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HANSISCHE 

GESCHICHTSBLÄTTER. < 



HERAUSGEGEBEN 



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LEIPZIG, 
VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT 



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HANSISCHE 

GESCHICHTSBLÄT.TER. 



HERAUSGEGEBEN 



VEREIN FÜR HANSISCHE GESCHICHTE. 
JAHRGANG 1877. 



LEIPZIG, 

VERLAG VON DÜNCKER & HUMBLOT. 
.879. 



Das Recht der Uebersetzung wie alle anderen Rechte vorbehalten. 

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Die Verlagshandlung. 






"1- 

INHALT. 



Seite 
I. Die Kirchen St. Nicolai und St. Marien zu Stralsund. Von 

Bürgermeister O. Francke in Stralsund 3 

n. Der Seeräuber Klaus Störtebeker in Geschichte und Sage. Von 

Dr. K. .KoppmanxL in Barmbeck bei Hamburg 37 

III. Der Handel des Deutschen Ordens in Preussen zur Zeit seiner 
Blüthe. Von Archivsekretär Dr. C. Sattler in Königsberg . . 61 

IV. Die Spiele der Deutschen in Bergen. Von Privatdocent Dr. J. 
Harttung in Tübingen 89 

V. Nachtrag zur Geschichte der Stadtverfassung von Cöln im Mittel- 
alter. Von Prpf. C. Hegel in Erlangen 115 

VI. Kleinere Mittheilungen. 

I. Zu den Verhandlungen der Hanse in England, 1404 — 1407. 

Von Prof. R. Pauli in Göttingen 125 

n. Notizen über Osterlinge und Stahlhöfe. Von demselben . 129 
HL „Stahlhof". Von Privatdocent Dr. K. Höhlbaum in Göt- 
tingen 133 

IV. Varitin Ritsagen. Von demselben 136 

V. Zwei weitere Rechnungsbücher der Grossschäffer von Marien- 

buirg. Von Archivsekretär Dr. C. Sattler ' *37 

VI. Herluf Lauritssöns Bericht über die Spiele der Deutschen 

zu Bergen. Von Dr. K. Koppms^nn 140 

VII. Spottlied auf Heinrich von Ahlfeld, Bürgermeister zu Goslar. 

Mitgetheilt von Prof. G. von der Ropp in Leipzfg ... 144 
Nachrichten vom Hansischen Geschichtsverein. 7. Stück. 

I. Sechster Jahresbericht erstattet vom Vorstande IfE 

II. Siebente Jahresversammlung des Hansischen Geschichts- 
vereins. Von Prof. W. Mantels in Lübeck .... XI 

III. Reiseberichte von Prof. D. Schäfer in Jena Xrx 



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DIE KIRCHEN 



ST. NICOLAI UND ST. MARIEN 



zu STRALSUND. 



VON 



OTTO FRANCKE. 



Hansische Geschichtsblätter. VII. 



Der Gegenstand der Thätigkeit des Hansischen Geschichts- 
vereines ist, wie schon sein Name besagt und der erste Paragraph 
seiner Statuten ausdrücklich ausspricht, die Erforschung der Ge- 
schichte der Hanse und der einzelnen ihr einst angehörigen Städte, 
also des ganzen Wesens und Wirkens dieses Bundes und seiner 
Glieder, wovon er ein möglichst treues, vollständiges und leben- 
diges Bfld zur Anschauung bringen soll*). Er hat daher, um seine 
Aufgabe zu erfüllen, die hansische Geschichte nicht etwa nur nach 
einMinen Riditungen hin in Betracht zu zieh^, sondern muss 
allen bedeutsamen Kundgebungen hansischen Wesens gleichmässig 
Beachtung schenken, namentlich also auch die hohe Wichtigkeit 
des freOich durch ganz prosaische Bedürfhisse hervorgerufenen und 
zu sehr materiellen Zwecken gestifteten Bundes für die geistige Ent- 
wickelung nicht blos unsers eigenen Volkes, sondern des gesamm- 
ten europäischen Nordens, darlegen, mit anderen Worten, die 
kulturgeschichtliche Bedeutung desselben in das Bereich seiner 
Forschungen ziehen, wie denn auch in dem Prospekte seiner Zeit- 
schrift verheissen wird, dass in derselben die mannigfachen Seiten 
des reichen Kulturlebens der hansischen Städte Berücksichtigung 
finden sollen. 

Nun aber ist bekanntlich nichts geeigneter, von dem Bildungs- 
stande eines Volkes eine Vorstellung zu geben, als dessen Litte- 
ratur und Kunst, Gegenstände, die überdem an sich so fesselnd 
sind, dass sie von je her die mannigfachsten selbständigen For- 
schungen und Darstellungen hervorgerufen haben. Also auch den 



*) (Diese Arbeit wurde in der Pfingsten 1877 zu Stralsund stattge- 
habten JahresTersammlung des hansischen Geschichtsvereins vorgetragen. 
D. Red.) 



i* 



— 4 — 

im Gebiete der Hanse zu Tage getretenen Htterarischen und künst-. 
lerischen Bestrebungen hat unser Verein fort und fort seine Auf- 
merksamkeit zuzuwenden, und zwar um so mehr, als sich im 
Mittelalter die Litteratur wie die Kunst überall weit eigenartiger 
und volksthümlicher gestaltete, als heutzutage. 

Was nun die Litteratur jener Zeiten anbetrifft, so hat an 
der Entwickelung dieser aus Gründen, deren Darlegung hier zu 
weit führen würde, die Bevölkerung der - Hansestädte einen ver- 
hältnissmässig geringen Antheil genommen, wenn sie sich auch 
keineswegs etwa gleichgültig gegen den dichterischen Geist, wel* 
eher damals die Gauen unseres Vaterlandes durchwehte, verhalten 
hat, wie es denn ja hansische Kaufleute waren, die den Nord- 
männern die Gesänge lehrten, aus welchen diese die für die Kennt- 
niss unserer ältesten epischen Volksdichtung so hochwichtige Vilti- 
nasaga bildeten; aber ungleich bedeutender doch und in der That 
sehr rege und erfolgreich ist die Thätigkeit in den grossentheils so 
reichen und mächtigen hansischen Gemeinwesen auf dem Gebiete 
der bildenden Künste gewesen, namentlich auf dem der Bau- 
kunst, welche ja überhaupt im Mittelalter ihre Schwestern so ent- 
schieden überwog, dass Malerei wie Skulptur beinahe ausschliess- 
lich nur in ihrem Dienste zur Geltung kamen, und welche sich 
damals in einer so herrlichen, grossartigen Weise entfaltete, dass 
wir noch heute trotz aller Fortschritte in der Technik staunend 
und bewundernd, ja beschämt zu ihren uns erhalten gebliebenen 
Schöpfungen emporblicken. 

Freilich, der Gipfel mittelalterlicher Baukunst ist in dem 
eigentlichen Hauptgebiete der Hanse, dem nordöstlichen Deutsch- 
land, nicht erreicht; gleichwohl sind auch in diesem Theile unsers 
Vaterlandes und insbesondere, in allen bedeutenderen dortigen 
Hansestädten in jener Zeit Bauwerke von grosser Schönheit auf- 
geführt worden, Werke, welche den Beschauer mit Wohlgefallen 
mnd Ehrfurcht erfüllen, auf welche die Bewohner der Orte, an 
denen sie sich befinden, mit Recht stolz sind; und die einen be- 
deutsamen Platz in der Kunstgeschichte des Mittelalters einnehmen, 
zumal sie einen massgebenden Einfluss weit über die deutschen 
GzGDzen hiaaua, nämlich nach Schweden, Dänemark, den heutigen 
uasiscfaen Ostseeproviiuen und einem Theile Polens, besonders der 
alten Hauptstadt dieses Landes, Krakau, hin geäussert haben. 



— 5 -^ 

Auch Stralsund» welches ja zu den bedeutendsten Gliedern 
der Hanse zählte, hat sich bei den baukünstlerischen Bestrebungen 
jener Zeit aufs Lebhafteste betheiligt, wovon, so sehr auch ver- 
heerende Feuersbrunste, feindliche Geschosse und der Veränderte 
Geschmack der späteren Jahrhunderte zusammengewirkt haben, 
am den früheren baulichen Charakter der Stadt mehr und mehr 
zu verwischen, doch noch zahlreiche sichtbare Beweise vorhanden 
sind. Vor Allem aber liefern solche die noch erhalten gebliebenen 
kirchlichen Gebäude, an denen in früheren Zeiten bei uns, wie 
auch sonst fast überall, der architektonische Kunstgeschmack am 
Vollkommensten zum Ausdruck gelangt ist, während er sich heut- 
zutage hauptsächlich an Palästen der Grossen und Reichen, Schau- 
spielhäusern und Bahnhöfen auszuprägen pflegt. 

Einer Rechtfertigung* des Gedankens an sich, einige der hie- 
sigen Kirchen zum Gegenstande eines Vortrages in einer Versamm- 
lung des Hansischen Geschichtsvereines zu machen, glaube ich nach 
dem, was ich vorstehend als meine Ueberzeugung ausgesprochen 
habe, nicht zu bedürfen; wohl aber wird eine solche dafür nöthig 
sein, dass ich als vollkommener Laie in der Baukunst es wage, 
diesem Gedanken Ausdruck zu geben. Den Entschluss dazu habe 
ich, wie ich versichern darf, schwer genug und nur deshalb ge- 
fasst, weil dem Vereine bisher noch so wenig Männer von Fach 
auf dem Gebiete der bildenden Kunst angehören und zu meinem 
besonderen Bedauern keiner von denen, die sich mit den Bau- 
denkmälern der Stadt, welche dieses Jahr die Freude hat, den 
Verein in ihren Mauern versammelt zu sehen, beschäftigt haben. 
Vielleicht bewegt nun aber gerade die Mangelhaftigkeit der Leistung 
eines Laien die Sachverständigen dazu, uns ihre Theilnahme recht 
kräftig zuzuwenden, und wenn mein Vortrag dies zu Wege brächte, 
so würde ich darin einen reichen Trost auch gegen die schärfste 
Be- und Verurtheilung desselben fmden; doch will ich mit dieser 
Erklärung keineswegs die Kritik herausgefordert haben, empfehle 
mich vielmehr recht dringend der Nachsicht und Milde meiner ge- 
ehrten Zuhörer. 



Lassen Sie mich nun noch, bevor ich auf mein eigentliches 
Thema komme, eine kurze Kennzeichnung derjenigen Bauweise 
versuchen, welche im Mittelalter in der grossen Mehrzahl der 



— 6 — 

Hansestädte, nämlich in fast allen denjenigen, welche in der nord- 
deutschen Tiefebene liegen, massgebend war. 

Von diesen Städten haben nur ganz wenige vor der Mitte 
des 13. Jahrhunderts einige Bedeutsamkeit erlangt. Dieser Zeit- 
punkt aber war es etwa, wo der Sieg des in der Regel gothisch 
genannten, richtiger nach Kuglers Vorgang als germanisch zu 
bezeichnenden Baustyls über den früheren romanischen, aus welchem 
er sich allmählich entwickelt hatte, durch ganz Deutschland hin- 
durch entschieden und jener ältere daselbst so ziemlich verdrängt 
war, daher denn in den gedachten Städten der romanische Styl 
nur spurweise vertreten ist, der germanische in ihren mittelalter- 
lichen Bauwerken fast ausschliesslich herrscht. 

Dieser letztere stellte sich nun — im völligen und bezeichnen- 
den Gegensatze zu dem auf die Harmonie der tragenden und der 
getragenen, der aufsteigenden und der ruhenden Theile des Ge- 
bäudes gerichteten griechischen — die Aufgabe, das Bauwerk 
im Wesentlichen nur aus einem Systeme aufwärtsstrebender Glie- 
der bestehen zu lassen und auf diese Weise das Lastende zu be- 
seitigen, gleichsam die Materie zu überwinden und so die Lehre 
des Evangeliums; dass der fesselnde Druck des Irdischen besiegt, 
der ganze Sinn auf das Himmlische; in diesem Leben freilich noch 
nicht Erreichbare gerichtet werden müsse, zu einem erhabenen 
bildlichen Ausdrucke zu bringen. 

Daher in diesem Style — um nur an das Wesentlichste zu 
erinnern — das stark ausgeprägte Vorwalten der Hohe vor der 
Breite, die fast ausschliessliche Verwendung des spitzen statt des 
runden Bogens'), die Umschliessung des Innern nicht durch Mauern, 
sondern durch Reihen von schmalen, weit vorspringenden, in spitze 
Thürmchen, s. g. Fialen, auslaufenden Pfeilern, deren Zwischen- 
räume von hohen; durch senkrechte sich nach oben zu mannigfach 
verschlingende Pfosten getheilten und belebten Fenstern ausgefüllt 
sind; daher über diesen Fenstern [die s. g. Wimperge, Giebel, 
welche ebenso, wie die Fialen, die Kranzgesimse durchbrechen; 
daher die sehr steilen Dächer und vor Allem die wundersame Ge- 
staltung der Thürme, die sich von dem Sockel auf bis zu der 



') Der letztere findet erst in der Zeit des Verfalles des germanischen 
Styles wieder grössere Verwendung. 



Kreuzblume auf ihrer Spitze in organischer Weise schlank und 
luftig entwickeln und gleichsam vor den Augen des Beschauers 
dem Himmel entgegen wachsen; daher denn endlich die reiche und 
organische Gliederung des Innern an Pfeilern, Bogen und Gewöl- 
ben, die selbst die letzteren nicht als lagernd, sondern als auf- 
strebend erscheinen lässt. 

Dass dasjenige, was vorher als höchstes Ziel des germanischen 
Baustjls bezeichnet ist, seinen reinen und vollen Ausdruck nur 
bei wenigen besonders hervorragenden Werken gefunden 
hat, versteht sich von selbst; aber eine bedeutende Zahl kirchlicher 
Gebäude findet sich in den mittleren, südlichen und westlichsten 
Landschaften Deutschlands, sowie in dem stark mit deutschen Ele- 
menten durchsetzten nordöstlichen Theile Frankreichs, welche, wenn 
auch nicht in allen Einzelheiten, so doch im Wesentlichen den 
Charakter dieser Bauweise, in welcher mit hohem Ernste die zier- 
lichste Pracht sich so wunderbar eint, zeigen und somit als auf 
der Höhe der Kunst stehend bezeichnet werden dürfen. — Nicht 
so ist es, wie schon gesagt, im nordöstlichen Deutschland: der 
nüchterne, mehr auf Arbeit als auf Genuss, mehr auf Festigkeit 
als auf Glanz gerichtete Sinn des sächsischen Stammes war von 
vorn herein bei weitem nicht so geeignet, den germanischen Styl 
in seiner ganzen Idealität zu erfassen, wie der lebhaftere der hoch- 
deutschen Völkerschaften; aber in den Hansestädten jener Ge- 
genden, deren Bevölkerung mit dem Auslande unausgesetzt in so 
mannigfacher Verbindung, so lebhaftem persönlichem Verkehre 
stand und fortwährend so viele fremde Elemente in sich aufnahm, 
würde doch gewiss im Laufe der Zeit diese Bauweise sich zu einer 
ahnlich hohen Blüthe entwickelt haben, wie beispielsweise in den 
auch auf altsächsischem Boden belegenen dem Bunde angehörigen 
Orten Magdeburg, Halberstadt, Braunschweig und Münster, wenn 
nicht ein anderes Hinderniss entgegengestanden hätte, nämlich der 
Mangel eines zum Ausdruck der höchsten Gedanken des Styls ge- 
eigneten Materials in der ganzen norddeutschen Tiefebene, in wel- 
cher bekanntlich kein anderes Gestein, als die in der Urzeit auf 
Eisschollen von den Gebirgen Schwedens herübergeführten Granit- 
blocke und die noch spröderen in die Kreidemassen abgelagerten 
Feuersteine, gefunden wird, und wo man deshalb, sobald es sich 
um Ausführung einigermassen gegliederter Bauten handelte, ge* 



— 8 — 

nothigt war, zu einem känstlich gewonnenen Stoffe, dem Back- 
stein^ seine Zuflucht zu nehmen, der sich aber nur in kleinen 
Stucken herstellen lässt, der Verwitterung ziemlich leicht unterliegt 
und einer Bearbeitung mit dem Meissel widerstrebt. 

£s musste sich deshalb in dem gedachten Theile unseres 
Vaterlandes, wie es unter ähnlichen Verhältnissen auch zu anderen 
Zeiten und an anderen Orten stets geschehen ist, eine besondere 
Abart des herrschenden Baustyls entwickeln, welche auf die Er- 
reichung der höchsten Ziele dieses zu verzichten und sich mit einer 
weniger feinen Durchbildung ihrer Schöpfungen zu begnügen ge- 
nothigt war. Der germanische Backsteinstyl unterscheidet sich 
im Wesentlichen von dem s. g. Hausteinstyle dadurch, dass er, 
wie Essenwein es ausdrückt, nicht ein Pfeilersystem mit 
raumabschliessenden Ausfüllungen, sondern ein Mauer- 
system mit den nöthigen Durchbrechungen ergab. Aber 
damit ist es nicht abgethan: wenn die Beschaffenheit des Materials 
dazu nöthigte, statt der eigentlich stylgemässen Pfeilerreihen Um- 
fangs wände aufzuführen, so erschwerte sie andererseits noch die 
Belebung dieser mittels durchbrochener oder frei aufsteigender oder 
auch nur kräftig bewegter Glieder. Es fallen daher stets die Wim- 
perge fort, die Fenster erhalten meist nur eine magere oder wenig- 
stens einförmige Umrahmung und sehr einfaches Masswerk, wenn 
sie dieses fast als nothwendig zu bezeichnenden Schmuckes nicht 
gänzlich entbehren; die Gesimse treten wenig hervor, oder werden 
durch flach aufliegende friesartige Bänder ersetzt; zuweilen läuft 
auch wohl die Mau^ ohne jeden besonderen Abschluss aus. Der 
Fuss des Daches wird nicht mit einer Gallerie, höchstens in ein- 
zelnen Fällen mit einem schweren Zinnenkranze oder einer ähn- 
lichen Mauerbekrönung umgeben, die Strebepfeiler steigen in der 
Regel in einfachen, un verzierten Massen entweder ganz ohne Ab- 
sätze oder doch nur in schwacher Verjüngung auf und entbehren 
der Fialen; ja oft, in späterer Zeit sogar wohl meistens, werden 
sie, weil die in unsern Gegenden häufigen Regenstürme die Ecken 
der Gebäude so sehr angreifen, nach Innen gezogen oder fortge- 
lassen, in welchen Fällen dann die Aussenflächen der Umfassungs- 
wände ganz glatt erscheinen oder nur durch lissenenartige Streifen 
gegliedert werden. So zeigt denn in der That, wie von mehr als 
einem Gewährsmanne bemerkt worden ist, die Aussenseite vieler 



— 9 — 

germanischer Backsteinkirchen ihrem Gesammtdndrucke nach eine 
grosse Verwandtschaft mit dem romanischen Style, ja eine grössere 
mit diesem, als mit dem germanischen. Hausteinstyle. Und was 
in dieser Beziehung von den eigentlichen Kirchen gilt, findet ebenso, 
ja vielleicht noch mehr Anwendung auf die Thürme derselben, die 
in schlichten, höchstens durch Reihen flacher Nischen und einige 
wenige Fensteröffnungen belebten viereckigen Massen, jedes Stock- 
werk scharf von dem folgenden gesondert, aufzusteigen und mit 
einem einfachen, bisweilen von 4 Giebeln umschlossenen Helme, 
der freilich meist viel schlanker ist, als die romanischen Thurm* 
dächer, abzuschliessen pflegen. Selten sind reichere Thurmanlagen, 
und den schweren, massigen Charakter verleugnen auch diese nicht. 
Thürme, die auch nur von ferne an die Konstructionsweise jener 
vorhin kurz geschilderten durchsichtigen Spitzpyramiden erinnerten, 
wie sie an der Westseite der Münster von Köln, Freiburg, Strass- 
bnrg, Ulm aufsteigen, sind im Ziegelbau unmögliche Dinge. 

Was das Aeussere betrifft, so steht also der germanische 
Backsteinstyl gegen den Hausteinstyl entschieden zurück; indessen 
dürfen wir doch den bedeutenderen Werken jenes eine grosse, 
freilich meist nur in den allgemeinen Verhältnissen der Haupttheile 
zu einander wirksame, sehr ernste und strenge Schönheit auch der 
Aussenseite zusprechen und für sehr viele derselben sogar einen 
eigenthümlichen Reiz in Anspruch nehmen: es haben nämliqh un> 
sere alten Meister, da sie die Massen nun einmal architektonisch 
nicht überall hinreichend zu gliedern im Stande waren, häufig 
darauf Bedacht genommen, sie wenigstens mit Hülfe der Farbe 
zu beleben, die Theile, bei welchen sie auf kräftige Schattenwir- 
kungen verzichten mussten, durch Anwendung dunkel glasirter 
Ziegel und durch Verputzung der zurückliegenden Flächen zu heben, 
welche Massregeln denn oft überraschende Wirkungen hervorbrin- 
gen und den Eindruck der Schwere der Aussenseite, wenn auch 
nicht beseitigen, so doch wesentlich mildern. 

Viel geringer als im Aeusseren ist der Unterschied der in 
Rede stehenden beiden Stylarten in Bezug auf das Innere der 
Kirchen; hinsichtlich welches einige Ziegelbauten die edele An- 
muth selbst der bedeutenderen Werke in Haustein, abgesehen von 
der meist zu wenig ausgebildeten Form der Arkadenpfeiler, nahezu 
erreichen. 



• — lO -^ 

Aber, vrie dem auch sei, dabei muss nun einmal das Ge- 
sammturtheil verbleiben, das dürfen wir uns nicht verhehlen: im 
Ziegelbau ist nicht geleistet worden und hat nicht geleistet werden 
können, was im Hausteinbau geleistet ist; wir haben es also auch 
bei den bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerken der im Gebiete 
des Backsteinstyles belegenen Hansestädte immer nur mit Werken 
zweiten Ranges zu thun. Allein das darf uns weder neidisch auf 
unsere mittel-, süd- und westdeutschen Landsleute werden lassen, 
noch von unsern heimischen alten Baudenkmälern abwendig machen; 
im Gegentheil, wir haben alle Ursache, dieselben mit Liebe und 
Stolz zu betrachten und zu durchforschen und die Künstler, welche 
mit hohem Sinn, treuem Fleiss und inniger Hingabe aus so dürf- 
tigem Stoffe so Grosses zu schaffen vermocht haben, zu ehren 
und zu preisen. Ehre und Preis sei denn auch den unbekannten 
Meistern gezollt, welche vor Alters Stralsund mit den schonen 
Gotteshäusern geschmückt haben, die dort emporragen, Denkmälern 
zugleich von der einstigen hohen Bedeutsamkeit der Stadt; wie von 
dem frommen Sinne ihrer Bürger. 



Stralsund zählte am Schlüsse des Mittelalters 15 selbständige ^ 
dem Gottesdienste gewidmete Gebäude, nämlich innerhalb der 
Stadtmauer die drei jetzigen Pfarrkirchen zu St. Nicolaus, St. Ja- 
cobus und St. Maria, welche zu katholischen Zeiten aber keine 
eigentlichen Pfarrkirchen waren, sondern von der Kirche des etwa 
^/^ Meilen von der Stadt entfernten Dorfes Voigdehagen als ihrer 
Mutterkirche abhingen, ferner die Kirchen der beiden Bettelmonch- 
klöster zu St Katharinen und zu St. Johannes, die Kirche des 
St. Antoniushospitals oder s. g. Gasthauses, die Kapelle des Augu- 
stlnemonnenklosters zu St. Annen und die ApoUonienkapelle; 
vor der Stadt aber die Kirche des St Jürgenhospitals und die 
St. Marcuskapelle in der Kniepervorstadt, die Kirche des Brigit- 
tinerklosters Marienkron und die St. Marien-Magdalenenkapelle in 
der Tribseervorstadt, die Kirche des dicht vor dem damaligen 
Frankenthore belegenen Heiligengeisthospitals, welches erst nach 
der Wallensteinschen Belagerung zur Stadt gezogen ist, und die 
Kapellen zu St. Gertruden und zum Heiligen Kreuze in der Fran- 
kenvorstadt. 



— II — 

Von den ausserhalb des alten Stadtberinges belegenen Gottes- 
häusern ist nur die Heiligengeistkirche erhalten, alle übrigen sind 
spurlos verschwunden, und es ist auch von keinem derselben eine 
irgend genauere Kunde auf uns gekommen'). 

Nicht so verheerend, wie über die vorstädtischen Kirchen und 
Kapellen, ist der Strom der Zeit über die Gotteshäuser innerhalb 
der Stadtmauer hinweggegangen. Zwar die ursprüngliche St. Annen« 
kapelle hat bis auf wenige Mauerreste einem neueren Bau Platz 
machen müssen, und die St. Antoniuskirche ist, nachdem sie 1770 
durch das Auffliegen des nördlich vom Tribseerthore stehenden 
Pulverthurmes arg beschädigt worden war, 1783 zu einem städtischen 
Krankenhause umgebaut und dadurch fast unkenntlich geworden; 
aber von der St Johanniskirche steht wenigstens noch der Chor, 
während freilich das Langhaus nach dem Brande von 1625 bis auf 
den untern Theil der Umfassungsmauern^) abgebrochen ist, und 
die 3 Pfarrkirchen, sowie die Katharinenkirche und die ApoUonien- 
kapelle sind im Wesentlichen baulich fast ganz erhalten geblieben, 
letztere beiden jedoch ihrer ursprünglichen Bestimmung entfremdet, 
indem die eine als Zeughaus, die andere zur Aufbewahrung von 
Gerathen dient. 

Unter allen diesen Gebäuden sind die bedeutendsten jedenfalls 
die Pfarrkirchen, von denen meines Erachtens in der That jede 
einzelne in hohem Grade verdient, näher gekannt zu werden. Ich 
hatte mir deshalb vorgenommen, sie alle drei zum Gegenstande 



') Die Kirche des 1 421 gegründeten Klosters Marienkron dürfen wir 
ans, da dasselbe eigentlich aus zwei, allerdings unter ein und derselben 
Leitung stehenden Klöstern, einem für Mönche, einem für Nonnen, bestand 
und von Anfang an über reiche Mittel gebot, wohl als einen grossen und 
stattlichen Bau vorstellen; dagegen war die in einer Ecke des St. Jürgen- 
kirchhofes belegene Marcuskapelle, einem alten Stadtplane zufolge, nur 
ganz klein. Von der St. Jürgenkirche und der St. Gertrudenkapelle rühmt 
Berckmann, indem er den 1547 erfolgten Abbruch beider beklagt, die 
grosse Zierlichkeit des Innern, von ersterer auch noch die Schönheit des 
Dachthürmchens. Von dem Aussehen der Marien -Magdalenen- und der 
Kreuzkapelle wissen wir gar nichts. 

^} Diese umschliessen jetzt einen von einer nach Innen offnen ge- 
wölbten Halle umgebenen gartenartig eingerichteten Vorhof, welchen 
Kugler in seiner Pommerschen Kunstgeschichte irrig für eine mittelalter- 
liche Anlage halt. 



— 12 — 

der Besprechung vor meiner heutigen geehrten Zuhörerschaft zu 
machen, sah indessen doch bald ein, dass der Stoff zu umfangreich 
sei, um in einem Vortrage behandelt zu werden und habe mich 
daher auf St. Nicolai und St. Marien beschränkt, die Jacobikirche 
aber aus dem Spiele gelassen, theils weil diese, so manches eigen- 
thümliche Interesse ihr auch beiwohnt, doch hinter den beiden an- 
dern zurücksteht, theils weil über sie ganz vor Kurzem in dem 
werthvollen Prüferschen Archive für kirchliche Baukunst und Kirchen- 
schmuck ein Aufsatz aus der Feder des hiesigen Stadtbaumeisters 
von Haselberg erschienen ist, der das Wesentlichste über sie sehr 
gut darlegt, tmd von dem ich nur wünschte, dass er weniger knapp 
gehalten wäre. 



Ich wende mich nun zunächst zu der ganz nahe am Alten 
Markte stehenden, von demselben nur durch eine Reihe kleiner 
Häuser, ursprünglich Verkaufsstätten der Krämergilde (bodae in- 
stitoriae) getrennten St. Nicolaikirche. Dieselbe ist, was die ur- 
sprüngliche Stiftung betrifft, wohl jedenfalls das älteste Gotteshaus 
der Stadt, was wir schon aus dem Grunde annehmen dürfen, weil 
in allen übrigen im Mittelalter in unsern Gegenden entstandenen 
deutschen Städten, wo nicht etwa besondere örtliche Umstände 
eine Ausnahme hervorriefen, alsbald dicht am Markte oder doch 
ganz in der Nähe desselben eine Kirche erbaut worden ist, eine 
Einrichtung, die sich auch aus 'der Sinnesweise der damaligen Zeit 
fast von selbst ergab. Jeder Zweifel aber daran, dass von unsern 
Pfarrkirchen die zum heiligen Nicolaus zuerst gestiftet sei, muss 
schwinden, wenn man die Lage der beiden andern in Betracht 
zieht: die Stelle, auf welcher die Jacobikirche erbaut ist, liegt ganz 
in einer Ecke der ursprünglichen Stadt, welche Östlich, mit der 
grossentheils noch vorhandenen, obwol meist verbauten alten Ring- 
mauer dicht hinter der Mauerstrasse abschloss, südlich aber nur 
bis zur Papenstrasse und dem Apollonienmarkte reichte. Wie hätte 
man also auf den Gedanken kommen können, in jenem abgelege- 
nen Winkel die erste Kirche des neuen Gemeinwesens zu errichten? 
Die Erbauung eines Gotteshauses daselbst konnte offenbar nicht 
früher ins Auge gefasst werden, als bis die Stadt nach Süden durch 
eine neue zu ihr gehörige Ansiedelung von Belang — die söge- 



— 13 — 

nannte Neustadt — erweitert war, was erst um 1250, also etwa 
40 Jahre nach Gründung der Altstadt, geschah. Die Marienkirche 
aber kann schon deshalb night in Frage kommen, weil sie ausser- 
halb der Grenze der Altstadt steht. 

Anlangend nun aber das jetzige Nicolaikirchengebäude, so 
bleibt es fraglich, ob ihm oder der Jacobikirche ein höheres Alter 
zuzuschreiben sei; denn die Vergleichung des Slyles beider führt 
zu keinen entscheidenden Ergebnissen, und an urkundlichen Nach- 
richten über die Erbauung der Jacobikirche gebricht es durchaus. 
Dagegen enthält das älteste Stadtbuch verschiedene Aufzeichnungen, 
weiche es ermöglichen^ den Beginn des Baus der jetzigen Nicolai- 
kirche ziemlich genau zu ermitteln. Die älteste sich auf dieses 
Unternehmen beziehende Au&eichnung stammt aus dem Jahre 1279 
und ist ein Bekenntniss des Rathes, von einer Anzahl angesehener 
Bürger zusammen 8 Last Roggen für den Bau des genannten 
Gotteshauses erhalten zu haben'). 

Beschlossen ist also damals wohl der Neubau der Kirche schon 
gewesen; aber begonnen ward er einstweilen noch nicht; denn 
noch am Schlüsse des gedachten Jahres schenkt ein gewisser Bruno 
dem Gotteshanse eine Jahresrente von 100 Pfennigen zu Abend- 
mahlflwein (ad vinum altaris), und 1287 am i. August wendet dem- 
selben Bruno Schmied — vielleicht mit jenem eine Person — 
nebst seiner Gattin Konegundis eine gleiche jährliche Hebung für 
Wein und Weizen zum Abendmahlsdienste zu; die Kirche ist also 
in dieser Zeit im Gebrauche gewesen. Und auch 1288 ist der 
Neubau derselben^ noch nicht in Angriff genommen worden; aber 
man ging nunmehr jedenfalls ernstlich darauf los, solches zu thun; 
denn im Herbste jenes Jahres lässt der Rath zu Stadtbuch ver- 
merken, dass er einen kunstverständigen Werkmeister Namens 
Dietrich berufen habe, welchem Freiheit vom Bürgergelde, vom 
Schosse und vom Wachtgelde zugesichert sei, und welcher gleich- 
wohl, sobald die Stadtmauer — es ist wohl die der Neustadt ge- 
meint — oder die St. Nicolaikirche gebaut werde, dasselbe an 



^) Nos consoles accepimns ad opus beati Nicolai a Leone Falken iii 
last syliginis, a Gerardo Cerdone unum last, a juniore Syboldo unum, a 
Kemerere unum, a fratribus de Tribuses unum, a Bertrammo Spelling unum. 
Fabriciüs I, Nr. 340 



— 14 — 

Lohn erhalten solle, was einem Andern gegeben werden würde'). 
Und lo Jahre später sehen wir dann endlich wohl einen ohne 
Zweifel belangreichen Bau an der Kirche wirklich im Gange. 1299 
nämlich verpfändet dem Stadtbuche zufolge der Ziegeleibesitzer 
Hermann sein ganzes VermÖg^i zweien Männern, welche dafür 
Bürgschaft geleistet haben, dass er seinen Verpffichtongen rücksicht« 
lieh der Nicolaikirche nachkommen, d. h. gewiss, die übemommeneo 
Steinlieferungen pünktlich leisten werde'), und im Jahre vorher 
finden sich zweimal Vermerke über städtische Anleihen — einmal 
von 200, das andere Mal von 100 Mark — für diese Kirche; auch 
schon 1297 hat die Stadt 500 Mark angeliehen, wovon ein Theil 
— welcher, ist leider nicht zu entziffern — zu Zwecken desselben 
Gotteshauses verwandt werden soll. Früher spricht das Stadtbuch 
nie von Kapitalaufhahmen der Stadt zu solchem Behufe. 

Dass nun aber der um jene Zeit in Angriff genommene Bau 
im Wesentlichen ein 'Neubau war, geht aus dem Style des Chores 
der Kirche, welcher unzweifelhaft der älteste Theü derselben ist, 
hervor, indem die ganzen Formen desselben die Annahme, dass 
sein Entwurf oder auch nur seine Ausführung einer irgend erheb- 
lich späteren Zeit angehöre, nicht gestatten. Auch sind die Männer 
von Fach, welche sich mit der Kirche beschäftigt haben, nament- 
lich Schnaase, Kugler, Otte, Haselberg, darüber einig, dasa 
dieser Theil derselben im Anfange des 14. Jahrhunderts erbaut sei; 
nur haben die 3 erstem der eben genannten Sachverständigen den 
Beginn der Arbeit einige Jahre später, nämlich ins Jahr 1311, ge- 
setzt| und zwar lediglich auf die Gewähr einer sich auf unserer, 
Rathsbibliothek befindenden wohl ziemlich jungen handschriftlichen 
Bemerkung über Anfang und Vollendung verschiedener hiesiger 
ICirchenbauten hin. Diese nun stützt sich in der hier in Rede 



^) Consules receperunt magistnim Thidericam lapicidam in ipsorum 
concivem et dimisenint sibi quitos denarios hujusmodi receptionis, augendo 
eciam graciam prefatam, ita quod oon talliabit neque dabit denarios vigi- 
latoribus. Item quandocumqne edificatur murus vel ecclesia beati Nicolai» 
tunc sibi dabitur qaidquid alteri magistro daretor. Fabricios IV, Nr. 36. 
Alten ist hier wohl gleich alii zu nehmen. 

') Hermannns tegelmester statait Alberto Stonehose et Henrico Demyn 
omnia bona sua, que habet in lateribus, in lingneia et in pramone et in 
aliis rebus, pro promisso, quod pro ipso promisenint ad usns ecclesiarom 
sancti Nicolai et beate Marie in nova civitate. Fabricius IV, Nr. 548. 



— 15 — 

stehenden Beziehung« anscheinend, wie sie bei der Angabe über die 
Zeit der ^Gründung des Thurmes der Inschrift aus der zweiten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts an der Südseite des Hauptportals folgt, 
auf eine andere gleichzeitige, sich auf der Nordseite dieses Portals 
befindende, welche wegen ihrer grossen Verwitterung ziemlich 
schwer zu entziffern, zu einem kleinen Theile sogar unlesbar ist 
Dieselbe spricht von einer redinchoacio ecclesie um Ostern 13 18 
und das undeutliche octadeno wird von dem Urheber jener Hand- 
schrift falschlich undeno gelesen worden sein'). Der Inhalt der 
Inschrift steht der von mir vorher aufgestellten Meinung über den 
Anfang des Baus nicht entgegen; denn, wenn auch redinchoacio 
allerdings gewiss den Beginn des Neubaus einer vorher schon 
vorhanden gewesenen Kirche bedeuten kann, so ist doch jedenfalls 
ebenso zulässig, darunter die Wiederaufnahme eines unter- 
brochenen zu verstehen, und diese Bedeutung wird man angesichts 
der vorher angeführten Nachrichten des Stadtbuches aus den letzten 
Jahren des 13. Jahrhunderts berechtigt sein, dem Worte hier bei- 
zulegen, zumal geschichtliche Ereignisse bekannt sind, welche es 
unzweifelhaft machen, dass in den letzten Jahren vor 1318 ein in 
Stralsund begonnener Kirchenbau nothwendig liegen bleiben musste; 
denn von 1311 bis in den Sommer 1317 hinein war die Stadt fast 
unausgesetzt in schwere Kriege mit dem Könige von Dänemark, 
ihrem eigenen Landesherren Witslaw III., den mecklenburgischen 
Fürsten und verschiedenen andern Gegnern verwickelt, im Verlaufe 
derer sie 1316 sogar 5 Monate hindurch eng umlagert ward, und 
die sie, wie eine Reihe von Urkunden bezeugt, in grosse augen- 
blickliche Geldnoth versetzten. Da konnte denn einstweilen von 
bedeutenden Bauausführungen sicherlich keine Rede sein; aber so- 
fort nach wiederhergestelltem Frieden sehen wir die Stadt sich über- 
raschend schnell zu neuer höherer Blüthe erheben, und dem frommen 
und thatkräftigen Sinne unserer Altvorderen lag gewiss nichts 
näher, als ihrer Freude über den Umschwung der Dinge, ihrem 
Dank gegen die Vorsehung für die Errettung aus grossen Nöthen 
durch alsbaldige Wiederaufnahme des unterbrochen gewesenen 
Kirchenbaus Ausdtuck zu geben. 



') Die in einen Kalkstein eingehauene Inschrift laatet: Anno milleno 
tricenteno octadeno festo paschali .... redi(n)choac(i}o ecc](esi)e. 



— i6 — 

Ich denke also, wir dürfen für den Anfang desselben das 
letzte Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts festhalten '). Die Arbeit wird, 
abgesehen von der nach dem eben Gesagten anzunehmenden Unter- 
brechung, gewiss rüstig vorwärts gegangen sein; darauf deuten auch 
verschiedene Aufzeichnungen im Stadtbuche hin. Als 1329 der Bau 
des Thurmes -^ es ist ursprünglich nur ein solcher beabsichtigt 
gewesen — in Angriff genommen ward, mag der Chor im Wesent- 
lichen vollendet und auch das Langhaus schon einigermassen ge- 
fordert gewesen sein. Später erfahret wir über den Verlauf des 
Baus gar nichts mehr, als dass derselbe 1349 noch im Gange ge- 
wesen ist; denn in diesem Jahre vermacht der Bürger Johannes 
Papecke der Nicolaikirche zum Bau (ad structuram) eine kleine 
Summe. Fraglich ist; ob das Werk nach dem ursprünglichen Plane 
überhaupt je ganz fertig geworden ist: nach einer Nachricht bei 
Berckmann nämlich, deren Richtigkeit zu bezweifeln kein Grund 
vorliegt, ist der Thurm 1366 eingestürzt und vielleicht, ja wahr- 
scheinlich wohl baute man zu der Zeit noch an demselben. Nach 
diesem Ereignisse beschloss man, der Kirche statt eines 2 Thürme 
zu geben, was denn auch geschah, und wobei der stehen geblie- 
bene untere Theil des alten theils in die neuen, theils in den zwi- 
schen diesen entstehenden Mittelbau hineingezogen ward, wie man 
an der Westfront der Kirche sehr deutlich sehen kann. Auch über, 
die Vollendung dieses ganzen neuen Westbans gebricht es an allen 
Nachrichten; man wird annehmen dürfen, dass sie in die erste 



') Gegen die Annahme, dass der Bau erst 131 1 begonnen sei, spricht 
auch die nachstehende Aufzeichnung im Stadtbuche: „Bemardus Weling 
conputavit cum Alberto Rocbut, Martino Wokenstede proconsnlibns, Petro 
Wigger provisore sancti Nicolai de campanistro novo et bodis ibidem noviter 
edificatis, quod campanistrum cum bodis constant universaliter iiii solidis 
et vii marcis minus quam cccc marcas. Quod factum est anno domini m.^ 
ccc. xiiiio in die Walburgis^'. Also 13 14 wird über die Kosten der Her- 
stellung eines einstweiligen Glockenthurmes — dass es sich nur um einen 
solchen, jedenfalls hölzernen, nicht etwa um die Erbauung eines Ktrch- 
thurmes handelt, ergibt schon die Summe, welche genannt wird — abge- 
rechnet An eine solche Arbeit konnte mau nun doch sicherlich nur gehen, 
wenn der neue Kirchenbau so weit vorgescbritten war, dass wenigstens 
ein Theil desselben bald in Gebrauch zu nehmen war, und davon hatte 
om diese Zeit gewiss nicht die Rede sein können, wenn der ganze Bau 
erst 131 1 in Angri£f genommen wäre. 



— 17 — 

Hälfte des 15. Jahrhunderts fallt Nach dem Schlosse des Mittel- 
alters haben Bauten von grösserem Belange an der eigentlichen 
Kirche nicht stattgefunden; dagegen sind die hohen hölzernen 
S(»tzen beider Thürme am 15. April 1662 durch Flugfeuer, welches 
von der durch einen Blitzstrahl angezündeten Spitze des Jacobi- 
thurmes herübergetragen war, in Brand gesetzt und gleich dieser 
zerstört, worauf der südliche Thurm mit einer von einer sogenannten 
Laterne überragten Haube im Renaissancestyl, der nördliche mit 
einem ganz flachen Dache eingedeckt worden ist. Eine so em- 
pfindliche Einbusse auch dadurch der Gesammteindruck des Aeussern 
der Kirche erlitten hat, so können wir diese doch im Hinblicke 
darauf verschmerzen, dass im Uebrigen das schöne Gotteshaus im 
Wesentlichen uns durch alle Stürme der Zeiten 'hindurch erhalten 
geblieben ist. 

Die Kirche ist dreischiffig mit erhöhtem Mittelschiffe; der Chor 
überragt dieses im Mauerwerke, doch nicht in der Dachfirst, ein 
wenig, ist dreiseitig aus dem Achteck geschlossen und hat einen 
mit den Seitenschiffen gleich hohen Umgang, welcher sich durch 
nach Aussen ebenfalls dreiseitig aus dem Achteck geschlossene 
Ausbauten erweitert, eine Anlage, welche dem an den Chorum- 
gängen französischer Kirchen häufig, in dem Hausteingebiete Deutsch- 
lands nur bei einzelnen besonders prächtigen Domen vorkommenden 
KapeUenkranze ähnelt und noch an einigen andern norddeutschen 
Backsteinbauten aus dem Ende des 13. oder dem Anfange des 
14. Jahrhunderts erscheint, auch in den Niederlanden sich an altern 
germanischen Kirchen mehrfach findet. 

Ursprünglich hat unser Chorumgang seinen fünf Seiten ent- 
sprechend fünf Vorlagen der gedachten Art gehabt; die letzte auf 
der Südseite hat aber später, wohl im 15. Jahrhundert, einem 
grossem viereckigen Anbau Platz machen müssen. Auch auf an- 
dern Stellen hat die Kirche nach und nach noch mehrere Anbauten 
erhalten, die jedoch alle ebenfalls im germanischen Style ausge- 
führt sind. Eines Kreuzschiffes entbehrt der Bau, wie denn ein 
solcbes überhaupt an Pfarrkirchen unserer Gegenden in jener Zeit 
nicht vorkommt; dass der Marienkirche in Lübeck in manchen 
knnstgeschichtlichen Werken ein Kreuzschiff zugeschrieben wird, 
beruht auf einem durch die Form des Grundplanes hervorgerufenen 
Irrthume. 

Hansische Getchichttblätter. VII. a 



— i8 — 

Die Nicolaikirche ist 271 Fuss lang, ihr Langhaus 117 Fuss 
brdt, ihre Höhe bis zur Dachfirst beträgt 130 Fuss. Die Thürme 
haben im Mauerwerk eine Höhe von 181 Fuss, die Spitze der 
Laterne des südlichen liegt 323 Fuss über dem Erdboden. 

Gehen wir auf das äussere Aussehen des Baus näher ein, so 
fallt sofort die grosse Verschiedenheit des Chortheiles von dem 
Langhause in die Augen. Jener hat an den Ecken und zwischen 
den Fenstern mit einer einzigen Ausnahme Strebepfeiler, die frei- 
lich am eigentlichen Chore nur schwach ausladen, am Umgange 
dagegen kräftig hervortreten; die letztem, ausgenommen die der 
dreiseitigen Voriagen, steigen hoch über das Dachgesimse des Um- 
ganges empor, und von ihrem Obertheile aus schwingen sich ein- 
fach gestaltete Strebebögen über das Dach hinweg zu den Strebe^ 
pfeilern des Chors hinan; die Fenster sind durchweg mit feinem 
Stabwerk umrahmt; die obern sind sehr schlank und durch zwei 
Pfosten getheilt, welche sich oberwärts durdi 3 Spitzbögen, von 
denen der mittlere höher ist, mit der Laibung verbinden, die untern 
haben anscheinend sämmtlich ein noch et^as ausgebildeteres Mass- 
werk gehabt: bei zwei schmälern und nur durch einen Pfosten ge- 
theilten ist solches noch erhalten und besteht in zwei von diesem 
Pfosten ausgehenden Bögen, welchen sich ein an die Laibungen 
anstossender Kreis auflegt, während bei den übrigen, ausser dem 
mittelsten, welches bei seiner vor einigen Jahrzehnten erfolgten 
gänzlichen Erneuerung reiches Masswerk erhalten hat, die Belebung 
des obern Theiles im Laufe der Zeit verschwunden ist, und die 
Pfosten lediglich senkrecht emporgeführt sind. Dagegen entbehrt 
nun das MittelschijQf der Strebepfeiler gänzlich, und die der Seiten- 
schiffe sind völlig nach Innen gezogen, so dass auch hier die 
äussere Mauerfläche glatt bleibt« Strebebögen legen sich freilich 
auch an das Mittelschiff an, wie an den Chor; aber sie steigen 
wegen der eben gedachten Stellung der Strebepfeiler der Seiten- 
schiffe aus deren Dachschräge auf, und ihre Verbindung mit der 
obern Wand erfolgt nicht durch ein vortretendes Glied, sondern 
ganz unvermittelt; die Fenster sind breiter und niedriger, als am 
Chor, und haben ungegliederte rechteckige, nur mit einer schwachen 
Fase versehene Laibungen; die des Mittelschiffes haben 3 durch 
Spitzbögen mit einander und mit der Laibung verbundene Rippen, 



— 19 — 

bei denen der Seitenschiffe laufen die Rippen bis oben hin parallel 
empor nnd stossen an den Fensterbogen an. 

Man sieht also: der Chortheil besitzt eine weit grössere senk- 
rechte Gliederang, ist schlanker gebildet, anmuthiger verziert und 
macht, zumal da die Grnndanlage des Umganges, wie wir sahen, 
eine besonders reiche ist, einen weit belebteren, anziehendem Ein- 
druck, als das Langhaus, welches jedoch auch noch gute Verhält- 
nisse zeigt und durch die Strebebogen einen die Einförmigkeit, 
wenigstens der obern Wände, wirksam unterbrechenden Schmuck 
hat, wobei bemerkt werden mag, dass die Nicolaikirche der ein- 
zige Bau im ganzen Pommerlande ist, der Strebebogen aufweist. 

Langhaus und Chorbau haben einen gutgeformten Sockel, 
theils von Granit, theils von Kalkstein; der reiche Fries, welcher 
unter dem Hauptdache rings umher entlang läuft, ist neu. 

Der Thurmbau, zu dem wir uns nun zu wenden haben ; ist 
der am Wenigsten gelungene Theil des Ganzen; es zeigt sich an ihm 
schon sehr der Niedergang der Kunst. Die Thürme sind etwas zu 
breit för ihre Hohe und stehen zu nahe neben einander, was beides 
ireilicb erst von dem Zeitpunkte an recht auffallend geworden ist, 
wo sie ihre ursprünglichen schlanken Spitzen eingebüsst haben. 
Bis zur Hohe der Oberkante des Daches der Seitenschiffe steigen 
sie als fast ganz ungegliederte, nur auf der Westseite durch je 
dn Fenster und eine darüber angebrachte Nische einigermassen 
belebte Massen auf, dann folgen 4 mit Nischenreihen, die durch 
blindes Masswerk verziert sind, hier und da auch mit grösseren 
oder kleineren Fenstern versehene Stockwerke, jedes durch einen 
vertieften zur Ausfüllung mit einem Friese bestimmten Mauerstreifen 
vom nächsten gesondert und alle im Zierrath einander gleich. Nach 
oben zu schneidet das Mauerwerk der Thürme wagerecht ab; 
Giebel haben sie nie gehabt, und die Abbildung des Stralsunder 
Altenmarktes im Mittelalter, in Essen weins Werk über den Back- 
steinsty], welche ihnen jenen Schmuck beilegt, beruht in dieser Be- 
ziehung, wie noch in einigen andern; lediglich auf Phantasie. In 
dem Mittelbau zwischen den Thürmen öfifhet sich das schöne Haupt- 
portal, welches noch dem alten Thürme angehört, darüber steigt 
ein hohes und schlankes Fenster auf, und den Abschluss dieses 
BatftheOs macht eine sehr nüchterne und obendrein nachlässig aus- 
geföhrte Gieb^larchitektur. 

2* 



— 20 — 

Soviel vom Aeusseren des Bauwerkes. Im Innern desselben 
bildet das Mittelschiff mit dem Chore zusammen eine weite Halle, 
die sich durch eine auf 20 Pfeilern ruhende Bogenreihe nach den 
Seitenschiffen und dem Chorumgange hin öffnet. Die Länge der- 
selben beträgt 185 Fuss, ihre Hohe 92, ihre Breite 40; letztere ist 
also im Verhältnisse zu den beiden übrigen Abmessungen, nament- 
lidi zur Hohe, ungewöhnlich gross, viel grösser z. B. als beim 
Kölner Dom, dessen Mittelschiff 4272 Fuss breit, 143 hoch und 
mit der Vierung und dem Chore zusammen 335 lang ist, oder bei 
St. Marien in Lübeck, wo dasselbe sich bei einer Breite von 3872 Fuss 
zu einer Höhe von 123 Fuss erhebt und einschliesslich des Chores 
220 Fuss lang erstreckt. Unsere Nicolaikirche macht deshalb im 
Innern nicht den erhabenen, ja überwältigenden Eindruck, wie jene 
beiden und viele andere bedeutendere Gotteshäuser germanischen 
Styles, athmet vielmehr eher eine würdevolle und vermöge der 
sorgfältigen Behandlung der meisten Einzelheiten zugleich an- 
muthige und behagliche Ruhe. Jene Sorgfalt ist, wie auf der 
Aussenseite, so auch. hier am Grössten im Chor und dessen Um- 
gange. Hier überrascht die ungemein reiche Gliederung der Sockel 
und Schafte der in ihrer Grundform im Wesentlichen ein über Eck 
gestelltes Viereck bildenden Arkadenpfeiler, die ihres Gleichen im 
mittelalterlichen Backsteinstyl kaum haben dürfte und selbst bei 
Hausteinbanten gewiss nicht oft übertroffen worden ist. Ihr ent- 
spricht dann die Anmuth der meist mit Blattwerk, hier und da 
auch mit phantastischen Thiergestalten geschmückten, aus Kalk- 
stein oder Stuck gearbeiteten Kapitale und die zierliche Profilirung 
der Scheidbögen. Die 3 im Querschnitte birnenförmigen Halb- 
säulchen an den dem Innern des Chores zugewandten Ecken der 
Pfeiler setzen sich oberhalb der Kapitale als schlanke sogenannte 
Dienste für die Quer- und Kreuzgurte des Gewölbes fort und er- 
höhen noch die Belebung der Oberwand, welche schon durch 
Nischen, in denen die Pfosten der in ihrem Obertheile sitzenden 
Fenster bis zur Sohle niederlaufen, wirksam gegliedert ist Ueber 
den Scheidbögen läuft ein Blattfries entlang, der sich auch um 
die Dienste herumwindet. Tief zu beklagen ist, dass die Pfeiler 
an Schaft und Kapital mehrfach arg verstümmelt und, was 
noch schlimmer ist, durchweg mit einem dicken Kalkputze über- 
schmiert sind, so dass die ganze Feinheit und Schönheit ihr^r 



— 21 — 

Anlage mehr nur geahnt, als wirklich geschaut und genossen wer- 
den kann. 

Das Mittelschi£f hat in seinem oberen Theile im Wesentlichen 
dieselbe Ausstattung, wie der Chor, auch sind die Scheidbogen hier 
ebenso profilirt, wie dort; aber die Pfeiler sind viel weniger reich 
gebildet, indem ihre Schäfte aus einem einfachen nur an den Ecken 
mit eingelassenen Rundstäben versehenen Achteck bestehen, weldies 
auf einem ebenfalls achteckigen Untersatze ruht und durch eine an 
dreien der 4 Hauptseiten mit je einem £ngelskopfe verzierte, , im 
Uebrigen auch ganz schlichte nach unten etwas abgeschrägte Deck- 
platte bekrönt wird. Auf diese Deckplatte setzen die Gewölbdienste, 
sowie die Scfaeidbogen auf. 

Im Chorumgange herrscht dasselbe Streben nach organischer 
£ntwickelung und senkrechter Gliederung vor, wie im Chore selbst: 
die Arkadenpfeiler haben deshalb auch an ihren nach der Um- 
gangsseite hin gerichteten Ecken Gewolbdienste und ebenso laufen 
solche gegenüber empor; die sämmtlichen Strebepfeiler treten, wie 
nach Aussen, so auch nach Innen kräftig hervor und sind nach 
letzterer Richtung hin auf den Stirnseiten wohlprofilirt; zwischen 
ihnen bilden sich tiefe Fensternischen, unter welchen sich ein Lauf- 
gang hinzieht, der die Langseiten der Strebepfeiler mittels schmaler 
Pfortchen durchbricht Von den Gewolbdiensten an den Aussen- 
wänden haben übrigens einige eine so alterthümliche Form, dass 
man versucht sein kann, sie nebst der Mauer, an welcher sie 
Strien, für Ueberbleibsel eines älteren Baus zu halten. 

Wie das Mittelschiff gegen den Chor, so stehen die Seiten- 
8cfai£fe g^en den Umgang an Durchbildung zurück, ja wohl in 
noch höherem Grade, indem ihre nach Innen gezogenen Strebe- 
pfeiler, sowie die dieselben verbindenden Bögen, ganz ohne Glie- 
denmg, letztere auch von nicht sehr guter Form sind, und die 
Gewolbgurte sich nirgend aus Diensten entwickeln. Auch in den 
Seitenschiffen macht sich eine im Verhältnisse zur Höhe sehr an- 
sehnliche Breite bemerkbar: sie belauft sich auf 21 Fuss, also auf 
etwas mehr als die Hälfte der Höhe, die 40 Fuss beträgt Die 
Seitenschiffe setzen sich unter den Thürmen bis zu deren Vorder- 
wand fort; dagegen bildet der Mittelbau zwischen diesen eine be- 
sondere Vorhalle von dgenthümlich reich gegliederter Grundform, 
aber übermässiger Höhe gegen die sehr geringe wagerechte Aus* 



— 21 — 

dehnung; sie öffnet sich nach den Seitenschiffen zu darch kleine 
Thüren mit kräftiger und schöner Umrahmung^ gegen das Mittel- 
schiff dagegen durch einen hohen, aber ganz schlichten, jetzt 
übrigens grösstentheils durch die Orgel ausgefällten Bogen. 

VoB den vorher erwähnten spätsm Anbauten an die Kirche 
glaube ich die meisten, so interessante Besonderheiten auch einige 
davon aufzeigen, übergehen zu müssen, um Ihre Aufmerksamkeit 
nicht allzulange in Anspruch zu nehmen; nur eine fordert mit 
Entschiedenheit eine Erwähnung: nämlich die kleine an der Nord« 
Seite des Chorumganges ausspringende, mit 5 Seiten eines Zehn- 
ecks abschliessende Kapelle 0« Es ist dieselbe ein überaus zier^ 
lieber, erst vor einigen Jahren aus tiefem Verfalle geretteter und 
in seiner ursprünglichen Anmuth wiederhergestellter Bau, an dessen 
Ecken Strebepfeiler hervortreten, die bis zu dem unterhalb der 
Fenster herumlaufenden, aus schwarz glasirten Ziegeln bestehendei> 
sogenannten Kaffgesimse vierkantig gebildet sind, dann aber in 
ein mit Rundstäben eingefasstes Sechseck, welches aus abwechseln- 
den Schichten rother und schwarzer Ziegel aufgeführt ist, umsetzen,, 
und in dieser sehr belebten Form über den untern Rand des Daches- 
emporschiessen und mit kleinen Pyramiden bekrönt sind, so dass 
sie das Dach mit einem Kranze von spitzen Thürmchen umgeben. 
Zwischen ihnen wölben sich schlanke, einfach, aber an^echend 
umrahmte Fensten!! unter welchen sich dicht unter dem Dache da 
sehr hübsch gemusterter Fries von schwarz glasirten Ziegeln auf 
weiss geputztem Grunde, den die Strebepfeiler durchbrechen, hin» 
zieht Der verhältnissmässig hohe Sockel besteht aus Granit. Das 
Innere ist durch reiche Sterngewölbe bedeckt, die in dem poly- 
gonen Absdüuss aus gegliederten Wandpfeilem, im Uebrigen voa 
Konsolen aufsteigen. Letztere, sowie die Kapitale der Wandpfeiler, 
sind mit Figuren, nämlich der des Heilandes und seiner 12 Boten^ 
geschmückt. Leider liegen auch hier alle Feinheiten unter späterm 
Kalkputze begraben. 

Bevor ich meine Betraditung der Nicolaikirche schliesse, muss 
idi noch der auffallenden Aehnlichkeit gedenken, welche dieselbe 
in vieler Beziehung mit der beinahe gleichzeitig erbauten Marien- 
kirche zu Lübeck hat. Namentlichr ist der Grnndplan beider, wenn 

2} Auf dem beifolgenden Grundrisse der Nleolaäirche ist diese Kapelle 
durch ein sa spfit bemerktes Versehen weggelassen; 



— 23 — 

man von den mit den Hanptgebätiden in keinem organischen Zu- 
sammenhange stehenden Anbauten absieht, beinahe derselbe und 
die Ausstattung sowohl ihres Innern, als ihres Aeussern hat unge- 
mein viel Uebereinstimmendes. Die Erklärung dieser grossen Aehn« 
lichkeit ist mehrfach versucht, aber meines Erachtens bisher noch 
nicht genügend. Heut müssen wir jedoch die Sache auf sich be- 
ruhen lassen. i 

Gestatten Sie mir nunmehr, meine Herren^ Sie vom Alten 
Markte weg nach dem Neuen, von St. Nicolai nach St, Marien 
zu führen. Wir gelangen damit' zu einem Bauwerk, welches» wenn 
gleich mit dem eben verlassenen in der nämlichen Stadt aus dem 
nämlichen Stoff in dem nämlichen Styl aufgeführt und in manchen 
Hauptformen mit ihm übereinstimmend, gleichwohl im Ganzen un«- 
gemein verschieden von demselben ist, wie schon dem sich unserer 
Stadt nähernden Wanderer der erste Blick auf diese zeigt. 

Wenn wir uns bei der Nicolaikirche hinsichtlich des Zeit- 
punktes der Stiftung mit Vermuthungen begnügen mussten, d^ 
der Gründung des jetzigen Gebäudes aber ziemlich genau 
urkundlich festzustellen vermochten, so geht es uns bei der St. Marien- 
kirche gerade umgekehrt: hier lässt sich die Zeit der Stiftung 
aus bestimmten Thatsachen nachweisen, auf die des Beginnes 
des gegenwärtigen Baus nur aus allgemeinen Verhältnissen 
schliessen. 

Urkundlich erwähnt wird die Marienkirche zuerst 1298 in zwei 
Auüseichnungen im Stadtbucb, nach deren einer sie eine Summe 
Geldes anleiht, während sie nach der andern 2 Morgen Ackers 
verkauft; demnächst erscheint sie 1299 in der schon erwähnten 
Eintragung der Verpfandung der Habe des Ziegelmeisters Her- 
mann: die betreffenden Bürgen hatten nämlich nicht bloss für Er- 
füllung des Vertrages dieses Mannes mit der Nicolaikirche, son- 
dern auch des von demselben mit der Marienkirche abgeschlossenen 
gutgesagt'). Damals ist sie also im Bau begriffen gewesen, und 
erst kurz vorher kann sie gestiftet worden sein; denn während in 
dem Stadtbuche in den Jahren zuvor so viele Schenkungen und 
Vermächtnisse aa Kirchen der Stadt verzeichnet stehen, erscheint 



*) S. die betreffende Stelle aus dem Stadtbuche in der Anmerkung 2. 
auf Seite 14. 



— 24 — 

doch nie eine an die Marienkirche, auch in den ziemlich zahl- 
reichen Fällen nicht, wo allen übrigen damaligen hiesigen Gottes- 
häusern etwas zugewandt wird, wie beispielsweise in folgender Ein- 
tragung aus dem Jahre 1280: „Bruno proficiscens ad sancti Jacobi 
limina, si non vivus redierit, donavit pro remedio anime sue ad 
sanctum Nicolaum V marcas den., ad üratres majores IV, ad san- 
etum Petrum (das ist die nachmalige Jacobikirche) II marcas, ad 
sanctum spiritum II marcas den., ad fratres minores IV marcas, 
et hos denarios etc.; preterea dedit ad sanctum Georgium II mar- 
cas den.". Diese Erscheinung lässt keine andere Erklärung zu, als 
öie^ dass die Marienkirche erst 1298 oder in einem der allernächst 
vorangegangenen Jahre gestiftet worden ist. Die Veranlassung dazu 
hat jedenfalls das Anwachsen der Neustadt, deren Ring sich da- 
mals so ziemlich mit Gebäuden gefüllt hatte, gegeben. Das jetzige 
Gebäude glaubt nun Kugler in seiner Pommerschen Kunstge- 
schichte ganz und gar dem 15. Jahrhundert zuschreiben zu müssen; 
für diese Ansicht beruft er sich auf den Styl des Baus und auf 
einige über die Kirche vorhandene Nachrichten aus der Mitte des 
i6. Jahrhunderts. Diese letzteren stammen aus der Berckmann- 
schen Chronik, aus den sogenannten Buschschen Kongesten und 
aus den Aufzeichnungen des Bürgermeisters Franz Wessel. Die- 
selben weichen in Bezug auf die Zeitangaben theilweise etwas, 
doch nirgend wesentlich von einander ab und lauten dahin, dass 
1382 oder 84 am Montag nach Pfingsten der Chor der Kirche ein- 
gestürzt, 1389 die Thurmspitze herunter und zu grossem Schaden 
für das Gewölbe auf dieses gefallen sei, und femer, dass man 1411 
eine Uhr an der Kirche angebracht, 1416 oder 17 den Grund zum 
Thurme derselben gelegt, 1473 dessen Mauerwerk vollendet, 1478 
oder 1482 seinen Helm gerichtet habe. Aus diesen Angaben folgert 
Kugler, dass die Beschädigungen, welche das Gebäude in den 
achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts erlitten habe, sehr bedeutend 
gewesen sein müssen, dass man freilich dasselbe gleich darauf an- 
scheinend ganz oder doch zum Theil für die nächste Zeit noth- 
dürftig wiederhergestellt habe, dasis aber zwischen 1416 oder 17 
und 1473 sicherlich ein völliger Neubau der Kirche ausgeführt sei 
und die Angaben über Legung des Grundes zum Thurme und 
Richtung des Helms desselben nur den Anfisuigs- und Endpunkt 
des Gesammtwerkes bezeichnen, da nicht angenommen werden 



— 25 — 

könne, die Stadt habe in der Zeit ihrer grössten Blüthe 57 Jahre 
gebraucht, mn bloss den Thurm aufzomauem. — Diese ganze 
Schlussfolgerung empfange aber durch den Styl des Baus, welcher 
entschieden auf das 15. Jahrhundert hinweise, ihre volle Bestätigung. 

Allein gegen die Annahme einer durch den Einsturz des 
Chores und das Herabfallen der Thurmspitze hervorgebrachte starke 
Erschütterung der Standfahigkeit der ganzen Kirche erregt schon 
die Erwägung Bedenken, dass man ein so seltenes und kostbares 
Kunstwerk, wie eine Thurmuhr im Jahre 1411 war, wohl schwer« 
lieh an einem baufälligen nur für den Augenblick nothdürfUg auf« 
recht erhaltenen Gebäude angebracht haben wird, und völlig wider- 
legt wird jene Annahme durch eine im Archive des hiesigen Ge- 
wandhauses befindliche, undatirte, aber der Sprache und den 
Schxiftzügen nach ohne Zweifel der ersten Hälfte d6s 15. Jahrhun- 
derts angehörige Denkschrift der Altermänner des Gewandhauses. 
In dieser wird gesagt, dass sie, die Altermänner, 1412 noch 19 Mark 
4 Schillinge Sundisch in ihrer Lade gefanden haben, welche von 
den Kosten des von ihnen gestifteten, 1390 fertig gewordenen 
grossen Glasfensters im nördlichen Kreuzschiffe der St. Marienkirche 
— ohne Zweifel eines gemalten — übrig geblieben seien. Diese 
Summe haben sie einem der Ihrigen, Hermann Kemmering, der 
auf eigene Gefahr und Kosten, auf Gottes Hülfe und milder Leute 
Beistand vertrauend, den Bau des Chores der Kirche begonnen 
habe, zur Unterstützung bei diesem Werke angeboten, Hermann 
aber habe das Geld ausgeschlagen und gerathen, es anderweit zu 
Gottes und St Marien Ehre zu verwenden, worauf denn von dem- 
selben unter Zuschuss noch einer andern Summe verschiedene Ge- 
räthe zum Altardienst angeschafft seien« Und spater heisst es in 
der Urkunde weiter, es sei von den Altermännern in der Marien- 
kirche ein Altar, welcher vor dem Chore vor dem grossen Pfeiler 
im Norden stehe, mit dem erforderlichen Geräthe ausgestattet wor- 
den, was 96 Mark Sundisch gekostet habe. 

Aus diesen völlig unverdächtigen Aufzeichnungen geht denn 
also mit Sicherheit hervor, dass durch den Einsturz des Chores 
nnd der lliurmspitze die Haltbarkeit der übrigen Theile des Baus 
keineswegs gefährdet worden ist und man an einen Neubau des 
Ganzen nach jenen Ereignissen so wenig gedacht hat, dass man 
sogar damals eifrig bemüht gewesen ist, die Kirche mit kostbaren 



— 26 — 

Gegenständen auszustatten und zu schmücken, zu welchen Bestre* 
bungen denn auch das Anbringen der Uhr im Jahre 141 1 sehr gut 
passt '). Erweist sich nun aber Kuglers Ansicht über den Umfaog 



') Die Urkunde lautet, so weit sie hier ia Betracht kommt, folgender- 
massen: In deme jare 1400 und 12 jaer weren oldermanne to samme Go- 
deke van Bremen, Volquyn Kummerouw, Detard Bninswyk, Vycke Gol- 
vytze, Lambrecht Poleman unde Herman Kemmeringb. Desse vunden noch 
do 19 mark und 4 seh. Sund, in der oldermanne lade; de weren overlopen van 
deme groten glazevynster, dat dar steyt to unser lewen vrouwen int noor« 
den in dem crucewerke ; dat hadden de oldermanne laten maken in de ere 
godes und siner lewen moder, dat word reyde in deme jare, alse men scref 
1300 jaer, in deme 94 jaere. 

Nu de vorbenomede 19 mr. und 4 seh. wolden de oldermanne to antwor- 
den Hermen Kemmeringhe to helpe to deme buwe d«s kores to unser 
lewen vrouwen, dar he do en hovetman to was unde angehaven hadde by 
eme zulven alene up guder lüde mylde hantrekynge negest der hulpe godes -— * 
Unde Hermen wolde de pennynge nycht bebben unde sprak, de pennynge 
solen, of god wyl, noch wezen en anbegin to guden gotliken werken to 
dem denste unsers lewen heren godes unde siner benedieden lewen moder 
der juncfrou Marien, wo de oldermane dar to eren wyllen keren wyllen — . 

Aldus vorvolgede sie dat also, dat de oldermanne dat schickeden, dat 
Lambrecht und Hennen, vorbenomede personen, de do de jungesten weren 
manc de oldermannen, dat de dar voer solden raden, wo men dat voert 
solde bryngen, dat welk denest unseme heren gode und siner lewen moder 
geschicket und gestedeget mochte werden myt also luttic pennyngen den 
to havenne. Damegest schach dyt, dat desse twe vorbenomede Collen 
cnen guden vergulden kelk und en myssebok to enen anbegynne, unde 
wat en enbrak van gelde, dat leneden ze dar tho, unde ze vunden vort 
ene wyse, wo ze wat hulpe mochten krygen to gelde; dat ginc aldus to. 
De oldermanne myt eendracht verbodeden alle de gemeyne compenye to 
samende up ene stede. Dar leten se en ' verstaen ere andacht unde eren 
guden vorsaet, also dat de compenye solden wyllen overgeven to ener 
Gorten tlet de coste, de en islik compenyebroder der gantcen compenye 
enes plychtich is to doende, unde dat de oldermanne dar van mochten 
nemen ene redelike summe pennynge, dar men de ere und dat lof 
godes mochte mede vort bryngen. Dar antworde de compenye to myt 
eendracht aldus, dat ze de coste nenewys wolden overgeven, unde se 
wolden sie dath wol bewysen myt mylder hant to deme deneste godes 
nu vort, do se sie alle wol hadden bewyset, alse en duchte. 

Unde wo vele en yslik dar to gaf, dat vindet man her na in scryfl 
in dessen selven boke 

Nu schal men vortan weten, dat de oldermanne hebben beköstiget 
en altare to unser lewen vrouwen, dat dar steit vor deme core vor deme 
groten pyler int noerden, dat steyt myt syner tobehoringhe sunder de 



— 27 — 

der Besdiadigangen, welche die Kirche in den achtziger Jahren 
des 14. Jahrhnndeits erlitten hat, als irrig, haben dieselben keines- 
wegs eine Veranlassung zu einem Neubau des Langhauses und 
der Kreuzarme gegeben, sind vielmehr diese Theile des Gebäudes, 
noch nach jener Zeit in voltig gutem Zustande gewesen, so mössten 
später und namentlich erst nach 1412 Ereignisse eingetreten sein,^ 
welche die Erneuerung derselben herbeigeführt hätten. Von sol- 
chen Ereignissen findet sich nun aber nicht die geringste Nach- 
richt, namentlich auch weder bei Wessel noch bei Berckmann,. 
welche doch beide der Zeit, um die es sich handelt, so nahe 
standen, und beide, jener als Vorsteher der Kirche, dieser als 
Prediger an derselben, ein so nahes Interesse an ihr hatten, und 
solches auch durch die grosse Umständlichkeit ihrer Berichte über 
die Unfälle von 1382 oder 84 und von 1389, sowie über den Thurm- 
bau, Wessel ausserdem über noch gar manche kleinere dies Ge- 
bäude betreffende Ereignisse kundgegeben haben. Das Schweigen 
dieser Gewährsmänner in der hier in Rede stehenden Beziehung 
gibt also volle Sicherheit, dass kein Neubau des eigentlichen 
Kirchengebäudes im 15. Jahrhundert stattgefunden hat, wie denn 
auch schon selbst unter der Annahme der Richtigkeit der Kugler-^ 
sehen Vorstellung von der Wirkung der Einstürze des Chores und 
der Thurmspitze die Nichterwähnung der Erneuerung der Kirche 
sdiwer begreiflich wäre und Kuglers Versuch, diese Nichterwähnung 
zu erklären, bei Wenigen Beistimmung finden dürfte. 

Langhaus und Kreuzschiff stammen also sicherlich nicht aus 

tafel, myt enem kilke, myt enem missale, myt 4 misseweden, myt capsen 
und allen cleynen gemeynen stucken, unde de rode stoel dar vore legen dat 
altere dar to seltene; he was in voertyden gemaket gewest und plack to 
stende to sinte Nicblawese vor den hilgen lycham. Nu dit to sammen ge» 
rekent, dat vor benomet is, summa 96 marc Sund. . . . Item er, wen dyt 
altare reyde wort, do lezen allikewol 2 preyster alle tiet to eme anderen 
altare; dat warde 4 jare, alse van deme jare, da men scref 14CX) unde 7 jaer 
byt to deme 11 den jare; do wart dat altare reyde. 

Dass man nach dem Einstürze des Thurmes nicht einen Neubau der 
Kirche in Aussicht genommen hat, dafür spricht auch der Umstand, dass 
damals ein einstweiliger hölzerner Glocken tkurm, als klokhus u» A. 13931 
als asserea turris 1460, als bredertorn 1471 im Stadtbuche vorkommend, er- 
baut ward. Derselbe stand, wie sich aus mehreren Stellen des Stadtbuches 
ergibt, auf dem Neuen Markte vor der Einmündung des Zipollenhagens 
in diesen, also in der NShe des Chores der Kirche. 



— 28 — 

dem 15. Jahrhundert, sondern sind vor 1382 aufgeführt; aber dem 
ursprünglichen Bau gehören sie ebenso wenig an, wofür schon die 
Kreuzform der Kirche spricht, und was überdem die Behandlung 
sowohl der Hauptverhältnisse als aller Einzelheiten der betreffenden 
Theile derselben beweist £s wäre wohl eine Unmöglichkeit, dass 
in einer und derselben Stadt zu gleicher Zeit zwei Gotteshäuser 
aufgeführt wären, in denen sich ein so verschiedener Formensinn, 
eine so geradezu entgegengesetzte Auffassung des germanischen 
Styles offenbart, wie an St Nicolai und St. Marien. Man wird 
also den Anfang des Baus der letztern etwa in die Mitte des 
14. Jahrhunderts setzen müssen. 

Im 15. Jahrhundert hat dieselbe dann, wenn auch freilich 
nicht einen Neubau, so doch eine bedeutende Vergrösserung er- 
fahreu; indem ihr der westliche Querbau, dessen Mitte der Thurm 
bildet, vorgelegt worden ist. Vom Thurme selbst wird uns, wie 
wir gesehen haben, glaubhaft berichtet, dass er von 1416 oder 17 
ab von Grund aus neu aufgeführt sei, die übrigen Theile des Quer- 
baus aber bilden mit ihm ein so organisch verbundenes Ganzes, 
dass ohne Weiteres anzunehmen ist, auch sie seien erst zu jener 
Zeit in Angriff genommen, und dann braucht man sich gar nicht 
zu wundem, dass 57 Jahre vergangen sind, ehe der neue Thurm 
seinen Helm erhielt; denn der gesammte Querbau hat mehr Ar- 
beit erfordert, als manche ganze stattliche Kirche. Zu bemerken 
ist dann noch, dass jene Zeit nicht, wie Kugler behauptet, die der 
grössten Blüthe der Stadt war, und dass in ihrem Verlaufe gar 
manche Ereignisse stattgefunden haben, welche auf den Bau ver- 
zögernd einwirken mussten, ihn wohl zeitweise ganz unterbrachen: 
es sei nur an den Hansekrieg gegen den Unionskönig Erich und 
an die Vogeschen und Barnekowschen Händel erinnert. 

Ich sagte, der westliche Querbau sei der Kirche vorgelegt 
worden: der ältere Thurm hat nämlich nicht ganz an der Stelle 
des jetzigen gestanden, sondern etwas weiter zurück bis zu dem 
ersten Pfeilerpaare des Mittelschiffes hin, wie man aus dem Aus- 
sehen dieser Pfeiler selbst und des Mauerwerkes über ihnen deut- 
lich abnehmen kann. Der frühere Thurm hat übrigens frei vor 
dem Mittelschiffe gestanden, was aus der Bauart des westlichsten 
Theiles der Seitenschiffe zu erkennen ist. 

Seit Vollendung des Querbaus und des sich über demselben 



- 29 - 

erhebenden neuen Thurmes stellt sich unsere Marienkirche dem 
sich ihr nahenden Beschauer als eines der grossartigsten mittel- 
alterlichen Baudenkmäler im Norden unsers Vaterlandes dar. Sie 
ist 306 Fnss lang, im Langhause 104 Fnss breit und hat bis zur 
Dachfirst eine Höhe von 134 Fuss; der Thurm erhebt sich 345 Fuss 
hoch, ist früher aber noch bedeutend höher gewesen; er lief näm- 
lich ursprünglich in eine überaus schlanke Spitze aus, welche er 
1647 auf dieselbe Weise eingebüsst hat, wie die beiden übrigen 
Pfarrkirchen die ehemaligen Abschlüsse ihrer Thürme; nämlich 
durch einen zündenden Blitzstrahl , worauf er eine ähnliche Be« 
dachung erhalten hat, wie der südliche Thurm von St. Nicolai. 

£s ist nicht etwa die körperliche Mächtigkeit allein, durch 
welche das Gebäude einen grossen Eindruck macht, sondern ebenso, 
ja noch mehr, seine ungemein malerische und reiche, zugleich aber 
klare Anlage: die Kirche hat, wie die zu St. Nicolaus, neben dem 
Hauptschiffe zwei niedrigere Seitenschiffe, ist aber, wie schon er- 
wähnt, in Kreuzform gebaut Die Kreuzarme treten stark über 
die Fluchtlinien des Langhauses hervor und haben jeder ebenfalls 
2 niedrigere Schiffe zur Seite. Ueber dem Durchschnittspunkt der 
Dachfirsten des Kreuzes und des Langhauses erhebt sich ein so- 
genannter Dachreiter, der freilich seit seiner dem 17. Jahrhundert 
angehörigen Erneuerung mit dem Style des Gebäudes nicht zu- 
sammenstimmt Der Chor ist von gleicher Höhe mit dem Mittel- 
schiffe, dreiseitig aus dem Achteck geschlossen und von einem 
ebenso gebildeten, mit den Seitenschiffen des Länghauses und der 
Kreuzanne gleich hohen Umgange umschlossen. Zeigt sonach die 
Kirche selbst überall, auch, was ungewöhnlich ist, im Kreuzbau, 
ein organisches Aufsteigen der Haupttheile aus den untergeordnetem, 
90 wird die Wirkung des Ganzen noch bedeutend erhöht durch 
die dgenthümliche Anordnung des Westbaus. Der Thurm erhebt 
nch in quadratischer Form von 4 schlanken achtseitigen Eckthürm- 
chen umgeben bis 10 Fuss über die First des Kirchendaches empor, 
um dann ins Achteck umzusetzen, zugleich auch mit den den 
Mauern des Unterbaus parallelen Seiten um mehrere Fuss zurück- 
zutreten. In dieser schlankeren und lebendigeren Form steigt er 
noch in 2 Stockwerken, von welchen das obere höhere sich aber- 
mals etwas verjüngt, 57 Fuss hoch empor und erhält dann seine 
Bekrönung, die freilich der ursprünglichen an Wirksamkeit erheblich 



• — 30 — 

nachsteht, indessen den Eindruck des mächtig Emporstrebenden, 
welchen der Thurmbau im Uebrigen macht, nicht gerade stört 

Vom Thurme laufen nun in gleicher Hohe mit dem Mittel- 
schiffe der Kirche 2 Qoerflügel aus, welche noch etwas weiter als 
die Kreuzarme über die Fluchtlinie des Langhauses vorspringen 
und an der Stirnseite mit je 2 achtseitigen Eckthürmchen einge- 
fasst und mit abgetreppten durch 2 thurmartige Pfeiler gegliederten 
Giebeln abgeschlossen sind. Es hebt sich also der Thurm aus 
diesen Flügeln ähnlich empor, wie das Mittelschiff und das Kreuz 
aus den Seitenschiffen, der Chor aus dem Umgange, und der west- 
liche Querbau in seiner Gesammtheit bringt somit das Gesetz der 
stufenweisen Entwicklung der bedeutsamem Bautheile aus den 
untergeordnetem, wdches das eigentliche Kirchengebäude beherrscht, 
noch einmal zum Ausdrack, prägt es gleichsam in kräftigster Weise 
abermals ein und verkündet es weit in das Land hinaus. 

So erhaben und prächtig nun aber der Gesammteindrack des 
Aeussem des Baus ist, so sehr entbehrt dieses der feineren Durch- 
bildung: das Mittelschiff und der Chor sind ohne Strebepfeiler, die 
der Seitenschiffe und des Umganges sind nach Innen gezogen, und 

■ 

die Wände dieser Gebäudetheile haben nach Aussen hin gar keine 
Belebung als durch die Fenster; diese aber sind mit wenigen Aus- 
nahmen von überaus nüchterner, ja geradezu unschöner Form, 
nicht bloss ohne gegliederte Laibungen und statt des Maasswerkes 
nur mit rohen senkrechten Rippen versehen, sondern sogar nicht 
einmal mit einem regelrechten Spitzbogen , vielmehr theiis mit einem 
gedrückten, in einem Winkel an die senkrechten Seiten anstossen- 
den, theiis mit einem Flachbogen oder in 2 schräg gegen einander 
laufenden geraden Linien überdeckt, und im Chorumgange finden 
sich sogar Fenster, die nur einen halben gedrückten Spitzbogen 
haben, bis zu dessen Spitze die eine Wandung senkrecht emporsteigt. 
Die Krenzarme haben an den Seitenwänden ebenfalls keine 
Strebepfeiler, sind aber allerdings an der Giebelfront mit solchen, 
jedoch ziemlich roh geformten, versehen. Die Fenster sind einfach 
umrahmt, die beiden gewaltig grossen an den Giebelseiten des 
mittlem Kreuzschiffes haben auch einen gutgeformten Spitzbogen; 
ihr reiches Maasswerk aber ist erst 1856 behufs Aufnahme der 
durch die Huld Konig Friedrich Wilhelms des Vierten der Kirche 
zu Theil gewordenen schönen Glasgemälde eingesetzt. 



— 31 — 

Auch der westliche Querbau zeigt in den Einzelheiten meist 
eine grosse Sdilichtheit; aber er erscheint doch durch die Thärm- 
cben, die an allen seinen Ecken aufsteigen, wirksam gegliedert, 
auch haben die Fenster an diesem Bautheile durchweg regelrechte 
Spitzbogen und an den Wandungen feines Stabwerk. Sehr an- 
mnthig und krallig gebildet, nur leider durch eine unwürdig häss- 
liche Thur entstellt'), ist das Portal unter dem Thurme, welches 
mit dem darüber aufsteigenden Fenster von einem mächtig hohen 
sehr schlanken Bogen dngefasst wird. Darauf aber folgt ober- 
wärts ein völlig schlicht aufgemauertes nur mit einigen* Gucklöchern 
versehenes Stockwerk, über dem dann der Thurm ins Achteck um- 
setzt, und nun einen ziemlich reichen doch etwas zu flach gehaltenen 
Schmuck von Nischen erhalt, die — ein Zeichen der sehr späten 
Zeit der Vollendung des Baus — im Rundbogen geschlossen sind. 

Unverkennbar ist es, dass der Vergleich des Westbaus mit 
dem etwa 60 — 70 Jahre früher begonnenen Langhause einen Be- 
weis von dem Wiederaufschwnnge der Baukunst im 15. Jahrhun- 
dert, welcher sich im Gebiete des Ziegelbaus an so vielen Orten 
kundgibt, liefert^. Nicht minder zeugt dafür die Vorhalle des 
nÖTdlichen Kreuzarmes, die in höchst anmuthiger und durchgebil- 
deter Weise erbaut ist, so dass Kugler zweifelt, ob er sie nicht 
f&r ein Ueberbleibsel des ursprünglichen Baus ansehen soll, wobei 
er sich freilidi das Bedenkliche dieser Annahme nicht verhehlt 
Dieselbe ist jedenfalls unrichtig; die Vorhalle, deren Vorderseite 
übrigens das einzige Beispiel bildnerischen Schmuckes am Aeussem 
einer hiesigen Kirche zeigt, stammt vielmehr etwa aus dem Jahre 
1430, wie aus der Gleichheit der an ihr verwandten Formsteine 
mit denjenigen erhellt, welche der nach einer Aufzeichnung im 
Stadtbnche 1427 erbaute, vor einigen Jahfen abgebrochene soge- 
nannte Kleine Marienhof hinter dem Chore der Kirche zeigte. 

Nunmehr ist es aber hohe Zeit, dass wir uns zur Betrachtung 
des Innern des Gebäudes wenden, wobei wir jedoch von dem, was 
dort der in den Jahren 1841 bis [1849 ausgeführte Wiederherstellungs- 
nnd Ausschmückungsbau hinzugefügt, und was sich denn auch 



') Dieselbe ist inzwischen beseitigt und durch eine stylgemässe er- 
setzt worden. 

') Den glänzendsten Beweis für diesen Aufschwung gewährt hiesigen 
Ortes der Thurm der St« Jacobikirche. 



— 32 — 

meist auf den ersten Blick als g3^sernes Anklebsei, als mehr wohl- 
gemeinte als glückliche moderne Zuthat kenntlich macht, absehen 
und uns dasselbe als nicht vorhanden denken wollen. 

Treten wir nun durch das Hauptportal ein, so bietet sich uns 
zuerst freilich ein mehr überraschender als wohlthuender Anblick 
dar: wir befinden uns in der Halle des Querbaus » die an sich 
schon schmal durch die in sie einspringenden riesigen Hinterpfeiler 
des Thurmes noch erheblich mehr beengt wird, und deren Breite 
daher mit ihrer gewaltigen Hohe in keinem auch nur annähernd 
richtigen Verhältnisse steht. Der Mangel eines solchen tritt um 
so greller hervor, als die Wände des Raumes etwas überaus Starres 
haben, so dass man bei ihrer Betrachtung unwillkürlich von einem 
beengenden Gefühl erfasst wird. Gelangt man dann aber unter 
den Bogen, welcher die Vorhalle mit dem Hauptschiffe verbindet, 
und überschaut dieses und den Chor, so entrollt sich ein ganz an- 
deres Bild: das Gefühl des dumpfen Staunens und des Druckes 
weicht dem der Ehrfurcht und der Erhebung: der Blick eilt auf 
gelösten Schwingen freudig durch den grossartigen Raum an den 
in lebendigem Wechsel sich hebenden und senkenden Bogen- und 
Nischenreihen entlang bis zu dem fernen Chorschlusse hin und 
zum Scheitel des hohen Gewölbes hinauf. In schönem Verhält- 
nisse stehen Höhe, Breite und Länge des Raumes, die erste Ab- 
messung io6 Fuss betragend, die zweite 3272» die dritte 205; fünf 
Paare schlanker, doch nicht dünner achteckiger Pfeiler, die weit 
genug von einander abstehen, um den sich zwischen ihnen wölben- 
den gut geformten Bögen eine treffliche perspektivische Wirkung 
zu sichern, trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen; 4 ihrer 
grossem Höhe angemessen stärker gebildete, ebenfalls achteckige 
Pfeiler umschliessen die Vierung, 3 verschieden gestaltete Paare 
scheiden Chor und Umgang. Oberhalb der Scheidbögen schliessen 
dann Vorsprünge von der Breite der Arkadenpfeiler die Fenster- 
nischen ein, die bis unter das Gewölbe hinauDsteigen. — Eine er- 
habene Harmonie herrscht in der hohen Halle; man fühlt sich an 
heiliger Stätte, und dieses Gefühl verlässt uns auch nicht, wenn 
wir weiter schreiten bis in den Chor hinein und die Seitenschiffe 
entlang; auch in den letztern waltet ein richtiges Verhältniss der 
Breite, die sich auf 18 '/a Fuss beläuft, zu der Höhe von 49 Vi Fuss 
ob, und diese letztere ordnet sich der des Mittelschiffes in voll- 



— 33 — 

kommen angemessener Weise unter, indem sie nahezu die Hälfte 
derselben betragt. 

Aber wenn wir nun, des grossartigen Gesammteindruckes voll, 
mis in die Einzelheiten des Baus vertiefen wollen und auch an 
diesen uns erfreuen zu können glauben, so wartet unser freilich 
eine grosse Enttäuschung; denn von jener wunderbaren Krafl des 
vollendeten germanischen Styles, alle Theile bis ins Kleinste zu 
beleben, ihnen allen seinen Grundgedanken, den des Aufstrebens, 
einzuhauchen und sie unter einander sowohl, als auch mit dem 
Ganzen organisch zu verbinden, findet sich im Innern unserer 
Marienkiiche fast keine Spur: keine Entwickelung des einen Theiles 
aus dem andern; jeder dem andern nur angefügt und jeder in sich 
nüchtern, wo nicht geradezu roh; kein Schwellen und Spriessen, 
kein elastisches Vorquellen und Sichzusammenziehen, keine Glie- 
derung im Einzelnen — fast überall ebene Flächen und scharfe 
Ecken. 

Die Arkadenpfeiler steigen ohne Vermittelung eines Sockels 
vom Boden in völliger Schlichtheit auf und schliessen mit einem 
lediglich aus einigen Schichten etwas vortretender Steine gebildeten 
Deckgliede ab, auf welches die Scheidbögen aufsetzen, deren Lei- 
bungen in einer glatten Fläche in der Mitte und zwei von dieser 
gegen die Wandflächen auflaufenden mit einigen Rundstäben ge- 
füllten Schrägen bestehen. Dieser letztere Zierrath fallt, so einfach 
und selbst nüchtern er ist, doch bei der sonstigen Abwesenheit 
jegliches Schmuckes auf. Die Wandungen der Fensternischen sind 
ebenfalls ganz glatt und an den Pfeilern zwischen ihnen laufen 
keine Dienste empor; vielmehr entbehren solcher die übrigens 
äusserst magern Gewölbrippen gänzlich. Die Seitenschiffe sind um 
nichts besser ausgestattet, und den höchsten Grad erreicht der 
Mangel an Durchbildung im Chorumgange, der von einer geradezu 
abschreckenden Rohheit ist und auch wohl für nichts Anderes, als 
einen Nothbau, angesehen werden darf. 

Im Ganzen wiederholt sich also im Innern des Gebäudes, was 
seine Aussenseite zeigt: Schönheit und Grossartigkeit der allge- 
meinen Verhältnisse bei Mangel an Anmuth und Zierlichkeit in 
den Einzelheiten. — Wie sehr ist dieser Mangel zu beklagen! was 
wäre die Marienkirche, wenn dem Meister, welchem wir ihre Schiffe 
und ihren Chor verdanken, zu seinem hohem Geiste ein so feiner 

Hansische Geschichtoblätt«r. VJI. 3 



l 



— 34 — 

Formensinn verliehen gewesen wäre, wie er dem Erbauer des Chores 
der Nicolaikirche innegewohnt hat! Doch auch so, wie die Marien- 
kirche dasteht, mit allen ihren Fehlern und Gebrechen darf sie 
gewiss, wie es vorher von mir geschehen ist, als ein höchst be- 
deutendes Bauwerk bezeichnet werden. Meines Erachtens ist sie, 
Alles erwogen, höheren Ranges, als die Nicolaikirche, so viele ins 
Auge fallende Vorzüge diese auch vor ihr hat'). Damit spreche 
ich freilich eine Ansicht aus, welche der herrschenden entgegen 
steht und auch vielleicht von vielen unter Ihnen, meine hochge- 
ehrten Zuhörer, bei eigener Betrachtung und Vergleichung beider 
Gebäude verworfen werden wird; aber, wie dem audi sei, darin 
werden Sie mir gewiss sämmtlich beistimmen, dass die Stralsunder 
volles Recht haben, auf beide stolz zu sein. Mögen sie, die schönen 
Denkmäler einer grossen Zeit, noch lange uns erhalten bleiben 
und stets ihrem heiligen Zwecke dienen! 



') Bemerkt mag hier am Schlüsse noch werden, dass die Marienkirche 
inzwischen durch Abbrach des zu ihr gehörigen Diakon atshauses sammt 
den sich an dasselbe schliessenden Baulichkeiten nach Norden zu ganz frei 
gelegt ist, und nunmehr erst der grossartige Eindruck, welchen der An- 
blick ihres Aeussern zu machen geeignet ist, ganz und voll empfunden 
werden kann. Die übrigen Gebäude, von welchen sie früher nach Norden 
und Westen zu umgeben war, sind schon im vorigen Jahrzehnt beseitigt 
worden. 



DER SEERÄUBER 



■ • 



KLAUS STORTEBEKER 



IN GESCHICHTE UND SAGE. 



VON 



KARL KOPPMANN. 



3* 



In einem ewigen Kampfe stehen Sage und Geschichte ein- 
ander gegenüber. Beide beschäftigen sich mit der Vergangenheit 
In der Geschichte waltet der herrschende Verstand des Historikers; 
ihre Aufgabe ist es, die Ereignisse festzustellen, ihre Wechselwir- 
kung zu erkennen, sie in ihrer Bedeutung zu würdigen; ihre Ar- 
beitsweise besteht darin, das Wahre vom Unwahren und vom 
Zweifelhaften zu sondern und die einzelnen Bausteine in ihrer Zu- 
sammengehörigkeit, in ihrer Lückenhaftigkeit und in ihrem Ver- 
hältniss zum Ganzen zu erkennen. In der Sage dagegen herrscht 
das Erinnerungsvermögen des Volkes; das Ganze, das die Ge- 
schichte allmählich zu rekonstruiren sich abmüht, ist ihr Ausgangs- 
punkt; ihr Bestreben ist darauf gerichtet; das Vergangene in einem 
anschaulichen, lebensvollen Bilde festzuhalten; ihre Methode besteht 
darin, dass sie den Ereignissen einen bestimmten Mann zum 
Repräsentanten und einen bestimmten Ort zum Hintergrund giebt, 
und dass sie Dinge, denen solche Gedächtnissmarken abhanden 
gekommen sind, auf andere Männer und Oertlichkeiten überträgt. 

Zu den Lieblingen der Sage gehört der Seeräuber Klaus 
Störtebeker. Er ist ihr der Repräsentant jener Seeräuberschaaren, 
welche unter dem Namen der Vitalienbrüder zwei Menschenalter 
hindurch Ostsee und Nordsee dem Kaufmann unsicher machten^). 

Die Seeräuber kamen auf, als nach dem Tode Waidemars 
von Dänemark die Ansprüche zweier Prätendenten auf die dänische 
Königskrone, Olavs, des norwegischen Königssohnes, und Albrechts, 
des Herzogssohnes von Meklenburg, einander gegenüber standen. 
Einen neuen Impuls erhielt ihr Unwesen, als König Albrecht von 
Schweden bei der Verfolgung der meklenburgischen Ansprüche in 
die Gefangenschaft der Königin Margaretha von Norwegen ge- 



') Ueber das Folgende s. Hanserecesse 4, S. VI — XXIII. 



- 38 - 

rathen und bis auf die eine Festung Stockholm die ganze schwe* 
dische Herrschaft den Meklenburgern verloren gegangen war. Erst 
nach sechsjähriger Gefangenschaft wurde König Albrecht durch 
die Vermittelung der Hansestädte der Freiheit zurückgegeben; 
Stockholm aber, dessen Speisung den Seeräubern den Namen der 
Vitalienbrüder gegeben hatte, wurde als Unterpfand für das Lose- 
geld des Königs von den Hansen in Besitz genommen. Die Auf- 
gabe der Vitalienbrüder war hinfallig geworden, aber der Name 
blieb, wie die Seeräuber blieben. 

Bisher im Wesentlichen auf die Ostsee beschränkt, machen 
sie nun auch die Nordsee zu ihrem Tummelplatz. Auf der Ost- 
see handelt es sich um die Unterstützung der Meklenburger, die 
das Verlorene wiederzugewinnen, die Gegnerin zu schädigen suchen ; 
aber Gothland geräth durch einen glücklichen Handstreich des 
Hochmeisters dem deutschen Orden in die Hände, und als letzte 
Reste der meklenburgischen Herrschaft ausserhalb Meklenburgs 
fallen die festen Orte Finnlands der Königin Margaretha zu. Auf 
der Nordsee bieten die Kämpfe, welche Ostfriesland durchtobten, 
den Seeräubern willkommene Gelegenheit zur Einmischung. Im 
Lande selbst stehen hier zwei Parteien in blutigem Streite einander 
gegenüber, und der Nachbarfürst Albrecht von Holland benutzt 
diesen Streit zu einem Versuche, die freien Nacken der Friesen 
unter die Oberherrschaft Hollands zu beugen. 

Im Jahre 1400 hatten die Hansestädte beschlossen, zur Be- 
friedung der Nordsee eine Flotte auszurüsten, die aus 11 Schiffen 
mit einer Bemannung von 950 Mann bestehen und nöthigenfalls 
verstärkt werden sollte. Ehe sich aber diese Flotte zusammenge- 
funden hatte, fuhren die Schiffshauptleute Lübecks und Hamburgs 
am 22. April aus der Elbe, stiessen Mai 5 auf eine Abtheilung 
der Seeräuber, in drei Schiffen zweihundert Mann stark, und er- 
fochten einen entscheidenden Sieg, in Folge dessen die übrigen 
Vitalienbrüder die Flucht ergriffen und die Friesen den Hanse- 
städten fünf Schlösser übergeben, Friede unter einander schliessen 
und Geissein, von der einen Partei nach Bremen, von der andern 
nach Groningen schicken mussten. Die Vitalienbrüder aber, denen 
es zu entkommen gelungen war, fanden theilweise in Norwegen^ 
theilweise in Holland Aufnahme. 

Unter den Anführern der nach Holland Geflohenen wird ein 



— 39 — 

Johann Störtebeker genannt'), wahrscheinlich ein Verwandter oder 
Namensvetter Klaus Störtebeker's, nicht dieser selbst. Nach Nor- 
wegen war ein Haufe von 200 Vitalienbrüdern gesegelt, deren 
Anführer sich, als die Schiffshauptleute am 6. Mai nach Emden 
kamen, in Schloss Loquard, das später von den Hansestadtern 
niedergebrannt wurde, aufgehalten hatte. In dem Berichte der 
hansischen Schiffshauptleute heisst es, dass: Godeke Wessels noch 
up dem slote was, do wy to £mede kernen, unde den steden dar 
van entverdyghed ward'). Ein Schreiben der Hamburgischen 
Schiffshauptleute vom 6. Mai nennt den Anführer richtiger Godeke 
Michels und als seinen Mitanföhrer den Wigbold^). 

Godeke Michels und Wigbold und neben ihnen Wichmann 
und Klaus Störtebeker werden in der Lübischen Chronik des sog. 
Rofus zum Jahre 1395 als die Häuptlinge jener Seeräuber genannt, 
die sich nach der Befreiung König Albrechts von Schweden in den 
Städten Rostock und Wismar nicht mehr sicher fühlten und des- 
halb anderswo Zuflucht suchten^): Van dessen en del quemen an 
Vreslandes syden unde roveden dar up den copman; de ander del 
sochten dat Hyspanische mer unde weren deme copmanne dar tö 
vordrethe; ok vor erer en grot schaar an de Russen unde deden 
den groten schaden. Besser zeerovere hovetlude weren gheheten. 
Godeke Michelis, Wichman, Wycholt unde Clawes Störtebeker, 
unde deden dem copmanne groten schaden. 

Vermuthlich war aber der Chronist durch die späteren Ereig- 
nisse beeinflusst, als er diese vier Männer als Häuptlinge der See- 
räuber neben einander stellte, denn eine Klageakte der Engländer, 
die sich über ihren angeblich von den Hansen erlittenen Schaden 
beschwerten, nennt als Anführer der Kaperer von 1394 — 99 unter 
Andern einmal Godeke Michels und Klaus Scheid, fünfmal Godeke 
Michels, Klaus Scheid und Störtebeker und neunmal Godeke 
Michels und Störtebeker zusammen, ohne dabei des Mag. Wigbold 
und des Wichmann zu gedenken^). 

') H. R. 4, Nr. 605. 

») H. R, 4, Nr. 59£ § 36. 

3) H. R. 4, Nr. 658. 

^) Grautoff, Lüb. Chroniken i, S. 371. 

5) Haklayt, The principal navigations, voiages, traffiques and dis- 
coveries of the English Nation i, S. 164—69; vgl. Zeitschr. f. Hamb. 
Gesch. 2, S. 70 Anm. 45. 



— 40 — . 

Diese enge Verbindung Stortebekers mit Godeke Michels 
macht bei dem Umstände, dass Störtebeker immer nach Godeke 
Michels genannt wird, die Vermuthung wahrscheinlich, dass sich 
Störtebeker auch im Jahre 1400 mit Godeke Michels zusammen 
in Loquard aufgehalten und mit ihm nach Norwegen geflüchtet 
habe, zumal da auch die Zahl von 200 Vitalienbrüdem im Allge- 
meinen besser für zwei Schiffe als für ein Schiff passen würde, 
und im Besonderen denjenigen Angaben entspricht, welche wir 
über die Bemannung der beiden den Hamburgern in die Hände 
gefallenen Seeräuberschiffe besitzen. 

Zu Beginn der Schifffahrt werden die Seeräuber im nächsten 
Jahre ihre Schlupfwinkel verlassen haben. Unter dem 24. März 
1401 schrieben die seit März 13 zu Lübeck versammelten hansi* 
sehen Rathssendeboten an die preussischen Städte*), dass man auf 
der früher beschlossenen Auslegung von Friedeschiffen in die Ost- 
see bestehen müsse, wente wy warliken berichtet sint, dat Godeke 
Wessels mit synen kumpanen in der zee sint, unde lichte in den 
Orsund zoken werden. Wenn zu diesen Kumpanen des Godeke 
Michels auch Klaus Störtebeker gehörte, so muss er sich bald 
darauf von ihm getrennt haben, denn, wie jetzt zu zeigen sein 
wird, noch in diesem Jahre ereilte sie vereinzelt, erst Störtebeker, 
dann Godeke Michels, ihr Geschick. 



Für die Bekämpfung und Ueberwältigung dieser Seeräuber 
durch die Hamburger sind wir bei der Armuth Hamburgs an 
älteren chronikalischen Nachrichten auf die Ueberlieferung der 
Schwesterstadt Lübeck angewiesen. Die Rufus- Chronik berichtet 
darüber folgendermassen^: In demesulven jare vochten de £nge- 
landesvarer von der stad Hamborch uppe der zee mit den zeero- 
veren, de sik vytalienbrodere nomeden, unde behelden den zege jegen 
se. Se slugen erer beth to vertich doet by Hilgelande, unde vingen 
erer by seventigen. De brochten se mit sik to Hamborch, unde 
leten en alle de hovede afslan; ere hovede selten se by de Elve up 
ene wisch to eme tekene, dat se de zee gerovet hadden. Desser 
vytalien(brodere) hovetlude weren genomet Wichman unde Clawes 

') H. R. 5 , Nr. 8. 
*) Grautoff 2, S. 462. 



— 41 — 

Stortebeker. Dama nicht lange quemen desulven Engelandesvarer 
nppe enen anderen hupen der z^erovere, unde singen sik myt en. 
God gaf echt den guden helden de(n) sege jegen se, dar se erer 
vele mordeden, unde vingen erer by achtentich unde vorden se 
mit sik tho Hamburg; dar worden se enthovedet, unde by ere 
kumpane uppe de wisch gesettet. Desser hovetmanne weren ge- 
heten Godeke Micheles unde Wygbold, ein mester an den seven 
kansten. Dieser Bericht unterschddet also zwei Treffen: das erste 
findet bei Helgoland statt, die Anfuhrer sind Wichmann und 
Klaus Stortebeker, es werden gegen 40 Seeräuber getodtet und 
gtg^Xi 70 gefangen; der Ort des zweiten Treffens ist nicht genannt, 
die Anführer sind Godeke Michels und Mag. Wigbold, es werden 
viele Seeräuber getodtet und gegen 80 gefangen; beide Siege 
werden den Hamburgischen Seeräubern zugeschrieben, beide in*s 
Jahr 1402 gesetzt 

Schicken wir uns an, die Angaben dieses Berichtes einer 
Prüfung zu unterziehen, so haben wir zunächst zu konstatiren, 
dass trotz aller Einbussen, welche das Jahr 1842 über unser Ar- 
chiv verhängt hat, durch den Fleiss früherer Forscher ein wich- 
tiges Material über unsern Gegenstand der Nachwelt überliefert 
ist. Zu den Auszügen von 7 Schreiben, welche wir Lappenberg'), 
und SU den Auszügen aus den Kämmereirechnungen, die wir 
Laurent verdanken, kommen dann noch zwei bisher nicht benutzte 
Aktenstücke, ein Schreiben Hamburgs an Kampen, das im Stadt- 
archiv zu Kampen aufbQwahrt wird, und das Testament des Niko- 
laus Schoke, das sich im Stadtarchiv zu Hamburg befindet. Von 
diesen vollständig erhaltenen Dokumenten gehen wir bei unserer 
Untersuchung aus. 

Der Rathmann Nikolaus Schoke, der, wie noch -näher zu 
zeigen sein wird, bei der Bekämpfung des Godeke Michels den 
Oberbefehl führte, erhielt im Jahre 1402 aus der Sladtkasse ein Ge- 
schenk von 80 Mark zu seiner Reise nach San Jago de Compo- 
stella^. Ehe er diese Reise antrat, machte er sein Testament. 
Ik, Nikolaus Schoke, radman to Hamborch, van Godes gnaden 



*) Zeitschr. f. Hamb Gesch. 2, S. 96—98. 

*) Kämmereirechnungen 2, S. 4: 64 ^ domino Nicoiao Schoken ad 
s. Jacobum in Compostellanum. lieber San Jago de Compostella als 
Wallfahrtsort s, z. B. Hanserecesse 4, Nr. 38 § 5. 



— 42 — 

gesund an mynem live unde reddelik an mynen zinnen, hebbe 
willen to wanderen peregrimatze .to tröste unde to zaiicheit myner 
zele. Dieses Testament ist datirt: 1402 op den avend unser leven 
vruwen, alse God xnynsche ward. Diese Tagesbezeichnung ist 
sonst noch nicht beachtet, kann sich aber nur beziehen auf das 
„geboren von der Jungfrau Maria'' oder auf das „empfangen vom 
heiligen Geiste*', und wird, da das Weihnachtsfest schwerlich als 
Marienfest aufgefasst werden konnte, wahrscheinlich als Maria 
Verkündigung zu deuten sein. Demnach datire ich das Testament 
vom 24. März 1402, 

Mit diesem Ergebnisse, dass die Blutarbeit gegen Klaus 
Störtebeker und gegen Gödeke Michels am 24. März ^402 bereits 
vorüber gewesen sein müsse, stimmt der Inhalt des Hamburgi- 
schen Schreibens an Kampen vortrefflich überein. Kampen hatte 
sich wiederholt für seinen Bürger Kersten von Wylsen ver* 
wandt; der in dem Koggen des Schiffers Lubbert Overdik 16 Last 
Bier gehabt und an die Seeräuber verloren hatte; Hamburg ant- 
wortete ihm darauf wie folgt ^): Des mach juw, leven vrunde, wol 
vordenckeu; wo dat wy lesten juw dar up screven, dat Ghodeke 
Mychels myd anderen vytalienbroders, zynen hulperen, uppe der 
zee was, imde dat wy de unse uthredden, de den sulven Ghodeken 
unde syne hulpere myd erem kogghen wunnen, unde dat de unse 
an dem sulven kogghen den ergenomeden Lubberte gevangghen 
vunden. Unde do vornemen ze, dat de vytalienbrodere des sulven 
Lubbertes kogghen genomen unde gemanned unde vord up de 
Jade gevored hadden. Des zegelden unse vrund den vytalienbro- 
deren na under grotem arbeyde, kosten unde eventure, zo dat ze 
myd Godes hulpe den vj'talienbroderen des ergenomeden Lubbertes 
kogghen weder afwunnen. Unde do hadden de vytalienbrodere 
alrede den mesten del des bers uth dem kogghen genomen unde 
geworpen, uppe dat ze den kogghen de vorder in dat land bryng- 
ghen moditen, dar unses rades kumpane, de ergenomede Lubbert 
unde vele anderer vromen lüde jegenwardich weren. Unde do 
unse vrund den sulven kogghen van dar to unser stad gebracht 
hadden ; ward na unser stad rechte dat ene dordendel des kogghen 
unde gudes togevunden den gennen, de de koste dar umme gedan 

") H. R, 5, Nr. 54; vgl. Nr. 53 « Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 98 
unter 6. 



— 43 — 

badden, dat andere dordendel den gennen, de dat ^rbeyd deden, 
unde dat dorde dordendel deme vorbenomeden Lubberte unde dem 
copmanne de dar gud ynne hadde'). Welkes dorden dordendeles 
unde gndes de vorbenomede Lubbert ziik gentzliken ttnderw:and 
unde brukede van zyner, des ergenomeden Kerstens unde des 
copmans weghen to synem >villen, alse gi, leven vrunde, dese 
handelinghe lichte warliken wol ervaren hebben. Leider trägt 
dieses Schreiben keine Jahreszahl, sondern nur das Tagesdatum 
Donnerstag nach Cantate; mit Rücksicht auf das Schokesche 
Testament setze ich es auf den 27. April 1402. Da Kampen in 
dieser Angelegenheit an Hamburg geschrieben^ Hamburg geant«- 
wortet und Kampen abermals geschrieben hatte, ehe das Schreiben 
vom 27. April 1402 erging, so müssen bei Abfassung desselben 
mindestmis schon mehrere Wochen seit der Besiegung Gödeke 
Michels verflossen gewesen sein. Abgesehen von dieser Bestätigung 
der chronologischen Frage gewinnen wir aus dem Schreiben die 
Erkenntniss, dass der Kampf gegen Gödeke Michels in zwei Akten 
sich abspielt: Gödeke Michels selbst wird an einem ungenannten 
Orte ' überwunden, eine Abtheilung seiner Gesellen aber sind in 
dem Koggen des Lubbert Overdik in die Jahde gefahren und 
fallen hier den Hamburgern in die Hände. 

Auf den Kampf in der Jahde nimmt auch ein verlorenes 
Schreiben des Häuptlings £de Wümmeken an Hamburg Bezug ^: 
„die auf der Jahde Gefangenen seien keine Seeräuber gewesen; 
sie werden genannt und zurückverlangt". Dieses wichtige Schrei- 
ben war v. J. 1401 datirt. Wenn diese Jahreszahl richtig ist — 
und ywiT haben keinen Grund, diese positive Angabe zu bestreiten, 
da * weder das Datum des Schokeschen Testaments, noch das 
Datum des Kamper Schreibens derselben widerspricht — , so hat 



^) H. R. 5, Nr. 52 BS Zeitschr. 2, S. 97 unter 5 antwortet Hamburg, 
das eine Dritttheil sei der Stadt verfallen , als Entschädigung für die gehabten 
Unkosten, das zweite sei unter die Kriegier vertheilt, die das SchiflT erobert 
haben,. nnd das dritte komme den Kauf leuten zu, denen das Gut genommen 
sei. Wahrscheinlich gehört hierher Stadtrecht v. 1270, XII, 6 (Lappenberg, 
Hamb. Rechtsalterthümer i, S. 67, 68): Wat en man deven ofte roveren 
aQaghet: Kumpt dar over en gast na, deme it Torstolen ofte afgerovet si, 
unde wynt he it mit rechte, so schal de voghet unde de rad hebben dat 
dmddendel, unde de it wan dat druddendel, unde de gast dat druddendel. 

») H. R. 5, Nr. 44 = Zeitschr. 2, S, 98 unter 7. 



— 44 — 

also der Kampf gegen Gödeke Michels spätestens gegen Ende des 
Jahres 1401 stattgefunden'}. 

Gehen wir über zu den Auszügen, die uns aus den Käm- 
mereirechnungen erhalten sind, so ist zunächst daran zu erinnern, 
dass dieselben das Rechnungsjahr mit dem 2. Februar anfangen 
und schliessen. Im Jahre 1401 erhalten die Rathmannen Hermann 
Langhe und Nikolaus Schoke 57 & für eine Fahrt vom vorigen 
Jahre her gegen die Vitalienbrüder nach Helgoland'); denselben 
beiden Rathmannen wird 1402 16 H gegeben für Masten und an- 
deres Holzwerk, das aus dem mittleren Holk genommen ist^); 
1401 empfangt der Abdecker Knoker 3 it für die Einscharrung 
von 73 Vitalienbrüdern % Halten wir diese drei Notizen zusammen, 
so ergeben sie etwa Folgendes: im Jahre 1401 zu Beginn der 
Schiff fahrt, die damals gewöhnlich am 2. Februar eröffnet wurde, 
fuhren die beiden Rathmannen Hermann Langhe und Nikolaus 
Schoke nach Helgoland, um die Seeräuber aufzusuchen; sie brach- 
ten das eroberte Schiff Störtebekers, welches zum Unterschiede 
von dem grossen Holk des Gödeke Michels und von dem kleinen 
Holk des Lubbert Overdik als der mittlere Holk bezeichnet' wird, 
mit den gefangenen Vitalienbrüdern nach Hamburg; die Masten 
des Schiffes wurden benutzt, um andere Schiffe segelfertig zu 
machen, die Seeräuber wurden hingerichtet. Für diese Hinrich- 
tung bietet eine verhältnissmässig alte Ueberlieferung ein beach- 
tenswerthes Datum dar. Die kurze Hamburgische Chronik von 
1457 berichtet nämlich^}: Anno 1402 ward Wichman unde Storte- 



') Laurent in der Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 78, 79 setzt beide 
Kämpfe ins Jahr 1402 und nimmt also nach den Kämmereirechnungen 
zwei Expeditionen an, nach Helgoland 1400 und in die Weser 1401, und 
nach Ruf US abermals zwei Expeditionen, nach' Helgoland und einem un- 
bekannten Orte, beide 1402: a. a. O. 2, S, 53—55. 

') 2, S. 2: Ad reysam dominorum Hermanni Langhen et Nicolai 
Schoken in Hilghelande de anno preterito contra Vitalienses: summa 5 70. 

3) 2, S. 4 : 16 f^ domino Hermanno Langhe et Nicolai Schoken pro 
malis et rachter, sumptis de media holke. 

4) 2, S. i: 3 0'Knokere ad sepeliendum 73 personas Vitalienses. 
Laurent hat nur diese eine Notiz aufbewahrt, die also auf den ersten, auf 
d;.'n zweiten und auf beide Haufen der Vitalienbrüder bezogen werden kann. 

5) Lappenberg, Hamb. Chroniken in nieders. Sprache S. 227. Der 
Auszug aus der wend. Chronik bringt dieses Datum ebenfalls für Wich- 



— 45 — 

beker afgbehonwen altohant na Felicia ni. Anno 1403 ward Wik- 
bolt nnde Godeke Michael afghehouwen. Halten wir dieses Tages- 
datnm fest, trotzdem wir die Jahreszahlen verwerfen, so gewinnen 
wir für die Hinrichtung Wichmanns und Stortebekers die Zeitbe- 
stimmung: gleich nach dem 20. October'). Der lange Zwischen- 
raum, welcher die Ausfahrt der Rathmannen Hermann Langhe 
und Nikolaus Schoke zu Anfang Februars von der Hinrichtung 
der Seeräuber zu Ende Oktobers trennt, ist allerdings befremdlich; 
aber eine weitere Notiz der Kämmereirechnungen, nach welcher 
1401 für die Beköstigung der im Keller des Rathhauses gefangen 
gehaltenen Holländer, Friesen und Vitalienbrüder die Summe von 
193 ^ 7 ß ausgegeben wurde ^, scheint eine solche längere Ge- 
fangenhaltung der Seeräuber zu bestätigen. 

Ueber den zweiten Zug gegen die Seeräuber bringen die 
Kämmereirechnungen folgende Angaben. Die Rathmannen Niko« 
laus Schoke und Hinrich Jenevelt erhalten 1401 230 H i^ ß für 
ihre Fahrt gegen di^ Vitalienbrüder in die Weser ^); 1402 em- 
pfangt Simon von Utrecht für seine Arbeit und vernichtetes Schiffs- 
geräthy als Godeke Michels und die Andern gefangen wurden, 
48 H y für Anker, Lanzen und Zimmermannslohn 6 Ü 4 ß, für 
seine Arbeit und für Beschädigung seines Schiffes auf der Fahrt 
gegen die Vitalienbrüder 13 it 12 ß^); ferner erhalten Hermann 



mann und Störtebeker: das. S. 241, während es die Chronik von 1559 auf 
Wigbold und Godeke Michels bezieht: das. 402. 

') Lappenberg a. a. O. S. 227 erklärt Feliciani als Jan. 10, S. 241 
als Jun. 9 und Laurent in der Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 78 Anm. 53 
behauptet: Der Tag des h. Felicianus ist im Hamburgischen Kalender 
Jun. 9. Aber das Necrol. cap. Hamb. feiert den Tag des h. Feliciani ep 
et mart. am 20. Oktober (Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 6, S. 132)» und dieser 
Tag musste in Hamburg um deswillen allgemein als Felicianus-Tag be- 
kannt sein, weil einer der beiden Jahrmärkte Hamburgs am 20. Oktober 
als am Felicianus-Tage abgehalten wurde und noch wird. 

') 2, S. 2: Pro expensis HoUandinorum captivorum et Frisonum et 
Vitaliensiuxn sub pretorio 193 ^ 7 ß, 

3) 2f S. 2: Ad reysam dominornm Nicolai Schoken et Hinrici Jene- 
velt super Weser am contra Vitalienses 230 ü 14 ^* 

*) 2, S. 3: 48 Af Symoni de Utiecht pro labore et destructione navalium 
instrumentorum, quando Godeke Michahelis et alii fuerunt capti. 6^4/9 
eidem pro anchoris, lanceis et expensis carpentariorum. 13^/2 i6 2/9 Symoni 
de Utrecht pro laboribus et dampnis sue navis in reysa post Vitalienbrodere. 



- 46 - 

Nyenkerken für seine Arbeit und vernichtetes Schiffsgeräth des 
Schiffes Bunte Kuh 32 &^) und Werner von Uelzen 24 &, als 
man Gödeke Michels und seine Gesellen gefangen nahm*). Diese 
Notizen machen uns als Befehlshaber der zweiten Expedition gegen 
die Seeräuber die beiden Rathmannen Nikolaus Schoke und Hin- 
rieh Jenevelt und als Ort des Treffens die Weser namhaft, und 
sie belehren uns, dass sich drei Männer, Simon von Utrecht, Her- 
mann Nyenkerken und Werner von Uelzen, mit ihren Schiffen 
an der Expedition betheiligten. Diese drei Schiffe sind wir be- 
rechtigt, nach der Rufus-Chronik, deren Angaben sich, soweit sie 
überhaupt kontrolirbar sind, — von der Jahreszahl abgesehen — 
als richtig erwiesen haben, für Schiffe der Englandsfahrer zu 
halten. Das Schiff des Simon von Utrecht scheint entweder das 
grösste oder das im Kampfe am meisten beschädigte, vielleicht 
auch beides gewesen zu sein^); das Schiflf, welches Bunte Kuh 
hiess, wurde von Hermann von Nyenkerken geführt*). Schon die 
Rechnung v. J. 1401 berichtet, dass für den Bau der Schiffe 
Simons von Utrecht und der Bunten Kuh und für die Ausrüstung 
dieser Bunten Kuh gs & iS ß verausgabt waren ^), und vielleicht 
kann daraus geschlossen werden, dass diese Schiffe auch an der 
ersten Expedition, nach Helgoland und gegen Wichmann und 
Klaus Störtebeker, theilgenommen hatten, die ja nach der Rufus- 
Chronik ebenfalls von Englandsfahrern unternommen sein soll. 



^} 2, S. 3: 32 & Hermanno Nyenkerken pro labore et navalibus 
destructis ad usus navis buntenko dicte. 

*) 2, S. 3: 24 fi5 Wernero de Ulsen pro eo, quod ceperunt Godeken 
Michahel et suos complices. 

3) Nach Marken gerechnet erhält Simon von Utrecht, abgesehen von 
den beiden anderen Zahlungen, 60, Hermann Nyenkerken 40, Werner 
von Uelzen 30 Mark. 

4) Laurent in Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 57 fragt, ob man in 
Hermann Nyenkerken einen Zimmermann zu sehen habe, offenbar nur 
deshalb, um die Bunte Kuh dem Simon von Utrecht zn erhalten. Das ver- 
fuhrt ihn dann auch, pro navalibus destructis mit: Wiederherstellung des 
Schiffsgeräths zu übersetzen. 

5) 2, S. 2: Ad construendum naves Symonis de Utrecht et bunte ko 
et pro expedicione ejusdem navis bunte ko 95 V2 ^ S ß' Laurent a. a. 
O. 2, S. 54 versteht auch hier Schiffe Simons von Utrecht und besonders 
die Bunte Kuh. „So hiess das Hauptschiff desselben'*. 



— 47 — 

Auf der zweiten Expedition, gegen Gödeke Michels und Mag. 
Wichmann, haben sich den Hamburgischen Englandsfahrern Män- 
ner aus Enkbuizen, wahrscheinlich aber erst auf der See, vor oder 
während des Kampfes, angeschlossen. Auf die Behauptung der 
Stadt Hoorn in Nordholland nämlich, ihre Einwohner hätten Koggen 
ausgerüstet und, um die Flotte grösser erscheinen zu lassen, auch 
Frachtschi£fe mitgesandt; die besten Segler unter diesen Schiffen 
hätten Godeke Michels so lange aufgehalten, bis die übrigen hin- 
zugekommen seien; sie also hatten Gödeke Michels überwunden 
und ihnen gebühre daher der dritte Theil der Beute: antwortete 
die Stadt Hamburg, nach Angabe der darüber befragten Haupt- 
leute seien nur 40 Mann aus Enkhuizen an dem Kampfe gegen 
Gödeke Michels betheiligt gewesen'). Von Seiten Enkhuizens er- 
hob der Schiffer Gerrit Jakobsson Ansprüche. Dieser hatte sich 
am 13. Juli 1400 von Herzog Albrecht von Baiern, als Grafen von 
Holland, einen Kaperbrief gegen Ostfriesland und gegen die Ham- 
burger ausstellen lassen'), wird sich also schwerlich schon in 
Hamburg selbst den gegen die Seeräuber ausgeschickten Schiffen 
angeschlossen haben; doch behauptete er, er habe 10 Hamburger 
an Bord gehabt und beköstigt, habe in der Jahde das Schiff des 
Gödeke Michels genommen und es komme ihm also von der 
Beute sein Antheil zu^). Die Schöffen von Gent, bei denen er 
Klage erhoben hatte, fällten den Schiedsspruch, dass Nikolaus 
Schoke nach Groningen kommen solle^ um dort die Wahrheit 
seiner Aussagen zu beschwören*), gestatteten aber später, dass 
Schoke diesen Eid in Lübeck oder in Hamburg leisten dürfe ^). 
Diese Streitigkeit dauerte bis zum Jahre 1412 und endete unter 
Vermittelung acht genannter Hamburger damit, dass der Rath 
dem Gerrit Jakobsson 54 M. auszahlen liess^), worauf dieser 



') H. R. 5, Nr. 46 = Zeitschr. 2, S. 97 unter 2. 
') Schwarzenberg, Vriesch Charterboek i, S. 311; angeführt von 
Lappenberg a. a. O. 2, S. 98 unter 8. 

3) H. R. 5, Nr. 47 = Zeitschr. 2, S. 98 unter 8. 

4) H. R. 5, Nr. 48 = Zeitschr. 2, S. 97 unter 3. 

5) H. R. 5, Nr. 49 = Zeitschr. 2, S. 97 unter 4. 

^) Kammerei^echnungen 2, S. 22: 43 ^ 4/9 Johanni Wulff, que 
recepit ex parte Gherit Jacobssone van Enkhusen, que fuerunt soluta sibi 
secandam pronunciacionem civium nostrorum adhuc de bonis alias receptis, 
quando Godeke Miphelsson fuit captus. 



- 4» - 

quittirte: umme alsodane manynghe nnde ansprake, alze ik van 
myner eghenen unde van myner gheselschop weghen hadde to hern 
Nicolaus Schoken unde hern Hinrik Jenevelde, van des rades weghen, 
unde to ichteswelken borgheren van Hamborgh, de do mit en uthe 
weren, van des gudes weghen, dat ghewunnen ward, do Ghodeke 
Michelssone unde sine ghesellen grepen unde uppe ghehalet wurden, 
dar ik unde myne gesellen en to hulpen unde ok do dar mede an 
unde over weren, umme unse anthal daraff mede to hebbende'). 

Wie sich diese Ansprüche Hoorns und Enkhuizens auf die in 
dem Schiffe des Godeke Michels gefundene Beute beziehen und 
wie wir vorhin aus dem Schreiben Hamburgs an Kampen von dem 
in Lubbert Overdiks Schiffe erbeuteten Biere erfuhren % so machen 
auch die Kämmereirechnungen Einnahmen namhaft, die der Stadt 
aus der Ladung dieser beiden Schiffe erwuchsen: Wachs, Tuch 
und Baumwolle aus dem Holk des Godeke Michels^), aus Lubbert 
Overdiks Koggen Felle, Talg, Heringe und Bier*). Von einer 
Beute, die in Störtebekers Schiffe gemacht worden wäre, ist da* 
gegen mit keinem Worte die Rede. Dieser auffallig erscheinende 
Umstand erklärt sich einfach dadurch, dass Godeke Michels erst 
im Spätjahr, Störtebeker aber schon zu Beginn der Schifffahrt über- 
wunden wurde, ehe er noch Zeit gehabt hatte, Beute zu gewinnen. 

Fassen wir zusammen, was wir geschichtlich von Klaua 
Störtebeker wissen, so war er ein Seeräuberhäuptling, wahrschein* 
lieh aus Wismar gebürtig^), der seit 1394 mit Godeke Michels und 



') H. R. 5, Nr. 5 =« Zeitschr. 2, S. 85. 

') Hierher gehört auch wohl die Klage des Gerrik de Bruhn (1. Gerrit 
de Brayn] aus Leyden wegen Bieres , das ihm die Hamburger in dem Holk 
des Godeke Michels weggenommen hätten : H. R. 5, Nr. 52 «9 Zeitschr. 2, 
S. 97 unter 5. 

3) 2, S. 2: Recepimus 69 V2 ü 7 ß 2 ^ de 1143 ^ cere de holke. 
Ol U 6^/2 ^ 2 ^ de pannis. 17 V2 ^ 2 ^ de bomwullen de nave Go 
deken Michahelis. 

4) 2, S. 2: 20 /^ de 4 schymmesen in nave Lubberti. 6 ^ 8 ^ de 
I schymmesen et 5 tunnis cepi. 2, S. 3: Recepimus' SS if 4 /? de ce- 
re visia Hollandinorum et de nave Lubberti Overdikes. 75 ^ de allecibus. 

5) Burmeister theilt in Mekl. Jahrb. 3 (1838), S. 158 einen Auszug 
aus dem Wismarschen Verfestungsbuche, p. 18, mit. Nach Herrn Dr. CruU 
lautet derselbe folgendermassen : (1380) Item Baiborst, Boldelaghe et Craan 
eo (abjuraverunt civitatem), quod Gherardo servo Poppen et Nicoiao Störte- 
beker cuilibet ossis fracturam cum 5 blaviis inta(l)erunt tempore noctumo. 



— 49 — 

Klans Scheid, seit 13Q5 mit Gödeke Michels zusammen sein Un* 
wesen trieb und insbesondere den Engländern schädlich war, bis er 
im Frühling des Jahres 1401 bei Helgoland von Hamburger Eng- 
landsüahrern unter der Anführung der Rathmannen Hermann Langhe 
und Nikolaus Schoke überwunden, mit seinen Genossen gefangen 
nach Hamburg gebracht und dort gleich nach Felidani (Okt. 20) 
auf dem Grasbrook hingerichtet wurde. Ein reicher aufgeputztes 
Bild hat die Sage von ihm gestaltet 



Betrachten wir den Gang der Sage im Allgemeinen, so er- 
kennen wir zunächst Folgendes. Die beiden Kämpfe gegen Störte- 
beker und gegen Gödeke Michels werden zusammengeworfen, und 
an Stelle des Gödeke Michels, dessen Besiegung unzweifelhaft eine 
grössere Bedeutung hatte, wird Störtebeker in den Vordergrund 
geschoben; die Rathmannen, welche in diesen Kämpfen den Be- 
fehl führten, insbesondere Nikolaus Schoke, dem augenscheinlich 
der Hauptpreis des Sieges gebührt, gerathen in Vergessenheit und 
ihr Verdienst wird auf Simon von Utrecht übertragen; die Bunte 
Kuh, die nachweislich von Hermann Nyenkerken geführt ward, 
spielt als Attribut Simons von Utrecht die Hauptrolle in dem Kampfe. 

Schon bei Albert Krantz machen sich die Spuren dieser Sagen- 
bildung bemerkbar. Im Uebrigen für seinen Bericht den Angaben 
des Lübeckers Hermann Korner folgend, weiss er demselben aus 
eigener Kenntniss zweierlei Dinge hinzuzufügen, dass nämlich das 
Schiff, welches für die Hamburger focht, die Bunte Kuh hiess 
und dass Gödeke Michels und Magister Wigbold .Reliquien des 
h. Vincentius mit sich führten, die sie in Spanien erbeutet hatten ^)b 

£in volles Gebilde der Sage tritt uns in jenem Liede ent- 
gegen, das ursprünglich niederdeutsch gedichtet, jetzt nur noch in 



') Diesen letzteren Zug benutzte Laurent, dem die Reise Nikolaus 
Schoke's nach San Jago de Compostella unverständlich war, vermuthungs- 
weise zu einem Erklärungsversuche (Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 58), 
Bei Zimmermann, Neue Chronik von Hamburg (1820) S. 249 heisst es» 
die Seeräuber glaubten und man glaubte von ihnen, dass sie unter dem 
Schatze des h. Vincentius standen. Nach Beneke, Hamb. Gesch. und 
Sagen (2. Aufl. 1854) S. iii trugen Störtebeker und Gödeke Michels die 
Reliquien auf der blossen Brust und waren in Folge dessen hieb- und 
schassfest. 

Hansische Geschichtsblätter. VII. 4 



— 50 — 

hochdeutscher Sprache vollständig erhalten ist'). Leider weist es 
allerlei Entstellungen auf, wie sie die Uebertragung in eine andere 
Mundart Im Gefolge zu haben pflegt. Stortebeker und Gödeke Michels 
feiern ein Gelage bei einem heidnischen Sultan, der seine Tochter 
verheirathet Um sich Ersatz zu verschaffen für das auäjgetrunkene 
Hamburger Bier, fahren sie in die Nordsee und legen sich neben 
das Liet, um den Hamburgern aufzupassen. Ein Bote, der ihre 
Absicht erkannt hat, eilt nach Hamburg, begiebt sich zum ältesten 
Bürgermeister, wo er den Rath versammelt findet, und verkündet, 
dass die Seeräuber in so grosser Nähe sind. Auf den Zweifel an 
seiner Zuverlässigkeit antwortet er mit der Aufforderung, dass man 
ihn mit sich aufs Schiff nehmen und ins Wasser werfen solle, wenn 
man Untreue an ihm verspüren werde. In drei Schiffen fahren 
die Hamburger aus. Als sie nach Neu- Werk kommen, ist es so 
dunkel, dass sie Nichts sehen können; aber die Sonne bricht durch^ 
und sie finden die Seeräuber, die einen Holk mit Wein erbeutet 
haben und damit nach Flandern fahren wollen, in der Weser. 
Da kommt es zu einem Kampfe, der drei Tage und drei Nächte 
dauert. Darüber hinzu kommt die Bunte Kuh aus Flandern mit 
ihren starken Hörnern, die dem Seeräuberschiff das Vorder-Kastell 
einrennt. Stortebeker begehrt die Sicherung Leibes und Lebens, 
aber Simon von Utrecht verlangt die unbedingte Unterwerfung 
unter die Entscheidung des Gerichts. In Hamburg wird kurzer 
Prozess mit den Räubern gemacht, nur eine einzige Nacht ver- 
bringen sie im Gefängniss. Ihre Bitte aber, in ihren besten Ge- 
wändern den Trauerberg hinangehen zu dürfen, wird ihnen ge- 
währt, ja der Rath ehrt sie dadurch, dass er ihnen Pfeifer und 
Trommler vorangehen lässt. Der Scharfrichter Rosenfeld hat der 
Arbeit so viel zu verrichten, dass er bis an die Enkel im Blute steht 
Mit einer Anrede an Hamburg: „Des magstu von golde ein 
kröne tragen'' schliesst dieses Gedicht, das, wie bemerkt, bisher 
nur in hochdeutscher Fassung vollständig aufgefunden ist „Ein 
altes, niederdeutsches Bänkelsängerlied 'S hdsst es aber in Wächters 
historischem Nachlass^, „erkennt der Stadt eine Krone von Gold zu 
und betheuert, das auf dem Grasbrook vergossene Blut habe die 



") V. Liliencron, Die hist. Volkslieder der Deutschen i, Nr. 44. 
») Herausgegeben von C. F. Wurm. Bd. i (1838), S. 152—55. 



- 51 — 

gefahrlichsten Sandbänke in der Elbe verschwemmt, auf denen 
zuvor „„mandi stolzes Schiff"" gestrandet sei". Dieser Zug, der 
Ausfluss einer verwilderten Phantasie, wie mir scheint, ist unserm 
Liede unbekannt, und ich weiss nicht, woher ihn Wächter geschöpft, 
noch was es mit seinem niederdeutschen Bänkelsängerliede auf sich 
hat. Als Aufputz eines Dramatikers erscheint ein anderer Zug, 
den ich in der historischen Litteratur ebenfalls zuerst bei Wächter 
finde. Klaus Störtebeker ist der Schwiegersohn des friesischen 
Häuptlings Keno tom Broke. In Gegenwart seines Eidams be- 
drohen die hansischen Abgeordneten den Häuptling mit Krieg, 
wenn er sich nicht der Theilnahme an den Raubzügen enthalte; 
Keno verspricht, sich dem Willen der Städte zu fügen, beschwich- 
tigt aber Störtebeker, nachdem sich die Abgeordneten entfernt 
haben, mit der Versicherung, dass er Nichts von dem, was er 
gelobt habe, erfüllen werde. Das hat einer der Abgeordneten, der 
seine vergessenen Handschuhe holen wollte, vor der Thür gehört; 
die Städte überfallen den Keno und er unterliegt in dem Kampfe. 
Ein dritter Zug Wächters, dass der Steuermann der bunten Kuh 
während der Nacht an das Schiff StÖrtebekers herangefahren sei 
und geschmolzenes Blei in die Angelöhren desselben gegossen habe, 
wird von ihm selbst als unwahrscheinliche Sage bezeichnet. Er 
begegnet mir zuerst in Hamburgs Geschichte (Lübeck 1788), nur 
dass hier S. 102 nicht der Steuermann der bunten Kuh, sondern 
einige Fischer das Blei in die Angeln der Steuerruder giessen. Bei 
Beneke ') ist es ein Blankeneser Fischer, der Nachts in einer Jolle 
an das Hintertheil des Piratenschiffes herangekommen ist, bei 
Deecke") ein Fischer, ein alter Spiessgesell StÖrtebekers, der um 
Feuer gebeten hat, um sich Essen kochen zu können. 

In dieser ersten Periode, wie ich mich der Kürze wegen aus- 
drücken will, hat die Sage aus dem geschichtlichen Stoffe ein 
plastisches Bild heraus gearbeitet, das die Bekämpfung der See- 
räuber lebendig vor die Augen stellt. In einer zweiten Periode, 
in die ich mit dem Festgiessen des Steuerruders schon hinein ge- 
rathen bin, bilden die Namen der Helden und ihr Seeräubercha- 
rakter den Faden, mit dem die Sagenbildung weiterspinnt; Gert» 



<) Hamb. Gesch. nnd Sagen (2. Aufl. 1854) S. 114. 

') Lübische Gesch. und Sagen \2. Ausg., Lübeck 1857) S. 165, 

4* 



— 52 — 

lichkeiten, deren ursprüngliche Sagen an Bedeutung zurückgegangen 
oder ganz in Vergessenheit gerathen sind, werden mit der Störte- 
bekersage in Verbindung gebracht; Ueberreste einer früheren Zeit, 
deren Ursprung und Bedeutung im Gedächtniss verloren gegangen 
sind, werden an sie angelehnt; herrenlos gewordenen Sagenüber- 
bleibseln wird durch Verschmelzung mit ihr ein neuer Träger ge- 
geben und unter dem bewussten oder unbewussten Abrundungs- 
bestreben der Erzähler schmiegen sich die fremdartigen' Bestand- 
theile eng an einander. 

Eine erste Gruppe von Sagen bezieht sich auf die Herkunft 
der Seeräuberhäuptlinge. Die meiste Geltung hat sich der An- 
spruch des Kirchspiels Walle im Stifle Verden zu verschaffen ge- 
wusst Gödeke Michels wurde zum Mitgliede der ritterbürtigen 
Familie Michelken gemacht, die in demselben angesessen war, 
und ein Wappen, das im Dom zu Verden zu sehen war, ward 
auf Störtebeker bezogen. Gödeke Michels, . heisst es, war der 
Besitzer der Burg Eissei*); schon 1583 schreibt Johann Renner*): 

Gotke was ein gelerder Mann 
Gebaren van edelen Stam. -*- 
By Etzcl in dem Vcrder Sticht 
Noch Götken wöste Borchstat licht. 

In demselben Kirchspiele lag auch die Burg Störtebekers, bei 
Halsmühlen unweit Verdens ^). Halsmühlen aber hat seinen Namen 
davon, dass Gödeke Michels und Störtebeker dort diejenigen, welche 
ihnen abtrünnig geworden waren, an Hals und Leib zu strafen 
pflegten^). Nach anderer Ueberlieferung war Gödeke Michels aus 
dem Dorfe Daulsen in demselben Kirchspiele gebürtig^), und um 
auch Störtebeker wenigstens indirect mit Daulsen zu verbinden, 



') Krause's Angabe (Stader Archiv 6, S. 227 Anm. *), dass Gödeke 
Michels nach der Tradition das Gut Hitzen besessen habe, beruht wohl 
nur attf einer augenblicklichen Verwechselung. 

') Chronicon der Löf liehen olden Stadt Bremen in Sassen, Bremen 
15^3 (Nachdruck von 1717, S. 66). 

3) Schlöpken, Chroniken oder Beschreibung d. St und des Stifts 
Barde wick (1704), S. 116. 

4) Pratje, Altes und Neues aus den Herzogtbümem Bremen und 
Verden 2 (1770), S. 366. 

5) Georg Roth, Beschreibung der beyden Hertzogthümer Bremen und 
Verden 17 18 (herausg. von Krause im Stader Archiv 6), S. 227. 



— 55 — 

wird dort die Hofstelle seines Schwagers gezeigt'). Im Dom zu 
Verden waren 14 Fenster, von denen Gödeke Michels und Störte* 
beker jeder 7, zur Abbüssung der sieben Todsünden, geschenkt 
hatte; eins derselben zeigte das Wappen Störtebekers, zwei oder 
drei umgestürzte Becher'). Eine andere Tradition weiss nur von 
einem Fenster bei dem grossen Schwibbogen, dem besten in der 
ganzen Kirche, das Gödeke Michels und Störtebeker geschenkt 
hatten. Als die Kirchenfenster sehr beschädigt waren, wurden sie 
durch neue, welche die Familie Königsmark geschenkt hatte, er- 
setzt, und die Seeräuberwappen wurden an anderen Fenstern 
wieder angebracht, wo sie noch (an einem Fenster des hohen 
Chors) zu sehen sind^). Von Störtebeker rührt auch eine Stiftung 
her, nach welcher der Rath zu Verden jährlich Brot und Heringe 
an Geistliche und Arme vertheilt^). Auch in Pommern knüpft die 
Sage an Gödeke Michels Namen an. In Michelsdorf bei Barth 
(Regierungsbezirk Stralsund, Kreis Franzbnrg) lebt die Familie 
Borgwardt; aus (fieser ist Gödeke Michels hervorgegangen, hat 
aber seinen Namen aufgegeben und sich nach seinem Geburtsorte 
Michels genannt Die Familie Borgwardt bewahrt noch Münzen, 
die sie von ihm geerbt hat^). Auch Störtebeker war in Pommern 
zu Hause; nach den £inen gehörte er einem adligen Geschlechte 
daselbst an^), nach den Andern war es die Stadt Barth, aus der 
er herstammte^). Auf Rügen ist es das Gut Ruschwitz auf Jas« 
mund, auf dem Klaus Störtebeker als Bauerssohn aufgewachsen 
war; als man 1840 beim Umgraben einer etwas erhöhten wüsten 
Stelle auf den Grundbau eines Hauses stiess, erzählten die Ar- 
beiter, sie hätten immer gehört, dass dort Störtebekers Eltern ge-» 
wohnt hätten^. 

Eine zweite Gruppe macht die Schlupfwinkel der Seeräuber 



') Köster, Alterthümer, Gesch. und Sagen der Herzogthümer Bremen 
und Verden (2. Abdr., Stade 1856) S. 84. 

') Scblopken, S. 115, weiss nur von den Wappen in den Fenstern. 
PianDkache S. S15. 

3) Roth S. 227. 

4) Pfannknche, Die aeltere Gesch. d. vormal. BUth. Verden (1830) S. 21 $. 

5) Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 55 Anm. 27. 
^) Das. 2, S. 99. » 

7) Zimmermann (1820) S. 249. 

^) Zeitschr. f Hamb. Gesch. 2, S. 59, 60. 



— 54 — 

namhaft. In Marienhave (Ostfriesland) befestigten sie die Einfahrt 
und Hessen eine Mauer mit vier grossen gewölbten Pforten bauen; 
auch der Thurm soll von ihnen erbaut oder doch erhöht sein^ 
ein jetzt verschlammtes Tief, das Störtebekers Tief genannt, er- 
möglichte ihnen den Transport der in kleinere Schiffe geladenen 
Beute nach Marienhave'); an grossen eisernen Ringen, die in der 
Kirchhofsmauer angebracht waren, wurden die Schiffe befestigt^» 
Ein Gleiches war bei der Kirche zu Holtgaste im Amte Weener 
der Fall^). Eine Stunde von Harburg nach Buxtehude zu bei 
Neugraben liegt ein jetzt mit Tannen bepflanzter Sandhügel, der 
Falkenberg; hier hat Störtebeker eine Burg gehabt, von der aus 
er die Elbe mit Ketten absperrte^). In Holstein hatten die See- 
räuber eine Schanze in Neustadt, wo noch 1771 eine Familie 
Störtebeker existirte^). Im Fürstenthum Lübeck hatte Störtebeker 
einen steinernen Thurm bei Häven, dem ehemaligen adligen Gute 
Wydole^); dort Hess er Nachts eine Leuchte brennen, damit die 
Schiffer sie für die Travemünder Leuchte halten und auf den 
Strand laufen sollten^« Im Oldenburger Güterdistrikt war die 
1828 abgebrochene Burg Putlos (1439 — 1720 im Besitz der Familie 
Rantzau) ein Zufluchtsort Störtebekers; von den unterirdischen 
Gängen, die er angelegt hatte, um unbemerkt an die Ostsee ge« 
langen zu können, mündete einer beim Wienberg, einer Holzung 
des Gutes, auf dem höchsten Punkte des Landes Oldenburg; übri« 
gens lebten in dem zu Putlos gehörigen Dorfe Gross noch 1836 
einzelne FamiHen, die den Namen Störtebeker führten, und die 
Sage lässt auch den wilden Jäger auf der Putloser Heide einher- 
ziehen^). In demselben Güterdistrikt hatte Störtebeker hinter dem 
Garten der 1810 abgeworfenen Burg Schmool einen Wartthurm, 

') Wiarda, Ostfries. Gesch. i (2. Aufl. 1797), S. 367. 
') Köster S. 84. 

3) Das. S. 84. 

4) bas. S. 85, 

5) Das. S. 84. 

^) Schröder und Biematzki, Topographie der Herzogthumer Holstein 
und Lauenburg i (2. Aufl. 1855) S. 450, wo aber der Sage keine Erwäh- 
nung geschieht. 

7) Deecke S. 162. ^ 

^) Schröder und Biematzki 2, S. 307, 308; Schröder, Darstellungen 
von Schlössern und Herrenhäusern der Herzogthumer (r862) S. 112. 



— 55 — 

von dem aas ein kleiner Kanal in die Ostsee gegraben war^. 
In Schleswig liegt im Dänisch-Wohlder-Güterdistrikte das adlige 
Gat Bälk; westlich von den Ruinen des Schlosses erhebt sich die 
Störtebekerinsel, ein Berg, 120 Ellen im Umfange mid von einem 
starken Graben umzogen, auf dem ein Wartthurm Stortebekers ge- 
standen hat%. Mit Bülk verband ein unterirdischer Gang eine An- 
höhe des Gutes Eckhof, die Stortebeks Höhe, „Stortebekers spä- 
henden Hügel der Freude", wie Klopstock ihn nennt ^). Auf 
Fehmarn in der Nähe der Stadt Burg bargen die Seeräuber ihre 
Beute in der sog. Kammer^)« Schloss Schwabstedt ist nach einer 
mündlichen Mittheilung ebenfalls ein Zufluchtsort Stortebekers ge- 
wesen. In Meklenburg steht im Holze des Gutes Schulenberg be 
Sülz ein alter Burgwall aus der Wendenzeit; der Sage nach hat 
hier eine Burg der Seeräuber „Stprtebek und Jörte Micheel" ge*- 
standen^). Stortebecks alter Hafen und Stortebecks neuer Hafen 
waren Bezeichnungen eines alten Canals, der von dem sog. Bi]>- 
nensee bei Ribnitz ins offene Meer führte^. Auf Rügen ist die 
Stabbenkammer der Ort, an den sich die Störtebeker-Sage knüpft. 
Zwischen den beiden Kreidepfeilern ist der Eingang zu einer 
Höhle,, der früher durch eine Thür verschlossen werden konnte; 
neben dieser Elöhle war eine kleinere, die zu einem verborgenen 
Gewölbe des Kreidefelsens, der Schatzkammer der Seeräuber, führte^; 
links von den beiden Pfeilern ist ein Schlund, der trichterförmig in 
die Tiefe geht, und auf dessen Boden die besten Schätze der See^ 
rauber liegetn; ein zum Tode verurtheilter Missethäter, den man 
hinabliess, fand unten einen grossen goldenen Kelch und als Wächter 
desselben einen schtirarzen Hund; es gelang ihm, sich des Bechers 
zu bemächtigeu und wieder in die Höhe gezogen zu werden» trobs- 
dem das Unthier den Strick bis auf emige Fäden durchnagt hatte®). 

') Schröder and Biernatxki 2, S. 409,. 4 10. 

') Schröder, Topographie des Hcrzogthums Schleswig i^ (1853)^ S. 75^ 
3) Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 599. 
*) Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 59. 

5) Meld. Jahrb. 19 (1854), S. 336. 

6) Mekl. Jahrb. 5, S. 224. 

7) Alb. Georg Schwarz, Geogr. des Nordens ^Deutschlands SUvischer 
Nation, insonderheit Pommerns und Rügens (Greifswald 1745); angeführt 
Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 60. , . ; 

8) Zcitechr. f. Hainb. Gesch. 2, S. 60, 61. 



- 56 - 

Die Schätze Störtebekers, zu denen uns die Kammern bin- 
überleiten, bilden mit den St5rtebeker»Reliquien zusammen den 
Gegenstand einer dritten Sagengruppe. Unter der goldenen Krone, 
welche nach dem Störtebeker-Liede Hamburg zu tragen verdient, 
wird ein Schmuck verstanden, der aus der Beute der Seeräuber 
für die Nikolaikirche angefertigt wurde'). Bei der Eroberung des 
Störtebekerschen Schiffes hatte man vergeblich nach den Schätzen 
des Seeräubers gesucht, bis endlich ein Zimmermann zufallig mit 
der Axt an den Hauptmast schlug und diesen mit geschmolzenem 
Golde ausgeiiillt fand. Nach anderer Ueberlieferung hat der eine 
Mast aus lauterem Golde, der zweite aus Silber und der dritte 
aus Kupfer bestanden*). Die goldene Krone gestaltete sich zu 
einer goldenen Kette um. Störtebeker erbot sich, wenn der Rath 
ihm das Leben schenken wolle, aus seinen vergrabenen Schätzen 
eine goldene Kette anfertigen zu lassen, mit der man den Dom 
oder gar die ganze Stadt umschliessen könne^). Eine goldene 
Ankerkette hatte Störtebeker auf der Huder Wisch bei Schwab- 
stedt an Pfählen um den 'Raum ziehen lassen, auf dem er mit 
seinen Gesellen ein Gelage hielt, bei dem man von silbernen Ge- 
schirren ass und aus goldenen Hörnern trank; von seinen Feinden 
überfallen, hat er aber schleunig aufbrechen müssen und die Kette, 
die er in der Eile nicht hat mitnehmen können, im Moor ver- 
senkt^). — Störtebeker bedeutet, wie uns neuerdings Walther be- 
lehrt hat, einen Deckelbecher ^). Einen „silbernen Trinkbecher, 
welchen man den Stürtzbecher ins gemein pfleget zu nennen", be- 
sass die Schiffergesellschaft^, die 1490 gegründet wurde und 1520 
ein eigenes Haus erwarb^). Der jetzt im Schiffer-Armenhaus auf- 
bewahrte Becher stellt die Gefangennehmung Störtebekers dar und 



') Zimmermann (1820) S. 250. Laurent (Zeitschr. 2, S. 81) denkt an 
die 1658 April 26 am Katbarinentburm befestigte Krone; Lappenberg 
(das. 2, S. 291) widerlegt dies durch den Hinweis auf das Alter des 
Stortebeker-Liedes. 

') Deecke S. 166. 

3) Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 59. 

4) SchL Holst. Lauenb. Jahrb. 10, S. 358. 

') Mittheilnngen f. Hamb. Gesch. i, S. 91—93. 
^) Adelongk, Hamb. Antiqnitaeten oder Altertbums •Gedächtnisse 
(1696) S. 7. 

7) Lappenberg in Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 63 Anm. 39. 



— $1 — 

trägt eine hochdeutsche Inschrift in schlechten V^ersen. Anderswo 
ist aus einem solchen silbernen Stürzebecher, dessen Inschrift also 
lautet: 

Ik Joncker Sissinga Van Groninga 
Dronk dees hensa In een Flensa 
Door myn Kraga In myn maga! 

ein Becher geworden, den Störtebeker immer bei sich trug, den 
aber nur ein Edelmann aus Groningerland auszutrinken ver« 
mochte'). Auch für den Hamburger Stürzebecher ist der Seeräuber 
zum Urheber geworden^, und zwar hat er ihn aus dem Kirchen- 
geräth anfertigen lassen, das er in Bergen erbeutet bat, und hat 
denselben in einem Zuge austrinken können^). — Ebenfalls in der 
Schiffergesellschaft befand sich eine Holzfigur, die einen Mohr dar- 
stellte und Störtebekers Page genannt wurde ^). Seit 1842 ist sie 
nicht mehr vorhanden. — Störtebekers silberne Halskette mit einer 
Befehlspfeife soll bis 1842 auf der Kämmerei gewesen sein^). — 
Seine Feldschlange von Eisen, 19 Fuss lang, wurde auf dem 
Zeughause aufbewahrt^; dort befand sich auch d^r Harnisch Störte- 
bekers ^ und das Schwert, mit dem er hingerichtet wurde ^}; Beides 
kam spater ins Arsenal des Bürgermilitairs und ist jetzt im Besitz 
der Sammlung Hamburgischer Alterthümer. 

Mit der Enthauptung Störtebekers beschäftigt sich endlich eine 
vierte Sagengruppe. Das Gefangniss Störtebekers war ein dunkles 
Kellergewölbe des Rathhauses, das sich unter der Registratur be- 
fand und Störtebekers Loch genannt wurde ^). Vor seinem Tode 
hat Störtebeker vom Rathe erbeten und erlangt, dass alle seine 



') Wiarda S. 370 — 71, unter Berufung auf Idzinga, Staats-Recht S. 301. 
') V. Hess, Hamburg topographisch, politisch und historisch be* 
schrieben i (1787), S. 405 (2. Aufl. 18 li, S. 4x8). 

3) Deedce S. 163. 

4) Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 63. 

5) Wächter l, S. 154. 
^) Das. I, S. 154. 

7) Beneke S. 116^17. 

^) Die von Laurent in der Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 3, S. 76 aus 
Trataiger mitgetheihe Stelle : „und ist das Schwert, womit sie hingerichtet, 
noch zu sehen aufm Zeughause allhier in Hamburg" findet sich in Lappen* 
bergs Ausgabe S. 120—21 nicht, muss also später hinzugesetzt sein. 

9) Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 61; vgl. Lappenberg -Gaedechens, 
Gesch« des Hamb. Rathhauses S. 13 und oben S. 45 Anm. 2. 



- 58 - 

Gesellen, bei denen er nach seiner Enthauptung vorbei liefe, be- 
gnadigt werden sollten, und ist dann enthauptet bis zum fünften 
Manne gegangen; da aber hat ihm der Henker einen Klotz vor 
die Füsse geworfen, dass er gefallen ist und hat nicht wieder auf- 
kommen können^). Nach anderer Uebeilieferung hat der Scharf- 
richter auf die Frage, ob er müde sei, die übermüthige Antwort 
gegeben, er könne wohl noch an dem ganzen Rathe sein Amt 
verrichten, und ist deswegen auf Befehl des Rathes sofort von 
dem jüngsten Rathmanne enthauptet worden'). 



NACHTRAGE. 

In der Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 64 — 70 ist nach der Anleitung 
te Kloots'von Laurent nachgewiesen, dass die angeblichen Abbildungen 
Stortebekers auf ein'Bild des bekannten Kunz von der Rosen, des Hof- 
narren Maumilian I., zurückgehen, indem die von dem Kupferstecher 
Daniel Hopfer gestochene Platte , wahrscheinlich auf Veranlassung des 
Nürnberger Buchhändlers David Funck, in dessen Besitz die sämmtlichen 
Platten der Gebrüder Hopfer übergingen, mit einer Ueber- und Unterschrift 
versehen wurde, welche das Portrait des Kunz von der Rosen dem See- 
räuber Klaus StSrtebeker zueigneten. Auf dieser Fälschung beruhen, wie 
Laurent a. a. O. 2, S. 79, 80 nachgewiesen hat, die beiden Medaillen, 
welche das Bild Stortebekers zeigen. Später hat dann Lappenberg ge- 
meint (a. a. O. 2, S. 600 — 602), auch Kunz von der Rosen komme das 
Bild nicht zu, sondern es gehöre König Franz I. von Frankreich an. — 
Neuerdings hat nun Herr Buchhändler Strack im Anschluss an meine 
vorstehenden Mittheilungen aus seiner reichhaltigen Portraitsammlnng dem 
Verein f. Hamb. Gesch. den Nachweis geliefert, dass die Ansicht Lappen- 
bergs auf einem Irrthum beruht, und dass der Hofnarr Kunz von der 
Rosen, wie er früher in den Seeräuber Klaus Störtebeker umgemodelt 
war, so auch vor einigen Jahren in Florian Geier, den bekannten Führer 
in den Banerkriegen , verwandelt worden ist (Gartenlaube, Jahrg. 1860, 
Nr. 6, S. 85). 

Herr Archivar Wigger theilt mir freundlichst mit, dass leider die 
Karte, auf welcher die beiden naeh Störtebeker benannten Häfen ver- 
zeichnet standen, mit der gesammten Kammer-Registratjir bei dem Brande 
des Regierungsgebäudes zu Schwerin verloren gegangen sein wird. ■ 

Herrn Dr. Crull verdanke ich die interessante Nachricht» dass das 
Verfestungsbuch der Stadt Wismar, p. 45, z. J. 1395 auch den Namen des 
Gödeke Michel aufweist. 5. Mittheilungen f. Hamb. Gesch. i, Nr. 11. 



») Köster S. 85. 

') Zeitschr. f. Hamb. Gesch. 2, S. 56. 



DER HANDEL 



DIS 



DEUTSCHEN ORDENS IN PREUSSEN 

ZUR ZEIT SEINER BLÜTHE. 



VON 



CARL SATTLER. 



Die Gründung und Bildung des Deutschordensstaates an den 
Küsten der Ostsee, an den Ufern der Düna, des Pregels und der 
Weichsel hat wieder und wieder die Blicke der Historiker auf sich 
gezogen. Seine Existenz allein, die Thatsache, dass ein geistlicher 
Ritterorden mit verhältnissmässig geringer Mitgliederzahl tapfere 
zahlreiche Völkerschaften überwand, sie mit dem Schwerte dem 
Christenthume zuführte und damit in den Kreis der Kultur des 
Abendlandes zog, sich eine so bedeutende Macht schuf, dass er 
die Rolle einer Grossmacbt spielen konnte, dass sein Wort von 
der grössten Bedeutung in dem ganzen nordöstlichen Völker* 
und ^taatencompleze war, diese Thatsache allein ist von dem 
höchsten Interesse. Der Orden verstand aber nicht nur, das Wider- 
strebende zu besiegen, sondern wusste neue Kulturelemente an 
seine Stelle zu setzen; im Bunde mit dem deutschen Bürger- und 
Bauerthume gelang es ihm, weite Landstriche der deutschen Nation 
zu gewinnen und ein Staatswesen zu schaffen, welches in mancher 
Beziehung moderner war, als die sonstigen Staatenbildungen der 
damaligen germanischen Welt. Daher ist es fast nocli interessanter, 
seine innere Organisation ins Auge zu fassen, als seine äussere 
Machtentwicklung. Die herrschende Klasse der geistlichen Ritter, 
obwohl durch keine Bande des Blutes mit der von ihr regierten 
Bevölkerung verbunden, versteht es lange Zeit hindurch, den 
Interessen derselben gerecht zu werden, ihre Thätigkeit umfasst 
Gebiete des Lebens, die damals sonst nicht als solche angesehen 
wurden, in welche die Regierung schaffend, ordnend und regelnd 
einzugreifen habe. Sie regelt gesetzlich die Verhältnisse der ver- 
schiedenen Klassen ihrer Unterthanen, sie bestimmt die Abgaben, 
die Dienste derselben, sie zieht früh die hervorragenderen Elemente 
der Bevölkerung zu Ratb, sie lässt sie Einfluss gewinnen auf die 



— 62 — 

Ordnung der inneren Verbältnisse des Landes, sie trifft Bestim- 
mungen über Handel und Verkehr, Münze und Maass, sie knüpft 
die Verbindung zwischen ihren Städten und denen des übrigen 
Norddeutschlands, sie ordnet das Gerichtswesen nach einheitlichen 
Grundsätzen, vor Allem führt sie' eine streng geordnete Finanz- 
Verwaltung ein. Kein Staat war in der letzten Hälfte des I4ten, 
im Beginne des I5ten Jahrhunderts im Besitze so grosser Geld- 
mittel, wie der deutsche Orden. Betrachten wir die kolossalen 
Summen, welche er auf den Ankauf der Neumark und anderer 
kleinerer Territorien verwandte, die grosse Anzahl der mitunter 
sehr bedeutenden Posten, welche er an benachbarte und fremde 
Fürsten und Herren auslieh, so können wir uns nicht wundern, 
wenn die auswärtigen Fürsten und Herren den Schatz des Hoch- 
meisters für unerschöpflich hielten, ganz ungemessene Ansprüche 
an denselben erhoben. Die Basis dieser glänzenden Finanzlage 
des Ordens waren die Abgaben seiner Unterthanen an Geld und 
Naturalien, an Getreide; Geflügel, Schweinen, Heu, aber der Orden 
wusste die Produkte des Landes auch meisterhaft für sich nutzbar 
zu machen, indem er den Bernstein z. B. für sich reservirte und 
mit den ihm gelieferten Naturalien einen ausgedehnten Handel trieb. 
So auffallend es ist, dass eine Gesellschaft geistlicher Ritter, 
die gestiftet war zum Kampfe gegen die Verächter des Glaubens, 
zur Pflege der kranken Glaubensgenossen, die im Dienste der 
Kirche stand und die idealsten Richtungen des Mittelalters, das 
Mönchthum und Ritterthum in sich vereinigte, es nicht verschmähte, 
den prosaischen Austausch der Güter verschiedener Länder, den 
Handel zu betreiben, so wenig lässt es sich verkennen, dass der 
Orden durch die Menge der Abgaben an Naturalien mit Noth- 
wendigkeit dazu hingedrängt wurde. Das Getreide, welches sich 
aus ihnen in den Speichern des Ordens sammelte, war zu massen- 
haft, um von der obwohl ziemlich zahlreichen stehenden Macht 
des Ordens verbraucht zu werden, wie nahe lag es daher, dasselbe 
wieder zu verkaufen, wie verführerisch war es, auch selbst an dem 
grossen Gewinne Theil zu nehmen, den die Bewohner des Landes 
besonders aus der Ausfuhr seines Hauptproduktes, des Getreides, 
zogen. Aber diese in der Natur der Sache liegenden Gründe ge- 
nügten dem Orden noch nicht, um sich zu einer Thätigkeit für 
berechtigt zu halten, welche von seiner eigentlichen Aufgabe so 



- 63 - 

weit abwich. Wie alle geistlichen Körperschaften ihre Erwerbungen, 
alle Vergünstigungen, die ihnen verliehen wurden, durch zahlreiche 
Urkunden, durch Bestätigungen von Kaiser und Papst zu sichern 
suchten, so wünschte auch der Orden seine Berechtigung zum 
Handelsbetriebe auf eine päpstliche Erlaubniss begründen zu kön- 
nen. Das älteste urkundliche Zeugniss für den Handel des Ordens 
ist daher eine Bulle des Papstes Alexanders IV. vom Jahre 1257, 
welche den Ordensrittern wegen ihrer Armuth Erlaubniss ertheilt, 
Handel zu treiben. Wie es aber den geistlichen Corporationen 
überhaupt mehr auf das Vorhandensein einer Verleihungsurkunde, 
als auf die Echtheit derselben ankam und daher gerade bei ihren 
Urkundenvorräthen die Zahl der Fälschungen eine sehr grosse ist, 
so entblödete auch der Orden sich nicht, die beanspruchten Rechte 
durch untergeschobene Dokumente zu erhärten. Auch diese von 
Voigt noch für echt gehaltene Bulle des Königsberger Staats- 
archivs ist eine einfache Fälschung trotz der daran hängenden un- 
verdächtigen Bleibulle. Schon das Aeussere derselben, die Schrift- 
zuge sind verdächtig, es fehlt jede Spur dafür, dass sie durch die 
päpstliche Kanzlei gegangen ist, der Verdacht der Unechtheit wird 
aber durch den Inhalt zur völligen Gewissheit erhoben. Ausser 
dieser Urkunde besitzt nämlich dasselbe Archiv noch eine Bulle 
des Papstes Urbans IV. vom Jahre 1263 über denselben Gegen- 
stand, welche wörtlich mit der erstgenannten übereinstimmt, nur 
einen kleinen Zwischensatz enthält, welcher der ganzen dem Orden 
verliehenen Berechtigung einen völlig anderen Charakter verleiht. 
Diese, die Bulle des Papstes Urban, gegen deren Echtheit keine 
Bedenken vorliegen, sagt nämlich: ut in omnibus locis et terris, 
abi videritis expedire, merces vestras vendere ac emere alienas 
per jdoneas ad hoc de ordine vestro personas, dummodo id causa 
negotiandi non fiat, libere valeatis, während die des Papstes Alexan- 
der den Zwischensatz dummodo id causa negotiandi non fiat fort- 
lässt. Während also die echte Bulle dem Orden die Erlaubniss 
ertheilt, seine Waaren, worunter wir die Einkünfte an Naturalien 
zu verstehen haben, zu verkaufen und fremde dafür einzukaufen, 
aber ausdrücklich die Beschränkung hinzufügt, es dürfe nicht ge- 
gebnen; um Handel damit zu treiben, also einen wirklichen Han- 
delsbetrieb des Ordens verbietet, ist durch Weglassung des ge- 
nannten Zwischensatzes in der gefälschten diese Beschränkung 



- 64 - 

fortgelassen und dem Orden unbedingt die Erlaubniss ertheilt» 
Waaren zu kaufen und zu^ verkaufen. £s unterliegt daher keinem 
Zweifel, dass der Orden, als sein Handel umfassender zu werden 
begann, die echte Urkunde nicht mehr als eine hinreichende 
Grundlage für die Berechtigung hiezu ansehen konnte und deshalb 
nach ihrer Vorlage die in das Jahr 1257 verlegte fälschte, um 
gegen alle Vorwürfe gesichert zu sein. Fragen wir, in welcher 
Zeit diese Fälschung vorgenommen, so bezweifle ich nicht, dass 
sie in das zweite Viertel des 14. Jahrhunderts zu verlegen sein 
wird, denn wenn wir auch im 13. dann und wann von Gütern 
des Ordens hören, so zeigt sich doch keine nachweisbare Spur von 
einem eigenen Handelsbetriebe des Ordens, erst im 14. Jahrhundert 
in den Statuten des Hochmeisters Werner von Orseln (1324 — 30) 
begegnen uns die Handelsbeamten des Ordens, daher muss sich 
auch in dieser Zeit das Bedürfniss einer unantastbaren Berechtigung 
zum Handel geltend gemacht haben. 

Ueber die erste Entwicklung des Ordenshandels auf Grund 
dieser selbstgeschaffenen Berechtigung sind wir nun leider nicht 
unterrichtet, die erste nähere Nachricht über seine Organisation 
und die Beamten, welche ihn zu leiten hatten, erhalten wir aus 
verschiedenen Briefen, welche Koppmann') in das Jahr 1360 ver- 
legt hat, und wirklich eingehende Kunde wird uns erst für das 
letzte Jahrzehnt des 14. und die ersten des 15. Jahrhunderts zu 
Theil, da wir aus dieser Zeit eine Reihe von Rechnungsbüchern 
der Handelsbeamten des Ordens, namentlich der in Königsberg 
residirenden, glücklich erhalten haben. Aus ihnen und dem sonst 
in Briefen enthaltenen Material können wir uns daher für die an- 
gegebene Zeit ein ziemlich klares Bild über seinen Handelsbetrieb, 
die Waaren, welche er vertrieb, und die Beamten machen, welche 
dieses besorgten. 

Gehen wir nun zunächst auf diese Letzteren ein, so finden 
wir, dass die Schäffer die eigentlichen Handelsbeamten des Ordens 
sind. Schon in den Ordensstatuten wird dem Hochmeister ein 
Sariantbruder als Schäifer zugewiesen und zwei für den Fall so 
man uze liget, d. h. wenn der Hochmeister das Haupthaus verlässt« 
Sodann wird in den Statuten des Hochmeisters Werner v. Orseln 



') Hanserecesse 3, S. 15 und 16. 



- 65 - 

die Bestimmung getroflfen, dass die Schiffer, wenn sie des Handels 
wegen das Land verlassen, ihre Rechnungsbücher ihren Vorge« 
setzten abliefern sollen. Damals muss es also schon mehrere dieser 
Beamten gegeben, auch müssen sie damals schon auswärtigen 
Handel betrieben haben, Näheres aber erfahren wir noch nicht 
über sie. Erst 1360 werden uns zwei Grossschäffer in Marienburg 
und Königsberg und Lieger derselben in Flandern genannt und 
erhalten wir dadurch zuerst Kenntniss von den zwei Beamten, 
welche während der ganzen Zeit, die den Gegenstand unserer 
Untersuchung bildet, an der Spitze der Handelsbeamten des Ordens 
stehen und den Haupthandel desselben besorgen. Zwar werden 
auch noch andere Schäffer, wie ein Kldnschäffer in Königsberg, 
ein Schäffer von Giristburg" genannt, aber die beiden Grossschäffer 
haben doch immer den grössten Theil des Handels in der Hand, 
auch sind unsere Nachrichten über die anderen Schäffer so spärlich, 
dass wir ihre Thätigkeit nicht näher kennen lernen können, wäh- 
rend dieses bei den Grossschäffern sehr wohl der Fall ist. 

Zunächst kann man aus dem uns erhaltenen Material ziem- 
lich zahlreiche Persönlichkeiten namhaft machen, welche das Amt 
eines Grossschäffers in Königsberg oder Marienburg bekleidet haben, 
so dass für einige Jahrzehnte eine vollständig fortlaufende Reihen- 
folge derselben sich herstellen lässt. Diese erlaube ich mir voran- 
zuschicken. In Marienburg finden wir 1360 Johann Buckeslevere, 
1376 Eberhard v. Wirmynnen, 1381 — 86 Heinrich v. Älen, der 
aber noch längere Zeit sein Amt verwaltet haben muss und an 
den sich Johann Tirgart (nachweisbar von 1390 — 1404) unmittelbar 
anscfaliesst, ihm folgt Johann v. Sachsenheym 1404—^6, dann 
Johann Techwitz 1407, wahrscheinlich bis 1409, wo wir von der 
Entlassung eines Grossschäffers hören, und zuletzt Ludeke Palzadt 
1412 — 14. Noch vollständiger ist die Königsberger Reihe, nämlich 
Johann v. Perdesdorp 1360, Walter v. Nedirhove sicher von 
1389 — 93, Conrad v. Muren 1393 — 1402, Michel Küchmeister bis 
1404, Johann Demeker 1404, Conrad Sefeler 1405 — 6, Conrad 
Remchyngen 1406 — 7, Georg v. Wirsberg 1408 — 1410, Giselbrecht 
v. Buchsecke 1411, Gerhard Foyzan 1411 — 15, Hermann Vogeler 
1415 — 23, Hans v. Moosze 1423, endlich Michel Tessenfelder 1433. 
Alle diese Grossschäffier sind Ordensmitglieder, wir finden unter 
ihnen so hervorragende Persönlichkeiten, wie Michel Küchmeister, 

Hannsche G««chtchtsbratter. YII. 5 



— 66 — 

den nachherigen Hochmeister» aber man mu$8 wenigstens nach 
der Tannenberger Schlacht auch Halbbrüder dazu genommen 
haben. Gerhard Foyzan nämlich tritt in den Rechnungsbüchern 
der Grossschäfiferei Königsberg zuerst als Diener, dann als Lieger 
des Grossschaffers auf, ehe er selbst zu diesem Amte gelangte« 
kein Ordensritter konnte aber die Geschäfte eines Dieners oder 
Liegers übernehmen, mithin muss er ein Halbbruder gewesen 
sein, hat vielleicht ursprünglich gar nicht dem Orden angehört, 
sondern ist erst im Laufe der Zeit, während der er dem Gross- 
schäffer diente, in diesen aufgenommen, da es auch sonst vorkommt, 
dass Lieger in den Orden aufgenommen werden. 

Der Grossschäffer zu Marienburg stand unter der Oberaufsicht 
des Grosskomthurs und des Ordenstresslers, der zu Königsberg 
unter der des Obermarschalls, welcher denselben auch einsetzte 
und seines Amtes entliess. Alljährlich musste den betr. Vorge- 
setzten Rechnung über den Stand der Grossschäfferei abgelegt 
werden. Der von Königsberg hatte ein bestimmtes Betriebscapital, 
mit dem er seine Geschäfte betrieb, und war verpflichtet, am 
Schlüsse seiner Amtsführung den ganzen Ueberschuss an den 
Marschall auszuzahlen; soviel wir sehen, geschah dieses aber erst 
nach und nach oder auch gar nicht, der Marschall begnügte sich 
vielmehr damit, dann und wann sich grössere Summen zahlen zu 
lassen und beliess den Rest des Ueberschusses in den Händen des 
Grossschaffers zur Vetgrösserung seines Handelsbetriebs. Ob dem 
von Marienburg gleichfalls ein bestimmtes Betriebscapital zuge« 
wiesen sei, darüber fehlt uns jede Andeutung, so wahrscheinlich 
es auch ist. Die Geschäfte des Grossschaffers bestanden darin, 
die Produkte des Landes, soweit sie in den Besitz des Ordens ge- 
langten, zu verkaufen, nach anderen Ländern zu versenden und 
dort für dieselben andere Waaren einzutauschen, welche entweder 
zur Bestreitung der Bedürfnisse der Ordenshäuser verwandt oder 
wieder verkauft wurden. Mit der Zeit kauften sie aber auch in 
anderen Ländern Waaren auf, verkauften dieselben wieder nach 
anderen, so dass sie auch als Zwischenhändler thätig waren. Bei 
diesen Geschäften machte sich öfter die Nothwendigkeit geltend, 
die Länder, mit denen der Haupthandel betrieben ward, zu be- 
suchen, häufig finden wir daher die Anwesenheit des Grossschaffers 
in Flandern berichtet Natürlich konnten die Grossschäfiier den 



- 67 - 

Handel nicht mehr in alter Weise betreiben, so dass sie etwa 
selbst ihre Waaren nach den fremden Ländern gebracht oder mit 
jeder Sendung einen eigenen Diener gesandt hätten, mit Recht 
bemerkt daher Hirsch, dass man für das Ende des 14^ und das 
15. Jahrhundert nicht mehr behaupten könne, der ganze damalige 
Handel sei Properhandel gewesen, denn nach meiner Ansicht hört 
mit dem Auftreten des Instituts der Lieger die Ausschliesslichkeit 
des Properhandels eben auf. Auch würde es dem Grossschäffer 
schwerlich gelungen sein, so bedeutende Capitalien geschäftlich zu 
verwerthen, wenn nicht eben die weiter fortgeschrittene Ausbildung 
des Handels schon die Handelsgenossenschaften und den Commis« 
sionshandel aufgebracht hätte. 

Unter der Leitung dieser höchsten Handelsbeamten stand nun 
eine zahlreiche Menge von Gehülfen, die entweder ganz oder zum 
Theil im Dienste des Ordens waren und nach den Weisungen der 
Grossschäffer dessen Handel besorgten. Alle zusammen werden 
mit dem Titel ELnechte bezeichnet, zerfallen aber wieder in die 
Klassen der Lieger, Wirthe, Diener und derjenigen Leute, welche 
wir jetzt mit dem Namen der Knechte belegen wurden, nämlich 
die Kornknechte etc. Die Lieger sind dispositionsfahige Bevoll* 
mächtigte^ welche Waaren zugesandt erhalten, dieselben nach ihrem 
Gutdünken verkaufen, andere dafür zurücksenden und in fort- 
dauernder Abrechnung mit dem Grossschäffer stehen. Sie sind ent« 
weder abgesandte Bevollmächtigte und erhalten jährlichen Lohn, 
wie z. B. der Lieger des Grossschäffers von Königsberg in Brügge, 
Johannes Plige, von 1391 — 98 30 Pfund flandrisch erhält, oder 
Geschäftsfreunde, welche in der betr. Stadt ansässig, auch die 
Geschäfte des Ordens besorgen. Sehr häufig steht der Gross* 
schaffer mit ihnen sowie mit den Dienern in dem Verhältnisse der 
Widerlegung, d. h. er giebt ihnen eine gewisse Summe Geldes 
für die Zeit, dass sie in seinem Dienste stehen und erwirbt dafür 
einen bestimmten Antheil an dem, was sie erwerben, denn die 
Lieger trieben neben den Geschäften des Auftraggebers auch Han- 
del auf eigene Rechnung. Solche Lieger des Königsberger Gross- 
schäffers finden wir in Lübeck, Brügge, Thorn, Danzig, Elbing, 
des Marienburgers in Brügge, Thorn, Danzig und Elbing. Wirthe 
sind Leute, welche vollständig unabhängig von dem Orden sind 
and nur die Beaufsichtigung seiner Waaren übernehmen, sie sind 

5* 



— 68 — 

aber nicht berechtigt, dafür selbstständig die Preise zu bestimme» 
oder Einkäufe zu machen, kaufen auch selbst Waaren von den^ 
Grossschäffer. Ihnen wird in einigen Fällen eine bestimmte Summe 
Geldes zugewiesen für die Zeit, während der sie diese Verpflichtungr 
gegen den Orden erfüllen. Solche Wirthe finden wir in Elbing, 
Marien werder, Marienburg, Gilgenburg, Dirschau, Graudenz, dem 
Kneiphdfe und am Ende des 14. Jahrhunderts in Lemberg. Diener 
endlich sind Handlungscommis, die im Solde und Auftrage des 
Ordens Reisen machen, Einkäufe besorgen, die Lieferung ver- 
sprochener Waaren beaufsichtigen etc.. Auch sie konnten nebenher 
noch für eigene Rechnung Geschäfte machen, denn wir finden 
sogar, dass der Grossschäffer ihnen Waaren abkauft, welche sie 
ausser den in seinem Auftrage angekauften mitbringen, und deshalb 
trat man auch mit ihnen in das Verhältniss der Widerlegung. 

Betrachten wir nun die Güter, mit denen die beiden Gross- 
schäffer ihren Handel trieben, das Gebiet, über welches sich der- 
selbe erstreckte, so müssen wir dabei jeden derselben gesondert 
ins Auge fassen. Ich bezweifle wenigstens die von Voigt aufge- 
stellte Ansicht nicht, dass die Errichtung der zwei GrossschäfTereien 
und die Bestimmung ihres Sitzes in Marienburg und Königsberg 
dadurch veranlasst ist, dass die sachlichen Güter, deren Besitz den 
Orden zu dem Handel überhaupt hindrängte, in zwei Hauptklassen 
zerfielen, nämlich die Getreideeinkünfte und den Bernstein. Im 
14. Jahrhundert, um dessen Mitte spätestens die Institution der 
Grossschäffereien geschaffen sein muss, war der ostliche Thei! 
Preussens, die sog. ^Niederlande, welche in Königsberg ihren Mittel- 
punkt hatten, nur wenig angebaut und lieferte verhältnissmässig 
nur einen geringen Beitrag zu den grossen Getreidemassen, die 
in die Ordensspeicher gelangten, dagegen war hier an der Küste 
des Samlandes der Hauptfundort für den Bernstein, dessen Ver- 
kauf der Orden sich als Monopol aneignete. Daher schuf man 
hier ein Centrum für den ganzen Bernsteinhandel, indem man 
nicht nur durch den Bernsteinmeister in Lochstädt, sondern auch 
durch den Bischof von Samland, den Hauskomthur von Balga, den 
Komthur von Danzig, die Fischmeister von Elbing und Scharfau 
sämmtlichen Bernstein an den Marschall, resp. an dessen Gross- 
schäffer zu Königsberg abliefern Hess. An der Weichsel dagegen 
strömte aus der fruchtbaren Niederung, aus den übrigen ange- 



^ 69 - 

i)auten Theilen Preussens und Pommerellens eine so grosse Menge 
Oetreide zusammen, dass hier für den Getreideexport ein grosses 
-Centrum in der Grossschäfferei Marienburg geschaffen ward. Diese 
Trennung ist nun nicht so zu verstehen, als ob der Grossschaffer 
-von Marienburg allein das Getreide des Ordens hätte verkaufen 
tiürfen, wir finden vielmehr, dass später auch der von Königsberg, 
woin auch in weit geringerem Maasse, Getreidehandel trieb, über- 
haupt handeln in der Blüthezeit Beide vielfach mit denselben 
Gegenständen, aber die Entstehung dieser zwei Handelsämter und 
ihre Verlegung nach den genannten Orten ist gewiss durch die 
Verschiedenheit der beiden Hauptexportgegenstände des Landes 
Preossen hervorgerufen. 

Die Aufgabe des Grossschäffers zu Königsberg bestand also 
tiarin, den Bernstein zu verführen und zu verwerthen. Zwei Wege 
boten sich ihm dar; um denselben abzusetzen. Der eine ging zu 
Lande über Lemberg nach dem Orient, dieser wurde aber vom 
Ende des- 14. Jahrhunderts an durch das gespannte politische Ver- 
liältniss zu Polen immer öder und scheint mit dem 15. Jahrhundert 
-ganz verlassen zu sein. Der andere führte zur See nach Lübeck und 
Brügge, wo die Patemostermachergewerke das Material zu ihren 
Arbeiten von dem Grossschaffer durch Vermittelung seiner zu die- 
sem Zwecke in beiden Städten befindlichen Lieger erhielten. Dieser 
Weg wurde nun während der ganzen Zeit der Ordensherrschaflt 
sehr lebhaft benutzt. Zahlreiche Verträge über den Preis der 
verschiedenen Bemsteinsorten werden geschlossen, häufige Ver- 
liandlungen über die Aufrechterhaltung oder Veränderung derselben 
geführt, noch im Jahre 1449 ersuchen die Bürgermeister von Lü- 
beck den Hochmeister Conrad v. Erlichshausen, dafar zu sorgen, 
dass kein unverarbeiteter Bernstein direkt von Preussen nach Ve- 
nedig, sondern nur an die Paternostermacher in Lübeck und Brügge 
-verkauft werde. Jedes Jahr gingen also grosse Sendungen von 
Bernstein nach diesen beiden Städten und als Ersatz dafür sandte 
namentlich der Lieger in Brügge grosse Quantitäten von Waaren 
zurück, welche der Grossschaffer dann wieder kaufmännisch ver- 
trieb. Den Hauptbestandtheil der Einfuhr aus Flandern bilden 
Tuche, von denen uns die verschiedensten, namentlich nach ihren 
Fabrikationsorten betitelten Sorten genannt werden, sodann Leinen, 
flämisches Salz, Gewürze, Zucker, Kanneel, Ingwer, Feigen, 



— 70 — 

Rosinen, Mandeln , Reis. Zum Theil musste der Grossschäffer 
diese nun wieder an den Convent zu Königsberg abgeben, für 
dessen Unterhalt oder Nothdurft, wie der damalige technische Aus- 
druck ist, er eine genau bestimmte Menge von Stoffen, Gewür- 
zen etc. jährlich liefern musste, zum grossen Theile verkaufte er 
sie aber wieder in kleineren Partien an einzelne Kaufleute im 
Inlande und den benachbarten Distrikten Polens. Der Gewinn^ 
den er aus diesem Kleinhandel mit den vom Auslande eingeführten 
Waaren zog, war es nun unzweifelhaft, der ihn dazu antrieb, seine 
Ausfuhr nach Flandern zu steigern. Daher kaufte er nicht nur 
im Inlande diejenigen Gegenstände auf, welche sich zur Ausfuhr 
nach Flandern eigneten, besonders Wachs, Holzer und Asche, 
sondern er verlegte sich auch auf den Zwischenhandel, welcher 
schliesslich zu einer sehr bedeutenden Höhe sich erhob. So schickte 
er seine Diener nach Livland und Hess dort grosse Quantitäten 
von russischem Wachs und Pelzwerk einkaufen, obwohl er diese 
Gegenstände mit baarem Gelde oder Silber bezahlen musste, denn 
nur selten finden wir erwähnt, dass er etwa flämisches Salz oder 
Tuche dahin absetzte. So kaufte er ferner Kupfer und Blei aus 
Ungarn, Holz und Asche aus Masovien und verführte alle diese 
Waaren nach Flandern, um von dort eine grössere Einfuhr nach 
Preussen zu erhalten. Da er die eingeführten Waaren nun aber 
in kleinen Mengen absetzte, so kam er dadurch in unzählige Ver« 
bindungen mit einzelnen Leuten, die ihm an Zahlungs Stelle nun 
wieder andere Güter überliessen, so dass er schliesslich mit fast 
allen nur denkbaren Gegenständen Handel trieb. Aber nicht der 
kaufmännische Betrieb des Waarenhandels genügte ihm, um sein 
Geld nutzbar anzulegen, sondern er erwarb auch Grundstücke^ 
Renten aus Häusern und Ländereien, oder legte industrielle Unter- 
nehmungen an, wie ein Eisenwerk Synnen hinter Neidenburg oder 
eine Schneidemühle. Daneben lieh er sehr viele Gelder aus, wofür 
er sich Zinsen zahlen Hess, oder verkaufte eine Sorte Geld gegen 
eine andere, betrieb also die Geschäfte eines Geldmaklers. End- 
lich erwarb er Antheil an Schiffen, erhielt also auch die betref- 
fenden Frachtgebähren und betheiligte sich in dieser Weise an der 
Rhederei. 

Sehr Vieles, was wir soeben von dem Grossschäffer zu Königs- 
berg gesagt, gilt nun auch von dem Marienburger, aber die aus- 



— 71 — 

wärtigen Handelsverbindungen des Letzteren sind weit bedeutender, 
denn während der Königsberger nur in Lübeck und Brügge 
stehende Verbindungen und die Hauptmasse seines Capitals schliess- 
lich im Inlande stehen hat, finden wir ständige Diener des Marien- 
burgers in England und Schottland, treffen wir auf seine Waaren 
und Guter in Bornholm und Schonen, seine Schifife auf der Fahrt 
nach Spanien und in Lissabon. Nach Flandern führt er Osemund 
und anderes f^sen, Pelzwerk, Weizen, Roggen, Mehl, Oel, See- 
hundsschmeer, Holz in den verschiedensten Sorten, Asche und 
Wolle aus, wofür er Tuche, Salz und Pfeffer erhält. Nach Schott« 
land führt er Weisen, Roggen, Mehl, Salz und Wagenschoss, nach 
England Weizen, Roggen, Mehl, Häringe, Holzer, Asche, Pech, 
Theer, nach Bergen Mehl, nach Riga Salz, in Lissabon kauft er 
Salz und Wein, aus Schonen erhält er Häringe, aus Masovien 
gewaltige Massen der verschiedenartigsten Holzer, welche in Danzig 
an der Mottlau und in der Jungstadt aufgespeichert wurden. Im 
Inlande handelte auch er mit allen möglichen Gegenständen, lieh 
Gelder aus und erwarb Renten. Da femer die von ihm haupt- 
sächlich ausgeführten Waaren ; Getreide und Hölzer, weit mehr 
Raum bei der Versendung einnahmen als die von dem Gross« 
schäffer zu Königsberg vorzugsweise exportirten, finden wir, dass 
er auch bei Weitem mehr Schiffe oder Antheile an denselben be- 
sass als dieser und dieselben oft selbst befrachtete, denn während 
der Königsberger im Jahre 1404 nur an 2 Holken und i Kreyger 
zu I Viertel betheiligt war, besass der Marienburger in demselben 
Jahre i Holk, i Koggen und i Kreyger ganz, war an 7 anderen 
Holken mit je % , ^U ' 'Ib » 74 > ^/a * 7a ^nd 74 und an 2 Koggen 
mit 72 r^P* ^/s derselben betheiligt. 

Bei der grossen Menge von Gütern, die die Grossschäffer 
durch den geschilderten Handelsbetrieb in ihre Hände bekamen, 
versteht es sich von selbst, dass sie bedeutender Räumlichkeiten 
zu ihrer Aufbewahrung bedurften und dieselben nicht sämmtlicb 
nach ihrem Sitze schaffen Hessen, sondern dort niederlegten, wo 
sie zuerst zum Verkauf kommen konnten. In den drei Haupt- 
handelsplätzen des Landes Thom, Elbing und Danzig finden wir 
daher Speicher und andere Räumlichkeiten der Grossschäffer er- 
wähnt. So hat der von Königsberg in Thom i Gemach und 
I Tresel auf dem rechten Hause, i Steinspeicher, i Gewandkeller, 



— 72 — 

in Elbing i Speicher und noch i Speicherstelle , in Danzig i Ge- 
mach, I Speicher, i Keller, sodann miethet er noch weitere Keller- 
räume von Bürgern der betreffenden Städte hinzu. Der von 
Marienburg hat in Danzig i Tresel und i Speicher, Gewandkeller 
in Danzig, Elbing und Thorn und auch er miethet noch andere 
Waarenräume. 

Ueber ihre ganze Geschäftsthätigkeit und die daraus hervor- 
gehenden Forderungen und Verbindlichkeiten führten nun die 
Grossschäfifer auf das Genaueste Buch, wie sich aus der strengen 
Rechenschaft, die sie ablegen mussten, von selbst ergab. Dieser 
Umstand hat aber nicht nur die damaligen Vorgesetzten und Rech- 
nungsrevisoren in den Stand gesetzt, die Thätigkeit der Handels- 
beamten genau zu kontroliren, sondern verschafft auch uns heute 
noch einen recht genauen Einblick in dieselbe. Der grosste Theil 
meiner Mittheilungen beruht auf dem Studium dieser Bücher. 
Leider sind dieselben nun nicht so vollständig auf uns gekommen, 
wie wir es wünschen möchten, immerhin sind aber erhebliche 
Ueberbleibsel derselben erhalten. So haben wir neun Rechnungs- 
bücher des Grossschäffers zu Königsberg aus den Jahren 1390 - 1423, 
drei Rechnungsbücher seiner Lieger in Flandern aus dem letzten 
Jahrzehnt des 14. und den ersten Decennien des 15. Jahrhunderts, 
zwei des Marienburger Grossschäffers aus den Jahren 1404 — 1410. 
Da sie die Hauptquelle für das Studium des Handels des Ordens, 
dieses so interessanten Zweiges seiner Thätigkeit sind, so erlaube 
ich mir etwas näher auf dieselben einzugehen, obwohl es mir bis- 
her noch nicht gelungen ist, in das eigentlich technisch Rechnungs- 
mässige derselben einzudringen. In dieser Beziehung ist zunächst 
diejenige Schwierigkeit zu überwinden, die sich bei allen Rech- 
nungen der damaligen Zeit erhebt upd die darin besteht, dass die 
Summen zunächst möglichst abgerundet angegeben werden und 
das daran Fehlende dann als davon abzuziehen hinzugefügt wird. 
Sodann stimmen die Schlusssummen eigentlich nie, wenn man 
nachzurechnen versucht, welches hauptsächlich dadurch veranlasst 
wird, dass auch nach Feststellung der Schlusssummen noch Ein- 
tragungen in diese Bücher geschahen, unbekümmert um das bereits 
gezogene Fadt. Musste ich so auch den Versuch aufgeben, den 
Herren Grossschäffem nachzurechnen, was ja auch kein grosses 
historisches Interesse gewähren würde, so ist doch die ganze Ein- 



— 73 — 

richtang der Bücher nicht uninteressant und ich erlaube mir daher, 
dieselben eingehender zu schildern, wobei ich für die Grossschäfferei 
Königsberg das Rechnungsbuch Michel Küchmeisters als das am 
Besten geführte zu Grunde lege. 

Voran geht, in diesem ein Verzeichniss der Waaren, welche 
der Grossschäffer an die einzelnen Beamten des Königsberger Con- 
vents für dessen Bedürfnisse zu liefern hatte, und welches nicht 
veniger als 17 Folioseiten umfasst. Es folgt sodann ein Preisver- 
zeichniss des Bernsteins in Brügge und Lübeck nebst Angaben 
über dessen Herabsetzung im Laufe der letzten Jahre, woran sich 
Aufzeichnungen über das Verhältniss von Münzen, Maassen und 
Gewichten in Preussen, Flandern, England, Lübeck, Livland und 
Nowgorod schliessen. Hierauf beginnt der Hauptinhalt der Rech- 
nung, nämlich die Liste der ausstehenden Forderungen und ein- 
gegangenen Verbindlichkeiten, wobei die ersteren indessen bei 
Weitem überwiegen und nur selten durch einen Schuldposten des 
Grossschäfifers unterbrochen werden, offenbar weil dieser im Besitz 
grosser Geldmittel seine Schulden meist unmittelbar bezahlte und 
nur mit den Liegern in Lübeck und Brügge in fortlaufender Ver- 
rechnung über die gegenseitig zugeschickten Güter stand. Dieser 
Theil des Buches ist territorial geordnet, indem man unter dem 
Titel eines Ortes Alles zusammenfasst, nicht nur was an die Ein- 
wohner desselben oder der Umgegend verkauft wurde, sondern 
auch alles dasjenige, wofür die Zahlung an dem betreifenden Orte 
zu leisten war, oder worüber man eben dort das Geschäft abge- 
schlossen hatte. Indessen lässt sich nicht leugnen, dass manche 
Posten vorkommen, von denen man trotzdem nicht weiss, warum 
sie unter dem Titel gerade dieses Ortes aufgeführt werden. Die 
Rechnung Michel Küchmeisters hat die Titel: Altstadt Thorn, Neu- 
stadt Thom, Danzig, Elbing, Königsberg, Bartenstein, Schippen- 
beil, Liebstadt, Gilgenburg, die von der Propste! Plozk versetzten 
Ortschaften, das Land Masovien, Soldau, Neidenburg, das Eisen- 
werk Synnen hinter Neidenburg, Eilau, die Schneidemühle am 
Flusse Pancze, Schwetz, Neuenburg, Weysselburg auf dem Werder, 
Stangendorf, Dirschau, Steuslaw, Jung Lesslau, Brysk, Kaiisch, 
Lanczicz, Lemberg, Troppau und Leobschütz, Livland, Lübeck und 
Brügge. Aus diesen Titeln schon ersehen wir, über welche Ge- 
biete sich iler Handel des Grossschäffers erstreckte, obwohl natür- 



— 74 — 

lieh die Grösse der unter den einzelnen verzeichneten Werthsummen 
unendlich verschieden ist und zwischen etwa 9 Mark in Lanczicz 
und 17,341 Mark in der Altstadt Thorn schwankt. Darauf folgt 
ein Verzeichniss derjenigen, mit denen der Grossschaffer in dem 
Verhältnisse der Widerlegung steht oder zu einzelnen Handels- 
unternehmungen in Genossenschaft getreten ist, nebst Angabe der 
Summe, um die es sich in jedem einzelnen Falle handelt, sodann 
werden die Schiffe aufgeführt, welche zum Theil der Grossschäfferei 
gehören und endlich die durch Raub und Schiffbruch oder Flucht 
der Schuldner verlorenen Güter und Forderungen aufgezahlt unter 
dem Titel: „ungewisse Schuld". Zum Schlüsse werden sodann die 
Hauptsummen der Rechnung summarisch rekapitulirt, die bei An- 
tritt des Amtes empfangenen und beim Abgange abgelieferten 
Summen und Posten einander gegenübergestellt, die während der 
Amtsdauer geleisteten grösseren Zahlungen aus dem Bestände der 
Grossschäfferei angegeben und dadurch ein Ueberblick über die 
Resultate der 2jährigen Verwaltung derselben durch Michel Küch- 
meister gegeben. 

Etwas anders ist die Einrichtung der Rechnungsbücher der 
Marienburger Grossschäfferei. Hier geht das Verzeichniss der 
Schiffsantheile voran, dann folgt die Aufzählung der Leute, mit 
denen der Grossschaffer in \^^derlegung oder Handelsgenossenschaft 
steht, sodann werden die Waaren aufgeführt, welche derselbe in 
Bornholm, Schonen, Danzig, Elbing und Thorn hat. Nach diesen 
erst finden wir die Angabe der ausstehenden Forderungen, wobei 
dieselben gleichfalls territorial gruppirt werden. Von den 35 Titeln, 
unter denen diese verzeichnet sind, will ich nur die an das Aus- 
land hervorheben, nämlich Flandern, Schottland, England, Lübeck, 
Gothland, Calmar, Masövien und Stolpe. Leider sind den uns 
erhaltenen Rechnungsbüchern aus Marienburg keine Generalschluss- 
rechnungen hinzugefügt. 

Die Rechnungsbücher -der Lieger führen einfach auf, welche 
Waaren sie in jeder einzelnen Sendung von dem Grossschaffer er- 
halten, geben an, wie viel und zu welchem Preise sie davon 
verkauft, stellen ihnen gegenüber die von ihnen nach Preussen 
geschickten Güter, ziehen den Werth derselben von den erhaltenen 
ab und bleiben für den Rest dem Grossschaffer haften. 

Mit Hülfe der Schlussrechnungen in den Büchern der Gross- 



— 75 — 

schaffer» sowie einiger anderer Notizen in dem grossen Bestallungs- 
bucfae, dem Tresslerbuche, dem Marienburger Aemterbuche etc. 
können wir nun namentlich für die Grossschäfferei Königsberg auch 
das Anwachsen und den Verfall des von dieser betriebenen Han- 
dels einigermaassen verfolgen. Voraus schicke ich dabei, dass 
nach den Untersuchungen Vossbergs in der Zeit von 1382 — 1410 
der Werth der preussischen Mark, in welcher Münze die Summen 
immer angegeben werden, zwischen 4 und 5 Thlrn. beträgt. Die 
erste annähernde Angabe über die Höhe des Capitals, mit welchem 
der Köhigsberger Grossschäffer arbeitete, erhalten wir für das 
Jahr 1379, wo bei der Uebergabe des Marschallamts dem neuen 
Inhaber überliefert werden an baarem Gelde in der Sakristei und 
dem Tresel und was der Grossschäffer schuldig blieb 20,909 Mark, 
wobei der letzte Bestandtheil offenbar die Hauptmasse bildete. 
Weit höher ist das Capital aber schon 1392, in welchem Jahre 
der Marschall an der Grossschäfferei 24,000 Mark erhält, womit 
das Betriebscapital derselben bezeichnet wird. 1393» als Conrad 
V. Muren das Amt des Grossschäffers übernahm, betrug es aber 
schon 26,000 und 1396 wurde es auf 30,000 Mark erhöht und 
seitdem wird uns von einer Erhöhung oder Verringerung desselben 
Nichts berichtet. Als Conrad v. Muren 1393 sein Amt antrat, 
wurden ihm an ausstehenden Forderungen etwas mehr als 30,000 
Mark überwiesen und ihm die Verpflichtung auferlegt, den Ueber- 
schnss über die Summe von 26,000 Mark des damaligen Betriebs- 
capitals an den Marschall auszuzahlen. Dieses geschah im Jahre 1396 
und in demselben Jahre erklärte er sich bereit, die Bedürfnisse 
des Hauses Königsberg im Werthe von 1800 Mark unehtgeltlich 
aus dem Ertrage seines Amtes zu bestreiten, während er bisher 
als Ersatz dafür Bernstein im Werthe von 1400 Mark erhalten 
hatte. Dafür wurde dann das Betriebscapital auf 30,000 Mark 
erhöbt Von jetzt an hatte also der Grossschäffer jedes Jahr für 
1800 Mark an das Haus Königsberg zu liefern, musste also 
wenigstens so viel durch seinen Handelsbetrieb alljährlich gewinnen. 
Ausserdem leistete er aber noch verschiedene andere Zahlungen 
an andere Ordensbeamte und besonders den Oberstmarschall, so 
1396 an Letzteren 1291 Mark, 1399 3000 Mark, und dennoch 
wurden an seinen Nachfolger Michel Küchmeister an Waaren 
und ausstehenden Forderungen im Jahre 1402 nicht weniger als 



- 76 - 

55«i90 Mark ausser den in Flandern stehenden überwiesen, so dass 
er fast eben so viel, wie sein Betriebscapital betrug, durch seinen 
Geschäftsbetrieb gewonnen hatte. Den Ueberschuss über 30,000 Mark 
hätte Michel Küchmeister nun wieder herauszahlen müssen, dieses 
geschah aber nicht, vielmehr blieb derselbe in den Geschäften der 
Grossschäfferei stehen, die nun auch so gläiizend waren, dass man 
einen gewissen Stolz nicht verkennen kann, der Küchmeister nach 
zweijähriger Amtsführung bei Aufstellung der Schlussrechnung er- 
füllt. Zwei Jahre lang bestritt er die Lieferungen an das Haus 
Königsberg im Betrage von 3600 Mark, dem Oberstmarschall 
Werner v. Tettingen gab er ausser anderen Zahlungen beim Ver- 
lassen des Amtes 1000 Mark und eben so viel dem neuen Mar- 
schall Ulrich V. Jungingen ; um dieselben zu „ehren", wobei die 
auch sonst vorkommende eigenthümliche Erscheinung sich findet, 
dass die Ordensbeamten aus den vorräthigen Summen ihres Amtes 
dann und wann an ihre Vorgesetzten grössere Summen zum Ge- 
schenke machen. Dennoch hinterliess er seinem Nachfolger an 
Waaren und ausstehenden Forderungen mehr als 54,000 Mark 
ausser den in Flandern stehenden im Betrage von fast 10,000 Mark, 
die er erst später dem neuen Grossschäffer überwies. Auch in den 
nächsten Jahren nahm das Capital, mit welchem die Grossschäfferei 
ihre Geschäfte betrieb, noch immer bedeutend zu. 1406 bei einem 
neuen Wechsel der Grossschäffer finden wir folgende Posten. An 
Waaren und ausstehenden Forderungen 58,205 Mark, ausserdem 
an den Marschall geliehen 5000 Mark, bei dem Lieger in Lübeck 
3366, bei dem in Flandern 10,34272» in summa also 76,91372 Mark. 
Dieses ist aber auch die höchste uns überlieferte Summe, denn im 
Jahre 1416, aus welchem wir die nächsten Angaben haben, werden 
an Forderungen und Waaren nur etwas mehr als 32,000 Mark 
überwiesen, dagegen an ungewissen Forderungen, die niemals he* 
richtigt wurden, über 7300 Mark. Noch tiefer ist der Handel 
1423 gesunken, wo nur wenig mehr als 6400 Mark überwiesen 
werden, die ungewissen Forderungen aber im Betrage von fast 
10,000 Mark das übrige Guthaben bei Weitem übersteigen. Im 
Jahre 1433 hat sich die Grossschäfferei zwar wieder etwas ge- 
hoben, der Werth an Waaren und Forderungen beträgt wieder 
7300 Mark und die ungewissen Forderungen erreichen nicht die 
Höhe von 500 Mark, aber zu neuer Blüthe gelangte der Handel 



— 77 — 

nach .dem unglücklichen zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts 
nicht wieder. 

Leider sind ähnliche Angaben für die Marienburger Gross- 
schäfiferei in weit geringerer Anzahl erhalten. 1376 erhält Eber«^ 
hard v. Wirmynnen bei Uebemahme derselben nicht ganz 20,000 Mark 
an baarem Gelde und Kaufmannschaft, d. h. Waaren und aus- 
stehenden Forderungen, 1404 werden an Johann v. Sachsenheym 
an baarem Gelde, Waaren und Forderungen mehr als 53,000 Mark 
überwiesen, bei einer Abrechnung im nächsten Jahre behält er 
aber nur reichlich 48,000 und 1406 nur etwas mehr als 46,000 Mark. 
Diese wenigen Angaben genügen aber vollständig, um die Angabe 
Hirschs'), der Grossschä£fer von Marienburg habe ein Betriebs« 
capital von mehr als 100,000 Mark gehabt, als durchaus unbe- 
gründet zu erweisen und zusammengehalten mit den über die 
Königsberger Grossschäfiferei mitgetheilten Daten lassen sie uns 
erkennen, dass es erst die beiden letzten Jahrzehnte des 14. Jahr- 
hunderts waren, welche den Handelsbetrieb des Ordens so sehr 
anwachsen sahen, bis er unter den Jungingens seine höchste Bluthe 
erreichte, um nach der Schlacht bei Tannenberg und den ihr 
folgenden trostlosen Unglücksjahren rasch von derselben herabzu- 
sinken. Wir dürfen aber nie vergessen, dass durchaus, nicht der 
ganze Handel des Ordens durch die beiden Grossschäifereien be- 
trieben ward, dass zwar der grösste Theil desselben in ihren Hän- 
den war, wir aber keineswegs im Stande sind, aus den Angaben 
über diesen eine auch nur annähernd genaue Statistik des Ordens- 
handels herzustellen, da auch sehr viele andere Ordensbeamte 
Handel trieben, von denen uns keine oder nur sehr sporadische 
Aufzeichnungen erhalten sind, hatte doch a]^in die kleine Schäfferei 
zu Königsberg unter Conrad v. Jungingen ein Betriebscapital von 
6000 Mark. 

Nach einer anderen Seite hin gewährt das Studium der von 
mir geschilderten Rechnungsbücher gleichfalls hohes Interesse, 
indem wir erkennen-, in welcher Weise der Orden ausser dem 
Waarenvertriebe auch durch Ausleihen von Geldsummen und Geld« 
maklerei Gewinn zu ziehen verstand. Bekanntlich war im Mittel- 
alter durch kirchliche Satzung das Nehmen von Zinsen als Wucher 



') Handels- und Gewerbsgeschichte von Danzig S. 35. 



^ 78 - 

verboten, das Bedürfniss, sein baares Capital nutzbar zu machen 
und Ersatz zu erhalten für den Verlust, welcher aus der Ueber- 
lassung von Capitalien an Andere entstand, verschaffte sich aber 
dennoch in verschiedener Weise Geltung und verstand dieses Ver- 
bot zu umgehen. Ein Hauptmittel war der Ankauf von Renten 
aus Häusern und Grundstücken, wobei das verliehene Capital auf 
das Grundatück eingetragen und dafür die Zahlung einer jährlichen 
Rente stipulirt ward, welche dann durch Verkauf in beliebige 
andere Hände übergehen konnte. Ein anderes Mittel war die 
Kursberechnung der verschiedenen Geldsorten. Bei dem Ausleihen 
von Geldsummen bestimmte man, dass dieselben in einer be- 
stimmten Geldsorte zurückgezahlt werden sollten, oder wenn dieses 
nicht geschehe, so solle dieselbe so und so hoch gerechnet werden, 
wobei man dann den Kurs so hoch annahm, dass für den Ver- 
leiher ein oft sehr beträchtlicher Ueberschuss herauskam. Endlich 
versteckte man die Zinsenforderung unter der Forderung des durch 
Ueberlassung des Capitals erlittenen Schadens. Alle diese ver* 
'Steckten Arten der Zinsenberechnung finden wir nun auch in den 
Bächern der Grossschäffer, welche bei den verhältnissmässig grossen 
Baarvorräthen , über die sie verfügten, in der Lage waren, Capi- 
talien zu verleihen und von dieser günstigen Lage ausgiebigen 
Gebrauch machten. Auch hielten sie es durchaus nicht für ihre 
Pflicht, besonders massige Bedingungen zu stellen, sondern nutzten 
ihre Vortheile in jeder Weise aus. So verlangte Michel Küch- 
meister einmal für 90 Mark, die er auslieh, mehr als 205 ungarische 
Gulden oder für jeden Gulden 7a Mark. Er verlangt also statt 
90 mehr als 102 Mark zurück, welches doch ein ganz hübscher 
Gewinn ist. Aber mit c^esen Umgehungen des kanonischen Zinsen- 
verbots war er noch nicht einmal zufrieden, sondern scheute sich 
trotz seines geistlichen Charakters nicht^ dasselbe einfach zu über- 
treten. Häufig finden wir nämlich Angaben wie: tenetur 10 marc, 
do sal her uns i marc von czinsen; tenetur 30 marc berechentis 
geldis, hirvor sal her uns czinsen 3 marc; tenetur 20 mark, do sal 
her uns von czinsen alle jar 2 marc uff weynachten; oder himeest 
sal her uns czinsen von 12 marken« i marc, ohne dass die ausge- 
liehenen Summen auf ein Grundstuck eingetragen oder eine andeie 
Verschleierung der Zinsenforderung vorgenommen wäre. Es lässt sich 
also nicht verkennen, dass der Orden einfach Geld zu 8 — 10 Procent 



— 79 -- 

auslieh und auf diese kirchlich verbotene Weise mit seinem Capital 
zu arbeiten nicht verschmähte. 

Auch in Betreff der Sicherstellung ihrer Forderungen handelten 
die Grossschäffer als gute Kaufleute. Zunächst beanspruchten sie» 
dass die Angaben ihrer Bücher unbedingten Glauben haben sollten 
und darnach durch die Gerichte zu entscheiden sei. Im Inlande 
erhob sich auch erst ziemlich spät Opposition gegen diesen An- 
spruch und finden wir daher in den meisten Fällen, dass bei For- 
derungen an Inländer keine weitere Sicherstellung derselben für 
nothig erachtet wird. Anders stand es mit Forderungen an das 
Ausland, dessen Gerichte wohl nicht so geneigt waren, die Rech- 
nungsbücher der Handelsbeamten des Ordens als bestimmendes 
Entscheidungstnaterial anzuerkennen. Daher finden wir denn bei 
diesen Forderungen auch alle die Mittel, welche das damalige 
Recht zur Sicherstellung finanzieller Anspräche kannte, in reichem 
Maasse angewandt, als da sind Bürgschaften anderer Leute oder 
der betreflfenden Obrigkeiten der Schuldner, Eintragungen in die 
Schoffenbücher, Verpfändung von Häusern, liegenden Gründen und 
Waaren, Arrestirungen von Gütern und Schiffen. Auch in dieser 
Beziehung bieten uns also die Rechnungsbücher der Grossschäffer 
Material in Fülle. 

£s bleibt uns nun noch übrig, die Berührungen . ins Auge zu 
fassen, in welche der Orden durch seinen Handelsbetrieb zu seinen 
städtischen Unterthanen und den übrigen norddeutschen Städten 
kam. Dass dieselben sehr eng, auch nicht immer freundlicher 
Natur waren, lässt sich schon a priori annehmen, da ein mit so 
bedeutenden Geldmitteln betriebener Handel ein wichtiger Kon- 
kurrent für alle anderen, besonders aber für die mit denselben 
Gegenständen und nach denselben Gegenden handelnden Kauf- 
leute sein musste. £s bleibt also die Frage zu beantworten, in 
welcher Weise die Interessen des Ordenshandels mit denen der 
deutschen Seestädte, welche in der Hanse eine wenn auch lockere 
Einigung fanden, und besonders mit den preussischen Städten in 
Konflikt kamen und sich aus einander setzten. In Betreff der Be- 
ziehungen zu der Hanse läuft diese Frage im Wesentlichen auf 
eine Untersuchung darüber hinaus, wie die Handelsbeamten des 
Ordens zu den Beschlüssen der hansischen Städtetage und Comtore 
sich stellten; dabei brauchen wir aber nur das in Betracht zu 



— 8o — 

ziehen, was auf eine Divergenz der Interessen der Ordensschäffereien 
und der Städte des Ordens schliessen lässt, denn wenn diese über- 
einstimmen, so müssen wir als Grund für die Maassregeln des 
Ordens die territorialen Interessen seines Landes, nicht die spe- 
ziellen Anforderungen seines Handelsbetriebs ansehen und nur um 
die Letzteren handelt es sich hier. 

Es ist bekannt, dass der Orden anfanglich die Verbindung 
der seiner Herrschaft unterstehenden mit den übrigen norddeutschen 
Städten wesentlich forderte, der sogenannten deutschen Hanse über- 
haupt in vielen Fällen seine Unterstützung lieh und meist in 
äusserst freundschaftlichen Beziehungen zu derselben stand. Bei 
so guten Rechnern, wie die Leiter des Ordens offenbar waren, 
kann man voraussetzen, dass dieses nicht unentgeltlich geschah, 
und in der That bestand denn auch der Preis, den die Hanse- 
städte dafür zu zahlen hatten, in der unbedingten Gleichstellung 
der Beamten und Diener des Ordens mit den Bürgern seiner 
Städte, welche Mitglieder der Hanse waren. Obwohl daher die 
Hanse sonst äusserst exklusiv gegen alle nicht zu ihr gehörenden 
Kaufleute war und in öfter wiederholten Beschlüssen dieselben von 
dem Genüsse der hansischen Privilegien ausschloss, so finden wir 
doch in der ersten Zeit durchaus keinen Versuch erwähnt, die 
Bürger der preussischen Hansestädte und die Diener des Ordens 
mit verschiedenem Maasse zu messen. Vorgebeugt hatte der Orden 
dem allerdings auch dadurch, dass bei allen Verträgen, die seine 
Städte abschlössen, bei allen Rechten, welche sie erwarben ; die- 
selben nicht nur in ihrem eigenen Namen handelten, sondern im 
Namen sämmtlicher Unterthanen des Ordens, so dass eigentlich 
alle Bewohner Preussens an den Rechten der Hanse Theil hatten« 
Natürlich aber nur so weit, als die preussischen Städte überhaupt 
auf gleicher Stufe mit den übrigen standen, denn die Vereinigung 
der Hanse war eben so locker, dass durchaus nicht alle Mitglieder 
ganz dieselben Rechte hatten, sondern in den verschiedenen Län- 
dern, wo wir der Hanse überhaupt begegnen, die Berechtigung 
der einzelnen Gruppen sich ganz verschieden abstufte« Wir müssen 
daher bei der Untersuchung über die Berührungen des Ordens- 
handels mit den Interessen der anderen städtischen Kaufleute 
immer das einzelne Centrum ins Auge fassen, wo der Handel der 
Deutschen sich überhaupt zusammenzog. 



In Brfigge hatten die Preussen gan2 dieselben Rechte, wie 
die übrigen Hansestädte, mithin genossen auch die Diener des 
Ordens hier die WohHhaten der hansischen Privilegien, hatten dafür 
aber atich die Beschlüsse des dortigen Komtors oder der Hanse- 
städte über den dortigen Handel als bindend anzuerkennen. IMeses 
ist das natürlichste Verhältniss und müssen wir es überall als be« 
stehend annehmen, wo nns nicht Beweise des Gegentheils ent- 
gegentreten, für Brügge lässt es sich aber auch durch positive 
Angaben beweisen. Im Jahre 1360 leistet der selbst anwesende 
Grossschäffer von Königsberg Bürgschaft für seinen flandrischen 
Lieger, weil c^eser trotz des' Verbotes der Hansestädte dort Ein- 
käufe gemacht hatte, und verspricht, den Anforderungen des 
dortigen Komtors wegen dieser Uebertretung gerecht zu werden. 
Als aber der Handel des Ordens später einen so grossartigen 
Aufschwung nahm, setzten sich die Grossschäffer mehrfach über 
die Verordnung des Brügger Komtors und der Hansestädte hin* 
weg, auch wenn die preussischen Städte zur Beobachtung derselben 
mahnten, und obwohl man grosse Rücksichten auf die Bedürfnisse 
des Ordens nahm und z. B. 1389 trotz eines allgemeinen Handels- 
verbotes nach Flandern dem Königsberger Grossschäffer den Ver- 
kauf von Bernstein und die Einfuhr weisser Mechelscher Laken 
nach Preussen gestattete. Häufig finden wir daher Klagen des 
Brügger Komtors, der Hansestädte und der preussischen Städte- 
versammlungen, dass die Schäffer des Ordens derartige Verfügungen 
überträten und in den 90er Jahren des 14. Jahrhunderts ging das 
Komtor sogar so weit, den Grossschäflfer von Marienburg, sowie 
alle, welche mit ihm in Handelsverbindung standen, aus dem 
Rechte des gemeinen Kaufmanns wegen derartiger Vergehungen 
auszuschliessen. Diese Zwistigkeit wurde wieder beigelegt, ist für 
uns aber besonders dadurch interessant, dass sie Veranlassung zu 
einem Schreiben des Hochmeisters an das Komtor ward, dessen 
Entwurf uns noch erhalten ist und worin das Verhältniss der 
Handelsbeamten des Ordens zu den übrigen Kaufleuten am Schärf- 
sten bezeichnet ist Der Hochmeister verwahrt sich gegen die 
Ausschliessung des Grossschäffers aus dem Rechte des gemeinen 
Kaufmanns, denn niemals sei ein Mitglied des Ordens demselben 
unterworfen gewesen, bittet vielmehr, das alte Verhältniss bestehen 
zu lassen, welches darin bestanden habe, dass seine Vorfahren 

Hantiscbe Geschichtsblätter. VII. 6 



— 82 — 

sowohl wie er selbst das gethan hatten» was dem gemeinen Kauf- 
manne lieb gewesen sei. Die anderen des Grossschäffers wegen 
Aasgestossenen ersucht er wieder aufzunehmen. Danach sind also 
die Beamten des Ordens nicht Mitglieder der Korporation der 
dortigen deutschen Kaufleute, aber sie haben deren Beschlüsse zu 
beobachten und nehmen an ihren Rechten Theil. Die Diener der- 
selben sieht dagegen auch der Hochmeister als Mitglieder der 
Korporation an. Trotz neuer Uebertretungen der Verfügungen der 
Hansestädte und des Brügger Komtors durch den Grossschäffer 
und seine Gehülfen blieb dieses Verhaltniss auch später bestehen, 
die Verpflichtung zur Befolgung derselben wurde von dem Orden 
auch nicht bestritten, wie sich aus einem Entschuldigungsschreiben 
des Hochmeisters an den gemeinen Kaufmann zu Brügge im 
Jahre 1415 ergiebt, als man einem seiner Diener verbotenes Gut 
nach Schottland nachgesandt hatte, dieses aber in Brügge mit Be- 
schlag belegt war. Eine Zeit lang war aber das Verhaltniss zwi- 
sehen dem Orden und dem Komtor zu Brügge so gespannt, dass 
Letzteres die Hansestädte eindringlich davor warnt, dem Orden in 
Nowgorod keine Rechte einzuräumen, denn wenn demselben irgend 
ein Vortheil zugestanden werde, so werde dieses zum Nachtheile 
des gemeinen Kaufmanns gereichen, eine Ansicht, welche sich 
offenbar auf die Beobachtung gründete, dass die Beamten und 
Diener des mächtigen geistlichen Ritterordens sich gern über die 
Bestimmungen der Kaufleute hinwegsetzten und unbekümmert um 
diese nur dem eigenen Vortheil nachgingen. 

Anders stand es in Nowgorod. Hier hatten auch die preussi- 
schen Städte nicht dieselben Rechte, wie die wendischen und liv- 
ländischen, namentlich stand die Bestellung der Aeltermänner des 
dortigen Komtors nur Lübeck und Wisby zu und war der Verkauf 
polnischer Tuche den Preussen verboten. Mithin hatten hier auch 
die Beauftragten des Ordens nicht dieselben Rechte wie die übrigen 
deutschen Kaufleute, durflen namentlich ihre Waaren nicht wie 
diese nach der S. Peterskirche bringen und zum Verkaufe aus- 
stellen. Obwohl der Orden lange Jahre hindurch grosse An- 
strengungen machte, diese Berechtigung zu erlangen, so gelang 
es ihm dennoch nicht, den Widerspruch der Komtors sowohl wie 
der Hansestädte zu überwinden. Bereits im Jahre 1381 schlägt 
eine Versammlung zu Lübeck die Forderung des Grossschäflfers 



- 83 - 

■ 

Heinrich v. Alen auf Zulassung der Diener des Ordens zu dem 
Rechte der Kaufleute ab und später erklärten die Hansestädte 
zwar die Kaufleute der preussischen Städte für theilhaftig aller 
Rechte des Kaufmanns, aber nicht diejenigen, welche Geld von 
geistlichen oder weltlichen Herren hätten, und das Nowgoroder 
Komtor hielt an dieser Bestimmung so fest, dass es einmal dem 
Orden gehöriges Silber, welches trotz vorangegangener Warnung 
von einem Kaufmanne nach S. Peter gebracht war, einfach mit 
Beschlag belegte und erst auf Verwendung der livländischen Städte 
wieder auslieferte. Ebenso ^enig wie es den preussischen Städten 
trotz aller Bemühungen gelang, Theilnahme an der Bestellung 
der Aeltermänner zu erlangen, konnte der Orden den Zutritt zu 
S. Peter in Nowgorod für seine Diener durchsetzen, obwohl er aus 
diesem Grunde Bestimmungen der Städte über den Verkehr nach 
Nowgorod und Verträge derselben mit den Russen nicht anerkannte. 

Weit häufiger als mit den übrigen Hansestädten kamen nun 
natürlich die Interessen des Ordenshandels in Konflikt mit denen 
der Kaufleute aus den preussischen Städten. Schon im Jahre 1379 
werden uns bittere Klagen Danziger Kaufleute berichtet, die nur 
durch die Streitigkeiten über die Abgaben in den Ordensmühlen 
und den Handelsbetrieb des Ordens veranlasst sein können. Unter 
Conrad v. Jungingen herrscht dann aber im Ganzen ein gutes 
Verhältniss zwischen dem Orden und seinen Städten, obwohl die- 
selben auch oft Klagen gerade gegen die Schäffer vorbringen. 
Vorzüglich betreffen diese bis zum Jahre 14 10 die Ansprüche der 
Schäffer und ihrer Diener auf Freiheit von der Zahlung des PAind* 
geldes und auf das Vorzugsrecht für alle bei ihnen kontrahirten 
Schulden, sowie die Ertheilung von Licenzen zur Getreideausfuhr 
während eines allgemeinen Ausfuhrverbots. 

Ueber die Weigerung der Handelsbeamten des Ordens, das 
Pfündgeld zu zahlen, wird zuerst 1388 geklagt; 1396 wird bestimmt, 
dass diejenigen, welche Gelder des Ordens haben, wenigstens von 
ihrem eigenen Gelde den Ffundzoll entrichten sollen und 1398 er* 
klärt sich der Hochmeister damit einverstanden, dass dasselbe auch 
von den Schäffern und allen Handel treibenden Ordensrittern er- 
hoben werde. 1401 wird diese Verfügung wiederholt und ebenso 
1409, wobei jedoch der ausgeführte Bernstein ausgenommen wird. 

Trotzdem bedurfte es aber immer neuer Mahnungen seitens der 

6* 



- 84 - 

Städte zur Beobachtung dieser Bestimmung und 1410 hält Ulrich 
V. Junging^h die Verfügung zur Zahlung des Pfutidgeldes nur für 
die Diener der Schäffer, nicht für diese selbst aufrecht, zieht die 
Entscheidung über Letzteres vielmehr an seine Gebietiger zurück. 

Ueber das beanspruchte Vorzugsrecht der Ordensherren für 
ihre Forderungen werden 1389 zuerst Klagen laut und 1391 kräftig 
wiederholt. 1403 macht der Hochmeister das Zugeständniss, dass 
a\\6 gerichtlich eingetragenen Renten den Vorzug vor allen ein« 
fachen Schulden haben sollen, auch wenn diese an Mitglieder des 
Ordens zu bezahlen seien. Seit der Zeit klagen die Städte be- 
sonders darüber, dass auch die Diener der Schäffer für ihre For- 
derungen dieselben Vorrechte beanspruchen, wie ihre Herren, also 
offenbar die Forderung erheben, nach den gerichtlich eingetragenen 
Renten vor den übrigen Gläubigern befriedigt zu werden. Ulrich 
V. Jungingen bestimmt daher auch 1409, dass die Ordensherren 
zwar zuerst bezahlt werden, den Dienern derselben aber kein 
Vorzugsrecht vor anderen Gläubigem zustehen solle. 

Die Ertheilung von Licenzen zur Ausfuhr von Getreide an 
Einzelne, welche naturlich besonders den Schäfiern zu Gute kamen, 
wird 1388, 1391, 1408 und 1410 klagend erwähnt, die Hochmeister 
versprechen auch mehrfach, dieses abzustellen, aber schon die Er- 
neuerung der Klagen zeigt, dass dieses Versprechen nicht sehr 
genau befolgt wurde. Der Orden scheint sich auch noch andere 
Eingriffe in den Handel des Landes namentlich mit Wolle erlaubt 
zu haben, wenigstens verlangen die Städte im Jahre 1408, dass 
der Handel mit Wolle und anderen Waaren Jedermann frei stehe 
und Niemand von der Herrschaft in der Beziehung belästigt werde, 
und in der Landesordnung Ulrichs v. Jungingen wird diese For- 
derung zum Gesetz erhoben. Dagegen finden wir in dieser Periode 
noch nicht wie später Widerspruch gegen die von den Schäffern be- 
anspruchte Beweiskraft der Eintragungen in ihre Rechnungsbücher. 

Der üble Einfluss, welchen der Handel des Ordens auf sein 
Verhältniss zu seinen Städten übte, ist die Schattenseite des ganzen 
Betriebes im Gegensatze zu dem grossen finanziellen Gewinn, wel- 
chen derselbe abwarf. Die Ordensherrschaft ging unter als die 
Interessen des geistlichen Ritterordens, welcher sich immer von 
Neuem aus fremden Mitgliedern ergänzte, der keine Besiehungen 
zu den Bewohnern des beherrschten Landes hatte, in Gegensatz 



- 85 - 

geriethen zu denen der Landeseinwohner, als er es nicht mehr 
verstand, für die Bedürfnisse des Landes zu sorgen und seinen 
Aufschwung zu befördern, sondern die Herrschaft mehr und mehr 
als ein gutes Mittel ansah, um das Land für seine Zwecke finan- 
ziell auszubeuten. Mit am Stärksten machte sich dieser Gesichts- 
punkt geltend in den Versuchen, mehr und mehr den Handel in 
seine Hände zu bekommen, der Handelsbetrieb des Ordens hat 
daher viel zu dem Verfall der Ordensherrschaft beigetragen. Die 
verschiedenartigsten Belästigungen, welche die Ordensbeamten in 
merkantiler Beziehung gegen die Insassen des Landes sich er- 
laubten, finden in den Klagen auf den Ständetagen ihren Wider- 
hall. Namentlich die Städte, welche natürlich am Schwersten da- 
durch getroffen wurden, sind es, die die Opposition gegen den 
Orden führen und ihr endlich zum Siege verhelfen. In der Zeit 
bis 1410 treten diese Missstände noch weniger zu Tage, obwohl 
schon deutliche Spuren des herannahenden Unwetters sich erkennen 
lassen. Anfangs waren nämlich die Städte dem Orden zu Danke 
verpflichtet für die Sicherheit und Ruhe, die sie unter seiner Herr- 
schaft genossen, für den Schutz, welchen er ihnen gegen äussere 
Feinde, gegen innere unruhige Bewegungen gewährte, für die 
Sorgfalt, mit der er ihre Interessen vertrat. Die Jahrzehnte sodann, 
wo der Handelsbetrieb des Ordens seine Blüthe erreichte, waren 
überhaupt eine Blüthezeit für das ganze Land, aller Handel hob 
sich dadurch, die Konkurrenz des Ordens war daher den Städten 
inreniger fühlbar. Als aber in den schweren Jahrzehnten nach der 
Tannenberger Schlacht das ganze Land immer tiefer sank, die 
Lasten desselben aber zur Bestreitung der Kosten für Aufrechter- 
haltung der Ordensherrschail immer grösser wurden, zugleich die 
auf Füllung der Ordenskassen gerichteten Bemühungen einen immer 
planloseren, gewaltsameren Charakter annahmen, da ertrugen die 
Bewohner des Landes Preussen die Herrschaft des Ordens nicht 
mehr und um die Uebergriffe über die verbrieften Rechte, die Ein- 
griffe in die Rechtsprechung und innere Verwaltung, um die Be- 
lästigungen des Verkehrs und die Konkurrenz der Herrschaft zu 
beseitigen, sagten sie sich los von dem Orden nicht nur, sondern 
auch von dem deutschen Reiche und wandten sich dem Polenkönige 
zu, der dann Jahrhunderte hindurch an der Weichsel und dem 
Pregel geherrscht hat. 



DIE SPIELE 



DER 



DEUTSCHEN IN BERGEN 



von 



JULIUS HARTTUNG. 



Wie in seinen Sitten , Gesetzen und Liedern, prägt sich der 
Geist eines Volkes, eines Standes oder einer Corporation auch in 
seinen Spielen aus. Zumal war dies im griechisch-römischen Alter- 
thnme der Fall, wo sich der Einzelne wesentlich nur als Glied der 
Gesammtheit geltend machte, und im Mittelalter, wo das Individuum 
in der Genossenschaft aufging. Manche dieser Spiele und Fest- 
gebrauche haben sich in Resten, oft vielfach umgestaltet, bis auf 
una^e Tage erhalten; viele, und zwar gerade die eigenartigsten, 
sind längst in dem Sturmesgange einer neuen Zeit verloren, und 
kaum vermag noch der Forscher sie sich hin und wieder mühsam 
ans verstaubten Folianten zu vergegenwärtigen. 

Indem nun kein Volk der Erde mit einem so gesunden Humor 
begabt ist, als das deutsche, bei keinem anderen ein so pifenbares 
Wohlgefallen am Komischen im Haus und auf dem Markte, in 
Wissenschaft und Kunst, in Recht und Gericht hervortritt, so kann 
es nicht Wunder nehmen, dass gerade das deutsche Volk es ge- 
wesen, welches bei seinen Spielen und Volksfesten dem Gott der 
Narrheit die reichsten Hekatomben darbrachte. \^ir sagten, dass 
es gewesen. Jetzt hat es den alten Gott längst von seinem gro- 
tesken Flitterthrone gestossen, es hat ihn vorsorglich 

In spanische Stiefeln eingeschnürt, 
Dass er bedächtig so fortan 
Hinschleiche die Gedankenbahn, 
Und nicht etwa die Kreuz' und Quer 
Irrlichtelire hin und her. 

Und hat es in seiner rastlosen Geschäftigkeit ihm dann hie und 
da noch einen flüchtigen Tag gewohnheitsgetreu überlassen, oder 
versucht es gar irgendwo ihm eine neue Wohnstätte aufzuthuu, so 



y 



— 90 — 

zeigt sich, dass der Gott eben alt geworden, dass seine ursprüng- 
liche Lebenskraft erloschen ist 

Schon hieraus ergiebt sich, dass der Humor, wie er nament- 
lich den Spielen und Festgebräuchen eigen, seine Geschichte hat 
Aus einfachen Anfangen entwickelte er sich zu buntem Formen- 
reichthume, bis sein eigentliches Wesen alhnählich verkümmerte 
und nur noch die Formen als todtes, starres Gehäuse dastanden, 
bis die hergebrachte Bezeichnung „Spiele^' zum baarsten Hohn ge- 
worden, der harmlose Name eine Summe von Verschrobenheiten 
und Brutalitäten umschloss. Da wurde der Scherz zum Zwange, 
der Witz zur Last; was vordem der Einzelne mit Jauchzen begrüsst 
hatte, dem ging er jetzt mit geheimem Grauen oder unverhohlener 
Angst entgegen, ja, was früher eine Ergotzung Aller gewesen, das 
konnte jetzt als wirksames Mittel zur Abschreckung Einzelner ge- 
missbraucht werden. 

Nirgends treten alle diese Momente schärfer hervor, an keinem 
Orte war ihnen die Möglichkeit einer so durchdachten Ausbildung, 
so zäher Dauer und unerquicklicher Berühmtheit gegeben, als in 
der deutschen Ansiedelung der norwegischen Stadt Bergen'). 

Es gab eine Zeit, wo dieser äusserst günstig gelegene Ort 
königliche Residenz war, Krönungsstadt, der Sitz eines Bischofs und 
vornehmster Handelsplatz Scandinaviens. Als sich aus dem Vikinger- 
thum der frühesten Jahrhunderte norwegischer Geschichte ruhigere 
Zustände hervorbildeten, als der Normanne nicht mehr durch Raub 
und Mord, sondern durch Handel und friedlichen Erwerb der Ar- 
muth seiner Felsengestade abzuhelfen suchte, als sich ein Kranz 
von Städten an der Stelle ärmlicher Fischerdörfer und rohgefügter 
Adelshäuser erhob, herrschte noch der eingeborene und der eng- 
lische Kaufmann. Aber früh schon drängte sich auch der deutsche 
ein, zunächst wohl von Bremen und Hamburg aus, dem es gelang, 
sich mit unwiderstehlicher Wucht geltend zu machen, als ihm ein 
Rückhalt in einem Bunde von Seestädten erwuchs, welcher sich 
daheim am Strande der Ost- und Nordsee gebildet hatte, das junge 
Lübeck an der Spitze. Begünstigt durch die Natur des Landes, 



') Es liegt mir ob, sowohl dem Herrn Prof. Dr. W. Mantels in 
Lübeck für mir gütigst zugestellte archivalische Mittheilungen, als auch der 
Lübecker und Hamburger Stadtbibliothek wegen der freundlichen Ueber- 
sendung wenig verbreiteter norwegischer Werke meinen Dank auszusprechen. 



— 91 — 

welche eine Ausdehnung des Ackerbaues nicht zuliess» gef5rdert 
durch das Naturell der Eingeborenen, das harter andauernder Ar- 
beit ebenso abgeneigt war als einem ruhigen Bürgerleben, wussten 
sich die Deutschen jenseits des Sundes bald unentbehrlich zu machen 
und mit Gewalt und Capital den Markt ausschliesslich zu beherr- 
schen, trotz der englischen Concurrenz und des ingrimmigen Hasses 
der stetig mehr verarmenden Norweger. 

Ans diesen Verhältnissen heraus ist das sogenannte „han* 
sische Kontor" in Bergen erwachsen, dem zur Seite die fünf 
Aemtef standen, eine Colonie deutscher Handwerker. Jenes wird 
zuerst um die Mitte des 14. Jahrhunderts genannt; es beginnt mit 
dem zweiten Drittel des folgenden die Periode seiner Blüthe, als 
Brandunglück und wiederholte Ueberfalle der räuberischen Vitalien- 
brüder den Wohlstand der Einheimischen bis ins innerste Mark ge- 
i>jochen hatten. Ein volles Jahrhundert hat sich das Kontor in 
seiner unumschränkten Handelsherrschaft behauptet, ohne dass ihm 
seine Existenz von der norwegischen Regierung als berechtigt zu- 
gestanden wäre. Es beruhte auf engem Zusammenschlüsse der 
deutschen Kaufmannschaft, die sich der Altstadt zum nahezu allei- 
nigen Besitzthume bemächtigt hatte und gegen die Bürger wie Ein 
Mann auftrat. 

Das Kontor bildete eine eigene fremde Commune, die der 
,, Hansebrüder", auf norwegischem Grund und Boden, die nach 
eigenem Rechte lebte, ihre eigene Obrigkeit, bald auch eigene 
Priester hatte and sich mit trotziger Keckheit und nervigen Fäusten 
nicht nur den Gesetzen der Stadt, sondern auch denen des Staats 
entgegenstemmte. Die Kontorschen wohnten in einer Reihe von 
22 grossen, roh aus Balken gefügten Gebäuden, deren schmale 
Giebel dem Hafen zugekehrt waren, während sich nutzbringende 
Gärten auf der andern Seite anschlössen. Solch ein Bau war von 
geringer Breite, aber f^ unsere Grossenverhältnisse von ungewöhn- 
licher Länge, er war mehr ein Packhaus für Waaren als eine an- 
heimelnde Behausung für Menschen. Vorn befand sich eine grosse 
Brücke, die auf das Wasser führend zum Anlegen der Schiffe diente, 
um auf diese Weise direct Aus- und Einladung der Waaren durch 
einen Krahn hewerkstelligen zu können. Der eigenthümlichsteTheil 
jener Häuser, die Hof, Gaard, Garten genannt wurden, war der 
Schtttting, eine altnordische hölzerne Feuerstube, hinten im Hause 



— 92 — 

gelegen, mit einem einzigen Zugang, ohne Fenster an den Seiten, 
nur ob^n im Dache mit einem Klappfenster versehen, welches dazu 
<liente, das Licht herein- und den Rauch hinauszulassen, und ge- 
schlossen wurde, sobald die gewaltigen Fichtenscheite zu Wärme 
strahlenden Kohlen verbrannt waren. In den Höfen wohnten nur 
unverheirathete Männer, je loo und mehr an der Zahl, die in ein- 
2elne Gruppen zerfielen, an deren Spitze der Hauswirth stand. In 
zweiter Linie zählten die Kaufmannsgesellen, in dritter die Boots- 
jungeU; in vierter die mit Küchen- und Aufwartedienst beauftragten 
Stubenjungen. Während des Sommers lebten die aus den verschie- 
-denen Stufenfolgen zusammengesetzten „Familien" auf ihren Stuben, 
im Winter jedoch fanden sie sich gemeinsam im Schütting zu- 
sammen, wo für jede derselben ein eigener Tisch aufgestellt war. 

Wie das scharfe Auge Gregor's VII., hatte auch das des han- 
sischen Kaufmannes erkannt, dass der ganze Mensch erst für ein^n 
einzigen Zweck ausgenutzt werden könne, wenn ihn keine Bande 
an Weib und Kind fesseln. Deshalb wurde streng darauf gesehen, 
dass sich keiner der Kontorschen beifallen lasse, eine rechtmässige 
Ehe einzugehen, wie es denn auch streng verboten war, Weiber 
mit in das hansische Quartier („auf die Brücke'') zu bringen. Die 
Gemeinschaftlichkeit der Schlafstuben, Wächter und grosse bissige 
Hunde sorgten für Innehaltung dieser Bestimmung. £s liegt auf 
der Hand, dass durch sie, die an Stelle der sittigenden Frauenhand 
die frivole Laune der ausserhalb wohnenden Dirne setzte, Sitte und 
Anstand allmählich zu Grunde gingen und eine ungeschlachte Roh- 
heit grossgezogen wurde, wie sie sich sonst nur in verwilderten 
Kriegerhorden findet. 

Nichts bezeichnet besser den Geist, der auf der Brücke leben- 
dig war, als die dortigen Spiele, denen sich, dem Zunftgeschmacke 
gemäss, jeder unterwerfen musste, der in die Genossenschaft der 
Bergenschen Hansebrüder aufgenommen werden wollte. 

Zuerst begegnen wir da dem Rauchspiele. £s begann des 
Abends ungefähr um zehn Uhr. Die Spielenden begaben sich von 
ihrem Hofe, leere Butterfässer an der Seite, in Prooession, je zwei 
und zwei, nach der Schustergasse; einer von ihnen war wie ein 
Narr, ein anderer wie ein Bauer, ein dritter wie ein Bauerweib ge- 
kleidet. Bei dem Starvhause angelangt, welches als Niederlage für 
Lohe und Thran diente, fällten sie ihre Butterfässer mit Piaaren, 



— 93 — 

altem Holz und Unrath, worauf sie unter Trommelschlag in gleicher 
Ordnung heimkehrten; unterwegs bewarfen sie die vom Lärm her- 
beigelockten Zuschauer mit dem Inhalte ihrer Fässer und das Bauer- 
wdb begoss sie* mit Wasser. Dann wurde der Neuaufzunehmende 
in den Schntting geführt und mittels eines Strickes, den man ihm 
um den Leib band, in die Hohe vor das Klappfenster gezogen; 
war dies geschehen, so häufte man unten die von der Schuster- 
gasse mitgebrachten Gegenstände zusammen und zündete sie an. 
Der Unglückliche musste nun geraume Zeit oben in dem gräss- 
liehen Qualme hängen, und damit ihm Mund und Hals gehörig^ 
damit angefällt würden , legte man ihm verschiedene Fragen vor,, 
die er beantworten musste. Erachtete man ihn für genügend be- 
läuchert, so Hess man ihn wieder herunter, führte ihn zur Thür 
des Schüttings hinaus, wo sechs Tonnen voll Wasser standen, die 
über ihn ausgegossen wurden, um den Rauch wieder abzuspülen. 
Ein wahres Wunder, dass uns nur von Einem berichtet wird, der 
bei diesem Spiele erstickt ist. 

Als zweites Spiel wird das Wasserspiel genannt. Dasselbe 
fand einmal im Jahre statt, nach einer Angabe im Mai zwischen 
Himmelfahrt und Pfingsten, wenn die fremden Kaufleute ange- 
kommen waren, nach einer anderen offenbar genaueren am zweiten 
Mittwoch nach Pfingsten. Die Einleitung des Spiels bestand darin, 
dass bereits am Tage zuvor Diejenigen, welche noch nicht gespielt 
hatten^ eine Fahrt in den Wald unternahmen, um den Mai zu 
holen, Bündel und Büsche mit jungem Frühlingsgrün. Am eigent- 
lichen Haupttage richtete der Hauswirth oder der Herr der Neu- 
angekommenen eine Mahlzeit an, bei der die letzteren aufwarten 
und sich mit dem begnügen mussten, was übrig geblieben war. 
Nachmittags um drei oder vier Uhr traten sie mit den Gespeisten 
ins Freie, setzten sich in grosse Kähne und ruderten aufs Wasser 
hinaus bis nahe an das Schloss, gefolgt von den meisten Gesellen 
und Jungen in langen Booten von je lo oder 12 Paar Ruder. 
Die in den Booten Befindlichen trugen Peitschen, die sie sich aus 
den geholten Maibäumen zurecht gemacht hatten. Sobald sie den 
Kahn erreicht hatten, entkleideten sich die Neulinge und wurden 
von zwei der Gespeisten, die sie an den Armen festhielten, drei 
Mal unter das Wässer getaucht, wobei Die in den langen Booten 
sie mit ihren Peitschen bearbeiteten. Da die Peiniger gewiss nicht 



— 94 — 

sonderlich zart hieben und auf der nassen Haut jeder Streich dop- 
pelt schmerzen musste, war ein Mann in den Kähnen bestellt, mit 
einem grossen belaubten Busche die Schläge möglichst abzuwehren. 
Nach Beendigung dieser Procedur kleideten sich die Neulinge schnell 
wieder an und ruderten zurück nach ihren Höfen, wo sie sich güt- 
lich thun durften, während Die in den langen Booten eine Wett- 
fahrt veranstalteten. — Die Urtheile über dieses Spiel gehen sehr 
auseinander, es heisst, der Hergang dabei sei ein so grausamer 
gewesen, dass das Blut das Wasser röthete und die armen Ge- 
quälten sich bisweilen in acht Wochen noch nicht ganz erholt 
hätten, andererseits wird versichert, die Sache habe schlimmer aus- 
gesehen, als sie in Wirklichkeit gewesen sei, weil der mit dem 
schützenden Strauche Bewaffnete fast alle Streiche auffing. Die 
Wahrheit dürfte in der Mitte liegen; soviel ist jedenfalls gewiss, 
dass einmal einer der Untergetauchten beim Heraufziehen mit dem 
Leibe gegen einen Nagel stiess und völlig aufgerissen ward. 

Drei Tage nach dem Wasserspiel versammelten sich die Neu- 
angekommenen abermals, um das Borg- oder Staupspiel zu be- 
ginnen. Wie beim Wasserspiel fuhren sie in den Wald und holten 
Maiehzweige, jeder ein Bündel so gross, als er es tragen konnte; 
auch zwei lange und dicke Stöcke waren von Allen einzubringen, 
bei Strafe ohne- Gnade ins Wasser geworfen zu werden. Speise 
und Trank wurde mitgenommen, ein Fass Bier, Kringel und An- 
deres, weil bis zu einer bestimmten Abendstunde die Rückkehr 
untersagt war. Der Grund hierfür lag darin. Denjenigen, welche 
im Hofe zurückblieben, Zeit zu gewähren, um in einem Winkel 
des Schüttings einen viereckigen Platz einzuhegen, der mit Leder- 
teppichen behängt ward, welche die Zeichen eines jeden Hofes 
trugen. Der Name für diesen auserwählten Raum war Borg oder 
Paradies. Inmitten desselben stellte man eine Lade oder Bank, 
worauf Diejenigen zu liegen kamen, an denen das Staupenspiel 
vollzogen wurde. War das Erforderliche hergerichtet, so band man 
so viel Birkenreiser zusammen, dass wohl 70 — 100 Menschen daran 
genug gehabt hätten, und erwählte aus Denen, welche bereits ihre 
Proben überstanden hatten, 8 — 12 handfeste Kerle, um nachher 
thatkräftig aufzutreten. 

Kamen gegen 7 oder 8 Uhr die Neulinge in ihren Booten zu- 
rück, so lag es ihnen ob, ihre Bürde so schnell als möglich in die 



— 95 — 

Schüttiugstube zu tragen, während die Daheimgebliebenen es sich 
gegenseitig in der Errichtung eines Tannenbaums bei dem Krahn 
eines jeden Hofes, der zum Spiele ausersehen war, zuvorzuthun 
suchten. Die bereits hereingebrochene Nacht verbrachten Alle auf 
ihren gewöhnlichen Lagerstatten. 

Am folgenden Morgen stellten sie sich paarweise zu einem 
Zuge auf, der sich unter Trommelschlag nach einem Garten ausser- 
halb des Thores bewegte. Hinter den eigentlichen Spielern schritten 
zwei der jüngsten Hauswirthe, welche Rechenmeister genannt wurden, 
und an diesem Tage als Küchenmeister die Bereitung der Mahl- 
zeit und Bewirthung der Gäste unter ihrer Aufsicht hatten; sie 
waren schmuck gekleidet, trugen schwarze Mäntel, und Degen an 
der Seite. Zugleich liefen die oben beim Rauchspiel erwähnten 
drei stereotypen Figuren: der Narr, der Bauer und das Bauerweib 
umher, Mummenschanz und Kurzweil treibend. Ersterer war dicht 
verhüllt und hatte eine Narrenkappe von Leder mit dem Zeichen 
seines Hofs auf dem Kopfe; den Bauer zierte ein über den Rücken 
gebundenes Kalbfell und ein Bart von weissen Ochsen- und Kuh- 
schwänzen, er trug ein rothes Wollenhemd und einen Strohhut; das 
Bauerweib, ein verkleideter Junge, hüpfte voraus mit Peitsche* und 
Wassereimer, Alle, deren er habhall werden konnte, bespritzend, 
während der Narr und der Bauer die zahlreich herbeigeströmten 
Znschauermengen in Versen anredeten und Wein anboten, den sie 
in einer umgehängten Flasche mit sich führten, wofür ihnen oft 
reichliche Trinkgelder zu Theil wurden. Man kann sich denken, 
wie fast die ganze Stadt in Bewegung gerieth. 

An dem oben genannten Orte angekommen, setzten sich die 
Theilnehmer am Zuge hübsch ordentlich im Kreise zusammen und 
empfingen Maienzweige, Reckenstöcke und einen guten Trunk Bier. 
Unterdessen waren auch die drei Lustigmacher nicht faul, geschäftig 
eilten sie hin und her und ergötzten die Zuschauer durch sonder- 
bare Reimereien. Nach Verlauf von etwa einer Stunde kehrten 
Alle in Procession wieder nach dem Hofe zurück, Jeder seinen 
Maienzweig oder Reckenstock in der Hand; Einige führten auch 
Citronen mit Nelken besteckt, oder Sträusse von Lilien, Rosen und 
anderen Blumen, bisweilen hatten sie sich auch mit Bändern und 
Goldflitter behängt Bei dem Weinkeller auf der Brücke angelangt, 
wurde Jedem ein Glas Wein gereicht, worauf sich der Zug um die 



- 96 - 

am vorigen Tage errichteten, grün geschmückten Bäume herum* 
bewegte, bis er in dem Hofe anlangte, wo das Spiel gehalten 
werden sollte. Hier hatten sich alle Hauswirthe im Schütting, in 
dem die Maienzweige abgeliefert wurden, versammelt, der älteste 
von ihnen trat hervor und hielt folgende Ansprache an die Neu* 
linge: „Heute sollt ihr eure Spielprobe ablegen, deshalb seht wohl 
zu, dass ihr euch anständig haltet und Obacht auf euer Gehaben 
gebt, dass ihr euch nicht betrinkt, nicht Unordnung anrichtet oder 
Muthwillen treibt, wenn anders ihr wollt, dass euch dieses Spiel 
angerechnet werden soll. Wer keine Lust zu demselben verspürt 
oder sich nicht getraut, dem Obigen nachzukommen ^ dem steht 
es frei zurückzutreten". Der Ael teste unter den Angeredeten er- 
widerte hierauf im Namen der Uebrigen, er und seine Genossen 
wollten gern ihre Pflicht erfüllen, wofern ihnen nur gnädige Bauern 
(so wurden Diejenigen genannt, die sie nachher durchprügelten) ver- 
gönnt wären. Dieses wurde zugestanden. 

Nach Mittag, gegen 12 oder l Uhr, versammelten sich die be- 
reits am Tage zuvor geladenen Gäste im Hofraume oder im Schütting» 
wo sie mit Speise und Trank reich bewirthet und von den Neu- 
lingen bedient wurden, während Narr und Bauer sie mit Reimen 
und burlesken Scherzen belustigten, bis gegen Abend die MaMzeit 
beendigt wurde. Jetzt traten zwei Personen zur Thür des Schüt- 
tings herein, die in einigen Höfen Vogelschützen, in anderen Schorn- 
steinfeger hiessen, sie waren köstlich gekleidet, wie Junker, der 
eine stellte den Herrn, der andere dessen Diener vor. Diese be- 
gannen nun sich in Reimen über das zu zanken, was sie beim 
Vogelschiessen oder Schornstein fegen zu thun, worin sie eine Probe 
abzulegen hätten; da sie sich nicht einigen konnten, geriethen sie 
von Worten zu Thätlichkeiten , die schliesslich in der Weise bei- 
gelegt wurden, dass man dem Narren die Schuld aufbürdete; er 
sei es, hiess es, der Uneinigkeit zwischen Herrn und Diener an- 
gestiftet habe. Sofort ergriff man ihn, schleppte ihn an den vorhin 
zugerichteten Ort und strafte ihn mit einer Tracht Prügel ab, die 
ziemlich reichlich bemessen wurde, wenn er nicht schon früher 
seiner Pflicht genügt hatte. 

Während dieses Vorganges, oder bereits kurz vorher, wurden 
alle Diejenigen, welche nicht zum Kontor gehörten, vom Hofe ge- 
jagt, wogegen die Neulinge vorsorglich in einer Stube versammelt 



— 97 — 

wurden, damit keiner dem Spiele entwischen könne. Hier nun 
munterte man sie auf, lustig und guter Dinge zu sein, und sprach 
ihnen so lange in Essen und Trinken zu, bis ihnen die Augen 
übergingen* Es geschah in der Absicht, dass sie unzurechnungs* 
fähig würden und Diejenigen, welche sie peitschten, nicht mehr zu 
erkennen vermöchten. Diese, wie oben bemerkt 8 — 12 an der Zahl, 
begaben sich ungesehen in das Paradies; einigen von ihnen lag 
es ob, die Hereinkommenden festzuhalten, einigen, sie zu prügeln, 
und einem, gegen ein Becken zu schlagen, worin das Signal für 
Anfang und Dauer des Herganges bestand. Gott Gnade Allen, 
denen er übel wollte! 

Unterdessen war auch dem Narren genug geschehen; er kam 
wieder hervor und beklagte sich bitterlich über die Gewaltthätig- 
keit der Bauern, tröstete sich zuletzt aber damit, dass er. schon 
einen Anderen fassen würde, dem es nicht besser ergehen solle. 
Dies gesagt, eilte er flugs nach der Stube, worin die Neulinge ein- 
gesperrt waren, und ergriff den ältesten, der, noch schnell durch 
dn Glas Wein gestärkt, erst dem Schützendiener , dann dessen 
Herrn überliefert, in den Schütting geführt wurde, wo der Narr 
ihm zurief: 

„Ehr sey gott, ehr sey gott, 

dass reedt ich wahrlich sonder spott. 

£y kmpp in dat hellige paradis, 

dar skalt da smecken barckenris, 

barckenris mit hupen (haufenweise), 

als 24 baren op din stert können stupen (stäupen)". 

Der Betreffende hatte bereits vorher * seine Bekleidung los 
machen müssen; jetzt hiess es freiwillig in das Paradies hinein- 
kriechen, wo ihn alsbald vier der Männer ergriffen, ihm einen 
Teppich um den Kopf banden, damit er Niemand erkenne, und 
auf die Bank warfen; rüstig regten alsdann die Uebrigen ihre fleis- 
sigen Hände, während durch das Becken und einen Trommler an 
derThür das Geschrei des Gequälten übertönt wurde. Dieser Lärm 
scheint zugleich das Zeichen gewesen zu sein, dass die Eingeladenen, 
oder wer sonst dem Spiele beiwohnen wollte, eintreten und sich 
niedersetzen oder auch von der Thür aus zusehen durften. 

Hatte man den ältesten der Neulinge genugsam bearbeitet, 
so führte man ihn in eine andere Stube und schloss ihn dort ein, 

Hansische Geschichtsblätter. VII. 7 



- 98 - 

• 

worauf es dem zweiten, dritten u. s. w. je nach dem Alter ebenso 
erging, bis auch der jüngste die Probe überstanden hatte. Diesen 
setzte nunmehr der Narr auf seine Schultern, um ihn unter Reim- 
sprächen zu den anderen zu tragen, während er gleichzeitig das 
eigentliche Spiel mit dem Wunsche beendet erklärte, es möge das- 
selbe auch ferner dauern zum Flor und Wachsthume des Handels. 
Die Fremden wurden jetzt verabschiedet. Sie begaben sich 
nach Hause, und denen, die im Paradiese ihres Amtes gewartet 
hatten, war damit ermöglicht, ungesehen hervorzukommen. Es 
stand ihnen frei, sich eine Stunde lang von der Anstrengung zu 
erholen, worauf sie unbefangen wieder ihre Plätze an den Tischen 
einnahmen und die Neulinge hereingerufen wurden, um bei dem 
jetzt erfolgenden Schmause aufzuwarten und durch lustige Gedichte 
den Sinn der Hausherren zu erheitern. Wehe dem, der von Trunken- 
heit und Schmerz überwältigt sich niedersetzte oder gar einschlief, 
er wurde früh am nächsten Morgen, bevor der aufgerichtete Baum 
niedergelassen war, völlig angekleidet in die See geworfen. Erst 
wenn der Baum am Boden lag, war es Jedem erlaubt, sich zum 
Schlafen zu begeben, wohin er wollte. 

Zu Mittag kam man wieder zusammen und verzehrte die Reste, 
welche von den letzten Mahlzeiten übrig geblieben. Zur Zeit der 
Blüthe des Kontors folgte alsdann Spiel und Tanz bis zum näch- 
sten Morgengrauen. 

Damals war auch die Menge der Neulinge noch gross genug 
gewesen, um das Borgspiel jährlich in jedem Hofe abzuhalten, 
später änderte man dies dahin ab, dass mehrere Höfe sich ver- 
einigten, um es zu bewerkstelligen, wobei dann der betreffende Ort 
in gewisser Reihenfolge wechselte. Die Unkosten hatten die ge- 
prügelten Neulinge zu bestreiten, mit Ausnahme der Speisen, welche 
der Hauswirth stellte. 

Das Rauch-, Wasser- und Borg- oder Staupspiel waren die 
drei Hauptspiele der Kontorschen, die sich auch am zähesten zu 
behaupten wussten. Ueber ihre Entstehung und Fortbildung sind 
wir leider gar nicht unterrichtet, doch dürfte als sicher anzunehmen 
sein, dass sie vor Zeiten anders gewesen, wie sich schon daraus 
ergiebt, dass Personen mit Bezeichnungen auftreten, die ursprüng- 
lich von Bedeutung gewesen sein müssen, während sie später als 
überkommen, aber nicht mehr verstanden beibehalten wurden, 



— 99 — 

namentlich die als bruleske gentlemen auftretenden Vogelschützen 
geh5ren^hierher. Auch die Zahlenangabe der 24 Bauern in dem 
jedenfalls sehr alten Narrenreim weist auf Veränderung, weil wir 
in onserer Darstellung nur noch 8 bis 12 begegneten. Die völlige 
Unsicherheit des Bodens lässt uns billiger Weise von Vermuthungen 
absehen, nur so viel mag bemerkt werden, dass es fast scheint, 
als seien im Laufe der Zeit zwei ganz verschiedene Dinge zusammen- 
geflossen, die Einholung des Maies nämlich, ein altes deutsches 
Naturfest, welches sich in verschiedenen Formen bis auf den heutigen 
Tag erhalten hat, und die Ceremonie der Aufnahme unter die 
kontorschen Hansebrüder, offenbar eine Zunftfeierlichkeit, mit ge- 
wissen Probewerken. 

An die drei Hauptspiele schlössen sich nun noch eine Reihe 
von anderen, weniger hervortretenden; dahin gehören: das Haut- 
werfen oder Werpud (Werfaus), welches darin bestand, dass Der- 
jenige, mit dem gespielt werden sollte, in eine Ochsenhaut gelegt 
und von vier starken Gesellen an Seilen durch die Rauchöffnung 
des Schüttings ins Freie gezogen wurde, wo der Arme dann wahr- 
scheinlich vom Dache hinunterrollen musste. 

Das Beichtspiel war dess' Inhaltes, dass der Betreflfende bei 
irgend Jemand eine Beichte ablegte, worauf er, nach Beschaffen- 
heit seiner Vergehen, durchgeprügelt wurde. Wenn auch hier wieder 
den unvermeidlichen Schlägen ihre Rolle überwiesen ist, so dürfte 
das Spiel doch in erster Linie, wie das nachher zu erörternde Preke- 
spiel, eine polemische Richtung gegen die Geistlichkeit gehabt haben. 

Bas Barbirspiel war das unsauberste von allen; dabei wurde 
das Gesicht mit Unrath von Katzen und Hunden bestrichen, der 
hernach mit einem hölzernen Messer wieder abgekratzt wurde. 

Unglaublich nimmt sich das Spiel aus, welches die Bezeich- 
nung Stormenborg trägt; man soll nämlich Denjenigen, welchem 
mitgespielt werden sollte, in ein Zelt geführt und dort die Haut 
abgeschunden haben. 

Ausser den genannten Spielen gab es noch viele andere, von 
denen wir aber nicht mehr als die blossen Namen wissen; es 
sind dies: das Perdekenbeschlan, Vinkenfangen, Kreutzen- 
steken, Aeltreden, Schinkenschniden, Endekenstricken 
(wohl das Flechten eines Tauendes zum Schlagen), An kerschmeden, 
Kabelschlan, Swinekenbroien, Kuelpumpen^; ferner da& 



— lOO — 

RingspielfDuffspiel, Sackspiel und Aus demösskertrinken. 
Einigen dieser Bezeichnungen begegnen wir in harmlosester Bedeu- 
tung noch heute als Gesellschaftsunterhaltungen. 

Die meisten der zuletzt genannten Spiele sind bereits im 
Laufe des 16. oder in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts 
untergegangen, eines jedoch, dessen Name uns nicht überliefert 
worden, behauptete sich zäher; wahrscheinlich ist es mit. dem Sack« 
spiel identisch. Wenn nämlich gegen Allerheiligen die Schütting- 
stube von den Jungen gereinigt wurde, nahmen diese das Klapp- 
fenster heraus, verstopften die Oeffnung mit Säcken und zündeten 
unten Feuer an, so dass der ganze Raum sich dicht mit Rauch 
füllte und es ganz dunkel darin ward; dann stellten sie sich von 
der Thüre an in zwei Reihen auf, jeder mit einem Sacke in der 
Hand. Durch diese Reihen nun mussten die Neuangekommenen 
Spiessruthen laufen, wobei sie lustig mit den Säcken geklopft wurden, 
wenn sie sich nicht schleunigst durch Geld für Freibier loskauften« 

Noch in später Zeit, als die Spiele längst fast vergessen waren, 
gab es im Hafen zu Bergen einen grossen eisernen Ring mit Blei 
in den Felsen gelassen, der zur Befestigung der Schiffe* diente. Mit 
demselben sollen früher die Jungen in der Weise ihre Kurzweil ge- 
trieben haben, dass sie, wenn sie in ihren kleinen Booten den Unrath 
aus Gassen und Häusern schafften, dort anhielten und die Neulinge 
zwangen, durch die Oeffnung zu kriechen. Jeder versetzte ihnen 
dabei einen Schlag mit der Schaufel, der bisweilen so derb ausfiel, 
dass die Stücke davon flogen. Wahrscheinlich werden wir es hier 
mit dem oben angeführten Ringspiele zu thun haben. 

Beschäftigten wir uns bisher mit den eigentlichen sogenannten 
Spielen, so dürfen wir auch nicht übergehen, dass es auf der Brücke 
eine Menge von Gebräuchen gab, die denselben sehr nahe kamen; 
wir wollen hier nur des ersten Gerichtstages erwähnen, der 
acht Tage vor Weihnachten abgehalten wurde. Jung und Alt hatte 
sich dann im Schütting zu versammeln, während der Zuchtmeister, 
der den scherzhaften Namen Meister Hans fährte, mit seinen Die- 
nern im Hofe umherging, wahrscheinlich um sich zu überzeugen, 
dass sich Niemand dem Gerichte entziehe. Jeder dieser Männer 
trug eine Menge Ruthen an der Seite; Meister Hans überdies eine 
Bank, mit der er, endlich zur Schüttingthür getreten, anklopfte. 
Einer von den Lehrlingen musste öffnen, wofür er sogleich einen 



! 



' — lOI — 



Schlag mit der Ruthe über den Kopf erhielt. Sobald der Meister 
eingetreten war, setzte er die Bank, auf der mit Kreide Rad und 
Galgen abgebildet waren, vor sielt nieder und forderte Alle, die 
sich nach des Schreib.ers Angabe irgendwie vergangen hatten, auf, 
heranzutreten. Die Aeltesten sühnten ihre Schuld mit Geld oder 
Mehl an die Armen, die Jungen aber, unterdessen in einer Kammer 
eingesperrt, wurden einer nach dem andern herausgerufen und je 
Dach ihren Vergehen über die Bank gelegt und gepeitscht. — Auch 
des Werfens ins Wasser mag noch kurz Erwähnung geschehen; 
die Aelterleute des Kontors sagen im Jahre 1654 davon, dass es 
„in gewissen Verbrechen unter den Jungens bisher ein species der 
straffe gewesen, dadurch aber nichtes dan tumult, Parlament und 
Uneinikeit verursachet worden". 

Bereits in der Einleitung haben wir erwähnt, dass sich neben 
dem Kontor eine Colonie deutscher Handwerker angesiedelt hatte, 
<lie fünf Aemter, oder nach der hervorragendsten Zunft schlecht- 
weg „die Schuster" genannt Auch bei ihnen haben sich Spiele und 
Festgebräuche ausgebildet, die uns veranlassen, auf den Gegenstand 
einzugehen, wobei es gerathen sein dürfte, ein wenig weiter aus- 
zuholen. 

Schon früh werden einzelne deutsche Handwerker im Gefolge 
der Priester und Kaufleute nach dem technisch unentwickelten Nor- 
wegen gezogen sein, wo man sie bereitwillig aufnahm; andere 
folgten, bis ihnen die Gunst der Könige im 13. Jahrhundert sogar 
eigene Quartiere neben den Handelshöfen gewährte, welche letz- 
tere, wie wir sahen, allmählich von den Kontorschen fast aus- 
schliesslich besetzt wurden. So zerfiel denn Bergen in drei eigen- 
artige Theile, in das Kontor, das Quartier der Schuster und das 
der Eingeborenen. 

Bei dem Groll, den die letzteren gegen die Fremden trugen, 
konnte es nicht ausbleiben, dass die Kaufleute und die Aemter 
Partei för einander ergriffen und sich in ihrem Wachsthume Vor- 
schub leisteten. Es ging dies so weit, dass die Kontorschen in 
einer wahrscheinlich aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammenden 
Klage der Normannen rund heraus sagten: „De gesellen van den 
Straten de synt in der Hense gebaren so wol alse wy!". 

Immer mehr wussten sich die Schuster den Anordnungen der 
norw^schen Obrigkeit zu entziehen und sich in eine gewisse Unter- 



— I02 — 

Ordnung unter das Kontor zu begeben, hinter welchem dann schützend 
und schirmend die Wucht der deutschen Seestädte stand. Wie die 
Kaufleute, so setzten auch sie «ich eigene Aldermänner, sie hielten 
ihre eigenen „Morgensprachen", richteten Schenkstuben ein und 
trieben allerlei bürgerliches Gewerbe, ohne die gebührenden Ab- 
gaben dafür zu erlegen. Den Eingeborenen gegenüber waren sie 
dreist bis zur Unerträglichkeit; um sich und den Kontorschen z. 6» 
den Vorkauf auf dem Fischmarkte zu wahren, wandten sie das ein- 
fache Mittel an, die dorthin führende Strasse zu sperren und jeden 
Bürger mit Knitteln und Steinen zurückzuweisen, bis sie ihre Be- 
dürfnisse befriedigt hatten. Kamen sie dann einmal ins Gedränge^ 
so wandten sie stracks den Rücken und flohen auf die Brücke, wo- 
hin ihnen Niemand zu folgen wagte. 

Auch bei ihnen waren Ehen mit Norwegerinnen verpönt und,, 
wie bereits angeführt, Spiele üblich, die ihrer Gemüthsart entsprachen. 

Dahin gehören: das Ravelspiel, welches darin bestand, dass 
namentlich die Goldschmied- und Kürschnerjungen ') bei ihrer Auf- 
nahme in eine 6 bis 9 Fuss tiefe Grube, welche sich in der Schuster- 
gasse, wie es scheint, zur Aufnahme alles abfiiessenden Unrath» 
befand, gestürzt und von den dicht Herumstehenden mit Kalk und 
Koth beworfen wurden, sobald sie den Kopf aus der faulen Lache 
steckten. 

Das Doem spiel hielten Kürschner und Schuster in dem schon 
bekannten Starvhause ab. Es glich im Wesentlichen dem Ravel- 
spiel, nur dass dabei nocl\ das Abtrocknen in Betracht kam. 

Von einer nicht viel anderen Beschaffenheit war auch das 
Fordoemspiel, bei welchem der Kopf eines Lehrlings in eine 
Tonne gesteckt wurde, die mit Theer, Kalk, Häringslake und Haaren 
angefüllt war, welche Gegenstände gleichfalls dazu verwendet wurden» 
dem Betreffenden den Mund auszuwaschen. 

Hieran reihte sich würdig das Thrinisch oder Tryboschen- 
spiel, welches so ist, dass wir Anstand nehmen müssen, näher 
darauf einzugehen. 

Am meisten «Aufsehen von allen machte das Prekespiel^ 



') Das dänische skmder bedeutet, wie das schwedische skinnare^ sowohl 
einen Kürschner als auch einen Schinder. Natürlich ist aber hier die erstere 
Bedeutung zu verstehen, nicht wie die deutsche Uebersetzung von Holberg 's 
Beschreibung von Bergen 2, S. 75 die letztere. 



— 103 — 

welches in folgender Weise stattfand. Am heiligen Ostersonntage 
begaben sich die Schuster zu einer festgesetzten Zeit nach dem 
nahen St.-Margarethen-Kirchhofe auf Nordnäs, wo einer von ihnen 
auf einen Baum stieg und der unten versammelten Menge eine 
erbauliche Predigt hielt, worin er darlegte, welche Frauen und 
Mädchen in der Stadt übel berüchtigt seien, welche sich hätten zu 
Fall bringen lassen u. s. w.. Wie bei dem kontorschen Beichtspiel, 
nur in erhöhten^ Masse und verquickt mit derber Frivolität, tritt 
also auch hier die antikirchiiche Tendenz zu Tage, weshalb es 
nicht Wander nehmen darf, dass gerade gegen dieses Spiel die 
Geistlichkeit mit allen Mitteln arbeitete, ohne jedoch für's Erste 
etwas ausrichten zu können. 

Keines der Schusterspiele blieb länger in Uebung als das 
Brixenspiel, welches in der Woche vor Fasten aufgeführt wurde. 
£s bestand darin, dass die neuangekommenen Lehrjungen durch 
die Strassen zogen, um vor der Thür eines jeden* Meisters nieder- 
zufallen und sich durchprügeln zu lassen. Aehnliche Aufzüge kamen 
vor, wenn die Handwerker ihre Schilde von einem Orte zum an- 
dern trugen. 

Dies wäre das Wesentliche, was uns die Ueberlieferung von 
den einstmals weit berühmten, oder richtiger berüchtigten Bergen- 
schen Spielen berichtet, wobei wir uns zu vergegenwärtigen haben, 
dass jene Ueberlieferung aus den letzten Jahren ihres Bestehens 
stammt. 

Reichlich zwar lohnt es sich nicht, etwaige Vergleiche zwischen 
dem Treiben der Kontorschen und dem der Aemter anzustellen, so 
viel jedoch mag erwähnt werden, dass die plattere Roheit sich auf 
Seiten der letzteren findet. Der alte Holberg spricht sich höchlich 
entrüstet dahin aus, ihre Spiele beweisen, dass die Stifter nichts 
weniger als Solons oder Lycurgi gewesen; man sollte vielmehr 
glauben, dass sie eher unter den weitentlegenen Hottentotten oder 
einem rohen tartarischen Gesindel als unter Christen geboren und 
erzogen wären. 

Wie bei den drei Hauptspielen, so entzieht sich auch Anfang 
und Fortbildung der übrigen unserer Kenntniss, obwohl wir die 
bestimmte Angabe besitzen^ dass die Spiele im Jahre 1478 auf- 
gekommen seien. Eben die Bestimmtheit dieser Nachricht, und 
mehr noch die späte Quelle, worin sie sich findet, nehmen sich gar 



— I04 — 

wenig zuverlässig aus. Das Aufkommen der Spiele beruht sicher- 
lich nicht auf einem bestimmten Act, sondern allmählich werden 
sie sich hervorgebildet haben, anknüpfend an Gebräuche der Hei- 
math, an besondere Verhältnisse des Orts oder bestimmte Ereig- 
nisse, worauf z. B. das Prügeln durch Bauern deuten dürfte. Nach 
einer Klageschrift aus der Mitte des i6. Jahrhunderts zu urtheilen, 
ist damals noch das Borgspiel, also gerade das Hauptspiel, in 
ziemlich formloser Weise, auch nicht im Frühling, sondern im 
August abgehalten worden. Erst die Einsicht, dass gerade der 
Spätsommer die denkbar unpassendste Zeit sei, weil dann die meisten 
Schiffe einliefen und alle Hände überreichlich zu thun fanden, scheint 
die Verlegung in den Frühling herbeigeführt zu haben; am Ende 
des i6. Jahrhunderts finden wir es am 25. Juni im Systrehof ge- 
feiert und schliesslich das Pfingstfest als Regulator angenommen, 
wodurch es nahe lag, es mit dem Einholen des Mai zu verbinden. 
Der ursprüngliche Zweck der Spiele ist sicherlich gewesen, 
dem Neulinge die Wichtigkeit seines Eintritts so einleuchtend wie 
nur möglich zu machen. Das Versiegen der poetischen Ader, die 
zunehmende Pedanterie, die Verwilderung der Gemüther und die 
Langeweile während der träge dahinschleichenden Winterabende 
wirkten alsdann zusammen, um die Gebräuche ihres Innern Gehalts 
zu entkleiden. Es wäre jedoch unrecht, das Mass des heutigen 
Tages anzuwenden; das damalige Geschlecht war eben ein robusteres 
als das unsrige und trug nach derberer Kost Verlangen. Den besten 
Beweis dafür dürfte König Christian IV. liefern. Derselbe weilte 
im Jahre 1599 in Bergen, gerade als die Spiele gefeiert wurden. 
Unter Anderm sah er auch dem Borgspiele „mit Wohlbehagen" zu, 
wobei ihn die Laune anwandelte, dass einer seiner Lakaien mit- 
spielen solle. Vergeblich waren Bitten und Vorstellungen, der König 
blieb bei seinem Eigenwillen; so musste denn der Unglückliche die 
Kleider lösen, sich ins Paradies begeben und noch obendrein die 
Worte seines Herrn vernehmen, dass die Bauern ihn nur nicht 
schonten, sondern tapfer darauf los schlügen, was begreiflicher Weise 
nicht zweimal gesagt zu werden brauchte. Als der Gemisshandelte 
wieder zum Vorschein kam, bot der König ihm einen Rosenobel, 
wenn er sich noch einmal dem Spiele unterwerfe; derselbe rief aber 
aus, nimmer würde er es thun und wenn Seine Majestät ihm selbst 
100 Thaler gäbe, obwohl er das Geld an sich recht wohl gebrauchen 



— I05 — 

könne. Christian IV. und Herzog Ulrich wussten nichts Besseres 
ZQ thnn, als laut darüber zu lachen. 

Am zahesten hielten natürlich die Kontorschen Gesellen an 
den Spielen fest, unbekümmert um Klagen und Verbote. Sehr 
interessant ist in dieser Hinsicht die Antwort, welche sie einem 
Manne gaben, der sich den grausamen Bräuchen entziehen wollte; 
sie riefen ihm zu: „dar hulffe noch steder gebott, noch einiches, 
wedder Burgers oder nicht Burgers; alder dan, der alda zu Bergen 
handeln wolte, der muste na don, wie sie und andere für gethan 
hetten. Dan wenn es dahin queme, das die burger aus den Stetten 
und ihre Kinder von dem spülen mochten gefreyet, so wurden arm 
gesellen dar nicht gross geachtet sein, derhalben wolten sie die 
spill halten, wie sunst lang geschehen were, und wagen alles was 
daraus entstanden kunte". -r Wir sehen, ein sehr realer Egoismus 
war der Bodensatz ihrer Vorliebe. 

Ueber die Art, wie es bisweilen bei den Spielen herging, stehen 
uns sowohl allgemeine als auch spedelle Angaben zu Gebote. Der 
etwas christlich-sentimentale Karolus Altstaed meint: „manch einer 
frommen und ehrlichen Mutter Sohn, der jene Pein und Marter 
nicht ertragen konnte, ist dort zu Tode gequält, und nachdem das 
Rauchspiel (?) in Aufnahme gekommen, begab es sich, dass einer 
oder mehrere in der See ertränkt warden, manche sich zu Tode 
bluteten, manche auf andere Weise untergingen, einzig des schänd- 
lichen losen Mammons wegen". — Von dem gelehrten Husanus 
erzählt er, die Eltern hätten gewünscht, dass er ein reicher Kauf- 
mann werde, und sandten ihn deshalb nach Bergen, wo er sich, 
wie alle Anderen, den üblichen Spielen unterzog. Als er aber das 
erste derselben überstanden hatte, schickte er sein blutiges Hemd 
nach Hanse zu seiner Mutter, damit sie sehe, wie man mit ihm 
umgegangen sei; zugleich beschwor er sie, ihn heimkehren zu lassen, 
er wolle auch gern fromm und fleissig sein. Es kam, wie er wünschte, 
er wurde zurückberufen, erhielt die Erlaubniss, sich dem Studium 
zu widmen und wurde ein angesehener Mann der Wissenschaft. 

Vor Allem beachtenswerth dürfte jedoch eine Klageschrift des 
hansischen Bürgers Eschinck sein, die er im Jahre 1558 in Lübeck 
einreichte, „nicht in gestalt eines zierlichen oder herlichenn libels, 
Sander einfeltiger ergebung der geschieht und sumarischer petition", 
wie er sagt Aus derselben ersehen wir, dass schon seit der Mitte 



— io6 — 

des i6. Jahrhunderts Beschlüsse der Committenten der Hansestädte 
vorlagen, denen zufolge sich die Kontorschen ,,des mutwilligen und 
ganz schetlichen Spilles, so sie mit den newen ankommeligen mytt 
sonder beschwerlich gewalt und injurien pflegen zu treiben gänz- 
lich solten entiialten'S und dass diese Kundgebungen alljährlich 
vorgelesen wurden. Eschinck, „nunmehr ein alter man, den fur- 
war kein woUust ufif de beswarliche reiss gebracht", war nach 
Bergen gekommen, um seinen „nuz und frommen zu schafRm". 
Die bereits Ansässigen wollten sich darauf nicht so ohne Weiteres 
einlassen, sondern erst in hergebrachter Weise mit ihm spieen; 
vergeblich suchte er sich dagegen zu verwahren, es blieb ihm nichts 
übrig, als sich an den Aldermann um Beistand zu wenden. Dieser 
gebot^ mit Hinweis auf die hansischen Beschlüsse, bei strenger Strafe 
sich des geplanten Spieles gänzlich zu enthalten, ohne dadurdi den 
geringsten Eindruck hervorzubringen. Unbekümmert um Aldermann 
und Seestädte machten sich die Ansässigen daran, am festgesetzten 
Tage ihr Spiel zu vollziehen, wodurch Eschinck in die unan- 
genehme Nothwendigkeit versetzt wurde, sich demselben zu unter- 
werfen oder seine Wohnung zu meiden. Er wählte das letztere 
und der gestrenge Herr Aldermann rieth ihm ein Gleiches. Leider 
brachte dieser Schritt dem Eschinck „grossen verderblichen scha- 
den", weil gerade viele Schiffer angekommen waren, die bedient 
sein wollten, ohne dass er das Geringste dadurch gewann, denn 
als er nach einiger Zeit, in der Hoffnung, die Erregung gegen ihn 
habe sich gelegt, unter dem Schutze des Aldermanns und dem Ge- 
bote wieder zurückkehrte, dass Niemand sich gegen ihn etwas in 
Worten oder Werken herausnehme, „bey verlust der loblichen Anse- 
stetter frey- und gerechtigkeit und darzu 300 Schilling Engelsch", 
und er eines Tags arglos seinen Geschäften nachging, fielen die 
Gesellen über ihn her, ergriffen und warfen ihn zur Erde, zerrissen 
seinen Gurt und seine Kleider, schleiften ihn 13 Ellen weit durch 
den Hof, dann 12 Stufen empor, darauf abermals über ebene Erde 
und eine zweite Treppe, und wieder über die Erde bis in die 
Schüttingstube, wo sie ihn auf einen „plock" warfen, ihm Hände 
und Füsse darüber spannten, ihm sein „summarien" dicht um den 
Kopf wickelten und mit Messern die Kleider aufschnitten. Als er 
entblösst dalag, schlug einer flugs auf ein Messingbecken, andere 
begannen dermassen laut zu pfeifen, dass weder Rufen noch Schreien 



— I07 . — 

zu hören war, worauf 6 starke Fäuste sich mit Ruthen über ihn 
hermachten und ihn peitschten, „solang sie gelüstet''. Der Ge- 
peinigte behauptet, die Schläge hätten ihm Rücken und Hüfte so 
)2oIlig zerrissen, dass nur noch Blut und rohes Fleisch zu sehen 
gewesen. Das Stäupen beendet, zente man ihn bei Beinen und 
Armen empor, und als er nicht stehen konnte, hielten ihn etliche 
aufrecht, während ihm^ andere einen Schwimmgürtel (?) um 'den 
Leib banden, dann stiessen sie ihn wieder nieder und schleiften 
ihn zum Schütting hinaus nach dem Wasser. Kläglich bat der 
Unglückliche ; ü^m doch wenigstens das um den Kopf gewundene 
Obergewand abzunehmen, bevor man ihn in die See werfe. Es 
geschah, worauf sein Anblick sich so kläglich ausnahm, dass einer 
der Gesellen den Rath ertheilte, den Biedermann loszulassen. 
Er hat sich alsdann an den Aldermann und nach Lübeck gewandt, 
die Sache hat Aufsehen gemacht und viel Papier gekostet, die 
Spiele aber bestanden fort, nach wie vor. 

Noch hundert Jahre später, 1654, waren die Zustände äusser- 
lich wesentlich dieselben. Damals sahen sich nämlich die Alder- 
männer von Bergen veranlasst, ein Rescript nach Lübeck wegen 
der Spiele zu senden, welches von den alten Klagen durchsetzt ist, 
dass „unterschiedliche personen gar excessive und enormiter ge- 
tractiret" seien, dass die Spiele „zu des gantzen Contors diffama- 
tion'' gereichten u. s. w.. Die Aldermänner hatten geboten, „in der 
Burg verantwortlich zu verfahren, auch in specie des überflüssigen 
brüllens sich zu enthalten'*, da aber „haben sich die eintheils da- 
mals intressirende in Schwens^arten directe vorsetzlich hiegegen 
aufgelehnet, das gebrüll mit zu sich genommenen instrumenten, 
unter andern mit einem hern studio zu mehrer unerbarkeit und 
unmenschlikeit vermehret und dabei ein theil Newkommer der- 
massen excessive getractiret, das solches sine exemplo befunden 
worden". Als die Aldermänner hierüber an Ort und Stelle Unter- 
suchung anstellten, „hat man ihnen mit mehrer Verantwortung oder 
entschüldigung nicht zu begegnen gewust, als das ihnen trotziglich 
in offener Versamlung unter andern in die Augen gesagt, des 
Kauffmans vermahnung von meszigem schreien und glimpflichen 
verfahren in der bürg hatte so viel mehr geergert als genützt". 
y^Deshalben" verbissen die Aldermänner ihre „Ungeduld" und fäll- 
ten einen glimpflichen Spruch, dem aber die Betreffenden „keinerlei 



— io8 — 

weise pariren wollten". — Doch dies ereignete sich zu einer Zeit, 
als bereits die Axt in der Wurzel stak. 

Ihre höchste Blüthe scheinen die Spiele zugleich mit der des 
kontorschen Handels in der ersten Hälfte des i6. Jahrhunderts er- 
reicht zu haben, worauf sie dann mit dem Schwinden des Verkehrs 
allmählich zu sinken begannen. Der erste Erlass gegen dieselben 
erfolgte von hansischer Seite schon im Jahre 1549, der zweite und 
dritte 1553 und 1554. Erreicht wurde jedoch nichts damit, obwohl 
bald auch die dänisch-norwegische Regierung gegen das Unwesen 
auftrat, den entschlossenen Bergenschen Lehnsherrn Christof Wal- 
kendorf an der Spitze. Noch durch die ganze erste Hälfte des 
nächsten Jahrhunderts scheinen die Kontorschen ohne besondere 
Schwierigkeiten ihre wüsten Bräuche behauptet zu haben, bis dann 
in der zweiten Hälfte desselben die entscheidende Wendung stattfand. 

Eine Reihe von Umständen waren dafür massgebend. Der 
mehr und mehr versiegende Wohlstand zeigte sich zu den Kosten, 
welche die Spiele verursachten und sich bis zu der colossalen Summe 
von 2000 Thaler jedesmal beliefen, im schreiendsten Widerspruche, 
die lauter werdenden Klagen übten schliesslich denn doch ihre Wir- 
kung aus, und die Unsitte, die die Spiele zum bequemen Schreck- 
mittel gegen alle Unliebsamen, namentlich gegen die Kinder reicher 
Leute, herabwürdigte, rief ebenso den Widerstand der höheren 
Gassen wach, wie die rücksichtslose Art, womit man selbst gegen 
Personen von höherem Alter verfuhr, sie bei den Gebildeten um 
alles Ansehen bringen musste. 

Trotzdem aber wagte man immer noch nicht, sie unumwunden 
aufzuheben, weil man befürchtete, dadurch entschiedene Nachtheile 
für Handel und -Wandel auf der Brücke herbeizuführen. So er- 
folgte denn im Jahre 1653 eine längere „ Spiel -ordinantz'*, deren 
wir hier ausführlicher gedenken müssen wegen der mannigfachen 

* _ _ 

Streiflichter, welche sie auf den ihr zu Grunde liegenden Gegen- 
stand wirft. Sie lautet: 

Weil jetziger beschwerlicher Zustandt und gelegenheit der Zeit, 
wegen Unsicherheit der Fahrt, abgang der Nahrung und erhöhung 
der ungelder und auflagen, wie auch nicht minder der Ehrb: Hänsee- 
Städte Verordnung von Anno 1634 gnugsahm an die Hand giebet, 
dass in den gebräuchlichen Spielen alles, was zu weitläuftigkeit, 
Tumult und Üppigkeit anlass bringet, solle abgeschnitten, einge- 



— I09 — 

stellet und unterlassen werden: AIsz gebeut ein Ehrsahm R., man 
ernstlich in erwehlten Spielen folgender Gestalt bey unnachlässiger 
Straffe sich zu verhalten: 

1. Beym Wasser-Spiel sollen gäntzlich keine Gäste gebeten, 
noch Music oder Spiel-Leute gebraucht werden, bey Straffe 50 Rthl. . 

2. £s sollen beym Spielen keine Kräntze besondern aus Mey 
auff den Wuppen-Baum (beim Krahn) gesetzet werden, bey Straff 
25 Rthl, . 

3. Wan die Neukommers ausgehen, sollen dieselben keine 
Trommeten, Posaunen oder andern instrument für sich haben, be- 
sondern nur zwo Trummein schlagen lassen, auch kein Bier oder 
Brodt hinausnehmen oder hohlen lassen. Jemand zu schencken; 
ingleichen sich von niemand für denn Häussern oder einigen Gar- 
ten oder förs Kaufmans Keller schencken lassen, worauf absonder- 
lich die Rechenleute scharff auffsicht haben sollen, bey Straffe 
100 Rthl. . 

4. Geck und Baur sollen durchaus am Strande sich nicht 
finden lassen, auch am contoir nicht länger gehen, den einen 
eintzigen Tag, bey Straffe 20 Rthl. . Dagegn sollen die Nach- 
bahren im Garten ihnen für ihre mühe in etwas zu hülffe kommen. 

5. Sollen alle unzüchtige, schandbahre oder ergerliche Reimen 
unterlassen werden, bey Straffe 25 Rthl. . 

6. Soll sich keiner verdriessen, bey den Spielen länger den 
einen Tag zu gasterieren, weder mit den jenigen, so zusammen 
spielen, noch mit andern, bey Straffe 100 Rthl. . 

7. Soll den Neu-kommers durchaus kein Nach-Tag vergönnet 
oder zugelassen werden, bey Straffe 25 Rthl. . 

8. Soll bey keinen Gastereyen mit Stücken geschossen werden» 
bey Straffe 25 Rthl. . 

9. Soll mit den Neukommers in der Burg so verfahren werden, 
dass solches verantwortlich, bey Straffe 50 Rthl. . 

IG. Sotten die jenigen Garten, so zu spielen gedencken, alles 
so beschicken, dass sie ohne sonderliche weitleufftigkeit in einer 
Wochen innerhalb zwoen Tagen gäntzlich abspielen, bei Straff 
50 Rthl. V 

Gegeben den 25 April, Anno 1653. 

So zu sagen die Antwort auf diesen Erlass, welcher noch 
durch die Aldermänner bekräftigt wurde, war die schon oben be- 



— HO — 

rährte Thatsache, dass im folgenden Jahre „unterschiedliche per* 
sonen gar excessive and enormiter getractiret'* wurden und dass 
die Uebelthäter unbefangen äusserten, „des Kauffmanns vermah- 
nung" habe „so viel mehr geergert als genützt*'. Uebte dies auf 
die gestrengen Aldermänner die Wirkung aus, dass sie schleunigst 
einen begütigenden Urtheilsspruch fällten, ohne etwa dadurch zu 
bewirken, dass ihnen „parirt" wurde, so dachte doch der damalige 
Lehnsherr Jens Bjelke anders, er verbot noch in demselben Jahre 
das Wasserspiel ein für alle Mal. Auch von Seiten der Hanse er- 
folgte wieder ein Recess, namentlich in seinem 23. Artikel gegen 
die Spiele gerichtet, dem aber, wie voraus zu sehen, kein besseres 
Schicksal beschieden war als den früheren. Bereits im Jahre 1659 
widersetzten sich Diener, Gesellen und Jungen demselben „frevent- 
lieh'*; als sie zur Verantwortung gezogen werden sollten, ging es 
im alten Schlendrian weiter, indem sie „gantz halsstarrig sich darzu 
nicht vorstehen, noch bestrafifen lassen wollten, vielmehr aber bei 
ihrer irrigen meinung verblieben". 

Dass die völlig erschla£fte, hinsiechende Hanse nicht mehr Kraft 
und ernsten Willen genug besass, energisch gegen so ungeschlacht 
auftretende Missbräuche vorzugehen, musste zunehmend deutlicher 
werden, jedoch in gleicher Weise, dass die Missbräuche von Jahr 
zu Jahr schreiender auf Abhülfe drängten, dass Abhülfe hier mit 
Ausrottung gleichbedeutend und der Zeitpunkt gekommen sei, wo 
die dänische Regierung die Sache in ihre erstarkte Hand zu nehmen 
habe. Auch eine Rückwirkung des klanglosen Untergangs der 
Schusterspiele konnte kaum ausbleiben. Von diesen war es das 
Prekespiel, jene frivole Entheiligung des Ostersonntags, wobei 
der gute Ruf jeder Frau und jeden Mädchens dem Cynismus 
eines betrunkenen Sclmhflickers preisgegeben, welche zuerst der 
sittigenden Macht der Reformation erlag. Einige Zeit später kam 
es zwischen den Handwerkern und der Obrigkeit des Orts zum 
offenen Bruche, in Folge dessen die ersteren zu Schiff? gingen und 
Bergen verliessen — auf Nimmerwiederkehr. 

Endlich, im Jahre 1671 schlug auch für die Gebräuche der 
Kontorschen das letzte Stündchen. Am 8. November jenes Jahres 
erliess König Christian V. vom Schlosse zu Kopenhagen einen 
Brief, dem gemäss er es allergnädigst für gut erachtet habe, zu 
gebieten und zu befehlen, dass die sehr ungeziemlichen Spiele, 



— III — 

welche namentlich vermögende Kaufmannsgesellen zum Schaden 
des Handels abschreckten, von nun an allerseits aufhören und 
gänzlich^abgeschafft werden sollten, und zwar bei 50 Reichsthaier 
Strafe (bezw. 14 Tage Stadtgefangniss) für den Zuwiderhandelnden, 
bei 10 Rthl. für Jeden, der ferner noch stattfindenden Spielen bei- 
wohne. Die Kontorschen Aelterleute, Secretaire und Achtzehner 
werden verpflichtet, über die Aufrechterhaltung des Verbotes zu 
wachen. Lassen sie Spiele zu oder werden sie als Gäste dabei ge- 
troflfen, so haben sie ausser der vorgeschriebenen Geldstrafe auch 
noch die Privilegien des Kontors verwirkt und letzteres zu räumen. 
Langst waren die Zeiten vorüber, wo sich die Kaufleute sol- 
chem Ansinnen vielleicht mit gewaflheter Faust widersetzt hätten. 
Ihre Einrichtungen waren verkommen, ihr Handel nahm täglich ab, 
viele entzogen sich dem Verbände, heiratheten norwegische Frauen 
und Hessen sich in Bergen als Bürger nieder, um sich höchstens noch 
eine Handelsstube auf dem Kontor zu kaufen. Schon am Ende 
des 17. Jahrhunderts sah es öde und unwirthlich an der Brücke 
aus, das Collegium der Achtzehner war auf acht Männer zusammen- 
geschrumpft und sollte bald sogar auf zwei sinken, die Häuser 
waren morsch und zerfallen und standen vielfach unbewohnt. 

Im Jahre 1702 suchte ein grosser Brand die hansische An- 
siedelung heim. Noch einmal erstand sie neu aus der Asche, ohne 
jedoch wieder zu Kräften kommen zu können. Als 8 Jahre später 
der einzige noch übrige Aldermann aus dem Leben verschied; wurde 
seine Stelle nicht wieder besetzt. Und wie ganz anders war der 
Geist der einst so übermüthigen Gesellen geworden! Der alte 
Holberg durfte von ihnen um die Mitte des Jahrhunderts sagen: 
„man muss gestehen, dass die Kontorschen sich gegenwärtig sehr 
wohl aufführen und deshalb heutigen Tags eben so sehr verdienen 
gerühmt zu werden, als ihre Vorfahren getadelt werden mussten". 
Höchstens bei einer Schlägerei der Jungen mit den Lateinschülern, 
wobei die Bürger der Stadt das zuschauende Publikum bildeten, oder 
unter dem Sing und Sang, welcher beim Herumtragen der Martins- 
gans erschallte, mochte sich Jemand der Vergangenheit erinnern. 
Auf der Brücke herrschte die Sanftmuth des Sterbenden. Noch 
eine kurze Spanne Zeit und die Altersschwäche hatte obgesiegt. 



NACHTRAG 

ZUR GESCHICHTE DER 

STADTVERFASSÜNG VON CÖLN 

IM MITTELALTER. 



VON 



CARL HEGEL. 



Hansische Geschichtsblätter. VII. 8 



Der verdiente Geschichtschreiber der Stadt Cöln, Herr Stadt- 
archivar Dr. Ennen, hat ia seiner Recension über die Chroniken 
von Cöln Bd. 2 und 3 (Hansische Geschichtsbl. 1876, S. 223 — 244) 
meine auch im Separatabdruck erschienene Einleitung über die 
Geschichte der Stadtverfassung mit vieler Sachkenntniss, wie nicht 
anders von ihm zu erwarten war, beurtheilt Ich erfreue mich 
semer Zustimmung im Ganzen und in den Hauptpunkten, auf 
wdche es bei der Darstellung der geschichtlichen Entwickelung am 
meisten ankam, und ich bin ihm auch dankbar, wie er mit Recht 
voraussetzt, für* die Berichtigung „einzelner geringer Irrthümer"; 
seine entgegenstehenden Ansichten fordern zu wiederholter Prüfung 
auf; insbesondere sind die erst in jüngster Zeit dem Stadtarchiv 
einverleibten Urkunden, auf welche er sich bezieht, zu berück- 
sichtigen; ihrem „klaren Inhalt" dürfte Niemand widersprechen. 

Dass die von Ennen beigebrachten Berichtigungen bei einem 
so schwierigen Gegenstand, wie die Stadtverfassung von Cöln, und 
bei einem so reichen und schwer übersehbaren geschichtlichen 
Material, welches dennoch Manches im Dunkeln lässt, in der 
That nur einzelne Nebenpunkte betreffen, und dass ihre Menge 
im Ganzen nicht grösser ist, konnte mir nur zur Genugthuung 
gereichen. Es wird aber durch eine kurze Erörterung möglich 
sein, deren Zahl noch bis auf ein Minimum zu verringern, sei es, 
<lass sie sich als blosse Missverständnisse ausweisen, oder dass die 
Verständigung durch Modification eines zu allgemein gefassten 
Ausdruckes leicht erreicht werden kann. 

I. Ennen gibt zu, dass die ^^eigentlichen" Ministerialen des 
£rzbischo<8 einen höheren Stand, als Ritterstand, neben Geistlich- 
keit und Add, wie ich S. LXII ff. dargethan habe, bildeten, bleibt 

8* 



— ii6 — 

aber dabei, dass die Bezeichnung von Ministerialen auch für die 
niederen Bediensteten des erzbischoflichen Hofs gebraucht worden 
sei. Ich vermisse dafür immer noch den Beweis. Im Calendarium 
der Domcustodie, welches Ennen, Geschichte 2, S. 428 in der Note 
angeführt hat, heissen die dort aufgeführten Beamten nicht Mini- 
sterialen, sondern allein die als besondere Kategorie vorkommen- 
den Ministeriales s. Petri (s. Quellen 2, S. 566). Als gleichbedeu- 
tend mit den Officialen von St. Lorenz findet Ennen die Mini- 
sterialen in dem Ausdruck einer Urkunde (gegen iioo): hoc fac- 
tum est coram judice et coram ministerialibus s. Laurentii et 
scabinis. Da die Urkunde selbst nicht mitgetheilt ist, lässt sich 
nicht ersehen, warum hier ministeriales und nicht officiales oder 
officiati s. Laurentii genannt sind: für gleichbedeutend mit den 
Amtleuten des Kirchspiels kann ich sie doch nicht halten. Die 
Amtleute der Kirchspiele waren Corporationen aus den "Eingesessenen 
für die Verwaltung und die freiwillige Gerichtsbarkeit, und als 
solche nicht Dienstleute, sei es des Erzstifts oder anderer geist- 
licher Stifter. 

2. Die charakteristische Verpflichtung der Ministerialen liegt 
in dem Hofdienst und in dem Kriegsdienst, von welchem letzteren 
keineswegs, wie Ennen sagt (S. 228), der Vogt und KSmmerer über- 
haupt befreit waren, weil sie sich nur mit der Verwaltung befasst 
hätten, denn die Stelle des Cölner Dienstrechts (Quellen i, S. 212), 
worauf sich die Behauptung gründet, handelt allein von dem Heeres- 
zug über die Alpen zur Kaiserkrönung, wobei gesagt ist, dass 
jene beiden zu Hause bleiben sollen, der Vogt, um die Einkünfte 
aus den erzbischoflichen Höfen, der Kämmerer, um die aus Zoll 
und Münze zu verwalten. 

Ueber die Verhältnisse der Ministerialen im Allgemeinen habe 
ich in einer Note auf die neueste vorzügliche Ausführung von 
Waitz, Verf. Gesch. Bd. V verwiesen und nicht für nöthig gehalten 
zu bemerken, dass die seiner Zeit recht verdienstliche Schrift von 
Fürth grösstentheils veraltet ist; diese sonst zu citiren, hatte ich 
keine Veranlassung, auch nicht für den Abdruck des Cölner 
Dienstrechts, das dort wie in Quellen Bd. i nur nach Kindlinger 
gegeben ist. 

3. Dass als Kämmerer von Cöln S. LXXI durch mein blosses 
Versehen die von Bergheim statt von Bachem genannt sind, ergibt 



— 117 — 

sich schon aus der dazu in der Note citirten Urkunde vom J. 1265, wo 
unter den anderen Ministerialen Godefridus de Bagheim camerarius steht. 

4. lieber die Münzerhausgenossen von Cöln bemerkt Ennen 
(S. 22S)f dass sie unzweifelhaft erzbischöfliche Beamte waren, und 
beruft sich auf das Originalsiegel derselben mit dem Bilde des 
h. Petrus unter einer Burg, womit ihre engere Verwandtschaft mit 
dem erzbischoflichen Hause angedeutet sei. Das erstere ist keine 
Berichtigung: nur dass die Münzer ebenso wie die Zöllner, wenn- 
gleich Beamte des Erzbischofs, darum doch nicht dem Stande der 
erzbischöflichen Ministerialen angehörten, habe ich in meinem £x<- 
curs über die Münzerhausgenossen beweisen wollen. Das andere 
betrifft meine Erklärung des Wortes Hausgenossen, nicht als Ge- 
nossen des erzbischöflichen Hauses oder Hofes, wie es gewöhnlich 
genommen wird, sondern als Genossen der Corporation, welche 
ihren Sitz im Münzerhause hatten, wie auch selbst die Ministerialen 
von St. Peter im Dienstrecht Hausgenossen, domestici, genannt 
werden, nicht in Bezug auf den Erzbischof, sondern allein in ihrem 
genossenschaftlichen Verhältniss unter sich. Und für diese all- 
gemeine Deutung spricht selbst das von Ennen angeführte Beispiel 
der Hausgenossen unter Lan auf dem Altmarkt, welche so heissen 
als Genossen dieses Gerichtsbezirks. 

5. S. LXXV meiner Schrift steht: „Ein grosser Theil von 
Grund und Boden innerhalb der Stadt war Eigenthum der geist- 
lichen Stifter und Klöster. Der Erzbischof oder das Stift St. Peter 
war Grundherr von einem ausgedehnten Bezirk der Altstadt und 
noch von anderen zerstreuten Hausplätzen in verschiedenen Stadt- 
tbeilen. Die meisten Hausplätze oder Hofstatten (areae) waren in 
Erbleihe vergeben'* u.s. w.. Hierzu bemerkt Ennen : „Hegel irrt, wenn 
er sagt, die meisten Hausplätze seien mit Hofzins belastet gewesen. 
Gerade in der Altstadt waren die meisten Häuser und Hausplätze 
freies Eigenthum". Diese Correctur beruht auf Missverständniss. 
Ich rede nicht von den Hausplätzen der Stadt überhaupt, sondern 
von denjenigen, welche den geistlichen Stiftern gehörten: von diesen 
waren die meisten in Erbleihe vergeben; und unter der Altstadt 
verstehe ich hier nicht bloss die ursprüngliche Römerstadt, sondern 
auch das sehr früh zu dieser hinzugezogene Inselrevier am Rhein, 
wo der Altmarkt lag und der Erzbischof ausgedehnten Grundbesitz 
hatte, s. S. XXVI Note, vergl. Ennen, Gesch. i, S. 415. 



— ii8 — 

6. Bekannt genug ist der allgemeine Unterschied von oiriis 
oder curia und domns, worüber mich Ennen belehrt. Ich habe 
mit dem allerdings zu kurz gefassten Ausdruck, dass die angebaute 
area einen Hof, domus oder curtis bildete (S. LXXVI), nicht sagen 
wollen, dass beides gleichbedeutend sei, sondern dass auch domus, 
was gewöhnlich ein einzelnes Haus bedeutet, bisweilen von einem 
Hof mit den dazu gehörigen Gebäuden verstanden werde, wofür 
in der Note die urkundliche Stelle dtirt ist: quoniam autem pre- 
fatae domus area lata est et spadosa et edificiis in ea oonstruendis 
idonea, und ich hier noch als ein andres Beispiel hinzufüge: La- 
comblet II, nr. 307 Urk. von 1246, worin Graf Heinrich von Saya 
de domo nostra quam emimus in Colonia erga fratres minores, 
und zwar mit Bezug auf Garten und Gebäude (de orto et edifidis) 
Bestimmung trifft und das Ganze als omnia edificia cum area zu* 
sammenfasst So heisst auch der bekannte stattliche Brabanter 
Hof in der Urk. des Herzogs Heinrich von Brabant von 1238 
(Qu. 2, S. 155) domus cum curia adjacente oder schlechtweg domus 
(in predicta domo). 

7. Ennen bemerkt (S. 230): „Es widerspricht den Urkunden, 
wenn Hegel dem Burggrafen allein die Bezeichnung prefectus urbi» 
zukommen lässt (S. LXXXIII). Auch der Vogt erscheint wieder- 
holt als praefectus, wie in unseren Urkunden des 12. Jahrh. Burg* 
graf und Vogt zusammen praefecti genannt werden. So: — urbis 
praefectis Herimanno comite et advocato Ricolfo — coram prae* 
fectis urbis, sdlicet comite Henrico et advocato Ricolfo". Hieraus 
ergibt sich jedoch nur, dass der Ausdruck Stadtpräfect bisweilen 
auch in weiterer und ungenauer Bedeutung von bdden Stadt* 
richtern gebraucht wird, nicht aber, dass er in der spedellen und 
eigentlichen, ebenso wie für den Burggrafen, auch für den Stadt* 
vogt vorkommt 

Der Burggraf heisst schlechthin urbis prefectus im Unterschied 
von dem advocatus, wofür ich S. XXIII dtirt habe: Hermanno 
advocato, Udalrico urbis prefecto; Franco urbis prefectus, Ruker. 
advocatus noster und S. LXXXIII Heinricus de Arberg, prefectus 
urbis. Mdne Behauptung, welche lediglich dahin ging, dass der 
Burggraf bald urbis prefectus, bald urbis comes und noch anders 
lateinisch benannt werde, widerspricht nicht den Urkunden. 

8. Bezüglich der Stadtvögte von Cöln gibt Ennen die Be* 



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richtigQng (S. 232): „Sicher ist, dass die Vögte Gerhard und Rutger 
im 14. Jahrh. nicht dem Geschledite von Eppendorf, wie Hegel 
S. CLXXVII angibt, sondern dem von Alpen angehörten'*. Hier- 
bei scheint übersehen was auf der folgenden Seite von mir gesagt 
ist: Das Geschlecht der Eppendorf nannte sich von Alpen, nach- 
dem di» Burg dieses Namens im J. 1330 an den Erbvogt Rutger 
übergegangen war, wozu Fahne's Buch über die Geschlechter S.6 
citirt ist. 

9. Werthvoll ist mir die, wenn auch, mit Zurückhaltung aus- 
gesprochene Zustimmung Ennen's zu meiner Ansicht über die Ent- 
stehung der Richerzeche, womit wohl auch seine frühere Ableitung 
derselben von der alten Kaufmannsgilde von Cöln, über welche 
er Gesch. r, S* 531 ff. so viel zu sagen wusste, aufgegeben ist 
Den Bestand dieser früh verschollenen Gilde habe ich keineswegs 
bekämpft, sondern vielmehr ausdrücklich anerkannt (S. CXXVIII); 
aber alles was man von ihr weiss, beschränkt sich auf die Er- 
wähnung eines negotiatorum prepositus zu Cöln im ii. Jahrh. und 
die Ueberschrift einer Pergamentrolle mit vielen Namen: frater- 
nitas mercatorum gilde. Die Richerzeche war keine Kaufmanns- 
gMe und hatte nichts mit Kaufmannschaft zu thun, sondern eine 
Corporation von Grossbürgern, welche ihren Sitz im Bürgerhause 
(domus civium) hatte und die jährlichen Bürgermeister (magistri 
civium) wählte, welche zugleich die Vorsteher der Corporation 
waren: sie erscheint nicht früher als in der 2. Hälfte des 12* Jahr- 
hunderts, und ihr Name ist erst seit dem 13. bezeugt; ich sehe in 
ihr nicht den Anfang, sondern den Abschluss des Patriciats. 

10. Unter anderen Rechten der Richerzeche habe ich ihr 
die Befugniss zugeschrieben, mit den Schöffen zusammen den Ur- 
kundenschrein der Stadt und der Bürger zu bewahren und Urkun- 
den über Grundbesitz auszustellen, darauf bezügliche Rechtshand- 
lungen zu beglaubigen. Dies stützt sich auf Art 32 des Schieds- 
spruchs von 1258: Item quod cum aliquis bona sive hereditatem 
ad se legitime devolutam petit scripturam sibi fieri super bonis 
hojusmodi in domo civium vel parrochiaü, ipsi offidales et sca- 
bini pro hujusmodi scriptura plus debito et in immensum requi- 
runt, wonach Veränderungen des Grundbesitzes verlautbart wurden, 
sei es im Bürgerhause bei dem Schöffenschrein der Stadt, sei es 
in einem Burhause bd dem Kirchspielsschrein, und Urkunden dar- 



— 120 — 

Über in beiden Fällen ausgestellt wurden von officiales et scabini, 
d. L im ersteren Falle von den OIBcialen, wie ich meine der 
Richerzechei und den Stadtschoffen, im anderen Falle von den 
Amtleuten und Schöffen des Kirchspiels. 

Beispiele der letzteren Art sind bekannt genug; als ein Bei- 
spiel der ersteren aber habe ich eine Urkunde von 1177 (Qu. i, 
S. 576) angeführt, nach welcher die Uebertragung eines der Abtei 
von St Trond gehörigen Hauses in Cöln coram magistris civium 
Waldevero et Gerardo aliisque omnibus und in Gegenwart von 
Geistlichen und vornehmen Laien geschah, wo unter magistri ci- 
vium ofienbar die Bürgermeister und Vorsteher der Richerzeche 
zu verstehen, die Schöffen aber, wie auch häufig bei Eintra- 
gung von Besitzveränderungen in den Kirchspielhäusern, ganz 
übergangen sind. Ohne diese Beweisstellen zu berücksichtigen 
oder eine andere Erklärung derselben zu geben, nimmt nun Ennen 
(S. 234) jene von mir behauptete Befugniss der Richerzeche , in 
welcher Heusler, Ursprung der deutschen Stadtverfassung S. 187, 
sogar die Hauptfunction und das ursprüngliche Wesen derselben 
erkennen wollte, überhaupt in Abrede, und zwar mit dem Be- 
merken, dass er in keiner einzigen von den tausenden Schreins- 
urkunden, die er gesehen, einen Offidal der Richerzeche nach 
dieser Richtung thätig gefunden habe. Ich kann dieser allgemeinen 
Versicherung nicht widersprechen, ausser durch den Hinweis auf 
die vorhin angeführten Beweisstellen, und möchte demnach an- 
nehmen, dass die Bürgermeister und Officialen der Richerzeche 
jene Function als Urkundspersonen bei der freiwilligen Gerichts- 
barkeit bald verlorea haben, wie sich denn auch bei Aufführung 
ihrer Gerechtsame und Befugnisse im 14. Jahrhundert davon keine 
Erwähnung mehr findet (S. CXCV). 

II. Weiter gibt Ennen aus Schreinskarten des 12. und 13. 
Jahrhunderts, worin ich das von ihm angedeutete, mir noch nicht 
zugänglich gewesene Material erkenne, nähere Mittheilung über 
das Verfahren bei Uebertragung von Grundbesitz in den Gebur- 
oder Amtleutehäusern der Kirchspiele und Vorstädte, namentlich 
über die Gebühr (testimonium), welche für die Eintragung ent- 
richtet wurde. Eine Berichtigung des von mir über die Burge- 
richte Gesagten (S. CXIX— CXXVI) finde ich nur bezüglich der 
Besitzübertiagungen der Juden, wo Ennen bemerkt: „Das Eigen- 



— 121 — 

thom der Juden wurde nicht in einen besonderen Judenschrein 
eingetragen, sondern in die Karten und Bücher der Officialen von 
St. Lorenz'', während meine Behauptung, dass dasselbe »»bei dem 
besonderen Judenschrein zu St Lorenz durch die Beamten des 
Kirchspiels in die Grundbücher eingetragen wurde" nur um eine 
geringe Nuance davon abweicht. 

12. Ueber die Juden in Cöln habe ich S. CXXXIX gesagt, 
dass sie laut der ihnen ertheilten Schutzprivilegien für die ihnen 
auferlegten jährlichen und ausserordentlichen Geldzahlungen frei 
waren von aUen bürgerlichen Steuern und Lasten^ wie von dem 
Kriegsdienst, ausser dass sie in Kriegszeiten ein Stadtthor, die 
Judenpforte, zu bewachen hatten, sowie dass sie durch die ihnen 
zugestandene Autonomie der Gerichtsbarkeit, unter gewissen Vor- 
behalten frei waren von den geistlichen Gerichten wie von dem 
Stadtgericht Das eine wie das andere stützt sich auf die cttirten 
Privilegien, welche freilich nicht ohne Widerspruch seitens der 
Geisüichkeit, wie seitens der Bürger blieben (S. CCXX u. CCXXII). 
Ennen verweist dagegen auf den Schöffeneid:- „den Christen wie 
den Juden und den Juden wie den Christen Recht zu sprechen^' 
und bemerkt, dass die Juden ebenso gut wie alle Bürger Accisen 
und andere städtische Abgaben hätten entrichten müssen. In Be- 
zug auf letztere finde ich bei wiederholter Erwägung der bezüg- 
lichen Stellen in den Privilegien, z. B. in dem erzbischöflichen von 
1362 (Lacomblet 3, S, 17): £t per hoc dicti Judei ab omni ex- 
actione et prestatione qualibet liberi et quiti erunt a nobis et soluti, 
und in dem städtischen von 1373 (ebend. S. 646): „von den 
saichen — id sy an waichen, an Schätzungen, an helpen, an bee- 
den, of an eincher cost die dartzu geburde, der soilen S}r quit, 
los ind leedidi syn", dass diese Worte in ihrem Zusammenhang 
allerdings nur die Befreiung von den ausdrücklich genannten Lei- 
stungen enthalten, und ich gestehe daher, dass der von mir ge- 
brauchte Ausdruck „frei von allen bürgerlichen Steuern und Lasten" 
zu weit geht Ebenso werden auch die auf das Jndenrecht und 
Judengericht bezüglichen Bestimmungen — wie in dem Rathsstatut 
von 1327, dass man Schuldklagen nur bei dem Bischof und Capitel 
der Jndenschaft anbringen und das Recht nach dem Urtheil der 
Mehrheit des Capitels nehmen soll (Qu. i, S.' 12, vergl. die Raths- 
verordnung von 1347 in Verf. Gesch. von Cöln im Urk. Anhang 



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nr. 2), und der ganz allgemein lautende Satz des ersbischöf liehen 
Privilegs: quod ipsi judei et aliquis eorum coram quocunque ju- 
dice ecclesiastico seu mundano a quocunque homine, cujuscunque 
dignitatis aut conditionis existat, super quacunque re non de- 
beant conveniri, nisi coram suo pontifice (Lacomblet 3, 
S. 240), worüber sich das Domcapitel bei £rzb. Walram beschwerte 
(Verf. Gesch. S. CCXX) — nicht so aufzufassen sein, dass da- 
durch die hohe Gerichtsbarkeit des Erzbischofs und der Schöflfen 
überhaupt ausgeschlossen war. 

13. lieber die Einrichtung des engen und weiten Raths be- 
merkt Ennen (S. 234): sie scheine nach dem Wortlaut des Eid- 
buchs von 1321 nicht lange vor diesem Jahre eingeführt worden zu 
sein; denn in diesem Eidbuch sei auf den Eidbrief des vorher- 
gehenden Raths Bezug genommen, worin über die fragliche In- 
stitution Festsetzungen getroffen zu sein scheinen. Bei diesen 
bloss scheinenden Vermuthungen sind die Beweise, welche ich S. 
CXVIII für den früheren Bestand eines weiteren Raths neben dem 
engen geltend gemacht habe, gar nicht berücksichtigt, während 
doch die Stelle im Eingang des Eidbuchs von 1321 (Qu. i, S. i), 
auf welche sich Ennen bezieht: dit boich, dat man hejst das eydz 
boich, dat dat mallich haldin sal geliche dem breive den der Rait, 
de vur uns neiste sas, machde'' nichts als die Bestätigung des 
vorausgegangenen Eidbriefs enthält, woraus weder folgt, dass 
dieser Eidbrief überhaupt der erste, und noch weniger, dass die 
Einrichtung der zwei Räthe eine ganz neue war. 

14. Für die Behauptung Ennen's, dass die Rathsfahigkeit J>ei 
dem engen Rath nur auf 15 genannte Geschlechter beschränkt 
gewesen sei (Gesch. 2, S. 485), fand ich den Beweis nicht in den 
dort citirten RaJthsverzeichnissen (Qu. i, S. 77). Wenn derselbe 
jetzt seine Meinung dahin erläutert, dass unter jenen Geschlechts- 
namen ganze Geschlechtergruppen mit verschieden benannten Ge- 
schlechtern zusammengefasst seien, so vermisse ich auch dafür 
immer noch den Beweis bezüglich des Bestandes solcher Geschlechter- 
gruppen, welche man sich demnach als eigentliche Geschlechter- 
verbände mit politischer Bedeutung zu denken hätte. 



KLEINERE MITTHEILUNGEN 



I. 

zu DEN VERHANDLUNGEN DER HANSE MIT 

ENGLAND. 
1404—1407. 

VON 

REINHOLD PAULI. 

Die Ursachen, ans denen die am 21. Augast 1388 zwischen 
dem Hochmeister von Preussen und Konig Richard IL von Eng» 
land geschlossene Compositio schon nach zehn Jahren wieder ausser 
Kraft gesetzt wurde'), erhellen jetzt vollständig aus dem 4. Bande 
der Hanserecesse von Koppmann. Die preussischen wie die Hanse- 
städte beschwerten sich mit Recht über neue Auflagen (unrechte 
kostmne), die den alten Privilegien zuwider die englische Regie- 
rung von ihrem Handel erheben liess. Sie entgalten diese Unbill 
mit Massregeln gegen das englische Tuch, welches Stadt und 
Land überschwemmte. Aller Umsatz desselben wurde streng ver- 
boten und um den durch englische Repressalien zugefügten Schaden 
zu vergüten in Danzig grosse Mengen confisciert und verkauft. Die 
Engländer, denen ihre Regierung seit 1391 eigene Gubematoren (Alder- 
männer oder Consuln) für Preussen, Schonen, den Sund und die 
Hansestädte bestellte, erstrebten dagegen vergeblich von den Oster- 
lingen ähnliche Privilegien, wie deren Vorfahren sie längst in Eng- 
land genossen. Gleichzeitig aber war durch die Vitalienbrüder, 
hinter deren Treiben manche Gewaltthat von hansischer und eng- 
lischer Seite sich versteckte, die Schiffahrt in Ost- und Westsee 
überaus gefährdet. Endlich wirkte der Thronsturz Richards U. 

') Beschluss zu Marienburg 23. JaDiiar 1398: Hanserecesse 4, N. 424 §3* 
Der Hochmeister Konrad von Jnngingen an Richard II., 2. Febr^ N.. 433. 
Englische Empfangsbescheinigung in Danzig, 31. Oct.: N. 503 § Z2. 



— 126 — 

durch Heinrich von Lancaster, wie er seit dem September 1399 
das englische Staatswesen tief erschütterte, nicht minder bedrohlich 
nach aussen. Zum Glück jedoch stand der neue Fürst, Heinrich IV., 
von der Kreuzfahrt her, die er einst im Jahre 1390 an der Seite 
der Ordensritter von Königsberg aus gegen die Litthauer unter- 
nommen, in Preussen in gutem Andenken und war seiner Ver- 
pflichtungen wenigstens, in so weit eingedenk, dass er durch An- 
schreiben bereits vom 6. December nicht nur den Hansen die alten 
Freiheiten bestätigte, sondern dem Hochmeister und den deutschen 
Städten die Hand zu einem Vergleich lieh^). Wie freundlich nun 
aber auch der Ton sein mochte, in welchem der Hochmeister die 
Correspondenz wieder aufnahm % so zogen sich doch die erbitterten 
Streitigkeiten in den Häfen beider Theile sowie die Gewaltthatig- 
keiten auf offener See noch mehrere Jahre hin, bis, sobald die 
inneren Wirren Englands leidlich beigelegt waren, im Jahre 1405 
ernstliche Verhandlungen in Fluss kamen. 

Mit diesen Bemerkungen erlaube ich mir eine Anzahl erst 
kürzlich aufgefundener Actenstücke in Abschrift zu überreichen, 
welche auf diese Verhandlungen Bezug haben und deshalb den 
Herren Koppmann und Höhlbaum für die WeiterfQhrung der Re- 
cesse wie des Urkundenbuchs willkommen sein dürften. £s sind 
Originalien aus den Jahren 1404 bis 1407, welche an einem Orte 
zum Vorschein kamen, wo nicht so leicht jemand nach Hanseakten 
suchen würde, nämlich im Capitelarchiv des Erzstifts von Canter- 
bury. Nachdem mir im fünften Parlamentsbericht der hochverdienten 
Royal Commission on Historical Manuscripts, durch welche seit 
einigen Jahren in Grossbritannien alle Handschriften, Urkunden und 
Documente jeder Art, die Privatbesitz oder corporatives Eigenthum 
sind, verzeichnet werden, die entsprechende Notiz Fifth Report 1876 
S. 443 aufgestossen, habe ich im letzten Herbst einen Besuch in 
Canterbury dazu verwendet um zum Theil mit befreundeter Hilfe 
abzuschreiben und auszuziehen was sich irgend wie entziffern Hess. 

Die Pergamente und Papiere, die an einzelnen Stellen stark 
gelitten haben, stammen ohne Frage von dem Ritter William 
Esturmy her, den Heinrich IV. am 11. Mai 1405 nebst zwei Genossen 



') Rymer, Foedera 8, S. 112. 

') Voigt, Geschichte Preussens 6, S. 289. 290. 



— 127 — 

zn Verhandlnngen mit den Vertretern des Hochmeisters Conrad 
und der deutschen Hanse bevollmächtigte'). Da meine Nachfor« 
schnngen, weshalb dies Aktenbändel an das . geistliche Stift ge- 
rathen, ohne Ergebniss geblieben, kann ich nur Vermuthung aus- 
sprechen. Sir William Esturmy war Gutsherr zu Chadham in 
Wiltshire. Da er 13 Ric. II. (22. Juni 1389 — 21 Juni 1390) seine Tochter 
und Miterbin (coheir) an Sir Roger Seymour verheirathet% hinter- 
liess er vermuthlich keine männlichen Erben. Nach ihm scheint 
der Name Esturmy (auch Esturmyn, Stnrmj, Sturmyn) in der Gentry 
ausgestorben. Sir William aber, der schon unter Richard II. in 
einem parlamentarischen Schiedsspruch mitwirkte^), wurde von 
Heinrich IV. im Frühjahr 1401 in den Geheimen Rath gezogen^), 
im Herbst 1402 als Vertrauensmann bei einer Anleihe für die 
Grafschaften Hants und Wilts verwendet^) und war im Herbst 1404 
Sprecher des Unterhauses^. Mit Vorliebe aber hat ihn der König 
zu diplomatischen Sendungen, besonders zu den Deutschen ver- 
wendet, im Jahre 1401 um die Huldigung des Herzogs von Gel- 
dern entgegen zu nehmen^), im Jahre 1402 um die Mitgift seiner 
Tochter Bianca bei der Vermählung mit Pfalzgraf Ludwig, dem 
Sohne des römischen Königs Ruprecht, festzustellen % Beide Mal 
begegnet Esturmy in Verbindung mit Johannes Kington, Canonicus 
von Lincoln, der ihn nun auch 1405 wieder ins Ausland begleitet, 
während als drittes Mitglied der Botschaft ein Londoner Bürger, 
William Bramptou, beigegeben wurde. Letzterer muss nach An- 
deutung der Documente zwischen dem 8. October und dem 15. De- 
cember auf der Reise von Preussen nach Holland vermuthlich in 
einer deutschen Hansestadt gestorben sein. Da Esturmy selber 
bei diesen Anlassen zuletzt in königlichen Vollmachten vom 20. 

*) Rymcr, Foedera 8, S. 395. 

') Englisb Baronetage 1741, i, S. 88. 

3) Rot Pari, in, S. 302. 16 Ric. H (1392/3) 

4) Proceedings of the Privy Council ed. Sir H. Nicolas I, S. 126. 
März v. April 1401. 

5) Proceedings U, S. 73* 4 Henr. IV Oct. 21. 1402. 

^) Rot. Pari, ni, S. 546. 6 Henr. IV (Oct. 7. 1404) als Mitglied 
far Devonshire, wo er also auch begütert war, Stubbes, Const. Hbt. of 
England 3, S. 47. 

7) Rymer 8, S. 189. 191. 20. April, 3. Mai 1401. 

•) Rymer 8, S. 215. 249. i. Aug., 18. November 1402. 



— 128 — 

nnd 22. Juli 1407 *) und in zwei angedruckten Transsumpten vom 
24. Juli erwähnt wird und da in den Actenstücken über den Ab- 
schluss der Verhandlungen im Jahre 1409 Richard Marlawe der 
Mayor von London an seiner Stelle erscheint^, wäre es möglich, 
dass auch ihn bei seinen Hin- und Herreisen am Schreine des h. 
Thomas von Canterbury, an der grossen Strasse vom und zum 
Canal, der Tod überrascht hätte, wenn nicht der unter Heinrich V. 
im Jahre 1418 als Gresapdter an Jacobäa von Bayern, Herzogin 
von Holland, abgefertigte William Esturmy noch immer dieselbe 
Person sein könnte. Vielleicht Hesse sich vermuthen^), dass sein 
Aktenbündel mit der Leiche Heinrichs IV., des einzigen im hohen 
Chor zu Canterbury bestatteten englischen Herrschers, im Jahre 
1413 in weiter nicht zu erklärender Weise dorthin verschlagen wurde. 

Die Zahl der Dokumente belauft sich auf 13; eins derselben 
ist das Gegenstück zu Lüb. U. B. 5, Nr. 138. Auf die Einzelheiten 
der Verhandlungen vermögen wir hier ebenso wenig einzugehen, 
wie auf den Abschluss der neuen Compositio zwischen den Be- 
theiligten. Aus den Obligationen des Hochmeisters Ulrich von Jun- 
gingen und Hamburgs vom 10. October 1409 wissen wir jedoch, 
dass als Ergebniss der langjährigen Unterhandlungen die Preussen 
mit zwei Summen zu 5318 '/a Nobel und zwei zu 10,637 Nobel, 
die Hansen mit 415 Nobel entschädigt wurden*), während die Eng- 
länder für die durch die Danziger verübten Seeraubereien nur 200 
Nobel Entschädigung erhalten haben sollten^. 

Auch noch auf eine andere Gruppe denselben Verhandlungen 
angehöriger und bisher ungedruckter Documente bin ich im Stande 
hinzuweisen. Sie stecken in dem grossen Raube, den einst in den 
Lottertagen König Jakobs I. Sir Robert Cotton ungestraft im eng- 
lischen Staatsarchiv ausführen durfte, heute glücklicher Weise im 
Britischen Museum, nämlich in Ms. Vespasian F.i. und Nero B.IL 
erhalten, und sind von mir vor Jahren gleich vielen anderen Ur- 
kunden aus England im Auftrage der Berliner Akademie für die 
dortige Bibliothek abgeschrieben worden. 



')'Rymer 8, S. 492. 494. 

') Rymer 8, S. 612, 24. Nov. 1409. 

3) Proceedings II, S. 241, 3. März 1418 cf. S. 343, 

4) Rymer 8, S. 60I. 603. 

5) qakluyt, Voyages I, S. 181. 



m0^0^^^i^^^^^i0^^^^^t0^^^^t^ 



V . . .. '^ -v v-^' •» . ' »»* 



IL 

NOTIZEN UEBER OSTERLINGE UND STAHL- 
HÖFE. 

VON 

REINHOLD PAULI. 

Volkswirthschaftliche Denkschriften aus der Reformationsepoche 
Englands, die ich im Jahrgang 1878 der Abhandlungen der 
Gottinger Societät der Wissenschaften veröffentliche, berühren 
mehrfach das staatsrechtliche Verhältniss zwischen England und 
der Hanse, den Stahlhöfen in London und anderen englischen 
Städten insbesondere. Diese Schriftstücke sind unter den von 
Heinrich VIII. im Jahre 1540 mit Beschlag belegten Papieren 
Thomas Cromwells, des „Hammers der Mönche", zu Tage ge- 
kommen und etwa um das Jahr 1535, also noch geraume Zeit vor 
der Zurücknahme der alten hansischen Privilegien durch die Re- 
gierung Eduards VI. im Jahre 1552 verfasst wordep. Nicht nur 
der heftige Andrang der Merchant Adventurers, ein feindseliger, 
stark protectionistischer Zug macht sich in ihnen geltend, sondern 
es begegnet namentlich die Auffassung von zwei verschiedenen, in 
der Gegenwart nicht mehr gleichmässig zu Recht bestehenden 
Hansen der Deutschen, worin ohne Frage eine unklare Erinnerung 
an die Zulassung Lübecks und der wendischen Städte in das ur- 
sprünglich von den Kölnern und ihren Genossen behauptete Lon- 
doner Gildehaus, an die Verschmelzung der Handelsinteressen der 
Ostsee und der Westsee auf dem englischen Markt fortlebt, die 
sich bekanntlich gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts nicht ohne 
Herzeleid und heftigen Widerstand vollzog *). 



') Koppmann, Hanserecesse i, S. XXVI— XXVIII. 
Hantische Geschichtsbrätter. VII. 9 



— 130' — ^>i^ ^^ 

Ich will hier nur behufs weiterer Verwendung und Aufklärung 
die betreffenden Stellen in Uebersetzung mittheilen. Die erste in 
einer Denkschrift eines gewissen Clement Armstrong, eines Kle- 
rikers, wie ich vermuthe, wovon das Original theilweise in unserer 
Festgabe S. 10 No. i ausgezogen ist, lautet: 

„Es giebt zwei Hansen der Osterlinge. Die eine ist die alte 
Hanse der Preussen, die aus den kalten Gegenden des Ostens 
kommt, wo Frost und Schnee acht Monate des Jahres herrschen. 
Sie kommen nur einmal im Jahre und bringen an England nütz- 
lichen Waaren: Pech, Theer, Daubenholz, Wachs, Fleisch undAehn- 
liches. Und um ihre Bedürfnisse einzukaufen, bringen sie Gold 
und Silber in Barren, woher der Name Sterling Silber entstanden 
ist. Die andere Hanse dagegen ist die der Osterlinge, Kaufleute 
der Hansestädte in Deutschland. Sie fügen England, weil man 
sie so duldet, viel Schaden zu. Sie pflegten einst meisb Gold- und 
Silberbarren aus Schwatz nach England zu bringen. Das ganze 
Jahr hindurch führen sie grosse Massen Tuch aus. In der Regel 
kaufen sie es nur gesponnen, gewebt und gewalkt, aber ungefärbt 
und ohne andere Bearbeitung, so dass sie ihrem eigenen Volk zu 
arbeiten geben. Und da sie keine deutschen Waaren einzuführen 
haben für so viel Tuch, welches sie früher mit Gold und Silber 
in grosser Menge bezahlten, führen sie seit dreissig Jahren aller- 
hand, fremde Artikel aus anderen Ländern ein: Wein aus Spanien, 
Alaun aus Italien, Krapp aus Flandern, ja Seide und Leinwand 
und alle möglichen anderen Gegenstände von den flandrischen 
Märkten um sie an die Londoner zu verkaufen und die Tuch- 
macher zu bezahlen, so dass sie nie mehr Gold und Silber in das 
Reich bringen. England ist daher vollgestopft, aufgespeichert und 
verpestet mit fremden Waaren, womit englische Kaufleute und 
die Osterlinge das Tuch bezahlen, so dass die Tuchmacher, indem 
sie dergleichen annehmen, das arme Volk verpesten und wenig 
Geld im ganzen Reiche zu finden ist, wodurch die Bedürftigkeit 
des Königs und seiner Lords gesteigert wird". 

Ich will nur hinzufügen, dass die Einfuhr von ungeprägtem 
Gold und Silber durch die Preussen auch durch das „Büchlein von 
englischer Staatsklugheit*' aus dem Jahre 1436 v. 316 ff. bestätigt 
wird, dass nach der Unterdrückung der Privilegien im Jahre 1552 
die Merchant Adventurers sich selber sogar die Neue Hanse zu 






— 131 — 

nennen wagten und dass nunmehr zu den von Lappenberg*) ge* 
sammelten Beispielen für die auch in englischer Sprache begeg- 
nende Bezeichnung Hanse Stedes gleichfalls die angezogene 
Stelle Clement Armstrongs: the Hansteddes of Almayn hinzu- 
kommt. Die uralte Wurzel von Stadt, die in der Zusammen- 
setzung altenglischer Ortsnamen niemals untergegangen, kam durch 
die officielle Bezeichnung der deutschen Seestädte im Volksmund 
wieder empor. 

. Derselbe Armstrong verherrlicht nuif ferner in gleichfalls un- 
gedruckten Sermonen die goldene Zeit, als £ngland noch nicht 
den Canal beherrschen wollte, als der flandrische Markt noch nicht 
die Handelswelt Westeuropas beherrschte und fremde Käufer noch 
baar bezahlten. Da findet sich folgender merkwürdiger Passus: 
„Damals gab es Stahlhöfe (stilierde) in den Häfen an der Ost- 
kuste, da mehr Osterlinge nach England kamen als gegenwärtig, 
weil unser Tuch jetzt gewöhnlich nach Flandern geht, wo man es 
billiger kaufen und seine Waaren dafür besser absetzen kann als 
in England. Da waren die Häfen, die einen Stahlhof haben, täg- 
lich in Gebrauch zu Hüll, York, Newcastle, Boston, Lynn und so 
auch in London . . . Damals lieh(lend) man noch nicht, wie heute die 
Tuchmacher aus Mangel an Absatz thun, um nur das Tuch an 
Osterling^ zu verkaufen, von denen einer wohl mit 2000, 3000 
Pfund und mehr durchgeht . • . Damals gab es in London keine 
fremden Kaufleute mit eigenen Häusern ausser die Osterlinge*'. 
So viel ich weiss, fehlt jede urkundliche Nachricht über deutsche 
Contore in Hüll, York und Newcastle, obwohl gerade von dort 
schon in den frühsten Tagen ein lebhafter Seeverkehr mit dem 
germanischen Festlande statt hatte. 

Auch für die Etymologie von Stahlhof (steelyard) dürften 
diese und ähnliche Stellen in Betracht kommen, denn dass die 
neuste Herleitung von stadel im Mittelniederdeutschen Wörter- 
buch IV, 351 fest stehen sollte, ist doch mindestens nicht zweifel- 
os. Obwohl ags. stadh Ufer, stadhol Gründang, Stiftung gut 
stimmen würden, fehlt der einheimischen englischen Form nicht 
nur dh sondern auch der a-Laut. Sie heisst stets steelyard; in 
älterer Schreibung stylyard, stilierd. Dazu stimmt allerdings 



') Urk. Gesch. d. bans. Stahlhofs in London i, S. 99 Anm. i. 

9* 



— 132 — 

nur ags. style, Stahl. Im Einklang damit beharren denn auch 
seit dem sechzehnten Jahrhundert die englischen Alterthumsforscher 
dabei, die Bezeichnung von Stahl herzuleiten, weil an der Stelle 
des hansischen Contors einst des Königs Wage mit dem stählernen 
Wagebalken gestanden habe. Gleichzeitig deutet dieselbe der han- 
sische Syndikus Heinrich Sudermann in einem Schreiben von 1586 
ganz ähnlich vom Strakerfelder und anderem deutschen Stahl, 
„welcher allwege durch die Hansischen frei eingebracht'* worden, 
Ennen, Hansische Geschichtsblätter 12^76, S. 23 Anm. i. Lappen- 
bergs Erklärung vom Stählen. des Tuchs, Urk. Gesch. d. hans. 
Stahlhofs in London I, 70 scheint dem Bremisch-niedersächsischen 
Wörterbuch IV, 988 entnommen zu sein. Die ältesten urkund- 
lichen Belege für die deutsche und die englische Form begegnen 
erst zur Zeit des Utrecht- Vertrags: Staelhof, Stylyard Juli 20. 
1474: Rymer XI, S. 793, le Stolehof, le Styleyerd Dec. 8. 1474: 
Lappenberg N. 123. 124. 

Eine andere Abhandlung endlich, die vielleicht demselben 
Armstrong angehört, schliesst mit dem Satze: „Die Osterlinge von 
Preussen und aus anderen Theilen des Ostlands sind vor Alters 
vortheilhafte Kaufleute für das Reich gewesen, ehe die Kölner von 
ihnen in ihr Haus aufgenommen wurden". Nach dieser Darstel- 
lung wird denn allerdings der wirkliche Hergang geradezu um- 
gekehrt, da die Homines Imperatoris aus dem Westen be- 
kanntlich die ersten waren und erst späterhin sich genöthigt sahen 
die Männer von der Ostsee in die Gildhalla Teutonicorum 
aufzunehmen. 




ni. 

„S T A H L H O F". 

VON 

KONSTANTIN HÖHLBAUM. 

Noch immer ergeht man sich gern in Zweifeln an der 
authentischen Interpretation des obigen Wortes, neue Erklärungs- 
versuche tauchen auf. Folgendes Dokument wird im Stande sein 
weitere Fragen nach der Bedeutung des Namens, den das Haus 
der hansischen Kaufleute in London und in andern Städten Eng- 
lands Jahrhunderte lang getragen hat, definitiv abzuschneiden. 

Graf Wilhelm V von Holland, Herzog von Baiern -Strau- 
bing und Ostervant, regelt die Einfuhr englischer Laken 
nach Zierikzee. — 1347 Mai 8. Middelbnrg. 
Reichsarchiv im Haag, Reg. OR in Beyeren cas. B 18 fol. 35. 
Willem hertoghe etc. maken cont allen lieden, dat wi willen: 
zoe wat portere van Zierixee Inghels ghewant haelt in Inghelant 
of doet haelen, dat laken moghen sy of haers selfs ghesinde wel 
draghen ende beseghen. Ende wat Inghelscer lakenen si bringhen 
in Zierixee, moghen sy wel doen ververwen, hoe si willen, ende 
weder uter porte voeren ende dan haer orbaer mede doen. Ende 
waert, dat sy enich Inghels ghewant brochten binnen Zierixee om 
binnen te vercopene, dat soe mochten sy vercopen ghelik^n, dat 
men anders uytlants ghewant vercoept binnen Zierixee, ende die 
moste hebben enen stal in die halle, ende tieghens elke eine In- 
ghels lakens, die twibreet wäre, souden sy 2 eine binnen maken 
ende tieghens die smale lakene jeghens elke eine eene of also 
vele lakens, dat binnen ghemaect wäre, daerjeghens copen. Ende 
waert, dat yement Inghels laken brochte om binnen te vercopene 
ende binnen al den jare niet soe vele en brochte, dat draghen 



— 134 — 

mochte om gheheel laken daerjeghens te makene of vercopene, 
die moesten tieghens maken of vercopen, als voirscreven is, maer 
van den stalle soude hi onghehouden wesen ende hi en mochts niet 
vercopen dan des saterdagbes in die halle, ende van elken daghe, 
dat hi in die halle daermede staet, zal hi gheven 4 miten, dit zai 
die baliu of siin scoutate besoeken ende berechten bi scepene[nj. 
Dit zal gheduren tot onsen weder$egghen. In orconde etc. Ghe- 
gheven in Middelburch des dinxendaghes na meyedach anno [i3]47. 

Es ist unzweifelhaft, dass hier das Stalen der Laken, welches 
das Prüfen auf Echtheit und vorschriftsmässiee Beschaffenheit be- 
deutet, verlangt wird. 

Erwägt man, dass es in überwiegendem Masse der Tuch- 
handel gewesen ist, der schon in den ältesten Zeiten die deutschen 
Kaufleute an London und England fesselte, so ergiebt sich von 
selbst, dass die Anfange ihrer grossen kaufmännischen Residenz 
in der Themsestadt in einer Halle zu suchen sind, die für die 
Prüfung der zu exportirenden Wollenfabrikate bestimmt war. An 
sie schloss sich die Gildhalle, lateinisch aula Teutonicorum, das 
Kontorhaus der Deutschen, das, so weit ich sehe, erst im 15. Jahr- 
hundert die Bezeichnung des Stahlhofs ^) erhalten hat. 

Das urkundliche Zeugniss stellt die Bedeutung des Wortes 
„Star* für die niederländischen und die mit ihnen nahe verwandten 
englisch-deutschen Kaufmannskreise im 14. Jahrhundert fest. Es 
icann gar nicht auffallen, dass der Theil dem ganzen, der immer- 
dar wichtigste Raum in dem Hause der Deutschen dem ganzen 
Häuser komplex seinen Namen gegeben hat; Analogien wären in 
grosser Menge zu beschafifen. Als Mittelglied in der Entwicklung 
des Namens mag man die Verwendung des Wortes ;,Stal" im 
Sinne von „Stapel" hinzunehmen. 

Die Erklärung des Wortes Stahlhof hat von der englischen Ent- 
stellung „steelyard'^ ganz abzusehen, sich eben so wenig an den 
Brauch des Stählens oder Färbens der Tücher, wie Lappenberg, 

^) V. d. Ropp, HR. 1,118 (a. d. J. 1433): eyn groes mm geheissen der 
staelhofT, do sie vil schönes gemaches inne haben, dorinne sie wonen und 
alle ire regiment by in selben haben. Die Fortsetzung des Satzes: und 
r^az zelbige haben und mögen haben in allen steten in Englande, wo in 
das bequeme ist, harmonirt sehr gat mit den Mittheilungen Paulis über 
hansische Stahlhöfe zu HuU, York und Newcastle, vgl. oben S. 13t. 



— 135 — 

Stahlhof S. 70 meint ^}, zu knüpfen, vor allem aber auf das im 
Mittelniederdeutschen Wörterbuch 4, S. 351 und S. 356 und bei 
Frensdorff, Entstehung der Hanse in Nord und Süd (von Lindau) 
4' ^- 335 herangezogene Stadelhof zu verzichten, das in hansischen 
Urkunden unseres Wissens nirgendwo vorkommt. 

Ich finde, dass allein Rüdiger, Hamburg. Zunflrollen S. 337, 
auf dem richtigen Wege zur Aufklärung der Etymologie des 
Wortes gewesen ist. 



') Die Verse 321—23 in dem Libell of Englishe Policye reden auch 
nur vom Farben der Tuche in England überhaupt, gar nicht im Hause 
der Deutschen. 



IV. 
VERITIN RITSAGEN. 

VOM 

KONSTANTIN HÖHLBAUM. 

Zur Berichtigung meiner Interpretation obiger Worte im Hans. 
U. B. I, S. 230 Anm. 3 kann ich folgendes beibringen. 

Keinem Zweifel unterliegt es, dass in dem zweiten Worte, wie 
ich angenommen habe, eine Entstellung des russischen „Rutschei'* ^ 
Fluss zu suchen ist; nur wird man nicht an einen bewohnten Ort, 
sondern an den Wasserfall die Stromschnelle im Fluss, die eine Statioif 
der dort fahrenden Boote bedingt, an das Wasser selbst, zu denken 
haben. Hierauf führt besonders das erste Wort, dem ich a. a. O. 
zuerst richtig auf die Spur gekommen bin, ohne es deutl ich zu er- 
kennen. Ich verweise auf den Bericht des Kaisers Constantinos 
Porphyrogennetos, De administrando imperio c. 9 über die Fahrten 
der normannischen Russen auf dem Dniepr(verfasst in den Jahren 949 
bis 952): xaraXafißdvovai tov ^xtov ipQay^bv Xeyo^evov ^kv 
^Pwaiazl ^edvTif SxXaßiviaTi dh Beqovztriy o iari ßgaofia 
vBQOVj d. i. das Sieden des Wassers. Die Gleichheit dieses 
„Veroutzi" und des obigen „Veritin" ist unverkennbar. Wie ich 
aus Thomsen, The relations between ancient Russia and Scandi- 
navia and the origin of the Russian State S. 65 entnehme, stellt 
„Verutzi" das altslavische „vrashtii" [serbisch „vrud", fervidus] 
vor, ein Particip vom Zeitwort „vr^ti" = sieden. Es leuchtet ein, 
dass man die fragliche Stromschnelle im Wolchow gleich der im 
Dniepr das siedende Wasser genannt hat: als Eigenname ist er 
ihr dann verblieben, der uns in der hansischen Urkunde i, Nr. 663 
begegnet. 



V. 
ZWEI WEITERE RECIiNUNGSBÜCHER 

DBR 

GROSSSCHÄFFER VON MARIENBURG. 

VON 

CARL SATTLER. 

Als mein Aufsatz über den Handel des deutschen Ordens 
bereits gedruckt war, fanden sich noch zwei andere Rechnungen 
des Grossschäffers von Marienburg, die zur Ergänzung des vorhin 
Gesagten herangezogen werden müssen. 

Die eine, aus dem Jahre 1399, enthält nur eine Zusammen- 
stellung der von dem Grossschäffer für den Hochmeister, den 
Grosskomthur und den Ordenstressler gemachten Auslagen, ist 
also nicht in eine Linie mit den oben geschilderten Grossschäiferei- 
rechnungen zu stellen, die eine vollständige Uebersicht über den 
ganzen Vermögensbestand der Schäfferei geben. Die zweite Rech- 
nung ist aber eine solche, allerdings weniger sorgfaltig abgefasste 
Grossschäffereirechnung aus den Jahren 1417 — 18. 

Abgesehen von Ergänzungen im Einzelnen, von denen ich 
nur erwähnen will, dass wir aus dieser Rechnung Johann v. Ditthen- 
hoffe in den Jahren 1408 — 9 und Herrn Schonefelt während des 
Krieges 1410 oder 1414 als Grossschäffer von Marienburg kennen 
lerneui ist sie nach verschiedenen Richtungen hin interessant. Zu- 
nächst lehrt sie uns, dass auch der Marienburger Grossschäffer 
wenigstens in diesen Jahren Lieferungen von Waaren (Gewürzen, 
Tuchen, Metallen) an den Convent daselbst zu machen hatte, nämlich 
in die Kammer und Küche des Hochmeisters, die Küche, Trapparie, 
Schmiede, das Schnitzhaus, die Glöcknerei und Firmarie des Con- 
vents. Auch den Komthur von Memel unterstützte er durch Ge- 
treideliefemngen. 



- 138 - 

Sodann thun wir hier einen tieferen Einblick noch, als es 
durch die Königsberger Rechnungen möglich war, in die Ver- 
wüstungen, die die unglücklichen Krieg<:jahre in dem Handels* 
betriebe des Ordens angerichtet hatten; es zeigt sich uns ein 
wahres Trümmerfeld. Der Werth aller im Besitze des Gross- 
schäffers befindlichen Waaren und Forderungen, auf deren Bezah- 
lung mit Sicherheit gerechnet werden konnte, wird nur auf etwas 
mehr als 1600 Mark berechnet. Wie die ganze Summe, so sind 
auch die einzelnen Bestandtheile, verglichen mit den früheren 
glänzenden Verhältnissen, erschreckend gering. An Schiffen besitzt 
der GrossschäfFer nur i'/a Schuten und 7« Holk, sichere Forde- 
rungen hat er nur im Betrage von 62272 Mark an Bewohner von 
Danzig; Marienburg und Schwetz. Im Gegensatz dazu ist der 
Werth der verlorenen Güter, der verjährten und nicht mehr ein- 
zuziehenden Ausstände gewaltig hoch. Allein die gestrandeten und 
von Spaniern, Normannen, Engländern geraubten Seeschiffe und 
Schiffs'antheile des Grossschäffers haben einen Werth von 3400 Mark. 
Unter dem Titel „ungewisse Schuld" erscheint eine endlos lange 
Liste von nicht mehr einzucassirenden Forderungen, welche meist 
noch aus der Verwaltung Johann Thirgarts herstammen. Neben 
den Bewohnern des unglücklichen Preussens finden sich darunter 
in grosser Anzahl Ausländer in Flandern , England, Schottland, 
Norwegen, Wismar, Lübeck, Gothland, Calmar und Stolpe. Die 
Summe aller verlorenen Güter und Forderungen erreicht daher 
auch die fabelhafte Höhe von fast 43,000 Mark. 

Ist der Handelsbetrieb des Grossschäffers in dieser Weise fast 
vernichtet, so ist er dafür zu der Münze in ein Verhältniss ge- 
treten, über dessen Natur ich allerdings noch keine weitere An- 
deutungen gefunden habe. Die vorliegende Rechnung enthalt aber 
ein Verzeichniss der Forderungen des Grossschäffers „von der 
muncze wegen" im Betrage von fast 3300 Mark und der aus dem- 
selben Grunde in seinem Besitze befindlichen Waaren im Werthe 
von 1154 Mark. Ausserdem hat er von dem Vogte zu Leske 4000 
und von dem zu Grebin 2000 geringe Mark erhoben. 

Auch die Einrichtung diesser Grossschäffereirechnung ist etwas 
anders als die der früheren und erregt dadurch noch mehr Inter- 
esse. Voran geht das Verzeichniss der an den Hochmeister, den 
Convent zu Marienburg und den Komthur zu Memel gelieferten 



— »39 — 

Waaren. Darauf -folgen die vorräthigen Waaren, die Schiflfsan- 
theile, die Angabe der in Handelsgenossenschaften angelegten 
Summen, die sicheren Forderungen. Dann kommt die ungewisse 
Schuld, die Antheile an verlorenen Schiffen und Weichselkähnen, 
die ungewisse Widerlegung, die verlorenen, meist im Kriege ver- 
brauchten Güter in Bornholm, Schonen und Danzig, die ungewissen 
Forderungen. Diesen schliesst sich an das Verzeichniss der aus 
der Münze resultirenden Forderungen und der für diese auf Lager 
befindlichen Waaren, endlich die Angabe der von den genannten 
Vögten erhobenen Summen. 



VI. 
HERLUF LAURITSSÖN'S BERICHT 

ÜBER 

DIE SPIELE DER DEUTSCHEN ZU BERGEN. 

MITGETHEILT 

VON 

KARL KOPPMANN. 

Es wird den Lesern dieser Blätter im Allgemeinen und des 
oben gedruckten Aufsatzes von Dr. Härtung insbesondere nicht 
unlieb sein; den ältesten Bericht über die Spiele der Deutschen zu 
Bergen in niederdeutscher Bearbeitung hier eingerückt zu sehen, 
da der Druck des dänischen Urtextes in N. Nicolaysen's Norske 
Magasin i (Christiania 1860), S. 542 — 43 in Deutschland nur We- 
nigen zugänglich sein wird. 

Den in Rede stehenden Bericht giebt Herluf Lauritsson in 
seiner 1580 — 83 verfassten Schrift Bergens Fundats (a. a. O. i, 
S. 519 — 64). Er ist die Quelle Edvar Edvarssön's, auf dessen 
Arbeit (Bergens Beskrivelse 1674) wieder die bekannten Nachrichten 
L. von Holberg's (Beschreibung der berühmten Haupt- und Han- 
delsstadt Bergen in Norwegen. Aus dem Dänischen, Copenhagen 
und Leipzig 1753) beruhen. Der Heraxisgeber verzeichnet 22 ver- 
schiedene Handschriften, elf in dänischer Sprache, elf in deutscher 
Uebersetzung, „theils hoch-, theils plattdeutsch und theils in einer 
Sprache, die ein Mittelding zwischen beiden ist''. Auch das (Jahrg. 
1874, S. 55 Anm. i) von Smidt erwähnte Manuscript des Stadt- 
archivs zu Bremen hat sich, wie mir Dr. von Bippen freundliclist 
mittheilt, bei der Einsichtnahme Prof.Daae's in dasselbe als Ueber- 
setzung der Lauritssön'schen Arbeit erwiesen. 

Die von mir benutzte Handschrift in Quarto wird in der 
Stadtbibliothek zu Hamburg unter Nr. 2596 aufbewahrt; reicht in 



— 141 -- 

einer Fortsetzung bis 1629 und ist etwa gleichzeitig geschrieben. 
Ausserdem enthält die Handschrift, wie es scheint, die Uebersetzung 
einer dänischen Druckschrift aus den achtziger Jahren des 16. Jahr- 
hunderts: De Nordische Sauw, die bei aller Wunderlichkeit und 
Gallsucht des theologischen Verfassers einige brauchbare Nach- 
richten für die Geschichte des Kontors enthält Auf der Rück- 
seite des letzten Blattes steht: Anno 1638 den i. Feberworius do 
hebbe Johan Bllome dit Bock dorchtgelessen. 

Hinsichtlich der Spiele, die uns hier allein interessiren, notirt 
der Herausgeber bemerkenswerthe Abweichungen der deutschen 
Handschriften: einige (et par) fügen zu den 12 Spielen, welche die 
dänischen Handschriften nennen, 10 andere hinzu *) und in einer 
wird das sonst Thrinisk oder Thrilisk (bei Holberg S. 76: Erilisk) 
bezeichnete Spiel: Tryboschenspiel genannt (S. 543 Anm. 7 u. 4). 
Die Bereicherung der Nachrichten setzt natürlich eine selbstständige 
Bekanntschaft des Uebersetzers oder Bearbeiters mit den Spielen 
voraus, während es vorläufig ungewiss bleibt, ob der Aenderung 
in der Benennung eine bessere Kenntniss oder ein Versehen bei der 
Abschrift zu Grunde liegt. Beide Abweichungen von dem dänischen 
Original finden sich in der Hamburger Handschrift wieder. 



Van speien und regemente by dem cuntor tho 
Bargen. 

Wo nu, alse gesecht, dat cuntor also begunnet worden ysz, 
hebben se under sik sulvest ere nehringe und ock vor arme ge- 
sellen desto beter to gewinnen beschlaten, dat nemant scholde by 
dem contor geleden werden, he spelede den etlike speie, de se 
under sick sulvest vorordenet hebben, van welckern dit de vor- 
nemsten syn. 

Thom ersten alse am hilligen lichamsdage ^) 

1. datt waterspell (s. S. 93) 

2. borch storment^) 



^) Sie sind unten durch ein vorgesetztes Sternchen kenntlich gemacht. 

') Am zweiten Donnerstage nach Pfingsten. Die Angabe bezieht 
sich nur auf das Wasserspiel. 

3) Das S. 99 namhaft gemachte Spiel Stormenborg scheint mir 
identisch zu sein mit dem S. 93—98 beschriebenen BorgspieL 



— 142 — 

3- roekspelle (s. S. 92) 

4. van der hudt werpen*) 

5. *perdiken beschlan (S. 99)*) 

6. *vincken fangen (S. 99) 

7. ^kretzschen steken^) 

8. bychten (S. 99) 

9. *alltreden (S. 99) 

10. *schincken snyden (S. 99) 

11. *endiken stryken (S. 99) 

12. *ancker smeden (S. 99) 

13. *kabel schlan (S. 99) 

14. *swyneken broyen (S. 99)*) 

15. *kuelpumpen (S. 99) 

16. *in de Wage werpen (s. S. loi)^) 

unde ander stupspele mehr; und wen einer eine frouwe des nachtes 
aver by sick hadde, worden beide in de Wage gev/oipen. 

Deszgeliken hebben de schomakers ehre eygen speie ander 
sick gehatt, allse prediken spell up den Norden Nesze in vol- 
gender wyse und mathe. 

I. Up eynen bestemmeden dach am passchen hebben se ge- 
ghan up den Norden Nesse in S. Margreten karcke; dar moste 
einer up ein stucke hohes stigen und dar snackerey predigen oü 
vorteilen, wat hir geschach van losen wyvern und megden, wo de 
geehret worden edder ungeehrt, und ^hebben it predigenspil ge- 

*) S. oben S. 99, unten S. 142 und Korrespondenrblatt f. niederdtsch. 
Sprachforschung 3, Nr. 7, 8. 

*) Hoffmann, Horae Belgicae 6, S. 186, Nr. 74: vant paardje te 
beslaan. 

3) Nach Nicolaysen haben die Handschriften: kreutsenstecken; 
ebenso Holberg und oben S. 99. 

^) Vielleicht ist an das unter dem Namen külsoeg bekannte Spiel zu 
denken, s. Korrespondenzblatt i, S. 62, 68, 86, 87; 2, S. 14, 59. 

5) Dieses Spiel erwähnt Nicolaysen S. 543 Anm. 7 wohl deshalb 
nicht, weil er es wegen des Nachfolgenden mit Recht nicht für ein eigent- 
liches Spiel ansieht. (Vgl. oben S. 101.) Der dänische Text hat ausser 
den hier genannten Spielen noch: Bartskerspil (s. S. 99) und Barke - 
oder Bröckespil (s. S. 103). Einem Barbierspiel wurden auch die 
Beutler, Messerschmiede und Buchbinder beim Gesell werden unterzogen; 
vgl, Fridericus Frisius, der vornehmsten Künstler und Handwercker Cere- 
monial-Politica (Leipzig 1708 und ferner) S. 139, 366, 56$. 



— 143 — 

heten. Averst so balde Gottes wort hir gekamen ysz, hebben se 
dit spill afgelecht'). 

2. Dar na hadden se ock ein spill Ravel gebeten^). Und 
bebben einen depen sump up der schostraten gehatt, 9 elen deep, 
van kalck, haer und allerley fulen dreck thogerichtet, und smeten 
de neykamers dar henin; wen se averst herutb wolden, stunden se 
alle thosamen baven und smeten kalck, haer und allerley unfie- 
dicheit, wat se men bekamen konden, up see. 

3. Noch hadden se ein spill im starfifhuse; dat mosten de 
sniders und schomakers tosamen speien; dat hetede dat dham- 
spill^. Wen dar ein uthquam, drogeden se ehn mit einer ge- 
kalckeden hudt. Dat Ravelspil spelden de goltsmede midt. 

4. Noch hadden se eyn spiP), dar mosten stan grote balljen 
vul mit ther, kalck. haer, heringslake undt ander dreeck; und 
druckeden de neykamers dat hovet darinne. 

5. Noch hadden se tryboschen spil gehadt^). Dat was 
ein bilde; dat wart vorsteken in einen unreinen orde; dat mosten 
se wedder soken; de nykamers mosten idt under sick wasschen 
und mit grotem triumphe wedder bringen. Und noch sonsten 
ander kleine spell und dantsen, dat enen vaken de hals und rugge 
knakede, ock nese und munt blodede, welckes se alles vor leff 
nehmen mosten. 



^) S. oben S. 102, 103 und S. iio, wo mir der ,,Cynismus eines be- 
trunkenen Schuhflickers'^ schlecht am Platze zu sein scheint. Zur Sache 
vgl, das Haberfeldtreiben. 

*) S. oben S. 102. 

^) S. oben S. 102. 

^) Im dänischen Text: Fordoe m spil oder Fordomby; s. oben S. 102. 

5) Dies ist vielleicht das alterthümlichste und interessanteste Spiel, auf 
das, meiner Meinung nach, S. 103 gern hatte eingegangen werden können. 



VII 

SPOTTLIED 

AUF 

HEINRICH VON AHLFELD, 

BÜRGERMEISTER ZU GOSLAR. 
MITGETHEILT 

VON 

GOSWIN VON DER KOPP. 

Die nachfolgende Aufzeichnung ist einer Processschrift des 
aas Goslar vertriebenen Bürgermeisters Heinrich von Ahlfeld ent- 
nommen und erschien der Mittheilung werth, nicht nur weil sie 
zeigt, dass die „tafelnmne" auch zur Darstellung zeitgenössischer 
Begebenheiten — hier zur Verhöhnung politischer Gegner — be- 
nutzt wurde, sondern auch wegen des eingerückten Spottliedes, 
welches freilich „jo neuer bedderver lüde werk is", doch als kleiner 
Beitrag zur Volkspoesie des 15. Jahrhunderts manchem will- 
kommen sein mag. 

Zur Erläuterung bemerke ich, dass im Jahre 1445 zu Goslar 
ein Streit zwischen Rath, Gilden und Gemeinde sich erhob, dem 
der zur Zeit regierende Bürgermeister Heinrich von Ahlfeld zum 
Opfer fiel. Gilden und Gemeinde zwangen dem Rathe einige 
Verfassungsanderungen auf, Ahlfeld entwich aus der Stadt, wurde 
verfestet und suchte sein Recht mit Hülfe der benachbarten Fürsten 
und Städte zu erlangen. Unter Vermittlung einiger sächsischen 
Gemeinwesen kam im folgenden Jahre ein Vergleich zu Stande, 
demzufolge Göttingen und Magdeburg den Process zwischen Bür- 
germeister und Stadt in aller Form Rechtens entscheiden sollten. 
Beide Partheien sandten ihre Anklageschriften ein und diese, sowie 
die Repliken beider und der Schiedspruch von Göttingen, sind uns 
im Archive dieser Stadt erhalten. 

Goslar verwarf jedoch den Göttinger Spruch, Ahlfeld wandte 



'45 - 

sich klagend an die Hanse, worauf Goslar nach einigen Verhand- 
lungen 1448 wegen Ungehorsams aus dem Bunde gethan ward. 
Dessenungeachtet zog der Zwist sich noch einige Jahre hin und 
erst 1454 wurde er durch die Wiederaufnahme Ahlfelds in Goslar 
und Goslars in die Hanse beigelegt. 

In der recht umfangreichen Klagschrifl Ahlfelds, die vom 
6. November 1446 datirt, lautet nun der Paragraph 15 folgender- 
massen: 

Item beschuldege ek Hermen '), dat he my leyd up de taffel- 
runnen malen to hone unde smaheyt unde dat he unde syn hus- 
fruwe in orem hus leten na my stoppen eynen stroman, den se des 
anderen daghes in den rym deden unde uppe der hut worpen% 
(iat aver to hone unde smaheyt my schach. Item beschuldege ek 
Hermen, dat he over my hefft laten maken unde gedichtet dessen 
nabeschreven reyen, dar ome to halp Hinrek Uszler, Hans Temme, 
Hinrek Wilhelm, Hille de lutke scriver, unde leyd den in synem 
hus cersten utsingen unde sande dessen sulven reygen beschreven 
by synem sone in de schole unde bod den junghen, se mosten 
den wol utscriven, des denne de mester enwar wart unde om den 
nam unde darover houw, de aldus ludet: 

Alvelt heflft nu so langhe drauwet, 
dat he hefft eyne schände vordauwet; 
des is he komen to bade. 
He mende, he wolde keyser wesen: 
nu is he ut dem rade. 

Alvelt unde her Clawes Gruben, 

de hebben de walten so lange schuven; 

des hopen se to neten. 

Des is on nu eyn kappe gesneden, 

des mach one wol vordreten. 

Alvelt de meynde, he were de beste, 

he het al syner ere vergotten, 

he en hefft des nicht besunnen; 

scholde he leven hundert jar, 

he en mochte des nicht vorwinnen. 

') Hermann von Dornthen war der Nachfolger Ahlfelds im Bürger- 
meisteramte und hatte, wie Ahlfeld behauptete, Gilden und Gemeinde 
gegen den Rath aufgewiegelt. Aehnlich verhält es sich mit den übrigen 
hier genannten Personen. 

^) S. oben S. 142, Acm. i. 
Hansische Geschichtsblätter. VII. 10 



— 14*' — 



He is Ute synen eeden gereden, 

dar scholde Sygers, uses heren pape'), vor bidden, 

dat wart dme geraden. 

He hefft den van Goslar afTgeplucket 

menge gude braden. 

Is Alvelt nu eyn bederve man, 
so hefft de su eyn pantzer an, 
dat is to dem lesten. 
Des wart de Hartesborch wol enwar: 
dar qnemen vromede geste*). 

De van Gosler spreken overlut: 
'we werpen Alvelt up der hat, 
we wilt dar wol vor bliven. 
, He hefFt us menghe schalkheyt bewyst, 
wille we ome wol vorgelden*. 

De uns desse reygen sangk, 

Hans myd der krucken is he genant, 

he is eyn vrisch geselle, 

dem sin gilden unde meynheyt gram, 

dat moyge wen dat wille. 

Einige Absätze weiter (§ 19) folgt dann noch die Beschwerde, 
dass dieselben Leute diesen Reigen bei nächtlicher Weile wohl ein 
Dutzend Mal vor Ahlfelds Hause abgesungen hätten, um die in 
Goslar zurückgebliebene Hausfrau des Betroffenen zu kränken. 
„Ek meyne", fahrt die Schrift fort, „en, sodane(n) ratluden unde so- 
danen borgeren, sodan werk nicht voge to donde, is dem also, 

sunder dat sy boven unde schelke werk Men heddet my 

gevoget, ek wolde de unde ander singer wol betalt hebben unde 
wedder gedichtet unde sungen, dat des etliken scholde vordroten 
hebben, men dat dat jo neuer bederver lüde werk is". 

Hermann von Dornthen replicirte, die Beschuldigung sei un- 
wahr, weder er noch seine Hausfrau hätten sich mit solcher „kin- 
derdedinge" abgegeben, worauf .Gottingen entschied: bewisetHinrik 
von AlveWe alse recht is, dat Hermen en uppe de tabelrunnen 
gemalet laten hebbe unde desulve Hermen und syn wiff eynen 
stroman na ome gestoppet unde sodane schentliken reygen over on 



') Siegfried, der Schreiber des Bischof Magnus von Hildesheim, unter- 
nahm in dessen Auftrag den ersten Vermittlungsversuch. 

') 1438 büsste Goslar angeblich durch die Pflicht versäumniss Ahl- 



felds seinen Antheil an der Harzburg ein. 



f 



■j — 147 — 

hebbe laten maket • . . ^ so syn desulve Dornthen , syn wiifT und de 
hulpere egenant Hinrike darumme böte plichtich to donde, so hir 
nagescbreven steyt. Wolden aver de genanten Dornthen und syne 
medebenomeden der bewisinge nicht dogen eder de genante Hinrik 
vonAlvelde sich der affdeyde, so schuUen desulve Dornthen, syn wiff 
und de anderen ore medebenomeden sik sodaner ticht und ansage 
unschuldich maken over de hilgen. En makeden se denne sik 
also nicht unschuldich, so schullen se dat vorbeteren na gesatter 
böte des lantrechtes. 



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10' 



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V 



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NACHRICHTEN 

VOM 



HANSISCHEN GESCHICHTSVEREIN. 



SIEBENTES STÜCK. 



V^ersammlung zu Stralsund. — 1877 ^^^ ^^ ^^^ ^3- 



V *v 



• H-. 



I. 

SECHSTER JAHRESBERICHT. 

ERSTATTET 

VOM VORSTANDE. 

Der Vorstand des Vereins hat in seiner letzten Versamm- 
lung beschlossen, den bisher mündlich erstatteten Jahresbericht 
den Theilnehmern an der Vereinsversammlung sofort gedruckt zu 
übergeben. Es wird dadurch Zeit gespart, während zugleich den 
Mitgliedern das Mitgetheilte besser zur Kunde kommt, als durch 
einmaliges Anhören. Der Bericht aber kann sich auf eine kurze 
Zusammenstellung der Ergebnisse des verflossenen Jahres be- 
schränken. 

Von den unterstützenden Städten übersandte Dorpat vor einem 
Jahr nach Cöln einen einmaligen Beitrag von 50 Rubel. Stettin 
hat seine Bewilligung von 75 M. bis Ende März 1880 erneuert, 
desgleichen Tiel zu 10 fl. auf weitere fünf Jahre sich verpflichtet. 
Neu hinzugetreten sind Utrecht, welches bisher nur für die Zeit- 
schrift zahlte, mit 50 fl. jährlich unter Bedingung der Zusendung 
sämmtlicher Vereinsschriften, Greifswald mit 100 M., Halberstadt 
mit 15 M. 

Von nichtstädtischen Beisteuern gedenken wir vor allen des 
Geschenkes Sr. Majestät des deutschen Kaisers und Königs von 
Preussen, welcher bei Gelegenheit der Ueberreichung des letzten 
Jahrgangs der Hansischen Geschichtsblätter geruht hat dem Ver- 
ein eine jährliche Zuwendung von 100 M. aus Seiner Schatulle zu 
bewilligen. 

Ferner ist dem Verein die Gesellschaft für Pommersche Ge- 
schichte und Alterthumskunde zu Stettin mit einer Jahresbewilligung 



— IV — 

von 30 M. beigetreten, desgleichen die Universitätsbibliotheken zu 
Utrecht und Heidelberg mit dem Mitgliederbeitrag. 

Endlich haben vierzehn kaufmännische Firmen Lübecks, welche 
vorwiegend auf Finnland Handel treiben, dem Vorstande eine 
Summe von iioo M. zu freier Benutzung übersandt, mit dem bei- 
gefügten Wunsche, es möchte der demnächst in die Ostseepro- 
vinzen reisende Gelehrte, Dr. Schäfer, seine Nachforschungen auch 
auf die Beziehungen der Hanse zu Finnland ausdehnen. Der Vor- 
stand ist durch diese Gabe um so angenehmer überrascht worden, 
als er es nicht für unmöglich hält, dass dies von den wackern 
Finnlands fahr ern gegebene Beispiel bei den Nachfolgern der wei- 
land Nowgorod-, Riga-, Stockholm-, Schonen-, Bergen-, Englands- 
und Flanderfahrer in unsem Seestädten Nachahmung finden werde. 
Gerade für die Verfolgung einzelner Lokaluntersuchungen, die Ge- 
schichte der Kaufhöfe und ähnliche Aufgaben Hesse sich von einem 
rühmlichen Partikularismus solcher Art eine gute Anwendung 
machen. Dr. Schäfer wird das Geschenk dankbar benutzen, um 
ausser Finnland auch Wisby einen Besuch abzustatten. 

Die Zahl der Mitglieder des Vereins beträgt ca. 470, unge- 
fähr so viel als vor einem Jahre mit den neueingetretenen Cölnern 
angegeben werden konnten. Gestorben sind neun: Senator Dr. 
W. Albers in Bremen, Ob.-Gerichts-Präs. Dr. Baumeister in Ham- 
burg, Kaufmann Behrens in Lübeck, Pastor Dalmer. in Rambin 
(Rügen), Katasterbeamter Krone in Bremen, Beigeordneter Th. vom 
Rath in Duisburg, Rathsherr Roetscher in Stralsund (f 1875 Dec), 
Prof. Dr. Sartorius von Waltershausen in Göttingen und Oberst 
Baron von Toll auf Kuckers in Ehstland. 

Der sechste Jahrgang der Geschichtsblätter ist im Druck so 
weit vorgeschritten, dass er in nicht zu langer Frist wird versandt 
werden können. 

Der zweite Band des Urkundenbuchs (1301 — 1350) ist in Vor- 
bereitung, doch wird Dr. Höhlbaum, welcher vor Vollendung des- 
selben noch die belgischen und holländischen Archive zu durch- 
forschen hat, den Druck erst gegen Ende dieses Jahres beginnen 
können. 

Der zweite Band der zweiten Recess - Abtheilung (143 1 bis 
1476), in welchem Dr. von der Ropp vielleicht zehn Jahre (1436 
bis 1445) zu umfassen gedenkt, ist so weit fertig gestellt, dass mit 



— V 



den Sommerferien der Druck beginnen kann. Dr. von der Kopp 
hat während des Spätsommers im vorigen Jahre das Lübecker 
Archiv abermals besucht und die diesjährigen Osterferien dazu ver- 
wandt, im Danziger Stadtarchive und in dem für die vierziger 
Jahre des fünfzehnten Jahrhunderts besonders ergiebigen Staats- 
archive zu Königsberg die 1872 abgebrochene Arbeit fortzusetzen. 
Danzig hat er bis 1454 vollständig absolvirt, Dank der stets be- 
reiten Dienstwilligkeit des Herrn Dr. Boeszoermeny. In Königsberg 
konnte trotz der freundlichst gewährten Unterstützung des Herrn 
Staatsarchivar Philippi nur das Jahr 1445 erreicht werden. Dr, 
von der Ropp hat die Gelegenheit benutzt, um mit den Herren 
Archivaren die Grenzen der Hanserecesse gegenüber Toeppen s 
Akten der preussischen Ständetage genau zu präzisiren, und somit 
für die Hanserecesse Raum zu sparen und einer unnützen Wieder- 
holung dessen vorzubeugen, was später im Toeppenschen Werk 
doch Aufnahme finden muss. 

Für die dritte Recess- Abtheilung, welche die Jahre 1477 bis 
1530 umschliessen soll, ist seit Michaelis vorigen Jahres unser neuer 
Mitarbeiter, Dr. Dietrich Schäfer aus Bremen, thätig. Er hat dem 
Vorstande seinen Bericht eingesandt und wird beim Vortrag und 
der Erläuterung desselben der Versammlung nicht nur die Gründe 
darlegen, weshalb er für diese Serie sich das Jahr 1530 als Grenze 
gesteckt hat, sondern auch Gelegenheit haben, näheres über seine 
bisherige Thätigkeit mitzutheilen. Hier sei nur bemerkt, dass Dr. 
Schäfer nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg bis Ende No- 
vember in Lübeck verweilte, dann aber die begonnene Ausbeutung 
des Lübecker Archivs in Bremen fortsetzen konnte, nachdem ein 
hoher Senat die Versendung der Recesse dorthin gestattet hatte. 
Dr. Schäfer konnte so während des Winters die sämmtlichen Lü- 
becker Recesse abschreiben und sich über den übrigen einschla- 
genden Bestand des Lübischen Archivs in allen wesentlichen Punkten 
mindestens orientiren. Zugleich wurden sechs in Bremen bewahrte 
Recesse copirt, einer collationirt. Anfangs April benutzte Dr. Schä- 
fer einen Aufenthalt in Berlin, um mit bereitwillig ertheilter Er- 
laubniss des Herin Directors der preussischen Staatsarchive, Prof. 
Dr. von Sybel, das Geheime Staatsarchiv auf Hansisches zu er- 
kunden. In \Yismar wurde sodann während einer Woche eine 
reiche Ausbeute von Correspondenzen und anderem Anlagematerial 



— VI — ^"^ • 

gemacht, zehn neue Recesse mussten einer Bearbeitung im nächsten 
Winter vorbehalten bleiben. Auch in Schwerin konnte Dr. Schäfer 
zwei Tage copiren und registriren, anderes für einen späteren 
gelegentlichen Besuch notiren. An beiden Orten erfreute sich 
unser Abgesandter der besten Aufnahme der betreffenden Archiv- 
behörden und der wirksamen Beihülfe der Herren Dr. Crull und 
Archivrath Dr. Wigger. Seit der letzten Woche des April ist Dr. 
Schäfer mit der Bewältigung des umfangreichen Rostocker Archivs 
beschäftigt gewesen. 

Dr. Schäfer wird von Stralsund direkt nach Stockholm gehen, 
von dort aus über Wisby nach Finnland reisen, und hofft dem- 
nächst bis zum Spätherbst die Urkundenschätze der Ostseeprovinzen, 
vor allen Revals, vollständig copiren, resp. registriren zu können. 
Die Zeit bis zum Schluss des Jahres wird er dann auf den Besuch 
der preussischen Archive verwenden. 

Für die nächsten Bände der hansischen Geschichtsquellen hat 
Archivar Dr. Hänselmann die Fertigstellung des Braunschweiger 
Zollbuchs verheissen, Professor Dr. FrensdorfF seine Ausgabe des 
Lübischen Rechts zugesagt. 

Von dem für die Arbeiten unseres Vereins so unentbehrlichen 
mittelniederdeutschen Wörterbuch Dr. Lübbens liegt jetzt schon 
die erste Lieferung des vierten Bandes vor, so dass der Abschluss 
des Werkes in naher Aussicht steht. 

In den Vereinsvorstand ist zu Cöln für den ausgeschiedenen 
Bürgermeister Dr. Francke Professor Dr. Frensdorff aus Göttingen 
gewählt worden. 

Der Vorstand hat sich veranlasst gesehen, ausser seiner her- 
kömmlichen einmaligen Versammlung, welche zu Hamburg am 
I. October 1876 stattfand'), eine zweite am 22, April 1877 in Lü- 
beck zu halten. Dieselbe hatte eine mit dem Fortschreiten der 
Recessarbeiten immer dringlicher herantretende Frage zu erörtern: 
wie die seit dem fünfzehnten und namentlich gegen das sechszehnte 
Jahrhundert hin übermässig wachsende Fülle des Recess- und An- 
lagematerials zu bewältigen, event. der Stoff zu sichten oder zu 

') Von derselben aus sandte der Vorstand dem (leider inzwischen ver- 
storbenen) Senior unseres Vereins, Archivrath Pastor Dr. Masch in Demern, 
ein Beglückwünschungsschreiben zu dessen am 12. October einfallender 
Jubelfeier fünfzigjähriger Amtsführung. 



^^ — VII — 

kürzen sei, damit nicht ein endlicher Abschluss der beabsichtigten 
Publikationen in unabsehbare Ferne hinausgeschoben, ja vielleicht 
ganz vereitelt werde. Das Verdienst, auf Erledigung dieser Frage 
energisch gedrungen zu haben, gebührt Dr. Schäfer, welcher an 
der Lübecker Berathung Theil nahm. Dr. von der Kopps Beirath 
war nur brieflich zu erlangen, da amtliche Pflichten ihn hinderten, 
Lbbeck zu besuchen. 

Das Ergebniss der Berathung konnte begreiflicher Weise nur 
in der Einigung über gewisse allgemeine Grundsätze bestehen, 
welche zu weiterer Besprechung der Versammlung unterbreitet 
werden sollen. 

Von den Vereinen, die sich uns als Mitglieder angeschlossen 
oder ihre Schriften übersandt haben, sind uns weitere Zugänge 
geworden, deren Verzeichniss, sowie das anderer uns übersandter 
Schriften, diesem Bericht angehängt ist. Der Thüringische Ge- 
schichtsverein hat uns neuerdings Zusendung seiner sämmtlichen 
Publikationen gegen Austausch der Geschichtsblätter und der Ge- 
schichtsquellen verheissen. 

Den nachfolgenden Cassa-Abschluss wird Staatsarchivar Wehr- 
mann bei Vorlegung der Jahresrechnung eingehender erläutern. 
Die Rechnung ward von den Herren Senator Culemann in Hannover 
und Commercienrath Holm in Stralsund revidirt und richtig be- 
funden. 

Eingegangen sind: 
vom Magistrat der Stadt Lippstadt: 

Chalybaeus, Geschichte der Stadt Lippstadt; 
von Bürgermeister Kellinghusen's Stiftung zu Hamburg: 

O. Beneke, Dat Slechtbok. Geschlechtsregister der Ham- 
burgischen Familie Moller (vom Hirsch); 
von Bürgermeister H. J. Böthführ in Riga: 

Dessen lügische Rathslinie von 1226/1876; , 

von Dr. Pyl in Greifswald: 

Dessen Pommersche Genealogien 3; 

K. von Rosen, Vom baltischen Strande; 
vom Archiv der Stadt Bremen: 

Bremisches Urkundenbuch II, 4; 
vom Archiv zu Zwolle: 

Bericht des Archivar van Riemsdijk 1877; 



— VIII — w-«^ 

von der Akademie der Wissenschaften zu Krakau: 

Monumenta medii aevi historica III: Cod diplom. Poloniae 

minoris; 
Scriptores rerum Polonicar. III; 
Polnische Rechtsdenkmäler 4: Statuta synodalia episcop. Cra- 

coviensium; 
Abhandlungen und Sitzungsberichte 4; 
Bibliogr. Bericht über die Publicationen d. Akademie; 

von der Landesdirection der Provinz Sachsen: 

von Mülverstedt, Regesta Magdeburgica I; 
vom Germanischen Museum: 

Anzeiger 1875. 1876; 
vom Verein für die Geschichte der Stadt Berlin: 

Schriften 13; 
vom Verein für die Geschichte der Mark Brandenburg: 

Märkische Forschungen 13; 

von der Gelehrten Estnischen Gesellschaft: 
Sitzungsberichte 1875; 
Verhandlungen 8, 3; 

von der Gesellschaft für Schleswig-Holstein-Lauenburgische Ge- 
schichte: 
Zeitschrift 6; 
Hasse, Kieler Stadtbuch; 

vom Historischen Verein der fünf Orte Luzern etc.: 
Geschichtsfreund 31; 

vom Verein für Geschichte und Alterthumskunde des Herzogthums 
nind Erzstifts Magdeburg: 

Geschichtsblätter XI, i. 3. XII, i; 

vom historischen Verein für den Regierungsbezirk Marienwerder: 
Zeitschrift H. i; 

von der Gesellschaft für Geschichte und Alterthumskunde der Ost- 
seeprovinzen Russlands: 
Sitzungsberichte 1875; 
Mittheilungen 12, 2; 
von der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Alterthums- 
kunde: 

Jahresberichte 38. 39; 



— IX 



vom Verein für Kunst und Alterthum in Ulm und Oberschwaben 

Korrespondenzblatt I. II. Nr. i/6; 
vom Leseverein der deutschen Studenten Wiens: 

Jahresbericht 5. 



CASSA-ABSCHLUSS 

am 9. Mai 1877. 

Einnahme: 

Saldo vom vorigen Jahre M. 4,996. 24 

Von Seiner Majestät dem Kaiser - 100. — 

Beiträge der Städte - 7,535. 96 

Beiträge von Gesellschaften und Vereinen ... - 270. — 
Beitrag der Direction der Aachen-Münchener Feuer- 
versicherungsgesellschaft ') 

Geschenk von Lübecker Kaufleuten - 1,100. — 

Beiträge der Mitglieder - 4,105. 10 

Zinsen - 744. 74 

Für verkaufte Schriften - 10. 15 

Zufallige Einnahme - 9. 20 

M. [8,871. 39 

Ausgabe: 

Honorare M. 4,987. 50 

Reisekosten - 3,468. 85 

Geschichtsblätter : 

Honorare für Jahrg. 1875 . M. 677. 50 
Ankauf der Exemplare der 

Jahrg. 1874 u. 1875 . . '- 2017. 41 

- 2,694. 91 

Latus M. 11,151. 26 

*) Ist unmittelbar nach Abschluss der Rechnung eingegangen und 
wird in der nächstjährigen Abrechnung aufgeführt werden. 



— X — 

Urkundenbuch: Transport M. 11,151. 26 

Ankauf von Exemplaren . . M. 33. 75 
Für ein Glicht des Stempels - 20. — 

] M. 53. 75 

Hanserecesse: 

An den Verleger . . . . M. loo. — 
Ankauf von Exemplaren . . - 76. 60 

176. 60 

Drucksachen - 43. 50 

Verwaltungskosten - 283. 40 

Saldo -_7,i62. 82 

M. 18,871. 39 

Belegt in 472 procent. Prioritäts-Actien der Lübeck-Büchener 
Eisenbahngesellschaft (vgl. Abschluss von 1876) M. 12,000. 



^ ^AX»- rf •,#*-••*■* 



VII. JAHRESVERSAMMLUNG DES HANSISCHEN 

GESCHICHTSVEREINS. 

Es war einer der uns Anwohnern des baltischen Strandes 
leider nur zu bekannten nasskalten Tage des Maimonats, jener 
Pfingstmontag des Jahres 1877, als wir, eine Gesellschaft Bremer, 
Hamburger und Lübecker, von Rostock aus mit Extrapost Stral- 
sund entgegenfuhren. Auf dem Eisenschienenwege konnten wir 
nur in zwölfstündiger Fahrt — die abkürzende Nordbahn war noch 
nicht eröffnet — das Ziel unserer Reise um Mitternacht erreichen, 
wenn wir Lübeck um Mittag verliessen. Nach Rostock aber ge- 
langten wir mit dem Morgenzuge zeitig genug, um in gleicher 
Frist zu Wagen bei Einbruch der Nacht in Stralsund zu sein und 
die Genossen nach hansischer 'Vorschrift noch des Abends in der 
Herberge treffen zu können. So hatten wir denn einen der Sende- 
boten unsers Vereins, Dr. Schäfer, der in Rostock dem Studium 
des Archivs oblag, zum Reisemarschall ernannt und erhofften noch 
einen besonderen Genuss von der nach heutigen Verkehrsverhält- 
nissen ungewöhnlichen Frühlingsfahrt auf althansischer Strasse durch 
das nordöstliche Meklenburg am Fischlande bei Ribbenitz vorbei 
ins weiland schwedische Pommern hinein. Aber der Wonnemond 
hatte es anders beschlossen; der Regen beschränkte uns bald auf 
die Unterhaltung im Innern unserer Wagen. Diese bot denn auch 
vollen Ersatz, vorzüglich durch die humoristischen Mittheilungen 
unseres Seniors, des Senator Smidt aus Bremen: wohl keinem von 
uns ist der Gedanke gekommen, dass diese lustige Fahrt die letzte 
sein sollte, die wir mit dem wackern Hanseaten, einem der treusten 
Freunde und Förderer unsers Vereins, machen würden*). 

') Scn. Dr. Smidt, Sohn des bekannten Bremer Bürgermeisters, eifriger 
Patriot, gründlicher Kenner seiner vaterstädtischen und der hansischen 
Geschichte, ein warmer Freund des niederdeutschen Volksgeistes, starb 
1878 Aug. 20. Vgl. den Nekrolog von Dr. W. von Bippen in der Weser- 
zeitung Nr. 11,360 (vom 29. August 1878). 



— XII — 

Wir hatten vor einem Jahre in Köln die Einladung unsers 
ausscheidenden Vorstandsmitgliedes, des Bürgermeister Francke, 
zunächst seine Stadt zu besuchen, mit Jubel angenommen. Denn 
in Stralsund, welches 1870 die Gedächtnissfeier des waldem arischen 
Friedens veranstaltet hatte, sollten wir die Geburtsstätte unsers 
Vereins betreten. Hier hatten sich Behörden und Bürger von An- 
fang an unsern Bestrebungen geneigt erwiesen. Die Stadt selbst, 
zur Blüthezeit der Hanse die Rivalin Lübecks, hegte trotz so man- 
ches verheerenden Kriegssturms, der über sie dahingefahren war, 
noch zahlreiche Zeugen der Wulflam'schen Periode. Und welche 
spätere Erinnerungen knüpfen sich an das Stralsund Wallensteins, 
an den Ort, welcher Schill in seinen Mauern enden sah, und der 
das Andenken an die Geschichte der Heimath so treu bei sich be- 
wahrt hat. Dank den vielen unermüdlichen Forschern, welche er 
besass und noch besitzt! 

Solcher Gedanken voll fuhren wir in der Dämmerung zwischen 
den ausgedehnten Teichen, der Schutzwehr der alten Festung auf 
der Landseite, über die langen Dämme in die Stadt ein. Bald 
sassen wir fröhlich vereint mit alten uijd neuen Bekannten im ge- 
räumigen Saale des Hotel Bismarck. 

Allerdings hatte das ungünstige Pfingstwetter manchen Be- 
sucher, auch aus der pommerschen Landschaft, fern gehalten, so 
dass die Zahl der Gäste sich nur auf 36 belief, welchen sich 50 
Stralsunder anschlössen. Gerade dadurch aber erhielt die Versamm- 
lung einen mehr geschlossenen Charakter, man trat sich rasch 
persönlich nahe, und der gemüthliche Ton eines, so zu sagen han- 
sischen Familienfestes, herrschte bald vor. Viel trug dazu die Ge- 
sellschaft der sundischen Theilnehmer bei, welche sich aus Mit- 
gliedern des Raths und der obersten Behörden, aus Kaufleuten, 
Gewerbtreibenden, Lehrern und einigen Militärs ungezwungen zu- 
sammensetzte. Von Greifswald waren zu den Versammlungen die 
Professoren Behrend, Reifferscheid und Ulmann gekommen, der 
Gymnasial-I-ehrer Dr. Krause und der Bibliothekscustos Dr. Perl- 
bach, aus Bergen (Rügen) Justizrath Biel, aus Stettin Prof. Lemcke. 
Berlin und Hamburg sandten je sieben Theilnehmer; jenes die 
Professoren Nitzsch, Waitz, Wattenbach, Stadtrath Weber, Arch. , 
Friedländer, Baurath Krieg, Bildhauer Gilli; dieses die Dres. Kel- 
linghusen, Koppmann (vom Vorstand), Matsen, Mielck, Theobald 



— XIII — 

« 

Walther und Wohlwill. Von Lübeqk waren fünf anwesend, ausser 
dem Vorsitzenden und dem Kassenführer des Vereins die Dres. 
A. Brehmer, Gaedertz, Klügmanö; von Göttingen Prof. Frensdorff 
(vom Vorstand^, Prof. Pauli und Dr. Höhlbaum; von Bremen Se- 
nator Smidt und Dr. Schäfer; von Leipzig Dres. Dahlmann und 
von der Ropp; von Wismar Dr. Kropatschek; von Rostock Dr. 
Karger; aus Düsseldorf Dr. Wenker; aus Meinberg (Lippe-Detmold) 
Privatier Schierenberg. Drei Mitglieder des Vorstands, Senator 
Ehmck (Bremen) und die Stadtarchivare Ennen (Köln) und Hänsel- 
mann (Braunschweig), waren verhindert an der Versammlung sich 
zu betheiligen, dagegen waren die wissenschaftlichen Arbeiter des 
Vereins, die Dres. Höhlbaum, von der Ropp und Schäfer, sämmt- 
lich^ zugegen. 

Den Theilnehmern ward eine gut orientirende Festschrift ein- 
gehändigt, welche, mit dem ältesten Stralsunder Stadtsiegel und 
dem von Schweden verliehenen auf dem Umschlage geschmückt, 
einen Stadtplan und Umriss der nächsten Umgebung, Grundrisse 
der Kirchen und Klöster und Abbildungen der Rathhausfa9ade im 
14. Jahrhundert so wie des ältesten noch vorhandenen Giebels ent- 
hält, begleitet von einem Texte, der die frühere äussere Gestalt 
der Stadt schildert und die Baulichkeiten und namhaften Oertlich- 
keiten kurz erläutert. 

Der Dienstag Morgen brach sonnig an, und auch während 
der "folgenden Tage blieb der Himmel heiter. So zeigte sich uns 
die geräumig angelegte Stadt mit ihren wenig winkeligen Strassen 
von der vortheilhaftesten Seite. In Folge arger Brände (der 
letzte von 1680) sind die Treppengiebel bis auf wenige geschwun- 
den, die Neubauten tragen den Charakter der Wohlhäbigkeit und 
Wohnlichkeit, keine vorwiegende Modernität stört die Harmonie 
zwischen ihnen und den manchen Resten höheren Alterthums, 
welche die öflfentlichen Gebäude noch aufweisen. 

Um 9 Uhr ward die erste Hauptversammlung im grossen 
Rathhaussaale durch freundliche Begrüssungsworte des Herrn Bür- 
germeisters, Geh. Rath Denhard, eröffnet. Der Vorsitzende des 
Vereins, Professor Mantels (Lübeck), dankte und gab eine kurze 
Mittheilung aus dem Jahresbericht*), welcher der Versammlung 



*) S. oben S. III. 

Hansische Geschieb tsbrätter. VII. II 



— XIV — . 

hätte gedruckt eingehändigt werden sollen, durch irgend ein Ver- 
sehen der Post aber erst zum folgenden Morgen eintraf. 

Darauf hielt Bürgermeister Francke seinen Vortrag über die 
Nicolai- und Marienkirche zu Stralsund*). 

Es folgte die Rechnungsablage des Kassenführers, Staatsar- 
chivar Wehrmann (Lübeck)*), welchem auf Antrag der Revisoren, 
Senator Culemann (Hannover) und Commerzienrath Holm (Stral- 
sund), Quittirung ertheilt ward. 

Nach einer kurzen Frühstückspause in der Restauration des 
Schauspielhauses führten Bürgermeister Francke und Stadtbaumeister 
von Hasel berg uns durch die beiden am Morgen besprochenen 
Kirchen, die Jacobikirche, die einfach schöne zur Sühne des sog. 
PfafFenbrandes 1410 erbaute Apollonienkapelle und die noch vor- 
handenen Klosterbaulichkeiten. Die drei Kirchen zeigen, nament- 
lich auch von ausserhalb der Stadt gesehen, eine eigenthümliche 
Massenhaftigkeit des Auibaus, was zum Theil von der Stumpfheit 
der Thürme herrührt, welche sämmtlich ihre alten Spitzen verloren 
haben. Trotz der Kriegsstürme und Brandschäden, welche an 
ihrer l^rstorung gearbeitet haben, enthalten sie manches uralte 
Kunstdenkmal; und ebenso begegnen in den zu den heterogensten 
Zwecken verwandten Klöstern — im Katharinenkloster befinden 
sich Gymnasium, Waisenhaus, Zeughaus — die schönsten und auch 
wunderliche Baureste, so z. B. eine noch völlig erhaltene gewölbte 
Steintreppe. 

Um halb drei Uhr fanden wir uns wieder zusammen zum 
. Vortrage des Dr. Koppmann über die Vitalienbrüder. In dem- 
selben schilderte der Redner, soweit thunlich dem Orte der Ver- 
sammlung Rechnung tragend, auf Grund seiner inzwischen ge- 
druckten Einleitung zum 4. Bande der Hanserecesse die hansisch- 
nordischen Verhältnisse vom Tode Waidemars ab bis zum Aus- 
gange des 14. Jahrhunderts. 

Am gemeinsamen Mittagsmahle im Hotel Bismarck betheih'gten 
sich etwa sechszig Personen. 

Nachdem Bürgermeister Francke des deutschen Kaisers ge- 
dacht hatte, dem der Verein für einen neuen Beweis Seiner Huld 



') S. oben S. 3—34. 
') S. oben S XI. 



— XV — 

zu Dank verpflichtet sei '), brachte Rathsherr Mätthies das Wohl 
des Vereins aus, und Professor Mantels erwiederte mit einem Hoch 
auf die Stadt Stralsund, welcher der Verein seine Stiftung ver- 
danke. Archivar Wehrmann widmete darauf dem Geh. Rath Waitz 
einen mit Begeisterung aufgenommenen Trinkspruch als dem Manne, 
der dem Verein seine %vissenschaftlichen Ziele gesteckt habe. Noch 
viele ernste und heitere Toaste folgten, und nach aufgehobener 
Tafel endete ein behagliches Plauderstündchen beim Glase Bier 
den genussreichen Tag. 

Am Mittwoch Morgen lo Uhr wurden beim Beginn der zweiten 
Hauptversammlung die Jahresberichte vertheilt, desgleichen eine 
Anzahl von Lithographien, darstellend Grundriss, Ansichten, Grab- 
steine u. a. des Klosters Eldena, welche einem im Druck befind- 
lichen Werke des Dr. Pyl über Eldena beigegeben werden sollten. 
Derselbe hatte den dritten Band der Pommer'schen Genealogien, 
enthaltend die Greifswalder Familie Schöpplenberg, auslegen lassen, 
darin ein Plan von Greifswald im Mittelalter. Auch Originalabdrücke 
der Hövener'schen Grabplatte in der Nicolaikirche wurden vorgelegt*), 

Daim hielt Professor Ulmann seinen Vortrag über die Politik ' 
Kaiser Maximilians I. in Westfriesland ^). 

Es folgte die Besprechung über das beim Abdruck der spä- 
teren Hanserecesse einzuhaltende Verfahren'*), an welcher ausser 
den nächstbetheiligten Dr. von der Ropp und Dr. Schafer und den 
Mitgliedern des Vorstandes namentlich auch die Professoren Nitzsch 
und Waitz Theil nahmen. Man einigte sich dahin, dass auch 
die späteren Recesse, etwa abgesehen von wörtlichen Wieder«- 
holungen, vollständig abzudrucken, dagegen das Anlagematerial 
möglichst in Regesten einzukürzen, event. in Anmerkungen nur 
darauf zu verweisen sei. 

Nachdem hierauf Dres. von der Ropp und Schäfer über ihre 
letzten archivalischen Reisen berichtet hatten, ward der aus dem 
Vorstande ausscheidende Stadtarchivar Ennen wieder erwählt und 
auf Einladung des Professor Pauli Göttingen zum Versammlungs- 
orte des nächsten Jahres bestimmt. 



') S. oben S. III. 
^) S. Jahrgang 187 1, S. 87—105. 
J) S. Jahrgang 1876, S. 147—62 
•«) S. oben S. VI, VII. 



II* 



— XVI — 

Mit dem Ausdrucke des Dankes an die Stadt Stralsund und 
alle, welche sich um die Zusammenkunft verdient gemacht hatten, 
schloss der Vorsitzende die siebente Jahresversammlung des Han- 
sischen Geschichtsvereins. 

Die nächsten Stunden wurden mit Besichtigung des Rath- 
hauses und seines Inhalts verbracht unter Führung von Bürger- 
meister Francke, Rathsherr Brandenburg, Bibliothekar Dr. Baier 
u. A.. Das Rathhaus, aus dem ursprünglichen Kauf hause (kophus 
theatrum) mit innerem Hofe und offenen Hallen im 14. Jahrhundert 
zu seinem heutigen Umfange ausgebaut und später vielfach er- 
gänzt und verändert, imponirt noch heute durch seine auch in 
ihrem Verfall stattliche Fa^ade nach dem Markte hin. Dort wer- 
den die drei parallel liegenden Giebeldächer des Gebäudes durch 
eine in die freie Luft aufsteigende durchbrochene Wand verdeckt, 
welche mit Thürmen und allerlei zierlichem Schmuck versehen 
war. Man wird sofort an die ähnliche, aber noch massigere 
Wand des Lübecker Rathhauses erinnert, dessen ursprünglicher 
Bau durch die Stralsunder Anlage seine Erklärung findet. Im 
Innern fesselten die Besucher viele interessante Gemächer mit hi- 
storischen Abbildungen, Bildnissen u. a., desgleichen das Archiv, 
die Bibliothek und das Neuvorpommer'sche Museum, in Letzterem 
) der Hiddenseer Goldfund (1000 n. Chr.). Auch sonst waren die 
Stralsunder Herren unablässig bemüht, bei den Gängen durch die 
Stadt ihre Gäste auf jede interessante Baulichkeit oder geschicht- 
lich merkwürdige Stelle aufmerksam zu machen, wichtige Punkte 
der verschiedenen Belagerungen, den Ort von Schill's Tod. u. a. . 

Der Verein für niederdeutsche Sprachforschung hielt seine 
Sitzungen am Mittwoch vor der Hauptversammlung und am Don- 
nerstag Morgen. Den Theilnehmern war eine Schrift (von Schieren- 
berg) eingehändigt über den Ackerbau der Germanen und den 
Namen Germani (Tac. Germ. 26 u. 2). In Abwesenheit des Ober- 
bibliothekars Dr. Lübben (Oldenburg) übernahm Prof. Reifferscheid 
den Vorsitz, an Stelle des austretenden Bürgermeister Francke 
ward Dr. Baier in den Vorstand gewählt. Einen eingehenden 
Bericht über die Vorträge und Verhandlungen giebt das Korre- 
spondenzblatt des Vereins*). 



») Jahrgang 2, S. 17—21; vgl. S. 2—6, S, 21—24. 



XVII — , 

Am Mittwoch Nachmittag ward mit dem Dampfschiff Hertha 
«in Ausflug nach der nächsten (und ältesten) Ueberfahrtstelle auf 
Rügen, Altefähre, unternommen und von dort durch den „Bodden" 
das südlich auf dem Festlande gelegene Stadtgut Devin aufgesucht. 
Von beiden Stellen wurde bei kaltem, aber sonnigem Wetter die 
Aussicht auf Rügen und* die nächste Festlandsumgegend genossen. 

Einzelne Theilnehmer hatten schon am Mittwoch, andre am 
Donnerstag Morgen Stralsund verlassen und Greifswald aufgesucht. 
Der Stamm der Gäste aber vereinigte sich mit den Stralsundern 
am Donnerstag gegen Mittag im Hotel Bismarck zu einem 
kurzen, durch lebhaftes Gespräch gewürzten Frühstück, bei welchem 
den liebenswürdigen Wirthen und Führern ein letzter Dankesgruss 
gebracht ward. Dann ging es gemeinsam nach Greifswald, wo 
uns an der Eisenbahn ein Localcomit6 von Professoren und an- 
deren Honoratioren der Stadt empfing. 

Ueber den Karlsplatz wurden wir zum Rubenowplatze und 
dem dortigen Denkmal geführt, besichtigten unter Leitung des 
Oberbibliothekars Professor Hirsch, des Dr. Perlbach u. A. die 
Universität, in ihr die Bibliothek, die Aula, die Kunstsammlung. 
Dann wurden die Nicolai- und die Marienkirche besucht. In- 
zwischen versäumten die dem Vorsteher der Rügisch-Pommer'schen 
Abtheilung des Vereins für Pommer'sche Geschichte und Alter- 
thumskunde, Dr. Pyl, Näherstehenden nicht, diesem unserm Mit- 
gliede, welches durch das rauhe Wetter ans Haus gefesselt war, 
«inen Besuch abzustatten. Dr. Pyl hatte Greifswalder Stadtbücher, 
älteste Urkunden, Siegel, Zeichnungen u. s. w. für uns ausgelegt 
und bot uns so Gelegenheit zu vielfacher Belehrung und mancher 
eing'ehenden Discussion. Professor Wattenbach, welcher sich unter 
den Besuchern befand, ward durch die Ueberreichung eines Di- 
plonas überrascht, das ihn zum Ehrenmitgliede der gedachten Ab- 
theilang ernannte. 

Mit dem Dampfer Greif fuhren wir um 4 Uhr nach Eldena, 
erfreuten uns an den Resten des zierlichen Cisterzienserklosters, 
das uns lebhaft an Hude bei Bremen erinnerte, und verbrachten 
im Elisenhain theils im grossen Pavillon, theils auf Wanderungen 
durch das frische Grün der Buchen, vom wärmeren Nachmittage 
begünstigt, einige Stunden. Gruppenweise nach der Stadt zurück- 
gekehrt, vereinigten wir uns dann zum letzten gemeinsamen Mahle 



— XVIII — 

im Deutschen Hause, an welchem Greifswalder aus städtischen 
Kreisen und Professoren aller Facultäten sich betheiligten. 

Die Begrüssung beider Vereine durch Bürgermeister Geheim- 
rath Dr. Tessmann erwiederte der Vorsitzende des Hansischen 
Geschichtsvereins mit einem Danke an die Stadt Greifswald für 
deren Beitritt zum Verein, an Bürger uifd Universität für freund- 
lichen Empfang und brachte ein Hoch aus auf das gedeihliche 
Zusammenwirken Beider in der alten Hansestadt Greifswald. Den 
entgegnenden Worten des Vertreters der Universität, Professor Mosler,. 
schloss sich noch mancher launige Trinkspruch an, so dass die 
drei Stunden bis zur Rückfahrt nur zu schnell verflossen waren. 
Die Gäste wurden mit herzlichem Abschiedsgruss entlassen, vor 
allen der Sendbote des Vereins, Dr. Schäfer, welcher in der Nacht 
noch seine nordische Reise von Stralsund aus antreten sollte'). 

Der Berichterstatter war Willens in Greifswald zu übernachten 
und nahm deshalb dankbar die Einladung einiger Greifswalder 
Herren an, noch ein Stündchen bei einem gemeinsamen Glase 
Bier zu verplaudern. In den gastlichen Räumen des Clubs fand 
er so ziemlich alle wieder, die gleich ihm zurückgeblieben waren,, 
um am andern Morgen mit dem Schnellzug nach Hause zu fahren 
oder trotz der Kälte einen Abstecher nach der prächtigen Stubben- 
kammer zu wagen. 

In den erbitterten Zwistigkeiten der wendischen Städte mit 
den von Dänemark gehegten Holländern zu Anfang des i6. Jahr- 
hunderts haben diese einmal die Stralsunder beschuldigt, dass sie 
im Kampfe, statt zur Fahne zu stehen, abseits gehen und plün- 
dernd ihren Vortheil verfolgen: 

De vam Sunde voren dat blawe laken. 
Unsere hansische Geschichte aber weiss nichts von einem solchen 
Egoismus, vielmehr hat Stralsund immer das Banner der Hanse 
hoch gehallen, und auch unserm hansischen Geschichtsverein 
dürfen wir keine besseren Bannerträger wünschen, als die Bürger 
Stralsunds von 1870 und 1877 1 

Wilh. Mantels. 



') S. oben S. VI und den folgenden Reiseberich 



m. 

REISEBERICHTE, rijj. 

VON 
DIETRICH SCHÄFER. 

I. 

Die Pfingstversammlung in Stralsund machte den Arbeiten 
in Rostock vorläufig ein Ende, nachdem es gelungen war, die 
Briefschaften bis zum Jahre 1500 hin zu erledigen. Einige Stunden 
Müsse am dritten Tage der Stralsunder Versammlung wurden be- 
nutzt, um einen allgemeinen Einblick zu gewinnen in den ein- 
schlagigen Bestand des Stralsund er Archivs. Nach Ablauf der 
Versammlung wandte ich mich unverzüglich nach Schweden. 

Nachforschungen in dem wohlgeordneten Archive der Stadt 
Malmöe und in der Universitätsbibliothek zu Lund blieben er- 
folglos; ich konnte daher ohne lange Verzögerung meine Reise 
nach Stockholm fortsetzen. 

Mit der freundlichsten Bereitwilligkeit wurde mir dort vom 
Herrn Reichsarchivar Bowallius das Reichsarchiv zugänglich ge- 
majcht, dem ich zunächst meine Thätigkeit zuwandte. Sämmtlichen 
Beamten desselben bin ich für ihr dienstfertiges Entgegenkommen 
zum herzlichsten Danke verpflichtet. Die ungeheure Menge des 
Materials, welche durchzusehen war, erschwerte auch ihnen ihre 
Aufgabe. Nachdem ich dort Alles für meinen Zeitraum in Betracht 
Kommende durchgearbeitet und nur eine verhältnissmässig sehr 
geringe Ausbeute herausgebracht hatte, entschloss ich mich, meine 
Nachforschungen an dieser Stelle wie in allen andern schwedischen 
Archiven und Bibliotheken auch auf die weiter zurückliegende Zeit 
auszudehnen, um dadurch zukünftige Reisen nach Schweden für 
hansische Zwecke unnöthig zu machen. Ich Hess also die nach 
Tausenden zählende Reihe der „Pergamentsbref* und „Pappersbref* 
(in diese beiden grossen Abtheilungen ist im Wesentlichen der ganze 
mittelalterliche Bestand des schwedischen Reichsarchivs, und zwar 
rein chronologisch, eingeordnet) bis zum Jahre 1530 hin durch die 



— XX — 

Hand gehen und machte mich dann an die zahlreichen Copialbücber 
und die sonstigen Acten, die möglicherweise älteres Material in Ab- 
schriften enthalten konnten. Unter jenen sind die des Lunder und 
Linköpinger Capitels, das des Bischofs Johann Brask von Linköping 
und zwei Copialbücber der Kirche von Abo zu erwähnen, die ich 
zufällig (das eine gehört dem Grafen Nils Brahe auf Skokloster, das 
andere der königl. Bibliothek) auf dem Reichsarchiv benutzen konnte. 
Blieb diese Arbeit auch nicht gänzlich resultatlos, so entsprach der 
Aufwand an Zeit und Arbeit doch durchaus nicht dem endlichen Er- 
folge, ein Ergebniss, das um so auffälliger sein musste, als die 
Beziehungen Schwedens zur Hansa im Mittelalter doch mannichfaltig 
und lebhaft genug gewesen sind. Eine wenigstens theilweise Er- 
klärung desselben lieferte die Durchsicht der gegen Ende des 17. 
Jahrhunderts angefertigten älteren Registranten des scliwedischen 
Reichsarchivs, besonders jener des in den archivalischen Arbeiten 
für die Reductionen Karls XL einen hervorragenden Platz einnehmen- 
den Erich Runeil (Palmsköld). In ihnen fand sich eine Reihe von 
Originalen wie von Copien verzeichnet, deren Verlust (höchst wahr- 
scheinlich durch den grossen Schlossbrand von 1697) in hansischem 
Interesse zu beklagen ist; das Ausziehen der betreifenden Notizen 
konnte doch nur einen geringen Ersatz liefern. 

Um so begründeter schien die Hoffnung, dass die grossen von 
schwedischen Gelehrten des 17. und i8. Jahrhunderts angefertigten 
Abschriftensammlungen, welche die königliche Bibliothek und 
besonders das historische Cabinet des Reichsmuseums be- 
wahren, noch dieses und jenes erhalten haben möchten. Aber auch 
sie wurde im Wesentlichen getäuscht Die umfangreichen Samm- 
lungen von Oernhjelm, Peringsköld, Brocmann und Rääf lieferten 
nur ganz einzelne, minder wichtige Stücke, die eigene Sammlung des 
gegenwärtigen Reichsantiquars E. B. Hildebrand, des verdienten 
Herausgebers des schwedischen Diplomatars, der mich mit der 
grössten Liebenswürdigkeit bei meinen Untersuchungen unterstützte, 
nicht mehr. Eine etwas reichere Ausbeute gewährten die Ueber- 
bleibsel des Archivs der Domkirche (Marienkirche der Deutschen 
im Mittelalter) zu Wisby, die jetzt im Reichsmuseum aufbewahrt 
werden, und Spegel's Rudera Gotlandica, die, Eigenthum der 
Gymnasialbibliothek zu Wexiö, zur Zeit vom Reichsantiquar zur Be- 



— XXI 

notzung in Stockholm reclamirt worden waren. — Einige wenige 
Urkunden lieferte das Stockholmer Stadtarchiv. 

Es blieb die Hoffnung, dass die übrigen Archive des Landes 
oder die in Schweden so ausserordentlich zahlreichen und werth- 
voUen über das ganze Land verstreuten Privatbibliotheken und 
Archive noch Einiges liefern möchten. Gestützt auf die über 
diese Sammlungen veröffentlichten Verzeichnisse und mündliche 
Mittheilungen der Herren Kammerherr Silfverstolpe vom Reichs- 
archiv und Oberbibliothekar Styffe von Upsala wurden nach ein- 
ander die gräflich Brahe'sche Bibliothek in Skokloster, die Univer- 
sitätsbibliothek in Upsala, die Stiftsbibliothek in Linköping, das 
Staatsarchiv in Jönköping, die Gymnasialbibliotheken in Wexiö 
und Kalmar näher untersucht. Den werth vollsten Beitrag lieferte 
Linköping in einem lateinischen Bericht über die Verhandlungen 
zu Brügge zwischen den Hansestädten und England 1499, ^^^ ^^^ 
so manche andere Schätze der dortigen reichen Bibliothek, aus 
Preussen herstammt. Die Hoffnung, in Wexiö und Kalmar, wo 
Spegel's und Wallin's Sammlungen verwahrt werden, noch Neues 
über Gotland zu finden, blieb unerfüllt Ein Besuch der merk- 
würdigen, für hansische Geschichte so wichtigen Insel Gotland 
lieferte, wie von vornherein nicht anders zu erwarten war, archi- 
valische Resultate nicht; wie weit derselbe sonst für Erweiterung 
der Kenntniss hansischer Geschichte fruchtbar war, werde ich ver- 
suchen, in einem besonderen Aufsatze im nächsten Jahrgange der 
Hansischen Geschichtsblätter auseinanderzusetzen '). 

Nachdem ein nahezu zweimonatlicher Aufenthalt in Schweden 
festgestellt hatte, dass für die bis jetzt in Angriff genommenen 
Publicationen des Hansischen Geschichtsvereins aus dortigen Archiven 
und Bibliotheken nichts mehr zu holen sei, ging ich zum zweiten 
Theil des für die diesjährige Sommerreise festgesetzten Programms 
über, zum Besuche Finlands. Von vornherein war von den Archiven 
dieses Landes für unsere Zwecke wenig oder vielmehr nichts er- 
wartet worden, und diese Erwartung rechtfertigte sich auch voll- 
kommen. Trotzdem blieben die Zwecke des Vereins auch hier 
wol nicht ganz ungeiordert, indem Theilnahme an unseren Be- 
strebungen bei manchen Deutschen im Lande geweckt wurde 

*) Einen Torläufigen Bericht s. Weserzeitung ^«77, Nr. 11063 und 
11064; Lübische Blätter 1877, Nr. 88. 



XXII — 

und die Beziehungen zum Heimathlande sich so durch ein neues 
Band stärkten'). 

Ein kurzer Besuch in St. Petersburg blieb ohne directen 
Gewinn, weil die kaiserL Bibliothek wegen baulicher Veränderungen 
und wegen Abwesenheit der Beamten nicht benutzbar war. Ein in 
Aussicht genommener Ausflug nach Nowgorod unterblieb nach 
Rücksprache mit Herrn Akademiker Kunik, der diese Stadt und 
den dorthin führenden Handelsweg schon lange zum Gegenstande 
besonderer Untersuchungen gemacht hat. Ohne Kenntniss der 
russischen Sprache durfte ich nicht hoffen, in den wenigen Tagen, 
die ich auf einen solchen Ausflug hätte verwenden können, mehr 
aus den aller sichtbaren baulichen Ueberreste beraubten Lokali- 
täten herauszulesen, als jener scharfsinnige Forscher im Stande 
gewesen ist zu thun. Hoffentlich entschliesst er sich bald, die ge- 
wonnenen Resultate allgemein bekannt zu machen. 

In Reval gelangte ich endlich an eine der reichsten Fund- 
gruben hansischen Geschichtsmateriales. Die freundliche Bereit- 
willigkeit des Syndicus Dr. Greiffenhagen und des Rathsherrn 
Berting gestattete mir die Benutzung des Archivs in der bequemsten 
Weise. So konnte ich in einem Zeitraum von ca. 4 Wochen zu- 
nächst die reiche Sammlung von Recessen (Hanse-, livländischen 
Städte- und Landtagsrecessen) vollständig bearbeiten. Von Hanse- 
recessen wurden abgeschrieben der von 1487 ascens. Dom. Lübeck 
(70 BL), collationirt die von 1498 (47 Bl.), 1507 (34 Bl), 1511 (38 
Bl.), 1517 (49 Bl.), sämmtlich Lübeck. 14 Particularstädterecesse 
aus den Jahren 1501 — 30 wurden vollständig abgeschrieben, aus 
14 Landtagsrecessen die Verhandlungen der Städte ausgezogen, welche 
sämmtlich in der von v. d. Ropp (Hans. Geschichtsbl. Jahrg. 1873, 
S. LIII) auseinandergesetzten, die Ausscheidung leicht machenden 
Weise in die Landtagsverhandlungen aufgenommen waren. Ein 
Bericht über die Gesandtschaft nach Nowgorod 1510 (16. Bl.) wurde 
abgeschrieben. 

Als ich eben im Begriffe stand, auch zur Bearbeitung des 
urkundlichen Materials überzugehen, entschied sich eine nur sehr 

') Näheres über die finnische Reise mit einigen Bemerkungen über 
den deutschen Handel nach Finland s. Lübische Blätter 1878, Nr. 2, 
3, 4 und Wes. Ztg. 1877, Nr. 11082 und 11083. — Mit dem Aufsatz über 
Gotland zusammen gedruckt. Lübeck. Rafatgens 1877. 



— xxni — 

kurze Zeit geführte Unterhandlung wegen Uebernahme einer Pro- 
fessur der Geschichte an der Universität Jena Anfangs September 
dahin, dass ein Antritt schon in diesem Herbst und in Folge dessen 
ein sofortiges Aufgeben der vorliegenden Arbeit nÖthig wurde. Nur 
mit schmerzlichem Bedauern fasste ich den unvermeidlichen Entschlüsse 
den Rest der Revaler Schätze auf einer zweiten Reise zu heben. 

Jena, Oct. 25. 1877. 



II. • 

Dem Bericht über die im März und April 1878 im Auftrage 
des Vereins ausgeführte Reise muss ich eine kurze Mitihdlung 
vorausschicken über das, was mir in den vorhergehenden Winter- 
monaten in Jena zu bearbeiten vergönnt war durch das freundliche 
Entgegenkommen der Magistrate und Archivare der Städte Bre- 
men, Wismar, Rostock, Lübeck, Stralsund und Köln, die das ihren 
Archiven zu entnehmende Material, so weit es die Versendung zu- 
Hess, hierher schickten. 

Aus der Recesssammlung des Stadtarchivs zu Bremen wurden 
noch abgeschrieben die beiden Recesse von 

1525 Jali 7 Lübeck (57 Bl.j 
1530 Mai 26 „ (76 Bl.) 

Aus dem Rathsarchive zu Wismar wurden abgeschrieben die 
Recesse von 

1478 Juni I Lübeck (3 Bl.) 

1478 Sept. 3 Verhandlungen zu Kopenhagen (5 Bl.) 

1480 März I Münster, Verträge zwischen den wendischen 
Städten und den Niederländern (7 Bl.) 

14^0 März 15 Lübeck (3 Bl.) 

1480 Nov. i6 Lübeck (2 Bl.) 

1481 März 28 Lübeck (2 Bl.) 

1506 Juni 12 Verhandlungen zu Kiel (11 Bl.) 

1507 Juni 24 Verhandlungen zu Nyköping (10 Bl.) 

1508 Jan. 19 Lübeck (4 Bl.) 

1509 Febr. 7 Lübeck (5 Bl.) 

1509 Juni 20 Lübeck (8 BL) 

1510 Januar 23 Lübeck {22 Bl.) 



— XXIV — 

1520 März 5 Lübeck (13 Bl.) , 

1522 Januar 2 Lübeck (18 BL), 
ausserdem einige 20 lose Schreiben copirt und 9 Recesse collationirt. 

Aus dem Rathsarchive zu Rostock wurden die Verhand- 
lungen zu Bremen über den Streit zwischen Rostock und den Her- 
zögen von Mecklenburg von 1495, Nov. 18 (5 Bl.) abgeschrieben 
und die Recesse von 

151 7 März (vor 14.) Lübeck, Bruchstück (8 Bl.) 

1518 Nov. I Lübeck (16 Bl.) 
1526 Nov. 18 Lübeck (18 BL), 

ausserdem 17 Recesse collationirt. 

Das Rathsarchiv zu Stralsund lieferte zur Abschrift folgende 
Recesse: 

1501 März. 21 Lübeck (11 Bl.) 
1503 Febr. 13 Lübeck (12 BL) 
1503 März 12 Lübeck (8 BL) 

1503 April 24 Lübeck (14 BL) 

1504 Aug. 26 Lübeck (6 BL) 

1505 Febr. 11 Lübeck (10 Bl.j 
1509 Aug. I Lübeck (11 Bl.) 

1509 Oct. 4 Lübeck (10 BL) 

1510 Mai 22 Lübeck (15 BL) 

1514 April 23 Lübeck (8 Bl.) 

15 15 Febr. 6 Lübeck (16 BL) 

1515 Mai 31 Lübeck (16 BL) 

151 6 Oct. 8 Lübeck (8 BL) 

1518 Juni 19 Lübeck (60 BL) 

1519 April 16 Lübeck (18 BL) 
1519 Juni 17 Lübeck (10 BL) 

15 19 Oct. 24 Lübeck (21 BL) 

1520 März 22 Stralsund (18 BL) 
1520 Mai 4 Lübeck (12 BL) 
1522 April 27 Lübeck {22 BL) 

1522 Mai 25 Lübeck (25 Bl.) 

1523 Jan. 19 Stralsund (9 Bl.) 
1523 Aug. 3 Lübeck (7 Bl.) 

1523 Nov. 30 Lübeck (21 BL) 

1524 März IG Lübeck (12 BL) 



— XXV — 



1525 Jan. 8 Lübeck (22 Bl.) 
1528 Juli 6 Lübeck (32 Bl.) 
und zwei undatirte Stücke, von denen das eine Bruchstück, von je 
IG Bl. Collationirt worden sind 18 Recesse. 

Aus dem Stadtarchive zu Lübeck wurden abgeschrieben die 
Verhandlungen der wendischen Städte mit den Niederländern zu 
Bremen 15 14 Sept. 8 (38 Bl.) und eine Anzahl loser Schreiben 
(Hanseatica vol. II). 

Das Stadtarchiv zu Köln zeichnet sich besonders durch die 
Reichhaltigkeit aus, in der es die Verhandlungen der Hansen mit 
den Engländern und Niederländern bewahrt. £s wurden abge- 
schrieben : 

1479 Sept. 8 Verhandlungen der wendischen Städte mit den 

Niederländern zu Münster (37 Bl.) 
1491 Mai I Verhandlungen mit den Engländern zu Ant- 
werpen, niedd. u. lat. (59 Bl.) 
1497 Juni 24 Verhandlungen mit den Engländern zu Ant- 
werpen, lat. (19 Bl.) 
1499 Juni I Verhandlungen mit den Engländern zu Brügge 
lat. (64 Bl.) (ein zweites Exemplar wurde collationirt) 

Ausserdem wurden die Recesse der allgemeinen Hansetage von 
1487 und 1498 collationirt. 

An diese Arbeiten konnten sich dann nach angetretener Reise 
die in Köln selbst anschliessen, für die mir Herr Archivar Dr. Ennen 
mit bekannter Bereitwilligkeit Führer wurde. Da die Bearbeitung 
der- noch rückständigen Recesse und Verhandlungen durch Ueber- 
sendung an die Universitätsbibliothek zu Jena hier am Orte wird 
ermöglicht werden, so konnte ich mich in Köln auf das Anlage- 
material beschränken. Die Zahl der dort noch erhaltenen losen 
Briefe aus der Zeit von 1477 — 1530 ist verhältnissmässig gering. 
Die Pergamentschreiben (ca. 30, meistens Briefe Lübecks) konnte 
ich für den ganzen Zeitraum bearbeiten. Bei den Papierbriefen 
musste ich mich auf die Zeit bis 1500 beschränken. Die Haupt- 
ausbeute lieferten die wohlerhaltenen Copirbücher, die ebenfalls bis 
1500 durchgegangen wurden. Sind sie auch nicht immer mit 
gleicher Gewissenhaftigkeit geführt worden (offenbar ist wiederholt 
die Eintragung der Schreiben aufgeschoben und sind diese dann 
in grosser Menge zu gleicher Zeit und in Folge dessen lückenhaft 



— XXVI — 

und nicht in chronologischer Ordnung eingetragen), so gewähren 
die Bücher doch ein recht deutliches Bild von der Bedeutung und 
dem Umfange der Verbindungen, in denen diese erste Stadt des 
deutschen Mittelalters stand. Die hansische Correspondenz ist für 
einen grossen Theil der 80 er Jahre auffallend dürftig, in den 90 er 
Jahren zum Theil überaus lebhaft, besonders in Sachen des Brügger 
Kontors. Die ganze Ausbeute im Kölner Stadtarchiv betrug 185 
Nummern. Eine Durchsicht der Rathsprotokolle ergab Nichts; 
auch lieferten die hansischen Privilegienbücher aus der Zeit vor 
1500 für die Recesssammiung nichts Neues. 

Das Weseler Stadtarchiv ist seit Jahresfrist dem KgL Staats- 
archiv zu Düsseldorf zur Aufbewahrung übergeben worden und 
dort gesondert aufgestellt. In seiner Benutzung wurde ich von 
Herrn Archivrath Dr. Harless und Herrn Archivsecretär Dr. Endru- 
lat, der die Abschrift zweier Recesse freundlichst übernahm, auf 
das Entgegenkommendste unterstützt. Nach dem vom Schöffen 
und Stadtsecretär Conrad Duden 1791 angelegten guten Reper- 
torium Hess sich leicht eine Uebersicht über den Bestand gewinnen. 
Die Hanseatica sind für die Jahre 1477 — 1530 nicht so reich ver- 
treten, wie für die frühere oder spätere Zeit, doch war die Aus- 
beute immerhin eine recht befriedigende. Sie bestand aus 4 Re- 
cessen niederrheinischer Städtetage (zweimal 1512 zu Köln, 152 1 zu 
Wesel, 1522 zu Duisburg), einigen 20 Schreiben und Notizen aus 
Rathsprotokollen und Kämmereirechnungen. Die allgemeinen 
Hanserecesse von 1507, 1518 und 1521 wurden collationirt Die 
Schreiben stammen zum grösseren Theile aus den einzigen aus 
der genannten Zeit noch erhaltenen Missivenbüchern, denen der 
Jahre 1496 — 99. Sie sind mit sehr nachlässiger und schlecht 
leserlicher Hand geschrieben. Die in Duden's Repertorium mitauf- 
geführten Missivenbücher von 15 18 — 1530 sind nicht mehr aufzu- 
finden. Vortrefflich geführt sind die Kämmereirechnungen; sie sind 
von 1342 an erhalten (nur die von 1444 fehlen) und lieferten er- 
wünschte Notizen, Noch dankbarer war die Durchsicht der Raths- 
protokolle, die für die Jahre 1484 — 1514 und 1520 — 30 erhalten 
sind. Sprachlich interessant ist es, die Umwandlungen zu beob- 
achten, die ein Schreiben erfahrt, wenn es, vom Kaufmann zu Brügge 
ausgehend, über Lübeck und Köln an eine der niederrheinischen 
Städte gelangt. Der Lübecker Abschreiber übersetzt das Flämisch- 



— XX VIT 

Niederdeutsche des Originals in sein heimisches Niederdeutsch, der 
Kölner dieses wieder in sein Kölnisch. Eine wirkliche, buchstaben- 
getreue Abschrift zu liefern, fällt Keinem ein. 

Das reiche Archiv zu Soest, dessen Ordnung und Aufstellung 
leider nicht seinem Werthe entspricht, lieferte auch für den vor- 
liegenden Zweck nahe an loo Nummern. Von besonderem Inter- 
esse war ein ausführlicher Bericht des Soester Rathssecretärs über 
die im Anschluss an den allgemeinen Hansetag von 1507 geführten 
Verhandlungen Soests mit den unter ihm zur Hanse gehörigen 
Städten Lippstadt, Werl, Geseke, Brilon, Rüden, Attendorn und 
Arnsberg, nebst der dazu gehörigen Correspondenz (zum Theil auch 
im Original erhalten). Der Recess der niederrheinischen Städte zu 
Köln 1529 März 10 war neben dem eben erwähnten der einzige 
neue Recess; 5 Recesse waren zu collationiren. Die Briefschafteii 
bestanden theils aus losen Schreiben, theils waren sie im Anschluss 
an die Recesse mitgetheilt, theils fanden sie sich in den vom Jahre 
1500 an erhaltenen Rathsmissivenbüchern. 5 Nummern musste 
ich der Abschriftensammlung des Herrn Oberlehrers Vorwerck, der 
mir seine Copien freundlichst zur Verfügung stellte, entnehmen, 
da die betreffenden Vorlagen nicht mehr aufzufinden waren. Die 
Stadtrechnungen beginnen erst mit 1529. Die sogenannten Raths- 
protokollbucher enthalten fast ausschliesslich gerichtliche Aufzeich- 
nungen. Einen Band, der 5 noch zu collationirende Recesse ent- 
hält, wird man mir nach meinem beim Magistrat eingereichten und 
freundlichst genehmigten Gesuch nach Jena schicken. 

Die Durchsicht des von Herrn Dr. Rubel neuerdings wohlge- 
ordneten Stadtarchivs zu Dortmund war gänzlich erfolglos. 

Lohnender war der Besuch Münsters. Dort bewalirt das 
Kgl. Staatsarchiv ein arg beschädigtes, kaum noch zur Hälfte vor- 
handenes Exemplar des allgemeinen Hanserecesses von 1487, das 
einst Eigenthum Dortmunds war. Das Stadtarchiv, bei dessen Be- 
nutzung Herr Assessor Geisberg mir freundliche Dienste leistete, 
bot mehr, als sich nach den darüber erhaltenen Nachrichten ver- 
muthen Hess. An Recessen bewahrt es allerdings nur den des 
allgemeinen Hansetags von 1506, aber lose Schreiben, theils Origi- 
nale, theils Copien, lieferte es gegen 50. Betreffs der Stellung der 
westfälischen Städte zu einander ergab sich aus einigen dieser 
Schreiben, dass im Anfange des 16. Jahrhunderts Minden, Biele- 



— XXVIII — 

feld, Herford, Paderborn und Lemgo von Osnabrück aus zu den 
Tagen geladen wurden und durch Osnabrück Mittheilüng von all- 
gemeinen Ausschreiben erhielten. 

Osnabrück selbst hat aus der Zeit von 1477 — 1530 sehr 
wenige Hanseatica erhalten, nur die Abtheilung „Hanse und Han- 
del" lieferte eine Anzahl Schreiben, von denen aber keins eine 
sonderliche Bedeutung beanspruchen kann. Ein Besuch der vor- 
hin genannten, als Glieder des Hansebundes weniger bedeutenden 
5 Städte konnte unterbleiben, da weder die vorhandene Literatur 
noch mündlich eingezogene Nachrichten Anhaltspunkte boten, die 
irgendwelche Ausbeute erwarten Hessen. Ein Gleiches gilt von 
den übrigen kleinen westfälischen Städten, die dereinst dem Hanse- 
bunde angehörten'). 

Weniger lebhaft als bei den niederrheinisch -westfälischen 
Städten sind gegen Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahr- 
hunderts die allgemein hansischen Beziehungen bei den Städten 
Niedersachsens gewesen. Die Angelegenheiten der Kontore zu 
Brügge und Flandern, welche jene so oft bewegten, scheinen diese 
wenig berührt zu haben; ebenso haben die von den wendischen 
Städten im skandinavischen Norden verfochtenen Interessen bei den 
sächsischen Städten verhältnissmässig wenig Theilnahme gefunden. 
So ist denn auch das in den Archiven dieser Städte erhaltene all- 
gemein hansische Geschichtsmaterial sehr gering (nur Braunschweig 
und Goslar bewahren je einen Hanserecess), reicher allerdings die 
Nachrichten über den speciell sächsischen Städtebund, in den das 
hansische Leben sich hier zusammenzieht. Zum Theil mag die 
Lücke auch durchaus äusserlichen Gründen ihren Ursprung ver- 
danken. Wenigstens muss es sehr auffallig erscheinen, dass die 
Klagebriefe über die drohende Vernichtung durch den Moskowiter^ 



^) Attendorn hat einige Hanseatica, aber erst aus späterer Zeit. Näheres 
über sie wird bekannt werden durch die Geschichte Attendorns, die Herr 
Intendanturrath Brunabend in Münster demnächst veröffentlichen wird und 
deren Manuscript der genannte Herr die Gute hatte mich einsehen zu 
lassen. In Warendorf fand Herr Archivrath Wilmans (zu Münster) eben- 
falls Hanseatica aus späterer Zeit, über die er so freundlich war mir den 
an das Generaldirectorium der Kgl. preuss. Staatsarchive abgestatteten 
Beriebt zu zeigen. — (Attendorn, Schnellenberg, Waldcnburg und Ewich. 
Ein Beitrag zur Geschichte des Herzogthums Westfalen. Von J. Brun- 
abend. Ist inzwischen erschienen, Nov. 5. 1878). 



— xxrx — 

die nach der Schliessnng des Hofs zu Nowgorod (1494) immer von 
Neuem über Lübeck an die Hansestädte gesandt wurden, in den 
rheiniscli^westfälischen Archiven mit der sich daran knüpfenden 
Correspondenz so reichlich erhalten sind, während sie in den 
sächsischen fast ganz fehlen. 

In Braunschweig beginnen die erhaltenen allgemeinen 
Hanseatica erst mit 1518, liefern bis 1530 nur den Recess von 1518 
und Theile der Verhandlungen mit Antwerpen über Verlegung des 
Kontors dorthin. Demnächst sind die wenigen erhaltenen Reste der 
Rathscopiebücher (es finden sich in ihnen gegen 50 Schreiben 
hansischen Inhalts) von Bedeutung. Einiges lieferten die letzten 
Theile vom Degedingesbok (1414 — 85) und das Gedenkbuch von 
1485 — 1526. Eine Durchsicht der allgemeinen Stadtrechnungen, die 
für die Jahre 1478, 1479, ^49^ — 1530 flF. (mit einigen Unterbrechungen) 
erhalten sind, gewährte manche erwünschte Notiz. Unter den Ur- 
kunden finden sich die Originale mehrerer sächsischer Städtebündnisse 
aus der Zeit Das Entgegenkommen des Herrn Stadtarchivar Dr. 
Hänselmann ermöglichte mir eine rasche Erledigung dieses Materials 

Das Stadtarchiv zu Goslar bewahrt eine Abschrift des Hanse- 
recesses von 1498, die zu collationiren war. Herr Bürgermeister 
Tappen war so freundlich, mir auf meine Bitte die Zusendung 
desselben an die Universitätsbibliothek zu Jena zu versprechen. 
Die „Acta, betreffend die Geschichte der Hansa" und die „Schreiben 
anderier Städte" lieferten gegen 30 Nummern. Von besonderem 
Interesse war ein spedfidrtes Verzeichniss der Kosten der Besen- 
dung des Hansetages zu Lübeck 1518. Die mit grosser Sorgfalt 
geführten und für die Jahre 1490 und 1500 ff. erhaltenen Stadtrech- 
nungen brachten allerdings unter der Rubrik „in causa der Hense", 
die sie zu jedem Jahre aufweisen, nur zu 15 14 und 1518 Eintra- 
gungen, unter andern Rubriken aber doch zahlreichere Notizen über 
sächsische Städtetage. 

Mehr noch als im Stadtarchiv zu Goslar, dessen Ordnung 
Herr Dr. Pacht übernommen hatte, fehlte mir dieser emsige Ar- 
beiter und liebenswürdige Führer im Stadtarchiv zu Hildesheim, 
das ich nur wenige Wochen nach seinem Tode betrat Die um- 
ständliche Durchsicht der alphabetisch angelegten Repertorien er- 
gab kein entsprechendes Resultat; einige wem'ge Nummern aus 
den Urkunden (sächsische Städtebündnisse) j aus einem Stadtbdche, 

Hansische Geschichtsblätter. VII. 12 • 



— XXX — 

das Erlasse des Rathes enthält, und aus der Rubrik: ,,Historica, 
fremde Fürsten und Städte** waren das ganze Resultat. Die Ab- 
theilnng Hanseatica enthielt nur Sachen vor 1477 und nach 1530, 
letztere sehr zahlreich. Ein Fasdkel war zur westfälischen Zeit 
„ä monsieur monsieur Sartoriuß garde de la biblioth^ue royale ä 
Göttingen" gesandt; der die Rücksendung begleitende Brief Sartorius' 
liegt bei. Nach Missivenbüchern fragte und suchte ich vergebens. 
Noch dürftiger war die Ausbeute in Hannover. Das Kgl. 
Staatsarchiv dort lieferte nur aus dem dorthin übertragenen Uelzener 
^Stadtarchive eine Einladung zum Hansetage von 1507, das wohl- 
geordnete Stadtarchiv, das mir durch die Verwendung des Herrn 
Senator Culeman zugänglich gemacht wurde, bewahrt unter seinen 
Urkunden einige sächsische Städtebündnisse und einem Ansatz zu 
einem sächsischen Städtetagsrecesse aus, den einzigen der Zeit von 

1477— 1530. 

Lohnender war die Arbeit in Göttingen. Hier leistete mir 

Herr Dr. Hasselblatt, der so eben den 3. Band des Göttinger Ur« 
kundenbuchs vollendet hat, durch seine genaue Kenntniss des Ar* 
chivbestandes wesentliche Dienste. Die Ausbeute bestand, abge- 
sehen von den Auszügen aus den Kämmereirechnnngen, nur in 
Briefschaften und zwar fast ausschliesslich nicht allgemein han- 
sischen, sondern nur sächsischen Inhalts. 

Der Besuch von Helmstedt lohnte sich durch drei nicht 
uninteressante Schreiben. Die Stadtchronik des Henning Hagen 
konnte ich schon in Braunschweig durchsehen, da Herr Stadtar« 
chivar Hänselmann sie behufs Anfertigung einer Abschrift hatte 
dorthin kommen lassen. Sie ergab für meine Zwecke nichts. 

Gänzlich resultatlos war der Besuch von Magdeburg und 
Halberstadt; weder das Staatsarchiv dort, noch das Stadtarchiv 
hier enthielt irgend etwas hansisches. 

Der Misserfolg in Halberstadt, die negative Auskunft, die mir 
Herr Director Schmidt in Halberstadt über das ihm bekannte Ar- 
chiv zu' Aschersleben ertheilte, dann die demnächst zu erwartende 
Ausgabe des 2. Bandes vom Quedlinburger Urkundenbuche Hessen 
mir einen Besuch von Quedlinburg und Aschersleben um so 
mehr als unnützen Zeit- und Kostenaufwand ersdieinen, als schon 
Dr. von der Ropp Quedlinburg ganz, Aschersleben fast ergeb- 
nisslos besucht hatte und in dem ganzen bis jetzt von mir 



— XXXI •- 

gesammelten Material nie eines der beiden Orte Erwähnung ge- 
schieht 

Das Entgegenkommen Seitens der Bürgermeister der Städte 
und der die Archive beaufsichtigenden städtischen Beamten war 
überall ein so freundliches und forderndes, dass ich nicht umhin 
kann, den betreffenden Herren meinen Dank auszusprechen. Dem 
Greneraldirectorium der Kgl. preuss. Staatsarchive und den Vor- 
stehern und Archivaren der Staatsarchive zu Düsseldorf, Münster, 
Osnabrück, Hannover und Magdeburg bin ich ebenfalls zu warmem 
Danke verpflichtet 

Jena, Mai 2. 1878. 



12* 



Druck von Bär & Hermann in Leipzig. 



JenUy 2. Dezember 1880. 

Im Verlage der Unterzeichneten erecheinen demnäohst von dem yer- 
storbenen ProfesBor 

WILHELM MANTELS 

BEITRAGE 

ZUB 

LtJBISCI-IMSISCHEU GESCHCITE 

HERAUSGEGEBEN 

VOK 

Db. KABL KOFPHANir 

15 HAXBUBQ. 

Mit einer biographischen Einleitung und einem Portrait des Verfassers 

in Lichtdruck ausgeführt 
von 

C. Nohriig. 

Ca. 28 Bogen in Gross S^. 

Subscriptionspreis für ein brochirtes Exemplar 8 Mark, 
für ein in Halbfranz gebundenes Exemplar 10 Mark. 

iBhalti 

Biographische Einleitung. 

1. Lübeck als Hüterin des Land' und Seefriedens. 

2. Ueber die beiden ältesten Lübeckischen Bürgermatrikeln. 

3. Herr Thidemann von Güstrow , Bürgermeister der Stadt Lübeck. 

4. Lübeck und Marqitard von fVestensee. 

5. Die hansischen Schiffshaupt leute Johann fVittenborg ^ Brun Warendorf 
und Tidemann Steen. 

6. Der im Jahre 1367 zu Köln beschlossene hanseatische Pfundzoll. 

7. Kaiser Karl IF. Hoflager in Lübeck. 

8. Die Reliquien der Rathskapelle zu St. Gertrud in Lübeck. 

9. jius dem Memorial- oder Geheim^Buche des Lübecker Krämers Hinrich 
Dunkelgud. 

10. Hermann Bonnus, Lübecks erster Reetor und Superintendent ab lübscher 
Chronist. 



Von der yorstehenden Sammlung historischer Aufsätze des Herrn 
Professor Mantels war derjenige über Hermann Bonnus bisher noch nicht 
durch den Druck veröffentlicht. Die übrigen Abhandlungen sind als Ge- 
legenheitssohriften herausgegeben oder in Zeitschriften abgedruckt worden, 



\ 



80 dass sie bisher nur in kleinerem Kreise bekannt waren. Es ist daher 
von vielen Seiten der Wunsch geäussert worden, dieselben möchten ge- 
sammelt und einem grösseren Publikum zugänglich gemacht werden. Die 
in diese Sammlung aufgenommenen Aufsätze sind sämmtlioh der ruhm- 
reichen Geschichte Lübecks und des hansischen Städtebundes gewidmet, 
für deren Erforschung der Verfasser die reichen Gaben seines Geistes und 
die beste Kraft seines Lebens eingesetzt hat. 

Die kundige Hand des Herrn Herausgebers hat die vielen handschrift- 
lichen Nachträge des Verfassers dem früheren Texte hinzugefügt und bei 
den Belegstellen überall auf die neueren Urkunden-Publikationen Rück- 
sicht genommen, so dass die Abhandlungen jetzt in vielfach neuer Gestalt 
vorliegen. In dankbarer Erinnerung an des Verfassers Wirken hat der 
Herr Herausgeber dem Buche eine kurze Biographie vorangestellt, die in 
Verbindung mit dem derselben beigegebenen in Lichtdruck ausgeführten 
Portrait den zahlreichen Freunden und ehemaligen Schülern des Verfassers 
ein willkommenes Andenken an den Verstorbenen sein wird. 

Die unterzeichnete Verlagshandlung glaubt einer weiteren Empfehlung 
des Unternehmens enthoben zu sein, sie bittet um eine freundliche Be- 
urtheilung desselben und um eine rege Betheiligung. Zu gef. Bestellungen 
wolle man sich gef. des nebenstehenden Bestellzettels bedienen und den- 
selben an diejenige Buchhandlung befördern, durch welche die Zusendung 
gewünscht wird. 



Hochachtungsvoll 

die Verlagsbuchhandlung 

von Gustav Fischer 

vormals Friedricli Xanke. 



Bei der Verlagsbuchhandlung von Gustav Fischer in Jena 

bestelle ich hierdurch und erbitte die Zusendung durch die Buchhandlung 



von 



Ex. Mantels, Beiträge zur Lübisch-Hansischen 

Geschichte. 



gebunden'' 
brochirt* 



* Das nicht Gewünschte gef. zu durchstreichen. 



Ort und Batum: Unterschrift: 



■^ «- V I:|,'V». » 



. Uns ^ngbngt «tfdjli^K Den ^eUd* m 



allgemeine (Sefdjidjte 

in 

(finsclbarftcllungcn. 

Hnter Znihoirfung von 

iFcItC tSamStig, Sllticanlitr ^lüOrntt, gtUf iBafin, SToganne^ I9üinl(gtn, 

3Sein|i. Crbmann^tiöifrer, Cdcotiar flatge, XuHtai. oEetutt, Bl^arb tfofcfic, 

«uft. Qtrijfitrff, jFtilifnanb ^o^t, j^rfebr. ffapp, %. Itugtti, ;g. Xeftnann, 

^. Plglllppfan, ^. Biige, Cberg. ^(Qrahei, XErnS. iSlotit, Sllfrtt) ^tem, 

^U Walti, «Eb. Wfnfitlniaiii], Slbam IBolf 

3)^il|^elm Indien. 

Ungcfälir 36 "S&tAe int Format bicfcs profpeftcs. 

Scsltltrt von rinti InßiBrtiDin , nad) ii>t(Itnf<^ft[i(^(n prinjipitn jnfamincnscptllltn 

SultucSIttor'f^ex 3lluftiatfan, Hacien, Ipiäittn ttt. 



^iefc^ neue grafsc i©efd&lrfit^toctfi, feit 
Sage unb (Cag ecfcgeinenti, gat einen üfier= 
rafdgenben CrfMg bEim ^nbltftum nnb ein« 
flimmi0e SCnerficnnung bon ^tttcn öet firitift 
Ijefunben. Jl^etgobe, SCnlage unb ^efiaiib« 
lungl^aben fid^ a\^ entfcgieben bal^nfirccl^enb 
etbjiefen unb inbem tnit am ^a^^te^tage be^ 
Ec|len tEtffgeiiien^ mit «lEienugtguuns unb 
Jfeeube bon biefei; ^gatfadge 9lßt nehmen, 
forbetn tnit 5U1: leiteten ^ubfccifition auf. 
— ^ie bi^)^ec erfcgtenenen 10 SVbtigeilungen 
Aönnen auf ein Mal obec neti^eilt naAbc' 
1. uniSom. 30Bcn toerben. 



ilTifer UJctf tp in Deutfdjlani bas erpe, 605 es untemimmi, Me 
45ef$ii$te bec )@elt in ^injelbarftellungen }u behandeln. Die 
^itatbüWttt bes Sdltertguin^, bes Mitttialttt^ unb btz Mtü$tit 
foUen in 6en S^auplepoditn if^tes 9ef<:^id)tIt<^Tt Cebeits &er 3e&tl6eteit 
Cefetpelt unferec Hation Dotgefüiirt iper6en. TXaäj jaEfcelanget Dor« 
teieitung ift es gelungen, einen Petein »on <£>ele^tten ju geipinnen, 
JL ipelt^ b\t ^äijiqftit beirä^rt (joben, iie tErgetmiffe eigener aus öcn 

Quellen gefd]5pftet 
Jotfc^ung in alüjc» 
mein feffeftibet unb 
lefienbtg anxegenber 
J0cift barsuft^Rni' 

Hut Äutd( einen Vet' 
ein jiifamiiiirtioirfen= 
6er ^adjmännet ift es 
mfiglit^, jebes Sonften 
gebiet ier SlUgemeinen 
(ßefdjidrte mit öct ein« 
gel^en&en Sad^fun^e, 
n>eld;e bte heutige 
IDiffenfdfaft retlangt, 
ju befjanöeln un6 in 
6et unobfctfbaren^fllle 
insbefon&ere ier uts 
funMic^en lErmittelun' 
gen bas Steuere 00m 
Unfic^cren ju fc^eiöen. 
Vit iutdfgängige Sin: 
menftung öer neucien 
queUcnftitifdfcn ^or= 
f c^ungsmetiio&e auf aße 
(Ctjeile öet (Befc^idite 
Ifat bas (Beforantt&ilJ 6erfelben jefet fd)on in ein« IDeife umgepaltet, 
pon roelt^et 6et Caic ftt^ feine DorfleUung madjt; ein Umbau btz 
(ßefd;id)tsanfclfauung \\i im <Sdnge, öeffen gewaltigem jott^ 
fdjteiten eine Cinielfraft, wie grog uni ausiauctni fie au<:^ (ei, nt(^t 
me^t JU folgen »ermag. 

IHe tlation aber ijat ein Kedit, oon 6en gefn^ettcn €tttdgen 
iiefer beieutfamen Umgeflalfung tafdfer, BoUflänfciger un6 suuetläffiget 
l^enntntg ju ett^alten, als bas bisl^er m^gltd) ivat, unb fein unebUt 
©jtgeij Ijat bie 2TTönner jufammengcfüljtt, meiere biefeni Sedjte ©enöge 
serfd^affen trollen. Sie witfen jufammen 5um (£tfte[;en eines 
großartigen nationalen XOevtts, tta^ 3U Muti unb iftammen 
unfete^ ^attit$ gefi^affen, fic0 aH^eineintn SSnAleno ju ercingtn 
5oflft. ittöge iem großen, fc^oiierigen Seginnen bie Unterftß^ung bet 
Nation nic^t feljlen. 



IDtplid)« Sa^ait iti paMlinign, Hut ^tiiittjt fltfdiidilt »on t^tüat 



^tcfe neue 45efd^ii$te bec i^elt baut ftc^ auf aus folsen&en untct 
einaniet in engem ^v^ammenijanQe ftel|cti6cn SinjeliBetfcn: 

I. (ßef(^t<^k btS alknUSQfpttns. ConptoftfforDr.^otiauUfsOümtdten 
in StrafjbuTg. 
n. <Bef(^me ZlffYricnsjSattvIonkns. Don ptofeffor Dr. €berl|arb 

Sd^raber in Sntin. 
in. (geft^tifte ies alten ^nötcns. Don piof»ffor Dr. S. £efmann in 

IV. a. (ßefd[t(Ifte ies alten perftcns. Don ptofcfforDr. Jer&inanö 3"(t' 
in Utaibarg. 
' b. <ßefd;td;te bet pi^öniciec (bis ju Cactl^ago un6 jue perfifdjcn 
^eit). Don Ptof»ffot Dr. Sftnljar!» SlaDe in ®i«6«it. 

V. (ßcfc^tdjte POn fyÜas unb Korn. Don proftflot Dr. <S. J. Ijetftberg 
in fjan«. 
VI. <ßefdfi(^te 6es VolUs Ofrael. Don ptofeffot Dr. Bttitltarlt Stabe 
in «Stegen. 



HSintitt i^aupta&tlteHung. 

I. (ßefc^tc^te 6c5 römtfc^en Xatferrctc^s. Don profcffor Dr. (5. ^. 

£}er^berg in Qa0e* 

n. Urgefc^tc^te 6er germanifc^en un6 romanifc^en t?ölfer bis 5U 
(En6c öer Dolfcrtoanöcrung, Von profeffor Dr. ^elij Dal^n in 
Königsberg. 

in. Der 3sl<"" i^ ZlTorgen* u. TXbmblanb. Von profejfor Dr. Hid^arb 
<5ofd;e in £{aQe« 

IV. <Sef(^tc^te 6er l^rcU55Üge. Don profcffor Dr. ^. Kugler in (Tübingen. 

V. Staatengefc^ic^te 6es 2tben6lan6cs üon 6en l^aroltngem bis 5um 
Ztusgang 6es ZHittcIalters. Von fjofratl^ profejfor Dr. €buttrb 
IDinfelmann in ^eibelberg. 

VI. Die £)smanen un6 6er 5tur5 6es bysanttnifc^en Reiches, Don pro^ 

feffor Dr. (5. ^. ^erfeberg in fJaUe. 

Vn. ©efc^tc^te 6cr Xenatffancc un6 6es Humanismus in 3talien 

un6 t)eutfc^(an6. Pon Dr. £ubn>ig (Seiger in Berlin« 

Vin. (ßefc^tc^te 6es ^dtalkis 6er €nt6ecfungen. Don profejfor Dr. 
Sopi^ns Huge in Bresben. 





dritte i^aupta&tl^eilung* 

I. (ßefc^ic^te 6er 6eutfc^en Deformation. Don JJofratli profejfor Dr.© tto 

VOali^ in Dorpat. 
n. Das ^eitalkv von Pf?ilipp TL-, Clifabettj un6 ^einric^ IV. Don 

profejfor Dr. IITartin pl^ilippfon in Trüffel. 

ni. Das ^extalUx 6es 6reif igjä^rigen Krieges nebft einer Ueberftc^t 
6er (ßefc^ic^te 6er (ßegenref ormation als (Einleitung. Don profeffor 

Dr. 3. Kngler in Obingen. 

IV. (ßef c^ic^te 6er Heoolution in (£nglan6. Don prof . Dr. :i I f r. 5 1 e r n in 33ern. 

V. Das Zeitalter £u6n)igs XIV» Don profeffor Dr. irTartinpl^ilippfon 
in Srüjfel. 

VT. Peter 6er ©rofe. Don profejfor Dr. 2llejanber 3rü(f ner in Porpat. 

vn. Deutfc^e ©efc^ic^te pom IDeftfälifc^en ^rie6en bis 5um Segierungs* 

antritt ^rie6ric^s 6es (ßrogen. ^648 — ^740» Von profejfor 
Dr. Sernt^arb (Erbmannsbörffer in Qeibelberg. 

Vm. ^rie6ric^ 6er (ßrofe un6 feine ^exU Von profeffor Dr. IDill^elm 
0ncfen in (Siegen. 

IX. £)efterreic^ unter ZlTaria tC^erejia^ 3ofep^ 11. un6 £eopoI6 11. 

1740—^792. Don profeffor Dr. 2lbam IDoIf in (Sraj. 
L X. Katharina 11. Don prdfejfor Dr. 2tlejanber Srücfner in Porpaf 



liierte llauptafitlgeilung. 

I. Kas ^eHaltev bet KcBoIutton, 6cs Kaifettcitlics un6 6et Befrei» 
ungshiege. \7?4— ^8^5. Pon proftffot Dr. OJiIfi«l,n (Dndtn 
in «ie6«n. 
n. Dos Zeitalter bet Eeftauratton unb Hepolution (mit t>efoiibet(t 
Hücfrid?' auf ^ranfreidj). 1815—1851. Don p(ofeffotDr.Cli.(.l.(.t 
^tatli* in mti%m. 
ni. (Sefdjid^te ies jtpeiten l^aiferretc^es un6 bes X^nigreidfes 3'^ti^i^< 
Don iScneralconfuI Dr. ;feli; Sainberg in nteffina. 

IV. Bunicsftaat unb Sunfcesfrieg in ZlorbanMrifa. Don Dr. ^titöri«^ 
Kapp in Striin. 
V, Die Heugrüniung bes Dcutfdjen Scii^cs un6 feine ctften Kämpfe. 
Port ptoffffoi: Dr. n>ill](lm <Dn(f«n in (Siegen. 
VI. Dos tfeutige £nglanb unb &ie £ntit)icfelung feines IPeifaffungs^ 

lebens feit 1689. 
VII. iSefdjid)te öer orientalifc^en ^tagc Bom Parifer bis juni Berliner 
^rieften. 1856 — 1878. Don <5en«aIconfHl Dr. Jelij Bamberg 
in UTeffina. 

IV (Ein an9fiit|Tli(fr(s ;6anien' unb J^aäinBiftc übet aKt (Clgtilt eifdreint alt 

tcfonbcTer Sd;Ingbanb. "^tt 



, 3nbia(Süblii Qnkia). Hut Cifnannt i8rf^id)tt in olttn ^ntinii. 



(Es ip öic Cen&CTij Wefer „iSeucn inufttitten ©eftgcfd&iiJitt", 
ge&icgenpc ZX)tff«nfdtaftIid[feit mit einer e&Ien Popularität &er 
tJarftellungsweife ju cerbinbeit unö baöurdi nidjt nur als ein &cm 
&eleiixten intereffantes un& tiüftlidies ttJerf ju erfleljen, fon^em vielmehr 

tren ganjen gtofjen bietten lätei:^ aRtr <&ebi\btttn 

um fidi ju nerfammeln. 

7>as XOevt toivb ^e^tettetpon einer nad) tciffenfdiaftlidten iSrunti> 
ffi^en angelegten 

»ultucgiflocif^en srilufhratian. 

tHefetbc »itö eine grofe Satjl Don forgfamft mit ftrenger Ittftorifd;er 
Irene ausgefüljtten ^olsfdinitten bringen, ttadibitöungcn oon Jlrdjitefturen 
unö Soilptucen, portraits, 5acfimiles, Siegel, ITtünjen, lüaffen, Hüfhingen, 
IDerlseuge, CofiÜTne, JTIonnmente, SauiDerfe unö (ßmn&riJTc oon foldjen, 
Had)bißiungen alter £}anö[diriften uni 
pUne unö Karten von 5täöten, £&nl 
3d)ladtten; öie i£inridjlung öes ^av 
Seiten, furj, Iiiftorifcfie unö fulturt 
<Obje(te foHen fo in öer 311u(itot 
treten fein, öag fie öen ^wed öes 
fieKenöen IDortes, öem Cefer ein 
anfd)äulidies , diaratterijlifdjes Silö 
son öen Kulturjnfiänöen aller €|» 
»on lieroorragenöen pcrJSnlidjfeiten 
entnierfen, mit beflem firfolge unter 

3ie (DnJen'fdje 3Illgemetne (5efc 
in finselöarfieüungen erfdteint, in 
jüglidier 2lusfiattung tjinjiditlidi ö« 
pieces unö Urutfes, im Jormatc '< 
profpeftes unö roirö in ungefähr 
31bt(]eilungen DoHflänöig [ein. 'X>ie\ 
follen ausgegeben loeröen im Coufe 
nädiflen 6 3at)rc. t)er preis jcöer jlai 
abttjcilung ip totcl Jißfltft. 

Die erfle 2Ibttieilung fann bei j< 
SudiEianölung jurJlnficiit befielltUKeri 
Jlud] ftnö iDir auf ausörütf lid)en Wa 
bereit, nidjt nur öie erfic, fonöern 6 
öie bereits erfcttienenen folgenöen n 
^btfjeilungen 3ur Kenntnignotime 
Einlage unö Beöeutung bicf es Zlatio- 
nolwerfes 5ur 31nfid)t 3U liefern. 

Berlin, SW., 
SmtbnrgK Stta%t 35- 

iJi M.^^t.^'tJ. V» f Lvr a*m|M II. Kalo (fo (Bot« in f*nHlri(in «ranil. 



Hat ^t[ 3Eo^n 3a^[ labttiln unA annimntnbtc Kcttltni 
fiE|ini D<T nnc Mc ti» StiL ntutfd;. tHontagibl. an. — 
„Dat f<^nt IDtil gtljitt ju jfnfn t>iid|1^nli[nl(i^ lliiltn 
n(l|inungFn, ju tucld^n dIt mit dncm lEtfit|[( Don StoU 
iS[ilif vBiifdini. Wtnti ba% giafc Stf^lditHEnf In rlnlsm 
Jal|ifn DligriAIofrm ftin loirt, fo wfrB Dtnifdilanli bann 
rin llnicuin bt(iB(n, aut bem anDnt llaliantn jn mlnrlimni 
erjnjnngEn fein mntni. Sil „llDgrnirint etjil|ld|tc in 
ClnjeEtattltniiitgtn" ^1)1 in IDiitli^tll aaf brm Solwn nnftTR 
notlonaitn nn» un(«fr jtil9.nöf(l(*en lDilTrn(*of"- Sit 
Dttmilt.» ni>i)l n« btn obfnn ^rbnlaufm», (ontnn an« 
ilttk»nb«n »rtirtiMcn »i» Btiultoie Im tforitn Ijlflotifdjfn 
ITiHnifdiafl »ic fi( »urd; »il [tldm (CicUrntDtfdiiingtn 
6« ItB'tn 3iit!f]»l)nK iint (o titfgehcnftr UtiiMt-bCang ti- 
folittn hat, pi fdiHgi ab(r l|i«ju am* 6tn lUrs Hn, »« 
Bi« IPlfffnr^afl unfrin £podit fo gtoS stma*! kal: *tn 
in CUiifung 6ct Hrtirit. IHt hiHatliillortf*« JUufltnlionrH, 
Mt tiat OUtt aucCi da^trlid) f*on fdjmäif(B, nUS(|(n no* 
(tinni DlfftnldiaftiidKn un» ftinen pta(iif*en tPrtll). »i» 
fafflmllicnn paprmiroUcn bic EiQfn llblUrilnn^ oUcin Dt» 
mögm Bas fttflocifd;» JnltttfT» groft« Krdft — iti Dirbinbnng 
mit »cm ^t[tt — mdgr anjurcgtn, a<t (tihD bn Srlnd) 
tnitiirl^BOTiidin maftm, innn bic grl»!)!« «tfUiuns f»l|ll. 
C» DRÜtltt p« Don frlbp, tiaS blc ^Uuftialisncn nidit niä^igE 
«ifnbungen, nwttl|(o(( JIngeniKilie flnb, ionbrni Mj P» bri 
' 'nDailltlliing bM jumbaitigm inntwaljBl, 



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InflnKiDi 



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n ffitfdildill" icaibi 



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3In &ic Sudttjaii&Iung t 



3(f; (ubfcribire anf iiie — tDuiifi^c jut Slnfidit bie I, Utit^tilung itx 

StHgemeintn <0crtftiiStc tn 'ginscIhacftEHungcn. ^^^^*_^ 

DOn n>illtdm (Dncfni. mit ru(turl|if)ot. ^Uußtationtn. Utigtfäigr 36 S&nit, 
i>oO{tant)i$ in dma 6 3at)Mn. 3" ^''' '"^ !lbt[)eilutigcn ä 3 ^. Dtrlag 
ber (S. (S[ott'fd)tn ÜHlagsbudjttanbluiig in Strlin. 



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äi±ud. 






Verlag von Duncker & Hmnblot in Leipzig. 



VÖLKERKUNDE 



VOK 



OSCAR PESCHEL. 

FÜNtTE AUFLA(JE. 

HEARBKITCT VOK 

ALFRKl) KIRCH HOFF. 



In 4 Lieförnngen ä 2 M. 
und ftiner Schltiasliefprnng k 3 M. 20 Pf. 




Ülllt 



ESCHEL*S VOLKERKUNDE, <lir8«T gt^HtvoIl«» VorMUch, niclu nur 
cUo Völkergruppcu in kiiapixai SchiMerungon dor (»rundzüge ihros 
Wesens vorzuführen, sondern zugleich die Menschheit als Oanzos nadi 
ihren hedcutBamsten Entwickliingsmonieut^n allseitig und mit echt wissenschaft- 
licher Parteilosigkeit darzustellen, hat ilires (ileicluMi nicht in der Tjiteratur alter 
und neuer Zeiten, in unserer oder anderer Sprache. Darum venlient sie nicht 
zu veralten. Sie tragt auch den Keim dazu nicht in sich, weil Mio statt auf 
den Lieblingsmeinungen des Tages auf der breiten Gnindlagc der ziu* Zeit 
gesammelten thatsächlichen Erkenntnisse gegründet wunle. Un<l doch müsste 
»ie naturgeniass historisch werden, wenn sie bei immer erneutem Erscheinen 
nicht Nutzen zöge vom grossartigen Weiterfortschrittc* auf allen den vielfachen 
Gebieten menschlichen Wissens, denen sie ihre Aufmerksamkeit zuwendet« 

Alle Verehrer Oscar Peschers werden Hemi Professor Dr. Alfred Kirch- 
boff in Halle a. 8. dankbar .sein, dass er es übeniommen hat, dieses letzte 
herrliche Werk des g^'ossen (»eographen, sein Testatnent an <lie Welt, in der 
jetzt erscheinenden fünften Auflage zeitgemäss zu revidiren. Ueber die 
Gesichtspunkte, die ihn hierbei geleitet haben, sagt di'r Herr Bearbeiter in der 
Vorrede selbst: 

„Ich strebte darnach, dass Fernerstchende meine Hand in der Bearbeitung 
gar nicht bemerken, Eingeweihte sie nicht zu oft vermissen mochten. Galt 
es doch meistens nur neue Beweise zu den Aussprüchen des Verlassers 
nachzutragen, selten einen geringfügigen thatsächlichen In-thum zu berichtigen 
oder die Lauterang einer Ansicht durch inzwischen eingetretene Erweiterung 
und Vertiefung der Forschung zu verzeichnen." 

So winl das Buch, das durch .seine ebenso wissenschaftlich reiche wie all- 
gemein klare Behandlung des Stoffes bei Fachmännern wie Laien in vier Auf- 
lagen bereits weiteste Verbreitung fand, auch in der neuen Gestalt sich noch 
fem'^.re zahlreiche PVeunde erwerben. 

T^pzig, 1S8I. Die Verlagshandlung. 



ribi'i:i'«aiJpiB«ii8iw»ini!sraP!iiiiii!iiraii!M!iiir;i^ 



ir";ii;L;n<ii ,iiii[iii:ii;niii!iiiiiii.ini)ir.i:iiiijiiri iiirn;TL;;;;ini' 'üim 'uiüIij utiiQ. iiiiii i;Lni;ii:iiiiwmt!>iiifiiii!RiHiiiiiifliflWiHiHiiiriiiiUimiiii!)y&»^^^^ iiM<'.iitiBSii!itniiiiiüi;>ifliwii!& 



Verlag von Duncker & Humblot m Leipzig. 



Inhalt des Werkes. 



Einleitung. 

1. Stellung ties Menschen in der 
Seliöpfung. Uebereinstimmungen und Ver- 
sicliiodenheiten zwischen Menschen und Affen. 

2. Arteneinheit oder Artenmeiirheit 
de« Mensehen{feschlee1Uea. Morphologi- 
scher oder phjsiologischor Artenhegriff. Fracht- 
harkeit der Bacenmischlinge. Darwin^s nüt&r- 
liehe Znchtwahl. Psychisch« Einerlei des 
Menschengeschlechtes. 

3. Sehtyp fung»1ierd des Mensehen' 
gesehlechtes. Nicht auf Inseln. Nicht in 
Australien. Nicht in Amerika. Lemurien. 

4. Alter des Mensche ttgesehleehts, 
Ahberiller Eieselgeräthe. Höhlen fände. Fran- 
zösische Renthierzeit. Schussenried. Kjok- 
kenmöddinger. Pfahlbauten. Fnnde in Nil- 
ablagerungen. 



Die Körpermerlcmale. 

1. Gr&ssenverhäUnisse des Oehinn- 
scMtdels, Krenzköpfe. Geschlechtsnnter- 
schied. Breitenindex. Höhenindex. 

2. JOas menschliche Gehirn. Gewicht 
bei Menschen und Thieren. Mikroeephalen. 
Racengewichte. Gehirnyolumen. Hirngestalt 
und Himgewicht. 

3. Der OesicMsschääel. Eieferstel- 
lung. Jochbogen. Nasensattel« 

4. GrttsseniferhäUnisse des Beckens 
und der Gli^nutassen. Beckeoformen. 
Körpei^rösse. Proportionen der obern und 
untern Gliedmaassen. 

5. Haut und Haar, Farbzellen. Farbe 
der Neugebomen. Geruch. Entstehung der 
Hautfarbe. Haarfarben. Querschnitt des 
Haares. Yerfilzung. Leibhaare. 



Die Spraolimericinale. 

1. £ntwi^lHnffsgesohielUe der 
mensehliehen Sprache. Thiersprache. 
Unabhängigkeit von Laut und Sinn. Onoma- 
topoesie. Interjectionen. Betonung. Go- 
berde. Taubstumme. Kinderspraoho. Wort- 
reichthum. 

2. Bau der tnefisehliclien Sprache, 
Eiusylbigkeit. Sinnbegrenzung. Uralaltai - 
scher Typus. Lautharmonie. Einverleibung. 
Pr&fixsprachon Südafrika^s. Grammatisches 



Gesehlecht. Semitismus. Indoeuropäischer 
Typus. 

3. JDie Sprache als dassificeUlons- 
witteh 

Die teclinischen, bürgerlictien und reli- 
giösen Entwicklungestufen. 

1. THe Urzustände. Keine thierischen 
Zustände nachweisbar. Feuerflndung. Busch- 
männer. Vedda. Mincopie. Feuerländer. Boto- 
cuden. Ursachen des Aussterbens roher Yölker. 

2. JHe Ntthrungsniittel und ihre 
Zubereitung. Wildwachsonde N&hrpflanaen. 
Pantophagie. Menschenfiresaerei. Alkoho- 
lische und narcotische Genussmittel. Stein- 
kocher. Thongeschirr. Gabeln. Löffel. Salz. 

3. Beikleidung und Obiiach. Scham- 
gef&hl. Bekleidungatoffe. Laubschirme. 
Blätterhütten. Steinbauten. 

4. Bewaffnung. Bogen und Pfeil. 
Blasrohr. Pfeilgifi. Schleuder. 

5. Fahrzeuge und Seetüchtigkeit. 
Ströme und Binnenseen. Phönieier und Araber. 
Fjordbewohner. Inselbewohner. 

6. Einfluss des Handels auf die 
räumliche Verbreitung der Völker, 
Edle Metalle. Kabeljaufang. Pelzthiere. 
Gewürze. Farbhölzer. Sklavenhandel. Zinn. 
Bernstein. 

7. Wie und väterliche Gewalt. 
Heirathsalter. Unkeuschheit. Polygamie. 
Blutschande. Frauenraub. Brautkauf. He- 
tärismus. Verwandtschaftsnamen. Gyn&ko- 
kratie. Neffenerbrecht. Kuss. 

8. Keime der bürgerlichen GeseXlr 
schaft, Blutrache. Wergeid. Eigenthuros- 
begriffe. HäuptUngswürde. Sklaverei. Kaste. 
Adel. 

9. Religiöse Begungen bei unent' 
teiekelten V&lkem. Das menschliche Cau- 
salitätebedürf^iss. Steindienst. Baumdienst. 
Thierdienst. Verehrung des Wassers , der 
Sonne, der Naturkräfte. Unsterbliohkeits- 
idee. Ahnendienst. Heroencultus. 

10. Sehanutnistnus. Priestertrachten. 
Zauber als Todesursache. Hexenprocosse. 
Gottesgerichte. Brahma und die Brahmanen. 

11. Buddhalehre, Vedäntä und Sanklya. 
Leben des Religionsstifters. Nirvana. Sitten- 
lehre. 

12. nualistisetie Beligianen, Gute 
und schadenstiftende Mächte. Zoroaster. 
Ormuzd und Ariman. Avferweckung der 
Todten. Sittenlehre. 






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Verlag von Duncker & Humbio t in Leipzig. 



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18. XaraeUiisefier Monotheiarnua» 

Polytheistiflche Anfänge. Vormalige Eohheit 
der Gottesidee. Auftreten der Propheten. 
Sittliclie Weltordnnng. Verachtung des Opfers. 
Erhahenheit der Gottesidee. Läuterung im Exil. 

14. iJhristliehe JLehre, Präexistenx- 
lehre im Alten Testament. G&tige Vorsehung. 
Vaterunser. Sittenlehre. Christenthum und 
Buddhismus. 

15. laiAtn* Mohammad. Qoran. Mono- 
theistischer Purismus, Sittengesets. Lehre 
Tou der Gnadenwahl. 

16. Zone der Jieligionaatif^er, Schreck- 
mittel der Natur. Einflnss der Nahrung. 
Einfluss der W&ste. 



Die Menschenracen. 

I. Australier. 

Körpermerkmale. Sprache. Wohnraum. 
Oer&the. Geistesgahen. Sitten. Ursachen 
ihrer Verkümmerung. 

n. Fapuanen. 

Körpermerkmale. Australische und asia- 
tische Gruppe (Alfnren, Negrito , Mincopie, 
Semang). Geistige Begabung. Geräthe und 
Sitten. Fidsohiinsulaner. 

III. Mongolen&hnliohe Völker. 

1. Der ftuUayiacJie Stamme. Geogr. 
Verbreitung der Polynesier. Geräthe, Sitten 
und Geistesgaben der polynesischen Malajen. 
Asiatische Malayen (Tagalen, Bisaya, eigent- 
liche Malayen, Snndanesen, Javanen , Batta, 
Dayaken , Macassaren , Buginesen). Mikro- 
nesier. Bewohner Madagaskars und Formosa*3. 
Körpermerkmale. 

2. Südoataalaten mU elnayWfgen 
Spraehen. Tübetaner und Himalayastämme, 
Birmanen. Thai oder Siamesen. Laos. Anna- 
miten. Chinesen. Chinesische Cultnr. Con- 
fntse. Laotse. 

8. Koreaner und Japaneaen. Sprach- 
merkmale. 

4. Monffolenähniiehe Völker im 
Xorden der alten Welt, üralaltaiischer 
Stamm, a) tungusischer Ast, h) mongolischer 
Ast (Ostmongolen, Kalmtlken, Burjäten, Ua- 
zareh), e) t&rkischer Ast (Uiguren, Oezbegen, 
Osmanen, Jakuten, Turkmanen, Nogaier, Ba- 
lianen , Knmflken, Karakalpaken, Kirgisen), 
d) finnischer Ast, Ugrischer Zweig (Ostjaken, 
Wogulen , Magyaren) , Bulgarischer Zweig, 
Permischer Zweig, eigentlich finnischer Zweig 
(Snomi, Lappen), e) eamojedischer Ast. 

& IfordaaUUen von unbeatimnUer 
Htellunff, Jenissei - Ostjaken. Jukagiren. 
Aino. 



6. Beringavölker, Körpermerkroale. 
a) Kamtechadaleo, b) Korjaken und Tschukt- 
schen, c) Namollo und Eskimo, d) Aleuten, 
e) Thlinkiten und Vancouverstämme. 

7. Afnerikaniaet^ VrbevOlkerunff. 
Wandelgang von Asiaten über die Beringsenge. 
Mongolische Bacenmerkmale. Beziehung der 
Sprache zum altaischen Typus. Mongolische 
Sitten. Veigleich der neuen und alten Welt. 

a) Die Jägerntämnu im nördlichm Feütlaade, 
(Kenai und Athapasken, Algoukinen, Irokesen, 
Dacota, südöstliche und südwestliche Gruppe). 

b) Südamerikanische Jägerstämme. Tnpi, 
Guaycurn , Ges , Cran , Arowaken, Cariben. 
Vergleich der nördlichen und südlichen Jäger- 
stämme. Moundbiälders. Kupferbergbau. De 
Soto's Kriegszog. c) Die CuUwvSlker Nord- 
amarika's. Sonorische Sprachen. Cibola. 
Pueblos. Nahuatlaken, Maya, Quich^. d) Die 
CtiUurrölker Südamerika' s. Chibcha. Quichua, 
Yunca, Araucanier. Patagonier. Einheimischer 
Ursprung der amerikanischen Cultur. Ver- 
gleich der Gesittungen im nördlichen und 
sfidUchen Festland. 

IV. DrtTidabevSlkenuig Vordarindiwi. 

Körpermerkmale. 1) Mundayölker oder 
Dschengelstämme. 2) Eigentlich -Dravida 
(Brahui , Tulu, Tamnlen, Telugu, Canaresen, 
Tuda). 3) Singhalosen. Typus der Dravida- 
sprachen. 

V. Hottentotten u. Buschm&nner. 

Körpermerkmale. ZwergrÖUcer. Hotten- 
tottensprache. Sittenschilderung der Hotten- 
totten. 

"VI. Neger. 

Körpormerkmale. 1) Bantuneger. Sua- 
heli. Betschuanen. Kafirn. Binnenstämme. 
Bunda Völker. Kongoneger. Nordwestliche 
Küstenstämme.' 2) Sudanneger. Ibo. Nuffi. 
Ewhe. Odschi. Zahn- und Pfefferküste. Man- 
dingo. Joloffer. Sererer. Fulbe. Sonrhaj. 
Hansa. Kanuri. T^a (Tibbu) keine Neger. 
Bagrimma, Maba. Nilstämme. Fundj. Nobah. 
Afrika als Wohnraum. Gesittung der Bantu- 
und Sudanneger. 

Vn. Die mittel] ändisohe Baoe. 

Körpermerkmale. 1. Hatniten, a) Ber- 
ber , Guanchen, Schollah , Tuareg , TMa; 
b) Altägypter; c) Ostafrikanische Hamiten 
(Berabra, Bedscha, Sehukurieh , Kababisch, 
Hassanieh, Dankali, Galla, Somali, Wakuafi, 
Masai); Altägyptische Gesittung. 

2. Semitett: Körpermerkmale. Ethno- 
graphie der Bibel, a) Nordsemiten (Aramäcr, 
Hebräer, Kanaanäer, Assyrier und Babylonier). 









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Verlag von 



Duncker & Uumblot in Leipzig. 



Stellung der Akkadier oder Sumerier. h) Sfid- 
semiten (a. Nordaraber {i. Sftdaraber, A'bes- 
sitiier). Chald&ische Gesittang. Belfgion der 
Semiten. 

8. Muropäisehe Stätntne von unbe- 
»titntnter SMlwng, a) Baaken. h) kauka- 
sische BeTölkernngen (Daghestaner , Tachet* 
schenzen, Abehasen, Tscherkeeson , Lasen. 
Snanon, Hingrelier, Georgier). 

1 Der indoeuropäiaehe Stamtn, 
a) Asiaten. SanskritYölker (Nenindische Spra- 
chen. Siaposcli. Zigeuner). Er&ni«r. (Perser, 
Knrden, Armenier, Osseten, Tadschik). Aw- 
ghanen. b) Enrop&or, u) Nordenrop&er, Letto- 



slaven ^ (Letten , Slaren) , Germanen (Skan- 
dinavier, Gothen, Germanen), i) Sftdeuro- 
päer. Griechen. Albanesen. Lateiner (Por- 
tugiesen, Spanier, O^talonior , Proveufalen, 
Nordftranzosen , Alpenmundarten ,' Furlaner, 
Ram&nen). Kelten. Crsitz der Indoeurop&er. 
Europa als Wohnort. 



Appendix A, Welcker*sche Schädel- 
nifstiingeD. 

Appendine B. Bamard Daris' Schädel- 
messungen. 

Namen- und Sachregister. 



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Vou der Buchhandlung^ 



hestoll hiermit: 



PeSChei, VÖlkOrkunde. 5. Auflage, bearb. von .1. Kirchhvff, 

Lieferung 1 n. folgende. 



Ort nnd Datum: 



Namm; 



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HANSISCHE 

GESCHICHTSBLÄTTER. 



HERAUSGEGEBEN 



VEREIN FÜR HANSISCHE GESCHICHTE. 
JAHRGANG 1878. 



LEIPZIG, 

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 
1879. 



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Verlag von 



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Duncker & Humblot in Leipzig. 



Stellung der Akkadier oder Sumerier. b) Sfid- 
semiten (a. Nordaralwr (i. Südaraber, Abes- 
sinier). Chald&ische Gesittung. Religion der 
Semiten. 

3. ^Europäinehe Stämtne von unbC' 
titifnnUtr Stellung» a) Basken, h) kauka- 
sieche Bevölkeriingen (Daghestaner , Tttchet» 
Bchenzen, Abobaeen, Tscberkesson , Lazen, 
Snanen, Mingrelier, Georgier). 

4. Der indoeuropäi9^<e Sttnnin. 
a) Asiaten. SanskritTölker (Nenindische Spra- 
chen. Siaposch. Zigeuner). Eranior. (Perser, 
Knrden, Armenier, Osseten, Tadschik). Av- 
gbanen. b) Europäer, f) Nordearop&er, Lotto- 



slaren x (Letten , Slayen) , Germanen (Skan- 
dinavier, €K>then, Germanen). ;i) Südeuro- 
pfter. Griechen« Albanesen. Lateiner (Por- 
tugiesen , Spanier , Clatalonier , Proven^len, 
NordfVanzosen , Alpenmundarten ,' Furlaner. 
Rnm&nen). Kelten. Crsitz der Indoeurop&er. 
Europa als Wohnort. 



Appefidix A, Welcker'ache Schädel- 
mtssangen. 

Appentiix B. Bamard Davis* ."Ncbildel- 
mesaUDgen. 

Namen- und Sachregister. 



Von der BnchhandUing 



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Peschei, Völkerkunde. 5. Auflag^«, be^rb. von .1. Kirckhuff. 

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HANSISCHE 

GESCHICHTSBLÄTTER. 



HERAUSGEGEBEN 



VEREIN FÜR HANSISCHE GESCHICHTE. 
JAHRGANG 1878. 



LEIPZIG, 

VERLAG VON DUNCKER & HtJMBLOT. 

1S79. 



VORWORT. 



Beim Aussenden dieses achten Jahrganges der Hansischen 
Geschichtsblätter haben die Unterzeichneten die schmerzliche Pflicht 
zu erfüllen, auch an dieser Stelle des Heimganges von Wilhelm 
Mantels zu gedenken. 

Einen Lebensabriss des Verstorbenen wird erst der nächste 
Jahrgang der Geschichtsblätter bringen, hofifentlich von der dazu 
berufensten Hand. Hier handelt es sich nur darum, dem von uns ge- 
gangenen Freunde unsern Dank nachzurufen für den treuen Bei- 
stand, den er von Anfang an als Mitherausgeber und Mitarbeiter 
uns geleistet hat Mit einem tiefen Verständniss für das Leben 
der Vergangenheit verband er einen seltenen Reichthum an Kennt- 
nissen, ein besonnenes Urtheil und ein feines Gefühl für die Sprache. 
Dem gemeinsam von uns geleiteten Vereinsorgan suchte er Gründ- 
lichkeit und Vielseitigkeit des Inhaltes zu geben und eine an- 
sprechende, würdige Form. Immer bereit für Andere einzutreten, 
und immer auch willig hinter Anderen zurückzustehen, war er den 
Mitherausgebern ein unermüdlicher, selbstloser und wahrhaft liebens- 
würdiger Kollege. Liebe und Ehre seinem Andenken I 

An Stelle von Mantels hat Professor Reinhold Pauli in 
Gottingen die Mitredaktion der Geschichtsblätter übernommen. 

Karl Koppmann. Ludwig Hanselmann. 



INHALT. 



Seite 
I. Das mittelalterliche Gottingen. Von Gymnasialdircktor Dr. 

G. Schmidt in Halberstadt 3 

n. Aus belgischen Städten und Stadtrechten. Von Prof. F. Frens- 

dorff in Göttingen 39 

m. Zur deutsch-dänischen Geschichte der Jahre 1332 — 1346. Von 

Privatdocent Dr. K. Höhlbaum in Göttingen .•••.. 73 

IV. Der Aufstand in Lübeck bis zur Rückkehr des alten Raths 

1408 — 141 6. Von Staatsarchivar C. Wehrmann in Lübeck . 10.3 

V. Das Verfahren wider die Stahlhofskauf leute wegen der Luther- 

' buchen Von Pkx>f. R. Pauli in Göttingen 159 

VI. Kleinere Mittheilungen 

I. Ein Fragment Danziger Annalen. Von Privatdocent 

Dr. K. Höhlbaum 175 

11. Silbergeräth des Raths von Lübeck. Von Staatsarchivar 

C. Wehrmann 181 

•Nachrichten vom Hansischen Geschichtsverein. 8. Stück 

I. Siebenter Jahresbericht, erstattet vom Vorstande . . III 

II. Achte Jahresversammlung des Hansischen Geschichts- 
vereins. Von Dr. K. Koppmann in Barmbeck bei Hamburg IX 
in. Reisebericht. Von Prof. D. Schäfer in Jena .... XXTI 

IV. Todesanzeige XXVI 

V. Mittheilung über die Neubesetzung des Präsidiums . XXVI 
VI. Nachricht von der derzeitigen Zusammensetzung und 
Organisation des Vorstandes und von der Leitung der 
Vereinsarbeiten XXVH 



I. 



DAS 



MITTELALTERLICHE GÖTTINGEN. 



VON 



GUSTAV SCHMIDT. 



I 

I 



Hansische Geschicbtsblätter VJIL 



Vor vielen Städten ist die Stadt Gottingen in Bezug auf Erhaltung 
ihrer Geschichtsdenkmäler glücklich zu preisen. Keine verheerende 
Feuersbrunst hat sie heimgesucht, nicht ist ihr Archiv durch frevelnde 
Hand ausgeplündert worden, noch hat die Unkenntniss und Missach- 
tung einer das Alte als Abgethanes mit Füssen tretenden Generation 
ihre Pergamente und Papiere den Hökerläden zugetragen. Selbst 
als im 30jährigen Kriege Blut in den Räumen des Rathhauses floss, 
da Herzog Wilhelm von Weimar am 11. Februar 1632 mit stür- 
mender Hand den Kaiserlichen die Stadt abgewann, sind die Ur- 
kunden wol umhergeworfen, zerstreut und befleckt, aber nicht zer- 
stört worden. Stolz bergen die Schränke jahrhundertelange Reihen 
von Kämmereirechnungen, fast ununterbrochen vom Schlüsse des 
14. Jahrhunderts an, ein Gegenstand des Neides für so manche 
ebenso alte, aber weniger glückliche Stadt; in zahlreichen Raths- 
gedenk- und Copialbüchern, dem alten, dem grossen, dem rauhen, 
dem rothen Buche, dem Ordinarius, und was für Namen sonst die 
alten lieben Folianten und Quartanten alle, von treuer gleichzeitiger 
Hand geschrieben, tragen mögen, finden wir die werthvoUsten 
Notizen über das Leben und Treiben der Stadt nach innen und 
aussen aufgezeichnet: sicher gebettet ruht im prächtigen gewölbten 
Räume, der reiche, nur an wenigen Stellen vielleicht etwas ver- 
missen lassende Urkundenschatz, eine gute alte Registratur, seit 
langer Zeit wolgeordnet, und Tausende von Briefen, bis ins 14. Jahr- 
hundert zurückreichend, von Fürsten, Städten und Edeln, eine un- 
endlich reiche Quelle auch für die Forschung im Kleinen, — da ist 
es eine wahre Lust zu suchen und zu schaffen. Wie wenige Städte 
unserer Gegend sind in gleicher Lage? wie wenige können sich 
solchen Reichthums rühmen? Braunschweig allein darf mit gleichem 



— 4 — 

Stolze die Forscher in sein Archiv führen: Nordheim und Eimbeck, 
einst Göttingen wenig nachstehend, haben überhaupt so gut wie 
nichts auf die Jetztzeit gerettet, Goslar hat viel, aber wartet noch 
auf die ordnende Hand, in Halberstadt, wo ich das, was noch vor- 
handen ist, zum Druck zu bringen beschäftigt bin, ist zwar das 
Urkundenarchiv gut erhalten, aber alles andere fast spurlos zer« 
plündert und vernichtet, doppelt schmerzlich für den, der so im 
Vollen gesessen, wie ich einst hier in Gottingen. 

Dass das Interesse für die ältere Geschichte in den Bürgern 
und Bewohnern dieser Stadt stets ein reges gewesen wäre, lässt 
sich trotzdem nicht behaupten. Ihre Blüthe, schon im i6. Jahr- 
hundert in merklichem Sinken, vernichtete vollständig der 30jährige 
Krieg, nach welchem so manche deutsche Stadt, man kann sagen 
fast nur von der Erinnerung vergangenen Glanzes lebte. Alles 
lag in Schutt und Trümmern, nicht nur die Häuser und Vermögen 
der Einwohner, auch Mauern und Strassen, Sitten und Leben. Hun- 
dert Jahre des Elends folgten, aber auch ein Jahrhundert war nicht 
im Stande gewesen, das Zerstörte wieder aufzubauen und die Schä- 
den zu heilen: da führte die Stiftung der Universität eine neue 
Zeit für die Stadt herauf. Aber mit der hoffnungsreichen Gegen- 
wart beschäftigt, vergass man lange die Vergangenheit: Grubers 
gelehrte Zeit- und Geschichtbeschreibung, in ihrer Weitschweifig- 
keit dem Geschmacke der Zeit huldigend (sie erschien unmittelbar 
vor der Neugestaltung aller Verhältnisse) '), blieb doch dem grossen 
Publikum fremd, und der Universität selbst lag die Geschichte 
einer Stadt, die durch sie erst wieder neu geboren wurde, lange 
Zeit fem: so lag unter der neuen Stadt die alte wie begraben. 
Erst seit der Neubelebung der deutschen Geschichtsforschung in 
den letzten Jahrzehnten, die in hervorragender Weise der Geschichte 
der Städte ihre Aufmerksamkeit zugewandt hat (dafür ist ein 
sprechendes Zeugniss dieser Verein selbst, der heute in dieser 
Stadt tagt), ist- auch das alte Göttingen wieder mehr zu Ehren 
gekommen, dessen Jahrbücher so manches ruhmreiche und fesselnde 
Blatt aufzuweisen haben, wenn auch seine Baudenkmäler bis auf das 
Rathhaus und die Kirchen fast alle einer neuen Welt haben wei- 
chen müssen« 



') I, 1734. n, 1736. III, 1738. 



Ich glaubte dies vorausschicken zu müssen, ehe ich Sie, h. A., 
einlüde, sich zu einer Wanderung durch die Stadt, wie sie gegen 
Ende des Mittelalters sich darstellt, soweit sich das in den engen 
Rahmen einer kurzen Stunde fassen lässt, in Ermangelung eines 
besseren Periegeten meiner Führung anzuschliessen, und bitte nur, 
es sich gütigst gefallen lassen zu wollen, wenn ich öfters über die 
Zeit zurück-, zuweilen auch etwas nach der Gegenwart zu vorgreife. 

Als Stadt gehört Göttingen nicht zu den ältesten Deutschlands, 
es ist weder bischöfliche noch königliche Gründung, aber als Wohn« 
statte sächsischer Leute, und zwar als eine der südlichsten, gehen 
seine Anfange in die ältesten Zeiten zurück. Unmittelbar an der 
Leine, wenige Minuten vor dem jetzigen Gronerthore, aus welchem 
die eine Strasse über die Berge nach dem Frankenlande führte, 
erhebt sich ein kleiner Hügel, die alte Malstätte des Leinegaus, 
das Gaugericht, Goding, dem die Stadt den Ursprung, vielleicht 
auch den Namen verdankt. Noch bis zu Ende des ersten Viertels 
dieses Jahrhunderts erinnerte das ,^hohe Landgericht am Leineberge" 
an seine einstige Bestimmung, und noch in den 50er Jahren fiel 
dort ein Menschenhaupt unter dem Schwerte des Nachrichters. 
Schon 1285 führte hier über die Leine eine 16 Fuss breite Brücke, 
die sich das Blasiuskloster in Nordheim zum Muster nahm, um 
eine ähnliche über die Ruhme zu bauen: ein Heiligenbild schützte 
den Gotteskasten, aus dessen Erträgen die Brücke erhalten wurde. 
Auf dem Hügel versammelten sich dreimal im Jahre die Bewohner 
des Gaus unter der Linde zum Gericht: ein Weg, der Königsstieg 
genannt, führte von hier zur königlichen Pfalz Grone, die sich 
auf der ^das westliche Ufer der Leine begleitenden Anhöhe, dem 
kleinen Hagen, erhob. Um die Pfalz her lag das Dorf Burggrone. 

Auf der höchsten Höhe des jetzigen innern Stadtgebiets, das 
sich allmählich von Osten nach Westen bis zum Leinebett abdacht, 
am westlichen Abhänge des Höhenzuges, der das Leinethal auf 
der einen Seite einschliesst, aber ausserhalb der der Ueberschwem« 
mung ausgesetzten Thalsohle, lag das Dorf Gedingen. Seine 
Kirche, durch ihren Schutzheiligen Albanus auf Mainz hinweisend, 
nebst dem Zoll und einer Hufe Landes schenkte König Otto L 
952 dem neugegründeten Kloster Pölde am Abhänge des Harzes. 
Der Ort lag an der Strasse, die das Leinethal hinauf nach Heiligen- 
stadt, und an der, die östlich über Geismar, den Sitz des Archi- 



— 6 — 

Presbyters, nach Duderstadt führte. Aus Billung'schem Besitz soll 
er an das sächsische Königshaus gekommen sein. Später ist das 
ganze Stadtgebiet im Besitz der Weifen gewesen, wahrscheinlich 
aus der Nordheimschen Erbschaft. In der Theilung zwischen den 
Söhnen Heinrichs des Löwen fiel es dem Pfalzgrafen Heinrich zu, 
und dieser hat den Ort zur Stadt erhoben. 

Kaiser Otto hat die Rechte bestätigt, sei es als Kaiser, sei 
es als Bruder. Eine Stiflungsurkunde der Stadt, so zu sagen, exi- 
stirt nicht Zum ersten Mal ist 1229') von „consules et burgen- 
ses*' der „civitas" Göttingen die Rede. In den Kämpfen zwischen 
Otto dem Kinde und den Staufern war sie eine Zeitlang in den 
Händen der letzteren, wurde aber noch vor Ottos Belehnung in 
Mainz zurückgewonnen. Damals^ nun versprach Otto die Stadt 
in allen ihren Rechten zu beschützen und sie Niemand zu Lehen 
zu geben. In diese Zeit fallt unstreitig auch das älteste Stadt- 
siegeP) mit der Umschrift: „Sigillum burgensium in Gotigen", das 
wie die der andern weifischen Städte des Leinethals unter drei 
Thürmen den weifischen Löwen zeigt. Später ist zum Unterschied 
von den andern Städten noch das G als Anfangsbuchstabe in das 
Wappen aufgenommen worden, während das bis ins 17. Jahrhun- 
dert gebrauchte, etwas jüngere, schon feiner stilisirte Secret^) den 
einfachen Löwen darstellt. Die beiden alten Siegel kamen bei der 
schon erwähnten Eroberung der Stadt 1632 abhanden, das Secret 
aber wurde 1638 beim Fischen in der Leine unweit der Masch- 
mühle wieder aufgefunden. 

Die neue Ansiedlung schloss sich jedoch nicht unmittelbar an 
das Dorf bei der Albanikirche an, sondern Hess dasselbe vielmehr 
ausserhalb der Befestigung liegen. Auf der Westseite bildete der 
Mühlencanal, aus der Leine abgeleitet, die Deckung, von welchem 
sich in einem grossen Bogen die neue Stadtmauer nach Osten 
herumzog. Der alte Ort galt als ausserhalb der Stadt liegend und 
verlor seinen Namen in der Weise, dass man ihn nur das Altedorf 
nannte. Zwischen dem Leinecanal also und der Mauer lag die 
Stadt, auf herrschaftlichem Boden, denn der Wortzins und 



') S. mein Göttinger Urkundenbuch (I, Hannover 1863. II, 1867) I, i. 
») G. U. B. I, a. 

3) Abgebildet G. U. B. I, Titelblatt. 

4) Abgebildet G. U. B. I, Taf. III, I7. 



<üe Patronate sämmtlicher Kirchen gehörten dem Fürsten. Im 
Nordosten stand das herzogliche Schloss, bis 1387, wo es die Bürger 
bis auf den Grund abbrachen, Bol^ruz, Balrus, Ballerhus mit räthsel- 
haftem Namen genannt, dicht innerhalb an der Stadtmauer, un- 
weit des Nicolaithores, das 1387 mit der Burg beseitigt wurde. 
Na\:h Süden zog sich hier die Burgstrasse und ihr parallel die 
Jüdenstrasse. Eine weitere Parallelstrasse, die Weender, trägt den 
Namen von dem Dorfe im Norden. Sie führte zum Markte und 
theiite die Stadt in die beiden Haupttheile, den östlichen und west- 
lichen: der letztere, zwischen der Weenderstrasse und dem Leine- 
canal ist der grössere: in ihm pulsirte das eigentliche Leben der 
Stadt. 

Zu dieser Stadt kam dann zu Anfang des 14. Jahrhunderts 
<üe Neustadt hinzu, auf der Westseite des Mühlencanals, von dem 
wieder ein kleinerer, mehr zur Abführung des Unraths als zum 
Schutz bestimmter Canal, die sogenannte Kuhleine, abgeleitet wurde. 
Die Strassennamen Lewenowe, Waselburg, Masch sind ursprüng- 
lich Flurnamen. 1319 überliess') Herzog Otto der Milde diese 
Neustadt, die zum ersten Male 1299^ erwähnt wird, an Rath und 
Burgerschaft der alten Stadt für 300 Mark; Gericht, Rath, Schoss, 
Gilden und Bürgerrecht sollten fortan beiden Städten gemein sein. 
Doch blieb der Name Neustadt, die Gegend wird auch wol „Sub- 
urbium'* genannt. Nach der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden 
die Befestigungen rund um die Stadt herum, die Neustadt einge- 
schlossen, erweitert und verstärkt, mit Bewilligung des Herzogs 
Ernst, der 1362 gestattete ^, die Stadt „mit nyen graven to be- 
graven, bemnren, beplanken und betunen und de nyen graven mit 
doren, tornen und berchvreden to bevesten und bewaren". In der 
ersten Zeit der Regierung seines Sohnes Otto ging man wieder 
einen Schritt weiter und befestigte die Landwehren um die Stadt 
herum, wozu vom Herzog die Erlaubniss erkauft wurde ^). In dieser 
Zeit entstanden die ersten Warten, die jetzt bis auf wenige ver- 
fallen oder dem Erdboden gleich gemacht sind Es war ein achtung- 
gebietender Kranz, der schützend das Stadtgebiet einschloss und 

') G. U. B. I, S7, 

2) G. U. B. I, 47. 

3) G. U. B. I, 216. 

4) G. ü. B. I, 252. 



— 8 — 

zum Theil noch benachbarte Dörfer in seinen Kreis zog. Im 
15. Jahrhundert, der Blütezeit des Wartenwesens, zählte man ihrer 
2ehn (die letzte ist erst ums Jahr 1460 gebaut), natürlich nicht alle 
von gleicher Bedeutung, aber jede hatte ihre Zingel und von jeder 
lief nach den beiden nächsten ein Knick, ein mehrere Fuss tiefer 
Graben, mit« Buschwerk besetzt, um streifende Reiter abzuhalten. 
Gegen Feuer und Schiessgewehr war freilich der Wartmann leicht 
wehrlos, und so wurde in den Fehden des 15. Jahrhunderts mehr 
als eine ausgebrannt, so dass nur der steinerne Unterbau stehen 
blieb. 1500 waren nur noch drei Warten auf der Ostseite besetzt, 
1524 nur noch die eine bei Roringen. Die Spuren des Knicks 
aber kann man noch heute an vielen Stellen verfolgen. 

Mittlerweile war auch die Befestigung der Stadt sehr erheb- 
lich verstärkt worden. Mancherlei Gefahr war an die Stadt heran- 
getreten: die Nachrichten von den Raubzügen der Hussiten zu 
Anfang der 30er Jahre, deren Schrecken bis in diese Gegend nach- 
zitterte, dann der Zug des Herzogs Wilhelm von Sachsen gegen 
Soest im Sommer 1447, der einem verheerenden Unwetter gleich 
durch das Land brauste und, abgesehen von anderm Schaden, die 
Stadt zu einer kostbaren Seelenmesse für einen in den Gärten vor 
der Stadt (in die Thore wurden sie freilich nicht eingelassen) er- 
schlagenen vornehmen Herrn aus Mähren zwang'), und zahllose 
Fehden und Nachstellungen (ich habe fast 200 Fehde- und Ver- 
wahrungsbriefe aus den Jahren 1400 — 1460 gezählt): das alles 
hatte Rath und Bürgerschaft in schwere Sorge versetzt. Denn 
nach Süden und Westen waren die Festungswerke nur dürftig den 
Feuerwaffen gegenüber: „dar weren", sagt der Chronist, „klene 
enge graven und neyner were mid bolwarken eder muren"*). 
Noch im Herbst 1447 sah man sich nach Mitteln und Wegen um, 
das Geld aufzubringen, um theils das, was in der Eile gegen das 
heranrückende Heer zur Befestigung ausgegeben war, zu bezahlen, 
weil die Kosten aus den laufenden Mitteln zu decken unmöglich 
war, theils überhaupt die Wälle zu erhöhen, die Gräben zu ver- 
tiefen und Mangelhaftes zu ergänzen^). Der Rath verlangte von 
den Gilden zuerst eine Bewilligung von 16 /?. für je 100 Mark, 

') G. U. B. ir, 224. 

») G. U. B. II, S. :oi. 

3) S. den Bericht G. U. B. II, 227. 



— 9 — 

also V3 **/ot liess sich aber schliesslich mit 12 ß,, also 74 **/o zu- 
frieden finden. Dieser Extraschoss (tolegginge, collecta additionalis) 
brachte über 300 Mark, etwa den fünften Theil von dem, was 
aus dem regelmässigen Schoss einkam, und wurde im Laufe der 
Jahre 1448 — 61 noch achtmal erhoben, fünfmal in gleichem Pro- 
centsatz, dreimal in geringerem, so dass im Ganzen zu diesen 
Zwecken beinahe 3000 Mark aufgewendet wurden. Die Resultate 
dieser Anstrengungen stehen noch heute vor unseren Augen. Zwar 
die Gräben sind bis auf eine einzige Stelle trocken und in Gärten 
oder Bauplätze verwandelt und die alten festen Doppelthore sind 
den Ansprüchen der neueren Zeit zum Opfer gebracht, aber die 
mächtigen Wälle, wenn auch in friedliche Spaziergänge umgeschaffen, 
imponiren noch heute: freilich droht die Hygieine auch dieser Er- 
innerung an die dahingegangene Zeit mit dem Untergange. Bastio- 
nen und Vorwerke haben in späterer Zeit die Festung nach aussen 
noch verstärkt und die Stadt bis zum 30jährigen Kriege vor dem 
Feinde beschützt: sie sind nach dem 7jährigen Kriege planirt 
worden und so ziemlich spurlos verschwunden, nachdem sie schon 
vorher allmählich verfallen waren. Bei jenen Bauten um die Mitte 
des 15. Jahrhunderts mussten die ausserhalb der Stadt am Wege 
zum Leineberg Wohnenden in die Stadt übersiedeln und erhielten 
die kleine Masch, den nördlichen Theil der Neustadt, zwischen der 
jetzigen Allee und dem Walle, als Baustätten, wo vorher Weide- 
land gewesen war*). 

Sehen wir uns nun im Innern der Stadt um. Auf der West- 
seite des Marktes war das Rathhaus erbaut, von dessen Neubau, 
nach herzoglicher Bewilligung^ vom Jahre 1366, die Rechnungen-') 
aus den Jahren 1369 — 71 noch vorhanden sind. Von seinem den 
Markt überblickenden Altan, der Laube oder Vorlaube, wurden all- 
jährlich der Bürgerschaft die Statuten durch den Stadtschreiber ver- 
lesen und sonst wichtige Beschlüsse des Rathes kund gethan. Hier 
fand am 6. November 1491^) die erste Huldigung nach dem Tode 
des letzten Fürsten der Göttinger Linie statt: ein Vierpass von 
Dielen war mit Teppichen belegt, Stühle mit Kissen daraufgesetzt, 

*) G. U. B. ir, 239. 
») G. U. B. I, 239. 

3) Das. Anm. 

4) G. U. B. II, 378. 



— lO — 

und über die Mauerbrüstung nach dem Markte zu hing ein Stück 
Goldgewebe, auf dem wieder Kissen lagen« Als nun durch die 
Rathsglocke auf dem kleinen Thurm des Rathhauses die Bürger- 
schaft auf den Markt entboten war, trat Herzog Wilhelm von 
Wolfenbüttel auf den Vierpass, zur Rechten seine Räthe, zur Lin- 
ken den Rath der Stadt, und nahm erst die Huldigung des Rathes, 
dann der Bürgerschaft an. Von der Vorlaube tritt man durch 
die alte mit einem Löwenkopf verzierte Eichenthür in die Halle, 
den Saal. Hier sass der Ratb zu Gericht, hier feierte man grössere 
Feste, ehrte fürstlichen Besuch und andere vornehme Gäste mit 
Spiel und Tanz; hier hielt der Rath am Freitag nach Fronleich- 
nam das grosse Essen und speiste auch, sonst mehr als einmal 
jährlich, sei es beim Rathswechsel, sei es bei der Schosszahlung. 
Dann wurde in der Küche in den unteren Räumen gekocht, ge- 
backen und gebraten und der Wein aus dem Rathskeller geliefert, 
rein oder als Ciaret („Luttertrank^') durch den Apotheker gemischt. 
Denn in den gewölbten hohen Kellern des Hauses lagerte allerlei 
Vorrath an Wein, vorzugsweise Rheinwein, Hochheimer, Rhein- 
gauer, Ugenheimer, von Frankfurt und Worms bezogen, den die 
Fuhrleute der Messreisenden als Rückfracht mitbrachten, aber auch 
Malvasier. 20 — 30 Fuder Weins wurden hier alle Jahre verzapfl, 
gern trank auch der Bürger im kühlen Keller oder Hess sich einen 
Becher ins Haus holen, und trotz des freien Trunks, den der Rath 
bei vielen Gelegenheiten hatte, trotz der reichen Willkommen, die 
fremden Gästen in der Stadt silbernen Bechern kredenzt wurden, 
und der Spenden, die nach alten Verpflichtungen die Kirchen er- 
hielten, flössen immer icx^ — 200 Mark Reingewinn in die Stadt- 
kasse. In Kriegszeiten kam es freilich auch wol einmal vor, dass 
man wegen gehemmter Zufuhr ganz trocken sass oder zu theuren 
Weinen seine Zuflucht nehmen musste. Ausser dem Wein, der 
nirgends sonst in der Stadt bezogen werden konnte, lagerte in des 
Raths Keller das hochberühmte Eimbecker Bier. Zwar wurde auch 
in der Stadt gebraut, die brauberechtigten Bürger, „der bruwer 
lod** (1500 sind es 268} benutzten nach der Reihe die Pfannen des 
Rathes gegen eine' bestimmte Abgabe*) und verzapften nach Aus- 
steckung eines Tannenwisches, was sie nicht zum eigenen Gebrauch 



') G. U. B. II, S. 412, 6. 



— II — 

bestimmten: aber Eimbecker Bier war nur im Rathskefler zu haben, 
höchstens Kranke durften es mit besonderer Erlaubniss des Rathes 
direkt beziehen. 1500 betrug der Umsatz fast 100 Fass und gab 
erheblichen Gewinn "), es kamen namentlich zu Anfang des 16. Jahr- 
hunderts Jahre, in denen der Verkauf des Bieres 700 Mark Reinertrag 
gab, bis seit 1556 dieser Posten in den Rechnungsbüchem ganz 
verschwindet und allmählich gleichbedeutende Einnahmen von dem 
aas Frankfurt bezogenen Branntewem (vinum sublimatum) erzielt 
werden. Jedes Jahr schickt der Rath an die Fürsten und Grafen 
der Nachbarschaft nach alter Observanz 12 Tonnen Bier, wol ein- 
heimisches *), erfreute auch wol einen der adeligen Nachbaren 
durch eine Gabe zur Heimfahrt oder Taufe. Dafür erwiesen sich 
die Herren dankbar durch die Gegengabe eines feisten Hirsches 
oder sonstigen Wildprets aus ihren Wäldern, das der Rath in 
fröhlichem Gelage auf dem Saale verzehrte und mit Wein aus 
seinem Keller weidlich begoss. Beim Wildpret durfte der Fisch 
nicht fehlen: hielt doch die Stadt einen eigenen Fischmeister, der 
nicht nur den Inhalt der Stadtgräben^), sondern auch die Teiche 
auf den Stadtgütern in den benachbarten Dörfern zu überwachen 
hatte. Auf dem Fischstein an der Südostecke des Marktes stand 
er, wenn Vorrath da war, aus. Ausser zu den Essen des Rathes 
hatte er nach altem Brauch auf Laetare dem Rath und seinen 
Bediensteten eine ansehnliche Lieferung zu thun: reicht dann der 
eigene Besitzstand nicht aus, so wird in der Nachbarschaft gekauft: 
1500 z« B. kaufte man drei Centner in Nordheim zur Laetare- 
gäbe. Damals gab es auch noch Ottern und Biber in den Stadt- 
gräben. 

Doch wir haben uns wol fast zu lange auf dem Rathhause 
aufgehalten und gehen nun weiter. Hinter dem Rathhaus standen 
die Fleischscharren (stalla, macella), im Ganzen 13, mit Buchstaben 
bezeichnet, aber nicht alle waren mehr in Gebrauch: früher im Ein- 
zelnen vermiethet, hatte sie zuletzt die Gilde selbst übernommen, auch 
die beiden Scharnläden gegenüber an der Poticken (vielleicht Topf- 
ecke?) und die zehn unter dem Schuhof. Der Schuhof, das 
Eigenthum und der Stolz der Schuhmachergilde, wird als Eckhaus 

») G. U. B. II, S. 418, 31. 

2) G. U. B. II, S. 428, 66. 

3) G. U. B. II, S. 413, 12. 



— 12 

auf der nordwestlichen Ecke des dem Rathhause gegenüberliegen- 
den Häuserquartiers, das man den Nabel der Stadt nannte, schon 
1251 erwähnt '): nach seinem Umbau im Jahre 1344 *) hatte er im 
Erdgeschoss Verkaufshallen, ursprünglich für die Gilde bestimmt, 
aber seit die Genossen hier nicht mehr feil hielten, an die Knochen- 
hauer vermiethet: das erste Stock sprang mit seinem Ueberhang 
drei Fuss vor, aber der Raum darunter war so hoch, dass ein 
Reiter zu Pferde nicht anstiess. 1736 kaufte die Landschaft den 
inzwischen mehrfach umgebauten Schuhof und erbaute an der 
Stelle die Universitäts-Apotheke. 

An der andern Ecke dieser Häuserreihe, also vom Rathhaus 
nach Südost, stand das Brothaus, der Bäckergilde gehörig, schon 
1316 erwähnt und 1325 neu gebaut^), wo die Bäcker feil hielten. 
Auf der schräg gegenüberliegenden Seite des Marktes, an der Ecke 
der Rothenstrasse hatte sich die Kaufgilde ihr Kaufhaus erbaut, 
mit Hallen und Läden, nachdem die Räume des Rathhauses, das 
ursprünglich zugleich Kaufhaus war, zu eng geworden waren: aber 
noch im 16. Jahrhundert standen an den Jahrmärkten die Wand- 
schneider mit ihrem Wand auf dem Rathhause, die Kürschner mit 
ihrer Waare auf der Vorlaube aus. 

Geht man von der Rothenstrasse weiter nach Norden ; so 
kommt man zur Barfüsserstrasse: an ihrer Ecke liegt die Apotheke 
des Rathes, um 1400 zuerst urkundlich nachzuweisen. Eidlich 
musste der Rathsapotheker geloben, gute Materialia zu haben und 
sich nach den Recepten der Aerzte im Conficiren zu richten. Er 
lieferte auch das Confekt und Gewürz (backenkrut) für des Rathes 
Mahlzeiten und die Hochzeiten der Bürger, er besorgte die Mischung 
des Clarets und fertigte Specereien, so eines Rathsherrn Frau 
eines Kindleins genas, die officiell die Stadt ihr übersandte. Von 
Schoss, Wacht und Thorhut war er fireL Uebrigens besoldete die 
Stadt auch einen Arzt, er erhielt 1462^) 9 Mark und 4 Klafter 
Holz, musste aber des Rathes Diener und Gesinde umsonst curiren 
und durfte nur für die Rathsapotheke Recepte schreiben. In 
kriegerischen Zeiten hielt die Stadt auch einen Wundarzt. 

') G. U. B. I, 4. 
») G. U. B. I. 155. 

3) G. XJ. B. I, 81 und Anm. 

4) G. U. B. II, 286. 



— 13 -- 

In der Barfüsserstrasse, an der gegenüberliegenden Seite, 
stehen, ehe man an die Jüdenstrasse kommt, der Saal und die 
Börse dicht neben einander, beides Versammlungsorte von gesel- 
ligen Genossenschaften der jungen vornehmen Welt, die es hier 
oft toll genug getrieben haben mag. Die Statuten der Börse 
(bursa) vom Jahre 1455*) sind uns erhalten, sie zahlte damals 
27 Mitglieder, das Leben und Treiben wurde vom Rathe controlirt, 
der wol im Interesse des Geldbeutels der Väter ausdrücklich ver^ 
boten hatte, beiden Gesellschaften anzugehören, sie hielten sich 
Pfeifer und Posaunisten, mit denen sie am Sylvester-Abend und zu 
Fastnacht („in den doren dagen") unter allerlei Unfug als „Schow- 
duvel" durch die Strassen zogen: dann wurde der Judenschule und 
den Häusern der Juden arg mitgespielt, bis die Juden die Hilfe 
des Raths anriefen und 1447 eine Verordnung erreichten, dass der 
Unfug gegen sie aufhören sollte, dafür zahlte jedes Judenhaus und 
die Schule i^a Stübchen Wein an die Gesellen auf der Börse. 
Eins von diesen Häusern, ob Saal, ob Börse, wage ich nicht zu 
entscheiden, ist jedenfalls das Eckhaus in der Barfüsserstrasse 
mit seinen schönen Schnitzereien und Wappen aus dem Anfange 
des x6. Jahrhunderts. 

Sonst wären von Profanbauten nur noch die fünf Mühlen') 
am Leinecanal und die beiden Badstuben^) zu erwähnen, von denen 
die eine an der Canalbrücke vor dem Gronerthor, die andere, der 
Schwanstoven, am Albanithor lag. Jene war die grössere, hatte 
auch einen besondern Raum für Herrenbäder, d. i. Bäder des 
Raths und der Vornehmen, und ein besonderes Frauenbad. 

Wir wenden uns zu den kirchlichen Bauten. Westlich vom 
Rathhaus und den Scharren steht die' Markt- und Stadtkirche, zu 
Ehren St. Johannis des Täufers erbaut. Die Sage bringt sie mit 
der Schlacht am Welfesholze in Verbindung, nach welcher Lothar 
sie als eine Art von Siegesdenkmal errichtet haben soll. Merk- 
würdig ist jedenfalls, dass sie nie städtischen, sondern stets fürstlichen 
Patronats gewesen ist, trotzdem dass sie die ecclesia forensis ist. 
Der jetzige Bau ist erheblich jünger und zeigt durchaus spät- 
gothischen Stil. In ihr wurden alle feierlichen Messen für die 

^) G. U. B. II, 248. 

») G. U. B. II, S. 412, 8. 

3) G. U, B. 11, S. 416, 20. 



— H — 

Stadt gehalten; z. B. die Messe vom heiligen Geist vor der Raths- 
wahl: auf den Thürmen von St. Johann sass, wie noch heute, der 
Hausmann, ein Bediensteter der Stadt, um Feuersgefahr anzuzeigen. 
Sie hatte auch eine Thurmuhr, die einzige der Stadt bis 148 1, wo 
auch die Barfüsser sich eine zulegten. 

St. Albani als die Kirche des Altendorfs ist schon erwähnt 
worden: der Bau selbst hat wenig Interessantes, aber auf der 
Spitze des Thurms steht ein vergoldetes Crucifix, ursprünglich 
jedenfalls eine Stiftung für einen Altar der Kirche, mit der In- 
schrift: „anno M. CCC. XLIJ do verdrank Hennen Goltsmet in 
der groten vlot to sente Margreten dage'S Das Patronat gab, wie 
oben berührt ist, König Otto dem Kloster Pölde, Herzog Albrecht 
aber tauschte es 1254 gegen das von Roringen zurück^). Alles 
was ausserhalb der alten Stadtmauer und westlich vom Leinecanal 
lag, gehörte zu St Albani, so dass die daselbst angelegten Hospi- 
täler und Capellen erst durch besondern Vertrag eximirt werden 
mussten. 

Die Lieblingskirche der Herzöge, so lange sie hier residirten, 
war St. Jacobi, nicht weit von der Burg, zwischen der Juden- und 
Weenderstrasse. Herzog Otto der Quade hatte den Plan, sie zu 
einer CoUegiatkirche zu erheben mit 12 Canonicaten, zu denen er 
auch schon die betreffenden Persönlichkeiten designirt hatte. Aber 
er musste den Gedanken in Folge des Widerspruchs von Seiten 
des Erzbischofs von Mainz, in dessen Sprengel die Stadt lag, fallen 
lassen. Die Kirche gehört in ihrer jetzigen Gestalt dem 14. Jahr- 
hundert an, früher hatte sie eine Vorhalle, deren Spuren noch zu 
erkennen sind: der mächtige, im Verhältniss zur Grösse der Kirche 
fast zu hohe Thurm wurde in den Jahren 1426 — 33 durch Hans 
Rutenstein (nicht Reutersen, wie sonst irrthümlich der Baumeister 
genannt »wird) vollendet, aber die Spitze ist wiederholt, zuletzt 1642, 
durch Blitzschlag beschädigt und die unschöne Kappe zu Ende 
des 17. Jahrhunderts aufgesetzt worden. 

Die Nicolaikirche, im südlichen Theile der Stadt, wird zwar 
schon 1256 urkundlich') erwähnt, aber sie gehört in ihrer jetzigen 
Gestalt auch erst dem 14. Jahrhundert an. Sie war gegen Ende 



») G. U. B. I, 6. 
2) G. U. B. I, 9. 



— 15 — 

des vorigen Jährhunders so baufällig geworden, dass man die Be- 
nutzung aufgeben und die beiden Thürme abtragen musste: 1822 
ist sie zur Universitatskirche umgebaut worden. 

Die fünfte Kirche endlich, der Jungfrau Maria geweiht, ist 
die Kirche der Neustadt und mit ihr zugleich entstanden, das Zu- 
sammentreffen der Schutzpatronin des deutschen Ordens mit der 
Heiligen der Kirche ist ein zufälliges, aber die gleich nachher er- 
folgte Ansiedlung des Ordens auf der Westseite der Kirche fährte 
eine enge Verbindung herbei, so dass der Pleban ein Ordensbruder 
war. Vielfach umgebaut und fast jedesmal mehr entstellt, ist die 
Kirche in ihrem Aeussem unter allen die am wenigsten anziehende, 
bemerkenswerth höchstens durch das colossale Dach. Ihr Thurm 
wurde 1440 um 32 Fuss mit Bewilligung des Raths') erhöht und 
Glocken in demselben aufgehängt: bei dem oben erwähnten Zuge 
des Herzogs von Sachsen gegen Soest schmolz der Rath eine der 
Glocken zu Geschützen ein und entschädigte ein paar Jahre später 
die Kirche durch eine neue. 

Der deutsche Orden, um das gleich hier zu erwähnen, hatte 
1321 bald nach seiner Ansiedelung seinen Hof in Bilshausen auf 
dem Eichsfelde an die Herren von Plesse gegen Land in der Göt- 
tinger und benachbarten Fluren vertauscht*), das vom Göttinger 
Ordenshause aus bebaut wurde. Wie aber der Rath überhaupt 
bei den Orden und geistlichen Stiftungen ängstlich darüber wachte, 
dass nicht zu viel Land in die todte Hand kam, den Bürgern also 
entzogen wurde, so Hess er sich auch vom deutschen Orden ver- 
briefen, dass er nur ein bestimmtes Mass in der Stadtflur besitzen 
wolle. In der Reformationszeit hatte die Stadt den Ordenshof an 
sich genommen (die Sache wurde wiederholt auf den Schmalkalder 
Bundestagen verhandelt), musste ihn aber später herausgeben. Die 
Kirche jedoch blieb evangelisch, obwol der Orden das Patronat 
hatte. In westfälischer Zeit ist die 500jährige Besitzung des Or- 
dens in Privathände übergegangen und nur das aussen angebrachte 
Kreuz erinnert noch an die ehemaligen Herren. 

Zwei andere Orden haben sich schon vor den Deutschrittern 
in Göttingen niedergelassen. Zuerst kamen die Prediger oder, wie 



') G. U. B. II, 195. 
2) G. U. B. I, 97. 



— i6 — 

sie hier gewöhnlich heissen, die Pauliner und bauten sich 1294 im 
sogenannten Papendiek unweit der Johanniskirche auf dem rechten 
Ufer des Leinecanals an: wenigstens datirt aus diesem Jahre der 
Brief, in welchem Herzog Albrecht ihnen Grund und Boden für 
diese Bauten überlässt'). An die stattliche Kirche lehnten sich 
nach Nordosten die Klosterräume an. Schon 1297 einigten sich 
die Predigermönche mit den Bundesklöstem in Eisenach und MühK 
hausen über die Grenzen ihrer Terminirbezirke'), und 1304 war 
der Bau vollendet^), in dem* zu wiederholten Malen die Provinzial- 
Capitel getagt haben. Nach der Aufhebung des Klosters im Jahre 
1531 beherbergten die Räume seit 1542 das Pädagogium, bis es 
200 Jahre später der Universität Platz machte. Die Kirche ist 
durchgetheilt und bewahrt einen Theil der Bibliothek, der auch 
die übrigen Baulichkeiten des Klosters dienen, so weit sie erhalten 
sind: 80 Jahre lang war die Klosterkirche die Universitätskirche. 

Wenige Jahre nach den Predigern kamen die Barfüsser^). 
Sie bauten ihr Kloster auf dem jetzigen Wilhelmsplatz. Die Kirche 
war die Begräbnissstätte der herzoglichen Familie, so lange diese 
ihr Schloss noch hatte. Umgekehrt scheint es anfangs wenigstens 
die Stadt mit den Paulinern gehalten zu haben, wenn sie auch 
1320 den Barfüssern eine Vergrösserung ihrer Baulichkeiten be- 
willigte^): dafür Hess sich jedoch der Rath ausdrücklich versprechen, 
dass das Kloster ihm etwa zu Theil werdenden Grundbesitz binnen 
Jahr und Tag an die Bürger verkaufen wolle. Wie sich die Pau- 
liner in Nordheim ^ ein Terminirhaus erwarben, so die Barfüsser 
schon 1313 in Nörten ^). Nach der Aufhebung des Klosters wurde 
die Kirche als Zeug- und Vorrathshaus der Stadt benutzt, 1820 
wurde sie als baufällig abgebrochen, aber die Pfeiler waren so fest 
gemauert, dass sie selbst beim Umfallen nicht auseinanderschlugen 
und mit Pulver gesprengt werden mussten. Von di^em Kloster 
ist jetzt keine Spur mehr vorhanden, nur im Strassennamen ist eine 
Erinnerung bewahrt. 

^gTuTb. I, 41. 

') Mühlhäuser U. B. I, 469. 

3) G. U. B. I, 59. 

4) Urk. V. 1308. G. U. B. I, 69 und Anm. 

5) G. U. B. I, 95. 

6) G. U. B. I, 89 (1319). 

7) G. U. B. I, 76. 



Die dritte und letzte klösterliche Stiftung würde ich, weil sie 
erst diesseits des Jahres 1500 liegt, nicht erwähnen, wenn wir uns 
nicht gerade auf deren ehemaligem Grund und Boden befinden. 
Hier gründete 1510 die Witwe Salome von Hardenberg das kurz- 
lebige Nonnenkloster St. Annen. Die Reformation hat es schnell 
beseitigt: nachdem es dann eine Zeit lang eine Art Mädchenschule 
gewesen war, wurde es zur Rathswage verwandt. 

Fflegstätten für Sieche und Altersschwache hatte die Stadt 
reichlich, sie lagen sämmtlich ausserhalb der alten Stadtmauer, das 
eigentliche Leprosenhaus, dem heil. Bartholomäus geweiht, vor dem 
Weender Thor im Felde, St. Crucis oder Marien Magdalenen am 
Geismarthor, wo jetzt das Entbindungshaus steht, St. Spiritus end- 
lich in der Neustadt dicht neben dem wenige Jahre jungem Ordens- 
hofe. 1293 von dem Patrizier Heidenreich Bernhardi oder Berndes 
gestiftet'), stand das Hospital eine Zeit lang unter gemeinschaft- 
licher Oberaufsicht des Rathes und des Klosters Lippoldsberge, 
spater des Rathes allein. 

Berühmt war die sogenannte Fronleichnamscapelle: wie andere 
Capellen und Kirchen des h. Blutes in Folge eines Hostienwunders 
13 19 vom Rathe erbaut und von vielen Bischöfen mit Ablass be- 
gabt^), lockte sie zahlreiche Pilger an, zum Schaden der Kirche 
des h. Nicolaus im nahegelegenen Nicolausberg (eigentlich Olrikes- 
hausen). Sie stand unterhalb des Brauhauses, da, wo die Wenden- 
(richtiger Wennecken-)Strasse und die Bodensteinstrasse zusammen- 
stossen, bis in dieses Jahrhundert. Vor dem Albanithor lag die 
Georgscapelle, die 1459 den Befestigungswerken zum Opfer fieP) 
und in der Karspüle wieder aufgebaut wurde. Nach ihr nannte 
sich der älteste d6r vier Kalande, die drei anderen heissen St. Spi- 
ritus, St. Johann und St. Nicolai, der letzte, früher St. Jodoci ge- 
nannt, hatte seinen Sitz in Klein-Kerstlingerode auf der Höhe des 
Hainbergs gehabt und war 1454, weil das Dorf wüst geworden, 
nach der Stadt übergesiedelt^). 

Das geisdiche Gericht übte der Probst des Peterstifts zu Nör- 



') G. U. B. I, 37. 

*) G. U. B. I, 90. 91. 93. 

3) G. U. B. II, 269. 

4) G. U. B. n, 245. 
Hansische Geschichtsblätter. VIII. 



_ i8 "^ •*"- .-^ 

ten als Archidiaconus durch seinen Offidalen, der ein eigenes 
Gerichtshaus (domus consistorialis) in der Stadt besass. Sonst hatten 
noch die beiden benachbarten Nonnenklöster Weende und Marien- 
garten, in welche neben Lippoldsberg und Höckelheim die Bürger 
vorzugsweise gern ihre Töchter begaben, Häuser in der Stadt und 
zwei Höfe das Walkenrieder Kloster, als Inhaber des Zehntens in 
der Göttinger und Rostorfer Feldmark. 

Was nun das Regiment der Stadt betrifft, so besteht der 
Rath aus 24 Personen, 12 bilden den sitzenden, 12 den alten Rath. 
Von 1329 an liegen die Fasten vollständig vor'), aber auch für 
ältere Jahre finden sich Namen, zum ersten Male alle 12 im Jahre 
1282, ein unvollständiges Verzeichniss schon vom Jahre 1269, ein- 
zelne kommen noch früher unter Zeugenanführungen vor. Bis 
kurz vor der Mitte des 14. Jahrhunderts treten bei den Neuwahlen 
Rafhsherren in grösserer Zahl aus und ein, von da an aber bleibt 
der einmal Gewählte, mit wenigen Ausnahmen, bis zu seinem Tode. 
Soweit sich die Verhältnisse verfolgen lassen, ergänzte sich der 
Rath nur durch Cooptation. Worauf jedoch die Wahlfahigkeit be- 
ruhte, lässt sich nicht bestimmen. Das ganze 14. und 15. Jahr- 
hundert hindurch sind es dieselben Familien, die im Rathe sitzen, 
sämmtlich offenbar durch Wohlhabenheit ausgezeichnet, denn die 
Mitglieder des Raths, die besonders schössen, bringen '/xo bis ^6 
des ganzen Schosses auf. Die Namen sind theils von umliegenden 
Orten genommen, aus denen sie schon früh in die Stadt gezogen 
waren, von Nörten, Jüne, Wake, Grone, Jese, Dimarden, Bovenden, 
Mackenrode, auch von Eimbeck u. s. w., daneben finden sich aber 
auch andere: Klingebil, Blendegans, Spekbötel, Pustindebussen, 
Schwanenflügel, Wigand, Endemann, Lange, Rode, Snippe, Heimelt: 
das reichste und hervorragendste Geschlecht sind die Giseler von 
Münden, deren Namen so wechselte^ dass einem Giseler von Mün- 
den jedesmal ein Hans oder Hermann, auch wol Simon und Hein- 
rich Giseler, und dann wieder ein Giseler von Münden folgt. Sie sind 
seit 1313 im Rathe, und sind, wie die Sage weiss, bald nach 1256 
von Münden hierher gezogen. Das Geschlecht hat mehrere Ritter 
aufzuweisen: im 17. Jahrhundert starb es mit Bürgermeister Ulrich 
Giseler aus, wie denn überhaupt von allen den stolzen Raths- 



>) s. u. B. I, s. 423—31 lind n, s. 432—42. 



a 

geschlechtern ausser den Helmolts und Schwanenflügels kein ein- 
ziges bis auf unsere Zeit gekommen ist. 

Im 15. Jahrhundert stehen jedesmal auf dem Pergamentdeckel 
der Kämmereirechnung, die von October zu October läuft, und 
zwar so, dass z. B. die Rechnung des Jahres 1480 nur das letzte 
Viertel dieses und Dreiviertel des Jahres 1481 enthält, die Namen 
der beiden Rathsherren, die Kämmerer waren, zu Beginn der Rech- 
nung folgen dann die Namen und Functionen des sitzenden Raths, 
oft ist mit Kreuz und Datum der Tod eines Rathsherrn angemerkt« 
Eine Neuwahl im Laufe des Jahres fand nicht statt, consules suf- 
fecti gibt es nicht, so dass mitunter die Zahl auf 11, auch wol auf 
10 zusammenschmilzt. Die Wahl selbst war streng geregelt. Am 
Montag nach der Gemeinwoche, der vollen Woche nach dem 
Michaelistage, also zu Anfang Octobers, wird in der Frühe zu 
St Johann die Messe vom heil. Geist gehalten, zu der sich der 
ganze sitzende Rath einfindet. Nach Schluss des Gottesdienstes 
begibt er sich auf das Rathhaus, lässt alle Thüren verschliessen 
und nachsehen, dass kein „sluhorer'* (Lauscher) da ist: dann er- 
mahnt der Worthalter, alles geheim zu halten bei der Seelen Heil 
und eigner Ehre, möge es Vater, Bruder, Magen oder Freunde 
angehen. Der Schreiber verliest die Namen des alten Raths: und 
nach der Reihe werden sie wieder gewählt, wenn nichts Besonde- 
res vorliegt oder nicht etwa eine Stelle durch Tod oder freiwilligen 
Austritt erledigt ist, darauf die Vormünder der Hospitäler, die 
Gilden- und Knochenhauermeister, die Feldgeschwornen, und zu- 
letzt seit Ausgang des 15., vielleicht auch erst seit Anfang des 
16. Jahrhunderts die Schrader und Schmiedemeister. Es folgt eine 
Pause zum Essen, das auf der Küche des Rathhauses mittlerweile 
bereitet ist: dann wird die ^ürgerglocke geläutet und auf dem 
Saal zwölf Stühle in zwei Reihen gegen einander aufgestellt: die 
Rathsherren stellen sich vor ihre Stühle und den durch die nun 
wieder geöffneten Thüren einströmenden Bürgern lässt der Wort- 
halter durch den Schreiber die Wahl von der Gerichtsbank aus 
kundthun. Nun rufen die Knechte die Gewählten und der ab- 
gehende Rath schwört in Gegenwart des Volkes und des Schult- 
heissen, zu dreien jedesmal, dass er. den Schoss richtig gezahlt 
habe. Der Schultheiss stabt zuerst dem neugewählten Rathe den 
Eid, dann den Vormündern der Hospitäler, dem Herrn Gildemeister 



*ir 



der Kaufleute, der Schuhmacher, der Bäcker, der Wollenweber und 
der Leineweber, zuletzt schwort der Meister der Knochenhauer, 
der Schrader und der Schmiede und die Wardeine des neuen 
WoUenwebergewerks, die Feldgeschwornen und die Garbrater. Nun 
verkündet der älteste im neuen Rathe dem Volke, dass alle alte 
Willküren und Gesetze der Stadt bis auf Weiteres zu Recht be- 
stehen. Am folgenden Donnerstag wird vom alten Rath auf dem 
Rechenbret die Abrechnung gehalten, der Schreiber verliest die 
Abrechnung, und zwei, die nicht Kämmerer sind, legen sie im 
Brete und ziehen die Ausgabe von der Einnahme ab. Dann wählt 
der alte Rath die neuen Kämmerer, Baumeister und andere Aemter, 
lässt den neuen Rath rufen, vereidigt die, welche etwa neu in den 
Rath eingetreten sind, theilt ihnen ihre Functionen mit und bittet 
den neuen Rath, seine Wahlen im alten Rath zu thun. Das ge- 
schieht, die Wahlen werden vorgetragen, die neuen Kämmerer be* 
sonders vereidigt und darauf die Beamten, der Schreiber, der 
Unterschreiber, die Knechte. Nach einer Pause zum Essen auf 
dem Rathhause werden die Thorhüter und Wächter eidlich aufs 
Neue verpflichtet und jeder mit 2 ^ Trankgeld beschenkt. Am 
Sonnabend findet die Uebergabe an den neuen Rath statt. Sonn- 
tag Nachmittags ist fröhliches Zusammensein auf dem Rathhause: 
jede Gilde schickt eine grosse Kanne Bier, einen neuen Becher, 
Birnen und Nüsse, aber der Rath muss es selbst durch seine 
Knechte holen lassen, „dat se nicht sek dünken laten, eft men to 
on nicht ensende, dat me se vorsmade oder se vor nicht enhilde'*. 
Mittwochs folgt dann noch die Vereidigung der Müller und ihrer 
Knechte (die jüngsten drei Rathsherren aus beiden Räthen zusam- 
men sind die sogenannten Mühlenherren), auch der Brauknecbte, 
die sämmtlich ein Trankgeld erhalten. Sollen Veränderungen im 
Schoss oder im Braugeld stattfinden, so wird das den folgenden 
Sonntag Nachmittag von der Laube der Bürgerschaft verkündigt, 
die durch dreimaliges Läuten der grossen Glocke zusammengerufen 
ist. Die Statuten über Kleidung und Schmuck (die leges sumptu- 
ariae, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt umfangreicher), über Würfel- 
spiel u. s. w. werden an dem nächstfolgenden Sonntag in gleicher 
Weise in Erinnerung gebracht. Und somit ist das Regiment wieder 
auf ein Jahr geordnet. 

In dieser Weise, mit ganz unbedeutenden Veränderungen, ist 



^ ' — 21 — 

wol 150 Jahre lang gewählt und gewechselt worden. Eine Revo- 
lution, wie sie in den meisten Städten das Eindringen der Gilden 
in den Rath oder wenigstens den Versuch dazu begleitet hat, oft 
nicht ohne schwere Missethat und Blutvergiessen, ist hier im Mittel- 
alter nicht vorgekommen, offenbar ein günstiges Zeugnis? für Re- 
gierende wie Regierte. Als Herzog Ernst 1355 auf Anstiften eines 
flüchtigen Rathsherrn Hermann Stote, einer Art Catilina, die Gil- 
den gegen den Rath zu verhetzen suchte, dass sie den Rath wäh- 
len sollten, verwahrten sie sich feierlich gegen das unerhörte An- 
sinnen ^. Im Frieden hatten sich Rath und Bürgerschaft wol schon 
2u Ausgang des 14. Jahrhunderts dahin geeinigt, dass in beson- 
ders wichtigen Fragen, bei Fehden, bei ausserordentlichen Schoss- 
auflagen (ein Beispiel hierzu habe ich bei den Befestigungsarbeiten 
-erwähnt) und ähnlichem die Gildemeister zugezogen und ihnen in 
vertraulicher Weise über die Finanzen der Stadt Auskunft gegeben 
wurde. So ist alles gut und glatt gegangen bis ins 16. Jahrhun- 
dert hinein. Als aber 1513 die Schuldenlast der Stadt allmählich 
auf rund 90000 fl. mit 4000 fl. Zinsen und 1400 fl. Leibrenten 
gewachsen war, kam e& zu Unruhen. Die Gilden, deren Vertreter 
in erhöhter Zahl mit dem Rathe über den Npthstand verhandelten, 
waren bereit zu helfen und auf neue Steuern einzugehen. Als aber 
vier Rathsherren, darunter der Kaufgildemeister Curd Meier, der 
g;^esagt haben sollte, er wollte die Gilde um einen Finger winden, 
flüchtig wurden, denn als gewesene Kämmerer waren sie vorzugs- 
weise Gegenstand der Angriffe, scheiterten die Versuche der Gil- 
den, die genaue Einsicht in die Rechnungsbücher' der letzten 
30 Jahre nahmen, die Sache im Guten auszutragen. Der Pöbel 
brach Iqs, setzte zehn Rathsherren ab, schätzte sie und ersetzte 
ihre Stellen durch andere. Unglücklicher Weise war Herzog Erich 
damals ausser Landes und die befreundeten Städte drangen mit 
ihrer Vermittelung nicht durch. Erst am 22. October 1515 gelang 
es dem Herzog mit Hilfe von Goslar, Braunschweig, Hildesheim, 
Hannover und Eimbeck Frieden zu stiften, die abgesetzten 14 
wurden wieder eingesetzt, und die beiden Räthe bestanden nun 
aus je ig Personen, die allmählich auf je 12 zusammensterben sollten: 
der Raub wurde erstattet, die wüsten Häupter des Aufruhrs büssten 



») G. U. B. I, 197. 8. 



— 22 — 

mit dem Tode. Statt der zahllosen Geschwornen, die man aus 
der Bürgerschaft als Neben - Kämmerer eingeführt hatte, blieben 
nnr 4, die jedesmal bei der Rechnung am Rathswechsel zuge- 
zogen wurden. Durch diese Veränderungen aber kam eine Menge 
neuer Namen ans Ruder, und von dieser Zeit an ergänzte sich 
der Rath auch aus Familien, die dem Stadtregiment bisher fem 
gestanden hatten. Seit der Reformation wählten die Gildemeister 
und Deputirte der Gilden Rath und Bürgermeister. 

Von den Gilden ist auch hier, wie in den meisten Stadteii 
Niedersachsens die Kaufgilde die älteste und bedeutendste gewesen. 
Lässt sich auch nicht erweisen, dass sie in ältester Zeit das Stadt* 
regiment allein gehabt hat, so hatte sie doch überall unbestritten 
den Vortritt. ^ Zu ihr gehörten die rathsbürtigen Familien, wenn 
sie auch praktisch das Gewerbe nicht übten. Von ihren beiden 
Gildemeistern war einer jedesmal ein Rathsherr: der wurde bei 
dem Rathswechsel mit „Herr N." zur Vereidigung aufgerufen, „sin 
geselle slechtliken bi sinem namen". Wer die Gilde gewinnen 
wollte, musste von Vater und Mutter echt geboren sein, durfte 
kein unreinliches Handwerk geübt haben und musste nun jegliches 
Handwerk aufgeben. Sie hatte drei Memorien des Jahres für ihre 
geschiedenen Genossen, bei den drei Kirchen der innem Stadt, 
und von ihren Capitalien besondere Provenden : doch nicht alle Mit- 
glieder hatten daran Antheil; die Berechtigten erhielten am Abend 
vor Maria Himmelfahrt in alter Zeit 3 ß, später nur die Hälfte, 
nach alter Satzung des Raths durfte diese Provende nicht abge- 
pfandet werden. Streng wird unterschieden zwischen Kaufleuten 
und Krämern, jene dürfen allerlei Wand, ausser Barchent, nach 
der Elle verkaufen; Wachs, Butter, Honig, Rotlosch (d. i. Corduan) 
nur en gros, bei den Kramern, die an und für sich keine Gilde 
bilden, wird ein Unterschied gemacht, ob sie die Kaufgilde besitzen 
oder nicht. Darnach sind auch ihre Berechtigungen für den Ver- 
kauf verschieden, aber sie dürfen ausser Apothekerei und Gold- 
schmiedsarbeit kein Gewerbe treiben. Von der Kaufgilde hängen 
die Korsenwichten (Kürschner) ab, die übrigens zur Gemeinheit ge- 
hören: die Kaufgildemeister ernennen ihre Meister, aber den Eid, 
in dem ausdrücklich der Verpflichtung gegen die Kaufgilde ge- 
dacht wird, nehmen ihnen die Kämmerer auf dem Rathhause ab, 
und die Kaufgildemeister verpflichten sie nur, keine „untidege und 



'^ — 23 — 

stervesche vel to arveyden und neyn olt werk vor nige to vorko- 
pen'^ Endlich hatte die Gilde von den Herren von Uslar (und 
diese wieder von den Herzogen) nachweislich seit 1354 die soge- 
nannte Hanse zu Lehn '): wer die Hanse hatte, durfte Wachs, 
Feigen, Mandeln, Reis und Gewürz nach Gewicht verkaufen. 
Insbesondere erwarben sie die Höker, um ihr Geschäft, das nament- 
lich Häring, Stockfisch und Bücking vertrieb, zu erweitern. Das 
Gildebuch der Kaufleute macht für die Zeit von 1369 — 1407 129 
Personen namhaft^ die die Hanse gewannen, im 15. Jahrhundert 
schwanken die jährlichen Verleihungen, die übrigens auf Lebens- 
zeit galten, zwischen i und 27. Bis zum Jahr 1620 kostete die 
Belohnung 6 Schilling, dann 3 Mark, bei der Muthung des Hanse- 
rechts von Seiten der Gilde leistete diese ein Stübchen Wein; die 
Herren von Uslar machten den Versuch, in den Lehnsbrief alten 
Wein einzufuhren, drangen aber nicht durch und haben den letzten 
Wein mit den Vasallen gemeinschaftlich ausgetrunken. 

An Alter und Rang steht der Kaufgilde die der Schuhmacher 
am nächsten, dann die der Bäcker, beide im Besitze eigener Gilde- 
häuser, deren Lage ich erwähnt habe. Es folgen die Wollenweber 
und die Leineweber, diese mehr nach dem Süden, jene mehr nach 
dem Norden ihre Fabrikate absetzend. Die Leineweber durften 
jedoch ihre Arbeit nicht selbständig zur Frankfurter Messe bringen, 
sondern mussten sie an die Kaufgilde verkaufen. Besonders wich- 
tig für den Handel und Aufschwung der Stadt waren die Wollen- 
weber; wenn es auch irrig ist, ihnen die Entstehung der Kirch- 
spiele zuzuschreiben; so ist es doch sicher, dass sie früh zu grösserer 
Bedeutung gelangten und ihre Waaren unter dem Schutze der 
Hanse bis Flandern, England und Russland gingen. Ein beson- 
derer Platz, „in den wantremen" genannt, ausserhalb der südlichen 
Mauer, wo die Tücher getrocknet wurden, erinnerte, auch als das 
Gewerbe durch die Ungunst der Zeiten gesunken war, noch lange 
an seine frühere Blüte. Als man von der Vergangenheit nichts 
mehr wusste, entstellte sich der Name in Rebenstrasse. Schon früh 
sind feste Bestimmungen über die Länge, Breite und Güte der 
Tücher, der leinenen wie der wollenen üblich. Trotzdem kamen 
Betrügereien vor, so dass 1423 die Hanse von Lübeck aus den 



*) G. XJ. B. I, 190 und Anna.. 



— 24 — ^ 



Rath aufforderte, für die richtige Länge zu sorgen, damit Aicht die, 
welche den Vertrieb nach Liefland und Russland bewirkten, darunter 
zu leiden hätten \ In Folge dieser Warnung, der die Drohung 
beigefügt war, dass sonst die Laken „ vorbor ed und vorbroken*' 
sein sollten, ging der Rath scharf vor, doch wollen wir zur Ehre 
des Göttinger Handwerks gern das glauben, was zwischen den 
Zeilen zu lesen ist, dass, wie dergleichen auch heute noch auf 
anderen Gebieten der Industrie vorkommt, andere Tücher als Got- 
tinger verkauft wurden und den Credit der alten Gilde schädigten. 
50 Jahre später wurden, offenbar in Folge eines weiteren Zurück- 
gehens des Geschäfts, neue Anstrengungen gemacht. Vom Rhein 
her wurden Weber und Färber berufen, vereidigte Wardeine hatten 
die Controle und Siegelung (den Linnenleggen ähnlich), die Länge 
nach dem Füllen oder Walken ward auf 18 7^ Ellen, die Breite 
auf 3 Ellen weniger 2 Finger gesetzt, eine zweite Sorte hatte bei 
gleicher Länge 2 Ellen und i7a Viertel Breite. Der sogenannte 
„upreder*' oder „lakenstriker'^ besorgte die Abnahme von den Rah- 
men, die Faltung und die Presse (perse). Der Färber Kunze von 
Dusendorp (d. i. Düsseldorf) erhielt für blau, grün und roth 
ä Stück 21 ß, für braune Holzfarbe Ys ^^"> ^ür schwarz 31 ß^ 
andere Farben waren nicht zulässig. Da nach einem Statut vom 
Jahre 1424 kein Wollenweber über 70 Laken des Jahres fertigen 
durfte, und nach den Rechnungen des Jahres 1500 1869 Laken 
an den Rahmen angeschlagen waren, so muss die Gilde immerhin 
ihre 30 — 40 Meister gehabt haben. Von jedem Stück erhielten 
die Wardeine 4 ^, die Stadt 12 i^: ausser anderen Aufwendungen 
hatte diese auch die Walkemühle für die Zwecke des Gewerkes 
neu gebaut. 

Eine Mittelstellung zwischen* den Gilden und Innungen haben 
die Knochenhauer: auch bei ihnen regelten besondere vom Rath 
erlassene Statuten die Ausübung des Handwerks, wie den Preis 
der einzelnen Fleischsorten, Hammel durften nach Andreae, Schafe 
nach Martini, Kühe nach Thomaetag nicht mehr geschlachtet 
werden. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts wurde ein eigenes 
Schlachthaus am Ausfluss des Leinecanals dicht am Walle angelegt 
und kein Metzger durfte mehr im eigenen Hause schlachten. Die 



') G. U. B. II, 104. 



— 25 — 

Garbrater durften nur das Schweinefleisch roh verkaufen, alles 
andere Fleisch nur gekocht oder gebraten, ihr Haupthandel war 
die Wurst, die bis auf den heutigen Tag ihre Berühmtheit be- 
wahrt hat. 

Zu diesen Gilden kamen noch die beiden Innungen der Schnei- 
der (Schrader) und der Schmiede, die sich jahraus jahrein um den 
Vorrang stritten, bis der Rath endlich bestimmte, bei der grossen 
Procession am Fronleichnamstage sollten jene, sonst bei öffentlichen 
Aufzügen diese den Vortritt haben. Nachdem «ie lange Zeit nur 
privatrechtliche, nicht politische Corporationen gewesen waren, 
wurden jene 14^97 diese 1517 vom Rath als Innungen anerkannt. 

Alle anderen Gewerbe bildeten nur Genossenschaften, keine 
Innungen. Als Merkwürdigkeit verdient immerhin Erwähnung, 
dass in Göttingen keine* einzige Strasse von einem Gewerbe den 
Namen hatte. 

Durch fürstliche Huld war die Stadt entstanden und bis über 
die Mitte des 14. Jahrhunderts hinaus war das Verhältniss der 
Bürgerschaft zu den Herzögen, kleine Misshelligkeiten abgerechnet, 
ein befriedigendes für beide Theile. Alljährlich zahlte die Stadt 
ihre Bede von 100 Mark, schenkte oder lieh auch wol der Herr- 
schaft, wenn diese in Nöthen war, grössere oder geringere Sum- 
men , benutzte aber auch solche Nöthe gern, um dies oder jenes 
herrschaftliche Recht dauernd oder zeitweilig an sich zu bringen. 
So vor allem die Münzgerechtigkeit mit dem Wechsel, die sie 1351 
zunächst pfandweise erhielt'), später aber sich durch weitere Vor- 
schüsse sicherte. Wol hatten die Herzöge eine Zeitlang noch die 
Oberaufsicht und bestimmten mit dem Rathe gemeinsam Schrot 
und Korn, doch hörte auch diese Beschränkung bald auf. Und 
so hat die Stadt von 1351 bis 1672 gemünzt; nicht gerade alle 
Jahre, aber doch sehr viel, namentlich im 15. und 16. Jahrhundert, 
in älterer Zeit Groschen, Körtlinge und Pfennige, später auch 
grössere Münzen, selbst Thaler. Erhebliche Einnahmen brachte 
das Münzen in späterer Zeit nicht mehr, ein gutes Geschäft wurde 
zumal in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts gemacht, 1534 
wurden für 15000 fl., 1535 für 18000, 1536 für 16500 fl. Achtlinge 
und Pfennige geschlagen, und jedesmal über 1000 fi. in die Stadt- 
kasse als Reingewinn abgeführt. 
») G. U. ß. I,- 186. 



— 26 — 

Zeitweilig hat der Rath auch das herzogliche Schultheissenamt 
mit seinen Rechten und Einnahmen an sich gebracht , so nach- 
weislich schon 1368 und 1375 und 1431 — 97*). Nach Martini sit^t 
der Schultheiss auf dem Rathhause und nimmt den Markt-, Wort- 
und Pfahlzins ein, zwei Knaben werden dann auf die Vorlaube 
gestellt und rufen: „Kinder, bringet juwe tinse, bolde bolde'^ Jede 
Wort zahlt i /?, der Pfahlbürger 6 «^, jedes Led, das aus dem Hause 
auf die Strasse schlägt, 6 ^, jeder Schrägen oder Tisch auf dem 
Markte ebensoviel. Fremde geben keinen Marktzins, sondern Zoll. 
Die Frist der Zahlung reicht bis zum Sonntag nach Katharinen, 
dann geht der Schultheiss mit den Rathsknechten durch die Stadt 
und der Säumige kann noch ohne Strafe zahlen, wenn er ihm von 
seinem Steinwege, was wir jetzt Trottoir nennen, mit dem Gelde 
entgegengeht: lässt er aber den Schultheiss auf den Steinweg kom- 
men, so zahlt er 6 ^ Strafe. Findet der Schultheiss die Thür des 
Hauses offen, das den Wortzins noch schuldet, so kann er gebie- 
ten, sie offen zu lassen — umgekehrt ist sie verschlossen, sie nicht 
zu offnen, bis der Zins und 4 Schilling Bräche gezahlt sind: auf 
jeder Verletzung des Gebots stehen ausserdem 4 Schilling Strafe. 
Im 16. Jahrhundert wurde statt dieser Mahnung vom Schultheissen 
zweimal ein Umgang des Nachts durch die Stadt gemacht und an 
jede säumige Thür der Reihe nach gestossen. Dass der Schult- 
heiss dem neuen Rath und den Gildemeistern den Eid stabte, ist 
schon erwähnt; er that es auch den neuen Bürgern, der Rathbaus- 
knecht hält dabei das Heiligenbild, auf welches der Schwörende 
die Finger legt. Von jedem Neubürger erhält er dann für die 
Herrschaft einen Schilling. Ausserdem sass er mit zwei Raths- 
herren zu Gericht; denn der Rath hatte die Macht des Vogtes, der 
zu Anfang des 14. Jahrhunderts zuletzt in Urkunden, in den Stadt- 
büchern überhaupt nicht mehr vorkommt, an sich gebracht, so dass 
in dem Schultheissen gewissermassen noch ein kleiner Rest der 
herrschaftlichen Gerichtsbarkeit vorhanden ist: für die Stadt ist er 
der Graf, die Rathsherrn sind die Schöffen. £r gestattet zu pfän- 
den, verfestet, erlaubt den Schrei, entscheidet über Scheltworte, 
Jagd- und Forstwrugen und ähnliches. Von Blutrunst erhebt er 
ein Drittel der Busse für die Herrschaft, ebenso von Verfestungen, 



*) G. U. B. I, 251 und Anm.. 



. _ 27 — 

er confiscirt Wehr und Waffen, mit denen gefrevelt ist, empfangt 
von jeder Aufnahme in eine Gilde gleich viel wie die Stadt und 
von jedem Fuder Weins, das verzapft wird, ein Stäbchen. Auch 
sitzt er mit in den drei Echtedingen für das Altedorf. Im Ein- 
zelnen wachte der Rath auch hier sorgsam über jeden Uebergriff; 
der Schultheiss, der schwören musste, „dat gy deme armen alse 
dem riken richten, ok deme gerichte der stat to G. to orem rech- 
ten und sus anders eynem ydermanne to sineme rechten rechte 
don willen, alse juw god so helpe und sine hilgen", durfte auch 
in Krankheitsfallen keinen Ersatzmann ernennen,* war er Bürger, wie 
wol immer, wenn die Stadt das Schultheissenamt in Pfand hatte, 
so musste er die Bürgerschaft vorher aufgeben. Als nach Herzog 
Ottos Tode 1463 die Erbfolge streitig war, musste der Schultheiss 
einstweilen das Gericht hegen im Namen der gnädigen Herrschaft 
von Braunschweig, bis wieder ein Name eingesetzt werden konnte. 
Denn sonst hiess der Schultheiss, nachdem geläutet und gekloppt 
war, das Gericht im Namen des Herzogs sitzen gehen. Die 
Sitzungen waren stets des Mittwochs und zwar in jeder Woche, 
nur von Mittwoch nach St. Kilian (8. Juli) bis Mittwoch nach 
Maria Himmelfahrt (15. Aug.) waren Ferien „umbe der arne und 
unledigen tyd willen", seit dem 16. Jahrhundert von Margareten 
bis Bartholomäi, also etwa 8 Tage später. 

Bei dem Gerichte auf dem Leineberge waren Bürger Kläger 
gegen Auswärtige des Gerichtsbezirks oder Auswärtige unter ein- 
ander, denn es war ein Landgericht: den Grafen setzte die Herr- 
schaft ein mit Zuziehung des Adels und der Städte. Hier waren 
die Sitzungen des Montags. Die alten Befugnisse und Gerecht- 
same verdunkeln sich freilich schon früh, theils durch die zuneh- 
mende Macht der Stadt, theils durch die Uebergriffe der geistlichen 
Gerichte, auch durch das sogenannte Landfriedensgericht, das, 1336 
von Herzog Otto errichtet*), aus dem Landvogt und 8 Richtern 
bestand und ursprünglich alle 4 Wochen auf dem Leineberge zu- 
sammentreten sollte, aber sich wenigstens nicht lange in das 
15. Jahrhundert hinein gefristet hat 

Auch der Zoll mit dem Geleit ist von Zeit zu Zeit in den 
Händen des Rathes gewesen: er war der Herzogin Agnes aus dem 



«) G. U. B. r, 140. 



— 28 — 

Hause Hessen, der Gemahlin des letzten Gottinger Herzogs, 1409 
zum Brautschatz verschrieben '), denn aus ihrer Mitgift war er ein- 
gelöst worden, aber kaum vier Jahre nachher ward er für 500 Rh. fl. 
dem Bürger Albrecht Lange verpfändet'): der Zollkasten musste 
viermal im Jahre im Beisein herzoglicher Beamten geleert werden, 
bis Capital und Zinsen davon bezahlt waren. In ähnlicher Weise 
hatte auch wiederholt die Stadt dies Recht in Pfand. 

So suchte die Stadt überall hemmende I^^esseln abzuwerfen 
oder sich selbst die Schlüssel in die Hände zu spielen, um binden 
und lösen zu können. Der Ausgang des 14. Jahrhunderts ist die 
Zeit des Ringens der Bürgerkrafl mit der fürstlichen und für 
100 Jahre hier entscheidend gewesen. Nach Herzog Ernsts Tode, 
mit dem doch auch schon die Sache mehrmals am Schwertgriff 
gestanden hatte (wie er die Gilden aufwiegeln wollte, ist bereits 
erwähnt worden), regierte im Göttinger Lande Otto, den das Volk 
den Quaden nannte, d. h. den Bösen, obwol er nicht schlimmer 
war, als viele Fürsten seiner Zeit. Anfangs zwar schien alles glatt 
zu gehen, er bestätigte ohne Schwierigkeit die Privilegien und hielt, 
prachtlustig wie er war, trotz immer leeren Beutels, drei grosse 
Turniere in Göttingen auf dem sogenannten Freudenberge, wo 
jetzt die Reitbahn steht, zu denen zahllose Fürsten und Herren 
von weither zusammenströmten und viele schöne Frauen, sagt der 
Chronist, in Purpurgewand gekleidet, mit Glöcklein an den Gür- 
teln, die tönten „schür schür schür, kling kling kling*' ^). Aenderte 
sich sein Charakter erst mit den Jahren zum Argen? oder be- 
schäftigten ihn die Pläne auf das Braunschweiger Land, in wel- 
chem er nach dem Tode des Herzogs Magnus mit der Kette die 
Regentschaft führte? Noch 1380 bewilligte er^) der Stadt einen 
neuen Jahrmarkt und gewährte ihr mancherlei andere Vergün- 
stigungen: aber das Misstrauen des Raths stillte er nicht. In den 
Händen fehdelustiger Ritter, die seinen Hof regierten, und bei 
ewigem Geldmangel von dem guten Willen seiner Amtleute ab- 
hängig, die Gelegenheit suchten und fanden, die Städter zu ver- 
unrechten und ihn selbst aufhetzten, wurde er mit Ueberschätzung 



») G. U. B. II, 26. 

*) G. U. B. II, 38. 

3) G. U. B. I, 281. 

4) G. U. B. I, 294. 



seiner Macht immer weiter getrieben. 1383 Hess er um einer un- 
erheblichen Sache willen die ganze Stadt — fast 300 Bürger wer- 
den einzeln beim Namen aufgeführt*) — vom Landvogt vor das Ge- 
richt laden und fühlte sich arg verstimmt, dass die Bürgerschafl 
ob so unerhörten Vorgehens an Kaiser und Reich appellirte % So 
war schliesslich der Streit um den Walkenrieder Zehnten in Got- 
tingen und Rostorf, den Herzog Albrecht vor 80 Jahren dem Klo- 
ster verkauft hatte ^, nur die Gelegenheit, nicht die Ursache zum 
Bruch. Es kam zu wilder Fehde ^), der Herzog und seine zahl- 
reichen Bundesgenossen, unter denen merkwürdiger Weise auch 
die Stadt Braunschweig war, obwol sie sonst auf gleichem Pfade 
wandelte, verwüsteten schonungslos, was die Stadt und ihre Bürger 
an Wald und Feld, an Höfen und Leuten in der Umgegend be- 
sassen, ganze Dörfer wurden niedergebrannt, nachdem die Bürger 
gleich zu Anfang des Streits das Schloss in der Stadt dem Erd- 
boden gleichgemacht und das Thor vermauert hatten. Aber der 
Herzog hatte sich über Muth und Macht der Städter bitter ge- 
täuscht: trotz seiner Ueberzahl erlag er im Kampfe auf dem Ros- 
torfer Felde (die Stelle heisst noch heute der Streitacker) am Tage 
Maria Magdalena 1387. Wol hatte die Stadt Grund, den Tag 
alljährlich durch Spende und Glockengeläut zu feiern: denn vier- 
zehn Tage später machte der Herzog, um seine Freunde zu lösen, 
seinen Friedeft mit der Stadt: er überliess ihr die Burgstätte und 
hat die Stadt liicht wieder betreten. Fröhlich blühte sie nun empor, 
sie war sich selbst ihrer Kraft in diesem Kampfe erst bewusst ge- 
worden, der sie fast zur freien Stadt gemacht hat. Es ist wol 
mehr als blosser Zufall, dass wenige Tage vor dem Entscheidungs- 
kampfe, am 13. Juli, König Wenzel von Reichs wegen die Privi- 
legien der Stadt bestätigte und ihr gestattete, sich selbst in allen 
ihren Nöthen einen Schutzherrn zu wählen^). König Wenzel hat 
wenig Verdienste um das Reich, aber die Städte wenigstens er- 
freuten sich seiner Hüld. Und von demselben Tage, an welchem 
die Bürger bei Rostorf siegten, datirt der erste königliche Lehns- 



') G. U. B. I, 305. 
^) G. U. B. I, 306. 

3) G. U. B. I, 54. 

4) S. G. U. B. II, 325 a (S. 451 ff.). 

5) G. U. B. I, 326. 



— 30 — -^^ 

brief^) über den Berg und das halbe Dorf Burggrone, das un« 
mittelbar vorher zerstört war und auch nicht wieder aufgebaut 
wurde: die Stadt hatte das Reichslehn den bisherigen Lehnsträgem 
abgekauft und leistete 1395 dem Landgrafen von Hessen als Ver- 
treter des Königs die Huldigung: den letzten kaiserlichen Lehns- 
brief hat die Stadt von Kaiser Leopold 1660 erhalten. 

Herzog Otto der Quade, der es nicht wieder mit der Stadt 
aufgenommen hat, ging Ende des Jahres 1395 zu seinen Vätern: 
wie auf Göttingen, so waren auch seine anderen grossartigeren 
Pläne auf das Braunschweiger Land und auf Hessen gescheitert. Sein 
einziger Sohn Otto Codes, der Einäugige, war nicht der Mann 
dazu, Verlornes wiederzugewinnen, nicht einmal das Gerettete zu 
erhalten. Im Gegentheil, in seiner langen Regierung (1394 — 1463), 
zum Theil, wie es scheint, geistig umnachtet und mehr und mehr 
sich des Regiments zu Gunsten seines Adels und seiner Städte 
begebend, hat er sich ein Besitzthum und Recht nach dem andern 
entwinden lassen oder freiwillig in Geldnoth verpfändet oder ver- 
kauft, bis er zuletzt so gut wie nichts mehr sein eigen nennen 
konnte und ein elendes Leben in Uslar führte, wie einer der ärm- 
sten seiner Vasallen. Von 1399 ^^ — ^^s dahin stand er unter 
Vormundschaft seiner Mutter, einer geborenen Herzogin von Berg, 
und des Herzogs Friedrich von Braunschweig, dessen Vormund 
einst sein Vater gewesen war — von 1399 an bis zu der schon 
oben geschilderten Huldigung im Jahre 1491, also fast 100 Jahre 
lang, hat die Stadt keinem Fürsten gehuldigt. Denn nach Ottos 
Tode stritten sich die Herzöge unter einander um die Erbschaft. 
Darum Hess sich der Rath damals von Braunschweig schreiben^, 
wie die Formalitäten der Huldigung lauteten: so sehr war die 
Tradition erloschen, und man wollte durch kein Zuviel seinem 
Recht auch nur das Geringste vergeben, zahlte auch schon lange 
keine Bede mehr. Bei diesen halben Zuständen, die durch die 
mangelhafte Kenntniss des königlichen Hofes von den Verhält- 
nissen in Niederdeutschland eine gewisse Kräftigung erhielten, ist 
es nicht zu verwundern, dass Göttingen wiederholt, als wäre es 
eine freie und unmittelbare Stadt, zu Reichstagen geladen wurde. 

Schon in Zeiten, wo die Verhältnisse der Stadt bescheidener 

^) G. U. B. I, 327. 
») G. U. B. II, S. 371. 



^^. —ab- 

waren, hatte sich Rath und Burgerschaft mit den benachbarten 
Gemeinden in Verbindung gesetzt; mit Nordheim, das 1266 das 
Gottinger Stadtrecht erhielt'), mit Eimbeck, Osterode, Duderstadt 
und Münden ^) schon im 13. Jahrhundert, und enger im 14., nach- 
dem Duderstadt mainzisch geworden und Osterode seinen eigenen 
Herrn hatte, mit den drei andern Städten. Kurz vor der grossen 
Fehde mit Herzog Otto war man im Jahre 1382^) eine weitere 
Verbindung mit den nördlicheren Städten bis Lüneburg eingegangen, 
die sich allmählich weiter und weiter ausdehnte und zeitweilig die 
ganzen sächsischen Städte bis nach Halle hin umfasste. Städte- 
tage wurden fleissig abgehalten und gemeinsame Interessen er- 
örtert, doch war immer das Verhältniss zu den näheren natur- 
gemäss das engere. So ist Braunschweigs Einfluss hier zu Lande 
das ganze 15. Jahrhundert hindurch massgebend und wirkt bis zum 
Schmalkalder Bunde fort. Das war auch zugleich der engere 
Bund in der Hanse, der die specielleren Interessen vertrat Zwar 
hat die Stadt schon früher zur Hanse gehört, wie Anschreiben 
schon seit der Mitte des 14. Jahrhunderts bezeugen, aber eine 
lebendigere Theilnahme zeigt sich erst im 15. Jahrhundert Das 
erklärt sich aus dem Aufschwünge, den Handel und Wandel da- 
mals genommen hatten: ihren Laken und anderen Geweben ge- 
währte die Hanse Schutz und weiten Markt und förderte auf diese 
Weise die Blüte der Handwerke. Daher war immer ein reges 
Interesse für die Hansetage, auch wenn wegen der Weite des 
Weges im Ganzen selten Sendboten nach Lübeck gingen, die 
Nachbarstädte trugen lieber gemeinschaftlich die Kosten der Tage- 
fahrten und überliessen dem Vorort Braunschweig ihre Vertretung 
und Stimme. Doch ging kein Bundestag vorüber, zu dem nicht 
die Stadt geladen worden wäre. Bei den Lübecker Unruhen von 
1408 suchte der vertriebene Rath speciell in Göttingen Rath und 
Hilfe ^). 

Im Ganzen und Grossen darf man wol sagen, dass Göttingen 
bei diesen Bündnissen, wenn man von der Hanse absieht, mehr 
der gebende als der nehmende Theil gewesen ist. In der herzog- 



«) G. U. B. I, 13. 

*) G. U. B. I, 48—50 und Anm.. 

3) G. U. B. I, 303. 

4) G. U. B. II, 20 und Anm.. 



— 32 — 

liehen Fehde 1387 stand es ganz allein, ja es hatte sogar die 
anderen Städte, wenn auch als unfreiwillige Feinde, gegen sich, 
und die beiden grössten Fehden des 15. Jahrhunderts, gegen Her- 
zog Friedrich den Unruhigen 1466 — 68, wie die Hildesheimer 
1485 — 87, waren wenigstens nicht durch Göttingen veranlasst. Aber 
in anderer Beziehung ist dieser rege Verkehr unter den Städten 
nicht gering anzuschlagen: wie viel war schon das eine werth, 
dass Klagen zwischen den Bürgern der verschiedenen Städte auf 
einen regelrechten Gang gewiesen waren und nicht auch in Raub 
und Fehde ausarteten, dass bei Erbschaften und in vielen anderen 
Fällen mit Rath und That geholfen wurde! Wäre das nicht ge- 
wesen, so hätte unstreitig der Bund der sächsischen Städte, der 
selbst den Schmalkalder Bund überdauert hat, nicht so zähe zu- 
sammengehalten, bis zuletzt der Sieg der fürstlichen Macht ihn 
ausdnandersprengte. 

War doch ausser den erworbenen und erkämpften Privilegien 
und Freiheiten, ausser der Rechtssicherheit, ausser Handel und 
Wandel noch mancher greifbare Besitz zu beschützen. Denn mit 
dem innern Wohlstande war auch der Besitz ausserhalb der Stadt 
zusehends gewachsen. In allen Dorfern ringsum hatte sie Güter, 
die zu sichern und abzurunden ihr eifriges Bestreben war. Theils 
Kauf, theils Verpfandung brachte ganze Dörfer in ihre Hand: 
reichte der Stadtsäckel nicht aus, so wurde in ausgedehnter Weise 
der Credit zu Leibrentenverschreibung oder Capitalaufnahme be- 
nutzt, Klöster und geistliche Stiftungen, die nur auf Erbe leihen 
durften, gaben gern auch gegen massigen Zins ihr Geld an die 
Stadt, deren geordnete Finanzen in gutem Ruf standen. So wuchs 
der Reichthum der Stadt wenigstens scheinbar, während die Adels- 
geschlcchter und selbst die fürstlichen Familien zeitweilig verarmten. 
Bei ruhigen Zeiten war der Vortheil offenbar auf Seiten der Stadt, 
aber die wilden Jahre nach dem Ausgange des 15. Jahrhunderts zu 
Hessen doch diese Art der Finanzwirthschaft als höchst gefahrlich 
erscheinen. Wenn die Felder Jahre lang nichts einbrachten, son- 
dern nur die Saat verschlangen, die Höfe zerstört, die Bewohner 
aasgeplündert wufden, so dass der Besitz nur eine Quelle von 
Ausgaben, nicht von Einnahmen war, so musste sich das auch im 
Stadtsäckel in empfindlicher Weise fühlbar machen. Neben den 
Fehden ist es diese Pfandwirihschaft besonders gewesen, was die 



— 33 — 

colossale Verschuldung der Stadt veranlasste, die zu den oben be- 
sprochenen Unruhen des Jahres 1513 geführt hat 

Die Erwerbung von Bnrggrone ist schon erörtert Das früh 
wüst gewordene und mit Herberhausen vereinigte Ombom ward 
1353 den Edelherren von Plesse abgekauft), Herberhausen selbst, 
ein Hildesheimer Lehn^ den Herren von Gladebeck 1372 ^, Roringen 
Herzog Otto 1380, der damals als Lehnsherr auch den Besitz von 
Ombom bestätigte^. Dazu kam 141 7 das halbe Dorf Geismar, 
eine Verpfandung der Herren von Hardenberg**). Sogenannte allo- 
dia oder Vorwerke wurden in mehreren nahegelegenen Dörfern 
von der Stadt aus bewirthschaftet. Wenn im 14. Jahrhundert die 
Stadt den Fürsten die Schlösser des Adels in der Nachbarschaft 
hatte brechen helfen und die Herrschaft selber durch Geldzahlung 
vermocht hatte, hier und da einen festen Sitz, von dem die Stadt 
bedroht werden konnte, aufzugeben, so schlug sie jetzt einen an- 
dern Weg ein, indem sie selbst Schlösser in Pfand nahm. So 
1424 FriedlaJid, zwei Stunden südlich, an der Leine gelegen, von 
Herzog Otto Codes ^). Diese Pfandschaft hat der Stadt viel Geld 
gekostet, viel mehr als sie durch die Zubehör der Dörfer einbrachte: 
fortwährende Bauten — und längst nicht alle durften zum Capital 
geschlagen werden — und Nachzahlungen erhöhten das Capital 
schliesslich auf 9000 Goldfl., mit denen Herzog Erich der Aeltere 
1530, also nach über 100 Jahren, das Schloss einlöste. Die meiste 
Zeit hatte es die Stadt nicht selbst in Verwaltung, sondern Herren 
von Adel, namentlich denen von Grone, in Pacht oder Pfand ge- 
geben, zuletzt hatte es Otto von Kerstlingerode für 4000 fl., die 
aus der Lösungssumme zu bezahlen waren. Auch die Pfand- 
nahme des Dorfes Renshausen ^) auf dem Eichsfelde vom Michaelis- 
Kloster in Hildesheim in den Jahren 1465 — 87 brachte nicht viel 
mehr als gute Karpfen aus den Klosterteichen. Am schlimmsten 
stand es mit der letzten Erwerbung, Schloss Jühnde, zwei Stunden 
westlich von der Stadt, das i486 am Tage St Scholasticä, den 



M G. U. B. I, 188. 
^} G. U. B. I, 267. 

3) G. U. B. I, 294. 

4) G.' U. B. II, 61. 

5) G. U. B. II, 106. 

6) G. U. B. II, 295 undAnm. 
Hansische Geschtchtsblätter. VIII. 



— 34 — 

lo. Februar, den bisherigen Besitzern mit stürmender Hand ab- 
gewonnen wurde'). Die Stadt brachte zwar auch die dazu gehö- 
renden herrschaftlichen Lehn an sich, aber für schweres Geld, und 
verbaute an der Burg Summen, die ihr nie wieder zu Gute ge- 
kommen sind. Durch dies Heraustreten aus ihrem natürlichen 
Kreise kam die Stadt wider Willen auf einen bleibenden Kriegs- 
fuss, der sie zwang, auch in Friedenszeiten, um auf alle Fälle ge- 
rüstet zu sein, eine Menge von Söldnern in der Stadt und noch 
mehr auf den Schlössern zu halten. In den früheren Fehden zog 
ein Theil der Bürgerschaft aus, dann flog des Raths Banner, und 
vor den Geschützen der Stadt hatte man alle Achtung weit und 
breit: ein kriegsgeübter Hauptmann und einige Söldner wurden 
wol zu Hilfe genommen, und selten dauerte ein solcher Zug länger 
als ein paar Tage. Der letzte dieser Züge gieng gegen den Gruben- 
hagen bei Eimbeck im Jahre 1448^): damals stellten die Kaufleute 
112 Mann aus ihrer Gilde, die Schuhmacher 66, die Bäcker 55, 
die Wollen weber 70, die Leineweber 50, die Knochenhauer 98, 
die Schmiede 50, die Schneider 35, die Gemeinheit mehrere hun- 
dert Mann. Der Zug dauerte vier Wochen, und es war wie ein 
böses Vorzeichen, dass die zweitgrösste Büchse der Stadt, die 
scharpe Grete, 1402 von Meister Albrecht von Soest 70 Centner 
schwer gegossen, die fast 50 Jahre lang ein Schrecken der Feinde 
der Stadt gewesen war, zersprang: „vele lüde meynden", sagt der 
Bericht, „dat der bussen vorgeven were", angeblich durch Queck- 
silber zwischen dem Pulver. Hier tritt zum letzten Male die eigent- 
liche Bürgerkraft der Stadt kriegstüchtig auf. Die schweren Feh- 
den der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zeigen ein Ueber- 
wuchern des Söldnerdienstes, der Stadt nicht zum Heil, am wenig- 
sten ihrem Säckel, der jährlich mehr und mehr belastet wurde. 

So wechselte es hier wie aller Orten zu Ausgang des Mittel- 
alters, wir sahen die Stadt von schwachen Anfangen zur Blüte bis 
etwa gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts steigen, dann geht es 
abwärts: es Hesse sich das auch aus manchem^ was uns über das 
Leben der einzelnen Stände und Bürger, allerdings in sehr zer- 
sprengten Aufzeichnungen, erhalten ist, nachweisen. Doch die ver- 



») G. ü. B. n, 351. 
») G. U. B. II, 228. 



— 35 — 

gönnte Zeit ist abgelaufen, und ich habe Ihre Nachsicht wol schon 
zu lange in Anspruch genommen. 

Und so lassen Sie mich schliessen mit den Worten, die ich 
in einem Briefe eines Lütticher Weihbischofs an zwei Rathsherren 
der Stadt Göttingen aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts gefun- 
den habe: „wetet", schreibt er, „leve eerwerdige vrunde, dat myn 
herte zeer ervieuet is van der eer und weerdicheit der liever stat to 
Gottinge, want ic van kintliken dagen nu anders heb gehoert, dan 
dat dy weerdige stat to allen tyden is gewest eyn recht pyler 
der rechter krystenheit, went si sich nicht enboecht van recht noch 
von bermherticheit, sonder volget den woerde Salomonis, als hy 
begint: Diligite justitiam. Hierom mach ic spreken met deme pro- 
pheten David up die lieve stat van Gottinge: gloriosa dicta sunt 
de te, civitas; und mach wael die stat goedes syn, went eyn recht 
stat maket nicht kalk noch steyn, sonder als ons leren die hey- 

densche meyster: multorum civium unitas, dat is eyndracheit : 

also lange als gi guy kinder laeten leren doeghet und wysheit und 
holdet de rechten wagen der rechticheit, so enkan noch enmach 
die gude stat nummermer vergan**. 



3* 



II. 



AUS BELGISCHEN 



STÄDTEN UND STADTRECHTEN 



VOM 



FERDINAND FRENSDORFF. 



4» 'W 



V 



Unter den Staaten des modernen Europas zeichnen sich 
einige der jüngsten durch die ältesten Namen aus^). Nach man- 
nigfachem Wechsel sind die Lande, die einst einen Bestandtheü 
Lothringens, später des burgundischen Kreises ausmachten, dann 
die spanischen, endlich die österreichischen Niederlande hiessen, 
zu dem Namen zurückgekehrt, unter dem schon Cäsar die Volker 
nordlich von Seine und Marne kannte. Bei allem Wandel der 
politischen Geschicke, auf welchen solcher Namenswechsel hindeutet, 
durchzieht die Geschichte dieser Bevölkerungen, seitdem sie die 
Grundlagen ihrer staatlichen Organisation gewonnen haben, un- 
verkennbar eine Reihe sich gleichbleibender Erscheinungen, die 
alle zusammen dem Lande eine bevorzugte Stellung im Leben 
Europas verschafft und es wiederholt in den Vordergrund des 
öffentlichen Interesses gedrängt haben. Hoher materieller Wohl- 
stand, reger Sinn für bürgerliche Freiheit, warmer Antheil am 
kirchlichen Leben: so wird man etwa die constanten Züge in der 
Entwicklung dieser Territorien bezeichnen dürfen. Welcher Glanz, 
der Geschichte ruht auf diesem kleinen Gebiete zwischen Nieder- 
rhein und Nordsee! Heftet er sich sonst an bewundernswürdige, 
nachahmenswerthe Institutionen, an hervorragende, durch politische 
Tugenden ausgezeichnete Fürstengeschlechter, so hier an eine Be- 
völkerung, die in sich die merkwürdigsten Gegensätze birgt und 
in einer mehr als tausendjährigen Geschichte auszugleichen ge- 
wusst hat. 

Als ein Land des Kampfes tritt Belgien in die Geschichte 
ein % Wer überblickt die Schlachten, die auf diesem Boden ge- 
schlagen sind seit den Zeiten, da der grosse römische Feldherr an 
der Sambre mit den Nerviern kämpfte, bis zu jenem Junitage, an 
welchem Deutsche, Engländer und Niederländer vereint die Macht 



4 



I 



— 40 — 

eines modernen Cäsar brachen! Von der Gegend zwischen Scheide, 
Leye und dem Kohlenwalde aus hatte einst das Frankenreich seinen 
Siegeslauf begonnen. Wie oft ist auf demselben Boden gegen das 
drückende Uebergewicht seiner französischen Nachfolger gerungen 
worden, seit jener Schlacht unter den Mauern von Courtrai am 
II. Juli 1302, in der die Blüthe der französischen Ritterschaft vor 
den flämischen Webern und Walkern dahinsank, bis zu den Kämpfen 
zu Beginn und Ausgang des vorigen Jahrhunderts, an denen den 
Fürsten, deren Bilder uns hier umgeben, ein rühmlicher Anthefl 
zukam. ^ 

Derselbe blutgedüngte Boden ist zu allen Zeiten, seitdem ihn 
die Römer in den Bereich ihrer Cultur gezogen, eine Pflanzstätte 
für die Bestrebungen des Friedens gewesen. Handel und Gewerbe 
haben hier ihren Sitz aufgeschlagen und alle Künste in ihrem Ge- 
folge. Hier hat am frühesten in Nordeuropa das Bürgerthum eine 
gesicherte Rechtsstellung gewonnen und sich zu Ansehen und 
Macht erhoben, so dass jeder, der sich ein warmes Herz für die . 
Entwicklung bürgerlichen Wesens bewahrt hat, immer wieder hier- 
her seine Blicke lenken wird. 

Dasselbe Land hat die reichste Entfaltung des Ritterthums 
gesehen. Man weiss, welchen Antheil Fürsten und Adel dieser 
Gegenden an den Kreuzzügen genommen haben. Auf einem der 
schönsten Plätze Brüssels, in der obem Stadt, erhebt sich das 
Reiterstandbild Gottfrieds von Bouillon, den das Mittelalter in die 
Zahl der neun Besten, der neuf preux, als jüngsten Helden ein- 
reihte*). Mehrere Grafen von Flandern führen in der Geschichte 
den Beinamen des Jerusalemitanus % Wiederholt tragen fürstliche 
Erlasse an ihrer Spitze die Worte: iturus ad sepulcrum Dominik) 
oder tempore quo redüt dominus comes noster Hierosolymis ^). 
Grafen von Flandern bestiegen den Thron des lateinischen Kaiser- 
thums. Von dem Ruhm der Ritterschaft dieser Lande giebt die 
Dichtung Hartmanns von Aue von Gregorius, 

diu seltsaenen maere 
▼ome guoten sündaere 

einen treffenden Belegt). Als sich in dem einsam erzogenen 
Jüngling aller klösterlichen Absonderung zum Trotz das fürstliche 
Blut, die Sehnsucht nach Ritterschaft zu regen beginnt, entgegnet 
er seinem väterlichen Freund, dem Abt, da er ihm vorhält: 



— 41 — 

. du bist vil wol geschaffen 
ze einem gotes kinde 
und ze körgesinde 

nicht nur, dass ihm stets, söit 6r Uebel und Gut unterscheiden ge- 
lernt, der Sinn nach Ritterschaft gestanden, sondern nur die beste 
Ritterschaft als Ideal vorgeschwebt habe: 

ichn wart nie mit gedanke 
ein Beier noch ein Franke; 
swelch riter ze Henegöu, 
ze Brabant und ze Haspengöu ') 
ze orse ie aller beste gesaz, 
so kan ichz mit gedanken baz. 

Und wie die Lust der Lieder und der Waflfen allezeit zusan>men 
gehört haben, so sang der Held der Schlacht von Woringen, Her- 
zog Johann L von Brabant zärtliche Liebeslieder, welche die so- 
genannte Manessische Handschrift der Minnesänger aufbewahrt hat^. 
Neben einer ruhmvollen Ritterschaft steht ein reich entwickel- 
tes kirchliches Leben. Glänzende Bisthümer, eine grosse Zahl von 
Klöstern erfüllen das Land. Der Neigung zu gemeinschaftlichem 
gottgefälligen Leben zu genügen, bildet sich hier neben den alt- 
hergebrachten Formen eine neue, besonders geartete in den Con- 
gregationen der Beguinen aus. Die Geistlichkeit ist zugleich die 
Pflegerin der Wissenschaft. Die Schule zu Lüttich erlangt seit 
dem Ende des lo. Jahrhunderts, dem Regiment des Bischofs Notker, 
hohen Ruhm in allen Zweigen gelehrter Bildung, welche die Zeit 
kannte^). An zahlreichen Stätten entstehen historische Aufzeich- 
nungen. Früh giebt man sich hier der Neigung zu lokaler Ge- 
schichtsbehandlung hin^); es genügt, an die zu Anfang des 12. Jahr- 
hunderts begonnene Geschichte des Klosters von St. Trond bei 
Lüttich, die gesta abbatum Trudonensium^), zu erinnern. An dem 
Kloster zu Gembloux, nordwestlich von Namür, wirkte vierzig Jahre 
als Lehrer der Mönch Sigebert (f iin)% der Verfasser der grossen 
welthistorischen Chronik, die so lange als Grundlage aller Ge- 
schichtskenntniss diente^). Als ein Geistlicher von weltmännischer 
Bildung und Geschäfts thätigkeit begegnet am Ende des 12. Jahr- 
hunderts Gislebört, Propst von Mons, Kanzler des Grafen BalduinV. 
von Hennegau: einer von den wenigen mittelalterlichen Schrift- 
stellern, der Sinn und Verständniss für staatsrechtliche Dinge be- 
sass und in seiner Chronik des Hennegau zum Ausdruck brachte^). 



i 



— 42 — 

Wie für die Geschichtschreibung, so ist dieses Land auch für die 
Poesie classischer Boden, und wie dort, so ist auch hier den Geist- 
lichen zu danken, was uns erhalten ist. Aus der Thiersage, wie 
sie die lateinische Dichtung der Cleriker in Flandern pflegte, er- 
wuchs jenes kostbare Besitzthum der niederdeutschen Zunge, das 
Gedicht van den vos Reinaerde^. 

In einem Land so starker Gegensätze war eine umfassende 
Rechtsordnung dringendstes Erforderniss. Für die Kenntniss des 
Rechts fiiessen hier die reichsten Quellen. Hier ist die Geburts- 
Stätte der lex Salica. Als nach langer Unterbrechung zuerst wieder 
Rechtsaufzeichnungen unternommen werden, gehen diese Territorien 
voran. Ihre Städte weisen die frühesten Stadtrechte auf. Und von 
den Keuren des 12. Jahrhunderts zieht sich ein breiter Strom von 
Rechtssatzungen und Sammlungen durch das ganze Mittelalter bis 
in die neuere Zeit £s ist auffallend, wie wenig unsere Rechts- 
historiker diese Quellen ausgenutzt haben, auch nachdem ein grosser 
Theil derselben durch Wamkönigs verdienstvolles Werk, die Fland- 
rische Staats- und Rechtsgeschichte, bequem zugänglich geworden 
ist^. Seit diese Gegenden aus dem politischen Verbände des 
heiligen römischen Reichs gelöst sind, hat man ihren, wenn auch 
vor der Trennung entstandenen Rechtsdenkmälern keine Theil- 
nahme mehr geschenkt. Waitz' deutsche Verfassungsgeschichte, 
wie sie überhaupt mit besonderer Energie den Reichthum an Quel- 
len, welche jene Grenzlande für alle Theile der deutschen Ge- 
schichte bieten, für die Darstellung heranzieht, macht davon unter 
den neueren Werken fast allein eine Ausnahme. Und doch ist, 
was diese Denkmäler enthalten. Fleisch vom Fleische und Bein 
vom Beine des germanischen Rechts. Man braucht in ihren Fest- 
Setzungen nicht weit zu lesen, um auf den Malberg, den Upstal, 
das Friedensgebot, die Vierschaaren des Gerichts, die ungetrübte 
und ununterbrochene Schöffenverfassung, zu stossen. 

Unter allen dieses Land bewegenden Gegensätzen ist bisher 
der unerwähnt geblieben, der als der nächstliegende erscheint, der 
Gegensatz der Nationalität. Die Lage des Landes zwischen Deutsch- 
land und Frankreich, die Mischung der Bevölkerung aus romani- 
schen und germanischen Elementen wird erst hier am Ende der 
Aufzählung angeführt, nicht weil sie der geringst anzuschlagende 
Factor, sondern im Gegentheil, weil sie der bestimmende Grundzug 



•^ — 43 — 

in der Geschichte des Landes ist, weil sie dem ganzen Charakter 
des Volkes seine Richtung gegeben hat. Und anders als sonst 
wohl an Bevölkerungen wahrzunehmen ist, die an der Scheide zweier 
Nationalitäten wohnen, hat sich hier die Entwicklung gestaltet. Das 
aufgeweckte, rührige, unverdrossen thätige Wesen der Grenzbevölke- 
rung fehlt auch hier nicht Aber es hat sich nicht wie anderwärts 
eine schroffe Abwehr nach der einen oder der andern Seite aus- 
gebildet, sondern wie die Geschichtschreiber es an Gottfried von 
Bouillon rühmen, dass er, an der Grenze beider Länder geboren 
und beider Sprachen mächtig, inter Francos Romanos et Teuto- 
nicos seines Heeres zu versöhnen und auszugleichen verstanden'), 
so hat das belgische Land seinen Beruf darin gefunden, die Ver- 
mittelung zwischen Frankreich und Deutschland zu übernehmen % 
dabei sich allerdings oft mehr dem französischen als dem deutschen 
Geiste hingegeben. Doch gilt das nicht für alle Zweige des Lebens 
gleichmässig. Die Baukunst, die Litteratur, die Sprache, die Bil- 
dung der hohem Stände haben diesen Einfluss erfahren und zum 
Theil nach Deutschland hinübergeleitet. Anderes hat sich freier 
davon erhalten. Dahin gehört besonders die Rechtsordnung der 
altern Zeit, eine Erscheinung, die darin ihre Erklärung findet, dass 
der Norden Frankreichs selbst in seinem Rechte so zahlreiche ger- 
manische Elemente bewahrt hat. 

Es ist eine solche Fülle von Anziehungspunkten, die das bel- 
gische Land der geschichtlichen Betrachtung darbietet, dass man 
in Verlegenheit gerathen kann, welchem von ihnen man nachgehen 
soll. Mir persönlich fallt die Wahl nicht schwer. Der Gang mei- 
ner Studien, die Aufgabe, welche mir die Centraldirection der 
Monumenta Germaniae historica übertragen hat, die Arbeiten, 
denen der hansische Geschichtsverein und diese Versammlung zu 
dienea berufen ist, weisen mich hin auf das Städtewesen. 

L 

Belgien ist noch heute das Land der Städte. Bei einer Ge- 
sammtbevölkerung^, die von 1850 bis 1877 von 4,400000 auf 
5,300000 gestiegen ist, zählt es 86 Städte und 2538 Landgemein- 
den. Verhielt sich vor 30 Jahren die städtische Bevölkerung zur 
ländlichen wie i zu 4, so ist die Proportion jetzt nahezu wie i zu 3. 



t 



— 44 — 

Unter den 86 Städten finden sich fünf, die 50,000 Einwohner und 
darüber haben, nämlich Brüssel 189,000, Antwerpen 145,000, 
Gent 129,000, Lüttich 116,000, Brügge 50,000, Es sind das alles 
alte und schon in alter Zeit hervorragende Städte, aber ihre heutige 
Reibenfolge giebt keinen Anhalt weder für die Ordnung ihres ge- 
schichtlichen Hervortretens noch für die Abstufung ihrer Macht 
und Bedeutung. 

Geht man noch einen Schritt weiter in der Liste der belgi- 
schen Städte, so wird man unmittelbar in die Neuzeit versetzt. 
Auf die oben genannten fünf folgt Verviers mit 40,000 Einwoh- 
nern, eine erst im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts empor- 
gekommene und durch ihre Tuchfabriken gross gewordene Stadt. 
Erst hinter ihr stehen altberühmte Städte wie Mecheln mit 39,000, 
Löwen mit 34,000, Toumai mit 31,000, Mons oder Bergen mit 
28,000 und Namür mit 27,000 Einwohnern. Andere einst weit 
bedeutendere Städte sind selbst unter dies Mass herabgestiegen 
oder durch neuere politische Gestaltungen von den früheren Ge- 
nossen getrennt worden. 

Bei der Vergleichung von Sonst und Jetzt ist bisher ein Punkt 
ausser Acht geblieben. Die Städte, welche heutzutage Gemein- 
wesen eines Staates sind, gehorten einst verschiedenen Territorien 
an, die in den Provinzialnamen des Königreichs Belgien fortleben. 
Sie vertheilen sich auf das Herzogthum Brabant, die Grafschaft 
Flandern, das Bisthum Lüttich, die Grafschaft Namür und die 
Grafschaft Hennegau, von denen die beiden ersten dem flämischen, 
die drei letzten dem wallonischen Theile des heutigen Belgiens 
zugehören. Vieles von dem, was von Belgien im Ganzen bemerkt 
ist, gilt in gleichsam concentrirter Webe von Flandern'). Ihm 
fallt z. B. vorzugsweise die Vermittlerrolle zwischen den beiden 
Nachbarvölkern zu, Gewerbfleiss und Handel haben sich in Folge 
der günstigen Seelage hier besonders früh und glänzend entwickelt. 
Städtewesen und Bürgerthum sind deshalb in Flandern zur vollen- 
detsten Ausbildung gelangt. Auf die Städte Flanderns soll des- 
halb im Folgenden vorzugsweise Rücksicht genommen werden, 
entspricht das doch zugleich am meisten den Beziehungen der 
Hanse. 



— 45 — 



IL 



Gent, Brügge und Ypern waren die drei- grossen Städte Flan- 
derns in alter Zeit. Sie und das Land von Brügge, die Freien 
von Brügge, het land van den vryen, der Franc de Bruges*) bil- 
deten nachmals die vier Stande, de ver leden, die vier Glieder des 
Landes Flandern ^. Unter den vorhin aufgezahlten grösseren 
Städten Belgiens war für Ypern kein Platz, da es heutzutage nur 
17000 Einwohner zählt, also etwa an Grosse unserm Göttingen 
gleichkommt, wenn es sich gleich viel stattlicher präsentirt. Auch 
die drei grossen Städte des alten Flanderns treten nicht früher als 
mit dem Anfang des 12. Jahrhunderts bedeutsam hervor. Aber 
die Art, wie sie jetzt auftreten, zeigt, dass sie bereits eine längere 
Geschichte hinter sich haben, in der sie zu Wohlstand und Macht 
emporgewachsen sind. Ypern. gilt als der räimiliche Mittelpunkt 
des Landes^); hier wird alljährlich im Februar, zu Petri Stuhlfeier 
ein grosser Markt abgehalten, zu dem sich Kaufleute auch entfern- 
ter Gegenden z. B. der Lombardei mit kostbaren und kunstvollen 
Silbergeräthschaften einfinden^). Brügge und Gent erscheinen als 
stark befestigte Städte, die Bürger waffentüchtig und kriegsgeübt, 
die von Gent werden als in der Belagerungskunst vorzüglich be- 
wandert geschildert. Neben ihnen werden Städte wie Arras, Te- 
rouanne, St. Omer, Lille, Audenarde, Dixmüde u. a. genannt. Ein 
grosses tragisches Ereigniss zu Anfang des 12. Jahrhunderts ruft 
die Städte aus ihrer isolirten und lediglich der Pflege der eigenen 
Interessen gewidmeten Stellung zum gemeinsamen Handeln und 
zum Eingreifen in die Geschicke des Landes auf. Am 2. März 
1127 wurde in der Kirche St. Donat zu Brügge der Graf von 
Flandern, Karl der Gute, wie man ihn zubenannte, ermordet^). 
Sohn jenes Königs Knud von Dänemark, den 39 Jahre früher ein 
ähnlicher Tod in der St. Albanskirche zu Odense getrofien hatte, 
war er, durch seine Mutter Adela mit dem flandrischen Grafen- 
hause verwandt, in früher Jugend nach Flandern gekommen, dort 
erzogen und von seinem Vetter Balduin VIL, der 1119 ohne Kin- 
der starb, zu seinem Nachfolger Erklärt worden. Gleich seinem 
Vater hatte Graf Karl von Flandern den Landfrieden mit eiserner 
Hand aufrecht erhalten. Weder ihn noch jenen hatte ihrfe kirch- 
liche Ergebenheit zu schützen vermocht, den Vater hatte der Groll 



4 
} 
4 



— 46 — vii 

des Volkes über die Strenge des Herrschers, den Sohn der In- 
grimm zuchtloser Vasallen und die Verschwörung miss vergnügter 
Prätendenten gefallt/ Die Erbfolgestreitigkeiten, welche nach dem 
Tode des Grafen Karl ausbrachen, orderten hier wie anderer 
Orten die stadtische Freiheit. An der Züchtigung der Mörder des 
Grafen wie an der Bestellung eines neuen Herrn nahmen die 
Städte hervorragenden Antheil. Jeder der Prätendenten suchte 
sich die Unterstützung der Bürgerschaften zu verschaffen. Wilhelm 
von der Normandie, der sich der Herrschaft unter dem Schutze 
des Königs Ludwig VII. von Frankreich zu bemächtigea wusste, 
zog im Lande umher, um die Huldigung der Städte werbend. 
Am 6. April 1127 war er in Brügge, und nachdem er auf freiem 
Felde vor der Stadt auf den Schrein mit den Heiligengebeinen 
von St. Donatian die Rechte der Kirche aufrecht zu erhalten ge- 
schworen, Hess er eine Urkunde verlesen, in welcher er den Bür- 
gern Zoll und Häuserzins auf ewige Zeiten erliess'). Eidlich ver- 
sprach darauf der Graf und mit ihm der König von Frankreich 
diese Freiheit und alle übrigen Rechte zu beobachten und zu 
schützen, was die Bürger durch das Gelöbniss der Treue erwiderten. 
Um sich die Anhänglichkeit der Stadt zu sichern, ermächtigte er 
sie noch, ihre herkömmlichen Rechte nach Zeit und Gelegenheit, 
wie sie könnten und möchten, zu bessern^. Ueber den Hergang 
zu Brügge sind wir durch ausführliche und zeitgenössische Mit- 
theilungen unterrichtet, die in den Lebensbeschreibungen des Grafen 
Karl vom Archidiaconus Walter von Terouanne und von Galbert, 
einem Cleriker zu Brügge, niedergelegt sind^). Leider fehlt ihnen 
die die Verhandlungen abschliessende Urkunde für Brügge. Da- 
gegen besitzen wir eine solche über die wenige Tage jüngeren, 
ganz ähnlichen Vorgänge in einer Nachbarstadt. Am 14. April 
war Graf Wilhelm apud sanctum Audomarum, zu St. Omer zwischen 
Lille und Calais. Einzeln und ausführlich zählt das Document die 
Rechtssätze auf, welche der neue Herr zum Dank dafür anerkennt 
und bestätigt, dass die Bürger bereitwillig auf seine Werbung um 
die Grafschaft Flandern eingegangen sind^j. Die Keure der Stadt 
St Omer vom 14. April 1127^)' ist die älteste uns erhaltene statu- 
tarische Rechtsaufzeichnung einer flandrischen Stadt ^j. Der in den 
Niederlanden technisch gewordene Name Keure ist nichts anderes 
als der bei uns geläufige Köre, Willkür oder, wie es im Eingang 



> — 47 — 

des alten Soester Rechts aus dem 12. Jahrhundert heisst: audiat 
universitas antiquam et electam Susattensis oppidi justitiam. 
Die Urkunde von St. Omer bezeichnet ihren Inhalt selbst als die 
„lagas seu consuetudines*' ^) der Bürger der Stadt, also mit einem 
altgermanischen Worte, das wie im deutschen und skandinavischen 
Norden, bei den Angelsachsen, in Friesland, so auch in den Nieder- 
landen angetroffen wird*). An der Spitze der Urkunde steht das 
Gelobniss des Fürsten: ich will die Bürger gegen Jedermann 
schützen, sie halten und hegen wie meine Mannen, dem gerechten 
Gericht ihrer Schöffen gegen Jedermann, auch gegen mich selbst 
freien Lauf lassen: rectumque Judicium scabinorum erga unum- 
quemque hominem et erga me ipsum eis fieri concedam^). Mochte 
auch die Herrschaft des Grafen Wilhelm über Flandern nur wenige 
Monate währen, diese Freiheiten und Rechte blieben unverloren. 
Sie wurden in allen Punkten bestätigt und noch vermehrt durch 
den Nachfolger, der durch seine Mutter, die jüngere Schwester 
jener Adela, Gemahlin des Grafen Dietrich vom Elsass, gleich dem 
Grafen Karl ein Enkel Robert I. von Flandern war, und haupt- 
sächlich durch die Unterstützung der Städte und wider den £in- 
fiuss Frankreichs definitiv die Herrschaft gewann. Am 11. März 
1128 hielt er seinen Einzug in Gent, und erlangte er bald die Aner- 
kennung dieser Stadt sowie Brügges, wurde er nach dem Ausdruck 
des Chronisten consul Gendensium et Brudgensium^), so folgte ihm 
nach dem Tode des Grafen Wilhelm (17. Juli 1128) ganz Flandern 
als seinem Herrn. Am 22, August war er zu St Omer und ge- 
lobte den Bürgern die Aufrechterhaltung ihrer Rechte. Seine Barone 
fugten dem noch die eidliche Betheuerung hinzu, dass sie, wenn 
der Graf die Bürger ihrer Rechte berauben und nicht nach dem 
Urtheil der Schoflfen behandeln würde, vom Grafen abtreten und 
solange den Bürgern helfen wollten, bis der Graf die Rechte zu- 
rückgegeben und die Bürger dem Gericht der Schöffen wieder 
unterstellt habe^). — Graf Dietrich (f 1168) und sein Sohn Philipp 
(t 1191), gewöhnlich vom Elsass zubenannt, haben über 60 Jahre 
der Grafschaft Flandern vorgestanden, und ihre Regierung be- 
zeichnet eine der glücklichsten Perioden der flandrischen Geschichte, 
insbesondere auch der Städte. 



- 48 - ^ 

IIL 

Was war es doch, was diese Städte reich, durch ihren Reich- 
thum mächtig und freiheitsstolz gemacht hatte? Darauf sei gestattet, 
mit einem Citat aus einem alten Göttinger Adresskalender zu ant- 
worten: die Tuch- und Raschmachergilde. Die Antwort ist specieller 
gemeint als sie klingt. 

Gewerbfleiss und Handel haben in Flandern seit den ältesten 
Zeiten in engem Zusammenhange gestanden und dem Städtewesen 
zu einer so grossartigen Entfaltung verholfen, dass es sich dem 
Italiens an die Seite stellen darf. Der Gewerbfleiss war alt in 
diesen Landen, wenn auch noch nicht unter der ursprünglichen 
Bevölkerung heimisch^. Die Kelten, mochten sie auch Städte zu 
erbauen gelernt haben, wussten doch, gleich den Germanen des 
Tacitus, nichts vom eigentlichen Leben in Städten; andererseits gilt 
auch von ihnen das agriculturae non Student. Bei Kelten und 
Germanen überwog vielmehr die Viehzucht, und die ausgedehnten 
Eichenwälder, welche einst die blühenden Landschaften von Flan- 
dern und Lothringen bedeckten, wiesen wie in Deutschland die Be- 
wohner vor Allem auf die Schweinezucht*). Aber keine hundert 
Jahre nach Cäsar, zur Zeit des Strabo erfahren wir von ausgedehn- 
tem Schäfereibetrieb bei den Belgiern^); und Plinius schildert die 
ihm als die fernsten Menschen erscheinenden Morini, ja ganz Gal- 
lien als Leinwand webend; schon haben — fahrt er fort — 
unsere überrheinischen Feinde dieselbe Kunst erlernt und ihre 
Frauen kennen kein schöneres Gewand als von Linnen'*). DieSchaf- 
heerden der Belgier beschreibt Strabo als sehr gross — numero 
gaudent, wie die Deutschen des Tacitus — aber ihre Wolle sei 
rauh und langzottig. Sie verarbeiten dieselbe zu groben Kleidungs- 
stücken, der weite Soldatenmantel, das sagum, der kapuzenartige 
Ueberwurf, die nationale Caracalla wird daraus hergestellt, und 
schon ist die Industrie so ausgedehnt, dass ihre Erzeugnisse nach 
Rom und andern Theilen Italiens ausgeführt werden^). An dieser 
Gewerbthätigkeit sind die nördlichsten Gaue unter den Belgiern 
vorzugsweise betheiligt, die Menapii und Morini, vom Rhein bis 
zur Spitze von Boulogne gesessen, und die Südnachbarn der letz- 
tern, die Atrebates und die Ambiani. Bei den Kelten ist es eine 
gewöhnliche Erscheinung, dass sich der Volksname auf den Haupt- 



— 49 — 

ort überträgt^): wie sich die Remi in Rheims, die Suessiones in 
Soissons, so finden sich die Ambiani in Amiens und die Atrebates 
in Arras wieder. Die letzteren zeichneten sich bald in der Woll- 
industrie besonders aus; schon haben sie feinere Gewebe herzu- 
stellen gelernt. Die saga Atrebatica waren im dritten Jahrhundert 
in Rom als Modeartikel gesucht'). Als gegen Ende des vierten 
Jahrhunderts der heilige Hieronymus seine Strafpredigt gegen den 
die Askese bekämpfenden Jovinian richtet, wirft er ihm vor: nunc 
lineis et sericis vestibus et Atrebatum ac Laodiceae indumentis or- 
natus incedis, dass er in linnenen und seidenen Kleidern und ge- 
schmückt mit Gewändern von Arras und Laodicea einhergehe ^). 
Lange Zeit hat die industrielle Bedeutung der Stadt Arras fort- 
gedauert In dem reich ausgestatteten Schlafsaal, welchen Frau 
Kriemhild für ihre Gäste aus Burgundenland hergerichtet: 

manegen koUer spaehe von Arraz man da sach^). 
Besonders unterstützt wurde die Wollenindustrie von Arras noch 
dadurch, dass in der Nachbarschaft der Stadt ein Färbekraut wuchs, 
Grapp oder Krapp ^), in den karolingischen Capitularien, die seinen 
Anbau empfehlen, warentia geheissen^J, im Mittelalter der begehr- 
teste Stoff zum Rothfarben und bei der damals noch herrschenden 
Vorliebe für iielle, freudige Farben sehr gesucht. Der Name der 
Stadt Arras hat sich in einem hier verfertigten Stoffe verewigt: 
pannus atrebaticus, im mittelalterlichen Latein arracium, deutsch 
harras, arrasch duk, endlich rasch ^J, und die biedern Raschmacher, 
welche unsere heutige Sprache nur noch zu parlamentarischen 
Wortspielen zu verwenden weiss, haben einen historischen Hinter- 
grund, mit dem sich weniges aus unserm Gewerkswesen ver- 
gleichen lässt 

Das ist nur ein Beispiel, dem sich die Industrie mancher an- 
dern flandrischen Stadt an die Seite stellen liesse, aber ein Beispiel 
deshalb willkommen, weil daran die historische Continuität genauer 
dargelegt werden konnte. In grossen Zügen dargestellt, wird die 
EntWickelung durch die drei Schlagworte: Haus — Kloster — 
Stadt bezeichnet 

Das Spinnen und Weben der Gewandstoflfe und das Anfertigen 
der Kleider war eines der häuslichen der Frau obliegenden Ge- 
schäfte. „Sie gehet mit Wolle und Flachs um und arbeitet gerne 
mit ihren Händen; sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und 

Hansische Geschichtsblätter. VIII. 4 



— 50 — 

ihre Finger fassen die Spindel"'), diese Sprüche galten im Orient 
und Occident Frauengemach und Webstatte sind der deutschen 
Auffassung beinahe identische Begriffe'). Um aber alle unberech- 
tigte Poesie fernzuhalten, sei gleich hinzugefügt, dass die Webstätte 
ein unterirdisches, kellerartiges Gemach war^), im Winter zum 
Schutz gegen die Kälte mit Dünger verwahrt — fimo onerant, wie 
Tacitus Germ. c. i6 von Erdräumen erzählt, die zur Winterwohnung 
und zur Aufbewahrung von Feldfrüchten dienten. Das ganze Mittel- 
alter hindurch heissen deshalb solche Räume tunc^), wie noch heut- 
zutage in Nürnberg die kellerartigen Weberstätten am Weberplatze 
nach Lexers Zeugniss tung genannt werden^). Noch jetzt gilt es 
in Flandern für zweckmässig, wenigstens die Spitzen in Souterrains 
anzufertigen, wie man sagt, wegen der Erdausdünstung ^. 

Der häuslichen Arbeit stellt sich dann die in den Klöstern 
an die Seite, aber mit dem gewichtigen Unterschiede, dass die 
Frauen nur für den häuslichen Bedarf spannen und webten, die 
Knechte und Hörigen auf den Höfen der Klöster auch schon für 
den Verkauf, für den Handel arbeiteten. Es ist bekannt, wie die 
Klöster, insbesondere die des Cistercienserordens, für die Schafzucht 
thätig geworden sind. Sie sind nicht bei dem Geschäft des Grund- 
besitzers und Viehzüchters stehen geblieben, sondern auch in die 
Reihe der Fabrikanten eingetreten^). 

Diesem Stadium der Entwickelung wird auch jenes vermuth- 
lich in einem flandrischen Kloster entstandene lateinische Wett- 
gespräch zwischen dem Schaf und dem Flachs angehören^). Es 
nennt noch keinen Städtenamen, preist aber die Länder, in denen 
Wollstoffe erzeugt werden, namentlich Flandern: 

quas Ovis et quales mundo ferat utilitates, 
nostra nee enumerat Flandria, si cupiat^) 

und an einer andern Stelle die Feinheit und Mannichfaltigkeit der 
flandrischen Erzeugnisse hervorhebend: 

has vestes dominis gestandas Flandria mittis 
has flocco crispans leniter has solldans '°). 

Es ist der Ruhm der Städte, die freie Arbeit in die Geschichte 
eingeführt zu haben. Der Handwerker in der Stadt arbeitet nicht 
mehr für den eigenen Bedarf, nicht mehr für den Vortheil eines 
Herrn, er arbeitet für den Markt. Gerade die Verarbeitung von 
Wollenstoffen zu Kleidungsstücken, mit einem Worte: die Tuch- 



_ 51 — 

Weberei wird charakteristisch für die Stadt. Wer uns eine exacte, 
auf die Quellen gegründete und die Quellen mit richtiger Kritik 
handhabende Geschichte der Tuchweberei in Deutschland schriebe, 
würde den werthvollsten Beitrag zur Geschichte des deutschen Städte- 
wesens liefern. Die Tuchweberei verpflanzt sich vom Land in die 
Städte, während die Leineweberei, auch nachdem die Städte 
emporgekommen sind, noch vielfach eine Beschäftigung des Bauern, 
des ländlichen Arbeiters bleibt^). 

IV. 

Der Industrie kam der Handel zu Hilfe. Die Nähe der Nord- 
see, die Nachbarschaft der Meeresstelle, wo die grösste Verengung 
eintritt, haben früh Seeverbindungen zur Folge gehabt, die von 
grosstem Vortheil für den Handel dieses Landes waren. Zu Eng- 
land walteten schon seit alter Zeit Beziehungen, wie sich in der 
Wiederkehr von Volkernamen diesseit und jenseit des Canals aus- 
spricht'). Dasselbe Document, das uns die Deutschen, die Leute 
des Kaisers, zuerst in England thätig zeigt, weiss auch von den 
Flandrern zu berichten^). Jene um das Jahr looo gemachte Auf- 
zeichnung de institutis Londoniae stellt zusammen: Flandrenses et 
Pontejenses (von Ponthieu am Ausfluss der Somme) et Normannia 
(Normandie) et Francia (das Herzogthum Francien) — sie alle pflegen 
ihreWaaren aufzuweisen und zu verzollen^), vermuthlich im Gegen- 
satz zu andern Fremden, die eine Gesammtabgabe entrichten. 
Wir kennen ein Handelsobject, das die Flandrer ganz besonders 
nach England lockte. Hier wurde eine feinere Wolle gewonnen, 
als sie die belgische Schafzucht producirte. Die beste deutsche 
Wolle war höchstens zur Erzeugung eines guten Mitteltuches ge- 
eignet*). Noch im 15. Jahrhundert konnte der Verfasser jenes an- 
ziehenden Libell of Englishe Policye^, sich an die Fläminge wen- 
dend sagen : 

Ein jeder von Euch weiss, ob er auch grolle, 
Ihr webt das meiste Tuch aus Englands Wolle, 

und an einer andern Stelle: 

Was hat der Flemming denn (wie er auch fluche!) 
Als etwas weniges Krapp und flämsche Tuche? 
Durch unsre Wolle nur, die sie verweben, 
Können die Städte dort bestehn und leben. 

4' 



— 52 — 

Sie müssten sonst von ihrem Wohlstand scheiden, 
Verhungern — oder Händel mit uns meiden'). 

Lange Zeit wurde die Wolle Englands nicht blos für auswärtigen 
Bedarf ausgeführt, sondern auch die für den einheimischen Vei^ 
brauch nothwendige auf den flämischen Webstühlen verarbeitet und 
nach England zurückgebracht^); denn wurde auch in England 
selbst Tuch bereitet, so konnte es sich doch mit dem flandrischer 
Städte nicht messen, wie jener eben benutzte patriotische Autor 
selbst zugestehen muss 

Fine cloth of Ipre, that named is bet than our is 
(Von Ypem Tuch; es steht in besserm Rufe 
Als unsres)^). 

Nicht weniger günstig war die Lage Flanderns für den Landver- 
kehr, seine nahen Beziehungen auf der einen Seite zu Frankreich, 
dessen Schwerpunkt sich bald in den Norden, das Seinegebiet mit 
dem Mittelpunkt Paris, verlegte; auf der andern Seite zu Deutsch^ 
land, dessen wichtigste damalige Stadt, Cöln, hart an den Grenzen 
der belgischen Lande lag. Früh wurde der Landverkehr mit dem 
zur See in Verbindung gesetzt und den für den Handel so wich- 
tigen Wasserstrassen nachgeholfen. In den flandrischen Samm- 
lungen begegnen früh Urkunden über Anlage von Canälen und 
Schleussen, Herstellung von Deichen und Dämmen^). Bis jetzt 
ist nur die eine Seite des Handels dieser Städte berührt Daneben 
entwickelt sich iii Folge der Stapellage der flandrischen Städte an 
Ort und Stelle ein grossartiger Tauschverkehr zwischen Norden und 
Süden ^). Die von Nordosten kommenden Schiffe ersparen sich die 
gefahrliche Fahrt durch den Canal, die von Südwesten die Stürme 
und Nebel der Nordsee^ Es braucht das hier nicht weiter ver- 
folgt zu werden; es kam nur darauf an, den Handel als Unter- 
stützung der Industrie ins Auge zu fassen. Nur ein einzelner 
Zweig des Handels muss noch mit einem Worte hervorgehoben 
werden. 

Der Tuchweberei stellt sich der Tuchhandel zur Seite. Beide 
Thätigkeiten kommen einander zu Hülfe und sind doch durch eine 
weite Kluft von einander geschieden. In einer Marburger Urkunde 
von 1311 hdsst es ganz typisch: wer gewant macht, soll es nicht 
schneiden, und wer es schneidet, der soll keines machen'). Der 
Vertrieb der Tuche, der Gewandschnitt, lag in den Händen einer 



— 53 — 

kaufmännischen Gilde, der Gewandschneider, indsores pannorum, 
der heutigen Tuchhändler, während die heutigen Schneider Schra- 
der (Schröder; schrotaere) sartores hiessen. Die Tuchweber gehören 
SU dem demokratischen Bestandtheil der städtischen Bevölkerungen. 
Früh werden sie als trotzig und übermüthig geschildert '). In den 
städtischen Bewegungen spielen sie eine hervorragende Rolle. Es 
ist bekannt, wie der grosse Cölner Aufstand des 13. Jahrhunderts, 
den Meister Gotfried Hagen besungen hat, ein Kampf der Weber 
gegen die Richerzecheit und die Besten war. Die niederländischen 
Städte wissen, wie die unseren, von Weberschlachten zu erzählen'). 
Die Tuchhändler dagegen ; die Gewandschneider, gehören zur 
städtischen Aristokratie. Unter den Kaufleuten stehen sie obenan. 
Streng sperren sie sich von den Handwerkern ab. Lange haben 
sie den Rathsstuhl allein inne und schliessen jeden aus, der mit 
openbare hantwerk sme neringe gewunnen hat, wie es in der so« 
genannten Rathswahlordnung Heinrichs des Löwen für Lübeck 
heisst^), die aller Wahrscheinlichkeit nach erst der zweiten Hälfte 
des 13. Jahrhunderts angehört, oder, wie in der Brügger Schöffen« 
Ordnung von 1240 festgesetzt ist, dass kein Handwerker, wenn er 
sich nicht seit Jahr und Tag seines Handwerkes enthalten und 
die Londoner Hanse emt'orben hat, zum Schöffen gewählt wer- 
den darf*). 

V. 

In der Geschichte der niederländischen Tuchweberei lassen 
sich unschwer gewisse Entwickelungsstadien je nach den vorherr- 
schenden Productionskreisen unterscheiden. £s bleiben nicht immer 
dieselben Städte an der Spitze der Industrie; es findet ein Ablösen 
und Nachrücken statt, eine Bewegung von Süden nach Norden, 
dann von West nach Ost Zuerst ist die Führung bei den fland- 
rischen Städten Arras, Ypern, Brügge, Gent, und lange halten sie 
dieselbe fest. Unter ihnen ist wiederum Arras die voranschreitende. 
Ihr Alter, ihre vielhundertjährige Industrie, ihre politische Bedeu- 
tung, denn solange die artesischen Lande bei Flandern bleiben, 
a^so bis gegen Anfang des 13. Jahrhunderts, erscheint sie als die 
Hauptstadt^); ihr Ansehen als Sitz der Kunst und Litteratur^) : alles 
vereinigt sich, um ihr den ersten Platz unter den flandrischen 
Städten zu sichern. Dazu kommt nun, was bis jetzt weniger 



— 54 — 

beachtet ist, dass ihr auch für das Recht, seine Handhabung und 
seine Entwickelung, eine bevorzugte Stellung gebührt. 

Die ältesten Keuren von Gent und Brügge aus der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts stimmen wörtlich mit einander über- 
ein, mit ihnen wiederum die für Audenarde und Dendermonde 'X 
Neuerdings hat sich im Archiv von Arras ein Document gefunden, 
das den Stamm bildet, ans welchem alle diese Rechte als Zweige 
hervorgewachsen sind^). „Talis est lex et consuetudo, quam cives 
Attrebatenses tenent" beginnt die Urkunde, während die Ableitungen 
von Gent und Brügge gleich in den Eingang den Namen des 
Grafen Philipp v. Elsass setzen: Hec est lex et consuetudo quam 
Philippus illustris Flandrie et Viromandie comes Gandensibus ob- 
servandam instituit oder Hec est lex et consuetudo quam Brugen- 
ses teuere debent a comite Philippo instituta. Die Zusammen- 
gehörigkeit der beiderseitigen Urkunden wird sichergestellt durch 
Uebereinstimmung in Inhalt und Anordnung der Rechtssätze; das 
Filiationsverhältniss durch die grössere Knappheit und die rohere 
Form der Bestimmungen von Arras einerseits, die Zusätze der 
übi:igen Keuren andererseits, besonders aber dadurch, dass die 
Schöffen von Gent und Brügge zur Verantwortung gezogen wer- 
den können, wenn der Graf sie eines ungerechten Urtheils durch 
den Spruch der Schöifen von Arras oder anderer, die demselben 
Rechte folgen, zu überführen vermag^). 

Ypern Hess sich in der Ordnung der durch Rechtsgemeinsam- 
keit verbundenen Städte der Platz nicht so bestimmt anweisen, da 
sich seine Keure nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt, sondern 
nur in einer spätem französischen Uebersetzung erhalten hat^). 
Doch beruht sie unverkennbar auf derselben Vorlage, welche Gent 
und Brügge zur Norm gedient hat^). Die schon in alter Zeit be- 
deutsame Stellung Yperns erhellt daraus, dass Graf Balduin VII., 
der Vorgänger Karls des Guten, die Bürger der Stadt vom Zwei- 
kampf, wie von Feuer- und Wasserprobe befreite, an deren Stelle 
er den Beweis durch Eidhelfer setzte^). Die ehrwürdige Urkunde 
von 1116, der an Lederstreifen das Siegel des Ausstellers anhangt, 
hat sich bis heute nahezu unversehrt im Stadtarchiv zu Ypern er- 
halten^, und bildet das älteste Privileg, das einer flandrischen 
Stadt ertheilt worden i^t. Der Platz neben Arras wird Ypern ge- 
sichert, wenn wir bei Wolfram von Eschenbach lesen, dass die 



- 55 - 

crie, das Feldgeschrei der Flaminge war: Iper unde Arraz'). £in 
lateinischer Dichter etwa der gleichen Zeit, Guilelmus Brito, der 
in seiner Philippis^, einem Gedichte zur Verherrlichung der Thaten 
Philipp Augusts von Frankreich, die Hülfskräfte aufzahlt, die den 
Grafen von Flandern in seinem Kampf gegen den König unter« 
stützen, nennt nach Gent die Städte Ypern und Arras: 

Ipra colorandis gens prudentissima lanis 
Execranda juvans legionibus anna dnabns, 
Atrebatumque potens, nrbs antiquissima, plena 
Digitus, inhians lucris et foenore gaudens, 
Auxilium comiti tanto studiosius addit 
Quo Caput et princeps Flandrensis et unica regni 
Sedes existit, tenuit quam tempore in illo 
Comius Atrebates, quo Julius intulit anna 
Gallorum populis3). 

Die Industrie von Gent belegt das Zeugniss im Reinhart 

Fuchs des Willem, wo gleich zu Eingang Isegrimm seine Klage 

erhebt: 

mi hevet Reinaert dat feile dier 

so vele te lede ghedaen, 

ic weet wel al sonder waen: 

al wäre al tlaken paeckement 

dat men maket nu te Gent, 

inne ghescreeft niet daer an^). 

Brügge dagegen war das grosse Handelsemporium. Schon in 
der Mitte des ii. Jahrhunderts preist deshalb ein englischer Schrift- 
steller das castellum Bruggense ebenso sehr wegen des Verkehrs 
zahlloser Kaufleute, als wegen der Zufuhr alles dessen, was die 
Sterblichen köstlich dünkt ^). 

Im 14. Jahrhundert kam dann neben der Industrie der fland- 
rischen Städte die von Brabant, namentlich Löwen, empor ^) und 
verschafften sich ihre Erzeugnisse einen Platz neben jenen. Hun- 
dert Jahre später wurden die Städte Brabants wieder überflügelt 
durch die von Holland, unter denen besonders Leydens Tuch- 
industrie grossen Ruf gewann^). 

Um hier bei den Städten des nachmaligen Belgiens stehen zu 
bleiben, sei noch darauf hingewiesen, wie sowohl die in ihrer Mitte 
erblühte Industrie selbst als deren Erzeugnisse nach allen Rich- 
tungen hin Verbreitung fand. Die Niederlande beweisen ihre hohe 



- 56 - 

Stellung in der Cultur auch damit, dass sie das coionisirende Land 
für die früheren Jahrhunderte des Mittelalters sind. Unter den 
niederländischen Colonisten, die seit dem Beginn des 12. Jahrhun- 
derts in das östliche Deutschland gezogen werden, sind theils 
Flamänder, theils Holländer zu verstehen. Lassen ^\e letzteren 
sich auf dem Lande nieder und werden die Lehrmeister der Be- 
völkerung in der Bearbeitung des Bodens, in der Kunst des £nt- 
wässems und des Eindeichens, so wenden sich die Flamänder den 
Städten zu und bringen das Gewerbe der Wollenweber und Tuch- 
macher in Aufschwung. Wenn nun auch im weitern Verlauf des 
Mittelalters aller Orten zum grossen Theil unter Anleitung von 
flandrischen Colonisten die Fabrikation von Tuch betrieben ward, 
so wurden doch die feineren Sorten Tuche nur in den Nieder- 
landen, denen sich der Niederrhein anschloss, erzeugt und von dort 
überaU hin ausgeführt. In einem mittelalterlichen geographisch- 
encyclopädischen Werke, dem tractatus de proprietatibus rerum 
des Glanvilla oder, wie er auch genannt wird, Bartholomäus An- 
glicus aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, ist das treffend zusammen- 
gefasst, wenn es von Flandern heisst: arte et ingenio, in opere 
lanifico preclara, per cujus industriam magne parti orbis in lani- 
ficis subvenitur; nam preciosam lanam, quam sibi Anglia commu- 
nicat, in pannos nobiles subtil! artificio transmutans, per mare, per 
terras multis regionibus amministrat *). Beide Richtungen, die Aus- 
fuhr der flandrischen Erzeugnisse wie die Verpflanzung der fland- 
rischen Industrie, mögen einige Beispiele verdeutlichen. 

Der österreichische Dichter des 13. Jahrhunderts, Seifrid Helb- 
ling, beklagt die zunehmende Ueppigkeit, das Vergessen der alten 
Ordnung, die jedem Stand sein Kleid und die Farbe seines Klei- 
des wies. ;,Do man dem laut sin reht maz*S wurde dem Bauern 
husloden") gra und des viretages blä gestattet: 

dehein varwe mer erloubt wart 
im noch sinem wibe, 
diu treit nu an ir libe 
grüene brun rot von Jent, 
des landes guot sie swent^). 

Als im Jahre 1373 die Augsburger Stadtgemeinde ein Ungeld auf- 
setzte, da belegte sie neben Getränk und Getreide auch die Ein- 
fuhr fremder Tuche mit einer Abgabe: der höchste Satz, nämlich 



-- 57 — 

I Pfnnd Pfennige, traf das Tuch von Pruchsel und von Mechel; 
die Hälfte desselben das Tuch von Löffel (Löwen) und von Sant 
Träten (St Trond); ein Tuch von Dom (Doornik, Toarnay) zahlte 
nur 6 Schill.; Tuch uz der Wetrach (Wettelrau) und vom Rhein 
5 Schill.'). Man sieht, wie hier schon die Erzeugnisse der Bra- 
banter Industrie entsprechend dem vorhin berührten Entwicklungs- 
gange') die Oberhand gewonnen haben. Als Petrarca im Jahre 
1333 auf yder Rückreise von Paris nach Avignon auch die Nieder- 
lande und den Rhein berührte, da berichtet sein Brief an den Car- 
dinal Colonna^) ausführlich von den Sagen über Karl den Grossen, 
die er in Aachen hörte, der sinnigen Feier des Johannisabends, 
die er in Cöln erlebte^); die Niederlande schildert er mit den 
wenigen, die beiden Hauptbestandtheile gleichmässig treffenden 
Worten: Gandavum . . . vidi et caeteros Flandriae Brabantiaeque 
populos lanificos atque textores; vidi Leodium insignem clero locum. 
Die ganze Entwicklung wird durch die sprachliche Beobach- 
^ tung vervollständigt, dass so manche auf Wollenbehandlung be- 
zügliche Ausdräcke aus dem Niederdeutschen in unsere Sprache 
gekommen sind oder im Hochdeutschen eine niederdeutsche Färbung 
beibehzlten haben. Vorher ist Grapp oder Krapp erwähnt^). Ein 
anderes Beispiel liefert das zum hochdeutschen salband oder sahl- 
band entstellte niederländische seifende, das dem Tuche natürliche, 
nicht erst durch Schneiden hervorgebrachte Ende^. Ganz beson- 
ders gehört hierher das Wort Laken ^). Urspränglich das Gewebte 
überhaupt bezeichnend, so dass es pannus laneus und pannus lineus, 
Wollentuch und Leintuch, umfassen kann, ist es dann, während 
das hochdeutsche lachen nach dem Mittelalter abstirbt, aus dem 
Niederdeutschen ins Hochdeutsche vorgedrungen, wenn es gleich 
seine Bedeutung verengend regelmässig nur noch Linnengewebe, 
linlaken bezeichnet und, wie es scheint, ausserhalb des nieder- 
deutschen Gebiets, obschon Goethe es kennt, nicht recht populär 
geworden ist*). Mögen schon diese und andere dem Wollen- 
gewerbe angehörigen Ausdrücke durch zugewanderte Fläminge ein- 
gebürgert sein, so ist es so erklärlich wie bezeichnend, dass die 
Worte Fläming und Wollenweber, Tuchmacher geradezu identificirt 
wurden. In denselben Zusammenhang gehört es, wenn anderwärts 
Fläminger und Färber gleichbedeutend gebraucht werden'). 

In einer deutschen Rechtsquelle des 14. Jahrhunderts, dem in 



- 58 - 

der Markgrkfschaft Meissen entstandenen Rechtsbache nach Distin- 
ctionen oder, wie man es früher nannte, dem vermehrten Sachsen- 
spiegel sind die Satzungen für das Tuchmachergewerbe überschrieben: 
nu schuUe wir lernen und erkennen umb der Flemminge hantwerk, 
wy der ordenunge und schickunge st6'). Dass damit nicht Ein- 
gewanderte^ wie die Flandrenses in Wien, deren Rechte Herzog 
Leopold VII. 1208 ordnete'), sondern Einheimische gemeint sind, 
zeigt deutlich ausser dem Eingang die Distinction II: iczlich wich- 
bilde had sin sunderlige gesecze, doch ist daz ein gemeyne gesecze: 
keyn fleming sal sine wollen felschen ... und Distinctio III: keyn 
fleming sal sin tuch czu hungerig machen .... Es muss dahin 
gestellt bleiben, ob eingewanderte oder einheimische Tuchmacher 
es waren, die dem Worte flämisch seine neuere Bedeutung: mür- 
risch, grob, trotzig verschafften^). Ganz im^Gegensatze dazu rühmte 
das Mittelalter die vlaemische hövescheit und sagte dem, der sich 
zierlicher Sprache bediente, nach: er vlaemet^). Ich weiss nicht, 
ob diese gerühmte Feinheit und Höflichkeit der Sitten oder die 
Liebe zum Reim es bewirkt hat, wenn in alter und neuer Dich- 
tung, von Hans Sachs bis auf Goethe der Spruch: 

Ich bin aus Flandern 
Geh von einer zur andern 

wiederkehrt^). Vielleicht ist er eine Reminiscenz an das wandernde 
Leben des Kaufmanns, das ihn durch ganz Europa in Leben und 
Dichtung zum stehenden Helden verliebter Abenteuer gemacht und 
ihm in Niederdeutschland den unhöflichen Reim: koplüde loplüde^ 
eingetragen hat. 

VI. 

Die belgischen Städte besitzen einen grossen Vorzug: sie sind 
nicht bloss alt und berühmt und schon in alter Zeit der Sitz von 
Handel, Gewerbe und Kunst gewesen, sondern viele von ihnen 
haben sich bei solchem Ruhm zu erhalten gewusst, und diesen wie 
jenen,, die von ihrer ehemaligen Höhe herabgestiegen sind, ist es 
geglückt; Zeugen ihrer grossen und schönen Vergangenheit zu be- 
wahren. 

Unvergleichliche Denkmale der Baukunst schmucken noch 
heute in grosser Zahl die belgischen Städte. Welcher Gewinn 
darin auch für das Studium der Stadtgeschichte li?gt, braucht nur 



— 59 — 

angedeutet zu werden. Wo wird man sich lieber in die Geschiclite 
eines Ortes vertiefen: da wo blos Urkunden, todte Schriftzeichen 
die Züge der Vergangenheit festhalten, aus denen kaum der ge- 
lehrte Forscher mühsam das Bild femabliegender Zustande und 
Ereignisse zurückgewinnt, oder da, wo noch laut redende Denk* 
male der Vergangenheit zur Gegenwart sprechen, verständlich nicht 
blos dem, der die wissenschaftlichen Voraussetzungen mitbringt, 
sondern auch dem Laien von der Grösse verschwundener Tage 
erzahlend? 

Herrliche Denkmäler kirchlicher Baukunst besitzen auch die 
deutschen Städte in stattlicher Zahl; schwerlich können sie sich 
mit den Zeugen weltlicher Baukunst messen, welche die belgischen 
Städte noch heute aufzuweisen vermögen. 

Noch manche deutsche Stadt darf mit Stolz ihr Rathhaus aus 
alter Zeit zeigen; die belgischen Städte verfügen über drei Arten 
weltlicher Architektur: das Stadthaus, die Hallen und den Belfrid. 

Der Felfrid ist der städtische Glockenthurm, campanile quod 
berfrois dicitur, wie es in einer Urkunde König Heinrichs von 
1226 heisst'). Ursprünglich eine bewegliche, aus Holz gezimmerte 
Vertheidigungsvorrichtung, ein propugnaculum bedeutend, ist das 
Wort dann auch auf steinerne, zur Wehr erbaute Thürme ange- 
wandt worden. Die Sprachforscher neigen jetzt überwiegend der 
Ableitung aus dem Deutschen zu und erklären bergfrid als eine 
Vorrichtung, die dem sich darin Bergenden Frieden, Schutz gewährt. 
Das Latein des Mittelalters hat das Wort zu berfredus oder bel- 
fredus, das Altfranzösische zu berfroi, beifroi umgeformt^. Die so 
bezeichneten Thürme haben in den Städten eine besondere Bedeu- 
tung für die Macht und Selbständigkeit des Gemeinwesens. Die 
vorher erwähnte Urkunde König Heinrichs ist gegen Cambrai ge- 
richtet: zugleich mit Aufhebung der in der Stadt errichteten ge- 
schworenen Friedenseinung, der communia, wird ihr befohlen, ihren 
Glockenthurm abzutragen und zu zerstören^). Die Belfride dienten 
verschiedenen Zwecken; der wichtigste war; dass hier die Bann- 
glocke hing, mittels deren die Stadt ihre Bürger zur Versammlung 
wie zum Heer berief und das Zeichen für Beginn und Ende der 
Märkte und der damit begrenzten Zeit des freien Kaufes und Ver- 
kaufes gab. Die Gewölbe der Thürme ^vurden oft zur Aufbewah- 
rung der städtischen Urkunden benutzt Belfride dieser Art haben 



— 6o — 

sich verschiedene erhalten, bald allein stehend, bald in Verbindung 
mit dem Rathhause oder den gleich zu nennenden Hallen. 

Die Hallen waren ursprünglich überdachte, nach vorn offene 
Räumlichkeiten zur Auslegung von Tuchwaaren. Es ist uns die 
Urkunde über die Anlage einer Halle in St. Omer erhalten^). 
Im Jahre 1151 übergab Graf Dietrich von Flandern den Bürgern 
der Stadt den Grund und Boden am Markte, darauf die Gildhalle 
stand, zu erblichem Besitz. „Ad omnem mercaturam in ea exer- 
cendam" soll sie dienen. Wir sehen aber, dass nur der fremde 
Kaufmann seine Waaren hier oder auf offenem Markte auszulegen 
verpflichtet war, während der einheimische Tuchhändler die Wahl 
hatte, ob er in der Halle, auf dem Markte oder im eigenen Hause 
feil halten wollte^. Die Halle gewährte ein Asyl: der Richter 
darf innerhalb derselben an Niemanden Hand anlegen; ein Schul« 
diger, der hierher geflüchtet ist, muss zwar, wenn er keinen Bürgen 
für sich zu stellen vermag, ausgeliefert werden, aber der Bürger, 
in dessen Obhut die Halle steht, führt ihn dann an deren Schwelle 
und übergiebt ihn vor mindestens zwei Schöffen dem Richter. Als 
wenige Jahre spater der Besitz der Gildhalle den Bürgern bestätigt 
wurde, hatte sich schon dieNothwendigkeit einer Erweiterung heraus- 
gestellt, und das früher gewährte Recht wurde auf die hölzernen 
und steinernen Schuppen und Anbauten ausgedehnt (cum scoppis 
et appendiciis tam ligneis quam lapideis) \ 

Heisst hier die Halle die Gildhalle, wie um die gleiche Zeit 
in England, so sagte man später schlechthin die Halle oder Hallen, 
wie noch jetzt les halles; ebenso wie gilda oder major gilda die 
Gilde der Kaufleute war^). 

Vorschriften über die Ordnung der Halle finden sich beson- 
ders im Genter Stadtrecht aus dem Ende des 13. Jahrhunderts^). 
Van der hallen rechte sind die Artikel 134 u. fif. überschrieben, in 
andern Hss. van laken te vercopene. Niemand in der Stadt und 
um die Stadt darf Laken verkaufen, er liefere sie denn up de halle 
te Ghend und versehe sie mit dem Zeichen der Stadt. Die Halle 
steht unter der Aufsicht von drei Halleherren, die aus den Bürgern 
durch den Bailli und die Schöffen gewählt werden. Sie führen 
ein Siegel und haben einen geschworenen Schreiber neben sich; 
vor ihnen werden alle auf Kauf und Verkauf bezüglichen Verträge 
abgeschlossen; sie besiegeln die Schuldurkunden des Käufers und 



— 6i — 

auf Grand solcher Briefe findet eine rasche Execution gegen den 
säumigen Zahler statt. 

Eine besondere Hervorhebung verdienen die herrlichen Hallen 
von Ypem, die sich bis heute im Wesentlichen unversehrt erhalten 
haben. Im Nordwesten eines grossen freien Platzes gelegen, über- 
ragt durch die Kathedrale St. Martin, gewähren sie das glänzendste 
Bild dessen, was Handel und Industrie einer flandrischen Stadt 
vermochten. Die Halle ist 133 Meter lang, im Osten 30, im 
Westen 50 Meter tief. An den Ecken mit ausgekragten Thürm- 
chen besetzt, trägt die Mitte einen Belfrid, der aus dem Anfang 
des 13. Jahrhunderts stammt. Das ganze Gebäude zeigt die edeln 
einfachen Formen der Frühgothik. Der östliche Flügel, später erst 
durch einen Säulenanbau ergänzt, ist gegen 1230, der westliche in 
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entstanden; die Vollendung des 
Ganzen wird vor 1304 gesetzt^. Von der Mitte des Gebäudes, 
i.u dem früher eine hohe Freitreppe führte^, ziehen sich nach jeder 
Seite 22y durch nur schmale Zwischenwände von einander getrennte 
zierliche Spitzbogen, immer abwechselnd ein Fenster und eine Nische 
mit zwei Steinbildern einschliessend. Das Erdgeschoss des Ost- 
flügels enthielt einst die Tuchrahmen und die Maschinen zum Glät- 
ten des Tuches, der Westflügel die Wollmagazine, die Versamm- 
lungsräume für die Gewerksvorsteher und ein Lokal zum Plombiren 
der Tuche. Das obere Geschoss diente als Verkaufsstätte ^). 

Grösse und Schönheit des Gebäudes werden uns erklärlicher, 
wenn wir in einer päpstlichen Bulle von 1247 lesen, dass die Stadt 
damals 200,000 Einwohner zählte'^), eine der seltenen Bevölkerungs- 
ziffern alter Zeit, die gleich denen der folgenden Jahrhunderte, weil 
nur auf äusserlichen Schätzungen beruhend, mit Vorsicht aufgenom- 
men werden müssen. 

Die aufgestellte Photographie mag eine annähernde Vorstel- 
lung der Hallen von Ypern geben. Ich hätte gewünscht, mit 
einem vollständigem B*lde einer mittelalterlichen Stadt abschliessen 
zu können. Mögen statt dessen einige Worte aus einem altern 
Aufsatze von Wilhelm Grimm dienen, die, wenn auch etwas roman- 
tisch gefärbt, anschaulich den Hintergrund manches alten Gemäl- 
des bester Zeit wiedergeben^): 

„Was kann reizender sein als das Bild einer Stadt des Mittel- 
alters? Künste, die nur Reichthum ernährt, zogen herbei, kunst- 



— 62 — 

reiche Kirchen und öffentliche Gebäude stiegen auf in den sichern- 
den Mauern, grün bepflanzte Plätze erheitern die zutraulichen Woh- 
nungen, und darinnen ein arbeitsames, reges Schaffen neben aller 
Lust im Spiel, Scherz und Tanz und Kriegsübung. Eines gegrün- 
deten Reichthums sich bewusst, gingen die schöngekleideten Bürger 
daher, stolz auf ihre Freiheit, tapfer sie vertheidigend gegen jede 
Anmassung, grossmüthig in Geschenken, ehrbar und streng in 
ihrer Familie und fromm vor Gott". 



ANMERKUNGEN. 



S. 39, i) Bei dieser Wiedergabe eines am ii. Juni 1878 in der Uni- 
versitatsaula zu Gottingen gelegentlich der achten Jahresversammlung des 
Hansischen Geschichts Vereins gehaltenen Vortrages sind einzelne kleine 
Erweiterungen im Text und die Anmerkungen hinzugefügt, die auch auf 
einige seitdem erst erschienene Arbeiten Rücksicht nehmen« — 2) Vgl. 
eine ähnliche Zusammenstellung bei v. Sybel, Geschichte der Revolutions- 
zeit 3 S. 123. 

S. 40, i) Koppmann, Ztschr. des Vereins für Hamburg. Gesch. 7, 
S. 47 ff. — 2) Robert I. f 1092, gewöhnlich der Friese genannt, heisst 
Jernsalemitanus wegen seiner sechsjährigen Pilgerfahrt nach dem heiligen 
Lande; sein Sohn Robert IL (1093 — im) fuhrt seinen Beinamen von der 
Theilnahme am ersten Kreuzzuge, der Eroberung von Jerusalem. — 
3) Urk. des Grrafen Philipp von Flandern von 11 76, Zollfreiheit den Ein- 
wohnern von Fümes in der neuen Stadt Zandhoved (Xieuport) gewährend. 
Wamkönig, Flandr. Staats- und Rechtsgesch. II, 2, S. 72. — 4) Urk, des 
Grafen Philipp von Flandern von 11 78, Rechtsbestimmungen für Gent 
enthaltend. Wamkönig II, i, S. 10. (Die Seitenzahlen beziehen sich hier 
wie vorher auf die besonders paginirten Urkundenabtheilungen.) — 5) Gre- 
gorius hg. V. K. Lachmann v. 1382 ff., 1401 — 1405. 

S. 41, I) Haspengau westlich von Lüttich, Hasbania. Die deutsche 
Namensform schon in einer Urkunde K. Otto I. für Aachen von 966, 
Janr. 17 [Stampf n. 394]: in pago Haspengeuue (Lacomblet, U. B. für 
die Gesch. des Niederrheins i n. 107). — 2) v. d. Hagen, Minnesänger i, 
S. 15 — 17. Die neun Lieder d^s Herzogs, welche die berühmte Pariser 
Hs. 7266 überliefert (Wackemagel, Litt.-Gescb. i» S. 307), sind zwar wie 
die ganze Hs. hochdeutsch, aber mit niederdeutschen Einmischungen; 
Willems, Onde vlaemsche Ltederen (Gent 1846) S. 10 ff. versacht die Her- 
stellnng eines ganz niederdeutschen Textes, den er dem sog. Zwabische Tekst 
an die Seite setzt; eine gleiche Willems' Restitution vielfach berichtigende 
Arbeit hat Hofiinann von Fallersleben in Pfeiffers Germania 3, S. 154 
nntemommen. Danach die Auswahl, welche Bartsch, deutsche Lieder- 
dichtong (1864) S.254 ff. mittheilt Die französischen Lieder, welche Hss. 



- 64 - 

einem ungenannten dux de Braibant beilegen und Wackernagel , altfranz. 
Lieder und Leiche (1846) S. 206 demselben Herzog Jobann L vindiciren 
wollte, werden jetzt seinem Vater, Heinrich III. (f 1260) zugeschrieben. 
Scheler, Trouveres beiges (Brux. 1876) p. 41—43. — 3) Wattenbach, Deutsch- 
lands Geschichtsquellen (4. Aufl.) i, S. 215, 307; 2, S. 112 fF. — 4) Watten- 
bach 2, S. 95. — 5) Mon. Germ. SS. X ed. Koepke. Wattenbach 2, S. 116. 

— 6) Wattenbach 2, S. 119 ff. — 7) M. G. SS. VI ed. Bethmann. Watten- 
bach 2, S. 124. — 8) M. G. SS. XXI ed. W. Arndt. Wattenbach 2, S. 327. 

S. 42, i) Wackemagely Gesch. der deutschen Litteratur (Aufl. 2 von 
E. Martin) i, S. 93 und 229. Reinaert hg. v. E. Martin, Paderb. 1874. 
Ecbasis captivi hg. v. £. Voigt in den Quellen und Forschungen. Bd. VIII, 
Strassburg 1875. — 2) Vgl. meinen Aufsatz im Neuen Archiv f. alt. deutsche 
Geschichtskunde 4, S. 45. Wamkönig, von der Wichtigkeit der Kunde des '. 
Rechts und der Geschichte der belg. Provinzen für die deutsche Staats- 
und Rechtsgesch., Freiburg 1837. S. 7. 

S. 43, I) Otto Frising. Chron. üb. VII, S (M. G. SS. XX, S. 250): 
tamquam in termino utriusque gentis nutritus, utriusque linguae scins me- 
dium se interposuit ac ad commanendum multis modis informavit. — 
2) Wackernagel, altfranzös. Lieder S. 193: Turnierwesen nnd Kreuzzüge 
hatten mit dem 12. Jahrhundert das französisch - niederländische an die 
Spitze alles Ritterthums erhoben, und im Verein mit dem Aufschwung 
reichbevölkerter, reichbegüterter Städte den Länderverband, welchen die 
Maas durchströmt, für die Länder und Völker ringsumher zum pochenden 
Herzen eines neuen Lebens gemacht. — 3) Die statistischen Angaben im 
Folgenden nach O. Hübners statistischer Tafel 1876. 

S. 44, I) Wackemagel, Litt.-Gesch. S. 127. 

S. 45, I) Warnkönig, flandr. R.-G. II, i, S. 15a — 2) Hanserecesse, 
Abth. I, Bd. 4 n. 121 v. 1392: Ville Flandrie videlicet Gandensis Bru- 
gensis Yprensis et territorium de Franco, zusammengefasst als ville et 
patria Flandrensis; das. n. 30 v.J. 139 1: les trois bonnes villes et tenoir 
du Franc; n. 32: van Ghend, van Brügge, van Iper unde van den Vrygen. 
Abth. II, Bd. I n. 397 v. 1434: de vier leden des landes van Vlanderen; 
2 n. 182 V. 1438 wird G«nt als „dat hovet'% Brügge (so der Druck zu be- 
richtigen, vgl. n. 197), Ypern und die Freien als de dre lede des landes 
to Vlanderen bezeichnet. — 3) Passio Karoli c. 96: ponatur curia vestra 

— so reden die aufständischen Genter dem Grafen Wilhelm zu — si pla- 
cet, in Ipra, qui locus est in medio terre vestre. — 4) Passio Karoli c. 16: 
negotiatores omnium circa Flandriam regnonim ad Ipram confluxerant In 
cathedra sancti Petri, ubi forum et nundinae universales feriebantur, qai 
sub pace et tutela piisstmi comitis securi negotiabantur; eodem tempore ex 
Langobardorum regno mercatores descenderant ad idem forum, apud quös 
comes argenteam kannam emerat marcis 21, que miro opere fabricata suis 
spectatoribus potum quem in se continebat furabatar (also ein sog. Vexier- 
becher). — 5) Eod. c. 12. 

. S. 46, I) Passio Karoli c. 55: Lecta est quoqne chartula conventionis 
inter comitem et cives nostros facta de telonco condonato et ce&an man* 



- 65. - 

sionum eorondem. — 2) £od. : ut igitur benevolos sibi comes cives nostros 
redderet, superaddidit eis ut potestative et licenter consuetndinarias leges 
suas de die in diem' corrigerent et in melius commutarent secundum qua- 
litatem temporis et loci. — 3) Vita Karoli comitis auctore Waltero M. G. 
SS. XII, p. 537 — 561; Passio Karoli comitis auct, Galberto das. p, 561 
bis 619; beide hg. v. Köpke. Vgl. Wattenbach 2, S. 326. — 4) Eingang 
der unten Anm. 5 cit. Urkunde: • . . pro eo maxime quia meam de consulatu 
Flandrie petitionem libenti animo receperunt....consulatus> consul sehr 
häufige Bezeichnungen der lothringischen Quellen dieser Zeit für Grafschaft 
und Graf. Bonus consul Karolus, optimus omnium consulnm consul heisst 
Karl bei Galbert c. 6, 71. Multos viderimus imperatores reges duces ac 
consulares viros c. 6. Vgl. Waitz, Verfassungsgesch. 7, S, 4. — 5) Ge- 
druckt bei Wamkonig i, S. 27 und in der französischen Uebersetzung des 
"Werkes von Gheldolf 2, S. 409; beide nach einem Druck des iS. Jahr- 
hunderts. Bas Original des Stadtarchivs zu St. Omer liegt dem Abdruck 
in den M^moires de la soci^t^ des antiquaires de la Morinie 2, S. 313 und 
4, pi^ces justüicatives I und in dem neuerdings erschienenen Werke Giry, 
histoire de la ville de Saint-Omer (Biblioth^que de T^cole des hautes ^tu- 
des« fasc. 31, Paris 1877, p. 371 ss.) zu Grunde. — 6) Von der oft als 
älter angeführten Keure für Fümes ist doch nichts weiter bekannt, als 
dass Graf Dietrich 11 47 den „hominibus sancti Bertini ad Poperingehem 
pertinentibus ejusdem pacis securitatem qua Fumenses fruuntur" gewährte 
(Warnkönig, R.-G. II, 2, S. 102]. Für die Datirung derselben aus dem Jahre 
1109, wie Wamkonig wiederholt thut (I, S. 313^ 394)» vgl. auch Waitz, 
Verf.-Gesch. 7, S. 401, finde ich kein altes Zeugniss. Die in die Urkunde 
für Grammont (Grandberga i. e. Gerardiberga vel Gerardimontium bei Gal- 
bert Passio Karoli c. 66) v. J. 11 90 aufgenommene alte Aufzählung von 
Rechten (de Portemont, recherches histor. sur la ville de Grammont, Gand 
1870) kann schon wegen des Passus: scabini eamdem legem et eadem ju- 
dicia, que hucusque tenuerunt, deinceps teneant nicht die Gründungsurkunde 
sein. Vgl. auch Wamkonig II, 2, S. 121 und Waitz a. a. O.. 

S. 47, i) Nicht wie Wamkonig S. 27 will, in leges zu bessern; denn 
wenn auch in § 20 derselben Urkunde secundum leges et consuetudines 
▼ille gelesen wird (in dem neuen Abdmck bei Giry fehlen diese Worte), 
so wiederholen doch die Bestätigungen der Keure wörtlich die alte Ein- 
gangsformel und ein Zusatz der Bestätigung von 11 28 (s. unten) sagt: mo- 
netam • . . comiti liberam reddiderant (burgenses), eo quod eos benignius 
tractaret et lagas suas eis libentius ratas teneret (Warnkönig S. 30), — 
2) Vgl. V. Richthof en, fries. Wörterb. s. v. laga; R. Schmid, Gesetze der 
Ags. 8. v. lagu; Mnd. Wörterb. 2, S.608, 609 (Beispiele aus schleswigschen 
Stadtrechten)» Hanserecesse , 2. Abth. Bd. i n. 603 § 5: begherden dat 
sin genade se unde dat rike wolde laten bi erem lachboke (Bericht han- 
sischer Rathssendeboten aus Kopenhagen v. 1436); das. n. 6o5 § 2: recht 
nnde lach; n. 606 § i: bescrevene lach unde recht. — 3) Eine Uebersicht 
des Inhalts giebt Waitz, Verfassungsgesch. 7, S. 402. — 4) Passio Karoli 
c. 100, 103. — 5) Das Original der Urkunde ist im Sudtarchiv zu St. Omer; 

Hansische Geschichtoblätter. VIII. 5 



— 66 — 

gedruckt bei Givenchy in den cit. Mtooires t. 4, p. Vl—Xn. Warnkönig 
I, S. 30 and Gheldölf 2, S. 414 geben blos die nea hinzugekommenen 
Schlttsssätze , bemerken aber nicht die Auslassangen und Abänderungen, 
die in den voraufgehenden §§ im Vergleich mit der tJrk. y. 1127 stattge- 
funden habeu. Giry p. 376 notirt die Abweichungen von der altern Ur- 
kunde und giebt die Zusätze der neuen. 

S. 48, I) Mommsen, romische Geschichte 3, S. 218. — 2) Arnold, An- 
siedlungen und Wandrungen deutscher Stämme S. 528; deutsche Urzeit 
S. 240; Mommsen S. 2x6. — 3) Für das Folgende habe ich mit Dank die 
überaus reichhaltige Abhandlung des 1878 verstorbenen Nationalökonomen 
fir. Hildebrand : Zur Geschichte der deutschen Wollenindustrie (Jahrb. für 
Nationalökonomie und Statistik Bd. 6 und 7. Jena 1865, 66) benutzt. — 
4) Plinius, historia naturalis XIX, 8: ultimique hominum existimati Morini, 
immo vero Galliae universae vela tezunt jam quidem et transrhenani hostes 
nee pulchriorem aliam vestem eorum feminae novere .... Vgl. Wacker- 
nagel, kl. Schriften i, S. 41. — 5) Strabo IV, 4, 3. Hirschfeld, Lyon in 
der Römerzeit S. 13. 

S. 49, i) Zeuss, die Deutschen und ihre Nachbarstämme S. 186. — 
2) Trebellius Pollio in Gallieno (f 268) c. 6: perdita Gallia risisse ac dix* 
isse perhibetur (Gallienus): non sine atrabaticis sagis tuta res publica est? 
Zeigt dieser Satz blos, wie bekannt die Gewebe der Atrebaten waren, so 
geht aus einer Stelle des Flavius Vopiscus in der Lebensbeschreibung des 
Carinus (f 284) c. 20, wo kostbare, den Schauspielern gemachte Geschenke 
aufgezählt werden sollen: donati sunt ab Atrabatis birri petiti, die Fein- 
heit der Erzeugnisse von Arras hervor. Birrus ist ein Regenmantel. 
Scriptores historiae Augustae edd. Jordan et Eyssenhardt (Berol. 1864), 
^t p* 77 und 226. — 3) Adversus Jovinianum 1. II c. 21 (Hieronymi Opera 
[Venet. 1767] t. II p. i). — 4) v. 1763 (Lachmann); kolter von culcitra, 
altfranz. coultre ist eine gesteppte Bettdecke. Grimm, Wörterb. 5, Sp. 
1623; Lexer, Mhd.Wb. i, Sp. 1766; Lübben, Mnd.Wb. unter kolte. Das 
Adjectiv spaehe von Sachen gebraucht im Sinn von schön, kunstvoll (Lexer). 

— 5) J. Grimm, Reinhart Fuchs S. LXV. — 6) Cap. de villis a. 812 c 43 
und c. 70. Aus warentia das französische garance. — 7) Lexer, Mhd.Wb. 
i> Sp. 97. Wie früh die Herkunft des Stoffes vergessen worden ist, zeigen 
Stellen wie Hanserecesse, Abth. i, Bd. 2, n. 306 und n. 311 § 3, auf 
die Koppmann, Hans. Gesch.-Bl. 1874, S. i59->6o aufmerksam gemacht 
hat: beide Recesse von 1385 klagen darüber, dass man aus England irische 
Laken nach Flandern bringe, de to kort und alto smal sin, dat men se 
verwe unde volde uppe Atrechtiges arras, dar de kopmann mede bedrogen 
werde, d. h. als ob sie Arras aus Atrecht (Artois) wären, während sie 
doch nur zu ,,den Engellischen harrassen" (n. 350 § 7) gehören. 

S. $0, i) Sprüche Salom. 31, v. 13, 19. — 2) Wackernagcl, Kleine 
Schriften i, S. 21 u. 41. — 3) Plinius lährt in der Anm. zu S. 48, 4 cit. Stelle 
fort: in Germania autem defossi (al. defossae) atque sub terra id opus agunt. 

— 4) Wackernagel in Haupts Zeitschr. für deutsches Alterth. 7, S. 128. 
Grimm, Wb. 2, Sp. 1532 unter dunk. — 5) Lexer, MhiWb. 2, Sp. 1568. 



- 67 - 

— 6) Kohl, Reisen in den Niederlanden (1850) i, S. 207: die allersabtilste 
Gattung (Spitzen) wird in Brüssel in fenchten Souterrains hergestellt. Der 
Faden ist so zart, dass er in der trockenen Luft über dem Boden brechen 
wurde. Die feuchte Kelleratmosphäre hält ihn aber beständig biegsam 
und geschmeidig. — 7) Hildebrand 6, S. 215. Die dem Verf. räthselhaften 
Weltmönche eines Hanserecesses von 1385 fallen Sartorius, Gesch. der 
Hanse 2, S. 695 zur Last. Der Beschluss (Hanserecesse Abth. i, Bd. 2^ 
S. 363) redet von „veltmoniken'', die „in eren klosteren hebben wullen- 
weTere, schomakere und lüde van allerleye ampten, de en des mer maken, 
wen en sulven behuf ys; dar se jarmarkede mede soken, dat der menheyt 
▼an den ampten in den steden tho gioten schaden komet'*. £s wird des> 
halb vorgeschlagen, keinen Gewerbsgesellen, der in einem Kloster in dieser 
Art gearbeitet hat, zur Arbeit oder zum Meisterwerden in einer Stadt zu- 
zulassen. Die im Mnd. Wb. 5, S. 231 citirte Stelle aus Detmar zeigt, dass 
unter Feldmönchen speciell Cistercienser verstanden wurden. — 8) Con- 
flictus Ovis et lini, vollständig abgedruckt b. Haupt, Zeitschr. f. deutsches 
Alterth. ii (1859), S. [2 15. Wie unwahrscheinlich die Autorschaft Her- 
manns von Reichenauj, zeigt Wattenbach 2, S. 37, vgl. auch S. 134. — 
9) V. 121. — 10) v. 193. 

S. 51, i) Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters i, S. 217. — 2) Zeuss, 
S. 192. — 3} Hohlbaum, Hansisches U.-B. i n. 2. Die vollständige Ur- 
kunde ist gedruckt b. Reinh. Schmid, die Gesetze der Angelsachsen (Ausg. 2, 
1858) S. 218. — 4) monstrabant res suas et extolneabant. Die Urkunde 
fährt fort: Hogge et Leodium et Nivella qui per terras ibant ostensionem 
dabant et teloneum. Et homines imperatoris qui veniebant in navibus suis 
bonarum legnm digni tenebantur sicut et nos. Zur Erläuterung vgl. Lap- 
penberg, Stählhof (Urk.) S. 3 und R. Schmid a. a. O.. Hogge, sonst für 
Houk, la Hogue, gehalten, wird von Schäfer, Hans. Gesch.-Bl. 1876, S. 167 
auf Huy im Bisthum Lüttich bezogen. — 5) Hildebrand 6, S. 199. — 
6) Herausg. von R. Pauli und W. Hertzberg, Leipzig 1878. 

S. 52, 1) V. 78, V. 120 ff. Vgl. auch V. 90 ff. — 2) Hildebrand 6, 
S. 202, 238. — 3) V. 75. — 4) Warnkönig i, S. 233 ff., 322 ff. — 5) Libell 
of engl. Pol. V. 116, V. 148: 

Denn Flandern ist der Marktplatz jederzeit 
Für alle Völker in der Christenheit. 

— 6) Röscher, Ansichten der Volkswirthschaft aus dem geschichtlichen 
Standpunkte (3. Aufl.) i, S. 350. — 7) Angeführt von Hildebrand 7, S. 99. 

S. 53, I) Gesta abbat Trudon. lib. 12 c. 11 (M. Germ. SS. 10, p.309): 
est genus hominum mercennariorum, quorum officium est ex lino et lana 
texere telas, hoc procax et superbum super alios mercennarios vulgo re- 
putatur .... Ueber den im Zusammenhang damit erwähnten Schiffsum- 
zug vgl. J. Grimm, Deutsche Mythologie l, S. 214. — 2) Hüllmann i, 
S. 232. — 3) Dass die Urkunde mit Unrecht so alter Zeit zugeschrieben 
wird, darüber vgl. meine Ausführung in Hans. Gesch.-Bl. 1876, S. 136 ff. 

— 4) Insuper manuoperarius quicumque fuerit, nisi per annum et diem a 

5* 



— 68 -^ 

]DanQoi>ere suo se abstinuerit et hangam Londoniensem sit adeptus, a nobis 
in scabinum eligi non debet. Urk. des Grafen Thomas von Flandern und 
seiner Gemahlin v. Janr. 1241 (Warnkönitf II, i, S.97). lieber diese Hanse 
der Brügger zu London vgl. Koppmann, Hanserecesse Abth. I, Bd. i, 
S. XXVII, XXVIII. — 5) Wamkönig i, S. 318. — 6) Wackemagel, alt- 
franz. Lieder n. Leiche S, 190 zählt zwölf Namen lyrischer Dichter auf, 
die alle nach Arras gehören. 

S. 54» i) Warnkönig i, S. 33, 2. Abth. 2, S. 231. Hist. de la 
Flandre par Gheldolf 2, p. 417 (Brügge). — 2) Wauters, de l'origine 
des libertis communales en Belgique (Brux. 1869) p. 32 nach einer von 
Herrn Gnesnon zu Arras mitgetheilten Abschrift (p. 288); vgl. jetzt auch 
Guesnon, cartulaire de la ville d' Arras — 3) Gent § 26: item si 
scabini a comite vel a ministro comitis submoniti falsum super aliqua re 
Judicium fecerint, veritate scabinorum Atrebatensinm sive aliorum, qui 
eandem legem tenent, comes eos convincere poterit, et si convicti fuerint, 
ipsi et omnia sua in potestate comitis emnt. Ebenso Brügge § 26. — 
4) Histoire de la Flandre 5 (Paris 1864), p. 426 u. p. 103. (Dieser fünfte 
und letzte Band der französischen Ausgabe des Wamkönigschen Buches 
ist ein selbständiges Werk Gheldolfs und behandelt allein die Stadt Ypem ; 
vgl. N. Archiv f. alt. deutsche Gesch.-Kunde 4, S. 46.} — 5) Gheldolf p. X04. 

— 6)- hujusroodi libertatem omnibus burgensibus Ipre . . . dedi, 

quatinus nee duellum nee Judicium igniti ferri aut aque infra jus Iprense 
faciant; si quid autem alicui eorum obicitur, unde duellum aut Judicium 
igniti ferri aut aque facere consueverant, quinta manu per quatuor electos 
parentes suos juramento se purget. — 7) Wamkönig 2, Abth. i, S. 158; 
Gheldolf 5, p. 321. Diegerick in den Ann. de la socl^tä d^6mulation 7^ 
2, p. 219 mit vollständigem Facsimile. Zum Inhalt vgL Warnkönig i» 
S. 357; 3» S. 300, Waitz, Vf.-Gesch. 7, S. 402; 8, S. 85. 

S. 55, I) J. Grimm, Reinhart Fuchs, S. LXIV. Willehalm (hg. v. 
Lachmann) Str. 437 in der Schilderung der Schlacht von Alischanz: man 
hört da mangen niwen döz — swannen ie der man was benant — also 

schrei er al zehant Iper unde Arraz — schriten Flaeminge — ma- 

neges swertes klinge — erklanc so man die krie schrei — wie die Loth- 
ringer Nanzei (Nancy) und die von der Champagne Provis (Provins) 
schrieen. — 2) Bouquet, Recueil XVII; die hier in Betracht kommende 
Stelle bei Wamkönig i, S. 72 (Urk.). ^ 3) Caesar, de hello gallico IV, 
21, 27; VI, 6 u. a. nennen Commius Atrebas. — 4) Reinaert hg. v. Mar- 
tin V. 88 — 93. Goethe I, 37 übersetzt: Würde die Leinwand von Gent, 
so viele auch ihrer gemacht wiid, Alle zu Pergament, sie fasste die Streiche 
nicht alle, obschon die von ihm als Hauptquelle benutzte Prosaauflösung 
Gottsched's (1752) laken richtig mit Tuch wiedergiebt. (Ausg. v. Strehlke, 
Berlin 1872.) — 5) Encomium Emmae, reginae Anglorum (f 1040) citirt 
.bei Lappenberg, Stahlhof S. 5 Anm. 4. — 6) Hildebrand 6, S. 221. — 

— 7) Das. S. 223. 

S. 56, I) lib. 15 c 58, Bl. 251b in dem Exemplar der Göttinger Bi- 
bliothek: impressus et completus per me Johannem Koelhoff de Lübeck 



- 69 - 

Colonie dvem anno gracie 1483 in vigilia Sebastian! martyris. Eine Nürn- 
berger Ausgabe desselben Jahres führt Koppmann, Hans. Gresch«-Bl. 1875, 
S. 237 an. — Auszüge geben Wamkonig i, S. 75 (Urk.), vgl. S. 130, and 
Wackemagel bei Hanpt, Ztschr. f. I>eat8che8 Alterth. 4, S. 479; letzterer 
ohne den Autor zu erkennen. — 2) hnsloden, selbstverfertigtes grobes 
Tuch, noch heute in Süddeutschland Hausloden geheissen; das analoge 
Hausleinwand allgemein verbreitet Schmeller - Frommann, Bayr. Wb. i, 
Sp. 1444. — 3) Kaiajan in Haupts Ztschr. für deutsches Alterth. 4, S. 43. 
Wackemagel, Kl. Schriften i, S. 191. 

S. 57, i) Chroniken der deutschen Städte Bd. IV (Augsburg IX S. 31. 
^ 2) S. oben S. 55. — 3) Epistolae de rebus familiaribus lib. I ep. 3 
{Ausg. von Fracassetti, Florenz 1859, Bd. i, S. 41). — 4) J. Grimm, deutsche 
Mythol. (4. Ausg.) i, S. 489. Man erinnert sich, wie schön J. Grimm die 
Stelle Petrarcas zum Eingang seiner Rede auf Schiller benutzt hat (Kl. 
Schriften i, S. 374). — 5) S. oben S. 49. Grimm, Wb. 5, Sp. 2065 (Hilde- 
brand). — 6) Vilmar, Idiotikon von Kurhessen S. 382. Schmeller-From- 
mann 2, S. 265. Mnd. Wb. 4, S. 464 unter sulvende. ^ 7) Grimm, Wb. 6, 
Sp. 80 (Heyne). — 8) Ein Seitenstück dazu bildet das Wort Kante. 
Niederdeutsch, ist es nicht blos in der allgemeinen Bedeutung von Rand 
erst im 17. Jahrhundert in die Schriftsprache eingeführt, sondern auch in 
der hier näher interessirenden Verwendung für Spitze erst seit dieser Zeit 
hochdeutsch gebraucht worden. Grimm, Wb. 5, Sp. 173, 174 (Hildebrand). 
Kantmaken ist die flämische Bezeichnung für das, was wir jetzt hoch- 
deutsch mit einem dem sächsischen Erzgebirge entlehnten Ausdrucke 
Klöppeln nennen. Kohl, JLeisen in d. Niederl. i, S. 230; Grimm, Wb. 
das. Sp. 1233. — 9) „Der brief lautet von den Flemingen oder der verber 
rechten'* überschreibt ein Wiener Copialbuch die Erneuerung der Privilegs 
für die Flandrenses v. 1208 im J. 1373 (R. der St Wien I n. 86); s. u. 
zu S. 58 A. 2. 

S. 58, I) Rechtsb. nach Distinct. hg. v. Ortloff V c. 8 (S. 291). Die 
Ueberschrift fährt noch fort: wenn mancherleye sin in eim lande anders 
wenn in dem andern, der ich nicht gancz usrichtunge mac gehaben wider 
uz Flandern noch uz Pravant, sundem lendischer sechsischer art und 
keiserwicpild rure ich von guter kuntschaft, waz ich mac. Unter dem 
Kaiserweichbild, das der Verfasser berücksichtigt, ist das Recht der Stadt 
Goslar zu verstehen. — 2) Geschichtsquellen der Stadt Wien. Rechte der 
Stadt Wien hg. v. Tomaschek I (Wien 1876) n. 2: burgenses nostros qui 
apud nos Flandrenses nuncupantur taliter in civitate nostraWienna insti- 
tuimus, ut ipsi in officio suo jure fori nostri in civitate et in terra nostra 
libertate et privilegio aliorum nostrorum burgensium omnimodis gandeant 
et utantur. — 3) Grimm, Wb. 3, Sp. 171 1 giebt Beispiele, namentlich aus 
Goethe; fast überall kehrt die Zusammenstellung „flämisch Gesicht" wieder. 
— 4) Wackemagel, altfranz. Lieder und Leiche S. 194. Neidhart von 
Reuental (c. 1230) hg. von M. Haupt S. 54, 35: so ist er niht ane der 
vlaemischen hövescheit. Vgl. S. 102, 34. S. 82, 2: mit siner rede er 
vlaemet. — 5) Grimm, Wb. 3, Sp. 1722. — 6) Grimm, Wb. 5, Sp. 338 



— 70 — 

<Hildebrand). Vgl. auch die schon früh begegnenden städtischen Rechts- 
bestimmungen über Bigamie, fälschlicheis Ansprechen um die Ehe; s. 
meinen Aufsatz in Hans. Gesch.-Bl. 187 1, S. 41. 

S. 59, I) S. unten Anm. 3. — 3) Lexer, Mhd. Wb. i, Sp. 186. — 

3) Urk. von 1226 Nov. 7: sententialiter etiam difHniendo, quod campana 
sive caropane et campanüe quod berfrois didtur et communia quam pacem 

nomin ant in eadem civitate tollantur et destruantur omnino. 

Original in Lille, danach Abschriften in den Sammlungen der Mon. 
Germ, histor. Der Druck M. G. LL. 2, S. 257 ist unvollständig. 

S. 60, I) Die Drucke bei Wamkonig i, S. 32 und Gheldolf 2, S. 416 
sind mangelhaft. Nach dem Origibal des Stadtarchivs: Mim. de la Mo- 
rinie 4, p. 345 nnd Giry p. 378. — 2) Illud quoque addidimus, quod alie- 
nus negotiator nusquam nisi in predicta domo vel in foro merces suas 
vendendas exponat aut vendat, soUs autem burgensibus in gildalla, in foro^ 
seu magis velint in propria domo sua vendere liceat. — 3) Urk. desselben 
Ausstellers c. 1157 bei Gheldolf a. a. O. Mim. p. 346. Griry p. 379, — 

4) Dortmunder lat. Statuten Art. 9 (Fahne, Dortmund, 3, S. 20); v. Maurer, 
Gesch. der Städteverfassung i, S. 255; Mnd.Wb. i, S. iii. — 5) Coutnme 
de la ville de Gand (im Recueil des anciennes coutumes de la Belgique 
vgl. N. Archiv f. ältere deutsche Gesch.-Kunde 4, S. 49) hg. v. Gheldolf, 

P. 484. 

S. 61, i) Gheldolf (s. oben Anm. zu S. 54, 4) 5, p. 51. — 2) Schnaase^ 

Niederländ. Briefe (Stuttg. 1834) S. 424 erwähnt sie noch; auch die Ab- 
bildung in Lübkes Gesch. der Architectur (Leipzig 1875) 2, S. 545 zeigt 
sie noch. Vermuthlich ist sie seit der Restauration von 1860 verschwun- 
den. — 3) Gheldolf p. 51. — 4) £x parte dilectorum 61iorum scabinomm 
et nniversitatis ville Yprensis fuit propositum coram nobis, quod cum in 
vUla ipsa, in qua fere ducenta milia hominum commorantur, quatuor par- 
rochiales ecclesie tantummodo sint Statute .... Wamkonig 2, i, S. 168; 
Gheldolf 5, p. 362. — 5) Studien von Daub und Creuzer 4 (1808X S. 105. 
Auf die Stelle hat mich Janssen, Gesch. des deutschen Volkes i, S. 142 
aufmerksam gemacht, wo aber statt Jacob zu lesen ist: Wilhelm. 



III. 



ZUR 



DEUTSCH-DANISCHEN GESCHICHTE 

DER JAHRE 1332-1346. 



VON 



KONSTANTIN HÖHLBAUM. 



In der Geschichte der Hanse knüpft die Tradition an den Namen 
König Waidemars IV von Dänemark die Erinnerung an die höchste 
Entfaltung ihrer Macht. Es besteht die Meinung, dass die Einigung 
der norddeutschen Städte im Bunde der Hanse, zu welcher er 
durch seine Offensive den Anstoss gegeben , den grössten Sieg er- 
rungen habe durch das Recht der Verfügung über die dänische 
Königskrone. Doch hat in Wirklichkeit dieser äussere Erfolg, 
welcher am meisten in die Äugen springt, nicht lange praktischen 
Werth gehabt. Vielmehr wird die vornehmste Bedeutung der wal- 
demarischen Zeit für die Geschichte der städtischen Hanse darin 
zu finden sein, dass sie auf der einen Seite den Bund, dessen Um- 
fang zuvor nie so weit gewesen, als politischen Faktor in die grossen 
Geschälte der europäischen Staatsgewalten eingeführt hat: andrer- 
seits aber in der «Entscheidung, welche in dem Wettkampf des 
deutsch-nationalen Elements mit den bestehenden Volksmächten in 
Skandinavien auf lange Zeit zu Gunsten des ersteren schon hier 
getroffen ist 

Für Dänemark bedeutet die Epoche die Herstellung des Reichs, 
des Staats und der Nation. 

Das dänische Volk war seines äusseren Zusammenhangs beraubt, 
aus defn Rath der Völker, welcher über das Ansehen einer Nation 
entscheidet, verdrängt. Durch König Waldemar empfing es von 
neuem einen nati<Mialen Impuls und grossartige Ziele, die es mit 
frischer Kraft erfüllten und zu nachhaltigen Wirkungen nach aussen 
befähigten. 

König Waldemar führte zuerst sein Volk und sein Reich in 
die neue Auffassung des Staatslebens ein, welche in seinem Zeit- 
alter begründet worden ist Die höchste Gewalt unter dem Ein- 
fluss neuer Prindpien richtete er daheim wieder auf. Zugleich ergab 
er sich weit schauenden Tendenzen auf die Ausbreitung der däni- 



— 74 — 

sehen Macht, die im Geist seines 2^italters lagen. Wie er in der 
zweiten Periode seiner Herrschaft kamn einen andern Gedanken 
mehr verfolgt als die Unterwerfung der Städte und Fürstenthümer 
im nordlichen Deutschland, die ihrerseits ihn zu Falle bringen sollten, 
so lebt er zu Beginn in dem Wunsch die skandinavischen Nach- 
barn zu überflügeln und in der Idee durch Frankreichs Hilfe die 
verjährten Ansprüche des dänischen Königshauses auf England, die 
seit dem ii. Jahrhundert geruht hatten, durchsetzen zu können. 
Das erstere ist ihm gelungen. Das zweite unermessliche Projekt 
musste an seiner inneren Unwahrheit scheitern: der Friede von 
Br^tigny hat ihm das Ende gebracht. 

Vor allem jedoch gewann Konig Waldemar den Ruhm das 
dänische Reich, von dem bei seiner Thronbesteigung nur noch 
einzelne Landersplitter übrig waren, in seinem territorialen Bestände 
wieder hergestellt zu haben. Die sammelnde, reformirende, schöpfe- 
rische Thätigkeit charakterisirt das erste Drittel seiner Regierungs- 
zeit. Er steht hierin keinem seiner fürstlichen Zeitgenossen nach; 
er übertrifft die meisten durch die Energie, die Entschiedenheit, 
die Leidenschaft seines Handelns. 

Es gehört nicht zu den kleinsten Aeusserungen seiner Regie- 
rungsweisheit, dass er mit der Sammlung seines Reichs eine 
Sichtung der einzelnen Theile verband. Indem er das grosse Ziel, 
das er sich gesteckt, alle Zeit im Auge behielt, verzichtete er auf 
die kleinen Vortheile, die nach seiner zutreffenden Berechnung sich 
bald zu Nachtheilen für seine Unternehmungen hätten umwandeln 
müssen. 

In diesem Sinne hat er sich des Herzogthums Estland ent- 
äussert, nachdem es mehr als ein Jahrhundert mit der Krone 
Dänemarks verbunden gewesen. 

Die folgenden Zeilen machen den Versuch die Entwicklung 
des Ablösungsprocesses darzustellen und die Erwerbung Estlands 
durch den Deutschorden in dem allgemeinen Zusammenhang der 
deutsch-skandinavischen Geschichte zu erfassen'). 



^) Ausdrücklich wird hier diese Aufgabe betont im Gegensatz zu 
Y. Bunge, Das Herzogthum Estland unter den Königen von Dänemark 
(1877X ^^ °^' der äussere Hergang, aber weder die inneren Bezüge noch 
die weiteren Befthrungen, welche bei der Abtrennung Estlands gewirkt 
haben, verfolgt sind. 



— 75 — 



Den Vater Waldeinars, der einmal seinen Thron verspielt 
hatte, ereilte das Missgeschick durch zahlreiche feindliche Mächte, 
von denen jede im Besitz einer nachdrücklichen Gewalt war, gleich- 
zeitig angegriffen za werden. 

Als König Christof im August des Jahres 1332 aus dem Leben 
schied, gab es kaum ein Gebiet, das ein Konig von Dänemark 
hätte 'sein nennen können; kaum auch einen unbestrittenen Erben 
für den Thron. Zu den Bewerbern um das dänische Land und 
den ^Rivalen im Reich, unter welchen Graf Gerhard von Etolstein 
am höchsten empor ragt, gesellte sich in dieser Stunde der junge 
König von Schweden, der aus der Vormundschaft, aus der er eben 
entlassen war, die Gegnerschaft gegen Dänemark in seine eigene 
Regierung herüber nahm. 

König Magnus von Schweden und Norwegen, ein Sohn Inge- 
borgs, die Herzog Knut Porse von Halland die Hand zur zweiten 
Ehe gereicht hatte, erwarb unmittelbar nach dem Tode König 
Christofs unter der Bürgschaft hansischer Städte den Pfandbesitz 
von Schonen, Blekingen und Lister für seine Kronen. Die Rück- 
erwerbung dieser politisch und finanzwirthschaftlich bedeutsamen 
Landschaften, die eine fast unerschöpfliche Fundgrube für den 
Schatz des dänischen Reichs gewesen sind, bot sich später dem 
König Waldemar IV als ein sehr hervorragendes Ziel seiner dyna- 
stisdi-politischen Bestrebungen dar. Jetzt gelangte der schwedisch^ 
König 9 der seinen Besitz auf der skandinavischen Halbinsel ge- 
schlossen hatte, sehr bald zu der Idee seine Macht auch an einem 
wichtigen Punkt auf der östlichen Küste des baltischen Meeres auf- 
zurichten. Seit der Einverleibung Finnlands in das schwedische 
Machtgebiet war hier eine Operationsbasis gegeben. Es liess sich 
denken, dass Kraft und Entschlossenheit im inneren Regiment dem 
Herrscher gestatten würden sie ganz auszunutzen: an dem Gegen- 
theil scheiterte der Versuch das dänische Herzogthum am finnischen 
Golf zu unterwerfen. 

Das Herzogthum Estland trug durch die ganze Zeit seiner 
Zugehörigkeit zu Dänemark, in verstärktem Mass aber seit dem 
Beginn des Jahrhunderts, wo es politische Verträge mit den Nach- 
barmächten schloss, fast alle Kennzeichen eines selbständigen Ter^ 



- 76 - 

ritoriums. Die Grossen des Landes, Vassallen des Königs, aber in 
überwiegender Mehrheit gleich der stadtischen Bevölkerung im Lande 
der deutschen Nationalität angehörig, übten nahezu uneingeschränkt 
die Befugnisse der Öffentlichen Gewalt. Die Stellvertreter des Königs, 
die Hauptleute von Reval, mit wenigen Ausnahmen nationale Dänen, 
konnten gegen sie überall nur wenig aufkommen: zu Zeiten äusserte 
sich ihre Gewalt allein in dem Oberbefehl über die königliche 
Besatzung im Schlosse von Reval. Das dänische Bisthum in Est- 
land, welches dem Erzbisthum Lund folgte, hat die Verbindung 
mit dem Reich mehr gelöst als gehalten. Die Stadt Reval genoss 
fast ganz freie Bewegung, selbständig nahm sie an den Unter- 
nehmungen der deutschen Städte lübischen Rechts und der Städte 
der norddeutschen Vereinigungen theil. 

Bei allem mussten jedoch nach dem natürlichen Verlauf die 
Wirren, welche im dritten und vierten Jahrzehnt des 14. Jahrhun- 
derts das dänische Königreich erschütterten, auch das estländische 
Herzogthum ergreifen. Schon von König Christof in die Berech- 
nungen seiner Haus- und Thronpolitik hineingezogen wird es dann 
bei seinem Tode gleichzeitig von mehreren Mächten umworben. 

In diesem Moment übte dort als königlicher Statthalter Mark- 
ward Breide die Amtsgewalt aus, ein Mitglied des verzweigten an- 
sehnlichen Geschlechts, welches in Dänemark wie in Holstein und 
in deren Begegnungen mit den deutschen Städten sich einen Namen 
bei der Mitwelt erworben hat. Gleich seinen Stammgenossen im 
Westen will er, wie es scheint, jetzt mit Hilfe einer eigenen Politik, 
die bei dem Mangel eines wirklichen Königthums in Dänemark 
Aussichten auf Erfolg besitzt, sein Amt zum Gewinn unmittelbarer 
materieller Vortheile ausbeuten: die Schlösser, denen er vorsteht, 
sollen ihm als Objekt für einen einträglichen Handel dienen; an 
dem Deutschorden in Livland hofft er einen Abnehmer zu finden. 

Dieser tritt hier offen mit seiner Tendenz sich Estlands zu 
bemächtigen hervor. 

Durch die geschichtliche Vergangenheit einander verwandt, 
durch die deutsche Kolonbation und deren Gestaltungen noch fester 
mit einander verknüpft, schienen das Herzogthum am finnischen Golf 
und der Ordensstaat an der Düna, der seinerseits Rückhalt im 
Hochmeisterschloss zu Marienburg fand, zu einem einzigen Ganzen 
bestimmt zu sein. Die Meister von Liviatid richten seit der Kon- 



— 77 — 

solidirung ihres Besitzes schon eine geraume Zeit ihren Bück 
auf Harrien und Wirland, die Landschaften des Herzogthums, 
welqhe geeignet sind das Gebiet des Ordens glücklich abzurundei» 
xmd gegen feindliche Invasionen wenigstens in einer Richtung zu 
schätzen. ' 

Nicht ganz ausreichend sind wir über die Verpflichtungen, die 
nun eingegangen wurden, unterrichtet. Ohne die Kaufsumme su 
erfahren, bemerken wir, dass der Statthalter des Königs die Schlösser 
dem Orden überliefert und ihm hierbei in die Hand des Vogts 
von Jerwen, Reimar Mumme, das Versprechen seiner Freundschaft 
und Zuneigung giebt, welches er in gleicher Weise von dem Bischof 
Jakob von Oesel wieder empfängt^). Es li^t nicht zu Tage, ob 
das letztere blos eine Formel des Vertrags bedeutet oder weitere 
Aufklärungen über das gegenseitige Verhältniss in sich birgt. Indem 
nur der Schlösser gedacht wird, bietet sich die Annahme dar, dass 
nur sie, mithin nur ein Theil seines Machtbezirks, gemeint sein 
können, dass der Verkäufer die Besitznahme des übrigen dem 
Orden erleichtern, wenigstens nicht hindern wird. Die Einrichtung 
einer neuen Herrschaft schien bevor zu stehen. 

Aber nicht unmittelbar praktische Folgen hat dieser Handel 
gehabt. Er ist ohne Zweifel an dem Widerstand der estländischen 
Vassalien gescheitert; vielleicht, dass daneben auch der Orden durch 
besondere Erwägungen, die sich aus der Lage der Dinge ergaben^ 
in der Verfolgung seines Ziels aufgehalten worden ist. Die Vas- 
sallen, welche sich immer thatsächlich das Recht selbständiger Ent- 
Schliessungen gewahrt haben, sind, wie die Ueberlieferung zeigt, 
der eigenmächtigen Handlung des Hauptmanns entgegen getreten. 
Denn die Schätzung ergab sich von selbst, dass die vielleicht nur 
auf eine gewisse Zeitdauer ausbedungene Okkupation durch den 
Orden bald zu dem bleibenden strengen Regiment desselben führen 
würde, welches die uneingeschränkte Bewegung der Vassallenschaft 
aller Erfahrung gemäss nicht dulden könnte. Man vermochte sich 
zu dem auf eine Zusicherung des verstorbenen Königs Christof aus 
dem Jahre 1329 zu berufen, nach der Estland niemals von der 
Krone Dänemarks abgelöst werden solle: die Zusage eines ent- 



') LivISnd. U. B. 2, n. 763: der Bischof bezeugt dies zwei Jahre 
später auf dem Landtag zu Pernau, 1334 Sept. 5. 



- 78 - 

thronten Königs ; die allein gegeben war, um ihm neue Mittel im 
Kampf mit seinen Gegnern einzubringen. 

So rüsten sich die Herren wider Mark ward Breide, damit zu- 
gleich gegen den Orden ; mit ihnen Bischof Olaf von Reval. Sie einigen 
sich auch ihrerseits unter der Aegide des Bischofs von Oesel über 
die Auslieferung des kleinen Schlosses von Reval an Bischof Olaf: 
seinen Bruder und einige Knappen, die dort in Gefahr ihres Lebens 
in Fesseln liegen, wird er um baares Geld oder Getreide vom 
Hauptmann auslosen'). Man darf sagen, dass hier dem Bischof, 
der sich mit dem Hauptmann eben entzweit hatte, die Vertretung 
der Interessen des estländischen Adels und des dänischen Reichs 
gegen die Ablösungsversuche zugetheilt wurde. Durch die Wahl dieses 
Führers, der im Glücksfall leicht zu beseitigen war, gewann der 
Widerstand gegen den Stellvertreter des Königthums den Schein 
der Gesetzlichkeit; in dem kleinen Schlosse würde er sich gegen 
Breide und den Orden festgesetzt haben. In der That scheint 
dieser Schachzug augenblicklich den Sieg davon zu tragen. Denn 
unmittelbar folgt dem Pakt ein Vergleich der königlichen Räthe 
von Estland mit Breide in Gegenwart des Bischofs von Oesel und 
des Vogts von Jerwen, welcher als Vertreter des Ordens gilt, mit 
Bezug auf die Resignation auf die Schlösser von Reval und Narwa: 
gegen eine ansehnliche Summe verzichtet der Hauptmann auf sie 
nicht zu Gunsten des Ordens, sondern der VassaUen, hiermit auch 
des Bischofs, die jetzt allein die Herren des Landes werden. Hier 
müssen die gedachten Erwägungen der Gewalthaber von der 
Dana den Ausschlag für ihren vorläufigen Rücktritt gegeben 
haben; dass er nicht mehr als einen Stillstand bedeutet, beweisen 
bald andre Zeugnisse. 

Nach dem Ausscheiden des Hauptmanns aus seiner Stellung 
(ob durch feierlichen Verzicht, ist nicht ausdrücklich gesagt % nimmt 
der Deutschorden die Ansprüche, die ihm früher eingeräumt sind, 
wieder auf unter dem Eindruck einer neuen dänischen Regung in 
der estländischen Angelegenheit. 



') A. a. O. 2, n. 758: 1332 Dec. 26, wozu das. 3, Reg. ad a. „Xuac 
capitaneus" bedeutet: Hauptmann z. Z., nicht Hauptmann a. D., wie v. 
Bunge a. a. O. S. 62 will; vergl. besonders 2, n. 757. 

*) Livl. U. B. 2, n. 754: 1333 Juli 30 begegnet er als „ehemaliger 
Hauptmann'^ 



— 79 — 

Sie geht aus von Junker Otto von Dänemark, dem älteren 
unter den beiden noch lebenden Söhnen Christofs, der sich Herzog 
von £stland und Laland nennt und nach dem dänischen Königs- 
thron ausschaut. Er nimmt frühere Zusagen Dänemarks an Bran- 
denburg, die in den fortdauernden Verhandlungen öfters erneuert 
worden sind, wieder auf und bestimmt am 6. Oktober 1333 ledig- 
lich in finanziellem Interesse die Abtrennung Estlands vom Reich 
Dänemark. Er überweist es in seinem ganzen Umfang und mit 
allen Rechten seinem Schwager, dem Markgrafen Ludwig von Bran- 
denburg, der Ottos Schwester Margarethe geehelicht hatte und 
dabei in Bezug auf die Mitgift auf Estland dirigirt war; er ver- 
spricht die Einwohner, wenn es erforderlich wurde, zur Unter- 
werfung zu zwingen und die Abtretung nach seiner Krönung als 
König von Dänemark, die er aus allen Kräften anstrebte, feierlich 
2U konfirmiren. Auch dem Kaiser, dem Vater des Markgrafen, 
giebf er diese Willensäusserung zu erkennen. 

Sie wurde zunächst freilich nicht vollzogen, weil sie nach den 
eigenen Worten Junker Ottos seine Krönung, die nicht erfolgte, 
voraus setzte. Allein bereits die Aussicht, die sich hier eröffnete, 
musste den Deutschorden anspornen die schon zum Theil belegte 
Beute sich nicht entwinden zu lassen. 

Nur unter diesem Gesichtspunkt begreift sich der Vertrag, den 
der Hochmeister Luther von Braunschweig unter der Vermittlung des 
jfibischen Raths mit Markward Breide einging (1334 Juni 4). Beim 
Austrag der bestehenden Uneinigkeit') verpflichtete sich hier der 
Hochmeister seinem Vertragsgenossen von den königlichen Vas- 
salien in Estland, gegen welche Breide wegen erlittenen Schadens 
geklagt hatte, in bestimmter Frist Genugthuung oder Busse zu 
versdia£fen; andernfalls ihm den öffentlichen und geheimen Gebrauch 
von Gewalt gegen sie zu gestatten; sollte er, der Hochmeister, sich 
aber auf die Seite der Vassallen schlagen, so würde Breide recht- 
zeitig davon benachrichtigt werden. 

Alles zeigt, dass der Orden sich die Hände frei hält. Gegen 
Breide behauptet der Hochmeister, der in dieser Frage an die Stelle 
•des livländischen Ordenszweiges getreten ist, den Standpunkt der 
Abmachungen von 1332 in der Absicht sie weiter zu verfolgen. 



') Sie betrifft doch auf alle Fälle die Pakte von 1332. 



-: 80 — 

Zugleich behält er sich vor seinem Ziele durch eine unmittelbare 
Verständigung mit den estländischen Vassallen naber zu rücken. 
Denn jetzt erhob sich die Frage, ob nicht die Herrschaft des Or- 
dens am Ende vor derjenigen des Brandenburgers den Vorzug ver* 
diene, die das Herzogthum in die Verbindung jmt den altdeutschen 
Territorien, in das Getriebe der wechselvollen kaiserlichen Politik 
und des Tauschhandels und in weitere unberechenbare Verwick-^ 
lungen hinein zu ziehen drohte: war es doch sogar nicht ausge- 
schlossen, wenn auch wenig wahrscheinlich, dass der Brandenburger 
dereinst, so lange das Recht Ottos galt, den dänischen Königs- 
thron bestiege. 

Aber unerwartete Ereignisse traten dazwischen. 

Zunächst wurde Junker Otto nach seiner Niederlage auf der 
Tapheide (1334 Oktober 6) aus einem Kronprätendenten der Ge- 
fangene seiner Gegner unter der Führung des Grafen Gerhard von 
Holstein. Während er in Segeberg, dann in Rendsburg einge- 
schlossen blieb, schaltete der Graf nahezu sechs Jahre lang aU 
Herr über Dänemark: bei den grosseren Interessen, die er ver- 
folgte, gab es. für ihn keinen Handel um Estland. Sehr bald darauf 
sind auch die andern mitwirkenden Personen, Markward Breide') 
und .Luther von Braunschweig (1335 April 18) durch den Tod vom 
Schauplatz entfernt. 

In dem Stillstand, der hiermit eintrat, aber doch jeden Augen- 
blick eine Abänderung durch die Politik der entscheidenden Staaten 
an der Ostsee erfahren konnte, hat hierauf eine Annäherung 
zwischen den Vassallen des estländischen Herzogthums und dem 
König von Schweden stattgefunden. Sie war von Erfolg, so bald 
diesen nur die Rücksicht auf das zerrissene dänische Reich be- 
stimmte; um so mehr, da sie auch die Stadt Reval und deren 
Handelsinteressen in sich begriff. 

Den Anfang macht in unsrer Ueberlieferung ein königliche» 
Dokument vom 10. März 1336, welches den Gesandten des est- 
ländischen Adels und der Stadt Reval Geleit bis zum 15. August 
ertheilt. Es ist offenbar | dass zu Stockholm, wo der König sein 



') Vor dem 21. Man 1335, vergl. Schlesw. Holst. Ztschr, 3, 196. 
Der im Livl. U. B. 2, n. 774 am 15. Juni 1336 in Lübeck vorkommende 
Markward Br. ist ein Sohn des vorigen. 



i 



— 8i — 

glänzendes Heerlager hielt, die Geschicke des baltischen Landes 
entschieden werden sollten. 

Eine ansehnliche Zahl hervorragender Persönlichkeiten, geist- 
licher nnd weltlicher Würdenträger hatte sich dort eingefunden, 
um der Krönung des Königs und seiner Gemahlin Blanka von 
Namur (21. Juli) beizuwohnen. Auch die Boten der hansischen 
Städte waren um ihrer alten Handelsprivilegien willen und zum Aus- 
trag von Streitigkeiten daselbst anwesend; sie erreichten bis zum 
15. August die Herstellung friedlicher Beziehungen zwischen dem 
König und den Städten. £s sollte scheinen, dass die ausgezeich- 
nete Rolle, die bei den Krönungsfestlichkeiten dem livländischen 
Bischof Engelbert von Dorpat zugetheilt wurde, auf die Verstän- 
digung mit Estland hätte einwirken müssen. Sie war dem König 
augenscheinlich ein Gegenstand ernster Aufmerksamkeit. Dieselben 
Räthe Nikolaus Abiorneson und Peter Jonsson, die früher in des 
Königs Namen mit dem revalschen Rath sich eingelassen hatten, 
leiteten während der Stockholmer Festtage, an denen sie theil- 
nahmen, die Verhandlungen. Bei den Tendenzen des Königs, die 
sich überall äussern, ist ein Zweifel an seinem Entgegenkommen 
nicht zulässig. Wenn jedoch das von ihm erstrebte Ziel nicht 
erreicht worden ist, so liegen die Gründe, die nur vermuthet werden 
können, zum Theil wohl in den inneren Unruhen, welche die Ver- 
bindung Schwedens mit Norwegen grade um diese Zeit erzeugte, 
zum grösseren Theil aber wohl auf der estländischen Seite. 

Bei der Verhandlung über einen Wechsel im Regiment musste 
sich an erster Stelle die Frage nach der Garantie für die Rechte 
des Adels im Herzogthum aufwerfen. Uebersieht man die Haltung 
des estländischen Vassallenthums während des Jahrhunderts däni- 
scher Herrschaft, so wird man zu der Annahme gedrängt, dass 
die $umme von Vorrechten und Freiheiten, welche der Adel als 
Preis für den Uebertritt aufgestellt hat, den Werth doch überstieg, 
welchen die Erwerbung des Landes für den König haben konnte: 
die Gefahr für seine Person und das Reich fiel d»n gegenüber 
in die Wagschale. Es scheint zu dem, dass die Stadt Reval nur 
eine kurze Strecke Weges mit dem Adel gegangen ist, dass^ sie 
den Antrieb zu dem gemeinsamen Parlamentiren verloren hat, seit 
die massgebenden Handelsinteressen durch die Verträge mit den 
hansischen Städten und durch Zusicherungen für den Verkehr ihrer 

Hanrische Geschicbtsblätter. VIII. 6 



, — 82 — 

Bärger in drei finnländischen Distrikten (Sept 30) gewahrt waren. 
Diese Konzession, die noch aus der Umgegend von Stockholm 
ertheilt worden ist, bleibt das einzige thatsachlich feststehende 
Resultat der vorauf gegangenen Besprechungen./ 

Die Lage des Herzogthums verändert sich hierauf nach aussen 
hin nur dadurch, dass man zur dauernden Beseitigung des däni- 
schen Einflusses gelangt ist; nicht einmal eine Hauptmannschaft 
lässt sich für eine Reihe von Jahren nachweisen. Die Stadt Reval 
lebt ihrem Handel, das Vassallenthum treibt der grossen Kata- 
strophe, welche nach sechs Jahren herein bricht, immer schneller 
entgegen. Man fragt vergeblich nach dem.Deutschorden, der sein 
altes Ziel erst dann wieder offen aufnimmt, da Prinz Waldemar 
von Dänemark im Felde erscheint und die estländische Frage zu 
neuem Leben erweckt 

Auf das Reich, in welchem Graf Gerhard von Holstein all- 
mächtig gebietet, erhebt zum ersten mal im Sommer 1338 Prinz 
Waldemar, der jüngste Sohn König Christofs, seine Anspräche, 
während der Bruder in festem Gewahrsam weilt. Von dem Kaiser 
begünstigt, an dessen Hof er erzogen war, legt er sich den Titel 
des wahren Erben im Reiche Dänemark und eines Herzogs von 
Estland bei; unter ihm sucht er durch Verleihungen an die Kauf- 
leute von Greifswald die norddeutschen Städte fär sich zu gewinnen. 
Die Aufmerksamkmt, die er sofort auch dem Herzogthum Estland 
zuwendet, bewegt sich zunächst in der hergebrachten Richtung und 
ändert sich dann im Gefolge der Ereignisse im dänischen Reich. 

Schon am 9. März 1339 giebt Kaiser Ludwig dem Hochmeister 
Dietrich von Altenburg den Befehl die Kirchenprovinz und die Stadt 
Reval wie das Land Estland, welche dänisches Eigenthum sind, 
im Namen des jungen Königs zu besetzen und für ihn in Gehor- 
sam zu bewahren, damit sie nicht dem Königreich entrissen würden; 
auf ein ausdrückliches kaiserliches Gebot wären sie dann gegen 
Ersetzung etwaigen Schadens und aller Unkosten ungesäumt wieder 
auszuliefern. 

Zwei Momente verschiedener Art, die doch mit einander bar- 
montren, blicken aus diesem Mandat hervor: das eine rein finan- 
zieller Natur, das andere politischen Charakters. Bei dem Kaiser 
galt nicht sowohl die ausserordentliche Fürsorge für den danischen 
Prinzen als die Rücksicht auf die noch unbezahlte Mitgift der Ge- 



- 83- - 

mahlin seines Sohnes, des brandenborgischen Fürsten; sich ihrer zu 
entledigen vor den grösseren Unternehmungen musste auf der andern 
Seite Waldemar nothwendig erscheinen. Dann aber spricht sich 
ohne Umschweife die Besorgniss aus, die Vassalien könnten im 
Stande sein sich auf die Dauer selbständig zu konstituiren und von 
jeder Abhängigkeit loszusagen oder aber König Magnus von Schwe- 
den sei bereit seine Hebel in Estland wieder anzusetzen. In beiden 
Fällen schien der Orden am meisten geeignet die zukünftigen Ge- 
fahren auf sich zu nehmen, wenn er den Kaiser und den Prinzen 
durch Geld würde befriedigt haben: dem Orden, der die schwe- 
dische Nachbarschaft am meisten zu furchten hatte, mochte Est- 
land eine hohe Summe werth sein« 

In diesem Sinne ist das kaiserliche Ausschreiben, das er am 
selben Tage eben so dem livländischen Meister Eberhard von Mon- 
heim übersendet, aufzufassen. Er ersucht die Adressaten das Land 
keinem ausser Waldemar oder dem Markgrafen zu überantworten, 
es sei denn, dass dieser für die Mitgift anderweitigen Ersatz fände; 
wollten sie aber, fahrt er fort und hierauf ruht der meiste Nach- 
druck, das Land für den Orden erwerben, so wird der Kaiser seine 
Zustimmung nicht versagen. 

Der Eindruck dieser Aufforderung war nicht vollkommen. Die 
Haltung der Gebieter des Ordens lässt ein dlpl<»natisches Zögern 
erkennen. Wohl erklärte Junker Waldemar, der sich auch hier 
Herzog von Estland nennt, am 19. März 1340 wie früher der ältere 
Bruder Otto seinen vollen Verzicht auf das Herzogthum, das er 
für die Mitgift dem Markgrafen überweist, und genehmigt der 
Kaiser wenige Tage darauf die Verhandlungen des letzeren mit 
dem Orden über Reval, indem er alle Abmachungen zuvor ratifi- 
cirt. Ein wirkliches Ergebniss ist jedoch auch diesmal ausgeblieben. 
Am wahrscheinlichsten erscheint, wenn man auf die spatere Ent- 
wicklung der Frage sieht, dass die Höhe der Forderung beider 
Verkäufer den Handel vertagt hat 

Ein Ereigniss von grosser Tragweite in Dänemark drängte ihn 
überhaupt zunächst zurück. Der thatsächliche Herrscher des Reichs, 
Graf Gerhard von Holstein, fiel am i. April 1340 unter der Hand 
eines Mörders; dem Prinzen Waldemar öffnete sich eine freie Bahn, , 
mit Uebergehung seines älteren Bruders Otto wurde er Herr und 
König von Dänemark. 



- 84 - 

Ueberall, bei den norddeutschen Landesherren und bei den 
dentsdien Seestädten, knüpfte er Verbindungen an; er begann seine 
kriegerische Laufbahn, um in jahrelangem Kampfe die zersprengten 
Stücke seines väterlichen Erbes von fremder Gewalt zu befreien und 
zu sammeln. Er ist darauf aus auch das estländische Herzogthumt 
das als Gegenstand eines Handels von neuem im Werthe gestiegen 
ist, für .seine grosseren Zwecke nutzbar zu machen. Vor der Hand 
wird die königliche Macht den Vassalien des Landes nach langer 
Zeit wieder vergegenwärtigt durch einen Hauptmann Konrad Preen» 
der schon früher im Lande gewesen und bereits fär den 30. Juli 
des ersten waldetnarischen Jahres im Amte bezeugt ist Bald dar- 
auf wird ihm die Instruktion (1341 Januar 26) die Schlösser und 
das Land dem Schwager des Königs, dem brandenburgischen Mark- 
grafen, mit allen Rechten und Pflichten auf Verlangen zu über- 
geben. Fast gleichzeitig wird aber eine andre Form gesucht den 
unausgetragenen Handel für alle Betheüigten vortheilhaft zu machen; 
denn es gilt doch den Markgrafen, dessen Interesse an der Frage 
durch den Tod seiner Gemahlin Margarethe verringert ist, schad- 
los zu halten, dem König von Dänemark eine ansehnliche Geld- 
summe, deren er bedarf, einzubringen und dabei dem Orden die 
Erfüllung seiner Wünsche in Bezug auf Estland zu verschaffen. 
Dahin zielen die Erlasse des Markgrafen und des, Königs (Febr. 24^ 
Mai 21). Der erstere, der grade einer neuen Ehe entgegen geht^ 
verkauft dem Hochmeister des Deutsdiordois das viel bestrittene 
Land um 6000 Mark'), welche dem König von Dänemark, der 
sich das Nähenecht vorbehält, auszuzahlen sind. Markgraf Ludwig 
begiebt sich somit aller Anrechte auf Estland und weist den Orden 
an Waldemar. Dieser fiberlässt mit Zustimmung seines Reichsraths 
detti Hochmeister und dem Orden Estland, Harrien, T^land, Alen-- 
tacken und die Schlösser und Städte Reval, Wesenberg und Narwa 
mit allen Besitzungen und Rechten um 13000 Mark, die er auf 
die Deckung der Mitgift seiner verstorbenen Sdiwester verwenden 
will; bei der Bescheinigung des Empfangs leistet er auf seine 
Rechte an Estland völlig Verzicht 

Mögen es bk>sse Entwürfe sein: der Sinn die schwebende 
Frage zu lösen ist klar. Im andern Falle bleiben die Gründe» 

») Uebcr die Mitgift vergl. auch Heidemann in Forschung. «. D. Gesch. 
17, S. 1 17, 143 Anm. 2; Budcues in denMärkischen Forschungen 14, S. 296 ff. . 



-- 85 -- 

velche die Ausführung gehepimt haben, unaufgedeQkt^ I^ Däne^ 
mark traten Wanähmgen ein, im Ordensstaat Pre^ssen bracht«; ei^ 
Wechsel im Hochmeisteramt Ludcdf Konig an die ^pit^e*), der die 
ganze Zeit seines Regiments untsir dem Mangel an Entschlossenheit 
gelitten hat, in Uvland drängen die erneuten S^falle tler Russen 
im Moment mehr zur Erhaltung des vorhandenen als im ein^r Ver« 
mehrung des Besitzes. Hieraus würde sich eine Verzögerqi)^ zur 
Genüge erklären. 

Estland nimmt nun wieder wie in den vergangenen Zeiten an 
den Kämpfen gegen die Russen theil. Nachdem sie im Winter 1341 
in das Gebiet des Ordens eingebrochen waren, wo Goswin von 
Herike, der in der estlandischen Frage einen grossen Namen er- 
werben sollte, bei der Gegenwehr sich rühmlich hervor that, wandten 
sie sich am Anfang des folgenden Jahres gegen Estland, brannten 
. und plünderten in Narwa, zogen sich dann aber über das Stift 
Dorpat vor dem Heere des Ordens zurück, der den Schauplatz 
des Krieges in das Land des Feindes verlegen will. Hier wirken 
-die Vögte aus Estland, die königlichen Truppen von Reval bei der 
erfolglosen Belagerung einer russischen Feste mit. Daheim sind 
^e Estländer wieder ganz die Vassallen ihres königlichen Herzogs. 
Der Hauptmann Konrad Preen, welcher ihn vertritt, bleibt jedoch 
nicht lange auf seinem Platze; nachdem er sich an livländischen 
und hansischen Kaufleuten vergriffen hat, fallt er bei einem Streit 
mit dem Orden in dessen Gefangenschaft'), nicht mehr im Amte 
ist er, da die grosse Katastrophe des Jahres 1343 herein bricht: 
der Aufstand der Esten. 

Er entscheidet über die Geschicke Estlands und bleibt einer 
der denkwürdigsten Vorgänge in der Geschichte des Landes. Ihm 
hat vor allem der Orden die Besitznahme der Provinz zu verdanken. 

Die glaubwürdigen Berichte der Zeit lassen keinen Zweifel 
daran zu, dass die sociale Noth der eingeborenen Esten die Bande 



*) Dietrich von Altenburg starb am 6. Okt 1341, der Nachfolger 
wnrde erwählt am 6. Jan. 1342. 

') Beide Angelegenheiten scheinen mit einander in Verbindung zu 
stehen (über die erstere vergl. das Schreiben von 1343 Juni 19 im HanB. 
U. 6. 3); erst 1344 leistet Preen mit seinen Helfern, die wegen einer Summe 
von 212 Mark in Gewahrsam gebracht waren, die Urfehde, LivL U. B. 6» 
Reg. S. 48 n. 974c. 



— 86 — 

des Gehorsams gesprengt hat. Mögen einige geistliche Herren die 
Unlust gegen den christlichen Glauben als Motiv der Erhebung 
der Bauern betrachten: nur in so weit hat sie in Wahrheit gewirkt, 
als sie sich gegen den Beistand richtete, welchen die Lehre und 
die Uebung der Kirche den Herrschenden gewährte. Aber die Haupt- 
frage war för das Estenvolk die Knechtschaft, in die sie im Lauf 
der Zeit immer stärker von den dänischen Vassalien deutscher Na- 
tion waren hinein gezwängt worden. Der furchtbare Ausbruch 
tiefster Gährung in der St. Georgs-Nacht des genannten Jahres 
(April 22, 23) wendet sich gegen alles Besitzthum im Lande und 
gegen die Deutschen als die Vertreter desselben: es ist der Plan 
sie, die einen tödtlichen Hass gegen sich erweckt haben, im Grunde 
auszurotten und jede Spur der deutschen Herrschaft zu vernichten» 
In den blutigen Metzeleien, welche die Esten offenbar nach langer 
Vorbereitung wohl organisirt veranstalten, kommen tausende um, 
die Schriflsteller beschreiben die Greuel, die dabei verübt worden 
sind. Bei der Erkenntniss ihrer drückenden wirthschaftiichen Lage 
wird ihnen die Zeit ihrer UnabHängigkeit, welcher die deutschen 
Eroberer ein Ende gemacht hatten, wieder lebendig. So geschah 
es, dass die Regungen eines nationalen Gefühls von originaler 
Kraft bei der Erhebung mitwirkten. Gestützt aber wurde sie in sehr 
hervorragendem Masse durch politische Momente, die aus der est- 
ländischen Frage entsprangen. Hier greift abermals die schwedi- 
sche Eroberungstendenz ein: ein Rückhalt bei den Schweden stellte 
sich den Esten als ein sehr ansehnlicher Gewinn dar. 

Denn kaum dass die Bewegung begonnen, deren Ursprung 
und Ausdehnung die jüngere Reimchronik Livlands in vortreff- 
licher Weise schildert, wird; da die Esten vor Reval, dem Haupt* 
sitz der Deutschen, lagern, ihre Verbindung mit den Schweden 
offenbar. Des günstigen Augenblicks harrend aufs neue sich Est- 
land zu nähern nehmen die Vertreter des schwedischen Königs in 
Finnland, in erster Linie der Vogt von Abo, das Versprechen der 
Esten Reval zu überantworten und Unterthanen Schwedens zu werden 
mit der Zusage ihrer Hilfe entgegen. Darüber kann nach den 
Zeugnissen kein Zweifel bestehen, dass die finnländischen Gewalt- 
haber in höherem Auftrage vorgegangen sind. Das Land aber, 
gegen welches der kombinirte Angriff sich richten sollte, fand um 
diese Zeit einen neuen Führer, nachdem es seinen dänischen Haupt- 



- 87 - 

mann verloren hatte. Bertram Parembeke, welcher dem Landes- 
adel angehörte und Richter in den Schlössern Revals und des har- 
rischen Landes war, wurde, wohl durch seine Standesgenossen, an 
die Spitze gebracht; er sorgte für die Befestigung der .Burgen, für 
den Unterhalt der Besatzungen und handelte demnächst in den 
politischen Veranstaltungen im Namen der Vassallen. So hatte 
die Noth auch das stärkste Band, welches Estland an Dänemark 
knüpfte, zerrissen. 

Ueberall jedoch wird dem Deutschorden jetzt die Hauptrolle 
zu Theil. Ihn besandte, wie es scheint, durch den Bischof von 
Reval, die Vassallenschaft um kriegerischen Beistand. Es entsprach 
wenig der Lage der Dinge und den Gedanken, welche unter den 
Herren des Ordens seit langer Zeit geherrscht, dass der livländi- 
sehe Meister Burchard von Dreilewen noch den Versuch eines gut- 
liehen Vergleichs mit den Rädelsführern der Aufständischen in einer 
Zusammenkunft zu Weissenstein unternahm. Der Rath der Gebie- 
tiger des Ordens, welcher ihn umgab, trat unter der Anführung 
Goswin von Herikes, des Komturs von Fellin, bald allein für die 
schonungslose Anwendung von Gewalt ein, weil nur sie die Ruhe 
im Lande wieder herstellen und zur Besitznahme der Provinz führen 
konnte. Die Bauern ihrerseits wiesen die Zumuthung sich der alten 
Herrschaft wieder zu unterwerfen sofort ganz von sich '). Sie sind 
eher bereit den Orden als ihren alleinigen Oberherm anzuerkennen; 
sie verfolgen nicht grosse politische Pläne, sondern wollen sich dem 
Orden oder den Schweden in die Arme werfen, wenn nur die be- 
stehenden Gewalten in Estland, denen sie ihre ganze Noth zu- 
schreiben, gestürzt werden. Ihren Antrag konnte der Meister nur 
mit dem Schwerte beantworten , am 14. Mai wurde ihre Hauptmacht 
von dem Ordensheer in einem hartnäckigen Kampf vor Reval 
besiegt. Die Stadt und die Schlösser der Burg sind so von der 
grössten Gefahr befreit, aber noch lagern estnische Heerscharen 
im Lande u nd die Ankunft der Schweden steht bevor. 

^) Wigand von Marburg, der die vollständige Reimchronik Hoenekes 
benutzt hat, meldet noch von einer Botschaft der Esten an den dänischen 
König vor dem Ausbruch des Aufstandes: sie wäre bestimmt gewesen 
die Lage des Landes darzulegen und Hilfe gegen die druckende Herrschaft 
der Vassallen zu erwirken; allein sie sei aufgehalten worden. SS. rer. 
Pruss. 2, 501. Hermann von Wartberge zeigt sich nur iiir die äusseren 
Vorgänge der Empörung interessirt. 



— 88 — 

So sieht der Adel mit den Trappen sich genöthigt sich dem 
Orden ganz zu überliefern, mn dessen Schutz gegen den Andrang 
von aussen zu gewinnen. Am Tage nach der Schlacht bringt der 
stellvertretende Hauptmann Parembeke im Namen der Ritterschaft 
und des Adels dem «Meister die Anträge in das Lager*}. Es drohe^ 
heisst es, ein Angriff von schwedischer Seite, den man nicht werde 
abwehren können; das Herzogthum müsse unehrenhaft dem Konig 
von Dänemark verloren gehen; bei dem Orden allein sei Rettung, 
er möge sich zur Schutzherrschall verstehen, als Repräsentant des- 
selben solle Goswin von Herike als Statthalter in Wesenberg ein- 
ziehen. Die Anweisung dieses Ortes soll wohl zur Zeit die Kon- 
kurrenz mit der bestehenden Gewalt in Reval noch ausschliessen. 
Aber die Lage erforderte grossere Zugeständnisse, die bei dem 
anfanglichen Zögern des Meisters von seinem Beirath und wohl 
nicht am wenigsten von Herike werden errungen worden sein. 
Schon am i6. Mai wird der Schutzvertrag abgeschlossen, von est- 
ländischer Seite durch die königlichen Räthe aus den Vassalien. 
£s bleibt unentschieden, ob das Mass der Konzessionen oder die 
Aufrichtung der neuen Hauptmannschaft Bertram Parembeke bei 
Seite geschoben hat Durch den Akt wird der Meister von Livland 
zum Schirmherrn, Hauptmann und Vertheidiger des Landes erkoren; 
er empfangt die Schlösser von Reval und Wesenberg mit dem zu- 
gehörigen Gebiete^ zur Aufbewahrung für die Krone von Däne- 
mark, um sie vorkommenden Falls auf den einhelligen Wunsch 
der Vassalien gegen Ersatz aller Unkosten einen Monat nach der 



') Hoenekes Reimchronik S. 25, 26. Die Vollmacht für Parembeke 
hat sich nur in einer Anzeige des livländischen Ordensarchiv-Registers in 
Stockholm erhalten: „Der Ritterschaft und des Adels von Estland Voll- 
macht für ihren Hauptmann die Rebellion in Estland zu dämpfen, Reval, 
1343, Christi Himmelfahrtstag'% Schirren, Verz. livl. Geschichtsquellen 
S. 135 n. 237, deren Datum (Himmelfahrt d. i. Mai 22) aber irrig ist, weil 
der Schutzvertrag mit dem Orden schon am 16. Mai geschlossen wurde. 
Die Beziehung dieser Anzeige auf den Vertrag selbst, die v. Bunge im 
Livl. U. B. 6, Reg. S. 47 n. 967a und Estland S. 70 Anm. 249 vorschlägt, 
ist, wie ein Blick auf die Vertragsurkunde zeigt, unzulässig. In dem Satz 
des überhaupt sehr fehlerhaften Registers ist vielmehr sicher „acht Tage 
vor Christi Himmelfahrt'' d. i. Mai 15 zu lesen. Der Auftrag zur Dämpfung 
der Rebellion ist eben der zur Verhandlung mit dem Orden. 

*) Vergl. Hoeneke a. a. O. . 



- 89 - 

Aufforderung wieder auszuliefern: alles ohne Nachtheil fär den König 
und die Krone» nur zum Schutz gegen eine Entfremdung des 
Landes. 

£s ist eine Kapitulation von grosser Bedeutung. Im Grunde 
Ist schon jetzt der Orden, welcher viel Kraft auf die Unterdrückung 
der Esten verwandt hat, an seinem lange erstrebten Ziel. Goswin 
von Herike, der gegen Russen und Esten seinen Muth bewiesen 
hatte und der offenbar mit am eifrigsten die Erwerbung Estlands 
betrieben hat, richtet sich in dem kleineren Schlosse in Reval selbst 
als Hauptmann ein. Den schwedischen Machinationen konnte er 
sofort begegnen. 

Auf der Rhede von Reval erfuhren die Vogte von Wiborg 
und Abo, die sich jetzt anschickten den Esten den versprochenen 
Sukkurs zu bringen, die geschehenen Veränderungen; vor Herike 
erklärten sie offen, dass die Feindschaft des Königs von Dänemark 
wider Schweden den Anstoss zu einem Versuch auf Estland gegeben 
habe. Dem Geschick des neuen Hauptmanns gelang es darch zwei 
Verträge, die er anbahnte, ohne sich selbst und dem Orden durch 
sie die Hände binden zu lassen, die Zukunft des Landes in dieser 
Richtung sicher zu stellen. Der erste wurde von den finnländischen 
Vögten und Hauptleuten im Namen des Königs Magnus mit den 
dänischen Räthen und dem ganzen Herzogthum am 21. Mai als 
Stillstand bis zum 7. März 1344 in der Weise eingegangen, dass 
bis zum Spätherbst des laufenden Jahres eine Gesandtschaft aus 
Estland um einen festen Frieden beim König werben sollte, während 
der Vogt von Äbo sich verpflichtete die Bestätigung des Stillstandes 
zu erwirken, andernfalls die Feindseligkeiten erst einen Monat nach 
der Ankündigung wirklich aufzunehmen. Was nun geschah, ist 
aus der mangelhaften Ueberlieferung nicht vollkommen ersichtlich. 
Es scheint, dass die estländische Botschaft beim König bereits am 
5. September die allgemeine Grundlage einer Einigung zwischen 
Schweden und Estland gefunden habe unter der Bedingung, dass 
man die Rechte und Freiheiten des schwedischen Schlosses Wiborg 
nicht (zur Vergeltung für den Angriff auf Estland) antasten dürfe. 
Es erscheint sodann sehr wahrscheinlich, dass der endgültige Aus- 
trag aller Irrungen sich aber verzögert hat und erst durch eine 
Vollmacht, die der König am 15. August 1344 dem Erzbischof von 
Upsala und vier Rittern zu diesem Behuf ertheilte, eingeleitet worden 



— 90 — 

ist ^. Thatsächlich waltete Ruhe seit der Dazwischenkunft Herikes 
mehrere Jahre hindurch zwischen Schweden und Estland. 

Der andere Vertrag in dieser Richtung, der auch Goswin von 
Herike zum Urheber hat, ist viel allgemeinerer Natur. Er greift 
in die Verwicklungen an der Ostsee überhaupt ein und beleuchtet 
die Auffassung, die man von dem Beginn der Okkupation Estlands 
gehabt hat. 

Der Orden hatte militärisch und diplomatisch dafür gesorgt, 
dass sie ihm günstig war. Die gute Meinung, in der er hier stand, 
wurde frühzeitig zur Kenntniss des königlichen Oberherrn von Est- 
land gebracht. Viellieicht auf dessen Anfrage, sicher nicht ohne 
Zuthun des Ordens, beeilen sich die Stände Livlands und die Stadt 
Riga — nicht ganz unbefangene Bürgen — , Reval und die geist- 
lichen Würdenträger Estlands, endlich im Oktober d. J. 1343 auch 
die königlichen Räthe und die Vassalien vor dem König zu be- 
zeugen, dass der Orden allein die Rebellion im Lande habe nieder- 



^) Die Urkunde vom 15. August I344> welche die Jahreszahl zwei- 
mal deutlich ausschreibt, will v. Bunge (Livl. U. B. 2, Keg. n. 978 und 
Estland S. 71 Anm. 253) zu Gunsten der andern vom 5. September 1343 
auch in dieses Jahr verlegen. Neben dem angeführten Moment spricht der 
Umstand dagegen, dass K. Magnus sich iip August 1343 gar nicht in 
Lagaholm, woher die Urkunde datirt, aufgehalten hat; vergl. Diplom. 
Suecan. 5, n. 3817. Die Urkunde vom 5. September 1343, welche die 
Jahreszahl in Buchstaben wieder giebt, ist in einer Abschrift und Ueber- 
setzung aus dem 16. Jahrh. sehr schlecht überliefert: für „Slaven'< im 
königlichen Titel muss „Schonen'S für „Hinrik Likes" sicherlich „H. Lech- 
tes'* gelesen und für Johann von Wida, der ein Komtur des Deutschor- 
dens gewesen ist, wohl der Name eines königlichen Raths aus Estland 
(etwa Joh. de Mekes) eingesetzt werden. Aber eine Aendernng der Zahl 
ist auch hier unstatthaft» denn der Vertrag vom 21. Mai machte die Ge- 
sandtschaft noch im Herbst 1343 nothwendig, neue Streitigkeiten sind aber 
nicht bezeugt. Entweder ist die Urkunde vom 5. September nur ein Ver- 
tragsentwurf gewesen , den die Gesandten zur Begutachtung und formellen 
Ausfertigung, die nicht mehr erhalten ist, nach Reval zurück gebracht 
haben, oder die fixirte Bedingung in Bezug auf Wiborg, die nur den 
obigen Sinn haben kann, hat neue Verhandlungen noth wendig gemacht, 
die erst nach dem 15. August 1344 unter dem Einfluss des Vergleich» 
zvrischen Magnus und Waldemar zu einem Schluss führten. — Das Trans- 
sumpt, in welchem der Dekan der Revaler Kirche am 19. Juli 1343 den 
Vertrag vom 21. Mai wiederholt, wird vorzuglich den Boten zur Legiti- 
mation gedient haben. 



— 91 — 

schlagen können, dass er von der Noth gedrungen die Besetzung 
auf sich genommen und einen interimistischen Hauptmann bestellt 
habe, bis der König seine Entscheidung treffen werde; eine Ver- 
wahrung gegen die Absicht gewinnsüchtiger Besitznahme auf der 
einen, muthwilliger Abtrennung auf der andern Seite ist in den 
Zeugnissen nicht zu verkennen. Waldemar mag im Hinblick auf 
seine finanziellen Verpflichtungen durch die Ereignisse in seinem 
fernen Herzogthum anfangs von Argwohn erfüllt worden sein, die 
einlaufenden Nachrichten bestärken ihn jetzt in der Ausgleichung 
mit Schweden, die durch andre grössere Rücksichten gefordert 
wird. Denn eben grade trat in seinem Kampf, welcher der Her- 
stellung des Reichs galt, eine entscheidende Wendung ein. Von der 
Flotte der wendischen Städte unterstutzt hatte er versucht der 
schwedischen Herzogin Ingeborg und ihrem Sohn König Magnus 
das feste Kaliundborg zu entreissen. Die Städte hatten wegen der 
Theilnahme an den Seezugen wiederholte Schädigungen in Schweden 
zu erleiden, nun ziehen sie es im Interesse ihres Handels vor sich 
mit Magnus auszusöhnen: am 17. Juli ist ein neuer fester Friede 
geschlossen, der die Bestätigung ihrer alten Handelsprivilegien nach 
sich zog. Waldemar, der auf Seeland Boden gewonnen hat, bietet 
auch seinerseits die Hand zum Frieden, nach ihren Verabredungen 
im August d. J. sollen im Spätherbst die Verhandlungen zwischen 
beiden Königen beginnen. Estland wird hier nicht ausdrücklich 
genannt, sondern stillschweigend unter die Gegenstände der Be» 
rathung aufgenommen. Durch einen sehr äusserlichen Umstand 
wird das bezeugt: die Willensäusserung Waidemars vom 2. August 
ist in der ursprünglichen Ausfertigung nach Estland gesandt und 
hat sich in ihr allein im Archiv des revaler Rathes erhalten. Der 
Zusammenhang lehrt, dass in diesem Fall die estländische Frage 
mit den allgemeinen Angelegenheiten von demselben Orte aus ver- 
bunden worden ist, an welchem der Vergleich zwischen Estland 
und den finnländischen Vertretern des Schwedenkönigs ins Werk 
gesetzt wurde. 

Dahin war man gekommen, dass ein Angrifif auf das Herzog- 
thum von einer auswärtigen Macht nicht mehr zu befürchten war. 
Im Inneren gewannen hierdurch entgegen gesetzte Strömungen Raum, 
die nicht jetzt zum ersten mal auftraten. So wenig ein Abzug aus 
Estland im Sinne des Ordens lag, so stark widersetzten sich, wenn 



— gz — ' 

auch nicht ofifen, die Vassaiien der dauernden Einrichtung seiner 
Herrschaft. Ihr Streben ging auf die Erneuerung des alten Ver* 
haltnisses zu Dänemark. Nach wiederholten Gesuchen beim König 
rüstete dieser wieder einen Hauptmann als seinen Statthalter in 
Estland aus, den königlichen Rath Ritter Stigot Andersson (1344 
Juni 24). Er beauftvagte ihn, indem er ihn dem Orden empfahl 
und diesem für die Hilfe in der Noth seinen Dank sagte, zur 
Uebemahme der Schlösser und 2ur Herstellung der Ruhe im Lande. 
Allein er fasste doch auch zugleich noch andre Möglidikeiten ins 
Auge, die den Wünschen der Landesherren wenig entsprachen. 
Nur bei dieser Annahme gewinnt die ausserordentliche Vollmacht, 
die er am I. August 1344 Andersson ertheilte, ihre volle Bedeutung. 
Er ermächtigte ihn nach seinen eigenen Worten für mannigfaltige 
Angelegenheiten und Geschäfte in Estland ein zweites Exemplar 
des grossen königlichen') Siegels anfertigen zu lassen und in seinem 
Namen zu gebrauchen, indem er alle damit versehenen Ausschcei- 
ben zuvor ratifizirte. Die Verhandlungen mit dem Orden über den 
Besitz des Landes, die nothwendig im Vordergrunde standen, sind 
hierin eingeleitet und eine unmittelbare Entscheidung über die 
Frage im Herzogthum selbst wird ermöglicht 

Während nun der dänische Hauptmann in Ausübung seiner 
Vollmacht die hergebrachten Rechte der geistlichen und weltlichen 
Körperschaften in Stadt und Land erneuert^, nach Art seiner Vor- 
gänger fungirt, des richterlichen Amtes wartet und als Heerführer 
im Felde erscheint, bleibt Herike daneben der Repräsentant des 
Ordens in dem kleinen Schloss von Reval und tritt er als stellver- 



') Dies erhellt aas dem Scblass von Li vi. U. B. 2, n. 826. Vergl. 
das estUndische Annalen-Fragment bei Hohlbaum, Beitr. z. Qaellenkande 
Alt-Livlands S. 59. 

^) Das geschieht unter dem Namen des Königs und der stets wieder- 
kehrenden Formel ,,te8te domino Stigoto Andersson milite capitaneo terre 
nostre Estonie". Miss verstand! ich haben ältere Schriftsteller aus den zahl* 
reichen Bestätigungsu rkunden eine mehrmalige Anwesenheit des Königs in 
Reval während des Jahres 1345 gefolgert. Reinhardt in Histor. Tidsskrilt IV, 
3, 191—205 und v. Bunge, Estland S. 75 nehmen sie nur noch für den 
September 1345 an; der letztere, indem er ein Verweilen Waidemars in Est- 
land bis zum Mai 1346 für wahrscheinlich hält. Allein die erwähnte Formel 
und die Vollmacht vom i. August 1344 machen auch dies unnothig, vergl. 
y. Bunge a. a. O. Anm. 267. Es darf als sicher gelten, dass der dänische 
König sein Herzogthum überhaupt niemals selbst besucht hat. 



— 93 — 

tretender Hauptmann, wie er sich nennt, mit den Ansprüchen und 
Rechten eines solchen auf. In einer ausserordentlichen Stellung, 
die ihn in der Rangordnung des Ordens über alle Vogte unmittel- 
bar hinter den Komtur von Fellin setzt'), schaltet er bereits als 
das eigentliche Oberhaupt in dem Lande, welches thatsächhch immer 
mehr dem Otden unterworfen wird. Am 24. Januar 1345 über- 
trägt der Landtag von Harrien und Wirland durch die Wirren 
des Aufstandes getrieben und im Gefühl der eigenen Schwäche ihm 
auch Narwa: er soll das Schloss bis zum 2. Februar des folgenden 
Jahres für den König und Herzog in Verwahrung nehmen, dann 
aber, wenn sein der Ritterschaft gegebenes Darlehen (von 1423 Mark) 
zurück erstattet ist, es unter denselben Bedingungen räumen, 
welche in Bezug auf die übrigen Schlösser ausgemacht waren. So 
ist die Besetzung bis zur östlichen Grenze von Estland ausgedehnt 
und überall scheint die Initiative. Goswin von Herike zu gebühren, 
der die fortschreitenden Zugestandnisse des Landesadels zu Gunsten 
des Ordens hervor ruft und im Hinblick auf sein Hauptziel aus^ 
beutet. Wenn er die grosse Vollmacht, die dem dänischen Haupt- 
mann vom König gegeben war, ausdrücklich anerkennt (Sept 26) 
und ihm damit* abermals das Recht zur Erneuerung zahlreicher 
Privilegien im Lande einräumt, so geschieht es doch, weil er die 
endliche Lösung der Frage in naher Zukunft erwartet Sie trat ein 
mit seiner Erwählung zum Meister von Livland am 14. December 1345. 

Mag es seinem Vorgänger, der nun wieder ein bescheide- 
neres Amt übernimmt, an dem nöthigen Eifer gefehlt haben, mag 
die Verzögerung durch das Widerstreben der estländischen Vassallen 
bewirkt worden sein: kaum in Marienburg erwählt schreitet Herike 
zum Abschluss seiner Vorbereitungen in Reval. Er wendet sich un- 
mittelbar an König Waldemar und erreicht nach lebhaften Ver- 
handlungen seiner Boten, über die uns keine Einzelheiten bekannt 
geworden sind, wirklich im August 1346 den formlichen Verkauf 
Estlands an den Orden. 

Politische und finanzielle Erwägungen haben bei König Wal- 
demar den Ausschlag gegeben. Es war ihm in wenigen Jahren 
gelungen die grosse Aufgabe, die er sich gestellt hatte, mehren- 

') Dem Meister folgte der Lazidmarschall, dann der Komtur von 
Fellin. Später rückte der neu geschaffene Komtnr von Reväl an den 
Plalz, welchen jetzt Herike einnahm, vergl. Renners Historien S. 366. 



— 94 — 

theils zu erfüllen. Rastlos thätig hatte er durch Kampf und durch 
Geld die verlorenen Theile seines Landes wieder gewonnen: vor- 
nehmlich wird er in Zukunft nur noch für die Rückerwerbung 
Schönens und der anliegenden Landschaften zu sorgen haben. Der 
Wiederhersteller des Reichs und des Königthums will er zugleich 
unangefochten im Besitze beider bleiben. Die Rivalität seines 
älteren Bruders Otto spielt so gut wie das Bedürfniss nach neuen 
Geldmitteln in der Entscheidung des Königs eine Rolle. Prinz 
Otto, der aus einer Gefangenschaft in die andre gewandert war, 
wird durch ihn für den Deutschorden bestimmt und so für alle 
Zeit beseitigt; Estland, das er bisher als sein eigenes Herzogthum 
betrachtet hat, wird jetzt als das rechte Erbe Ottos anerkannt und 
^oll ihm als Ausstattung und Mitgift bei dem Erwerb der Bruder- 
schaft dienen: es ist beschlossen Estland unter allen Umständen 
gegen grosses Geld zu überliefern, auch wenn der Eintritt Ottos 
durch Tod oder andere Zufälle verhindert würde. 

Seine Absicht verkündigt der König am 15. August von Ko- 
penhagen den Beamten und Einwohnern des estländischen Herzog- 
thums. Er entlässt sie aus der Unterthanschaft und fordert sie 
zum Gehorsam gegen den neuen Herrn auf. Gleichzeitig thut er 
kund, dass alle Ansprüche auf das Land, welche die Söhne Knut 
Porses aus der Zeit König Christofs mit Magnus von Schweden 
erheben konnten, formlich und endgültig zu Gunsten des Ordens 
aufgegeben sind. Unmittelbar darauf hat er mit dem jüngeren 
Herzog Erich von Sachsen eine Fahrt nach Preussen angetreten» 
die neben anderm zu einem Kampf wider die Litauer bestimmt 
war; in ihrem Gefolge befindet sich der ehemalige Marschall des 
Königs Friedrich von Lochern und der letzte dänische Hauptmann 
von Estland Stigot Andersson, die schon in Kopenhagen bei den 
Verabredungen über die estländische Frage thätig gewesen sind. 
Hier in dem Hochmeisterschloss zu Marienburg, wo er noch im 
September weilt, wird der abschliessende Akt in der Angelegenheit 
vollzogen; vor dem Aufbruch in das heilige Land, wo er sich den 
Ritterschlag holte, besiegelte er das Verkaufsdokument am 29. August. 
In ihm überlässt er dem Orden das ganze Herzogthum mit allen 
Besitzungen und Rechten, mit dem Antheil an dem Bisthum und 
der Befugniss den Bischof zu präsentiren, ohne jeden Vorbehalt 
für die Summe von 19000 Mark kölnischen Silbers: so zwar, dass 



— 95 — 

der Mehrwerth an Land und Rechten als Darbringnng Junker Ottos 
bei seiner Aufnahme unter die Brüder vom Deutschen Hause gelten 
soll. In Riga ist dann Otto eingekleidet worden; der Ehrgeiz des 
Prinzen, der sich auf eine Königskrone gerichtet hatte, wird in 
dem Verbände der geistlich-ritterlichen Geno3senschaft später nur 
dadurch befriedigt, dass er eine livländische Vogtei zur Verwaltung 
erhält Die Abzahlungen des Ordens an , den König sind bis zum 
Juli 1349 beendet Kaiser Ludwig stand nicht an den Vorgang 
zu bestätigen. Der Markgraf von Brandenburg gab gegen die 
Summe von 6000 Mark, die ihm noch im Lauf des Winters zu- 
gingen, auch seine Ansprüche definitiv auf und entband seinerseits, 
nachdem er eine Kreuzfahrt nach Preussen gemacht hatte, die 
Estländer des Gehorsams: es versteht sich, nur um eine Form zu 
erfüllen. Auf den Vortrag des dänischen Königs hat dann später 
auch die Kurie ihre Konfirmation ertheilt 

Goswin von Herike, der zuerst selbst thatsächlicher Herr über 
Estland geworden war, säumte nicht den Kaufvertrag sofort durch* 
zuführen. Aus den Händen der dänischen Hauptmannschaft geht 
mit der ganzen Gewalt das Residenzschloss von Reval in die des 
Ordens über, in seinem Namen ergreift Burchard von Dreilewen 
am I. November davon Besitz, während, wie eine späte lieber- 
lieferung will, die dänischen Beamten und Truppen im Hafen sich 
in ihre Heimath einschiffen; das Schloss wird sofort neu befestigt. 
Früher selbst Meister von Livland ist nun Burchard von seinem 
Nachfolger, der überall mehr Geschick bewiesen hat, in der neuen 
Lage der Dinge zum ersten Hauptmann von Reval, das bald zu 
einer Komturei des Deutschordens erhoben wird, bestellt worden. 
Der Uebergabe der Residenz folgte unmittelbar die Bestätigung 
aller Privilegien: der Meister Livlands, sein Hauptmann in Reval 
und der Hochmeister verbürgen sich gegen die Ritterschaften der 
Provinz, die Stadt Reval und die Geistlichkeit im Lande für den 
Fortbestand ihrer Rechte. 

Noch einen weiteren Schritt hat aber der Meister in dieser 
Sache gethan. Denn die Frage warf sich auf, ob in der That 
sein Streben gelungen war, so lange das neue Land nicht unmit- 
telbar seinen Befehlen, sondern denen des fernen Hochmeisters in 
der Marienburg zu gehorchen hatte. Es gehörte in die politischen, 
kriegerischen, wirthschaftlichen Berechnungen des Ordens von Liv- 



- 96 - 

land so direkt an der Narowa und am finnischen Golf zu gebieten 
wie an der Düna. Nachdem die Erfüllung dieser Aufgäbe schon 
dadurch angebahnt war, dass er beim Vertrag vom August einen 
Theü des Kaufschillings auf die Rechnung seines livländischen 
Gebietes übernahm , gewann Meister Herike in dem Generalkapitel 
des Ordens, welches im Juni 1347 in herkömmlicher Weise in 
Marienburg abgehalten wurde, die Provinz ganz für seinen Macht- 
bezirk. Mit den Komturen von Fellin, Goldingen, Dünamünde 
und Pemau, die ihn dorthin begleitet hatten, empfing er für sich 
und seine Nachfolger im Amte das ehemals dänische Land, das 
von der Kammer des Hochmeisters abgetrennt wurde; er verpflich- 
tete sich es auf Begehren wieder dem unmittelbaren Regiment zu 
unterstellen, wenn der Orden an der Düna die 20000 Mark zurück 
erhielte, welche er für den Ankauf Estlands verausgabt hatte. Die 
Verabredungen von Marienburg haben hierauf den versammelten 
Gebietern in der Residenz des Meisters zu Wenden vorgelegen und 
durch ihre Verkündigung vom 14. Oktober ist das estländische 
Herzogthum dem Ordensstaat von Livland, zu dem es durch seine 
Geschichte und geographische Lage gehorte, einverleibt worden. 

Ein späterer Versuch des Schwedenkönigs Magnus wieder durch 
die Vassallen in Estland seinen Fuss auf den viel umstrittenen 
Boden zu setzen konnte nur misslingen. Denn der festen Macht 
des Ordens war am wenigsten er gewachsen« Die Provinz, welche 
sie gewonnen hatte durch das Talent des Meisters und durch die 
Gunst des Geschicks, war zurück gekehrt in den Zusammenhang 
der deutsch-nationalen Kolonisationen an der Ostsee. Sie beharrte 
in ihm über zwei Jahrhunderte, bis der Bau, welcher sich über 
dem Lande der Letten, Liven und Esten erhob, völlig zusammen 
brach. Dass er einen so langen Bestand gehabt, beruht auf den 
Verträgen des Jahres 1346, auf der Stiftung der livländischen Kon- 
föderation, deren Urheber Goswin von Herike gewesen ist. König 
Waldemar von Dänemark findet aber darin seinen Ruhm, dass er 
mit scharfem Blick für die Forderungen seiner Lage das Herzogthum 
aufgab, welches in den grossen Bewegungen, in denen er stand, 
ihn nur zu hemmen und zu beeinträchtigen vermochte. 



— 97 — 



ANHANG. 

Die Kenntniss der Dinge, die in dem vorstehenden veranschau- 
licht sind, verdanken wir den Urkunden und den Schriftstellern aus 
Altdeutschland und Livland. Die dänische Geschichtschreibung nimmt 
von ihnen auffallend wenig Notiz. Ihre Annalen und Chroniken 
aus dem 14. und 15. Jahrhundert begnügen sich mit der kurzen 
Erwähnung des Verkaufs von Estland, des Eintritts von Prinz Otto 
in den Deutschorden oder der Preussenfahrt König Waidemars, 
fast überall aber mit unrichtiger chronologischer^Einreihung. 

So weit ich sehe, ist es zuerst die weitschichtige Kompilation 
von Cornelius Hamsfort aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, die 
auf dänischer Seite den Vorgängen in Estland grössere Aufmerk- 
samkeit zuwendet. Sie hat den jüngeren C. Hamsfort zum Ver- 
fasser, der, Licentiat der Medizin und praktischer Arzt in Oden- 
see; wo er 1627 starb, als Sammler der geschichtlichen Sagen von 
Dänemark, als Autor einer Geschichte Holsteins, vor allem aber 
als Kenner der historischen Litter atur Deutschlands und Skandina- 
viens im 16. Jahrhundert und als Sammler älterer dänischer Ge- 
schichtswerke bekannt geworden ist. Aus seinen reichen Kollek- 
taneen, die für die Erkundung der dänischen Historiographie noch 
heute schätzenswerth sind, entsprang die Chronologia, welche Lan- 
gebek im ersten Bande der Scriptores rerum Danicarum veröffent- 
licht hat In ihr wird aus dem behandelten Zeitraum über Est- 
land erzählt (a. a. O. p. 305, 306, 307): 

Anno Domini 1343. — In Livonia Revalia urbs regno Danico 
subjecta a praefecto regio [zu ergänzen: verwaltet, oder hier mit 
besonderem Bezug vielleicht: verlassen] ab agrestibus magistratui 
rebellionem facientibus oppugnatur. 

Anno Domini 1347. — Waldemarus aestate inita iterum in 
Borussiam navigat, ut fratrem conveniret et sibi pecuniam, cujus 
erat inops, de equitum Marianorum vectigalibus conficeret et Livo- 
niae partem pro mutuo data pecunia iisdem pignori daret ac cujus 
ipse defensionem propter itineris longinquitatem navigationisque 
taedium atque pericula subire non poterat, traderet propugnandam. 
Igitur commercio Marieburgi IIX. kal. Jul. [Juni 24] inito Walde- 

Hansiscbe GeschichUblätter. VIII. 7 



— 9^ — 

marus rex et Otto fratres Henrico Tysemero magistro equitum 
Marianorum et collegis Marianis Livoniae provincias Danici no- 
minis Harrigiam; Virlandiam et urbem Revaliam, Narvam, Vese- 
burgum IX. millibus et quingentis pondo argenti puri puti ven- 
dunt, ea tarnen lege, ut beneficiarii clientelam haium provinciarum 
a regibus Danis accipiant confectis ea de re tabulis. Otto ante bi- 
ennium sacris equestribus initiatus jure suo, quod in regno Danico 
habere videbatur, decedens, assumto sacro ordinis habitu cruce 
insignito in verba Tusemiri jurat, His actis Waldemarus in reg- 
num revertitur. Kai. Novemb. praesidia Danorum Revalia et e 
Livonia deducuntur secundum praescriptum tabularum Waidemari 
et conscensis navibus in Daniam redeunt, Marianis Burchardum 
Drilevum Revaliae et omni orae Estoniae commendatorem impo- 
nentibus. 

Der zweite Abschnitt enthält zahlreiche Unrichtigkeiten, die 
aus der Verschmelzung mehrerer Vorlagen, aus willkürlicher Kom- 
bination und aus Flüchtigkeit entstanden sind. Weil Hamsfort 
in mehreren einheimischen Annalen die Reise des Königs nach 
Preussen und die Einkleidung Ottos in den Orden zum Jahre 1345 
verzeichnet fand, seine Hauptvorlage die hier geschilderten Ereig- 
nisse aber zum Jahre 1347 (anstatt zu 1346) setzte, musste er eine 
zweite Fahrt des Königs erfinden, wie hier geschehen ist, und die 
Einkleidung Ottos in einer mit den Thatsachen nicht harmoniren- 
den Weise einfügen. Das falsche Datum des Kaufaktes erklärt 
sich bei der späteren dänischen Ueberlieferung, die es gleichfalls 
bringt, daraus, dass der Tag der Enthauptung des Täufers St 
Johann (August 29) mit seiner Geburtsfeier identificirt worden ist; 
hier besonders aus einer falschen Auffassung der urkundlichen An- 
gabe, die Hamsfort vorgelegen hat, und aus der Mittheilung seines 
ersten Gewährsmanns. Die falsche Angabe der Kaufsumme ver- 
räth die Leichtigkeit seiner Arbeit. Die Begründung der Hand- 
lung Waidemars zeigt den pragmatischen Schriftsteller des 16. Jahr- 
hunderts, den Hamsfort vorstellen will. 

Aber der Schluss offenbart doch die Benutzung einer guten 
Ueberlieferung, die allein in Livlanid heimisch gewesen ist. Sie 
hat an die jüngere Reimchronik des Priesters Bartholomäus Hoe- 
neke, der gleichzeitig mit den Ereignissen in Estland schrieb, an- 
geknüpft und ist am meisten durch Balthasar Rüssow auf die 



— 99 — 

Nachwelt gebracht worden. Es scheint, dass auch ihni, nicht on- 
mittelbar der ältesten Tradition, Hamsfort seine Kenntniss ver- 
dankt: man braucht nur auf die falschen Zeitbestimmungen zu 
achten. Selbständig schmückte wohl dann der Kompilator, der 
hier dänische Annalen^ das Verkaufsdokument und den Bericht 
der livländischen Chronik verarbeitete, seine Erzählung dadurch 
aus, dass er nach der Einräumung des Schlosses von Reval an 
den Orden den Abzug der dänischen Besatzung von dort als Ein- 
schiffung nach Dänemark darstellte. 

Es verdient Beachtung — was bisher nicht wahrgenommen 
ist — , dass die livländische Tradition im i6. Jahrhundert auch noch 
in Dänemark bekannt gewesen und die Chronik Rüssows dort be- 
nutzt worden ist. 



7* 



IV. 



DER AUFSTAND IN LÜBECK 

BIS ZUR RÜCKKEHR DES ALTEN RATHS 

1408 — 1416. 



VON 



C. WEHRMANN. 



Der Aufruhr, der im Jahr 1408 in Lübeck gegen das Regiment 
des Rathes ausbrach, unterschied sich in seinen Ursachen und 
seinen Zielen nicht von ähnlichen Aufständen in vielen deutschen 
Städten. Die Ursache lag, wie überall, in der Unzufriedenheit 
der Handwerker mit ihrer politischen Stellung ^ das Ziel war ge- 
sicherte und möglichst ausgedehnte Theünahme an dem Regiment. 
Wenn dennoch der Lübecker Aufstand hinsichtlich seiner Dauer, 
seines Verlaufes und der Art seiner Beendigung einen ihm eigen- 
thümlichen Charakter hatte, so lag der Grund zwar zum Theil 
in den besonderen Verhältnissen, unter denen er stattfand, ganz 
wesentlich aber in der Persönlichkeit der Männer, welche damals 
den Rath ausmachten. Droysen bemerkt einmal'), dass in jener 
Zeit die städtischen Patrizier vorzugsweise die Träger dessen waren, 
was wir jetzt staatsmännische Bildung nennen würden. Sie be- 
sassen Uebung des Verwaltens und Verhandeins, hatten Kunde 
mannigfacher Geschäfte und waren in ihren steten Kriegen mit 
Fürsten und Herren, ohne festen Rückhalt bei Kaiser und Reich, 
auf sich selbst und die Verbindung unter einander angewiesen. Dies 
Urtheil bezeichnet den damaligen Rath von Lübeck besonders 
treffend. Von den vier Bürgermeistern, die an der Spitze desselben 
standen; hatten die zwei ältesten, Heinrich Westhof und Jordan 
Pleskow schon seit zwanzig Jahren thätigen Antheil an allen An- 
gelegenheiten der Hanse genommen und dabei sich in grossen 
Verhältnissen bewegt. Beide hatten die arg gestörte Ordnung der 
Dinge in Flandern wiederherstellen helfen und Heinrich Westhof 



') Eberhard Windeck, it^ dem 3. Bde. der Abhandlungen der K. 
Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften S. 154. 



— I04 — 

war es, der 1392 am Thomas- Tage in Verbindung mit dem 
Hamburger Bürgermeister Johann Hoyer an der Spitze von 150 
berittenen Kaufleuten, festlich und fröhlich bewillkommt, in Brügge 
wieder einzogt). Beide varen dann in den nordischen Reichen 
thätig gewesen, wo es den Städten nur unter vielen Schwierig- 
keiten 1395 gelang, die Königin Margaretha zu bewegen, dass sie 
in die Entlassung ihres Gegners, des Königs Albrecht, aus der 
Gefangenschaft einwilligte. Jordan Pleskow nahm, in Verbindung 
mit dem Revaler Rathmann Hermann von der Halle, die Stadt 
Stockholm in Besitz, die den Städten als Unterpfand für die Er- 
füllung der eingegangenen Verpflichtungen überliefert wurde, und 
empfing die Pfandhuldigung des dortigen Rathes*). Mehrfach war 
Jordan Pleskow in Fehden der Lübecker Anführer gewesen und 
hatte sich überall rühmlich gehalten. Der dritte Bürgermeister, 
Goswin Klingenberg, kommt als Abgeordneter auf Hansetagen 
häufig vor, auch in den Kämpfen gegen die Vitalienbrüder. Der 
vierte, Marquard von Dame, wenn gleich nach aussen weniger 
hervortretend, war doch sicher eine hochachtbare und bedeutende 
Persönlichkeit. Die alte Rathsmatrikel hat seinem Namen die 
Worte beigefügt: vir prudens et deificus, hie multum virtuosus 
erat. Und da eine solche ehrende Bezeichnung sich ausserdem 
nur bei wenigen Namen befindet, ist Gewicht darauf zu legen. 
Auch viele der übrigen Rathsmitglieder hatten sich durch Klugheit 
und Tapferkeit ausgezeichnet. So wird es glaublich, dass gerade 
um diese Zeit dem ganzen Collegium ein berechtigtes Selbstbe- 
wusstsein, ein Gefühl eigner Würde inne wohnte. Und damit 
scheint es wohl verträglich, ja, es war eine innere Nothwendigkeit, 
dass der Rath den Forderungen einer tobenden Menge gegenüber 
zuerst bis an die äussersten Grenzen der Nachgiebigkeit ging, 
dann aber, als Pflicht und Ehre weitere Zugestandnisse unmöglich 
machten, ganz zurück trat und die Dinge ihren Gang gehen liess. 
Der Aufstand von 1408 steht in Zusammenhang mit früheren 
ähnlichen Ereignissen. Schon 1376, gleich nach der Anwesenheit 
Karls IV., entstand eine Zwietracht^) mit der Gemeinde, als der 

') Hanserecesse 4, S. 105. Vgl. Geschichtsbl älter 187$, S. 18 — 20. 
*) Ebend. 4, S. 291. 

^) de erste mlshegelicheit nnde wrank der menheit jegen den rat to 
Lubeke. Grautoff, Lüb. Chroniken i, S. 304. 



— I05 — 

in sehr begreiflicher Geldverlegenheit befindliche Rath einen ein- 
maligen ungewöhnlich hohen Vorschoss und eine Erhöhung der 
Mühlenabgabe forderte. £r konnte seine Forderung nicht durch« 
setzen. Neue Unruhen brachen 1380 aus. Die Aemter verlangten 
bestimmte Garantien für ihre Verfassung und ihre Gerechtsame. 
£s gelang indessen dem Rathe, sie zu beruhigen und seine Stellung 
zu behaupten. Dann folgte der Aufruhr von 1384, gewöhnlich 
der Knochenhauer-Aufruhr genannt, weil mehrere Schlachter zu den 
Anstiftern gehörten. Dabei war es schon auf Umsturz der Ver- 
fassung abgesehen. Aber der Rath erhielt gerade .früh genug 
Nachricht, um durch umsichtige und umfassende Massregeln dem 
Ausbruch vorzubeugen. Strenges Gericht erging nun über die 
Schuldigen') und die Handwerker mussten fortan, wenn sie .in ein 
Amt eintraten, neben Leistung des allgemeinen Bürgereic^ noch 
besonders beschwören, dass sie keine Verbindungen gegen den 
Rath eingehen wollten. 

Als nun der Rath im Sommer des Jahres 1403 der Nothwendig- 
keit, von der Bürgerschaft eine ausserordentliche Beihülfe zur Ab- 
tragung der Schulden zu fordern, nicht länger ausweichen konnte, 
sah er die Schwierigkeit, die er finden würde, voraus. Er ver- 
handelte daher zuerst mit den Bürgern gruppenweise, dann mit den 
einzelnen Aemtem, denen er seinen Wunsch, eine Abgabe von 
Esswaaren auf bestimmte Zeit einzuführen, vortragen Hess. An- 
fangs widersetzten sich nur die Brauer, aber die übrigen Aemter 
schlössen sich bald an und forderten vor allen Dingen, dass der 
noch immer bestehende besondere Eid, den die Handwerker 
leisten mussten, abgeschafit werde. Der Rath gab sogleich nach, 
kam aber damit nicht viel weiter. Die Bürgerschaft, die sich nun 
selbst versammelte, verlangte Auskunft über die Höhe der städti- 
schen Schulden und bewilligte dann, dass jeder Bürger, der es 
vermöge, einen einmaligen Beitrag von sechs Mark zur Abzahlung 
derselben gebe^). Das genügte nicht. 

Im Jahre 1404 fand eine Fehde statt. Dem Rathe bot sich Ge- 
legenheit, an den Fürsten von Werle und den Herzogen von Pommern, 
welche 1400 und 1401 das Gebiet der Stadt räuberisch überfallen 



^ ) Deecke, Die Hochverrather zu Lübeck im Jahre 1384 S. 29 ft. . 
2) Grautoflf a. a. O. 2, S. 618. 



— io6 — 

hatten, Rache zu nehmen und dadurch ähnliche Einfalle abzu- 
wehren. Obgleich er sonst durchaus selbständig verfuhr, hielt er 
diesmal doch für richtig, auf die gemachten Anerbietungen nicht 
eher einzugehen, als bis er der Zustimmung der Bürgerschaft ver- 
sichert war, da die Hülfe durch namhafte Geldsummen erkauft 
werden musste. Erst als sie ihre Einwilligung gegeben hatte, 
nahm der Rath die gebotene Hülfe an, und es wurde dann unter 
Jordan Pleskows Anführung ein erfolgreicher Feldzug weit nach 
Mecklenburg hinein, bis Parchim und Sternberg, gemacht und 
der Friede mit den Herren von Werle und ihren Helfern er- 
zwungen (Decbr. i8). Ueber der Fehde ging das Jahr hin, die 
inneren Angelegenheiten ruhten. 

Im Sommer 1405 kam der Rath darauf zurück. Er machte 
nun den Vorschlag, dass von jeder Tonne Bier ein Schilling ge- 
geben werde, erklärte sich jedoch auch bereit, andere Vorschläge 
anzunehmen, und gab der Bürgerschaft anheim, aus ihrer Mitte 
dreissig bis vierzig Personen zu wählen, mit denen das Weitere 
besprochen werden könne'). So bildete sich um Michaelis der 
Sechziger- Ausschuss, der fortan dem Rathe als bürgerschaftliche 
Behörde selbständig gegenüber stand, jedoch einen Rückhalt an 
der Gemeinde hatte, die er, so oft es ihm beliebte, versammelte. 
Die Verhandlungen nahmen nun zunächst eine ganz andere Rich- 
tung. Der Ausschuss übergab dem Rathe eine lange Reihe von 
Beschwerden über seine Verwaltung, beinahe hundert Artikel, wie 
Reimar Kock sagt'). Das Material dazu nahm er zum Theil 
aus einer Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben in den letzten 
zwölf Jahren, die der Rath der Bürgerschaft hatte übergeben 
lassen. Daraus hatte er ersehen, dass der Rath zu viel Geld für 
den Besuch von Tagefahrten zu Verhandlungen mit Fürsten und 
Städten ausgebe, dass der Weinkeller nicht genug einbringe, die 
Münze ebenfalls nicht, dass die Verwaltung des Marstalls zu kost- 
bar sei, dass die Wiesen nicht hoch genug verpachtet seien, dass 
der städtische Baumeister nicht gehörig controlirt werde, dass 
Renten von einzelnen Rathsmitgliedern verkauft seien, nicht vom 
ganzen Rathe» und dergleichen. Ausserdem bezog sich ein TheQ 



^) GrantofF, a. a. O. 2, S. 619. 
*) Ebend. 2, S. 625. 



— I07 — 

der Beschwerden auf allgemeine Verhältnisse» sowohl auswärtige 
als innere. Der Rath habe es nicht gehindert, dass Wismarer und 
Rostocker Auslieger dem Lübeckischen Handel Schaden zugefügt 
hätten, halte nicht darauf, dass die den Bürgern zustehenden 
Privilegien in Schonen gehörig gewahrt würden, nehme nicht genug 
Rücksprache mit den Bürgern über die Angelegenheiten der Stadt, 
sorge nicht für die Unterhaltung des Fahrwassers in der Trave und 
der Wacknitz, auch daure die Entscheidung der Rechtsstreitigkeiten 
zu lange. Dazu kamen schon jetzt eben dieselben Beschwerden, die 
sich spater vielmals wiederholt haben und gewissermassen constant 
geworden sind, über die Höhe der Brod- und Biertaxe, über die 
Nachtheile der Vor- und Aufkäuferei, über die Eingriffe der Elauf- 
leute in die gewerblichen Rechte der Handwerker, über die den 
Nümbergern gewährten Freiheiten, und Anderes. Insbesondere 
nahm der Ausschuss Anstoss daran, dass Lübeckische Bürger 
Landgüter ausserhalb der Landwehr in den Gebieten der benach- 
barten Fürsten besässen, weil daraus eine Collision der Pflichten 
entstehen müsse. Der Rath ging auf Alles ein, mündlich und 
schriftlich, in manchen Dingen unmittelbare Abhülfe versprechend, 
in den übrigen das Unbegründete der Forderungen und Behauptun- 
gen nachweisend. Auf die Schuldverhältnisse der Stadt wollte der 
Ausschuss anfangs sich gar nicht einlassen, sondern erklärte, der 
Rath habe die Schulden gemacht und möge nun sehen, wie er 
sie bezahle. Als aber der Rath entgegnete, er habe die Schulden 
nicht gemacht, sondern von den Vorfahren überkommen, und die 
Nothwendigkeit darlegte, auf Abtragung derselben Bedacht zu 
nehmen, verlangte der Ausschuss eine Angabe der in den letzten 
zwölf Jahren gemachten Anleihen und zugleich eine Darstellung 
der Fehden während dieser Zeit, die nach der Behauptung des 
Rathes die Ursache der Schulden seien. Da ergab sich denn, dass 
seit 1394 die allerdings recht bedeutende Summe von 71080 M. 
angeliehen war'). Ein Theil davon war freilich zum Abtrag früherer 
Schulden wieder verwendet, aber nur ein geringer; die Behauptung, 
die Schulden rührten von den Vorfahren her, erwies sich als nicht 
begründet Auch fand der Ausschuss, dass die Ausgaben für 
den Feldzug von 1404, der Allen noch im lebendigsten Andenken 



*) L. U. B. 5, Nr. 157. 



— io8 — 

stand, weit grösser geworden waren, als der Rath der Bürger- 
schaft damals in Anschlag gebracht hatte. Er wollte sie daher 
gar nicht anerkennen und verlangte, dass die Herren sie aus ihrem 
eignen Vermögen erstatten sollten. 

Weit mehr aber lag ihm daran, in der ganzen Organisation 
der Verwaltung eine Aenderung vorzunehpien, nämUch die, dass 
den einzelnen Behörden zwei vom Ausschuss gewählte Bürger als 
Beisitzer zugesellt würden. Umsonst remonstrirte der Rath, um- 
sonst stellte er vor, wie sehr es seine Ehre kränken müsse, wenn 
ihm weniger Vertrauen bewiesen werde, als dem Rathe in irgeud 
einer anderen Stadt, zumal da Lübeck das Haupt der Hansestädte 
sei, und dass dies nothwendig der ganzen Stadt zum Nachtheil 
gereichen, sie um ihr Ansehen bringen müsse. Die Gemeinde be- 
harrte bei ihrem Verlangen; wollte er Frieden haben, so musste 
er nachgeben und es schon als einen Gewinn ansehen, dass die 
Forderung der Theilnahme an der Rathswahl zur Zeit nicht drin- 
gender verfolgt wurde. Zu Ostern 1406 wurden den Kämmerei- 
herren, den Schossherren, den Weinkellerherren und den Wette- 
herren Bürger als Mitverwalter beigeordnet. Eigene Bauherren 
gab es damals noch nicht, die Aufsicht über das Bauwesen ge- 
hörte zum Geschäftskreis der Kämmerer, den Wetteherren lag 
neben andern, mehr polizeilichen Geschäften, auch die Hebung 
aller Einnahmen ob, welche die Stadt aus Verkaufsplätzen und 
aus ihren Grundstücken in der Landwehr bezog. Dies war ihnen 
1370 übertragen. 

Es verfloss nun ein Jahr in leidlicher Ruhe ohne erhebliche 
Vorgänge. Ueber die Abtragung der Schulden wurde verhandelt, 
jedoch kein definitives Resultat erreicht. Im Ganzen muss die 
Stimmung sich entweder wirklich etwas beruhigt oder der Rath 
muss es wenigstens angenommen haben, denn um Ostern 1407 
stellte er das Begehren, dass die Mitverwaltung Seitens der Bürger 
nun aufhören möge, da sie sich hinlänglich überzeugt haben 
würden, dass Alles gehörig wahrgenommen werde. Auch das 
Fortbestehen des Sechziger-Ausschusses schien ihm nicht erforder- 
lich. Er fügte hinsichtlich seiner Verwaltung bestimmte Versiche- 
rungen hinzu ; dass er die Zahl seiner Mitglieder, unter denen 
sich mehrere alte und schwache befanden, so viel als erforderlich 
vermehren, dass er alle Aemter zweckmässig besetzen, auch, wo 



— I09 — 

die Zweizahl nicht ausreiche, eine grössere Anzahl in eine Behörde 
abordnen wolle, dass er ohne Zustimmung der Bürger keine An- 
leihen mehr machen, . über alle wichtigen Angelegenheiten mit 
ihnen in Berathung treten, ihnen eine Uebersicht aller Einnahmen 
vorlegen und die Stadtbücher nicht mehr lateinisch, sondern 
deutsch schreiben lassen wolle, damit sie jeder einsehen könne. 
Nur hinsichtlich der Rathswahl bat er keine Veränderung zu 
machen. Vermuthlich hat der Rath sich über die Stimmung der 
Bürgerschaft getäuscht Er begegnete vollständigem Widerspruch. 
Den Sechziger-Ausschuss wollte sie nicht nur nicht fallen lassen, son- 
dern ihm eine bestimmte Organisation geben, so dass er alle Jahre 
zu einem Drittel erneuert würde. Vor allen aber trat nunmehr der 
Gegenstand in den Vordergrund, der schon früher mit andern zm: 
Sprache gekommen und für Viele offenbar längst der wichtigste 
war, nämlich Theilnahme an der Rathswahl in einer Weise, welche 
die Theilnahme am Regiment zur nothwendigen Folge haben müsse. 
Der erste Vorschlag ging dahin, dass die Wahl durch zehn Per- 
sonen geschehen solle, vier Mitglieder des Rathes und sechs aus 
und von der Bürgerschaft gewählte. So war der Letzteren das 
Uebergewicht gesichert. Als der Rath das ablehnte, brachte man 
einen andern Vorschlag entgegen, der formell zwar das Recht des 
Rathes vollständig wahrte, sachlich aber noch weiter ging. Der 
Rath möge zunächst in aller Freiheit und bis zu beliebiger An- 
zahl sich verstärken, dann aber solle er auf „Bitte" der Bürger- 
schaft — das hiess natürlich nach einem von ihr gemachten Vor- 
schlage — noch einen neuen Rath von vierundzwanzig Personen 
wählen, der das Regiment während der nächsten zwei Jahre führe 
und die Herren des alten Rathes nur in wichtigen Dingen zu 
Rathe ziehe. Aber hier war die Grenze der Nachgiebigkeit, der 
Rath ging in keiner Weise auf die Vorschläge ein. Er entgegnete, 
dass er dem Kaiser geschworen habe, die Verfassung der Stadt, 
von der die Rathswahl einen wesentlichen Theil ausmache, auf- 
recht zu halten, und dass er seinen Eid nicht brechen könne. 
Er stellte vor, dass er auch um seiner Ehre willen, den übrigen 
Städten gegenüber, und um des Ansehens der Stadt willen nicht 
nachgeben dürfe. Er machte endlich darauf aufmerksam, dass 
eine so durchgreifende Veränderung die Wirksamkeit aller aus- 
wärtigen Verträge in Frage stellen könnte, schon deshalb, weil 



— HO — 

vielleicht die Fürsten annehmen würden, die Person des einen 
Contrahenten sei nicht mehr dieselbe, noch sicherer aber dann, 
wenn, wie anzunehmen, eine Achtserklärupg Seitens des Kaisers 
erfolgen sollte. Die Vorstellungen fanden keinen Eingang. Der 
Sechziger -Ausschuss befestigte seine Stellung, indem er Zustim- 
mungserklärungen zu seinen Massregeln und Verhandlungen von 
vielen Aemtern erhielt'). Indessen dauerte doch das Hinundher- 
reden, ohne dass es nach der einen oder der andern Seite hin zu 
einem bestimmten Erfolge kam, das ganze Jahr hindurch fort. 
Erst zu Anfange des folgenden Jahres ging die Entwickelung 
rascher. Die Stimmung war offenbar bedenklicher geworden; 
schon im Januar 1408 verliessen einige Mitglieder des Rathes in 
aller Stille die Stadt und begaben sich nach Mölln, das sich da- 
mals in Lübeckischem PfandbesitTze befand. Vermuthlich gab die 
Möglichkeit, dass das gegebene Beispiel weitere Nachahmung fin- 
den könne, der Bürgerschaft Veranlassung, noch eine neue Be- 
hörde neben dem Bürgerausschuss einzusetzen, sogenannte Bevoll- 
mächtigte, zwölf an der Zahl, deren Stellung übrigens unklar ist 
Zugleich kam ein Schreiber des Rathes von Hamburg, Dietrich 
Kusfeld, nach Lübeck und warnte die Bürger vor gewaltsamen 
Massregeln, die derRath im Sinne habe. Auch verbreiteten sich Ge- 
rüchte von Verbindungen, die er mit holsteinischen Adeligen unter- 
halte. Schon früher einmal hatte sich ein Gerücht gebildet, dass 
auf die die Stadt umgebenden Thürme eine Menge Feuergeschosse 
und Armbrüste (bussen unde armborste) gebracht und mit den 
Mündungen gegen die Stadt gerichtet seien. Damals konnte der 
Rath den Sechziger -Ausschuss auffordern, hinzugehen und sich 
vom Gegentheil zu überzeugen'). Und wiederum tauchten Er- 
innerungen an den Aufruhr von 1384 auf, und zwar jetzt an die 
strengen Strafen, die der Rath damals verhängt hatte, und dass 
sogar während der Nacht Bürger in Haft genommen waren. Man 
wollte der Wiederkehr ähnlicher Vorgänge vorbeugen und sich 
gegen mögliche Absichten des Rathes schützen^). Die Gemeinde 
bewaffnete sich und versammelte sich entweder selbst oder wurde 
von dem Ausschuss häufiger als früher versammelt. Wie ernst die 

ML. U. B. 5, S. 183. 736. 
*) Grautoff 2, S. 624. 
•J) Ebend. 2, 654. S. 655. 



— III — 

Lage wurde, zeigt unter andern ein Schreiben des Herzogs Albrecht 
von Mecklenburg vom i6. Februar 1408 an den Sechziger -Aus- 
schuss, um ihn zur Nachgiebigkeit zu bewegen und vor Gewalt- 
thätigkeit zu warnen*). Ein Versuch, den der Bischof von Lübeck, 
Johann von Dülmen, machte, die Gemeinde zu beruhigen und 
Versöhnung zu stiften, blieb gänzlich erfolglos. Aber es muss 
anerkannt werden, dass auch die Volkspartei bei aller Aufgeregt- 
heit und Erbitterung sich in gewissen Schranken hielt und, wie es 
scheint, von ihren Leitern gehalten wurde. Wilde Ausbrüche der 
Leidenschaftlichkeit, wie sie in Braunschweig, Stralsund, Wismar, 
Rostock und an anderen Orten bei ähnlichen Anlässen vorgekom- 
men waren oder später vorkamen, sind nicht erfolgt. Zweimal 
begleiteten Mitglieder des Sechziger-Ausschusses den Rath, der sich 
in der Marien- Kirche versammelte und aus Furcht vor der auf 
der Strasse befindlichen Menge Bedenken trug, sich in üblicher 
Weise in Procession ins Rathhaus zu begeben. Sie begleiteten 
ihn und schützten ihn. Aber Gefahr war doch immer vorhanden, 
an Drohungen Hess die Menge es nicht fehlen. In einer solchen 
Stunde der Gefahr war es, dass schliesslich der Bürgermeister 
Marquard von Dame das entscheidende Wort sprach, lieber die 
Rathswahl wurde verhandelt Die Menge tobte umher. Da er- 
klärten Mitglieder des Sechziger- Ausschusses, sie würde sich nicht 
beruhigen lassen, drangen nochmals in den Rath, nachzugeben, 
und verlangten Von Marquard von Dame, zu wissen, was sie sagen 
sollten. Er antwortete: sagt was ihr wollt und was ihr verant- 
worten könnt. Sie riefen hinaus: ihr habt die Rathswahl (j^ 
hebben den köre). Das Wort war nicht mehr zurückzunehmen. 
Ohne Zweifel gleich darauf verliessen Marquard von Dame und 
mit ihm noch andere Rathsmitglieder die Stadt Die einzelnen 
Tage der verschiedenen Vorgänge sind nicht festzustellen, aber 
vom 7. April liegt ein Brief der Ausgewanderten an den Sechziger- 
Ausschuss vor. Sie erklären, dass sie sich entfernt hätten, zu- 
nächst zwar um eigener Gefahr zu entgehen, aber auch um von 
der Stadt . die Gefahr abzuwenden, welche die voraussichtliche 
Folge eines Angriffs auf ihre Person gewesen sein würde. Sie er- 
bieten sich zurückzukehren, falls ihnen Sicherheit dafür geleistet 



^) L. U. B. 5, S. 742. 



112 — 

werde, dass man sie nicht kränken und mit Zumuthungen wider 
Ehre und Pflicht verschonen wolle ^). Ein Ortsdatum hat der Brief 
nicht, vermuthlich ist er aus Mölln geschrieben und schwerlich ist 
er beantwortet worden. Es waren nach und nach vierzehn Per- 
sonen ausgewandert, ausser den schon genannten vier Bürger- 
meistern noch Bruno Warendorf, Hermann Yborg, Heinrich Meteier, 
Jacob Holk, Curd von Alen, Tidemann Junge, Reyner von Calven, 
Johann Crispin, Claus von Stiten und Heinrich Rapesulver. Sieben 
blieben zurück: Albert tor Bruggen, Marquard Bonhorst, Conrad 
Brekewold, Hermann Westfal*), Gerd Hoyemann, Nicolaus Cro- 
pelin und Johann Schotte. Ihnen wurde die Versicherung ge- 
geben, dass sie nicht gekränkt, auch nicht zu Etwas, was ihrer 
Ehre zuwider sei, genÖthigt werden sollten, ferner dass sie in 
eigenen Angelegenheiten nach Gefallen verreisen und sicher zurück- 
kehren dürften. Sie weigerten sich, die Verwaltung der Stadt 
fortzuführen, weil sie nicht zahlreich genug dazu seien, weigerten 
sich ferner, Ergänzungswahlen unter Mitwirkung der Bürgerschaft 
vorzunehmen, sondern erklärten wiederholt, man müsse mit den 
abwesenden Herren weiter verhandeln und sich mit ihnen ver- 
ständigen. Endlich lud man den Bischof ein, mit einigen Dom- 
herren auf dem Rathhause zu erscheinen, beschied die anwesenden 
Rathsherren ebendahin und veranlasste sie, die mehrfach abgege- 
benen Erklärungen nochmals auszusprechen. Auf solche Weise 
wurde die Thatsache constatirt, dass die Stadt für den Augenblick 
ohne Regiment war, und daraus ergab sich für die Bürgerschaft 
die Nothwendigkeit, eine neue Obrigkeit einzusetzen. Der Bischof 
wurde ersucht, davon Kenntniss zu nehmen, um es erforderlichen 
Falls bezeugen zu können; und über den ganzen Vorgang wurde 
ein notarielles Instrument aufgenommen^). An demselben Tage 
und am folgenden wurde dann ein neuer Rath gewählt. Auch 
dabei waren Notare thätig. Und weil sie sich Notare aus kaiser- 
licher Macht und Gewalt nannten (publicus auctoritate imperiali 
notarius), glaubte die Menge, das Ganze geschehe auf Befehl des 
Kaisers. So berichtet Reimar Kock, der dabei einer vermuthlich 



') L. U. B. 5, S. 745. 

^) Dieser wanderte später ebenfalls aus. Ebend. 5, Nr. 58a 
3) L. U. B. 5, S. 188. Es trägt die Aufschrifl: Publicum instrumen« 
tum super necessaria electione consulatus novi. 



— 11^ — 



bald nach Beendigung des Aufruhrs gemachten, im Original nicht 
mehr vorhandenen ausführlichen Aufzeichnung folgt'). £s ist nicht 
ganz deutlich, in welcher Weise die Wahl geschah ^ aber es ist 
gewiss, dass vierundzwanzig Personen gewählt wurden, denn sa 
viele Namen, dieselben und in gleicher Reihenfolge, werden in 
einer Reihe verschiedener Urkunden genannt^. Nimmt man nach 
der üblichen Weise an, dass die ersten vier die Bürgermeister 
waren, so waren es Hermann von Alen, Johann Lange, Simon 
Odeslo und Johann Oldenburg^). Für die Folge wurde eine Ratbs- ' 
Wahlordnung festgesetzt. Jährlich zu Petri (Febr. 22) trat die 
Hälfte der Rathsmitglieder aus. Die Gemeinde wählte zwölf 
Wahlbürger, sechs Kaufleute oder Rentner, sechs Handwerker. 
Von ihnen wurden zwölf neue Rathmänner erwählt, ebenfalls zur 
Hälfte Kaufleute oder Rentner, zur Hälfte Handwerker. Die Aus- 
getretenen waren sofort wieder wählbar. Die Wahlbürger wählten 
femer aus den Rathmännem zwei Bürgermeister imd diese beiden 
vereinigten sich mit ihnen über die Wahl zweier anderen. Die vier 
Bürgermeister in Verbindung mit den Wahlbürgem bestimmten 
schliesslich die sogenannte Rathssetzung, d. h. sie bestimmten, 
welchen von den Rathmännem die Verwaltung der einzelnen 
Officien übertragen werden sollte. 

Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Wahlordnung 
während der acht Jahre, welche die Herrschaft des neuen Raths 
dauerte, unverändert ausgeübt wurde, wenn gleich nicht Alles, 
was in dieser Beziehung als Thatsache vorliegt, genügende Er- 
klärung findet. In einer Urkunde vom 21. Mai 1409^) werden 
von den 1408 erwählten vierundzw&nzig Personen achtzehn wieder 
als Rathmänner genannt, sechs als Bürger. Letztere waren also 
ausgetreten und nicht wiedergewählt Hier bleibt es auffallig, dass 
nicht mehr Rathmänner genannt werden, da in Testamenten schon 



') GrantofF 2, S. 661. 662. Mehrere Abschriften sind noch vorhanden, 
alle sind mangelhaft und haben anffällige chronologische Irrthümer. 

*) L. U. B. 5, Nr. 207. 222. 257. 269, in Nr. 299 nochmals dieselben 
mit der einzigen Abweichung in der Reihenfolge, dass Joh. Aelsteker 
als der vierte genannt wird, endlich auch in Nr. 672. 

3) In Stelle von Joh. Oldenburg nennen Detmar und Corner Eier 
Stange. Grautoff 2, S. 6. 

4) L. U. B. 5, S. 752. 

Hansische Gcachicbtsblätter. VIII. 8 



I 

I 



* % 



— 114 — 

im März 1409 noch andere vier vorkommen, Martin Bertze, Heinrich 
von dem Springe, Heinrich Schenkenberg und Heinrich Melberg. 
Leichter erklärt es sich, dass ungeachtet des Wechsels Manche» 
z. B. Detmar von Thunen, Burchard von Hildensem, fast einen 
ständigen Sitz im Rathe gehabt zu haben scheinen. Da die Aus- 
tretenden sogleich wieder gewählt werden durften und eine Ab- 
lehnung der Wahl nicht statthaft war, konnte dies leicht geschehen. 
Einzelne neue Namen lassen sich für jedes neue Jahr nachweisen, 
auch für das letzte. Das den Rathmännern seit langer Zeit zu- 
kommende und sie auszeichnende Prädicat Herr ging auch auf 
die Mitglieder des neuen Rathes über. Viele von ihnen haben in 
Folge der Standeserhohung ein Wappen angenommen und wenig- 
stens von einem, Johann Schonenberg, ist es sicher , dass er die 
früher von ihm gebrauchte Hausmarke aufgab, um mit einem 
Wappen zu siegeln. 

Eine der ersten Handlungen des neuen Rathes war die Ab- 
sendung einer Rechtfertigungsschrift nach Dänemark^. Ungetreue 
Verwaltung wird darin dem alten Rath nicht vorgeworfen, nur 
politische Fehler werden ihm zur Last gelegt, sowohl allgemeine, 
als specielle. Insbesondere hebt die Schrift hervor, dass der Rath 
das in seinem Pfandbesitze befindliche Schloss Bergedorf dem 
Herzog Erich von Lauenburg, der es durch Ueberrumpelung 1401 
wieder gewonnen hatte ^), vertragsmässig gelassen habe, ferner 
auch, dass er bei Anlegung des Stecknitzkanals unvorsichtiger 
Weise mecklenburgisches Gebiet berührt habe und dadurch zu 
einem nachtheiligen Vertrage mit dem Herzog Albrecht genöthigt 
worden sei^). Wenn gleich gerade diese Vorwürfe vielleicht einigen 
Grund gehabt haben, — es ist schwer, darüber zu urtheilen, — 
so blieb es doch darum nicht weniger auffallend, dass diejenigen, 
die noch Nichts gethan hatten, über eine Politik sich absprechend 
äusserten, durch welche die Stadt zu einer angesehenen Stellung 
gekommen war. Die Schrift lässt zugleich erkennen, mit wie 
grosser Aufmerksamkeit König Erich die Vorgänge in Lübeck 



') L. U. B. 5, Nr. 188. 

*) L U. B. 5, S. 24. 

^) L. U. B. 5, Nr. 56 — 58. In einer spätem Processschrift hat der 
Rath die Schuld auf den Herzog von Lauenbarg geschoben. Ebend. 6» 
Nr. 38 S. 48. 49. 



— 115 — 

verfolgte, and zeigt, dass der alte Rath nicht Unrecht hatte, wena 
er auf die Möglichkeit hinwies, dass eine wesentliche Veränderung 
der stadtischen Verfassung die Gültigkeit der Verträge in Frage 
stellen könne. Nur eine gleiche Besorgniss kann den neuen Rath 
bewogen haben, sogleich mit einer Rechtfertigungsschrift hervor- 
zutreten. 

's 

Nachdem die Ereignisse in Lübeck einen vorläufigen Abschluss 
gefunden hatten, blieb dem vertriebenen Rathe nichts übrig, als 
seine Angelegenheiten an eine höhere Instanz, die des Kaisers, zu 
bringen. Dabei gereichte es ihm anfangs sehr zum Nachtheil, 
dass er die Wahl König Ruprechts niemals anerkannt, sogar eine 
viermalige Aufforderung desselben, Huldigung zu leisten, unbe* 
achtet gelassen hatte'). Auch die jährliche Reichssteuer von 750 M. 
war in acht Jahren nicht bezahlt worden. Der neue Rath säumte 
nicht, sich diese Umstände zu Nutze zu machen. Er sandte so- 
gleich Abgeordnete zu König Ruprecht nach Heidelberg, welche 
Namens der Stadt die Huldigung leisteten, die Bestätigung der 
Privilegien nachsuchten und insbesondere noch die Bitte stellten, 
dass den Bürgern durch einen kaiserlichen Gnadenbrief vergönnt 
werden möge, ihren Rath zu wählen. Die Abgeordneten über- 
brachten dabei die seit acht Jahren rückständig gebliebene Reichs- 
steuer. Sie erreichten ihren Zweck vollständig. Unter dem 4. Juli 
stellte Ruprecht beide gewünschte Urkunden aus und auch noch 
eine dritte, in der er der Stadt den bisherigen Ungehorsam 
und die geschehene Unterlassung der Steuerzahlung verzieh'). 
Der Erlaubniss, den Rath zu wählen, war die Bedingung 
beigefügt, dass es so geschehen solle, wie es dem Reiche, den 
Bürgern und der Stadt frommen werde ^). Gleichzeitig aber kam 
auch Jordan Pleskow nach Heidelberg, um das Hofgericht anzu- 
rufen, und so geschah es, dass an demselben Tage, an welchem 
jene Urkunden ausgestellt wurden, auch eine Ladung an den 
neuen Rath erging, am nächsten Freitag nach Michaelis (Oct 5) 
vor dem Hofgericht zu erscheinen, um auf die vorgebrachte Klage 



*) L. U. B. 5, S. 730. 733. 734. 737. 

^) L. U. B. 5, Nr. 204. 205. 206. 

3) Vennuthlich ist ein derartiges Versprechen schon mit der Bitte 
verbunden gewesen, wenigstens lässt der Wortlaut der Urkunde diese 
Auffassung zu. 

8* 



* ■• • ^» ' % 



— ii6 — 

zu antworten'). Das konnte und wollte Ruprecht nicht hindern, 
aber er gab in einem Schreiben vom 14. August dem neuen Rathe 
nochmals die Versicherung, dass er die ihm gegebenen Privilegien 
sicher aufrecht halten werde und sich mit Jordan Pleskow in 
keinerlei Verhandlungen eingelassen habe, die sie beeinträchtigen 
könnten. „Daran sollt ihr durchaus nicht ' zweifeln , — heisst es 
in dem Schreiben, — und wenn euch Jemand etwas Anderes sagt, 
so glaubet ihm nicht, wie ihr es auch in Wahrheit nicht anders 
finden sollt*)'*. Die Aeusserung steht nicht ganz in Einklang mit 
einer Darstellung des Verlaufes, die Ruprecht etwa anderthalb 
Jahre später sich veranlasst sah öffentlich bekannt zu machen^). 
Aber es ist glaublich, dass diese spätere Darstellung durch eine 
inzwischen vorgegangene Aenderung seiner Ansichten eine Färbung 
erhalten hat. Für den Augenblick war er wohl dem neuen Rathe 
aufrichtig geneigt; es mochte ihm, der so wenig Anerkennung 
fand, zumal in Norddeutschland, angenehm sein, dass eine der 
bedeutendsten Städte ihm freiwillig Huldigung entgegenbrachte. 
Die vielen Beweise von Theilnahme für den alten Rath, die er 
dann von einer ganzen Reihe von Städten erfuhr, scheinen in ihm 
den Wunsch erregt zu haben, den Zwist im Wege der Güte 
zu beseitigen. £r setzte daher das Gerichtsverfahren bis zum 
28. Juni 1^09 aus, um vorher Sühneversuche anzustellen, wozu 
von Seiten des alten Rathes Jordan Pleskow, Reyner von Calven 
und Heinrich Rapesulver, von Seiten des neuen Rathes Eier Stange 
und Johann Grove ausdrücklich ihre Zustimmung gaben*). Die nun 
entstdiende Pause benutzten die sämmtlichen ausgewanderten Mit- 
glieder des alten Rathes, um ihrerseits Ruprecht förmlich zu hul- 
digen ; und zugleich Namens der Stadt für den Fall, dass sie in 
^ das Regiment derselben wiederkommen würden. Sie empfingen 
dafür von ihm die schriftliche Versicherung, dass er ihnen seine 
Huld und Gnade wieder zugewandt habe^). Andererseits setzte 
der neue Rath den wiederholten Versuchen des Königs, eine Ver- 
mittelung eintreten zu lassen, so beharrliches Widerstreben ent- 



») L. U. B. 5 , Nr. 207. 
') Ebend. 5, Nr. 215. 

3) Ebend. 5, S. 341 fg.. 

4) Ebend. 5, S, 224. 

5) Ebend. 5, S. 748. 749. 



— 117 — 

gegen, als ob er es absichtlich darauf angelegt hätte, die könig- 
liche Gnnst zu verscherzen. Der zunächst angeordnete Versuch, 
zu welchem Ruprecht eine aus vier Personen bestehende Gesandt- 
schaft') nach Oldesloe sandte, auch mehrere Städte zur Theilnahme 
aufforderte, wurde zwar etwas später gemacht, als ursprünglich 
beabsichtigt war, nämlich nicht gegen Weihnacht, sondern um 
Lichtmess 1409, war aber ganz vergeblich, weil der neue Rath 
sich auf Nichts einlassen wollte. Ruprecht Hess sich dadurch nicht 
abhalten, einen neuen Versuch zu machen, der unter seinen Augen, 
in Heidelberg, vor sich gehen sollte. £r bestimmte dazu einen 
dem angesetzten Gerichtstermin sehr nahen Tag, den 10. Juni. 
In einem eindringlichen Schreiben, in welchem er auf die ver- 
derblichen Folgen der Zwietracht aufmerksam machte, lud er den 
neuen Rath dazu ein und stellte das bestimmte Verlangen, dass 
die Abgeordneten auch mit Vollmacht zu Vergleichsverhandlungen 
versehen würden*). Dabei fand er von vielen Seiten Unterstützung, 
denn alle zur Hanse gehörigen Städte hatten ein Interesse, den 
Zwist ausgeglichen zu sehen, und überall gab sich lebhafte Sym- 
pathie für Lübeck und für den alten Rath kund. Der Rath von 
Hildesheim schreibt: „Die Stadt ist von langen Jahren her bis auf 
diese Zeit unser aller Haupt gewesen und wir würden sie gern 
noch länger dafür halten, wenn sie bei ihrem alten Regimente 
bliebe^)''. Dieser Satz kann als der Ausdruck einer allgemeinen 
Stimmung angesehen werden. Sogar von dem hansischen Com- 
toir in Brügge erschienen Abgeordnete. Mehr als zehn Tage 
wurde unter den Parteien und unter Ruprechts eigener Leitung 
verhandelt^), aber ein Erfolg war schon dadurch unmöglich ge- 
macht, dass die Abgeordneten des neuen Rathes der Aufforderung 
des Königs ungeachtet angewiesen waren, nur vor dem Hofgericht 
zu Recht zu stehen, eine gütliche Vereinbarung nicht einzugehen. 
Dagegen brachten sie eine mit etwa fünfzig Siegeln versehene Ur- 
kunde, in welcher die Lübeckischen Corporationen (naden) erklärten, 
dass sie sich dem Urtheil des Hofgerichts, wie es auch ausfallen 



') L. U. B. s, S. 344. 
") Ebend. 5, S. 241. 

3) Ebend. 5, S. 257. 

4) Ebend. 5, S. 333. 345- 



— n8 — 

möge, fügen wollten^). Das Gericht trat also am 28. Juni zu- 
sammen. Es bestand aus dreissig Personen unter Vorsitz des 
Grafen Engelhart von Weinsberg. Die Namen der Richter sind 
erhalten*). Von Seiten des alten Rathes waren* als Bevollmäch- 
tigte erschienen Jordan Pleskow und Reyner von Calven, von 
Seiten des neuen Rathes die Mitglieder desselben Eier Stange» 
Tidemann Steen, Johann Grove und Johann von der Heyde, denen 
vier Bürger beigesellt waren: Marquard Schutte, Otto Lentzeke» 
Heinrich Schonenberg und Heyne Sobbe. Der König selbst nebst 
einigen seiner Fürsten und Räthe war bei der Verhandlung gegen» 
wärtig^). Das sehr ausführliche Urtheil ist in Wirklichkeit ein 
Protokoll, welches den ganzen Vorgang anschaulich macht ^)» 
Der alte Rath trat als Kläger auf. Auf die erste Klage, dass der 
gegenwärtige Rath in Lübeck sich mit Unrecht in den Besitz des 
Regiments gesetzt habe, welches die Mitglieder des alten Rathes aus 
Furcht vor Gewalt hätten aufgeben müssen, erwiederten die Be* 
klagten, der alte Rath habe dem Könige Ungehorsam bewiesen und 
dadurch sich selbst aller Rechte und Freiheiten beraubt; sie wei» 
gerten daher, sich auf eine Klage desselben überhaupt einzulassen. 
Das Gericht entschied aber einstimmig, dass sie schuldig seien zu 
antworten, da die Kläger sich weder in geistlichem Banne noch 
in kaiserlicher oder königlicher Acht befanden. Hierauf wurde 
die Klagbitte wiederholt, nämlich Wiedereinsetzung in den vorigen 
Stand, in den Besitz und Genuss der durch vielfaltige kaiserliche 
Privilegien dem alten Rathe verliehenen Rechte und Freiheiten. 
Die Beklagten forderten zwar, dass die Documente vorgelegt wür- 
den, allein der Gerichtshof wies die Einrede als den Umstanden 
nach unstatthaft ab und entschied dann zu Gunsten der Kläger „daa 
die gemeinde die clegere in die vorgenante, ir gewere und besesse 
wider kommen lassen und setzen sollen, als sy dann vor sassen^ 
e in solich vorgenante bedrengnuss und gewalt beschahen und als 
der vorgenanten stat Lubeke recht, herkommen und gewonheit 
von alter her gewest is". Beides übrigens nicht einstimmig» 



») L. U. ß. 5, S. 334. 
«) Ebend. 5. S. 753. 

3) Ebend. 5, S. 345. 

4) Ebend. 5, S. 267 fg. 



— 119 — 

sondern mit Stimmenmehrheit^). Die Kläger stellten dann noch 
vier weitere Anträge. Sie forderten Genugthuung für die ihnen 
zugefügte Schmach, Ersatz des ihnen zugefügten Schadens, Sicher- 
heit dafür, dass das Urtheil zum Vollzug komme, und Verur- 
theilung des neuen Rathes zu einer Busse an den König wegen 
des begangenen Frevels. Die Beklagten wandten ein. Niemand 
habe ihnen Schmach zugefügt oder Kosten verursacht, sie seien 
freiwillig aus der Stadt gewichen und möchten zurückkehren, wenn 
sie wollten. Das Gericht entschied, diesmal wieder einstimmig, 
hinsichtlich deS ersten Punktes: in der Wiedereinsetzung in den 
vorigen Stand liege hinlängliche Genugthuung, hinsichtlich des 
zweiten: die acht anwesenden Vertreter der Stadt Lübeck sollten, 
wenn sie es vermöchten, einen Eid leisten, dass dem alten Rathe 
kein Schade zugefügt sei, und wenn sie ihn generell leisten wollten, 
so solle es ihnen freistehen, einzelne Punkte auszunehmen ^ für 
welche dann innerhalb zweier Monate Ersatz geleistet werden solle; 
hinsichtlich des dritten Punktes: das Urtheil des Hofgerichts trage 
in sich selbst Sicherheit genug, dass es in Vollzug gesetzt werde, 
hinsichtlich des vierten: über eine Busse an den König zu be- 
stimmen, stehe nur dem König selbst zu und bleibe ihm über- 
lassen. 

V^on dem Umstände, dass das Urtheil in Einer Beziehung 
nicht ganz definitiv war, nahm Ruprecht Veranlassung es zu er- 
ganzen. Er bestimmte für die Eidesleistung als Termin den 
28. August, als Ort Hamburg, und verfügte zugleich, dass vorher, 
am 15. August, ebenfalls in Hamburg, nochmals ein Güteversuch 
gemacht werden sollte. Dahin wollte er den Bischof von Pader- 
born absenden, und machte auch dem neuen Rathe von Lübeck 
von dieser Verfügung Anzeige. 

Das Verhalten des neuen Rathes dem Urtheile des Hofge- 
richts und den wohlwollenden Absichten Ruprechts gegenüber er- 
scheint unerklärlich. Man muss annehmen, dass seine Abgeord- 
neten ihn absichtlich in Unkenntniss über die ganze Sachlage ge- 
lassen haben und dass der eigentliche Inhalt des Urtheils Vielen 
gar nicht verständlich geworden ist. Man würde vermuthen dürfen^ 

') In Beziehnng auf die rechtliche Wirksamkeit machte es keinen 
Unterschied, ob die Urtheile einstimmig oder mit Stimmenmehrheit ge- 
lasst waren. Franklin, das Reichshofgericht im Mittelalter Bd. 2, S. 272" 



— I20 — 

das3 es gar nicht nach Lübeck gekommen sei, wenn nicht Ru- 
precht ausdrücklich bezeugte, dass es beiden Parteien einge- 
handigt sei'). 

In einem Schreiben vom 25. Juli an König Ruprecht sagt 
der neue Rath^: es sei ein Gerücht, dass „Euer Gnaden Ritter *' 
Urtheile gesprochen haben, die den von „Euer Majestät" neulich 
gegebenen Briefen entgegen sind. Der Konig wird gebeten dem 
das Schreiben überbringenden Boten noch Einen „Brief" mit an- 
hängendem Siegel mitzugeben und darin jene „Briefe" nochmals 
zu bestätigen. Ferner wird gesagt, die angeordnete Zusammenkunft 
in Hamburg sei ganz überflüssig, der König möge sich keine un- 
nöthigen Kosten machen, denn wenn die jetzt abwesenden Herren 
des alten Rathes, wie das Gericht es ihnen freistelle, zurückkehren 
wollten, so habe man nichts dagegen. 

Und doch wurde, ganz im Gegensatz zu dieser Erklärung, 
unmittelbar darauf die Friedloslegung sämmtlicher vierzehn aus- 
gewanderten Mitglieder des alten Rathes und acht anderer ihnen 
anhängenden, vermuthlich mit ihnen ausgewanderten Personen 
ausgesprochen und in Verbindung damit die Confiscation ihrer 
Güter, soweit man sie erreichen konnte, angeordnet Die noth- 
wendige Folge war eine abermalige Klage bei dem Hofgericht, 
und schon am 19. August erschien eine neue Ladung auf den 
nächsten Dienstag nach St. Gallen. Jordan Pleskow und Reyner 
von Calven waren es wiederum, die Namens der Uebrigen han- 
delnd auftraten. Sie schätzten den Schaden, der ihnen dadurch 
erwachse, dass sie ihre Wohnung nicht in Lübeck haben könnten, 
sondern in der Fremde umherirren müssten, auf 2000 Mark lö- 
thigen GoldeS; den ihnen durch die Confiscation ihrer Güter zuge- 
fügten Schaden ebenso hoch. Die Klage ging also auf 4000 Mark 
löthigen Goldes^). Der Graf Johann von Werthheim war damals 
Vorsitzer des Gerichts, das wieder in Heidelberg gehalten wurde. 
Es erschien aber kein Bevollmächtigter des neuen Rathes. Das 
Gericht erklärte demnach die ausgesprochene Friedloslegung und 
die Confiscation der Güter für ungültig, und setzte zur Verhand- 
lung über den eingeklagten SchadensersatZ| „damit Niemand sagen 



») L. U. B. 5, S. 346. 
«) Ebend. 5, S. 283. 
3) Ebend. 5, S. 294. 



— 121 — 

könne, dass er an seinen Rechten verkürzt werde')", einen neuen 
Termin auf den Mittwoch nach Allerheiligen (Nov. 6) an. Wiederum 
erschien Niemand von Seiten der Beklagten, es wurde ein dritter 
Termin auf den Donnerstag nach Elisabeth (Nov. 21) anberaumt. 
Als der neue Rath auch zu diesem dritten Termin keinen Bevoll- 
mächtigten schickte, beachtete das Gericht sein Ausbleiben nicht 
länger, sondern sprach dem alten Rathe und dessen Freunden die 
eingeklagten 4000 Mark Goldes zu, gab ihnen die Befugniss von 
den der Stadt und den einzelnen Bürgern gehörigen Gütern so 
viel an sich zu nehmen, als nöthig war, um den Betrag zu er- 
reicl>en; befahl allen geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, ihnen 
dabei behülflich zu sein, und erklärte, dass sie kein Unrecht thun 
würden, wenn sie mit den ergriffenen Gütern ganz nach Belieben 
verführen^. Ruprecht zögerte nochmals, dem Rechte seinen stren- 
gen Lauf zu lassen. Er Hess dem neuen Rathe bis zum nächsten 
Epiphaniastage Zeit, sich mit dem alten Rathe auszusöhnen. Als 
auch diese letzte Frist verstrichen war, ohne dass auch nur ein 
Versuch zur Versöhnung stattgefunden hatte, erinnerte er in einem 
Schreiben vom 20. Januar 141 o den neuen Rath an seine fort- 
gesetzten, durch des Rathes Widerstreben immer vergeblich ge- 
bliebenen Versuche, den Zwist ohne Einschreiten des Rechts bei- 
zulegen und dadurch die Stadt zu Frieden und Ruhe zu bringen, 
erinnerte ihn ferner an die bestimmt und schriftlich abgegebene 
Erklärimg, dem Spruche des Hofgerichts Folge leisten zu wollen, 
dem er nun dennoch den Gehorsam versagt habe, und sprach 
am folgenden Tage, Januar 21, die Acht über die Stadt aus. 
Unter dem 2.* März liess er dann noch eine öffentliche Erklärung 
folgen, in welcher er gegenüber den von dem neuen Rathe aus- 
gesprengten Gerächten, dass er die demselben gegebenen Ver- 
sprechungen nicht gehalten habe, den ganzen Verlauf der Ver- 
handlungen, sowohl der gerichtlichen als der aussergeriohtlichen 
ausführlich darlegte und damit die Aufforderung verband , dem 
alten Rathe, dem das Recht zur Seite stehe, förderlich zu sein^). 
Sein bald darauf, am 10. Mai, erfolgender Tod brachte in die 
weitere Entwickelung der Angelegenheit einen langen Stillstand. 

') L. U. B. 5, S. 296. 
") Ebend. 5, S. 308. 
3) Ebend. 5, S. 341 fg.. 



— 122 — 

Inzwischen hatte es auch an anderweitigen Vermittelungsver- 
suchen nicht gefehlt. Die Städte waren zu eng mit einander ver- 
bündet, als dass nicht jede an Allem, was die andern betraf, hätte 
Antheil nehmen und zu Dienstleistungen bereit sein sollen. Vor 
allen wünschte jede, dass Ordnung und Ruhe nicht blos in ihr 
selbst, sondern auch in allen übrigen herrsche. Innere Zwietracht 
war schon an sich schlimm und hatte die noch schlimmere Folge, 
dass sie die Kraft, nach aussen hin zu handeln, lähmte. Das 
war bei Lübeck vorzugsweise der Fall, darum machten die Folgen 
des Aufstandes sich in weiten Kreisen fühlbar, und darum waren 
die Bemühungen der befreundeten Städte, die Ordnung wieder- 
herzustellen, von nachhaltiger Dauer, bis das Ziel endlich erreicht 
war. Die allgemeine Stellung Lübecks wird ersichtlich aus einem 
interessanten Schreiben der hansischen Aelterleute in Brügge an 
die lief ländischen Städte, welches zugleich für die Thätigkeit des 
alten Rathes ein ehrendes Zeugniss ablegt. £s heisst in dem 
Schreiben^): „Die Stadt Lübeck ist seit langer Zeit eine Haupt- 
stadt der Hanse gewesen, immer bereit, den Kaufmann überall, 
wo es noth war, zu vertreten und zu beschirmen; an sie schrieb 
der Kaufmann aus vielen Ländern, wenn irgendwo ein Gebrechen 
war, und sie versammelte dann vielmals die Hansestädte, um 
Alles zum Besten zu fügen und zu ordnen; jetzt weiss der Kauf- 
mann nicht,' an wen er sich wenden soll, und doch sind an vielen 
Orten Verhältnisse vorhanden, die umsichtige Behandlung (vorse- 
nigen rad) erfordern". Auch die übrigen Städte haben es gefühlt, 
dass ihre Verbindung durch das factische Ausscheiden Lübecks 
gelockert war, und der Wunsch, dem Bunde das Haupt wieder- 
zugeben, hat wesentlich dazu beigetragen, ihre Bemühungen be- 
harrlich und ausdauernd zu machen. 

Schon ehe der alte Rath so weit gebracht war, dass er die 
Stadt Verlassen musste, fanden sich Abgeordnete von Hamburg 
und Lüneburg ein, um einen Ausgleich zu versuchen, freilich um- 
sonst^. Bald nach der Auswanderung, im Juni 1408, luden die 
in Hamburg Versammelten wendischen Städte den neuen Rath zu 
einer Besprechung in Oldesloe ein^. Es wird durch die Ham- 

») L. U. B. s, S. 297. 
*) Ebcnd, 5, S. 193. 
3) Ebend. 5, Nr. 201. 



— 123 — 

burgischen Kämmereirechnungen ^ bezeugt, dass sie zu Stande ge- 
kommen ist» jedenfalls hat sie keinen Erfolg gehabt. Dann folgten 
die von König Ruprecht angestellten Sühneversuche, an denen die 
Städte ebenfalls lebhaften Antheil nahmen. 

Im November 1409 kam es zum ersten Mal wenigstens zu 
einer wirklichen Verhandlung. Der neue Rath hatte damals be- 
sondere Veranlassung, dem Drängen der Städte nachzugeben. 
Der Herzog Erich IV. von Sachsen- Lauenburg, der sich gleich 
nach Antritt seiner Regierung durch eine List in den Besitz des 
an Lübeck verpfändeten Schlosses Bergedorf gesetzt hatte, hielt 
die Gelegenheit für günstig, auch die gleichfalls verpfändete Stadt 
Mölln wiederzugewinnen. Ganz plötzlich, am 14. October, e]:schien 
er mit seiner Mannschaft vor der Stadt, iddem er einen Absage- 
brief nur gleichzeitig, nicht, wie das Gesetz es vorschrieb, drei 
Tage vorher an den Rath sandte^. Die Eroberung gelang leicht. 
Der Rath wandte sich in seiner Noth mit Bitte um Hülfe an 
Hamburg, Lüneburg, Wismar und Rostock. Abgeordnete dieser 
Städte erschienen, erklärten aber, es könne ihnen grosse Unan- 
nehmlichkeit bereiten, wenn sie einer Stadt, über welche binnen 
Kurzem die Acht werde ausgesprochen werden. Hülfe lebten 
wollten, es werde daher besser sein, zunächst das Verhältniss mit 
dem alten Rathe zu ordnen. Darauf ging der neue Rath ein, 
sprach aber als seine vorläufige Ansicht aus, der alte Rath möge 
wiederkommen, man wolle ihm auch den Sitz im Rathsstuhl wieder 
übergeben, erwarte aber, dass die Herren sogleich wieder auf- 
stehen und mit der Erklärung, ,sie seien des Arbeitens über^ 
drüssig^, das Regiment niederlegen und die Stadt verlassen wür- 
den, sie könnten dann entweder in anderen Städten oder auf 
ihren Landgütern wohnen, auch ihr Eigenthum innerhalb der 
Stadt für sich nutzbar machen. Auf die Bemerkung, dass über 
solchen Vorschlag nicht zu verhandeln sei, wurde erwiedert, dass 
es wohl vergeblich sein würde, den alten Rath wieder einführen 
zu wollen, doch möge man die Herren immerhin kommen lassen, 
vielleicht würde Gott es fügen, dass man sich in irgend einer 



') Koppmann, Kämmereirechnnngen der Stadt Hamburg 2, S. 12. 
^) Der Rath gerieth in grosse Angst Wy mögen dar ovele besitten, 
schreibt er an den Rath von Lüneburg. L. U. B. 5, Nr. 273. 
3) en verdrote des arbeydes. Ebend. 5, S. 302. 



— 124 — 

Weise vereinige. In der That kamen auf die Einladung der Städte 
einige der sich zur Zeit in Hamburg aufhaltenden Mitglieder des 
alten Rathes nach dem etwa eine Meile von Lübeck entfernten, 
aber nicht in der Lübeckischen Feldmark gelegenen Gute Stein- 
rade, und die Abgeordneten der Städte, mit Ausnahme der von 
Wismar/ denen es von ihrem Rathe untersagt war, sich dabei zu 
betheiligen, ritten zu ihnen hinaus, um ihre Vorschläge zu ver- 
nehmen. Die Art der Rathswahl war auch jetzt wieder der Car- 
dinalpunkt. Der Rath war bereit, dem Selbstergänzungsrecht für 
einmal zu entsagen, und machte einen doppelten Vorschlag. Ent- 
weder: er wolle, un^er Voraussetzung der Genehmigung des Rö- 
mischen Königs, in Verbindung mit der Gemeinde zehn oder 
zwölf Kaufleute zu Wahlbürgem erwählen und dann gemeinschaft- 
lich mit diesen aus dem alten und dem neuen Rathe und der 
Gemeinde einen neuen Rath. Oder: er sowohl als der neue Rath 
sollten ihr Amt in die Hände des Römischen Königs zurückgehen 
und dieser solle dann, selbst oder durch Bevollmächtigte unter 
Mitwirkung der Städte aus dem alten und dem neuen Rathe und 
den Bürgern einen andern Rath einsetzen. Aber in dem einen 
wie dem andern Falle solle der so bestimmte Rath in den Genuss 
aller seiner Rechte, folglich auch des Rechts der Selbstergänzung, 
Wieder eintreten. Ueber die Ansprüche auf Genugthuung und . 
Schadenersatz möchten dann die Städte entscheiden. Der neue 
Rath begnügte sich, hierauf zu erwiedem, die Vorschläge gefielen 
den Bürgern nicht. Da die in Steinrade anwesenden Mitglieder 
des alten Rathes erklärten, sie seien ausser Stande, andere zu 
machen, waren die Unterhandlungen zu Ende. 

Eine Folge davon war, dass die Stadt Lübeck nun auch 
keine Hülfe gegen den Herzog Erich bei den Städten fand. Aber 
der neue Rath zeigte sich hier sehr energisch. Er nahm rasch 
eine grössere Anzahl von Söldnern in Dienst'), die Bürger be- 
waffneten sich, und so gelang es sehr bald, Mölln wiederzugewinnen 
und den Herzog zum Frieden zu zwingen. Am 19. Januar 1410 
wurden die Verträge geschlossen. Der Herzog gab der Stadt den 
Pfandbesitz von Mölln zurück und Hess diese Stadt dem Rathe 
von Lübeck von neuem Pfandhuldigung leisten. Ausserdem^wurde 



») L. U. B. 5, Nr, 283—287. 



- •» 



— 125 — 

auch das Verhältniss des Stecknitzkanals in einer für Lübeck vor- 
theilhaften Weise geordnet, insbesondere festgesetzt, dass die 
Unterhaltungskosten von Lauenburg und Lübeck gemeinschaftlich 
zu gleichen Theilen getragen werden sollten. Diese Bestimmung 
gilt noch bis auf den heutigen Tag. Endlich verpflichtete der 
Herzog sich auch, für die Sicherheit 'der Strassen in seinem Lande, 
namentlich der Strasse zwischen Hamburg und Lübeck zu sorgen, 
so dass der Kaufmann seine Waaren ohne Besorgniss und Gefahr 
fuhren könne. Dafür versprach ihm der Rath eine jährliche Zah- 
lung von 300 Mark, die auf den Stecknitzzoll angewiesen wurden« 
Diese Zahlung wollte später der alte Rath nach seiner Wiederein- 
setzung als von dem revolutionären Rathe übernommen nicht an- 
erkennen, und es entstand darüber ein Process am Königlichen 
Hofgericht, der indessen zum Nachtheil des Rathes entschieden 
wurde (1418. Oct. 25)^. 

Auch sonst hat der neue Rath der Verwaltung der Stadt 
Ernst und Sorgfalt gewidmet Die Uebung und Erfahrung, die 
Manche während der letzten Jahre als Beisitzer verschiedener Be- 
hörden gewonnen hatten, wird ihnen dabei zu Statten gekommen 
sein. In den beiden wichtigsten Stadtbüchern, dem Ober- und 
dem Niederstadtbuch ist eine sechswöchentliche Lücke bemerklich, 
vom Sonntag nach Ostern bis Pfingsten (April 22 bis Juni 3). 
Während dieser Zeit iät in beiden Büchern Nichts eingetragen, 
dann gehen die Eintragungen ganz in gewohnter Weise weiter^ 
auch in lateinischer Sprache. Für die Aufzeichnung der Einnah«- 
men der Stadt aus Buden, Verkaufsplätzen und Grundstücken in 
der Landwehr wurde das bis dahin gebrauchte Buch weiter be- 
nutzt, neu angelegt ein s. g. Wiesenbuch. Dies wird mit dem 
dem alten Rathe gemachten Vorwurf, dass die Wiesen nicht theuer 
genug verpachtet seien*), zusammenhängen, und in der That wird 
eine Erhöhung der Einnahmen bemerkbar. Aus dem Oberstadt- 
buch ist ersichtlich, dass der Rath den Tod eines Apothekers be- 
nutzte, um von der Wittwe und den Kindern die Apotheke zu 
kaufen und in städtische Verwaltung zu nehmen, in welcher sie 
seitdem mit Ausnahme; der Jahre der französischen Herrschaft, 



») L. U. B. 6, Nr. 58. 

') s. oben S. 106; vgl. auch Pauli, Lüb. Zustände im M. A. S. 182 fg.. 



— 126 — 

bis 1846 geblieben ist Damit wurde eine neue Einnahmequelle 
gewonnen, und das war wohl die leitende Absicht des Rathes. 
Im Niederstadtbuch sind die häufigen Zuschriften zu getreuen 
Händen bemerkenswerth. Nach dem Lübischen Rechte war es 
Gotteshäusern und Geistlichen untersagt, Grundstücke oder Renten 
in Grundstücken zu besitzen'). < Fielen sie ihnen durch Erbschaft 
oder Legate zu, so mussten-sie auf den Namen eines Andern zu 
getreuen Händen geschrieben werden und konnten dann die Steuer- 
freiheit der geistlichen Güter nicht in Anspruch nehmen. Es 
scheint, dass der neue Rath auf die Befolgung, dieser Vorschrift 
strenger gehalten hat, als der alte. 

Wurden nun abör auch auf solche Weise die Einnahmen der 
Stadt verbessert, so genügte das doch für die Bedürfnisse nicht, 
zur Verminderung der Schuldenlast mussten besondere Mittel an- 
gewandt werden. Wir erkennen zwei. Das eine ist ein Schoss- 
mandat. Es ist zwar nicht in allen einzelnen Ausdrücken ver- 
ständlich^, aber man sieht doch, dass der Rath den gewohnlichen 
Schoss von zwei Pfennigen von der Mark Silbers auf vier Pfennig 
erhöhte, d. h. nach dem damaligen Münzfuss auf 4 per mille^). 
Man sieht femer, dass er die Steuerpflichtigkeit ausdehnte und 
dass er einen ganz ungewöhnlichen hohen Vorschoss erhob, d. h. 
eine Abgabe, die ausser und neben dem nach einem Procentsatz 
berechneten Schoss von allen Steuerpflichtigen gleichmässig ent- 
richtet wurde. Er hat damit die Frage, die auch heutigen Tages 
viel ventilirt wird, ob directe, ob indirecte Steuer, factisch ent- 
schieden. Zu einer indirecten durfte er nach dem, was vorge- 
kommen war, allerdings seinerseits nicht leicht schreiten , allein 
die Erfahrung hat bald gezeigt, dass ohne eine solche nicht aus- 
zureichen war. 

Das zweite Mittel bestand in einer nicht zu allen Zeiten an- 
wendbaren Art und Weise, die Schulden zurückzuzahlen. Es liegt 
eine grosse Anzahl von Urkunden vor, in der die Aussteller er- 
klären, dass sie zur Ablösung einer von Seiten des Rathes ihnen 
schuldigen Rente eine vereinbarte Summe angenommen haben. 



*) Hach, Das alte Lübische Recht S. 262. '308. 371. 
») L. U. B. 5, S. S7^, 

3) Aus der Mark fein wurden im Jahre 14 10 5 Mark 9 Schilling 10 Pfg.= 
1078 Pfg. geprägt. Grautoflf, Hist. Sehr. 3, 266. 



127 — 

Die Summe selbst wird nirgends genannt, ofifenbar war es jedes- 
mal eine geringere als die ursprüngliche Anleihe. Solcher Ur- 
kunden giebt es 46 ans dem Jahre 141 1, 3 aus dem Jahre 1412, 
3 aus dem Jahre 1413, 10 aus dem Jahre 1414. Die einzelnen 
Renten, welche auf diese Weise zurück gekauft wurden, waren 
mehrentheils geringfügig, allein es waren auch grossere darunter 
und der Gesammtbetrag erreichte die Summe von 1623 Mark. Da 
die ganze Jahresausgabe der Stadt nach einer vorliegenden Rech- 
nungsübersicht von 1408 etwa 16760 Mark betrug*), wovon nahe- 
zu die Hälfte für Zinsen und Abtrag der Schulden ausgegeben 
wurde (ungefähr dasselbe Verhältniss zeigt das Budget der Stadt 
Lübeck noch heutigen Tages), so war allerdings eine wesentliche 
Erleichterung damit erreicht. Wie 4)edeutend die Reduction war, 
lässt sich in einem bestimmten Falle nur einmal an dem Ritter 
Jacob Abrahamsson nachweisen, der anstatt 4000 Mark, die er 
zu fordern hatte, nur 3100 Mark erhielt^). Aber bei ihm war ver- 
muthlich auf dnflussreiche Verwendung Rücksicht zu nehmen, in 
andern Fällen wird die Reduction bedeutender gewesen sein. Mit 
der angegebenen Summe der Renten konnte nach dem damals 
üblichen Zinsfuss von 5% ein Capital von 32000 Mark abgetragen 
werden. Und da nicht anzunehmen ist, dass sämmtliche hierher 
gehörigen Urkunden erhalten sind, wird die Massregel eine noch 
weiter gehende Wirkung gehabt haben. 

Für das Gewaltthätige des Verfahrens liegt in den Umstän- 
den wenigstens einige Entschuldigung. Durch Nichts zu recht- 
fertigen ist die Weise, wie der Rath die unmittelbar an die Land- 
wehr angrenzenden Güter Stockeisdorf und Mory erwarb. Beide 
Güter waren im Besitz einer bejahrten Matrone, der Gertrud, 
Wittwe des 1385 verstorbenen Rathmannes Tidemann Vorrad. Der 
Rath gab ihr zwei Vormünder, darunter eins seiner Mitglieder, 
und diese verkauften die Güter an die Stadt. Nicht einmal ein 
Kaufpreis wurde gegeben, es galt als Solcher, dass der Wittwe der 
lebenslängliche Niessbrauch verblieb. Man bestimmte aus dem Er- 
trage der Güter 50 Mark um damit zwei Vicarien in der Aegi- 
dien-Kirche auszustatten. In der Urkunde, in welcher der Bischof 
diese Stiftung bestätigte, wird in auffalliger \Veise auch der Ver- 

») L. U. B. 5, S. 180. 

*) Ebend. 5, Nr. 1G7 u. Anm. zu Nr. 648. 



— 128 — 

• 

kauf der Güter angegeben und konnte folglich auch als bestätigt 
angesehen werden, die Rechte der abwesenden Erben waren dabei 
in gesetzwidriger Weise unbeachtet gelassen. Doch ist die Stadt 
nicht in dauerndem Besitz geblieben, die Erben erreichten es 1441, 
dass ihnen die Güter zurückgegeben wurden^. 

Noch viel weniger zu rechtfertigen war die Confiscation der 
Güter der Ausgewanderten. 

Dennoch, wäre die Stadt Lübeck nur ein für sich bestehen- 
des Gemeinwesen gewesen, dessen Verhältniss zu andern Städten 
oder zu einem grösseren Ganzen durch eine höhere Behörde ge- 
regelt und geleitet wäre, so hätte möglicher Weise das Regiment 
des neuen Rathes im Wesentlichen dasselbe leisten können^, wie 
das des alten. Aber das waf nicht der Fall. Lübeck war die 
Stadt, die an der Spitze der Hanse stand, wie dies von allen 
Seiten her bei den verschiedensten Gelegenheiten hervorgehoben 
und anerkannt wird; und aus dieser Stellung entstanden Auf- 
gaben, denen der neue Rath in keiner Weise gewachsen war. 
Er besass weder die nöthigen Kenntnisse noch das Geschick dazu. 

Ganz fern von Beziehungen nach aussen konnte er sich nicht 
halten, wollte es auch nicht. Auf die Sicherheit der Strassen 
musste im Interesse des Handels und Verkehrs bestandige Auf- 
merksamkeit und Sorge verwandt werden, und daran hat er es 
nicht fehlen lassen. Schon eine ganze Reihe von Urfehden wegen 
sehr mannigfaltiger Vergehungen und eine Anzahl von Sühnen 
mit einzelnen Adelsfamilien bezeugt dies. Andere Urkunden geben 
den Beweis, dass er der Instandsetzung und Instandhaltung des in 
, der Stecknitz gewonnenen wichtigen Wasserweges nicht geringere 
Sorgfalt widmete, als der alte Rath ^. Und wie er bei dem Friedens- 
schluss mit dem Herzoge von Lauenburg die Sicherheit der Strassen 
durch das Versprechen einer jährlichen Zahlung von 300 Mark er- 
kauft hatte, so trug er auch kein Bedenken, dem Herzog Jo- 
hann IV. von Mecklenburg ein jährliches Weihnachtsgeschenk von 
100 Mark „zum Hufschlag"^) und dem Fürsten Balthasar von Werle 
eine Anleihe von 300 Mark zu bewilligen^). Durch das Versprechen 

») L. U. B. 5, Nr. 339. 343 u. Anm., 345. 351. 

2) Ebend. Nr. 194. 195. 378. 

3) Ebend. Nr. 369. 

4} Ebend. Nr. 336. 344. 



— 129 — 

eines zehn Jahre lang jährlich zu wiederholenden Geschenkes von 
loo Mark, das überdies gleich zu Anfange für fünf Jahre auf 
einmal ausbezahlt wurde, wurde der Herzog Rudolf von Sachsen 
bewogen, nicht blos den Lübeckern Schutz in seinem Lande zu 
gewähren, sondern auch für den neuen Rath gegen den alten 
Partei zu nehmen^. Leichter noch war die Verbindung mit dem 
Herzog Heinrich von Braunschweig- Lüneburg, der es vermuthlich 
nicht vergessen konnte, dass zwei Herren des alten Rathes, Con- 
rad von Alen und Reyner von Calven^ im Jahre 1396 durch einen 
kühnen Zug seine Unternehmungen gegen die Stadt Lüneburg 
gehindert hatten^. £r war und blieb, während sein Bruder Bern- 
hard auf Seiten des alten Rathes stand, ein so eifriger Freund 
des neuen, dass König Ruprecht ihm eigens eine Abschrift der 
Verhandlungen des Hofgerichts sandte, um ihn zu überzeugen, 
dass der alte Rath im Rechte sei. Sein Vetter Erich von Gruben- 
hagen folgte seinem Beispiel Auch mit dem Erzbischof Johann II. 
von Bremen kam der Rath zu einer Sühne und erreichte dadurch 
für seine Bürger Freiheit des Verkehrs in dem Gebiete desselben. 
Aber diese Erfolge waren noch lange kein Eingreifen in die 
Verhältnisse; kein fördernder Einfluss auf dieselben. Dazu konnte 
der neue Rath schon aus dem Grunde nicht kommen, weil er nie 
zu einer Stellung in der Hanse kam. Nur die beiden Städte, in 
denen ähnliche Unruhen ausgebrochen waren, Rostock und Wismar, 
waren ihm befreundet. Mit beiden schloss er^ 1410 April 20, ein 
Bündniss. Wenn sie sich dabei in einer gleichzeitig ausgestellten 
Urkunde von ihm versprechen Hessen, dass er sich bemühen wolle, 
ihnen Theilnahme an dem Genüsse der hansischen Privilegien in 
Bergen zu verschaffen, die ihnen gewisser Differenzen mit den 
dortigen Aelterleuten wegen noch immer vorenthalten wurden, so 
scheinen sie selbst keine grosse Erwartung von dem Erfolge solcher 
Bemühungen gehabt zu haben; denn bei einer Versammlung wen- 
discher Städte in Hamburg, die zwei Monate . später gehalten 
wurde, brachten sie denselben Gegenstand zur Sprache und er- 
wirkten, dass von dort ein Schreiben zu ihren Gunsten nach Ber- 
gen abging. Ein Bündniss mit der Stadt Hamburg kam erst im 

') L. U. B. 5, Nr. 421. 427. . 

*) Grautoff i, S. 374. 375, Havemann, Gesch. der Lande Braunschweig 
und Lüneburg i, S. 546. 

HaiuUche Geschtchtsblätter. VIII. 9 



— 132 — 

Gesandten sich hinweg setzen, indem sie behaupteten, sie hätten 
keinen andern Auftrag, als dem „gemeinen Kaufmann '^ fünf 
Briefe vorzulesen, die sie in beglaubigten Abschriften (Transsump- 
ten oder Vidimus) bei sich hatten. Es waren vermuthlich die 
ersten Urkunden König Ruprechts. Als die Aelterleute diese zu- 
erst zu lesen verlangten, kam es schon zu einer heftigen Scene. 
Die Gesandten erklärten, der Rath habe für den Fall, dass Güter 
genommen würden, schon Schiffe gekauft, um sie dem Kaufmann 
wiederzugewinnen. Endlich gaben die Aelterleute so weit nach, 
dass sie eine allgemeine Versammlung der Kaufleute beriefen und 
den Lübeckischen Gesandten einen Vortrag gestatteten. Nun 
suchten diese Zwiespalt zu stiften. Sie nahmen an oder gaben vor 
anzunehmen, dass die Aelterleute eigenmächtig und gegen die 
Ansichten der Kaufleute gehandelt hatten. Aber da war kein 
Boden für Agitationen, die Kaufleute waren mit dem Verfahren 
ihrer Aelterleute völlig v einverstanden, das brüggische Comptoir 
wusste überhaupt ganz wohl, dass es das wichtigste unter allen 
hansischen Comptoiren war, und hatte eine hohe Meinung von seiner 
Selbständigkeit. Es machte dieselbe schon der Directorialstadt 
Lübeck gegenüber bisweilen geltend und dachte nicht an eine 
Abhängigkeit von der in die Acht erklärten Stadt Lübeck. Johann 
Grove täuschte sich sehr, wenn er die Anerkennung eines solchen 
Verhältnisses durch die Frage, von wem das Comptoir seine 
Freiheiten habe, hervorzurufen meinte. Ihm würde geantwortet: 
von den gemeinen Hansestädten und von den Herren von Flan- 
dern. Von der Gemeinschaft der Hansestädte war Lübeck damals 
durch die Acht ausgeschlossen. Ebenso wenig erreichte er durch 
die Frage, ob der Kaufmann Kenntniss von den nach Lübeck 
geschriebenen Briefen habe. Ihm wurde geantwortet, sie seien 
mit Wissen und Willen des Kaufmannes geschrieben. Als er 
solche Brjefe für die Zukunft verbat, erklärten die Aelterleute, 
sie würden immer thun, was ihnen redlich und nützlich scheine. 
Er nahm zu Spott und Grobheit seine Zuflucht, indem er erwie- 
derte, es gebe Feuer genug, um unnütze Briefe zu verbrennen. 
Endlich forderte man die Lübeckischen Gesandten auf, auch die 
Verlesung eines Briefes anzuhören, und wollte ihnen die Achts- 
erklärung Ruprechts vorlesen, da aber zogen die Gesandten vor, 
sich zu entfernen. So verlief die Mission. Es war wohl nur dem 



— 133 — 

rücksichtsvollen Verfahren der beiden Mitglieder des alten Rathes 
zuzaschreiben, dass sic^, so viel ersicbtUch, von der Beschlag- 
nahme Lübeckischer Güter schliesslich' abstanden. 

Als die Stellung Sigismunds durch den Tod des Gegenkönigs 
Jobst von Mähren und seine am 21. Juli 141 1 erfolgte nochmalige 
Wahl befestigt war, zögerte der alte Rath nicht lange, sich an 
ihn zu wenden« £r that es in einem merkwürdigen und aufifallen* 
den Schreiben^). Die Schlussbitte darin geht auf Bestätigiuig der 
bereits ausgesprochenen Acht, auf die Verhandlungen vor dem 
königlichen Hofgericht wird also Bezug genommen, aber die Mo* 
tivirung des' Gesuchs geschieht in einer Weise, die von diesen 
Verhandlungen stark abweicht. Es wird nämlich die Anhänglich- 
keit des alten Rathes an Sigismunds Bruder, den Kaiser Wenzel, 
als der Grund der Abneigung, Ruprecht anzuerkennen, hingestellt, 
mid ferner diese Abneigung als der eigentliche Grund der Be- 
wegung der Bürgerschaft und des ganzen Aufstandes. £s wird 
hinzugefügt, dass er über die Nichtanerkennung Ruprechts mit 
der Königin Margarethe unterhandelt habe und dass er schliess- 
lich durch den Aufstand gezwungen worden sei, ihm zu huldigen. 
Die Verfasser des Schreibens müssen überzeugt gewesen sein, dass 
weder Sigismund, der sich damals in Ofen aufhielt, noch seine 
Rätfae nähere Kenntniss von den Verhandlungen in Heidelberg 
und dem genauen Inhalt des Urtheils, um dessen Bestätigung sie 
baten, haben oder sich verschaffen würden. Und ihre Voraus- 
setzung mag sich als richtig erwiesen haben. Wenigstens ging 
Sigismund sogleich auf die Bitte ein. £r erliess am 12. Februar 
1412 eine Ladung an den neuen Rath, vor ihm zu erscheinen, forderte 
auch die Hansestädte auf, gegenwärtig zu sein, und bestimmte 
den Jacobs -Tag, Juli 25, für die Verhandlung. In der That 
scheuten die Städte die weite Entfernung nicht; sie sandten, wie 
es scheint nach vorgängiger Verabredung, den Lüneburger Rath- 
mann Albrecht van der Molen und den Stralsunder Ratbmann 
Tobias Gildehusen. Auch von den Mitgliedern des alten Rathes 
fanden sich einige ein. Der neue Rath dagegen blieb bei der 
immer von ihm befolgten Weise, sich auf Vermittelungen gar 
nicht einzulassen, und sandte Niemand. So konnte es denn nicht 



'^ L. U. B. 5, Nr. 38«. 



— 134 — 

zweifelhaft sein, wie die Entscheidung ausfallen würde. Sigismund 
erklärte den alten Rath für den rechtmässigen und befahl in einer 
Urkunde vom 29. August 1412 allen Hansestädten, ihn dafür 
zu halten'). 

Indessen war damit wenig gewonnen, denn Sigismund that 
Nichts I um sein Urtheil in Ausführung zu bringen. Wiederum 
verflossen mehrere Jahre und es war eine eigenthümliche Verket- 
tung von Umständen, welche zuletzt die Entscheidung herbeiführte. 
Sigismund hat bei den grösseren Plänen und Zielen, die er ver- 
foIgtC; die Angelegenheiten der einzelnen Stadt aus den Augen 
verlieren müssen und ihnen nur selten und vorübergehend Auf- 
merksamkeit gewidmet; aber doch sind die wenigen Federstriche, 
die er für sie that, unter den hinzukommenden Umstanden von 
grosser Bedeutung gewesen. 

Das nächste grosse Werk Sigismunds war die Kirchenver- 
sammlung in Kostnitz, auf welcher er kirchliche und staatliche 
Verhältnisse ordnen wollte. Am 5. November 1414 wurde sie in 
seiner Abwesenheit eröffnet, zu Weihnacht desselben Jahres traf 
er selbst ein. Besondere Einladungen dazu waren auch an Lübeck 
und an die übrigen Hansestädte ergangen^). Der Rath wagte 
nicht, sie unbeachtet zu lassen, trug aber Bedenken, seine eigenen 
Mitglieder zu senden, vielleicht wegen der Acht, die über ihnen 
hing. Er sandte also zwei Männer, Johann Voss und Dietrich 
Sukow, die er einfach magistros nannte^ ohne ihre Stellung näher 
zu bezeichnen, die aber seine Secretaire waren. Einer derselben 
war möglicher Weise erst eben und zunächst für diesen Zweck 
in Dienst genommen*^). Man sandte damals nicht selten, wenn 
Rathsmitglieder verhindert waren, anstatt derselben Stadtschreiber 
zu den Zusammenkünften. Die Anzeige an den König von der 
Ernennung der beiden Bevollmächtigten geschah, während der Rath 



') L. U. B. 5, S. 462. 

») Ebcnd. 5, Nr. 547. 

3) Johann Voss war abwesend, als die Vollmacht für ihn ausgestellt 
wurde. Er scheint mit dem Mester Johann, der als Notar des alten 
Käthes im Mai 141 1 anwesend war, identisch zu sein (S. 411. 414). Mester 
Dideryk wird schon 141 1 Schreiber des Käthes genannt (Nr. 675). 
Beide standen später im Dienste des alten Käthes und begleiteten 14 17 
den Bürgermeister Heinrich Kapesulver nach Kostnitz. 



- 135 — 

1408 an Rnprecht in fast naivem Niederdeutsch geschrieben hatte, jetzt 
in einem in elegantem Lateinisch abgefassten Briefe. Die Nach- 
richten aber, die dem Rathe nun aus Kostnitz zukamen, änderten 
spater seine Ansicht. Abgeordnete des alten Rathes waren, selbst- 
verständlich um ihrer eigenen Sache willen, dort anwesend. 
Deputirte aus Brügge, Hamburg, Lüneburg und Stralsund waren 
ebenfalls gekommen'), Sigismund erliess auf ihren Betrieb am 
23, Februar 1415 ein Edict zu Gunsten Schiffbrüchiger mit be- 
sonderer Berücksichtigung der Hansestädte'). Er war also den 
Städten freundlich gesinnt. Nun hatte der Rath in früheren 
Zeiten es niemals versäumt, bei jedem Deutschen Könige nach 
seinem Regierungsantritt eine Bestätigung der der Stadt ertheilten 
Privilegien nachzusuchen. Das war diesmal nothwendiger als je. 
Mehrere Gründe waren also vorhanden, die eine Gesandtschaft 
nach Kostnitz rathsam machten. Der Rath berieth darüber mit 
einem von den Sechzigern und den Bevollmächtigten zu diesem 
Zwecke eigens niedergesetzten Ausschuss von sechzehn Personen, 
und es wurde beschlossen, dass vier Rathmänner, Heinrich Scho- 
nenberg, Marquard Schutte, Johann Grove und Eier Stange die 
Sendung übernehmen sollten. Sie wurden beauflagt, falls der 
alte Rath seine Klage erneuem sollte, sich zwar zu Recht und 
auch zu gütlichem Ausgleich zu erbieten, doch immer unter Vor- 
behalt der Privilegien des neuen Rathes und des Lübischen Rechtes, . 
übrigens hinsichtlich der geschehenen Güterconfiscationen zu einer 
Verständigung die Hand zu bieten, vor Allem aber die Bestätigung 
der Rechte und Freiheiten der Stadt zu erwirken^). Man sah 
wohl ein, dass Ausgaben unvermeidlich sein würden, und glaubte 
gewiss, reichlich gerechnet zu haben, wenn man sich entschloss, 
die im Verhältniss zur jährlichen Stadtsteuer (750 Mark) schon 
recht bedeutende Summe von 5 bis 6000 Gulden zu verwenden^). 
Allein diese Annahme erwies sich als nicht zutreffend. Die Ab- 
geordneten fanden in der Erreichung ihrer Zwecke sonst keine 
Schwierigkeiten, nur der Preis, den sie boten, wurde ungenügend 



^) L. U. B. 5, Nr. 519. 
*) Ebend. 5, Nr. 520. 
3) Ebend. 5, Nr. 530. 

^) Gulden nnd Mark waren damals von gleichem Werthe. Ebend.. 
5, Nr. 519. 



— 136 — 

befanden. 6000 Gulden reichten nicht aus, 24,000 wurden ge- 
fordert Und man wird den Abgeordneten, die wohl erst im 
Sommer 1415 nach Kostnitz kamen, schwerlich Zeit gelassen haben, 
sich lange zu besinnen oder gar erst an ihre Auftraggeber zu be- 
richten und Instruction einzuholen. Sigismund brauchte Geld, an- 
geblich zur Vereinigung der. Kirche und zur Stiftung des Friedens 
zwischen England und Frankreich^, und war überdies eilig, er 
wollte abreisen. Sie werden daher rasch zu einem zustimmigen 
Entschluss haben kommen müssen, um zu erreichen, dass er 
ihnen am 16. und 18. Juli eine Reihe von Urkunden ihren Wün- 
schen gemäss ausstellte. Die erste enthält eine Bestätigung der 
der Stadt von früheren romischen Kaisern und Konigen ertheiltcn 
Privilegien. In der zweiten verfügt der König, dass die Mitglieder 
des alten Rathes die Stadt Lübeck für immer meiden sollen, dass 
ihnen ihr confiscirtes Vermögen nach einer durch ein näher be- 
stimmtes schiedsrichterliches Verfahren festzusetzenden Ermittelung 
und Schätzung wiedergegeben oder ersetzt werden spll, ferner dass 
ihnen zum Ersatz für erlittene Schäden die Summe von 7500 Mark, 
die sie in Lüneburg deponirt haben, verbleiben soll, und dass 
ihnen auch die 2000 Mark abgetreten werden sollen, welche die 
Stadt Lübeck angeblich noch von Lüneburg zu fordern hat, und dass 
sie dann nicht mehr das Recht haben sollen, in Gemässheit des 
früheren Hofgerichtsurtheils Lübeckisches Eigenthum anzuhalten; 
endlich hebt er die über den neuen Rath und die Stadt ausge- 
sprochene Acht auf. Die Abgeordneten des neuen Rathes ver- 
pflichteten sich in einer eigenen Urkunde, die angeordneten 
schiedsrichterlichen Aussprüche in allen Beziehungen anzuerkennen 
und zu halten. In einer dritten Urkunde machte der König die 
von ihm getroffene Entscheidung und die Aufhebung der Acht 
öffentlich bekannt, in einer vierten und fünften zeigt er insbeson- 
dere dem Könige Erich von Dänemark und dem Herzog Albrecht 
von Mecklenburg an, dass er die Stadt Lübeck wieder zu Gnaden 
angenommen habe, und empfiehlt sie dem Schutze und der Für« 
sorge dieser Fürsten^. Zur Ergänzung diente dann noch eine 
sechste Urkunde. In dieser erklärt Sigismund, dass die vorge- 



«) L. U. B. 5, S. 631. 

») Ebend. 5, Nr. 531 — 535. 



— 137 — 

nannten Urkunden erst am nächsten St Georgs-Tage, 23. April 
1416, in Kraft treten sollen, und behält sich vor, sie bis dahin 
znrückzanehmen, falls er 24,000 Gulden bezahle. Auch gab er 
die Urkunden nicht den Lübeckern in die Hände, sondern er 
übergab sie seinem Rath, dem Albrecht Schenk zu Landsberg, mit 
der Befugniss, sie bis zum nächstien 23, April au£Eube wahren, wo 
er wolle, nur so, dass sie gegen Zahlung von 24,000 Gulden 
immer zu seiner Verfügung blieben. Aber er erhielt auch die ge- 
forderte Summe nur zum geringeren Theile in baarem Gelde. 
Die Abgeordneten hatten höchstens 6000 Gulden bei sich, es ge- 
lang ihnen in der Eile nicht, mehr als 2350 Gulden in Kostnitz 
anzuleihen'). Sigismund begnügte sich also mit dem Versprechen, 
welches sie, vermuthlich auch schriftlich, gaben, zum nächsten 
Allerheiligen -Tage, November i, 16,000 Gulden in Paris oder in 
Brügge für ihn bereit zu haben. Zugleich verpflichteten sie sich 
endlich, die Urkunden, bis sie in Kraft treten würden, geheim zu 
halten. Was Einen der Abgeordneten bewogen hat, dem Könige 
noch nach Narbonne zu folgen^, ist nicht zu ermitteln. Albrecht 
Schenk zu Landsberg hielt es für das Gerathenste, mit den Ur- 
kunden nach Lübeck zu gehen und sie dem neuen Rathe zu über- 
liefern. Dieser erklärte in einem Revers, dass sie seiner Ehre, 
Treue und Rechtlichkeit (ere, truwe unde guden loven) anvertraut 
seien, um von ihm bis zum Sonnenaufgange des nächsten St. Georg- 
Tages nur aufbewahrt zu werden^ verzichtete auf allen Gewinn, 
den er durch sie haben könne, falls er sie gegen Zahlung der 
stipulirten Summe nicht zurückgebe, bei einer Strafe von 
100,000 Mark, verpflichtete sich auch in diesem Falle zum Ein- 
lager. Was der Albrecht Schenk dabei für sich selbst ausbedun- 
gen hat, wird nicht erwähnt. Wir finden aber, dass er 1418 in 
Verbindung mit dem Herzog von Lauenburg die Stadt bei dem 
Königlichen Hofgericht mit Erfolg verklagte. Der Gegenstand der 
Klage ist nicht bekannt, aber er hat am 27. August und aber- 
mals am II« November 1419 eine Quittung über den Empfang von 
750 Gulden ausgestellt, das zweite Mal zugleich erklärt, durch 
die Summe von 1500 Gulden gänzlich befriedigt worden zu sein. 



') L. U. B. 5, Nr. 575. 

') Dass dies geschehen ist, sieht man L. U. B. 5, S. 586. 



- 138 - 

Es liegt daher nahe, anzunehmen, dass der neue Rath auch ihm 
nur, oder doch nicht viel mehr als, Versprechungen geben konnte, 
zu deren Erfüllung daAn der wieder eingesetzte alte Rath sich 
-wider seinen Willen genÖthigt sah. 

Ehe es sich aber entschied, ob die Urkunden gültig oder 
ungültig sein würden, nahm die Angelegenheit in anderer Weise 
eine Wendung, welche sie ihrem Ende entgegen führte. 

Schon in den ersten Stadien des Aufstandes kommt die 
Aeusserung vor, er könne Veranlassung werden, die Stadt dem 
Reiche zu entfremden, und Ruprecht erklärt wiederholt, dass diese 
Rücksicht für ihn ein Grund gewesen sei, sich des neuen Rathes 
anzunehmen'). Die Gefahr, wirkliche oder eingebildete, konnte 
nur in dem Verhältniss zur Königin Margarethe, die bis 1412 lebte» 
und dann zu König Erich liegen. Mit beiden stand der alte Rath 
in gutem Vernehmen, und dass er mit Margarethe sich hinsicht- 
lich der Anerkennung Ruprechts in Beziehung gesetzt hatte, hat 
er selbst in seinem Schreiben an Sigismund ausgesprochen'). Der 
neue Rath sandte, wie oben bemerkt, fast unmittelbar nach' seiner 
Wahl eine Rechtfertigungsschrift nach Dänemark. Es wird ihm 
nicht unbekannt gewesen sein, dass dort keine Sympathie für ihn 
vorhanden war, sonst hätte ihm selbst der Gedanke wohl kommen 
können, sich unter dänischen Schutz zu stellen. War doch schon 
früher einmal ein dänischer König Schirmvogt der Stadt Lübeck 
gewesen^). Aber es lag wohl in seinem Interesse, das was er 
selbst weder Veranlassung noch Versuchung fand zu thun, als die 
geheime Absicht des alten Rathes hinzustellen, um diesen zu ver- 
dächtigen. Und darin lag denn zugleich eine Verdächtigung 
Erichs. Wie dem auch sei, dem Könige Erich wurde aus Kost- 
nitz, wohin er die Bischöfe Peter von Ripen und Johann Skon^ 
delef von Schleswig gesandt hatte, gemeldet, die . Lübeckischen 
Abgeordneten hätten geäussert, er trachte darnach, die Stadt 
Lübeck durch Verrath vom Reiche abzutrennen und unter seine 
Herrschaft zu bringen^). Die Nachricht erregte seinen Zorn in so 
hohem Grade, dass er alsbald die in Schonen zum Heringsfang 



*) L. U. B. 5, S. 207, 343. 758. Auch Sigismund deutet dies an 5, S. 576. 
*) Ebend. 5, S. 431. 

3) Ebend. 2, Nr. 218. 

4) Ebend. 5, S. 616, 



— 139 — 

und Handel anwesenden Lübeddschen Kanflente gefänglich ein- 
ziehen Hess und ihre Güter mit Beschlag belegte. Das muss zu 
Anfang des November geschdien sein, denn in einem Schreiben 
an die lief ländischen Städte vom 6. November gab 'er diesen 
Kenntniss von der Verläumdung, die in Kostnitz vor den ver- 
sammelten Fürsten and Herren gegen ihn ausgesprochen worden'), 
und von der Berechtigung, die er dadurch erhalten habe, gewalt- 
same Massregeln in Anwendung zu bringen. Die Behandlung, 
welche die Lübecker erfahren, war eine verschiedene; einigen 
wurde bald wieder gestattet, frei umherzugehen, andere mussten 
schweres Gefängniss erdulden und den ganzen Winter darin zu- 
bringen. Aber dem König selbst war das Verhältniss, in welches 
er nun zu Lübeck und auch zur Hanse gerathen war, nicht an- 
genehm, er wünschte es durch die Vermittelung der Städte aus- 
geglichen zu sehen. Als geborener Herzog von Pommern stand 
er in besonders nahen Beziehungen zu Stralsund und den übrigen 
pommerschen Städten; an sie wandte er sich daher zunächst^. 
Der Brief, den er ihnen schrieb, ist nicht mehr vorhanden, daher 
der Wortlaut nicht genau festzustellen. Er kann nicht später als 
um die Mitte des Februar geschrieben sein. Stralsund theilte ihn 
andern befreundeten Städten mit. Alle waren bereit zu helfen, 
zum Theil wohl in der Hoffnung, dass es endlich gelingen werde, 
in irgend einer Weise eine Versöhnung zwischen dem alten und 
dem neuen Rathe zu Stande zu bringen und damit einem Zustande 
ein Ende zu machen, der sich je länger desto mehr als verderb- 
lich erwies. Der neueRath wünschte angelegentlich; seinen Bürgern, 
die Freiheit wieder zu verschafifen, und stellte daher am 3. März 
1416 eine Urkunde aus, in welcher er sich in seinem Streite mit 
König Erich dem rechtlichen Ausspruche der Städte Hamburg, 
Rostock, Stralsund, Lüneburg, Wismar, Stettin und Greifswald 
unterwarf und deren Entscheidung anzunehmen versprach. Die 
Verhandlungen mussten in Kopenhagen geführt werden. Widrige 
Winde verzögerten die Reise dahin und folglich den Beginn der 
Verhandlung. Ausser den Gesandten der genannten Städte waren 



') wo wi darna scbolden staen hebben, deme hilg«ii Romisschen rike 
Qnde unsem leven oeme, deme Romisschen koninge, Lubeke van der han 
to vorradende. L. TJ. B. 5, S. 595. 

*) Ebend. 5, S. 640. 



— I40 — 

auch Vertreter der kleinen pommerschen Städte, Stargard, Stolp» 
Treptow und Wollin, anwesend, ferner, mit einem besondem Ge* 
leitsbriefe des Königs versehen, Abgesandte des neuen Rathes, 
auch einige Mitglieder des alten, der immer thätige Jordan' Ples- 
kow, ausser ihm noch Tidemann Junge, Rejner von Calven, Jo- 
hann Crispin und Nicolaus von Stiten. Erst am 8. April waren 
alle Betheiligten beisammen, so dass man zum Werk schreiten 
konnte. Der gleichfalls nach Kopenhagen gekommene König gab 
seine Gesinnungen gegen die Mitglieder des neuen Käthes von 
vorne herein dadurch zu erkennen, dass er alle Uebrigen zum 
Essen einlud, nur sie nicht Auch wo er persönlich mit ihnen 
zusammen traf, zeigte er seine Abneigung. Einmal bei einem 
Wortwechsel sagte er, sie möchten doch bedenken, in welcher 
Weise und mit welcher Ehre sie ihre Herrschaft hatten; er würde 
lieber einem ehrlichen Manne sein Privet bewahren mögen, als 
solche Herrschaft haben'). Uebrigens bewies er sachlich bei 
den Verhandlungen ein bereitwilliges Entgegenkommen, und wenn 
sie nicht zum Ziele führten, so war das weniger seine Schuld, als 
die der Lübecker. Es handelte sich zunächst um eine wesentliche 
Vorfrage, nämlich ob die Entscheidung in dem Zwist durch güt- 
liche Vermittelung oder nach Grundsätzen des Rechtes geschehen 
solle. Die Lübecker verlangten das Letztere, da der Rath sich 
ausdrücklich nur einer rechtlichen Entscheidung durch die Städte 
und keiner andern unterworfen habe. Erich wollte eine gütliche 
Vermittelung lieber, eine rechtliche Entscheidung zwar auch zu- 
lassen, dann aber nicht einem ausschliesslich aus Abgesandten 
der Städte bestehenden Gerichtshof sich unterwerfen, sondern ver- 
langte, dass auch von ihm zu ernennende Räthe Theilnehmer 
an dem Gericht sein müssten. Nun behaupteten zwar die Städte, 
dass er sich ihrem Spruche von vorne herein unterworfen habe; 
das leugnete er*). Wer Recht hatte, bleibt unaufgeklärt, da der 
Wortlaut seines Briefes nach Stralsund nicht mehr vorliegt Uebri- 
gens wahrte Erich nur seinen Standpunkt, war sonst auch in dieser 
Beziehung entgegenkommend. Er wollte zwar mehrere Räthe den 
Abgeordneten der Städte beigesellen, verlangte aber für sie ins- 



*) Ebend. 5, S. 614 in fine u. 615. 
") Ebend. 5, S. 610. 



— 141 - 

gesammt nur eine Stimme, während er den sieben Städten sieben 
Stimmen zuerkennen und ein von ihnen mit einer Majorität von 
fonf gegen swei gesprochenes Urtheil gelten lassen wollte. Aber 
die Lübecker verweigerten jede Theilnahme der königlichen Räthe 
an der Abfassung des Spruches, indem sie sich streng an den 
Wortlaut der von ihrem Rathe ausgestellten Urkunde hielten. Da also 
die beiden Parteien £u einer Uebereinstimmung in Bezug auf die 
Zusammensetzung des Gerichtshofes nicht zu bringen waren, konnte 
es zu einer rechtlichen Entscheidnng nicht kommen. Die Städte 
waren aber überhaupt nicht geneigt eine solche zu fallen, da sie 
voraussahen, dass sie gegen Lübeck ausfallen müsse, auch fürch- 
teten, dat darvan queme mennigerleige argh unde vorlust lyves, 
gudes unde ere, unde blotghetent darvan komen mochte. Die 
Lübecker aber waren durchaus nicht zu bewegen, eine gütliche 
Vermittelung anzunehmen, und liessen lieber die ganze Verhand- 
lung sich zerschlagen. Als ein Mittel zu gütlichem Ausgleich 
brachte Erich die Wiedereinsetzung des alten Ratbes in Vorschlag.. 
Davon wollten die Lübecker vollends nichts hören, da sie dazu 
nicht bevollmächtigt seien, auch die Sache nun zum Erkenntniss 
des römischen Königs stehe, in dessen Entscheidung von anderer 
Seite nicht eingegriffen werden dürfe. Ihre Hartnäckigkeit würde 
ganz unverständlich sein, we.nn man nicht berücksichtigen müsste, 
dass sie sich im Besitz der kaiserliphen Urkunden wussten, deren 
Existenz sonst Niemandem bekannt war. Der St Georgs-Tag war 
nun endlich nahe, der Kaiser hatte die Urkunden nicht eingelöst, 
mit Sonnenaufgang durften sie publicirt werden, und dann war 
auf einmal der jetzt noch geächtete Rath die vom Kaiser aner- 
kannte, folglich gesetzmässige Regierung. Auch einen Empfeh- 
lungsbrief an König Erich konnten sie dann zeigen. Darauf ver- 
liessen sie sich und blieben unbeweglich. 

Es ist gewiss, dass auch von den Urkunden die Rede war. 
Vermuthlich haben die Lübeckischen Abgeordneten, als sie ge- 
drängt wurden, sich nicht anders zu helfen gewusst, als durch 
anfangs dunkle und unbestimmte .Hindeutungen auf gewisse Ur- 
kunden, haben sich dann aber genöthigt gesehen, mehr und mehr 
zu sagen, bis schliesslich das Wesentliche des Sachverhältnisses 
kein Geheimniss mehr war. König Erich erfuhr also, dass die 
zu Gunsten des neuen Rathes ausgestellten Urkunden durch eine 



— 142 — 

Summe Geldes werthlos gemacht werden könnten, und erbot sich 
sogleich, die Summe, deren Betrag er nicht kannte« zu bezahlen 
und dem Kaiser davon Anzeige zu machen'). Aber das Anerbieten 
wurde zurückgewiesen und hat möglicher Weise nur dazu bei"- 
getragen die Abreise der Lübecker zu beschleunigen. Gerade am 
St Georgs-Tage verliessen sie Kopenhagen. 

Am schlimmsten waren die verhafteten Bürger daran, die 
noch immer nicht aus ihrer 'Gefangenschaft erlöst waren. Die 
Lübecker Hessen ihre Mitbürger im Stich, die treuen Städte setzten 
ihre Bemühungen fort, und es gelang ihnen endlich, den König 
wenigstens zu einiger Concession zu bewegen. Er gestattete ihre 
vorläufige Rückkehr nach Lübeck mit ihren Gütern, damit sie 
dort die Wiedereinsetzung des alten Rathes bewirken möchten, 
verlangte jedoch von ihnen das Versprechen, unter allen Umstan- 
den am nächsten Johannistage wieder in Lund zu sein und dort 
des Königs weitere Verfügung zu erwarten. Um die Erfüllung 
dieser Bedingung zu sichern ^ wurde für jedes Einzelnen Person 
eine gewisse Summe bestimmt, die er im Falle des Ausbleibens 
zu bezahlen sich verpflichtete, eine andere für seine Güter, die 
der König immer noch als ihm verfallen ansah. Die Städte 
leisteten dem Könige Bürgschaft, dass diese Summen eintretenden 
Falles wirklich bezahlt werden sollten, und die Gefangenen leisteten 
wieder den Städten solidarische Rückbürgschaft. Es waren ihrer vierzig. 
Wenn die Chroniken übereinstimmend vierhundert nennen, so ist 
das ohne Zweifel eine starke Uebertreibung, aber es bleibt auch 
die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass an dem Tage, an 
welchem der Arrest verfügt wurde, zu Anfang des November, 
Viele schon zurückgekehrt waren. Die Bürgschaftssummen für 
die Personen waren für die Einzelnen verschieden, im Ganzen 
hoch gegriffen, z. B. Tidemann Cerntin 8000 Mark, in Summa 
84,500 Mark, ein Betrag, der in Erstaunen setzt, auch wenn man 
bedenkt, dass nach dänischem Münzfuss gerechnet wurde, der viel 
schlechter war, als der Lübische. Die Bürgschaftssummen für die 
Güter erscheinen dagegen niedrig, für Heinrich Stormer nur 16 Mark, 
für Andere 40, 60 und 70 Mark, in Summa 18,220 Mark 4 Seh. 
Dabei wird in Betracht kommen, dass der König sich viele Güter 

') Diesen Umstand erwähnt ein Bericht der Stralsunder Rathsherren 
an ihren Rath und bestätigt so die Angaben der Chroniken. 



— 143 — 

schon selbst angeeignet und durdi seine Vögte in Besitz hatte 
nehmen lassen, vermuthlich vorzugsweise die leicht verderblichen. 
Nachdem die Angelegenheit geordnet war, kehrten die Abgeord- 
neten der übrigen Städte ebenfalls in ihre Heimath zurück, dies- 
mal, um früher, als sie glaubten, wieder zur Thatigkeit berufen 
zu werden. 

Denn inzwischen war der Federstrich, der alle auf die Ur- 
kunden gesetzten Hoffnungen vernichtete, schon geschehen. Sigis- 
mund hatte am Allerheiligen -Tage 1415 keine Zahlung erhalten. 
Hat der neue Rath die Summe wirklich nicht herbeischafifen 
können? Hat er keine Verbindung mit Brügge oder Paris gehabt? 
Hat er sorgloser Weise den Termin versäumt? Das Eine ist so 
schwer zu glauben als das Andere, schwerer verständlich noch ist 
die Sorglosigkeit und Unbekümmertheit, mit der er fortfuhr zu 
handeln, als ob Alles in Ordnung wäre. Der Bürgermeister von 
Stralsund, Nicolaus Voge, der eine Angelegenheit der Städte Ro- 
stock und Wismar in Kostnitz zu ordnen hatte, bekam von Sigis- 
mund einen Eindruck, dass er den Räthen beider Städte schrieb: 
„Dysse konyngh wert eyn mechtych keyser. Merket, wo gy syme 
banne künden wedder wesen"^). Das sollte nun der Rath von 
Lübeck erfahren. Sigismund hatte das Geld, das am Allerheiligen- 
Tage bereit sein sollte, für einen andern Zweck bestimmt und eine 
Anweisung darauf ausgestellt. Dass sie nicht honorirt wurde, be- 
leidigte seine Ehre, überdies verursachte es Schwierigkeiten und 
Kosten, in anderer Weise Geld zu erlangen. Da nun das ihm 
gegebene Versprechen nicht gehalten war, zog er seine Ver- 
heissungen ebenfalls zurück. In einer auf der Reise nach Eng- 
land, in Paris, am 24. März 1416 ausgestellten Urkunde beauf- 
tragte er seinen Rath, den Ritter Jacob von Zedlitz, seinen Secre>' 
tair Jost Roth, Domherrn in Basel, und seinen Hofschreiber Peter 
Wacker, nach Lübeck zu gehen, die pfandweise versetzten Ur- 
kunden, wie es in der Vollmacht heisst, zurückzufordern, den alten 
,Rath in seine Stellung wieder einzusetzen, über Alle, die Wider- 
stand leisten würden, die Oberacht auszusprechen und überhaupt 
die Verhältnisse der Stadt in seinem Namen zu ordnen. Das späte 
Datum der Urkunde erklärt sich wohl entweder daraus, dass Sigis- 



»; L. U. B. 5, S. 563. 



— 144 — 

mund von dem Aasbleiben des Geldes nicht sogleich Nachricht er- 
halten hat, oder daraus, dass er den von ihm selbst bestimmten 
Tennin, den St Georgs-Tag, erwarten wollte. Die Gesandten be- 
gaben sich alsbald auf den Weg und waren in Lübeck schon an- 
wesend, ehe noch die Abgeordneten aus Kopenhagen zurückkdirten, 
erwarteten auch deren Ankunft nicht, obgleich sie darum . gebeten 
wurden, sondern erklärten am 22. April auf dem Rathhause, 
also vor dem versammelten Rath, die Urkunden für kraftlos. Zu- 
gleich erklärten sie, dass ihr Herr, der König, das Regiment des 
neuen Rathes nicht länger dulden wolle, und forderten ihn auf, 
sich mit dem alten Rathe zu vergleichen und seine Sache nicht 
nochmals vor das Königliche Gericht kommen zu lassen. Die Be- 
stürzung des neuen Rathes wird gross gewesen sein, aber von 
Widersetzlichkeit war keine Rede, er muss also die Unhaltbarkeit 
seiner Stellung sogleich erkannt haben. Nur wünschte er jetzt die 
Mitwirkung der Städte. Unter Zustimmung der königlichen Ge- 
sandten brachte er ihnen daher jetzt seinerseits den Antrag ent- 
gegen, den er früher so oft abgelehnt hatte. Dabei wurde aber 
die Anwesenheit der Gesandten und ihr Eingreifen nicht erwähnt, 
sondern es wurde angeknüpft an in Kopenhagen getroffene Ver- 
abredungen'), wo die Lübeckischen Abgeordneten alles Widerstre- 
bens ungeachtet doch gewisse Zusagen gegeben haben müssen, 
wie unbestimmt und verclausulirt dieselben auch gewesen sein 
werden und wie wenig Neigung sie auch hatten, sie zu halten^. 
Der Antrag erging an dieselben sieben Städte, die in Kopenhagen 
vereinigt gewesen waren. Dass keine derselben ihre Mitwirkung 
versagte, ist ein starker Beweis ihres festen Zusammenhaltens und 
zeigt zugleich; wie hohen Werth sie auf die Wiederherstellung der 
Ordnung in dem Haupte der Hanse — so wird Lübeck fast bei 
jeder Gelegenheit genannt — legten. Denn solche Gesandtschaften 
waren kostspielig und zeitraubend und die in der Lübeckischen 
Sache waren es in besonders hohem Grade. Die von Koppmann 
herausgegebenen Kämmereirechnungen der Stadt Hamburg geben 
darüber einigen Aufschluss^). Dass die Städte noch keine Kennt- 



») L. U. B. 5 , S. 626. 

*) Ebend. 5, S. 664. 

3) Bd. 2, S. XI fg., 1408: Dominis Meynardo et Hilmaro Lopow 59 ü 
12 s. propter concordiamLubicensem; Marquardo Screyen et Lopow 8 ^ in 



— 145 — 

niss von der eingetretenen Sachlage hatten, sieht man audh aus 
einem Schreiben Stralsunds an Reval vom 4. Mai'), in welchem 
die liefländischen Städte in ganz unbestimmter Weise zur Theil- 
nahme an einem nächstens zu haltenden Tage in Lübeck einge- 
laden werden. Wäre es den Schreibern bekannt gewesen, dass 
der römische Konig eine eigene Gesandtschaft nadi Lübeck ge- 
schickt hatte, um dort einzugreifen, so würden sie es nicht unter- 
lassen haben, ein so wichtiges Moment hervorzuheben. Die Städte- 
boten wurden sogar bei ihrer Ankunft von dem neuen Rathe noch 
mit einer gewissen Vornehmheit empfangen, die sie indessen ge- 
bührend zurückwiesen^). Erst jetzt erhielten sie Kenntniss von der 
Anwesenheit der königlichen Gesandten, und das wird ihnen eine 
angenehme Ueberraschung gewesen sein. Sie säumten nicht, sich 
mit ihnen in Verbindung zu setzen, und erfuhren nun den ganzen 
Zusammenhang. Die Gesandten entschuldigten dabei ihren Herren 
so gut es gehen wollte: durch die Lügenhaftigkeit (logenaftiche3rt) 
des neuen Rathes in der Geldsache sei er darauf aufmerksam ge- 
worden, dass ihm überhaupt viel Verkehrtes vorgebracht sei, und 
habe sie nur gesandt, um sich besser zu unterrichten und die 
Ordnung wiederherzustellen. Wenn sie zugleich hervorhoben, dass 
auch das eidliche Versprechen der Geheimhaltung verletzt sei, so 
konnten sie sich nur auf Dinge beziehen, die sie in Lübeck selbst 
erfahren hatten, von den Vorgängen in Kopenhagen konnten sie 
keine Kenntniss haben. 

Die Frage, ob der alte Rath wieder eingeführt werden sollte, 
war demnach diesmal von vorne herein entschieden, es handelte sich 
nur um das Wie. Es kann nicht Wunder nehmen, dass die Ver- 
handlungen dessen ungeachtet noch einige Wochen in Anspruch 



Odeslo cum aliis civitatibns contra Lubicenses; 1409: dominis Meynardo 
et Hilmaro in Lubeke cum nunciis imperatoris 87 V2 U ; dominis Hilmaro 
Lupow et Alberto Schreyen in Lubeke 20 i6 ; dominis Kerstiano Militis, 
Hildemaro Lupow, Alberto Schreyen in Lubeke ad placita 107 it ; domi- 
nis Marquardo, Hilmaro et Alberto Screyen in Lubeke 100^; 14 10: do- 
minis Marquardo et Meynardo in Lubeke ad placita 50^; 14 15; Johanni 
Luneborch et Hinrico de Monte, Lubeke 48 U; 1416: denselben, quando 
antiqui domini Lubicenses intraverunt civitatem Lubicensem 212 it ; in 
summa 692 ^ =» 865 Mark. 

») L. U. B. 5, Nr. 573. 

2) Ebend. 5, S. 626. 
Hansische Geschichtsblätter. VlII. 10 



— 146 — 

nahmen. Der nene Rath stellte das Verlangen, dass er bei Fest- 
stellung der Bedingungen für die Rückkehr des alten Käthes eine 
Stimme haben müsse. Die Forderung "wurde aber durch die Be- 
merkung beseitigt, dass er nicht Richter in eigener Sache sein 
könne, und dass der alte Rath dann mit Recht den gleichen An- 
spruch erheben und die Vereinigung im höchsten Grade erschwert 
sein würde. So gaben denn am 28. Mai Rath und Gemeinde eine 
Erklärung ab, in welcher sie sich dem Ausspruch der Städte be- 
dingungslos (sunder weddersprekend) unterwarfen und es nur als 
Bitte aussprachen, dass Niemand an seiner Ehre und seinem Leben 
gekränkt werde. Gleichzeitig wurden die Mitglieder des alten 
Rathes eingeladen, sich nach Ratzeburg zu begeben, und ihnen 
ein Geleitsbrief des Herzogs Erich dahin ausgewirkt Weil die 
Entfernung auch bis dahin noch ziemlich weit ^ar, gingen sie 
nach dem nur eine Meile entfernten Gute Crummesse, wohin 
der neue Rath einen Geleitsbrief ausstellte. Ganz bedingungslos 
unterwarfen sie sich nicht, sondern unter Vorbehalt der Ehre, der 
Rechte, der Freiheit und Würde der Stadt llübeck, versprachen 
aber doch in der Zuversicht, dass die Städte dafür selbst sorgen 
würden, am 2. Juni, ihre Entscheidung ohne Widerspruch (sunder 
insaghe) anzunehmen. Die königlichen Gesandten überliessen den 
Städten gern die eigentliche Arbeit, sagten ihre Unterstützung zu 
und versprachen auch, ihre Verdienste in den Berichten an den 
König rühmend hervorzuheben. Die Gemeinde verhielt sich passiv. 
Nur ein einziger von einer Anzahl Handwerker ausgehender Ver- 
such, Widerstand zu leisten, wurde gemacht und dieser wurde 
rasch unterdrückt^. Rechten Boden muss also das Regiment des 
neuen Rathes, das doch nun schon acht Jahre dauerte, auch in der 
Gemeinde nicht gefunden haben. 

Die Städte erwiesen sich als gute Vermittler. Sie gingen von 
der Ansicht aus, dass ihre Aufgabe nicht darin bestehe, über 
einen Aufstand zu richten und Schuldige zu bestrafen^ sondern 
darin, zwei widerstrebende Parteien zu vereinigen und dauernde 
Ordnung; dauernden Frieden herzustellen. Dabei hat es an gegen- 
seitiger Nachgiebigkeit nicht gefehlt. Der neue Rath begriff, dass 
seine Rolle zu Ende war, der alte Rath erleichterte das Gelingen 



») L. U. B. 5, Nr. 581. 



— 147 — 

des Werkes durch ein massvolles Verhalten. Die Forderungen, 
die er, ohne Zweifel in Folge einer von den Städten an ihn ge- 
richteten AufTorderung, schriftlich darlegte, waren in der Natur 
der Sache begründet Er wollte vor allen die volle Herrschaft 
wieder haben, wie er selbst und die Vorfahren sie früher geübt 
hatten und wie sie im alten Recht begründet war. £r verlangte 
Rückgabe der confiscirten Güter oder Ersatz dafür, auch eine Ge* 
nugthuung. Er wollte, dass Mittel zum Abtrag der stadtischen 
Schulden ausfündig gemacht und festgesetzt würden, ehe ^r die 
Herrschaft wieder antrete. Endlich wünschte er die Rückkehr 
vollen Vertrauens und versprach, dafür an seinem Theile zu wirken. 
Insbesondere versprach er, die vom neuen Rathe geschehenen 
Vergabungen geistlicher Lehne anzuerkennen. 

Mit diesen Punkten war zugleich gewissermassen die Dispo- 
sition für den abzuschliessenden Recess gegeben. 

Er beginnt mit einer langen Einleitung, in welcher die Schieds- 
richter ihre Stellung zur Sache, ihr Verfahren und ihren Zweck 
ganz ansprechend und sinnig, nicht schwülstig, darlegen, auch die 
Anwesenheit und Mitwirkung der Gesandten des römischen Königs 
erwähnen. Dann wird Versöhnung, Friede und Vergessenheit ge- 
boten. Der neue Rath soll keinen Act der Herrschaft mehr aus- 
üben, der alte in seine volle Gewalt wieder eintreten. Was er in 
Gemässheit der Eide, die er dem Reiche und der Stadt geleistet 
hat, anordnet und gebietet, das sollen die Bürger treu und un- 
verbrüchlich halten und dies eidlich geloben, wenn sie den Schoss 
entrichten. Wer den ausgesprochenen Frieden bricht, soll am 
Leben gestraft, und, wenn er entweicht, in keiner. Hansestadt ge- 
duldet werden. Auf Grund der m den letzten Tagen gemachten 
Erfahrungen') wurde es für nothwendig gehalten, die Hand- 
werker durch einen besonderen Eid zu binden, ein solcher also, 
obgleich erst vor Kurzem abgeschafft, wieder eingeführt, denn auch 
die, die in tokomcnden iiden in ein Amt eintreten, sollen ihn 
leisten. Aber auch die Kaufleute sollen beschwören, dass sie dem 
Recht beiständig sein und es abwenden wollen, wenn Einer dem 
Andern an Leib und Gut Gewalt und Unrecht thun wollte. Der 



') ümme der Schicht und vare willen, de kortliken entdecket ward, 
5» S. 644. 

10* 



— 148 — 

Sechziger -Ausschuss und die Bevollmächtigten sollen sogleich zu- 
rücktreten und niemals sollen solche Bevollmächtigte, Hauptleute, 
Beisitzer, Oberleute, Vorsteher oder Mitwisser, durch welche des 
Rathes Herrlichkeit, Macht und Freiheit und der Stadt Gewohn- 
heit gekränkt wird, wieder eingeführt werden. 

Selbstverständlich wurde die Friedloslegung zurückgenommen, 
die Confiscation der Güter aufgehoben. Die Stadt hatte die Grund- 
stücke und Renten grossentheils verkauft, musste also, um sie den 
rechtmässigen Eigenthümern wiedergeben zu können, den Käufern 
den Kaufpreis erstatten. Da es unmöglich sein mochte, so viel 
baares Geld auf einmal herbeizuschaffen, wurde eine Frist von 
vier Jahren dazu, bestimmt. Bei Bemessung des Schadenersatzes 
wurde auf das Urtheil des Hofgerichts vom 21. November 1409 
zurückgegangen, durch welches den Mitgliedern des alten Rathes 
4000 Mark Goldes zuerkannt waren, diese hatten einen Werth 
von 256,000 Gulden. Den seitdem erlittenen Schaden berechneten 
sie auf 90,000 Gulden,' forderten also im Ganzen 346,000 Gulden. 
Aber sie ermässigten diese Summe sogleich, wiewohl unter Vor- 
behalt der besonderen Ansprüche, die ein Einzelner etwa haben 
möchte, auf 60,000 Gulden, übernahmen es, davon auch diejenigen 
zu befriedigen, die, ohne Mitglieder des Rathes zu sein, mit ihnen 
ausgewandert waren, Hessen es sich auch gefallen, dass zur Be- 
zahlung eine Frist von zehn Jahren festgesetzt würde. Es gereicht 
dem alten Rathe wohl zur Ehre, dass er, obwohl er nun selbst 
die Verwaltung übernahm, doch in zehn Jahren nicht die Mittel 
fand, die ihm zugesprochene Summe für sich herauszunehmen« 
Nach mehr als- elf Jahren waren zwei Drittel, anscheinend sehr 
langsam bezahlt; auf den Rest verzichteten am 14. November 1427 
die damals noch lebenden Mitglieder des alten Rathes für sich 
selbst und Namens der Erben der verstorbenen zu Gunsten 
der Stadt. 

Eine Genugthuung neben der Entschädigung wurde dem alten 
Rathe auch von den Städten nicht zugesprochen, wohl aber, der 
Anschauung der Zeit gemäss, als Sühne für das geschehene Un- 
recht eine neue geistliche Stiftung gegründet, und zwar für die 
verstorbenen Mitglieder des alten Rathes, zugleich auch, wie es in 
dem Recesse heisst, vor smaheit der levendigen vrouwen. Nach 
dem Urtheil der Städte sollte eine neue Kapelle zu Ehren der 



— 149 — 

Dreieinigkeit auf dem Domkirchhofe erbaut und ein eigener Priester 
darin angestellt werden. In Wirklichkeit ist eine auf dem Kirch- 
hofe der Marien-Kirche schon vorhandene Kapelle zu diesem Zwecke 
ausgebaut und besonders geweiht worden. Dies geschah erst 1425, 
vermuthlich weil nicht früher Mittel vorhanden waren. In der 
Stiftungsurkunde sagt der Bischof Johann Schele ausdrücklich, dass 
sie zur Busse (loco emendae) errichtet sei, und das Domcapitel 
bezeugte seine Freude* über die Wiedereinsetzung des alten Rathes 
dadurch, dass es auf die jährliche Einnahme von 4 Mark, die es 
sonst von jeder Vicarie in der Stadt erhob in diesem Falle ver- 
zichtete. Das Gebäude steht noch. 

Ueber die -Mittel, um die Schulden der Stadt abzutragen, 
haben die Städte offenbar mit den Organen der Gemeinde, dem 
Sechziger -Ausschuss und den Bevollmächtigten, Rücksprache ge- 
halten und deren Vorschläge angenommen. Sie bestanden darin, 
dass neben dem gewölinlichen Schoss von zwei Pfennig von der 
Mark der ungewöhnlich hohe Vorschoss von sechzehn Schillingen er- 
hoben, und ferner eine Abgabe auf Esswaaren (Consumtionsaccise) 
gelegt werde, deren Grosse dem Bedürfnisse gemäss zu bestimmen 
dem Rathe überlassen bleiben möge. Die directe Steuer allein 
reichte also nicht aus, eine indirecte musste hinzutreten. Eben 
dieselben Vorschläge, die vor acht Jahren die Gemeinde in Auf- 
ruhr versetzt hatten, wurden jetzt von ihr entgegengebracht 
Darin liegt das Urtheil über die Berechtigung des ganzen Auf- 
standes. 

Besonders genau wurde die Art und Weise, das Ceremoniell, 
bestimmt, wie die Wiedereinsetzung des alten Rathes vor sich 
gehen soll. Die Gesandten des römischen Königs und die Boten 
der Städte holen die Zurückkehrenden von dem Orte, wo sie sich 
befinden (vermuthlich ist Crummesse gemeint), ab und geleiten 
sie bis an die damals ganz nahe vor dem Mühlenthor belegene 
St. Jürgen -Kapelle. Bis dahin gehen der neue Rath und die 
Bürger mit ihren Frauen ihnen entgegen« Der neue Rath heisst 
den alten in geziemender und freundlicher Weise willkommen. 
Dann begiebt sich der ganze Zug in die Marien-Kirche, um eine 
Messe zu Ehren der Dreieinigkeit zu hören,' dann auf das Rath- 
haus. Dort nehmen die königlichen Gesandten im Rathstuhl Platz, 
der alte und der neue Rath stehen vor ihnen. Letzterer legt die 



— I50 — 

Regierung durch eine förmliche Erklärung nieder, dankt den 
Bürgern, leistet dem alten Rath Abbitte, giebt Bücher, Siegel und 
Schlüssel der Stadt zurück. Auch der alte Rath leistet Abbitte für 
den Fall, dass er bei Verfolgung seines Rechts Jemanden gekränkt 
haben sollte. Am Nachmittage geschieht die Vervollständigung 
des Rathes nach dem alten Gesetz der Selbstergänzung. 

Die Gesandten der Städte waren nicht der Meinung, dass sie 
durch den Recess schon alles Einzelne vollständig geordnet hätten. 
Sie behielten sich ausdrücklich vor, falls eine Entscheidung über 
einen ihnen bekannten Punkt von ihnen versäumt sein sollte, sie 
noch zu treffen, und falls etwas die Angelegenheit Betreffendes, 
ihnen nicht bekannt Gewordenes später zu ihrer Kenntniss kommen 
sollte, auch dann noch darüber zu entscheiden. In der. That ist 
dieser Fall später einige Male vorgekommen. 

Am 15. Juni wurde der Vertrag besiegelt. Tags darauf ge- 
schah die Wiedereinführung des Rathes in der bestimmten Weise. 
Detmar berichtet, dass der Ritter von Zedlitz den Jordan Pleskow 
und der Domherr Jost Roth den Marquard van Dame geleitet, 
und dass Jordan Pleskows Freundlichkeit Viele zu . Thränen ge- 
rührt habe. Ein Theil des Recesses Mrurde von der Laube des 
Rathhauses verlesen, so dass die auf dem Markte versammelten 
Bürger ihn hören konnten, ein anderer Theil, der nur den neuen 
Rath anging, im Rathhause selbst. Am 20. Juni wurden mit 
gleicher Feierlichkeit und wieder unter Theilnahme der königlichen 
Gesandten die Frauen der Ausgewanderten eingeholt'). 

Die Anwesenheit der Gesandten König Sigismunds ist offen- 
bar den Städten erwünscht und förderlich gewesen. Sie gab ihren 
Anordnungen eine Autorität, die nicht nur für den Augenblick 
rascher zum Ziele führte, sondern auch für die Zukunft ihnen 
grossere Sicherheit verlieh. Ebenso gewiss war es den königlichen 
Gesandten angenehm, dass die Städteboten ihnen die eigentliche 
Arbeit ganz abnahmen, zu der sie aus Mangel an Kenntniss der 
Verhältnisse kaum geeignet gewesen sein würden. Sie haben es 
nicht unterlassen, ihrem Versprechen gemäss darüber rühmend an 
Sigismund zu berichten, und dieser fand mitten unter seinen Ge- 
schäften und Nöthen in England Zeit, am 30. Juni, als er von 



») L. U. B. 5, S. 655. 



— 151 — 

dem Ausgange der Sache erst eben Kenntniss erhalten haben 
konnte, von dem Schlosse Ledes in Kent aus ein Dankschreiben 
an die Städte zu richten. Zugleich forderte er nun von dem alten 
Rathe die ihm von dem neuen versprochenen 16,000 Gulden^). 

Die zunächst erforderliche Ergänzung des Rathes hatte grosse 
Schwierigkeit schon wegen der geringen Anzahl der Wähler und 
der grossen Anzahl der zu Wählenden. Von den ausgewanderten 
fünfzehn Mitgliedern des alten Rathes waren fünf in der Fremde 
gestorben, der Bürgermeister Goswin Klingenberg wenige Wochen 
vor der Rückkehr in Lüneburg, ebendaselbst 1410 Hermann Yborg, 
1415 der Bürgermeister Heinrich Westhof, Conrad von Alen 1410 
in Hamburg, Bruno Warendorf 141 1 in ReinbecL Zehn kehrten 
also zurück. Sie luden die in der Stadt gebliebenen früheren 
Genossen, von denen noch fünf am Leben waren, zu sich ein, 
und so bestand das Wahlcollegium aus fünfzehn Personen. Eine 
gesetzliche Bestimmung über die Anzahl der Rathsmitglieder gab 
es damals noch nicht, doch eine gewohnheitsmässige. Für den 
Augenblick hat man sich wohl durch Rücksicht auf die Zahl nur 
so weit leiten lassen, dass man einen recht vollzähligen Rath zu 
haben wünschte, um die einzelnen Rathsämter möglichst mit ver- 
schiedenen Personen besetzen zu können. Wesentlich aber waren 
es wohl persönliche Rücksichten, die genommen wurden. Und 
da ist es gewiss ein Beweis von aufrichtig versöhnlicher Ge- 
sinnung gewesen, dass die Wahl unter anderen fünf Mitglieder 
des neuen Rathes traf, Tidemann Steen, Detmar von Thunen, 
Johann von Hervord, Ludwig Krull und Bertold Roland. Die 
zwei zuerst Genannten sind später Bürgermeister geworden. Aus 
den Mitgliedern der Zirkelgesellschaft wurden nur zwei gewählt, 
Johann Darsow, ein reicher Grundbesitzer, und Thomas Morkerke. 
Ferner wurden noch fünf Kaufleute erwählt, Johann Gerwer, 
Johann Bere, Tidemann Cerntin, Albert Erp und Johann von 
Hameln. Der Rath bestand also nun aus siebenundzwanzig Personen. 

Dann folgte die in dem Recess vorgeschriebene Eidesleistung. 
Sie nahm drei volle Tage, den pächsten Freitag, Sonnabend und 
Montag in Anspruch. Nach dem in einem Hanserecess aufbe- 
wahrten Berichte traten an sechsundneunzig verschiedene Corpo- 



») L. U. B. 5, Nr. 585. 586. 



— 152 — 

rationen (nacien) — vermuthlich ist die Anzahl zu hoch angege- 
ben — nach und nach vor. Jordan Pleskow verlas die Eidesformel 
und fügte die Worte hinzu: dat wil gy holden also, alse dar 
schreven steit, also helpe ju God unde de hilgen, dat love gi mede 
Gode unde sinen hilgen, dat also to holdende. Die Vorgetretenen 
antworteten darauf mit einem Ja. Auch die königlichen Gesandten 
waren gegenwärtig und fügten jedesmal hinzu, dass sie auch im 
Namen des römischen Königs geböten, es also zu halten. 

£s war nun aber noch das Verhaltniss zu König Erich zu 
ordnen. Die Verpflichtung der gefangen genommenen Bürger 
nach Kopenhagen zurückzukehren, bestand fort, ebenso die von 
den Städten dafür geleistete Bürgschaft Das Anerbieten des 
Königs sie frei zu lassen, wenn die Lübecker sich verpflichten 
wollten, den alten Rath wieder einzusetzen, war von den Abgeord- 
neten des neuen Rathes zurückgewiesen worden. Man wird wohl 
den Termin für die Rückkehr im Wege der Correspondenz etwas 
hinausgeschoben haben, aber unterbleiben durfte sie nicht. Sie 
geschah denn in der zweiten Hälfte des Juli. Eine Gesandtschaft 
der Städte, an deren Spitze die beiden Herren des alten Rathes, 
Jordan Pleskow und Johann Crispin standen, begleitete die Ge- 
fangenen, auch die vier Abgeordneten des neuen Rathes, die durch 
ihre Reden in Kostnitz den Unwillen Erichs erregt hatten, wurden 
mitgenommen. Die erste Schwierigkeit bestand darin, dass der 
König nicht aufzufinden- war. Man vermuthete ihn auf Fehmam, 
aber da war er nicht, auch in der Schlei, in der Kieler Bucht, 
bei Flensburg wurde er vergebens gesucht. Es war ein Tage 
langes beschwerliches Hinundherfahren bei beständig stürmischem 
Wetter. Endlich bei Laaland wurde er angetroffen. Die städti- 
schen Gesandten mit den Gefangenen gingen dort ans Land, der 
König blieb auf seinem Schiffe. Bei den Verhandlungen erneuer- 
ten sich zuerst die formellen Schwierigkeiten, die im April in Ko- 
penhagen hervorgetreten waren. Der König verlangte, und berief 
sich dafür auf eine getroffene Verabredung, dass über seine An- 
sprüche an die vier Lübeckischen Bürger von einer aus Mitgliedern 
des alten Rathes, aus Boten der Städte und aus seinen Räthen 
bestehenden Behörde geurtheilt und entschieden werde. Vor dieser 
Behörde wollte er dann noch zwei andere Forderungen geltend 
machen, von denen es dahin gestellt bleiben muss, ob er sie 



— 153 — 

schon früher zur Sprache gebracht hat, eine nämlich wegen au^ 
gewandter Kosten bei Versuchen, eine Versöhnung zwischen dem 
alten und dem neuen Rathe zu Stande zu bringen, und eine wegen 
der von Kaiser Karl IV. seinen Vorfahren überwiesenen und seit 
langer Zeit nicht mehr bezahlten Reichssteuer der Stadt Lübedc. 
£r berechnete die Rückstände auf i6,oco lothige Mark Silber 
kölnisches Gewicht und noch 4000 lothige Mark Silber'). Was 
diese letztere Forderung betrifft, so ist es allerdings richtig, dass 
Karl IV., nachdem er schon 1357 einmal vorübergehend^ dem 
König Waldemar die Lübeckische Reichssteuer zugesprochen hatte, 
im Jahre 1364 den Rath von Lübeck generell anwies^, sie dem^ 
König Waldemar oder seinen' Boten „und Niemand anders" zu 
bezahlen. Aber ebenderselbe Karl IV. bezeichnete 1369 die von 
ihm erlassene Urkunde ausdrücklich als ,;aus Vergessenheit" ge- 
geben und befahl dem Rath von Lübeck, die Reichssteuer, so 
lange er, der Kaiser, lebe, immer dem Herzog Rudolf von Sachsen 
zu entrichten^). Die Städte lehnten es ganz und gar ab, auf 
die Anträge des Königs einzugchen. Sie erklärten, ihnen liege 
nur ob, die Verhältnisse der Gefangenen zu ordnen und über das 
Schicksal der vier Abgeordneten des neuen Rathes eine Bestimmung 
treffen zu helfen. Diese beiden Gegenstände hingen insofern eng 
mit einander zusammen, als, wenn der König hinsichtlich der 
Verläumdung befriedigt war, die Freilassung der Gefangenen von 
selbst folgte. Dann aber mussten ihnen auch ihre Güter zurück- 
gegeben oder, da sie grossentheils nicht mehr vorhanden waren, 
der Werth ersetzt und zu diesem Zwecke vorher durch Schätzung 
bestimmt werden. Auf Verlangen des Königs stellten zuerst die 
Städte eine Berechnung zusammen, die aber des Königs ernstes 
MissfäUen erregte. Sie hätten dabei Haarmatten ^), Holzkohlen 
und zerbrochene Kannen mitgerechnet, äusserte er. Am Ende 
musste man einwilligen, eine von ihm selbst aufgemachte Schätzung 



») L. ü. B. S. 5, 664. 
») Ebcnd. 3, Nr. 286. 

3) Ebend. 3, Nr. 498. 

4) Ebend. 3, Nr. 704. 

5) Haardecken von Thierhaaren gemacht, ehemals ein überall ge- 
brauchtes Hausgeräth. Es gab ein eigenes Gewerbe der Harmaker: Wehr- 
mann, Lüb. Zttnftrollen S. 229. 



— 154 — 

anzunehmen. Bei der so' entstandenen Verstimmung war die 
Verhandlung über die vier Personen noch schwieriger. Der 
König wollte volle Gewalt über sie haben, sie sollten sich 
ihm auf Gnade und Ungnade ergeben, das thue mancher 
Ritter gegen seinen Herrn, ohne dass es seiner Ehre zu nahe 
trete. Die Städte mussten sich ihrer annehmen, sie hatten ver- 
sprochen, dafür zu sorgen, dass Niemand an seiner Ehre und 
seinem Leibe gekränkt werde. Aber der König wurde heftiger. 
Er wollte Alles zurücknehmen, wenn man ihm darin nicht nach- 
gebe; er wollte die Vier nach Rothschild oder in eine andere Stadt 
schicken, damit sie selbst zu der Erkenntniss kämen, welche Ge- 
nugthuung ihm gebühre. Endlich machten die Städte den Vor- 
schlag, die Vier sollten eine Wallfahrt nach Maria Einsiedeln 
machen und unterwegs zu König Sigismund gehen und ihn bitten, 
dass er an König Erich ein Schreiben erlasse, um ihm für die 
Verzeihung; die er ihnen gewährt habe, zu danken. Gleich darauf 
wurde ihr eigener Vorschlag ihnen leid, indem sie an die Gefahren 
dachten, mit denen solche Reise verbunden sein musste. Aber 
dem Könige behagte gerade dieser Ausweg am besten, und ob- 
gleich die Vier ihn fussfallig baten, ihnen die Reise zu erlassen, 
blieb er doch dabei, dass sie geschehen müsse. Sie erklärten sich 
denn bereit dazu. Die Wallfahrt wurde also beschlossen und eine 
Sigismund zu übergebende Ehrenerklärung genau nach weiterer 
Rücksprache schriftlich abgefasst. Da wurde denn zuletzt auch der 
König ganz nachgiebig und freundlich. Er Hess die Vier wieder 
vor sich kommen, sprach mit ihnen und hörte ihre Entschuldi- 
gungen an; endlich Hess er Wein bringen und trank mit ihnen. 
Gleich nachgiebig bewies er sich hinsichtlich des Termins für die 
Bezahlung des von ihm selbst bestimmten Werthes der Güter. 
Anfangs verlangte er eine Frist von drei Jahren, aber auf , An- 
dringen der Städte kam er näher und näher und versprach zuletzt. 
Alles solle sogleich bezahlt werden. Seinerseits forderte er die 
Ausstellung einer Quittung, die ihm auch gegeben werden musste, 
dass die Stadt Lübeck wegen der Arretirung der Personen und 
Güter weiter keine Ansprüche an ihn mache. Die Gefangenen, 
welche kamen, um ihm zu danken, wurden freundlichst verab- 
schiedet (he borde sine beide arme wyde up)') und aufgefordert 
») L. U. B. 5, S. 673. 



— 155 — 

seine Reiche wieder zu besuchen. Dieselbe Aufforderung riditete 
der König an die Städte, mit der Versicherung^ dass sie alle 
Freiheiten y die sie je gehabt, behalten sollten. 

Ueber die wirkliche Ausführung der Wallfahrt liegt keine Ur- 
kunde vor, wohl aber über die Reise nach Kostnitz. Unter dem 
13. Juli 141 7 bezeugt König Sigismund, dass vier Lübecker Bürger, 
Heinrich Schonenberg, Marquard Schutte, Johann Grove und £ler 
Stange, der Letztgenannte durch einen Bevollmächtigten Gottfried 
Homut, dort dem König Erich von Dänemark eine Ehrenerklärung 
gegeben haben, entbindet sie aller Verpflichtungen gegen ihn 
wegen der ihm zugesagten 16,000 Gulden und nimmt sie und die 
ganze Stadt Lübeck in seinen Schutz. 

In der ganzen Erzählung von dem Aufstande ist von Blut- 
vergiessen nicht die Rede gewesen. Aber die Chroniken sprechen 
von Hinrichtungen, Rufiis, Korner, Reimer Kock und Regkmann 
von zweien, Detmar von dreien» Was die Zahl betrifft, so findet 
Detmars Angabe in den Urkunden wenigstens eine indirecte Be- 
stätigung. Nach dem kurzen und rasch unterdrückten Versuche, 
einen Aufstand zu erregen, in Sommer 1416, leisteten fünfzehn 
Personen eine Urfehde, in der sie bei ihrer Entlassung aus dem 
Kerker unter andern gelobten, die Stadt für immer zu meiden. 
Darf man nun Detmars fernere Angabe, dass achtzehn Personen 
verhaftet seien, für zuverlässig halten, so kann es damit überein- 
stimmen, dass drei hingerichtet sind. Aber von Detmars Namen 
ist einer entschieden unrichtig. Er nennt einen Bäcker, Nicolaus 
Rnbenow, und zwei Goldschmiede, Heyne Sobbe und Hermann 
Poling'). Von dem Letztgenannten, der auch Münzmeister, dann 
im Rath und Bürgermeister gewesen war, ist es sicher, dass er 
später noch lebte und sich die, freilich vergebliche, Fürsprache des 
Markgrafen von Brandenburg verschaffte, um nach Lübeck zurück- 
kehren zu dürfen. 

Gewissermassen ein Nachspiel bildeten noch die Verhandlun- 
gen über den Verbleib der von Sigismund zu Gunsten des neuen 
Rathes ausgestellten Urkunden. Es war ihm unangenehm, dass 
sie sich nicht in seinen Händen befanden. Hätten seine Ge- 



^) Grautoff 2, S. 13 hat allerdings Heyne Poling, aber es ist wohl nur 
eine zufällige Namensverwechselung. 



- 156 - 

sandten, als sie sie für ungültig erklärten, sie zugleich zurückge- 
fordert, so würden sie wahrscheinlich keine Schwierigkeit gefunden 
haben, aber das war versäumt £r schrieb daher darüber an 
König Erich und dieser an Jordan Pleskow'). Auf einem Hanse- 
tage in Wismar im October 141 6 kam die Sache zur Sprache. 
Die Lübecker gaben zu, dass sie bis zum 23. April verpflichtet 
gewesen seien, die Urkunden gegen Zahlung von 25,000 Gulden 
zurückzuliefem, und wollten die Verpflichtung als noch fortbestehend 
anerkennen. Aber zu einer solchen Zahlung hatten die Gesandten 
keinen Auftrag. Die Lübecker fragten weiter, ob sie denn 
eine andere Aufhebung der Acht und Bestätigung der Privilegien 
zu geben hätten. Auch das war nicht der Fall. Nun war es eine 
der Bestimmungen des Recesses, dass der alte Rath die Urkunden, 
die er gegen die Stadt gewonnen habe, den Städten überliefern 
solle. Auf diese Bestimmung beriefen sich die Gesandten, und 
die Lübecker konnt^i ihre Verpflichtung, die fraglichen Urkunden 
den Städten zu übergeben, nicht in Abrede stellen. Aber der Re- 
cess gab den Städten nicht das Recht, über die Urkunden weiter 
zu verfügen, sie hätten sich denn dieses Recht 'vermöge des Vor- 
behalts, den sie gemacht hatten, erst selbst zusprechen müssen. 
Die Gesandten beantragten, dass sie das thun möchten. Aber es 
wurde erwiedert, dass sie nicht alle beisammen seien imd daher 
zur Zeit nicht berechtigt, solchen Beschluss zu fassen« Endlich 
stellten die Gesandten vor, dass die Auslieferung der Urkunden 
dem Kaiser ein sehr angenehmer Dienst sein würde, den er nicht 
unerwiedert lassen werde. Die Städte erwiederten, dass sie jede 
Gelegenheit, sich dem Kaiser gefallig zu bezeigen, mit Begierde 
ergreifen würden, baten aber, sie für dieses Mal zu entschuldigen. 
So sind denn die Urkunden geblieben, wo sie waren, und befinden 
sich noch im Lübeckischen Archiv. 



') L. U. B. 5 , S. 599. 



V. 



DAS VERFAHREN 



WIDER DIE STAHLHOFSKAÜFLEÜTE 

WEGEN DER LUTHERBÜCHER. 



VON 



REINHOLD PAULI. 



Im ersten Jahrgange der Hansischen Geschichtsblätter S. 153 ff. 
war es mir vergönnt über die wider einige Mitglieder des Stahl- 
hofs in London im Jahre 1526 geführte Untersuchung wegen Be* 
sitz und Benutzung der verbotenen Schriften Luthers nähere Mit- 
theilung zu machen und drei Schreiben abzudrucken, welche König 
Sigismund I. von Polen zu Gunsten einiger Danziger Kaufleute, 
welche in die Angelegenheit verwickelt waren, an Heinrich VlIL 
und Cardinal Wolsey richtete. Meine Notizen über den Process 
waren den kurzen Auszügen entnommen, welche Brewer seinem 
grossen Regestenwerk zur Geschichte Heinrichs VIII. einverleibt 
hat. Die Actenstücke selber indess, die ich vor einiger Zeit im 
Öffentlichen Reichsarchiv zu London abgeschrieben, verdienen voll- 
ständige Mittheilung wegen des rein kirchenrechtlichen Inquisi- 
tionsverfahrens, das freilich gegen die Fremden human und ohne 
ernste Folgen angestellt wurde, wegen der Beziehung auf die uralte 
Einpfarrung der Stahlhofsgenossen in eine Londoner Stadtgemeinde, 
wegen der vielfach lebendigen Einblicke in das Innere des Stahl- 
hofs, in die Bildung und Culturinteressen seiner Insassen und wegen 
der zum Theil welthistorischen Bedeutung derjenigen reformatori- 
schen Schriften, die sich in der That bei ihnen vorfanden*). 

Die Liquisitionsfragen, auf welche vier Compromittirte sich nach 
einander zu verantworten hatten, so wie die Protokolle über ihre 
Vernehmung, sämmtlich lateinisch, sind auf losen Papierblättern 
äusserst flüchtig und oft in unerlaubten Abkürzungen offenbar wäh- 
rend des Verhörs von einer und derselben Hand, vermuthlich von 



*) Auch wird der Bericht des Comtoirs vom i. März 1526 in Bur- 
meisters Beiträgen S. 61, vgl. Lappenberg, Stahlhof I, 126, durch die Ur- 
kunden der anderen Seite doch sehr wesentlich modificirt. 



— i6o — 

einem der beiden bei Namen angeführten öffentlichen Notare nieder- 
geschrieben. An einigen Stellen ist das Papier beschädigt oder die 
Schrift sonst unleserlich geworden. Die meisten Schwierigkeiten 
bietet am Schluss eines jeden Protokolls die Feststellung der Unter- 
schriften der nicht inmier gleichmässig anwesenden Mitglieder des 
geistlichen Gerichts, der Zeugen und Notare. Indess hat sich doch 
im Einklang mit dem wenig erfreulichen notariellen Latein das 
Allermeiste herstellen lassen. Dem Abdrucke aber erlaube ich 
mir die folgenden Erläuterungen voranzuschicken. 
Die Inquisitionsfragen betreifen: 

1. Die Jurisdiction Wolsey's als Cardinallegaten. 

2. Die Pfarrei, welcher der Angeklagte in London angehört, 
nämlich Grossallerheiligen, die sogenannte Seemannskirche in Dow- 
gate Ward unmittelbar am Stahlhof, und die Zeit, die er sich in 
England aufgehalten. 

3. Ob er Latein versteht und lesen kann. 

4. Ob er für sich gelesen oder durch andere hat vorlesen 
lassen, ob er je Bücher Martin Luthers besessen, wie sie heissen 
und was sie enthalten, seit wann und wie lange er sie gehabt hat 
und was aus ihnen geworden ist 

5. Ob er von dem öffentlich bekanntgemachten Verbote der 
Bücher und Schriften Luthers, und wann er zuerst davon erfahren. 

6. Ob er seine Freude an der Lecture und den Meinungen 
Luthers gehabt und an welchen insbesondere. 

7. Ob er diejenigen für excommunicirt erachte, denen die Ver- 
urtheilung bekannt geworden, die aber dennoch fortfahren solche 
Schriften mit Wohlgefallen zu besitzen, zu lesen und zu ver- 
breiten '). 

8. Ob er an Fasttagen Fleisch gegessen. 

9. Wesshalb die Messe, welche die Mitglieder des Stahlhofs 
(täglich) in der Londoner Pfarrkirche von Grossallerheiligen zu feiern 
pflegten, aufgehört hat 

Mehrere Deutsche nun, welche dem Stahlhof angehörten, waren 
etwa um die Jahreswende in das Fleet- Gefangniss abgeführt und 
bereits vorläufig vernommen worden, bis am Donnerstag den 



') Die Frage, ob der Papst über den Bischöfen stehe oder ihnen gleich 
sei, V. Brewer, Letters and papers foreign and domestic of the reign ot 
Henry VIII., vol. 4 Part i. S. 884, fehlt auf dem ZetteL 



— i6i — 

8. Februar 1526 in dem stattlichen Capitelhause der Westminster« 
abtei, welches damals noch immer auch den Gemeinen als Sitzungs- 
saal diente'), das Hauptverhör der Einzelnen nach einander^ in 
den Formen des Inquisitionsprocesses statt hatte. 

Zuerst erschien Hans Ellerdorp, der wie die übrigen vermuth- 
lich in Danzig zu Hause war. vor dem Bischof von Bath und 
Wells, dem Abt von Westminster, dem Archidiaconus Stephan 
Gardiner, Secretär des Königs, zwei bischöflichen Officialen und 
zwei in Wolsey's Diensten stehenden Doctoren der Theologie und 
beider Rechte im Beisein von zwei öffentlichen Notaren und drei 
der Abtei angehörigen Zeugen. Unbedenklich räumte er wie seine 
Genossen nach ihm die Jurisdiction des Cardinallegaten und die 
Pfarrgenossenschaft von Grossallerheiligen ein, hielt sich seit 1 74 Jähr 
in England auf und verstand kein Latein. Der Beschuldigung im 
Besitz eines Buches von Luther betroffen zu sein, wusste er ge- 
schickt durch die Erklärung auszuweichen, dass er es in der Kammer 
eines Factors seines Principals unter anderen diesem gehörenden 
Sachen gefunden. Nach dem Tode des Factors habe er alles in 
dessen Bewahrung befindliche Eigenthum seines Principals an sich 
genommen, darunter denn auch das Buch, das er angesehen, ohne 
jedoch eine Seite darin zu lesen. Auf die Frage, weshalb er es 
nicht verbrannt habe, da er doch gewusst, dass es von Luther her-« 
rühre, auch sein Besitz verboten sei, erwidert er, weil es nicht ihm» 
sondern einem anderen gehöre. Es lässt sich nur vermuthen, dass 
Ellerdorp und der verstorbene Factor in Diensten des Danziger 
Kaufmann Jacob Egerth standen, für den sich König Sigismund 
am II. Mai 1526 bei Heinrich VIIL verwandte^. 

Von dem zweiten, Heibert Bellendorp, wird vor dem durch 
den Bischof von St. Asaph und vier weitere Doctoren verstärkten 
Tribunal Erheblicheres herausgebracht. Nachdem er die beiden 
ersten Fragen bejaht hat, gibt er an, dass er 151 1 zum ersten Mal 
nach England gekommen und in den letzten acht Jahren, drei 
Reisen von jedesmal zehn, elf Wochen ausgenommen ; dort an- 



*) Stubbs, Constit. Hist. of England m, 385. 

*) They called the Stilyard men again one by one . . . they were 
committed all to the Fleet. J. Foxe, Acts and Monuments of Martyrs 
ed. 1684. n, 436. 

3) Hansische Geschichtsblätter 1872. S. 159. 
Hansische Geschichtsblätter. VIII. II 



— 102 — 

sässig gewesen sei. Schon über ein Jahr hat er Schriften Luthers 
in deutscher Sprache bei sich gehabt, auch einige Seiten in dem 
Buche von der Babylonischen Gefängniss und etwa den dritten 
Theil einer Abhandlung über die Keuschheit gelesen, sie aber kurz 
vor den letzten Weihnachten verbrannt. Der Tractat de Captivi- 
tate Babylonica Ecclesiae erschien bekanntlich schon 1520 und wurde 
zuerst anonym, aber gleich hernach von Luther selber verdeutscht. 
Hinter dem Libellus de Castitate steckt vermuthlich Luthers „Ver- 
mahnung an die Herren Deutschordens falsche Keuschheit zu mei- 
den und zu rechter ehelicher Keuschheit zu greifen*', Wittenberg, 
28. März 1523 '), wodurch der deutsche Kaufmann von der Weichsel, 
obgleich Unterthan der Krone Polen, zur Zeit der Säcularisaiion 
des Ordens nicht wenig gefesselt werden musste. Nun räumt 
aber Bellendorp, der ausserdem ein wenig Latein versteht, weiter 
ein, dass er bei seiner letzten Rückkehr aus Deutschland zu Pfingsten 
1525 drei andere Bücher in deutscher Sprache, nämlich zwei Schriften 
Luthers gegen Karlstadt und eine des letzteren, so wie die deutsche 
Uebersetzung des Neuen Testaments und der fünf Bücher Mosis, 
von denen nur diese Luthers Namen tragen, mit sich gebracht 
habe. Mit den beiden ersten kann nur Luther „Wider die himm- 
lischen Propheten von den Bildern und Sacramenten erster und 
anderer Theil'* 1524 und 1525 gemeint sein und ferner Karlstadt 
„Von dem widerchristlichen Missbrauch des Herrn Brod und Kelch*' 
1524% Das Neue Testament aber wurde zuerst ohne Luthers 
Namen und ohne Jahreszahl im September und December 1522, 
die fünf Bücher Mosis mit Luthers Namen zweimal 1523 in Witten- 
berg ausgegeben. Bellendorp gesteht, dass er einige der Abhand- 
lungen so wie Luthers Schrift gegen Karlstadt Hans Reuseil und 
Karlstadts Schrift dem abwesenden Georg van Telghte, einem Dan- 
ziger Bürger, für den am 12. Mai 1526 Sigismund I. bei Heinrich VIU. 
und Wolsey ein Wort einlegt^), empfohlen habe. Auch weiss er, 
dass diese Bücher verboten und auf dem Kirchhof von St. Pauls 
öffentlich verbrannt worden"*). Von der Excommunication derer je- 



') Walch, Luthers Werke XIX, 2157. 

2) Walch XX. 

3) Hansische Geschichtsblätter 1872. S. 160, 161. 

4) Die Londoner Chroniken enthalten keinen Nachweis über diese 
Execution, die indess in Folge von Wolsey's Erlass vom 14. Mai 1521 bei 



- i63 - 

doch, die sich damit eingelassen, will er Nichts erfahren haben. 
In Betreff des Sacraments hat er sich gegen andere geäussert, dass 
es nur Form, nicht die Substanz von Brod und Wdn angenommen. 
Dagegen ist er der Meinung, dass ein mit Todsünde behafteter, 
unbussfertiger Priester das Sacrament nicht weihen könne. Sollte 
er darin von den Lehren der Kirche abgewichen sein, so ist er 
bereit sich bekehren zu lassen. Dreimal an verbotenen Tagen, an 
einer Vigilie und an zwei Sabbathen hat er Fleisch gegessen, das 
erste Mal in Gregory's Hause,, vermuthlich einer Wirthschaft in der 
Nähe des Stahlhofs, mit Gerard Gatter und Gerard Bull, offenbar 
ketzerischen Engländern, das zweite Mal in Gisberts Kammer im 
Stahlhof und das dritte Mal ebenfalls im Stahlhoi mit mehreren 
Seeleuten. Da er andere essen sah, hielt er es für erlaubt, ob- 
gleich er wusste, dass die Kirche es verbietet. Aber das Reich 
Gottes besteht ja nicht in Speise und Trank. Auch hat er einigen 
seiner Genossen erklärt, dass solche Fasten nicht von Christus, 
sondern von der Kirche eingesetzt sind. 

Hans Reusell, der dritte, der in derselben umständlichen 
Weise wie Bellendorp vernommen wird, gibt zur zweiten Frage an, 
dass er sich seit vierzehn Monaten in England aufhält, nachdem 
er schon früher anderthalb Jahre dort, dazwischen aber sechs 
Monate in seiner Heimath Estland gewesen, womit schwerlich das 
heutige Fürstenthum dieses Namens, sondern nach damaligem 
Sprachgebrauch die preussisch-baltischen Gegenden und das öst- 
liche Deutschland überhaupt gemeint sind. Zwar nicht latein, aber 
deutsch zu lesen und schreiben versteht er. Er räumt ein, dass er, 
während der letzten Anwesenheit in seinem Vaterlande, einige Trac- 
tate und Sermonen Luthers gelesen habe, doch hat er deren Titel 
nicht behalten mit Ausnahme der Schrift von der Freiheit eines 
Christenmenschen, die bekanntlich schon 1520 lateinisch und deutsch 
erschienen war, und der Antwort an den König von England, von 
der er jedoch nur die Zuschrift gelesen haben will. Die Erwide- 
rung auf Heinrichs VllL Buch hatte Luther selber 1522 alsbald auch 



Strype, Ecclesiastical Memorials I, i. 20 geschehen sein wird, in welchem 
der Cardinal im Anschluss an Leo*s X. Bannballe allen Bischöfen Conus- 
cation der verbotenen Schriften anbefiehlt und durch Anschlag an den 
Kirchthüren Besitzer und Leser mit dem Banne bedroht. 

II» 



^ 164 - 

deutsch herausgegeben '). Ferner gesteht Reuseil, dass er, als ihm 
vor einem halben Jahre Heibert Bellendorp die neuerdings vom 
Festlande eingetroffene Schrift Luthers wider Karlstadt empfohlen, 
dieselbe durchgelesen und einen Monat bei sich gehabt habe. Auf 
die Nachricht aber, dass Hermann van Holt ergriffen und in den 
Tower gesteckt worden sei, habe er sie verbrannt, obgleich sie das 
Sacrament des Altars für den wahren Leib und das wahre Blut 
Christi erklärt Auch gesteht er, indem er die ihm vorgewiesenen 
Exemplare als die seinigen erkennt, in den letzten vierzehn Monaten 
öfters in Luthers Uebersetzung der fünf Bücher Mosis und des 
Neuen Testaments gelesen und dessen Auslegung des Vaterunsers, 
der Glaubensartikel und der zehn Gebote besessen zu haben ^. 
Wohl hat er vor drei Jahren gehört, dass Luthers Schriften in der 
City von London verbrannt und dass bei Strafe des Banns allen 
verboten worden dergleichen zu besitzen und zu lesen, aber in Be- 
zug auf das Neue Testament hat er es nicht glauben wollen. Auch 
weiss er von der römischen Bulle, so wie von dem Verbrennen 
der Bücher aus dem Munde der Leute und gesteht, dass er trotz- 
dem den von Bellendorp erhaltenen Tractat, so wie die anderen 
in seiner Kammer gefundenen Schriften, und zwar mit Wohlgefallen ge- 
lesen habe. £r muss deshalb zugeben, dass er den angedrohten Strafen 
verfallen sei. Zuletzt wird er noch der Meinung überführt, dass 
der Heilige Vater keine höhere Gewalt habe als die übrigen Bischöfe 
auch, denn so werde in seinem Vaterlande gepredigt und so sprechen 
sich seine Landsleute unter einander aus. £r will sich aber der 
entgegenstehenden Lehre der Kirche unterwerfen. Nur einmal an 
einem Freitag hat er in Gregory's Hause mit zwei anderen Eng- 
ländern Fleisch gegessen, weil er es zubereitet und andere dabei 
beschäftigt fand, räumt aber ein, dass er daran übel gethan. 

Der vierte, Heinrich Pryknes, hält sich seit mindestens zwei 
und einem halben Jahre in England auf, versteht kein Latein, gibt 
aber zu, dass letzte Michaelis der Zahlmeister eines Schiffs, dessen 
Namen er nicht weiss, in seiner Kammer ein deutsches Buch zu- 
rück Hess, das er in dem ihm vorgewiesenen Bande, mehrere 
Schriften Martin Luthers enthaltend, wieder erkennt Er hat davon 



') Walch XIX, 295. 

^) Kurze Form die zehn Gebote, Glauben und Vaterunser zu betrachten 
1520, Walch X, 182. 



— i65 — 

nur die Auslegung des Vaterunsers und nichts weiter gelesen. Erst 
vergangene Allerheiligen will er dann gehört haben, dass die Bücher 
vemrtheilt und verbrannt worden und dass alle Anhänger Luthers 
und Besitzer seiner Schriften excommunicirt seien. Er unterwirft 
sich der Correction der Herren. Es ist bezeichnend, dass sein Ver- 
hör gleich dem Ellendorps vor dem nicht verstärkten Tribunal statt 
findet, dass allen vier aber Stephan Gardiner beiwohnt, damals 
Secretär Heinrichs VIIL, jedoch bereits wie später unter Philipp 
und Maria der echt inquisitorische, verfolgungssüchtige Kirchen- 
mann. 

Die Protokolle enthalten freilich Nichts von einer Verurtheilung 
der Beschuldigten. Dieselbe ist aber alsbald erfolgt und vollzogen 
worden, und zwar in Gemeinschaft mit der des englischen Augustiners 
Barnes, der auf häretischen Meinungen, auf Zwischenträgerei zwischen 
Luther und Tyildal und Verbreitung einer sehr starken protestan- 
tischen Literatur in englischer Sprache ertappt worden, welche 
Bischof Cuthbert Tunstal von London seit 1525 heftig verfolgen 
Hess. Indess auch mit Barnes, der Beziehung zu Gardiner hatte, 
wurde massvoll verfahren, denn er kam gleich den Deutschen mit 
einer Maskerade des Scheiterhaufens davon, dessen Flammentod 
ihn erst vierzehn Jahre später auf Grund der „Sechs blutigen Ar- 
tikel" erreichen sollte^. Der Martyrologist John Foxe aber er- 
zählt nun den Hergang folgendermassen. Nachdem Barnes und 
fünf Männer aus dem Stahlhof ^, die er nicht bei Namen nennt, 
so dass möglicher Weise zu den vier aus den Protokollen bekann- 
ten der in Reusells Verhör als bereits verhaftet erwähnte Hermann 
van Holt der fünfte war, am Sonnabend nochmals im Capitelhause 
zu Westminster vorgeführt worden, hätte man sie am Fastensonn- 
tag, den II. Februar, um 8 Uhr Morgens, in die mit Menschen 
dicht angefüllte St. Paulskirche gebracht, wo auf hoher Estrade im 
Mittelschiff Cardinal Wolsey mit vielen Bischöfen, Aebten und Doc- 



^) fiamet, History of the Reformation of the Church of England 
Ed. 1850, S. 2 16. 

^) One of these was Barnes; the other five were Stillyard men, un- 
distinguishable by any other name, bat detected members of the brother- 
hood, sagt Fronde, Histoxy of England II, 43, der die letzteren offenbar 
für Engländer hält nnd wie von vielen anderen Dingen auch vom Stahl- 
hof Nichts weiss. 



— i66 — 

toren in vollem Ornat der symbolischen Execution vorsass. Draussen^ 
vor dem Nordportal aber, unter dem berühmten Kreuz von St. 
Pauls, loderte in einem Gitter ein Feuer, neben welchem Körbe 
mit den interdicirten Büchern und Uebersetznngen standen. Nach- 
dem von einer zweiten Estrade die Verurtheilten mit Reisigbündeln 
auf dem Rücken die ihnen nachgewiesenen Irrthümer abgeschworen 
und einer von ihnen die ihm auferlegte fünfpfündige Kerze vor 
jenem Crucifix geopfert hatte ^), nachdem dann Bischof John Fisher 
von Rochester, der 1534 selber auf dem Scha£fot enden sollte, die 
Absolutionspredigt gehalten, wurden sie dreimal um den brennen- 
den Holzstoss geleitet und warfen ihre Reisigbündel hinein, welche 
zugleich mit den verpönten Büchern in den Flammen aufgingen. 
So kamen sie für diesmal mit dem Schrecken davon. 

Wohl aber hatte die Regierung alle Ursache mit den Deut- 
schen glimpflich umzugehen, da sie eben in Krieg mit Kaiser 
Karl V. verwickelt wurde, während Heinrich VIII., der spanischen 
Gemahlin überdrüssig, Papst Clemens VII. zur Ehescheidung und 
zur Dispensation einer Verbindung mit Anna Boleyn zu bewegen 
hofFte, von deren protestantenfreundlichen Sympathien bereits ge- 
munkelt wurde. Der Clarencieux Herold, welcher nach der Er- 
oberung Roms durch die Spanier und .die Deutschen abgefertigt 
worden, um dem Kaiser die Kriegserklärung Englands zu über- 
bringen, sagt in seinem noch ungedruckten Bericht an Wolsey vom 
28. Februar 1528. dass er in Erfahrung gebracht habe, wie nicht 
nur der kaiserliche Vicekanzler die deutschen Protestanten durch 
grosse Versprechungen zum Kriege gegen Frankreich und Eng- 
land anzufeuern suche, sondern dass der Herr von Montfort, ein 
Kammerherr Karls, demnächst nach London kommen solle, um die 
Stahlhofskauf leute auf der Seite des Kaisers fest zu halten^. 

') . . . five fagots for Dr. Barnes and the four Stillyard men; the 
fifth Stillyard man was commanded to have a taper of 5 pound weight to 
be provided for him to offer to the Rood of Northen in Pauls, Foxe, 
Acts and Monuments of Martyrs IT, 437. In Holinsheds Chronicles oi 
England unter dem Jahre 1526 heisst es abweichend: and two merchantsof 
the Stiliard bare fagots for eating of flesh on a Fridaie. Ed. 1808. III, 711. 

') The same seigneur Montffort hathe commandement and Charge of 
themperor at suche tyme be shall come to London to practysse with them 
of Stelyard and to fynde the moanies to turne them on themperours syde. 
I trust your grace will kyppe hym wel from it. Ms. Cotton. Vespasian. 
C. IV. fol. 231. 



— 107 — 

I. 

Imprimis de jurisdictione Reverentissimi Domini Legati. 

Item de parochia, ubi moram trahit et quam diu fuit in 
Anglia. 

Item an sit doctus Latine et an noverit legere. 

Item an unquam legit per se vel alios, vel an nnquam penes 
se habuerit aliquos Martini Lutheri libellos, et si respondeat quod 
sie, exprimat librorum nomina si potest, et quid contineatur in eis- 
dem, et ulterius specificet tempus, quo huiusmodi iibellos primo 
legit et habnit, et quam diu penes se retinuit, et ubi nunc sunt 
huiusmodi libelli. 

Item an novit seu audivit de condempnacione Lutheri et li- 
brorum ac scriptorum eiusdem ac de publicatione condempnadonis 
huiusmodi, et quam primo noticiam habuit de condempnacione 
huiusmodi. 

Item an unquam habuit delectationem. in lectione huiusmodi 
aut in aliquibus opinionibus dicti Martini Lutheri, et si^ecificet qui- 
bus opinionibus. 

Item an credat illum vel illos excommunicatos et aliis here- 
ticorum penis innodatos, qui post notitiam condempnationis et pu- 
blicationis antefato Luthero faverint, aut illum laudaverint vel de- 
fenderint seu aliquem vel aliquos eiusdem Lutheri Iibellos scripta 
seu schedulas penes se habuerint, legerint seu publicaverint. 

Item an comedit carnes diebus prohibitis. 

Item quare missa de corpore Christi, quam socii de le Stilierd 
solebant facere celebrari singulis [diebus]') in ecclesia parochiali 
Omnium Sanctorum majori London., iam intermittitur et non am- 
plius celebratur. 

2. 

Hanse EUerdorpe. 

Fatetur jurisdictionem Reverentissimi domini, et quod est de 
parochia Omnium Sanctorum majori civitatis Londoniensis, ubi moram 
fecit per unum integrum annum et unum quartum anni, et quod 
nescit Latine loqui nee intelligere. £t dicit, quod habuit unum 

') Lacune, auf der freilich auch Raam für diehas festis. 



— i68 — 

libellum Lutheri, quem librum invenit in camera cujusdam factoris 
domini sui inter reliquas res eiusdem factoris ibidem existentis. £t 
dicit, quod postquam dictus factor moriebatur, iste juratus accepit 
in manus suas omnia bona domini sui, que fuerant sub admini- 
stracione dicti factoris, inter que invenit dictum librum, ut dicit, 
quem librum inspexit, ut dicit, sed nunquam legit integrum folium 
in eodem. £t interrogatus, quare non combussit huiusmodi librum, 
postquam cognovit eum librum Lutheri et talem librum, quem ser- 
vare sibi fuisset inhibitum, respondit, quod, quia non erat liber 
ejus sed alterius, ideo non combussit eum. 

Octavo Februarii repeticio prefati Hanse Ellerdorpe 
coram Reverendissimo patre Bathoniensi et Wellensi epis- 
copo^), abbäte Monasterii Westmonasteriensis ^^ magistro 
Stephyns archidiacono^), magistris Bell^) et Quarton^) offi- 
cialibns et Benet^) et Duke') legum et sacre theologie 
professoribus facta fuit 
Am Rande: Cla/ton, Smyth notarii. Wilhelmus Mane prior, 
Johannes Fulwell archidiaconus et Thomas Jay monachus ). 



Helbertus Bellendorpe. 

Fatetur Rev. dom. Legatum habere jurisdictionem etc. in hac 
parte. Et quod est parochialis Omnium Sanctorum major, civitatis 
Londoniensis, et quod venit primo in Angliam anno Domini 151 1, 
et quod per sex annos iam proxime elapsos fuit semper in Anglia, 
nisi quod tribus vicibus fuit extra, videlicet in tribus annis quolibet 
X vel XI septimanis. Et quod circiter anno elapso vel ultra habuit 
penes se quosdam Martini Lutheri libellos in lingua Teutonica, 
videlicet Lutherum de Captivitate Babilonica et unum de Castitate 



^) John Clerk. 
*) John Islip 1500— 1532. 

3) Stephen Gardiner, damals Archidiaconus von Taunton und Secretar 
des Königs. 

*) John Bell wurde 1539 Bischof von Worcester. 

5) GeofFrey Wharton, Generalvicar des Bischofs von London. 

^) Thomas Benet, Caplan und Auditor Wolsey*s. 

7) Richard Duke, Dechant der Capelle Wolscy's. 

^) Die drei letzten als Zeugen gehörten der Abtei von Westminster an. 



— 169 — 

ac alios, quos iam nesdt specificare, et qnod legit nnam vel alterum 
folium dicti libri de Captivitate, sed non totam eo quod detentus 
fiiit negotiis, nt didt, et legit tertiam partem illias libri de Casti- 
tate, quos libellos combussit paulo ante festum Nativitatis Domini 
ultimo preteritum. £t didt, quod intelligit nisi parnm Latine. Et 
didt, quod drdter festum Pentecostes ultivio preteritum, cum proxime 
rediret a partibus Germanie, adduxit secum tres libros in lingua 
Teutonica, duos Lutheri contra Carolostadium et unum Carolo- 
stadii. Item Novum Testamen.tum in lingua Teutonica, sed cuius 
translationis nesdt, et quinque libros Moysi, quos credit fuisse ex 
translatione Lutheri. £t dicit, quod commendavit aliquot dialogos 
et unum opus Lutheri contra Carolostadium Hanse Reusell. Et 
dicit, quod etiam commendavit unum alium libellnm. Carolostadii 
cuidam Georgio van Telight'), qui nunc recessit, ut dicit Item 
fatetur, quod audivit de condempnadone Lutheri et librorum eins- 
dem, que fuit in civitate Londoniensi, quando libri Lutheri fuerunt 
combusti publice in cimiterio divi Pauli, et dicit, quod audivit tunc, 
quod fuit prohibitum publice, ne quis intromitteret se cum aliqui- 
bus Martini Lutheri libellis. Sed de excommunicadone et aliis 
penis in contravenientes huiusmodi prohibicionis nescit. Et inter- 
rogatus de sacramento altaris credit et semper credidit, quod ibidem est 
forma panis et vini et non substanda. Et cogitavit et opinabatur, 
quod sacerdos malus et in peccato mortali existens sine contridöne 
et confessione non conficit sacramentum altaris, et quod sie dixit aliis, 
et casu quo istud non conveniat cum preceptis ecdesie est, ut didt, 
contentus reformari. Et fatetur, quod tribus diebus prohibitis, vide- 
licet una vigilia et duobus sabbatis, comedit carnes, primo in domo 
Gregorii presentibus tunc Gerardo Gatter^ et Gerardo Bull, secundo 
in Camera Gysbardi infra le Stylyard, et tertio cum nantis infra le 
Stylyard, ut dicit. Et didt, quod dictis vidbus comedit primo, et 
quod tunc videbat alios comedentes et putabat hoc sibi licere, licet 
tunc sdebat contrarium fuisse ab ecdesia statutum, quia regnum 
Dei non consistit in dbis et potibus. Et dicit, quod etiam dixit 
aliquibus consociis suis, quod jejunia huiusmodi non erant indicta 
a Christo, sed ab ecclesia. 



') Für den Danziger Georg van Telghten verwendet sich Sigismund I. 
bei Heinrich VIII. und "Wolsey am 12. Mai 1526, 

^) Ich lese nicht wie Brewer Catts, sondern Gatter. 



— 170 — 

Presentibus tempore repeticionis eiusdem Bathoniensi et 
Wellensi ac Assaviensi") episcopis, magistris Wolman*), 
Dowxnan, Showston ^), Stephano Gardiner, Bell, Qwarton, 
Alen^) unacuzn abbate monasterii Westmonasteriensis VIIL 
die mensis Februarii. 
Am Rande: Clayton, Smyth notarii. Wilhelmus Mane prior 
claustralis. Johannes Fnlwell archidiaconua. Thomas Jay 
monachns Westmonasteriensis, testes presentes. 



Responsa Hanse Reusell. 

r 

Ad primam et secundam et tertiam fatetnr jnrisdictionem Rev. 
Domini, et quod est parochianus parochie Omnimn Sanctorum ma- 
Joris civitatis Londoniensis. Ad quartam fatetur et dicit, quod iam 
fuit in Anglia XIIIl menses et ante dictum tempus fuit VI menses 
in Estlande in partibus transmarinis, ubi fuit oriundus, et ante idem 
tempus fuit hie in Anglia per annum et dimidium. Et dicit, quod 
non intelligit Latinum sermonem, tamen seit legere et scribere 
Teutonice. Et didt, quod in tempore dictorum VI mensium, qui- 
bus fuit iam ultimo in Estlande, legit aliquot libellos et sermones 
Martini Lutheri in lingua Teutonica conceptos. Interrogatus de 
nominibus librorum dicit, quod iam nesdt nominare nisi unum 
librum de Libertate christiana, et didt, quod vidit etiam tunc tem« 
poris librum Lutheri contra regem Anglie in lingua Teutonica con« 
scriptum. Sed didt, quod non legit aliquid in eodem nisi epistolam 
in principio eiusdem. Et dicit, quod drdter dimidio anni iam 
ultimo elapsi qnidam Helbertus Bellendorp retulit hüic jurato que 
recepit nova ex partibus ultramarinis, quem iste juratus tunc jura- 
vit, ut liceret sibi videre, et tunc didt, quod dictus Helbertus com- 
mendavit huic jurato quendam librum, quem dictus Martinus Lutherus 
scripsit contra Carolostadium in lingua Teutonica quem totaliter 
legit et penes se habuit per mensem. Et didt, quod cum primo 
quidam I^ermannus van Holt fuit comprehensus et in carceres 



') Henry Standish. 

^) Archidiaconus von Sudbury. 

J) Archidiaconus von Bath. 

4) John Alen, später Ersbischof von Dublin. 



— 171 — 

Tarris Londoniensis missus, iste juratus eundem librum combussit 
Et dicit, quod ille liber loquitur, quod in sacramento altaris est verum 
corpus et sanguis Christi. Et dicit, quod etiam in dictis Villi 
mensibus, quibus ultimo fuit in Anglia, habuit V libros Moyses et 
Novum Testamentum ex translatione Lutheri in linguam Teutoni- 
cam, et dicit, quod legit sepius in eisdem libris, sed non integre 
legit eosdem. Et huiusmodi libros ostensos sibi tempore exami- 
nacionis agnovit eosdem esse libros suos et se tenuisse eosdem et 
legisse in eisdem ut supra, et etiam dicit, quod babuit librum de 
Oratione dominica et Articulis fidei et de X preceptis per Marti- 
num Lutherum compositum in lingua Teutonica. Item fatetur, 
quod tribus annis elapsis audivit, quod libri Lutheri fuerint hie in * 
civitate Londoniensi combusti, et quod esset omnibus prohibitum, 
ne huiusmodi libros penes se servarent aut legerent sub pena ex- 
communicacionis, sed non credidit, quod esset prohibitum servare 
aut legere Novum Testamentum ex translatione Lutheri. Et etiam 
audit, quod libri Lutheri fuerint Rome condempnati, et quod bulla 
de condempnatione fuit publicata, et dicit, quod audit huiusmodi 
condempnationem et etiam librorum huiusmodi combustionem fuisse 
factam ex communi relatione populi, cui adhibuit fidem ita, quod 
credidit et adhuc credit ita fuisse rei veritatem. Et fatetur, quod 
contra noticiam factaip huiusmodi legit dictum libellum Lutheri« 
quem habuit ex dicto Helberto. Et etiam legit in aliis libellis eiu&- 
dem Martini, qui fuerunt inventi in camera sua, de quibus supra 
iit mentio. Et fatetur, quod habuit delectationem in legendo huius- 
modi libellos. Interrogatus an credit se esse excommunicatum et 
incidisse in penas legentis et laudantis libros Lutheri contra publi* 
cationem huiusmodi, respondet et credit se incidisse in sententiam 
excommunicacionis et alias penas huiusmodi. Ulterius dicit, quod 
opinabatur equalitatem esse inter summum pontificem et reliquos 
episcopos, nee summum pontificem habere majorem potestatem reli- 
quis episcopis; et audivit ista in concionibus in patria sua, ut 
dicit, et etiam in communi confabulatione cum conterraneis suis, 
ut dicit, quibus tunc adhibuit majorem fidem, ut dicit, quam ec- 
clesie tenenti contrarium; nunc tamen credit, at ecclesia credit. 
Et fatetur pontificem Christianis esse ecclesiam. Ulterius fatetur, 
quod tantum semel comedit carnes in die Veneris in domo Gregorü 
cum dpobus aliis Anglis, ut dicit, quod, quia invenit ibi carnes 



— 172 — 

paratos et alios comedentes, comedebat tunc cam iisdem. Et cre- 
dit, quod male fedt in hoc. 

Examinatio coram episcopis Bathoniensi et Assaviensi, 
abbate Westmonasteriensi, magistro Dowman, Shorton et 
Gardiner archidiaoonis, doctore Duke, theologie doctore 
Benet et testibus religiosis viris ut in aliis videlicet Hei- 
berto. 
W. Qayton, Smyth nötarii. 
VIII. Februarii in domo capit. Westmonasteriens. 

5- 

Henricus Pryknes. 

Fatetur jarisdictionem Rev. domini Legati et quod est pa- 
rochianus Omnium Sanctorum major' civitatis Londoniensis. Et 
quod fuit in Anglia jam duos annos et dimidium anni et ultra. 
Et quod nescit Latine loqui nee intelligere. Et fatetur, quod circa 
festum Michaelis ultimo elapsum quidam bursarius navis, cujus 
nomen ignorat, dimisit in camera istius jurati unum librum in 
Teutonico, quem ostensum sibi tempore examinacionis sue recog- 
novit esse eundem librum, in quo libro intitulantur opera quedam 
Martini Lutheri. Et dicit, qu6d legit in eodem libro tractatum 
ejusdem Lutheri super Oratione Dominica, et alia in dicto libeUo 
contenta non legit Et de combustione et condempnacione libro- 
rum dicti Martini Lutheri non audivit nisi in festo Omnium Sanc- 
torum ultimo elapso. Et quod tunc audivit dici, quod fautores 
Lutheri et qui tenent libros ejusdem essent excommunicati. Et 
submisit se correctioni dominorum. 

Octavo Februarii repeticio Henrici Pryknes coram Batho- 
niensi et Assaviensi episcopo, abbati exempti monasterii 
Westmonasteriensis , magistro Stephyns archidiacono tan- 
tum et magistris Bell et Qwarton Wigomiensi et Londoni- 
ensi offidalibus ac Duke et Benet theologie et legum pro- 
fessoribus facta fuit 
Am Rande: Notarii Clayton Smyth. Testes Wilhelmus 
Mane prior, Johannes Fulwel archidiaconus, Thomas Jay 
monachus. 



VI. 



KLEINERE MITTHEILUNGEN. 



I. 

EIN FRAGMENT DANZIGER ANNALEN. 

VON 

KONSTANTIN HÖHLBAUM. 

In der langen Reihe Danziger Chroniken, die zum Theil 
durch die Herausgeber der preussiachen Geschichtsqudlen zugäng- 
lich gemacht worden sind, befinden sich mehrere von unmittel- 
barer Bedeutung für die Geschichte der Hanse. Es kann nicht 
auffallen, dass in einem so hervorragenden Mittelpunkt hansischer 
Interessen, wie Danzig mehr als anderthalb Jahrhunderte gewesen 
ist^ die stadtische Geschichtschreibung eine ganz besondere Auf- 
merksamkeit den Begebenheiten und Verhältnissen des hansischen 
Bundes im skandinavischen, flandrischen und englischen Auslande 
zugewandt hat. Caspar Weinreichs Danziger Chronik ist eine un- 
erschöpfliche Fundgrube für die Geschichte der westeuropäischen 
Beziehungen der Hanse in den letzten Decennien des 15. Jahr- 
hunderts; Stenzel Bornbach liefert überaus werthvolle urkundliche 
Erläuterungen zur Geschichte des Handels und der Politik im 
Bunde während des letzten Jahrhunderts der hansischen Vereini- 
gung; Bernt Stegmann berichtet ausführlich über die Kämpfe des 
Dänenkönigs Christian II mit den Hanseaten bis zum Jahre 1523. 

Stegmanns Chronik, welcher diese Notiz gilt, ist von dem 
Herausgeber in den Scriptores rerum Prussicarum Band 5 an erster 
Stelle als hansisches Geschichtswerk gewürdigt worden. Sie hat 
indessen noch andre Bestandtheile, die der Beachtung werth sind: 
Eintragungen über allgemeine Welthändel, einen Bericht über die 
Hildesheimer Stiftsfehde, Mittheilungen über die Geschicke des 
polnischen Preussens und des Deutschordenslandes, Notate über 
die lokalen Verhältnisse Danzigs. Der Herausgeber hat hier die 



getroffen. Irre ich mich nicht, so lässt sich das Wesen dei Steg- 
mannschen Compilation noch deutlicher erkennen. 

Der handschriftliche Band der königlichen Bibliothek eu Berlin 
Manuscripta Eorussica fol. n. S67 a. Papier enthält nämlich hinter 
einer unkritischen Kopie der preussischen Chronik Posilges und 
einer Darstellung der preussischen Bundesgeschichte ein kurzes 
Bruchstück Danziger Annalen aus den Jahren 1343^1458, das in 
einem sehr engen Zusammenhang mit der Stegm annseben Chronik 
steht. Das Fragment ist am Schluss des Bandes von einer Hand 
des eingebenden lö. Jahrhunderts flüchtig aufgezeichnet und, wie 
die zahlreichen Fehler beweisen und das plötzliche Abbrechen 
mitten im Sati, nur als eine ungenaue Kopie, nicht als eine ori- 
ginale Niederschrift zu betrachten. Da eine Edition dieses Frag- 
ments bisher nicht erfolgt ist"), so theile ich es hier zunächst voll- 
ständig mit. 

Es lautet: 

Item do man schreb 1343") do wart der erste stehn gelegt 
zu Dantzk zu der stadtmauren, auch zu dem pfarrturm. 

Item do man schreb 1410 do verlohren die herren den streit 
imd do was mester Ulticus mitte, in aller apostel tage [Juli 15]. 

Item do man schreb 1411 do worden die burgermesters ge- 
todtet auf dem schlösse zu Dantzke in dem palmtage [April 5], 
als her Cort Letzkan, her Arnt Hecket und Bartolomeus Gtote. 

Item do man schreb 1412 do braute die Beutelergassen ahm 
tage Philippi et Jacobi [Mai i]. 

Item do man schreb 1416 in des heiligen ieichnams tage 
[Juni 18] do was der auflof von Gert von der Becke. 

Item do man schreb 1423^) do kahmen die ketzer vor Dantzk 
und in demselbigen jähre*) do branten die Speicher abe und die 
gantze lestadige den 3. suntagk nach osteren [April 25]. 

Item do man schreb 1428 do galt die last saltzes 120 mark. 
In demselbigen jähre kahm saltz von Lübeck nach Michaelis [nach- 
SepU 29], da galt die last 24 mark. 

') Vgl. SS. r. Pruss. 3. SJ- 

') Verbessert aus:'l4ä3l 

3) Vielmelii 1433. 

*) Dies allerdings richtig 1413. 



— 177 — 

Item do man schreb 1430 am tage P]') Aprüi*) do brach 
die Weisseil aus und lif in das Werder und in die Mutlau und das 
wasser lif in die Stadt. 

Item do man schreb 1442 ahm suntage für Margarete [Juli 8] 
do brante die Dregergasse, 

Item do man schreb 1443 ^^^ Philippi und Jacobi [Mai i] da 
fihll der grosse schnee. 

^* Item do man schreb 1444 nach visitationis Mariae [nach 
Juli 2] do brauten über der Koggenbrucken 40 heuser abe. 

Item do man schreib 1449 do schlugk das wetter den türm 
entzwe auf dem schlösse. 

Item do man schreb 1450 do war die grosse sterbinge. 

Item do man schreb 1453^ ahm tage Scholastice^) [Febr. 10] 
do wart das schlos zu Dantzke gegeben; darnach im montage mit- 
lasten [1454 Febr. 27] do worden die Dantzker geschlagen im 
Kalldenhofe. 

Item do man schreb 1453^ da verlor der konningk den streit 
für der Conitz. 

Item 1453 zogk Wilhelm Gorden zu dem keiser von landt 
und stette wegen. 

Item 1454 wart dem hochmester die hulldungk aufgesagt im 
tage Doroteae [Febr. 6]. Damach in dem 58.^) jare [1] da ge- 
wan er 9 Schlösser in dem lande auf die nach, als Margenburgk, 
Stuhm und Konnigsbergk^. In selbigen jähre [1454] den montagk 
zu fastnacht [Febr. 27] do zogen die von Dantzk und belegerten 
Margenburgk auf der ander seitten^. 



') Die OrdnnngszaU ist ausgelassen. 

') In der Hs. abgekürzt: apli, könnte sogar: apostoli aufgelöst werden, 
jedenfalls ein Beweis für die Flüchtigkeit des Kopisten. 

3) Vielmehr 1454. 

4) Die Hs. hat: Scholastid! 

5) Vielmehr in demselben» aber 8 Tage nach Dorothea, woraus die 
Zahl 1458 entstand, s. SS. r. Pr. 4, 506. 

^) Grrosses Missverständniss des Lindauschen Berichts a. a. O. 507 
oben, wo dazu an Stelle des falschen: Königsberg: Conicz steht 

7) Diese Begebenheit hängt zusammen mit der oben gemeldeten Nie- 
derlage der Danziger beim Kaldenhof (Kaldowa bei Marienburg); der Be- 
richt der Vorlage ist also unverständiger Weise zerrissen. 
Hansische Geschichtsblätter. VIIL 12 



- 178 - 

Item 1454 in dem pfingesttage [Juni 9] do kahm der konnigk') 
EU dem Elwinge das erste mahl. 

Item 1455 do ^^^ <^^ Radaunen ausgestochen, das woU 
sehn Wochen stundt. In demselbigen jähre wart die jungestadt 
gebrochen. 

Item 1456 da wart Jacob Hasert und seine geselschaft vor- 
wisen. In demselbigen jähre wart der hertzoge von Sagen er- 
schlagen*). 

Item 1457^) wart der radt ausgesetzt. In demselbigen jahre^) 
wart die Balge vorphelet. In demselbigen jahre^) worden die 
soldeners für Margenburgk ausgekoft. 

Item 1457^) da begerte der orden fride zu machen. In 
demselbigen jähre ^) wart dem kunige gehuldiget auf dem marckte. 

Item 1458 do kahm Claus Ramau^ und die andern herren 
aus der Marcke^ [!]. In demselvigen jähre do wart Hans Win- 
ricks seheholck '). 

In diesem Ueberrest eines Dänziger Geschichtswerks aus dem 
15. Jahrhundert sind zwei Theile deutlich zu erkennen. Während 
die erste Hälfte eine gesonderte Gruppe Dänziger Nachrichten 
bedeutet, stellt die zweite, die beim 14. Absatz beginnt, einen 
Auszug aus Johann Lindaus Geschichte des dreizehnjährigen 
Krieges vor. 

Johann Lindau, der sich als Stadtschreiber von Danzig, als 
Politiker und Diplomat wie als ein sehr gewissenhafter Schriftsteller 
einen Namen über das Dänziger Weichbild hinaus verschafft hat, ist 
in Bezug auf den Krieg, welcher mit dem Frieden von Thorn 
abschloss, der vorzüglichste Gewährsmann für die preussischen 
Geschichtschreiber im 15. und i6. Jahrhundert geworden. Der 
anonyme Verfasser des Fragments hat diese Chronik gleichfalls 
excerpirt. £r las aus ihr einige Notizen, die unmittelbar Danzig 



') D. i. Ton Polen. 

') Missverständniss des Lindauschen Berichts a. a. O. 519. 

3) Vielmehr 1456, a. a. O. 520. 

4) Richtig 1457. 

5) Vielmehr 1456. 

^) Vielmehr Rannaa oder Ronnau. 

7) Zu lesen ist: aus Denmarcke, a. a. O. 555. 

*) Die Fortsetzung fehlt. S. a. a. O. 557. 



— 179 — 

betrafen, heraus. Aber Flüchtigkeit und Unversti 
den Auszug unmittelbar werthlos gemacht. Der F 
die Chronologie ganz verwirrt; bei den Februar -E 
Jahres 1454 1 welche den Kampf einleiteten, di 
gradezu auf den Kopf gestellt, indem er die kriegei 
dem Hochmeister, nicht, wie noth wendig war, dei 
schrieb und den Zusammenhang der einzelnen Bege 
löste; bei der Erwähnung des Herzogs von Sagan au{ 
läge seiner Leute einen Todeskampf des Herrn s( 
endlich eine hansisch -dänische Legation, die üb< 
Danzig kam, zu einer Gesandtschaft aus der Mark 

So confus und verstümmelt der Auszug ist, an di 
er sich enger als Stegmann, der Lindaus Arbeit gleich! 
an das Original an: 1455 lässt er richtiger eine F 
fähr lo Wochen vergehen, bis die vom Ordensheei 
Radaune in ihr Bett zurück geleitet wird, während 
der Fluss „9 Wochen ausgestochen'* ist; 1456 notirt 
Lindau die Verpfählung des Balgaer Tiefs gegen di< 
kennt auch er allein die erwähnte Legation. Es ist 
Auszug nicht auf Stegmanns Chronik, an welche 
innert, zurückgehen kann. Das Verhältniss beider ; 
vielmehr ein umgekehrtes. 

Dies zeigt der erste Theil des Fragments. 

In ihm beschäftigt sich der Verfasser mit ben 
Vorfallen aus der Stadtgeschichte Danzigs. Er zeig 
genauer unterrichtet als Stegmann, der aber gi 
charakteristischen Nachrichten, die man bisher für 
ten hat, sich hier als Benutzer des Fragments erw 
gleichung beider ergiebt sofort die Abhängigkeit der 
Arbeit. Wo diese correcter erscheint, wie in der nä 
der ersten Nachricht, in der Anführung des Schlacht 
in der genaueren Bezeichnung Gerts von der Bek 
richtigen Datirung des Hussitenmarschs nach Preuss 
gösseren Vollständigkeit bei seiner Bemerkung übei 
von 1449, ^^ können wir die Auslassungen ohne 
dem Kopisten des Fragments zur Last legen. < 
zahlreichen Vorzügen, die das Fragment besitzt, i 
ins Gewicht.' 



seatiscben Chronik Stegmanns zu «klären. Man mnss sich aber 
zugleich vorstellen, dass Stegmann es als Leitfaden für den älteren 
Theil seines Werks gebiaocht und von ihm sich auf die ältesten 
Originalqoellen, anf Lindau und auf Aufzeichnungen über die 
Lokalgeschichte Daatigs, hat zuiiickführen lassen. Dann hat man 
anzunehmen, dass in dem mitgetheilten Text eine fehlerhafte und 
unvollständige Abschrift aas dem chronikalischen Versuch eines 
unbekannten Danziger Stadtbflrgen vorliegt Es wird vielleicht 
der dortigen Lokalforschong, die über ein reicheres handschrift- 
liches Material gebietet, gelingen die Provenienx dieses Bruchstücks 
nähet xn bestimmen. 

Hier kann die Betrachtung desselben bereits zu einem zweiten 
neuen Ergebniss Itlhren. 

Sie bestätigt das Resultat einer Untersuchung, die ich an 
rinem andern Orte mittheilen werde, dass die Annalen von Tfaom 
im dritten Bande der SS. rer. Pruss. in Danzig oder in dem nahe 
belegenen Oliva für ans abgeschrieben, interpolirt, glossirt und 
fortgesetzt worden sind. Es erhellt, dass der einzig erhaltene 
Codex der Annale», der sehr bald nach dem Jahre 1540 geschrieben 
ist, das Danziger Fragment tn Rathe gezogen hat: man vergleiche 
die Eiatragnngen dessellwn von 1428, 1430 und 1450 über die 
Salzpreise in Danzig, einen Durchbmch der Weichsel und ein 
grosses Sterben im Lande mit den Bemerkungen der Fortsetzung 
zu den Thomer Annalen m den SS. r. Fr. 3, 398 zu 1427, 1428 
und 1450; ferner den ersten Absatz des Fragments mit der Rand- 
note b zn den Annalen S. 74 Ober die Grandang Danzigs. Bd 
der Erkenntniss dieses Resultats und des erwiesenen ZusammeoT 
hangs zwischen dem Danziger Fragment und Stegmanns Chronik 
wird man endlich gezwungen die beiden Randbemerkungen b zn 
den Thomer Annalen S. 78 über einen Brand in Oliva 1350 und 
einen Polenmord in Danzig 1352 aus dem hanseatischen Geschichts- 
werk oder dessen Bearbeitungen abzuleiten: nicht Stegmann geht, 
wie der Herausgeber will, anf den Glossator der Thorner Annalen 
zurück. Sie sind in der heutigen Gestalt jüngeren Ursprungs als 
die hanseatische Chronik, die Bemt Stegmann zwischen den Jahren 
1520 und 1530 schrieb. 



n. 

SILBERGERÄTH DES RATHS VON 

VON 

C WEHRMANN. 

In Jahrgang 1873 der Hansischen Geschieht 
wird in unbestimmter Weise erwähnt, dass der Ra 
silbeme Kannen und Pokale besass, die aus einer < 
bolm auferlegten Contribution angeschafft waren, 
selben befindlichen Inschriften werden ebendasell 
Eine Ergänzung dieser Mittheilung wird nicht unwi 
Friedrich I, K5nig von Dänemark, überliess durcl 
19. Juli 1525 dem Rathe von Lübeck den Besitz < 
holm auf fünfzig Jahre, um ihm für erlittene Set 
gewandte Kosten in solcher Weise Ersatz zu gey 
die Art, wie der Rath zu den erwähnten silbernen 
giebt die folgende Aufzeichnung, die sich in einem E 
der Kämmereiherren findet, sichern Aufschluss. 

Sy wytlyck, dath anno 1540 frydages vor Pyna 
unde wolwyse her Jochym Gereken, borghemdster 
lyken Stadt Lubeke, e3rnen erbaren rade darsuTves 
stadtlyken unde wol gesirde cleynodye unde sulvei 
syne erbare wysheydt vam sollichen broke^ so etl 
des landes Bomholm, darumme dath se in standen 
Stadt Lübeck myth hern Cristiernen, etwan kon3m 
marken, gefort, ejrnen erbaren radt tho Lübeck untr 
unde aflfgevallen, der Stadt to'dem besten hefit makei 
laten, in syttenden rade gherepresentert unde averai 



krose, de men prouweste nenneth, myth decken, twe grote bekere 
bynnen unde bulen vorguldeth onde 8 sulveren gobletten Stande 
in eynen vorgulden beker myth eynen decken, umme sulke kleynodye 
alle der stadt Lübeck ton eren tho 'ghebniken, mede tho eyner 
ewighen ghedechtnysse, dath de van Lübeck ith lanth Bornholm 
hebben inne ghehath unde noch itsanth bosytten unde daraver 
gheherschoppende. Des hebben eyn radth de sulven kleynodye 
tho sunderlychen groten dancke anghenamen, ock den upgedachten 
heren borgemeister Jochym Gercken synes vorgewanten flytes unde 
sorchvoldicheyth, als syne erbaT wysheyth daran nnde sust by der 
upkumpsten des landes bowyseth, hochlyk bodancketh, franllvk 
bogeiende, fortan ith beste tho donde unde des ungemakes der 
Stadt Lubek to gude nycht vordreten to laten, myth fruntlyker 
erbedynghe. 

Unde als de berureten clenodya den heren ehernerem, do ter 
tydt synde her Hennan Schute unde her Johan Stoltefoeth, in vor- 
warynge to nemen bevalen, syn volgendes in vorgaderynge ge- 
mener ansestede rade, so des sulvighen jars up Trinitatis bynnen 
Lübeck to dage vorschreven, npme overeten rathuse tho eren des 
rades unde der Stadt gebruketh worden etc.. 



NACHRICHTEN 



VOM 



HANSISCHEN GESCHICHTE 



ACHTES STUCK. 



Versammlung zu Göttingen. — 1878 Juni i 



T f » • • 

1. 

\ 

SIEBENTER JAHRESBERICHT. 

ERSTATTET 

VOM VORSTANDE. . ~ 



Der diesmalige Bericht hat zunächst zu constatiren» dass die 
stadtischen Zahlungen sich im Ganzen gleich geblieben sind, sammt- 
liche Städte, mit Ausnahme des niederländischen Bolsward, haben 
nnnmehr sich bereit erklärt, die früheren Beiträge auch femer zu 
leisten. 

Von den beisteuernden Vereinen und Gesellschaften ist die 
Aachen -Münchener Feuerversicherungs- Gesellschaft, deren Be- 
willigung nur auf fünf Jahre zugesichert war, wegfallig geworden. 
Dagegen haben die Universitäts-Bibliothek zu Dorpat und das 
königlich Norwegische Reichsarchiv zu Christiania sich in den 
Verein mit dem gewöhnlichen Jahresbeiträge aufnehmen lassen. 
Die Zahl der Mitglieder beträgt 493, gegen 470 des letzten Jahres- 
berichts. Gestorben sind neun: die Herren Freiherr von Ledebur, 
Director der Kunstkammer in Berlin; Kaufmann Dubbers, Kauf- 
mann J. Höpken und Senator Richter Dr. G. Schumacher in 
Bremen; Archivar Dr. Götze in Idstein; Oberbürgermeister Bachem 
und Justizrath Dr. Haass in Köln; Oberförster Hang in Lübeck 
und Director Gahlnbäck in Reval. 

Eingetreten sind die Herren Kaufmann Hinckeldeyn in Abo 
(Finnland); Fabrikant Ferd. Kedenburg in Barmen; Justizrath Biel 
in Bergen (Rügen); Geh. Legationsrath Professor Dr. Aegidi, Haus- 
bibliothekar Sr. Eis. Majestät Dohme, Dr. Paul Ewald, Privatdocent 
Dr. L. Geiger, Dr. Holder -Egger, Archiv -Assistent Dr. Posner, 
Stadtrath Dr. Weber in Berlin; C. Rühs in Franzenshöhe bei 



händler Peppmüller, Dr. Platner, Geh. Regierungsrath Professor 
Dr. Savippe, Geh. Regierungsrath Professor Dr. Soetbeer, Senator 
Dr. Tripmacker, Rentier Otto Uhde, Prof. Dr. Wappäus, Präsident 
der Handelskammer Wolters in Göttingen; Professor Dr. Th. Hirsch 
in Gieifswald; Director des Gewerbemuseums Dr. Srinckmann in 
Hamburg; Archivsecretair Doebner in Hannover; Fabrikant Bosch, 
Mitglied der Handelskammet in Hertogenbosch; Professor Loh- 
meyer, Otto Tischler in Königsberg i./Pr.; Lehrer Dr. Dahlmann 
in Leipzig; Landmesser Arndt, Graf Gottfr. von Berastorff, Bau- 
meister Farenholtz, Kaufmann Fr. Harms, Kunsthändler Kaibel, 
Advocat Dr. Klagmann, Photograph Linde, Advocat Dr. Peacock 
in Lübeck; Oberlehrer Alfr. Dannenberg in Mitau; Oberlehrer AJfr. 
Büttner in Riga; Buchhändler Siegm. Bremer, Oberst Freiherr von 
Hammerstein, Kaufmann Joh. Holm, Rechtsanwalt Langemak, 
Rathsherr Matthies, Maurermeister Tetcher, Justizrath Wagener in 
Stralsund; Privatdocent Dr. Ph. Strauch in Tübingen; Gymnasial* 
lehrer Zimmermann in Wolfenbüttel. 

Der sechste Jahrgang der Geschichtsblatter hat sich ungebührlich 
verzögert. Um für seine spätere Ausgabe zu entschädigen, war 
beabsichtigt, den Druck des nächsten Heftes sofort zu beginnen, 
doch ist unter anderem auch aas Rücksicht für unsere Cassen- 
Verhältnisse davon Abstand genommen worden. Das Heft wird 
aber zum Herbst erscheinen, die Aufsätze für dasselbe sind bereits 
in den Händen der Redaction. 

Der Druck des zweiten Bandes der zweiten Recess-Abtheilung 
(1431 — 1476) ward versprochener Massen in den verflossenen Herbst- 
ferien begonnen und liegt in Folge der angestrengtesten Thätig- 
keit seines Herausgebers heute fertig vor. Ungeachtet aller Ein- 
kürzung des Actenmaterials umfasst auch dieser Band nur 6^/, Jahre 
(1456 — 1443). Veranlasst wird dies durch den Reichthum preussisch- 
hansischer Vorlagen aus den vierziger Jahren des fünfzehnten Jahr- 
hunderts. Nach i450>tritt in Folge der politischen Ereignisse eine 
Abnahme der Betheiligung des Ordenslandes an den Angelegen- 
heiten der Hanse ein, die Städtetage hören auf, das Material 
mindert sich demgemäss, und nur das Danziger Archiv behält für 



— V — 

den Stoff zu kürzen ^ am in den nächsten Bänden rascher vor- 
schreiten zu können. Er hofft im kommenden Herbst das Konigs- 
berger Staatsarchiv für den ganzen Zeitraum bis 1476 zu absolviren, 
das Danziger bis mindestens 1466. 

In den Osterferien ward Lübeck besucht und das vorhandene 
Urkundenmaterial bis 1455, theilweise bis 1466 aufgearbeitet. Die 
Osterferien des nächsten Jahres sollen dem Abschluss der archiva- 
lischen Arbeiten in Köln und dem Besuch Düsseldorfs (zur Be- 
nutzung des dorthin gebrachten Weseler Stadtarchivs) gewidmet 
werden, worauf die Bearbeitung des dritten Bandes beginnen wird. 
Während seines Lübecker Aufenthalts erhielt Dr. v. d. Ropp zu 
unserer grossen Freude die Ernennung zum ausserordentlichen Pro- 
fessor an der Universität Leipzig. 

Das für den zweiten Band des Urkundenbuchs bestimmte 
Material erwies sich so umfangreich, dass es im vorigen Jahr noch 
nicht druckfertig gemacht werden konnte. Auch erschien es aus 
wissenschaftlichen wie aus practischen Rücksichten räthlich, die 
Vorarbeit für den neuen Band bis zum Jahr 1360, als dem End- 
punkt einer in sich geschlossenen Periode der hansischen Ge- 
schichte, auszudehnen und demgemäss diesen Zeitraum für den 
zweiten Band zu bestimmen, der dann möglicherweise in zwei 
Hälften zerfallen muss. Dr. Höhlbaum hofft den Druck des Bandes 
bald beginnen zu können. 

Er hat im verflossenen Herbst die Archive Belgiens und 
Hollands besucht und sie fast sämmtlich für das ganze 14. Jahr- 
hundert ausgebeutet. Nähere Mittheilungen wird der Specialbericht 
geben. Für die beabsichtigte Durchforschung der nordfranzösischen 
Archive und die Nachlese in Kopenhagen reichten die Universitäts- 
ferien nicht mehr aus. Doch erhielt Dr. H. durch die Güte des 
Herrn Abb6 Dehaisnes Urkundenabschriften aus dem Archiv zu 
Lille, darunter solche, welche die noch sehr dunkelen Beziehungen 
der hansischen Kaufleute zu den nordfranzösischen Städten auf- 
hellen. Auch von Kopenhagen sind Abschriften aus der Arna- 
Magnaeanischen Sammlung in Aussicht gestellt. Die Sendung 
eines Gelehrten nach England, die bei der fortschreitenden Arbeit 
am Urkundenbuch als immer dringender sich herausstellt, musste 
einstweilen verschoben werden. Dr. H. beschränkte sich darauf, 
die unvollständigen englischen Vorlagen von Junghans durch die 



— VI — 

von Professor Pauli vor 25 Jahren im Record Office gemachten 
Sammlmigen zu ergänzen. 

Dr. Schäfer hat den im letzten Jahresbericht aufgestellten Reise- 
plan genau eingehalten, bis er nach vierzehntagigem Aufenthalt in 
Reval durch Berufung in eine ausserordentliche Professur zu Jena 
sich zur schleunigen Rückreise veranlasst sah. Wie ehrenvoll auch 
diese rasche Beförderung unsers neuen Mitarbeiters war, so störend 
hätte sie werden müssen, wenn nicht Professor Schäfer sofort Be- 
dacht genommen hätte, für die stätig fortzusetzende Vorbereitung 
der von ihm übernommenen dritten Recessabtheilung (1477 — 1530) 
Sorge zu tragen. £r konnte während des Winters die ihm von 
Bremen, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Köln durch 
freundliches Entgegenkommen der Magistrate und Archivare über- 
sandten Recesse, Verhandlungen und Schreiben copiren und coUa* 
tioniren. In den Osterferien gelang es ihm, die Archive des Rhein- 
lands, Westfalens und Sachsens für den ganzen Zeitraum zu er- 
ledigen, nur in Köln ward das Material vorläufig bis 1500 absolvirt 
Einige sonst gebliebene Restanten werden sich durch Acten- 
versendung oder in kurzem Aufenthalt bei gelegentlicher Durch- 
reise beseitigen lassen. Im Herbste dieses Jahres wird Professor 
Schäfer die unterbrochene baltische Reise wieder aufnehmen und 
ausser Reval und Riga Preussen, Pommern und Rostock, im nächst- 
jährigen Herbste Holland und Belgien besuchen. Die Osterferien 
nächsten Jahres will er in Lübeck, Lüneburg und Bremen arbeiten. 
So kann im Winter 1879/80 die Fertigstellung des ersten Bandes 
beginnen. Näheres über die gemachten Reisen und das auf- 
gearbeitete Material enthalten die Specialberichte. 

Als neuen Band der Hansischen Geschichtsquellen hofft 
Professor Frensdorff „Dortmunder Statuten und Urtheile'' binnen 
einem Jahre vorlegen zu können, bisher unbekannte wichtige Bei- 
träge zum Dortmunder Recht, welche sich ihm bei Gelegenheit der 
für die Monumenta Germaniae historica übernommenen Bearbeitung 
der älteren deutschen Stadtrechte ergaben. 

Auch das Braunschweiger Zollbuch wird Archivar Hänselmann, 
der durch andere Arbeiten hingehalten ward, in nicht allzu ferner 
Zeit zum Druck vorbereitet haben. 

Im Vereinsvorstande ist keine Veränderung eingetreten, da 
Dr. Ennen zu Stralsund wieder erwählt ward. 



— VII — 



Die Vorstandsversamxnlung fand am 2. December vor. J. in 
Hamburg Statt 

Der nachfolgende Cassa-Abschluss erregt allerdings einiges 
Bedenken in Betreif der starken Abnahme des Saldo, welche haupt- 
sächlich durch die der Waisenhaus-Buchhandlung garantirte Deckung 
der Mindereinnahme für Urkundenbuch und Geschichtsquellen ver- 
ursacht wurde. 

Doch dürfen wir einerseits erwarten, däss der Absatz nament- 
lich des Urkundenbuchs sich heben wird, andererseits gewährt der 
zurückgelegte Ueberschuss dem Verein die Sicherheit, seine Unter- 
nehmungen nicht plötzlich abgebrochen zu sehen. Endlich giebt 
sich der Vorstand der Hoffnung hin, dass bei der durch die grössere 
Ausdehnung unserer Publicationen hervorgerufenen Vermehrung 
der Ausgaben sich auch neue Hilfsquellen für den Verein eröffnen 
werden, um so mehr als kaufmännische Corporätionen sich bisher 
an dessen Unterstützung noch gar nicht betheiligt haben. 

Die Rechnung ward von den Herren Senator Culemann in 
Hannover und Rentier Uhde in Göttingen revidirt. 



CASSA-ABSCHLUSS 
am 31. Mai 1878. 

Einnahme. 

Saldo vom vorigen Jahre M. 7,162. 82 Pf. 

Beitrag Seiner Majestät des Deutschen Kaisers*) „ — — 

Beiträge der Städte „ 6,662. 67 

Beiträge von Gesellschaften und Vereinen . . „ 360. — 
Letzter Beitrag der Aachen-Münchener Feuer- 
versicherungsgesellschaft „ 900. — 

Beiträge der Mitglieder „ 3,540. 60 

Zinsen „ 766. 56 

Für verkaufte Schriften „ 10. — 

Zufallige Einnahme „ i. 40 



M. 19,404. 05 



*) Ist erst nach Schluss der Rechnang am 6. Juni eingegangen. 



— VllI — 

Ausgabe. 

Honorare M. 5,325. — Pf. 

Zurückgesetztes Honorar „ 675. — „ %, z: -nr 

° — M. 6,000. — Pf. 

Reisekosten „ 3,239. 76 „ 

Geschichtsblätter : 

Honorare M. 787. 50 Pf. 

Ankauf der Exemplare 

des Jahrgangs 1876. „ 1,971- 7^ „ ^ ^_ ^r. 

» *>709' 20 n 

Urkundenbuch und Geschichtsquellen . . . „ 2,570. 26 „ 

Hanserecesse: 

Honorar M. 600. — Pf. 

Urkundenabschriften . . „ 50. — „ ^ 

>i 050. — „ 

Drucksachen . • „ 121.25., 

Verwaltungskosten „ 333. 63 „ 

Saldo . „ 3,729. 87 „ 

M. 19,404. 05 „ 
Zurückgesetzte Gelder: 

Belegt in 4Va°/o Pnoritäts-Actien der Lübeck-Büchener Eisen- 
bahn-Gesellschaft (vgl. Abschluss von 1876) . . . 12,000 M. 

Honorar (s. oben) 675 „ 

12,675 M. 



, II. 

f 

Vni. JAHRESVERSAMMLUNG DES HANSISCHEN 

GESCHICHTS VEREINS '). 

Die Wahl Göttingens zum diesjährigen Versammlungsort hat 
sich als eine besonders glückliche erwiesen. - Freilich war es die 
erste Universitätsstadt, die wir zur Zeugin unserer Arbeiten machen 
wollten, und wenn in Göttingen davon die Rede gewesen ist, dass 
Muth dazu gehört habe, einen Verein, der bisher in Grossstädten 
und in Städten voll historischer Erinnerungen getagt habe, in eine 
Landstadt wie Göttingen einzuladen, so haben wir Hansevereinler 
und Sprachvereinler nur davon stillgeschwiegen, dass unsererseits 
bei der Einfahrt zu der alten Georgia Augusta so Etwas von dem 
Gefühl in uns aufsteigen wollte, das den Doktoranden zu be- 
schleichen pflegt, der mit gutem Gewissen und zu lieben Lehrern 
ins Examen tritt Aber schon die nächsten Stunden bewiesen uns, 
dass unsere zum Lokalcomit6 zusammengetretenen Mitglieder uns 
eine freundliche Aufnahme gesichert hatten, und der ganze Ver- 
lauf der Versammlung liess erkennen, dass die Universität den Be- 
strebungen unseres Vereins Theilnahme und ehrenvolle Anerkennung 
entgegenbringe. 

Die Betheiligung von 104 Göttinger Herren überstieg natür- 
lich weit unsere kühnsten Erwartungen. Weniger konnte uns 



') Ueber diese Jahresversammlung ist ein ausführlicher Bericht des 
Localcomitös erschienen. 'Für einen Wiederabdruck an dieser Stelle war 
er uns zu umfänglich, unsererseits aber ganz auf einen Bericht zu ver- 
zichten, wäre gegen das Herkommen und vermuthlich auch gegen den 
Wunsch vieler unserer Leser gewesen. So ist der Bericht des Löcal- 
comit^s mit Dank von uns benutzt worden. 



Wnnder nehmen, dass auch die Zahl der auswärtigen Theilnebmer 
sich anf 72 belief. Der Vorstand war vollständig versammelt; von 
den Vereinsbeamten war Herr Professor Sdiäfer aas Jena verhindert. 
Bremen war dnrch 12 Mitgliedei vertreten, Berlin dnrch 10, Lübeck 
dordi 8, Hamburg und Hannover dnrch je 6, Ldpdg durch 4, 
Halle und Stralsund durch je 2 Mitglieder; je ein Theilnebmer 
war gekommen ans firaonschweig, Dresden, Einbeck, Frankfurt a. O^ 
Gotha, Grei&wald, Halberstadt, Hildesheim, Jena, Innsbruck, Kiel, 
Köln, Königsberg, Meinberg (bei Detmold), Münster, Norden, 
Oldenburg, Osnabrück, Tübingen und Wolfenbüttel; von Aus- 
ländem sei namentlich genannt Mr. Mannde-Thompson vom Briti- 
schen Mnseum, der liebenswürdige Freund und Förderer unserer 
geschichtlichen und spracfageschichtlichen Studien. 

An Festgeschenken kamen mr Anstbeilung; 1) GÖttingen in 
Vergangenheit tind Gegenwart von F. Frensdorff (Göttingen, 
PeppmOlIer), ein knapp gehaltener, lehrreicher Ueberblick über die 
Geschichte der Umgebung, der Stadt und der Universität, ver- 
bunden mit einem Führer für die Stadt, die öffentlichen Gebäude 
und die vielen dnrch ihre ehemahgen Bewohner denkwürdigen 
Frivathäuser; 2) Henneke Knecht, ein von F. F(rensdorfr) ver- 
aostalteter Abdruck des bekannten Volksliedes; 3) Nachrichten 
aber das Archiv der Stadt Göttingen von G. Kaestner, eme i^r 
den Fachmann berechnete kurze, aber sehr dankensverthe Ueber- 
sicht über den Inhalt dieses reichen Archivs; 4) The Ubell of 
EngUshe Policye, 1436, Text und metrische Uebersetzung von 
Wilhelm Hertzberg mit einer geschichtlichen Einleitung von 
Reinhold Pauli (Leipzig, Hirzel), vortreffliche Ausgabe und 
meisterhafte Uebersetzung dnes für die Geschichte der Volks- 
wirthschaft and die Handelsgeschichte hoch interessanten Büchleins, 
dessen Verfasser, ein geschäfts- nnd gescbichtskundiger Mann nnd 
warmer Patriot, seinen Landsleuten in gut gebauten Versen den 
Satz einschärft, dass England, um sdnen Handel nach den vier 
Himmelsgegenden zu schützen, mit starker Hand das „enge Meer" 
bewachen müsse. 

Schon am Abend des Pfingstmontags hatte sich in den Räomen 

Ami T ifAnrisrh^n Mii«f>nm« pinp «tnttlirhf^ VpTüammluT 



— XI — 

einander von Einheimischen und Fremden, von H^seaten und 
Sprachvereinlern, von alten Freunden nnd neuen Bekannten, von 
ehrwürdigen Respektspersonen nnd lebenslustigen Musensöhnen» 
Erst der Willkommsgruss, den Herr Prof. Frensdorff den Gästen 
darbrachte, rief die Anwesenden wenigstens zeitweilig ad loca, man 
fand Zeit und Gelegenheit zu einem kühlen Beruhigungsschoppen, 
und es verflogen ein paar Stunden in fröhlichem, angeregtem Zu- 
sammensein. 

Am nächsten Morgen fanden wir uns wieder in der grossen 
Aula der Universität zur gemeinsamen Arbeit zusammen. Nach- 
dem Herr Prorektor Lotze die Räume der Versammlung 
übergeben und ihr im Namen der Universität ein erstes Will* 
kommen zugerufen hatte, nahm Herr Bürgermeister Merkel das 
Wort, um Namens des Magistrats und der Bärgervorsteher den 
Verein auf. das Herzlichste zu begrüssen. In seiner Dankantwort 
betonte der Vorsitzende, Herr Prof. Mantels, dass der Verein in 
seinem Bestreben, alle früheren Mitglieder des hansischen Städte- 
vereins zu gemeinschaftlicher Erforschung gemeinsamer Vergangen- 
heit zu verbünden, gerade auch mit kleinen Gemeinwesen gern 
anknüpfe, um deren Mitglieder daran zu erinnern, was einst kleine 
Städte im Gefühl der Zusammengehörigkeit durch Willenskraft 
vermocht haben, dass ihn nach Göttingen aber auch die mit der 
Stadt so eng verbundene Universität gezogen habe, die auch dem 
Verein die Alma mater gewesen sei, ohne die er niemals das 
hätte erreichen können, was er bis jetzt erreicht habe. 

Damit die Versammlung für eröffnet erklärend, begann der 
Vorsitzende: „Das erste Wort, mit dem man jede Festversammlung 
zu eröffnen pflegt, gehört dem Oberhaupte des Reichs, dem Kaiser" 
berichtete dann der Versammlung, die sich erhoben hatte, wie das 
Schreiben des Herrn Cabinetsrath von Wilmowski, das den Jahres- 
beitrag S. M. für den Hansischen Geschichtsverein begleite, vom 
31. Mai datire, wie also unmittelbar vor dem schmählichen Attentat 
vom 2. Juni an uns gedacht sei, und schlug vor, nicht wie sonst 
vom Festmahl aus, sondern schon jetzt zu Beginn der Versamm- 
lung ein Wort des Grusses an S. M. zu richten. Das vorgeschlagene 
und von der Versammlung genehmigte Telegramm lautet: „Der 
zu Göttingen versammelte Hansische Geschichtsverein S« M. dem 
Kaiser: Heil und Segen auf allen Wegen''. 

Hantische Geschichtsblätter. VIII. 13 



— XII — 

Im Uebrigen wegen des Jahresberichts') auf die vorhandenen 
Druckexemplare verweisend, theilte der Vorsitzende nur noch mit, 
dass der Fleiss des Herrn Prof. von der Ropp es möglich ge- 
macht habe, den zweiten {Band der von ihm besorgten Recess* 
Sammlung der Jahresversammlung vollendet vorzulegen, und gab 
dann Herrn Gymnasialdirektor Schmidt aus Halberstadt das 
Wort zu dem angekündigten Vortrage: die Stadt Göttingen gegen 
Ausgang des Mittelalters. 

Das anziehende Stadtebild aus dem Mittelalter, das uns dann 
die sachvierständige Hand des Herausgebers des Göttinger Ur- 
kundenbuches zeichnete ^), braucht ja den Lesern dieser Blätter 
nicht erst skizzirt zu werden. Göttinger und Nicht- Göttinger 
folgten dem Redner gleich gern, von dem Dorfe Guthingi aus, 
das seinen Namen an die neben ihm entstehende Stadt verliert 
und erst spat, nachdem schon lange auch eine Neustadt heran- 
gewachsen und mit der Altstadt verbunden sein wird, in die 
stadtische Entwickelung hineingezogen werden soll, bis zu dem 
Göttingen des ausgehenden 15. Jahrhunderts, einem Gemeinwesen, 
das ein verhältnissmässig grosses Landgebiet als Eigenthum oder 
als Pfandbesitz beherrscht und, in Krieg und Fehden vielfach er- 
probt, durch die Wehrkraft seiner Bürger und Söldner, mit seinen 
Festungswerken und Landwehren Achtung gebietend dasteht, einem 
Gemeinwesen, das auch innerlich auf das Glücklichste entwickelt 
zu sein scheint und nur den scharfen Beurtheiler es ahnen lässt, 
dass jene Fehden und Pfandschaften eine erdrückende Schulden- 
masse und wilde Bürgerkriege im Gefolge haben werden. 

Nachdem der Vorsitzende dem Redner für seinen Vortrag 
den Dank der Versammlung ausgesprochen hatte, ging dieselbe 
über zu der Rechnungsablage. Herr Senator Culemann aus 
Hannover erklarte für sich und seinen Revisionskollegen, Herrn 
Rentier Uhde aus Göttingen, die Rechnung des Kassenföhrers für 
richtig und beantragte, demselben Quittung zu ertheilen. Herr 
Staatsarchivar Wehrmann als Kassenführer wies nachdrücklich 
darauf hin, dass der Saldo, der früher immer zugenommen habe. 



') S. oben S. lU— VIH. 

') S. oben S. 3—35. Auf S. 5 ist der Hinweis auf die falsche Pöblder 
Stiftungsurkiinde von 952 (Frensdorff, Göttingen S. 5) übersehen worden. 



— XIII ^ 

J 

jetzt im Abnehmen begriflfen sei; einerseits minderen sich die 
Einnahmen, denn Beiträge von Instituten und Gesellschaften, 
die nur zeitweilig gewesen, seien wegfällig geworden, und die 
Zahl der grösseren Beiträge von Seiten der Mitglieder sei durch 
den Tod und durch Rücktrittserklärungen verringert; andererseits 
steigen die Ausgaben, je mehr von dem Vorbereiteten zur Voll- 
endung komme: er schliesse daher mit der Bitte, dass jedes Mit- 
glied das Seinige thun möge, um nach Möglichkeit dem Verein 
weitere Mittel zuzuführen und dadurch die Lösung seiner Aufgaben 
zu fördern. 

Nach diesem Klageliede unseres Herrn Kassenführers über 
die Abnahme des Saldo war es uns Allen eine freudige Ueber- 
raschung — und dem Herrn Kassenführer gewiss die freudigste — , 
als Herr Geheimrath Sauppe das Wort nahm, um als Direktor 
der Wedekind-Stiftung zu erklären, dass der Verwaltungsrath dieser 
am 14. März 1846 in's Leben getretenen Stillung des Oberamtmanns 
Wedekind in Lüneburg den Beschluss gefasst habe, dem Hansischen 
Geschichtsverein zur Förderung seiner Arbeiten die Summe von 
M. 3000 zur Verfügung zu stellen. Für diese reiche und ehren* 
volle Gabe sprach der Vorsitzende der Wedekind-Stiflung und den 
Mitgliedern des Verwaltungraths den warmen Dank des Vereins 
aus. Dann ertheilte er Herrn Prof. Pauli das Wort zur Mit- 
theilung seiner Hansischen Analekten aus England. 

Redner berichtete zunächst von dem Funde eines interessanten 
Aktenbündels im Capitelarchiv des Erzstiftes Canterbury, das sich 
auf die englisch-preussischen und englisch-hansischen Verhandlungen 
von 1405 — 1407 bezieht, und o£fenbar aus dem Besitz des Ritters 
William Esturmy, eines der Bevollmächtigten König Heinrich IV. 
für diese Verhandlungen, in unerklärter Weise nach Canterbury 
gekommen ist'). Die von ihm, theilweise mit befreundeter Hilfe 
besorgten Abschriften kommen mit seiner Genehmigung im 5. Bande 
der Hanserecesse zur Verwerthung. Dann legte er den Process 
dar, der 1526 wegen der Lutherbücher gegen die Stahlhofskauf- 
leute geführt wurde, und hinsichtlich dessen man früher auf Bre- 
wers Auszüge angewiesen war, während Redner jetzt einen Aufent- 
halt im Öffentlichen Reichsarchiv zu London dazu benutzt hatte. 



») S. Jahrgang 1877, S. 125—128. 

13* 



um die Aktenstucke vollständig abzuschreiben *). Endlich theilte er 
ans volkswirthschaflUchen Denkschriften aus der Refonnationsepoche 
Eilands, insbesondere ans den Schriften des Clement Annstrong:, 
mehrere Notixen mit, die sich auf „die Hanse der Prenssen" und 
„die Hanse der Osterlinge" besieben und von Stahlh6feD in HuU, 
York nnd Newcastle, wie in Boston, Lynn und London, reden ^. 

Nachdem der Vorsitzende dem Redner den Dank der Vei^ 
Sammlung f3r seine Mittheilongen ausgesprochen, liess er eine Panse 
eintreten, die uns die nötfaige Frische zurückgeben sollte, veitere 
Emdrücke und Anregungen zu empfangen. Und in fröhlichem 
Behagen ging es dann durch die festlich geschmückten Häuser- 
reihen nach dem Rathbause zu, in dessen gemüthlichen Keller- 
räumen der Wirth ein appetitliches Frühstück nnd ein treffliches 
Glas Bier in Bereitschaft hielt. 

Den zweiten TheiJ der Arbeitsversammlung bildete der Vor- 
trag des Herrn Prof. Prensdorff: Ans belgischen Städten nnd 
Stadtrecbten ^). Redner führte nns in das Land der Gegensätze 
und zeichnete uns in grossen Zögen glänzende BUder von Städten, 
die in eigenthümlicher Rechtsstellung dastanden, durch Industrie 
nnd Handel blühten and in ihren Stadthänsem, Hallen und Bel- 
frieden architektonische Meisterwerke schufen, welche der Nach- 
welt beredt von der vergangenen Herrlichkeit enählea. Insbesondere 
t>ei Anas verweilte unser Blick, das sich durch den frühen Ruhm 
setner Tuchweberei ansMichnet und dessen neuerdings anfgefundenes 
Stadtrecht sich als die Quelle erweist, ans welcher die Keuren von 
Gent, Brügge und Ypem entsprangen. 

Mit dem Dank der Versammlung für den so mannichfach an- 
regenden Vortrag schloss der Vorsitzende die heutige Sitzung. 

In den litteraiischen Kostbarkeiten, welche im historischen 
Saal der Universitätsbibliothek zur Besichtigung ausgelegt waren 
und von Herrn Oberbibliothekar Wilmanns und den übrigen 
Herren Bibliothekaren auf das Liebenswürdigste erläutert wurden, 
hat der Berichterstatter ebenso wenig geschwelgt, wie in den 
Schätzen des Archivs, in die uns durch die Freundlichkeit des 



') S, oben S. 159—171. 

*) S. J«hr8«ne 1877, S. 129—131. 

3) S. oben S. 39—70. 



— XV — 

Herrn Bürgermeister Merkel der Einblick gests 
gegen ist er wieder auf dem Posten gewesen, 
Saale der Königlichen Gesellschaft der Wissensc 
für niederdeutsche Sprachforschung zusammen! 
grossem Interesse den Vorträgen der beiden Fe 
von denen Herr Dr. Jellinghaus aus Kiel ein 
Possen aus der Zeit des dreissigjährigen Kriege 
unterzog, die Sfurache derselben als Volksmunc 
zu der 'mittelniederdeutschen Schriftsprache naci 
den ihn zunächst interessirenden Slennerhinke 
Volksdialekt vindicirte, während Herr Dn See! 
die Pronominalformen mi, di und mek, dek behar 
derselben fisstzustellen, die Grunde des Untersc 
und die jetzigen Grenzen als schon in der mii 
Periode vorhanden nachzuweisen suchte'). 

Das gemeinschaftliche Mittagessen fand ine 
rischen Museums statt. Von den mannichfach* 
welche dem Mahle Weihe und Würze gaben, 
an dieser Stelle zwei hervorheben zu dürfen 
Herrn Prorektor Lotze ausgebracht, galt de 
Vereinen, dem Hansischen Geschichtsverein, de 
halten dessen, was an der Hanse unvergänglich ' 
korporativen Geist innerhalb unsers staatlichen 
und fördernd einwirken möge, und dem Verein 
Sprachforschung, der der wissenschaftlichen Pfl« 
gewidmet sei, gegen die man lange eine gleich| 
selige Stellung eingenommen habe, die lange v* 
achtet gewesen sei, und die jetzt endlich in fü; 
sterblichen Meisterwerken die in ihr liegende Po 
keit zum Ausdruck und zur Anerkennung ge 
andere, von Herrn Geheimrath Waitz gesproc 
warmem Herzen heraus zu Ehren der Universit 
wahren Wiege der historischen Wissenschaft, dei 
wahren Wissenschaft, zu Ehren unserer lieben ( 

Dem Mittagessen folgte der Abendtrunk. I 
haltung ging es gruppenweise nach Burhennes . 



') S. Korresponden'zblatt d. V. f. niederd. Sprachfo 



— XVI — 

hinaus, wo wir an langen Tischen uns niederliessen, um bei einem 
Glase Bier traulich zu plaudern und zwischenein einem guten 
Konzert der altbewährten Schmacht'schen Kapelle zu lauschen oder 
dann und wann das neueste Fabrikat einer in guten, wie in schlechten ,• 
Witzen brillirenden Göttinger Grösse einzufangen. Als dann nach 
und nach bei der zunehmenden Abendkühle der Aufenthalt im 
Freien seine Annehmlichkeit verlor, zogen wir in den Saal hinein, 
wo alsbald ein Kommers von altem Schrot und Korn in Scene ge- 
setzt wurde. Was noch Einem oder dem Andern auf dem Herzen 
lag; das wurde a\if Hochdeutsch und Niederdeutsch herunter- 
geredet und heruntergesungen, die bis dahin noch nicht ganz weg- 
geräumten Schranken zwischen Hansen und Sprachvereinlern, 
zwischen Jungen und Alten fielen vollständig zusammen und es 
vereinigte Alle dasselbe Gefühl der Lebenslust und des vollen Be- 
hagens. Doch einen solchen Abend kann man weniger schildern, 
als in der Erinnerung gemessen, und lebendig steht er noch vor 
mir als sdiön und — lang. 

Am zweiten Arbeitstage war dem Verein für niederdeutsche 
Sprachforschung der Vortritt gelassen, und wir hatten schon Morgens 
8^/4 Uhr auf dem Platze zu sein, um Herrn Privatdocenten Dr. 
Wilken aus Göttingen bei seiner Auseinandersetzung über das 
Verhältniss der altsächsischen Bibeldichtung zu der angelsächsischen') 
zu folgen. Redner konstatirt zunächst, dass gegenüber der reich 
entwickelten, ebensowohl christlichen wie nationalen und bei ge- 
lehrter Durchbildung doch nicht unpopulären Bibeldichtung auf 
angelsächsischem Felde die altsächsische Schwesterlitteratur später 
entstanden und schwächer entwickelt sei, anerkennt, dass trotz- 
dem die Meinung, als ob der Heliand lediglich die Ueber- 
setzung einer verlorenen angelsächsischen Dichtung sei, jedes stich- 
haltigen Grundes entbehre, meint aber auch, dass der neuerdings 
von Sievets gegebene Erklänmgsversuch, nach welchem altsäch- 
sische und angelsächsische Bibeldichtung im Allgemeinen sich un- 
abhängig von einander, parallel entwickelt hätten und im einzelnen 
Falle sogar eine freie Entlehnung aus dem Altsächsischen im Angel- 
sächsischen vorkomme, keineswegs völlig befriedigend sei, und stellt 
schliesslich seine eigene Ansicht auf, dass der Unterschied der 



^) Korrespondenzblatt 3, S 35 — 37. 



— XVII — 

Sprache in der grossen Interpolation der angelsächsischen Genesis, 
den Sievers auf Entlehnung derselben aus dem Altsächsischen zu- 
rückführen will, sich vielleicht dadurch erklären lasse, dass die 
angelsächsische Bibeldichtung ihren Ursprüngen nach eine wesent- 
lich nord-englische (anglisch-nordhumbrische) gewesen sei, während 
der abweichende Sprachton der Interpolation vielleicht auf einer 
bei Gelegenheit der Neu-Bearbeitung älterer nord-englischer Texte 
versuchten Neudichtung in reiner sächsischen Gebieten beruhe, 
dass aber jedenfalls der Einfluss der angelsächsischen Dichtungen 
auf unsere einheimischen Litteraturbestrebungen nicht geleugnet wer- 
den dürfe, wenn man nicht auf dem ohnehin nicht allzu ebenen 
Boden nur neue Schwierigkeiten schaffen wolle. — Im Uebrigen 
waren die Verhandlungen geschäftlicher Art. Nur noch am Schluss der 
Sitzung nahm der Vorsitzende, Herr Dr. Lübben aus Oldenburg, 
das Wort, um einige Mittheilungen über charakteristische Namen- 
gebungen, namentlich imperativischer Art, im Niederdeutschen zu 
machen'); deren Genuss aber mussten wir uns versagen, weil in- 
zwischen schon der Hansische Geschichtsverein seine Sitzung be- 
gonnen hatte. 

Der Aufstand in Lübeck bis zur Rückkehr des alten Raths i 
(1408 — 141 6) war das Thema, das sich Herr Staatsarchivar Wehr- 
mann für seinen Vortrag gestellt hatte ^). Redner berichtet auf 
Grund des reichen, von ihm gesammelten und im fünften Bande 
des Lübeckischen Urkimdenbuches veröffentlichten Quellenmaterials, 
wie das RathskoUegium, dessen Mitglieder sich durch Klugheit imd 
Tapferkeit auszeichnen, bei der nothwendigen Forderung nach 
weiteren Einnahmen auf einen Widerstand stösst, dem hauptsäch- 
lich das Verlangen der Gemeinde nach Antheil am Regiment und 
nach Einfluss auf die Rathswahl zu Grunde liegt, und wie der 
Rath in ersterer Beziehung nachgiebt, sogar der Gemeinde ent- 
gegenkommt, in Bezug auf das Letztere aber seinen Rechten und 
Pflichten Nichts vergiebt und endlich die Stadt verlässt; schildert 
die Thätigkeit des von der Gemeinde gewählten neuen Raths, dem 
es zwar in mancher Beziehung nicht an Begabung fehlt^ der aber 
kein politisches Talent besitzt und deshalb nach aussen hin keine 



') Korrespondenzblatt 3, S. 40. 
*) S. oben S. 103—56. 



— XVIII — 

Freunde erwirbt, die Gunst, die ihm entgegen gebracht wird, wieder 
verscherzt, nicht einmal in der Stadt selbst festen Boden gewinnt; 
legt den Rechtshandel dar, der sich erst vor Konig Ruprecht, dem 
die Anerkennung des neuen Rathes schmeichelte, dann vor dem 
geldbedürftigen Sigismund lange hinspinnt, das Eingreifen der be- 
nachbarten Fürsten, insbesondere des wetterwendischen König Erichs, 
die Vennittelungsbestrebungen der Hansestädte, die zur Wieder- 
gewinnung ihres Oberhauptes unermüdlich an dem Einigungswerke 
arbeiten, und fuhrt uns endlich die von den Gesandten Sigismunds 
und den Rathssendeboten der Hansestädte zu Stande gebrachte Aus- 
söhnui>g vor, für welche jetzt die Gemeinde selbst jene Konsum- 
tionsaccise vorschlägt, die vor acht Jahren den Aufruhr hervorge- 
rufen hatte, sowie die Rückkehr des alten Raths auf den Rathsstuhl. 
Nach diesem Vortrage, der dem Redner für seine Kunst, in 
das bunte Gewirre von Streitigkeiten, Verhandlungen und Verwicke- 
lungen Klarheit und Licht zu bringen, das Wichtige zu markiren 
und das Naive naiv wiederzugeben, den ihm vom Vorsitzenden 
ausgesprochenen Dank der Versammlung in reichem Masse erwarb, 
. nahm Herr Dr. Menke das Wort, um sich für die von ihm in 
Aussicht genommene Bearbeitung der historischen Geographie des 
alten deutschen Reiches die Unterstützung der Anwesenden zu er- 
bitten. Das Thema würde naturgemäss in drei Abtheilungen zer- 
fallen. In der Gaugeographie handele es sich namenthch darum, 
die Gebiete der Römischen dvitates zu bestimmen, die Gerichts- 
bezirke zusammenzustellen und die wichtige, bisher keineswegs ge- 
löste Frage zu untersuchen, wie weit in gewissen Grenzen die 
Archidiakonate mit den Gauen übereinstimmen. Für die kirch- 
liche Geographie seien natürUch die Register der Archidiakonate 
die Hauptquelle, diese seien aber theilweise noch nicht ver- 
öffentlicht, wenigstens Redner nicht bekannt; die Stabilität der 
kirchlichen Verhältnisse sei nicht so gross gewesen, wie man wohl 
annehme, und zur Klarlegung der ältesten Grenzen gelte es da- 
her, die ältesten Angaben über die einzelnen Orte möglichst in voller 
Ausführlichkeit zu besitzen; den Schluss solle ein mögUchst voll- 
ständiges Verzeichniss der vor dem 13. Jahrhundert gegründeten 
Klöster bilden. Am schwierigsten sei die Territorialeintheilung, 
für die das' Hauptgewicht auf die Frage zu legen sei, wie weit 
die Territorien mit den Gauen zusammenhängen, und bei der be- 



— XIX — 

sonders das Verhältniss der einzelnen Dynasten, Grafen und Herren 
xn den Territorien noch gar sdir der Aufklärung bedürfe. Der 
Vorsitzende antwortete, dass gewiss jeder Gesdiichtsverein dem 
verdienstlichen Unternehmen des Herrn Dr.. Menke ebenso gern 
seinen Beistand leihen werde, wie der Läbische Geschichtsverein, 
für den er Solches versichern könne. 

Zu dem weiteren Punkte des Programms: Berichte über die 
Vereinsarbeiten und Besprechungen bemerkte zunächst der Vor- 
sitzende^ Herr Professor Mantels, dass mit Ausnahme von Bol- 
sward, das einen ferneren Beitrag abgelehnt habe, die städtischen 
Zahlungen dieselben geblieben seien, und hinsichtlich der Beisteuer 
der Vereine, dass der Verein für Kunst und Wissenschaft in Ham- 
bturg seinen Beitrag auch für das Jahr 1877 zu zahlen beschlossen 
habe. In Bezug auf die Vereinsarbeiten theilte er die Haupt- 
sachen aus dem Berichte des vergeblich erwarteten Herrn Professor 
Schafer in Jena mit Den Absatz unserer Publikationen anlangend, 
seien vom ersten Bande der Hanserecesse 210 £xemplare, vom 
Urkundenbuch durch Vermittelung des Vereins 87, durch den 
Buchhandel nur 58 Exemplare abgesetzt, und von den Geschichts- 
quellen, für die freilich von vornherein ein geringerer Absatz habe 
erwartet werden müssen, seien 82 Exemplare vom ersten und 70 
vom zweiten verkauft worden. Dann kam Herr Bürgermeister 
Francke aus Stralsund auf die in Köln angeregte Sammlung der 
Strassennamen in den Hansestädten zurück. Herr Professor Frens - 
dorff bemerkt, dass ausführliche Mittheilungen aus Greifswald von 
Herrn Dr. Pyl und aus Frankfurt a. O. von Herrn Regierungsrath 
Rudioff und eine kürzere aus Barth eingegangen seien. In den 
weiteren Verhandlungen über diesen Gegenstand einigte nlan sich 
darüber, dass von der Sammlung nur die ganz modernen, nirgend- 
wie charakteristischen Namen auszuschliessen seien; mit den älte- 
sten Formen sei zu beginnen, die allmählichen Umwandelungen 
oder etwaigen Neutaufen müssten festgestellt werden; unter kurzem 
Hinweis auf die Belegstellen sei das früheste Vorkommen anzu- 
geben; sprachlich sowohl, wie historisch interessante Namen würden 
genauer zu verfolgen sein; die schliessliche Ordnung und Redaktion 
sei dem Vereinssekretär Dr. Koppmann zu überlassen. 

Hinsichtlich der Vorstandswahl theilte der Vorsitzende mit, 
dass 'das Loos Herrn Staatsarchivar Wehrmann zum Ausscheiden 



— XX — 

bestimmt habe. Derselbe wurde von der Versammlung wiederge- 
wählt — Endlich * ergriff Herr Privatdocent Dr. Höhlbaum aus 
Göttingen das Wort, um im Auftrage von Magistrat und Stadt- 
verordneten den Hansischen Geschichtsverein und den Verein für 
niederdeutsche Sprachforschung für nächstes Jahr nach Münster 
einzuladen; auch Herr Professor Lindner aus Münster plaidirte 
für den Besuch dieser Stadt, in der die Erinnerung an die Zeiten 
der Hanse noch lebhaft vorhanden sei, und die Versammlung be- 
schloss, dass die 9. Versammlung des Hansischen Geschichtsver- 
eins angebrachfennassen in Münster stattfinden solle. — Mit warmen 
Worten des Dankes an die Stadt Göttingen und an die Universität, 
an den Herrn Bürgermeister und den Herrn Prorektor, an das 
Lokalcomit^ und die Verfasser der Festschriften wurde dann die 
achte Jahresversammlung vom Vorsitzenden geschlossen. 

Nachmittags führte uns ein von der Stadt Göttingen gestellter 
Extrazug nach dem reizend gelegenen Münden, wo uns in An- 
dr^es Berggarten das gemeinschaftliche Mittagessen erwartete. Aus 
der Fluth von Toasten haftet uns namentlich der markige Trink- 
spruch des Reichstagsabgeordneten Herrn Dr. Kapp in der Er- 
innerung, der an die gestern vollzogene Autlösung des Reichstages 
anschliessend, es hervorhob, dass die berechtigten Bestrebungen des 
Hansischen Städtebundes ; die unser Geschichtsverein wissenschaft- 
lich verfolge, praktisch fortgesetzt würden in der Gegenwart, indem 
das Reich und der Reichstag da wieder anknüpften, wo die Hanse, 
ihrer Ziele vergessend, aufgehört habe; alle Differenzen, die zwischen 
der Regierung und dem jetzt aufgelösten Reichstag bestanden 
haben möchten, könnten aber weder das Gefühl der Freude da- 
rüber beeinträchtigen, dass wir jetzt eine kräftige Regierung haben, 
von der wir überzeugt seien, dass sie das Recht des Einzelnen zu 
wahren wisse, noch auch den Reichstag über seine Pflicht zweifel- 
haft machen, dass er zu der Regierung stehen müsse, um in Ge- 
meinschaft mit ihr für die Grösse des Vaterlandes 3^u arbeiten; 
und in der festen Ueberzeugung, dass auf beiden Seiten die rich- 
tigen Wege zu einem gedeihlichen Zusammengehen gefunden werden 
würden, bitte er die Versammlung mit ihm einzustimmen in den 
Ruf: Unser Deutschland soll leben, soll gedeihen! 

Der prächtige Anblick der lachenden Stadt und des lieblichen 
Werrathals, den man sonst vom Berggarten aus geniesst, wurde 



-— XXI — 

uns heute leider durch das Regenwetter getrübt, und an die in Aus- 
sicht genommene Lagerung am waldigen Bergesrande mit dem BUck 
auf die zur Weser zusammenfliessenden Werra- und Fulda-Fluthen 
war natürlich gar nicht zu denken« Nach vereinzelten erfolglosen 
Versuchen dem Wetter wenigstens einen dürftigen Spaziergang ab- 
zugewinnen, fand sich bald wieder Alles in Gruppen zusammen, 
um bei einer zweiten Tasse Kaffee oder sonstigen Getränken ein 
behagliches Stündchen zu verplaudern. Und dann kam wieder der. 
Gerstensaft zur Herrschaft mit Scherz und Sang und Salamanderge- 
donner, und beim Klange der Lieder stellte sich bei Manchem plötzlich 
die Stimme wieder ein, die sich am Morgen neckisch versteckt hatte. 
Um 9 Uhr führte uns dann der Zug nach Göttingen zurück, wo 
wenigstens ein Theil der Gesellschaft noch den Rathskeller auf- 
suchte, um den reich bewegten Tag nicht plötzlich abzubrechen, 
sondern ruhig nach und nach ausklingen zu lassen. 

Am Donnerstag Morgen y'/a Uhr hiess es Abschied nehmen 
von Göttingen, glücklicher Weise noch nicht von den Göttingern. 
Ein gemeinsamer Eisenbahn-Ausflug brachte uns zunächst nach 
Walkenried, wo wir nach kurzem Frühstück in der Bahnhofs- 
restauration die grossartigen Ruinen des alten Cistercienserklosters 
mit dem prächtigen Kreuzgang in Augenschein nahmen. Dann 
fuhren wir nach Osterhagen zurück und gingen von dort beim 
schönsten Wetter nach dem Wiesenbecker Teich, der am Fusse des 
Rabenkopfes in einem lieblichen Laubthal liegt und uns jetzt im 
Sonnenschein wie ein anmuthiges Idyll anlachte. Die treffliche 
Wirthschaft bot uns das Abschiedsmahl. Im Dank an das Göt- 
tinger Festcomit^, das dieses Plätzchen für uns aufgefunden, klangen 
nochmals die Gläser zusammen, und dann kam der Aufbruch, mit 
seinem Händedruck, seinem Lebewohlwunsch und seiner Hoffnung 
auf Wiedersehn. 

Nur ein kleines Häuflein von Hamburgern und Bremern blieb 
zurück, die sich vom Harz nicht losreissen konnten, ohne dem Könige 
des Gebirges ihren Besuch gemacht zu haben. Und oben im 
Brockenhause erklang es dann noch einmal: 

Stosst an, Göttingen lebe, hurra hoch! 

Karl Koppmann. 



m. 

REISEBERICHT. 

VON 

DIETRICH SCHÄFER. 

Sendungen aus den Stadtarchiven von Köln, Lübeck, Soest 
und Goslar nach Jena ermöglichten die Fortsetzung der Sammel- 
arbeit auch in den Monaten Mai bis Juli. 

Aus dem Stadt-Archiv zu Köln wurden in dieser Zeit abge- 
* schrieben: 
1504 Mai, Verhandlungen der wendischen Städte mit 

den Niederländern zu Münster • . . . 62 Bl. 
1504 Oct, Verhandlungen der wendischen Städte mit 

den Niederländern zu Brügge . • • • 22 Bl. lat. 
1516 Juni» Verhandlungen mit Antwerpen zu Antwerpen 46 Bl. 
1520 Juli, Verhandlungen mit den Engländern zu 

Brügge 44 Bl. l^t. 

1520 Aug., Verhandlungen mit Brügge zu Brügge . • 27 BL 

1521 Sept, Verhandlungen mit dea Engländern zu 

Brügge 32 Bl. lat 

ausserdem 10 Recesse collationirt 

Aus dem Stadtarchiv zu Lübeck wurden abgeschrieben die 
Verhandlungen mit Antwerpen und Brügge 1518 Sept 29 fg., 

77 BL 

6 Recesse der Stadtarchive zu Soest und Goslar wurden 
collationirt. 

Anfang August wurde dann die Reise angetreten. Sie führte 



— XXIII — 

zunächst nach Stralsund. Hier konnte die Arbeit in wenigen 
Tagen erledigt werden, da die reiche Recesssammlung des dortigen 
Stadtarchivs schon in Jena abgeschrieben war. An anderm Material 
ist Stralsund im Verhältniss z\x seiner Recesssammlung sehr arm. 
Dass dies die Folge grosser Verluste ist, vermuthet man schon 
aus der Bedeutung der Stadt in der Hanse, und wird deutlich er- 
wiesen dadurch, dass von den einigen und 50 hansischen Nummern, 
die jetzt noch gewonnen werden konnten, allein 38 den Jahren 
1511 und 1512 angehören, eine unverhältnissmässig grosse Zahl, 
auch wenn man in Anschlag bringt, dass es sich um zwei sehr 
bewegte Jahre handelt. Herr Bürgermeister Francke kam mir in 
der liebenswürdigsten Weise entgegen; seine Liberalität besonders 
ermöglichte mir die schnelle Erledigung. 

In Greifswald ist hansisches Geschichtsmaterial aus der Zeit 
I kaum noch vorhanden. Die Stadt kommt auch selten auf den 

Hansetagen vor. Ihr Archiv lieferte eine Nummer und das von Jung- 
hans (Nachrichten von der histor. Commission 1863 S. 20) erwähnte 
Verzeichniss der Beiträge zu den Kosten des dänischen Krieges 
von 1523. Von Letzterem lieferte Dr. M. Perlbach mir, unterstützt 
von Dr. Pyl, eine neue Abschrift, da die von Junghans genommene 
sich nicht mehr fand. 

In Stettin bewahrt das Stadtarchiv einige wenige Schreiben 
und 3 Recesse, die zu collationiren waren. Bei der mangelhaften 
Ordnung, in der sich das Archiv befindet, kann sich Einzelnes 
wohl noch dem Auge des Suchenden entziehen; doch lässt der 
Grad der Betheiligung Stettins an hansischen Angelegenheiten 
nicht auf grossen Reichthum schliessen. Das Staatsarchiv lieferte 
eine unbedeutende Nummer. 

Ein ähnlicher Misserfolg begleitete die Nachforschungen in Riga, 
wohin ich mich von Stettin aus per Dampfer begab. Weder in den 
beiden Rathsarchiven, noch auf der Bibliothek und in den Samm* 
lungen der Gesellschaft für Geschichte der Ostseeprovinzen und der 
Ritterschaft stellte sich irgend ein nennenswerthes Ergebniss heraus. 
Ich nahm die freundliche Mühewaltung der Herren Bürgermeister 
Bothführ, St^dtbibliothekar Dr. G. Berkholz, Dr. Aug. Buchholz 
und Baron von Bruining vergeblich in Anspruch. 

Ein desto reicheres Arbeitsfeld harrte meiner in Reval. Dort 
nahm die Bearbeitung des reichen Anlagematerials noch volle 



— XXIV — 

4 Wochen angestrengtester Thätigkeit in Anspruch, eine Zeit, die 
ohne das fördernde Entgegenkommen des Herrn Syndicus Dr. 
Greififenhagen sich leicht noch um 8 — 14 Tage hätte verlängern 
können. Besonders für die Beziehungen zu Nowgorod und Moskau 
lieferte dies Archiv werthvolle und sehr ausführliche Nachrichten. 
Die Vorgänge bei der Schliessung des Hofes, die darauf folgenden 
Gesandtschaften, das Schicksal der Gefangenen, die weiteren Ver- 
suche, den Verkehr mit Russland wieder herzustellen, die Stellung 
der Hansestädte zu diesen besonders von den livländischen Städten 
gemachten Versuchen lässt sich aus diesen Materialien mit der 
grössten Klarheit erkennen. In Allem betrug die Ausbeute nach, 
mit Rücksicht auf die Fortsetzung des livländischen Urkundenbuchs 
vorgenommener, Auswahl reichlich 350 Nummern. 

Im Kgl. Staatsarchiv zu Königsberg war der Erfolg 
der Stellung entsprechend, die der Orden und seine Städte nach 
dem Verluste Westpreussens gegenüber der Hanse einnahmen. 
So enge Orden und Hanse früher verknüpft gewesen waren, so 
sehr hatte sich das Band in dieser Zeit gelockert; und Königsberg 
war so abhängig vom Orden, dass an eine selbständige Theil* 
nähme an hansischen Angelegenheiten nicht zu denken war. So 
betrug die Anzahl der dem Staatsarchive besonders aus verschiedenen 
Registranden zu entnehmenden Nummern kaum 40, von denen 
mehrere die Städte Königsberg betrafen, aber von diesen pflicht* 
schuldigst dem Hochmeister zur Kenntnissnahme resp. Begut* 
achtung mitgetheilt waren. Herrn Staatsarchivar Dr. Philippi und 
Herrn Dr. Sattler bin ich für die bereitwillige Vorlegung alles ge- 
wünschten Materials zu Dank verpflichtet. 

Der bekannte Reichthum des Danziger Stadtarchivs ver« 
läugnete sich auch für den von mir zu bearbeitenden Zeitraum 
nicht 5 Wochen der emsigsten Thätigkeit reichten kaum aus, 
mich bis zum Jahre 1507 zu bringen. Die Recesse dieser ersten 
3 Jahrzehnte mussten der Bearbeitung in Jena vorbehalten bleiben, 
alles spätere, noch sehr umfangreiche Material wiederholten Be- 
suchen. Das Danziger Archiv bewahrt in seinem hansischen Ge- 
schichtsmaterial manches Eigenthumliche. An Receasen hat es 
nur allgemeine Hanserecesse, diese allerdings fast vollständig und 
durch manche erhaltene Instructionen und Berichte der Danziger 
Rathssendeboten zu den Hansetagen auf eine eigenartige Weise 



— XXV — 

ergänzt. Ueber die Verhandlungen hansischer Gesandte mit aus- 
wärtigen Mächten finden sich zum Theil sehr ausführliche Berichte 
resp. Protocolle der Danziger, die von den lübischen durchaus ab- 
weichen. Ueberaus reich ist die Correspondenz über den Streit mit 
Thomas Portunari und Alles, was sich daran knüpft, wie denn die 
Danziger in erster Linie an diesem Streite betheiligt waren. Kaum 
minder umfangreich ist die Correspondenz über die Verwickelungen 
mit den Engländern, die sich kurz nach dem Utrechter Frieden wieder 
anspannen; war Danzig doch, nach Lübecks eigenem Zeugniss, 
an dem Kontor zu London weit mehr interessirt als Lübeck selbst. 
Nicht ganz so umfangreich, aber kaum minder wesentlich ist die 
Correspondenz über die dänischen und schwedischen Verhältnisse. 
Auf Danzigs Haltung wird in den Verwickelungen zwischen beiden 
Reichen von beiden Seiten grosses Gewicht gelegt und Beeinflussung 
derselben lebhaft versucht. Wenig treten die Verhältnisse hansi- 
scher Natur - zu Livland und Russland hervor. Die Recesse der 
preussischen Ständetage lieferten für diesen Zeitraum nur eine An- 
zahl kurzer Auszüge; eigentliche Städtetage werden in hansischen 
Angelegenheiten nicht mehr gehalten. Die ganze Ausbeute betrug 
ca. 750 Nummern. Herr Professor Dr. Boeszoermeny, der sich 
schon so warmen Dank von den früheren hansischen Sendeboten * 
erworben hat, verdient auch den allerwärmsten von meiner Seite; 
er hat mir durch seine genaue Sachkenntniss, seine immer gleiche 
Bereitwilligkeit und Freundlichkeit, sein reges Interesse für die 
Sache die Arbeit so sehr erleichtert, dass ich mir keinen an- 
genehmeren Abschluss einer archivaüschen Reise denken kann, als 
er mir in Danzig beschieden war. Nach 12 wöchentlicher Ab- 
wesenheit kehrte ich gegen Ende October nach Jena zurück. 

Jena; den 11. December 1878. 



IV. 
TODESANZEIGE. 

Zu Lübeck, am 8. Juni, Morgens 6 Uhr, entschlief sanft 
nach längerem Leiden 

Herr Prof. WILHELM MANTELS, 

der Vorsitzende des Vereins für Hansische Geschichte, der 
denselben seit seiner Gründung mit uneigennützigster Hingebung 
leitete und durch gediegenes Wissen und liebenswürdigen Charakter 
die Hochachtung und Verehrung der Mitglieder besass. 

Lübeck, den ii. Juni 1879. 

Der Vorstand. 



V. 

MITTHEILUNG ÜBER DIE NEUBESETZUNG DES 

PRÄSIDIUMS. 

Nach dem am 8. Juni dieses Jahres erfolgten Tode des Herrn 
Professor Mantels ist Herr Senator Dr. Wilhelm Brehmer in Lübeck 
in den Vorstand des Hansischen Geschichtsvereins eingetreten und 
hat den Vorsitz in demselben übernommen. 

Hannover, den 16. September 1879. 

Der Vorstand des Hansischen Geschichtsvereins. ' 

Prof. Dr. F. Frensdorff. 
Staatsarchivar C. Wehr mann. 



— XXVII — 

VI. 
NACHRICHT 

von der derzeitigen Zusammensetzung und Organisation 
des Vorstandes und von der Leitung der Vereinsarbeiten. 

ZUSAMMENSETZUNG DES VORSTANDES. 

Regierungssekretär Dr. Wilhelm v. Bippen, Bremen, erwählt 1879. 

Senator Dr. Wilhelm Brehmer, Lübeck, provisorisch erwählt 1879. 

Archivar Dr. Leonhard Ennen, Köln, erwählt 1871, wieder ge- 
wählt 1877. 

Professor Dr. Ferdinand Frensdorff, Gottingen, erwählt 1876. 

Archivar Ludwig Hänselmann, Braunschweig, erwählt 1871. 

Dr. Karl Koppmann, Hamburg, erwählt 1871. 

Professor Dr. Rein hold Pauli, Göttingen, provisorisch erwählt 1879. 

Staatsarchivar Carl Wehrmann, Lübeck, erwählt 1871, wieder 
gewählt 1878. 

ORGANISATION DES VORSTANDES. 

Vorsitzender: Senator Dr. Wilhelm Brehmer, Lübeck. 
Kassenführer: Staatsarchivar Carl Wehrmann, Lübeck. 
Sekretär: Dr. Karl Koppmann, Hamburg. 

DIREKTIONSAUSSCHUSS. 

Senator Dr. Wilhelm Brehmer, Lübeck. 
Professor Dr. Ferdinand Frensdorff, Göttingen. 
Professor Dr. Reinhold Pauli, Göttingen. 

REDAKTIONSAUSSCHUSS FÜR DIE GESCHICHTSBLÄTTER. 

Dr. Karl Koppmann, Hamburg (Barmbeck). 
Archivar Ludwig Hänselmann, Braunschweig. 
Professor Dr. Reinhold Pauli, Göttingen. 

REDAKTIONSAUSSCHUSS FÜR DIE GESCHICHTSQUELLEN. 

Dr. Karl Koppmann, Hamburg (Barmbeck). 
Professor Dr. Ferdinand Frensdorff, Göttingen. 
Archivar Ludwig Hänselmann, Braunschweig. 



Hansische Geschichtsblätter. VHL 14 



Drnck von Bär & Hermann in Leipzig. 



Neu erschienen und zu beziehen durch Ferdinand Grautoff 
in Lübeck: 

SIEGEL DES MITTELALTERS 

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ARCHIVEN DER STADT LÜBECK. 

ZEHNTES HEFT: LÜBECKER BÜRGERSIEGEL. 

Im Auftrage des Vereins für Lübeckische Geschichte und Alterthumskunde 

herausgegeben von 

C. WEHRMANN. 

(9 Blätter Zeichnungen und 52 Seiten Text.) 
M* 3- 50; Preis sämmtlicher zehn Hefte M. 20, 



Verlag von Duncker & Humblot in Leipzig. 



HANSERECESSE. 



Hanserecesse. Auf Veranlassung und mit Unterstützung Seiner 
Majestät des Königs von Bayern, Maximilian II., herausge- 
geben durch die Historische Kommission bei der königl. Aka- 
demie der Wissenschaften. I — IV. Band. A. u. d. T.: Die 
Recesse und andere Akten der Hansetage von 1256 bis 
1430. Band I — IV, Hoch-4. 60 M. 

I. (XXXIX u. 559 S.) 1870, 12 M. 
n. (XV u. 518 S.) 1872. 12 M. 

ni. (XV u. 564 s.) 1875. 16 M. 

rv. (xxvn u. 646 s.) 1877. 20 m, 

Herausgeber der ersten Abtheilung der Recesse ist Dr. Carl Kopp« 
mann in Barmbeck bei Hamburg. 

— Dasselbe. Zweite Abtheilung, herausgegeben vom Verein für 
Hansische Geschichte. I. und IL Band. A. u. d. T.: Hanse- 
recesse von 1431—1476. Bearbeitet von Goswin Frhrn. von 
der Ropp. I. und II. Band. 38 M. 

I. (1431— 1436). XXrV u. 595 S. Hoch-4. 1876. 18 M. 

II. (1437— 1443). ^UI Q* 622 S. Hoch-4. 1878. 20 M. 



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gr. 8. Preis 40 Mark. 

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verbesserte Auflage. (XVI u. 493 S.) 1878. 9 M. 60 Pf. 

II. Drittes und viertes Buch: Die Gründung der Macht Assyriens 
und die Staaten und Stftdte der Syrer. Die Machthohe Assyriens, die 
Wiedererhebung Aegyptens und Babyloniens. Fünfte verbesserte 
Auflage. (XIII u. 606 S.) 1878. ii M. 20 Pf. 

III. Fünftes und sechstes Buch: Die Arier am Indus und Ganges. 
Buddhismus, und Brahmanenthum. Fünfte verbesserte Auflage. (VTII 
u. 426 S.) 1879. 8 M. — Pf. 

IV. Siebentes und achtes Buch: Die Arier Ostirans. Die Herrschaft 
der Meder und das Reich der Perser. Vierte verbesserte Auflage. 
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f 



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K. PREÜSSISCHEN STAATSARCHIVEN. 



VERANLASST DURCH DIE 

UND UNTERSTÜTZT K. AKCHIV- VERWALTUNG. 



LEIPZIG, VERLAß TON H. HIKZKL. 



in einem Vorworte, welches der Director der K. Preussischeiv 
Staatßatchive, Herr Geh. Ober-Beg.-Rath Dr. H. v. Sybel in Berlin 
dem ersten Bande dieses, im Verlage des Unterzeichneten erscheinenden 
Unternehmens vorausschickt, heisst es : 

liSeit langer Zeit haben Kenner nnd Freunde der vaterländischen 
Geschichte den Wansch geäassert, die historischen Schätze unserer 
Archive in weiterem Maasse als frUfaer der wissenschaftlichen Be- 
nutzung zugänglich zu sehen. 

Die Königliche Staatsregierung ist in neuerer Zeit diesem Wunsche 
mit bereitwilliger Zustimmung entgegengekommen. Sie hat erkannt, 
dass kleine Unannehmlichkeiten, welche in einzelnen Fällen durch 
die Pnblication arcfaivalischer SchriftstUcke verursacht werden mögen, 
den Gewinn njcht aufwiegen, welcher ans der Verbreitung ächter 
Kmntniss unserer vaterländischen Geschichte fttr die Belebung des 
nationalen Geistes und die Kufe der politischen Gresinnnng entspringt. 
Ein Volk, welches nicht weiss, woher es kommt, weiss auch nicht 



gesunder Weise Vollziehen, wenn sie an ein lebendiges Bewusstsein 
seiner geschichtlichen Entwickelung anknüpft, und ein solches ist 
wieder nicht denkbar, wo auf längere Zeit die authentischen Quellen 
verschlossen bleiben. 

Nach dieser Ueberzeugung ist seit dem Regierungsantritte Sr. 
Majestät des Kaisers in unsern Archiven verfahren worden. Ohne 
die stets nnerlässliche Controle bei Benutzung der Staatsakten aus der 
Hand zu geben, hat man zunächst der privaten Forschung Schritt auf 
Schritt ein breiteres Feld eröffnet. Heute darf man es mit Genug- 
thuung aussprechen: es giebt kein Archiv in Europa, welches den 
wissenschaftlichen Studien in höherem Grade zugänglich wäre, als 
die Preussischen. 

Schon jetzt hat die Erfahrung gezeigt, das für uns das Interesse 
der Staatsklugheit und der wissenschaftlichen Gultur ein und dasselbe 
ist. Es giebt keine bessere Propaganda ftir das Ansehen Preussens 
in .der Welt, als die authentische Kenntniss der Preussischen Geschichte. 

In einer anderen Beziehung aber standen bisher die Leistungen 
der Preussischen Archive noch hinter denen mehrerer benachbarten 
Nationen zurück: in der eigenen Thätigkeit für die Veröffentlichung 
ihrer historischen Dokumente. Durch ein Zusammentreffen ungünsti- 
ger Umstände war die Zahl der von der Archiv -Verwaltung veran- 
lassten Publicationen eine geringe geblieben; man hatte sich zum 
grösseren Theile auf die Herausgabe mittelalterlicher Urkunden 
und Urkundenregesten beschränkt, und Manches nur mit pecuniärer 
Unterstützung der Provinziallandtage zu Stande gebracht. Alles zu- 
sammengerechnet waren seit 1815 etwa zwanzig Bände geliefert worden. 
Als ich im Jahre 1875 die Ehre hatte, zur Direction der Archive 
berufen zu werden, machte mich Seine Durchlaucht Fürst von Bis- 
marck, als Präsident des Preussischen Staatsministeriums zugleich der 
Chef der Archivverwaltung, auf diese Sachlage aufinerksam, und er- 
wirkte bei dem nächsten Landtage eine ansehnliche Erhöhung des 
ftor solche Zwecke bestimmten Fonds. Indem ich der so gestellten 
Aufgabe näher trat, zeigte sich sehr bald, dass .es hier nicht 
erst langen Suchens nach wissenschaftlich interessantem Materiale 
^durfte: im Gegentheile, in kurzer Frist fand sich -eine Fülle 
^ mannichfaltigsten, der Veröffentlichung werthen Stoffes, so dass 



m 

nnr die geeigneten Hände zur Hebung der Schätze zu versammeln 
waren. Auch in dieser wichtigsten Beziehung wollte das Glück mir 
wohl. Unter den Archivbeamten war eine Anzahl in jeder Weise 
befähigter Gelehrten zur Mitwirkung bereit; mehrere der tüchtigsten 
Schüler des Bonner historischen Seminars traten hinzu ; einige ältere 
Forscher von anerkanntem Rufe, wie Th. Menke und H. Floto^ über- 
nahmen wichtige Gegenstände. So konnten wir dazu schreiten, 
binnen drei Jahren zwanzig selbstständige Werke und Editionen 
gleichzeitig in, thätigen Angriff zu nehmen, deren Umfang im 
Ganzen sich ungefähr auf 60 Bände veranschlagen lässt: drei Bände 
werden im Laufe dieses Jahres ausgegeben werden^ und in jedem 
folgenden Jahrö voraussichtlich vier Bände erscheinen können. Weitere 
Pläne von Bedeutung sind bereits in wirksame Erwägung genommen ; 
wenn nicht unvorhergesehene Widerwärtigkeiten dazwischen treten, 
dürfen wir mit. Bestimmtheit hoffen, auch auf diesem Felde unsem 
Staat die ihm obliegenden Pflichten für die Calturarbeiten Europas 
würdig erfüllen zu sehen. 

Bei der ersten Disposition des Unternehmens konnte der Gedanke 
nahe liegend erscheinen, die Auswahl und Folge der einzelnen Werke 
nach einem sachlich -systematischen Plane zu ordnen, auf einzelne 
Gebiete der historischen Forschung die Kräfte zu sammeln, Anderen 
Anderes zu überlassen. Die weitere Erwägung zeigte jedoch bald 
die Undurchführbarkeit eines solchen Verfahrens. Weitschichtige, 
. vielleicht erfolglose Unterhandlungen mit anderen Editoren hätten statt- 
finden müssen; die Auffindung der geeigneten Arbeitskräfte wäre er- 
schwert worden, und die sicherste Folge wäre ein grosser Zeitverlust 
gewesen. So blieb es bei dem Beschlüsse, zu geben, was man geben 
konnte, und »uf das gute Wort zu hoffen: wer Vieles bringt, wird 
Jedem etwas bringen. Unsere Publication wird also mittelalterliche 
und moderne Gegenstände behandeln; sie wird Documente aller Art 
zur allgemeinen Deutschen und Preussischen Geschichte, wie zur 
Geschichte der einzelnen Territorien und Provinzen umfassen; sie 
wird Textesabdrücke, Erörterungen und Darstellungen liefern. 

Was diesen letzten Punct betrifft, so ging die ursprüngliche Ab- 
sicht dahin, die ganze Sammlung lediglich zur wörtlichen Wiedergabe 

4 

der Documente zu bestimmen und dieselbe nur mit möglichst kurzer 
zum Verständniss unerlässlichen Noten zu begleiten. Auch hier a) 



IV 

wurden sehr bald wesentliche Modificatiouen erforderlich. So wich- 
tig und nüÜiig in der Sache die stete fortgehende Auffindung und 
Heransgabe urkundlicher Materialien ist, so driogend wird fttr das 
persfinliche BedUrfniss der Benutzer die möglichste Zusammendrängnng 
nnd IJebersichtlichkeit der täglich aDwachHeoden, kaum mehr zo he- 
wältigesden Masse. Hiernach empfahl sich fUr die mittelalterliebei) 
UrkuDdenbttcher das Verfahren, die Diplome der älteren Jahrhunderte, 
in der Kegel his zum Ausgange des 13-, in wörtlichem Abdrucke, die 
späteren Wiederholungen oder Bestätigungen eines DocnmenteB aber 
nur im Auszüge, sodann von den Urkunden der späteren Zeit Über- 
haupt nur die wichtigsten vollständig, die grosse Menge der fibrigen 
in Regestenform zu geben. In noch höherem Grade wurden solche 
Betrachtungen wirksam , wo es sich am die Herauegahe moderner 
Acten, Depeschen und Oorreepondenzen handelte. Hier macht die 
Masse den vollständigcD Abdruck materiell unmöglich : . irgendwie mosB 
gekUnst, gesondert, zusammengefasst werden. Als man die AusfUhmng 
näher erwog, wurde sofort erkennbar, dass eine Überall passende Regel 
nicht zu finden war. Je nach Beschaffenheit des einzelnen Falles - 
konnte mau sieh entweder mit einer blossen Ausscheidung des Un- 
wichtigen begnügen, oder die zom Drucke bestimmten Docnmente be- 
dnrflen ausfuhrlicher Einleitung nnd Eriänternng, oder dieser Com- 
mentar wuchs zu einer in sich geschlossenen actenmässigen Darstellung 
an, welcher dann die abgedruckten Urkunden als Beweisstücke dienten. 
In dem letzten Falle war die erste Rege) natürlich die, in der Dar- . 
Stellung mit möglichster Strenge jeden Einflnss suhjectiver Auffassung 
zu vermeiden nnd ihr den Charakter eines ttherall getreuen und %u- 
verlässigea Acten-Ausznges zu bewahren. 

Nachdem die Archiv-Verwaltung die zu bearbeitenden Stoffe aus- 
gewählt und für einen jeden den geeigneten Heransgeber gewonnen, 
findet sie sich zu den Letzteren in einem ähnlichen VerhältniBse, wie 
etwa die HUnchener historische Commission zu den Autoren ihrer ein- 



Verdienst in Anspruch, als diese Leistnngen angeregt und mit den 
ihr zu Gebote stehenden Mitteln nntersttltzt zu haben.« 

Indem die unterzeichnete Verlagshandlung sich der Erwartung 
hingiebt, dass die hier angekündigte Publication von einer Reihe der 
wichtigsten Quellen zur allgemeinen Deutschen und Preussischen Ge- 
schichte in allen Kreisen der deutschen Geschichtsfreunde günstige 
Äufqahme finden und willkommen geheissen werde, ist sie gleichzeitig 
in der Lage, in Nachstehendem ein Verzeichniss derjenigen Werke mit- 
zutheilen, deren Ausarbeitung für die nächsten Jahre vorbereitet wird : 

I. Zur allgememen Dentschen und Preussischen Geschichte. 

1. Ge^^hichte de$ Deutschen Ordens in Preussen bis 1525. Nach 

den Acten vpruehmlich des Königsberger Archivs, van Prof. 
Dr. Hartwig Floto. 3 Bände. 

2. Geschichte Herzog Albrechts von Preussen und der Säculari- 

sation des Ordenslandes. Von Staatsarchivar Dr. Philipp i in 
Königsberg. 1 Band. 

3. Briefwechsel Landgraf Philipp des Grossmüthigen von Hessen 

mit Bucer. Herausgegeben und erläutert von Dr. Lenz, Privat- 
dooenten in Marburg. 1 Band. 

4. Die Gegenreformation in Westphalen. Actenstücke und Er- 
läuterungen, zusammengestellt von Dr. Keller, Archivsecretär 
in Münster. 3 Bände. 

5. Brandenburger und Hannoverische Politik in der zweiten Hälfte 
des siebenzehnten Jahrhunderts. Nach den Acten vornehmlich 

des Hannoverischen Archivs, dargestellt von Dr. Koch er,. Ober- 
lehrer in Hannover. 4 Bände. 

6. Memoiren der Churfiirstin Sophie von Hannover. Herausge- 
geben von Demselben. 1 Band. 

7. Preussen und die katholische Kirche seit 1640. Nach den 

Acten des Geheimen Staatsarchives von Dr. M. Lehmann, Geh. 
8taatsarchivar. 3 Bände. 

8. Sammlung der Preussischen Staatsverträge im 18. Jahrhun- 
dert. Mit geschichtlichen Erläuterungen von Archiv-Assistenten 
Dr. Posner und Archiv - Htilfsarbeiter Dr. Hagemann in 
Berlin. 5 bis 6 Bände. 

9. König Friedrich Wilhelm I. und seine Thätigkeit fUr die 

Landescultur in Preussen. Nach den Acten des Geheimen 
Staatsarchives dargestellt von Oekonomie-Rath Dr. R. Stadel- 
mann. 1 Band. 



VI 

10. FrM^ric IL, histoire de mon temps. Erste bisher ungedmckte 
Redaction von 1746 ; herausgegeben von Dr. Posner, Assistenten 
im Geheimen Staatsarchive. 1 Band. 

11. Preussische Gesandtschaftsberichte aus Paris, 1774 bis 1806. 

Herausgegeben und erläutert von Dr. Bailleu, Assistenten im Ge- 
heimen Staatsarchive. 4 Bände. 

12. Preussens auswärtige Politil( 1808 bis 1815. Urkunden und 
Darstellung; herausgegeben von Dr. Hassel, Geh. Staatsarchivar 
und Geh. Archivrath in Berlin. 5 bis 6 Bände. 



11. Territorial-Geschichte. Historische Hülfs Wissenschaften. 

13. Hessisches Urkundenbuch. Herausgegeben von Dr. Könn*- 
•ecke, Staatsarchivar, Dr. Wyss und Dr. Reimer, Archiv- 

Secretären in Marburg. 8 bis 9 Bände. 

* 

14. Urkundenbuch des Stiftes Hildesheim. Herausgegeben von 
Dr. Jan icke, Staatsarchivar in Hannover. 3 Bände. 

15. Die ältesten Grodbücher Grosspolens. Herausgegeben von Dr. 
Clauswitz, Staatsarchivar in Posen. 2 Bände. 

16. Ostfriesische Geschichtsquellen. Herausgegeben von Dr. Sauer. 
Staatsarchivar in Idstein. 2 Bände. 

17. Kämpfe zwischen Cleve und Cöln im 15. Jahrhundert. Nach 

archivalischen Quellen dargestellt von Staatsarchivar, Geh. 
Archivrath Dr. Wilmans in Münster. 2 Bände. 

IS. Historisch-geographisches Wörterbuch der Regierungsbezirke 

* Coblenz und Trier. Von Staatsarchivar, Archivrath von 
Eltester in Coblenz. 2 Bände. 

19. Historisch - geographisches Wörterbuch der Regierungsbezirke 
Cöln^ Düsseldorf und Aachen. Bearbeitet von den Beamten des 
Düsseldorfer Staatsarchives. 2 bis 3 Bände. 

20. Lehrbuch der historischen Geographie des 'Deutschen Reiches, 

von Dr. Theodor Menke in Gotha. 8 Bände. 

Im Laufe des Jahres 1878 sollen zur Ausgabe gelangen: 

1. Preussen und die katholische Kirche seit 164-0. Nach den 

Acten des Geheimen Staatsarchives von Dr. Max Lehmann, 
Geh. Staatsarchivar. I. Band. 

2. König Friedrich Wilhelm I. und seine Thätigkeit fUr die 
Landescultur in Preussen. Nach den Acten des Geheimen 



VII 



l^taatsarchives dargestellt von Oekonomie-Rath Dr. R. Stadel- 
mann. 

3. Hessisches Urkundenbuch. Herausgegeben von Dr. Könn- 
ecke, Staatsarchivar, Dr. Wyss und Dr. Reimer, Archiv- 
Secretären in Marburg. I. Band. 

Der Subscriptionspreis soll, dem Umfange der Bände entsprechend, 
10 — 15 Mark für jeden Band betragen. 

Dagegen behält sich die Verlagshandlung vor, für diejenigen 
Bände, Vielehe dem Einzelverkauf reservirt bleiben, eine Preiserhöhung 
später eintreten zu lassen. 

Der erste Band der »Publicationen« wird auf Verlangen zur An- 
sicht in allen Buchhandlungen des In- und Auslandes vorgelegt wer- 
den können, wo auch Subscriptionen , zu denen man sich des unten- 
stehenden Bestellscheines bedienen wolle, angenommen werden. 



Leipzig, Ende September 1878. 



S. Hirzel. 



r 



Dei der Buchhandlung von . 
besteUt d. Unterzeichnete hiermit: 



1 Publicationen ans den K. Preuss. Staatsarchiven 

(Leipzig. Verlag von S. Hirzel), Band l u. ff. 



XatHe: 



Wohnort : 



Druck Ton Breitkopf and Hiriel in Leipzig. 
• 



HANSISCHE 

GESCHICHTSBLÄTTER. 



HERAUSGEGEBEN 



VEREIN FÜR HANSISCHE GESCHICHTE. 
JAHRGANG 1879. 



LEIPZIG, 

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 

1881. 



Druck von Breitkopf und Hiriel in Leipzig. 

• 






j 



W, MANTBt.5- 



^TDXUCK V J.HÖHlKNC.llJeUll 



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I. 



ZUR ERINNERUNG 



AS 



WILHELM MANTELS. 



VON 



REINIIOLD PAULI. 



HauMche Geichichtiblätter. IX. 



V^ W^ ' " ^ 



i\.ls der Hansische Geschichts verein, wie alljährlich, in den 
letzten Pfingsten versammelt war, fehlte zum ersten Mal derjenige, 
der ihm seit seiner Begründung acht Jahre lang treu und in Ehren 
vorgesessen. Bange Sorge um sein Leben Hess sich während der 
geräuschvollen Tage zu Münster und Soest schon nicht mehr unter- 
drücken. Und kaum waren die Festgenossen nach Hause zurück- 
gekehrt, so erreichte sie auch die Trauerkunde, dass Wilhelm 
Mantels am 8. Juni zu Lübeck verschieden sei. Drei Tage später 
wurde ihm unter allgemeiner Theilnahme die letzte Ehre erwiesen, 
wobei auch die Vertreter unseres Vereins wieder zur Stelle waren. 
Die meisten unter uns hatten ihn in alter Frische und Liebens- 
würdigkeit ein Jahr zuvor die Verhandlungen in Göttingen leiten 
sehen, die letzten, die sich damals in einem lieblichen Waldthale des 
Harzes nach den vier Himmelsgegenden zerstreuten, ihm noch einmal 
mit dem Wunsche: Auf Wiedersehen in Münster! die Hand gedrückt. 

Wie könnte unser Verein die diesjährige Versammlung halten, 
mit welcher derselbe das erste Jahrzehnt seines Bestehens abschliesst, 
ohne einen Nachruf an den Mann, der sich mit der vollen Liebe 
seines warmen Herzens den sehr bestimmten Aufgaben, die wir 
uns gestellt, hingegeben, und den sich diese neue Hansa von Städten, 
Gesellschaften, gleichstrebenden, wissenschaftlichen Männern wahr- 
lich nicht ohne triftige Gründe zu ihrem Sprecher, Fürsprach, Aelter- 
mann erkoren hatte! 

Durch seine Doppelheimath zu Hamburg, dem Geburtsort, und 
zu Lübeck, seinem Wohnsitz, war er in unmittelbarer Anschauung 
der Denkmäler, unter den Ueberlieferungen hansischer Herrlichkeit, 
in den unwandelbaren Beziehungen zu Ost- und Westsee aufge- 
wachsen, in deren enger Verschmelzung doch recht eigentlich das 
Geheimniss von der geschichtlichen Bedeutung des mächtigen Bun- 



des zu suchen ist. Wohl hat ihn dann, als er die Universitäten 
Berlin und München besuchte, vorübergehend auch an Gottingen 
dachte, das ihm zu inniger Freude noch gegen Ausgang seines 
Lebens kennen zu lernen vergönnt war, philologisches und histo« 
risches Studium für die unvergänglichen Vorbilder des classischen 
Alterthums, für die Geschichte des deutschen Vaterlandes und die 
noch weitere Europa's und seiner Einwirkung auf fremde Erdtheile 
begeistert. Wohl hat er in Lübeck, wo Vater und Grossvater 
schon vorübergehend wohnhaft gewesen, wo er selber mit empor- 
strebenden Altersgenossen die gelehrte Schule besuchte und nach 
kurzer Lehrzeit in Hamburg sich in glücklicher Ehe sein Haus be- 
gründete, seine dauernde Heimath und im Lehrberuf seine Lebens- 
aufgabe gefunden, als Lehrer am Catharineum, als Stadtbiblio- 
thekar, als Bürger in vieljähriger Thätigkeit mit reichem Segen ge- 
wirkt, so dass dankbare Schüler und Mitbürger, denen er in sel- 
tener Weise die geistigen Schätze des Lebens zu erschliessen ver- 
stand, in grosser Anzahl um ihn trauern. Die innerste Neigtuig, 
die lebendigsten Interessen jedoch wandte er, seitdem er vornehm- 
lich Geschichte trieb und Geschichte lehrte, den nächsten vater- 
städtischen Gebieten, der alten maritimen Giösse des norddeutschen 
Städtebundes und seines unvergleichlichen Vororts Lüßeck zu. Das 
aufwachsende Geschlecht für eine solche Vergangenheit zu erwär- 
men, die grossartige Hinterlassenschaft derselben aus dem urkund- 
lichen Material, aus den Kunst- und literarischen Schätzen des 
Staates, der Earche, der Innungen und Privaten für Forschung und 
Leben wieder zugänglich zu machen, wurde ihm Herzenssache. 
Daneben hatte er, als feiner Sprachkenner und mit fremden Idiomen 
der Vergangenheit und Gegenwart vertraut, doch vorzüglich Ge- 
schichte und Literatur der Muttersprache lieb gewonnen. Ein Sohn 
des niederdeutschen Küstengebiets, veröflFentlichte er eine Anzahl 
sprachlich und geschichtlich eigenthümlicher Dichtungen aus frühe- 
ren Jahrhunderten. Mit Vorliebe und ohne Zwang bewegte er sich 
selber redend, schreibend, dichtend, wie es ihm mit schönem Ge- 
schick zu Gebot stand, oder mit Freunden Briefe wechselnd nach 
„laveliker Gewahnheit" in der Mundart, welche ehedem die Ge- 
schäitssprache der Hansagenossen gewesen, die bis heute auch im 
vertraulichen Verkehr der niederdeutschen Tiefebene nicht aus- 
stirbt und neuerdings unter der lebhaftesten Theilnahme von Man- 



tels in dem uns verschwisterten Sprachverein die regste und erfolg- 
reichste Pflege findet. Sein Wissen und sein feinsinniger Geschmack 
an Kunstschopfungen des Mittelalters, die ihn in Lübeck umgaben, 
denen er mit stets neuem Entzücken auch in den Nachbarstädten 
nachging, verliehen ihm bald eine entscheidende Stimme, wenn es 
sich um Bewahrung und Verständniss eines geradezu unschätzbaren 
Erbtheils der kunstfrohen Altvordern handelte. Noch späte Ge- 
schlechter werden ihm danken, dass das Holstenthor, ein Bau- 
denkmal einzig in seiner Art, trotz den gebieterischen Anforderungen 
einer immerhin nothwendig gewordenen Stadterweiterung verschont 
geblieben ist Bauwerk und plastischer Zierath der Marienkirche, 
eines der wenigen Gotteshäuser, an welchem wir uns das unge- 
trübte Bild einer Kirche vor Eintritt der Reformation vergegen- 
wärtigen können, der er Jahre lang als Pfarrkind und Pfleger mit 
gottesfürchtiger Hingebung gedient, die Erklärung des dort befind- 
lichen Todtentanzes wie zahlloser grosser und kleiner Alterthümer, 
welche er hat sammeln und bewahren helfen, werden auch fernerhin 
seinen Namen verkünden. Selbst den Doppeladler, welcher unsere 
Vereinsschriften schmückt, verdanken wir Mantels, nachdem er 
dessen erstes Erscheinen auf lübischen Siegeln und seine Verwen- 
dung von Seiten der verbündeten Seestädte zur Zmt der ruhmreichen 
Erfolge des Jahres 1370 nachgewiesen hatte. 

Wie er in diesen Stücken mit dem ihm in inniger Freund- 
schaft verbundenen, um die Lübecker Kunstschätze hochverdienten 
Maler C. J. Milde Hand in Hand ging; so führte ihn ein günstiges 
Geschick mit unserem hochverehrten Freunde und Genossen Herrn 
Staatsarchivar Wehrmann zusammen, um demselben in langjähriger 
Arbeit bei Herausgabe der Bände 2 bis 5 des Urkundenbuchs 
der Stadt Lübeck, wie es im Vorwort zum fünften Bande heisst, 
eine „von Anfang an zugesagte und ununterbrochen mit grosser 
Bereitwilligkeit gewährte Unterstützung" zu leihen. Durch solches 
Znsammenwirken ist vorzüglich doch aus einem der grossartigsten 
Municipalarchive der deutschen Zunge ein Quellenwerk entstanden, 
das zumal nach der denkwürdigen Epoche von 1370 weit über die 
städtischen Mauern hinaus sich als eine zuverlässige Stütze für die 
Forscher in hansischer und nordeuropäischer Geschichte bewährt. 
Die für diese Arbeiten unerlässlichen Untersuchungen verwerthete 
Mantels besonders während der Jahre, als er dem Verein für 



Lübeckische Geschichte und Alterthumskunde vorsass, dessen Zeit- 
schrift redigirte und auch Director der Gesellschaft zur Beförderung 
gemeinnütziger Thätigkeit war, in einer Reihe gehaltvoller Aufsätze, 
welche einige der grossen Bürgermeister Lübecks, die ältesten 
Bürgermatrikeln, das Geheimbuch eines Lübecker Krämers behan- 
l dein. Geradezu mustergiltig für die hansische Geschichtsschreibung 
1 bleibt die Abhandlung: „Der im Jahre 1367 zu Köln beschlossene 
zweite hanseatische Pfundzoll, Lübecker Schulprogramm 1862'', in 
welcher aus den Quittungen der Jahre 1368 bis 137 1 alle Um- 
stände der Erhebung jenes Zolls erörtert werden, mittels dessen 
die verbündeten Städte den Sieg über den Dänenkönig Walde- 
mar Atterdag davontrugen. 

Als am 24. Mai 1870 die 500jährige Jubelfeier des Dänemark 
abgerungenen Friedens, wie sich gebührte, in Stralsund begangen und 
durch die localen Geschichtsvereine von Hamburg, Lübeck, Bremen 
und Stralsund-Greifswald nicht nur die seither gelöste Preisaufgabe : 
„Die deutschen Hansestädte und König Waldemar von Dänemark*' 
ausgeschrieben, sondern auch der Grundstein zu unserem alsbald 
ins Leben tretenden gemeinsamen Verein gelegt wurde, begrüsste 
Mantels die Versammlung mit der Festschrift zur Säcularfeier des 
Stralsunder Friedens über Brun Warendorp, den heldenhaften lübi- 
schen Bürgermeister, der als oberster Hauptmann der verbündeten 
Streitmacht siegend sein Leben Hess. Und als zu Pfingsten 187 1 
in Lübeck, eine dauernde Frucht jener Jubelfeier, der Hansische 
Geschichtsverein 'zusammentrat, wurde von den Begründern Mantels, 
da er ausser dem Schatze seines Wissens Gabe und Erfahrung 
besass, Vereinigungen der Art zu leiten, wie in den Vorstand, so 
in den Vorsitz gewählt, Pflicht und Ehre, die ihm bis an sein Ende 
verblieben sind. So war er der Mitschöpfer der Statuten, durch 
welche mit dem ausgesprochenen Zweck: „die vereinzelten Quellen 
hansischer Localforschung in ein gemeinsames Bett zu leiten", un- 
serer Gesellschaft mit Durchforschung aller in Betracht kommenden 
Archive, mit gewissenhafter Sammlung und Herausgabe sämmtlicher 
die weite Geschichte des Bundes betreffender Quellen höchst bedeu- 
tende Arbeitsziele gesteckt worden sind. So war er der unermüd- 
liche Wächter über Pflege und Vermehrung der uns eröffneten 
Finanzmittel, der Berather und Vertraute der Gelehrten, welchen 
die wissenschaftlichen Unternehmungen des Vereins übertragen 



- .7 - 

wurden, einer der statutenmässig am Vorort ansässigen Mittler, an 
den oft aus weiter Ferne unsere literarischen Sendeboten berichten 
konnten, während sie in Archiven und Bibliotheken des In- und 
Auslandes beschäftigt waren, aus welchen in immer umfassenderer, 
immer mehr in die Tiefe dringender Untersuchung der urkundliche 
StoflF zusammengetragen werden muss, ohne welche Vorarbeit an 
eine des grossen Gegenstandes würdige Darstellung hansischer Ge- 
schichte in allen ihren Beziehungen nicht zu denken ist. In sein 
gastliches Haus kehrten, wie ehedem die fremden Schififsherren in 
den Lübecker Hafen, besonders gern die ein, welche die Frucht 
ihres Fleisses aus Ost, Nord und West zurückbrachten, um sie in 
der unvergleichlichen Vorrathskammer des Lübecker Archivs reifen 
zu lassen. Nicht minder befähigte Mantels sein literarisches und 
redactionelles Geschick, ein Mitglied des Ausschusses zu sein, dem 
alsbald die Herausgabe der „Hansischen Geschichtsblätter** über- 
tragen wurde, unseres eigenen Vereinsorgans, das sich einer von 
Jahr zu Jahr wachsenden Anerkennung zu erfreuen hat. Mit weh- 
müthiger Aufmerksamkeit durchblättern wir heute die einzelnen 
Jahrgänge und treffen dabei' auf zahlreiche Beiträge von der Hand 
ihres verstorbenen Mitherausgebers. Ihm fiel es zu, dies literarische 
Unternehmen mit kurzen, bestimmten Worten über Ursprung und 
Zweck des Vereins einzuleiten, ia denen wir recht eigentlich das 
von den Stiftern festgestellte Programm zu erblicken haben. Noch 
einmal handelte er in einem schönen Aufsatze des ersten Jahrgangs, 
wie schon bei der ersten Jahresversammlung mündlich, über drei 
hansische SchilQfshauptleute während der beiden Kriege gegen Wal- 
demar, von deren Persönlichkeit, einerlei ob sie glücklich oder 
unglücklich endeten, die lübische Geschichte in echt freistädtischer 
und echt [niederdeutscher Enthaltsamkeit für unsere Wissbegier 
viel zu kurz angebunden schweigt Auch die in den beiden fol- 
genden Jahrgängen mitgetheilten Aufsätze, welche von dem Siegel 
unseres Vereins und dem lübischen Doppeladler, von den einst für 
Lübeck aus England und Venedig erworbenen Reliquien, von Kaiser 
Karls IV. elftägigem Hoflager in Lübeck handeln, beruhen meist 
auf Vorträgen, an denen sich Mantels ungeachtet der vielseitigen 
Geschäfte des Vorsitzenden bei den ersten Jahresversammlungen 
eifrig betheiligte. Eine ansehnliche Zahl von Anzeigen solcher 
Werke, welche städtische und hansische Geschichte betrefifen» 



— 8 — 

namentlich auch der ersten grundlegenden Publicationen unseres 
Vereins selber, stammt aus seiner Feder und ziert wie die Jahres- 
berichte, deren Zusammenstellung er mit nie ermüdender Gewissen- 
haftigkeit bis herab zu dem für Münster noch mit zitternder Hand 
entworfenen sich angelegen sein liess, die Nummern der Vereins- 
schrift. Sie zeichnen sich aus durch Vermeidung alles Scheins und 
Prunks, aller lehrhaften Aufdringlichkeit, durch freudige Wieder- 
gabe des Thatsächlichen, durch einfache, schmucklose und doch 
lebendig natürliche Darstellung. Leise und fein klingen die Saiten 
eines reichen Gemüths an, dem auch die eng verbundene, er- 
quickende Gabe des trocken niederdeutschen Humors nicht man- 
gelte. Dürfen wir daher aus seinem schriftlichen Nachlass auf den 
grossen Erfolg schliessen, den er mit solchen Eigenschaften als 
Lehrer der aufwachsenden Jugend, zumal in den geschichtlichen 
Fächern erzielte, so werden alle, die ihn kannten und liebge- 
wannen, mit ähnlicher Dankbarkeit wie seine Schüler vor Allem 
seine Erscheinung im persönlichen Verkehr festhalten, an die ich 
auch an dieser Stelle noch einmal in wenigen Worten erinnern wiD. 
Der hansische Geschichtsverein hatte, da statutenmässig Lübeck 
der Vorort ist, wo zwei Mitglieder des Vorstandes ansässig sein 
müssen, bisher das Glück, zwei Lübecker an der Spitze zu haben, 
die sich sehen lassen konnten. Wie oft wurden am Vorabend 
einer Jahresversammlung am fremden Ort nähere Freunde von Ein- 
heimischen oder neu Hinzukommenden gefragt: „Wer sind die 
beiden langen Herren im Frack mit der Cigarre in der Hand, der 
eine mit dem rosigen Antlitz, der andere mit dem Dantekopf?" 
Und wenn Mantels dann nicht weit von Wehrmann in der Mitte 
des Hochtisches Platz nahm, die Glocke rührte und selber das 
Wort ergriff, so hingen von vornherein die in einer der alten 
Küsten- und Binnenstädte des Sachsenlands Versammelten in sym- 
pathischer Stimmung an der etwas gemessenen und doch unge- 
zwungenen Haltung und Rede, in der er sich erging. Solange er 
seine Jahresberichte mündlich vortrug, hat er durch die gewissen- 
hafte Gründlichkeit und die umständliche Genauigkeit, mit der er 
in allen seinen Arbeiten sich selber nie genug thun konnte, freilich 
manchen Hörer zur Verzweiflung gebracht, der, ängstlich nach der 
Uhr schauend, mit noch einem oder zwei Vorträgen in Aussicht, 
die Frühstückspause ins Gedränge kommen sah. Wahrscheinlich 



— 9 — 

war es dieselbe geistige Eigenart, wahrscheinlich auch sein kör- 
perliches Befinden, die Mantels inmitten vielseitiger Ansprüche, 
unter denen auch Beiträge zur Allgemeinen Deutschen Biographie 
zu bemerken sind, über die vorbereitenden Arbeiten zur Heraus- 
gabe der Lübeckischen Chroniken nicht hinauskommen liesseui die 
er für die Historische Commission in München übernommen hatte 
und flKr die er mit seinem Wissen und Können doch vorzüglich 
geeignet gewesen wäre. Wie liebenswürdig ertrug er aber die 
Ungeduld derer, die ihn oft allzu stürmisch an die Flucht der Zeit 
erinnerten, wenn er selber mit heiterster Geduld das Jahresbudget 
erläuterte oder eine Debatte leitete, die über alte Strassennamen 
oder gar deutsche Rechtschreibung kein Ende finden wollte! Und 
wie kam er bei Tafel oder auf dem Bahnhof schliesslich doch 
immer noch zu rechter Zeit. Er hat die wahrlich nicht immer 
leichten Zumuthungen an seine Geduld, wie sie die Aufgaben des 
Vorsitzes mit sich bringen, mit unwandelbarem Gleichmuth ertragen. 
Und so wollen wir uns auch heute noch, nachdem er nicht mehr 
unter uns weilt, der freundlich wohlthuenden Stimmung, der rüh- 
renden Hingebung freuen, womit Mantels den Ernst wie den Froh- 
sinn der wenigen, für ihn überaus geschäftigen und mannigfach 
anstrengenden Tage über sich ergehen Hess, die uns jährlich ein- 
mal zusammenführen, die er aber Jahr aus Jahr ein recht eigent- 
lich als seine Ehren- und Freudentage betrachtete. Gerade als 
Präsident, meine ich, ist ihm und uns die unendlich liebenswürdige 
Gemüthsart zu statten gekommen, die sein eigen war. Mit feinem 
Tact wusste er die Begrüssung zu erwidern, die alljährlich unserem 
Wanderzuge gemäss eine besondere Farbe trägt, an der Festtafel 
in dem ihm anvertrauten Trinkspruch den Ton zu treffen, der ge- 
rade an dem Versammlungsorte anklang. Mit rastloser Ausdauer 
und freundlichstem Zuspruch hat er zaghafte Redner und Arbeiter 
angespornt, damit sie das eben von ihnen Erwartete auch leisteten, 
mit sicherem Gefühl stets die Summe eines Vortrags, die Bedeu- 
tung einer für die Geschichtsblätter eingesandten Arbeit durchschaut 
und dafür Dank gesagt. Ihm lag das Gedeihen der Hanserecesse, 
des Urkundenbuchs, der Geschichtsquellen, der Zeitschrift, des ge- 
sammten wissenschaftlichen Schaffens, durch welches sich unser 
Verein in Kurzem eine angesehene Stelle unter den geschichts- 
forschenden Gesellschaften der Gegenwart erorbert hat, im wahren 



ihm in der That dermassen Sinne und Gedanken, dass er noch in 
den Traumbildern der letzten Nächte, als wir zum ersten Mal. ohne 
ihn in Münster tagten, sich in die Aufgaben des hansischen Ge- 
schieb tsverei ns und in die Leitung seiner Verhandlungen versetzt 
meinte. Er ist uns unvergesslich, wenn nach Beendigung der mit 
geschäftlichen und wissenschaftlichen Anliegen erfüllten Sitzungen 
die Besichtigung der baulichen und anderer Kunstaltertbümer, wenn 
zum Schluss ein Ausäug in die freie Natur, in Wald und Gebirge, 
an die heimathlichen Ströme und Meere unternommen wurde, wenn 
Abends, zumat im Kreise der jüngeren Genossen, Lied und laute 
Lust erklangei!. Ueberall war Mantels in verständniss vollen Zügen 
geniessend und mit poetischem Sinn belebend dabei. Gern durch- 
wandelte man mit ihm mächtige Kirchen hallen , die Räume der 
Museen oder seh wermuths volle Ruinen, allesammt Zeugen ent- 
schwundener geschichtlicher Grosse, da er in hohem Masse zum 
Austausche sinnreicher Beobachtung und edler Gedanken auch über 
Kunstwerke geschaffen war. Wahrlich kein Freuden störer, sondern 
ein Freude ubringer, wurde er allemal von denen begrüsst, die sich, 
wenn das Tagewerk vorüber, der Erholung hingaben. 

Wohl erhielt seine fein organisirte Natur bisweilen Mahnungen, 
dass sie wie schon in früher Jugend von zarter Gesundheit abhing. 
Die Freunde indess trauten der Elasticilät seines Wesens, dem Eben- 
mass seines Lebens zu, dass er den Seinen noch lange erhalten 
bleiben werde, bis bald nach der Göttinger Versammlung ernstliche 
Zufalle eintraten, die, obwohl er in bisheriger Weise noch kurz vor 
seinem Ende für uns und andere thätig blieb, doch die Vorboten 
einer Auflösung waren, die ihn nach kaum vollendetem dreiund- 
sechzigsten Lebensjahre hinraffte. 

Möge die Persönlichkeit, deren gesammtes Leben ich hier 
nicht zu entwerfen habe, deren liebenswürdiger Menschlichkeit mein 
Nachruf gilt, deren Bild vielen, ja den meisten unter uns lebendig 
vor der Seele steht, in treuem Andenken hold und gut, wie sie war, 
nachwirken! Und mögen, auch wenn Geschlechter der hier Ver- 
sammelten dalli ngegangen, der hansische Geschichtsverein aber ein 
grosses Stück der ihm zugedachten Arbeit hinter sich gebracht hat, 
die zukünftigen Mitglieder sich gern daran erinnern, dass der erste 
Vorsitzende des Vereins Wilhelm Mantels hiess. 



IL 



DIE 



STADTVERFASSUNG HILDESHEIMS 

IM MITTELALTER. 



VOH 



RICHARD DOEBNER. 



Wenn die Stadt Hildesheim den hansischen Geschichtsverein 
in ihren Mauern begrüsst, so richtet sich naturgemäss der Blick 
rückwärts nicht nach den Personen jener Kirchenfürsten, deren 
Wirksamkeit den Gegenstand der schönsten Blätter mittelalterlicher 
Historiographie bildet, nicht nach den Stiftern und Klöstern, deren 
Bauten noch jetzt der Stadt ihr ehrwürdiges Gepräge verleihen; 
vielmehr ist es die Vergangenheit des städtischen Gemeinwesens, 
die Thätigkeit der Bürgerschaft, was die Aufmerksamkeit in An- 
spruch nimmt. Den Antheil Hildesheims an der Hansa, seinen 
Eintritt in den Bund der Städte und seine Bewegung in ihm zu 
schildern, müsste vor Allem eine lohnende Aufgabe dieses Tages 
sein, wenn über diese Beziehungen ein reicheres urkundliches Ma- 
terial vorläge, als es der Fall ist; überdies nimmt Hildesheim bei 
seiner geographischen Lage, vor Allem in der Nähe Braunschweigs, 
und bei den Schranken, welche der Charakter der bischöflichen 
Territorialstadt ihm auferlegte, nur eine untergeordnete Stellung 
unter den norddeutschen Handelsstädten ein. Die Verfolgung ge- 
meinsamer Interessen, deren Mittelpunkt die Wahrung des öffent- 
lichen Friedens gebildet zu haben scheint, führte bereits gegen die 
Mitte des 13. Jahrh. zu einer Verbindung Hildesheims mit Braun- 
schweig und Goslar; es ist die Zeit, in welche hier die Entstehung 
des Rathes und eine gewisse Emanzipation der Bürgerschaft von 
dem Landesherrn fallt; Braunschweig und Goslar wurden in den 
folgenden Zeiten zu Vermittlern in den Streitigkeiten zwischen Bi- 
schof und Bürgerschaft. Gemeinsam mit ihnen und den übrigen 
Städten Sachsens richtet Hildesheim um 1267 an Gent eine Be- 
schwerde wegen Beschlagnahme ihrer Güter als Ersatz^ für die Be- 
raubung Genter iCaufleute auf sächsischem Gebiete, die erste Spur 



— 14 — 

einer Theilnahme Hildesheims an einer der grösseren Städtegruppen, 
in deren Existenz die Vorgeschichte der Hansa beruht. Erst in 
der zweiten Hälfte des 14. Jahrh, werden die Zeugnisse über Hil- 
desbeims Stellung im Kreise der sächsischen Städte reicher. 

Dass aber überhaupt eine selbständige Haltung der Stadt nach 
aussen, eine Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen im Bunde mit 
oder im Gegensatze zu anderen Städten und Territorien möglich 
war, hat zu Voranssetsung das Emporwachsen des Dorfes, welches 
der Sitz des Bischofs war, zur städtischen Ansiedlung, die Los- 
lösung der Bewohner aus der Unfreiheit von dem Grundherrn und 
seinen Vögten, die Einrichtung einer Vertretung der Bürgerschaft, 
in deren Händen die Verwaltung der Geschäfte lag. Von diesem 
Gesichtspunkte aus sei es mir gestattet, auf die Entwicklung der 
Stadt Hildesheim und vor Allem ihrer Verfassung im früheren 
Mittelalter einen aus den Urkunden geschöpften Blick zu werfen '). 
In dem Abschluss der Kämpfe der Bürgerschaft mit dem Bischof 
dürfte sich ein natürlicher Ruhepunkt linden. 

Von den hildesheimischen Bischöfen hat auf die Entwicklung 
des Reiches keiner einen so wirksamen Einfluss ausgeübt wie Bi- 
schof Conrad 1. aus dem Hause Querlurl, der Erzieher und Kanzler 
Kaiser Heinrichs VI., keiner so geringe Spuren seiner Thätigkeit 
als Bischof hinterlassen wie er; von den wenigen Urkunden, welche 
er für sein Bisthum ausgestellt hat, bezeichnet eine einen wich- 
tigen Punkt in der Genesis des Gemeinwesens der Stadt Hildes- 
heim: die Bestätigung der Gründung der Pfarrkirche zu St. Andreas, 
welche wenige Jahre nachher in ein CoUegiatstift umgewandelt 
wurde und fortan den Mittelpunkt der geistlichen Bedürfnisse der 
Bürgerschaft bildete. Gestiftet und dotirt von dem Angehörigen 
eines bürgerlichen Geschlechtes, ist ihre Verwaltung später vorzugs- 
weise Sache des Käthes. Indem sie oft als die Marktkirche be- 
zeichnet wird, ist ihre Gründung ein Beweis dafür, dass hier im 
Norden des Domes die Wohnsitze derjenigen Kreise der städtischen 
Bevölkerung lagen, welche den Kern der allmälig aufblühenden 
Bürgerschaft bildeten; in ihrem Interesse wandte sich die Seelsorge 
von den alten Pfarrkirchen des Altklosters zu Moritzberg und des 



') Zu Grunde liegt dem folgenden das im Druck belindliche und von 
dem Verfasser berausgegebene Urkundenbucb der Stadt Hildeaheim. Bd. I. 
Hildesheim iSbo. 



— »5 — 

Dorfes Lotingessen ab. Kaufleute, oft aus anderen Städten hier- 
her verpflanzt I erwarben Grund und Boden um Hildesheim und 
Hofstätten in der Stadt selbst; frühzeitig erscheinen sie in der Um- 
gebung des Bischofs, freilich meist am Ende der Zeugenreihen, 
einzelne, wie Volcmar, der Reiche genannt, bisweilen inmitten der 
bischoflichen Ministerialen; Ministeriale und Bürger wird er wohl 
auch einmal urkundlich genannt; Angehörige von Ministerialen- 
familien dagegen begegnen ims unter den Bürgern. Noch bewegt 
sich die Bürgerschaft, fern von städtischer Autonomie, in den Grenzen 
hofrechtlicher Abhängigkeit. Als Herrn des Grund und Bodens 
stehen dem Bischöfe in dem Worthzinse erhebliche Einkünfte zu. 
An seiner Stelle handhabt der Vogt die Gerichtsbarkeit; von dem 
Sitze des Gerichtes vermuthlich, dem Alten Markte, nennt sich ein 
Ministerialengeschlecht, in dessen Händen wir zeitweise die Vogtei 
finden. Bauermeister dagegen erledigen mit der Gemeinde die 
Fälle niederer Gerichtsbarkeit. 

Ueber die äussere Entwicklung Hildesheims zur Stadt stehen 
uns nur sehr spärliche Nachrichten zu Gebote; erst mit dem Auf- 
treten eines Rathes kann von einer eigentlichen Stadtverfassung 
die Rede sein. Zwischen dem Vorkommen einzelner Bürger als 
Zeugen zu Ende des 12. und zu Anfang des 13. Jahrh. und der 
ersten Erwähnung eines Rathes von 12 Mitgliedern im Jahre 1240 
liegt eine Reihe urkundlicher Zeugnisse, welche doch vielleicht 
geeignet sind, auf den Ursprung dieser Gemeindevertretung einiges 
Licht zu werfen. Es scheint mir keinem Zweifel zu unterliegen, 
dass das Aufkommen des Rathes, sei es, dass uns wirklich die 
ersten urkundlichen Aeusserungen seines Willens erhalten sind, oder 
dass diese eine Anzahl von Jahren vor unserer Ueberlieferung 
liegen, nicht identisch ist mit dem Eintritt der Stadt in einen 
höheren Grad der Autonomie. Zwanzig Jahre vor dem Erscheinen 
eines Rathes wird Bischof Conrad II. am kaiserlichen Hofe mit 
einer Klage gegen die Bürgerschaft wegen Auflehnung gegen sein 
Recht und die ihm schuldigen Dienste anhängig; es gibt die An- 
schauung einer fremden Kanzlei wieder, wenn in seinem Interesse 
der Bischof von Metz und Speier 122 1 an Rath und Stadt Hildes- 
heim schreibt. Vom Vogt und der ganzen Gemeinde zu Hildes- 
heim in ihrem Gemeindehause ausgestellt und mit dem Stadtsiegel, 
welches den h. Godehard im Bilde trägt, besiegelt, ist die erste 



— i6 — 

städtische Urkunde vom Jahre 12 17; 20 als Zeugen neben Anderen 
aufgezählte Bürger erscheinen als Vertreter der Bürgerschaft bei 
diesem Rechtsgeschäft für die Andreaskirche. Nicht den Rath, 
sondern die gesammte Bürgerschaft fordert Kaiser Heinrich VII. 
1234 auf, die Ladung von Clerikern vor ihr Gericht vor erfolgter 
Degradation zu unterlassen. 

Unter diesen Umständen gewinnt es an Bedeutung, die Reihen 
von Bürgern zu betrachten, welche in den Jahren vor dem Auf- 
treten des Rathes als Zeugen genannt werden. In der Regel ist 
es eine Zahl von 5, 7, 9 oder 12 Bürgern, oft dieselben wieder- 
kehrenden Namen und in derselben Reihenfolge aufgeführt. Wenn 
1224 als Zeugen einer Schenkung von Hörigen durch die Grafen 
von Everstein an den Bischof ausser dem bischöflichen Vogte 
12 Bürger, darunter ein zweiter Vogt an erster Stelle genannt wer- 
den, wenn ferner in zwei aufeinander folgenden Jahren je 9 Bürger 
zwei Rechtsgeschäfte bezeugen, so liegt die Vermuthung nahe, dass 
wir es hier mit einer Repräsentation der gesammten Bürgerschaft 
zu thun haben, deren Zeugniss den handelnden Personen erwünscht 
schien; gewählt wurden zu dieser Vertretung naturgemäss Bürger, 
deren Persönlichkeit und namentlich deren Grundbesitz ihrem Zeug- 
nisse besonderes Gewicht verliehen, sodass der Kreis dieser Vertreter 
der Bürgerschaft ein engbegrenzter war und dieselben Namen uns 
wieder und wieder begegnen. Recht eigentlich aus der Mitte dieser 
Geschlechter erwächst in Hildesheim der Rath, kaum durch Ein- 
setzung des Bischofs oder auf dem Wege statutarischer Bestim- 
mungen, vielmehr aus dem Bedürfnisse heraus, welches an die 
Stelle wechselnder Vertreter der Bürgerschaft allmälig eine gewisse 
Regelmässigkeit setzte. 

Denn auch nach dem ersten Auftreten der 12 consules im 
Jahre 1240 schwankt ihre Zahl noch und sind wir nicht im Stande, 
uns über die Art der Zusammensetzung des Rathes ein festes Urtheil 
zu bilden; recht bezeichnend für die Thatsache, dass nicht in dem 
Rathe, sondern in der gesammten Bürgerschaft das entscheidende 
Moment lag, dürfte der Umstand sein, dass in jener Urkunde von 
1240, in welcher ein Rechtsakt durch Verlesung vor den burgenses 
und Besiegelung mit dem Stadtsiegel bekräftigt werden soll, neben 
Vogt und Rath noch andere Bürger genannt werden, an ihrer 
Spitze Volcmar der Reiche und seine Verwandten, angesehene Bürger, 



— IJ — 

die mit dem Rathe zusammen die Bürgerschaft repräsentiren. IMe 
universitas burgensium ist die Trägerin der stadtischen Autonomie. 
£ine wie geringe Stellung ihr gegenüber der kaum erstandene Rath 
einnimmt, kein besserer Beweis dafür als der Inhalt des ersten 
Stadtrechts — Vogteistatuten könnte man es nennen — , dessen 
in lateinischer Sprache geschriebenes Original das Stadtarchiv be- 
wahrt. Für die gewohnliche Annahme des Jahres 1249 als Zeit- 
punkt der Entstehung der Aufzeichnung mögen einige Gunstbe» 
Zeugungen Bischof Heinrichs für die Stadt aus diesem Jahre mass- 
gebend gewesen sein, deren Echtheit indessen nicht über allem 
Zweifel erhaben ist. Schriflcharakter und Inhalt des Documentes, 
verbunden mit der Besiegelung durch jenen Bischof, gestatten die 
sichere Begrenzung der Entstehung desselben durch wenige Jahre 
um 1250. Den Sätzen, welche im Wesentlichen die Gerichtsbarkeit 
und die Einkünfte des Vogtes zum Gegenstand haben, liegt ge- 
wiss altes hergebrachtes Recht zu Grunde; für das Verhältniss des 
Vogtes zur Bürgerschaft erscheinen namentlich Bestimmungen be- 
zeichnend, nach welchen die Verfügung über unbeerbtes Gut Zu- 
gezogener dem Vogte gemeinsam mit der Bürgerschaft zusteht und 
über das Gemeindegut der Vogt nicht ohne die Bürgerschaft, diese 
nicht ohne Jenen verfügen darf. Von der Existenz des Rathes 
enthält das Stadtrecht keine Erwähnung, man müsste denn den 
Rath für identisch mit den burgenses halten. Es entspricht der 
veränderten Sachlage, wenn das zweite Stadtrecht um 1300, indem 
es sonst jenen Paragraphen wörtlich aufnimmt, an Stelle der bur- 
genses die Rathmannen setzt. Neben dem bischöflichen Vogte 
sind mehrere andere Vögte in Wirksamkeit, an der Spitze wie es 
scheint örtlicher Bezirke und mit richterlichen Competenzen aus- 
gestattet, eine Erscheinung, mit welcher das Vorkommen einer 
grösseren Anzahl von Vögten aus bürgerlichen Familien in gleich- 
zeitigen Urkunden übereinstimmt, während ein Grund nicht vorliegt, 
in ihnen Vögte geistlicher Stifter zu sehen. Die Frage nach der 
Originalität der vorliegenden Rechtssätze, ihrer Verwandtschaft mit 
anderen Quellen wäre noch zu untersuchen; für die Wahrschein- 
lichkeit, dass die Redaktion dem Kreise des Bischofs oder seines 
Vogtes entstammte, dürfte die Bezeichnung des Vogteigerichtes mit 
„unser Gericht" sprechen. An Zeugnissen von einer Thätigkeit 
des Rathes in der kurzen und zuletzt von Kämpfen erfüllten Re» 

Hansische Gescbichtsblätter. IX. 2 



— i8 — 

gierangszeit Bischof Johann I. fehlt es nicht, wie wenn er von dem 
anwesenden Cardinallegaten Hugo für den Neubau des zerstörten 
Johannishospitals Ablass Erwirkt. Bereits war die Bürgerschaft so 
weit erstarkt, dass sie in den Verwicklungen des Bischofs mit den 
Nachbarn eine Stellung einnehmen konnte, welche sie in offenen 
Krieg mit dem Landesherm brachte. Das direkt gegen ihn ge- 
richtete Bündniss des Rathes und der Bürgerschaft mit Herzog 
Albrecht von Braunschweig vom Jahre 1256 erscheint als die erste 
selbständige politische Aktion der Stadt; im Verein mit Braun- 
schweig und Goslar knüpft sie nicht lange nachher ein gegensei- 
tiges Schutzverhältniss mit Gliedern der Ritterschaft, welches da- 
durch ein hervorragendes Interesse in Anspruch nimmt, dass es 
Anlass zu einem der ersten urkundlichen Schriftstücke in nieder- 
deutscher Sprache wurde. Zur Zeit Bischof Siegfried II. nimmt mit 
dem Umfang der erhaltenen Urkunden das städtische Leben, wie es sich 
hier wiederspiegelt, eine überraschend vielseitige Gestalt an: zu dem 
Bestand eines aristokratisch abgeschlossenen und vielfach durch 
Verwandtschaft verbundenen Kreises bürgerlicher Geschlechter, 
welche im Rathe die Stadtverwaltung leiten, kommen Mitglieder 
der Ritterschaft und des Adels, zum Schoss der Stadtkasse ver- 
pflichtet wie jeder Bürger; bischöfliche Litonen ersitzen die Bürger- 
schaft, indem sie Jahr und Tag sich in ihr aufhalten; Klöster wie 
Marienrode und Riddagshausen erwerben Grundbesitz in der Stadt; 
von den Congregationen in Hildesheim selbst treten besonders 
Minoriten und Prediger mit dem städtischen Gemeinwesen in Be- 
rührung; ein Handwerk nach dem andern gewinnt vom Rath die 
Innung, an Alter allen weit voraus die Schuhmacher; neben ihnen 
besiegeln um die Mitte des 14. Jahrh. die Knochenhauer am kleinen 
und grossen Markte, die Bäcker, Kramer, Gewandschneider, Tuch- 
macher, Pelzer, Knochenhauer auf den Steinen, Schmiede und Weber 
eine Urkunde. 

Bei Gelegenheit der Bestätigung ihres alten Rechtes durch den 
Bischof erlangt die Stadt das Zugeständniss, dass in Streitfallen mit 
dem Hochstifte das eidliche Zeugniss der i2Rathmannen als verbindlich 
anerkannt wird; wiederholt führen Ausschreitungen auf der einen oder 
andern Seite Differenzen herbei, welche 1295 nach Verletzung der 
Iknmunität der Domcurien durch die Bürgerschaft die Verhängung 
des Interdiktes über die Stadt zur Folge hatten. In der Ansie- 



— 19 — 

delung der Venedig gewann der Bischof einen Stützpunkt, dessen 
Befestigung er sich vorbehielt. Die nächste Umgebung des Gode- 
hardiklosters dagegen bildete wie der Brühl ein besonderes Stadt- 
viertel, dessen Gerichtsbarkeit dem Klostervogte zustand. In dem 
Masse als die städtische Selbständigkeit sich entwickelte, musste 
sich das Bedürfniss einer neuen Fixirung des geltenden Rechtes 
fühlbar machen: so kam es schon um das Jahr 1300 zur Ab- 
fassung eines neuen Stadtrechtes, welches die alten Statuten in 
sich aufnahm und im Wesentlichen durch einen Zolltarif und eine 
eingehende Darstellung des Geschäftskreises des Rathes, des Erb- 
und Familienrechtes erweiterte. Ueber die Art der Entstehung 
desselben giebt eine leider nur abschriftlich erhaltene und undatirte 
Urkunde des Rathes für die Gerber und Schuhmacher Aufschluss. 
Danach setzte man eine aus 4 Mitgliedern des Rathes und eben- 
soviel Angehörigen der Handwerksämter zusammengesetzte ständige 
Commission zur Entwerfung eines Stadtrechtes nieder, zu dessen 
Beobachtung die neu erwählten Rathmannen verpflichtet werden 
sollten; bei Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Rathes soll 
die Interpretation der 8 entscheidend sein. Die Ernennung dieser 
Commission erfolgt wie die des Rathes kurz nach Martini. 

Der hervorragende Antheil, welchen wir hier den Innungen ein- 
geräumt finden, würde Bedenken gegen die Echtheit der Urkunde 
erregen, ebenso wie der Umstand, dass weitere urkundliche Nach- 
richten über eine solche, dem Rathe auf dem Gebiete der Gesetz- 
gebung vorgesetzte Behörde fehlen, wenn nicht aus dem Stadtrecht 
selbst mit Sicherheit sich ergäbe, dass von den zwei Finanzmännern, 
welche zu Martini gewählt wurden, dem Mitglied des Rathes ein 
aus den Aemtern Erwählter zur Seite trat. 

Es kann nicht die Absicht sein, hier den umfangreichen Inhalt 
dieser Statuten zu recapituliren; nur die Bemerkung sei gestattet, 
dass die Competenzen des Rathes im Gegensatz zu den Funktionen 
des Vogtes weit überwiegen; in seine Kasse fliesst der grösste 
Theil der Brüche, z. B. für Uebertretung des Verbotes der Ver- 
äusserung von Erbgut an geistliche Personen; in seiner Hand ist 
die polizeiliche Gewalt; der gesammte Rath in möglichst zahlreicher 
Betheiligung nimmt die Werbung von Söldnern vor. Vergebens 
sucht man indessen nach detaillirten Angaben über die Zusam- 
mensetzung und Umsetzung des Rathes. Dagegen wird diesem 



— 20 — 

Mangel durch die Rathsliste der Urkunden in den wichtigsten 
Punkten abgeholfen. Sobald das Schwanken in der Zahl der Rath- 
mannen etwa um 1280 aufhört und die Zahl der vom Rath aus- 
gestellten Documente zunimmt, lässt sich Folgendes als das evi- 
dente Resultat einer Vergleichung der Besetzung der einzelnen 
Jahre aufstellen: Der gesammte Rath von Hildesheim, der Rath 
vor und nach, wie es bisweilen heisst, oder alle drei Räthe, be- 
steht aus 36 Rathmannen und tritt nur selten und in wichtigen 
Fällen, vor Allem bei Aenderungen der Verfassung und Entschei- 
dungen über auswärtige Angelegenheiten in Funktion; dagegen 
altemirt ein Drittel dieser Gesammtzahl auf je ein Jahr in der 
eigentlichen Leitung der Stadt, so dass in jedem vierten Jahre die- 
selben Namen von Rathmannen in derselben Folge begegnen, so- 
weit nicht durch Tod oder aus anderweitigen Gründen ein Wechsel 
bedingt ist; anstatt des ausgeschiedenen Rathmannes tritt ein neuer, 
offenbar von dem gesammten Rathe Cooptirter an letzter Stelle ein 
und rückt im Laufe der Zeit in der Reihenfolge vor. Einzelne Ab- 
weichungen in den Rathslisten vermögen diese Regel nicht zu er- 
schüttern. Danach kann es einem Zweifel nicht unterliegen, dass, 
wie an anderen Orten, so auch in Hildesheim die Stellung des 
Rathmannes eine lebenslängliche war, behauptet von einer kleinen 
Anzahl von Geschlechtern, welchen Reichthum und Grundbesitz 
nachweislich als mächtige Stütze für ihre Position zur Seite standen, 
deren Söhne frühzeitig in dem Domcapitel und den Pfründen der 
Stifter Aufnahme fanden. 

Gegenüber dem Bischof errang die Stadt in dem Kampfe von 
1295 die Conzession, dass jährlich kurz nach Martini zwei Vertreter 
des Clerus und zwei Rathmannen zusammentraten, um Zwistigkeiten 
in Güte beizulegen und entweder selbst oder durch einen durch 
das Loos gewählten Richter zu entscheiden, dessen Urtheil zu voll- 
strecken Rath, Bischof und Domcapitel sich verpflichten. Auf die 
Verluste, welche das städtische Archiv erlitten hat, wirft es ein 
Licht, wenn es in dem Vergleiche heisst, er solle in den Annales 
burgensium aufgezeichnet werden, Stadtbücher, deren Mangel die 
lange Reihe der von 1379 ab erhaltenen Stadtrechnungen nicht zu 
ersetzen vermag. 

Viel weniger deutlich als bei der Altstadt lässt sich die Be- 
setzung des Rathes im Damme und in der Neustadt verfolgen, zu- 



— 21 — 

mal nur wenige Listen zur Vergleichung herangezogen werden 
können. In beiden wiederholen sich dieselben Namen im Rathe, 
ohne dass ein bestimmtes Prinzip in der Umsetzung zu erkennen 
wäre. Auch bei der bischöflichen Neustadt wie im Damme liegt 
eine Theilung des gesammten Rathes in drei alternirende Ab- 
theilungen zu Grunde; es bedurfte eines gemeinsamen Beschlusses 
des gesammten Rathes, um die Wiederwahl zweier Bürger der Neu- 
stadt in den Rath auszuschliessen; nur die Verbindung der drei 
Räthe vermag eine Willkür über den Betrieb des Wollenweber- 
handwerks und des Gewandschnittes im Damme aufzuheben. 

Mit dem Zunehmen des Materials treten diejenigen Kreise der 
Bürgerschaft, welche die Mitglieder des Rathes der Altstadt liefern, 
in ein helleres Licht; einzelne Familien, allen voran die zahlreichen 
Frese, wagen es, trotzend auf ihre Machtstellung, dem Bischof ent- 
gegenzutreten, bis der Rath vermittelnd einschreitet; mit bewaffneter 
Hand bekämpfen sich einzelne hervorragende Geschlechter, wie die 
vom Damme, die vom Osterthor, die Frese* und die Bocfelle in den 
Strassen der Stadt. Anlass zu einem interessanten Denkmal städti- 
scher Gerichtsbarkeit bietet die Veruntreuung von 36 Mark durch 
Ludolf Pepersac als geschworenen Finanzmann und seine Flucht 
1310: der gesammte Rath tritt zusammen, man läutet Sturm und 
verkündigt die That von der Laube des Rathhauses; unter Theil- 
nahme der Gemeinde und des Rathes wird Jener vor dem Vogte 
verfestet. Der Vereinigung des Rathes mit einer grösseren Anzahl 
von Angehörigen der Bürgerschaft gesellen sich die Aemter der 
Schuhmacher, Bäcker und Fleischhauer bei, um sich gegenseitig 
zum Ausschluss des Verfolgten von der städtischen Bannmeile zu 
verpflichten. 

Andauernde Diflerenzen des Rathes mit dem Bischof sind vor- 
auszusetzen, wenn im Jahre 1317 28 Mitglieder des gesammten 
Rathes — in der fehlenden Minorität spricht sich die Spaltung 
im Schosse desselben aus — übereinkommen, Bevollmächtigte zu 
Verhandlungen mit einem auswärtigen Fürsten zu erwählen, in 
dessen Hand der Schutz der Rechte der Stadt zu legen sei. Viel- 
leicht beseitigte man kurz nachher einen erheblichen Punkt der 
Gegensätze, indem Bischof und Domcapitel auf ihre Hörigen und 
die der Stifter Verzicht leisten, welche in die Bürgerschaft von Hildes- 
heim aufgenommen seien; andererseits sollen künftig dem Eintritt 



Mannes, die Ausfertigung einer zugleich von dem Unterküster des 
Domes besiegelten Urkunde des Rathes und ein zweijähriger Aufent- 
halt in der städtischen Bauerschaft vorhergehen; im Falle der er- 
folgreichen Reclamation eines Hörigen durch seinen Herrn fallt 
der dritte Theil seiner Güter dem Rathe zu. 

Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung Hildesheims 
und seine Stellung zu Bischof und Clerus war das Verhältnis» zu 
der Nacbbaransiedelung der Dammstadt. Auf beiden Seiten des 
Weges, welcher durch das Dammthor nach der Anhöhe führt, 
welche die Kirche des früheren Moritzstiftes krönt, dehnen sich 
Wiesenflächen aus. Die nördlich vom Wege gelegene Fläche war 
es, welche das Stilt im Jahre 1196 einer Ansiedelung von Flamän- 
dern einräumte, jenen Colonisten, welche den schwungvollen Be- 
trieb der Gewerbe der Tuchmacherei und Wollenweberei in ihrem 
Gefolge führten; Hofstätten von je iz Ruthen Breite und 6 Ruthen 
Länge werden den Anbauern zugewiesen; sie dürfen nach dem 
Recht der Flandrer über ihr F.rbe verfügen vorbehaltlich der Be- 
stätigung im Gericht des Vogtes, welcher nur einmal jährlich dem 
Gerichte Vorsitzen soll; seinem Schutze wird das erblose Gut auf 
Jahr und Tag unterstellt; ihm allein fällt es anheim, wenn kein Erbe 
sich meldet; dagegen wählt sich die Gemeinde einen Bauermeister 
(magistrum civilem); die Festsetzung der Strafen und anderer Punkte, 
heisst es in der interessanten Urkunde, nach dem Recht der Flandrer 
zu Braunschweig und an der Elbe erfolgt durch die Colonisten selbst 
mit Zustimmung des Vogtes; dem Moritzstifte wird zu Michaelis 
der Grandzins entrichtet. Spärliche Zeugnisse verrathen in der 
Folge zunächst das Sonderleben dieser Gründung des Dammes; 
überaus vereinzelt erinnern Namen wie die von Ypern und Gent 
an die Herkunft seiner Bewohner; immerhin zeugt es von dem 
raschen Fortschritt der Ansiedelung, dass schon vom Jahre 1232 
eine Verleihung städtischer Rechte an dieselbe durch den Vogt des 
Moritzstiltes vorliegt, in weicher der Gemeinde ein höheres Mass 
der Autonomie eingeräumt wurde. Allerdings sind es jetzt die 
Südseite des Dammes und der eigene Grund und Boden des Lo- 
cators, welchen das Recht verliehen wird und welche nach dem Wort- 
laut der Urkunde mit den Bewohnern der Nordseite des Dammes 
nur die Fürsorge für die Stadt befestigung gemein haben sollen; 



— 23 — 

doch finden sich nachher von einem Nebeneinanderbestehen zweier 
Gemeinden zu beiden Seiten des Dammes so wenig Spuren wie 
die Art und Weise ihrer Vereinigung zu erkennen ist. Im Gegen- 
satz zu den früheren Bestimmungen wird jetzt ausgesprochen, dass 
der Worthzins weder erhöht noch verringert werden solle; ohne 
die Erlaubniss des Vogtes einzuholen, dürfen die Bürger ihre Häuser 
und Hofstätten veräussern; ihm fallt nur 7$ ^^ unbeerbten Gutes 
zu, der Rest soll für die Zwecke der Stadtbefestigung verwandt 
werden; Sache des obersten Vogtes, des Grundherrn der Stadt, ist 
es, Streitigkeiten innerhalb der Bürgerschaft zu entscheiden, wäh- 
rend ein von ihr selbst erwählter Bauermeister (magister civium) 
die freiwillige Gerichtsbarkeit innerhalb der Aemter handhabt und 
in zweifelhaften Fällen die Sache an den Vogt bringt. Die Ver- 
pflichtung zur Heeresfolge gegenüber dem Vogt beschränkt sich 
auf das allgemeine Landesaufgebot; zwei ohne Einwirkung des 
Vogtes gewählte Rathmannen sollen die allgemeinen Interessen der 
Stadt wahrnehmen. Es entspricht der Vereinigung der beiden Be- 
standtheile zu einer Stadt, welche der Altstadt selbständig gegen- 
übertritt, wenn in den 80 er Jahren des 13. Jahrh. der Rath des 
Dammes zuerst urkundlich erwähnt wird, anfangs aus 5, später 
regelmässig aus 6 Mitgliedern zusammengesetzt. Seine und der 
Bürgerschaft Stellung gegenüber dem Bischof, welchem unzweifel- 
haft der Worthzins zustand, entzieht sich zunächst unserer Kenntniss. 

Den Charakter einer bischöflichen Gründung zu Anfang des 
13. Jahrb., welche der unmittelbaren Verwaltung des Dompropstes 
unterstellt wurde, trägt die Neustadt im Osten des alten Hildes- 
heim mit der Pfarrkirche zu St. Lamberti, auch sie später mit 
einem Rathe von 6 Personen ausgestattet. 

Frühzeitig bildete der concurrirende Handel der Dammstadt 
ein Moment, welches die Eifersucht der Bürgerschaft erregte, poli- 
zeiliehe Massregeln des Rathes hervorrief und schliesslich unter 
Steigerung der Handelsinteressen zu einem Akte roher Gewalt 
führte. Leider stehen gleichzeitige Nachrichten nicht zu Gebote, 
um den Umfang und die Intensität der Tuchbereitung im Damme 
zu beurtheilen; es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dass in der 
Bevölkerung des Dammes von flandrischer Abkunft eine traditio- 
nelle Gewandtheit für diese Industrie sich erhielt, dass mit der er- 
höhten Leistungsfähigkeit, unterstützt durch alte Handelsverbin- 



uuitBCU, cm icgcf • ciili;u> iiai-ii ucm auai.>uuc iiaiiu lu iiAuu guig, 

wohl geeignet, die Interessen der mächtigereii Nachbarin empfindlkfa 
zu schädigen. Bei dieser Lage bedeutete es einen bemerkenswertben 
Sieg der Altstadt, dass 1298 Rath und Bürgerschaft des Dammes zum 
offenen Verbot des Gewandschoittes für den Verkauf sich verstanden ; 
mit Geldstrafen, in wdche sich die beiden Corporationen theilten, sollte 
jede Uebertretung geahndet werden. Gelang es in diesem Falle anter 
Vermeidmig einer Intervention des Landesherrn, die gefährliche Con- 
cnrrenz zu unterdrücken, so mussten die Streitfragen sich emeaern, 
sobald dieser die Sache der Unterlegenen in die Hand nahm: und 
in der That erklärt Bischof Heinrich II. 1317 jenes Verbot des 
Tuchhandels im Damme für ungültig, gestattet und beschützt den 
unbeschränkten Vertrieb in der Diöcese, und ruft offenbar eben 
durch diesen Akt jene Verhandlungen des Rathes der Altstadt mit 
einem auswärtigen Fürsten hervor, deren gedacht wurde. Es ver- 
knüpft sich damit die Verleihung von Privilegien an die Damm- 
stadt und eine Regelung ihrer inneren Verhältnisse, welche die 
Bewohner in ein unmittelbares, dem Standpunkt der früheren Un- 
freiheit nahekommendes Verhältniss xa dem Bischof setzt: dahin 
gehört vor Allem die Bestimmung, dass die in ^n Handwerksamt 
im Damme Eintretenden dem Bischof '/a Mark, dem Rathe 1 '/> Mark 
und den Handwerksmeistern 4 Schillinge zu entrichten haben, wäh- 
rend gleichzeitig in der Altstadt eine Einwirkung des Bischofs auf 
die Gilden nirgends wahrzunehmen ist, obwohl hier mehrere Innungs- 
briefe vorliegen ; als Recognitionszeichen soll der Rath im Damme dem 
Bischof jährlich einen halben Eimer Wein entrichten; zugleich wird 
die Ladung der Einwohner vor fremde Gerichte vor Anhörung des 
bischöflichen Vogtes untersagt; auf dem Galgenberge bei Himmels- 
thür bewilligt Otto II. wenige Jahre später nach Anhörung und 
mit Zustimmung des Landes, wie es in der Urkunde heisst, der 
Bürgerschaft der Dammstadt eine Dingstätte; nimmt man hierzu, 
dass der Bischof gleichzeitig mit jenem Schutzbriefe eine Bede von 
diesem Stadttheil erhebt, so scheint es nicht mehr zweifelhaft, dass 
die Folge jener tiefeinschneidenden Massregel der Altstadt hier ein 
enger Anschluss an den Landesherrn war: von ihm wurde der 
Schatz der Handelsinteressen mit Aufopferung eines Theiles der 
Autonomie erkauft. 

Um allen Eventualitäten, welche die Entwicklung der Frage 



/ — 25 — 

mit sich bringen konnte» gewachsen zu sein, greifen in den Jahren 
um 1330 beide Parteien nach Mitteln zu ihrer Vertheidigung: die 
Instandsetzung der Stadtmauer wird Gegenstand der Fürsorge des 
Rathes des Dammes; fast scheint es ein Ausdruck mihtarischer Ge- 
sichtspunkte, wenn er sich verpflichtet, dem Bischof für den Fall 
der Anlage eines befestigten Fleckens neben dem Damme ein 
Stück Land abzutreten; in ähnhchem Sinne betraut der Rath der 
Altstadt vier seiner Mitglieder mit dem Abbruch und Neubau des 
Almesthores; doch er verfügt noch über ergiebigere Kräfte: streit- 
bare Ritter und Knappen aus alten Geschlechtem, die Steinberg, 
Oberg, Bortfelde gewinnt er zu Bürgern, die sich zur Stellung von 
Mannschaften verpflichten; als Soldnerführer tritt Ritter Lippold von 
Roessing auf 5 Jahre in den Dienst der Stadt; für den gleichen 
Zeitraum endlich erkauft der Rath der Altstadt den Schutz Herzog 
Otto's von Braunschweig mit einer Geldzahlung, indem sich dieser 
ausdrücklich zur Unterstützung der Stadt in ihren nicht mehr ver- 
heimlichten Intentionen gegenüber dem Damme verpflichtet. 

Inmitten dieser Vorbei4ltungen fiel nun eine streitige Bischofs- 
wahl, indem Heinrich Herzog von Braunschweig, dem von dem 
Domcapitel Erwählteiv seitens des Papstes Graf Erich von Schauen- 
burg entgegengestellt wurde; auf Erichs Seite kämpften in erster 
Reihe die Bürger von Hildesheim; sie hofiten, von ihm die weit- 
gehendsten Conzessionen gegenüber dem Damme zu erreichen. 
Noch kurz vor der Katastrophe übernimmt er der Stadt gegenüber 
die Verpflichtung, sobald der Damm in seine Gewalt komme, 
dessen Thürme und Mauern nach der Altstadt hin, deren Ent- 
wicklung sie hemmen, für immer niederlegen zu lassen und beide 
Städte zu einem Gemeinwesen zu vereinigen; auch die lästige Ver- 
bindlichkeit, dass der Rath jährlich dem Domcapitel die Beobach- 
tung seiner Rechte beschwor, war Erich geneigt aufzuheben. Doch 
unbefriedigt von einer Lösung auf friedlichem Wege, steigerte sich 
die Leidenschaft der Menge zu einem Akte ungezähmter Selbst- 
hülfe, der für die Zuchtlosigkeit des Zeitalters ein denkwürdiges 
Beispiel darbietet. In der Christnacht des Jahres 1332, während 
die HeiUgkeit des Zeitpunktes die Wehrlosigkeit der Bewohner 
erhöhte, stürzen bewaffnete Massen auf die verhasste Nachbarstadt: 
verheerendes Feuer verwandelt in wenigen Stunden die blühende 
Ansiedelung in einen Schutthaufen; zum Gedächtniss für die Nach- 



— 26 — % 

weit verzeichnete ein Priester zu St Johannis den Besitzstand, 
welchen das der Krankenpflege gewidmete Stift in jener Schreckens* 
nacht einbüsste. 

Zu einem selbständigen Gemeinwesen mit einem Rathe hat die 
Ansiedelung, welche nachmals auf dem Boden der Dammstadt 
sich niederliess, sich nie wieder zu erheben vermocht: nach dem 
Frieden zwischen Bischof und Stadt bilden die richterliche Thatig- 
keit des bischöflichen Vogtes und die Entrichtung gewisser Worth- 
Zinsen an das Moritzstift als Grundherrn den wesentlichen Inhalt 
urkundlicher Aeusserungen über den Damm. 

Nach Feindseligkeiten im oflenen Felde, über deren Verlauf die 
Quellen sehr spärlich fliessen, kam es am 26. März 1333 unter 
Vermittelung von Abgesandten des Rathes von Braunschweig und 
Goslar und Theilnahme mehrerer Fürsten des weifischen Hauses 
zu einem Vergleich, der sog. Sona Dammonis: eine Errungenschaft 
von hoher Bedeutung bezeichnete die Abtretung des Dammes an 
die Stadt, indem sich der Bischof nur Gericht, ZoW und Frohnzins 
vorbehielt, und die Conzession der unoeschränkten Befestigung der 
Stadt mit Einschluss des Dammes; der neue Anbau sollte Sache 
des Rathes sein, die vermittelnden Städte Brawischweig und Goslar 
werden für den Fall künftiger Streitigkeiten als Schiedsrichter an- 
erkannt, ihr Ausspruch wird in den folgenden Jahren nur allzu 
oft verlangt ; in ihren Erkenntnissen auf Grund des Sühnevertrages 
ist ein werthvolles Material erhalten. Meist bedrohen aufs neue 
den Frieden Conflikte über die Grenzen der geistlichen und städti- 
schen Gerichtsbarkeit, Fragen über kirchliche Lehen in den Händen 
der Bürgerschaft, bisweilen auch Difierenzen über die Ausübung 
des Gottesdienstes im Zusammenhang mit dem Umstand, dass dem 
Bischof nach wie vor die Anerkennung des romischen Stuhles ver- 
sagt war. Dazu kam, dass die städtische Verwaltung nach den 
Leistungen der letzten Jahre die Bedürfnisse mit den laufenden 
Einkünften zu bestreiten nicht mehr im Stande war. Man legte 
zur Erleichterung der Schuldenlast im Jahre 1342 der Bürgerschaft 
eine Steuer des zehnten Pfennigs von allem Gute auf, über deren 
Aufbringung ein werthvolles Document eingehende Rechenschaft 
ablegt. Die Verschlechterung der Münze, welche Hildesheim mit 
den Nachbarstädten theilte, obwohl das Schlagen der Pfennige 1300 
und 1321 im Einverständniss mit Bischof und Domcapitel geregelt 



— 27 — 

-worden war, liess es za einer dauernden Ordnung der Stadtfinanzen 
nicht kommen. Gerade in den Jahren, wo der Wiederausbruch 
des offenen Krieges zwischen den beiden Bischöfen eine entschie- 
dene Parteistellung der Stadt nöthig machte, spaltet ein Münzstreit 
die Bürgerschaft in zwei Lager, damit verknüpft Verfassungskämpfe, 
über deren Charakter wir vielfach auf Hypothesen angewiesen sind. 
Mitglieder der Rathsgeschlechter stellen Bischof Heinrich ihren Bei- 
stand gegen die Stadt zur Verfugung, während die Bürgerschaft 
aufs neue die Sache seines Gegners unterstützt. Unter der Gunst 
dieser Unruhen nach aussen und im Innern der Stadt errang sich 
jetzt die handwerktreibende Bevölkerung, vertreten durch dieCorpo- 
rationen der Gilden, eine massgebende Stellung zwischen dem Rath 
und der Bürgerschaft; in den Sechsen, deren Zustimmung für die 
Beschlüsse des Käthes jetzt erforderlich ist, darf man einen Aus- 
schuss aus der Mitte der Innungen und der Gemeinde erblicken; 
wenigstens fehlt unter den 6 Namen jede Beziehung auf die alten 
Bestandtheile des Rathes; von zweien der 6 lässt sich nachweisen, 
dass sie den Aemtern der Schuhmacher und Kramer angehörten. 
Sie waren offenbar die mächtigen Führer einer demokratischen Be« 
wegung, deren Resultat der Umsturz der alten Rathsverfassung, 
die Theilnahme der Aemter und der Gemeinde an dem Stadt- 
regimente war; dass diese Bewegung nicht ohne revolutionäre 
Zuckungen sich vollzog, beweist der Umstand, dass beim Abschlüsse 
des Streites den Sechsen ausdrücklich Amnestie für die Ereignisse 
der letzten Zeit zugesichert wurde. Sie legten ihre ausserordent- 
lichen Befugnisse erst nieder in die Hände eines neu organisirten 
Rathes, über dessen Zusammensetzung ein Statut vom ii.December 
des Jahres 1345 Aufschluss gibt. Danach waren die Sechs — oder 
sollte man in ihnen eine von Jenen verschiedene Behörde erkennen? — 
zu der Einsetzung eines neuen Rathes von Hildesheim bevollmächtigt. 
Sie entledigen sich ihres Auftrages, indem sie 12 aus dem alten Rathe, 
12 aus den Aemtern und 12 aus der Gemeinde zum Rathe berufen; der 
sitzende Rath soll jährlich am 7. Januar bestellt werden; stirbt ein Rath- 
mann, so sollen die Bürgermeister, zwei an der Zahl, deren Amt 
jetzt zuerst ins Leben tritt, während der Kreis ihrer Befugnisse nicht 
festgestellt wird, zwei aus dem sitzenden Rathe und je einen Rath- 
mann aus den beiden andern Abtheilungen des Gesammtrathes 
wählen, welche nun ihrerseits zu Neujahr die geeignetste Person- 



— 28 — 

lichkeit in den Rath berufen; ausdrücklich heisst es da, es sei aus 
dem alten Rathe oder seines Gleichen oder aus den Aemtern oder 
aus der Gemeinde; man sieht, den Aemtern und der Gemeinde, 
eben jenen Elementen, deren Eintritt in den Rath die Errungen- 
schaft der Umwälzung bedeutete, wird der alte Rath und seines 
Gleichen entgegengesetzt, d. h. der enge Kreis von Geschlechtem, 
deren ausschliesslicher Besitz bis jetzt die Besetzung des Rathes 
gewesen war, in diesem Sinne in der That das Patriziat von Hil- 
desheim, welches sich jetzt genothigt sah, den Vorzug seiner Po- 
sition mit den aufstrebenden Massen zu theilen. In diesem Zu- 
sammenhang findet jene Thatsache ihre Erklärung, dass in dem 
Momente, in welchem 1343 der Kampf zwischen den beiden Kirchen- 
fürsten sich erneut, die grosse Menge der städtischen Bevölkerung 
auf Seite Erichs steht, während die Hauptvertreter der Raths- 
geschlechter, mit ihrem Anhang aus der Stadt vertrieben, im eng- 
sten Anschluss an Bischof Heinrich und einem Bündniss gegen 
die Stadt ihre Rettung suchen. Ueber ihre Köpfe hinweg, und 
indem sie in seinem Lager den Ausgang der Dinge erwarten, 
ringen in den Mauern der tieferregten Stadt die demokratischen 
Elemente mit Erfolg um die Herrschaft. Der Umsturz der Raths- 
verfassung war eine vollendete Thatsache, als Bischof Heinrich in 
offener Schlacht das Uebergewicht über seine Gegner und die Stadt 
errang und in dem Friedensschluss mit dem Rath und der Bürger- 
schaft im November 1346 nach einer Richtung hin einen Ersatz 
für die Verluste früherer Jahre fand. Von den zahlreichen Punkten 
der Urkunde, welche für die Entwicklung dieser Stadt einen denk- 
würdigen Abschluss bildet, genüge es, den einen hervorzuheben, 
dass alle der Stadt von Bischof Heinrich seit seiner Wahl ertheilten 
Briefe ungültig sein sollten; in erster Linie war damit der Damm 
dem bischöflichen Besitze zurückgegeben, wenn auch ein Neben- 
vertrag die Befestigung desselben ausschloss und zu Gunsten der 
Ausdehnung und Entwicklung der Stadt mildernde Vorschriften 
enthielt. Der gleichzeitigen Verfassungsänderungen gedenkt der 
Vertrag so wenig, wie die rückkehrenden Geschlechter auf eiAe 
Verfolgung ihrer Ansprüche an die Stadt Bedacht nehmen. 

Völlig erschöpft und in unbezweifelter Abhängigkeit gegenüber 
dem Landesherrn trat Hildesheim in die zweite Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts ein; in hingebender Treue zogen die Bürger mit Bischof 



— 29 — 

Gerhard aus, um am Tage des h. Remaclus 1367 auf dem Felde 
von Dinklar den denkwürdigsten Sieg über Fürsten und Ritter- 
schaft zu erfechten; untergeordnet ist der Antheil, welchen die 
Stadt an dem Bunde der Sachsenstädte nimmt; in dem Zeitalter 
der Schwäche des Reiches und der Zersplitterung der Territorien 
bietet die Entwicklung der inneren Zustände, die Ausbildung des 
Gilden Wesens, die Gestaltung der städtischen Finanzen ein vor- 
wiegendes Interesse dar. Während der Stfftsfehde wurde Hildes- 
heim wiederholt der Schauplatz heftiger Kämpfe; von den Folgen 
der Zerstückelung des Hochstiftes wurde auch die Stadt aufs tiefste 
betroffen. 



V 



III. 



TRISTES RELIQUIÄE, 



VON 



FERDINAND FRENSDORFF. 



Vor mehreren Jahren erhielt ich von unserm verstorbenen 
Freunde, Professor Wilhelm Mantels, der so aufmerksam alle Rich- 
tungen der lübischen Geschichte verfolgte, einen der Lübecker 
Stadtbibliothek gehörigen Pergamentbogen zugesandt, der auf seinem 
vordem Blatte Statute in lateinischer, auf dem zweiten in deutscher 
Sprache enthielt und offenbar einst Bestandtheil eines Recl^tscodex 
gewesen war. Arbeiten anderer Art schoben die längst beabsich- 
tigte Untersuchung der Handschrift immer wieder in den Hinter- 
grund, bis ich in den letzten Wochen gelegentlich eines Aufsatzes 
über Homeyer, den ich für die Allgemeine deutsche Biographie 
schrieb, dessen Ausgabe vom Richtsteig Landrechts wieder zur 
Hand nahm und dabei wiederholt (S. 468, 473) auf ein früher un- 
beachtet gelassenes Citat: „Fragment eines Rechtsbuches beiDreyer, 
Beiträge" stiess. Als ich Dreyers Beiträge zur Litteratur und Ge- 
schichte des Deutschen Rechts (1783) nachschlug, fand ich als An- 
hang einer die Ausgaben des Sachsenspiegels besprechenden Ab- 
handlung den grössten Theil der Sätze wieder, welche das Lübecker 
Manuscript enthielt. Allerdings fehlte es nicht an mannigfachen 
und recht befremdlichen Abweichungen. Dennoch — bei den 
langjährigen Beziehungen Dreyers zu Lübeck, demUebergang zahl- 
reicher Dreyeriana in die Lübecker Bibliothek, der Ueberschrift, 
welche Dreyer seiner Publication gegeben: Reliquiae tristes oder 
Bruchstücke eines alten authentischen Gesetzbuches aus dem XIU. 
Jahrhundert, lag der Gedanke an eine enge Zusammengehörigkeit, 
selbst an eine Identität beider Statutenfragmente nahe genug, zu- 
mal ich an den Dortmunder Arbeiten die Art und Weise kennen 
gelernt hatte, in der Dreyer mit handschriftlichen Vorlagen umzu- 
gehen, besser umzuspringen pflegte. Der Zusammenhang, der 
Dreyer zu seiner Mittheilung führt, ist ein ziemlich loser. Die 
Angabe, dass ein ehedem auf der Insel Fehmam befindlicher Codex 

Hansische Gescbichtsblätter. IX. 3 



— 34 — 

des Sachsenspiegels von 1315 zu Umschlägen von Zollregistem 
verwandt sei, veranlasst ihn, von dem ,,nicht seltenen Schicksal'* 
zu reden, „wodurch die Dummheit manches schöne Denkmal des 
Alterthums zu Grabe gebracht hat", und eines geretteten traurigen 
Ueberbleibsels zu gedenken, das ihm selbst durch die Güte des 
gelehrten Dr. Oelrichs zugekommen sei. Hinter der Abhandlung 
giebt er dann den Wortlaut des Blattes wieder, damit gelehrte 
Leser, die etwa ein Apograph besitzen, eine Nachricht zu ertheilen 
geneigen möchten, „wo der Codex eigentlich zu Hause gehöre". 
Handschriftenbeschreibungen waren damals und noch lange hin 
bei Juristen und Historikern nicht üblich, und so begnügt sich 
denn auch Dreyer, das Blatt als Rest eines der trefHichsten Co- 
dices juris statutarii zu bezeichnen, dem die strengste Kritik ein 
in das 13. Jahrhundert reichendes Alter nicht absprechen könne und 
unter den Händen des Buchbinders alle nur möglichen Grade der 
Tortur applidrt seien. Die Ueberschwänglichkeiten im Ausdruck 
abgerechnet, treffen die Angaben auf den Lübecker Pergament- 
bogen zu. Was die Sache vollends sicher macht, ist die Wieder- 
kehr der von Dreyer für seine Publikation gebrauchten Bezeich- 
nung auf dem Manuscript selbst. Von Dreyers eigener Hand 
steht auf dem Rande des Vorderblattes: Reliquiae tristes eines alten 
teutschen Codicis. Das Auffallende an der Arbeit Dreyers ist theils, 
wie er den Wortlaut jenes Fragments veröfifentlicht, theils, dass 
er keinerlei Versuch gemacht hat, den Inhalt zu verificiren. Da 
zugleich niemand, soviel ich sehe, der Aufforderung des Heraus- 
gebers damals oder später entsprochen und die Herkunft der 
Rechtssätze untersucht hat, so wird bei dem historischen Werth 
derselben eine erneute Beschäftigung mit dem Lübecker Manu- 
script nach allen diesen Richtungen hin am Platze sein. 

I. 

Was zunächst die äussere Beschaffenheit des Fragments an- 
geht, so ist der Pergamentbogen, der im Folgenden kurz mit A 
bezeichnet werden soll, 0,245 ™* hoch; das erste Blatt, dessen Rand 
weggeschnitten ist, 0,17 bis 0,18, das zweite c. 0,24 m. breit 
Vorder- und Rückseite des Bogens, also Bl. la und 2b, sind stark 
gebräunt und nur an den obem und untern Rändern hell ge- 
blieben; ebenso haben die Innenseiten (Bl. ib und 2a) des Bogens 



— 35 — 

ihre weissgelbliche Farbe bewahrt, vermuthlich in Folge ihres 
Dienstes als Umschlag, von dem noch einzekie, dem innern Blättern 
anklebende Papierreste zeugen. Das ganze Fragment rührt von 
einer Hand her, die schön, kräftig und regelmässig zu schreiben 
versteht und dem Ausgang des 13. Jahrhunderts angehört. Die 
Seiten sind in zwei Columnen getheilt und zählen 28, fein mit 
Dinte gezogene Linien, von denen je 27 mit Schrift ausgefüllt sind. 
Inmitten der 28. Zeile sind die Blätter unten beschnitten. und zwar 
schief, so dass die 28, Zeile, die auf Bl. i unlesbar ist, auf Bl. 2 
der Hauptsache nach erkennbar hervortritt. Ebenso ist der Seiten- 
rand des vordem Blattes stark beschnitten und damit die Lesbar- 
keit der zweiten Spalte auf Bl. la und der ersten auf Bl. ib zum 
grossen Theil beeinträchtigt. Jeder Artikel hat eine rothe Ueber- 
schrift; die Initialen der Textanfange sind abwechselnd blau und, 
roth ausgemalt. 

Der Text des Fragments A, das mit den Schlussworten eines 
Artikels beginnt, ist folgender: 

[Bl. la, Sp. I.] 
hereditatem equaliter. 

(I) De posicione hereditatis. 

Si aliquis poneret hereditatem suam propter debitas [in] obli- 
gacionem aliquibus burgencium coram media parte consulum vel 
non poneret in presencia omnium, talis posicio non esset firma, 
nisi ille *) quibus esset hereditas posita in reliquiis optineret % quod 
ille in tantum solvere ipsis teneretur et quod nullam prelocutoriam 
secum habuissent. 

(II) De hiis qui requirunt civitatis burschap. 

Si aliquis hospes in civitatem veniret et secum pueros duxerit 
suos, si sint seniores duodecim annis, tunc acquirent civitatis bur- 
schap tamquam si essent hospites et sicut eorum pater; si autem 
infra duo[decim, cum patre cives fiunt]^). 

*) lies: illi. 

^) lies: optinerent. 

3) Da durch die Zeile eine Falte des Fergamentbogens gieng und 
man die Worte durch Anwendung von Reagentien deutlich zu machen 
versucht hat, so ist die Lesung des Eingeklammerten nicht ganz sicher. 

3* 



36 - 



(III) De dampno adulterii. 
Si contingerit aliquem 



D 



[Sp. 2.] 

1. vülneraret 5 | 

2. vulnera proba | 

3. per testes ydon | 
4 hereditates 

5. et alter excessu | 

6. dasset nee de | 

7. convincendus | 

8. voluntate sua | 

(IV) De porcis 

10. Si aliquis | 

11. vel car | 

12 I 

13. o si non sunt | 

14. ... vynnych 

15. teuere debet 

16 I 

17. dere suos . . 



19. 
20. 
21. 
22. 

23- 

24. 

25- 

26. 
27. 
28. 



r) 



(V) pinquis est tal | *) 
Dominus | 
came | 

ei de patre et | 
et habet pue | 
sue lilie . . . . | 

.1 
I 

1 



(VI) 3) 



') Mit zwei Querstrichen ist das Ende der Spalte hier und nachher 
bezeichnet. Ein Querstrich zeigt au, dass der übrige Bestand der Zeile 
weggeschnitten ist. Punkte bedeuten die Unlesbarkeit vorhandener Worte. 

2) Roth. 

3) Auf dem unten weggeschnittenen Stücke muss ein neuer Artikel 
begonnen haben. 



— in — 





;bi. ib, sp. 


I.] 


I. 




uocuDque trans mare 


2. 




rtudinis sue or 


3- 




mentum suum ad 


4- 




1 suorum burgen- 


5- 




1 bi potest habe- 


6. 




1 synt viri fidedig- 


7- 




1 amentum erit ra- 


8. 




1 sicut per eum 


9- 




1 liter ordinatum 


lO. 




bargencibus 


II. 




si ille moria« 


12. 




1 nto ordinato 


13- 


1 


quis in (VII) Idem ') 


14. 




1 mento suo pro 


15- 




1 ecclesüs paupe- 


16. 




1 rentibus plus 


17- 




1 am haberet ox 


18. 




1 bus assignaret 


19. 




1 signacione plus 


20. 




1 m haberet omni 


21. 




1 secundum marktal 


22. 




1 . . tarn uxori 


^i- 


ecclesüs. 


(VIII) De debitis ') 


24. 




1 de paupera 


25- 




1 


26. 




• • • • 


27- 




1 . . . quod 


28. 




1 • • • • 



[Bl. ib, Sp. 2.] 
superiorem semper daret pro debitis. 

(IX) De rebus conservatis. 

Si aliquis profugus abiret de civitate et alicui civium vel cni- 
cunque daret ad servandum pecuniam aut res ab illo accepisset 



^) Dies Wort roth. ") Diese beiden Worte roth. 



■ - 38 - 

et post ea fateretur, si juramento in reliqoiis expargaret quod 
nesciret, quod profugus fuisset, nichil propter hoc emendaret; sin 
autem, 60 soHdos emendaret pro vorweygher3mghe. 

(X) De sentencia consulum. 

Si sentencia consulum arguta fuerit et ille succubuerit, quatuor 
solidos unicuique consulum tam novis quam antiquis qui vocati 
fuerunt ad hoc et qui tunc sunt presentes et de expensis fiat se- 
cundum conscienciam consulum et judicabunt, quis partium ex- 
pensas solvere teneatur, sed magistris burgencium vadiabit cuilibet 
decem solidos denariorum '). 

[Bl. 2a, Sp. I.] 

(i) II ghen mach, dat he unschuldich sy des dodes, he mach 
sik bet untsegghen mit guden luden, dan ene de andere over gan 
mach; hee schal ok to syner unschult hebben elven gude man, 
dat he de twelfte sy. 

(2) Wor en wortyns wedder kopet. 

So wor en man van deme anderen to tinse nemet ene word 
sunder vorwart, wil he den wortins wedder hebben tho kope, he 
schal eme vor de mark gheven io neghen mark sulvers. 

(3) Wat gude en wedder gheven schal. 

So wor en man deme anderen dot gud to makende umme 
Ion, welker hande gud id sy, vorlust de iene dat gud de id maken 
schal mit syme gude na deme dat he dar Ions af warende is, 
he schal deme manne syn gud wedder gheven; ne mach he || 

[Sp. 2.] 

ghen, dar he syn recht dar to don, dat it beter nicht ne were, 
wan also he id eme ghelden wil, dar mede scholen se scheiden 
werden. 

(4) Van underwyndinghe gudes unde rente. 

So wor en man syn testament maket und vormunder settet, 
werd syner to kort, de vormunder scholen sik des gudes tho male 

') Danach in dem Rest der Zeile eine rolhe Ueberschrift, von der 
nur die Spitzen sichtbar; alles übrige wie die darunter stehenden Zeilen 
weggeschnitten. 



— 39 — 

nnderwynden erve kopenschop und rente ta 
dnnket denne deme rade, dat dar so vele kop 
dar de kindere af holden moghe, so scholei 
dar af holden und schal en de rente vort kei 

(5) Wan en borgher werden i 

So welk man knmpt an nnse stat mit 8} 
synen kjnderen, de mach dar ynne wesen dn 

[B1.2b, Sp. I.] 
willen oder nicht 

(6) Van ghesten to kopslaghe 

So wan en ghast kummet in unse stat 
mach sjn gud vorkopen; werd he aver des t 
gnd in unser stat vord beweren wil, de beiK 
unser stat nicht vorkopen noch voranderen 
deit he dat, he schal dat beteren mit 10 mai 

(7) Van versenden raatmann* 

Sendet de ratmanne enen man edder mei 
reyse to lande edder to watere verne efte n: 
ene edder mer, don de reise; is erer denne e 

dane suke hebben efte so dane echt 

dat se de reyse nicht don ne moghen, so licl 
dat men en des || 

[Sp. 2.] 

dat se de reyse nicht don ne moghen, na 
echt an deme rade dat men en der reyse ^ 
over de reyse ghedan hebben, er sy en edde 
deme rade wer se en wat gheven willen edd 

(8) Wo langhe en denen sc) 

Lovet ienich minsche deme anderen den 
nen tyd, de tyd schal he eme al utdenen, i 
de denre dar en bynnen an en ghestlik levei 



') Die Zeile ist durch Anwendung von Reagen 



-- 40 - 

en echtschop gheve edder dat cruce over sik lesten wil; scheidet 
aver de denre van syme denste anders wan van dissen saken, so 
schal he ieme wedderkeren, deme he synen denst ghelovet heft, 
de helvede des gheldes, dat eme vor synen denst to der beschei* 
denen tyd ghelovet. (9) Liker || 

Vergleicht man mit dem Vorstehenden den Abdruck bei 
Dreyer, so fallt zimächst auf, dass er mit einem „Van hussokingen'* 
überschriebenen Artikel beginnt, von dem die Hs. A auch nicht 
eine Spur enthält Es entschuldigt den Herausgeber kaum, dass 
jenes Statut sich auf einem andern Pergamentfragment der Lübecker 
Bibliothek wiederfindet; denn dies Ms. — es soll im Folgenden 
als B bezeichnet werden — hat mit dem vorher besprochenen 
auch nicht einen einzigen charakteristischen Zug gemein. Es ist 
ein Pergamentblatt, 0,25 m. breit, 0,13 m. lang, ungespalten und 
nur auf der Vorderseite von einer unschönen und unregelmässigen 
Hand beschrieben, die etwa in die zweite Hälfte des 14. Jahrhun- 
derts zu setzen ist. Das Blatt ist zwar Bruchstück eines grossem 
Ganzen; aber das Statut van hussokinge, welches es überliefert, 
ist völlig unverstümmelt von der Scheere des Buchbinders ge- 
blieben. Das Interesse, welches der Inhalt gewährt, wird es recht- 
fertigen, wenn hier zunächst der Wortlaut folgt: 

Van hussokinge. 

Dit recht blive al so it is. Mer en bederve man mag ') sich 
entseggen met sines selves hant; wert over vorstolen gut an enes 
besprokenen mannes were gevflnden ^, de vor der tit en besproken 
man hevet gewesen unde men dat betugen mag, wil he dan der 
daet nicht bekennen, so mag ene de clegere sflf derde winnen up 
den hilgen, of he wil. Mer de clegere scal sine lüde al hebben, 
de mit eme al dus sweren solen. So scal men deme manne sin 
recht don. Wil oc ene de clegere aldus up den hilgen nich (I) 
gewinnen, so mag sie de besprokene man untseggen up den hil- 
gen silf derde, dat he nicht en wet, wo dat gut in sine were si 
gekomen. Hevet he der lüde nicht de mit eme sweren solen, so 
swere he to dem ersten: dat he neveder vrunde noch mage hebben 



') Die Handschrift liest zweimal mag. 
') Die Hs.: gew&nden. 



— 41 — 

mag to der tit, de eme helpen mögen to sime rechte, dat eme 
Got also helpe unde de hilgen. Darna swere he dat he der 
scnit de men eme gevet unsculdich si, dat eme Got also helpe 
unde de hilgen. So wan he den ed gesworen hevet, so sal he se- 
der ') sweren: de ed den he swor de is reyne unde nicht gemeine, 
dat eme Got also helpe unde de hilgen. Worde oc na der tit 
in des besprokenen mannes were vorstolen gut gevunden, de mag 
sie des nicht untseggen, mer men scal eme don sin recht. 

Auf dies Statut lässt Dreyer ohne irgend eine Bemerkung von 
den oben abgedruckten Sätzen des Lübecker Pergamentbogens die 
Nummern 2, 4, 6, 7 (blos die Ueberschrift, da das Nigrum nicht 
herauszubringen sei) und 8, X, IX, II, I und die Ueberschrift von 
III folgen. Den Wortlaut ändert er nach Belieben, z. B. ab illo 
in: et ille, sin autem in: sive autem (IX), omnium in: eorum (I), 
oder verkürzt ihn, auch wo er völlig lesbar ist: so die ganze letzte 
Hälfte von I, den Ausgang von II u. a. m. Nicht genug der 
Willkürlichkeiten, hängt er dem Schlüsse von Nr. 8 die Worte an: 
van dem andinge to dem bedde- rechte : so wor jennic man in 
sükheit, wahrscheinlich blos, um eine gelehrte Anmerkung über 
gerichtliche Handlungen , die vor dem Bette des siechen Mannes 
vorgenommen werden können, anzubringen; denn auf jenem Blatte 
ist auch nicht eine Spur dieser Worte zu entdecken, und sollten 
sie etwa seit Dreyers Zeiten, was nicht gerade wahrscheinlich, weg- 
geschnitten sein, so folgten sie jedenfalls nicht dem Artikel 8, denn 
wie dessen Fortsetzung lautete, wird durch das eine erhaltene Wort: 
Liker sichergestellt. Vergleicht man die von Dreyer aus der Hs. A 
entnommenen Sätze mit dem obigen Abdruck, so erhellt, wie un- 
vollständig er die Vorlage wiedergegeben hat, wie er die Reihen- 
folge ihrer Bestimmungen geradezu umkehrt, die deutschen den 
lateinischen voranstellt, und wie fehlerhaft er das, was er mitzu- 
theflen für gut befindet, publicirt. Dass er einen Auszug giebt, 
bemerkt er dem Leser ebensowenig, als er ihn ahnen lässt, dass 
er zwei verschiedene Vorlagen willkürlich aneinander geschweisst 
hat. Das gewissenlose, eigenmächtige und unkritische Verfahren, 
das in alledem zu Tage tritt, hat den Benutzem die Herkunft der 
mitgetheilten Rechtssätze zu erkennen erschwert Dass sie Dreyer 
selbst verborgen geblieben ist, ist weniger verzeihlich. 

') Mit blasserer Dinte nach seder übergeschrieben: eme. 



— 42 — . 

IL 

Die acht deutschen Statute, welche A theils vollständig, theils 
bruchstückweise überliefert, sind dem lubischen Recht entnommen. 
Die Vergleichung der verstümmelt erhaltenen Texte mit vollstän- 
digen, wie sie z. B. in Hachs Ausgabe vorliegen, zeigt, dass etwa 
fünf Zeilen Schrift durch das Beschneiden des Bogens verloren ge- 
gangen sind. — Zunächst verdient an den Artikeln des Fragments 
die Ordnung derselben eine Bemerkung. Ihre Reihenfolge ist sehr 
abweichend von dem Text des Albrecht von Bardewik von 1294, 
den Hach als Normalcodex der deutschen Statutenredaction in 
seiner Ausgabe veröffentlicht hat. Und auch darin liegt ein Grund 
dafür, dass den neuern Lesern die Provenienz der Statute unsers 
Fragments verborgen geblieben ist. Dreyer gereicht das nicht 
zur Entschuldigung. Er hatte bereits 1754 einen lateinischen Co- 
dex des lubischen Rechts, den jetzigen GÖttinger, in seinen Ver- 
mischten Abhandlungen, allerdings schlecht genug veröffentlicht, 
hatte 1769 in der Einleitung zur Kenntniss der lubischen Verord- 
nungen S. 227 u. ff. die gedruckten und ungedruckten Codices des 
lubischen Rechts verzeichnet und beschrieben, hatte in seinen zahl- 
reichen Arbeiten das lübische Recht benutzt, wie es in der Aus- 
gabe seines Onkels Westphalen vorlag. Kurz, er kannte nicht 
blos das lübische Recht, sondern kannte es auch in einer Gestalt^ 
die sich nahe mit der in unserm Fragment erscheinenden berührt, 
und fragte trotzdem, als er 1783 die obige Abhandlung schrieb, 
andere Leute um Rath, „wo der Codex eigentlich zu Hause ge- 
höre". 

In der Untersuchung: das Lübische Recht nach seinen älte- 
sten Formen (Leipzig 1872) habe ich gezeigt, dass es eine ältere 
Form der deutschen Statute giebt, als man nach Hachs Ausgabe 
anzunehmen sich gewöhnt hat, eine Form, die sich von dem Bar- 
dewikschen Codex durch einen geringeren Umfang, durch charak- 
teristische materielle Abweichungen und durch die Reihenfolge ihrer 
Artikel unterscheidet. Zu dieser Gattung originaler lübischer Rechts- 
handschriflen gehören nach den bisherigen Ermittelungen: 

I. der Elbinger Codex mit 161 Artikeln, entstanden c. 1260, 
beschrieben: Lüb. Recht S. 51, 64, 69; Steffenhagen, deutsche Rechts- 
quellen in Preussen S. 17 n. 47 und S. 232. 



— 43 — 

2. Der Revaler Codex in i68 Artikeln, gedruckt: Bunge, die 
Quellen des Revaler Stadtrechts i, S. 40 — 71. 

3. Der Colberger Codex in C92 Artikeln, 1297 geschrieben, 
beschrieben: Riemann, Gesch. der Stadt Colberg (Colberg 1873) 
S. II, 87 und Beil. S. 100 ff.; Frensdorff, Hansische Gesch.- BI. 1873 
S. XXXVII. 

4. Der Kopenhagener Codex in 216 Artt, beschrieben: Lüb. 
Recht S. 71 und Hans. Gesch.-Bl. S, XXXVI. 

5. Der Kieler Codex in 252 Artt., gedruckt: Westphalen, 
Mon. ined. t. III (1743)» S. 619 ff. 

Da hier blos die in ihrer ursprünglichen Form erhaltenen Hand- 
schriften der ältesten deutschen Gasse aufzuzählen waren, so bleiben die 
nur durch Abschriften des 15. Jahrhunderts überlieferten Manuscripte 
von Riga'), Danzig^ und die sg. Wallenrodtschen Bruchstücke zu 
Königsberg^), ebenso wie der in Brokes, Observationes forenses 
gedruckte Codex I, der nach einer späten Handschrift gemacht 
ist^), ausser Ansatz. 

Dieser ältesten Gattung von deutschen Handschriften des 
lübischen Rechts schliesst sich nun auch unser Fragment an, denn 
die Ordnung der oben abgedruckten Artikel entspricht vollständig 
der in jenen beobachteten, während sie von der des Hach'schen 
Codex II ebenso vollständig abweicht: 

Art, I = W. 184 Ko. 181 Hach II 91 

123 

195 
105 
180 
120 

56 

177 
178 



2 


185 


182 


3 


186 


183 


4 


187 


184 


5 


188 


185 


6 


189 


186 


7 


190 


187 


8 


191 


188 


9^ 


192 


189 



') Lüb. Recht S. 67, 75. 

^) Steffenhagen S. 6 n. 9 und S. 237. 

3) Steflfenhagen S. 23 n. 75 a und S. 241. 

4) Lüb. Recht S. 73. 

5) Darunter ist das letzte erkennbare Wort des Fragments A „Liker** 
verstanden, welches den Anfang eines neuen Artikels in den übrigen 
Handschriften bildet 



— 44 — 

Den beiden ältesten Codices der ersten Classe, dem Elbinger 
und dem Revaler, sind die Artikel unsers Fragments noch mibe- 
kannt; die beiden reichhaltigsten Handschriften derselben Kategorie, 
die von Kopenhagen (Ko.) und Kiel (W.), dagegen weisen sammt- 
liehe auf; der zwischen beiden Gruppen in der Mitte stehende 
Colberger Codex hat ein einziges Statut jener Reihe in seinem 
Bestände, nämlich n. 4 == Colberg 171. 

Vergleicht man den Text unsers Fragments mit dem jener 
Handschriften, denen es sich nach Entstehungszeit und Ordnung 
seiner Bestimmungen anreiht, so ergeben sich zwar keine mate- 
riellen Verschiedenheiten, aber erhebliche formeller Art. Nicht nur 
dass die Ueberschriften der Artikel alle abweichen, auch im 
Wortlaut des Textes begegnen mannigfach neue Wendungen. Um 
nur die erheblichsten Differenzen hervorzuheben: Art. 4, der hier 
van underwyndinghe gudes unde rente betitelt ist, hat in allen an- 
dern Handschriften und ebenso in H. II die Ueberschrift: dhe sin 
testament maket. Statt kopschat hat A. consequent die Form 
kopenschop durchgeführt Art. 2 überschreiben alle van worttinse 
dat recht, Art. 5 van der borgherschap oder v. d. burschap. 
Art. Tj den die andern Handschriften beginnen: bit de rat enen 
man ofte mer uth deme rade thu euer reise . • •, fingt hier an: 
sendet de ratmanne enen man edder mer ute deme rade ene 
reyse. Art. 8 liest statt medet ienech minsche den anderen dat 
he eme dhene: lovet ienich minsche deme anderen denst . • • . 
Diese für den Sinn unerheblichen Abweichungen fallen dadurch 
formell um so schwerer ins Gewicht, dass nicht nur die namhaft 
gemachten Codices der ersten Classe, sondern auch H. II in allen 
den hier vergleichbaren Artikeln durchgehends wörtlich unterein- 
ander übereinstimmen. Nach den von Hach gesammelten Varian- 
ten kehren mehrere der eigenthümlichen Lesarten des Fragments 
nur in dem sg. Uffenbach'schen Codex der Hamburger Stadtbiblio- 
thek ^) imd in dem Druck des Ludwig Dietz von 1509*) wieder: dies 
gilt insbesondere von den in A geänderten Anfangen der Artikel 7 
und 8. 



») Hach S. 107. 
«) Hach S. 102. 



— 45 — 



III. 



Auf dem ersten Blatte des Fragments steU 
Hand, die das zweite mit deutschen Statuten bei 
Sätze in lateinischer Sprache. Woher stammen 
davon, dass handschriflliche Verbindungen des 
bisher nur mit dem von Hamburg bekannt gew<j 
aber erst seit dem 15. Jahrhundert auftreten und 1 
Statute aneinander reihen, liegt es bei der Verd 
selben Pergamentbogen nahe genug, an den \i 
Ursprung auch des lateinischen Bestandtheils zu d 
bis jetzt kein älterer Codex des lübischen Ret 
sein, der auf die lateinische Statutenrecension die 
Hesse. Aber keine der auf uns gekommenen Samn 
Statute in lateinischer Sprache enthält die Sätze 
einen Satz des Fragments. Weder der Kanon, 
dem Zusammenstimmen der lateinischen Texte e 
Extravaganten, welche in einzelnen Handschri 
wissen etwas von ihnen. Dass sie gleichwoh 
Recht angehören, lässt sich mit Hülfe der deutsc 
erweisen , allerdings nicht der landläufigen , in d< 
Arbeiten besonders beachteten. Zu den seltensten a 
zählt eine im Jahre 1509 zu Rostock von Ludwig 
tete Ausgabe des lübischen Rechts^). Dass ei 
seiner Edition eine gute alte Recension benutzt h 
sie dem ächten alten Rechte von Lübeck angehi 
hält, haben bereits Hach und Pauli bemerkt^, 
auch unter den Varianten seines Codex II und i 
IV fieissig Mittheilungen aus dem Drucke von i^ 
zeigen, dass der deutsche von Dietz benutzte C 
nischen Text zur Grundlage hatte, der mannigfai 
Schrift zusammentraf, deren Bestandtheil wir in 1 
unsers Fragments vor uns haben; denn nicht nui 
dem auch in der Reihenfolge der Artikel ergebe 
liehe Uebereinstimmungen. 



*) Vgl. darüber Jahrb. des Vereins f. znecklenb. G 
*) Hach, d. alte lüb. Recht S. 102; Pauli, Abhdl| 
2, S. 88; 3, S. 219, 



- 46 - 



I 


= D. 252 


vgl. 


H. 


IV 


85 


II 


D- 253 




H. 


II 


132 


m 


D. 254 




H. 


IV 


86 


IV 


? 










V 


? 










VI 


D- 255 




H. 


IV 


87 


VII 


D. 256 




H. 


II 


31 


vin 


D. 257 




H. 


IV 


88 


IX 


? 










X 


? 











Ob der Artikel IV mit Hach II 239: van svinen to besinde 
unde weder don, in Verbindung gebracht werden darf, lässt sich 
bei der Unerkennbarkeit seines Inhalts nicht ermitteln; für IX de 
rebus conservatis finde ich kein Analogen; X de sententia consu« 
lum stellt sich zu II 58: de der ratman ordel beschelt, als eine 
erhebliche Erweiterung und theilweise Abänderung. 

Da mir kein Exemplar des Druckes von Dietz gegenwärtig zur 
Verfügung steht und ich mich auf die in Hachs Variantenapparat 
und seinen Concordanztafeln gemachten Angaben beschränken 
muss, so lässt sich hier der Zusammenhang zwischen unserm Frag- 
ment und dem Druck von 1509 nicht weiter verfolgen. Nur das 
eine sei noch hervorgehoben, dass auch die deutschen Statuten 
jenes Blattes, deren Lesarten, wie oben S. 44 bemerkt, häufig 
mit denen des Dietzschen Textes stimmen, in fast vollständig ent- 
sprechender Reihenfolge bei Dietz wiederkehren: 

1 = D. 218 

2 = 219 

3 = 220 

4 = 221 

5 = 222 

6 = 223 

7 = 92 

9} == "^ 

Sind im Vorstehenden für den grössten Theil der lateinischen 
wie für alle deutschen Sätze von A die parallelen Bestimmungen 
in anderen lübischen Rechtssammlungen nachgewiesen worden, so 
würde danach auch die Ergänzung der obigen Lücken nicht 



- 47 - 

schwer fallen. Sie ist absichtlich unterlassen, um das vollständige 
Bild des Fragments zu geben und weil es hier nicht darauf an- 
kommen konnte, anderweit vorhandene Texte des lubischen Rechts 
zu wiederholen. Nach alledem erhellt aber zur Genüge, dass eine 
genauere Untersuchung des Dietzschen Textes zu den unerläss- 
liehen Vorarbeiten für eine sichere Erkenntniss der Formen des 
lubischen Rechts gehört So bewundernswerth auch der Fleiss ist, 
mit dem Hach die Variantensammlung zu dem Codex U seiner 
Ausgabe zusammengebracht hat, ich besorge, dass der Einblick in 
den Entwicklungsgang des lubischen Rechts dadurch gehemmt ist, 
dass hier zu einem Text aus dem Ende des 13. Jahrhunderts die 
Varianten aus Handschriften von mehr als zweihundert darauf fol- 
genden Jahren gegeben sind, und zwar ununterschieden, falls sie 
sich nur der Verbindung mit hamburgischem Recht enthielten, die 
in den Codices der Abtheilung III zur Anschauung gebracht ist. 
Es ist auffallend, wie sehr Hach ein wichtiges Mittel, die Stellung 
der Rechtshandschriften zu einander zu bestimmen, vernachlässigt 
hat: die Reihenfolge der Artikel Die Beachtung dieses Moments 
wird allerdings wenig oder nichts austragen, um die Geschicklich- 
keit der Urheber im Systematisiren zu erkennen, umsomehr zur 
Feststellung der Abhängigkeit der Statutenrecensionen von einan- 
der. Hat sich das schon für die Handschriften des 13. Jahrhun- 
derts bewährt, so wird das auch für die spätem nicht ohne Er- 
trag bleiben. 



Die vorstehende Untersuchung hat soviel ergeben, dass ausser 
den bereits bekannten lateinischen Texten des lubischen Rechts 
einer existirt hat, der Bestimmungen enthielt, die den übrigen fehlen; 
dass demselben in der Handschrift eine deutsche Recension folgte, 
welche der ältesten Classe deutscher Recensionen zuzuzählen ist. 
Darf man eine Vermuthung wagen, so ist in unserm Fragment 
vielleicht ein Stück eines Rostocker Codex des lubischen Rechts zu 
erblicken: die Benutzung durch Dietz, der in Diensten des gelehr- 
ten Rostocker Stadtsecretairs Hermann Barckhusen^) arbeitete, 
mochte darauf hinweisen, ausserdem allerdings nur das negative 

^] Ueber Dietz und Barckhusen vgl. Allg. deutsche Biogr. 5, S. 211 
u. 2, S. 67. 



- 48 - 

Moment, dass uns noch immer die Spur eines solchen, der ja un- 
zweifelhaft existirt und ebenso sicher alter Zeit angehört hat, fehlt 

Wenn die Untersuchung daneben einen Beitrag zur richtigen 
Würdigung Dreyers und seiner Arbeiten geliefert hat, so halte ich 
das für keinen zu unterschätzenden Gewinn. Von der Bewun- 
derung Dreyers ist man längst zurückgekommen. Es genügt, an 
die bekannte Stelle in der Vorrede zu den deutschen Rechtsalter- 
thümern zu erinnern. Wenn aber Jacob Grimm dort noch in 
Dreyers Schriften neben durchgehender Geschmacklosigkeit pein- 
liche Mühe fand, so haben schon C. W. Pauli wie die übrigen 
Mitarbeiter am Lübeckischen Urkundenbuche, die seine Editionen 
nachzuprüfen hatten, ihm Unzuverlässigkeit, Hast und Ungenauig- 
keit vorwerfen müssen, und sein Biograph Ratjen hat bei allem 
Wohlwollen nicht umhin gekonnt, dies Urtheil zu wiederholen \). 
Doch das ist alles zu glimpflich. Dreyer war unehrlich. Ich ver- 
öffentliche eben die Beweise dafür aus seiner auf Dortmund bezüglichen 
Arbeit^; aber auch die vorstehenden Mittheilungen bestätigen es, 
dass er die Quellen nicht blos nicht wiedergab, wie sie vor ihm 
lagen, sondern fälschte. Seine Editionen mit dem vollständigsten 
Misstrauen zu behandeln, ist die einzig berechtigte Art sie zu l>e- 
nutzen. 

Aus seiner Arbeit, die den Anlass zu diesem Aufsatz gegeben, 
eigne ich mir nur das eine Wort an, dass ich den Leser bitte, 
mit mir nachzuforschen, wo der Artikel van hussokinghe (ob. S. 40) 
zu Hause gehöre. 

*) Dreyer und Westphalen (Kiel 1861) S. 170 und Allg. deutsche 
Biogr. 5, S. 405. 

') Dortmunder Statuten und Urtheile (Hans. Geschichtsqnellen 3) S. 13. 



/•k^v^^s^x^ ^ ^ 



VI. 
DIE ORGANISATION 

DER 

HANSA IN WESTFALEN 

INSBESONDERE 

IM MÜNSTERLANDE. 

VON 

BERNHARD NIBHUES. 



Hansische Geschichtsblätter. IX. 



Die Zugehörigkeit einzelner westfälischer Handelsfirmen zur 
Hansa datirt wohl aus deren ältester Zeit Ich schliesse dieses 
aus der glänzenden Stellung, welche die westfälischen Kaufleute 
schon in frühen Jahrhunderten im deutschen Handel an der Ostsee 
einnahmen, und welche sie auch später innerhalb der Hansa be- 
wahrt haben. 

In dem bekannten Handelsvertrag, welchen der Fürst Mstislaw 
Dawidowitsch von Smolensk im Jahre 1229 mit der Stadt Riga 
und der deutschen Kaufmannsgenossenschaft aufGothland abschloss, 
werden unter den 18 weisen Kautleuten, welche den Vertrag ver- 
mittelten, zwei aus Soest, zwei aus Münster und zwei aus Dort- 
mund genannt *). 

Die älteste Skra des deutschen Hofes zu Nowgorod, in welcher 
bestimmt wurde, dass die überschüssigen Gelder des Hofes in der 
Peterskirche zu Wisby auf Gothland verwahrt werden sollten, enthielt 
zum Schlüsse auch die Bestimmung, dass von den vier Schlüsseln 
dieser Generalkasse: dhen enen sal achterwaren dhe olderman van 
Got lande, dhen anderen dhere van Lubike, dhen dherden dhere 
van Sosat, dhen Verden dhere van Dhortmunde*). 

Nicht minder geachtet, als im Osten, waren die westfälischen 
Kaufleute im Stalhof, dem Gildehause der Hansa in London. In 
dem Vertrag zwischen der Stadt London und der Hansa vom 
Jahre 1282, in welchem sich die Hansa verpflichtete, ein neben 
dem Stalhof gelegenes Thor der City zu repariren, erschienen als 
Vertreter der Hansa: ein Bürger aus Cöln, drei Bürger aus Dort- 
mund, ein Bürger aus Münster und ein Bürger aus Hamburg^). 
Unter Eduard IL und Eduard III. waren westfälische Kaufleute die 
grossen Staatsbanquiers in England. Eduard III. sah sich einstens 



^) Höhlbaum, Hansisches Urknndenbuch l, Nr. 232 § 37. 
') Sartorius-Lappenberg, Urk.-Gescb. 2, S. 27. 
3) Höhlbaum i, Nr. 902. 

4* 



— 52 — 

genöthigt, denselben für empfangene Darlehn die besten Einkünfte 
des Landes und seine eigene Krone zu verpfänden. 

Wann die Betheiligung einzelner, im Osten und Westen han- 
delnder westfälischer Kaufleute am Hansabunde den Beitritt ganzer 
Städte zur Folge gehabt, in welcher Reihenfolge die einzelnen 
Städte beigetreten sind, wann das Beispiel der grösseren Städte 
auch die kleineren Städte Westfalens zum Eintritt in die Hansa 
veranlasst, darüber fehlen uns alle Nachrichten, da die bis jetzt 
gedruckten Urkunden und Recesse der Hansa sich mit diesem 
Gegenstande nicht beschäftigen, und die Nachrichten unserer städti- 
schen Archive meistens nicht so weit reichen. Denn leider haben 
ja auch unsere westfälischen Städte nur zu lange der Anschauung 
gehuldigt, als seien ihre Archive nichts, als Rumpelkammern für 
zurückgelegte Acten, und nicht bedacht^ dass in ihnen doch auch 
die werthvollsten Zeugen unsrer eigenen Vergangenheit ruhen. 

Es ist daher als ein günstiger Zufall zu betracht^i, dass sich 
in unserer Nachbarstadt Coesfeld lange Zeit hindurch ein ziemlich 
gutes hansisches Archiv erhalten hatte, welches in irgend einer 
Weise in den Besitz des bekannten Pfarrers Niesert gekommen 
sein muss. Niesert hat einen Theil davon im 3. Bde. seiner Ur- 
kundensammlung drucken lassen; die Originalien und die nicht 
gedruckten Acten befinden sich jetzt im Stadtarchiv zu Warendorf *). 
Sie geben uns ein ziemlich getreues Bild über die Organisation 
der Hansa im Münsterlande seit dem 15. Jahrhundert. 

Das erste dahin gehörige Schreiben datirt vom Jahre 1405^. 
Es präsentirt sich äusserlich als Schreiben der Stadt Münster an 
Coesfeld, während es Koppmann in dem eben erschienenen fünften 
Bande der Hanserecesse als Schreiben Hamburgs an Münster auf- 
fasst; das nach der Ueberschrift: Copia presentanda proconaulibus 
et consulibus Coesfeldensibus abschrifdich von Münster an Coesfeld 
mitgetheilt wurde. Der Anfang dieses Schreibens lässt uns in den- 
selben dunkeln Hintergrund blicken, der uns bei den Hanserecessen 
so häufig begegnet Hansische KaufiahrteischilQfe waren von eng* 
lischen Piraten überfallen worden; die Kaufherren, die Besatzung, 
die Matrosen waren über Bord geworfen, Schiffe und Ladung als 

') Hanseatica, Packet 3. 

*) Warendorfer Stadtarchiv, Hanseatica 3, 3. Niesert, Urkunden 3, 
S. 361; Hanserecesse 5, Nr. 289. 



— 53 — 

wülkoimnene Prise nach England geschleppt Das Ereigniss fallt, 
wie gesagt, in den Anfang des 15. Jahrhunderts, also in die Zeit, 
als nach der Entthronung Richards IL das Haus Lancaster so 
eben zur Regierung gekommen war. Heinridi IV., der erste Re- 
präsentant dieses Hauses, durfte es bei den zahlreichen Feinden 
und Gegnern, die er im Innern des Landes wie nach Aussen zu 
bekämpfen hatte, nicht wagen, auch noch die Macht der Hansa 
und des mit der Hansa eng verbündeten Hochmeisters des deut- 
schen Ordens gegen sich hera^iszufordem. Als die Hansastädte 
daher auf ihrer Tagfahrt zu Lübeck in den Fasten 1405 Repres- 
salien gegen England beschlossen^ wandte er sich zur Beilegung 
des Streites an den Hochmeister, indem er demselben durdi eine 
eigene Gesandtschaft Schadenersatz und Genugthuung anbieten Hess. 
Der Hochmeister und die preussischen Städte wollten ihre Sache 
nicht von derjenigen ihrer Genossen im Hansabunde trennen, und 
da die englischen Gesandten Vollmacht hatten, auch mit diesen 
zu unterhandeln, so wandten sie sich schriftlich an den Rath und 
die Hansadeputirten zu Lübeck mit dem Ersuchen, die Hansastädte 
mochten den erlittenen Schaden verzeichnen und ihre Rechnungen 
durch Bevollmächtigte nach Dordrecht schicken, wo auch sie, die 
englischen Gesandten, sich Martini übers Jahr einfinden würd^i, 
um die Rechnungen entgegenzunehmen und sich weiterhin mit 
den Hansadeputirten auszugleichen. 

Von diesem Anerbieten der englischen Gesandten geben nun 
der Bürgermeister und Rath von Hamburg der Stadt Münster in 
dem erwähnten Schreiben Kenntniss, mit der Aufforderung, auch 
Münster möge zur bezeichneten Zeit seine Rechnungen einschicken. 
Am Schlüsse heisst es dann, Hamburg habe die bevorstehenden 
Verhandlungen zwischen England und den Hansastädten Münster 
mitgetheilt: uppe dat gj juwes ichtes dar na rychten moyghen 
unde wy bydden yw oek myt andacht, dat gy den hensesteden 
by yw beleghen dyt oek vortan kundigen willen, uppe dat sey 
oek dar ane mercken moygen, ofte en yeneghe nüttegheit eder 
bäte hir van komen moyge. Der Bürgermeister und Rath von 
Münster beeilten sich, der Weisung Hamburgs zu folgen, und der 
Nachbarstadt Coesfeld abschriftlich von dem erhaltenen Schreiben 
Kenntniss zu geben. 

') Hanserecesse 5, Nr. 225 § 3. 



I 



- -54 - 

Coesfeld war eine alte Handelsstadt. Stets eng mit Münster 
verbunden, hatte es schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts an 
dem Abschluss der grossen Stadtebündnisse Westfalens Theii ge- 
nommen'). Im Jahre 1285 wurde es von Wismar aufgefordert, 
sich an den Verhandlungen der Städte mit dem König Magnus 
von Schweden zu betheiligen *), ein Beweis für das hohe Ansehen, 
das die Stadt schon damals sowohl in Westfalen als in der Fremde 
genoss. Dennoch begegnet uns sein Name nicht vor dem 15. Jahr- 
hundert in den Hansarecessen, und eben dieses Schreiben von 
1405^ deutet uns den Grund dafür an. Coesfeld Hess sich nämlich 
auf den grossen Hansatagfahrten nicht selbständig, durch einen 
eigenen Gesandten, sondern durch Münster vertreten, und wurde 
durch Münster von den dort gefassten Beschlüssen in Kenntniss 
gesetzt. So lag also kein Grund vor, seinen Namen in die Hansa- 
recesse zu setzen. 

Welche Städte des Münsterlandes neben Coesfeld zu den von 
Münster vertretenen Städten gehörten, ersieht man aus jenem 
Schreiben nicht, und eben so wenig vermögen wir daraus zu er- 
kennen, ob diese Vertretung eine ständige, auf einer Organisation 
beruhende, oder nur eine zufallige war. Wir müssen also weitere 
Auskunft in anderen Urkunden suchen. 

Da sind nun von Wichtigkeit zwei Hansarecesse, von denen 
der eine dem Jahre 1430, der andere dem Jahre 1450 angehört; 
beide wurden auf der Hansatagfahrt zu Lübeck 1469 recapitulirt 
Der erste Recess, jener vom Jahre 1430, besagt, dass, wenn 
kleinere Städte zu Hansatagen entboten würden und die Kosten 
einer eigenen Tagfahrt scheuten, so sollten sie die nächstgelegene 
grosse Stadt mittels offenen Beglaubigungsschreibens ersuchen, sie 
mit zu vertreten. Wenn dieses aber geschehe, so seien sie auch 
an die gefassten Beschlüsse gebunden, und verfehlten sie sich da- 
gegen, so sollten die Hansastädte sie für ungehorsam erklären und 
— wie es weiter heisst — das Peinigen nicht lassen nach In- 
halt der alten Recesse. 

Eine andere Seite dieses Verhältnisses hat der Recess vom 
Jahre 1450 im Auge. Da heisst es nämlich: Wenn sich eine kleine 
Stadt durch eine grössere vertreten lasse, so habe die kleine Stadt 

') Höhlbaum i, S. 113 Anm. i. 
*) Das. I, Nr. 996. 



- 55* - 

auch zu den Kosten beizutragen, welche der grosseren durch ihre 
Betheiligung an den Hansatagfahrten u. s. w, erwüchsen. Weigere 
sie sich dessen, so solle Niemand ihre Kaufleute zu den Hansa* 
markten zulassen, bis sie sich über diesen Punkt mit der grossen 
Stadt vertragen habe und einen Schein darüber vorzeige'). 

Beide Recesse sind, wie man sieht, allgemein gehalten, ohne 
speciell Bezug auf das Münsterland zu nehmen, da sich ja ähnliche 
Beziehungen, wie sie im Münsterlande bestandeni, in allen Quar- 
tieren der Hansa unter benachbarten Hansastadten wiederholen 
mochten. Dass aber die kleineren Städte des Münsterlandes den 
Inhalt beider Recesse doch auf ]sich bezogen, sieht man daran, 
dass sich die Stadt Coesfeld noch später aus einem „authentischen** 
Hansarecessbuche zu' Campen einen beglaubigten Auszug verschaffte 
und denselben in ihre Hansaacten einheften Hess. 

Aber auch die Rathssendboten der gemeinen Hansa zu Lübeck 
liessen die Städte des Münsterlandes über den Sinn der erwähnten 
Recesse nicht im Zweifel, sondern richteten schon im folgenden 
Jahre 1470 ein Schreiben folgenden 'Inhalts an sie'): „Da in 
früheren Recessen beschlossen worden sei, dass die kleineren Städte, 
welche die Hansagerechtigkeiten^ gebrauchten und nicht zu Tag- 
fahrten senden könnten, den anderen bei ihnen belegenen grösseren 
Städten, die zu Tagfahrten sendeten, redliche Hülfe thun sollten 
zu deren Kosten und Zehrung, so dieselben um der Tagfahrt 
willen hätten, und dass diejenigen kleineren Städte, welche sich 
der Beisteuer entzögen, der Hansagerechtigkeiten verlustig gehen 
sollten, so sei es ihr, der Rathssendboten, freundlicher Wunsch und 
Begehr, dass, wenn sie von wegen der erwähnten Beisteuer ermahnt 
und angegangen würden, sie dieselbe gutwillig und unweigerlich 
nach Laut der angezogenen Recesse geben sollten, sofern sie 
die Privilegien der gemeinen Hansa zu gebrauchen gedächten**. 
Dieses Schreiben ist gerichtet an die ehrsamen Bürgermeister 
und Rathmannen der Städte Coesfeld, Dülmen, Haltern, 
Bocholt, Boreken, Werne, Beckum, Ahlen, Warendorf, 
Telgte, Rheine, Meppen, Haselünne, Frysoyte, Ahaus, 



') Warendorfer Stadtarchiv, Hanseatlca 3, 3 ; Niesert 3, S. 365. 
*) Warendorfer Stadtarchiv 3, 41; von Niesert 3, S. 434 fälschlich in 
das Jahr 1570 gesetzt. 



I 



- -so - 

Billerbeck, Vreden und Borghorst. Die zuerst- und zuletzt* 
genannten St&dte gehörten dem Hochstift Monster, Meppen, L&ine, 
Frysoyte dem Niederstifte an. 

Wie wir von vornherein annehmen dürfen, dass die einzelnen 
Hansastädte des Munsterlandes unter sich wiederum kleinere und 
grössere Gruppen werden gebildet haben, so war es auch in der 
That. Eine solche Gruppe bildeten^ die Städte des Niederstiftes, 
Meppen, Haselünne, Frysoyte, eine zweite die um Coesfdd gele* 
genen Städte, Dülmen, Haltern, Borken, Bocholt, Vreden, Ahaus, 
Borghorst, Billerbeck nebst Coesfeld, eine dritte die Städte an der 
Ems, Rheine, Telgte, Warendorf, und die Städte Beckum, Ahlen, Werne. 

Von der ersteren Gruppe war Meppen, von der mittleren Coes- 
feld und von der letzten Warendorf Vorort, während Münster als 
Principalstadt des Ganzen alle drei Gruppen auf den Hansatag- 
fahrten vertrat 

Die Gruppe des Niederstifts können wir für unsere Zwecke 
fallen lassen, weil wir es hier zunächst nur mit der Organisation 
der Hansa im Münsterlande, also mit den Städten des Hochstifts 
zu thun haben. Die Städtegruppe, welche Coesfeld zum Vorort 
hatte, nannte man das Quartier up'm Brahm, die Gruppe, in 
welcher Warendorf Vorort war, das Quartier up'm Drein. 

So viel über die äussere Gestaltung der Hansa im Münster- 
lande* Es erübrigt uns also noch die Erörterung der Frage nach 
ihrer inneren Organisation, d. h. die Klarlegung der Beziehungen 
der einzelnen Quartierstädte unter sich und zum Vororte und femer 
der Beziehungen der einzelnen Quartiere zur Prinzipalstadt. Bevor 
wir jedoch auf die Erörterung dieser Fragen eingehen, wird es 
gut sein, unseren Blick zu erweitem, und nachzusehen, ob sich 
ähnliche Grappirangen der Hansastädte, wie im Münsterlande, auch 
in dem übrigen Westfalen wiederholten, und welche westfälischen 
Städte zur Hansa gehörten. Zu diesem Zwecke bitte ich, mich za 
einem Quartiertag der west^ischen Hansastädte in Niederwesel am 
12., 13^ 14. und 15. Febraar 1554 zu begleiten, wo eine ähnliche 
Arbeit auf der Tagesordnung stand, wie diejenige, der wir uns 
hier unterziehen wollen. 

Schwere Tage waren über die Hansa hingegangen. In allen 
ihren Handelsgebieten, in denen nach Osten wie in denen nach 
Norden und Westen, in Russland wie in Scandinavien und Eng- 



land, hatte sich der nationale Geist zum Schutze der heimischen 
Arbeit und der eigenen Industrie gegen die Monopole und Privi« 
legien einer fremden Handelsgesellschaft erhoben und auf deren 
Beseitigung gedrungen. Gleichzeitig hatten die erweiterten Staats- 
bedärfnisse in allen diesen Staaten, insbesondere die Einführung 
stehender Heere, eine rationellere Vertheilung und Ausbeutung der 
Ein- und Ausfuhrzölle nothwendig gemacht. Beide Rücksichten 
liessen ein Fortblühen der Hansa in diesen Gegenden als unmöglich 
erscheinen. Im Jahre 1484 überfielen die Russen ihre Handels- 
factoreien in Nowgorod und machten die anwesenden Hanseaten 
zu Gefangenen. Alle Versuche der spätem Zeit, den Handel nach dem 
Osten zu erneuem, blieben erfolglos. Seit Christian IIL begannen 
die Könige von Dänemark, an ihren Privilegien zu mäkeln. In 
Schweden sah sich derselbe Gustav I., welcher den Lübeckern 
noch im Jahre 1523 jenen berühmten Freiheitsbrief ausgestellt hatte, 
in späteren Jahren veranlasst, alle der Hansa ertheilten Privilegien 
zurückzunehmen. Der schwerste Schlag traf sie aber von Westen, 
als Eduard VI. durch Decret vom 24. Februar 1552 ihre Privilegien 
für England aufhob^. Als aber Eduard kurz darauf starb (1553 
im Juli), begaben sich sofort Hansa-Bevollmächtigte auf den Weg 
nach England. In Brügge machten sie Halt, um zu hören, ob 
die Nachfolgerin Eduards sie empfangen werde, und als sie dieses 
erfahren, setzten sie unverzüglich ihre Reise fort. In London an- 
gekommen, erhielten sie die freudige Zusage, dass Maria ihren 
Wünschen nicht abgeneigt sei. Sobald sich daher die Nachricht 
von dem Sturze der unglücklichen Johanna Gray in London ver- 
breitete, öffnete der Stalhof seine Keller und Hess zwei Fässer 
Wein vor das Schlossthor bringen, um das Volk damit zu bewirthen. 
Auch Maria konnte im Interesse des eigenen Landes die 
Privilegien der Hansa nicht ohne weiteres bestätigen. Vor Allem 
musste sie, um sich vor Missbrauch mit denselben zu schützen^ 
darauf dringen, dass ihr ein authentisches Verzeichniss der zur Hansa 
gehörenden Städte übergeben werde. Diese Angelegenheit kam 
auf dem Hansatage zu Lübeck 1553 zur Sprache, und es wurde 
beschlossen, dass die gewünschten Verzeichnisse in den vier Quar- 
tieren der Hansa aufgestellt werden sollten. In Ausfuhrang dieses 



^) Lappenberg, Stahlhof, Urkk. S. 177-, Niesert 3, S. 373. 



n 



- *59 - 

Beschlusses kamen die Städte des Cölner Quartiers am 12. Fe- 
bruar 1554 in Niederwesel zusammen — und das ist der Quartier- 
tag, dem mit mir beizuwohnen ich eben gebeten habe. 

Der Quartiertag') war zahlreich besucht; handelte es sich doch 
darum, dem Hansabunde vielleicht auf einige Jahre wieder neues 
Leben zu geben, und besonders, die Zugehörigkeit zur Hansa fur 
alle Zukunft festzustellen. Den Vorsitz führte der Bürgermeister 
der freien Reichsstadt Cöln als Vertreter der verordneten Haupt- 
stadt des Cölner Drittheils. Zu seiner Rechten sassen die Ver- 
treter der westfälischen Städte, zur Linken die Sendboten vom 
Niederrhein, aus Flandern und den übrigen Niederlanden. 

Nach Beendigung der Formalien erklärte der Bürgermeister 
von Cöln, dass er von seiner Stadt Auftrag und Befehl habe, alles 
zu thun, was zur Beförderung der gemeinen Hansa dienen könne. 
Einen gleichen Auftrag setze er auch bei den übrigen Deputirten 
voraus; aber es sei doch seine Pflicht, sie einzeln darnach zu 
fragen. Und als nun Umfrage gehalten wurde, erklärten sich 
alle im gleichen Sinne und bevollmächtigten Cöln, dieses Namens 
des Cölnischen Drittheils in Lübeck mitzutheilen. Die von Cöln 
aber wünschten bestimmt formulirte Versprechen und entwarfen 
zu diesem Zwecke mit mehreren anderen Deputirten einen Revers, 
den sie den Versammelten am folgenden Tage vorlegen wollten. 
Derselbe ist, soviel ich weiss, noch nicht gedruckt, entspricht aber 
so sehr der damaligen Situation und gestattet ausserdem einen so 
tiefen Blick in das Wesen der damaligen Hansa, dass es von In- 
teresse sein wird, wenn ich denselben hier inhaltlich mittheile. 

Dem Revers gemäss sollten die hansischen Städte versprechen: 

i) dass sie die Freiheiten, Gerechtigkeiten und Privilegien der 
Hansa und ihrer Contore vertheidigen und beschützen helfen wollten; 

2) dass sie alle Tagfahrten, so wegen der gemeldeten gemeinen 
Freiheiten und betreflfs der Contore oder sonstiger Kaufmannsan- 
gelegenheiten verschrieben würden, besuchen und das Beschlossene 
zu halten schuldig sein wollten; 

3) dass sie die Feinde einer Hansastadt, wenn die Feindschaft 
wegen Festhaltung und Vertheidigung der Hansafreiheiten von 
Seiten der befeindeten Stadt entstanden sei, nicht in ihrer Mitte 

') Das Protokoll für Münster befindet sich im hiesigen Staatsarchive, 
Landesurkunden Nr. 3353. 



/ 



- 5^ - 

dulden, ihnen nicht Wohnung und Nahrung geben und auch ihren 
Mitbürgern verbieten wollten, dieses zu thun, bei Strafe des Ver* 
lustes der Hansarechte und i Mark Goldes. 

4) Wenn zwischen zweien oder mehreren Städten der Hansa 
Streit entstehe, so sollten die benachbarten Städte denselben zu 
schlichten suchen. Gelinge dieses nicht, so solle die Angelegenheit 
dem Urtheil der gemeinen Städte, so auf der Tagfahrt versammelt 
wären, unterworfen werden, und die streitenden Städte sollten sich 
dem Urtheile dieser fügen. 

5) Um die Kosten der Hansa zu bestreiten, sollten dieselben 
zunächst auf die vier Quartiere vertheilt und dann die Städte inner- 
halb der Quartiere alljährlich eingeschätzt und die Taxe um Ostern 
eingereicht werden. 

6) In der Hauptstadt eines jeden Quartiers, in Lübeck, Cöln, 
Braunschweig, Danzig, solle eine Kasse für die betreflfenden Quar- 
tiere errichtet werden, welche die Beiträge sämmtlicher Mitglieder 
aufnehme. Den einen Schlüssel zu dieser Kasse solle die Haupt- 
stadt, den andern die nächstgelegene Stadt verwahren, und wenn 
nun eine Stadt im Verlauf des Jahres zur Wahrung und Verthei- 
digung der Hansagerechtsame Auslagen gehabt habe, so sollten 
ihr diese auf der nächstfolgenden Tagfahrt zurückerstattet werden. 

7) Wenn sich eine Stadt, welche mit einer anderen verwandten 
Stadt Feindschaft habe, dem Urtheil der gemeinen Tagfahrt nicht 
füge, so solle sie in eine Strafe von 3 Mark Gold verfallen und 
der Hansafreiheiten so lange entbehren, bis sie ihre Strafe erlegt 
und sich mit den anderen Städten verglichen habe. 

8) Die Uebereinkunft solle mit dem Tage der Unterzeichnung 
beginnen und die nächstfolgenden 10 Jahre Gültigkeit haben. 
Bevor die zehn Jahre verflossen, sollten die Städte des Cölner Drittels 
wieder zusammenkommen und berathen, wie viele Jahre weiterhin 
sie die Uebereinkunft aufrecht erhalten wollten. Sollten sie aus 
irgend welcher Ursache an einer solchen Zusammenkunft verhin- 
dert sein, so solle die Uebereinkunft doch in Kraft bleiben, bis die 
Städte endgültig darüber beschlossen hätten. Von der Ueberein- 
kunft sollten vier Abschriften genommen werden, und eine jede 
Hauptstadt in den vier Dritteln ein Exemplar erhalten und dasselbe 
mit ihrem eigenen wie mit den Siegeln der beigelegenen Städte 
versehen. 



— 6o — 

Dieser Revers wurde am folgenden Tage in der Versamm- 
lung verlesen; aber die Deputirten erklärten, dass sie nicht Voll- 
macht hätten, sich endgültig darüber auszusprechen. £s wurde 
daher beschlossen, jedem Gesandten eine Abschrift des Concepts 
nachi Hause mitzugeben, und dass alle Städte über ihren £nt- 
schluss bis Quasimodogeniti schriftlichen Bescheid nachCÖln schicken 
sollten. 

Damit war der erste Gegenstand der Tagesordnung erledigt. 
Es wurde daher der zweite Artikel des Ausschreibens verlesen, 
des Inhalts, dass die Versammlung bestimmen solle, welche Städte 
von Alters her zur Hansa gehört hätten und welche ihr auch 
künftighin angehören sollten. Dieser Theil der Thätigkeit ist also 
für uns hier, zur Klarlegung der Organisation der Hansa in West- 
falen, von der grössten Bedeutung. Ich werde denselben daher 
auch nur in so weit berühren, als er auf unsem Zweck Bezug hat 

Auf die Frage, wer Mitglied der Hansa sei und wer nicht, 
gab der Bürgermeister von Cöln als Vorsitzender seine Stimme 
dahin ab: Cöln habe von Alters her alle diejenigen für hansisch 
gehalten und vertheidigt, welche innerhalb einer hansischen, zum 
Quartiertag versammelten Stadt geboren wären und sich nach den 
Statuten, den Satzungen, den Ordnungen und den Recessen der 
gemeinen Hansa hielten. Es gebe aber auch hansische Städte, 
welche sich auf den Hansafahrten durch benachbarte Städte ver- 
treten Hessen; auch diese möchten genannt werden. 

Darauf erhob sich der Vertreter von Osnabrück, erklärte 
sich mit der Anschauung des Bürgermeisters von Cöln einver- 
standen und gab die Namen derjenigen Städte zu Protokoll, welche, 
innerhalb des Stiftes Osnabrück liegend, betreffs der „Hauftfahrten" 
und sonstiger Angelegenheiten die Freiheiten und Gerechtigkeiten 
der Stadt Osnabrück gebraucht hätten, nämlich: Quakenbrück, 
Wiedenbrück, Fürstenau, Drecksförde, Melle und Iburg. 

Soest erklärte, dass es seit vielen, undenklichen Jahren in Tag- 
leistungen vertreten habe die Städte: Lippstädt, Brilon, Rüden, 
Geseke, Arnsberg, Attendorn und Werl. Es habe von diesen 
auch Contribution empfangen und bitte, dieselben auch fernerhin 
als zur Hansa gehörig zu betrachten. 

Dortmund erklärte für hansisch die Bürger der Stadt und 
der Grafschaft. Auch hätten die Städte Camen, Lüdenscheidt, 



und der Orte mehrere 
die Contribation nähn 

Münster gab di 
als hansisch zu Prot<^ 

Hamm und Unn 
Städte die zum Theil £ 
Camen, Lünen, S 
Iserlohn, Altena, ', 
Hattingen; dieselbe 
and man möge sie w 

Die Erklärungen 
hier kein Interesse, d; 
Hansaquartiere waren 
der Osten von Westl 
Bielefeld, Herford um 
treten war. 

Demgemäss ergi 
in Westfalen folgende 

Ganz Westfalen 
Drittheil. Verordnete 
Stadt Cöln, welches 
Hess und auf denselb 

Für sich bildete: 
grosserer und kleiner 
Wortes genannt Tl 
Territorien, zu denen 
Minden, der Grafscha 
Fällen war die Ten 
sprechenden Hansaqi 
Hansaquartiere, wie 
falen und das Bisth 
Vorort des Quartiers 
tierstädten selbst gev 
dann für alle Quart 
war es, die Quartier 

Jedes Quartier h 
verkehrte mit der Pr 

Nach diesem Seh 




1 



— 62 — 

i) Osnabrück, bestehend aus dem Vorort Osnabrück und 
7 zugewandten Orten. 

2) Münsterland. Dieses hatte zwei Quartiere mit zusammen 
12 Städten, das Quartier up'm Brahm mit dem Vorort Coesfeld und 
das Quartier up'm Drein mit dem Vorort Warendorf. Principal- 
stadt war Münster. 

3) Die Mark. Dieselbe hatte 14 Hansastädte, die wahrschein- 
lich zwei Quartiere bildeten, ein Quartier mit dem Vororte Hamm, 
und ein zweites mit dem Vororte Unna. 

4) Das Quartier Dortmund umfasste die Stadt und Grafschaft. 

5) Das Herzogthum. Dieses hatte wenigstens zwei, wahrschein- 
lich drei Quartiere, mit den Vororten Attendorn, Arnsberg und 
Soest selbst. Prindpalstadt war Soest. Die Zahl der zugewandten 
Orte kann nicht genau fixirt werden. Soest nannte in Wesel als 
von ihm vertretene Städte nur 8; dahingegen nannte Arnsberg als 
zu seinem Quartier gehörend allein 6 Städte und 7 Freiheiten^, und 
Attendorn 3 Städte, welche Soest nicht als hansisch anerkennen 
wollte. 

6. Das Quartier Paderborn, das wahrscheinlich auch Warburg 
einschloss. 

7. Das Quartier Ravensberg mit dem Vorort Bielefeld. Wahr- 
scheinlich gehörte zu demselben auch die freie Reichsstadt Herford. 

8. Das Quartier Minden mit dem Vorort Minden. 

Für die letzten drei Quartiere habe ich die zugewandten 
Städte nicht finden können. 

Das wäre so ungefähr das Bild der äusseren Organisation der 
Hansa in Westfalen. Was nun die weitere oben von mir ange- 
deutete Frage nach den Beziehungen der einzelnen zugewandten 
Orte zu den Quartieren und der gesammten Quartiere zu den 
Principalstädten angeht; so werden wir diesen Punkt am besten 
erörtern, wenn wir uns wieder auf das Münsterland beschränken. 

Münster theilte den in Wesel gefassten Beschluss und das 
dort entworfene Concept des neuen Hansavertrags den Vororten 
seiner Quartiere in Abschrift mit dem Ersuchen mit, sich darüber 



') S. Pieler, Ueber die Theilnahme der süderländischen Städte an 
der deutschen Hansa und das Ausscheiden derselben aus der Verbindung 
(Zeitschr. f. Vaterland. Gesch. und Alterthumskunde Band 15, S. 226 — 40) 
S. 237. 



- 63 - 

■ 

ZU erklären, ob sie fernerhin unter der Vertretung Münsters bei 
der Hansa verbleiben wollten, und ob sie bereit wären, die ent- 
sprechenden Kosten, wie bisher, zu tragen. Das Brahmquartier, 
d i. Coesfeld mit den zugewandten Orten, versammelte sich zu 
diesem Zwecke am Dienstag nach Exaudi an der „Borcker Hegge" 
und fasste einstimmig den schriftlich verzeichneten Beschluss: 
Münster zu ersuchen, dass es sie auch fernerhin auf den Hansa- 
tagen zu Lübeck schriftlich wie mündlich nach aller Nothdurft 
und mit allem Fleisse vertreten möge, damit sie, wie bisher, unter 
der Stadt Münster nach alter Gewohnheit und nach altem Besitz 
bei der Hansa Freiheiten belassen und vertheidigt würden. Wozu 
sie sich auf dem jüngsten Landtag mündlich erboten hätten, das 
wiederholten sie hiermit schriftlich, „dass sie nämlich gleich den 
anderen kleinen Städten, die auch von ihren oberen oder Principal- 
Städten vertreten würden, und die ebenfalls nicht gern verlassen 
sein, sondern sich der wohlhergebrachten Hansafreiheiten und Ge- 
rechtigkeiten erfreuen möchten, bereit seien, zu den Unkosten 
und der Contribution , die Münster als Prinzipalstadt aus der 
Hansa erwüchsen, das Ihrige beizusteuern. Und so nun Münster 
künftighin hierüber Rundfrage bei ihnen halte oder ihnen auf 
den gemeinen Landtagen oder sonst, wo die grossen Unkosten 
erlegt würden und eines jeden Beitrag zur Hand sein solle, Be- 
scheid darüber gebe, da wollten sie sich mit den Ihrigen in die 
Forderung zu schicken wissen, und zwar versprächen sie dieses nicht 
bloss für sich, sondern zugleich auch für ihre Nachkommen". 

Das Schreiben ist unterzeichnet von den Rathsverwandten der 
Städte Coesfeld, Borken, Bocholt, Dülmen, Haltern und Vreden*). 

Aehnlich, wie die Quartierstädte up'm Brahm, werden sich 
auch die Quartiere „up'm Drein" und das Niederstift erklärt haben. 

Zum Schlüsse möchte es noch von Interesse sein, einiges 
über die Verrechnung und über die Höhe der hier erwähnten Bei- 
träge der münsterländischen Städte hinzuzufügen, da sich auch in 
dieser Hinsicht ähnliche Zustände und Verhältnisse im gesammten 
Gebiete der Hansa wiederholt haben werden. 

Am Ende eines jeden Jahres stellte Münster Rechnung über 
die Unkosten auf, die es in der Hansa gehabt hatte. Die Hälfte 



') Warcndorfer Stadtarchiv, Hanseatica 3, 35; Niescrt 3, S. 390. 



- 64 - 

davon hatte es selbst zu decken; die andere Hälfte fiel auf die 
Quartierstadte. Mit dem Anfange eines neuen Jahres theilte Münster 
seine Rechnungsablage den Vororten der Quartiere zur Kenntniss- 
nahme für die übrigen Quartierstadte mit und legte eine Liste bei, 
in welcher der von den einzelnen Städten zu zahlende Beitrag 
verzeichnet war. Derselbe war nach einer im Jahre 1547 verein- 
barten Taxe berechnet. Die Quartiervorstande Hessen die Schrift- 
stücke bei den Quartiergenossen circuliren und bestimmten Zeit 
und Ort, wann und wo die nächste Quartierversammlung statt- 
finden sollte. 

Die Höhe der Beiträge richtete sich nach den augenblicklichen 
Bedürfnissen; für das Jahr 157 1 betrug sie 900 Reichsthaler; davon 
zahlte Münster 450, jedes Quartier 225 Thlr., und zwar im 
Brahmquartier: 

Coesfeld 70 Thaler 

Bocholt 41 

Borken 36 

Dülmen 31 

Haltern 26 

Vreden 2 1 

Eine andere Rechnung liegt vor aus dem Jahre 1593'). Gesammt- 
summe der zu zahlenden Beiträge war 632 Thlr.; davon bezahlte 
Münster 316, jedes Quartier 158, und zwar: 

Warendorf 68 Thaler 
Bockum 42 



Ahlen 


42 


Rheine 


29 


Werne 


25 


Telgte 


22 



»I 



Im Jahre 1598 liess sich Münster in Lübeck durch die beiden 
Syndid Heinrich Mitfeld und Heinrich Frei vertreten. Die von 
diesen eingereichte Rechnung über Verzehr auf der Hin- und 
Rückreise und binnen Lübeck betrug 495 Thlr. 21 Seh. 6 Pfg. 
Auch Nachrechnungen kamen vor, und zwar reichte Münster eine 
solche für 1609, 1610 und 161 1 im Betrag von 314 Thln. 16 Seh. ein'). 



*) Warendorfer Stadtarchiv, Hanseatica i, 6, 26. 
) Daselbst 6, 30. 



2 



- 65 - 

Was ich im Vorhergehenden über die Organisation der Hansa 
in Westfalen mitgetheilt habe, giebt zwar kein vollständiges Bild 
aber es zeigt uns doch, wie die Hansa damals ein wohlgegliedertes 
Netz über Westfalen geworfen hatte, dessen Maschen hier enger 
geschlossen, dort weiter gelassen waren; es zeigt uns femer Westfalen 
in einer Blüthe der industriellen und mercantilen Entwickelung, die 
es seitdem kaum wieder erreicht hat. Viele von den Städten, die 
unter der Hansa zu Macht und Ansehen gelangt waren, sind wieder 
zu dem geworden, was sie vor der Hansa waren, zu ackerbau- 
treibenden Landstädtchen. Andere haben ihre ehemalige Bedeutung 
dadurch gerettet oder wiedergewonnen, dass sie in ihrer Nähe die 
Schätze Pluto's und der Proserpina fanden, auf denen die heutige 
Industrie beruht. Münster erfreut sich nicht dieses Glückes. Dass 
es trotzdem nicht das Loos vieler seiner ehemaligen Hansagenossen 
in Westfalen theilt, verdankt es wesentlich dem glücklichen Umstände, 
dass es, bis zum Schlüsse des vorigen Jahrhunderts Residenz eines 
ziemlich bedeutenden Territoriums, im Jahre 1815 zur Provinzial- 
hauptstadt von Westfalen erhoben wurde und sich seitdem des 
besonderen Schutzes und Wohlwollens einer hohen Staatsregierung 
erfreut* Der Geist der Hansa ist nicht aus seinen Mauern ge- 
wichen, aber auf enge Kreise beschränkt. Dafür ist ein anderer 
Geist bei uns heimisch geblieben , ein Geist, den ich mit einem 
Worte den Geist der Wissenschaft und Kunst nennen möchte, und 
der seine Pflege und Nahrung findet in wohlgeordneten höheren 
Unterrichtsanstalten, in trefflich eingerichteten Meisterwerkstätten 
und in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinen. Dieser Geist ist es 
auch, der uns den Hansischen Geschichtsverein in unserer Vaterstadt 
doppelt freudig begrüssen lässt Ich bin daher überzeugt, dass ich 
aus dem Herzen aller Mitbürger spreche, wenn ich am Schlüsse 
unsrer öjQfentlichen Vorträge diese Gelegenheit benutze, um demselben 
nochmals für sein diesjähriges Tagen in Münster unsem Dank ab- 
zustatten, und wenn ich damit die Bitte verbinde, uns auch in 
seinem ferneren Vereinsleben ein freundliches Andenken zu bewahren. 



Hansische Geschichtsblätter. IX. 



V. 



KLEINERE MITTHEILUNGEN. 



5* 



DAS WESTF/ 



Wie hoch ich 
Waldemar von Däne 
ferate über dasselbe 
wenn ich hier trotzdc 
lemisire; so geschieh I 
Ganzen der Verfassi: 
durch die bisher gv 
lassen und meine d;i 

Die Eintheilung 
westfälisch -preussiscl i 
um die es sich hanc 
entgegen und wird v 
auch für die ältere 
Städte von allgemei 
satze: „Das Ordens 
1370" (Preussische J; 
sieht entgegengetretf 
1370 diese Eintheili 
Brügge und bei B 
drische Angelegenl 
sonstigen Berathung< 
keine Anwendung fi 
schichte während de 
gemeinen Eintheilun 
einem Zerfallen in \ 
gruppen reden dürf , 
Berathungen über fi 1 




— 70 — 

sammenfassung der westfälischen und preussischen Städte unter 
Führung von Köln zu erklären gesucht, indem ich auf die in Flau* 
dem seit 1252 erscheinende Dreitheilung der Kaufleute hinwies und 
die Vermuthung aussprach, dass das 1252 noch nicht vorhandene 
preussische Element sich später demjenigen Drittel angeschlossen 
habe, welches von der in Brügge angesehensten Stadt, nämlich 
Köln, gefühlt wurde; die Erklärung der besprochenen auffallenden 
Erscheinung hatte ich also in lokalen flandrischen und brüggischen 
Verhältnissen gesucht. Endlich hatte ich 3) erklärt, nicht zu ver- 
stehen, weshalb Koppmann (Hanserecesse 3, S. VI) die Auffordenmg 
Kölns im Jahre 1360, von jedem der genannten Drittel 4 Boten 
nach Köln zu \'erhandlungen mit den Flämingem zu senden, als 
Atavismus bezeichne. 

Gegen alle diese von mir ausgesprochenen Ansichten erhebt 
nun Schäfer Widerspruch. Allerdings sagt er S. 249: „Wenig- 
stens für die flandrischen Verhältnisse ist die Dreitheilung für das 

Auftreten der Städte massgebend", und S. 251: ,,Doch findet die 

* 

ganze Eintheilung, wie es scheint, fast nur auf die flandrischen 
Verhältnisse Anwendung. Wir werden sehen, wie in den Kämpfen 
der nächsten Jahre fast ausschliesslich die alten landschaftlichen 
Verbindungen von Bedeutung sind, die Dreitheilung wenig eingreift 
in die Entwicklung der Verhältnisse. Auch auf den übrigen aus- 
wärtigen Niederlassungen lässt sie sich um diese Zeit noch nicht 
nachweisen. Erst später ist sie von grösserer Wichtigkeit gewor- 
den für die Organisation des hansischen Bundes". Man sollte 
meinen, in diesen. Worten eine rückhaltslose Zustimmung zu meiner 
an erster Stelle aufgeführten Ansicht zu finden; aber trotzdem ist 
dieses nicht der Fall ; vielmehr sagt Schäfer S. 250 in einer grössten- 
tbeils gegen mich gerichteten Anmerkung: „Nicht Köln hatte da- 
mals in Brügge die grösste Bedeutung; in den Verhandlungen mit 
Flandern spielt Köln durchaus keine besonders hervortretende Rolle. 
Mit Recht spricht Koppmann in diesem Sinne von einem Atavismus. 
Dass die Drittheilung zunächst auf dem Komtor zu Brügge er- 
scheint, ist richtig, aber nicht, dass sie bis 1370 nur für die Ver- 
hältnisse in Brügge Bedeutung gehabt habe. Hängt denn nicht 
mit der Verbindung zwischen Preussen und Westfalen zusammen, 
dass 1367 die Preussen sich gerade mit den Niederländern einigen, 
die ja, soweit sie Hansestädte waren, dem westfalisch-preussischen 



— 71 — 

Drittel angehören, dass Köln zum Versammlungsorte gewählt wird» 
dass die Preussen sich militärisch durch Kampen vertreten lassen 
wollen? Dazu vgl. H. R. I Nr. 376 S 26. Mir scheint das 
Wahrscheinlichste, dass die Erklärung, wenn überhaupt, aus der 
Ordensgeschichte kommen wü-d". 

Schäfer sagt also gegen Punkt i) meiner Ansichten, es sei 
nicht richtig, dass die Dritteltheilung bis 1370 nur für die Ver- 
hältnisse in Brügge und Flandern Bedeutung gehabt habe, denn 
auf der Zugehörigkeit zu demselben Drittel beruhe die engere 
Verbindung der preussischen und niederländischen Städte zur Zeit 
der Kriege mit Waldemar; gegen Punkt 2), Köln sei damals nicht 
die angesehenste Stadt in Brügge gewesen, die Erklärung für die 
Zusammenfassung der Westfalen und Preussen sei vielmehr aus 
der Ordensgeschichte zu holen; gegen 3), das Atavistische liege in 
der Thatsache, dass Köln eine hervortretende Rolle in den flan- 
drischen Angelegenheiten zu spielen suche. 

Gehen wir nun diese Einwendungen der Reihe nach durch, 
so beruht zunächst die Verbindung der preussischen und nieder- 
ländischen Städte nicht auf dem Zusammensitzen in demselben 
Drittel; denn die Niederländer, mit denen die Preussen sich ver- 
banden, gehörten damals nicht zur Hanse, mithin auch nicht, wo- 
gegen kein Einspruch erhoben werden wird, zu dem westfalisch- 
preussischen Drittel des Brügger Komtors. Dieses ergiebt sich 
aus Schäfer S. 343 Anm. 4, S. 448 Anm. 5, S. 449 Anm. i, 
S. 478 Anm. 3, S. 562. Die im Jahre 1367 mit den preussischen 
Hand in Hand gehenden niederländischen Städte zerfallen nach 
der Kölner Conföderation (Schäfer S. 432) in die von der Südersee, 
von Holland und von Seeland und werden ebenda der ganzen 
Hanse entgegengesetzt, indem den von der wendischen Seite, von 
Preussen, von Livland und von der deutschen Hanse im Allge- 
meinen, die von der Südersee, von Holland und von Seeland hin- 
zugefügt werden. Die beiden letzten Gruppen werden nach Schäfer 
S. 448 Anm. 5 und S. 449 Anm. i nicht zur Hanse gerechnet; 
mithin konnten nur die von der Südersee in dem westfalisch- 
preussischen Drittel einbegriffen sein. Diese Städte stehen aber 
unter Führung von Kampen, ja, nach Schäfer S. 458 vertritt sein 
Name oft die ganze Gruppe, und Kampen gehörte nicht zur Hanse, 
wie sich schon allein aus seiner im Jahre 1383 vorgebrachten Bitte 



— 72 -- 

tun Aufnahme in dieselbe ergiebt (Schäfer S. 562). Nadi den 
eigenen Ausführungen Schafers sind die niederländischen mithin 
keine Hansestädte, also auch nicht Mitglieder des westfalisch-preus- 
sischen Drittels. Die Verbindung zwischen Preussen und Nieder« 
ländern kann daher nicht auf dieser Thatsache beruhen, und Schä- 
fers Einwand fallt in sich zusammen. 

Es ist hier nicht meine Absicht, im Gegensatze zu dem vorhin 
erreichten negativen Resultate die positiven Gründe für die Verbindung 
der preussischen Städte mit den Niederländern, namentlich mit Kampen, 
genauer zu erörtern. Doch sehe ich in dem Vorschlage der Preussen 
von 1363, Kampen solle für sie den wendischen Städten einige Hülfs- 
schiffe senden, einen Versuch, *die ausserhalb der die übrigen deutschen 
Seestädte umschliessendenVerbindung stehende und dennoch in gleicher 
Weise mit Dänemark verfeindete Städtegruppe zur Hülfeleistung 
und zum gemeinsamen Operiren heranzuziehen. Die Wahl Kölns 
zum Versammlungsorte im Jahre 1367 ist einfach dadurch zu er- 
klären, dass die vorhergehende Versammlung in Elbing gehalten 
war, die Niederländer also nun den Tag in ihrer Mitte verlangen 
konnten, wofür man dann Köln zur Bequemlichkeit der entfernten 
östlichen Städte an die Stelle setzte. Die ganze Verbindung der 
beiden Gruppen im Jahre 1367 beruht aber darauf, dass die Nieder- 
länder namentlich von Norwegen so schwer geschädigt waren, dass 
sie in gleicher Weise wie die Preussen zu energischeren Schritten 
gegen die nordischen Könige bereit waren, während die wendischen 
Städte zunächst noch vor einem erneuten Bruche zurückscheuten. 
Aus dieser gleichen Stimmung, nicht aber aus einer nicht existi- 
renden Zusammengehörigkeit zu demselben sogenannten Hanse- 
drittel ist ihr engeres Bündniss zu erklären, wozu ja allerdings bei 
genauerer Untersuchung noch andere Motive mitgewirkt haben mögen. 

Aber selbst wenn auch die niederländischen Städte zu dem 
westfalisch-preussischen Drittel des Brügger Komtors gehört und 
dadurch in engere Verbindung mit den preussischen gekommen 
wären, so würde dieses doch nicht dazu berechtigen, im Allge- 
meinen von einer Eintheilung der Hanse in die genannten Drittel 
zu sprechen, da dieselben nach Schäfers eigenem Zugeständniss 
sonst keinen EinÜuss auf die Verhältnisse üben und aus der That- 
sache, dass die Mitglieder der einen Gruppe leichter zur Verstän- 
digung miteinander kommen, noch nicht eine Bedeutung der 



— 73 — 

Dreitheilung für die Organisation des Bundes im Ganzen sich er- 
geben würde. £s ist daher nur als vielleicht unbewusste Nach- 
wirkung früherer, unrichtiger Anschauung anzusehen, wenn auch 
die jetzigen Historiker der Hanse die Dreitheilung verallgemeinern, 
ja sogar, wie Schäfer, von einem niederländisch-preussischen Drittel 
reden. 

Schreite ich nun zur Rechtfertigung meiner ausdrücklich als 
solche bezeichneten Hypothese über die Art und Weise, wie es 
gekommen, dass man in Brügge die Preussen mit den Westfalen 
zusammenstellte, so bemerke ich, dass ich die Ordnung des Kom- 
tors zu Brügge vom Jahre 1347 nicht als etwas ganz neu Ge- 
schaffenes ansehe, sondern vielmehr in den damals angenommenen 
Statuten gleichsam eine Cödifizirung der bisherigen Gewohnheiten 
erkenne. Der Zutritt der Preussen zu dem westfälischen Drittel 
fand also nach meiner Ansicht nicht erst in diesem Jahre statt, 
sondern weit früher, sobald preussische Kaufleute, nach Brügge 
kamen, wo seit 1252 Spuren der Dreitheilung sich finden. Sicher 
kamen die Preussen aber bereits im 13. Jahrhundert nach Flan- 
dern, da 1295 ihr Handel sich bereits nach Frankreich und Eng- 
land erstreckte, das hervorragende Handelsemporium Brügge aber 
gewiss einen der Hauptanziehungspunkte der westlichen Meere 
bildete. Spätestens im letzten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts 
schlössen sich danach in Brügge die Preussen an die Westfalen 
und Köln an, und dass damals diese Stadt dort noch die hervor- 
ragendste Rolle spielte, scheint mir nicht zweifelhaft. Aber wenn 
auch dieser Erklärungsversuch verfehlt sein sollte, so ist docü daran 
festzuhalten, dass die Gründe in Brügge und Flandern und nicht 
in der Ordensgeschichte zu suchen sind. Wäre Letzteres der Fall, 
so müsste die eigenthümliche Verbindung sich auch sonst, nament- 
lich auf anderen hansischen Komtoren zeigen; da sie aber nur in 
Brügge wahrgenommen wird, auf den anderen Komtoren vielmehr 
ganz andere Combinationen vorkommen, so müssen die Gründe 
dazu auch eben dort liegen. 

In Betreff des 3. Punktes bemerkte ich kurz, dass ich auch 
nach dieser Auslegung nicht weiss, worin der Atavismus bei dem 
Vorgehen Kölns liegt. 

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass ich meine Ausführungen 
gegen die Einwendungen Schäfers in jedem Punkte aufrecht- 



— 74 — 

erhalten und meine Warnung vor einer Ueberschätzung der viel be- 
sprochenen Dritteltheilung nur wiederholen kann. Sie hat ihren 
Grund offenbar in einer falschlichen Uebertragung spaterer Ver- 
hältnisse auf die früheren Zeiten. Weil die Hanse später in be- 
stimmte Unterabtheilungen (Quartiere) zerfiel , meinte man, dieses 
müsse auch früher der Fall gewesen sein» und weil man nun die 
angegebenen Drittel häufig erwähnt fand, so glaubte man hierin 
die gesuchte Einrichtung erkennen zu müssen und verallgemeinerte 
auch für die ältere Zeit eine Gruppirung, die nur auf das eine 
hansische Komtor und seine Verhältnisse Bezug hatte, in derselben 
Weise, wie der sonst anders organisirte deutsche Reichstag für 
Religionsangelegeuheiten in das corpus catholicorum tmd evange- 
licorum zerfiel. Fasst man aber die Natur des sogenanten Hanse- 
bundes in damaliger Zeit schärfer ins Auge, so ergiebt sich, dass 
an eine allgemeine Eintheilung in bestimmte Unterabtheilungen 
damals überhaupt nicht gedacht werden kann, da dieser sogenannte 
Bund gar keine einer Verfassung ähnliche Organisation hatte, da 
auch die Verträge von Greifswald und Köln, wie Schäfer ganz 
richtig betont, nur Bündnisse ad hoc sind und bloss dadurch für 
die Entwicklung des später wirklich organisirten Bundes eine so 
hervorragende Bedeutung haben, dass die durch sie zu einem be- 
stimmten Zwecke geeinigten Städte den Segen der gemeinsamen 
Thätigkeit schätzen lernten und nun auf eine dauernde Verbindung 
miteinander mehr und mehr hindrängten. 

Beiläufig sei es mir gestattet, darauf hinzuweisen, dass es un- 
richtig ist, wenn man, wie es mehrfach geschieht und so auch von 
Schäfer S. 79, unter den mit lübischem Rechte begabten Städten 
Preussens oder gar des preussischen Ordenslandes Danzig und 
Dirschau aufführt. Beide Städte haben, nachdem sie an Preussen 
und unter die Herrschaft des Ordens gekommen, niemals nach 
lübischem, sondern nur nach magdeburgisch -kulmischem Rechte 
gelebt. Ebenso hat Memel nur eine Zeit lang und auch dann nur 
mit Modificatioiien lübisches Recht gehabt, und auch Heia erhielt 
dasselbe nicht unverändert. Gewiss würden auch Braunsberg und 
Frauenburg nicht unverkürzt das Recht Lübecks erhalten haben, 
wenn sie unmittelbare Städte des Ordens und nicht des Bischofs 
von Ermland gewesen wären, so dass unter den eigentlichen Städten 
des Ordens nur Elbing volles lübisches Recht hatte. 



«ta^^^^^^/*^^ 



IL 
ZU DEN DRITTHEILS -VERS AMMLUNGEN. 

VON 

KARL KOPPMANN. 

Als ich mich entschloss, die reichen Nachträge zu den beiden 
ersten Bänden der Hanserecesse, die ich im Jahre 1872 in deutschen 
und ausländischen Archiven gesammelt hatte, nicht für verhältniss- 
massig lange Jahre in der Mappe ruhen zu lassen, sondern im 
Interesse der immer reger werdenden hansischen Geschichtsforschung 
sofort zu verö£Fentlichen, glaubte ich auch die Verpflichtung zu 
haben, die Arbeitsgenossen in aller Kürze auf dasjenige aufmerk- 
sam zu machen, was mir aus irgend einem Grunde von beson- 
derem Interesse zu sein schien. Die Kürze dieser Bemerkungen, 
die ja nur ein Fingerzeig, ein Notabene für die Mitarbeiter in der 
Geschichtsforschung sein sollen, bringt es vielleicht mit sich, dass 
sie hier einmal falsch, dort gar nicht verstanden werden. 

In Bezug auf ein mir aus Stralsund mitgetheiltes Schreiben 
Kölns an Lübeck heisst es S. VI meiner Einleitung zum dritten 
Bande: Es vertieft sich das Verständniss — , wenn in einer Art Ata- 
vismus Köln noch im Jahre 1360 mit dem Vorschlage herausrückt, 
Lübeck und die übrigen Städte de tercia parte Saxonie sollten vier, 
die vom gothländischen Drittel vier, de nostra tercia parte die von 
Preussen zwei und Köln mit den westfälischen Städten zwei pro- 
bos viros cum pleno posse zur Verhandlung mit den Flämingern 
nach Köln absenden (Nr. 256), und wenn sich also hier die preussi- 
schen und die westfälischen Städte von einander scheiden, wie das 
unter der Führung Wisbys stehende Drittel in ein gothländisches 
und ein livländisches Sechstel halbirt wird (Nr. 77). Beachtenswerth 



- 76 - 

war mir dabei — abgesehen von der Theilung des westfalisch- 
preussischen Drittels — die scharfe Betonung der Eintheilung nach 
Drittheilen, die sich darin äussert, dass jedes Drittheil, resp. jedes 
Sechstel, gleich stark vertreten sein soll. Indem ich den Vorschlag 
zu einer solchen gleichmässigen Vertretung der einzelnen Drittheile, 
wie sie uns sonst nirgendwo bekannt ist, als eine Art Atavismus 
bezeichnete, wollte ich andeuten, dass derselbe, gerade weil er von 
Köln kommt, vielleicht kein neu erfundener, sondern ein früher ge- 
bräuchlicher, damals aber längst veralteter Modus der Versamm- 
lungen nach Drittheilen sei. 

Auf die Bedeutung Kölns, wie Schäfer S. 250 Anm. 2 meint, 
konnte ich den Ausdruck deswegen nicht beziehen, weil dasselbe, 
wie es in dem Schreiben selbst berichtet, Lübeck nur auf Wunsch 
der Fläminger deren Gesuch um eine Verhandlung in Köln meldet 
und dasselbe unterstützt 

Auf den Streit über die Erklärung der Zusammensetzung des 
westfälisch -preussischen Drittels habe ich keine Veranlassung ein- 
zugehen, über die Dritteltheilung selbst dagegen möchte ich mir 
noch ein paar Worte erlauben. 

Sattler hat Recht darin, dass ursprünglich die Dritteltheilung 
nur für die Verhältnisse des Kontors zu Brügge Bedeutung hatte 
und deshalb nur bei Berathung der deutschen Städte über flan- 
drische Angelegenheiten zu Tage trat; aber er geht zu weit mit 
seiner Behauptung, dass dieselbe bis 1370 auf diese Verhältnisse 
beschränkt blieb. Der Uebergang aus der Kaufmannshanse in den 
hansischen Städtebund kommt vielmehr, wie ich jetzt auf Grund der 
Bemerkung Sattlers das früher Gesagte (Hanserecesse i, S. XXXVIII) 
richtiger und schärfer fassen kann, dadurch zum AbschlusS; dass 
die Versammlungen der gegen Dänemark konföderirten Städte die- 
jenigen Rechte, welche die Drittelsversammlungen in Bezug auf den 
deutschen Kaufmann zu Brügge ausgeübt hatten, in allen Ange- 
legenheiten des deutschen Kaufmanns für sich in Anspruch nahmen: 
die Ausübung dieser Rechte macht die Tagfahrten der konfode* 
derirten Städte zu Hansetagen. 

Um aber solche Rechte ausüben zu können, wird eine Drittel- 
theilung der deutschen Seestädte geschaffen oder als bestehend 
fingirt. 

Die Versammlung vom 24. Juni 1363 spricht nicht nur die für 



— 77 — 

das westfälisch- preussische Drittel bestimmten flandrischen Urkunden 
Köln ab nnd erkennt sie den preussischen Städten zu (Hanserecesse 
I, I, Nr. 296 S S 3, 27; 297, 298), sondern setzt aucli in Bezug auf 
Nowgorod, wo gar keine Dritteltheilung bestand und die Verhält- 
nisse des deutschen Kaufmanns von Lübeck und Wisby geleitet 
wurden, Riga als Vorsteherin eines dritten Drittheils (ad servandum 
terciam partem curie Nougardensis) neben Lübeck und Wisby 
(Nr. 296 S 14; vgl. Nr. 387, 473). 1366 Juni 24 schreiben consules 
civitatum maritimarum de tercia parte Lubicensi et tercia parte 
Wisbicensi an den deutschen Kaufmann zu Nowgorod (Nr. 385), 
und 1368 Okt. 6 wird ein Brief an Wisby gerichtet von den Raths- 
sendeboten der Seestädte de tercia parte Lubicensi, de Lyvonia, de 
Prusda, de Campen, HoUandia et Zeelandia ceterarumque de Mari 
meridiano (Nr. 482). 1367 Dez. 8 heissft es, dass quelibet tercia 
drei besiegelte Urkunden mitbringen solle (Nr. 420 S I3)> und 1369 
März II einigen sich de stede van deme Lubeschen derdendel, alse 
Lubeke, Hamborch, Rostok, Stralessund, Wismer, Colberg unde 
Stargard über ein gemeinsames Verfahren gegen Verfestete (Nr. 
489 S 21). 

Diese schnell zusammengelesenen und deshalb vielleicht nicht 
vollständigen Stellen werden genügen, Sattlers Behauptung, dass 
die Eintheilung nach Dritttheilen bis 1370 ausschliesslich auf die 
Verhältnisse des Kontors zu Brügge Bezug hatte, zu modifidren; 
zu dner weiteren Ausführung meiner eigenen Ansicht, wenn eine 
solche nöthig sein sollte, fehlt mir im Augenblick die Zeit. 



m. 

EINE CORRESPONDENZ DREYERS 

HIT DKM 

RATHE DER STADT OLDENBURG IN HOLSTEIN. 



FERDINAND FRENSDORFF. 

Gelegentlich der Prüfang des der Stadt Oldenburg in Hol- 
stein gehörigen Codex des lübischen Rechts, den Christiani in 
seiner Geschichte der Herzogthämer Schleswig -Holstein Theit z 
(Flensburg u. Leipzig 1776}, S. 519 n. ff, hat abdrucken lassen, ist 
mir folgende, dem Manuscript theils im Original, theils im Con- 
cept beiliegende Verhandlung ans dem Jahre 1784 bekannt ge- 
worden. 

Am z6. October schrie}) Dreyer, des Hochstifts Lübeck Dom- 
propst, der Reichsstadt eratet Syndicus und Consistorialpräsident, 
an Bürgermeister und Rath der königlich dänischen Stadt Olden- 
burg, er habe aus einer in Hannover vorgewesenen Bücherauction 
ein Convolut verschiedener, die niedersächsische Geschichte be- 
treffender Urkunden und Schriften, darunter eine für Oldenburg 
wichtige Originalurkunde, erstanden, die er sammt den dabei be- 
findlichen geschriebenen Oldenburgischen Kirchen- und Stiftunga- 
nacbrichten dem dortigen Stadtarchiv in patriotischer Absicht zu 
überreichen bereit sei, falls man ihm die gehabten Auslagen, die 
in schwerem Gelde 24 Mk. 12 Schill, ausmachten, erstatten würde. 
Der Rath war erfreut über das Anerbieten, hielt sich aber nicht 
für ermächtigt, aus der Casse der Commune ohne deren besonderen 
Nutzen Gelder zu verausgaben, und erbat zunächst, um die nöthjge 
Prüfung anstellen zu können, die Uebersendung einer Abschrift 
gegen Kostenerstattnng. In seiner Erwiderung vom 12. November 
bemerkte Dreyer, er habe unlängst in der kurbranden burgischen 



— 79 — 

Rechts- und Staatsgeschichte die Nachricht angetroffen, dass der 
clevischen Stadt Cranenburg das von ihrem fürstlichen Erbauer 
ertheilte clevische Recht durch königliche Cabinetsordre entzogen 
worden, weil die. Originalurkunde der Stadt abhanden gekommen sei 
und in einem Rechtsstreit nicht habe beschafit werden können. Nur 
die Erinnerung hieran habe ihn zu seinem Anerbieten veranlasst^ 
anstatt die Urkunde, in welcher die Grafen Claus und Gerd der 
Stadt Oldenburg den Gebrauch des lübischen Rechts versichern, 
wie sonst seine Absicht gewesen, der Sammlung von Original- 
urkunden zu überlassen, welche von der königlich -grossbritanni- 
schen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen „angestellet und 
vermehrt'^ werde. Die gewünschte Abschrift einzusenden, sei er 
wegen Abwesenheit seines Kanzellisten, den er zur Lesung und 
Abschreibung 'alter auf Pergament geschriebener Urkunden allein 
gebrauchen könne, ausser Stande; doch solle auf Verlangen zu- 
gleich mit dem Original die Copie unter seiner Hand erfolgen. 
Unterm 19.. November 1784 schickten Bürgermeister und Rath 
die geforderte Summe, über deren Empfang Dreyer am 23. quittirte, 
zugleich die Urkunde nebst seiner Abschrift und die Designation 
der oldenburgischen Kirchennachrichten übersendend, welche von 
dem ehemaligen Pastor Wilhelmi verfertigt worden. 

Die Abschrift Dreyer's liegt noch dem Originale bei; seine 
Flüchtigkeiten fehlen auch hier nicht: aus Hinric van Zygghem 
macht er einen Bartram v. Z., aus Otto Wyltberch einen Otto 
Wackerbarth. 

Die Urkunde ist gedruckt bei Westphalen, Monum. ined. 4, 
S. 3227, und zwar ohne erhebliche Fehler. Wenn sie hier aufs 
neue gegeben wird, so geschieht es um des mehrfachen Interesses 
willen, das sie bei aller Einfachheit ihres Inhalts bietet: einmal 
als sichere Uebertragung des lübischen Rechts auf Oldenburg, 
nachdem die ältere Urkunde von 1232 sich als eine Fälschung er- 
wiesen hat — vgl. Waitz in: Schleswig-Holsteinische Urkundensamm- 
lung I, S. 476, und Höhlbaum, Hansisches ÜB. i, n. 267 — , dann 
um die Aufmerksamkeit auf die Wendung hinzulenken: „unde nicht 
ut to schellende'', die so wenig beachtet worden ist, dass Schiller 
und Lübben im Mittelniederdeutschen Wörterbuche nicht einmal 
das Wort „utschellen" verzeichnen. Was bedeutet dies „Ausschellen", 
zu dem die Oldenburger nicht verpflichtet sein sollen? Heisst das 



— 8o — 

bloss, sie sollen über den Bruch des Marktfriedens richten, ohne 
jedesmal am Michaelistage dies verkünden zu müssen, oder liegt 
nicht vielmehr ein Gegensatz zu der Berechtigung, selbst zu richten, 
darin ausgedrückt? 

1392 März 17. Oldenburg. Die Grafen Claus und Gerd von 
Holstein geben der Stadt Oldenburg frei lübisch Recht. 

Pergament-Urkunde des Stadtarchivs zu Oldenburg mit 
gelbseidenen Siegelschnüren; das Siegel fehlt. 

Wy Clawes van Godes gnaden greve to Holsten to Stormeren 
unde to Schowenborch unde wy Gherd der sulven gnade hertoghe 
to Sleswych greve to Holsten to Stormeren unde to Schowen- 
borch beden heyel an Gode al den de dessen breef zeen hören 
edder lezen unde bekennen openbar an desme breve, dat wy unde 
unze erven unde nakomelynghe gheven unde hebben gheven unzen 
leven borghermesteren unde ratmannen unde der ghantzen men- 
heyt to Oldenborch de nu zien unde na komen m0ghen vry Ifi- 
bysch recht an der stat to Oldenborch unde an erer veitmarke an 
ackere an weyde an watere an wysche unde an m0ren, alz dat 
byleghen ys an zy ner schede, alzo vry to brfikene desses vorben. 
lubeschen rechtes, alze unse anderen stede an deme lande to Holsten 
alder vrygest brfiken unde neten. Vordmer zo gheve wy unde 
unze erven dessen vorben. borghermesteren unde ratmannen den 
market vrede to suntte Mycheles daghe an erer stad sulven to 
rechtene unde nicht fit to schellende, yft dar yenich man breke an 
lyf an sfint edder an ghud, dat God vor bede. Hyr hebben an 
unde over wezen de erbaren Ifide unze ratghevere alzo har Hinric 
van Zygghem marschalc, har Dyderyk H0ken, har Henninch K0tel- 
berch, har Wlf Pogghewysch ryddere, har Johan Wermester kerc- 
here to Oldenborch, Johan Breyde Bemer gheheten, Claus Rat- 
lowen, Otto Wyltberch, knapen unde vele andere ghode Itide. To 
tfighe al desser vorscreven stficke zo hebbe wy greve Clawes unde 
hertych Gherd vorben. myd wyllen unde myd volbord unze inghe- 
zeghele henghen laten vor dessen breef, de gheven unde screven 
ys to Oldenborch na Godes bord drfitteyn hunderd jaar dar na in 
deme twe unde neghentighysten yare an deme suntte Ghertrudis 
der hylghen junovrowen daghe. 



rv. 



BEZIEHUNGEN ROSTOCKS ZU j 

UND MÜNCHEN. 

VON 

FERDINAND FRENSDORFF 

Die nachstehende Urkunde ist dem ältesti 
Augsburger Stadtarchivs entnommen, das mir zu 
gäbe der Augsburger Chroniken für die Samml 
Städtechroniken noch nicht zugänglich war, neuen 
stian Meyer zu seinem Aufsatz in den Forschung 
besonders umfassend bei der Veröflfentlichung de 
der Stadt Augsburg (2 Bde., Augsburg 1877 flf.) 1 
Mit Erlaubniss des Magistrats der Stadt Augsbui 
Weizsäcker und ich das Copialbuch im vorigen Ja! 
zung unserer, früher ohne Kenntniss dieser Quelle u 
beiten durchgesehen, und ich theile daraus die f 
gedruckte Schuldurkunde mit, die für die hansi- 
durch von Interesse ist, dass sie eine Handelst i 
einer norddeutschen Seestadt und Süddeutschlan< i 
wiegende Zahl der im Augsburger Copialbucl 
Schriften gehört der zweiten Hälfte des 14. Jal i 
diese Zeit wird auch unsere Urkunde zu setzer 
betheiligten Rostocker Persönlichkeiten geben 
Bände des Meklenburger Urkundenbuches noch 

[Augsb. Copialb. n. 175, S. 100.] 

Ego Simon dictus Han civis in Rozstock fat < 
pro me et omnibus meis heredibus manifeste pres« 1 
omnibus ipsum visuris, audituris vel lecturis, qu : 
reddere debeo discreto viro domino Cunrado di< : 
Augusta et omnibus heredibus suis centum flor< ; 
omnium bonorum seu boni ponderis florenorum ] 1 
quos ab ipso pro dicta pecunia recepi et con | 
quod ego et mei heredes sibi et suis heredibi ; 

Hansische Geschichtsblätter. IX. 



— 82 — 

omnes Indilate sine omni dampno dare et presentare debemus in 
ipsorutn potestatem in dvitate Angustensi coriam et domum ipso* 
rum in die sancti Martini proxime venturi; propter[ea] ad majorem 
certitudinem constitui sibi unum mecam indivise pro vero solutore 
et debitore B. Smit dvem in Rozstog cum tali condicione, si nos 
vel nostri heredes predicto domino C. diclo Vischer et suis here- 
dibus predictos aureos omnes ad predictum terminum in Augusten- 
sem civitatem in ipsorum potestatem, curiam et domos non dona- 
rent'), quodcunque dampnum deinceps recipient, hoc dampnum 
omne ipsis adimere debemus una cum capitali ipsorum pecunia 
predicta totaliter et integraliter sine omni ipsorum dampno % Habent 
eciam post terminum predictum, si voluerint, posse, cum ipsis pla- 
cuerit vel placebit, predicti aurei Stent sub dampno vd non Stent 
sub dampno, pignora nostra recipiendi nosque angariandi in ter- 
ritoriis, judiciis vel civitatibus, ubi nos deprehendere possint et 
nostras facultates, cum jure arrestandi pro dampno et capitali us- 
que ad plenam solutionem sine omni ipsorum dampno. Insuper 
omni presens instrumentum voluntate ipsorum tenenti et nos super 
hoc ammoniti huic tenemur et obligati sumus, omne id quod in 
presenti instrumento continetur et omni modo juris quo tenetur 
cum intersigno presentis instrumenti et cum mei predicti Simonis 
]^an sigillo sigillati, sub quo quidem sigillo ego predictus B. me 
per meam fidelitatem obligavi omnia que in dicto instrumento 
habentur me firma et rata habiturum, cum jam proprium mecum non 
habuerim sigillum. Testes prescriptorum etc. cives etc. et alii ho- 
nesti viri quam plures. Actum in Monaco etc. 



') Donare hier wie oft in mittelalterlicher Rechtssprache für dare; 
vgl. Stralsunder Verfestungsb. S. XXXIX und das franz. donner. 

') Dampnum (Schaden) in demselben Satze in zwiefacher Bedeutimg: 
neben der gewöhnlichen in der von Zinsen für ein vom Gläubiger bei 
einem Dritten in Folge der Zahlungsversäumniss des Schuldners aufge- 
nommenes Darlehen. In deutscher Sprache, aus der unsere Urkunde offen- 
bar übersetzt ist, würde gesagt sein: den Schaden, den Fischer und seine 
Erben ,,nehmen*' werden (recipient), verspricht ihm der Schuldner „abzu- 
thun'* (adimere) zugleich mit der Rückzahlung des „Hauptgeldes*'. Aus- 
führlich handelt über das „Schadennehmen**: Stobbe, z. Gesch. des deutschen 
Vertragsrechts (Leipzig, 1855) S. 37 ff. 



^0^f^^0^^^l^^^^^^^*^t^t^»^t^0 



V. 

BEZIEHUNGEN LÜBECKS UND STRALSUNDS 

ZV VENEDIG, 

VON 

LUDWIG GEIGER. 

Die nachstehende Werbung Stralsunds durch den Lübecker 
Nikolaus Carbo um freundschaftliche Behandlung seiner Angehö- 
rigen, die nach Rom wollen, mit dem von Venedig gegebenen 
Bescheide, ist mitgetheilt in Romanin's Storia documentata di Ve- 
nezia, Tomo III (Venezia 1855), S. 520, 521. Die Abgelegenheit des 
Druckorts wird eine Wiederholung des Abdrucks rechtfertigen. 

Die XXVir Januarii MCCCCXX. 
Sapientes consilj. 

Cum ad presentiam nostri dominj comparuit vir prudens ser 
Nicolaus Carbo de Lubech, presentatis literis credulitatis specta- 
bilinm consulum magnifice comunitatis civitatis maritime Strale« 
sundonensis site in principatu Rugianorum et parte dictorum con- 
sulum nostro dominio exposuerit de sincera et amicabili dispositione 
et bona intentione dicte magnifice comunitatis cum nostro do- 
minio, porrigendo cedulam, cujus tenor talis est, videlicet: 

Excelso principo e magnifica Signoria, ser Nicolo Carbo de 

Lubech compar davanti la vostra signoria per parte dei Consoli 

dela citade de Stralessunt, e per parte di diti e stado commesso 

chel debia exponer ala vostra Signoria in caxo chel piaxesse ala 

vostra Signoria quelli tal consoli per parte di quella comunitade 

de Stralessunt seria contenti de una bona amicitia e una bona fra- 

ternitade de una liga in questa forma che ogni chosa che bixo- 

6« 



- 84 - 

gnasse ala vostra Signoria de cbadauna condition in le parte de 
Alemagna se ubligasse de far ala vostra Signoria et converso in 
caso che bixognasse a loro in le parte de Italia che la vostra 
Signoria faza el simile e quando questa caxon plaqua ala vostra 
signoria lor se offere de mandar qui ala vostra Signoria una so- 
lenne Ambassada e de questo priega la vostra Signoria che i faza 
una resposta per lo dito ser Nicolo Carbo portador dela letera 
de credenza. 

£t ultra continentiam dicte cedule ulterius declaraverit effectum, 
ob quem dicta magnifica comunitas Stralessundensis per eum 
porrigi fecit nostro dominio requisitionem predictam esse solum- 
modo, ut in casibus contingentibus suis subditis habentibus agere 
ad Romanam Curiam et euntibus peregre possint habere favores 
nostri dominj promptiores: vadit pars, quod dicto ser Nicoiao de 
Lubech respondeatur: quod, auditis et intellectis bis que nobis ex- 
posuit de optima et sincera dispositione magnifice comunitatis 
civitatis Stralessundensis, dicimus et respondemus', quod dictam 
magnificam comunitatem et suos subditos et fideles intrinsice 
semper dileximus et amamus, et ob affectionem et mutuam cari- 
tatem vigentem sincere inter nostrum dominium et magnificam 
comunitatem predictam ofFerrimus nos, absque quod laborem ha- 
beat mittendi ista causa suam ambassiatam ad presentiam nostram, 
fore paratos, sicut semper fuimus in casibus occurrentibus suis sub- 
ditis et fidelibus, qui in illis indigerent favore et auxilio nostri do- 
minj, ad prebendum semper in possibilibus nostrum auxilium et 
favorem alacriter et libenter, tenentes firmiter, quod semper sie 
facient erga nostros, et sie de eorum magnificha benivolentia sin- 
cere speramus. 



VI. 

HANSISCHE UND BALTISCHE BEZIEHUNGEN 

ZU SCHOTTLAND 

IM XVI. UND XVII. JAHRHUNDERT. 

VON 

REINHOLD PAULI. 

I. 

Als der Earl von Bothwell, Maria Stuarts dritter Gemahl, in dem 
Zusammenstoss bei Carberry-Hill am 15. Juni 1567 wegen seiner 
Schuld an der Ermordung Henry Darnley*s gestürzt und ausgetrieben 
wurde, warf er sich nach den ihm von der Königin als Herzogthum 
verliehenen Orkney -Inseln, floh aber bald, da ihm die Gegner 
nachsetzten, nach Shetland weiter. (^Am Mainland im Bressay-Sund 
lagen zahlreiche hansische und dänische Schifife, welche gegen ihre 
Waaren Fische und andere Gegenstände einhandelten. Der gewalt- 
thätige Graf bemächtigte sich mit dem einzigen stark bemannten 
und bewaffneten Schiffe, das ihm verblieben, eines Hamburger und 
eines Bremer Fahrzeuges. Ueber den von dem Besitzer des letz- 
teren, Geert Hemelingk, erzwungenen Vertrag sind einige Docu- 
mente im Geh. Staatsarchiv in Kopenhagen erhalten, zunächst die 
Urkunde, datirt: „inn Schvineborchouett den voffteindenn Augusti 
nha der gebort Christi 1567", d. i. Sumburgh-Head, die Südspitze 
von Mainland, wo das Schiff, der Pelikan geheissen, seine Ladung 
einnahm. In einer Vorstellung an Bürgermeister und Rath von 
Bremen führt Geert Hemelingk am 3. März 1568, nachdem Both- 
well mit seinen drei Fahrzeugen von dem dänischen Kriegsschiff 
Björnen nach Bergen aufgebracht und dort auch vom deutschen 
Kaufmann recognoscirt worden war, seine Beschwerde: „wie das 
mir in Hittlandt ein Herr ausz Schottlandt mit etzlich hundertt 
Mannen vnvohrsenlich angeszenn, der alszbald mein Schiff einge- 
nommen, denn Fisch vnnd andere wahre zu meinem mercklich vnnd 
vnüberwindtlich schadenn vnnd nachteil an den strandt auszge- 
worfen vnnd mich dahin gedrungen Ime mein vnnd meiner Schiffs- 
freunden Schiff entweder zu verkauffen oder aber an die zwei Monatt 



— So- 
lang zu verhurenn zu willigen". Noch aus Shetland, sobald er von 
des Grafen Verhaftung gehört, hatte er am 15. September 1567 
aus Lassefirde (Laxfirth) eine Beglaubigung eingesandt durch Olaf 
Sinclair von Bru, „Kemener vnd ouerste principall van Hidtland*' 
. . . mit miner handt op de fedder gevohrdt", die dann nebst der 
Klageschrift vom 3. März 1568 durch Anschreiben von Bürger- 
meister und Rath von Bremen am 8. März der Regierung König 
Friedrichs II. von Dänemark zugestellt worden ist 

S. Life of James Hepburn Earl of Bothwell by Frederick 
Schiern, Professor of History in the University of Copenhagen, 
Edinburgh 1880, S. 301, 303, 320, eine sehr gute und vielfach be- 
reicherte Uebersetzung der rühmlichst bekannten Schrift Schierns: 
James Hepburn Jarl af Bothwell, hans Anholdelse i Norge og 
Fangsets i Danmark. Nyere historiske Studier, föwte deel, Kjö- 
venhavn 1875. Da auch Ostseeplätze, wie Rostock, zur Zeit des 
dänisch-schwedischen Krieges in jenen Hergängen erwähnt werden, 
dürften weitere Nachforschungen in den Archiven von Bremen und 
Rostock über Bothwells Ausgang vielleicht nicht ganz ergebniss- 
los sein. 

2. 

In dem alten Silbergeräth der schottischen Universität Aber- 
deen befindet sich eine Anzahl Becher, die von den Graduirten 
nach ihrer „Laureation" der Universität oder dem King's- College 
daselbst zum Andenken verehrt wurden, darunter zwei, welche von 
jungen Männern aus Preussen, die während des dreissigjährigen 
Krieges in Aberdeen studirten, gestiftet worden sind, mit folgenden 
Inschriften: 

Almae Universität! Aberdonensi in amoris sui tesseram donavit 
Petrus Specht Borussus in eadem laurea donatus anno 1643. 

Andreas Thomsonus Scotoborussus coli. Reg. Aberd. ibid. educat. 
dono dedit 1643. 

Neben der grossen Anzahl Schotten, die in den baltischen Lan- 
dern, Städten und Universitäten während des 16. und 17. Jahrhun- 
derts erscheinen, also auch ein Zeugniss, dass junge Männer aus 
Preussen eine schottische Hochschule besuchten. 

S. Cosmo Innes, Sketches of early Scotch History and social 
progress, Edinburgh 1861, S. 320 N. 2. 



vn. 

LIED VON DER FEHDE LÜBECKS 

MIT 

HERZOG HEINRICH VON MEKLENBURG 1506. 

AUS DEM NACHLASS 

VON 

WILHELM MANTELS. 

In der kgl. Bibliothek zu Kopenhagen findet sich ein fliegen- 
des Blatt in Octav, das auf beiden Seiten in je drei Spalten be- 
druckt ist. Auf der Vorderseite stehen a, b, c, auf der Rückseite 
f, e, d; a, b, e, f bilden ein Ganzes; d, c wiederholen b, e. 

Das ganze Stück ist offenbar der Rest von einem Druckbogen» 
auf dem das Lied mehrmals abgedruckt war» um es dann aus- 
einanderzuschneiden. Dem entspricht es, dass das Spatium zwischen 
b Cy e d viel breiter ist, als zwischen a b, f e, und dass auch neben 
a f ein breiteres Spatium ist Auch stehen neben d noch die Reste 
der Endbuchstaben von Strophe 2 und 3: (heneset)h, (vorlanghe)n. 

Ueber den Vorderseiten a b (d) befinden sich i. in einem vier- 
eckten Rahmen ein stehender Schild mit dem schwarzen Doppel- 
adler, darüber ein Helm mit der Kaiserkrone und blattartig zer- 
schlitzter Helmdecke, und 2. in gleichem viereckten Rahmen ein 
rechtsgelehnter Schild mit einfacher Quertheüung, darüber ein Helm 
mit der Kaiserkrone, hinter welcher vier Fähnlein mit der Quer- 
theüung des Schildes vorragen; die Helmdecke wie bei i. 

Zu dem Inhalt des nachfolgenden Liedes vgl. man Becker» 
Gesch. d. St. Lübeck i (1782), S. 484. 

a. 
Dat geit jeghen desse samertiid: 
Des heve wy an eyn nye lied 
Van den vorsten und hensestede. 
£re vruntschop is nicht vaken vast; 
5 God geve uns synen vrede. 



— 88 — 

Koninghe, vorsten, heren unde erc rede, 
Dar to de ghemenen hensestede, 
Hebben dicke und vaken ghedaget; 
In vnintscop hedden se yd gheme heneseth; 
10 Id heft en alle nicht behaghet. 

Des toghen de vorsten up eynen dach; 
Se hebben dar maket einen vordrach, 
Den am meenden se to bedwinghen, 
Konden se en vanghen, en doet vorlanghen. 
15 En schal des myszgelinghen. 

Her am, du bist ein voghel stolt, 
Sint dyne jungen dy trouwe und holt. 
Dar tho de hensestede: 
Ere stricke sien losz, se holden nicht vast, 
20 Se vanghen dy dar nicht mede. 

D(e) vorsten bedenken dat vro und spade, 
Konden se dy benemen de keiserlike gnade, 
So were en wol ghelungen, 
Unde tobreken dy dyn vaste nest, 
25 Unde vorstorden dine yunghen. 

Her amd, du bist swart und wilde; 
Wyt unde roet vorest du in dinem Schilde, 
Tho water unde ock to lande. 
Du liehst SO wis (an) eyner spisz 
30 T . . . 

b. 

De ghyre is also ghewant, 
Konde he vorsluken stede unde Und 
Unde alle ere undersathen 
Unde konde tobreken din vaste nest» 
35 Dat scholde he yo nicht lathen. 

Nu wol hen, dat schal scheen, 
Sprack sik eyn am also fyen, 
Eyn beerken ys uns ghebruwen: 
De dar vorlesen werd, de drinke dar van, 
40 Dat wart em warlyk ruwen. 

De gadeskraft stae uns by, 
Syne moder Marie bidde wy, 
Sunte Annen myt erem siechte; 
Gades crucze sy unse vredeschylt, 
45 Sunte Michael geleide uns landesknechte. 



- 89 - 

Maria Magdalena, ock sunte Johan, 
De uns gades hulde yorwerven kan, 
Du bist anse patrone; 
Du drechst dat wäre gadeslam 
50 AI in dem oversten throne, 

Do men schreeff 15 hundert 6. jaer, 
Do vloech de am al openbaer 
Tho (M)ekelenborch al in deme lande; 
Syne junghen vloghen al over dat velt, 
55 Dar wart menchem banghe. 

Tusschen twen festen is dat ghescheen. 

Up Marien hemmeUart ') is de smoek gheseen. 

Vorwaer wyl ik dat spreken, 

De vorsten hebben dat anghenamen 
60 

e. 

(De vorsten) unde ritter draghen over eyn. 
[Dat] hefft de ritmester anghesehen; 
Mit ehne wolde he nicht vechten. 
Koch stunt dar tzo mennich stolter man 
65 Van borgher unde krighesknechte. 

De borgher weren tornich und gram: 
Och were wy nu to veldewert an, 
Priis und ere wolden wy vorwerven; 
Wy wolden dem ghyren plucken de huth, 
70 Scholde wy darumme ock sterven. 

De untruwe wart dar ghebaren. 
De truwe hadde den striid vorlaren, 
Dat rede ick al vor war. 
De valschen stricke worden ghelecht 
75 AI vor eyn ander dore. 

Och mochte valscheyt tobreken eyn been, 
Men scolde vil mennigen hinken sehen 
Unde springhen up den krucken. 
De rike man ghenezet dyt wol, 
80 Dem armen kumpt dat ungelucke. 

Her arn, du bist eyn voghel fyn, 
Du machst myt 4 oghen sehen, 
Wene du hefst in dyn nest ghelaten. 
Du lest vyl mennighen tor porten in, 
85 He were best buthen beslaten. 



^) 1506 August 15. 



— go — 

Up sunie Matheus dach') isset gescheen: 

Men heft den gyien vlighen lehen 

Tho Sassen in dem« laode; 

He sehende nicht apostel und ewaogelitt, 
90 He lovede unde brande. 

De gjre heft $Uk upgehaveD 

Unde is sick wente vor Molletn) geaaghen. 

He meende, eme were gelunghen. 

He buvede eyn nest, dat was nicht vasl, 
9S Se vbistorden em sine junghen. 

f. 

Och leven gesellen, wy wyllen dar an. 

Sprak sik der Molnschen hovetman, 

Se schoten hyT niclit lengher bnien. 

Se spelden mit eo eyn frantlick spil, 
100 Alze de katten myt den musen. 

De Tan Mollen hebben cynen vasten moet, 

Alze ock de »an Trafemunde doet, 

Se lyggeo tnscben (wen scarpen spissen. 

Her am, vorwachte du dyn nest, 
105 Dat is ghebuwet al wisse. 

Gy hensestede, hebbet einen frischen moet, 

"Wyl god, dat mach wol werden gnel. 

Wo scheiden jnw heren nnd vorslen betwingen? 

Gy vortnogen soll, sulver nnde gold, 
tio God geve dat uns geliinge. 

Och Lubeke, du bist so schone ein plan. 

So mostu lange in eren stan 

Tnsschen den heren ryke! 

Dar gaen de vrighen ströme tho. 
115 Wor vynt men dyn ghelyke? 

Dyt nye leed dal is ghedicht. 

Dar helt by hell sich hat vorplicht, 
Tho Mollen al in der schantie, 

Dem am unde ghyreo to groten eren, 
130 Am avende an eynem danlze. 

Smeckeworst, de ruter stolt. 

He drecht beide sulver unde golt 

Den heren nnde stcden ton eren, 

Unde byddel dar lo ynnck unde old 
12$ Dyt gedichte eme nicht to Torkereo. 

') 1506 September ar. 



vm. 

ZWEI LIEDER DOMANNS. 

* 

VON 

JOHANNES BACHMANN und K. E. H. KRAUSE. 

In Acten des Grossherzoglichen Geheimen und Hauptarchivs 
zu Schwerin, deren Einsicht mir behufs einer Arbeit über die Ge- 
schichte der Mecklenburgischen Gesangbücher verstattet worden 
war, fand ich in einem Convolut handschriftlicher und gedruckter 
Lieder aus dem i6., 17. und 18. Jahrhundert, unter Nr. 9, auch 
folgende zwei, deren Mittheilung den Lesern dieser Zeitschrift will- 
kommen sein dürfte. Das Manuscript, ein Bogen in 4^ enthält 
auf seinen drei ersten Seiten die beiden Lieder; die fünf folgenden 
Seiten sind leer. Oben auf der ersten Seite steht, rechts neben 
der Ueberschrifl, von anderer, aber offenbar gleichzeitiger Hand, 
mit rother Dinte: „NB. Autore Domanno'* — ,ein Zeugniss, das um 
so unanfechtbarer sein möchte, als der Inhalt der Lieder zu den 
wechselvollen Schicksalen des Verfassers aufs beste passt, ja gerade 
aus den Erfahrungen der amtlichen Wirksamkeit Domanns in Lübeck 
(s. Allg. deutsche Biogr. 5, S. 323) erst das rechte Licht erhält. 

Zwey Newe Lieder (NB. Autore Domanno) 

Vom Dannck und Undannck der Welt, in ihrem eignen 

Thon. 

Von abdanck Wil ich singen, wil fuhren gahr kein clag, 
Dass mir nicht mag gelingen, das ich Danck davon trag, 
Dan weil ich nicht gebawet hab auf der menschen lohn, 
So komts, das mich nicht grawet, sing noch den Alten Thon. 
5 Abdanck ist mir geworden, Undanck ein Vetter ist, 
Neidthart hört auch in Orden, so er nicht Vater ist, 



— gz — 

Der beide Kind gezeuget, davon ich hab venneldt, 

Zwar wäre mund nicht lenget, der so die sipschafft zeblt. 

Trewlich hab ichs gemeinet, das weiss der getrewe GOTT. 

10 Obs iemand schon vermeinet , denckt mirs zu schimpff und spot. 
So trag ich doch im Herzen ein tausent zeugen gut, 
Der mir nimbt allen Schmerzen, macht mir ein frischen muth; 
Wer zu eim andern ende sein Datum hat gesetzt, 
Dan das er kehr und wende, was gmeinen nuz verletzt, 

15 Dem wünsch ich und kau leiden, das ihm möge gehn also. 
Wie er hat wollen schneiden die Kapp eim andern zu. 
Nu Adieu ihr Herren, die ihr mein nicht begert, 
Ich singe euch noch zu ehren, abdannck mich nicht verfehrt, 
Undanck mich auch nicht krencket, hab nicht nach Danck getracht, 

20 Hab nur mein Herz gelencket zu dem das Frieden macht. 
Doch will ich von der Trewe hinfort nicht lassen ab, 
Will mehr denn werden newe, biss man mich leg ins grab. 
Will aber mich bemühen nicht mehr in diesem trab. 

24 Got lass nur andern blühen, was ich gepfianzet hab. 



Das Ander. 

Das Glück hat sich gewendet, danck ist mir worden noch, 
Weill ich durch Gott vollendet das Werck so gross und hoch, 
Dass ich vor gwiss verzagen hatten müssen selbst daran, 
Wen nicht het helffen tragen die Last der rechte Man. 
5 Got hab ich schon genennet der D. erst und letzte ist, 
Daneben man auch kennet, was mehr zu dieser Frist 
Vor erlich leut zusamen die Hand geschlagen an, 
Dass wirs in Gottes namen zu end befördert hau; 
Wer in der forcht des Herren ihm nimbt ein werck zur Hand 

10 Und meindt es ihm zu ehren, darnach dem Vaterland 
Und iedermann zum besten, blass dan wie wil der windt, 
Vom Osten oder westen, geht dennoch fort geschwindt. 
Und ob gleich mit thet wähen vom Süden auch ein strich 
Und wolt das werck verdrehen und wirbeln hinder sich 

15 Odr werffens gar in Hauffen, wans ihm zu wiedr geht. 
Doch muss das SchifFlein laufTen, dem Got zu rüder steht. 
So sei nun dem gesungen des Aussgangs weiss und ehr. 
Durch den mir ist gelungen, das ich erfahren mehr. 
Wie gahr mir nit magk schaden, das ich geneidet werd, 

20 Das mirs auch zu mehr gnaden muss reichen hie auf erd. 
Man spricht, es sei beneidet viel besser den beklagt. 
Wie wol auch Wunden schneidet der Neidhart, wie man sagt; 
Doch wil ich diesem lieber stehen und halten aus, 
Den das ich solt das Fieber des mangels hau zu Haus. 



25 Elend du bist alleine des Neides quidt und frey, 

Doch ist Dir, wie ich meine, dennoch nicht wol dabei. 
Ohn gelt kan man nicht kauffen, nnd wo kein Haar nicht ist, 
Da ist auch nicht zu rauffen, wer Vieh hat der macht mist. 
So seit nun mit mir alle guts muhts, ihr erlich leut, 

30 Die ihr von dieser Galle irweilss auch schmecken thut, 
Niemand sich wol bekummer, das ihm der Neidt nach trit, 
Die Xngent ist doch immer accompagniert damit. 
Die last uns standhafft lieben, achten des Knechtes nicht, 
Der sich thut meist betrüben, sitzt ihm ein recht gewicht; 

35 Stehts ist ihm angst und bange, frist sich selbst auf vor brot, 
Das treib er dan so lange, biss er sich fress zu todt! 

J. B, 



Zu den vorstehenden zwei Liedern Johannes Domanns, die 
auf dessen intimste Verhältnisse sich beziehen, sei es erlaubt 
einige Bemerkungen zu fügen. 

Bei Durchsicht der Lebensverhältnisse kann es kaum einem 
Zweifel unterliegen, dass das erste nach seiner Entlassung aus dem 
hansischen Syndikate, das zweite nach seiner Wiederannahme in 
dieselbe Stellung gedichtet sei. Wenigstens findet sich kaum eine 
andere Zeit, in welche sie so treiflich pausen würden. An die Neu- 
bestallung von i6i8 scheint nicht zu denken. 

Nach Lappenberg 's Erörterungen zu seiner Ausgabe des 
Domann'schen Liedes „von der Deutschen Hanse" ^), nach Pauli's 
„Anhang: Brokes' Mittheilungen über den Hansasyndikus Dr. Do- 
mann*' ^, namentlich aber nach der neuen Ausgabe des „Liedes von 
der Deutschen Hansa" durch Mantels^) und dessen biographischem 
Auszug in der Allg. deutschen Biographie^) liegt Domanns Leben 
und Wirken ziemlich klar vor. Im Jahre i6ii ist er seiner Stellung 
als hansischer Syndikus verlustig gegangen; allerdings, wie Brokes 
sagt, „renuncirte er" selbst^) und nahm das Syndikat beim Rathe 
zu Rostock an; aber diese ,yRenunciation" scheint nicht ganz frei- 



') Zeitschr. des Vereins f. Hamburgische Geschichte 2, S. 45 t ff. 
*) Zeitschr. des Vereins f. Lübeckische Geschichte und Alterthums- 
kunde 2, S. 466 ff. 

3) Daselbst S. 470 ff. 

4) 5, S. 323 f. 

5) A. a. O. S. 468. 



— 94 > — 

willig gewesen zu sein. Es scheinen namentlich mit Hambarg» 
auch mit Bremen öder doch deren Vertretern ziemlich tiefgreifende 
Zerwürfnisse stattgefunden zu haben'). 

Nach dem ersten Liede erfahren wir nur von Hinderung eines 
„Werkes", unfraglich eines Vertrages, den die Gegner hätten hinter- 
treiben wollen. Es kann das kein anderer als der mit den General- 
staaten sein. Brokes sagt das nicht direct; aber sobald es zu 
ernsten Unterhandlungen kommen soll, wird gerade Domann gegen 
den Widerspruch Hamburgs und Bremens wieder herangezogen 
und als hansischer Syndikus neu bestellt, weil kein Anderer so viel 
Kunde von den niederländischen Sachen habe. Es wird daher anzu- 
nehmen sein, dass schon mit dem staatischen, von Schweden zurück- 
kehrenden Gesandten, mit dem auch Brokes verhandelte, von Do- 
mann Besprechungen gehalten sein, und derselbe sich wohl auf 
Brokes' Veranlassung genau instruirt hatte. Da zunächst Dr. Nor- 
danus zu den vorläufigen geheimen Orientirungen seitens Lübecks 
gebraucht war, die aber doch gleich dem spanischen Hofe bekannt 
wurden, so ist auch die Möglichkeit einer Rivalität gegen den Letzt- 
genannten nicht ausgeschlossen. 

Nach dem zweiten Liede scheinen aber auch Geldverhältnisse 
mit zur Abdankung Anlass gegeben zu haben: entweder rückstän- 
dige Zahlungsleistung oder Ablehnung einer höheren Gehaltsfor- 
derung. Ersteres ist bei der mangelhaften hansischen Finanz- 
wirthschaft, worüber die „Hansarecesse" mit ihren unendLchen 
Verzögerungen von Ersatzzahlungen hinlänglich Belege bieten, sehr 
leicht möglich. Fand doch der Rathsherr Brokes es sogar nöthig, 
vor seiner spanischen Gesandtschaftsreise sich sehr sorgfaltig zu 
sichern^ Auch der hansische Syndikus Heinrich Sudermann 
musste übelste Zahlungserfahrungen machen^). Andererseits schildert 
Brokes, Domanns Freund, diesen als Zusammenraffer und Geizhals. 

Da Domann schon im Februar 1612 wieder als hansischer 
Syndikus angestellt wurde, so kann das erste Lied nur zwischen 



') So schon in der spanischen Gesandtschaft. Vgl. Brokes in der Zeitschr. 
des V. f. Lüb. Gesch. i, S. 316; femer S. 328, 341, 346 (Mitte der Seite) 
und 2, S. 468. 

■) Daselbst i, S. 298. 

^) Der hansische Syndikus Heinrich Sudermann aus Köln. Von Stadt- 
archivar Dr. L. Ennen in Köln. Hansische Geschsbl. Jahrg. 1876 (1878). 



J 



i 

4 



— *95 — 

den Anfang Novembers 1611 und Februar i(Si 
der Triumph über seine Neider, kaum sogl^ 
berufung, sondern nach dem Vertragsabschln 
den Mann doch in einem etwas idealeren Lii 
fasste. 

Was den Text der Lieder betrifft, den zu 
mir Herr Prof. Bachmann freundlichst überj 
vollständig unverändert gelassen. Einzelne a 
nende Formen sind doch vielleicht so gebrauc 
im Liede von der Hanse vor, auf welches si 
vierten Vers des i. Liedes augenscheinlich be 

Auch das „D.'' in Lied 2, v. 5 kann : 
Punkt dienen, wie wir den Apostroph gebrauc 
und letzte" des Verses wegen statt „der er 
soll. Die Kommata dagegen sind unserer W 

Die Aufbewahrung dieser Lieder im Gros 
archive in Schwerin findet vielleicht darin i 
Domann zugleich Rath des Herzogs Johann Alb: 
burg-Güstrow war. 

Dass Domann übrigens auch mit seiner Fa 
seines Bruders Kindern, besser stand, als ] 
schliessen lassen^ geht indirect aus den zwei v 
genen Rostocker Gratulationsschriften hervor. 
Domann ist unter den Rostocker Gratulan 
fünfzigjährigem Geburtstage 1614; vermuthlich s 
was ich augenblicklich nicht constatiren kai 
ist aus dem Gratulationsschreiben Tarnow; 
(Qwistorp, Quistorpf) den Aelteren, der nach j 
Archidiaconus an der St. -Marienkirche zu K 
Domanns Nichte, Barbara, der Tochter seines 
lobte und sie am Tage seiner Promotion zum 
desselben Jahres, heirathete, sogar ein se 
zwischen ihr und dem Oheim zu schliessen. 
profilia des Syndikus, was „Adoptivtochter' 
wohl aber bedeutet, dass sie wie Tochter in 
halten war, und dass er vermuthlich ihr die 



) Zeitschr. f. Lüb. Gesch. 2, S. 471 f. 



Es passt demnach auch Brokes' Wort nicht, dass seine Erben, seines 
Bruders Kinder, „sich alsobald nach seinem Tode zu Rostock bei 
der Wittwe einstelleten" '). 

Als Todestag des bedeutenden Mannes nennt Lappenberg *) 
den 20. oder 26. September, Mantels^) den 20., eine Rosttxrker 
gleichzeitige Chronik „ungefähr den 24. December". 

Die letztere, schon im Auszuge Wettckens bekannt durch 
Ungnad^), ist von V. A. Hub er 1835, leider abermals nur in einem 
Auszuge; gedruckt, noch dazu an einem wenig gekannten und wenig 
findbaren Orte, in den für Rostocker Armenzwecke unternommenen 
und nur ein Jahr fortgeführten „Mecklenburgischen Blättern"^). 
Er hat wesentlich nur auf Kulturgeschichte und das Kleinleben be- 
zügliche Aufzeichnungen ausgehoben und erklärt: „die einzelnen 
auswärtigen Nachrichten dagegen und die zahlreichen und gewissen- 
haften Aufzählungen von TodesfaUen und Hochzeiten hoher Herr- 
schaften und mehr oder weniger angesehener Rostocker Bürger 
und Bewohner, sowie Raths- und Predigerwahlen, Doctor- und Ma- 
gister-Promotionen etc. lassen wir ebenfalls weg". Eine Beschrei- 
bung der Chronik hat Huber nicht gegeben, nur S. 266 sie im 
Allgemeinen besprochen, ohne ihren Verbleib zu melden. 

Ich lasse aus Huber ^ hier zum Vergleich mit Brokes' Schil- 
derung die Charakteristik Domanns von dem Rostocker Chronisten 
folgen: 

„Den 28. Julii ist Doctor Johannes Domann, welcher der 
Stadt Rostock Syndikus und zugleich auch der ganzen hansischen 
Städte Generalsyndikus war, von Rostock ab von wegen allge- 

') Das. S. 469. 

*) A. a. O. S. 453. 

•5) AUg. d. Biogr. a. a. O. 

4) Ungnaden Amoen. S. 1222. — Ungnad declinirte seinen Namen 
auf dem Titel wie Schloepke in seinem Chron. Bard. und Schroeder in 
seinen ,,Wismarsclien Erstlingen** etc. 

5) Mecklenburgische Blätter. Herausgegeben von Dr. V. A. Huber, 
ordentlichem Professor zu Rostock zum Besten der Armen. I. (einziger) 
Band. Nr. 1—9. 1834. Nr. 10 — 26. 1835. Parchim, im Verlage der Buch- 
handlung von D. C. HinstorfF. 408 S. 8^«». Nr. 18 S. 265: „Rostocker 
Chronik vom Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts". Absatz- 
weise läuft sie durch die Nr. 18—25, S. 384. Die Auszüge erstrecken sich 
über die Zeit von 1567 bis 1622. 

^) Daselbst S. 362 f. 



— ^7 — 

meiner hansischer Geschäfte halber in Holland in den Gravenhagen 
gereiset, welcher aber unterweges mit Leibesschwachheit befallen 
und also krank in den Gravenhagen gekommen, daselbst er eine 
Zeitlang krank gelegen und endlich ungefähr den 24. September 
gestorben. Welchen die Herrn Generalstaaten daselbst stattliche 
Leichenbeg