das critische Alter überschritten ha- 
ben ; so erleidet daher die Menstruation nicht selten gar keine 
Veränderung. Je stärker der Ausfluss und je heftiger die 
Blutungen sind, desto schneller entwickelt sich die Krebs- 
cachexie, welche bei diesem Krebs den höchsten Grad er- 
reicht, besonders die Abmagerung und Schlaffheit des Flei- 
sches , die grüngelbe pergamentartige Haut mit bläulichen 
Strichen im Gesichte , die Schwachheit des Pulses , die un- 
regelmässigen Fieberanfälle, zu denen sich Aphthen und Sa- 
livation , und im höchsten Grade Lähmung einer oder beider 
unteren Extremitäten gesellen; doch giebt es auch welche, 
die ihre natürliche Wohlbeleibheit bis zum Tode beibehalten. 
Sehr selten sind die Leistendrüsen geschwollen , manchmal 
erfolgt der Abgang des Urines durch die Scheide y sehr selten 
geht auch Roth durch diese ab, in beiden Fällen sind die äus- 
seren Genitalien geschwollen , entzündet, verschwärt und 
brennen heftig. Blanche haben auch in diesem Stadio einen 
starken Drang zum Beischlaf, den sie ohne Schaden, d. h. 
ohne Ansteckung für den Mann, häufig und selbst bis zur 
Höhe der Krankheit ausüben (Bayle U.A.); nicht selten 
findet Conception mit Abortus im 2. — 4. Monate statt; doch 
hat man auch Fälle von Vollendung der Schwangerschaft und 
der Geburt (Bayle, Laubreis) gesunder Kinder ( auf 
deren Leben die Blutungen während der Schwangerschaft 
nicht so schädlich einwirken als die aus der Placenta) ; allein 
bei der Geburt erfolgen meistens starke Einrisse und Blutun- 
gen und bald darauf der Tod. Sehr selten sind auch andere 
Organe , z. B. die Brüste vom Krebs befallen ; wohl aber 
kommt der Markschwamm am Kopfe , in der Leber vor. Die 
Dauer der Krankheit währt einige Monate bis 3 — 6 Jahre 
lind scheint im umgekehrten Verhältnisse mit der Heftig- 
keit der Schmerzen zu stehen, jedoch grösstentheils dem 
ersten Stadio zu gehören, indem das zweite schneller ver- 
läuft als bei Brustkrebs. Der T o d erfolgt durch die Schwä- 



Cancer. 201 

che , in Folge der Blutungen , der Säfteentmi schling, oder 
durch Wassersucht, selten durch Peritonitis oder Convul- 
sionen. Bei der Untersuchung der Vagina während des 
Lebens findet man die Vaginalportion in einen harten oder 
spongiösen, blumenkohl- oder morchelartigen Auswuchs ver- 
wandelt, oder statt derselben fühlt man eine schwammige, 
ungleiche Excavation, welche mit Auswüchsen von verschie- 
dener Grösse und Consistenz besetzt ist. Manchmal dringt 
der Finger durch eine mehr oder weniger grosse Oeffnung in 
der vordem Wand der Scheide in die Blase. Die Untersu- 
chung ist immer schmerzhaft und von Abgang von Blut be- 
gleitet. — Bei der S e cti on ist der Gebärmutterhals in ei- 
nen blumenkohl ähnlichen, gefässreichen , bläulichgrünli- 
chen, halb faulenden Auswuchs verwandelt oder ganz zerstört 
und seine Stelle von einem schwammigen Geschwür einge- 
nommen, das sich auf das Scheidengewölbe erstreckt und 
manchmal daselbst die Scheide und Blase perforirt. Selten 
ist die Hälfte , noch seltener der grössere Theil des Uterus 
zerstört ; der nicht vom Krebse afficirte Theil ist bei mage- 
ren und straffen , älteren Subjecten nicht aufgelockert, wohl 
aber unter entgegengesetzten Umständen. Die scirrhöse 
Degeneration erstreckt sich in der Regel nur 2 — 4 Linien 
über die Geschwürsfläche und der Grund der Gebärmutter 
ist meistens normal. Nicht selten sind die runden Mutter- 
bänder und die Fallopischen Röhren verdickt, die Eierstöcke 
hydatidös, scirrhös oder markschwammig, sie oder eine 
Schlinge des Dünndarmes oder Colons mit dem Grunde 
oder der hintern Wand des Uterus verwachsen , oder dieser 
hängt durch scirrhöse Massen mit der einen Beckenwand 
fest zusammen , woselbst die Lymphdrüsen längs der Vasa 
hypogastrica et iliaca verhärtet sind. Im höchsten Grade 
ist das Zellgewebe des ganzen Beckens verdickt und die ein- 
zelnen Gewebe und Organe nicht mehr genau trennbar. 
Bei der Perforation der Harnblase ist die Schleimhaut der- 
selben geröthet und an der hintern Wand scirrhös und exul- 
cerirt. — Zur Feststellung der Diagnose ist nebst Be- 
rücksichtigung der entfernten Ursachen vorzüglich die Un- 
tersuchung der Scheide mit dem Finger (weniger mittels 
des Mutterspiegels) nothwendig; da aber der Mutterhals 
auch bei anderen Zuständen voluminös , hart , weich , un- 



2ö2 , Cancer. 

gleich und empfindlich ist, und übelriechender weisser Fluss 
und Blutungen vorkommen, ohne dass Krebs entsteht, so 
sieht man , dass trotz der Untersuchung leicht Verwechslung 
des Scirrhus uteri mit anderen Zuständen stattfinden kann, 
als mit Schwangerschaft, Menstrualanomalien , z. B. zu 
profuser Reinigung, übelriechendem weissen Fluss, Ple- 
thora uterina, Metriüs chronica (besonders der von Hämor- 
rhoidalgicht) , Induratio benigna, Verlängerung xmd Hyper- 
throphie des Gebärmutterhalses (L allem and, Wut z er), 
Polypen und Steatomen ( die von Blutungen begleitet wer- 
den , besonders so lange sie nicht aus der Höhle getreten 
sind) , Steatomen oder Markschwamm oder Wassersucht der 
Eierstöcke. Besonders darf man nicht die nach der Ent- 
bindung zurückbleibenden Einkerbungen der Lippeu des 
Muttermundes für scirrhöse Geschwülste halten. Im zwei- 
ten Stadio ist bei ausgebildetem Krebse die Diagnose leicht, 
wenn man nur einigermassen im Untersuchen geübt ist ; wer 
aber letztes vernachlässigt , der kann die obengenannten 
Krankheiten, besonders den Ausfluss bei der Anwesenheit 
fremder Körper (alter Mutterkränze) für Krebs und umge- 
kehrt diesen für cachectsschen Fluor albus oder Haemorrha- 
gia torpida halten. Auch traumatische (einfache), rheuma- 
tische, scrofulöse und syphilitische Exulcerationen des 
Gebärmutterhalses können für beginnendes Carcinom gehal- 
ten werden. — Behandlung; I) der Anlage. Die 
in grosser Menge und selbst von berühmten Aerzten em- 
pfohlenen Mittel zerth eilen weder den beginnenden wahren 
Scirrhus noch bringen sie das Krebsgeschwür zur Vernar- 
bung, sondern sie sind nur bei der Plethora, Congestio, 
Bletritis chronica et Induratio benigna, bei einfachen, scro- 
fulösen und cachectischen Exulcerationen wirksam und 
daher nur als Mittel gegen die Anlage zu empfehlen ; da- 
her a) bei Plethora und Reizung: öftere Application 
von Blutegeln an die Scham - und Damm- , After- und 
Kreuzgegend , die Schamlippen und selbst an die Vaginal- 
portion (Lair, Rust), 10 — 12 mittels des unten ver- 
stopften Speculum vaginae von Rec amier, nach vorhe- 
riger Reinigung dieser Gegend durch Injectionen; blutige 
Schröpfköpfe an die Oberschenkel, Aderlass (Valsalva), 
einfache oder Salz- oder Soolenbäder, laue Injectionen, die 



Cancer. 203 

aufsteigende Douche von kaltem oder lauem Wasser (Ali- 
bert) oder Sol. aluminis (Lair), kühlende Diät, Mol- 
ken, Elix. acid. Hall., Püllnaer und Kissinger Wasser; 
b) bei Rheumatismus uteri, Decoctum sassaparillae oder 
Zittmanni, schwefel- und kaiische Bäder; c) bei Ver- 
härtungen und Stockungen reine Landluft , Marien- 
bad, Karlsbad, Ems, Eger, Cicuta, Digitalis, Belladonna, 
Calendula, Carbo animalis, Iod, Helminthochorton, Ca- 
lomel, Merc. solubilis, Gold, Eisen, künstliche Geschwüre 
am Atistritt des Nervus ischiadicus (Wenzel). Nicht zu 
empfehlen sind die Einreibungen von Ungt. iodinic. in die 
Vaginalportion, die Suppositorien von Kali hydriodinic. mit 
Extr. hyoseyam. (Ashwell), der innere Gebrauch des 
Arseniks (Wenzel); nichts leisten die Injectionen von 
Infusen narcotischer und scharfer Vegetabilien ( Cicuta, 
Hyoseyamus, Belladonna, Chaerophyllum, Calendula, Sabina, 
Sedum acre ) oder Solutionen von Ol. hyoscyami , Aqua lau- 
rocerasi, Acid. cyanicum, oder von Säuren, z. B. Acid. 
phosphoricum. — 2) Die Behandlung des wahren 
Scirrhus oder Krebses besteht auch hier blos in 
der Entfernung desselben durch das Aetzmittel oder 
Messer, sie unterliegt aber wegen der tiefen Lage des 
Uterus und der Unmöglichkeit, die Grenzen der Degeneration 
zu bestimmen und angeschwollene Lymphdrüsen zu entfer- 
nen, den meisten Hindernissen unter allen äusseren Krebsen. 
Die Aetzmittel (der Höllenstein nach Recamier, der 
Aetzstein oder der Mercurius nitrosus nach Dupuytren) 
passen nur im 1. Stadio oder bei oberflächlicher Exulcera- 
tion; die glücklichen Fälle von Recamier, Lisfranc, 
u. A. beziehen sich wahrscheinlich auf locale , krebsähnli- 
che Geschwüre oder oberflächliche Scirrhen. Die Aetzmit- 
tel werden mittelst Träger durch einen hohlen Mutterspie- 
gel an die Vaginalportion 1 — 2 Minuten lang applicirt und 
alles Entartete in einen Brandschorf verwandelt, dann ein 
Bad und täglich einige Injectionen von lauem Wasser ge- 
braucht und nach 5 — 8 — 12 Tagen wird die Aetzung 
wiederholt. Die Ex stirp atio uteri ist entweder par- 
tiell — Abscissio colli uteri — oder total. Die erste 
ist nur im ersten Stadio angezeigt und wurde von B. Oslan- 
der, C. Wenzel, El. v. Sieb old, Beyer le, v. Gräfe, 



204 Cancer Bassii. 

Rnst, Dupuytren, Lisfranc, Hatin, Canella, 
v. Walther, Averil u. A. mit Erfolg ausgeübt, beson- 
ders in Verbindung mit der Aetzung. Die totale Ex- 
stirpation, deren Ausübung ohne lebensgefährliche Ver- 
letzung anderer wichtigen Theile dargethan ist, soll sich 
nur auf die Entfernung des Uterus bis über die Mitte seines 
Körpers beschränken , sie hat aber bis jetzt nur einigemal 
(?) Erfolg gehabt, weil man sich nur im zweiten Stadio 
dazu entschliesst oder weil das Bauchfell, die Blase, der 
Mastdarm verletzt wurden oder schon die Umgebungen des 
Uterus scirrhös waren; die bekanntesten Operationen sind 
die von Saut er, Langenbeck, El. v. Siebold, P a 1 - 
letta,Rust, Wattmann, llecamier, Roux,Wolf, 
Holscher, Wilhelm, Blundell, Delpech. — 
3) Die palliative Behandlung hat vorzüglich die 
Schmerzen zu lindern , den Gestank zu vermindern und die 
Blutungen zu verhüten. Karcotische Injectionen helfen we- 
nig, am besten dienen Injectionen von lauem Wasser, Aqua 
satnrn., Sol. plumbi acet., Sol, acid. phosphor. (einige Tro- 
pfen auf eine Injection), innerlich Extr. Belladonnae, Opium, 
besonders aber Morphium, mit Arsenik (Wenzel), besser 
mit Blei. Nach Patin erleichtert der innerliche Gebrauch 
von Spirit. Minderen sehr. Zur Verminderung des Ge- 
stankes lasse man Kalkwasser, schwache Chlorkalksolution 
oder Holzessig einspritzen. Bei profusen Blutungen gebe 
man innerlich Alaun, Alaunmolken, Acid. sulph., Ferrum 
phosph. mit Extr. ratanhiae, und spritze Sol. plumbi ein. 
9) Cancer vesicae ist immer nur secundär bei 
Krebs des Uterus , des Mastdarmes oder der Prostata. 

Literatur. Von den vielen Monographien führe ich aus Mangel 
an Raum blos an: Bayle et Cayol, Art. Cancer im Dict. 
des Scienc. med. T. III. Paris 1813. — C. Wenzel, Ueber 
Induration und das Geschwür in indurirten Theilen. Mainz. 1S15. 
— Scarpa, Sullo Scirro e Cancro. Mil. 1S21 u. N. chir. 
Sehr. a. d. It. Lpz. I. Th. 1828. — v. Walther im Journ. 
der Chir. und Augenheilk. B. V. St. 2. — Rast's Handb. der 
Chir. B. III. Art. Cancer. — Ulimann, Art. Cancer im Ency- 
clop. Worterb. der med. Wissenschaften B. VI. Berl. J m 

CANCER BASSII, s. Fascia in octo Gapita divtsa, 
achtköpfige Hauptbinde, Bandage ä huit chefs. 
Die Binde unterscheidet sich von dem Cancer Galeni nur 



Cancer Gaieni. 205 

dadurch , dass sie acht Köpfe hat. Man bereitet diese Binde 
ans einem Stück Leinwand, welches nach der Grösse des 
Kopfes 1| — 2 Ellen lang und -f Elle breit ist; der Breite 
nach macht man auf jeder Seite drei Einschnitte , so dass 
der mittlere Theil eine Hand breit ganz gelassen wird und 
dadurch acht Köpfe entstehen. Man legt sie auf ahnliche 
Weise wie den Cancer Gaieni an. Den Grund der Binde 
legt man auf den Scheitel, so dass auf jeder Seite zwei 
Köpfe derselben über die Schläfe , die zwei anderen hinter 
den Ohren herabhängen. B a s s bestimmt das erste Paar 
der Köpfe dem Hinterkopfe , das vierte der Stirn , das zweite 
dem Nacken und das dritte dem Kinn, so dass diese beiden 
letztern sich kreuzen. Zweckmässiger ist es aber sie in fol- 
gender Ordnung anzulegen (Kluge): zuerst das dritte Paar 
der Köpfe zum Kinn , dann das zweite zum Nacken , hierauf 
das vierte zur Stirn und endlich das erste zum Hinterkopfe. 
Man zieht die Köpfe nur massig an , befestigt die Enden der 
Köpfe entweder mit Stecknadeln oder näht sie mit Fäden zu- 
sammen. Sie dient zur Bedeckung grösserer Verletzungen, 
namentlich von Lappenwunden. W» 

CANCER GALEM, s, Fascia in sex capita divisa, 
die sechsköpfige Hauptbinde, Bandage ä six 
chefs. Man macht diese Binde aus einem Stück Leinwand, 
welches eine Elle lang und eine halbe Elle breit ist, auf bei- 
den Seiten schneidet man sie zweimal ein, so dass sechs 
gleiche Köpfe entstehen. Man legt vor der Anlegung die 
Binde auf den Rücken beider Hände , und breitet sie dann so 
auf dem Kopfe des Verwundeten aus, dass der mittlere Theil 
genau auf den Scheitel zu liegen kommt und die Köpfe auf 
beiden Seiten des Kopfes herabhängen. Hierauf befestigt 
man diejenigen Köpfe, unter welchen sich die Verletzung 
befindet, zuerst. Die beiden mittelsten Köpfe führt man 
unter das Kinn und befestiget sie mit Stecknadeln oder Fäden. 
Den vorderen Theil der Binde über den Augenbrauen schlägt 
man etwas nach innen um , wodurch ein glatter Rand gebil- 
det wird , alsdann führt man die beiden Köpfe über die Oh- 
ren nach dem Genicke in Zirkeltouren und befestigt sie über- 
einander. Die hinteren Köpfe schlägt man ebenfalls nach 
innen und führt sie nach vorn über die Stirn einen über den 
andern , und befestiget sie mit Nadeln. Während des An- 



206 Cannula — Cantharides. 

Iegens lege ein Gehülfe die Hand auf die Mitte der Binde. — 
Bei Verletzungen der Kopfbedeckungen von einem grösseren 
Umfange ist diese Binde sehr zweckmässig , nur hindert sie, 
weil sie den ganzen Kopf umgiebt, mehr die Anwendung 
kalter Umschläge gleich dem Cancer Basstt. W. 

CANNULA , das Röhre hen, C a n ü 1 e , ist ein hoh- 
les, cylindrisches Instrument, welches zu verschiedenen chir- 
urgischen Zwecken gebraucht wird , hauptsächlich, um eine 
natürliche oder krankhaft gebildete Höhle des Körpers nach 
aussen offen zu erhalten , entweder um der atmosphärischen 
Luft freien Zutritt zu derselben zu verschaffen , wie bei der 
Bronchotomie und den künstlich geöffneten Nasenlöchern, 
oder um einer aus derselben zu entleerenden Flüssigkeit ei- 
nen freien Weg zu bahnen, wie bei der Thränenfistel, der 
Anfüllung der Harnblase, oder um einer in dieselbe einzuspri- 
tzenden Flüssigkeit und einem einzuführenden festen Körper 
zur Leitung zu dienen , wie bei der Catheterisirung der Tuba 
Eustachi], der Unterbindung der Polypen n. s. w. Es scheint 
aber zweckmässiger, um Wiederholungen zu vermeiden, diese 
verschiedenen Röhren bei den jedesmaligen Operationen und 
Krankheitsformen, wobei sie benutzt werden, zu beschrei- 
ben , als hier ausser dem Zusammenhange aufzuzählen und 
eine Beschreibung davon zu geben. W» 

CANTHARIDES, spanische Fliegen, Cantha- 
riden, sind käferartige Insecten , Meloe veslcalorius L. 9 
welche zur Ordnung der Hei eronieren gehören; sie kommen 
häufig in Persien und in vielen Gegenden des südlichen Euro- 
pas vor. Innerlich wirken sie schon in geringer Quantität als 
ein heftig reizendes, scharf ätzendes Mittel, welches die 
Organe , mit denen es in unmittelbare Berührung tritt, in ei- 
nen Zustand von Erethismus und Entzündung versetzt; es 
entstehen fieberhafte Bewegungen , Hitze, Trockenheit im 
Munde, Frost, Blasen im Munde und der Speiseröhre, Schmer- 
zen uud Krämpfe im Magen und Darmcanale, besonders aber 
in den Nieren und Harngängen, Dysurie und Strangurie, zu- 
weilen mit Blutharnen, Entzündung und Wundwerden der 
Blase und Harnröhre, Schmerzen ander Wurzel der Ruthe, 
Priapismus u. s. w. Aeusserlich verursachen sie nicht nur 
eine active Entzündung und Ausschwitzung einer serösen 
Flüssigkeit , welche die Oberhaut in Blasen erhebt , sondern 



Cantharides. 207 

sie afficiren auch das ganze Gefäss- und Nervensystem, und 
erregen zuweilen dieselben Zufälle, welche nach dem inner- 
lichen Gebrauche beobachtet werden. In der Chirurgie be- 
dient man sich der Canthariden innerlich bei Krankheiten der 
Harn- und Geschlechtsorgane, welche auf Lähmung beruhen, 
bei unwillkürlichem Abgange des Urins , paralytischer Urin- 
verhaltung, habituellem Nachtripper, bei torpider Wasser- 
sucht, vorzugsweise bei der Wasserscheu, sowohl zur Ver- 
hütung als zur Heilung der ausgebrochenen Krankheit, beim 
Tetanus. Man giebt sie in Substanz oder Pulverform zu £ — 

1 Gran 2mal täglich mit Zucker, Gummi oder süssen Man- 
deln abgerieben , oder in Emulsionen , oder als Tinctur von 
4; — 40 Tropfen in schleimigen Getränken, sellner in Pillen- 
form. Aeusserlich werden sie angewendet: um die Ober- 
haut abzulösen zur bequemeren Anwendung anderer Mittel 
nach der endermatischen Methode, als Entzündung und Ei- 
terung erregendes Mittel bei Vergiftung , um die Einsaugung 
zu verhindern , namentlich beim tollen Hundebiss , um die 
Vegetation in der Haut anzuregen bei Calvities, bei chroni- 
schen und zurückgetretenen Hautausschlägen , Frostbeulen, 
bösartigen Geschwüren , Wasseransammlungen , Rheumatis- 
men, als ätzendes, ableitendes Mittel zur Zerstörung von Af- 
tergebilden, bei Entzündungen und Vereiterungen innerer 
Organe , bei Congestionen und Blennorrhöen u. s. w. Man 
wendet sie an äusserlich : in Pulverform zum Einstreuen in 
bösartige Geschwüre , besonders beim tollen Hundebiss , zur 
Unterhaltung künstlicher Eiterungen; als Tinctur zum Be- 
pinseln von Geschwürsrändern , um diese wund zu machen, 
zu Waschungen und Einreibungen für sich oder in Verbin- 
dung mit caustischem Salmiakgeist, Opium, flüchtigem Cam- 
pherliniment u. s. w. ; als Salbe, Unguentum cantharidum s. 
irritans, verschieden nach den verschiedenen Pharmacopöen 
bereitet, bei Kindern und in chronischen Uebeln ein sehr 
brauchbares Mittel ; als Pflaster, Emplastrun cantharidum s. 
vesicatorium ordinarium , welches zur Röthung der Haut 

2 — 3 Stunden , zum Bläsenziehen 6 — 8 Stunden aufgelegt 
wird, und Emplastrum canthar. s. vesic. perpetuum, wel- 
ches, bei chronischen Uebeln angewendet, meist 24 Stunden 
liegen bleibt. Das gewöhnliche spanische Fliegenpflaster 
streicht man auf Leinwand oder Leder einen Messerrücken 



208 Cantharides. 

stark gleichmässig so auf, dass man den Rand ohngefähr 
£ Zoll breit frei lässt und diesen mit Heftpflaster bestreicht; 
grössere Blasenpflaster muss man ausserdem durch einige 
Heftpflasterstreifen kreuzweis befestigen und eine Compresse 
darüber legen. Grösse und Form des Blasenpflasters rich- 
tet sich nach den Umständen. Behaarte Stellen -werden vor- 
her von den Haaren befreiet; dicke und torpide Haut reibt 
man zuvor mit einein in Essig getränkten Tuche. Sehr 
zweckmässig ist es (B retonn eau), die Oberfläche des gestri- 
chenen Blasenpflasters mit einem mit Oel getränkten Stück 
Löschpapier zu bedecken , die Wirkung ist schneller und si- 
cherer, das Pflaster bleibt nicht auf der Haut beim Abneh- 
men kleben und es soll auf diese Weise keine nachtheilige 
Einwirkung auf die Harnwerkzeuge entstehen. Will man 
eine oder mehrere Stellen nach einander blos reizen , so be- 
legt man diese in kurzen Zeiträumen mit dem Blasenpflaster 
bis zur Hautröthuug (Vesicatorium. amhitlans, fliegende spa- 
nische Fliegenpflaster, Vesicatoires volantes,'). Hat sich 
eine Blase gebildet, so nimmt man das Pflaster vorsichtig ab 
und öffnet die Blase mit einigen Scheerenschnitten ; nur in 
seltenen Fällen, wo ein heftiger Reiz nöthig ist, darf man 
die Oberhaut gänzlich entfernen. Man verbindet die wunde 
Stelle mit Weintraubenpomade oder legt ein frisches Kraut- 
blatt über. Soll die Eiterung einige Zeit unterhalten wer- 
den, so nimmt man gewöhnlich Ung. digestivum , Balsam. Ar- 
caei oder Ung. cantharid. zum Verband. Ist die Entzündung 
zu heftig, die Eiterung zu stark, so muss man milde, schlei- 
mige Decocte, einfaches Gerat, im Nothfalle Bleiwasser auf- 
legen; wird die Stelle brandig, so verfahre man nach den 
unter Brand angegebenen Vorschriften. Treten Ilarnbe- 
schwerden ein', so entferne man sogleich die Canthariden, 
gebe innerlich schleimige Decocte, Milch und Emulsionen 
mit Campher und Opiate ; äusserlich wende man andere Sal-* 
ben an und verordne laue Bäder. 

**. Cantharid. pulv. ji. j> p uIy cafltQarid . §fc 
Emuls. amygdal. 3 vi. Ädip _ sui „ ^ 

Sacch. alb. gß. M f un<r g Täglich e iue Erbse 
M. S. Aller 2 Stunden einen gross einzureiben. Hu fei and's 
EsßlöiTel voll zu nehmen. Ge- Unguent. epispasticum. 

gen paralytische Urinverhaltuirg. 



Capiatrura* 209 

I£. ünguent. digestif. §ß. ^. Tinct. cantharid. 3^- 

Pulv. cantharid. Spirit. ror. marin. 3Ü. 

Hydrargyr. oxyd. rubr. 7a. 3i- M. S. In die äussere Fläche der 

M. f. ung. S.- Zum Verband auf Augenlider und Augenbrauen 

cauterisirte Wunden naeh dem einzureiben. Zur Erregung der 

tollen Hundebiss. Nerventhätigkeit des Auges bei 

Lähmung, Amblyopie, beson- 
ders gegen Schwäche und Läh- 
mung der Muskeln. Radius. 
B/> Tinct. cantharid. 3'u 
Unguent. sapon. 5vi. 
M. f. ung. S. Zum Einreiben. Gegen torpide 
Frostbeulen. Wardrop. 

Literatur: Jüst. Frid. Lud. Wilhelmi, de cantharidibus eä- 
rumque praeparatione ad usum cum medicum, tum chirurgicum. 
Marburgs 1816. — W. A. Haase Prolusio I. et IL de recto ru- 
befacientium usu. Lips. 1826. JfT i 

CAPISTRUM, Halfter, Chev et re, ist die generi- 
sche Benennung für diejenigen Verbände, welche Aehnüch* 
teit mit einer Halfter haben. 

Capistrum simple x, die einfache Halfter^ 
Chevetre simple ou JMentonniere. Man nimmt dazu eine 
6 — 8 Ellen lange, 2 Daumen breite und auf einen Kopf ge- 
rollte Binde. Sie wird bei Verletzungen des Unterkiefers, 
bei Verrenkungen und Brüchen desselben, welche nur auf 
einer Seite stattfinden, angewendet. Die Anlegung ist nach 
der Seite, an welcher die Verletzung vorkommt, verschieden ; 
bei Verletzung der linken Seite verfährt man so : Man fängt 
mit dem Ende der Binde im Nacken an und führt sie über 
dem rechten Ohre um den Kopf. Ist man mit der Binde wie- 
der bis in das Genick gekommen, so führt man sie unter dem 
rechten Ohr vorwärts über den vorderen Theil des Halses bis 
zum Ort der Verletzimg. Ueber diese und die kranke Wan- 
ge steigt man neben dem äussern Augenwinkel in die Höhe 
und geht schräg über den Scheitel hinter dem rechten Ohr 
herunter und unter dem Kinn vorwärts bis wieder zur ver- 
letzten Stelle. Ueber diese steigt man auf dieselbe Art wie 
bei der vorigen Tour, nur dass diese zur Hälfte nach hinten 
bedeckt wird, in die Höhe« Auf dem Scheitel führt man 
die Tour etwas mehr vorwärts und geht hinter dem rechten 
Ohr bis in den Nacken hinab, über die kranke linke Seite 
und macht zwei Zirkeltouren über das Kinn« Hierauf geht 
Handwörterb. der Ch. IL, 14 



210 Capistrum. 

man auf der kranken Seite um den Hals und steigt über dem 
rechten Unterkiefer und die gesunde Wange neben dem äus- 
seren Augenwinkel in die Höhe schräg über den Scheitel weg 
und hinter dem linken Ohr nach dem Nacken hinab bis wie- 
der zur gesunden Seite. Von hier geht man unter dem Kinn 
weg und steigt zum dritten Male über die kranke Seite in 
die Höhe. Auf dem Scheitel führt man diesen Gang noch 
mehr vorwärts als den zweiten. Nun geht man wieder 
hinter dem rechten Ohr in das Genick hinab nach der kran- 
ken Seite zu und steigt über das Ohr derselben Seite nach 
der Stirn zu in die Höhe und endigt mit Zirkeltouren um den 
Kopf. — Nach Verschiedenheit des Bruchs wird die Anle- 
gung dieser Binde mehr oder weniger modificirt. Ist z. B. 
der Unterkiefer in die Quere gebrochen, so fängt man gleich 
nach den Zirkeltouren um den Kopf mit den Gängen schief 
über das Kinn und das Hinterhaupt an. 

Capistrum. duplex, die doppelte Halft er, 
Chevetre double. Dieser Verband kann mit einer einköpfi- 
gen oder mit einer zweiköpfigen Binde angelegt werden ; er 
wird hauptsächlich angewendet, wenn der Unterkiefer auf 
beiden Seiten gebrochen oder verrenkt ist. 

a) Mit der einköpfigen Binde. Man nimmt eine 8 — 10 
Ellen lange und 2 Daumen breite Binde, welche auf einen 
Kopf gewickelt ist, und rollt zuerst eine Elle lang ab. Die 
Mitte dieses abgerollten Stückes legt man unter das Kinn und 
führt das Ende über die rechte Wange bis zum Scheitel in 
die Höhe , der Kopf wird über die linke Wange ebenfalls 
nach dem Scheitel über das Ende der Binde weggeführt und 
dieses dadurch befestiget. Man geht nun mit dem Kopf der 
Binde hinter dem rechten Ohre hinab , über den Nacken und 
über die linke Seite des Halses weg bis unter das Kinn. 
Hierauf steigt man wieder über die rechte Wange in die 
Höhe, so dass die zweite Tour die erste zur Hälfte nach 
hinten bedeckt, und geht schräg über den Scheitel und hin- 
ter dem linken Ohr über den Nacken hinab unter dem rech- 
ten Ohr vorwärts bis wieder unter das Kinn. Hier steigt 
man abermals über die linke Wange in die Höhe , schräg 
über den Scheitel , wo die Touren sich kreuzen , weg , als- 
dann hinter dem rechten Ohr hinab, über den Nacken weg 
und unter dem linken Ohr vorwärts über das Kinn weg und 



Capistrum — Capitiuin magnuin. 211 

wieder nach dem Nacken. Biese letztere Tour um das Kinn 
wiederholt man noch einmal. Darauf führt man die Binde 
unter dem linken Ohr vorwärts bis unter das Kinn -, alsdann 
macht man eine dritte Hobeltour über die rechte Wange, den 
Scheitel und Nacken , und auf gleiche Weise über die linke 
Wange bis zum Nacken, worauf man das Ende der Binde 
in Zirkeltouren über den Kopf führt. — Dieser Verband ver- 
schiebt sich leicht. 

b) Mit einer zweiköpfigen Binde. Man nimmt eine 12 
Ellen lange und 2 Daumen breite Binde, legt den Grund 
derselben unter dem Kinne an und steigt mit beiden Köpfen 
über die Wangen bis zum Scheitel, wo man die Köpfe kreuzt 
und hinter beiden Ohren hinab bis ins Genick führt. Dort 
kreuzt man die Köpfe wieder und geht hinter die Ohren auf- 
wärts bis zum Scheitel und nach der Kreuzung der Köpfe 
über beide Wangen hinab bis unter das Kinn. Hier werden 
die Köpfe abermals gekreuzt und gewechselt und ein dritter 
Hobelgang wie früher gemacht. — W, 

CAPIT1ÜM MAGNÜM s. quadratum s. Fascia capitis 
magna, die grosse viereckig&Hauptbinde, grand 
Couure - chef. Man nimmt hierzu ein Stück Leinwand, ei- 
ne Serviette oder ein Tuch von ohngefähr J J. Elle Länge und 
1-i. Elle Breite, und legt dieses in die Quere so zusammen, 
dass die untere Hälfte 2 — 3 Finger breit unter der oberen 
hervorragt. Zwischen diese Hälfte bringt man beide Hände, 
die Daumen nacli auswärts gekehrt, entfernt beide Hände 
etwas von der Mitte der Binde , so dass sie auf dem Rücken 
der Hände ausgebreitet gleichsam ein GeAvölbe bildet, um 
sie bequem und ohne Störung des anderweiten Verbandes^ 
den ein Gehülfe mit der Hand festhält, auflegen zu können. 
Das Tuch muss aber auf dem Kopfe so ausgebreitet seyn, 
dass die Mitte desselben auf den Scheitel mit der Pfeilnath 
parallel zu liegen kommt, und der hervorragende Theil der 
unteren Hälfte über die Augen herunterhängt, die kürzire 
Hälfte aber nur bis an die Augenbrauen reicht. Ein Ge- 
hülfe legt nun seine Hand auf die Mitte des Tuches , um 
dieses und den darunter liegenden Verband festzuhalten* 
Hierauf theilt man die zu beiden Seiten des Gesichts des 
Kranken herabhängenden Zipfel von einander, führt die aus* 
wendigen unter das Kinn und lässt sie hier halten; den über 

14* 



212 Capitium magnum — Capitium parvum. 

die Augen herabhängenden Theil schlägt man mit beiden 
Händen, die Daumen inwendig und die Finger auswärts, 
beide Hände aber ein wenig von einander entfernt haltend, 
in die Höhe, so dass er ganz glatt auf der Stirn, wie ein 
Saum, liegt, und führt ihn mit beiden Händen um den Kopf 
bis tief in den Nacken, wo man beide Enden mit einer Nadel 
befestiget. Nun fasst man beide unter dem Kinn festgehal- 
tenen Enden mit der linken Hand, zieht sie nach sich zu 
und macht sie gleich; mit der rechten Hand fasst man den 
innern Theil des linken Endes und zieht ihn etwas hernie- 
der und nach hinten, urn die Falten zu mindern und das 
Gesicht frei zu machen , und knüpft sie unter dem Kinn in 
einen Kreuzknoten zusammen. Nun bringt man die Seiteii- 
theile des Tuches in Ordnung und vermindert die Falten so- 
viel als möglich; hierauf ergreift man an der linken Seite 
mit der rechten Hand 1 den noch herunterhängenden Zipfel 
und zieht ihn mit dem Daumen , Zeige - und Mittelfinger 
gerade gegen den untern Winkel der Kinnlade zu sich, mit 
der andern Hand fasst man den untern Theil des Zipfels, 
zieht ihn an , macht ihn gleich und schlägt ihn an der Seite 
der Wange in die Höhe. Mit der linken Hand hält man 
ihn auf dem Kopfe fest , während man ihn mit der rechten 
Hand an den Seiten des Kopfes glatt zu machen sucht. Eben 
so verfährt man auf der andern Seite des Kopfes , nur dass 
man die Hände wechselt. Die Enden der Zipfel von beiden Sei- 
ten werden kreuzförmig über einander gelegt und mit Nadeln 
befestiget. Den hintern Theil der Binde sucht man durch 
Auseinanderziehen zu ordnen, worauf man ihn an den Kopf 
anlegt und von beiden Seiten mit Nadeln befestiget. 

Früher wurde diese Binde allgemein nach der Trepana- 
tion angewendet; in neuerer Zeit wird sie selten in Ge- 
brauch gezogen, weil ihre Anlegung nicht allein schwierig 
ist , sondern auch den Kranken der Verband zu sehr erhitzt. 

W. 

CAPITIUM PARVÜM s. minus s. trianguläre, 
die kleine oder dreieckige Kopfbinde, le petit 
Couvre - chef. Man nimmt ein Tuch , eine Serviette oder 
ein Stück Leinwand, ohngefähr 1^ Elle lang und eben so 
breit, legt dieses in der Diagonale so zusammen, dass die 
beiden Hälften sich vollkommen decken und die Gestalt eines 



Capitium parviim simplex — Carbo. 213 

Dreiecks entstellt. Auf dieselbe Weise, wie es bei der gros- 
sen Kopf binde angegeben worden ist, legi man sie auf den 
Kopf, so dass die Mitte derselben genau auf den Scheitel zu 
liegen kommt und bis zu den Augenbrauen reicht, der mitt- 
lere, freie Zipfel über den Nacken, die beiden anderen Zi- 
pfel über die Wangen herabhängen. Diese beiden Zipfel er- 
greift man mit den Händen so, dass die Daumen nach innen, 
die andern Finger nach aussen gekehrt sind, führt sie, mas- 
sig angezogen, nach dem Nacken über den hintern Zipfel, 
indem man zugleich die Seitenzipfel faltet. Im Nacken führt 
man die Zipfel übereinander weg, der rechte, als der obere, 
befestigt den linken, und wird alsdann über die Seite des 
Kopfes nach innen , den Rand oder Saum nach aufwärts ge- 
kehrt, bis über die Stirn geführt und mit einer Nadel befe- 
stigt. Eben so verfährt man mit dem andern Zipfel ; beide 
werden auf der Stirn gekreuzt. Den hintern Zipfel breitet 
man auseinander, schlägt ihn an dem Hinterkopf in die Höhe 
und befestigt ihn mit Nadeln. Bei unruhigen, bewusstlosen 
Kranken befestigt man an beide Seiten zwei Bänder, welche 
man unter dem Kinn zusammenbindet. — Dieser Verband 
ist einer der zweckmässigsten bei Verletzungen des Kopfes, 
wo keine kalten Umschläge erforderlich sind. W» 

CAPITIUM PARTUM SIMPLEX, die dreieckige 
Kopfbinde nach S c h r e g e r , ist noch faltenfreier und 
empfiehlt sich durch gleichmässigeres Anschliessen. Man 
schneidet nach der Grösse des Kopfes aus Leinwand ein 
Dreieck so, dass seine Basis in zwei längere Köpfe ausläuft; 
die Winkel schneidet man in der Richtung gegen die Mitte 
nacli dem Faden so weit ein , dass der ganz bleibende Zwi- 
schenraum genau die jedesmalige Breite der Stirne hat. Beim 
Anlegen werden die Köpfe gegen den Nacken, der eine durch 
den Spalt des andern , dann wieder vorwärts nach der Stirn 
geführt und geheftet. Die nun noch zu beiden Seiten her- 
abhängenden Ecken werden entweder heraufgeschlagen oder 
unter das Kinn geführt und da befestiget. W» > 

CARBO, die Kohle, wird derjenige Rückstand genannt, 
welchen alle organische Körper hinterlassen , wenn sie ohne 
Zutritt der Luft hinreichend erhitzt werden. Die Kohle bie- 
tet nach den verschiedenen Naturreichen , aus welchen sie ge^ 



214 Carbo. 

wonneu wird , in arzneilicher Hinsicht einige Verschiedenhei- 
ten dar. 

1) Carbo animalis, die th i e r i s c h e K o h 1 e, wird durchs 
Erhitzen thierischer Substanzen in verschlossenen Räumen 
gewonnen. Zum ärztlichen Gebrauche bedient man sich nach 
Weise der gewöhnlichen Fleischsorten , des Kalb - , Rind -, 
auch wohl Schöpsenfleisches, welche man auf folgende Weise 
zubereitet. Man nimmt eine bestimmte Quantität Fleisch, 
das jedoch vom Fett gereinigt seyn muss, setzt i des Gewichts 
Knochen hinzu, zerhackt Alles in massig kleine Stücke und 
brennt es in einer Kaffeetrommel unter beständigem Umdre- 
hen bei massig starkem Feuer (Carbo carnls). Wenn sich 
die brennbare Luft zu zeigen anfängt , welches man an den 
Flämmchen sieht , die um die Trommel spielen , so muss man 
das Brennen noch ^ Stunde lang fortsetzen. Setzt man es 
aber so lange fort, bis sich gar keine Flämmchen mehr zeigen, 
so wird das Präparat unwirksam, und der Kranke bekommt 
nach dem Einnehmen einen Geruch aus dem Munde, wie von 
faulen Eiern. — Schon in früheren Zeiten bediente man sich 
verschiedener Arten thierischer Kohle gegen mancherlei Krank- 
heiten; neuerdings ist diese Kohle von Weise wieder sehr 
empfohlen worden f namentlich bei Krebsgeschwüren , Scir- 
rhen und Polypen. Am hülfreichsten zeigte sich die thieri- 
sche Kohle gegen hartnäckige Drüsengeschwülste ; Knoten am 
Kopfe und Halse scrophulöser Kinder erweichten, öffneten 
sich und heilten bald darnach von selbst. Bei Scirrhen der 
Lippe und Schilddrüse leistete sie ebenfalls gute Dienste. 
Knorpelartige und Fleischpolypen soll sie zurückgebildet 
und bei offenem Krebse der Brust, äusserlich angewandt, gut- 
artige Eiterung bewirkt haben. Obgleich mehrere Stimmen 
sich zu Gunsten dieses Mittels beim Krebse der Brust und der 
Gebärmutter erhoben haben, so sind doch spätere Beobachtun- 
gen und Erfahrungen keinesweges geeignet diese gerühmten 
Wirkungen zu bestätigen , im Gegentheile hat sich die Thier- 
kohle in mehreren Fällen ganz unwirksam gezeigt. Weise 
giebt dieselbe Morgens und Abends innerlich zu £ — 2 Gran, 
man kann sie aber bis 20 — 30 Gran täglich in Verbindung 
mit Zucker, Pulver von Süssholz- oder Althäawurzel geben. 
Während ihres Gebrauches müssen alle erhitzende Spei- 
sen und Getränke vermieden werden. Aeusserlich hat man 



Carbo — Carbimculus. 215 

die Thierkohle mit Nutzen gegen Drüsengeschwülste ange- 
wendet. 

2) Carbo vegetabilis, die vegetabilische, Holz- oder 
Pflanzenkohle wird aus Pflanzen, besonders aus Holz erhal- 
ten. Zum pharmaceutischen Gebrauche wählt man gemei- 
niglich die Kohlen von Buchen oder Linden oder aus Krume 
von Roggenbrot. Die vegetabilische Kohle besitzt die Eigen- 
schaft flüchtige, gasförmige thierische Stoffe einzusaugen, 
vermöge welcher sie die mit fauligen Ausdünstungen geschwän- 
gerte Luft zu reinigen und Contagien und Miasmen aus ihr zu 
entfernen im Stande ist. Man wendet sie daher äusserlich 
an: zur Reinigung der mit unreinen, übelriechenden Gasar- 
ten geschwängerten Luft, bei bösartigen, fauligen und krebs- 
artigen Geschwüren, gegen Kopfgrind, gegen Blutungen pu- 
trider und atonischer Natur , als Zahnpulver. 
Rr. Carbon, aninial. R. Carbon, tiliae giß. 

Rad. liquirit. ^ 5vi. Aloes succotr. , 

M. f. pulv. S. Täglich 2 — 3 mal Myrrhae a ~ä 5*. 

\— 1 Kaffelüffel voll. Geg-en M. f. pulv. S. Täglich 1 — 2 mal 
Rhachitis, Drüsenanschwellun- aufzustreuen. Vorher jedesmal 
gen. Radius. mit lauem Wasser abzuwaschen. 

Bei stinkenden, reizlosen Ge- 
schwüren. 
R?. Carbon, tiliae pulv. 5üi. 

Adip. suill. §i. 
M. f. ung. S. Zum Einreiben. Gegen Kopfgrind. Alibert. 
Literatur. Ueber die Zurückbildung der Scirrhen und Polypen 
und über die Heilung der Krebsgeschwüre von Dr. Fr. A. W e i s e. 
Leipzig 1829. J|r 

CARBUNCULUS , der C a r b u n k e 1. Mit diesem Na- 
men bezeichnet man zwei sehr verschiedene Krankheiten, 
welche zwar in ihren äusseren Erscheinungen manche Aehn- 
lichkeiten haben, bei denen jedoch der wesentliche Unter- 
schied obwaltet, dass die eine, aus inneren Ursachen entstan- 
den , stets von innen nach aussen geht, während die andere, 
immer von aussen dem Organismus eingeimpft, von aussen 
nach innen schreitet. Die eine , welche unter dem Namen 
des gutartigen Carbunkels bekannt ist, unterscheidet sich 
von dem Blutschwäre (Furunculüs) nur durch einen weit be- 
trächtlicheren Umfang, durch grössere Heftigkeit der Ent- 
zündung und durch die bestimmte Neigung in Brand überzu- 
gehen; die andere, der bösartige Carbunkel (den wir 



216 CarbunculuSo 

zweckmässiger unter Pustula maligna abhandeln) , ist eine 
durch ein Contagium hervorgebrachte Krankheit , welche von 
den verschiedenen Schriftstellern in den verschiedenen Län- 
dern, wo sie beobachtet worden ist, verschiedene Namen er-« 
halten hat. — 

Carbunculus simplex, benignus, s; Furunculus gan- 
graenosiis, malignus , s. Carbo , s. Anthrax , s. Äbscessus 
gangraenosus , s. Prima, Carba nkel, Brandbeule, 
Brandschwär, brandiges Eitergeschwür. Der 
gutartige Carbunkel ist eine 'entzündliche , mehr oder weni- 
ger grosse, harte, dunkelrothe, zuweilen noch dunklere, um- 
schriebene, äusserst schmerzhafte (wie von einer glühenden 
Kohle, daher der Name) Geschwulst, welche ihren Sitz im 
Zellgewebe unter der Haut und in den daselbst gelegenen 
Drüsen hat und eine entschiedene Neigung zeigt in Brand 
überzugehen. Die Geschwulst ist zuweilen im Anfange we- 
der sehr hervorstehend, noch sehr breit, zuweilen aber nimmt 
sie gleich beim Entstehen einen grossen Umfang ein. Bis zu 
dem Augenblicke, wo das Zellgewebe anfangt abzusterben, 
bleibt der Carbunkel in se'nem ganzen Umfange hart , selbst 
wenn er auf dem Gipfel der Geschwulst Fluctuation zeigt, 
bleibt er es noch an seiner Circumferenz und vergrössert sich 
fortwährend an seiner Basis. Die ihn bedeckende Haut ist 
dann violett und wird in der Umgebung lichter; die Ge- 
schwulst erweicht sich allmählig an dem erhabensten Punkte 
und nimmt eine teigige Beschaffenheit an ; nach einigen Ta- 
gen zerreisst die verdünnte tind von innen nach aussen ulce- 
rirte Haut und entleert blutigen Eiter ; oder es erheben sich 
auf der Spitze der Gesehwulst, oft plötzlich, eine oder 
mehrere kleine Brandblasen , welche platzen , brandige Jau- 
che entleeren und einen grauen oder schwarzen Schorf se- 
hen lassen , der mit einem lebhaft gerötheten Entzündungs- 
hof umgeben ist. Die Röthe und Spannung verbreiten sich 
oft weit in den umliegenden Theilen ; der Schorf wird grös- 
ser, weicher und öffnet sich nach einigen Tagen und aus 
mehreren kleinen Löchern ergiesst sich eine geringe Menge 
blutiger brandiger Jauche. Diese kleinen Oeffnungen verei- 
nigen sich gewöhnlich in kurzer Zeit, und wenn sich das 
brandige, abgestorbene Zellgewebe, welches in einem klei- 
nen Carbunkel weisse Flocken mit einer geringen Quan- 



Curbunculiis. 217 

tität blutigen Eiters , in einem grossen und heftig entzündet 
gewesenen dagegen eine schwarze , trockne , lederartige, 
mit blutigen und weisslichen, dem Eiterstocke des Blut- 
sehwärs ähnlichen Fetzen vermischte Masse bildet, theil- 
weise losgestossen und durch die später hinzugetretene acti- 
ve peripherische Entzündung und Eiterung getrennt hat, so 
erblickt man nach Entfernung des Schorfes meistenteils ein 
grosses oder auch mehrere kleine Geschwüre, auf deren 
Grunde man zuweilen Muskeln, Sehnen, Gefässe, Knochen 
und selbst edlere Organe entblösst liegen sieht. Die Haut 
ist in dem Umfange der Geschwulst losgelöst, verdünnt, 
bläulich und an einigen Stellen so desorganisirt, dass sie sich 
mit den darunter gelegenen Theilen nicht wieder vereinigen 
kann. Diese desorganisirten Partieen werden allmählig zer- 
stört, der Grund des Geschwürs bedeckt sich mit Fleisch- 
wärzchen , seine Ränder erweichen sich nach und nach und 
endlich bildet sich die Vernarbung theils durch Austrock- 
nnng der geschwürigen Oberfläche , theils durch Wiederan- 
legung der Haut. Die Narbe ist aber meist unregelmässig 
und vertieft. — Der Carbunkel kann alle Theile des Körpers 
befallen mit Ausnahme der hohlen Hand, des Plattfusses und 
der behaarten Kopf baut, am öftersten entsteht er aber im 
Nacken, auf dem Rücken und an den Gliedmaassen. Von 
dem Orte, welchen er einnimmt, und dem Umfange der 
Geschwulst sind noch andere zufällige Krankheitserschei- 
nungen abhängig, z. B. Athmungs - und Schlingbeschwerden 
beim Sitze des Carbunkels am vorderen Theile des Halses 
n. s. w. Der fernere Verlauf so wie die Dauer des Uebels 
hängen von den Ursachen, der Constitution des Kranken, 
dem Alter, der Kunsthülfe ab. — Dem Carbunkel geht fast im- 
mer ein Gefühl von Abmattung und Kraftlosigkeit voraus, und 
nur wenn derselbe von geringem Umfange ist , nicht in der 
Nähe eines edlen Organs oder in einem geschwächten Kör- 
per erscheint, nimmt man keine Zeichen einer allgemeinen 
Störung in der thierischen Oeconomie wahr. Gemeiniglich 
aber gehen ihm Unruhe, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, 
mehr oder weniger deutliche Fieberbewegungen voran , be- 
gleiten ihn und stehen in einem wechselseitigen , richtigen 
Verhältnisse mit dem örtlichen Uebel, sie werden stärker, 
so lange sich der Carbunkel ausbreitet, und nehmen ab, 



218 Carbunculus. 

wenn sich die Geschwulst- erweicht und entleert. Dieses 
symptomatische Fieber hat selten, und dann nur anfangs bei 
vollblütigen , jungen und robusten Personen, einen entzünd- 
lichen Charakter , am häufigsten einen gastrisch - galligen, 
und nimmt erst dann, wenn das Uebel imzweckmässig be- 
handelt wird, wenn andere schädliche Einflüsse, Erkältun- 
gen, Diätfehler, deprimirende Gemüthsbewegnngen dazu- 
treten, einen nervös -putriden Charakter an. Das den Car- 
bunkel begleitende Fieber kann aber auch vom Anfange an 
einen typhösen, fauligen Charakter haben, wie die Pest 
und in einigen Epidemieen, welche man bei grosser Som- 
merhitze im südlichen Frankreich beobachtet hat(Morand, 
Fournier, Bayle), und der Carbunkel entsteht erst 
später im Verlaufe des Fiebers entweder als ein Symptom 
desselben oder auch , obgleich selten, als eine kritische Er- 
scheinung, und darnach hat man nun den Carbunkel einen 
symptomatischen , bösartigen, Pest- Carbunkel, so wie je- 
nen den idiopathischen, gutartigen benannt. Wenn der Car- 
bunkel als Symptom eines typhösen Fiebers entsteht, ist sein 
Verlauf äusserst schnell und meist tödtlich. An derselben 
Person können gleichzeitig mehrere Carbunkel vorkommen. — 

Was die anatomischen Veränderungen beim 
Carbunkel anlangt, so verweisen wir auf den Artikel Brand. — 

Der Carbunkel hängt stets von innerer Ursache ab, 
sehr oft aber kennen wir die Natur derselben nicht. Arthri- 
tische, scrofulöse, früher an Syphilis und an Hämorrhoiden 
leidende Personen , so wie Frauen nach den climacterischen 
Jahren scheinen eine vorzügliche Anlage dazu zu haben ; 
Gelegenheitsursachen sind namentlich Erkältungen, vernach- 
lässigte Hantcultur, lange Zeit fortgesetzte Reizung der Haut 
mittels Vesicantien , langer Aufenthalt in schlechter Luft, 
Genuss verdorbener Nahrungsmittel u. s. w. Dem Erschei- 
nen des Carbunkels gehen oftmals zahlreiche Blntschwäre 
voraus oder folgen ihm. Die nächste Ursache des Carbun- 
kels besteht in einer brandigen Entzündung des Zellgewebes 
unter der Haut (v. W a 1 1 h e r , B o y e r , M a r j o 1 i n ) und 
der Drüsen , die daselbst liegen , welche vielleicht (Rich- 
ter) den meisten (Rust, Betschier) Antheil daran 
nehmen. 

Die Vorhersag ung richtet sich nach dem Umfange 



Carbunculus. 219 

der Geschwulst, nach dem Orte derselben , der Constitution 
und dem Alter des Kranken, hauptsächlich aber nach dem 
Character des begleitenden Fiebers. Für den befallenen 
Theil ist der Carbunkel immer gefährlich , weil dieser ab- 
stirbt ; wenn auch das Leben nicht jederzeit dadu&ch bedroht 
ist, so werden doch zuweilen Theile durch die brandige Zer- 
störung entblösst, z. B. Nerven , seröse Membranen , Gelenke 
u. s. w., welche durch den Zutritt der Luft bedenklichen Zu- 
fällen ausgesetzt sind. Er ist eben so gefährlich, wenn er be- 
jahrte oder geschwächte Subjecte oder Kinder befällt. 

Behandlung. Ein Carbunkel , welcher nicht sehr 
gross und noch von keinem Fieber begleitet ist, kann zuweilen 
ohne Nachtheil im Anfange seiner Entstehung, gleich einer 
phlegmonösen Entzündung, zertheilt werden , wenn man eine 
hinreichende Anzahl von Blutegeln oder blutiger Schröpf köpfe 
im Umkreise der Geschwulst ansetzt und die Blutung durch 
laues Wasser lange unterhält, oder wenn man sehr kaltes 
Wasser mittelst Compressen auf die Geschwulst legt (Mar j o- 
lin). — Die Behandlung eines bereits ausgebildeten und von 
einem Fieber begleiteten Carbunkels zerfällt in eine örtli- 
che, äusserliche, und in eine allgemeine, innerliche. Jene 
hat zum Zweck die brandige Entzündung zu beschränken, die 
Einschnürung, welche durch die Geschwulst entstanden ist, 
zu heben , und dem Fortschreiten des Brandes im Zellgewebe 
durch passsende Mittel Grenzen zu setzen ; dies geschieht am 
zweckmässigsten durch einen gehörig tiefen Kreuzschnitt, wel- 
cher über die Circumferenz der Geschwulst hinausreicht (D u- 
puytren); ist die Geschwulst sehr gross, so wird es selbst 
nothwendig noch andere Einschnitte an der Basis eines jeden 
Lappens zu machen. Man comprimirt hierauf die Geschwulst 
und die umgebenden Theile massig, um den im Zellgewebe 
infiltrirten Eiter und Jauche auszudrücken und zugleich eine 
hinreichende Menge Blut zu entleeren. Nach Eröffnung der 
Geschwulst wendet man Mittel an , welche theils den Abstos- 
sungsprocess des Brandigen befördern , theils die Weiterver- 
breitung des Brandes hindern; dahin gehören Kalkwasser, 
Holzessig, Chlorkalkauflösung, Creosot, Terpenthinöl, Cau- 
terisation mit Säuren oder dem Glüheisen, und die bei Brand 
angegebenen Mittel, aufweiche wir, so wie auf die besonde- 
ren Anzeigen zu den verschiedenen Mitteln verweisen. Die 



220 Carbunculus. 

allgemeine, innerliche Behandlung richtet sich nach dem 
Grade und Character des Fiebers und nach der entfernten Ur- 
sache des Carbunkels; in seltenen Fällen wird der antiphlo- 
gistische Heilapparat angezeigt seyn , in den meisten Fällen 
aber kann bei den Zeichen gastrischer Unreinigkeiten ein 
Brechmittel mit dem besten Erfolge gereicht werden, wodurch 
nicht allein die ersten Wege gereinigt werden , sondern auch 
das ganze Nervensystem auf eine wohlthätige Weise erschüt- 
tert wird. Es können nun im Verlaufe der Krankheit bald 
kühlende, bald beruhigende , bald gelind erregende und bele- 
bende und tonische Mittel angezeigt seyn, je nachdem das Fie- 
ber und das Allgemeinbefinden und die hervorstechenden Sym- 
ptome des örtlichen Uebels es erheischen. Stuhlverstopfung 
hebt man am ersten durch Klystiere. Die Diät sey ebenfalls 
dem Character des Fiebers und den Kräften des Kranken an- 
gemessen. — 

Befällt der Carbunkel das Auge (Carlunc. oculf), wo er 
seinen Sitz vorzüglich in der Binde- und Lederhaut, seltner 
in der Hornhaut hat, so ist er stets Symptom eines allgemei- 
nen Leidens, und tritt unter den eben geschilderten Erschei- 
nungen auf; man hat ihn namentlich in Languedoc beobachtet 
unter der ärmeren Classe. Die Vorhersagung ist sehr ungün- 
stig wegen des ergriffenen edlen Organs und der Nähe des Ge- 
hirns. Die allgemeine Behandlung ist dieselbe bereits er- 
wähnte ; die örtliche besteht, bei angezeigtem antiphlogisti- 
schen Verfahren , in der Anwendung örtlicher Blutentleerung 
durch Blutegel und Schröpf köpfe, und solcher Mittel, welche 
beim Brande mit steter Berücksichtigung des leidenden Organs 
empfohlen worden sind, als laue Umschläge mit Bleiessig, 
aromatische Fomentationen , Aufgüsse von Arnica, China mit 
Opium u. s. w. — Nimmt der Carbunkel seinen Sitz auf den 
Augenlidern (Carl), palpebrae) , so ist er in den meisten 
Fällen ein idiopathischer, gutartiger, bei dessen Behandlung 
dahin zu trachten ist , dass die brandige Zerstörung so wenig 
als möglich von der Haut der Augenlider verderbe und dadurch 
Verkürzung oder Auswärtskehrung der Lider bewirke. Vergl. 
Vulnus palpebrae. 

Literatur* Ausser den Handbüchern der Chirurgie von Rich- 
ter, Boyer, Rust, Langenbeck, v. Walt her, Che- 
lius, B. Bell, S. Cooper ist nachzulesen: Bromfield, Chir- 



Caries. 221 

urgischeWahrnehmnngen Leipz. 1774. — B ü c k i ng, der gutartige 
Carbunkel. Stendal 1788. s Jf t 

GAMES (ossiuni), Ulceratio ossium, Kno chenfrass, 
Kno ch e n g e s c h w ür, ist chronische mit Ulceration verbun- 
dene Entzündung der Medullarhaut der Knochen , d. h. Ver- 
schwärung der die Knochenzellen auskleidenden Medullarmem- 
bran mit schiechter Eiterung und unvollkommener Fleischwärz- 
chenbildung und mangelnder Neigung zur Vernarbung; in 
Folge und begleitet von chronischer, meistens dyscrasischer 
Entzündung dieser Haut. Das in Folge der Caries entstan- 
dene Geschwür der Haut oder Schleimhaut heisst man cariöses 
Geschwür. Für die seit AI. Monro angenommene Identität 
der Caries mit den Geschwüren der weichen Theile sprechen : 
die vorausgehende und begleitende Entzündung des Knochens, 
der fortschreitende Substanzverlust, die schlechten, bald man- 
gelnden , bald speckigen und wuchernden Granulationen ; die 
Caries entspricht daher entweder dem Ulcus phagedaenicum 
mit kleinen blassen Fleischwärzchen oder dem Ulcus fungo- 
sum. Zur Necrosis, mit der man sie unter dem Namen Spi- 
na ventosa häufig verwechselt , verhält sie sich wie das Haut- 
geschwür zum Brand; wie aber das Hautgeschwür mit Brand 
verbunden seyn kann, so geht auch die Caries mit der Necrose 
Verbindungen ein. Unrichtig hat man den aufgehobenen Zu- 
sammenhang zwischen dem kranken Knochen und den ernäh- 
renden Gefässen (Bell), oder Fäulniss des Gluten und Tren- 
nung der Phosphorsäure von der Kalkerde der Knochen (Ga- 
len, Lentin), oder eine speeifische krankhafte Mischlings- 
veränderung der Knochen (Seifert), oder tuberculöse oder 
fettige Ablagerung in die Knochenzellen (Delpech, Ser- 
res, Sanson) als Wesen der Caries angenommen. Da die 
Caries ein Ausgang der Knochenentzündung ist, so 
sind ihre Ursachen dieselben , welche Ostitis veranlassen ; im 
Allgemeinen geben das jugendliche Alter und die entwickelten 
Dyscrasien die Anlage , Quetschungen , Erschütterimg , acute 
und chronische Verkältungen und Metastasen die Gelegen- 
heitsursachen ab. Da die Caries, wie erwähnt wurde, eine 
den Geschwüren der weichen Theile analoge Krankheit ist, so 
kann man sie auf dieselbe Weise wie die Hautgeschwiire ein- 
th e i 1 e n, nämlich 1) nach den Ursachen in a) lo c a 1 e, ein- 
fache, gutartige Caries ; ist die Folge von rheumatischer oder 



222 ' -Caries. 

traumatischer Periostitis und Ostitis , besteht ohne allgemeine 
Dyserasie und ist dem einfachen Geschv, üre zu vergleichen 
und wird mit Unrecht entweder ganz geleugnet (Boyer) oder 
nur für eine äussere, oberflächliche (C hei ins) gehalten; 
Quetschungen, Schusswunden, besonders die Gegenwart von 
Kugeln, starke \erkältungen können offenbar bei den blühend- 
sten und gesundesten Menschen tiefe Caries spongiöser Kno- 
chen hervorbringen, b) Die dyscrasische, constitutiö- 
nelle , bösartige , welche die Folge , eine Form eines dyscra- 
sischen Krankheitsprocesses ist, der entweder noch fortbesteht 
oder sich zum Theil in seinem Producte erschöpft, critäsirt 
hat; hieher gehören aa) die scrofulöse; sie ist die häu- 
figste, wird aber noch häufiger angenommen , als sie wirklich 
ist, indem man auch die rheumatische, besonders bei zart ge- 
bauten und schwächlichen Menschen, hieher zählt. Die scro- 
fulöse Constitution bildet meistens nur die Anlage und Ver- 
kältungen oder Quetschungen die occasionelle Ursache , doch 
entsteht sie im hohen Grade der Scrofeln auch ohne äussere 
Ursachen. bb) Die rheumatische wird von Petit, 
Seifert u. A. für problematisch gehalten, allein sie ist 
offenbar nächst der scrofulösen die häufigste und kommt 
nicht bloslocal, als Folge beschränkter Elieumatismen, son- 
dern auch bei der rheumatischen Dyserasie vor; doch ist 
die über mehrere Knochen verbreitete Caries nicht immer ein 
Beweis, dass eine rheumatisch - scrofulöse Dyserasie Ur- 
sache ist, weil einfache chronisch -rheumatische Entzündun- 
gen zugleich mehrere Knochen , z. B. das Fuss- und Ellbo- 
gengelenk befallen können. Sie ist nicht selten mit einfa- 
chen Lymphgesclrv* ülsten an andern Stellen verbunden, 
cc) Die arthritische befällt meistens die Gelenke, 
dd) Die syphilitische ist e : n Symptom der allgemeinen 
Syphilis und meistens seeundär, d. h. die Folge der Ver- 
schwärung der Schleimhäute oder der äusseren Haut, die 
unmittelbar auf einem Knochen liegen, und dann hat sie in 
der Regel mehr den Character der Necrose , doch ist diess 
nicht immer der Fall (wie Delpech behauptet), indem 
sie sich manchmal an der Tibia sehr tief erstreckt und auf- 
fallend schmerzhaft ist. Die primäre entsteht aus der Pe- 
riostisis und Ostitis superficialis. Die scorbu tische 
Caries ist selten und die lepröse verhält sich wie die 



Caries. 223 

syphilitische; eine carcinomatöse giebt es nicht, die 
Zerstörung der Knochen bei Krebs ist Schwinden. 2) Nach 
dem Verlauf und Character kann man eine acute, 
inflammatorische, phagedänische, und eine chro- 
nische, stationäre, torpid e annehmen. 3) Nachdem 
Sitze und der Ausbreitung ist die äussere, oberfläch- 
liche, und die innere, centrale, tiefe zu unterscheiden; 
endlich hat man 4) nach dem Vorherrschen der Hauptsym- 
ptome eine Caries sicca, humid a (vera exedens^) et fun- 
gosa ; die. Caries sicca ist keine Caries , sondern Entblös- 
sung eines harten Knochens, z. B. des Wangenbeines, 
der Rippen, mit Knochenexsudat oder Necrosis externa, 
der Knochen ist trocken, glatt oder porös , und nicht von 
Granulationen bedeckt. Dieser Zustand kommt häufig vor 
und giebt Veranlassung zu den gepriesenen Heilungen der 
Caries durch dynamische Mittel. Die wahre Caries ist im- 
mer feucht und bald die wurmstichige (vermilosa) bald die 
fungöse. 

Symptome. 1. Stadium. Caries occulta 
s. incip iens. Unter anhaltenden, tiefen, dumpfen oder 
heftigen, eine bestimmte Stelle eines geschwollenen 
Knochens einnehmenden und durch Druck, Bettwärme sich 
vermehrenden Schmerzen, Mitleidenschaft der nächsten 
Nerven und Organe und Störung der Function des Theiles, 
(Schwindel, Convulsionen , Sopor, Taubheit, Blindheit, Un- 
möglichkeit den Mund zu öffnen, Lähmung, Unmöglichkeit 
die Glieder zu strecken, zu brauchen, bei Caries der Schädel- 
und Gesichtsknochen , Wirbel, Gelenke u. s. w.) erhebt sich 
an der am meisten schmerzhaften Stelle, oder bei tiefer Lage 
des leidenden Knochens , z. B. der Wirbel, der Backenkno- 
chen, des Hüftgelenkes, mehr oder weniger entfernt davon 
(siehe Abscessus per congesfionem} , eine kleine, unge- 
färbte und nicht heisse, teigige oder ödematöse Ge- 
schwulst, in der man eine anfangs dunkle, mit ihrem 
Wachsen aber allmählig deutlicher werdende Fluktuation 
fühlt, welche im ersten Falle eine schmerzhafte und harte 
Basis hat. In beiden Fällen wird die die Geschwulst be- 
deckende Haut mit dem Wachsen derselben immer dünner, rö- 
thet sich imd bricht endlich auf, oder sie stösst sich unter der 
Form eines Zapfens necrotisch ab ; manchmal entstehen meh* 



224 Caries. 

rere solcher Abscesse und Oeffnungen , aas denen eine grös- 
sere oder geringere Menge eines meistens dünnen grünlichen, 
manchmal mit Knochenfragmenten vermischten, geruchlosen 
Eiters fliesst, wodurch zwar die Spannung, nicht aber die 
tiefen Schmerzen nachlassen und die Function des Theiles ge- 
stört bleibt. Die Sonde dringt meistens auf den Knochen und 
fühlt denselben weich , rauh, schmerzhaft. 2. Stadium, 
Caries apcrta, Ulcus cariosum. Die Oefihung in der 
Haut wird fistulös und widersteht der Heilung oder bricht 
nach derselben an demselben oder an einem andern Orte wie- 
der auf und es bilden sich allmählig mehrere solcher fistulöser 
Geschwüre, mit dünnen, lividen, unterminirten , später mit 
callösen Rändern, aus deren Mitte sich blasse, missfarbige, 
welke, schwammige, leicht blutende Granulationen erheben; 
der Eiter wird dünn, scharf, übelriechend oder selbst sehr 
stinkend (besonders wenn er lange liegen bleibt oder abgelöste 
Knochen in der Fistel liegen), graulich, bräunlich , schwärz- 
lich und färbt die silberne Sonde und die Verbände 
schwarz. Man dringt mit der Sonde in den rauhen , porösen 
Knochen ein, was meistens sehr schmerzhaft ist und etwas 
Blut austreten lässt. Manchmal fühlt man den Knochen erst 
dann, wenn man die Sonde fest andrückt, weil er von dicken, 
speckigen Granulationen bedeckt ist, in andern Fällen kann 
die Sonde wegen der Lage und Biegung der Gänge und der 
tiefen Lage des Knochens die Caries nicht fühlen. Die zer- 
störten schwammigen Granulationen erzeugen sich bald wie- 
der, eben so heilt die erweiterte Fistelöifnung schnell wie- 
der zu ihrem vorigen Umfange zu. Die harte, blasse, ver- 
breitete Geschwulst des Theiles, die nagenden Schmerzen an 
der Stelle des cariösen Knochens und nach dem Verlaufe der 
Nerven, besonders die Empfindlichkeit gegen Druck, Kälte 
oder Hitze, die Störung der Function dauern fort, von Zeit 
zu Zeit entstehen durch Eitersenkung falsche Rothlaufe, mit 
Entzündung der Lymphgefässe und Drüsen, Fieber, Mangel 
des Appetits, rothem Urin, die nicht selten trotz ihrer localen 
Ursachen eine Strecke weit über die cariöse Stelle fortkrie- 
chen. — Der Verlauf ist in der Regel sehr langsam, die 
Caries greift dabei nicht blos in der Tiefe und Breite des 
zuerst ergriffenen Knochens um sich, sondern geht auch auf 
den anstossenden über, besonders wenn sie durch Gelenke 



Caries. 225 

verbunden sind. Das Allgemeinbefinden wird bei jetler 
ausgebildeten Caries fräber oder später getrübt, selbst wenn 
die Stelle nicbt gross ist; der Kranke wird blasser, magerer, 
und bekommt hectisches Fieber. Nur bei oberflächlicher, 
secundärer Caries und nach Hebung der Ursachen (z. B. der 
Scrofeln in den Pubertätsjahren) erfolgt Heilung durch 
die* Bildung guter Granulationen ( Caries ossificans nach 
Cumin) oder die Umwandlung der Caries in Necrose, d. 
h. die Ausstossung (JLxfoliatiö senslbills) oder Entfernung 
getrennter Knochenstücke (Bromfiel d, Syme, der 
Verf. u. A.), oder nach der Luxation cariöser Gelenke, durch 
Abreibung der cariosen Flächen und Umwandlung in eine el- 
fenbeinartige Fläche, oder durch Ankylose (Verknöcherung 
der Gelenkbänder) ; allein bei tiefer fungöser Caries gelingt 
diess selten , trotz der Exfoliation und theilweisen Ankylose 
geht die Caries weiter und es erfolgt dann der T o d durch das 
hectische Fieber, Phthisis pulmonalis, Hydrops, oder 
Tabes meseraica, wenn die cariöse Stelle nicht entfernt wer- 
den kann. — Die besonderen Arten der Caries erkennt man 
aus der Anamnese, der Berücksichtigung des Alters, der Con- 
stitution, der Ursachen, des Ortes und der begleitenden all- 
gemeinen Erscheinungen. 

Diagnose. Einfache kalte Abscesse, Entblössung des 
Knochens in Folge von Periostitis , mit oder ohne Knochen- 
exsudat, Necrosis externa und interna, fistulöse Geschwüre 
von fremden Körpern und Schwinden des Knochens bei Aneu- 
rysmen und Krebsen können für Caries gehalten werden ; ein 
wesentliches Symptom der Caries ist immer der Schmerz des 
Knochens und die bedeutendere Anschwellung und Functions* 
störung des Theiles. 

Anatomischer Character. Im Anfange ist die 
Beinhaut entzündet , verdickt und vom Knochen getrennt und 
unter ihr Eiter ergossen, die äussere Knochenlamelle ist ver- 
dünnt, geröthet und mit grösseren Gefässlochern versehen j 
aus denen beim Druck auf den Knochen röthliehe fettige Flüs- 
sigkeit dringt, oder es ist die Beinhaut und die äussere Kno- 
chenlamelle zerstört und die callöse Knochensubstanz 
schwärzlich , röthlich , und ihrer Medullarhaut beraubt , da- 
lier trocken , oder es ist die Oberfläche der cariosen Fläche 
oder Höhle , z. B. die Gelenkfiäehe des Schulterblattes , des 
Handwörterb. d. Ch. II. |5 



226 Caries. 

Talus, derTibia, mit dicken, 1 — 3 Linien hohen, grau- 
lich -rothlichen, speckigen, schwammigen Granulationen 
(v. Walt her 's Geschwürsraembran) bedeckt, welche aus 
den Knochenzellen herauswuchern, leicht bluten, und die 
man mit dem Nagel von der cariösen, wurmstichigen Fläche 
abschaben kann , was aber Blutung und bedeutende Schmer- 
zen verursacht; diese Granulationen scheinen durch den 
Reiz der Luft und die dadurch bewirkte chemische Verände- 
rung des Knocheneiters zu entstehen, denn man trifft sie nur 
bei Caries aperta an, während bei der Caries occulta die 
mucös- seröse Medullarhaut durch die Entzündung ver- 
schwärt und die rohen wie zernagten Knochenzellen zurück- 
lässt, was Delpech zur Annahme von Schwinden der 
Knochen veranlasste. Auf diesen anatomischen Unterschied 
stützt sich die Annahme der Caries excdens und fungosa; 
letztere kommt vorzüglich in den gefässreichen spongiösen, er- 
stere in den festeren Knochen oder in jenen spongiösen Kno- 
chen vor, welche durch die Zerstörung ihrer Verbindungen 
nur wenige Gefässe haben , doch scheint das Alter, die Con- 
stitution , die Ursache der Krankheit auch Einfluss zu haben. 
Der cariöse Knochen ist manchmal dicker, schwerer (beson- 
ders die festen), blutreicher, aufgelockert, mit spitzen, 
tropfsteinähnlichen, und warzigen kleinen Exostosen oder 
Knochenstreifen besetzt (welche dem Hautcallus der Haut- 
geschwüre, namentlich der knolligen , scheinbar leprösen 
Degeneration der Haut zu vergleichen sind) ; beim Durch- 
schnitt findet man die Umgegend der Caries entzündet, d. h. 
röther, weicher, die Knochenzellchen mit blutiger , eiweiss- 
artiger, käseähnlicher Lymphe gefüllt, die cariöse Stelle 
selbst ist entMeder bläulich schwarz (bei der C. exedens), 
von der brandartigen Verschwärung der Medullarmembran 
und Verwitterung der zarten Knochenzellen, oder fleisch- 
ähnlich, weich, speckig, von der Wucherung der Medullar- 
haut und dem gleichzeitigen Schwinden der Zellen. Bei der 
Caries externa superficialis ist der macerirte Knochen 
an der Oberfläche, besonders an der der Gelenkflächen, 
wurmstichig, ähnlich einem spanischen Rohre. Bei der 
profunda ist die Aushöhlung ungleich; bei der Caries 
interna s, centralis ist im Inneren der Diploe eine 
Höhle, welche durch eine Knochenfistel und den Fistelcanal 



Caries. 227 

mit der Hautfistel cömiminicirt. Die wahren Knochenfi- 
steln entstehen immer aus einem Gefässloche, das sich all- 
mählig erweitert und den Durchmesser von 1 — 4 Linien 
erlangen kann ; für diese Entstehungsart spricht namentlich 
der nach innen abgerundete Rand und die Gegenwart klei- 
nerer ähnlichen Oeffnungen» Die sämmtlichen weichen Theile 
der Umgegend sind in einer grösseren oder geringeren Aus- 
dehnung in eine speckartige oder sulzige Masse ver- 
wandelt, so dass man nur noch die grossen Gefässe, Ner- 
ven , und die Sehnen unterscheiden kann , während das 
Zellgewebe, Fett, die serösen, fibrösen, musculösen Ge- 
webe in eine homogene, mit wenigen Gefässen versehene 
Masse verwandelt sind , in der die Eitergänge mehr oder we- 
niger gewunden laufen und manchmal einzelne kleine Ab- 
scesse sind. Diese Substanz ist nicht carcinomatös , wie 
man sie häufig heisst, sondern das Resultat der chronischen 
Entzündung; nach der Entfernung des Reizes, der Caries 
verliert sie sich auch allmählig. Die speckigen Granula- 
tionen sind Wucherungen der entzündeten Medullarhaut. — 
Wenn der Eiter bei Caries occulta resorbirt worden ist , so 
findet man statt desselben eine talg- oder fettwachsähnliche 
Masse. Bei Caries der Schädelknochen und Wirbel 
sind die Hirn- und Rückenmarkshäute, die Pleura, das Pe- 
ritonaeum entzündet, verdickt, das Hirn oder das Rücken- 
mark und die Nerven entzündet, indem die Knochenentzün- 
dung mehr oder weniger auf sie ausstrahlt und so die sympa- 
pathischen Symptome des Reizes und der Lähmung veranlasst* 
Die Prognose hängt von den Ursachen, nament- 
lich von der Constitution des Kranken und vom Sitze und der 
Ausbreitung der Caries ab ; am günstigsten ist sie bei der von 
äusseren Ursachen bedingten oder, wenn auch die Ursachö 
eine innere ist, bei noch guter Constitution und den gerin- 
geren Graden der Dyscrasie, beim Mangel des hectischeri 
Fiebers , und wenn die Caries nicht tief und auf eine Stella 
feeschränkt ist. In solchen Fällen kann man auf die Natur- 
heilung durch die unmerkliche öder sichtbare Exfoliation hof- 
fen. Wenn aber die Dyscrasie bedeutend ist* wenn sich 
Fieber entwickelt hat, wenn die Caries tief und auf mehrere 
Knochen, besonders auf entfernte, verbreitet ist, ist die 
Prognose schlimm , es erfolgt der Tod, wenn die Caries nicht 

15* ■ 



228 Caries. 

entfernt wird. Mit der Entfernung des chronischen Reizes 
und der Eiterung schwinden meistens auch die dyscrasischen 
Symptome, die offenbar häufiger als man glaubt eine Folge 
chronischer Eiterung sind; man nimmt namentlich die scro- 
fulöse Caries viel zu häufig an, und unterlässt Operationen, 
wartet auf die Hülfe antiscrofulöser Mittel, während die 
Ursache eine locale Verkältung bei einem jugendlichen oder 
schwächlichen Subjecte ist und diese bei böser Caries ganz 
unwirksam gegen das locale Leiden sind. Daher hat man 
Fälle , wo selbst die Operation an mehreren , entfernten 
Knochen keine Recidive sondern vollkommene Heilung zur 
Folge hat , wenn die Dyscrasie nicht offenbar entwickelt und 
schon von Mitleidenschaft der Lungen oder der meseraischen 
und Lymphdrüsen begleitet ist. 

Die Beh andlung hat folgende Indicationen: V) Ind. 
causalis , Hebung der ulcerirenden Entzündung mit Be- 
rücksichtigung ihrer Ursachen. Die die Yerschwärung be- 
dingende Entzündung des Knochens und die localen (z. B.Ku- 
geln) und die constitutionellen Ursachen müssen entfernt, 
oder wenn diess nicht möglich ist, geschwächt werden. Diess 
geschieht durch Ruhe des Theiles, die wiederholte Applica- 
tion von Blutegeln oder Schröpiköpfen , kalte Fomentationen 
(W all, Kirkland, der Verf.) oder warme Cataplasmen 
(besonders von Linsenmehl, das die Wärme besser hält), 
Bäder, Einreiben von Ungt. mercur. ein. oder praeeip. alb. 
(Linimentum volatile camphoratum, Spir. v. camph, u. s. w. 
sind nicht passend) , Bedecken mit Empl. mercuriale (R u s t) 
oder irgend einem Harzpflaster (F enger) und bei tiefer 
Lage des Knochens durch kräftige Ableitungen mittelst der 
Haarseile, Aetzmittel, Moxen oder des Glüheisens (das aber 
kein Mittel gegen die Caries, sondern nur gegen die chroni- 
sche Entzündung ist). Durch diese Mittel kann die Heilung 
herbeigeführt werden , wenn die Caries eine locale , seeun- 
däre, oberflächliche, der Necrosis sich nähernde ist, z. B. 
nach rheumatischen Entzündungen des Periostes und der ober- 
sten Knochenschichten der härteren Knochen (der Phalangen 
bei Fanaritien, der Tibia, der Schädel- und Gesichtskno- 
chen) , oder wenn bei tiefer Caries der spongiösen Knochen 
der Abscess klein und noch geschlossen ist, wie bei Cypho- 
sis paralytica , wo der Eiter resorbirt und der Substanzver- 



Caries. 229 

lust theilweise wieder ersetzt werden kann. Gegen die Dys- 
crasie giebt man die geeigneten Mittel, die bei syphiliti- 
scher, syphilitisch -merciiriell er und lepröser die Heilung 
am leichtesten bewirken , so dass man nur das Knochen- und 
Hautgeschwür rein zu halten und einfach, ihrem Character 
gemäss zu behandeln hat; weniger nützen die allgemeinen 
Mittel bei der rheumatischen , am wenigsten bei der wahren 
und tiefen scrofulösen Caries ; in diesen Fällen dienen sie 
mehr zur Vor- und Nachcur der meistens nothwendigen Ope- 
rationen. — 2) In dicatio m orb L Das Knochenge- 
schwür muss gleich dem Kautgeschwür behandelt werden, 
d. h. man muss den sich nicht zertheilenden Knochen- und 
Beinhaut-Abscess öffnen, die Anhäufung und Verderbniss 
des Eiters im fistulösen Geschwüre verhüten, die Bildung 
Ton guten , zur Vernarbung sich eignenden Granulationen be- 
fördern (die veränderte Vitalität des Knochens zur Normalität 
zurückzuführen , oder die krankhafte Organisation zu verän- 
dern, sind zu allgemeine , dem Anfänger dunkle Ausdrücke), 
oder die ganze Geschwürsfiäche zerstören und in einen ein- 
fachen Knochenabscess verwandeln, a) Den durch Caries 
verursachten kalten idiopathischen Abscess muss man öff- 
nen, weil sich der Eiter immer mehr ansammelt, die Caries 
doch fortschreitet, die weichen Theile in einer grösseren, 
oft sehr ungünstigen Richtung zerstört werden und die Oeff- 
nung oft an einer zur Behandlung ungünstigen Stelle erfolgt, 
auch der Eiter störend auf die Functionen wichtiger 
Theile' wirken kann , z. B. bei penetrirender Caries der Schä- 
delknochen durch Druck und Reiz auf die Hirnhäute , bei der 
des Processus mastoideus auf die Trommelhöhle oder Sen- 
kung nach dem Verlaufe des M. sternocleidomastoideus, 
bei der des Brustbeins durch Druck auf die Lungen u. s. w. 
Die meisten Schriftsteller widerrathen die künstliche Eröff- 
nung, allein sie verwechseln offenbar den idiopathischen kal- 
ten mit jenem symptomatischen (Congestions-) Abscess, bei 
dem die Grösse der Geschwulst., die hectischen Zufälle tiefe, 
unheilbare Caries vermuthen lassen , wo allerdings die Er- 
öffnung eine Verschlimmerung der Zufälle zur Folge hat. 
Je früher man den Abscess öffnet, desto mehr kann man 
auf Heilung der Caries mittelst der Exfoliation (Verwandlung 
in Necrosis) hoffen; wenn es daher die Localität zulässt, so 



230 Caries. 

mache man schon bei der beginnenden Fluctnation einen hin- 
reichend langen Einschnitt , der die Grenzen der Caries über- 
schreitet (der Verf., Fr icke); ausserdem suche man erst 
durch Vesicantien und Aetzmittel den Eiter nach Aussen zu 
determiniren , und mache dann eine hinreichende Oeffnung. 
b) Bei Caries aperta ist das Liegenbleiben und Verderben 
des Eiters zu verhüten durch zweckmässigen, reinlichen Ver- 
band, passende Lage des Theiles, Erweiterung der Haut- 
fisteln oder besser durch zweckmässige Gegenöffnungen und 
Haarseile ; bei Caries profunda (centralis) mit engen Kno- 
chenfisteln müssen letztere durch den Perforationstrepan er- 
weitert werden, z. E. bei Caries des Processus mastoideus, 
des Trochanter major. Wenn der Eiter gehörig ausfliessen 
kann, so sind Einspritzungen unnöthig, und wenn mau sie 
braucht, die von Chamillen- oder Hollunderthee hinreichend, 
die theuren Decocta chinae jedenfalls zu entbehren. Fremde 
Körper und getrennte Knochen und Häute , welche die Eite- 
rung unterhalten, entferne man , worauf die Heilung oft rasch 
erfolgt, z.B. am Oberkiefer, (der Verf.), am Fersenbein 
(Syme) u. s. w. c) Die Bildung guter Granulationen und 
die Vernarbung des Knochen- und Hautgeschwüres werden 
durch Verminderung der Entzündung und die Erhebung der 
normalen Reproduction eingeleitet; bei einfacher Caries und 
unter günstigen Umständen auch bei der dyscrasischen ge- 
schieht diess schon durch die bisher genannten Mittel, 
durch aromatische Fomentationen , schwache Laugenbäder, 
Injectionen und Verband mit Solutio lapid. infern. , Betupfen 
der Granulationen der cariösen Stelle mit Höllenstein, Bepin- 
seln mit Laudanum, Durchziehen eines Haarseiles durch den 
cariösen Knochen, wenn es die Localität und die Gegenwart 
zweier Fisteln, wie z. B. am Fersenbein (Bromfield), 
zulässt. Man hat seit Galen äussere austrocknende, die 
Caries heilende, und innere specifische Anticariosa empfoh- 
len und zu entdecken gesucht; hieher gehören zum äusse- 
ren Gebrauche: die Fomentationen und Injectionen von Ab- 
kochungen und Infusen der Weiden-, Eichen-, Kastanien- 
rinde, der grünen Nussschalen , der Rubia tinctorum, des 
Calamus, der Cicuta, Sabina, Plantago, der Solutionen von 
Schwefelleber, Phosphorsäure, Creosot, Sublimat, von Kalk- 
wasser, Spir. viu. camph., Tinctura myrrhae, — euphorbii, 



Caries. 231 

— benzoes, Ol. terebinthinae , locale Bäder mit Baryta mu- 
riatica oder Iod, das Einstreuen von Pulver des Calamus, 
Sabina, Aristolocbia oder Kohle; zum innerlichen Ge- 
brauche: die Asa foetida (2 — 4 Drachmen täglich), die 
Baryta muriatica (1 — 3 Scrupel täglich ) , die Phosphor- 
säure (5i), das Kalkwasser (1 — 2 & 1 ), die Cicuta, Sabina, 
llubia tinctorum, Phellandrium aquaticum , Mercur, Iod. 
Die äusseren Mittel haben keine Vorzüge vor den einfachen, 
früher genannten, und wirken überhaupt nur dann, wenn die 
Caries nicht mit speckigen Granulationen bedeckt ist, und 
sie auf den kranken Knochen anhaltend applicirt werden kön- 
nen , was aber sehr selten der Fall ist ; die inneren Mittel 
haben keine specifische Kraft zur Hervorbringung guter Gra- 
nulationen und der Vernarbung und haben sich nicht bestä- 
tigt; mehr Vertrauen verdienen in dieser Beziehung der Ca- 
lamus, die Valeriana, China, Eisen, wegen ihrer wohlthä- 
tigen Wirkung auf die Blutbereitung und Reproduction. 
d) Bei tiefer Caries oder wenn speckige Granulationen die ca- 
riöse Fläche bedecken, helfen die bisher genannten Mittel 
selten, man muss vielmehr, wie bei bösartigen Hautge- 
schwüren, die ganze Geschwürs fläche zerstören 
und das Knochengeschwür in einen Knochenabscess verwan- 
deln, Mas nicht durch die schon angeführten Exsiccantia sondern 
vielmehr durch folgende Mittel geschieht : a) Arzneimit- 
tel, als die concentrirten Säuren, den Liquor Bellostii, die 
Solutio kali caustici , wenn man die weichen Theile nicht zu 
schonen hat , auf die sie auch mehr oder weniger in der Um- 
gegend der Caries wirken müssen. Obschon sie bis jetzt 
meistens nur in den Händen von Empirikern waren, so ver- 
dienen sie doch mehr als bisher versucht zu werden, ß) Das 
Glüheisen (Celsus), wenn der kranke Knochen nicht 
tief liegt, gehörig entblösst werden kann, ohne wichtige 
Theile (Gefässe, Nerven, Sehnen) zu verletzen, wenn die 
Caries nicht zu tief und nicht zu schmerzhaft ist. Seine 
Anwendung ist daher vorzüglich auf die Knochen beschränkt, 
welche unmittelbar unter der Haut liegen , z. B. der Ober- 
und Unterkiefer, die Rippen, das Olecranum, der Trochan- 
ter major, die grösseren Tarsalknochen, die Schädelkno- 
chen (nur bei oberflächlicher, mit Ausnahme des Schuppen- 
theils des Os temporum) oder auf die zurückbleibenden Ge- 



23 2 Caries, 

lenkflächen nach den Exarticulationen und Gelenkresectionen. 
Boyer, Richerand, Petit, Kern, v. Walther, 
Textor, der Verf. wandten es unter den angegebenen 
Umständen häufig mit Erfolg an, während Chelius, 
Rust, Dzondi, viele englische Wundärzte es fast unbe- 
dingt verwerfen. Man applicirt mehrere passende und weiss- 
glühende Eisen anhaltend und fest auf den Knochen , so dass 
die cariöse Fläche in einen trocknen , schwarzen Brandschorf 
umgewandelt wird; wenn es thunlich ist, so kratze man zu- 
vor die speckigen Granulationen weg und stille genau die 
Blutung. Nach Umständen muss das Brennen nach der all- 
mähligen Trennung des Brandschorfes wiederholt werden. 
y) Durch R a d i r e n mit der Feile (D a v i d), oder dem Schab- 
eisen, dem Exfoliationstrepan, dem Hohlmeissel, mit oder ohne 
darauffolgende Anwendung eines Aetzmitels oder des Glühei- 
sens (unter denselben Umständen wie bei ß.) 3) Indien- 
tio Vit all s. Ist die Zerstörung der Geschwiirsfläche nicht 
möglich, so muss man sie mit ihrem Boden aus der Sphäre 
des Organismus ganz entfernen , um den durch das beständige 
Reiz- und Eiterungsfieber bedingten Tod zu verhüten. Oedem, 
speckige Degeneration tler weichen Theile um die cariöse 
Stelle , Verbreitung der Caries über 2 — 3 entfernte Stellen, 
hectisches Fieber sind keine Contraindicationen der operati- 
ven Behandlung, wenn die Constitution nicht zu geschwächt, 
oder die Lungen und meseraischen Drüsen nicht afficirt sind. 
Die cariöse Stelle wird entfernt: a) durch die Resection 
(Excisio , Exstirpatio) bei Caries der Schädel- und Gesichts- 
knochen, des Schlüssel- und Brustbeines, der Rippen, der 
Metacarpalknochen , der Tarsalknochen, der Gelenke, wenn 
die Caries nicht zu ausgebreitet ist; b) durch die Ampu- 
tation oder Exarticulati on. Mit der Ausübung bei- 
der Operationen soll man sich zwar nicht übereilen, aber auch 
nicht zu lange warten oder sie ganz verwerfen und auf die 
Abstossung durch die Natur hoffen ; letztere erfolgt bei wah- 
rer, tiefer, fungöser Caries sehr selten. Die Methodus ex- 
speetativa , welche in neuerer Zeit wieder von einigen Schu- 
len so empfohlen wird, schadet mehr als das von Manchen 
so angeschuldigte schnelle Greifen zum Messer und zur Säge. 
(Vergl. die Art. E n t z ü n d u n g d e r Knochen, Äbscessus 
per congestionem, Arihrucace), 



Caries. 233 

Literatur: Seifert in Rust's Handbuch der Chirurgie 
B. III. Art. Caries. J o 

Caries dentium,, Gangraena (II unter, Th. 
Bell), Emollities $• Excavatio dentium, Zahnfäule, 
Hohlwerden der Zähne, ist keine mit Eiterung ver- 
bundene Zerstörung, wie bei Caries der Knochen, sondern 
chronische Zersetzung 1 und Erweichung der Zahnsubstanz 
in Folge einer fehlerhaften Mischung derselben und der Ein- 
wirkung fehlerhaften Speichels. Entzündung ist nicht die 
nächste Ursache, denn die Zähne sind keine wahren Knochen 
(wie Rudolphi, Chelius angeben) sondern knochen- 
ähnliche Hornsubstanzen , von concentrischem Gewebe und 
mit Emailüberzug, welche keine Gefässe und Nerven haben, 
sondern wie die Haare und Nägel von einer organisirten Ma- 
trix (Zahns äckchen) abgesondert und um den Zahnkeim ab- 
gelagert werden ; letzterer ist wohl gegen Temperaturwech- 
sel , Säuren u. s. w. empfindlich , die ihn umgebende Horn- 
substanz kann sieh aber nicht entzünden und in Verschwä- 
rung übergehen, denn es bilden sich keine Granulationen und 
kein Eiter, so lange nicht die Markhöhle geöffnet ist, im 
Gegentheil findet man die innere Substanz trocken, verwit- 
tert oder erweicht, breiig, dunkel gefärbt, übelriechend, 
und den Schmelz rissig, unterminirt und abgebrochen. 
Rhachitis, Scrofeln und zarte, schwache Constitution, wo 
alle Gewebe zart und schlaff und die Zähne weicher, weisser 
und durchsichtiger sind , bilden die Anlage (daher das erb- 
liche und so frühzeitig, vom 3. — 20. Jahre, erfolgende Auf- 
treten und die Verbreitung der Caries über mehrere Zähne) ; 
unter den Zähnen selbst werden die Weisheitszähne und die 
Backenzähne, besonders die unteren am häufigsten, die Eck- 
zähne und unteren Schneidezähne, sowie die Wurzeln aller 
Zähne am seltensten krank, weil die ersten am unvollkom- 
mensten ernährt werden und die Backenzähne die ältesten 
sind, am meisten gebraucht werden und vermöge ihrer un- 
gleichen Oberfläche der Einwirkung des Speichels und der 
Verderbniss des Schmelzes am meisten ausgesetzt sind. Da 
die Zähne zum Hautsystem gehören (v. Walther, Heu- 
singer), so nehmen sie auch an allen Krankheiten der äus- 
seren Haut und der Schleimhäute Theil. Gelegenheits- 
ursachen sind alle Momente , welche a) die Beproduction 



234 Caries. 

schwächen , z. B. der Gebrauch der auflösenden Metalle 
(Quecksilber, Spiessglanz, Kupfer), der Alealien, langes 
Säugen ; b) die active oder passive Congestionen nach den 
Zahnkeimen veranlassen, als: Vollblütigkeit, Schwanger- 
schaft, Plethora abdominalis (wo die Zähne consensuell lei- 
den), anhaltende und wiederholte Rheumatismen des Gesich- 
tes (wodurch die meisten Zähne allmähiig verloren gehen), 
vieles Rauchen, spirituöse Mundwässer; c) was den Schmelz 
rissig macht und was den Speichel chemisch verändert, als 
Genuss sehr kalter oder heisser Nahrungsmittel, besonders 
der schnelle Wechsel derselben, sehr reizende und thieri- 
sche Nahrung, schlechte Verdauung, Dyspepsie und Gicht, 
Vorherrschen von Säure im Speichel, was man an dem Fa- 
denziehen desselben zwischen den Zähnen und dem Stumpf- 
seyn der letzten erkennt), häufiger Genuss von Säuren 
(Zucker, Cyder, Citronen, Sauerampher) , häufiger Ge- 
brauch von Zahnpulvern mit Weinstein oder Alaun, fortge- 
setztes Verweilen der Nahrungsmittel zwischen den Zäh- 
nen. — Der Verlauf der Zahnfäule ist entweder acut oder 
chronisch , im ersten Fall beginnt die Krankheit mit feuchter 
Erweichung der Ilornsubstanz von innen nach aussen, im 
letzten Fall wird durch die auf den Schmelz wirkenden Ursa- 
chen dieser brüchig, rissig und die gesunde und harte Ilorn- 
substanz von aussen nach innen allmähiig zerstört , was 4 
— 10 Jahre dauern kann. Die trockne oder äussere 
Caries entsteht meistens im mittleren Alter, bei gesunden 
Menschen an den unteren Backenzähnen unter der Form ei- 
nes schwärzlichen Risses in den Vertiefungen oder eines 
graugelben Punktes an den übrigen Stellen des Schmelzes der 
Krone, der zerstört wird und eine nadelkopfgrosse, schwärz- 
liche Vertiefung bekommt, welche sehr langsam sich vergrös- 
sert, ohne jedoch feucht , weich , übelriechend zu seyn; der 
üble Geruch stellt sich bei dieser Art erst dann ein, wenn 
die Markhöhlen der Zahnwurzeln geöffnet sind. Die chroni- 
sche Form verursacht selten Schmerzen (doch manchmal 
eine Empfindlichkeit gegen Kälte , oder bei verdorbenem Ma- 
gen), der Zahn bricht ab, nachdem seine Krone ausgehöhlt 
ist und die Wurzeln bleiben zurück, ohne Beschwerden zu 
verursachen. Die acute oder feuchte entsteht vorzüg- 
lich in der Jugend bei rhachitischen , scrofulösen, zarten, 



Caries. 235 

nervösen Subjecten , am häufigsten an den Seitenrändern der 
oberen Schneide- und der kleinen Backenzähne , selten nahe 
am Halse der ersten , manchmal zu gleicher Zeit an mehreren 
Punkten und an mehreren Zähnen, als ein missfarbiger, schat- 
tiger Fleck, der gelblich, bräunlich wird, sich vergrössert 
und ein Loch im Schmelz verursacht, das sich in die Tiefe 
vergrössert, sehr übel riecht, braun, markig ist. Der Zahn 
ist schon vor dem Abbrechen des Schmelzes empfindlich, 
schmerzt dann häufig, besonders auf den Genuss heisser Ge- 
tränke, wenn scharfe, ätherische Stoffe in die Excavation 
kommen. Nicht blos die Krone fällt ab , sondern auch die 
Wurzeln lösen sich auf und es entsteht durch Ansammlung 
von Eiter in den Zahntächern Necrosis (nicht Caries) der 
vordem Wand , Entzündung und Abscess im Zahnfleisch und 
der Wange (Parulis), welche in (Zahn-) Fisteln übergehen, 
die gewöhnlich an dem vordem Zahnfleisch, selten in der 
Mitte der Wange, am seltensten längs des Unterkieferran- 
des ihren Sitz haben , periodisch sich schliessen, aber erst 
nach der Entfernung des kranken Zahnstiftes heilen. Selten 
fallen die Wurzeln von selbst aus oder es exfoliirt sich ein ca- 
riöser Zahn mi£ dem cariösen (necrotischen) Processus alve- 
olaris. Die Schmerzen werden am meisten durch Verkältun- 
gen hervorgerufen (s. Gdontalgki) ; nach Ueberladungen 
des Magens ist der kranke Zahn sehr empfindlich und riecht 
auch stärker; nicht selten sind die Schmerzen im kranken 
Zahne gering , scheinen fast zu fehlen oder fehlen wirklich, 
besonders bei Caries der Wurzel , dafür treten sie entfernter, 
z. B. als einseitiger Gesichts- oder Kopf- oder Augenschmerz 
auf, oder es entstehen convulsivische und paralytische Krank- 
heiten, z. B. Amaurosis. Bei seitlicher Caries wird der 
Nachbarzahn an der entspreclienden Stelle angesteckt, bei 
Caries der oberen Fläche aber nicht der gegenüberstehende 
im anderen Kiefer , sondern der correspondirende in demsel- 
ben Kiefer (in Folge derselben Bildung) cariös. — Die Be- 
handlung hat folgende Indicationen zu erfüllen: I) In - 
dlcatio c aus alt s et prophylactica. Die schon 
von Rivius zweckmässig angegebene Diätetik der Zähne 
und des Zahnfleisches besteht in Reinhalten des Mundes, na- 
mentlich von Speiseresten und dem Zahnschleim , mittelst des 
täglichen Gebrauches einer weichen Zahnbürste, in Vernd- 



236 Caries. 

düng scharfer, reizender und spirituöser Mundwasser (die 
nur verdünnt und von Zeit zu Zeit angewendet werden sol- 
len) oder ähnlicher Zahnpulver, sehr heisser und kalter 
Speisen, in Abhärtung gegen Witterungswechsel, einfacher 
Lebensart, Verhütung von Säure, Regulirung der Leber- 
und Darmfunctionen. 2) Indic atio morbi; die Si- 
stirung der Erweichung kann nicht durch dynami- 
sche äussere Mittel, auch nicht durch Creosot, Chlorkalkkür 
gelchen (mit Amylum, G. tragacanthae) oder durch die 
Zerstörung der Gefässe und Nerven mittels scharfer Mittel 
oder des Glüheisens bewirkt werden. Fox macht in leich- 
ten Fällen von Caries der Schneidezähne die halbe Extra- 
ction, um die Gefässe und Nerven zu zerstören; bei tiefer 
sehr schmerzhafter Caries hilft es selten, die Patienten sind 
gezwungen, sich nacli einigen Wochen die schmerzhaften 
und hoher stehenden Zähne herausnehmen zu lassen, man 
findet meistens die Wurzel mit coagulabler Lymphe bedeckt. 
Gaedetti zieht die Schneide- Eck- und kleinen Backen- 
zähne aus, Füllt sie mit Gold und setzt sie wieder ein. Dabei 
möchte es immer gut seyn , die Wurzeln etwas abzuzwicken. 
Bei seitlicher Caries besonders der vordem Zähne ist das 
Ausfeilen (Hesse, Th. Bell) und bei kesseiförmiger der 
Kronen der Backenzähne das Plombiren das zweckmässägste; 
letzteres ist vorzüglich anzuwenden, so lange die Markhöhle 
nicht geöffnet , und der Zahn nicht sehr empfindlich ist, da- 
durch wird die Luft und der Speichel ab- und so das Ver- 
wittern und die Erweichung aufgehalten ; die Plombage 
muss erneuert werden , wenn sie die Excavation nicht mehr 
genau ausfüllt. Schmerzt der Zahn sehr, kann er nicht 
plombirt und nicht zum Kauen gebraucht werden , so ist seine 
theilweise (Abscissio dentis) oder gänzliche Entfernung (Ex- 
tractio dentis) angezeigt. Die Abtragung der cariösen Krone 
mittelst der Zahnsäge oder der schneidenden Zangen , um 
die Wurzeln zur Befestigung der übrigen Zähne oder zur Ba- 
sis einschraubbarer künstlicher Zähne zu erhalten , ist noch 
zu wenig versucht. 3) Indic atio sym.pt o in a tic a. 
a) Gegen den üblen Geruch dienen spirituöse Mundwasser 
(Sol. aquae col., Infus, ligni guajac. c. spir. vin. gall.), 
Chlorkalksolutionen, Einlegen von Baumwolle mit Aqua colo- 
niensis, Bals. vit. Holm, befeuchtet oder Ausstopfen mit Zahn- 



Caries — Caro luxurians. 237 

kitt (Mastich. 5i? Sandar. $ß Solv. in Spir. vin. oderNaphthae 
sulphur. 5ii, Baumwolle damit beleuchtet und fest eingedrückt); 
b) gegen die Seh merzen ausser den bei rheumatischen Ent- 
zündungen der Beinhaiit und der Nerven angezeigten ableiten- 
den und narcotischen Rütteln (siehe Odontcdghi) , und der 
Reinigung der Höhle von scharfen Speiseresten sind vorzüg- 
lich seh arf e angezeigt, z.B. Sol. aeid. muriat. (5ß Aqu. dest. 
51), — aluminis (5i Spir. nitri aeth. $/?), — - lapid. infern. (gr. 
i. Aqu. dest. 51), — Creosoti ; womit Charpie oder Baumwolle 
befeuchtet und in den Zahn gelegt wird, oder man bringt ei- 
nen Tropfen concentrirter Salpetersäure (Ryan) mittelst ei- 
nes Haarpinsels in denselben. Die Anwendung des Glühei- 
sens ist selbst sehr schmerzhaft und unsicher, noch mehr aber 
die Zerstörung des Zahnnerven durch die Trepanation des 
Kiefers mittelst eines feinen Perforativtrepans nach Fattori 
(vergl. die Werke über Zahnheilkunde im Artikel Chirurgie^. 

j. 
CARO LUXURIANS s. fungosa s. Ec-IIyper-Sarcoma, 
schwammiges, wildesFleisch, nennt man eine krank- 
hafte , aus einem Geschwür oder einer eiternden Wunde her- 
vorwuchernde Granulation. Das wilde Fleisch füllt nicht nur 
die Wund- oder Geschwürsfläche aus, sondern erhebt sich 
über die Ränder derselben und breitet sich schnell aus ; es ist 
meist schlaffer, bleicher, unempfindlicher als die gesunde 
Granulation , und blutet leicht. Die Ursachen , welche diese 
krankhafte Wucherung erzeugen, liegen gemeiniglich nicht 
allein in dem Missbrauche erweichender, erschlaffender Sal- 
ben und Umschläge, in der zu frühzeitigen Anwendung balsa- 
mischer, reizender Mittel, in einem vernachlässigten, zu lo- 
ckeren , und zu warmen Verbände, in einer unzweckmässigen 
Diät, in Unreinlichkeit u. s. w., sondern zugleich in einer feh- 
lerhaften Reproduction bei allgemeiner Schwäche. So lange 
wildes Fleisch in einem Geschwür ist, so lange heilt dieses 
nicht. Man sucht daher die krankhafte Reproduction durch 
eine allgemeine Behandlung , durch bessere Nahrung, Rein- 
lichkeit u. s. w. zu verbessern und wendet örtlich solche Mit- 
tel an, welche dem Orte, dem Umfange und den Ursachen des 
Uebels angemessen sind ; daher ist zuweilen ein trockner und 
festerer Verband, gebrannter Alaun, Kalk-, Chlorwasser ausrei- 
chend, zuweilen die Anwendung von Sublimat, rothem Präci- 



238 Caruncula. 

pitat, Kupfervitriol, Grünspansauerhonig, Höllenstein, Spiess- 
glanzbutter, ja von Scheere oder Messer nothwendig. Siehe 
die Artikel Granulatio und Ulcus, W, 

CARÜNCÜLA, Carunkel, Fleischwärzchen (Di- 
minutivum von Card), nennt man ein kleines, bald auf einem 
dünnen Stiele, bald mit breiter Fläche auf seinem organischen 
Boden sitzendes, fleischfarbenes Aftererzeugniss, welches mit 
einer feinen Haut überzogen ist und selten grösser als eine 
kleine Bohne wird. Die Carunkel scheint zwischen Polypen 
und Warzen in der Mitte zu stehen , wurzelt vorzüglich in der 
Schleimhaut und den dieser ähnlichen Häuten , und verdankt 
ihre Entstehung einem krankhaft gesteigerten Vegetationspro- 
cesse derselben. Sie werden am häufigsten beobachtet auf der 
Bindehaut des Auges, in der Harnröhre , an der Eichel und 
Vorhaut, und in seltenen Fällen auf der Areola mammae. Im 
Auge (Epanastemci) kommen sie auf der Bindehaut der Scle- 
rotica und der Cornea vor, erscheinen als weiche, röthliche 
Knötchen von der Grösse eines Stecknadelknopfes , zuweilen 
einzeln, zuweilen in grosser Anzahl; sie sind völlig schmerz- 
los und nur wenn sie sehr über die Oberfläche der Bindehaut 
hervorstehen, erregen sie durch Reibung der Augenlider eine 
Reizung dieser Theile mit wenig Schmerzen, etwas Licht- 
scheu und vermehrter Absonderung der Thränen. Zuweilen 
sind sie angeboren und dann meist grosser ; auch hat man klei- 
ne Härchen ans ihnen hervorwuchern sehen. Gemeiniglich 
liegt die entfernte Ursache der erworbenen Carunkeln in einer 
scrofulösen Diathesis und öfteren Augenentzündungen. In 
der Regel weicht die Carunkel der Anwendung einer schwa- 
chen Auflösung des Sublimats , des Höllensteins , Zinkvitriols 
oder dem Bestreichen mit Laudanum , oder man bedient sich 
des rothen oder weissen Präcipitats, des Borax in Salben- 
form. Haben diese Mittel die gewünschte Wirkung nicht, so 
fasst man die Carunkel mit einem Häkchen und trägt sie mit 
einem Messer oder einer Cowper'schen Scheere ab; durch 
tägliches Bestreichen mit Laudanum wird man dann einer Wie- 
derkehr vorbeugen. — In der Harnröhre , der männlichen so- 
wohl als der weiblichen , in der Eichel und der Vorhaut wer- 
den sie höchst selten wahrgenommen. J» Hunt er hat nur 
zweimal Carunkeln in der Harnröhre gefunden ; dagegen sind 
sie von B. B eil, Laennec, Li sfranc, D u camp mehr- 



" Caruncula — Castratio. 239 

mals beobachtet worden. Sie haben ihren Sitz in der männ- 
lichen Harnröhre gewöhnlich im vorderen Theile derselben in 
der Nähe der kahnförniigen Grube und verursachen dann die- 
selben Störungen, wie die Verengerungen dieses Canals; in 
der weiblichen Harnröhre befinden sie sich an der Mündung 
derselben und erregen keine Harnbeschwerden. Sie sind 
hier, wie an der Eichel und Vorhaut, wohl stets die Folge sy- 
philitischer Ansteckung. Die Erkenntniss der Carunkeln in 
der männlichen Harnröhre ist sehr schwierig; sie, wie W alch 
angiebt, durch die äusseren Theile hindurch zu fühlen, möch- 
te leicht zu Täuschungen führen ; am sichersten leitet viel- 
leicht Ducarap's Wachssonde zur richtigen Diagnose. Chro- 
nische Entzündungen und Blennorrhcen der Schleimhaut durch 
vorausgegangenen Tripper sind die häufigsten , vielleicht die 
alleinigen entfernten Ursachen der Carunkeln an den Ge- 
schlechtsorganen. Die Behandlung richtet sich nach dem 
Orte; in dem Canale der männlichen Harnröhre werden sie 
wie die Verengerungen dieses Theiles (s. Sirtcturci) behan- 
delt; an der Mündung, der Eichel und Vorhaut werden sie 
wie die Feigwarzen entweder mit der Scheere , dem Messer 
abgetragen , oder durch Aetzmittel , die P 1 e n k ' sehe Solu- 
tion, Ung. aegyptiacum, Ung. sabinae u. s. w. zerstört. — Die 
Carunkeln an der weiblichen Brust kommen höchst selten, 
vielleicht durch Missbrauch erweichender Umschläge , durch 
Unreinlichkeit beim Stillen vor. Am zweckmässigsten wer- 
den sie hier durch das Messer oder die Scheere entfernt, wenn 
sie nicht durch blosses Waschen mit einer Boraxauflösung 
oder mit Kalkwasser und Laudanum zu beseitigen sind. 
Literatur. A. G. Richter, Wundarzneikunst B. VI. §. 286. — 
B. Bell, LehrbegriffderWundarzneik.Bd.il. S. 174. — J. Hun- 
ter, Abhandlung über die vener. Krankheiten. Aus dem Engl. 
Leipz. 1787. — F. A. Walch, Ausführliche Darstellung des Ur- 
sprungs der venerischen Krankheit. Jena 1811. — Boy er, Hand- 
buch der Chirurgie Bd. IX. — T.Ducamp, Traite' des retentions 
d'urine cause'es par le retrecissement etc. Par. 1822. — L i s f r a n c, 
Ueber die Verengerung der Harnröhre. Aus dem Franzö's. Leip- 
zig 1824. W , 

CASTRATIO, Exstirpatio testiculorum , Orchidecto- 
mia y Sarcocelotomia , Eunuclusmus (?)> Ausrottung 
oder Ausschäl ung der Hoden, Entmannung, Ex- 
stirp» testiculi f Ausrottung eines Ho den, ist dieje- 



240 Castratio. 

nige chirurgische Operation , mittelst welcher ein oder beide 
Hoden aus dem organischen Zusammenhange getrennt werden. 

Es war schon eine sehr alte Sitte in Aethiopien , Aegy- 
pten und selbst Griechenland , männliche Personen zu castri- 
ren, theils um dadurch eine schwächliche Nachkommenschaft 
zii verhüten , theils damit diese als Priester (der Cybele) und 
später im Oriente als Wächter des Harems und in Italien als 
Sopransänger dienen könnten. C elsu s erwähnt die Cassa- 
tion zuerst als eine Heiloperation gegen kranke Zustände der 
Hoden. Galen und Paul vonAegina folgen ihm, sowie 
auch die arabische Chirurgie und die des Mittelalters, wo man 
jedoch das glühende Eisen zur Blutstillung (Guy von Chau- 
1 i a c ) anwandte. Cheselden unterbindet zuerst die Art. 
spermatica allein. Pott, Sharp, Schmucker, Z. Plat- 
ner, Theden, B. Bell, Sabatier, Richter, v. Sie- 
hold, Desault, Mur sin na, Larrey, D ubois, v. Wal- 
ther, v. Gräfe, Zang, A. Cooper, Lawrence, Du- 
puytren, Delpech, llust haben sich in neuerer Zeit so- 
wohl um die Erforschung der Krankheitszustände der Hoden, 
als auch um das technische Verfahren bei der Operation Ver- 
dienste erworben. 

Die Krankheitszustände, welche die Castration erforder- 
lich machen können, sind folgende: Scirrhus und Cancer 
testiculi, Orcheomalacia, Induratio und Neuralgia test. , 
Schusswunden, Eiterung, starke Quetschungen und Brand des 
Hoden, Hydrops und Hydatides test., Tubercula, Fungus 
haematodes und medullaris test., Pollutiones nocturnae und 
diurnae nimiae, Onanie, gegen welche alle andern Mittel 
fruchtlos angewendet worden sind. — Dagegen darf man die 
Castration nicht unternehmen , wenn das örtliche Uebel von 
einer solchen Ausdehnung ist, namentlich am Saamenstrange 
die Desorganisation über den Bauchring hinausreicht, und die 
Leistendrüsen mit ergriffen sind , dass es unmöglich ist , alle 
krankhaften Theile zu entfernen, und wenn zugleich die Zei- 
chen einer allgemeinen Dyscrasie vorhanden sind, wie es so 
häufig bei Fungus haemat. , medullär. , Scirrhus und Cancer 
der Fall ist. 

DieVorhersagung bei der Castration richtet sich be- 
sonders nach dem die Operation anzeigenden Krankheitszu- 
stände und nach der Individualität des Kranken. Wenn nur 



Castratio. 241 

ein Hode exstirpirt wird, so ist zwar die dadurch gesetzte 
Verwundung in der Regel nicht bedeutend , es steht jedoch zu 
fürchten, dass der andere gesunde Hode erkranke. Sind 
beide Hoden weggenommen worden, so ist nicht allein die 
Verwundung eine viel bedeutendere, sondern auch die Folgen 
der Operation sind oft mit der grössten Gefahr verbunden, 
nicht selten nämlich entstehen Trismus und Tetanus, oder 
später Melancholie. Wird die Operation vor der Zeit der Pu- 
bertät unternommen , so bleibt der Kranke in jeder Hinsicht 
unmännlich ; ist sie im gereiften Mannesalter verrichtet wor- 
den , so fällt das Haupt- und Barthaar aus oder wird dünner, 
der Körper wird mehr weiblich, oder es entsteht sogar ein ab- 
zehrendes Fieber. 

Es giebt drei Methoden der Castration: 1) Cassa- 
tion mit Erhaltung des Ilodensackes, 2) Castration mit Hin- 
wegnalime des Ilodensackes , 3) Castration mit Zurücklassung 
des Hodens — (Die Unterbindung der Hoden nach A. S a c h s 
siehe unter Ligatur ci). 

Zur Operation bedarf man : 1 gerades und 1 bauchiges 
Bistouri oder Scalpell, 1 kleines Amputationsmesser, 1 stumpf- 
spitzige Scheere , I Hohlsonde , 2 stumpfe Wundhaken , 1 
Aneurysmanadel, Schlagaderunterbindungsgeräthe, v. Grä- 
fe's Ligaturstäbchen, 1 seidene Schnur, 1 Leinwandstreifen 
von 1" Breite und 3" Länge, kaltes und warmes Wasser^ 
Schwämme; zum Verbände Charpie, rohe und geordnete^ 
Plumaceaux, Heftpflasterstreifen, einige Compressen, eine 
T-Binde. — In der Regel sind 4 Gehülfen erforderlich , wo- 
von 2 den Kranken in der Lage , jeder an einem Knie fest hal- 
ten, der dritte den Saamenstrang fixirt und der vierte Instru- 
mente , Wasser und Labemittel zureicht. — Der Kranke sitze 
auf einem Tischrande, die Schenkel von einander entfernt und 
die Füsse auf Stühle gesetzt, Kopf und Brust etwas zurückge- 
beugt und durch Kissen unterstützt, oder er liege quer in ei- 
nem Bette , die Matratze mit Wachsleinwand bedeckt. Der 
quere Theil der T-Binde werde angelegt. — Der Operateur 
steht oder sitzt zwischen den Schenkeln des Kranken. — - Bla- 
se und Mastdarm müssen zuvor entleert und die Haare von der 
Schamgegend und dem Hodensack abgeschoren werden. — Bevor 
man zur Operation selbst schreitet, macht man (A. C o o p e r) 

einen kleinen diagnostischen Einschnitt in die Tunica vagirtä- 
Handwörterb. d. Ch. II. Jg 



242 Castratio. 

lis, um sich vollkommen von der Natur der Krankheit zu 
überzeugen. 

A. Castration mit Erhalt ung des Hoden- 
sackes. 

I. Akt. Hautschnitt. Mit einem bauchigen Bistouri 
schneidet man vom Bauchringe an auf der vorderen Fläche des 
Scrotum bis zu dem untersten Theil desselben die Haut durch, 
entweder mit Bildung einer Querfalte oder indem man die 
Haut mittels Daumen und Zeigefinger anspannt, oder, nach- 
dem man einen kleinen Einschnitt gemacht hat, erweitert man 
diesen auf der Hohlsonde nach oben und nach unten ; ist die 
Haut des Scrotum entartet , verwachsen oder übermässig aus- 
gedehnt und erschlafft, so macht man zwei halbmondförmige 
Schnitte, welche das Abzutragende ausschneiden. - Spritzen- 
de Gefässe werden sogleich unterbunden. — Der Hautschnitt 
auf der hinteren Fläche des Scrotum (Hyposcheotomia nach 
Aumont) vom Grunde desselben bis zum Bauchringe hat 
mehr Unbequemes als Vorteilhaftes , und würde nur bei a?;f 
der hinteren Fläche entarteter Haut angezeigt seyn, und dann 
die Ausschneidung mittels halbmondförmiger Schnitte erfor- 
dern. — 

II. Akt. Trennung desSaamenstranges. Man 
zieht ein wenig am kranken Hoden, um die Lage und den Um- 
lang des Saamenstranges dadurch zu erkennen, und macht zur 
Seite desselben vorsichtig einige flache Schnitte, hebt ihn 
dann mit dem linken Daumen und Zeigefinger auf und durch- 
sticht mittels des Bistouris oder Scalpells das an der hintern 
Seite des Saamenstranges noch festhaltende Zellgewebe. In 
diese Oeffnung führt man den linken Mittelfinger und trennt 
nun den Saamenstrang bis zu dem Orte , wo man ihn durch- 
schneiden oder unterbinden will. Man muss aber stets den 
Saamenstrang im Gesunden durchschneiden oder unterbinden 
daher kann es nothwendig werden , dass man den Leistencanal 
einschneiden muss(Le Dran, Dupuytren), wenn man 
den Saamenstrang nicht so weit hervorzuziehen im Stande ist, 
um im Gesunden operiren zu können (Desault, Dubois). 
Man legt den Leinwandstreifen um den Saamenstrang, lässt 
ihn hier von einem Gelaufen fixiren und ein wenig in die Hö- 
he heben , den andern , dem Hoden nähern , Theil fasst man 
selbst und schneidet 1" oberhalb der idiopathisch kranken 



Castratio. 243 

Stelle mit einem Bistouri den Saamenstrang unterhalb des 
Leinwandstreifens quer durch. Hierauf zieht man mit einer 
Pincette oder einem Haken die Art. spermatica hervor und un- 
terbindet oder torquirt sie ; eben so verfährt man mit der Ar- 
terie (?) des Vas deferens(A. Cooper) und andern spritzenden 
Gefässen, weil bei Unterlassung dieser letzteren Unterbindung 1 
eine sehr unangenehme und gefährliche Blutung eintreten 
kann. Zuweilen muss auch die Vena spermatica unterbunden 
werden. — Muss der Saamenstrang sehr hoch am Bauchringe 
durchschnitten werden oder sind die Gefässe desselben sehr 
erweitert und so zahlreich, dass eine isolirte Unterbindung 
sehr schwierig oder unmöglich seyn würde, so führt man vor 
der Durchschneidung um den vom Zellgewebe losgemachten 
Saamenstrang mittels einer Aneurysmanadel einen hinreichend 
starken, seidenen, runden Faden und knüpft diesen mit einem 
doppelten Knoten so fest als möglich zu. Hierzu kann man 
sich auch mit Vortheil eines Ligaturstäbchens von Rudtor- 
f e r oder v. G r ä f e bedienen. Die Ligatur muss £" oberhalb 
der zu durchschneidenden Stelle angelegt werden. Noth- 
schlingen oberhalb dieser Ligatur sind überflüssig. Die Un- 
terbindung nach der Durchschneidung des Saamenstranges 
(S ch re g er) ist weniger zweckmässig. — Statt des Umltsgens 
eines Leinwandstreifens lässt A. Cooper vor der Durch- 
schneidung, besonders wenn der Saamenstrang so weit gegen 
den Bauchring entartet ist, dass ihn der Gehülfe nicht fest 
halten kann , einen Haken oder eine Nadel mit einer Ligatur 
durch den Saamenstrang stechen , um das Zurückziehen des- 
selben zu verhindern. B. B eil, Sabatier,Chopart, Du- 
puytren, Chelius bedienen sich der Hülfsschlingen, wel- 
che man nach der Unterbindung wieder entfernt. — Geschieht 
die Durchschneidung nahe am Bauchringe oder glaubt man 
mehrere Saamenarterien unterbinden zu müssen 1 , so ist es auch 
zweckmässig den Saamenstrang schichtweise zu durchsehnei- 
den (C h. B eil), damit die durchschnittenen Arterien sogleich 
unterbunden werden können. — - Die Durchschneidung des 
Saamenstranges mittels einen glühenden Messers (Roger v. 
Parma) oder die Schnittfläche zu brennen (Guy de Chaii- 
liac) war ein rohes Verfahren im Mittelalter* Mit einer 
Scheere den Saamenstrang zu durchschneiden (Scultet, 
Heister) ist weniger zweckmässig. Le Blanc durch- 

16* 



244 Castratio. 

schnitt ihn schräg, enbiseau, um auf die Schnittfläche mit- 
tels Schwamm Compression zur Blutstillung' bequemer anwen- 
den zu können. Petit, Theden, Po ute au, Le Dran 
wendeten nach der Durchschneidung die Compression theils 
mittels Bourdonnets, Compressen und Binden , theils mittels 
der Finger gegen das Os pubis 24 Stunden lang an. — Eben 
so verrichtete man die Unterbindung und den Schnitt in zAvei 
Zeiten (Franco, Heister, Schmucker); man wickel- 
te den unterbundenen Hoden in eine Compresse und legte ihn 
auf ein Charpiekissen , oder über die Weiche zurückgeschla- 
gen, und schnitt ihn erst nach 24 — 48 Stunden, wenn die 
Gefahr der Blutung vorüber ist, ab. Ja, man unterband den 
Saamenstrang und überliess den von seinen Umgebungen gelö- 
sten Hoden der Selbstabsonderung (Acoluth, Schmu- 
cker, Richter), indem man die Ligatur täglich fester zu- 
schnürte. Runge drehte den Saamenstrang mit dem Hoden 
einigemal um seine Achse , legte ihn über die Schoosbeine zu- 
rück und liess ihn massig dagegen drücken ; erst wenn der 
Hode anfing abzusterben , trennte er ihn! 

III. Akt. Ausschälung des Hoden. Man zieht 
den kranken Hoden etwas an, indem ein Gehülfe den gesun- 
den Hoden und das Scrotuni seitwärts wendet, und löst durch 
vorsichtig geführte Schnitte den Hoden von seinen Umgebun- 
gen aus ; vorzüglich vermeidet man hierbei Verletzungen des 
Septum und der Harnröhre , in welche man bei Verwachsung 
des Hoden mit derselben einen weiblichen Catheter einführen 
kann. Alles Krankhafte entfernt man mit dem Messer und 
unterbindet jedes spritzende Gefäss. — 

Die Trennung des Hoden mit den Fingern ist nur bei lo- 
ckerer Verbindung statthaft. L i sf r an c löst den Hoden von 
unten nach oben. Heister und Benedict trennen erst 
den Hoden und den Saamenstrang von seinen Umgebungen, 
und durchschneiden und unterbinden ihn alsdann. — 

Verband und Nachbehan dlun g. Den Rückstand 
des Saamenstranges legt man der Länge nach in die Wunde, 
befestiget die Ligaturfäden , welche man auf 3 " Länge ab- 
schneidet, neben der Wunde auf der Haut, reiniget die Wun- 
de und bringt die Wundränder in gegenseitige Berührung, wor- 
in man sie nach völlig gestillter Blutung entweder durch ei- 
nige blutige Hefte, oder, wenn man Eiter- oder Blutansamra- 



Castratio. 245 

lung im Scrottim besorgt , durch Heftpflasterstreifen erhält. 
Eiterung zu beabsichtigen durch Ausstopfen der Wunde mit 
Charpie (Larrey) ist nicht rathsam. Ueber die Wund- 
ränder legt man Plumaceaux, Charpie, Compresse und hält 
Alles mit einer T-Binde fest. Man bringt hierauf den Kran- 
ken in eine horizontale Lage , damit der Saamenstrang nicht 
zu tief mit den Wandungeu des Leistencanals verwachse, wo- 
von man (Theden) Nervenzufälle entstehen sah , die eine 
peripherische Losfrennung desselben erforderten. Man hält 
den Kranken in den ersten Tagen kühl, lässt kalte Umschläge 
über die Wunde machen, und nimmt die blutigen Hefte nach 
5 — 8 Tagen weg. Die Diät sey leicht und kühlend ; der 
Stuhlgang werde durch Klystiere erhalten. 

B. Castration mit Hinwegnahme des Ho - 
d e n sackes. 

Zell er empfahl zuerst diese Methode. Ein Gehiilfe 
drückt den Saamenstrang fest gegen das Schoosbein an und 
zieht die Ruthe und die gesunde Seite des Scrotum seitwärts ; 
man ergreift nun die kranke Seite mit dem Hoden, zieht sie 
abwärts und schneidet mit einem gewöhnlichen Bistouri Scro- 
tum und Hoden in einem Zuge , welcher an der äusseren obe- 
ren Seite des Scrotum anfängt und dann, zwischen die beiden 
Hoden gelangt, in der Richtung der Raphe fortgeführt wird, 
ab. Die Blutung wird durch fortgesetztes Andrücken eines 
in kaltes Wasser getauchten Schwammes gestillt. Die Wun- 
de vereinigt man durch blutige Hefte. Diese Methode ver- 
dient keine Nachahmung. 

Kern änderte diese Methode dahin ab, dass er zuvor 
den Saamenstrang am Bauchringe biossiegte und total unter- 
band. 

R u s t verbesserte sie wesentlich nocli mehr dadurch, dass 
er zuvörderst einen Längenschnitt vom Bauchringe bis zum 
Grunde des Scrotum macht, die Geschwulst genau untersucht, 
den Saamenstrang von seinen Umgebungen löst und , nach 
Durchschneidung des Saamenstranges und Wegnahme des Ho- 
den sammt dem angrenzenden Theile des Hodensackes mit- 
telst eines kleinen Amputationsmessers, die Art. spermatica 
und übrigen arteriellen Gefässe einzeln unterbindet. Nur 
wenn es die (bereits erwähnten) Umstände nothwendig ma- 
chen , dass der ganze Saamenstrang unterbunden werde , ge- 



243 Castratio. 

Schicht dies vor der Durchschneidung desselben. Die Wunde 
wird blutig geheftet. 
C. Castration ra i t Z u r ii e k 1 a s s u n g des Hoden. 

Man legt den Saamenstrang durch einen Hautschnitt bloss, 
unterbindet und durchschneidet ihn, und ohne den Hoden von 
seinen Umgebungen zu lösen, vereinigt man die Wunde (D u- 
bois, Wein hold, Mannoir). Es entsteht Atrophie des 
Hoden und der Geschwulst. 

Eine Modifikation dieser Methode ist die Unterbindung 
der Art. spermatica nach v. Walt her. Nach dem Verlaufe 
des Saamenstranges macht man vom Bauchringe abwärts einen 
Hautschnitt von 14-" Länge, legt die Scheidenhaut des Saa- 
menstranges bloss und trennt die Arterie oder ihre verschie- 
denen Zweige von dem Saarnenstrange, und unterbindet sie 
mittelst eines Fadens und einer Aneurysmanadel. Unterhalb 
der Ligatur kann man sie durchschneiden und nochmals an ih- 
rem Lumen einzeln unterbinden (v. W a 1 1 h e r , Maunoir). 
Der Erfolg soll bisweilen zweifelhaft seyn (v. Gräfe, Co- 
s ter). 

Scirrhöse Hoden bei Testiconden legt man durch einen 
Einschnitt über den Bauchring weg bloss, zieht den Hoden 
hervor, unterbindet den ganzen Saamenstrang und exstirpirt 
den Hoden. Verbindungen eines krankhaften Zustandes 
der Hoden mit Wasser- und Darm- oder Netzbrüchen erfor- 
dern bei ersterem vor der Castration die Operation des Was- 
serbruches durch Function oder Incision ; bei einem bewegli- 
chen Bruche macht man zuvor die Reposition desselben ; bei 
einem verwachsenen Bruche löse man den Bruchsack vom Saa- 
rnenstrange, den Darm selbst, wenn dieser damit verwachsen 
ist, lasse man unberührt ; wohl aber trenne man mit dem Saa- 
rnenstrange verwachsenes Netz. — Ist der Saamenstrang ent- 
schlüpft und kann man ihn weder durch Haken oder Pincette 
noch durch Einschneiden der vordern Wand des Leistencanals 
wieder hervorziehen , so lässt man bei fortwährender Blutung 
kalte Umschläge auf den Unterleib machen. Andere Nach- 
blutungen hebt man durch Unterbindung der- blutenden Ge- 
fässe, oder, wenn sie parenchymatös ist, entweder durch 
Ausschneiden einer kranken Stelle oder durch Compression 
oder Styptica. — Entzündung nach der Operation erfordert 
ein dem Grade derselben angemessenes antiphlogistisches 



Castratio — Cataplasma. 247 

Verfahren. — Nervenzufalle, Trismus, Tetanus sind zuweilen 
Aon der zu lockeren totalen Unterbindung des Saamenstran- 
ges entstanden, daher muss dieser so fest als möglich zu- 
sammengeschnürt werden; zuweilen entstanden sie durch 
Spannung und Zerrung des Saamenstranges nach Verwach- 
sung desselben mit dem Leistencanale, wogegen Trennung. 
Literatur. Heister, Diss. de Sarcocele. Helmstad. 1751. — 
Marschall, von der Castration. Sulzb. 1791. — B. Bell, Ab- 
handlung v. Wasserbruch, Fleischbruch u. s. w. Aus dem Engl. 
Leipz. 1705. — Dietz, Diss. quaedam de raeth. castr. inst. opt. 
Jen. 1800. — C. C. v. Siebold, Prakt. Beobactit. über die Ca- 
stration. Frankf. 1802. — Zeller's Abhandl über d. erste Er- 
schein, ven. Localkrankh. sammt Anz. zweier neuer Operations- 
meth. u. s. w. Wien 1810. — Wein hold in Hufel. und Himl. 
Journ. VI1T. i. 1812. — Lawrence in Med. chirurg. transact. 
Vol. VI. p. 188. — Breiting, Diss. de testiculo per annul. 
abd. in canal. perit. retropr. etc. Landish. 1814. — Ph. v. Wal- 
ther, Neue Heilart des Kropfes. Sulzb. 1817. S. 40. — Rust, 
Magazin. Bd. Vi. 2. S. 209. und Bd. VII. 1. S. 59. — Spei er, 
De castratione. Berol. 1820. — Maunoir, Nouvelle meth. de 
traiter le Sarcocele sans l'exstirpat. de test. Geneve 1820. — 
Seh off, Diss. de castratione. Berol. 1830. — A. Cooper, die 
Bildung und Krankheiten des Hoden , Beobachtungen u. s. w. 
Weimar 1832. }jr m 

CATAPLASMA (xaxcmle'caoio, ich lege einen Brei auf), 
s. ßlalagma , s. Epithema , Breiumschlag, ist diejenige 
Form von Arzneimitteln , welche die Consistenz eines Breies 
haben und äusserlich kalt oder warm aufgelegt werden. Man 
nimmt gewöhnlich trockne, gepulverte oder zerschnittene 
Substanzen zur Basis eines Breiumschlages , welche entweder 
mit einer heissen Flüssigkeit zur Consistenz eines Breies ge- 
mischt werden , oder welche man darin kocht — gekochter 
Breiumschlag, Cataplasma coctum, — ; mischt man 
diese Ingredienzien mit einer Flüssigkeit ohne Kochen zu 
einem Brei, so nennt man dies einen rohen Breium- 
schlag, Cataplasma crudum, und wenn dieser Brei eine 
etwas stärkere Consistenz hat, Teig, Pasta. — Die Sub- 
stanzen, welche man zu einem Umschlage nimmt, müssen 
von der Beschaffenheit seyn , dass sie mit einer Flüssigkeit zu 
einer breiartigen Masse gemacht werden können ; daher müs- 
sen dergleichen Stoffe, z.B. Wurzeln, Kräuter, Saamen in s.w. 
fein zerschnitten, grob gepulvert oder zerrieben, zerquetscht 
u. s. w. werden. Solchen Substanzen , welche für sich nicht 



248 Cataplasraa. 

zur Breiform geeignet sind, setzt man Brot- oder Semmel- 
krume,MehI, Leinsaamenmehl und dergl. zu. Stoffe, wel- 
che durch Kochen ilire Wirkung verlieren, z. B. Wein, Cam- 
pher, Spiritus, Ammonium u. s. w. setzt man zu den Um- 
schlägen erst hinzu , wenn sie gebraucht werden sollen. Der 
Breiumschlag darf weder zu fest und hart, noch zu weich und 
flüssig seyn. Die Art und Weise sie aufzulegen ist verschie- 
den, je nachdem der Brei entweder unmittelbar auf den kran- 
ken Theil gebracht werden soll, oder zwischen Leinwand 
oder Tücher geschlagen. Die Grösse des Breiumschlages 
richtet sich nach dem Umfange des kranken Theiles, in der 
Regel muss der Umschlag denselben nicht allein völlig be- 
decken, sondern sogar darüber hinausreichen. Die Masse 
des Breies muss auch so gross seyn , dass sie sowohl die 
Feuchtigkeit als auch die Temperatur hinreichend lange in 
sich erhält; man darf ihn aber auch nicht durch seine Schwere 
belästigen. Bei warmen Umschlägen ist der Grad der Tem- 
peratur hauptsächlich zu berücksichtigen, dieser darf die 
Blutwärme um wenige Grade übersteigen , und nur so warm 
seyn, dass man ihn auf dem Handrücken ertragen kann. Ist 
der aufgelegte Umsehlag 'kühl geworden , so nimmt man ihn 
ab, jedoch nicht früher (wenn nämlich die Anwendung der- 
selben keine Abänderung erleidet) , als bis ein neuer Um- 
schlag gemacht worden ist , welcher sogleich aufgelegt wer- 
den kann. War der Umschlag nicht zwischen Leinwand ge- 
schlagen, so müssen die im Umkreise anklebenden Theile je- 
desmal mit warmen Wasser abgewaschen werden. Manche 
Umschläge , deren Heilkraft nicht durch einmaligen Gebrauch 
verlorengeht, können mehrere Male benutzt werden. Um 
einen warmen Umschlag länger warm zu erhalten, kann man ein 
Stück Wachstuch über denselben legen. Wenn man den LTm- 
schlag abnimmt, so trockne man den Theil mit einem war- 
men Tuche ab und lege ein Stück Flanell oder ein warmes 
trocknes Tuch über, wenn der Umschlag nicht wieder er- 
neuert werden soll. — Man kann die Umschläge nach ihrer 
Wirkung oder nach den in ihnen enthaltenen Arzneistoffen 
eintheilen ; daher hat man erweichende Umschläge, C emol- 
lientia , zeitigende, C. maturantia, schmerzstillende, C. 
tmodyua s, sopientia, reizende, (7. acrla s. irritaiitia 
u. s. w. 



Cataplasma — Cataracta. 



249 



ly. Ammon. munatic. cont. oi. 
Opii puri crud. ^ß. 
Crustae panis sec. cont. 51V. 
M. S. Mit schwachem Essig zu 
einem Brei zu machen und 
zwischen Leinwand auf die 
Stirn zu legen. Cataplasma 
anodynum. Vogler. 

ly. Farin. secal. §i. 

Mellis despum. q. s. ut f. 
^cataplasma S. 
Auf Leinwand dick gestrichen auf 

den kranken Theil zu legen. 
Furunkel und oberflächliche Ab- 

scesse zu zeitigen. 
Iy. Herb, conü macul. 

hyoseyam. Ta. sß. 
Flor, chammomill. 
Sambuc. ü 5L 
jiß. 
Mit kochendem 
Umschlage ein- 



Pulv. boli armen, 
rad. ratanh. 



aa o' 



Farin. sem. lini 
M. f. pulv. S. 
Wasser zum 
gerührt. 
Erweichender, zeitigender und 
schmerzstillender Umschlag. 

Carus. 



Aceti rosati q. s. ut f. epi- 
thema. S. 
Auf die Stirn zu legen bei star- 
kem Nasenbluten. Brera. 

B/. Fol. althaeae 5Ü. 
hyoseyami gi. 
M. ruditer pulverata concoquan- 

tur in lacte S. 
Zur Consistenz eines Umschlages 
Semmelkrume zuzusetzen und 
warm aufzulegen. 

J. A. Schmidt. 
Iy. Farin ae tritic. 

Spumae cerevis. aa §viii. 
M. leni calore f. catapl. S. Warm 
aufzulegen. 

Fäulnisswidriger Umschlag 
gegen unreine, faulige Geschwüre. 



Iy. Ammon. muriat. pulv. 
Sapon. venet. 
Herb, hyoseyam. 1i gß. 
Farin. sem. lini 51$. 
Aq. ferv. q. s. ut f. catapl. S. 
Breiumschlag bei Milchsto- 
ckungen in den Brüsten. Tode. 
Noch verdienen die Umschläge von Moorerde erwähnt zu 
werden , welche man in neuerer Zeit während oder nach ei- 
nem Bade Stunden lang auf den kranken Theil anwendet. 

W. 
CATARACTA, Suffusio oculi, \Gutta opaca, 
Hypochyma, Hypochysis {vnoyko ich trübe), der 
graue Staar. Bezeichnet Trübung der Krystalllinse des 
Auges, oder ihrer Kapsel, oder der Morgagni'schen Feuchtigkeit 
einzeln oder aller drei gleichzeitig. Sie macht sich kenntlich 
durch Undurchsichtigkeit der genannten Theile, und ergreift 
sie entweder ganz (C totalis, p e rfe eta) oder nur theil- 
weise (JJ. p art ialis, imperfecta} und verhindert dem 
zu Folge das Eindringen der Lichtstrahlen bald mehr bald 
minder, doch ist das Sehvermögen nur höchst selten so be- 
trächtlich gestört, dass die Wahrnehmung des Lichts dadurch 
gänzlich auigehoben würde , obwohl auch Fälle gänzlicher Er- 



2i)0 Cataracta, 

blindung vorkommen. Am geringsten ist das Sehvermögen 
bei Sonnenschein oder anderer starker Beleuchtung , während 
bei schwacher, wo die Pupille sich erweitert, und also neben 
der Linse und Kapsel oder durch die nicht verdunkelten Rän- 
der derselben einige Lichtstrahlen einfallen können, das Ge- 
sicht etwas besser ist/ daher in der Dämmerung oder wenn 
man die Kranken vom Lichte abwendet, oder auch wenn man 
die Pupille durch Anwendung von Arzneimitteln erweitert. — 
Die Personen , welche vom grauen Staare ergriffen werden, 
klagen zunächst über eine Abnahme des Gesichts, indem die 
Gegenstände, besonders entfernte, in einen weissen Nebel 
gehüllt zu seyn scheinen, dessen Dichtheit mit der Grösse und 
Stärke der Trübung im Verhältnisse steht , daher das Sehver- 
mögen bei zunehmender Trübung immer mehr abnimmt, aber 
auch bei eintretendem Stillestande derselben sich nicht weiter 
verschlechtert. — Oft wird durch die Trübung der Linse die 
Strahlenbrechung verändert, die Gegenstände bekommen an- 
dere Farben, als ihnen eigen sind, oder farbige Einfassungen, 
besonders die Flamme des Lichts. — Nicht selten ist auch 
Mückensehen damit verbunden. — Die Iris ist, zufällige Com- 
plicationen abgerechnet , unverändert, zeigt aber wegen des 
weissen oder grauen undurchsichtigen Hintergrundes ihren 
inneren Rand deutlicher als im gesunden Auge, so dass er ei- 
nen schwarzen fein gekerbten Saum zu bilden scheint. Beer 
hielt ihn für einen auf die Linse geworfenen Schlagschatten, 
und betrachtete ihn als ein characteristisches Kennzeichen des 
Linsenstaares ; man findet ihn aber eben so häufig bei Kapsel- 
staar, und zwar um so deutlicher, je grösser der Staar ist und 
vielleicht auf die Uvea drückt. — Convexe Gläser erleichtern 
das Sehen. — Bisweilen schreitet die Trübung nur langsam 
vor, so dass sie oft bis ins hohe Alter nicht vollständig wird, 
während sie andere Male mit grosser Schnelligkeit um sich 
greift und in wenig Wochen allgemein wird , ja nach Verwun- 
dungen genügen oft wenig Stunden zur Erzeugung eines allge- 
meinen grauen Staares. — Das Uebel befällt in der Regel beide 
Augen , das eine jedoch gewöhnlich eher als das andere , so 
dass das eine meistens noch nicht ganz erblindet ist, wenn 
bereits in dem andern der Anfang der Trübung bemerkt wird. 
Giebt Verwundung zum Staare Veranlassung, so hat man spä- 
teres sympathisches Erblinden des andern Auges nicht zu 



Cataracta. 251 

fürchten , dagegen glaube ich nacli mehrfältiger Erfahrung an- 
nehmen zu dürfen , dass Zerstörung des Staares in einem Au- 
ge die fernere Ausbildung der Trübung im andern verzögert 
oder selbst zur Rückbildung bringt, was ich der durch Sympa- 
thie mit dem operirten Auge verstärkten Aufsaugungsthätigkeit 
im nicht operirten Auge zuschreiben möchte. Andere Schrift- 
steller sind jedoch hinsichtlich der Wirkung der Operation 
auf das nicht operirteAuge entgegengesetzter Meinung, oder 
glauben doch, z.B. C.Jäger (Fragm. de extr. cat.p. 10.), dass 
die Ausbildimg auf dem andern Auge dadurch nicht gehemmt 
werde. — Der graue Staar kommt bei beiden Geschlechtern 
und in jedem Lebensalter vor, in dem höheren jedoch häu- 
figer als ia dem früheren , bei lichten Augen häufiger als bei 
dunkeln. — Ohne Hülfe der Kunst verschwindet er nur in 
seltenen Fällen, nämlich 1 ) wenn blos ein leichtes ent- 
zündliches Leiden die Trübung bedingt; 2) wenn die Aufsau- 
gungskraft und der Stoffwechsel sehr stark sind , wie es im 
ersten Kindesalter der Fall ist, wo wenigstens die Linse häufig 
aufgesogen wird und nur die zusammengeschrumpfte trübe Kap- 
sel zurückbleibt ; doch führt Warnatz (v. A m m o n Journ. 
5. 51.) den Fall eines erwachsenen Gichtischen an, wo bei 
gänzlich veränderter Lebensart im Verlaufe eines Jahres die 
freiwillige Aufsaugung eines weichen Kapsellinsenstaares er- 
folgte, also wohl nur durch Beseitigung der ihn hervorrufen- 
den Cachexie und Erstarkung der Aufsaugungsthätigkeit und 
des Bestrebens des Körpers sich in seine Integrität zu setzen. 
Hierbei bleibt besonders die Aufhellung der Kapseltrübung 
bemerkenswerth , die nach langem Bestehen, wenn die ent- 
zündliche Thätigkeit bereits geschwunden ist, wohl kaum 
zu erwarten steht; 3) wenn durch eine Verletzung die 
Kapsel so geöffnet, und vielleicht auch die Linse so durch- 
schnitten wurde, dass Aufsaugung erfolgen konnte; 4) wenn 
sich der Staar von seinen Verbindungen mit dem Sfcrahlen- 
blättchen und der tellerförmigen Grube trennt, und im Auge 
zu Boden sinkt. Dies erfolgt entweder ganz von freien Stü- 
cken , wenn der Staar eine beträchtliche Grösse erlangt, und 
kommt bei Pferden oft, bei Menschen selten vor; oder durch 
Erschütterung, Convulsionen u. s. w. und dann auch bei klei- 
nen harten Staaren ; oder ganz ohne bekannte Veranlassung, 
wovon unter andern Fischer (Klin. Unterr. u. s s w. S. 38) 



252 Cataracta. 

ein Beispiel erzählt. — Lange vorhandene allgemeine Cata- 
racte erzeugt bisweilen höhere oder niedere Grade von Amau- 
rose in Folge anhaltender Entziehung des für die Nervenhaut 
nöthigen Lichtreizes. 

Die Trübung bietet in Bezug auf Entstehimgszeit > Farbe^ 
Glanz, Sitz, Vertheilung manmchfäche Verschiedenheiten 
dar, und man hat demnach so wie nach dem Zusammenhalte, 
der Grösse und Anheftung der getrübten Theile den Staar in 
mehrere Arten getheilt, die in Bezug auf Behandlung man- 
nichfache Berücksichtigungen erheischen. 

A. Hinsichtlich der Entstehimgszeit ist der graue 
Staar entweder an gebor en , €. congenita, oder erwor- 
ben, C. acquisita (s. d. Ursachen). 

B. Die Farbe und der Glanz werden sehr raanniehfach 
gefunden und dienen als wichtige Unterscheidungsmittel des 
Zusammenhaltes des Staares und des Sitzes der Trübung. 
Die gewöhnlichsten Farben sind ein bläuliches durchschim- 
merndes Weissgrau mit zarter Streifung und Atlasglanz, ein 
gelbliches Weiss mit dem Glänze des Marienglases oder der 
Perlmutter, mattes Kreideweiss, Gelblich, Braungelb, Braun, 
selten Röthlich, Grünlich oder Schwarz mit oder ohne Glanz. 

C. Nach dem Sitze theilt man den Staar a)inLi.n- 
senstaar, €. lenticularis, welcher in der Krystalllinse, 
b) in Kapselstaar, (]. capsularis (Richter, Beck 
und Andere nennen ihn auch Cat. membranacea , was je- 
doch vermieden werden sollte, da B e er einen andern Begriff 
damit verband) , welcher in der Kapsel, c) in Kapsellin- 
senstaar, C capsulo - lenticularis , welcher in Kapsel 
lind Linse zugleich seinen Sitz hat. Endlich beschreiben 
Einige noch den Morgagni'schen Staar, C. Morya- 
gniana s. interstitialis , welcher in Trübung der Morgagni- 
schen Feuchtigkeit seinen Grund haben soll, aber eben so 
zweifelhalt ist als das normale Vorhandensein der Morgagni- 
schen Feuchtigkeit selbst. Er soll sich durch schnelles Ent- 
stehen nach Einwirkung chemisch reizender Flüssigkeiten, so 
wie durch ein wolkiges Anseilen zu erkennen geben. Die- 
trich (Ueber Verwundung der Linse) konnte weder durch 
Anwendung von Naphthen noch von Säuren diesen Staar her- 
vorbringen, und es ist überhaupt nicht wohl begreiflich, selbst 
wenn es möglich wäre, wie durch eine solche äussere Ein- 



Cataracta. 253 

Wirkung die Morgagni'sche Feuchtigkeit getrübt , die Kapsel 
aber durchsichtig bleiben könne. Ich kann ihn nur für ei- 
nen an der Oberfläche der Linse sich ausbildenden weichen Staar 
halten , und es stimmen auch alle Beobachtungen darin über- 
ein, dass auf Morgagni'schen Staar bald Linsenstaar folgt; nur 
ein von Wer neck mitgetheilter Fall(Claru s und Radius 
Wo eh. Btrg. 3. 70 ) scheint dem zu widersprechen. — Der 
Linsenstaar wird daran erkannt, dass die Trübung die 
Gegend der Linse einnimmt, matt oder seidenglänzend ist, 
gewöhnlich eine bläulich -weisse, gelbliche, bräunliche, sel- 
ten eine röthliche , grünliche oder schwarze Färbung zeigt, 
die meistens vom Mittelpunkte der Linse ausgeht, und da am 
stärksten ist; selten nimmt sie vom Umfange der Linse ihren 
Anfang und zeigt sich dann blätterig, wie einzelne eingescho- 
bene Splitter von Fraueneis. Nach Werneck's zahlreichen 
Beobachtungen kommt letztere Bildung vorzüglich bei gichti- 
schen Personen vor , wovon ich theils bei ihm, theils ander- 
weit einige bestätigende Beispiele gesellen habe. Häufig fin- 
det man Linsenstaar ohne gleichzeitigen Kapselstaar, was 
dadurch erklärlich wird , dass die Absonderungsthätigkeit 
der die Linse ernährenden Kapsel verändert seyn kann, 
ohne dass die letztere sich dabei trübt. — Der Kapsel- 
staar befällt gewöhnlich die vordere Kapselwand und wird 
dann vorderer Kapselstaar genannt, C capsularis ante- 
rior» Er zeichnet sich durch seine oberflächliche Lage, 
kreideweisse Farbe mit Perlmutterglanz aus, ferner durch 
seine unregelmässige nicht gleichmässig schraffirte oder glim- 
merblätterartige Yertheilung der Trübung, die selten im Mit- 
telpunkte, gewöhnlich ausserhalb desselben oder gar an dem 
Umfange ihren Anfang nimmt, hier und da dunklere Flecke 
und Streifen zeigt. Einige behaupten, die Bewegung der Iris 
werde durch Kapselstaar mehr als durch Linsenstaar be- 
schränkt; diess ist aber, Verwachsungen abgerechnet, nur 
bei allgemeinem mit Verdickung verbundenem Kapselstaare der 
Fall, und kommt bei grossem Linsenstaare nicht minder vor. 
Allgemeiner Kapselstaar bedingt ein sehr schlechtes Gesicht, 
und ist wohl stets mit Linsenstaar verbunden. Ist die hintere 
Kapselwand allein ergriffen , C, capsularis posterior , was 
selten vorkommt, so bemerkt man die Trübung tiefer im Auge, 
sie ist schüsseiförmig, zeigt keine kreideweissen Flecke und 



254 Cataracta. 

Striche, gestattet noch ein ziemlich gutes Gesicht, zieht aber, 
wie schon Beer angicbt, die Linse stets mit in den Kreis 
der Trübung , ehe sich die ganze hintere Wand verdunkelt. 
Am öftersten scheint noch eine centrale Trübung der hinteren 
Kapselwand selbstständig vorzukommen. — Kapsel lin- 
senstaar bietet die Kennzeichen der beiden vorerwähnten 
Arten vereinigt dar, ist gemeiniglich, wenn er allgemein ist, 
wegen seiner Grösse stark nach vorn gewölbt , drückt dann die 
Iris nach vorn und hindert ihre Beweglichkeit. 

Die V e r t h e i 1 n n g der Trübung hat zu mehrfachen 
Benennungen Anlass gegeben. Beim Linsen staare be- 
merkt man in dieser Beziehung vornehmlich folgende Unter- 
schiede. Am gewöhnlichsten fängt die Trübung im Mittel- 
punkte an und bleibt auf ihn kürzere oder auch längere Zeit 
beschränkt, was man besonders bei alten Personen findet 
(€. lentic. centralis)* diese erkennen dann die Gegenstände 
besser, wenn man sie seitlich vor die Augen hält; in selte- 
nern Fällen bildet sie sich am Umfange der Linse aus (jßl 
lent. peripherica?) ; ferner findet man, dass die Trübung der 
Linse bald in ihrer hinteren Hälfte , bald in ihrer vordem den 
ursprünglichen, vielleicht bleibenden Sitz aufschlägt was man 
mit dem Namen von C lentis antica und postica belegen 
könnte. Die Trübung in der hinteren Linsenhälfte macht 
sich theils durch ihre tiefere Lage , theils dadurch kenntlich, 
dass sie ein dem Marienglase ähnliches blättriges Gefüge zeigt. 
Ist die ganze Linse getrübt, so hat man den vollkomme- 
nen Linsenstaar, Cat. lent. perfecta. Der Kapselstaar bie- 
tet in dieser Hinsicht mehr Mannichfaltigkeit dar. So wie beim 
Linsenstaare häufig findet man hier selten die Trübung in der 
Mitte, C caps. centralis, und bisweilen eine so beträchtliche 
Lymphablagerung an dieser Stelle, dass man eine pyramiden- 
oder kegelförmige Erhabenheit bemerkt, Pyramiden s taar, 
C pyramidalis. Andre Male kommt die Trübung im Umkreise, 
Cat. caps. peripherica, am häufigsten auf der Fläche der 
Kapsel unregelmässig vertheilt vor. Zeigen sich auf lichte- 
rem Grunde undurchsichtige Punkte, so giebt diess die C* 
caps. punctata, den punktirten Kapselstaar; sind es 
unregelmässig verwachsene Flecke, so hat man den mar* 
morirten Staar, (n caps. marmotata; sind dagegen im* 



Cataracta. 255 

durchsichtigere sich kreuzende Streifen vorhanden , so erhält 
man den Fensterstaar, C. caps. fcnestrata ; gehen 
von dem Umkreise der Kapsel nach dem Mittelpunkte dunk- 
lere Streifen, so giebt dies den Sternstaar, C. caps, 
stellata; bisweilen bemerkt man in der getrübten Kapsel 
haarfeine schwarze baumförmig, seltener unregelmässig 
sternförmig verbreitete Linien, welche durch aufgetriebene 
und erfüllte Gefässe der Kapsel hervorgebracht zu seyn schei- 
nen, welche Art des Staars von Einigen auch C. caps. stellata 
oder dendritica genannt worden ist, jedoch mit Unrecht, 
da diese Namen schon zur Bezeichung anderer Erscheinungen 
vergeben waren. Ist auf der getrübten Kapsel ein schmaler 
dickerer und dunklerer Streifen, der entweder von oben 
nach unten, oder quer über die Kapsel geht, vorhanden, so 
erhält man den Balkenstaar, C. trabccularis s. cum. 
Zoua. Meistens ist dieser Balken mit der Uvea verwachsen, 
daher die meisten Schriftsteller diese Verwachsung als ein 
wesentliches Symptom des Balkenstaares betrachten. Ist 
nur die eine Hälfte der Kapsel verdunkelt, so giebt dies den 
Halbstaar, die C. caps. dimidiata. Vollkommenen 
Kapselstaar, C caps. perfecta, nennt man den, wo die ganze 
Kapsel verdunkelt ist , in welchem Falle der Staar gewöhn- 
lich gross ist, an die Uvea drückt und Unbeweglichkeit der 
Iris bedingt. Nicht zu vergessen ist, dass bei irgend be- 
trächtlicher Trübung der Kapsel die von ihr abhängige Linse 
nicht ungetrübt bleiben kann. — Beim Kapseil insen- 
s t a a r e sind , falls die Kapsel nicht zu stark getrübt ist , die 
Eigentümlichkeiten der bereits oben angeführten Linsentrü- 
bung deutlich durch die Kapsel hindurch zu bemerken, wie 
man denn z. B. öfters einen gelblichen oder bräunlichen Lin- 
senstaar bei gleichzeitig vorhandenem kreide- oder perlmutter- 
weissen punktirten oder sternartigen Kapselstaare gewahrt, 
oder einen blaulichweissen seidenglänzenden allgemeinen 
Linsenstaar neben einer kreideweissen matten centralen Trü- 
bung der Kapsel. 

Dem Zusammenhalte oder der Consistenz nach un- 
terscheidet man in Bezug auf die Linse den harten, C. L 
dura, den weichen oder käsigen, C. I. mollis seu caseosa, 
s. gelathwsa s. scabrosa und den flüssigen oder M il c h » 



256 Cataracta. 

s, 

staar, C. flu/da s. lactca, den halbfl üssigen, C. I. 
semifluida. Der Kapselstaar ist entweder w e i c h, C, Caps, 
mollis, oder h a r t, C. Caps, dura , oder lederartig C. 
caps. coriacea. Die Härte der getrübten Linse bietet 
sehr verschiedene Grade dar, so dass man den Staar entwe- 
der mit einiger Kraft zerdrücken kann , oder dass man selbst 
mit schneidenden Instrumenten ihn zu theilen nicht leicht im 
Stande ist, da er stein- oder knochenhart ist, auf den Fuss- 
boden fallend ein deutliches Geräusch giebt. Im Auge giebt 
sich der harte Linsenstaar durch Kleinheit und gelbliche, 
bräunliche selbst bis ins Röthliche ziehende oder schwarze 
Farbe zu erkennen , durch verhältnissmässig weite Entfer- 
nung von der Pupille und freie Bewegung der letzteren, wenn 
nicht andere Gründe dies hindern ; auch dient das Alter der 
Leidenden hier zur Befestigung der Diagnose, da die Staare 
bejahrter Personen in der Hegel hart sind. Der weiche 
Linsenstaar bietet nicht minder verschiedene Grade des 
Zusammenhaltes dar, ist käsig, sulzig und bildet den Ueber- 
gang von dem harten zu dem flüssigen. In der Begel ist die 
Linse dabei angeschwollen , gross, und hat eine lichte Fär- 
bung. Der flüssige Staar ist derjenige, wo in der ge- 
trübten Kapsel eine mehr oder minder dünne weisse, mil- 
chige Flüssigkeit enthalten ist, deren Schwappung bei den 
Bewegungen des Auges oft deutlich bemerkt werden kann. 
Der angeborene Staar gehört gewöhnlich zu dieser Art. Bis- 
weilen findet man die Flüssigkeit gelb , und dies gab zu der 
Ansicht Veranlassung, sie für Eiter zu halten, man nannte 
dann den Staar Eiterstaar, C. I. purulcnta. Eine sehr sel- 
tene Art des Staares ist die von Beer sogenannte C. caps. 
lent. cum, bursa ichorem continentc , Kapsellinsen- 
staar mit dem Eiterbalge. Er spricht sich nach ihm 
aus durch eine etwas citrongelbe, aber doch dunkle Farbe, 
durch sehr träge Bewegung der Regenbogenhaut, durch den 
leicht bemerklichen Mangel der hintern Augenkammer und 
die geringe Wölbung der Iris, durch sehr Mudeutliche Licht- 
wahrnehmung und endlich durch einen offenbar schwächli- 
chen, so zu sagen mehr cachectischen Habitus des ganzen In- 
dividuum. Der Eiterbeutel enthält oft eine sehr stinkende 
Jauche, weshalb Schiferli diesen Staar €. putriaa nennt, 



Cataracta» 257 

i 
und ist gewöhnlich zwischen der Linse nnd hinteren Kapsel- 
wand gelegen. Wer neck ist der wahrscheinlich richtigen 
Ueberzeugimg, dass dieser Staar streng genommen nichts an- 
deres als eine an der hintern Kapselwand sitzende Eiterpu- 
stel sey. Was in diesen Fällen der Linse an Zusammenhalt 
fehlt, hat bisweilen die Kapsel gewonnen» Oft trifft man die 
verschiedenen Härtegrade an einem Staare vereinigt $ indem 
die Mitte desselben hart , der Umkreis aber weich ist und die 
entsprechenden Kennzeichen darbietet, seltener findet man 
einen harten übrig gebliebenen Kern in der übrigens aufge- 
lösten Masse der Linse, C» l» fluida cum, nucleo. Die Ka- 
psel ist in den meisten Fällen leicht zerreissbar, in anderen 
aber zähe, lederartig, ja sogar hart, was sich wiederum bald 
nur auf einzelne Theile derselben erstreckt, z* B. beim Bal- 
kenstaare, bald über die ganze Kapsel, wie gewöhnlich bei dem 
sogenannten trockenhülsigen Staare, C. arida sillquatcL 

Die Grösse des Staares ist ebenfalls bedeutenden Ver- 
schiedenheiten unterworfen. Die Abweichungen in dieser 
Rücksicht beziehen sich aber vornehmlich auf die Linse, ob- 
wohl auch eine stark verdickte Kapsel einen grösseren Raum 
erfüllt als eine wenig verdickte. Oft hat die getrübte Linse 
ihre Grösse nicht merklich verändert, andere Male ist sie 
grösser als gewöhnlich, aufgeschwollen, was fast stets bei 
weichem Staare der Fall ist, daher oft bei jugendlichen Indi- 
viduen vorkommt. Die Farbe der grossen Staare ist gewöhn- 
lich weiss in verschiedenen Abstufungen^ oder graulich. Nicht 
selten drängen sie die Iris so nach vorne, dass sie sich gegen 
die Hornhaut hin wölbt und unbeweglich wird j auch Erwei- 
terungen, ja selbst Verziehungen der Pupille zeigt* Biswei- 
len ist die verdunkelte Linse kleiner als im normalen Zustan- 
de , was theils durch die Färbung sich verräth , die dann mei- 
stens gelblich , bernsteinfarbig, bräunlich, röthlich , sich fin- 
det, theils durch das hohe Alter des Individuum, das am Staare 
leidet. Die Iris ist in ihren Bewegungen , falls nicht Ver- 
wachsungen oder andere Gründe des Gegentheils vorhanden 
sind , völlig frei. 

Die Anheftung des Staares ist meistenteils die norma- 
le der Kapsel an dem Strahlenblättchen und der tellerförmigen 
Grube , es kommen aber auch Abtrennungen von diesen Thei- 
len vor, theils durch äussere Gewalt, theils durch Convulsio- 
Handwürterb. d, Ch. IL \J 



258 Cataracta. 

nen , wie Einige beobaclitet haben wollen , thells durch hef- 
tigen Keuchhusten, wie Wt igh t (Am. med. record. 13. 403.) 
einmal bemerkte, theils durch Grösse des Staares, wodurch 
die Spannung der Kapsel so beträchtlich wird , dass Lostren- 
nung von der Ciliarzone erfolgt, bisweilen durch völlig unbe- 
kannte Ursachen. Der Staar zeigt dann entweder eine zit- 
ternde Bewegung, Zitterstaar, C. trem/iila, oder erlegt 
sich schief in die Pupille , erweitert sie und macht sie trag 
oder völlig unbeweglich , oder er tritt auch durch die Pupille 
in die vordere Augenkammer, vorgefallener Staar, 
C prolapsa, Ist die Beweglichkeit sehr beträchtlich , wie 
dies bei gleichzeitig vorhandener Synchysis vorkommt, so 
pflegt man ihn schwimmenden Staar, C. nätatilis , zu 
nennen. Staar, der von seinen normalen Verbindungen ge- 
trennt, gleichzeitig eine flüssige Linse zeigt, wird Balg- 
st a a r, (7. vystica, genannt. Ist die Linse bis auf einen klei- 
nen Kern aufgesaugt , und die von ihren Verbindungen gröss- 
tentheils oder ganz abgetrennte Kapsel über ihr zusammen 
geschrumpft, so erhält man die schon oben ei-wähnle C. arida 
siliquata B e e r's , die gemeinlich sehr zähe ist. — Abnorme 
Anheftungen s. u. hei den Complicationen. 

Alle die bisher beschriebenen Arten des Staares pflegt 
man ächte oder wahre Staar e, (7. verae, zu nennen, weil 
sie in der Linse oder Kapsel selbst ihren Sitz haben, und 
streng genommen verdienen sie allein den Namen des grauen 
Staares oder der Cataracta. Von langer Zeit her ist es jedoch 
üblich geworden einige hinter der Pupille auf der Linsenka- 
psel Platz nehmende Aftererzeugnisse, die gleich derächten 
Kapsel - oder Linsentrübung den Durchgang der Lichtstrahlen 
hindern, mit dem Namen von f a 1 s ch e m S t a a r, C. spnria, 
zu bezeichnen. Von diesem hat man 4 Arten zu unterschei- 
den: 1) fj. spuria lytnphatica, den Lymph staar. Er ist 
der gewöhnlichste und wird durch Absetzung gerinnbarer 
meist weisser Lymphe auf der Kapsel gebildet, wie diess nach 
chronischen Augenentzündungen oft vorkommt. Das Gesicht 
ist bei diesem Staare bald mehr bald minder beschränkt , je 
nachdem der Erguss mehr oder minder verbreitet ist. Die 
übrige Kapsel ist oft gleichzeitig getrübt, oft aberfindet sie 
sich auch an den nicht von der Lymphe bedeckten Stellen hell 
und ungetrübt. Nicht selten bildet das Exsudat eine falsche 



Cataracta. 259 

Haut, andere Male besteht es nur in vielfach verwebten feinen 
Fäden, C. membranacea Beer's nicht R i c h t e r's und ande- 
rer Auetoren, welche C membranacea gleichbedeutend mit 
C. capsularis brauchen. Oefters durchzieht sich das Exsu- 
dat mit rothen Gefässen, die von der Uvea zu kommen schei- 
nen , und erhält dann den Namen des organisirten falschen 
Staares (C. sp. lymphaiica, orgqmca). Das Gesicht ist in 
den meisten Fällen dieses Staares sehr schlecht, da die Trü- 
bung dicht und verbreitet ist, oder, wo diess nicht stattfindet, 
doch in Folge der Entzündung andere Störungen im Auge vor- 
handen sind. Die Iris ist meist starr, mit der Kapsel ver- 
wachsen , die Pupille verzogen und in ihren Bewegungen, 
wenn sie nicht ganz fehlen , unregelmässig. — 2) Der E i - 
terstaar, C. sp. purulenta , besteht in einer aus Eiter und 
gerinnbarer Lymphe gebildeten Absetzung auf der Kapsel, die 
gemeiniglich uneben ist, in die vordere Augenkammer hinein- 
ragt, Adhäsionen mit der Iris einging, die deshalb starr, ver- 
zogen ist, und eine kleine Pupille zeigt. Die Farbe des Ei- 
terstaares ist gelblich ; selten bemerkt man in ihm so wie in 
dem Lymphstaare kleine rothe von der Uvea kommende Gefäss- 
chen. Das Gesicht ist stark beeinträchtigt. Die Bildung 
dieses Staares erfolgt bei Vernachlässigung von Hypopinm. — 
3) Noch seltener als der zuletzt erwähnte falsche Staar ist 
der Bluts t aar , C. sp. grumosa, der durch Gerinnung von 
Blut, welches in die Augenkammern ergossen worden war, 
gebildet wird. Wie beim Eiterstaare macht geronnene Lym- 
phe , zu der hier noch eine reichliche Menge Faserstoff tritt, 
die Basis der Pseudorganisation. Die Bildung erfolgt nach 
Beer entweder dadurch, dass in Folge einer Verwundung 
ergossenes Blut nur äusserst langsam während der traumati- 
schen Entzündung des Augapfels aufgesogen worden, und 
zum Theil in Form kleiner Blutklümpcheri in dem hinter der 
Pupille gebildeten lymphatischen Netze eingesackt zurückge- 
blieben ist; oder dass während eines lange bestehenden und 
vernachlässigten Hypopium endlich Blut austrat, welches sich 
nicht mit dem Eiter mischte und später eben so wie im ersten 
Falle hinter der Pupille zurückblieb. Im ersten Falle sieht 
dieser Staar einem mit silberartigen Fäden durchwebten röth- 
lichen Netze ähnlich, die Pupille ist winklig aber selten sehr 
enge, die Regenbogenhaut wenig oder gar nicht beweglich, 

17* 



260 Cataracta. 

das Gesicht oft nicht in hohem Grade gestört ; im zweiten Falle 
ist die Trübimg sehr dicht, weiss , mit rothlichen oder bräun- 
lichen Punkten oder Flecken versehen, höckerig, bisweilen 
in die Pupille hervorragend, die Pupille klein, winklig, die 
Iris starr, die Lichtempfindung mangelnd oder sehr beschränkt. 
— 4) Der Aderhau tstaar, C. chorioidalis Richters^ be- 
steht in Anklebung schwarzen Pigmentes der Uvea an die 
Kapsel, welche dabei cataraetös oder auch durchsichtig seyn 
kann. Die Farbe des Pigmentes erscheint bald mehr bald 
minder schwarz, am häufigsten dunkel zimmetbraun oder 
rostfarbig. Die Störung des Gesichtes richtet sich , abgese- 
hen von vorhandenen Complicationen, nach der Breite und 
Dichtheit des anhängenden Pigmentes , so dass es bald meiir 
bald minder gehemmt ist. Die Anhängung bildet entweder 
breite runde Flecke von beträchtlicher Grösse oder auch nur 
kleinere zerstreute Punkte in der Mitte oder gegen den Um- 
kreis der Kapsel, nicht selten auch Stücken eines Bogens; ein- 
mal sähe ich den Bogen ganz vollständig. Bisweilen zeigt 
das Pigment eine baumartige Verzweigung und bildet dann 
den falschen Staar , den J. A. S c h m i d t den b ä u m c h e li- 
förmigen, Beer mit gleichbedeutendem Worte den den- 
dritischen, C. dendrillca, nannte. Die Iris wird dabei 
bisweilen an die Kapsel anhängend, andere Male aber völlig 
frei und beweglich gefunden. Die Entstehung beruht auf 
Entzündung des Auges mit vorzüglich starker Anschwellung 
der Iris , wodurch ein Berühren derselben mit der Kapsel und 
Ankleben des Pigments der Uvea möglich wird, von dem ein 
Theil an der Kapsel hängen bleibt, wenn die Iris sich wieder 
zusammenzieht, wie auch Wem eck (Med. chirvZtg. 1823. 
I. 117.) glaubt. Nach Beer (Lehre u. s. w. 2. 307) ist 
dieser Staar ausschliessend das Product einer heftigen Er- 
schütterung des Augapfels , mit oder ohne Wunde, durch wel- 
che ein Theil des Tapetum der Uvea lose geworden ist, und 
sich auf die vordere Linsenkapsel in mannichfaltiger, derei- 
nes Dendriten mehr oder weniger ähnlicher Form gelegt hat. 
Bei oberflächlichen Beobachtungen sollen diese Flocken leicht 
zu übersehen seyn. Die Linse und Kapsel sah Beer allemal 
aus ihren Verbindungen gerissen und deshalb stets bald Trü- 
bung derselben eintreten. Ein freiwilliges Verschwinden 
dieses Staares beobachtete er nie ; es findet dieses jedoch bei 



Cataracta. 261 

dem durch Ankleben entstandenen Aderhautstaare bisweilen 
statt, während es andere Male unter anscheinend gleichen 
Umständen nicht erfolgt, und auch durch die Kunst ohne ope- 
rative Hülfe nicht bewerkstelligt werden kann. v.Wal th er 
hält diesen grauen Staar für eine Folge von Kapselentzündung, 
und Schreiber (Diss. de chorioid.) glaubt, er entstehe bei 
Chorioiditis durch Bildung neuer Gefässe in ausgeschwitzter 
Lymphe , letzteres wäre aber Beer's C. sp, lymphatica or- 
giuüca. 

Noch ist einer Eintheilung zu erwähnen , der in reifen 
und unreifen Staar, C. maiura und immaiura , auf wel- 
che man sonst in Bezug auf vorzunehmende Operationen einen 
noch grössern Werth legte als jetzt, aber sehr verschiedene 
Begriffe damit verband. Viele glaubten der unreife Staar sey 
weich und werde erst nach und nach reif d. h. hart. Diese 
Ansicht ist aber völlig irrig, da viele weiche Staare nie hart 
werden, ja sogar Staare, die anfänglich eine ziemliche Fe- 
stigkeit besitzen, sich nach und nach mehr und mehr erwei- 
chen, man könnte sagen üb erreif werden, da diese Erwei- 
chung in einer Auflösung beruht. Andere nannten den Staar 
so lange unreif , als die Trübung nicht gross ist, das Gesicht 
nicht in höherem Grade beeinträchtigt. Diese Bezeichnung 
hat etwas mehr praktischen Werth , ist aber an sich falsch, da 
viele Staare nie allgemein werden , nie eine völlige Blindheit 
bedingen , sondern auf niederer Stufe stehen bleiben. Am 
zweckmässigsten dürfte es seyn, den Staar reif zu nennen, bei 
welchem der ihn erzeugende Krankheitsprocess beendet ist, 
während der als unreif zu betrachten ist, bei welchem 'dieser, 
z. B. die Entzündung der Kapsel, die gichtische Absonderung, 
nocli im Gange ist. 

Complicationen mit andern Krankheiten kommen 
bei dem grauen Staare vielfältig vor und müssen liier, obgleich 
sie durch die ihnen ei gen thü rauchen Kennzeichen sich in je- 
dem einzelnen Falle dem Beobachter leicht hervorstellen, des- 
halb angeführt werden, weil sie von grossem Einflüsse auf die 
Behandlung sind. Die Complicationen bestehen entweder in 
gleichzeitig vorhandenen anderen Augenüheln, oder Krankhei- 
ten anderer Organe, oder auch beidem zugleich. Was die 
Krankheiten anderer Theile des Körpers anlangt, so kann sich 
fast eine jede mit dem grauen Staare in Verbindung setzen, 



252 Cataracta. 

aber mir die sogleich zu erwähnenden sind bei einer dagegen 
einzuschlagenden Behandlung vorzüglich zu berücksichtigen : 
Gichtische und rheumatische Beschwerden, Syphilis, Scrofeln, 
Scorbut, chronische Hautausschlage, alte Geschwüre, habituelle 
Blutflüsse, Harnruhr, in deren Gefolge grauer Staar häufig 
erscheint, entzündliche Krankheiten , Fieber. Von den im 
Auge gleichzeitig vorkommenden und auf die Behandlung 
grossen Einfluss übenden Krankheiten sind zu nennen : Entzün- 
düngen von verschiedener Art und Heftigkeit, Synechien, 
Amaurose in ihren verschiedenen Graden , bei welcher nach 
Quadri's Angabe die Staare weich sein sollen, nach Gu- 
thrie Op. Surg. 452. der ganze Apfel, Glaukom, Synchysis, 
Atrophie des ganzen Apfels, mehrere Augenliderleiden. lieber 
die Erkennung dieser Leiden ist an den verschiedenen ihnen 
gewidmeten Artikeln nachzuschlagen. 

Unterscheidung. Bei sorgfältiger Würdigung der 
bisher beschriebenen Kennzeichen des grauen Staares dürfte 
es nur in den seltensten Fällen Schwierigkeit haben ihn von 
andern Augenleiden zu unterscheiden ; doch kommen Ver- 
wechselungen mit Flecken der Hornhaut , Lymph - , Eiter - 
und Blutergiessung in die Augenkammern, mit Trübung des 
Glaskörpers, mit Amaurose, sowie der verschiedenen Arten 
des Staares mit einander bisweilen vor. In den meisten Fällen 
dient die künstliche Erweiterung der Pupille dazu, einen grös- 
seren Theil des inneren Auges zur Ansicht zu bringen und so 
mit mehrerer Leichtigkeit und Sicherheit zu urtheilen. Die 
Art und Weise am zweckmässigsten die Erweiterung der 
Pupille zu bewerkstelligen s.u. Flecke der Horn- 
haut werden sehr leicht dadurch unterschieden, dass die 
Trübung oberflächlich liegt und auch dann erkannt wird, wenn 
man von der Seite her durch die Hornhaut blickt. Bei grös- 
seren Verdunkelungen der Hornhaut oder der Kapsel und Lin- 
se wird ausserdem die verhältnissmässige Lage zur Iris kei- 
nen Zweifel bestehen lassen. Ergüsse in die vordere 
Augenkammer sind auf gleiche Weise, sowie durch die Be- 
rücksichtigung ihrer Entstehung leicht zu unterscheiden. Mit 
Am au rose sind nur dann Verwechselungen möglich, wenn die 
Krankheit noch im Entstehen begriffen ist, oder wenn die Trü- 
bung der Linse eine sehr dunkle Farbe hat, bei sogenannter 
C nigra; hier ist in der That die Unterscheidung bisweilen 



Cataracta. 263 

nicht leicht, besonders wenn ein leichter Grad von amauroti- 
scher Blindheit mit dem grauen Staare complicirt ist. TJieils 
wird uns aber der Zustand der Pupille, die bei Cataracta, wenn 
Verwachsungen oder Anliegen der Kapsel nicht vorhanden ist, 
sich frei bewegt, bei Amaurose öfters starr ist oder sich ver- 
zogen findet ; das Verhalten des Gesichts , welches bei Cata- 
racta durch schwache Beleuchtung gewöhnlich gebessert wird, 
wovon häufig das Gegentheil bei Amaurose stattfindet; ferner 
der nicht gänzliche Mangel der Lichtempfindung bei Catara- 
cta , der bei Amaurose aber oft vollständig ist , dann manche 
Ccmplicationen , z. B. Verwachsung der Uvea auf der Kapsel, 
leiten können. Uebrigens ist die Trübung in der Linsenge- 
gend beim grauen Staar nicht leicht zu übersehen, selbst wenn 
sie gering ist, und von der bei alter Amaurose etwa vorhande- 
nen dadurch zu unterscheiden , dass sie weniger tief als diese 
liegt, nicht wie diese eine concave Fläche darbietet. Erwei- 
terung mit Belladonna wird auch hier zur Erleichterung der 
Diagnose dienen. Nach Stevenson fehlt bei Cat. nigra 
das reflectirte Bildchen des untersuchenden Arztes in der Pu- 
pille. Ferner ist die Art der allmähligen Entstehung der Er- 
blindung wichtig zur Feststellung der Diagnose. — Das G 1 a u- 
c o m macht sich durch tiefere Lage der Trübung, eigenthüm- 
liche meist seegrüne schillernde Farbe, gewöhnliche Compli- 
cation mit nervösen Leiden , Amaurose , Verziehung der Pu- 
pille, besonders in der Breite, variköses Verhalten der Ge- 
fässe und die dem Glaucom eigene Entwickelungsweise kennt- 
lich. — Von Trübung der tellerförmigen Grube 
dürfte Cat. caps. posterior schwer zu unterscheiden seyn, 
übrigens ist wohl die Trübung der tellerförmigen Grube als 
selbstständige Krankheit noch nicht hinlänglich festgestellt. 

Die Ursachen des grauen Staares bieten zunächst zwei 
verschiedene einander entgegengesetzte Zustände dar: entwe- 
der findet erhöhte Gefässthätigkeit mit Stockung des Blutes, 
Entzündung statt , oder es findet sich verminderte Gefässthä- 
tigkeit, welche in wirkliches Absterben übergeht. Eine 
dritte Ursache beruht in qualitativ fehlerhafter Stoffabsetzung, 
wodurch theils Trübung mit Erweichung, theils mit Verhär- 
tung , ja förmlicher Verknöcherung gefunden wird. Gichti- 
sche und herpetische Dyscrasie scheint diess vorzüglich zu be- 
fördern. Eine vierte Ursache dürfte endlich bei dem ange- 



264 Cataracta. 

bornen grauen Staare In manchen Fällen anzunehmen seyn, 
wo die undurchsichtige Linse des Fetus in diesem Zustande 
verharrte, nicht durchsichtig wurde. Die erstere Ursache 
wurde besonders durch Ph. Fr. v, Walt her hervorgehoben, 
der die Entzündung sowohl in der Kapsel als Linse annahm, 
in welcher letzteren sie jedoch noch näherer Bestätigung be- 
dürfen möchte. Die Beschreibung dieser Entzündung s. bei 
Inftammatio caps* lentis. Veranlassungen dazu geben An- 
strengung der Augen bei feinen Arbeiten, blendende und 
flackernde Beleuchtung, daher Näherinnen, Stickerinnen, 
Kupferstecher, Uhrmacher, Köchinnen, Feuerarbeiter u. s. w. 
dem Staare sehr häufig unterworfen sind, ferner reizende Dinge 
aller Art, die überhaupt im Auge Entzündungen erregen, als 
Säuren, ätzende Alkalien u. s. w., und es war jedenfalls ein Irr- 
thum, wenn frühere Aerzle glaubten, es werde durch derglei- 
chen Substanzen eine unmittelbare Gerinnung der Morgagni'- 
gchen Feuchtigkeit erregt; Verletzungen, mochten die Instru- 
mente in das Auge selbsteindringen oder nur Erschütterung und 
Zerreissung hervorbringen ; Erkältungen , durch welche rheu- 
matische Entzündung erregt wird; endlich manche Dyscra- 
sien, unter denen die gichtische den ersten Platz einnehmen 
möchte. Mehrere rechnen auch Syphilis hierher, wofür je- 
doch meine Erfahrung nicht spricht und wovon auch schon 
Guthrie (Oper. surg. p. 191.) das Gegentheil behauptet, 
der so weit geht auch der Gicht, dem Rheumatismus und den 
Scrofeln einen Einfluss darauf abzusprechen. Dieser ent- 
zündliche Staar findet sich besonders häufig in jungen Jahren, 
doch ist auch das spätere Alter nicht davon ausgenommen. — 
Die zweite Ursache ist vornehmlich dem höheren Alter eigen, 
findet sich jedoch auch in früherem, gerade so wie wir beobach- 
ten, dass bei manchen Menschen und bei manchen ganzen 
Familien das Haar vorzeitig erbleicht und wohl gar ausfällt, 
oder die Zähne cariös werden und zu Grunde gehen. Man 
findet sogar zahlreiche Beobachtungen von erblicher Erblin- 
dung an grauem Staar , der sich bei verschiedenen Gliedern 
einer und derselben Familie fast regelmässig in einem be- 
stimmten Lebensalter einstellte, welche Fälle grossentheils 
in dieser zweiten Ursache ihren Grund zu haben scheinen, 
obwohl auch die nicht selten sind, wo angeborener Staar in 
gewissen Familien erblich gefunden wird. Dupuytren, 



Cataracta. 265 

Delafield (New York med. and phys. Journ. New ser. Nr. 1. 
p. 95) erzählen davon Fälle , letzterer führt eine Familie an, 
wo bei 21 Individuen einer Familie , dem Grossvater, Vater, 
zwei Oncles nebst mehreren Brüdern, Schwestern und Cousins 
der graue Staar erblich auftrat. Dass auch die Lebenskraft 
erschöpfende Einflüsse auf Absterben der Linse einwirken, 
zeigt das öftere Vorkommen der Cataracta bei Honigharnruhr. 
Mechanische Verletzungen, welche die Kapsel und Linse aus 
ihren organischen Verbindungen reissen, veranlassen eben so 
Trübung durch Absterben. Die dritte Ursache tritt beson- 
ders bei gichtischen Individuen hervor, wo, wie Wen dt 
zeigte, eine grosse Neigung zu Vererdung in der Säftemasse 
zu bemerken ist, aber auch bei Scrofulösen. — 

Vorhersage. Sie richtet sich vorzüglich nach den 
Complicationen : Amaurose, Staphylom der Sclerotica , Ver- 
wachsungen mit der Iris u. s. w. Ist der Staar allein vor- 
handen, so wird durch die Operation gemeiniglich ein ziem- 
lich gutes Gesicht hergestellt werden, welches mit Beihülfe 
einer Brille oft zu den leinsten Arbeiten gebraucht werden 
kann. Oefters wird aber, ohne über den Grund genaue Re- 
chenschaft geben zu können, ein so vollständiger Grad des 
Gesichts nicht wieder erlangt. In jedem Falle verliert das 
Auge sein Anpassungsvermögen für verschiedene Entfernun- 
gen , und es muss der Mangel der Linse durch ein bald mehr 
bald minder starkes biconvexes Glas ersetzt werden. — Amau- 
rotische Amblyopien schwinden bisweilen nach Operation des 
grauen Staares durch den nun wieder einwirkenden wohlthä- 
tigen Reiz des Lichtes. Von besonderer Wichtigkeit sind 
mittelbare oder unmittelbare Verwachsungen mit der Iris, 
welche, wenn sie nur unbedeutend sind, gewöhnlich keine üble 
Prognose bedingen, bei grösserer Verbreitung aber die Opera- 
tion nicht nur erschweren , sondern auch wegen des beträcht- 
licheren verwundenden Eingriffes zu heftigen Entzündungen, 
Ausschwitzungen, Pupillensperre gern Veranlassung geben. 
Dies ist auch der Grund , weshalb die sogenannten falschen 
grauen Staare durchgängig weniger Hoffnung zu Herstellung 
eines guten Gesichtes geben als die ächten. Neigung zu 
Entzündungen nach kleinen Verletzungen, besonders zu Ent- 
zündungen des Auges, oder überhaupt am Kopfe, zu Gesichts- 
rosen, Gutta rosacea, grosse Vollblütigkeit trüben ebenfalls 



266 Cataracta. 

die Vorhersage , nicht minder ein cachectischer Körper, be- 
sonders ein gichtischer, herpetischer, scrofulöser , sowie 
die Entstehung der Cataracta begleitender und vielleicht 
noch fortdauernder Kopfschmerz, wie sich dies namentlich 
bei gichtischer Complication gewöhnlich findet. Bei Kindern 
in den ersten Wochen des Lebens nnd bei Greisen hat man 
weniger von nachfolgender Entzündung zu fürchten als bei 
andern Individuen, besonders kraftigen vollsaftigen Männern 
in dem mittleren Lebensalter. Auch richtet sich die Vorher- 
sage einigermassen nach der Verständigkeit des zu Operiren- 
den und nach den äussern Verhältnissen, unter denen man 
die Operation vornehmen kann. 

Behandlung. Es giebt nur einen Weg das Gesicht 
wieder herzustellen , und dieser besteht in Beseitigung der 
Trübung der Linse und ihrer Kapsel. Diesen Zweck kann 
man auf doppelte Weise erreichen, entweder indem man durch 
Anordnung geeigneter Heilmittel die Aufhellung bewirkt, 
oder indem man mittelst einer wundärztlichen Operation die 
getrübten Theile aus der Sehaxe entfernt. So grossen Vor- 
theil die erste Art und Weise dadurch bietet , dass man das 
normale Gefüge des Auges erhält, so selten ist man doch da- 
mit glücklich, und bei weitem am häufigsten muss man sich an 
die Entfernung der Linse aus der Sehaxe halten, woher es 
denn auch gekommen ist, dass viele Aerzte nur von dieser 
Hülfe erwarten , was jedoch zu weit gegangen ist. 

A. Behandlung ohne Operation. Sie kann 
nur da ihre Anwendung finden , wo die Trübung durch noch 
bestehende Entzündung der Kapsel bedingt wird , oder wo sie 
durch Verletzungen , die sich meistens mit Entzündung ver- 
einigen , veranlasst wurde, oder endlich, wo eine dyscrasi- 
sche Thätigkeit das Leiden vor Kurzem erzeugte. Gegen 
Staar Von nicht erfolgter Aufhellung der Linse und Kapsel 
beim Fetus, gegen den von Absterben der die Linse ernähren- 
den Gefässe , sowie bei langem Bestehen desselben überhaupt 
hat man von dieser Behandlung nichts zu erwarten. Es 
würde zu unnöthiger Marter des Blinden führen , wollte man, 
wie es leider von Charlatans oft geschieht, auf die hier ange- 
gebenen Momente nicht sorgfältig achten. Die geeignetsten 
Mittel gegen entzündliche Leiden sind die entzündungswi- 
drigen, wie sie bei Betrachtung der inneren Augenentzün- 



Cataracta. 287 

düng mit Mehrerem werden angegeben werden. Besonders 
gute Dienste thun hier starke Ableitungen , unter denen sich 
Gondret's Aetzammoniumsalbe (Radi us Heilformeln S. 
40), am Vorderkopf angebracht und längere Zeit offen erhal- 
ten , einen beträchtlichen Ruf erwarb. G o n d r e t empfiehlt 
sie aber gegen Cataracta schlechthin , wodurch häufig Fehl- 
griffe veranlasst werden müssen. Andere Mittel, welche län- 
gere Zeit, Monatelang, offene Stellen erhalten, besonders 
in der Gegend der Vereinigung der Pfeil- und Kranznaht oder 
auch an den Schläfen, hinter den Ohren, im Nacken ange- 
bracht, beweisen sich gleichfalls nützlich, namentlich das 
Gliiheisen, dieMoxa, das Haarseil, Brechweinsteinpflaster, 
Sublimatpfiaster, Salben mit weissem Quecksilberpräcipitat, 
z. B. die Kopp'sche. Endlich sind Einreibungen über den 
Augenbraunen von grauer Quecksilbersalbe am besten in Ver- 
bindung mit Belladonnaextract (6 — 10 — 15 Gran auf 1 
Unze) oder Einreibungen von Calomel sehr zu empfehlen. 
Hat man es mit einer neuen Trübung von dyserasischem Lei- 
den zu thun , so ordne man vor allen Dingen eine zweckdien- 
liche Lebensweise an , und gebrauche innerlich die gegen die 
vorhandenen Leiden gerathenen Mittel, unter denen die 
auflösenden und umändernden, namentlich Spiessglanz- und 
Quecksilberbereitungen einen vorzüglichen Platz einnehmen. 
Viele Empfehlungen erhielt der Quecksilbersublimat und ver- 
dient ihn bei gichtischen oder syphilitischen Complicationen 
wohl in hohem Grade. Die Cataracta, welche Rau (Gräfe n. 
Walther Journ. 8. 334.) mit Sublimat und Pulsatilla heilte, 
gehörte wahrscheinlich hierher ; eine andere offenbar gichtische 
anfangende Cataracta heilte S c h e u (Med. Ztg. 1827. 1. 40) 
durch Quecksilbereinreibungen und den innern Gebrauch der 
Plummer'schen Pulver. Wer neck (Med. chir. Ztg. 1823 
1. 123) hellte eine anscheinend durch Syphilis hervorge- 
brachte Trübung der Linse durch Sublimat und Quecksilber- 
einreibung völlig wieder auf. Ausser den genannten Mitteln 
wird noch die Pulsatille theils innerlich, theils äusserlich als 
Augentropfen , in letzterem Falle mit Sublimat verbunden, 
durch v. Gräfe empfohlen. Die vorgenannten Ableitungs- 
mittel dürfen ebenfalls nicht verabsäumt werden , und müssen 
mehrere Monate lang unausgesetzt fortgebraucht werden. 
Ein durch äussere Verletzung entstandener Staar, den 



268 Cataracta. 

Champesme durch ein Haarseil heilte (Gers. u. Jul. 
Mag. 1823 Mai u. Juni), -wäre wahrscheinlich ohne alle Be- 
handlung aufgesaugt werden. 

B. B ehandlu ng mittels der Op er ati on. Wie 
bereits gesagt, kommt es darauf an die getrübten Theile aus 
der Sehaxe zu entfernen. Dieses kann man auf dreierlei ver- 
schiedene Arten bewerkstelligen und hat demnach die Staar- 
operationen in drei verschiedene Methoden eingetheilt. Die 
erste besteht in Herausnahme der getrübten Theile aus dem 
Auge, und wird Ausziehung des grauen Staares, 
Exfraciio caiaraetae, genannt. Die zweite besteht darin, 
dass man die getrübten Theile aus der Sehaxe hinweg an ei- 
nen solchen Ort des Auges schiebt, wo sie dem Eindringen 
der Lichtstrahlen kein Hinderniss mehr in den Weg legen, 
Verschiebung des grauen Staares, Dhlocatlo 
caiaraetae. Je nachdem dies entweder durch Niederdrü- 
ckung auf den Grund des Auges, oder durch Umlegung der 
Linse nach hinten vollbracht wird, nennt man diese Opera- 
tionsweise entweder rsiederdrückung des grauen 
Staares, Depressio caiaraetae , oder Umleg ung 
des grauen Staares, Reclinatio Cataracta?. Die 
dritte beruht darin, dass man den Staar zerstückelt, so 
die wässrige Feuchtigkeit auf ihn wirken, ihn auflö- 
sen und dass die Wegschaffung durch Aufsaugung vorberei- 
ten könne. Man nennt diese Methode Zerstückelung 
des grauen Staares, Incisio oder Dlsc'issio caia- 
raetae. Die Niederdrückung ist die älteste Operations- 
weise, wenigstens beschreibt sie schon Celsus, aber 
auch die Ausziehung scheint schon dem Avicenna bekannt 
gewesen zu seyn, doch gebärt D aviel das Verdienst sie zu 
allgemeiner Anwendung gebracht zu haben; die Zerstückelung 
ist neuer und wurde besonders von Po tt und S aund ers in 
Anseilen gebracht. Jede der verschiedenen Operationsme- 
thoden ist theils auf mehrfach abgeänderte Weise, theils mit 
sehr verschiedenen Instrumenten vollbracht worden. Diese 
Abänderungen genau zu beschreiben würde ein Buch füllen 
und hier ganz unpassend seyn, wo es darauf ankommt, die 
vollkommensten und für vorkommende Fälle die geeignetsten 
Methoden zu geben. Dass ich wie überall auch hier nur 
meiner individuellen Ansicht folgte, bedarf keiner weiteren 



Cataracta. 269 

Erwähnung und wird Entschuldigung finden, da ich sie für 
nicht mehr als sie ist, die Meinung eines Einzelnen, ausgebe. 
Anzeige zur Operation überhaupt und den 
verschiedenen Methoden insbesondere. Eine 
der vorgenannten Operationsarten gegen den grauen Staar in 
Anwendung zu bringen ist dann angezeigt, wenn der Staar 
bereits seit längerer Zeit gedauert hat und eine Entwickelung 
erlangte, die eine Rückbildung nicht zulässt, wenn er 
hart, fest erscheint, andern Mitteln wohl auch schon Trotz 
bot, und eine solche Störung des Gesichts veranlasst, dass 
der Kranke an Vollbringung seiner gewöhnlichen Geschäfte 
verhindert wird , das Auge sich übrigens in einem gesunden 
Zustande befindet, oder doch nur solche Leiden darbietet, 
die gleichzeitig mit der Operation beseitigt werden können, 
Irisverwachsungen, oder bei ihrem Fortbestehen die Opera- 
tion weder unausführbar noch unnütz machen, Dünnheit dea 
Glaskörpers , seitliche Trübungen der Hornhaut u. s. w. 
Völlig unnütz würde es seyn bei gleichzeitig vorhandenen 
höheren Graden von Amaurose, bei Glaucom, Cirsophthalmie, 
grossen Leucomen u. s. w. zu operiren, und schädlich würde 
es seyn , wenn Entzündung im Auge oder dessen Nachbar- 
schaft, oder sonst im Körper vorhanden wäre. Gicht und 
Rheumatismus trüben zwar die Vorhersage , können aber eine 
Gegenanzeige schlechthin nicht abgeben , wobei es sich von 
selbst versteht, dass .man zur Operation eine Zeit wählen 
wird, wo man vor einem Gichtanfalle am sichersten seyn kann. 
Während der Schwangerschaft zu operiren würde unpassend 
seyn, theils wegen des nachtheiligen Einflusses, den die Nachbe- 
handlung auf die Schwangerschaft üben muss, theils auch wegen 
der gesteigerten Gefässthätigkeit, welche in dieser Zeit vorhan- 
den ist. Bemerkt mau auf dem andern Auge auch nur eine Spur 
von Trübung , so kann man das zuerst ergriffene Auge schon 
dann operiren, wenn der Staar noch nicht bis dahin vorge- 
rückt war, dass das Erkennen gewöhnlicher Gegenstände ver- 
hindert war, weil dem Leidenden zu viel Zeit geraubt wrüde, 
wenn man bis dahin warten wollte, wozu auch noch die be- 
reits oben angeführte Erfahrung kommt , dass die Cataracta 
des andern Auges in ihrer Ausbildung gehemmt wird , nach- 
dem das eine Auge operirt wurde. Auf die vorher angegebe- 
nen Gegenanzeigen ist die erforderliche Rücksicht zu nehmen. 



270 Cataracta. 

Für den Operateur ist es freilich vorteilhafter gänzlich Er- 
blindete zu operiren , die schon mit einem leidlich guten Ge- 
sichte nach der Operation vorlieb nehmen , während zeitig 
Operirte bisweilen durch die Operation nicht viel gewonnen, 
ja wohl gar verloren zu haben glauben. Diess ist auch der 
Grund, weshalb man sonst, und manche Aerzte thun es noch 
jetzt, völlige Erblindung abwartete, wodurch aber die Kran- 
ken oft unnöthig lange, ja oft lebenslänglich in einem halb- 
blinden Zustande gelassen wurden, der sie nicht nur vieler 
Freuden des Lebens, sondern auch der Möglichkeit sich und 
ihre Familie zu ernähren beraubt. Uebrigens ist es auch in 
Bezug auf den Erfolg der Operation in vielen Fällen sehr 
unzweckmässig zu lange zu warten, da 1) durch zu lange 
Abhaltung der Lichtstrahlen nicht selten eine Abgestumpft- 
heit der Netzhaut entstellt, 2) bisweilen der Staar, nament- 
lich scrofulöser und gichtischer, so aufschwillt, dass ein nach- 
theiliger Druck auf die Iris und andere Gebilde des Auges 
geübt wird. — Traumatischen Staar des einen Auges wird 
man nicht operiren, da bei ihm, wie bereits erwähnt, eine 
Staarerblindung des andern nicht zu befürchten steht. Sollte 
das andere Auge aber schon früher erblindet seyn, oder der 
Kranke die Operation aus kosmetischen Gründen ausdrück- 
lich verlangen, so kann ihm nach Bekanntmachung des mög- 
lichen unglücklichen Ausganges gewillfarthet werden. 

Schwieriger noch , als ob man überhaupt operiren soll, 
ist es in vielen Fällen zu sagen, welche der verschiedenen 
Operationsmethoden man in Anwendung bringen solle. Im 
Allgemeinen dürfte Folgendes feststehen : Harte Staare, beson- 
ders Linsenstaare alter Leute sind auszuziehen , weiche zu 
zerstückeln oder aus der Sehaxe hinwegzuschieben. Es 
treten aber manche besondere Umstände ein, welche diese 
allgemeinen Regeln modificiren. So dürfte die A u s z i e - 
hung bei Kindern oder unverständigen und ungebildeten 
Menschen und allen, die ihre Augen nicht stätig halten kön- 
nen, nicht zu rathen seyn, sie ist unausführbar oder doch mit 
vieler Schwierigkeit und geringem Erfolge verbunden bei sehr 
grossem oder angewachsenem Staare , bei tief liegenden oder 
sehr hervorgedrängten sogenannten Klotzaugen, bei sehr en- 
ger Augenliderspalte, Verkrümmungen des Knorpels, theilwei- 
sen Trübungen der Hornhaut, kleiner vorderer Augenkam- 



Cataracta. 271 

mer, Mydriasis ? Myosis, Dünnheit oder Aufgelöstheit des 
Glaskörpers, chronischem Husten. Die J\ i e d e r d r ü c k ü n g 
eignet sich am besten für einzelne Staarreste nach Zerstü- 
ckelung oder freiwilliger Aufsaugung des Staares, sonst steht 
sie der Umlegung nach, da ganze Staare, die man nieder- 
drückt, theils leicht die Retina verletzen, theils gern wie- 
der aufsteigen, während von der andern Seite durch die Um- 
legnng eine grössere Zerstörung des Glaskörpers veranlasst 
wird. Die Umleg ung eignet sich für massig harte Staare 
und besonders für Kapselstaare, muss übrigens in alle den 
Fällen aushelfen, wo die Ausziehung nicht angewendet wer- 
den kann, bei tiefliegenden Augen, Verunstaltung der Lider, 
Trübung der Hornhaut, kleiner vorderer Augenkammer, Ver- 
wachsung mit der Iris, Aufgelöstheit des Glaskörpers. Die 
Zerstückelung eignet sich für weiche oder doch gröss- 
tentheils weiche Kapseln und Linsen und jugendliche Subjecte, 
wo die Aufsaugungskraft noch in aller Thätigkeit ist. Wo 
länger dauernde oder wiederholte Entzündung des Auges vor- 
handen war , darf man von der Aufsaugungskraft wenig erwar- 
ten ; eben so bei phlegmatischen und solchen Personen , die 
an chronischen Unterleibsübeln litten, dem Trunk ergeben 
oder mit Epilepsie behaftet sind, wie W e rn ec k (Cl ar. u. R d s. 
Wöch. Beitr. 3. 67.) angiebt. Verwachsungen mit den Ciliar- 
fortsätzen und der Uvea erschweren die Operation und lassen 
eine weniger thätige Aufsaugung veriuuthen. 

Aus dem Angegebenen geht von » Ibst hervor, dass für 
verschiedene Fälle auch verschiedene Operationen angezeigt 
sind und in ihnen ihren verschiedenen Werth haben ; 
dass also einer bestimmten Operationsweise schlechthin den 
Vorzug zu gestatten unrecht wäre, obwohl diess von mehreren 
bedeutenden Augenärzten von jeher geschah und noch ge- 
schieht. Viele behaupten, die Ausziehung gewähre das klar- 
ste und beste Sehvermögen, während Andere diesen Vorzug 
der Umlegung zueignen wollen ; keines von beiden ist aber 
unbedingt richtig, denn eine jede der drei verschiedenen 
Hauptoperationsarten giebt ein gutes Gesicht, wenn ungün- 
stige I\ ebenumstände nicht beschränkend einwirken. Dass 
das Uebel durch Ausziehung schneller als bei andern Metho- 
den beseitigt werde, kann nur gegen die Zerstückelung her- 
vorgehoben werden, denn eine gelungene Umlegung thut es 



272 Cataracta. 

eben so sicher. Nachstaar folgt allerdings selten , doch bis- 
weilen, kann aber bei sorgfältiger Ausübung der andern Me- 
thoden ebenfalls vermieden werden. Wichtiger scheint der 
Vorzug, dass die Linse wirklich entfernt wird und also weder 
Reiz auf die Iris noch auf die Retina ausgeübt werden kann, 
wodurch Erbrechen, Entzündung, Amaurose hervorgerufen 
werden. Nicht zu übersehen ist das Ausfliessen der wässeri- 
gen Feuchtigkeit, worauf R i 1 1 e r i c h (Jährl. Beitr. 1. 47.) 
aufmerksam macht, und oft eines kleinen Theils der Glas- 
fenchtigkeit , wodurch, sowie durch die Entfernung der Lin- 
se selbst, die Spannung im Auge gemässigt, und Entstehung 
eines höheren Grades von Entzündung verhindert wird. In 
vielen Fällen lässt sich aber, wie bereits erwähnt, die Aus- 
ziehung gar nicht oder nur mit grosser Schwierigkeit und ge- 
ringer Hoffnung eines günstigen Erfolges ausführen, sie giebt 
ferner das Auge jedenfalls einer grössern Gefahr Preis , da 
häufiger als nach Nadeloperationen gänzliche Zerstörung des 
Auges folgt. Einige Male wurde Absterben , Verschwörung, 
Bruch der Hornhaut bemerkt, öfters kommt Trübung dersel- 
ben, Vorfall der Iris, Pupillensperre, zu reichliches Auslau- 
fen der Glasfeuchtigkeit vor, worauf ein schleclites Gesicht 
oder gar Zusammensinken des Apfels folgt. Aus diesen Grün- 
den geben Andere den Nadeloperationen und namentlich der 
Umlegung den Vorzug, welche in den mehresten Fällen 
ausführbar ist, und wo nöthig ohne Vertauschung der Nadel 
in Zerstückelung umgewandelt werden kann , wenn man näm- 
lich den Staar wider Erwarten weich oder flüssig fand, oder 
wenn er die ihm angewiesene Stelle wiederholen tlich verlässt; 
welche das Auge bei eintretender Entzündung nicht so grosser 
Gefahr aussetzt als die Ausziehung; ein Ausfliessen des gan- 
zen Inhalts des Auges nicht fürchten und im Fall des Misslin- 
gens sich späterhin ohne Nachtheil wiederholen lässt. Die 
Vorwürfe, die man ihr machte, beruhen 1) in dem nicht sel- 
ten erfolgenden Wiederaufsteigen des Staares , wodurch von 
Neuem Gesichtsniangel und bisweilen Druck auf die Iris veran- 
lasst wird , 2) in Erbrechen , Entzündung der Retina und 
Amaurose in Folge zu starken Druckes der umgelegten Linse 
auf die Netzhaut. Die Niede*rdrückung verletzt jeden- 
falls den Ciliarkörper sehr, bei unversehrtem Staare auch die 
Retina und Chorioidea , dürfte daher nur für kleine übrig ge- 



Cataracta; 273 

bliebene harte Linsen - oder zähe Kapselreste zu rathen seyn, 
bei denen sie der UmlegUng deshalb vorzuziehen ist, weil der 
Glaskörper weniger verletzt wird. Die Zerstückelung 
empfiehlt sicli dadurch, dass in den nicht leidenden Theilen dtft 
Auges wenig Störung durch die Operation gemacht wird, dass 
sie bei unruhigen Augen leichter als die andern Operationen 
vollbracht und ohne Nachtheil wiederholt werden kann. Ein 
grosser Uebelstand ist die langsame Herstellung des Gesichts, 
da man trotz der oben angegebenen Rücksichten doch 
nicht immer mit Gewissheit den Grad der Aufsaugungsthätig- 
keit des Auges beurtheilen kann und auch im glücklichsten 
Falle geraume Zeit zur Absorption des zerstückelten Staares 
erforderlich ist. — Bei den Nadeloperationen entspann sich 
ein Streit über den Vorzug , den die Einführung der Nadel 
durch die Hornhaut über die durch die Lederhaut haben sollte. 
Viele sprachen der Keratonyxis lebhaft das Wort , wäh- 
rend andere eine lange Reihe von Nachtheilen aufführten, wel- 
che sie gegen die Scleroticonyxis haben sollte, unter denen 
Entzündung der vordem Augenkammer, Iritis und Pupillen- 
sperre in Folge von Dehnung der Hornhaut imd Verletzung 
des Irisrandes oben anstehen. Das Anlegen des Staares an 
die Uvea in Folge Ausfliessens der wässrigen Feuchtigkeit 
dürfte nicht sehr in Anschlag zu bringen seyn , da auch vor 
der Operation die Staare oft stark an die Uvea drücken, ohne 
Entzündung zu erregen, der operative Eingriff hier also wohl 
am mehrsten in Betracht kommen möchte. Aber sie gestat- 
tet weniger gut die Abtrennung des Staares bei Synechia, 
ja sogar von dem Strahlenblättchen möchte diese schwer 
durchaus zu bewirken seyn, wenn man sie zur Nieder drückurg 
benutzen will. Ein Vorzug besteht darin, dass man das gan- 
ze Instrument stets vor Augen hat, während es bei Scleroticc- 
nyxis theilweise unbemerkt geführt werden muss, was jedoch 
bei einiger Uebung mit Sicherheit und ohne Nachtheil ge- 
schieht. Auch bei gichtischen und rheumatischen Personen, 
wo man die Verletzung der Sclerotica , einer fibrösen Haut, 
sehr fürchtet, scheint sie unter übrigens gleichen Umständen 
den Vorzug zu verdienen. Was man der Scleroticony- 
x i s in Bezug auf Verletzung der Ciliarnerven und Gefässe vor- 
geworfen hat, kann vermieden werden; sie zeichnet sich vor 
der Keratonyxe aber jedenfalls durch die Möglichkeit einer 
Handwörterb. der Ch. II. £g 



2'4 Cataracta. 

kräftigeren Einwirkung mit der Nadel, so wie die grössere 
Leichtigkeit aus, mit der man Staartheile in die vordere Au- 
genkammer schieben kann, 

Vorbereitung. Früherhin wurde ihr grosse Sorgfalt 
geschenkt, jetzt wird sie vielleicht zu sehr vernachlässigt. 
Im Allgemeinen wird es gut seyn den Staarblinden so wenig als 
möglich durch Umänderung seiner Lebensweise in einen 
krankhaften Zustand zu versetzen, doch ist es gut geistige 
Getränke und zu stark nährende Kost einige Tage vor der Ope- 
ration zu entfernen und Ruhe anzurathen. Antiphlogistische 
Mittel zu reichen , oder ihm gar Blutentziehungen prophyla- 
ctisch zu machen ist unnöthig , ja sogar schädlich , da es in 
einen krankhaft gereizten Zustand versetzt. Dupuytren 
legte den zu Operirenden ein Zugpflaster auf den Arm undliess 
sie Abführungen nehmen , welches erstere bei gichtiscben 
und rheumatischen Personen seinen Nutzen haben kann. 
Krankhafte Zustände, namentlich die häufig vorkommenden 
ÜEterleibsbeschwerden : Verstopfung, Verschleimung, Wür- 
mer u. s.w., sind vor der Operation zu beseitigen, ebenso jetzt 
vorhandene gichtische, rheumatische, catärrhälische und an- 
dere Beschwerden , der Körper überhaupt in einen möglichst 
gesunden Zustand zu versetzen. Eben so wird wegen krank- 
hafter Beschaffenheit in mehreren Fällen eine örtliche Vorbe- 
reitung nöthig, indem Entzündung, Leucome, Pterygien, 
Trichiasis, Entropium , Ectropium u. s. w. vor Unternehmung 
der Operation beseitigt werden müssen» Bei Personen , die 
sehr ängstlich sind , und deren Augen gegen äussere Eindrü- 
cke, bf senders gegen Berührung eine grosse Empfindlichkeit 
haben , hat man gerathen einige Zeit vor der Operation den 
Augapfel täglich ein oder ein Paar Mal mit der flachen Seite 
eines Staarmessers zu berühren. — Bei vielen Operationen : 
Extraction nach oben, und allen Nadeloperationen, ist eine 
künstliehe Erweiterung der Pupille vor der Operation zu be- 
werkstelligen , theils um eine freiere Ansicht vom Innern des 
Auges zu erhalten und Verletzungen der Iris während der 
Operation zu meiden , theils um den Austritt des Staares nach 
eben zu erleichtern. Man bedient sich hierzu des Hyoscyamus 
oder am sichersten der Belladonna , und zwar entweder indem 
man von einem Aufgusse der Blätter (15 Gran auf |Unz. Was- 
ser) 8 bis 10 Stunden vor der Operation alle Stunden ins Au- 



Cataracta. 2 i J 

ge tröpfeln, vielleicht auch ein Paar Stunden vorher ein damit 
befeuchtetes Läppchen auf die Lider legen lässt; oder indem 
man 1 Theil ßelladonnaextract mit 2 Tiieilen Wasser zu 
einer Salbe macht und Abends vorher von der Glabella an 
bis gegen den Schlaf hin über den Augenbrauen einzureiben 
und dick aufzustreichen rathet; oder indem man I Tllei Bel- 
ladonnaextract mit 4 Theilen Wasser mischt und davon 8 — 10 
Stunden vor der Operation aller 2 Stunden ein Paar Tropfen 
ins Auge giebt. Die beiden ersten Arten halte ich deshalb für 
vorzüglicher, weil das Auge dadurch noch weniger als durch 
Einbringung des Extracts gereizt wird ; die zweite empfiehlt 
sich vornehmlich bei Kindern, bei denen es oft seine Schwierig- 
keit hat etwas in die Augen zu tröpfeln, ohne sie zu reizen. — 
Ob man den Kranken von der zur Operation bestimmten Zeit 
vorher in Kenntniss setzen soll oder nicht, hängt von der Chara- 
cterbeschaifenheit desselben ab ; in der Hegel wird eine zu lange 
Yorausbestimmung und langes davon Sprechen unzweckmässig' 
seyn. Bei ängstlichen Blinden ist es oft sehr ermuthigend, 
wenn man Gelegenheit hat, sie mit jemandem, der bereits 
glücklich operirt wurde , in Umgang oder doch wenigstens in 
eine Unterredung zu bringen. 

Soll maneinAuge auf einmal oder beide unmit- 
telbar hintereinander operiren, wenn beide staar- 
blind sind? Nur ausnahmsweise bei völlig gesunden, zu 
Entzündungen nicht geneigten Personen mit nicht verwachse-* 
nen , nicht zu grossen , überhaupt nicht complicirten Staaren 
mag man dann beide Augen gleichzeitig oder richtiger unmit- 
telbar hintereinander operiren, wenn es unerlässlich nöthig 
ist, in möglichst kurzer Zeit beide Augen herzustellen; wo 
dies aber nicht der Fall ist , oder gar eine der vorerwähnten 
Complicationen obwaltet, sollte man es nie thun, denn es 
können gerade in der Zeit der Operation oder Nachbehandlung 
Zufälligkeiten eintreten, die den Erfolg vereiteln, und viel- 
leicht beide Augen zerstören, was sie sonst nur bei einem wür- 
den gethan haben. Es gehören hierher vorzüglich mecha- 
nisch wirkende Schädlichkeiten , Husten, Niesen, Erbrechen 
ii. s. w., aber auch Entzündungen, die durch zufällige andere 
Umstände, Zugluft, Sehen in das Licht , gichtische Beschwer- 
den u. s, w., erregt werden, oder auch Folge der Operation auf 
dem einen Auge sind und sich Von da erst durch Consensus auf 

IS* 



276 Cataracta. 

das andere übertragen und es entweder ebenfalls zerstören 
oder doch den günstigen Erfolg, den sonst die Operation ha- 
ben würde, beschränken. Ferner macht die gleichzeitige 
Operation beider Augen einen stärkern Eindruck auf den gan- 
zen Körper und bringtauch eine viel grössere Reaction hervor. 
Au eli scheint es mir Unrecht beide Augen auf sein Gewissen 
zu nehmen, da ein anderer Operateur vielleicht mit dem an- 
dern Auge glücklicher sevn könnte , wenn die erste Operation 
missllngt. Ära ersten ist das Operiren beider Augen zugleich 
noch bei Nadeloperationen zulässig. 

öperationszeit. Theils das Alter des Staarblinden, 
theils die Jahres - und Tageszeit ist hier in Betracht zu zie- 
hen. Kein Alter schliesst die Staaroperaüon giinzlich aus, na- 
mentlich das höhere nicht, denn oft giebt es den günstigsten 
Erfolg ; dasselbe gilt von Kindern unter dem ersten Jahre, bei 
denen man noch den grossen Vortheil hat , dass , wie schon 
Saunders bemerkte, fast nie Entzündung erfolgt, die Auf- 
saugung des zerstückelten Staares aber rasch von Statten geht. 
Der 4k — 6. Monnt gewährt die passendste Zeit. Das spä- 
tere Kindesalter bietet , wegen der noch geringen Ausbildung 
der Vernunft und der vorhandenen Kraft Widerstand zu lei- 
sten, die grössten Schwierigkeiten, daher auch Beer U.A. 
die Operation bis zum 7. Jahre und weiter hin zu verschieben 
anrathen. Dieses hat aber sehr grossen Nachtheil , weil die 
Kinder in ihrer geistigen Entwickelung zu sehr zurückbleiben, 
die Augen auch nach der Operation wenig benutzen , da sie 
sieh zu sehr auf das Tasten verlassen. So sähe ich ein im 8» 
Jahre an angebornera Staare operirtes Mädchen , welches trotz 
guten Gesichtes doch die Augen nur dann öffnete und zum 
Finden des Weges u. s. w. benutzte, wenn man ihr die Hände 
auf den Kücken band. Häufig vergeht auch lange Zeit, ehe 
die Kinder über Entfernungen , Gestalt und Farben ein richti- 
ges Urtheil erlangen, wovon C h e s e 1 de n, W a r d r o p, M a ii- 
noir (Lancet 1829 — 30. 2. 584.) Beispiele anführen. 
Zweckmässige Erziehung und wiederholte Versuche werden 
eine frühere Operation und zwar mit der Nadel meistentheils 
möglich machen. — Anlangend die Jahreszeit, so hat man 
nur bei kränklichen , namentlich gichtischen , Individuen dar- 
auf Rücksicht zu nehmen und die Monate auszuwählen, wel- 
che die beständigste, trockenste Witterung darbieten , bei uns 



Cataracta. '£11 

Juli — October , oder diejenigen , Ton denen man aus früherer 
Erfahrung weiss, dass sie die gesundesten des Kranken waren, 
was sich vornehmlich bei Gichtanfällen hervorstellt. Man 
wird ferner Zeiten meiden , wo catarrhalische oder rheumati- 
sche Entzündungen, besonders der Augen, epidemisch herr- 
schen. — Von den Tagesstunden eignen sich die gegen Mittag 
am besten, weil es hinreichend hell ist und die Augen vom 
Schlafe nicht mehr erhitzt sind. Es ist aus beiden Gründen 
unzweekmässig in den ersten Morgenstunden zu operiren , oft 
gar nocii bei Kerzenlicht , wie in einigen französischen Hospi- 
tälern geschieht. Die Operation zu verschieben , wenn be- 
wölkter Himmel ist, habe ich mich nie bewogen gefunden, da 
ein massiges Licht wohl zu jeder Augenoperation ausreicht, 
wenn nur der Operateur ein scharfes Gesicht hat. 

Oefters kommt es vor, dass ein Blinder, der auf dem ei- 
nen Auge glücklich operirt wurde , der Operation des andern 
alsMinnöthig sich nicht unterziehen will , und es wäre dagegen 
nichts einzuwenden, wenn mich nicht die Erfahrung in eini- 
gen Fällen gelehrt hätte, dass das Gesicht eines operirten 
Auges bisweilen dadurch schärfer wird , dass auch das andere 
operirt wird. Eine ähnliche Beobachtung erzählt Melin 
(Lond. med. and phys. Journ. 52. p. 275) : ein Kranker hatte 
auf dem linken Auge Amaurose , und Cataracte mit muth-- 
masslicher Amaurose auf dem rechten. Die Ausziehung 
wurde ohne Nutzen für das rechte Auge gemacht , sobald das 
Auge aber dem Lichte ausgesetzt wurde, fing die Netzhaut 
des linken an nach und nach ihre Empfindlichkeit wieder zu 
erlangen. — 

Ge hülfen. Zu jeder Staaroperation ist ein Gehül- 
fe nöthig , um Kopf und Augenlider des Kranken zu halten, 
auch dem Augapfel das zu grosse Abweichen von der normalen 
Stellung zu verwehren. Manche haben auch gern einen zwei- 
ten zum Zureichen der Instrumente, dieser ist jedoch leicht 
entbehrlich. Ohne alle Unterstützung eines Gehülfen zu ope- 
riren, wie Barth, Alexander und Andere thaten, ist 
ausser durch Noth gedrungen nicht zu rathen, da man mit einer 
Hand die Lider und den Apfel nicht gehörig fixiren kann, auch 
die Aufmerksamkeit dadurch vom zu operirenden Auge abgezo- 
gen wird. Doch ist ein ungeschickter und gänzlich mit Augeno- 
perationen unvertrauter Gehülfe oft nachtheiliger als g^r keiner. 



278 Cataracta. 

Stellung bei der Operation. Am gewöhnlich- 
sten lässt man den Kranken auf einen eigens dazu vorhande- 
nen Operationsstuhl mit sehr niedriger oder ohne Lehne, 
oder auf einen anderen niedrigen Stuhl setzen , dessen 
Lehne seitwärts unter den Arm des nicht zu operirenden 
Auges gebracht wird. Man giebt ihm eine solche Richtung 
gegen das Fenster, dass das Licht unter einem spitzen 
"Winkel auf das Auge fällt, und weder auf der Hornhaut 
einen täuschenden Reflex macht, noch durch die operi- 
rende Hand oder Nase des Blinden abgehalten wird. Am 
besten ist es , wenn das Operationszimmer nur ein grosses 
Fenster hat, oder doch solche Einrichtung getroffen ist, dass 
die vorhandenen andern geschlossen werden können. Das 
nicht zu operirende Auge lässt man mit einem leichten Tuche 
bedecken, theils um die Augen dadurch mehr zu fixiren, 
theils die Furchtsamkeit des Kranken beim Anblicke der In- 
strumente u. s. w. zu massigen, falls er noch etwas sieht. Der 
Gehülfe stellt sich hinter den Kranken und lässt den Rücken 
desselben an sich anlehnen , führt , wenn das rechte Auge 
operirt werden soll, die rechte Hand unter das Kinn, und 
indem er so dessen Kopf an seine Brust andrückt, verhindert 
er die Bewegungen desselben. Mit der linken Hand greift 
er über den Kopf weg und hebt mit 2 Fingern das obere Lid 
des zu operirenden Auges massig so in die Höhe, dass die 
Fingerspitzen ein wenig über den Augenlidrand hervorragen 
und den Verdrehungen des Apfels einigermassen einen Damm 
entgegensetzen können. Oft ist es nöthig die Augenlider 
des Kranken, so wie seine eigenen Finger abzuwischen, weil 
vorhandener Schweiss sie schlüpfrig macht und die Lider den 
zwei haltenden Fingern leicht entgleiten können. Traut 
Bian dem Gehülfen nicht Sicherheit genug zu, oder ist der 
Kranke mit den Augenlidern sehr unruhig, so bedient man 
sich des Richter'schen Hakens zum Offenhalten des oberen 
Lides , den man so auf die äussere Fläche desselben ansetzt, 
dass damit die äussere Haut wenig über dem Wimperrande ge- 
fasst und gegen den obern Augenhöhlenrand in die Höhe ge- 
zogen wird, unter welchem sich der Haken verbirgt und das 
Lid festhält. Das Anlegen des Hakens an die innere Fläche 
des Lides und das auf diese Weise bewerkstelligte Emporzie- 
hen macht mehr Reiz und Druck, beengt auch den Raum mehr 



Cataracta. 279 

und ist aus beiden Gründen dem ersteren Verfahren nachzu- 
setzen. — Der Arzt nimmt vor dem Kranken auf einem etwas 
höheren Stuhle , der durch Aufbinden eines Sophakissens auf 
einen gewöhnlichen hergestellt werden kann , Platz , so dass 
er die operirende Hand ohne Anstrengung und mit Sicher- 
heit in der Höhe des zu operirenden Auges halten kann , also 
auch hinlänglich nahe sich befindet. Die Beine des Kran- 
ken kommen zwischen die des Operateurs und werden so zu- 
gleich gesichert. Die Operation wird mit der rechten Hand 
vollbracht , wenn ein linkes , mit der linken, wenn ein rech- 
tes Auge zu operiren ist; mit der frei bleibenden Hand zieht 
der Operateur das untere Lid hinlänglich herab, indem er 
den Zeige- und Mittelfinger so an dessen Rand und äussere 
Fläche anlegt, dass sie zugleich die Bewegungen des Apfels 
etwas zügeln und wo nöthig einen gelinden Druck auf die 
Hornhaut ausüben können, ohne dass das ganze Lid losge- 
lassen wird. — Weniger gebräuchlich ist es, wenigstens in 
Deutschland und England, den Kranken in eine liegende 
Stellung zu bringen, der namentlich Dupuytren und 
Rons den Vorzug geben , vielleicht weil es ihnen am be- 
quemsten war, ohne weiteren Aufenthalt sogleich an die Ope- 
ration gehen zu können, wenn sie in früher Morgenstunde 
die Kranken bei dem Hospitalbesuche noch im Bette antreffen. 
Es ist jedoch nicht zu läugnen , dass durch das Liegen des 
Kranken eine grössere Sicherung des ganzen Körpers so wie 
des Kopfes erlangt wird, und ich gebe ihr bei Kindern, und 
wo ohne Gehülfen operirt werden muss, unbedingt den Vorzug. 
Kinder legt man auf einen mit einer Matrazze oder einem 
Bette bedeckten Tisch ; Erwachsene lässt man an den Rand 
des unter dem Kopfe massig erhabenen Bettes rücken , der 
dem zu operirenden Auge entgegengesetzt ist. Der Assistent 
nimmt hinter dem Kranken Platz , und sichert das obere Lid 
wie bei der sitzenden Stellung, der Arzt beugt sich über 
den Kranken, verfährt übrigens wie im vorigen Falle. ■ — Ei- 
nige lassen den Staarblinden auf einen niedrigen Sessel oder 
Hütsche setzen , nehmen auf einem Stuhle so hinter ihm 
Platz , dass der Hals desselben zwischen ihre Beine kommt, 
der Hinterkopf aber sich an den Bauch anlehnt und dadurch 
gesichert wird. Sie operiren nun von hinten das rechte Auge 
mit der rechten, das linke mit der linken Hand, halten aber 



280 Cataracta. 

m 

die Augenlider mit der andern über den Kopf gelegten und 
diesen so auch befestigenden Hand auseinander, oder ziehen 
nur das obere in die Höhe und hallen das andere durch einen 
silbernen mit einem kleinen Schlüssel beschwerten Haken 
herunter. Bei einiger Liebung lässt sich bei dieser Art zu 
operiren grosse Sicherheit erlangen und sie hat den Vorzug, 
dass man den Gehülfen entbehren kann. — Der berühmte 
vormalige Wiener Augenarzt Barth operivte, indem er 
den Kranken an die Wand stellte und an ihm stehend und die 
Lider selbst auseinander haltend die Ausziehung des Staares 
vollbrachte. Es verdient aber diese letztere Verfall rungsart 
keine Nachahmung, da Zufälligkeiten zu leicht störend und den 
glücklichen Erfolg der Operation vereitelnd einwirken können. 
1. Alisziehung des Staares, Ejcfr actio cafa- 
ractae. Sie wird durch Eröffnung der Hornhaut, Keraio- 
tomia, der Linsenkapsel und Herausbeförderung der Linse 
bewerkstelligt. Eröffnung der Sclerotica, Scieroticoiomia, 
um zu. dem Staare zu gelangen, wie B en j. Bell und neuerlich 
wieder Quadri vorschlug, kann der zu intensiven damit 
verbundenen Verletzung halber nicht gebilligt werden. Die 
Eröffnung der Hornhaut geschieht entweder nach unten zu, 
wie St. Yves, Daviei, Barth, Beer in s. w. thaten, 
oder nach oben, wie Wenzel, Alexander, Fr. Jäger, 
V.Gräfe eine Zeitlang empfahlen und viele Andere biswei- 
len thun, oder nach seitwärts und aussen, wie u. A. W en z el 
anrieth. Die Eröffnung der Hornhaut nach unten ist die am 
allgemeinsten befolgte und wohl die vorzüglichste. — Nöthige 
Instrumente. Ein Paar Beer'sche oder Richter'sche Staar- 
messer, eine Beer'sche oder Richter'sche Staarlanze oder Nadel, 
ein Daviel'scher Löffel, Rieh ter'scher Augenlidhalter, einePin- 
cette mit kleinen Schaufeln am Ende, eine Blömer'sche Pin- 
cette, eine auf der Fläche gebogene feine Scheere. — Er- 
fordernisse. Die Eröffnung der Hornhaut muss hinläng- 
lich gross, die Kapsel gehörig eröffnet, die Linse vollkom- 
men ohne Gewalttätigkeit herausbefördert werden. — 

a) Ausziehung mit Hornhautschnitt nach unten. 
Nachdem der Kranke, der Operateur und der Gehülfe die oben 
beschriebene Stellung eingenommen haben, sticht der Opera- 
teur das Staarmesser durch die Hornhaut in die vordere Au- 
genkammer. Man fasst zu diesem Behufe das Staarmesser 



Cataracta. 281 

zwischen die ersten drei gestreckten Finger der operirenden 
Hand nach Art einer Schreibfeder, so dass es auf dem drit- 
ten Finger ruht , durch den Daumen gehalten wird und durch 
den Zeigefinger noch eine leichte Sicherung erhält. Durch 
Aufstellung des ausgespreizten kleinen Fingers auf die Wangen 
rathen Einige der Hand eine Stütze zu geben , welche mich 
jedoch mehr stört als sichert. Um einen hinreichend gros- 
sen Schnitt zu erlangen, miiss ein Lappen gebildet werden, 
der etwas mehr als die Hälfte der Hornhaut tV umfasst. Zu 
diesem. Zwecke wird das Messer etwas über (tV") dem Quer- 
durchmesser der Hornhaut und ungefähr y-f! von ihrer Ver- 
bindung mit der Sclerotica durchgestochen und allmählig 
vorwärts geschoben, bis der Lappen der Hornhaut gebildet 
ist und es nach unten aus dem Auge hervortritt. Hierbei 
sind folgende Vorsichtsmassregeln nöthig. Der Einstich 
werde auf kürzestem Wege bis in die vordere Augenkam- 
mer, ja nicht nur zwischen die Platten der Hornhaut ge- 
macht; um dies zu erreichen, führe man das Messer während 
des Einstiches mit der Spitze unter fast rechtem Winkel ge- 
gen das Auge gerichtet, und wende erst nach gemachtem 
Durchstiche das Heft so nach dem Schlafe zu , dass die äus- 
sere Fläche der Klinge gegen das Auge des Kranken , die in- 
nere aber gegen den Operateur gerichtet werde. Hierauf 
schiebt man das Messer allmählig und stetig vorwärts, die 
Schneide weder nach hinten noch nach vorn wendend , die 
Spitze nicht senkend, damit man an der dem Einstiche ge- 
genüberliegenden Stelle, in gleicher Höhe aber auch gleich 
weit von der Sclerotica entfernt wieder aussteche. Sollte 
während der Durchführung des Messers ein Krampf der Au- 
genmuskeln eintreten, so hält man ein wenig inne, bis sich 
das Auge beruhigt, theils um den Schnitt besser führen zu 
können , theils um das zu schnelle Hervortreten der Linse 
und das Ausfliessen der Glasfeuchtigkeit zu meiden, welches 
während des krampfhaften Zusammenpressens bei Vollendung 
des Schnittes erfolgen würde. Dies ist besonders da zu be- 
rücksichtigen, wenn die Vollendung des Schnittes nahe ist; 
Guthrie rath sogar, nie mit dem Messer den Schnitt zu 
beenden, sondern einige Augenblicke zu w r arten und es dann 
mit der Scheere zu tlnm. Hat man bereits den Ausstich ge- 
macht, so kann man mittelst des Messers selbst das Auge fisiren, 



<&82 Cataracta. 

wenn es sich nach oben und innen verkriechen will. — Es ist 
bei der Führung des Schnittes noch darauf Rücksicht zu neh- 
men et) dass das Messer eine möglichst glatte und schmale 
Schnittfläche bilde, nicht mehr oder minder zwischen den 
Platten der Hornhaut gehe , wodurch nicht nur späterhin 
eine nachtheilige breite Narbe , sonder« eine zu kleine Oeff- 
nung gewonnen wird, da die innere Wundlefze der Horn- 
haut viel geringeren Umfang bekommt als die äussere, wo- 
durch der Austritt der Linse verhindert, oder doch er- 
schwert wird. Man kann diesen Fehler sehr leicht an 
Schweinsaugen darstellen , wo er wegen grosser Dickheit der 
Hornhaut noch leichter als an MenscheHaugen vorkommt. 
Streng verticale Haltung des Messers, besonders von der Zeit 
an, wo der Ausstich zumachen ist, wird diesen grossen Uebel- 
stand verhüten; /?) dass man die Iris nicht verletze, welche 
sich bisweilen vor die Schneide des Messers legt, wenn entwe- 
der Operateur oder Gehülfe den Apfel zu sehr drücken oder 
der Kranke ihn selbst krampfhaft zusammenpresst, besonders 
aber wenn wässrige Feuchtigkeit ausgeflossen ist. Zu dem 
Ende führe man das Messer in gehörig verticaler Richtung 
oder halte wohl auch einen Augenblick im Vorwärtsschieben 
ein, gebe der Schneide etwas mehr Richtung nach vorn. 
Sollte sich die Iris trotz aller Vorsicht vorgelegt haben , so 
hebe man den Zeigefinger der das untere Lid haltenden Hand 
auf die Stelle der Hornhaut , wo die Iris unter dem Messer 
vorliegt, und bringe sie durch gelinden Druck oder Reiben 
zum Rücktritte ; auch kann man durch sanftes wellenförmiges 
Bewegen des Messers von vorn nach hinten, namentlich wenn 
die wässrige Feuchtigkeit ausgeflossen ist, diesen Zweck be- 
fördern. So wenig kunstgemäss es aber ist ein Stück der 
Iris , wenn es auch nocli so klein , wegzuschneiden , so sey 
man doch nicht zu ängstlich , da ein kleines künstliches Co- 
loboma dem Gesichte keinen Schaden thut , wie ich mich zu 
überzeugen Gelegenheit hatte, und zu starkes Führen der 
Schneide nach vorn einen zu kleinen Lappen bildet. Sollte 
gleich beim Einstiche oder docli noch ehe der Ausstich erfolgt 
ist, die wässrige Feuchtigkeit ausfliessen, so thut man wohl das 
Messer zurückzuziehen und die Operation bis zur Verhei- 
lung der Wunde und dem Wiederersatze der wässrigen Feuch- 
tigkeit zu verschieben; j) dass man nicht in den inneren Au- 



Cataracta. 283 

genwinkel oder in die Nase steche, was leicht dadurch vermie- 
den wird , dass man das Heft des Messers gegen den Schlaf 
•wendet und so den sich nach innen zu drehenden Apfel nach 
aussen leitet; d") das untere Lid beim Ausschneiden nicht* 
verletze, was durch gehörige Herabziehung desselben und 
dadurch verhütet werden kann, dass man das Auge mittelst 
des in ihm befindlichen Messers mehr nach oben wendet, und 
so Freiheit erhält. — Kommt der Schnitt etwas weniges in 
die Verbindung der Hornhaut und Lederhaut, so hat dies 
nicht viel zu sagen. — Ist der Schnitt durch zu zeitiges oder 
zu tiefes Ausstechen oder durch das Führen des Messers zwi- 
schen den Platten der Hornhaut zu klein geworden , so muss 
er erweitert werden, was nach Einiger Rath mit einem 
schmalen geknöpften Messerchen, besser aber wie Beer und 
A. empfehlen, mit einer auf der Fläche gebogenen Scheere 
in einer dem Rande der Hornhaut möglichst nahe kommen- 
den Richtung geschieht. Die einfach auf der Fläche gebo- 
gene Louis'sche Scheere reicht hierzu für beide Augen voll- 
kommen aus; will man sich für das linke einer andern Scheere 
bedienen als für das rechte, so dienen die DaviePschen Schee- 
ren , die auch Beer und viele seiner Nachfolger benutzten. 
Bisweilen kommt es vor, dass das Messer, wenn man es bis 
an die Socke durchgestochen hat, den Schnitt nach unten zu 
nicht ganz vollendete, was namentlich dann gern der Fall ist, 
wenn die Bindehaut sehr schlaff und durch frühere Entzün- 
dung zähe ist; in einem solchen Falle thut man wohl das 
Messer zurückzuziehen und dabei den Schnitt zu beenden, 
oder dies mit uer vorgenannten Scheere zu bewerkstelligen. 
Die Haupterfordernisse eines guten Hornhautschnittes sind 
also hinlängliche Grösse, Reinheit und möglichste Schmal- 
heit der Schnittfläche, endlich gleichmässige Entfernung 
vom Kornhautrande. Wardrop räth, um Vorfall der Iris 
zu verhüten, den Lappen nicht ganz rund , sondern am untern 
Rande der Hornhaut gerade, also an beiden Seiten eckig zu 
machen, was jedoch leicht einen zu kleinen Schnitt giebt, 
während man als Regel anzunehmen hat, dass der Schnitt eher 
etwas zu gross als zu klein zu machen ist. Sollte ein Arcus 
senilis vorhanden seyn , so ist auf diesen bei der Schnitt- 
führung keine Rücksicht zu nehmen. — 



284 Cataracta. 

Nach Vollendung dieses ersten Actes der die Ausziehung 
bezweckenden Operation vertauscht der Arzt das Messer mit 
der Lanze oder Nadel, führt sie behutsam zwischen den Wund- 
rändern der Hornhaut in die vordere Aiigenkammer und wen- 
det sie, wenn er die Höhe der Pupille erreicht hat, mit der 
Schneide gegen den Staar, dessen Kapsel er mit mehreren 
kleinen Zügen zerschneidet, worauf die Lanze mit sorgfäl- 
tiger Vermeidung die Iris oder die Hornhaut zu verletzen, 
eine Schneide vornweg, wieder aus dem Auge ausgezogen 
wird , um sie nach Vollbringung dieses zweiten Actes mit 
dem Daviel'schen Löifel zu vertauschen. Ein sanfter am un- 
tern Theile des Apfels mit einem oder zwei Fingern der as- 
sistirenden Hand angebrachter Druck befördert das Hervortre- 
ten der Linse , der jedoch , sollte sie durch die Wunde nicht 
mit grosser Leichtigkeit hervorkommen , mit dem an ihren 
Rand angesetzten , nicht in das Auge eingeführten Löffel sanft 
nachgeholfen werden kann. Dies bildet den dritten und 
letzten Act der ganzen Operation. — Nicht selten geschieht 
es , dass beim Hervortreten der Linse oder auch schon nach 
vollendetem Hornhautschnitte durch krampfhaftes Zusammen- 
drücken des Apfels von Seiten des Kranken nebst der Linse 
ein Theil der Glasfeuchtigkeit ausfliegst, was jedoch durch- 
aus ohne Nachtheil ist, ja sogar zur Verhütung nachfolgender 
Entzündungen, nach Einigen (Iti cli ter) gar zur Erlan- 
gung eines bessern Sehvermögens beiträgt, daher denn z. B. 
Carl Jäger räth , in jedem Falle einen kleinen Vorfall 
der Glasfeuchtickeit mittelst einer Schraidt'schen oder Scar- 
pa'schen Nadel zu veranlassen , wenn er nioht von freien 
Stücken erfolgt. Letzter Rath scheint jedoch Nachachtung 
nicht zu verdienen. Sollten etwa grössere Staarreste im 
Auge zurückgeblieben seyn, so kann man sie mit der Pincette 
aus dem Auge herausholen, falls sie der Kapsel angehören 
und so fest sind, dass man sie der Aufsaugung nicht überlas- 
sen zu können glaubt, was jedoch selten ist. Ist Luft einge- 
drungen, die sich unter Gestalt einer an die Hornhaut anlie- 
genden Blase zeigt, so entfernt man sie dadurch, dass man 
mit dem Daviel'schen Löffel von oben nach unten auf der 
Hornhaut herunterstreicht. Etwas zurückbleibende Luft thut 
übrigens keinen Schaden. Hat man auch dies berücksich- 
tigt, so sieht man darauf, dass sich die Wundränder der 



Cataracta. 285 

Hornhaut gehörig aneinander legen und lässt die Lider sanft 
schliessen. Das weitere Verfahren s-, u. bei der Nachbe- 
handlung. 

b) AusziehungmitHornhautschni tt nach oben. Die 
Stellung des Kranken, des Operateurs, des Gehülfen, und der 
Instrumentenapparat ist derselbe wie beim Schnitte, dessen ge- 
wölbter Theil nach unten gerichtet ist. Auch die Ausfüh- 
rung der Operation ist dieselbe und die dabei zu nehmenden 
Rücksichten auf das Ausfliessen der wässrigen Feuchtigkeit, 
die Iris, die Verbindung der Hornhaut mit der Sclerotica, 
den Augenwinkel , die Nase und das Augenlid. Der Schnitt 
wird aber mit nach aufwärts gekehrter Schneide des Messers 
geführt lind erfordert noch mehr Uebung und Ruhe von Sei- 
ten des Operateurs, da sich das Auge sehr leicht nach oben und 
innen unter dem oberen Lide verbirgt , letzteres auch eher in 
Gefahr kommt verletzt zu werden als das untere beim Schnitte 
nach unten. Nach v. Gräfe soll der Schnitt nur die halbe 
Hornhaut eröffnen. Eröffnung der Kapsel und Austritt der 
Linse wird auf gleiche Art wie bei der Vorigen Öperations- 
weise bewirkt. Da bei dem Schnitte nach oben die Linse 
bisweilen etwas weniger leicht austritt als bei dem nach un- 
ten, ein bedeutender Vorfall der Glasfeuchtigkeit nicht leicht 
vorkommt, so lässt man gewöhnlich die Pupille mit Bella- 
donna oder Hyoscyamus erweitern. Fr. Jäger und Gu- 
thrie schlugen zur Vollziehung des Hornhautschnittes *hach 
oben Doppelmesser vor, welche dazu dienen sollten, dass mit 
der einen feststehenden Klinge der Apfel fixirt werde , wäh- 
rend die vorzuschiebende bewegliche den Schnitt beendet. 

Nach Fr. Jäger und v. Gräfe (Gr. u. W. Journ. f. 
Chir. 9. 547 u. 12. 5.) bestehen die Vorzüge, dieser Ope- 
rationsweise vor der nach unten : 1 ) in auffallend schneller 
und leichter Heilung der Hornhautwunde per primam inten- 
tionem selbst in Fällen stärkerer und entzündlicher Reaction, 
ja sogar da , wo in den Kammern des Auges sich Eiter bil- 
dete; 2) in der Unmöglichkeit mechanischer Reizung der 
Wunde durch die Augenlidränder; 3) in viel geringerer 
Reizung durch die nach Operationen reichlicher und heisser 
abgesonderten Thränen , die bei dem Schnitte nach unten und 
geschlossenen Lidern längs der ganzen Wunde anhaltend fort- 
geleitet werden und dadurch nicht selten Eiterung der Wund- 



28(5 Cataracta. 

ränder bedingen ; 4) in höchst seltenem Vorfallen der Iris 
selbst bei unverständigem Verhalten des Operirten nach der 
Operation ; 5) in seltenem Vorfallen des Glaskörpers wäh- 
rend der Operation ; 6) in grossem Vortheil für die Fun- 
ction des Auges in Fällen, wo durch Narbenbildung, durch 
Vorfall der Iris, Verwachsung derselben mit der Hornhaut 
u.s.w. diese in ihrer Klarheit, Durchsichtigkeit und Form 
beeinträchtigt worden ist; 7) in Erhaltung der regelmässigen 
"Wölbung am untern Theile der Hornhaut; 8) darin dass in 
Fällen, wodurch ungünstige Ereignisse, Z.B.Verwachsung 
der Pupille, der Endzweck der Operation nicht erreicht wor- 
den war, durch Anlegung einer künstlichen Pupille die 
Wiedergabe des Gesichts zu erwarten steht. — Ich will diese 
liier angeführten Vorzüge keinesweges in Abrede stellen, 
docli dürfte 2, 5, 7, 8 nicht von grossem Belange seyn, 
die übrigen aber durch das häufige Misslingen des Hofnhaut- 
schnitfces bei wenig, ja selbst bei mehr Geübten ein nicht 
ganz zu übersehendes Gegengewicht erhalten. Immer wird 
es aber gut seyn sich nach Möglichkeit in diesem Schnitte 
zu üben, da besonders bei den unter 6 angegebenen Um- 
ständen seine Anwendung wichtig werden kann. Auch Ale- 
xander und Guthrie sprechen ihm sehr das Wort. 

c) Ausziehung mit Hornhautschnitt nach der 
Seite. Es wurde diese Art der Eröffnung der vorderen Au- 
genkammer besonders von Wenzel empfohlen, und zwar so, 
dass die nach aussen und unten gerichtete Hälfte der Horn- 
haut abgetrennt wird. Zu diesem Zwecke sticht man das auf 
gewöhnliche Weise gehaltene Keratom etwa 1 '" über dem 
äussern Querdurchmesser \'" von der Lederhaut entfernt ein, 
neigt dann das Heft nach dem äussern Ende der Augenbraue; 
hin und schiebt die Klinge unter den früher angegebenen Vor- 
sichtsmassregeln allmählig vorwärts bis sie 1 '" unterhalb des 
innern Querdurchmessers wieder ausgestochen wird und nun 
allmählig den Schnitt beendet. Die dabei zu nehmenden Rück- 
sichten sind dieselben wie bei dem Schnitte nach unten. — 
Manche rathen den Schnitt höher über dem äusseren Quer- 
durchmesser zu beginnen , dafür aber auch tiefer unter dem 
inneren wieder auszustechen. 

Die Vortheile, welche diese Art des Schnittes bietet, sind 
weniger leicht erfolgender Vorfall der Iris, sichere Verheilung 



Cataracta. 281? 

der Hornhaut, da von einer Störung durch den Augenlidrand 
weniger zu fürchten ist, also auch Hornhautbruch verhütet 
wird; nicht leicht erfolgende Verletzung der Iris, da die wäss- 
rige Feuchtigkeit nicht so leicht ausfliesst. — Bei einiger- 
massen tief liegenden Augen aber ist der Schnitt schwer zu 
machen. In jedem Falle muss man ein nicht zu langes Staar- 
messer wählen , da sonst die Durchführung nicht leicht ohne 
Verletzung des nntern Lides oder der Wange geschieht; wo- 
bei allerdings nicht zu vergessen , dass , je kürzer das Messer 
ist, desto grösser die Kraft seyn muss, und folglich auch die 
Zerrung des Apfels , mit der es durch die Hornhaut geführt 
wird. 

2) Verschiebung des grauen Staares, Dislo- 
catio cataractae. Sie wird durch Niederdrückung des 
Staares oder einzelner Theile desselben auf den Grund des 
Auges, oder durch Umlegen desselben bewirkt. Die Ita- 
liener und Fransosen trennen diese beiden Methoden nicht von 
einander, vollbringen aber reine INiederdrückung selten, da 
ihr Abaissement eine Reclination ist, z. B. die von S car pa^ 
von Dupuytren u. A. Man führt in der Regel die zur Ope- 
ration gebrauchte Nadel durch die Sclerotica ein, Sclerotico- 
nyxls , Lederhautstich, doch kann dies auch durch die 
Hornhaut geschehen, Keratonyxis, Hornhautstic h*). — 
Nöthige Instrumente. Ein Paar Beer'sche Staarnadeln 
oder anstatt dieser ein Paar Scarpa'sche oder Langenbeck'- 
sche gebogene Nadeln, die dann vorzuziehen sind, wenn man 
bei Niederdrückung oder Umlegung die Kapsel der Linse stark 
zerreissen will. Einige geben ihnen unter jeder Bedingung 
den Vorzug. Augenlidhalter. Erfordernisse : Richtige Ein- 
und Ausführung der Nadel. Entfernung des Staares aus der 
Sehaxe. 

a) Verschieb ung des grauen Staares nach 
unten, Niederdrück ung des grauen Staares , Depres* 
sio cataractae, «) Mittels der Scleroticonyxis nach 
Beer's Angabe. Stellung des Kranken, des Gehülfen und 



*) Häufig wird der Name Keratonyxis zur Bezeichnung einer 
Operationsmethode benutzt, was jedoch sehr falsch ist, da die Ke- 
ratonyxis nur einen Operationsact bezeichnet, der gleich der Sclero- 
ticonyxis bei verschiedenen Operationsmethoden Anwendung finden 
kann. 



288 Cataracta. 

Operateurs wie bei der Ausziehung, s. o. S. 278. Erster 
Act. Der Arzt fasst die gerade Nadel schreibfederartig wie 
das Messer zum Einstich bei der Keratotomia, so zwar dass 
die Schneide nach vorn und hinten , die Flächen aber nach 
unten und oben gerichtet sind, um beim Durchstechen soviel 
als möglich die zarten Nerven und Gefässe zu meiden , und 
sticht nun 1 '" unter der Mitte des Apfels und 1 '" von der 
Hornhaut entfernt, die Nadel behutsam unter einem grossen 
spitzen Winkel zur Axe des Auges durch die Sclerotica, wobei 
vor allen Dingen ein plötzliches Hineinfahren in das Auge bei 
unbeachtetem schnellen Eindringen der Nadel , nachdem ihr 
breitester Theil eingestochen ist, zu meiden ist. Wer nicht ei- 
ne ganz sichere Hand hat , thut wohl den kleinen etwas aus- 
gespreizten Finger auf den Backen aufzustützen. Zweiter 
Act. Sobald das Blatt der Nadel durchgeführt ist, muss sie 
X von vorn nach hinten um ihre Axe gewendet werden, damit 
die Schneiden nach oben und unten zu stehen kommen , um 
bei dem nun zu bewerkstelligenden Vorwärtsschieben dersel- 
ben die Iris nicht zu verletzen. Das Heft wird gleichzeitig 
soweit gegen den Schlaf geneigt , dass die Fläche der Nadel 
der der Iris parallel zu liegen kommt. Ist nun die Nadel so 
weit vorgeschoben, dass ihre Fläche in der Pupille, und mit- 
ten vor dem Staare steht, so senkt man das Heft derselben, bis 
das Blatt äie Höhe des Linsenrandes erreicht hat, auf wel- 
chen, nach abermaliger viertel Riickwendung in die vorige 
Lage , die untere Fläche der Nadel gelegt wird. Dritter Act* 
Nun wird durch allmähliges Heben des Heftes die Linse et- 
was schief nach unten und aussen so weit unter die Pupille 
herabgedrückt, dass er nicht mehr bemerkbar ist. Nun senkt 
man das Heft wieder um zu sehen , ob der Staar in der ihm 
angewiesenen Lage bleibt, und drückt ihn abermals nieder, 
wenn dies nicht der Fall ist, zieht aber die Nadel auf diesel- 
be Weise aus , wie sie eingeführt wurde , wenn man seinen 
Zweck erreicht hat. 

Will man sich statt der geraden einer gebogenen Nadel 
z. B. der Langenbeck'schen bedienen, so sind einige kleine 
Abänderungen in der Einführung der Nadel nöthig. Der Ort 
der Einführung bleibt derselbe, die Nadel muss aber mit ge- 
gen das Gesicht des Kranken gesenktem Hefte und ihrer ge- 
wölbten Fläche nach oben eingestochen werden ; ist sie durch- 



Cataracta. 289 

gedrungen, so wird das Heft etwas gehoben und die Nadel zu- 
gleich so nach vorn um ihre Axe gewendet, dass die gewölbte 
Fläche des Blattes gegen die Uvea gerichtet ist. In dieser 
Haltung schiebt man sie allmählig einwärts und aufwärts, bis 
das Blatt die Höhe der Linse erreicht, auf deren Rand nach 
nochmaliger Viertelwendung der Nadel nach hinten die con- 
cave Fläche des Nadelblattes gelegt und nun die Niederdrü- 
ckung wie mit der geraden vollbracht wird. — Hat man eine 
schmale dreikantige gebogene Nadel z. B. die Scarpa'sche ge- 
wählt , so hält man beim Einstiche die gewölbte Fläche der 
Nadel nach vorn , das Heft nahe an die Schläfengegend ange- 
drückt, und schiebt die rechtwinklig auf die Sclerotiea auf- 
gesetzte Spitze durch diese hindurch , indem man das Heft 
nach vorn zu bewegt. Hierauf giebt man der Nadel eine Vier- 
telwendung nach hinten , so dass die gewölbte Fläche nach 
oben, die Spitze nach unten zu stehen kommt , schiebt sie so 
zwischen Kapsel und Iris bis in die Mitte der Pupille fort, 
hebt nun das Blatt auf den gewölbten Rand der Linse oder des 
vorhandenen Ueberbleibsels derselben und drückt nieder; — 

Sind Verwachsungen der Iris mit der Kapsel vorhanden, 
so müssen sie getrennt werden, ehe man zum dritten Acte der 
Operation, dem Niederdrücken, fortschreitet. Es geschieht 
in den mehresten Fällen leicht^ oft aber sind auch die Anhän- 
gungen so zähe , dass man Mühe hat sie ohne beträchtliche 
Zerrung und Dehnung der Iris zu lösen, was am besten durch 
eine mit der geraden Nadel zu bewerkstelligende durch Zug 
schneidende, nicht drückende Bewegung erreicht wird. Sehr 
wohl eignet sich zu diesem Zwecke die sehr kräftige Sannders'- 
sche Nadel; gebogene Nadeln leisten in dieser Beziehung we- 
nig, da sie mehr reissen als schneiden. 

Vorzüglich zu meiden hat man bei dieser Operation so 
wie bei allen Nadeloperationen überhaupt 1) Dehnung der 
Sclerotiea und Chorioidea^ was dadurch erreicht wird, dass 
man, wenn der Staar zerschnitten oder verschoben werden 
soll, die Nadel hebelartig wirken lässt, nie mit der ganzen 
Länge derselben nach der Gegend hindrückt, wohin man wir- 
ken will; 2) Verletzung der Ciliargefässe und Nerven, der 
Iris, des Ciliarkörpers und des gesägten Randes der Netzhaut, 
Wodurch Bluterguss, Entzündung und Erbrechen veranlasst 
wird. Kunstgemässe Einführung der Nadel schützt dagegen ; 
Handwürterb. d. Ch. IL J9 



230 Cataracta. 

3) Führung der Nadel zwischen Kapsel und Linse, was dann 
leicht geschieht , wenn die Kapsel nicht getrübt ist , und des- 
halb nicht erkannt wird. Um es zu meiden, dient theils 
das Inhalten der gehörigen Richtung bei Führung der Nadel, 
theils das Drücken des Blattes der Nadel nach der Pupille, 
wenn es in der Gegend derselben erschienen ist. Begeht man 
den Fehler , so wird die Kapsel nicht hinreichend zerrissen 
und entfernt, es folgt späterhin Trübung derselben; 4) An- 
spiessung der Linse , welche gemeiniglich Wiederaufziehung 
derselben zu Folge hat. Man vermeidet sie durch die unter 
3 angegebenen Vorsichtsmassregeln ; 5) Druck auf die Netz- 
haut bei Niederdrückung oder Umlegung des Staares , wo- 
durch ebenfalls Erbrechen, Entzündung, Amaurose herbeige- 
führt wird. Genaue Berücksichtigung des Durchmessers des 
Auges wird richtig leiten ; 6) zu oft hintereinander folgende 
Wiederholung der Niederdrückung oder Umlegung, wenn der 
Staar die ihm gegebene Lage wieder verlässt, wodurch eine 
zu grosse Zerstörung des Glaskörpers, auch zu starke Reizung 
und Entzündung veranlasst wird. Man verspart in einem sol- 
chen Falle die Entfernung des Staares aus der Sehaxe auf ein 
anderes Mal, oder macht sogleich die Zerstückelung. 

/>) Nieder drückung des grauen Staares mittels der 
Keratonyxis. Stellung des zu öperirenden , des Gehül- 
fen und Operateurs wie oben S. 278 angeführt. Die 
Nadel wird fast rechtwinklig und in solcher Richtung 
durch die Hornhaut gestochen , dass ihre Flächen nach oben 
und unten sehen. Zum Einstiche wählt man einen Punkt, der 
auf die Kreuzung einer senkrecht durch die Mitte und wage- 
recht durch das untere Drittheil des Apfels gefällten Linie 
treffen würde, also etwas unter der Mitte der Hornhaut. Nun 
schiebt mau sie schief in die Höhe , bis die Mitte ihres Blattes 
den obern Rand der Linse erreicht hat , auf welchen man sie 
auflegt und nun durch Heben des Heftes den Staar oder die 
Theile desselben niederdrückt. — Operirt man mit einer ge- 
bogenen Nadel, so wird beim Einstiche die gewölbte Fläche 
nach oben gekehrt, und das Heft so weit gegen die Wange des 
Kranken gehalten, dass die krumme Spitze ziemlich recht- 
winklig auf die Hornhaut trifft. Durch einen gelinden Druck, 
wobei das Heft allmählig etwas gehoben wird, dringt sie leicht 
in die vordere Kammer ein. Nach dein Durchstiche senkt man 



Cataracta. 291 

das Heft wieder ein wenig , schiebt die Nadel in die flöhe, 
legt die ausgehöhlte Fläche auf den obern Rand der Linse und 
drückt sie nun auf den Boden des Auges. — Die hei der-Kera- 
tonyxis zu nehmenden Vors ich tsuiassregeln sind dieselben wie 
bei der Scleroticonyxis. Man mache keine dehnenden Bewe- 
gungen in der Hornhaut, verletze die Iris nicht, drücke den 
Staar nicht zu hart auf die Metina m s. w. 

b) Umlegung des grauen Staares, Meclinatlo 
caiäfactäe. Auch sie kann sowohl durch die Sclerotica als 
durch die Hornhaut bewerkstelligt werden. «) Mittelst der 
Scleroticonyxis. Stellung, und erster und zweiter Act 
der Operation, bis das Blatt der Nadel in der Pupille erscheint, 
wie bei der Niederdrückung. Nun aber hebt man das Blatt 
durch Senkung des Heftes so hoch , dass es auf die Basis des 
oberen Drittheils der Kapsel oder doch wenigstens etwas über 
ihre Mitte gelegt werden kann. Der dritte Act besteht darin, 
dass man das Heft der Nadel hebelartig nach vorn hebt, und 
dabei zugleich eine Viertelwendung nach hinten macht, wo- 
durch die verdunkelte Linse sammt Kapsel in den Glaskörper 
und zwar an die Stelle des Augapfels gedrückt wird , welcher 
zwischen dem äusseren und unteren geraden Augenmuskel be- 
findlich ist* Ihr oberer Rand wird dadurch nach hinten und 
aussen, ihr unterer nach vorn und innen gerichtet, ihre vor- 
dere Fläche wird die obere, die hintere die untere. Nach 
geschehener Umlegung wird die Nadel auf demselben Wege 
wieder in die Höhe geführt , und , ehe man sie aus dem Auge 
zurückzieht, darauf geachtet, dass der Staar nicht wieder 
aufsteigt, in welchem Falle die Umlegung zu wiederholen ist. 
Sollte er wiederholt von Neuem aufsteigen , so wird man wohl 
thun, ihn nach Möglichkeit, wie weiter unten S. 293 angege- 
ben werden wird^ zu zerstückeln, und der Aufsaugung zu 
überlassen. — Mit der gekrümmten Nadel bleibt der erste Act 
wie oben S. 288 beschrieben, beim zweiten tritt aber sowie 
beim dritten dieselbe Abänderung, wie bei der so eben be- 
schriebenen Benutzung der geraden Nadel ein. — Scarpa, 
dessen Depression, wie bereits erwähnt, gleich der anderer 
italienischer und französischer Aerzte eine Reclination ist, 
und also hier Erwähnung verdient, führt seine Nadel ein, wie 
oben S. 289 angegeben wurde ; hierauf hebt er die Wölbung 
des Blattes auf den Gipfel der cataraetösen Linse und schiebt 

i 



292 Cataracta. 

sie mittelst eines leichten Druckes nach unten etwas nieder ; 
gleichzeitig führt er die gebogene Spitze vorsichtig zwischen 
den Ciliarkörper und die Linsenkapsel, bis sie rein in der Pu- 
pille zwischen der vordem Kapselwand und der Iris erscheint. 
Ist dies geschehen, so schiebt er die Nadel , deren Spitze nach 
hinten gewendet wurde , nach dem inneren Augenwinkel zu 
zwischen Kapsel und Iris, bis sie den inneren Rand der Kapsel 
erreicht hat. Hier nun zieht er das Heft der Nadel noch mehr 
gegen sich an , drückt die gebogene Spitze der Nadel tief in 
die Kapsel und Linse ein , und indem er mit dem Blatte der 
Nadel das Stück eines Bogens vom äusseren nach dem inneren 
Augenwinkel beschreibt, zerreisst er reichlich die Kapsel und 
schiebt die Linse aus der Sehaxe gegen die äussere Wand des 
Augapfels in den Glaskörper (Scarpa Traite u. s. w. 2. 68). 
Es scheint zweckmässig dieses Scarpa'sche Verfahren da- 
hin abzuändern , dass man den Bogen bei der Umlegung nicht 
ganz horizontal, sondern etwas schräg nach unten mache, da- 
mit die Linse eine Richtung nach unten und aussen, nicht blos 
nach aussen erhalte. Hat man diesen dritten Act oder die 
Umlegung selbst vollbracht, so giebt man der Nadel eine klei- 
ne drehende Bewegung, um sie aus der Linse los zu machen, 
und zieht sie auf demselben Wege, auf dem man sie einführte, 
wieder aus dem Auge zurück. Die Linse hat durch diese Ope- 
ration eine solche Lage bekommen , dass ihre vordere Fläche 
schief nach oben, ihr oberer Rand aber nach auf- und aus- 
wärts zu liegen kommt. — Die vorzüglichsten Nebenrücksich- 
ten, die man bei der Umlegung mittelst Scleroticonyxis zu 
nehmen hat, sind ganz die wie bei der Niederdrückung durch 
die Sclerotica. S. o. S. 289. 

ß) Umleg ung des Staares durch die Horn- 
haut. Reclinatio per corneam s. lieratonyjcidem- Die 
Einführung der Nadel, mag es eine gerade oder eine gebogene 
seyn, geschieht wie bei der mittelst Hornhautstich zu machen- 
den Niederdrückung (s. o. S. 290), dann aber schiebt man die 
Fläche der Nadel oder die coneave Seite, wenn es eine gebo- 
gene ist, bis gegen den obern Rand der Linse, legt sie auf die 
vordere Fläche der Kapsel auf und drückt nun den Staar nach 
unten und aussen , indem man das Heft der Nadel nach oben 
und innen hebelartig aufhebt. Die Rückführung der Nadel 
geschieht auf die ebenfalls schon oben angegebene Weise. 



Cataracta. 293 

3) Zerstückelung des Staares, Discisslo s. Incl- 
sio, bisweilen auch Sohitio cataractae genannt. Instrumente 
dieselben wie bei der Verschiebung (s. o. S. 287) oder auch 
2 Langenbeck'sehe Keratonyxisnadeln. Stellung aller bei 
der Operation Betheiligten wie S. 278 angegeben wurde. 

a) Zerstückelung durch die Sclerotica, Di- 
scissio per scleroticam s. scleroticonyxidem, Einstich und 
Vorführung der Nadel, bis sie in der Pupille zum Angesicht 
kommt, wie bei der Depression durch die Sclerotica (s.o.S.288). 
Hierauf wendet man die Schneide der Nadel gegen die Linse 
und zerschneidet die Kapsel und Linse mehrfältig und in ver- 
schiedenen Höhen, indem man das Heft mehrmals nach vor- 
und wieder rückwärts bewegt und gleichzeitig kleine ziehende 
Bewegungen macht. Doch gehe man auch hierin nicht zu 
weit, denn zerstückelt man gar zu sehr, so schwillt die Linse 
bisweilen so plötzlich auf, dass dadurch Druck und entzündli- 
che Reizung entsteht. Mit der gekrümmten Nadel verfahrt 
man eben so , doch steht sie bei der Operation durch die Scle- 
rotica der geraden beträchtlich nach. Ist es möglich, so sucht 
man einen Theil der Staarflocken in die vordere Augenkammer 
zu schieben , wo sie schneller durch Aufsaugung zerstört wer- 
den. Nachdem auch dies geschehen, zieht man die Nadel be- 
hutsam unter den früher angegebenen Vorsichtsmaassregeln 
zurück. 

b) Zerstückelung durch die Hörn haut, Dhcis- 
sio per corneam, s. lieratonyxidem. Alles wie bei der Um- 
legung, bis die Nadel durch die Hornhaut eingedrungen ist. 
Nun aber macht man mehrere , wenigstens 3 — 4 bogenför- 
mige Schnitte in die Kapsel und Linse, sucht durch nun fol- 
gende verticale Schnitte eine wirkliche Zerstückelung zu 
Stande zu bringen , auch von diesen Brocken einen Theil in 
die vordere Augenkammer zu schieben, was jedoch bei dieser 
Art der Nadeleinführung schwieriger ist als bei der Scleroti- 
conyxis. Die Ausführung der Nadel geschieht auf die be- 
kannte Weise, 

Verbindung zweier Operationen mit ein- 
ander. Nicht selten kommt der Fall vor, dass man 2 ver- 
schiedene Operationsmethoden mit einander vereinigen muss. 
Dies ist am häufigsten mit der Verschiebung und Zerstückelung 



294 Cataracta, 

der Fall. Findet man nämlich bei beabsichtigter Zerstückelung 
einen harten Kern der Linse, der sich nicht zerstücken lässt, und 
von dem oder einem Stücke harter Kapsel nicht zu erwarten steht, 
dass er aufgesaugt werden dürfte, so wird man am besten thun 
ihn sogleich, ehe man die Nadel wieder auszieht, niederzudrü- 
cken. Andere Male, jedoch viel seltener, kommt der Fall vor, 
dass eine harte Linse oder docli ein Stück derselben in die vor- 
dere Augenkammer gleitet. Dies kann nun entweder mittelst 
Scleroticonyxis in die hintere Kammer zurückgeführt und depri- 
mirt werden, oder man macht einen entsprechend grossen 
Hornhautschnitt und extrahirt. — Lederartige Kapselstaare, 
z. B. die C. arida siliquala , zu versenken, gelingt öfters 
nicht, selbst wenn man sie von allen ihren Anheftungspunkten 
möglichst losgetrennt hat. Hier wird es am besten seyn, die 
Lostrennung durch eine mittelst Scleroticonyxis eingeführte 
Nadel zu bewerkstelligen und die lederartige Kapsel , so gut 
es geht, wenigstens zum Theil in die vordere Augenkammer 
oder doch in die Pupille zu schieben, nach einigen Tagen aber, 
wenn die entzündliche Reizung des Auges sich ganz oder doch 
zum grössten Theil verloren hat, einen Schnitt in die äussere 
untere Seite der Hornhaut mit dem Staarmesser zu machen, 
welcher ungefähr den vierten Theil des Umfanges dieser Haut 
öffnet, und sodann mit einem Mohrenheim'schen Häkchen oder 
der Reisinger'schen Hakenpincette die zähe Kapsel auszuzie- 
hen. Sollten die Haken nicht hinlänglich fassen, so mag man 
einerecht feine Blömer'sche oder Zapfen - Pincette nehmen, 
auch wird es bisweilen nöthig die vielleicht noch übrig geblie- 
benen zähen Anheftungen mit der Scheere zu trennen, wenn 
man sie bis gegen den Hornhautschnitt hervorgezogen hat. 
Hier hat man also die Discissio mit der Extra et io verbunden. 
Nachbehandlung mit Einschluss des Ver- 
bandes. Ist die Operation vollbracht, so lässt man das 
Auge sanft schliessen, Nach Verlauf von 1 — 2 Minuten 
kann man es nochmals behutsam öffnen , um dem Kranken die 
Freude zu machen , dass er sich von dem günstigen Erfolge 
der Operation überzeugt, und zu sehen ob die Pupille rein 
geblieben ist. Man wende aber dabei das Auge desselben vom 
Lichte abwärts, zeige ihm einen oder ein Paar bekannte, nicht 
glänzende Gegenstände (Hand, Schlüssel) und ermahne ihn 
nun alle Seiner suche bis auf weitere Anordnung zu unterlas- 



Cataracta. 295 

sen ; diese erfolgt erst nach 4 — 8 Tagen und dann nnr mit 
grosser Vorsicht und auf kurze Zeit. Blendendes Licht ist 
dabei vor allen Dingen zu meiden, das Auge auch mit kleinen 
Gegenständen und scharfem Sehen wenigstens 4 Wochen lang 
nach der Operation zu verschonen. Nach der Ausziehung 
wird es dienlich seyn, besonders wenn der Hornhautschnitt 
nach unten gemacht wurde, die Augenlider mit ein Paar 2 — 
3 /;/ breiten Streifen englischem Pflaster zu verkleben , damit 
nicht unnöthige Bewegungen der Lider ein Aufklaffen der 
Hornhaut, Vorfall der Iris und des Humor vitreus bewirken 
können. Der Sympathie der Augen halber verklebt man auch 
das nicht operirte Auge. Am dritten Tage entfernt man die 
Pflaster. Nach Nadeloperationen ist ein solches Verkleben 
nicht nötliig, ja sogar schädlich, da es theils zu warm hält, 
theils einen ungewohnten Reiz auf den Apfel übt , der nicht 
gewöhnt ist ununterbrochen von den Lidern bedeckt zu wer- 
den, auch hat man den Vortheil das Auge, jedoch nur bei 
schwacher Beleuchtung, untersuchen zu können , was bei dem 
Verdacht von eingetretener Entzündung von Wichtigkeit seyn 
kann , aber ja mit Vorsicht und nicht zu oft geschehen muss. 
Ueber beide Augen hängt man eine ganz leichte leinene Com- 
presse, damit zufällig eindringende Lichtstrahlen das Auge 
nicht verletzen. Die Compresse wird an eine Nachthaube, 
oder wenn der Kranke diese nicht trägt, an eine um den Kopf 
geführte Zirkelbinde befestigt. Das Zimmer ist m äs s ig zu 
verdunkeln, vornehmlich aber darauf zu sehen , dass an 
Fenstern oder Thüren nicht einzelne kleine Oeffnungen blei- 
ben , durch welche um so grellere und nachtheiligere Strahlen 
einfallen, je stärker das Zimmer verdunkelt ist., — Zugluft 
in dem Zimmer des Kranken ist sorgfältig zu meiden. — Der 
Kranke , der gemeiniglich von der Operation angegriffen ist, 
oftmals kalte Hände und Füsse hat, zittert, wird nun aufsein 
Lager geführt, und erhält eine Tasse warmes Getränk, Lin- 
denblüthenthee, Chamillenthee oder dergl. Die Bedeckung sei 
nur leicht. In der Regel sei das Lager so eingerichtet, dass der 
Kopf hoch liegt ; nur nach Zerstückelung , besonders wenn sie 
durch die Hornhaut geschah, und die wässrige Feuchtigkeit 
ausfioss , lasse man den Kopf tiefer legen , um das Drücken des 
Staares an die Uvea zu massigen. Nach 2 — 3 Tagen kann 
man den Kranken auf einen Lehnstuhl setzen lassen. — Die 



2H0 Cataracta. 

Nahrung rouss in den ersten Paar Tagen in Wassersuppe und 
etwas gekochtem Obste bestehen , alles Erhitzende und solche 
Sachen vermieden werden, die ein Kauen nöthig machen, weil 
dieses ungünstig auf die Augen wirkt, bei Niederdrückung oder 
Umlegung sogar das Aufsteigen des Staares veranlassen kann. — 
Ist die Ausziehung gemacht worden , so ist der Kranke darauf 
aufmerksam zu machen, dass von Zeit zu Zeit innerhalb der er- 
sten 24 Stunden unter einem kleinen Stiche ein Tropfen Flüs- 
sigkeit aus den Augen ausfliessen werde , welches zum regel- 
mässigen Verlaufe gehöre. Es ist dies nämlich der von Zeit 
zu Zeit hervorsickernde Humor aqueus , so lange die Horn- 
hautwunde noch nicht geschlossen ist. — Gemüthsbewegun- 
gen aller Art, namentlich auch grosse Rührung, Freude, Dank- 
gefühl, sind zu massigen und unnöthige Besuche in den ersten 
Tagen fern zu halten , da dadurch eine nachtheilige Erregung 
veranlasst wird. — Das hier Angegebene dürfte in den ge- 
wöhnlichen, normal verlaufenden Fällen genügen; mehrere 
Aerzte haben es jedoch für gerathen gehalten auch in diesen 
einer zu befürchtenden Entzündung halber vorbauend einzu- 
schreiten , und es sind daher das Ueberlegen mit kaltem Was- 
ser oder Bleiwasser befeuchteter leichter Compressen , Ader- 
lass von Vielen (Guthrie, Lerche u. A.) angerathen 
worden. Hat man es mit jungen sehr vollblütigen kräftigen 
Personen zu thun, so sind die kalten Ueberschläge in vielen 
Fällen ein schätzbares Mittel; bei alten, weniger kräftigen 
oder mit irgend einer Neigung zu rheumatischen und gichti- 
schen Leiden begabten Personen aber hat man sie, sowie alle 
unnöthige Nässe an den Augen sorgfältig zu meiden. Den 
Aderlass halte ich im Allgemeinen für unnöthig, der Operirte 
müsste denn sehr zu Entzündungen geneigt seyn, oder das 
Auge wäre ungewöhnlich stark verletzt worden , wegen Ver- 
wachsungen , die getrennt werden mussten oder dergl. Da-*- 
gegen halte ich es aber für zweckmässig einen sehr kräftigen 
Aderlass (12 — 16 Unzen) zu machen und ihn erforderlichen 
Falles zu wiederholen, falls sich Spuren von Entzün- 
dung im Auge einstellen , wobei der übrige antiphlogistische 
Heilplan eben so in Anwendung zu bringen ist ? wie bei jeder 
anderen durch Verletzung bedingten inneren Augenentzün- 
dung. Calomel und Digitalis , oder Calomel und Opium neh- 
men hierbei einen wichtigen Platz ein. Dass Entzündung im 



Cataracta. 297 

Anzüge oder schon entwickelt sey, giebt sich bei verklebten 
Augen und Dunkelheit des Zimmers dadurch zu erkennen, 
dass die Operirten ein vermehrtes Gefühl von Wärme, ein 
Prickeln und gelindes Stechen im Auge bekommen, welches 
nach und nach einen höheren Grad erreicht und sich auch der 
Oberaugenbrauen- und Schläfengegend mittheilt, dass der 
Thränenfluss sich vermehrt und die Lider an den Rändern ge- 
röthet erscheinen. — Verstopfung nach der Operation ist nicht 
zu dulden , sondern mittelst kühlender eröffnender Mittel und 
Klystiere zu beseitigen. 

Ueble Ereignisse nach der Operation. Stellt 
sich Erbrechen ein, was entweder durch Zerrung und 
Dehnung der Iris oder durch zu fest gegen die Retina ge- 
drückten Staar veranlasst wird, so dienen im ersten Fal- 
le krampfstillende Mittel, £ — -~ Gr. Ipecacuanha allein oder 
mit -A- — ^ Gr. Opiumextract verbunden aller 2 — 3 Stunden, 
das Auflegen eines Senfteiges , des Senfalcohols oder eines 
gewürzhaften Pflasters auf den Magen , Klystiere mit Opium 
nach S c a r p a's Rath , oft muss aber gleichzeitig antiphlogi- 
stisch verfahren werden ; im zweiten Falle beruhigt es sich 
nicht eher, als bis die Linse durch das Erbrechen selbst 
aus ihrer nachtheiligen Stelle entfernt wurde, oder bis dies 
durch den Arzt geschah , was am leichtesten nach Richter 
durch Schlagen mit der scharfen Seite der Hand in den Nacken 
des Kranken bewirkt wird oder, wenn dies nicht ausreicht, 
durch abermaliges Einführen der Nadel und Aufhebung des 
Staares, den man gleichzeitig so gut als möglich zu zerstückeln 
versuchen kann. — Entsteht chronische Entzündung, die 
sich gern mit Lichtscheu paart, in Folge späterhin sich erst 
senkender Linse nach Umlegung, oder nur des übriggeblie- 
benen harten Kernes, und lässt sich auf die vorhin angegebene 
Weise, oder durch erregtes Niesen eine Ortsveränderung 
nicht erlangen, gelingt es auch nicht durch entzündungswidri- 
ge, ableitende und beruhigende Mittel das Leiden zu he- 
ben, so mag man die Aufhebung mittelst einer durch die 
Sclerotica geführten Scarpa'schen oder Langenbeck'schen 
Staarnadel unternehmen und die Linse entweder an eine an- 
dere Stelle weniger tief legen oder in die vordere Augenkam- 
mer schieben und nach Führung eines ihrer Grösse entspre- 
chenden Hornhautschnittes ausziehen. Geht nach Zerstücke- 



■^98 Cataracta, 

lang des Staares die Aufsaugung zu langsam vor sich, so 
scheinen von Zeit zu Zeit gereichte Abführmittel, wie in an- 
dern Organen so auch im Auge die Thätigkeit der Sauggefässe 
zu erhöhen, auch zeigen sich aus gleichem Grunde Einreibun- 
gen um das Auge, z. B. von Quecksilber- oder Iodsalbe mit etwas 
Belladonnaextract versetzt, dienlich. Sehr nützlich zeigt sich 
das von Zeit zu Zeit wiederholte Herauslassen der wässrigen 
Feuchtigkeit zur Beförderung der Aufsaugung. Man macht 
zu dem Ende mit dem Staarmesser einen hinreichend grossen 
Schnitt durch die Hornhaut, damit die mit den aufgelösten 
Linsentheilen angeschwängerte wässrige Feuchtigkeit ausflies- 
sen könne. Entzündung , selbst geringen Grades, darf aber 
nicht zugegen seyn , wenn man diese Operation in Anwendung 
bringen will. — Pupillensperre, Vorlall der Iris , Trübung 
der Hornhaut, Hornhautbruch, Verschwärung oder Abster- 
ben derselben, kleine Staphylome der Sclerotica sind nach 
den Regeln zu behandeln, die bei diesen verschiedenen Krank- 
heitsformen angegeben werden. Gegen Neuralgie der Su- 
praorbi talnerven , die Flarer und Molinazi nach Depres- 
sion durch die Sclerotica beobachteten , brauchte ersterer in 
2 Fällen das kohlensaure Eisen mit Nutzen. Bildet sich eine 
neue Trübung hinter der Pupille in Folge nun erst entstehen- 
der Verdunkelung der früher klar gewesenen Kapsel, die des- 
halb dem Arzte entging und nicht mit entfernt oder hinläng- 
lich zerrissen wurde, was man Nachstaar, Cat. se- 
cundaria, nennt, so ist dieser durch eine abermals zu 
unternehmende Operation zu beseitigen. 

Wiederholung der Operation. Mehrere Um- 
stände können eine Wiederholung der bereits gemachten, oder 
einer anderen Staaroperation erheischen. Dies findet bei der 
Ausziehung dann statt , -wenn während der Eröffnung der 
vordem Augenkammer die wässrige Feuchtigkeit auslief und 
das Messer, wegen Schwierigkeit den Schnitt regelmässig 
und ohne Verletzung der Iris zu vollenden, zurückgezogen 
wurde ; wenn zurückgebliebene Flocken der Linse oder Ka- 
psel nicht aufgesaugt wurden, wenn sich, was jedoch nur sehr 
selten vorkommt, ein Nachstaar bildete. Dieser ist nach der 
Ausziehung gemeiniglich sehr dünn, leicht zerreissbar und 
hängt an den ganzen Rand der Pupille an. Bei der Ver- 
schiebung des Staares macht sich häufig dadurch Wieder- 



Cataracta. 299 

holung der Operation nöthig, dass er den Ort, an den er hin- 
geschoben worden war , entweder wegen Diinnheit der Glas- 
feuchtigkeit, oder wegen nicht gehöriger Ablösung von dem 
Strahlenblättchen , oder durch Erschütterung des Auges beim 
Husten, Niesen, bei einem Falle, Schlage u. s.w., verlässtund 
wieder an seinen früheren Platz zurückkehrt, aufsteigt, manch- 
mal auch durch die Pupille in die vordere Augenkammer tritt. 
Aber auch Nachstaar giebt bisweilen eine Bedingung. Bei der 
Zerstückelung, wenn die Aufsaugung zu langsam oder gar 
nicht weiter vorschreitet, oder Nachstaar erfolgt, was hier 
besonders häufig vorkommt, wenn die Kapsel nicht in allen 
Richtungen hinlänglich zerschnitten wurde. — Als allge- 
meine Regel steht fest, dass, so wie überhaupt keine Staar- 
operation vorzunehmen ist, so lange eine entzündliche Rei- 
zung im Auge obwaltet, so auch eine Wiederholung der Ope- 
ration nicht eher statt haben darf, als bis jede Spur von Ent- 
zündung geschwunden ist. Nur in dem einen Falle kann da- 
von abgewichen werden , wenn der Staar selbst, der z. B. in 
die andere Augenkammer fiel, Grund zur Erhaltung und Stei- 
gerung der Entzündung wird. Oft wird man die früher ge- 
machte Operation wiederholen ; doch hat man sich stets nach 
den gegenwärtigen Umständen zu richten, die nicht selten 
andere Heilanzeigen bedingen. So wird unter oben an- 
gegebenen Umständen die Ausziehung zu wiederholen seyn, 
wenn das erste Mal der Hornhautschnitt misslang , sind aber 
blos trübe Flocken zurückgeblieben, oder hat sich Nachstaar 
gebildet, so wird man am besten durch Depression oder Re- 
clination die Beseitigung derselben aus der Sehaxe vornehmen, 
was mit einer gebogenen Nadel zu bewerkstelligen ist; bei 
Nachstaar genügt , wenn er sehr dünn ist , oft schon das Zer- 
reissen, worauf er hinter der Uvea zusammenschrumpft ; soll- 
ten jedoch Umstände obwalten, die dies weniger ausführbar 
machen, so kann man die trüben Theile auch ausziehen, wozu 
dann jedoch nur ein kleinerer Hornhautsehnitt gemacht wird, 
durch welchen man eine geeignete Zange, die mit runden 
Löffelchen versehene Beer'sche, die Blömer'sche oder ähn- 
liche oder den Mohrenheim'schen Haken einführt, die 
Staarreste fasst und auszieht. War ein niedergedrückter 
Staar wieder aufgestiegen , so wird die Niederdrückung oder 
Umlegung zu wiederholen seyn , mehrentheils wohl letztere, 



360 Cataracta. 

wobei man auf recht sorgfältige Versenkung des Staares zu 
sehen hat. Da nicht selten Dünnheit des Glaskörpers Schuld 
an dem Aufsteigen ist, so dürfte öfters ein abermaliges zu be- 
fürchten seyn und man also wohl thun die Linse so viel als 
möglich zu zerstückeln, damit die Aufsaugung des Staares be- 
wirkt werde. Oft gelingt aber eine zweite Operation deshalb 
besser, weil bereits durch Aufsaugung eine Verkleinerung der 
Linse bewirkt wurde. Die Zerstückelung erheischt öfters ei- 
ne Wiederholung, besonders wenn sie das erste Mal nicht 
kräftig genug ausgeführt wurde; man suche dabei so viel als 
möglich die noch vorhandenen Reste in die vordere Augen- 
kammer zu schieben und drücke die härteren und grösseren 
Stücke nieder oder nach hinten und aussen in die Glasfeuch- 
tigkeit. Als eine häufig gemachte Erfahrung habe ich anzu- 
geben , dass eine zweite oder dritte Operation gewöhnlich von 
dem Auge leichter ertragen wird als die erste , vorausgesetzt, 
dass die Wiederholung nicht vorzeitig geschieht. 

Staarbrille. Um nach der Entfernung der Linse 
aus der Sehaxe ein möglichst gutes Gesicht auch für die Nähe 
wieder zu erlangen, muss man durch eine Brille die mangelnde 
Linse zu ersetzen suchen. Nur Kurzsichtige können sie bis- 
weilen entbehren. Die Gläser müssen doppelt convex seyn, 
und einen Brennpunkt zwischen 2 — 6" haben, was nach der 
verschiedenen Beschaffenheit der operirten Augen verschieden 
ist , und tbeils von der Wölbung des Auges überhaupt, theils 
von der Dickheit der Glasfeuchtigkeit, theils von der Beschaf- 
fenheit der den liaum der entfernten Linse füllenden Masse 
abhängt, wovon unter dem Anatomischen ein Mehreres ange- 
geben werden wird. Da eine geraume Zeit verstreicht, ehe 
das Auge die durch die Operation bewirkten Veränderungen auf 
die möglichst gute Weise wieder ausgeglichen hat ; ein zu 
zeitiger Gebrauch einer Brille diesen Process aber stören, auch 
bald andere Gläser erheischen würde, so hat man theils aus 
diesem Grunde, theils um das nach der Operation stets eine 
Zeit lang reizbare Auge nicht zu sehr anzustrengen , nie vor 
Ablauf des dritten Monats nach der Operation die Anwendung 
einer Brille zu erlauben. Bei ihrer Wahl sind dieselben Rück- 
sichten zu nehmen, wie bei der Wahl der Augengläser über- 
haupt. 

Anatomisches Verhalten: A. der Kapsel. 



Cataracta. 301 

Man findet sie, wie bereits oben S. 254 beschrieben, verschie- 
denartig gefärbt und gezeichnet. Ihre Trübung 
ist bald mehr bald minder allgemein, bald gleich-, bald un- 
gleichmässig verbreitet (S. o.). Nicht selten kommen Wu- 
cherungen vor, wie sie z. B. bei Pyramiden - und Balken- 
staar, mehr oder minder aber auch bei Fensterstaar u. s. w. be- 
obachtet werden. Dem Zusammenhalte nach ist sie 
oft aufgelockert und verdickt , Beer fand eine 3 //y starke 
Verdickung, dabei nicht selten zähe, lederartig, verhärtet, 
ja selbst knorpelig (Beer Lehre u. s. w. 2. 302) , verknö- 
chert (M o r g. Ep. 13. 10 ; Beck Handbuch 363). Ritte- 
rich (Jährl. Beitr. 1. 143) führt einen Fall an, wo die 
Kapsel einer 40jährigen Frau aus lauter kleinen knöchernen 
Blättchen und Schuppen , die Linse aber aus einer trockenen 
käsigen ziemlich fest zusammenhängenden Masse bestand. 
Der Staar hatte heftige Schmerzen vor der Operation erregt. 
Middlemore (Lond. med. Gaz. 1830) beschreibt einen 
Fall, wo die Kapsel in eine glatte Knochenplatte verwandelt 
war, die Schmerz im Auge erregte, der nach der Ausziehung 
des Staares verschwand. Gewöhnlich findet man Verhärtun- 
gen und Verknöcherungen nur in hohem Alter und bei Perso- 
nen , die an Gicht gelitten haben. Hinsichtlich der A n - 
heftung findet man die Kapsel a) zu fest verwachsen mit 
der tellerförmigen Grube und dem Strahlenblättchen , so dass 
sie sich schwerer von diesen Theilen trennt, als im normalen 
Zustande der Fall seyn sollte ; oder mit der Uvea an kleine- 
ren oder grösseren Stellen, wobei häufig eine dazwischen- 
liegende falsche Haut die Vermittlung bildet; oder blos an 
dem Bande der Pupille ; b) oder von ihren normalen Anhef- 
tungen getrennt. Sie erhält dadurch eine zitternde Bewe- 
gung, die, wenn der Glaskörper gleichzeitig aufgelöst ist, 
eine schwimmende wird (Zitterstaar , C. tremula , schwim- 
mender Staar, C. natatilis), bisweilen fällt sie auch in die 
vordere Augenkammer vor (vorgefallener Staar, C. prolapsci). 
So fand M onro (Works n. 25) bei Seetion eines cataractösen 
Auges , dass die Kapsel sammt Linse , nach Entfernung der 
Hornhaut und Iris, bei Bewegung des Apfels in verschiedener 
Richtung sich freiwillig von ihren Anheftungen trennte, lie- 
ber die Ursachen der Trennimg im lebenden Auge s. o. S.257. — 
Auf ihrer inneren Fläche, vornehmlich auf der hinteren, kommt 



302 Cataracta. 

Abscessbildung vor und bildet den sogenannten Eiterstaar 
(C. purulenta) und Beer's Kapsellinsenstaar mit dem Eiter- 
ba[ge ; dass die Linse selbst in Vereiterung übergehe, ist mir ih- 
res Gefüges halber nicht wahrscheinlich, doch werden mehrere 
Fälle der Art" angeführt, unter andern von T r a v e r s (Syno- 
psis u. s. w. S. 206). Abscessbildung auf der äusseren Flä- 
che wurde einige Male von St. Yves beobachtet. Die Afe- 
scesse hatten die Grösse eines Nadelkopfes , und ergossen ih- 
ren Eiter in die wässrige Feuchtigkeit. 

B. Der Linse. Ueber ihre Abweichungen in Bezug 
auf Farbe, Zeichnung, Vertheilung der Trübung, Zusam- 
menhalt ist schon oben S. 254 ff. gehandelt worden. In letz- 
terer Beziehung findet man sie bisweilen knochenhart , erdig 
geworden , wovon viele Beispiele bekannt sind. Zu den von 
S c li|ö n (Handbuch der pathologischen Anatomie S* 207) be- 
reits angeführten dürften noch die von F a b i n i , der bei ei- 
nem Zigeuner eine steinharte Linse fand, und von Wasser- 
fuhr (Rust's Mag. 27. 329) hinzugefügt werden, welcher 
letztere bei einem 12jährigen Mädchen, die nach bösartigen 
Blattern auf beiden Augen den grauen Staar bekam , der so- 
wohl vor als nach der Operation keine Spur von Lichtempfin- 
dung gewährte , „versteinerte" Linsen auszog. 

C. DerMorgagni'schen Feuchtigkeit. Wie be- 
reits oben bemerkt hat man sie mehrfach getrübt gefunden, 
und es ist dies wohl mehr oder minder bei allen Staaren an- 
zunehmen. Ganz allein für sich bestehende Trübung dürfte 
wohl schwerlich gefunden werden und hierher gerechnete 
Fälle mehr den flüssigen Linsenstaaren zuzugesellen seyn. ~"^ 

D.Der übrigen The ile des Auges. Oefters tragen 
sie die Spuren von früherer Entzündung, andere Male die 
von Decrepidität. So fand ich Aufgelöstheit des Glaskör- 
pers , gänzlichen Mangel oder grosse Blässe der gelben Far- 
be des Sömmerring'schen Fleckes , vielleicht weil lange kei- 
ne kräftigeren Lichtstrahlen den Punkt berührt hatten , wo- 
her v. A m m o n die gelbe Farbe leitet ; Verwachsung des Ci- 
liarkörpers mit dem Strahlenblättchen , Entfärbung der Iris 
und Ciliarfortsätze, sehr schwache Färbung der Chorioidea. 

Anatomisches Verhalten nach S taaropöra- 
tionen. Durch C oct eau und L er öy d'Etiolle wurde 
zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Linse, nach- 



Cataracta. 3Öö 

dem sie ausgezogen worden ist, bereits nach 3 Wochen wie- 
dererzeuge. Obgleich nun Backhausen (Radius Script, 
ophth. min. III. p. 160) nachgewiesen hat, dass diese an Ka- 
ninchen, Katze und Hund angestellten Versuche auf Täu- 
schung beruhten, so scheinen sie doch, sowie Dietrich's 
gediegene Arbeit über Verwundungen des Linsensystems, die 
Veranlassung zu Wilh. Sömmerring's Untersuchungen 
an operirten Menschenaugen geworden zu seyn, der zuerst 
zeigte, dass die nach der Zerschneidung oder Zerreissung der 
Kapsel übrig gebliebenen Reste sich zusammenlegen und da- 
durch einen an das Strahlenblättchen anhängenden, bald mehr 
bald minder vollständigen eingekerbten ringförmigen Wulst 
bilden, der sich mit einer krystallhellen , gallertartigen, in 
Weingeist trübenden Masse füllt; wie auch frühere und spätere 
Schriftsteller und ich selbst es beobachteten. NachBeck's 
Beobachtung (v. Ammon Journ. 5. 98) findet dies jedoch 
nicht immer statt , denn er bemerkte in einem Falle , wo er 
10 Jahre nach der Umlegung das Auge untersuchte, kei- 
nen Krystallwulst, sondern nur einen an die Zonula Zinnii 
anhängenden häutigen Ring , der von unter sich vereinig- 
ten Kapselresten gebildet war, aber keine Linsensubstanz ent- 
hielt. Bisweilen ist nur die Hälfte des Kranzes vorhanden, 
so dass er einen mondsichelähnlichen Wulst bildet. Die- 
ser von W. Sömmerring sogenannte Krystallwulst 
wird selten so breit, dass er bis in die Pupille reicht, thut er 
es , so soll er dem Gesichte durch ungleiche Lichtvertheilung 
nachtheilig werden, was jedoch weiterer Bestätigung noch be- 
darf. — Zwischen den Krystallwulst oder auch nur häutigen 
Ring hinein drängt sich die nach vorn zu sich wölbende Glas- 
feuchtigkeit, die an dieser Stelle eine dichtere Existenz an- 
nimmt, und so einigermassen die Linse ersetzt. Am häufig- 
sten kommt diese neue Bildung nach Zerstückelung oder Ver- 
schiebung vor, nach Ausziehung mag sie deshalb selten seyn, 
weil oft die Kapsel mit ausgezogen wird , wenigstens konnte 
ich in einem Falle , wo ich ein Auge , an dem 25 Monate frü- 
her die Ausziehung gemacht worden war, untersuchte, nichts 
davon wahrnehmen. 

Nach Ausziehung bemerkt man am Auge die Narbe des 
Hornhautschnittes, die in der Regel völlig klar ist, bisweilen 
aber , besonders wenn der Schnitt etwas zwischen den Platten 



304 Cataracta. 

der Hornhaut geführt worden war, leichtere oder stärkere 
Trübung zeigt; mitunter findet man auch , dass ein Theil der 
Iris in sie eingeklemmt und angeheftet ist. Bisweilen zeigt 
die Iris geringe Verdickung in Folge vorhanden gewesener 
Entzündung , manchmal ist sie verzogen und bietet Exsuda- 
tionen lymphatischer Art auf ihrer hinteren Fläche oder in 
der Pupille dar. Die nicht entfernte Kapsel hat sich biswei- 
len nach der Operation getrübt und bildet einen an die Pupil- 
lenränder anliegenden dünnen Nachstaar. In einem Falle fand 
ich die hintere Hälfte der Glasfeuchtigkeit äusserst verdünnt, 
so dass sie unmittelbar nach gemachtem Horizontalschnit- 
te durch die Augenhäute ausfloss, während die vordere Hälf- 
te an der Iris und dem Ciliarkörper hängen blieb und eine et- 
was festere Consistenz als gewöhnlich zeigte ; Branntwein 
brachte einige milchige Streifen in dieser Hälfte hervor , kei- 
nesweges aber an der Stelle, wo die Kapsel, die mit der Lin- 
se ausgezogen seyn mochte , ihren Platz haben sollte. Der 
Mann hatte mit seinem Auge gut gesehen. 

Nach Umleg ung oder Niederdrückung bemerkt 
man bisweilen ein kleines Pünktchen an der Lederhaiit oder 
eine kleine Vertiefung, seltener eine unbedeutende Trübung 
an der Stelle der Sclerotica oder Hornhaut, wo früherhin die 
Nadel eingeführt worden war. Meistens ist aber von einer 
Narbe gar nichts wahrzunehmen. Dies gilt stets von Chorioi- 
dea und Ciliarkörper. Gewöhnlich findet man Reste der um- 
gelegten oder niedergedrückten oder auch zerstückelten Linse, 
die , je nachdem sie vor längerer oder kürzerer Zeit aus der 
Sehaxe entfernt wurde , mehr oder minder durch Aufsaugung 
verkleinert sind , so dass sie bisweilen nur die Grösse eines 
kleinen Nadelkopfes haben , oft fehlen sie auch ganz. Hier-» 
bei mag es sehr auf den Grad der Härte ankommen , den die 
Linse bei der Versenkung in den Glaskörper hatte, und auf 
das Alter des Individuum, an dem die Operation gemacht wur- 
de. B eck (a. a. 0.) nahm nach 10 Jahren nichts mehr von 
einem grossen damals umgelegten Kapsellinsenstaare bei einem 
32jährigen Mädchen wahr. W; Sömmerring fand 8 1 Jahre 
nach der Umlegung den Linsenkörper völlig verschwunden, 
in einem Auge war er nach 3 Jahren gänzlich aufgesaugt, wäh- 
rend er im andern unverändert in der umgelegten Kapsel ge- 
blieben war. In beiden Augen eines Mannes fand er nach 2 



Cataracta. 305 

Jahren den linsengrossen Kern des Staares als einen sehr har- 
ten Körper auf dem Boden des Auges befestigt, dasselbe war 
nach 13 Monaten in einem andern Auge der Fall. In allen 
Fällen, wo die Linse sich noch vorfand, lag sie fast gerade 
nacli unten auf dem Faltenkranze und hatte sich daselbst ein 
vertieftes Lager gleichsam ein Bett gebildet. W. Sommer- 
ring vermuthet, die Linse habe nicht in allen Fällen diese 
Lage bei der Operation bekommen, sondern erst nach und nach 
durch ihre eigene Schwere eingenommen. Ich kann dies bestä- 
tigen, denn in einem Falle, wo ich die Linse nach aussen und 
unten umgelegt hatte , fand ich sie 4-j- Monate später ganz in 
der Mitte des Auges auf dem Faltenkranze liegen. Man könnte 
daraus die Folgerung ziehen wollen, dass es also wohl am 
zweckmässigsten und den Glaskörper am wenigsten zerstörend 
sei, wenn man die Linse gleich bei der Operation in diese ein- 
mal unvermeidliche Lage brächte. Hiergegen ist jedoch 
zu erinnern, dass dadurch leichter, als es schon bei der Ver- 
schiebung nach aussen und unten der Fall ist, einige Zeit nach 
der Operation Druck auf die Netzhaut und dadurch Entzün- 
dung derselben u. s. w. entstehen würde. — Wurde die Ka- 
psel nicht zerrissen, sondern die Linse in sie gehüllt versenkt, 
so wird die Linse nicht aufgesaugt, wie denn Richter (Chir. 
Bibl. Bd. 4. S. 328) noch nach 10 Jahren einen Staar wieder 
aufsteigen und in die vordere Augenkammer fallen sah, wor- 
auf er ihn sammt seiner Kapsel extrahirte. — Nicht selten 
endlich bemerkt man Ueberreste der Kapsel , namentlich in 
allen den Fällen, wo sie in einer organischen Verbindung blie- 
ben, mag es die normale mit dem Strahlenblättchen oder eine 
abnorme durch Verwachsung mit der Uvea oder dem Ciliar- 
körper seyn. Aus solcher Verbindung gerissene Theile der 
Kapsel werden nach und nach aufgesaugt. Ob dies aber auch 
mit sehr harter lederartiger Kapsel der Fall ist ^ kann ich 
nicht sagen ; wenigstens wird die Aufsaugimg sehr langsam 
von Statten gehen. — Iris und andere Häute des Auges zeigen 
nicht selten Spuren früherer Entzündung, und die Gegend des 
Glaskörpers, wo die noch wenig aufgesaugte Linse liegt, ist 
gemeiniglich verdickt und zähe. 

Literatur: Brisseau, Pierre , Nouvelles Observations sur 
la cataracte. Paris 1709. 12. Abhandlung von dem grauen Stahr 
und dem Glaucome oder grünen Stahr, durch den Hrn. Bris- 
seau d. j. Aus dem Französ. von Joh. Casp. Sommer. Berf. 

Handwörterb. d. Ch. II- 20 



306 Cataracta — Catheter. 

1743. 8. — D a v i e 1 , J. , Sur une nouvelle me'thode de gue'rir 
Ja cataracte par l'extraction. In Me'm. de l'Acade'mie de Chir. T. 
2. p. 337. — Richter,, Aug. Gottl., Abhandlung von der Aus- 
ziehung des grauen Staares. Götting. 1773. 216 S. 8. — Will- 
burg, A.C. v., Betrachtungen über die bisher gewöhnlichen 
Operationen des Staares, sammt der Anzeige einer verbesserten 
Art, dieselbe zu machen. Nürnb. 1785. — de Wenzel, Traite 
de la cataracte. Paris 1786. Ahhandlung vom Staar, nebst Beob- 
achtungen , welche beweisen , dass man nach Beschaffenheit des 
Staars , die Hornhaut und Kapsel der Krystalllinse auf verschie- 
dene Art öffnen müsse. Aus dem Französ. Mit Kupf. Nürnberg 
1788. 8. — Buchner, F., Verhandeling over de voortreffelijk- 
heid van de operatie der cataract, volgens de manier der on- 
dere. Äinsterd. 1790. — Beer, G. J., Praktische Beobachtungen 
über den grauen Staar und die Krankheiten der Hornhaut; mit 
illum. Kupf. Wien 1791. 8. — S ch i ferli, Rud. Abr., Theoret. 
prakt. Abhandl. über den grauen Staar. Jena u. Leipz. 1797.8. — 
Beer, G. J. , Methode den grauen Staar sammt der Kapsel aus- 
zuziehen. Mit 1 Kupf. Wien. 1799. 8. — W al t her, Ph. Fr., 
Ueber die Krankheiten der Krystalllinse u. dieBildung des grauen 
Staares. In dessen Abhandl. aus dem Gebiete der prakt. Medi- 
cin u. s. w. Landshut 1810. Bd. 1. S. 1 — 90. — Buchhorn, 
G. H. , Die Keratonyxis , eine neue, gefahrlosere Methode, den 
grauen Staar zu operiren , nebst einigen erläuternden Operations- 
geschichten. Magdeb. 1811.8. — Jäger, Fr., Dissert. de Kera- 
tonyxidis usu etc. Viennae 1812. In Radius Script, ophthalm. 
min. Vol. Lp. 149. — Benedict, Traug.W. Gust., Monographie 
des grauen Staares. Breslau 1814. VIII und 180 S. 4. — Jäger, 
Carol. , Diss. exhib. fragm. de extractione cataractae et experi- 
menta de prolapsu artificiali corporis vitrei. Vindob. 1823. VIII 
u. 33 S. 8. (in deutsch. Sprache.) — Molinari, Jos., de Scle- 
ronyxidis sequelis earumque cura. Ticini reg. 1823. In Radius 
Script, ophth. min. Vol. 111. p. 59. — Ritt er ich, Ph. Fr., 
Bemerkungen über die Operation des grauen Staares. In dessen 
Jährl. Beitr. z. Vervollk. der Augenheilkunst. I. S. 38 — 143. — 
Sömmerring, W. , Beobachtungen über die organ. Verände- 
rungen im Auge nach Staaroperationen. Mit 3 Taf. Frankf. a. M. 
1828. 84 S. 8. — Beck, C. J. , De oculorum mutationibus, quae 
cataractae opcrationem sequuntur, observatio, adnexis corollariis. 
Freib. Brisg. 1833.4. Aus dem Latein, von Beger in v. Ammon 
Zeitschrift für Ophthalm. 4. 95. Rds, 

CATHETER (von kad-lijfii , hinablassen), Immissor, Fi* 
si-ula aenea, Catheter, Harnabzapfe r, Catheter, Son- 
de, Tuyau pour tirer Vitrine, Algalte, ist eine gerade oder 
nach der Richtung der Harnröhre gekrümmte, cylindrische 
Röhre. Celsus (lib. VII. c. 26.) giebt die ersten Nach- 
richten von diesem Instrumente unter dem Namen Fistula 



Catheter. 307 

aenca , Galen nennt es zuerst xa&£z?]() ; es wurde damals 
aus Kupfer verfertigt, wie auch durch die Ausgrabungen in 
Pompeji bestätigt wird; in Portici hat man ebenfalls gerade 
Catheter ausgegraben. Abulcasis bediente sich eines sil- 
bernen Catheters, F ab riciu s biegsamer Catheter aus Leder, 
van Helmont hörnerner, Heister beschreibt zuerst ei- 
nen biegsamen silbernen Catheter; Petit gab dem Catheter 
die Form nach der Harnröhre. T h e d e n erfand die An- 
wendung des elastischen Harzes über silberne elastische Ca- 
theter, und Bernard und später Pickel, Dr. Segin 
u. A. verfertigten dieselben mittelst eines untergelegten sei- 
denen Gewebes. Die Form der Catheter, der männlichen 
sowohl als der weiblichen, ist oft verändert worden. 

Die Catheter werden meistentheils von Metall, nämlich 
von feinem Silber, Gold oder Piatina, seltener und weniger 
gut von Kupfer, Messing oder Eisen (unbiegsame, soli- 
d e C), oder auch sehr zweckdienlich von Seide und mit ela- 
stischem Harze überzogen (biegsame, elastische, fle- 
xi bei e C.) verfertigt. Die Grösse und Form der C. richtet 
sich nach dem Geschlechte, Alter und Grösse der Person, 
wofür sie bestimmt sind ; daher man stets mit einigen Cathe- 
tern von verschiedener Dimension versehen seyn muss. 

Der männliche , d. h. für das männliche Geschlecht be- 
stimmte C. für Erwachsene ist gemeiniglich 10 — 12 "lang 
und 2 1'" dick; für Kinder und Jünglinge 5 — 7" lang und 
1 — 1t '" dick ; die Oberfläche desselben muss ganz glatt und 
fein polirt, die Wandungen weder zu dick noch zu dünn seyn. 
Man unterscheidet an demselben den Körper, das vordere und 
hintere Ende. Der Körper ist vom hintern Ende in der Län- 
ge von 6 " gerade und erst da , wo das vordere Drittheil des 
Instrumentes mit dem Körper , dem mittleren , verbunden ist, 
muss eine massige Biegung stattfinden, welche das Segment 
eines Zirkels bildet, der einen Durchmesser von 6 " Par. hat; 
diese Biegimg verliert sich allmählig und geht in eine gerade 
Spitze über. Diese ist geschlossen und gut abgerundet; auf 
jeder Seite des vorderen Endes aber ^ — -2" von der Spitze 
entfernt befindet sich eine 4 — 6 "' lange und nach Verhält- 
niss der Stärke \ — V" breite elliptische, mehrere Linien von 
einander entfernte Oeffnung (Fenster). Kleine , runde Lö- 
cher an den Seiten (B. Bell) oder eine Oeffnung an der Spi- 

20* 



308 Catheter. 

tze selbst (La Chaud) sind weniger zweckmässig. Am 
hinteren Ende ist der Catheter etwas weiter , fast trichterför- 
mig und hat zu beiden Seiten zwei kleine Ringe , theils um 
ihn bequemer fassen und halten, theils um ihn, wenn er in 
der Blase liegen bleiben soll, daran befestigen zu können. 
In dem Catheter befindet sich ein silberner oder eiserner 
Draht, das Stilet, von gleicher Länge mit dem C, der an sei- 
nem oberen Ende zum Anfassen ringförmig gebogen ist. — 
Die elastischen Catheter , welche in den meisten Fällen den 
soliden vorzuziehen sind , haben gleiche Länge und Stärke, 
sind ebenfalls am vorderen Ende abgerundet, haben aber meist 
nur auf einer Seite eine elliptische Oeffnung ; an dem hinte- 
ren Ende ist die Oeffnung mit einem knöchernen Ringe oder 
einem Ringe von Siegellack, worein eine Kreisfurche zur Auf- 
nahme des Fadens gedrückt ist, umgeben, woran ein seidner 
Faden mit einem knöchernen Stöpsel befestigt ist, um die 
Mündung des Catheters zu verschliessen. 

Boyer empfiehlt hauptsächlich gegen Verengerungen 
der Harnröhre einen mit einem konischen oder spitzen Ende 
versehenen silbernen Catheter, dessen Wandungen sehr dick 
und dessen Spitze solid , nicht hohl , seyn soll. Amussat 
und Civiale bedienten sich zuerst wiederum der jetzt häu- 
fig angewendeten geraden Catheter (Sondes droites), wel- 
che von Silber einen geraden , hohlen Cylinder von 2 '" Dicke 
und 10 " Länge darstellen , dessen vorderes Ende einen ab- 
gerundeten blinden Sack, welcher mit zwei kleinen Oeffnun- 
gen (Fenstern) versehen ist, bildet. Das hintere Ende, 
welches in der Länge von 2" abgeschraubt werden kann, ist 
gerieft und hat an der Seite einen Ring für den Daumen. — 
J. C 1 o q u e t erfand den doppelläufigen Catheter (Sonde ä 
double courant) , welcher eben so stark und lang als ein ge- 
wöhnlicher C. , eine doppelte Röhre hat und zu Einspritzun- 
gen in die Blase sehr dienlich ist. Cellai's und G ar en- 
ge ot's C. mit einer trichterförmigen Mündung zur Aufnah- 
me einer Spritze, deren man sich bei dem Steinschnitte mit 
der hohen Geräthschaft bediente , gehören auch hierher. 

Der weibliche, d.h. für das weibliche Geschlecht be- 
stimmte Catheter ist von Silber, für Erwachsene 6 — 8" lang 
und 14- — 2r /// dick, für jüngere Personen kürzer und schwä- 
cher; seine Richtung ist gerade und nur am vorderen Ende 



Catheterismus. 309 

hat er eine massige Biegung ; übrigens ist die Spitze rund 
und hat ebenfalls zwei elliptische Seitenöffnungen , das hinte- 
re Ende ist mit einem oder zwei Ringen versehen und die 
Oberfläche glatt polirt; in der Höhlung ist ein Draht. Le- 
vret schlug für Schwangere einen platten Catheter vor. Statt 
des Stöpsels, welcher zum Verschliessen der hinteren Oeff- 
nung, wie bei den elastischen männlichen Cathetern dient, 
hat Mongommery einen Hahn an dem weiblichen C. an- 
gebracht und an dem hinteren Ende eine Hülse, um eine Bla- 
se zur Aufnahme des Urins daran befestigen zu können. — 
Der elastische weibliche C. ist nur etwas kürzer als der männ- 
liche. W. 

CATHETERISMUS, Catheterisiren, ist diejenige 
Operation , mittels welcher der Catheter durch die Harnröhre 
in die Blase eingeführt wird, sowohl und hauptsächlich um 
die in der Urinblase zurückgehaltenen Flüssigkeiten zu ent- 
leeren , als auch um Flüssigkeiten einzuspritzen oder auch 
zuweilen um den inneren Zustand der Blase zu untersuchen. 
Wenn man dem Verfasser der Einleitung (Introduct. in Galen, 
opp. T. IV. p. 383.) trauen darf, so wandte Erasistratus 
bereits (300 v. Chr.) zuerst den Catheter, der die Form ei- 
nes S hatte , an ; C e 1 s u s beschreibt die Einführung genau. 
Die Krankheitszustände, welche diese Operation anzeigen, 
sind : krankhafte Ansammlung und Zurückhaltung des Urins, 
herbeigeführt durch Lähmung oder Krampf der Blase, durch 
mechanische und krankhafte Hindernisse der Harnröhre oder 
der Blase selbst, z.B. coagulirtes Blut, Schleim, Eiter, Stei- 
ne , Varices , Carunkeln , Stricturen , Druck von aussen durch 
Balggeschwülste, während der Geburt durch den Kindeskopf; 
ferner Wunden , Fisteln und Geschwüre der Blase und der 
Harnröhre u. s. w. Gegenanzeigen sind hoher Grad von Ent- 
zündung der Blase und der Harnröhre und organische oder 
mechanische Hindernisse in der Harnröhre , welche der Ca-> 
theter nicht überwinden kann , z. B. Stricturen. 

Man bedarf zur Operation mehrere solide und elastische 
Catheter von verschiedener Dicke, Oelj warmes Wasser und 
ein Gefäss, um den Urin aufzunehmen. Der Kranke liegt 
auf dem Rücken im Bette , nahe am Rande desselben ; das 
Becken etwas erhöht, die Schenkel ein wenig gebeugt und von 
einander entfernt. Weniger zweckmässig ist die aufrechte 



310 Catheterismus. 

Stellung des Kranken oder die sitzende auf einem Stuhle. 
Die Einführung geschieht in drei Zeiträumen; im ersten gellt 
der Catheter durch den Theil der Harnröhre, welcher von 
den schwammigen Körpern umgeben ist, im zweiten durch 
den häutigen Theil derselben , im dritten durch die Vorste- 
herdrüse und den Blasenhals. — 

I. Einführung des soliden, gekrümmten männ- 
lichen Catheter s. 1) Erstes Verfahren, le tour 
sur le venire. Der Chirurg stellt sich an die linke Seite des 
Kranken, fasst mW dem Daumen und Zeigefinger der linken 
Hand das männliche Glied hinter der Eichel, ohne jedoch die 
Harnröhre zusammenzudrücken , und zieht es ein wenig auf- 
wärts ; mit dem Daumen , Zeige - und Mittelfinger der rech- 
ten Hand ergreift er den im warmen Wasser erwärmten und 
an der Spitze in Oel getauchten Catheter am oberen , hinte- 
ren Ende so , dass dasselbe gegen den Nabel hinneigt, führt 
nun die Spitze des C. in die Harnröhrenmündung, und indem 
er das Glied mit der linken Hand gleichsam auf den Catheter 
aufwärts zieht, schiebt er denselben langsam und vorsichtig 
nacli unten und hebt dabei das hintere Ende des Catheters 
ein wenig. Wenn die Spitze des C. durch den häutigen Theil 
der Harnröhre hindurch an den Bulbus unter die Schambeine 
gelangt ist, lässt der Chirurg das Glied los, und senkt das 
hintere Ende des C. langsam gegen die Knie. Der C. wird 
nun behutsam wieder etwas vorwärtsgeschoben und so gelangt 
die Spitze in den Blasenhals; man neigt den Griff des Ca- 
theters und das Glied , indem man den Catheter langsam vor- 
wärts schiebt, immer mehr gegen die Schenkel, und kommt 
in die Blase. Fühlt man an dem verminderten Widerstände 
und an der freieren Beweglichkeit des Catheters , dass man 
wirklich in die Blase eingedrungen ist, so senkt man den Griff 
des Catheters ganz zwischen die Schenkel, setzt ein Gefäss 
unter die Oeffnung, zieht den Draht heraus und lässt die 
Flüssigkeit abfliessen. — Rust (Magaz. Bd. 33. 1. S. 156) 
weicht von diesem Verfahren darin ab, dass er das hintere 
Ende des Catheters bei der Einführung desselben in die Bla- 
se seitwärts hält, so dass der Catheter ohn gefähr mit der 
linken Schenkelbeuge parallel läuft. Erst wenn die Spitze 
des Instrumentes unter die Schambeine gelangt und in den 
häutigen Theil der Harnröhre gedrungen ist, wird der gerade 



Catheterismus. 311 

■\ . 

Theil des Catheters durch eine Seitenbewegung der Linea alba 

genähert. 

2) Zweites Verfahren, le tour de maitre. Der 
Kranke liegt und der Chirurg hat seine Stellung wie bei dem 
ersten Verfahren ; man fasst das männliche Glied wie dort 
angegeben ist an , den Catheter aber so , dass dessen hinteres 
Ende oder der Griff gegen die Knie hin gerichtet, die Conve- 
xität desselben nach oben , die Concavität nach unten , der ge- 
rade Theil zwischen die Schenkel gekehrt ist ; dem männli- 
chen Gliede giebt mau eine senkrechte Richtung. Nun führt 
man den Schnabel in die Ilarnröhrenmündung und zieht das 
Glied auf den Catheter, welcher zugleich langsam erhoben 
und bis hinter die Schambeinvereinigung vorwärts geschoben 
wird. Ist man in den häutigen Theil der Harnröhre gelangt, 
so lässt man das Glied los und dreht den Catheter von der 
rechten Seite des Kranken zur linken, über den linken Schen- 
kel weg bis zur weissen Linie so , dass man mit dem hinteren 
Ende des Catheters einen Halbkreis beschreibt, während die 
Spitze des C. als Mittelpunkt sich nur um ihre Axe dreht. 
Die Convexität des C. sieht nunmehr nach unten ? die Conca- 
vität nach oben. Das fernere Verfahren ist wie bei dem er- 
sten beschrieben worden. — Dieses zweite Verfahren ist nur 
bei sehr dickbäuchigen Personen anzuwenden. 

II. Einführung des soliden geraden Cathe- 
ter s. Der Kranke liegt oder sitzt (Amussat) auf dem Ran- 
de des Bettes , die Füsse auf zwei Stühle gestellt so , dass die 
Schenkel gegen das Becken gebeugt sind. Der Chirurg stellt 
sich auf die rechte Seite des Kranken oder zwischen dessen 
Beine. Man bringt das männliche Glied durch ein massiges 
Anziehen nach unten in eine parallele Richtung mit den Schen- 
keln, und führt den Catheter mit der rechten Hand in die 
Schambeinvereinigung und an den Bulbus; nun zieht man 
das Glied noch mehr nach unten und erhebt ein wenig die Spi- 
tze des Catheters, wodurch derselbe ohne Schwierigkeit durch 
den häutigen Theil bis zur Vorsteherdrüse dringt. Man senkt 
nun die rechte Hand und den Griff des Instrumentes noch 
mehr , und erhebt dabei die Spitze desselben und so gelangt 
man ohne alle Anwendung von Kraft und Gewalt in die Blase. 
Ueberhaupt muss besonders der gerade Catheter ganz leicht 
geführt werden und gleichsam durch seine eigene Schwere sich 



312 Catheterismus. 

den Weg bahnen, welchen man durch Drehungen zwischen 
den Fingern um seine Axe um so eher erreichen kann. 

III. Einführung des elastischen männlichen 
Catheters. Diese geschieht entweder mit oder ohne 
Draht; man giebt diesem dann die Form und Krümmung der 
soliden Catheter und führt ihn wie jene ein. Führt man den 
elastischen Catheter ohne Draht ein, so ölt man ihn ein, lasst 
ihn ohngefährt 1 " von der Spitze entfernt an und schiebt ihn 
unter drehender Bewegung in die Harnröhre und fährt damit 
so fort, bis man in die Blase gelangt ist. 

IV. Einführung des Catheters beim weibli- 
chen Geschlechte. Die Kranke liegt auf dem Rücken im 
Bett, das Becken etwas erhöht, die Schenkel etwas flectirt und 
von einander entfernt. Der Chirurg steht auf der rechten Seite 
der Kranken, und zieht mit dem linken Daumen und Zeige- 
finger die kleinen Schamlefzen von einander. Mit dem Dau- 
men , Zeige - und Mittelfinger der rechten Hand fasst man 
den weiblichen Catheter so, dass derselbe auf der Volarfiäche 
des Zeigefingers der Länge nach liegt und die Concavität der 
kleinen Biegung der Spitze nach der Schambeinvereinigung 
gerichtet ist. Mit dem linken Zeigefinger bezeichnet man 
sich die Harnröhren mündung, welche unter der Clitoris in 
dem dreieckigen Räume zwischen den Nymphen und ein we- 
nig über der Oeffnung der Seheide mit einem wulstigen Rande 
umgeben liegt. An dem Nagel des linken Zeigefingers schiebt 
man den Catheter langsam in die Mündung der Harnröhre nach 
der Richtung des Schambogens hinein, senkt die rechte Hand 
mit dem Catheter ein wenig und gelangt so in die Blase. Eine 
Entblössung der Geschlechtstheile ist so viel als möglich zu 
vermeiden. — 

Man darf bei dem Catheterisiren niemals gewaltsam ver- 
fahren, weil dadurch leicht Entzündung, starke Blutung, Zer- 
reissung der Harnröhre und falsche Wege entstehen können ; 
man führe den Catheter mit grosser Behutsamkeit und Zart- 
heit ein. — Die Hindernisse , welche bei der Einführung des 
Catheters stattfinden können , sind entweder Folge eines un- 
zweckmässigen Verfahrens oder eines krankhaften Zustandes 
der Harnröhre , der Vorsteherdrüse oder des Blasenhalses. — 
Wenn man das hintere Ende des Catheters zu früh senkt, so 
stösst die Spitze desselben gegen die Schambeine; man muss 



. 



Catheterismus. 313 

hier den Catheter etwas zurückziehen , den Griff mehr gegen 
den Unterleib halten und das Instrument etwas tiefer einfüh- 
ren. — Bei dickbäuchigen Personen ist man zuweilen verhin- 
dert den Catheter tief genug gegen den Unterleib senken zu 
können; in einem solchen Falle führt man ihn entweder von 
der Seite ein, oder man wählt das zweite Verfahren, le tour 
de niaitre. — Ist die Spitze des Catheters durch eine Falte 
der Harnröhrenhaut , namentlich des häutigen Theiles dersel- 
ben aufgehalten, oder ist der Catheter zu tief nach unten ge- 
führt, so muss man ihn etwas zurückziehen und in einer an- 
deren Richtung wieder einführen. Hierbei, sowie in allen 
schwierigen Fällen dieser Art ist es von grossem Nutzen den 
linken Zeigefinger in den Mastdarm zu bringen und die Ein- 
führung des Catheters durch denselben zu unterstützen und 
zu leiten. — Elastische Catheter dringen bei Hindernissen 
oft dann ein, wenn man das Stilet \" zurückzieht und nun den 
Catheter vorwärts schiebt. — Krampf hafte Zustände der Harn- 
röhre und des Blasenhalses beschwichtigt man zuweilen durch 
eine kleine Pause in der Einführung, durch sanftes Reiben des 
Mittelfleisches oder durch ein warmes Bad. — Bei Verenge- 
rungen der Harnröhre ist es bisweilen dadurch gelungen den 
Catheter einzuführen , wenn man zuvor eine Bougie einige 
Stunden einlegt. — Fremde Körper in der Harnröhre müssen 
zuvor entfernt werden. — Anschwellung der Vorsteherdrüse 
erfordert die Anwendung dünner Catheter ; dagegen bei Vari- 
cositäten starke Catheter eher eingeführt werden können. Ue- 
berhaupt ist es nothwendig, dass man in schwierigen Fällen 
Catheter von verschiedener Stärke versucht. — Gelingt die 
Einführung des Catheters nicht und ist eine Ueberfüllung der 
Blase zugegen, so ist der Blasenstich (s. Punctio vesicae) 
angezeigt. — Ist der Ausfluss des Urins durch verdickten 
Schleim oder geronnenes Blut, welches die Seitenöffnungen 
oder den Canal des Catheters verschliesst, verhindert, so 
führt man das Stilet in den Catheter und sucht dadurch das 
Hinderniss zu beseitigen, oder man senkt den Griff des Instru- 
mentes mehr, um die Spitze gegen den Fundus vesicae zu he- 
ben und macht mittels einer Spritze, welche man in die äus- 
sere Oeffhung des Catheters setzt, Einspritzungen von lauwar- 
mem Wasser, oder man sucht durch diese Spritze den Urin 
auszusaugen. Der Heine'sche Saugecatheter , in welchem 



314 Catheterismus. 

sich eine mit einem weichen Stückchen Leder umkleidete Son- 
de befindet, welche die grossen ovalen Seitenöffnungen ver- 
schliesst und nach Art einer Saugpumpe wirkt, kann hier an- 
gewendet werden. — Bei der paralytischen Urinverhaltimg 
ist oft ein Druck auf die untere Bauchgegend nothwendig, um 
die Blase vollkommen zu entleeren. — Zuweilen kann man 
den Catheter nach geschehener Anwendung sogleich wieder 
entfernen , zuweilen muss man ihn liegen lassen. Die Ent- 
fernung des Catheters geschieht in derselben Richtung, in 
welcher er eingeführt worden ist. Bleibt er liegen , so ver- 
stopft man durch einen Kork seine äussere Oeffnung und befe- 
stigt ihn mittelst kleiner Bändchen , welche durch die Ringe 
am hinteren Ende gezogen und an einen Bauchgurt oder ein 
Suspensorium scroti gebunden werden. Aller 3 — 4 Stunden 
lässt man den Urin abfliessen und aller 4 — 8 Tage legt man 
der Reinigung wegen einen neuen Catheter ein, damit sich 
ein elastischer (der hierbei vorzuziehen) nicht zu sehr erwei- 
che und nicht incrustire. Man hat beim Liegenlassen des 
Catheters besondere Aufmerksamkeit darauf zu richten , dass 
man denselben nicht zu tief in die Blase einführt, weil er sonst 
die hintere und obere Wand der Blase durchstösst oder ent- 
zündet. Man zieht daher, während der Urin fliesst, den 
Catheter sanft zurück, und wo er zu fliessen aufhört, schiebt 
man ihn einige Linien tief ein und befestigt ihn sorgfältig. — 
Da , wo es nöthig einen ununterbrochenen Abfluss des Urins 
zu bewerkstelligen , z. B. bei Blasenwunden und Fisteln , ist 
der Vorschlag von Segalas in Anwendung gebracht worden, 
mittels eines elastischen Catheters einen baumwollenen Docht 
einzuführen , wodurch der Urin stets abgeleitet werden soll, 
was sicli aber wegen der reichlichen Absonderung des Harn- 
blasenschleimes praktisch nicht bewährt hat. Vorzüglicher 
scheint der einfache Hebercatheter, dessen sich Souber- 
bielle bei dem hohen Steinschnitt bedient, zu seyn. Der- 
selbe besteht aus einem stark ^-förmig gekrümmten und in der 
Länge des Schnabels mit mehreren, 2"' langen und !4- /;/ brei- 
ten Fensteröffnungen versehenen elastischen Catheter von we- 
nigstens 1 1 " Länge , auf dessen hinteres Ende eine zweite 
Röhre von derselben Länge oder Catheter ganz genau und fest 
aufgesteckt wird, um auf diese Weise einen vollkommenen 



Cauteriiun. 315 

Heber darzustellen (S. Froriep's Chirurg. Kupfert. Tab. 

318. fig. 11.). 

Die üblen Ereignisse, welche das Liegenlassen des Cathe- 

ters in der Blase zuweilen herbeiführt, sind schmerzhafte 

Erectionen , Anschwellung der Hoden, Entzündung, Eiterung 

und Brand der Harnröhre und Blase , Blutungen u. s. w. Der 

Catheter muss vor Allem entfernt werden. 

Literatur. Petit, Traite des malad, chirurg. T. III. p. 58. — 
Desault, chirurg. Werke, T. III. Dessen chirurg. Wahrneh- 
mungen, Band IL — Ware, On the Catheter. Lond. 1793. — 
Langenbeck's Neue Bibliothek für die Chirurg. Bd. I. 4. — 
Ch. Bell, über die Krankheiten des Harnw. Weimar 1S21. — 
Lallemand, in Revue medicale. Nov. 1822. p. 299. — Fro- 

- riep's chir. Kupfertafeln, tab. 64. 274- u. 318. — Amussat, 
du cathe'te'risme avec la sonde droite. Archives gene'rales de me- 
dicine. T. IV. — Rust, Magazin Bd. 33. I. p. 156. — J|r 

CAUTERIUM (KamfjQiov sc. otSrjQiov), das Brenn- 
eisen, das Brennmittel, Causticum s. Escharotlcum. 
sc. remedium, , Aetzmittel, ist dasjenige Heilmittel, wel- 
ches , auf irgend eine Stelle unsers Körpers angewandt, diese 
entweder zerstört, oder, in einem geringeren Grade der 
Einwirkung, eine Umstimmung in der Vitalität dieser Stelle 
und der benachbarten Gebilde hervorruft. Alle Cauterien 
theilt man in Cauteria actualla (Br enn mittel) und in 
Cauierla potentudia (Aetzmittel). Unter Brennmitteln 
versteht mau diejenigen Mittel, welche durch das Entströmen 
eines hohen Hitzegrades wirken ; unter Aetzmitteln aber sol- 
che, welchen eine chemische Wirkung zum Grunde liegt. 
Die Anwendung der Cauterien nennt man das A e t z e n , das 
Cauterisiren, Appllcatio caiiterü actualis vel poten- 
tialis, Cauteratio. Schon Hippocrates rühmt die Brenn- 
mittel in vielen Krankheiten und die Griechen und Römer be- 
dienten sich des Glüheisens häufig; in China und Japan wen- 
dete man aber nur die Moxen an. Erst im Mittelalter machte 
man Gebrauch von den (chemischen) Aetzmitteln, wodurch 
die Brennmittel fast in Vergessenheit geriethen , bis Parae- 
us, Severinus und in neuerer Zeit Pouteau, Louis, 
Desault, Percy, Larrey, Dupuytren, Klein, 
Rust u. A. die Anwendung der Brennmittel durch eine Wür- 
digung der Wirkungen beider Classen von Cauterien und durch 



316 Cauterium. 

Feststellung der Anzeigen für dieselben wieder allgemeiner 
machten. 

Im Allgemeinen ist das Cauterisiren angezeigt : zur Zer- 
störung krankhafter organischer Bildungen , welche von aus- 
sen her zugänglich sind, z. B. Krebs ; zur Zerstörung fremder, 
auf den Organismus feindlich einwirkender Stoffe, z. B. Gifte, 
Contagien in Wunden; zur Stillung von Blutungen, welche 
auf andere Weise nicht gestillt werden können, namentlich 
parenchymatöser ; zur Eröffnung der Wandungen krankhafter 
Höhlen und zur Erregung eines bestimmten Entzündungs- 
grades, z. B. bei Gelenkkrankheiten, Congestionsabsces- 
sen; zur Erregung und Umstimmung der Vitalität z.B. bei 
Lähmungen , Verhärtungen , torpiden Geschwüren , Meta- 
stasen, zur Erzeugung einer Secretionsßäche. — Die allge- 
meinen Gegenanzeigen sind: Entzündung der zu cauterisiren- 
den Stelle; Nähe edler und wichtiger Organe, welche leicht 
verletzt werden können , z. B. das Auge, die Gebärmutter; 
heftiges Fieber ; Convulsionen ; hoher Grad von Vulnerabili- 
tät, besonders bei der Anwendung von Brennmitteln. 11 u^ t 
(Arthrocacologie §. 147) hat die Wirkung der beiden Clas- 
sen von Cauterien in Parallele gestellt; nacli ihm verhalten 
sie sich folgendermassen : 1) das Glüheisen wirkt plötzlich 
und erschütternd, trocknet den berührten Theil schnell aus 
und verwandelt ihn in eine harte, unempfindliche Borke ; das 
Aetzmittel dagegen, der Lapis causticus, wirkt langsam, 
zersetzt die organischen Theile und die durch ihn erzeugte 
Borke ist feucht, weich und sulzig. 2) Die Wirkung des 
Glüheisens erstreckt sich im Augenblicke der Anwendung bis 
auf die entferntesten Partien und theilt sich dem ganzen Or- 
ganismus mit; die des Lapis causticus ist weniger eindringend 
und beschränkt sich auf die damit berührte Stelle. 3) Nach 
Anwendung des Glüheisens erzeugt sich zugleich mit der 
Brandkruste eine sich im Umfange der gebrannten Stelle weit 
verbreitende hypersthenische Entzündung; die der Anwen- 
dung des Lapis causticus folgende Entzündung hat einen asthe- 
nischen Character. 4) Der durch das Glüheisen erzeugte 
Brandschorf stösst sich bald los und es entsteht eine gutartige 
Eiterung; nach Lap. caust. entsteht eine wenigstens Anfangs 
ichoröse Eiterung, wobei sich der Brandschorf langsam los- 
stösst. 5) Der durch das Glüheisen erzeugte Erand greift 



Cauterium. 317 

nicht weiter um sich ; bei dem Lap. caust. geschieht dies nicht 
selten. 6) Das nach der Losstossung des Brandschorfes nach 
der Anwendimg des Gliiheisens entstandene Geschwür sondert 
einen gutartigen Eiter ab ; nach dem Lap. caust. ist die Ei- 
terung jauchig. 7) Der Schmerz von der Einwirkung des 
Glüheisens ist zwar heftig, aber schnell vorübergehend ; bei 
dem Lap. caust. ist der Schmerz massiger, aber andauernder. 
8) Das Glüheisen hinterlässt keine entstellende Narbe ; der Lap. 
caust. dagegen macht zuweilen hässliche Narben. 9) Das 
Glüheisen bewirkt keinen so grossen Säfteverlust als der Lapis 
causticus. 

Zu der ersten Classe von Cauterien , den Brenn- 
mitteln, Cauteria actualla , rechnet man : 

a) das Glüheisen , Ferrum candens, 

b) den Brenncylinder , Moxa. 

Ausserdem hat man noch das Brennen mittels der Brenn- 
gläser (la P e y r e und Lecomte), mittels glühender Koh- 
len (F a u r e), brennenden Siegellacks (C a 1 1 i s e n), sieden- 
den Wassers, Oeles, heisser Dämpfe, anderer glühend heiss 
gemachter Metalle, z. B. Blei, Silber, Gold, Kupfer, fer- 
ner mittels Schwefels, Schiesspulvers, verschiedener Harze, 
Spiritus, Naphthen u. s. w. entweder in Ermangelung eines 
Glüheisens oder durch die Stelle und die Umstände bestimmt, 
angewendet. 

a) Das Glüh eisen, Ferrum, candens, wird in 
verschiedenen Formen nach Verschiedenheit des zu brennen- 
den Theiles und des Zweckes der Operation angewendet; am 
gebräuchlichsten und zweckmässigsten ist die prismatische 
Form, womit man auch nöthigenfalls überall ausreicht; 
v. K 1 e i n empfiehlt zwei gabelförmig vereinigte prismatische 
Eisen. Ausserdem ist die conische und knopfförmige am ge- 
wöhnlichsten. Zur Operation bedarf man mehrere Eisen von 
verschiedener Grösse oder auch von gleicher Gattung , welche 
ausserhalb des Krankenzimmers zum Weissglühen d. i. -f- ^30° 
B. gebracht werden. Röhren von Metall oder Holz mit feuch- 
ter Leinwand zum Schutz der benachbarten Theile umwickelt. 
Ein Kohlenbecken mit glühenden Kohlen und einem Blase- 
balg. — Der Ort der Anwendung hängt von dem Sitze der 
Krankheit ab ; am Schädel darf man das Glüheisen nur wenige 
Secunden einwirken lassen ; bei Blutungen , krankhaften Pro- 



318 Cauterium. 

ducten , vergifteten Wunden , Hospitalbrand u. s. w. wird es 
auf die blutende, vergiftete Stelle selbst angewandt, zuwei- 
len längs des Verlaufes der Nerven, z. B. bei Ischias, über 
die Gelenke bei Krankheiten derselben , längs der Wirbel- 
säule bei Lähmungen der Extremitäten u. s. w. — Der Kranke 
liegt und wird von einigen Gehülfen festgehalten. Der Theil, 
welcher gebrannt werden soll , muss von Haaren befreit, ge- 
hörig abgetrocknet und dem Chirurg zugänglich se\n. Be- 
nachbarte edle oder zarte Theile schützt man durch nasse 
Compressen. 

Man wirkt mit dem Glüheisen entweder durch unmittel- 
bare Berührung , per contactum , oder in der Entfernung , in 
distans, auf den kranken Theil ein. In letzterem Falle hält 
man es 5 — 6" , und nach und nach näher an den Theil, oder 
man führt es flüchtig über die Oberfläche desselben hinweg. 
Im ersteren Falle aber beabsichtigt man entweder auf einem 
bestimmten Punkte einen Brandschorf hervorzubringen, z. B. 
zur Blutstillung, zur Zerstörung eines Giftes in einer Wunde, 
und hierbei setzt man das conische oder knopfförmige Eisen 
oder die vordere Fläche eines prismatischen einige — 5 — 
10 — Secunden, unter kleinen Rotationen um seine Längen- 
axe , damit es nicht anklebe , auf die Stelle massig festdrü- 
ckend auf. Will man mit dem Glüheisen Streifen bilden , so 
fasst man das prismatische Eisen mit beiden Händen am 
Griff an, setzt es mit der scharfen Kante auf die Hautstelle 
und führt es unter einem massigen Drucke langsam in der be- 
stimmten Richtung fort , so dass die Haut stark ein- aber 
nicht durcb gebrannt wird. Der Ort und die Krankheit bestim- 
men die Richtung und Länge der Streifen. Wenn mehrere 
Streifen nothwendig sind , so sollen diese in einer Entfernung 
von 1£ — 3" von einander gezogen werden. (S. Arthro- 
phlogosis.') Zu jedem Streifen muss ein besonderes Glühei- 
sen bereit seyn. Will man in Höhlen das Glüheisen anwen- 
den , so bedient man sich eines conischen Eisens und einer 
Röhre zum Schutze für die nächsten Theile ; für die Oberkie- 
ferhöhle, z. B. wendet man häufig einen glühenden Troikaran. 

b) Der Br enncylinder, Moxa, Brennkegel, 
F e u e r p u p p e, ist ein Cylinder von Baumwolle, welche mas- 
sig fest zusammengerollt und mit einem Leinwandstreifen um- 
geben wird, den man durch einige Nadelstiche befestigt, von 



Cauterium. 319 

1 — 2" Länge und -|" im Durchmesser. Man verfertigt sie 
aber auch aus dem Marke der Sonnenblume (Per cy), wel- 
ches mit in Salpeter getränktem Kattun umwickelt wird ; oder 
aus weich gezupftem Flachs und feinen , getragenen Baum- 
wollenzeugen ebenfalls in Salpeter getränkt, oder aus dem 
Marke der Beifussstengel (Sarlandiere), aus Phosphor 
(Paillard), aus Kalium (v. Gräfe), aus vermodertem 
Zunderholze (Bums ) , aus Feuerschwamm (Wasser- 
fuhr), aus getrocknetem Fliegenschwamm, aus faulem, 
phosphorescirendem, zu Pulver gestossenem und mit Alcohol 
zu einer Paste geknetetem Holze (Larrey), aus Canonier- 
lunte (Merat), aus Baumwolle, welche in Oel oder Alco- 
hol getränkt ist u. s. w. — Zur Anwendung des Brenncylin- 
ders, Applicatio tnoxae 3 JMoxibustio , bedarf man, ausser 
der bestimmten Anzahl von Brenncylindern, einen Moxa-Trä- 
ger, d. i. einen Metallring mit Füssen von Ebenholz und ei- 
ner Handhabe. Man kann auch die Moxa mit Heftpflaster, 
Leim , Hausenblase befestigen , oder sie mittels einer Ha- 
kenpincette, Kornzange oder eines langen Drahtes halten. 
Die Umgegend , wo die Moxa angewendet M r ird , bedeckt man 
mit feuchten Compressen. Ausserdem gebraucht man eine 
brennende Kerze zum Anzünden der Moxa , und eine Röhre, 
wodurch man auf die angezündete Moxa bläst , um sie bren- 
nend zu erhalten. Der Kranke liegt von einigen Gehülfen 
gehalten so, dass die Moxa senkrecht zu stehen kommt, und 
dass man bequem dazu gelangen kann. Der Theil , auf wel- 
chem die Moxa angewendet werden soll , muss zuvor von Haa- 
ren befreit und abgetrocknet seyn. Man fasst nun den Moxa- 
träger am Griff, und hält ihn mit der angezündeten Moxa 
auf die bestimmte Stelle; ein Gehülfe bläst mittels der 
Röhre so auf die Moxa , dass sie überall gleichmässig ver- 
brennt. Auf diese Weise verfährt man mit jeder einzelnen 
Moxa, wenn mehrere angewendet werden sollen. — Der Un- 
terschied zwischen der Wirkung der Moxa und des Glüheisens 
bestellt darin , dass bei jener die Empfindung einer angeneh- 
men Wärme allmählig bis zu dem heftigsten Schmerz gestei- 
gert wird , daher sie auch kräftiger auf die tieferen Gebilde 
ihre Wirkung ausbreitet , und daher bei Affectionen tiefer lie- 
gender Organe, Vorzüge vor dem glühenden Eisen verdient 
(C h e 1 i u s). 



320 Cauterium. 

Nach Anwendung des Glüheisens oder der Moxa bedeckt 
man die gebrannte Stelle , Trenn man baldige Abstossung des 
Brandschorfrs und Eiterung herbeiführen will , mit einer mil- 
den Salbe z. B. Unguentum cereum , oder mit einem erwei- 
chenden Umschlage; nach Larrey beugt man durch Betupfen 
des Brandschorfes mit ätzendem Salmiakgeiste einer zu tief 
eingreifenden Entzündung vor, und der Schorf schilfert sich 
nach und nach ab, zuweilen ohne alle Eiterung. Hat man 
wegen einer Blutung gebrannt, so legt man nur trockene 
Charpie auf den Schorf. — Heftige Entzündung und Schmerz, 
profuse Eiterung u. s. w. welche nach Anwendung der Brenn- 
mittel entstehen, werden nach bekannten Regeln der allge- 
meinen Chirurgie behandelt. 

Die gebräuchlichsten Cauterien der zweiten Classe, der 
Äetzmittel, Cauteria potentialia, sind: 

a) der Höllenstein , Argentum nitricum fusum et crystalli- 
satmn s. Lapis infernalis ; 

b) der Arsenik , Arsenicum album ; 

c) der Sublimat, Hydrargyrus perchloratus ; 

d) der rothe Quecksilberpräcipitat, Hydrargyrus oxydatus 
s. praecipitatus ruber ; 

e) der Bellostische Liquor , Liquor hydrargyri nitrici oxy- 
dati s. Bellostii ; 

f) der Brechweinstein, Antimonium tartarisatum s. Tarta- 
rus emeticus; 

g) die Spiessglanzbutter, Liquor antimonii chlorati s. Bu- 
tyrum antimonii ; 

h) schwefelsaures Kupfer, Cuprum sulphuricum ; 

i) Salzsäure, Acidum muriaticum ; 

k) Salpetersäure, Acidum nitricum ; 

1) Schwefelsäure , Acidum sulphuricum ; 

m) Aetzkali, Kali causticum s. Lapis causticus chirurgorum; 

n) gebrannter Kalk , Calx viva ; 

o) gebrannter Alaun , Alumen ustum ; 

p) Spanischefliegentinctur, Tinctura cantharidum. 
Da jedes Äetzmittel seine besondere, ihm eigenthümliche 
Wirkung besitzt , und diese bei der Beschreibung der einzel- 
nen Mittel in den ihnen bestimmten Artikeln angegeben wird, 
so verweisen wir hier darauf, um Wiederholungen zu ver- 
meiden. 



Cera — Cerumen auris induratum. 321 

Literatur: T. Fienus, de cauteriis. Leovan. 1598. — S e- 
verinus, de efficaci medicina. Francof. 1646. — Loder, über 
das künstliche Brennen, in dess. med. chir. Beobachtungen. Wei- 
mar 1794. — P. J. Percy, Pyrotechnie chirurgicale pratique, 
ou l'art d'appliquer le feu en Chirurgie. Metz 1794. Paris 1810.— 
Poutean, Me'moire sur les avantages du cautere actuel , in 
Me'langes de Chirurgie t. I. — Pascal, über die Wirkungen 
des Brennens mit der Moxa. Neueste Samml. d. best. Abhandl. 
f. Wundärzte. 2r Bd. p. 302. — Larrey, de l'usage du moxa. 
Recueil de me'moires de Chirurgie. Paris 1821. t. Klein, über 
die Anwendung des glühenden Eisens, in v. Graf e's u. v. Wal- 
ther's Journal. Bd. III. Hft. 4. p. 605. — Larrey, in v. Gräfe 
u. v. Walther's Journal. Bd. IX. Hft. 4. p. 669. — v. Kern, 
über die Anwendung des glühenden Eisens bei verschiedenen 
Krankheiten. Wien 1828. JJA 

CERA, Wachs, das, wird vorzugsweise äusserlich zur 
Bedeckung wunder , aufgezogener Brustwarzen , bei Verbren- 
nungen , zur Stillung örtlicher Blutungen auf offene Gefässe 
(Tampon), als mechanisches Reizmittel bei Verengerungen, 
Fleischgewächsen , Blennorrhöen der Harnröhre, zur zweck- 
mässigem Anwendung topischer Heilmittel (s. B o ugie), zur 
Bereitung verschiedener Pflaster, Salben und Cerate, um ih- 
nen die gehörige Consistenz zu geben , zum Ausfüllen hohler 
Zähne u. s. w. angewendet. Durch Zusammenschmelzen von 
5 Theilen Olivenöl und 2 Theilen weissem Wachs erhält man 
eine der-mildesten Salben , Ceratum simplex s. Unguentum 
cereum,, Wachssalbe. Aehnlich in ihrer Wirkung ist 
die weisse Lippenpomade, Ceratum labiale album, s. Cera- 
tum. cetacei album, welche aus gleichen Theilen weissem 
Wachs , Wallrath und Mandelöl besteht. IV. 

CERUMEN AURIS INDURATUM, verhärtetes' Oh- 

renschmalz, entsteht sowohl durch Nachlässigkeit und Un- 
reinlichkeit, als auch durch eine fehlerhafte Absonderung, 
welcher ältere Personen, namentlich gichtische, häufig un- 
terworfen sind. Durch Anhäufung dieses verhärteten Ohren- 
schmalzes, welches ein mechanisches Hinderniss für die Ein- 
wirkung der Schwingungen der Töne auf das Trommelfell ist, 
kann leicht eine Entzündung der Schleimhaut des äusseren 
Gehörganges entstehen. Das verhärtete Ohrenschmalz < ist 
bisweilen in einzelnen Stückchen vorhanden , bisweilen füllt 
es wie eine Röhre den ganzen Gehörgaug aus ; es ist oft so 
hart als Stein. Schwerhörigkeit, völlige Taubheit, Klin- 
Handwörterb. d. Ch. II. 21 



322 Chamomilla — Charpi e. 

gen vind Brausen im Ohre, schmerzhaftes Gefühl von Span- 
nung und Schwere sind die Zeichen dieser Anhäufung im Ohre, 
welche wir durch das Gesicht und durch das Gefühl mittels 
einer Sonde deutlicher erkennen. Durch erweichende Bähun- 
gen und Einspritzungen von warmen Wasser, so wie durch 
Eintröpfeln von Mandelöl in Verbindung mit eingedickter Och- 
sengalle (Fell, taur insp. jß Ol. amygd. dulc. 5jjj#M.) suchen 
wir diese Massen aufzulösen und durch die Einspritzungen 
herauszufordern. Bleicht diess nicht hin, so bedient man sich 
eines Ohrlöffels. W, 

CHAMOMILLA , Chamille, von Matricarla chamo- 
milla L. Die Chamillenblumen werden äusserlich als gelind 
reizendes, zertheilendes, krampfstillendes Mittel bei rosen- 
artigen , ödematösen Entzündungen und Geschwülsten , bei 
Drüsenanschwellung, bösartigen Geschwüren, Krämpfen, ein- 
geklemmten Brüchen , theils in Pulverform , theils als Um- 
schlag, in Bädern, als Bähung, Einspritzung, Klystier, Gur- 
gelwasser u. s. w. angewendet. Die Chamillen machen einen 
Bestandtheil der Species resolventes ext., Spec. emollientes, 
Sp. ad enema, Sp. ad fomentum aus. Zum Aufguss nimmt 
man gewöhnlich 1 — 6 :) auf 1 &• Wasser tassenweise ; zum 
Klystier 1 — 2 Drachmen, zu einem Bade 4-^. Das aufgegos- 
sene Chamillenöl wendet man oft zu Einreibungen und Klystie- 
ren an. W, 

CHARPIE, Linteum carptnm s. Carbasa, ist ausge- 
zupfte Leinwand, deren Quer- und Längenfäden einzeln aus- 
einander gezogen worden sind. Die Leinwand darf nicht neu, 
aber auch nicht zu sehr abgenutzt, weder zu fein noch zu 
grob, nicht gestärkt, muss aber rein und weiss seyn. Man 
schneidet aus solcher Leinwand Stücke von ohngefähr 5" Län- 
ge und 4" Breite, fasst diese an einem Rande mit dem lin- 
ken Daumen und Zeigefinger und zieht mit dem rechten Dau- 
men und Zeigefinger einen Faden nach dem andern vom freien 
Rande heraus (Linteum. carptiini); oder man schabt die Lein- 
wand mit einem stumpfen Messer (Linteum, rasumS). Legt 
man die Fäden der Länge nach regelmässig über einander, 
oder bringt man die Charpie mittels der Finger oder eines 
Kammes in eine gewisse Ordnung, so nennt man sie glatte, 
geordnete Charpie, die ungeordnete aber rohe. Eine 
besondere Art von Charpie ist die englische , welche auf ei- 



Chafpie, 323 

ner Seite glatt , auf der andern rauh ist. Charpie darf nie 
zum zweiten Male gebraucht werden, weil dadurch leicht 
Uebertragung von Krankheitsstoffen entstellen kann. Statt 
der Charpie hat man sich im IVothfalle des Flachses bedient, 
auch sogar Heu, Moos, Wolle, Werg zum Ausfüllen genom- 
men, und darunter eine Lage Charpie gelegt, so dass diese 
Stoffe nicht unmittelbar mit dem kranken Theile in Berührung 
kommen. Im Allgemeinen bedient man sieh der Charpie, 
um fremde Körper, Luft von einer kranken Stelle abzuhalten, 
Arzneistoffe aufzunehmen , Ungleichheiten beim Verbände 
auszufüllen, Druck der Verhandstiicke zu verhüten , Flüssig- 
keiten aufzusaugen , Oeffnungen zu erweitern oder zu versto- 
pfen u. s. w. Je nach dem Zwecke gebraucht man glatte oder 
rohe Charpie. Die trockn e Charpie dient vorzüglich 1) bei 
Blutungen aus kleinen Gefässen und aus dem Pärenchyma, 
reicht man damit nicht aus, so verbindet man sie mit der 
gleichzeitigen Anwendung styptischer Mittel und einem mas- 
sigen Druck; 2) bei Wunden mit Substanzverlust; 3) bei 
Wunden der Sehnen, sehnigter Häute, Nerven- und lym- 
phatischer Gelasse ; 4) bei verwundeten und entblossten Kno- 
chen ; 5) bei einfachen Geschwüren ; 6) bei starker Eite- 
rung ; 7) bei wuchernder Granulation. Unzweckmässig und 
nachtheilig aber ist die Anwendung der trockenen Charpie 

1) bei Wunden und Geschwüren, welche stark entzündet sind; 

2) nach Verbrennungen und ähnlichen Excoriationen ; 3) bei 
allen frischen Verwundungen empfindlicher Theile. — Da 
die Charpie an den Wunden und Geschwürsrändern, wo die 
Absonderung geringer ist, fest anklebt, so bedeckt man diese, 
ehe man die Charpie auflegt, mit schmalen, mit Cerat be- 
strichenen, Leinwandstreifen. Die rohe Charpie benutzt 
man vorzüglich zum Ausfüllen von Ungleichheiten am Körper, 
überhaupt zur Unterlage für andere Verbandstücke; die glatte 
zum Verbände bei Wunden und Geschwüren. Zu bestimm- 
ten Zwecken bringt man dieselbe in besondere Formen , von 
welchen wir die gebräuchlichsten hier anführen werden. 

1) Charpiebäuschchen, Plumaceohim s. PirJcil- 
lus , Plumaceau , ist diejenige Form von Charpie, welche 
am häufigsten gebraucht wird ; sie ist bald rund , bald oval, 
bald viereckig und von verschiedener Grösse. Man verfertigt 
sie folgendermassen : man macht die gehörige Menge Char- 

21* 



324 Charpie. 

pie mittels der Finger oder eines Kammes glatt ; ist die Char- 
pie lang, so legt man sie in der Mitte um und schneidet am 
untern Ende die Spitze ah. Auf diese Weise erhält man ein 
viereckiges Charpiebäuschchen. Oder man führt einen Faden 
locker um die Mitte der Charpie , schlägt beide Hälften zu- 
sammen , so dass die Enden neben einander zu liegen kom- 
men. Nun schneidet man entweder die Spitzen ab und erhält 
so ein halbovales, oder man vereinigt die Spitzen, dreht sie 
halb um ihre Axe , beugt sie rückwärts , und so hat man ein 
ganz ovales Plumaceau. Die Plumaceaux müssen eine der 
Tiefe und Fläche der Wunden angemessene Grösse und Dicke 
haben ; mehrere kleine neben einander gelegt, erregen leicht 
ungleichen Druck. — Eine besondere Art von dünnen, plat- 
ten und runden Plumaceaux ist das von den Franzosen Sindon 
de Charpie , Plumaceolum rotundum e Unamentis carptis 
contextum s. Glornus linteus genannte Charpiebäusch- 
chen. Am leichtesten bereitet man sie auf folgende Weise : 
Man bindet die der Länge nach zusammengelegten Cbarpiefä- 
den in der Mitte mit einem Faden zusammen, theilt darauf 
die Charpiefäden beider Hälften rund herum auseinander, so 
dass sie den Faden und Knoten bedecken und umgeben. Den 
Faden zieht man vermittelst einer Nadel durch die Mitte nach 
oben durch. Es wurde ehemals mehr als jetzt zur Ausfül- 
lung und Bedeckung der Oeffnung nach der Trepanation des 
Schädels angewendet. 

2) Charpiekuchen, Charpiekissen, Pulvil- 
lus e Unamentis vellaceratis vel carptis confectus, Gateau, 
Etoitpade , dessen man sich ehemals häufiger als gegenwär- 
tig zur Bedeckung grosser Wundflächen, besonders nach Am- 
putationen der Brüsten, s. w. bediente, nennt man diejenige 
Vorrichtung, wenn man einen plattrunden Haufen leicht zu- 
sammengeballter roher Charpie oder Werg in kreuzweis dar- 
über ausgebreitete lange Linnenfäden einschlägt. Zuweilen 
nahm man eine Oehrsonde und legte um diese herum Char- 
piefäden und dann eine Lage roher Charpie. 

3) Charpiekugel, Charpieballen, Pila , Pe- 
lote, bereitet man so: man macht einen Ball von Charpie 
und überzieht ihn mit Leinwand, welche man mit einem Fa- 
den festbindet ; oder man rollt Leinwand zu einem Balle zu- 
sammen und überzieht diesen mit zwei Bündelchen Charpie- 



Cliarpie. 325 

fäden , welche man zuvor geordnet , breit gemacht und in der 
Mitte locker mit einem Faden umgeben hat; beide Bündel- 
chen legt man kreuzweis übereinander, in die Mitte, wo sie 
sich kreuzen, legt man den Leinwandball, führt die Char- 
piefäden darüber und schliesst ihn ein. Die Enden der Char- 
pie bindet man mit einem Zwirnfaden zusammen und schnei- 
det sie in einiger Entfernung von der Umwiekelung ab. — 
Diese Art von Tampons wird noch zuweilen Nabelbrüche zu- 
rückzuhalten , Gefässwunden unmittelbar zu eomprimiren be- 
nutzt. 

4) Charpiemeissel oder W i e k e , Turunda, Tente, 
ist ein aus Charpiefäden konisch geformter Körper , welcher 
vorzugsweise als Erweiterungsmittel bei Fisteln , zur Offen- 
erhaltung von Wunden und Abscessen, zur Tamponade u. s. w. 
gebraucht wird. Man verfertigt ihn auf folgende Weise: 
man nimmt eine Lage geordneter Charpie, dann eine zweite, 
etwas kürzere und legt sie auf die erste, hierauf eine dritte 
und vierte, mit welchen man wie mit der zweiten verfährt, 
je nachdem die Wieke dick werden soll. In der Mitte beugt 
man diese Lagen alle um , so dass die längste die übrigen be- 
deckt, und umwickelt das Ganze von dem dünneren Theile 
an , dessen Enden man ein wenig nach dem dickern zu mit 
einem Faden umschlägt. Der obere Theil wird nicht um- 
wickelt, sondern man schneidet ihn mitten durch und macht 
ihn gleichmässig auseinander. Mit dem Faden macht man 
um den obern Theil eine Schlinge. 

5) Charpiepinsel, Wundpinsel, Penicülus ? 
Turunda falsa, Pinceau, zur Reinigung tiefgelegener Ge- 
schwüre und Wunden oder um Arzneistoffe an dieselben zu 
bringen, verfertigt man auf zweierlei Art: 1} man nimmt 
lange Charpiefäden , legt sie der Länge nach zusammen und 
umwickelt sie mit einem Faden so , dass beide Enden ohnge- 
fähr \ Zoll lang frei bleiben ; oder 2) man befestigt an das 
Ende eines Holzstäbchens , an welches man einen Einschnitt 
gemacht hat, 2 Zoll lange Charpiefäden, welche man um 
das Stäbchen herumlegt und deren Spitzen gerade schneidet. 

6) Cliarpie welger, Zapf enmeiss el, Char- 
piepolster, Bourdonnet , hinamentum. torlile , werden 
auf verschiedene Weise verfertigt: 1) man nimmt geordnete 
Charpiefäden so viel , als der Welger dick werden soll , rollt 



326 Chiaster — China. 

das Ganze zwischen den Händen , schlägt die ungleichen Fä- 
den um, und schneidet die Spitzen mit einer Scheere ab; 
oder 2) man nimmt in Ordnung gebrachte Charpiefäden , um- 
wickelt sie in der Mitte mit einem Faden, theilt die eine Hälfte 
in zwei Theile , und schlügt beide Theile um den Faden zu- 
rück. Die freien Fadenenden werden gleichmässig abgeschnit- 
ten ; oder 3) man nimmt geordnete Charpiefäden , bindet 
diese in der Mitte mit einen Zwirnfaden zusammen, beugt 
sie darüber um, und umwickelt mit demselben Faden das ganze 
Bündel spiralförmig und schneidet an dem obernEnde die her- 
vorragenden Spitzen mit der Scheere ab, das andere Ende 
bildet einen Knopf; oder 4) eine Lage Charpie umwickelt 
man in der Mitte mit einem Faden und schneidet zu beiden 
Seiten die Spitzen gerade, der Faden bleibt hängen , um den 
Welger leicht herausnehmen zu können. — Man gebraucht 
die Bourdonnets sehr häufig zur Tamponade, zur Offenerhal- 
tung von Fisteln , Abscessen und Wunden , zur Erweiterung 
von Verengerungen u. s. w. IV, 

CHIASTER , der K i a s te r oder die 8 ähnliche Binde ist 
ein beim Querbruche der Kniescheibe gebräuchlicher Verband, 
der auf folgende Art bestellt wird. Man legt, wenn die 
Bruchenden einander genähert sind , eine an beiden Enden 
gespaltene Compresse der Länge nach über die Kniescheibe, 
so dass die gespaltenen Köpfe einige Zolle weit nach oben 
und unten über dieselbe hinausragen. Sowohl gegen das obe- 
re als das untere Bruchstück legt man eine 1" breite, 2" lange 
und 1 "\ dicke Longuette der Quere nach auf die gespaltene 
Compresse , über die Kniebeuge legt man eine 4 — 5 Finger 
breite und lange Schiene, welche mit einer dicken Compresse 
ausgefüllt ist. Hierauflegt man eine \" breite, 6 — 8 Ellen 
lange, auf 2 Köpfe gerollte Binde mit dem Grunde in der Knie- 
beuge an, kreuzt die Kopie ober- und unterhalb dreimal, 
schlägt dann die Köpfe der gespaltenen Compresse kreuzweise 
gegen einander über die Kniescheibe und befestiget sie mit 
den Touren der Binde. W, 

CHINA , Cortex chinae s. peruvianus , China, Chi- 
na-, Peru-, F i e b e r - 11 i n d e , mehrere Arten von Cincho- 
na L, Von den vielen verschiedenen Arten (27) von China 
erwähnen wir nur drei , welche bei uns vorzugsweise in Ge- 
brauch gezogen werden. 1) Cortex chinae fuscus s. offici- 



China — Chirotlieca. 327 

nerlts, 2) Cortex chinae regius, 3) Cortex chinae ruber. 
Die erste, welche am häufigsten gebraucht wird, enthält in ei- 
nem Pfunde 210 Gr. Cinchonin, aber kein Chinin. Die zweite, 
welches die billigste ist, ist an Alkaloiden sehr reich, sie ent- 
hält in einem Pfunde 30 Gr. Cinchonin und 32 Gr. schwefel- 
saures Chinin. Die dritte, welches die theuerste ist , enthält 
in einem Pfunde 70 Gr. Cinchonin und 77 Gr. schwefelsaures 
Chinin. — Die Chinarinde gehört zu den vorzüglichsten Stär- 
kungsmitteln für das Muskel-, Gefäss und Nervensystem ; ihre 
antiseptische, der organischen Zersetzung widerstrebende 
Wirkung macht sie für die Chirurgie besonders wichtig. In- 
nerlich wird die China als Stärkungsmittel bei starken Eite- 
rungen, Brand, nach Blutverlust, gegen Knochen- und Drü- 
senkrankheiten, bei schlaifen, unreinen Geschwüren und Fi- 
steln , äusserlich in denselben Krankheiten als Gurgelwasser 
bei der brandigen Bräune , bei Erschlaffung einzelner Theile, 
Vorfällen u. s. w. angewendet. Innerlich wird sie in Pulver- 
form , Bissen , Pillen , in Aufguss , Abkochung , Extract und 
Tinctur, äusserlich als Einstreupulver, in Abkochung zu Ein- 
spritzungen, Umschlägen,Gurgelwässern und Bädern gebraucht» 
Die China darf innerlich nicht gegeben werden, wo gauirische 
Unreinigkeiten, Verstopfung und synochale Fieberbewegungen 
vorhanden sind. Die Dosis ist in Substanz ^ß — 5i täglich 
einigemal, in Aufguss und Abkochung 51 auf 5viii Colatur, als 
Extract zu 5 — 20 und als Tinctur zu 30 — 80 Tropfen 3 — 4 
mal täglich. 
B/. Cort. peruv. opt. 51. B/. Extr. cort. peruv. frig. par. 3ü« 

Flav. cort. aur. 3ü. Aq. cinnam. vinos. 31. 

Conc. S. Mit einer Flasche Wein M. S. Morgens und Abends 60 

aufzugiessen und täglich 1 — 2 Tropfen in Wem zu nehmen. 

mal ein Weinglas voll zu neh- Zur Stärkung. 

men. — Nach profuser Eiterung. 

B/. Cort. peruv. 5Ü. fy. Extr. chinae frig, par. 5ü- 
Myrrh. elect. gß. Aq. rutae. $ü. 

Camphor. 5ü- Spirit. muriat. aeth. 5ü- 

M. f. pulv. In die Einschnitte Mellis rosat. 51. 

brandiger abgestorbener Theile M. S. Pinselsaft gegen brandige 
zu streuen. Bräune. Wendt. 

w. 

CHIROTHECA, der Panzer handschuh, ist ein zur 
Einwickelung eines oder mehrerer Finger bestimmter Ver- 
band; man hat nach Verschiedenheit des Zweckes einen hal- 



328 Chirurgia. 

ben Panzerhandschuh, Chir. dimidia s. incompleta s. Fascia 
digitalis , und einen ganzer, Chir. completa. 

Wenn man den halben Fanzerhandschuh anlegen 
will, macht man mit einer 3 — 4 Ellen langen, 1 " breiten, 
einköpfigen Binde um das Handgelenk von dem kleinen Finger 
nach dem Daumen einige Zirkeltouren , geht dann schief über 
den Rücken der Hand zwischen dem Daumen und Zeigefinger 
durch, um den untern Theil des Zeigefingers herum und schief 
wieder über den Rücken der Hand zurück, so dass durch Kreu- 
zung der Gänge über dem Metacarp algelenk des Zeigefingers 
eine Spica gebildet wird. Diese Touren wiederholt man so 
oft als nöthig, geht dann nach dem Handgelenk zurück und 
befestigt liier die Binde durch einige Zirkeltouren. 

Dieser Verband , welcher früher nach Luxationen der er- 
sten Phalanx angewendet wurde , ist allenfalls noch zur Ver- 
einigung von Wunden auf dem Rücken der Hand zu empfeh- 
len. — 

Um den ganzen Panz erhandschuh anzulegen, be- 
dient man sich einer einköpfigen, für jeden kranken Finger 
ohngefähr 2 — 3 Ellen langen, \" breiten Binde, macht erst 
einige Zirkeltouren um das Handgelenk, geht dann schief über 
den Rücken der Hand nach dem kranken Finger und umgiebt 
diesen von der Wurzel bis zur Spitze mit Ilobeltouren , geht 
mit solchen wieder am Finger zurück nach der Handwurzel 
und wiederholt diese Touren an so vielen Fingern, als es nö- 
thig ist. — Nach Luxationen und Fracturen, so wie nach Ver- 
brennungen der Finger anzuwenden. — • IV, 

CHIRURGIA. Zu den Zeiten des II i p p o c r a t e s be- 
zeichnete man mit dem Worte Chirurgie nur eine gewisse Art 
des ärztlichen Wirkens , Chirurgie hiess damals so viel als 
Operation oder Verband (in welchem Sinne sie noch später 
manchmal gebraucht wurde, z. B. als Chirurgia infusoria^ 
curtoruni), sie war noch keine besondere Art der Arzneikun- 
de. Erst später fing man, besonders in Aegypten an, für be- 
sondere Krankheiten besondere Aerzte zu haben, man trennte 
die Krankheiten nach Art der Hülfe und nahm daher beson- 
dere chirurgische Krankheiten an, d. h. bei denen die Hand- 
anlegung den grössten oder vorzüglichsten Theil der Behand- 
lung ausmacht. Die Chirurgie , welche bisher nur eine Art 
des ärztlichen Wirkens war , wurde nun — schon vor C e 1 - 



Chirurgia. 329 

s u s — ein Theil der Heilkunst , der aber von allen Aerz- 
ten, die auch zugleich Pharmaceuten Ovaren, gleichzeitig aus- 
geübt wurde. Erst im Mittelalter wurde durch das Concilium 
von Tours den damaligen Aerzten — den Geistlichen — 
die Praxis der chirurgischen Krankheiten verboten und so die 
Trennung bedeutender. Als nach der Erfindung der Buch- 
druckerkunst die besseren Chirurgen und selbst einzelne Aerzte 
die Chirurgie wissenschaftlich bearbeiteten, so nahmen sie 
nicht blos die Operationen und Verbände, sondern auch die 
Lehre von den Krankheiten, in welchen jene vorzüglich ange- 
wendet wurden , mit auf. Die Trennung der Chirurgie und 
Medicin ist aber jetzt nicht mehr absolut und streng, sondern 
findet nur noch im Vortrag , in der Bearbeitung und in der 
Praxis statt, um das Studium zu erleichtern, die wissenschaft- 
liche Bearbeitung zu beföi'dern und die Ausübung zu bezeich- 
nen ; in der Theorie und in den Grundsätzen sind sie unzer- 
trennbar, sie sind Zwillinge von gleicher Ebenbürtigkeit und 
gleichen Hechten. Dass die Trennung nicht scharf ist, zeigt 
eine oberflächliche Betrachtung der Krankheiten ; chirurgi- 
sche Uebel fordern auch diätetische und pharmaceutische und 
selbst psychische Mittel, so wie umgekehrt in vielen medici- 
nischen Krankheiten die chirurgische Hülfe (Aderlass, Schrö- 
pfen ,* Incisionen, Verbände u. s. w.) sehr wesentlich ist. 
Nach dem jetzigen Standpunkte der wissenschaftlichen Bear- 
beitung ist „die Chirurgie derjenige Theil der praktischen Me- 
dicin (der spec. Pathologie und Therapie), welcher Natur und 
Heilung jener Krankheiten zum Vorwurf hat, deren Wesen 
vorzüglich in wahrnehmbarer Veränderung der organischen 
Textur und Structur und in der Lage der Theile beruht (die 
dadurch äusserlicher — sieht - und fühlbarer — geworden 
sind) und deren Heilung vorzüglich mechanische Mittel for- 
dert" (imGegensatz der medicinischen und psychischen Krank- 
heiten, bei denen die pharmaceutischen und psychischen Mit- 
tet die vorzüglichsten sind). Das Auftreten der Krankheiten 
an der äussern Oberfläche des Körpers oder die Anwendung 
äusserlicher oder mechanischer Mittel allein bestimmt dem- 
nach nicht die Eintheilung in äussere und innere Me- 
dicin, sondern vorzüglich das Aeusserlichwerden durch die 
fühl- oder sichtbare Structur- und Lageveränderung des Kör- 
pers. Doch sind die Grenzen zwischen der sogenannten Me- 



330 Chirurgia. 

dicin (spec. Therapie) und Chirurgie nicht genau zu zie- 
hen, was in Beziehung auf die Bearbeitung in Schritten 
und im Vortrage auf Universitäten von keiner Bedeutung ist; 
so werden in neueren Zeiten ausser den organischen und 
mechanischen Veränderungen auch solche rein dynamische 
Krankheiten unter Chirurgie abgehandelt, welche sich ent- 
weder zu ersteren gesellen, z. B» Tetanus, oder die vor- 
züglich chirurgische Hülfe fordern , z. B. Retentio urlnae 
spastica et paralytica; so rechne ich alle Bildungsfehler 
zur Chirurgie , bei denen eine Operation oder ein Verband 
möglich ist. Die deutsche Benennung: Wim darzneik uns t, 
bezeichnet eigentlich nur einen Theil der Chirurgie, ist aber 
als ein wesentlicher Theil für das Ganze genommen worden. 
— Wie man jetzt des zu grossen Umfanges wegen die wis- 
senschaftliche Bearbeitung der Chirurgie von der Medicin 
(welche im Mittelalter und auch in der neuesten Zeit — 
Roche et Sanson, Naumann, Neumann — häufig 
in Verbindung abgehandelt werden) trennt, um den Ueber- 
blick und das Studium zu erleichtern und sie beide vollstän- 
diger bearbeiten zu können, so hat man auch die Chirurgie 
wieder in mehrere Abtheilungen gebracht. Vor Allem trennt 
man die Beschreibung der Instrumente, Operationen und Ver- 
bände von der eigentlichen Pathologie und Therapie der chir- 
urgischen Krankheiten und lässt daher die Chirurgie in 2 
Abtheilungen zerfallen: 1) in die theoretische (medici- 
nische, pathologische, oder chirurgische Pathologie) und 2) in 
die practische (operative, manuelle oder chirurgische The- 
rapie) Chirurgie; die erste handelt die Pathologie und The- 
rapie der einzelnen chirurgischen Krankheiten ab , ohne die 
Ausübung — Praxis — der angezeigten mechanischen Hülfe — 
Operationen und Verbände mit den nothwendigen Instrumen- 
ten, Verbandstücken und Maschinen — zu beschreiben , sie 
giebt blos für verschiedene specielle Fälle die Methoden und 
Varianten an, analog der spec. Therapie, welche die ange- 
zeigten Arzneimittel ohne Angabe pharmaceutischer Zube- 
reitung u. s. w. aufzählt. Die practische Chirurgie umfasst 
in drei Abtheilungen die Lehre von den chirurgischen Instru- 
menten, Operationen und Verbänden (siehe Akologie, 
Akiurgie- und Desmologie), die getrennt bearbeitet, 
am besten aber vereinigt, vorgetragen und studirt werden kön- 



Chirurgia. 331 

neu. Mehrere neuere Werke über Chirurgie , z.B. die von 
Bell, Richter, Richerand, Boyer, Chelius, 
Langenbeck u. A. , verbinden wieder beide Abtheilun- 
gen ; die Operationen und Verbände werden bei denjenigen 
Krankheiten abgehandelt, gegen welche sie bestimmt sind, 
oder wenn sie eine mehrfache Anwendung haben , an einer 
oft willkürlichen Stelle oder in einem Anhange. Allein ge- 
wöhnlich leidet jede der beiden Abtheilungen, selbst die theo- 
retische, olHchon sie die Basis der operativen abgiebt; na- 
mentlich wird die Uebersicht in Folge der Beschreibung gros- 
ser Operationen gestört und die Geschichte der Operationen, 
die Beschreibung der Instrumente und Verbände unvollkom- 
men gegeben und einzelne Verbände ganz übergangen. Die 
Vereinigung der theoretischen und practischen Chirurgie nach 
der bisher üblichen Methode lässt sich eben so wenig genau 
durchführen als der Versuch , die specielle Therapie in Ver- 
bindung mit der Arzneimittellehre abzuhandeln. — Die 
theoretische Chirurgie hat man ferner in eine allgemeine 
und besondere Chirurgie abgetheilt ; in der allgemei- 
nen handelt man jene Krankheiten ab, welche an verschiede- 
nen Theilen des Körpers vorkommen können, z. B. die Ent- 
zündungen , Geschwülste, Wunden; man hiess sie auch die 
medicinische Chirurgie , weil sie mehr den medicinischen 
Krankheiten analoge Zustände abhandelt, deren Kenntniss 
jedem Arzte nothwendig sey ; oder man spricht blos von den 
einzelnen chirurgischen Krankheiten, Entzündungen, Wun- 
den, Fracturen, Luxationen u. s.w. im Allgemeinen, oh- 
ne in die der einzelnen Organe einzugehen , welche in der 
speciellen Chirurgie in anatomischer Ordnung vorgetragen 
werden. Diese Eintheilung ist unzweckmässig; es giebt nur 
eine allgemeine Heilungslehre, die Chirurgie selbst ist ein 
grosser Abschnitt der speciellen Krankheits- und Heilungs- 
lehre , in der man nur specielle Krankheiten abzuhandeln hat, 
wohl kann man aber gleich den Therapeuten jeder Krankheits- 
familie (z. B. Entzündungen , Wassersuchten , Geschwüren, 
Wunden, Fracturen u. s. w.) einen allgemeinen Theil (der 
Symptome, Ursachen, Behandlungsgrundsätze ) vorausge- 
hen lassen. Wie sich die Chirurgie von der Medicin, so ha- 
ben sich bei der Vermehrung und Erweiterung der Kennt- 
nisse einzelne Theile der Chirurgie von der Gesammtlehre 



332 Chirurgia. 



b 1 



als Zweige getrennt, so die Geburtshülfe und zum Theil die 
Zahn- und Augenheilkunde, was aber nicht zu billigen ist; 
wohl aber ist die Bearbeitung in grösseren und kleineren medi- 
cinisch -chirurgischen Monographien, als: Weiber-, Kinder-, 
Haut-, Augen-, Ohr-, Zahn-, Knochen-, Gelenk-, Uterus-, 
Brust-, Blasenkrankheiten u. s. w. gut. Die Militairchi- 
rurgie ist keine besondere, sondern wie die Militairraedicin 
(Kriegsarzneikunde) überhaupt, nur die genaue Auseinan- 
dersetzung der bei Soldaten in ihren besonderen Verhältnis- 
sen vorkommenden Krankheiten , besonders der Schusswun- 
den , und der nothwendigsten Operationen , mit vorzüglicher 
Berücksichtigung der durch Zeit, Ort, Verhältnisse u. s. w. 
bedingten Modificationen der Behandlung. Die Augenheil- 
kunde, Opihalmiatrice, wurde von jeher als ein Theil der 
Chirurgie betrachtet, weil das Auge ein äusserer Theil ist 
und seine Krankheiten mehrere Operationen fordern; sie wur- 
de gewöhnlich entweder als Anhang der Chirurgie oder nach 
den Krankheiten des Kopfes abgehandelt. In neueren Zeiten 
bringt man sie gewöhnlich besonders vor, hat daher für die 
Augenkrankheiten besondere Namen und Einteilungen, was 
aber nicht blos unnöthig ist, sondern noch den Nachtheil hat, 
dass die Diagnose und Behandlung der Mehrzahl der Aerzte 
unbekannt bleibt und die Meinung erhält, dass die Augen- 
krankheiten sich in ihrer Natur und Behandlung, namentlich 
in den Mitteln von jenen der übrigen Theile unterscheiden. 
Jedenfalls lässt sie sich recht zweckmässig wie auch die Ohr- 
und Zahnheilkunde mit der theoretischen Chirurgie, sowie 
die Operationen dieser Organe mit Akiurgie vortragen , wo- 
durch einer weiteren Abtrennung (zu der der Magister der 
Augenheilkunde ein Vorläufer war) vorgebeugt wird. 

Chirurgische Krankheiten. Eine Aufzählung 
und Eintheilung derselben ist der Uebersicht wegen für 
den Anfänger um so nothwendiger, je grösser die Zahl der 
chirurgischen Krankheiten durch die Fortschritte der pathologi- 
schen Anatomie, der Medicin und Chirurgie geworden ist. 
Die Alten handelten blos von den Wunden , Geschwüren, Fra- 
cturen, Luxationen und Geschwülsten und zählten zu letzten 
die heterogensten Krankheiten. Dieser symptomati- 
schen Eintheilung (Hipp ocrat es, Vigo,Plenk, Cal- 
1 i s e n ) folgte später die schon von den arabischen Aerzten 



Chirurgia. 333 

eingeführte anatomische und topographische (Rich- 
ter, Lassus, Boyer, Ric heran d u; A. mit Annahme 
von allgemeinen und localen Krankheiten; bei den Augen- 
krankheiten die von Plenk, Richter, Boyer, Wel- 
ler, Rosas, Mackenzie). Da aber dadurch homoge- 
ne Krankheiten (Familien) auseinandergerissen uud so oft 
•wiederholt werden , als es Organe giebt, die ihnen unter- 
worfen seyn können , so hat man sie nosologisch zu 
classificiren gesucht; man hat daher ausser den die Medicia 
und Chirurgie umfassenden Versuchen von Krankheitsclassifi- 
cationen (Sauvages, Cullen, Sagar, Ploucquetu. a., 
Swediaur, Reo amier, Schönlein, Grossi, Herrn. 
Schmidt, Hildenbrandt, Kieser, Roche et Sanson) 
auch in der Chirurgie künstliche und natürliche Sy- 
steme versucht, als: Richerand, Chelius,Dzondi, 
Kluge, Ritgen, Blasius, Senftleben,v.W alt h er, 
in der Augenheilkunde Boerhaave, Beer, Benedict, 
Beck, Fabini, Jiingken undRosas.*) Ich halte zum 
Vortrag und Studium folgende auf das Wesen begründete Ein- 
teilung der chirurgischen und Augenkrankheiten für zweck- 
mässig, bei der jedoch weniger die Krankheitsprocesse als die 
Krankheitsformen berücksichtigt sind ; erstere verhalten sich 
zu den chirurgischen Krankheiten mehr als Ursachen und ha- 
ben mehr Werth für ein natürliches System der Medicin. Die 
Art der Structur- und Formveränderung ist das Eintheilungs- 
princip. Eintheilung, Benennungen, Bearbeitungsmetho- 
den müssen sich in der Chirurgie und Augenheilkunde so we- 
nig als möglich von der speciellen Therapie unterscheiden, um 
das Studium nicht noch mehr zu erschweren oder die Ver- 
wirrung zu vergrössern , die durch die Trennung in mehrere 
Abtheilungen, deren jede eine besondere Nomenclatur ange- 
nommen hat, herbeigeführt worden ist. 

I. C 1 a s s e . DYNAMISCHE KRANKHEITEN. Die Verände- 
rung der "Vitalität — Dynamik — ist prävalirend, die bald folgende 
der Organisation ist nicht beträchtlich und leicht durch die Kräfte 
der Natur und die Unterstützung der Kunst zu heben. Die Vitalität 



*) Die Vortheile einer guten Classification sind unbestreitbar; sie 
erleichtert nicht blos die Uebersicht und kommt dem Gedächtnisse 
zu Hülfe, sondern befördert auch das Studium, die Diagnose und 
die Gewöhnung an allgemeine Heilanzeigen. 



334 Chirurgia. 

kann entweder erhöht oder vermindert werden, so dass diese Classe 
in zwei Ordnungen: Irritationen t und Psychrosen (ijjvyjiog reizlos) 
fällt. 

I. ORDNUNG. ERETHISMATA. — 1. Genus. 1RRITA- 
TIO , die Veränderung der Lebensthätigkeit eines Organs durch wi- 
dernatürliche und vermehrte Lebensreize wird als Anfang — Factor — 
der Entzündung am besten mit dieser abgehandelt; hierher gehören 
die Rheumatismen, Catarrhe, die Empfindlichkeit der Schleimhäute 
und sympathisirender Theile bei der Gegenwart fremder Körper. — 
2. Genus. CONGESTIO (Plethora topica). 1) C. ad oculos, 2) 
ad aures. — 3. Genus. INFLAMM ATIO (mit Febris intlammatoria 
et traumatica). Ausgänge: a) Abscessus, acutus et chronicus c. febre 
suppuratoria et hectica ; b) Gangraena und Arten; c) Induratio. J. 
Infl.-telae cellulosae s. Phlegmone s. Halonitis. A. Phl. 
circumscripta s. Phlegmone xaz i£o%i)v. Hieher gehören: An- 
chilops, Phl. palpebracum, orbitae , Parulis, Abscessus colli, pecto- 
ris et abdominis ext., psoadicus, perinaei, ani, scroti, labiorum pud., 
articulorum ext., Panaritium et Onychia mal. — B. Phl. diffusa 
s. Erysipelas spurium s. symptomaticum s. phlegmonosum et Indura- 
tio telae cellulosae. II. Adenitis. A. Lymphadenitis: 1) colli? 
2) axillaris, 3) inguinalis s. Bubo. B. Secretoadenitis: 1) Ab- 
scessus cerebri, 2) Encanthis inllammatoria (et fungosa). 3) Blepharoa- 
denitis: a) furunculosa (Hordeolum, Chalazion), b) catarrhalis, c) 
scrophulosa. Ausgänge: Tylosis (sc. palpebrarum), Corrugatio tarsi. 
4) Daoryoadenitis , 5) Sialoadenitis , a) parotidea , b) submaxillaris 
et subungualis. 6) Tonsillitis. 7) Thyreoadenitis. 8) Thymitis. 9) Ma- 
stitis. 10) Abscessus hepatis. 11) A. lienis. 12) A. rcnis. 13) A. pro- 
statae. 14) A. uteri. 15) A. ovarii. III. Dermatitis. 1) super- 
ficialis s. Erythema idiopathicum: palpebrarum, nasi (Gutta rosacea), 
perinaei, extreniitatum (Intertrigo). 2) Furunculus. 3) Carbunculus. 
4) Combustio. 5) Congelatio et Pernio. 6) Blepharitis, erysipelatosa, 
variolosa, impetiginosa. Ausgänge der Hautentzündungen: a) Cal- 
las cutis, 2) Ulceratio (Ulcera cutis, nach den Ursachen): a) U. locale 
s. simplex, b) rheumaticum, c) viscerale, d) arthriticum, e) menstruale, 

f) scorbuticum , g) herpeticum, h) scrophulosum, i) syphiliticum, j) 
leprosum; nach den Gegenden: a) palpebrarum, b) mamillarum s. 
Wunde Warzen, c) hallucis s. Einwachsen des Nagels. IV. Infi, 
membran. mueosarum s. Blennophlogosis. Ausgänge: a) Blen- 
norrhoea, b) Abscessus, c) Ulcus, d) Fistula, e) Induratio (Concutitio 
Stenosis). 1) Conjunctivitis. Ausgänge: a) Abscessus, b) Excoriatio, 
c) Blennorrhoea , d) Pannus , e) Condyloma , f ) Fungus et Sarcosis, 

g) Concutitio, h) Symblepharon. Arten: a) C. traumatica, b) mem- 
branacea, c) catarrhalis, d) rheumatica, e) contagiosa s. aegyptiaca, 
f) neonatorum, g) intermittens , h) gastrica , i) erysipelatosa, j) scar- 
latinosa, k) morbillosa, 1) variolosa, m) aphthosa, n) herpetica. 2) 
Dacryocystitis. Ausgänge: a) Dacryocystoblennorrhoea, b) Abscessus 
sacci lacrymalis et Fist. 1. 3) Otitis, externa (Otorrhoea) et interna 
(Abscessus auris). 4) Rhinitis s. Ozaena nasalis et maxillaris. 5) Sto- 



Chirurgia. 335 

matitis (Salivatio mercurialis, Ulcus etc.). 6) Angina; Ausgänge: Ab- 
scessus et ulcera faucium, Relaxatio uvulae. 7) Abscessus laryngis. 
8) Oesophagitis. 9) Absc. ventriculi et intestinorum. 10) Proctitis; 
Ulcera, Fissura et Fistula ani. 11) Cystitis; Catarrhus s. Blennor- 
riioea yesicae et Fistula urinalis. 12) Urethritis, traumatica, rheuma- 
tica, scrophulosa, herpetica, virulenta s. Gonorrhoea. 13) Balanitis. 
14) Elytritis. — Fistulae: 1) F. lacrymalis , 2) frontalis, 3) ma- 
xillaris, 4) salivalis, 5) tracbealis, 6) biliosa, 7) ventralis , 8) ster- 
corea s. Anus praeternaturalis, 9) ani, 10) testis, 11) urinaria (s. 
Hydrohymenitis) mit dem Ausgange im Empyema. — V. Infi, mem- 
bran. serosarum et fibrosarum (Inophlogosis). 1) Rheumatis- 
mus a) Rh. oculi, b) musculorum, c) articulorum. 2) Infi, rheumat. 
3) Aponeurositis (Phlegmatia alba dolens). 4) Infi, vaginarum tendi- 
numj Ausgänge: Abscessus, Hydrops, Excrescentia tendin. 5) Infi, 
bursar. mucosarum; Ausgänge: Abscessus bursalis et Hygroma acu- 
tum. 6) Infl. galeae aponeurot. 7) Odontalgia. 8) Otalgia. 9) An- 
gitis : a) Arteritis , b) Phlebitis, c) Lymphangitis. 10) Neurilematitis 
s. Neuralgia. 11) Keratitis; Ausgänge: Phlyctaena, Pustula, Absces- 
sus, Ulcus, Porosis, Obscaratio corneae (Macula, Leucoma, Staphy- 
loma iridis et corneae). 12) Infl. tunicae humoris aquei; Ausgänge: 
Hypopium ant., Haemophthalmus inflam., Hydrophthalmia ant. 13) 
Scleritis. 14) Iritis; Ausgänge: Atresia pupillae, Synechia (sc. iridis), 
Condyloma, Abscessus iridis, Hippus. 15) Chorioideitis; Ausgänge: 
Cirsophthalmia et Staphyloma scleroticae. 16) Retinitis, 17) Hyali- 
tis; Ausgänge: Hypopium post., Hydrophthalmia post. , Synchysis, 
Glaucoma. 18) Capsulitis : Ausgänge: Abscessus capsulae, Cataracta. 
19) Ophthalmitis; Ausgänge: Pyophthalmus, Atrophia bulbi. 20) Ab- 
scessus s. Empyema encephali. 21) Absc. pleurae, externus et int. s. 
Empyema thor. 22) Absc. peritonaei ext. et int. s. Empyema abd. 
23> Infi, funiculi spermatici et tunicae vaginalis; Ausgänge: Absc. te- 
stis ext., Empyema testis, Induratio tunicae vaginalis, Fungus albu- 
gineae. 24) Periostitis. VI. Ostitis (et Paedarthrocace) ; Aus- 
gänge: a) Abscessus, b) Exsudatio s. Induratio ossis : Hyperostosis, 
Exostosis, Osteosarcoma, c) (Osteo-) Necrosis, Caries (sc. ossium). 
VII. Arthrophlogosis. 1) fibrosa s. Arthralgia et Tumor albus. 

2) synovialis s. Arthromeningitis ; Ausgänge: Abscessus s. Empyema 
articuli, Ankylosis. 3) A. totalis s. Arthrocace. — 4. Genus. HY- 
PERTROPHIÄ. I. H. cellularis. 1) Tumor celluiosus. 2) H. 
pedum, manus et digitorum. 3) H. palpebrarum. 4) Sarcoma scroti 
et penis. 5) Sarcoma clitoridis, s. Cercosis s. Clitorismus, et labio- 
rum pudendi. 6) H. linguae. 7) Pterygium. II. H. adiposa: 1) 
Obesitas s. Liposis, congenita et acquisita. 2) Lipoma (et Naevus 
lipomatodes) a) L. orbitae. b) Pinguecula, c) L. intestinorum. d) 
Liparocele. III. H. adenosa: 1) Struma. 2) Asthma thymicum. 

3) H. mammarum. 4) H. prostatae. 5) H, Sarcoma testis. IV. 
H. cuta nea : A. H. der Ober h a ut : 1) Ichthyosis Cornea (Kera- 
strosis). 2) Escrescentia cutis s. Cornu cutaneum. 3) Tubera cutis. 

4) Callus cutis. 5) Clavus. 6) Hyperkeratosis (corneae). 7) Exere- 



336 Chirurgia. 

scentia corneae. 8) Hyp. radicum dentium. 9) Hyp. s. Gryphosis 
unguium. B. H. der Leder haut: 1) Verruca. 2) Moluscum. 3) 
Condyloma. V. H. der Schleimhäute j A. H. des Epite- 
li ums: 1) Verruca conjunctivae, 2) Concutitio membran. mucosa- 
rum (conjunctivae, vesicae, recti)$ B. H. der Schleimzotten: 
1) Fungi (Fungositas, Excrescentiae fungosae membr. mucos.) a) Ca- 
runcula, b) Tumor vasculosus urethrae, c) Fungus vesicae. C. H. 
der ganzen Schleimhaut und des submukösen Zell- 
gewebes: 1) Epulis. 2) Polypus; a) conjunctivae et sacci lacry- 
nialis, b) narium et antri Highm. c) linguae, d) fauciura, f) oeso- 
phago g) recti, h) laryngis et tracheae, i) aurium, k) vesicae urin. 
1) urethrae, m) uteri et vaginae. VI. H. musculorum. VII. H. 
ossium: a) capitis, b) faciei. VIII. H. nervorum. — 5. Ge- 
nus. SPASMUS s. Convulsio. 1) Tiismus. 2) Tetanus. 3) 
Spasmus digitorum tonicus. 4) Blepharospasmus. 5) Nictitatio. t») 
Ophthalmospasmus. 7) Nyctalopia. 8) Sp. iridis (Myosis). 9) Tre- 
mor iridis s. Hippus. 10) Sp. tensoris tympani. 11) Sp. urethrae 
(Strictura spastica). 12) Sp. vesicae urin. (Enuresis spast. et Re- 
lentio urinae spast.). 

2. ORDNUNG. PSYCHROSES. 1. Genus. PARALYSIS. 1) 
Tremor et parälysis extremitatum. 2) P. muscul. faciei. 3) Blepharo- 
plegia. 4) Ophthalmoplegia. 5) Strabismus, 6) Amblyopia et Amau- 
rosis. 7) Hemeralopia. S) Surditas. 9) Anosmia. 10) Glossople- 
gia. 11) Dysphagia paralytica. 12) Incontinentia ani. 13) Parälysis 
vesicae (Enuresis par. et Retentio urinae paralytica). 14) Caulople- 
gia. — 2. Genus. ATONIA : 1) A. canal. lacrymal. 2) 'sacci 
lacrimalis. 3) palpebrarum. 4) Myopia. 5) Presbyopia. 6) Hebe- 
tudo visus. 7) Atonia tympani. 8) Hebetudo dentium (Stumpfseyn 
der Zähne). 9) At. oesophagi. 10) ani. 11) vesicae. 12) musculo- 
rum. 13) ligamentorum. ( Die Atonien können als geringere Grade 
des reizlosen Zustandes zweckmässig mit den Paralysen verbunden 
werden). — 3. Genus. ATROPHIA. I. 1) der Haut: Atr. cor- 
neae. 2) Alopecia unguium. 3) Alopecia capitis et superciliorum. 
II. der Drüsen: 1) Atr. carunculae lacrimalis s. Rhyas. 2) Syn- 
chysis (sc. oculi). 3) Atr. bulbi. 4) Atr. mammarum. 5) uteri. 6) 
testium. III. der Muskeln. IV. der Nerven. V. der Kno- 
chen (vertebrarum, colli fem. etc. Fragilitas ossium). — 4. Genus. 
MALACIA. I. der Haut: 1) M. unguium. 2) Plica polonica. 3) 
Caries dentium. II. der Schleimhäute: 1) Cancer aquaticus. 
2) M. oesophagi. 3) M. labiorum pud. 4) M. uteri. 5) M. vesicae 
ur. III. der Knochen: 1) Rhachitis. 2) Osteomalacia adultorum. 
II. Classe. ORGANISCHE KRANKHEITEN. Sie sind an- 
fangs auch dynamische, die Organisation wird aber bald und dauernder 
verändert, entweder durch die Absonderung von coagulabler Lymphe 
oder von Luft oder Wasser, oder durch die Entwickelung neuer ana- 
loger oder heterologer Stoffe oder die Bildung von Würmern oder die 
Ablagerung steiniger Producte oder durch die Zurückhaltung von Aus- 
leerungsstoffen und die Ausdehnung von Höhlen. 



Chirurgia. 337 

1. ORDNUNG. EXSUDATIONES. 1. Genus. Obscura- 

tio. 1) corneae. 2) Exsudatio pupillae s. Cataracta lymphatica. 3) 
Cataracta. — 2. Genus. Concretio s. Synechia (Obliteratio). 
I. der Haut: 1) Ankyloblepharon. 2) Ectropium plasticum. 3) Con- 
cretio auris. 4) Ectropium labiorum oris plast. 5) Concretio narium. 
6) Concr. digitorum. II. der Schleimhäute: 1) Symblepharon. 
2) Concr. ostii narium. 3) labiorum oris. 4) gingivarum et maxilla- 
rum. 5) praeputii. 6) labiorum pudendi. 7) vaginae. 8) uteri. 
III. der serösen Häute: 1) Atresia s. Synizesis pupillae. 2) 
Synechia (sc. iridis). 3) Ankylosis. — • 3. Genus. Atresia et 
Strictura s. Stenosis. I. der Gefässe, Angiostenosis : 1) Ar- 
teriostenosis. 1) Phlebostenosis. 3) Spermatocele. II. der Schleim- 
häute: 1) Str. et Atr. punctor. lacrymalium. 2) Atr. ductuum 
excret. gl. lacrimalis. 3) Atr. nasi. 4) canalis nasalis. 5) meatus 
auditorii ext. 6) tubae Eustachii. 7) laryngis. 8) oesophago 9) 
intestinorum. 10) ani. 11) urethrae. — 4. Genus. Pneuma- 
tosis. 1. Spec. Emphysema: 1) subcutaneum (traumaticum, spon- 
taneum). 2) Combustio spontanea. 3) E. recti. 2. Spec. Pneu- 
matosis 1) venarum traumatica. 2) Pneumothorax. 3) Tympani- 
tis peritonaealis. 4) Pn. vesicalis. 5) Pn. uterina. ■ — 5. Genus. 
Hydrops. 1. Spec- H. Anasarca: 1) Oedema palpebrarum. 2) 
conjunctivae. 3) glottidis (s. Laryngostenosis). 4) funiculi sperma- 
tici. 5) extremitatum. 2. Spec. H. diffusus: 1) Hydrophthalmia 
(ant-, pust. et chorioidealis s. Staphyloma scleroticae). 2) Hydromy- 
ringa. 3) H. maxillaris. 4) ovarii. 5) uteri. 6) Hydrocele. 7) Hy- 
groma. 8) Ganglion. 8) Hydrarthrus. 

2. ORDNUNG. PSEUDOMORPHOSIS (Pseudorganisatio. Pseu-- 
dogenesis organica. Pseudoplasmata. Organa aliena. After — oder 
Schmarozer — oder neue Bildungen). 1. Genus. Ps. analoga. 
Species: 1) C y s t ogen es i s s. Tumor cysticus, a) capitis, b) palpebra- 
rum, c) orbitae, d) oculi, e) colli etc. 2) Fibrogenesis s. Sarcosis 
(Sarcoma, Steatoma) cutis, palpebrarum, orbitae, linguae, mammae, 
vaginae, uteri, ovarii, prostatae, nervorum (Neuroma), articulorum 
(Corpora cartilaginea art), Fungus durae matris (?), Osteosarcoma et 
Osteosteatoma. 3) C hondr oste ogen esis. Chondroma etOsteo- 
ma s. Ossificatio, Knorpel- und Knochenbildung. a) % Ossif. subcuta- 
nea, b) palpebrarum, c) musculorum, d) membr. mucosaruni;, e) membr. 
serosarum (Annulus senilis, ossificatio corneae, capsulae lentis, chorioi- 
deae, articulorum, sacci herniosi, tunicae vaginalis testis). 4) P ig inen- 
togenesis s. Melanosis. I. M. der Haut: a) Naevus pigmen- 
tosus , b) Ephelis , c) Lentigo, d) Macula melanotica cutis, conjun- 
ctivae. II. des Zellgewebes: Tubera melanotica. III. der 
Drüsen: M. oculi, uteri. 5)Trichiongenesis (Haarbildung): cu- 
tis conjunctivae, corneae, carunculae Iinguae, vesicae Urin., telae 
subcutaneae, gland. submaxill., mammae. — 2. Genus. Ps. he- 
terologa. Species: 1) Tuberculosis: 2)Scirr h osis (Scirrhus 
et Cancer). I. der Drüsen. II. der Haut. III. der Schleim- 
häute und des Zellgewebe 9. 3) Fungus medullär is; I. der 

Handwörterb. d. Cb. H. 22 



338 Chirurgia. 

Haut und des Unterhautgewebes; II. der serösen und 
fibrösen Häute: a) F. med. musculorum, b) periostei, c) ossium 
(cranii, articulorum); d) oculi; III. der Drüsen: gl. colli, axil- 
lae, thoracis , abdominis , parotidis, gl. thyreoideae (Struma fungosa)» 
mammae, testis, uteri, ovarii. 4) Fungus haematodes, subcutaneus, 
ossium, oculi, gl. thyreoideae, mammae. 5) F u n g u s melanoticus. 
— 3. Genus. Ps. soluta s. separata (selbstständige oder getrennte 
neue Bildungen). Species : 1) Vermes s. Entozoa : a) Hydatides : 
oculi et labiorum, b) Filaria medinensis subcutanea et oculi, c) lum- 
brici in vesica, oesophago et larynge. i 2) Lithiasis humana (Pseudoge- 
nesis anorganica). I. Myo- et Histolithi: palpebrarum, m. deltoidei, 
scroti, Nodi arthritici 5 II. Haematolithi: Arteriolithi, Phlebolithi; III. 
Adenolithi: Dacryolithi , Calculi salivales et C. dentium, C. tonsilla- 
rum, prostatae, seminales; IV. Blennolithi: C. nasales, intestinorum, 
uteri, urinarii. — 

3. ORDNUNG. ECTASIS (Chalasis, Dilatatio). 1) Genus. 
Angiectasis. Species: 1. Arteriectasis ; a) totalis, b) partialis 
s. Aneurysma. 2) Phlebectasis s. Varix, extremitatum, palpebrarum, 
orbitae, conjunctivae, iridis, chorioideae. (Cirsophthalmia), labiorum 
oris, laryngis, recti (Tum. haemorrhoidales), vesicae, labiorum pud. 
et vaginae, funiculi sperm. (Varicocele), umbilici (Cirsomphalus). 3) 
Telangiectasis. 4) Lymphangiectasis. — 2, Genus. Coelecta- 
s is (Retentio. Erweiterung hohler Organe) Species: Comedones, 
Hydatides palpebrarum, Hyd. gl. lacrimalis (Dacryops), Mydriasis, 
Ranula, Pharyngocele , Hydrops vesicae felleae. 

III. Classe. MECHANISCHE ABWEICHUNGEN. Der pri- 
mären Veränderung der mechanischen Verhältnisse — des Zusammen- 
hanges und der Lage der Theile — folgt zwar mehr oder weniger 
bald auch eine Abweichung der Dynamik, doch ist erstere immer vor- 
hersehend. 1. ORDNUNG. LAESIONES. 1. Genus. Contu- 
sio, Quassatio, Thlasis. Folgen: Ecchymosis, Extravasatio. Ab- 
arten: a) Distorsio, articulorum, musculorum, tendinumj b) Cephal- 
aematoma. — 2. Genus. Commotio (c. Contrecoup). Species: 
C cerebri, medullae spinalis, oculi, pulmonum, hepatis, articulorum. — 
3. Genus. Vulnuss. Trauma; mit der Lehre von den Blutungen 
und dem Wundfieber. Abtheilungen: I. nach den verletzenden Instru- 
menten , II. nach den verletzten Theilen: V. vasorum, nervorum, 
membran. mueosarum , ossium , articulorum , capitis (c. fractura oss. 
capitis, extravasatione in cerebro, prolapsu et fungo cerebri), faciei, 
oculi, colli, thoracis, abdominis, genitalium, extremitatum. — 4. 
Genus. Rhexis s. Ruptura. (Folge: Extravasatio). Species: R. 
iridis (c. Haemophthalmo idiop.), oesophagi , ventriculi, intestinorum, 
hepatis, lienis, renis, vesicae, urethrae virilis, uteri, vaginae, peri- 
naei, disruptio extremitatum. (Die Genera 1 — 4 oder blos 3 u. 4 kön- 
nen in anatomischer Ordnung verändert werden). — 5. Genus. 
Fractura. Ausgänge: a) Callus ossium, b) Psendarthrosis conti- 
nuitatis , c) Fractura male sanata. — I. Fr. oss. faciei, II. oss. 
trunci, III. oss. extremitatum. 



Chirurgia. 339 

2. ORDNUNG. ECTOPIAE , Dislocationes. — 1. Genus. 
Luxatio. Ausgang: Pseudarthrosis. I. L. oss. capitis, IL oss. 
trunci, III. oss. extremitatum. — 2. Genus. Osteodiastasis. 

1) faciei, 2) pelvis. — 3. Genus. Curvatura. I. Trunci: 1) 
C. colli s. Caput obstipum, 2) Humerus elatus , 3) Cyphosis, 4) Sco- 
liosis , 5) Lordosis, 6) C. costarum et sterni, 7) C. pelvis. IL Ex- 
tremitatum: 1) C. oss. cylindricorum : femorum, crurum, antribraehii, 

2) C. articulorum lateralis (genu, Talipes varus et valgus, Planipes). 

3) Contractura (femoris , genu , Pes equinus , antibrachii , manus , di- 
gitorum). — 4. Genus. Dislocatio musculorum et ten- 
dinum: 1) Blepharoptosis , 2) Ectropium, 3) Entropium (c. trichia- 
si), 4) Exophthalmus, 5) Paraphimosis. — 5) Genus. Prola- 
psus s. Ecstrophe. 1) Ophthalmoptosis , 2) Keratocele, 3) Prolapsus 
iridis, 4) Pr. lentis, 5) corporis vitrei, 6) Inflexio uteri (Retro - et 
Antroflexio). — 6) Genus. Inversio s. Anastrophe s. Prolapsus. 

1) Invaginatio intestinorum , 2) Inv. recti , 3) vaginae , 4) uteri , 5) 
vesicae urin. — 7) Genus. Hernia (sc. abdominis) I. abdo- 
minis: 1) inguinalis, 2) cruralis, 3) umbilicalis, 4) ventralis (lineae 
albae, ventriculi, lateralis, ligamenti Poupartii, lumbalis) ; IL pel- 
vis: 1) ovalaris, 2) ischiadica, 3) perinaealis, 4) vaginalis, 5) recti. — 
7)Genus. Parenthesis intestinorum s. Hernia interna, Ein- 
schiebung von Eingeweiden. 1) Hernia diaphragmatica , 2) mesen- 
terica. 

3. ORDNUNG. ALLENTHESIS s. Corpora aliena inserta s. 
extus admota. Hierher gehören nur alle von aussen eingedrun- 
gene belebte und unbelebte Körper, die durch ihre Gegenwart 
stören; die im Innern selbst sich entwickelnden freien neuen Bildun- 
gen (Organa aliena) haben wir schon angeführt. 1) Corp. al. super- 
ficialia, 2) subcutanea, 3) cef ebri , 4) oculi, nasi, auris, oris, oeso- 
phago ventriculi et intestinorum, recti, laryngis et tracheae, nre- 
thrae , vesicae, vaginae. 

IV. C 1 a s s e . BILDUNGSFEHLER. Dysmorphosis , Vitia pri- 
mae formationis. 

1. ORDNUNG. VITIA FORMATIONIS RETARDATAE. Bil- 
dungshemmungen. 1) Genus. Diffiss io (Spaltung) I) Spal- 
ten des Kopfes: 1) Hydrocephalus partialis externus, 2) Her- 
nia cerebri; II. der Wirbelsäule: 1) Spina bifida (Hydrorrhachis), 

2) Tumor nuchae cong. 3) Tumor ossis sacri cong., III. des Ge- 
sichtes: 1) Coloboma palpebrarum, 2) C. iridis, 3) Iris perforata, 

4) Labium fissum s. leporinum , 5) Palatum fissum, 6) Uvula bifida, 
7) Lingua bifida; IV. des Halses: 1) Fistula colli cong., 2) F. 
tracheae cong., V. des Bauches: 1) Hernia umbilicalis cong., 
2) Urachus apertus s. Fistula urin. cong., 3) Fistula stercorea conge- 
nita ; VI. der Harnblase: 1) Septum vesicae (doppelte Harnbla- 
se), 2) Inversio vesicae urin. cong. 3) Amaromorphe (Kloakbildung) 
VII. der männlichen Genitalien: 1) Penis bifidus , 2) Hy- 
pospadia, 4) Hermaphroditismus; VIII. der weiblichen Geni- 
talien: Septum vaginae. — 2. Genus. Atresia (congenita s. 

22* 



340 CMrnrgia. 

Imperforatio). 1) Atr. palpebrarum s. Ankyloblepharon cong.j 2) pun- 
ctorum lacrym., 3) iridis , 4) narium , 5) aurium , 6) oris, 7) oesopha- 
go 8) ani, 9) praeputii (Phimosis), 10) urethrae, 11) vaginae. — 3. 
Genus. Parvitas s. Evolutio imperfecta. 1) Lagophthalmia, 2) 
Epicantbus, 3) Microphthalmia, 4) P. aurium, 5) P. testium (Morbus 
foemineus), 6) P. mamillarum, 7) P. articulorum (Luxatio congenita). 
4„ Genus. Defectus s. Eremia; 1) Anophthalmia, 2) Blepharoere- 
mia , 3) Kleropbthalmia, 4) Irideremia, 5) Leucopathia oculi, 6) De- 
fectus aurium, 7) Def. praeputii, 8) scroti, 9) mamillarum, 10) hy- 
nienis, 11) vaginae, 12) uteri, 13) articulorum (totalis et partialis), 
14) extremitatum et digitorum. — 5. Genus. Ectopia conge- 
nita. 1) Ectropium cong., 2) Entropium cong., 3) Trichiasis cong. 
4) Pupilla excentrica , 5) Ect. aurium , 6) dentium , 7) ani , 8) Cry- 
psorchis. — 6. Genus. Synechia congenita. 1) Symble- 
pharon cong., 2) Frenulum linguae justo longius , 3) Ankyloglossum, 
4) Capistratio penis , 5) Concretio extremitatum, 6) Concr. digitorum 
cong. — 

2. ORDNUNG. DUPLICITAS. Doppeltbildung, Partes super- 
fluae, Vitia per excessum. 1) D. linguae, 2) dentium, 3) maxillae 
sup. , 4) ani, 5) urethrae, 6) vesicae , 7) mamillarum, 8) mammarum, 
9) vaginae, 10) digitorum. 

Die Eintheilungd er practischen Chirurgie ist 
im Art. Akiurgie gegeben, wo auch die chirurgischen 
Operationen aufgezählt und mitgetheilt sind ; die chir- 
urgischen Instrumente, Verbände und Maschi- 
nen sind in den Art. Akologie undDesmologie angegeben. 

Die Diagnose der chirurgischen Krankhei- 
ten stützt sich , -wie die der medicinischen Krankheiten, aus- 
ser der Berücksichtigung der (durch die Relation des Kranken 
und das Krankenexamen erhaltenen) subjectiven Sym- 
ptome des früheren und gegenwärtigen Zustandes vorzüglich 
auf die äussere Untersuchung des kranken Theiles 
(oder die Berücksichtigung der objectiven Symptome), wel- 
che durch die Sinne und deren Unterstützungsmittel vorge- 
nommen wird , als i 1 ) durch das Gesicht; häufiger als 
bei medicinischen Krankheiten muss man den kranken Theil, 
ja oft den grösseren Theil des Körpers entblössen ; man be- 
rücksichtigt nicht blos die Veränderung der Farbe der Haut, 
der Schleimhäute , der verschiedenen Flüssigkeiten, sondern 
auch die Veränderung des Umfanges , der Lage, des Gebrau- 
ches des Theiles, z. B. bei Geschwülsten der Gelenke. Vor- 
züglich hat man das Gesicht zur Diagnose der Augenkrank- 
heiten nothwendig ; man muss mit einigen Blicken die Umge- 



Chirurgia. 341 

bung des Auges , den Zustand der Augenlider , Cilien , Con- 
junctiva , Sclerotica , Cornea , Iris , der vordem Augenkam- 
raer und der Pupille übersehen, avozu man selten Vergrös- 
serungsgläser nothvvendig hat. Häufiger muss man sieh bei 
Krankheiten der Höhlen der Erweiterungsmittel (Specida 
oris, (iuris, vaglnae et recti) und manchmal auch der Licht- 
leiter (bei Krankheiten des Trommelfells, der Vagina und des 
Mutterhalses) oder der Injectionen (bei Fisteln u. s. w.) be- 
dienen. 2) Das Gefühl, um die Modifikationen der 
Wärme, Resistenz des Volumens und der Lage auszumitteln, 
wobei man die normalen Muskel-' und Knochenvorsprünge vor- 
züglich berücksichtigt. Man heisst dies vorzugsweise die 
chirurgische Untersuchung, welche in die Manual» 
und Instrumental -Untersuchung zerfällt. Man benutzt bald 
nur einen Finger, z. B. bei Wunden, Fisteln und offenen 
Abscessen, Krankheiten des Mundes, Rachens, der Nase, 
der Vagina, des Uterus und des Mastdarmes, oder zwei, um 
das Gefühl der Fluctuation bei Eiterung und Hydropsien her- 
vorzubringen oder mehrere Finger, z. B. bei Gesehwülsten. 
Bei bedeutender Enge oder Tiefe bedient man sich der Son- 
den und ihrer Arten, so zur Untersuchung der Nase, des 
Nasencanals, der Eustachischen Röhre, des Oesophagus , des 
Mastdarmes, der Harnröhre nnd Blase. 3) Das Gehör; bei 
Empyemen, Hydropsien, Pneumatosen, Empbysemen, Aneu- 
rysmen , Fracturen , Luxationen , bei Brust - und Unterleibs- 
krankheiten. Wenn das einfache Gehör nicht hinreicht, un- 
terstützen wir es durch den Gebrauch des Stethoscopes oder 
der Percussion. 4) Der Geruch, bei Exanthemen, Ge- 
schwüren, Blennorrhöen , Eiterungen, Koth - und Harnfi- 
steln u. s. w. — Ausmessungen durch die gewöhnli- 
chen und besondern, einzelnen Theilen angepassten Maasse, 
chemische Reagentien, genaue anatomisch - patholo- 
gische Kenntnisse sind in einzelnen Fällen von wesentlichem 
Nutzen , und manchmal sind sogar diagnostische Inci- 
s io n en (Erweiterungen, Punctionen) nicht zu entbehren. — 
Mehr als bei medicinischen Krankheiten kann man sich der 
analytischen Methode des Krankenexamens (der sogleich vor- 
zunehmenden Untersuchung des Status praesens), besonders 
der objectiven Untersuchung bedienen, und die synthetische 
Methode (das Examen der Anamnese und der früheren Lebens- 



342 Chirurgia. 

Verhältnisse) in geringerer oder in grösserer Ausdehnung fol- 
gen lassen. Doch lega man keinen übertriebenen, einseitigen 
Werth auf die objectiven Symptome, z. B. bei der Diagnose der 
Geschwüre , der Exsudatio pupillae, vieler Geschwülste, denn 
über viele derselben entscheidet weniger die Untersuchung 
durch das Gesicht oder Gefühl , als die Berücksichtigung der 
Ursachen, des Ortes, des Verlaufes, der Constitution des 
Kranken. Aus der Sucht, dem Kranken sein Uebel blos ab- 
sehen zu wollen, aus einer unterlassenen oder übereilten und 
unvollkommenen Untersuchung ist schon mancher, dem Kran- 
ken Unglück bringender lrrthura entstanden ; junge Aerzte 
dürfen sich durch das scheinbar Glänzende dieser Methode 
nicht zur einseitigen Nachahmung verleiten lassen , im Ge- 
gentheil mögen sie ruhig alle diagnostischen Hülfsmittel be- 
nutzen , weil die Diagnose chirurgischer Krankheiten nicht 
immer so leicht ist, als man gewöhnlich behauptet, und weil 
sie meistens wichtigere Folgen hat, als die bei medicinischen 
Krankheiten , indem auf eine fehlerhafte Diagnose nicht blos 
kleine und einfache, sondern auch grössere und gefährliche 
Operationen unnöthig verrichtet ( z. B. Amputationen bei 
Tumor albus, Exstirpationen einfacher Verhärtungen der 
Brust und des Hoden , Steinschnitte ohne Blasenstein) oder 
nothwendige unterlassen werden können (z. B. Repositionen 
von Luxationen). Ich erinnere nur noch an die so leicht 
mögliche Verwechslung der Aneurysmen mit Abscessen und 
die Folgen einer unüberlegten Incision ! — 

Derjenige Arzt, der nicht blos die chirurgischen Krank- 
heiten genau diagnosticiren und mit pharmaceutischen Mitteln 
behandeln, sondern auch die dabei angezeigten Operationen 
verrichten kann, istChirurgus, Operateur oder W u n d- 
arzt (erster Classe, im Gegensatz der zweiten Classe oder 
der niedern Wundärzte, sogenannten Stadt- und Landchir- 
urgen und Bader). Die blos auf einige Operationen einge- 
übten nicht wissenschaftlich gebildeten Männer, z. B. dieStein- 
und Bruchschneider, Staarstecher , Einrichter, bestehen nur 
noch in denFuss- und manchen Zahnärzten fort; Aerzte, 
welche sich vorzüglich nur mit einem Theile der theoretischen 
und practischen Chirurgie beschäftigen, sind jetzt nur manche 
Augen -, Ohr - und Zahnärzte und Orthopäden. Wer die 
Chirurgie practisch ausüben will, hat ausser den jedem künf- 



Chirurgia. 345 

tigen Arzte notwendigen Eigenschaften und Vorbereitungs- 
kenntnissen noch folgende besondere nöthig, die er sich zu 
erwerben suchen muss: 1) er mussArzt seyn, nicht blos 
ein tlieoretischer sondern auch ein practischer, d. h. er muss 
die Arzneiwissenschaft wirklich ausüben können, um die chir- 
urgischen Krankheiten dynamisch behandeln, die Indicationen 
zu Operationen stellen und die Vor- und Nachcur selbst lei- 
ten zu können , was ein gewöhnlicher Arzt nicht kann , weil 
er die Operation und Reaction des Körpers dagegen nicht 
kennt. Der junge Arzt, welcher später Chirurg werden will, 
muss daher die allgemeine Pathologie und Therapie, Arznei- 
mittellehre , die specielle Therapie und ihre Unterarten mit 
demselben Eifer und Fleiss studiren als der zukünftige Arzt» 
In der Regel sind jetzt die promovirten Wundärzte gute Aerzte 
und practiciren mit demselben Glücke als die reinen Medici, 
und selbst bei den Wundärzten zweiter Classe findet man mehr 
medicinische Kenntnisse als in früheren Zeiten, ja leider über- 
wiegen letzte häufig die chirurgischen ! — 2) Der Chirurg 
muss vollständige an atom is ch e Kenntnisse inne ha- 
ben , aber nicht blos die Anatomie der Systeme und Organe 
(systematische oder descriptive), sondern auch die von D e - 
s a u 1 1 begonnene, seit 20 Jahren aber erst mehr bearbeitete 
topographische oder chirurgische Anatomie, d. h. das gegen- 
seitige Lage - und Verbindungsverhältniss der Theile. Es 
ist daher gut , wenn er das ganze erste Jahr seiner medicini- 
sehen Studien der Anatomie widmet, zuerst die. descriptive, 
dann die topographische Anatomie hört und praeparirt und 
den grössten Theil des Tages auf dem anatomischen Theater 
zubringt und nicht blos die grobe, sondern auch die fei- 
nere Anatomie auf dieselbe Weise, wie der Anatom ex professo 
practisch treibt, das Studium der Anatomie in der ganzen 
Studienzeit fortsetzt und die Praeparation einzelner Theile 
(Hals, Leistengegend, Mittelfleisch, Gelenken, s.w.) wie- 
derholt, denn die chirurgische Anatomie ist der Leitstern, 
das Auge des Wundarztes nicht blos bei Operationen sondern 
auch bei der Diagnose vieler Krankheiten und bei der Erklä- 
rung ihrer Symptome. Manche Wundärzte, selbst der jetzi- 
gen Zeit und von Ansehen , legen keinen Werth auf anatomi- 
sche Kenntnisse und behaupten, man könne sie entbehren und 
doch ein guter und unternehmender Operateur seyn, im Gegen- 



344 Chirurgia. 

theil schrecke die scrupulöse Beschreibung der Gefässe und 
Nerven eines Theiles von Operationen ab , viel beschäftigte 
Practiker bekümmern sich darum sehr wenig, blutende Gefäs- 
se unterbinde man, wenn man auch ihren Namen nicht wisse 
n. s. w. Solche Aeusserungen sind gewöhnlich das Resultat 
mangelhafter Kenntnisse in der Anatomie überhaupt, beson- 
ders in der chirurgischen , und bedürfen keiner Widerlegung, 
vielmehr ist es anerkannt, dass vollkommene anatomische 
Kenntnisse vorzüglich die Sicherheit der Operationen zur Fol- 
ge haben , dass nur sie die Nebenverletzungen und ihre Fol- 
gen voraussehen , verhüten oder zweckmässig behandeln , die 
Contractionen der Muskeln (bei Fracturen und Luxationen) 
beherrschen und viele Operationen schnell und vollkom- 
men verrichten und unglückliche Ereignisse verhüten lassen. 
Letzte sind häufiger, als man glaubt, die Folgen der Nichtbe- 
rücksichtigung der anatomischen Verhältnisse. Fast jede 
Operation weist den Nutzen und die Nothwendigkeit der Ana- 
tomie für die Chirurgie nach ; die Geschichte der Chirurgie 
zeigt, dass die Vereinigung der Anatomie und Chirurgie im- 
mer die besten Früchte für beide Fächer, namentlich für die 
Chirurgie getragen habe (ich erinnere an Desault, die 
M o n r o , Hunter und Bell, C. C. Siebold, Scarpa, 
Dupuytren, A. Cooper, Hesselb ach, Langen b eck 
U.A.), und es ist sehr zu wünschen, dass die deutschen Wund- 
ärzte der jetzigen Zeit in dieser Beziehung mehr dem Bei- 
spiele der Franzosen und Engländer folgten, als es bisher 
geschehen ist. 3) Er muss anatomisch-pathologi- 
sche Kenntnisse, niclit blos aus Büchern und Abbildun- 
gen oder vom Zusehen bei Sectionen, sondern aus dem Selbst- 
verrichten derselben und Präpariren pathologischer Theile, 
besonders derOperatlonsproducte, und dem Besuchen patholo- 
gischer Cabinette besitzen. Die bedeutenden und glänzen- 
den Fortschritte der Chirurgie in der neuesten Zeit verdan- 
ken wir grossentheils der vorzüglich durch die Chirurgie ge- 
pflegten pathologischen Anatomie , die nun keine Raritäten- 
Sammlung für neugierige Laien mehr ist und erst in der neue- 
ren Zeit ihren Werth in Beziehung aui Aufklärung und Si- 
cherheit der Diagnose und Prognose , sowie auf die Feststel- 
lung der Indicationen namentlich zu Operationen beurkundet; 
sie bewahrt auf der einen Seite den Arzt vor dem zu grossen 



Chirurgia. 345 

Vertrauen auf die Naturheilung und die Wirksamkeit pharma- 
ceutischer Mittel, vor der einseitigen Berücksichtigung der 
eonstitutionellen Symptome, besonders des Fiebers; und auf 
der andern Seite den Wundarzt vor der einseitigen und über- 
all sich geltend machen wollenden Operationslust ; sie leitet 
die Aufmersamkeit beider auf die wichtige Berücksichtigung 
der localen Symptome und zeigt die Grenzen der Heilbarkeit 
durch pharmaceutische und mechanische Mittel, sie lehrt 
nicht blos das medicinische und chirurgische positive Handeln, 
sondern auch das negative. Jungen Aerzten kann daher das 
Studium der pathologischen Anatomie nicht dringend genug 
empfohlen werden , damit sie den physischen Zustand der 
organisch - leidenden Theile von Anfang bis zu Ende im 
Voraus angeben können ! 4) Kenntnisse in der Mechanik 
(z. B. die Lehre vom Hebel, von den Rädern, Rollen, Flaschen- 
zügen , Kurbeln , Schrauben , Härten des Stahles, Schleifen, 
Abziehen, Poliren) sind ihm noth wendig, theils um den 
Bau von Maschinen und Instrumenten schneller, leichter und 
vollständiger zu verstehen , theils um die Idee zu mechani- 
schen Vorrichtungen dem Künstler angeben , sie verbessern 
oder vereinfachen zu können. Damit ist aber nicht gemeint, 
dass der Chirurg selbst den Hammer oder die Nadel in die 
Hände nehmen oder nur an die Erfindung neuer Instrumente 
und Verbände denken soll! — 5) Die eigentlichen Kennt- 
nisse in der Chirurgie erlangt der junge Wundarzt 
ausser den Vorlesungen und den Werken über theoreti- 
sche und practische Chirurgie vorzüglich durch den mehr- 
jährigen Besuch chirurgischer Kliniken und Hospitäler und 
durch Uebungen in Operationen an Kadavern und Banda- 
giren an lebenden Menschen. Die Klinik bildet den Ue- 
bergang von den theoretischen Studien zur Praxis und ver- 
einigt beide in sich; in ihr lernt man das Sehen und Be- 
obachten, die höchste und schwierigste Kunst des Arztes, oh- 
neweiche alles Wissen keine Anwendung auf die Ausübung der 
Heilkunst hat und die Praxis. unmöglich ist. Der IVutzen der 
Kliniken ist zwar allgemein anerkannt, sie werden aber dem- 
ungeachtet in der Regel nicht lange genug besucht, der junge 
Wundarzt muss namentlich die chirurgische Klinik sogleich 
nach dem ersten Studienjahr besuchen, um sie länger als es 
ausserdem möglich wäre, benutzen zu können , weil ia 2 Se- 



346 Chirurgla. 

mestern kein Chirurg gebildet werden kann ; er muss 2 — 3 
Jahre täglich und anhaltend den grösseren Theil des Tages in 
chirurgischen Krankensälen zubringen , um die vorzüglichsten 
chirurgischen Krankheiten beobachten und die verschiedenen 
Heilmethoden anwenden und viele Operationen verrichten zu 
sehen. In der Chirurgie muss man eine Menge Fertigkeiten 
erlernen, wozu man in der Regel nur in Spitälern, selten in 
der Privatpraxis Gelegenheit hat, da die Bildungsmethode 
deutscher Wundärzte von der der französischen und besonders 
der englischen abweicht. Während er sogleich nach den ana- 
tomisch - physiologischen Vorlesungen schon die chirurgische 
Klinik besucht, werden ihm die gleichzeitig zu hörenden Vor- 
lesungen über Pathologie, Materia medica und Chirurgie in 
vielen Beziehungen interessanter, verständlicher und nützli- 
cher, weil er das, wovon hier theoretisch gesprochen wird, 
meistens schon in der Natur gesehen hat, z. B. die verschie- 
denen Arten von Entzündungen, Eiterung, Geschwüren, 
Fleischwärzchen u. s. w. Die chirurgische Klinik giebt reich- 
liche Gelegenheit zu anatomischen und physiologischen Beob- 
achtungen (z. B. des Schleimes und Eiters bei verschiedenen 
Krankheiten, der Granulationen, der Folgen der Durchschnei- 
dung von Nerven u. s. w.) und zu diagnostischen Uebungen im 
Untersuchen (der Augen, des Mundes, der Bauchringe, der 
Vagina, zur Anwendung des Stethoscopes und Plessimeters). 
In der Klinik soll er nicht lange ruhiger Zuschauer seyn , son- 
dern bald an der manuellen Behandlung Theil nehmen, bei 
Verbänden und Operationen assistiren und sich in den kleinen 
Operationen (Aderlass, Schröpfen , Zahnausziehen) frühzeitig 
üben, wozu vorzüglich der Besuch der weniger besuchten Klini- 
ken geeignet ist. Dabei muss er seine Sinne üben und Gewandt- 
heit der Finger und Sicherheit und Festigkeit der Hände sich ei- 
gen zu machen suchen. Es ist hier aber weniger vom Weit- als 
vom Genausehen die Rede; das Auge muss durch genaue und 
öftere Betrachtung der normalen und abnormen Theile und 
durch Zeichnen geschärft werden, um das schnelle Auffassen 
der äusseren Erscheinungen zu lernen und nicht mit offenen 
Augen nichts zu sehen. Die Finger müssen leicht, nament- 
lich der Zeigefinger und seine erste Phalanx willkürlich be- 
wegt werden können ; die Sicherheit der Hand erlangt er durch 
festen Willen, Uebung, Präpariren feiner Theile, und die Am- 



Chirurgia. 347 

bidexteritat durch Operiren an Leichen. Einzelne Krankhei- 
ten muss er genauer beobachten und darüber in guten Handbü- 
chern nachlesen, er geht von den einfachen und leichteren 
(Phlegmonen, Abscessen , Geschwüren, namentlich den lo- 
calen) zu den schwereren und complicirten über, schreibt sich 
täglich kurze Bemerkungen, besonders gesehene Operationen,, 
ihr Resultat, praktische Cautelen nieder und ordnet wöchent- 
lich diese Notizen in besondere Rubriken (über Wunden, Fra- 
cturen , Geschwüre u. s. w.) ; so erhält er eine dem Gedächt- 
nisse nachhelfende Sammlung von Beobachtungen, die ausser- 
dem durch die immer steigende Masse des täglich Gesehenen 
und Gelesenen an Genauigkeit verlieren oder ganz vergessen 
werden. Wer zeichnen kann, trage sich Linearumrisse von 
Krankheiten , Verbänden und Operationen ein, was von sehr 
grossem Nutzen ist. Auf diese Art schärft man den Beobach- 
tungsgeist am besten , weil man erst beim Niederschreiben ei- 
ner Kranken - oder Operationsgeschichte das Mangelhafte der 
Auffassung sieht und dieses in der Folge vermieden wird. 
Nach dem Besuche sämmtlicher chirurgischen Vorlesungen 
nehme man an den Operationsübungen an Leichen Theil; mit 
ihnen kann das Präpariren der chirurgischen Anatomie verbun- 
den werden ; den Schluss machen Vivisectionen in Beziehung 
auf Unterbindung von Gefässen , Naturheilung der Blutungen 
und Wunden (besonders der Knochen, Nerven, der Brust und 
des Unterleibes) , Resectionen und Exstirpationen von Kno- 
chen , und endlich die Gegenwart bei Veterinäroperationen. 
Häufiges Assistiren bei grossen Operationen und Selbstoperi- 
ren unter der Leitung des Lehrers vollenden die Bildung des 
jungen Wundarztes auf Universitäten , welcher derjenige, des- 
sen Verhältnisse es gestatten, den Besuch einer oder mehre- 
rer berühmten auswärtigen Bildlingsanstalten und grosser Ho- 
spitäler nachfolgen lassen kann, besonders solcher, die sich 
durch seltnere Krankheiten und Operationen (Lithotomie, Li- 
thotritie, Augen- und Knochenkrankheiten u. s. w.) auszeich- 
nen. Die Operationsübungen und die Assistenz bei Opera- 
tionen setze er sowohl hier als später, nach dem Eintritt in die 
selbstständige Praxis, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit 
fort , um sich die Uebung und Entschlossenheit zu erhalten ; 
er benutze seine anfangs noch freiere Zeit zum Studiren der äl- 
teren und grösseren chirurgischen Werke , der Monographien 



348 Chirurgia. 

und der vielen ausgezeichneten Beobachtungen und Abhand- 
lungen zu seiner gründlichen wissenschaftlichen Bildung, wo- 
zu er auf Universitäten nur die Anleitung bekommen und den 
Grund legen konnte, jetzt aber die Bausteine sammeln und 
zusammenfügen muss. Ist der Grund schlecht gelegt, fehlt 
es an anatomischen Kenntnissen , hat man die Autopsie in den 
practischen Vorlesungen und die Gelegenheit zur Erkennung 
der vielen nothwendigen manuellen Fertigkeiten versäumt, so 
hilft der nachholende Besuch grosser Spitäler wenig, es bleibt 
das Ganze immer ein Flickwerk ! Der theoretisch und pra- 
ctisch gründlich gebildete Wundarzt erlangt so allmählig die 
ihm so nothwendige Ruhe , Besonnenheit, Unerschrockenheit, 
Geistesgegenwart, Kaltblütigkeit; und derMuth unddieStand- 
haftigkeit bei Operationen, der Eifer und die Liebe zu seinem 
Fache wird ihm die schwierige Ausübung der Chirurgie erleich- 
tern und seine Kunst nützlich machen. Von den Pflichten 
gegen seine Kranken, von der Geduld und dem Mahren Mitleid 
bei chirurgischen Operationen haben wir das Geeignete im Art. 
Älilurgia angeführt. 

Derjenige Studirende, welcher nur die Medicin ausüben 
will, hat dieselben Vorlesungen über Chirurgie wie der künf- 
tige Wundarzt zu hören, seine Aufmerksamkeit und Zeit aber 
weniger auf den practischen Theil der Chirurgie als den theo- 
retischen zu wenden , um ein eben so guter und genauer chir- 
urgischer Patholog als der Wundarzt selbst zu werden; er 
muss dazu die chirurgische Klinik 2 — 4 Semester lang fleissig 
besuchen und vorzüglich die pathologische Seite derselben 
(Entzündungen, Abscesse, Brand, Geschwüre, Wund-, Ent- 
zündungs- und Eiterungsfieber, Caries, Necrose u. s. w.) be- 
rücksichtigen ; die Operationsübungen und die Assistenz bei 
Operationen sind ihm entbehrlich, es ist genug, wenn er weiss, 
worin eine Operation bestellt und auf welche Weise (Methode) 
der Zweck derselben erreicht werden kann. Man hat jetzt 
weniger nothwendig, den Wundärzten (selbst denen der zwei- 
ten Classe) das Studium der Medicin anzuempfehlen , als viel- 
mehr sehr zu wünschen , dass die Aerzte die chirurgische Pa- 
thologie mehr inne hätten , denn in dieser Beziehung unter- 
halten sie noch die Trennung der Medicin von der Chirurgie 
vollständig, d. h. wie in frühern Zeiten die von der Medicin 
ausgestossenen und verachteten Wundärzte die Medicin ver- 



Chirurda. 349 



l o 



nachlässigten, so bekümmert sich jetzt noch der grössere Theil 
der practischen Aerzte um das Studium und die Fortschritte 
der Chirurgie soviel wie gar nicht , das Wenige auf Universi- 
täten Gesehene und Gehörte wird bald vergessen und keine 
neuen Kenntnisse über Chirurgie erworben. Daher sieht man 
leider selbst sehr gelehrte und berühmte Aerzte , solche, wel- 
che die feinsten Diagnosen über Nervenkrankheiten, verbor- 
gene und tief liegende Entzündungen (z. B. einzelner Hirn - 
und Ganglientheile) u. s. w. stellen, über chirurgische Krank- 
heiten, die oft im wahren Sinne vor ihren Augen und auf ih- 
ren Händen liegen, in der grössten Unwissenheit oder Ver- 
kehrtheit befangen , z. B. über Augenkrankheiten , selbst Au- 
genentzündungen, Panaritien, falsche Rothläufe u. s.w.; sie 
wissen alles über Dyscrasien , können aber ihre Producte an 
den Augen und Gelenken nicht behandeln ; sie heilen eine 
Lungen- und Darmentzündung vollkommen nach den Regeln 
der allgemeinen Therapie, handeln aber bei Zellgewebs- und 
Gelenkentzündungen schnurstraks dagegen oder bekennen 
ihre gänzliche Unwissenheit in diesem Zweige der Medicin und 
überlassen ihn oft Badern und Barbirern. Abgesehen von der 
oft üble Folgen habenden Vernachlässigung der genauen äus- 
seren Untersuchung (ich erinnere nur an Empyeme und Ge- 
bärmutterpolypeu) und der oft verkehrtesten und schädlich- 
sten Behandlung resultirt auch gewöhnlich eine grosse Abnei- 
gung gegen operative Eingriffe daraus, und man kann ziemlich 
sicher schliessen, dass, je mehr die Aerzte blosFieberdoctoren 
sind, je weniger sie sich um die Diagnose und pathologische 
Anatomie der localen Krankheiten bekümmern , je häufiger sie 
das Wort „hippocratisch" im Munde führen und sich für ächte 
Nachfolger dieses grossen Arztes und Wundarztes erklären, sie 
desto eifrigere Gegner der Wundärzte und aller neuen Operatio- 
nen sind; sie wollen alle mit Fieber verbundenen chirur- 
gischen Krankheiten, als zu ihrem Forum gehörend, mit inne- 
ren Mitteln behandeln und die Operationen nur mit ihrer Er- 
laubniss ausgeführt wissen; sie appelliren beständig an die 
Kräfte der Natur und glauben diese durch das Ueberlegen eines 
Pflasters unterstützt und sich und den Kranken beruhigt zu 
haben, wenn sie das Uebel nicht mehr sehen. Solche Aerzte 
treten als wahre Hemmschuhe der Chirurgie einzelner Städte, 
Gegenden und Länder auf, was , wie die Geschichte der Chir- 



350 Chirurgia. 

tirgle nachweist , sich bald , und oft auf eine sehr empfindli- 
che Weise an dem schuldlosen Publicum und selbst den höch- 
sten Ständen rächt, weil chirurgische Uebel nicht immer Zeit 
lassen , einen geschickten, erfahrenen und berühmten Chirur- 
gen des Auslandes zu rufen. Man klagt dann über den Man- 
gel an Wundärzten, und bedenkt nicht, dass man sie oft nicht 
aufkommen lässt. — Den in ihrer Bildung begriffenen künfti- 
gen Aerzten habe ich hier einen Spiegel vorgehalten, wozu die 
Folie aus der überall, besonders aber in grossen Städten zu 
beobachtenden Wirklichkeit genommen ist, und ermahne sie, 
das Studium der theoretischen Chirurgie mit demselben Eifer 
wie das der medicinischen oder speciellen Therapie zu treiben 
und stets fortzusetzen , um eine vollständige ärztliche Bildung 
zu erhalten. Es ist nicht Jedermanns Sache, den operativen 
Theil der Chirurgie auszuüben , und auch nicht nothwendig 
und nicht wünschenswerth (weil die Operationen seltner als die 
medicinischen Krankheiten sind), wohl aber fordert das wahre 
Wohl der Staatsbürger und der jetzige Standpunkt der Medi- 
cin und Chirurgie , dass die Aerzte die chirurgischen Krank- 
heiten genau untersuchen und diagnosticiren, medicinisch be- 
handeln und die Indicationen zu den Operationen stellen, und 
in plötzlichen Unglücksfällen einige zur Lebensrettung noth- 
wendige einfache Operationen selbst verrichten können, als 
1) die Stillung der Blutungen, besonders die Compression der 
Arterien mit den Fingern und einem Tourniket, sowie die 
Unterbindung in loco; 2) den Aderlass am Arme, 3) die Ap- 
plication des Catheters und 4) der Schlundfänger, 5) die Ta- 
xis eingeklemmter Hernien und 6) die Eröffnung oberflächli- 
cher Abscesse. Wie oft können nicht die genannten Opera- 
tionen das Leben retten ; wie unangenehm und beschämend 
ist eh für den Arzt, in den sie schnell indicirenden Krankhei- 
ten gestehen zu müssen, dass ein Aderlass, die Taxis das Le- 
ben retten könne, er sich aber nicht auf solche Heilmittel ver- 
stehe ! Wie umständlich und Zeit raubend ist es nicht blos 
auf dem Lande, sondern oft auch in Städten, einen Mann her- 
beizurufen , der sie ausführen kann ! Wie hoch steht nicht in 
den Augen des Kranken und der Anwesenden der Mann , der 
mit solchen einfachen Handgriffen so schnelle und bedeutende 
Erleichterung oder Hülfe bringt, während man tagelang und 
vergebens die pharmaceutischen Mittel versucht und eine Ope- 



Chirurgia. 351 

ration, die man nicht kennt, als schmerzhaft, gefährlich und 
schwierig verschoben hat (ich erinnere an den Catheterismus) ! 
Die Fertigkeit in den angegebenen Operationen muss sich der 
junge Arzt auf der Universität erwerben, wo er noch Zeit und 
Gelegenheit dazu hat und sich des Erlernens nicht zu schämen 
braucht. Später, in der selbstständigen Praxis sieht man die 
Nothwendigkeit dieser Kenntnisse und Fertigkeiten zu spät 
ein , es lässt sich das Versäumte selten nachholen , weil es an 
Zeit, Gelegenheit, Geduld fehlt. Die öftere Gegenwart bei 
Operationen wird den Arzt zur richtigen Schätzung der Blu- 
tungen, der Reaction, zur Uebernahme der Assistenz im Falle 
der Noth , zur Leitung der von niederen Wundärzten auszu- 
führenden Operationen und Verbände (z. B. Trepanation, 
Bruchschnitt , Fracturen) geschickt machen. So gebildete 
Aerzte werden nicht der Gegenstand des Mitleides oder der 
Verachtung von Seiten der Wundärzte werden und das Ver- 
trauen des Publicums mit Recht verdienen. 

Literatur. (Hier kann ich des beschränkten Raumes wegen nur 
einen Auszug aus der Gesammtliteratur der Hand- und Lehrbü- 
cher angeben, welche ein junger Wundarzt zu seiner Bildung zu 
benutzen hat. Die übrigen , besonders die chirurgischen Beob- 
achtungen und Monographien über die Krankheiten der einzelnen 
Systeme und Organe (Ohr-, Zahn-, Blasen-, Knochenkrankhei- 
ten u. s. w.) werde ich am Schlüsse des Werkes nebst der Ge- 
schichte der Chirurgie und der Darstellung ihres gegen- 
wärtigen Standes nachtragen.) 
Gesammtliteratur. B. Bell, Lehrbegr. d.WAK. Lpz. 1804 — 
10. 8 Thle. — Richter, Anfangsgr. d.WAK. 7 B. Gütt. 1782. — 
Richerand, Nosogr. et the'rapie chir. Par. 1803. 5. ed. 1821. 
Deutsch Leipz. 6B. — Boyer, Traite des mal. chir. 11 Vol. 
Par. 1814 — 1826. Deutsch Würzb. 1818 — 1826. 11 B. — Che- 
lius, Handb. d. Chirurg. 2 B. Heidelb. 1821. 4. Aufl. 1833. — 
Langenbeck, Nosol. u. Therapie der chirurg. Krankh. Gott. 
1822 — 34. 5 B. (noch nicht vollendet). — A. Co o per, Vorles. 
über die Grundl. u. Praxis der Chir. A. d. Engl. Weimar 1825. 
3 B. — Sam. Co o per, Handb. der Chir. (in alphab. Ordnung). 
Ä. d. Engl. Weimar 1820. 4. B. — Rust, Handb. der Chir. (in 
alphab. Ordnung). Berlin 1830 — 36. 17 B. — Theoretische 
Chirurgie: Delpech, Pre'cis e'lement. des malad, chir. Par. 
1816. 3 Vol. — Dzondi, Lehrb. der Chir. Halle 1824. — 
Lawrence, Vorles. über Chir. A. d. Engl. Lpz. 1833. 3 B. — 
Ph. v. Walt her, System der Chir. Berlin 1833. — Pr acti- 
sche Chirurgie (siehe AlioJogia , AUurgia , Besinologia). — 
Zeitschriften: t. Gräfe's u. v. Walther's Journ. für 
Chir, u. Augenheilkunde. Berlin 1820 — 36. 23 B. (wird fortge- 



352 Chordapsus — Cicatrix. 

setzt). — v. Froriep's Chir. Kupfertafeln. Weimar 1820 — 36. 
68 Hefte (wird fortgesetzt). r 

CHORDAPSUS, Verdrehung des Gekröses und 
des Netzes um sich selbst. Clarus (De Omenta 
lacerato et mesenterü chordapso, Commentatio 1833.) 
hat die Bedeutung dieses bei den alten und neuen Schriftstel- 
lern verschieden ausgelegten Wortes in der angeführten Schrift 
fest bestimmt, die Erscheinungen, Ursachen und Behandlung 
dieser Krankheitsform mit grösster Vollständigkeit angegeben; 
daher wir darauf verweisen. S. Laparatomia. IV, 

CHRUPSIA (y.Qna Farbe, mpig Sehen), Visus coloratus, 
das Farbensehen. Man versteht darunter Wahrnehmung 
von Farben , welche an dem betrachteten Gegenstande nicht 
vorhanden sind, und hat sie daher nicht mit Sommer's Chro- 
mat opseudopsie (s. Achromatops'ui) zu verwechseln. Eben 
so Avenig scheint es zweckmässig, den Namen Chrupsia, wie 
Beck thut, mit Myodesopsie gleichbedeutend zu gebrau- 
chen , bei welcher nicht blos Farben an vorhandenen Gegen- 
ständen, sondern ganz neue, in der Wirklichkeit nicht beste- 
hende Dinge dem Auge vorgegaukelt werden. Das kommt 
aber bei Chrupsie oft vor, dass nur die Ränder der Objecte 
eine ihnen nicht zukommende Färbung darbieten. Die Ursa- 
chen des Leidens liegen , so weit meine Beobachtung geht, 
stets in einem krankhaften Zustande des Auges, sind nicht 
gleich den Abweichungen des Farbenerkennungsvermögens in 
einem ursprünglichen Fehler der Bildung zu suchen. Am 
gewöhnlichsten giebt angehender grauer Staar oder Amaurose 
dazu Veranlassung, obwohl nicht in allen Fällen dieser Krank- 
heiten das Farbenselien als Symptom erscheint. Die näch- 
sten Ursachen scheinen also bald in einer fehlerhaften Strah- 
lenbrechung der Linse, vielleicht auch der übrigen Feuchtig- 
keiten des Auges, bald in einer eigenthümlichen Reizbarkeit 
der Nervenhaut zu liegen , welche letztere öfters ihren Grund 
in Congestion oder auch in Schwäche hat, daher man auch 
vorübergehend durch starke Congestionen nach dem Kopfe, 
wie es nach heftigen Bewegungen , Genuss geistiger Getränke 
erfolgt, Farbensehen hervorbringen kann. Die Vorhersage 
und Cur richtet sich nach den Uebeln, als deren Symptom die 
Chrupsie auftritt. Rds. 

CICATRIX, s. Coecatrix, Narbe, nennt man im Allge- 



Cicatrix. 353 

meinen dasjenige neue Gebilde, welches Trennungen der Con- 
tinuität in dem animalischen Organismus wiederum mit ein- 
ander vereinigt; im Besonderen nennt man so die Art der 
Vereinigung der Weichtheile ; die der Knochen aber Callus 
(s. Fractura). Dieses neue Gebilde, welches überall das- 
selbe ist , erzeugt sich von der Ablagerung einer glutinösen 
gerinnbaren Flüssigkeit, welche sich verdichtet, organisirt 
und faserzellig wird. Den Process, welchen die Natur zur 
organischen Wiedervereinigung getrennter Theile und zur 
Wiederersetzung der verloren gegangenen allgemeinen Kör- 
perbedeckungen , namentlich der Cutis und Epidermis , ein- 
schlägt , nennt man Vernarb ung, CAcairisatio. Wenn 
nämlich die tiefer gelegenen Theile bis zur Haut entweder auf 
directe Weise, d. h. per primam intentionem, oder auf indire- 
cte Weise, d.h. per secimdam intentionem (s. Vulniis), wieder 
vereinigt sind , und wenn bei letzterer die Bedingungen zur 
völligen Schliessung der Trennung durch den Granulationspro- 
cess (s. Granulat io) gegeben sind, so bildet sich aus den ver- 
trockneten, relativ saftlos gewordenen , unter sich verwachse- 
nen Fleischwärzchen eine Membran (die Narbe) von eigenthüin- 
licher Beschaffenheit, welche dünn , ohne Nerven, den soge- 
nannten falschen Membranen analog ist und lange Zeit röth- 
lich bleibt. Die Granulationen ziehen sich bei dem Vernar- 
bungsprocess immer mehr zusammen und verkleben mitein- 
ander durch die organische Ausschwitzung; die Fleischwärz- 
chen werden dadurch fester, und weil sie dem Eindringen 
des Blutes dadurch mehr Widerstand leisten, auch weisser; 
sie verlieren ihr lockeres Gewebe und es bildet sich auf diese 
Weise durch die organische Contractilität eine gleichförmige 
Oberfläche , woraus die Narbe entsteht , welche immer blässer 
wird , je fester sie wird. Das Material aber zur Narbenhaut 
kommt nicht allein von der alten Haut her , sondern vorzugs- 
weise von der Granulationsmembran, und beide vereinigen 
sich mit einander; daher sieht man auch zuweilen die Haut- 
erzeugung in Gestalt von Inseln im Mittelpunkte der Granula- 
tionsfläche. In den meisten Fällen schiesst jedoch die neue 
Haut von den Wundrändern der alten Haut hervor. Hunter 
(p. 215.) sagt: wenn eine Wunde zu heilen beginnt, so wird 
die umgebende alte Haut dicht an den Granulationen , welche 
sich bisher in einem entzündungsähnlichen Zustande, befan- 
Handwörterb. der Ch. II. 23 



354 Cicatrix. 

den, und eine rothe und glänzende Oberfläche hatten, so dass 
sie wie abgeschalt oder roh erschienen, nunmehr glatt , und 
erhält ein weissliches Ansehen , einen weisslichen Ueberzug, 
der nach dem vernarbenden Rande hin an Weisse immer mehr 
zunimmt. Dieser Ueberzug, glaubt Hunt er, sey der An- 
fang des sich bildenden Oberhäutchens und ein sicheres Merk- 
mal der nun bald erfolgenden Heilung, indem die Tendenz 
zu dieser dabei nicht blos in den Granulationen , sondern zu- 
gleich auch in den Umgebungen vorhanden sey. Pag. 203 
sagt er ferner: Vielleicht schwitzen auch die Gefässe der 
Granulationen Lymphe aus, wenn sie mit einander in Berüh- 
rung kommen , und erhalten eine Anlage sich zu vereinigen. 
Durch das organische Contractionsvermögen der alten Haut 
und der Granulationen wird die Granulationsfläche immer 
kleiner, in der ganzen Wund - oder Geschwürsfläche und in 
der nächsten Umgebung wird die Contraction überwiegend ; 
die Hautränder nähern sich , ja sie senken sich zuweilen bei 
stärkerer Aufsaugung der Granulationen in eine tiefere Gra- 
nulationsfläche hinein, daher kommt es, dass sich manchmal 
die Hautränder nach innen umschlagen. Auf diese Weise er- 
scheint die ausgebildete Narbe viel kleiner als die frühere 
Wund - oder Geschwürsfläche. Die neue Haut, welche sich 
unter dem Schutze der provisorischen Membran , die die Gra- 
nulationen bedeckte, gebildet hat, ist ein dem verloren ge- 
gangenen ähnliches Gebilde (s. Ulcus). 

Die Form und Beschaffenheit überhaupt der Narben, wel- 
che meistentheils unvertilgbar sind, sind für den Pathologen 
nicht allein, sondern auch für den gerichtlichen Arzt von gros- 
ser Wichtigkeit, denn sie können zur Erkenntniss der Krank- 
heiten und Verletzungen, woran ein Subject gelitten hat, die- 
nen (s. Granulaiio , Suppural io j Ulcus, Verbrennung, 
Vulnus) ; die Erfahrung nämlich lehrt, dass die Narben nach 
specilischen Geschwüren nach vielen Jahren noch dieselbe be- 
stimmte Form und Beschaffenheit zeigen, wie man sie an den 
Geschwüren wahrnehmen konnte. Auf gleiche Weise wird 
man eine Narbe, welche nach einer Verbrennung entstanden 
ist, leicht von einer Narbe nach einer Schnitt- oder anderen 
Wunde unterscheiden können. — 

Es ist Vorwurf des Chirurgen den Vernarbungsprocess so 
zu leiten, dass eine gute Narbe zu Stande kommt. Man muss 



Cicatrte. 355 

daher die Hindernisse , welche sich einer guten Vernarbimg 
entgegenstellen können, zu beseitigen suchen. Diese liegen 
entweder in einer allgemeinen krankhaften Disposition des In- 
dividuums, z. B. scorbutischer, scrofulöser Cachexie u. s. w., 
wogegen die in der speciellen Therapie angezeigten Mittel an- 
zuwenden sind, oder sie sind örtlich und mechanisch, z. B. 
fremde Körper, Knochensplitter, harte, schwielige Ränder 
u. s. w., wogegen nach den Vorschriften der speciellen Chirur- 
gie, wie es in den Artikeln Granulat io, Suppurattö, Ulcus, 
Vulnus gezeigt wird, zu verfahren ist. Bald können und müs- 
sen daher erweichende Umschläge , bald ätzende, adstriugi- 
rende Mittel u. s. w. angewendet werden, je nachdem es die 
örtliche Beschaffenheit der Trennungsfläche und das allgemei- 
ne Befinden des betreffenden Individuums erheischen. Wir 
verweisen deshalb auf die eben angeführten Artikel, worin das 
Nähere über die jedesmalige Behandlung zur Erzielung einer 
guten Vernarbung gelehrt wird. Zweckmässiger und richti« 
ger scheint es uns aber, mit den alten Schriftstellern unter den 
Narbenmachenden Mitteln (Remedia cicatrisanthi 
s. epulotica) nur diejenigen zu verstehen , welche der neuge- 
bildeten Narbenhaut die gehörige Festigkeit verschafFen und 
die üppige Wucherung der Granulationen beschränken ; zu 
diesem Zwecke hat man empfohlen : Druck, trockene Gharpie, 
Alumen ustum, Lap. cancr., Hydrargyr. mur. corrosiv., Tutia 
praep., Aq. vulner., Lap. infern., Spir. vini, Blei- und Zink- 
präparate; Neu mann empfiehlt besonders den Schmelzi- 
schen Liquor, welcher aus folgenden Mitteln besteht: 

B/. \irid. aeris 

Vitriol, coerul. et albi ^ 5ü- 

coq. c. aq. tont. q. s. ad col. gviii. 
Dieser Liquor muss gewöhnlich verdünnt angewendet werden. 
R u s t wendet folgende Solution an : 

B/. Argent. nitr. fusi 5ß- solve in 

Aq. fl. chamomill. 5 vi. adde 

Tinctur. opii simpl. 5iß. 
M. D. S. Leinene Läppchen damit angefeuchtet, aufzu- 
legen. 

Man legt Wachstaffet darüber , eine Compresse und befe- 
stigt das Ganze mit einer Binde. — Am besten ist ohnstreitig 
der Lapis infernalis in Substanz angewendet, womit man nach 
Befinden bald stärker bald schwächer die Ränder betupft und 

23 * 



356 Cingulum pectorale — Circumcisio praeputü. 

dadurch eine schnellere nnd festere Vernarbung herbeiführt. — 
Um die neue l\arbe, welche röther als die sie umgebende 
Haut erscheint , blässer zu färben , lässt man sie oft mit Kam- 
pherspiritus oder Goulard'schem Wasser waschen. 
Literatur. J. Hunter, Versuche über das Blut u. s. w. über- 
setzt von Heben streit. IL ThI. — Langenbeck, Nosolo- 
gie u. Therapie der chirurgisch. Krankh. IL Bd. p. 112 u. f. — 
Fr. Pauli, Commentatio physiol. - chirurg. de vulneribus sanan- 
dis , Gott. 1823. — Ramberg in Rust's Handb. der Chirurg. 
Bd. V. Wt 

CINGULUM PECTORALE, Brustgürtel, ist ein 
Verband für den Brustkasten bei Rippenbrüchen , nach der 
Operation des Empyems u. s. w. Dieser Verband umgiebt 
den Brustkasten in einer gewissen Breite kreisförmig, und 
wird von weichem Leder, welches mit Flanell oder Barchent 
gefüttert ist, verfertigt; an einem Ende befestigt man 3 — 4 
Schnallen und an dem anderen eben so viel kleine Riemen, 
um den Gürtel weiter und enger machen zu können ; über die 
Schultern laufen zwei Tragriemen , welche sich auf der Brust 
kreuzen. — Hof er empfiehlt zu demselben Zwecke folgende 
Binde. Man nimmt ein Stück Leinwand oder Barchent 14 — 2 
Viertelellen breit und nach dem Umfange des Körpers 2i — 24 
Ellen lang; an dem einen Ende schneidet man in gleicher 
Entfernung von einander 4 ohngefähr 1" lange Einschnitte 
und umsticht diese; andern anderen Ende schneidet man 4 
Köpfe, und umsticht diese ebenfalls. In der Mitte nach oben 
ohngefähr 4" von dem einen breiten Rande entfernt macht 
man einen Einschnitt von 5" Länge. Durch diesen Einschnitt 
wird der Arm der leidenden Seite gesteckt ; die 4 Köpfe wer- 
den durch die 4 Einschnitte der andern Seite gesteckt und je 
zwei zusammengebunden , und so die ganze Binde um die 
Brust befestigt. W, 

CIRCUMCISIO PRAEPUTII, die Beschneidung 
der Vorhaut oder die Abtragung der gesunden männlichen 
Vorhaut durch Schnittwerkzeuge, war bei vielen orientalischen 
Völkern des Alterthums ein Religionsgebrauch und ist es noch 
gegenwärtig bei mehreren. Bei Kindern wird sie am achten 
Tage nach der Geburt so verrichtet, dass ein Gehülfe das 
Kind, welches in Tücher eingewickelt ist, auf seinen Schoos 
nimmt und mit beiden Händen fest hält. Der Beschneider 
fasst die Vorhaut mit dem linken Daumen und Zeigefinger und 



Circumcisio praeputii. 357 

zielit sie vorwärts, indem er die Eichel zurückhält; nun reibt 
er die Vorhaut zwischen den Fingern, zieht sie vor, klemmt 
sie in die Spalte eines dem Mundspatel ähnlichen Werkzeuges 
und schneidet sie mittels eines scharfen Messers vor der Ei- 
chel ab. Hierauf bespritzt der Beschneider die Wundränder 
mit kaltem Wein, welchen er in den Mund nimmt. Die in- 
nere Platte der Vorhaut fasst er alsdann mit seinen zugespitz- 
ten Nägeln der Daumen, reisst sie bis zur Krone der Eichel 
auf, und schiebt sie über die Eichel zurück. Der Beschnei- 
der saugt nunmehr das Blut aus den verletzten Theilen und 
legt dann Charpie mit arabischem Gummi bestreut auf. — 

Als Heilakt ist diese Operation bei folgenden Krankheits- 
zuständen angezeigt: eine sehr verlängerte, verdickte und 
dabei verengerte Vorhaut , scirrhöse und careinomatöse Ent- 
artung derselben und eine Verwachsung der Vorhaut mit der 
Eichel , wodurch bei Erectionen Schmerz erregt und der Bei- 
schlaf verhindert wird. Zuweilen hat man die Beschneidung 
wegen blosser Verengerung der Vorhaut verrichtet (s. Phi- 
mosis). .Textorhält die Circumcision für eine entbehrli- 
che Operation. 

31an bedarf zur Operation 1 gerades schmales Bistouri, 
1 Hohlsonde, 1 Cowper'sche und 1 Scheere mit sondenförmi- 
gem Blatte, 1 Pincette, Unterbindungsgeräthe, Schwamm, 
kaltes Wasser und Oel; zum Verbände Plmnaceaux, Heftpfla- 
sterstreifen , 1 in der Mitte durchlöcherte Corapresse in Form 
eines Maltheserkreuzes und 1 schmale Zirkelbinde. — Der 
Kranke liegt im Bette nahe am Bande oder sitzt auf einem 
Stuhle, die Schenkel von einander etwas entfernt; ein Kind 
wird mit Tüchern an den obern und untern Gliedmassen ein- 
gehüllt und von einem Gehülfen auf den Schoos genommen. 
Ein Gehülfe unterstützt den Operateur, ein zweiter reicht In- 
strumente zu. 

Es giebt zwei Methoden der Beschneidung; die ältere 
ist der bei den orientalischen Völkern üblichen Weise ähnlich. 
Der Operateur (oder ein Gehülfe) fasst die Vorhaut vor der 
Eichel in eine Querfalte, ein Gehülfe (oder der Operateur) 
zieht die äussere Platte der Vorhaut so viel als möglich zurück 
und drückt zugleich die Spitze der Eichel zurück , um diese 
vor Verletzung zu sichern. Der Operateur schneidet alsdann 
mit dem geraden Bistouri die Vorhaut dicht vor der Eichel in 



358 Circumcisio praeputii. 

einem Zuge ab. — Abulcasem lässt die Vorhaut vor der 
Eichel doppelt unterbinden und zwischen beiden Ligaturen 
durchschneiden. Bernstein bringt den abzuschneidenden 
Theil der Vorhaut in eine Klemme. S. Cooper fasst die 
Vorhaut mit einer Zange, schneidet sie vor dieser ab und hef- 
tet die Ränder beider Blätter blutig. Lisfranc lässt die 
Vorhaut am freien Rande mit mehreren Pincetten anspannen, 
fasst sie vor der Eichel mit einer Kornzange und trägt sie mit 
einer Scheere ab. — Bei sämmtlichen Verfahren bleibt das in- 
nere Blatt der Vorhaut ungetrennt oder länger als das äussere, 
und man ist genöthigt ein stumpfspitziges Scheerenblatt unter 
das innere Blatt zu führen , dieses zu spalten und abzutragen. 
Ist die Vorhaut mit der Eichel verwachsen, so ist die Methode 
gar nicht anwendbar. 

Die neuere, französische, Methode bestellt darin, dass 
man die Vorhaut durch einen Längenschnitt in der Mitte spal- 
tet und mit einer Knopfseheere beide Lappen durch einen ho- 
rizontalen Kreisschnitt abträgt. Iltis t führt eine Ilohlsonde 
zwischen Vorhaut und Eichel bis zu deren Krone ein , wäh- 
rend ein Gehülfe die Vorhaut hinter der Eichel zurückzieht. 
Auf der Ilohlsonde bringt man nun ein gerades, spitziges Bi- 
stouri ein , stösst es in der Gegend der Eichelkrone durch die 
Vorhaut , zieht es durch dieselbe von hinten nach vorn und 
spaltet sie so in zwei gleiche Lappen. Man fasst hierauf ei- 
nen Lappen nach dem andern mit dem linken Daumen und 
Zeigefinger und schneidet sie anfangs rund um die Eichel ab- 
wärts und dann nach vorwärts gegen das Bändchen hin schief 
ab. Die zurückgezogene Haut zieht man nach der Operation 
vorwärts über die Wundfläche. — Bei theilweiser Verwach- 
sung der Vorhaut mit der Eichel hebt man das äussere Blatt 
in eine Falte auf und macht durch einen horizontalen Schnitt 
eine Oeffnung, welche man auf der Ilohlsonde bis zu dem 
freien Rande der Vorhaut erweitert, dann das innere Blatt auf 
gleiche Weise spaltet und die Verwachsung mit der nach der 
Vorhaut gerichteten Messerschneide trennt und die Lappen 
wie bereits erwähnt abträgt. Eine gänzliche Verwachsung 
sucht man vom dazu geeignetsten Orte aus eben so vorsichtig 
zu trennen. — Die Blutung stillt man durch kaltes Wasser 
oder wendet styptische Mittel mitCharpie auf die Wundränder 
an , befestigt sie durch Heftpflasterstreifen, legt die kreuzför- 



Cirsomphalus — Cirsophthalmus. 359 

rnige Compresse so an, dass die Eichel durch die Oeffnung ge- 
führt wird, und umwickelt das Ganze und das Glied mit der 
Zirkelbinde. Dem Gliede giebt man die Lage nach dem 
Schambogen und lässt kalte Umschläge machen. 

Literatur. Book iuRust's Handb. der Chirurg. Bd. 5. — 
H. M. B a a d , die Kirnst , die Vorhaut gehörig zu beschneiden 
u. s. w. Brosl. 1S16. — Schreger in Horn's Archiv. Bd. 10. 
p. 242. — Ravaton, Tr. d. play. Paris 1750. — Rust'sMa- 
gaz. I. 1. p. 34. J|r 

CIRSOMPHALUS (von y.tQGog, die Krampfader, und o/t- 
yalög, der Nabel) s. Varicomphalus nennt man die varicöse 
Ausdehnung der in der Gegend des Nabels befindlichen venö- 
sen Gefässe, wie sie bei grossen Nabelbrüchen so häufig vor- 
kommen. Die Behandlung besteht allein in der Anwendung 
eines zweckmässigen Nabelbruchbandes , wodurch die weitere 
Ausbreitung dieser Varicositäten verhindert wird. }V. 

CIRSOPIITHALMUS (xiQOog, Aderknoten, ocfÜaXftog, 
Auge) , Vßticositas bulbi oeuli universalis, Telangieetasia 
oculi nach Rosas, von Beer u. A. auch Cirsophtbalmia 
genannt, womit jedoch Einige den Begriff der Entzündung 
verbinden ; AllgemeineVaricosität desAugapfels. 
Bezeichnet denjenigen Zustand des Augapfels , wo die Gefäs- 
se, besonders die venösen, übermässig erweitert sind, und 
dadurch nicht nur Blindheit, sondern auch Formenverände- 
rung des Apfels bedingen. Die Gefässerweiterung nimmt vor- 
nehmlich in der Chorioidea Platz , aber auch in dem Ciliar- 
körper, der Iris, der Glas - , Leder- und Bindehaut , über- 
haupt in allen häutigen Gebilden des Auges, entwickelt sich 
allmählig , bringt eine beträchtliche Spannung und Härte des 
Apfels hervor, der sich bisweilen steinhart anfühlt. Gewöhn- 
lich ist er sehr ausgedehnt , bisweilen so , dass die Lider ihn 
nicht bedecken können. Oft nimmt er eine kegelförmige Ge- 
stalt an , andere Male jedoch behält er eine rundliche bei. 
Seine Oberfläche ist meistentheils durch kleine Erhabenhei- 
ten oder Wulste uneben , bietet sogenannte Staphylome der 
Lederhaut dar. Die Farbe dieser letzteren ist blaulich, ja 
selbst schwärzlich in Folge des Durchscheinens der aufgetrie- 
benen Gefässe der Gefässhaut. Die Hornhaut bleibt bei nie- 
deren Graden durchsichtig, andere Male ist sie matt, oder 
staphvlomatös und mit Gefässen durchwebt. Die Iris ist un- 



360 Cirsophthalmus. 

beweglich , gegen die Hornhaut gedrängt, die Pupille einge- 
zogen. Das krankhaft gesteigerte Blutleben hat das der Ner- 
ven zurückgedrängt, sowohl die Sinnesfunction ist erloschen, 
als auch die regelmässige Ernährung, daher meistens Trü- 
bung der Linse, des Glaskörpers, oft auch der Hornhaut und 
wässrigen Feuchtigkeit erfolgen , so wie Schwinden des gan- 
zen Apfels. Dieses letztere wird besonders dann eintreten, 
wenn sich von Zeit zu Zeit die Entzündung wieder einstellt, 
und wird in manchen Fällen noch dadurch in seinem Hervor- 
treten beschleunigt, dass der Apfel platzt und eine grosse 
Menge Blut ergiesst. Schmerz ist in der Regel nicht mit 
dem Uebel verbunden, sobald die Entzündung erloschen ist, 
nur dann tritt er bisweilen wieder hervor , wenn der Apfel zu 
sehr gespannt oder zwischen den Lidern hervorgetrieben ist, 
und von deren Rändern gerieben wird. Er kommt bisweilen 
anfallsweise (Fischer). Nach Beer u. A. kann das Uebel 
durch Verletzungen und reizende Behandlung in Krebs über- 
gehen, nach Rosas sogar in Blutschwamm, welches letztere 
mir, der eigenthümlichen Anlage nach zu urtheilen, die der 
Fungus haematodes voraussetzt, nicht wahrscheinlich ist. Je 
nachdem die krankhafte Umänderung mehr die vorderen oder 
mehr die hinteren Gebilde des Auges ergreift, theilt Rosas 
den Cirsophthalmus in anterior und posterior. Bisweilen 
findet man eine ähnliche Entartung in den den Augapfel um- 
gebenden Theilen. 

Ursachen. Gichtische Augenentzündung besonders 
bei lymphatischen Constitutionen nimmt unbezweifelt den er- 
sten Platz ein , doch veranlassen auch andere Entzündungen 
bisweilen dieses Leiden , zu dem wohl überdies eine eigen- 
thümliche, glücklicherweise nicht sehr verbreitete Anlage an- 
genommen werden muss. 

Die Vorhersage ist ungünstig , da uns keine Mittel zu 
Gebote stehen , die einmal erfolgte Metamorphose zur Rück- 
bildung zu bringen. 

Die Behandlung muss sich , sobald Entzündung nicht 
mehr vorhanden ist, grossentheils auf Abhaltung von Schäd- 
lichkeiten beschränken, zu denen alles das gehört, was Gicht 
erzeugt und befördert, ferner alles das, was Congestionen 
nach dem Kopfe erregt , was äusserlich reizend auf den Apfel 
wirkt, wohin also auch Arzneien gehören. Innerlich ist vor- 



Cirsophthalmus — Cirsotomia. 361 

züglich das Quecksilber zu meiden. Blutegel hinter die Oh- 
ren oder an den After, scharfe Fussbäder haben sich biswei- 
len zur Verhinderung des Fortschreitens des Uebels nützlich 
gezeigt, auch thut die Kälte und Auflegung von eiskalten, 
feuchten Compressen da gute Dienste, wo eine rheumatische 
oder gichtische Ursache oder Complication nicht obwaltet. In 
Fällen zu grosser Hervortreibung , bei grosser Spannung und 
Schmerzen, haben Einige (Fischer, Jüngken) einen 
Theil des aufgetriebenen Apfels abgetragen , ja bisweilen die 
Hälfte desselben entfernt , indem sie dabei wie bei der Opera- 
tion des Hornhautstaphyloms verfuhren. Mds. 

CIRSOTOMIA (von xiQGog, die Krampfader, undrtm'w, ich 
schneide) s. Qperatio värieis, die Operation derBlut- 
aderknoten, besteht entweder in einer gänzlichen Entfer- 
nung eines Blntaderknotens oder in einer Verschliessung des- 
selben durch Entzündung. Hippocrates lehrte zuerst die 
Punction eines Varix ; C e ls u s beschrieb zuerst die Exstirpa- 
tion der Varices (eigentliche Cirsotomie), welche auch Pe- 
tit, Boyer, Ware und Abernet hy verrichteten und 
empfahlen. A e t i u s und Paulus Aegineta wendeten 
die Unterbindung der Varices an, die von Pare, Dionis, 
Richter, Home und A. C o o p e r ausgeübt wurde. Die 
Cauterisation , welche bereits C eis us in Anwendung brach- 
te, wurde später von Brodie aufgegeben und neuerlichst von 
v. F r o r i e p Mieder in einem hartnäckigen Falle ausgeübt. 
Louis empfahl die Incision , welche auch von v. Gräfe ver- 
richtet wurde. Die Durchschneidung der Blutader oberhalb 
und unterhalb der Knoten ohne Unterbindung wurde beson- 
ders von Soler a und Brodie unternommen. In der neue- 
sten Zeit hat F r i ck e mit dem günstigsten Erfolge bei Vari- 
ces einen oder mehrere Faden durch das Lumen derselben ge- 
zogen. Breschet's Verfahren mittels Compression s. unter 
Varicocele. — 

Diese Operation ist angezeigt 1) bei geborstenen Blutader- 
knoten, welche entweder eine gefährliche Blutung erregen 
oder ein starkes Blutextravasat unter der Haut erzeugen ; 2) bei 
sehr schmerzhaften Blutaderknoten, oder welche die Verrich- 
tung eines Theiles stören; 3) bei grossen Blutaderknoten, 
welche zu bersten drohen oder durch Druck auf benachbarte 
Theile nachtheilig einwirken ; 4) bei sehr entstellenden Blut- 



362 Cirsotoraia. 

aderknoten. Dagegen darf man diese Operation nicht in An- 
wendung bringen ,1) wenn man mit einem milderen Verfah- 
ren, z. B. der Compression, das Uebel entfernen kann; 2) bei 
Entzündung der Blutaderknoten; 3) "wenn wichtige Theile 
bei der Operation verletzt werden w ürden ; 4) wenn die Blut- 
aderknoten erblich sind, oder wenn sie nur vorübergehend, 
z. B. während der Schwangerschaft, erscheinen oder endlich 
in Stockungen im Unterleibe ihren Grund haben. Bösartige 
VerschM'ärungen in der Aähe der Blutaderknoten verbieten 
ebenfalls die Operation. Ueberhaupt ist diese Operation kei- 
neswegs gefahrlos und wegen der leicht fortlaufenden Venen- 
entzündung ein tödtlicher Ausgang, namentlich bei der Un- 
terbindung eines varikösen Venenstarames, nicht selten beob- 
achtet werden. — Es giebt folgende Methoden dieser Opera- 
tion : 1) Punction , 2) Incision, 3) Evstirpation, 4) Unter- 
bindung, 5) Durchschneidung der Vene oberhalb und unter- 
halb des Knotens , 6) Cauterisation , 7) Durchführung eines 
oder mehrerer Fäden durch die variköse Vene. — 

1 und 2. Die Punction und Incision ist vorzüglich 
bei kleinen Blutaderknoten oder bei zahlreichen, heerdenwei- 
se stehenden , oder bei mit geronnenem Blute überfüllten vor- 
zunehmen. Man bedient sicli dazu einer Lanzette oder eines 
geraden Bistouris ; ausserdem bedarf man Charpie, Heftpfla- 
sterstreifen, Compresse und Zirkelbinden, Schwämme, Was- 
ser und Blutstillungsmittel. Man macht mit der Lanzette oder 
dem Bistouri einen oder mehrere kleine Einschnitte , -wenn 
mehrere Knoten vorhanden sind, in den obersten, sucht durch 
Streichen von unten nach oben das Blut zu entleeren, indem 
man mit dem Daumen das Gefäss unterhalb der Geschwulst 
comprimirt, reinigt die Wunde, legt eine Compresse darüber 
und befestigt diese durch eine Zirkelbinde. — Bei einer grös- 
seren i\usdehnung des Knotens, oder wo es einer stärkeren Rea- 
ction bedarf, macht man durch die Haut und die vordere Wand 
des Knotens einen Einschnitt von 1 — 2 " Länge, comprimirt 
nach Entleerung des Blutcoagulums das Gefäss unterhalb der 
Oeffhung , reinigt die YY unde und vereinigt mittels Heftpfla- 
sterstreifen die YY 7 unde genau , legt schmale und dicke Com- 
pressen darüber und befestigt diese durch eine Zirkelbinde ; 
das ganze Glied wickelt man von unten nach oben mit einer 
Binde ein und lässt den Kranken bei ruhiger, horizontaler 



Cirsotomia. 363 

Lage kalte Umschläge inachen. Wenn mehrere grosse Blut- 
aderknoten vorhanden sind, so öffnet man diese gleichzeitig, 
jedoch nicht mehr als höchstens fünf, und zwar zuerst die un- 
teren. Einlegen von Charpiekugeln in die obere und untere 
Yenenmiindung bewirkt heftige Entzündung. — 

3. Die Evstirpation {Ch'solonüa) wird besonders bei 
Hämorrhoidalknoten und bei einzeln stehenden, nicht sehr 
grossen Blutaderknoten verrichtet. Man bedarf ausser den 
bereits angegebenen Instrumenten ein bauchiges Bistouri, ei- 
nen spitzen Haken , eine Pincette und eine Cowper'sche 
Scheere. Wenn die Haut über dem Knoten beweglieh ist, so 
liebt man sie in eine Falte empor und durchschneidet sie mit 
dem Bistouri so, dass die Winkel des Schnittes über den Kno- 
ten nach oben und nach unten ein wenig hinausreichen. Nun 
führt man den Haken unter den Knoten, hebt ihn empor, tremt 
ihn von seinen Umgebungen und schneidet ihn von oben nach 
unten aus. Ist die Haut mit dem Knoten verwachsen, so im- 
geht man den Knoten mit zwei Schnitten , hebt ihn nebst der 
Haut mittels des Hakens empor und schneidet ihn mit dem Bi- 
stouri oder der Cowper'schen Scheere aus. .Nach Vereinigung 
der Haut wendet man Compression , Verband, Einwickelung 
des Gliedes und kalte Umschläge an. Hämorrhoidalknoten 
exstirpirt man auf folgende Weise: Der Kranke, dessen Mast- 
darm durch ein Klystier zuvor entleert wird, liegt auf dem 
Bauche; ein Gehülfe zieht die Xates auseinander. Man zieht 
den Knoten mit dem Haken hervor und schneidet ihn mit der 
Cowper'schen Scheere bis auf £ seiner Basis ab. Hierauf be- 
deckt man die Wunde mit Charpie, einer Compresse und 
T-Binde. Blutungen stillt man durch kaltes Wasser oder 
Styptica, das Glüheisen (Dupuytren) möchte wohl nur im 
aussersten Falle nothwendig werden. — 

4. Die Unterbindung der Blutaderknoten ist bei sehr 
grossen Knoten und bei schwächlichen Personen angezeigt, 
indessen ist die Gefahr einer nachfolgenden Venenentzündung 
damit verbunden. Man bedarf dazu noch einer geehrten sil- 
bernen Sonde und Ligaturfäden. Bei der blossen Unter- 
bindung (Richter) macht man 1 — 14'' unterhalb des Kno- 
tens nacli dem Verlauf der Vene einen Längenschnitt und legt 
die Ligatur um die Vene, welche Hodgson und Freer 
mittels eines dünnen Fadens bewerkstelligten und nach kurzer 



364 Cirsotomia. 

Zeit wieder abschnitten. Zuweilen (Richter) unterbindet 
man eine variköse Vene ober- und unterhalb des Knotens, oder 
an drei Stellen (R u s t). Zuweilen verbindet man mit der 
Exstirpation die Unterbindung oberhalb und unterhalb der 
Geschwulst (Aetius, Petit); Richter will nur die vor- 
dere Wand des Knotens ausschneiden. Auch Incision verband 
man (Paulus A e g i n e t a) mit der Unterbindung ober- und 
unterhalb des Knotens oder nur unterhalb ( G o u e y ). End- 
lich durchschnitt man (D i o n i s) die Vene zwischen der ober- 
und unterhalb des Knotens angelegten Ligatur. — Die Un- 
terbindung bringt oft sehr schmerzhafte, krampfhafte und ent- 
zündliche Zufälle hervor und lässt zuweilen Geschwüre und 
Fisteln zurück. 

5. Die D urc lisch neidung der Vene ober- und un- 
terhalb des Knotens wurde von S o 1 e r a namentlich bei der 
Vena saphena interna angewendet, welche derselbe oberhalb 
desKniees und tief am Unterschenkel, nachdem zur Seite der 
Vene Längenschnitte gemacht worden waren, durchschnitt und 
ihre Wiedervereinigung durch Einlegung von Charpiekugeln 
in die Wunde zu hindern suchte. B r o d i e sticht ein sehr 
schmales , spitziges und etwas gekrümmtes Bistouri mit con- 
vexer Schneide an der Seite eines Knotens flach zwischen die- 
sem und der Haut ein, führt es zur andern Seite des Knotens 
und durchschneidet diesen in die Queere beim Herausziehen. 
Die Blutung stillt man durch Compression. 

6. Die Anwendung derAetzmittel. Nach ver- 
richtetem Hautschnitte berührte C el s u s den Blutaderknoten 
an mehreren Stellen mit dem Glüheisen. Moreau und 
Dupuytren brannten abgeschnittene Hämorrhoidalknoten- 
reste. B r o d i e wendete Kali causticum zur Zerstörung der 
Haut und der Knoten an, allein es entstanden hartnäckige Ge- 
schwüre, v. Froriep legte bei enorm ausgedehnten Venen 
der unteren Extremität Compressen , welche mit concentrir- 
ter , nicht rauchender Salpetersäure befeuchtet waren, auf die 
Geschwulst, bis die Haut erysipelatös , die Geschwulst fest 
und schmerzhaft wurde. Nach dem Verschwinden dieser Zu- 
fälle wurde das Verfahren wiederholt bis zur Heilung. 

7. Die Durchführung einzelner oder mehre- 
rer Fäden durch die variköse Vene ist von F r i c k e häu- 
fig mit dem besten Erfolge angewendet worden. Man führt 



Claudicatio — Clarus pedis. 365 

eine gewöhnliche, massig starke Nähnadel mit einem oder, 
bei grösserer Ausdehnung des Knotens, einigen inOel getauch- 
ten Zwirnfäden durch den Knoten und knüpft die Enden über 
der Haut in eine Schleife. Nach 24 — 36 Stunden löst man 
die Fäden. Der Kranke liege ruhig ohne weiteren Verband; 
bei eintretender Entzündung lässt man kalte oder Bleiwasser- 
Umschläge machen. S. Varicocele» 

Nach sämmtlichen Operationsmethoden der Blutaderkno- 
ten ist ein antiphlogistisches Verhalten und zuweilen auch ei- 
ne solche Behandlung nothwendig, um der gar so leicht ent- 
stehenden Venenentzündung vorzubeugen. Diese Entzündung, 
Nachblutung, Vereiterung des Zellgewebes, Fisteln, Veren- 
gerungen des Mastdarmes u. s. w. sind nach den unter diesen 
Artikeln angegebenen Vorschriften zu behandeln. 

Literatur. Celsus lib. VIII. c. 31. — D e s a u 1 t's chir. Nachlass. 
2. B. 4. Th.p. 250. — G. T. Richter de gravid, var. Diss. Lips. 
1781. — R i c h t e r Wundarzn. I. §. 569. — V o 1 p i, Saggio di osservaz. 
Mail. 1814. Vol. II. — Brodie on the Tr. of var. veins, in Med. 
chir. Transact. VII. p. 195. — J. Hodgson, treatise on the dis- 
eases of art. und veins. etc. Lond. 1814. p. 564. — W. Whyte, 
Observations on the strict. of the rect. etc. Bath. 1820. — J. H o w- 
ship, practical observations on the Symptoms, discrimination 
etc. Lond. 1820. — Grossheim, Lehrb. d. oper. Chir. Berl. 1830. 
Th. 1. p. 166. — Schmidt, Jahrbücher der in- und ausl. ges. 
Medicin. 1836. Bd. X. 1. p. 104. Jf # 

CLAUDICATIO , das Hinken, ist nur Symptom irgend 
eines Krankheitszustandes , welcher entweder angeboren oder 
erworben seyn kann ; zu jenen gehören Missbildung des Be- 
ckens, der unteren Gliedmassen u. s. w., zu diesen Wunden, Ge- 
schwüre, Narben, Rheumatismus, Gicht, Fracturen , Luxa- 
tionen , Entzündung der Gelenke u. s. w. Es ist daher die 
Sache des Chirurgen dem Krankheitszustande, welcher das 
Hinken verursacht, nachzuforschen, diesen richtig zuerken- 
nen, und darnach die Behandlung einzurichten. W. 

CLAVUS PEDIS s. Helos, H ü h n e r-, K r ä h e n-A u g e , 
Leichdorn, nennt man eine schwielige Verhärtung in der 
Haut, bisweilen zugleich in dem umliegenden Zellgewebe, wo 
sie dann fest und un verschiebbar ist. Das Hühnerauge ist hart, 
trocken , gefühllos , von der Grösse einer Linse und gleicht 
einer flachen Warze. Am häufigsten findet man es an den 
Fusszehen oder der Fusssohle, zuweilen an der Hand, an dem 
oberen Rande des Hüftknochens vom Druck der Schnürbrust, 



366 Clavns pedis. 

an den Ohren von schweren Ohrgehängen , überhaupt an sol- 
chen Theilen, welche einem öftern äussern Drucke ausgesetzt 
sind und an welchen die Haut mehr auf dem Knochen liegt. 
Die Ursache desUebels ist stets ein anhaltender äusserer Druck 
auf die Haut; daher es auch durch enge Fussbekleidung am 
öftersten erzeugt wird. Zuweilen verursachen die Hühner- 
augen nicht die geringste Unbequemlichkeit, zuweilen aber 
solche heftige Schmerzen , dass den daran Leidenden das Ge- 
hen und Stellen sehr beschwerlich wird. Diese Schmerzen 
entstehen durch eine Reizung der benachbarten Theile im 
Umfange des Hühnerauges, welche durch den Druck der Ver- 
härtung auf diese Theile und den dadurch gehinderten Blut- 
umlauf veranlasst wird. Ueberhaupt erregt oder vermehrt die 
Schmerzen Alles , was die Bewegung des Blutes im Körper 
vermehrt , oder die Füsse erhitzt , den Druck des Hühnerau- 
ges aaf die nahen Theile vermehrt, den Zufluss der Säfte 
nach den Füssen befördert, als warme Strümpfe, enge Fuss- 
bekleidung, heftige Bewegung des Körpers, langes Stehen, 
Genuss des Weines, heisse Witterung u. s. w. — Die Hüh- 
neraugeir vergehen von selbst, wenn die sie veranlassenden 
Ursachen entfernt werden ; daher geschieht es oft, dass Per- 
sonen , welche wegen einer Krankheit genöthigt sind längere 
Zeit zu liegen oder zu sitzen, von ihren Hühneraugen völlig 
befreit werden. Bei der Behandlung ist es deshalb eine we- 
sentliche Bedingung zur gründlichen Heilung, allen Druck zu 
entfernen. Wenn das Hühnerauge am Fusse seinen Sitz hat, 
muss der Kranke eine Zeitlang wenig gehen oder stellen, weite 
Fussbekleidung tragen. Ausserdem kann man den Druck vom 
Hühnerauge dadurch entfernen, dass man ein 8 — 12fach zu- 
sammengelegtes Stück Leinwand mit einem erweichenden 
Pflaster bestrichen, oder Heftpflaster, in dessen Mitte man 
ein Loch schneidet, welches genau die Grösse und den Um- 
fang des Hühnerauges hat, so auf den Fuss legt, dass das 
Hühnerauge in der Oeffhung des Pflasters liegt. Nach eini- 
gen Wochen verschwindet gemeiniglich das Hühnerauge bei 
diesem Verfahren. Ist das Hühnerauge an der Fusssohle, so 
lässl man eine Filzsohle tragen , in welche man ein Loch von 
der Grösse des Hühnerauges zur Aufnahme desselben schnei- 
det. Zugleich soll man nach Richter täglich einige Mal 
«ine erweichende Salbe, z. B. Althaeasalbe, flüchtiges Liniment 



Clitorismus — Collutorium, 367 

in das Hühnerauge einreiben und es in der Zwischenzeit mit 
einem erweichenden Pflaster (Emplastr. saponatum , cicutae, 
mercuriale) bedecken, Morgens und Abends den Fuss eine 
halbe Stunde lang in warmes Wasser setzen und das Hühnerau- 
ge stark mit Seife reiben, dann dessen äusseren Theil mit ei- 
nem stumpfen Messer abschaben , bis etwas Schmerz entsteht. 
Ausserdem hat man mehrere erweichende und reizende Pfla- 
ster empfohlen , unter denen das grüne Wachs, eine Mischung 
aus 2 Unzen Gummi ammoniacum und eben so viel gelbem 
Wachs mit 6 Drachmen Grünspan, eine ähnliche aus gleichen 
Theilen Emplastr.de galb. crocat., ammoniac, diachyl. c. gum- 
mi öß 11J it Camphor. ^'j« vorzüglich gerühmt werden. Das 
Ausschneiden des Hühnerauges bei beweglicher Haut ist zwar 
leicht und gefahrlos, aber von keinem dauernden Nutzen; 
ist es mit den unterliegenden Theilen verwachsen, so können 
diese leicht verletzt werden und wenn diese fibröse sind, hef- 
tige Zufälle erregen. Wardrop empfiehlt die abgeschnit- 
tene und durch Fussbäder erweichte Wurzel des Hühnerauges 
mit Höllenstein oder einer Spirituosen Auflösung von Sublimat 
zu betupfen , wonach ich zuweilen heftige Entzündung ent- 
stehen sah. TV, 

v CLITORISMUS, Verlängerung des Kitzlers. 
Wenn der Kitzler seine normale Grösse 4." — höchstens \" Län- 
ge übersteigt, so wird dadurch nicht allein häufig Veranlas- 
sung zur weiblichen Selbstbefleckung gegeben, sondern es 
kann auch diese abnorme Verlängerung den Beischlaf erschwe- 
ren nnd schmerzhaft machen. Man hat auch (Dubois) 
Nymphomanie und Blödsinn dadurch entstehen und durch Ver- 
kürzung desselben heilen sehen. Sobald man daher von der 
Einwirkung eines zu grossen Kitzlers auf einen krampfhaft 
aufgeregten Zustand der Geschlechtssphäre oder wohl gar auf 
einen allgemeinen körperlichen Einfluss mit Gewissheit schlies- 
sen kann , so ist die Operation der Verkürzung des Kitzlers 
(s. Ejcstirpaiio clitoridis) angezeigt. W. 

COLLUTORIUM , Mundwasser. Die Mundwässer, 
welche zum Ausspülen des Mundes dienen und die man bei 
catarrhalischen Leiden , Abscessen der Mundhöhle, Affectio- 
nen der Zunge, bei Zahnkrankheiten 11. s. w. eine Zeitlang 
im Munde hält, bestehen gemeiniglich aus Aufgüssen , Ab- 
kochungen, Auflösungen und Mischungen verschiedener Art, 



368 Collutorium — Coloboma iridis. 

nach Beschaffenheit der Krankheit, gegen 'welche sie ange- 
wendet werden. Kleinen Kindern kann man sie füglich nicht 
verordnen , sondern bedient sich bei diesen der Einpinselun- 
gen oder Einspritzungen. 
fy Decoct. sem. lini §vi. fy Decoct. cort peruvian. gvj. 

Sacch. albi gß. Camphorae trit. gr. xij. 

Succ. citri 5ij. Tinct. pimpinell. 5iij. 

M. S. Zum Ausspülen des Mundes, Mellis rosati 5J. 

bei leichten Entzündungen der M. S. Mundwasser bei bösarti- 
innern Wände der Mundhöhle. gen Schwämmchen und brandi- 

Swediaur. ger Bräune. Berends. 

w. 

COLOBOMA QtnX6ßto(.i.a , das Verstümmelte, besonders 
an Lippen , Nase , Ohren , von y.oloßaio ich verstümmele), 
das Colobom, die Spalte. Zur Bezeichnung der letz- 
tern wird nämlich in neuerer Zeit dieses Wort fast ausschliess- 
lich gebraucht. 

COLOBOMA IRIDIS, Iriscolobom, Spalte derRe- 
g e n b o g e n h a 11 1 . So nannte Ph. Fr. v. W a 1 1 h e r den- 
jenigen angebornen Fehler, wo der untere mittlere Theil der 
Iris mangelt , so dass die Pupille nach unten zu nicht durch 
die Iris begränzt ist, sondern bis an den Orbiculus ciliaris 
reicht. Andere Beobachtungen zeigten , dass der Mangel der 
Iris auch nach innen (Helling, Heyfelder), oder nach 
oben (Helling, Wagner), oder nach aussen ( Con- 
rad i, Seiler) vorkommt ; die Spalte nach unten findet aber 
bei weitem am häufigsten statt, und es sind jetzt drei Fälle 
davon an einem Manne, einem Knaben und einem Mädchen 
unter meiner Beobachtung. Die der Spalte gegenüber liegen- 
de Hälfte der Pupille zeigt gewöhnlich ihre normale runde 
Gestalt, und steht häufig etwas mehr nach derjenigen Seite 
des Hornhautrandes hin, wo sich die Spalte befindet, also 
nicht ganz in der Mitte, so dass der dazu fehlende entgegen- 
gesetzte Theil der Iris breiter ist als er eigentlich seyn sollte. 
Die Beweglichkeit der Pupille ist in der Regel trag, und fehlt an 
den unteren geraden Schenkeln derselben meist ganz. Die Rän- 
der der Spalte sind dünner als die übrigen Theile der Iris, bis- 
weilen deutlich gefranzt und weniger dunkel gefärbt. Dieser 
auf einer Hemmung der ersten Bildung beruhende Fehler bie- 
tet nun einige Verschiedenheiten dar. Entweder nämlich 
erstreckt sich die Spaltung nur über einen Theil der Iris (im- 



Coloboma Iridis. 369 

vollkommenes Colobom, H e 1 1 i n g's Cometenpupille) oder sie 
reicht bis an das Ciliarband (vollkommenes Colobom). Im 
letzteren Falle wird die Spalte nach dem Hornhautrande zu 
entweder immer schmäler, so dass die Pupille eine birnen- 
förmige Gestalt bekommt , oder die Schenkel weichen mehr 
auseinander und geben der Pupille das Ansehen einer nach 
unten zu sehr weit werdenden Glocke. Die runde Hälfte der 
Pupille geht entweder allmählig in die Spalte über und es 
hat dann die ganze Pupille die bereits erwähnte Gestalt einer 
länglichen Birne ; oder der runde Bogen ist scharf abgegränzt, 
bildet an dem Uebergange in die Spalte hervortretende Ecken 
und giebt so dem Sehloche die Gestalt einer Schiessscharte. 
Mich. Jäger und L e c h 1 a bemerkten an den Ecken deut- 
liche gelblich - röthliche Pünktchen. Von den Ciliarfort- 
sätzen wird nichts bemerkt, was bald von theilweisem Feh- 
len derselben, bald davon herrührt, dass man sie in Erman- 
gelung einer undurchsichtigen Unterlage nicht bemerkt. Die 
Grösse des Apfels ist in den mehresten Fällen normal, bis- 
weilen aber geringer als recht ist (M i eh. J ä g e r). Die un- 
tere Hälfte des Apfels ist bisweilen etwas abgeflacht, ebenso 
die Linse (v. A m m on .) In ein paar Fällen ist Trübung der 
Linse beobachtet worden, wobei jedoch ein ziemlich gutes 
Sehvermögen fortbestand , da das Licht durch die Spalte der 
Iris zur Netzhaut gelangen konnte. Das Sehvermögen ist 
auch durch die Spalte an sich gar nicht beeinträchtigt, denn 
es wurden Fälle beobachtet, wo das Gesicht des verbildeten 
Auges sogar besser war als das des normal gebauten; selten 
ist etwas vermehrte Empfindlichkeit gegen das Licht zugegen. 
Der in Rede stehende Fehler kommt sowohl auf einem Auge 
als auf beiden gleichzeitig vor; findet sich oft bei mehreren 
Gliedern einer Familie, ungeachtet die Fälle häufig sind, wo 
nur ein Individuum einer Familie damit behaftet ist. Das 
Geschlecht scheint auf die Häufigkeit keinen Einfluss zu ha- 
ben. — Künstlich wird ein Coloboma iridis bisweilen dadurch 
erzeugt, dass bei Staarausziehung ein Stück der Iris^ die sich 
vor das Messer legte, weggeschnitten wird, wodurch, wie 
bei Cataracta bereits angeführt , ausser der Entstellung kein 
wesentlicher Nachtheil entsteht. 

Ueber die Ursachen ist in dem Vorhergehenden schon das 
Nöthige angegeben worden. Nur sey nochmals erwähnt, dass 
Handwörterb. d. Ch. II. 24 



370 Coloboma iridis — palpebrae. 

öfters Erblichkeit dabei eine Rolle spielt, während von der 
andern Seite die Fälle häufig genug vorkommen , wo Aeltern 
mit völlig regelmässig gebildeten Augen ein oder mehrere Kinder 
mit Irisspalte erzeugen, aber auch andere Kinder mit normaler 
Iris hervorbriugen. Die Art und Weise des Zustandekommens 
der fehlerhaften Bildung gehört nicht hierher, kann aber 
in den unten angeführten Schriften von v. Walther, v. Am- 
nion, Joh. Müller, Ges ch eidt u. A. nachgesehen werden. 
Vorhersage. Ueber einen zukünftigen möglichen 
Nachtheil für das Gesicht lässt sich mit Bestimmtheit nichts 
voraussagen , da einzelne Fälle bekannt sind, wo sich später- 
hin grauer Staar entwickelte, der aber auch, wie bereits ange- 
führt wurde, nicht immer eine Störung des Gesichts bedingte, 
in andern Fällen das Sehvermögen stets gut blieb. 

Behandlung. Sie kann sich nur auf Verhütung sol- 
cher Schädlichkeiten beziehen , welche durch starken Reiz 
auf das Auge eine beträchtliche Erregung der innern Theile 
des Auges , und dadurch einen congestiven entzündlichen Zu- 
stand des Auges, und in Folge davon Amaurose, Cataracta und 
dergleichen hervorrufen könnten. Doch ist noch nicht ent- 
schieden , ob diese Krankheiten hier Folge solcher reizenden 
Schädlichkeiten oder eines allmählig fortschreitenden Verbil- 
dungsprocesses des Auges sind. Sehen in das Feuer oder 
auf glänzende Flächen, Anstrengung der Augen bei feinen Ar- 
beiten sind aber doch zu meiden. 

Literatur. Ph. Fr. v. Walt her, Ueber einen bisher nicht 
beschriebenen angeborenen Bildungsfehler der Regenbogenhaut 
nebst einigen Bemerkungen über angeborene Missbildungen über- 
haupt, in v. Gräfe's u. v. Walther's J. f. Chir. etc. 2. 601. 
— Heyfelder, Ueber einige Fälle von Bildungshemmung. 
Mit 1 Tafel; in Novis actis Leopoldinis p. 8. — v. Amnion, 
Ueber die angeborene Spaltung in der Iris, Chorioidea und Reti- 
na des menschlichen Auges, in dessen Zeitschr. f. Ophth. 1. 55. 
■ — Gescheid t Dissert. de colobomate iridis. Praefat. est ab 
Amnion. Dresdae 1S31. 4. — Mich. Jäger, Klin. Beobach- 
tungen über Augen - u. Ohrkrankheiten in v. Ammon's Zeitschr. 
f. Ophth. 5. 17. Rds. 

COLOBOMA PALPEBRAE, Augenlider colob om, 
Augenlidspalte, bezeichnet eine verticale Spaltung ei- 
nes Augenlides. Sie ist nur selten mit einigermassen bedeu- 
tendem Substanzverluste verbunden. Die Spalte erstreckt 



Coloboma palpebrae — Colophonium» 371 

sich entweder über das ganze Lid, ja manchmal noch über 
dasselbe hinaus , oder mir über einen Theil desselben. Die 
Ränder der Spalte sind entweder noch blutig, wund, oder 
bereits überhäutet. Die Spalte wirkt nachtheilig auf das Au- 
ge und giebt zu einer Entstellung Veranlassung. 

Ursachen. Sehr selten kommt das Uebel angeboren 
vor (St. Yves), gewöhnlich durch Verwundung herbeigeführt. 

Vorhersage günstig, wenn nicht Verschrumpfungen 
damit verbunden sind. 

Die Heilung wird dadurch bezweckt, dass man die blu- 
tigen Ränder, nachdem sie von anklebendem Blute oder frem- 
den Körpern gereinigt sind, einander nähert und mittels der 
blutigen Naht vereinigt. Man wählt dazu am besten die Knopf- 
naht, doch geben Einige (Jüngken) der umwundenen 
Naht den Vorzug. Ein Heft reicht gewöhnlich hin , wenn 
man die übrigen Stellen mit gut klebendem Heftpflaster verei- 
nigt } doch wird man bei Spalten , die bis an die Basis der Li- 
der gehen, lieber 2 Hefte legen. Das erste wird nahe an den 
"Wiurperrand angebracht. Man bedient sich dazu eines mit 
zwei feinen krummen Nadeln versehenen leinenen Fadens und 
sticht die Nadeln von innen nach aussen durch , mit Vermei- 
dung des Tarsus. Englische Aerzte stechen gewöhnlich mit 
durch den Tarsus und haben keine nachtheiligen Folgen ge- 
sehen. Sorgfältig hat man darauf zu achten, dass der Wim- 
perrand beider Theile des Lides nach dem Heften genau eine 
Linie bildet, dass also der eine Theil nicht im Geringsten über 
den andern hervorragt. Am zweiten Tage können die Hefte 
gewöhnlich gelöst werden , doch richtet sich dies zum Theil 
nach den besondern Umständen (Entzündung, Geschwülste 
u. s. w.). Nach Beendigung der Operation lässt man einige 
Stunden lang kaltes Wasser überschlagen. Sind die Wund- 
ränder bereits überhäutet, so müssen sie vor dem Heften wund 
gemacht werden , wozu man sich am besten einer geraden et- 
was starken Scheere bedient. Das Lid fasst man mit den Fin- 
gern, oder wenn der zufassende Theil zu klein ist, mitderBlö- 
mer'schen oder einer andern feinen aber doch hinreichend star- 
ken Hakenpincette. Bei dem Schnitte ist der Tarsus wo mög- 
lich nicht zu verletzen. Die Heftung geschieht dann auf die 
vorhin angezeigte Weise. Rds. 

COLOPHONIUM, Geigenharz, schwarzes Harz^ 

24* 



372 Colpodesmoraphia — Commotio et Contusio. 

wird theils aus dem gemeinem Harze , theils aus dem gekoch- 
ten Terpenthin durch lang fortgesetzte Schmelzung erhalten. 
Es wird zur Zertheilung wässeriger und kalter Geschwülste, 
gegen parenchymatöse Blutungen , gegen Vorfälle des Mast- 
darmes und der Gebärmutter empfohlen und benutzt , und ist 
ein wesentlicher Bestandtheil mehrerer officinellen Pflaster und 
Salben, welche reizende, zertheilende , auflösende und Ei- 
terung befördernde Eigenschaften besitzen, z. B. des Em- 
plast. rubrum s. oxycroceum,, Fmpl» sulphuratum nigrum, 
EmpU conti, UnguenL basüicunu 
Jfy. Colophonii 5$. 
Gummi arab. 
Carbon, til. ^ 3ij. 
M. f. pulv. S. Blutstillendes Pulver. 
Es wird auf Charpie gestreut und mittels einer Binde festge- 
halten gegen traumatische Blutungen. Bonnafoux. 

w. 

COLPODESMORAPHIA (von y.otoog, Schoos, Höh- 
lung, ösoiiog, Band, qarprj, Naht), die Abschnürung 
eines T heiles der Scheidenschleimhaut durch 
die blutige Naht, ist von B e 1 1 i n i (Bulletino delle scienze me- 
diche. Jan. 1836.) zur radicalen Heilung des Prolapsus uteri 
et vaginae erfunden und in Anwendung gebracht worden. Man 
soll zu diesem Zwecke an der einen oder an beiden Wänden 
der Scheide eine Naht anlegen , welche wie die einen Beutel 
zusammenziehende Schnur wirkt. In einem Falle , wo das 
Rectum, einen Bruch in der Scheide bildend, die innern 
Geschlechtstheile zu einer eigrossen Geschwulst vorgedrängt 
hatte , umschrieb B e 1 1 i n i dieselben in der Form eines um- 
gekehrten O) legte die einzelnen Stiche 2'" von einander 
entfernt an und zog die Endfäden zusammen, wodurch das Vor- 
gefallene zurücktrat und die Beschwerden gehoben waren. — 
Es liegt also diesem Verfahren derselbe Gedanke zum Grunde, 
durch Verkürzung der Schleimhaut eine Contraction der Schei- 
de und so Radicalcur des Prolapsus der inneren Genitalien zu 
bedingen , welcher bereits häufiger durch Ausschneidung ei- 
nes Lappens in Ausübung gebracht worden ist. W. 

COMMOTIO et CONTUSIO sind die geringsten Grade 
der Trennung des organischen Zusammenhangs und die Ver- 
bindungsglieder der dynamischen Krankheiten mit den mecha- 
nischen Abweichungen. Quetschung (Quassatio, Quas- 



Commotio et Contusio. 373 

sniura y Thlasma) ist Zusammendrückung und gewaltsame 
Annäherung neben einander liegender organischer Theile ohne 
Trennung der Haut , wohl aber mit mehr oder weniger Zer- 
reissung der feinen Fasern und kleinen Gefässe durch eine 
stumpfe Gewalt; der höchste Grad derselben heisst Z er- 
quetsch ung, Conquassatio. Erschütterung (Sei- 
sis) ist Zusammenrütteln, momentane Veränderung der ge- 
genseitigen Lage der Theile eines Organs durch Fortleitung 
der durch eine mechanische Gewalt hervorgebrachten schwin- 
genden Bewegungen auf einen entfernten Theil ; die Fortlei- 
tung der schwingenden Bewegung geschieht stets durch die 
Knochen (und Gelenke), sie theilt^ich auch den mit diesen 
verbundenen weichen Theilen mit. Die Erschütterung ist 
demnach eigentlich ein Gegenschlag, Contrecoup ; so werden 
z. B. beim Fallen auf die Füsse die Hüft- und Wirbel- 
gelenke und das Rückenmark erschüttert, d. h. gewaltsam an- 
einander gebracht und gequetscht, beim Fall auf den Hintern 
oder den Kopf setzt sich die Bewegung auf das Hirn fort. 
Fälschlich gebraucht man aber den Ausdruck Contrecoup für 
Contrafissura. Die Commotion und Contusion unterscheiden 
sich also nicht wesentlich, sondern nur durch den Ort der Ein- 
wirkung der äusseren Gewalt, durch die mittelbare, indirecte, 
oder unmittelbare, directe Einwirkung, nicht durch die Art 
der mechanischen oder der dynamischen Verletzung; so ist 
eine mechanische Verletzung — Riss — nicht blos bei der 
Quetschung sondern auch bei der Erschütterung und letzte ist 
nicht blos von Schwäche und Lähmung begleitet, sondern diese 
Symptome kommen auch der Quetschung ( z. B. des Nervus 
ischiadicus) zu. Es macht demnach weder Ecchymose das 
Wesen der Quetschung, noch Lähmung das der Erschütterung 
aus, sondern beide Zustände sind Folgen einer und derselben 
mechanischen Ursache , welche aber meistens den Folgen den 
Namen giebt. Die Ursachen sind stumpfe Körper, die gegen 
den Körper, oder umgekehrt, dieser gegen sie, mit mehr oder we- 
niger Schnelligkeit andringen, als: Stösse, Schüsse, Fall; die 
Körper brauchen aber nicht hart zu seyn, sondern können auch 
weich seyn, wenn sie durchGewicht, oderMasse, oder dieSchnel- 
ligkeit der Einwirkung ihre Kraft vermehren, wie Wasserstrah- 
len , Wollsäcke , Federballen, Erdmassen. Druck und Ein- 
schnürung, Dehnung und Zerrung bringen dieselben Folgen 



374 Commotio et Contusio. 

wie Quetschung hervor. Die Wirkungen (Folgen) der 
Quetschung und Erschütterung sind primäre und secundäre; 
zu den ersten gehören Schwächung, Lähmung des betroffenen 
Theiles mit mehr oder weniger Schmerz und Zerreissung von 
Blutgefässen , zu den secundären passive Congestion , Rei- 
zung und Entzündung mit ihren Ausgängen. Je nach den 
Ursachen, der Art und Dauer der Erweiterung, dem Bau des 
Theiles herscht die eine oder die andere Wirkung vor. Die pri- 
mären Symptome sind daher : I) S c h m e r z ; er ist in der 
Regel dumpf, besonders bei Erschütterungen der Eingeweide, 
doch ist er auch manchmal sehr heftig, wenn ein nervenrei- 
ches Gebilde , die Haut auf der Tibia , der Magen , einzelne 
Nerven gequetscht werden. 2) Plötzliche Deprimirung 
der Vitalität, d.h. Schwächung oder Lähmung des ge- 
quetschten oder erschütterten Theiles, und mehr oder weniger 
auffallende, und kürzer oder länger andauernde Functionsstö- 
rung; der gequetschte Muskel , das gequetschte Gelenk kön- 
nen nicht zur Bewegung gebraucht werden, die Nerven empfin- 
den unvollkommen , daher Taiib - und Pelzigseyn der Bewe- 
gungsnerven , Funken-, Feuer- und Farbensehen oder Blind- 
heit, Sausen, Brausen, Schellen im Ohre, Schwindel und 
Bewusstlosigkeit bei Quetschungen des Auges und Kopfes u. s.w. 
3) Zerreissung der Gewebe unter der nachgeben- 
den und nicht getrennten Haut (ist diese oder ein Knochen 
getrennt, so heisst man die Verletzung gequetschte Wun- 
de oder Frac tur ) , am häufigsten zerreissen die Capillar- 
gefässe, doch auch kleine Arterien und selbst grössere Venen; 
die dadurch entstehende Blutergiessung wird verschie- 
den benannt ; ist das Blut in das Zellgewebe infiltrirt, nicht 
bedeutend, flach und nicht flüssig, so heisst man sie Ec c hy- 
mosis s. Suggillat i o , Bin tf lecken , schwarzblaue 
oder dunkelrothe Flecken der Haut, der Schleimhäute oder 
des Zellgewebes; ist sie bedeutender und bildet sie eine um- 
schriebene weiche fluctuirende oder harte Geschwulst, so nennt 
man sie Ecck y mom a, Ilaematoma, Blutgeschwulst, 
und Avenn sie auf einein Knochen aufsitzt, Beule; Extra - 
vas atio (sc.Sanguinis) heisst dieBlutung in eine seröse Höhle 
(Kopf-, Hirn-, Brust-, Unterleibshöhle, Scheidenhaut, Ge- 
lenke) oder in das zerrissene Gewebe eines grösseren paren- 
chymatösen Eingeweides (Hirn, Leber). Wenn eine grössere 



Commotio et Contusio. 375 

Arterie zerreisst; z. B. die Profunda femoris (Dietz), so 
entstellt ein bedeutendes, immer wachsendes und pulsirendes 
Extravasat — Aneurysma traumäticum. — Aber auch grös- 
sere Lymphgefässe, Sehnenscheiden, Schleimbeutel, Gelenkka- 
pseln können zerreissen und durch den Erguss von Lymphe ei- 
ne ungefärbte, gespannte, fluctnirende Geschwulst in der 
Nähe von Gelenken bilden ; ebenso musculöse Gewebe (Iris, 
Magen , Darmcanal , besonders in Bruchsäcken , Blase, Ure- 
thra) oder parenchymatöse Organe. — Die secundären 
Symptome sind : 4)passiveCongestion (Plethora), 
chronische Reizung und Entzündung, welche meistens 
einen chronischen Verlauf und manchmal einen asthenischen, 
torpiden Character und Neigung zum Brand hat. — Je nach- 
dem das eine oder andere der angeführten Symptome entwe- 
der sogleich nach der Verletzung oder später auffallend ist, 
benennt man die Krankheit nicht nach der Ursache (Quetschung, 
Erschütterung), sondern nach ihren Folgen , man spricht da- 
her von Neuralgin,, Paratysis,* Inflqmmatio traumatica, 
Extravasatio in cerebro> Haematocele , Ruptura iridis, 
hepatis etc» Die Ausgänge der Quetschung und Erschüt- 
terung können seyn : a) in den örtlichen Tod durch 
Brand oder Lähmung (z. B. Blindheit) ; Schwäche des Thei- 
les , z. B. des Gelenkes , bleibt oft lange zurück , selbst wenn 
Heilung erfolgt. Der Brand ist in der Regel ein fortschrei- 
tender und nimmt augenblicklich nach der Quetschung mit 
Stupor, Unempfindlichkeit, Kälte, Missfarbe und dem Nach- 
lassen der heftigen Schmerzen seinen Anfang; b) in den all- 
gemeinen Tod durch Lähmung des ganzen Nervensy- 
stems bei Erschütterungen des Hirns und Rückenmarkes ; er 
geht vom Herzen aus ; c) in Gesundheit durch Zerthei- 
lung der Ecchymosen und Entzündung oder durch Eiterung; 
ersteres ist bei massigen Schmerzen, geringer Geschwulst, 
oberflächlicher Lage und cellulösem Bau des Theiles zu er- 
warten, die blauen Flocken werden heller, gelblich, grün- 
lich , breiten und erstrecken sich auch auf Gegenden , die 
nicht gequetscht wurden , indem das anfangs geronnene Blut 
durch die Zumischung von Serum flüssiger wird und sich im 
Zellgewebe weiter nach oben und unten verbreitet und das 
Pigment länger zurückbleibt. Aber auch selbst beträchtliche 
Blutgeschwülste und Extravasate zertheilen sich meistens. 



379 Commotio et Contusio. 

doch bleibt oft lange ein harter aus Faserstoff bestehender 
Kern zurück. Nicht das ausgetretene Blut zerstört die Mus- 
keln und Beinhaut, wie Thomas und Eckstein angeben, 
oder verursacht nach Mohren heim Tetanus , sondern bei- 
des ist die Folge der traumatischen Entzündung. Eiterung 
entsteht bei starker Quetschung, wenn die Haut sehr entzün- 
det war, der Eiter ist oft mit geronnenem Blute untermischt 
(Äbscessus sanguineus) oder die Haut stösst sich brandig ab 
(Absc. gangraenosus). — Bei der anatomischen Un- 
tersuchung findet man das Gewebe der Haut und der 
Schleimhäute, das subcutane, submuköse und subseröse Zell- 
gewebe, das Perimysium, die Zellhaut der Arterien und Ner- 
ven , die Knochenhaut mit geronnenem Blut infiltrirt; bei 
bedeutenden Ergiessungen ist das Blut flüssig und schwarz, 
nie faulig und stinkend. Die Gewebe sind zusammengedrückt, 
zerrieben, zerrissen und in höherm Grade der Verletzung 
selbst malaxirt, in eine röthliche, hefenartige weiche Masse 
verwandelt. — Die Diagnose ist durch die vorausgegan- 
gene Ursache meistens leicht, besonders so lange keine bedeu- 
tende Geschwulst die Untersuchung erschwert; doch dürfen 
die traumatischen Ecchymosen nicht mit den spontanen (sym- 
ptomatischen , beim Scorbut, Morbus maculosus , bei Faul- 
und Nervenfiebern) oder mit Brandflecken oder absichtlichen 
Hautfärbungen oder nach dem Tode mit Todtenflecken , so- 
wie die sich bald einstellenden Schmerzen und Geschwulst 
bei Quetschungen an der Gegend der Gelenke nicht mit Fra- 
cturen und Luxationen verwechselt werden, die aber mit ih- 
nen complicirt seyn können. — Die Prognose berücksich- 
tige die Art der quetschenden Körper (Dichtigkeit, Form, Um- 
fang), die Art ihrer Einwirkung (der Gewalt), den Bau und 
die Wichtigkeit des Theiles und den Gesundheitszustand des 
Individuums. Je heftiger und plötzlicher die Gewalt, je dich- 
ter fremde Körper, je zarter, gefäss- und nervenreicher das 
Organ, desto stärker sind die Folgen ; Dyscrasien, Schwäche 
des Theiles und des Individuums haben selbst bei geringen 
Quetschungen einen Übeln Einfluss auf die Folgen , besonders 
der chronischen Entzündung. — 

Behandlung: 1. Indication. Wiederherstellung 
der deprimirten Vitalität (Beseitigung der Schwäche 
oder Lähmung), wenn dieselbe bedeutend und für die Fun- 



Commotio et Contusio. 377 

ction des Organs oder das Leben gefährlich ist , z. B. bei Er- 
schütterung und Quetschungen von Nervenpartien, des 
Hirnes , Rückenmarkes , Magens ; am geeignetesten sind dazu 
kalte Wasserbespritzungen , kalte Fomentationen oder Bäder 
(locale) von Wasser, Sol. nitri, Sol. ammoniaci, Mischungen 
von W T asser und Alcohol. Reizende Einreibungen, Kräuterkis- 
sen, aromatische Fomentationen, innere Reizmittel (Naphtha, 
Liq. C. C, Infusum arnicae, serpentariae , valerianae u. a. 
sind sehr selten angezeigt und immer nur mit Vorsicht an- 
zuwenden. 2. Indic. V erhütung des Blutergusses 
und derEntzündung, undZertheilung beider. 
Diese geschieht am besten durch kalte Uebergiessungen, Im- 
mersionen und Fomentationen , bei grossen Schmerzen ^er 
Haut und bei zu befürchtendem Brand derselben Fomentatio- 
nen von Wasser mit Essig, Salz, Alaun, Mtrum, Salmiak, 
Ferrum et Zincum sulphuricum, Aqua Goulardi , Einreibun- 
gen und Ueberlagen von Blei - , Essig - und Alaunsalben 
(Essig mit Olivenöl , Alaun mit Eiweiss gemischt), allgemei- 
ne und örtliche Blutentziehungen , Ruhe , Diät. Die früher 
zur Stärkung des geschwächten Theiles und zur Beförderung 
der Zertheilung der Geschwulst gebräuchlichen reizenden, 
stärkenden und zertheilenden Mittel ( Spir. vin. camph., — 
lavandulae, — melissae, Linimentum volatile, Balsamus vitae, 
aromatische Fomentationen u. s. w.) sind schädlich , indem 
sie die Entzündung unterhalten , besonders bei Quetschungen 
der Gelenke. Man berücksichtige weniger die Schwäche als 
die Schmerzen , erst nach dem Verschwinden der letzten ge- 
he man zu den reizenden Resorbentien über, beginne aber 
immer mit den schwächsten und lasse sie sogleich weg, wenn 
sie das Gefühl von Hitze und Schmerzen hervorbringen. Den 
Uebergang von den antiphlogistischen Mitteln zu den reizen- 
den Resorbentien machen die lauen Essig-, Salz-, Bleiwasser- 
Fomentationen und die Einreibungen von Ungt. mercuriale ; 
man gebraucht dann später Linimentum volatile, Malzüber- 
schläge , aromatische Fomentationen ; innerlich bei Erschüt- 
terungen Mineralsäuren und Arnica. Die Cataplasmen sind 
im Anfange immer unpassend und nur dann indicirt, wenn 
die Entzündung chronisch wird lind in Eiterung übergeht. 
Die Aufsaugung selbst sehr bedeutender Blutergiessungen ge- 
lingt durch kalte Fomentationen, Compression, Hunger, 



378 Commotio et Contusio. 

Abführungen, Salmiak, Digitalis c. Calomel. ; selten ist die 
Eröffnung wirklich angezeigt; so nur bei bedeutenden Er- 
giessungen unter die Beinhaut. Die gelben und blauen Fle- 
cke zertheilen sich durch die angegebenen lauen Salz -, Es- 
sig - und aromatischen Fomentationen oder Cataplasmen von 
Kleie oder Brod mit Essig und Salz. 

1) Contusio cutis. Die Haut giebt vermöge ihrer Ela- 
sticität der Gewalt nach und leidet in der Regel wenig, mehr das 
unter ihr liegende Zellgewebe, wenn sie zart und dieses lax ist, 
wie an den Augenlidern , am Halse, an dem Hodensacke, wo 
die Ecchymosen bedeutend werden. Liegt die Haut hart und 
straff auf Knochen auf, so sind die Sehmerzen heftig und die 
innere Blutung verursacht eine umschriebene, bald steinharte, 
bald weiche und fluctuirende Beule, welche im letzten Falle 
von einem, einem Knochenrand gleichenden harten Kranze um- 
geben ist. Die Härte im ersten und zweiten Falle rührt von der 
Infiltration des Blutes in der Haut, Zellgewebe und Beinhaut, 
die Fluktuation von der freien Ergiessung desselben in das 
Unterhautzellgewebe her ; der Kreis mit dem mittleren Ein- 
druck darf daher nicht mit Impression der Schädelknochen ver- 
wechselt werden. Manchmal ist die Gesehwulst pulsirend 
und wächst auffallend schnell ; beides rührt von der Zerreis- 
snng einer Arterie her. Die Zertheilnng der Geschwulst ge- 
lingt fast immer durch Druck oder kalte Fomentationen; war- 
me und aromatische Fomentationen und Cataplasmen erhitzen, 
die Incision wird nicht durch die Fluctuation, am allerwe- 
nigsten bei Pulsation und bei Blutern indicirt, sondern blos 
durch Splitter der Schädelknochen, auch hier hilft der Druck. 
Hat sich sogleich graulich gelber, trockner Brandschorf ge- 
bildet, so mache man anfangs auch kalte Fomentationen, spä- 
ter Cataplasmen , um die Abstossung desselben zu befördern. 

2) Go n t u sio mit senior u m verursacht eine bedeu- 
tende Schwäche und selbst Lähmung derselben so, dass ihr 
Gebrauch ganz gestört ist, z. B. der des Deltoideus. Es er- 
folgt bald Anschwellung und Contraction des Muskels (daher 
Verkürzung der Extremitäten), welche in der Nähe von Ge- 
lenken leicht mit Fractur oder Luxation verwechselt werden 
{kann ; später entsteht Erschlaffung. 

3) Contusio nervorum hat heftige, vom Orte der 
Verletzung bis zu den Enden der Nerven laufende Schmerzen, 



Commotio et Contutio. 379 

Brennen., Pelzigseyn, gänzliche Lähmung der vom gequetsch- 
ten Nerven versehenen Muskeln oder seihst Tetanus zur Fol- 
ge. Am häufigsten wird der Nervus ulnaris am Condylus in- 
ternus leicht , der Nervus ischiadicus an seinem Austritte aus 
dem Becken durch Fall auf den Hintern oder fremde Körper 
heftig gequetscht. 

4) Contusio art er l a r u m wird am häufigsten durch 
Flintenkugeln bewirkt und giebt, wie Zerrungen und Deh- 
nungen, zur Zerreissung der innern Haut und Bildung von 
Aneurysmen Veranlassung. 

5) Contusio oss ium verursacht Periostitis und Osti- 
tis centralis mit den Ausgängen in Necrosis , Suppuratio os- 
sium , Caries. Manchmal wird eine Arteria nutritia zerris- 
sen, wodurch sich ein bedeutendes Extravasat unter der Kno- 
chenhaut bilden kann, das den Knochen schwinden macht und 
durch eine Incision entleert werden muss. 

6) Contusio capitis; leichte veranlasst Beulen; 
eine Abart derselben ist die Kopfblutgeschwulst der 
Neugebornen, ein Bluterguss unter das Pericranium in 
Folge von anhaltendem Druck. Durch stärkere entsteht Ent- 
zündung der Diploe mit dem Ausgang in Eiterung der Kno- 
chenzellen und der Dura mater, oder Hirn erschütterung; 
diese kann auch durch kräftiges Schütteln bei den Haaren und 
Ohren , Ohrfeigen , Fallen eines Bündels Heu oder Stroh auf 
den Kopf, Schlag und Fall auf das Kinn , Fall auf den Hin- 
tern , die Knie, die Füsse, nicht aber durch eine vorüber- 
fiiegende Kanonenkugel, hervorgebracht werden. Sie ist ei- 
ne Quetschung der zarten Hirnfasern durch die schwingende, 
rüttelnde Bewegung des Gehirns in Folge der Fortleitung der 
Bewegung der Schädel- oder Rumpfknochen. Die Folgen 
sind Verlust der Spannkraft der Hirnfasern (Schwächling der 
Hirn- und Nerventhätigkeit, Apoplexia nervosa traumatica) 
und Schwächung oder Zerreissung der Hirngefässe. Man 
nimmt allgemein an, dass die Heftigkeit der Erschütterung 
mit dem Widerstände des Schädels im Verhältniss stehe; je- 
mehr diese stattfinde, desto grösser sey erste, daher könne 
bei einem grossen Bruche der Kopfknochen und bei be- 
deutendem Substanzverluste der weichen und harten Theile 
die Erschütterung gering, beim Mangel derselben bedeutend 
seyn ; allein diess ist unbegründet, die Grade der Erschütte- 



380 Commotio et Contusio. 

■rang hängen blos von der Heftigkeit der Gewalt ab ; wohl aber 
bringen mittelbare Verletzungen durch Fallen auf den Hintern 
oder die Fiisse eher reine Erschütterung , unmittelbare die 
Complication mit Extravasat hervor. — Die Zufälle der Hirn- 
erschütterung zeigen sieh im Augenblicke und bald nach der 
Verletzung und dadurch unterscheiden sie sich zum Theil von 
der Ergiessung und der Entzündung des Gehirns. Man nimmt 
drei Grade an, die von dem Grade und der Dauer der schwin- 
genden Bewegungen abhängen und nicht genau begränzt sind, 
a) Erster oder leichtester Grad: Es findet blos ei- 
ne vorübergehende Störung der Hirnfunction statt ; der Ver- 
letzte hat Sausen, Brausen oder Klingen und Schellen in den 
Ohren , es vergeht ihm das Gehör, Gesicht und das Bewusst- 
seyn momentan, er wird schwindlig oder stürzt zu Boden, 
von dem er sich aber sogleich oder nach einigen Minuten wie- 
der aufrafft und nur nocli über Schwindel, Betäubung, Schwere 
und Schmerz im Kopfe, Neigung zu Schlaf, Funkensehen, Abge- 
schlagenheit des Körpers klagt, b) Zweiter Grad: Verlust 
des Bewusstseyns und der Bewegung mit Verminderung der 
Herz- und Gefässthätigkeit ist das Characteristische dieses 
Grades. Der Verletzte liegt ohne Bewusstseyn und ohne 
Empfindung äusserer Reize Stunden und selbst Tage lang in 
einem ruhigen Schlafe , aus dem er schwer zu erwecken ist 
und auf Fragen murmelnd oder gar nicht antwortet; er ver- 
langt keine Nahrung, schlingt die dargereichten Getränke 
bewusstlos nieder; das Gesicht ist blass und eingefallen, 
die Augen sind halb verschlossen , die Pupillen weit, un- 
gleich, unbeweglich und unempfindlich gegen das Licht, 
die Extremitäten kalt, Herz- und Pulsschlag schwach, klein, 
langsam , manchmal aussetzend, das Athmen leicht und nicht 
beengt, aber langsam und schwach, oft kaum bemerkbar. 
Urin und Koth gehen manchmal unbewusst ab, es erfolgt öf- 
ters galliges Erbrechen, oder der Kranke ist sehr unruhig oder 
hat Convulsionen. Nicht selten tritt auch sogleich nach der 
Verletzung eine ziemlich starke Blutung aus der Nase oder 
dem einem Ohre ein (ohne dass das Trommelfell zerrissen 
oder die Basis cranii gebrochen wäre). Entweder erholt sich 
der Kranke langsam, die Respiration und der Puls heben sich, 
die Extremitäten werden warm , das Gesicht bekommt wieder 
Turgor vitalis, Bewusstseyn und Bewegung kehren zurück, 



Conmiotio et Contusio. 381 

es bleibt jedoch häufig Gedächtniss - , Geistes-, Gesichts- 
schwäche, Harthörigkeit, Stammeln, manchmal Lähmung des 
Magens und Darmcanals mit Stuhlverstopfimg und Koth- 
brechen u. s. w. zurück — oder es erfolgt der Tod, und 
zwar u) durch Apoplexia scmguinea in Folge des Blutex- 
travasates innerhalb 6 — 30 Stunden j zu den angeführten 
Symptomen der Erschütterung gesellen sich allmählig und 
progressiv die des Druckes, als Röthe und Aufgetriebenheit 
des Gesichtes, stiere vorgetriebene Augen , starkes Pulsiren 
der Carotiden , anfangs voller , langsamer , später schneller 
Puls, schwere, röchelnde, langsame Respiration , nicht sel- 
ten mit Schaum vor dem Munde, Erectionen des Penis, 
Saamenergiessungen. Die Verbindung der Erschütterung 
des Hirns mit Extravasat findet am häufigsten statt (Pare, 
Richter, B. Bell, Abernethy, A. Cooper, v. Wal- 
ther, Kern). /?) durch Exsudation und Eite- 
rung der Hirnhäute und des Gehirns; in Folge 
der Lähmung der Gefässe entsteht Ueberfüllung derselben mit 
Blut, in Folge der Quetschung der Hirnhäute und Hirnfasern 
Reizung und Entzündung derselben ; letzte tritt unter wenig 
auffallenden , geringfügig scheinenden Symptomen (Schwere, 
leichte Betäubung, geringe Schmerzen des Kopfes) auf, täuscht 
oft unter dem Schein der Schwäche des Körpers und Pulses 
und wird von jenen Aerzten, die nicht auf ihren schleichen- 
den täuschenden Gang aufmerksam gemacht und durch Sectio- 
nen von der Möglichkeit ihrer Anwesenheit belehrt sind , ge- 
wöhnlich übersehen, ihr Anfang erst zu einer Zeit (am 14. — 
21. Tag) angenommen, wo sie schon ihren Ausgang in un- 
heilbare Exsudation und Eiterung gemacht hat, und oft fälsch- 
lich einer Ueberladung des Magens , Verkältung oder einem 
Aerger zugeschrieben, y) am seltensten erfolgt der Tod durch 
Leberabscesse, nach vorausgegangenem Erbrechen , Ga- 
stricismen , Icterus , den Zeichen der Hepatitis subacuta oder 
des Gallenfiebers, etwa 10 — 30 Tage nach der Verletzung ; 
sie werden nicht durch die gestörte Venencirculation (Ber- 
trandi, Pouteau) sondern durch die Sympathie der Leber 
mit dem Hirne oder durch die gleichzeitige Erschütterung der- 
selben bedingt. — c) Dritter Grad: Die Erschütterung des 
Hirns und Rückenmarkes ist so bedeutend, dass der Tod au- 
genblicklich oder höchstens nach einigen Stunden durch Apo- 



382 Commotlo et Contusio. 

plexia nervosa eintritt ; die Respiration und der Puls werden 
immer schwächer, die Extremitäten kälter, das Gesicht Wäs- 
ser. — 

Kern nimmt 3 Arten der Hirnerschütterung an, eine 
Bluterschütterung (unsere Hirnerschütterung mit Stockung 
oder Extravasat des Blutes) , eine Gallenerschütterung (Le- 
berabscesse) und die Nervenerschütterung (die wahre , reine 
Erschütterung des Hirns); diese Eintheilung in Arten ist 
eben so unnatürlich, wie Abernethy's Eintheilung der 
Grade in Stadien. — Bei der Secti on der Verstorbenen fin- 
det man in den seltensten Fällen gar keine Veränderung oder 
blos ein Zusammengesunkenseyn des ganzen Gehirns oder ei- 
ner Hemisphäre oder eine Lageveränderung der Hirnnerren 
(Kern) oder eine Anschwellung des Gehirns (? ? D e s a u 1 1), 
meistens Trennung der Dura mater von den Schädelknochen, 
Blutextravasat zwischen denselben oder zwischen der Ara- 
chnoidea und Pia mater oder in den Hirnhöhlen oder in der 
Hirnsubstanz , oder Exsudation an der innern Fläche der Du- 
ra mater, in der Arachnoidea und in den Hirnhöhlen (die 2 
letzten vorzüglich bei Kindern unter dem Namen Hydroce- 
phalus) 9 seltner wirkliche Hirnabscesse. Mit dem Extrava- 
sat beobachtet man gewöhnlich Fracturen. — Die Progno- 
s e ist im 2. Grade immer bedenklich , besonders wenn sich 
die Zeichen des Extravasates dazu gesellen und wässerige 
Feuchtigkeit aus dem Ohre fliesst, denn dann hat das Os pe- 
trosum Fissuren ; Blutungen aus dem Ohre sind jedoch nicht 
immer tödtlich. — 

Behandlung. 1. Indication. Beseitigung der 
Schwäche oder Lähmung des Gehirns; diese 
Anzeige findet nur bei reiner Erschütterung und zwar mei- 
stens nur bald nach der Verletzung, bei gänzlicher Abwesen- 
heit des Extravasates, der Congestion, Reizung und Entzün- 
dung statt; man belebt die unterdrückte Lebenskraft des Hir- 
nes und der Nerven (und secundär des Herzens und der Lun- 
gen) durch Waschungen des abrasirten und erhöht gelegten 
Kopfes mit kaltem Alcohol, kaltem Wasser, Bespritzen des 
Gesichtes mit Wasser, kalte Fomentationen , Riechmittel, 
Reiben der Haut, besonders der der Extremitäten und der 
Fusssohlen mit warmem Flanell, warmem Essig, Spiritus vini 
camph., Spir. sal. ammoniac. caust. oder Tinct. cantharidum, 



Commotio et Contusio. 383 

des Unterleibes mit Bals. vitae Hofm., Setzen von Hautrei- 
zen mittels heissem Wasser oder Sinapismen, reizende Kly- 
stiere von Infus, chamomillae mit Asa foetida, Campher, Ein- 
geben von Wasser mit Wein oder Alcohol, Chamillenthee. 
Bei längerer Dauer des 2. Grades der reinen Erschütterung 
muss man selbst zu den stärkeren Reizmitteln seine Zuflucht 
nehmen , um das im Erlöschen begriffene Nervenleben anzu- 
fachen ; man giebt daher innerlich Pulvis ipecacuanhae c. opio, 
Campher, Moschus, Ammonium, Infus, arnicae und wendet 
selbst Vesicantien , Moxen oder das Glüheisen (in Bistanz) 
auf den Scheitel oder Nacken (Kern), laue Begiessungen und 
Tropf bäder , den Galvanismus (Kern) oder die Electricität 
(Kern; G o n d r e t's und M a g e n d i e's Versuche an Thieren) 
an. Im Ganzen sind diese Mittel selten anwendbar, weil in 
der Regel bald die Zeichen der Blutüberfiillung oder des Ex- 
travasates eintraten; jedenfalls sind sie später, wenn Unruhe, 
Krämpfe, ein kleiner zusammengezogener Puls, Schwäche, 
Schwindel, Betäubung einen krankhaften nervösen Zustand 
vorspiegeln, nicht angezeigt, weil diese Zufälle die Folge der 
Hirnreizung, meistens der beginnenden Exsudation sind. 
2. Indic. Verhütung und Bekämpfung des Ex- 
travasates und der Entzündung; diess geschieht 
am besten durch kalte Fomentationen auf den Kopf, ableiten- 
de Klystiere (weniger zweckmässig von Infus, nicotianae oder 
Emulsio c. Calomel. , als von Solutionen des Kochsalzes oder 
Essigs) , Sinapismen , strenge Ruhe des Körpers und Geistes, 
Diät, Nitrum, Tartarus emeticus in refracta dosi , besonders 
mit Decoctum tamarindorum, abführende Salze; die von vie- 
len Practikern sogleich, in grosser Quantität und wiederholt 
anempfohlenen Aderlässe sind nur dann angezeigt , wenn sich 
mit dem Verschwinden der Erschütterungssymptome die der 
Reizung oder des Extravasats einstellen, wenn derPuls sich ge- 
hoben und die Haut ihre Wärme erlangt hat, denn zu schnel- 
les Aderlassen nach der Verletzung selbst, ohne dass der Puls 
voll und härtlich ist, bringt Convulsionen hervor. Wenn 
aber der Puls gereizt, nicht schwach und nicht interna tti- 
rend ist, so ist der Aderlass aus einer Armvene angezeigt und 
nach Umständen mehrmals zu wiederholen; die Blutentlee- 
rung aus der Arteria temporalis, Vena jugirlaris oder Saphena 
hat keine Vorzüge ; sehr wichtig ist aber die (2 — 6 und mehr- 



384 Commotio et Contusio. 

mals) "wiederholte Application von Blutegeln (10 — 20) an 
die gequetschte Stelle des Schädels, an die Schläfe, hinter 
die Ohren, und längs der Hüfte, besonders wenn der Puls 
blos gereizt, nicht voll und hart ist. Dabei gebe man 
nebst den schon angeführten Mitteln Digitalis , Calomel, 
und im Zweifel , ob noch Antiphlogistica oder gelinde Reiz- 
mittel angezeigt seyen, Mineralsäuren und Senega mit 
Salmiak; nie lasse man sich zur Beförderung der Resor- 
ption zur Anwendung der Kräuterkissen, der aromatischen 
Fomentationen, Cataplasmen, zum inneren Gebrauch der 
Arnica , der Bäder u. s. w. verleiten. Die von Hill u. A. 
zur Entfernung eines etwanigen Extravasates und in jedem Fall 
als unschädlich empfohlene Trepanation ist bei der reinen 
Hirnerschüttemng nie und bei dem sich zu ihr gesellenden 
Extravasate nur höchst selten, vielleicht nie (Kern) angezeigt, 
denn leichtere Fälle von Erschütterung und Extravasat gleicht 
die Natur aus, und wo diese nicht ausreicht, ist die Erschüt- 
terung so bedeutend, dass auch nach der Entfernung des Ex- 
travasates der Tod erfolgt ; in der Regel verschlimmert die 
Operation die Zufälle. Am allerwenigsten ist diese aber bei 
den sogenannten secundären Hirnzufällen, die durch die Ex- 
sudation bedingt sind, zu rechtfertigen. 

7) Contusio et Commotio oculi; die erste 
erfolgt durch die unmittelbare Wirkung stumpfer Körper 
(Billardkugeln, Ochsenhörner , Rappiere u. s. w. ) auf 
den Augapfel, und ist von Funken- Feuer- und Farbensehen, 
momentanem Vergehen des Gesichtes, partieller oder totaler 
Blindheit, Ecchymosis conjunctivae oder Haemophthalmia 
ant. (in Folge der Ablösung der Iris vom Ciliarligamente) be- 
gleitet. Die Commotio bulbi ist selten , weil das Auge durch 
ein Fettlager geschützt ist, doch hat man sie durch Fallen 
auf den Hintern oder dieFüsse, durch Stösse an den Kopf, 
besonders die entgegengesetzte Augengegend (Richter, 
Travers, Rognetta), durch Erbrechen und Husten be- 
obachtet; im letzten Fall ist sie meistens nur schwach, aber 
von Ecchymosis conjunctivae begleitet. Die Behandlung ist 
antiphlogistisch. 

8) Commotio medullae spinalis. Die Ur- 
sachen sind Quetschungen des Rückens und Hintern durch 
Fall, Stösse, Stock- und Peitschenschläge, Schusswunden 



Commotio et Contusio. 385 

der Extremitäten , Blitzschlag-. Die Erschütterung ist häu- 
fig mit der des Hirnes, des Wirbelgelenkes, Fractur oder 
Luxation der Wirbel, der Beckenknochen oder der unteren Ex- 
tremitäten complicirt. Die Folgen sind auch hier Schwäche, 
(Schwere, Pelzigseyn der Füsse, ziehende Schmerzen in 
den Lenden u. s. W.) oder Lähmung der unteren Extremitäten^ 
der Blase und des Mastdarmes , selten des ganzen Darmcanals 
und des Magens (wo bei guter Assimilation täglich flüssiges 
Erbrechen , von Zeit zu Zeit von Koth erfolgt — Denis und 
Montesanto). Die Diagnose über die gleichzeitige An- 
wesenheit von Extravasat oder Fractura vertebrarum ist oft 
schwer; indem selbst der locale Schmerz blos von Dehnung 
und Zerreissung der Bänder herrühren, unddieDislocation der 
Knochen selten so bedeutend ist, dass sie bemerkt werden kann. 
Die Lähmung verschwindet allmählig ganz oder nur theilweise, 
indem sie an einer Seite , oder an der hintern oder vordem 
Fläche (?) des Körpers oder in dem Gefühle oder in der Be- 
wegung zurückbleibt; oder sie endet mit dem Tode durch die 
Weiterverbreitung auf das Herz und die Lungen und den De- 
cubitus oder durch lentescirendes Fieber in Folge von Ei- 
terung im Wirbelcanale oder Caries der Wirbel. Wenn die 
primären Symptome des Stupors der Nerven und Gefässe vor- 
über sind, muss man antiphlogistisch verfahren, daher : Ader- 
lässe, die wiederholte Application von Blutegeln und Sehröpf- 
köpfen, kalte Begiessungen und Fomentationen bei der Bauch- 
lage des Kranken. Wenn nach 4—6 Wochen die Lähmung 
sich nicht gebessert hat, so muss man reizend auf das Rücken- 
mark zu wirken suchen, als durch Douchebäder, Moxen, ober-, 
flächliches Brennen mit demGlüheiseu,EinreibenderVeratrin-> 
salbe, innerlichen und äusserlichen Gebrauch des Strychnins. 
9) Contusio thoracis in Folge voji Druck , Stös-* 
sen , Fall auf den vordem oder hintern Theil des Brustkor* 
bes , Stockschlägen , Prellschüssen u. s. w. hat mehr oder 
Weniger Erschütterung der Lungen und des Herzens mit 
Beengung des Athmens, Blässe, Herzklopfen , Zerreissung 
eines Theiles der Lunge oder des Herzens (mit Blutspeien oder 
den Symptomen des Haematothorax , Kälte und Pulslosigkeit 
der Extremitäten, Druck in der Herzgegend) f chronische 
Entzündung der Pleura und der Lunge zur Folge und fordert 
den antiphlogistischen Apparat* 

Handwörterb. d. Gh. II. 25 



386 Commotio et Contusio. 

10) Co n tu siä ab dorn i n i s wi rd hervorgebrach t 
durch Stösse mit der Faust, mit Bajonnetten , Kolben, Fuss- 
tritte , matte Kugeln , Ueberfahren , Fallen u. s. w., die Er- 
schütterung der Leber, Milz und Nieren durch Schläge 
und Fallen auf den Rücken oder auf die Füsse. Die Sym- 
ptome der Quetschung sind : heftiger Schmerz , oft als wenn 
etwas zerrissen werde, Ohnmacht, Erbrechen, die grösste 
Empfindlichkeit des Leibes , Aiiigetriebenheit desselben, co- 
likartige Schmerzen, blutiges Abweichen, kalte Extremitä- 
ten , Urinbeschwerden , kleiner, schneller, härtlicher Puls 
oder Pulslosigkeit. Oft ist der Schmerz anfangs massig, es 
stellt sich aber allmählig das Gefühl von Unbehagen an der 
gequetschten Stelle, von Druck, Brennen, Spannen ein, 
welches immer zunimmt und in das von höchst schmerzhaftem 
Auseinanderreissen übergeht. Wenn der Tod nicht nach 
10 — 48 Stunden mit den Symptomen des Brandes erfolgt, so 
wird sehr häufig die Entzündung chronisch und endet mit or- 
ganischer Veränderung, besonders mit Verengerung des 
Dünndarms, oder mit Blasenlähmung oder Schwäche des Darm- 
canals. Die Bauchmuskeln sind häufig ecchymosirt, entzün- 
det und weich oder zerrissen, einzelne Eingeweide (der 
Magen oder Darm, die Blase, eine Niere oder die Milz) ganz 
oder theilweise zerrissen, der Riss von Blut umgeben, ent- 
zündet und brandig, oder blos das Peritoneum, das Netz, 
das Mesenterium und die Eingeweide an einzelnen Stellen ec- 
chymosirt, blau, mürbe. Die Berstung erfolgt meistens 
durch die unmittelbare Wirkung der Quetschung, besonders 
wenn hohle Eingeweide ausgedehnt sind, selten später durch 
die Ueberfüllung des getroffenen Theiles mit Blut und die 
brandige Entzündung. Im Anfange , gleich nach der Verle- 
tzung kann man gegen den sehr heftigen Schmerz Waschungen 
und Einspritzungen mit kaltem Alcohol, dann kalte Fomenta- 
tionen (keine Cataplasmen), trockne Schröpf köpfe, Blutegel, 
selbst Aderlässe, innerlich schleimige Getränke anwenden; 
später behandelt man die sich entwickelnde Entzündung, oder 
Schwäche , oder Lähmung nach den allgemeinen Regeln der 
Therapie. 

11) Contusio p er inaei hat Lähmung des Blasenhal- 
ses oder Zerreissung der Gefässe der Urethra oder dieser selbst 
zur Folge. 



Compresse. 387 

12) Contuslo scroti ist von Ecchymosis scroti, 
Entzündung des Hoden , Neigung zur Verhärtung , Entzün- 
dung und Wassersucht der Scheidenhaut, Blutbruch, Zurück- 
tritt des Hoden in den Leistencanal begleitet. 

13) Contuslo articulorum verursacht sogleich 
eine Schwäche des Gelenkes und eine meistens chronische 
Entzündung aller oder einzelner Gelenktheile , besonders die 
der Bänder mit dem Ausgange in Tumor albus. Durch die 
Schwäche und Steifigkeit des Gelenkes darf man sich nicht 
zur Anwendung reizender, stärkender Mittel, z.B. des Li- 
nimentum volatile carnph., aromat. Fomentationen, Douche, 
Bewegung verleiten lassen, sondern nur die wiederholte Appli- 
cation von Blutegeln, anfangs kalte, später warme Umschläge, 
Ruhe, und nach dem Verschwinden der Schmerzen Einreibun- 
gen von Ungt. mercuriale, Bäder, Schlammbäder, thierische 
Bäder, können allmählig die Schwäche und die Geschwulst 
heben (vergl. die Art. Dlstorsio, Extr av asatlo , 
Ruptur a, Vulnus} . 

Literatur. Loustannau pf. Andouill e', Diss.de coutu- 
sionibus. Paris 1*755 — ad 6: Martini, Von der Erschütte- 
rung des Hirns. Kopenh. 1764. — v. Walther im Journ. f. 
Chir. XVI. Die Schriften über Kopfverletzungen. — ad 9 et 10: 
Schmidt, Joh. Ad., über die Erschütterungen der Brust- und 
Baucheingeweide, in E} ? erers Med. Chronik. II. 3. — ad 13: 
Ganz, Abb. v. den Folgen vernachlässigter Gelenkquetschungen 
u. deren zweckmässigster Heilart. Frankf. 1792. . Die Werke über 
Gelenkkrankheiten und Arthrocacen. J m 

COMPRESSE, Compressa, Splenia, Splenio- 
la, Plag ula, PulvllllyBnusch 9 nennt man Stücke 
weicher, gebrauchter, reiner Leinwand ohne Saum und ohne 
Naht, welche in eine bestimmte Form zwei -, drei -, vier - und 
mehrfach zusammengelegt werden. Zuweilen bedient man 
sich auch der Compressen von Flanell , Filz oder ähnlichen 
Stoffen. Die Grösse und Form derselben richtet sich nach 
dem leidenden Theile und der Bequemlichkeit des Kranken j 
sie müssen in der Regel grösser seyn , als der unterliegende 
Verband, auch grösser als die darübergelegten Schienen, z. B. 
bei Fracturen. Bei ihrer Anlegung ist es nöthig, dass die 
Ränder der Leinwand einwärts geschlagen, diese gleichmäs- 
sig zusammengelegt , und ohne Falten sey. 

Die Compressen theilt man ein in: einfache und z « - 

25* 



388 Compresse — Corapressio. 

sammengesetzte oder graduirte C. — l)Dieein- 
fache Compresse (fö siniplex) besteht aus einem doppelt oder 
mehrfach zusammengelegten Stück Leinwand, Flanell u. s. w«, 
welchem man eine dreieckige (C. iriangnlaris) , oder eine 
viereckige (C. quadraici) 9 oder eine längliche und schmale 
((7. longa s. Longuette) Form giebt ; bisweilen giebt man ih- 
nen noch andere Formen , z. B. des Maltheserkreuzes (€. in 
forma enteis Mälihensis), indem man ein viereckiges Stück 
Leinwand von den vier Winkeln bis fast zur Mitte einschnei- 
det; einfach und doppelt gespaltene ((7. fissae). — 2) Die 
zusammengesetzte oder graduirte Compresse (C. 
graduata) besteht aus mehrern einfachen Compressen , wel- 
che pyramidenförmig über einander gelegt und befestigt wer- 
den, so da ss die folgende immer kleiner seyn muss, als die 
vorhergehende. Auch die graduirte Compresse kann drei- 
eckig, viereckig, länglich -seh mal (graduirte Longuett e), 
und dabei entweder von allen Seiten oder nur von einer Seite 
graduirt seyn. — 

Man bedient sich der Compressen : 1) um einen massi- 
gen Druck zu bewirken, z. B. bei Blutungen, Aneurysmen, 
tiefen Wunden , Fisteln , Fracturen , Rupturen u. s. w. ; 2) 
um Druck anderer Verbandstücke zu vermindern, z. B. unter 
Schienen, Compressorien u. s. w. ; 3) um verschiedene Arz- 
neistoffe, namentlich flüssige, an den leidenden Tlieil zu brin- 
gen, z. B. Fomentationen. JJ r . 

COMPRESSIO, Druck. Die Wirkung des Druckes ist 
sowohl nach dem Grade seiner Anwendung, als auch nach 
den Organen, welche er trifft, verschieden. Ein geringer 
Grad von Druck auf Nerven vermindert die Empfindlichkeit 
derselben, ein stärkerer und fortgesetzter kann Lähmung und 
Schwinden des Theiles verursachen. Auf die allgemeinen 
Bedeckungen bewirkt der Druck in einem massigen Grade 
Stockung der Säfte und eine vorübergehende Congestion ; wird 
er länger und stärker fortgesetzt, Schmerz, Entzündung, 
Desorganisation , Brand (S.Brand vom Aufliegen). — 

Der Druck ist aber auch ein Heilmittel, und es giebt wohl 
wenige oder vielleicht nicht ein einziges Mittel in der Chirur- 
gie, dessen Mannichfaltigkeit in Bezug auf seine Anwendung 
und dessen Nützlichkeit so allgemein wäre, als der Druck. 
Der Druck wird entweder von aussen nach innen angewendet 



- Corapressio. s 389 

(Compression im engeren Sinne), oder von innen nach aus- 
sen (Dilatation; s. diesen Artikel) ; er ist entweder momentan 
oder andauernd, mittelbar oder unmittelbar. Hier können 
wir uns nur auf die verschiedenen Arten des Druckes und de- 
ren hauptsächlichste Wirkungen beschränken ; das Nähere 
findet man bei denjenigen Krankheitsformen angegeben, bei 
denen der Druck als Heilmittel angezeigt ist. Man bedient sich 
aber zur Compression der Finger, der Binden, Compressen, 
Charpie , Tampons , Compressorien , Turnikets , Pflaster- 
streifen , der Schwämme, Schnürstrümpfe, Bandagen u. s. w. 

Ein kreisförmiger Druck auf eine ausgedehnte Fläche 
steigert die Contractilität der Gewebe , befördert die Circula- 
tion der Lymphe und des venösen Blutes, bringt die compri- 
nürten Theile auf ein geringeres Volumen zurück, verhütet 
oder mässigt die ödematöse Anschwellung, verhütet oder 
vermindert die Blutinfiltrationen , befördert die Aufsaugung 
der ergossenen Flüssigkeiten und erhält die Muskeln in ihrer 
natürlichen Lage. Wenn diese Compression zu stark und zu 
lange angewendet wird, kann dadurch eine Art von Einschnitt 
rung der comprimirten Theile, oder Atrophie, Lähmung, un- 
vollkommene Ankylose entstehen. Die Mittel, wodurch man 
diese Compression hervorbringt, sind die llollbinden, die 
breiten Gürtel, Schnürstrümpfe , Heftp {lasterstreifen , Sus- 
pensorien. Man bringt diese Art von Compression in An- 
wendung bei der Behandlung von Querwunden der Muskeln 
und Sehnen, bei Fracturen , Luxationen , Contusionen, Ver- 
brennungen, bei Varices, Gelenkwassersuchten, eallösen und 
varikösen Geschwüren , bei voluminösen und veralteten Brü- 
chen, nach der Niederkunft, nach der Paracentese, nach 
Eröffnung grosser Eiterdepots, neuerlichst bei Hodenansch wel- 
lung (Fri cke). — Ein kreisförmiger Druck in der ganzen 
Länge einer Gliedmaasse mit gleichzeitiger Anwendung einer 
schmalen Compresse, nach dem Verlaufe der Hauptarterie, 
wird bei Arterienwunden und bei Behandlung der Aneurysmen 
(s. Vulnus arter. und Aneurysma), um den Blutlauf in der 
Höhle dieses Gefässes zu massigen, angewendet. — 

Kreisförmiger Druck auf eine schmale Fläche bringt fast 
augenblicklich einen lebhaften örtlichen Schmerz , und bald 
nachher ein Gefühl von Erstarrung in dem unterhalb des Drucks 
gelegenen Theile hervor. Alle Circulation wird darin aufge- 



390 Compressio. 

hoben ; dieser untere Theil schwillt an , wird röthlich - livid 
und kalt. Dieser Druck kann nur auf kurze Zeit und auch 
nur in wenigen Fällen angewendet werden, hauptsächlich um 
den Blutlauf bei sehr schwachen Kranken während einer Ope- 
ration vollständig zu hemmen , um die Aufsaugung eines Gif- 
tes unmittelbar nacli seiner Einimpfung zu verhindern ; auch 
sucht man dadurch Krämpfe, namentlich epileptische Anfälle, 
zu verhüten und Blutungen aus den Lungen zu stillen. — 
Durch seitliche, mittelbare und umschriebene Compression 
im Verlaufe einer Arterie und eines Ausscheidungscanais, wel- 
che durch Turnikets , die auf einen oder auf zwei entgegen- 
gesetzte Punkte der Oberfläche einer Gliedmaasse oder des 
Stammes wirken, hervorgebracht wird, wird der Kreislauf 
in dem comprimirten Theile des Gefässes unterbrochen, bleibt 
aber in den Collateralgefässen frei. Um den Blutlauf in dem 
Hauptgefässe während einer Operation aufzuhalten, eine trau- 
matische Blutung zu stillen, ein Aneurysma, eine Speichelfi- 
stel zu heilen, wendet man diese schmerzhafte Art der Com- 
pression an, welche jedoch, wenn sie wirksam seyn soll, das 
comprimirte Gefäss gegen einen Knochen drücken muss. — 
Seitliche, unmittelbare Compression auf die Gefässe mittels 
Schwamm , Charpie , Arterienpresser, kleiner Cylinder, um 
den Blutlauf in den Gefässen zu unterbrechen und eine 
Verwachsimg bis zu den nächsten Collateralgefässen hervorzu- 
bringen , wurde früher häufiger angewendet als gegenwärtig. 
S. Aneurysma, Ligatur a und Vulnus. — Compression auf 
die Oeffnung der quer durchschnittenen Gefässe mittels 
Schwamm , Charpie mit arab. Gummi oder Colophonium be- 
streut, kann nur bei kleinen Arterien wirksam seyn. — Aus- 
serdem werden durch einen zweckmässig angewendeten Druck 
getrennte weiche und harte Theile, Muskeln, Sehnen, Kno- 
chen, bei Wunden, Luxationen, Fracturen, Hernien, Vor- 
fällen , Umstülpungen, bei Verengerungen, bei Aftergebilden, 
Verhärtungen u. s. av. vereinigt, in ihre natürliche Lage ge- 
bracht und darin erhalten, erweitert, beseitigt u. s. w. 

Literatur. G. A. Lombard, Opuscules de Chir. sur Putilite 
et l'abus de la compression. Strasb. 1786. Deutsch Leipz. 1787. — 
J. L. Thore, Essai sur Tutilite de la compression dans les mala- 
dies chirurgicales , Paris. An. IL — P. J. Ouvrard, Avanta- 
ges et inconveniences de la compression etc. Paris 1801. — J. 



Coinpressorium. 391 

Jadiotix, Essai sur la compression consideree comme moyen 
therapeutique. IS 10. — Marjolin in Dictionn. de Medecine. 

w. 

COMPRESSORIUM, Druckwerkzeug, nennt man 
in der Chirurgie jedes Instrument, wodurch ein Theil des 
Körpers zu einem bestimmten Zweck zusammengedrückt wird. 
Hierher gehören: Compressorien, Blutgefässe und Nerven 
zusammenzudrücken (dieT urnikets, s. diesen Artikel und 
Amputatio) ; Compressorien für bestimmte Ausführungsgän- 
ge; Compressorien zur Zurückhaltung widernatürlicher Her- 
vortretungen von Eingeweiden aus ihren natürlichen Höhlen 
(s. Bruchband); Compressorien zur Verbesserung von Ver- 
unstaltungen einzelner Theile (s. Rhinoplasilce). — Die 
Compressorien für den Thränensack von Fabricius ab 
Aquapendente, S.cultet, Taylor, Platner, Le- 
clerc,Ulhoorn, Petit, Pallas, Müller und Sliar p, 
sowie das Compressorium von P i p e 1 e t für die Vernarbung der 
äusseren Mündung der Speichelfistel, sind wegen ihrer Un- 
zweckinässigkeit ausser Gebrauch gekommen. — Das Com- 
pressorium vonNuckfür das männliche Glied bei Inconti- 
nentia urinae wird ebenfalls wegen der dadurch erregten 
Schmerzen und gehemmten Blutcirculation selten in Anwen- 
dung gebracht. Es besteht aus 2 Stäbchen Aon Stahl, welche 
mit weichem Leder überzogen und an der innern Seite gepol- 
stert sind. An dem einen Ende werden sie durch ein Char- 
nier verbunden und am andern durch einen Wirbel vereinigt. 
Heister hat dieses Instrument dadurch abgeändert, dass er 
die Vereinigung durch ein sägeförmiges Stäbchen an dem ei- 
nen Ende bewirkt, wodurch die Compression nach Willkür 
bestimmt werden kann. B. Bell hat an dein Nuck'schen In- 
strumente die Veränderung angebracht, dass an dem unteren 
Stäbchen in der Mitte einePelotte befindlich ist, welche durch 
eine Schraube bewegt wird. Dadurch soll der Druck vorzüg- 
lich auf die Harnröhre eingeschränkt und die Circulation nicht 
gestört werden. — Auch für die weibliche Harnröhre hat man 
Compressorien empfohlen. D e s a u 1 1 räth folgendes Instru- 
ment: In der Mitte eines stählernen Zirkels, der das Becken 
umgiebt, ist ein Blech der Vereinigung der Schambeine ge- 
genüber angebracht, auf welchem ein Stab befestiget ist, der 
ein wenig gekrümmt herabläuft, und an dessen unterem Ende 



392 Conductor — Conium. 

eine Pelotte befestigt ist, ■welche die Harnröhre gegen die 
Schambeine drückt. Das obere Ende des Stabes muss über 
das untere ein wenig hervorragen , damit man daselbst eine 
Schraube anbringen kann, vermittelst welcher man das untere 
Stück und die daran befestigte Pelotte mehr oder weniger an- 
drücken kann. Huhn empfiehlt ein ähnliches Instrument. 
Es besteht aus einem Riemen , welcher um den Leib gelegt 
wird; an diesem Riemen ist neben der Schnalle ein Blech be- 
festigt, das mit Leder überzogen ist und auf den Schamberg 
zu liegen kommt. Von diesem Blech geht eine gekrümmte 
Stahlfeder ab, welche mit Taflet locker überzogen ist, an de- 
ren Ende ein Stück Kork , gleichfalls mit Leder überzogen, 
befestigt wird. Die Krümmung der Feder muss so seyn, dass 
sie in die Mutterscheide hineingeht und die Pelotte soll die 
Harnröhre gegen die Schambeine andrücken, JV. 

CONDUCTOR s. Director hiess ein zur Lithotomia cum 
apparatu magno angewendetes, jetzt aber ausser Gebrauch ge- 
kommenes Instrument zur Erweiterung des Blasenhalses. 
Ausserdem benennt man verschiedene Instrumente so , deren 
Zweck Leitung anderer Instrumente ist; desgleichen werden 
verschiedene Maschinen so genannt, welche zum bequemen 
und sichern Transport eines Beinbruchskranken empfohlen 
■worden sind. Theden, Richter, Assalini,Wathen 
haben solche erfunden und auch beschrieben. S. auch Bou- 
gle und Gorgeret. W, 

CONIUM maculatum L., s. Cicuta major s. terresiris, 
Schierling, Fleckenschierling. Das Kraut dieser 
wildwachsenden Schirmpflanze wirkt vermöge seines narkoti- 
schen und etMas scharfen Princips vorzüglich auf das Hirn- und 
Nervensystem , zugleich aber auf die Organe der Assimilation 
und Reproduction, Kleine Gaben, lange fortgesetzt, erzeugen 
Appetitlosigkeit, Durst, Kopfschmerz, Schwindel, bei grös- 
seren Gaben steigern sich die Zufälle, Durst, Trockenheit der 
Zunge, Zusaramenschnürung im Schlünde, Hitze im Magen, 
Harn- und Hautabsonderung werden vermehrt; in noch stär- 
keren Gaben wird die Gehirnaufregung gesteigert und es kön- 
nen tödtliche Zufälle eintreten. Der Schierling wird ange- 
wendet gegen Krankheiten des Lymphsystems, scrofulöse Ver- 
härtungen, Drüsenanschwellungen, scirrhöse Drüsen , beson- 



Content! vverband — Cornua cutis. 393 

ders der Brüste, gegen Kröpfe, Verhärtungen der Hoden, der 
Vorstelierdrüse, Leber, der Gebärmutter, Beinfrass, Krebs, 
scrof. Lichtscheu u. s. w. Vorzüglich empfahl ihn Störk. 
Man giebt den Schierling in Pulver, Pillen, Latwerge zu 
1 — 10 Gran täglich einigemal, oder im Aufguss zu ►)/? — ^i 
auf 4 Unzen mehrere Male täglich esslöffelweise , gewöhnlich 
bedient man sich des Extractes oder eingedickten Saftes der 
Pflanze zu 1 — 10 Gran taglich 3mal; äusserlich verordnet 
man das Pulver zu trocknen Umschlägen, Kräuterpulvern, Fo- 
mentationen oder Breiumschlägen ; den Aufguss als Bähung, 
Einspritzung, Bad, 10 — 12 Hände voll herb. Cicutae (mög- 
lichst frisch) , bei Kindern die Hälfte, mit kochendem Wasser 
aufgebrüht; das Pflaster; das aufgegossene Schierlingsöl. 
R. Pulv. herb, conii maculati R% pulv. herb, conii maculati 

meliloti Farin. sem. Lini ä~ä gii. 

flor. Sambuci M. S. Mit heissem Wasser oder 

- Chamomillarum Milch zum Umschlage zu be- 

^l oi- reiten. 

M. S. Zertheilendes Kräuter- 
pulver. 
B/. Extr. conii maculati q. s. R>. Extr. conii macul. §i. 

ut f. cum Pulv. herb. - hyoscyam. 3$. 

conii mac. 5ü- Pulv. herb, belladonn. 5i- 

piluL poud. gr. ii. Consp. Liq. ammon. acet. q. s. ut f. 

Lycop. S. Cataplasma tenuius. S. dieHälf- 

Täglich dreimal 1 — 20 Stück zu te auf Leder gestrichen bei 

nehmen. Gegen Drüsenge- offenem Krebs aufzulegen, 

schwülste. Berends. Richter. 

w. 

CONTENTIVVEItBAND, ein zusammenhalten- 
derVerband. Man versteht darunter Verbände , welche 
die zu einem vollständigen Verbände gehörenden Gegenstän- 
de, als Heilmittel, Charpie, Compressen und andere Apparate 
auf den kranken Theil befestigen , oder wodurch gebrochene 
oder verrenkte Theile in einer festen Lage erhalten werden. 
S. Desmol&gia. W. 

COPHOSIS (xtorfbg, stumpf) , die Taubheit; man be- 
zeichnet hiermit den höchsten Grad derselben, wo die Gehör- 
empfindung für articulirte Töne vollkommen mangelt. S. Sur- 
d'das und Paralysis nervi acustici. W. 

CORNUA CUTIS (Excrescentiae cutis corneae } Rki- 
nodysmorphia comiculata , Hörner oder hornige Auswüch- 
se) sind partielle Hypertrophien der Oberhaut oder des Epi- 



394 Cornua cutis. 

theliums in Folge abnormer Thätigkeit im Schleimnetze oder 
in der mukösen Haut einer Balggeschwulst. Sie entwickeln 
sich am häufigsten im Alter, vielleicht in Folge der vorherr- 
schenden Neigung zur Ablagerung fester Bestandteile ; die 
Gelegenheitsursachen sind chronische Reizung der Haut, der 
Schleimhäute und der unter der Haut gelegenen fibrösen Häute 
durch Stösse, Reiben, Wunden, Narben, Herpes, Lepra, 
Krätze, Rheumatismus und Gicht. Die von den letzten zwei 
Krankheiten bedingten entstehen fast immer aus Balggesehwül- 
sten des behaarten Theiles des Kopfes (Fabr. Hildanus, 
Bartholin, Gastellier, Lee', Home, Parkin- 
son, Ansiaux, Piccinelli, Caldani, A. Coo- 
per, Testa U.A.), die sich entzünden, aufbrechen, ei- 
tern ; aus der mit der fibrösen Haut verbundenen hintern 
Wand des Balges erhebt sich ein Fleischkegel , der sich all- 
mählig in ein Hörn verwandelt. Die sich aus der Oberfläche 
der Haut selbst entwickelnden Hörner kommen am häufigsten 
an den Händen und Füssen (Boreil us, Lachmund, 
Dolaeus, Denis, Marc, Otto, Lages), im Gesichte 
(Borellus, Riverius, Fournier, Vicq d'x\ zyr, 
Breschet, B. Wagner, Lorinser, R. Froriep), 
manchmal auch an den Augenlidern (V o i s in ) , am Rücken, 
Sternum (Rigal), Hinterbacken (Rigal), Penis, fer- 
ner am Anfange der Schleimhäute, als an der Caruncula la- 
crymalis (Chavane), Hornhaut, am' rothen Lippenrande 
(der Verf.), an der innern Fläche der Vorhaut (Dieffen- 
hach), an der Eichel (R egh eil e ni, Boniolli, Cal- 
dani, Ebers, Desbrus, Breschet), an den Scham- 
lippen vor. Auch bei Thieren hat man sie beobachtet, z. B. 
bei Pferden, Ochsen, Schafen , Tauben. Sie entstellen 
entweder ohne oder mit Schmerzen, unter Jucken , Brennen 
und Bluten der Haut, besonders wenn sie sich aus einem 
Hautausschlage entwickeln. Anfangs sind sie weiche, all- 
mählig sich vergrössernde und verhärtende Auswüchse, wel- 
che endlich die gekrümmte oder die spiralförmig gewundene 
Gestalt eines Hornes annehmen , conisch, hart, schwer, fi- 
brös, graulich, faltig, rauh, manchmal mit Haaren besetzt 
(Bonner Gabinet, R. Froriep) und von verschiedener Län- 
ge und Dicke sind ; man hat sie I — 12 Zoll lang und 3 Linien 
bis 2 Zoll dick gesehen. Meistens kommt nur ein Hörn vor, 



Cornua cutis — Corpora aliena. 395 

doch auch zuweilen mehrere, selbst viele über den ganzen Kör- 
per verbreitete (Peacoek), wo dann die Krankheit in die 
Ichthyosis übergeht. Einzelne Hörner ■wachsen oft bedeutend 
schnell, so dass sie z. B. alle ^ — 1 Jahr 2 — 3 Zoll abgesägt 
werden müssen , -wenn sie an einem Theile geniren. Nach 
dem oft periodisch geschehenden Abfallen oder Abreissen 
kommen sie meistens wieder oder hinterlassen Geschwüre. — 
Die Basis ist ein weicher Wulst und die Wurzel besteht ge- 
wöhnlich, besonders an Schleimhäuten, aus einem speekähnli- 
clien gefässreichen Gewebe (ähnlich der Matrix der Nägel), 
auf das eine weisse, weiche, faserige Substanz folgt, die im- 
mer härter wird. Farbe, Härte und Durchsichtigkeit hängen 
von dem Gehalt an Kohlenstoff, phosphorsaurem Kalk und ei- 
ner leimartigen Substanz ab und sie weichen im Ganzen wenig 
von den Hörnern des Rindes und den Sporen der Gallinaceen 
ab. Der vorzüglichste chemische Bestandteil ist oxygenirter 
Eiweissstoif , der sich nach Fourcroy und H a t c h e t in 
den Nägeln , Hörnern und der Epidermis der Thiere und des 
Mensehen findet. Die Behandlung hat die locale oder consti- 
tutionelle Heizung der Haut zu entfernen, die Thätigkeit der 
Haut durch einfache oder Sublimatbäder, Sublimat, Calomel, 
Sulph. aurat. , Antim. crud. , Graphites, Decoctum Zittmanni, 
Syrupus de Laffecteur zu reguliren , und wenn das Hörn nicht 
von selbst abfällt , dasselbe mit seiner Wurzel (Boden) zu ex- 
stirpiren (P e n s a , der V e r f.) und nach Umständen den Bo- 
den zu cauterisiren , in der Nähe eine Fontanelle anzulegen 
und eine geeignete Nachcur anzuordnen (vergl. Ichthyosis?)» 

Literatur: Rudolphi, über Hornbildungen, in Abhandl. der 
Berliner Akademie. 1S14 — 15. — Ernst, Dissert. de corneis h. 
corp. excresceufiis. Berl. 1S19. — Westrumb inHorn's Ar eh. 
f. med. Erf. 1S2S. März. — Landouzy, Mem. sur une corne 
hum. Paris 1S36. — Ainsworth, Diss. de corneis h. corp. ex- 
crescentiis. Berol. 1S36. — Abbildungen: Loder's Journ. 
d. Chir. I. 441. — Cruveilhier, Anat. pathol. Livr. VII. Taf. 
6. — v. Froriep's Notizen. VII. S. 33 u. Chir. Kpf, T. 231. — 
C a 1 d a n i in Meckel's Arch. f. Phys. T. 2. — Ainsworth 
a. a. O. j. 

COBPORA ALIENA (C. extus admota, fremde Kör- 
per, von aussen eingedrungene fremdeKörper, 
Allcnthcsis — von a'/.lrr, anderswohin — Eu genesen von 
Eisen mann) sind alle auf gewöhnlichen oder ungewöhnli- 



396 Corpora aliena. 

chen Wegen von aussen in den Körper eingedrungene, be- 
lebte oder unbelebte Substanzen. Mehrere, z. B. Riehe- 
rand, Chelins, v. Walther, Eisenmann, rechnen 
alle dem Baue und der Function eines Organs fremdartige 
Stoffe hieher, als: Blut-, Harn- und Kothextravasate, die 
zurückgehaltenen Auswurfsstoffe (Rcfentioncs) als : die Pneu- 
matosis , Hydrops , Lithiasis , die Aftergebilde und manche 
Ton uns zu den Hypertrophien gezählte Krankheiten, z. B. die 
Warzen und Hühneraugen ; doch heissen auch sie nur die von 
aussen eingedrungenen Substanzen „fremdartige Körper"; 
wir handeln sie als Organa aliena unter den Neuen Bildun- 
gen ab. 

Fremde Substanzen dringen von aussen durch natürliche 
oder widernatürliche Oeffhungen oder durch die Haut oder die 
Schleimhäute in das Parenchym oder in Höhlen des Körpers, 
Die durch Wunden eingedrungenen fremden Körper werden 
gewöhnlich und auch von uns bei den Wunden abgehandelt. — 
Die Symptome rühren theils von den mechanischen theils 
von den dadurch bewirkten dynamischen Störungen , also vom 
Drucke, der Ausdehnung, Congestion, Reizung, Entzündung 
lind ihren Ausgängen her. Sie sind bald heftig und Gefahr 
drohend, bald auffallend gelind, vorübergehend oder perio- 
disch , was von der Gewöhnung des Organs an die Gegenwart 
des fremden Körpers oder von der Veränderung der Lage her- 
rührt; oder die Symptome wechseln den Ort, was bald die 
Folge der Wanderung des fremden Körpers , bald der Mitlei- 
denschaft eines anderen Organs und des Zurücktretens der 
idiopathischen Symptome ist. Sehr selten erfolgt die Natur- 
heilung durch Auflösung oder Einkapselung (in einen secun- 
dären Balg) , häufiger mittels der Ausstossung durch die Be- 
wegung und Zusammenziehung hohler Organe oder durch Ei- 
terung und Brand. Den Tod können sie durch die Störung 
der Function eines Organs oder durch die Ausgänge der Ent- 
zündung veranlassen. — Die Diagnose stützt sich nebst 
Berücksichtigung des Zufalles auf die folgenden Symptome 
und die chirurgische Untersuchung des Theiles. Die Pro- 
gnose hängt von der Natur des Körpers und seinem Sitze, 
sowie von der Wichtigkeit des Organs und von der Möglichkeit 
der Natur - oder Kunstheilung ab. — Die Behandlung hat 
1) den fremden Körpejr so bald als möglich zu en tf er- 



Corpora allen a, 397 

nen; diess geschieht a) durch Einspritzungen , Bemessun- 
gen , Waschungen u. s. w. ; b) durch Erregung der Muskel- 
contraction, z. B. Brech- und Abführungsmittel; c) durch 
die Extrac tion (eine meistens unblutige Operation) der- 
selben mit den Fingern , den verschiedenen Arten von chirur- 
gischen Zangen (den einfachen, grossen und kleinen, gezähn- 
ten und Hakenpincetten , der Korn -, Polypen - , Steinzange), 
den hebeiförmigen Instrumenten (dem Ohr - und Augenlöffel, 
dem Mund- und Augenspatel), den stumpfen Hakenarten, 
den Bohrern ; d) durch einfache oder zusammengesetzte I n- 
cisionen (Operatid) , z. B. die Kerato - , Laryngo - , Oe» 
sophagotomia; e) durch Beförderung der Eiterung. 2) muss 
sie die durch die Gegenwart der fremden Körper erregten Ner- 
venzufalle und Entzündung bekämpfen und das Leben fristen, 
wenn die Entfernung unmöglich ist. 

1. Fremde Körper auf der Ober fläche beein- 
trächtigen durch Compression und Einschnürung vorragende 
Theile des Körpers ; hieher gehören vorzüglich die verschie- 
denen Ringe und die Ketten. Ausser den Fingern , wo die 
Ringe durch das Dickerwerden allmählig die Finger einschnü- 
ren, wird manchmal der Penis durch eiserne Ringe, Schlüs- 
sel und ähnliche rundliche Gegenstände aus Muthwillen, hy- 
pochondrischer Sorge zur Verhütung von Pollutionen u. s. w. 
geführt und dadurch eingeklemmt, entzündet und brandig und 
das Uriniren verhindert. Das Durchfeilen des Ringes ist we- 
gen der GescliMulst selten möglich , manchmal auch nicht das 
Durchkneipen desselben mit einer starken Nagel- oder Draht- 
zange, wenn er zu breit und zu dick ist; in solchen Fällen 
muss man passende Einschnitte in die Haut vor und hinter dem 
Ringe machen oder die brandige Haut vor dem Ringe abprä- 
pariren , worauf der letzte leicht vorgezogen werden kann. 
Die Abscissio penis ist nicht angezeigt, weil sich in solchen 
Fällen der Brand auf die Haut beschränkt und die Eichel und 
Corpora cavernosa penis gesund sind. 

2. Fremde Körper unter der Haut sind vorzüg- 
lich abgeschnittene und eingeheilte Ligaturen und Nadeln; 
letztere durchwandern oft eine grosse Strecke und gehen nicht 
nur nach unten sondern auch nach oben, und zwar meistens 
ohne Eiterung. Sie dringen entweder zufällig durch die Haut 
oder werden absichtlich durch dieselbe eingestochen ; in letz- 



398 Corpora aliena. 

ter Hinsicht ist die von Seh» mach er bekannt gemachte 
Geschichte der Rachel Herz berühmt. 

3. Fremde Körper im Auge befinden sich entwe- 
der 1) zwischen den Augenlidern und den Augenhäuten oder 
2) sie sitzen in der Cornea oder Sclerotica fest, oder sie ha- 
ben erste durchdrungen und liegen entweder frei in der vorde- 
ren Augenkammar oder sind in die Iris oder Linse eingekeilt. 
Zu den erstem gehören: Staub, Schnupftabak, Tabaksasche, 
Sand , Kalk , Säuren , siedendes Oel und Fett, Pech., Pflan- 
zenfasern, Knospenschuppen, Saamen , Grammen, Insecten, 
Flügel derselben, Ilaare, besonders von den eigenen Wimpern, 
Krebsaugen , die man zur Entfernung anderer fremder Körper 
einbrachte (Beer, v. A mm o n) ; diese Körper sind meistens 
in den Falten der Conjunctiva des oberen Augenlides einge- 
sackt. Zu der zweiten und dritten Art gehören: Glas-, Stein-, 
Stahl-, Eisen-, Holz - und Federkielsplitter, Getraidegram- 
men (beim Schneiden des Getraides) , Pulver - und feine 
Schrotkörner, abgebrochene Spitzen von Staarnadeln und 
Staarmessern. Es entsteht sogleich heftiges Brennen und 
Stechen, besonders unter dem oberen Augenlide bei der Be- 
wegung des Auges und der Augenlider, vermehrte Thränen- 
absonderung (daher Schwimmen des Auges in Thränen , glän- 
zendes Anseilen des Augapfels, Thränenfluss) , Augenlid- 
krampf, augenblickliche Einspritzung (Congestion) der Ge- 
fässe der Conjunctiva und Sclerotica, Taraxis catarrhalis, 
manchmal Ecchymosen der Conjunctiva oder Haemophthal- 
mia ant. Wird der fremde Körper durch die Thränen und 
das Reiben des oberen Augenlides nicht bald entfernt , so ent- 
steht traumatische Conjunctivitis, Scleritis , Keratitis, Iri- 
tis mit den Ausgängen in Abscessus conjunctivae, Pannus, 
Abscessus corneae, Verdickung und Verdunklung der Cor- 
nea, Hypopium , Abscessus iridis, Exsudatio pupillae, je 
nach dem Sitze des Körpers. Diese Entzündungsformen 
dauern so lange, als der fremde Körper im Auge ist, selbst 
Jahre (7 in II ör in g's Falle) und sind von mehr oder weni- 
ger heftigen Augen- und Kopfschmerzen begleitet, besonders 
wenn der fremde Körper frei in der vordem Augenkammer 
liegt, wo sie namentlich durch Bewegung vermehrt werden. 
Aetzende Stoffe veranlassen einen oberflächlichen Brandschorf 
der Conjunctiva und nach dessen Abstossung Excoriation und 



Corpora aliena. 399 

in deren Folge manchmal theilweise Verwachsung der Augen- 
lider unter sich oder mit dem Augapfel. Der fremde Körper 
wird entweder durch die Eiterung ausgestossen (z. B. Schrot- 
kürner) oder eingekapselt (z. B. Steinsplitter in der Iris — 
ron Amnion — wobei aber die chronische Entzündung mei- 
stens fortdauert und die Function des Auges gestört bleibt) 
oder aufgesogen (z. B. metallische, besonders in der vordem 
Augenkammer, sie rosten nämlich und werden allmählig klei- 
ner — C 1 i n e's Fall von abgebrochener Spitze eines Siaar- 
messers). — Zur Diagnose muss man das Auge genau un- 
tersuchen, besonders oft das obere Augenlid umstülpen. Ver- 
wechslung ist mit Ophthalmia catarrhalis und rheumatica 
möglich , besonders wenn der Körper in die vordere Augen- 
kammer gedrungen und die Cornea schon verdunkelt ist. — 
Die Entfernung des fremden Körpers geschieht: 
a) durch Ausspritzen, Begiessen, Baden des Auges (mit- 
tels der hohlen Hand oder des Augenwänuchens) mit lauem 
Wasser oder Milch; zur Entfernung der Eisensplitter ist Kri- 
mer's Zusatz von einigen Tropfen Salzsäure zum Wasser un- 
nötliig ; b) Au spinsein mit einem feinen Haarpinsel (we- 
niger passend mit einer zarten Feder — Maitre Jean und 
Demours — oder mit einem Stäbchen und Baumwolle — 
Verdnc — oder einem Schwämmchen — Dionis) oder 
durch das Waschen mit feiner befeuchteter Leinwand. Auf 
diese Art kann man Sand, Asche , [ Haare, vegetabilische Fa- 
sern, Schnupftaback , Pflaster, Kalk^ Säuren (letzte zwei mit 
Oel , Milch) , selbst Metallsplitter wegbringen ; c) durch 
Aufheben des fremden Körpers mit dem federnden Spatel 
oder dem Augeulölfel , wenn der fremde Körper grösser ist 
und zwischen dem untern Augenlid und dem Augapfel sitzt; 
d) durch die Extraction mittels kleiner Pincetten (z. B. 
der von v. Ammon) oder des Augenspatels oder der Staar- 
lanze, wenn der Körper in den Häuten steckt; e) durch die 
Excision mittels des Messers oder der Scheere und Pin- 
cette, wenn er unter die Conjunctiva sich eingesenkt hat^ 
f) durch die K e r a t o m i a, die Eröffnung der vordem Augen- 
kammer, wenn der Körper in der vordem Augenkammer frei 
liegt oder in der Iris eingesenkt ist; C.Jäger entfernte so 
einen dreieckigen, 2'" langen Glassplitter mit Erfolg (H ö - 
ring). Obsolet sind das Einführen eines Stückchen Harzes 



400 Corpora aliena. 

oder Wachses (Rliazes, Bartisch), der Wicken , Perlen, 
Krebsaugen (Bartisch, Fabr. Hilda n.) unter die Lider, 
an die sich der fremde Körper hängen soll, oder das Vorhalten 
eines mit Bernstein geriebenen Tuches oder eines Magnetes 
(F a b r» H i 1 d a n u s, Verduc).- — Wenn der fremde Körper 
entfernt ist, so bekämpfe man die Entzündung des Auges 
durch kalte Fomentationen, Solutionen von Aqua sat» , Zinc. 
sulph., Alaun, Blutegel; dasselbe geschehe, wenn die Ent- 
fernung des Körpers nicht möglich ist. Wenn die Eitraction 
bei enger Augenlidspalte schwer ist und Metallsplitter ober- 
flächlich sitzen , so überlasse man ihre Ausstossung der Eite- 
rung , die in 4 — 8 Tagen ohne Nachtheil erfolgt. 

4. Fremde Körper im äusseren Gehörgange. 
Hieher gehören: Haferkörner, Kaffeebohnen, Kirschkerne, 
Erbsen und Bohnen (die sehr bald anschwellen und selbst kei- 
men können) , Glasperlen (Fabr. H i 1 d a n.) , Kreide , Zu* 
cker , Kieselsteine , Steinkohle ; Papierkugeln (S a b a t i e r), 
welche sich Kinder aus Unachtsamkeit hineinbringen oder bei 
Arbeitern hineinfallen, ferner verhärtetes Ohrenschmalz, be- 
sonders um einen Pfropf von Baumwolle (Power) oder In- 
secten , als Floh, Fliege, Ameise, Käfer, Brückenschabe — ■ 
Blattet, germanica — , Larven von Dipteren (Comp erat, 
M en ar d). Diese Körper verursachen je nach ihren physi- 
schen Eigenschaften und der Tiefe ihres Sitzes, besonders 
am Trommelfell , Sausen und Reissen und heftigen Sclimerz 
im Ohre, besonders beim Kauen , Schnauben und Husten, der 
sich endlich auf die ganze Seite des Gesichtes und Kopfes er- 
streckt, Schwerhörigkeit, Taubheit, manchmal Otorrhöe, 
Blutungen , Caries , und selbst Convulsionen und Delirien. — = 
Verhärtetes Ohrenschmalz sucht man zuerst durch laues Salz- 
oder Seifenwasser von den Wänden zu lösen ; bei der E xtr a- 
ction ist die Anwendung eines Ohrspiegels und des künstli- 
chen Lichtes unnöthig und selbst hinderlich. Man macht 
durch Hinaufziehen des äusseren Ohres nach oben und hinten 
den Gehörgang gerade und entfernt feste Körper mit dem sil- 
bernen Ohrlöffel oder dem Augenlöffel oder mit. einer etwas 
gebogenen Haarnadel (Champion), welche Instrumente 
man aber nicht längs der unteren (B oy er) sondern einer Sei- 
tenwand (Deleau) einführen muss. Die feinen Pincetten 
und Zangen sind dazu meistens unpassend, weil sie zuviel 



Corpora aliena. 401 

Raum fordern, auch Lincke's gekrümmte und zerlegbare 
Zange scheint unnöthig zu seyn ; die schraubenförmigen In- 
strumente (der kleine Ohrschraubenzieher, H i 1 d a n's Tire* 
fond) sind ganz zu verwerfen. Zur Tod tun g der Insecten und 
Würmer giesst manOel, Tabackssaft, Ol* terebinthinae, TincU 
opii , Aqua laurocerasi , — saturnina , — nigra , Sol. merc, 
sublimati ein. 

5. Fremde Körper in der Na s e un d in: ihren 
Nebenhöhlen. A.Würmer. Am häufigsten kommen die 
einfachen Maden und die Larven der grosser! Fleischerfiiege 
(die 6 — 7 Linien lang, weiss, fleischig sind, an dem dünnen 
Ende einen hirsekorngrossen Kopf und ein hinteres dickeres 
Ende haben und sich lebhaft bewegen; Fabr. Hildan us, 
T u 1 p i u s, L i 1 1 r e, d'A stras, Mac-Gregor) vor , doch 
haben Malouet und Marechal auch den Tausendfuss, den 
elektrischen Skolopender beobachtet. Ozaena und übler Ge- 
ruch aus der Nase bilden häufig die Anlage; Gelegenheits Ur- 
sachen sind: Riechen an Blumen, wodurch Eier von Insecten 
in die Nase gezogen werden, Schlafen auf dem Felde, in der 
Nähe von Mist und faulenden thierischen Körpern. Die Sym- 
ptome sind : ein unbequemes Kitzeln , Ameisenkriechen , fixe 
Schmerzen in einer Stirn- oder Wangenhöhle, periodische 
dumpfe oder heftige halbseitige Gesichts- oder Kopfschmer- 
zen, Niesen, Thränenfluss , übler Geruch aus der Nase, 
stinkender, blutiger Nasenßuss , Geschwulst und Röthe de? 
Nase, Ohrensausen, Uebelkeit, Erbrechen $ Unruhe, Kräm- 
pfe, Schlaflosigkeit. Diese Zufälle remittiren und intermit- 
tiren , exaeerbiren wie beim Gesichtsschmerz und verlieren 
sich nach dem freiwilligen Abgange von Würmern , der oft in 
ungeheurer Anzahl, z. B. von 100 und mehr, erfolgt. — Tritt 
dieser nicht freiwillig ein, so geba man Niesemittel, lasse 
Dämpfe von heissem Wasser mit Spirit. vitrioli oder Spir. saL 
ariiraon. in die Nase gehen oder mache Injectionen von Inlüs. 
herb, nicotianae , Sei. merc. sublim. , Terpenthiri (Ol. t£reb. 
gtt. viii. 01. oliv. 51. Tinct. op. oßj» — B. Feste Substan- 
zen. Bei Kindern sind es gewöhnlich Erbsen, Bohnen, Stein- 
chen , Glasperlen, Knöpfe, Stücke von Thonpfeifen u. s. w.j 
welche beim Spielen in die Nase kommen ; bei Erwachsenen 
können fremde Körper durch Schlag, Stoss oder Fäll in die 
Nasenhöhle dringen, sich daselbst einkeilen und durch Abbre- 
Handwörterb. d. Ch. II. g(j 



402 Corpora aliena. 

chen an der Nasenölfnung unentdeckt bleiben , z. B. Pfeifen- 
und Rappierspitzen(Wendt), aber auch zur Blutstillung ein- 
gebrachte und zurückgebliebene Tampons gehören hieher. 
Das Nasenbluten und die Entzündung verlieren sich etwas , es 
bleibt nicht selten blos Druck oder Ausfluss, Verschwärung 
der Nasenknorpel, Entzündung der Augen zurück; in anderen 
Fällen entstehen sogleich oder erst spät Hirnzufälle. Bei al- 
len Verletzungen der Nase und bei allen Ozaenen muss man 
die Nase genau untersuchen, indem man das eine Nasenloch 
zuhält, die Luft durch das andere schnauben lässt tind sie 
nicht blos mit den Augen sondern auch mit einer dicken Sonde 
untersucht. Die Entfernung der festen fremden Körper ge- 
schieht mittels des Ohr- oder Augenlöffels , schmaler einfa- 
cher oder gezähnter Pincetten oder Korn- oder Polypenzan- 
gen; manchmal kann bei Erwachsenen die Einführung des 
linken Zeigefingers in die Choane nöthig seyn, um den frem- 
den Körper zu fixiren oder man muss ihn (durch Einführung 
einer dicken Sonde in den unteren Nasengang) in die Nasen- 
höhle stossen , wenn er in der Choane seinen Sitz hat , z. B. 
ein Tampon. 

6. Fremde Körper in der Luftröhre. Erbsen, 
Bohnen, Beeren, Nusskerne, kleine Steine, Schusser, Kork, 
Knöpfe, Nadeln, Gräten, Krebsscheeren (v. Walt her), 
Stücke Bleifeder, ausgefallene oder ausgezogene natürliche 
und künstliche Zähne (Houston, Abercromby, Bon- 
ner Cabinet), Blutegel, Kelleresel (Reiche) u. s. w. 
dringen entweder durch Hineinwerfen oder während des Spre- 
chens , Lachens, Gähnens und Seufzens in den Kehlkopf, weil 
beim Einathmen der Kehlkopf und die Luftröhre sich bedeu- 
tend erweitern , während das Auswerfen derselben durch die 
Verengerung beim Ausathmen erschwert wird. Sie sitzen 
entweder auf oder neben dem Kehldeckel, oder in der Kehl- 
kopfspalte oder in einer Tasche des Kehlkopfs oder in der Luft- 
röhre, besonders an ihrer Theilung, oder in einem Bronchus, 
namentlich im rechten breiteren. Selten treten Würmer aus 
der Speiseröhre in den Larynx (H a 1 1 e r, A r o n s o li n, B 1 a n- 
din). — Symptome: a) Im Kehlkopfe verursachen 
sie sogleich heftigen convulsivischen Husten, Veränderung 
und Heiserkeit der Stimme , Angst , Athmungsnoth , aufge- 
dunsenes, bläuliches Gesicht, stiere, hervorstehende, glän- 



Corpora aliena. 403 

zende, rothe Augen, Emphysem des Halses, Erschöpfung und 
den Tod (nicht selten schon nach 10 — 20 Minuten) unter 
Convulsionen. Diese Zufälle remittiren nicht selten und ex- 
acerbiren periodisch, wenn der Körper in den Kehlkopfsta- 
schen sitzt; Schmerz und Husten sind nicht so stark und an- 
haltend, die Krampfanfalle nicht so oft wiederkehrend, die 
Stimme nur periodisch heiser; es entstehen die Symptome 
der chronischen Laryngitis, b) Beim Sitze des fremden Kör- 
pers in der Luftröhre erscheinen die Zufalle des Kram- 
pfes oft nicht gleich oder verlieren sich bald wieder, sind ge- 
ringer und intermittiren meistens auffallend , nicht blos Stun- 
den, sondern sogar Wochen; diese Periodicität giebt daher 
dann , wenn über die Veranlassung Zweifel herrscht, zur An- 
nahme von Croup oder Krampfhusten Veranlassung. Manch- 
mal hat der Kranke das Gefühl von Druck, Brennen, Stechen 
an einer Stelle oder als wenn eine rauhe Substanz in der Luft- 
röhre auf- und absteige ; oft tritt Besserung bei starker Ex- 
spiration ein. Manchmal fehlen die Symptome fast ganz (we- 
nig Husten und Fieber, keine Schmerzen , keine Erstickungs- 
zufälle , kein geräuschvolles Athmen) oder sind sehr sonder- 
bar und treten unter der Form von allgemeinen Nervenzufäl- 
len, z. B. von Chorea oder Catalepsis auf oder dauern 3 — 8 
Jahre lang. In der Regel sind die Zeichen der Tracheitis 
tind Bronchitis chronica vorhanden. — - Die Ausgänge sind: 
1) in G e n e s u n g a) durch freiwilliges Erbrechen, das 
mit Ausnahme kleiner Brotkrümchen, welche in den Kehlkopf 
gekommen sind, im Ganzen selten ist; doch hat Donaldson 
eine Grasähre, Steinmetz eine Bohne nach 1 Monate, Rei- 
che einen Nusskern, Hey fei der ein Knochenstück nach 
8 Monaten, Desranges eine Fischgräte und eine Kornähre 
nach 1 Jahre, Crem er einen Knopf und Ei chelb erg ein 
Stück Kork nach 3 Jahren, Abercrombie einen künstlichen 
Zahn nach 2 f Jahren, v. Walther eine Krebsscheere nach 
7 Jahren, ein Amerikaner eine 14- Zoll lauge Bleifeder 
nach 9, Heyfelder Rudimente einer Pfeifenspitze nach 11 
Jahren aushusten sehen, worauf die Eiterungssymptome der 
Luftröhre und Lunge verschwanden; b) durch einen Ab- 
s c e s s am Halse oder Thorax, wenn der Körper spitz ist; so 
sah Desranges eine Grasähre austreten, was aber sehr sel- 
ten ist. 2) In den Tod, a) durch Erstickung, sogleich 

26* 



404 Corpora aliena. 

nach dem Eintritte des Körpers in den Kehlkopf, oder später, 
oft sehr spät, wenn der fremde Körper in Folge einer Anstren- 
gung , des Springen» oder Hustens plötzlich seine Lage verän- 
dert, sich z. B. in die Quere der Luftröhre spreizt oder in den 
Kehlkopf tritt; dieser plötzlichen und spät erfolgenden Ersti- 
ckung gehen oft nur sehr unbedeutende Symptome voraus 
(v. G räfe); b) durch Eiterung der Lunge mit sehr stin- 
kendem Auswurf, die oft 6 — 10 Jahre dauert; man findet die 
Trachea entzündet, verdickt, verschwärt, die Lungen hepa- 
tisirt und mit der Costalpleura verwachsen , und den fremden 
Körper meistens an der Theilung der Luftröhre oder im rech- 
ten Bronchus, selbst kleine Körper, z. B. einige Gran schwere 
Knochen können grosse Vomicae verursachen. — Die Dia- 
gnose ist oft schwierig, besonders wenn die primären Sym- 
ptome gering sind oder sich bald vermindern , wenn man über 
das Eindringen eines fremden Körpers keine Gewissheit hat ; 
daher ist in solchen Fällen leicht eine Verwechslung mit 
Croup, Keuchhusten, Catarrh, Bronchitis chron. möglich. 
Man berücksichtige den früheren Zustand des Kranken in Be- 
ziehung auf Krankheiten der Brust und Krampfbeschwerden 
und die Geschichte des Auftretens der jetzigen Zufälle, beson- 
ders die Grösse des angeblich in die Luftröhre gekommenen 
Körpers. Beim Croup finden die Athmungsbeschwerden beim 
Einathmen, bei fremden Körpern beim Ausathmen statt. 
Beim Keuchhusten gehen catarrhalische Zufälle voraus, das 
Keuchen hat keine Aehnlichkeit mit dem erstickenden durch 
fremde Körper hervorgebrachten Husten. Erstickungsgefahr, 
grosse Athmungsbeschwerden, Druck an einer Stelle rühren 
gewöhnlieh vom Festsitzen eines fremden Körpers an einer 
Stelle und von Verstopfung eines Luftröhrenastes her, na- 
mentlich spricht auch die Intermission der Zufälle für fremde 
Körper, während die Remission für Laryngitis. Das Stetho- 
scop liefert manchmal auch einigen Aufschluss ; das Geräusch, 
welches der sich in der Luftröhre bewegende Körper hervor- 
bringt, ist aber nicht beständig vorbanden, indem er sich zu 
Zeiten in den Luftröhrenast einklemmt; es fehlt dann ge- 
wöhnlich in der einen Lunge das Respirationsgeräusch, kehrt 
nach einem Hustenanfall wieder und verschwindet wieder oh- 
ne bekannte Ursache. Da der fremde Körper auch zwischen 
der Zungenwurzel und dem Kehldeckel oder diesem und den 



Corpora aliena. 405 

grossen Hörnern des Zungenbeines stecken und so den Kehl- 
deckel reizen kann > so muss man immer auch diese Gegend 
mit den Augen und dem Zeigefinger untersuchen. Beim Ver- 
dachte, dass die Zufälle von einem im Oesophagus steckenden 
und auf die Trachea drückenden fremden Körper herrühren 
könnten, muss man eine Schlundsonde einführen. — Die cau- 
sale Indication der Behandlung fordert die Entfer n ung 
des fremden Körpers aus der Luftröhre entweder durch ein 
starkes Brechmittel (bei kleinen und runden fremden Kör- 
pern) oder durch die Extraction mit den Fingern oder der 
Zange (bei dem Sitze desselben auf dem Kehlkopf, z. B. der 
Nadel, Gräten) oder durch die Bronchotomie — die Eröff- 
nung des Kehlkopfes oder der Luftröhre — , wenn Erstickungs- 
gefahr da ist oder ein anhaltender Schmerz die Gegenwart des 
fremden Körpers anzeigt. Da die Naturheilung selten und oft 
gefährlich ist, so mache man die an sich nicht gefährliche 
Operation bald, bevor die Entzündung bedeutend wird. Klei- 
ne und rundliche Körper gehen nach dem Schnitt leicht aus 
den Aesten in die Luftröhre zurück und werden oft mit gros- 
ser Gewalt ausgehustet; lange und zackige fasse man mit ei- 
ner passenden Zange, wenn man sie sieht; das Suchen mit 
der Zange ist nicht zu empfehlen. Zur Bekämpfung der 
Entzündung und Eiterung dienen die bekannten Mittel. 

7. FremdeKörper im Munde sind meistens spitzi- 
ge, scharfe, eckige Gegenstände, die sich in das Zahnfleisch, 
zwischen die Zähne, in hohle Zähne, in die Wangen (z.B. 
ein Kümmelsamen im Ductus Stenonianus — Fleisch- 
mann), in den harten und weichen Gaumen einsenken, z. B. 
Gräten , Knochen , abgebrochene Spitzen von Zahnstochern. 
Es entstehen dadurch nicht blos Entzündungen der betroffe- 
nen Tlieile, sondern auch sympathische Zufälle, z. B. Ge- 
sichtsschmerz, Amaurose (Fall von Galenczowsky von 
einer im Zahn stecken gebliebenen Zahnstocherspitze) , Kopf- 
schmerz , Ohrenleiden. Die Entfernung des fremden Kör- 
pers geschieht durch die Pincette. 

8. FremdeKörper in der Räch enhÖhle und 
in der Speiseröhre. Sie bleiben entweder wegen ihres 
Volumens oder ihrer ungleichen und spitzigen Oberfläche im 
Pharynx , in der Eustachischen llöhre , hinter dem Kehlkopf, 
oder am Ende der Speiseröhre sitzen , z, B, ungekaute Stücke 



406 Corpora aliena. 

Fleisch, Brod, harte Eier, Erdäpfel, Birnen, Aepfel, Kasta- 
nien, Bleikugeln, Schlüssel oder eckige Knochen, Zwetschen- 
kerne , Glas , Gräten , Nägel , Nadeln , Messer. In der Tu- 
ba Eustachii hat man Knochen, Körner, Gerstengrammen 
(Flei sc h m a an) , Spulwürmer (An dry) beobachtet; da- 
durch entsteht Ohrensausen, Schwerhörigkeit, unangeneh- 
mes Gefühl im Rachen. Die auf dem Kehldeckel und im Ra- 
chen sitzenden Körper kann man oft beim Niederdrücken der 
Zunge sehen und von aussen oder innen mit den Fingern oder 
der Sonde (der dicken gekrümmten B elPschen oder der von 
Fischbein ) fühlen ; sie verursachen lebhaften , örtlichen 
Schmerz, krampfhafte Zusammenziehung des Schlundes, Wür- 
gen, schmerzhafte heftige Vomituritionen, erschwertes oder 
völlig gehindertes Schlingen , Angst, Auftreibung und Röthe 
des Gesichtes, Klopfen der Carotideri, und selbst Erstickungs- 
zufälle oder wirkliche Erstickung (durch das Niederdrücken 
des Kehldeckels). Ein grosser fremder Körper hinter dem 
Kehlkopf kann sogleich Erstickungsgefahr herbeiführen, es 
fehlt dabei der röchelnde, quälende Ton beim Athmen, das 
zischende Geräusch des Hustens und die Schmerzen im Kehl- 
kopfe selbst, wie bei fremden Körpern im Kehlkopfe, der 
Kranke kann nicht schlingen. Die Ersticktingszufaile können 
auch hier periodisch nachlassen. Spitzige und eckige fremde 
Körper im Oesophagus machen stechende Schmerzen, beson- 
ders beim Versuch zum Schlingen , beim tiefen Einathmen, 
und bei Bewegungen des Halses, weniger Vomituritionen. 
Die Ausgänge sind: 1) in G en es iing; a) der fremde 
Körper wird ausgebrochen oder er tritt in den Magen und 
geht später mit dem Kothe ab, z.B. Bleikugeln, Münzen; 
doch entstehen oft später die Zufälle der fremden Körper im 
Magen und Mastdarme , z. B. bei Messerschluckern , bei ver- 
schluckten Gräten ; b) der fremde Körper durchbohrt , wenn 
er spitz ist (Nadel) den Oesophagus, durchwandert ohne 
Eiterung die Theile und kommt entfernt, z. B. am Arme oder 
selbst an einem Fusse hervor; diese Fortwanderung ist oft 
mit kleinen, oft mit bedeutenden Beschwerden verbunden; 
oder er veranlasst einen A b s c e s s des Oesophagus , der sich 
später nach aussen, am Halse oder selbst am Thorax, Öifnet; 
so sah P i n c en s eine verschluckte Kornähre durch einen Ab- 
scess zwischen zwei Rippen austreten. 2) In den T o d, a) durch 



Corpora aliena. 407 

Erstick u n g , b) durch Blutung (bei Glas - und Messer- 
schluckern), c) durch den Ä u s g a n g der Entzündung in 
Brand, Eiterung, Verengerung, oder d) durch Verhungern 
(Martin), wenn sich ein Körper in die Quere spreizt und 
keine beieutende Entzündung veranlasst. — Die Entfer- 
nung des fremden Körpers geschieht entweder 1) nach 
oben und zwar a) durch Erregung von Brechen mit- 
tels eines Brechmittels oder der Einführung des Fingers oder 
eines Federbartes in den Rachen , Schiagens auf den Rücken, 
Tabaksklystiere oder bei Unmöglichkeit des Schlingens mit- 
tels Infusion der Brechweinsteinsolution ( 2 — 4 Gran mit 
2 Unz. Aqua dest.) in eine Armvene, wenn der fremde Körper 
nicht sehr fest und besonders hinter dem Kehlkopfe sitzt, z. B. 
ein Stück Fleisch, eine Frucht. Der Erfolg der Infusion 
(Köhler, Bock, Kraus, v. Gräfe u. A.) ist oft sehr 
schnell , nach 10 — 15 Minuten , der fremde Körper wird mit 
grosser Gewalt herausgetrieben ; b) durch die Ext r actio n, 
wenn der fremde Körper hoch oben, besonders im Rachen sitzt 
und sichtbar, oder spitzig ist oder nicht durch Brechmittel 
entfernt werden kann. Man fasst ihn bei dem Sitze im 
Schlundkopfe mit den Fingern oder mit einer Korn - oder Po- 
lypen- oder Schlundzange (einer modificirten, langen und 
gekrümmten Kornzange, von denen F a b r. Hi 1 d a n u s, D i o- 
nis, Heister, Garengeot, Brambilla, Venell, 
Eckhold, Rudtorffer, Cooper, Weiss, welche an- 
gegeben haben). Beim Sitze unter der Kehlkopfgegend be- 
dient man sich der S chlu ndfänger oder Schlundh a- 
ken (Fanginstrumente), von denen aber die Drahtschlinge, 
Petit's Schlundkette (Stab mit einer kleinen Schlinge von 
einer Metallkette) ; Venell's, Ollenroth's, Roy's Instru- 
mente, und Eckhold's Schlundkorb, Schlundschirm, 
Schlundkäfig und Schlundsack unzweckmässig sind; bei stum- 
pfen Körpern, z. B. Münzen, Zwetschenkernen, braucht man 
den (englischen) Schlundhaken (Fischbeinstab mit den be- 
weglichen stumpfen Widerhaken) und bei spitzigen den 
Fischbeinstab mit Schwamm (Schlundstosser oder Schlund- 
schwamm von Fabr. Hildanus und Willis). Der Kopf 
des sitzenden Kranken wird stark nach hinten gebengt und von 
einem Gehülfen fixirt und der Mund weit geöffnet ; der Ope- 
rateur drückt mit dem linken Zeigefinger die Zunge nieder, 



408 Corpora aliena. 

führt das untere Ende eines fler genannten Instrumente an die 
hintere Wand des Rachens , schiebt es längs derselben schnell 
hinab und zieht es dann langsam zurück, worauf krampfhaftes 
Würgen , Erbrechen und Ausstossen des Körpers erfolgt, oder 
dieser hängt in den Haken oder im Schwämme. Husten und 
Auswurf von vielem schaumigen Schleim zeigen an, dass man 
in die Luftröhre gekommen ist. Der Schlundstosser mit 
Schlingen, die Röhre mit Schwamm, Petit's silberne und 
E ckh old's elastische Röhre mit Schwamm sind entbehrlich. 

2) Die Entfernung des fremden Körpers nach unten ist bei 
tiefem Sitze verdaulicher oder runder Körper, die nicht nach 
oben ausziehbar sind, indicirt, nicht aber bei scharfen, ecki- 
gen schneidenden Gegenständen, z. B. Tadeln und Glasstücken. 
Man befördert sie in den Magen durch Klopfen auf den Rücken 
oder Verschlucken eines starken Bissens gekauten Brodes und 
Wassers , oder durch das Ilinabstossen mit dem Schlund- 
schwamme (obsolet ist Petit's und M es ni er 's Bleiham- 
mer, eine Bleikugel an einer Schnur oder an einem Stab), 

3) Nach aussen geschieht die Entfernung des fremden Kör- 
pers durch Einschneiden der Speiseröhre -— Oesophagotomie, 
wenn der fremde Körper eingekeilt, weder durch Brechmittel 
oder die Schlundhaken nach oben-, noch durch den Schlund- 
stosser in den Magen befördert und keine Nahrungsmittel ein- 
genommen werden können ; wenn in solchen Fällen die wie- 
derholten Extractions- und Depressionsversuche zu keinem 
Resultat führen , so rathen die meisten Wundärzte die Aus- 
stossung des fremden Körpers der Natur zn überlassen > weil 
die Oesophagotomie schwierig und gefährlich sey, allein die 
Lösung durch Eiterung erfolgt oft sehr spät und es kann der 
Hungertod früher erfolgen. Wo dieser zu fürchten ist, ist 
die Operation nicht zu umgehen, deren Gefährlichkeit weni- 
ger durch Facta als durch den Mangel derselben vorgeschützt 
wird, Bei Erstickungsgefahr (durch den Sitz des fremden 
Körpers hinter dem Kehlkopfe) rathen Habicot, Calli- 
s e n , llicherand, B. B e 1 1 , R u s t und D i e f f e n b a c h 
immer die Tracheotomie der Oesophagotomie vorzuziehen, weil 
dadurch das dringendste Symptom, die Erstickungsgefahr ge- 
hoben werde und später der fremde Körper sich leicht ausziehen 
oder niederdrücken lasse. — DieEntzündungdes Schlundes und 
entfernter Theile (beim Fortwandern des fremden Körpers) 



Corpora aliena. 409 

rauss durch Aderlässe , Blutegel, ölige Injectionen, Hyoscya- 
mus 11. s. w. bekämpft werden. 

9. Fremde Körper imMagen undDarmcanale. 
A) Lebende; Melier gehören meistens Insectenlarven (die 
bald absterben), Raupen (Gaspard), Blutegel, seltner 
Schnecken, Eidechsen, kleine Schlangen. Sie verursachen 
Cardialgie, Erstickungs- und Nervenznfälle, Störung der Ver- 
dauung und Reproduction , die Blutegel ausserdem Blutbre- 
chen , blutige Stühle, Anaemie und den Tod (Larrey, B e - 
gin). Man giebt zu ihrer Tödtung Terpenthin, Infus, nico- 
tianae , Sabadilla, bei Blutegeln Salz- oder Essigsolution, und 
entfernt sie durch Brechmittel. Bei Magenblutung sind Fas, 
Alaunsolution , Alaunmolken zu verordnen. — B) Leblose 
Körper werden entweder zufällig oder freiwillig verschluckt 
oder gelangen bei dem primären Sitze im Oesophagus von 
selbst oder in Folge der Depression in den Magen. Diejeni- 
gen Menschen, welche grössere Gegenstände, z.B. Ilolzstü- 
cke, Münzen, Ringe, Uhren mit den Ketten , Schnallen, Bil- 
lardkugeln, Löffel, Weingläser, besonders aber spitzige und 
scharfe, als : Taschen- und Brodmesser, Gabel, Nägel u. s. w. 
aus Verstimmung des Appetites (Pica) oder aus Muthwillen 
und marktschreierischer Ruhmsucht oder aus Lebensüberdruss 
freiwillig verschlucken, heisst man Messerschlucker, 
Cultrivori ; von denen seit 300 Jahren der Prager oder Böh- 
mische, der Königsberger oder Preussische , der Baseler, der 
nord- und südamerikanische und die von Wesen er, Rit- 
ter, Fournier, Hunczowsky, Bjerlander und C o- 
p el an d beschriebenen die bekanntesten und auffallendsten 
sind. Die freiwillig verschluckten Körper sammeln sich oft in 
einer grossen Anzahl (10 — 100) und bedeutendem Gewichte 
(einige Lothe bis 2 — 3 Pfund) an , besonders im Magen und 
im Blinddarme, und verursachen Verstopfung mit Ileus oder 
Brand oder Verschwärung der Gedärme. In andern Fällen 
durchwandern sie allmählig denDarmcanal und man hat selbst 
grosse fremde Körper durch den Mastdarm abgehen gesehen, 
z.B. Fragmente von Degenklingen, Messer, Gabel, Löffel 
u. s. w. ; oder sie erregen Entzündung und Eiterung und tre- 
ten in die Blase, Scheide, Bauchhöhle oder durch die Haut 
am Unterleibe oder am Thorax (Bally) nach aussen. Die 
Zufälle hängen vom Sitze, dem Umfang, der Zahl und Be- 



410 Corpora aliena. 

schaffenheit der fremden Körper und von den Folgen der Rea- 
ction ab; die heftigsten Schmerzen entstehen durch die An- 
wesenheit fremder Körper, z. B. Steinchen, Knochenstückchen, 
Gräten, Schrote im Processus vermiformis (Heim jun.). 
Metallische Körper verursachen keine Vergiftungssymptome, 
da die Oxydation derselben zu langsam vor sich geht. Die 
Entfernung werde eingeleitet: 1) durch Brechm it- 
tel, wenn kleine, rundliche und stumpfe Körper im Ma- 
gen sind; doch kann man selbst Nadeln so entfernen, wenn 
man gleich auf die Solut. tart. stibiati das Weisse von 6 Eiern 
verschlucken lässt, in dessen Coagulnm sich die Nadeln hül- 
len ; 2) beim Sitze von Nadeln an der Cardia führe man den 
Schlundschwamm ein ; 3) Abführungsmittel; 
4) der Magen- oder Darm schnitt sind angezeigt, 
wenn der steckengebliebene fremde Körper eine deutliche Ge- 
schwulst macht und Gefahr durch Verstopfung vorhanden ist. 
Kann keines der angegebenen Mittel angewendet werden , so 
bekämpfe man die Entzündung und befördere die Abscess- 
bildung. 

10. Fremde Körper im Mast dar me gelangen ent- 
weder aus dem oberen Theile des Darmcanals 
hieher, z. B. Knochen, Fischgräten u. s. w., oder sie werden 
von aussen in ihn gebracht und zwar durch Z u f a 1 1 (z. B. 
beim Fallen oder bei der Stuhlentleerung auf dem Felde 
hat man bedeutend lange und dicke — selbst 6 — 12" lange 
und \" dicke — Stücke Holz oder Baumwurzel eindringen und 
sich verbergen sehen — Mohrenheim, Leber, v. 
Walther, v. Gräfe, Dahlenkamp), oder aus Mu th- 
willen und Unvorsichtigkeit (z. B. ein Schweine- 
schwanz, eine Schuhzange, Blutegel), oder mit Vorsatz, 
z.B. eine Glocke zur Heilung einer Diarrhöe (Seidlitz), 
das Ende eines Stockes zur Beförderung des Stuhlganges, oder 
von Gefangenen und Dieben Feilen und aufgerollte Sägeblät- 
ter u. s. w. — Diese Substanzen verursachen dumpfe, drük- 
kende oder stechende Schmerzen, das Gefühl von Schwere 
und Völle , Drang zum Stuhle und Harnen, Schmerzen der 
Blase, Kitzel in der Harnröhre , ischiadische Schmerzen und 
Störung der Bewegung, Entzündung, Brand, Eiterung, Fi- 
steln (besonders Fischgräten), Verdickung des Mastdarms. 
Sie bleiben oft lange, 1 — 2 Jahre da und können sich incru- 



Corpora aliena. 411 

stiren. Ihre Entfernung gelingt oft erst nach Mässigung der 
Entzündung, Verkleinerung durch Zangen, Oelinjectionen oder 
Incision des Sphincter, und wird theils durch Einführung eines 
oder zweier Finger oder der Hand eines Kindes (z. B. bei Glas- 
stücken) oder durch Korn-, Polypen-, Steinzangen oder 
Schrot-, Kugel- und Steinlöffel oder Bohrer bewerkstelligt. 
Blutegel tödtet man durch Klystiere von Salzwasser. 

11. Fremde Körper in der Harnröhre und 
Harnblase. Ihr Eindringen ist bald zufällig, bald absicht- 
lich herbeigeführt ; man hat Stecknadeln , Haarnadeln, Körn- 
ähren, Holzstäbchen , Bleistifte, Baumreiser, Drähte, abge- 
brochene Pfeifenspitzen , Stücke von Bougie und Catheter, 
Höllenstein, Federkiele, kleine Steine und sogar Gabeln, 
(II eracleus) in der Harnröhre und Blase gefunden. Häu- 
fig werden solche Körper vom Kranken bei Urinbeschwerden in 
die Harnröhre eingeführt, wo sie entweder stecken bleiben 
oder durch die antiperistaltische Bewegung der Harnröhre in 
die Blase gezogen werden. Sie verursachen theils Störung; 
und Unterdrückung der Harnausleerung , theils Entzündung 
der Harnröhre und Blase , Harninfiltrationen und Fisteln und. 
geben Veranlassung zur Incrustation. Ihre Entfernung ge- 
schieht a) mit einer schmalen Pincette , wenn sie im vordern 
Theil der Harnröhre sitzen ; man fasst dabei den Penis mit 
der linken Hand , fixirt den fremden Körper und schiebt ihn 
nach vorn; b) mit den Zangen von 11 unter, Weiss und 
Civiale zur Extraction von Harnsteinen aus der Urethra; 
c) durch die Urethrotomia , wenn der fremde Körper nicht 
extrahirt werden kann ; d) durch die Cystotomia, wenn der 
fremde Körper in der männlichen Harnblase sich befindet ; 
die in der weiblichen können meistens extrahirt werden, be- 
sonders wenn man die ohnehin weitere weibliche Harnröhre 
erst allmählig erweitert hat. 

12. Fremde Körper in der Mutterscheide. 
Ihre Einführung geschieht meistens absichtlich und von der 
Kranken selbst , z. B. Nadelbüchsen , Stücke von Wachslich- 
tern oder gelben Rüben , Pomadetöpfe (Dupuytren), oder 
zufällig, besonders beim Fallen, z. B. Stücke von Nachtge- 
schirren (Dieffenbach); am häufigsten werden alte , ver- 
gessene Mutterkränze (L a Motte, Morand, Dupuytren, 
Dieffenbach, Verf.) oder Reste derselben beobachtet, 



412 Corpora aliena — Corrosio. 

sie sind dann meistens incrustirt und nicht selten von Fleisch- 
auswiiehsen festgehalten (Moran d). Entzündung der Schei- 
de, Auflockerung der Schleimhaut, stinkender Äusfluss , Ge- 
schwüre und Fisteln , besonders Scheidenblasezifistel (Du- 
puytren), Mitleidenschaft des Mastdarms und der Blase sind 
die begleitenden Symptome. Man ziehe sie aus mit den Fin- 
gern , mit der Korn - oder Polypen - oder Steinzange , nach- 
dem sie aus dem Quer - in den geraden Beckendurchmesser 
gebracht, gut gefasst und nach Umständen mit einer Knochen- 
scheere zerbrochen (der Verf.) worden sind. Die Versclrwä- 
rung und der stinkende Äusfluss weichen bald auf den Gebrauch 
Ton Halbbädern, Injectionen und Fomentationen. 

Literatur. Dict. des sc. med. T. VIII. Art. Corps e'trangers. — 
Dietzenbach, Art Corpora aliena in Rust's Handb. d. Chir. 
B. V. (liegt als die beste Bearbeitung meiner Abhandlung zu Grun- 
de). — ad 3: Die Handbücher über Augenkrankheiten. — v. Am- 
nion, im Journ. f. Chir. XIII. S. 404. — Radius in Rust's' 
Handb. B. Y. S. 315. — ad 4: Die Werke über Ohrkrankheiten. 
■r- ad 6: Louis, in Me'm. de l'Acad. de Chir. T. IV. — Mar- 
tiniere, ibidem T. Y. — Hevin, ibid. T. I. — Eckhold, 
Ueber das Ausziehen fr. Körper a. d. Speisecanal u. der Luft- 
röhre. 2te Aufl. Lpz. 1809. — Begin, in Recueil de Me'd. mil. 
1S26. T. XX. — Albers, Ueber die Krankh. d. Kehlkopfes. — 
ad 8: Hevin, Eckhold u. Begin a. a. O. — Bordena- 
v e , Diss. de corp. «xtraneis intra oesophagum inhaer. Paris 1763. 
— Venell, Nouv. secours pour les corps etr. arret. dans l'oeso- 
phage etc. 1769. — Nauta, Diss. de corp. peregr. ex oesopha- 
go remor. Worcumi 1836. — Su e in Mem, de la Soc me'd. d'Emu- 
lat. IV. — Ri viere, Diss. sur un nouv. instrument propre ä 
extraire les corps etrangers de l'oesophage. Paris 1803. — De- 
deband, Diss. sur le corps e'tr. dans le pharynx et dans l'oeso- 
phage, Paris 1814. — Missoux, These sur les corps e'tr. dans 
les voies digestives etc. Paris 1825. — Blondeau, sur les corps 
^tr. dans le pharynx etc. Paris. 1830. — Mondier, in Arch. 
ge'n. de Me'd. T. XXIV. — Doussau, These des corps e'tr. 
dans l'oesophage. Paris 1831. — ad 9: Hevin, a. a. O. -*■ 
Wesen er, Hist. adolescentis a eultro, quem deglutiverat , per 
abscessum liberati. Hai. 1672. — Ritter, Merkw. Geschichte 
eines Mannes, der versch. fr. Körper etc. Hamb. 1803. — Bock in 
R u s t's Handb. der Chir. B,V. Art. Cultrivorus.— ad 10: Mo r and, 
in Mem. de l'Acad. de Chir. T. V. — v. Walther- im Journ. der 
Chir. I. 3. — Dahlenkamp, in Heidelb. klin. Annal. Y. I- — 
ad 11: Mo ran d, in Mem. de l'Acad. de Chir. T. III.— J, 

COKROSIQ s. Erosio s. Anabrosls , die Z e r n a g u n g , 
Z e r f r es s uii g, z. B. der Geschwüre und ihrer Umgebung, 



Cosmetica — Crypsorchis. 413 

entweder durch Absonderung einer scharfen Jauche oder durch 
ätzende zerstörende Mittel (Corrodetitia , z. B. Lapis causti- 
cus, Tinct. eaniharidum). W. 

COSMETICA (vcn xnouico, ich schmücke), Schön- 
heitsmittel, sind diejenigen, -wodurch man die Schön- 
heit des menschlichen Körpers zu erhalten oder wieder herzu- 
stellen sucht. Da es keine Schönheit ohne Gesundheit giebt, 
so ist es das Erste diese zu erhalten , um jene zu bewahren. 
Eins der wichtigsten Mittel dazu ist Reinlichkeit, besonders 
durch Cultnr der Haut, Bäder. Es gehören aber auch die 
künstliche Wiederersetzung verlorener Glieder, der Augen, 
Ohren, Nase, Zähne u. s. w. hierher, so wie die Orthopädie, 
indem sie die natürliche Form und dadurch die Schönheit 
des Körpers wieder herstellt, ein Theil der Cosmetik (a.rs 
cosmetica) ist. Im weiteren Sinne bezeichnet man damit 
auch die Mittel, wodurch die natürliche Schönheit nachgeahmt 
wird, und in diesem Sinne, als populäre Cosmetik , welche 
die Toilettenkünste behandelt, liegt sie ausserhalb des Ge- 
bietes der Keilkunde. IV* 

CRYPSORCHIS (von y.ovrruög, verborgen, und oc-/ig , 
der Hode), Tesiicondus, ein Mann, bei dem die Ho- 
den verborgen liegen. Es ist nicht selten, dass in 
Folge einer mangelhaften Entwickelung ein oder beide Hoden 
nach der Geburt bis zur Zeit der Pubertät, ja bisweilen für 
immer entweder in der Unterleibshöhle oder in dem Leisten- 
canale unbeschadet der allgemeinen Gesundheit und der Zeu- 
gungsfähigkeit liegen bleiben. (Es giebt aber auch Männer, 
welche ihre Hoden willkürlich in den Unterleib hinaufzie- 
hen können). Die Hoden , "welche meist kleiner gefunden 
werden, sind dann von der Tunica albuginea und dein innern 
Blatte der Tunica vaginalis propria umgeben; der Nebenhode 
liegt nach unten. Man findet in einem solchen Falle das 
Scrotum leer, aber an demselben keine Spuren von vorausge- 
gangenen Verletzungen ; der Bauchring ist gewöhnlich ge- 
schlossen ; die übrigen Zeichen der Mannbarkeit fehlen im 
vorgerückten Alter nicht. Liegt ein Hode im Leistencanale, 
so darf man die Geschwulst weder mit einem Bruche (s.Hernia) 
noch mit einer angeschwollenen Leistendrüse (s. Bubo) ver- 
wechseln. Nur in dem Falle, dass ein in der Leistengegend ge* 



414 Cubebae. 

lagerter Ilode Schmerzen, Entzündung erregte, würde es not- 
wendig werden durch zweckmässigeMittel, z. B. laue oder kalte 
Bleiumschläge, Blutegel u. s. w. diese Zufälle zu beseitigen. 
Hat sich aber eine wirkliche Einklemmung der Hoden in dem 
Leistencanale gebildet, und ist diese nicht durch anderweite 
Mittel (s. Herriia) zu beseitigen, so ist die Operation ange- 
zeigt. Diese besteht in Einschneidung und Blosslegung der 
einklemmenden und eingeklemmten Theile, nach denselben 
Regeln ausgeführt, wie bei dem Bruchschnitt (%,-IIemiotomia) 
angegeben ist, und in Zurückführung des Hoden in den Un- 
terleib oder nach Umständen in Herabziehnng desselben in 
das Sero tum (Richter, D u p u y t r e n). Zuweilen ist die 
Höhle des Scrotum geschlossen und man muss erst, wenn man 
den Hoden herabziehen will, durch Trennung der Theile eine 
neue Höhle zur Aufnahme des Hoden bilden. Koch schlägt 
vor nach Oeffnung der Scheidenhaut und Herabziehung des 
Hoden am untersten Winkel der Scheidenhaut einige blutige 
Hefte anzulegen , um dem Hinaufsteigen des Hoden vorzubeu- 
gen, die Hautwunde durch einige Knopfnähte und einen trock- 
nen Verband , welcher nur alle vier Wochen zu erneuern ist, 
zu schliessen. 
Literatur. Rosenmerkel, Radicalcur des in der Weiche 
liegenden Testikels. München 1820. JJA 

CUBEBAE, Cubeben, geschwänzter Pfeffer, 
voü Piper Ouheba _L 4 , sind die Früchte eines Strauches, 
(welcher in Ostindien, auf Java und den Philippinen wächst) 
welche ausser einem flüchtigen Oele einen gewürzhaften, schar- 
fen Stoff enthalten. Man wendet die Cubeben gegen Blennorr- 
hagien als ein die Schleimhäute, namentlich der Verdauungs- 
organe, aber auch der (männlichen) Harnröhre, massig er- 
regendes, reizendes Mittel bei Verdauungsschwäche, Flatu- 
lenz, vorzugsweise nach Crawford gegen Tripper als Spe- 
eificum in allen Stadien desselben an, besonders auch bei 
Nachtripper. Man giebt die Cubeben vorzüglich in Pulver- 
form, doch auch in Latwerge, im weinigen Aufgusse und der 
Spirituosen Tinctur; das Pulver zu 1 — 3 Drachmen täglich* 
Vülpeau verordnet die Cubeben, um den widerlichen Ge- 
schmack und die zuweilen nachtheiligen Wirkungen auf den 
Magen zu vermeiden , in Klystieren zu 2 — 8 Drachmen mit 
Eigelb und Eibischabkochung vermischt, 



Cucupha — Culter. 415 

R. Pip. Cubebar. 5J. B/. Cubebar. puhrerat $ij. 

Sacch. alb. 5C Villi aut Aquae 51J. 

M. f. pulv. S. Täglich drei Mal ei- Essenr. Bergamott. gutt. j. 

nen reichlichen Theelöffel voll. S. Alle Stunden einen Löffel voll" 

Gegen Blennorrhoe der Harn- bis zum Aufhören des Ausflus- 

röhre. ses zu nehmen. 

Potio antigonorrhoica Pierquin. 

w. 

CUCUPHA, Pileus, Sacculus ceplialicus, Cucultus, 
Krauter ha u be oder Mütze ist ein mit aromatischem 
Kräuterpulver gefüllter Sack von der Grösse , dass damit der 
ganze Kopf bedeckt werden kann. Man wendet ihn bei Rheu- 
matismus des Schädels, rosenartigen Entzündungen der Kopf- 
bedeckung u. s. w. an. IV. 

CUCURBITA, Cucurbitüla, Ventosa, Schröpfkopf* 
Ventose ist ein glockenförmiges , hohles Gefäss von Glas, 
Messing, Silber oder Federharz von II. — 2" Höhe und 14 — 
2" Weite, welches durch Verdiinnung der Luft mittels Er- 
hitzung derselben auf die Haut gesetzt wird, um einen Reiz 
auf derselben zu eTTegen(_Cucurbeiae s'tccae, trockene Schröpf- 
köpfe), oder um aus einer bereits zufällig vorhandenen oder 
absichtlich mittels eines Schröpfschnäppers , Blutegel , Bi- 
stouris gemachten Wunde Blut zu entleeren. Die gläsernen 
Ventosen sind die zweckmässigsten. Man bedient sich der- 
selben mit Vortheil zur Ableitung des Blutes und der Säfte 
von den inneren Theilen nach den äusseren , z. B. auf die 
Brustdrüsen bei Säugenden , um die Milch dahin zu leiten; 
auf vergiftete Wunden , um mit dem Blute das Gift aus der 
Wunde zu entfernen 11. s. w. Siehe Scarificatio. IV. 

CULTER , ein Messer, nennt man im Allgemeinen 
ein schneidendes Instrument, welches aus einer stählernen 
Klinge und einem Griife von Holz oder Hörn oder auch Metall 
11. s. w. besteht ; im Besonderen versteht man unter Messer 
in der Chirurgie jedes Messer, dessen Klinge im Griffe fest- 
stellt, zum Unterschiede von dem Bistouri und der Lanzette 
(Leo). Gemeiniglich haben sie auch eine stärkere, nicht 
hohl ausgeschliffene Klinge. Man kann die Messer einthei- 
len in 1) Messer, deren Klinge das Heft an Länge übertrifft; 
dahin gehören die Amputationsmesser , von denen das Notlü- 
ge und Wesentliche bereits in den Artikeln Ätiologie und Am- 
putatlo gesagt worden ist ; und in 2) Messer, deren Klinge 



416 Culter — Cnprum. 

kürzer oder eben so lang als das Heft ist, hierher gehören die 
Scalpelle. Die S c a 1 p e 1 1 e (Scalpellurn) dienen entweder 
zu allgemeinen , theils kleineren Operationen , z. B. II aut- 
schnitten, Wegnahme kranker Drüsen, Balggeschwülsten 
u. s. w. oder zu besonderen Operationen, von denen auch sie 
eine besondere Benennung erhalten haben, z. B. Cystitom, 
Herniotom , Keratom , Lithotom , Staarmesser u. s. w. ; toh 
diesen wird bei den besonderen Operationen die Bede seyn. — 
Die Scalpelle bestehen aus der Klinge und dem Hefte. An 
der Klinge unterscheidet man die Schneide , welche entweder 
gerade oder gewölbt (bauchig) ist} sehr scharf seyn muss, und 
nach vorn in eine scharfe, stumpfe oder geknöpfte Spitze über- 
geht. Nach hinten geht sie in die Ferse oder den Absatz 
über, welcher eine nach der Verschiedenheit der Grösse des 
Scalpells und der Klinge ^ — 1-'-" lange Platte mit geraden und 
stumpfen Rändern bildet, und sich entweder mit seiner gan- 
zen Breite durch das Heft hindurch erstreckt oder in einen Sta- 
chel übergeht, mittels dessen die Klinge an das Heft befestigt 
wird. Der Bücken der Klinge ist entweder stumpf, gerade, 
oder schneidend , gewölbt oder auch bisweilen ausgeschweift 
gegen die Spitze zu. Gewöhnlich ist der Rücken eines Scal- 
pells stärker als bei einem Bistouri. Die Länge der Klinge 
ist verschieden nach der Grösse des Scalpells und nach seinef 
Bestimmung, sie väriirt von * — 4' " Lange und 2 — 8 //7 Breite 
an der Ferse. Das Heft ist aus Holz , Hörn , Metall, Elfen- 
bein , Perlmutter verfertigt, meist gerade, rund, platt oder 
von pyramidalischer Form. Die Basis, oder derjenige Theil, 
welcher mit der Klinge in Verbindung steht, ist gerade abge- 
setzt, in der Mitte mit einem Loche versehen, oder mehr oder 
weniger tief gespalten zur Aufnahme des Stachels oder Schwei- 
fes. Der mittlere Raum hat die grösste Dicke ; der hintere 
Theil ist bald meisselförmig, bald kolbig. Bei stärkeren und 
grösseren Scalpellen geht gewöhnlich der Fortsatz der Klinge 
durch das ganze Heft hindurch , ist an dessen Fläche mittels" 
Nieten befestiget und dient als Schabeeisen. — Die Art das 
Scalpell zu führen , unterscheidet sich von der bei dem Bi- 
stöui'i angegebenen nicht. W. 

CUPRUM, s. Aes cy pricum, s, Venus, das Ku- 
pfer* Man bedient sich des Kupfers und seiner Präparate 
als eines tonischen j auf das Nervensystem kräftig einwirken- 



Cuprum. 417 

den, vorzüglich die Sensibilität des reproductiven Systems 
umstimmenden, alterirenden, krampfstillenden, Brechen er- 
regenden Mittel. Aeusserlich wirkt es tonisch, sty