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Full text of "Heidelberger Professoren aus dem 19. Jahrhundert: Festschrift der Universität zur Zentenarfeier ..."

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Heidelberger Professoren 

aus dem 19. Jahrhundert 
Festschrift der Universität 

zur 

Zentenarfeier ihrer Erneuerung: durch 

Karl Friedrich 

— ^ Zweiter Band ^— 




Heidelberg 1903 

Carl Wlnter's Unlversltätsbuchhandlung 



L.A oo A-«*=^ '«.Tl.^0 






Alle Rechte, besonders das Recht der Übersetzunf* in fremde Sprachen, werden 

vorbehalten. 



Inhalt. 



Seite 

Fürbringer, Max: Friedrich Arnold 1 

Einleitung: I. Vorfahren, Geburt, Kindheit, Schulzeit (1803—1820). 
II. Studienjahre in Heidelberg, Promotion, Aufenthalt in Paris 
(1820—1826) 

III. Tätigkeit als Prosektor am anatomischen Institut in Heidel- 

berg, Privatdozent und außerordentlicher Professor (1826 
bis 1855). 

IV. Professor Ordinarius und Direktor in Zürich (1835—1840). 

V. Freiburger Professorat und Direktorat (1840 — 1845). 

VI. Professor und Direktor in Tübingen (1845—1852). 
Vll. Wieder in Heidelberg (1852—1890). 

VIll. Würdigung seiner Leistungen als Forscher und Lehrer; Cha- 
rakter. — Folge der Veröffentlichungen von Friedrich Arnold. 
— Anmerkungen. 
Kehrer, Ferdinand Adolf: F. A. May und die beiden Nägele . 111 

Czerny, Vincenz: Maximilian Joseph von Chelius, Karl Otto Weber, 

Gustav Simon 131 

Erb, Wilhelm: Nikolaus Friedreich 155 

Leber, Theodor: Die Gründung der Universitäts-Augenklinik und 

ihre ersten Direktoren 191 

Leber, Theodor: Willy Kühne 207 

Cantor, Moritz: Ferdinand Schweins und Otto Hesse ... 221 

Pockels, Friedrich: Gustav Robert Kirchhoff 243 

Pfitzer, Ernst: Wilhelm Hofmeister 265 

A. Lebensgang. 

B. Forschungen. I. Befruchtung und Embryologie der Angiospermen. 

II. Befruchtung und Embryologie der Koniferen. 111. Befruch- 
tung und Entwicklungsgeschichte der höheren Kryptogamen. 



IV Inhalt. 



IV. Entwicklungsgeschichte der niederen Kryptogamen. V. Zel- 
lenlehre. VI. Experimentalphysiologie. VII. Allgemeine Mor- 
phologie. 

Curti US, Theodor: Viktor Meyer • . . 359 

Vorwort. Die Chemiker der Ruperto-Carola im 19. Jahrhundert. 
— Gedächtnisrede. 
Fürbringer, Max: Carl Gegenbaur ^ 

Namenregister 457 




Friedrich Arnold 



von 



Max Fürbringer. 



^^^^^ ^^^^^^^N^^fc^^^^»^ 



Festschrift der Universität Heidelberg. II. 




r den hervorragenden Anatomen, welche seit Erneue- 
l der Universität Heidelberg die anatomische Anstalt 
i^ geleitet haben, Jakob Fidelis Ackermann (1805—1815), 
Friedrich Tiedemann (1816—1849), Jakob Henle (1844—1852), 
Friedrich Arnold (1852—1873)' und Karl Gegenbaur (1873—1901), 
tritt Ackermann, bedeutend als Organisator, mehr durch eine 
vielseitige, auch auf die klinischen Fächer sich erstreckende schrift- 
stellerische Tätigkeit hervor; von Tiedemanns und Henles Le- 
bensgang und Leistungen sind bereits eingehende Darstellungen 
veröffentlicht worden*; Gegenbaur ist die Ruperto-Carola jetzt 
bei ihrer Zentenarfeier so glücklich, als Lebenden zu begrüßen. 
Von Friedrich Arnold dagegen fehlt, abgesehen von den vortreff- 
lichen, aber nur wenige Seiten umfassenden Biographien und 
Nekrologen von Fr. Knauff, E. J. Qurit und K. Bardeleben*, 
jede ausführlichere Darstellung seines Lebens und seiner Tätig- 
keit als Forscher und Lehrer. Friedrich Arnold, dessen Geburts- 
jahr zugleich mit dem Jahr der Wiedergeburt der Universität 
Heidelberg zusammenfällt, ist zugleich derjenige Heidelberger Ana- 
tom und Physiolog, welcher, wenn man außer den Jahren des 



5] Friedrich Arnold. 



Heilspruck bei Edenkoben. Er verheiratete sich zweimal, zuerst 
mit Maria Ehsabeth Föltz, Tochter des Gutsbesitzers und Wein- 
händlers Föltz in Rhodt, und dann 10 Jahre nach dem Tode seiner 
früh verstorbenen ersten Frau mit Barbara Voelker, verwitwete 
Zeusering. Aus der ersten Ehe ging Zacharias (geb. 1767, gest. 
1840) hervor, der Stammvater des älteren Zweiges der protestan- 
tischen Linie, der Vater unseres Friedrich Arnold. Der zweiten 
Ehe entstammten drei Kinder, von denen das älteste und jüngste 
in früher Jugend starben, während der zweite Sohn, Johann Wil- 
helm (geb. 1778, gest. 1854), nachmals ein angesehener Kaufmann 
und Gutsbesitzer wurde, sich mit Barbara Vollmer von Germers- 
heim verheiratete und mit ihr 6 Kinder erzeugte; damit wurde 
Johann Wilhelm der Begründer des jüngeren, an Nachkommen 
reichen Zweiges. 

Zacharias Arnold wurde von seinem Vater für den gelehrten 
Stand bestimmt. Er besuchte das Gymnasium in Karlsruhe und 
studierte dann in Heidelberg Kameralia. Hier lernte er seine spätere 
Gattin, Susanna Margaretha, die Tochter des Heidelberger Kirchen- 
rats und Pfarrers Konrad Ludwig Brünings, kennen. Nach vollen- 
detem Studium kehrte er in seine Heimat zurück, wo er seinem 
Vater als Schaffner beigeordnet wurde und am 2. Februar 1793 
sich verheiratete. Die junge Ehe fiel in eine unruhige Zeit. In- 
folge der Eroberung der Rheinpfalz durch die Truppen der fran- 
zösischen Republik wurde die Aussicht des Zacharias, nach dem 
Tode seines Vaters dessen definitiver Nachfolger im vollen Um- 
fange zu werden, vernichtet. Zacharias flüchtete im Laufe des 
Jahres 1793 nach Heidelberg und kehrte erst 1796 nach Eden- 
koben zurück, wo er als Gutsbesitzer ansässig wurde. Im Jahre 
1811 versteigerte er seine Güter und siedelte mit Frau und Kindern 
1813 nach Heidelberg über, wo er hochbetagt im Jahre 1840 starb, 
nachdem ihm seine Gattin 7 Jahre zuvor im Tode vorausgegangen 
war. in seiner Ehe mit Susanna Margaretha erzeugte er 7 Kinder; 



Max Fürbringer [6 



-/X/'^N- 



4 Töchter, 2 Söhne und 1 jüngste Tochter.^ Der jüngere Sohn, 
sein sechstes Kind, ist Friedrich Arnold. 

Friedrich Arnold oder, wie er getauft wurde, Philipp Fried- 
rich Arnold, wurde am 8. oder wohl richtiger am 9. Januar 1803 
in Edenkoben geboren. Die Rheinpfalz war zwei Jahre zuvor 
in den Besitz der französischen Republik übergegangen und deren 
Kalender daselbst eingeführt worden. Die französische Geburts- 
urkunde gibt den 19. Nivose des Jahres XI der französischen 
Republik als Geburtstag an.^ Dieser Tag wurde von Friedrich 
Arnolds Eltern und ihm selbst auf den 8. Januar 1803 des grego- 
rianischen Kalenders übertragen, und dieser Tag hat auch bisher 
in der Familie und in den auf ihn bezüglichen Dokumenten und 
Veröffentlichungen als sein Geburtstag gegolten. Neuere in Eden- 
koben angestellte Erhebungen und Zeitvergleichungen unter ge- 
nauer Berücksichtigung der wechselnden Zahl eingelegter Schalt- 
jahre des republikanischen Kalenders ergeben indessen, daß der 
19. Nivose XI dem 9. Januar 1803 unserer Zeitrechnung entspricht. 
Es muß sonach mit größerem Rechte der 9. Januar als Friedrich 
Arnolds wirklicher Geburtstag angenommen werden.' 

So teilt Friedrich Arnold mit seinem großen anatomischen 
und physiologischen Kollegen Johannes Müller, der am H.Juli 1801 
in Koblenz geboren wurde, die gleichen Schicksale bei der Geburt. 
Auch dieser wurde auf linksrheinischem, von der französischen 
Republik dem deutschen Reiche kurz zuvor entrissenen Lande ge- 
boren; beide wuchsen auf französischem Gebiete auf und sind 
danach warmfühlende Deutsche und Zierden der deutschen Wissen- 
schaft geworden. 

Von seinen Vorfahren hat Friedrich Arnold ein gutes Erbteil 
bekommen. Der Vermischung von niederrheinischem und ober- 
rheinischem Blute entstammte die Familie. Sein erster nachweis- 
barer Vorfahr gehörte dem Lehrstande an, sein Vater und Groß- 
vater von väteriicher Seite waren Juristen und Kamerafistcn, sein 



7] Friedrich Arnold. 



-'vO" 



Großvater von mütterlicher Seite Theolog. Die Lehrgabe, sowie der 
Sinn für Recht, Wahrheit und die unsterblichen Güter der Mensch- 
heit waren ihm in die Wiege gelegt worden. Damit verband sich 
für ihn der Vorzug, in einer blühenden, an deutschen Erinnerungen 
reichen Gegend aufzuwachsen, unter Augen von Eltern, die den 
Willen und zugleich die Mittel besaßen, ihm die möglichst beste 
Erziehung zu gewähren. 

Das Städtchen Edenkoben gehört den schönsten und glück- 
lichsten Teilen der fröhlichen Rheinpfalz mit ihrer frischen, lebhaften 
und betriebsamen Bevölkerung an; inmitten von Wein-, Obst- und 
Edelkastanienpflanzungen freundlich und anmutig gelegen, wird es 
überragt von den in seiner nächsten Nähe befindlichen stattlichen 
Höhen des Kalmit, Kesselberges und anderer Erhebungen des 
Haardtgebirges, z. T. gekrönt von stattlichen und malerischen 
Ruinen. Wenn wir auch kein Zeugnis dafür haben, ob das Um- 
gebensein mit einer solchen Natur irgendwie bestimmend auf seinen 
späteren Lebensgang eingewirkt habe oder nicht, — solch steter Ver- 
kehr bleibt nicht ohne Einfluß auf die innere Entwicklung, öffnet die 
Augen und anderen Sinne und bildet Keime, die lange Zeit schlum- 
mern mögen, schließlich aber doch unter weiteren günstigen Um- 
ständen zur Entfaltung kommen. Die Freude an der Natur und 
das stete Bedürfnis, mit ihr zu verkehren, war jedenfalls bei Arnold 
von Jugend auf bis In das späte Alter lebhaft entwickelt. 

Den ersten Unterricht erhielt Friedrich Arnold wie sein 
älterer Bruder Wilhelm in der sehr besuchten Volksschule zu 
Edenkoben. Die ersten Anfangsgründe Im Lateinischen, der 
Geschichte, Geographie u. a. W. wurden Ihm von dem dortigen 
Pfarrer Mahia erteilt, und zwar geschah dies schon sehr früh, im 
8. Lebensjahre und zugleich mit einem für die spätere Zeit ent- 
scheidenden Erfolge. 

Der Vater beschloß, beide Söhne den gelehrten Studien zu weihen, 
und war frühzeitig auf eine bessere Schulbildung bedacht, als sie das 




8 Max Fürbringer [8 



kleine Edenkoben gewähren konnte. So kam Friedrich Arnold 1812, 
9 Jahre alt, in das Progymnasium der Nachbarstadt Neustadt 
a. d. Haar dt, und hier zugleich an die beste Quelle, in Pension bei 
dem Rektor desselben, Professor Rom. Rom war ein sehr geschätz- 
ter Lehrer des Lateinischen und Griechischen und tat redlich seine 
Pflicht, seine Schüler mit den Anfangsgründen seines Faches bekannt 
zu machen. Ob und inwieweit den propädeutischen Anfängen der 
Mathematik und der Naturwissenschaften an dem Progymnasium 
Raum gegeben wurde, ist nicht bekannt. Friedrich blieb hier bis 
zu seinem 11. Lebensjahre und erlebte hier die Zeit des Rückzuges 
der französischen Armee und das Einrücken der Bundesheere, 
welches sich an die Schlacht bei Leipzig anschloß, die Pfalz zur 
Durchgangsstraße großer Heeresmassen machte und zugleich den 
deutschen, lange Jahre hindurch unter französischer Botmäßigkeit 
gehaltenen Herzen daselbst Gelegenheit zum warmen Empfange 
der verbündeten, gegen Frankreich marschierenden Truppen gab. 
Die Eindrücke von dem fluchtartigen Rückzuge der Trümmer 
des geschlagenen französischen Heeres, das erste Erscheinen der 
deutschen und russischen Soldaten, insbesondere der Kosaken, die 
Vorgänge bei der Belagerung der benachbarten Festung Landau 
haben sich dem Knaben so unauslöschlich und tief eingeprägt, daß 
der Greis sich noch alles Details genau erinnerte und gern und 
lebendig davon erzählte. 

Der Vater hatte inzwischen seine Besitzungen in Edenkoben 
verkauft und zog 1813 mit seiner Familie in die Vaterstadt seiner 
Frau, nach dem ihm zur zweiten Heimat gewordenen Heidelberg, 
für welche Wahl namentlich auch die Rücksicht auf die weitere 
Ausbildung seiner Kinder, welche die Unterrichtsanstalten daselbst 
besuchen wollten, maßgebend wurde. Hierdurch war zugleich ein 
entscheidender Wendepunkt im Leben Friedrich Arnolds eingetreten. 

Heidelberg, seit 1803 an Baden und unter die segens- 
reiche Regierung Großherzogs Karl Friedrich gekommen, gewann 



9] Friedrich Arnold. 



-\^/v- 



damit neuen Aufschwung. Seine unter der Unduldsamkeit ein- 
seitig hierarchischer Bestrebungen und durch die Unruhen und 
Verluste des Krieges mehr und mehr herabgekommene Universität 
erhielt im gleichen Jahre durch diesen weisen Herrscher ihre Er- 
neuerung mit einer reichlichen Dotierung und einer von jedem 
konfessionellen Zwange unabhängigen Gestaltung ihrer hohen Auf- 
gaben. Dank glücklichen und von großer Einsicht getragenen 
Berufungen entfaltete sie sich in wenig Jahren zu einer der vor- 
nehmsten Pflanzstätten der Wissenschaft. Überall ein neues, reges 
Leben, ein Herbeiströmen jugendkräftiger Elemente, und mit 
alledem verbunden und weiter wirkend der Zauber der ewig 
schönen Natur, — ein frischer, kräftiger Pulsschlag, sich allen 
denen mitteilend, welche in den Bann dieser reich gesegneten 
Stätte kamen. 

Diese Stadt ward jetzt die Heimat Friedrich Arnolds, ihr 
Gymnasium mit seinen vortrefflichen, in direktem Konnexe mit 
der Universität stehenden Lehrern die Bildungsstätte seines Geistes. 
Vom 11. bis 18. Jahre (1814—1821) ist er Schüler desselben. 
Auch hier sind es, im weiteren Verfolge der ihm in Neustadt ge- 
gebenen Bildungsrichtung, die alten, namentlich die römischen 
Klassiker, welche den Knaben und Jüngling fesseln. Vor allen 
wirken auf seine Entwicklung Lauter, bekannt durch seine „Laus 
Germaniae", und Kayser, der Vater des geschätzten Philologen. 
Auch über die Schule hinaus ist er fleißig, von nicht ermüdendem 
Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit. Zugleich suchte der von 
Natur sehr schüchterne und befangene und daher zum Stottern 
und hastigen Hervorstoßen der Worte geneigte Jüngling diesen 
Sprachfehler mit eiserner Energie nach dem Vorbilde des Demo- 
sthenes zu zwingen, indem er lange Stellen aus den römischen 
Schriftstellern auswendig lernte und in seinem Arbeitszimmer oder 
auf Spaziergängen laut und langsam rezitierte. Namentlich die 
Schriften und Reden Ciceros mit ihren langatmigen Sätzen und 




10 Max Fürbringer [10 



ihrem rhetorischen Schwünge erwiesen sich ihm hierfür geeignet 
und wirksam. Daneben fertigte er in privatem Fleiße Über- 
setzungen, um damit so tief als mögh'ch in den Geist der ge- 
haltreichen und formvollendeten klassischen Schriftsteller einzu- 
dringen und für seine eigene Ausdrucksweise zu gewinnen. Von 
seiner gründlichen philologischen Bildung legen auch viele seiner 
späteren, in vortrefflichem Latein geschriebenen Veröffentlichungen 
Zeugnis ab. Außer der Vorliebe zu den alten Schriftstellern zeigt 
sich bei dem Gymnasiasten keine besondere andere Neigung. 
Nichts verrät den späteren Mediziner und Naturforscher. Während 
sich sein älterer Bruder sofort für das Studium der Medizin ent- 
schied, war Friedrich Arnold bei dem Abgange von der Schule hin- 
sichtlich der Wahl seines Berufes noch ganz unentschieden. Jeden- 
falls zeigt auch hier diese Bevorzugung der klassischen Studien 
seitens des späteren Anatomen und Physiologen, daß man ein 
guter und selbst hervorragender Mediziner werden kann, ohne 
schon von Jugend ab sich direkt mit den Naturwissenschaften zu 
beschäftigen, und daß die intensive Ausbildung und Schulung seines 
Geistes und Charakters durch das Mittel der humanistischen 
Wissenschaften und klassischen Vorbilder der ganzen Arbeits- 
methode des späteren Forschers zu gute kam. 

IL Studienjahre in Heidelberg, Promotion, 

Aufentlialt in Paris. 

(1820 1826.) 

Der ältere Bruder Wilhelm hatte, zunächst als stud. phil. im- 
matrikuliert, das Studium der Medizin begonnen. Friedrich Arnold 
ließ sich im Wintersemester 1820/21 als stud. jur. ein- 
schreiben, doch kam es bei ihm nicht zu einem wirklichen Studium 
der Rechtswissenschaft. Auf Anregung seines Bruders besuchte 
er vielmehr bereits im ersten Semester die Vorlesungen von 
Munckc über Physik, von Leopold Gmelin über Chemie, von 



11] Friedrich Arnold. 11 



Tiedemann über Anatomie und nahm an den von Fohmann ge- 
leiteten Präparierübungen teil. Vom Sommersemester 1821 ab 
ist er als stud. med. immatrikuliert.® Als solcher studiert er 
gleich seinem Bruder bis zum Ende des Sommersemesters 
1825 Medizin und Naturwissenschaften. 

Die Heidelberger medizinische Fakultät setzte sich da- 
mals aus einer Reihe ausgezeichneter, z. T. ganz hervorragender 
Lehrer und Forscher zusammen. Friedrich Tiedemann, 
seit 1816 von Landshut hierher gekommen, stand im kräftigsten 
Mannesalter und auf der Höhe seines Ruhmes und seiner Leistungs- 
fähigkeit. Er las im Sommer Physiologie, im Winter Anatomie 
des Menschen, daneben auch über Zeugung, Bildungsgeschichte des 
Foetus, Mißbildungen, pathologische Anatomie und vergleichende 
Anatomie. Dabei war er ein denkender Anatom und Physiolog, 
der nicht sowohl die genau und sicher fundierte Kenntnis des 
Baues der Organe, sondern namentlich auch die Erkenntnis des 
Zusammenhanges der Tatsachen als Aufgabe und Ziel der Forschung 
bezeichnete und diese Erkenntnis durch die stete Berücksichtigung 
der Entwicklungsgeschichte zu erlangen trachtete. Unterstützt 
wurde er von dem tüchtigen Prosektor Professor extraordinarius 
Vinzenz Fohmann, der, namentlich in technischen Arbeiten vor- 
züglich — seine Lymphpräparate besaßen eine wohlverdiente Be- 
rühmtheit — , unter Tiedemann die menschlichen Präparierübungen 
leitete, auch Anleitung zur Zergliederung der Tiere gab und Vor- 
lesungen über Knochen- und Bänderlehre, über das Nervensystem 
und die Sinnesorgane, sowie über die Hernien hielt. Das lebendige 
Vorbild dieser beiden, Friedrich Arnold am nächsten stehenden 
Lehrer hat, seinen ganzen Entwicklungsgang bestimmend, mächtig 
auf ihn eingewirkt. Dazu kamen noch Bronn und Siegismund 
Leuckart als anregende Dozenten der Naturgeschichte und 
Zoologie, Schelver und Dierbach als solche der Botanik und 
der Lehre von den Arzneipflanzen. Mit Tiedemann in gemein- 




12 Max Fürbringer [\2 



■^,,^/y. 



samer Forschung verbunden und gleich angesehen lebte Leopold 
Gmelin als Ordinarius der Chemie und Pharmazie und arbeitete 
namentlich auf dem Gebiete der physiologischen Chemie. Die Ver- 
treter der medizinischen Klinik waren Conradi und Sebastian; 
ersterer wurde nach seiner Berufung nach Göttingen 1823 von 
dem als Lehrer hochgeschätzten Puchelt ersetzt. Auch von dem 
Botaniker Schelver wurden Vorlesungen auf diesem Gebiet ge- 
halten, sowie von Mai, Dierbach und Geiger solche über Arznei- 
mittellehre, Toxikologie und Rezeptierkunst. Die Chirurgie, Oph- 
thalmologie und Otiatrie fand in Max Joseph von Chelius, 
die Geburtshülfe und Gynäkologie in Franz Karl N segele 
gleich bedeutende und weithin berühmte Vertreter und dabei 
höchst anregende Lehrer. Zudem war die Frequenz — gegen 
100 Mediziner, Chirurgen und Pharmakologen — nicht derart, 
daß der einzelne Schüler in der Masse vor den Augen seiner Lehrer 
verschwand. 

Es war ein besonderes Glück für Friedrich Arnold, daß sein 
Lehrgang gerade in dieser Fakultät sich vollzog. Anatomie, 
Physiologie und Chirurgie übten von allen medizinischen 
Fächern die meiste Anziehungskraft auf ihn aus, ihnen widmete 
er sein Hauptinteresse und den größten Teil seiner Studienzeit; die 
innere Medizin befriedigte ihn weniger. Auch in seinen höheren 
Semestern war er mehr im Präpariersaal und im anatomischen 
Institute, die sich damals noch in dem alten Dominikanerkloster 
befanden, als in den klinischen Anstalten tätig. 

Tiedemann und Gmelin stellten damals ihre so berühmt ge- 
wordenen Versuche über die Verdauung an. Den beiden 
Brüdern Wilhelm und Friedrich Arnold wurde gestattet, dabei zu 
assistieren, und das Vorwort des 1826 27 erschienenen Werkes 
„Die Verdauung, nach Versuchen von Friedrich Tiedemann und 
Leopold Gmelin" tut Beider^, sowie anderer noch mit Namen 
Aufgeführter, „die uns bei mehreren Versuchen an lebenden Tieren 




13] Friedrich Arnold. 13 



und bei chemischen Analysen treuh'ch und mit Einsicht unter- 
stützten", mit herzlichem Danke Erwähnung. 

Tiedemann war zu dieser Zeit auch noch mit seinen Unter- 
suchungen über die Arterien und das Gehirn, Fohmann mit seinen 
Arbeiten über das Saugadersystem der Tiere beschäftigt. Das gab 
viele Anregung, Belehrung und Übung für Friedrich Arnold. Seine 
Dissertation und seine direkt an dieselbe anschließenden Veröffent- 
lichungen über das Nervensystem lassen nicht daran zweifeln, daß 
die Fülle und Feinheit der daselbst niedergelegten Untersuchungen 
nur durch eine langjährige, intensive und weit über das gewöhn- 
liche Maß der Präpariersaal tätigkeit hinausgehende Arbeit als 
Student erworben werden konnte. Arnolds großen Fleiß hat 
Tiedemann bei dessen Meldung zum Doktorexamen ausdrück- 
lich bezeugt.^® 

Am 7. September, einen Tag nach seinem Bruder Wilhelm, 
legte Friedrich Arnold das aus vier schriftlichen Bearbeitungen und 
einer durch fünf Fakultätsmitglieder vorgenommenen mündlichen 
Prüfung^^ bestehende Examen rigorosum mit der Note „Summa 
cum laude" ab.^* 

Die Ina ugural- Dissertation wurde von ihm auf Anlaß 
von Fohmann im Winter 1825/26 in der anatomischen Anstalt 
ausgearbeitet und erschien im April 1826 unter dem Titel „Disser- 
tatio inauguralis medica sistens observationes non- 
nullas neurologicas de parte cephalica nervi sympathici 
in homine" im Umfang von 26 Quartseiten und mit 1 litho- 
graphierten Tafel in Heidelberg (Typis Augusti Osswaldi); sie ist 
Tiedemann „illustrissimo summeque venerando, praeceptori dilectis- 
simo grata mente eaque qua par est reverentia" gewidmet und 
enthält zugleich eine warme Danksagung an Fohmann für die 
dabei gewährte Unterstützung. 

Diese erste Veröffentlichung Friedrich Arnolds handelt über 
die Verbindung des Sympathicus mit den Nervi facialis und 




14 Max Fürbringer [14 



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auditorius, über die Nerven, welche die Arterien innerhalb der 
Schädelhöhle begleiten, über die Verbindung des großen Hals- 
ganglions mit dem N. glossopharyngeus, über ein Knötchen 
(Ganglion oticum) an der inneren Seite des dritten Trigemi- 
nusastes, über die Nerven, die zur Dura mater gehen, über die 
Verbindung des Sympathicus mit dem Ganglion semilunare 
und den Ästen des N. trigeminus, über die Verbindung des Gan- 
glion spheno-palatinum mit dem Ganglion ophthalmicum, über die 
Verbindung des Sympathicus mit dem N. hypoglossus. sowie mit 
der Hypophysis, und zeichnet sich durch einen ungewöhnlichen 
Reichtum neuer Funde auf diesen Gebieten aus. Dieselben werden 
in klarer Darstellung und unter eingehender Berücksichtigung der 
einschlägigen Literatur gegeben. Die beigegebene Tafel illustriert 
anschaulich und deutlich die wichtigsten bezüglichen Verhältnisse. 
Hier und da angeschlossene physiologische und therapeutische 
Bemerkungen zeigen, wie der junge Autor nicht bloß mit Hand 
und Auge untersucht, sondern auch bei seiner Arbeit weiter nach- 
gedacht hat. 

An diese Publikation schließt sich eine zweite, im 
gleichen Jahre in Tiedemanns und Treviranus Zeitschrift für Phy- 
siologie erschienene an, die „Beschreibung des Kopfteiles 
der sympathischen Nerven beim Kalb, nebst einigen Be- 
obachtungen über diesen Teil beim Menschen" (48 Quart- 
seiten mit 1 Tafel), welche die bezüglichen Untersuchungen Arnolds 
bei dem Kalbe mitteilt und zugleich die deutsche Wiedergabe der 
in der Dissertation behandelten Ergebnisse beim Menschen enthält. 

Mit diesen beiden Untersuchungen tritt der 23jährige Autor 
mit einem Schlage in die Reihe der ersten Arbeiter auf dem Ge- 
biete des peripheren Nervensystems. Seine Befunde, von Ihm 
selbst in weiteren Beobachtungen noch vervollkommnet, haben 
sich, obwohl anfangs von zahlreichen Anatomen mit Mißtrauen 
aufgenommen oder selbst ignoriert, in allen wesentlichen Teilen 



15] Friedrich Arnold. 15 



als richtige und gesicherte erwiesen und sind längst in den bleiben- 
den Schatz unserer anatomischen Kenntnisse übergegangen. Fried- 
rich Arnolds Name ist mit dem Ramus recurrens ophthalmici. dem 
Ganglion oticum s. Arnoldi, dem Ganglion geniculatum nervi 
facialis, der äußeren Anastomose des Acusticus und Facialis, dem 
Nervus petrosus superficialis minor, mit der genaueren Kenntnis 
der Verbindungen des Ganglion sympathicum cervicale supremum 
und vielen anderen Feinheiten in der Verzweigung der Qehirn- 
nerven und des Kopfsympathicus für immer verbunden. 

im Frühjahr 1826 reisten beide Brüder, wie dies in jener Zeit 
in medizinischen Kreisen üblich war, zu ihrer weiteren Ausbildung 
und Vervollkommnung nach Paris. 

Auf der Hinreise wird von ihnen ein kurzer Aufenthalt in 
Straßburg i. E. gemacht, wo sie die Anatomen und Physiologen 
Ehrmann und Lauth und den pathologischen Anatomen und 
Kliniker J. G. Lobstein persönlich kennen lernten. 

in Paris besuchten sie teils die Hospitäler und medizinischen 
Institute, an denen die Anatomen Cruveilhier und Breschet, der 
Patholog Broussais, der innere Kliniker und Begründer der aus- 
kultativen Untersuchungsmethode Laennec und die Chirurgen 
Dupuytren, Larrey, Lisfranc, Roux u. a. wirkten, teils die natur- 
wissenschaftlichen Anstalten, denen namentlich durch Georges 
Cuvier, fitienne Geoffroy St. Hilaire und de Blainville besondere 
Bedeutung und Anziehungskraft verliehen war. Die großen Ver- 
hältnisse der französischen Hauptstadt mit ihren hervorragenden 
Menschen, wissenschaftlichen Gelehrten und originellen Forschern 
wurden von tiefstgehendem Einflüsse auf das innere Leben der 
beiden Brüder. Gerade der Umstand, daß sich hier so scharf aus- 
geprägte Eigenarten und weitreichende Divergenzen in den An- 
schauungen der führenden Geister begegneten, gab ihnen Reichtum 
und Fruchtbarkeit der Ideen, zugleich aber auch jene strenge 
Selbstzucht, die namentlich Friedrich Arnold niemals den sicheren 



16 \\ax Fürbringer [16 



Boden der direkten Beobachtung und der durch zahlreiche Wieder- 
holungen gesicherten Untersuchung verlassen h'eß. Nicht uner- 
wähnt bleibe auch der Gewinn, der beiden Brüdern aus der 
formvollendeten Art des lebendigen Vortrages jener Pariser Größen 
wurde. 

Während Wilhelm Arnold, der mit einer pharmakologischen 
Dissertation „De salis ammoniaci vi et usu** promoviert hatte, 
die Neigung mehr zu den klinisch-medizinischen Anstalten zog, 
besuchte Friedrich Arnold mehr die anatomischen Institute 
und die großartigen naturwissenschaftlichen Sammlungen 
des Jardin des plantes. In äußerster Ausnutzung der Zeit 
suchte er hier seine Kenntnisse und seinen Gesichtskreis zu er- 
weitern. 

Manchmal, namentlich in der letzten Zeit des Pariser Aufent- 
haltes, überfiel ihn Sorge und Trauer bei dem Gedanken, daß die 
Herriichkeit dieser Arbeiten für ihn bald zu Ende gehen und von 
der Tätigkeit als praktischer Arzt in einem kleinen, von den 
Bildungszentren entfernten Orte wohl abgelöst werden müsse. 
Seine Verhältnisse erlaubten ihm nicht, ohne weiteres die akade- 
mische Laufbahn zu betreten, insbesondere nicht, seiner Neigung 
folgend das anatomische Fach zu wählen, falls ihm nicht hierbei 
die Möglichkeit gewährt würde, die Lehr- und Arbeitsmittel einer 
öffentlichen Anstalt zu benutzen. 

Aus dieser Sorge befreite ihn die im Herbste 1826 erfolgende 
Anfrage Tiedemanns. ob er die durch Fohmanns Berufung als 
Direktor des anatomischen Instituts nach Lüttich frei gewordene 
Prosektur an der Heidelberger anatomischen Anstalt 
übernehmen wolle. Freudigst sagte er zu, obwohl die Bedingungen, 
unter denen ihm diese Stelle, zunächst auch nur provisorisch, 
angetragen wurde, keineswegs günstige waren *•*•, brach seinen 
Pariser Aufenthalt kurzer Hand ab und reiste im Oktober 1826 
nach Heidelberg zurück. 



M 



17] Friedrich Arnold. 17 



•A^"^*^ 



IIL Tätigkeit als Proselctor am 

anatomisclien Institut in Heidelberg, Privatdozent 

und außerordentlicher Professor. 

(1826—1835.) 

Die Prosektorstelle wurde von Friedrich Arnold am 
23. Oktober 1826 angetreten.^* Außer der Anfertigung der Prä- 
parate für die Sammlung und die Vorlesungen des Direktors 
hatte er die Verpflichtung, an der Leitung der im Wintersemester 
stattfindenden Präparierübungen teilzunehmen und in jedem 
Semester die Vorlesungen über Osteologie und Syndesmologie 
abzuhalten. Außerdem las er in den meisten Sommersemestern 
Anatomie und Physiologie des Nervensystems und der Sinnes- 
organe, einige Male (seit 1830) chirurgische Anatomie und 
Physiologie, sowie vereinzelt über die Ausbildung des Gefäß- 
systems in den verschiedenen Tierklassen und im menschlichen 
Fötus, allgemeine Anatomie, die gesamte Anatomie und Physiologie 
des Menschen und die pathologische Anatomie. Auch hielt er 
Anleitungen zur Tierzergliederung, sowie mikroskopische Demon- 
strationen zur allgemeinen Anatomie ab. 

Alle diese Obliegenheiten nahmen ihn besonders in den ersten 
Jahren so in Anspruch, daß für das erste auf die Ausführung 
größerer selbständiger Unternehmungen Verzicht geleistet werden 
mußte. 

Groß war der Zuwachs, welchen die anatomische Samm- 
lung durch ihn gewann. Auch war er der hauptsächlichste Leiter 
der Zergliederungen in dem Präpariersale, dessen Frequenz während 
der Jahre seines Prosektorates erheblich zunahm. ^^ In dem Maße, 
als Tiedemann infolge zunehmender Schwäche seiner Augen von 
den feineren Präparationsarbeiten sich ferner halten mußte, trat die 
außerordentliche Leistungsfähigkeit Arnolds auf diesem Gebiete 
mehr und mehr in den Vordergrund. Er war hier unermüdlich in 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 2 



18 Max Fürbringer [18 



-N_/V- 



Anweisung und Belehrung. Selbst ein ausgezeichneter Präparator, 
stellte er an die Leistungen seiner Schüler hohe Anforde- 
rungen. Auch war er denen, welche selbständige Unter- 
suchungen im anatomischen Institute ausführten, in liebens- 
würdigster Weise mit Rat und Tat behülflich und nützlich. 
L. W. Th. Bischoff spricht ihm und Tiedemann in seiner be- 
rühmten Abhandlung über den Nervus accessorius Willisii 1832^*^ 
den lebhaftesten Dank für seine Unterstützung aus, ebenso 
M. C. G. Seubert in seiner Preisschrift und Dissertation über die 
Leistungen der vorderen und hinteren Spinalnervenwurzeln 1833". 

Auf seine Vorlesungen verwandte er den größten Fleiß. 
Hier handelte es sich für ihn nicht nur um die materielle Vor- 
bereitung, sondern um die weitere Bekämpfung und Überwindung 
seines inzwischen wohl sehr gemilderten, aber noch nicht ganz 
beseitigten Sprachfehlers und seiner damit zusammenhängenden 
Eigenheit eines ungemein raschen Sprechens, nachdem die ersten 
Hindernisse beim Beginne des Vortrages überwunden waren. Auch 
die damals in Deutschland fast allgemein übliche Art, an Stelle 
des freien Vortrages die bis ins Detail ausgearbeitete Vorlesung 
abzulesen, machte ihm große Schwierigkeit. Erst nach einigen 
Jahren gelang es seinen unermüdlichen Anstrengungen, alle diese 
Störungen und Schwierigkeiten zu bezwingen und jene Freiheit 
und Lebendigkeit des Vortrages zu gewinnen, die er an seinen 
Pariser Lehrmeistern so sehr bewundert hatte. Friedrich Arnold 
nahm seitdem unter den deutschen medizinischen akademischen 
Lehrern durch das Lebendige, Eindringliche und Fesselnde seines 
Vortrages eine erste Stelle ein. 

Die Heidelberger medizinische Fakultät bestand in den Jahren 
1826—35 im wesentlichen aus den gleichen Dozenten wie während 
der Studienzeit Friedrich Arnolds. Seit 1827 waren sein Bruder 
Wilhelm, seit 1833 Kobelt als Privatdozenten in ihren Lehr- 
körper eingetreten. Leuckart war 1832 einem Rufe als Prof. ord. 




19] Friedrich Arnold. 19 



-vrs- 



der Zoologie, vergleichenden und pathologischen Anatomie und 
Tierheilkunde nach Freiburg i. B. gefolgt und teilweise durch 
Bronn ersetzt worden; in die übrige Erbschaft teilten sich 
Friedrich Arnold und Kobelt. Tiedemann las im Sommer 
Physiologie und die Lehre von der Zeugung und der Ausbildung 
des Fötus, im Winter Anatomie, einigemale auch dieses oder jenes 
Spezialkolleg und vereinzelt pathologische Anatomie; zugleich 
leitete er im Verein mit Arnold die Präparierübungen im Winter- 
semester. 

Sobald sich Friedrich Arnold im stände sah, die Obliegenheiten 
seines Amtes ohne Aufwendung seiner ganzen Arbeitszeit zu er- 
füllen, wandte er sich der Fortsetzung seiner Untersuchungen 
über den Kopfteil des sympathischen Nervensystems und über die 
Kopfnerven, sowie mikroskopischen Forschungen über das Auge, 
und verschiedenen anderen anatomischen, histologischen und 
embryologischen Gebieten zu. 

Im Jahre 1828 erschien die anatomisch-physiologische Ab- 
handlung „Über den Ohrknoten" (56 pp. und 2 Tafeln in kl. 4^) 
— 1831 die große Monographie „Der Kopfteil des vegetativen 
Nervensystems beim Menschen in anatomischer und physiologischer 
Hinsicht" (X, 204 pp., 10 ausgeführte und 10 in linearen Um- 
rissen angegebene Figurentafeln in 4®), sowie drei kleinere Arbeiten 
„Über den Canaliculus tympanicus und mastoideus" (4 pp. und eine 
Tafel in 4% „Kurze Angaben einiger anatomischen Beobachtungen" 
(4 pp. in 8^) und „Quelques decouvertes sur differents points 
d'anatomie" (7 pp. in 8^), — 1832 die umfangreichen „Anato- 
mischen und physiologischen Untersuchungen über das Auge des 
Menschen" (VIII, 168 pp. und 3 Tafeln in 4®) und die kürzere Mit- 
teilung „Die Arachnoidea und der Fontanasche Kanal im mensch- 
lichen Auge" (4 pp. in gr. 8^), — 1833 die Schrift „Über die 
Membrana capsulo-pupillaris" (5 pp. in 8®), — 1834 die Ab- 
handlung „Noch einiges über die Membrana capsulo-pupillaris" 



20 Max Fürbringer [20 



c? 



(12 pp. in gr. 8®), das Foliowerk „Icones nervorum capitis" (IV, 
50 pp., 9 ausgeführte und ebensoviele Umrißtafeln), „Bemerkungen 
über einige Entdeckungen und Ansichten in der Anatomie und 
Physiologie" (15 pp* in 4®) und „Einige Mitteilungen über das 
Gewebe der Knorpel und Knochen" (5 pp. und 1 Tafel in 4®). 

Den Schwerpunkt der wissenschaftlichen Tätigkeit jener Periode 
bilden die beiden großen dem sympathischen Nervensystem 
des Kopfes und der Illustration der Kopfnerven dienenden 
Werke der Jahre 1831 und 1834, an die sich die drei kleineren 
oben angeführten Schriften der gleichen Kategorie aus den Jahren 
1828, 1831 und 1832 anschließen. „Der Kopfteil des vegeta- 
tiven Nervensystems" (1831) repräsentiert einen Markstein in 
der Entwicklung unserer Kenntnis des peripheren Nervensystems 
und kann, was die Genauigkeit der Untersuchung, die nahezu er- 
schöpfende Behandlung der Literatur und die tiefblickende Zu- 
sammenfassung und Vergleichung der Befunde anlangt, noch jetzt 
als ein Musterwerk gelten. Durch zahlreiche bisher noch nicht 
beobachtete Details, z. B. betreffend die Verbindungen zwischen 
den Nn. facialis und acusticus und zwischen den Nn. glossopha- 
ryngeus und vagus, den Canaliculus tympanicus, den Canaliculus 
mastoideus und Ramus auricularis nervi vagi, den Verband des 
N. facialis mit dem N. petrosus superficialis minor, die Wurzeln 
und Aste des Ganglion oticum, die Verzweigungen des Kopf- 
Sympathicus u. a., wird unser Wissen betreffend dieses Gebiet 
der descriptiven Anatomie erheblich vermehrt. In der übersicht- 
lichen, dem morphologischen Verhalten wie der funktionellen 
Bedeutung gleich Rechnung tragenden Gruppierung und Ein- 
teilung der Gehirnnerven und der einzelnen Ganglien des Kopfes, 
wenn man ihr auch in manchen Teilen nicht zustimmen kann und 
wenn sie auch durch spätere vergleichend-anatomische und ent- 
wicklungsgeschichtliche Arbeiten überholt ist, offenbaren sich doch 
gegen früher weitgehende Fortschritte und zugleich die späteren 




21] Friedrich Arnold. 21 






Untersuchungen befruchtende Prinzipien. Die darin niedergelegten 
Anschauungen über die Selbständigkeit des sympathischen Nerven- 
systemes sind z. T. nicht richtig; Arnold hat sie später selbst wesent- 
lich modifiziert. — Die „Icones nervorum capitis" (1834) be- 
ginnen mit einer zusammenfassenden, die Einteilung der Kopfnerven 
aufführenden Einleitung und enthalten eine bildliche Darstellung des 
feineren Veriaufs derselben, wie sie in gleicher Schönheit, Natur- 
wahrheit, Genauigkeit und Übersichtlichkeit bisher noch nicht 
bekannt war. Auf die hier und in dem zuvor besprochenen Werke 
durchgeführte Klassifizierung der Kopfnerven und Kopfganglien 
sei besonders hingewiesen. 

Beiden Werken und den anderen Abhandlungen jener Zeit 
diente Franz Wagner als illustrierender Künstler; sein großes An- 
sehen als solcher verdankte er zum großen Teil dem Zusammen- 
arbeiten mit Arnold. 

Eine zweite Untersuchungsreihe dient der Erforschung des 
Sehorgans. Das hierher gehörige Hauptwerk repräsentieren die 
„Anatomischen und physiologischen Untersuchungen 
über das Auge des Menschen" (1832); weitere Beiträge finden 
sich in den anatomischen Beobachtungen von 1831, sowie 
in den drei kleineren oben genannten Schriften über einzelne 
Teile des Sehorganes (1832, 1833, 1834). Friedrich Arnold tritt 
hier zum erstenmal als mikroskopischer Untersucher auf. Er 
war auf diesem Gebiete Autodidakt ; zudem gehörte das von ihm 
benutzte Instrument, dem auch eine Zeichenkamera und ein Mikro- 
meter mangelte, zu den minderwertigen. Das hat auch Arnold 
selbst erkannt, und in dem Vorwort warnt er vor der Benutzung 
sehr starker Vergrößerungen, weil diese so leicht Veranlassung 
zu optischen Täuschungen geben könnten. Dies darf bei der 
Beurteilung der voriiegenden Untersuchungen, die zudem ein 
besonders schwieriges histologisches Gebiet behandeln und volle 
7 Jahre vor Schwanns grundlegenden mikroskopischen Unter- 




22 Max Fürbringer [22 



■Ver- 



suchungen über die „Übereinstimmung in der Struktur und dem 
Wachstum der Tiere und Pflanzen" erschienen, nicht außer acht 
gelassen werden. In dem Vorwort zu den Untersuchungen über 
das Auge des Menschen teilt Arnold mit, in welcher Weise er, 
um die großen Gefahren von Irrtümern zu vermeiden, das Mikro- 
skop gehandhabt habe, und eröffnet uns den vollen Einblick in 
seine gewissenhafte Art zu arbeiten. Folgender Passus gegen den 
Schluß des Vorwortes ist so charakteristisch für ihn, daß er hier 
wiedergegeben werden möge: „Die hier mitgetheilten Beobachtungen 
habe ich ohne alle vorgefaßte Meinung angestellt. Nur das, was 
mich wiederholte und sehr häufige Nachsuchungen lehrten, wurde 
angenommen, alles aber, was ich nur einige Mal, oder un- 
bestimmt und undeutlich sah, verworfen. Bei meinen Unter- 
suchungen leitete mich stets das Streben nach Wahrheit. Ich 
war bemüht, durch verschiedenartige Wege, die ich einschlug, es, 
so viel mir möglich, zu vermeiden, Andere und mich selbst zu 
täuschen, weil ich nur allzusehr von der Überzeugung durch- 
drungen bin, daß Irrthümer, die auf die oder jene Weise in eine 
Lehre gebracht werden, der Wissenschaft unberechenbaren Schaden 
zufügen. Da, wo meine Forschungen mir das Gegenteil von dem, 
was allgemein angenommen wird, oder etwas Neues und Eigenes 
zeigten, hütete ich mich wohl, es sogleich anzunehmen. Nur wieder- 
holte zuverlässige Beobachtungen konnten mich dazu bestimmen, 
der Lehre Anderer entgegenzutreten oder das Gesehene als etwas 
Wesentliches und Wirkliches mitzutheilen. — Sollten Andere die hier 
gegebenen Untersuchungen durch Selbstprüfung der Beachtung 
wert halten, so wird es mir gleich willkommen seyn, ob sie meine 
Beobachtungen bestätigen oder berichtigen oder als nichtig dar- 
legen. Die Wahrheit allein ist es, die ich stets vor Augen habe, 
die ich schätze und liebe, sie mag zu Gunsten dessen, was ich 
gesehen und gefunden oder zum Nachtheil desselben sprechen. 
Ich kann mit Grund sagen, daß ich überall nur das, was meine 




23] Friedrich Arnold. 23 



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Überzeugung mich lehrte, gegeben habe. Sollten Andere mir nach- 
weisen, daß diese eine falsche ist, so werde ich nicht anstehen, 
dieselbe aufzugeben." 

Den eigentlichen Inhalt dieser Arbeit bildet die eingehende 
mikroskopische Beschreibung aller einzelnen Teile des Bulbus, wo- 
bei vergleichende und physiologische Exkurse und Betrachtungen 
eine bemerkenswerte Rolle spielen. Ein besonders umfangreiches 
Kapitel handelt über die Entstehung des Augapfels und der Bildungs- 
und Entwicklungsweise seiner Teile. Die Literatur ist ausführlich be- 
rücksichtigt. Die erhaltenen Resultate sind von ungleicher Geltung: 
vieles ist gut und hat sich als bleibend bewährt, nicht weniges 
hat die verbesserte mikroskopische Technik der späteren Dezennien 
modifiziert oder als irrig erwiesen. Wenn auch diese Unter- 
suchungen als Ganzes genommen längst überholt worden 
sind und als veraltet gelten müssen, so dürfen sie doch, im 
Geiste ihrer Zeit genommen und mit anderen mikroskopischen 
Arbeiten jener frühen Periode verglichen, gerechte Anerkennung 
beanspruchen. 

Auf das periphere Nervensystem und das Sehorgan beziehen 
sich auch die „Bemerkungen über einige Entdeckungen und An- 
sichten" etc. (1834). Sie sind vorwiegend historischer und pole- 
mischer Natur und gelten zumeist der Verteidigung der nament- 
lich von Johannes Müller und seinen Schülern angegriffenen 
Priorität verschiedener Entdeckungen Arnolds. 

Von geringerer Ausdehnung sind die übrigen Veröffentlichungen 
aus Arnolds Prosektorzeit. Die „Anatomischen Beobach- 
tungen" etc. (1831) und „Quelques decouvertes" etc. (1831) 
enthalten auch embryologische Mitteilungen 1. über die Zahn- 
anlagen, deren anfänglicher Zusammenhang mit der Mundschleim- 
haut richtig erkannt wird, 2. über die Nebennieren, die von dem 
Wolffschen Körper abgeleitet werden, 3. über die zeitweilige 
Verbindung der Testikel und Ovarien mit den Urnieren, 4., 5. und 




\ 



24 Max Fürbringer [24 



»vi^'N. 



6. über embryonale Verbände zwischen Milz und Pankreas, sowie 
zwischen Thymus, Glandula thyreoidea und Trachea, welche 
letzteren Angaben später genaueren Erkenntnissen Platz machen 
mußten, 7. über den vollständigen Mangel der Leber bei einem 
sonst normalen menschlichen Fötus und 8. über ^ie gegenseitigen 
Beziehungen der Vena umbilicalis, Vena portae und des Ductus 
venosus Arrantii. Auch anatomische Beobachtungen über die 
Arachnoidea oculi (Suprachorioidea) und über den sich in doppelter 
Hinsicht kreuzenden Faserverlauf in der Medulla oblongata sind 
in ihnen enthalten. 

Die „Mitteilungen über die Gewebe der Knorpel und 
Knochen beim Menschen", nach 1833 von Wilhelm und Friedrich 
Arnold gemeinsam ausgeführten Untersuchungen und 1834 ver- 
öffentlicht, betreffen den mikroskopischen Bau des Knorpels und 
Knochens und seine Entwicklung. Auch sie sind überholt und 
zeigen auf den beigegebenen Abbildungen eine Zusammensetzung 
der Grundsubstanz aus zahlreichen und verschieden gruppierten 
kleinen Kügelchen, welche spätere mikroskopische Arbeiten als 
nicht bestehend nachgewiesen haben und welche als von dem be- 
nutzten Mikroskope herrührende Trugbilder anzusprechen sind. 
Immerhin beruht auch diese kurze Abhandlung auf der Unter- 
suchung zahlreicher, umsichtig ausgewählter Objekte und enthält 
manche richtige Beobachtung. 

Im Jahre 1828 erfolgte die definitive Anstellung Friedrich 
Arnolds zum Prosektor.*^ Seine großen Lehrerfolge, die Be- 
reicherung der anatomischen Sammlungen durch zahlreiche von 
ihm angefertigte Präparate, und das Ansehen, welches er im In- 
und Auslande durch seine Veröffentlichungen gewonnen^', ver- 
anlaßte die Fakultät am Anfange des Jahres 1833, für ihn durch 
einstimmigen Beschluß eine Gehaltserhöhung bei der Regierung zu 
beantragen. Dieselbe wurde ihm durch ministeriellen Erfaß gewährt 
und damit zugleich der Lehrauftrag für vergleichende Anatomie 




25] Friedrich Arnold. 25 



verbunden; auch wies das Ministerium eine weitere jährliche von 
Arnold zu verwaltende Summe für Neuanschaffungen in der 
Sammlung und für Unterstützung durch einen Assistenten an.^® 

Im Wintersemester 1833/34 erfolgte die Ernennung zum 
außerordentlichen Professor.^^ Damit hatte er sich, als 
Frucht seines rastlosen und an wissenschaftlichen Erfolgen reichen 
Strebens, eine Stellung errungen, welche ihm zwar noch keine 
Selbständigkeit gab, aber eine sorgenfreie Existenz und die Mög- 
lichkeit gewährte, unbehindert seinen Arbeiten leben zu können. — 
Im Jahre 1833 wird er zum auswärtigen Mitglied der Physikalisch- 
medizinischen Gesellschaft in Erlangen erwählt. 

In die Heidelberger Zeit fällt auch Friedrich Arnolds im 
Jahre 1830 erfolgte Verheiratung mit Ida Eberhardine Qock, 
Tochter des kgl. württembergischen Hofdomänenrates Karl Chri- 
stian Fr. von Qock in Stuttgart und seiner Gattin Maria Eber- 
hardine Sofie geb. Bloest. Ida Qock, geboren am 5. Dezember 181 1 , 
war eine reich begabte Natur mit rascher Auffassungsgabe, großer 
Anpassungsfähigkeit und hervorragenden Talenten, namentlich auch 
für den geselligen Verkehr, den sie sehr liebte und mit fast be- 
strickender Liebenswürdigkeit kultivierte. Damit war freilich eine 
gewisse Unruhe des Geistes und eine nicht gleichmäßige Stimmung 
verbunden, wozu sich im weiteren Verlaufe ihres Lebens ein zu- 
nehmendes Herzleiden gesellte, das sie aber tapfer und ohne 
Klagen ertrug. Beide Gatten ergänzten sich in mannigfacher 
Hinsicht. Die Ehe war sehr glücklich und endete 1868 mit dem 
Tode der Gattin; ihr entsproßten 5 Kinder, deren erstes, Ida, 
1831 in Heidelberg geboren wurde." — 1833 hatte Friedrich Arnold 
den Schmerz, seine Mutter zu verlieren. 

Im Dezember 1834 erhielt er den Ruf als ordentlicher 
Professor der Anatomie und Direktor der anatomischen 
Anstalt an die im Jahre 1833 neu gegründete Universität Zürich." 
Die Entscheidung war nicht leicht: auf der einen Seite in Heidelberg 




26 Max Fürbringer [26 

bekannte Verhältnisse, eine gesicherte, aber abhängige Stellung, 
auf der anderen Seite in Zürich das Einleben in die neuen Ge- 
wohnheiten des außerdeutschen Landes und eine zwar selbständige, 
aber zufolge der in der Schweiz üblichen Anstellung auf nur eine 
Anzahl Jahre nicht genügend gesicherte Position. Dazu noch 
persönliche Verhältnisse, welche eine definitive Beschlußfassung 
noch schwieriger gestalteten. Die badische Regierung, welche 
einen Mann wie Arnold ihrer Universität zu erhalten trachtete, 
gab ihm anerkennenswerte Beweise ihres Vertrauens, zeigte ihm 
für den Fall seines Verbleibens in Heidelberg das möglichste 
Entgegenkommen und bot ihm eine weitere Gehaltserhöhung an.** 

Nach schwerem inneren Kampfe entschied sich Friedrich 
Arnold für die Annahme der Berufung, weil aus den von der 
medizinischen Fakultät geführten Verhandlungen deutlich zu ersehen 
war, daß sein bisheriger Direktor Tiedemann durch Arnolds Ver- 
bleiben in einer ziemlich unabhängig gestalteten Stellung beein- 
trächtigt und unliebsam berührt würde. Dazu aber konnte er sich 
um so weniger entschließen, als er sich seinem Lehrer und bis- 
herigen Vorgesetzten dankbar verpflichtet fühlte und weit davon 
entfernt war, eine Stellung einnehmen zu wollen, welche diesem 
Unannehmlichkeit verursacht hätte. 

Anfang Februar 1835 erklärte er sich zur Übernahme der 
Züricher Professur bereit und schied im Frühjahr aus einer Stel- 
lung, welche zum Ausgange für seine ganze Entwicklung geworden 
war und die ihm wohl Kampf und Arbeit, aber noch größere 
Genugtuung und Förderung gewährt hatte. Sein Nachfolger im 
Heidelberger Prosektorat wurde Kobelt. 

IV. Professor Ordinarius und Direlctor in Zürich. 

1835-1840 

In Zürich traf Friedrich Arnold noch gänzlich unfertige Ver- 
hältnisse in der anatomischen Anstalt der jungen Universität an. 







27] Friedrich Arnold. 27 



Bei der Errichtung der Hochschule 1833 war Demme als 
außerordentlicher Professor der Anatomie ernannt worden und las 
als solcher nicht nur über die normale Anatomie des Menschen, 
sondern auch über pathologische Anatomie und über chirurgische 
Themata. Eine so ausgebreitete Lehrtätigkeit war der Begründung 
einer anatomischen Sammlung nicht günstig. Auch der ihm bei- 
gegebene Prosektor Hodes war mit heterogenen Vorlesungen, 
worunter auch gerichtliche Medizin, überlastet. 

Als daher Arnold nach Demmes Berufung als Professor der 
Chirurgie nach Bern seine Stellung im Frühling 1835 antrat, fand 
er eine Anstalt vor, die auch den bescheidensten Anforderungen 
nicht genügen konnte. Sie bestand aus einem zu ebener Erde 
gelegenen mäßig großen Räume, in dem die Vorlesungen ge- 
halten, die Sektionen der im Kantonshospital Verstorbenen ge- 
macht und die Sezierübungen vorgenommen wurden, sowie einem 
kleinen Zimmer, in welchem die pathologisch -anatomischen 
Präparate Schoenleins aufgestellt waren. Ein und zwei Treppen 
hoch befand sich noch je eine Kammer für den Direktor und den 
Prosektor. Also sehr wenig Raum und in möglichst unpraktischer 
räumlicher Verteilung. Präparate zur normalen Anatomie waren 
nur wenige brauchbare und zudem recht alte — noch von Hirzel 
angefertigte — vorhanden. Dagegen stand ein reiches Leichen- 
material zu Gebote. 

Da der Neubau einer anatomischen Anstalt neben dem neu 
zu errichtenden Kantonshospital bald nach Friedrich Arnolds An- 
kunft in Zürich beschlossen wurde und eine neben dem anatomi- 
schen Institute befindliche Werkstatt zu einem Sektions- und 
Präpariersaal hergerichtet wurde, waren vorläufig befriedigende 
Verhältnisse gegeben. Dazu kamen die Unterstützung durch den 
fleißigen und tüchtigen, in der feineren Präparation und Injektion 
geübten Prosektor M. Hodes, ein rücksichtsvolles und einsichts- 
reiches Entgegenkommen der Züricher Behörden ^^ eine durch Fleiß 



28 Max Fürbringer [28 



-»»/^. 



und Streben ausgezeichnete Zuhörerschaft, angenehme und an- 
regende Beziehungen zu den Kollegen und schließlich die Gewin- 
nung des von ihm bereits erprobten ausgezeichneten Zeichners 
Franz Wagner, der Arnold nach Zürich folgte, um dort die In 
Heidelberg begonnenen gemeinsamen Arbeiten fortzusetzen. Dazu 
die im August 1835 erfolgte Berufung seines Bruders Wilhelm 
als außerordentlicher Professor der Medizin (für Materia medica 
und Geschichte der Medizin). 

Alles das gestaltete ihm den neuen Aufenthaltsort, der zudem 
mit seiner herrlichen Umgebung Gelegenheit zu erfrischenden 
Spaziergängen und Exkursionen gab, bald zur lieben Heimat. 
Auch seine Frau fühlte sich hier wohl, die jugendliche Tochter 
gedieh und sein Sohn Julius ward im August 1835 hier geboren. 

Die Züricher Universität war ein Versammlungsort frischer 
und freier Geister. Die Schweiz hatte viele ihrer besten Söhne 
als Lehrer dahin gesendet, aber auch viele hervorragende Deutsche 
hatten, durch die mit Anfang der dreißiger Jahre einsetzenden sinn- 
losen reaktionären Strömungen aus ihrem Vaterlande vertrieben, 
daselbst Heimat und Redefreiheit gefunden. In der Medizin und 
den Naturwissenschaften bildeten die Deutschen Johann Lukas 
Schoenlein und Lorenz Oken Mittelpunkte, um die sich ihre 
Kollegen, mochten dieselben der Schweiz oder Deutschland ent- 
stammen, in Verehrung versammelten. Von den Schweizer Kol- 
legen seien u. A. der Chirurg Locher-Zwingli, der Geburtshelfer 
Spöndli, der innere Kliniker und Pharmakolog Locher- Halber, 
der Ophthalmolog Muralt, der Zoolog und Anthropolog Schinz, 
der Botaniker, Paläontolog und Entomolog Heer, der Geolog 
lischer von der Linth, von den Deutschen der Physiolog und 
Patholog von Pommer, der Mineralog Fröbel, der Chemiker 
Lc'iwig. Wilhelm Arnold u. A. genannt. Vielen dieser Kollegen, 
vor allen Oken, Schoenlein und Locher-Zwingli stand Friedrich 
Arnold sehr nahe. 




29] Friedrich Arnold. 29 



In den Semestern 1837/38 und 1838 war er Dekan der 
medizinischen Fakultät, 1838 und 1838/39 Rektor der Univer- 
sität, als erster aus dem Schöße der medizinischen Fakultät ge- 
wählter Rektor derselben seit ihrem Bestehen. ^^ 

Die Frequenz der jungen Universität^' und namentlich der 
medizinischen Fakultät, die etwa die Hälfte der gesammten Be- 
sucher der Hochschule ausmachte, war eine erfreuliche. Bis zum 
Jahre 1839, wo widrige religiös-politische Wirren ein plötzliches 
Niedersinken verursachten, studierten im Semestermittel mehr als 
100 Mediziner hier. Arnolds einzelne Vorlesungen waren zu 
Zeiten von über 40 Zuhörern oder Praktikanten besucht und die 
am meisten frequentierten an der medizinischen Fakultät.^' Er las 
Anatomie, allgemeine Anatomie und Physiologie der Menschen, 
sowie vereinzelte kleinere Kollegien über speziellere Teile der 
Anatomie, hielt öfters anatomische und physiologische Exami- 
natoria und Conversatoria ab und leitete mit Hodes die Präparier- 
übungen. 

Der Eifer und die Dankbarkeit seiner Schüler, die in zu- 
nehmendem Maße aus fast allen, auch den französischen Kantonen 
der Schweiz, wie aus Deutschland und anderen Ländern trotz des 
Verbotes der betreffenden reaktionären Regierungen nach Zürich 
strömten, waren groß und erfreuten ihn in hohem Grade. U. A. war 
auch Kölliker sein Schüler und teilt in seinen „Erinnerungen aus 
meinem Leben" ^® mit, daß er Friedrich Arnold in seinen ersten 
Semestern mit großem Nutzen gehört und unter diesem hervor- 
ragenden Gelehrten präpariert habe. 

Eine Anzahl damals entstandener Züricher Dissertationen, 
insbesondere von Aepli, De membrana tympani 1837; Dieffenbach, 
De corporibus Wolffianis 1836; Drummond, De regeneratione 
nervorum 1839; Haag, De cloaca 1837; Photiades, Nonnulla de 
generatione 1838; Solinville, De nervo pneumogastrico in corpore 
humano 1838; Thuet, Disquisitiones anatomicae psittacorum 1838; 



30 Max Fürbringer [30 



Trapp, Symbolae ad anatomiam et physiologiam organorum bulbum 
adjuvantium et praecipue membranae nictitantis 1836; Wagner, 
De descensu testiculi 1839, bezeugen durch ihren Gehalt und durch 
die warmen Ausdrücke der Dankbarkeit seitens der Verfasser die 
anregende und sorgsame Leitung des Lehrers. 

Die Lehrmittel undSammlungen der anatomischen Anstalt 
erfahren durch seine und seines Prosektors Hodes Arbeit eine 
sehr erfreuliche Förderung und Vermehrung, wofür ihm auch der 
Erziehungsrat, unter Gewährung einer besonderen Gratifikation 
für Dr. Hodes, seinen aufrichtigsten Dank ausspricht.^ 

Auch sonst erhielt Friedrich Arnold Beweise von der hohen 
Schätzung und Anerkennung seiner Leistungen seitens der vor- 
gesetzten Behörden. 

Als im Jahre 1839 im Anschlüsse an J. D. Strauß' Berufung 
an die Züricher Universität von dem Pfarrer B. Hirzel in Pfäffikon 
fanatisierte Bauernmassen in die Stadt eindrangen und damit eine 
kirchlich-politische Reaktion, verbunden mit partikularistischen Um- 
trieben gegen die aus dem Ausland berufenen Professoren, herein- 
brach, begann auch für die junge blühende freisinnige Universität 
eine kritische Periode des Niederganges, die selbst eine Zeit lang 
ihre Existenz in Frage stellte. Nur allmählich gelangten die liberalen 
und bildungsfreundlichen Elemente wieder zu Einfluß. Damals 
beschloß der Erziehungsrat in der Zuschrift vom 6. Juli, Arnold 
„in Berücksichtigung seiner ausgezeichneten Leistungen sowohl in 
seiner literarischen Tätigkeit, als in seiner Stellung als Lehrer, 
sowie als Vorsteher der anatomischen Sammlung" für die Dauer 
von zehn Jahren die Stellung und die Rechte als Direktor der 
anatomischen Anstalt und deren Sammlungen zuzusichern und 
damit zugleich weitere Vorrechte und Sicherungen für alle Even- 
tualitäten zu gewähren. ^^' Ferner aber wurde auch die Frage der 
Entlassung und Wiederanstellung des von ihm sehr geschätzten 
Prosektors Hodes ganz Arnolds Wünschen entsprechend geregelt.** 




^^ 



31] Friedrich Arnold. 31 



JX/^. 



Während des Züricher Professorates wurde ihm auch eine 
Anzahl anderer Ehrungen zu teil, indem ihn 1835 die Natur- 
forschergesellschaft zu Zürich, 1837 die Gesellschaft für Beförde- 
rung der Naturwissenschaften in Freiburg, 1838 die schwedische 
medizinische Sozietät in Stockholm und 1839 die medizinisch- 
naturwissenschaftliche Sozietät zu Jassy in Anerkennung seiner 
wissenschaftlichen Verdienste zu ihrem Mitgliede ernannten. — 

Die produktive Tätigkeit Friedrich Arnolds war dabei 
eine sehr reiche. 

Bereits im zweiten Jahre seines Züricher Aufenthaltes, 1836, 
veröffentlichte er den 1. Teil des „Lehrbuches der Physiologie des 
Menschen" (XVI, 390 pp. mit 10 Tafeln in 8% 1837 die 1. Ab- 
teilung des 2. Teiles (X, 460 pp.), 1838 erscheinen das Rektorats- 
programm „Annotationes anatomicae de velamentis cerebri et 
medullae spinalis" (25 pp. und 1 Tafel in 4^), „Bemerkungen über 
den Bau des Hirns und Rückenmarks nebst Beiträgen zur Phy- 
siologie des zehnten und elften Hirnnerven, mehreren kritischen 
Mitteilungen, sowie verschiedenen pathologischen und anatomischen 
Bemerkungen" (IV, 218 pp. und 3 Tafeln in 8^) und das 1. Heft 
der „Tabulae anatomicae" mit den „Icones cerebri et medullae 
spinalis" (25 pp. und 10 Doppeltafeln in gr.-Folio), 1839 das 
2. Heft derselben, enthaltend die „Icones organorum sensuum" 
(40 pp. und 11 Doppeltafeln in gr.-Folio). 

Da das Lehrbuch der Physiologie erst in Freiburg seinen 
Abschluß fand, soll es dort besprochen werden. Hier sei nur auf 
die beiden anderen Veröffentlichungen und die beiden Hefte der 
Tabulae anatomicae eingegangen. 

Die Annotationes anatomicae de velamentis etc. (1838) 
enthalten eine genaue, die Literatur ausführlich berücksichtigende 
Beschreibung der drei Hüllen des Gehirns und Rückenmarks und 
haben zur Lösung der mannigfachen bisher über diese Gebilde 
bestehenden Kontroversen viel beigetragen. Manches, so die Auf- 




32 Max Fürbringer [32 



"S.y'V- 



fassung des Lig. denticulatum, der beiden Blätter der Arachnoidea, 
des Filum terminale, hat die spätere Zeit verbessert. Im großen 
und ganzen aber beicundet die Schrift einen erheblichen Fortschritt 
gegen früher und eine wesentliche Vermehrung unserer diesen 
Teil der Anatomie betreffenden Kenntnisse. 

Viel umfassender sind die Bemerkungen über den Bau 
des Hirns und Rückenmarks etc. (1838), welche zugleich das 
erste (ohne Nachfolge gebliebene) Bändchen der „Untersuchungen 
im Gebiete der Anatomie und Physiologie mit besonderer Rück- 
sicht auf die anatomischen Tafeln" bilden. Sie bestehen aus vier 
Abschnitten, von denen der 1 . und größte über den Bau des Hirns 
und Rückenmarks, der 2. über die Physiologie des Lungenmagen- 
nerven und des inneren Astes der Willisschen Beinerven handelt, 
der 3. eine Erwiderung auf die historisch-anatomischen Bemer- 
kungen von Johannes Müller gibt, der 4. verschiedene pathologische 
und anatomische Beobachtungen mitteilt. — In der Ein- 
leitung richtet Arnold an seine Fachgenossen die Bitte, die von 
ihm gemachten Angaben einer gründlichen und unparteiischen 
Prüfung zu unterwerfen und ihre etwaigen Entgegnungen oder 
Berichtigungen in reinem oder wahrem Interesse der Wissenschaft 
zu machen. Mit Dank werde er alle Bemerkungen über seine 
Arbeiten annehmen, die zum Besten und Frommen dieser, ohne 
böswillige Tendenz und absichtliche Entstellung des Wahren, frei 
von Leidenschaftlichkeit und Persönlichkeit gegeben sind. „Nur 
freie, unbefangene Prüfungen in dieser" (der Natur), schließt das 
Vorwort (p IV.), „nicht aber unbedingtes Vertrauen auf die Aus- 
sagen jener, welche sie auslegen, fordert unsere Wissenschaft. Ein 
jeder wahrer Forscher muß sich nach meiner Überzeugung von 
dem Grundsatze: „Ommissis auctoritatibus ipsa re et ratione ex- 
quirere debemus veritatem" leiten lassen; und so muß er auch ge- 
statten, daß andere nicht unbedingt und ohne hinreichende Gründe 
seine Erfahrungen annehmen, kann dagegen aber auch mit Recht 



ä 



33] Friedrich Arnold. 33 



verlangen, daß man seine Beobachtungen nicht obenhin und leicht- 
fertig verwerfe." — Der 1. Abschnitt, die anatomischen Be- 
merkungen über den Bau des Hirns und Rückenmarks 
(p. 1 — 105), schließen inhaltlich eng an die Icones cerebri et medullae 
spinalis an und enthalten in fünf Kapiteln eine eingehende, mit aus- 
führlichen Literaturstudien versehene Darstellung des Baues des 
Zentralnervensystems und seiner Lymphgefäße. Arnold ist auch 
damit erheblich über seine Vorgänger hinausgegangen, hat mit 
scharfem Auge zahlreiche neue oder bisher nur ungenügend be- 
obachtete Strukturen uns erschlossen und durch konsequente An- 
fertigung von Schnitt- und Zerfaserungspräparaten den verwickelten 
Bau der hauptsächlichsten Kerne und Nervenbahnen aufgehellt. 
Auch als Reformator in der Nomenklatur des Gehirns zeigt er sich ; 
eine nicht geringe Anzahl noch jetzt gebräuchlicher Benennungen 
rührt von ihm her. Seine Injektionen und Untersuchungen über 
die Saugadern des Gehirns haben ein bisher fast ganz brach 
liegendes Gebiet unserer Kenntnis eröffnet. — 2. Die Beiträge 
zur Physiologie des Lungenmagennerven und des inneren 
Astes des Willisschen Beinerven (p. 106 — 169) geben auf 
Grund anatomischer Beobachtungen, physiologischer Experimente 
(Durchschneidungsversuche bei Vögeln) und pathologisch-anato- 
mischer Erfahrungen eine eingehende Untersuchung über die 
Funktionen dieser Nerven. Wenn die schwierige Materie durch 
diese Arbeit auch nicht endgültig und in jeder Hinsicht richtig und 
sichergestellt entschieden werden konnte, so bilden sie doch 
eine wichtige Entwicklungsstufe in der Geschichte der Kenntnis 
jener Nerven. Am Schluß wird auf Grund von verschiedenen 
Beobachtungen über die Sympathie der Lungen- und Magenzweige 
des Vagus bei Reizung von dessen Ramus auricularis berichtet. 
— 3. Die Erwiderung auf die historisch-anatomischen 
Bemerkungen von Johannes Müller in dessen Archiv 1837 
(p. 170 — 202) bezieht sich vorwiegend auf Arnolds von Joh. Müller 

Festschrift der Universität Heidelberg. 11. 3 




34 Max Fürbrin^er [54 



z. T. beanstandete Entdeckungen im Gebiete des peripheren Nerven- 
systems, sowie einige andere anatomische Fragen, und enthält 
eine scharfe Antwort auf dessen Bemerkungen. Gel^entliche 
Differenzen zwischen den beiden hervorragenden Anatomen und 
Physiologen fanden sich schon seit 1832 in ihren beiderseitigen 
Veröffenth'chungen; durch die Polemik von 1837 und 1838 wurden 
dieselben erheblich gesteigert Der unbefangene Leser wird nicht 
verkennen, daß Arnold in mancherlei Einzelheiten durch Joh. Möller 
unrecht getan wurde und daß der große Beriiner Anatom und 
Physiolog, von allgemeinen und schwerwiegenden Fragen und 
Untersuchungen fast ganz in Anspruch genommen, in dem histo- 
rischen Detail der Nervenentdeckungen nicht so genau Bescheid 
wußte wie Arnold; er wird sonach die in Arnolds Antwort zu 
Tage tretende Gereiztheit menschlich begreiflich und in dessen 
feinem und lebhaftem Gerechtigkeitsgefühl begründet finden. Gleich- 
wohl bleibt sehr zu bedauern, daß zwei solche Männer, geschaffen, 
um viribus unitis der Wissenschaft zu nützen, in eine so gegen- 
sätzliche Stellung gerieten und sich auch im späteren Leben nicht 
wieder fanden. — 4. Verschiedene pathologische und ana- 
tomische Beobachtungen (p. 203 — 218 und 3 Tafeln). Die 
hier mitgeteilten und gewürdigten Beobachtungen betreffen zwei 
pathologische Gehirne und eine abnorme Bildung des Hirns und 
der Augen, zwei Fälle von Lähmung des Antlitznerven, das Antrum 
cardiacum an dem Magen wiederkäuender Menschen und den ab- 
normen Verlauf der Arteria laryngea superior. 

Der Fasciculus I. der Tabulae anatomicae, die Icones 
cerebri et medullae spinalis enthaltend und dem Andenken 
von Th. Willis, T. Vicq d'Azyr und Chr. Reil gewidmet (1838). 
gibt auf 10 nach Arnolds Präparaten urid unter seiner Leitung von 
Franz Wagners Künstlerhand gezeichneten und mit ausführiichen 
Erklärungen versehenen lithographischen Doppeltafeln in Großfolio 
(mit 77 Figuren) die Darstellung des Gehirns und Rückenmarks 




35J Friedrich Arnold. 35 



mit ihren Hüllen und Gefäßen, in topographischer Lage zum 
Schädel, mit zahlreichen Ansichten von außen, Abbildungen von 
Durchschnitten und Faserungspräparaten. - Dieses hervorragende 
Werk wurde bei seinem Erscheinen mit Bewunderung und lebhafter 
Freude begrüßt und hat wie wenige zur genaueren und ausge- 
gebreiteteren Kenntnis des Gehirns und Rückenmarks beigetragen. 
Mit Recht wird es von Knauff mit den anderen Heften der Tabulae 
anatomicae als eine Zierde der deutschen Literatur bezeichnet; selbst 
jetzt nach 65 Jahren, wo in der Zwischenzeit Hunderte von Unter- 
suchern mit ungemessen vermehrten Hülfsmitteln der anatomischen 
Forschung und Darstellung die Kenntnis des zentralen Nerven- 
systems gefördert haben, bildet es ein noch gern benutztes Nach- 
schlagewerk in den anatomischen Bibliotheken. 

Der Fasciculus II. der Tabulae anatomicae, dem Andenken 
S. T. Soemmerrings gewidmet, die Icones organorum sensuum 
(1839), gibt auf 11 entsprechend und von dem gleichen Künstler 
ausgeführten Doppeltafeln (mit 217 Figuren) nebst Erklärungen 
eine Reihe von Abbildungen der Sinnesorgane, denen Hunderte 
von eigens gefertigten Präparaten zu Grunde liegen und die an 
künstlerischer Schönheit die Figuren des ersten Faszikels noch 
übertreffen. 4 Tafeln behandeln das Auge, 3 das Ohr, 2 das Riech- 
Organ, je 1 die Zunge und die Haut mit ihren Gebilden. — Soweit 
hierbei die topographischen Verhältnisse, sowie die mit geringeren 
Vergrößerungen durch manuelle Präparation und Injektion ^^ zu 
erschließenden Strukturen in Frage kommen, sind auch diese 
Tafeln noch heutzutage sehr brauchbar. — 

Im Februar des Jahres 1840 erhielt Friedrich Arnold die Be- 
rufung als Professor und Direktor des anatomischen Instituts nach 
Freiburg i. B.^^ Wie schwer es ihm auch wurde, aus den ihm lieb 
gewordenen Verhältnissen zu scheiden, so waren doch diese trotz 
der Vertrauensbeweise des Erziehungsrates so unsicher geworden, 
daß die Rücksicht auf seine fernere Arbeitstätigkeit und seine Familie 



hl. 



36 Max Fürbringer [36 



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ihn nötigte, diesen Ruf anzunehmen. Er erbat und erhielt die 
Entlassung aus dem Züricher Staatsdienste und empfing die vom 
Großherzog von Baden vom 3. März 1840 unterzeichnete An- 
stellungsurkunde.^^ Wie bekannt, wurde Jakob Henle sein Nach- 
folger in Zürich; Friedrich Arnold siedelte im Frühling 1840 nach 
Freiburg über. 



V. Freiburger Professorat und Direktorat. 

(1840-1845.) 

Die Übernahme der Freiburger Professur bedeutete für Fried- 
rich Arnold die Rückkehr ins Vaterland und zugleich die Siche- 
rung für seine und seiner Familie Existenz. 

Im übrigen ließen im Anfange die Verhältnisse manches zu 
wünschen übrig. Die nach Bucheggers Tode 1839 verwaiste Stelle 
hatte F. S. Leuckart, Arnolds früherer Heidelberger Kollege, der 
1832 als Professor für die Zoologie, vergleichende Anatomie, Phy- 
siologie und Veterinärkunde nach Freiburg berufen worden war, 
im Wintersemester 1839/40 interimistisch verwaltet. Von ihm über- 
nahm Arnold mit dem Sommersemester 1840 die Direktion des 
anatomischen Instituts. Die Sammlungen erwiesen sich als 
klein und unzureichend. Ein Prosektor war zunächst nicht vor- 
handen; doch schloß sich der seit 1839 für das Fach der Anatomie 
habilitierte jugendliche und strebsame Alexander Ecker näher 
an Arnold an und wurde für das Wintersemester 1840/41 sein 
Prosektor. Seine Stellung übernahm mit dem Beginn des Sommer- 
semesters 1841 der bereits in Heidelberg als Prosektor erprobte 
und Arnold auch von dorther bekannte Georg Ludwig Kobelt 
und blieb, während Ecker nach Heidelberg übersiedelte, Arnold 
während der ganzen Zeit seines Freiburger Aufenthaltes getreu. So 
gestalteten sich die Verhältnisse bald günstiger, als im Anfang er- 
wartet werden konnte. 



37] Friedrich Arnold. 37 

Auch der Verkehr mit den Kollegen war ein angenehmer 
und erfreulicher und beschränkte sich nicht auf die engere Fakul- 
tät. In der damaligen katholisch-theologischen Fakultät herrschte 
noch der freisinnige und vornehme Geist von Wessenbergs und 
gestattete einen befruchtenden Qedankentausch zwischen Vertretern 
des protestantischen und katholischen Bekenntnisses. Von den 
Professoren der medizinischen Fakultät war der Zoolog und Phy- 
siolog F. S. Leuckart ein fruchtbarer Arbeiter, der innere Kliniker 
Baumgärtner zugleich ein tüchtiger Physiolog; der Chirurg und 
Geburtshelfer Schwörer und der Professor der allgemeinen 
Pathologie Werber taten sich durch reiches Wissen hervor. Im 
Jahre 1842 übernahm der hervorragende und allgemein gebildete 
Stromeyer die chirurgische Klinik; zwischen ihm und Arnold 
entwickelte sich bald ein engerer Verkehr und gegenseitiges Ver- 
ständnis. Auch die Vertreter der naturwissenschaftlichen Fächer 
Fromberg, Perleb und Spenner, sowie der Chirurg Hecker 
kamen zu Arnold in mannigfache Berührung. 

Nicht minder glücklich waren das Familienleben und die 
sonstigen Verhältnisse. Zwar hatte er 1840, gleich im ersten 
Freiburger Jahre, den Schmerz, seinen hochbetagten Vater, der 
die an Erfolgen reiche Laufbahn seines Sohnes immer mit leb- 
haftester Teilnahme begleitet hatte, zu verlieren. Desto mehr Freude 
gewährte ihm die eigene Häuslichkeit. Die gesunde und behagliche, 
von einer wundervollen Natur umgebene Stadt war geschaffen für 
das Gedeihen der Familie. Die beiden älteren Kinder entwickelten 
sich in erfreulichster Weise, ein drittes, die Tochter Erminia, ward 
1841 geboren. Die Freiburger Berge und Wälder gaben Gelegenheit 
für erfrischende Spaziergänge; sie tragen wohl manchen Anteil an 
dem Keimen und Reifen der gerade in dieser Zeit besonders frucht- 
baren und gedankenreichen Produktionen Arnolds. 

Die von Friedrich Arnold abgehaltenen Vorlesungen um- 
faßten die Anatomie des Menschen, welche er in zwei Teilen im 



k^ 



38 Max Fürbringer [38 

Winter und Sommer östündig las. die Physiologie des Menschen, 
die z. T. mit mikroskopischen Demonstrationen im Sommersemester 
vorgetragen wurde, die Entwicklungs- und Bildungsgeschichte des 
Menschen mit Inbegriff der Bildungsfehler, welche er als 4 stündiges 
Winterkolleg abhielt. Die Präparierübungen im Wintersemester 
leitete er gemeinsam mit dem Prosektor. Letzterem waren die 
Vorlesungen über Osteologie und Syndesmologie, allgemeine Ana- 
tomie (mit mikroskopischen Demonstrationen) und pathologische 
Anatomie übertragen. 

Die Frequenz Freiburgs erreichte nicht diejenige von Zürich", 
aber der Unterricht gestaltete sich in erwünschter Weise und 
die Lehrerfolge blieben nicht aus. Hierbei erwies sich das Zu- 
sammenarbeiten mit Kobelt, der sich in seinen damaligen Publi- 
kationen als ein vortrefflicher Anatom erwies, als ein glückliches.^-^ 

Unter seinen damaligen Schülern heben sich namentlich 
Theodor Bilharz, der ihm später auch nach Tübingen folgte, 
sowie Bernhard Beck und Hubert Luschka, die damals zu 
Stromeyer in den nächsten Beziehungen standen, sich aber in der 
Folge auch als tüchtige Anatomen erwiesen, besonders hervor.^* 

Der Verein Qroßherz. badischer medizinischer Beamter zur 
Förderung der Staatsarzneikunde ernennt ihn 1842, die Königl. 
medizinische Akademie in Brüssel 1843 zum Mitgliede. 

Im Januar 1843 wird ihm von dem Kanzler der Universität 
Tübingen Dr. Waechter die Professur der Anatomie und Phy- 
siologie in besonders ehrender Weise angetragen. ^^ Obwohl die 
dortigen Verhältnisse größere waren als die Freiburger, zog 
Arnold doch vor, in seinem bisherigen Wirkungskreise, wo er sich 
wohl fühlte und ein arbeitsfreudiges Dasein führte, zu bleiben. Seine 
Entscheidung wurde daselbst auf das freudigste und dankbarste be- 
grüßt.**** Nach Leuckarts Tode 1843 wurde ihm auch, zuerst interimi- 
stisch, dann definitiv (1844), das Ordinariat der Physiologie sowie die 
Direktion über das vergleichend-anatomische Kabinett überwiesen.** 



J 



39] Friedrich Arnold. 39 

^ • 



"V-/**" 



Die Veröffentlichungen Arnolds In der Frelburger Zeit zeigen 
aufs neue seine bewunderungswürdige Arbeitskraft. Sie umfassen 
die beiden Abteilungen des 4. Heftes^® der „Tabulae anatomicae" 
mit den „Icones ossium" (32 pp. und 13 Doppeltafeln in Qroß- 
Folio, 1840) und den „icones articulorum et ligamentorum" (24 pp. 
und 7 Doppeltafeln in Groß-Folio, 1842), sowie die 2. und 3. Ab- 
teilung des 2. Teiles des „Lehrbuchs der Physiologie des Menschen" 
(2. Abt. X., 586 pp.. 1841; 3. Abt. VIIL, 405 pp. mit 12 Taf . 1842). 
womit dieses vierbändige Werk seinen Abschluß erreichte. Außer- 
dem wird das „Handbuch der Anatomie des Menschen" begonnen, 
dessen 1. Band (Vi., 732 pp. mit 8 Tafeln) mit der Vorrede vom 
August 1844 im Jahre 1845 in Freiburg erscheint; die ersten, die 
allgemeine Anatomie enthaltenden Lieferungen wurden bereits 
1843 veröffentlicht. 

Das letzterwähnte Werk, das seinem Hauptumfange nach erst 
in Tübingen zur Ausarbeitung und zum Abschlüsse gelangte, ist 
erst in dem der Tübinger Zeit geltenden Abschnitte zu besprechen. 
Hier handelt es sich um die beiden Teile des letzten Faszikels 
der Tabulae anatomicae und um das Lehrbuch der Physiologie 
des Menschen. 

Der Fasciculus IV. der Tabulae anatomicae enthäh in 
seinem ersten Teile die dem Andenken von B. Albinus ge- 
widmeten Icones ossium (1840) auf 13 von Fr. Wagner nach 
Arnolds Präparaten gezeichneten Doppeltafeln in Groß-Folio (mit 
101 Figuren) nebst Erklärungen. Von ihm gilt das gleiche wie 
von den beiden ersten Faszikeln (s. p. 35). Die Abbildungen 
sind von großer Schönheit und Plastizität, die Beschreibungen 
und Erklärungen übertreffen an Genauigkeit und Verständlichkeit 
die früheren diesem Gegenstande dienenden Bilderwerke. Auf 
den beiden ersten Tafeln wird in VU-Größe das männliche und 
weibliche Skelett in der Ansicht von vorn, von hinten und von 
der Seite dargestellt. Die übrigen Tafeln geben die Knochen mit 



40 Max Fürbringer [40 

^ - . - "yC t ■ ■■ - II. ^^ 

ihren Knorpelteilen, beide durch entsprechenden Buntdruck gut 
unterschieden, wieder; Taf. 3 und 4 enthalten die Rumpfknochen, 
Taf. 5 und 6 das Detail der Schädelknochen, Taf. 7 und 8 den 
zusammenhängenden Schädel des Erwachsenen und Neugeborenen, 
durch entsprechende Durchschnitte besonders erläutert, Taf. 9—13 
die Qliedmaßenknochen, wovon auf Taf. 12 das weibliche Becken 
dargestellt ist. Die Hand und Fuß behandelnde Tafel 10 hebt sich 
durch eine Schönheit und Anschaulichkeit hervor, die von keinen 
späteren Abbildungen übertroffen wurde. 

Der zweite Teil des Fasciculus IV enthält, dem Andenken 
J. Weitbrechts gewidmet, die Icones articulorum etligamen- 
torum (1842) auf 7 durchgehends nach Präparaten Arnolds aus- 
geführten Doppeltafeln (mit 62 Figuren) des gleichen Künstlers 
(Fr. Wagner). Auch hier bekundet die rationell durchgeführte 
Kombination äußerer Ansichten mit Durchschnittsbildern einen 
wesentlichen Fortschritt und erweist sich, durch die ästhetische 
Wirkung und Kraft der Zeichnungen gehoben, als ein ausgezeich- 
netes Darstellungsmittel. Die beiden ersten Tafeln illustrieren die 
Verbindungen der Rumpfknochen untereinander mit dem Schlüssel- 
bein und Hüftbein, Taf. 3 die Verbände des Schädels mit der 
Wirbelsäule und mit dem Unterkiefer, sowie die Verbindungen der 
Schulterknochen und das Schultergelenk, Taf. 4 die übrigen Bänder 
und Gelenke der oberen Extremität, Taf. 5 — 7 die Bänder und 
Gelenke des Beckens und der unteren Gliedmaßen. Diese Ab- 
bildungen stehen gleichfalls hinter später erschienenen nicht zurück. 

Das Lehrbuch der Physiologie des Menschen ist in 
den Jahren 1836—1842 in vier Bänden erschienen, von denen 
der erste den ersten Teil, die drei letzten die erste bis dritte Ab- 
teilung des zweiten Teiles repräsentieren. 

Der erste Teil (1836, XVI, 390 pp., 10 Tafeln) ist bereits 
November 1835 abgeschlossen und stammt in seinen Vorarbeiten 
zum Teil noch aus der Heidelberger Zeit. Er behandelt die all- 






41] Friedrich Arnold. 41 



N»/V- 



gemeine Physiologie. Die ausführliche Vorrede entwickelt 
des genaueren und im Anschlüsse an die „Untersuchungen über 
das Auge des Menschen" (1832) die von Arnold angewendete Art 
der mikroskopischen Beobachtung und Untersuchung und re- 
produziert auch den bereits in dem genannten Werke aus- 
gesprochenen und von mir oben (p. 22 f.) wiedergegebenen Passus 
über die bezüglichen Aufgaben des Forschers. Der eigentliche 
Inhalt betrifft 1. die Organisation des Menschen (p. 17 — 227) mit 
Rücksicht auf die geistigen und körperlichen Eigenschaften des 
Menschen im allgemeinen und die Gestaltung und Zusammen- 
setzung des Menschen und dessen Teile im allgemeinen, 2. die 
Beziehungen des Menschen zur Außenwelt (p. 228 — 295) unter 
Berücksichtigung der Beschaffenheit der Erde und der allgemeinen 
Kräfte der Natur, sowie der Organisation der Erde in Bezug auf 
den Menschen und 3. die allgemeinen Erscheinungen und Gesetze 
des lebenden menschlichen Körpers (p. 296 — 388). In dem 
ersten, die Organisation des Menschen betreffenden Ab- 
schnitte wird u. a. auch die Stellung des Menschen zur Tierwelt 
behandelt und eine ziemlich eingehende Darstellung der Anthro- 
pologie und Ethnographie auf Grund der damaligen Kenntnisse 
gegeben. Den Hauptumfang dieses Abschnittes bildet die genauere 
Darstellung der feineren mikroskopischen Zusammensetzung, wo- 
bei morphologisches, physikalisches und chemisches Verhalten 
berücksichtigt werden. Arnold unterscheidet acht einfache und 
sechs zusammengesetzte Gewebe und gibt unter stetem kritischen 
Eingehen auf die Literatur eine ausführliche Darstellung derselben. 
Nicht weniges darin entspricht den noch jetzt geltenden Anschau- 
ungen, anderes ist überholt. Fast allenthalben wird auf die Entwick- 
lung der Gewebe eingegangen und damit das richtige Verständnis der 
Gebilde zu gewinnen gesucht. Mit gutem Rechte vermeidet Arnold 
den Namen Zelle, da dieser in der einseitigen Vorkehrung der 
sekundär gebildeten festeren Zellhaut nur irrtümliche Vorstellungen 




42 Max Fürbringer [42 



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erweckt, und setzt dafür die Bezeichnung „Körperchen**, welche 
mehr oder weniger vollkommen rund sind und in allen festen 
Gebilden größtenteils als Kügelchen, mitunter wohl auch als 
Bläschen erscheinen. Zwischen ihnen findet sich eine flüssige 
oder halbflüssige Materie, welche keine bestimmte Form zeigt. 
Die „Körperchen** werden auch als die ursprünglichen und wesent- 
lichen Bestandteile des Keims vom Menschen erkannt. Indem 
Arnold hier die Elementarbestandteile in ihren wesentlichen Zügen 
ganz richtig erkennt, macht er gegenüber den älteren Histologen einen 
wichtigen Fortschritt und erweist sich als Vorläufer der eigentlichen 
tierischen Zelltheorie, die geraume Zeit später des genaueren aus- 
gebaut wurde. Durch die verschiedene Anordnung, Gruppierung 
und Verbindung dieser Körperchen werden die einzelnen Gewebe 
bestimmt, und Arnold unterscheidet und bildet hierfür sechs Haupt- 
formen ab. Richtige und unrichtige Beobachtungen verbinden sich 
hier; viele von den angegebenen und abgebildeten Körperchen sind 
reelle Gebilde, viele andere, namentlich im Bereiche der Zwischen- 
substanz, in welcher auch die Faserungen in Reihen von Körperchen 
aufgelöst werden, haben sich später, bei Anwendung besserer 
optischer Instrumente, als sie Arnold damals zu Gebote standen, 
als imaginäre Gebilde erwiesen. — Der zweite, die Beziehungen 
des Menschen zur Außenwelt umfassende Abschnitt gibt eine 
weitgreifende Darstellung der Kosmographie und physikalischen 
Geographie und behandelt die Organisation der Erde und ihrer 
Produkte in ihrer Einwirkung auf den Menschen, wobei die 
Nährmittel-Physiologie und die physiologische Chemie eine den 
damaligen Kenntnissen entsprechende Durcharbeitung finden. — 
Dieselbe geistige Durchdringung zeichnet den dritten Abschnitt 
aus, der über die Erscheinungen und Gesetze des Lebens 
und des lebenden menschlichen Körpers handelt, eine Fülle feinster 
Beobachtungen und tiefstgehender Reflexionen enthält und allent- 
halben das Streben enthüllt, in dem Wechsel und dem Reichtum der 



43] Friedrich Arnold. 43 

Erscheinungen die festen und typischen Grundzüge festzuhalten. 
— Die beigegebenen Tafeln enthalten teils Schädelabbildungen 
(Mensch und Anthropomorphen, Taf. 1 und 2), teils histologische 
Darstellungen (Taf. 3 — 10); hinsichtlich letzterer bemerkt Arnold 
selbst, daß ihre Ausführung den Originalzeichnungen sehr nach- 
stehe und dieselben zum Teil nicht richtig wiedergebe. 

Der zweite Teil gibt die besondere Physiologie in drei 
Abteilungen (Bänden), von denen die erste über die somatischen 
Tätigkeiten, die zweite über die psychischen Tätigkeiten und die 
dritte und letzte über die Geschichte des Lebens handelt. 

Der Inhalt der ersten Abteilung des zweiten Teiles, „Leben 
des Körpers oder somatische Tätigkeit" (1837, X, 460 pp.), 
wird nach einer kurzen, vorwiegend polemischen Vorrede in drei 
umfangreiche Kapitel verteilt, von denen das erste (p. 5 — 198) 
die „Bildung und Bewegung des Milchsafts oder Verdauung und 
Einsaugung", das zweite (p. 199 — 365) die „Bildung und Bewegung 
des Bluts oder Atmung und Kreislauf", das dritte (p. 365—460) 
die „Wechselwirkung des Bluts und der Gebilde des Körpers 
oder Ernährung und Absonderung" zur Darstellung bringt. Alle 
drei Kapitel lassen die gründlichste und gewissenhafteste Behand- 
lung des Stoffes unter eingehender Berücksichtigung der Literatur 
erkennen. Die Verdauung und Einsaugung bespricht den 
Nahrungstrieb (Hunger und Durst), die Aufnahme der Nahrungs- 
mittel (Eingießen, Kauen), den Speichel, das Schlingen (Schlund- 
kopf und Speiseröhre), den Magen, Magensaft und seine verdauende 
Fähigkeit, wobei namentlich auch der Vaguswirkung auf Grund 
eigener Versuche eine genaue Darstellung zu teil wird, den Darm 
mit seinem Inhalt und seinen Sekreten, insbesondere auch den 
Pankreassaft und die Galle, die Chylusbildung und Resorption, die 
lymphatischen Drüsen und die Milz, welche beide hier mehr, als 
das bei den Vorgängern geschah, in näheren Verband gebracht 
werden, die Zusammensetzung des Chylus und der Lymphe, die 



44 Max Färbringer [44 




Thymus, Schilddrüse und die Nebennieren. — Das Kapitel von 
der Atmung und dem Kreisverlauf behandelt das Atmungs- 
bedurfnrs, die Atmung (Kehlkopf, Luftröhre, Lungen), respira- 
torische Bewegungen mit ihren besonderen Formen, Chemismus 
der Atmung, Abhängigkeit vom Nenensx'Stem, die Blutbildung» auf 
dem Wege der Atmung, den Anteil der Leber, der Nieren, der 
Haut und der ,, Blutdrüsen " (Th\7nus, Schilddrüse, Milz und Neben- 
nieren;, das Blut und sein morphologisches, physikalisches und 
chemisches Verhalten, den Kreislauf des Blutes, wobei insbesondere 
die Herzbewegung, die Herzgeräusche auf Grund genauer Be- 
obachtungen und Untersuchungen sehr eingehend besprochen 
werden und Arnolds grundlegende Theorie des Herzschlags 
(Spitzenstoßes) entwickelt wird, aber auch das Verhalten der Ar- 
terien, Kapillaren und V^enen eine nicht minder genaue Dar- 
stellung findet. — Das Schlußkapitel von der Ernährung und 
Absonderung bespricht die Wechselwirkung des Blutes in den 
Haargefäßen zum Zwecke der Ernährung (nebst Regeneratio und 
Heilung), das Verhalten des Stoffwechsels in den verschiedenen 
(jeweben und Gebilden des Körpers, die Absonderung der Haut 
und die Schweißbildung, die Drüsen und ihre Sekrete, die Nieren 
und die Bereitung des Harns, dessen quantitativem und qualitativem 
Verhaken eine entsprechende Darstellung zu teil wird. 

Die zweite Abteilung des zweiten Teiles, „Leben der Seele 
oder psychische Tätigkeiten" (1841, X, 586 pp.), wird durch 
eine historisch-polemische Vorrede eingeleitet, welche in ihren 
Hinweisen auf die verschiedenen Grade von Selbständigkeit, mit 
der geforscht wird, noch jetzt von besonderem Interesse ist. Der 
Inhalt zerfällt in drei Kapitel, deren erstes (p. 464—717) die „Auf- 
nahme und Verabschiedung äußerer Potenzen durch die Sinne 
oder Sinnenleben", das zweite (p. 718—924) das „innere Seelen- 
leben", und deren drittes (p. 925—1046) die „Äußerungen der 
Seele" behandelt. Die Darstellung des „Sinnenlebens** bespricht 




45] Friedrich Arnold. 45 



den Gefühlssinn, Geschmackssinn, Geruchssinn, Gehörssinn und 
Gesichtssinn. Namentlich die Abschnitte über den Geschmacks-, 
Geruchs- und Gehörssinn sind durch gründliche Behandlung und 
eine Fülle feiner und richtiger Beobachtungen und Bemerkungen 
ausgezeichnet; überall merkt man, daß sich mit dem Physiologen 
ein hervorragender Anatom verbindet. — Das Kapitel über 
„Inneres Seelenleben" gibt auf breitester anatomischer Basis 
eine Darstellung 1 . der Beziehungen der Seele zu den Sinnen und 
Bewegungen, vermittelt durch die Tätigkeiten der animalen Nerven, 
2. der inneren Vorgänge des Seelenlebens, bedingt durch die 
Tätigkeiten des Rückenmarkes und Gehirns, 3. der Beziehungen 
der Seele zu den somatischen Tätigkeiten, vermittelt durch das 
vegetative Nervensystem, 4. der Wechselbeziehungen der Empfin- 
dungen, Bewegungen und plastischen Wirkungen der Seele, Kon- 
sense und Sympathien, und 5. der Zustände der Seele während 
des Schlafs. Ein großer Teil dieser Ausführungen fußt auf Arnolds 
speziellstem Arbeitsgebiete; dem entspricht die in jeder Hinsicht 
genau durchgeführte und überwiegend originelle Bearbeitung. 
Allenthalben werden wichtige Gesetze aufgestellt, von denen der 
größere Teil noch heutzutage Gültigkeit besitzt. Verschiedene 
Angaben, namentlich sub 2. und 4. haben, wie natüriich, durch 
die weiter vorgeschrittenen hirn-physiologischen Forschungen man- 
cherlei Korrekturen erfahren. Dem Sympathicus wird noch eine 
zu große Selbständigkeit vindiziert, doch weist Arnold dabei aus- 
drücklich und sehr richtig auf die gegenseitige Abhängigkeit des 
animalen und vegetativen Nervensystems hin. — Das die „Äuße- 
rungen der Seele" betreffende letzte Kapitel bespricht in der 
Einleitung die freiwilligen und unfreiwilligen Bewegungen und stellt 
eine Anzahl Gesetze über die Muskeltätigkeit auf, dann behandelt 
es 1. die mimischen und physiognomischen Bewegungen, 2. die 
Stellungen und Lageveränderungen des Körpers und seiner Teile 
und 3. die Stimme und Sprache. Namentlich die beiden letzten 



IK 



46 Max Fürbringer [46 



-«^yv- 



Abschnitte geben eine genaue Analyse der bezüglichen Tätigkeiten, 
die in ihren wesenthchen Teilen noch jetzt Gültigkeit besitzt. 

Die dritte und letzte Abteilung des 2. Teiles, „Leben der 
menschlichen Gattung oder Geschichte des Lebens** 
(1842, VIII., 408 pp., 12 Tafeln), bildet den Schluß des ganzen 
Werkes und enthält auf Grundlage eigener Beobachtungen und 
Untersuchungen die Entwicklungsgeschichte im weitesten Sinne 
des Wortes; dabei erfährt auch die im ersten Teile behandelte Ge- 
webelehre eine weitere Vervollständigung, Revision und Bespre- 
chung. Die Vorrede trägt einen ausgesprochen polemischen Cha- 
rakter und wendet sich namentlich gegen die Beobachtungen, An- 
gaben und Äußerungen von Schwann (dessen grundlegende „Mikro- 
skopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur 
und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen** 1839 erschienen 
waren), Valentin, Henle, R. Wagner, Th. Bischoff u. a. über die 
Zellenbildung (nach Schwann unter vorangehender Entstehung des 
Kerns), über die Entstehung der Elementarzellen, über die endogene 
Zeugung desselben, ihre weitere Umbildung, das Zusammenfließen 
der Zellenwände (Valentin), über die Metamorphose des Zellen- 
kerns in die sogenannten Kernfasern (Henle) und über die dem 
selbständigen individuellen Organismus ähnlichen Kräfte der Zellen. 
Arnold hebt scharf hervor, daß in diesen Angaben auch nicht eine 
Grundwahrheit enthalten sei, und wirft die Frage auf, ob die 
von ihm als Bildungskugeln bezeichneten Körper „Zellen** genannt 
werden können. Der Stoff wird wieder in drei Kapitel verteilt, 
das erste, Ursprung oder Erzeugung des Menschen (p. 1050 — 1148), 
das zweite, die Entwicklungs- und Bildungsgeschichte des Menschen 
(p. 1 148—1409), das dritte, den Untergang oder Tod des Menschen 
(p. 1409-1428). Daran schließen sich als Zusätze inzwischen 
angestellte Versuche über die Funktion der vorderen und hinteren 
Wurzeln der Rückenmarksnerven bei Fröschen und über die Herz- 
bewegungen und den Herzschlag, sowie endlich die Erklärung der 




47] Friedrich Arnold. 47 



•Jl/"^!^ 



Abbildungen an. Das Kapitel über den „Ursprung oder die Er- 
zeugung des Menschen" bespricht die Zeugungsarten organischer 
Wesen im allgemeinen, wobei eingehend über die ungleichartige 
und die gleichartige Zeugung oder Fortpflanzung (generatio aequi- 
voca und homogenea s. materna) gehandelt wird. Erstere müsse 
als möglich angenommen werden, geschehe aber nicht mit einem 
Schlage, sondern gestalte sich durch allmähliche Entwicklung, 
gleich allen Organismen. Von letzterer werden verschiedene Arten 
unterschieden: durch Teilung (wobei auf die Achsenrichtung Wert 
gelegt wird), durch Sprossenbildung, durch Keimkörner oder Keim- 
kugeln (Blastosphaerae), durch Eier (mit den Unterabteilungen der 
Generatio monogenea, digenea, androgynea und sexualis). Dann 
wendet sich Arnold zu den Bedingungen der Zeugung und macht 
eingehende Mitteilungen über Geschlechtsreife, Samen und seine 
Entwicklung, Eier und ihre Bildung. Dieser Abschnitt weist 
manches Gute auf, während die Polemik gegen die von Schwann 
u. a. durchgeführte Vergleichung der Eier mit Zellen, die von Arnold 
gegebene spezielle Bildungsgeschichte der Eier und seine physio- 
logische Beurteilung der Eiweißhülle nicht als glücklich zu be- 
zeichnen ist. Vieles Vortreffliche enthalten die von guter Beobach- 
tung und feiner Überlegung zeugenden Ausführungen über die 
Triebfedern des Zeugens, den Hergang des Zeugens oder die Be- 
gattung, die Befruchtung und Empfängnis und das Wesen der Zeu- 
gung. — Das zweite Kapitel über die „Entwicklungs- oder Bil- 
dungsgeschichte des Menschen" bildet den umfangreichsten 
Teil des Bandes und gibt eine Darstellung der genannten Embryo- 
logie des Menschen in bewunderungswürdiger Ausführlichkeit. 
Die erste Periode umfaßt die Zeit von der Befruchtung bis zum Er- 
scheinen der Frucht, die zweite die Zeit von dem Erscheinen des 
Embryos bis zur Reife der Frucht, die dritte Periode die Zeit von 
der Geburt bis zum vollendeten Wachstum. In der ersten Periode 
macht Arnold auf Grund zahlreicher Untersuchungen an Am- 



48 Max Förforinger [48 



phibieneiem auch ausfuhrlichere Mitteilungen über die von ihm 
beobachteten histologischen Vorgänge. In dem ursprünglichen 
indifferenten Keimstoffe (Protoplasma) entstehen die ursprünglichen 
Fruchtkömer (Protosphaerae), welche je nach der Keimanlage oder 
dem Nahrungsstoff (Dotter) des Eies verschiedenes Ansehen und 
verschiedene Natur darbieten. Infolge der Einwirkung des männ- 
lichen Samens kommt es durch eine Sonderung oder Klüftung 
des Eies zu einer Vielheit von Bildungskugeln (globuli formativi), 
welche nicht — wie bei den Pflanzen — Hohlkugeln (Zellen), 
sondern solide Kugein repräsentieren, den Kern wahrscheinlich 
erst sekundär in sich entstehen lassen und welche den Ausgang 
für die weiteren Entwicklungs- und Differenzierungsvorgänge der 
Frucht bilden. Diese Angaben Arnolds irren hinsichtlich der Schick- 
sale des Kernes, die erst nach vielen Jahren vollkommen klar gelegt 
wurden ; im übrigen zeugen sie von einer ebenso genauen Beobach- 
tungsgabe wie von einem richtigen Urteil und sind der Aufklärung 
dieser damals noch sehr dunkeln Vorgänge näher gekommen 
als manche andere in jener Zeit höher gehaltene Angabe. Die 
zweite Periode handelt von der Schwangerschaft, der Entwick- 
lung der Eihüllen und des Fötus im allgemeinen und gibt dann 
eine systematische Darstellung der Entwicklungsweise der einzelnen 
Systeme und Organe der Frucht. Hier wird 1. die animale Sphäre 
mit dem Nervensystem und den höheren Sinnesorganen, dem 
Knochensystem, dem Muskelsystem und dem äußeren Hautsystem, 
und 2. die vegetative Sphäre mit dem Nahrungsapparat (Verdauungs- 
und Atmungswerkzeuge), dem Blutgefäßsystem (mit den 3 Stadien 
der Dotter-, Plazental- und Lungenblutbahn) und dem Harn- und 
Geschlechtsapparat behandelt; bei den einzelnen Systemen werden 
primäre, sekundäre und tertiäre Formationen unterschieden. Selbst- 
verständlich ist diese Darstellung nicht in allen Teilen richtig; ihre 
großen Vorzüge werden aber bei der Vergleichung mit entsprechen- 
den Werken der damaligen Zeit erkannt. Eine zusammenfassende 




49] Friedrich Arnold. 49 






Darlegung der Bildung des Blutes und der Entwicklung der Ge- 
webe der Frucht beschließt diese Periode und gibt Arnold Gelegen- 
heit, sich noch einmal gegen die von Schwann u. a. vertretene 
„Zellentheorie** und für eine „Kugeltheorie** zu erklären. Mit wie 
großem Rechte er gegen den Begriff „Zelle** angekämpft hat, ist 
erst Dezennien später, namentlich durch die Arbeiten von Max 
Schultze erkannt worden. Die dritte Periode bespricht in aus- 
führlicher Darstellung die Geburt, das Verhalten von Mutter und 
Kind nach der Geburt, die Kindheit, die Jugend und das Mittel- 
alter. — Das dritte Kapitel handelt über den „Untergang oder 
Tod des Menschen**, insbesondere über das hohe Alter, Greisen- 
alter, den Tod, die Lebensdauer, den Leichnam und die Frage 
der Fortdauer der Seele. Die persönliche Fortdauer des geistigen 
Ichs hält er für höchst wahrscheinlich, seine Übertragung an andere 
Materien etwa wie die der Elektrizität an andere Körper für mög- 
lich; die Behandlung dieser Frage gehöre aber nicht in das Ge- 
biet der Physiologie, sondern in dasjenige der Metaphysik. — Zu- 
satz 1 berichtet über die Verrichtung der vorderen und hinteren 
Wurzeln der Rückenmarksnerven an Fröschen und kommt 
zu folgender freilich nicht glücklichen Modifikation des Bellschen 
Gesetzes: „Die vorderen Wurzeln sind Muskelnerven, die hinteren 
Hautnerven; jene vermitteln nicht bloß die Zusammenziehung, 
sondern auch das Gefühl der Muskeln; diese haben sowohl eine 
zentrifugale, als eine zentripetale Wirksamkeit**. — Die in Zusatz 2 
mitgeteilten Versuche über die Herzbewegungen und den 
Herzschlag liefern das Resultat, daß der Herzschlag weder während 
der völligen Diastole der Kammern, noch im Momente der voll- 
kommenen Systole derselben statthat, sondern daß er im Augen- 
blick der beginnenden Kontraktion des Herzens wahrgenommen 
wird, in dem Zeiträume, in dem die Kammern noch völlig mit 
Blut angefüllt sind, wo das volle Herz ganz prall und konvex wird 
und dadurch mit Kraft gegen die Brustwand sich erhebt und an 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 4 



K. 



50 Max Fürbringer [50 






diese anstößt. — Die genaue Erklärung der auf den 12 Tafeln 
gegebenen embryologischen und histologischen Abbildungen be- 
schließt diesen letzten Band des Lehrbuches der Physiologie des 
Menschen. 

Dies in den Umrissen das Wesentlichste des Inhaltes dieses 
in jeder Hinsicht groß und umfassend angelegten Werkes, das 
durch eine Fülle origineller Beobachtungen und Reflexionen sich 
auszeichnet und gewiß eine viel weitere Verbreitung gefunden hätte, 
wenn es nicht gegen die abweichenden Befunde anderer hervor- 
ragender Untersucher allzu kritisch und abweisend gewesen wäre. 
So hat es sich selbst isoliert und fand bei der Mehrzahl der Zeit- 
genossen eine Beurteilung, welche unbillig die Schwächen, die 
naturgemäß jedem eine ganze Wissenschaft behandelnden Buche bei 
seinem ersten Erscheinen anhaften, in den Vordergrund stellte und die 
großen Vorzüge nicht genugsam zur Geltung kommen ließ. Dazu 
hatte es die schwere Konkurrenz mit dem um die gleiche Zeit erschie- 
nenen Handbuche der Physiologie des großen Johannes Müller zu be- 
stehen. Beide Werke hätten sich glücklich ergänzen können. Eine 
gerechte, sine ira et studio gegenüber jener kampfreichen Zeit an- 
gestellte Beurteilung kann sich gegen die Bedeutung des Amold- 
schen Werkes nicht verschließen. — 

Im Oktober und November 1844 wurde Arnold abermals 
die Stelle als Professor Ordinarius für Anatomie des Men- 
schen und Physiologie und als Direktor der betreffen- 
den Kabinette in Tübingen und zwar unter noch günstigeren 
Bedingungen als zwei Jahre zuvor angeboten; auch solle außer 
der anatomischen Prosektur für einen tüchtigen Assistenten für 
die chemisch-physiologischen Arbeiten gesorgt werden.*^ 

Da die Übertragung der Direktion des physiologischen 
Institutes in Freiburg an Arnold ohne ausreichende Unterstützung 
erfolgt war und ihm eine seinen Arbeiten schädliche Überbelastung 
gebracht hatte, da ferner die Freiburger kollegialen Verhältnisse 




51] Friedrich Arnofd. 51 



infolge von Wegberufung befreundeter Kollegen, durch das Zu- 
sammenstoßen extrem-politischer Richtungen unter den Professoren 
und andere Vorkommnisse sich minder angenehm gestaltet hatten, 
so entschloß sich Arnold, dem Rufe Folge zu leisten, und schied, 
wenn auch sehr ungern, im März aus dem schönen Freiburg und 
von seinen Schülern, die ihm bei seinem Abgange begeisterte Huldi- 
gungen darbrachten.*^ Seine Stelle wurde, zunächst provisorisch 
und als Extraordinariat, seinem verdienten Prosektor Kobelt über- 
tragen, der im Herbst 1846 sein definitiver Nachfolger wurde. 



VI. Professor und Direktor in Tübingen. 

(1845-1852.) 

Am 10. April 1845 trat Arnold in die neue Stellung ein. 

Die Universität Tübingen verfügte als die einzige des König- 
reichs Württemberg über reichere Mittel als die Freiburger, 
auch war die Frequenz der medizinischen Fakultät eine größere 
als an der kleineren badischen Hochschule.^* Gleichwohl befand 
sich die anatomische Anstalt bei Arnolds Ankunft in einem 
wenig erfreulichen Zustande. 

Arnolds Vorgänger Wilhelm v. Rapp, ein tüchtiger Zoolog 
und Zootom, hatte in seiner Professur außer diesen Fächern auch 
die menschliche Anatomie und Physiologie, sowie die pathologische 
Anatomie in sich vereinigt — eine Anhäufung von Disziplinen, 
denen keine menschliche Kraft gewachsen ist. Seine Neigung zog 
ihn zur Zoologie und vergleichenden Anatomie; auf diesen Ge- 
bieten hatte er auch ein ganz ansehnliches Museum geschaffen. 
Um so dürftiger stand es um die anthropotomische Sammlung, 
als Arnold die Anatomie und Physiologie des Menschen übernahm, 
während v. Rapp die Zoologie, vergleichende Anatomie und patho- 
logische Anatomie behielt. Aber auch von einer freien und voll- 
ständigen Benutzung des anatomischen und physiologischen In- 



4* 



52 Max Fürbringer [52 



stitutes war im Anfange noch keine Rede, da v. Rapp als der 
ältere Professor mangels anderer Räumlichkeiten den einzigen Saal 
der Anstalt, sowie das Arbeitszimmer des Vorstandes noch einige 
Zeit in Besitz hielt. 

Dank dem Entgegenkommen der vorgesetzten Behörde, nament- 
lich des ausgezeichneten und Arnold wohlgesinnten Kanzlers der 
Universität, Dr. von Waechter, wurde diesen und anderen 
Mißständen nach Möglichkeit abgeholfen. 

Das Leichenmaterial war gleichfalls gering und reichte für 
den Unterricht und für die Schaffung und Vermehrung der Samm- 
lung durch brauchbare Präparate nicht aus. So war viel Geduld 
und Arbeit nötig, um die Anstalt auf einen erfreulichen Stand zu 
bringen. Dazu kam noch die Gründung eines den Ansprüchen 
der Neuzeit genügenden physiologischen Kabinettes. Die 
Prosektoren Baur, ein bereits bejahrter Mann, der 1848 infolge 
einer Fingerverletzung in Ruhestand trat, und Luschka, seit 1849, 
sowie die Assistenten Betz (von 1847 — 1849) und Schabel 
(1851 und 1852) halfen getreulich mit; aber die ganz überwiegende 
Arbeit fiel natüriich Arnold zu. In wenigen Jahren wurden, wie 
er in dem Vorwort zum Schlußband des Handbuches der Ana- 
tomie des Menschen angibt, von ihm selbst einige tausend Prä- 
parate hergestellt.^* 

Arnolds regelmäßige Vorlesungen behandelten im Sommer- 
semester den 2. Teil der Anatomie und die allgemeine und spezielle 
Physiologie mit Experimenten, im Wintersemester den 1. Teil der 
Anatomie, sowie abwechselnd die chirurgische Anatomie, die Ent- 
wicklungsgeschichte und die pathologische Anatomie. Außerdem 
hielt er im Sommersemester mikroskopische Demonstrationen oder 
praktische Übungen in der physiologischen und mikroskopischen 
Untersuchung ab und leitete im Wintersemester mit dem Prosek- 
tor in der üblichen Weise die anatomischen Präparierübungen, 
womit auch pathologisch-anatomische Demonstrationen verbunden 




53] Friedrich Arnold. 53 

wurden. Das war ein fast überreiches Lehrgebiet. Baur las 
Osteologie und Syndesmologie, sowie populäre Anatomie, Betz 
Osteologie und Syndesmologie, angewandte Anatomie, chirurgische 
Anatomie und allgemeine Gewebelehre, Luschka Osteologie und 
Syndesmologie, allgemeine und mikroskopische Anatomie, physio- 
logische Anthropologie und pathologische Anatomie. 

Wie in Freiburg hatte Arnold im Unterrichten große Erfolge 
und viele Freude. Die Dankbarkeit und der Eifer seiner Schüler 
brachten ihm die schönste Belohnung seiner opfervollen Bemühungen. 
Th. Bilharz, der ihm von Freiburg aus gefolgt war, gewann 1847 
die von der medizinischen Fakultät gestellte Preisaufgabe „Dar- 
stellung des gegenwärtigen Zustandes unserer Kenntnis von dem 
Blute der wirbellosen Tiere nebst einer mikroskopischen Unter- 
suchung über dieses Blut, namentlich von Limax, Lumbricus, San- 
guisuga, Astacus und einigen größeren Insekten". Auch später, 
nachdem er längst ein selbständiger Forscher auf zoologischem 
und vergleichend-histologischem Gebiete geworden war und im 
Auslande eine angesehene Stellung errungen hatte *^ blieb er seinem 
Lehrer in Anhänglichkeit und Treue ergeben. In der Dedika- 
tion seines bedeutendsten Werkes, des 1857 erschienenen elektrischen 
Organes des Zitterwelses, hat er ihm noch nach 10 Jahren seinen 
warmen Dank und seine hohe Verehrung bezeugt. ^^ 

Nicht minder lassen die um jene Zeit erschienenen Veröffent- 
lichungen seines Prosektors Luschka und seines Assistenten Betz, 
sowie die unter seinem Präsidium ausgearbeiteten Doktordisser- 
tationen von Krais und Leisinger den befruchtenden Einfluß ihres 
Lehrers erkennen.*^ 

Die kollegialen Beziehungen gestalteten sich bald als 
sehr anregende und förderten ein erfreuliches Zusammenwirken. 
Die Universität Tübingen stand damals unter ihrem einsichtsvollen 
Kanzler v. Wa echter in besonderer Blüte. Neben den älteren 
mehr konservativen Größen der medizinischen Fakultät, dem schon 




54 Max Fürbringer [54 



■N.>V- 



erwähnten Zoologen und Zootomen W. v. Rapp, den internen 
Klinikern Ferdinand V. Gmelin und Autenrieth, dem Chirurgen 
und Geburtshelfer Riecke, dem Chemiker und Pharmazeuten Chr. 
Gmelin lehrten hier, Arnold im Alter näherstehend, der hervor- 
ragende Botaniker Hugo v. Mohl und der Chirurg Bruns. Außer- 
dem aber erstand hier eine jüngere, reformatorisch wirkende Schule, 
deren Hauptvertreter Wunderlich und Griesinger nachmals als 
innere Kliniker und Psychiater zu großer Berühmtheit gelangten; 
ihnen gesellten sich der Chirurg Roser und der Physiolog 
Vierordt zu. Durch diese und andere fruchtbare Geister ent- 
stand ein reger Verkehr, an dem Arnold lebhaften Anteil nahm. 
Namentlich mit dem fruchtbaren und universell gebildeten Hugo 
V. Mohl, dem jüngsten von vier der Gelehrtenwelt angehörigen 
Brüdern, pflegte er einen nahen Verkehr. 

In den Semestern 1847 und 1847/48 war er Dekan der 
medizinischen Fakultät. 

Mannigfache wissenschaftliche Ehrungen wurden ihm zu 
teil. So ernannte ihn 1848 die medizinische Fakultät der Univer- 
sität Prag zu ihrem Ehrenmitgliede, ebenso 1849 die Rheinische 
Naturforschergesellschaft in Mainz. Wahrscheinlich fällt auch in 
jene Zeit die Ernennung zum Mitgliede der Akademie der Medizin 
zu Paris.^'' 

Württemberg war die Heimat seiner Frau, Stuttgart ihre Ge- 
burtsstadt. Ein reger Verkehr zwischen Tübingen und Stuttgart 
entfaltet sich. Freilich kann das kleine Tübingen mit seiner hüb- 
schen, aber nicht großen Umgebung mit dem größeren und wunder- 
voll gelegenen Freiburg nicht verglichen werden. Friedrich Arnold 
hat bei seinem lebhaften Natursinn oft Sehnsucht nach den Höhen 
des Schwarzwaldes gehabt. Auch konnte zwischen ihm, der immer- 
hin als Ausländer angesehen war, nicht jene nahe Fühlung mit 
der einheimischen Bevölkerung sich entwickeln wie in Heidelberg 
und Freiburg. Aber seine junge Familie wächst unter den gün- 




55] Friedrich Arnold. 55 






stigen Verhältnissen der kleinen, gesunden Stadt glücklich heran. 
Die jüngste Tochter Frida wird 1849 geboren. 

Der Tübinger Aufenthalt fällt auch in die Zeit der politischen 
Unruhen des Jahres 1848. in Württemberg mit seiner klugen, 
ruhigen und nüchternen Bevölkerung gehen die Wogen nicht so 
hoch wie in dem heißblütigen Nachbarlande Baden. Es kommt 
auch zu Volkserhebungen, zur Bildung einer Bürgerwehr, aber 
alles fließt ruhiger und hat einen humorvollen Beigeschmack. 
Arnold hat später oft mit Vergnügen erzählt, wie er in Tübingen 
auch zur Bürgerwehr zugezogen worden sei, wie man ihm aber 
gestattet habe, im Anatomiehofe allein für sich zu exerzieren und 
sich dabei, um der Kontrolle zu entgehen, einzuschließen. — 

Zufolge der intensiven Arbeit für den Unterricht und die Grün- 
dung und Vermehrung der Sammlungen war es unmöglich, wissen- 
schaftliche Untersuchungen von dem Umfange wie in Zürich 
und Freiburg vorzunehmen. Auch hielt dieselbe Arnold von der 
ununterbrochenen Fortsetzung des „Handbuches der Anatomie des 
Menschen" ab, dessen erster Band (VI., 732 pp. mit 8 Tafeln) be- 
reits in dem letzten Jahre der Freiburger Zeit (1845) veröffentlicht 
worden war. So kam es, daß die beiden anderen Bände dieses 
Werkes erst nach verhältnismäßig langen Pausen herausgegeben 
werden konnten. Die erste Abteilung des zweiten Bandes (VI., 636pp.) 
erschien 1847, die zweite, den Schluß bildende Abteilung (VII., 728 pp. 
mit 7 Tafeln), Anfang 1851. 

Unter allen großen und bedeutenden Veröffentlichungen 
Arnolds Ist das „Handbuch der Anatomie des Menschen" 
als seine hervorragendste wissenschaftliche Tat, als sein reifstes 
Werk zu bezeichnen. 

Inhaltlich schließt es sich an das Lehrbuch der Physiologie 
an, unter Vorkehrung und eingehenderer Behandlung der anato- 
mischen Verhältnisse. Das dort Gesagte (p. 40 50) hat somit auch 
z. T. Geltung für das Handbuch der Anatomie, das aber, 9 Jahre 




56 i^^ Fürbringer [56 



c= 



später als jenes erschienen, eine Fülle tatsachlicher Bereicherungen 
und neuer Erkenntnisse aufweist 

In dem, 1844 geschriebenen, V^orwort zum ersten Bande 
gibt Arnold Rechenschaft über die Gedanken und Absichten, die 
ihn bei der Bearbeitung seines Handbuches gdeitet: 

Jch hatte den Studirenden ab angehenden Naturforscher und 
Arzt im Auge. Ich stellte mir daher die Angabe, die Anatomie als 
einen Zweig der Natuni^issenschaften einerseits nach der streng 
wissenschaftlichen Methode, die allein den Natuiwissenschaften 
angemessen ist, und andererseits mit Rücksicht auf ihre Brauch- 
barkeit und ihren Gebrauch in der Praxis abzuhanddn.'' 

^In ersterer Hinsicht ging mein Streben vor allen Dingen 
dahin, die Anatomie von einem höheren Gesichtspunkte aus auf- 
zufassen, und sie nicht als ein todtes Aggregat \t>n anzdnen, in 
gewissem Sinne geordneten Beschreibungen der Thetle des Körpers, 
soi>dem als eine belebte, nach einem bestimmten Principe durch- 
gefühne Darstellung der Formen zu geben. Der oberste Grund- 
satz, von dem ich mich hierbei leiten lieS, war der genetisch- 
ph>^>ologische- Ich bemühte mich nachzuw^eisen, w^ekher 
GrundTN-pus in bestimmten Formen waltet, wie sidi dieser bei 
Tonschreitender Entwicklung weiter entfaltet und umgesaJtet. und 
in uietem gewisse Formationen nur eine Vorstufe für einen 
höheren Enn^vklungsgrad sind und dieser sich auf jene zuruck- 
fuhtn laßt. Außerdem suchte ich die einzelnen, iwkii einer Norm 
gehfiöeien TheiJe auf eine einfache Weise in Arten zu sondern 
C1C m zeigen, daß und \kie die besonderen Formen der Be- 
fcrmrpuni: entsprechen, \k eiche das betreffende Sv'Stem und jedes 
uitec öesselhen im Organisrnus zu erfüllen hat. Zu diesem Be- 
tLH mußte dc^ Beschreibung: eines jeden Theihs, som-ie einer 
ü'Tin^e \'on zusammengehörenden OebiUon. eine kur»e ptn^sio- 
k^jjschc- Rerachiunc: \ orangeschickt werden, und r^-ar in der Art, 
OL^^ beut eir Ganzes bilden Diese Methixie, die ich 




57] Friedrich Arnold. 57 

genetisch-physiologische nenne, und nach deren Ausbildung 
und Vervollkommnung ich seit einer Reihe von Jahren strebe, 
hat vor der gewöhnlichen Behandlung der Anatomie, der rein 
descriptiven Methode, große und wesentliche Vorzüge. Davon 
wird sich jeder überzeugen, der sie beim Unterricht anwendet, oder 
sie beim Studium für die wissenschaftliche und praktische Auf- 
fassung befolgt. Ich für meinen Theil habe durch vieljährige Er- 
fahrungen die Überzeugung gewonnen, daß beim Studium der 
Anatomie die einfache Beschreibung der Theile für sich weder 
mit dem Interesse noch mit der Leichtigkeit und Dauer erfaßt und 
festgehalten wird, als wenn bei der Darstellung gewisse leitende 
Gesichts- und Anhaltepunkte aus der Genesis, der Physiologie 
und einer vergleichenden Betrachtung der Theile geboten werden.** 

„Wenn ich in wissenschaftlicher Hinsicht nach Klarheit, Be- 
stimmtheit und möglichster Allseitigkeit strebte, um dem Studirenden 
richtige und deutliche Vorstellungen und Begriffe von den Theilen 
des menschlichen Körpers und deren Zusammenhange zu geben, 
und ihm Anhaltspunkte zu bieten, an denen er das Erfaßte fest- 
halten und darauf weiter bauen kann, so ging meine Tendenz in 
praktischer Hinsicht dahin, den jungen Arzt für das Studium 
der Pathologie und Therapie, der Chirurgie und Geburtshülfe 
gründlich vorzubereiten, und ihm die Wichtigkeit der Anatomie in 
dieser Beziehung darzulegen. Nur auf diese Weise durch das 
Studium der Anatomie, Physiologie und der Naturwissenschaften 
überhaupt vorgebildet, wird es dem angehenden Arzte gelingen. 
Kranke beobachten zu lernen und eine Methode der Behandlung 
zu gewinnen, in der er sich durch keine Mode und Parteiung irre 
machen läßt; kurz, er wird die erwünschte Zeit herbeiführen 
helfen, in der die praktische Medicin mit der Methode auch den 
Charakter der Naturwissenschaften annehmen muß." 

„Hatte ich als Lehrer bei Bearbeitung des Handbuchs vor- 
züglich meine Zuhörer im Auge, so wird, wie ich hoffe, der 



56 Max Fürbringer [58 



^ 



wissenschaftliche Arzt dasselbe mit Nutzen gebrauchen können; 
denn die Methode, welche für den ersten wissenschaftlichen Er- 
werb und die anfängliche Ausbildung sich am meisten eignet, muß 
auch bei wiederholten Studien am erfolgreichsten sein und die 
Weiterbildung am meisten befördern. Deshalb glaube ich, nicht 
ohne Grund auf die Anerkennung gebildeter Praktiker rechnen 
zu dürfen." 

Das sind Worte eines zielbewußten Forschers und Lehrers, 
der seine Aufgabe sich hoch gesteckt hat; jetzt, nach nahezu 
60 Jahren, könnten dieselben als Vorrede jeder zur Zeit er- 
scheinenden menschlichen Anatomie übernommen werden. Und 
der ganze Inhalt des Handbuches zeigt, daß Arnold seine Worte 
voll einlöst. 

Des weiteren knüpft er an die seinen bisherigen Beobachtungen 
zu teil gewordenen Zweifel an und hebt die Unabhängigkeit seiner 
Forschung hervor. Seine Untersuchungen hätten ihn zu von der 
neueren Zelltheorie abweichenden Resultaten geführt; unbeirrt 
durch fremde Gunst oder Ungunst habe er seine aus sorgfältigen 
und wiederholten Beobachtungen entsprungene Überzeugung aus- 
gesprochen. Ähnliche Gedankengänge enthält das Vorwort zu dem 
Schlußbande (1850): „Dabei ging ich durchaus von eigenen Unter- 
suchungen und einer selbständigen Auffassung des Gegenstandes 
aus, nahm aber auch auf ältere und neuere, wirkliche und ver- 
meintliche Entdeckungen Anderer, sowie auf controverse An- 
sichten stets Rücksicht, und besprach dieselben in der Kürze 
referirend und kritisch. Jedem Capitel wurde eine vollständige 
Literatur vorausgeschickt, um dadurch das Quellenstudium fördern 
zu helfen und denen nützlich zu sein, die diesen oder jenen Ab- 
schnitt der Anatomie einer besonderen Bearbeitung unterwerfen 
wollen." 

Dieses genaue und gewissenhafte Eingehen auf die Literatur, 
das sich schon in dem ausführlichen Verzeichnis des ersten Bandes 




59] Friedrich Arnold. 59 



=3 



ausspricht und überhaupt sämthche Veröffentlichungen Arnolds 
kennzeichnet, erhebt namentlich auch das Handbuch der Anatomie 
der Menschen zu einem wichtigen Quellenwerk dieses Wissens- 
gebietes. 

Der in dem Handbuche behandelte Stoff wird nach einer vor- 
ausgehenden und Übersicht gewährenden Einleitung in die beiden 
Hauptabschnitte der Anatomie des erwachsenen Körpers und der 
Anatomie des werdenden Menschen oder Entwicklungsgeschichte 
gesondert. Die Aiiatomie des erwachsenen Körpers wird 
wieder in die allgemeine und die besondere Anatomiie verteilt; 
über erstere handelt die erste Hälfte des ersten Bandes, über 
letztere die zweite Hälfte des ersten Bandes, der zweite Band 
(Band II. Abt. 1) und der Hauptteil des dritten Bandes (Band II, 
Abt. 2). Die Entwicklungsgeschichte nimmt das letzte Viertel 
des dritten Bandes ein. 

Die allgemeine Anatomie (Band I, p. 25 — 314) handelt 
zunächst von der Gestaltung des Menschen im allgemeinen. 
Hier werden alle diejenigen Verhältnisse der Gestaltung, welche in 
Rücksicht auf die spezielle Anatomie, die praktische Medizin, be- 
sonders die Chirurgie, sowie auch in Hinsicht auf die Malerei und 
Skulptur näher betrachtet werden müssen, also die Symmetrie und 
Analogie der Teile, die Gegenden (Regionen) des Körpers, die 
Statur, das Volumen und die Proportionen desselben besprochen. 
Daran reiht sich eine Untersuchung über die Architektonik und 
Mechanik in dem Gliederbau im allgemeinen. Schon dieser Teil 
hebt sich durch genaue und originelle Untersuchungen und Auf- 
fassungen hervor, und bietet zugleich mannigfache Ausgangspunkte 
dar, an die anknüpfend und von ihnen befruchtet spätere Spezial- 
forschungen anderer als weitere Fortsetzungen ihre Entstehung 
nahmen. — Umfangreicher ist der zweite Abschnitt, der die Zu- 
sammensetzung des Menschen im allgemeinen behandelt. 
Dieser Abschnitt bespricht die Bestandteile des Körpers zunächst 



60 Max Fürbringer [60 



■^yv- 



nach ihren Aggregatzuständen, wobei gasförmige und tropfbare 
Flüssigkeiten, sowie feste Teile mit vielen Unterabteilungen (ein- 
fache Substanzen nebst interstitiellen Kanälen und zusammenge- 
setzte Teile bis hinauf zu den Organsystemen) unterschieden und 
beschrieben werden, handelt dann von den Mischungsbestandteilen 
(Elemente, nähere und nächste Bestandteile) und von der 
chemischen Zusammensetzung der Teile des Körpers im all- 
gemeinen und gibt darauf als Hauptteil dieses Abschnittes eine 
eingehende Darstellung der Formbestandteile. - Hier werden von 
den feinsten unzeriegbaren bis zu den zusammengesetzten auf- 
steigend, entferntere, nähere und nächste Formbestandteile unter- 
schieden und schließlich in systematischer Folge die Formbestand- 
teile der Flüssigkeiten (mit 8 verschiedenen Arten) und der festen 
Teile (mit 14 Arten) ausführlich besprochen. Letztere bilden die 
eigentliche Lehre von den Geweben, die — nicht sehr glücklich 
— in animale Gewebe (mit 10 Abbildungen, deren 8 erste der 
jetzigen Gruppe der Stützgewebe angehören, deren 9. und 10. das 
Muskel- und Nervengewebe repräsentieren) und vegetabilische 
Gewebe (mit 4 ungleichen Abteilungen) verteilt werden. Dieser 
ganze Abschnitt der allgemeinen Anatomie kennzeichnet sich durch 
eine sehr gründliche Darstellung, in welcher — vom Standpunkte 
unserer heutigen Kenntnis betrachtet — sehr richtige und zum 
Teil überraschend feine Beobachtungen und Anschauungen sich mit 
minder resistenten Angaben verbinden. Zugleich durchzieht ihn 
fortgesetzt kritische Behandlung, die sich, ähnlich wie im Lehr- 
buch der Physiologie, vorwiegend gegen die Anhänger der 
Schwannschen Zellentheorie wendet und damit Arnold auf diesem 
Gebiete zahlreiche Gegner geschaffen hat. Daß Arnold mit 
reinster und vollster Überzeugung gegen manche Äußerungen 
dieser Theorie auftrat, ist gar nicht zu bezweifeln. Seine Ein- 
wände haben zum Teil nicht recht behalten; aber ebensowenig 
ist zu verkennen, daß nicht wenige von ihnen sehr gut begründet 



61] Friedrich Arnold. 61 



waren und daß er dabei Kritiken und Auffassungen geäußert hat, 
welche die Untersuchungen einer viel späteren Zeit (wo das 
Detail seiner Angaben fast wieder vergessen war) als zu Recht 
bestehend oder als der Wahrheit recht nahe kommend erwiesen 
haben. Eine unparteiische historische Kenntnisnahme und 
Würdigung der cytologischen und histologischen Arbeiten und 
Bestrebungen jener frühen Jahre, die den Anbruch der mikro- 
skopischen Forschung am tierischen Körper bedeuten, weiß, daß 
Licht und Schatten unter den Zeitgenossen sehr mannigfach ver- 
teilt waren, und sie wird bei eingehender Beschäftigung mit 
Arnolds hierher gehörenden Mitteilungen auch sehen, daß neben 
nicht zu leugnenden Irrtümern auch große Verdienste und un- 
verkennbare Wahrheiten sich hier finden. — Der dritte und letzte 
Abschnitt der allgemeinen Anatomie handelt von den Geschlechts- 
und Rassenunterschieden im allgemeinen. Erstere finden 
eine eingehendere Darstellung, letztere werden, entsprechend dem 
geringen Umfange der damaligen anthropologischen und ethno- 
graphischen Kenntnisse, kürzer besprochen. — Eine ziemlich große 
Anzahl histologischer Abbildungen (auf 8 Tafeln) ist der allgemeinen 
Anatomie beigegeben; sie repräsentieren einen erheblichen Fort- 
schritt gegenüber Arnolds früheren bezüglichen Darstellungen, sind 
aber begreiflicherweise nicht fehlerfrei. 

Die besondere Anatomie (Band I, p. 315 — 728, Band 11, 
Abt. 1 und 2, p. 1 — 1171) verteilt ihren umfangreichen Stoff in 
sechs Bücher, die 1. vom Knochensystem, 2. vom Muskelsystem, 
3. vom Eingeweidesystem, 4. vom Gefäßsystem, 5. vom Nerven- 
system und 6. von den Sinneswerkzeugen handeln. Eine ein- 
gehendere Analyse dieser Bücher kann hier nicht gegeben werden. 
Jedes Buch wird von einer Zusammenstellung der Literatur ein- 
geleitet, bespricht zunächst die allgemeineren Verhältnisse des be- 
treffenden Systemes, wobei makroskopische und mikroskopische 
Verhältnisse , Entwicklungsgeschichte und Physiologie berück- 




62 Max Fürbringer [62 



sichtigt und entsprechende übersichtliche Unterscheidungen und 
Gruppierungen durchgeführt werden, und behandelt dann das 
Detail der einzelnen Teile mit gleicher Anwendung der verschiedenen 
Forschungsmethoden; Geschlechts- und Rassenunterschiede werden, 
wo immer möglich, mitgeteilt. — Die Darstellung des Knochen- 
systems gibt eine Übersicht über die Formen und Arten der 
Knochen, Knorpel, Bänder und Gelenkhäute, die Knochenver- 
bindungen und die Abteilungen des Gerippes, und behandelt dann 
der Reihe nach die Knochen und Bänder des Rumpfes, des Kopfes 
und der Glieder mit ihren Geschlechts- und Rassenunterschieden. 
Diese vereinigte Darstellung von Knochen und Bändern sei hervor- 
gehoben. — Entsprechend handelt die Lehre vom Muskelsystem 
von den Formen und Arten der Muskeln, Sehnen, Binden, Bänder, 
Faserknorpel, Schleimbeutel und Schleimscheiden, von der Art und 
Weise der Muskelbewegungen und den Abteilungen des Muskel- 
systemes, und wendet sich danach zu der genaueren Beschreibung 
der Muskeln des Rumpfes, des Kopfes und der Glieder. Die Dar- 
stellung, welche neben der genauen Beschreibung auch die Funktion 
und die benachbarten Schleimbeutel, Schleimscheiden und Faszien 
eingehend berücksichtigt, ist eine sehr übersichtliche und rationelle. 
— Das Buch vom Eingeweidesystem, welches den zweiten Band 
(Band II, Abt. 1) eröffnet, bespricht zunächst die Formen und 
Arten der Bestandteile der Eingeweide (Schleimhäute, Drusen, 
seröse Häute, Faserhäute und elastische Gebilde, Knorpel, Muskeln, 
Zähne), handelt dann von den Abteilungen des Eingeweidesystems 
und der Lage der Eingeweide und wendet sich danach zu der 
speziellen Darstellung des Nahrungsapparates, der in die Ver- 
dauungswerkzeuge nebst Bauchfell und die Atmungs- und Stimm- 
werkzeuge gesondert wird, und des Harn- und Geschlechtsappa- 
rates mit Harnwerkzeugen und Geschlechtswerkzeugen. Bei den 
Verdauungswerkzeugen werden auch die Milz, bei den Atmungs- 
werkzeugen die Schilddrüse und Thymusdrüse, bei den Harn- 




63] Friedrich Arnold. 63 



^ 



Werkzeugen die Nebennieren, bei den Geschlechtswerkzeugen auch 
die Brüste behandelt. Abgesehen von diesen veralteten, aber durch 
viele Dezennien von den anatomischen Lehrbüchern festgehaltenen 
Zuzählungen, die in der Hauptsache auf der damals noch un- 
genügenden Kenntnis dieser Organe beruhten, ist die Darstellung 
auch hier von ungemeiner Übersichtlichkeit und Klarheit und ver- 
nachlässigt keinen Zweig einer möglichst vollständigen Behandlung. 
— Das Buch vom Gefäßsystem bildet die zweite Hälfte des 
zweiten Bandes. Es bespricht zunächst die Bestandteile des Ge- 
fäßsystemes, die Anordnung und Zusammensetzung der Gefäße 
und ihre Unterschiede (Arterien, Venen, Haargefäße, Saugadern), 
die Saugaderdrüsen und den Inhalt des Gefäßsystems oder die 
Ernährungsflüssigkeiten (Milchsaft, Lymphe, Blut) und geht danach 
über zur speziellen Darstellung: 1. des Blutgefäßsystems mit 
Herz, Pulsadern und Blutadern, 2. des Saugader- oder Lymph- 
gefäßsystems mit Saugadern und Saugaderdrüsen der verschiedenen 
Regionen des Körpers und der großen Saugaderstämme. Auch 
hier findet das Funktionelle, entsprechend dem Stande der da- 
maligen Kenntnisse, eine vortreffliche Darstellung. — Mit dem 
Nervensystem beginnt der dritte Band (Band II, Abt. 2). Ar- 
nold handelt zunächst von den Bestandteilen des Nervensystems 
im allgemeinen (Hirn und Rückenmark, Hirn- und Rückenmarks- 
nerven mit Anfang, Verlauf und peripherischer Verteilung und 
Endigung, Nervenknoten, Gangliennerven), von der chemischen 
Zusammensetzung der Nervensubstanz und den Abteilungen des 
Nervensystems. Darauf folgt die spezielle Darstellung des Nerven- 
systems, welches in die beiden Abteilungen des animalen oder 
cerebro-spinalen und des vegetativen oder gangliösen Nerven- 
systems gesondert wird; beide Systeme ständen in einem ähnlichen 
Verhältnisse zueinander wie Blutgefäß- und Saugadersystem und 
müßten als zwei voneinander abhängige und wieder in gewissem 
Grade selbständige Abteilungen eines Systems betrachtet werden. 



64 Max Fürbringer [64 



-V^'U- 



In dem animalen System werden das Zentralorgan (Rückenmark 
und Gehirn) und der peripherische Teil (Hirn-, Rückenmarks- 
nerven) unterschieden. Tafel 1 — IV dienen der Illustration der 
hauptsachlichsten Verhältnisse. Dieses System entspricht Arnolds 
vornehmstem Arbeitsgebiete; seine Behandlung ist noch jetzt als 
eine hervorragende zu bezeichnen. Selbstverständlich haben unsere 
Kenntnisse in der inzwischen verflossenen Zeit von mehr als 
50 Jahren durch die große Anzahl inzwischen ausgeführter aus- 
gezeichneter histologischer , ontogenetischer , vergleichend-ana- 
tomischer und experimentell-pathologischer Untersuchungen auf 
diesem Gebiete eine außerordentliche Vermehrung und Vertiefung 
erfahren, und manche früheren Erkenntnisse sind dadurch mehr 
oder minder erheblich umgestaltet worden; für die damalige Zeit 
aber bezeichnet die Arnoldsche Darstellung des Nervensystems 
einen großen Schritt. — Das sechste und letzte Buch behandelt 
die Sinneswerkzeuge. Nach einer kurzen Einleitung über die 
Bestandteile und Abteilungen derselben, welche besondere und 
allgemeine Sinneswerkzeuge unterscheiden lehrt, wendet er sich 
zuerst zu den animalen oder höheren besonderen Sinnesorganen, 
dem Sehorgan und Gehörorgan, dann zu den vegetativen oder 
niederen besonderen Sinnesorganen, dem Geruchsorgan und Ge- 
schmacksorgan, endlich zu dem allgemeinen Sinneswerkzeug (Ge- 
fühlsorgan) oder der Haut, die in allen ihren Teilen und Anhängen 
beschrieben wird. Tafel V und VI geben eine bildliche Darstellung 
des hauptsächlichsten. Die Behandlung ist eine sehr gründliche 
und mit Benutzung aller der Hülfsmittel durchgeführt, welche in 
jener Zeit dem gewissenhaften und denkenden Forscher zur Ver- 
fügung standen. Auch hier ist zu bewundern, eine wie große 
f'ülle feiner Beobachtungen der Autor an jenen der Untersuchung 
große Schwierigkeiten darbietenden Organen gemacht und wie 
er bei der Entscheidung zwischen vielen gegenüberstehenden An- 
gaben und Auffassungen anderer Forscher in den weitaus meisten 



k. 



65] Friedrich Arnold. 65 



-'^/rs- 



Fällen die richtigen und jetzt in der Hauptsache noch gültigen 
Resultate uns gegeben hat. 

Den Schlußteil des Werkes bildet die Entwicklungs- 
geschichte oder Anatomie des werdenden Menschen 
(Band II, AbtIg. 2, p. 1173—1355). Sie zerfällt in 2 Abschnitte, 
deren erster vom Ei und von der Frucht des Menschen, deren 
zweiter von der Entwicklung der Systeme und Organe des mensch- 
lichen Körpers handelt. Der erste Abschnitt gibt eine genaue 
Darstellung der Bildung, Zusammensetzung und der Veränderungen 
des Eies in den beiden Perioden von der Befruchtung bis zum 
Erscheinen des Embryos und von dem Erscheinen des Embryos 
bis zur Reife der Frucht. Hierbei werden auch die Eihüllen, 
Nabelbläschen, Placenta und Nabelschnur bei einfachen, wie bei 
mehrfachen Schwangerschaften eingehend besprochen und die 
Entwicklung und das Wachstum der Frucht nach Wochen und 
Monaten mit genauen Maßangaben beschrieben. Tafel Vi! bildet 
einige jüngere Embryonen ab. Der zweite Abschnitt behandelt 
die Entwicklung der Systeme und Organe der animalen Sphäre 
(Nervensystem und höhere Sinnesorgane, Knochensystem, Muskel- 
system und äußeres Hautsystem) und der vegetativen Sphäre (Ver- 
dauungs- und Atmungswerkzeuge, Harn- und Geschlechtsapparat, 
Gefäßsystem). Auch hier erfreut die Klarheit und Verständlich- 
keit der gedankenreichen Darstellung, die trotz des ungemeinen 
Aufschwunges, welchen inzwischen die Entwicklungsgeschichte ge- 
nommen und welcher sie zu einer großen und umfangreichen 
Wissenschaft ausgebildet hat, auch jetzt noch sehr vieles in hohem 
Grade Lesenswerte, Brauchbare und Anregende darbietet. 

Arnolds Handbuch der Anatomie des Menschen ist eine große 
wissenschaftliche Tat. Durch seine Gründlichkeit, Vielseitigkeit 
und Vollständigkeit, sein auf Erklärung und Erkenntnis gerich- 
tetes Streben, durch die klare und anschauliche Darstellung und 
die eingehende historisch-kritische Behandlung steht es unter den 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 5 



66 Max Fürbringer [66 



"V.^^' 



morphologischen Veröffentlichungen jener Tage in der Reihe der 
vornehmsten Werke und wird immer zu dem klassischen Bestände 
der anatomischen Literatur gehören. Auch dieses Werk hat wie 
das Lehrbuch der Physiologie nur eine, allerdings große, Auflage 
erlebt. Das liegt z. T. an den bereits oben bei der Besprechung 
der Physiologie dargelegten Gründen (p. 50), z. T. auch daran, 
daß gerade um jene Zeit Hyrtls einbändiges Lehrbuch der Anatomie 
mit seinem geringeren Umfange, seiner vorwiegend auf das Prak- 
tische gerichteten Tendenz und seiner höchst anziehenden Darstel- 
lung des Stoffes erschien, und dadurch eine leichtere und be- 
quemere Lektüre für die großen Massen der Medizinstudierenden 
und Praktiker darbot. 

Hochgeschätzt als Lehrer und Forscher, reich an Erfolgen, 
befreundet mit manchem bedeutenden Gelehrten, vermochte doch 
Arnold, wie schon angedeutet, in Tübingen sich nie ganz heimisch 
zu fühlen, ihm erging es wie so vielen aus ihrer Heimat in das 
Schwabenland versetzten Kollegen, die in der dortigen hohen 
Geisteskultur viele Anregung und vieles im höchsten Grade von 
ihnen Geschätzte fanden, aber mit dessen eingeborenen Bewoh- 
nern sich nicht assimilieren konnten und darum dort nie recht 
warm wurden. 

Es war daher für ihn eine große Freude und Genugtuung, 
als er am Ende des Sommersemesters 1852, in Nachfolge von 
J. Henle, als Professor der Anatomie und Physiologie 
und als Direktor der anatomischen und physiologischen 
Anstalt nach Heidelberg berufen wurde.^^ Mit dieser Berufung 
war die Verleihung des Charakters als badischer Geheimer Hofrat 
verbunden, zugleich auch die Verpflichtung, Vorlesungen über 
mikroskopische Anatomie, spezielle physiologische Anatomie, Ex- 
perimentalphysiologie und Entwicklungsgeschichte zu halten, die 
praktischen Übungen im Präparieren und in mikroskopischen und 
physiologischen Arbeiten zu leiten und ein physiologisches Kabinett 



67] Friedrich Arnold. 67 



•v,yv" 



mit einem Laboratorium nach dem gegenwärtigen Standpunkte der 
Physiologie einzurichten. 

Trotz dieser Fülle seiner wartender Arbeiten sagte er unbedenk- 
lich zu, handelte es sich doch um die Rückkehr als Direktor der- 
selben Anstalt, an welcher er seine verheißungsvolle Tätigkeit als 
Prosektor, Privatdozent und außerordentlicher Professor begonnen, 
nach Heidelberg, wo die glücklichsten und lebhaftesten Eindrücke 
seiner Jugend wurzelten, wo er sein Familienglück begründete 
und wo er einzelne seiner alten Lehrer, seinen Bruder'*® und 
manchen Freund wiederzufinden hoffen durfte. Die Heidelberger 
Universität begrüßte seine Berufung und die Annahme derselben 
mit lebhafter Freude und mit besten Wünschen**; die nachgesuchte 
Entlassung aus dem württembergischen Staatsdienste wurde ihm 
in Gnaden erteilt.** Die von ihm bekleidete Tübinger Stelle 
wurde nach seinem Abgange in zwei Professuren geteilt. Die ana- 
tomische erhielt sein Prosektor H. Luschka, die physiologische 
K. Vierordt. 



VII. Wieder in Heidelberg. 

(1852—1890.) 

Ende August 1852 trat Arnold die Heidelberger Stelle an.^» 
Seit seinem Weggange von Heidelberg im Jahre 1835 hatte sich 
daselbst vieles geändert.^* Sein vornehmster Lehrer Fr. Tiedemann 
war 1848 vollständig aus seiner Stellung geschieden, nachdem er 
schon 1835 die Physiologie, pathologische und vergleichende 
Anatomie an Th. Bischoff abgegeben und 1844 in dessen Nach- 
folger J. Henle einen ihm koordinierten Kollegen erhalten hatte, 
dem mit dem Älterwerden von Tiedemann in zunehmendem Maße 
die Sorge um das anatomische Institut und um den ganzen 

5* 



-? 



68 Max Fürbringer [68 






anatomischen und physiologischen Unterricht zufiel. Seit 1849 
war Henle alleiniger Direktor des anatomisch -physiologischen 
Institutes. Naegele und Sebastian waren in der Zwischenzeit ge- 
storben; ersterer wurde durch den praktisch geübten, aber in 
wissenschaftlicher Bedeutung ihm in keiner Weise gleichkommenden 
Geburtshelfer Lange ersetzt Auch Qmelin war seit 1851 eme- 
ritiert und hatte 1852 in Robert Bu nsen, welcher in die philo- 
sophische Fakultät eintrat, einen ganz hervorragenden, aber in 
anderen Gebieten arbeitenden Nachfolger gefunden. Für das 
Fach der medizinischen Chemie und als Mitglied der medizinischen 
Fakultät wurde 1853 Delffs gewählt, doch erfüllte dieser nicht 
die auf ihn gesetzten Erwartungen und trat völlig gegen Bunsen 
zurück. Puchelt war ganz veraltet, schon seit 1844 durch den 
neben ihn nach Heidelberg berufenen geistreichen Pfeufer in 
sachlicher Hinsicht ganz ersetzt, zudem in den letzten Jahren 
krank und erblindet; 1852 schied er gänzlich aus dem Lehrkörper 
aus. Von den Alten hatte nur noch der Chirurg C h e I i u s 
stand gehalten; bis zu seiner 1864 erfolgten Pensionierung blieb 
er eine Zierde der Universität. Außer ihm waren Pfeufer 
und H e n I e die weitaus bedeutendsten Mitglieder der medizinischen 
Fakultät, beide befreundet und durchaus der modernen Richtung 
angehörend, im Wesen ganz und gar von Chelius und den anderen 
älteren Professoren abweichend, dazu glänzende und die studie- 
rende Jugend enthusiasmierende Lehrer. Beide hatten sich in den 
acht Jahren ihrer Tätigkeit an der Ruperto-Carola trotz der Be- 
geisterung ihrer Schüler nicht ganz heimisch gefühlt, da ihre freie 
und dem Fortschritt zugeneigte Natur sich allzusehr von den ver- 
alteten, einer konservativen Berufs- und Lebensführung zugetanen 
Berühmtheiten unterschied.'*' Als sich dann nach Ablauf der Jahre 
1848 und 1849 auch in die Regierungskreise rückschrittHche Strö- 
mungen einmengten, benutzten sie die erste beste Gelegenheit, 
die Heidelberger Erde abzuschütteln und, der eine, Pfeufer, einem 




69] Friedrich Arnold. 69 



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Rufe nach München, der andere, Henle, der Berufung nach Göt- 
tingen zu folgen. 

Zugleich hatte sich die in den dreißiger Jahren blühende 
Frequenz der Fakultät, die damals bis zu 250 und mehr Studie- 
renden der Medizin, Chirurgie und Pharmazie gestiegen war'^*', 
ganz erheblich verringert; wenn auch Henle und Pfeufer einen 
etwas vermehrten Zuzug veranlaßt hatten, so betrug sie in dem 
Anfang der fünfziger Jahre nicht viel mehr denn 100, von denen 
nur die etwas größere Hälfte aus wirklichen Studenten der Me- 
dizin bestand. 

Auch die anatomische Anstalt hatte sich in der Zwischen- 
zeit nicht gerade verbessert. 

Nach langen Vorbereitungen war zwar im Jahre 1847 ein 
neuer Anatomiebau begonnen worden, welcher auch der Phy- 
siologie und Zoologie dienen sollte. Derselbe war aber von 
Anfang an nicht praktisch angelegt, hatte auch unter der Ungunst 
verschiedener Leitungen — Tiedemann und Henle gaben dabei 
sehr verschiedenen Auffassungen und Plänen Ausdruck — nicht 
gewonnen. So kam es. daß das neue 1849 fertig gestellte Anatomie- 
gebäude wohl umfangreich, aber in mehr als einer Hinsicht ver- 
fehlt war, auch für physiologische Arbeiten nur in ganz ungenügen- 
dem Maße sich vorbereitet erwies. 

Fernerhin war an des trefflichen Ecker Stelle, der 1844 einem 
Rufe als Direktor des anatomischen Institutes in Basel gefolgt war, 
A. N u h n im gleichen Jahre als Prorektor getreten, ein bei 
nicht zu hohen Anforderungen brauchbarer und geschickter Prä- 
parator, aber kein Mann von tieferer wissenschaftlicher Bildung 
und vornehmerer Auffassung seines Berufes. 

Auch war es keine Kleinigkeit für den neuen Direktor, Nach- 
folger des glänzend beanlagten, geistessprühenden und bedeutenden 
Henle zu werden. 



70 Max Fürbringer [70 



Zudem hatten in der Zwischenzeit die beiden Fächer der Ana- 
tomie und der Physiologie einen Umfang erreicht, der es dem 
Einzelnen kaum mehr ermöglichte, beide ihrer hohen Bedeutung 
entsprechend zu bewältigen und in beiden Gebieten Lehrer und 
Forscher zu sein. In Tübingen, das Fr. Arnold soeben verlassen, 
hatte man nach seinem Weggange an der Stelle eines gemeinsamen 
Professorates und Direktorates zwei Professuren und zwei ge- 
trennte Institute für beide Disziplinen begründet. Es war keine 
gut angebrachte Sparsamkeit der damaligen badischen Regierung, 
daß sie die alte unzureichende Verbindung der beiden Fächer'^' 
beständigte und alles auf eines Mannes Schultern lud, um so mehr 
nicht, als das sogenannte physiologische Institut von Heidelberg 
im wesentlichen nur auf dem Papiere stand und in Wirklichkeit 
erst zu begründen war. 

So erwartete Arnold, der in Tübingen erst glücklich festen 
Boden gewonnen hatte, eine neue, fast übermäßige Fülle von 
organisatorischer und anderer Arbeit.'^® 

Ohne Zögern ging er an die Ausführung seiner Aufgaben. 
Die Regierung hatte ihm für die Begründung und Einrichtung des 
physikalischen Kabinetts und Laboratoriums den einmaligen 
Betrag von 500 Gulden und für die Weiterführung desselben ein 
jährliches Aversum von 200 Gulden bewilligt.^'** Das waren sehr 
bescheidene Summen, mit denen sehr sparsam zu Werke gegangen 
werden mußte. Es gelang ihm aber, damit ein für die wichtig- 
sten Anforderungen ausreichendes Instrumentarium herzustellen. 
Um für dieses physiologische Kabinett und Laboratorium die not- 
wendigen Räumlichkeiten zu gewinnen, wurden von der anatomischen 
Anstalt ein größerer Saal als Instrumentenzimmer, Laboratorium und 
Arbeitslokal des Direktors, ein kleines chemischen Arbeiten dienendes 
Zimmer, zwei kleinere Kabinette für die in Beobachtung befind- 
lichen Tiere, und sonstige Nebenräume (Stallungen, Bassins) ab- 
getrennt. In diesen bescheidenen Räumen und mit diesen geringen 



71] Friedrich Arnold. 71 



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Mitteln wurden in den fünf Sommersemestern 1853-1857, in welchen 
Arnold bis zu der 1858 erfolgten Berufung von Helmholtz als 
Physiolog tätig war, eine Fülle von Versuchen angestellt und eine 
nicht geringe Anzahl von umfangreichen Arbeiten vorgenommen. 

Der Schwerpunkt von Arnolds Lehrtätigkeit galt natürlich 
außerdem der Anatomie und Entwicklungsgeschichte. Diese 
übte er bis zu seinem am Schlüsse des Sommersemeäters 1873 
erfolgten Abgange in ununterbrochener Folge und unverminderter 
Kraft, Pflichttreue und Neigung aus. Noch jetzt lebende Schüler 
von ihm können nicht genug von seinem klaren, anschaulichen 
und eindringlichen Vortrage, von seinem unermüdlichen Eifer bei 
den Präparierübungen erzählen. Einen großen Teil des Tages wid- 
mete er seinen Schülern. Dabei waren seine Anforderungen sehr 
hohe und bald leuchtete der Heidelberger Präpariersaal durch den 
Fleiß und die Tüchtigkeit seiner Präparanten und durch die Feinheit 
und Intensität der daselbst gemachten Präparationen hervor. Seine 
Schüler hingen ihm auch mit inniger Verehrung und Dankbarkeit 
an. Auch die Frequenz der medizinischen Fakultät hob sich. 

Von Arnolds Heidelberger Schülern haben sich danach nicht 
wenige, wie z. B. J. Arnold, L Arnsperger, K. von Bardeleben, 
A. Bernays, O. Binswanger, Dreßler, L. Edinger, Eimer, Th. W. 
Engelmann, W. Erb, A. Ewald, S. Exner, D. Ferrier, E. Qasser, 
Gaule, Knauff, Krafft-Ebing , Lassar, Th. Leber, M. Litten, R. 
Lüdeking, S. Mayer, Moos, W. E. Morgan, Morochowetz, J. Orth, 
Fr. Pagenstecher, Pansch, E. Ponfick, H. Quincke, Rindfleisch, 
M. Schede, Schönborn, F. Semon, R. Thoma, P. Unna, Ad. Weil, 
W.Wundt u. A., Namen und hervorragende wissenschaftliche Stellung 
erworben, wozu ihnen die bei ihm erworbene gründliche anato- 
mische Bildung von nicht geringem Nutzen war. 

Die von ihm in den Jahren 1853, 1858 und 1863 gestellten 
Preisfragen über Veränderungen der Lungen nach Vagusdurch- 
schneidung, über das Corpus luteum und über den Annulus ciliaris 




72 Max Fürbringer [72 



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fanden zu seiner Freude preisgekrönte Bearbeitungen, die erste 
selbst eine doppelte.^® 

Daneben übernahm er in der Hauptsache eigenhändig die 
Anfertigung der Präparate für den Unterricht und für das Museum. 
Das Feinste und Beste in der Heidelberger anatomischen Samm- 
lung stammt zum größeren Teile von Arnold. 

Seine Vorlesungen und Übungen waren bis zum Jahre 
1858 so verteilt, daß er im Sommersemester regelmäßig Expcri- 
mental-Physiologie (9 — 10 stündig), sowie abwechselnd Entwick- 
lungsgeschichte und Anatomie der Bildungsfehler (3 stündig), Ana- 
tomie und Physiologie der Sinneswerkzeuge (3 stündig) und Anatomie 
und Physiologie des Nervensystems (3 stündig) las und die Übungen 
in mikroskopischen und physiologischen Arbeiten leitete, im Winter- 
semester regelmäßig die allgemeine und spezielle Anatomie (9—10 
stündig) und zumeist die Zeugungs- und Entwicklungsgeschichte 
(2 stündig) vortrug und gemeinsam mit dem Prosektor die Leitung 
der anatomischen Präparierübungen übernahm. — Seit 1858 las 
er im Wintersemester die allgemeine und den 1. Teil der speziellen 
Anatomie (6 stündig), sowie wiederholt die Anatomie des Foetus 
(2 stündig) und hielt die Präparierübungen ab; im Sommersemester 
trug er den 2. Teil der speziellen Anatomie (6 stündig), vereinzelt 
die chirurgische Anatomie (6 stündig) und meistens die Anatomie 
des Foetus (2 — 3 stündig) vor. 

Neben ihm lehrte während der ganzen Zeit von Arnolds 
Heidelberger Direktorat der Prosektor Professor extraordinarius 
Nuhn mit einer großen Anzahl von Kollegien, welche die Os- 
teologie und Syndesmologie. die mikroskopische, chirurgische und 
vergleichende Anatomie, sowie anatomische Repetitorien umfaßten; 
ferner beteiligte sich derselbe an der Leitung des Präpariersaales 
und hielt auch mikroskopische Kurse ab. — Vom Wintersemester 
1863—1864 bis zum Wintersemester 1865 — 1866 war Arnolds 
Sohn Julius Arnold als Assistent der anatomischen Anstalt 




73] Friedrich Arnold. 73 



und Privatdozent tätig; derselbe las in dieser Zeit Anatomie des 
Auges und Ohres, Histologie und pathologische Anatomie und 
hielt Kurse der normalen und pathologischen Histologie ab. Da- 
nach übernahm er das Fach des pathologischen Anatomen an der 
Heidelberger Universität. 

In der medizinischen Fakultät nahm Friedrich Arnold, der in 
derselben zu wiederholten Malen (1853, 1858, 1863 — 1864 und 
1869—1870) das Dekanat bekleidete, die so reich verdiente 
hochgeachtete Stellung ein. Auch in den übrigen Kreisen der 
Universität genoß er allgemeine Verehrung; für das Studienjahr 
1854 — 1855 wurde er als Prorektor gewählt. Der Großherzog 
und das Ministerium erwiesen ihm 1870 durch Verleihung des Ritter- 
kreuzes 1. Klasse des Großh. Ordens vom Zähringer Löwen und 

■ 

1872 durch Verwilligung einer jährlichen Besoldungszulage ihre 
besondere Anerkennung.^^ 

Ferner ernannte ihn 1856 der naturhistorisch -medizinische 
Verein zu Heidelberg und 1860 die kaiserlich Leopoldinisch-Karo- 
linische Akademie (cognomine Andersch) zu ihrem Mitgliede. 

Die medizinische Fakultät und die naturwissenschaft- 
lichen Fächer erfuhren seit Arnolds Berufung eine Verjüngung 
und Hebung, so daß sich zu jener Zeit ein neuer Aufstieg in diesen 
Gebieten einstellte. 

Arnold selbst hat ein ganz spezielles Verdienst an dieser Neu- 
gestaltung, indem er wiederholt und namentlich im Wintersemester 
1857 — 1858 erklärte, daß für eine Universität von dem Range wie 
Heidelberg ein besonderer Lehrstuhl der Physiologie ge- 
gründet werden müsse, und dafür Helmholtz in Vorschlag brachte. 
Die Größe des Dienstes, den er damit der Heidelberger Universität 
und der Wissenschaft geleistet hat, bedarf keiner weiteren Erörterung. 
Helmholtz nahm die Berufung an und begann mit Anfang des 
Sommersemesters 1858 seine Heidelberger Tätigkeit, während für 
Arnold, der sich nun ganz auf die Anatomie und Entwicklungs- 




74 Max Fürbringer [74 

geschichte konzentrieren konnte, eine glückliche Entlastung und 
Arbeitsteilung zum Gewinne für die ihm anvertrauten Disziph'nen 
eintrat. Helmholtz fand in Bunsen und in dem 1854 an Jollys 
Stelle berufenen Kirchhoff kongeniale Naturen; es vollzog sich 
hier eine Vereinigung von drei Größen auf den Gebieten der 
Physiologie, Mathematik, Physik und Chemie und damit eine Glanz- 
zeit der Ruperto-Carola, wie sie in der Geschichte der Universi- 
täten wohl ohne gleichen dasteht.**^ Als Helmholtz, einem Rufe 
folgend, 1871 Heidelberg verließ, wurde der vornehmlich auf dem 
Gebiete der physiologischen Chemie bedeutende und als sehr an- 
regender Lehrer verdiente Kühne sein Nachfolger. Kirchhoff blieb 
auch noch geraume Zeit nach Arnolds Abgang, Bunsen bis zu 
seiner eigenen Pensionierung Heidelberg erhalten. 

Gleichzeitig mit Arnold war K. E. Hasse als Nachfolger 
Pfeufers an die Heidelberger innere Klinik berufen worden, und 
diese Wahl erwies sich ebenfalls als eine vortreffliche. Leider folgte 
er schon nach vier Jahren einem Rufe nach Göttingen; nach seinem 
Abgang (1856) wurde von der inneren Klinik die medizinische 
Poliklinik abgetrennt. Erstere erhielt Duchek und nach seinem 
Abgange der als Lehrer, Forscher und Arzt gleich ausgezeichnete 
N. Fried reich, welcher auch zu Arnold in nähere Beziehungen 
trat. Die Poliklinik wurde Th. v. Dusch übertragen, zunächst 
als Extraordinariat, seit 1871 als Ordinariat. Chelius wurde bei 
seiner Pensionierung 1864 durch den fruchtbaren und durchge- 
bildeten K. O. Weber, dieser 1868 durch den originellen und 
kühnen Operateur Simon ersetzt. In dieser Zeit (1866) erfolgte 
die Begründung des Lehrstuhls der pathologischen Anatomie, zu- 
nächst als Extraordinariat. Derselbe wurde durch Julius Arnold 
besetzt, der sich wie sein Vater als ausgezeichneter Lehrer bewährte 
und bald durch seine wissenschaftlichen Arbeiten Ruf und Ansehen 
gewann; 1871 wurde derselbe ordentlicher Professor in der Fakultät. 
Ferner wurde 1869 die Professur der Ophthalmologie von der 




75] Friedrich Arnold. 75 



C: 



Chirurgie abgetrennt und dem sich als Lehrer, Forscher und 
Operateur bewährenden O. Becker übertragen. 

Dazu kam eine zumeist glückliche Besetzung der deskriptiven 
naturwissenschaftlichen Fächer durch Bronn und Pagenstecher; 
Bischoff, Hofmeister und Pfitzer; Leonhard und Blum, 
sowie eine Fülle von jüngeren Kräften, die, als Dozenten und 
außerordentliche Professoren dem Lehrkörper der medizinischen 
Fakultät verbunden, frischen Pulsschlag und eine weitere Aus- 
dehnung und Mannigfaltigkeit des Unterrichtes brachten. Von 
diesen seien nur die Physiologen und Psychologen Moleschott, 
Wundt und Bernstein, die inneren Kliniker Kußmaul, Erb, 
Knauf f und Oppenheimer und die Ophthalmologen und Oto- 
logen Knapp und Moos genannt. 

Sein Familienleben in Heidelberg brachte viel Freude, aber 
auch schweres Leid, das dem Menschen in vorgerückterem Alter 
nicht erspart bleibt. Seine Gattin veriebte daselbst viele glückliche 
und geistig angeregte Jahre, aber die zunehmende Herzerkrankung 
gestaltete ihr Leben nach und nach immer schwerer. Am 29. Sep- 
tember 1868 erlag sie ihren Leiden. Auch Arnolds Bruder Wilhelm, 
mit dem Friedrich seit seiner Rückkehr nach Heidelberg einen 
innigen, auch durch wissenschaftlichen Gedankenaustausch be- 
reicherten Verkehr gepflogen, fing in den sechziger Jahren an zu 
kränkeln und schied im Jahre 1873 für immer von ihm. 

Um so reiner war die Freude an der Entwicklung seiner 
Kinder. Seine älteste Tochter Ida und sein Sohn Julius waren 
bei der Übersiedelung nach Heidelberg 21 bezw. 17 Jahre, die 
beiden jüngeren Töchter Erwinia und Frida 11 und 3 Jahre alt. 
Ida fand später in Kari Gegenbaur, damals Direktor der Anatomie 
in Jena, den Mann, der in jeder Hinsicht geschaffen war, sie glück- 
lich zu machen, und der zugleich als hervorragender Fachkollege 
ihres Vaters diesem näher trat. Julius studierte unter den Augen 
seines Vaters in Heidelberg Medizin, ward danach 2^1^ Jahre lang 




76 Max Fürbringer [76 



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sein Assistent und später als Professor der pathologischen Ana- 
tomie sein Kollege in derselben Fakultät; mit Bianca Muth, der 
Tochter des Heidelberger Oberrechnungsrates, begründete er sein 
glückliches Familienleben. Der größte Teil der Entwicklung der 
beiden Töchter Erminia und Frida fällt in die Heidelberger Zeit. 
Erminia verheiratete sich mit dem Hamburger Amtsverwalter Dr. 
Werner in Ritzebüttel ; sie war das einzige Kind, das auf die Dauer 
die Heidelberger Heimatstadt dem geliebten Gatten folgend verließ, 
doch blieb der Verkehr zwischen Heidelberg und Ritzebüttel immer 
ein reger. Allen drei Familien entsprossen Kinder, deren Ent- 
faltung Friedrich Arnold mit Liebe und wärmstem Interesse ver- 
folgte. Frida blieb bei dem Vater und ward der Segen seines Alters. 

Auch die ideale Natur Heidelbergs wirkte auf ihn mit der 
gleichen Kraft und Frische wie in der Jugendzeit. Allein oder 
mit seiner Familie und seinen Freunden wurden kürzere oder 
weitere Wanderungen in der herriichen Umgebung unternommen. 
Er gehörte zu den genauesten Kennern der näheren und ferneren 
Heidelberger Gegend und ihrer schönsten Spaziergänge. Die 
Ferien gaben Gelegenheit zu Reisen in die Alpenwelt, die er sehr 
liebte und die ihn immer von der Arbeit erholt und für neue 
Arbeit erfrischt entließ. — 

Arnolds Veröffentlichungen während seines Heidelberger 
l^rofessorates sind: 1854 „Zur Physiologie der Galle** (II, 37 pp. 
in 4*) und „Über das Verhältniss der Kraft zur Materie in den 
thierischen Organismen" (26 pp. in 4'*), 1855 „Über die Atmungs- 
größe des Menschen" (161 pp. in 8^ mit 8 Kurventafeln und 
2 Tabellen), 1858 „Die physiologische Anstalt der Universität 
Heidelberg von 1853 bis 1858" (IV, 160 pp. in 8" mit 7 Tafeln), 
1860 die „Icones nervorum capitis, editio altera atque emendatior** 
(34 pp. und 9 Doppeltafeln in Großfolio) und 1861 „Über die 
Nerven, welche in der harten Hirnhaut der mittleren und hinteren 
Schädelgrube veriaufen" (13 pp. in 8" mit 2 Tafeln). Drei davon 



77] Friedrich Arnold. 77 



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^ 



sind somit physiologischer und zwei anatomischer Natur, eine 
fünfte behandelt eine allgemeinere psychologisch-naturwissen- 
schaftliche Frage. 

Von den physiologischen Abhandlungen ist die Unter- 
suchung „Zur Physiologie der Galle" (1854) dem Altmeister der 
Physiologie der Verdauung, Arnolds Lehrer Friedrich Tiedemann, 
gewidmet und bildet zugleich die Gratulationsschrift, welche die 
Heidelberger medizinische Fakultät ihrem dereinstigen Mitgliede zu 
seiner 50jährigen Jubelfeier darbrachte, in einer warmen An- 
sprache gibt Arnold der Huldigung der Fakultät Ausdruck und 
damit zugleich seiner eigenen Verehrung und Dankbarkeit und 
berichtet dann über die Ergebnisse betreffend die wechselnde Menge 
und die Funktion der Galle, zu welchen er bei Anlegung einer Gallen- 
blasenfistel und bei verschiedenartiger Nährung des experimentell 
untersuchten Tieres gekommen ist. — Die ansehnliche Ver- 
öffentlichung „Über die Atmungsgröße des Menschen" (1855) 
handelt auf Grund sehr ausgedehnter und mit großer Umsicht 
angestellter spirometrischer Untersuchungen über das Verhältnis 
der Atmungsgröße zur Körperhöhe, zur Rumpfhöhe, zum Körper- 
gewicht, zum Brustumfang, zur Brustbeweglichkeit, zum Lebens- 
alter, zur Lebens- und Beschäftigungsweise, zu verschiedenen 
körperlichen Zuständen und zum Geschlechte, sowie über die Be- 
stimmung des physiologischen Mittels der Atmungsgröße eines 
Menschen, über ihre Änderungen durch Krankheiten, über ihre 
Prüfung und über den Wert der Spirometrie. Von den erhaltenen 
Resultaten sind viele in die Handbücher der Physiologie über- 
gegangen und besitzen noch Geltung. — In der umfangreichen 
Schrift „Die physiologische Anstalt der Universität Heidel- 
berg von 1853 bis 1858" (1858) gibt Arnold Rechenschaft über 
die von ihm durchgeführte Gründung derselben und ihren Zu- 
stand ^*^ sowie die in ihr vorgenommenen Versuche (379 an der 
Zahl) und umfangreicheren Arbeiten. In derselben wird eine 




.Kl .. 



78 Max Fürbringer [78 






Anzahl Apparate beschrieben, deren sich Arnold in Modifikation 
bekannter Instrumente oder in neuer Konstruktion bediente, und 
des genaueren über die umfangreicheren Arbeiten berichtet. Diese 
betreffen die Qailenmenge im Verhältnis zur Art der Nahrung, 
zum Körpergewichte und zu den Tageszeiten, die Fortdauer der 
Irritabilität des Herzens und der Gliedermuskeln vom Frosch im 
luftverdünnten Räume, die Imbibitionsverhältnisse des Waden- 
muskels vom Frosch, im lebenden Tiere und nach der Trennung 
vom Körper, die Verdauung des tierischen Eiweißes, die Atmungs- 
größe des Menschen (Auszug der ausführlicheren 1855 veröffent- 
lichten Arbeit) und die Wirkung der Brustmuskeln bei der Atmung. 
Die beigegebenen Tafeln bilden die benutzten Instrumente und 
Apparate ab. 

In der Prorektoratsrede zum Geburtstage des höchstseligen 
Großherzogs Karl Friedrich von Baden und zur akademischen 
Preisverteilung am 28. November 1854 „Über das Verhältniss 
der Kraft zur Materie in den thierischen Organismen" gibt 
Arnold seiner psychologischen Auffassung dieser Frage ausführ- 
lichen Ausdruck; ähnliche Gedanken hatte er bereits in dem Lehrbuch 
der Physiologie ausgesprochen. Seine Anschauungen unterscheiden 
sich nicht unwesentlich von den Lehren der modernen Ent- 
wicklungslehre; man darf hierbei nicht außer acht lassen, daß sie 
einer früheren Zeitperiode als diese entstammen. Vielem damals 
von ihm Ausgesprochenen wird aber der Naturforscher der Jetzt- 
zeit unbedingt zustimmen; anderes wird ihm Interesse gewähren. 
Aus dem gedankenreichen und sehr durchdachten Inhalte sei nur 
einiges hervorgehoben. „Wenn ich demnach vom objectiven Stand- 
punkte es als eine Wahrheit anerkennen muß, daß Materie und 
Kraft untrennbar sind, daß ohne Materie keine Kraftwirkung mög* 
lieh ist, daß die Materie und die Kraft der Zeit nach zugleich mit 
einander sind, so kann ich anderseits auch nicht verkennen, daß 
durch die Materie besondere Wirkungsarten einer Kraft sich sinn- 




79] Friedrich Arnold. 79 



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lieh offenbaren, bevor die diesen entsprechenden Werkzeuge aus 
der Materie sich gesondert haben, oder mit anderen Worten, daß 
die Differenzirung der Kraft der Zeit nach früher ist als die 
Differenzirung der Materie" (p. 11). Daraus folgt, daß „die Kraft- 
wirkungen die andere Lagerung und Mischung der Moleküle erst 
setzen müssen, um sich durch sie in vollkommener Weise offen- 
baren zu können, daß somit der Grund der eigenthümlichen Wir- 
kungen der Organismen nicht in den Formen der organischen 
Materie, sondern in den Wirkungsarten des bedingenden Princips 
dieser gesucht werden muß" (p. 12). „indem ich also mit den 
Materialisten die Untrennbarkeit der Seele wie des Geistes von 
der Materie, die innige Verbindung und Wechselwirkung beider im 
lebendigen menschlichen Organismus anerkenne, muß ich auch 
den Spiritualisten die Herrschaft der Seele, und namentlich des 
Geistes über die Materialität einräumen" (p. 17). Dieser Gedanke 
wird auf den folgenden Seiten noch weiter behandelt und be- 
leuchtet und führt Arnold dazu, zwischen einer einfach instinktiven 
und sinnlichen Seele der Tiere und einer sowohl instinktiven und 
sinnlichen wie geistigen Doppelseele des Menschen zu unter- 
scheiden. Die instinktive und sinnliche Seele (bei Tieren und 
Menschen) sei von der Tätigkeit des Hirns abhängig und könne 
mit dem Untergang dieses Organs nicht weiterbestehen; die sich 
selbst frei bestimmende und sich selbst bewußte geistige Seele 
des Menschen aber könne auch nach dem Untergang des Gehirns, 
dem Organe ihrer Entwicklung und ihrer Äußerungen in unserem 
Organismus, im Falle sie an ein anderes materielles Substrat 
übergehe und von diesem getragen werde, fortbestehen (p. 18 — 20). 
Das sind freilich von den modernen naturwissenschaftlichen Vor- 
stellungen erheblich abweichende Anschauungen. Ob Arnold diese 
Scheidung der tierischen und menschlichen Seele und die Möglich- 
keit einer Seelen Wanderung auch später noch vertreten hat, ist 
mir unbekannt. 




80 Max Fürbringer [80 



"V^./V' 



Von den anatomischen Veröffentlichungen tritt die neue 
Auflage der „Icones nervorum capitis" (1860 erschienen, 
Vorwort vom Jahre 1859) in den Vordergrund. Sie enthält 
gegenüber der 1834 erschienenen 1. Auflage erhebliche Ver- 
besserungen. Das Format ist beträchtlich vergrößert und dem- 
entsprechend der Text, obwohl in der Seitenzahl vermindert, in- 
haltlich vermehrt. Derselbe beschränkt sich jetzt auf die reine 
Beschreibung, diese hat aber gegen 1834 an eingehender Genauig- 
keit zugenommen. Die 9 Doppeltafeln entstammen sämtlich neu 
gemachten, zum Teil unter der Lupe angefertigten Präparaten; die 
Abbildungen, von Max Wieser (Tafel 1 — 3, 7 — 9) und F. Voick 
(Tafel 4—6) ausgeführt, zeigen gleichfalls entsprechend der ver- 
vollkommneten Technik gewisse Fortschritte gegenüber den von 
Franz Wagner gezeichneten und lithographierten Tafeln der 1. Auf- 
lage. — In der Abhandlung „Über die Nerven, welche in der 
harten Hirnhaut der mittleren und hinteren Schädelgrube 
verlaufen" (1861), gibt Arnold genaue Beschreibungen und Ab- 
bildungen der Nervi recurrentes secundi et tertii rami quinti paris 
(ersterer 1851, letzterer 1826 von ihm entdeckt) und des Nervus 
recurrens nervi vagi (1859 von ihm zuerst aufgefunden) und ver- 
bindet damit weitere Ausführungen über ihre Präparationsmethoden 
und ihre Bedeutung. 

Mit dieser letzten Schrift vom Jahre 1861 schließt die Reihe 
der Veröffentlichungen Friedrich Arnolds ab. Er hat in der 
„Physiologischen Anstalt der Universität Heidelberg" noch eine 
Anzahl anderer physiologischer Abhandlungen angekündigt, sich 
auch in den letzten 12 Jahren seines Direktorates, sowie nach 
seinem Abgange von demselben intensiv mit wissenschaftlichen, 
namentlich mikroskopischen Untersuchungen beschäftigt, abernichts 
davon ist schriftlich abgeschlossen worden oder nach außen getreten. 

Was Friedrich Arnold seit 1861 äußeriich sichtbar geleistet, 
gipfelt in seinem Unterrichte und in der Sorge um sein Institut. 




81] Friedrich Arnold. «1 

Diesen widmete er bis zu seinem Abgange in gleichbleibender 
Pflichttreue seine besten Kräfte. Täglich verweilte er von 9 — 1 
und von 3 Uhr bis zum Dunkelwerden in der anatomischen An- 
stalt; den größeren Teil des Tages verbrachte er zur Zeit der 
Präparierübungen auf dem Präpariersaale. Hier die besten Keime 
zu pflanzen, tüchtige, wahrhafte, gründliche und gewissenhafte 
Forscher und Ärzte zu erziehen, war die Aufgabe, für die er lebte. 
Daneben war er unablässig tätig für die Vermehrung der Samm- 
lungen und für die Hebung der Leichenzufuhr. 

Er war, wie er wiederholt ausgesprochen, Direktor, Prosektor, 
Präparator in einer Person. An dem von seinen Vorgängern 
übernommenen Prosektor Professor Nuhn hatte er leider wenig 
Unterstützung. Von Anfang an berichten die Fakultätsakten von 
den fortwährenden Prätensionen dieses Mannes, dem die Sorge 
für sich Hauptaufgabe war, der seine Leistungsfähigkeit erheblich 
überschätzte, sich als Gegenteil eines hülfbereiten und seinem Direk- 
tor ergebenen Beamten erwies und zu der vornehmen und fein- 
fühligen Natur Arnolds in keiner Weise paßte. Da Nuhn zu der 
damals in Heidelberg herrschenden politischen Partei gehörte®*, 
Arnold aber für politische Nebenbeschäftigungen weder Sinn noch 
Zeit hatte und dadurch mehr isoliert war, so erreichte ersterer 
durch seine Freunde manches, was in seinen Leistungen nicht be- 
gründet war, während letzterer sich manchmal vergeblich um sein 
Institut bemühte. Eine glücklichere Zeit erlebte das Institut, als 
Julius Arnold unentgeltlicher Assistent an demselben war (von Ende 
1863 bis Anfang 1866); leider war dies nur eine verhältnismäßig 
kurze Episode. 

So hat sich Friedrich Arnold an den mangelhaften Zuständen 
des anatomischen Institutes und seiner Hülfskräfte im buch- 
stäblichen Sinne des Wortes abgearbeitet und seine besten Kräfte 
für Arbeiten verbraucht, die nicht er, sondern andere hätten 
tun sollen. 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 6 



82 Max Fürbringer [82 



Im Anfang des Jahres 1873, nach vollendetem 70. Lebensr 
Jahre und zurückgelegtem 45. Dienstjahre beschloß er, obwohl 
noch frisch an Geist und gesund an Körper, seine Stelle nieder- 
zulegen und damit zugleich einer jüngeren und hoffentlich einfluß- 
reicheren Kraft Platz zu machen. Unter huldvoller Anerkennung 
seiner langjährigen treu geleisteten Dienste und unter Verleihung 
des Kommandeurkreuzes 2. Klasse des Ordens vom Zähringer 
Löwen wurde ihm durch allerhöchste Entschließung vom 27. Fe- 
bruar die erbetene Versetzung in den Ruhestand mit entspre- 
chender Pension für den Herbst des Jahres gewährt. ^^ 

Bei seinem Weggange zeigte sich in rührender Weise, wieviel 
Liebe und Dankbarkeit Friedrich Arnold sich erworben. Die 
Fakultät drückte ihrem allverehrten Senior am Ende des Winter- 
semesters (13. März) durch eine Deputation, derer Sprecher der 
damalige ihm nahe befreundete Dekan Geh. Hofrat Friedreich war, 
die Gefühle ihrer Trauer über seinen Abgang und ihrer Dank- 
barkeit für seine langjährige ersprießliche Wirksamkeit aus. Der 
Empfang und die Antwort Arnolds war ergreifend und zeigte der 
Fakultät aufs neue, welch ein Mann aus ihrer Reihe schied.^*^ 
Seine Zuhörerschaft bereitete ihm beim Beginn des letzten Se- 
mesters seiner Lehrtätigkeit, am 24. April 1873, eine Ovation, 
indem sie in dem reich mit Kränzen und Blumen geschmückten 
Hörsaal des anatomischen Institutes, in welchem sein beredter 
Mund so lange Jahre gelehrt, sein Bildnis anbringen ließ und diesen 
Akt mit einer an ihn gerichteten Ansprache voll Liebe, Verehrung 
und Dankbarkeit begleitete. ^^ Eine weiter und allgemeiner geplante 
Ehrung am Ende des Sommersemesters hatte Arnold abgelehnt. 
Bei seinem Scheiden hatte er aber die Genugtuung, in der Per- 
son Kari Gegenbaurs einen würdigen Nachfolger zu erhalten. — 

Friedrich Arnold hat dann noch 17 Jahre gelebt. Auch nach 
seiner Pensionierung beschäftigte er sich täglich mehrere Stunden 



83] Friedrich Arnold. 83 

mit mikroskopischen Untersuchungen und verfolgte mit Eifer und 
Befriedigung die Fortschritte derjenigen Wissenschaften, welchen 
er sein ganzes arbeitsreiches Leben gewidmet hatte. Der Verkehr 
mit seinem Sohne Julius und mit seinem Nachfolger und Schwieger- 
sohn Kari Gegenbaur brachte ihm hierbei erwünschte und dank- 
bar empfundene Anregung. Auch sonst las er viel oder ließ sich 
voriesen und hatte lebhaftes Interesse für Fragen der Wissenschaft, 
Kunst und Politik. Seine jüngste Tochter Frida übernahm als 
treue Mitarbeiterin und liebevolle Pflegerin die Sorge um sein 
Alter. Auch mit den Familien seiner anderen Kinder, seiner mit 
Gegenbaur verheirateten Tochter Ida, seines Sohnes Julius und 
seiner als Gattin des Amtsverwalters Dr. Werner in Rützebüttel 
heimatlich gewordenen Tochter Erminia bestand der innigste und 
lebhafte Verkehr. In allen Familien wurde der verehrte und ge- 
liebte Großvater, der aber keineswegs ein schwacher Großvater 
war, sondern sich ernsthaft an der Erziehung beteiligte, von den 
Enkelkindern mit Jubel empfangen. 

So veriebte er ein freundliches Greisenalter, bis in seinen letzten 
Jahren zunehmende und schließlich vollständige Erblindung und 
ein schweres Gallensteinleiden sein Leben hart und bitter gestal- 
teten und seinem Streben ein Ziel setzten. Er starb am. 4. Juli 
1890, 87»/, Jahre alt. 

Wie zurückgezogen er auch in den letzten Dezennien gelebt, 
so fand sein Tod allgemeine Trauer und Teilnahme weit über den 
Kreis seiner Familie hinaus. Er liegt auf dem Heidelberger Kirch- 
hof begraben, einem besonders schönen Stück der Natur, die er 
im Leben so sehr geliebt. Sein Begräbnis fand am 7. Juli unter 
großer Beteiligung statt; außer dem Geistlichen hielt der damalige 
Dekan der medizinischen Fakultät Professor Fürstner eine warm 
empfundene Grabrede, in welcher er Arnolds Verdienste um die 
Wissenschaft und die Heidelberger Universität gebührendermaßen 
hervorhob. Der Großherzog ließ seine aufrichtige Teilnahme über 

6» 



84 Max Fürbringer [84 



V-A/- 



das Ableben des hochverdienten Gelehrten unter dem Anfügen 
ausdrücken, daß er dem Verstorbenen, welcher an den beiden 
Hochschulen in Freiburg und Heidelberg in segensreicher Weise 
gewirkt habe, ein ehrendes Gedächtnis bewahren werde. — Einen 
ausführlichen Nekrolog Arnolds mit voller Würdigung seines Cha- 
rakters, seiner Bedeutung als Lehrer und seiner wissenschaftlichen 
Leistungen brachte die Julinummer des anatomischen Anzeigers 
von 1890 aus der Feder seines früheren Schülers Professor K. von 
Bardeleben. ^^ 

Am Tage der 100. Wiederkehr von Friedrich Arnolds 
Geburtstage, am 8. Januar 1903 wurde im Hörsaal des anato- 
mischen Institutes zu Heidelberg eine Gedenktafel an ihn mit 
entsprechender Feier und großer Beteilung enthüllt. ^^ Das gleiche 
wurde für sein Geburtshaus in Edenkoben beschlossen.'® 



VIII. Würdigung seiner Leistungen als Forscher 

und Lehrer. Charakter. 

In Friedrich Arnold verkörpert sich das Ideal eines Gelehrten 
und eines Menschen, das zu den seltenen gehört. 

Der Umfang seiner Veröffentlichungen übertrifft die eines 
gewöhnlichen Gelehrtenlebens. Sie umfassen die Gebiete der Ana- 
tomie, Histologie, Entwicklungsgeschichte und Physiologie, also 
Disziplinen, für die jetzt zwei bis drei gesonderte Lehrstühle er- 
richtet sind. 

Von den anatomischen Monographien nehmen die- 
jenigen über das Nervensystem den ersten Platz ein. Seine Ar- 
beiten über das Gehirn und Rückenmark und ihre Hüllen be- 
deuten einen großen Fortschritt gegen früher und bieten dem Leser 
noch jetzt überraschende Funde dar. Seine Entdeckungen und 
Forschungen im Gebiete der peripheren Nerven, namentlich 
des Kopfes und Sympathicus, sind unsere Fundamente und noch 



85] Friedrich Arnold. 85 

nicht überholt; hier ist Friedrich Arnold als Erster und Größter 
wohl allgemein anerkannt. Zahlreiche von ihm zuerst gefundene 
Gebilde haben die späteren mit seinem Namen bezeichnet. Hier 
hat er uns auch Abbildungen gegeben, wie sie zuvor nicht ge- 
sehen waren und die noch jetzt zu den genauesten und besten, 
jedenfalls zu den Zierden der anatomischen Literatur gehören. 
Der große Ruf seines Zeichners Franz Wagner wurde durch das 
Zusammenarbeiten mit Arnold begründet. Eine weitere Unter- 
suchungsreihe gehört den Sinnesorganen und ihrer bildlichen 
Darstellung an, vor allem dem Auge. Auch hier finden wir allent- 
halben mächtige Fortschritte gegenüber den Vorgängern. So weit 
es sich um mit bloßem Auge und mit geringer Vergrößerung zu 
erblickende oder durch die Injektionstechnik zu erschließende Ver- 
hältnisse handelt, sind sie noch heutzutage brauchbar, und es ist 
erstaunlich, was Arnold damals mit so geringen optischen Hülfs- 
mitteln gesehen hat. Hervorragend sind auch seine Abbildungen 
und Beschreibungen der Knochen, Bänder und Gelenke. 

Auf histologischem Gebiete nimmt Arnold eine umstrittene 
Stellung ein. Seine ersten, rein autodidaktischen Versuche, wo er 
mit sehr schlechten Instrumenten arbeiten mußte, enthalten viele 
Trugbilder und unrichtige Darstellungen, die überwiegend auf 
Rechnung des Mikroskopes kommen; die späteren Veröffent- 
lichungen zeigen erhebliche Verbesserungen. Natürlich sind auch 
sie nicht frei von zahlreichen Irrtümern im Detail. Neben den 
Schwächen finden sich aber bewunderungswürdig feine und richtige 
Beobachtungen und Auffassungen, und vor allem ist hervorzuheben, 
daß er mehrere Jahre vor Schwann, dem eigentlichen Begründer der 
tierischen Zellenlehre, das wahre Wesen der tierischen Zelle sehr 
scharf und richtig erkannt und aus allem Unwesentlichen heraus- 
geschält hatte, daß er mit großem Rechte und ausgezeichneter Be- 
gründung gegen den den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechen- 
den Begriff „Zelle" zu Felde zog; die von ihm gebrauchten Namen 



86 Max Fürbringer [86 

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„Bildungskugeln, Bildungskörper" verdienen durchaus den Vorzug 
vor jener unglücklichen, aber unausrottbaren Bezeichnung. Seine 
Kritiken der Zellentheorie waren im ganzen zu abweisend und ein- 
seitig, haben ihm viele Gegner geschaffen und zu einem nicht ge- 
ringen Teile zu der Unterschätzung seiner bezüglichen Leistungen 
durch dieselben beigetragen. In nicht wenigen Punkten haben sie 
aber das Wahre getroffen. In gewisser Hinsicht hat Arnold in früher 
Zeit schon manches ausgesprochen, was viel später erst durch 
die Arbeiten von Max Schultze u. A. zu allgemeinerer Geltung kam. 
Zudem zeigen seine Darstellungen und Erwägungen allenthalben, 
mit welcher Vorsicht und Umsicht er auch auf diesem Gebiete 
arbeitete, mit welcher Gründlichkeit er in die Tiefe zu dringen 
versuchte. 

Als Embryolog tritt er mit neuen Funden nicht so sehr in 
den Vordergrund. Aber überall sehen wir, einen wie großen 
Wert er auf die Entwicklungsgeschichte als Interpretin der ausge- 
bildeten Zustände legte, wie er die „genetisch-physiologische Me- 
thode**, wie er sie nannte, weit über die rein deskriptive stellte, 
wie er auch hier innerhalb der technischen Leistungsfähigkeit seiner 
Zeit vorzüglich beobachtet hat und wie genau, in Maß und Be- 
schreibung, er die einzelnen Entwicklungsstadien des Fötus darstellte. 

Von seinen physiologischen Arbeiten wird ein erheb- 
licher Teil immer geschätzt werden. Viele seiner Befunde und 
Erklärungen in der Physiologie der Verdauung und der Atmung, 
in den Leistungen der Sinnesorgane, seine Lehre vom Spitzenstoß, 
um nur einiges herauszuheben, sind in den bleibenden Schatz unserer 
Erkenntnis übergegangen. Ganze Abschnitte seiner Bücher sind 
von physiologischen Betrachtungen durchdrungen. 

Auf welchem Gebiete er aber auch arbeitete, stets kennzeichnet 
eine umfassende Wiedergabe der Literatur und eine genaue 
historische Würdigung der Leistungen der Vorgänger seine Ver- 
öffentlichungen. 



87] Friedrich Arnold 81 



Bewunderungswürdig sind sein Lehrbuch der Physiologie 
und sein Handbuch der Anatomie. Beide sind ganz aus großem 
und umfassendem Geiste heraus gearbeitet und enthalten ungleich 
mehr, als der Titel besagt. Die gesamte Biologie im weitesten 
Sinne des Wortes ist in ihnen enthalten. Die vierbändige Phy- 
siologie behandelt außer der eigentlichen Physiologie auch die 
Gesamtorganisation des Menschen in ihren mannigfachen Wechsel- 
wirkungen zur Außenwelt unter eingehender Berücksichtigung der 
Kosmographie und Geographie, die allgemeinen Erscheinungen und 
Gesetze des Lebens, das Seelenleben, die Lehre von der Zeu- 
gung, Entwicklung und dem Tode. Noch gehaltreicher und bedeu^ 
tender ist die aus drei starken Bänden bestehende Anatomie. 
Hier ist fast alles originell, auf eingehendsten Detailstudien beruhend 
und in licht- und geistvoller Weise durchgearbeitet. Dieses Werk, 
das als die vollendetste und reifste von Arnolds Veröffentlichungen 
anzusprechen ist, bildet noch jetzt eine reiche Fundgrube, einen 
Bändekomplex, den der Fachgenosse gern aufschlägt, wenn er sich 
über etwas gründlich unterrichten will. Und dieses wundervolle 
Werk liegt nur in einer Auflage vor. Es war zu gründlich, und 
sein Erscheinen fiel in eine Zeit, wo kompendiösere und dabei 
Unterhaltung mit wenig Anstrengung darbietende Lehrbücher der 
Anatomie ihren Siegeszug durch die breiteren Massen der Ler- 
nenden begannen. Arnolds Handbuch wird aber in den Händen 
der Berufskreise noch leben, wenn viele andere Bücher ver- 
gessen sind. 

Der Forscher Friedrich Arnold gehört nicht zu jenen ge- 
waltigen Naturen, die völlig neue Bahnen brachen und neue Epochen 
schufen. Er ist aber einer der treuesten und gründlichsten Be- 
obachter und Untersucher und einer der feinsten und konsequentesten 
Denker, die je auf diesen Gebieten gearbeitet haben. Er hat unser 
Wissen mit einer Fülle neuer und hochbedeutender Beobachtungen 
vermehrt und unsere Darstellungswcise vervollkommnet. Und auch 



88 Max Fürbringer [88 



■>^yv- 



darin erwies er sich als echter Forscher, daß er sich nie auf die 
Angaben anderer veriieß, daß er nie kompih'erte, sondern daß er 
immer an die Natur selbst heranging und in immer und immer 
wiederholtem Prüfen sich nie genug tun konnte. ^Ommissis aucto- 
ritatibus ipsa re et ratione exquirere debemus veritatem" war sein 
Wahlspruch, der in den mannigfachsten Anwendungen und Vari- 
ierungen sich in verschiedenen seiner Schriften wiederfindet. So 
erzielte er bleibende Erfolge, so blieb sein Schiff bewahrt vor jenen 
Strudeln, welche im Anfang seiner Tätigkeit so manchen in die 
Untiefen gehaltloser naturphilosophierender Betrachtung ge- 
Faten ließen.'^ 

Daß diese Erfolge eine ungemein geschickte Hand und ein 
sehr scharfes Auge erforderten, versteht sich von selbst. Arnold 
war einer der größten Präparatoren aller Zeiten. Seinen Icones 
anatomicae liegen nur eigene Präparate zugrunde. Die verschie- 
denen anatomischen Sammlungen, die er geschaffen hat, weisen 
wahre Kabinettsstücke feinster, unnachahmlicher Präparierkunst auf. 
Fast tragisch könnte man sein Geschick nennen, das ihn viermal 
neue Sammlungen begründen und dafür tausende neuer Präparate 
anfertigen ließ. Er hat nie die Geduld und Standhaftigkeit verloren. 
Wo er stärkere optische Hülfsmittel entbehren und sich auf seine 
eigenen guten Augen verlassen konnte, hat er kaum jemals geirrt. Es 
ist erschütternd, daß dieses sein edelstes Instrument, mit dem er 
uns so viele Lichter angezündet, ein Opfer seiner Arbeit im höheren 
Alter erblindete. 

Als Lehrer der studierenden Jugend findet Arnold kaum 
seinesgleichen. Sein Vortrag war formvollendet und, was viel 
mehr ist, von ungemeiner Klarheit, Anschaulichkeit, Lebendigkeit 
und Eindringlichkeit. Die dunkelsten und verwickeltsten Verhält- 
nisse, wie z. B. die des Gehirnes, wurden durch seine Rede und 
Demonstration entwirrt; lichtvoll und plastisch stellten sie sich 
auch den minder begabten Zuhörern dar. Da war nichts von 



..I^M 



89] Friedrich Arnold, 89 

schönen und verschleiernden Phrasen oder von einem Ausweichen, 
wenn die Schwierigkeiten begannen. Gerade diesen ging er am 
h'ebsten zuleibe. Dazu gesellte sich seine Lehrtätigkeit als Unter- 
weiser am Mikroskopiertische und namentlich auf dem Präparier- 
saale. Hier verweilte er zur gegebenen Zeit viele Stunden des 
Tages, unermüdlich belehrend, vorpräparierend und anregend, und 
er stellte dabei die höchsten Anforderungen an seine Schüler. 
Nicht nur durch seine Unterweisung, sondern namentlich durch 
sein lebendiges Vorbild hat er hier gewirkt. Die Studenten sahen 
den hervorragenden Gelehrten in ihrer Mitte, welcher auch der 
elementaren Tätigkeit als Mittel zur höheren Ausbildung und Er- 
kenntnis Bedeutung und Würde verlieh und dabei immer auf Treue, 
Selbstkritik und Wahrhaftigkeit drang. Wo er auch immer als Leiter 
der Präparierübungen tätig war, überall hob sich das Niveau der 
Arbeiten und damit der ganze wissenschaftliche Ernst und Gehalt 
der Arbeiter. Viele bedeutende Männer sind aus seiner Schule 
hervorgegangen. Es war und ist ein Ehrentitel, Arnolds Schüler 
gewesen zu sein und bei ihm präpariert zu haben. 

Ebenso seine Anleitung zu den Arbeiten Vorgerückterer. 
Zahlreiche unter ihm angestellte Untersuchungen sind erschienen; 
alle tragen das Gepräge gründlichster und gedankenreicher Arbeit. 
Manche sind ihm gewidmet in den wärmsten Ausdrücken dank- 
barster Hochschätzung. Überhaupt gibt es wohl wenige Lehrer, 
die von ihren Schülern so geliebt und verehrt worden sind. Er 
hat Liebe gesät und hat Liebe geerntet. Die Jugend hat in diesen 
Dingen ein sehr feines, unmittelbares und richtiges Empfinden. 
Und diese Begeisterung war keine flüchtige. Einer seiner begab- 
testen Schüler, Theodor Bilharz, schreibt in der Vorrede zu seinem 
Arnold gewidmeten vornehmsten Werke über das elektrische Or- 
gan des Zitterwelses, zehn Jahre nachdem er seine anatomischen 
Studien bei Arnold beendigt und lange schon Professor geworden : 
„Endlich ergreife ich eine längst ersehnte Gelegenheit, meinen tief- 



90 Max Fürbringer [90 

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gefühlten Dank dem Manne öffentlich darzubringen, der durch die 
großartige Plastii< seiner anatomischen Vorträge, wie durch die 
anregende Einwirkung seiner Persönh'chkeit im Präpariersaale und 
dem Mikroskoptische das Grubenh'cht der anatomischen Forschung 
mir angezündet hat". Ähnlich viele andere. Wiederholte An- 
sprachen seitens seiner Schüler beweisen, wie tief er in deren Herz 
gedrungen ist. Und ungezählte seiner früheren Schüler sprechen 
noch heute in höchster Verehrung und Dankbarkeit von ihrem 
Lehrer. — 

In diesen Mitteilungen ist auch der Mensch Arnold enthalten. 
Es erübrigt, nur noch weniges von seinem Charakter zu sagen. 

Arnolds vorstechendste Eigenschaft war die Wahrhaftigkeit. 
Die höchste Tugend des Forschers besaß er im ausgeprägtesten 
Grade. Mit seiner Wahrhaftigkeit war ein feiner und lebhafter Sinn 
für das Recht verbunden. Alles verzieh er an seinen Nebenmenschen, 
nur nicht die Sünde gegen Wahrheit und Recht. Hier konnte 
sich seine sonst ruhige, milde und gütige Natur empören, und 
mancher Ausbruch heiligen Zornes ist ihm von denen verdacht 
worden, die hierin minder feste Grundsätze hatten. Wie sehr er 
aber auc^h bei seinem feinfühligen Wesen zu Zeiten aufgeflammt 
und gegen niedrige Charakterzüge eine bleibende Abneigung 
bewiesen, — wo er Wendung zum Besseren sah, konnte sein 
gutes und warmes Herz sich nicht genugtun im Verzeihen und 
Versöhnen. 

Seine Pflichttreue und sein Fleiß waren ohne Grenzen. 
Behagliches Wohlleben war ihm ein fremder Begriff. Damit ver- 
band sich das unermüdliche Streben, immer tiefer in das Wesen 
der Dinge einzudringen. Er war ein kritischer Geist, der an 
sich und andere in dieser Hinsicht hohe Forderungen erhob. Aber 
er war hierbei nicht schwerfällig. Ein fröhliches Wort, ein guter 
Witz zur rechten Zeit konnte manche trübe Wolke verscheuchen 
und ernstes Auffassen in heitere Stimmung verwandeln. 



91] Friedrich Arnold. 91 



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In seinem Empfinden war er rein und vornehm, in seinen 
Lebensgewohnheiten und Bedürfnissen maßvoll, schlicht und 
einfach. So hat er sich bis in sein hohes Alter Gesundheit und 
Leistungsfähigkeit erhalten. Gelehrteneitelkeit war ihm ganz fremd; 
bescheiden lehnte er stets jedes Anspielen anderer auf seine Ver- 
dienste ab, von seinen vielen wissenschaftlichen Ehrungen erfuhren 
die wenigsten. Auf Ordnung und gute Sitte hielt er viel, nament- 
lich in seiner Familie und bei seinen Schülern. Er war ein strenger 
und gewissenhafter Erzieher, gegen sich selbst war er dabei am 
strengsten. Davon zeugte seine ganze sorgfältige Erscheinung 
und Haltung. 

Für seine Familie, seine Schüler und für die in ihrem Charakter 
und ihrem Streben von ihm Erprobten war er ganz Güte und 
Liebe. Hier konnte der ernste Mann auch sehr fröhlich sein und 
seiner Anlage für Laune und Witz freien Lauf lassen; ein köst- 
licher Humor umgab dann seine lebendigen Erzählungen, feinen 
Ironien und anmutigen Neckereien. 

An breiterem geselligen Verkehr hatte er nie viel Freude; er 
war zu innerlich und konzentriert und sparsam mit der Zeit. 

Ebenso überließ er das Politisieren, das im badischen 
Lande zu Zeiten mit recht viel Geräusch betrieben wurde, den- 
jenigen, die mehr Zeit und Beruf dafür zu haben glaubten. Aber 
für Deutschlands Erhebung, für Kaiser Wilhelm I. und 
namentlich seinen großen Kanzler erglühte er, und für alle wich- 
tigeren Fragen und bedeutungsvolleren Erscheinungen in Politik, 
Wissenschaft, Literatur und Kunst hatte er bis zuletzt ein warmes 
Interesse. 

Und immer wieder war es Mutter Natur, die auf seinen 
Spaziergängen und Reisen als seine beste Freundin, als seine 
Helferin in schweren Zeiten sich ihm erwies. — 

Sein Leben ist Mühe und Arbeit gewesen, aber es war ein 
herrliches Leben, reich an jenen einsamen erhabenen Stunden, die 



92 Max Furbringer [92 



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nur der Forscher kennt, reich an wissenschafth'chen Taten und 
Gaben, gefolgt von Liebe, Bewunderung und Dankbarkeit. 

Er lebt in den Herzen Aller, die ihn wirklich kannten, und 
sein Name und Wirken wird nimmer vergessen werden, so lange 
es eine anatomische und physiologische Wissenschaft gibt. 




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93J Friedrich Arnold. 93 



:^ 



Folge der Veröffentlichungen von Friedrich Arnold« 



Dissertatio inauguralis medica sistens observationes nonnulias neu- 
roiogicas de parte cephaiica nervi sympathici in homine. Friderico Tiede- 
mann D. D. D. VI. 26 pp. 1 Tabula (H. Günther ad nat. del.). Heidel- 
bergae (typis Augusti Osswaldi) 1826 (XVI. Cal. April). 4^ (cf. p. 13. 14.)» 

Beschreibung des Kopfteils des sympathischen Nerven beim Kalb, 
nebst einigen Bemerkungen über diesen Teil beim Menschen. Zeitschrift 
für Physiologie von Fr. Tiedemann. G. R. Treviranus und L. Ch. Treviranus. 
II. p. 125-172. Taf. Vlll (H. Günther del.). Darmstadt 1826. 4\ (cf. p. 14.) 

Über den Ohrknoten. Eine anatomisch - physiologische Abhandlung. 
Fr. Tiedemann gewidmet. 56 pp. 2 Taf. Heidelberg (C. F. Winter) 1828. 
Kl. 4\ (cf. p. 19. 20.) 

Der Kopftheil des vegetativen Nervensystems beim Menschen, in ana- 
tomischer und physiologischer Hinsicht. X. 204 pp. 10 Taf. (Fr. Wagner del). 
Heidelberg und Leipzig (Carl Groos) 1831. 4^ (cf. p. 19—21.) 

Über den Canalis tympanicus und mastoideus. Zeitschrift für Physio- 
logie. IV. p. 283-286. Taf. XII (Fr. Wagner de!.). Heidelberg und Leipzig 1831. 
(Schon Ende 1830 im Buchhandel versendet.) 4^ (cf. p. 19. 20.) 

Kurze Angaben einiger anatomischen Beobachtungen. Salzburger med.- 
chirurg. Zeitung, fortges. v. J. N. Ehrhart. II. No. 40. p. 236-239 (19. Mai 
1831). Innsbruck 1831. 8^ (cf. p. 19, 23, 24.) 

Quelques ddcouvertes sur diff^rents points d'anatomie. Journ. univ. 
et hebdom. de mdd. et de chir. praliq. elc. V. No. 54. p. 41—47 (Octobie 
1831). 8». (cf. p. 19. 23. 24.) 

Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des 
Menschen. Vlll, 168 pp. 3 Taf. (Fr. Wagner gez.). Heidelberg und Leipzig 
(Carl Groos) 1832. (Vorwort vom Januar 1832). 4^ (cf. p. 19. 21—23.) 

Die Arachnoidea und der Fontana*sche Kanal im menschlichen Auge. 
Von Ammons Zeitschr. f. d. Ophthalmologie. 11. p 378—381. Dresden 1832. 
Gr. 8^ (cf. p. 19, 21.) 

Über die Membrana capsulo-pupillaris. Ibidem. III. p. 37—41. Dresden 
1833. Gr.8«. (cf. p. 19. 21.) 

' Die Verweise auf die Seitenzahlen bezichen sich auf die Erwähnung 
und Besprechung der Veröffentlichungen im vorhergehenden Texte. 



94 Max Fürbringer [94 



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Noch Einiges über die Membrana capsulo-pupiilaris. Ibidem. IV. p. 28-39. 
Heidelberg und Leipzig 1834. Gr. 8^ (cf. p. 19, 21.) 

Icones nervorum capitis in IX tabulis perfectis totidemque linearibus. 

IV. 50 pp. IX Tab. perf. et linear, (Fr. Wagner ad nat. del. et incis.). Turicl 
(Orelli, Fuessli et Socii) 1834. Folio, (cf. p. 20, 21 ) 

Bemerkungen über einige Entdeckungen und Ansichten in der Ana- 
tomie und Physiologie. Tiedemanns und Treviranus* Zeitschr. f. Physiol. 

V. p. 175-189. Heidelberg und Leipzig 1834. 4^ (cf. p. 20, 23.) 

Einige Mitteilungen über die Gewebe der Knorpel und Knochen beim 
Menschen. (Von Wilhelm und Friedrich Arnold). Ibidem V. p. 226—230. 
Taf. IX (fig. 1 8). Heidelberg und Leipzig 1834. 4*. (cf. p. 20, 24.) 

Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Zürich (Orelli, Füßli u. Co.) 
1836-1842. 80. (cf. p. 31, 40—50.) 

I.Teil. XVI, 390 pp. 10 Taf. Zürich 1836 (Vorrede Zürich Nov. 1835). 
2. Teil. 1. Abt. X. 460 pp. Zürich 1837 (Vorrede Zürich Sept. 1836). 
2. Teil. 2. Abt. X. 586 pp. Zürich 1841 (Vorrede Freiburg Dez. 1841). 
2. Teil. 3. Abt. Vlll. 408 pp. 12 Taf. Zürich 1842 (Vorrede Freiburg 

Aug. 1842). 
Annotationes anatomicae de velamentis cerebri et medullae spinalis. 
Programma quo festum Academiae Turicensis die XXX. Aprilis hora X. 
in aula nova celebrandum indicit Fr. Arnold, M. D., P. P. O., academiae 
h. t. Rector. 25 pp. 1 Tab. Turici 1838. 4^ (cf. p. 31, 32.) 

Untersuchungen im Gebiete der Anatomie und Physiologie mit besonderer 
Hinsicht auf seine anatomischen Tafeln. 1. Bändchen. Bemerkungen über 
den Bau des Hirnes und Rückenmarks nebst Beiträgen zur Physiologie des 
zehnten und elften Hirnnerven, mehreren kritischen Mitteilungen, sowie ver- 
schiedenen pathologischen und anatomischen Beobachtungen. IV, 218 pp. 
3 Taf. (Fr. Wagner del.). Zürich (S. Höhr) 1838. 8^ (cf. p. 31, 32-^.) 
Tabulae anatomicae. Turici et Stuttgardiae 1838—1842. Gr. folio. 

Fasciculus I, continens icones cerebri et medullae spinalis. X ta- 
bulae elaboratae et totidem adumbratae. Memoriae Thomae Willisii, 
Felicis Vicq d'Azyrii et Christiani Reilii D. C. 25 pp. 10 Tab. 
(Fr. Wagner del.). Turici (Orelli, Füßli et Soc.) 1838. (Praefatio Turici 
Mart. 1838.) (cf. p. 31, 34, 35.) 

Fasciculus II, continens icones organorum sensuum, XI tabulae 
elaboratae et totidem adumbratae. Memoriae Samuelis Thomae Soem- 
merringi D. C. 40 pp. 11 Tab. «Fr. Wagner del.). Turici ^Orelli, Füßli 
et Soc. 1839 Praefatio Turici Maj. 1839 . (cf, p, 31, 35.) 

f-asciculus IV, pars I, continens icones ossium, XIII tabulae elabo- 
ratae et totidem adumbratae. Memoriae Bernhard! Siegfried! Albini 




95] Friedrich Arnold. 95 

D. C. 32 pp. 13 Tab. (Fr. Wagner del.). Turici (Orelll, Füßll et Soc.) 
1840 (Praefatio Friburgi Okt. 1840). (cf. p. 39, 40.)« 

Fasciculus IV, pars 11, continens icones articulorum et ligamento- 
rum, VII tabulae elaboratae et totidem adumbratae. Memoriae Josiae 
Weitbrechtii D. C. 24 pp. 7 Tab. (Fr. Wagner del.). Stuttgardiae 
(P. Balz) 1842. (cf. p. 39, 40.) 

Handbuch der Anatomie des Menschen mit besonderer Rücksicht auf 
Physiologie und praktische Medizin. Freiburg i B. (Herdersche Verlags- 
handlung) 1845—1851. 8^ (cf. p. 39, 55-66.) 

1. Band. VI. 732 pp. mit Abbildungen im Text und 8 Tafeln (Fr. Wagner 
gez.) Freiburg 1845 (Vorwort Freiburg Aug. 1844). 

2. Band, 1. Abt. VI. 636 pp. mit Abbildungen im Text. Freiburg 1847. 
2. Band, 2. Abt. X. 728 pp. mit Abbildungen im Texte und 7 Tafeln 

(Max Wieser gez.). Freiburg 1851 (Vorwort Tübingen Nov. 1850). 

Zur Physiologie der Galle. Denkschrift zur 50jährigen Jubelfeier des 
Dr. Fr. Tiedemann im Namen der medizinischen Fakultät der Universität 
Heidelberg. II. 37 pp. Mannheim (Bassermann u. Mathy) 1854. 4°. (cf. p.76, 77.) 

Ober das Verhältniss der Kraft zur Materie in den thierischen Organismen. 
Rede zum Geburtsfeste des höchstseligen Großherzogs Karl Friedrich von 
Baden und zur akademischen Preisverteilung am 22. November 1854. 26 pp. 
Heidelberg (gedr. bei G. Mohr) 1854. 4^ (cf. p. 76, 78, 79.) 

Über die Atmungsgröße des Menschen. Ein Beitrag zur Physiologie 
und zur Diagnostik der Krankheiten der Atmungswerkzeuge. 161 pp. 8 Taf. 
und 2 Tabellen. Heidelberg (J. C. B. Mohr) 1855. 8^ (cf. p. 76, 77.^ 

Die physiologische Anstalt der Universität Heidelberg von 1853 bis 1858. 
IV. 160 pp. 7 Taf. Heidelberg (J. C. B. Mohr) 1858. 8^ (cf. p. 76, 77, 78.) 

Icones nervorum capitis, editio altera et emendatlor, IX tabulae 
elaboratae et totidem adumbratae. 34 pp. 9 Tab. (M. Wieser et Fr. Volk 
ad nat. del. et Inc.). Heidelbergae (J. C. B. Mohr) 1860 (Praefatio Heidel- 
bergae Sept. 1859). Gr. fol. (cf. p. 76, 80.) 

Über die Nerven, welche in der harten Hirnhaut der mittleren und 
hinteren Schädelgrube verlaufen. Zeltschr. d. K. K. Gesellsch. d. Ärzte in 
Wien. Med. Jahrbücher XVll. Jahrg. 1. Band. pp. 26-38. Taf. 1, II ^Grav. 
v. Dr. Heitzmann). Wien 1861. 8». (cf. p. 76, 80.) 



* Der Fasciculus III. der Tabulae anatomicae, welcher die Abbildungen 
der Eingeweide enthalten sollte, ist nicht erschienen. 




96 Max Fürbringer [96 



Anmerkungen. 



1. Die Materialien zu der vorliegenden Biographie Friedrich Arnolds, 
zu dem ich in keiner persönlichen Beziehung gestanden habe, verdanke ich 
dem gütigen Entgegenkommen der Vorstände der Universitätsbibliotheken 
in Freiburg i. B., Heidelberg, Tübingen und Zürich, zu denen noch sehr 
dankenswerte Zusammenstellungen aus dem Staatsarchiv zu Zürich und 
aus den Akten der medizinischen Fakultät zu Freiburg und Tübingen 
durch die Güte der Dekane derselben hinzukamen (vergleiche auch die 
Anmerkungen 27, 36 und 47). Für Heidelberg konnte ich die Fakultäts- 
akten direkt einsehen. Für weitere Beiträge betreffend die Geburt und 
die Geburtsstadt Arnolds bin ich den Herren Bürgermeister Satter in 
Edenkoben und Privatdozent Prosektor Fr. Weidenreich in Straßburg i. E., 
einem geborenen Edenkobener, Dank schuldig (vergl. Anm. 6, 7 und 70). 
Fernerhin dienten mir die Biographien von Knauff, Gurlt und von Barde- 
leben als Grundlage (vergl. Anm. 3). Auch gewann ich durch Unterhaltungen 
mit mehreren früheren Schülern Arnolds, namentlich mit den Herren Prof. 
Edinger, Geh. Rat Erb, Geh. Hofrat Knauff und Geh. Rat Leber, sowie 
durch sonstige briefliche Mitteilungen von Schülern ein klares Bild von dem 
Verstorbenen. Die weitaus größte Unterstützung ward mir aber durch die 
Familie Arnold, insbesondere durch Herrn Geh. Rat J. Arnold zu teil, der 
mir in entgegenkommendster und liberalster Weise die Familienpapiere, 
sonstigen Familienaufzeichnungen und die Urkunden und Belege über die 
persönlichen Verhältnisse Friedrich Arnolds zur Verfügung stellte und ein- 
gehende Mitteilungen über seine vornehmsten Charakterzüge machte. Von 
diesen Aufzeichnungen und Mitteilungen habe ich vieles wörtlich über- 
nommen. — Wenn, wie ich hoffe, das vorliegende Lebensbild als ein wahres, 
gerechtes und anschauliches sich erweisen sollte, so ist das allein das Ver- 
dienst derer, die mir so reiche Förderung zu teil werden ließen und denen 
ich hiefür meinen tiefgefühlten Dank ausspreche. Ich habe nur noch hin- 
zuzufügen, daß mir die zuerst als Ehrenpflicht übernommene Arbeit, je 
mehr ich in das Wesen Friedrich Arnolds eindrang, zu einer sehr lieben 
wurde und mir viele Erhebung und Genuß bereitete. 

2. Bischoff, Th. L. W. Gedächtnisrede auf Friedrich Tiedemann. 
Vorgetragen in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften 
am 28. November 1861. München 1861. (41 pp.) — Merkel, Fr. Jakob 
Hcnle, ein deutsches Gelehrtenleben. Nach Aufzeichnungen und Erinne- 
rungen erzählt von Fr. M. Braunschweig 1891. (XII. 411 pp.) 




^ 

97] Friedrich Arnold. 97 



3. Knauff, Fr. Friedrich Arnold. In Fr. von Weech, Badische Bio- 
graphien I. p. 8—10. Heidelberg 1875. — Gurlt, E. J. Friedrich Arnold. 
In Werrich und Hirsch, Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte. 
Bd. 1. p. 200-201. Wien und Leipzig 1884. - Bardeleben, K. Friedrich 
Arnold. Anatom. Anzeiger V. p. 397-405. Jena 1890. 

4. Von Johann Wilhelm Arnold (1778—1854) angefertigte Erläuterungen 
zum Stammbaum der Familie Arnold teilen mit, daß die ümtauschung des 
Vor- und Zunamens von einem Edenkobener örtlichen Sprachgebrauche 
herzurühren scheine, weil daselbst Anton mehr Taufname als Arnold ist, 
worüber man sich damals (die Wichtigkeit, die eine solche Namensumsetzung 
haben könnte, nicht achtend) hinwegsetzte. Bei der Verehelichung Arnold 
von Antons mit Maria Klara Schuster sei er von dem Geistlichen als Anton 
Arnold ausgerufen und in das Kirchenbuch eingetragen worden. Möglicher- 
weise hat das der human fühlende und in deutschem Gebiete ansässig 
gewordene Mann gern angenommen, da ihm vielleicht daran lag, seinen an 
die Verbindung mit Melac erinnernden bisherigen holländischen Namen nicht 
mehr weiter zu führen. 

5. Die 7 Kinder des Zacharias Arnold und seiner Gattin Susanna 
Margaretha sind: 1. Maria Magdalena, geb. 1794 und einige Monate nach der 
Geburt gestorben; 2. Klara Wilhelmine, geb. 1795, Gattin des Rentmeisters 
Eisenmenger, welcher Ehe zwei Kinder entstammten, deren jüngstes, Fräulein 
Mina Eisenmenger, noch in Heidelberg lebt; 3. Maria Friderika, geb. 1797, 
Frau des Pfarrers Wundt, aus welcher Ehe drei Kinder hervorgingen, 
von denen das jüngste, der berühmte Philosoph, Physiolog und Psycholog 
Geheimrat Prof. Wilhelm Wundt in Leipzig, noch lebt; 4. Lina Magdalena, 
geb. 1799, starb hochbetagt und unverehelicht; 5. Johann Wilhelm, geb. 1801, 
Professor der Medizin in Zürich und danach Arzt in Heidelberg, wo er 1873 
unverehelicht starb; 6. Philipp Friedrich, geb. 1803, der Anatom und 
Physiolog, dem die vorliegende Lebensbeschreibung gilt; 7. Johanna Wil- 
helmine, geb. 1805, starb unverehelicht im 18. Lebensjahre. 

6. Die Geburtsurkunde von Friedrich Arnold, deren freundliche Zu- 
sendung in Abschrift ich Herrn Bürgermeister N. Satter in Edenkoben ver- 
danke, lautet: Arrondissement de Spire, mairie d'Edenkoben du vingt Nivose 
an onzi^me de la Rdpublique Fran<;aise. Acte de naissance de Philippe 
Fr^ddric Arnold, nd h Edenkoben, Departement du Mont-Tonnerre, hier 
ä quatre heure du matin fils (de) Zacharie Arnold et Suzanne Marguerite 
Brunnings son dpouse domicilies ä Edenkoben. Lc sexe de Tenfant a dtd 
rcconnu ßtre masculin. Premier temoin Fr^deric Sahler marchant äge de 
trents six ans, oncle de Tenfant, seconde temoin Charles Heilmann ägd de 
quarante ans,voisin du p^re de Tenfant; tous deux domicilies au dit Edcn- 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 7 




98 Max Fürbringer [98 



koben. Sur la rdquisition ä nous fait par Zacharie Arnold p^re de Tenfant, 
et ont signd Z. Arnold, als Vater, Friedrich Sahler, als Zeuge, Heilmann. 
Constatd par nous Philippe Jacques Völcker, maire d*Edenkoben, faisant 
les fonctions d'officier public de Tdtat civil. Ph. Jacques Völcker, maire. 

7. Ich verdanke diese Mitteilungen Herrn Privatdozent Dr. Fr. Weiden- 
reich in Straßburg i. E. Aus Anlaß der hundertsten Wiederkehr von Fried- 
rich Arnolds Geburtstag wurde vom Stadtrat in Edenkoben beschlossen, 
am 9. Januar 1903 an Arnolds Geburtshause eine Gedenktafel anzubringen. 

8. Die ihn als Fridericus Arnold, Rheno-Bavarus, Medicinae Studiosus 
aufführende Matrikel datiert vom 14. April 1821 unter dem Prorektorate von 
Dr. F. H. C. Schwarz. 

9. Infolge eines Druckfehlers wird Friedrich Arnold hier als C. Arnold 
angeführt. (Die Verdauung. 1. Band. Heidelberg und Leipzig 1826. Vor- 
wort p. 20.) 

10. Vergl. Akten der medizinischen Fakultät zu Heidelberg vom Jahre 
1825. Tiedemann bemerkt daselbst bei der Meldung von Wilhelm und Fried- 
rich Arnold zum Doktorexamen (30. August), „daß die Gebrüder Arnold sehr 
fleißige Leute waren**. Die Zulassung wurde von der Fakultät ohne 
weiteres verfügt. 

11. Die vier schriftlichen Bearbeitungen umfaßten nach den Fakultäts- 
akten die Themata: 1. Bau und Verrichtung des Magens und Darmkanals 
(16 enggeschriebene Folioseiten) ; 2. Pathologie und Therapie der Gastritis 
und Enteritis (12 Folioseiten); 3. Die Mastdarmfistel in pathologischer und 
therapeutischer Beziehung (6 Folioseiten); 4. Quid est officium medici, si 
morbus est insanabilis? (2 Folioseiten). In dem mündlichen Examen prüfte 
Professor Puchelt über Scharlach in pathologischer und therapeutischer Hin- 
sicht, Hofrat Sebastian über Leberentzündung, Hofrat Gmelin legte mehrere 
Pflanzen und Arzneikörper zur Bestimmung vor und examinierte über Opium, 
Chinin und schwefelsaure Salze, Hofrat Chelius über Knochenbniche, ver- 
schiedene Verbände, Indikationen zu Amputationen, Callus-Bildung, Bruch 
der Clavicula, syphilitische Iritis, Hofrat Nasgele über wichtige Zufälle bei 
Neuentbundenen, besonders Inversio uteri, über die dem Geburtshelfer bei 
Dystokia pelvis zu Gebote stehenden Mittel und insbesondere ober den 
Bauchgebärmutterschnitt. — Die Fakultät beschließt, dem Kandidaten die 
1. Note zu geben. 

12. Das unter dem Rektorate des Großherzogs Ludwig von Baden 
und dem Prorektorate des Geh. Hofrats Prof. J. Mittermaier ausgestellte 
Doktordiplom führt an: In virum doctissimum et clarissimum Pridericum 
Arnold Edcnkovensium Rheno-Bavarum examine rigoroso summa cum laude 
supcrato jura et privilegia doctoris medicinae chirurgiae et artis obstetridae 



99] Friedrich Arnold. 99 



rite contulimus et hoc diplomate sigillo ordinis nostri munito testati sumus. 
P. P. Heidelbergae in universitate literaria Ruperto-Caroia a. d. VII. mensis 
Septembris MDCCCXXV. 

13. Mit der Stelle waren außerordentlich große Arbeitsleistungen für 
den praktischen Unterricht der Studenten, die Sammlung und die Vor- 
lesungen des Direktors verbunden. Der jährliche Gehalt betrug 400 Gulden. 

14. Die bezüglichen Anstellungsdekretc sind Mannheim, den 5. Oktober 
und 20. Dezember 1826 datiert und von dem Kurator der Universität Hei- 
delberg Froehlich unterzeichnet. Das erste Dekret macht Mitteilungen über 
die Entlassung des bisherigen Prosektors Prof. Fohmann aus dem badischen 
Staatsdienste und fährt dann fort: „Ebenso ist die provisorische Verwendung 
des Dr. Arnold als Prosector in der vorgeschlagenen Art genehmigt worden, 
weßhalb derselbe zum Antritt seiner Dienstzeit einzuberufen ist. Der Tag 
seines Eintrittes ist zum Behufe der Gehaltsanweisung anzuzeigen." Der 
zweite Erlaß bestimmt, „daß der Gehalt des Prosectors Dr. Arnold von 
400 Gulden vom 23. October d. J. anfangend anzuweisen und die Besoldung 
des bisherigen Prosectors Prof. Dr. Fohmann vom gleichen Termine an 
zu sistiren ist". 

15. Genauere Zahlen über den Besuch des Präpariersaales in jener Zeit 
(1826 bis 1835) standen mir nicht zu Gebote. Die Heidelberger Studenten- 
verzeichnisse in den betreffenden Wintersemestern weisen aber folgende 
Frequenzzahlen an Medizinern, Chirurgen und Pharmazeuten auf: 1826/27: 
115; 1827/28: 132; 1828/29: 150; 1829/30: 200; 1830/31: 225; 1831/32: 276; 
1832/33: 256; 1833/34: 178; 1834/35: 222. 

16. Bischoff, L. W. Th., Nervi accessorii Willisii anatomia et physio- 
logia. Commentatio. Darmstadii 1832. — Der betreffende Passus lautet: 
„Restat, ut antea viris doctissimis illustrissimis, Tiedemanno et Arnoldo, hie 
publice summas quas possum gratias referam, qui non modo consilio suo 
prudentissimo, sed etiam libris liberalissime me adjuverunt, nee quin ipsi 
interdum Interessent meis experimentis, recusarunt". 

17. Seubert, M. CG., De functionibus radicum anteriorum et posterio- 
rum nervorum spinalium. Commentatio praemio ornata. Carlsruhae 1833. 

18. Die definitive Ernennung zum Prosektor mit dem gleichen Gehalte 
wie bisher (400 Gulden jährlich) datiert vom 7. Nov. 1828 und ist vom 
Großherzog Ludwig eigenhändig unterzeichnet und mit dessen großem Siegel 
versehen. Als Beginn der definitiven Anstellung wird der 1. November 
angegeben. 

19. Die medizinischen Zeitschriften Deutschlands und des Auslands, 
namentlich von Frankreich, berichten zum Je\\ in großer Ausführlichkeit 
über die Veröffentlichungen Arnolds. 

7* 



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100 Max Fürbringer [100 



-OW- 



20. Die betreffende Eröffnung des engeren Senates der Universität 
vom 26. Mai 1833, unterzeichnet vom Prorektor Roßhirt, lautet: „Dem Herrn 
Prosector Fr. Arnold wird in Gemäßheit Ministerialerlasses vom 6. Mai 
No. 5250 eröffnet, daß Seine Königl. Hoheit der Großherzog nach höchster 
Entschließung aus Großherzogl. Staatsministerium vom 24. April No. 1027 
gnädigst geruht haben, ihm eine, vom I.Juni 1833 anfangende Besoldungs- 
zulage von 200 Gulden zu bewilligen unter der Verpflichtung, Vorlesungen 
über vergleichende Anatomie zu halten und die Vervollständigung der ana- 
tomischen Sammlungen zu besorgen. Zu letzterem Zweck wird eine jähr- 
liche Summe von 150 bis 200 Gulden für nöthige Anschaffungen und etwa 
erforderliche Aushülfe bei seinen Verrichtungen aus den heimgefallenen 
Besoldungen der Professoren Schclver und Leuckhard ausgeschieden und 
disponibel gehalten werden.*" 

21. Die Ernennung zum außerordentlichen Professor wurde von Groß- 
herzog Leopold am 3. Januar 1834 vollzogen; das Diplom trägt die eigen- 
händige Unterschrift und das große Siegel des Großherzogs. -— Eine Eröff- 
nung des engeren Senates der Universität vom 22. Januar 1834 teilt mit, 
daß durch die am 27. Dezember 1833 von Seiner Königlichen Hoheit erfolgte 
Ernennung die Stellung zu dem Direktor der anatomischen Anstalt nicht 
verändert werde. „Zugleich wird in Folge hoher Ministerial-Entsch ließung 
vom 3. Januar 1834 No. 54 bemerkt, dass dem Professor Arnold, um seinen 
Obliegenheiten als Lehrer der vergleichenden Anatomie und der ihm als 
Prosector obliegenden Verpflichtung, für die Erweiterung der vergleichend 
anatomischen Sammlung, sowie aller übrigen anatomischen öffentlichen 
Sammlungen unter der Leitung des Geheimen Raths Tiedemann zu sorgen, 
gehörig Genüge leisten zu können, in seiner Eigenschaft als Prosector und 
bei den ihm als solchem aufgetragenen Verrichtungen die geeignete Ver- 
wendung der Assistenten überlassen bleibt". 

22. Die Kinder von Friedrich Arnold und Ida geb. Gock sind: 1. Ida, 
geboren zu Heidelberg am 14. Mai 1831, mit dem Anatomen Geheimrat 
Professor Karl Gegenbaur in Heidelberg verehelicht; 2. Julius, geboren 
zu Zürich am 19. August 1835, zur Zeit Großh. badischer Geheimrat und 
Direktor des pathologisch-anatomischen Instituts in Heidelberg; 3. Erminia, 
geboren in Freiburg i. B. am 18. März 1841, mit Amtsverwalter Dr. Werner 
in Ritzebüttel verehelicht, gestorben 1893; 4. Leontine, geb. in Freiburg i. B., 
starb im I. Lebensjahre; 5. Frida, geboren in Stuttgart am 27. Oktober 1849, 
in Heidelberg wohnhaft. 

23. Das Berufungsschreiben lautet : „Der Erziehungsrat des eidgenössi- 
schen Standes Zürich beruft durch gegenwärtige Urkunde an die Zürcher- 
ische Hochschule als ordentlichen Professor in der medicinischen Pacultät 



101] Friedrich Arnold. 101 



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mit vorzüglicher Hinsicht auf Anatomie, und als Director der anatomischen 
Anstalt, den Herrn Professor Dr. Arnold in Heidelberg. Der aus- 
gesetzte fixe Gehalt, welcher mit dem zweiten Quartal des Jahres 1835 
anfängt, beträgt jährlich 2200 Schweizer Franken. Von diesem fixen Ge- 
halte werden dem Herrn Professor Dr. Arnold im Falle unverschuldeter 
Dienstunfähigkeit zwei Dritttheile als Ruhegehalt zugesichert, mit dem Rechte, 
diesen Ruhegehalt an jedem Aufenthaltsorte nach eigener Wahl zu genießen. 
Ebenso werden die allen geistlichen und weltlichen Beamten durch § 11 der 
Verfassung, sowie die den Professoren an der Hochschule durch das Gesetz 
vom 28. September 1832 zugesicherten Rechte dem Herrn Professor Dr. Arnold 
durch gegenwärtige Urkunde gewährleistet, wogegen derselbe die durch das 
nämliche Gesetz für die Professoren an der Hochschule festgesetzten Pflichten 
nebst derjenigen, für die Erweiterung und Vervollständigung der anatomischen 
Sammlung zu sorgen, übernehmen wird. Zürich, den 6. Dezember 1834. 
Der Präsident des Erziehungsrates Joh. Hirzei, der erste Sekretär Escher." 

24. Das Angebot der badischen Regierung ist in folgendem Erlaß des 
Ministeriums des Innern vom 13. Dezember 1834, No. 12732, enthalten: 
„Von der höchsten Entschließung aus Großherzogl. Höchstpreißlichem 
Staatsministerium vom 4. ds. Mts. No. 2370, wonach Seine Königliche 
Hoheit gnädigst geruht haben, dem ausserordentlichen Professor der Anatomie 
Dr. Arnold in Heidelberg eine Besoldung von 300 Gulden vom 1. Februar 
künftigen Jahres an für den Fall seines Verbleibens daselbst zu bewilligen 
und dem Ministerium die weitere Bestimmung seines Dienstverhältnisses, 
bezüglich auf den Vorschlag der medicinischen Fakultät zu überlassen ge- 
ruht haben, erhält das academische Directorium zu Heidelberg mit dem 
Anfügen Nachricht, daß man die Vorschläge der medicinischen Facultät 
ad I. ihres Berichtes vom 26. November d. J. unter Vorbehalt nach Gut- 
finden zu treffenden Abänderungen genehmige, jedoch wünschen müsse, 
daß womöglich der Gehalt des Assistenten von 100 Gulden auf die Instituts- 
kasse übernommen werde". 

25. Der Briefwechsel zwischen dem Erziehungsrat und Arnold gibt 
allenthalben deutlich Kunde, daß Arnolds Bestrebungen, den Stand der 
Züricher anatomischen Anstalt zu verbessern, nicht nur freundlichstes und 
dankbarstes Entgegenkommen, sondern unausgesetzte tatkräftige Unter- 
stützung nach Maßgabe der Leistungsfähigkeit des Kantons Zürich fanden. 

26. Laut der Ernennungsurkunde vom 3. März 1838 war Friedrich 
Arnold von dem Erziehungsrat für die Amtsdauer von zwei Jahren (von 
Ostern 1838 bis ebendahin 1840) zum Rektor der Hochschule gewählt 
worden, infolge seiner vielen Arbeiten für das anatomische Institut trat im 
zweiten Jahre sein medizinischer Kollege von Pommer als Rektor für ihn ein. 



102 Max Furbringer [102 






27. Der Güte der Herren Dr. H. Weber, Oberbibliothekar der Kantons- 
universitätsbibliothek und Dr. R. Hoppeler, Staatsarchivar, beide in Zürich, 
verdanke ich die Vorlesungsverzeichnisse und die Statistik der Universität 
Zürich von 1833 bis 1883, ausführliche Mitteilungen über die Frequenz- 
verhältnisse der Hochschule, der medizinischen Fakultät und des Besuches 
der einzelnen daselbst gehaltenen Vorlesungen, sowie Friedrich Arnold be- 
treffende Auszüge aus den üniversitätsakten. 

28. Vergl. A. von Kölliker, Erinnerungen aus meinem Leben. Leipzig 
1899 p. 7. 

29. Insbesondere in dem Schreiben vom 23. März 1839: „Nach An- 
hörung dieses Berichtes (von Arnold) hat der Erziehungsrath beschlossen : 
1. Die Rechnung über die Venvendung der Credite für die anatomischen 
Sammlungen wird dem Cantonschulveru'alter Übermacht, um dieselbe als 
Beleg seiner Rechnung beizufügen. 2. Dem Herrn Professor Dr. Friedrich 
Arnold wird der aufrichtigste Dank der Behörde bezeugt für die Sorgfalt 
und Thätigkeit, womit derselbe im Jahre 1838 eine so werthvolle Bereicherung 
der anatomischen Sammlungen zu Stande gebracht hat. Indem der Er- 
ziehungsrath den vollen Werth dieser Leistungen anerkennt, empfiehlt er 
diese Sammlungen der ferneren Sorgfalt des Herrn Professor Arnold. 
3. Dem Prosektor, Herrn Dr. Hodes, wird für die hierbey geleisteten Dienste 
eine Gratification von 240 Franken zugestellt." 

30. Dieser Beschluß des Erziehungsrates vom 6. Juli 1839, unter Vor- 
behalt der (danach wirklich erfolgten) Bestätigung durch den H. Regierungs- 
rat, ist so bemerkenswert, daß ein Abdruck seiner einzelnen Passus nicht 
überflüssig erscheint : 

„1. Dem Herrn Professor Dr. Friedrich Arnold, Director der anatomi- 
schen Anstalt und der zu derselben gehörenden Sammlung, wird auf die 
Dauer von zehn Jahren die Stellung und die Rechte als Director der 
anatomischen Anstalt und deren Sammlungen zugesichert, sowie das Recht 
der Verfügung über einen den Bedürinissen der anatomischen Anstalt an- 
gemessenen Credit, unabhängig von allfälligen Veränderungen in dem Be- 
stände und der Organisation der Hochschule. 

2. Herr Professor Dr. Arnold behält daneben seine bisherige Stellung 
als Professor an der Hochschule unter denselben Verpflichtungen und 
Rechten bei. Sollten hingegen Veränderungen in der Organisation des 
ünterrichtswcsens eintreten, wodurch an die Stelle der Hochschule eine 
bloße medicinische Academie oder Institut treten würde, so kann Herr 
Professor Dr. Arnold nicht verpflichtet werden, als Lehrer an dieser unter- 
geordneten Anstalt Theil zu nehmen, und es dauern einzig seine Verpflich- 
tungen als Director der Anatomie und deren Sammlungen fort, unter Zu- 
sicherung seines bisherigen Gehaltes von 2200 Schweizerfranken. 



103] Friedrich Arnold. 103 



3. Auf den Fall der Errichtung einer eidgenössischen Hochschule ist 
Herr Professor Dr. Arnold nur dann zu Beybehaltung seiner Stellung als 
Professor verpflichtet, wenn die eidgenössische Hochschule nach Zürich 
verlegt wird. Sollte dieselbe an einen anderen Ort verlegt werden, so tritt 
der in § 1 vorgesehene Fall ein, die anatomische Sammlung bleibt gemäß 
demselben unverändert unter der darin festgesetzten Leitung. 

4. Sollte Herr Professor Dr. Arnold infolge einer Aufhebung der 
hiesigen Hochschule und der Verlegung einer eidgenössischen Hochschule 
an einen anderen Ort auch die Directorstelle der hiesigen anatomischen 
Anstalt niederlegen, so bleibt ihm der bey der Berufung an die Zürcherische 
Hochschule zugesicherte Ruhegehalt auf so lange zugesichert, als derselbe 
nicht einen Ruf an eine andere Lehranstalt annimmt. 

5. Dagegen verpflichtet sich Herr Professor Dr. Arnold, so lange seine 
Stellung als Director der anatomischen Anstalt fortdauert, nach Möglichkeit 
für die Vermehrung und Vervollkommnung der anatomischen Sammlungen 
tätig zu sein, und sich der Leitung und Besorgung der gesamten anatomi- 
schen Anstalt zu Beförderung der Wissenschaft und im Interesse der 
Studirenden nach besten Kräften zu widmen. 

6. Der Staat behält sich in allen Fällen für die angestellten Lehrer 
die freye Benutzung der anatomischen Sammlungen zum Unterricht vor, 
wobey jedoch jene für die gute Erhaltung der Präparate verantwortlich sind 
und der Direktor in seiner Stellung und in seinen Rechten nicht beeinträch- 
tigt werden darf. 

7. Dem Herrn Professor Dr. Arnold steht der Austritt aus dem hiesigen 
Staatsdienste gegen Entsagung auf den Ruhegehalt zu jeder Zeit frey. 

Zürich, den 6. July 1839. 

Der Präsident des Erzieh ungsrathes: Joh. Hirzel, 
der erste Sekretär: Esc her." 

31. Prosektor Dr. Hodes hatte am 2. Oktober 1839 aus Gesundheits- 
rücksichten den Erziehungsrat um Entlassung aus seiner Stelle gebeten 
und diese Entlassung war ihm von dem Erziehungsrat am 16. Oktober ge- 
währt worden. Diese Entscheidung wurde auf Zuschrift von Professor 
Arnold, der Hodes zu einem weiteren Bleiben in seiner Stellung bewogen 
hatte, am 4. November wieder vom Erziehungsrat zurückgenommen und 
Hodes in seiner Prosektur bestätigt. 

31 a. Für die Herstellung der Injektionspräparate spricht Arnold seinem 
Prosektor Dr. Hodes seinen warmen Dank aus. 

32. Schreiben des Kurators der Universität Freiburg v. Reck vom 
8. Februar 1840. In demselben wurde Arnold eine jährliche Besoldung von 
1500 Gulden angeboten. 



104 Max Fürbringer [104 



53. Die Anstellungsurkunde lautet: „Leopold, von Gottes Gnaden 
Großherzog von Baden, Herzog von Zähringen. Wir haben Uns gnädigst 
bewogen gefunden, dem Professor Dr. Arnold in Zürich die Lehrkanzel 
der Anatomie an der Universität Freiburg verbunden mit der Leitung des 
anatomischen Instituts, unter Verwilligung einer vom Tage seines Dienst- 
antritts beginnenden Besoldung von 1500 Gulden jährlich huldreichst zu 
übertragen, und versichern ihn dessen durch gegenwärtige, von Uns eigen- 
händig unterzeichnete und mit dem Staatssiegel versehene Urkunde. Gegeben 
Karlsruhe, den 3. März 1840. Leopold." — Das übliche von dem Prorektor 
Werk unterzeichnete Schreiben des Senates der Universität Freiburg ist 
vom 5. März datiert. 

34. Die Gesamtzahlen der Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten 
Freiburgs in den Semestern von 1840 bis 1845 bewegen sich innerhalb der 
Grenzen von 72 bis 99. 

35. Kobelt widmete auch seine 1844 erschienene Abhandlung über die 
männlichen und weiblichen Wollustorgane des Menschen und einiger Säuge- 
tiere unter aufrichtigstem Danke für die ihm gewährte Unterstützung seinem 
„hochverehrten Lehrer Professor Dr. Friedrich Arnold". 

36. Für die gütige Mitteilung der in jener Zeit erschienenen medizini- 
schen Dissertationen bin ich den Herren Geh. Hofrat Dr. Ziegler, d. z. Dekan 
der medizinischen Fakultät, Herrn Dr. Eckhardt von der Universitäts- 
bibliothek und Herrn Universitätssekretär Friedemann zu aufrichtigem 
Danke verpflichtet. 

37. Der vom 23. Januar 1843 datierte Brief des Tübinger Kanzlers 
enthält in höherem Auftrage die Anfrage, ob und unter welchen Bedingungen 
Arnold geneigt sein würde, die ordentliche Professur der Physiologie und 
Anatomie des Menschen anzunehmen, bemerkt, daß die Regierung sehr be- 
müht ist, auf jede Weise, namentlich auch durch Erweiterung der einzelnen 
Institute und Erhöhung ihres Etats, das medizinische Studium an der 
Universität zu fördern, macht Mitteilungen über die zunehmende Frequenz 
und schließt: „In hohem Grade erfreuen würde es mich, wenn ich von 
Ihnen bald mit einer beifälligen Antwort beehrt und dadurch die Aussicht 
erhalten würde, einen so ausgezeichneten Gelehrten für unsere Universität 
zu gewinnen". 

38. Auch wurde ihm vom Großherzog nach höchster Entschließung 
aus Großh. Staatsministerium vom 16. Februar 1843 infolge der Ablehnung 
der Berufung nach Tübingen eine jährliche Zulage von 500 Gulden zu den 
bisherigen 1500 Gulden gewährt. 

39. Der betreffende Kuratelerlaß datiert vom 11. Oktober 1844 und 
teilt mit, daß der Großherzog nach höchster Staatsministerialentschließung 



105] Friedrich Arnold. 105 



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vom 20. September geruht habe, die Direktion über das vergleichende 
anatomische Kabinett dem Professor Dr. Arnold übertragen und diesem 
Lehrer auch die Physiologie als Nominalfach zuzuweisen, den Prosektor 
Kobelt zum außerordentlichen Professor zu ernennen und zu genehmigen, 
daß demselben die Vorträge über vergleichende und pathologische Anatomie 
unter Beibehaltung seiner Funktionen als Prosektor übertragen werden. 

40. Der Fasciculus III der Icones anatomicae, welcher Abbildungen 
der Eingeweide bringen sollte, ist nicht erschienen. 

41. Die den Ruf nach Tübingen enthaltenden Schreiben des Ministeriums 
des Innern sind vom 24. Oktober und 8. November 1844 datiert und teilen 
mit, daß Seine Königliche Majestät vermöge liöchster Entschließungen vom 
23. Oktober und 6. November den Professor Arnold auf die ordentliche 
Lehrstelle für Anatomie des Menschen und für Physiologie mit der be- 
sonderen Verpflichtung, für die Ergänzung des anatomischen und physio- 
logischen Kabinetts der Universität durch die nötigen Präparate zu sorgen, 
gnädigst berufen haben, und zwar mit einem Gehalt erster Klasse von 1400 
Gulden, wozu noch eine persönliche Zulage von 600 Gulden komme, mit 
Einrechnung der seit seiner ersten pensionsberechtigten Anstellung in Hei- 
delberg abgelaufenen Dienstjahre, mit einer Aversalvergütung von 500 Gulden 
für ümzugskosten und mit der Aufstellung eines in der Chemie und in 
chemischen Arbeiten tüchtigen Assistenten am physiologisch-anatomischen 
Institut unter den gleichen Verhältnissen wie die Assistenzärzte der Klinik 
und nach dem Vorschlage des Herrn Professors Arnold. — Das eigentliche 
Berufdngsschreiben ist vom 9. November 1844 und vom Kanzler der Univer- 
sität Dr. C. G. Waechter unterzeichnet. 

42. Am 3. März wurde ihm eine Adresse und am 4. März ein Fackel- 
zug von der Studentenschaft dargebracht. Erstere und die bei Gelegenheit 
der letzteren gehaltene Rede geben der unwandelbaren Liebe und Hoch- 
achtung für den teuren unvergeßlichen Lehrer wärmsten Ausdruck und 
feiern namentlich seine Verdienste als unerschütterlicher Kämpfer für das 
Gedeihen der Freiburger Universität, als tiefer und wahrheitsliebender 
Forscher im Gebiete einer großartigen Wissenschaft, als rastloser, auf- 
opfernder Lehrer, dessen edle Humanität allgemeine Anerkennung ge- 
funden habe. 

43. Die semestrale Zahl der Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten 
Tübingens schwankte in den Jahren 1845 bis 1852 zwischen 86 und 137; 
der Anstieg über 130 fällt in die Jahre 1851 und 1852 (vgl. damit Anm. 34). 

44. A. Froriep (Zur Geschichte der anatomischen Anstalt zu Tübingen, 
Braunschweig 1902) teilt p. XI, XII das 1852 bei Arnolds Abgange vom 
Dekan der medizinischen Fakultät Hugo Mohl aufgesetzte Protokoll über 



106 Max Fürbringer [106 



die Abgabe der Anstalt mit. Darin heißt es: „Die von Prof. Arnold mit 
Ausnahme von verhältnißmäßig wenigen, aus früherer Zeit herstammenden 
Präparaten neu angelegten Sammlungen befanden sich in vollkommen ge- 
ordnetem Zustande; auch waren vollständige Kataloge über dieselben vor- 
handen. Diese Sammlungen zerfallen in zwei Abtheilungen. A. Anatomi- 
sches Kabinett. 1. Präparate über normale Anatomie, 660 Nummern; 
2. Präparate über pathologische Anatomie, 1132 Nummern. B. Physio- 
logisches Kabinett. 1. Apparate und Instrumente, 88 Nummern; 
2. Präparate, 34 Nummern." „Es ist sehr zu bedauern", fährt Froriep fort, 
„daß dieser Arnoldsche Katalog nicht aufbewahrt worden, sondern, wie es 
scheint, nach der Anfertigung des Luschka-Dursyschen (1857) verloren ge- 
gangen ist Denn die in dem Protokoll erwähnten 660 Nummern über nor- 
male Anatomie bilden zweifellos den Grundstock der heutigen Sammlung, 
auf welchem alle nachfolgenden Beamten der Anstalt weitergebaut haben." 

45. Professor der medizinischen Klinik und danach der deskriptiven 
Anatomie an der medizinischen Schule von Kasr-el-AYn in Ägypten. 

46. Th. Bilharz, Das elektrische Organ des Zitterwelses, anatomisch 
beschrieben, Leipzig 1857. Die Widmung lautet: „Seinem theuern Lehrer 
Friedrich Arnold in hoher Verehrung und Dankbarkeit" und das Vorwort 
schließt: „Endlich ergreife ich eine längst ersehnte Gelegenheit, meinen 
tiefgefühlten Dank dem Manne öffentlich darzubringen, welcher einst, durch 
die großartige Plastik seiner anatomischen Vorträge, wie durch die an- 
regende Einwirkung seiner Persönlichkeit im Präpariersaale und am Mikro- 
skoptische das Grubenlicht der anatomischen Forschung mir angezündet hat". 

47. Luschka, H., Die Nerven in der harten Hirnhaut, Tübingen 1850; 
Die Nerven des menschlichen Wirbelkanales. Tübingen 1850. — Betz, Fr, 
Das Achsensystem des menschlichen Körpers. Frorieps neue Notizen 1848; 
Über den Primordialschädel des Menschen. Ibidem 1848; Über den Uterus 
masculinus. Müllers Archiv 1850. — Krais, A., Die chirurgische Anatomie 
der Ellenbogenbeuge mit besonderer Rücksicht auf das Aderlassen. Diss. 
inaug. Tübingen 1847. — Leisinger, J., Anatomische Beschreibung eines 
kindlichen Beckens von einem 25 Jahre alten Mädchen. Diss. inaug. 
Tübingen 1847. — Für die Kenntnisnahme der Dissertationen bin .ich den 
gütigen Bemühungen des Dekans der medizinischen Fakultät in Tubingen, 
Herrn Prof. Dr. Wollenberg, sowie der Herren Oberbibliothekar Dr. Geiger 
und Bibliothekar Dr. Gradmann zu großem Danke verpflichtet. 

48. Das genauere Jahr dieser Ernennung konnte nicht eruiert werden. 

49. Das Berufungsdekret lautet: „Friedrich, von Gottes Gnaden, Prinz 
und Regent von Baden, Herzog von Zähringen. Wir haben Uns aller- 
gnädigst bewogen gefunden, den Professor Arnold zu Tübingen zum ordent- 



107] Friedrich Arnold. 107 



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liehen Lehrer der Anatomie und Physiologie und Direktor der anatomischen 
und physiologischen Anstalt an der Universität Heidelberg unter Verleihung 
des Charakters als Geheimer Hofrat und einer Besoldung von jährlich 
2800 Gulden zu ernennen, ihm die Anrechnung seiner außerhalb des Groß- 
herzogtums verbrachten Dienstzeit zu gestatten mit der Verpflichtung: die 
zum Unterricht in der Anatomie und Physiologie noturendigen Vorträge 
über mikroskopische Anatomie und spezielle physiologische Anatomie im 
Winter, über Experimentalphysiologie und Entwicklungsgeschichte im Sommer 
zu halten; — die praktischen Übungen im Präparieren im Winter, in mikro- 
skopischen und physiologischen Arbeiten im Sommer zu leiten; — endlich 
ein physiologisches Kabinett mit einem Laboratorium, nach dem gegen- 
wärtigen Standpunkte der Physiologie einzurichten; — und versichern ihn 
dessen durch gegenwärtige, von Uns eigenhändig unterzeichnete, mit dem 
Staatssiegel versehene Urkunde. Gegeben Karlsruhe, den 30. Juli 1852. 

Friedrich." 

50. Wilhelm Arnold hatte ein Jahr nach Friedrichs Weggange von Zürich 
auch seine dortige Professur 1841 aufgegeben und war nach Heidelberg 
übergesiedelt, wo er sich als praktischer Arzt niederließ und zugleich 
mit wissenschaftlichen Arbeiten auf physiologischem und therapeutischem 
Gebiete beschäftigte. Bis zu seinem im Jahre 1873 erfolgten Tode stand 
er zu seinem Bruder Friedrich in den nächsten Beziehungen. 

51. Schreiben des engeren Senates der Universität vom 9. August 1852. 

52. Ministerialschreiben vom 11. August 1852. 

53. In den letzten Tagen des August erfolgte die Übernahme der 
anatomischen und physiologischen Anstalt von Henle, am 31. August die 
Vereidigung als Professor durch den Exprorektor Geh. Hofrat Prof. Zell. 

54. Ein lebendiges Bild der damaligen Verhältnisse der Heidelberger 
medizinischen Fakultät geben Fr. Merkel, Jakob Henle, ein deutsches Ge- 
lehrtenleben. Braunschweig 1891, p. 212—276; K. E.Hasse, Erinnerungen aus 
meinem Leben. Als Manuskript gedruckt. Braunschweig 1893 (2. Aufl. 1903), 
und A. Kuß maul. Aus meiner Dozentenzeit in Heidelberg. Herausgegeben 
von V. Czerny. Stuttgart 1903. 

55. Henle hat dem mehr drastisch als maßvoll Ausdruck verliehen. 
Vergl. Fr. Merkel, Jakob Henle 1891. p. 214 f. 

56. Vergl. Anm. 15. 

57. Unter den nebenher bestehenden Professoraten von Tiedemann 
und Henle war die Trennung beider Fächer schon vollzogen, nachher aber 
wieder aufgehoben worden. 

58. Vergl. in Anm. 49 den Wortlaut des Berufungsdekretes. 

59. Laut Ministerialschreiben vom 13. August 1852. 



1 



108 Max Fürbringer [108 

60. Die Preisfrage von 1853 lautet: „Experimentis doceatur, quaenam 
sint pulmonum mutationes post nervorum vagorum sectionem, numque 
mutationes eodem modo eodemque tempore in animalibus fistula tracheali 
praeditis atque in illis sine fistula tracheali exoriantur'" und wurde von 
Leopold Arnsperger aus Pforzheim und Wilhelm Wundt aus Neckarau be- 
antwortet. — Die Preisfrage von 1858: „Quaeritur, num secundum genesin 
et structuram plures corporum luteorum species in foeminae ovario disccrni 
queant atque, discerni si possint, quamnam rationem et dignitatem physio- 
logicam et forensem illae habeant*" fand durch Joh. Martin Fehr aus Lahr 
Beantwortung. — Die Preisfrage von 1863: „Ordo medicorum postulat 
perscrutationem anatomicam et comparativam annuli ciliaris in mammalibus 
aeque atque in homine, ratione inprimis habita partium muscularium** wurde 
von Georg Eduard Meyer aus Bremen gelöst. 

61. Die betreffende höchste Entschließung Seiner Königlichen Hoheit 
des Großherzogs aus Großh. Staatsministerium datiert vom 30. März 1872 
und bewilligt eine jährliche Besoldungszulagc von 300 Gulden vom 1. No- 
vember 1871 ab. 

62. Vergl. auch A. Kuß maul, Aus meiner Dozentenzeit in Heidelberg, 
p. 55 und 57. 

63. Vergl. auch Text dieser Biographie p. 70, 71. 

64. Die sogenannten „Gothaner", eine gemäßigt liberale Partei, die in 
den Jahren vor 1848 und 1849 eine sehr verdienstvolle Tätigkeit ausübte, 
aber nach und nach ihre politische Bedeutung verlor. Sie hatte aber be- 
deutende und bei dem damaligen Ministerium in Karlsruhe recht einfluß- 
reiche Männer unter ihren Mitgliedern. 

65. Diese allerhöchste Entschließung vom 27. Februar wurde durch 
Ministerialschreiben vom 4. März dem engeren Senate der Universität und 
von diesem am 8. März Arnold mitgeteilt. Die Pensionssumme wurde 
durch Verordnung des Ministeriums der Finanzen vom 22. Dezember zu 
2560 Gulden jährlich, am 1. Oktober 1873 beginnend, fixiert. 

66. Die Deputation, bestehend aus dem Dekan Friedreich und den 
Professoren Lange und Becker, wurde am 13. März 1873 von Arnold 
empfangen. Auf die Ansprache des Dekans gab dieser als wesentlichen 
Grund für seinen Abgang den Mangel jeder wirksamen und erleichternden 
Unterstützung in seiner Berufsarbeit an, dankte der Fakultät für die ihm 
wohltuende Aufmerksamkeit und fügte die Versicherung bei, daß er auch 
nach seinem Scheiden derselben mit der alten Anhänglichkeit und Freund- 
schaft zugetan bleiben werde. 

67. Die Ansprache wurde von stud. med. Karl Reinert gehalten. Sic 
schließt mit den Worten: „Aber nicht wir allein, die wir heute vor Ihnen 



109] Friedrich Arnold. 109 



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versammelt sind und nur die verschwindende Minorität von der großen 
Anzahl bilden, die vor uns in diesen Räumen Ihren Vorträgen gelauscht, 
hegen jenes tiefe Gefühl der Verehrung für Sie. Mit Fug und Recht darf 
ich in diesem Augenblick behaupten, daß alle älteren und neueren Gene- 
rationen, wäre Ihr Austritt früher oder später aus diesen Räumen erfolgt, 
Ihnen bei Ihrem Scheiden dieselben Worte zugerufen hätten, die ich Ihnen 
heute im Namen meiner Kommilitonen zurufe: «Wir achten Sie, wir lieben 
Sie!» — Und so sehen Sie denn, als Zeichen unserer geringsten Dankbar- 
keit, jenes Auditorium, in welchem Sie während so vieler Jahre die Jugend 
auf den Pfad Ihrer Wissenschaft gelenkt und geleitet haben, mit Kränzen 
und Blumen geschmückt; unserer Achtung, unserer Ehrerbietung jedoch für 
Sie, Herr Hofrat, konnten wir einzig und allein nur Ausdruck verleihen 
durch jenes Bild hier. — Mögen die Züge jenes edlen, biedern und ein- 
fachen Charakters unseren Nachfolgern hier in diesen Hallen dieselbe Ach- 
tung, dieselbe Ehrfurcht einflößen, welche in uns der lebende Mann er- 
weckt hat, der Mann, der heute noch in voller Rüstigkeit vor uns steht 
und dem wir von ganzem Herzen noch ein langes Leben wünschen. — 
Dies der Wunsch Ihrer Sie aufrichtig liebenden und hochachtenden Schüler 
für den heutigen Tag." 

68. K. Barde leben, Friedrich Arnold. Anatom. Anzeiger V. 1890. 
p. 397—405. 

69. Die Gedenktafel besteht aus schwarzem Granit und enthält in 
bronzenen Buchstaben die Worte: „Hier lehrte und arbeitete Friedrich 
Arnold 1826—1835 und 1852—1873", dazu zwei Lorbeerzweige. Die Feier 
fand in Gegenwart der Familie, des Vertreters des Ministeriums, des Pro- 
rektors und der beiden Dekane der medizinischen und naturwissenschaftlich- 
mathematischen Fakultät, zahlreicher Mitglieder der medizinischen Fakultät, 
vieler auswärtigen und einheimischen früheren Schüler Arnolds, sowie 
Assistenten und Studenten der Medizin in dem geschmückten Auditorium der 
anatomischen Anstalt statt. Die Gedächtnisrede hielt der derzeitige Direktor 
des anatomischen Institutes, Geh. Hofrat Prof. M. Fürbringer, woran sich 
die Niederlegung von Kränzen seitens der medizinischen Fakultät durch 
deren Dekan Hofrat Prof. O. Vierordt, der Direktoren der anatomischen 
Anstalten zu Zürich, Freiburg i. B. und Tübingen durch Prof. Göppert i. A., 
der Beamten des Heidelberger Institutes durch Prof. Braus, der Medizin- 
studierenden Heidelbergs durch cand. med. E. Otto mit entsprechenden 
Ansprachen, sowie in längerer Rede der Ausdruck des Dankes der Familie 
durch Friedrich Arnolds Sohn Geheimrat Prof. Julius Arnold anschloß. Die 
Anatomiedirektoren von Zürich, Freiburg und Tübingen hatten zugleich 
eine künstlerisch ausgestattete Adresse zur Erinnerung an Friedrich Arnold 



110 Max Fürbringer, Friedrich Arnold. [110 



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eingesendet. Dieselbe lautete: „Zur Feier des festlichen Tages, an welchem 
in Erinnerung an den vor hundert Jahren zu Edenkoben geborenen 
Friedrich Arnold im anatomischen Institut zu Heidelberg eine Gedenk- 
tafel errichtet wird, vereinigen sich auch die Direktoren der anatomischen 
Anstalten in Zürich, Freiburg i. B. und Tübingen zur Huldigung des ver- 
dienten Anatomen. An diesen Anstalten entfaltete derselbe in den Jahren 
1835—1852 bis zu seiner Übersiedelung nach Heidelberg eine vielgepriesene 
Lehrtätigkeit und knüpfte an dieselben den wissenschaftlichen Ruhm seines 
Namens. Im treuen Gedenken an die Tätigkeit dieses Mannes, welchen sie 
als hervorragenden Lehrer, als den schlichten Menschen und als vornehmen 
Forscher gleich hoch schätzen, legen die Unterzeichneten In aufrichtiger 
Verehrung heute einen Kranz nieder. Zürich, Freiburg, Tübingen, Prof. 
Dr. G. Rüge. Prof. Dr. R. Wiedersheim, Prof. Dr. A. Froriep, den 8. Januar 1903." 

70. Die Anbringung dieser Tafel wurde durch Beschluß des Stadtrats 
vom 18. Dezember 1902 auf den 9. Januar 1903 angesetzt, aber auf später 
(August 1903) verschoben. Sie wird die Worte tragen: „In diesem Hause 
wurde am 9. Januar 1803 der berühmte Anatom und Physiolog Fried- 
rich Arnold, Professor an den Universitäten Zürich, Freiburg, Tübingen 
und Heidelberg, geboren. Aus Anlaß seines hundertsten Geburtstages die 
dankbare Vaterstadt." 

71. Ich spreche damit keine Verurteilung der Naturphilosophie als 
solcher aus. Sie hat viel Anregung zur vergleichenden Betrachtung der 
Naturkörper und zum tieferen Eingehen in ihre kausalen Beziehungen ge- 
geben und damit viel Gutes gewirkt. Nur gegen ihre ganz gehaltlosen 
Auswüchse, die eine Zeitlang sich recht breitmachten, wende ich mich. 





F. A. May 
und die beiden Naegele 



von 



Ferdinand Adolf Kehrer. 



k-J« 



I^^lie Zusammenstellung der drei Männer, denen die 
/ |j|l folgenden Blätter gewidmet sind, ist nach mehreren 
^ "^'^' Richtungen hin berechtigt; einmal wegen ihrer ver- 
wandtschaftlichen Beziehungen, denn May war der Schwiegervater 
von Franz Naegele und dieser der Vater von Hermann Naegele; 
dann wegen der gegenseitigen Förderung in Bezug auf Lebens- 
stellung und Wissenschaft. Dem persönlichen Einfluß von May 
bei Hof und Universität war es zuzuschreiben, daß dem Kreis- 
physikus in Barmen, Franz Naegele, eine außerordentliche Pro- 
fessur an der Universität Heidelberg und späterhin die Leitung 
eines Instituts übertragen wurde, an dem er Gelegenheit fand, 
seine großen Talente in praktischer und wissenschaftlicher Be- 
ziehung zu entwickeln. Endlich war es Hermann Naegele ver- 
gönnt, unter der bewährten Leitung seines Vaters sich zu einem 
tüchtigen Geburtshelfer auszubilden. 

Die Lebensziele dieser drei Männer gingen jedoch insofern 
auseinander, als May fast ausschließlich praktische Zwecke ver- 
folgte, Naegele sen. vorzugsweise als Lehrer und Forscher tätig 
war, von Naegele jun. aber Wissenschaft und Praxis ziemlich 
gleichmäßig gepflegt wurden. 

Fcitsctirlft der Universität Heidelberg. [[. s 



IM Ferdinand Adolf Kehrer [4 

Wir betrachten zunächst den ältesten von den dreien 

Franz Anton May. 

Derselbe war geboren in Mannheim den !6. Dezember 1742; 
er stammte von einem Italiener Maggio ab, der das erbliche Amt 
eines kurfürstlfchen Kaminfegers bekleidete und seinen Namen in 
das deutsche Wort „May" übertragen ließ. Er studierte zuerst in 
Heidelberg Philosophie und wurde 7. September 1762 zum Dr. 
phil. ernannt; dann widmete er sich der Medizin, erhielt 1765 die 
ärztliche Lizenz, promovierte bald darauf als Dr. med. und wurde 
später Medizinalrat, ferner Correpetitor artium obstetriciarum in 
Heidelberg und Mannheim. Am 14. März 1773 ernannte ihn der 
Kurfürst zum Extraordinarius der medizinischen Fakultät bis zur 
Erledigung eines ordentlichen Lehrstuhls, dann am 17. März 1785 
an Stelle Schönmetzeis zum Hofmedikus und Lehrer der medi- 
zinischen Institutionen und der Hebammenkunst, sowie zum 
Physikus. Als Lehrer der Qeburtshülfe leitete er seit 1766 das 
„Accouchement" in Mannheim, welches 1805 nach Heidelberg 
verlegt wurde und lehrte außerdem Physik und Botanik. Er be- 
saß ein großes Areal an der jetzigen Theaterstraße und ein Haus, 
das heute der Mittermaierschen Familie gehört. Am Südende 
dieses Besitztums lag der von ihm begründete erste botanische 
Garten Heidelbergs. 

Auf sein Ansuchen wurde er am 2. Oktober 1807 sanes 
Lehrauftrages enthoben und starb als Tit. Qeheimrat am 22. April 
1814 in Heidelberg infolge einer Lungenentzündung. 

Die Verdienste Mays liegen weniger in seiner wissenschaft- 
lichen als praktischen Tätigkeit. Er hat keine rein wissenschaft- 
lichen Schriften hinterlassen, aber er ist einer der Ersten gewesen, 
welche populär medizinisch gewirkt haben. In dieser Beziehung 
sind zu erwähnen seine „medizinischen Fastenpredigten" oder 
„Vorlesungen über Körper- und Seelendiätetik ". Er hielt die- 




S] P. A. May und die beiden Naegele. 115 



selben im Mannheimer Schloß vor versammeltem kurfürstlichem 
Hof und geladenen Gästen. Darin entwickelt er tief durchdachte, 
von ernstem ethischem Geiste durchwehte Gedanken über die 
beste Gesundheitspflege. Er betont, daß wir den alten Germanen 
in Bezug auf Einfachheit der Lebensweise, Arbeitsamkeit und 
Reinheit der Sitten nachstreben sollten Indem er die ImmoralJtät 
der damaligen gebildeten Jugend auf das schärfste geißelt und die 
traurigen Folgen eines ausschweifenden Lebens für das Individuum 
und dessen spätere Familie drastisch schildert, kann er als ein 
älterer Vertreter der neuerdings wieder in den Vordergrund ge- 
tretenen Sitllichkeitsbestrebungen betrachtet werden. 

Das Buch „Stolpertus am Krankenbett", das anonym erschien, 
aber nach Kußmaul und anderen von ihm verfaßt worden ist, 
zeigt die vielerlei Verstöße und Fehler, welche angehende Ärzte 
am Krankenbett begehen, und lehrt, wie solche zu vermeiden seien. 

Außerdem hatte May große Verdienste bei Reorganisation der 
Heidelberger Universität, indem er vielfach durch seinen persönlichen 
Einfluß am Hofe die Berufung tüchtiger Lehrer veranlaßte. 

Als praktischer Arzt und Geburlshelfer, sowie als Mensch 
von tadellosen Sitten und Charakter erwarb er sich die allgemeine 
Achtung seiner Mitbürger, wie dies bei seinem Leichenbegängnisse 
deutlich hervortrat, wobei alle Stände und Konfessionen ver- 
treten waren. 

Vor mir liegt noch eine merkwürdige Broschüre, betitelt 
„Selbstbekenntnisse", worin er sich als einen Anhänger derstrengsten 
katholischen Lehren und begeisterten Jesuiten bekennt. Er ist 
tief durchdrungen von der Ethik des Christentums und betätigt 
in Wort und Schrift eine geradezu bewundernswerte Humanität, 
eine unerschütterliche Opferfreudigkeit und Nächstenliebe. 

Wahrlich, wären alle Bekenner der christlichen Lehre stets 
von solchem Geiste der Duldsamkeit und Nächstenliebe durch- 
drungen gewesen, so hätte die Geschichte niemals die Greuel des 




116 Ferdinand Adolf Kehrer [6 



religiösen Fanatismus zwischen den einzelnen Konfessionen zu 
verzeichnen gehabt! 



Franz Karl Naegele. 

Unter den Mitgliedern der Heidelberger medizinischen Fakultät 
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts muß der als Lehrer 
und Forscher gleich ausgezeichnete Dr. Franz Karl Naegele als 
einer der ersten genannt werden. 

Verdientermaßen prangt sein Name unter den 34 Universitäts- 
lehrern, welche an der Galerie unserer im Jahre 1886 renovierten 
Aula aufgezeichnet sind. 

Zunächst einiges aus seinem Lebensgange. 

Er war geboren zu Düsseldorf am 12. Juli 1778 als Sohn 
des Direktors der damals noch bestehenden medizinisch-chirur- 
gischen Schule. Bei dem jungen Naegele trat frühzeitig eine aus- 
gesprochene Neigung zur Heilkunde hervor, die von dem Vater 
gewürdigt und gepflegt wurde. Neben den humanistischen betrieb 
er frühzeitig propädeutisch-medizinische Studien, so daß es ihm 
möglich war, schon vor Eintritt in eine Universität als Prosektor 
und Repetitor in seiner Vaterstadt tätig zu sein. 

Er studierte zuerst in Straßburg, wo damals französische und 
deutsche Wissenschaft, sich gegenseitig befruchtend, glücklich ver- 
einigt waren, und eignete sich dort u. a. das an, was in seinem 
späteren Leben und auch in seinen Publikationen fiberall hervor- 
tritt, den französischen Esprit. 

Dann setzte er seine Studien in Freiburg i. B. und in Bam- 
berg fort. Letztere Universität war damals unter den vier 
fränkischen Hochschulen, zu denen Altdori, Erlangen und Würz- 
bürg gehörten, die hervorragendste. Hier erlangte er auch im 
Jahre 1800 den Doktortitel. 



7] F. A. May und die beiden Naegele. 117 



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Wir besitzen aus dem Jahre 1807 ein Schreiben, in welchem 
Brößlaub, der Lehrer Naegeles, ihn als einen „ausgezeichnet 
talentierten und pflichteifrigen Schüler" schildert. 

Nach Beendigung seiner Studien machte er eine wissenschaft- 
liche Reise. Von dieser zurückgekehrt, ließ er sich in Barmen 
als praktischer Arzt nieder und wurde zugleich Munizipalrat und 
Mitvorsteher einer Armenanstalt; in letzterer Stellung führte er 
wichtige Reformen durch, welche wegen ihrer Trefflichkeit in der 
Barmener und Elberfelder Armenpflege sich bis in die neueste 
Zeit erhalten haben. 

Auch wurde er als Physikus für Barmen und Beyenburg im 
Großherzogtum Berg angestellt. 

Er beschäftigte sich mit besonderer Vorliebe mit Geburtshülfe 
und unterrichtete angehende Chirurgen und Hebammen. 

Naegele wurde nach Heidelberg als Extraordinarius für Phy- 
siologie und Pathologie am 30. März 1807 berufen. Er hielt 
Vorlesungen über Therapie, theoretische und praktische Geburts- 
hülfe, über medizinisch-gerichtliche Kasuistik und leitete die prak- 
tischen Übungen im Heidelberger Gebärhause. Er besorgte seit 
28. März 1809 als Sekundärarzt des seit 21. Januar 1806 dem 
Geheimrat May beigegebenen, aber niemals tätig gewesenen 
Dr. Heger die Direktionsgeschäfte des „Accouchement". 

Auf sein Ansuchen und auf Empfehlung seines Schwieger- 
vaters May wurde er durch Ministerialerlaß vom 25. Juni 1810 
zum Ordinarius ernannt. 

Vom Jahre 1810 — 1813 war Naegele Mitdirektor, dann alleiniger 
Direktor der Entbindungsanstalt, außerdem Hebammenlehrer und 
Kreisoberhebarzt, welch' letztere Stelle er 1838 zu Gunsten seines 
Sohnes niederlegte. 

Die Entbindungsanstalt befand sich zuerst neben der Anatomie 
und chirurgischen Poliklinik in dem geräumtenJDominikanerkloster 
(jetzt Friedrichsbau), später im Marstallgebäude (bis 1884). 



118 Ferdinand Adolf Kehrer [8 






Im Jahre 1815 wurde Naegele badischer Hof rat, 1820 Geh. 
Hof rat. am 2. August 1832 Geheimrat II. Klasse. Zum Prorektor 
wurde er erwählt von Ostern 1826 bis 1827. 

Nachdem er noch das Glück gehabt hatte, sein vierzigjähriges 
Dienstjubiläum zu feiern, starb er am 21. Januar 1851 in Heidel- 
berg, wo er bis zu seinem Tode gewirkt hat. 

Als Naegele seine Heidelberger Professur antrat, fand er einen 
in politischer und religiöser Umwandlung stehenden Kleinstaat, 
eine in der Reorganisation begriffene Universität mit kleinen Mitteln 
und Instituten. Aber der damalige Großherzog Karl Friedrich 
hatte das ernste Bestreben, der Universität ihren alten Glanz zu- 
rückzugeben; eine Aufgabe, welche seine fürstlichen Nachfolger 
in hochherziger Weise weitergeführt haben. Der neue Großherzog 
bedurfte frischer, geistvoller, vorurteilsloser und wahrheitsliebender 
Xlanner, um das von ihm angestrebte Ziel zu erreichen. In Naegele 
g[laubte er einen der Gesuchten gefunden zu haben, und die Er- 
fahrung von mehr als 40 Jahren hat gezeigt, daß die Wahl eine 
ll^äckikrhe gewesen ist. 

Werfen uir nun einen Blick auf den Stand der Medizin am 
Eroe des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, so können wir 
he^apcen. daß sie in einem gewissen Depressionszustand sich 
rean«! Der immergrüne Baum der reinen Empirie, welchen 
frtpci?knites und Galen geptlanzt, hatte zwzr im vorhergehenden 
,'anrtiundert sich kräftig weiter entwickeh unter der Pflege der 
4n3ilen Kliniker &3erhave, van S^^ieten. Peter Frank, Stahl, Reil 
i. i. loer es war. mit Kant zu reden« mehr die do0nuitische 
HB xie -irtische Seite entwickelt worden. ± h. num hatte Erschei- 
nmi^in. Hrnat Erkennung der Krankheiten genau beschrieben, 
iiszuiüci usr Bnsrehung d^er sich meist mit ittunoral-patholo- 
jüäcntrr rts^frffer. tjicht. Rheuma, Syphilis. Skrophulose» Scharfen 
L ofi. le^miiir z5 riieb der iweiten HJitfte des 19. Jahrhunderts 



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9] F. A. May und die beiden Naegele. 119 



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vorbehalten, gerade die Ätiologie der Krankheiten mit naturwissen- 
schaftlichen Methoden zu untersuchen. 

Im Anfang des 19. Jahrhunderts waren es mehrere Systeme, 
welche direkt schädigend auf die Fortschritte in der Medizin wirkten. 
So die Lehre von Brown, welcher alles Leben von Reizen ableitete 
und bei Krankheiten von Reizmitteln, besonders Alkohol, aus- 
giebigsten Gebrauch machte; ferner die Broussaissche Schule, welche 
überall Entzündung witterte und demgemäß mit reichlichen Blut- 
entleerungen vorging; die Schule der Gastriker (Hufeland), welche 
von Brech- und Abführmitteln ausgiebigsten Gebrauch machte; so- 
wie endlich die von Schelling begründete, durch Oken und Kieser 
ausgebildete Naturphilosophie, welche mit „Polaritäten" sich über 
alle Theorien hinwegzusetzen suchte und dadurch die Fortschritte 
in der Medizin entschieden gehemmt hat. 

Naegele war in Bezug auf Therapie Eklektiker. Er machte 
wohl Gebrauch von Aderlässen, Emetico-Cathartica, Excitantia 
u. dgl. bei Behandlung des Puerperalfiebers, ohne sich jedoch 
Illusionen in Bezug auf die Wirkung bei dieser Krankheit hinzu- 
geben. Man hat es Naegele nachgerühmt, daß er sich in seinen 
Forschungen von der Naturphilosophie nicht beeinflussen ließ, 
sondern nüchtern als Naturforscher beobachtete. Doch deuten 
einzelne Bemerkungen In seinen Arbeiten über die Katamenien, 
sowie über Extrauterin-Gravidität darauf hin, daß die damalige 
Naturphilosophie nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. 

Die Geburtshülfe war im ganzen Altertum und einem Teil des 
Mittelalters kaum mehr als eine rohe Entbindungs- oder besser 
Zerstückelungskunst in den Händen der Chirurgen. Sie erhielt erst 
einen humaneren Charakter durch Einführung der Versio ad pedes 
(Ambroise Par^), des Forceps obstetricius (Chamberlen, Palffyn, 
Levret, Smellie), der Sectio caesarea (Jeremias Trautmann), des 
Partus praematurus artificialis (Denman), und verschiedener Ver- 
besserungen der Embryotomie. Weitere Fortschritte bestanden in 



120 Ferdinand Adolf Kehrer [10 



Sammlungen pathologischer Fälle durch mehrere französische und 
englische Praktiker. Außerdem wurden eine größere Zahl von 
Hebammenbüchern in verschiedenen Sprachen verfaßt, und endlich 
eine Anzahl von Lehrbüchern für Ärzte, allerdings ziemlich primi- 
tiver Natur, herausgegeben. Was aber den größten Einfluß auf 
die Förderung der Geburtshülfe als Wissenschaft übte, war die 
Errichtung von Hebammenschulen, welche sich später zu Entbin- 
dungsanstalten erweiterten, die auch zum geburtshülflichen Unter- 
richt von Ärzten dienten. Frankreich ging auch hier voran. In 
Deutschland wurden erst Ende des 18. und im Anfang des 19. Jahr- 
hunderts eine größere Anzahl von Hebammenlehr- und Entbin- 
dungsanstalten errichtet, in Heidelberg 1805. Erst jetzt war Ge- 
legenheit geboten, auch normale Fälle in größerer Zahl zu be- 
obachten, die einzelnen Vorgänge und die zweckmäßigste Behand- 
lung zu studieren. Aber gerade in letzterer Beziehung entwickelte 
sich nun ein scharfer Gegensatz zwischen Konservativen (Hunter, 
Boer, Wigand), welche sich möglichst lange jeden Eingriffs ent- 
hielten und die Naturkräfte bis zur Grenze des Erlaubten walten 
ließen, und operationlustigen Heißspornen (Osiander), welche bei 
der geringsten Störung operativ einzugreifen sich bemüßigt sahen. 

Als Naegclc seine Lehrtätigkeit begann, sah er jedenfalls ein 
nur dürftig bebautes Arbeitsfeld vor sich. Es war noch die schöne 
Zeit, in welcher in der Geburtshülfe wie auch in andern Dis- 
ziplinen der Forscher sich nur etwas genauer umzusehen hatte, 
um Schätze zu finden und zu heben. 

Vor allem fehlte es an einem guten System für die Lehren 
der Geburtshülfe. Naegele hat ein solches zuerst in „Erfahrungen 
und Abhandlungen", 1812, als „Entwurf einer systematischen An- 
ordnung der Lehrgegenstände der Geburtshülfe", femer in der „Me- 
thodologie der Geburtshülfe", 1847, entwickelt. Dieses System ging 
sowohl in das „Lehrbuch der Geburtshülfe für Hebammen*", wie in 
das „Lehrbuch für Ärzte", welches Hermann Naegele herausgab, über. 




11] F. A. May und die beiden Naegele. 121 



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Ein weiterer Arbeitsgegenstand war der Mechanismus der 
Geburt*, worüber schon einige Arbeiten vorlagen, die aber nicht 
ganz die tatsächlichen Verhältnisse wiedergeben. Naegele stellte 
sehr sorgfältige Untersuchungen darüber an, welche durch ihre 
Einfachheit und die Richtigkeit der Beobachtung noch heute als 
klassisch gelten. Diese Arbeit zeigt uns Naegele als den ebenso 
ausdauernden wie exakten Beobachter der Natur. 

Ein Lieblingsthema Naegeles war die Beckenlehre. Hierin 
hat er hervorragende Arbeiten geliefert. 

Es ist zunächst zu erwähnen die Arbeit über Becken- 
neigung, Beckenachsen und Führungslinie^: die darin ent- 
wickelten Begriffe haben sich noch heute erhalten. An der unge- 
zwungen aufrechtstehenden Person findet Naegele das Ende der 
Wirbelsäule nach hunderten von Messungen an Gravidae 11 — 12 
Linien weiter vom Boden entfernt als den unteren Schoßfugen- 
rand, und die Neigung des geraden Durchmessers des Becken- 
ausganges gleich 10^ Er bestimmte nun, indem er das Becken 
einer normal gebauten und als Wöchnerin verstorbenen Person 
in dieser Weise aufstellte, die Neigung der Conjugata vera, d. h. 
Vorberg-Schoßfugenlinie, zur Horizontalebene beim Weibe = 60^ 

Das Werk „Das schräg verengte Becken"^ hat wohl unter 
allen Naegeleschen Schriften den Verfasser in weitesten ärztlichen 
Kreisen bekannt gemacht, und er hat sich damit ein Denkmal für 
alle Zeiten errichtet. Von dieser vorher unbekannten Art von 
Becken mit einseitiger lleo-sacral-Synostose hat Naegele im Ver- 
lauf seines Lebens 37 weibliche und 2 männliche Präparate auf- 
gefunden. Das älteste stammte von einer ägyptischen Mumie und 
war im anatomischen Museum des Jardin du roi zu Paris auf- 

» Meckels Archiv, 1822, und „Mechanismus der Geburt", 1822. 
* „Über die Inklination des weiblichen Beckens", Heidelb. klin. Ann. 
1825, 1. 99, und „Das weibl. Becken" etc., Karlsruhe, F. Müller 1825. 
3 Mainz, v. Zabern, 1839. 



122 Ferdinand Adolf Kehrer [12 



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bewahrt. Der erste Fall wurde von Naegele 1805 beobachtet, der 
erste Bericht über solche Becken aber erst 1832 erstattet in der Ge- 
sellschaft für Naturwissenschaft und Heilkunde in Heidelberg, sowie 
auf der Naturforscherversammlung zu Stuttgart im Jahre 1834. 
Naegele läßt es zweifelhaft, ob die lleo-sacral-Synostose auf Ver- 
kümmerung der Knochenkerne in den Kreuzbeinflügeln der synosto- 
sierten Seite oder auf Entzündung einer Synchondrosis sacro-iüaca 
oder auf einer Lumbarskoliose beruhe. Diese Art Becken war 
bei der Lebenden niemals diagnostiziert. Naegele rät nun zu ihrer 
Erkennung mehrere äußere schräge Beckendurchmesser zu be- 
stimmen, welche in solchen Fällen erhebliche Asymmetrien zeigen. 
Alle bis dahin und zwar nur bei Primiparae beobachteten Fälle 
verliefen für Mütter und Kinder infolge der großen mechanischen 
Hindernisse tödlich. Diese Art schräg verengter Becken ist als 
„Naegelesches Becken*" in allen Lehr- und Handbüchern der Ge- 
burtshülfe beschrieben. 

Außerdem hat sich Naegele noch mit anderen Abnormitäten 
des Beckens beschäftigt, so mit den osteomaIacischen^ wovon 
er 13 Fälle aus der Literatur zusammenstellt, unter Hinzufugung 
eines eigenen, der zum Kaiserschnitte geführt hatte. Er hebt dabei 
hervor, daß bei allen Asymmetrien dieser Becken die linke Seite 
meist die engere sei.^ 

Ferner beschrieb er die durch Rachitis erweichten, den vorigen 
ganz ähnlichen, später von Litzmann als pseudosteomalacisch 
bezeichneten Becken^. Sodann betrachtete er die hochgradig all- 
gemein verengten Becken^, wovon er zwei Gattungen, ein stark 
verjüngtes bei Personen verschiedenster Statur von typisch weib- 
licher Form und ein kindliches bei Zwerginnen, unterscheidet 

» Erfahrungen und Abhandlungen VI., 407. 

' „Über eine besondere Art fehlerhaft gebildeter Becken*, Heidel* 
berg 1834. 

^ Das schräg verengte Becken, p. 85. 
* Das schräg verengte Becken, p. 98. 




13] F. A. May und die beiden Naegele. 123 

Endlich beschreibt er ein Exostosenbecken* mit sehr be- 
deutendem Knochenauswuchs, der zum Kaiserschnitt Veranlassung 
gab. Auch fügt Naegeie'einem^ von Ribain operierten Fall der Art 
einige Bemerkungen hinzu^. Alle diese Formen erläuterte er 
durch neue obstetrisch wichtige Beispiele. 

Seine Arbeit über die Kopfblutgeschwulst^ der Neuge- 
borenen bringt sorgfältige Beobachtungen über deren Sitz und 
Unterscheidung von Kopfgeschwulst und Hirnbruch. Er spricht 
sich zugunsten einer aktiven Therapie aus. 

Bemerkenswert sind auch seine eigenen, durch die Kasuistik 
anderer bestätigten Beobachtungen von Zurückhaltung der Nach- 
geburt*, welche dann ohne Vermehrung der Lochien nach Abgang 
des Funiculus umbilicalis zurückblieb und durch Resorption ver- 
schwand, ähnlich wie auch sonst die Placenta bei Extrauterin- 
und Nebenhorngravidität, gleich[;andern nekrotischen Geweben bei 
Ausschluß von Fäulnisbakterien der Resorption anheimfällt. 

Zu erwähnen sind noch die Arbeiten über Blutgeschwulst 
der Schamlefzen^ mit vier Fällen, wovon drei tödlich verliefen, 
während der letzte, von ihm selbst behandelte glücklich endete. 

Die Arbeit über Hydro rrhoea uteri gravidarum® ist rein 
kasuistischer Natur. 

Die von Naegele in Heidelberg beobachtete Epidemie von 
Wochenfieber' dauerte vom Juni 1811 bis Ende April 1812. Von 



» Heid. klin. Ann. VI., 321, und „Das schräg verengte Becken", p. 110. 

« Heid. klin. Ann. VIII., 293. 

' „Über den angebornen Hirnbruch und Kopfblutgeschwulst", Hufe- 
lands Journal, Heid. klin. Ann., und „Bemerkungen über Schädelblutge- 
schwulst", ibid. II. 

* Heid. klin. Ann. VII., 425, und ibid. IX., 207. 
» Heid. klin. Ann. III., 495, und ibid. X., 417. 

• Heid. klin. Ann. III., 490. 

' „Übersicht der im Jahre 1811 in Heidelberg vorgekommenen Geburts- 
fälle etc." bei Mohr und Zimmer, Heidelberg 1812. 



124 Ferdinand Adolf Kehrer [H 

den 182 Wöchnerinnen starben !9 = H,?";«. Naegele beschreibt 
sehr ausführlich die anatomischen Veränderungen und klinischen 
Erscheinungen des Puerperalfiebers, das er, den Anschauungen 
der damaligen Zeit entsprechend, nicht auf Infektion, sondern auf 
Wilterungsverhältnisse. Gemütsbewegungen u. dgl. zurückführte. 

Sodann beschreibt Naegele zwei Fälle von Relroflexio uteri 
gravidi', wogegen er die vaginale, nicht rektale Reposition em- 
pfiehlt und erfolgreich ausführte. 

Interessant ist auch ein Fall von Graviditas abdominalis, 
der durch den Kaiserschnitt glücklich beendigt wurde.* 

Hervorragende Verdienste um den Hebammenunlerricht 
hat sich Naegele erworben durch seine praktische Lehrtätigkeit 
und Herausgabe eines auf Veranlassung der Großh. Sanitätskom- 
mission verfaßten „Lehrbuchs der Geburtshülfe für Hebammen"*, 
das an vielen Schulen benutzt worden ist. Besonders wertvoll sind 
darin die Semiotik und die Lehre von den Blutflüssen. 

Auch gehört hierher der „Katechismus der Hebammenkunst"', 
worin die für die Hebammen wichtigsten Gegenstände in Form 
von Fragen und Antworten möglichst knapp dargestellt sind. Beide 
Bücher sind nach Inhalt und gemeinverständlicher Darstellung gleich 
vortrefflich. 

Endlich liefert Naegele einen wertvollen Beitrag zur Lehre 
von den Monstrositäten durch genaue Beschreibung von Zwil- 
lingen, welche als Mädchen getauft wurden und sich später als 
männliche Pseudohermaphroditen erwiesen. Auch veröffentlichte 
er einen Fall von innerem Wasserkopfe mit seitlich umgekehrter 
Lage alter Eingeweide.^ 

' Erfahrungen und Abhandlungen 1812, 339. 

' Heid. klln. Ann. 1830, VI. 56. 

' Heidelberg bei Mohr, 1. Aufl. 1830, 12. Aufl. 1866. 

' Heidelberg, Mohr 1834. 

» Held. klin. Ann, 1825, IV. 507. 




15] F. A. May und die beiden Naegele. 125 

Was Naegeles geburtshülflich-therapeutische Grund- 
sätze anlangt, so befolgte er die schon von Boer, Wigand u. a. 
vertretenen Grundsätze, die Naturkräfte so lange wie möglich 
walten zu lassen, und nur bei offenbarer Gefahr des Zuwartens 
Kunsthülfe zu üben, ganz im Gegensatze zu Oslander, der jede 
dritte bis fünfte Geburt mit dem Forceps beendete. 

Er hielt es für zweckmäßig, daß zu den Geburten der Haus- 
arzt zugezogen, aber die Entbindung selbst der Hebamme über- 
lassen werde, falls nicht Störungen vorliegen. Stets hat Naegele 
betont, daß nur ein in der gesamten Heilkunde tüchtig geschulter 
Arzt Geburtshelfer sein dürfe. 

In Fällen von mechanischem Mißverhältnis nahm er stets 
mehr Rücksicht auf das Leben der Mutter als des Kindes und 
scheute sich nicht, im Notfall selbst das lebende Kind zu perfo- 
rieren. (De jure vitae et necis quod competit medico in partu.^) 

Die geburtshülflichen Operationen führte Naegele mit Ge- 
schick aus, überließ dieselben aber, wenigstens in der letzten 
Lebenszeit, meist seinen Assistenzärzten. 

Die von ihm erfundene Zange, sowie ein Scherenperfo- 
ratorium sind auch heute noch in den Händen sehr vieler Geburts- 
helfer. 

Mit Gynäkologie hat sich Naegele gleich den meisten zeit- 
genössischen Lehrern der Geburtshülfe nur wenig befaßt. Dieses 
Fach wurde damals nur sehr mangelhaft und zwar von den inneren 
Medizinern und Chirurgen gepflegt. 

Die vier Publikationen auf diesem Gebiete sind: 

1. „Die Abhandlung über einige Fehler der Katamenlen"^ 
worin die verschiedenen Fehler, u. a. auch der „Mittelschmerz", auf- 



1 Heidelberg, Oswald 1826, und im Journal complem. du dict. des Sc. 
med. 1827. 

* In Erfahrungen und Abhandlungen: „Einige Fehler der Menstruation", 
1812, 265. 



-^ 



126 Ferdinand Adolf Kehrer [16 



gezählt sind. Da damals das Ovulum noch nicht entdeckt war, 
bedeuteten die Katamenien für Naegele eine vierwöchentliche Vor- 
bereitung zur Konzeption. 

2. „Die Atresia vaginae."* In dieser Arbeit werden zwei 
interessante Fälle mitgeteilt. 

3. Ein weiterer Aufsatz betrifft das traumatische Hämatom 
der Vulva. ^ 

4. Naegele stellte auch Leichenversuche an über operative 
Behandlung der Vesicovaginalfistel *, doch scheint er an 
der Lebenden die von ihm vorgeschlagene Methode nie oder doch 
nicht erfolgreich ausgeführt zu haben. ^ 

Naegele war ein sehr genauer, scharfsinniger und kritischer 
Beobachter der Natur, der sich in seinen Anschauungen durch 
keinerlei vorgefaßte oder überlieferte Meinung beeinflussen ließ. 
Sowohl bei seinen Beobachtungen, wie bei Anführung der Literatur 
bewies er eine zuweilen fast an Pedanterie grenzende Exaktheit. 
Obwohl guter Mathematiker, verschmähte er es, die Lehren der 
Qeburtsmechanik nach mathematischen Prinzipien zu entwickeln. 
Die Wahrheit in allem zu finden, galt ihm als höchstes Ziel aller 
wissenschaftlichen Bestrebungen. Ohne das Theoretisleren, das 
Ableiten allgemeiner Sätze aus den Erfahrungen zu verwerfen, 
warnte er stets vor voreiligen theoretischen Schlußfolgerungen. 

Es mag zum Schluß noch erwähnt sein, daß Naegele seit 1827 
Mitredakteur der „Gem. deutschen Zeitschrift für Qeburtskunde" 
und seit 1825 Mitherausgeber der „Heidelberger klinischen Annalen" 
gewesen ist. Auch übernahm Naegele in Erfüllung eines letzten 
Willens seines hochgeschätzten Freundes die Herausgabe von Justus 
Heinrich Wigands: „Die Geburt des Menschen", Berlin 1820. 



» „Geschichte einer Atresia vag. perfecta" in Erf. u. Abh. 329 u. 334. 
^ Heid. klin. Ann. X. 425. 

» Heid. klin. Ann. VI. 1830, 56, und im „Repert. gen. d*anat. et de 
Physiologie" 1828, 5. 



\. May und die beiden Naegelc. 



129 



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Er machte dann eine größere wisscn- 
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Hier begann er Vorlesungen über 
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[ußmaul in seinen „Erinnerungen eines Arzu»- •^:,.^ 

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eteilt. 



128 Ferdinand Adolf Kehrer fl8 

Naegele war ein großer Freund und Kenner der Kunst, be- 
sonders der Malerei. Er dürfte diese Kunstneigung schon in der 
Jugend erworben haben, da in seiner Vaterstadt Düsseldorf seit 
1776 eine Malerakademie blühte. Er besaß eine kleine, aber 
gute Gemäldesammlung. Diese enthielt u. a. ein Ölbild Goethes, 
welches dieser bei einem seiner öfteren Besuche in Heidelberg 
ihm geschenkt hatte. Das Bild wurde später von Naegeles Enkel, 
dem noch lebenden Rittmeister a. D. Naegele, Herrn Hofrat Oppen- 
heimer gegeben. 

Die Neigung für die Kunst mag zeigen, daß Naegele nicht zu 
den spezifischen Fachmännern gehörte, deren Interessen sich auf 
die von ihnen gewählten Gebiete beschränken. Auch sonst be- 
tätigte sich die Universalität seiner Bestrebungen in mannigfacher 
Weise, worauf einzugehen wir uns jedoch versagen müssen. 

Naegele war eine der Hauptstützen der neu aufblühenden Uni- 
versität; er stand nach dem Ausspruche eines zeitgenössischen 
Mediziners wie ein „Leuchtturm" da; doch hatte er vor diesem 
eines voraus, daß das von ihm ausgehende Licht nicht bloß seine 
nächste Umgebung und die ganze wissenschaftliche Mitwelt be- 
leuchtete, sondern durch alle Zeiten fortstrahlen wird wie ein 
ewiges Licht, das mit dem Brennstoff der lauteren Wahrheit ge- 
speist ist. 

Am 19. Oktober 1806 hatte Naegele die zweite Tochter des 
Geheimrats May, Johanna Maria Anna, geheiratet, und lebte mit 
dieser in glücklichster Ehe. Diesem Bunde entsprossen fünf Kinder. 
Der älteste Sohn war 



Hermann Naegele. 

Derselbe wurde geboren zu Heidelberg am 22. Januar 1810, 
Studiertc hier Medizin und erhielt am 23. Juni 1832 die Lizenz als 
Arzt mit der Note „vorzüglich befähigt". 




19] F. A. May und die beiden Naegele. 129 



-<»/':>=- 



Am 16. August 1832 wurde ihm die Stelle eines Hebarztes in 
Heidelberg übertragen. Er machte dann eine größere wissen- 
schaftliche Reise und habilitierte sich Ostern 1835 als Privatdozent 
der Medizin in Heidelberg. Hier begann er Vorlesungen über 
verschiedene Zweige der Qeburtshülfe und nahm teil an der Lei- 
tung der obstetrisch-klinischen Übungen. Am 29. März 1838 wurde 
er Kreisoberhebarzt des Unterrheinkreises und Leiter des Heb- 
ammeninstitutes. Am 10. August zum außerordentlichen Professor 
ernannt, erhielt er im Jahre 1845 mit Rücksicht auf seine Tätig- 
keit an der geburtshülflichen Klinik eine Besoldung. Seit Sommer 
1835 las er in jedem Semester operative Qeburtshülfe mit Übungen 
am Phantom und hielt Kurse über Auskultation von Gravidae. 
Außerdem leitete und verwaltete er seit 1841 die geburtshülfliche 
Klinik selbständig. 

Hermann Naegele stand seinem Vater in Bezug auf Geist, 
wissenschaftliche Kapazität und Lehrgabe nach, aber er hat das 
Verdienst, die Lehren seines Vaters nicht bloß seinen Schülern, 
sondern auch den weitesten medizinischen Kreisen übermittelt zu 
haben, besonders durch das von ihm verfaßte „Lehrbuch der Ge- 
burtshülfe-, welches zuerst 1843, dann in acht Auflagen, die letzte 
von Grenzer 1871 (Mainz, v. Zabern), erschienen und Jahre hindurch 
das weitestverbreitete Lehrbuch für Ärzte gewesen ist. Erst mit dem 
Erscheinen von Schröders Lehrbuch trat es in den Hintergrund. 

Ein weiteres, auf eigene Erfahrung begründetes Buch ist „Die 
geburtshülfliche Auscultation", Mainz 1838, übersetzt ins Eng- 
lische von M. West, London 1839, ins Dänische von H. Schumann, 
Kopenhagen 1841. 

Eine weitere Arbeit betrifft den Mechanismus partus: Naegele 
gab das gleichnamige Buch seines Vaters neu heraus und versah 
es mit historischen Zusätzen ^ 



* „Die Lehre vom Mechanismus der Geburt nebst Beiträgen zur Ge- 
schrchte derselben'', Mainz 1838. 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 9 



130 Ferdinand Adolf Kehrer: F. A. May und die beiden Naegele. [20 






Weiterhin verfaßte er als besondere Schriften „Commentatio 
de causa quadam prolapsus funiculi umbilicalis'', Heidelberg 1839, 
sowie „De conglutinatione orificii uteri", Heidelberg 1835. Endlich 
sind zu erwähnen eine Reihe von Journalaufsätzen in den „Medi- 
zinischen Annalen" und in „Schmidts Jahrbüchern". 

Nach dem am 21. Januar 1851 erfolgten Tode seines Vaters 
reichte er am 2. Februar 1851 ein Gesuch an das Ministerium des 
Innern und am folgenden Tage an die Sanitätskommission in 
Karlsruhe ein mit der Bitte um Übertragung der erledigten Pro- 
fessur der Geburtshülfe und der Direktion der Entbindungsanstalt. 

Die medizinische Fakultät beschloß zuerst, Litzmann in Kiel, 
E. Martin in Jena und Scanzoni in Würzburg als Nachfolger des 
verstorbenen Naegele in Vorschlag zu bringen. Der engere Senat 
dagegen beantragte, dem als Kreisoberhebarzt seit 1838 angestellten 
Naegele jun. die erledigte ordentliche Professur zu übertragen. 
Ein daraufhin gefaßter weiterer Fakultätsbeschluß ging dahin, das 
Ordinariat und die Stelle eines Kreisoberhebarztes und Hebammen- 
lehrers zu trennen und für jenes Professor Litzmann in Kiel 
vorzuschlagen. Während der Verhandlungen starb Naegele am 
5. Juli 1851. 

Die beiden frei gewordenen Stellen wurden dann an Dr. Wilh. 
Lange aus Prag übertragen. 





Maximilian Joseph v. Chelius 

Carl Otto Weber 
Gustav Simon 



von 

Vincenz Czerny, 



9^ 




g^ie Chirurgie hat im Anfang des 19. Jahrhunderts durch 
]! die napoteonischen Feldzüge vielfache Anregung er- 
. halten und sich durch ihre unentbehrliche und erfolg- 
reiche Hülfe nach zahlreichen Schlachten Geltung und Anerkennung 
zu verschaffen gewußt. Der Nutzen kam wesentlich den Franzosen 
zu gute und deshalb war es kein Wunder, daß alle Welt zu Larrey 
und Dupuytren nach Paris pilgerte, um sich dort Belehrung und 
wenn nötig auch Hülfe zu suchen. Die deutsche Chirurgie machte 
wohl vielfache Anstrengungen, selbständig ihre Kunst zu fördern, 
aber in der wissenschaftlichen Bearbeitung und systematischen 
Darstellung der Chirurgie hing sie damals wesentlich von Frank- 
reich und teilweise von England ab. 

Auch Chelius nahm noch als ganz junger Militärarzt an den 
letzten Zuckungen der französischen Weltherrschaft, welche der 
korsische Eroberer errichtet hatte, aktiven Anteil und erhielt seine 
stärksten Anregungen durch wiederholten und längeren Aufenthalt 
in Paris, wo er bei den Chirurgen und Ärzten die beste Auf- 
nahme fand. 

Er wurde am 16. Januar 1794 in Mannheim gel)0ren, wo sein 
Vater Direktor der Entbindungsanstalt war, welche 1805 nach 
Heidelberg verlegt wurde. 



ii.ui ■ -I ai 



134 Vincenz Czerny [4 

Schon mit 15 Jahren bezog er die Universität Heidelberg, 
löste 1811 eine Preisaufgabe (De frigidis et cahdis fomentis in lae- 
sionibus capitis adhibendis), welche von der medizinischen Fakultät 
gestellt war. und wurde am 8. Oktober 1812 zum Doktor promo- 
viert. Dann besuchte er München und die Universität Landshut, 
wohin ihn der Ruf Philipp von Walthers lockte. In Ingolstadt 
war unter den französischen Kriegsgefangenen eine Typhusepidemie 
ausgebrochen, zu deren Bekämpfung Chelius dahin ging und selbst 
erkrankte. Aber schon 1814 zog er als Regimentsarzt mit den 
badischen Truppen nach Frankreich, besuchte 1815 die Wiener 
chirurgischen Kliniken von Rust, Kern und Zang und die Augen- 
klinik des durch seine Staroperationen berühmten Beer. Der 
kurze Wiederausbruch des Krieges rief ihn 1815 wieder nach 
Frankreich. Nachdem endlich der Frieden endgültig eingetreten 
war. setzte er seine Studienreise fort und besuchte Göttingen. 
Berlin. Halle, Leipzig. Jena, Würzburg und Paris. Schon 1817 
wurde der 23 jährige als außerordentlicher Professor nach Heidel- 
berg berufen und wurde schon am 17. November 1818 zum ordent- 
lichen Professor der Chirurgie und Augenheilkunde befördert, als 
welcher er die von ihm selbst errichteten Kliniken bis zum Jahre 
1864 leitete. 

Schon 1819 hatte er sich mit Anna von Sensburg verheiratet, 
welche ihm 5 Kinder schenkte und ihm 1867 durch den Tod ent- 
rissen wurde. Er wurde seinen großen Verdiensten gemäß mit 
Ehren und Orden ausgezeichnet und 1866 geadelt. Er starb am 
17. August 1876 in Heidelberg. 

Sein erstes Verdienst um die Heidelberger Hochschule erwarb 
er sich durch Gründung der chirurgischen Klinik im jetzigen 
Marstallgebäude. Es war daselbst auf der Südseite des Marstall- 
hofes auch noch die medizinische und geburtshülfliche Klinik unter- 
gebracht. So bescheiden die Anfänge im Vergleich mit den An- 
forderungen, welche man heute an derartige Institute stellt, auch 




5] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 135 






erscheinen mögen, so bedeuteten sie doch eine sehr große Er- 
rungenschaft für den medizinischen Unterricht und die Universität 
im allgemeinen. Nur die wenigsten Universitäten Deutschlands 
erfreuten sich damals des Besitzes klinischer Institute. Freilich 
konnte die Heidelberger Anstalt mit dem von Joseph II. gegründeten 
Allgemeinen Krankenhause in Wien und dem Julius -Spitale in 
Würzburg nicht rivalisieren. In dem Vorworte, mit welchem er 
den ersten Jahresbericht vom 11. Mai 1818 bis 11. Mai 1819 
(Heidelberg, bei Karl Qroos, 1819) einleitete, betont Chelius, daß 
der Zweck eines klinischen Institutes ein dreifacher sei: Heilung 
der Kranken, Unterricht der Studierenden und Förderung der 
Wissenschaft. „So halte ich es meiner Meinung nach für die Pflicht 
eines Jeden, dem die Regierung die Leitung eines solchen Institutes 
übertragen hat, von Zeit zu Zeit Rechenschaft über das, was darin 
geleistet wurde, abzulegen und eine Darstellung der interessantesten 
Ereignisse zu geben. Es ist daher mein Entschluß, am Ende eines 
jeden Jahres einen Bericht in der Art des jetzigen über die vorzüg- 
lichsten Ereignisse in der chirurgischen und ophthalmologischen 
Klinik herauszugeben. Diesem Berichte habe ich einen Plan und eine 
kurze Beschreibung des ganzen akademischen Hospitals beigefügt, 
weil ich überzeugt bin, dass, was die Zweckmässigkeit der inneren 
Einrichtung betrifft, an Universitäten kleinerer Städte keine ähn- 
liche zweckmässige Einrichtung aller praktischen medicinischen 
Anstalten sich befindet." Es wurden im ersten Jahre 19 größere 
Operationen, darunter 5 Reklinationen des Stares ausgeführt und 
von 152 Kranken, welche verpflegt wurden, sind bloß 4 gestorben 
und 119 als geheilt entlassen worden. 

Da Chelius mit Feuereifer seine ganze Zeit und Arbeitskraft 
der Anstalt und den Vorlesungen widmete, so ist es nicht zu wundern, 
daß die Zahl der Hülfe suchenden Kranken und eifrigen Zuhörer 
sich von Jahr zu Jahr mehrte und von weit her dem beliebten 
Lehrer zuströmte. Schon im ersten Bande der Heidelberger 




136 Vincenz Czerny [6 



9 



Klinischen Annalen, welche er gemeinschaftlich mit seinen Kollegen 
Puchelt und Naegele herausgab und die bald eines der angesehen- 
sten Archive der medizinischen Literatur Deutschlands wurden, 
berichtete er über das Quinquennium 1819 — 1824. Es wurden in 
der Klinik 1650 Kranke behandelt, davon 1519 geheilt entlassen 
und 26 starben. Unter 233 Operationen werden besonders 24 Am- 
putationen mit 1 Todesfall, ein in damaliger Zeit unerhört günstiges 
Verhältnis, mitgeteilt. Beinbrüche und Luxationen wurden 47 ein- 
gerichtet. 1826 wurden schon 651 Kranke behandelt, 59 Opera- 
tionen ausgeführt und 14 mal der graue Star durch Niederdrückung 
der Linse behandelt. 

Im ersten Bande der medizinischen Annalen, welche die Fort- 
setzung der Heidelberger Klinischen Annalen bildeten, wurde über 
die Jahre 1830 — 1834 berichtet; die chirurgische Klinik wurde in 
dieser Zeit erweitert, da die Gebäranstalt in ein eigenes Haus nach 
Westen vom Marstallhofe verlegt und dadurch Platz geschaffen wurde. 

Die Krankheitsfälle betrugen in diesen fünf Jahren 5930, wo- 
von 1299 innere Krankheiten betrafen, 4250 werden als geheilt 
und 20 als gestorben aufgeführt. Operationen wurden 489, davon 
76 Staroperationen, ausgeführt. 

Die Zahl der Zuhörer in der Klinik hat im Winter 1830—1831 
106 betragen, eine Ziffer, welche weder vor- noch nachher in 
Heidelberg wieder erreicht wurde und die damals noch mehr be- 
deutete als heute, weil auf den deutschen Universitäten jetzt drei- 
mal soviel Studenten Medizin studieren als damals. 

1842 wurde die Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke, 
welche in dem früheren Jesuitenseminar, der jetzigen Kaserne, 
untergebracht war, von Heidelberg nach Pforzheim verl^ und 
dadurch Raum geschaffen, um die chirurgische und medizinische 
Klinik, für welche das Gebäude im Marstallhof zu eng geworden 
war, dahin zu verlegen, so daß die geburtshülfliche Klinik allein 
zurückblieb. 



13^ 



7] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 137 



Neben den Jahresberichten werden in den Heidelberger An- 
nalen von Chelius die interessantesten Ereignisse der Klinik aus- 
fflhriich besprochen und der Wissenschaft und Praxis der Chirur- 
gie mannigfache wertvolle Anregungen gegeben. Ich erwähne 
mehrere Abhandlungen über Amputationen, die Unterbindung der 
oberen Schilddrüsen-Schlagadern beim Kropf, welche noch in den 
letzten Jahren wieder von neuem von sich reden machte, die 
Exstirpation der entarteten Ohrspeicheldrüse, den ersten Bericht 
über die Bluterfamilie Mampel in Kirchheim, über den Steinschnitt 
beim Weibe mit drei Beobachtungen, über steinige Konkremente 
des Zellgewebes unter der Haut, welche einer genauen chemischen 
Analyse unterzogen werden, über die Behandlung der Strikturen 
des Ösophagus, für welche er einen Elfenbein-Dilatator empfiehlt, 
der später von Roser und Langenbeck in modifizierter Art wieder 
eingeführt worden ist. 

Die schwammigen Auswüchse der harten Hirnhaut und der 
Schädelknochen (1831 bei Mohr, Heidelberg) wurden nach dem 
damaligen Stande unserer Kenntnisse mit Hinzufügung neuer Quellen 
genau beschrieben und die Heilung der Blasenscheidenfisteln durch 
die Cauterisationsmethode empfohlen (Heidelberg 1844). 

Am 29. Juni 1830 machte Chelius unter Beihülfe Naegeles den 
ersten und, soviel ich sehe, einzigen Bauchschnitt wegen einer 
großen beweglichen Unterleibsgeschwulst, welche beide für ein 
Steatom des Ovariums hielten (Medizinische Annalen I. Bd. S. 95). 
Es fand sich ein gestieltes subperitoneales Fibroid des Uterus, dessen 
1^2 Zoll dicker Stiel mit Seide doppelt unterbunden und versenkt 
wurde, während die Fadenenden auf dem kürzesten Wege zur 
Bauchwunde herausgeleitet wurden. Leider starb die 40jährige 
Frau 17 Stunden nach der Operation im Collaps. Man sieht es 
dem ausführlichen Berichte an, wie schwer dem Operateur sein 
Entschluß zu der damals unerhörten Operation war und welch 
tiefen Eindruck der ungünstige Ausgang auf denselben ausübte; 



138 Vincenz Czemy [8 



t, =r: 



während er sonst in seinem Handbuche der Chirurgie gerne über 
seine Operationen und interessanten Fälle berichtet, finde ich diese 
damals sehr bemerkenswerte Operation nicht weiter erwähnt. 

In seinen Voriesungen zeigte er gerne eine große Sammlung 
von Blasen-, Nieren- und Gallensteinen, welche zum großen Teil 
aus seiner Privatpraxis stammten und durch deren Überweisung 
in die Sammlung der chirurgischen Klinik sich sein Sohn, der 
ausgezeichnete Operateur Franz von Chelius, im Jahre 1895 ein 
dauerndes Andenken stiftete. 

Kußmaul berichtet in seinen Jugenderinnerungen eines alten 
Arztes** über Chelius, welcher damals (1844) im Zenit seines Ruhmes 
Ktand, daß er in seiner Kunst wie in seiner politischen Anschauung 
kotiservativ gewesen sei. Er operierte schön und sicher und be- 
wahrte eine bewundernswerte Ruhe, was vor der Einführung der 
Äther und Chloroformnarkose eine schwierigere Sache war als 
heute. „Ich sah ihn niemals aufbrausen und heftig werden, nie 
s4ifK' edle Maltimg veriieren und auch die gemeinsten Naturen hielt 
er durch seine feine l-orm und klug bemessene Worte in den ge- 
bührenden Schranken.** 

„Den Ininfzigen nahe war Chelius noch immer ein schöner 
Mann, schlank gebaut, von Mittelgröße, feinen Gesichtszügen und 
(iliedern. I:r pflegte die ambulatorische Klinik, die der Vishe vor- 
ausging, auf einem hohen, runden Stuhl sitzend abzumachen, die 
Deine häufig gekreuzt und einen Fuß frei in der Luft wiegend. 
Wir bewunderten dann dessen Kleinheit und meinten, auch die 
zierlichste Dame dürite unseren Meister darum beneiden.*^ 

„Im Sommer gab Chelius den Operationskurs früh 5 Uhr. 
Wir Studenten waren oft schlaftrunken und er einen Mocgen mie 
den andern frisch und munter. Die Vorlesungen über Chinn^ 
und Augenheilkunde hielt er morgens von 8 — ^9 Uhr im Wimer, 
von 7 S Uhr im Sommer. Obwohl er sehr gut aus dem Sieg- 
reif sprach, las er doch seine Handbücher ab, nur nidil in der 



9] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 139 



SL/v- 



Weise Puchelts, wie ein murmelnder Quell, sondern pathetisch, 
fast feierlich. Die Kh'nik begann um 11 Uhr und dauerte 1—2 
Stunden, je nachdem operiert wurde oder nicht. In der ambu- 
latorischen Klinik, die nur bei größeren Operationen vorher vom 
Assistenten allein erledigt wurde, gab es viel zu sehen und viel 
zu verordnen, beim Untersuchen aber ging es oft flüchtig zu und 
gaben die Schnelldiagnosen zu manchen Scherzen Anlaß." 

Es ist gegenwärtig sehr schwer sich hineinzudenken, mit 
welchen Schwierigkeiten und Vorurteilen die Kreierung einer Klinik 
aus dem Nichts mit dem kleinen Zuschuß von jährlich 1500 bis 
2000 Gulden zu kämpfen hatte. Nur dem unermüdlichen Eifer 
und der Tüchtigkeit ihres Schöpfers, welcher gegen hoch und 
niedrig dieselbe vornehme, gewinnende Haltung und peinliche 
Sorgfalt in der Ausübung seiner Pflichten bewahrte, war es zu 
danken, daß die Anstalt nicht allein rasch in die Höhe kam, son- 
dern auch von weit und breit, selbst über die Grenzen Europas 
hinaus, Kranke und Ärzte nach Heidelberg lockte. Der medizini- 
schen Schule verschaffte Chelius in Verbindung mit den gleich- 
gesinnten und ebenso tüchtigen Lehrern Naegele und Puchelt den 
Ruf eines modernen Salerno, an welchem wir jetzt noch zehren. 

Nicht wenig zur Berühmtheit Chelius' trug der glückliche Er- 
folg bei, welchen er durch die Herausgabc seines Handbuches der 
Chirurgie erzielte. Schon im Jahre 1822 erschien die erste Auf- 
lage, nachdem er einige Jahre sein Fach gelehrt hatte. Es gab 
im wesentlichen seine Vorlesungen wieder, welche ebensosehr die 
Frucht seiner gründlichen literarischen Studien, wie des frischen 
Eindrucks waren, den er von seinen Reisen, aus den Hörsälen 
aller damals berühmten Chirurgen und Ärzte Mitteleuropas nach 
Hause gebracht hatte. Bei seiner glücklichen Rezeptionsfähigkeit 
und bei seinem ausgesprochenen Formtalent wurde es ihm leicht, 
den damaligen Gehalt der chirurgischen Wissenschaft auf den engen 
Raum von 2 Bänden zusammenzudrängen, welche nicht allein die 



140 Vincenz Czerny [10 



■Ov- 



Beschreibung der chirurgischen Krankheiten im engeren Sinne 
enthielten, sondern auch alles, was man damals über die Er- 
krankungen der Nase, Ohren und der weiblichen Geschlechts- 
organe wußte, die heute sich sämtlich zu besonderen Spezialitäten 
ausgebildet haben. Auch die Lehre über die Verletzungen und 
ihre Komplikationen, über das Wundfieber, über die Heilungsvor- 
gänge, welche heute in der allgemeinen Chirurgie besonders ab- 
gehandelt werden, die Lehre von den Frakturen und Luxationen 
und die dabei notwendigen Verbände, die Operations- und Instru- 
mentenlehre sind in dem Buche enthalten. Ohne allzusehr in das 
Detail einzugehen, sind fast jedem Kapitel kasuistische Beobach- 
tungen eingeflochten, welche die reiche eigene Erfahrung des Autors 
beweisen und die Lektüre anschaulich und lebendig machen. In 
jeder der acht Auflagen, welche das Buch bis zum Jahr 1857 er- 
lebte, wurden die neuesten Errungenschaften der chirurgischen 
Wissenschaften kurz hinzugefügt, so daß jeder Leser die Empfindung 
hatte, mit der neuen Auflage wieder auf die Höhe seiner Wissen- 
schaft gelangt zu sein. In kurzer Zeit wurde es in 11 Sprachen 
übersetzt und über die ganze Erde verbreitet. Aber wie alles 
Organische haben auch die Handbücher über die fortschreitenden 
Wissenschaften ihr Jugend-, Mannes- und Qreisenalter. Durch 
das Hinzufügen der neuen Forschungsresultate, welchem das Aus- 
merzen von veralteten Dingen parallel gehen muß, verliert so ein 
Buch mit jeder neuen Auflage an Einheitlichkeit und Frische der 
Darstellung, und da das gewöhnlich mit dem Altwerden des Autors 
selbst zusammenfällt, so müssen neue Erscheinungen, welche auf 
modernem Boden gewachsen sind, das Alte mit der Zelt verdrängen. 
Etwas weniger Erfolg hatte Chelius mit seinem Handbuche 
der Augenheilkunde, wenn es auch erstaunlich ist, daß er auf der 
Höhe seines Ruhmes neben seinen vielfachen sonstigen Beschäfti- 
gungen, seinen oft langdauernden Konsultationsreisen noch im 
Stande war, über dieses so wichtige Kapitel der Heilkunde eine 




11] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 141 



■>^yv- 



so grundliche, auf eigener Erfahrung und literarischem Studium 
aufgebaute Arbeit zu liefern. Der erste Band erschien 1839, der 
zweite erst 1845. Schon dadurch fehlte die Einheit des Werkes 
und der erste Abschnitt war teilweise veraltet, als der zweite er- 
schien. Auch die Einteilung des Buches, 1) Entzündungen und 
Nevrosen und 2) Organische Krankheiten, machte es etwas 
schwerfällig und nötigte, Erkrankungen desselben Organes an ver- 
schiedenen Stellen getrennt voneinander zu behandeln. Es mochte 
wohl auch der Umstand, daß Chelius für die Behandlung des 
grauen Stars fast ausschließlich die Reklination, die Rücklagerung 
der Linse in den Glaskörper benützte, während die Wiener Schule 
(Beer und Jaeger) schon damals mit der Extraktion der Linse 
glänzende und raschere Erfolge erzielten, dazu beigetragen haben, 
daß das Handbuch der Augenheilkunde nicht mehr so enthusiastisch 
aufgenommen worden ist wie jenes der Chirurgie. 

Billroth schreibt in seinem Nachruf, welchen er in der Wiener 
Medizinischen Wochenschrift (No. 43, 1876) Chelius widmete, den 
besonderen Erfolg seines Handbuches der Chirurgie folgenden 
Eigenschaften zu: 

„Erstens war es im Verhältnis zu den vielbändigen Werken 
von G. A. Richter und von C. M. Langenbeck kurz und doch 
vollständig. Zweitens war es bei durchaus wissenschaftlichem Cha- 
rakter und bei Angabe der wichtigsten Literatur nicht so sehr mit 
interkaliertem literarischen Beiwerk von Zitaten anderer Autoren 
überladen, wie es der gelehrte Barock von jener Zeit noch viel- 
fach mit sich brachte, sondern der übersichtlich geordnete Stoff 
war einfach und klar, schlicht und recht dargestellt. Der Leser 
fand, wie der unmittelbare Schüler, bei Chelius die Wissenschaft 
und Kunst der Chirurgie schön und klar geformt, das zog ihn an. 
Chelius* harmonisch ausgebildete, liebenswürdige und zugleich 
glänzende imponierende Persönlichkeit erweckte rasch Sympathie 
und Vertrauen. Man fühlte sich wohl in der Hingabe an diesen 




142 Vincenz Czerny [12 



■"^yv* 



Mann, ohne durch dessen wissenschaftliche Bedeutung und soziale 
Stellung bedrückt zu werden. Universell hochgebildet, lebhaft und 
geistreich in der Unterhaltung, elegant und von feiner Vornehm- 
heit, zog er alle, die mit ihm in Berührung kamen, unwillkürlich 
an. Er war einer der berühmtesten und beliebtesten Ärzte Europas 
und gehört zu denjenigen, welche nicht nur die deutsche Chirurgie 
akademisch, sondern auch die deutschen Chirurgen salonfähig ge- 
macht haben." 

Chelius war der ärztliche Vertrauensmann für alle damaligen 
souveränen Häuser Mitteleuropas und war ebenso am Hofe des 
erblindeten Königs Georg von Hannover wie in Paris bei Napo- 
leon III. ein gern gesehener Gast und geschätzter Consiliarius. 
Noch kurz vor seinem Tode empfing er als letzten Besuch den 
Kaiser Dom Pedro von Brasilien und die Königin von Holland, 
eine geborene Prinzessin von Württemberg. Der berühmte ameri- 
kanische Chirurg Samuel Groß widmete in einer Autobiographie 
(Philadelphia, Sounders 1893. I. Bd. S. 254) ein pietätvolles Blatt 
seinem Besuche bei Chelius 1868. 

Als von Chelius das 70. Jahr erreicht hatte, nahm er den 
Abschied und veriebte noch 12 Jahre wohlverdienter Ruhe in 
seinem stattlichen Hause in Heidelberg. 



Nach längeren Beratungen wurde zu Ostern 1865 Karl 
Otto Weber, Professor der pathologischen Anatomie in Bonn 
als sein Nachfolger berufen. Bei dieser Berufung hatte wohl Helm- 
holtz, welcher mit Weber von Bonn her befreundet war, den Aus- 
schlag gegeben. Die Wahl erwies sich trotz der anfän^icben Ver- 
wunderung, daß ein pathologischer Anatom auf einen chirurgischen 
Lehrstuhl berufen wurde, als eine äußerst glückliche; und ob- 
gleich Weber schon nach fünf Semestern durch den Tod an Diph- 
theritis, welche er sich in der von Infektionskrankheiten vielfach 



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13] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 143 

heimgesuchten Klinik holte, hingerafft wurde, so hinterließ er doch 
in Heidelberg unvergeßliche Spuren seiner Tätigkeit, da er durch 
eine Denkschrift 1865 das Unzulängliche der bisherigen Spitalver- 
hältnisse und die schlechten hygienischen Verhältnisse der chirur- 
gischen Klinik so dringend hervorhob, daß die Großherzogliche 
Regierung in Beratungen über einen Neubau des akademischen 
Krankenhauses eintrat, welcher auch 1868 definitiv beschlossen 
und 1876 vollendet wurde. 

Mit Weber hat die neue spezifisch deutsche Chirurgenschule, 
weiche von der pathologischen Anatomie, von dem Studium der 
feineren Veränderungen in den erkrankten Geweben ihren Aus- 
gang nahm, ihren siegreichen Einzug gehalten. Die älteren Chi- 
rurgen legten das Hauptgewicht auf die grobe anatomische Schu- 
lung, und nicht selten wurde aus dem Lehrer der Anatomie der 
Chirurg, sobald der Posten frei war. So wertvoll und unent- 
behrlich auch eine gründliche Kenntnis der anatomischen Ein- 
richtungen für den Chirurgen ist, so eröffnet doch die patholo- 
gische Histologie ein tieferes Verständnis für die Veränderungen 
des Organismus in der Erkrankung und ermöglicht dadurch ein 
zielbewußteres Handeln. 

Kart Otto Weber war in Frankfurt a. M. am 29. Dezember 
1827 geboren. Sein Vater war ein tüchtiger Philologe, welcher 
sehr bald als Qymnasialdirektor nach Bremen berufen wurde, wo 
sein Sohn seine Jugend verbrachte und sich schon frühzeitig durch 
eine große Neigung zu den Naturwissenschaften, besonders Bo- 
tanik, Paläontologie und Geologie, auszeichnete. 1846 widmete er 
sich dem medizinischen Studium an der Universität Bonn, wo er 
am 4. April 1849 mit einer umfangreichen Dissertation „Ossium 
mutationes osteomalacia universal! effectae"*, deren Inhalt schon den 
zukünftigen gründlichen Forscher zeigte, promoviert wurde. Er 
setzte dann seine Studien in Beriin fort, wo er durch die Johannes 
Müllersche Schule seine nachhaltigsten Anregungen erhielt, wenn 



144 Vincenz Czerny [14 



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auch Weber sich zu einem Meister in der pathologischen Anatomie 
wesenthch autodidai<tisch eingearbeitet haben muß. Im Sommer 
1852 hielt er sich in Paris auf und wurde im Wintersemester 
Assistent an der chirurgischen Klinik In Bonn, welche damals 
unter der Leitung des früher hoch angesehenen, aber jetzt ge- 
alterten und fast erblindeten Wutzer stand. Unter diesen Um- 
ständen mußte Weber sich bald auf eigene Füße stellen und 
erwarb sich rasch das Vertrauen zahlreicher Kranken. Er hatte 
sich 1853 für Chirurgie habilitiert. Als aber an Stelle Wutzers 
1855 W. Busch berufen worden war, blieb er wohl noch ein Jahr 
bei diesem Assistent, widmete sich aber dann vollständig der patho- 
logischen Anatomie und wurde in diesem Fach 1857 zum außer- 
ordentlichen und 1862 zum ordentlichen Professor ernannt. 1858 
verheiratete er sich mit Fräulein Julie Gehring in Bonn, welche 
ihm nach achtjähriger Ehe einen Sohn schenkte, der leider ein 
Jahr nach seinem Vater ebenfalls an Diphtheritis in Heidelberg ge- 
storben ist. Frau Weber hat sich in Heidelberg ein Denkmal 
gesetzt, indem sie eine Stiftung von 10000 Mark gründete, deren 
Erträgnis alljähriich dem Preisträger der medizinischen Fakultät 
veriiehen wird. 

Weber hatte in Bonn immer Fühlung mit der chirurgischen 
Praxis behalten, da er die Leitung der chirurgischen Abteilung des 
evangelischen Spitals behielt. Er war von einem unermüdlichen 
Fleiße, beherrschte alle Methoden der wissenschaftlichen Forschung, 
sammelte und zeichnete in künstlerischer Weise zahlreiche Prä- 
parate, welche die Grundlage seiner umfassenden wissenschaft- 
lichen Arbeiten bildeten. Schon in Bonn erstreckten sich dieselben 
ebensosehr auf verschiedene Gebiete der Chirurgie, als auch der 
pathologischen Anatomie. Besonders die Erkrankungen der Knochen 
und Knorpel, die Veränderung dieser Organe bei Rhachitis, Osteo- 
malacie und Geschwulstbildung, die Erscheinungen bei der Ent- 
zündung der Gewebe, die Neubildung quergestreifter Muskelfasern 



15] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 145 






bildeten wiederholt Vorwürfe seiner ausgezeichneten Publikationen. 
Eine grundlegende Arbeit waren seine experimentellen Studien 
über Pyaemie, Septikaemie und Fieber, in denen er nachwies, 
daß das Fieber immer die Folge einer Blutintoxikation sei, ein 
Satz, der heute noch im wesentlichen zu Recht besteht. Seine 
Arbeiten auf diesem Gebiete begegnen sich vielfach mit denjenigen 
des gleichstrebenden Theodor Billroth, der ebenso wie Weber so 
wesentlich zum Aufblühen der neuen Richtung der Chirurgie bei- 
getragen hat. Billroth gründete damals mit von Pitha gemein- 
schaftlich ein groß angelegtes chirurgisches Sammelwerk und 
erzählt in seinem warm empfundenen Nekrolog für Weber, daß 
er sich für dasselbe vor allem der Mitarbeiterschaft Otto Webers 
und Richard Volkmanns für die allgemeine Chirurgie versicherte 
und ohne diese Männer das Unternehmen niemals begonnen hätte. 
Es ist erstaunlich, in wie kurzer Zeit und mit welch ausgezeich- 
neter Vollendung der Darstellung Weber gerade während seines 
Heidelberger Aufenthaltes, welcher den jungen Professor der Chi- 
rurgie vor neue und wichtige Aufgaben stellte, ausgedehnte und 
wichtige Kapitel dieses Werkes in einer Weise verfaßte, daß sie 
für alle Zeiten mustergültig bleiben werden. 

Er behandelte in denselben die Gewebserkrankungen und ihre 
Rückwirkung auf den Gesamtorganismus, dann die Krankheiten 
der Haut, des Zellgewebes, des Lymphgefäßsystems, der Venen, 
der Arterien und der Nerven. Dann die chirurgischen Krankheiten 
des Gesichtes. Bei der Vielseitigkeit und Intensität seiner Tätigkeit 
war es begreiflich, daß er gerne die Hand bot, die Augenklinik, 
welche bis dahin noch mit der chirurgischen Klinik verbunden 
war, abzutrennen und ihr in Professor Knapp, dem jetzt noch in 
New- York tätigen, berühmten Augenarzte, einen würdigen und selb- 
ständigen Vertreter zu geben. 

Schon in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Heidelberg 
gelang es ihm, Schüler von weither anzuziehen und sie zu eigner 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 10 



146 Vincenz Czerny [16 



selbständiger Arbeit anzuregen. Die Trauer über seinen vorzeitigen 
Hingang war deshalb eine allgemeine, war er doch bei seinem 
Tode kaum 40 Jahre alt und hatte schon die medizinische Weit 
mit einer Fülle von neuen Tatsachen und von groß angelegten Ar- 
beiten von dauerndem Werte beschenkt. 

Die New-Yorker Ärzte, welche in Langenbecks Archiv (9. Bd.. 
S. 570) ihm einen Nachruf widmen, senden den Ausdruck ihrer 
Teilnahme mit Recht in dem Bewußtsein, „daß der Wert des Hin- 
geschiedenen weit über die engeren Grenzen des Vaterlandes hinaus, 
überall da, wo deutsche Wissenschaft eine Heimstätte gefunden, 
erkannt und sein Verlust empfunden wird". 



Nach dem Tode Otto Webers wurde Gustav Simon, Professor 
der Chirurgie in Rostock, nach Heidelberg berufen. Derselbe hatte 
den ungewöhnlichen Weg vom praktischen Arzt und Militärarzt zur 
Professur durch die Originalität seiner Leistungen in der operativen 
Chirurgie verdient und hat als Autodidakt seinen Entwicklungsgang 
in Darmstadt begonnen, wo er mit acht gleichgesinnten Kollegen, 
unter denen besonders Hegar, der Augenarzt Weber und Eigenbrodt 
zu nennen sind, ein kleines Privatspital errichtet hatte. In Rostock 
hatte er es verstanden, zahlreiche Kranke, namentlich mit Frauen- 
leiden, heranzuziehen, hatte durch eine große Zahl von muster- 
gültigen Darstellungen selbstgewählter Gebiete die Aufmerksamkeit 
weiter Kreise auf sich gelenkt, hatte durch die praktische Einrich- 
tung seines Unterrichts sich als tüchtiger Lehrer bewährt und 
durch seine rege Teilnahme an den Versammlungen baltischer 
Ärzte befruchtend auf weite Kreise gewirkt. Simon zeigte durch 
seine Tat, daß die deutsche Chirurgie selbständig geworden war 
und eigene Bahnen einzuschlagen wußte. Namentlich der opera- 
tiven Gynäkologie hat er in Deutschland Ziel und Richtung gegeben. 



17] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 147 



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Christoph Jakob Friedrich Ludwig Gustav Simon wurde am 
30. Mai 1824 zu Darmstadt als 6. und jüngstes Kind des Haupt- 
staatskassenbuchhalters Georg Simon geboren. Seine Mutter war 
die Tochter des Pfarrers Scriba zu Nieder-Beerbach. Sie stammte 
aus einer weitverzweigten hessischen Familie, in welcher Neigung zu 
naturwissenschaftlichen Studien sich vielfach kundgegeben hat und 
der auch der Professor der Chirurgie Scriba in Tokio angehört. 

Er besuchte die Gymnasien zu Darmstadt und Büdingen, be- 
zog 1842 die Universität Gießen, 1844 Heidelberg, wo er dort bei 
den Starkenburgern und hier bei den Saxo-Borussen ein flotter 
Bursche und gewandter Schläger gewesen ist. 

Als er nach Gießen zurückkehrte, wurde er von Barde- 
leben zu ernster Arbeit angeregt und bestand Ende 1847 ein gutes 
Examen. Nach der Promotion 1848 kehrte er nach Darmstadt 
zurück, und da sein Vater kurz zuvor gestorben war, trat er als 
Militärarzt ein, in welcher Stellung er anfangs als Unter-, später 
als Oberarzt bis 1861 diente. Der badische Feldzug 1849 brachte 
zahlreiche Verwundete in das Darmstädter Militärlazarett, welche 
ihm reiche Gelegenheit gaben, seine chirurgischen Kenntnisse zu 
vermehren und dieselben in einer Schrift über Schußwunden, die 
viele originelle Ansichten enthielt und durch Aufstellung neuer 
Gesichtspunkte sich vor vielen andern ähnlichen Schriften aus- 
zeichnet, zusammenzufassen. 

Von ausschlaggebender Bedeutung für seine Fortentwicklung 
war sein Aufenthalt 1851 /52 in Paris. Hier fesselten ihn vor allem die 
Erfolge Jobert de Lamballes, welche derselbe auf dem schwierigen 
Gebiete der Blasenscheidenfisteln durch eine neue Methode, dieselbe 
freizulegen und durch Anfrischung und Naht der Ränder zu heilen, 
erzielte. Es gelang Simon mit hartnäckigem Spürsinn, den Resul- 
taten der Jobertschen Operationen nachzuforschen und die Über- 
zeugung zu gewinnen, daß die Erfolge doch nicht so glänzend 
waren, wie sie den Schülern dargestellt wurden. Das wurde ihm 

10* 



148 Vincenz Czcrny (18 



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zur Veranlassung, diesen Gegenstand mit leidenschaftlichem Eifer 
zu verfolgen und durch Verbesserung der Methode Resultate zu 
erzielen, welche alles überflügelten, was man bis dahin auf diesem 
schwierigen Gebiet erzielt hatte. Als er nach Darmstadt zurück- 
gekehrt war, suchte er im ganzen Hessenlande und darüber hinaus 
durch Vermittlung der Ärzte alle Frauen nach Darmstadt zu be- 
kommen, welche mit diesem lästigen Leiden behaftet waren. Zwei- 
mal mußte sogar das elterliche Haus diesen nicht gerade bequemen 
Kranken gastfrei die Tore öffnen. Schon 1854 konnte er über 
sechs Fälle von Blasenscheidenfisteln berichten, welche mit einer 
neuen Methode der Naht, der sogenannten Doppelnaht, behandelt 
worden sind. 

Als seine Erfolge bekannt wurden, strömten ihm bald Kranke, 
welche mit diesem Leiden behaftet waren, zu und namentlich in 
Rostock wurde sein Ruhm bis weit ins Innere Rußlands hinein auf 
diesem Gebiet verkündet. 

Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, die speziellen Vor- 
teile der Simonschen Methode der Behandlung hervorzuheben. 
Aber bloß mit hartnäckiger Ausdauer und zielbewußter Verfolgung 
der Aufgabe war es möglich, die Schwierigkeiten zu überwinden 
und Methoden ausfindig zu machen, welche heute noch muster- 
gültig und jetzt in Fleisch und Blut der Operateure übergegangen 
sind, so daß sie — vielleicht zum Nachteil der Kranken — nicht 
mehr allein von einzelnen Spezialisten geübt werden, sondern ge- 
meinschaftlicher Besitz aller operierenden Frauenärzte gewor- 
den sind. 

Noch kurz vor seinem Tode forderte er den berühmten ameri- 
kanischen Fisteloperateur Bozemann in Heidelberg zu einem Zwei- 
kampf auf, in dem die beiden Operateure — jeder nach seiner 
Art — die Heilung solcher Fisteln versuchte, um dadurch fest- 
zustellen, ob die deutsche oder die amerikanische Methode vor- 
zuziehen sei. 




19] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 149 



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Die Erfolge bei der Fisteloperation veranlaßten Simon, noch 
andere Frauenleiden durch zweckmäßige Operationsmethoden zu 
bekämpfen und neue Behandlungsmethoden zweckmäßig modifiziert 
bei uns einzuführen. Dahin gehören die Operationen großer 
Gebärmutterpolypen, die Amputation der Vaginalportion und die 
Heilung des Dammrisses. 

1860 verehelichte sich Simon mit der Tochter des hessischen 
Generalmajors Dingeldey in Darmstadt, die ihm eine treue Ge- 
fährtin durchs Leben gewesen ist und ihm in einem gemütlichen 
Heim Ruhe und Erholung schaffte, deren er bei so aufreibender 
und fruchtbarer Arbeit dringend bedurfte. Sie schenkte ihm 
vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Der älteste Sohn 
Otto, welcher allein am Leben geblieben ist, verspricht als Dozent 
der Chirurgie in Heidelberg das reiche Erbe seines Vaters zu 
mehren. 

Außer drei größeren selbständigen Schriften hatte Simon schon 
17 Arbeiten in Zeitschriften über verschiedene Gebiete der Chirurgie 
und gerichtlichen Medizin veröffentlicht, als er 1861 zur Unterstützung 
des alternden Professors Strempel als zweiter Chirurg nach Rostock 
berufen wurde. Die Übernahme der Klinik, welche schon ein 
Jahr später erfolgte, stellte ihn vor eine neue schwere Aufgabe. 
Er hatte wohl im Kreise seiner Kollegen in Darmstadt ausgezeich- 
nete Vorträge gehalten über Gegenstände seiner speziellen Studien 
und hatte selbst im Verein mit Darmstädter und Frankfurter Kollegen 
die jetzt noch blühenden Versammlungen mittelrheinischer Ärzte 
ins Leben gerufen.^ Nun sollte er Unterricht erteilen über das 
Gesamtgebiet der Chirurgie und Augenheilkunde, welch letzterer 
er bis dahin fremd geblieben war. Er brachte deshalb zweimal 
die Osterferien In Berlin zu, um Gräfes Klinik zu besuchen. Er 
vervollkommnete in Kursen über Anatomie und Mikroskopie seine 



* Zur Geschichte der Versammlungen mittelrheinischer Ärzte von Dr. 
Arth. Hoffmann (Münch. med. Woch. N. 44, 1902). 



150 Vincenz Czerny [20 



Kenntnisse und arbeitete mit großem Fleiße seine Kollegienhefte 
aus. Sein Vortrag war zwar kein glänzender, er war aber stets 
auf das Wesentliche gerichtet, knapp und einleuchtend und nur 
das hervorhebend, was für den praktischen Arzt und Chirurgen 
am wichtigsten ist. Er ließ es sich nicht verdrießen, seinen Schü- 
lern der älteren Semester typische Operationen nicht nur anzu- 
vertrauen, sondern ihnen auch bei der Ausführung derselben selbst 
zu assistieren. Die Klinik gab ihm mannigfache Anregungen, aus 
denen neben regelmäßigen Berichten über die wichstigsten Ereig- 
nisse auch ausführliche und gründliche Erörterungen aus dem 
Gebiete der praktischen Chirurgie hervorgingen. Die in Mecklen- 
burg ziemlich häufige Erkrankung der Echinokokken gab ihm An- 
laß, eine originelle und brauchbare Operationsmethode derselben 
zu erfinden. 

Er gründete mit Veit den Verein baltischer Ärzte, dem sich 
die Universitäten Kiel und Greifswald anschlössen. 1864 besuchte 
er den Kriegsschauplatz in Schleswig-Holstein. Im Herbst des 
Jahres, als er sich zur Erholung an der Bergstraße aufhielt, zog er 
sich eine schwere Hülftgelenksentzündung zu. Er hatte sich den 
Fuß verstaucht und bedurfte Schonung. Ein befreundeter Kollege 
ersuchte ihn, eine arme Bäuerin, welche bloß zu Fuß zu erreichen 
war und die von einem interessanten Leiden durch eine Operation 
geheilt werden sollte, zu besuchen. Die übergroße Anstrengung 
warf ihn aufs Krankenlager, von dem er nach großen Schmerzen 
erst mit Krücken sich erheben konnte, und mehr als ein Jahr 
brauchte er zu seiner vollkommenen Erholung. 

Er benutzte diese unfreiwillige Muße zu einer Reihe von wich- 
tigen Arbeiten, begann die Mitteilungen aus der Rostocker Klinik 
und einzelne Kapitel für das Handbuch der Chirurgie von Pitha 
und Billroth, welche leider nur teilweise vollendet wurden. 

Während des Krieges 1866 war er von einem Hülfskomitee, 
an dessen Spitze Virchow stand, ersucht worden, Ärzte zu stellen. 



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21] Maximilian Joseph v. Chelius, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 151 



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Er stellte sich selbst zur Verfügung, wandelte in wenigen Tagen 
die Ulanenkaserne zu Moabit in ein wohnliches Hospital um und 
war selbst unermüdlich tätig bis Ende September. Zum Andenken 
an diese ersprießliche Tätigkeit erhielt er die Bronzestatue Friedrich 
des Großen von dem Berliner Komitee und den Kronenorden dritter 
Klasse. Im Herbst 1867 wurde Simon nach Heidelberg berufen. 
Mit schwerem Herzen verließ er die Stätte seiner 7 jährigen erfolg- 
reichen Tätigkeit und folgte dem Rufe an die Universität, wo er gerne 
als Student geweilt hatte. Leider war der Umzug sehr bald von 
schwerem Kummer und Sorgen begleitet, denn schon nach sechs 
Wochen erkrankte der älteste Knabe an Diphtheritis, welcher zwar 
genas, während vierzehn Tage später das jüngste, 1867 geborene 
Töchterchen der schlimmen Krankheit erlag. Auch das ältere Töch- 
terchen, welches nach acht Tagen erkrankte, konnte selbst mit dem 
Luftröhrenschnitt nicht gerettet werden. Während er sich durch das 
schwere Unglück nicht niederbeugen ließ, drohte der Zusammen- 
bruch seiner Kräfte, als im Herbst auch die Gattin an Diphtheritis 
erkrankte. Glücklicherweise ließ die Genesung nicht lange auf 
sich warten. 

Die Diphtheritis, welche in den Familien Otto Webers und 
Simons eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat, herrschte in 
der Stadt Heidelberg und besonders auch im alten klinischen 
Hospital, behielt aber noch ihren verhängnisvollen Charakter bis 
in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, wo wir noch in der 
neuen chirurgischen Klinik zahlreiche schwere Fälle zu behandeln 
hatten. Erst seit der Einführung des Behringschen Diphtherie- 
serums scheint der schlimme Charakter der Krankheit gebrochen 
zu sein. 

In Heidelberg wurde Simon 1868 von einer Frau konsultiert, 
welche nach der Exstirpation einer Eierstockgeschwulst eine Harn- 
leiterfistel behalten hatte. Vergebliche Versuche, dieselbe zu heilen, 
veranlaßten Simon zu der experimentellen Prüfung zunächst an 



152 Vincenz Czerny [22 



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Hunden über die Frage, ob und wie die Exstirpation einer Niere 
möglich sei, da ein anderer Weg zur Heilung der Kranken unmög- 
lich und verschlossen zu sein schien. 

Nachdem er durch eine Reihe von Versuchen festgestellt hatte, 
daß der Ausfall einer Niere sehr schnell kompensiert wird durch 
die Tätigkeit der andern Nieren, schritt er am 2. August 1869 zu 
dieser Operation und hatte das Glück, die Kranke von ihrem 
lästigen Leiden zu befreien. Durch diesen glänzenden Erfolg, 
welchen er in der zielbewußten Übertragung der durch das Tier- 
experiment gewonnenen Erfahrung auf Menschen erzielt hatte, hat 
er einem ganz neuen Gebiete der Chirurgie die Bahnen geöffnet. 
Dutzende von neuen Operationsmethoden waren die natürliche 
Folge dieses kühnen Schrittes, die Erkrankungen der Nieren, der 
Harnleiter, der Blase wurden von einem neuen Strahle der Er- 
kenntnis beleuchtet und Hunderten von Menschen ist seitdem auf 
diesem Wege die Gesundheit wiedergegeben worden, welche sonst 
zu einem qualvollen Siechtum verurteilt gewesen wären. 

Während des Krieges 1870,71 entwickelte Simon als General- 
arzt der badischen Reservelazarette eine unermüdliche Tätigkeit 
mit Anspannung aller Kräfte. Am Tage operierte er in dem Heidel- 
berger Lazarette und die Nacht benutzte er zu Inspektionsreisen, 
um überall mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Leider ist der 
Generalbericht über diese ausgedehnte Tätigkeit nicht zustande ge- 
kommen und es liegt bloß ein wertvoller Beitrag zu den Schuß- 
verietzungen des Kniegelenkes aus dieser Zeit vor. 

Alljähriich vereinigte er in Heidelberg Chirurgen und Ärzte 
aus nah und fern, um ihnen interessante Fälle zu zeigen und sie 
mit seinen neuen Methoden der Untersuchung der Blase, des 
Mastdarms, der Unterleibsorgane bekannt zu machen und seine 
Operationsmethoden zu demonstrieren. So groß war sein Eifer, 
daß er es nicht sehen konnte, wenn nicht jeder der Zuhörer die 
gebotene Gelegenheit zu seiner Belehrung benutzen wollte. Als 



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23] Maximilian Joseph v. Chellus, Carl Otto Weber, Gustav Simon. 153 



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er seine Methode der Exploration der Unterleibsorgane mit der 
ganzen Hand durch den Mastdarm demonstrierte, stand ein Herr 
im schwarzen Rock daneben, der nicht daran wollte, als die Reihe 
an ihn kam. Simon drängte ihn, er möchte es doch ebenfalls 
versuchen, der aber antwortete: „Beg pardon, 1 am Reverend and 
no Surgeon". Der Ruf der Simonschen Demonstrationen hatte 
manchmal außer den Ärzten auch Laien in den Operationssaal 
gelockt. 

Unermüdlich, wie Simon in der Verbreitung seiner Kunst in 
Darmstadt, Rostock und Heidelberg war, gab er auch in Berlin den 
Anstoß zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, 
welche er mit von Langenbeck und Volkmann ins Leben rief. 
Solange es seine Gesundheit erlaubte, war er unermüdlich im Be- 
suche dieser Kongresse und kam niemals mit leeren Händen. 
Leider widerstand sein sonst so kräftiger Körper den übergroßen 
Anstrengungen nicht lange. Schon im Winter 1872 — 73 litt er öfter 
an hartnäckigen Katarrhen und Atemnot. Wiederholter Aufent- 
halt am Genfer See, im Schwarzwald, an der Bergstraße besserten 
wohl seinen Zustand vorübergehend, brachten aber keine dauernde 
Heilung. Schon 1874 erkannte der ihm befreundete Professor von 
Dusch ein Aneurysma der Brustschlagader, verschwieg ihm aber 
die Diagnose und empfahl ihm Ruhe und Schonung. 

Mit mehrmonatlichen Unterbrechungen konnte er noch einen 
Teil seiner Arbeiten aufnehmen, mußte sich aber seit Herbst 1875 
in der Klinik dauernd vertreten lassen. Er verbrachte die letzten 
Frühjahrsmonate 1875 in einer sonnigen Villa in Neuenheim und 
wurde am 27. August von einer heftigen Atemnot befallen, wegen 
der er seinen Assistenten, den jetzigen Professor Braun in Qöt- 
tingen, dringend bat, ihm durch den Luftröhrenschnitt Linderung 
zu verschaffen. Obgleich Braun wußte, daß die Operation keinen 
Nutzen bringen konnte, war es doch unmöglich, dem geliebten 
Meister den letzten Wunsch zu versagen. Derselbe zeigte durch 



154 Vincenz Czerny: M. J. v. Chelius, C. O. Weber. 0. Simon. [24 



einen dankbaren Bück, daß er sich erleichtert fühlte, schlummerte 
aber bald ein in einen tiefen Schlaf, aus dem er nicfit mehr er- 
wachen sollte. 

In Gustav Simon hat die deutsche Chirurgie einen ihrer be- 
deutendsten Pfadfinder verloren, dessen Vorzug in der Beschrän- 
kung auf ein enges Gebiet bestand, der aber gerade dadurch Neues 
und Dauerhaftes zustande gebracht hat. 

Heidelberg hatte das Glück, an die Spitze seiner chirurgischen 
Klinik drei Männer zu berufen, welche die aufsteigende Entwick- 
lung der Chirurgie im 19. Jahrhundert in glänzender Weise reprä- 
sentierten: zuerst den aristokratischen Chelius, der durch seine 
weltmännische Bildung, seine zahlreichen Reisen, welche ihn mit 
allen berühmten Chirurgen der damaligen Zeit in freundschaftliche 
Beziehungen brachten, durch ein hervorragendes Beobachtungs- 
talent und eminente Geschicklichkeit wie in einem Brennspiegel die 
damals vorhandenen Kenntnisse und Fertigkeiten auf seinem Gebiete 
in sich vereinigte und mit vollendeter Darstellungskunst in seinem 
Lehrbuche wiedergab; dann Otto Weber, welcher die wissenschaft- 
lichen Grundlagen der Chirurgie auf dem Boden der neuentstan- 
denen pathologischen Anatomie und Histologie aufbauen half, und 
endlich Gustav Simon, der die Resultate des Tierexperimentes, 
welches bis dahin meist nur zur Begründung theoretischen Wissens 
herangezogen worden war, kühn auf die Anwendung beim Menschen 
übertrug und neue Bahnen werktätiger Hülfe für den Kranken be- 
treten hat. 

Es gewährt einen ästhetischen Genuß zu sehen, wie jeder der 
drei Männer, ein Kind seiner Zeit, selbst zum Träger der treibenden 
Ideen wird und wie sie dadurch nicht allein den Ruhm der Heidel- 
berger Hochschule, sondern auch den Fortschritt der menschlichen 
KuUur gefördert haben. 




Nikolaus Friedreich 



von 



Wilhelm Erb. 




^Ijinfach und bescheiden waren die Verhältnisse der medi- 
zinischen Fakultät, als vor 100 Jahren mit dem be- 
rühmten Edikt Karl Friedrichs vom 9. Mai 1803 die 



Erneuerung der Hochschule und damit auch die Neubelebung der 
medizinischen Fakultät, der „Arzneigelahrtheit", erfolgte. Nur fünf 
Ordinarien erschienen in dem Verzeichnis der ersten Jahre, außer- 
dem nur 3 — 4 Extraordinarien und Privatdozenten. Jeder der 
Professoren las über mehrere (bis 4 oder 5) Fächer, z. T. ganz 
heterogener Art, und die Zahl der Unterrichtsstunden war eine sehr 
beschränkte. 

Von klinischen Instituten, von all den großartigen wissen- 
schaftlichen und Unterrichtsanstalten, wie sie heute zu dem Lehr- 
apparat einer medizinischen Fakultät gehören, waren damals noch 
kaum die ersten Anfänge vorhanden. 

Aber in rascher Entwicklung blühten sie unter den neuen 
günstigen Verhältnissen auf. 1804 wurde das ehemalige Domini- 
kanerkloster, das an der Stelle des heutigen Friedrichsbaues stand, 
vom Staate angekauft und in demselben das anatomische The- 
ater eingerichtet; 1805 wurde die Entbindungsanstalt von 
Mannheim in das erste Stockwerk des gleichen Gebäudes verlegt, 
ohne Ahnung von den schweren Gefahren, mit welchen die Nähe 
der anatomischen Anstalt sie bedrohte, und ebenfalls 1805 wurde 
daselbst auch eine medizinische Poliklinik, ein Ambulatorium 



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158 Wilhelm Erb [4 



für den Unterricht, verbunden mit Hausbesuchen der Studierenden 
in der Stadt, errichtet. 

Aber es dauert noch 10 Jahre, bis 1815 ebendaselbst eine 
wirkhche Hospitalklinik eröffnet wird, welcher 1818 unter Chelius 
die chirurgische Klinik folgte. Aus den ailzueng gewordenen 
Räumen siedelten dann noch im Jahre 1818 die drei Kliniken in 
die alte Kaserne am Marstallhof über. 

Auch die Zahl der Studierenden scheint anfangs eine sehr 
geringe gewesen zu sein. Über die ersten zwei Jahrzehnte konnte 
ich leider keine genaue Aufstellung finden; erst im Jahre 182223 
sind 45 bezw. 46 „Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten" an- 
geführt; höchstens die Hälfte davon mögen „Mediziner" in unserem 
heutigen Sinne gewesen sein. — Aber ihre Zahl ist im Jahre 
1832/33 bereits auf 256 (W.-S.) und 216 (S.-S.) gestiegen, freilich 
um später wieder erheblich zu fallen. 

Im Laufe des Jahrhunderts aber hat die medizinische Fakultät 
eine ganz gewaltige Entwicklung erfahren. Der Lehrkörper ist all- 
mählich gewachsen: in den vierziger und fünfziger Jahren stieg die 
Zahl der Dozenten und hielt sich längere Zeit bei konstant sieben 
Ordinarien zwischen 14 und 17 — von den sechziger Jahren an 
stieg sie rascher und das diesjährige Verzeichnis weist 11 aktive 
Ordinarien, 1 ord. Honorarius, 19 Extraordinarien und 16 Privat- 
dozenten — also in Summa nicht weniger als 47 Dozenten auf; 
also sechsmal soviel wie 1803! 

Aber diese gewaltige Entwicklung ist nicht ganz ohne Schwan- 
kung geschehen, nicht immer eine geradlinig aufsteigende gewesen.^ 

1 Es wäre wohl ganz interessant, dies an der Hand einer Statistik der 
Medizinstudierenden zu verfolgen. Leider sind aber die vorliegenden Zahlen 
nicht untereinander vergleichbar: in den ersten Dezennien sind JMediziner^, 
„Chirurgen"* (eine Art Mediziner II. Klasse, die in der Praxis wesentlich als 
„Amtschirurgen'' etc. die Chirurgie ausübten) und „Pharmazeuten** zusammen- 
gefaßt; ihrer waren es: 




5] Nikolaus Friedreich. 159 

Darüber geben die Berichte mancher Zeitgenossen, besonders die 
„Erinnerungen eines alten Arztes" von Kußmaul mancherlei 
interessante Aufschlüsse. 

Eine erste Glanzperiode der medizinischen Fakultät trat noch 
vor der Mitte des Jahrhunderts ein, als eine ganze Reihe hervor- 
ragender Männer hier zusammenwirkte — das war in den drei- 
ßiger und vierziger Jahren, als die Namen von Tiedemann, 
Chelius, Naegele, Puchelt, Henle, Pfeufer und Gmelin 
hier glänzten und den Ruf der Heidelberger medizinischen Fakultät 
über alle Lande trugen, „ein neues medizinisches Salerno", wie es 
Kußmaul nennt. 



1822/23 Wintersemester 45. Sommersemester 46. 

1832/33 „ 256. „ 216. 

1843/44' „ 110. „ 123. 

1852/53 „ 99. „ 105. 

Von 1853/54 an werden alle „Mediziner, Chemi ker und Pharmazeuten" 
zusammengefaßt; ihrer waren es: 

1853/54 Wintersemester 93. Sommersemester 107. 

1855/56 „ 122. „ 131. 

1860/61 „ 102. „ 101. 

1863/64 „ 128. „ 136. 

Von jetzt ab, 1864/65 endlich werden die Mediziner allein für sich 
gezählt und da fällt die Zahl bedeutend ab; die Hauptmenge unter den 
vorhergegangenen Zahlen waren also Chemiker und Pharmazeuten. — Von 
nun an bewegen sich die Zahlen in fast kontinuierlich ansteigender Linie, 
dem allgemein großen Aufschwung des Medizinstudiums entsprechend: 

1864/65 Wintersemester 50. Sommersemester 43. 

83. „ 110. 



1874/75 


n 
n 


68. 


n 


1 ■ \7. 

92. 


1879/80 


n 


105. 


n 


122. 


1884/85 


n 


210. 


n 


265. 


1889/90 


n 


284. 


n 


350. 


1894/95 


n 


225. 


»» 


275. 


1899/00 


n 


253. 


n 


301. 


1902/03 


n 


235. 


M 


311. 




160 Wilhelm Erb |6 



Dann aber, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, trat ein 
Zurücksinken dieser Blüte ein: die großen Männer starben oder sie 
wurden alt und weniger leistungsfähig, ja sie traten nicht selten 
der günstigen Weiterentwicklung hindernd entgegen. Der Ersatz 
der ausscheidenden Lehrkräfte wurde mangelhaft, die Ausgestaltung 
der Fakultät nach den neu sich einstellenden Bedurfnissen, neuen 
Fächern und neuen Lehrstühlen blieb unzureichend — nicht ohne 
Schuld der Regierung, aber auch nicht ohne Schuld der Fakultät 
resp. einzelner ihrer Mitglieder. Die Lebenserinnerungen Hasses, 
der von 1852 — 56 innerer Kliniker hier war und durch diese Ver- 
hältnisse bei seinem Weggang nicht am wenigsten bestimmt wurde, 
geben davon eine wenn auch nur skizzenhafte, doch sehr beredte 
Schilderung. 

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts trat hierin Wandel ein: 
mit dem Aufblühen der Naturwissenschaften, mit dem Eindringen 
der naturwissenschaftlichen Richtung und Forschungsmethode in die 
Medizin beginnt neues Leben, neuer Aufschwung. Das Ministerium 
in Kartsruhe verstand die Zeichen der Zeit und führte durch kluge 
und glückliche Berufungen hervorragender Naturforscher und Medi- 
ziner eine hocherfreuliche Blüte der Hochschule herbei. 

Als jenes glänzende Dreigestirn großer Naturforscher, dessen 
Wirken den Namen der Ruperto- Carola durch die fernsten Jahr- 
hunderte tragen wird, hier vereinigt wurde, als Bunsen die Chemie, 
Kirchhoff die Physik. Helmholtz die Physiologie lehrten, ak 
diese für die Medizin so wichtigen Hülfsfächer in unvergleichlicher 
Weise blühten, konnte auch ein neuer Aufschwung der medizinischen 
Fakultät nicht ausbleiben. 

Durch mehrfache geschickte Berufungen, durch Schaffung neocr 
Lehrstühle, durch Ergänzung und Verjüngung der FakuHit, dorch 
die Neugestaltung des Unterrichts und seiner Methoden, dordi 
Errichtung einer Anzahl neuer wissenschaftlicher instüme 
Unterrichtsanstalten, die genügend dotiert wurden, begann n 



7] Nikolaus Friedreich. 161 



'•\^^\jr 



der fünfziger und im Laufe der sechziger Jahre eine neue Blüte 
der medizinischen Fakultät, die bis zum heutigen Tage sich erhält. 

Zu den Männern, die an dieser Entwicklung den hervor- 
ragendsten Anteil haben, gehört neben so manchen andern 
Nikolaus Friedreich, der im S.-S. 1858 die Professur der 
speziellen Pathologie und die Leitung der medizinischen Klinik 
übernahm. 

Der medizinisch-klinische Unterricht war an diesem Zeitpunkte 
schon zu einer ganz erfreulichen Blüte gediehen ; aus kleinen An- 
fängen hatte er sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts allmählich 
entwickelt. 

Wie oben schon gesagt, wurde erst 1815 nach der Berufung 
Conradis, vor welchem Ackermann nur eine Poliklinik für 
Studierende nutzbar machen konnte, die erste dem Unterricht ge- 
widmete Hospitalklinik in dem alten Dominikanerkloster mit 
20 Betten eröffnet. — Conradi führte sie bis 1823, wo er nach 
Qöttingen berufen wurde; Sebastian führte sie dann interimistisch, 
bis 1824 Puchelt, ein hervorragender Kliniker mit vielseitigem 
Wissen und Können, in die Leitung der Klinik eintrat, um sie eine 
lange Reihe von Jahren mit Erfolg zu führen. Aber schon im Jahre 
1843 nach Sebastians Tode wurde neben seiner Klinik eine zweite 
medizinische Klinik eröffnet, die C. Pfeufer, eine „mächtige die Ju- 
gend fesselnde, entschlossene Persönlichkeit (Kußmaul)", bis zu 
seiner 1852 erfolgten Berufung nach München leitete; der genügende 
Raum dafür wurde dadurch gewonnen, daß die medizinischen und 
chirurgischen Kliniken in das sog. „Kleine Seminar" (jetzt Kaserne) 
übersiedelten, das von 1856 an den Namen „Akademisches Kranken- 
haus" führte und im Jahre 1876 die großartigen jetzigen Neubauten 
an der Bergheimerstraße bezog. — Pfeufer hatte schon in den 
letzten Jahren wegen zunehmenden Alters und Kränklichkeit (dro- 
hender Erblindung) Puchelts die beiden Kliniken gemeinschaft- 
lich geführt; dasselbe geschah durch seinen Nachfolger Hasse, 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. II 



162 Wilhelm Erb [8 



der 1852 von Zürich hierher berufen wurde und schon 1856 nach 
Qöttingen übersiedelte. 

Um dieselbe Zeit starb Puchelt und die beiden Kliniken 
wurden nun wieder zu einer einzigen unter Ducheks Leitung ver- 
einigt, dafür aber die Poliklinik von ihr losgelöst und von 1856 
unter von Duschs Direktion als besonderes Institut weitergeführt. 

Als Duchek zu Ostern 1858 einem Rufe nach Wien folgte, 
trat der noch jugendliche Fried reich an seine Stelle; er bekleidete 
dieselbe bis zu seinem allzufrühen Tode. 

Nikolaus Friedreich wurde geboren in Würzburg am 
31. Juli 1825 als Sohn und Enkel hervorragender Professoren der 
Medizin; sein Großvater Nikolaus war Leiter der medizinischen 
Klinik, sein Vater, Jean Baptist, der Begründer der bekannten 
„Blätter für gerichtliche Medizin**, war Professor der allgemeinen 
Pathologie in Würzburg, später Gerichtsarzt in verschiedenen bay- 
rischen Städten, zuletzt in Erlangen, wo er als Honorarprofessor 
Vorlesungen über Psychiatrie hielt. Familientradition und eigene 
Neigung haben den jungen Friedreich wohl ebenfalls zum Studium 
der Medizin geführt. Er besuchte die Gymnasien in Straubing und 
Ansbach und bezog 1844 die Universität Würzburg, an weicherer 
auch, nachdem er 1847 ein Semester in Heidelberg bei Henle ver- 
bracht, seine Studien und Examina vollendete. 

Er zeichnete sich schon früh durch reges wissenschaft- 
liches Streben aus und löste schon während des philosophischen 
Bienniums in Würzburg eine Preisaufgabe aus der Botanik« die 
ihm später noch den Doctor philosophiae eintrug. 

Tnd als er in das eigentliche medizinische Studium eintrau 
verfaßte er im Jahre 1848 zusammen mit seinem Jugendfreunde 
Karl Gegenbaur eine anatomische Arbeit ,,Über den Schädel 

des Avoloth. 

\on seinen damaliiien Würzburger Lehrern sind besondere 
Ki»ilikcr. Rinecker und Marcus von Einfluß auf seine Entvbick- 



9J Nikolaus Friedreich. 163 



-<y^ 



lung gewesen; des letzteren Assistent war er schon vor Vollendung 
seines Staatsexamens. Dieses und die Doktorpromotion fielen in 
das Jahr 1850. 

Ein Jahr vorher war Virchow nach Würzburg gekommen 
und gewann alsbald den bedeutendsten Einfluß auf den jungen 
Friedreich, der sein begeisterter Schüler und Anhänger und für 
das ganze Leben ein treuer Freund wurde; Virchow selbst hat 
dies in einem Nachruf in schöner Weise geschildert. 

Seine allseitige Ausbildung in der pathologischen Anatomie, 
seine pathologisch-anatomische Richtung und Vorliebe für die 
Beschäftigung mit diesem Zweige der medizinischen Wissenschaft 
hat Friedreich wohl diesem Einfluß zu verdanken. 

Im Jahre 1853 habilitierte sich Friedreich mit einer sehr 
bekannt gewordenen Arbeit „über Geschwülste innerhalb der 
Schädelhöhle", in welcher schon seine pathologisch-anatomische 
Richtung sich in glänzender Weise dokumentiert, für innere Me- 
dizin, hielt Vorlesungen und beliebte diagnostische Kurse etc. 

Als dann aber Virchow (1856) Würzburg verließ, wurde 
Friedreich, nach allerlei Kämpfen, mit einer außerordentlichen 
Professur für pathologische Anatomie daselbst betraut — also 
eigentlich zum Nachfolger Virchows gewählt. Aber kaum IV^ 
Jahre nachher wurde er durch seine Berufung nach Heidelberg der 
klinischen Medizin wiedergegeben. 

. Mit 32 Jahren übernahm der junge Gelehrte und Arzt zu 
Ostern 1858 die Heidelberger medizinische Klinik und die Pro- 
fessur für spezielle Pathologie und Therapie; und er ist ihr bis 
an sein Lebensende (1882) treu geblieben. 

Er war für diese Stellung vorzüglich vorbereitet durch seine 

klinische Ausbildung, durch seine eingehende Beschäftigung mit 

der Diagnostik einerseits, mit der pathologischen Anatomie 

andererseits; wie kaum ein anderer unter seinen damaligen jungen 

Zeitgenossen war er geeignet, die Methoden der streng wissen- 

11* 




J^ 



II] Nikolaus Friedreich. 165 



des Lehrers Leitung und Kontrolle auszuführen hatte; dann wurde 
die Diagnose nach allen Richtungen erwogen und festgestellt, wo- 
bei uns Friedreichs geübter und praktischer Blick oft sehr im- 
ponierte; seine Therapie war einfach, aber wohl überlegt, frei von 
Nihilismus, eher von etwas therapeutischem Optimismus getragen, 
und wurde — wenn einmal bestimmt — konsequent und ohne 
häufigen Wechsel durchgeführt. 

Das Wesentliche dabei war stets das genaue Eingehen auf 
den gerade vorliegenden einzelnen Fall; nur selten wurden mehr 
allgemeine und zusammenfassende Vorträge gehalten. 

Die Schüler wurden vortrefflich herangebildet, da sie oft an 
die Reihe kamen und selbst genau untersuchen mußten; und so 
wurde Fried reichs Klinik bei den Studierenden allgemein beliebt 
und nur ungern versäumt. 

Die vorkommenden Sektionen wurden von ihm mit Virchow- 
scher Genauigkeit gemacht und einer eingehenden kritischen Wür- 
digung unterzogen. 

Mit der Klinik war aber Friedreichs Lehrtätigkeit keineswegs 
erschöpft; neben der neunstündigen Klinik las er noch eine sechs- 
stündige Vorlesung über spezielle Pathologie und Therapie, 
die er in zwei Semestern völlig bewältigte. — Ich besitze noch 
ein vollständig ausgearbeitetes Heft dieser Vorlesung; sie war vor- 
trefflich, wenn auch nicht immer besonders anregend. 

In den ersten Jahren las er aber auch noch allgemeine Patho- 
logie und Diagnostik, ganz besonders aber lag auch noch der 
Unterricht in der pathologischen Anatomie in seiner Hand, 
bis derselbe — nach allerlei Streitigkeiten, die nicht hierher ge- 
hören, — auf seine Anregung im Jahre 1866 dem jungen Arnold, 
der sie heute noch hier vertritt, anvertraut wurde. Friedreich 
machte die Sektionen fast alle selbst, ließ nur einen Teil von den 
klinischen Assistenten ausführen; er hielt die Vorlesung über pa- 
thologische Anatomie, gab pathologisch-histologische Kurse (mit 



166 Wilhelm Erb [12 



Arnold) und begründete die pathologisch-anatomische Sammlung, 
an der er das lebhafteste Interesse nahm; wie manche gute Stunde 
habe ich da, als ich 1862 als Assistent bei ihm eintrat, mit Ordnen, 
Etikettieren und Aufstellen der Präparate in einem düsteren keller- 
artigen Parterreraum mit ihm zugebracht! 

Friedreich hat also in jenen ersten acht Jahren eine enorme 
Lehrtätigkeit entwickelt und eigentlich zwei ordentliche Professuren 
in seiner Person vereinigt, gewiß zum größten Vorteil der Fakultät. 

Nicht minder hervorragend und bedeutungsvoll war aber die 
andere Seite der Tätigkeit des jungen Klinikers, als Leiter und 
Arzt der klinischen Krankenabteilungen. — Mit Leib und 
Seele hing er an dieser Aufgabe ; emsig und unermüdlich widmete 
er sich derselben, ein Helfer und Tröster der Kranken und Elen- 
den in des Wortes schönster Bedeutung; er untersuchte genau und 
immer wiederholt, um Aufklärung in dunklen Fällen zu gewinnen, 
beschäftigte sich mit jedem Erkrankten und war stets voll Interesse 
für die Therapie; fern von dem damals noch vielfach herrschenden 
therapeutischen Skepticismus und Nihilismus hatte er selbst großes 
Vertrauen zu seiner Therapie und wußte dasselbe auch seinen 
Kranken einzuflößen ; er war darin vielleicht nicht immer kritisch 
genug. 

Wenn irgend möglich, machte er täglich die Visite auf der 
ganzen Abteilung, meist auch am Sonntag und dehnte sie oft weit 
über die sonst übliche Zeit aus, sich selbst und seinen Körper 
vergessend. Er pflegte dabei besonders die physikalische Dia- 
gnostik und arbeitete darüber auf der Station viel, mit Hülfe der 
Assistenten. 

Aber auch die Krankenpflege im engeren Sinne, die ganze 
Haltung und Führung der Abteilungen, die Überwachung und 
Schulung der Assistenten und des Wartepersonals waren Gegen- 
stand seiner Sorge, und die Führung der Hddelberger medizinischen 
Klinik war und blieb stets eine mustergültige. 



13] Nikolaus Friedreich. 167 



"X-ZV" 



Eine besonders schöne und weitreichende Wirlcsamkeit aber ent- 
faltete Friedreich noch gegenüber seinen Schülern im engeren 
Sinne, seinen Assistenten und Mitarbeitern. — Er warstreng 
gegen dieselben und machte große Ansprüche an ihr Können, ihre 
Arbeit und Pflichterfüllung, und war sehr wenig geneigt, ihnen 
Ferien zu geben, aber es war auch eine Lust, unter ihm zu arbeiten 
und von ihm zu lernen. 

Er unterstützte seine Assistenten in ihren wissenschaftlichen 
Arbeiten, ließ sie aber ganz selbständig gewähren und nicht etwa 
nur für ihn arbeiten; das hat er überhaupt nicht geliebt; erfreute 
sich an ihren Erfolgen und Resultaten, er ermunterte sie zu 
weiterer Arbeit. Nicht selten ließ er sich in eingehende Diskus- 
sionen über seine eigenen sowohl, wie über ihre Arbeiten ein. 

Wenn er Talent und Fleiß bei ihnen fand, ermunterte er sie 
zur Habilitation und unterstützte sie in ihrem Weiterkommen auf 
jede mögliche Weise; dadurch hat er sich ihre dauernde Dank- 
barkeit und Verehrung gesichert, und nicht wenige seiner Schüler 
sind glänzend vorgeschritten und nehmen hochgeachtete Stellungen 
in der Wissenschaft, an den Hochschulen und im praktischen Leben 
ein (zu nennen etwa Knauff, Julius Arnold, Erb, Friedrich 
Schultze. Wolffhügel t, Weil, P. Fürbringer). 

So hat Fried reich eine vielseitige und weitreichende Tätigkeit 
für die medizinische Fakultät zunächst in seinem engeren Wir- 
kungskreis entfaltet. 

Aber er hat auch alle Fakultätsinteressen im weiteren 
Sinne nach allen Richtungen gefördert; bei allen Berufungen, bei 
der Kreierung neuer Lehrstühle, bei der Förderung junger Lehr- 
kräfte und der Erteilung von Lehraufträgen war er stets in hervor- 
ragender Weise tätig. 

Seiner Anregung und seinem Einfluß war in erster Linie die 
Schaffung einer Professur für pathologische Anatomie zu danken; 
ebenso trat er lebhaft für die Schaffung einer Professur für Augen- 




168 Wilhelm Erb (M 



Heilkunde ein; die Erteilung von Lehraufträgen für physikalische 
Diagnostik, für Elektrotherapie, für gerichtliche Medizin und Hygiene, 
für Syphilis und Hautkrankheiten ist speziell auf seine Anregung zu- 
rückzuführen; und seiner initiative besonders, die sich mit der werk- 
tätigen Unterstützung von O. Weber verband, verdankt die Fakultät 
das neue große akademische Krankenhaus, das nach langen Vor- 
bereitungen, Kämpfen und Verzögerungen im Jahre 1876 endlich 
bezogen wurde; er war es auch, der hauptsächlich gegenüber 
allerlei Widerständen von außen und von oben für die Errichtung 
eines Lehrstuhls für Psychiatrie und für den Bau der psychiatrischen 
Klinik gekämpft hat. 

Daß es dabei nicht ohne mannigfache Reibung abging und 
daß sich in der Fakultät allerlei Differenzen zwischen ihm und 
den Kollegen nicht vermeiden ließen, ist selbstverständlich; aber 
Friedreich war und blieb stets einer der führenden Männer in der 
Fakultät und hat das große und so überaus wichtige Fach der 
inneren Medizin und Klinik fast ein Vierteljahrhundert in glänzen- 
der und ruhmvoller Weise vertreten. 

Niemand kann ein hervorragender klinischer Lehrer und ein 
bedeutender Krankenhausvorstand sein, wenn er nicht gleichzeitig 
ein großer Arzt ist; und das war Friedreich in ganz eminen- 
tem Grade. 

Sein Wissen, seine medizinische Ausbildung, sein diagnostisches 
Können, seine reiche Erfahrung, seine zielbewußte, einfache und 
erfolgreiche Therapie, für die er das lebhafteste Interesse bekun- 
dete, sicherten ihm auch auf dem Gebiete der rein ärztlichen Tätigkeit 
jeden Erfolg, seine gewinnende und zugleich imponierende Per- 
sönlichkeit, sein schönes ernstes Auge, seine Freundlichkeit und 
Milde gegen die Kranken trugen dazu nicht wenig bei. 

So wurde er ein gesuchter und beliebter Arzt bei hoch und 
nieder; anfangs hat er in Heidelberg auch Familienpraxis geübt, 
die er jedoch gegen Ende der 60er Jahre aufgeben mußte; sein 



15] Nikolaus Friedreich. 169 



-<vrN- 



wachsender Ruhm zog Kranke aus allen Ländern nach Heidelberg, 
dessen Glanz als Wallfahrtsort für Leidende noch aus früheren 
Jahrzehnten nicht ganz verblichen war, und er beherrschte und 
bewältigte in späteren Jahren eine enorme Konsultativpraxis; zahl- 
reiche Reisen nach näheren und entfernteren Orten nahmen seine 
Zeit und Kräfte vielfach in Anspruch. 

Es ist klar, daß er auch hierdurch zum Ruhme der Heidel- 
berger Fakultät nicht wenig beitrug. 

Und doch ist damit noch lange nicht erschöpft, was Fried reich 
an erfolgreicher Arbeit leistete; was bis jetzt geschildert wurde von 
seiner vielseitigen Tätigkeit, ist das, was ihm dankbare Verehrung 
in den Herzen seiner Klienten, was ihm bleibende unauslöschliche 
Anhänglichkeit seiner Schüler, was ihm einen ehrenvollen Platz 
in der engumgrenzten Geschichte einer Fakultät sichern mußte; 
der große Arzt, der klinische Lehrer, das hervorragende und mit- 
bestimmende Mitglied einer Fakultät — sie sind nur ein Teil des 
Ganzen. Friedreich war noch mehr, er war auch ein vielseitiger 
wissenschaftlicher Arbeiter, ein bedeutender Forscher und 
Gelehrter. 

Gerade an dieser Stelle ist wohl nicht der Platz, genauer auf 
die Fülle seiner wissenschaftlichen Arbeiten einzugehen, aber in 
Kürze skizziert müssen sie doch werden: sie bilden einen Teil 
seiner Persönlichkeit und ein gewichtiges Stück seiner Lebensarbeit; 
und vielleicht gerade den Teil, der ihm selbst am meisten am 
Herzen lag, und den er mit Leidenschaft — in der Tat bis zum 
letzten Atemzug — pflegte. 

Friedreich war eigentlich eine richtige Gelehrtennatur; von 
Jugend auf hatte er eine Leidenschaft für Bücher, und Kußmaul 
berichtet schon von dem jungen Dozenten, daß er eine reich- 
haltige und wertvolle Bibliothek besaß; er verwendete alljährlich 
erhebliche Mittel auf ihre Vervollständigung und Vermehrung und 
kultivierte mit Vorliebe den neurologischen Teil derselben. Mit 




I7Ü Wilhelm Erb [16 

liebender Sorgfalt hat er sie noch selbst vor seiner letzten Krank- 
heit in seinem neuen Hause aufgestellt. Durch sein Vermächtnis 
ist sie in den Besitz unserer Universitätsbibliothek übergegangen 
und bildet einen separat aufgestellten wertvollen Teil derselben; 
auch diese „Bibliotheca Friedreichiana" wird seinen Namen auf die 
Nachwelt bringen. 

Er war ein ungemein fleißiger und geduldiger Arbeiter; noch 
als Kliniker hat er viel Fleiß und Zeit auf pathologische, anato- 
mische, besonders mikroskopische Untersuchungen verwendet; 
stundenlang konnte er hinter einem alten Schiekschen Mikroskop 
sitzen, das wir jüngeren mit verächtlicher Geringschätzung be- 
trachteten, und in jener Zeit, da noch kein Mikrotom, keine ver- 
besserte Härtungsmethode , keine fein ausgebildete Färbetechnik 
existierten, war es ganz erstaunlich, was er mit seinen dürftigen 
Hülfsmitteln und bescheidenen Methoden an Forschungsresultaten 
produzierte. 

Auch am Krankenbett konnte er mit großer Geduld und Aus- 
dauer die ihn interessierenden Untersuchungen verfolgen — speziell 
diagnostische Fragen. Untersuchungen über Perkussion und Aus- 
kultation, Venenpuls, Mikroskopie des Auswurfs u. s. w. konnten 
ihn stundenlang jeden Tag fesseln; uns Assistenten schien es 
manchmal fast „des Guten zuviel". 

Schon bei dem jungen Studenten regte sich der Forschungs- 
trieb und führte, wie früher schon erwähnt, bereits in jungen 
Jahren zu den ersten Erfolgen. 

Mit seiner fiabilitationsschrift (1853), einer hervorragenden 
klinischen und zugleich pathologisch-anatomischen Arbeit: »Bei- 
träge zur Lehre von den Geschwülsten innerhalb der 
Schädelhöhle-, legitimierte er sich bereits als tüchtiger Forscher 
vor der wissenschaftlichen Welt. Und ihr folgte dann in sdner 
akademischen Laufbahn eine ununterbrochene Reihe von größeren 
und kleineren wissenschaftlichen Arbeiten und erst der Tod setzte 




I7J Nikolaus Friedreich. 171 






seinem Forschereifer und seiner nimmer rastenden Feder ein all- 
zufrühes Ziel. 

Es würde viel zu weit führen, auch nur einen größeren Teil 
dieser Arbeiten eingehend zu würdigen. Fried reich war auf allen 
möglichen Gebieten der wissenschaftlichen Medizin tätig und frucht- 
bar; so mag es genügen, seine Arbeiten gruppenweise — nach 
den hauptsächlichen Forschungsgebieten — kurz zu charakterisieren. 

In seiner früheren Entwicklungszeit, besonders in Würzburg 
mit Virchow — aber auch noch später stets — , hat er auf dem 
Gebiet der Anatomie und pathologischen Anatomie vielerlei ge- 
arbeitet. Schon seine allererste Arbeit (mit Gegenbaur über 
den Schädel des Axolotl) war eine anatomische; hierher ge- 
hören auch seine Untersuchungen über die Struktur derCylin- 
der- und Flimmerepithelien (1858) und über das Verhalten 
der Cruralvenenkläppen (1881), das er mit Rücksicht auf die 
Auskultation der Venen genauer studierte. 

Weit zahlreicher sind seine Arbeiten auf pathologisch-ana- 
tomischem Gebiet; er hat zwar keine großen und umfassenden 
Untersuchungen, aber doch eine Reihe sehr wertvoller Beiträge 
geliefert, größtenteils kasuistischen Inhalts. 

Hervorragend unter denselben ist besonders ein Fall von 
Leukaemie (1857), mit dem Nachweis von Lymphomen an vor- 
her noch nicht bekannten Stellen; dann die Untersuchung über 
Corpora amylacea in den Lungen (1856), über ausgedehnte 
Amyloiderkrankung (1857) und besonders eine Arbeit mit 
Kekule „zur Amyloidfrage" (1859), die für die Geschichte des 
Amyloids von grundlegender Bedeutung wurde; darin wurde der 
Nachweis geliefert, daß das Amyloid nichts mit Amylum oder 
Cellulose zu tun hat, sondern ein eiweißartiger Körper ist. 

Wichtig sind ferner die verschiedenen kasuistischen Mitteilungen 
über verschiedene Geschwulstformen: über eine merkwürdige Ge- 
schwulst, die als Schlauchsarkom bezeichnet wird (1863), zur Pa- 




172 Wilhelm Erb [18 

^ ■ - . - -^^^ 



thologie des Krebses (1866), über eine Cyste mit Fiimmer- 
epithel in der Leber (1857), über eine zusammengesetzte Eier- 
stockcyste mit Flimmerepithei etc. (1857), über ein Psam- 
moma kystomatos. haemorrh. der Glandula pinealis (1865), 
über multilokularen Leberechinokokkus(1865), über multi- 
ple knotige Hyperplasie der Leber und Milz (1865); dann 
neben allerlei kleineren Mitteilungen (Necrose der Nierenpa- 
pillen bei Hydronephrose, Erweiterung der Lymphgefäße 
des Penis durch Lymphstauung, Favus bei der Maus, 
Pneumonomycosis aspergillina) noch interessante Befunde 
zur Lebensgeschichte der roten Blutkörperchen unter 
pathologischen Verhältnissen (amöboide Bewegungen der- 
selben, Poikilocytose etc.), und Verschiedenes zur Kasuistik der 
angeborenen Bildungsfehler (Congenitale halbseitige Kopf- 
hypertrophie, 1863; der Hermaphrodit Kath. Hohmann, 
1868), über Hyperostose des gesamten Skeletts (zwei Fälle, 
die später als „Akromegalie" gedeutet wurden, 1868), und Be- 
obachtungen über chronisch-hämorrhagische Peritonitis, 
durch welche die Existenz eines sog. Hämatoms auch bei Peri- 
tonitis festgestellt wurde (1873). (Siehe die Zusammenstellung der 
Literatur in der Anmerkung!)^ 

• Struktur der Cylinder- und Fiimmerepithelien. Virch. Arch. Bd. 15. 
S. 535. 1858. — Über das Verhalten der Cruralvenenklappen etc. Morph. 
Jahrb. VII. S. 323. 1881. — Ein neuer Fall von Leukaemie. Virch. Arch. 
Bd. 12. S. 37. 1857. — Über Corpora amylacea und Bildungen aus phos- 
phorsaurem Eisen in den Lungen. Ibid. Bd. 9. S. 613. Bd. 10. S. 201 — 507. 

1856. — Fälle von ausgedehnter Amyloiderkrankung. ibid. Bd. 11. S. 387. 

1857. — Zur Amyloidfrage (mit Kekul^). ibid. Bd. 16. S. 50. 1859. — Zur 
Casuistik der Neubildungen (Schlauchsarcom). ibid. Bd. 27. S. 375. Nach- 
trag: Bd. 28. S. 474. 1863. — Zur Pathologie des Krebses, ibid. Bd. 36. 
S. 465. 1866. — Cyste mit Flimmerepithel In der Leber, ibid. Bd. 11. S. 466. 
1857. — Zusammengesetzte Eierstockcyste, teilweise Dermoid, mit Flimmer- 
epithel und neugebildetem Nervengewebe, ibid. Bd. 13. S. 458. 1858. — 
Psammoma kystomatos. haemorrh. der Glandula pinealis etc. ibid. Bd. 33. 



i 




19] Nikolaus Friedreich. 173 



Weit umfassender aber und bedeutender waren Friedreichs 
Arbeiten auf dem Gebiete der physikalischen Diagnostik, das er 
mit seltener Meisterschaft beherrschte. — Von seiner Würzburger 
Dozentenzeit an bis in die letzten Lebensjahre hinein hat er diesem 
Gegenstand sein Interesse und seine Arbeitskraft mit besonderer 
Ausdauer zugewendet. — Einige seiner Arbeiten betreffen die 
mikroskopische Diagnostik: so die Mitteilung über das kon- 
stante Vorkommen von Pilzen bei Diabetischen (1863) und 
die größere Arbeit „Zur Kenntnis der Sputa" (1864), in wel- 
cher verschiedene seltnere Vorkommnisse im Auswurf (Knochen, 
Hämatoidinkrystalle, Tyrosinkrystalle, Corpora amylacea, Sarcine) 
geschildert, ganz besonders aber die sog. schwarzen Sputa (mela- 
notische Myelinsputa) sehr eingehend besprochen, in ihrer Ent- 
stehung aber nicht richtig gedeutet werden. 

Durch die Bearbeitung des Handbuchs der Herzkrankheiten 
(s. u.) wurde er angeregt zum Studium von allerlei herzdiagno- 
stischen Fragen: davon zeugt die bekannte und wichtige Abhand- 
lung über die Diagnose der Herzbeutelverwachsung (1864), 
in welcher er zuerst den diastolischen Venenkollaps am Halse als 
wichtiges diagnostisches Zeichen feststellte und in ansprechender 
Weise erklärte; weiterhin^die große Arbeit über den Venenpuls 
(1865), in welcher er an der Hand klinischer Beobachtungen und 

S. 165. 1865. — Über muitiloculär. Leberechinococcus. ibid. Bd. 33. S. 16. — 
Über multiple knotige Hyperplasie der Leber und Milz. ibid. Bd. 33. S. 48 
und 553. 1865. — Necrose der Nierenpapillen bei Hydronephrose. ibid. 
Bd. 69. 308. 1876. — Fall von Erweiterung der Lymphgefäße des Penis durch 
Stauung der Lymphe. Würzburg. Verhandlungen II. S. 319. 1852. — Favus 
bei der Maus. Virch. Arch. Bd. 13. S. 287. 1858. — Pneumonomycosis 
aspergillina. ibid. Bd. 10. S. 510. 1856. — Zur Lebensgeschichte der roten 
Blutkörperchen, ibid. Bd. 41. S. 395. 1867. — Congenitale halbseitige Kopf- 
hypertrophie, ibid. Bd. 28. S. 474. 1863. — Der Hermaphrodit Katharina 
Hohmann. ibid. Bd. 45. S. 1. 1869. — Hyperostose des gesamten Skeletts, 
ibid. Bd. 43. S. 83. 1868. — Chron. haemorrh. Peritonitis ibid. Bd. 58. 
S. 35. 1873. 



174 Wilhelm Erb [20 






sphygmographischcr Untersuchungen die verschiedenen Formen 
des Venenpulses und seine große semiotische Bedeutung nach allen 
Richtungen erörterte und klarlegte. 

Besonders wertvoll und umfangreich aber waren seine Unter- 
suchungen über die Perkussion und Auskultation des Re- 
spirations- und Zirkulationsapparates. Sie begannen schon 
im Jahre 1856 mit einer sehr anerkannten Abhandlung über die 
diagnostische Bedeutung der objektiven Höhlensymp- 
tome, in welcher dieselben kritisch durchgenommen, auf ihr 
mannigfaches Vorkommen und ihren wirklichen diagnostischen Wert 
geprüft werden; er warnt schließlich vor einer Überschätzung der- 
selben und zeigt schon in dieser frühen Arbeit seine große Vir- 
tuosität in der physikalischen Untersuchung. 

Vielfach beschäftigte ihn die Perkussion des Respirations- 
apparates, über welche er eingehende Studien veröffentHchte : 
so über die Perkussion des Kehlkopfs und der Trachea 
(1879) und über die respiratorischen Änderungen des Per- 
kussionsschalles am Thorax unter normalen und patho- 
logischen Verhältnissen (1880). Diese letztere Arbeit ist mit 
unendlichem Fleiß gemacht, dringt in alle Einzelheiten des schwieri- 
gen Gegenstandes ein. bringt eine Fülle von subtilen Details, von 
theoretischen Erörterungen und praktischen Schlußfolgerungen, 
deren bleibender Wert jedoch der aufgewendeten Muhe kaum 
entspricht. 

Bis in die letzten Lebensjahre hat Friedreichsich noch ein- 
gehend mit den pathologischen Erscheinungen am Gefäß- 
apparat beschäftigt. — Schon im Jahre 1874 hielt er darüber bei 
der Naturiorscherversammlung in Breslau einen zusammenfassen- 
den Vortrag, dem später dann zunächst eine Abhandlung über „den 
Doppelton in der Cruralarterie. sowie über Tonbildung 
an den Cruralvenen** (\H1H) folgte; dieselbe enthalt eine ein- 
gehende kritische Bearbeitung der Lehre vom Doppelton in der 






2T] Nikolaus Friedreich. 175 

Cruralarterie und den Nachweis des Vorkommens von einfachen 
und doppelten Tönen auch in den Cruralvenen. Diese schönen und 
höchst eingehenden Untersuchungen haben die Lehre von diesen 
verschiedenen Gefäßtönen reformiert und auf festere Basis gestellt. 
— Ihr folgte dann zuletzt noch eine sehr umfangreiche Arbeit: 
^Beiträge zur physikalischen Untersuchung der Blut- 
gefäße" (1881), in welcher in höchst eingehender Weise auf Grund 
subtilster und mühevollster Untersuchungen das sog. Nonnen- 
geräusch, der exspiratorische Cruralvenenklappenton und die Re- 
gurgitationsgeräusche der Cruralvenen, sowie endlich die Töne und 
Geräusche an vielen Arterien unter physiologischen und patho- 
logischen Verhältnissen dargestellt und besprochen werden. 

Alle diese Arbeiten sichern ihrem Verfasser jedenfalls einen 
hervorragenden Platz unter den Begründern und Förderern der 
physikalischen Diagnostik. ' 

Das hervorragendste Arbeitsgebiet aber für den Kliniker Fried- 
reich war das der klinischen Medizin, und auf diesem hat er 
Werke von großem und bleibendem Werte geschaffen. — Er hat 
sich an der Herausgabe der großen Sammelwerke über spezielle 
Pathologie und Therapie von Virchow und vonZiemssen beteiligt, 
für das erstere schrieb er im Jahre 1858 — unglücklicherweise 
gerade vor der Einführung des Kehlkopfspiegels in die Praxis — 

' Über das konstante Vorkommen von Pilzen bei Diabetischen. Virch. 
Arch. Bd, 28. S. 476. 1863. — Beiträge zur Kenntnis der Sputa, ibid. Bd. 30, 
S. 377. I&M. — Zur Diagnose der Herzbeulelverwaciisung. ibid. Bd. 29. 
S. 296. 1864. — Über den Venenpuls. Deutsch. Arch. f. Ivlin. Mediz. I. 
S. 241. 1865. — Die diagnostische Bedeutung der objektiven Höhlensymptome. 
Würzburg. Verhandlungen VII, S. 87. 1856. — Die Percussion des Kehlkopfs 
und der Trachea. Deutsch. Arch. f. klin. Mediz. XXIV. S. 258. 1879. — 
Respiratorische Änderungen des Percussionsschalls am Thorax unter nor- 
malen und pathologischen Verhältnissen, ibid. XXVI. S. 24. 1880. — Über 
den Doppelton an der Cruralarterie sowie über Tonbildung an den Crural- 
venen. Deutsch. Arch t, klin. Mediz. XXL S. 205. 1878. — Beiträge zur 
physikalischen Untersuchung der Blutgetäße. ibid. XXIX. Seile 256. 1881. 




176 Wilhelm Erb [22 



-v.yv- 



die Krankheiten der Nase, des Kehlkopfs, der Trachea, der 
Schild- und Thymusdrüse — ; sie wurde ihm Anregung zu 
einer sehr eingehenden Beschäftigung mit dem Kehlkopfspiegel, 
die er besonders in den ersten Jahren seines Heidelberger Aufent- 
haltes eifrigst betrieb, ohne daß er jedoch dann zu einer Neubear- 
beitung des Gegenstandes kam. 

Ganz ausgezeichnet aber war in dem gleichen Handbuch seine 
Bearbeitung der Krankheiten des Herzens, die im Jahre 1861 
in erster, 1867 in zweiter Auflage erschien. Dies Buch vor allem 
hat seinen Ruf als Kliniker und Arzt begründet und in die weitesten 
Kreise getragen. Es ist ein durchaus klassisches, von ausgedehn- 
tester Kenntnis der Literatur, wie von reichster eigener Erfahrung 
getragenes, den Gegenstand nach allen Richtungen durchdringendes 
und erschöpfendes Werk. Es gab ihm Anregung zu zahlreichen 
eigenen Untersuchungen, welche zum Teil in den oben erwähnten 
diagnostischen Arbeiten niedergelegt und deren Ergebnisse überall 
in seinem Buche eingestreut sind, und zeigt seine verfeinerte 
Kunst der physikalischen Diagnostik in glänzendstem Lichte. 

Für das Ziemssensche Handbuch hat er nur die Krank- 
heiten des Pankreas (1875 — 78) behandelt und darin eine sehr 
eingehende und vollständige, nach allen Richtungen den spröden 
Stoff erschöpfende Darstellung des Gegenstandes — nach dem da- 
maligen Stande unseres Wissens — gegeben. 

Außerdem hat Friedreich aber noch zahlreiche Abhandlungen 
kleinerer Art, Kasuistik etc. publiziert; schon in seiner frühesten 
Zeit einen sehr guten Bericht über eine kleine Typhusepidemie 
im Würzburger Juliusspital (1855), die — obschon noch vor 
der Zeit der Temperaturmessungen geschrieben — doch schon 
eine Fülle guter und detaillierter Beobachtungen enthält; ferner 
zwei interessante Fälle von Brustkrankheiten (1855), — einen 
rasch heilenden traumatischen Pneumothorax und eine Lungen- 
hernie bei einem Emphysematiker; er griff fördernd in die Lehre 




23] Nikolaus Friedreich. 177 



-C/w- 



von der Trichinose durch zwei Abhandlungen ein, in deren 
einer (1862) er einen während des Lebens früh diagnostizierten und 
durch die Harpunierung bestätigten Fall dieser damals ganz neuen 
Krankheit beschrieb, während die andere (1871) Bericht über zwei 
kleine lokale Trichinoseepidemien in Heidelberg bringt; er be- 
schreibt einen wertvollen Fall von multilokularem Echino- 
kokkus der Leber (1865), den er mit eingehender klinischer 
Epikrise versieht; ferner einen Fall von Lyssa humana (1879) 
mit fast lOmonatlicher Inkubationszeit, berichtet über das Vor- 
kommen von Febris recurrens in Süddeutschland (1880), 
bei dem er den Nachweis eines schon im Inkubationsstadium vor- 
handenen Milztumors liefert, und über einen berühmt gewordenen 
Fall von anscheinend durch die Condurangorinde geheiltem Magen- 
krebs (1874), von welchem die jetzt so verbreitete Anwendung 
dieser Drogue als Stomachicum ausging; endlich schrieb er einen 
feindurchdachten klinischen Vortrag über den akuten Milztumor 
und seine Beziehungen zu den Infektionskrankheiten 
(1874), in welchem er mit Scharfblick die infektiöse Natur mancher 
damals noch nicht als solche anerkannten Krankheit betont und eine 
Reihe höchst interessanter Betrachtungen über die Infektionskrank- 
heiten anstellt, die durch die spätere Entwicklung der Bakteriologie 
und der Lehre von den Infektionskrankheiten zum Teil bestätigt, 
zum Teil aber auch überholt und gegenstandslos geworden sind; 
besonders ansprechend erscheint mir darin seine Erklärung des 
frühen Milztumors bei diesen Krankheiten.^ 



> Krankheiten der Nase, des Kehlkopfs, der Trachea, der Schild- 
und Thymusdrüse. Virchows Handbuch der speciellen Pathologie und 
Therapie. V. 1. AbtIg. 1858. — Die Krankheiten des Herzens, ibid. V. 
2. Abtlg. 1861. (2. Aufl. 1867.) — Krankheiten des Pankreas. Ziemssens 
Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie. VIII. 2. 1875. (2. Auf- 
lage 1878.) — Bericht über 33 im Juliushospital abgelaufene Fälle von 
Abdominaltyphus. Würzburg. Verhandlungen V. S. 271. 1855. — Zwei 
Fälle zur Casuistik der Brustkrankheiten, ibid. V. S. 185. 1855. — Zur 
Pestschrift der Universität Heidelberg. II. 12 




178 Wilhelm Erb [24 



Die Glanzleistungen Friedreichs jedoch hegen auf dem von 
ihm stets mit Voriiebe gepflegten Gebiete der Nervenkrank- 
heiten. Schon seine Habilitationsschrift, zur Lehre von den 
Geschwülsten innerhalb der Schädelhöhle (1853), beschäf- 
tigte sich mit diesem damals noch sehr in den Anfangsstadien der 
Erkenntnis steckenden schwierigen Gegenstande. Gestützt auf 
10 eigne und 34 fremde Beobachtungen gibt er eine für die da- 
malige Zeit — es war noch vor der Entdeckung des Augenspiegels 
und der Stauungspapille — ganz vortreffliche klinische Arbeit, die 
ihn sofort in die Reihe der besten klinischen Beobachter stellt; seine 
Arbeit ist Grundlage und Vorbild für viele spätere Publikationen 
über den gleichen Gegenstand geworden und zeichnet sich durch 
große Genauigkeit der Beobachtungen, scharfsinnige Analyse der 
Symptome auf Grund eingehender Kenntnis der Literatur wie 
der Physiologie und pathologischen Anatomie des Gehirns aus. 

Zehn Jahre später (1863) erschien seine erste Abhandlung über 
die „degenerative Atrophie der spinalen Hinterstränge**, 
mit welcher er jene Krankheit in die Nervenpathologie einführte, die 
mit seinem Namen für alle Zeiten verbunden sein wird. — Nach 
weiteren 13 Jahren (1876) folgte dieser ersten eine zweite größere, 
sie ergänzende und vervollständigende Arbeit nach (über Ataxie 
mit besonderer Berücksichtigung der hereditären For- 
men); mit derselben hat er die nosologisch-klinische Existenz der 
„Friedreichschen Ataxie" vollkommen sichergestellt. — Drei 

Pathologie der Trichinenkrankheit. Virch. Arch. Bd. 25. S. 399. 1862. — 
Beobachtungen über Trichinosis. Deutsch. Arch. f. klin. Medic. IX. S. 499. 
1872. — Über multiloculären Leberechinococcus. Virch. Arch. Bd. 33. S. 16. 
1865. — Fall von Lyssa humana mit ungewöhnlich langer Latenz. Deutsch. 
Arch. für klin. Medic. XXIV. S. 242. 1879. - Febris recurrens in SQddeutsch- 
land. ibid. XXV. S. 518. 1880. — Ein Fall von Magenkrebs. Berl. klin. 
Woch. 1874. Nr. 1. — Über akuten Milztumor und seine Beziehungen zu 
den akuten Infektionskrankheiten. Volkmanns Sammlungen klin. Vortrige. 
Nr. 75. 1874. 



25] Nikolaus Friedreich. 179 



Familiengruppen von dieser interessanten Krankheit, im ganzen 
neun Fälle mit vier Sektionsbefunden, bilden die Grundlage dieser 
Arbeiten. Sie zeichnen sich durch sorgfältigste Beobachtung, genaue 
klinische und allgemeinpathologische Analyse der Symptome, durch 
gute pathologisch-anatomische Untersuchungen aus; in scharfer 
Weise wird von vornherein diese Krankheitsgruppe von der ge- 
wöhnlichen Tabes — der „Ataxie locomotrice" Duchennes — 
abgegrenzt und es werden die Befunde bei derselben zu eingehen- 
den interessanten Betrachtungen über die Sensibilitätsleitung in 
den Hintersträngen, über den Begriff der Koordination der Be- 
wegungen, über die Ataxie und ihre Unabhängigkeit von der Stö- 
rung der Sensibilität, sowie über die hypothetische Anwesenheit 
und Lagerung der koordinatorischen Bahnen im Rückenmark ver- 
arbeitet. 

Mit vollstem Rechte trägt daher die „hereditäre Ataxie" Fried- 
reichs Namen; er hat sich mit ihr in der Nervenpathologie ein 
bleibendes Denkmal gesetzt. 

Als langsam gereifte Frucht langjähriger Arbeit und vielfacher 
Studien erschien 1873 Friedreichs größtes Werk, die umfang- 
reiche Monographie „über progressive Muskelatrophie, über 
wahre und falsche Muskelhypertrophie". Das Werk gründet 
sich auf eine größere Anzahl eigner klinischer Beobachtungen und 
mehrfache Sektionsbefunde, auf umfassende Berücksichtigung der 
Literatur und geht mit großem Aufwände von Scharfsinn, Dialektik 
und Gelehrsamkeit auf die vorliegenden Fragen und auf mehr oder 
weniger verwandte, weite Gebiete der Nervenphysiologie und -patho- 
logie ein; es bespricht die ganze Frage der trophoneurotischen 
Wirkungen und Theorien, bringt eine vollständige Abhandlung über 
die sog. Pseudohypertrophie der Muskeln, deren enge Zusammen- 
gehörigkeit mit der Muskelatrophie dem Autor nicht entgeht, und 
zieht auch die wahre Muskelhypertrophie und die progressive Bulbär- 
paralyse und vieles andere in den Kreis der Betrachtung. 



180 Wilhelm Erb [26 



Friedreich begründet und verteidigt in diesem Werke die An- 
sicht, daß die „progressive Muskeiatrophie** (i. e. das, was man 
damals darunter verstand) nichts anderes sei als eine chronische 
Entzündung der Muskeln (ein Myositis interstitialis chronica), also 
eine reine Myopathie, an deren Entstehung das Nervensystem 
in irgend einem seiner Teile (peripherische Nerven, Sympathicus, 
Rückenmark) nicht den mindesten Anteil habe; es werde dabei 
höchstens in sekundärer Weise in Mitleidenschaft gezogen. Er 
bekämpft damit energisch die seiner Ansicht entgegenstehende und 
in den 60er Jahren zur Herrschaft gelangte Lehre Charcots und 
seiner Schüler, daß die „progressive Muskeiatrophie" eine Erkran- 
kung des Nervensystems, speziell des Rückenmarks (der grauen 
Vordersäulen) sei. 

Die weitere Entwicklung der Nerven pathologie hat gelehrt, daß 
Friedreichs mit soviel Mühe und Arbeit durchgeführte Beweis- 
führung in der Hauptsache mißlungen ist; sie mußte damals auch miß- 
lingen, aus zwei Gründen: wegen der ungenügenden klinischen 
Sichtung des Krankheitsmaterials, für welche die damalige 
Zeit noch nicht reif war, so daß Friedreich eine ganze Anzahl ver- 
schiedener Krankheitsformen bei der progressiven Muskelatrophie 
unterbrachte, und dann wegen der durchaus mangelhaften histo- 
logischen Untersuchungsmethoden, deren er sich bediente, 
und wohl auch damals nur bedienen konnte. — Vier von seinen 
fünf Sektionsbefunden stammen aus den Jahren 1858 — 60! Und 
so ging die Wissenschaft zunächst über sein Werk zur Tagesord- 
nung über. 

Und doch steckte in demselben ein ganz erheblicher Kern 
von Wahrheit! Er hatte ihn nur nicht herauszuschälen verstanden. 
Leider hat Fried reich die späte Anerkennung und Rehabilitierung 
wenigstens eines großen Teils seiner Anschauungen nicht mehr er- 
lebt. Erst nach seinem Tode ist es zunächst mir, dem Schreiber 
dieser Zeilen und seinem langjährigen Gegner in dieser Frage, ve^ 



27J Nikolaus Friedreich. 181 



■^^T^ 



gönnt gewesen, durch schärfere khnische Sichtung der einschlägigen 
Krankheitsformen und auf Grund zuverlässigerer anatomisch-histo- 
logischer Untersuchungsergebnisse den Nachweis zu führen, daß in 
der Tat gewisse Formen — und gerade die zahlreicheren Fälle — 
von progressiver Muskelatrophie wohl als „myopathische" Erkran- 
kung aufgefaßt werden können, bei welcher sich in der Tat keine 
Veränderungen des Nervensystems nachweisen lassen; das sind 
die Fälle, die man jetzt als Dystrophia muscul. progr. bezeichnet 
und zu welchen auch die sog. Pseudohypertrophie, die infantile 
Muskelatrophie und mehreres andere gehören. Auch in Frankreich 
und in andern Ländern ist man längst zu der gleichen Anschauung 
gekommen und hat eine reinliche Scheidung zwischen diesen und 
den rein spinalen Erkrankungsformen, sowie noch andern Arten 
der Muskelatrophie herbeizuführen verstanden. Aber noch immer 
ist diese Lehre im Fluß und es darf das Verdienst Friedreichs 
um die Entwicklung derselben nicht vergessen bleiben. 

Außer dieser großen Arbeit hat Fried reich in der Nerven- 
pathologie nicht viel publiziert; von ihm stammt noch die Ein- 
führung der seltnen Krankheitsform des^ParamyocIonus mul- 
tiplex" in die Nosologie (1881) und eine nicht uninteressante 
kleine Arbeit über „coordinierte Erinnerungskrämpfe** (1881) 
und endlich die letzte, erst wenige Wochen vor seinem Tode zu- 
sammengestellte und nach seinem Tode erst erschienene Arbeit — 
gleichsam sein Schwanengesang — „Zur Behandlung der 
Hysterie** (1882).^ 

» Zur Lehre von den Geschwülsten innerhalb der Schädelhöhle. Würz- 
burg 1853. — - Über degenerative Atrophie der spinalen Hinterstränge. 
Virch. Arch. Bd. 26. S. 391, 433 und Bd. 27. S. 1. 1863. — Über Ataxie mit 
besonderer Berücksichtigung der hereditären Formen, ibid. Bd. 68. S. 145. 
[876 und Bd. 70. S. 140. 1877. — Über progressive Muskelatrophie, über 
wahre und falsche Muskelhypertrophie. Berlin. Hirschwald. 1873. — Über 
Paramyocionus multiplex. Virch. Arch. Bd. 86. S. 421. 1881. — Coordinierte 
Erinnerungskrämpfe, ibid. S. 430. 1881. — Zur Behandlung der Hysterie, 
ibid. ßd. 90. S. 220, 1882. — 



182 Wilhelm Erb [28 

Und damit komme ich noch zur Besprechung einiger kleinerer 
Abhandlungen Fried reichs, die sich mit therapeutischen Dingen 
und Vorschlägen beschäftigen. Er ist damit nicht sonderlich glück- 
lich gewesen und hat wenig von bleibendem Werte eingeführt Ge- 
legentlich seiner ersten Arbeit über die Trichinose empfahl er das 
Kali picronitricum als Heilmittel gegen diese, sowie gegen an- 
dere Parasitenkrankheiten, besonders gegen Bandwürmer. Ich habe 
auf Friedreichs Anregung in meiner Dissertation nachgewiesen, 
daß das Mittel gegen die Trichinen völlig wirkungslos, dagegen 
als Bandwurmmittel nicht erfolglos sei; es ist längst durch Besseres 
verdrängt. Im Jahre 1864 empfahl er gegen Extrauterinsch wan- 
gers chaft Injektionen von Morphium, die per vaginam in den 
fühlbaren Tumor gemacht wurden; der Fall liest sich etwas aben- 
teuerlich und diese Anregung hat — soweit mir bekannt — bei 
den Gynäkologen wenig Nachfolge gefunden. 

Wichtiger und richtiger erscheint mir seine auf vier glückliche 
Fälle gestützte Empfehlung des „Bromkalium gegen Hyper- 
emesis gravidarum" (1879). — Seine in der Hauptsache ja 
verfehlte, aber im übrigen segensreich gewordene Empfehlung 
der Condurangorinde gegen Magenkrebs (1874) habe ich 
oben schon erwähnt. 

In seiner letzten Arbeit endlich hat Friedreich — anknüpfend 
an die Erfahrung von Baker Brown und Gustav Braun, welche 
durch die Klitoridectomie eine Reihe von Fällen schwerer Mastur- 
bation, Hysterie. Epilepsie und anderes geheilt haben wollten — 
versucht, durch eine energische Ätzung der Klitoris und der Nym- 
phen mit Höllenstein dasselbe zu erreichen. 

In den mitgeteilten Beobachtungen hat er eine Reihe von 
glänzenden Erfolgen, auch in anscheinend schweren Formen von 
Hysterie, erzielt. Wie weit dieselben jedoch durch reine Schmerz- 
wirkung oder vor allem durch Suggestion vermittelt sind, sieht 
dahin und konnte auch bei dem damaligen Stand der Lehre von 




29J Nikolaus Friedreich. 183 



->L/v- 



der Hysterie und Suggestion noch nicht diskutiert werden. Viel 
Nachahmung scheint aber auch diese Methode nicht gefunden 
zu haben. ^ 

Daß sich Fried reich gelegenthch auch mit epidemiologischen 
und kriegshygienischen Fragen eingehend beschäftigt hat, zeigt 
seine 1871 erschienene Abhandlung über die „Heidelberger Ba- 
racken für Kriegsepidemien**, die eine interessante Einleitung 
über die Maßregeln gegen epidemische Erkrankungen im Kriege 
und weiterhin eine Reihe von klinischen Beobachtungen und Be- 
merkungen, besonders über Typhus, enthält.* 

Zu seiner wissenschaftlichen Berufstätigkeit gehörte aber auch 
noch seine Teilnahme an ärztlichen Vereinen und Versammlungen: 
er hat von 1858 bis 1868 zahlreiche Vorträge im naturhisto- 
risch-medizinischen Verein in Heidelberg gehalten, später 
erscheint sein Name aber nicht mehr in den Verhandlungen dieses 
Vereins; er war öfters Teilnehmer an den Naturforscherver- 
sammlungen, z. B. in Bonn, Speyer, Breslau, Frankfurt, München, 
Baden etc., und hat die Pfingstversammlung mittelrheini- 
scher Ärzte sowie die Wanderversammlung der südwest- 
deutschen Neurologen und Irrenärzte häufig durch seine 
Anwesenheit und Vorträge erfreut. 

In dieser vielseitigen und aufreibenden Berufstätigkeit war 
eigentlich sein ganzes Leben beschlossen ; er ging völlig darin auf 
und betätigte sich wenig oder gar nicht auf anderen Gebieten. 



' Kali picronitricum als Anthelminthicum. Virch. Arch. Bd. 25. S. 299. 
1862. — Ein Fall von höchst wahrscheinlicher Extrauterinschwangerschaft 
mit günstigem Ausgang durch eine neue Behandlungsmethode, ibid. Bd. 29. 
S. 312. 1864.— Bromkalium gegen Hyperemesis gravidarum. Deutsch. Arch. 
f. klin. Medic. XXIV. S. 245. 1879. — Ein Fall von Magenkrebs. Berl. klin. 
Woch. 1874. Nr. 1. — Zur Behandlung der Hysterie. Virch. Arch. Bd. 90. 
S. 220. 1882. 

* Die Heidelberger Baracken für Kriegsepidemien. Heidelberg. Basser- 
mann. 1871. 




IS4 Wilhelm Erb [30 



Dem öffentlichen Leben blieb er fast ganz fern; im 
ganzen schloß er sich mehr der liberalen Bewegung an ; war Alt- 
kalholik geblieben, hielt sich aber von allem öffentlichen Auftreten 
ziemlich zurück ; nur einmal ist mir erinnerlich, daß er mit seiner 
Persönlichkeit — es war in der Frage der gemischten Schulen 
im Jahre 1869 — für die fortschrittlichen Kulturinteressen eintrat, 
sich an der Agitation beteiligte, in öffentlichen Versammlungen 
sprach u. s, w. Es wurde ihm damals ein Fackelzug gebracht. 
Seine \^issenschaftlichen und Berufsinteressen erfüllten ihn 
ganz; neben diesen konnten keine anderen aufblühen; für andere 
U*issensz>A*eige, auch für Musik und Kunst und ähnliches war in 
dieser Persönlichkeit wenig Raum. 

Es erübrigt noch, auf den Menschen Friedreich, auf seine 
Persönlichkeit, sein Äußeres, seine Lebensführung und 
seinen Charakter mit wenig Worten einzugehen. 

Friedreich \^ird als ein gesunder und lebhafter Knabe ge- 
schildert; er scheint auf der Universität ein flotter Korpsstudent 
gem^esen zu sein, der sich allgemeinen Ansehens erfreute; daß er 
aber in dem Korpsleben nicht ganz au^ng. lehrt die von ihm in 
dieser Zeit gelöste tK>tanische Preisarbeit 

Kußmaul schildert in anmutiger Wdse den jungen Dozen- 
ten Friedreich in Würzburg als einen ernsten, in seinem Wesen 
mx>hl etu^as nesenierren, aber dem Humor und der geseilten 
Henertceit dundiaus nicht al^netgten, \x>n allen Seten geachtelen 
iii>d beliebten jungen .Hann. 

Als reifer .Mann, wie wir ihn mehr als zwei Jateeehnlc 
haben nmet uns wandeln sehen, war Friedreich zwcSdos «e 
henvvn^ende und interessante Ei^dianung, Von mienig iber MiOd- 
l!ro6e, \\>n gedrut^ener Figur, besiA er regetmafiige 
tsnc hiShc klare Stirn und an sdiönes doiddes, 
Ai:^ seine Ciesichrssar^e mar aufialloid dunkd, bruKtt, 
Södlinder erinnernd, Haar und Ban dunkd, aber 



31] Nikolaus Friedreich. 185 



•<y*^ 



Sein Gesichtsausdruck war meist freundlich und liebenswürdig; in 
späteren Jahren wohl mehr ernst und manchmal verstimmt; wenn 
er etwa mißtrauisch und unzufrieden war, hatte er eine eigentüm- 
liche Art, die eine Stirnhälfte in die Höhe zu ziehen. 

Seine Lebensweise war einfach und geregelt; es war ein 
Leben der Arbeit, der angestrengtesten Tätigkeit von früh bis in 
die Nacht; meist saß er bis weit über Mitternacht am Schreibtisch ; 
stand etwas spät auf und der Vormittag gehörte dann meist ganz 
dem Krankenhaus, dem klinischen Unterricht, seinen wissenschaft- 
lichen Forschungen; oft ließ er sich dadurch weit über die Essens- 
stunde festhalten. — Der Nachmittag gehörte der Privatsprech- 
stunde, die er meist unmittelbar nach Tisch begann und bis fünf, 
manchmal sieben Uhr (im Sommer) ausdehnen mußte. — Im 
Wintersemester folgte dann die tägliche Abendvorlesung; außerdem 
wurde mancher Abend noch durch Sitzungen, Examina u. dgl. 
ausgefüllt. — Vielfache kleinere und größere Konsultationsreisen 
nach benachbarten und entfernteren Städten brachten einige Ab- 
wechslung in dies Dasein. 

Ein Genußmensch war Fried reich nicht; er legte keinen 
besonderen Wert auf die Genüsse der Tafel, noch auf die köstlichen 
Gaben des Bacchus, war ihnen aber auch keineswegs abgeneigt; 
nur das Rauchen trieb er mit einer gewissen Leidenschaft und wohl 
auch etwas im Übermaß, soweit es seine Beschäftigung erlaubte. 

Er führte im wesentlichen eine sitzende Lebensweise, ging fast 
nie spazieren ; auch auf seinen vielen Reisen blieb er den körper- 
lichen Anstrengungen, dem Bergsteigen, dem Sport jeder Art, 
möglichst fern. 

Was er sich an Erholung gönnte, und was er auch — wie 
wir alle sehen konnten — mit Behagen genoß, waren die Freuden 
seiner Häuslichkeit. 

Er hatte früh eine Würzburgerin, Joseph ine Lauk, ge- 
heiratet, eine fröhliche, harmlose, etwas überschwängliche Natur, 



186 Wilhelm Erb [32 



c= 



die ihren Mann vergötterte, große Freude an geselligem Verkehr 
hatte und ihr Haus zu einem Sammelplatz für fröhliche und heitere 
Menschen gestaltete. Das „Haus Friedreich** spielte lange Jahre 
eine erste Rolle in der Heidelberger Geselligkeit. 

So weites sein Beruf erlaubte, nahm Friedreich daran leb- 
haften Anteil; man konnte ihn dabei oft sehr fröhlich und von 
harmloser Heiterkeit erfüllt, ja sogar aufgelegt zu allerlei Scher- 
zen sehen. 

Leider waren dem Paare keine Kinder beschieden; aber sie 
waren glücklich im gegenseitigen Besitz; und wenn die Frau „ihren 
Fried reich** anbetete, so vergalt er das mit einer innigen, zarten 
und fürsorgenden Liebe, die er ihr bis zu seinem letzten Atem- 
zug bewahrte. 

Friedreichs Leben war an Ehren und Erfolgen reich; Aus- 
zeichnungen aller Art wurden ihm zuteil; er war an der Hoch- 
schule, in der Stadt Heidelberg, im ganzen Lande und bei seinem 
Fürsten eine hochangesehene Persönlichkeit. 

Seine äußere Situation war selbstverständlich eine glänzende; 
wenige Jahre nach seinem Eintritt in Heidelberg erwarb er ein 
eigenes Haus; das wurde aber für seine Bedürfnisse bald zu eng 
und zu unbequem; da erbaute er sich, an schönster Stelle der 
Anlagen, an der Ecke der Sophienstraße, ein glänzendes Heim, 
aber es war ihm nicht vergönnt, dasselbe lange zu genießen; kaum 
war es bezogen, so traten schon die ersten Spuren seiner letzten 
tödlichen Krankheit hervor, und er ist dieses schönen Besitzes 
niemals froh geworden. 

Über das innere Wesen und den Charakter des eigenartigen 
Mannes ist es nicht leicht, ganz Bestimmtes zu sagen; selbst solche, 
die ihm lange Jahre nahestanden, blieben über manche Seite 
desselben im Unklaren. 

Friedreich erschien zunächst als eine durchaus liebenswürdige, 
gütige und freundliche Natur — besonders seine Kranken, aber 



•1Ü&--. '«. 



33J Nikolaus Friedreich. 187 



auch seine Untergebenen und Mitarbeiter wußten das stets zu 
rühmen; er schenkte ihnen sein volles Vertrauen, ja er ging darin 
wohl manchmal etwas zu weit, ließ sich von einzelnen Persön- 
lichkeiten kaptivieren, die es nicht verdienten. 

Er war treu und anhänglich — seine unverbrüchliche Treue 
und Verehrung gegen Virchow, seine das ganze Leben dauernde 
Jugendfreundschaft mit Gegen baur sind des Zeuge. 

Er war auch bis in die letzten Jahre, wo Ernstes und Schweres 
näher an ihn herantraten, heiter und gesellig, dem Verkehr mit 
Freunden und Gesinnungsgenossen gern zugänglich; den unseligen 
Streitigkeiten in der akademischen Korporation, die vom Jahre 
1870 an aus nichtigen Veranlassungen das ganze Leben an der 
Universität für lange Jahre vergifteten, blieb er tunlichst fern. 

Nichts von Stolz und Eitelkeit — und er hätte ja Veranlassung 
genug dazu gehabt — trat bei ihm hervor; er war aufstrebenden 
Talenten geneigt und förderlich, ihnen gegenüber frei von Eifer- 
sucht und kleinlichem Neid. 

Und doch war auch dieser Charakter nicht ganz frei von 
Schwächen; Friedreich war empfindlich und leicht verletzbar, fühlte 
sich auf geringe Veranlassungen hin zurückgesetzt und gekränkt; 
er war gelegentlich einem schwer zu beseitigenden Mißtrauen zu- 
gänglich und zeigte dann eine Verschlossenheit des Wesens, die 
dem Ausgleich solcher Verstimmungen unübersteigliche Hinder- 
nisse entgegensetzte. — Das hat ihm selbst das Leben oft er- 
schwert und in den Verkehr zwischen ihm und den Kollegen. 
Schülern und Freunden nicht selten Trübungen hineingetragen, die 
sich nicht leicht wieder verloren. 

Aber diese kleinen Schatten des Charakters lassen die glän- 
zenden Lichtseiten 3esselben nur noch lebhafter hervortreten. 

Und zu wahrhaft antiker Größe erhob er sich in Friedreichs 
letzter Krankheit; über drei Jahre vor seinem Tode hat er dieselbe 
bei dem ersten Auftreten der Erscheinungen mit dem Scharfblick 



188 Wilhelm Erb [34 



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des großen Diagnostikers sicher erkannt; er wußte, daß er unauf- 
haltsam dem frühen Tode entgegengehe, und mußte jeden Augen- 
blick auf die Endkatastrophe gefaßt sein. 

Die wunderbare Charakterstärke und das Maß von Selbstbe- 
herrschung, welche Friedreich in dieser schweren Prüfung bewies, 
das ergreifende Zartgefühl, mit dem er der geliebten Frau sein 
Leiden zu verbergen suchte und es in das tiefste Geheimnis hüllte, 
sind um so staunenswerter, als er des Leidens ungewohnt und in 
seinen Leistungen und seiner Arbeitsfähigkeit stets als eine un- 
verwüstlich kräftige Natur erschienen war. 

Er war fast nie ernstlich krank, nur litt er häufig an absce- 
dierenden Anginen, die ihn oft 1 — 2 Wochen von seiner Berufs- 
tätigkeit fernhielten; einmal auch hat er eine schwere, durch die 
Sektion einer Puerperalfieberleiche erworbene Phlegmone des Arms 
gehabt, die sein Leben in Gefahr zu bringen schien; diese Sache 
ist mir lebhaft im Gedächtnis geblieben, weil der alte, berühmte 
Pirogoff sich an seiner Behandlung intensiv beteiligte. 

Sonst habe ich ihn eigentlich immer nur gesund gekannt, bis 
die letzte Krankheit einsetzte. 

Sie begann im Jahre 1879 ziemlich akut mit schweren Stö- 
rungen des Zirkulationsapparats, als deren Hintergrund sich bald 
ein Aneurysma der Aorta erkennen ließ; dasselbe machte un- 
aufhaltsame, wenn auch nicht sehr rasche Fortschritte; es re- 
duzierte nur langsam seine Kräfte und seine Arbeitsfähigkeit; er 
erfüllte nach wie vor seine Pflichten als Lehrer, als Arzt und als 
Forscher. 

Noch während seiner Krankheit hat er größere Arbeiten publi- 
ziert; noch in den letzten Wochen seines Lebens hat er Kranke 
empfangen, in den letzten Tagen desselben ehie wissenschaftliche 
Arbeit vollendet. 

Am 3. Februar 1882 war er zum letztenmal an der ^lebten 
Stätte seines Wirkens, in der Klinik. 



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35] Nikolaus Friedreich. 189 



Langsam schwanden die Kräfte dahin, doch sein Geist bh'eb 
klar und rege bis zuletzt und in den letzten Lebenstägen philoso- 
phierte er noch mit seinem treuen Arzt und Freunde. 

Am 6. Juli 1882 machte der Durchbruch des Aneurysma in 
die Pleurahöhle seinem reichen Leben ein Ende. 

Groß und schwer war der Verlust, den die Universität, die 
Stadt, die leidende Menschheit und die medizinische Wissenschaft 
erlitten. 

Unter ungeheurer Teilnahme wurde er am 9. Juli 1882 zur 
letzten Ruhestätte geleitet. 

In den Annalen unserer Hochschule aber und unter den Kory- 
phäen der medizinischen Fakultät wird der Name Fried reich 
unvergessen sein. 




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Die Gründung 



der 



Universitäts-Augenklinik 



und ihre 



ersten Direktoren 



von 



Theodor Leber. 



r- 1.1 




ald nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts erfuhr die 
f Augenheilkunde durch das glückliche Zusammentreffen 
erschiedener Umstände einen derartigen Aufschwung, 
daß sich sehr bald die Notwendigkeit ihrer Trennung von der Chirurgie 
und einer besonderen Vertretung an den Universitäten herausstellte. 
Sie verdankt diesen Aufschwung in erster Linie der Erfindung des 
Augenspiegels durch Helmholtz, durch welche das Innere des Auges 
der Beobachtung erschlossen und die Schaffung einer Pathologie der 
inneren Augenkrankheiten ermöglicht wurde. Nicht minder wichtig 
waren die Fortschritte, welche sich ergaben, indem man das Auge als 
optischen Apparat mit den verfeinerten Methoden der Physik unter- 
suchte, wobei wiederum Helmholtz das Meiste getan hat, und als 
man daran ging, dieseUntersuchungen auch auf das Gebiet der Patho- 
logie auszudehnen ; die Frucht dieser Arbeiten ist die wesentlich von 
Donders geschaffene Lehre von den Anomalien der Lichtbrechung, 
der Refraktion und Akkommodation des Auges. Von der größten 
Bedeutung war endlich, daß gleichzeitig und unabhängig vonein- 
ander eine Anzahl hochbegabter Männer sich die Ausbildung der 
Augenheilkunde zur Lebensaufgabe machten. Unter diesen ragt 
bei weitem als Erster Albrecht von Gräfe hervor, den sein 
intuitives Genie und sein eminent praktischer Blick zu therapeu- 

Festschrltl der Universität Heidelberg. II. 13 



194 Theodor Leber [4 



tischen Entdeckungen von der größten Tragweite geführt haben. 
Die von ihm ganz aus eigenen Mitteln gegründete Augenklinik in 
Berlin wurde nach kurzer Zeit nicht nur von Kranken aus allen 
Ländern der Welt aufgesucht, sondern es strömten in ihr auch 
lernbegierige Schüler, Ärzte und Studierende in Menge zusammen, 
um die moderne Augenheilkunde sich zu eigen zu machen und 
deren früher nicht erreichte Erfolge der leidenden Menschheit zu 
vermitteln. Die Gräfesche Schule bildete den Mittelpunkt dieser 
fortschrittlichen Bewegung, welche ein beredtes Zeugnis dafür ab- 
gibt, in wie hohem Grade befruchtend die Anwendung streng wissen- 
schaftlicher Methoden auf die Erforschung der Lebensvorgänge nicht 
nur für die Theorie, sondern auch für die Krankenbehandlung wirken 
kann. In Anerkennung dieser exakten Grundlage hat man nicht 
mit Unrecht die Augenheilkunde als das am weitesten fortgeschrit- 
tene Gebiet der Medizin, welches den anderen als Vorbild dienen 
könne, bezeichnet. 

Übrigens hatten die Vertreter der Chirurgie bis dahin die 
Augenheilkunde keineswegs vernachlässigt; nicht wenige von ihnen 
hatten sie sogar von jeher mit besonderer Vorliebe gepflegt. In 
Heidelberg wurde ein regelmäßiger und zugleich klinischer Unter- 
richt in der Augenheilkunde schon 1818 von dem im vorher- 
gehenden Jahre berufenen Chelius eingerichtet, der seine Aus- 
bildung in der Augenheilkunde in Wien bei Beer erhalten hatte. 
An den österreichischen Universitäten war die Augenheilkunde schon 
seit langer Zeit besonders gepflegt worden und sie verfugte an den- 
selben (abweichend von den deutschen) bereits seit dem Anfang 
des 19. Jahrhunderts über eigene, mit klinischen Instituten versehene 
Lehrstühle. Chelius verlieh, als einer der ersten deutschen 
Chirurgen, seiner Ansicht von der hohen Bedeutung der Augen- 
heilkunde dadurch Ausdruck, daß er dem von ihm neu errichteten 
Institute den Namen „chirurgische und Ophthal mologische Klinik" 
beilegte. 



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5] Die Gründung d. Universitäts-Augenklinik u. ihre ersten Direktoren. 195 



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Es liegt aber auf der Hand, daß nach der oben bezeichneten 
Art der Entwicklung, welche die moderne Augenheilkunde ge- 
nommen hatte, ihre Aufgaben sich nun als zu verschieden von 
denen der Chirurgie erwiesen, als daß beide noch mit Erfolg von 
einem und demselben Vertreter gepflegt werden konnten. Auch 
wuchs der Inhalt der Ophthalmologie dank der gemeinsamen Arbeit 
zahlreicher Fachgenossen bald derart an, daß sich schon daraus für 
die Chirurgen die Unmöglichkeit ergab, den Fortschritten der 
neuen Disziplin genügend zu folgen. Von ihrer Seite wurde daher 
die Trennung mit wenigen Ausnahmen erwünscht und sogar viel- 
fach nach Kräften gefördert. Mag es manchem auch nicht ganz 
leicht geworden sein, sich von dem mit Vorliebe gepflegten Gebiete 
zu trennen, und mag dadurch auch da und dort die notwendig 
gewordene Neuerung verzögert worden sein, im ganzen erfolgte 
doch die Auseinandersetzung ohne erhebliche Schwierigkeiten. 

Es fehlte aber natüriich an den nötigen Instituten, da die 
chirurgischen Kliniken für die neu entstandenen Interessen weder 
Raum noch Mittel und Einrichtungen bieten konnten. Hier trat 
nun die eigentümliche Erscheinung auf, daß die Augenkliniken der 
meisten deutschen Universitäten und auch die der hiesigen als 
Privatunternehmungen junger Dozenten entstanden sind, als Insti- 
tute, die sich innerhalb gewisser Grenzen durch eigene Einnahmen 
unterhielten, für die Bedürfnisse des Unterrichts und der Wohl- 
tätigkeit aber freiwillige Beiträge von Privaten, Unterstützungen von 
Gemeinden und Kreisen und Zuschüsse des Staates zu erlangen 
suchten und die erst später als Universitätsinstitute vom Staate 
anerkannt und übernommen wurden. 

Das Verdienst der Gründung der hiesigen Augenklinik kommt 
dem jetzt in New- York als Augenarzt und Lehrer der Augenheil- 
kunde wirkenden Professor H. Knapp zu, welcher sich im Winter- 
semester 1859/60 mit einer Schrift über die Krümmung der Horn- 
haut des menschlichen Auges als Privatdozent der Augenheilkunde 

13* 



196 Theodor Leber [6 

an der hiesigen Universität habilitierte. Er hatte sich die neuen 
Errungenschaften dieses Faches vollkommen zu eigen gemacht 
und seine Ausbildung auch außerhalb Deutschlands, insbesondere 
in England und Holland vervollständigt und fand als Schüler von 
Helmholtz für sein Unternehmen der Gründung einer Augen- 
klinik bereitwillige Aufnahme und Förderung. Nach kleinen An- 
fängen im vorhergehenden Jahre wurde von ihm 1862 eine ambula- 
torische und stationäre Klinik für Augenkranke mit Hülfe eines 
einmaligen Staatszuschusses in einer größeren Mietwohnung ein- 
gerichtet. Die Anstalt erfreute sich, dank ihrer ausgezeichneten 
Erfolge, sehr bald einer bedeutenden Frequenz von selten der 
Kranken, entsprach also unstreitig einem großen Bedürfnis. Schon 
im ersten Jahr betrug die Zahl der ambulatorischen Kranken 1064, 
die der stationären 276, die Zahl der Operationen 254, darunter 
23 Starextraktionen. Bis 1867 war die Zahl der ambulatorischen 
Kranken auf 2572 und mit Einrechnung der Besucher des Ambu- 
latoriums in Mannheim auf 3314, die der stationären Kranken auf 
706 und die der Operationen auf 413 im Jahr gestiegen. Der 
Unterricht wurde auch von den Studierenden in einer der damaligen 
Frequenz entsprechenden Zahl besucht, obwohl die Teilnahme 
daran für die Zulassung zum Examen nicht Vorgeschrieben und 
für die Ablegung desselben wenigstens in der ersten Zeit nicht 
von Nutzen war. Auch ich verdanke meinem damaligen Lehrer 
Knapp während einer einjährigen Assistentenzeit die erste An- 
regung zum Studium dieses Faches und die Einführung in dasselbe, 
welches mir später zur Lebensaufgabe werden sollte. 

Auch durch eine Reihe gediegener Arbeiten optischen, patho- 
logisch-anatomischen und klinischen Inhaltes beteiligte sich Knapp 
in jener Zeit auf das Eifrigste an der Förderung des von ihm 
vertretenen Faches. 

Nachdem Chelius 1864 in den Ruhestand getreten war, 
wurde auf Antrag der Fakultät vom Großherzoglichen Ministerium 




7] Die Gründung d. Universitäts-Augenklinik u. ihre ersten Direktoren. 197 



die Trennung des Unterrichtes in der Augenheilkunde von dem in 
der Chirurgie beschlossen; Knapp erhielt 1865 als Professor extra- 
ordinarius einen Lehrauftrag für sein Fach und seine Klinik einen 
jährh'chen Staatszuschuß. Damit war also die Trennung der Augen- 
heilkunde von der Chirurgie zum Abschluß gebracht. 

Um dieselbe Zeit wurde auch, insbesondere auf Anregung des 
neuen Direktors der chirurgischen Klinik. Professors C. O. Weber, 
der Neubau des akademischen Krankenhauses beschlossen und 
nicht lange nachher genehmigt, daß nicht nur die medizinische 
und chirurgische Klinik, die Poliklinik und das pathologische In- 
stitut, sondern auch die Augenklinik bei dem Neubau Berück- 
sichtigung finden sollten. Knapp arbeitete auch schon in Ge- 
meinschaft mit dem Bezirksbauinspektor Waag einen Plan für die 
neue Augenklinik aus, welcher später den definitiven Plänen zu 
Grunde gelegt wurde. Die Ungunst der Zeiten trat aber der baldigen 
Ausführung des groß angelegten Unternehmens hindernd entgegen; 
ungeduldig geworden, daß die Verwirklichung seiner Wünsche sich 
immer aufs neue verzögerte, legte Knapp 1868 seine Stelle nieder, 
um nach New- York in einen größeren Wirkungskreis überzusiedeln. 

Als sein Nachfolger wurde Otto Becker, ein Schüler von 
Arlt in Wien, damals Dozent an der Wiener Hochschule, berufen. 
Ihm fiel die Aufgabe zu, die bisherige Privatklinik in eine Staats- 
anstalt umzuwandeln und den Neubau weiter vorzubereiten und 
durchzuführen. Er hat diese Aufgabe glänzend gelöst und bis zu 
seinem Tode im Jahre 1890 mit dem größten Erfolg an unserer 
Hochschule gewirkt. Seine Verdienste um die hiesige Augenklinik 
und seine persönliche Bedeutung machen es mir zur gern erfüllten 
Pflicht, hier etwas ausführlicher über ihn zu berichten. 

Otto Becker wurde am 3. Mai 1828 im Domhof bei Ratze- 
burg in Mecklenburg als Sohn des dortigen Gymnasialdirektors 
geboren. Von seinem Vater, der früher mehrere Jahre in Heidel- 
berg Kustos der Boissereeschcn Sammlung gewesen war, scheint 



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198 Theodor Leber (8 

der Sohn die ausgesprochene Neigung zur Kunst und den Sinn 
für Formvollendung, die ihn auszeichneten, geerbt zu haben. Nach 
des Vaters frühem Tode fiel der trefflichen Mutter allein die Sorge 
für ihre sieben Kinder zu und unserem Becker stellten sich bei 
der Verfolgung des von ihm geplanten Studiums der Medizin die 
größten pekuniären Schwierigkeiten entgegen. Er sah sich ge- 
nötigt, um nur die Universität besuchen zu können, ein Stipen- 
dium anzunehmen, welches ihm erlaubte, ein Jahr lang in Er- 
langen Theologie zu studieren. Dann fand er die Mittel, um 
1848 während eines Semesters die Universität Berlin zu be- 
suchen, wo er sich dem Studium der Naturwissenschaften und 
der Mathematik hingab. 1851 begab er sich nach Wien und 
suchte sich dort durch Übernahme einer Hauslehrerstelle die 
fehlenden Mittel zur Ausführung seines Lebensplanes, des Studiums 
der Medizin, zu verschaffen. Endlich, im Jahre 1854, im Alter von 
fast 26 Jahren, konnte er diesen Lieblingswunsch seiner ersten 
Jugendzeit zur Ausführung bringen. Mit unermüdlichem Eifer 
widmete er sich nun dort seinen Studien an der damals durch 
Männer wie Rokitansky, Skoda. Oppolzer, Arlt, Hyril und 
Brücke in hoher Blüte stehenden medizinischen Fakultät und 
konnte im April 1859 ein glänzendes Doktorexamen ablegen. 
1862 trat er alsSekundararzt.an der Augenableilung E.V. Jägers 
am allgemeinen Krankenhause ein. um bald darauf bei Arlt zu- 
nächst Privatassistent und dann klinischer Assistent zu werden, 
in welcher Stellung er bis zu seiner Berufung nach Heidelberg 
verblieb. 1867 erfolgte seine Habilitation als Privatdozent der 
Augenheilkunde an der Wiener Fakultät. 

Von Beckers Lehrern der Augenheilkunde hat sich E.v. Jäger 
besonders durch die Pflege der Augenspiegeluntersuchung und die 
Lieferung von mit der größten Naturtreue hergestellten Abbildungen 
der ophthalmoskopischen Befunde hervorgetan. Arlt exttllierte 
als sorgfältiger und gewissenhafter klinischer Lehrer und Beobachter 




9] Die Gründung d. Universitäts-Augenklinik u. ihre ersten Direktoren. 199 



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und war ein Meister der operativen Technik. Als Älterer war er 
nicht mehr durch die moderne Schule der mikroskopischen 
und physiologischen Untersuchungsmethoden hindurchgegangen, 
welchen Mangel er oft ernstlich beklagt hat. Hierin wurde er 
durch Becker auf das Beste ergänzt, der sich diese Methoden 
vollkommen zu eigen gemacht hatte. Beckers Vertrautheit mit 
der histologischen Forschung bekundet u. a. sein Anteil an einem 
Bericht über die Wiener Augenklinik für die Jahre 1863-1865, 
welchen Arlt mit seinen Assistenten herausgab. Auch mit physio- 
logischen Studien beschäftigt, lieferte er eine deutsche Bearbeitung 
des Buches von Donders über die Anomalien der Refraktion 
und Akkommodation des Auges, das er durch zahlreiche Zusätze 
ergänzte und bereicherte, eine Arbeit, durch welche er einem all- 
gemein gefühlten Bedürfnis entgegenkam. Eine Untersuchung aus 
jener Zeit über die Lage und Funktion der Ciliarfortsätze im mensch- 
lichen Auge (1863/64) lieferte einen wichtigen Beitrag zur Erkennt- 
nis des damals viel diskutierten Mechanismus der Akkommo- 
dation des Auges. 

Auch nach seinem Abgang von Wien stand Becker mit Arlt 
in einem engen Freundschaftsverhältnisse und genoß dessen un- 
bedingtes Vertrauen. Ein äußeres Zeichen dafür ist. daß Arlt ihm 
später die Herausgabe seiner Selbstbiographie anvertraute, welche 
nach seinem Tode (1887) von Becker besorgt worden ist. 

Schon in der Wiener Zeit hatten sich Beckers Beziehungen 
zu der Familie, in welcher er als Hauslehrer gewirkt hatte, noch 
inniger gestaltet, indem er sich mit der Tochter des Hauses, 
Helene Figdor, vermählte. 

Beckers Berufung nach Heidelberg war ein glücklicher Griff. 
Durch seine gediegene wissenschaftliche sowohl als praktische 
Ausbildung und das Gewicht seiner imponierenden und zugleich 
gewinnenden Persönlichkeit war er der richtige Mann, um der 
Ophthalmologie als gleichberechtigter Disziplin im Schöße der 



2U() Theodor Leber [10 



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medizinischen Fakultät Geltung zu verschaffen. Bei seiner Berufung 
hatte er als einzige Bedingungen die Übernahme der Kh'nik durch 
den Staat und die Kreierung eines Ordinariates für sein Fach 
verlangt, was bereitwillig zugestanden wurde. So darf unsere 
Universität sich rühmen, zuerst unter allen Universitäten des 
deutschen Reiches, mit alleiniger Ausnahme von Leipzig, die Ver- 
tretung der Ophthalmologie durch ein Ordinariat verwirklicht zu 
haben. 

Die Augenklinik mußte bei ihrer Übernahme durch den Staat 
zunächst noch in dem bisher benutzten gemieteten Hause be- 
lassen werden. Durch Verzicht auf die Dienstwohnung in dem- 
selben gelang es aber Becker, zweckmäßigere und größere Räume 
für den Unterricht und zugleich günstigere sanitäre Verhältnisse 
für die Kranken zu gewinnen. Die innere Einrichtung wurde aus 
Staatsmitteln größtenteils neu hergestellt, die zum Unterricht und 
zur wissenschaftlichen Arbeit dienenden Apparate in großer Voll- 
ständigkeit angeschafft, auch ein eigenes Mikroskopierzimmer 
eingerichtet. 

Der schon 1865 beschlossene Neubau der Augenklinik wurde 
indessen, wie auch der des ganzen akademischen Krankenhauses, 
durch verschiedene Umstände verzögert, vor allem durch den Krieg 
gegen Frankreich und dann auch durch die Rücksicht auf andere 
inzwischen zur Ausführung bestimmte Universitätsinstitute. Während 
im Anfang Oktober 1876 die im alten Krankenhause vereinigt ge- 
wesenen Institute bereits den Neubau beziehen konnten, war der 
der Augenklinik erst einige Monate zuvor begonnen worden. Doch 
wurde er nun nach Kräften gefördert, so daß er im April 1878 be- 
zogen werden konnte. Das Verdienst des grundlegenden Planes 
hat Becker bescheiden seinem Vorgänger Knapp zugeschrieben. 
Doch hat er selbst durch die Umsicht und Sorgfalt, mit welcher 
er zusammen mit dem Architekten Schäfer die Ausgestaltung des 
Planes in allen Einzelheiten überiegte und durch Vergleichung 



11] Die Gründung d. Universitäts-Augenklinik u. ihre ersten Direktoren. 201 



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mit schon bestehenden Kliniken zu vervollkommnen suchte und 
auch die Ausführung des Baues und dessen Einrichtung über- 
wachte, sich die größten Verdienste um das Gelingen des neuen 
Institutes erworben. Die hiesige Anstalt war die erste, welche für 
alle die vielseitigen Bedürfnisse einer ophthalmologischen Klinik in 
gleichem Maße und in freigebiger Weise Fürsorge traf und dadurch 
auf lange Zeit für die späteren mustergültig geworden ist. Und 
nicht nur die Zweckmäßigkeit, auch die Schönheit ist hier zu ihrem 
Rechte gekommen. Die Pflege eines so feinen und wichtigen 
Organs wie das Auge sollte nach Beckers Meinung nicht einem 
einfachen und schmucklosen Krankenhause anvertraut sein, auch 
in der Eleganz der äußeren Erscheinung und durch bildnerischen 
Schmuck sollte zum Ausdruck gebracht werden, daß hier die Be- 
handlung eines der edelsten Glieder des menschlichen Körpers 
gelehrt und geübt wird. 

Die stationäre Klinik wurde, dem damaligen Bedürfnis ent- 
sprechend, für Kranke aller Klassen zusammen mit etwa 60 Betten 
ausgestattet, denen später noch einige Reservebetten hinzugefügt 
wurden. (Zur Zeit beträgt deren Zahl 85.) Dem Unterricht und 
der Forschung dienten ein großer Hör- und Operationssaal, der 
zugleich zur Abhaltung der Ambulanz benützt wurde, ein ge- 
räumiges Dunkelzimmer für die Aygenspiegelkurse , ein Mikro- 
skopierzimmer und ein Zimmer für optische Untersuchungen. 
Diese Räume wurden später noch unter Becker durch ein Zim- 
mer für bakteriologische Untersuchungen ergänzt. 

Nach Beckers Tode erfuhr diese Abteilung der Klinik eine 
bedeutende Erweiterung durch einen Anbau, in welchem besondere 
Räume für die Abhaltung der Ambulanz und ein größeres Labora- 
torium mit geräumigem Mikroskopiersaal und zusammenhängenden 
Zimmern für optische und bakteriologische Untersuchungen und für 
Tierversuche untergebracht wurden. Auch wurde ein Zimmer für 
die Aufstellung der reichhaltigen Fachbibliothek bestimmt, welche 



202 Theodor Leber [12 



Becker in seinem letzten Willen in dankenswerter Weise der 
Anstalt vermacht hatte und die jetzt einen sehr wertvollen und 
vielbenutzten Besitz derselben bildet. 

Von dem größten Wert ist auch die von Becker angelegte 
Sammlung pathologisch veränderter Augen, zu der er schon In 
Wien den Grund gelegt hatte und die er allmählich auf den be- 
deutenden Umfang von 1880 Nummern zu bringen wußte (der 
später noch bedeutend zugenommen hat). Becker war schon 
früh von der Einsicht durchdrungen, daß zu einem richtigen Ver- 
ständnis der durch den Augenspiegel aufgedeckten Erkrankungen 
des inneren Auges mit den Hülfsmitteln der modernen Technik 
durchgeführte anatomisch-histologische Untersuchungen unerläßlich 
seien. Er scheute darum keine Mühe, um sich von allen möglichen 
Seiten her in den Besitz derartiger Präparate zu bringen, und war 
während seiner hiesigen Wirksamkeit mit Unterstützung seiner 
Assistenten und Schüler auf das Eifrigste bemüht, die gesammelten 
Schätze für die Wissenschaft zu verwerten. Diese Sammlung 
lieferte ihm u. a. das Material für seinen Atlas der pathologischen 
Topographie des Auges und seine photographischen Abbildungen 
von Durchschnitten erkrankter Augen, sowie für sein großes Werk 
über die Anatomie und Pathologie der Linse. Für das Handbuch 
der gesamten Augenheilkunde von Gräfe und Sämisch bearbeitete 
Becker die Pathologie und Therapie des Linsensystems, einen 
der besten Abschnitte dieses Sammelwerkes. Schon vorher hatte 
er eine Anzahl wertvoller klinischer Arbeiten, insbesondere über 
die Zirkulationsverhältnisse der inneren Augenhäute und deren Be- 
ziehungen zu Erkrankungen der Kreislaufsorgane und zu sonsti^n 
Körperkrankheiten veröffentlicht. Dem im Jahre 1888 in Heidel- 
berg abgehaltenen internationalen ophthalmologischen Kongreß 
überreichte er einen im Auftrag des Großherzoglichen Ministeriums 
der Justiz, des Kultus und Unterrichts ausgearbeiteten ausffihriichen 
Bericht über die 20 hinter ihm liegenden Jahre seiner Wirksamkeit 



jr-J 



13] Die Gründung d. Universitäts-Augenklinik u. ihre ersten Direktoren. 203 

an der hiesigen Augenklinik, welcher darüber nach allen Richtungen 
hin genaue Rechenschaft ablegt. Den Fachgenossen hat er sich 
ferner durch die Herausgabe der in verschiedenen Zeitschriften zer- 
streuten, auf das Auge bezüglichen anatomischen und patholo- 
gisch-anatomischen Arbeiten H. Müllers verdient gemacht. Seine 
pietätvolle Gesinnung gegen fremdes Verdienst hat er auch durch 
den Wiederabdruck der im Jahre 1760 erschienenen Apotheose 
Daviels, des Erfinders der Starextraktion, bekundet, die er 
gleichfalls den Mitgliedern des Kongresses überreichte. Es ist dies 
ein Kupferstich mit dem Bildnis Daviels, nach einer Zeichnung 
des Künstlers de Vosge, welcher Daviel die Wiederherstellung 
seines Augenlichtes verdankte. 

Beckers wissenschaftliche Arbeiten zeichnen sich durch große 
Sorgfalt und Zuverlässigkeit der Untersuchung, strenge Selbstkritik, 
gewissenhafte Berücksichtigung der Literatur und Klarheit der Dar- 
stellung aus. Als Lehrer war Becker ungemein anregend und 
unermüdlich bestrebt, seine Schüler in die feinen und schwierigen 
Untersuchungsmethoden des Auges einzuführen und zu sorgfältiger 
Untersuchung und Beobachtung anzuleiten, wobei auch die viel- 
fachen Beziehungen des Auges zum übrigen Organismus die ihnen 
gebührende Würdigung fanden. Durch eine reiche Sammlung von 
Zeichnungen, Modellen und Apparaten wußte er den Unterricht zu 
unterstützen und zu veranschaulichen. Auch zu wissenschaftlichen 
Untersuchungen gab er vielfach Anregung, so daß aus seinem In- 
stitut außer von ihm selbst auch von zahlreichen Schülern tüchtige 
Arbeiten hervorgegangen sind. 

Bei der Gewissenhaftigkeit, mit welcher sich Becker der Be- 
handlung der Kranken unterzog, konnte es nicht fehlen, daß der 
Besuch der Klinik auch unter seiner Leitung noch weiter zunahm. 
Im Jahre 1885 wurde mit 3652 ambulanten Kranken in Heidelberg 
und einschließlich der Besucher der beiden Ambulatorien in Mann- 
heim und Lauda mit 4338 Kranken die höchste Zahl erreicht; 



204 Theodor Leber [14 

stationär behandelt wurden in diesem Jahr 781 Kranke; die Zahl 
der größeren Operationen betrug etwa 300. 

Seine ungewöhnliche Begabung für Verwaitungsangelegenheiten 
bekundete Becker auch als langjähriger Vorsitzender der akade- 
mischen Krankenhauskommission und in seinem Prorektorat, das 
er im Jahre 1876 mit Auszeichnung geführt hat. Auch um die 
Stadt fieidelberg hat er sich als Mitglied des BiJrgerausschusses 
verdient gemacht und hat für ihre Entwicklung und ihr Wohl stets 
ein lebhaftes Interesse gezeigt. 

Den Besuchern der regelmäßig in Heidelberg stattfindenden 
Zusammenkünfte der ophthalmologischen Gesellschaft, sowie den 
Teilnehmern an dem 1888 hier abgehaltenen internationalen Oph- 
thalmologischen Kongreß ist noch in lebhafter Erinnerung, wie 
viel er durch umsichtige Organisation und Vorbereitung und durch 
seine ganze Persönlichkeit zum Gelingen dieser Versammlungen 
beigetragen hat. Niemand verstand es so wie er, in der Diskussion 
d'en Nagel auf den Kopf zu treffen und die geselligen Zusammen- 
künfte durch Humor und treffende Bemerkungen in die richtige 
Stimmung zu versetzen und zu elektrisieren. 

Becker war eine edle, groß angelegte Natur, voll Eifer für 
seine Wissenschaft, mit feiner Empfindung für das Schöne, offen, 
uneigennützig und hingebend für seine Freunde und Schüler. Auch 
mir hat er seine Freundschaft seit der Wiener Zeit, wo ich ihn 
zuerst kennen lernte, bis an sein Lebensende bewahrt. Eine schöne 
männliche Erscheinung, imponierend durch den Nachdruck, mit 
dem er seine Überzeugungen vertrat und zur Geltung brachte; im 
personlichen Verkehr liebenswürdig, humorvoll und anregend, mit- 
unter auch rasch aufwallend und heftig; trotz emsigen Fleißes voll 
heiterer Freude am Leben und geselligen Verkehr. 

Mitten aus seiner arbcitsvollen und eriolgreichen Wirksamkeit 
wurde O. Becker am 6. Februar 1890, noch nicht ganz 63 Jahre 
alt, nach kurzer Krankheit durch den Tod abgerufen; eine schwere 




15] Die Gründung d. Universitäts-Augenklinik u. ihre ersten Direktoren. 205 



Influenza, von der damals eine Epidemie in der Stadt grassierte, 
setzte seinem Leben ein Ziel. 

Sein Gedächtnis lebt nicht nur in den dankbaren Herzen derer 
fort, die ihm nahe gestanden haben, der Vielen, denen er Helfer, 
Lehrer und Freund gewesen ist, sondern auch in den Annalen 
unserer Wissenschaft und der Anstalt, die ihm so vieles verdankt 
und der er seine beste Kraft gewidmet hat. 





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Willy Kühne 



von 



Theodor Leber. 





Is gegen Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts eine gesonderte Vertretung der Physiologie 
^ an der hiesigen Universität sich als unabweisbares 
Bedürfnis herausstellte, gelang es 1858 der GroBherzoglichen 
Staatsregierung, H. Helmholtz für die neugegründete Professur 
zu gewinnen. Keinen glänzenderen Vertreter konnte der neu- 
gegründete Lehrstuhl finden als den Mann, der sich durch 
sein Gesetz von der Erhaltung der Kraft als einen der tiefsten 
naturwissenschaftlichen Denker bekundet hatte, und der für die 
Medizin nicht nur auf theoretischem Gebiet durch seine physio- 
logischen Arbeiten bahnbrechend gewirkt, sondern auch die Praxis 
durch die Erfindung des Augenspiegels mit einem der wichtigsten 
Hülfsmittel bereichert hatte. Es gereicht unserer Universität zum 
bleibenden Ruhm, diesen Mann eine Reihe von Jahren hindurch 
aus der fruchtbarsten Zeit seines Schaffens zu den Ihrigen gezählt 
zu haben und Zeugin der Entstehung eines Teiles seiner größten 
wissenschaftlichen Leistungen gewesen zu sein. 

Für Helmholtz war indessen die Physiologie, so gewaltige 
Fortschritte sie ihm auch verdankt, doch nicht das Fach, in welchem 
er die besondere Art seiner Begabung im höchsten Maße be- 
tätigen konnte, und er fand daher auch in derselben keine volle 
und dauernde Befriedigung. Gleichwohl nahm er es ernst mit 

Feilschrilt der Universilll He<d«1beri. II. H 



210 Theodor Leber [4 

- 



seinem Lehrberufe. Seine Vorlesungen brachten die wichtigsten 
Kenntnisse in sorgfältiger Auswahl und in übersichtlicher Anord- 
nung, und sein tief eindringendes Verständnis und sein scharfes 
Urteil konnten auch dem Anfänger als sichere Führer dienen. Un- 
vergleichlich und zum steten Nachdenken anregend waren seine 
populären Vorlesungen über die allgemeinen Resultate der Natur- 
wissenschaften für Studierende aller Fakultäten und seine Vorträge 
vor größeren Zuhörerkreisen über ausgewählte Themata der ver- 
schiedensten Art, in denen er die Ergebnisse seines Denkens über 
die schwierigsten Probleme in bewundernswürdiger Klarheit und 
Formvollendung darzulegen verstand, denen freilich mitunter wegen 
der Schwierigkeit des Gegenstandes in gedruckter Form leichter 
zu folgen war als während des Vortrags selbst. 

Dieses in die Naturvorgänge tief eindringende Genie, das die 
Mathematik nicht nur beherrschte, sondern selbständig weiter- 
zubilden verstand, konnte seine Lebensaufgabe nicht auf das Ge- 
biet der Physiologie beschränken; man versteht, daßHelmholtz 
bestrebt war, der exakterer Behandlung zugänglichen Physik sich 
zuzuwenden, und daß er eine dafür sich bietende Gelegenheit be- 
nützte und 1871 als Vertreter der Physik an die größte deutsche 
Universität, nach Berlin, als Nachfolger von Magnus übersiedelte. 

Als sein Nachfolger wurde Willy Kühne berufen, damals 
noch ein sehr junger Mann, erst 34 Jahre alt, der aber durch die 
Bedeutung seiner Arbeiten und seine ganze Persönlichkeit zu den 
besten Hoffnungen berechtigte. Die schwere Aufgabe, nach Helm- 
holtz hier die Physiologie zu vertreten, hat er in glänzender Weise 
gelöst und als Lehrer und Forscher bahnbrechend gewirkt Er 
brachte eine frische, jugendliche Begeisterung für sein Fach mit, 
dem er mit Leib und Seele angehörte, eine ungewöhnliche Lehr- 
begabung und die Erfahrungen, die er über die Ausgestaltung des 
Unterrichts und die Forschungsarbeit an den bedeutendsten Labora- 
torien der in raschem Aufblühen begriffenen Physiologie der dama- 



5J Willy Kühne. 21 1 

ligen Zeit gesammelt hatte. So konnte es nicht fehlen, daß auch 
das hiesige Institut unter seiner Leitung in der eigenartigen Rich- 
tung, die er ihm vorzeichnete, sich zu einer der angesehensten 
Pflanzstätten der physiologischen Wissenschaft weiter entwickelt hat. 

Kühne ist 1837 in Hamburg geboren und hat schon in früher 
Jugendzeit Proben seiner hervorragenden Geistesanlagen gegeben. 
Eine glückliche Unabhängigkeit seiner äußeren Verhältnisse ge- 
stattete ihm, seiner Neigung zu naturwissenschaftlichen Studien un- 
gehindert nachzugehen und sich unter der Leitung der bedeutendsten 
Naturforscher und Biologen seiner Zeit für seine Lebensaufgabe 
vorzubereiten. Als 17 jähriger bezog er 1854 die Universität Göt- 
tingen, wo besonders Wo hier den tiefsten und nachhaltigsten Ein- 
fluß auf ihn ausübte. In der Schule dieses hervorragenden Che- 
mikers, welchem zuerst die künstliche Darstellung einer von dem 
Tierkörper gebildeten komplizierten organischen Verbindung, des 
Harnstoffs, gelungen ist, begründete sich in ihm das Streben, tiefer in 
die chemischen Vorgänge des Lebens einzudringen und den Stoff- 
wechsel des Körpers mit exakten chemischen Methoden zu er- 
forschen. Dem weiteren Ausbau einer anderen Entdeckung Wöh- 
lers auf verwandtem Gebiete ist schon 1857 eine Arbeit von ihm 
und Hall wachs gewidmet. Dieser Arbeitsrichtung ist Kühne sein 
ganzes Leben hindurch treu geblieben und ihr hat er wohl den 
größten Teil seiner Erfolge verdankt. 

Mit 19 Jahren, auf Grund einer Dissertation über künstlich 
erzeugten Diabetes bei Fröschen zum Doktor promoviert, setzte 
er seine Studien zunächst in Jena fort, dann in Berlin unter 
Du Bois-Reymond, welcher kurz zuvor durch bahnbrechende 
Arbeiten in der Nerven- und Muskelphysiologie seinen Ruf be- 
gründet hatte. Hierauf begab er sich zu einem mehrjährigen 
Aufenthalt nach Paris, wohin ihn besonders die großen Ent- 
deckungen Cl. Bernards zogen. Bei diesem vorzüglichen Experi- 
mentator, der, wie unter anderem sein Zuckerstich, die künstliche 

14* 



212 Theodor Leber [6 



Erzeugung von Diabetes durch Verletzung eines ganz bestimmten 
Gehirnteils, zeigt, auch in die chemischen Vorgänge des Lebens 
tiefe Blicke zu tun verstand, hat Kühne einen großen Teil seiner 
Virtuosität in der experimenteilen Physiologie erworben, wie er 
denn auch dieses seines Lehrers stets mit dankbarer Anhänglich- 
keit gedacht hat. 

Schon früh bekundete Kühne seine Meisterschaft in der 
mikroskopischen Forschung. Eine glänzende Probe davon geben 
seine mit 22 Jahren begonnenen und dann eifrig fortgeführten 
Arbeiten über die Endigungsweise der Nerven in den quergestreif- 
ten Muskeln. Zwar hatten schon lange Zeit vor ihm verschiedene 
Beobachter für niedere Tiere mit Bestimmtheit angegeben, daß 
das Ende der motorischen Nervenfaser mit der Muskelfaser in 
direkte Berührung trete; diese Angaben konnten sich aber keinen 
Eingang verschaffen, weil der gleiche Nachweis für höhere Tiere 
nicht gelingen wollte, und weil gerade bei Wirbeltieren die Unter- 
suchungen zu durchaus abweichenden Annahmen über die Endi- 
gungsweise der Muskelnerven führten. Da gelang Kühne zuerst 
bei Insekten und dann auch bei Wirbeltieren der sichere Nachweis, 
daß die Nervenfaser in das Innere des Muskelschlauches eindringt 
und einige Jahre später, in denen dieser Gegenstand inzwischen 
auch von zahlreichen anderen Forschern aufgenommen und ge- 
fördert worden war, konnte er auch die erste genauere Schilderung 
der Art und Weise dieser Nervenendigung in der sogenannten 
Nervenendplatte folgen lassen. Hierdurch war erst für die experi- 
mentell gefundene Tatsache, daß der Reizungsvorgang von der 
Nervenfaser auf die Muskelfaser übertragen wird, ein Verständnis 
gewonnen. 

Bald nachher hat er durch seine berühmt gewordene Beobach- 
tung der freien Bewegung eines mikroskopisch kleinen Würmchens, 
einer Nematode, im Innern einer Muskelfaser den Nachweis zu 
liefern vermocht, daß der Inhah des Muskelfaserschlauchs eine 




7] Willy Kühne. 213 

flüssige Beschaffenheit besitzt, was für die noch immer ungelöste 
Frage vom Zustandekommen der Muskelkontraktion von funda- 
mentaler Bedeutung ist. 

Wohl mit durch Du Bois-Reymond angeregt, aber in Frage- 
stellung und Ausführung durchaus selbständig und eigenartig sind 
Kühnes experimentelle Untersuchungen auf dem Gebiete der 
Muskelphysiologie, durch welche er die Frage, ob die Muskelfaser 
eine eigene, von der Übertragung durch den Nerven unabhängige 
Irritabilität besitzt, welche so lange ein Gegenstand des Streites 
gewesen war, in positivem Sinne entschieden hat. 

In Wien, wo er nach der Pariser Zeit einen kürzeren Aufent- 
halt nahm, ist er von den dortigen hervorragenden Physiologen, 
Ernst Brjücke und Karl Ludwig, besonders zu dem ersteren 
in nähere Beziehungen getreten. 

Im Jahre 1860 hatte ihm Virchow eine Assistentenstelle am 
pathologischen Institut in Berlin übertragen, an welchem er die 
Leitung der chemischen Abteilung übernahm; hierdurch eröffnete 
sich ihm ein selbständiger Wirkungskreis,- in welchem er bald auch 
eine fruchtbringende Lehrtätigkeit entwickelte. Die nahen Be- 
ziehungen zu dem Begründer der Zellularpathologie mußten ihn 
auf Probleme aus dem Gebiete der Zellenlehre hinlenken, in deren 
Wahl und Bearbeitung er aber wieder völlig original und bahn- 
brechend dasteht. Man hatte durch Schieiden und Schwann in 
der Zelle den Elementarorganismus des pflanzlichen und tierischen 
Körpers kennen gelernt, und Virchow hatte den großen Schritt 
getan, diese Erkenntnis auf die Pathologie zu übertragen und dafür 
fruchtbar zu machen. Kühne nahm jetzt die an diesen Elementar- 
organismen sich abspielenden Lebensvorgänge zum Gegenstand 
seiner Untersuchung. Die Frucht dieser Studien ist sein Buch 
über das Protoplasma und die Kontraktilität, das mit einer staunens- 
werten Fülle von Beobachtungsmaterial die Kontraktilitätserschei- 
nungen im Tier- und Pflanzenreich behandelt und die Bedingungen 



214 Theodor Leber [8 



ihres Auftretens zu ergründen sucht. Charakteristischer Weise 
bildet einen der wichtigsten Abschnitte desselben eine chemische 
Untersuchung, der Nachweis einer spontan gerinnenden Substanz 
in den Muskeln, welche auch die Ursache der Totenstarre abgibt, 
des von ihm sogenannten Myosins, eine Untersuchung, durch 
welche er eine Hypothese Brückes über die Entstehung der Toten- 
starre bestätigt hat. 

Seine Voriesungen über physiologische Chemie wurden von 
Kühne 1868 zu einem ausgezeichneten Lehrbuch ausgearbeitet, 
welches den Stoff ganz von der physiologischen Seite auffaßt und 
durch die Klarheit der Darstellung und die Menge der darin nieder- 
gelegten Beobachtungen noch heute von Wert ist. 

Auf dem Gebiete der Pathologie ist Kühne trotz der durch 
seine Beriiner Stellung gegebenen Anregung nur ausnahmsweise 
als Forscher tätig gewesen. Zu erwähnen ist hier seine Arbeit 
über die chemische Natur der durch die sogenannte amyloide 
Degeneration der Körperorgane entstehenden Substanz, bei deren 
Isolierung er sich mit Erfolg der von ihm erfundenen Verdauung^- 
methode bediente. Er wußte sich weise zu beschranken, auch 
ließ ihm Virchow in seinen Arbeiten völlig freie Hand. Kühne 
hat Virchow die große Liberalität nie vergessen, mit welcher ihm 
dieser die Mittel des Instituts zu seinen besonderen Forschungen 
zur Verfügung stellte. So gestaltete sich seine Abteilung mehr zu 
einem kleinen physiologischen Institute, in welchem unter seiner 
Leitung alle möglichen, mikroskopischen, chemischen und ex- 
perimentellen Arbeiten , aber vorzugsweise nicht-pathologischen 
Inhalts, ausgeführt wurden. Mit herzgewinnender FreundHchkeit 
hat Kühne damals auch mich als jungen Anfänger in sein Labo- 
ratorium aufgenommen und in seinen persönlichen Verkehr hinein- 
gezogen. 

in dieser Beriiner Zeit wurde Kühne der Mittelpunkt eines 
Kreises jugendlicher Fachgenossen^ welche in zwanglosem ge- 




9] Willy Kühne. 215 



seiligen Verkehr ihre wissenschaftlichen Ansichten und Ergebnisse 
austauschten und an fremder Arbeit oft scharfe Kritik übten. Die 
abendlichen Zusammenkünfte waren durch sprühenden Humor 
gewürzt und eine gewisse Exklusivität hielt die Gesellschaft 
bei aller Formlosigkeit eng zusammen. Viele aus diesem Kreise 
haben später an Universitäten gewirkt, nicht wenige als hervor- 
ragende Forscher und Gelehrte; gar manche weilen aber nicht 
mehr unter den Lebenden. Von den Heimgegangenen nenne ich 
aus Kühnes Zeit: Lücke, Radziejewski, K. Hüter, F. Boll, 
J. Cohnheim, K. Westphal, W. Preyer. 

Kühne folgte schon 1868 einem Ruf an die Universität Amster- 
dam, wo er aber in den gänzlich geänderten Lebensverhältnissen 
nicht heimisch wurde. Um so mehr mußte er 1871 die Berufung 
nach Heidelberg als Nachfolger von Helmholtz, an die Universität, 
wo damals noch Bunsen und Kirchhoff wirkten, als ein Glück 
empfinden. Er hat von da ab unserer Universität bis zu seinem am 
10. Juni 1900 erfolgten Tode, also fast dreißig Jahre hindurch an- 
gehört und ihr somit nicht viel weniger als die Hälfte seines ganzen 
arbeitsreichen Lebens gewidmet. Als Großstädter geboren und nach 
Neigungen und Anlagen wie dazu geschaffen, auch als Jüngling 
lange und gern in großen Städten verkehrend, hat er sich doch 
in unserer idyllischen Musenstadt rasch eingelebt und hat hier volle 
Befriedigung gefunden. Hier lernte er das Glück kennen, un- 
gestört durch Zerstreuungen und zeitraubende Nebengeschäfte sich 
in wissenschaftliche Arbeit zu vertiefen und dem Ziel seines Den- 
kens und Strebens, der Erforschung der Lebensvorgänge, voll und 
ganz sich hinzugeben. Diese Befriedigung würde aber nicht so 
vollkommen gewesen sein ohne sein überaus glückliches und har- 
monisches Familienleben durch die Vermählung mit der Tochter 
eines hiesigen Universitätslehrers, des verdienten Mineralogen 
Blum, durch die ihm ein so stetiges und ungetrübtes Eheglück 
erwuchs, wie es wenigen Menschen beschieden ist. Die Zufriedenr 




216 Theodor Leber (10 

heit mit dieser arbeitsreichen, schaffensfreudigen Forschertätigkeit 
hat ihn auch später niemals verlassen, und so ist er unserer Uni- 
versität bis an sein Lebensende treu geblieben. Eine schwere 
Krankheit, deren Anfänge viele Jahre zurücklagen, hat seine Kräfte 
allzufrüh gebrochen und, nachdem er die Schwelle der Sechziger 
nur wenige Jahre überschritten hatte, seinem Leben vor der Zeit 
ein Ziel gesetzt. 

Unter Helm hol tz war das physiologische Institut fünf Jahre 
hindurch provisorisch in wenigen, höchst bescheidenen Räumen 
des „ Riesen "gebäudes untergebracht, bis es 1863 in dem inzwischen 
errichteten Friedrichsbau Aufnahme fand. Es ist charakteristisch 
für Helmhol tz, mit wie geringen Mitteln er seine epochemachen- 
den Arbeiten zustande brachte. Bei dem stets anwachsenden Um- 
fang der Disziplin und der Verschiedenheit der zu bearbeitenden 
Gebiete konnte aber auch dieses für Helm holz neu errichtete 
Institut auf die Dauer nicht genügen; es fehlte vor allem die 
Möglichkeit, verschiedenartige Arbeiten histologischer, chemischer, 
optischer und experimentell-physiologischer Art gleichzeitig durch 
eine größere Zahl von Schülern ausführen zu lassen. Es wurde 
daher schon 1874' auf Kühnes Wunsch die Herstellung eines 
eigenen Gebäudes für diesen Zweck in Angriff genommen. Die 
bisher benützten Räume wurden später zur Erweiterung des 
gleichfalls im Friedrichsbau untergebrachten physikah'schen In- 
stitutes verwendet. Im Herbst 1875 konnte der Neubau seiner 
Bestimmung übergeben werden. Dieses ganz nach Kühnes 
Angaben eingerichtete, dem damaligen Bedürfnis auf das beste 
angepaßte Institut wurde bald eine Stätte eifrigster wissenschaft- 
licher Arbeit, zu welcher Kühne zahlreiche jüngere Kräfte anzu- 
regen wußte. 

In der Heidelberger Zeit wurden zunächst die schon in Berlin 
begonnenen Untersuchungen über die Pankreasverdauung wieder 
aufgenommen, welche ihn zur Reindarstellung des Fermentes der 




111 Willy Kühne. 217 



-C/v- 



Bauchspeicheldrüse, von ihm Trypsin genannt, führten und über 
dessen Wirkung auf die Eiweißkörper näheren Aufschluß gaben. 
Für die ungeformten Fermente wählte er den neuen Namen 
Enzyme, um auch durch die Bezeichnung die fermentativ wirkenden 
chemischen Substanzen von den in gleicher Weise wirksamen 
niederen Organismen scharf zu trennen. 

Bald mußten aber diese Untersuchungen eine Weile zurück- 
treten, da die Entdeckung Bolls, daß die Netzhaut des Auges 
eine durch Licht ausbleichbare rote Färbung besitzt, welche im 
Leben fortwährend zersetzt und wieder erneuert wird. Kühne zu 
einer vier Jahre hindurch fortgesetzten Reihe bewunderungswür- 
diger Untersuchungen Anlaß gab, welche so recht seine Meister- 
schaft in der experimentellen Forschung und seine Beherrschung 
der chemischen und physikalischen Hülfsmittel dartun. Er fand, 
daß die rote Färbung nicht, wie Boll anfangs annahm, eine Lebens- 
eigenschaft der Netzhaut ist, sondern bei Abschluß des Lichtes 
nach dem Tode ebenso wie im Leben erhalten bleibt. Er wies 
nach, daß sie nicht auf einem Interferenzvorgang beruht, sondern 
von einem roten Farbstoff, dem Sehpurpur, herrührt, dessen 
schwierige Trennung von den damit durchtränkten Gewebselemen- 
ten, den Stäbchen der Netzhaut, ihm gelungen ist; er zeigte, daß 
durch die Einwirkung des Lichtes auf den Sehpurpur den Photo- 
graphien vergleichbare Bilder äußerer Gegenstände auf der Netz- 
haut zustande kommen, die trotz ihrer Vergänglichkeit sich objektiv 
demonstrieren lassen, die sogenannten Optogramme. Er hat damit 
für die photochemische Theorie der Lichtempfindung eine feste 
Basis geschaffen. Seine Hypothese, daß die Zersetzungsprodukte 
des Sehpurpurs chemisch reizend auf die Endorgane des Seh- 
nerven in der Netzhaut einwirken, macht es verständlich, wie das 
Licht eine Erregung des Sehnerven bewirken kann, obwohl dieser 
Nerv gegen die direkte Einwirkung des Lichtes vollkommen un- 
empfindlich isti Freilich stehen der Annahme dieser Hypothese 




218 Theodor Leber [12 



noch gewisse Bedenken entgegen, weshalb Kühne selbst sie als 
nicht sicher erwiesen betrachtet hat. 

Nach Abschluß dieser Arbeiten wendete sich Kfihne wieder 
der Untersuchung der durch das Trypsin erzeugten Spaltungspro- 
dukte der Eiweißkörper zu. Die dabei erlangten Resultate sind, 
abgesehen von ihrer Wichtigkeit für die Lehre von der Verdauung, 
von besonderer Bedeutung für die schwierige Aufgabe der Zukunft, 
die Erforschung der chemischen Konstitution der Eiweißkörper, 
welche jetzt schon ernstlich ins Auge gefaßt werden darf. 

In der letzten Zeit seines arbeitsreichen Lebens hat sich Kühne 
wieder mit der Kontraktil ität des Protoplasmas beschäftigt und 
namentlich deren Abhängigkeit von der Gegenwart von Sauerstoff 
in eingehendster Weise studiert. So schließt sich das Ende seiner 
wissenschaftlichen Laufbahn harmonisch den fundamentalen Unter- 
suchungen seiner Jugendzeit an. 

Zahlreiche Fragen hat Kühne zur Entscheidung gebracht, in 
anderen einen Fortschritt angebahnt, der auf lange Zeit hinaus 
für weitere Forschungen bestimmend sein wird. Erstaunlich ist 
die Menge einzelner Tatsachen und Erfahrungen, die er in seinen 
Arbeiten angehäuft hat und die als sicherer Besitzstand in die 
Wissenschaft übergegangen sind. Die Zuverlässigkeit seiner Be- 
obachtungen und die Gewissenhaftigkeit seiner Untersuchung auch 
in nebensächlichen Einzelheiten waren so groß, daß ihm Irrtümer 
in seiner langen wissenschaftlichen Laufbahn kaum vorgekommen 
sind. Seine Wahrheitsliebe war auch das Motiv, das ihn an 
Gegnern scharfe, zuweilen vernichtende Kritik üben ließ, wenn er 
sie auf unrichtigen Wegen fand, oder wenn sie berechtigten An- 
sprüchen zu nahe traten. 

Kühne war eine künstlerisch angelegte Natur; diese Anlage 
hat ihn aber nie dazu verführt, gewagten Spekulationen Raum zu 
geben, oder aus den gefundenen Tatsachen mehr ableiten zu wollen, 
als wozu sie berechtigten. Seine künstlerische Ader war für ihn 




13] Willy Kühne. 219 

die Quelle, aus der sein Geist immer neue und unerschöpfliche 
Hülfsmittel herzuleiten vermochte, zur Bewältigung der Aufgaben, 
welche er sich gesetzt hatte. Darum wird seinen Arbeiten ihr Wert 
verbleiben, auch wenn die Wissenschaft vielleicht über manche 
heute geltenden Ansichten und Theorien hinweggeschritten sein wird. 

Als Lehrer verstand es Kühne, seine Schüler durch lebhaften 
und inhaltreichen Vortrag zu fesseln und zu wissenschaftlichem 
Denken anzuregen. Er sprach schnell und brachte eine Menge 
von Tatsachen, so daß der Anfänger zuweilen Mühe hatte zu folgen. 
Um so mehr wurde derjenige, welchem es um die Sache ernst 
war, für seine Aufmerksamkeit durch den Inhalt der sorgfältig 
ausgearbeiteten und von zahlreichen Versuchen erläuterten Vor- 
lesungen belohnt. Im Laboratorium war Kühne unermüdlich, 
denen, die tiefer in seine Wissenschaft eindringen wollten, die Wege 
dazu zu zeigen und zu ebnen. 

Wer aber das Glück gehabt hat, ihm näher zu treten und in 
freundschaftlichem Umgang die Fülle seines Geisteslebens und den 
herzgewinnenden Zauber seines Wesens kennen zu lernen, dem 
wird die Erinnerung an diese gottbegnadete Persönlichkeit voll 
heiterer Lebenslust und voll warmer Begeisterung für alles Schöne 
und Große zeitlebens im Herzen lebendig bleiben. Seine Freude 
an geselligem Verkehr, sein Drang sich auszugeben und mitzuteilen, 
seine geistvolle, von feinen Bemerkungen übersprudelnde Unter- 
haltung, sein sicheres Urteil in Sachen der Wissenschaft, sein In- 
teresse und Verständnis für alle hervorragenden Erscheinungen in 
Literatur und Kunst, seine Freundlichkeit und Herzensgüte, seine 
Bereitwilligkeit zu raten und zu helfen, wo er es mit den reichen 
Schätzen seiner Erfahrung nur immer vermochte, werden allen, die 
ihm nahe standen, stets unvergeßlich sein. 

Ein Freundschaftsverhältnis von seltener Innigkeit, das er noch 
in späteren Jahren geschlossen hat, zu einem Manne von ähn- 
lichen Anlagen und gleicher Bedeutung wurde jäh durch den Tod 



220 Theodor Leber, Willy Kühne. [14 



unterbrochen. Ich weiß aus seinem eignen Munde, wie hoch er 
den Verkehr mit Viktor Meyer geschätzt und wie schwer ihn 
der Verlust dieses Freundes betroffen hat, den er nur wenige 
Jahre überleben sollte. 

Ein hervorragender Biologe, ein glänzender, an Erfolgen 
reicher akademischer Lehrer, ein für alles Schöne und Gute be- 
geisterter Mensch, ein warmherziger Freund, so wird Kühne in 
der Erinnerung und im Herzen derer fortleben, die ihm nahe 
gestanden haben. 

Sein Lebenswerk wird weiter wirken, so lange es eine phy- 
siologische Wissenschaft geben wird. 




j 



Ferdinand Schweins 



und 



Otto Hesse 



von 



Moritz Cantor. 



\ 





ombinatorische Aufgaben, das heißt solche, bei welchen 
die Anordnung oder die Anzahl gewisser Elemente 
^ oder beides in Frage steht, ohne daß ein Wertunter- 
schied jener Elemente unmittelbar Berücksichtigung fände, haben 
seit altgriechischer Zeit den Denkern sich aufgedrängt und wur- 
den vereinzelter Betrachtung unterzogen. Verhältnismäßig häufiger 
traten sie bei Mathematikern des sechzehnten und der ersten Hälfte 
des siebzehnten Jahrhunderts auf. Aber auch in der Darstellung 
der Geschichte der Mathematik jener Zeit ist man immer nur be- 
rechtigt, von kombinatorischen Aufgaben zu reden, welche 
bald in diesem, bald in jenem Zusammenhange erscheinen. Eine 
Kombinatorik als solche gab es nicht. Sie mußte erst erfunden 
werden, und der zwanzigjährige Gottfried Wilhelm Leibniz gab 
ihr 1666 durch seine Dissertation De arte combinatoria Dasein 
und Namen. 

Leibniz war, so unsterbliche Verdienste er sich um die Mathe- 
matik erworben hat, in erster Linie Philosoph. Auch seiner Ars 
combinatoria ist dieses anzumerken. Wohl hat Leibniz nachmals 
mit Hülfe kombinatorischer Betrachtungen den polynomischen 
Lehrsatz für den Fall ganzzahliger positiver Exponenten erledigt, 



224 Moritz Caiilor L4 






wohl war er der Anwendung von Determinanten zur Auflösung 
von Gleichungen ersten Grades mit mehreren Unbekannten so 
nahe, daß man ihm billigerweise diese Erfindung zuzuschreiben 
hat, aber die Ars combinatoria selbst war als Einleitung zur 
Scientia generalis gedacht, zu jener allgemeinen Wissenschaft, 
welche die Denk- und Sprachlehre auf neue Grundlage zu steilen 
beabsichtigte. Leibnizens Zeitgenossen würdigten den großartigen 
Plan ungenügend. Leibniz, durch vielfältige andere Tätigkeit be- 
hindert, vermochte nicht, ihn durchzuführen. Die Kombinatorik 
wurde wieder, was sie gewesen war, bevor Leibniz sich ihr zu- 
wandte, ein Hülfsmittcl, das man von Fall zu Fall gebrauchte, um 
mathematische Aufgaben verschiedener Art zu bewältigen, und 
Deutsche, Franzosen, Engländer bedienten sich ihrer in diesem 
Sinne. Da trat im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts 
in Leipzig ein Schriftsteller auf, der zum eigentlichen Untersuchungs- 
gegenstande machte, was bis dahin Hülfsmittel gewesen war« Karl 
Friedrich Hindenburg. 

Hindenburg (1741—1808) war kein Leibniz, und die Kombi- 
natorik, wie er sie verstand, war kein Werkzeug aligemeinen 
Denkens, sondern nur ein solches der mathematischen Anaiysis, 
aber innerhalb dieser Beschränkung lehrte Hindenburg das Werk- 
zeug verwenden und für seine Zwecke ausbilden. Nicht leicht 
wird heute mehr irgend jemand sich zu den Worten bekennen, 
welche 1831 noch allgemeinen Widerhall fanden: „Als Erfinder 
der kombinatorischen Analyse hat sich Hindenburg einen unsterb- 
lichen Namen erworben" (Stimmer in Ersch und Grubers Enzyklo- 
pädie s. V. Hindenburg), dagegen wird man gern zustimmen, es 
sei ein wirkliches Verdienst gewesen, die verschiedensten kombi- 
natorischen Bildungsweisen durch neue Namen unterschieden, Re- 
geln für deren Herstellung gegeben, Bezeichnungen für dieselben 
erfunden zu haben. Jetzt konnte man in kurzen Zeichen Aus- 
drücke andeuten, welche ausgeführt ganze Seiten einnahmen, und 



5] Ferdinand Schweins und Otto Hesse. 225 



-^^^^- 



die Übersichtlichkeit, wenn auch nicht immer die tiefere Einsicht 
in das Wesen der geschaffenen Formen, war gewonnen. 

Leider gingen Hindenburgs Schüler in schwärmerischer An- 
hänglichkeit an den Lehrer weit über das richtige Maß der Wert- 
schätzung der Kombinatorik hinaus. Man glaubte in Deutschland 
in ihr den mathematischen Stein der Weisen erfunden! Die kom- 
binatorische Schule entstand und machte sich an vielen Orten 
zur Besitzerin der mathematischen Lehrstühle. Heinrich August 
Töpfer, Hieronymus Eschenbach, Heinrich August Rothe, Johann 
Christoph Weingaertner sind heute fast vergessene, ehemals hoch- 
berühmte Namen. Auch Bernhard Friedrich Thibaut (1775 — 1832), 
der jüngere Bruder des Heidelberger Pandektisten, war bis zu einem 
gewissen Grade Kombinatoriker. Sein Verdienst ist es, gezeigt zu 
haben, daß kombinatorische Betrachtungen, wenn sie auch für die 
Entwicklungen der Analysis höchst fruchtbar sind, für sich allein 
die Analysis nicht ausmachen, daß vielmehr anderweitige Unter- 
suchungen hinzutreten müssen, für welche dadurch Raum geschafft 
wird, daß die rein formalen Darstellungen mehr oder weniger bei- 
seite gelassen werden. So verfuhr Thibaut in seinen Druckschriften, 
so in den Vorlesungen, welche er in Qöttingen als Privatdozent, 
als außerordentlicher Professor, seit 1805 als ordentlicher Professor 
hielt, und zu welchen sich bis zu 130 begeisterte Zuhörer ver- 
einigten, so daß oftmals der größte Hörsaal kaum ausreichte, sie 
zu fassen. Neben Thibaut ließ sich 1806 ein junger Privatdozent 
der Mathematik in Qöttingen nieder, Magister Schweins. 

Franz Ferdinand Schweins ist am 24. März 1780 in 
Fürstenberg im Bistum Paderborn geboren. Er erhielt seine erste 
Qymnasialbildung in Paderborn und sollte sich der Theologie 
widmen, allein eine ausgesprochene Vorliebe für mathematische 
Studien machte sich bei ihm geltend, und er durfte dieser seiner 
Neigung folgen. Er bezog von 1801 bis 1802 die Akademie der 
zeichnenden Künste in Kassel, dann 1802 die Universität Göttingen. 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 15 



226 Moritz Cantor [6 



In Göttingen habilitierte er sich als Privatdozent, und die Vor- 
lesungsanzeiger dieser Universität für Sommer 1806, Winter 1806 
bis 1807, Sommer 1807, Winter 1807—1808, Sommer 1808 kün- 
digten Vorlesungen des Magister Schweins über verschiedene ele- 
mentarmathematische Gegenstände an. Wieso die Bezeichnung 
als Magister in jener Zeit unverändert blieb, ist unerklärlich, da 
nach Ausweis der Akten der Göttinger Fakultät Ferdinand Schweins 
aus Fürsten berg dort unter dem 9. März 1807 als Doktor pro- 
moviert wurde. In Übereinstimmung damit nennt ein 1808 in 
Göttingen herausgegebener Band „System der Geometrie mit einer 
Einleitung in die Größenlehre als Handbuch zu Vorlesungen" als 
Verfasser: F. Schweins, der Philosophie Doktor und Privatlehrer 
zu Göttingen. Ob Schweins neben Thibaut keine Lehrerfolge zu 
hoffen hatte, ob eine Beförderung weniger rasch, als er es wünschte, 
in Aussicht stand, ob andere Beweggründe vorlagen, wissen wir 
nicht. Jedenfalls verschwindet der Name Schweins nach dem 
Sommer 1808 aus dem Göttinger Voriesungsanzeiger. Imgleichen 
Jahre soll er in Darmstadt Vorlesungen über Mathematik gehalten 
haben. Im Winter 1809—1810 siedelte er zu neuer Habilitation 
nach Heidelberg über und begann als Privatdozent im März 1810 
seine Voriesungen daselbst, welche bereits im Vorlesungsanzeiger 
für das Sommersemester 1810 ihre Ankündigung als Größenlehre 
und Geometrie nach seinem Systeme der Geometrie, kameralis- 
tische, forstwissenschaftliche und juristische Rechnungen, praktische 
Geometrie mit Übungen auf dem Felde, Analysis des Endlichen 
gefunden hatten. 

In Heidelberg war seit 1806 Karl Christian von Langsdorf 
der ordentliche Professor der Mathematik, ein hervorragender, 
wenn auch seinem älteren Bruder Johann Wilhelm nicht eben- 
bürtiger Meister in der Salinenkunde, tüchtiger Technologe im 
allgemeinen, Verfasser eines damals geschätzten Lehrbuchs der 
Hydraulik, zweier Bände Grundlehren der Photometrie u. s. w. 




7] Ferdinand Schweins und Otto Hesse. 227 

Als Mathematiker aber war v. Langsdorf von kaum zu nennender 
Bedeutung trotz des alle anderen Mathematiker von oben herab 
behandelnden Tones, der sich in den Schriften „Über die Unstatt- 
haftigkeit der unendUchen Teilbarkeit" (Erlangen 1804) und „Neue 
und richtigere Darstellung der Prinzipien der Differentialrechnung" 
(Heidelberg 1807) breit macht. 

Neben v. Langsdori in die Höhe zu kommen war verhältnis- 
mäßig leicht. Schon 1811 wurde Schweins zum außerordentlichen, 
1816 zum ordentlichen Professor ernannt. Letztere Beförderung 
hing mit der Ablehnung einer Berufung nach Greifswald zusam- 
men, und nun gab es bis zur Emeritierung v. Langsdorfs im Jahre 
1827 zwei Ordinariate der Mathematik in Heidelberg. Schweins 
hatte seine ordentliche Professur 40 Jahre hindurch inne. In dem 
Anzeiger der Vorlesungen für das Sommerhalbjahr 1856 finden 
sich von ihm angekündigt: Algebra (Montag, Mittwoch und Freitag 
von 2 — 3), Zinszins- und Wahrscheinlichkeitsrechnung mit Anwen- 
dung auf die von ihnen abhängenden Staatsinstitute (Dienstag und 
Donnerstag von 2—3), Praktische Geometrie mit den nötigen 
Demonstrationen der Instrumente im Auditorium (Montag und 
Mittwoch von 3 — 4), Differential- und Integralrechnung nach Dik- 
taten in noch zu verabredenden Stunden. Schweins sah sich durch 
Krankheit genötigt, seine Stellung noch innerhalb des Semesters 
niederzulegen, am 15. Juli 1856 starb er. Er hatte ununterbrochen 
während 93 Semester in Heidelberg gelehrt. 

Der Inhalt seiner Voriesungen dürfte in dieser langen Zeil 
nur geringe Änderung erfahren haben, wenn auch der Titel nicht 
immer gleich blieb. Was bis zum Sommer 1823 Semester für 
Semester als Größenlehre und Geometrie angekündigt wurde, 
scheint später eine Spaltung erfahren zu haben. Was zuerst ka- 
meralistische, forstwissenschaftliche und juristische Rechnungen 
hieß, erhielt später den Namen Rechnungen für das Geschäfts- 
leben, mag auch einen Teil des Inhaltes an die Voriesung über 

15*.. 



228 Moritz Cantor [8 



Wahrscheinlichkeitsrechnung abgegeben haben. Etwa seit 1838 las 
Schweins meistens im Winter: reine Mathematik und Rechnungen 
für das Qeschäftsleben ; im Sommer: Trigonometrie, praktische 
Geometrie und eine elementare Statik und Mechanik, mithin lauter 
Vorlesungen, welche die damalige Prüfungsordnung dem Studie- 
renden der Kameralwissenschaften auferlegte. Mit der praktischen 
Geometrie waren bis zum Sommer 1853 einschließlich Übungen 
auf dem Felde verbunden. Im Sommer 1854 kündigte Schweins 
die praktischen Übungen im Messen auf dem Felde besonders an. 
Im Sommer 1856 verprach er, wie wir gesehen haben, nur das 
Vorzeigen und Eriäutern der Instrumente im Hörsaale. Für Mathe- 
matiker von Fach zeigte Schweins bald Analysis, bald analytische 
Geometrie, bald Differential- und Integralrechnung, bald höhere 
Mechanik an und fand in früherer Zeit Zuhörer dazu. Wir kennen 
durch einen Zufall solche in Bern aufbewahrte Vorlesun^hefte, 
nachgeschrieben und ausgearbeitet von Jakob Steiner. Der 
große Geometer aus Utzenstorf hat sich, wie Herr J. H. Graf in 
dessen Lebensbild erzählt, im Winter 1819 — 1820, im Sommer 1820 
und im Winter 1820 — 1821 unter den Zuhörern von Schweins be- 
funden. Im Winter 1819 1820 hörte Steiner Analysis des Endlichen 
und Mechanik, im Sommer 1820 Auflösung von Gleichungen ver- 
schiedener Grade, im Winter 1820—1821 Differential- und Integral- 
rechnung. Wenn berichtet wird, Steiner habe in allen drei Se- 
mestern Mechanik getrieben, so muß dieses sein Privatstudium 
gewesen sein, denn Schweins hat nur für den Winter 1819— 1820 
Mechanik angekündigt. In späterer Zeit, etwa von 1835 an, müssen 
studierende Mathematiker in Heidelberg mehr und mehr zu den 
Seltenheiten gehört haben. Läßt doch von jenem Zeitpunkte an 
schon die Art der Ankündigung einigermaßen höherer Vorlesungen 
auf das deutlichste erkennen, daß eine wirkliche aufsteigende Reihen- 
folge der Voriesungen nicht eingehalten wurde, vermutlich nicht 
eingehalten werden konnte, weil es an Zuhörern fehlte, die 




9] Ferdinand Schweins und Otto Messe. 229 

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treffenden Vorlesungen zu stände zu bringen. Wie will man es 
anders deuten, wenn solche Vorlesungen nur selten zum voraus 
auf bestimmte Stunden angesetzt waren, oder wenn in die Wahl 
der Zuhörer gestellt war, ob höhere Mechanik oder Theorie der 
krummen Linien (Sommer 1836), ob Analysis oder analytische 
Geometrie (Sommer 1847) gelesen werden solle? Finden wir 
überdies in den Ankündigungen, daß noch nach 1850, also zu 
einer Zeit, an welcher in allen norddeutschen Hochschulen der 
freie mathematische Vortrag sich längst eingelebt hatte, Schweins 
ausdrücklich analytische Geometrie nach Diktaten, krumme Li- 
nien vom zweiten Grade nach Diktaten (Winter 1851 1852), 
neuere Methoden der Geometrie nach Diktaten (Winter 1849 bis 
1850, Winter 1850—1851, Sommer 1852), Differential- und Integral- 
rechnung nach Diktaten und gar nur zweistündig anzeigte, so 
wird man es jungen Leuten, die Mathematik studieren wollten, 
nicht verargen, wenn sie es vorzogen, nordische Universitäten auf- 
zusuchen, um dort moderne Wissenschaft in moderner Form in 
sich aufzunehmen. Auch den Verfasser dieses Aufsatzes schreckte 
damals, was er über die Lehrart von Schweins in Erfahrung 
brachte, und er suchte und fand in Göttingen und Berlin die Lehrer, 
nach deren Muster er sich zu bilden bestrebt gewesen ist. Schweins 
hatte sich überlebt, und ihm fehlte das Bewußtsein, daß es so 
war. Er glaubte noch an sich, als alle diesen Glauben verloren 
hatten. Das ist die wissenschaftliche Sünde, die er auf sich ge- 
laden hat. 

Daß es auch eine Zeit gab, in welcher Schweins ein beliebter 
und geschätzter Lehrer war, haben wir schon gesagt, und wir 
können Belege zur Stütze dieser Behauptung beibringen. Unter 
Schweins wurde Heidelberg zum Mittelpunkte der kombinato- 
Tischen Schule. Von hier nahmen Ludwig ütlinger, Anton Müller, 
Arthur Arneth ihren Ausgangspunkt, welche man als die drei letz- 
ten einigermaßen namhaften Kombinatoriker der alten Schule wird 



230 Moritz Cantor [\0 



bezeichnen dürfen. Schule bildend oder auch nur den Geist einer 
überkommenen Schule fortpflanzend wirkte man aber kaum jemals 
anders als durch Unterricht. Schriftstellerische Leistungen allein 
reichen dazu in den seltensten Fällen hin, wenn sie auch oftmals 
die Aufmerksamkeit auf denjenigen lenken, der sie verfaßt hat. 

Wir müssen uns darum den Schriftwerken von Schweins zu- 
wenden. Steiner hat ihn als genialen Verfasser einer Analysis 
und als ausgezeichneten Kombinatoriker genannt (Steiner, Ge- 
sammelte Werke I, 175 und II, 18), und wenn er, als er später 
mit Schweins zerfallen war, dessen Methode verhöhnte und ins- 
besondere seiner Geometrie einen naheliegenden Spottnamen bei- 
legte, wie unter anderem Herr Graf in seinem schon erwähnten 
Lebensbilde Steiners berichtet, so darf man nicht vergessen, daß 
Steiner wenig sorgfältig in der Wahl seiner Ausdrücke war, und 
daß auch C. G. J. Jakobi von ihm in Briefen mit keinesw^s 
schmeichelhaften Beiworten bedacht ward. Schweins war, das 
müssen wir in Übereinstimmung mit Steiners gedruckten Äuße- 
rungen aufrecht erhalten, ausgezeichneter Kombinatoriker, und er 
blieb dieser freilich einseitigen, aber geschichtlich nun einmal vor- 
handenen Richtung bis nahezu zum Schlüsse seiner schriftstelle- 
rischen Laufbahn getreu. Wir haben drei Werke zu schildern. 

„Geometrie nach einem neuen Plane gearbeitet*, betitelt sich 
das erste Werk, welches in zwei Bänden 1805 und 1808 in Qöt- 
tingen herauskam. Neben dem größeren Werke gab Schweins 
gleichfalls in Göttingen 1808 das früher von uns genannte System 
der Geometrie mit einer Einleitung in die Größenlehre als Hand- 
buch zu Vorlesungen, welchem wir (System S. 216) entnehmen, 
daß noch ein dritter Band des größeren Werkes folgen soIHe, der 
aber nie erschienen ist. Die Geometrie bildet einen der ersten 
Versuche, auch in Deutschland zu wagen, was in Frankreich, um 
von älteren Schriftstellern beider Länder abzusehen, 1794 von 
Legendre unternommen worden war, die Geometrie anders als 




II] Ferdinand Schweins und Otto Hesse. 231 






nach dem mehr als drei Jahrtausende alten Muster des Euklid 
vorzutragen. Die Geometrie von Schweins ist ein folgerichtig aufge- 
bautes Werk, welches auch heute noch unsere Aufmerksamkeit 
dadurch zu erregen vermag, daß es, wenn wir so sagen dürfen, 
eine kombinatorische Geometrie ist. Im Systeme werden nach- 
einander Gebilde von 3, 4, 5 und mehr graden Linien untersucht. 
Dann kommt der Kreis an die Reihe in Verbindung mit graden 
Sehnen und Tangenten. Zwei, drei Kreise folgen. Hier schließt 
sich die Lehre von den Kreisfunktionen an, die fortan in Gebrauch 
treten und zur Trigonometrie, Tetragonometrie, Polygonometrie 
führen. Nach dem Kreise, als einziger ordentlich gekrümmter 
Linie, folgen die unordentlich gekrümmten Linien Parabel, Ellipse, 
Hyperbel, Cissoide, Conchoide, Cardioide, Cykloide in elementar- 
analytischer Behandlung. Eine kurze, auch wieder nach der An- 
zahl der betrachteten Raumelemente kombinatorisch angelegte 
Stereometrie bildet den Schluß des Systems. Einige Sprach- 
eigentümlichkeiten wie Rechteck im Sinne von rechtwinkligem 
Dreieck, während das rechtwinklige Viereck Rectangel heißt, Hy- 
pothenuse mit th, der Kathete (männlich), Ellypse mit y, Assymp- 
tote mit ss mögen Anstoß erregen. 

Analysis heißt das zweite Werk, welches 1820 in Heidelberg 
erschien. Genialer Verfasser wurde Schweins von Steiner grade 
im Hinblick auf dieses Werk genannt, und doch trägt das Titel- 
blatt die wehmütige Bemerkung „auf Kosten des Verfassers und 
in Kommission bei Mohr und Winter". Es sind neun in losem 
Zusammenhange stehende Abhandlungen, deren Wesen Schweins 
in dem ersten Satze einer ausführlichen Inhaltsanzeige folgender- 
maßen kennzeichnet: „Der Inhalt des ganzen Werkes besteht in 
dem Vervielfachen und Messen der Faktoren, welche bestimmten 
Gesetzen unterworfen sind, und in dem Aufsuchen der Gesetze 
bei den Produkten, welche durch diese Geschäfte hervorgebracht 
werden". Es ist nicht unmöglich, daß in den 387 Quartseiten 



232 Moritz Cantor [\2 



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des Bandes beachtenswerte Ergebnisse sich finden, aber es ist 
heute unmöghch, sich durch den Band hindurchzuarbeiten, welcher 
dem Leser zumutet, sich an Bezeichnungen von nicht zu beschrei- 
bender Schwerfälligkeit zu gewöhnen, die Schweins teilweise aller- 
dings Vorgängern entlehnte, teilweise aber auch neu bildete. Die 
Sorglosigkeit im Rechnen mit unendlichen Reihen wird man 
Schweins im Jahre 1820 nicht verübeln dürfen, denn Bolzanos 
heute berühmt gewordene Arbeiten von 1816 und 1817 hatten 
damals noch keine Leser gefunden und konnten dementsprechend 
auch keine Wirksamkeit ausüben; die noch um mehrere Jahre 
ältere Abhandlung von Qauß (Disquisitiones circa seriem etc.) 
war vielleicht gelesen, aber sicherlich in ihrer Tragweite nicht ver- 
standen, Eul er dagegen, der Gründer einer algebraischen Analysis 
und allgemeiner Lehrer in diesem Fache, war selbst, man könnte 
fast sagen leichtfertig, mit Reihen umgesprungen. 

Als drittes Werk erschien die Theorie der Differenzen und 
Differentiale, der gedoppelten Verbindungen, der Produkte mit 
Versetzungen, der Reihen, der wiederholenden Funktionen, der 
allgemeinsten Fakultäten und der fortlaufenden Brüche, Heidelberg 
1825, Verlag von C. F. Winter, mithin vier Jahre später als 
Cauchys Cours d'analyse von 1821, ein Jahr nach Eytelweins 
Qrundlehren der höheren Analysis, in welchen die Einwirkung 
Cauchys namentlich im zweiten Bande nicht zu verkennen ist. 
Aber Schweins hatte das bahnbrechende Werk des französischen 
Schöpfers einer zeitgemäßen Analysis nicht kennen gelernt. Wir 
entnehmen diese Tatsache den zahlreichen Erwähnungen anderer 
Schriftsteller, durch welche Schweins sich rühmlich auszeichnet, 
unter welchen aber Cauchy fehlt. Wieder begegnen wir also der 
größten Sorglosigkeit im Gebrauche unendlicher Ausdrücke, wieder 
einer Fülle von ungeheuerlichen Zeichen, wieder einer an Unmög- 
lichkeit grenzenden Schwierigkeit sich hindurchzuwinden. Erst im 
Jahre 1884 hat Herr Muir (Philosophical Magazine Ser. 5, 



13] Ferdinand Schweins und Otto Hesse. 23S 

Vol. 18, pag. 416 — 427) darauf hingewiesen, daß unter dem Namen 
Theorie der Produkte mit Versetzungen (S. 319—431) eine ziem- 
lich ausführliche Behandlung der Lehre von den Determinanten 
sich verborgen hat. Gerade hier nennt Schweins mehrere in 
französischer Sprache schreibende Vorgänger: Bezout, Laplace, 
Desnanot, Wronski, aber Cauchy nennt er nicht. 

Wir sagten oben, Schweins sei nahezu bis zum Schlüsse 
seiner schriftstellerischen Laufbahn Kombinatoriker und nur Kom- 
binatoriker gewesen. Wir berücksichtigen mittels des einschrän- 
kenden Wortes „nahezu" einige Aufsätze aus den Jahren 1846, 
1849, 1854 (Grelle 32, 38, 47), welche auf Kräftepaare sich be- 
ziehend manche Berührungspunkte mit Arbeiten von Möbius 
aufweisen. 

Auch damit ist die Aufzählung des im Drucke Erschienenen 
nicht vollständig, aber das Weggelassene, teils elementare Lehr- 
bücher, teils abgesondert veröffentlichte kleinere kombinatorische 
Abhandlungen, kann vernachlässigt werden, ohne Schweins zu be- 
einträchtigen. 

Wir wissen bereits, daß Schweins am 15. Juli 1856 starb, 
daß er schon vorher seine Lehrstelle niedergelegt hatte. Die Be- 
rufung eines Nachfolgers für ihn wurde so beschleunigt, daß 
dessen Ankündigung für das Wintersemester 1856 — 1857 noch in 
den Vorlesungsanzeiger aufgenommen werden konnte. Wir finden 
dort den Namen Professor Hesse mit Enzyklopädie der gesam- 
ten Mathematik sechsstündig und analytische Geometrie der Ebene 
zweistündig. 

Die Enzyklopädie kehrte dann noch einmal im Winter 1857 

bis 1858 wieder, die zweistündige analytische Geometrie der 

Ebene noch zweimal in den Sommerhalbjahren 1858 und 1859, 

Während der gleiche Gegenstand seit dem Winter 1860—1861 stets 

dreistündig behandelt wurde. Einen Wechsel in d^r aufgewandten 

Stundenzahl weisen auch andere Heidelberger Vorlesungen Hesses 



234 Moritz Cantor [14 



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auf. Analytische Geometrie des Raumes las er zweimal vier- 
stündig, dann dreistündig. Differential- und Integralrechnung ver- 
einigt nahmen im Sommer 1857 vier Stunden in Anspruch, dann 
jedes für sich vier Stunden, bis vom Winter 1860—1861 an Diffe- 
rentialrechnung und Integralrechnung abwechselnd in je drei Stun- 
den gelesen wurden. Einleitung in die Analysis des Unendlichen 
nahm im Sommer 1859 vier Stunden in Anspruch, später wieder- 
holt deren drei, und in dieser Vorlesung des Winters 1864-1865 
vereinigte Hesse die höchste Zahl seiner Zuhörer, nämlich 27, 
während diese sonst bei ihm in Heidelberg zwischen 10 und 20 
schwankte. Von sonstigen Vorlesungen Hesses nennen wir eine 
mehrfach wiederkehrende dreistündige Mechanik und allmählich in 
jedem Semester angekündigte einstündige analytisch-geometrische 
Entwicklungen. Dieser Namen bezeichnete seminaristische Übun- 
gen, wie solche von Jacobi in Königsberg erstmals vorgenommen 
worden waren. Hesse, welcher als Jacobis Schüler den didak- 
tischen Wert solcher Übungen kennen gelernt hatte, übertrug sie, 
wenn auch in etwas enger Stoffbegrenzung, nach Heidelberg, wo 
das mathematische Seminar fortan eine regelmäßige sich mehr 
und mehr erweiternde Einrichtung blieb. Hesse hat zuletzt für 
den Winter 1868 — 1869 Voriesungen in Heidelberg angezeigt, aber 
nicht mehr gehalten. Er war im Herbst 1868 nach München ab- 
gegangen. 

Ludwig Otto Hesse ist am 22. April 1811 in Königsberg 
geboren und gehörte wie durch seine Geburt, so auch durch seine 
Vorfahren dem preußischen Nordosten an. Ebendahin weist die 
Familie von Hesses Gemahlin, die Geburt seiner Kinder» eben- 
dorthin seine Erziehung, seine Studienzeit, seine bedeutendsten 
wissenschaftlichen Erfolge als Erfinder wie als Lehrer auf einem 
vor ihm kaum jemals bearbeiteten Teilgebiete der Mathematik, der 
Verbindung von Algebra mit Geometrie. Hesse wurde verhältnis- 
mäßig spät, im April 1832, also mit 21 Jahren, vom Gymnasium 



15] Ferdinand Schweins und Otto Hesse. 235 



seiner Vaterstadt zur Universität entlassen. Er meldete sich zur 
Erfüllung seiner Militärpflicht, wurde aber zuerst zurückgestellt, 
1834 endgültig zurückgewiesen, was nachmalig jeden mit Erstaunen 
erfüllte, der den breitschultrigen, wetterharten, strapazengewohnten 
Mann kannte, zu welchem der rasch aufgeschossene, flachbrüstige 
Jüngling sich entwickelt hatte. In den dreißiger und vierziger 
Jahren des 19. Jahrhunderts war Königsberg die hervorragend 
mathematische Universität Deutschlands. C. G. J. Jacobi, Bessel, 
Franz Neumann, Richelot wirkten dort nebeneinander, und 
ihr Schüler war Hesse fünf Jahre lang. Alsdann legte er 1837 die 
Prüfung zum Oberlehrer ab, machte sein Probejahr durch, trat 
im Herbste 1838 als Lehrer in die Königsberger Gewerbeschule 
ein, um an ihr während drei Jahren in Physik und Chemie zu 
unterrichten, inzwischen arbeitete er an seiner Doktordissertation 
über die acht Durchschnittspunkte dreier Oberflächen zweiter Ord- 
nung, promovierte am Anfang des Jahres 1840 und trat dann 
selbst als Privatdozent der Mathematik in den Lehrkörper der 
heimatlichen Universität ein, welchem er — seit 1845 als außer- 
ordentlicher Professor — bis 1856 angehörte. Hesses Lehrtätig- 
keit wie seine schriftstellerische Fruchtbarkeit in jener Zeit waren 
von gleich hoher Bedeutung, und so muß es als eine eigentüm- 
liche Ungunst der Verhältnisse bezeichnet werden, daß er erst mit 
44V2 Jahren durch eine Berufung nach Halle zum ordentlichen 
Professor befördert wurde. Der Aufenthalt in Halle sollte nur 
ein kurzer sein von Neujahr 1856 bis zum Schlüsse des Sommer- 
semesters des gleichen Jahres. Im Mai erhielt Hesse einen Ruf 
nach Heidelberg, dem er, wie wir schon gesehen haben, mit An- 
fang des Winterhalbjahrs folgte. 

Im Mai 1838 war Hesse von Wanderlust ergriffen zu einer 
mehrmonatlichen Reise aufgebrochen. Meist zu Fuß, den Ranzen 
auf dem Rücken, hatte er Österreich durchschritten, war nach 
Italien vorgedrungen und über die Schweiz nach Deutschland 




236 Moritz Cantor [\6 

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zurückgekehrt. Damals sah er Heidelberg und gab sich auf der 
Neckarbrücke süßen Träumen hin, wie glücklich er sein würde, 
wenn es ihm beschieden wäre, einmal an diesem Orte leben zu 
dürfen! Der Jugendtraum sollte sich nach 18 Jahren erfüllen. 
Kein Wunder, daß Hesse nicht zögerte, von der Möglichkeit dieser 
Erfüllung Gebrauch zu machen. Traf er doch in Heidelberg auch 
Kirchhoff, der in Königsberg zu seinen Schülern gehört hatte. 
Der Heidelberger Aufenthalt dauerte bis 1868. Damals eröffnete 
sich für Hesse die Möglichkeit, nach Bonn überzusiedeln. Gleich- 
zeitig etwa bot sich ihm eine Professur an dem neu gegründeten 
Polytechnikum in München. Er ging auf das letztere Anerbieten 
ein. Er verließ Heidelberg, wo man ihn vielleicht unschwer hätte 
halten können. Er verließ es mit drückenden Gefühlen, denn dort 
war die Grabstätte eines geliebten Kindes, das ihm 1861 im Alter 
von 10 Jahren gestorben war, und dessen Verlust er nie ver- 
schmerzt hat. 

In München fand Hesse eine Erweiterung seiner Berufstätig- 
keit, inbesondere eine Zuhörerzahl, die er niemals vorausgesehen 
hatte. Er rühmte sich ihrer scherzend in Briefen an Heidelberger 
Freunde, besonders an Pfarrer Schmetzer. „Ich habe", erzählte er 
diesem einmal in einem solchen Briefe, „im vorigen Jahre das 
höchste Ziel menschlichen Hoffens, Einkünfte im Betrage einer 
Million, überschritten; was tut es, wenn es auch nur eine Million 
Pfennige waren?" Hesses Gesundheit war aber ins Wanken ge- 
kommen. Die ohne Begleiter unternommenen Fußwanderungen 
im Gebirge, welche zu seiner alljährlichen Gewohnheit gehörten, 
und welche bei Hesses Geringschätzung aller Äußerlichkeiten zu 
den komischsten Verwechslungen Anlaß gaben, mußten aufhören. 
Ein schweres Leberleiden entwickelte sich langsam. Im Sommer 
1874 mußte Hesse seine Vorlesungen unterbrechen, um in Karls- 
bad Heilung zu suchen. Der Erfolg rechtfertigte nicht die auf 
das Bad gesetzte Hoffnung. Am 4. August 1874 erlag Hesse in 



17] Ferdinand Schweins und Otto Hesse. 237 



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München seinen Leiden. Am 7. August wurde er in Heidelberg 
bestattet. Er ruht neben dem Grabe seines unvergeßlichen Gret- 
chens. Schüler aus den verschiedensten Zeiten seiner Dozenten- 
laufbahn umstanden seinen Sarg und erfüllten die von ihm selbst 
getroffene Verfügung: „Ich will in dem Blumengarten meines 
Heidelbergs ruhen, zu Grabe geleitet von Schülern". Sein Freund, 
Pfarrer Schmetzer, hielt die Grabrede. 

Wir haben oben Kirchhoff als einen Schüler Hesses aus der 
Königsberger Zeit bezeichnet; andere waren Aronhold, Clebsch, 
Durege, Lipschitz, C. Neumann, Schröter. In Heidelberg hörten 
von namhaften Mathematikern v. Drach, Gundelfinger, O. Henrici, 
E. Hess, Hierholzer, Lüroth, Ad. Mayer, Minnigerode, Nöther, 
Prym, E. Schröder, H. Stahl, H. Weber, Zöppritz seine Vorlesun- 
gen, und alle bewahrten dem Lehrer ein dankbares Angedenken. 

Die Bedeutung der Schüler ist eine Art von Maßstab für die 
Bedeutung des Lehrers, dessen Persönlichkeit sie eher an diese 
als an eine andere Hochschule zog oder sie hier festhielt. Auch 
die Anerkennung, welche ein Gelehrter bei Gelehrten während 
seines Lebens fand, kann in gleicher Richtung Verwendung finden, 
und so verdient es Erwähnung, daß Hesse Mitglied der Göttinger, 
der Berliner, der Münchener Akademie, der Londoner Mathematical 
Society war, daß ihm 1872 von der Berliner Akademie der 
Steinersche Preis zuerkannt wurde. 

Aber das Bleibendste an einem Manne der Wissenschaft sind 
doch seine Schriften, über welche die Nachwelt ihr unbefangenes 
Urteil zu fällen vermag. Wir haben diese Reihenfolge der Be- 
sprechung bei Schweins eingehalten, wir müssen auch Hesses 
Schriften uns zuwenden, müssen fragen, welche Stellung er ver- 
möge derselben in der Geschichte der Mathematik einnimmt. 

Man kann in Hesses wissenschaftlichem Leben zwei Perioden 
unterscheiden, die erste, der Zeit nach so ziemlich mit seinem 
Aufenthalte in Königsberg sich deckend, in welcher er durch neue 



238 Moritz Cantor [18 



wichtige Entdeckungen die Wissenschaft förderte, die zweite Periode, 
welcher die Heidelberger und Münchener Zeit angehören, in welcher 
er vorzog, die von ihm und anderen gewonnenen Schätze in gang- 
bare Münze umzuprägen und in Lehrbüchern der Geometrie, wie 
er sich dieselben dachte, zu sammeln, was in Abhandlungen hie 
und da ungeordnet zerstreut, teilweise allerdings auch ganz neu 
war. So entstanden die Vorlesungen über analytische Geometrie 
des Raumes (1861), die Vorlesungen aus der analytischen Geome- 
trie der geraden Linie, des Punktes und des Kreises in der Ebene 
(1865), vier Vorlesungen aus der analytischen Geometrie (1866 
in dem 11. Bande der Zeitschrift für Mathematik und Physik), 
sieben Vorlesungen aus der analytischen Geometrie der Kegel- 
schnitte (1874 in dem 19. Bande der genannten Zeitschrift), die 
Determinanten elementar behandelt (1871), die vier Species (1872). 
Die beiden letzten Schriftchen sind von geringer Bedeutung, aber 
die analytisch-geometrischen Werke, mehrfach aufgel^, zuletzt 
durch Herrn Gundelfinger, einen nahen Schüler Hesses, im Drucke 
überwacht und mit Zusätzen versehen, waren und sind Meister- 
werke. Nicht als ob sie, wie Hesse selbst wähnte, geeignet wären, 
zur ersten Einführung in die Wissenschaft dienen zu können; da- 
gegen sind und bleiben sie für denjenigen Leser, dem die Geometrie 
kein fremdes Gebiet mehr ist, Muster großartiger Übersicht und 
methodischer Eleganz, letzteres so sehr, daß man der Raum- 
geometrie sogar den Vorwurf gemacht hat, die Formvollendung 
ersticke in dem Leser den Wunsch, durch eigene Untersuchung 
Lücken auszufüllen, weil ihm solche nicht bemerklich werden. 
Hesses eigentliche Stellung in der Wissenschaft war aber 
schon für alle Zeiten gesichert, als die geometrischen Lehrbucher 
erschienen. Sie beruht, wie oben bemerkt wurde, wesentlich auf 
den bis 1856 in Königsberg verfaßten Arbeiten, auf jenen zahl- 
reichen Abhandlungen, welche Hesse in Grelles Journal erscheinen 
ließ, und welche bei aller scheinbaren Verschiedenheit des Inhaltes 




19] Ferdinand Schweins und Otto Hesse. 239 



doch wesentlich zur Ausführung einiger großen Grundgedanken 
dienten. Wir haben Hesse einen Schüler von C. G. J. Jacobi 
genannt, und in der Tat knüpfte Hesse an manche Untersuchung 
seines Lehrers an. Unverkennbar ist zum Beispiel der Einfluß, 
welchen Jacobis Abhandlung von 1834 über die linearen Substi- 
tutionen, mittels derer zwei homogene Funktionen zweiten Grades 
in Summen von Quadraten übergeführt werden (Grelle 12), und 
insbesondere die bahnbrechenden Abhandlungen von 1841 über 
Determinanten (Grelle 22) auf Hesse geübt haben, aber Hesse 
schlug von dem ihm überkommenen Ausgangspunkte aus ganz 
neue eigene Bahnen ein. Aus den algebraischen und kombina- 
torischen Gebilden schuf er sich Werkzeuge zur Vervollkommnung 
der Geometrie. Wenig anders, nur in entgegengesetzter Richtung, 
liefen die Wege, zu deren Betretung die unbewiesen veröffentlichten 
geometrischen Sätze Steiners den Anlaß boten. „DieSteinerschen 
Sätze", sagte Hesse 1863 in einem Nachrufe an den am 1. April 
jenes Jahres Verstorbenen (Grelle 62), „bleiben für den Geometer 
ein zu erstrebendes Ziel, für den Analytiker ein Wegweiser zur 
Bildung und Erforschung von Funktionen, die in der höheren 
Algebra von großer Bedeutung sind." Für Hesse war es gewisser- 
maßen Glaubensartikel, daß es keinen algebraischen Satz gebe, 
dem nicht eine geometrische Eigenschaft, keine geometrische 
Eigenschaft, der nicht ein algebraischer Satz gegenüberstehe. Am 
deutlichsten, meinte Hesse selbst, zeige sich jene Dualität als 
Quelle neuer mathematischer Wahrheiten in seiner Abhandlung 
von 1856 über die Doppeltangenten der Kurven vierter Ordnung 
(Grelle 49), und deshalb halte er sie für das Beste, was er ge- 
schrieben. 

Auf Einzelheiten eingehende Würdigungen von Hesses Lei- 
stungen sind aus den Federn der Herren Felix Klein (1875), 
Max Nöther (1875), Gustav Bauer (1882) erschienen. Wir dürfen 
ihnen in diesem Sammelbande, der eine rein fachwissenschaftliche, 



240 Moritz Cantor • [20 



^ 



einer Mehrheit von Lesern vollkommen unverständliche Darstel- 
lung von selbst verbietet, nicht folgen. Wir dürfen höchstens die- 
jenige allgemeinere Kennzeichnung von Hesses Forschungen wie- 
dergeben, welche Herr Nöther in die Worte gekleidet hat: „Es ist 
Hesse, der zuerst erkannt hat, daß die Theorie der homogenen 
Formen das von aller Geometrie losgelöste Untersuchungsfeld für 
den Algebraiker bildet, wobei dann die Resultate der Forschung 
ihre Interpretation in denjenigen geometrischen Eigenschaften der 
algebraischen Kurven und Flächen finden, welche wir die projek- 
tivischen nennen. Er hat weiterhin jene Theorie auch wirkh'ch 
eingeleitet, indem er wenigstens die nächste der von einer Grund- 
form abhängigen Formen, die Determinante, welche jetzt Hesses 
Namen trägt, aufstellte, und ihre Bedeutung in wichtigen Problemen 
der Elimination und Geometrie systematisch verfolgte. So knüpfen 
die ersten Begriffe und die erste Entwicklung der Invariantentheorie 
an Hesse an." Wir fügen allenfalls die bibliographische Notiz bei, 
daß die aus zweiten Differentialquotienten gebildete Hessesche 
Determinante (Hessian nannten dieselbe die englischen Mathe- 
matiker, welche, wie Cayley, Sylvester, Salmon, sich mit ähnlichen 
Fragen anfangs mehr als die Deutschen beschäftigt haben) zuerst 
1844 in den beiden Abhandlungen über die Elimination der Vari- 
abein aus drei algebraischen Gleichungen zweiten Grades mit zwei 
Variabein und über die Wendepunkte der Kurve dritter Ordnung 
(Grelle 28) erschien. Wir betonen ferner als eine Hesse geradezu 
kennzeichnende Eigentümlichkeit seine unübertroffene Kunstfertig- 
keit in der Erzielung symmetrisch gebauter Formeln. 

Auch in Heidelberg und München sind noch Abhandlungen 
zum Drucke gegeben, welchen es keineswegs an mathematischer 
Bedeutung fehlt. Die Abhandlungen über das Pascalsche Sechs- 
eck (Grelle 66, 68, 75) gehören der Geometrie an. In der Ab- 
handlung über die Kriterien des Maximums und Minimums der 
einfachen Integrale (Grelle 54) hat sich Hesse erfolgreich der 



21] Ferdinarid Schweins und Otto Hesse. 241 



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Variationsrechnung zugewandt. Die Abhandlung über das Problem 
der drei Körper (Grelle 74) zeigt in der angestrebten Symmetrie 
der Darstellung Hesses schriftstellerische Eigenart, hat aber leider 
einen unrichtigen Satz als Endergebnis. 

Wir glaubten Hesses wissenschaftliche Tätigkeit bis zu seinem 
Tode verfolgen zu sollen. Kehren wir in kurzen Schlußworten zu 
seiner Heidelberger Tätigkeit zurück. Seinen unmittelbaren Vor- 
gänger in der ordentlichen Professur der Mathematik haben wir 
als Vertreter einer heute ausgestorbenen formalen Kombinatorik 
kennen gelernt. Es stellt einen eigentümlichen Zufall dar, daß 
auch Hesse Vertreter einer Richtung gewesen ist, welche kombi- 
n£(torische Gebilde in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückte, 
wenn wir ihm auch nicht dadurch nahe treten möchten, daß wir 
der Versuchung erlägen, ihn Vertreter einer neuen kombinato- 
rischen Schule zu nennen. 

Als Hesse aus dem Leben ging, hatte sich, wie Herr Nöther 
in seinem Nachrufe gesagt hat, seine tiefeingreifende Wirkung auf 
die Entwicklung der Wissenschaft so rasch vollzogen, daß sie im 
ganzen als beendet bezeichnet werden durfte. Inzwischen hatte 
eine neue mathematische Richtung sich geltend gemacht, die 
funktionentheoretische. Ihr gehören die Nachfolger Hesses in der 
ordentlichen Professur der Mathematik in Heidelberg an. Auch 
deren Würdigung zu versuchen, müssen wir uns versagen, da 
Hesses unmittelbarer Nachfolger noch unter den Lebenden sich 
befindet und, nachdem er von 1875 bis 1884 auswärtigen Be- 
rufungen gefolgt war, seit dem letztgenannten Zeitpunkte wieder 
der unsere ist. Immanuel Lazarus Fuchs (1833 — 1902) aber, 
welcher in der erwähnten Zwischenzeit 1875—1884 den ordent- 
lichen Lehrstuhl der Mathematik in Heidelberg inne hatte, und 
welcher am 26. April 1902 in Berlin auf dem Spaziergange von 
jähem Tode betroffen wurde, nimmt in der Geschichte der Mathe- 
matik heute schon eine allzuhohe Stellung ein, als daß es ge- 

Festschrift der Universität Heidelberg. 11. 16 



••j» 




242 Moritz Cantor, Ferdinand Schweins und Otto Hesse. [22 



Stattet wäre, ihn gewissermaßen anhangsweise zu erwähnen. Die 
„Fuchssche Klasse der Differentialgleichungen", die „Fonctions 
Fuchsiennes" französischer Mathematiker, sichern auch äußerlich 
die Unvergeßlichkeit seines Namens. 




Gustav Robert Kirchhoff 



von 



Friedrich Pockels, 



16* 




wen Lehrstuhl für Experimentalphysik, welcher an der 
I Heidelberger Universität erst seit 1817 getrennt von 
_ ; dem für Chemie bestand, hatte die ersten 30 Jahre 

G. W. Muncke inne. Ihm folgte 1847 Ph. Jolly, der schon seit 
1834 der Hochschule als Dozent angehörte, und dessen Wirk- 
samkeit dadurch bemerkenswert ist, daß er zuerst ein Labora- 
torium für Studierende einrichtete, welches nebst der physikalischen 
Sammlung zunächst im alten Dominikanerkloster an der Stelle 
des heutigen Friedrichsbaus, seit 1850 im gegenüberliegenden so- 
genannten „Riesen"-Gebäude untergebracht war. Eine Entschei- 
dung von glücklichster Bedeutung für die Entwicklung der Physik 
in Heidelberg war es, als im Jahre 1854 zum Nachfolger Jollys, 
welcher einem Rufe nach München folgte, der außerordentliche 
Professor an der Breslauer Universität, Gustav Robert Kirch- 
hoff, berufen wurde. Erst im dreißigsten Lebensjahre stehend, 
war Kirchhoff damals nur einem engeren Kreise von Fachgenossen 
bekannt ; aber schon fünf Jahre später gehörte sein Name zu denen, 
deren Rühm der Heidelberger Hochschule Schüler aus aller Welt 
zuführte und ihrer mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät 
eine fast beispiellose Glanzzeit brachten. Seine Berufung war dem 
Ginflusse R. Bunsens zu danken, welcher ihn während eines 



246 Friedrich Pockels [4 



Jahres gemeinsamen Wirkens in Breslau kennen gelernt und seine 
Begabung sogleich erkannt hatte. Die enge Freundschaft, welche 
diese beiden Männer verband, wurde durch ihre gemeinsame Ent- 
deckung der Spektralanalyse von ähnlicher Bedeutung für die 
Wissenschaft, wie etwa 20 Jahre früher diejenige zwischen Gauß 
und Weber in Göttingen gewesen war. 

Kirchhoff war zu Königsberg i. P. am 12. März 1824 geboren 
und besuchte dort bis 1842 das Kneiphöfsche Gymnasium. Da 
er von vornherein dem Studium der Mathematik zuneigte, so war 
es natürlich, daß er seine Studien an der Universität seiner Vater- 
stadt begann, wo damals die Mathematik durch Richelot und 
die theoretische Physik durch Franz Neumann hervorragend 
vertreten waren. Letzterer, der eigentliche Begründer der mathe- 
matischen Physik in Deutschland, von dessen Schülern eine be- 
trächtliche Anzahl auf die Lehrstühle der Physik berufen wurden, 
gewann auch auf Kirch hoff bestimmenden Einfluß; sein Geist war 
es, der dessen wissenschaftlichen Arbeiten und Vorlesungen ihr 
eigentümliches Gepräge verlieh. In dem von Neumann geleiteten 
mathematisch - physikalischen Seminar verfaßte Kirchhoff seine 
erste selbständige wissenschaftliche Arbeit „Über den Durchgang 
eines elektrischen Stromes durch eine Ebene, insbesondere durch 
eine kreisförmige", worin er eine elegante, auch vom rein mathe- 
matischen Standpunkte sehr bemerkenswerte Lösung des Pro- 
blems der Strom Verzweigung in ebenen Platten gegeben und zu- 
gleich ihre Richtigkeit durch eine sinnreiche Beobachtungsmethode 
experimentell bewiesen hat. In dieser Arbeit sind aber auch 
bereits die jetzt allgemein unter der Bezeichnung Kirchhoffsche 
Regeln bekannten Grundsätze ausgesprochen, mit deren Hülfe 
sich die Verteilung konstanter galvanischer Ströme in einem ganz 
beliebigen Netz drahtförmiger Leiter berechnen läßt — eine Auf- 
gabe, die in der Elektrotechnik fundamentale Wichtigkeit gewonnen 
hat. Der mathematischen Behandlung dieses und sich daran an- 



5] Gustav Robert Kirchhoff. 247 



schließender Probleme sind auch Kirchhoffs Arbeiten im nächsten 
Jahre gewidmet. 

Im Jahre 1848 habihtierte sich Kirchhoff als Privatdozent für 
Physik in Beriin. Dort führte er eine experimentelle Untersuchung 
von grundlegender Bedeutung aus, welche unter dem Titel „Be- 
stimmung der Konstanten, von welcher die Intensität induzierter 
elektrischer Ströme abhängt" 1849 — also mehrere Jahre vor 
Wilhelm Webers elektrodynamischen Maßbestimmungen — in den 
Annalen der Physik und Chemie veröffentlicht wurde. Kirchhoff 
hat hier als erster eine höchst sinnreiche Beobachtungsmethode 
erdacht und angewandt, welche die Bestimmung des elektrischen 
Leitungswiderstandes in absolutem mechanischen Maße ermöglichte. 
Allerdings verwertete er, wie der Titel der Abhandlung besagt, 
seine Messungen in anderer Richtung, nämlich um unter Zugrunde- 
legung einer willkürlichen Widerstandseinheit die universelle Kon- 
stante des F. Neumannschen Induktionsgesetzes zu bestimmen; 
aber wenn man gemäß der später von W. Weber getroffenen 
Festsetzung letztere gleich eins annimmt, so liefern jene Mes- 
sungen umgekehrt die absolute Widerstandseinheit. 

Schon nach 2 Jahren folgte Kirchhoff einem Rufe als außer- 
ordentlicher Professor nach Breslau. Von den Arbeiten, welche 
aus der Breslauer Zeit stammen, sei hier nur diejenige über die 
Magnetisierung eines Zylinders aus weichem Eisen erwähnt als ein 
schönes Beispiel dafür, wie Kirchhoff es verstand, solche Probleme 
der mathematischen Physik herauszugreifen, welche sowohl der 
vollständigen analytischen Durchführung zugänglich waren, als 
auch erhebliches physikalisches Interesse als Grundlage wichtiger 
Meßmethoden besitzen. In diesem Sinne sind von späteren Unter- 
suchungen Kirchhoffs noch zu nennen diejenigen über die Gleich- 
gewichtsverteilung der Elektrizität auf zwei leitenden Kugeln und 
über die Theorie des Kreisplatten-Kondensators. Die Behandlung 
solcher Probleme setzt allerdings eine weitgehende Beherrschung 



248 Friedrich Pockels [6 



der Mathematik voraus, und es mag daher das Eindringen in die 
Kirchhoffschen Arbeiten manchem mathematisch weniger ausge- 
bildeten Physiker Schwierigkeiten bereiten. Aber es ist unberech- 
tigt, wenn ihm deshalb von manchen Seiten der Vorwurf gemacht 
worden ist, daß er die mathematischen Schwierigkeiten aufgesucht 
habe, und daß ihm die Rechnung die Hauptsache gewesen sei. 
Im Zusammenhang mit dieser Bemerkung mag noch eines anderen 
Hodenkens Erwähnung geschehen, welches geiegentiich g^en den 
Wert mancher der mathematisch-physikalischen Untersuchungen 
KIrchhoffs geäußert wird. Es ist dies die Ansicht, daß die auf 
die I.cisung spezieller Probleme oft verwendete Mühe in keinem 
Verhältnis zum Erfolge stehe, weil das Resultat nur unter gewissen 
/ur Vereinfachung gemachten, in Wirklichkeit nicht erfüllten Voraus- 
üet/iingen gilt. Dem ist entgegenzuhalten, daß zur erfolgreichen 
Inangriffnahme der mathematischen Behandlung komplizierter Na- 
t IM Vorgänge, beispielsweise der Flüssigkeitsbewegungen, notwen- 
digerweise zunächst spezialisierende und vereinfachende Annahmen 
Hemacht werden müssen, und daß die so gewonnenen Resultate 
d\H h wichtige Anhaltspunkte für das Verständnis der betreffenden 
\'oi>iänge und Grundlagen für deren weitere Erforschung darstellen. 
Im Jahre 1854 wurde Kirchhoff, wie schon eingan^ gesagt, 
\\\ das Ordinariat für Physik der Heidelberger Hochschule be- 
ulten, welches er zu deren Ruhme während z\^'eier Dezennien — 
AUUleuh vier Glanzzeit seines eigenen Wirkens — vertreten hat. 
Mtei koi\nie sich nun neben seiner Tätigkeit als Forscher auch 
Jieiem^e als Lehrer» für welche er ebenso große Liebe und Be- 
ij;UHn»i{ n\ilhras.hte, voll entwickeln. Er hielt in Heidelberg regel- 
\\\M\\^ eine sevhssiündige \orlesung über Experimentalphysik, 
\\\kw\ wählend der ersten 10 Jahre immer im Winter eine drei- 
^uui,iiv:>* ^»^^«'^ „Theoretische PhN-sik-, deren Stoff zumeist der 
\\>^h.MuK »m weiteren Sinne angehörte. Später kamen kleinere 
\ii»o»yi»^\he Spe/ial\iMlesu:\cen hinzu, welche die Hydrodynamik, 



7] Gustav Robert Kirchhoff. 249 



Elastizität, Elektrizität und Magnetismus zum Gegenstand hatten. 
In den letzten Jahren verschwindet in den Vorlesungsankün- 
digungen der allgemeine Titel „Theoretische Physik", statt dessen 
findet sich mehrmals „Mechanik** (3 st), „Mechanik der elastischen 
und flüssigen Körper" (2 st.), ferner „Theorie der Wärme und 
Elektrizität" und „Optik" angezeigt. Praktisch-physikalische Übungen 
hielt Kirchhoff nur im Sommersemester ab. Zuletzt traten an deren 
Stelle „Übungen im Seminar", worin er Aufgaben aus der messenden 
Physik experimentell und theoretisch bearbeiten ließ. Kirchhoffs 
Vorträge zeichneten sich durch mustergültig klare, knappe, sorg- 
fältig durchdachte Darstellung aus; er sagte kein Wort zu viel 
und keins zu wenig, es kam kein Irrtum, keine Unklarheit und 
Unsicherheit vor. Der Stoff baute sich in strenger logischer Kon- 
sequenz in sich geschlossen auf, so daß es für jeden, der die 
nötigen mathematischen Kenntnisse besaß, leicht war, dem Ge- 
dankengange zu folgen, so schwierig auch die behandelten Pro- 
bleme waren. Diese hervorragende Darstellungsgabe, die wir ja 
noch in den im Druck erschienenen Vorlesungen Kirchhoffs, be- 
sonders in der von ihm selbst gegen Ende der Heidelberger Zeit 
herausgegebenen „Mechanik", bewundern können, brachte ihm 
einen großen Erfolg als Lehrer, zu dem aber auch die Liebens- 
würdigkeit nicht wenig beitrug, mit der er jederzeit bereit war, 
seinen Schülern persönlich Aufklärung und Rat zu erteilen. Viele 
hervorragende Physiker der Gegenwart haben zu seinen Schülern 
gehört, sogleich in den zwei ersten Jahren G. Quincke, der 1875 
sein Nachfolger auf dem Heidelberger Lehrstuhl wurde, ferner u. a. 
V. V. Lang, E. Wiedemann, E. Bessel-Hagen, A. Schuster, G. Lipp- 
mann, Kamerlingh-Onnes. 

Kirchhoffs Forschertätigkeit in Heidelberg wendete sich zu- 
nächst wieder dem bis dahin von ihm bevorzugten Gebiete der 
Elektrizitätslehre zu. Seine erste aus Heidelberg datierte theore- 
tische Arbeit führte zu dem überraschenden Ergebnis, daß sich 



.1' 




■ X 



250 Friedrich Pockels [8 



elektrische Strömungen in geraden, dünnen Drähten wellenartig 
mit der Geschwindigkeit des Lichts fortpflanzen können. 
Es war damit also die Möglichkeit jener „elektrischen Draht- 
wellen" nachgewiesen, welche seit den Entdeckungen von H. Hertz 
so viele Physiker beschäftigten und in neuester Zeit ja auch große 
praktische Bedeutung erlangt haben. Sehr merkwürdig ist es, daß 
Kirchhoff dieses Resultat, in dem sich zum erstenmal die für die 
neuere Entwicklung der Elektrizitätstheorie und Optik so funda- 
mentale Bedeutung der Lichtgeschwindigkeit für die Ausbreitung 
elektrischer Störungen offenbarte, auf Grund der alten Vorstel- 
lung von den fernewirkenden elektrischen Kräften finden konnte, 
und daß dasselbe sogar, wie neuere Untersuchungen gelehrt haben, 
gerade für den von Kirchhoff zum Zweck der analytischen Be- 
handlung vorausgesetzten Fall seine strenge und allgemeine Gül- 
tigkeit verliert, wenn man das Problem auf Grund der Max- 
wel Ischen Elektrizitätstheorie behandelt. Übrigens hatte sich 
gleichzeitig mit Kirch hoff auch W. Weber mit diesem wichtigen 
Problem beschäftigt, wie aus einer Notiz Poggendorffs zur Ab- 
handlung Kirchhoffs hervorgeht, wonach Weber dem letzteren im 
Jahre 1857 gelegentlich eines Zusammentreffens in Berlin eine 
persönliche Mitteilung über seine darauf bezüglichen, mit den- 
jenigen Kirchhoffs übereinstimmenden Resultate machte; veröffent- 
licht wurden diese jedoch erst 1862. 

Einen weiteren Beitrag zur Theorie schnell veränderlicher elek- 
trischer Zustände, der ebenfalls in gewisser Hinsicht als eine Vor- 
arbeit für die Entdeckungen von Hertz bezeichnet werden kann, 
lieferte Kirchhoff sieben Jahre später, indem er die Theorie der bei 
der Entladung einer Leydener Flasche erregten elektrischen Schwin- 
gungen entwickelte und danach die Schwingungsdauer berechnete, 
welche bei den von Feddersen angestellten Beobachtungen vorlag. 

Ein ganz neues Arbeitsgebiet, nämlich das der mechanischen 
Wärmetheorie, betrat Kirchhoff im Jahre 1858. Er wandte zum 




9] Gustav Robert Kirchhoff. 251 



-«/TS 



erstenmal deren Grundsätze auf physikalisch-chemische Pro- 
zesse an, wie die Absorption eines Gases und die Auflösung 
eines Salzes in einer Flüssigkeit, oder die Verdampfung von 
Mischungen von Schwefelsäure und Wasser. Die Methode, welche 
er bei der theoretischen Behandlung dieser Probleme zuerst an- 
wandte, ist für die physikalische Chemie später ungemein frucht- 
bringend geworden; sie beruht, kurz gesagt, darauf, daß man sich 
das Endergebnis des wirklich stattfindenden Prozesses, z. B. 
der Auflösung eines Salzes, auf einem anderen möglichen, wenn- 
gleich aus praktischen Gründen nicht immer realisierbaren Wege 
erreicht denkt, welcher durch lauter Gleichgewichtszustände 
hindurchführt und daher die Anwendung der Grundformeln der 
mechanischen Wärmetheorie gestattet. 

Aus dieser Zeit verdienen ferner zwei experimentelle Ar- 
beiten Erwähnung. Die eine lieferte eine für die Kristalloptik 
wichtige Methode zur Messung des Winkels der optischen Achsen 
zweiachsiger Kristalle für Licht von einer beliebigen Spektralfarbe. 
Die andere betrifft einen wichtigen Punkt des von Kirchhoff mehr- 
fach bearbeiteten Gebietes der Elastizitätslehre, nämlich die Frage, 
in welchem Verhältnis die Verkleinerung des Durchmessers eines 
einem einseitigen Zuge unterworfenen Stabes zu seiner Längsdeh- 
nung steht. Über den Zahlwert dieses Verhältnisses bestand bis zu 
jener Zeit eine lebhafte Kontroverse. Nach der von französischen 
Mathematikern, besonders Poisson, entwickelten Molekulartheorie 
der elastischen Kräfte sollte dasselbe nämlich gleich ^J4. sein; Wert- 
heim hatte aus seinen, allerdings an wem'g geeignetem Material 
ausgeführten Versuchen den Wert Vs abgeleitet; und nach Green 
und Franz Neumann, welche der Elastizitätstheorie allgemeinere, 
von der Vorstellung über die Konstitution der Materie unabhän- 
gige Grundlagen gegeben hatten, war von vornherein über die 
fragliche Zahl nichts zu behaupten, vielmehr mußte dieselbe eine 
für das elastische Verhalten jedes festen Körpers neben dem Elasti- 




i52 Frittfrch Pockeb [!•> 



zitätsmodui charakteristische Konstante sein. Kirdiboß cmernahm 
nun deren expenmenteile Bestimmung an emem mr znveriassige 
Messungen besonders geeignet erscheinenden Material — gehär- 
tetem Stahl — . und führte dieselbe mit Hülfe einer V'ersochsan- 
Ordnung durch, in weicher sich sein experimemdles Geschick 
glänzend bewährte. Es ergab sich das durch viele spätere Be- 
obachtungen bestätigte Resultat, daß weder Poisson noch Wen- 
heim Recht hatte, also die allgemeine Green -Neomannsche 
Elastizitätstheorie angenommen werden mußte. Aber in der Art 
und Weise, wie Kirchhoff sein Resultat «mitteilte , zeigt sich seine 
nachahmensuerte \'orsicht in der Verallgemeinerung imd Sorg- 
fah in der Berücksichtigung aller möglk:hen Einwände; er betont 
daß weitere Versuche wünschenswert seien, um zu prüfen, ob 
nkht vielleicht infolge der Härtung die Elastizität der Ober- 
flächenschicht der Stahlstäbe eine andere sei als die ihres Innern. 
Noch im Herbst des Jahres 1859 l^e Kirchhoff der Berliner 
Akademie die erste Frucht seines Zusammenwirkens mit Bunsen 
vor und eröffnete damit jene Arbeiten über die Spektrallinien, 
welche wegen ihrer weittragenden Folgen für die Chemie und 
Astronomie seinen Namen in der ganzen gebildeten Welt berühmt 
gemacht haben. Jene denkwürdige erste Mitteilung an die Berliner 
Akademie lautete: „Bei Gelegenheit einer von Bunsen und mir in 
Gemeinschaft ausgeführten Untersuchung über die Spektren far- 
biger Flammen, durch welche es uns möglich geworden ist, die 
qualitative Zusammensetzung komplizierter Gemenge aus dem An- 
blick des Spektrums ihrer Lötrohrflamme zu erkennen, habe ich 
einige Beobachtungen gemacht, welche einen unerwarteten Auf- 
schluß über den Ursprung der Fraunhoferschen Linien geben 
und zu Schlüssen berechtigen von diesen auf die stoffliche Be- 
schaffenheit der Atmosphäre der Sonne und vielleicht auch der 
helleren Fixsterne." Die ;m ersten Teile dieses Satzes angekün- 
digte Entdeckung der Spektralanalyse im engeren Sinne, durch 



11] Gustav Robert Kirchhoff. 253 



welche der analytischen Chemie ein Hölfsmittel von bis dahin 
ungeahnter Empfindlichkeit gegeben wurde, und deren erste über- 
raschende Anwendungen von Kirchhoff und Bunsen gemeinschaft- 
lich veröffentlicht wurden („Chemische Analyse durch Spektral- 
beobachtungen", Poggend. Annalen 110), ist wohl in erster Linie 
Bunsens Idee, und es mag daher an dieser Stelle ein näheres 
Eingehen auf ihre Geschichte und ihre weitreichende Bedeutung 
für die wissenschaftliche und angewandte Chemie unterbleiben. 

Dagegen ist die auf das Wesen der Fraunhoferschen Linien 
bezügliche Entdeckung Kirchhoffs eigenstes Verdienst. Bei den 
in obiger ersten Mitteilung erwähnten Beobachtungen handelt es 
sich um folgendes. Wie schon vor den Entdeckungen von Bunsen 
und Kirchhoff bekannt war, besteht das Spektrum einer durch 
Kochsalz oder ein anderes Natriumsalz gelb gefärbten Flamme 
im wesentlichen aus zwei sehr benachbarten hellen gelben Linien, 
welche genau an derselben Stelle liegen, das heißt denselben Wel- 
lenlängen entsprechen, wie die von Fraunhofer mit dem Buch- 
staben D bezeichneten dunklen Linien des Sonnenspektrums. Kirch- 
hoff ließ nun Sonnenlicht, bevor er es spektral zerlegte, durch 
eine Kochsalzflamme hindurchgehen und sah, wenn das Sonnen- 
licht hinreichend gedämpft war, die D-Linien hell auf dem Grunde 
des Sonnenspektrums, dagegen, wenn es intensiver gemacht wurde, 
an ihrer Stelle dunkle Linien von viel größerer Deutlichkeit als 
ohne Einschaltung der Kochsalzflamme. Ebenso können die dunk- 
len D-Linien auch in dem vollständig kontinuierlichen (das heißt 
an sich von dunklen Linien durchaus freien) Spektrum irgend 
eines weißglühenden festen Körpers hervorgerufen werden. Diese 
Erscheinung, die sogenannte Umkehrung der Spektrallinien, welche 
von Kirchhoff und Bunsen alsbald auch für die Linien anderer 
Metalle nachgewiesen wurde, war zwar schon 11 Jahre früher 
gelegentlich der Untersuchung des elektrischen Bogenlichtes von 
Foucault wahrgenommen worden, welcher ihr aber keine weiter- 



254 Friedrich Pockeis 



gehende Bedeutung beilegte, noch sie zu erUareo i^Ersume. itlrcn- 
hoff hingegen erkannte mit seinem wissensdiaimäist Srorinkx 
sofort die große Wichtigkeit seiner Beobachtung: im: nex V: 
«Das scheint mir eine fundamentale Geschkfoe^ i^-iisi s- 
Laboratorium, und am nächsten Tage scbon faSK «r ik 
rung der Erscheinung im Prinzip gefunden. Sie fcennc 
daß jeder selbstleuchtende Körper, also hisbesoBderc isnasr ia- 
hende Metalldampf, gerade diejenigen StraMenaneo läscrnert. 
welche von ihm selbst ausgestrahlt werden. Mjci ksBi sidi 
diesen Satz durch das Analogon der akustischen Resocssa ver- 
standlich machen: wie eine Stimmgabel durch Sdaßm^Asi ^or 
einer Schwingungsdauer die ihrer Eigenschwingon^dsoer 0e<ii 
ist, zum Mitschwingen gebracht wird, also aus Aeses Säafl- 
wellen Energie aufnimmt und nach allen Sehen vieder in den 
Raum hinaussendet, so werden auch die Uctitschmingimgen in 
der Flamme durch die im weißen Licht enthaltenen von Reicher 
Schwingungsdauer verstärkt; die Ramme absorbien deshalb 
einen Teil der in den entsprechenden Lichtstrahlen ihr zöge- 
strahlten Energie und zerstreut diese nach allen Seiten gleich- 
mäßig, woraus folgt, daß die Intensität jener Strahlen in der ur- 
sprüngh'chen Strahlungsrichtung durch die Ramme geschwächt 
wird. Für die Fraunhoferschen Linien des Sonnenspektrums 
ergab sich nun die Erklärung, daß sie von der Absorption glü- 
hender Metalldämpfe, welche den weißglühenden Sonnenkem um- 
geben, herrühren, und Kirchhoff zögerte demgemäß nicht« so- 
gleich den Schluß zu ziehen, daß sich in der Sonnenatmosphäre 
Natrium befindet. Durch Vergleichung der hellen Linienspektra 
der chemischen Elemente mit den Fraunhoferschen Linien des 
Sonnenspektrums konnte, nachdem durch das von Kirchhoff 
konstruierte Spektrometer eine genaue Messung der Lage der 
Spektrallinien an einer Skala ermöglicht war, bald noch die An- 
wesenheit einer Reihe anderer irdischer Elemente in der Sonnen- 




13] Gustav Robert Kirchhoff. 255 



u - ^ 



atmosphäre festgestellt werden. Wie vorsichtig aber Kirchhoff 
auch bei diesen Schlüssen war, geht daraus hervor, daß er z. B. 
für die damals bekannten 60 hellen Linien des Eisens die Wahr- 
scheinlichkeit des zufälligen Zusammenfallens mit den Fraun- 
hoferschen Linien berechnete; er fand dieselbe kleiner als ein 
Trilliontel und durfte somit gewiß mit Recht sagen, die Sicherheit 
des Schlusses auf das Vorkommen des Eisens in der Sonne sei 
so groß, wie sie überhaupt in den Naturwissenschaften erreich- 
bar ist. 

Von englischen Physikern ist die vorstehend skizzierte Er- 
klärung der Fraunhoferschen Linien und deren Anwendung auf 
die Chemie der Sonne ihrem jüngst verstorbenen großen Lands- 
manne Stokes zugeschrieben worden, der sie gegen W. Thom- 
son (Lord Kelvin) zuerst ausgesprochen haben soll. Kirchhoff, 
der übrigens nichts von diesen gelegentlichen Ideenäußerungen 
gewußt hatte, sah sich hierdurch veranlaßt, die Geschichte seiner 
Entdeckung in sachlicher Weise klarzulegen und ebenso ruhig als 
bestimmt die Priorität ihrer sicheren Fundierung gegenüber den 
englischen Ansprüchen für sich zu wahren. Und er fand darin 
Unterstützung bei Stokes selbst, der in einem offenen Briefe die 
ihm zugeschriebene Ehre mit den schönen Worten ablehnte: 
„Ich habe nie versucht, irgend einen Teil von Kirchhoffs bewun- 
derungswürdiger Entdeckung für mich in Anspruch zu nehmen, 
und denke, daß einige meiner Freunde übereifrig in meiner Sache 
gewesen sind." 

Es konnte nicht ausbleiben, daß eine Entdeckung, welche es 
so mit einem Male ermöglichte, über die chemische Zusammen- 
setzung nicht nur der Sonne, sondern* auch unmeßbar weit ent- 
fernter Fixsterne Aufschluß zu gewinnen, in den weitesten Kreisen 
Aufsehen erregte. Und doch hat sich erst später die ganze Trag- 
weite der Spektralanalyse für die Astronomie gezeigt, als es mit 
den verfeinerten Hülfsmitteln der neueren Zeit möglich wurde, aus 



256 Friedrich Pockels [14 



^ 



kleinen Verschiebungen der Spektrallinien die überraschendsten 
Schlüsse in Bezug auf die Bewegungen im Weltraum zuziehen, 
die der direkten Beobachtung infolge der ungeheuren Entfernungen 
unzugänglich sind. Diese Möglichkeit beruht auf dem Umstände, 
daß durch Annäherung oder Entfernung einer Lichtwelle die Farbe 
oder Schwingungszahl der von ihr ausgesandten Lichtquellen eine 
Änderung erfährt, gleichwie die Höhe eines Tones steigt oder sinkt, 
wenn die Entfernung zwischen der Schallquelle und unserem Ohre 
in Abnahme oder Zunahme begriffen ist. 

Der qualitativen Erklärung der Umkehrung der Spektrallinien, 
welche wir oben kurz erörtert haben, gab Kirchhoff alsbald eine 
exakte, quantitative Grundlage in dem berühmten, jetzt unter der 
Bezeichnung „Kirchhoffsches Gesetz" bekannten Satze, daß das 
Verhältnis des Emissions-(Ausstrahlungs-)Vermögens zum Absorp- 
tionsvermögen bei derselben Temperatur für Strahlen gleicher 
Wellenlänge bei allen Körpern dasselbe ist. Der Beweis, den er 
für diesen Satz zuerst in den Berichten der Berliner Akademie 
vom Dezember 1854, ausführlicher 1861 in deren Abhand- 
lungen und 1862 auch als selbständige Schrift veröffentlichten 
„Untersuchungen über das Sonnenspektrum und die Spektren der 
chemischen Elemente" gab, ist auch an und für sich höchst be- 
merkenswert. Derselbe beruht auf dem Clausiusschen Prinzip 
der Wärmetheorie, welches aussagt, daß Wärme von selbst nur 
von einem Körper höherer Temperatur zu einem solchen niederer 
Temperatur übergeht. Bei den hieran anknüpfenden Schlüssen 
über die Strahlung operiert nun Kirchhoff mit gedachten Körpern, 
welchen die Eigenschaft zugeschrieben wird, alle auf sie auffallen- 
den Strahlen zu absorbieren ( — vollkommen schwarze Körper — ), 
ferner mit solchen, welche gar nichts absorbieren (vollkommen 
diatherman und durchsichtig sind), und auch mit solchen Körpern, 
die alle Strahlen reflektieren, also als vollkommene Spiegel zu 
bezeichnen wären. Dieses gedankliche Operieren mit Körpern oder 




15] Gustav Robert Kirchhoff. 257 



t . . ^ S> 



Prozessen, welche in WirWichkeit nicht oder doch nur annähe- 
rungsweise reah'sierbar sind, mag auf den ersten Blick befremdend 
erscheinen; es ist aber als Mittel zur Vereinfachung der Beweis- 
führung durchaus zulässig, denn die Wahrheit der zu beweisenden 
Tatsachen kann nicht vom Grade der Vollkommenheit unserer 
künstlichen Hülfsmittel abhängig sein. — Übrigens hat Kirchhoff 
selbst bereits ein Verfahren angegeben, mittels dessen der „ab- 
solut schwarze Körper", oder doch die ihm eigentümliche Strah- 
lung in beliebig großer Annäherung verwirklicht werden kann: 
nämlich durch einen nahezu geschlossenen Hohlkörper, dessen für 
Strahlung undurchlässige, aber sonst beliebig beschaffene Wan- 
dungen auf konstanter Temperatur erhalten werden. Es läßt sich 
nämlich zeigen, daß jedes Strahlenbündel im Innern eines solchen 
Hohlraumes und auch dasjenige, welches aus seiner kleinen Öff- 
nung austritt, von derselben Beschaffenheit und Intensität sein 
muß, als ob es von einem idealen, absolut schwarzen Körper 
gleicher Temperatur ausginge. Solche künstliche, absolut schwarze 
Körper sind neuerdings in der physikalisch-technischen Reichs- 
anstalt wirklich hergestellt und die Gesetze ihrer Strahlung, d. h. 
die Abhängigkeit ihres Emissionsvermögens von Temperatur und 
Wellenlänge, eingehend experimentell untersucht worden. Diese 
Gesetze sind deshalb von fundamentaler Wichtigkeit, weil durch 
sie auf Grund des Kirchhoffschen Satzes zugleich für beliebige 
andere Körper das Verhältnis von Emission und Absorption be- 
kannt ist. Es ist nun durch neuere theoretische Untersuchungen, 
die an den Kirchhoffschen Satz anknüpfen und zum Teil ähnliche 
Beweismethoden benutzen, auch gelungen, mathematische Formeln 
für diese Gesetze aufzustellen, so insbesondere für dasjenige, wo- 
nach sich die vom schwarzen Körper am intensivsten ausgestrahlte 
Farbe mit steigender Temperatur nach dem blauen Ende des 
Spektrums verschiebt. In neuester Zeit sind hierauf Methoden 
gegründet worden, um sehr hohe Temperaturen, z. B. solche von 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 17 




258 Friedrich Pockels [16 






Flammen, zu messen, — Methoden, denen vielfache Verwendung 
in der Technik bevorstehen dürfte. So erweist sich also der 
Kirchhoffsche Satz in seinen weiteren Konsequenzen auch für 
die Praxis nutzbringend, was ja von der eigentlichen Spektral- 
analyse heute kaum noch besonders hervorgehoben zu werden 
braucht. Kirchhoff selbst wäre freilich der letzte gewesen, der 
eine Entdeckung nach ihrem praktischen Nutzen bewertet hätte; 
ihm war es nur um die Förderung der reinen Wissenschaft 
zu tun. 

Die nächsten Jahre nach Vollendung der spektralanalytischen 
Arbeiten Kirchhoffs, durch welche sein wissenschaftlicher Ruhm 
fest begründet war, sind wohl die glücklichsten seines Lebens 
gewesen. Seit 1857 mit der Tochter seines Königsberger Lehrers 
Richelot verheiratet, führte er ein sehr glückliches Familienleben; 
zwei Söhne und zwei Töchter wurden ihm geschenkt. Wenngleich 
er im ganzen zurückgezogen lebte, so pflegte er doch anregenden 
geselligen Verkehr mit seinen Freunden, unter denen außer Bun- 
sen besonders Helmholtz, Kopp, Zeller und (seit 1869) 
Koenigsberger zu nennen sind. Im Jahre 1863 konnte Kirch- 
hoff das physikalische Institut in die für die damalige Zeit schönen 
und geräumigen Lokalitäten verlegen, welche in dem neu errich- 
teten Friedrichsbau dafür zur Verfügung gestellt wurden ; zugleich 
bezog er selbst eine Dienstwohnung in diesem Gebäude. Als 
äußere Anerkennung seitens der ganzen Universität wurde ihm 
1865 die Wahl zum Prorektor zuteil. 

Aber schon Ende der sechziger Jahre erlitt Kirchhoffs Lebens- 
glück ernste Trübungen. Ein Fußleiden, welches er sich 1868 
durch einen Fall auf der Treppe zugezogen hatte, fesselte ihn 
lange Zeit an den Rollstuhl und nötigte ihn auch nach eingetrete- 
ner Besserung noch lange zum Gebrauch von Krücken. Im 
Jahre 1869 wurde ihm seine Frau durch den Tod entrissen. Er 
schloß jedoch 3 Jahre später eine zweite, ebenfalls sehr gluckliche. 




17] Gustav Robert Kirchhoff. 259 



aber kinderlose Ehe mit Luise Brömmel, die damals Oberin in 
der Augenklinik war. 

Das Jahr 1870 brachte Kirchhoff neue Ehrungen: zunächst 
die Ernennung zum auswärtigen Mitglied der Berliner Akademie, 
sodann die Berufung auf den durch Magnus* Tod vakant gewor- 
denen Lehrstuhl der Physik an der Universität Berlin, deren phi- 
losophische Fakultät für die Neubesetzung Kirchhoff und Helm- 
holtz in Vorschlag brachte, ersteren aber unter Hinweis auf seine 
Lust und Liebe zum Lehren, sowie auf die mustergültige Klarheit 
und Abrundung seiner Vorträge an erster Stelle nannte. Kirchhoff 
ließ sich aber durch die Bande der Freundschaft und den Zauber 
Alt-Heidelbergs zurückhalten und lehnte den ehrenvollen Ruf ab, 
ebenso später einen solchen an die Sonnenwarte zu Potsdam. 
Erst im Jahre 1875, als sich sein Heidelberger Freundeskreis teils 
durch den Tod, teils durch Fortberufungen gelichtet hatte, ent- 
schloß sich Kirchhoff, einem neuen Rufe nach Berlin, diesmal als 
theoretischer Physiker, zu folgen. 

Wenngleich Kirchhoff seine Lehrtätigkeit trotz des bereits er- 
wähnten Leidens ungeschwächt fortsetzte, so hatte dieses auf 
seine Forschungsarbeit doch insofern Einfluß, als sich dieselbe 
wieder ganz theoretischen Aufgaben, zunächst besonders solchen 
aus der Hydrodynamik, zuwandte. Auch hier sind es prinzipiell 
wichtige Probleme, welche er sich zur Behandlung erwählte; so 
die Bestimmung der Gestalt freier Flüssigkeitsstrahlen und der 
Bewegung starrer Körper in einer inkompressibeln, reibungslosen 
Flüssigkeit. Für den Fall zweier in eine solche Flüssigkeit ein- 
getauchter sehr dünner starrer Ringe fand er das überraschende 
Resultat, daß dieselben infolge der Flüssigkeitsbewegung schein- 
bar, d. h. für einen die letztere nicht wahrnehmenden Be- 
obachter, Kräfte aufeinander ausüben, die denen analog sind, 
mit welchen sie aufeinander wirken würden, wenn elektrische 
Ströme in ihnen flössen. Hierin lag also ein Beispiel vor für die 

17* 



260 Friedrich Pockels [18 



Zurückführung elektrischer Kräfte auf „verborgene" Massenbe- 
wegungen, ein Problem, welches später noch vielfach, besonders 
erfolgreich von Bjerknes bearbeitet worden ist. Kirchhoff selbst 
war allerdings weit davon entfernt, in jenem Resultat mehr zu 
sehen als eine bloße mechanische Analogie zu der genannten 
elektrischen Erscheinung. Allerdings stellt er in der bemerkens- 
werten Festrede, die er am 22. November 1865 als Prorektor 
„über das Ziel der Naturwissenschaften" gehalten hat, die mecha- 
nische Naturerklärung als dieses Ziel hin, indem er sagt: „Hier 
wie dort (d. h. in der organischen wie in der unorganischen Natur) 
ist das wahre Verständnis nicht gewonnen, solange die Zurück- 
führung auf die Mechanik nicht gelungen ist. Vollständig erreicht 
wird dieses Ziel der Naturwissenschaft nie werden, aber schon die 
Tatsache, daß es als solches erkannt ist, bietet eine gewisse Be- 
friedigung, und in der Annäherung an dasselbe liegt der höchste 
Genuß, den die Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur 
zu gewähren vermag." Später jedoch betrachtete Kirchhoff die 
Aufgabe der Physik anscheinend von dem Standpunkte, welchen man 
jetzt als den der Phänomenologie bezeichnet, und nach dem 
nur eine exakte (mathematische) Beschreibung, nicht eine Er- 
klärung der Erscheinungen angestrebt werden kann und soll. 
Wenigstens sagt er dies ausdrücklich in Bezug auf die Bewegungs- 
erscheinungen in der Vorrede zu seinen 1875 herausgegebenen 
„Vorlesungen über Mechanik", wo er die berühmte Definition 
aufstellt: „Die Mechanik ist die Wissenschaft von der Bewegung; 
als ihre Aufgabe bezeichnen wir: die in der Natur vor sich gehen- 
den Bewegungen vollständig und auf die einfachste Weise 
zu beschreiben". In konsequenter Durchführung dieses Pro- 
gramms werden in diesen Vorlesungen Kraft und Masse nicht als 
etwas für sich wirklich Existierendes, sondern nur als zur abge- 
kürzten Ausdrucksweise oder Vereinfachung der mathematischen 
Beschreibung eingeführte Hülfsbegriffe behandelt, eine Auffassung, 




19] Gustav Robert Kirchhoff. 261 



Vi^^ 



die damals vielfach großes Erstaunen hervorrief. Wie berechtigt 
aber dieser Standpunkt war, wird sich vielleicht bald in eklatanter 
Weise zeigen, wenn es, wie gegenwärtig erfolgreich versucht wird, 
gelingt, die Gesetze der Mechanik auf diejenigen der Elektrodyna- 
mik, die mechanische „Masse" auf die Elektrizitätsmenge zurück- 
zuführen. Die vorsichtige Vermeidung aller zum Zwecke einer 
Erklärung der Erscheinungen erdachten Hypothesen zeigt sich 
bei Kirchhoff auch darin, daß er sich niemals mit der kinetischen 
Gastheorie oder anderen Molekulartheorien, welche z. B. für 
Maxwell und Boltzmann so anziehend waren, produktiv beschäf- 
tigt hat. Er behandelte die Materie als das, was sie zu sein 
scheint, — als Kontinuum, ohne daß er darum ihre mole- 
kulare Konstitution als unwahrscheinlich hinstellen wollte; seiner 
exakten Denkweise widerstrebte nur der Mangel an Strenge, der 
allen molekulartheoretischen Betrachtungen naturgemäß anhaftet. 
Nach Kirchhoffs, wie oben schon gesagt, im Jahre 1875 er- 
folgter Übersiedelung nach Berlin trat in seinem Gesundheitszu- 
stande noch einmal eine Besserung ein, so daß er dort noch neun 
Jahre hindurch vor einem großen Schülerkreise eine glänzende 
Lehrtätigkeit auf dem von ihm selbst so erfolgreich bebauten 
Felde der mathematischen Physik ausüben konnte. Von seinen 
Vorlesungen hat er diejenigen über Mechanik, wie bereits erwähnt, 
schon gegen Ende seiner Heidelberger Zeit selbst als Buch ver- 
öffentlicht, und der ungewöhnliche Erfolg, den dieses, die Präzision 
und Klarheit seiner Darstellung der schwierigsten Gegenstände in 
vollendetster Weise zeigende Werk hatte, erhellt deutlich aus der 
Tatsache, daß bereits nach weniger als einem Jahre eine zweite 
Auflage notwendig wurde. Die anderen von Kirchhoff in Berlin 
gehaltenen Vorlesungen wurden erst nach seinem Tode heraus- 
gegeben: die über Optik 1891 von Hensel, jene über Elektrizität 
und Magnetismus sowie über Wärmetheorie 1891 bezw. 1894 
von Planck. 




262 Friedrich Pockels [20 

In Berlin veröffentlichte Kirchhoff noch eine Reihe schöner 
Abhandlungen, von denen, außer der schon früher erwähnten über 
die Theorie des Kondensators (1877), diejenigen über die elektrische 
Strömung in Telegraphen kabeln (1879), über die Reflexion des 
Lichtes an Kristallen (1876), über eine Methode zur Messung der 
elektrischen Leitfähigkeit der Metalle (1880), über die Theorie der 
Lichtstrahlen (1882) und über die Formänderungen im elektrischen 
und magnetischen Felde (1884/85) hervorzuheben sind. Obwohl 
Kirchhoff in Beriin kein eigenes Institut besaß, hat er auch noch 
experimentelle Arbeiten ausgeführt und zwar im Laboratorium 
seines Freundes Q. Hansemann in Gemeinschaft mit diesem. Eine 
von diesen Untersuchungen hat gewisse, unter Wirkung der Schwere 
stattfindende Wellenbewegungen des Wassers zum Gegenstände, 
die andere betrifft die Anwendung einer von Kirchhoff sehr sinn- 
reich erdachten und theoretisch ausgearbeiteten Methode zur Be- 
stimmung der Wärmeleitungsfähigkeiten der Metalle. Es sei noch 
bemerkt, daß Kirchhoffs Abhandtungen aus der Zeit vor 1882 von 
ihm selbst, die späteren von Boltzmann (1891) als Sammelband 
herausgegeben worden sind. 

Seit 1885 mußte Kirchhoff wegen eines zunehmenden schweren 
Leidens seine Lehrtätigkeit aufgeben und wurde bald ganz an das 
Haus und den Rollstuhl gefesselt. Er blieb aber stets gleich heiter 
und freundlich und folgte allen wissenschaftlichen Fragen bis zuletzt 
mit regem Interesse, und es war daher auch für die ihm Näher- 
stehenden unerwartet, als am 17. Oktober 1887 plötzlich während 
des Schlafes sein Tod eintrat. 

Es kann hier nicht der Ort sein, Kirchhoffs Charakter zu 
rühmen. Aber das darf und muß gesagt werden, daß er sein 
Leben' mit einer seltenen Selbstlosigkeit, unter völliger Hintan- 
setzung des Strebens nach äußeren Ehren und Gewinn, der ge- 
wissenhaftesten Erforschung der reinen Wahrheit gewidmet hat; 
mit welchem Erfolge für die physikalische Wissenschaft, sollte die 




21] Gustav Robert Kirchhoff. 263 






vorstehende Skizze zeigen. So konnte Hof mann die herrliche 
Gedächtnisrede, die er am 24. Oktober 1887 in der Deutschen 
Chemischen Gesellschaft dem Dahingegangenen widmete, mit den 
Worten schließen: „Auf meinem langen Lebenspfade bin ich keinem 
begegnet, bei welchem, wie bei Kirchhoff, höchstes Vollbringen 
gesellt gewesen wäre mit fast demutsvoller Bescheidenheit**. 





Wilhelm Hofmeister 



von 



Ernst Pfitzer. 




A. Lebensgang. 

ilhelm Friedrich Benedikt Hofmeister wurde am 

18. Mai 1824 zu Leipzig geboren. Sein Vater, der 

3i angesehene Verlagsbuchhändler Friedrich Hofmeister, 



hatte sich nach dem Tode seiner ersten Frau, die ihm einen ein- 
zigen, 1802 geborenen Sohn hinterließ, 1813 mit Friederike Seiden- 
schnur verheiratet — nach elfjähriger Ehe begrüßte er freudig 
den zweiten Sohn Wilhelm, dem 1826 noch eine Tochter Klemen- 
tine folgte. Während der Erstgeborene in den Jugendjahren den 
beiden jüngeren Geschwistern schon wegen des großen Alters- 
unterschieds etwas ferner stand, waren diese treue Spielgefährten 
und Studiengenossen und bis zu des Bruders frühem Tode durch 
herzlichste Zuneigung verbunden. 

Den ersten Unterricht erhielt Wilhelm Hofmeister in einem 
Privatinstitut zusammen mit nur wenigen Mitschülern und machte 
dadurch um so raschere Fortschritte. Um das Jahr 1834 gründete 
der seinem Vater sehr befreundete bisherige Direktor der städ- 
tischen Bürgerschule, Dr. Karl Vogel, die Leipziger städtische Real- 
schule. Der genannte bedeutende Pädagoge folgte dem vortreff- 
lichen Grundsatz, daß die Schule nicht bloß die Gedanken anderer, 
sondern vor allem das Selbstdenken lehren solle. Bei einem 



268 Ernst Pfitzer [4 

guten Lehrerkollegium und einer mäßigen Schülerzahl konnte so 
der Erfolg nicht fehlen. Als Wilhelm Hofmeister Ostern 1839 
aus dieser Schule ausschied, war der junge Mann auch ohne die 
so vielfach überschätzte „Gymnasialmaturität'' sehr gut für das 
Leben vorgebildet. 

Das Interesse für die Naturwissenschaften hat Wilhelm Hof- 
meister wesentlich von seinem Vater überkommen, Scharfsinn, 
Ausdauer und ideale Weltanschauung auch von seiner Mutter. 
Trotz vieler Berufspflichten hatte Friedrich Hofmeister nicht nur 
ein großes Herbarium gesammelt, sondern auch, nachdem er um 
1840 in dem jetzt mit Leipzig verbundenen Vorort Reudnitz einen 
ausgedehnten Garten mit bescheidener Sommerwohnung erwor- 
ben hatte, den ersteren großenteils als regelrechten botanischen 
Garten angelegt, auf dessen langgestreckten Beeten zahlreiche 
Pflanzen nach dem natürlichen System angeordnet waren. Ver- 
gebens suchten aber der Vater und sein Freund Professor Ludwig 
Reichenbach den Heranwachsenden gerade für die Pflanzenkunde 
zu gewinnen, da dessen Neigungen damals noch viel mehr auf 
das Feld der Entomologie gerichtet waren. Er fing Schmetter- 
linge und Käfer, fütterte Raupen und war von Sammeleifer er- 
füllt. Außerdem trieb er, wie das bei dem hauptsachlich auf 
Musikalien sich erstreckenden Verlage des Vaters und dessen regem 
Musikinteresse natürlich war, auch musikalische Studien — so hat 
er in dieser Leipziger Jugendzeit eine Zeit lang ohne Lehrer 
Violine gespielt. 

Im Sommer 1839 ging Wilhelm Hofmeister nach Hamburg 
und trat als Volontär in die Musikalienhandlung von August Cranz 
ein. Die engen, schmutzigen Straßen und das ganze Hamburger 
Leben gefielen ihm anfangs wenig — aber zahlreiche Ausflüge 
zu Fuß und zu Boot, sowie gute Beziehungen zu den Söhnen 
seines mit dem Vaterhause befreundeten Prinzipals söhnten ihn 
allmählich mit Hamburg aus — nur klagt er in seinen Briefen über 



5] Wilhelm Hofmeister. 269 



die geringe Ausbeute an Schmetterlingen und, was wichtiger ist, 
über seine schon damals hochgradige Kurzsichtigkeit. Da er nach 
dem auf 4 Uhr festgesetzten Mittagessen vöHig frei war, so fand er 
Zeit Violinunterricht zu nehmen, zu musizieren und seinen ento- 
mologischen Liebhabereien nachzugehen. Außerdem las er viel 
— in einem Brief an seine Schwester vom Dezember 1839 schreibt 
er: „Ich studiere jetzt auf Mord, um mir die Grillen zu vertreiben, 
hauptsächlich um früher Gelerntes nicht zu vergessen.. Physik 
und Chemie, Algebra und Trigonometrie, Geographie und Stereo- 
metrie und Gott weiß, was sonst noch, wird vorgenommen und 
repetiert, das amüsiert mich dann recht gut — Lektüre eines 
guten Buchs und Musik bringen bisweilen Abwechslung hinein." 

Ostern 1841 kehrte Wilhelm Hofmeister nach Leipzig zurück 
und übernahm für das väterliche Geschäft die ausländische Korre- 
spondenz, welche ihm reichlich freie Zeit ließ. Erst jetzt begann 
er sich mit Botanik zu beschäftigen — auch seine Freundschaft 
mit dem späteren Orchideenkenner und Hamburger Professor 
Gustav Reichenbach brachte ihn wohl diesen Dingen näher. Vor 
allem haben aber Schleidens 1842 erschienene „Grundzüge der 
wissenschaftlichen Botanik", wie auf so viele andere, so auch auf 
Hofmeister einen gewaltigen Eindruck gemacht und sein Interesse 
für die Entwicklungsgeschichte und damit für die mikroskopische 
Forschung erweckt; die hochgradige Kurzsichtigkeit war hier kein 
so großes Hindernis wie beim Pflanzensammeln, vielmehr beim 
Präparieren fast ein Vorteil. Ferner studierte der junge Kaufmann 
die Arbeiten Hugo von Mohls und es beweist sein scharfes Ur- 
teil, daß er dieselben noch über Schleidens Buch stellte. 

1845 machte er eine größere Reise durch Bayern und Tirol, 
auf welcher er auch viele Pflanzen sammelte und seinem Vater 
über diese Schätze brieflich Bericht erstattete — trotz seiner Kurz- 
sichtigkeit hat er auch Gletscherwanderungen unternommen 
und höchst genußreich gefunden, wie denn überhaupt die Freude 



270 Ernst Pfitzer [6 

an der schönen Natur aus jeder Zeile seiner Briefe hervor- 
leuchtet. 

Im Jahre 1847 verheiratete sich Wilhelm Hofmeister mit Agnes 
Lurgenstein, der liebsten Freundin seiner Schwester, einem an- 
mutigen und liebenswürdigen Mädchen, der Tochter eines ange- 
sehenen Leipziger Fabrikanten, welche ihm eine überaus glückliche 
Häuslichkeit schuf. Friedrich Hofmeister hatte auf dem Reudnitzer 
Grundstück ein festes großes Wohnhaus gebaut, ein „Patriarchen- 
zelt", wie es scherzweise genannt wurde. Hier wohnte außer den 
Eltern seit 1843 der ältere Bruder mit den Seinen und hier, in- 
mitten des väterlichen botanischen Gartens, hat auch Wilhelm 
Hofmeister sechzehn glückliche Jahre verlebt. Nachdem 1849 die 
Schwester sich ebenfalls verheiratet hatte, wohnten vier Familien 
einträchtig und froh unter einem Dach. Ein reger Freundeskreis, 
zu welchem u. a. der Verlagsbuchhändter Salomon Hirzel, Gustav 
Freytag. Heinrich von Treitschke. der damalige Bankdirektor, 
spätere badische Minister Mathy, der Chirurg Benno Schmidt, der 
Physiologe Otto Funke, der Historiker und Dichter Waldemar 
Wenck gehörten, sorgte dafür, daß die vielseitigsten Interessen ge- 
pflegt wurden. Hier sind Wilhelm Hofmeister seine fünf älteren 
Kinder geboren worden, hier traf ihn der erste große Schmerz 
seines Lebens, der Veriust seiner innig verehrten Mutter (1861). 

Wie in einem anderen Abschnitt ausführlicher besprochen 
werden soll, brachte schon das Jahr 1847 die erste wissenschaft- 
liche Veröffentlichung des jungen Buchhändlers, 1848 folgte eine 
zweite und 1849 bereits ein nicht umfangreiches, aber epoche- 
machendes Werk über eine damals brennende Frage, die Embryo- 
logie der El Uten pflanzen. Dasselbe erregte so große Bewunde- 
rung, daß die Universität Rostock am 27. Januar 1851 Wilhelm 
Hofmeister zum Doctor honoris causa ernannte. In seinem An- 
trage an die Fakultät führt Röper aus, daß Hofmeister sich bereits 
nicht „nur eine ehrenvolle, sondern sogar eine bedeutende Stellung 




7] Wilhelm Hofmeister. 271 



"Sm^^ 



in der Wissenschaft errungen habe", sowie daß der erste Pflanzen- 
anatom und Physiologe Deutschlands, Prof. Hugo von Mohl, die 
Leistungen desselben in einer Weise anericannt habe, die Röper 
weiterer Ausführung und Begründung überhebe. Das Diplom 
motiviert die Ernennung mit dem Satze „qui observationibus ac- 
curatissime institutis sagacissime explicatis elegantissime expositis 
physiologiam plantarum praeclare illustravit, auxit, stabilivit". So 
verschwand der Mangel des Universitätsstudiums, welchen die her- 
vorragende Begabung und der unermüdh'che Fleiß des jungen 
Forschers für seine innere Ausbildung längst ersetzt hatten, auch 
nach außen hin. Bald darauf nahm auch die Königlich Sächsische 
Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig Dr. Wilhelm Hofmeister 
unter die Zahl ihrer ordentlichen Mitglieder auf. 

In demselben Jahre 1851 erschienen als ein stattlicher „seinem 
teuren Vater in Liebe und Dankbarkeit" gewidmeter Quartband 
die bahnbrechenden „Vergleichenden Untersuchungen über die Ent- 
wicklung der höheren Kryptogamen und der Coniferen". Bis 
zum Jahr 1863 ließ Hofmeister auf diesem Gebiet zahlreiche Er- 
gänzungen folgen. Im Jahre 1855 veröffentlichte er weitere ent- 
scheidende Studien über die Befruchtung der höheren Blüten- 
pflanzen und trug dadurch wesentlich zur Beseitigung der Schleiden- 
schen Befruchtungstheorie bei, welche ein Jahrzehnt den Fort- 
schritt der Wissenschaft aufgehalten hatte. Auch die umfangreichen 
späteren Untersuchungen über die Embryologie der Siphonogamen, 
die ersten Versuche auf dem Gebiet der Zellenlehre und nament- 
lich die hervorragenden experimentalphysiologischen Untersuchun- 
gen über das Steigen des Blutungssaftes und über die Krümmungen 
saftreicher Pflanzenteile durch Erschütterung fallen noch in diese 
Leipziger Zeit. 

Aber so große Erfolge wollten erarbeitet sein und immer 
noch lasteten auf dem jungen Forscher die Pflichten des väter- 
lichen Geschäftes — seine Freunde fürchteten nicht mit Unrecht. 



272 Ernst Pfitzer [8 



daß er sich mit diesem zwischen Wissenschaft und kaufmännischem 
Beruf geteilten Doppelleben aufreiben würde. 

Ein glückliches Geschick fügte es, daß der alte Freund des 
Hauses Otto Funke im Herbst 1860 als Professor der Physio- 
logie von Leipzig nach Freiburg berufen wurde und Gelegenheit 
fand, die Aufmerksamkeit der badischen Regierung auf Wilhelm 
Hofmeister zu lenken, wodurch dessen Berufung nach Heidelberg 
angebahnt worden ist. 

Ungewöhnlich wie der ganze Lebensgang verlief auch diese 
Berufung vom Komptoirstuhl auf die Lehrkanzel. Im Herbst 1854 
war in Heidelberg der hochverdiente ordentliche Professor der 
Botanik Gottlieb Wilhelm Bischoff gestorben. Die philosophische 
Fakultät hatte Hugo von Mohl als seinen Nachfolger vorgeschlagen, 
aber aus Mangel an Mitteln unterblieb die Berufung; Professur 
und Gartendirektion wurden interimistisch von dem Professor 
extraordinarius, Dr. Johann Anton Schmidt, dem Verfasser der 
„Flora der Capverdischen Inseln", verwaltet. Im Jahre 1861 hatte 
die Fakultät neue Vorschläge gemacht und Anton de Bary und 
Robert Caspary als ihr erwünschte Lehrkräfte für das Ordi- 
nariat genannt, ohne daß es aber zu einer Berufung kam. Am 
15. Mai 1863 richtete dann das Großherzogliche Ministerium an 
die Fakultät die Anfrage, ob dieselbe noch bei ihren Vorschlägen 
von 1861 beharre - gleichzeitig verlangte das Ministerium ein 
Gutachten über den Privatgelehrten Dr. Wilhelm Hofmeister mit 
folgender Motivierung: „Er wird uns als einer der ersten Botaniker 
in Deutschland, als ein Mann von genialer Begabung, größter 
Arbeitskraft und vortrefflicher Darstellungsgabe bezeichnet, der sich 
jetzt erstmals geneigt zeige, eine akademische Lehrstelle anzu- 
nehmen, aber auch bereits eine Berufung nach Hamburg in sicherer 
Aussicht habe". Obwohl die letzteren Worte doch darauf hin- 
wiesen, daß Gefahr im Verzug sei, ließ sich die Fakultät mit der 
Antwort etwas Zeit: so wurde sie am 5. Juni 1863 mit der Nach- 




9] Wilhelm Hofmeister. 273 



rieht von der Ernennung Wilhelm Hofmeisters zum ordentlichen 
Professor der Botanik und Direktor des botanischen Gartens über- 
rascht und konnte nur noch erwidern, daß das Gutachten jetzt 
gegenstandslos sei. Weder die Regierung, noch die Universität 
haben Ursache gehabt diese rasche Berufung zu bereuen. 

im August 1863 siedelte Hofmeister mit seiner Familie nach 
Heidelberg über und bestieg am Beginn des Wintersemesters zum 
erstenmal das Katheder. Wenn ich aus persönlicher Erfahrung 
in wenig späterer Zeit urteilen darf, so war Hofmeister in der 
Vorlesung ein verzüglicher Lehrer für bereits einigermaßen vor- 
gebildete Schüler — für die Anfänger war seine Darstellungsweise 
vielleicht bisweilen etwas zu hoch. Ganz Ausgezeichnetes aber 
leistete er für alle als Leiter der praktischen Arbeiten im Labora- 
torium, als Lehrmeister an seinem Lieblingsinstrument, dem Mikro- 
skop. So konnte es nicht fehlen, daß gerade junge Botaniker von 
Fach sich nach Heidelberg wandten, nicht nur aus Deutschland, 
sondern vielfach auch aus dem Ausland. Von bekannten Namen 
der ersteren Reihe nenne ich Askenasy, Engelmann, J. Knauth, 
N. J. C. Müller, ferner die Russen Rosanoff und Krutitzky, den 
Franzosen Millardet. 

Die Räume, in welchen Wilhelm Hofmeister mit so großem Er- 
folge lehrte, waren mehr als bescheiden. Zwischen der Anlage und 
der Bergheimer Straße einerseits, der Rohrbacher und der Sophien- 
Straße andererseits nahm der botanische Garten die Stelle einer 
ehemaligen Kiesgrube ein, zweimal schräg abfallend. Die ebene 
Fläche nach der Anlage hin enthielt die Pflanzenbeete, an dem 
oberen Abhang lag ein einseitiges, niederes Gewächshaus für 
Warmhauspflanzen und darüber nahe der Bergheimer Straße das 
Hauptgebäude, dessen Mitte und größten Teil ein ziemlich geräu- 
miges Kalthaus bildete. Der westliche Flügel enthielt Bureau und 
Wohnung des Universitätsgärtners, der östliche im Erdgeschoß 
den Hörsaal (das jetzige Herbarzimmer), eine Treppe hoch einen 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 18 



Hfiüfei 



274 Ernst Pfitzer [10 



■^-^v- 



einzigen Raum mit 3 Fenstern nach Osten und je 2 nach Norden 
und Süden: dieser WBr das botanische Institut. Jenseits der An- 
lage im sogenannten landwirtschafth'chen Garten (jetzt Stadtgarten) 
wurde Hofmeister dann später noch ein Häuschen überwiesen, in 
dem er seine experimental physiologischen Untersuchungen machte, 
während das große Institutszimmer wesentlich als Mikroskopler- 
raum und Vorbereitungszimmer für die Vorlesung diente. 

Aber mit welchem Eifer ist in diesem einen Räume nicht nur 
anatomisch, sondern auch experimentalphysiologisch gearbeitet 
worden ! Hofmeister selbst war den ganzen Tag im Laboratorium, 
immer bereit zu helfen, wenn die eigene Kraft des Schülers nicht 
ausreichte. Und wie haben wir ihn alle verehrt, den kleinen be- 
weglichen Mann mit der dunklen Hautfarbe, den lebhaften Augen 
und den schnellen Bewegungen eines Südfranzosen, dem vornehmen 
Charakter, dem liebenswürdigen Humor und der fabelhaften Ge- 
schicklichkeit im Präparieren! Was wir kaum sahen, nahm er 
wie selbstverständlich zwischen Daumen und Zeigefinger der linken 
Hand, machte bei dicht daran gedrücktem Gesicht ein halbes 
Dutzend Schnitte daraus, suchte den besten aus und wußte ihm 
mit der Präpariernadel noch in der mannigfaltigsten Weise nach- 
zuhelfen. Wie oft hat er alte Präparate aufgemacht, an der Grenze 
des Sichtbaren liegende Dinge herausgenommen, sauber abgeputzt 
und ohne Verlust wieder eingeschlossen. Während seine enorme 
Kurzsichtigkeit ihm hier von Nutzen war, erschwerte sie ihm 
außerordentlich die experimentellen Arbeiten und namentlich hier- 
bei kam es dann gelegentlich zu Ausbrüchen elementarer Heftig- 
keit im Kampf mit dem widerspenstigen Objekt. 

Wir älteren Schüler durften Hofmeister auch oft auf seinen 
Spaziergängen in die herrliche Umgebung Heidelbergs breiten 
— er war ein vortrefflicher Kenner der Kryptogamen und außer- 
dem bei solchen Wanderungen besonders anregend. Sein sehr ent- 
wickelter Ortssinn half ihm dabei die Kurzsichtigkeit überwinden; 




11] Wilhelm Hofmeister. 275 



wenn er an der richtigen Stelle war, kniete er plötzlich irgendwo 
nieder und hatte in der Regel dann auch schon das Gesuchte. 
Auch in dem damals beliebten Caf^ Schumacher am Ludwigsplatz, 
wo um diese Stunde viele Professoren verkehrten, haben wir oft 
noch abends nach dem Schluß des Instituts brennende botanische 
Fragen diskutiert. 

Das sonstige Leben Hofmeisters war in den ersten Heidel- 
berger Jahren ein sehr glückliches. Seine vortreffliche Frau machte 
ihm sein Daheim überaus behaglich, die Fachkollegen schätzten 
ihn hoch und eine Reihe naher persönlicher Freunde, namentlich 
H. von Treitschke, welcher inzwischen nach Heidelberg -berufen 
worden war, Knies, Hesse, Stoy, sicherten ihm eine angenehme 
Geselligkeit und geistige Anregung — in fachwissenschaftlicher 
Beziehung fand er letztere auch bei Karl Schimper, welcher in 
dem nahen Schwetzingen lebte und mit welchem er oft zusammen- 
kam. Hofmeister selbst war ein vortrefflicher Gesellschafter — 
sein erstaunliches Gedächtnis hatte neben seinem reichen Wissen 
noch Raum für eine Menge amüsanter Geschichten, für ganze 
lange Dichtungen und mannigfaltige Erinnerungen — auch politische 
Fragen beschäftigten ihn lebhaft. Die Einheit Deutschlands be- 
reitete sich vor und wurde von Hofmeister begeistert herbei- 
gewünscht — er und H. von Treitschke, die beiden Sachsen, 
waren damals preußischer als die nach Heidelberg berufenen 
Preußen. 

Werfen wir noch einen Blick auf die Veröffentlichungen aus 
der Heidelberger Zeit, so sind zu nennen eine Ergänzung seiner 
Arbeiten über die Moose, Studien über Plasmabewegung, Wurzel- 
krümmung und Blattstellung und vor allem seine beiden Haupt- 
bücher, die „Lehre von der Pflanzenzelle" (1866) und die „allge- 
meine Morphologie" (1868). 

Noch in Leipzig war der Plan entstanden, durch das Zu- 
sammenwirken einer Anzahl von hervorragenden Fachgenossen 

18* 




276 Ernst Pfitzer [12 



— ich nenne A. de Bary, Th. Irmisch, J. Sachs — ein Handbuch 
der Botanik für den Gebrauch des Forschers herauszugeben. Hof- 
meister übernahm die Redaktion und die oben genannten Ge- 
biete, De Bary die Anatomie der höheren Pflanzen, sowie die 
Pilze und Flechten, J. Sachs die Experimentalphysiologie und diese 
Bände sind sämtlich erschienen — nicht zur Ausführung kamen 
die Lehre von der Sproßfolge (Th. Irmisch), die Algen (De Bary), 
die höheren Kryptogamen und die Fortpflanzung der Phanero- 
gamen (Hofmeister). Auf den wissenschaftlichen Inhalt der beiden 
von Hofmeister bearbeiteten Bände soll an anderer Stelle näher 
eingegangen werden. Hier nur so viel, daß die Monographie der 
Pflanzenzelle durch Jahrzehnte das Hauptwerk auf diesem Gebiet 
war und noch heute unentbehrlich ist, sowie daß die „allgemeine 
Morphologie" ganz neue Wege einschlug, indem sie an die Stelle 
des Beschreibens der Gestalt die Frage setzte, aus welchen Gründen 
und durch welche Kräfte die Gestalt so und nicht anders ge- 
worden ist. 

War Hofmeisters Leben bis dahin nach allen Richtungen ein 
erfolgreiches und glückliches gewesen, so begannen sich jetzt die 
Wolken zusammenzuballen, welche seinen Lebensabend so sehr 
verdüstern sollten. Hatte er bisher in seinen Untersuchungen in 
der Hauptsache immer das Richtige getroffen und Fehler in Neben- 
dingen meist selbst erkannt und verbessert, so mußte es ihm 1868 
begegnen, daß eine von ihm aufgestellte wissenschaftliche Theo- 
rie, die nicht nur er selbst, sondern auch andere kompetente 
Fachgenossen als überaus scharfsinnig betrachtet hatten, als un- 
richtig erwiesen wurde. Ein Jahr hat Hofmeister noch dafür ge- 
kämpft, dann gab er die Verteidigung auf (vgl. Absch. VI.) — aber 
diese Niederlage hat ihm sehr weh getan. 

Noch viel mehr aber wurde seine Stimmung beeinflußt durch 
Familiensorgen. Seine geliebte Frau, sein jüngstes in Heidelberg 
geborenes Töchterchen begannen zu kränkeln und bald zeigte sich. 



13] Wilhelm Hofmeister. 277 



"N-/*'* 



daß die Tuberkulose ihren Einzug in sein Haus gehalten hatte. 
Am 28. März 1870 starb seine Frau, am 18. Mai 1871, an seinem 
Geburtstag, sein jüngstes Kind, und schon waren Anzeichen vor- 
handen, daß auch die älteren Kinder nicht alle gesund seien. 

Zu alledem kam noch anderes Ungemach. Im Jahre 1871 be- 
gann der Heidelberger Universitätsstreit, von kleinen Anfängen aus- 
gehend, allmählich immer mehr anwachsend und schließlich die 
Universität in zwei Lager spaltend, die selbst den geselligen Ver- 
kehr miteinander abbrachen. Das Unglück wollte, daß Hofmeisters 
nächste persönliche Freunde, namentlich Knies und Treitschke, 
der „Minorität" angehörten, während die Vertreter der Natur- 
wissenschaften, vor allen Bunsen und Kirchhoff, in der „Majorität" 
waren. Das gab für Hofmeister sehr unerquickliche Verhältnisse 
und entfremdete ihn seinen nächsten Fachgenossen, um so mehr 
als er bei seinem leidenschaftlichen Temperament zu wenig Diplo- 
mat war, um Zusammenstöße zu vermeiden. 

Durch alles dieses war ihm Heidelberg verleidet, auch die 
alten freundschaftlichen Beziehungen konnten ihn nicht halten. 
Nachdem am 1. April 1872 Hugo von Mohl gestorben war, nahm 
Hofmeister einen Ruf nach Tübingen an, wohl auch beeinflußt 
durch den Gedanken, der Nachfolger des Mannes zu werden, den 
er unter allen Botanikern immer am höchsten geschätzt hatte. 

Im Herbst 1872 war Hofmeister nach Tübingen übergesiedelt, 
wo er wieder zahlreiche Schüler um sich sammelte. Von bekann- 
ten Botanikern haben Göbel und Zacharias hier unter seiner Lei- 
tung gearbeitet. Im Mai 1874 habe ich ihn auf dem botanischen 
Kongreß zu Florenz zum letztenmal gesehen, anregend wie immer, 
aber nicht mehr der alte. Seine beiden Söhne, sein Stolz und 
seine Freude, litten an derselben tückischen Krankheit, die ihm 
schon Frau und Tochter entrissen hatte: am 6. November und 
7. Dezember 1875 starben beide in Cannes, im Alter von 25 und 
23 Jahren. Das war mehr, als er tragen konnte. 




278 Ernst Pfitzer [14 






Noch stieg die Hoffnung in ihm auf, daß er vielleicht an der 
Seite einer zweiten Frau das Glück wieder finden würde, das 
früher sein Haus verklärt hatte. Im Februar 1876 verheiratete er 
sich mit Johanna Schmidt, der liebenswürdigen, geistig regen 
Tochter eines Arztes in Lindenau bei Leipzig, die ihm freudig 
nach Tübingen folgte. Auch die Verheiratung seiner ältesten, ihm 
besonders nahestehenden und auch äußerlich am meisten ähnlichen 
Tochter Elisabeth mit dem Verlagsbuchhändler Günther im April 
desselben Jahres warf noch einen Freudenschimmer In Hofmeisters 
Leben und ebenso die Ehre, welche ihm die holländische Gesell- 
schaft der Wissenschaften durch die Verleihung der großen gol- 
denen Boerhave-Medaille erwies. 

Im Mai 1876 traf ihn ein Schlaganfall, der ihn der Sprache 
fast beraubte und dem so lebhaften Mann jede Bewegung sehr 
erschwerte. Im Spätsommer desselben Jahres kehrte er nach Nie- 
derlegung seiner Professur mit seiner Frau und den noch übrigen 
beiden Töchtern erster Ehe nach der alten Heimat zurück, ein ge- 
brochener Mann. In Lindenau, der Heimat seiner Gattin, lebte er, 
behütet und 'auf das liebevollste gepflegt, bis zum 12. Januar 1877, 
kaum 53 Lebensjahre erreichend, auch von der dritten Tochter 
nur vier Jahre überlebt. 

So sonnig der Anfang dieses reichen Lebens war, so düster 
ist sein Schluß; aber jeder, dem es vergönnt war Wilhelm Hof- 
meister näher zu treten, wird des Menschen und des Forschers in 
Dankbarkeit und Verehrung gedenken. 

Ich habe noch die angenehme Pflicht, an dieser Stelle Frau 
Klementine Abel, der Schwester, und Frau Elisabeth Günther, der 
ältesten Tochter des Dahingeschiedenen, innigen Dank zu sagen 
für die Freundlichkeit, mit welcher sie mir bei der Abfassung dieser 
Biographie zu helfen die Güte hatten, und ebenso Herrn Professor 
Falkenberg und der philosophischen Fakultät der Universität Rostock 
für gütige Mitteilungen über Hofmeisters Promotion zu danken. 




15] Wilhelm Hofmeister. 279 



B. Forschungen. 



I. Befruchtung und Embryologie der Angiospermen. 

Die Frage, welche in den vierziger Jahren des neunzehnten 
Jahrhunderts die botanische Welt am meisten bewegte, war der 
Befruchtungsvorgang der höheren Blütenpflanzen, der Angiosper- 
men. Nachdem Amici^ 1823 entdeckt hatte, daß aus den in den 
Staubbeuteln entstandenen und auf die Narbe des Fruchtknotens 
der Blüten gefallenen Körnern des Blütenstaubs (Pollen) ein dünner 
Schlauch hervortritt, den Amici, Brongniart und R. Brown in 
den Jahren 1830 — 1833 bis zu seinem Eintritt in die enge Öffnung 
(Mikropyle) der vom Fruchtknoten umschlossenen Samenknospe 
verfolgen konnten, war weiter zu entscheiden, woraus denn nun 
die später im Samen enthaltene Anlage einer neuen Pflanze, der 
Keimling oder Embryo, hervorgehe. Horkel, Schieiden, Schacht 
u. a. vertraten die Ansicht, daß der Pollenschlauch in die auf- 
fallend große zentrale Zelle der Samenanlage, in den Embryosack 
eindringe und hier aus seinem Ende die neue Pflanze bilde. Die 
Samenknospe spielt nach dieser Auffassung nur die Rolle eines 
Brutorgans, in welches der Uranfang des Embryos eintritt, um in 
ihm seine weitere Ausbildung zu erhalten — es war dann zwar, 
wie die Versuche gelehrt hatten, die Bestäubung der Narbe mit 
dem Pollen zur Entstehung eines Embryos unbedingt nötig, es 
fand aber eine eigentliche Befruchtung nicht statt, sondern vielmehr 
nur ein Transport der Embryoanlage an den zu ihrer Entwicklung 
geeigneten Ort. Dem gegenüber vertrat Amici schon 1842 die 
Ansicht, daß die erste Anlage des Keimlings in dem Embryosack 
der Samenknospe entstehe und durch den hinzutretenden Pollen- 



2Wi Ernst Pfilzer [16 



■^^r 



schlauch zur weiteren Entwicklung befähigt, also im strengen Sinne 
des Wones befruchtet werde; auch gelang es demselben Forscher- 
1S46 diese erste Anlage, das « Keimbläschen *" — oder wie wir heute 
sagen, das Ei — im Embr\osack der Orchideen schon vor dem Ein- 
treffen des Pollenschlauchs nachzuweisen und die Umwandlung die- 
ses Keimbläschens zum Embryo zu beobachten; Amici stellte auf 
das bestimmteste in Abrede, daß der Embrj'O aus dem Ende des 
Pollenschlauchs henorgehe. 1847 übersetzte H. von Mohl Amicis 
Aufsatz in der botanischen Zeitung; er bestätigte und erweiterte 
durch eigene vortreffliche Untersuchungen' Amicis Ergebnisse — 
namentlich hat Mohl schon damals vor dem Eintreffen des Pollen- 
schlauchs am Mikropyleende des Embrj'osacks die Entstehung 
von drei plasmatischen Zellen beobachtet, deren eine zum Em- 
br>o wird. Auch Karl Müller* widersprach Schleidens An- 
nahmen, nachdem er Ordus, Stofiotnfa, Begonia, Batine untersucht 
hatte. 

Hier setzt 1847 Hofmeisters erste Abhandlung* ein. Die- 
selbe beschreibt die Entwicklung des Embryosacks und die Be- 
fruchtung bei den Gattungen Godctia, BoisJuvalia und Oetwtbcra. Er 
sah, daß der Zellbildung im Mikropyleende des Embryosacks 
das Auftreten freier Zellkerne vorhergehe; er läßt aber das »Ey* 
vor der ihm benachbarten Zelle (Synergide) entstehen und letztere 
bisweilen sich in zwei Tochterzellen teilen. Obwohl Hofmeister 
die zwei oder drei Keimbläschen für wahrscheinlich gleichwertig 
erklärt, spricht er doch aus, daß er niemals mehr als einen Em- 
bryo bei den Oenothereen gefunden habe, und daß die «nicht be- 
fruchteten Keimbläschen" absterben. Auch den zentralen« heute 
als sekundär bezeichneten Kern des Embryosacks hat Hofmeister 
schon 1847 gesehen. Er betont weiter, daß die Membran des 
letzteren zwischen l^ollenschlauch und Keimbläschen unverletzt 

• L'ntersuchunjjcn des Vorjjangs bei der Befruchtung der Oenothereen. 
Bolaii Zeit. 1M7, S. 785 mit Taf. VIII. 



17] Wilhelm Hofmeister. 281 



9 



bleibe und daß beide bisweilen verschiedenen Stellen der Embryo- 
sackmembran anliegen: „Nur durch zweifache Endosmose kann 
die Flüssigkeit im Keimbläschen mit der im Pollenschlauch in 
Verbindung treten**. Da der Inhalt des letzteren konzentrierter sei 
als derjenige des Embryosacks und Keimbläschens, so nimmt Hof- 
meister an, daß die stärkere endosmotische Strömung aus dem 
KeimT)läschen durch den Embryosack zum Pollenschlauch gehen 
müsse: die Befruchtung dagegen erfolge durch eine sehr geringe 
Quantität exosmotisch in umgekehrter Richtung sich bewegender 
Flüssigkeit. Schieid ens Auffassung widerspricht der junge Forscher 
in sehr bestimmter Weise. Am Embryo beschreibt Hofmeister 
klar die Sonderung von Embryoträger und Embryokugel sowie 
die Oktantenteilung der letzteren. 

Gleich der ersten Mitteilung Hofmeisters wurde die Ehre 
zuteil, daß sie in den Annales des sciences naturelles in franzö- 
sischer Sprache wiedergegeben wurde.* 

Nachdem dann Knorz •'^ 1848 die Theorie Seh leid ens auf 
Grund seiner Beobachtungen an Euphorbia und Orchis verteidigt hatte, 
erschien im Beginn des Jahres 1849 die bahnbrechende größere 
Abhandlung Hofmeisters** auf dem Gebiet der Embryologie mit 
einer Widmung an H. von Mohl. An etwa 40, zu 19 Pflanzen- 
familien gehörenden Arten wurde die Entwicklung der Samen- 
knospe und des Embryosacks, die Befruchtung und Ausbildung 
des Embryos verfolgt. Die erstere Frage wurde namentlich an 
den Orchideen studiert und in ihren Hauptzügen richtig gelöst — 
nur ließ Hofmeister irrtümlich die Samenknospe aus einer ein- 
zigen Zelle der Placenta hervorgehen. Ferner nimmt er überall 
im Knospenkern eine zentrale Zellreihe an, in welcher eine Zelle 



*» 



* Annal. d. scienc. natur. Bot. 3. Ser. IX. 1848, S. 65—72. 
Die Entstehung des Embryos der Phanerogamen. Eine Reihe mi- 
kroskopischer Untersuchungen. Mit 14 Kupfertafeln. Leipzig 1849. F.Hof- 
meister. 




282 Ernst Pfrtzer [|8 

unmittelbar zum Embryosack wird. Hofmeister sah schon damals 
das Auftreten freier Kerne an den beiden Enden des Embryosacks 
— nur läßt er dieselben bald vor, bald während, bald nach der Auf- 
lösung des primären Kerns sich bilden. „Um die den beiden Enden 
des Embryosacks allernächst liegenden Zellenkeme bilden sich freie 
sphärische Zellen", namentlich am Mikropyleende vorwiegend in 
der Dreizahl, was Hofmeister auf die räumlichen Verhältnisse 
zurückführen möchte. Den Antipoden teilt er die Angabe der 
Verarbeitung des Nahrungsstoffes für den werdenden Embryo zu, 
wie dies Westermaier* neuerdings nachzuweisen versucht hat — 
auch das später mehrfach' beschriebene Vorkommen einer größe- 
ren Zahl von Antipoden hat Hofmeister schon 1849 bei Secale 
und Sicyos beobachtet. 

Weiter wird die Zeit bestimmt, welche der Pollenschlauch 
braucht, um von der Narbe bis zur IHikropyle zu gelangen. Je 
nachdem die Membran des Embryosacks mehr oder weniger derb 
ist, legt sich der Pollenschlauch nur derselben an oder stülpt sie 
ein, nur selten {Canna, vielleicht Erodium und Suther Jandia, z. T. 
Barionia) nimmt Hofmeister eine Durchbrechung derselben an. 
Stets aber „bleibt das zu befruchtende Keimbläschen eine völlig 
geschlossene Zelle; ein direkter Übertritt eines Teiles des Inhalts 
des Pollenschlauchs in das Innere des Keimbläschens ist schlech- 
terdings unmöglich". Das letztere, nicht aber der Pollenschlauch 
ist die Grundlage der neuen Pflanze. Das befruchtete KeimblSschM 
teilt sich ausnahmslos durch eine Querwand: niemals soll es un- 
mittelbar zum Embryo werden, welcher nur selten ohne wertere vor- 
bereitende Querteilungen aus der freien Zelle des „Vorkeims" ent- 
steht und in seinem jüngeren Stadium bald eine Zellreihe, bald 
einen Zellkörper darstellt. Mehrfach wird wieder die Oktantenteilung 
beschrieben — oft neigt der Verfasser auch zur Annahme einer 
durch wechselnd rechts und links einfallende Wände sich teilenden 
Scheitelzelle. Für die Entstehung des Endosperms werden zwei 




19] Wilhelm Hofmeister. 283 



Haupttypen aufgestellt: entweder füllt die Mutterzelle desselben den 
Embryosack aus und vermehrt sich durch Zweiteilung (Motiotropa, 
Bartonia, Scrophulariaceae) oder aber die jungen Endospermzellen 
entstehen frei um viele in der Inhaltsflüssigkeit des Embryosacks 
sich bildende Kerne und lagern sich später schichtenweise der 
Wandung desselben an. 

Im Einzelnen wäre noch hervorzuheben die Darstellung der 
Polyembryonie bei Fuuhia^, welche Hofmeister auf Befruchtung 
mehrerer Keimbläschen zurückführt, die Beschreibung des wenig- 
zelligen Embryos von Monotropa, die Auffindung der merkwür- 
digen Aussackungen (Haustorien) am Embryosack von Lhmm^ 
und Bartonia^^, des papillösen Vorkeims von Sutherlandia, 

Gleich nach der Veröffentlichung von Hofmeisters Unter- 
suchungen machte Schacht^^ die Botaniker auf die bald bevor- 
stehende Blütezeit der Lathraea Squamaria aufmerksam, an 
welcher Pflanze sie sich im Gegensatz zu Hofmeisters Behaup- 
tungen von der Richtigkeit der Seh leiden sehen Auffassung über- 
zeugen könnten. Dagegen sprach sich Unger^* bei Hippuris für 
die Unabhängigkeit des Keimbläschens vom Pollenschlauch aus 
und namentlich unterstützten die schönen Untersuchungen von 
Tulasne^* schon 1849 die Ergebnisse Hofmeisters wesentlich. 
Zwar konnte Tu las ne sich noch nicht davon überzeugen, daß die 
Keimanlage im Embryosack schon vor der Ankunft des Pollen- 
schlauchs vorhanden ist; im übrigen erklärt er aber sich dahin, daß der 
Irrtum der „Pollinisten", wie man die Anhänger Schleidens nannte, 
nicht mehr zweifelhaft sei (S. 116). Besonders wiesTuIasne bei 
den von Schacht so sehr empfohlenen Scrophulariaceen darauf hin, 
wie leicht man hier den dünnen fadenförmigen Embryoträger für 
den Pollenschlauch halten könne (S. 32). 

Im Beginn des Jahres 1851 erschien dann Schachts ^^ von 
dem Königlich Niederländischen Institut der Wissenschaften ge- 
krönte Preisschrift, welche wieder ganz auf Schleidens Ansichten 




284 Ernst Pfitzer [20 



"S-i/»^ 



bestand und deren Richtigkeit durch eine große Anzahl schöner 
Abbildungen zu erweisen suchte, welchen nach Mo hP^ „nichts als 
die Wahrheit fehlte". Auch in seinem Buch über das Mikroskop ver- 
trat Schacht^^ denselben Standpunkt und ebenso hielt Schieiden '^ 
selbst seine Theorie in der dritten Auflage seines Lehrbuches mit 
Entschiedenheit aufrecht. Für besonders beweisend erachteten 
die Parteigänger Schleidens die Familie der Scrophulariaceen, bei 
welchen sie immer noch den langen fadenförmigen Embryoträger 
als die unmittelbare Fortsetzung des Pollenschlauchs betrachteten. 

Hofmeister gab im Juni 1851 ein interessantes Referat* über 
Schachts Preisschrift und veröffentlichte dann im August neue 
Untersuchungen** über Lathraea Squamaria und Pedicnlaris sylva- 
ticiu um nachzuweisen, daß die Keimbläschen schon geraume 
Zeit vor dem Verstäuben des Pollens vorhanden seien und daß 
aus einem von ihnen, nicht aber aus dem Pollenschlauchende, 
der Embryo hervorgehe. Beiläufig werden noch etwa 30 Pflanzen 
verschiedener Familien genannt, bei denen ersteres ebenfalls der 
Fall und die Dreizahl der Keimbläschen die Regel sei. 

In seiner Pflanzenzelle (1852) bestritt Schacht*® von neuem die 
Beweiskraft der Ausführungen seiner Gegner und behauptete „ent- 
schiedener als jemals die Richtigkeit der Schieidenschen Lehre**. 
Hofmeister bekämpfte diese letztere abermals in seinen entwick- 
lungsgeschichtlichen Studien*** über Zostera marina, wo er auch 
den mittleren Kern des Embryosacks neben den je drei dessen 
Enden ausfüllenden Zellen sah und abbildete und die Embryo- 
entwicklung genau beschrieb. 

Eine neue Stütze schien dann Schachts Ansicht durch dne 
Arbeit von Deecke*'' 1857 zu erhalten, welcher von Pediadaris ein 

• Flora 1851. S. 378-384. 

"** Zur Entwicklungsgeschichte des Embryos der Personaten. Ebenda 
S. 449 457. 

*•• Zur Entwicklungsgeschichte der Zostera. Mit Tafel Ifl. Botan. 
Zeitung 1851, S. 121-131, 137-139. 



21] Wilhelm Hofmeister. 285 

Präparat enthielt, an welchem die Kontinuität von Pollenschlauch 
und Embryo ihm unzweifelhaft erschien. „Dieses Präparat würde 
allein genügen, um die Schleiden-Schachtsche Befruchtungslehre 
als unumstößliche Tatsache festzustellen", schreibt Deecke, und 
Schacht*® triumphiert 1855, daß dasselbe „die Gegner dieser An- 
sicht für immer zum Schweigen verurteilt" „daß ein Ent- 
stehen der Keimanlage im Innern des Pollenschlauchs als aus- 
gemachte Wahrheit nicht mehr bezweifelt werden darf". Die 
Angriffe Schachts richteten sich dabei in erster Linie gegen Hof- 
meister, der sich „sehr stark getäuscht" habe. 

Hofmeisters Antwort* zeichnete sich durch Ruhe und Sach- 
lichkeit aus. Er erläutert die wahre Beschaffenheit und die richtige 
Deutung des D e e c k e sehen Präparats, berichtigt eigene, von Schacht 
angenommene Irrtümer über die Entstehung des Endosperms bei 
Pedicularis, erörtert Schachts Mitteilungen über die Embryo- 
bildung von Citrus, und schließt: „Nichts liegt mir ferner als die 
Überhebung, die Befruchtungsfrage durch meine Untersuchungen 
für abgemacht zu halten. Im Gegenteil glaube ich, daß noch manche 
sinnlich wahrnehmbare Erscheinungen der Einwirkung des Pollen- 
schlauchs auf den Inhalt sei es der Keimbläschen, sei es des Em- 
bryosacks sich werden erforschen lassen. Aber über die relative 
Wertlosigkeit der für die Theorie der PoIIinisten beigebrachten 
Beobachtungen bin ich außer allem Zweifel." 

Erst jetzt nahte der Streit seinem Ende. Hugo v. MohP* und 
in der Hauptsache auch Tu las ne 2* stellten sich von neuem auf Hof- 
meisters Seite, ebenso trat Unger^^ für ihn ein, und die genauen 
Untersuchungen Radlkofers^*, der fast allein von den Botanikern 
jener großen Zeit uns noch heute erhalten ist, erwiesen 1856 die 
Richtigkeit des von Hofmeister vertretenen Standpunktes mit der 
einen Abänderung, daß Radlkofer richtiger nicht eine osmotische 



Embryologisches. Flora 1855. S. 257—266. 



L.. 



[22 

Einwirkung des Pollenschlauchs, sondern den Übertritt von dessen 
Inhalt durch nicht sichtbare Öffnungen annahm, welchen Inhalt 
er als das Analogon der Spermatozoldien der Kryptogamen be- 
zeichnete. Radlkofer, ein Schüler Schleidens, konnte am Schluß 
seiner Abhandlung mitteilen, daß dieser letztere sich nun von der 
Anwesenheit zweier Zellen in der Spitze des unbefruchteten Em- 
btyosackes überzeugt habe, sowie davon, daß der Embryoträger 
mit der Ansatzstelle eines der letzteren in unmittelbarem Zusam- 
menhange stehe. Wenn dieser Widerruf auch etwas eingeschränkt 
war, so nahm Schacht'^ im gleichen Jahre um so offener alles 
zurück, was er früher gegen Hofmeisters Untersuchungen an- 
geführt hatte. 

Als einen wesentlichen Teil des Befruchtungsapparates hatte 
Schacht jetzt ein Fadensystem bezeichnet, welches die Spitzen 
seiner „Keimkörperchen" bedecken und mit ihnen aus dem Em- 
bryosack hervorragen sollte — er bestritt außerdem, daß die 
ersteren Kerne besäßen und Zellen seien. Hofmeister* wideriegte 
leicht diese neuen Irrtümer und zeigte, daß das Faden^rstem der 
Außenwand des Embryosacks angehöre und eine' nur wenigen 
Iridaceen zukommende unwesentliche Struktur sei. 

In dasselbe Jahr 1856 falten dann vorläufige Mitteilungen** 
über ausgedehnte weitere embryologische Untersuchungen, welche 
Hofmeister inzwischen ausgeführt hatte. Diese VeröffentiJchung 
war gewissermaßen die Inhaltsübersieht einer zweiten, auf das 
fünffache vermehrten Bearbeitung seiner Schrift über die Ent- 
stehung des Embryos der Phanerogamen , welche neue Auflage 
von Hofmeister 1855 für das nächste Jahr in Aussicht gestellt 

' Eine neue Theorie der Zeugung bei den Phanerogamen. Bon|dandia 
IV. 1856. S. 286 288. 

■■ Übersicht neuerer Beobachtungen der Befruchtung der EmbTyobil- 
dung der Phanerogamen. Ber. üb. d. Verhandl. d. Kgl. Sichs. Oeselbch. 
d. Wissenschaiien zu Leipzig. Math.-physik. Klasse VIII. 1856. S. 77—102. 




23] Wilhelm Hofmeister. 287 



wurde, aber niemals erschienen ist: die neuen Beobachtungen sind 
nur als Ergänzungen der früheren veröffentlicht worden. Die vor- 
läufigen Mitteilungen von 1856 skizzieren eine vollständige Em- 
bryologie der Siphonogamen. Die Entstehung und der Bau der 
Samenknospen, die Bildung des Embryosacks, der Keimbläschen 
und der Gegenfüßlerzellen , deren Verhalten vor und nach der 
Ankunft des Pollenschlauchs, die Entwicklung des Embryos und 
des Endosperms werden in der Weise besprochen, daß überall 
die Pflanzenfamilien oder Gattungen genannt sind, welche überein- 
stimmendes oder abweichendes Verhalten zeigen. Es steckt eine 
ungeheure Arbeit in dieser kurzen Mitteilung, auf deren Einzeln- 
heiten wir bei den späteren ausführlichen Veröffentlichungen zurück- 
kommen werden. Am Schluß sind noch die bestehen geblie- 
benen Differenzen mit den Anschauungen Tulasnes und Schachts 
erörtert. 

1857 gab Hofmeister* eine kurze geschichtliche Darstellung 
der Entwicklung der Fortpflanzungslehre; er wendet sich dabei 
gegen die von Pringsheim^^ 1856 geäußerte Vermutung, daß auch 
im Pollenschlauch „Samenkörper" vorhanden seien, und betont 
namentlich, daß dieselben dann vielfach durch das obere die 
Scheitelregion des Embryosacks erfüllende, steril bleibende Keim- 
bläschen hindurch ihren Weg nehmen müßten, um das untere zu 
befruchten: es sei nur osmotischer Übertritt von Flüssigkeit möglich. 

Im folgenden Jahre begann dann der unermüdliche Forscher 
die ausführliche, nach Familien geordnete Veröffentlichung** seiner 
embryologischen Untersuchungen, überreich an wichtigen Einzeln- 
heiten, etwa 180 Gattungen umfassend. Im allgemeinen ist zu 



* Zur Übersicht der Geschichte von der Lehre der Pfianzenbefruch- 
tung. Bullet, d. Königl. bayr. Akad. d. Wissensch. 1856. 8; Flora 1857, 
S. 119—128. 

** Neuere Beobachtungen über Embryobildung der Phanerogamen. 
MitTaf.VII— X. Pringsheims Jahrb. f. wissensch. Botanik 1. 1858. S. 82- 188. 




288 Ernst Pfitzer [24 



"V^V" 



betonen die wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse vom Bau 
der unbefruchteten Samenknospe, die Angabe, daß die Zweizahl 
der Keimbläschen häufiger sei als die Dreizahl, sowie daß die- 
selben vor der Befruchtung bald feste Membran besitzen, bald nicht. 
Die Anwesenheit eines Kernes im Embryosack neben den Keim- 
bläschen- und Antipodenkernen wird als allgemein erwiesen aner- 
kannt. Am Pollenschlauchende wurden dünne Wandstellen (Tüpfel) 
beschrieben — vielleicht hat Hof meister auch die generativen Kerne 
schon gesehen, denn er erwähnt (S. 179) in dem ersteren spindel- 
förmige, bewegungslose, mit Jod sich bräunende Körper, denen 
er aber freilich keinen spezifischen Einfluß auf die Befruchtung 
zuschreibt. Wichtig ist die Erkenntnis, daß die Ankunft des Pol- 
lenschlauchs an der Außenfläche des Embryosacks zur Befruchtung 
genügt, eine Berührung der Keimbläschen also nicht nötig ist, 
sowie daß stets das der Mikropyle fernste Keimbläschen sich zum 
Embryo entwickelt. Vielfach wird ausgeführt, wie die Endosperm- 
entwicklung der Teilung des ersteren vorauseilt; bei der Bildung 
des Endosperms durch freie ZeRbildung (vergi. S. 283) nimmt 
Hofmeister jetzt außer der Entstehung von Zellen in der inhalts- 
flüssigkeit auch deren Auftreten um vorgebildete Kerne in der 
wandständigen Plasmaauskleidung des Embryosacks an. Er betont 
ferner, daß die Membran des letzteren, „wenige vereinzelte Fälle 
ausgenommen**, unverletzt bleibe; die scheinbare Durchbohrung 
sei wahrscheinlich nur eine tiefe Einstülpung. Eine Fülle von 
Einzelnheiten ist über Entwicklung und Bau des Embryotragers, 
sowie über die verschiedenartigen Aussackungen des Embryosacks 
gegeben {Calcmiula, Sciophitlariaceae u. s. w.). Die Anwesenheit 
von vier gleichen Zellen am Scheitel des jungen Embryos hat 
Hofmeister oft bemerkt — er neigt aber noch immer dazu eine 
davon als spätere Scheitelzelle aufzufassen. Besonders hingewiesen 
sei noch auf die 1859 ausführlicher mitgeteilten Untersuchungen 
über die abweichenden Gruppen der Cytineen/iBalanophoreen, 



25] Wilhelm Hofmeister. 289 



"V^*^ 



Santalaceen und Loranthaceen, sowie auf die Auffindung mehrerer 
Embryosäcke in der Samenknospe von Rosa. 

In einer Schlußbetrachtung wird dann versucht, die gefundenen 
Unterschiede Im Bau der Samenknospe, des Embryoträgers und 
der Endospermbildung systematisch zu verwerten. 

Mit einer Übersicht des letzteren Merkmals in seiner Bezie- 
hung zur Systematik leitet Hofmeister im April 1859 auch seine 
letzte mit zahlreichen Abbildungen versehene große Abhandlung^ 
auf embryologischem Gebiete ein. Die Anordnung folgt jetzt nicht 
mehr dem System DeCandoIIes, sondern der Inder Einleitung 
gegebenen, auf der Endospermentwicklung beruhenden Einteilung, 
und die „Beiträge" beziehen sich ausschließlich auf die Pflanzen 
mit einem durch wiederholte Zweiteilung gebildeten Endosperm: 
Loranthaceae, Santalaceae, Aristolochiaceae, Balanophoraceae, Raßesia- 
ceae § Cytineae, die meisten Familien der Labiatifiorae, die Hydro- 
phyllaceae, Pyrolaceae, Vacciniaceae, DroseraceaCy Campanulaceae und 
Loasaceae. Sehr ausfuhrlich sind behandelt Loranthus europaeus, 
wo Hofmeister die am Grunde des Fruchtknotens sich bildende 
Erhebung für eine nackte Samenknospe erklärt, aber deren später 
von Treub*' nach den günstigeren tropischen Loranthaceen als 
richtig erwiesene Deutung als Placentarhöcker bereits in Er- 
wägung zieht (S. 563), und Viscim album, auf welches wir später 
zurückkommen, kurz Lepidoceras, Aristolochia , Asarum, Cytinus. 
Hofmeisters Darstellung der merkwürdigen Verhältnisse von The- 
sium ist von Guignard^® nur in wenigen Punkten verbessert, die- 
jenige über die Balanophoraceen von Treub*^ und Lotsy'® aber 
wesentlich umgestaltet worden. Die Gattungen Lathraea und Pe- 
dicularis, welche in dem Befruchtungsstreit eine so große Rolle 



* Neue Beiträge zur Kenntniß der Embryobildung der Phanerogamen. 
I. Dikotylen mit ursprünglich einzelligem, nur durch Zeilentheilung wachsen- 
dem Endosperm. Mit 27 Tafeln. Abhandl. d. Königl. Sachs. Gesellsch. d. 
Wissensch. VI. 1859. S. 533-672. 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 19 




290 Ernst Pfitzer [26 



spielten, sind ausführlich besprochen, ferner Ma:^us, Alectorolophus, 
Melawpynnn und Venmica, von anderen Labiatifloren Acanthus, 

Phfjtago, Lamiutn, Proslanthera, Ajtiga, Hebenstreitia, Globularia und 
Catalpa: Ncmophila stimmt nach Hofmeister im wesentlichen mit 
dieser Gruppe überein. Es folgen Pyrola, die sich wie Monotropa 
verhält, Vaccinium, Drosera, einige Campanulaceen, Loasa tricolor 
und Bartonia aurea, hinsichtlich deren Strasburger*^ später einzel- 
nes berichtigte. 

Leider ist der zweite, auf die Pflanzen mit einem durch freie 
Zellteilung entstehenden Endosperm bezügliche Teil der embryo- 
logischen Beiträge niemals erschienen, so daß wir für diese Formen 
auf die kurzen Mitteilungen aus dem Jahre 1858 angewiesen bleiben. 

Die Darstellung, welche Hofmeister in den „Beiträgen** über 
die Blüten- und Embryoentwicklung vom Viscum album gegeben 
hatte, wurde von Treviranus*^ 1859 scharf angegriffen, was eine 
Erwiderung* des ersteren hervorrief. Da Treviranus wesentlich 
nur auf ganz veralteten Vorstellungen beruhende Einwände er- 
hoben hatte, so war es nicht schwer, dieselben zu widerlegen — 
immerhin merkt man hier den Ingrimm des jungen aufstrebenden 
Forschers gegen die alte auf Mirbel u. s. w. sich berufende kon- 
servative Richtung in der Botanik — ; er vergleicht die Versuche, 
den Wert der Entwicklungsgeschichte als wissenschaftliche Methode 
herabzusetzen, mit der Feindseligkeit der Rheinschiffer gegen die 
Dampfboote. Was die Sache betrifft, so hat Hofmeister die in- 
teressante durch das Unterbleiben der Samenknospenbildung und 
die Entstehung der Embryosäcke in der Blütenaxe sehr abwei- 
chende Entwicklung der weiblichen Blüte vom Viscum album in 
allen Hauptzügen richtig gegeben. Er zuerst erkannte das Zu- 
standekommen des zentralen Körpers durch Verwachsung zweier 



* lieber den Bau der weiblichen Biüthe von Viscum album. Zur Ver- 
thcidigung. Botan. Zeit. 1859. S. 369—374. 



27] Wilhelm Hofmeister. 291 



Karpelle, und auch seine Annahme, daß die Embryosäcke nicht 
in den letzteren, sondern in dem Gewebe der Achse unter der 
basalen Trennungslinie der Karpelle entstehen, ist — im Gegensatz 
zu späteren Untersuchungen Van Tieghems'* — von Jost** bei 
F, albim und von Treub^* bei F. articulatum als richtig erwiesen 
worden. Nur die übrigens auch durch Hofmeisters Abbildungen 
nicht unterstützte Auffassung, als sei zwischen den Karpellen noch 
der Anfang einer nackten Samenknospe erkennbar, hat sich nicht 
bestätigt. 

An den vorstehenden Abschnitt läßt sich endlich noch am be- 
sten der Aufsatz „Ueber den Bau des Pistills bei den Geraniaceen*** 
anschließen, in welchem Hofmeister nachweist, daß hier nur ein 
zentraler Griffelkanal vorhanden ist, während die fünf periphe- 
rischen Röhren, welche man dafür gehalten hatte, nur Verlänge- 
rungen der Fruchtknotenfächer sind, was Zimmermann*^ be- 
stätigte. Außerdem enthält diese Mitteilung noch Angaben über 
die Entwicklungsgeschichte der Blüte und über das Aufspringen 
der Früchte bei den Geraniaceen. 

Vom Jahre 1865 bis zu Hofmeisters frühem Tode liegen 
keine weiteren embryologischen Untersuchungen vor; sein In- 
teresse wurde mehr und mehr durch die Zellenlehre, die Experi- 
mentalphysiologie und die Beziehungen zwischen der Gestalt der 
Pflanze und äußeren Kräften in Anspruch genommen. Die Dar- 
stellung der Zellbildung im Embryosack in dem 1866 erschienenen 
Buch über die Pflanzenzelle (S. 113 ff.) bietet kaum neue Ge- 
sichtspunkte. In der „Allgemeinen Morphologie" wird 1868 der 
Versuch unternommen (S. 620), die Lage des Embryos im Samen 
auf die Dimensionen des Embryosacks im Augenblick der An- 
legung der Kotyledonen und auf die Einwirkung der Schwerkraft 
zurückzuführen, und ähnliche Betrachtungen enthält auch ein 1874 



* Flora 1864. S. 401—410. 

19* 



292 Ernst Pfitzer [28 



•V./V 



in Florenz gehaltener Vortrag.* Die späteren Untersuchungen von 
Schmid^^ haben wenigstens die Abhängigkeit von der Gravitation 
nicht bestätigen können. 

1. Amici, G. Atti dell. Soc. ital. res. in Modena XIX. 1823. S. 253. übers. 
Ann. scienc. natur. I sdr. t. 2. 1823. S. 66. 

2. Amici, G. Über die Befruchtung der Orchideen. Übersetzt Bot. Zeit. 

1847. S. 364; vgl. Flora 1847. S. 249, 548. 

3. Mohl, H. V. Über die Entwicklung des Embryo von Orchis Mono, 
Bot. Zeit. 1847. S. 465. 

4. Müller, K. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Pflanzen. Ebenda 
S. 737. 

5. Knorz. Über die Entstehung des Embryo im Pflanzeney. Bot. Zeit. 

1848. S. 273. 

6. Westermeier, M. Zur Embryologie der Phanerogamen, insbesondere 
über die sog. Antipoden. N. A. Acad. L. C. LVII. 1892. S. 28f. 

7. Ebenda S. 18. Strasburger, E. Einige Bemerkungen zur Frage der 
doppelten Befruchtung bei den Angiospermen. Bot Zeit. 1900. II. S. 311. 

8. Strasburger, E. Über Befruchtung und Zellteilung 1878. S. 63. 

9. Billings, T. Beiträge zur Kenntnis der Samenentwicklung. Flora 
1901. S. 255. 

10. Strasburger a. a. O. S. 43. 

11. Schacht, H. Flora 1849. S. 128. 

12. Unger, F. Die Entwicklung des Embryos von Hippun's vulgaris. 
Bot. Zeit. 1849. S. 329. 

13. Tulasne, L. R. Etudes d*embryogdnie vdgdtale. Annal. d. scienc. 
natur. 3 S^r. XII. S. 21. 

14. Schacht, H. Entwicklung des Pflanzenembryo. Verhandl. d. Kon. 
Akad. Wetensk. Amsterdam 1850. 

15. Mohl, H. V. Bot. Zeit. 1863. Beilage. S. 7. 

16. Schacht, H. Das Mikroskop 1851. S. 140. 

17. Schieiden, M. Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik. 3. Auf- 
lage II. 1850. S. 361. 

18. Schacht, H. Pflanzenzelle 1852. S. 414. 

19. Deecke, Th. Zur Entwicklungsgeschichte des Embryo von Pedi- 
cularis sylvatica, Abhandl. der naturf. Gesellsch. Halle 1854. 

20. Schacht, H. Über die Entstehung des Pflanzenkeims. Rora 
1855. S. 162. 

* Über die Richtung des Embryos im Embryosacke. Atti del congresso 
internaz. bot. tenuto in Firenze 1874. Firenze 1876. S. 40—42. 



29] Wilhelm Hofmeister. 293 



-A/*^ 



21. Mohl, H. V. Der vorgeblich entscheidende Sieg der Schleidenschen 
Befruchtungslehre. Bot. Zeit. 1855. S. 385. 

22. Tulasne, L. R. Nouvelles ^tudes d*embryogdnie vdg^tale. Annal. 
d. scienc. natur. 4 Sdr. t. IV. 1855. S. 65. 

23. ünger, F. Anatomie und Physiologie der Pflanzen. 1855. S. 390. 

24. Radlkofer, L. Die Befruchtung der Phanerogamen. Ein Beitrag zur 
Entscheidung des darüber bestehenden Streites. Leipzig 1856. 

25. Schacht, H. Über den Vorgang der Befruchtung bei Gladiolus 
Si'^ctim, Monatsber. d. Berlin. Akad. d. Wissensch. 1853. S. 206. 

26. Pringsheim, N. Über die Befruchtung und den Generationswechsel 
der Algen. Ebenda S. 234. 

27. Treub, M. Observations sur les Loranthacees, Annal. d. jard. 
bot. de Buitenzorg IL S. 53, III. S. 1 ; Annal. d. scienc. natur. 6 S^r. t 
XIII. S. 250. 

28. Guignard, L. Observations sur les Santalac^es. Annal. d. scienc. 
natur. 7 Sdr. II. S. 181. 

29. Treub, M. L'organe femelle et Tapogamie du Bahnophora vlongata 
Bl. Ann. d. jard. bot de Buitenzorg XV. 1898. S. 1. 

30. Lotsy, J. E. Balanophora glohosa Jungh. Ebenda. XVI. 1899. S. 174. 

31. Strasburger, E. Über Befruchtung und Zellteilung. Jena 1878. S. 43. 

32. Treviranus, L. Über Frucht- und Samenkern der Mistel. Recht- 
fertigung. Bot. Zeit 1859. S. 345. 

33. Van Tieghem, Ph. Anatomie des fleurs et du fruit du Gui. Annal. 
d. scienc. natur. 5 S€v, t XII. S. 101. 

34. Jost, L. Zur Kenntnis der Blütenentwicklung der Mistel. Botan. 
Zeit. 1888. S. 357. 

35. Treub, M. Observations sur les Loranthac^es. 3. Viscum artkulatum, 
Ann. d. jard. bot d. Buitenzorg III. 1883. S. 6. 

36. Zimmermann, A. Über verschiedene Einrichtungen u. s. w. Pringsh. 
Jahrb. XII. 18. T. XXXVI. L 22. Vgl. Nat Pfl. Fam. III. 4. S. 6. 

37. Schmid, B. Über die Lage des Phanerogamen-Embryo. Bot. Cen- 
tralbl. LVIII. 1894. S. 2 ff. 



IL Befruchtung und Embryolosie der Koniferen. 

Eine zweite Frage, welche sich zur Zeit, als Hofmeister 
seine botanischen Studien begann, in lebhaftem Flusse befand, war 
die der Befruchtung und Embryobildung bei den Koniferen. Tar- 
gioni-Tozzetti^ hatte 1810 und Robert Brown ^ unabhängig 
davon 1827 nachgewiesen, daß die Samenanlagen hier nicht von 



294 Ernst Pfitzer [30 



einem Fruchtknoten umschlossen, sondern nackt sind, und daß 
der Blütenstaub nicht auf die Griffelspitze, sondern unmittelbar 
in die Samenknospe, auf deren Knospenkem fällt. Corda* sah 
1834, daß die Pollenkörner kurze Schläuche in das Gewebe der 
letzteren hineintreiben und zwar bis zu den von Robert Brown* 
1834 entdeckten und von ihm „Corpuscula" genannten großen 
Zellen, in deren Innerem sich mehrere Embryonen entwickeln. 
Gottsched (1845) und Pineau^ (1849), welche auch die eigen- 
tümlichen über den „Corpusculis" liegenden „Deckelrosetten" 
sahen, ließen den Embryo aus dem Inhalt der ersteren hervor- 
gehen, Schleiden^ Schacht® und Geleznoff^ dagegen den 
Pollenschlauch bis zu deren Grunde vordringen und sich dort in 
den Embryo verwandeln. Während man die Analogien der Be- 
fruchtungsorgane der Koniferen mit denen der höheren Blüten- 
pflanzen vielfach diskutiert hatte, war es dem Scharfsinn Hof- 
meisters vorbehalten, die viel näheren Beziehungen zu den hö- 
heren Kryptogamen zu erkennen. 

1849 schreibt derselbe*: „Das Aussehen und die Derbheit des 
Embryosacks der Coniferen; die Art, wie dieser noch lange vor 
Ankunft des Pollenschlauchs mit Zellgewebe sich füllt; die Zu- 
nahme der Größe einzelner dieser Zellen, die zu Corpuscula 
werden ; die Configuration der Zellenreihen, welche das Mikropyle- 
ende der Corpuscula bedecken, erinnern lebhaft an Salvima und 

Selüginella Der Durchmesser des oberen Theiles eines 

Eiweißkörpers von Taxus, in welchem die Entwicklung der Em- 
bryonen beginnt, ist dem eine ganz junge Pflanze enthaltenden 
Vorkeime von Salvima weit ähnlicher als dem jungen Eiweiß- 
körper mit rudimentärem Embryo von Lathraea u. s. w.* 

Dieser überaus glückliche und fruchtbare Gedanke fand dann 
seine weitere Ausführung in den 1851 erschienenen «Vergletchen- 

* Ueberdic Fruchtbildung und Keimung der höheren Kryptogamen. Bat. 
Zeit. 1849. S. 799. 




31] Wilhelm Hofmeister. 295 



■^>*^ 



den Untersuchungen***. Hofmeister gibt hier für die Samen- 
knospe, das „primäre Endosperm**, und die „Corpuscuia** eine 
Entwicklungsgeschichte, welche nur in untergeordneten Einzelheiten 
von späteren Forschern berichtigt worden ist. Er hat bereits 
die Mehrzahl der Embryosackanlagen bei Taxus ^^, sowie die ab- 
weichende schlanke Ausbildung der „ Deckel rosette** bei Thuya^^ 
gesehen: die von ihm beschriebenen „freien Zellen** im Innern 
der Corpuscula hat Strasburger" für Vacuolen erklärt, wäh- 
rend Jäger^^ die Existenz der ersteren zugibt, sie aber in an- 
derer Weise deutet. 

Von besonderem Interesse ist Hofmeisters Entdeckung der 
freien Tochterzellen im Pollenschlauch der Koniferen, „es ist eine 
naheliegende Vermuthung, daß diese Zellen Samenfäden erzeugen 
mögen**, fügt er hinzu — er erlebte leider die Auffindung dieser 
letzteren bei den Gymnospermen nicht mehr. Auch die Entwick- 
lung des Embryos und die Entstehung der Polyembryonie bei 
Pinus u. s. w. hat er in ihren Qrundzügen richtig geschildert und 
auch hier Schieiden wideriegt. In dem vergleichenden „Rückblick**, 
welcher sein Buch abschließt, stellt Hofmeister mit großer Klar- 
heit den Embryosack der Makrospore, das sogenannte primäre 
Endosperm dem Prothallium, die Corpuscula den Archegonien 
parallel. „Der Embryosack der Coniferen läßt sich betrachten 
als eine Spore, welche von ihrem Sporangium umschlossen bleibt; 
das Prothallium, welches sie bildet, tritt nicht ans Licht. Der Be- 
fruchtungsstoff, um zu den Archegonien dieses Prothalliums zu 
gelangen, muß durch das Gewebe des Sporangiums hindurch 
einen Weg sich bahnen.** (S. 141.) 

* Vergleichende Untersuchungen der Keimung, Entfaltung und Frucht- 
bildung höherer Kryptogamen (Moose, Farrn, Equisetaceen, Rhizocarpeen 
und Lycopodiaceen) und der Samenbildung der Coniferen. Leipzig. F. Hof- 
meister. 1851. 179 S. 33 Kupfertafeln. 



296 Ernst Pfitzer [32 

Diese Auffassung gilt noch heute. Wie weit Hofmeister 
seinen Zeitgenossen voraus war, sieht man klar daraus, daß 
Schacht^* 1854 schrieb: „Der Befruchtungsakt der Nadelhölzer 
ist überhaupt in keiner Weise mit der Bildung der Keime der 
höheren Kryptogamen vergleichbar". Einige fernere abweichende 
Darstellungen Schachts über die Entstehung des Embryos der 
Koniferen gaben Hofmeister* Veranlassung zu einer Erwiderung, 
in welcher er nur in dem einen Punkte irrte, daß er Schacht 
gegenüber an der Bildung freier Eizellen im Corpusculum festhielt : 
im übrigen hat er die Vorgänge beim Eintreffen des Pollen- 
schlauchs an den letzteren und ihr Verhalten zu den Zellen der 
„Deckelrosette** genauer als I85I beschrieben. 

Das Studium der Keimung der Makrosporen von Jsodes bewog 
Hofmeister** 1855 darauf hinzuweisen, daß hier die Überein- 
stimmung mit den Koniferen am größten sei. „Das Prothailium, 
aus chlorophylllosen Zellen bestehend, nimmt keinen erheblich 
größeren Raum ein als die Makrosporen selbst. Es entsteht durch 
freie Zellenbildung im Innenraum der Sporenzelle. In beiden Be- 
ziehungen verhält es sich dem Eiweißkörper der Nadelhölzer voll- 
kommen ähnlich. Entwicklungsgeschichte und Bau der Arche- 
gonien von Isoetes gleichen in den wesentlichsten Punkten völlig 
derjenigen der Corpuscula der Coniferen.** 

Ausführlicher kommt Hofmeister*** 1858 auf die Befruch- 
tung der Nadelhölzer zurück. Neu ist die Angabe, daß die 
Deckelrosette von Pinus Picea sich wie bei Tsuga verhalte. Rät- 
selhaft bleibt die (S. 170) bei Larix europaea beschriebene, dem 



»» 



* Ueber die Befruchtung der Coniferen. Flora 1854. S. 529—542. 
Beiträge zur Kenntniß der Gefäßkryptogamen. I. Die Entwicklungs- 
geschichte des hoetes lacustris. Abhandl. d. Kgl. Sachs. Qesellsch. d. Wissensch. 
Math.-phys. Klasse II. 1855. S. 157. 

*'^* Neuere Beobachtungen über Embryobiidung der Phanerogamen. 
Pringsheims. Jahrb. I. 1858. S. 167-186. 



33] Wilhelm Hofmeister. 297 






Pollenschlauch anhaftende Zelle — man wäre versucht anzuneh- 
men, daß sie den aus dem letzteren austretenden, die Befruchtung 
vollziehenden Plasmamassen entspricht.^* Die Vorstellung Hof- 
meisters, daß die befruchteten Keimzellen von der Spitze des 
„Corpusculums" nach dessen Grunde wandern, sich diesem ein- 
pressen und hier zum Vorkeim werden (S. 172), ist nach neuesten 
Untersuchungen zum Teil richtig, insofern nach Miyake*^ 
nur die aus der Vierteilung des Eikerns entstehenden Kerne diese 
Wanderung ausführen. Bemerkenswert sind auch die bei Taxus 
beschriebenen freien Zellen im Ende des Pollenschlauchs (S. 174). 
Neu behandelt sind Biota orientalis, Juniperus Sahina und /. virginiana. 
Nochmals wird auf die Analogie mit Isoetes, Selaginella und den 
Rhizocarpeen hingewiesen (S. 183). In Hofmeisters „Pflanzen- 
zelle** sind die Vorgänge im Embryosack der Gymnospermen mehr 
vom Standpunkte der Zellenlehre aus besprochen (S. 118). 

1. Targioni-Tozzettl. Osservationi bot. Decas. 3— 5. Annal. del Museo 
dl Firenze II. 1810. S. XLI. 

2. Robert Brown. On the structure of the female flower in Cycadeae 
and Coniferae. Miscell. bot. Works I. S. 453 (1827). 

3. Corda, A. J. C. Beiträge zur Lehre von der Befruchtung der Pflan- 
zen. N. Act. Acad. Leop. Carol. Natur. Curiosor. XVII. 11. 1834. S. 603. 

4. Robert Brown. On the plurality and development of the Embryos 
in the seeds of Coniferae. Miscell. Works 1. 565 (1844). 

5. Gottsche, J. Bemerkungen zur Inaugural-Dissertation: De Macro- 
zomia Preissii Aucat. G. Heinzel. Bot. Zeit. 1845. S. 378. 

6. Pineau, J. Sur la formation de Tembryon chez les Conif^res. 
Annal. d. scienc. naturell. Bot. 3 S^r. XI. 1845. S. 378. 

7. Schieiden, M. J. Grundzüge der wissensch. Botanik. 2. Aufl. II. 
1846. S. 369. 

8. Schacht, H. Entwicklungsgeschichte des Pflanzenembryos S. 77. 

9. Geleznoff, N. Sur Tembryogdnie du Mdl^ze. Bullet, d. 1. societ^ 
Impdr. de Moscou 1849. S. 566. 

10. Jäger, L. Beiträge zur Kenntnis der Endospermbildung und zur 
Embryologie von Taxus baccata. Flora 1899. S. 248. 

11. Strasburger, E. Die Coniferen und Gnetaceen. Jena 1872. T VIII. 
f. 1. 2. 




[34 



12. Strasburger. Ebenda S. 275. 

13. Jäger, a. a. O. S. 270. 

14. Schacht, H. Beiträge zur Anatomie und Physiologie der Gewächse. 
Berlin 1854. S. 287, 324. 

15. Belajeff, M. J. Zur Lehre von dem Pollenschlauch der Gymno- 
spermen. Ber. d. deutsch, bot. Gesellsch. IX. 1891. 5. 280. Taf. XVIII. 
Fig. 13. 

16. Miyake, K. On the development of the sexual Organs and fertili- 
zation in Pinus excelsa. Annal. or Botany XVll. 1903. S. 363. 



111. Befruchtung und Entwlcklungsi^eschichte der 
höheren Kryptogamen. 

Ein weiteres Gebiet, auf dem sich Hofmeister unvergäng- 
liche Verdienste erwortjen hat, ist die Entwicklungsgeschichte der 
höheren Kryptogamen. 

Bis zum Jahre 1840 galten diese Pflanzen fast altgemein als 
geschlechtslos — im Gegenfalle wurden entweder ganz willkür- 
liche Annahmen über ihre Sexualorgane gemacht oder eine Ana- 
logie mit den Blütenpflanzen vorausgesetzt, welche die richtige 
Erkenntnis verhinderte. Die eibereitenden „Arch^onien" der 
Moose wurden wegen äußerer Formähnlichkeit für Fruchtknoten 
mit Griffeln, die „Antheridien" für Staubbeutel gehalten' — als 
man aber entdeckt hatte, daß aus letzteren selbstbewe^liche Ge- 
bilde hervorgingen, erklärte man diese für Infusorien, da selb- 
ständige Bewegung dem Pflanzenreich fehle. Ein so hervorragen- 
der Forscher wie Unger» beschrieb 1837 die Antherozoidien 
(Samenfäden) der Moose als «Spirillum bryo^oon» und betonte 1839* 
bei Riccia ausdrücklich, „daß diese tierischen Wesen kdn näheres 
Verhältnis zur Befruchtung zeigen". Schieiden* erktirte 1843 
Moose, Bärlappe, Farne und Schachtelhalme für geschlechtslos und 
die Deutung der „Spiralfäden" als „Samentierchen" für ,TrSume- 
reien" — auch in der dritten Auflage seiner .Gnindzüge" von 
1850 werden diese Irrtümer beibehalten.^ SelbäNägeli*, welcher 




35] Wilhelm Hofmeister. 299 



1844 die Antherozoidien der Farne entdeckte, hielt die auf der 
Blattrückseite der letzteren befindlichen Sporangien für die zu 
befruchtenden Elemente und meinte, es sei „fast nicht denkbar", 
welche Beziehungen die anscheinenden Samenfäden hier zur Be* 
fruchtung der Sporenzellen haben könnten ; derselbe ausgezeichnete 
Forscher stellt noch 1847 die Deutung der „Spiralfäden** als 
sexuelle Zellen der Auffassung, als gehörten sie zu den Infusorien, 
als nahezu gleichberechtigt gegenüber.'' 

Einen wesentlichen Fortschritt brachte erst das Jahr 1848, 
in welchem Graf Leszczyk-Suminski® die Entwicklung junger 
Farnpflanzen an dem durch Keimung der Farnsporen entstandenen 
Vorkeim genauer beschrieb. Doch stand auch dieser Forscher 
noch zu sehr unter dem geistigen Einfluß Schlei dens, insofern 
er das Organ, in welchem der Embryo entsteht, als eine nackte 
Samenknospe auffaßte und den letzteren selbst aus einem ein- 
gedrungenen „Spiralfaden** hervorgehen ließ. W i g a n d * bestreitet 
noch 1849 das Eindringen der letzteren überhaupt und faßt die 
Bildung der neuen Pflanze als eine von dem „Eichen** unabhängige 
Sprossung auf, während Schacht*® im gleichen Jahre zwar die 
Entstehung des Embryos im Innern des Keimorgans (Archego- 
niums) zugibt, die Befruchtung durch Spiralfäden aber für „mehr 
als unwahrscheinlich** erklärt. 

Vergleichen wir mit diesen Arbeiten angesehener Gelehrten, 
welche den Grafen Leszczyk-Suminski gelegentlich gering- 
schätzend als „Dilettanten** bezeichnen, die kurze vorläufige Mit- 
teilung* des 25 jährigen jungen Buchhändlers von 1849, so über- 
rascht dieselbe durch ihren weiten Blick. Mit aller Bestimmtheit 
wird der „Keimwulst** der Rhizocarpeen dem Vorkeim der Farn- 
kräuter gleichgestellt, die Existenz von Pollenschläuchen bestritten, 
die Analogie der Antheridien und Archegonien der Moose mit den 



• lieber die Fruchtbildung und Keimung der höheren Kryptogamen. 
Bot. Zeit. 1849. S. 793 800. 



300 Ernst Putzer [36 



Antheridien und „Eychen" der Farne hervorgehoben, die Wahr- 
scheinlichkeit der Befruchtung durch die „Spiralfäden** betont. Vor 
allem aber erkannte Hofmeister die Analogie in der Entstehung 
der Mooskapsel und der beblätterten Farnpflanze. „In einer von 
einem bei beiden großen Pflanzengruppen wesentlich gleichartig 
gebauten Organ umschlossenen Zelle bildet sich ein selbständiger, 
morphologisch von der Mutterpflanze unabhängiger Zellenkörper, 
dem bei den Moosen lediglich die Fruchtentwicklung, bei den 
Farn auch der weit überwiegende Teil des vegetativen Wachs- 
tums obliegt.** 

Ausführlich sind diese Dinge dann in den „Vergleichenden 
Untersuchungen*** 1851 behandelt und auf 26 Kupfertafeln illu- 
striert worden. Hofmeisters Untersuchungen erstrecken sich 
auf Anthoceros, die blattlosen und beblätterten Jungermanniaceen, 
Riccia, die Marchantieen und Targionieen, die Laubmoose, Farne, 
Equisetaceen, Rhizocarpeen und Lycopodiaceen — jede Gruppe 
wird für sich besprochen, ein kurzer Rückblick faßt die Ergeb- 
nisse vergleichend zusammen. Auf die dabei für die Zellenlehre 
und allgemeine Morphologie erhaltenen Resultate kommen wir an 
anderer Stelle zurück: hier soll nur die Befruchtung und der alU 
gemeine Entwicklungsgang der höheren Kryptogamen in Betracht 
kommen. 

Überall tritt uns das Bestreben des Verfassers ent^gen, die 
Entwicklung der höheren Kryptogamen von der Keimung der 
Sporen bis zur Bildung der letzteren lückenlos zu verfolgen. Die 
erstere wird bei Pelliay den beblätterten Jungermannieen — wo 
drei verschiedene Entwicklungsweisen unterschieden werden — , 
bei Riccia, den Laubmoosen — wo Hofmeister scharf die Begriffe 
Protonema und Prothallium sondert — , den Famen und Schachtel- 
halmen auf Grund eigener Beobachtungen geschildert. Großes 
Interesse bringt der Verfasser der Zellenordnung am Vegetations- 

* Vgl.^S. 295. 



37] Wilhelm Hofmeister. 301 



s^ 



punkt der Keimpflanze entgegen, wo Teilung zahlreicher Rand- 
zellen durch wechselnd gegen den Horizont geneigte Wände (An- 
thoceros, Pellia, Blasia, Riccia, Marchantieae, Targionieae), Teilung 
einer Scheitelzelle durch wechselnd rechts und links einschneidende 
vertikale Wände (MetT^eria, Amura, Stamm und Blätter der Junger- 
mannieen und Laubmoose) sowie Randwachstum (Famprothal- 
lien) durch wechselnde perikline und antikline Wände unterschieden 
werden. Das Vorkommen tetraedischer Scheitelzellen bei den Moo- 
sen und bei den Wurzeln der Gefäßkryptogamen ist Hofmeister 
damals noch entgangen — letzteren schreibt er linsenförmige Scheitel- 
zellen zu mit abwechselnd nach oben und unten konvexen Wänden. 
Seine Darstellung der Entwicklung von Antheridien und Arche- 
gonien ist vielfach fehlerhaftes insofern er auch hier stets zwei- 
schneidige Scheitelzellen anzunehmen geneigt ist — dagegen hat 
er den Bau dieser Organe viel richtiger beschrieben als seine 
Vorgänger; auch verdanken wir ihm die Auffindung der endogenen 
Entstehung der Antheridien von Anthoceros. Die Entwicklung der 
Frucht aus dem befruchteten Archegonium wird bei Anthoceros, den 
blattlosen und beblätterten Jungermannieen, Riccia, den Marchan- 
tieen und Targonieen, sowie bei den Laubmoosen genau dar- 
gestellt — bei letzteren erkannte Hofmeister richtig die Fortbildung 
durch eine keilförmige Scheitelzelle, die er aber irrtümlich auch 
bei den Lebermoosen annahm; bei den Embryonen der Farne 
und Schachtelhalme hat er das Vorkommen pyramidaler Scheitel- 
zellen noch übersehen. Sehr ausführlich und wesentlich seinen 
Vorgängern überlegen sind Hofmeisters Untersuchungen über Ent- 
wicklung der Sporen, der Kapselwand und der Elateren der 
Moose, sowie der Sporen bei den Equisetaceen — bei letzteren 
betont der Verfasser ausdrücklich die Übereinstimmung mit der 
Entstehung des Pollens der Abietineen. 

Einen besonders großen Fortschritt bedeuten Hofmeisters 
Untersuchungen über die Rhizocarpeen , bei welchen noch 



.•^■ud 



302 Ernst Pfitzer [38 



1843 Schleiden^^ Samenknospen, Pollenkörnerund Pollenschlauch 
beschrieben, sowie die Entstehung des Embryos im Ende des 
letzteren wie bei den Blutenpflanzen behauptet hatte: auch 
Mettenius^* spricht 1846 noch von ihren Ovulis und Pollen- 
körnern — nur soll der Embryo sich hier in dem der ,,Kern- 
warze" der Samenknospe entsprechenden Keimwulst entwickeln. 
Hofmeister schildert dem gegenüber bei Pilularia die Entwick- 
lung der „Frucht*" und die Entstehung der beiden verschiedenen 
Sporenformen, bei Pilularia, Marsiha und Salvinia deren Keimung, 
Prothallium und Archegonien, sowie die Entwicklung der aus der 
Befruchtung hervorgehenden jungen Pflanze. 

Bei Sela^inella erwähnt er die Gabelteilung des Stengels durch 
Halbierung der Scheitelzelle, die Entwicklung der Sporangien, und 
sah die Antherozoidien : auch die Entwicklungsgeschichte des 
Archegoniums ist hier richtig. 

Hatte Hofmeister in den „Vergleichenden Untersuchungen'' 
wesentlich Einzeldarstellungen mit einigen kurzen historischen Be- 
merkungen am Schluß eines jeden Abschnitts aneinandergereiht« 
so faßt er in dem nur 3 Seiten einnehmenden „Rückblick'* alle 
Ergebnisse in ihrer allgemeinen Bedeutung zusammen. Ich glaube 
den auf die Vergleichung der oberen großen Gruppen des Pflanzen- 
reichs bezüglichen Teil hier wörtlich wiedergeben zu sollen, da er 
noch heute, nach über 50 Jahren rascher Entwicklung der bota- 
nischen Wissenschaft, fast ganz gültig geblieben ist: „Der Vergleich 
des Entwicklungsganges der Laub- und Lebermoose einerseits, 
der Farn, Equisetaceen und Lycopodiaceen andererseits zeigt die 
vollste Uebereinstimmung der Fruchtbildung der einen mit der 
Embryobildung der anderen. Das Archegonium der Moose, das 
Organ, innerhalb dessen die Fruchtanlage gebildet wird, ist voll- 
kommen gleich gebaut dem Archegonium der Farrn (im weitesten 
Sinne), dem Theil des Prothalliums, in dessen Innerem der Embryo 
der wedeltragenden Pflanze entsteht Moose und Farm 




39] Wilhelm Hofmeister. 303 



bieten somit eines der auffälligsten Beispiele eines regelmäßigen 
Wechsels zweier in ihrer Organisation weit verschiedener Gene- 
rationen. Die erste derselben, aus der keimenden Spore hervor- 
gegangen, entwickelt Antheridien und Archegonien In 

der Centralzelle des Archegoniums entsteht infolge der Befruchtung 
durch die aus den Antheridien entleerten Spermatozoidien die 

zweite Generation, bestimmt Sporen zu erzeugen Das 

vegetative Leben ist bei den Moosen ausschließlich der ersten, 
die Fruchtbildung ausschließlich der zweiten Generation zugeteilt. 
Nur der belaubte Stengel wurzelt; die sporenbildende Generation 
zieht ihre Säfte aus jenem. Die Frucht ist meist von viel kürzerer 
Lebensdauer als die beblätterte Pflanze. Bei den Farrn ist das 

Verhältniß ziemlich umgekehrt Die Art, wie die zweite 

Generation auf der ersten entsteht, ist bei den Farrn weit mannig- 
faltiger als bei den Moosen.** 

Ich möchte hier noch das Urteil anfügen, welches Sachs** 
in seiner Geschichte der Botanik über die allgemeine Bedeutung 
des eben besprochenen Buches fällt. Er schreibt: „Vor dem Leser 
von Hofmeisters «Vergleichenden Untersuchungen» entroHt sich 
ein Bild des verwandtschaftlichen genetischen Zusammenhangs der 
Kryptogamen und Phanerogamen, dessen Wahrnehmung mit dem 
damals herrschenden Glauben an die Constanz der Arten nicht 
mehr vereinbar war. Es handelte sich hier nicht um Aufstellung 
von Typen, sondern um die Erkenntniß eines entwicklungsgeschicht- 
lichen Zusammenhangs, der das Allerverschiedenste, die einfachsten 
Moose mit den Palmen, Coniferen und Laubhölzern eng verknüpft 
erscheinen ließ. Mit der Annahme, daß jede natürliche Gruppe 
des Pflanzenreichs eine «Idee» repräsentire, war hier nichts mehr 
zu machen, die Vorstellung von dem, was das natürliche System 
zu bedeuten habe, mußte sich gänzlich ändern; ebensowenig wie 
ein bloßes Fachwerk von Begriffen konnte es als eine Gesammt- 
heit platonischer Ideen gelten. Aber auch in methodologischer 



3IM Ernst Pfitzcr [40 



Hinsicht war das Resultat der ^Vergleichenden Untersuchungen» 
durchschlagend; für die Morphologie standen jetzt die Krypta- 
^umen im Vordergrund; die Muscineen waren das Maß, mit 
dem die niederen Kryptogamen, die Farne das Maß, mit dem 
die Phanerogamen gemessen werden mußten. Die Embryologie 
war der Faden, der in das Labyrinth der vergleichenden und 
genetischen Morphologie führte; die Metamorphose gewann jetzt 
ihren einzigen richtigen Sinn, indem sich jedes Organ auf seine 
Stammform, die Staub- und Fruchtblätter der Phanerogamen z. B. 
auf die sporentragenden Blätter der Gefäßkryptogamen zurfick- 
führen ließen. Was Häckel erst nach Darwins Auftreten die 
phytogenetische Methode nannte, hatte Hofmeister in seinen 
«Vergleichenden Untersuchungen» lange vorher und mit groß- 
artigstem Erfolge wirklich durchgeführt Als acht Jahre nach 
Hofmeisters c Vergleichenden Untersuchungen» Darwins Descen- 
denzlehre erschien, lagen die verwandtschaftlichen Beziehungen der 
großen Abtalungen des Pflanzenreichs so offen, so tief begründet 
und so durchsichtig klar vor Augen, daß die Descendenztheorie 
eben nur anzuerkennen brauchte, was hier die genetische Morpho- 
k)gie thatsächlich zur Anschauung gebracht hatte. *" 

Im Jahre 1852 gab eine Abhandlung von Mitten ^\ welcher 
die Moose als die höchste Stufe der „Akotyledonen* auffaßte, 
Hofmeister* Veranlassung, sich über die systematische Stellung 
und die Einteilung der Bryophyten dahin zu äußern» daß die Gat- 
tungen Srlaginella und Isoetes und nach diesen die Rhizocarpeen 
den Koniferen am nächsten ständen — ihnen wurden die Farne, 
diesen die Equisetaceen folgen. Diese Reihenfolge entspricht voll- 
kommen unserer heutigen Ansicht, abgesehen vieleidiC von der 
Stellung der Schachtelhalme, welchen Hofmeister wefen der 
langen Lebensdauer und reichlichen Verzwe^gmig des Piothalliiuns 

• Ueber die Stellung der Moose im System. Flora HSfc S F— lÄ. 



41] Wilhelm Hofmeister. 305 



und wegen der als adventiv gedeuteten Verzweigung die tiefste 
Stelle unter den Gefäßkryptogamen einräumt. Die Bryophyten teilt 
Hofmeister in 4 Gruppen ein: 1. Laubmoose; 2. Jungermannieen 
— mit allmählichem Übergang der beblätterten in die blattlosen — ; 
3. Marchantieen , Targionieen und Riccieen; 4. Anthoceroteen. 
Die Characeen werden als das äußerste Ende der Reihe bezeich- 
net, deren anderes Ende die Phanerogamen darstellen. Überall 
ist zwischen der dargelegten und unserer heutigen Auffassung weit- 
gehende Übereinstimmung vorhanden. 

In demselben Jahre gelang es Hofmeister*, unsere Kennt- 
nis der Entwicklung der Equisetaceen wesentlich zu erweitern. Er 
beschrieb die undulierende Membran am Hinterende der Anthero- 
zoidien, die Diöcie der Prothallien, die Entstehung der Archegonien 
und die Entwicklung des Embryos. 

Denselben Gegenstand behandelt ausführlicher und mit Bei- 
gabe zahlreicher Abbildungen eine Abhandlung** aus dem Jahre 
1855. Während Hofmeister in den „Vergleichenden Unter- 
suchungen"" den Archegonienhals durch eine keilförmige Scheitel- 
zelle mit abwechselnd geneigten Scheidewänden sich entwickeln läßt 
(a. a. O. S. 81), erkannte er bei EquiseUnn schon 1852 (a. a. O, 
S. 387), noch bestimmter jetzt die Kreuzteilung der Halsmutter- 
zelle, sowie die wiederholte Querteilung der entstandenen vier 
Zellen (S. 171 f.) — nur die zentrale Zellreihe ist noch übersehen. 
Die ersten Teilungen des Embryos sind richtig beschrieben — im 
übrigen deutet Hofmeister den „Fuß" als primäre Achse, an der 
die Stammanlage als Seitenzweig hervorsproßt. Die Entstehung 
der ersten Blattscheide aus zwei „Kotyledonen** und einem Blatt 
des Stamms hat dann erst Sadebeck^^ erkannt; auch irrte 

* Lieber die Keimung der Equisetaceen. Ebenda 1852. S. 385—488. 
** Beiträge zur Kenntniß der Gefäßkryptogamen. II. Lieber die Keimung 
der Equisetaceen. Abhandl. der Kgl. Sachs. Gesellsch. d. Wissensch. Math.- 
phys. Klasse II. 1855. S. 168—179. Taf. XVII— XIX. 

Festschrift der Universitlt Heidelberg. M. 20 



306 Ernst PfJtzer [42 

Hofmeister, indem er noch immer der Stammanlage eine keil- 
förmige, der Wurzelanlage eine linsenförmige Scheitelzelle zu- 
schrieb. Dagegen betont er jetzt mit Recht, daß die Schachtel- 
halme durch die DiöcJe ihrer Prothallien. sowie durch die Ähn- 
lichkeit ihrer Archegonien mit denen der Rhizocarpeen, den Über- 
gang von diesen zu den Farnen vermitteln. 

Im Jahre 1854 glückte es dann Hofmeister*, bei Farnen 
Antherozoidien in der Zentralzelle, bei Funaria wenigstens im Halse 
des Archegoniums zu sehen und festzustellen, daß der letztere 
sich bei den Farnen unmittelbar nach dem Eintreten der Samen- 
fäden durch Wachstum der unteren Hatszellen fest schließt Schon 
in den „Untersuchungen" nahm Hofmeister in der „Zentralzelle" 
des Archegoniums ein besonderes, diese letztere nicht ganz aus- 
füllendes „Keimbläschen" mit besonderem Kern an, analog dem 
analogen Gebilde im Embryosack. Er glaubte nun einen neuen 
Unterschied gefunden zu haben, indem dieses Keimbläschen bei 
den Gefäßkryptogamen in der oberen, bei den Bryophyten in der 
unteren Wölbung der Zentralzelle entstehen sollte. 

Diese Mitteilung erregte großes Aufsehen und wurde noch 
im gleichen Jahre ins Französische und Englische übersetzt." 

In demselben Jahre 1854 veröffentlichte Hofmeister ferner 
einige Beiträge „zur Morphologie der Moose".*** Die Entwick- 
lungsgeschichte der merkwürdigen Riella Reuieri MonL wurde von 
der Keimung der Sporen bis zur Bildung der letzteren verfolgt; 
die dabei aufgestellte Hypothese, daß der Stamm hier einer halb- 
seitig entwickelten Marchaniia entspreche, hat Leitgeb" wider- 

■ Ueber die Befruchtung der Farmkräuter, Flora 1854. S. 257- 239. Be- 
richt üb. d. Verhandl. d. Kgl. Sachs. Qesellsch. d. Wissensch. zu Leipzig 
1854. S. 54-56. 

** Anna!, d. sc. nalur. S^r. 1. 1854. S. 371—373; Annais of Nat Hist. 
XIV. 1854. S. 272 -274, 429-440. 

*" Bericht üb- die Verhandl. d. Kgl. Sachs. Geselisch. d. Wissensch. zu 
Leipzig 1854. S. 92-106. Taf. IV-VII. 




43] Wilhelm Hofmeister. 30l 



"V«^^" 



legt, welcher auch die Vorgänge am Vegetationspunkt, die Ent- 
stehung der Antheridien und die Zellbildung an der jungen Kapsel 
abweichend fand, dagegen die Entwicklung der Archegonien und 
das Vorkommen unfertig bleibender Elateren (Nährzellen) bestätigt. 
Ein zweiter Beitrag behandelt die „Bildung des Keimbläschens der 
Muscineen**, dessen Existenz bekanntlich von den neueren For- 
schern nicht anerkannt wird. Drittens wurden die „vermeintlichen 
Wurzeln des Haplomitrium Hookcri*", da sie einen unbedeckten Ve- 
getationspunkt haben, als unterirdische Ausläufer erkannt und wei- 
tere Einzelheiten über die Entwicklung der Frucht und der Anthe- 
ridien mitgeteilt. Weiter wird die Bildung des „Fruchtsackes" und 
der Frucht von Calypogeia Trichomanis genauer dargestellt, bei 
Sphagnum ein nicht fadenartig verzweigtes, sondern flächenartiges 
Protonema beobachtet und endlich die Fruchtentwicklung der stark 
abweichenden Moosgattung Archidium beschrieben und erkannt, daß 
das Archespor hier überaus reduziert ist. 

1855 folgten dann Hofmeisters Beobachtungen über die 
„Keimung des Botrychium Lumria*"* — dieser Vorgang war bis 
dahin überhaupt bei keiner Ophioglossee beschrieben worden: 
Metten i US hatte 1853 zwar „Embryonen und Prothallien** 
von Ophioglossum gesehen, aber nichts darüber veröffentlicht. Nach- 
dem Irmisch bereits junge Keimpflanzen entdeckt hatte, gelang es 
ihm und Hofmeister zusammen, auch die farblosen, unterirdi- 
schen Prothallien aufzufinden; der letztere beschrieb dann die 
Antheridien und Archegonien, die Embryonen und jüngeren Keim- 
pflanzen, sowie die Entwicklung des in einen sterilen und einen 
fertilen Abschnitt geteilten Blattes; Hofmeister deutet aber den 
letzteren als dem ersteren nicht gleichwertig, als Adventivknospe 
(S. 334). Bei Gelegenheit der Besprechung der „Stipulen" von 
Ophioglossum wird auch die Entstehung dieser Gebilde bei Ma- 



Bonplandia III. 1855. S. 331—335. 

20* 




308 Ernst Ptitzer [Ai 

raiiia besprochen, sowie die Leichtigkeit, mit welcher sich aus 
Stücken dieses Stipulen neue Pflanzen entwickeln. 

In wenig veränderter Form, aber in zwei Abschnitte (IV. Ueber 
die Ophioglosseen und [l. Ueber Entwicklung und Vegetationsor- 
gane der Farrnkräuter. Maraiiia ciaiiifolia) gesondert ist dieselbe 
Untersuchung 1857 an anderer Steile veröffentlicht worden. 

Es schließen sich an die „Beiträge zur Kenntniß der Gefäfi- 
kryptogamen", deren erste beiden 1855 erschienen. Sie betreffen 
die Entwicklungsgeschichte von Isoeies lacusiris* und die schon S. 305 
besprochene Keimung der Equisetaceen, berühren aber auch an- 
dere Gruppen: so tritt Hofmeister auch hier für die Zweignalur 
der „Wedel" der Farne und der Ophioglosseen ein, denen er 
auch die Blätter von hoeies gleichstellt (S. 132). Was speziell 
'etztere Gattung betrifft, so waren die Anatomie der V^etations- 
organe bereits von H. von MohP* und AI. Braun", die Kei- 
mung der Makrosporen und Embryoentwicklung durch Mette- 
nius'" und K. Müller*S die Antherozoidien durch ersteren einiger- 
maßen bekannt, hlofmeister vervollständigte diese Kenntnisse 
sehr wesentlich. Die Schilderung der Entstehung des Prothaliiums 
entspricht im ganzen den neueren Untersuchungen von Arnoldi"; 
das mit den damaligen Untersuchungsmethoden nicht unmittelbar 
wahrnehmbare Fortschreiten der Wandbildung vom Sporenscheitel 
nach abwärts hat Hofmeisterausdem fertigen Zustand erschlossen 
(S. 127). Die Entwicklung des Archegoniums ist richtig darge- 
stellt, insofern Hofmeister den Hals durch Kreuzteilung einer 
peripherischen Zelle entstehen läßt — nur die Kanalzellen sind 
noch übersehen, auch wird ein „Keimbläschen" angenommen. Die 
genauere Folge der Teilungen in der Mikrospore und die sterile 
Zelle der letzteren ist erst später erkannt worden. Die ersten 
Teilungendes Embryo sind richtig beschrieben. Hofmeister nimmt 

' Abhanül. d. Kgl. Sachs. Gesellscti. d. Wissensch. MathemaL-ptiysBc. 
Klasse 11. 1855. S, 123—167. Taf. lll-XVI. 




45] Wilhelm Hofmeister. 309 

überall Scheitelzellen an, beim Stamm von /. setacca zum ersten- 
mal eine solche von tetraedrischer Form, während Isoetcs in Wirk- 
lichkeit nur vereinfachte periblematische Vegetationspunkte besitzt. 
Der „Fuß** wird als primäre Achse gedeutet. Das Sporangium läßt 
Hofmeister irrtümlich aus einer einzigen Zelle entstehen, sonst ist 
dessen Entwicklung und die Bildung der Mikrosporen im wesent- 
lichen richtig geschildert, während die Makrosporen nach Stras- 
burg er ^^ sich in anderer Weise bilden. 

Die im Jahre 1857 veröffentlichten weiteren „Beiträge*** 
beziehen sich, außer auf die Ophioglosseen (vgl. S. 308), zu- 
nächst auf die Entwicklung und den Bau des Embryos und der 
Vegetationsorgane der Farnkräuter. Namentlich Pteris aquiUna und 
Aspidium Filix mas werden ausführlich behandelt und verglichen. 
Hofmeister verbessert hier seine früheren Angaben über die Ent- 
stehung der Archegonien, hält dagegen seine Darstellung der 
Antheridien aufrecht (S. 604). Den Embryo läßt er aus einem 
besonderen „Keimbläschen** sich bilden. Die Quadrantenteilung 
des ersteren ist richtig beschrieben: ein Quadrant gibt den Fuß 
(„primäre Achse**), einer Stammvegetationspunkt und erstes Blatt, 
einer die Wurzelanlage, die bei Aspidium der Stammanlage gegen- 
über, bei Pteris daneben liegen soll. Die Anordnung der Haupt- 
organe am Embryo wird jetzt als bei allen Gefäßkryptogamen 
übereinstimmend bezeichnet (S. 608). Der Stamm erhält bei 
Pteris eine zweischneidige, bei Aspidium eine tetraedrische Scheitel- 
zelle, ebenso die Wurzel, bei welcher Hofmeister die Entstehung 
der Haube aus der apicalen Segmentreihe richtig erkannte. Andere 
Pteris ' Arien haben am Stamm verkehrt dreiseitig pyramidale 
Scheitelzellen. Die Blätter besitzen stets keilförmige, aber von ver- 
schiedener Orientierung; bei Pieris steht ihre basale Kante der Blatt- 
fläche parallel, bei Aspidium und Polypodium dazu senkrecht: bis- 

* Ebenda III. 1857. S. 603—682. Taf. I— XIII. 



310 Ernst Pfitzer [46 



weilen sollen zur bisherigen Teilungsfolge senkrechte Wände der 
Scheitelzelle die Gestalt eines dreiseitigen Prismas geben. Die 
Fiederteilung der Polypodiaceen -Blätter entsteht durch echte Ga- 
belung des apicalen Vegetationspunktes (S. 616); abwechselnd 
entwickelt die rechte und die linke Gabel sich kräftiger — die 
ferneren Auszweigungen sind antidrom. Die Einrollung beruht 
auf stärkerem Wachstum der Rückseite. Die weiteren Wedel ent- 
stehen aus je einer Zelle (618) — die Auffassung derselben als 
Zweige, der Sporenschuppen als Blätter läßt Hofmeister fallen (619). 
Die Verzweigung wird auf Gabelung des Vegetationspunktes zurück- 
geführt. Die Entstehung der Procambiumstränge, ihre Umwandlung 
in Gefäßbündel und deren Veriauf ist anschaulich geschildert. 
Die mehrjährige Ausbildung des einzigen jähriich erscheinenden 
Wedels erwachsener Pflanzen wird genau dargestellt. Seitenzweige 
erscheinen nur adventiv an Wedelstielen. Bei Aspidium Filix fnas 
entstehen auch die Seiten wurzeln aus dem letzteren, die Blätter 
brauchen 2 Jahre zur Ausbildung. Die Teilungen der tetraedrischen 
Scheitelzelle des Stammes stimmen in ihrer Folge fiberein mit der 
Spirale der Wedelstellung; die später zu besprechende „Verschie- 
bungstheorie'' wird hier zuerst entwickelt. In derselben Abhand- 
lung erkannte Hofmeister auch, daß die von ihm als keil- 
förmig beschriebene Scheitelzelle von Equisetum in Wirklichkeit 
tetraedrisch ist (S. 646). 

Einige andere Farnarten werden dann noch kurz besprochen 
— hervorheben möchte ich, daß Hofmeister die zuruckgeboge- 
nen unzerteilten Blätter von Platycerium biologisch richtig deutet: 
„sie hindern das Austrocknen des Standorts" (654). Ebenso hat 
er das Velamen an den Wurzeln dieser Gattung ^sehen. 

Der letzte Beitrag „Über die Keimung der Salvinia naians'^ 
bringt die Entstehung der Antherozoidien (666), die ersten Ent- 
wicklungsstadien des weiblichen Prothalliums und der Arch^onien 
(durch zweimalige Querteilung und folgende Kreuzteilung der 




47] Wilhelm Hofmeister. 311 



■^^»T" 



äußeren Tochterzelle). Hier sollen häufig 2 Keimbläschen vor- 
kommen. Am Embryo wird die Oktantenteilung und das Heraus- 
schieben des Vorderlappens des Prothalliums durch Streckung des 
Fußes richtig dargestellt. Den Aufbau der Pflanze hat erst 
Pringsheim** erkannt — Hofmeister hält die Wasserblätter noch 
für Zweige und nimmt infolgedessen wiederholte Gabelung der 
Hauptknospe an (668). 

Die 1863 erschienenen „Zusätze und Berichtigungen zu den 
1851 veröffentlichten Untersuchungen der Entwicklung höherer 
Kryptogamen"* verdanken ihre Entstehung der Bearbeitung einer 
englischen Übersetzung** der letzteren für die Ray-Society. Die 
Angaben über die Zellenfolge der Fruchtanlage von Anihoceros, wo 
eine dreiseitig prismatische Scheitelzelle beschrieben wird, stimmen 
nicht mit den späteren Untersuchungen von Leitgeb*^ überein: hin- 
sichtlich der Sporenentwicklung wird das allmähliche Fortschreiten 
der Scheidewände nach innen jetzt bestätigt. Sehr ausführiich ist 
die Folge der letzteren am Stengel beblätterter Muscineen behan- 
delt, wobei das überwiegende Vorkommen tetraedrischer Scheitel- 
zellen auch bei später zweizeiliger Blattstellung anerkannt wird — 
bei Sphagnum wird die ganze Entwicklung sehr eingehend be- 
schrieben und dieselbe Beziehung zwischen Wachstum der Schei- 
telzelle und Blattstellung entwickelt wie früher bei den Farnen. 
Eine kurze Notiz bezeichnet Valentine (1833) als den Ent- 
decker der Entstehung der Laubmoosfrucht im Bauchteil des 
Archegoniums (277). Weiter wendet sich Hofmeister gegen die 
Ansicht von Mettenius^^ daß alle Verzweigungen der Farne 
nur vielfach verschobene Achselknospen der Blätter seien, und 
betont die sehr späte Entstehung der an den Blattstielen vieler 






Pringsheims Jahrb. f. wissensch. Bot. III. 1863. S. 259—292 Taf. VIII. 

On the germination, development and fructification of the higher 
Cryptogamae. Translated by Currey. London Ray Society 1862. 8v. w. 
65 plates. 



312 Ernst Pfitzer [48 



■v>^ 



Farne sich bildenden Seitenknospen, die er als adventive auffaßt 
(280), woran sich allgemeinere Erörterungen über den Begriff 
von Seitenknospe, Adventivknospe und Dichotomie anschließen. 
Gegenüber Sanio^^ gibt Hofmeister inbetreff der Sporenentwick- 
lung der Schachtelhalme teils zu, sich früher geirrt zu haben, teils 
schildert er ausführlich die Entwicklung der Sporenmembranen 
und der Elateren (283), wobei er an derselben Zelle in den ver- 
schiedenen Membranlagen teils Wachstum durch Apposition, teils 
durch Intussusception annimmt (290). Auch die wechselnde 
Reaktion der Membranen gegen Jod u. s. w. ist eingehend be- 
sprochen. Endlich wird noch die Teilungsfolge unterhalb des 
Stammscheitels von Selaginella berichtigt, die Bildung einer drei- 
seitig prismatischen Scheitelzelle mit parallelogrammatischer Außen- 
wand und vier konvergenten Segmentreihen beschrieben (292) 
und anerkannt, daß das Sporangium von Selaginella auf der Blatt- 
basis stehe, somit keine Achselknospe sei (293). 

Hiermit schließen Hofmeisters an wichtigen Entdeckungen 
überreiche Studien über die höheren Kryptogamen ab — seine 
beiden späteren Bücher wiederholen nur gegebenenfalls die älteren 
Resultate. Die im Jahre 1870 veröffentlichten Studien über die 
Zellenfolge im Achsenscheitel der Laubmoose betreffen wesentlich 
morphologische Fragen und sollen im Schlußabschnitt besprochen 
werden. 

1. Sachs, J. Geschichte der Botanik 1875. S. 472 f. 

2. Unger, F. Mikroskopische Beobachtungen. N. A. Acad. L C. XVIII. 
2. 1837. S. 702. 

3. Unger, F. Anatomische Untersuchungen der Fortpflanzungstheile von 
Riccia glauca. Linnaea XI. 1839. II. S. 14. 

4. Schieiden, M. Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik II. 1843. 
S. XI. 79-106. 

5. Schieiden, M. Dasselbe, 3. Auflage. 11. 1850. S. 60. 

6. Nägeli, C. Bewegliche Spiralfäden an Farn. Zeitschr. f. wiss. 
Bot. I. 1844. S. 184. 




49] Wilhelm Hofmeister. 313 






7. Nägeli, C. Ueber die Fortpflanzung der Rhizocarpeen. Zeitschr. f. 
wiss. Bot. IV. 1847. S. 203. 

8. Graf Lesczcyk-Suminsky. Zur Entwicklungsgeschichte der Farn- 
kräuter. Berlin 1848. 

9. Wigand A. Zur Entwicklungsgeschichte der Farnkräuter. Bot. Zeit. 
1849. S. 106; Zur Antheridienfrage ebenda S. 815. 

10. Schacht, H. Beitrag zur Entwicklung der Farnkräuter. Linnaea 
1848. S. 789. 

11. Janszewski. Vergleichende Untersuchungen über die Entwicklung 
der Archegonien. Bot. Zeit. 1872. S. 401. 

12. Schieiden, a. a. O. S. 104. 

13. Mettenius, G. Beiträge zur Kenntniß der Rhizocarpeen. Frank- 
furt a. M. 1846. 

14. Sachs, a. a. O. S. 116. 

15. Mitten, W. Some remarks on mosses. Ann. a. Mag. of. Nat. Hist. 
II. 1852. S. 51. 

16. Sadebeck, R. Die Entwicklung des Keims der Schachtelhalme. 
Pringsh. Jahrb. XI. 1878. S. 598. 

17. Leitgeb, H. Untersuchungen über die Lebermoose. Heft IV. 
Riccieae. S. 74 f. 

18. Mohl, H. V. Ueber den Bau des Stammes von Isoetes lacustris. 
Linnaea X. 1840. S. 122. 

19. Braun, A. Weitere Bemerkungen über Isoetes. Flora 1847. S. 32. 

20. Mettenius, G. Ueber Azolla. Linnaea 1847. S. 269. 

21. Müller, K. Geschichte der Keimung von Isoetes lacustris. Bot. 
Zeit. 1848. S. 297. 

22. Arnoldi, W. Die Entwicklung der weiblichen Vorkeime bei den 
heterosporen Lycopodiaceen. Bot. Zeit. 1896. S. 159. 

23. Strasburger, E. Zellbildung und Zellteilung. III. Aufl. 1880. S. 168. 

24. Pringsheim, N. Zur Morphologie der Salvinia natans. Pringsh. 
Jahrb. f. wiss. Bot. III. 1863. S. 498. 

25. a. a. O. Heft V. S. 22. 

26. Mettenius, G. Ueber Seitenknospen bei Farnen. Abhandl. der 
Kgl. Sachs. Gesellsch. d. Wissensch. VII. 1861. S. 611. 

27. Sanio, E. Einige weitere Bemerkungen über die Sporenentwicklung 
bei den Equiseten. Bot. Zeit. 1857. S. 667. 




IV. Entwicklungsgeschichte der niederen Krypto- 
gamen. 

Auf diesem Gebiete liegen nur zwei Veröffentlichungen vor, 
von denen sich die eine auf die Algen, die andere auf die Pilze 
bezieht. 

Zunächst beschrieb Hofmeister* 1857 die Kopulation und 
Ausbildung der Sporen von Cosmarinm tttrophlhalmum Kütz. und C. 
iiiiikilaiiim Corda in ähnlicher Weise, wie sie schon A. Braun' und 
Nägeli^ an anderen Cosiiiarium-\TXcn beobachtet hatten. Es gelang 
ihm aber auch festzustellen, daß „der Inhalt der Sporen durch 
wiederholte Zweitheilung in 8 bis 16 Tochlerzellen sich umbildet, 
welche die Form der JVlutterpflanze annehmen und endlich durch 
Auflösung der Wand der Sporen frei werden", welchen Vorgang 
man bis dahin zwar vermutet, aber nicht in seinem Verlauf ver- 
folgt hatte. 

Ferner wird noch die Kopulation einer Mesolamium-Ari. ge- 
schildert, eine Zusammenstellung der bis dahin bekannten ver- 
schiedenen Formen der Auxosporenbildung bei den Bacillarieen 
(Diatomeen) gegeben und die Kopulation von Cychlella operculata als 
den Beobachtungen von Thwaites' bei C. Küi^ingiana entsprechend 
erwähnt. Die genannten Kopulationsvorgänge erklärt Hofmeister 
für Befruchtungserscheinungen. 

Ein zweiter Abschnitt beschäftigt sich dann mit der Zeltteilung 
derDesmidiaceenundDiatomaceen. Bei beiden nimmt Hofmeister, 
wie alle Beobachter älterer Zeit, ein Aufreißen der allen Mem- 
branen an : bei den ersteren denkt er sich femer die Tochterzellen 
allseitig von einer den hervortretenden jungen Membranen gleich- 
wertigen zarten Zellhaut umschlossen, welche vor d«* T^lung inner- 

* Ucbcr die Fortpflanzung der Desmidieen und Diatomeen. Vertiandl. 
d. Königl. Sachs. Gesellsch. d. Wissensch. zu Leipzig. Matli.-phys. Klasse. 
1857. S. 18-38. Taf, 1. 




51] Wilhelm Hofmeister. 315 



halb der alten Membran dieser dicht anliegend entsteht.* Bei Pinnih 
laria hat Hofmeister die Teilung der Zelle durch eine von 
außen nach innen fortschreitende Ringfurche gesehen: er denkt 
sich auch richtig die neuen Membranen nur an den einander zu- 
gewandten Hälften der Tochterzellen entstehend, irrt aber, indem 
er die letzteren „durch allmähliches Verwittern des sie zusammen- 
haltenden Membrangürtels" der Mutterzelle frei werden läßt.^ 

Die ganze vorstehende Mitteilung Hofmeisters ist wenig 
beachtet worden, da er sie nicht auch in einer deutschen bota- 
nischen Zeitschrift hat erscheinen lassen, wie er dies sonst vielfach 
tat. Dagegen wurde sie schon 1858 ins Englische übersetzt.* 

Aus der im Jahre 1859 erschienenen Abhandlung über die 
Entstehung der Sporen der Trüffel sei hier nur hervorgehoben, 
daß Hofmeister in ihr die an die Sporenschläuche sich an- 
legenden schlankeren Gebilde zum erstenmal beschrieb und ihre 
Funktion als Antheridien für wahrscheinlich erklärte. Auf die 
Sporenbildung selbst soll im nächsten Abschnitt näher eingegangen 
werden (S. 320). 

1. Braun, AI. Verjüngung S. 315. 

2. Nägeli, C. Gattungen einzelliger Algen. Zürich 1849. S. 118. 
T. VII, F. 6-9. 

3. Thwaites, N. Further observations on the Diatomaceae. Ann. d. 
Mag. of Nat. Hist. 2. Ser. I. 1848. S. 169. T. XI. D. f. 1. 

4. Hauptfleisch P., Zellmembran und Hüllgallerte der Desmidiaceen. 
Dissert. Greifswald 1888. 

5. Pfitzer, E. Untersuchungen über Bau und Entwicklung der Bacil- 
lariaceen. Bonn 1871. 

* The propagation of the Desmidieae and Diatomeae. Annal. a. Mag. 
of Nat. Hist. 3 Ser. I. 1858. S. 5—19. 



316 Ernst Pfitzer [S2 



•<yy 



V. Zellenlehre. 

Als Hofmeister seine Studien begann, herrschte in der 
Lehre von der Zellbildung eine heillose Verwirrung.^ Nach Mirbel, 
dem sich anfangs auch H. v. Mo hl anschloß, entstanden die Zellen 
als Höhlungen in einer homogenen Gallerte, nach Seh leiden 
sollte sich um den Zellkern eine zunächst dicht anliegende Blase 
bilden, welche sich dann wachsend abhebt und zur Zelle wird, 
nach Nägeli waren bei der Zellteilung zwei um freie Kerne ent- 
stehende, einander und die Wand der Mutterzelle überall berührende 
Tochterzellen anzunehmen, nach v. Mohl endlich sollte in den 
letzteren Fällen nur eine Trennungswand auftreten — manche 
kurzlebige andere Hypothesen sind in dieser Aufzählung nicht 
einmal berücksichtigt. Erst in den Jahren 1844 — 1846 begründete 
Nägeli^ die Hauptsätze der gegenwärtig noch gültigen Theorie 
und unterschied freie und wandständige Zellbildung. Bei beiden 
Vorgängen nahm er Membranbildung an der ganzen Außenfläche 
der neu entstandenen Zellen an. 

Auf demselben Standpunkt steht Hofmeister in seinen 
ältesten Veröffentlichungen. Schon in seinem allerersten Aufsatz'' 
wendet er sich gegen die Vorstellungen Schleidens: „auf keiner 
Entwicklungsstufe des Embryo der Oenothereen finden sich 

Tochterzellen lose in den Mutterzellen liegend" „ich 

bin der Ansicht, daß keine andere Erklärung hier zulässig ist als 
die, daß der Kern der Mutterzelle in zwei zerfällt, daß um jeden 
der beiden Tochterkerne eine Hälfte des Zelleninhalts sich ver- 
sammelt, und daß beide an ihrer ganzen Oberfläche 2^llstoff 
aussondern". Bei der ersten Teilung der befruchteten Zelle 
denkt sich Hofmeister nur einen an deren freiem Ende ent- 
stehenden Kern, der sich dann mit einer Zelle umgibt, wahrend 
oberhalb der so gebildeten Scheidewand ein leerer Raum bleibt 

• a. a. O. S. 789. (Vgl. S. 280.) 




53] Wilhelm Hofmeister. 317 



■>^^Ar" 



Während hier die Zeilbildungsvorgänge nur nebenbei be- 
handelt werden, ist Hofmeisters zweite Veröffentlichung* ihnen 
speziell gewidmet. Sie behandelt die Pollenentwicklung bei Tra- 
descantia, Commelina, Campelia, Passiflora, Pinus und Abies. Es wird 
hier richtig angegeben, daß zunächst der Nucleolus und die „Mem- 
bran" des Kernes verschwinden. Hofmeister hat ferner schon 
damals jedenfalls die Chromatosomen gesehen, dieselben aber für 
Gerinnungsprodukte des Kerninhalts gehalten.* Weiter hat er 
richtig erkannt, daß bei der Bildung der Tochterkerne die Ent- 
stehung der Nucleolen der Abgrenzung der neuen Kerne folgt, 
nicht ihr vorausgeht, wie Schieiden lehrte. Auch spricht sich Hof- 
meister für die selbständige Bedeutung des „Primordialschlauchs" 
aus und beschreibt sehr anschaulich die Plasmolyse und die 
Wiederausdehnung des plasmatischen Zellinhalts, dessen Oberfläche 
„vollkommen glatt, durchaus nicht runzelig oder zusammen- 
geschrumpft" sei, sowie das Hervortreten des ersteren aus 
platzenden Pollenmutterzellen und die Abrundung abgeschnürter 
Teile zu kugeligen Blasen. Auch die Körnerplatte, in welcher die 
Scheidewand als zarte Linie entsteht, wird erwähnt — im übrigen 
aber doch angenommen, daß diese letztere aus zwei bei der Ent- 
stehung sich berührenden und verschmelzenden Membranlamellen 
der beiden Tochterzellen besteht. 

Ganz dieselben Vorstellungen beherrschen Hofmeisters 
Darstellungen in der 1849 erschienenen „Entstehung des Embryo" 
(vgl. S. 6, 11): besonders möchte ich auf seine Abbildungen 
(Taf. XIV, Fig. 20 -28) der Zellteilung in den Haaren von Tradescantia 
virginica hinweisen, wo die Chromatosomen ebenfalls erkennbar 
sind. Am Schluß wird noch die Häufigkeit des Auftretens einer 
Scheitelzelle mit abwechselnd geneigten Wänden hervorgehoben 



* Ueber die Entwicklung des Pollens. Bot. Zeit. 1848. S. 425—434, 
649-658, 670-674. Mit Tafel IV. 




318 Ernst Pfitzer [54 

und daran ein Versuch geknüpft, die von Nägel! ^ eingeführten 
Formeln für die Zellteilungen dadurch zu verbessern, daß auch 
die Gestalt der entstehenden Zellen aus der Formel erkennbar ist 
Zu diesem Zweck werden für die sechs Grundformen Kugel, 
Ellipsoid, Pyramide, Prisma, Kegel und Cylinder, für deren Ab- 
schnitte, Ausschnitte, Bruchteile u. s. w. Buchstabenbezeichnungen 
gegeben, doch gestalten sich die Formeln nicht sehr übersichtlich, 
so daß sie kaum Verwendung gefunden haben. 

Aus den „Vergleichenden Untersuchungen** seien hier er- 
wähnt die Angaben über den einen großen Chloroplasten und 
die Sporenbildung von Anthoceros. Es sollen, wie H. v. MohP 
schon 1839 beobachtete, vier neue Kerne entstehen, während der 
primäre Kern erst nach deren Bildung aufgelöst wird. Die ge- 
teilten Chloroplasten spielen hier bekanntlich die Rolle von Tochter- 
kernen so täuschend, daß noch 1876 Strasburger® Hof- 
meisters Darstellung als sicher richtig bestätigte, und erst 1880 
eine andere, mit der sonstigen Theorie der Kernteilung besser 
übereinstimmende Deutung gab.^ Femer wären hervorzuheben 
die interessante Entwicklungsgeschichte der Sporen von Pellia 
(S. 21) und Equisetiivi (S. 98), die Schilderung der äußeren Sporen- 
häute bei Pilularia (S. 104, 107) und Selaginella (S. 109) und die 
Darstellung der Zellteilung und die Erklärung des „Metallschimmers** 
von Schistoste^a (S. 77). 

1852 gab Hofmeister* die Entwicklungsgeschichte des 
Pollens von Zostera und der zum Vergleich herangezogenen Asch- 
piiidaccae. im Tatsächlichen sind diese Angaben für letztere 
Pflanzen von Strasburger® bestätigt worden, wenn auch die 
Deutung der Vorgänge sich verändert hat. Bei Zostera tritt nach 
Rosenberg® die von Hofmeister vermißte Tetradenteilung erst 
auffallend spät, an 0,5 mm langen Zellen ein. 

* Vgl. S. 284. 




55] Wilhelm Hofmeister. 319 



-nL/»^ 



Das Jahr 1858 brachte dann eine ausführliche Abhandlung* 
„Ueber die zu Gallerte aufquellenden Zellen der Außenfläche von 
Samen und Pericarpien". Nachdem Lindley^® 1828 diese Er- 
scheinungen bei Collomia entdeckt hatte, waren sie mehrfach 
untersucht worden und wurde die aufquellende Substanz teils dem 
Zellinhalt zugeschrieben, teils als äußere Anlagerung der Mem- 
bran betrachtet, teils auf Schichten der letzteren zurückgeführt. 
Hofmeister weist an den Samen von Sisymbrium Irio, Lepidium 
sativumy Linutn usitatissimum, Plantago Psyllitun, Cydonia vulgaris, 
Teesdalia nudicaulis, Camelina sativa, verschiedenen Acanthaceen und 
Collomien, sowie am Pericarp von Salvia Hormimm die Richtigkeit 
der letzteren, von H. v. Mo hl vertretenen Auffassung nach und 
beschreibt eingehend die mannigfaltigen Differenzierungen der 
Membran in mehr oder minder quellungsfähige Teile, welche 
letzteren bei dem Aufquellen als Kappen oder Spiralfäden er- 
scheinen. Schon hier wird die Bildung dieser Teile, sowie die 
Schichtung der Membranen im Gegensatz zu H. v. Mohl nicht durch 
successive Anlagerung, sondern vielmehr durch nachträgliche 
Differenzierung vorher homogener Massen erklärt (S. 31) und die 
Frage erörtert, ob die Schichtung nicht vielleicht auf Einrollung zu- 
sammenhängender Lamellen beruhe, was auf Grund der Untersuchung 
gequollener Bastfaserzellen von Cincbona und Palmen verneint wird 

• 

Hofmeister empfahl zur Erkennung von Gallerten das Einlegen 
der Schnitte in gefärbte Flüssigkeiten; es gelang ihm durch 
längere Maceration der Cuticula mit Kalilauge erstere durch Jod 
blau zu färben und so zu zeigen, daß sie nicht eine „von der Cellu- 
losehaut wesentlich verschiedene Membran" ist. Auch die Unter- 
suchung quellungsfähiger Membranen in wasserfreien oder wasser- 
armen Medien, wie absoluter Alkohol, ätherische Öle, Glycerin, 



* Bericht über die Verband!, d. Kgl. Säcbs. Gesellscb. d. Wissenscb. 
zu Leipzig. Matbem.-pbysik. Klasse. X. 1858. S. 18-37. Taf. I. 




S20 Ernst Pfitzer [56 



Chlorcaiciumlösung, ist hier benutzt Am Schluß werden noch 
die schragstreifigen Bastfaserzellen und die kappenartig inein- 
andergeschachtelten Membranen von Griffithia besprochen und 
bei den ersteren betont, daß die kreuzenden Streifensysteme in 
verschiedenen Ebenen liegen. 

1859 folgte der Aufsatz* „lieber die Entwicklung der Sporen 
des Tuber aestiviim Vittad**. Kerne suchte Hofmeister hier ver- 
geblich — die Sporen läßt er in dem wandständigen Plasmaschlauch 
einzeln, unabhängig voneinander entstehen (S. 386). Bekanntlich 
haben die späteren Untersuchungen von De Bary" und Schmitz^' 
wesentlich andere Ergebnisse gehabt. In der »Pflanzenzelle" 
(S. 122) ist Hofmeister 1867 nochmals auf diesen G^enstand 
zurückgekommen. 

Die in den „Zusätzen und Berichtigungen"** von 1863 zuerst 
aufgestellten Sätze Hofmeisters über die allgemeinen Beziehungen 
zwischen Wachstum und Zellbildung sollen im letzten Abschnitt 
unserer Darstellung gewürdigt werden. 

Ein Vortrag***, welchen Hofmeister 1864 auf der Giefiener 
Naturforscherversammlung hielt, versucht die Plasmabewegungen 
auf Änderungen der Imbibitionsfähigkeit für Wasser zurückzuführen. 
„Die Bezeichnung des Protoplasmas als contractile Substanz führt 
dem Verständniß des Vorgangs nicht näher." Aus dem Umsich- 
greifen der Bewegung nach rückwärts bei Myxomyceten-Plasmodien 
und Strömungen in Haaren schließt Hofmeister, daß keine „Zu- 
sammenziehungen peripherischer Theile" die treibende Ursache 
seien : andererseits seien auch keine von der Peripherie ausübende 
saugende Kräfte vorhanden, da lebhafte Strömung im Innern 
ohne Änderung des Umrisses stattfinden könne. Die Analogieen 

* Bericht d. Kgl. Sachs. Gesellsch. d. Wissensch. Math.-phy8. Klasse. 
1859. S. 214—225. Pringsh. Jahrb. f. wiss. Botanik III. 1860. S. 378-391. 
•• Vgl. S. 311. 

*** Ueber die Mechanik der Protoplasmabewegungen. TtgebL d. deutsch. 
Naturforschenersamml. zu Gießen 1864. S. 401-410; Ftora ISfiS. S.7— 12. 




57] Wilhelm Hofmeister. 321 

— — — V^N. 



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des gereizten Plasmas mit dem kontrahierten Muskel seien rein 
äußerliche — außerdem zeige das Plasma durch seine Abrundung 
zur Kugelform die Eigenschaften einer kolloidalen Flüssigkeit. Es 
wird dann weiter entwickelt, daß die kontraktilen Vacuolen da- 
durch plötzlich verschwinden, daß das Plasma ihr Wasser 
„einschluckt**, sowie daß die bestimmte Abgrenzung lebender 
Plasmamassen gegen Wasser nur verständlich ist, wenn Unterschiede 
in der Neigung zur Wasseraufnahme vorhanden sind. Die Zu- 
und Abnahme des Imbibitionsvermögens in bestimmter Richtung 
muß Wasserströmungen hervorrufen, die sich von den Wasser 
ausstoßenden zu den Wasser aufnehmenden Partikeln bewegen. 
In der „Pflanzenzelle** ist dieser Gedanke weiter ausgeführt worden. 
Wir wenden uns jetzt zu diesem umfangreichen Werke* Hof- 
meisters, welches im Herbst 1866 als erster, aber der Zeit nach 
dritter Band des von ihm geplanten und redigierten großen Hand- 
buches erschien (vgl. S. 276), mit Spannung erwartet und mit 
Recht bewundert. Die bedeutendste Fachzeitschrift, die „Botanische 
Zeitung**, zeigt das Buch nur an, ohne eine Übersicht des Inhalts 
zu geben, „da es selbstverständlich in den Händen jedes Botanikers 
sei, der für Anatomie und Physiologie der Pflanzen irgend Interesse 
hat, und zu hoch stehe, um einer Empfehlung zu bedürfen**. 
Gerade auf dem Gebiet der Zellenlehre sind seitdem so große 
Fortschritte gemacht worden, daß vieles jetzt ganz anders aufgefaßt 
wird: es soll deswegen auch nicht unsere Aufgabe sein, das 
ganze Buch, welches wesentlich eine Zusammenstellung des über 
die Pflanzenzelle damals Bekannten bieten sollte, seinem Inhalt 
nach ausführlicher wiederzugeben — wir wollen uns begnügen, 
auf einige Sätze hinzuweisen, in welchen entweder eine eigen- 
artige Auffassung oder neue Beobachtungen Hofmeisters hervor- 



* Handbuch der physiologischen Botanik. I. Band, 1. Abteilung. Die 
Lehre von der Pflanzenzelle. Leipzig 1867. S. 281 ff. 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 21 




4 



322 Ernst Putzer [58 



treten. Dahin möchte ich rechnen die Darstellung des Protoplasmas 
als einer kolloidalen, der Hauptmasse nach aus Wasser bestehenden, 
eiweißreichen Flüssigkeit, deren Hautschicht der allgemein vor- 
handenen dichteren Oberfläche solcher Flüssigkeiten entspricht. 
Wasser wird mit Leichtigkeit in die molekularen Zwischenräume 
des Protoplasmas eingelassen. Dem Durchgang in Wasser ge- 
löster Stoffe setzt es großen Widerstand entgegen — aus vielen 
wäßrigen Lösungen läßt es nur Wasser durch. Sein Widerstand 
(in dieser Hinsicht) ist größer als der der Zellhäute. Die 
Vacuole ist eine Aussonderung überschüssigen Wassers und auch 
von einer Hautschicht begrenzt (S. 4,6) — sie preßt das Plasma gegen 
die Zellwand. Ausgezeichnet gelungen ist der Abschnitt über 
Plasmaströmung und Wimperbewegung. Weit überholt ist natürlich 
das Kapitel über den Zellkern: hier sei noch auf die Figuren über 
die Kernteilung bei Psilotim mit deutlicher Körnerplatte zwischen 
den Tochterkernen aufmerksam gemacht (S. 82). Viel besser in 
Übereinstimmung mit unseren jetzigen Ansichten ist die Darstellung 
der Vollzellbildung (S. 86 ff.) und, abgesehen vom Verhalten des 
Kerns, die Zellteilung, weniger diejenige der freien Zellbildung, 
sehr gedankenreich der Abschnitt über das Verhältnis der Zell- 
bildung zum Wachstum der Pflanzen und der Pflanzenorgane 
(S. 125 f.), auf welchen wir in dem Abschnitt über „allgemeine 
Morphologie** zurückkommen werden. Die Zusammenfügung von 
Hohlräumen mit fest werdenden Wänden nennt Hofmeister 
„das Ideal eines Baues von möglichst großer Festigkeit bei 
möglichst geringer Masse". Er gibt auch einen interessanten 
historischen Überblick der Entwicklung der Zeilbildungslehre 
(S. 122). 

Die neue Zellhaut denkt sich Hofmeister als Flüssigkeit 
aus dem Plasma austretend, da nur dieser Aggregatzustand die 
notwendige leichte Verschiebbarkeit erlaube (S. 147). Diese Flüssig- 
keit ist ihm aber nicht identisch mit der Hautschicht (Pringsheim), 




59] Wilhelm Hofmeister. 323 



sondern erscheint auf deren Außenfläche. Im Gegensatz zu seiner 
früheren Auffassung gibt er jetzt (S. 152) zu, daß bei der Zellteilung 
oft nur bestimmte Stellen der Oberfläche der Tochterzellen Mem- 
bran bilden, nicht aber deren ganze Oberfläche — die Zellteilung 
von Oedogonhim wird im Gegensatz zu Pringsheim und De 
Bary als Beweis für diese Auffassung benutzt (S. 156). Die 
Wiederholung der Membranbildung an der nämlichen Plasmamasse 
denkt sich Hofmeister auf diejenigen Fälle beschränkt, wo die 
successive auftretenden Membranen verschiedene chemische Be- 
schaffenheit haben (Pollenkörner, Sporen); im Gegenfall nimmt 
er Verwendung des neu ausgeschiedenen — gleichartigen — 
Materials zum Flächen- oder Dickenwachstum durch Intussusception 
an. Für das Spitzenwachstum in geschlossenen Geweben werden 
auf eigenen Messungen beruhende Beweise gegeben, eigene Be- 
obachtungen über die Entstehungsweise verzweigter und behöfter 
Poren mitgeteilt, die Abhängigkeit der Schichtung vom Wasser- 
gehalt und ihre Bildung durch nachträgliche Differenzierung 
bei Hoya u. a. nachgewiesen, die Areolenbildung und Streifung 
der Membranen eingehend behandelt. Auch das Kapitel über 
Quellung, Schrumpfung und Permeabilität der Zellhäute enthält 
viele eigene Beobachtungen, weniger dasjenige über chemische 
Konstitution der ersteren, aus dem vielleicht der Nachweis der 
Aschenfreiheit der Membranen im Vegetationspunkt und die Zu- 
sammenstellung von natürlichen Membranfärbungen hervorzuheben 
wäre — ferner möchte ich auf Hofmeisters Beobachtungen 
über das verschiedene Verhalten der trocknen und der mit ver- 
schiedenen Flüssigkeiten durchtränkten Membranen im polarisierten 
Licht (S. 346) hinweisen, sowie auf den Nachweis der Isotropie 
ganz junger Membranen und die von Nägel is Theorie abweichende 
Auffassung der Ursachen der Anisotropie (S. 353). Verhältnis- 
mäßig kurz sind die geformten Inhaltskörper der Zellen behandelt: 
wenn auch Hofmeister noch die Entstehung von Chloroplasten 



21* 




S24 Ernst Pfilzer [M 

im Protoplasma annimmt, so hat er andererseits doch bereits die 
Leucoplasten im Vegetationspunkt von Algen und Sjhinia ge- 
sehen (S. 365). Die §§ 32—38 der „PHanzenzelle- sollen, da 
sie wesentlich experimentalphysiologischen Inhalt haben, im 
nächsten Abschnitt besprochen werden. 

Interessant ist der neuerdings geführte Nachweis, daß Hof- 
meister auch die feinen Plasmaverbindungen der Zellen bereits 
gekannt hat, wenn er auch nichts darüber veröffentlichte. Zim- 
mermann'^ fand im Nachlaß zwei zur Erläuterung der in der 
Vorlesung demonstrierten mikroskopischen Präparate bestimmte 
Zeichnungen, welche Dünnschliffe des Endosperms von Phyirlfphas 
und Raphia darstellen. Einmal geben diese Skizzen die Plasmo- 
desmen ganz in derselben Weise wieder, wie sie später von 
Tangl" abgebildet wurden, außerdem trägt das eine Blatt noch 
die Bemerkung: „Die Membran, welche die erweiterten Endräume 
je zweier Tüpfel trennt, ist angeschwollen und siebartig durch- 
löchert". Wir dürfen Hofmeister deshalb auch als den Entdecker 
der Plasmodesmen betrachten. 

Eine künftige Geschichte der Entwicklung der pflanzlichen 
Zellenlehre wird Hofmeiste'r mit H. v. Mohl und NägelJ 
als Begründer unserer Kenntnisse auf diesem Gebiet t 



1. Sachs. Geschichte der Botanik. München 1875. S. 3361. 

2. Nägeli, C. Zellenkernc, Zellenbildung und Zellenwachstum bei den 
Pflanzen. Zcitsch- f. wissensch. Bot- J. I. 34. 3. 22. 1844, 1846. 

3. Strasburger, E. Zellbildung und Zellteilung. 3. Aufl. 1880. S. I09f. 

4. a. a. O Heft 2. 1845. S. 141 f. 

5. Mohl, H. V. Leber die Entwicklung der Sporen von Anthoceros 
laevis. Unnaea 1839. S. 273. 

6. a. a. O. 2. Aufl. I87ö. S. 152. 

7. a. a. O. 3. Aufl. 1880. S. 158. 

8. S(rasburi>er. E. Einige Bemerkungen zu der Pollenbildung von 
Asi:lepias. Ber. d. deui.'ich. Bot. Oesellsch. XIX. 1901. S. 450. Vgl. Fr)-e, 
Uoi Gaz. 1901. S. 325. Gager. Ann. ol Bot. 1902. 123. 




61] Wilhelm Hofmeister. 325 



i^^^«. 



9. Rosenberg, O. Über die Pollenbildung von Zostera. Meddel. friin. 
Stockh. Högskol. Botan. Instit. 1901. S. 10. 

10. Botan. Register XIV. 1828. t. 1166. XVI. 1830 t. 1347. 

11. De Bary, A. Morph, und Physiol. d. Pilze u. s. w. 1866. S. 106. 

12. Schmitz, F. Über die Zellkerne der Thallophyten. Sitz.-Ber. d. 
Niederrhein. Gesellsch. zu Bonn 1879. S. 345. 

13. Zimmermann, A. Beiträge zur Morph, und Physiol. der Pflanzen- 
zelle. I. Tübingen 1893. S. 1. Taf. 1 F. 1. 2. 

14. Tangl, E. Über offene Kommunikationen zwischen den Zellen des 
Endosperms einiger Samen. Pringsh. Jahrb. f. wiss. Bot. Xll. 1880. Taf. VI. 
F. 14-17. 

VI. Experimentalphysiologie. 

Während das erste Jahrzehnt von Hofmeisters wissenschaft- 
licher Tätigkeit wesentlich von der Entwicklungsgeschichte der 
höheren Kryptogamen und von der Embryologie ausgefüllt wurde, 
hat er in den letzten 20 Jahren seines Wirkens sich mit besonderer 
Vorliebe mit experimentalphysiologischen Fragen beschäftigt. Schon 
sein erster Versuch* in dieser Richtung brachte hervorragende 
Ergebnisse. 

Bereits 1727 hatte Stephan Hales^ gezeigt, daß aus der 
freien Schnittfläche einer Weinrebe, deren oberer Teil entfernt 
worden ist, Wasser in erheblicher Menge und unter erheblichem 
Druck austritt, daß dabei Schwankungen in Bezug auf Ausfluß- 
menge und Druck bestehen und daß auch die äußeren Verhält- 
nisse diese Vorgänge beeinflussen. Das ganze folgende Jahrhun- 
dert brachte kaum einen wesentlichen Fortschritt — erst 1844 
suchte Brücke* nachzuweisen, daß die Holzgefäße, in welchen der 
Saft steigt, denselben nicht aktiv heben, sondern passiv von den 
umgebenden Zellen damit gefüllt werden. Haies wie Brücke 



* Über das Steigen des Saftes der Pflanzen. Verhandl. d. Königl. 
Sachs. Gesellsch. d. Wissensch. zu Leipzig. Mathem.-phys. Klasse. 1857. 
S. 149-161. Abgedruckt Flora 1858, S. 1—12. Übersetzt Annal. d. scienc. 
nat. 3 Ser. t. X. 1858. S. 5-19. 




326 Ernst Pfitzer [62 



^ 



betrachteten die ganze Erscheinung als ledigh'ch den Hoizpflanzen 
und auch diesen nur während des Frühlings zukommend; ferner 
hielt Brücke es für wahrscheinlich, daß der Saft gerade zur Zeit 
des Maximums wesentlich abwärts ergossen werde (S. 208). 

Dem gegenüber bewies Hofmeister, daß der Saft von der 
Wurzel her emporgetrieben wird und daß dieses „Bluten" sich 
weder auf die Holzpflanzen, noch auch bei allen Pflanzen auf eine 
bestimmte Jahreszeit beschränkt, sondern daß es vielmehr eine 
ganz allgemeine und vielfach dauernde Erscheinung ist, wofern 
nur die Wasserverdunstung sehr verringert wird. Es gelang ihm 
mit krautigen Pflanzen, deren oberer blatttragender Teil abge- 
schnitten worden war, sehr erhebliche Druckhöhen zu erreichen, 
bei Papaver somniferum 212 mm, bei Digitalis media 461 mm Queck- 
silber. Er betonte, daß es Substanzen gäbe, deren „endosmo- 
tisches Äquivalent" unbegrenzt sei , insofern sie zwar durch eine 
permeable Membran hindurch Wasser anziehen, aber nicht zu 
diesem hinübertreten. Auch die Vorstellung, daß der Filtrations- 
widerstand der Membranen, durch welche das Wasser osmotisch 
eintritt, größer sein müsse als der entsprechende Wert der Mem- 
branen, durch welche das Wasser in die Gefäße hinein abgegeben 
wird, hat Hofmeister entwickelt. Er konstruierte einen Apparat, 
bei welchem ein cylindrisches, mit einer osmotisch wirksamen Lö- 
sung gefülltes Glasrohr einerseits mit einer mehrfachen, anderer- 
seits mit einer einfachen Membran geschlossen war — wenn dann 
die erstere Fläche in Wasser tauchte, die letztere mit einem Steig- 
rohr verbunden wurde, so konnte die Absonderung von Wasser 
in letzteres hinein unmittelbar nachgewiesen und in diesem ein 
Druck von 92 mm Quecksilber erreicht werden. Bei Anwendung 
von Traganthgummi gelang es Hofmeister sogar mit sehr ver- 
dünnter Lösung eine kräftige Wirkung zu erzielen, was ihm be- 
sonders deshalb wichtig erschien, weil ja auch der Blutungssaft 
der Rebe nur sehr wenig gelöste Substanzen enthält. 




63] Wilhelm Hofmeister. 327 



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Pfeffer^ beurteilt die eben besprochene Arbeit folgender- 
maßen: „Es ist bekanntlich Hofmeisters Verdienst, zuerst eine 
wirkliche Erklärung der einseitigen Hervorpressung von Wasser 
aus Zellen versucht zu haben, und der leitende Gedankengang 
war in der Tat glücklich gewählt, wenn auch die von Hofmeister 
gegebene Erklärung nicht ausreichen konnte, so lange die Plasma- 
membran nicht in ihrer Bedeutung erkannt wurde" (was erst 1876 
durch Pfeffer geschah). Sachs* nennt Hofmeisters Leistung 
„eine Entdeckung von großem Belang** gegenüber den geringen 
Fortschritten, welche die Theorie der Saftbewegung bis tief in die 
fünfziger Jahre gemacht hatte. 

Fünf Jahre später hat Hofmeister* diese Untersuchungen 
„über Spannung, Ausflußmenge und Ausflußgeschwindigkeit von 
Säften lebender Pflanzen** fortgesetzt. Er widerlegte zunächst den 
Irrtum Matteuccis^ welcher das Bluten auf die Ausdehnung der 
in den Gefäßen vorhandenen Luft durch Temperatursteigerung 
zurückführen wollte. Er zeigte ferner, daß auch bei krautigen 
Pflanzen die Menge des abgeschiedenen Wassers sehr beträchtlich 
sein — bei Urtica tirens z. B. in 5 Tagen 11260 cmm — und das 
Volumen der Wurzel und des Stammstumpfes nicht selten um 
das Mehrfache übertreffen kann, dagegen im Vergleich zu der von 
der Pflanze unter gleichen Verhältnissen verdunsteten Wassermenge 
nur gering ist. Er hat ferner zuerst die tägliche Periodizität des 
Blutens erkannt.® Er verbesserte die Beobachtungsmethode von 
Haies insofern, als er durch sofortiges Aufgießen einer hohen 
Quecksilbersäule den sonst durch das frühe Nachlassen des Druckes 
eintretenden Fehler vermied. Er erkannte die Hindernisse, welche 
die Enge der Verbindungswege einer raschen Druckausgleichung 
entgegenstellt, so daß z. B. das Niederlegen einer mit Mano- 
meter versehenen Rebe nur ein langsames und mäßiges Sinken 



* Flora 1862, S. 97-108, 113-120, 138-144, 148-152, 172-175. 




328 Ernst Pfitzer [64 



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des Quecksilbers verursacht. Er hat klar ausgesprochen, daß die 
Räume des Holzkörpers vielfach verdünnte Luft enthalten, sowie 
daß die Zellhäute des letzteren, solange sie frisch sind, für Wasser 
sehr durchlässig sind. Zum Schluß bemüht sich Hofmeister 
seine 1857 gegebene Erklärung zu vervollkommnen, indem er 
noch die in der gleich zu besprechenden Abhandlung nachgewie- 
sene hohe Spannung saftiger Gewebe zur Erklärung des hohen 
Drucks des Blutungssaftes heranzog, welcher Gedanke sich aber 
nur zum Teil als zutreffend erwiesen hat. 

Die eben erwähnte, von Sachs' 1865 als „nach Inhalt und 
Form vollendet" bezeichnete Abhandlung* ist betitelt „Ueber die 
Beugungen saftreicher Pflanzentheile nach Erschütterung", und be- 
schreibt die Krümmungen, welche die halbentwickelten, noch in 
Längsdehnung begriffenen Internodien zeigen, wenn der vorher 
gerade aufgerichtete Trieb kräftig geschüttelt wird. An einer großen 
Reihe von Pflanzen wird dieser bis dahin unbekannte Vorgang mit 
Angabe der Anzahl der Erschütterungen und der erreichten Krüm- 
mung verfolgt; auch an einigen Blättern wurde sowohl Krümmung 
des Stiels, als der Lamina wahrgenommen. Die Ebene, in weicher 
die Beugung eintritt, ist bei nebeneinanderwachsenden Pflanzen 
gleicher Art ganz verschieden, ferner unabhängig vom morpho- 
logischen Aufbau und von der etwa vorher vorhandenen Krüm- 
mung der Sproßspitze: bei schrägstehenden Sprossen erfolgt die 
Beugung meistens in der durch die Längsachse derselben senkrecht 
zum Boden gelegten Ebene und zwar aufwärts. Das Anschlagen 
eines neben dem Sproß aufgehängten Pendels bewirkt nach 
diesem konvexe Krümmung. Ähnliche Beugungen lassen sich 
durch Längsstreckung mit der Hand oder mit einem Gewicht er- 
reichen, sowie durch zahlreiche kräftige elektrische Entladungen. 

* Bericht üb. d. Verhandi. d. König). Sachs. Gesellsch. d. Wissensch. 
zu Leipzig. Matheni - physik. Klasse XI. 1859. S. 175—204; abgedruckt 
Pringsh. Jahrb. f. wissensch. Botanik. II. 1860. S. 237-266. 



65] Wilhelm Hofmeister. 329 



«: 



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Die Krümmung folgt niemals passiv dem Zug der Schwere, wie 
dies bei welkenden Sprossen der Fall ist; an mit der Spitze ab- 
wärts befestigten Stengeln hebt sogar die sich durch Erschütterung 
krümmende Spitze noch ein mäßiges Gewicht. Während beim 
Welken das Volumen des Sprosses abnimmt, wächst dasselbe bei 
der durch Erschütterung erreichten Beugung: alle Kanten werden 
länger — wenn nach einiger Zeit die Krümmung sich wieder aus- 
gleicht, tritt eine weitere Verlängerung sämtlicher Kanten ein. Zur 
Erklärung dieser Erscheinungen zeigt Hofmeister zunächst, daß 
ein noch safterfülltes Mark Vorbedingung ist, und weist ferner 
nach, daß in dem nicht erschütterten Sproß das saftige Mark, frei 
gelegt, länger ist als das umgebende Holz, daß also „das Mark 
ein Streben zu beträchtlicher Ausdehnung besitzt, welches durch 
den Widerstand, den Rinde und Holz dieser Ausdehnung ent- 
gegensetzen, in Schranken gehalten wird". Er erkannte ferner 
richtig, daß die Erschütterungen eine Verlängerung der passiv ge- 
dehnten Gewebe verursachen, denen eine Ausdehnung der aktiv 
gespannten und bei ungleichmäßiger Veränderung verschiedener 
Kanten eine Krümmung folgen muß, unter gleichzeitiger Herab- 
setzung der Gesamtspannung. 

Bis dahin können wir noch heute Hofmeister völlig bei- 
stimmen und müssen seine Ergebnisse zu den Grundlagen unserer 
ganzen Lehre von der Gewebespannung zählen — irrtümlich war 
sein Versuch, das Ausdehnungsstreben solcher Zellgewebsmassen, 
welche Bewegungen von Pflanzenteilen vermitteln, statt auf die 
osmotische Spannung in den ganzen Zellen auf bloße Membran- 
spannungen zurückzuführen. Er glaubte diesen Schluß aus dem 
Verhalten von Längsschnitten ziehen zu dürfen, welche dünner als 
eine Zelllage waren und daher Spannungen zwischen Zellinhalt 
und Zellwand nicht zeigen konnten. Dieser Irrtum hat auf die 
späteren experimentalphysiologischen Untersuchungen von Hof- 
meister vielfach einen ungünstigen Einfluß gehabt. 



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67] Wilhelm Hofmeister. 531 



essanten Versuchen, daß die geotropische Aufwärtskriimmung 
nur an Pflanzenteilen mit erheblicher Gewebespannung eintrete, 
die geotropische Abwärtskrümmung an nahezu spannungslosen 
Organen. Hofmeister betonte mit Recht, daß die Aufwärts- 
krümmung mit aktiver Kraft erfolge, daß sie ein bedeutendes Ge- 
wicht zu heben vermöge — aber er verlegte irrtümlich die Wirkung 
der Schwerkraft nicht in das Protoplasma, sondern in die Mem- 
branen — , die Schwerkraft sollte die Dehnbarkeit der letzteren auf 
der unteren, konvex werdenden Seite des Sprosses steigern. Noch 
mehr aber versah sich Ho f meister bei seiner Deutung der Abwärts- 
krümmung der Wurzelspitzen u. s. w. Er folgerte aus der geringen 
Spannung, welche in der wesentlich krümmungsfähigen, eine kurze 
Strecke hinter der Wurzelspitze gelegenen Zone der Wurzel vor- 
handen ist, daß diese Zone bei einer horizontal gestellten Wurzel 
durch das Gewicht der an ihr frei hängenden Wurzelspitze passiv 
abwärts gezogen werde, wie die Spitze einer wagerecht gehaltenen 
Siegellackstange, an der man kurz hinter der Spitze eine Quer- 
zone durch Erwärmen erweicht. Versuche, bei welchen auf Queck- 
silber kultivierte horizontale Wurzeln nicht in dieses eindrangen, 
bestärkten Hofmeister in seinem Gedankengang, den schon 
Knight in weniger klarer Form vertreten hatte. 

Unglücklicherweise war diese Theorie der geotropischen Ab- 
wärtskrümmung ein totgeborenes Kind — als sie das Licht der 
Welt erblickte, war sie längst wideriegt. Schon 1828 hatte 
Johnson^ gezeigt, daß eine horizontal aufgestellte Wurzel, an 
deren Spitze man mit einem dünnen, über eine Rolle laufenden 
Faden ein freihängendes Gewicht befestigt hat, welches das Ge- 
wicht der frei überhängenden Wurzelspitze um das Mehrfache 
übertrifft, trotzdem unter Hebung des am Faden ziehenden Ge- 
wichts eine Abwärtskrümmung ausgeführt — nach Hofmeisters 
Theorie müßte hier ein kleineres Gewicht durch seine Schwere ein 
größeres gehoben haben. 




iiii 



Er^ Pf tKT [68 



Von -.escr* FLrdamentaiimurr aigöeöer. emhäh Hof- 
Tie s:e-i .\rra.-cli:"g eine ganze Reihe rGcressanier Beobach- 
ninger, sc 'Ib^ cas Verhalten \on knlntx::rgg5rJgen. an beiden 
Enden arverrlckbar befesngten Paanzerneü«:- iSer ije Aofrich- 
nrrg äiterer Kerrrriiurzdn. über die Rschmr^ öer Zviqge bd Hänge- 
bäumen, ilzer sii'e % agerechte Wachsmni^srxtnizg der Rtuzonie. 
iber ie Kri:T::rur:gen der SproSenden %\>- Ansc^.c— ssd firJc-rj 
— ilberall *;rj aber versucht, iit Bedecmr^ öer Sparrncng her- 
vorzuhecen- Auch verschiedene Rocarorsv\cr^oc:)e hat Hof- 
meister angeaeilw 

Da Johnsons Versuch gänzlich in VergesaKtbfisc igerzten «ar. 
haae Hofmeiiters Theorie des Geocropcsnas zacäczsi grofien 
Erfolg. Der herv orragendsie PfIanzenph>TSsoIog der CKcau$en Zn. 
J. Sachs-', schloß sich IS65 in seinem «Haocbcch*^ ±r jüen ve- 
sentiichen Punkren derselben an. ebenso lSo> in seöxxr LefirtedL-- 
Hofm eiste r seibsi fand IS66 durch das ErscbesDes seines Bodies 
über die Pfanzenzeiie ^ Gelegenheit, seine A ttaas i smii g nxsmaß 
ausführlich darzulegen — zu bemerken est. dift er xsbi b«i jier 
geotropischen Aur^ärtskrümmung das Haupcgevxsc aof ans reäacir 
stärkere Verlängerung der unteren, konvex veräenösa Käme ja^jc. 
welche sowohl durch Zunahme der Dehnbartex os- psssv je- 
dehnten, als auch durch Steigerung des .\ ns i irtnTfflBjpamateK jer 
aktiv spannenden Gewebe zustande kommen kccase. Ba&^ seil 
durch Einlagerung von Wasser zwischen die iesu TeknisT oer 
Membran bewirkt »werden. 

186>^ erfolgte der erste schwere .Angriff gjsgat KeraKiSOsrs 
Theorie. In einer historischen Übersicht der EmvidkiBng. Ar Läm 
vom Geotropismus n:achte A. B. Frank-* aot Jokxscas Vtf- 
such aufmerksam. Bei aiier .Anerkennung der voo Hof-n«iSC«r 20 
scharfsinnig erkannten Spannungsverhältnisse vies Fri.7i& iocr- 

• Vcrj»l S. 321 




69] Wilhelm Hofmeister. 333 



zeugend nach, daß die Abwärtskrümmung der Wurzeln nicht passiv, 
sondern mit aktiver Kraft erfolge und auf einer Steigerung des 
Längenwachstums der konvex werdenden Kante beruhe, während 
er die Aufwärtskrümmung auf eine von der Unterseite nach der 
Oberseite des horizontal gedachten Sprosses abnehmende Intensität 
des Längenwachstums zurückführt, der Gewebespannung dabei 
aber keine wesentliche Bedeutung beimißt. 

Man muß berücksichtigen, daß Hofmeister bis dahin von 
allen Seiten bewundert von Erfolg zu Erfolg geeilt war, um die 
hochgradige Erregung zu verstehen, welche aus seiner Erwiderung* 
gegen Franks, abgesehen von einigen Anmerkungen, sehr sachlich 
gehaltene Abhandlung spricht. Vor allem hielt Hofmeister daran 
fest, daß horizontal auf Quecksilber befestigte Wurzeln nur aus- 
nahmsweise und aus besonderen Gründen in dasselbe eindringen, 
und daß er bei Anstellung des Johnsonschen Versuchs mit einem 
besseren Apparat entgegengesetzte Resultate erhalten habe. In der 
„Allgemeinen Morphologie" (1868) verweist Hofmeister wesent- 
lich auf seine früheren Darlegungen, nachdem Frank seinen 
Standpunkt von neuem verteidigt hatte. ^^ Ausführlicher ist er 
dann auf diese Fragen nochmals im November 1868 eingegangen.** 
Es wird eine ganze Reihe neuer Versuche mitgeteilt, um die „Pla- 
stizität** der krümmungsfähigen Zone der Wurzeln zu beweisen; 
andererseits mußte Hofmeister jetzt zugeben, daß bei längerer 
Fortsetzung des Johnsonschen Versuchs die Wurzelspitze sich 
abwärts senke, wofür er allerdings eine andere Deutung gab. 
„Ohne Neigung und Muße zu fernerer Erörterung des Gegen- 
standes nehme ich hiermit von demselben Abschied**, sind die 
Schlußworte dieser Veröffentlichung. 

• Ueber die Abwärtskrümmung der Spitze wachsender Wurzeln. Bot. 
Zeit. 1868. S. 257-267, 273—281. 

•• Ueber passive und aktive Abwärtskrümmung von Wurzeln. Ebenda 
1869. S. 33-38, 49—59, 73-79, 89-96. 



334 Ernst Pfitzer [70 



Hofmeister verteidigte einen verlorenen Posten. Noch 1869 
hatte er den Schmerz, daß sein Schüler N.J. C. Müller**, der mit 
ihm an der gleichen Universität lehrte, sich gegen seine Theorie 
aussprach; 1873 tat Sachs^*, teils durch Franks Arbeiten, teils 
durch eigene Untersuchungen überzeugt, in der 3. Auflage seines 
Lehrbuchs das gleiche und betonte namentlich, daß sich die An- 
nahme, als seien alle positiv geotropischen Gewebe spannungslos, 
alle negativ geotropischen stark gespannt, nicht durchführen lasse. 
Von da an hatte Hofmeisters Theorie nur noch geschichtliches In- 
teresse — sie war der einzige schwere Mißerfolg in seinem Wirken. 

Unter dem ungünstigen Einfluß des S. 329 erwähnten Ge- 
dankens, daß wesentlich die Zellhäute der Pflanzen reizbar seien, 
steht eine weitere 1862 erschienene Abhandlung* Hofmeisters. 
1848 hatte Brücke*^' in sehr geistreicher Weise dargetan, daß die 
auf Erschütterung erfolgenden Bewegungen der Blätter der „Sinn- 
pflanze**, Mimosa ptidica, dadurch verursacht werden, daß der Stoß 
die Gewebespannung in dem die Bewegung ausführenden Polster 
plötzlich herabsetzt. Brücke hatte ferner den wesentlichen Unter- 
schied zwischen diesen Reizbewegungen und den durch Verdun- 
kelung eintretenden Schlafbewegungen derselben Pflanze erkannt. 
Hofmeister hebt nun 1862 zunächst die allgemeine Bedeutung der 
im Vorjahre von Graham " zuerst klargelegten Unterschiede 
zwischen krystalloidalen und kolloidalen Substanzen für die Pflan- 
zenphysiologie hervor, bekämpft dann auf Grund der unrichtigen 
Voraussetzung, daß das Bewegungspolster keine Interzellularräume 
besäße^^ Brückes Erklärung und nimmt an, daß die Erschlaf- 
fung des Polsters dadurch zu stände komme, daß die gereizten 
Zellhäute Wasser abgeben. Er stellt diese Erscheinung parallel 
der von Graham betonten allgemeinen Eigenschaft der Kolloid- 
substanzen, in pektösem Zustand beim Gerinnen Wasser auszu- 

* Lieber die Mechanik der Reizbewegungen von Pflanzentheilen. Flora 
1862. S. 497-503, 513 517. 



71] Wilhelm Hofmeister. 335 






stoßen, das sie beim Wiederflüssigwerden wieder aufnehmen. In 
seiner Auffassung, daß die Membranen reizempfindlich seien, wird 
Hofmeister namentUch noch bestärkt durch die Vorstellung, daß 
so rasch und so energisch Wasser aus dem Zellinnern durch die 
Membranen hindurch nicht ausgestoßen werden könne. Auch 
die anästhesierende, die Reizbarkeit zeitweise aufhebende Wirkung 
des Äthers und Chloroforms auf die Mimose glaubt er damit er- 
klären zu können, daß diese Substanzen ^den Zusammenhalt 
zwischen den Molekülen der Zellhäute und den Molekülen des 
an diese Häute gebundenen Wassers in dem Grade festigen, daß 
eine mechanische Erschütterung ihn nicht mehr zu lösen vermag** 
(S. 514). Die Erörterung des Abspringens der Sporangien von 
Pilobühis bei Lichtzutritt vermittelt dann den Übergang zu den 
heliotropischen Krümmungen und Hofmeister stellt den Satz auf, 
daß auch hier, wie bei den negativ geotropischen Krümmungen 
die Dehnbarkeit passiv gedehnter Zellmembranen der einen Hälfte 
des Organs abnimmt, im einen Fall soll dies an den passiv ge- 
dehnten, im anderen an den im Ausdehnungsstreben befindlichen 
Zellhäuten geschehen. 

Wenn wir Hofmeisters Theorie der Reizbewegungen nicht 
als einen Fortschritt gegenüber Brücke bezeichnen und auch seinen 
sonstigen Ausführungen nur zum kleinen Teil beistimmen können*^, 
so birgt die in Rede stehende Abhandlung doch einen interessanten 
Fund. Während bis dahin nur sehr unbestimmte Angaben in dieser 
Hinsicht vorlagen^®, zeigte Hofmeister, daß die Blumen der Garten- 
tulpe sich auf Temperatursteigerung öffnen und bei Temperatur- 
abfall schließen, und erkannte richtig, daß diese Bewegungen durch 
Differenzen des Ausdehnungsstrebens antagonistischer Gewebe ver- 
ursacht werden. 

In seinem im Herbst 1865 abgeschlossenen, Ende 1866 er- 
schienenen Buch über die Pflanzenzelle* finden wir das ge- 

• Vglfs. 321. 



336 Ernst Pfitzer [72 






samte Gebiet der Gewebespannung ausführlich behandelt (S. 267 
bis 337). Hofmeister nimmt jetzt einen besonderen, von der 
osmotischen Spannung des Zellinhalts unabhängigen Turgor der 
Membranen an, er unterscheidet schärfer Längs- und Querspannung 
und bespricht die Methoden, um die Kräfte zu bestimmen, mit 
welchen die passiven Gewebe von den aktiven gedehnt werden 
und welche die quellenden Membranen überwinden. Er ist jetzt 
geneigt, auch den Blutungsdruck auf Membranspannung zurück- 
zuführen, da die Höhe der Spannung bei der geringen Konzen- 
tration der osmotisch wirksamen Substanzen nur durch das Hin- 
zutreten eines quellungsfähigen Körpers zu erklären sei, was er 
durch Hinzufügen von trockenen Stücken Traganthgummi zu der 
in einem osmotischen Apparat befindlichen Lösung nachzuahmen 
suchte, wobei ein Druck von 220 mm Quecksilber erreicht wurde 
(vgl. S. 326). im allgemeinen wird noch ausgeführt, daß die Ge- 
webespannung bis zur Beendigung des Wachstums andauernd steigt 
und daß das Wachstum beendet ist, wenn die Widerstandsfähigkeit 
der passiv gedehnten Gewebe dem Ausdehnungsstreben der Schwell- 
gewebe das Gleichgewicht hält. 

Hofmeister bespricht dann die Abhängigkeit der Gewebe- 
spannung von äußeren Einflüssen. Er deutet den bekannten Ver- 
such von Unger-S wonach welkende Pflanzenteile in wasser- 
dampfgesättigter Luft wieder straff werden, dahin (S. 279), daß 
hier die Membranen dem Zellinhalt Wasser entziehen, womit unter 
Herabsetzung des osmotischen Drucks größere Straffheit der erste- 
ren erreicht werde. Weiter behandelt er den Einfluß der Tempe- 
ratur auf die Gewebespannung: das Herabsinken immergrüner 
Blätter u. s. w. bei starkem Frost wird darauf zurückgeführt, daß 
Spannung lebender Zellmembranen nur nach Überschreitung eines 
spezifisch verschiedenen Temperaturminimums eintritt. Auch die 
Veränderungen, welche durch Quetschen, Temperaturerhöhung 
oder Erniedrigung jenseits der erträglichen Grenzwerte eintreten. 




73] Wilhelm Hofmeister. 337 



denkt sich Hofmeister wesentlich durch Veränderungen in den 
Membranen bedingt (S. 283), die Reizerscheinungen werden in der 
S. 334 besprochenen Weise gedeutet (S. 299—319). Die Fort- 
leitung des Reizes wird auch den Membranen zugeschrieben (S. 315). 
Die Nutationserscheinungen sind zusammen mit den Schlafbewe- 
gungen und den Bewegungen der Blätter von Desmodium gyrans 
u. s. w. als „spontane periodische Änderungen in der Spannung 
von Zellmembranen" behandelt, also Wachstums- und Span- 
nungsdifferenzen nicht scharf unterschieden. Von demselben Ge- 
sichtspunkt bespricht Hofmeister auch die Schwankungen der 
Ausflußmenge und des Drucks bei blutenden (vgl. S. 326) und 
die Ausscheidung von Wasser aus unverletzten Pflanzen (Aro- 
ideen u. s. w.). 

Entsprechend seiner Theorie des Geotropismus (vgl. S. 330) 
wird nun auch der Heliotropismus, die Krümmung der Pflanzenteile 
von der Lichtquelle fort ( — ) oder zur Lichtquelle hin (+), aus- 
führlicher dargestellt. Die Bezeichnungen positiv und negativ 
hatte Hofmeister hier schon 1863 eingeführt. Positiven Heliotro- 
pismus findet er nur bei Organen von erheblicher Spannung, aber 
nicht als allgemeine Eigenschaft derselben. Bei der Krümmung läßt 
er richtig alle Kanten sich verlängern, betont auch, daß die helio- 
tropische Biegung einzelliger Organe nur durch ungleiche Ver- 
längerung gegenüberliegender Kanten möglich sei, nimmt aber 
immer nur eine ungleiche Wasserimbibition der letzteren, kein 
ungleiches Wachstum an, so daß er auch völlig ausgewachsenen 
Organen die Fähigkeit heliotropischer Krümmung zuschreibt (S. 289). 
Als Ursache betrachtet er die Verminderung der Dehnbarkeit der 
passiven und des Expansionsstrebens der schwellenden, aktiven 
Gewebe auf der beleuchteten Seite. Für den negativen Heliotro- 
pismus ist er der Hypothese v. Wolkoffs, wonach auf der dem 
Licht abgewandten Seite eine Brennlinie entstehen soll, nicht ab- 
geneigt, hebt aber hervor, daß diese Hypothese das wechselnde 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 22 



338 Ernst Pfitzer [74 



Verhalten der Blutenstiele von Linaria Cwtbalaria nicht erklä- 
ren könne. 

Wenn Hofmeisters Auffassung in diesen Dingen vielfach 
sich weit von dem entfernt, was wir heute für richtig halten, so 
genügte sie doch meistens den damals bekannten Tatsachen und 
fand vielfache Anerkennung. So scharfsinnige Denker wie Nägeli 
und Seh wendener" hielten 1867 eine Reizbarkeit der Mem- 
branen nicht für ausgeschlossen und das Verdienst der „gedanken- 
reichen Arbeiten" Hofmeisters, „den unklaren Begriff der Kon- 
traktilitäf" aus dem Gebiet der Pflanzenphysiologie verscheucht zu 
haben, wurde von Sachs" hervorgehoben. 

Ferner hat Hofmeister in der Pflanzenzelle zum erstenmal 
heliotropische und photonastische Erscheinungen scharf unter- 
schieden", wenn auch letzterer Namen erst später gegeben wurde. 
Während bei den ersteren die Krümmung von der Richtung des 
Lichtstrahls abhängig ist, handelt es sich bei den letzteren um 
Bewegungen, welche durch steigende oder fallende Intensität des 
gleichmäßig verteilten Lichtes hervorgerufen werden. Hofmeister 
hat diese Vorgänge bei Farnprothallien, Marchantia und anderen 
Lebermosen sehr anschaulich beschrieben. 

Aus späterer Zeit liegen dann noch zwei kleine experimen- 
talphysiologische Veröffentlichungen vor. Die erste* 1869 er- 
schienene ist eine Erwiderung auf einen Angriff Jessens" gegen 
Hofmeisters osmotische Versuche (vgl. S. 336) und beschäftigt 
sich mit der feineren anatomischen Struktur und der Wasserauf- 
nahme des Traganthgummis, welche als Imbibitionsquellung von 
der Auflösung unterschieden wird. Es wird gezeigt, daß die Tra- 
ganthteilchen der durch Wasseraufnahme entstehenden «Schein- 
lösung" zwar durch die mikroskopisch sichtbaren Löcher von 

* Leber den Gehait des Traganthgummis an in Wasser löslichen Stoffen. 
Müllers Archiv für Anatomie und Physiologie 1869. S. 273—283. 




75] Wilhelm Hofmeister. 539 



Filtrierpapier u. s. w., aber nicht durch wirklich geschlossene Mem- 
branen hindurchgehen. 

Die zweite Veröffentlichung* ist gleichzeitig Hofmeisters 
letzte wissenschaftliche Arbeit und betrifft die schon von Link*' 
und Meyen*^ unvollständig beschriebenen Bewegungen der Spiro- 
gyra-Fäden, welche einmal im Wasser rasche und ansehnliche 
Krümmungen machen, ferner an der Wand des Gefäßes empor- 
steigen und auch frei aus dem Wasser sich erheben können. Hof- 
meister führt diese Bewegungen richtig auf Wachstumsunterschiede 
der konkav und konvex werdenden Kanten des Fadens zurück und 
beweist diese Ansicht durch genaue Messungen. 

Die von Hofmeister vielfach angenommene Abhängigkeit 
der Gestaltung der Pflanzen von äußeren Kräften soll im nächsten 
Abschnitt besprochen werden. 

1. Haies, St. Vegetable Statiks. London 1727. S. lOOff. 

2. Brücke, E. Ueber das Bluten des Rebstocks. Poggendorffs Annal. 
CLIX. 1844. S. 177. 

3. Pfeffer, W. Osmotische Untersuchungen. Leipzig 1877. S. 227. 

4. Sachs, J. Geschichte der Botanik. München 1875. S. 576. 

5. Matteucci. Revue des deux mondes XXXIV. 1861. S. 654. 

6. Pfeffer, W. Pflanzenphysiologie. 2. Aufl. I. 1897. S. 248 

7. Sachs, J. Handbuch der Experimentalphysiologie der Pflanzen. 
Leipzig 1865. S. 475. 

8. Knight, Th. On the direction of the Radicle and Germen during the 
Vegetation of seeds. Philosoph. Transact. 1806. S. 99. 

9. Johnson, H. Edinburgh new philos. Journal 1828. S 312—317. 
Vgl. Frank, Beiträge zur Pflanzenphysiologie 1868. S. 5. 

10. Sachs, J. Pflanzenphysiologie S. 92 ff. 

11. Sachs, J. Lehrbuch der Botanik. Leipzig 1868. S. 576. 

12. Frank, A. B. Beiträge zur Pflanzenphysiologie. Leipzig 1868. S. 5. 

13. Frank, A. B. Ueber Hofmeisters Einwendungen gegen meine Lehre 
vom Geotropismus. Bot. Zeit. 1868. S. 561 f. 

14. Müller, N. J. C. Vorläufige Notiz zu Untersuchungen über die 
Wachsthumserscheinungen der Wurzeln. Bot. Zeit. 1869. S. 401. 

* Über die Bewegungen der Fäden von Spiro^yra priuceps (Vauch.) Link. 
Württemberg, naturwiss. Jahreshefte XXX. 1874. S. 211-226. 

22* 



jß 



340 Ernst Pfitzer [76 






15. Sachs, J. Lehrbuch der Botanik. 3. Auflage. Leipzig 1873. S. 755. 

16. Brücke» E. Ueber die Bewegungen der Mimosa pudica. Mullers 
Archiv f. Anatom, und Physioi. 1848. S. 434. 

17. Graham, Th. Liquid diffusion applied to analysis. Philosoph. 
Transact. 1861. S. 183 ff. 

18. Pfeffer, W. Pflanzenphysiologische Untersuchungen. Leipzig 1873. 
S. 11. Sachs, Pflanzenphysiologie 1865. S. 481. 

19. Ebenda S. 133 ff. 

20. Ebenda S. 162. 

21. Unger, F. Nehmen die Pflanzen dunstförmiges Wasser aus der 
Atmosphäre auf? Sitz.-Bericht d Wien. Akadem. IX. 1852. S. 885. 

22. Pfeffer, W. Pflanzenphysiologie 11. 1881. S. 202. 

23. Nägeli, C , und Schwendener, S. Das Mikroskop. II. 1867. S. 406. 

24. Sachs, J. Pflanzenphysiologie 1865. S. 495, 466. 

25. Pfeffer, W. Pflanzenphysiologie 1881. S. 300. 

26. Jessen. C. Die Vacuole eine physikalische Unmöglichkeit. Möllers 
Archiv f. Anatomie und Physiologie 1868. S. 334. 

27. Link, H. Grundlehren der Anatomie und Physiologie. 1807. S. 263. 

28. Meyen, F. Neues System der Pflanzenphysiologie 1839. S. 567. 



VH. Allgemeine Morpholognie. 

Die erste Arbeit Hofmeisters, welche allgemein morpho- 
logische Fragen streift, ist seine „Entstehung des Embryos der 
Phanerogamen" (1849)*. Das Stehenbleiben des Embryos auf ver- 
schiedenen, oft sehr frühen Entwicklungsstadien {Monotropa^ Orcbis, 
Ga^ea u. s. w.) und die oft „ideale", d. h. kaum erkennbare 
Stammknospenanlage werden erwähnt. Bei den Monokotylen hält 
Hofmeister die Stammknospe für terminal, den Kotyledon für 
seitenständig, bei den Gräsern (S. 31) Keimscheide und Scutellum 
für Teile des letzteren (vgl. unten S. 342). 

Wichtiger für unseren Zweck sind die „Vergleichenden Unter- 
suchungen"**, die allgemeinere Fragen berühren. So sagt Hof- 
meister hier: „Die Unterschiede der Entwicklung von Blatt und 

• Vgl. S. 281. 
•• Vgl. S. 295. 




77] Wilhelm Hofmeister. 341 



Stamm sind nur quantitativ, nicht qualitativ. Nur Stamm und Blatt, 
mit allen ihren Modifikationen als zusammengehörendes Ganze der 
Wurzel gegenübergestellt, zeigen eine durchgreifende Verschiedenheit 

der Regeln ihrer Zellenvermehrung von dieser jede Hoffnung, 

aus der Art der Zellenvermehrung ein allgemein gültiges Unter- 
scheidungsmerkmal zwischen Achse und appendikulären Organen 
abzuleiten, muß aufgegeben werden. . . Es ist ein völlig unausführ- 
bares Verfahren, Blatt und 'Stengel danach unterscheiden zu wollen, 
daß dem letzteren unbegrenztes Wachstum zukomme, dem ersteren 
begrenztes (S. 88) . . . Daß das Blatt durch Zellenteilung in 
einer endständigen Scheitelzelle in die Länge wachse, ist für 
die unendliche Mehrzahl der Fälle entschieden unrichtig (S. 141). 
. . . Die Ausdehnung des Satzes, daß der Stamm durch dauernde 
Vermehrung seiner Scheitelzelle wachse, auf die Phanerogamen 
im allgemeinen halte ich für durchaus ungerechtfertigt . . . 
in manchen Fällen glaube ich, daß die wiederholte gleichzeitige 
Teilung mehrerer Scheitelzellen das Längenwachstum des Sten- 
gels vermittle (S. 142) ... . Ein neuer Stamm entsteht an der 
Oberfläche der Mutterachse, und zwar vor der Vollendung der 
Qewebezellbildung in die Dicke, nur ein Adventivsproß im Innern 
des Zellgewebs der Mutterachse (S. 141).** 

Um die Bedeutung dieser Sätze im Jahre 1851 zu würdigen, 
müssen wir berücksichtigen, daß Nägeli* (1846) allen Pflanzen- 
organen ohne Ausnahme Scheitelzellen zuschrieb und die ersteren 
demgemäß auch durchweg aus einer einzigen Zelle entstehen ließ, 
sowie den Satz aufgestellt hatte, daß die Stammverzweigung aus 
einer Zelle im Innern der Mutterachse, das Blatt dagegen aus 
einer Zelle an der Oberfläche der letzteren entstehe, und zwar 
lange bevor das Wachstum des Stamms in die Dicke durch peri- 
pherische Gewebezellbildung vollendet sei, während das ebenfalls 
oberflächlich entstehende appendikuläre Organ (Haar) erst nach 
Vollendung dieses Dickenwachstums gebildet werde. Ferner nahm 



342 Ernst Putzer [78 



Nägeli an, daß das Blatt nur an seiner Spitze und am Rande 
wachse, während Seh leiden* noch 1850 behauptete, daß der 
Stamm nur an der Spitze, das Blatt nur am Grunde wachse, so 
daß die Spitze an jenem der jüngste, an diesem der älteste Teil sei. 

Hofmeisters oben angeführte Sätze entsprechen fast durch- 
weg unseren heutigen Anschauungen. Hinsichtlich der Blattentwick- 
lung hat derselbe besonders hervorgehoben (S. 65), daß weder 
Nägeli, noch Schieiden das Richtige getroffen habe, daß viel- 
mehr zuerst ein Spitzenwachstum, später ein interkalares Wachs- 
tum stattfinde (S. 63, 141). 

Bei den Farnen bestreitet Hofmeister Nägelis' Deutung 
ihres Stamms als Sympodium und begründet dann seine — 1857 
aufgegebene — Annahme, daß die Spreuschuppen die wahren 
Blätter dieser Planzen, die „Wedel" aber Zweige seien (S. 88), 
bei den Farnen erklärt er alle Seitenknospen für adventiv (S. 94), 
bei Sela^iiiellü wird die Dichotomie des Stengels besprochen. 

1852 folgten Beobachtungen über die Sproßfolge und Embryo- 
entwicklung von Zosicra tnarhia,* Die fleischige platte Masse, welche 
Hofmeister als dem Schildchen des Gramineenkeimlings gleich- 
wertig erachtet, wird dabei als primäre Achse gedeutet und diese 
Vorstellung auch auf die Embryonen der Liliaceae u. s. w. über- 
tragen, wo der einzige Kotyledon also auch für ein Stammorgan 
erklärt wird, an dem seitlich die spätere beblätterte Achse hervor- 
sproßt. Neuere Forscher (Göbel\ Rosen berg*) deuten den 
fraglichen Teil des Embryos von Zostera als hypokotyles Glied. 
In einer Anmerkung** aus dem Jahre 1857 nennt Hofmeister 
selbst dieses Gebilde eine Wucherung der Achse und betont noch- 
mals, daß der Vegetationspunkt der monokotylen Embryonen nur 
scheinbar, infolge seitlicher Ablenkung durch das Wachstum des 
Kotyledons, lateral sei. 

• Vgl. S. 284. 
•• Beiträge u. s. w. 1857. (Vgl. S. 309.) 




79] Wilhelm Hofmeister. 343 



"V.yv" 



Im Jahre 1857 gibt dann Hofmeister* für Blatt- und Haar- 
gebilde eine neue Begrenzung, die er auch später in der „All- 
gemeinen Morphologie" festhält. „Sucht man dagegen den Unter- 
schied zwischen Haargebilden und Blättern darin, daß die Blatt- 
bildung an der Achse der Haarbildung stets vorausgeht, so erhält 
man ein durchgreifendes Kennzeichen beider; man wird bei keiner 
Pflanzenachse, die beide Formen appendikulärer Organe besitzt, 
über die Bestimmung derselben in Zweifel sein." Infolgedessen 
erklärt er nun die „Wedel" der Farne für Blätter, die Spreu- 
schuppen für Haare (S. 646—647). im Gegensatz zu seiner früheren 
richtigeren Ansicht von 1851 nimmt er jetzt, nur mit der Ein- 
schränkung, daß es nicht immer gelingt sie nachzuweisen, auch 
bei den Blütenpflanzen Scheitelzellen an. Anderseits erkannte er 
aber, daß bei Organen, welche aus zahlreichen Zellen zusammen- 
gesetzt sind, zwar die Hauptrichtungen, in welchen die Zellver- 
mehrung erfolgt, bestimmte sind, daß dagegen die Zahl und 
Reihenfolge der Teilungen sich in nicht eben engen Grenzen be- 
wegt (S. 643). Später hat Hofmeister hinsichtlich der Scheitel- 
zellen seine Ansicht abermals geändert, in der „Vergleichenden 
Morphologie" sagt er: „Aber die Annahme ... ist . . . untunlich 
bei sehr vielzelligen Vegetationspunkten, deren Wachstum in vielen, 
auf der jeweiligen Außenfläche senkrechter Richtungen gleichmäßig 
oder nahezu gleichmäßig fortschreitet, derart, daß die neu hinzu- 
kommende Körpermasse die bisherige Außenfläche in Form eines 
Mantels irgend eines von doppeltgekrümmten Flächen umgebenen 
Körpers umgibt, dessen eine Achse mit derjenigen des Vege- 
tationspunktes zusammenfällt. Es ist dann eine Vielzahl von 
Zellen der Oberfläche des Vegetationspunktes, welche durch im 
allgemeinen den Chorden der freien Außenfläche parallele Wände 
ziemlich gleichzeitig geteilt werden. Eine Scheitelzelle, welche 
durch Bildung von Segmentzellen alle Zellvermehrung einleitet, 

* Ebenda S. 646. 



344 Ernst Pfitzer [80 



-^yy^ 



kann an solchen Vegetationspunkten nicht unterschieden werden. 
Auch wenn eine einzige Zelle den Scheitel des Vegetationspunktes 
einnimmt, ist sie in keinem Durchschnitt parallel der Achse von 
dreieckiger Form. Sie ist nach unten hin durch eine zu jener 
Achse nahezu rechtwinkhge Wand begrenzt . . . Seitenachsen 
und Blätter, die an einem solchen Vegetationspunkte sich ent- 
wickeln, treten über dessen Außenfläche in der Weise hervor, daß 
schon an der ersten Erhebung die freien Außenwände mehrerer, 
meist vieler Zellen beteiligt sind. Sehr viele Pflanzen, wohl die 
Mehrzahl der Phanerogamen, zeigen diese Verhältnisse** (S. 513). 
Nur bei einzelnen Blütenpflanzen nimmt er auch jetzt noch Schei- 
telzellen an (S. 514). 

Wir werden zugeben müssen, daß Hofmeister hier der ein 
Jahr später veröffentlichten Entdeckung Hansteins^ über die 
Fortentwicklungsweise der Vegetationspunkte höherer Pflanzen 
ziemlich nahe gekommen ist, wenn er auch den entscheidenden 
Punkt, die von vornherein schalenförmige Anordnung der Zellen 
nicht erkannt hat, sondern vielmehr wiederholte perikline Tei- 
lung dicht an der Oberfläche voraussetzt. 

In den „Zusätzen und Berichtigungen** stellte Hofmeister* 
1863 einige sehr wichtige allgemeine Sätze auf. Ausgehend von 
den Vorgängen am Stammscheitel der Laubmoose sagt er: ^Es 
ist für mich ein Erfahrungssatz von allgemein durchgreifender 
Gültigkeit geworden, daß der Teilung jeder Zelle eines im Knospen- 
zustand befindlichen Organs ein Wachstum dieser Zelle voraus- 
geht. Keine Zelle teilt sich, ohne vorher an Größe — wenn auch 
nur mäßig — zugenommen zu haben. Das Wachstum keiner 
Zelle nach einer bestimmten Richtung hin überschreitet eine ge- 
wisse, meist sehr eng bemessene Grenze, ohne daß eine Scheide- 
wandbildung in der Zelle erfolgte. Die Stellung der neu ent- 
stehenden Scheidewand ist durch das vorausgegangene Wachstum 

• Zusätze u. s. w. S. 272. (Vgl. S. 311.) 



81] Wilhelm Hofmeister. 345 






der Zeilen genau bestimmt: die teilende Wand steht ausnahmslos 
senkrecht zur Richtung des stärksten vorausgegangenen Wachs- 
tums der Zelle. Wohlgemerkt, nicht^senkrecht zum größten Durch- 
messer der Zelle, der mit der Richtung des stärksten Wachstums 
nicht zusammenzufallen braucht, und in sehr vielen Fällen in der 
Tat auch nicht mit ihr zusammenfällt. — Das Wachstum der 
einzelnen Zellen eines im jüngsten Knospenzustand befindlichen 
Organs ist aber dem Gesamtwachstum des Organs untergeordnet. 
Die zur Erreichung oder Erweiterung bestimmter Formen hin- 
strebende Massenzunahme des Organs kann nicht aufgefaßt werden 
als die Summe der den einzelnen Zellen innewohnenden indi- 
viduellen Bildungstriebe, sondern es muß angenommen werden, 
daß Größenzunahme und Formänderungen der einzelnen Zellen 
nur in dem Maße erfolgen, welches die allgemeine Wachstums- 
richtung des Organs den einzelnen Zellen gibt. — Die Anord- 
nung der Zellen eines im Knospenzustand befindlichen Organs 
erscheint bei dieser Anschauung ein sekundäres Phänomen, als 
bedingt durch die Orte intensivsten Wachstums. Ein Stengelende 
wird dann deutiich eine einzige Scheiteizelle erkennen lassen, wenn 
die Massenzunahme des Scheitelpunktes rascher ist als die seiner 
nächsten Umgebung. Eine Zunahme der Masse, in der Ebene 
parallel einem Kreisbogen, im Räume parallel der Fläche eines 
Sphäroids, wird eine fächerig-strahlige Anordnung der Zelle zur 
Folge haben u. s. w." 

In der „Pflanzenzelle" (1866) sucht Hofmeister ferner das 
Wachstum im Vegetationspunkt auf Wanderungen der Plasmas 
zurückzuführen — hier ist bestimmt gesagt, daß bei der Verzwei- 
gung von Cladophora die Neigung der im Ast entstehenden Scheide- 
wand abhängig ist von dem Winkel, den letzterer mit der Haupt- 
achse macht, „die Wand steht senkrecht auf der Achse der Aus- 
stülpung** (S. 127), die hier mit der Richtung des stärksten voraus- 
gegangenen Wachstums zusammenfällt. Bei Organen, die von 



346 Ernst Pfitzer [82 



einer Kurve begrenzt sind, sagt er: „Jede einzeln^ Wand ist dann 
senkrecht auf dem von ihr^ geschnittenen kleinsten Abschnitt der 
Kurve" (S. 130). 

h'j Diese Ausführungen stimmen, wie schon Hegelmaier* her- 
vorhob, dem Grundgedanken nach überein mit den bekannten 
Darlegungen von Sachs^^: „Über die Anordnung der Zellen in 
jüngsten Pflanzenteilen**. Sachs sucht allerdings in dieser Ab- 
handlung zu zeigen, daß nur der in dieser Form in der „Pflanzen- 
zelle** (S. 129) ausgesprochene Satz: „Die Bildung neuer Zellen 
im Vegetationspunkt ist eine Funktion des allgemeinen Wachs- 
tums, nicht seine Ursache** mit seiner Auffassung völlig überein- 
stimme, während dagegen das „Prinzip der rechtwinkligen Schnei-, 
düng** nicht gegeben sei durch den Satz, daß die Scheidewand 
auf der Richtung des intensivsten vorhergegangenen Wachstums 
senkrecht stehe. 

Einen erheblichen Raum in Hofmeisters morphologischen 
Arbeiten nehmen die Beziehungen der Scheitelzellteilung zur Blatt- 
stellung ein. In den „Beiträgen** (1857)* kommt er (S. 641) zu 
der Auffassung, daß die Form der Scheitelzelle der Blattstellung 
in der Weise entspreche, daß sie keilförmig (mit 2 Segmentreihen) 
sei bei den zweizeilig beblätterten Gräsern, Iris u. s. w., sowie 
bei Bäumen mit dekussierter Blattstellung, tetraedrisch dagegen 
bei gerade oder schief dreizeiliger Blattstellung (Robinia, Pinus, 
Zamia), 

In derselben Abhandlung wird ferner (S. 636) der Satz be- 
gründet, daß die Teilungen der tetraedrischen Scheitelzellen der 
Farne in ihrer Folge übereinstimmen mit der Spirale der Blatt- 
stellung und die „Verschiebungstheorie** entwickelt, welche ihr 
Begründer später wieder aufgeben mußte. Hofmeister geht aus 
von Messungen der Seitenlängen der von der Fläche als gleich- 

• VjJl. S. 309. 



83] Wilhelm Hofmeister. 347 

seitiges Dreieck erscheinenden Scheitelzelle von Aspidium Filix was 
und findet, daß die gleichen Dreieckseiten annähernd den Sehnen 
eines */i3 des Kreisumfangs messenden Winkels entsprechen, daß 
also die Seitenwinkel des Dreiecks der halben Divergenz gleich 
sind. Er widerlegt dann die Vorstellung, daß die neue Wand, unter 
demselben Winkel einer Seitenwand des Dreiecks sich ansetzend, 
ein dem letzteren ähnliches Dreieck abschneide, und entscheidet 
sich für die Annahme, daß nach Bildung einer einer Seitenwand 
parallelen Wand das abgeschnittene kleinere Dreieck sich senk- 
recht zu der neu entstandenen Wand solange strecke, bis es Größe 
und Form des ursprünglichen erreicht habe: die Wiederholung die- 
ses Vorgangs wird durch eine schematische Figur (Taf. Vll, F. 19) 
dargestellt. 

1863 wiederholt Hofmeister* diesen Gedankengang mit 
Bezug auf die Entstehung der ^5, ^/s oder ^/i3 betragenden Diver- 
genz der S/>/;^^;z//w - Blätter bei tetraedrischer Stammscheitelzelle. 
Trotzdem er hier, wie später Leitgeb^ nachwies, irrtümlich an- 
nimmt, daß der Seitenzweig bei Sphagnum seitlich von der für die 
Blattbildung bestimmten Zelle abgeschnitten werde, erklärt er sich 
doch für den von Pringsheim^® aufgestellten Satz, daß alle nor- 
male Verzweigung auf einer Gabelung der Stammspitze oberhalb 
des jüngsten Blatts beruhe, weil er nicht in der Abtrennung des 
Segments, sondern erst in der der Sproßentstehung nachfolgenden 
Wölbung der Blattanlagezelle nach außen den Entstehungsmoment 
des Blattes sieht, in der „Pflanzenzelle" sind diese Anschauungen 
teils wiederholt, teils modifiziert. Hier wird der Satz aufgestellt: 
„Die Form der Scheitelzelle läßt keine unmittelbare Beziehung zur 
Blattstellung erkennen" (S. 134). Dagegen wird außer den Form- 
änderungen der Scheitelzelle durch Streckung senkrecht zur Richtung 
des vorhergegangenen Wachstums (S. 135, 136) jetzt angenommen, 



Zusätze u. s. w. S. 268 f. (Vgl. S. 311.) 



348 Ernst Pfitzer fS^ 

daß das Breitenwachstum der jüngsten Blätter das Gewebe der 
Endknospe nach bestimmten Richtungen verzerre (S. 139). wo- 
durch wieder die Richtung neu entstehender Wände beeinflußt 
werde, wofür Beweise darin gefunden werden, daß die Scheitelzeile 
blattloser Sprosse ihre Form ändern kann, nachdem Blätter ent- 
standen sind; bei Schisiostega ändert die durch Lichtzutritt aus der 
dreizeiligen in die zweizeilige übergehende Blattstellung allmählich 
die Gestalt der Scheitelzelle vom Tetraeder zum Keil um (S. 142). 
Ausführlicher ist diese Frage besprochen in der Abhandlung"" 
„Über die Frage: Folgt der Entwicklungsgang beblätterter Stengel 
dem langen oder dem kurzen Weg der Blattstellung?** Während 
bis dahin Hofmeister die Ansicht vertreten hatte, daß bei den 
Vegetationspunkten mit tetraedrischer Scheitelzelle das Wachs- 
tum der Segmentzellen nach dem kurzen Weg vorrücke, über- 
zeugte er sich jetzt, daß dies nur der häufigere Fall sei. Er führt 
aus, daß die Achse selbst gar kein spiraliges, sondern ein gradlinig 
fortschreitendes Längen- und ein dazu radiales und tangentiales 
Dickenwachstum habe, bespricht die durch Wachstum erfolgende 
Horizontalsten ung der anfangs stark nach innen geneigten Seg- 
mente, den Mangel schiefer, auf ein spiraliges Wachstum deuten- 
der Wände bei schlanken, weit über die jüngsten Blattanlagen 
hinausragenden Vegetationspunkten und die Streckung gekrümmter, 
mit Scheitelzellen versehener Stammspitzen (Salvima, Florideen). 
Eingehender wird dann die einseitige Verbreiterung der Segmente 
bei Polytrichum u. s. w. erörtert. Die Hauptwände der Segmente 
seien ursprünglich parallel, trotzdem habe jedes Blatt bei seiner 
Entstehung schon seine definitive Divergenz infolge der oben be- 
sprochenen Formänderung der Scheitelzelle: statt daß früher die 
Seitenwinkel des gleichschenkligen Dreiecks = V« des kurzer»- 
Divergenzweges gesetzt werden, wird jetzt, was auf dasselbe hinaus 

• Bot. Zeit. 1867. S. 33-37, 42—45, 49-52. 



85] Wilhelm Hofmeister. 349 



=^vr> 



kommt, betont, daß der Scheitelwinkel gleich der halben Differenz 
zwischen großer und kleiner Divergenz sei. „Die tangential- 
schiefe Verzerrung der oberen und unteren Grenzen von Segment- 
zellen, die daraus resultierende Verschiebung der Winkel und der 
Seitenlängen der Scheitelzellen der Stämme von Pflanzen mit schräg 
dreizeiliger Blattstellung dürfen somit betrachtet werden als be- 
ruhend auf der ungleichen Dehnung, welche das Breitenwachstum 
junger Blätter auf die plastische Gewebemasse des Stammendes 
übt. Es kann bei dieser Auffassung nicht befremden, daß die 
einseitige Verbreiterung der Segmentzellen bei Pflanzen derselben 
Art bald an dem Ende beginnt, welches dem kurzen Weg der 
Blattstellung nach das hintere ist, bald an dem entgegengesetzten. 
Diese Erörterungen machen die in der Überschrift ausgesprochene 
Frage gegenstandslos." 

Analoge Darstellungen finden sich in der „Allgemeinen Mor- 
phologie** (S. 516 f.), wo Hofmeister auch die Einwände zu 
widerlegen sich bemüht (S. 519), welche Nägeli und Leitgeb^^ 
gegen seine Verschiebungstheorie erhoben hatten — dieselben 
hatten die von Hofmeister vorausgesetzte Verschiebung für geo- 
metrisch und mechanisch unmöglich erklärt und besonders seine 
Winkelberechnung für die ^/u Stellung als irrtümlich bezeichnet. 
Untersuchungen Leitgebs^^ und Müllers*^ auf demselben Ge- 
biet, welche ebenfalls nicht mit den von Hofmeister gezogenen 
Schlüssen übereinstimmten, veranlaßten letzteren dann 1870, in 
einem Aufsatz* „Über die Zellenfolge im Achsenscheitel der Laub- 
moose** nochmals auf denselben Gegenstand zurückzukommen. 
Er gibt hier zu, daß seine Theorie auf der nicht ausdrücklich 
ausgesprochenen Voraussetzung beruhe, daß im Moment der 
Bildung des jüngsten Segments die dem Achsenzentrum zugewen- 
dete Kante der Außenfläche des Segments 3 bereits eine Knickung 



Bot. Zeit. 1870. S. 441-449, 457—466, 473—478. Taf. VII. 



350 Ernst Pfitzer [86 



oder Krümmung vollzogen habe, derart, daß diese Innenkante 
sich auch an der Bildung der ältesten Seite des Scheitelflächen- 
dreiecks beteiligt. Er findet die tatsächlichen Ansichten der Laub- 
moosstammspitze von oben mit dieser Voraussetzung gut über- 
einstimmend, wenn der Vegetationspunkt schlank ist, erkennt aber 
an, daß sich diese Anschauung auf flache oder eingesenkte Vege- 
tationspunkte nicht ohne weiteres übertragen läßt, weil jene Vor- 
aussetzung hier nicht zutrifft. Aber auch für die ersteren Fälle 
setzt er jetzt an die Stelle der Verschiebung der Scheitelzelle eine 
Verschiebung der Außenfläche des jeweils zweitjüngsten Segments, 
dessen ursprünglich parallele Hauptwände später divergieren, so 
daß das Segment nach außen trapezoidische Begrenzung erhält. 

In dieser Veröffentlichung gibt Hofmeister ferner zu. daß 
der Seitenzweig der Laubmoose aus der unteren, das Blatt aus 
der oberen Hälfte des gleichen Segments sich bilde (S. 464), 
womit die früher gegebene Definition von Blatt und Stamm 
nach der Entstehungsfolge hinfällig wird. Er bemüht sich 
an jungen Antheridien von Polytrichum, welche er als Seiten- 
zweige betrachtet, zu zeigen, daß sie sich vor dem Blatt aus der 
Stammoberfläche hervorwölben. Ferner geht er noch auf Ein- 
wände ein, welche Pringsheim^^ aus der Entwicklungsgeschichte 
von Salvinia, Rohrbach^' aus derjenigen des Blütenstandes von 
Typha gegen seine Unterscheidung der Organe nach der Zeitfolge 
ihrer Bildung erhoben hatten. 

Es erübrigt jetzt noch die Besprechung von Hofmeisters* 
„Allgemeiner Morphologie", soweit dieselbe nicht schon in der 
vorstehenden Darstellung zum Vergleich herangezogen wurde. 
Dieses Buch enthält fast überall so viele eigene Gedanken, weicht 
in seiner Auffassung so wesentlich von den zur Zeit seines Er- 
scheinens herrschenden Vorstellungen ab, daß es zweckmäßig er- 

* Handbuch der physiologischen Botanik, I. Band. 2. Abtheilung. All- 
gemeine Morphologie der Gewächse. Mit 134 Holzschnitten. Leipzig 1868. 



87] Wilhelm Hofmeister. 351 



scheint, in möghchster Kürze den ganzen Gedankengang Hof- 
meisters hier wiederzugeben. Nur die Teile der Morphologie, 
in welchen er sich ganz dem Hergebrachten anschließt, wo er 
lediglich reproduziert, sollen dabei außer Betracht bleiben. 

Ausgehend von einer Definition des Wachstums als Vergröße- 
rung des Volumens mit oder ohne Zunahme der Masse bespricht 
Hofmeister zunächst die Wachstumsrichtungen und charakterisiert 
dann die Organe der Pflanzen. Er unterscheidet von der Haupt- 
achse die Seitenachsen als Wiederholungen der ersteren, entstehend 
entweder durch Teilung des Vegetationspunktes oder seitlich davon, 
wobei er Dichotomie und seitliche Verzweigung als durch Über- 
gänge verbunden anerkennt: ein im Zustand des Vegetations- 
punktes befindlicher Pflanzenteil, welcher eine Seitenachse hervor- 
sprossen läßt, muß selbst ein Stengelgebilde sein. Blatt- und 
Haargebilde haben ein begrenzteres Wachstum, meist abweichende 
Gestalt und kürzere Lebensdauer: jedoch sind die Unterschiede 
dieser drei Organe nur relative — Übereinstimmung oder Ver- 
schiedenheit der äußeren Form, des inneren Baus und der Funktion 
sind nicht maßgebend für die morphologische Deutung. Dagegen 
entstehen Seitenachsen früher und dem Scheitel näher als neue 
Blätter, Haare noch später und tiefer. Durch das verschiedene 
Maß der Streckung der Stammquerscheiben werden dann Knoten 
und Internodien gesondert. Als adventiv definiert Hofmeister 
Seitenzweige, welche an einem bereits aus dem Zustand des Vege- 
tationspunktes herausgetretenen Pflanzenteile exogen oder endogen 
entstehen, als Wurzeln adventive Achsen endogener Herkunft, 
deren Vegetationspunkt nach allen Richtungen des Raums Dauer- 
gewebe abscheidet — auch die Hauptwurzel denkt er sich adven- 
tiv und endogen entstehend, weil ihre Spitze mindestens vom 
Embryoträger überdeckt ist; der Vegetationspunkt der Mono- 
kotylenwurzeln wird dabei als „eine zur Längslinie der Wurzel 
senkrechte Platte aus mehreren Zellen** bezeichnet. Die Ver- 






352 Ernst Pfitzer [88 



f'^y^ 



zweigung der Wurzeln erfolgt durch Längsteilung des Vegetations- 
punktes oder durch endogen entwickelte „Seitenwurzeln** — nicht 
in Wurzeln entstehende analoge Gebilde sind „Neben wurzeln". 
Der Habitus der Pflanzen wird auf das Maß und die Richtung der 
Auszweigungen zurückgeführt und die weite Verbreitung der gerade 
über der Blattmediane stehenden Axillarknospe betont — es 
entsteht aber weder über jedem Blatt eine solche Knospe, noch 
hat jede Axillarknospe ein Tragblatt — , bei den Kryptogamen 
namentlich kommen außerdem seitlich vom Blatt stehende Knos- 
pen vor, so daß ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der 
Anlegung eines Blattes einer gegebenen Achse und eines Seiten- 
zweiges derselben nicht besteht. Die Besprechung der Verzwei- 
gungsverhältnisse und der Blattstellung schließt sich eng an 
Schimper und AI. Braun an — doch führt Hofmeister auch 
inkonstante Divergenzen an. Zahlreich sind die von ihm bei- 
gebrachten Beispiele dafür, daß die Zeitfolge der Entstehung bei 
Spiralstellungen nicht immer dem Grundwendel folgt, daß höher 
inserierte Organe früher auftreten als tiefere, und daß selbst die 
Glieder eines Wirteis nicht gleichzeitig erscheinen. Er stützt sich 
dabei vielfach auf Payers Organogenie de la fleur, und die Ent- 
wicklung gefiederter Blütenteile ist nicht immer genügend von der- 
jenigen ungeteilter geschieden.*^ Wichtig ist, daß Hofmeister 
die Schimpersche Hypothese, daß die Blattbildung gewissermaßen 
ein höherer Wogenschlag der nach dem langen Weg den Stamm 
spiralig umziehenden gestaltenden Tätigkeit sei, für einen Irrtum 
erklärt, der drei Jahrzehnte die gedeihliche Entwicklung der Mor- 
phologie aufgehalten habe, und daß er versucht, den Entstehung 
ort des neuen Blattes abzuleiten aus der Stellung und dem Breiten- 
wachstum der schon vorhandenen. Wenn auch Hofmeisters Auf- 
fassung später noch wesentliche Modifikationen erfahren hat« so 
war dieselbe doch der Beginn einer neuen Richtung. Dieses 
Kapitel „Nächste Bedingungen der Größe der Diveiigenzen seitlicher 




Wilhelm Hofmeister. 353 

einer Achse", welches auch die Entstehung der 

ihsen und die Stellung ihrer ersten Blätter in analoger 

;u erklären versucht, ist ein wesentlicher Fortschritt gegen- 

ixsiisch-dunkeln älteren Theorie. Schwendener" 

. -i ..Cs ist zunächst Hofmeisters Verdienst, das Irr- 

>. iTi den Grundanschauungen der Spirallheorte klar durch- 

lind überzeugend nachgewiesen zu haben Trotz 

^'■ii'^jfl der Beweisführung leuchtet der mechanische Faktor 
' ' fl_ Jlt angeführten Tatsachen doch überall so deutlich 
' i!'i d^r unbefangene Leser die Überzeugung gewinnt, es 
fier Hof m eiste rschen Darstellung jedenfalls ein wirkliches 
iitdL<.verhältnis zu Grunde liegen, wenn auch mitunter viel- 
anderes, als der Autor angegeben. Was seit dem Er- 
der Hofmeisterschen Morphologie über Blattstellungen 
(licht wurde, hat meines Erachtens das Verständnis der 
iiimcndcn Steilungsverhältnisse nicht wesentlich gefördert." 
aber, wenn er auch von Hofmeisters Darstellung in 
Punkten abweicht, sagt von der letzteren: „Diese Ab- 
Itsl unzweifelhaft das Bedeutendste, was bis jetzt über 
geschrieben wurde". 

eister behandelt weiter die Entwicklungsgeschichte 
wobei die in neuerer Zeit von Potonie' wieder auf- 
[Tnene „Bcrindungstheorie" ihren Ausdruck in dem Satze 
(S. 520): Das Dicken Wachstum des Blattgrundes ist meist 
bedeutend, daß es an seiner der Stengelspitze abgewandten 
ikseite dem Achsenumfang neue Gewebeschichten auflagert und 
Jen Stengel berindet (S. 520). Die Differenzierung des 
:is wird ziemlich kurz erledigt. Im Gegensatz zu früheren 
chauungen läßt Hofmeister jetzt das Blatt der Blutenpflanzen 
einer ganzen Gruppe von Zellen der Peripherie des Stamm- 
tationspunkts entstehen, bestreitet dagegen die Beteiligung von 
en des Stamminnern, wobei aber zweifelhaft bleibt, ob er unter 

.■^iichrlft der Unlvcnltll Hcidelbers. II. 23 



354 Ernst Pfitzer [90 



— - »*■ 



„Peripherie" die äußerste oder die äußeren Zelllagen versteht 
(S. 528). Die großen Verschiedenheiten in der Lage der haupt- 
sächlich zellbildenden Stellen im Blatt werden anschaulich dar- 
gelegt, wobei §iuch eigene Beobachtungen über die Entwicklung 
des Palmenblatts gegeben sind. Die Lage der Blattgebilde in 
der Knospe wird dargestellt einmal in ihren Beziehungen zu der 
Blattstellung, zweitens in ihrer Abhängigkeit von den Wachstums- 
richtungen des Blatts. Wenig Neues bietet der Abschnitt über 
die Entwicklung der Haare, Bemerkenswertes dagegen die folgen- 
den Kapitel über Fehlschlagungen und Verwachsungen, wo, ohne 
diese Worte zu gebrauchen, schon scharf Abort und Ablast, 
sowie Verwachsung und Fiederteilung unterschieden werden, und 
auch die becherförmige Gestaltung der Achsenenden vieler Blüten 
richtig als nicht unter den Begriff verwachsener Blattkreise gehörig 
ausgesondert wird. Metamorphose und Sproßfolge sind nur 
flüchtig gestreift, weil sie ja in einem besonderen Band des Hand- 
buchs ausführlich behandelt werden sollten. In dem Abschnitt 
über Variabilität hat Hofmeister sich bemüht, sicher beglaubigte 
Fälle des Auftretens neuer Formen zusammenzustellen — er 
betont mit Recht einmal das Vorkommen überaus weitgehender 
Verschiedenheiten gegenüber der Mutterpflanze, andererseits die 
„Plötzlichkeit und Unvermitteltheit des Auftretens weitgreifender 
Abweichungen *". In Darwins Hypothese der äußerst zahlreichen 
und äußerst kleinen entwicklungsfähigen Keime in jedem variie- 
renden Organismus vermag Hofmeister nur eine Umschreibung 
der alten Präformationstheorie zu sehen. Die Bedeutung der 
Zuchtwahl und den Grundgedanken Darwins aber ihre Bedeutung 
bei der Entstehung der Arten erkennt Hofmeister an, dagegen 
erscheint ihm Nägelis Hypothese der angestrebten Vervoll- 
kommnung entbehriich (S. 578). Dann fährt er fort: »Wohl aber 
bedarf die Darwinsche Theorie der Korrektion der Untersuchung, 
inwieweit von außen auf den Organismus wirkende Kräfte für 




91] Wilhelm Hofmeister. 355 



dessen Gestaltung maßgebend sind. Mit dieser Frage hat der 
Autor jener Theorie sich nicht beschäftigt. Die Nützlichkeitstheorie, 
ausgehend von der in ihrem Warum ganz unbekannten Neigung 
der Organismen, ihre Eigenschaften gelegentlich etwas abzuändern, 
erklärt jede in der Natur vorkommende Gestaltung oder sonstige 
Eigenschaft eines Organismus für eine Anpassung an die äußeren 
Verhältnisse und erklärt damit zu viel, sie schneidet die Erforschung 
der nächsten Ursachen ab. Die Tatsache z. B., daß die senkrecht 
wachsenden Sprossen einer Kastanie fünfzeilig, die gegen den 
Horizont geneigten zweizeilig beblättert sind, erklärt sich nach 
der Nützlichkeitstheorie sehr leicht, wenn auch nicht einfach: an 
den vertikalen Achsen werden die Blätter dann der Beleuchtung 
von oben die meiste Oberfläche ohne Beschattung des einen durch 
das andere darbieten, wenn sie schraubenlinig stehen; an den von 
der Lotlinie divergierenden Zweigen dagegen bei zweizeiliger Blatt- 
stellung. Durch Erblichwerden der Eigenschaft, an der Hauptachse 
die Blätter nach der Divergenz ^/s, an den Seitenzweigen aber 
zweizeilig anzulegen, könnte jene Anpassung zu stände gekommen 
sein. Der Versuch aber zeigt, daß die zweizeilige Stellung der 
Blätter an den von der Vertikale abgelenkt wachsenden Achsen 
durch die Einwirkung der Schwerkraft verursacht wird. Es ist 
eine der nächsten und dringendsten Aufgaben der Forschung, auf 
die oben ausgesprochene Frage Antworten zu suchen . . . Sei 
im Folgenden der Anfang davon gemacht." 

Diese Sätze erklären, warum Hofmeister die vier Kapitel 
„Beeinflussung der Gestaltung der Pflanzen durch in Richtung der 
Lotlinie wirkende Kräfte, durch die Beleuchtung, durch ein- 
dringende fremde Organismen und durch die Anordnung ihnen 
benachbarter Sprossungen des nämlichen Pflanzenkörpers" ge- 
wissermaßen als Anhang an das Ende seines Buches gesetzt hat. 
Gerade dieser Teil der Morphologie ist vielfach unterschätzt worden, 
weil er manche unrichtige Tatsachen und Folgerungen enthält. 

23* 




^6 Ernst Pfitzer [92 



^ 



Es bleibt aber das Verdienst Hofmeisters, hier einen doch viel- 
fach erfolgreichen Versuch gemacht zu haben zur Feststellung 
dessen, was sich an der Gestalt der Pflanzen durch das Experiment in 
kurzer Zeit ändern läßt, gegenüber dem, was durch tausendjährige 
Wirkung äußerer Kräfte so fixiert ist, daß es von dem nur eine 
kurze Zeitspanne dauernden Versuche unberührt bleibt (morpho- 
tropische und morphogene Erscheinungen*^). Zuzugeben ist, daß 
Hofmeister vielfach auslösende Wirkung und mechanische Ver- 
mittlung nicht scharf genug geschieden und oft Gestaltungen auf 
Schwerkraft oder Licht zurückgeführt hat, welche schon durch die ra- 
diäre oder dorsiventrale Beschaffenheit, durch die Lage des Sprosses 
zu der Achse gegeben waren, an welcher er entstand. Ebenso sind 
die auf das spezifische Gewicht verschiedener Gemengteile des 
Plasmas basierten Erklärungsversuche (S. 629 — 633) nicht glücklich. 
Andererseits ist von diesem Abschnitt der „Morphologie" eine 
Fülle von Anregungen ausgegangen, welche die botanische Wissen- 
schaft gefördert haben. Aber auch viele Einzelbeobachtungen 
haben sich als richtig erwiesen. Es gilt dies auch für die am 
meisten durch die Fortschritte unserer Kenntnisse veränderten 
Abschnitte, diejenigen über die Einwirkung der Schwerkraft", in 
höherem Grade aber für Hofmeisters Ergebnisse hinsichtlich 
der Einwirkung des Lichtes. So bestätigt z. B. Göbel die 
Änderung der Blattstellung durch das Licht bei Schisiostcga durch- 
aus-S bei Vaccmium Myrtillns zum größten Teil**, ebenso die Ab- 
hängigkeit der Krümmung der Mooskapseln von der Beleuchtungs- 
richtung.** Derselbe Forscher fand die Verbreiterung der blattartig 
flachen Sprossen von Papilionaceen*^ und die Anisophyllie von 
Sehi^ineUa^'' mit Hofmeisters Beobachtungen übereinstimmend 
durch das Licht bedingt. Andererseits bestätigt Noll** im Tat- 
sächlichen die von Hofmeister zuerst beobachtete Krümmung 
der Blütenstielc in hängenden Inflorescenzen von Papilionaceen 
nach dem Lichte hin. 



93] Wilhelm Hofmeister. 357 



6— ■ I 1 1^"^. 



Wenn aber auch noch so vieles aus Hofmeisters „Allgemeiner 
Morphologie** heute anders aufgefaßt wird, so dürfen wir doch 
sagen, daß die hervorragende Bedeutung des Verfassers kaum in 
einem anderen seiner Werke deutlicher sich kundgibt. 

Im Anschluß an Hofmeisters morphologische Forschungen 
sei dann hier noch kurz erwähnt ein Nekrolog für Carl Schim- 
per*. Die Bemühungen, in dem Nachlaß dieses merkwürdigen 
Mannes noch zur Veröffentlichung Geeignetes zu finden, blieben 
ohne Erfolg. 

1. Nägeli, C. Lieber das Wachsthum und den Begriff des Blattes. Zeitsch. 
f. wiss. Bot. Heft 2. 1846. S. 174—178. 

2. Schieiden, M. Grundzüge d. wissensch. Bot. 3. Aufl. 

3. Nägeli, C. Zeitschr. f. wissensch. Bot. Heft 3, 4. S. 306. 

4. Göbel, C. Organographie II. 1900. S 465. 

5. Rosenberg, O. Über die Embryologie von Zostera marina. Bihang 
t. Svenska Akadem. Handling. XXVIl. 3. No. 6. 1901. 

6. Hanstein, J. v. Die Scheitelzellgruppe im Vegetationspunkt u. s. w. 
Festschr. d. Niederrhein. Gesellsch. Bonn 1868. 

7. Hegelmaier. Vergleichende Untersuch, üb. d. Entwickl. dikotyl. 
Keime. Stuttgart 1878. S. 193. 

8. Sachs, J. Über die Anordnung von Zellen in jüngsten Pflanzen- 
teilen. Arbeit, d. bot. Instit. zu Würzburg. II. 1878. S. 47. 

9. Leitgeb, H. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Pflanzenorgane 
III. Sitz.-Ber. d. Wien. Akad. Math.-naturw. Kl. CIX. 1869. S. 305. 

10. Pringsheim, N. Botan. Zeit. 1853. S. 609. 

11. Nägeli, C, und Leitgeb, H. Entstehung und Wachsthum der Wurzeln. 
Beiträge z. wissensch. Bot. IV. 1868. S. 94. 

12. Leitgeb, H. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Pflanzcn- 
organe. Sitz.-Ber. d. Wien. Akadem. Math.- natu r\\'. Kl. LVII. 1868. S. 308, 
LVIII. 1868. S 525, LIX. 1869. S. 294. 

13. Müller, N. J C. Die heutigen Aufgaben der Blattstellungslehre. 
Bot. Zeit. 1869. S. 643. 

14. Pringsheim, N. Ueber die Bildungsvorgänge am Vegetationskcgel 
von Utricularia. Monatsber. d. Berl. Akademie. 1869. S. 96. 

15. Rohrbach, P. Ueber die Blüthenentwicklung von Typha. Sitzungs- 
ber. d. Gesellsch. naturforsch. Freunde zu Berlin. 1869. S. 35. 

* Bot. Zeit. 1868. S. 33, 544, 831. 



358 Ernst Pfitzer, Wilhelm Hofmeister. [94 



•A/"^. 
-^^\/- 



16. Eichler, W. Blüthendiagramme I. Berlin. 1875. S. 51. 

17. Schwendener, S. Theorie der Blattstellungen. 1878. S. 7. 

18. Sachs, J. Lehrbuch der Botanik. 4. Aufl. S. 201. 

19. Pfitzer, E. Über die verschiedenen Beziehungen äußerer Kräfte 
zur Gestaltung der Pflanze Akad. Rede. Heidelberg 1889. S. 5. 

20. Vgl. Frank, A. B. Die natürliche wagerechte Richtung von Pflan- 
zenteilen. Leipzig 1870. Pfeffer, W. Pflanzenphysiologie II. 1881. S. 344. 
Baranetzky, J. Über die Ursachen, welche die Richtung der Äste der Baum- 
und Straucharten bedingen. Flora 1901. S. 133. 

21. Goebel, C. Organographie. S. 202. 

22. Ebenda S. 80. 

23. Ebenda S. 203. 

24. Ebenda S. 202. 

25. Ebenda S. 92. 

26. Noll, F. Über die normale Stellung zygomorpher Blüten u. s. w. 
II. Arb. d. bot. Instit. Würzburg. III. S. 327. 



Die Aufgabe, für die wissenschaftliche Tätigkeit eines so un- 
gemein vielseitigen Forschers, wie es Wilhelm Hofmeister war, 
überall festzustellen, wie die von ihm behandelten Fragen in dem 
Augenblick standen, als er sie in Angriff nahm, und wieviel von 
seinen Ergebnissen noch heute gilt, Ist keine leichte. Sollte es 
mir nicht überall gelungen sein, die Verdienste Hofmeisters um 
den Fortschritt der wissenschaftlichen Botanik richtig zu würdigen, 
so wäre ich für entsprechende Mitteilungen der Spezialforscher 
auf den verschiedenen in Betracht kommenden Gebieten sehr 
dankbar. Daß er einer der hervorragendsten Botaniker des neun- 
zehnten Jahrhunderts war, wird niemand In Abrede stellen. 




Viktor Meyer 



von 



Theodor Curtius. 





Vorwort. 



ii 



k 




Die Chemiker der Ruperto-Caroia im 19. Jalir- 

liundert. 

om Jahre 1814 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts finden 
wir drei Männer, welche das chemische Ordinariat an 
der Ruperto-Caroia bekleideten. Von diesen waren zwei, 
Leopold Gmelin und Robert Bunsen, je 37 Jahre im Amt; 
dann übernahm für kaum ein Jahrzehnt Viktor Meyer das Erbe 
Bunsens. Wohl nur selten wird die Historie verzeichnen, daß 
eine Disziplin — Gmelin war allerdings auch Professor der Me- 
dizin — an derselben Hochschule über den Zeitraum von fast 
einem Jahrhundert, 84 Jahre hin, nur drei einander folgende Ver- 
treter gesehen hat. Und Viktor Meyer schied als noch nicht 
Fünfzigjähriger freiwillig aus dem Leben. 

Leopold Gmelin hat. wie sein in Göttingen als Professor 
der Medizin und Chemie 1804 verstorbener Vater Johann Fried- 
rich Gmelin, für die damalige Zeit bemerkenswerte Lehrbücher 
der theoretischen wie der anorganischen und organischen Chemie 
im ersten Drittel des Jahrhunderts veröffentlicht. An seinen Namen 
knüpft sich noch heute die Entdeckung des Gmelin sehen Salzes, 
des Ferricyankaliums. Der uns heute noch geläufige Name 



Zir.l 



362 Theodor Curtius [4 



„Gmelin** gebührt allerdings eher seinem Neffen: Christian 
Gottlob Gmelin. Professor der Chemie und Pharmazie in Tü- 
bingen, dem Entdecker des künstlichen Ultramarins. 

Robert Wilhelm Bunsen bedeutet für die chemische 
Wissenschaft an unserer Hochschule die Glanzperiode des Jahr- 
hunderts. Und doch kam Bunsen erst nach Heidelberg, nach- 
dem er bereits eine Fülle der hervorragendsten Entdeckungen der 
Welt geschenkt hatte: die geologisch-chemischen Untersuchungen 
über die Zusammensetzung der Erdrinde, über die der Erde ent- 
strömenden Gase, beide hauptsächlich angeregt oder vollendet durch 
die berühmte Reise nach Island (1846). Dann die für die damalige 
Zeit beispiellose Förderung der organischen Chemie — der Bun- 
sen später nie wieder wesentlich näher trat — durch die Unter- 
suchungen über die organischen Arsenverbindungen aus den Jahren 
1837 — 42. Die für die Metallurgie eminent wichtige Feststellung 
des Prozesses der Roheisenbereitung mit Play fair 1847 in Eng- 
land. Die Entdeckung des Kohle -Zinkelementes, des Bunsen- 
elementes, das bis zur Erfindung der Dynamomaschinen fast 
überall da verwendet wurde, wo man starke elektrische Ströme 
gebrauchte — und so vieles andere mehr. 

Nach Heidelberg brachte Bunsen vor allem jene Ideen mit, 
welche die von ihm bequem nutzbar gemachten galvanischen 
Ströme erzeugen mußten : die Abscheidung der Metalle aus ihren 
Verbindungen durch elektrische Kräfte. Er legte an der Ruperto- 
Carola den Grundstein zu dem heute schon so stolz empor- 
ragenden Gebäude der Elektrochemie. 

Der Glanz des von ihm dargestellten, beim Verbrennen »wie 
Sonnenlicht" aufleuchtenden Elementes Magnesium gab vielleicht 
den Anstoß zu jenen wunderbaren Entdeckungen, die Bunsen 
dem Lichte abrang, die ihn, nach den Arbeiten mit Roscoe über 
die chemische Wirkung des Sonnenlichtes, mit der Auffindung der 
Spektralanalyse als Forscher erst wahrhaft populär machten. 




5] Viktor Meyer. 363 



■NL/V« 



Um die Erscheinung Bunsens gruppieren sich zu dessen 
Wirkungszeit von 1852 — 1889 in Heidelberg noch eine Reihe aus- 
gezeichneter Forscher und Lehrer auf Spezialgebieten der Chemie. 
Bedeutend und individuell hochinteressant ragt Hermann Kopp 
als Physiker und Historiker der Chemie hervor. Aber auch Namen 
wie Delffs, Bornträger, Horstmann, Bernthsen, Zorn, 
Brühl dürfen nicht vergessen werden. Vor allem lehrten, auf 
eigene oft nur spärliche Mittel angewiesen, zu Bunsens aktiver 
Zeit Horstmann als Bahnbrecher in wichtigsten, heute schon 
Gemeingut gewordenen Theorien der physikalischen Chemie und 
Bernthsen als Bannerträger der Anfang der 70er Jahre schon 
höchstentwickelten, ihren Siegeslauf beispiellos nehmenden orga- 
nischen Chemie. Brühl vertrat Bunsen in dem Interregnum, 
ehe Viktor Meyer dessen Nachfolgerschaft endgültig übernahm. 

Die Persönlichkeit und das Wirken Bunsens als Forscher 
und Lehrer an der Ruperto-Carola herauszuarbeiten, ihn als die 
strahlende Leuchte auf dem weiten Gebiete der Chemie, ihn als 
den universell denkenden Naturforscher hervorzuheben, wäre ein 
besonders dankbarer Vorwurf zu einem Beitrage für unsere Jubi- 
läumsfestschrift gewesen. 

Der wissenschaftlichen Bedeutung Bunsens in dem Rahmen 
dieser zu genügen, mußte aber von vorneherein als unmöglich 
erscheinen. Ist man doch jetzt erst im Begriff, eine Gesamtaus- 
gabe aller Schriften Bunsens ins Leben zu rufen. Nur einiger- 
maßen den Inhalt derselben in wissenschaftlicher Darlegung zu 
erschöpfen, würde einen eigenen Band erfordern. 

Aber es mußte wenigstens besonderen Reiz bieten, der Per- 
sönlichkeit des großen einsamen Forschers und Lehrers in diesen 
Blättern gerecht zu werden. Bunsen hat vor seinem Tode be- 
stimmt, daß alle ihm gehörenden, auf ihn persönlich sich bezie- 
henden Manuskripte nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht 
werden sollten. Was in dieser Beziehung von der Familie zur 



_t 




364 Theodor Curtius [6 



Verfügung gestellt werden durfte, habe ich in meiner am 11. No- 
vember 1899 in der Aula unserer Universität gelegentlich der aka- 
demischen Trauerfeier für R. W. Bunsen gehaltenen Gedächtnis- 
rede niedergelegt. Dieselbe ist außer durch den Abdruck als 
„Akademisches Gedenkblatt** ^ durch die Veröffentlichung Im Jour- 
nal für praktische Chemie*** Gemeingut der chemischen Welt ge- 
worden. Ich habe in dieser Rede vor allem versucht, der Persön- 
lichkeit des großen Gelehrten und Forschers, so wie dieselbe mir 
aus eigener Anschauung im Wirken und Lehren vor Augen stand, 
gerecht zu werden. 

Wesentlich mehr als dort geschehen in den Rahmen dieser 
Festschrift zu bringen, wäre unmöglich gewesen. — 

Daß ich an dieser Stelle nur die Erinnerung an Viktor 
Meyer, Bunsens Nachfolger, bringe, hat aber noch weitere be- 
sondere Gründe: mit dem Eintritt Viktor Meyers in die chemische 
Professur in Heidelberg vollzieht sich jene große Umwandlung in 
Bezug auf die akademische Heranbildung der Chemiker, welche 
an allen übrigen bedeutenden Hochschulen nach dem Vorgange 
von Lieb ig mehr als ein Vierteljahrhundert vorher schon all- 
gemein gebräuchlich war. Die fortgeschrittenen Schüler sollten 
unter der Leitung des Lehrers eine eigene wissenschaftliche Arbeit 
ausführen, um auf Grund dieser erst zur Promotion zugelassen 
zu werden. Viktor Meyer aber war es auch, welcher der or- 
ganischen Chemie, die bei der Übernahme des Heidelberger In- 
stitutes bereits ihren Triumphzug nicht nur an den Hochschulen, 
sondern auch an den Wirkungsstätten der Industrie in unerhörter 
Art gehalten hatte, den dieser Disziplin gebührenden Rang anwies. 

Es ist mir nicht ohne Reiz erschienen, als derzeitiger ordent- 
licher Vertreter der Chemie an der Ruperto-Carola in dieser Fest- 

^ R. W. Bunsen, ein akademisches Qedenkblatt, Heidelberg 1900. 
Druck von J. Hörning. 

' J. pr. Chem. (2) 61, 381 ff. 




7] Viktor Meyer. 365 



Schrift die Erinnerung an jene bedeutsame Zeit festzuhalten, in 
welcher sich für unsere Hochschule, verspätet wie für keine an- 
dere des Deutschen Reiches, der Übergang von dem auf wun- 
derbaren, allseitig anregenden und anerkannten Erfolgen beruhen- 
den Wirken eines des größten Chemikers aller Zeiten zu längst 
adoptierten modernen Anschauungen in der chemischen Wissen- 
schaft vollzogen hat. 

Ich glaubte aber dies nicht besser tun zu können, als jenen 
noch nicht veröffentlichten Gedanken Raum zu geben, welchen 
ich in der Gedächtnisrede gelegentlich der Enthüllung der Marmor- 
büste Viktor Meyers im Hörsaale des akademischen Universitäts- 
laboi atoriums zu Heidelberg am 21. Dezember 1901 Ausdruck 
verliehen habe. 



Gedächtaisrede. 



[Musik aus der Ferne: „Der du von dem Himmel bist".] 

Hochansehnliche Festversammlung! 

Mehr als vier Jahre sind verflossen, seitdem Viktor Meyer 
aus dem Leben schied. Bezwungen noch vom frischen Schmerze 
über den Verlust des noch nicht Fünfzigjährigen, in voller Schaffens- 
kraft Entrissenen, haben Freunde, Schüler und Kollegen unter- 
nommen, die Verehrer des großen Chemikers zu einem allum- 
fassenden Kreise zu vereinen, um den Verdiensten des Heimge- 
gangenen auch äußerlich ein Erinnerungszeichen zu widmen. 

Dieser Wunsch ist heute in Erfüllung gegangen: von der 
Meisterhand eines unserer ersten Bildhauer sehen Sie die Mar- 
morbüste Viktor Meyers aufgerichtet in dem Räume, den er selbst 
erschuf, in welchem er 5 Jahre lang als einer der ersten seines 
Faches die Lehren der Chemie vorgetragen hat. 




366 Theodor Curtius [8 



i^t/'"V. 



Mit mehr als hundert Unterschriften von Männern der ver- 
schiedensten Berufsklassen bedeckt, sandte im Winter 1897/98 der 
Heidelberger Geschäftsausschuß für die „Viktor-Meyer- Ehrung** 
den Aufruf in die Welt hinaus. Bereits 2 Jahre später war eine 
so bedeutende Summe eingelaufen, daß die Ausführung einer über- 
lebensgroßen Büste dem Bildhauer Professor Johannes Pfuhl 
in Berlin in Auftrag gegeben werden konnte. Zunächst war die 
Ausführung in Bronze in Aussicht genommen, dann aber auf 
Wunsch des Künstlers beschlossen worden, das Bildnis in Marmor 
zu vollenden. Dasselbe sollte im großen Hörsaale des chemischen 
Institutes Aufstellung finden, da eine für diesen Zweck besser ge- 
eignete Eingangshalle bei der gelegentlich alter Umbauten not- 
wendig gewordenen Ausnutzung der räumlichen Verhältnisse des 
Institutes nicht vorhanden war. 

Die Aufgabe wurde für den Künstler besonders dadurch er- 
schwert, daß kein einziges Profilbild von Viktor Meyer existierte. 
Professor Pfuhl selbst war durch eine glücklicherweise vorüber- 
gehende Erkrankung längere Zeit außer stände, den Meißel zu 
führen. Mit wie liebevoller Hingabe und welch hohem, künstle- 
rischem Erfolge er die ihm gestellte Aufgabe gelöst, darüber werden 
Sie alle heute mit Befriedigung erfüllt sein. War doch auch keiner 
wie er, der Viktor Meyer als Verwandter nahe gestanden, mehr 
dazu berufen, diese Aufgabe zu erfüllen! Des Künstlers Gattin, 
die Schwester des Verewigten, durfte feinsinnig beratend ihrem 
Manne bei der Ausführung zur Seite stehen. Die Gattin des Heim- 
gegangenen konnte wiederholt das Werk bei der Weiterführung auf 
die Porträtähnlichkeit prüfen. Jedenfalls sind wir dem Schöpfer 
der Büste, der leider heute nicht unter uns sein kann, zu großem, 
bleibendem Danke verpflichtet; und alle werden dies sein, welche 
in der Zukunft den herrlichen Kopf Viktor Meyers in diesem 
Saale zu bewundern Gelegenheit haben. 

So sind wir denn heute zusammengetreten, um das schöne 



9] Viktor Meyer. 367 



Ereignis der Aufstellung dieses Bildnisses von Viktor Meyer 
festlich zu begehen. Vor mir sehe ich in dieser glänzenden Ver- 
sammlung eine große Anzahl von Männern, welche es sich nicht 
haben nehmen lassen, von weither herbeizueilen, um dem Kollegen, 
dem Freunde, dem Lehrer nochmals eine Huldigung darzubringen. 
Diesen ganz besonders, wie Ihnen allen, meine hochgeehrten 
Damen und Herren, sage ich von dieser Stelle aus herzlichen 
Dank, daß Sie unserer Einladung gefolgt sind. 

Zu meinem wirklichen Schmerze war es bei der Beschränkt- 
heit des Raumes nicht möglich, auch diejenigen alle unter uns 
zu versammeln, welche als Studierende der naturwissenschaftlich- 
mathematischen Fakultät angehören, der augenblicklich an Zahl 
stärksten unserer Ruperto-Carola, unter denen — ich darf es mit 
Stolz sagen — mehr als 250 sich insbesondere dem Studium der 
Chemie praktisch hingeben. Ich hätte es mir ganz besonders 
gewünscht, daß diese zuerst mit uns heute den Blick auf das Bild- 
nis unseres Viktor Meyer gerichtet hätten, auf das Bild des 
Mannes, welchem sie bei ihrem Studium immer wieder Anregung 
zu chemischer Erkenntnis verdanken. 

In der letzten Sitzung hatte der Ausschuß der „Viktor Meyer- 
Ehrung" einstimmig beschlossen : zur Verherrlichung der heutigen 
Stunde Herrn Professor Ludwig Gattermann in Freiburg zu 
bitten, in dieser Versammlung die Gedächtnisworte zu sprechen, als 
den Mann, der Viktor Meyer als eigenster Schüler, als treuester 
Arbeitsgenosse und Freund in Göttingen und Heidelberg zur Seite 
gestanden. Leider wurde uns dieser Wunsch nicht erfüllt. Danach 
wurde diese Aufgabe mir zugewiesen, der ich dem verewigten 

Meister persönlich nur in wenigen, wenn auch sehr glücklichen 

Augenblicken im Leben nahe treten durfte. 

Mit schwerem Bedenken habe ich mich diesem Beschlüsse 

unterzogen, wohl wissend, daß ich die mir gestellte Aufgabe nur 

unvollkommen lösen kann. Wenn ich es trotzdem versuche, so 



368 Theodor Curtius [10 



nehmen Sie dies, hochgeehrte Anwesende, als den Ausdruck eines 
dankbaren Herzens hin, dankbar diesem hochbedeutenden Manne, 
der mir mittelbar so sehr viel Förderung hat angedeihen lassen, 
und von dem ich weiß, daß er mich gerne an seiner Stelle hier 
weiterwirken sieht. 

Viktor Meyer^ wurde am 8. September 1848 in Berlin ge- 
boren, wo sein Vater eine Kattunfabrik besaß. Ihm, wie seinen 
Geschwistern konnten die Eltern eine ausgezeichnete Erziehung 
angedeihen lassen. Von seinem fünften Jahre an erhielt er Privat- 
unterricht und trat bereits mit 10 Jahren in die Tertia des Fried- 
richwerderschen Gymnasiums ein. Mit 16 Jahren schon bestand 
er die Abiturientenprüfung. Bemerkenswert Ist, daß er während 
der Studien auf dem Gymnasium sich keineswegs in besonderem 
Maße zur Mathematik oder Physik hingezogen fühlte, trotz anre- 
gendem Unterricht, den er in diesen Disziplinen genoß. Auch 
experimentierte er nicht, wie so manche Knaben in diesen Jahren. 
Vielmehr trieb er mit Begeisterung literarische Studien, und sein 
sehnlicher Wunsch wurde: Schauspieler zu werden. Nur mit Mühe 
konnte die Familie diesen Wunsch allmählich in ihm unterdrücken. 

Für die chemisch so bedeutsame Fabrikation seines Vaters, 
für welche der ältere Bruder Richard, jetzt Professor der Chemie 
in Braunschweig, Chemie studierte, zeigte Viktor wenig Interesse. 
Gelegentlich eines Besuches in Heidelberg entschied er sich aber 
ganz plötzlich für das Studium der Chemie, zugleich mit dem 
Wunsche, Dozent zu werden. Von da ab gab er sich diesem 
Entschlüsse mit der ihm eigenen Energie rückhaltlos hin. Nach 
kurzem Studium in Beriin ging er zu Bunsen nach Heidelberg. 

^ Ein großer Teil der nachfolgenden Daten aus dem Leben Viktor 
Meyers wurde der Gedächtnisrede seines Freundes Professor Karl Lieber- 
mann in Berlin entnommen, gehalten in der Sitzung der Deutschen che- 
mischen Gesellschaft vom 11. Oktober 1897. Vgl. Ber. d. D. ehem. Ges. 
XXX, 2158 u. ff. 




11] Viktor Meyer. 369 



"^.yv 



1867, noch nicht IQjährig, promovierte er dort. Bunsen hatte 
den jungen, sorgfältigen Arbeiter so schätzen gelernt, daß er ihn 
als Assistenten anstellte, um Analysen von Mineralquellen nach 
des Lehrers neuer Methode auszuführen. 

1868 wandte sich V. Meyer nach Berlin zurück. Dort hatte 
Adolf Baeyer ein kleines organisches Laboratorium an der 
Gewerbeakademie inne. Die wenigen Praktikanten bildeten mit 
dem jungen Professor einen intimen Freundeskreis. Die meisten 
derselben waren mit eigenen wissenschaftlichen Arbeiten be- 
schäftigte junge Doktoren, von denen viele die Dozenten-Lauf- 
bahn ergreifen wollten. Der Stern Adolf Baeyers war damals 
in hellstem Aufgange begriffen. Männer wie Qraebe und Lieber- 
mann waren die Assistenten. Kein Wunder, daß in diesem kleinen 
Staate ein außerordentlich anregendes wissenschaftliches Leben 
herrschte. Drei Jahre blieb Viktor Meyer dort. Lebenslängliche 
Freundschaft verband ihn seitdem mit seinem Lehrer Adolf 
Baeyer. Zu derselben Zeit stand A. W. Hof mann an der Spitze 
seines neuen großen Beriiner chemischen Institutes, er selbst auf 
der Höhe seines Ruhmes; zahllose Chemiker strömten zu ihm. 
In den wissenschaftlichen Laboratorien der Hauptstadt wurden die 
wichtigsten Entdeckungen gemacht, die der Technik große Erfolge 
versprachen — ich erinnere nur an die Synthese des Alizarins 
durch Qraebe und Liebermann — , in der neugegründeten 
Deutschen chemischen Gesellschaft fanden sich alle wissenschaft- 
lichen und technischen Kreise zusammen. Wie sollte unter so 
günstigen Verhältnissen ein junger Feuergeist wie Viktor Meyer 
nicht die denkbar beste Ausbildung gefunden haben! Baeyer er- 
kannte die außerordentliche Begabung Viktor Meyers sehr bald. 
Viktor Meyers persönliche Eigenschaften gewannen sich die Her- 
zen aller, die mit ihm in Berührung kamen. Seine Belesenheit und 
sein wunderbares Gedächtnis wurden sprichwörtlich im Labora- 
torium. So erscheint denn auch unser junger Gelehrter schon 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 24 



Jb 



370 Theodor Curtius [12 



nach zwei Jahren mit einer interessanten Abhandlung in Liebigs 
Annalen, in welcher er die Umwandlung von Sulfosäuren in Kar- 
bonsäuren mittelst ameisensauren Natriums lehrte. So trat er in 
den damals höchst aktuellen Kampf um die Ortsisomerie bei den 
Benzolderivaten ein und lieferte eine Reihe der wertvollsten Ent- 
deckungen für die Klärung dieser brennenden Frage. 

Auf Baeyers Empfehlung berief H. v. Fehling unseren Ge- 
lehrten an das Polytechnikum nach Stuttgart, um dort als 23jäh- 
riger Professor Voriesungen über organische Chemie zu halten. 
Hier entdeckte Viktor Meyer das Nitroaethan und dessen Isomerie 
mit dem Salpetrigsäureester. 

In dieser Zeit trat für den jungen Forscher die entscheidendste 
Wendung seines Lebens ein. Der bekannte Schweizer Schulprä- 
sident Kappler reiste an den deutschen Hochschulen herum, um 
einen Ersatz für den von Zürich nach Würzburg berufenen Che- 
miker Johannes Wislicenus zu suchen. Da pflegte er denn 
incognito in den Voriesungen zu sitzen, und, obwohl er von Che- 
mie nichts verstand, mit wunderbarem Scharfblick seinen Mann 
zu entdecken. Wohl den besten Griff, den er dabei je an einem 
Chemiker machte, war der an der Person Viktor Meyers, den er 
als Direktor des analytischen eidgenössischen Laboratoriums und 
24 jährigen ordentlichen Professor nach Zürich verpflichtete. 

So stand Viktor Meyer nunmehr an der Spitze eines großen 
eigenen Institutes. Hier in Zürich, wo er im ganzen 13 Jahre 
veriebte, begründete er auch alsbald sein Heim mit der Gefährtin 
seiner Jugend, Hedwig Davidson. Außerordentliche Bega- 
bung als Lehrer wie als Forscher führten Viktor Meyer schnell 
in die allererste Reihe der Fachgenossen. Eine glänzende Arbeit 
folgte der anderen. 

Die Synthese der Nitroparaffine^ hatte den Glauben, daß nur 
in der aromatischen Reihe Nitrokörper möglich sind, gestürzt 

* Vgl. über die folgenden wissenschaftlichen Angaben die 




13] Viktor Meyer. 371 



*ln Anschluß daran trat die Entdeckung der Nitrolsäuren und 
Nitrole, der Nitrosoketone. So ganz nebenbei wird ein Diazo- 
tierungsverfahren mitgeteilt, das noch heutzutage im Laboratorium 
und in der Technik üWich ist.* Und nun weiter die gefeierte Ent- 
deckung einer Methode zur Auffindung der Molekulargröße der 
chemischen Substanzen: die sogenannte ,, Dampfdichtebestim- 
mung nach Viktor Meyer!" *Wenn man bedenkt, daß damals 
und noch lange nachher eine solche Dampfdichtebestimmung der 
einzige Weg war, die Molekulargröße eines Körpers festzustellen, 
wenn man sich ferner vor Augen hält, daß bei allen bis dahin 
bekannten Methoden zur Bestimmung der Dampfdichte die genaue 
Kenntnis der Temperatur notwendig war, so daß jede bei hoher 
Temperatur auszuführende Bestimmung zu einer mit den größten 
Schwierigkeiten verknüpften Operation wurde, so kann man das 
Aufsehen ermessen, welches das Bekanntwerden von V. Meyers 
Luftverdrängungsverfahren hervorrief. Hier war eine Methode 
entdeckt, die weit einfacher als alle bekannten war und dabei den 
großen Vorzug besaß, daß eine genaue Temperaturbestimmung 
überflüssig wurde. Damit war der Weg gegeben, um die Mole- 
kulargröße von sehr schwer flüchtigen Körpern festzustellen, wo- 
bei in rascher Folge die des Zinnchlorürs, des Kupfer- und 
Eisenchlorürs aufgefunden wurde.* Es entwickelte sich so die 
nPyrochemie", mit deren Problemen sich Viktor Meyer 21 Jahre 
lang bis zu seinem Tode immer wieder von neuem beschäftigt 
hat. Am meisten Aufsehen hat nicht nur in der chemischen, 
sondern auch in der wissenschaftlich gebildeten Welt überhaupt 
die Anwendung seiner pyrochemischen Methode auf die Erkennt- 



nete Rede von V. Meyers Schüler und Mitarbeiter H. Goldschmidt (jetzt 
Professor der Chemie a. d. Univ. Christiania) „Zur Erinnerung an Viktor 
Meyer**, gehalten am 16. November 1897 in der chemischen Gesellschaft zu 
Heidelberg. Druck von J. Hörning. Die mehr oder weniger wörtlich ent- 
nommenen Stellen sind zwischen * eingeschaltet. 

24» 



372 Theodor Curtius [14 



nis des Verhaltens der Halogene bei hohen Temperaturen ge- 
macht. Es ergab sich die höchst interessante Tatsache, daß das 
Halogenmolekül bei hoher Temperatur sich in Atome auflöst, 
und zwar das des Jods leicht, das des Bromes schwieriger. Das 
Chlormolekül erschien erst über 1400® partiell in Einzelatome 
zerfallen. 

Diese pyrochemischen Arbeiten in einem anfangs völlig un- 
geeigneten Feuerlaboratorium, in dem bei einer Temperatur von 
50® C. stundenlanges Verweilen erforderlich war, hatten Anfang der 
80er Jahre den Gesundheitszustand V. Meyers schwer geschädigt. 
Es dauerte Jahre, bis er wieder mit größerer Frische sich seinen 
Pflichten und Arbeiten widmen konnte. 

Neben solchen pyrochemischen Arbeiten führte er aber trotz- 
dem noch eine Fülle der wichtigsten Untersuchungen aus, die 
zu überaus gefeierten Entdeckungen auf dem Gebiete der orga- 
nischen Chemie führten. V. Meyer ließ von einem Thema, das 
ihn einmal gefesselt hatte, niemals wieder ganz ab, und so be- 
schäftigten ihn aufs neue z. B. organische Probleme, welche im 
Zusammenhange mit seinen alten Nitroarbeiten standen. Dies 
führte ihn auf Wegen, die dem Kenner höchste Bewunderung vor 
dem Scharfsinne des Forschers abnötigen, zur Entdeckung der 
Fähigkeit des Hydroxylamins, auf Karbonylsauerstoff einzuwirken. 
So wurden die Ketoxime und Aldoxime entdeckt, mittelst derer 
man wichtige Konstitutionsfragen in sauerstoffhaltigen organischen 
Verbindungen nunmehr allgemein zu lösen lernte. *So hat z. B. 
V. Meyers „Hydroxylaminreaktion" unsere Ansichten über die 
Konstitution wichtiger Farbstoffe wesentlich geklärt, sie hat dazu 
beigetragen, daß die Chemie der Terpene und des Kamphers sich 
erfolgreich entwickeln konnte.* 

Ich muß mir leider versagen, näher auf diese interessanten 
Arbeiten im einzelnen einzugehen. Nur eine große Entdeckung 
des genialen Forschers möchte ich Ihnen hier kurz vorfuhren. 




15] Viktor Meyer. 373 



■"^XV" 



Dieselbe hat einmal den Ruhm Viktor Meyers auch in weitere 
Kreise von Nicht-Fachmännern getragen, dann aber zeigt uns die 
Weise, wie sie erfolgte, die Eigenart der Tätigkeit Viktor Meyers als 
Forscher auf dem Gebiete der Chemie in einem so glänzenden 
Lichte, wie kaum eine andere. Es ist dies die Entdeckung des 
Thiophens, welche fast unmittelbar auf die der eben erwähnten 
„Hydroxylaminreaktion" folgte: *V. Meyer war im Herbst 1882 
vom schweizerischen Schulrate der Auftrag geworden, das Kolleg 
über Benzolderivate, das durch den Tod seines Freundes Weith 
erledigt war, zu übernehmen. Kam ihm auch diese Vermehrung 
seiner ohnehin großen Arbeitslast nicht gerade erwünscht, so 
sollte dies doch der Anstoß zu jener Entdeckung werden, die 
vielleicht als seine glänzendste zu bezeichnen ist. Als er in einer 
dieser Vorlesungen seinen Hörern die von Baeyer entdeckte so- 
genannte Indopheninreaktion des Benzols vorführen wollte, reichte 
ihm sein Assistent Sandmeyer eine Benzolprobe, die in der 
Vorlesung selbst aus reiner Benzoesäure hergestellt war. Die 
Reaktion — eine nicht zu übersehende Blaufärbung — trat nicht 
ein. Als aber Benzol aus der Vorratsflasche genommen wurde, 
erfolgte die Blaufärbung sehr deutlich. Tausend andere wären 
an dieser Erscheinung einfach vorbeigegangen. Nicht so Viktor 
Meyer. Noch am gleichen Tage begann er die Nachforschungen 
nach dem zweiten Benzol, wie er sich damals ausdrückte, das im 
gewöhnlichen Benzol existieren mußte und die Indopheninreaktion 
bewirken sollte.* Alles käufliche Benzol ergab die Blaufärbung, 
ebenso das im Laboratorium aus Benzoesäure, die aus dem Stein- 
kohlenteer herstammte, gewonnene Benzol. Als aber Benzol aus 
einer Benzoesäure, welche im tierischen Organismus produziert 
war, untersucht wurde, blieb die Blaufärbung wieder aus. *Und so 
war nachgewiesen, daß der Urheber der Indopheninreaktion im 
Steinkohlenteer enthalten sein müsse. Die vorhin erwähnte 
erste Beobachtung war Ende November gemacht worden. Zu Weih- 




374 Theodor Curtius [16 



•A/rSi 



nachten wußte man bereits, daß man es hier mit einer schwefel- 
haltigen Beimengung des Benzols zu thun hatte, und daß das 
indophenin selbst, was bisher übersehen war, Schwefel enthielt. 
Für die Darstellung des neuen Körpers bot sich ein Weg in der Beo- 
bachtung, daß das Teerbenzol beim Schütteln mit Schwefelsaure die 
Fähigkeit, die Reaktion zu geben, verlor. Die neue Verbindung 
mußte also in die Schwefelsaure übergegangen sein und ließ sich in 
der Tat daraus in konzentrierterem Zustand wiedergewinnen. Da 
aber das Teerbenzol höchstens V«% des neuen Körpers enthielt, so 
mußte nach vielen vergeblichen Bemühungen schließlich aufgegeben 
werden, denselben im Laboratorium herzustellen. Dies gelang 
erst, als eine Farbenfabrik übernahm, 250 1 Benzol mit Schwefel- 
saure auszuschütteln, und das Säuregemenge in die Bleisalze der 
Sulfosäuren zu verwandeln. Aus diesem Material ließ sich auf 
immer noch mühseligem Wege die neue Verbindung isolieren, 
die Viktor Meyer erst Thianthren, dann Thiophan, Thiol und 
schließlich Thiophen nannte. Die Arbeit, in der das reine Thiophen 
zum erstenmal beschrieben ist, trägt das Einlaufdatum: 11. Juni 
1883. In einem halben Jahr also war die ganze, mit den größten 
Schwierigkeiten verknüpfte Untersuchung ausgeführt* Nun galt 
es weiter, eine Chemie desThiophens zu entwickeln gleich der 
des Benzols. Auf der Schweizer Naturforscherversammlung konnte 
noch im selben Sommer Viktor Meyer eine ganze Reihe von 
Thiophenderivaten vorzeigen, welche durch ihre höchst über- 
raschende Ähnlichkeit mit den entsprechenden Benzolderivaten 
die größte Bewunderung erregten. Im weiteren Verlaufe der Unter- 
suchungen gelang es allerdings nicht, auch eine Chemie des Thio- 
phenins der des Anilins an die Seite zu stellen, aber nach 5 Jahren 
schon ließ V. Meyer „das Thiophen" als besonderes Buch er- 
scheinen, welches den Extrakt von mehr als 100 Abhandlungen 
über Thiophenverbindungen enthielt, welche alle in dieser kurzen 
Zeit von ihm mit seinen Schülern fertiggestellt worden waren. 



17] Viktor Meyer. 375 



■vy»^ 



Zu solcher Arbeitslast trat im Winter 1883/84 der Neubau 
des chemischen Laboratoriums am Züricher Polytechnikum hinzu. 
Dieses Übermaß von Anspannung ließ ihn am Ende desselben 
Winters bedenklich erkranken. Gegen Schluß des Sommersemesters 
1884 traf den immer noch Leidenden die Berufung nach Göttingen. 
Erst nach einer Reise an die Riviera im Winter 1885 fühlte er sich 
soweit wiederhergestellt, daß er mit Beginn des Sommers seinen 
neuen Wirkungskreis in Göttingen übernehmen konnte. Zahllose 
Zeichen von Liebe und Verehrung wurden dem von Zürich 
Scheidenden dargebracht. 

In Göttingen galt es aber aufs neue zu bauen! Der Umbau 
des alten Wohle rschen Instituts zog sich bis 1888 hin und nahm 
einen großen Teil der Arbeitskraft Viktor Meyers in Anspruch. 
Trotzdem entstammen dieser Zeit zahlreiche wichtige Arbeiten ver- 
schiedenster Art. Unter besseren äußerlichen Verhältnissen als in 
Zürich nahm er die pyrochemischen Versuche von neuem auf. Es 
gelang ihm, die Molekulargröße des Zink-, Wismut-, Antimon- und 
Thalliumdampfes zu untersuchen und festzustellen, daß auch hier 
sich Andeutungen dafür ergeben, daß bei genügend hoher Tem- 
peratur Molekül und Atom dieser Elemente identisch sein müssen. 

— Auf die weiteren großen Arbeitsgebiete der Göttinger Zeit — 
ich nenne nur die Untersuchungen über die isomeren Benziloxime 

— verbietet uns hier die Zeit näher einzugehen. *Wenn wir heute 
eine Stereochemie des Stickstoffs vermuthen müssen, die sich der 
Stereochemie des Kohlenstoffs an die Seite stellen läßt, so ver- 
danken wir hauptsächlich den zuletzt erwähnten Arbeiten Viktor 
Meyers diese Erkenntnis.* 

Eines darf ich hier nicht unerwähnt lassen: die Gabe, welche 
die chemische Wissenschaft der Göttinger Arbeitsperiode V. Meyers 
in Gestalt des so berühmt gewordenen Lehrbuches der organischen 
Chemie verdankt. Lange hatte er alle Aufforderungen, ein solches 
Lehrbuch zu schreiben, abgelehnt. Erst in Göttingen nahm er das- 



376 Theodor Curtius [18 



selbe in Angriff, als er in Paul Jacobson einen hervorragenden 
Mitarbeiter zu diesem Zwecke gefunden hatte. Von diesem Buche, 
welches ein wirkliches Lehrbuch, nicht Handbuch der Chemie ist, 
konnte der Verfasser leider nur noch den i. Teil vollenden. In 
Bezug auf Klarheit der Darstellung, vollendete Form und vor allem 
in Bezug auf kritische Durcharbeitung des Materials steht dieser 
Torso heute noch mustergültig und unerreicht da. 



1889 hatte der unvergleichliche Altmeister der Chemie, Ro- 
bert Bunsen, in Heidelberg sein Amt niedergelegt An Viktor 
Meyer erging der Ruf, das Erbe des fast Achtzigjährigen anzutreten. 
Es ist nach meiner Ansicht eines der vielen großen Verdienste 
des alternden Meisters um die Heidelberger chemische Schule, daß 
er sich selbst diesen jugendlichen Nachfolger wünschte, dessen be- 
deutendste wissenschaftliche Leistungen auf dem Bunsen selbst 
sehr fremd gebliebenen Gebiete der modernen organischen Che- 
mie lagen. 

Viktor Meyer mußte diese Berufung in große Erregung ver- 
setzen. Einerseits war er der preußischen Unterrichtsverwaltung 
zu Dank verpflichtet: der Umbau des alten Wöhlerschen Insti- 
tutes stand nach seinen eigenen Intentionen und Plänen vollendet in 
Göttingen da, bereit, dem Meister eine würdige Stätte des Forschens 
und Lehrens zu bieten. Andererseits lockte die Zusage der badischen 
Regierung: das veraltete Bunsensche Institut nach allen weit- 
gehendsten Wünschen umzuformen und zu erweitern. — Ich glaube, 
daß es „Alt Heidelberg"" war, weiches den Meister in seine Arme 
zog. Hatte doch auch der große Chemiker Kekul^ in Bonn, 
der vom Sonnenglanz des Erfolges wie kaum ein zweiter Um- 
strahlte, seinen Freunden gestanden, daß er sich als letzte Gunst 
des Schicksals wünsche, einem Ruf nach Heidelberg Folge leisten 
zu dürfen. Wer könnte sich diesem Wunsche entziehen, zunutl 
wenn er die Erinnerung an glückliche Jahre des Lernens und Qe— 



19] Viktor Meyer. 377 






nießens auf diesem herrlichen Fleckchen Erde sein eigen nennen 
darf? Und wer erst, der hoffen darf, mit der geliebten Frau in 
dieser Herriichkelt deutscher Landschaft zu leben, den heran- 
blühenden Kindern die Wunder derselben darbieten zu dürfen! 

Viktor Meyer kam. Er kam vertrauend auf seinen Stern, 
obwohl er wußte, daß ihm aufs neue eine Zeit riesiger körper- 
licher und geistiger Anspannung bevorstand, um neben seinen 
wissenschaftlichen Aufgaben zu dem großen Ziele zu gelangen: 
auch der chemischen Forschung in Heidelberg den Stempel der 
an den meisten anderen großen Hochschulen längst bis zur höch- 
sten Blüte gelangten organischen Chemie aufzuprägen. 

Zunächst galt es ein modernes Institut zu schaffen. Das be- 
rühmte Laboratorium Bunsens mußte ausgedehnt oder ganz 
erneuert werden. Obwohl die Regierung sich bereit erklärte, den 
letzteren Weg zu beschreiten, zog Viktor Meyer vor, wohl haupt- 
sächlich um ein neues Institut nicht zu weit von den nahe ver- 
wandten der naturwissenschaftlichen Disziplinen, aber auch der 
Physiologie und Anatomie zu entfernen, das alte Bunsenlabora- 
tonum zu erweitern. 

Zunächst wurde sofort ein Barackenbau provisorisch ge- 
schaffen, um die erhöhte Anzahl der Studierenden aufzunehmen. 
Im übrigen stellten sich fast unlösbare Schwierigkeiten der Aus- 
führung der Idee des Erweiterungsbaues entgegen. Nur ein 
verhältnismäßig sehr knapper Platz konnte ausgenutzt werden, um 
Räume zu schaffen, welche neben dem großen Hörsaale, In wel- 
chem ich Sie, hochgeehrte Versammlung, heute zu begrüßen die 
Ehre habe, und den vielen Nebenräumen die doppelte Anzahl von 
Arbeitsplätzen für Praktikanten liefern sollten, als In dem alten 
Bunsenschen Institute vorhanden waren. V.Meyer hat die denk- 
bar zweckmäßigste Ausnutzung des ihm zu Gebote gestellten 
Raumes in wahrhaft genialer Weise erreicht. 1892 konnte der 
„Neubau" mit mehr als 60 Arbeitsplätzen, die aber alsbald mit 



378 Theodor Curtius [20 






circa 90 Praktikanten besetzt werden mußten, In Betrieb genom- 
men werden. 

Nur wenige NichtChemiker, welche über den Wredeplatz durch 
die Akademiestraße gehen und die gefälh'gen architektonischen 
Linien des von Bunsen anfangs der fünfziger Jahre errichteten 
alten Institutes betrachten, werden eine Ahnung haben, wieviel 
Chemie heute dahinter noch, unsichtbar von der Straße, getrieben 
wird. Auch der von V. Meyer erbaute 40 Meter hohe Kamin, 
der die chemischen Dünste für die Umgebung unschädlich machen 
soll, wird nicht allen von Ihnen persönlich bekannt sein; die 
Glücklichen, die an schönen Sommertagen auf den naheliegenden 
Höhen des Qaisberges sich der Schönheit der Heidelberger Land- 
schaft mit ihrem erquickenden Waldeshauch erfreuen, ahnen wohl 
kaum, welch ein Hexenkessel von bösesten Düften der Wissen- 
schaft zu Ehr und Nutzen aus dem kleinen Gebäudekomplex 
zu ihren Füßen, von 200 lernbegierigen Menschen angefacht, 
emporbrodelt. 

Mit rastloser Energie ging Viktor Meyer an die Arbeit. 
Die neuesten eigenen Erfahrungen an dem von ihm gebauten Zü- 
richer und Göttinger Institut wurden verwertet und ergänzt. Sein 
Schüler Gattermann ist in dieser Zeit der Hauptgenosse seiner 
Bausorgen und hilft ihm getreulich an der Vollendung des Werkes. 
Alle Pläne runden sich mit Hülfe der Liberalität der Unterrichts- 
verwaltung unter kundiger Fachleitung zu schönstem Gelingen. 

Und nun strömten die Schüler herbei, um unter des neuen 
Meisters Leitung Chemiker als Praktiker oder als Lehrer zu wer- 
den. Doch schon mit der Eröffnung des so großartig erweiterten 
Instituts genügten die Arbeitsplätze nicht mehr, um den Ehrgeiz 
der sich um Viktor Meyer scharenden studierenden Jugend zu 
befriedigen. Der Meister plante eine neue Erweiterung des 
Institutes, welche vor allen Dingen dem chemischen Bedürfnis der 
Mediziner zugute kommen sollte. Er durfte die Ausf&hrung seines 




21] Viktor Meyer. 379 



Wunsches nicht mehr erleben. Aber heute steht trotzdem in 
seinem Geiste, wenn auch nicht nach seinen Plänen ausgeführt, 
der seit Jahresfrist in Betrieb gesetzte sogenannte „Medizinerbau** 
vollendet da und bietet 32 Studierenden der Medizin oder Chemie 
nach modernsten Gesichtspunkten Gelegenheit zu ihren Studien. 
Dieser Bau füllt das letzte freie Eckchen des zur Verfügung stehen- 
den Bodens aus, ganz unsichtbar dem die Straßen Heidelbergs 
durchwandernden Fremden. 

Aber noch eine zweite, wichtige Aufgabe fiel Viktor Meyer mit 
Antritt seiner Stellung als Lehrer in Heidelberg zu: eine durch- 
greifende Reform der Ausbildung der älteren Studierenden für das 
als naturgemäßen Schluß des Studiums der Chemiker sich er- 
gebende Doktorexamen herbeizuführen. Schon seit Jahrzehnten 
bestand nach Liebigs Vorgang an fast allen chemischen Instituten 
der Universitäten der Gebrauch: die Studierenden in den letzten 
zwei oder drei Semestern ihres Studiums dadurch fertig auszubil- 
den, daß der Lehrer dieselben an dem Weitergange seiner eigenen 
Forschungen in Gestalt von wissenschaftlich durchzuführenden 
Aufgaben teilnehmen läßt. Dadurch allein kann die Selbständig- 
keit des Denkens und des Lösens von Problemen erzielt werden. 
In Heidelberg wurde bis zu Viktor Meyers Eintritt in den Lehr- 
körper ein solches schriftliches specimen acuminis, eruditionis et 
diligentiae von den Chemikern nicht verfangt. 

Dadurch, daß nunmehr diese Forderung in Gestalt der gedruck- 
ten wissenschaftlichen Dissertation an die Doktoranden gestellt 
wurde, erwuchs V. Meyer aber eine ungeheure Arbeitslast. Eine über- 
große Anzahl von Chemikern eilte nach Heidelberg, um durch Lösen 
einer eigenen wissenschaftlichen Aufgabe sich die Anwartschaft auf 
den Doktorhut in einer den übrigen Hochschulen ebenbürtigen Weise 
zu erwerben. In den letzten Jahren seines Wirkens sollten die 
Fäden von oft nahezu 100 verschiedenen wissenschaftlichen Unter- 
suchungen in dem Kopfe dieses einen Meisters zusammenlaufen! 



380 Theodor Curtius [22 



=Ov 



Daß dies nicht möglich ist, liegt auch für den Laien auf der Hand. 
Aber Viktor Meyer verstand mit wunderbarem Scharfblick die- 
jenigen seiner älteren Schüler und Mitarbeiter dauernd an sich zu 
fesseln, deren hohe Begabung er frühzeitig erkannt, welche er 
selbst zu wissenschaftlicher Selbständigkeit ausgebildet hatte. So 
erschien er in Heidelberg auf dem chemischen Kampfplatze mit 
einem Stabe von ausgezeichneten Gelehrten und bereits selbständig 
forschenden Schülern, um welche ihn die Leiter der Institute aller 
anderen Hochschulen geradezu beneiden mußten. Ich brauche 
nur die Namen Jannasch, Gattermann, Auwers, Knoeve- 
nagel, Goldschmidt zu nennen. In diesen Männern fand er 
die geeignete Unterstützung bei der Bewältigung der ihm aufge- 
bürdeten, enormen Arbeitslast. 

Meine hochgeehrten Damen und Herren! Viktor Meyer sind 
während seines arbeitsamen, erfolgreichen Lebens die höchsten 
Anerkennungen und Auszeichnungen zuteil geworden; die größte 
aber, die meines Erachtens einem Lehrer zuteil werden kann, aber 
in diesem Maße kaum je wird, hat er leider nicht mehr erleben 
dürfen: in dem Zeiträume von kaum zwei Jahren sind vier dieser 
seiner bedeutendsten Mitarbeiter und Schüler als ordentliche Profes- 
soren und Institutsdirektoren an Hochschulen des In- und Auslandes 
berufen worden! Wenn ich als sein Nachfolger drei dieser hoch- 
verdienten Männer aus dem Institute mit schwerem Herzen habe 
ziehen lassen müssen, so hat mich im stillen wenigstens immer 
ein Gedanke freudig bewegt: welche Genugtuung Viktor Meyer 
darüber hätte empfinden müssen, daß die von ihm als Lehrer ge- 
streute Saat auch diesen glänzenden Erfolg vor aller Welt ge- 
bracht hatte. 

Wie bitter müssen diese treuen Gefährten den Tod des Mdsters 
empfunden haben! Einer derselben, Heinrich Goidschmidt, 
hat von dieser Stelle aus in einer Sitzung der Heidelberger che- 
mischen Gesellschaft kurz nach dem Tode Viktor Meyers diesem 




23] Viktor Meyer. 381 



Gefühle mit den wenigen, unnachahmlichen Worten Ausdruck 
gegeben: „Viktor Meyer ist nicht mehr, und wir müssen trachten, 
uns nach und nach in das Unabänderliche zu finden. In unserem 
Schmerze wollen wir es aber doch dankbar als ein Glück em- 
pfinden, daß es uns vergönnt gewesen ist, mit einem solchen Manne 
zusammenzuleben." 

in diesem Strudel didaktischen Wirkens in Heidelberg finden 
wir Viktor Meyer trotzdem in die Ausführung alter und neuer 
wissenschaftlicher Probleme vertieft. 

*Sein Wunsch, an der Stätte, wo sein geliebter Lehrer Bunsen 
vor ihm gewirkt hatte, sein bestes Können zu entfalten, ging in 
Erfüllung. In den ersten Jahren in Heidelberg beschäftigten ihn 
noch die Untersuchungen über die Isomerie der Oxime, ferner 
vom physikalisch - chemischen Standpunkte aus interessante Ver- 
suche über Knallgas und die Zersetzung des Jodwasserstoffs. 
Wichtige Gesetzmäßigkeiten über die Substitution von Wasserstoff 
durch Halogene in Fettkörpern wurden aufgefunden, die pyroche- 
mischen Arbeiten von neuem aufgenommen. Letztere führten zu 
einer einfachen Methode, die Schmelzpunkte sehr schwer schmelz- 
barer Substanzen zu bestimmen. Die größte wissenschaftliche 
Tat, welche er in den letzten acht Jahren seines Lebens ausführte 
— nach meiner Ansicht die schönste Arbeit des Meisters über- 
haupt — , bilden aber seine klassischen Untersuchungen über jene 
jodhaltigen Substanzen, welche er uns als Jodoso-, Jodo- und 
Jodoniumverbindungen kennen lehrte. Mit wunderbarem 
Scharfblicke erkannte er in jenen neuen Stoffen Eigenschaften, 
welche nach der Theorie in keiner Weise vorhergesehen werden 
konnten. Wer hätte voraussagen können, daß sich vom Jod- 
benzol oder der o-Jodbenzoesäure Sauerstoffverbindungen ab- 
leiten, welche sich den Nitroso- und Nitroverbindungen in der 



• Vgl. die Anmerkung S. 370. 



382 Theodor Curtius [24 



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Reihe der stickstoffhaltigen Körper an die Seite stellen? Und ge- 
radezu unmöglich war vorauszusehen, daß den Verbindungen von 
der Konstitution der Jodoniumkörper Basen zu Grunde liegen, 
die hinsichtlich der Stärke den Alkalien gleichen und in einzelnen 
Reaktionen an die Thalliumverbindungen erinnern! — Das Ester- 
gesetz, das gleichfalls den letzten Arbeitsjahren entstammt, ist 
ein kühner Versuch, die Geschwindigkeit der Esterbildung einer 
Säure mit deren Konstitution in Zusammenhang zu bringen. Ist 
auch die Annahme, daß die räumlichen Verhältnisse dabei eine 
Rolle spielen, nicht streng bewiesen und vielleicht überhaupt nicht 
beweisbar, so wurde doch bei dieser Arbeit eine, wie es scheint 
ganz allgemeine Gesetzmäßigkeit für die Geschwindigkeit der Ester- 
bildung bei aromatischen Säuren aufgefunden. 

Noch eine merkwürdige, kleine, aber sehr reizvolle Entdeckung 
stammt aus dieser Zeit: der Forscher wies mit großem Scharf- 
sinn nach, daß entgegen allen Vermutungen bei der Oxydation von 
Wasserstoff oder Kohlenoxyd mit Permanganat Sauerstoff frei 
wird. Kaum einer außer ihm wäre wohl auf den Gedanken ge- 
kommen, daß das bei diesen Oxydationsprozessen übrigbleibende 
Gas aus Sauerstoff bestehen könnte. 

Die letzte Arbeit, welche Viktor Meyer noch zu völligem Ab- 
schlüsse brachte, war die Untersuchung des Mesitylen aus Aceton. 
Es waren Zweifel dagegen laut geworden, daß der wohlbekannte 
Körper einheitlicher Natur sei. Er wünschte mit dem ihm eige- 
nen, außerordentlich fein entwickelten Gerechtigkeitsgefühl, wie 
er sich ausdrückte, „die Ehre des Mesitylen zu retten*. Und er 
rastete nicht, bis er nachgewiesen, daß die Umlagerungen, welche 
man bei den Umsetzungen des Mesitylen angenommen hatte, 
nicht existieren.* 



So baut sich das Lebenswerk Viktor Meyers als Forscher und 
Lehrer vor uns auf, begründet auf großen originellen Gedanken 




Viktor Meyer. 



383 



ürfen, die er mit kühner, gewissenhafter Arbeit und glän- 

terimentierkunst bis zum äußersten Ziele zu verwirkHchen 

Unerreichbar war er in der Kunst, die schwierigsten 

I in leicht faßlicher und dabei formvollendeter Art darzu- 

Vorlesungen wirken nur anregend, wenn der Lehrer selbst 

f Freude daran hat, wenn er selbst in ihnen „etwas erlebt", 

) er selbst dabei manche neue Anregung erhält. Viktor Meyer 

\ diese Freude am Vortrage, wie am Experimentieren in der 

mg im höchsten Maße. 
Es machte ihm aber auch Freude, chemische Probleme vor 
! naturwissenschaftlichen und medizinischen Kreisen vorzu- 
Zeugnis davon geben seine Reden bei Gelegenheit der Ver- 
[en der Naturforscher und Ärzte, Reden oft von kühnstem 
bund stets in vollendeter Darbietung. Auch in popularisierender 
I bemühte er sich, seine große darstellerische Kunst in der Che- 
! durch Aufsätze in naturwissenschaftlichen, ja auch politischen 
4lriften nutzbar zu machen. Der kühne Versuch, in dem Rah- 
leines Lebensbildes von Pasteur die Lehre vom asymmetrischen 
lenstoff einem allgemeiner gebildeten Publikum vorzuführen, er- 
e bei den Fachgenossen berechtigtes Erstaunen. Der feinsinnige 
Stier Viktor Meyer mehr als der große Gelehrte war es, der 
'solches zu Tage förderte. So finden wir denn erst recht von ihm 
reine Schöpfungen künstlerischen Empfindens, unabhängig von der 
' chemischen Wissenschaft. Eine Reihe anziehender belletristischer 
Arbeiten bietet er uns. Wahre Tiefe des Gemütes, echtes, vornehmes 
Empfinden in bildender und tönender Kunst, und vor allem ein 
tiefes Verständnis für die Schönheiten der natürlichen Landschaft, 
verbunden mit liebevollem Eingehen in das Leben und Treiben 
der Menschen in derselben muten uns aus diesen Aufsätzen reiz- 
voll an. 

Zu Reisen in weite Fernen, nach Korsika, Spanien, den Ka- 
naren — wie köstlich schildert er die „Märztagc im Kanarischen 



384 Theodor Curtius [26 

Archipel" — zog er aus. Körperliche Übungen im Schwimmen 
und Schlittschuhlaufen setzte er auch noch in reiferen Jahren 
geistiger Arbeit entgegen. Vor allem aber waren es die Hochgipfel 
der Alpen, welche ihn immer wieder anzogen: er wanderte mit 
seiner Gattin durch die Eiswüste des Klaridenpasses; Hochgipfel, 
wie TÖdi, Bernina und Jungfrau sah er zu Füßen. 

Einer Begegnung in der Alpenwelt verdanke ich die einzige 
Gelegenheit, während einer längeren Reibe von Tagen Viktor Meyer 
persönlich wirklich nahe getreten zu sein. Diese Begegnung ge- 
hört zu meinen glücklichsten Erinnerungen: so mögen Sie, hoch- 
verehrte Anwesende, mir gestatten, dieselbe hier Ihnen zu über- 
liefern. 

Ende August 1890 traf ich Viktor Meyer allein in Poniresina. 
Ich durfte ihm die Neuigkeit von der Entdeckung der Stickstoff- 
wasserstoffsäure mitteilen, welche einige Wochen später auf der 
Bremer Naturforscherversammlung proklamiert werden sollte. Dar- 
über geriet er in wahre freudige und herzliche Aufr^ung. Am 
nächsten Morgen sagte er mir, daß ihm die ganze Nacht .das 
umgedrehte Ammoniak" nicht aus dem Kopfe g^angen. Noch 
mehrere Tage lang kam er immer wieder in höchst antuender 
Weise auf diese Entdeckung zurück und knüpfte die kühnsten Fol- 
gerungen daran in Scherz und Ernst 

Unendlicher Schneefall trat in jenen Tagen ein und verhüllte 
selbst den Boden des Tales mit weißem Gewände. Blendender 
Sonnenglanz vom tiefblauen Himmel ließ uns nunmehr die Reize 
des winterlichen Hochgebirges im Sommer empfinden. Die un- 
beschreibliche Pracht der Landschaft versetzte Viktor Meyer in höch- 
stes Entzücken, und so wollte er, trotz des tiefen Neuschnees, über 
den Morteratschgletscher nach der Bovalhütte vordringen. Wir 
stiegen an einem unvergleichlichen Morgen über das untere Ende 
des sonst so bequemen, aber nunmehr mit knietiefem Schnee be- 
deckten Gletschers langsam hinauf. Plötzlich sagte mein Gefährte, 




27] Viktor Meyer. 385 

als wir in heiterem Gespräch an einem großen Steine rasteten, 
daß er einige Augenbh'cke vöHig ausruhen müsse. Er legte sich 
auch sogleich in den Schnee und schlief in wenigen Sekunden fest 
ein. Ich unterstützte ihn, so gut es ging, mit Rucksack und Seil, 
da er immer tiefer in den Schnee sank. Nach mehr als einer 
halben Stunde wachte Viktor Meyer auf und sprach sofort weiter 
mit mir, als ob sein Schlaf nur wenige Augenblicke gedauert. Wir 
kehrten natürlich nach Pontresina zurück, konnten aber schon am 
nächsten Tage, da er sich erfrischt und munter fühlte, über die 
Maloja ins herrliche Bergell hin unterwandern. 

Später bin ich noch manchmal flüchtig mit Viktor Meyer bei 
Kongressen und anderen Gelegenheiten zusammengetroffen. Immer 
wieder ist er mir mit demselben freundlichen Interesse, ja mit 
einer gewissen unnachahmlichen Zärtlichkeit des Herzens nahe- 
getreten. 

Nach Viktor Meyers Tode ist mir die Erinnerung an solche 
flüchtigeren Begegnungen mehr und mehr verblaßt. Wenn ich an 
ihn denke, stehen mir die feingemeißelten Züge des Mannes vor 
Augen, wie ich ihn sah, tiefschlummernd wie ein Kind in der 
fleckenlosen, unendlichen Schneewüste am Fuße eines der maje- 
stätischsten Berge der Alpenwelt. 

So habe ich Viktor Meyer als Menschen kennen gelernt, und 
jede Faser seines Herzens, welche er mir enthüllt hat, ist mir lieb 
und wert geblieben. Ich möchte aber diese Gedächtnisworte nicht 
schließen, ohne den Erinnerungen eines Mannes gerecht zu werden, 
der zu ihm lange Zeit in freundschaftlicher Beziehung gestanden: 
Karl Li ebermann charakterisierte die Eigenschaften Viktor Meyers 
in einer Sitzung der Deutschen chemischen Gesellschaft \ als die 
Mitglieder noch unter dem ersten, bittersten Eindruck von dem Ver- 
lust ihres Präsidenten standen, wie folgt: 



» loc. cit. p. 2158—59. 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 25 




386 Theodor Curtius [28 



„Wer, wie ich, Viktor Meyer seit drei Jahrzehnten als Freund 
nahegestanden, der fühlt, daß er seinem Gedächtnis nur dann voll- 
kommen gerecht werden kann, wenn er nicht nur von dem hohen 
Streben und den wissenschaftlichen Leistungen berichtet, sondern 
auch zum Herzen der Hörer von ihm spricht Denn die Herzen 
gewann er aller, welche ihm nahe traten. Nicht nur Fachgenossen, 
Gelehrte, Künstler, denen seine geniale Veranlagung nicht entgehen 
konnte, nein auch der harmlosest auf dem Lebenspfade ihm Be- 
gegnende stand unter dem Zauber seiner Persönlichkeit Auf das 
glücklichste hatte ihn die Natur dazu veranlagt und ausgestattet: 
die jugendliche Gestalt, der fein geschnittene, geistreiche Kopf, das 
seelenvolle, blaue Auge, der Wohlklang der Stimme nahmen schon 
äußerlich jeden für ihn ein. Liebenswürdige Geselligkeit war in 
ihm mit harmonischer Durchbildung, schnelle Auffassungsgabe 
mit natürlicher Beredsamkeit, klarer Verstand mit schöpferischer 
Phantasie gepaart. Fern von banaler Schmeichelei wußte er jeden 
freundlich aufzufassen, fremdes Verdienst begeistert anzuerkennen. 
Dies gab dem Umgange mit ihm das warme Kolorit, das ihm 
immer neue Freunde erwarb. Treue Freundschaft hat er sein 
Leben lang auch den räumlich fernen Freunden gehalten. — Wahre 
Herzensgüte war ein Grundzug dieses sonnigen Charakters. Ein 
Sonnenglanz lag über seinen Familienbeziehungen: die liebevollste 
Zärtlichkeit zu Eltern, Geschwistern, Gattin und Kindern. Keine 
schönere Aufgabe, kein sehnlicherer Wunsch, als in den vier auf- 
blühenden Töchtern jede geistige und künstlerische Anlage schön 
zu entwickeln! Und jeder seiner Schüler, Mitarbeiter, Bekannten 
hatte an seiner wohlwollenden Güte teil." — 

Daß die Stürme der Heidelberger Jahre an Viktor Meyer ohne 
Schädigung seiner Kräfte hätten vorüberziehen können, wer hatte 
dies nach der Wirkung der vorhergegangenen Sturm- und Drang- 
jahre seines Lebens glauben mögen? Immer wieder zwar versuchte 
er noch den hochgradig neurasthenischen Zustand» welcher ihn 




29] Viktor Meyer. 387 

T, ■ . ~ ■ ^ ^ ^ 

namentlich mit Schlaflosigkeit peinigte, durch Genießen der 
Schönheiten der Qebirgswelt, ja zuletzt noch durch Körperbewe- 
gungen, wie Radfahren, zu meistern. Aber die Angehörigen und 
Freunde mußten nur zu bald einsehen, daß die Hoffnung, welche 
sie auf seine Übersiedelung nach Heidelberg gesetzt hatten: der 
Geliebte möge Körper und Geist mehr als bisher Ruhe gönnen 
und sich dauernd gesund erhalten, sich nicht verwirklichen 
ließe. — 

Und so breitete das Schicksal allmählich die dunkeln Schatten 
über ihn aus, so daß er die Einzelheiten auf dem Kampfplatze 
des Lebens nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Und in dem 
Dunkel nahte der Tod: nicht der lange gefürchtete, fürchterliche, 
sondern der Tröster, der Freund. Der nahm ihm die Binde, 
welche die Suchenden unter uns immer wieder zu lüften sich be- 
mühen, um, ach, oft nur einen Strahl des himmlischen Lichtes zu 
empfangen, schnell und leise von den Augen. Der Freund wußte 
wohl, daß, wer im Leben furchtlos seinen Blick der Wahrheit zu- 
gewandt, auch die plötzliche Überfülle des göttlichen Lichtes zu 
ertragen vermag. 

So ging Viktor Meyer von uns. 

Mehr als vier Jahre sind seitdem vergangen. Die Zeit hat 
den bittern Schmerz des ersten Augenblickes auch den dem Teuren 
Nächststehenden in sanfte Trauer aufgelöst. Und wenn auch in 
uns allen immer noch ein Wehgefühl wie verhallender Glocken- 
ton nachzittert — heute ist die Stunde, in der wir uns nur freuen 
sollen, daß Viktor Meyer der unsrige war. 

Des stehe denn dies Bild des großen Forschers und Lehrers, 
des feinsinnigen Menschen vor uns von nun an als Zeugnis da, 
das Bild des Mannes, welcher an dieser Stätte als Erster die Che- 
miker den bedeutenden Aufgaben ihrer Zeit entgegengeführt hat. 
Und wenn sich noch in fernen Jahren die Studierenden der Ru- 
perto-Carola in diesem Saale um den Lehrer scharen, werden 

25* 



388 Theodor Curtius, Viktor Meyer. [30 



mt^^^ 



sie durch dieses Bildnis, gedenkend der herrlichen Erfolge des 
Chemikers Viktor Meyer, immer wieder daran erinnert werden, 
daß das Streben, der Wahrheit näher zu kommen, das einzige Ziel 
aller Wissenschaft bedeutet. 

[Musik: „Wach auf! es nahet gen den Tag."] 





Carl Gegenbaur 



von 



Max Fürbringer. 




V (jBK^ie auf Seite 3 dieser Festschrift von mir ausgesprochene 
) IIHI iR Erwartung hat sich zu unser Aller tiefstem Schmerze 
■" nicht bewahrheitet. Carl Qegenbaur ist am 14. Juni 

ds. Js. im Alter von nahezu 77 Jahren sanft entschlafen. Mit 
ihm ist einer der größten Morphologen aller Zeiten von uns ge- 
schieden. 

Eine seiner Bedeutung entsprechende Schilderung seines 
Lebensganges, seines Wirkens und seines Charakters in dieser 
Festschrift zu geben, ist bei der Größe von Gegenbaurs Leistungen 
und bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit unmöglich. 
Ganz auf einen Nachruf hier zu verzichten, ist aber nicht minder 
unmöglich. Möge darum der folgende kurze Abriß seines Lebens 
und die nur in den Grundzügen angedeutete Würdigung seiner 
Arbeiten und menschlichen Eigenschaften hier zur Veröffentlichung 
gelangen und als vorläufiger Versuch eine nachsichtige Beurteilung 
finden. 



Carl Gcgenbaur ist am 21. August 1826 in Würzburg geboren. 

Die Familie Gegenbaur entstammte der oberschwäbischen 

Gegend, war aber schon am Ende des 17. Jahrhunderts in Fulda 



392 Max Fürbringer [4 

^ ■ ■ ^ \^ > m ■ , ■ 

und dem daran anschließenden Hessen- und Frankenland ansässig 
geworden. Die gut katholischen Vorfahren waren größtenteils 
Beamte, manche auch geistlichen Standes, oder Mönche. Auch 
Qegenbaurs Vater, Franz Joseph Qegenbaur, gehörte dem Beamten- 
stande an. Zuerst Amtsverweser in Römershag, dann nach Würz- 
burg, wo Carl Qegenbaur geboren wurde, Weißenburg am Sand 
und Arnstein versetzt, zuletzt wieder als Rentamtmann in Würz- 
burg, hat er sich immer als ein Mann von strengen Grundsätzen, 
von ernster Lebensführung und von großer Pflichttreue und Ge- 
wissenhaftigkeit für sein Amt und seine Familie bewährt. Er ist, 
fast 80 Jahre alt, im Jahre 1872 gestorben und hat in seiner 
späteren Lebenszeit, namentlich nachdem ihm die Gattin genom- 
men war, sehr zurückgezogen gelebt. 

Qegenbaurs Mutter, Elisabeth Karoline geb. Roth, war aus 
einer in der unteren Maingegend, in der Nähe von Aschaffenburg, 
ansässigen Familie gebürtig. Auch hier überwiegt der gelehrte, 
namentlich juristische Stand. Der Großvater, Amtsvogt Jakob Roth, 
war ein in seiner Art hervorragender Mann, mit einem Herz auf 
dem rechten Flecke, mit lebhaftem Sinn für Wissenschaft, Kunst 
und Humor, mit Geschick in mechanischen und künstlerischen 
Arbeiten. Namentlich in den Freiheitskriegen hatte er Beweise 
von Mut und Entschlossenheit, während seines ganzen Lebens Zeug- 
nisse edler Menschlichkeit und Wohltätigkeit gegeben. Ihm gleich- 
gesinnt erwies sich die Gattin, Eleonore geb. von Germersheim. 
Das Wesentliche dieser guten Eigenschaften hat Gegenbaurs 
Mutter von ihren Eltern geerbt. Der Sohn hebt in seiner Selbst- 
biographie ihre „Frohnatur" hervor und berichtet in vielen feinen 
Zügen voll Dankbarkeit von der Liebesfülle ihres Herzens, von 
der warmen Fürsorge, die sie ihren Kindern ohne Unterschied 
in Rat und Tat bewiesen. Auch ihr jüngster Bruder Joseph Roth, 
ein origineller und bedeutender Mensch, eine reine und ideale 
Natur, Künstler und Dichter, hat auf Gegenbaurs Jugendzeit einen 




5] Carl Gegenbaur. ^3 



wesentlichen Einfluß ausgeübt. Die Mutter hat nur ein Alter 
von 66 Jahren erreicht und ist 1866, mehrere Jahre vor ihrem 
Gatten, dahingeschieden. 

Carl Gegenbaur war das älteste Kind seiner Eltern. Von 
seinen 6 Geschwistern sind nur zwei in das reifere Alter ge- 
langt, der 3 Jahre jüngere Bruder Jakob Theodor und die 13 
Jahre jüngere Schwester Eleonore. Alle drei Geschwister verband 
die innigste Liebe. Der reich begabte Bruder starb schon 1854 
während der Vorbereitungen für die akademische Laufbahn, erst 
25 Jahre alt, die ihrer Mutter gleichgeartete Schwester 187T im 
Alter von 38 Jahren, nachdem sie, hülfreich und gut, als Gattin 
des Forstbeamten Schmitt in Burgsinn und Würzburg, in einem 
reichen Familienleben und zugleich als Pflegerin und Trösterin von 
Mutter und Vater tätig gewesen war. 

Die Kindheit Gegenbaurs mit ihren frühesten Erinnerungen 
und die ersten Schuljahre spielen sich in Würz bürg ab. 
Im Jahre 1834 wird der Vater nach Weißenburg am Sand in 
Mittelfranken, 1837 nach Arnstein a. d. Wem, nördlich von Würz- 
burg, versetzt. Das mittelfränkische Städtchen Weißenburg, 
ehemals freie Reichsstadt, mit seinen alten Erinnerungen, in seinen 
Umgebungen auch mit Resten aus der Römerzeit, danach das 
kleine Arnstein mit seiner lieblichen, auf die Rhön und die 
benachbarten Berge eine schöne Aussicht gewährenden Gegend 
entwickelte das historische Verständnis und den Natursinn des 
Knaben. 

Spezielle Anleitung zur Naturbeobachtung gab ihm auch die 
Mutter, bei der sich mit großer Freude an der Natur eine genaue 
Kenntnis der einheimischen Pflanzen verband; sie hat seine ersten 
naturwissenschaftlichen Sammlungen angeregt und überwacht. Von 
seinen damaligen Lehrern hebt Gegenbaur dankbar den Rektor 
Kohl in WeiBenburg hervor, einen ausgezeichneten Pädagogen, 



394 Max Fürbringer [6 



der seinen Schülern weit über das gewöhnliche Schulpensum 
hinaus Anregung gewährte, sie auf Ausflügen und Spaziergängen 
mit zahlreichen nützlichen und wissenswerten Dingen bekannt 
machte und hierbei ihr Anschauungs- und Urteilsvermögen sowie 
ihr Gedächtnis heranbildete. In Arnstein wurde für ihn von Be- 
deutung der Stadtpfarrer Ruiand, ein trefflicher Prediger, ein sehr 
gelehrter Mann und dabei ein selbständig denkender, freisinniger 
Theologe; er gab wohl die erste Anregung zu den freieren Auf- 
fassungen des in rein katholischer Umgebung aufgewachsenen 
Knaben. 

Die glücklichen Zeiten im Elternhause endeten mit dem Jahre 
1838, in welchem sich die Notwendigkeit ergab, die Lateinschule 
und dann das Gymnasium in Würzburg zu besuchen, zuerst allein, 
dann mit dem Bruder Jakob. Gegenbaur hat keine freundliche 
Erinnerung an diese Zeit. In der Würzburger Schule herrschte, 
wie er erzählt, ein Geist unnötiger Strenge, der sich fn dem Zwange 
zu übermäßigem, geistlosem Kirchenbesuche, in zahlreichen Ver- 
boten sowie harten Strafen äußerte und die Freiheit der Gedanken 
zu unterdrücken suchte. Fast alles, auch der von einem katho- 
lischen Geistlichen geleitete Geschichtsunterricht, zielte auf die 
Verherriichung der römischen Kirche hin und ließ die Urheber- 
schaft der Jesuiten erkennen. Freilich, bemerkt er, wurde durch 
diesen Geist der Unduldsamkeit bei allen Schülern, soweit sie 
nicht katholische Geistliche wurden, wohl das G^enteil von dem 
Gewollten erreicht. Wenn sich der junge Gegenbaur auch an 
den kirchlichen Prozessionen als Fahnenträger beteiligen mußte, 
so entwickelte sich sein Denken und Fühlen zu immer größerer 
Selbständigkeit. Seine glücklichsten Stunden waren diejenigen 
außerhalb der Schule, wo er in der Umgegend von Würzburg 
oder in den Ferien bei den Eltern und Verwandten sich dem 
Naturgenusse und dem Naturstudium überließ. Insbesondere ^ 
denkt er in freudiger Erinnerung wiederholter Besuche bei einem 




7] Carl Gegenbaur. 395 



■V-/V- 



älteren Bruder seiner Mutter in dem anmutigen Amorbach im 
Odenwald. In jener Zeit hat er sich planmäßig und eingehend 
als Autodidakt mit Tieren, Pflanzen und Steinen beschäftigt, das 
Gesehene abgezeichnet und die ersten Tierzergliederungen geübt. 
Auch die Kenntnis der Geschichte und Heraldik wurde nicht ver- 
nachlässigt. Daß neben den angegebenen Schäden das Gymnasium 
in Würzburg auch Vorzüge aufgewiesen hat, bezeugt im späteren 
Leben Gegenbaurs seine gründliche Ausbildung in den klassischen 
Sprachen und sein lebhaftes Eintreten für den humanen Unterricht 
als vorzügliches Bildungsmittel auch für die Studierenden in Medizin 
und Naturwissenschaft. 

Das im August 1845 bestandene Absolutorium gewährte ihm 
die langersehnte Befreiung vom Schulzwange und führte ihn ins 
Elternhaus zurück. Hier ergab die Wahl des Studiums und 
des zukünftigen Lebens berufes eine schwierige Frage. Der 
Vater, wie seine Vorfahren Beamter und erfüllt von seinem Berufe 
und Stande, hätte gern gesehen, wenn auch sein ältester Sohn 
die gleiche oder eine ähnliche Laufbahn gegangen wäre oder 
doch wenigstens den — nach seiner Ansicht — der Menschheit 
direkteren Nutzen bringenden Lebensweg als Arzt betreten hätte. 
Des Sohnes klare Absicht ging aber auf das Studium der Natur- 
wissenschaften. Es bedurfte des ganzen Eintretens der Mutter 
für die von ihr verstandenen und gebilligten Wünsche des ge- 
liebten Sohnes, um den Vater zu versöhnen und seine Zustimmung 
für die neue Lebensrichtung des Sohnes zu gewinnen. Nachdem 
er diese gegeben, hat er in jeder Hinsicht voll und reich für dessen 
Studiengang gesorgt und alle seine ernsten Absichten und Lebens- 
pläne willig unterstützt und gefördert. 

Mit dem Wintersemester 1845/46 begann Gegenbaur sein 
Studium in Würzburg als Mediziner, denn die meisten Natur- 
wissenschaften wurden im Verbände der medizinischen Fakultät 




396 Max Furbringer [8 



gelehrt. Auch war es seine Absicht, mit dem Studium der Natur- 
wissenschaften das der Medizin zu verbinden, die ja in der Haupt- 
sache die hochausgebildete Naturwissenschaft vom Menschen war. 

Das medizinische Studium dauerte damals etwa 5 Jahre. 
Zuerst ging hier, wie auch bei den anderen Fakultäten, ein Bi- 
ennium philosophicum voraus, das der fleißige Student auch in 
drei Semestern absolvieren konnte, in welchem Philosophie und 
Geschichte die dominierenden Wissenschaften waren und nicht 
gerade schwere semestrale Prüfungen über die gehörten Vor- 
lesungen abgelegt werden mußten. Die Lehrer wurden nicht frei 
gewählt, sondern bestimmt, und so hörten die Studenten bei guten 
und bei schlechten, wie eben die Anweisung lautete. Um den 
Fechtboden belegen zu können, trat Ciegenbaur damals auch für 
ein Semester in nähere Beziehungen zu einem Korps. 

Nach drei Semestern begann für ihn das eigentliche medi- 
zinische Studium mit dem Anfang des Sommersemesters 1847. 
Die Universität erfreute sich der Benutzung des großen und be- 
rühmten Julius-Hospitals, das, vor Jahrhunderten von Bischof 
Julius Echter von Mespelbrunn gestiftet und im Laufe der Zeiten 
mehr und mehr vergrößert, im wesentlichen unter klerikaler Lei- 
tung stand, während den Professoren der Medizin und ihren Assi- 
stenten mehr die Rolle geduldeter Personen zukam. Immerhin 
erwies es sich, im Vergleiche mit anderen Krankenhäusern, als 
eine vorzügliche Bildungsanstalt für die älteren Mediziner. Die 
jüngeren medizinischen Studenten waren übler daran. In den 
naturwissenschaftlichen und den propädeutischen medizinischen 
Fächern gab es wohl Lehrer, aber an Stelle wirklicher Institute 
nur allerbescheidenste Anfänge derselben; bei manchen waren 
kaum die nötigen Räume vorhanden. In jener Zeit bedeutete die 
am Ende des Sommersemesters 1847 erfolgte Berufung Albert 
Köllikcrs aus Zürich als Professor ein Ereignis für die medi- 
zinische Fakultät und einen ganz bedeutenden Fortschritt Der 



9] Carl Gegenbaur. 397 



in der frischesten Mannes- und Arbeitskraft stehende Mann hielt 
anatomische, physiologische, histologische und entwicklungs- 
geschichtliche Vorlesungen und Übungen und erwies sich als ein 
in hohem Grade anregender Lehrer. Neben ihm wirkten an dem 
gleichen Institute Franz Leydig, seit 1848 Prosektor und schon 
zuvor Privatdozent für mikroskopische Anatomie, eine wissen- 
schaftlich und sittlich hochstehende Natur und ein feiner Beobachter 
und Denker, zu dem Gegenbaur bald in freundschaftliche Bezie- 
hungen trat, und Heinrich Müller, seit 1848 Privatdozent, ein 
liebenswürdiger Mann und ein auf dem Gebiete der mikro- 
skopischen Anatomie, namentlich des Sehorgans, durchgebildeter 
Untersucher. Auch für Gegenbaur bedeutete Köllikers Berufung 
ein großes Glück; mit dem ihm befreundeten Nikolaus Fried- 
reich wurde er sein eifriger Schüler und schloß sich zugleich 
näher an Leydig und Müller an. Eine zweite Bereicherung von 
der größten Tragweite ward der Würzburger medizinischen Fakultät 
durch die 1849 erfolgte Berufung Rudolf Vi rchows zuteil. Dieser 
überaus fruchtbare, nicht nur auf dem Gebiete der pathologischen 
Anatomie, sondern der gesamten Anatomie, Physiologie und 
wissenschaftlichen Medizin bahnbrechend wirkende Geist trieb in 
Würzburg seine reichsten Blüten. Sein Vortrag, in der Fassung 
unvorbereitet, aber von frisch hervorsprossenden Ideen strotzend, 
wirkte auf Gegenbaur nach Inhalt und Form ungemein fördernd 
ein. Dazu kam die neu belebte physikalisch-medizinische Gesell- 
schaft, sowie ein den gleichen Wissenszielen zugewandter Kreis 
strebender Genossen aus Franken, denen sich auch eine Anzahl 
Norddeutsche zugesellte. In den Gebieten, wo Gegenbaur tätig 
war, erwies sich Würzburg so fruchtbringend, daß die Nötigung, 
eine andere Universität zu besuchen, nicht an ihn herantrat. In 
jener Zeit ist er auch als selbständiger Arbeiter tätig gewesen, 
sowohl in der gemeinsam mit Friedreich unternommenen und 1849 
veröffentlichten Untersuchung des Axolotl-Schädels, als in seinen 



398 Max Fürbringer [10 



1850 und 1851 herausgegebenen Studien über die Tasthaare und 
die Entwicklung der Gastropoden. 

Für die Winischen Fächer, welche namentlich durch den 
Chirurgen K. von Textor, die Internisten K. Fr. Marcus und 
Fr. Rinecker und den Geburtshelfer Fr. W. Scanzoni vor- 
trefflich vertreten waren, besaß er geringere Vorliebe. Seine 
Richtung und Neigung galt der Anatomie und Zoologie. Am 
ehesten interessierte ihn noch die Chirurgie. Die Verhältnisse 
führten ihn jedoch in näheren Verband zur inneren Medizin. 

In dem Bestreben, seine Eltern etwas zu entlasten, beschloß 
er, als sich 1850 in der innern Station bei Marcus gerade eine 
Vakanz darbot, auf Friedreichs Zureden dort 3. Assistent zu 
werden, wobei er zugleich eine Verpflichtung auf 2 Jahre ein- 
gehen mußte. Weder die sanitären Verhältnisse der bezüglichen 
Abteilung unter dem erblindeten Direktor der Klinik, noch die 
Stellung der klinischen Assistenten, denen der Zwang des Kirchen- 
besuches auferlegt wurde und die von jungen unwissenden Ka- 
plänen abhängig waren, erwies sich als erfreulich. Aber die Not- 
wendigkeit, der Reihe nach an den verschiedenen Stationen für die 
Geisteskranken und inneren Kranken tätig zu sein, sowie Kurse 
über Auskultation und Perkussion, über Hautkrankheiten und andere 
klinische Themata zu geben, erwies sich in mehr als einer Hinsicht 
fördernd und bildend. Einmal wurde Gegenbaur gründlich in 
ein Wissensgebiet eingeführt, durch welches seinem speziellen 
Studium eine gewisse Beleuchtung zuteil ward; dann gewährten 
ihm die hier erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten die Möglich- 
keit, eine ärztliche Stelle zu übernehmen und damit zur Selbstän- 
digkeit zu gelangen; endlich lernte er in jener Zeit den Wert der 
Zeit schätzen und den Umfang seiner Leistungsfähigkeit er- 
proben. Die Tage gehörten der speziellen Pflichterfüllung im 
Amte, die Abende und ein Teil der Nächte wurden für zoologische 
und anatomische Arbeiten und Studien verwendet 




11] Carl Gegenbaun 399 



-y^./^ 



Am 16. April 1851 wird der Dr. med. auf Grund einer nach- 
mals in deutscher Sprache veröffentlichten Inaugural-Dissertation 
«De limacis evolutione" und einer Disputatio publica mit 11 zur 
Verteidigung gestellten Thesen und einer Quaestio promovendi 
erworben. Die 3 ersten Thesen lauteten: 1. Omne vivum e cellulis; 
2. Sanguis est tela; 3. Inter plantarum ac animalium regnum 
hucusque nullas noscimus fines. Die übrigen 8 behandelten spezi- 
fisch medizinische und klinische Themata. Als Quaestio promo- 
vendi ist in dem gedruckten Programm ursprünglich „De humani 
generis unitate nativa" angegeben; in Wirklichkeit handelte sie, 
wie Gegenbaur in seiner Selbstbiographie mitteilt, über die Ver- 
änderungen der Pflanzenwelt, die Unbeständigkeit der Arten in 
ihren primitiven Zuständen und die Erkenntnis und Verständnis 
gewährende Bedeutung der Entwicklungsgeschichte für die Ent- 
stehung der Pflanzen und Tiere und den Zusammenhang des 
Ganzen. Kölliker war Opponent und wandte sich gegen die Ver- 
wertung von nicht sicher bekannten Tatsachen, womit Gegenbaur 
durchaus zustimmen konnte, da er nichts anderes behauptet hatte. 

In Gegenbaurs damaligem Vortrage fanden sich z. T. die 
gleichen Gedankengänge, die 7 bezw. 8 Jahre später — in viel 
umfassenderer Weise — von Charles Darwin veröffentlicht 
wurden und den Beginn einer neuen Aera der Naturforschung 
bedeuteten. Es ist später bekannt geworden, daß Darwin schon 
lange zuvor, bereits am Ende der 30er und am Anfange der 
40er Jahre des 19. Jahrhunderts, das Wesentliche seiner epoche- 
machenden Konzeptionen über die Veränderlichkeit der Orga- 
nismen zusammengefaßt hatte. Damals, als Carl Gegenbaur 
promovierte, hatte aber niemand in Deutschland von dieser stillen 
Arbeit des großen Engländers Kenntnis. 

Nach bestandener Doktorpromotion und nach Ablauf einer 
lV«jährigen Assistenten-Tätigkeit am Julius-Hospital nimmt er 



400 Max Fürbringer [12 



SL/v- 



einen, später noch verlängerten, Urlaub für eine ^größere Reise 
nach Norddeutschland und nach Helgoland. Mehr als je 
war ihm klar geworden, daß er für die Tätigkeit als praktischer 
Arzt nicht geschaffen sei, daß sein ganzes Streben nach Beobachtung 
und Erforschung der Natur, namentlich in zoologischem und ana- 
tomischem Bereiche, hinziele. So beginnt für ihn jene Zeit, 
welche er als seine „Wanderjahre" bezeichnet hat. 

Die Reise im Jahre 1851 galt einerseits der allgemeinen Bil- 
dung, namentlich im Gebiete der bildenden Kunst und der Denk- 
mäler aus alter Zeit, andererseits der weiteren naturwissenschaft- 
lichen Ausbildung, wobei neben der Zoologie auch die Geologie 
eine wesentliche Rolle spielte. Sie führte, auf der Hinreise in 
Begleitung seines Bruders, über Nordbayern, Leipzig und Dresden 
nach Berlin, von da nach Helgoland, und darauf über die Rhein- 
lande, insbesondere die Gegend der Eifel und der Mosel, zurück 
nach Würzburg. In Berlin ist es die gewaltige Persönlichkeit 
Johannes Müllers, welcher in erster Linie sein Besuch galt 
Müller, auf der Höhe seines Könnens stehend und unbestritten 
als erster Meister auf dem Gebiete der Physiologie und vergleichen- 
den Anatomie anerkannt, nahm Gegenbaur in freundlichster Weise 
auf und gestattete ihm, wiederholt ihn in seiner Anstalt zu be- 
suchen. Der Eindruck, den dieser außerordentliche Mann auf 
Gegenbaur machte, ist ein dauernder geblieben; Gegenbaur er- 
blickte in dem Entwicklungsgang Müllers, der diesen zuerst zur 
Physiologie, danach zur vergleichenden Anatomie geführt hatte, 
das große Vorbild für seinen Weg. Aber auch Muller hatte Freude 
an dem strebsamen, hellblickenden und selbständig denkenden 
jungen Gelehrten, bestärkte ihn in seiner Absicht« an der See, in 
der Untersuchung der primitiveren Tiere, die entwicklungsreiche 
Basis für seine Arbeiten zu gewinnen, und hat ihm auch später 
warmes und tatkräftiges Interesse bewahrt. Die Zeit in Helgoland 
wird mit größtem Fleiße auf die Kenntnis der niederen Tierwelt 



13| Carl Gegenbaur. 401 



verwendet. Brachte sie auch wenig bedeutende neue Resultate, 
so konnte sie doch Gegenbaur als einen für seinen späteren Ent- 
wicklungsgang sehr wichtigen Versuch bezeichnen. Auch der 
Geologie der Insel galt sein Studium. Ebenso gewährte ihm auf 
der Rückreise der Besuch der vulkanischen Eifel in dieser Wissen- 
schaft eine wesentliche Förderung. 

Durch diese Reise war der Rest der zweijährigen Assistenten- 
zeit am Julius-Hospital, zu der sich Gegenbaur 1850 verpflichtet 
hatte, bedeutend verkürzt worden. Nach einigen Wochen konnte 
er in das Elternhaus zurückkehren und sich ausschließlich mit 
wissenschaftlichen Arbeiten auf dem von ihm erwählten Gebiete 
beschäftigen. 

Um diese Zeit hatte Kölliker eine größere wissenschaftliche 
Reise nach Süditalien und Sicilien angeregt; Messina mit 
seiner für derartige Untersuchungen vorzüglichen Lage und seiner 
reichen Meeresfauna sollte die Hauptstation für die Arbeiten 
bilden. Unschwer gelang es ihm, Gegenbaurs Vater von der 
Zweckmäßigkeit dieser Unternehmung für seines Sohnes Zukunft 
zu überzeugen. Der Vater gewährte dem Sohne reichlich die 
Mittel für dieselbe, und mit den besten Segenswünschen der Eltern 
trat derselbe die Reise an, nachdem Kölliker und H. Müller ihm 
bereits vorausgeeilt waren. Gegenbaur hat sehr beklagt, daß seine 
Vorbildung für diese Reise sowohl auf dem Gebiete der Natur- 
wissenschaften wie auf dem der Geschichte und Kunstgeschichte 
eine recht lückenhafte war; allein es blieb keine Zeit für längere 
Vorbereitungen. Im Frühling 1852 ging der Weg über den Sankt 
Gotthard und Lago Maggiore nach Genua, von da zur See über 
Livorno und Neapel nach Messina, wo ihn Kölliker und Müller 
erwarteten. Nach Überwindung mancher durch Dogana und 
Zensur verursachten Schwierigkeiten begannen die Untersuchungen 
und konnten dank dem Reichtum der von der See dargebotenen 
Objekte in glücklicher Weise weiter gedeihen. Bis zum Anfang 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 26 



402 Max Fürbringer [14 

Oktober, den ganzen heißen Sommer hindurch, blieb Gegenbaur 
unausgesetzt an der Arbeit und nahm dieselbe, nachdem ein drei- 
wöchenth'cher Ausflug nach Catania mit Besteigung des Aetna 
und nach Syrakus Erholung und Erfrischung gebracht, mit Ende Ok- 
tober wieder auf, um sich während des Spätherbstes, Winters und 
Vorfrühlings bis zu Ostern 1853 mit unverminderter Arbeitsfreudig- 
keit seinen Aufgaben zu widmen. Die Ruckreise verlief mit mehr- 
fachen Stationen in Palermo, Neapel und Umgebungen, Rom und 
benachbarten Gegenden, Florenz und Padua, wobei er zugleich die 
Geologie, sowie die Kunst und Geschichte mit großer Intensität 
und mit großem Genüsse studierte, daneben auch zahlreiche 
treffende Beobachtungen über die Bevölkerung Italiens und die 
politischen und kirchlichen Verhältnisse dieses Landes machte. 

Nach einer länger als ein Jahr dauernden Abwesenheit fand 
die Rückkehr ins Elternhaus in Würzburg statt. 

Durch diese Reise, welche Gegenbaur als ein wichtiges Er- 
eignis für sein Leben bezeichnet, war eine Fülle von Untersuchun- 
gen und Erkenntnissen gefördert worden, deren weiterer Aus- 
arbeitung die nächstfolgende Zeit dienen sollte. Im Jahre 1853 
allein erscheinen 14 Arbeiten über verschiedene Seetiere als Frucht 
derselben. Gegenbaur und seinen Eltern war es danach klar ge- 
worden, daß nur das Weiterarbeiten auf dem begonnenen Wege 
ihm Befriedigung und wahres Lebensgluck gewahren könne. 
Dieses führte zur akademischen Laufbahn, zunächst zur Habili- 
tation. 

Die umfangreiche und bedeutsame Abhandlung „Zur Lehre 
vom Generationswechsel und der Fortpflanzung bei Medusen und 
Polypen"* diente zur Erlangung der Venia docendi in Wurzburg. 
Die Habilitation geschah am Ende des Wintersemesters 1853/54. 
Mit dem Sommersemester 1854 begann die Tätigkeit als Privat- 
dozent. Er hatte sich für Anatomie und Physiologie habilitiert, 
aber die Dreizahl anatomisch-physiologischer Dozenten neben ihm 




15] Carl Gegcnbaur. 403 



^^/\r^ ... ^ 



(Kölliker, Leydig und Müller) machte eine Vorlesung in diesen 
Gebieten, ohne die Kollegen zu beeinträchtigen, unmöglich. So 
blieb nur eine Vorlesung über Zoologie, die keine Konkurrenz 
gegen den Zoologen Professor Leiblein bedeutete. In drei auf- 
einanderfolgenden Semestern wurde dieselbe im Anatomiegebäude 
bei erfreulicher Beteiligung gehalten, zugleich jedoch unter großen 
Schwierigkeiten und zeitraubenden Vorbereitungen, da die von 
Gegenbaur in Messina angefertigten, aber in den Bestand des 
anatomischen Museums übergegangenen Präparate ihm nicht be- 
dingungslos zur Verfügung standen und neue Präparate wie Ab- 
bildungen für den Unterricht zum großen Teile von ihm selbst 
angefertigt werden mußten. Ein im Wintersemester 1854/55 ab- 
gehaltenes, gut besuchtes populäres Kolleg über Anatomie und 
Physiologie für Juristen blieb das einzige dieser Art. 

Groß ist die Fülle der in jener Zeit entstandenen Arbeiten. 
Dieselben behandeln durchweg die Anatomie und Entwicklung 
Wirbelloser aus den verschiedensten Abteilungen, darunter recht 
umfangreiche, wie die über Siphonophoren, Pteropoden und 
Heteropoden, sowie Appendicularien. 

Im Sommersemester 1855 wurde die von Leydig bisher inne- 
gehabte zootomische Prosektur am anatomischen Institute durch 
dessen Ernennung zum Professor extraordinarius frei. Gegen- 
baur bewarb sich um dieselbe, und mitten in den dafür nötigen 
Examenarbeiten erhielt er die Berufung als außerordentlicher 
Professor der Zoologie in Jena. Die Bedeutung seiner 
Arbeiten, auf die, wie es scheint, auch Johannes Müller die maß- 
gebenden Jenaer Persönlichkeiten aufmerksam gemacht hatte, 
gaben diesem wohlerworbenen Rufe den entsprechenden Unter- 
grund. 

So war eine wichtige neue Stufe in der Laufbahn erklommen. 
Die Trennung fiel Eltern und Sohn sehr schwer, der Abschied 
von den Freunden und dem Heimatlande war nicht leicht. 

26* 



* ." 



404 Max Fürbringcr [16 



-v.>v- 



Gegenbaur wurde Oskar Schultzes Nachfolger, nicht aber wie 
dieser der philosophischen, sondern der medizinischen Fakultät 
zugeteilt. 

Er erzählt, wie er an einem schönen Spätsommertage des 
Jahres 1855 von der drei Stunden von Jena entfernten Eisent>ahn- 
station Apolda zu Fuß in das Tal der Saale nach Jena hinab- 
stieg, wie ihm da die Lieblichkeit und Eigenart der Gegend auf- 
ging. Er hat sehr an Jena gehangen, an der anziehenden, mannig- 
faltigen Umgebung mit ihrer reichen Rora, an dem lieben när- 
rischen Neste, dem „akademischen Dorfe** mit seinen überaus ein- 
fachen Lebensgewohnheiten, der Universität mit den kärglichen 
Mitteln, aber mit dem Wehen eines guten Geistes und mit den 
bedeutenden Menschen. 

Die großen Reminiszenzen an Luther, Goethe, Schiller und 
andere Geistesheroen, die daselbst gewohnt und gearbeitet, waren 
in Stadt und Universität noch lebendig, die in WOrzburg vermißte 
geistige Freiheit lebte und blühte allda. Zwischen den Pursten 
aus dem Ernestinischen Hause und ihrer „Gesamt-Universität*, 
deren „Nutritoren" sie genannt wurden, herrschte ein fast ans 
Patriarchalische gemahnendes Einvernehmen. Der ausgezeichnete» 
von jedem Bureaukratismus weit entfernte Kurator Seebeck ver- 
mittelte mit großem Geschick den Verkehr zwischen Regierung 
und Professoren. Die Mehrzahl der Fakultäten wies hervorragende 
Männer auf, die theologische den universell gebildeten und frei- 
denkenden Karl Hase, die medizinische den weit über sein spe- 
zielles Gebiet hinausstrebenden inneren Kliniker und Psychiater 
Dietrich Kieser, den sehr bedeutenden, geläutertes naturphilo- 
sophisches Denken mit gediegenster Untersuchung verbindenden 
Anatomen und Physiologen Emil Huschke, den gediegenen 
Chirurgen Ernst Ried und den geistvollen Botaniker Matthias 
Jakob Schieiden, die philosophische den von hellenistischem 
Geiste durchtränkten Philologen Karl Wilhelm Göttling. 




17] Carl Gegenbaur. 405 






Bald kam auch der Philosoph Kuno Fischer mit seinem 
reichen Geiste, seinem umfassenden Wissen, seiner unbestechlichen 
Urteilskraft, seinem Zuge ins Große und seiner glänzenden Bega- 
bung als begeisternder Lehrer und Redner und trat zu Gegenbaur 
in näheren Freundesverkehr. Ausdrücklich gedenkt Gegenbaur 
aus der damaligen Zeit zweier großen von ihm gehaltenen Reden, 
die ihm in schöner und dankbarer Erinnerung geblieben seien. 
Fischer wurde 1872 nach Heidelberg berufen. 

Auch die medizinische Fakultät ergänzte und verjüngte sich 
durch die im Laufe der Zeit neu berufenen Mitglieder Rudolf 
Leubuscher und Karl Gerhardt, Bernhard Sigismund 
Seh ultze. Albert von Bezold und Wilhelm Müller, welche 
ihr auf den Gebieten der inneren Medizin, der Geburtshülfe und 
Gynäkologie, der Physiologie und der pathologischen Anatomie 
neues Leben zuführten und zu Gegenbaur durchweg in freundlichsten 
Beziehungen standen. Endlich sein nächster Arbeitsgenosse und 
Freund Ernst Haeckel. 

Drei Jahre war Gegenbaur in seiner Stelle tätig, mit großem 
Erfolge lehrend, untersuchend und organisierend. Seine Vorlesungen 
umfaßten Zoologie, vergleichende Anatomie, allgemeine Anatomie 
(Histologie) und Entwicklungsgeschichte; daneben hielt er zooto- 
mische und histologische Übungen, sowie mikroskopische Demon- 
strationen. Besondere Erwähnung verdient, daß er im Winter- 
semester 1856/57 ein „morphologisches" Repetitorium und Exa- 
minatorium abhielt. 

Am Ende des Sommersemesters 1858 vollzog sich ein Wechsel 
seiner akademischen Stellung. Im Juni d.J. starb Emil Huschke; 
Fakultät und Kurator waren bald einig, daß für seine Nach- 
folge Gegenbaur die geeignetste Persönlichkeit sei. Dieser hatte 
indessen eingesehen , daß die damals noch fast allenthalben an 
den deutschen Universitäten bestehende Verbindung von Anatomie 
und Physiologie in einer Professur bei der großen Ausdehnung, 




406 Max Fürbringer [18 



die beide Wissenszweige inzwischen gewonnen, und bei dem noch 
viel größeren Wachstum, das in Kürze zu erwarten war, ein mangel- 
hafter, der Wissenschaft sicher nicht zum Nutzen gereichender Not- 
behelf sei. Er erklärte sich zur Übernahme des anatomischen 
Teiles der bisherigen Professur bereit, verzichtete aber auf den 
physiologischen, für den er sich auch hinsichtlich der nötigen 
chemischen und physikalischen Kenntnisse nicht genügend vorbe- 
reitet erachtete. In dieses ihm fremd gewordene Gebiet sich aufs 
neue einzuarbeiten, bedeutete ihm eine schlimme Zersplitte- 
rung, welcher er sich angesichts der Fülle der unter seinen Händen 
befindlichen und der seiner noch wartenden zoologischen und 
anatomischen Arbeiten nicht unterziehen durfte. Der Wunsch der 
Universität und Regierung, den ausgezeichneten Forscher und 
Lehrer als Anatomen zu gewinnen, ließ diese auf seine Bedingung 
eingehen. So kam in Jena, dem hierin nur wenige Universitäten 
wie z. B. Tübingen und Heidelberg vorausgegangen waren, die 
Scheidung beider Fächer zu stände. Gegenbaur ward ordent- 
licher Professor der Anatomie und Zoologie; für die 
Physiologie wurde der jugendliche, reich begabte Albert von Bezold 
als Professor extraordinarius berufen. Gegenbaurs geraume Zeit 
nach seiner Ernennung gehaltene Professoratsrede handelt «De 
animalium plantarumque regni terminis et differentiis*. 

Das neue Professorat stellte hochgradig vermehrte Anforde- 
rungen an ihn. Seine Beanlagung und Energie läßt alle über- 
winden. Mit den Aufgaben wachsen die Leistungen. 

Das Arbeitsgebiet, das bisher namentlich der Untersuchung 
der Wirbellosen galt, verlegt nach und nach den Schwerpunkt auf 
die Erforschung der Wirbeltiere. 1859 erscheint sein erstes Lehr- 
buch: Die Grundzüge der vergleichenden Anatomie, 1870 die gänz- 
lich umgearbeitete und um die Hälfte an Umfang vermehrte zweite 
Auflage desselben. Ferner kommen in der Jenaer Zeit zur Ver- 
öffentlichung die zahlreichen, z. T. bahnbrechenden Arbeiten auf 



19] Carl Gcgenbaur. 407 

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--C-/W- 



den Gebieten der Entwicklungsgeschichte, Histologie und Histo- 
genie, namentlich aber der vergleichenden Anatomie des Skelett- 
und Nervensystems der Wirbeltiere, welche seinem Namen die 
Geltung des ersten deutschen vergleichenden Anatomen seiner 
Zeit zuerteilten und ihm Berühmtheit weit über die Grenzen 
Deutschlands gaben. 

Im Jahre 1861 tritt ein neues Ereignis in sein Leben. 

Ernst Haeckel hatte als junger Würzburger Student der Me- 
dizin im Jahre 1853 bei einer Exkursion im Gutenberger Walde 
den 7^/2 Jahre älteren Gegenbaur kennen gelernt. Dieser war 
damals gerade, erfüllt mit Erinnerungen und Arbeitsplänen, von 
seiner italienischen Reise zurückgekehrt. Rede und Gegenrede 
ergab Verwandtschaft der Auffassungen und Neigungen. Haeckel 
wurde dann Johannes Müllers Schüler, wie Gegenbaur sagt, der 
in jeder Hinsicht bei weitem bedeutendste, und damit war die 
Richtung seines Lebens bestimmt. Eine weitere wichtige Be- 
gegnung mit Gegenbaur fand 1858 in Jena, bei Gelegenheit des 
300jährigen Jubiläums der Universität statt, wo er Gegenbaurs Gast 
war und von diesem veranlaßt wurde, seine akademische Tätigkeit 
als Zoolog in Jena zu beginnen. Jetzt, 1861, ward diese Habili- 
tation zur Tat, und damit begann jene Freundschaft und jener innige 
Wechselverkehr zwischen Beiden, welcher während des ganzen 
Zusammenseins in Jena und darüber hinaus dauerte und in der 
Geschichte der Naturwissenschaft von bleibender Bedeutung sein 
wird. Gegenbaur trat Haeckel den zoologischen Teil seiner aka- 
demischen Tätigkeit ab; dieser ward 1862 in Jena Professor extra- 
ordinarius der Zoologie und erhielt 1865, nach Ablehnung einer 
Berufung nach Würzburg, das zoologische Ordinariat. 

Beide Männer waren von Grund aus verschiedene Naturen. 
Der ältere Gegenbaur, der tiefe und gereifte Denker und ernste 
Forscher, dessen kühner Geist nur in der festen Fundierung und 
der vollen Konzentration in das jeweilige Arbeitsthema sich wohl 




408 Max Fürbringer [20 



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fühlte und nur in Berührung mit der Mutter Erde seine Kräfte ver- 
mehrte und dem dabei die strengste Kritik als Wächter zur Seite 
stand; der jüngere Haeckel, glänzend veranlagt, durch und durch 
Enthusiast, mit alles umfassenden Ausblicken und Plänen, Forscher, 
Kämpfer und Künstler zugleich, — so ergänzten sich Beide. Die 
gleiche Freude an der Natur, die gleiche Begeisterung für die er- 
habenen Aufgaben, die gleichen großen Ideen, von denen damals 
nach und mit dem Erscheinen von Darwins Werken die Theorie 
der Descendenz und Selektion als befruchtendes und belebendes 
Prinzip in den Vordergrund trat, von jedem der Beiden in seiner 
besonderen Eigenart, aber gleich intensiv erfaßt und erkannt, — 
endlich auch der gemeinsame Schmerz im Jahre 1864, als beider 
Gattinnen nach glücklichster Ehe dahingerafft wurden, und die ge- 
meinsame Erkenntnis, daß nur die Arbeit und das Aufgehen in die 
hehren Pflichten, welche die Wissenschaft dem Forscher schenkt 
und auferlegt, da retten könne. 

Haeckel hat 1866 dem Freunde den ersten Band seines bahn- 
brechendsten und wohl den umfassendsten Höhepunkt seiner 
Forschung repräsentierenden Werkes: „Die generelle Morphologie 
der Organismen", gewidmet. In der Ansprache „An Carl Qegen- 
baur" gibt er in unvergänglichen Worten seiner Freundschaft und 
Dankbarkeit Ausdruck; dieselbe ist zugleich ein beredtes Zeugnis 
der zwischen Beiden damals bestehenden geistigen Gemeinschaft 

„Indem ich", schreibt Haeckel, „den ersten Band der gene- 
rellen Morphologie Dir, mein theurer Freund, den zweiten Band 
den drei Begründern der Descendenz-Theorie widme, will Ich da- 
mit nicht sowohl die besondere Beziehung ausdrücken, welche Du 
als hervorragender Förderer der Anatomie, jene als Reformatoren 
der Entwicklungsgeschichte zu den beiden Zweigen der or]ganischen 
Morphologie einnehmen, als vielmehr meiner dankbaren Verehrung 
gegen Dich und gegen Jene gleichmäßigen Ausdruck ^>en. Denn 
wie es mir einerseits als eine Pflicht der Dankbarkeit erschien, 




21] Carl Gegenbaur. 409 



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durch Dedication der «allgemeinen Entwicklungsgeschichte» an 
Charles Darwin, Wolfgang Goethe und Jean Lamarck 
das causale Fundament zu bezeichnen, auf welchem ich meine or- 
ganische Morphologie errichtet habe, so empfand ich andererseits 
nicht minder lebhaft das Bedürfniß, durch Widmung der «allge- 
meinen Anatomie» an Dich, mein treuer Genosse, die Verdienste 
dankbar anzuerkennen, welche Du um die Förderung meines Un- 
ternehmens besitzest." 

„Um diese Beziehungen in das rechte Licht zu stellen, müßte 
ich freilich eigentlich eine Geschichte unseres brüderlichen Freund- 
schafts-Bündnisses schreiben, von dem Tage an, als ich Dich 1853 
nach Deiner Rückkehr von Messina im Gutenberger Walde bei 
Würzburg zum ersten Male sah, und Du in mir die Sehnsucht 
nach den hesperischen Gestaden Siciliens wecktest, die mir sieben 
Jahre später in den Radiolarien so reiche Früchte tragen sollte. 
Seit jenem Tage hat ein seltener Parallelismus der Schicksale 
zwischen uns fester und fester die unauflöslichen Bande geknüpft, 
welche schon frühzeitig gleiche Empfänglichkeit für den Natur- 
genuß, gleiche Begeisterung für die Naturwissenschaft, gleiche 
Liebe für die Naturwahrheit in unseren gleichstrebenden Gemü- 
thern vorbereitet hatte. Du warst es, der mich vor sechs Jahren 
veranlaßte, meine akademische Lehrthätigkeit in unserem geliebten 
Jena zu beginnen, an der Thüringer Universität im Herzen Deutsch- 
lands, welche seit drei Jahrhunderten als das pulsirende Herz 
deutscher Geistes- Freiheit und deutschen Geistes- Kampfes nach 
allen Richtungen ihre lebendigen Schwingungen fortgepflanzt hat. 
An dieser Pflanzschule deutscher Philosophie und deutscher Natur- 
wissenschaft, unter dem Schutze eines freien Staatswesens, dessen 
fürstliche Regenten jederzeit dem freien Worte eine Zufluchtsstätte 
gewährt, und ihren Namen mit der Reformations- Bewegung, wie 
mit der Blüthezeit der deutschen Poesie untrennbar verflochten 
haben, konnte ich mit Dir vereint wirken. Hier haben wir in 




410 Max Fürbringer [22 



der glücklichsten Arbeitstheilung unser gemeinsames Wissenschafts- 
Gebiet bebaut, treu mit einander gelehrt und gelernt, und in den- 
selben Räumen, in welchen Goethe vor einem halben Jahrhun- 
dert seine Untersuchungen „zur Morphologie der Organismen*" 
begann, zum Theil noch mit denselben wissenschaftlichen Hülfs- 
mitteln, die von ihm ausgestreuten Keime der vergleichenden und 
denkenden Naturforschung gepflegt. Wie wir in dem harten Kampfe 
des Lebens Glück und Unglück brüderlich mit einander getheiit, 
so haben sich auch unsere wissenschaftlichen Bestrebungen in so 
inniger und beständiger Wechselwirkung entwickelt und befestigt, 
in täglicher Mittheilung und Besprechung so gegenseitig durch- 
drungen und geläutert, daß es uns wohl Beiden unmöglich sein 
würde, den speciellen Antheil eines Jeden an unserer geistigen 
Gütergemeinschaft zu bestimmen. Nur im Aligemeinen kann ich 
sagen, daß das Wenige, was meine rasche und rastlose Jugend 
hie und da Dir bieten konnte, nicht im Verhäitniß steht zu dem 
Vielen, was ich von Dir, dem acht Jahre älteren, erfahrneren und 
reiferen Manne empfangen habe." 

„So ist denn Vieles, was in dem vorliegenden Werke als meine 
Leistung erscheint, von Dir geweckt und genährt. Vieles, von dem 
ich Förderung unserer Wissenschaft hoffe, ist die gemeinsame 
Frucht des Ideen-Austausches, der uns ebenso daheim in unserer 
stillen Werkstätte erfreute, wie er uns draußen auf unseren er- 
frischenden Wanderungen durch die felsigen Schluchten und über 
die waldigen Höhen des reizenden Saalthaies begleitete. Manches 
dürfte selbst das Produkt des erhebenden gemeinsamen Natur- 
genusses sein, welchen uns die malerischen Formen der Jenenser 
Muschelkalk -Berge bereiteten, wenn sie im letzten Abendsonnen- 
strahl uns durch die Farben- Harmonie ihrer purpur-^ldi^n Fel- 
senflanken und violett-blauen Schlagschatten die entschwundenen 
Zauberbilder der calabrischen Gebirgskette wieder vor Augen 
führten." 




23] Carl Gegenbaur. 411 






„Es dürfte befremdend erscheinen, einer «mechanischen Mor- 
phologie» solche Erinnerungen voranzuschicken. Und dennoch 
geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie jeder Organismus, 
wie jede Form und jede Function des Organismus, so ist auch 
das vorliegende Werk weiter Nichts, als das nothwendige Product 
aus der Wechselwirkung zweier Factoren, der Vererbung und der 
Anpassung. Wenn dasselbe, wie ich zu hoffen wage, zur weiteren 
EntWickelung unserer Wissenschaft beitragen sollte, so bin ich 
weit entfernt, mir dies als mein freies Verdienst anzurechnen. Denn 
die persönlichen Eigenschaften, welche mir die große und schwie- 
rige Aufgabe zu erfassen und durchzuführen erlaubten, habe ich 
zum größten Theile durch Vererbung von meinen trefflichen Eltern 
erhalten. Unter den vielen Anpassungs-Bedingungen aber, welche 
in Wechselwirkung mit jenen erblichen Functionen das Werk zur 
Reife brachten, nehmen die angeführten Verhältnisse die erste 
Stelle ein." 

„In diesem Sinne, mein theurer Freund, als mein Gesinnungs- 
Genosse und mein Schicksals-Bruder, als mein academischer College 
und mein Wander- Gefährte, nimm die Widmung dieser Zeilen 
freundlichst auf, und laß uns auch fernerhin treu und fest zu- 
sammenstehen in dem großen Kampfe, in welchen uns die Pflicht 
unseres Berufes treibt, und in welchen das vorliegende Werk ent- 
schlossen eingreift, — in dem heiligen Kampfe um die Freiheit der 
Wissenschaft und um die Erkenntniß der Wahrheit in der Natur." 

Und Gegenbaur hat im Jahre 1872 die größte und epoche- 
machendste seiner Monographien, „das Kopfskelet der Selachier", 
die in der Morphologie der Wirbeltiere völlig neue Bahnen schuf 
und zum Ausgangspunkte für die ganze neuere Erkenntnis des 
Kopfproblems wurde, „seinem theuren Freunde Ernst Häckel** ge- 
widmet. 

Kaum jemals haben Könige solche Gaben gegeneinander 
ausgetauscht. 



412 Max Fürbringer [24 

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Beider Forscher Individualitäten haben sich danach in der 
ihnen angeborenen Weise weiter ausgebildet. Qegenbaur ist seinem 
ursprünglichen Arbeitsgebiete treu geblieben, dasselbe unermüdlich 
erweiternd und vornehmlich vertiefend; Haeckels weitfliegender 
Geist hat sich nach und nach auch kosmologischen , philoso- 
phischen und theologischen Problemen zugewandt, deren Bear- 
beitung Qegenbaur, der nicht mehr in derselben Stadt mit dem 
Freunde weilte und ihm dabei nicht zur Seite stehen konnte, 
weder nach Inhalt noch nach Form voll zuzustimmen vermochte. 
Aber noch in den letzten Wochen vor seinem Tode hat er in 
treuer Anhänglichkeit von dem Freunde gesprochen. — 

Als Professor der Anatomie las Qegenbaur Osteologie und 
Syndesmologie, Anatomie des menschlichen Körpers, Embryologie, 
angeborene Mißbildungen und vergleichende Anatomie, leitete die 
menschlichen Präparierübungen auf dem Präpariersaal, sowie die 
histologischen Übungen (mikroskopischer Kurs) und hielt anato- 
mische Praktika für ältere Studierende mit Anleitung zu selbstän- 
digen Arbeiten. Bis zum Eintritt Haeckels in den Jenenser Lehr- 
körper las er auch Zoologie und hielt zootomische Übungen ab. 

Der aus Huschkes Zeit übernommene bejahrte Prosektor 
Dr. Q. A. Hanckel wurde bald von Dr. R. Möller abgelöst. Nach 
dessen Abgang ließ Qegenbaur die Prosektur eingehen und hat 
sich mit zwei, zumeist studentischen Assistenten beholfen, die 
infolge ihres Studiums nur einen Teil ihrer Zeit der Anatomie 
widmen konnten und auch ziemlich schnell aufeinander folgten; 
dieselben waren L Siebert, Br. Florschütz, B. Mandel, 
V. Qille, A. Lange, M. Huß, M. Fürbringer, F. Frenkel, 
R. Fleischer und B. Solger. Die Mehrzahl derselben hat unter 
seiner Leitung anatomische Abhandlungen ausgearbeitet. 

Als fernere Schüler, die sich ihm näher anschlössen und 
auch größtenteils mit anatomischen Untersuchungen beschäftigt 
waren, sind aus der Jenenser Zeit namentlich Th. W. Engel- 




15] Carl Gegcnbaur. 403 



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(Kölliker, Leydig und Müller) machte eine Vorlesung in diesen 
Gebieten, ohne die Kollegen zu beeinträchtigen, unmöglich. So 
blieb nur eine Vorlesung über Zoologie, die keine Konkurrenz 
gegen den Zoologen Professor Leiblein bedeutete. In drei auf- 
einanderfolgenden Semestern wurde dieselbe im Anatomiegebäude 
bei erfreulicher Beteiligung gehalten, zugleich jedoch unter großen 
Schwierigkeiten und zeitraubenden Vorbereitungen, da die von 
Gegenbaur in Messina angefertigten, aber in den Bestand des 
anatomischen Museums übergegangenen Präparate ihm nicht be- 
dingungslos zur Verfügung standen und neue Präparate wie Ab- 
bildungen für den Unterricht zum großen Teile von ihm selbst 
angefertigt werden mußten. Ein im Wintersemester 1854/55 ab- 
gehaltenes, gut besuchtes populäres Kolleg über Anatomie und 
Physiologie für Juristen blieb das einzige dieser Art. 

Groß ist die Fülle der in jener Zeit entstandenen Arbeiten. 
Dieselben behandeln durchweg die Anatomie und Entwicklung 
Wirbelloser aus den verschiedensten Abteilungen, darunter recht 
umfangreiche, wie die über Siphonophoren, Pteropoden und 
Heteropoden, sowie Appendicularien. 

Im Sommersemester 1855 wurde die von Leydig bisher inne- 
gehabte zootomische Prosektur am anatomischen Institute durch 
dessen Ernennung zum Professor extraordinarius frei. Gegen- 
baur bewarb sich um dieselbe, und mitten in den dafür nötigen 
Examenarbeiten erhielt er die Berufung als außerordentlicher 
Professor der Zoologie in Jena. Die Bedeutung seiner 
Arbeiten, auf die, wie es scheint, auch Johannes Müller die maß- 
gebenden Jenaer Persönlichkeiten aufmerksam gemacht hatte, 
gaben diesem wohlerworbenen Rufe den entsprechenden Unter- 
grund. 

So war eine wichtige neue Stufe in der Laufbahn erklommen. 
Die Trennung fiel Eltern und Sohn sehr schwer, der Abschied 
von den Freunden und dem Heimatlande war nicht leicht. 



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17] Carl Gegenbaur. 405 



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Bald kam auch der Philosoph Kuno Fischer mit seinem 
reichen Geiste, seinem umfassenden Wissen, seiner unbestechh'chen 
Urteilskraft, seinem Zuge ins Große und seiner glänzenden Bega- 
bung als begeisternder Lehrer und Redner und trat zu Gegenbaur 
in näheren Freundesverkehr. Ausdrücklich gedenkt Gegenbaur 
aus der damaligen Zeit zweier großen von ihm gehaltenen Reden, 
die ihm in schöner und dankbarer Erinnerung geblieben seien. 
Fischer wurde 1872 nach Heidelberg berufen. 

Auch die medizinische Fakultät ergänzte und verjüngte sich 
durch die im Laufe der Zeit neu berufenen Mitglieder Rudolf 
Leubuscher und Karl Gerhardt, Bernhard Sigismund 
Schultze, Albert von Bezold und Wilhelm Müller, welche 
ihr auf den Gebieten der inneren Medizin, der Geburtshülfe und 
Gynäkologie, der Physiologie und der pathologischen Anatomie 
neues Leben zuführten und zu Gegenbaur durchweg in freundlichsten 
Beziehungen standen. Endlich sein nächster Arbeitsgenosse und 
Freund Ernst Haeckel. 

Drei Jahre war Gegenbaur in seiner Stelle tätig, mit großem 
Erfolge lehrend, untersuchend und organisierend. Seine Vorlesungen 
umfaßten Zoologie, vergleichende Anatomie, allgemeine Anatomie 
(Histologie) und Entwicklungsgeschichte; daneben hielt er zooto- 
mische und histologische Übungen, sowie mikroskopische Demon- 
strationen. Besondere Erwähnung verdient, daß er im Winter- 
semester 1856 '57 ein „morphologisches" Repetitorium und Exa- 
minatorium abhielt. 

Am Ende des Sommersemesters 1858 vollzog sich ein Wechsel 
seiner akademischen Stellung. Im Juni d.J. starb Emil Huschke; 
Fakultät und Kurator waren bald einig, daß für seine Nach- 
folge Gegenbaur die geeignetste Persönlichkeit sei. Dieser hatte 
indessen eingesehen, daß die damals noch fast allenthalben an 
den deutschen Universitäten bestehende Verbindung von Anatomie 
und Physiologie in einer Professur bei der großen Ausdehnung, 



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Linnjr iis ^nurcmüT r^ iii^»'rrmaT. Ji>d «fiese wd seine Bedingung 
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w'ü z. 5. Ticirr^ti'T oiic rnsiödbsr^ ^orgi'gjM^gin waren, die 
5ci^!curni >i*c«ir -icrer :u scimiK. Ci c gBifc Mir ward ord ent- 
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r*T>scic^»^ *ur^e ^cr ug!e«ndicre. ^cr iK^itee Abcrt von Bezold 
iis r'-^rtf^ijor iAT-icr^wrarus Mnmsr. On^nutaars geraume Zeit 
lacr ic?r:*ir f rnüirai^ ^•TAten; F^vRSSonesrede handelt ,.De 

ras Ttue ''^•-^ai^fijv^-ac 5Ä!liK 1ixiigr3fi|( veraKhrte Anfbrde- 

"iriL^tr i.' rr. ^^i'ln; rviünatiLung uni Emsjie BBl aBe über- 
vpuer. M.i: z^^r ^z:^:d:>ir *icrr:5^?T >iie Ldscuoeeu. 

ras ^.-^icss^Cf^i': -ras ^sn^;^ Tiumatdidk der Unersuchung 
ler '^ .-Tt:!;«:^^!' i^L .^rtii^t rocn anä taä ien Sdravponkt auf 
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:ac"r T't: Jr\^c:u;^'t* ^*ir * ^rJt<»v:r^*«nK!T .\ritt!0OiKi» lälO die ganz- 
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:rr:rz:i:rür\L zi^ zir-^c^o* :. ■* ?ajirrcr«}h3wiea ArbeiMii auf 



19] Carl Gegenbaur. 407 



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den Gebieten der Entwicklungsgeschichte, Histologie und Histo- 
genie, namenth'ch aber der vergleichenden Anatomie des Skelett- 
und Nervensystems der Wirbeltiere, welche seinem Namen die 
Geltung des ersten deutschen vergleichenden Anatomen seiner 
Zeit zuerteilten und ihm Berühmtheit weit über die Grenzen 
Deutschlands gaben. 

Im Jahre 1861 tritt ein neues Ereignis in sein Leben. 

Ernst Haeckel hatte als junger Würzburger Student der Me- 
dizin im Jahre 1853 bei einer Exkursion im Gutenberger Walde 
den 7\i Jahre älteren Gegenbaur kennen gelernt. Dieser war 
damals gerade, erfüllt mit Erinnerungen und Arbeitsplänen, von 
seiner italienischen Reise zurückgekehrt. Rede und Gegenrede 
ergab Verwandtschaft der Auffassungen und Neigungen. Haeckel 
wurde dann Johannes Müllers Schüler, wie Gegenbaur sagt, der 
in jeder Hinsicht bei weitem bedeutendste, und damit war die 
Richtung seines Lebens bestimmt. Eine weitere wichtige Be- 
gegnung mit Gegenbaur fand 1858 in Jena, bei Gelegenheit des 
300jährigen Jubiläums der Universität statt, wo er Gegenbaurs Gast 
war und von diesem veranlaßt wurde, seine akademische Tätigkeit 
als Zoolog in Jena zu beginnen. Jetzt, 1861, ward diese Habili- 
tation zur Tat, und damit begann jene Freundschaft und jener innige 
Wechselverkehr zwischen Beiden, welcher während des ganzen 
Zusammenseins in Jena und darüber hinaus dauerte und in der 
Geschichte der Naturwissenschaft von bleibender Bedeutung sein 
wird. Gegenbaur trat Haeckel den zoologischen Teil seiner aka- 
demischen Tätigkeit ab; dieser ward 1862 in Jena Professor extra- 
ordinarius der Zoologie und erhielt 1865, nach Ablehnung einer 
Berufung nach Würzburg, das zoologische Ordinariat. 

Beide Männer waren von Grund aus verschiedene Naturen. 
Der ältere Gegenbaur, der tiefe und gereifte Denker und ernste 
Forscher, dessen kühner Geist nur in der festen Fundierung und 
der vollen Konzentration in das jeweilige Arbeitsthema sich wohl 



408 Max Fürbringer [20 



■A/TN- 



fühlte und nur in Berührung mit der Mutter Erde seine Kräfte ver- 
mehrte und dem dabei die strengste Kritik als Wächter zur Seite 
stand; der jüngere Haeci<el, glänzend veranlagt, durch und durch 
Enthusiast, mit alles umfassenden Ausblicken und Plänen, Forscher, 
Kämpfer und Künstler zugleich, — so ergänzten sich Beide. Die 
gleiche Freude an der Natur, die gleiche Begeisterung für die er- 
habenen Aufgaben, die gleichen großen Ideen, von denen damals 
nach und mit dem Erscheinen von Darwins Werken die Theorie 
der Descendenz und Selektion als befruchtendes und belebendes 
Prinzip in den Vordergrund trat, von jedem der Beiden in seiner 
besonderen Eigenart, aber gleich intensiv erfaßt und erkannt, — 
endlich auch der gemeinsame Schmerz im Jahre 1864, als beider 
Gattinnen nach glücklichster Ehe dahingerafft wurden, und die ge- 
meinsame Erkenntnis, daß nur die Arbeit und das Aufgehen in die 
hehren Pflichten, welche die Wissenschaft dem Forscher schenkt 
und auferlegt, da retten könne. 

Haeckel hat 1866 dem Freunde den ersten Band seines bahn- 
brechendsten und wohl den umfassendsten Höhepunkt seiner 
Forschung repräsentierenden Werkes: „Die generelle Morphologie 
der Organismen", gewidmet. In der Ansprache „An Carl Qegen- 
baur" gibt er in unvergänglichen Worten seiner Freundschaft und 
Dankbarkeit Ausdruck; dieselbe ist zugleich ein beredtes Zeugnis 
der zwischen Beiden damals bestehenden geistigen Gemeinschaft. 

„Indem ich", schreibt Haeckel, „den ersten Band der gene- 
rellen Morphologie Dir, mein theurer Freund, den zweiten Band 
den drei Begründern der Descendenz-Theorie widme, will ich da- 
mit nicht sowohl die besondere Beziehung ausdrücken, welche Du 
als hervorragender Förderer der Anatomie, jene als Reformatoren 
der Entwicklungsgeschichte zu den beiden Zweigen der orgam'schen 
Morphologie einnehmen, als vielmehr meiner dankbaren Verehrung 
gegen Dich und gegen Jene gleichmäßigen Ausdruck geben. Denn 
wie es mir einerseits als eine Pflicht der Dankbarkeit erschien. 



21] Carl Gegenbaur. 409 

durch Dedication der «allgemeinen Entwicklungsgeschichte» an 
Charles Darwin, Wolfgang Goethe und Jean Lamarck 
das causale Fundament zu bezeichnen, auf welchem ich meine or- 
ganische Morphologie errichtet habe, so empfand ich andererseits 
nicht minder lebhaft das Bedürfniß, durch Widmung der «allge- 
meinen Anatomie» an Dich, mein treuer Genosse, die Verdienste 
dankbar anzuerkennen, welche Du um die Förderung meines Un- 
ternehmens besitzest." 

„Um diese Beziehungen in das rechte Licht zu stellen, müßte 
ich freilich eigentlich eine Geschichte unseres brüderiichen Freund- 
schafts-Bündnisses schreiben, von dem Tage an, als ich Dich 1853 
nach Deiner Rückkehr von Messina im Gutenberger Walde bei 
Würzburg zum ersten Male sah, und Du in mir die Sehnsucht 
nach den hesperischen Gestaden Siciliens wecktest, die mir sieben 
Jahre später in den Radiolarien so reiche Früchte tragen sollte. 
Seit jenem Tage hat ein seltener Parallelismus der Schicksale 
zwischen uns fester und fester die unauflöslichen Bande geknüpft, 
welche schon frühzeitig gleiche Empfänglichkeit für den Natur- 
genuß, gleiche Begeisterung für die Naturwissenschaft, gleiche 
Liebe für die Naturwahrheit in unseren gleichstrebenden Gemü- 
thern vorbereitet hatte. Du warst es, der mich vor sechs Jahren 
veranlaßte, meine akademische Lehrthätigkeit in unserem geliebten 
Jena zu beginnen, an der Thüringer Universität im Herzen Deutsch- 
lands, welche seit drei Jahrhunderten als das pulsirende Herz 
deutscher Geistes- Freiheit und deutschen Geistes- Kampfes nach 
allen Richtungen ihre lebendigen Schwingungen fortgepflanzt hat. 
An dieser Pflanzschule deutscher Philosophie und deutscher Natur- 
wissenschaft, unter dem Schutze eines freien Staatswesens, dessen 
fürstliche Regenten jederzeit dem freien Worte eine Zufluchtsstätte 
gewährt, und ihren Namen mit der Reformations- Bewegung, wie 
mit der Blüthezeit der deutschen Poesie untrennbar verflochten 
haben, konnte ich mit Dir vereint wirken. Hier haben wir in 



408 Mnx liir'- 



fühlte und nur in Berührung mit Jl : 
mehrte und dem dabei die striMi.i:-. 
stand; der jüngere Haeckel. glänz. . 
Enthusiast, mit alles umfassenden 
Kämpfer und Künstler zugleich, 
gleiche Freude an der Natur. J: 
habenen Aufgaben, die gleichem 
nach und mit dem Erschcincr^ 
der Descendenz und Selektion 
Prinzip in den Vordergrund : 
besonderen Eigenart, aber l: 
endlich auch der gemeinsni^ 
Gattinnen nach glücklichst.! 
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und auferlegt, da retten i 

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411 




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Denn wie jeder Organismus, 

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ich zu hoffen wage, zur weiteren 

\Vis--enb;chaft Ijeitragen sollte, so bin ich 

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ischaften, welche mir die große und schwie- 

und durchzuführen erlaubten, habe ich 

Vererbung von meinen trefflichen Eltern 

:n Anpassungs-Bedingungen aber, welche 

nen erblichen Functionen das Werk zur 

die angeführten Verhältnisse die erste 



indn theurer Freund, als mein Gesinnungs- 
im Schjcksals-Bruder, als mein academischer College 
kr-Ocfährte, nimm die Widmung dieser Zeilen 
, und laß uns auch fernerhin treu und fest zu- 
j dem großen Kampfe, in welchen uns die Pflicht 
ftreibt, und in welchen das vorliegende Werk ent- 
in dem heiligen Kampfe um die Freiheit der 
I um die Erkenntniß der Wahrheit in der Natur." 
iibaur hat im Jahre 1872 die größte und epoche- 
! seiner Monographien, „das Kopfskelet der Selachier". 
r Morphologie der Wirbeltiere völlig neue Bahnen schuf 
f Ausgangspunkte für die ganze neuere Erkenntnis des 
leras wurde, „seinem iheuren Freunde Ernst Häckel" ge- 



jemals haben Könige solche Gaben gegeneinander 



Max Pürbringer [22 



der glücklichsten Arbeitstheilung unser gemeinsames Wissenschafts- 
Gebiet bebaut, treu mit einander gelehrt und gelernt, und in den- 
selben Räumen, in welchen Goethe vor einem halben Jahrhun- 
dert seine Untersuchungen „zur Morphologie der Organismen" 
begann, zum Theil noch mit denselben wissenschaftlichen Hülfs- 
mitteln, die von ihm ausgestreuten Keime der vei^eichenden und 
denkenden Naturforschung gepflegt. Wie wir in dem harten Kampfe 
des Lebens Glück und Unglück brüderlich mit einander getheilt, 
so haben sich auch unsere wissenschaftlichen Bestrebungen in so 
inniger und beständiger Wechselwirkung entwickelt und befestigt, 
in täglicher .Mittheilung und Besprechung so gegenseitig durch- 
drungen und geläutert, daß es uns wohl Beiden unm^ich sein 
würde, den speciellen Antheil eines Jeden an unserer geistigen 
Gütergemeinschaft zu bestimmen. Nur im Allgemeinen kann ich 
sagen, daß das Wenige, was meine rasche und rastlose Jugend 
hie und da Dir bieten konnte, nicht im Veriiältnifi steht zu dem 
Vielen, was ich von Dir, dem acht Jahre älteren, erfahrneren und 
reiferen Manne empfangen habe." 

.So ist denn Vieles, was in dem vorli^enden Werke als meine 
Leistung erscheint, von Dir geweckt und genährt. Vieles, von dem 
ich Förderung unserer Wissenschaft hoffe, ist die gemeinsame 
Frucht des Ideen-Austausches, der uns ebenso daheim in anserer 
stillen Werkstätte erfreute, wie er uns draußen anf nn seren er- 
frischenden Wanderungen durch die felsigen Schluditai und über 
die waldigen fiöhen des reizenden Saahhales beghftete. MuKbes 
dürfte seihst das Produkt des erhebenden gpnebaamea Niliir- 
genusses sein, welchen uns die malerischen Fennen der J 
Muschelkalk -Bei^e bereiteten, we . sie im letzten Abendsonner 
strahl uns durch die Farben-Han nie Ihrer purpur-g(rtd(gen Fe 
scnflanken und violen-blauen flutten die enlsctiwandvrk. ^ 

Zauberbilder der calabrischen ( »irgskette wieder vor Aii% 
führten." 




25] Carl Gegenbaur. 413 



mann, N. v. Miklucho-Maclay, A. Vrolik, B. Vetter, 
G. V. Koch, Georg Rüge, Oskar und Richard Hertwig 
und Paul Für bringer zu nennen. Engelmann hat später, bei 
seinem Eintritt in die Berliner Akademie, hervorgehoben, daß er 
das Glück gehabt, von J. V. Carus, C. Gegenbaur und A. v. Be- 
zold auf die wesentlichen Aufgaben und Methoden biologischer 
Forschung nachdrücklichst hingewiesen zu werden. 

Vorlesungen und Übungen wurden mit Fleiß und Interesse 
besucht; die Schüler hatten in jeder Hinsicht reichsten Gewinn, 
traten ihrem Lehrer auch menschlich nahe und haben die in seinem 
Institute und Hause verbrachten Stunden nicht vergessen. 

Das anatomische Institut, wie die anthropotomische und 
zootomische Sammlung, denen bereits durch Huschke viele För- 
derung zu teil geworden war, gewannen unter Gegenbaur eine 
ansehnliche Erweiterung und Vermehrung; die von Gegenbaur, 
seinen Assistenten, Schülern und Präparatoren angefertigten ver- 
gleichend-anatomischen Präparate, Belegstücke zu seinen Jenenser 
Arbeiten, bilden eine Zierde derselben. Auch durch bauliche Ver- 
änderungen wurde eine zweckmäßige Brauchbarmachung und Ver- 
größerung der bisherigen Räume durchgeführt. 

Nicht an letzter Stelle gebührt auch der damals namentlich 
unter seinem Einflüsse begründeten medizinisch-naturwissen- 
schaftlichen Gesellschaft zu Jena Erwähnung; sie entfaltete 
ein reges und blühendes wissenschaftliches Leben. Die von ihr 
seit 1864 herausgegebene Jenaische Zeitschrift für Medizin 
und Naturwissenschaft, deren langjähriger Redakteur Gegen- 
baur war, hat bald in den wissenschaftlichen Kreisen Ansehen 
und weite Verbreitung gefunden; die meisten Bände derselben aus 
Gegenbaurs Jenenser Periode sind vergriffen. — 

Auch jenseits der Wissenschaft und des Amtes hat Gegenbaur 
ein reiches Leben in Jena geführt, reich an Freude und Leid. 



414 Max Fürbringer [26 



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Im Frühling 1863 begründete er das Glück seiner ersten Ehe 
mit Anna Margareta Emma geb. Streng, ein allzukurzes Glück, 
denn schon im Sommer 1864 schied die geliebte Gattin von ihm, 
nachdem sie ihm eine Tochter, Emma, geschenkt hatte. Sie 
liegt auf dem Friedhof in Jena begraben. 

Erst nach einer Reihe von Jahren ward seinem vereinsamten 
Leben die treue Gefährtin, seinem Kinde die zweite Mutter. Er 
fand sie in Ida Arnold, der Tochter von Friedrich Arnold. Die 
zu Ostern 1869 geschlossene Ehe hat im innigsten Einvernehmen 
bis zu seinem Tode gedauert; die Gattin hat ihn bis zur letzten 
Stunde gepflegt und hat jetzt ihren schwersten Veriust erlitten. 
Dieser Ehe sind zwei Kinder entsprossen, die noch in Jena ge- 
borene Tochter Else und der in Heidelberg zur Welt gekommene 
Sohn Friedrich. 

Großes Leid hat ihm auch der frühe Tod seiner Mutter be- 
reitet, die 1866 während der Kriegsunruhen dieses Jahres starb. 
Nach 6 Jahren folgte ihr sein Vater. 

In Jena eriebte er aber auch die Erfüllung des Traumes seiner 
Jugend: die Begründung der deutschen Einheit. Dem großen 
deutschen Manne, der sie zusammengeschweißt, hat allezeit seine 
höchste Bewunderung und Verehrung gegolten. 

Neben der Arbeit hatte er auch anregenden und freundschaft- 
lichen Verkehr; Jenas reizvolle und eigenartige Umgebung lud zu 
Wanderungen ein; da wurde mancher schöne Punkt entdeckt und 
das Studium der lokalen Fauna, Flora und Geologie freudigst be- 
trieben. Namentlich zu Kuno Fischer, Seebeck, den Koliken der 
medizinischen Fakultät, und vor allem zu Haeckel bestanden sehr 
nahe Beziehungen. Auch von auswärts kamen die Freunde gern und 
oft nach Jena, so u. a. Max Schultze, J. V. Canis» R. Bergh, 
sein Verieger Wilhelm Engelmann mit seinem Sohne Theodor 
Wilhelm, dem Physiologen. Auch auswärtige Kollegen reisten 




27] Carl Gegenbaur. 415 



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herbei, den großen Forscher aufzusuchen, Flower, Struthers, 
A. Rosenberg u. v. a. 

Von Jena aus wurden verschiedene Reisen unternommen, 
allein oder mit der Gattin oder mit den Freunden. Wiederholt 
führte der Weg zur wissenschaftlichen Arbeit nach Italien; auch 
viele Gegenden Deutschlands, darunter die Heimat, Österreich, 
die Schweiz, Holland und Belgien wurden auf Erholungsreisen 
besucht. Auf diesen und auf früheren Reisen hat er auch eine 
ansehnliche mineralogische und geologische Sammlung vereinigt, 
die er später, von Heidelberg aus, dem mineralogischen Museum 
der Jenenser Universität schenkte. 

Ein im Jahre 1872 an ihn ergangener Ruf an die erneuerte 
Universität Straßburg wurde abgelehnt, dagegen die 1873 erfolgte Be- 
rufung nach Heidelberg angenommen. Es ist Gegenbaur nicht 
leicht gefallen, von Jena, wo er sich sehr wohl fühlte, wegzugehen; 
auch hatte die Universitätsverwaltung auf sein Bleiben so sicher 
gerechnet, daß man ihm, anstatt ihm für seine langjährigen Dienste 
dankbar zu sein, den Weggang recht schwierig und unerquicklich 
gestaltete und damit die innere Loslösung von Jena erleichterte. 
Sein letzter Abschiedsgruß galt dem Freunde Haeckel. Er ist 
nicht wieder nach Jena gekommen, hat aber Jena eine bleibende 
Dankbarkeit bewahrt. 

„Jena**, sagt er in seiner Selbstbiographie, „war für mich in 
jeder Hinsicht eine hohe Schule, aus welcher ich vielfach belehrt 
hervorging, und Alles, was ich in späterer Zeit geleistet, hat dort 
seine Quelle und giebt mir Ursache zu dauerndem Danke. Ich 
betrachte es als ein großes Glück, lange in Jena gewesen zu sein, 
in jungen Jahren, welche die Eindrücke tiefer aufnehmen und 
gründlicher in Vorstellungen umsetzen. Zur Beobachtung geneigt, 
fand ich dort in jeder Hinsicht ein reiches Feld der Erfahrung, 
welches ein Leben zu füllen vermag. Ich habe sie zu benutzen 
versucht, wie und wo ich vermochte, und das ist mein Gewinn.** 



416 Max Fürbringer [28 



Mit dem Beginn des Wintersemesters 1873/74 tritt er die 
Heidelberger Stelle an, als Nachfolger seines Schwiegervaters 
Friedrich Arnold, zunächst unter mancherlei Schwierigkeiten, die 
teils in Fakultätsverhältnissen, teils in Zustanden des anatomischen 
Institutes wurzelten. 

In den der Berufung vorausgehenden Fakultätsverhandlungen 
hatten sich zwei Parteien daselbst gegenüber gestanden: die eine 
wünschte für die Heidelberger anatomische Professur einen topo- 
graphischen Anatomen, der auch in mechanischer Richtung gear- 
beitet, die andere einen wissenschaftlichen Anatomen, welcher auf 
dem Gebiete der Histologie, Entwicklungsgeschichte und verglei- 
chenden Anatomie einen Namen erworben. Letztere hatte die 
knappe Majorität errungen, und infolge davon war Gegenbaur 
berufen worden. Die hierdurch entstandene Spaltung in der Fa- 
kultät machte sich auch nach Gegenbaurs Eintritt in dieselbe einige 
Zeit geltend und erzeugte eine gewisse Spannung, die erst all- 
mählich zum Ausgleiche kam. 

Dem Anatomiegebäude, das von Anfang an mangelhaft 
und unpraktisch angelegt und auch trotz der auf Besserung hin- 
zielenden, aber vergeblichen Bemühungen Friedrich Arnolds im 
wesentlichen so geblieben war, konnte zunächst nur eine partielle 
Verbesserung zu teil werden. Erst eine schwere, durch die un- 
gesunden Verhältnisse erzeugte Erkrankung Gegenbaurs ward der 
Anlaß zu einer gründlichen Renovation. Auch noch andere Ver- 
hältnisse des anatomischen Institutes ließen zu wünschen übrig; 
schießlich kam auch hier, dank seiner unermüdlichen Energie, so 
weit möglich eine Abhülfe und Besserung zu stände. 

So wurde Gegenbaur allmählich in Heidelberg heimisch. Ihm 
ergebene Prosektoren und Assistenten, wie Max Fürbringer, 
Georg Rüge, Friedrich Maurer, Hermann Klaatsch und 
Ernst Göppert, suchten ihm nach bestem Können an die Hand 
zugehen und nützlich zu sein; auch B. Solger, E. Calberla, 



. > 



29] Carl Gegenbaur. 417 



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W. Pfitzner, G. Schöne und G. Grund waren kürzere Zeit bei 
ihm Assistenten. Solger hat ihn nach Heidelberg begleitet und 
wurde von Fürbringer abgelöst. 

Er las Anatomie des Menschen, einige Male Einleitung in die 
Anatomie und Skelettlehre, in den 9 ersten Jahren vergleichende 
Anatomie und wiederholt Entwicklungsgeschichte, leitete die mensch- 
lichen Präparierübungen und das anatomische Praktikum für Vor- 
gerücktere, welche mehr selbständig arbeiteten. Hier entstand 
unter seinen Augen oder in mehr oder minder direkter Anregung 
durch ihn eine beträchtliche Anzahl gediegener Arbeiten. 

Außer seinen oben erwähnten Prosektoren und Assistenten 
seien E. Rosenberg, G. Born, J. A. Palmen, A. C. Bernays, 
A. A. W. Hubrecht, J. Brock, B. Haller, M. v. Davidoff, 
W. B. Scott, W. Leche, J. E. V. Boas, H. Gadow, B. 
Grassi, M. Sagemehl, N. Goronowitsch, C. Heß, Fr. 
Meyer, H. R. Davies, H. K. Corning, O. E. Imhoff, C. Rose, 
O. Seydel, Schwink, L. Bayer, E. Schwalbe, H. Eggeling, 
S. Paulli, H. Engert u. a. als seine Schüler genannt. Auch 
R. Semon und H. Braus können mittelbar als solche bezeich- 
net werden. 

Die produktive Tätigkeit der Heidelberger Jahre findet 
kaum ihresgleichen. Von der vergleichenden Anatomie erscheinen 
in den Jahren 1874 und 1878 zwei neue Auflagen (Grundriß der 
vergleichenden Anatomie) und endlich 1898 und 1901 — als sein 
letztes wissenschaftliches Werk — die große zweibändige ver- 
gleichende Anatomie der Wirbeltiere mit Berücksichtigung der 
Wirbellosen, die Frucht einer 20jährigen Arbeit. Ferner in 7 Auf- 
lagen von 1883 — 1899 das Lehrbuch der Anatomie des Menschen. 
Die sonstigen Arbeiten und Monographien jener Zeit behandeln 
die Methodik der Forschung, sehr zahlreiche Fragen aus der Mor- 
phologie des Skelettsystems wie fast sämtlicher anderen Organ- 
systeme des tierischen Körpers; manche darunter sind zusammen- 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 27 




418 Max Fürbringer [30 



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fassender Natur und gewähren einen kritischen Überblick über 
den jetzigen Stand der Leistungen und Erkenntnisse auf diesem 
oder jenem Gebiete. Verschiedene Abhandlungen sind zugleich 
Gratulationsschriften und geben seiner Dankbarkeit und Verehrung 
für die von ihm geschätzten Kollegen, wie C. Th. E. von Siebold, 
P. J. van Beneden und A. v. Kölliker Ausdruck. Auch zahlreiche 
Bücherbesprechungen rühren von seiner Feder her. 

Im Jahre 1875 begründet er eine neue Zeitschrift, das 
„Morphologische Jahrbuch**, welches bis zum Jahre 1901 
unter seiner Redaktion in 29 Bänden bei seinem Verleger Wilhelm 
Engelmann erschienen ist; danach wurde die Redaktion dieser 
blühenden Zeitschrift von seinem Schüler Georg Rüge über- 
nommen. 

Daß Leistungen von solchem Range eine Fülle von Aner- 
kennungen höchster und mannigfaltigster Art nach sich ziehen, 
bedarf keiner besonderen Erwähnung. Wie wenige ist er geehrt 
worden. Hier seien nur die hervorragendsten genannt. Von Orden 
erhielt er u. a. den K. Bayrischen Maximiliansorden für Wissen- 
schaft und Kunst, den K. Preußischen Orden pour le merite, 
das Großkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen, von Medaillen 
und Preisen die goldene Copley- Medaille der Royal Society in 
London, die goldene Swammerdam-Medaille der Universität Am- 
sterdam, die goldene Cothenius-Medaille der Academia Caesarea 
Leopoldino-Carolina Naturae Curiosorum, den großen Vahlbruck- 
Preis seitens der Universität Göttingen, und ferner wurde er 
Dr. phil. h. c. der Universität Jena, Dr. math. et phil. h. c. der Uni- 
versität Leyden, Dr. jur. h. c. der Universität Edinburgh, Dr, med. 
h. c. der Universität Würzburg (Erneuerung seines betreffenden 
Doktordiplomes mit Glückwunsch-Adresse bei der 50jährigen Wie- 
derholung dieses Tages). Weiter ernannten ihn ungezählte gelehrte 
Gesellschaften sowie Fakultäten zu ihrem Ehrenmitgüede oder 
auswärtigem oder korrespondierendem Mitgliede, darunter die K, 



31] Carl Gegenbaur. 419 



Preuß. Akademie der Wissenschaften zu Berlin (auswärtiges Mit- 
glied), Senckenbergische naturforschende Gesellschaft in Frank- 
furt a. M., K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Aca- 
demia Caesarea Leopoldino-Carolina Naturae Curiosorum in Halle 
(Sektions-Vorstandsmitglied), Medizinisch-naturwissenschaftliche Ge- 
sellschaft zu Jena (Ehrenmitglied), K. Sachs. Gesellschaft der Wis- 
senschaften zu Leipzig, K. Bayer. Akademie der Wissenschaften 
zu München, K. Akademie van Wetenschappen , K. Zoologisch 
Genootschap Natura Artis Magistra (Ehrenmitglied) und Genoot- 
schap ter bevordering van natuur-, genees- en heelkunde in Am- 
sterdam, American Academy of Arts and Sciences in Boston 
(honorary Member), Academie royale de medecine de Belgique 
und Academie royale des sciences, des lettres et des beaux arts 
de Belgique in Brüssel, Sociedad zoolögica in Buenos Aires, 
Cambridge Philosophical Society, Dorpater Universität (Ehren- 
mitglied), Juristische Fakultät in Edinburgh (Ehrenmitglied), Royal 
Society in Edinburgh, Hollandsche Maatschappij der Wetenschap- 
pen in Haarlem, Kgl. Danske Videnskabernes Selskab in Kopen- 
hagen (udenlandske Medlemmer), mathematische und naturwissen- 
schaftliche Fakultät in Leyden (Ehrenmitglied), Royal Society, 
Linnean Society und Zoological Society (foreign Member) in 
London, Manchester Literary and Philosophical Society (honorary 
Member). Societe Imp. des Naturalistes in Moskau, Academie Imp. 
des sciences in Petersburg, Academy of Natural Sciences in Phila- 
delphia, R. Accademia dei lincei in Rom, K. Svenska Vetens- 
kaps- Akademie in Stockholm, R. Accademia delle scienze in 
Torino, Regia societas scientiarum Upsaliensis, R. Istituto Veneto 
di scienze. lettere ed arti in Venedig. K. Akademie der Wissen- 
schaften und K. K. zoologisch-botanische Gesellschaft in Wien. 
Der Großherzog von Baden ernannte ihn zum Geh. Rat II. Kl., 
die Stadt Heidelberg zu ihrem Ehrenbürger. — Nie hat er einer 
dieser Auszeichnungen jemals Erwähnung getan. 

27» 



420 Max Fürbringer [32 



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Eine unter glänzenden Bedingungen an ihn ergangene Be- 
rufung an die neubegründete Universität Amsterdam lehnte er ab. 

Sein Leben in Heidelberg gestaltete sich in zunehmendem 
Maße erfreulich und angenehm. Seine Frau, mit der ihn wärmstes 
Empfinden und innigstes Verstehen verband, sorgte dafür, ihm 
eine glückliche Häuslichkeit zu schaffen und seiner Lebensarbeit 
jede Störung fern zu halten. Die Kinder entfalteten sich zur 
großen Freude der Eltern. Die älteste Tochter verheiratete sich 
mit einem Manne, dem jetzigen Major Nieland, der sich bald die 
Liebe und Wertschätzung der Eltern erwarb; der Besuch der Kinder 
und des Enkels im Elternhause brachte stets Freude und Er- 
frischung. Die jüngere Tochter, welche die von dem Vater er- 
erbte Anlage für die bildende Kunst weiter ausgebildet, hat ihren 
Eltern stets die hingebungsvollste Liebe und Fürsorge bewiesen. 
Der Sohn studierte Jura und Cameralia und promovierte als 
Dr. juris. 

Großen Kummer bereitete ihm der viel zu frühe Tod der 
geliebten Schwester im Jahre 1877. Auch den hochbetagten 
Schwiegervater, aber auch so manchen jüngeren Freund und 
Schüler sah er ins Grab sinken. 

Nach ausgebreiteterem geselligen Verkehre bestand weder bei 
ihm noch bei seiner Frau Bedürfnis. Er hatte ein Arbeitspensum 
vor sich, das nur bei voller Konzentration auf seine Amtspflichten 
und seine Untersuchungen und Forschungen gelöst werden konnte. 
Auch war naturgemäß sein gereiftes Alter nicht mehr so leicht 
dem Anschlüsse an neue Bekanntschaften zugeneigt. 

Die Universität wies, als er nach Heidelberg kam und in den 
langen Jahren seiner Lehrtätigkeit daselbst, viele hochbedeutende 
Männer auf. Er hat den Verdiensten derselben seine vollste 
Wertschätzung dargebracht und mit den meisten Kollegen auch 
einen auf gegenseitige Hochachtung gegründeten Verkehr gehabt. 
Nähere Beziehungen bestanden jedoch nur zu seinem Schwieger- 



- 1 -^^ 




33] Carl Gegenbaur. 421 



vater Friedrich Arnold, in dem er den hochverdienten Gelehr- 
ten und den reinen, wahrhaftigen Menschen verehrte, zu seinem 
Schwager Julius Arnold, der in der gleichen Fakultät mit ihm 
wirkte, zu seinem alten Freunde Nikolaus Friedreich, dessen 
allzufrühen Tod er tief betrauerte, zu seinen älteren Schülern und 
namentlich zu Kuno Fischer. Das mit diesem schon in Jena 
geschlossene Freundschaftsbündnis gestaltete sich in Heidelberg 
immer inniger und verständnisreicher. Fischer hat wiederholt in 
warmen und beredten Worten seiner Bewunderung der hohen 
geistigen Bedeutung und der Reinheit und Größe des Charakters 
von Gegenbaur Ausdruck verliehen. Gegenbaur hat den hohen 
und reichen Gaben der Unbestechlichkeit und Wahrhaftigkeit, den 
machtvollen Impulsen, dem Mut der Überzeugung und den hervor- 
ragenden Leistungen Fischers seine Hochschätzung bewiesen und 
ihm in seiner Selbstbiographie ein Ehrendenkmal gesetzt: „Mit 
ihm, der kurz vor mir Jena verlassen hatte, war ich befreundet, 
und er blieb in dieser Gesinnung bis in unser hohes Alter, wo 
er mich noch durch seinen häufigen Besuch erfreut, während 
mir das Gehen versagt ist! Ich besitze an ihm einen ttjeuen 
Freund in des Wortes vollster Bedeutung. Von den gemein- 
samen Unternehmungen sind mir manche in guter Erinnerung. 
— Es war mir immer eine Erfrischung, mit jenem geistvollen 
Manne verkehren zu dürfen, mit welchem die Gemeinsamkeit 
vieler Anschauungen über die Dinge mich verbindet. Ich habe 
vieles von ihm gelernt und fühle mich dankbar bewegt, wenn ich 
an die mit Kuno Fischer gepflogenen Unterhaltungen denke." 
Auch Freund Ernst Haeckel hat ihn von Jena aus oft und 
regelmäßig besucht und war immer ein gern gesehener Gast; 
ebenso andere liebe Bekannte, wie sein treuer Verleger Wilhelm 
Engelmann und seine Söhne. Rudolf Bergh und sein Sohn R. S.Bergh 
u. v. A. Auch der nachmalige Chef des Hauses Engelmann, Ema- 
nuel Reinicke, gehörte zu den jährlichen Besuchern. Mit der zu- 



422 Max Fürbringer [34 



nehmenden Berühmtheit vermehrte sich die Zahl älterer und jün- 
gerer Gelehrter, welche den hervorragenden Mann persönlich 
kennen lernen und ihm ihre Verehrung beweisen wollten; Heidel- 
bergs Lage erwies sich dafür besonders geeignet, und oft hat 
Gegenbaur die ruhigeren Tage Jenas herbeigesehnt. 

Die ideale Umgebung Heidelbergs gab Gelegenheit zu man- 
chen Ausflügen. Die einsamen Wanderungen mit den Nächst- 
stehenden erfrischten ihm den Geist und die Sinnesorgane, die er 
so nötig brauchte. Auch weitere der Erholung dienende Exkur- 
sionen und Reisen fanden vielfach statt, mit den Seinigen oder 
mit den Freunden, namentlich Kuno Fischer und Ernst Haeckel. 
So wurde die Riviera wiederholt besucht, und deren Perle St. Mar- 
gherita diente wiederholtem Aufenthalte, ebenso die oberitalieni- 
schen Seen und die Alpen. Im Elsaß wurden Goethe-Erinne- 
rungen gepflogen. Auch der nachbarliche Odenwald, wie der 
Schwarzwald und der Hegau gewährten ihm Erfrischung. Hier 
war es das liebliche Heiligenberg oberhalb des Bodensees, nach 
welchem er besonders gern und oft seine sommerliche „Secessio 
in montem sacrum" ausführte. 

Bei Kongressen und ähnlichen Versammlungen war er ein 
sehr seltener Gast. 1877 wohnte er der Münchener Naturforscher- 
Versammlung bei, 1882 war er Delegierter der Heidelberger Uni- 
versität bei dem Würzburger Jubiläum, 1888 präsidierte er dem 
Würzburger Anatomenkongreß. Eine daselbst von ihm gehaltene 
originelle Ansprache erregte bei den konventionell Gebildeten 
Aufsehen, gab aber zugleich mit ihren markanten, ohne jede Zurück- 
haltung ausgesprochenen Gedanken Anregung zu mannigfachem 
Nachdenken. 

Bei Gelegenheit seines 70. Geburtstages 1896 floh er, um 
jeder Huldigung zu entgehen, mit seiner Familie in einen entl^e- 
nen Winkel des Schwarzwaldes und gestattete nur dem Freunde 
Haeckel ihn dort aufzusuchen. Seine Schüler hatten es sich 



35] Carl Gegen baur. 423 

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nicht nehmen lassen, ihm an jenem Tage eine umfassende, drei- 
bändige Festschrift zu widmen. Die Zusendung derselben erfolgte 
mit Zagen; schließlich, als er von dem Inhalte Kenntnis genom- 
men, hat er sich doch darüber gefreut. 

Den wichtigeren wissenschaftlichen, politischen und religiösen 
Fragen der Gegenwart brachte er ein warmes Interesse entgegen 
und verfolgte sie auf Grundlage seiner universellen Bildung und 
seiner großen Urteilskraft als deutscher, einem gesunden, maßvollen 
Fortschritte zugewandter Mann. Darum hat er auch, als im Anfang 
der 70er Jahre gegenüber den bekannten vatikanischen Beschlüs- 
sen die befreiende altkatholische Bewegung einsetzte, dieser seine 
Sympathie und Unterstützung gewährt. Seine Frau war evan- 
gelisch; ebenso ließ er seine Kinder sämtlich evangelisch taufen 
und erziehen. Er hatte in seiner Jugend den Geist der Hierarchie 
und des Ultramontanismus kennen gelernt und auf seinen Reisen 
nicht umsonst beobachtet. 

Am Beginne dieses Jahrhunderts war die Kraft des hochbe- 
tagten Mannes, der kein Ausruhen von der Arbeit und keine Scho- 
nung kannte, geschwächt. Noch war sein Geist hell und frisch 
wie jemals, aber seine körperliche Leistungsfähigkeit war vermin- 
dert und eine abnehmende Kraft seiner Gliedmaßen erlaubte 
ihm nicht mehr die erheblichen Anstrengungen seines Amtes. Mit 
Schluß des Wintersemesters 1900/01 legte er das Direktorat des 
anatomischen Instituts nieder, das in die Hände seines Schülers 
Max Fürbringer überging. 

In seinem Otium cum dignitate war er zuerst noch mit lite- 
rarischen Arbeiten beschäftigt. Danach, als die zunehmende 
Schwäche seiner Muskeln ihm den Gebrauch der Gliedmaßen und 
das Sprechen mehr und mehr erschwerte, verhielt er sich mehr 
empfangend, aber mit ungeschwächtem Interesse und Verständnis 
für gute Lektüre, namentlich auf historischem und kulturhistorischem 



424 Max Fürbringer [36 



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Gebiete, wie auch für die wichtigeren Tagesfragen, wobei ihn Ins- 
besondere jede Bedrohung der Geistes- und Gewissensfreiheit leb- 
haft ergriff. 

In diese Zeit fällt auch die Abfassung seiner Selbstbiogra- 
phie „Erlebtes und Erstrebtes", in guten Tagen begonnen, in min- 
der guten beendigt. Es ist ein ungleiches Werk, das in liebevoller 
Weise und von feinen Zügen und einer bedeutenden Lebensan- 
schauung durchdrungen, von seinen Vorfahren und von der Kind- 
heit und Jugendzeit seines Strebens berichtet, die reifste und vollste 
Zeit dieses reichen und schaffensfreudigen Lebens aber viel zu 
kurz behandelt, weil der Schreiber über die dafür nötige Frische 
nicht mehr verfügte. Vielleicht mag auch bei dem jeder Selbst- 
bespiegelung abgeneigten Manne ein zunehmender Überdruß, über 
sich zu sprechen, an dem schnellen Schlüsse mitgewirkt haben. 
Aber auch dieser letzte Teil enthält viele von nicht gewöhnlichem 
Geiste zeugende Bemerkungen und bildet einen wohltuen- 
den Gegensatz zu so mancher Gelehrten-Autobiographie, in 
welcher das Feiern seiner Persönh'chkeit dem Schreiber Haupt- 
sache ist. Gegenbaurs Buch enthält wenig über 100 Seiten, die 
weit mehr von dem handeln, was er von anderen gelernt und 
ihnen verdankt, als von den Leistungen der eigenen Person. 
Für den pietätvollen Verehrer Gegenbaurs bildet die Selbstbio- 
graphie ein rührendes Denkmal. 

Unter zunehmenden Beschwerden hat Gegenbaur bis zur 
Mitte des Jahres 1903 gelebt. Er hat dieselben wie ein Held ge- 
tragen ; nie hat er geklagt, nie den Seinigen Mißstimmung gezeigt 
oder Mühe gemacht. Die Besuche der nächsten Freunde hat er 
bis zuletzt freundlich und dankbar angenommen. Wie eine milde 
Verklärung lag es in dem letzten Jahre über seinem Wesen. 
Am 14. Juni hat ihn gegen 9 Uhr abends ein schneller Tod in- 
folge von Herzschwäche und Lungenhypostase von seinen Leiden 
erlöst, ehe dieselben sich unerträglich gestaltet hatten. 




37] Carl Gegenbaur. 425 



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Am 18. Juni ist er begraben worden. In mündlichen Auf- 
trägen an die Angehörigen und nächsten Freunde, wie in einer 
Zuschrift an den Prorektor hatte er schon geraume Zeit zuvor 
gebeten, bei seinem Tode von jedem Feiern seiner Persönlichkeit 
durch einen Redeakt oder eine sonstige akademische Feier abzusehen. 
So gestaltete sich sein Begräbnis einfacher, ward aber doch zu 
einer ergreifenden Kundgebung der Verehrung und Dankbarkeit, 
die sich wohl Schranken auferlegen, aber nicht ganz unterdrücken 
ließen. Das bezeugte die Zahl der Leidtragenden und ihm die 
letzte Ehre Erweisenden, sowie die Fülle der Blumenspenden. 
Aus weiter Entfernung waren die Schüler herbeigekommen. 
Großherzog und Ministerium hatten Delegierte gesendet. Der alt- 
katholische Stadtpfarrer Dr. Stubenvoll schloß den kirchlichen 
Handlungen eine warm empfundene Würdigung des Dahingeschie- 
denen an; zu Herzen gehende Ansprachen hielten unter Nieder- 
legung von Kränzen und Palmen der Prorektor der Universität 
Geheimrat Dr. Czerny, der Dekan der medizinischen Fakultät 
Hofrat Dr. Vierordt, der erste Bürgermeister von Heidelberg Prof. 
Dr. Walz, Geh. Hofrat Dr. Buhl im Namen der altkatholischen 
Gemeinde, der Amtsnachfolger und älteste anwesende Schüler Geh. 
Hofrat Dr. M. Fürbringer im Namen der Lehrer der anatomischen 
Anstalt und der Schüler, Professor Dr. Maurer aus Jena im Auf- 
trage der dortigen medizinischen Fakultät und der Jenenser Stu- 
denten der Medizin, Professor Dr. Braus im Auftrage der Würz- 
burger medizinischen Fakultät, Professor Dr. M. Fürbringer im Auf- 
trage der Direktoren der beiden anatomischen Institute der Reichs- 
hauptstadt, Hertwig und Waldeyer, die Vertreter der Studenten- 
schaft, des S. C, der Kliniker und Medizinstudierenden von Hei- 
delberg u. a, m. 

Seine irdischen Überreste ruhen auf dem Heidelberger Kirch- 
hofe an hoch gelegener Stelle mit weitem Blick auf Wald und 
Berge und die große, von Kultur und historischen Erinnerungen 




426 Max Fürbringer [38 



erfüllte Ebene des Rheins. Hier ist die Aussicht frei, der Geist 
erhoben. — 



Gegenbaurs wissenschaftliche Tätigkeit ist schon nach 
Umfang eine überaus reiche. Sie umfaßt über 160 Veröffent- 
lichungen. Es sind Monographien und Abhandlungen, z. T. von 
beträchtlicher Größe, Bücherbesprechungen, Lehr- und Handbücher. 
Dazu kommt die Herausgabe zweier Zeitschriften, welche in einer 
stattlichen Reihe von Bänden vorliegen. Endlich die schon be- 
sprochene Selbstbiographie. 

Die Abhandlungen und Monographien gelten teils Fra- 
gen allgemeineren Inhalts, teils der Erforschung der Wirbellosen und 
Wirbeltiere. 

Der Gruppe der Schriften allgemeineren Inhalts gehört 
vor allem seine Eintrittsrede in die medizinische Fakultät zu Jena 
„De animalium plantarumque regni terminis et differentiis** (1860) 
an; sie führt zugleich die in der Einleitung zur vergleichenden 
Anatomie (1859) entwickelten Gedankengänge weiter aus. Gegen- 
über den herrschenden Anschauungen hebt Gegenbaur hervor, daß 
die zumeist angeführten Grenzen und Differenzen zwischen Tier 
und Pflanze sich auf bereits mehrzellige Organismen beziehen, da& 
dagegen bei den primitivsten einzelligen Formen und Entwicklungs- 
stufen eine scharfe Trennung weder morphologisch noch physio 
logisch möglich sei. In dem Maßstabe, als die Mehrzelligkeit sic^ 
summiert, treten die Verschiedenheiten auf, wobei für Pflanzen ui 
Charaktere besondere Charaktere gegeben werden können. 
dürfe die große Ähnlichkeit der ersten Entwicklungszustände nic'^-:^=>^ 
zu dem Irrtum einer völligen Übereinstimmung derselben verleiter- :^s^J 
in den Samen und Eiern der verschiedenen Tiere und Pflanz^ 
seien bereits die typischen Energien enthalten, unseren Augen 
nächst noch verborgen und nicht erkennbar, nach und nach a^ 





39] Carl Gegenbaur. 427 



mit der weiteren Entwicklung sich der Beobachtung offenbarend. 
Die Rede verdient noch jetzt unser ganzes Interesse; sie enthält 
eine Fülle bedeutsamer Anschauungen und sehr vieles, was in den 
folgenden Dezennien als neue Wahrheit auftrat, aber inhaltlich 
kaum oder nur wenig über die hier entwickelten und inzwischen 
der Vergessenheit anheimgefallenen Gedanken hinausging. 

Spätere Abhandlungen betreffen die Stellung und Bedeutung 
der Morphologie (1875), die Cänogenese (1888) und die 
Ontogenie und Anatomie in ihren Wechselwir- 
kungen betrachtet (1889). Es sind Aufsätze von bedeutendem 
Inhalte, welche die Methodik der Gegenbaurschen Forschung 
in fesselnder, zugleich aber sehr konzentrierter Form wieder- 
geben und darum wiederholt gelesen werden müssen. Sie 
wenden sich gegen die Einseitigkeit der Untersuchung, wägen 
die gegenseitige Bedeutung aller der Disziplinen, wie ver- 
gleichende Anatomie, Ontogenie und Physiologie, ab, welche 
für die von einem weiteren Horizonte aus unternommene 
wissenschaftliche Forschung in Betracht kommen, und geben 
an, wie sie zu berücksichtigen sind. Die Frage der Cäno- 
genese (Haeckel) wird mit besonderem Nachdrucke behandelt. 
Von schnellen Lesern sind diese Abhandlungen arg mißverstanden 
und unterschätzt worden ; wer sich mit Nachdenken in deren In- 
halt vertieft, findet hier eine reiche Schatzgrube und zugleich einen 
Wegweiser für die nach Erkenntnis strebende Arbeit. 

Ein kleinerer Aufsatz aus dem Jahre 1898 nimmt Stellung zu 
der von der Anatomischen Gesellschaft angeregten und durchge- 
führten Frage der Nomenklatur. 

Die Abhandlungen und Monographien über die Wirbellosen 
fallen in die Jahre 1851 bis 1862, also vorwiegend in die Würz- 
burger Zeit und die erste Periode der Jenenser Tätigkeit. Sie 
sind teils in kleineren Sammelabhandlungen, z. T. in Briefform, über 
verschiedene Seetiere veröffentlicht, so die gemeinschaftlich mit 



428 Max Fürbringer [40 



A. Kölliker und H. Müller in Messina vorgenommenen Unter- 
suchungen (1853), ferner die Arbeiten über Zoophyten und Mol- 
lusken (1853), über die Entwicklung von Doliolum, der Scheiben- 
quallen und von Sagitta (1854), über einige niedere Seetiere (1854) 
und über Pilidium, Actinotrocha und Appendicularien (1854); teils 
bilden sie kleinere und größere Spezialabhandlungen und Mono- 
graphien über Vertreter der verschiedenen Stamme der Wirbel- 
losen. Alle zusammen verteilen sich auf die Protozoen mit den 
beiden Abhandlungen über Trachelius ovum (1857), auf die Cö- 
lenteraten mit 11 Abhandlungen, von denen die umfangreicheren 
über Siphonophoren (1854, 1859), über den Generationswechsel und 
die Fortpflanzung bei Medusen und Polypen (1854, Habilitations- 
schrift), über die Organisation und Systematik der Ctenophoren 
(1856). die Randkörper der Medusen (1856) und das System der Me- 
dusen (1857) hervorgehoben seien, auf die Sammelgruppe der 
Würmer mit 6 Abhandlungen über Lumbricus (1852), Pilidium 
(1853), Actinotrocha (1853) und Sagitta (1854, 1856. 1859), auf 
die Echinodermen mit 2 Abhandlungen von mäßigem Umfange, 
aber nicht geringer Bedeutung (1853, 1859), auf die Arthropo- 
den, und zwar speziell die Crustaceen, mit 4 Abhandlungen, von 
denen insbesondere auf die umfangreicheren über Phyllosoma und 
Sapphirina, sowie über Limulus, beide aus dem Jahre 1858, hin- 
gewiesen sei, auf die Mollusken mit 14 Abhandlungen, worunter 
2 über Opisthobranchier (1854), 7 über Pteropoden und Hetero- 
poden (1853 bis 1855, wovon 1855 die große Monographie über 
diese Tiere), 1 über Prosobranchier (1853) und 3 über Pulmo- 
naten (1851, 1852, darunter die Inaugural-Dissertation), endlich 
auf die Tunicaten mit 5 Abhandlungen von z. T. ziemlich an- 
sehnlichem Umfange (Organisation der Appendicularien 1855, Ent- 
wicklung von Doliolum 1856, Didemnum 1862). In allen diesen 
Arbeiten hat Gegenbaur sehr bedeutsame Beiträge zur Kenntnis 
des Baues und der Entwicklung dieser Tiere gegeben, weiche 




41] Carl Gegenbaur. 429 



-^^^^/- 



nicht bloß für die damalige Zeit hervorragend sind, sondern sich 
zum großen Teile als von bleibendem Werte erwiesen und die 
Beantwortung für die ganze Entwicklungslehre fundamentaler Fra- 
gen wesentlich gefördert haben. Durch sie wurde sein damaliger 
Ruf als hervorragender Zoolog begründet. 

Den Wirbeltiere betreffenden Verhältnissen gelten über- 
haupt die ersten Arbeiten Gegenbaurs aus der Studentenzeit 
1849 bis 1851. Diese Jugendarbeiten behandeln den Axolotl- 
schädel (1849 gemeinsam mit N. Friedreich ausgeführte Untersu- 
chung) und den feineren Bau der Tasthaare (1850, 1851) und 
können als für damals verdienstliche Leistungen gelten. Dann 
kommt die der Erforschung der Wirbellosen dienende Arbeits- 
periode, und erst mit dem Jahre 1861 beginnt bei dem gereiften For- 
scher jene Reihe hervorragendster Abhandlungen und Monogra- 
phien über Bau, Entwicklungsgeschichte und vergleichende Ana- 
tomie der Wirbeltiere, welche während nahezu vier Dezennien in 
zunehmendem Maße seine Stellung unter den ersten Morphologen 
aller Zeiten bestimmten. 

Unter den Arbeiten über entwicklungsgeschichtliche und 
histologische bezw. histogenetische Fragen treten diejenigen 
über den Bau und die Entwicklung der Wirbeltiereier (1861, 1864), 
sowie über das Skelettgewebe und die Knochenbildung (1864, 1866, 
1869) in den Vordergrund. Auch bei den dotterreichsten Wirbel- 
tiereiern wird, gegenüber vielseitig vertretenen anderslautenden 
Angaben, die Einzelligkeit hervorgehoben, und u. a. nachgewiesen, 
daß die sogenannten Dotterzellen resp. der jüngere Bildungs- und 
ältere Nahrungsdotter keine Zellen, sondern ebenso wie die Dot- 
termembran Differenzierungsprodukte des Eiinhaltes seien. Auch 
danach noch eine Zeit lang mehrfach bekämpft, haben diese Er- 
kenntnisse schließlich den Kampf um die Wahrheit und das Dasein 
bestanden. — Die Reihe der histologischen und histogenetischen 
Untersuchungen über Skelettgewebe, die sich nicht auf die hier 




430 Max Fürbringer [42 



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angegebenen Veröffentlichungen beschränkt, sondern auch bis zum 
Jahre 1898 in den Arbeiten über das Skelettsystem und in der 
vergleichenden und menschlichen Anatomie mit weiteren neuen 
Untersuchungen und Gesichtspunkten behandelt wird, gehört zu 
den hervorragendsten Leistungen der Histogenese. Auch hier hat 
Gegenbaur gegenüber einem Chaos widersprechendster Angaben 
Licht und Klarheit geschaffen und die in der Hauptsache neue 
Invasion und den Kampf des Knochengewebes gegenüber den 
älteren unterliegenden Stützgeweben begründet und zugleich seine 
Ursprungsstätten und die verschiedenen Etappen seines Erobenings- 
zuges in überzeugender Weise dargetan. In dieses Arbeitsgebiet 
fallen auch die Arbeiten seiner Schüler O. Hertwig (1874, 1876, 
1879. 1881) und H. Klaatsch (1890, 1893). Die fundamentale Be- 
deutung der Gegenbaurschen Befunde und Anschauungen ist nach 
langen Kämpfen jetzt wohl zur allgemeinen Anerkennung gelangt. 
Selbstverständlich ist im Detail und zur Lösung der von ihm noch 
in letzter Zeit (1898) auf diesem Gebiete gestellten Probleme noch 
genug zu arbeiten. — Kleinere verdienstliche Abhandlungen be- 
treffen Drüsenzellen (1863) und Purkinjesche Fäden (1877). — 
Eine kurze von photographischen Abbildungen begleitete Mitteilung 
an C. Vogt über die Metamorphose der Fische (1865) richtet sich 
gegen eigentümliche, auch von Haeckel (1866, 1870) mit Recht 
bekämpfte Anschauungen von L. Agassiz und widerlegt sie an der 
Hand leicht zu konstatierender Beobachtungen. 

Die Veröffentlichungen über das Skelettsystem der Wirbel- 
tiere, 38 an der Zahl, bilden nach Umfang und Inhalt den Schwer- 
punkt aller Abhandlungen und Monographien Gegenbaurs. Hier 
dominiert überall die Verbindung von entwicklungsgeschichtlicher 
und vergleichend -anatomischer Untersuchung, und auf diesem 
festen und breiten Untergrunde, der auch der paläontologischen 
Materialien nicht entbehrt, erhebt sich die Darstellung zu Schluß- 
folgerungen von ebensogroßer Umsicht und Kühnheit wie von 



43] Carl Gegenbaur. 431 



umfassender Tragweite. — Von den 6 Abhandlungen über das 
Rumpfskelett sind vor allem die drei ersten (2 aus dem 
Jahre 1862, 1 aus dem Jahre 1867) hervorzuheben. Eingehende 
Ontogenese verbindet sich mit vergleichend-anatomischer Paralleli- 
sicrung und hat die an die Chorda dorsalis anknüpfende Genese 
in das hellste Licht gerückt und zu einer zuvor ungeahnten Be- 
deutung erhoben. Von hohem Werte für die metamerischen 
Differenzierungen und Umbildungen sind die originellen, geistvollen 
Ausführungen über die Wirbelsäule des Lepidosteus; hier wird 
auch der Genese der Wirbelfortsätze und Rippen eine bedeut- 
same Analyse zu teil. Die Abhandlung über das Becken der Vögel 
(1870) klärt insbesondere über die Zusammensetzung des Sacrum 
auf, die über die lumbosacralen Übergangswirbel (1873), im An- 
schlüsse an die Arbeit seines Schülers F. Frenkel über das Kreuz- 
bein der Säugetiere (1873), über weitere seriale Umformungen der 
Wirbel, welchen bald darauf durch E. Rosenbergs fruchtbringende 
Untersuchung (1875) die ontogenetische Fundierung zu teil ward. 
Auf diesen Gebieten haben von Gegenbaurs Schülern namentlich 
B. Solger (1875), G. Rüge (1879, 1880, 1891—93), B. Grassi 
(1883), H. Klaatsch (1893—95), E. Göppert (1894—96) und E. Ro- 
senberg (1896, 1 899) weiter gearbeitet. — Das Hauptwerk der Ar- 
beiten über das Kopfskelett bildet die umfangreiche Monographie 
über das Kopfskelett der Selachier (1872); sie ist die hervor- 
ragendste von Gegenbaurs Monographien. Zusammen mit der ein 
Jahr zuvor erschienenen Abhandlung über die Kopfnerven des 
Hexanchus (1871) bildet das Kopfskelett der Selachier den Aus- 
gang der neueren Erkenntnis über die Genese des Kopfskeletts der 
Wirbeltiere, das Fundament, auf welchem alle über diese Frage 
handelnden Arbeiten weiter gebaut haben. Gegenüber der alten, 
durch Th. H. Huxley beseitigten Schädeltheorie repräsentiert es 
über Joh. Müller und Huxley hinaus den größten Schritt, welchen 
die Forschung auf diesem Gebiete genommen hat, namentlich auch, 



432 Max Fürbringer [44 

weil hier die Entwicklung und die Korrelationen zu den Weich- 
teilen in umsichtsvollster Weise als Werkzeuge der Erkenntnis ver- 
wendet und kritisch gesichtet werden. Die fundamentale Bedeu- 
tung der Selachier wird hierbei nach den verschiedensten Rich- 
tungen beleuchtet und bewiesen; diese Fische gelten von jetzt 
an als die Objekte, an welche alle unsere Erkenntnisse über die 
Organbildungen bei den über ihnen stehenden Wirbeltieren anzu- 
knüpfen haben. Gegenbaur hat sie sozusagen der Forschung ent- 
deckt, und dieser geniale Fund erhielt später durch F. M. Balfours 
und seiner vielen Nachfolger ontogenetische Arbeiten seine ent- 
entsprechende Beleuchtung. Die Arbeiten über Alepocephalus 
(1878) und die Occipitalregion (1887) bilden Ergänzungen zu die- 
sem epochemachenden Werke. Die kritische Studie über die Me- 
tamerie des Kopfes und die Wirbeltheorie des Kopfskelettes (1887) 
gewährt eine von hoher Warte unternommene Besprechung und 
Würdigung der in der Zwischenzeit erschienenen bezüglichen Ar- 
beiten, von denen einige auf ungenügend gesicherter Grundlage 
und in einseitiger Anwendung der Ontogenese Einwände gegen 
die von Gegenbaur vertretenen Anschauungen erhoben hatten. 
Kleinere Veröffentlichungen handeln über den Canalis Fallopii 
(1876) und über das Os lacrymale (1881, 1882); in ersteren wird 
insbesondere auf die bedeutungsvollen Untersuchungen des Schülers 
A. Vrolik über den Teleostierschädel und das Os temporale der 
Säugetiere (1872) aufmerksam gemacht. Weitere Arbeiten über 
den Schädel und seine Genese wurden von Gegenbaurs Schülern 
A. A. W. Hubrecht (1877), M. Sagemehl (1883—86. 1891). M. Für- 
bringer (1897), G. Rüge (1897), S. Paulli (1899. 1900) und H. Braus 
(1899), von dem letztgenannten namentlich auf der Grundlage ge- 
nauer ontogenetischer Untersuchung, ausgeführt — Die umfas- 
sendste Untersuchungsreihe Gegenbaurs bilden die 23 Abhand- 
lungen über das Gliedmaßen Skelett. Zwei bescheidene Aus- 
gangspunkte sind hier im Anfange maßgebend: einerseits das Fuß- 




45] Carl Gegenbaur. 433 



Skelett der Vögel (1863, 1864), das zu den bahnbrechenden Mono- 
graphien über Carpus und Tarsus (1864) und die Brustflosse der 
Fische (1865) führt, andererseits ein erblicher Defekt der mensch- 
lichen Clavicula (1864), der die nicht minder bedeutsame Mono- 
graphie über den Schultergürtel der Wirbeltiere (1865) reifen läßt. 
In letzterer spielt zugleich die Lehre von den perichondralen und 
enchondralen Skelettteilen eine hervorragende Rolle. Alles ist von 
Ontogenese durchdrungen. Beide Entwicklungsbahnen kommen 
in den folgenden Abhandlungen zu immer höherer Vervollkomm- 
nung und weiterer Ausschau, sowie zu gegenseitigem Verbände, 
wobei namentlich auch Beckengürtel und hintere Extremität in 
den Bereich der Vergleichung gezogen werden. Auch hier dienen 
die Selachier und andere primitive Formen, wie namentlich Cera- 
todus, dessen Flossenbau noch vor der Entdeckung dieses Tieres 
durch die Untersuchung der Selachierflosse erschlossen wurde, 
als Ausgangspunkte für die Forschung, die genetisch in den ver- 
schiedensten Richtungen bis zu den höchsten Entwicklungsformen 
vordringt. So kommt die Archipterygiumtheorie zu stände. Die 
1872 geförderte Arbeit über das Kopfskelett gibt zugleich Anlaß 
zu einer immer höheren und breiteren Entfaltung dieses Forschungs- 
gebietes, indem der Vergleich des Extremitätcnskelettes mit dem 
Visceralskelett zur Weiterführung der Archipterygiumtheorie leitet. 
Die unter Gegenbaurs Leitung ausgeführten Untersuchungen 
M. V. Davidoffs an der hinteren Extremität (1879—1883), sowie die 
von gegnerischer Seite gegen die Gegenbaurschen Anschauungen 
ins Feld geführten Befunde der ontogenetischen Untersuchung 
(Balfour, Dohrn, Wiedersheim, Rabl u. A.) und die damit in Zu- 
sammenhang stehende Seitenfaltentheorie (Balfour, Thacher, Mivart 
u. A.) führen zu einer weiteren Vertiefung der Frage, indem durch 
Gegenbaur und seine Schüler den Weichteilen der Gliedmaßen 
und den metamerischen Verschiebungen derselben eine eingehende 
Behandlung zu teil wird. Nicht minder wird die Ontogenie von 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 28 



434 Max Fürbringer [46 



I? 



Gegnern und Anhängern mehr und mehr studiert. Von Gegen- 
baur erscheint die kritische, zusammenfassende Abhandlung über 
das Flossenskelett der Crossopterygier und das Archipterygium 
der Fische (1894). Weitere Untersuchungen und Veröffentlichungen 
der Schüler bringen Material zu Gunsten von Gegenbaurs Hypo- 
these, u. a. diejenigen von M. Fürbringer (1875, 1879, 1888, 
1897, 1902), H. Braus (1898—1901) und R. Semon (1900); anderer- 
seits erstehen ihr weitere Gegner zu den bisherigen, u. a. Mollier 
und Dean. So wogt z. Z. noch der Kampf, — wie er vor Jahren 
auch hinsichtlich anderer Anschauungen und Theorien Gegenbaurs 
gewogt hat, die inzwischen allgemeine Anerkennung gefunden 
haben. Seine Intensität beweist, daß er keiner kleinen und gleich- 
gültigen Frage gilt. Dem Schreiber dieser Zeilen ist nicht zweifel- 
haft, wohin sich schließlich der Sieg neigen wird. Kleinere Ab- 
handlungen Gegenbaurs betreffen dieses oder jenes Detail der 
Gliedmaßen (Drehung des Numerus 1868, Ausschluß des Scham- 
beins von der Pfanne des Hüftgelenks 1876, Polydaktylie 1880 
und 1888, Malleoli der Unterschenkelknochen 1887). Die letzte 
dieser Veröffentlichungen (Clavicula und Cleithrum 1895) bezieht 
sich namentlich auf das paläontologische Gebiet und darf ein 
größeres Interesse beanspruchen. — Verschiedene hierher ge- 
hörende Details wurden auch von Schülern Gegenbaurs bearbeitet, 
so u. a. von E. Rosenberg (1875, 1891), Q. Born (1875. 1876), 
A. Bernays (1878), W. Leche (1880), J. E. V. Boas (1884. 1890) 
und H. Klaatsch (1896). 

Die Arbeiten Gegenbaurs über das Muskelsystem. vier an 
der Zahl, treten weniger in den Vordergrund. Doch verdient 
die über den Musculus omohyoideus (1875) hervorgehoben zu 
werden; auch die über die Rückenmuskeln (1896) bedeutet einen 
aufklärenden Fortschritt. Um so mehr ist dieses Gebiet unter 
Betonung der Notwendigkeit einer genauen Berücksichtigung der 
Muskelnerven von seinen Schülern M. Fürbringer (1872, 1874 — 76, 




47] Carl Gegenbaur. 435 



-t/'"^ 



1879, 1888, 1895, 1897, 1900. 1902). B. Vetter (1874, 1878). G. 
Rüge (1878, 1885—1887, 1891—1893, 1895, 1896), M. v. Davidoff 
(1879, 1880, 1884), H. Gadow (1880, 1881). Fr. Maurer (1891. 
1894-1896, 1898), O. Seydel (1891. 1894), H. Braus (1892. 1898 
bis 1901), E. Göppert (1894). H. Eggeling (1895, 1896), H. K. 
Corning (1900), H. Engert (1900), H. Klaatsch (1900) u. a. bear- 
beitet worden. Namentlich M. Fürbringer, sowie G. Rüge haben die 
hohe Bedeutung der motorischen Innervation für die Erkenntnis 
der Muskelhomologien wiederholt zum Ausdruck gebracht und 
hierbei bei ihrem Lehrer vielfache Anregung und Befestigung ihrer 
Auffassungen gefunden. 

Von den drei das Nervensystem betreffenden Abhandlungen 
Qegenbaurs ist die schon oben erwähnte über die Kopfnerven 
des Hexanchus und ihr Verhältnis zur Wirbeltheorie des Schädels 
(1871) als bahnbrechend zu bezeichnen; mit dem Kopfskelett der 
Selachier (1872) begründet sie die neue Epoche der Erkenntnis 
des Schädels und des Kopfproblems. Auch von seiner Schule 
sind zahlreiche mehr oder minder umfangreiche Arbeiten er- 
schienen, die hierher gehören, teils im Anschlüsse an die Behand- 
lung der Muskulatur (s. oben), teils in mehr oder minder selb- 
ständiger Bearbeitung des centralen und peripheren Nervensystems. 
Hier sind namentlich die teils unter seiner direkten Leitung ent- 
standenen, teils von ihm befruchteten Untersuchungen von N. v. 
Miklucho-Maclay (1868, 1870), M. Fürbringer (s. o.), B. Vetter 
(s. o.), G. Rüge (s. o.), M. v. Davidoff (s. o.), H. Gadow (s. o.), 
N. Goronowitsch (1884, 1888, 1896), C. Heß (1885), B. Haller 
(1891, 1895—1898, 1900), Fr. Maurer (s. o.), O. Seydel (s. o.) 
und H. Braus (s. o.) zu nennen. 

Über das Hautsystem und die Sinnesorgane sind neun Ab- 
handlungen Gegenbaurs erschienen. Zwei davon repräsentieren 
die schon erwähnten Jugendarbeiten über die Tasthaare (1850, 
1851). Eine weitere Reihe gilt namentlich den Milchdrüsen- 

28* 



436 Max Fürbringer [48 



Papillen, Zitzen und Mammarorganen (1872. 1875, 1884 
und die Hauptarbeit 1896); diese hat manche Aufklärungen und An- 
regungen gebracht und zahlreiche weitere, auch gegnerische Arbeiten 
veranlaßt, unter denen von Seiten seiner Schule namentlich die von 
H. Klaatsch (1883, 1891 bis 93, 1895), G. Rüge (1895), R. Semon 
(1899) und H. Eggeling (1899, 1901) genannt seien. Eine weitere 
Arbeit handelt, im Anschluß an Boas' Beitrag zur Morphologie 
der Nägel, Krallen, Hufe und Klauen (1884), neue Lichter ge- 
während, über die Morphologie des Nagels (1885) und findet in 
J. E. V. Boas' (1894) und E. Göpperts (1896) ähnliche Gebiete be- 
treffenden Untersuchungen Parallelen. Von den Sinnesorganen wird 
von Gegenbaur nur das morphologische Verhalten der Nasen- 
höhle und der Nasenmuscheln (1871, 1879) behandelt, ein Ge- 
biet, dem auch die späteren Arbeiten O.Seydels (1891, 1895. 1896, 
1899) gelten. Auch die Arbeiten anderer Schüler haben sich mit die- 
sem oder jenem accessorischen Teil des Integuments und der Sinnes- 
organe beschäftigt (z. B. H. Klaatsch 1888, E. Göppert 1894, G. 
Rüge 1897, H. K. Corning 1900); weitaus die bedeutendsten sind 
diejenigen von Fr. Maurer, der zur Zeit seines Heidelberger Pro- 
sektorates die bewunderungswürdigen Abhandlungen Ober Haut- 
sinnesorgane, Feder- und Haaranlagen, zur Phylogenie der Sauge- 
tierhaare, sowie seine große Monographie über die Epidermis und 
ihre Abkömmlinge (1892, 1893, 1895, 1898) veröffentiichte. Es 
darf wohl angenommen werden, daß ihm für diese Untersuchungen 
die klaren Anschauungen Gegenbaurs über die genetische Ver- 
schiedenheit der Haare und Federn zum Teil als Ausgangspunkt 
dienten. 

Unter Gegenbaurs Veröffentlichungen über das Eingeweide- 
system, gleichfalls neun an der Zahl, nehmen diejenigen Ober die 
Unterzunge bezw. Zunge (1884, 1886, 1894), sowie die Epiglottis 
(1892) nach Umfang und Bedeutung den ersten Platz ein. Beiden 
Gebieten ist in denselben eine meisterhafte Behandlung zu teil ge- 



49] Carl Gegenbaur. 437 



worden; man kann sie, wenn sie auch teilweise an bekannte 
Tatsachen anknüpfen, als bahnbrechend und höchst originell be- 
zeichnen. In den die Zunge betreffenden Arbeiten offenbart sich 
Gegenbaurs von den einfachsten Verhältnissen ausgehende und 
zu der Eroberung größerer morphologischer Gebiete gelangende 
Arbeitsart besonders deutlich. In der Monographie über die Epi- 
glottis ist eine Vergleichung von ganz großem Zuge von den 
niederen Fischen bis zu den Säugetieren durchgeführt und phy- 
siologisch beleuchtet. Mit sehr beachtenswerten Beiträgen hat 
danach E. Göppert dieses Gebiet weiter kultiviert (1894, 1898, 
1899, 1901). Andere kleinere Arbeiten Gegenbaurs handeln über 
verschiedene Teile des Digestivsystems (1863, zwei Arbeiten von 
1878, 1891) und über die Abdominalporen (1884). Trotz ihres 
schlichten Auftretens haben sie zur wahren Erkenntnis jener Teile 
viel beigetragen. Auch die Untersuchungen von H. Klaatsch über 
die Verhältnisse der Mesenterialbildungen (1892 — 1894) und den 
Descensus der Keimdrüsen (1890, 1892) sind hier zu nennen; es 
ist wohl nicht zu bezweifeln, daß dieselben im wiederholten Ge- 
dankenaustausch mit Gegenbaur entstanden sind. Weitere Ar- 
beiten über verschiedene Teile der Eingeweide wurden von Schülern 
ausgeführt, teils in direktem Einvernehmen mit dem Lehrer, teils 
als gänzlich selbständige Untersuchungen. Dieselben betreffen die 
Zahnbildungen (W. Leche 1892, 1893, 1896 und folgende Jahre, 
E. Rosenberg 1895, Semon 1901), Pankreas und Leber (E. Göppert 
1891, 1893, H. Braus 1896, G. Rüge 1902), Magen (J. E. V. Boas 
1890), Umbildungen und Derivate des Visceralapparatcs (Fr. Maurer 
1883, 1885, 1887, 1888, 1890, 1899), Schwimmblase (H. K. Cor- 
ning 1888), verschiedene Teile des Urogenitalapparates (M. Für- 
bringer 1877, 1878, J. Brock 1878, J. E. V. Boas 1891, H. Egge- 
ling 1895, 1896, R. Semon 1896. Haller 1901). 

Die 4 resp. 5 Arbeiten über das Gefäßsystem gelten dem 
Bulbus resp. Conus arteriosus der Fische (1865, 1891), den inneren 



438 Max Fürbringer [50 



■^-/■«^ 



Verhältnissen des Herzens der Sauropsiden und Säugetiere (1865) 
und den Beziehungen der Lungenvene zur oberen Hohlvene (1880). 
Gegen die anderen Arbeitsgebiete treten sie zurück; doch sind 
die ersterwähnten von Bedeutung. Weitere Bearbeitungen hat 
das Gefäßsystem durch die teils unter Gegenbaurs Leitung, teils 
auf seine Anregung entstandenen Untersuchungen seiner Schüler 
A. Bernays (1876), J. E. V. Boas (1880-1882, 1887), Q. Rüge 
(1884, 1894), Fr. Meyer (1886), Fr. Maurer (1888), Schwink (1891). 
L. Bayer (1892) und E. Schwalbe (1895) erfahren. 

Die Bücherbesprechungen Gegenbaurs, 23 an der Zahl, 
gelten Veröffentlichungen auf den verschiedensten Gebieten der 
Morphologie und ihrer Hülfswissenschaften. Sie reden eine freie 
und franke, rein sachliche Sprache, bedeutende oder verdienst- 
liche Leistungen voll anerkennend und fördernd, unrichtige Dar- 
stellungen oder ungerechtfertigte Ansprüche zurückweisend oder 
auf ihr wahres Maß zurückführend. Die Bemerkungen zu Goettes 
Entwicklungsgeschichte der Unke (1875) nehmen nach Umfang 
und Bedeutung darunter den ersten Platz ein und gestalten sich, 
in Antwort auf von dort erfolgte Angriffe, zu einer ausführlichen 
polemischen Behandlung der bezüglichen Fragen und Probleme 
und zugleich zu einer Art Arbeitsprogramm. Auch hier erkennt 
der Leser, welchen hohen Wert Gegenbaur auf das richtige Ver- 
ständnis entwicklungsgeschichtlicher Befunde legt. 

Alle anderen Veröffentlichungen Gegenbaurs an Reichtum des 
Inhalts weit übertreffend erweisen sich naturgemäß seine Lehr- 
und Handbücher der vergleichenden und menschlichen Anatomie. 

Für das Gebiet der vergleichenden Anatomie liegen — 
abgesehen von seiner Mitarbeiterschaft an J. V. Carus' Icones 
zootomicae (1857) und der Herausgabe von H. Rathkes Vorträgen 
zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere (1862) — fünf Auf- 



51] Carl üegenbaur. 439 



lagen seiner vergleichenden Anatomie vor: die 1. und 2. Auflage 
der Grundzüge der vergleichenden Anatomie (1859 und 1870), 
die 1. und 2. Auflage des Grundrisses der vergleichenden Ana- 
tomie (1874 und 1878) und endlich die große zweibändige 
Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere mit Berücksichtigung der 
Wirbellosen (1898 und 1901). Auch Übersetzungen in franzö- 
sischer, englischer und italienischer Sprache sind erschienen 
(1874, 1878 und 1882). Gegenbaurs Behandlung kennzeichnet, 
gegenüber den berühmten älteren (resp. zum Teil gleichzeitigen) 
Werken von Cuvier, Meckel, Stannius, Owen und Milne Edwards, das 
Vorkehren der geistigen Durchdringung des Stoffes, welche die- 
sen in vergleichender Betrachtung, unter steter Berücksichtigung 
der Entwicklungsgeschichte und der ausgebildeten Leistungen, als 
etwas Lebendiges und in der Zuchtauslese mehr und mehr Ver- 
vollkommnetes uns vor Augen führt. Daß Gegenbaur ein über- 
zeugter Gegner teleologischer Anschauungen ist, braucht nicht 
besonders vermerkt zu werden. Aber auch in der Benutzung der 
Ontogenese, vergleichenden Anatomie und Physiologie verfährt er 
durchaus planvoll. Wie sehr sich alle drei auch durchdringen, 
überall werden die gegenseitigen Kompetenzen derselben genau 
abgewogen und auf ihr wahres Maß zurückgeführt und damit die 
wirkliche Reformation des Begriffes der Homologien vollzogen. 
Allenthalben wird auch das Typische und Planmäßige aus der 
Masse anatomischen Details hervorgehoben und nach seiner wirk- 
lichen Bedeutung gewürdigt, allenthalben, so weit die vorhandenen 
Kenntnisse das gestatten, herrscht der natürliche Zusammenhang. 
Damit besteht eine gewisse geistige Verwandtschaft mit den her- 
vorragenden vergleichenden Anatomien von Stannius und Huxley; 
doch beschränken sich die ersteren mehr auf die reine Nebeneinan- 
derstellung der vergleichend anatomischen Tatsachen, während die 
letzteren sehr wählerisch verfahren und zahlreiche llnlersuchungs- 
gebieie übergehen oder nur ganz untergeordnet zur Darstellung 



438 Max Fürbringer [50 

Verhältnissen des Herzens der Sauropsiden und Säugetiere (1865) 
und den Beziehungen der Lungenvene zur oberen Höh Ivene (1880). 
Gegen die anderen Arbeitsgebiete treten sie zurück; doch sind 
die ersterwähnten von Bedeutung. Weitere Bearbeitungen hat 
das Gefäßsystem durch die teils unter Gegenbaurs Leitung, teils 
auf seine Anregung entstandenen Untersuchungen seiner Schuler 
A. Bernays (1876), J. E. V. Boas (1880-1882, 1887), G. Rüge 
(1884, 1894), Fr. Meyer (1886), Fr. Maurer (1888), Schwink (1891), 
L. Bayer (1892) und E. Schwalbe (1895) erfahren. 

Die Bücherbesprechungen Gegenbaurs, 23 an der Zahl, 
gelten Veröffentlichungen auf den verschiedensten Gebieten der 
Morphologie und ihrer Hülfswissenschaften. Sie reden eine freie 
und franke, rein sachliche Sprache, bedeutende oder verdienst- 
liche Leistungen voll anerkennend und fördernd, unrichtige Dar- 
stellungen oder ungerechtfertigte Ansprüche zurückweisend oder 
auf ihr wahres Maß zurückführend. Die Bemerkungen zu Goettes 
Entwicklungsgeschichte der Unke (1875) nehmen nach Umfang 
und Bedeutung darunter den ersten Platz ein und gestalten sich, 
in Antwort auf von dort erfolgte Angriffe, zu einer ausführtichen 
polemischen Behandlung der bezüglichen Fragen und Probleme 
und zugleich zu einer Art Arbeitsprogramm. Auch hier erkennt 
der Leser, welchen hohen Wert Gegenbaur auf das richtige Ver- 
ständnis entwicklungsgeschichtlicher Befunde legt. 

Alle anderen Veröffentlichungen Gegenbaurs an Reichtum des 
Inhalts weit übertreffend erweisen sich naturgemäß seine Lehr- 
und Handbücher der vergleichenden und menschlichen Anatomie. 

Für das Gebiet der vergleichenden Anatomie liegen — 
abgesehen von seiner Mitarbeiterschaft an J. V. Canis* Icones 
zootomicae (1857) und der Herausgabe von H. Rathkes Vorträgen 
zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere (1862) — fünf Auf- 




51 J Carl Gegenbaur. 439 



■Ov- 



lagen seiner vergleichenden Anatomie vor: die 1. und 2. Auflage 
der Grundzüge der vergleichenden Anatomie (1859 und 1870), 
die 1. und 2. Auflage des Grundrisses der vergleichenden Ana- 
tomie (1874 und 1878) und endlich die große zweibändige 
Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere mit Berücksichtigung der 
Wirbellosen (1898 und 1901). Auch Übersetzungen in franzö- 
sischer, englischer und italienischer Sprache sind erschienen 
(1874, 1878 und 1882). Gegenbaurs Behandlung kennzeichnet, 
gegenüber den berühmten älteren (resp. zum Teil gleichzeitigen) 
Werken von Cuvier, Meckel, Stannius, Owen und Milne Edwards, das 
Vorkehren der geistigen Durchdringung des Stoffes, welche die- 
sen in vergleichender Betrachtung, unter steter Berücksichtigung 
der Entwicklungsgeschichte und der ausgebildeten Leistungen, als 
etwas Lebendiges und in der Zuchtauslese mehr und mehr Ver- 
vollkommnetes uns vor Augen führt. Daß Gegenbaur ein über- 
zeugter Gegner teleologischer Anschauungen ist, braucht nicht 
besonders vermerkt zu werden. Aber auch in der Benutzung der 
Ontogenese, vergleichenden Anatomie und Physiologie verfährt er 
durchaus planvoll. Wie sehr sich alle drei auch durchdringen, 
überall werden die gegenseitigen Kompetenzen derselben genau 
abgewogen und auf ihr wahres Maß zurückgeführt und damit die 
wirkliche Reformation des Begriffes der Homologien vollzogen. 
Allenthalben wird auch das Typische und Planmäßige aus der 
Masse anatomischen Details hervorgehoben und nach seiner wirk- 
lichen Bedeutung gewürdigt, allenthalben, so weit die vorhandenen 
Kenntnisse das gestatten, herrscht der natürliche Zusammenhang. 
Damit besteht eine gewisse geistige Verwandtschaft mit den her- 
vorragenden vergleichenden Anatomien von Stannius und Huxley; 
doch beschränken sich die ersteren mehr auf die reine Nebeneinan- 
derstellung der vergleichend anatomischen Tatsachen, während die 
letzteren sehr wählerisch verfahren und zahlreiche Untersuchungs- 
gebiete übergehen oder nur ganz untergeordnet zur Darstellung 



Ib^ 



M 



440 Max Fürbringer [52 



bringen. Eine ganz gleichmäßige Behandlung aller Organsysteme 
ist auch für Gegenbaur mangels ausreichender Voruntersuchungen 
nicht möglich ; aber er kommt ihr nahe. Wiedersheims verdiente 
Ausgaben der vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere, die seit 
Anfang der 80er Jahre in mehrfachen Auflagen erschienen sind, 
haben sich Gegenbaur in mancher Hinsicht zum Vorbild ge- 
nommen. Die beiden Grundzüge und die beiden Grundrisse 
Gegenbaurs behandeln Wirbellose und Wirbeltiere in annähernd 
gleichmäßiger Darstellung. Von ihnen tritt die Ausgabe von 1870 
nach Umfang und originellem geistigen Gehalt in den Vorder- 
grund; sie ist es vor allem, welche die weiteste Verbreitung ge- 
funden und das Studium der vergleichenden Anatomie mächtig 
gefördert und vertieft hat. Auch gelangt in ihr, nicht bloß in der 
Einleitung und in dem geschichtlichen Abrisse, sondern in der 
ganzen von ihr belebten Darstellung, die Lehre von der Descen- 
dcnz und Selektion zu voller Geltung. Noch bedeutender und 
inhaltsreicher ist das 1898 und 1901 erschienene zweibändige 
Werk, die Frucht angestrengter 20 jähriger Arbeit. Unter allen 
Veröffentlichungen Gegenbaurs nimmt es nach Umfang und 
geistiger Bedeutung die erste Stelle ein ; alle die Errungenschaften 
des großen Forschers und Denkers in dieser Zeit sind ihm ein- 
verleibt. Auch überragt es alle anderen Hand- und Lehrbücher der 
vergleichenden Anatomie bei weitem. Zugleich ist eine Änderung des 
behandelten Stoffes, eine Arbeitsteilung gegen früher eingetreten. 
Die Verhältnisse bei den Wirbellosen, welche In der Zwischenzeit 
in trefflichen Handbüchern, wie die von Lang, von Korschelt und 
Hcidcr u. a., eine eingehende Bearbeitung gefunden haben, wer- 
den nur noch so weit berücksichtigt, als sie in jenen Linien Hegen, 
welche entweder interessante Parallelen zu den Verhältnissen bei den 
Wirbeltieren darbieten oder Anknüpfungen der letzteren an die erste- 
ren gestatten. So ist das Werk eine vergleichende Anatomie der 
Wirbeltiere geworden, aber bei allen Organsystemen deiselben 




53] Carl Gegenbaur. 441 



tauchen die Wurzeln in das wirbellose Gebiet. Allenthalben findet 
sich eine in hohem Grade fesselnde genealogische Darstellung der 
Organe von ihren ersten Anfängen bis zu ihren höchsten Ent- 
wicklungsstufen. Die vergleichende Anatomie der Wirbeltiere ist 
vom reichsten Inhalte; dennoch gibt auch sie keine erschöpfende, alles 
bekannte Detail wiedergebende Darstellung. Der Verfasser mußte 
sich, wollte er sie zur Vollendung bringen, in Anbetracht seiner 
vorgerückten Jahre und mit Rücksicht auf den enormen in der 
Zwischenzeit angehäuften Stoff Entsagung auferlegen und konnte 
aus der genannten Literatur nur das auswählen, was er für das 
Beste hielt. Was bedeutet aber dieser Mangel, den sich jeder 
selbst ergänzen kann, gegenüber der Fülle positiver Eigenschaften, 
die dieses großartige Werk im übrigen aufweist und die nur ein 
Gegenbaur geben kann! Eine seinem Inhalte entsprechende Ana- 
lyse würde selbst eine umfangreiche Abhandlung ergeben. Die 
Kühnheit, Vollständigkeit und tiefe geistige Fundierung der in ihm 
entwickelten Gedankengänge und Entwicklungsreihen ist im höch- 
sten Grade bewunderungswürdig. Wie früher kommen die In- 
stanzen der vergleichenden Anatomie und Paläontologie, der On- 
togenie und der Physiologie zu ihrem vollen Rechte, zugleich aber 
wird — insbesondere den von einigen Seiten erhobenen Ansprüchen 
einer ausreichenden Leistungsfähigkeit der ausschließlich ontoge- 
netischen Untersuchungen gegenüber — die Notwendigkeit des 
Zusammenwirkens aller dieser Instanzen betont und eine kritische 
Behandlung der durch die bloße ontogenetische Beobachtung ge- 
wonnenen Befunde mit Rücksicht auf deren palingenetische und 
cänogenetische Bedeutung gefordert. An zahlreichen Beispielen 
wird dargetan, was als cänogenetisch zu beurteilen und aus dem 
reinen Bilde der Palingenese auszuschalten sei. Und auch dadurch 
hebt sich dieses fundamentale Werk hervor, daß es durch eine 
Fülle anknüpfender Fragstellungen den Arbeiten der Zukunft zahl- 
reiche Probleme und einen weiten und großen Horizont eröffnet. 



*■" 




442 Max Fürbringer [54 

Das Lehrbuch der Anatomie des Metischen ist seit 1883 
in sieben Auflagen mit vermehrtem Inhalte und zunehmenden Ver- 
besserungen erschienen. Die drei ersten Auflagen sind einbändig; 
bei den vier letzten ist der Inhalt in zwei Bände geteilt Auch davon 
liegt eine französische Übersetzung vor. Für das Erscheinen der 
menschlichen Anatomie waren die gleichen Grundsätze maßgebend 
wie für die vergleichende Anatomie. Entwicklungsgeschichte, ver- 
gleichende Anatomie, Histologie und Physiologie dienten, wie dort, 
so auch hier der Lösung der Aufgabe. „So gewann", sagt das Vor- 
wort zur ersten Auflage, „die Auffassung des Menschen als eines in 
seinem Körperbau keineswegs isolirt dastehenden, sondern mit ande- 
ren verwandten Organismus von verschiedenen Seiten her festere 
Begründung, und dem anatomischen Horizonte ward eine fast uner- 
meßliche Erweiterung zu Theil. Den mächtigen Einfluß jener Dis- 
ciplinen auf die Anatomie des Menschen in Abrede zu stellen, 
hieße ebenso die Tragweite von deren Bedeutung unterschätzen, 
wie es ein Niederhalten der anatomischen Wissenschaft wäre, wenn 
sie jener sich nicht bedienen dürfte. Das eben gehört doch zum 
innersten Wesen einer Wissenschaft, daß sie nicht blos aus sich 
selbst sich weiterbildet, sondern, mit verwandten Disciplinen in 
steter Wechselwirkung, von da aus neues Licht empfängt und neue 
Aufgaben für ihre Forschung." Die „genetische Methode", die 
gleiche, die schon 40 Jahre zuvor von dem Heidelberger Amis- 
vorgänger Qegenbaurs, Friedrich Arnold, mit so viel Erfolg 
angewendet worden, danach aber in zahlreichen Anatomiebüchem 
in Vergessenheit oder doch wenigstens in eine Art Winterschlaf 
geraten war, lebte hier wieder auf und ward ma^ebend für die 
Behandlung und für die vom Hergebrachten nicht selten ab- 
weichende Gruppierung des Stoffes. „Lehren heißt entwickeln. 
Ob es vorthcilhaft sei, im Unterrichte mit der beschreibenden 
Darstellung auch die erläuternde, erklärende zu verbinden, kann 
man daher nur dann bezweifeln, wenn man auf das Verstand- 




57] Carl Gegenbaur. 445 



wird die Zellenlehre zu einer Grundlage der Anatomie. Nicht viel 
anders ist es mit der Entwicklungsgeschichte oder Onto- 
genie (Ontogenese). Auch da ist der Anfang von einer Zelle oder 
ihrem Aequivalent; was dann folgt, ist mannigfach verschieden je 
nach der Art des Organismus, der zum Objecte dient. Ueberall 
werden wir zu einem Zusammenhange geführt, wie er auch im 
Ganzen sich ausspricht und in der Stammesgeschichte oder 
Phylogenie (Haeckel) eine bedeutende Höhe erreicht. — Den 
Umfang der Vergleichung bestimmt der sehr verschiedene Zweck. 
Daraus entsteht eine gewisse Beschränkung, denn wir werden zum 
Beispiel nicht Pflanzen und Thiere mit einander vergleichen, wo es 
sich nur um Thiere handelt, oder beliebige Organe, wenn die Auf- 
gabe für bestimmte gestellt wird. Die Vergleichung hat daher 
ihre Gesetze, die sie der Willkür entziehen. Sie könnte überall 
zur Geltung kommen, wo sie gebraucht wird und der Erkennt- 
niß nützt." 

Sein kühner, in das Innere der Erscheinungen dringender 
Geist fragt allenthalben nach dem Warum und nach dem Kausal- 
nexus im Werden, ringt allenthalben nach Erkenntnis. Und er 
verfährt hierbei mit peinlicher Kritik. Die vergleichend-anatomische 
Methode verbindet sich bei ihm mit der ontogenetischen, die Ana- 
tomie mit der Physiologie. An den Leistungen des lebenden und 
ausgebildeten Körpers in seinen tieferen und höheren Formen 
werden die embryologischen Entwicklungsstufen gemessen und 
nach ihrer wahren oder scheinbaren Bedeutung gewürdigt. Überall 
dominiert die Vergleichung. Er vergleicht die einzelnen Meta- 
meren des Körpers miteinander und führt die höhere und diffe- 
rentere Ausbildung derselben auf ihre ursprüngliche Gleichförmig- 
keit zurück; er vergleicht die späteren mit den früheren Stufen der 
Ontogenese und erhält damit die Anfänge für die Ableitung der 
ersteren von den letzteren; er vergleicht die höher entwickelten 
und die primitiver gebliebenen Tiere nach Formen und Leistungen 



446 Max Fürbringer [58 

miteinander und gewinnt dadurch das Verständnis für die höhere 
und kompliziertere Entfaltung aus einstmaligen einfacheren Zu- 
ständen, — und alle diese Reihen der Vergleichung vergleicht er 
wieder untereinander. So gewinnt er Grundlagen von einer Breite 
und Vollkommenheit, wie sie zuvor unbekannt waren. Und dabei 
ist nichts aus seinem natürlichen Zusammenhange gerissen. Alles 
lebt und ist durchzogen und vereinigt durch das lebensvolle Prin- 
zip der Kausalität und Korrelation. Und Gegenbaur ist seinen 
Arbeitsgebieten immer treu geblieben. Er hat sich nimmer genug 
getan, in zahlreichen, tiefer und tiefer eindringenden Arbeiten den 
behandelten Stoff immer mehr zu erobern und zu allgemeinerer 
Bedeutung zu erheben. Seinem fruchtbaren Geiste sind die Quellen 
der Erkenntnis allenthalben, wohin er auch bMckte, zugeflossen. 
Und auch darin zeigt sich die Souveränität dieses Geistes, daß er 
sich nie in der Wahl seiner Arbeitsgebiete vergriff, daß er nie das 
angriff, was man nicht zu wissen braucht oder nicht wissen kann, 
daß selbst das, was bisher klein und wesenlos erschien, unter 
seinen fiänden groß und fruchtbar sich gestaltete, daß jede seiner 
Arbeiten neue Perspektiven eröffnete. So hat er uns eine Welt 
von Tatsachen und Gedanken geschenkt, und zugleich eine Welt 
von Fragen und Problemen, d. i. die Zukunft unserer Wissen- 
schaft. Keiner kann es ihm gleich tun; aber die Ziele und Wege 
hat er der Forschung gewiesen. 

Es ist etwas Mißliches um Vergleichungen großer Persönlich- 
keiten. Aber auch hier wird durch die vergleichende Methode man- 
ches im Wesen des Menschen verdeutlicht. Die Leistungen unserer 
ersten Heroen auf vergleichend-biologischem Gebiete, eines Cuvier, 
Johannes Müller und Darwin, sind umfassendere, Cari Ernst von 
Baer schuf in jungen Jahren Bewunderungswürdiges, die Be- 
gründer der Descendenz und der Verfasser der Generellen Mor- 
phologie der Organismen haben befruchtende Prinzipien von un- 
erschöpflicher Tragweite in die biologische Wissenschaft eingefiihrt. 




59] Carl Gegenbaur. 447 



Huxley hat glänzender und geistreicher geschrieben, — aber an Tiefe 
und Konzentration der vergleichend-morphologischen Forschung, 
an Ausbildung ihrer Methoden steht Gegenbaur unerreicht da. 
Die Geschichte der Morphologie in den letzten Dezennien des 
19. Jahrhunderts knüpft in ihren Höhepunkten an ihn an. 

Mit seinen Arbeiten verbindet sich eine klare und tief durch- 
geistigte Darstellung, oft von einer Konzentration und taciteischen 
Kürze, die an den Leser hohe Anforderungen stellt. Das ist ihm 
von manchem zum Vorwurf gemacht worden. Auch Kant und 
Helmholtz wurde es ihrer Zeit verdacht, daß sie nicht von jedem 
mühelos gelesen werden könnten. Für denjenigen, der exaktes 
und eindringendes Studium nicht scheut, eröffnen sich in Gegen- 
baurs Schriften, namentlich bei wiederholtem und zusammen- 
hängendem Lesen der aufeinanderfolgenden Veröffentlichungen 
über dasselbe Thema, großartige Genüsse und an manchen Stellen 
erhebt sich seine sonst etwas schwere Sprache zu einer wahrhaft 
leuchtenden Schönheit. Aus seinen Schriften blickt die große Per- 
sönlichkeit hervor, man spürt den Hauch ihres Geistes, in Eng- 
land hat man ihn great spirit genannt, und Kuno Fischer, der 
als Philosoph an erster Stelle berufen ist, hier das entscheidende 
Wort zu sprechen, hat ihn in seinen Vorlesungen wiederholt als 
einen der größten und tiefsten Denker bezeichnet. 



Als akademischer Lehrer nimmt Gegenbaur selbstver- 
ständlich eine hohe Stellung ein. Er war in seinen Vorlesungen 
nicht das, was man einen glänzenden Redner nennt. Sein Vortrag 
verlief nicht glatt, sondern stockte nicht selten, wenn er nach dem 
prägnantesten, am meisten bezeichnenden Worte für seine Ge- 
danken suchte. Auch verschmähte er vollkommen die hergebrach- 
ten Spässe der Anatomen oder besondere an die Adresse der 
Zuhörer gerichtete Aufmunterungsmittel, mit denen so mancher 



448 Max Fürbringer [60 

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Dozent sein Kolleg zu schmücken und zu beleben sucht. Selbst 
in den Vorlesungen über menschliche Anatomie enthielt er sich 
in der Regel aller Anwendungen auf das Pathologische und die 
praktische Medizin und beschränkte sich in der Regel auf die reine 
zusammenhängende Darstellung, die er durch die Verbindung der 
Anatomie mit der Ontogenese, vergleichenden Anatomie und z. T. 
der Physiologie zum Verständnis brachte. Bereits seine ersten 
Vorlesungen aus derjenenser Zeit, in den 50 er und 60er Jahren, 
waren, ebenso wie seine Veröffentlichungen, ganz und gar von 
Entwicklungsgeschichte durchdrungen. In den behandelten Ge- 
bieten gab er die Hauptsachen vollständig, enthielt sich aber meist 
der Mitteilung unwichtigerer Details oder gar ungenügend ge- 
sicherter, so oft nur eine ephemere Geltung besitzender Befunde. 
Überall kam es ihm auf schlichte Klarheit und geistigen Gehalt 
an. Die Zuhörer sollten und mußten mit ihm die Tatsachen 
durchdenken. So hafteten seine Worte im Gedächtnisse und er- 
zeugten weiteres Nachdenken. Ein nicht geringes Zeichentalent 
unterstützte die Anschaulichkeit des Vortrages; auf die genaue 
Ausführung seiner Tafelzeichnungen legte er Wert. In seinen 
letzten Jahren, wo seine früher sehr klare und deutliche Stimme 
an Kraft abgenommen hatte, soll es seinen Zuhörern nicht immer 
leicht gewesen sein, seinen Darlegungen, die geistig auf unvermin- 
derter Höhe standen, zu folgen. 

In den praktischen Übungen sah er vor allem auf treue, 
gründliche, ununterbrochene Arbeit. Sauberes, gewissenhaftes und 
nachdenkliches Präparieren auf Grund gründlicher Vorbereitung 
war für ihn die unerläßliche Bedingung und scharf hat er durch 
regelmäßiges Abfragen die Kenntnisse und den Geist der Arbeiten- 
den kontrolliert. Die Benutzung von anatomischen Bilderbüchern 
empfahl er bei der Präpariersaalarbeit nicht, weil durch deren 
allzu bequemen Gebrauch das Vorstellungsvermögen der Präpa- 
ranten nicht zur genügenden Übung und Ausbildung gdange. 




61] Carl Gegenbaur. 449 



Dagegen sah er gern, wenn die Arbeiter ihre Präparate selbst ab- 
zeichneten, weil er darin eine sichere Kontrolle für die Sauberkeit 
und Genauigkeit der Präparation und ein vorzügliches Gedächt- 
nismittei der Anschauung erblickte. Oft zog er aus der Art, wie 
dieser oder jener präparierte, Schlüsse auf seinen Charakter und 
auf seine ärztliche Zukunft. Gegen die Fleißigen und Gewissen- 
haften war er gütig und anerkennend, machte aber sehr spar- 
samen Gebrauch mit lobenden Worten. Um so mehr galten diese. 
Den Säumigen und Interesselosen, die sich nur hie und da auf dem 
Präpariersaal blicken ließen, hat er die wenigen daselbst verbrach- 
ten Stunden sehr schwer gemacht. Er nannte das die Zuchtaus- 
lese auf dem Präpariersal. Den älteren Laboranten, die unter 
seiner Leitung mehr selbständige Untersuchungen ausführten, 
widmete er täglich eine geraume Zeit für die Besprechungen 
über die in Angriff genommenen Themata. Auf das Elementare 
und Technische ließ er sich nicht ein; das überiieß er den 
Arbeitern selbst, die hierin zugleich die Hülfe dffr Prosektoren 
und Assistenten fanden. Auf die geistige Methode und die eigent- 
liche wissenschaftliche Arbeit kam es ihm an. Hier haben die 
Laboranten in Rede und Wechselrede, wo kein Unterschied zwi- 
schen Lehrer und Schüler gemacht wurde, sondern wo es sich 
nur darum handelte, daß beide die Aufgabe erfaßten und in der 
rechten Weise förderten, Stunden der Anregung und Bereiche- 
rung genossen, deren Erinnerung ihnen für ihr ganzes Leben ge- 
blieben ist. 

Die Leitung des Institutes und alle die mannigfaltigen mit 
dem Direktorium zusammenhängenden Arbeiten ließ er sich sehr 
angelegen sein, in baulichen Verbesserungen und sonstigen Ein- 
richtungsfragen war er ungemein praktisch. Das Arbeitsmaterial 
und die Sammlungen hat er in Würzburg, Jena und Heidelberg 
erheblich vermehrt. Vor allem gilt dies für das Jenenser ana- 

Festschrift der Universität Heidelberg. II. 29 




450 Max Fürbringer [62 



tomische Museum. Der Frage des Leichenzuganges wandte er 
seine ganze Sorgfalt zu und hat da, namentlich in Jena, ent- 
sprechend viel erreicht. Als er später einsehen mußte, daß seine 
von der reinsten Humanität getragenen, auf die Ausbildung guter 
Ärzte hinzielenden Bestrebungen nicht die genugende Unterstützung 
fanden, daß ihnen vielmehr unüberwindliche und zum Teil nicht 
auf sachlichen Gründen fußende Widerstände und Schwierigkeiten 
entgegenstanden, da hat er sich mehr und mehr auf diejenigen Ar- 
beitsgebiete zurückgezogen, wo eine Hemmung durch Andere 
ausgeschlossen war. Mit den ihm vorgesetzten und gleichgestell- 
ten Behörden verkehrte er so, wie es dem Interesse der Sache 
angemessen war. 



Mit diesen Leistungen und mit diesem Können verband sich 
die machtvollef stark ausgeprägte, reine und vornehme Persön- 
lichkeit, zu der seine Schüler in grenzenloser Bewunderung und 
Verehrung aufschauten. 

Schon seine ganze gewaltige Gestalt in ihrer aufrechten Hal- 
tung und sein mächtiger Kopf mit den merkwürdigen, hellbiicken- 
den, jedem auf den Grund der Seele schauenden braunen Augen 
und seinen die unausgesetzte Gedankenarbeit verratenden Zügen 
hatte etwas ungemein Imponierendes und prägte sich jedem unver- 
gänglich ein. 

Damit harmonierten auch seine Lebensgewohnheiten und die 
ganze Art seines Auftretens. Er lebte maßvoll, schlicht, regel- 
mäßig und verschmähte jeden .besonderen materiellen Genuß. 
Über die zunehmende Üppigkeit des modernen Lebens, die all- 
mählich in die akademischen Kreise eindrang, hat er sich oft 
drastisch und bezeichnend genug geäußert. Überhaupt war auch 
im gewöhnlichen Leben die Schärfe seiner Beobachtungsgabe und 




63] Carl Gegenbaur. 451 



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das Schlagende, immer auf das Wesen der Sache Gehende seiner 
Ausdrucksweise ungemein ausgebildet. 

Einfachem, nicht zeitraubendem Verkehre mit ihm sympa- 
thischen Menschen war er zugeneigt; in der Hauptsache war er 
aber eine einsame, auf sich gestellte, spröde Natur, ganz wohl 
nur von wenigen gekannt. 

Aber jedem, der mit ihm in Berührung kam, fiel die groß- 
artige Konzentration und Vertiefung seines Wesens auf. 
Gegenbaur hat wohl nie etwas Überflüssiges gesagt oder getan. 
Sein ganzes Wesen war zielbewußt, den großen klar erkannten 
Aufgaben geweiht. 

So reich veranlagte Menschen wie er laufen eine große Ge- 
fahr, ihre gewaltigen Kräfte über zu viele Gebiete zu verteilen. 
Gegenbaur besaß ein ungewöhnliches Maß universeller Bildung, 
ein feines Empfinden und großes Vermögen in bildender Kunst 
und Literatur, eine lebhafte Begeisterung für die politische und 
kulturelle Erhebung unseres Vaterlandes und für dife Befreiung des 
menschlichen Geistes und Gewissens von jeder die freie Entwick- 
lung und Bestimmung hemmenden Schranke, — er hat auch stets 
für große Sachen seine mächtige Persönlichkeit eingesetzt. Aber 
niemals, wie oft auch bei ihm angefragt wurde, war er für die 
Rolle eines Führers in Fragen, die seiner Wissenschaft und seinem 
Berufe ferner lagen, zu gewinnen. Zeitverlust durch derartige 
Beschäftigungen und Liebhabereien, jeden Dilettantismus, in wel- 
cher Form auch, verabscheute er. Seine Schüler wissen, welch 
kostbares Gut für ihn die Zeit war, wie bei ihm so vieles, worüber 
andere breit und lange verhandeln, mit einer knappen Bemerkung 
abgetan war. 

Kongresse oder akademische Feste besuchte er eigentlich nur 
dann, wenn er Delegierter war oder sich sonst der Teilnahme auf 
keine Weise entziehen konnte. Große und bedeutsame Tage soll- 
ten nach seiner Ansicht nicht durch beschauliche Feste und (ie- 

2^ 



452 Max Fürbringer [64 



nüsse der niedrigeren Sinnesorgane, sondern durch vermehrte 
Arbeit und hervorragende Geistestaten gefeiert werden. 

Er konnte sich an der Natur, die sich ihm reicher und schöner 
als den meisten offenbarte, entzücken und erheben; er halte leb- 
haftestes Interesse an Ländern und Menschen. Nie hat er aber 
zu seinem Vergnügen Reisen gemacht. Wenn er reiste, so ge- 
schah es für die Arbeit oder für die notwendigste Erholung oder 
der Seinigen wegen. 

Zumeist aber erfrischte er sich, indem er gleichzeitig mehrere 
Aufgaben in Angriff nahm und in der Bearbeitung der einen Er- 
holung von der Arbeit an der anderen fand. Sehr frühzeitig hatte 
er erkannt, daß nur die Tätigkeit Leben ist und daß alle Kräfte 
für die Hauptaufgaben einzusetzen seien. Multum, non multa. 

Mit seiner Konzentration ging Hand in Hand seine Sachlich- 
keit, Unbestechlichkeit und Wahrhaftigkeit Er lebte nur 
im Dienste seiner Sache, mit der ganzen Macht der Überzeugung. 
Die Persönlichkeit kam für ihn niemals in Frage. In diesem 
Dinge war er streng und unerbittlich gegen sich und Andere. Nie 
hat er persönlichen Wünschen Rechnung getragen, nie geschwiegen, 
wo CS die Sache verlangte. Berechnende Streber und Utilitarier 
stellte er besonders tief. Sein Urteil war unbestechlich. In seiner 
Schätzung der Menschen stand zu allererst der Charakter und die 
Leistungen; die Lebensstellung kam erst in zweiter Linie. Hier- 
durch allein wurde seine Haltung im Verkehr mit den Menschen 
aller Stände bestimmt. 

Ehrungen sind ihm zugefallen wie wenig and«%n. Über 
solche von berufenster Seite hat er sich gefreut, denn sie galten 
ihm als Anerkennung der von ihm vertretenen Sache; die meisten 
anderen waren ihm gleichgültig. Seine Ehre bestand nicht im An- 
sehen bei den Menschen, sondern im Bestehen vor der dgenen, 
die höchsten Anforderungen stellenden Kritik. Er wußte, was er 
war, aber er sprach nie von sich und verweigerte jedes Feiern 




65] Carl Gegenbaur. 453 



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seiner Persönlichkeit. Eiteli<eit und Sucht nach Anerkennung, 
zwei in Gelehrtenkreisen nicht seltene Krankheiten, waren seinem 
Wesen ' absolut fremd. Dafür war er zu gesund, dafür stand 
er zu hoch. 

Sittliche Größe war sein ganzes Wesen. Sein Schild 
ist immer rein geblieben, sein Schwert hat nur dem Fort- 
schritt, der Wahrheit und der guten Sache gedient. Odi 
profanum vulgus et arceo, konnte er von sich sagen. Wie viele 
Kämpfe er auch bestanden, Kämpfe, in denen manche schwere 
Wunde geschlagen wurde, aus allen ist Läuterung und Förderung 
der Wahrheit und jetzt gewiß auch Versöhnung hervorgegangen. 

Furchtlos und treu war er und von absoluter Zuver- 
lässigkeit. Er war ein Fels, auf den man bauen konnte, und 
wo er treues und redliches Streben und Hingebung an die Sache 
fand, da war er der nie versagende Helfer und Beschützer. In 
manches junge Leben hat er mächtig eingegriffen und manchen 
Lebensweg bestimmt. 

Gütig und dankbar war sein Herz gegen seine Eltern, 
seine Lehrer, die Seinigen, seine Freunde, seine Schüler und Mit- 
gehülfen, gegen jeden um ihn oder um die Sache verdienten Men- 
schen. Wiederholt hat er das zum Ausdruck gebracht. Seine 
Wohltätigkeit ging immer Hand in Hand mit weiser Überlegung 
und vollzog sich ganz im stillen; da hat sie aber oft in groß- 
artigem Maßstabe sich geoffenbart. Und von der Feinheit, fast 
Zartheit seines Fühlens und Empfindens können die Nächst- 
stehenden erzählen. Wie hart gepanzert er nach außen erschien, 
so weich war sein Inneres. 

Nie hat er denen, welchen das Glück zu teil geworden ihm 
näher zu treten, versagt. Wo sie auch bei ihm anklopften, überall 
entsprang ihm ein frischer, unversieglicher Quell, überall fanden 
sie unerschöpfliche Reichtümer höherer Art, überall ward er ihnen 
zum Wegweiser und überall war er der feste Untergrund, der 




454 Max Fürbringer [66 

ihnen Stütze gewährte, das hehre Vorbild, welches ihrem Streben 
die Richtung nach oben gab. So hat er bei ihnen auch eine Fülle 
von Liebe, Dankbarkeit und Verehrung geerntet, und diese Ge- 
fühle sind im Laufe der Zeit nicht schwächer geworden, sondern 
haben sich mit den Jahren vertieft und verstärkt. Auch darin liegt 
der Maßstab, der Prüfstein seiner Größe. 

Als Forscher und als Mensch steht er in der Reihe der 
Größten. Sein Leben ist reich und ausgefüllt und köstlich ge- 
wesen wie wenige. Nun ruht er von seiner Arbeit. Aber seine 
guten Taten und Werke leben, und das Licht, die Wärme und das 
Leben, die von ihnen ausgehen, leuchten auch den kommenden 
Geschlechtern und entzünden und erwecken neues Licht und 
Leben in ihnen, — ein heiliges Feuer, das nicht verlischt. 




67] Carl Gegenbaur. 455 



Systematisches Verzeichnis der Veröfifent- 
lichungen von Carl Gegenbaun 



I. Abhandlungen und Monographien. 

I. Abhandlungen allgemeineren Inhalts. 

De aniinaliuni plantarumque regni terminis et differentiis. Programma 
quo ad orationem pro loco in inedicorum ordine Jenensi rite capessendo 
die XX Mart. MDCCCLX publice habendam observantissime invitat Carolus 
Gegenbaur. Lipsiae 1860. 16 pp. 4'». 

Die Stellung und Bedeutung der Morphologie. 1875. Morph. Jahrb. I. 
p. 1—19. Leipzig 1876. 

Über Caenogenese. Anat. Anz. III. p. 493—499. Jena 1888. 

Ontogenie und Anatomie in ihren Wechselbeziehungen betrachtet. 
Morph. Jahrb. IV. p. 1—9. Leipzig 1889. 

Bemerkungen zur anatomischen Nomenklatur. Ibid. XXVI. p. 337 
bis 344. Leipzig 1898. 

2. Abhandlungen und Monographien über Wirbellose. 

a. Sammelabhandlungen über verschiedene Wirbellose. 

In Messina angestellte vergleichend-anatomische Untersuchungen (ge- 
meinschaftlich mit A. Kölliker und H. Müller). Zeitschr. f. wiss. 21ool. IV. 
p. 299—370. 1853. Von Gegenbaur stammen die Untersuchungen: Über 
die Entwicklung der Echinodermen (p. 329); Entwicklung von Pneumoder- 
mon (Kölliker und Gegenbaur p. 333—334); Bau der Heteropoden und 
Pteropoden (p. 334—335); Larve von Pneumodermon, Circulationsverhält- 
nisse der Ptero- und Heteropoden, Entwicklung der Scheibenquallen und 
von Velella (p. 369—370, siehe auch unten). 

Recherches sur le mode de reproduction et sur le ddveloppement dans 
divers groupes de Zoophytes et de Mollusques. Compt. Rend. Ac. Sc. Paris. 
XXXVII. p. 493 496. Paris 1853. 4'». (Auch in Unstitut XXI. No. 1032. 
p. 344—345. Paris 1853.) 



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456 Max Fürbringer [68 

Über die Entwickelung von Doliolum, der Scheibenquallen und von 
Sagitta. Zeitschr. f. wiss. Zool. V. p. 13—16. M. Abb. Leipzig 1854. 

Über einige niedere Seetiere. Ibid. V. p. 103-117. Leipzig 1854. 

Bemerkungen über Pilidium gyrans, Actinotrocha branchiata und Appen- 
dicularia. Ibid. V. p. 345-352. Leipzig 1854. 

b. Über Protozoen. 

Bemerkungen über Trachelius ovum E. Müllers Arch. f. Anat., Phys. 
u. wiss. Med. 1852. p. 309-312. Berlin 1857. 

Observations on Trachelius ovum Ehrenberg. Annais Nat. Hist. (2) XX. 
p. 201—203. London 1857. 

c. Über Cölenteraten. 

[Entwickelung der Scheibenquallen und Velelliden. Zeitschr. für wiss. 
Zool. IV. p. 369-370. Leipzig 1853 (siehe auch sub 2a).] 

[Recherches sur le mode de reproduction et sur le d^veloppement 
dans divers groupes des Zoophytes etc. Compt. Rend. Acad. Sc. Paris XXXVii. 
p. 493-495. Paris 1853. 4« (siehe auch sub 2a).] 

[Über die Entwickelung der Scheibenquallen etc. 1853. Zeitschr. f. wiss. 
Zool. V. p. 15. Leipzig 1854 (siehe auch sub 2a).] 

[Beobachtungen über Schwimmpolypen 1853. ibid. V. p. 103—113. 
Leipzig 1854 (siehe auch sub 2 a).] 

Beiträge zur näheren Kenntnis der Schwimmpolypen (Siphonophoren). 
Leipzig (W. Engelmann) 1854. 62 pp. 3 Taf. gr. 4'». 

Zur Lehre vom Generationswechsel und der Fortpflanzung bei Medu- 
sen und Polypen. Verh. d. phys. med. Gesellsch. in Würzburg iV. p. 154 — 221. 
2 Taf. Würzburg 1854 (Habilitationsschrift). 

Über Diphyes turgida, nebst Bemerkungen über Schwimmpoiypen. 
Zeitschr. f. wiss. Zool. V. p. 442 — 454. 1 Taf. Leipzig 1854. 

Studien über Organisation und Systematik der Ctenophoren. Arch. f. 
Naturgesch. XXII. p. 136—205. 2 Taf. Berlin 1856. 

Bemerkungen über die Randkörper der Medusen. Müllers Archiv f. 
Anat., Phys. und wiss. Med. 1856. p. 230—250. 1 Taf. Berlin 1856. (Abstract. 
in Quart. Journ. Micr. Sc. VI. p. 103—106. London 1856.) 

Versuch eines Systems der Medusen mit Beschreibung neuer oder 
wenig gekannter Formen, zugleich ein Beitrag zur Kenntnis der Fauna des 
Mittelmeeres. Zeitschr. f. wiss. Zool. VIII. p. 202—273. 4 Taf. Leipzig 1857. 

Neue Beiträge zur näheren Kenntnis der Siphonophoren. Nov. Act. 
Acad. Caes. Leopold. Carol. Germ. Nat. Cur. 1859. XIX. p.381--424. 7 Taf. 
Jena 1860. 4«. 



69] Carl Gegenbaur. 457 



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d. Über Würmer. 

Über die sog. Respirationsorgane des Regenwurms. 1852. Zeitschr. f. 
wiss. Zool. IV. p. 221 — 232. Leipzig 1853. 

[Über die Entwickelung von . . . Sagitta. 1853. Ibid. V. p. 15—16. Leip- 
zig 1854 (siehe auch sub 2 a).] 

[Bemerkungen über Pih'dium gyrans etc. 1853. Ibid. V. p. 345—347. 
Leipzig 1854 (siehe auch sub 2 a).] 

[Bemerkungen über. . . Actinotrocha branchiata. 1853. Ibid. V. p. 347 
bis 350. Leipzig 1854 (siehe auch sub 2 a).] 

Über Entwickelung der Sagitta. Abhandl. d. naturf. Gesellsch. zu Halle 
IV. p. 1-18. 1 Taf. Halle 1856. 

On the Development of Sagitta. Quart. Journ. Micr. Sc. VII. p. 47—54. 
London 1859. 

e. Über Echinodermen. 

[Entwickelung der Echinodermen. Zeitschr. f. wiss. Zool. IV. p. 329. 
Leipzig 1853 (s. auch sub 2 a).] 

Über Abyla trigona und deren Eudoxienbrut. Jena (Frommann) 1859. 
11 pp. 2 Taf. 4^ (Der Kgl. Bayr. Akad. d. Wiss. zu München zur Jubel- 
feier ihres 100 jährigen Bestehens von der Kais. Leop. Carol. Deutschen 
Akad. d. Naturf. gewidmet.) 

f. Über Arthropoden. 

Über Phyllosoma. Zeitschr. f. wiss. Zool. V. p. 252 — 253. Leipzig 1854. 

Mitteilungen über die Organisation von Phyllosoma und Sapphirina. 
Müllers Arch. f. Anat., Phys. u. wiss. Med. 1858. p. 43—81. 2 Taf. Berlin 1858. 

Zur Kenntnis der Krystallstäbchen im Krustenthierauge. Ibid. 1858. 
p. 82—84. Mit Abbild. Berlin 1858. 

Anatomische Untersuchung eines Limulus, mit besonderer Berück- 
sichtigung der Gewebe. Abhandl. d. naturf. Gesellsch. zu Halle. IV. 
p. 227-250. 1 Taf. Halle 1858. 4^ 

g. Über Mollusken. 

Beiträge zur Entwickelungsgeschichte der Landgastropoden. Zeitschr. 
f. wiss. Zool. III. p. 371—411. 3 Taf. Leipzig 1851. 

Entwicklung von Limax. Verh. d. phys.-med. Gesellsch. zu Würzburg 
II. p. 162 — 163. Würzburg 1852. (Auszug der ungedruckten Diss. inaug. 
medica.) 

Lebende Doppelmißbildung von Limax. Ibid. II. p. 166 — 167. Würz- 
burg 1852. 




458 Max Fürbringer [70 



sV>a 



Über Penisdrüsen von Littorina. Zeitschr. f. wiss. Zool. IV. p. 233—235. 
Leipzig 1853. 

[Entwickelung von Pneumodermon (mit A. Kölliker). Ibidem IV. 
p. 333—334. Leipzig 1853 (s. auch sub 2 a).] 

[Bau der Heteropoden und Pteropoden. Ibid. IV. p. 334—335. Leipzig 
1853 (s. auch sub 2 a).] 

[Larve von Pneumodermon. Ibid. IV. p. 369. Leipzig 1853 (s. auch 
sub 2 a).] 

[Circulationsverhältnisse der Ptero- und Heteropoden. Ibid. IV. p. 369. 
Leipzig 1853 (s. auch sub 2 a).] 

[Recherches sur le mode de reproduction et sur le d^veloppement dans 
divers groupes de . . . Mollusques. Compt. Rend. Acad. Sc. de Paris XXXVII. 
p. 495—496. Paris 1853. 4^ (s. auch sub 2 a).] 

[Über ein nierenartiges Excretionsorgan der Pteropoden und Hetero- 
poden. Zeitschr. f. wiss. Zool. V. p. 113— 116. Leipzig 1854 (s. auch sub 2 a. 
Über einige niedere Seetiere).] 

[Über Circulationsverhältnisse der Pteropoden 1853. Ibid. V. p. 116—117. 
Leipzig 1854 (s. auch sub 2 a. Über einige niedere Seetiere).] 

Über Phyllirhoe bucephalum (mit H. Müller). Ibid. V. p. 355-371. 1 Taf. 
Leipzig 1854. 

Bemerkungen über die Geschlechtsorgane von Actaeon. Ibid. V. 
p. 436-441. Leipzig 1854. 

Untersuchungen über Pteropoden und Heteropoden. Ein Beitrag zur 
Anatomie und Entwicklungsgeschichte dieser Tiere. Leipzig (W. Engelmann) 
1855. VIII. 228 pp. 8 Taf. gr. 4«. 

h. Über Tunikaten. 

[Über die Entwicklung von Doliolum etc. 1853. Zeitschr. f. wiss. 2^ool. 
V. p. 13—15. Leipzig 1854 (s. auch sub 2 a).] 

[Bemerkungen über . . . Appendicularia. 1853. Ibid. V. p. 350—352. 
Leipzig 1854 (s. auch sub 2 a).] 

Bemerkungen über die Organisation der Appendicularien. Ibid. VI. 
p. 406—427. 1 Taf. Leipzig 1855. 

Über den Entwicklungsplan von Doliolum, nebst Bemerkungen über 
die Larven dieser Tiere. 1855. Ibid. VII. p. 283-314. 3 Taf. Leipzig 1856. 

Über Didemnum gelatinosum. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte 
der Ascidien. Reicherts und du Bois-Reymonds Arch. f. Anat., Phys. und 
wiss. Med. 1862. p. 149-168. 1 Taf. Leipzig 1862. 




71] Carl Gegenbaur. 459 



-•vT^- 



■>^>v- 



3. Abhandlungen und Monographien über Wirbeltiere. 

a. Abhandlungen zurEntwicklungsgeschichte und Gewebelehre. 

Über den Bau und die Entwickelung der Wirbelthlereier mit partieller 
Dottertheilung. Reicherts und du Bois-Reymonds Arch. f. Anat., Phys. u. wiss. 
Med. 1861. p. 491-529. Leipzig 1861. 

Über Drüsenzellen in der Lungenschleimhaut bei Amphibien. Ibid. 
1863. p. 157-163. Leipzig 1863. 

Zur Frage vom Bau des Vogeleies, eine Erwiderung an Herrn Dr. 
Klebs in Berlin. Jenaische Zeitschr. f. Med. und Naturw. I. p. 113—116. 
Leipzig 1864. 

Über die Bildung des Knochengewebes I. Ibid. 1. p. 343—369. 1 Taf. 
Leipzig 1864. 

Sur la m^tamorphose des poissons. Arch. Sc. Bibliogr. univ. XXIV. 
p. 161. Gen^ve 1865. 

Über primäre und sekundäre Knochenbildung mit besonderer Bezie- 
hung auf die Lehre vom Primordialcranium. Jenaische Zeitschr. f. Med. und 
Naturw. 1866. III. p. 54-73. Leipzig 1867. 

Über die Bildung des Knochengewebes. II. 1866. Ibid. III. p. 206—246. 
2 Taf. Leipzig 1867. 

Über Skeletgewebe der Cyclostomen. 1869. Ibid. V. p. 43 — 53. Leip- 
zig 1870. 

Notiz über das Vorkommen der Purkinje'schen Fäden. Morph. Jahrb. 
III. p 633-634. Leipzig 1877. 

[Siehe ferner die Abhandlungen zur Entwicklung der Wirbelsäule 1862 
sub 3 b. a, über das Kopfskelett des Alepocephalus 1878 sub 3 b. ß und 
Bemerkungen zu Goettes Entwicklungsgeschichte der Unke 1875 sub II.] 

b. Skelettsystem, 
a. Rumpfskelett. 

Über Bau und Entwickelung der Wirbelsäule bei Amphibien überhaupt 
und beim Frosche insbesondere. Abh. d. naturf. Gesellsch. zu Halle. VI. 
p. 179—194. 1 Taf. Halle 1862. 4'\ 

Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbelsäule bei Am- 
phibien und Reptilien. Leipzig (W. Engelmann) 1862. III. 72 pp. 4 Taf. fol. 

Über die Entwickelung der Wirbelsäule des Lepidosteus, mit vergleichend 
anatomischen Bemerkungen. Jenaische Zeitschr. f. Med. und Naturw. III. 
p. 359—420. 3 Taf. Leipzig 1867. 

fitude comparde sur ie developpement de la colonne vertebrale chez 
le Ldpidostee. Arch. Sc. phys. et nat. (N. P.) XXXII. p.237 -249. Gen^ve 1868. 



460 Max Fürbringer [72 



Beiträge zur Kenntnis des Beckens der Vögel. 1870. Jenaische Zeitschr. 
f. Med. u. Naturw. VI. p. 157-220. 3 Taf. Leipzig 1871. 

Zur Bildungsgeschichte lumbosacraler Übergangswirbel, ibid. VII. 
p. 438--440. Leipzig 1873. 

ß. Kopfskelett. 

Der Schädel des Axolotl, beschrieben und abgebildet (mit N. Fried- 
reich). Ber. der K. Zool. Anst. in Würzburg. 1849. p. 28-34. 1 Taf. Würz- 
burg 1849. 

[Über primäre und sekundäre Knochenbildung mit besonderer Be- 
ziehung auf die Lehre vom Primordialcranium. Jenaische Zeitschr. f. Med. 
und Naturw. 1866. 111. p. 54—73. Leipzig 1867 (siehe auch sub 3 a).] 

Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere. III. Das 
Kopfskelet der Selachier, ein Beitrag zur Erkenntniß der Genese des Kopf- 
skeletes der Wirbeltiere. Leipzig (W. Engelmann) 1872. X. 316 pp. 22 Taf. 4«. 

Bemerkungen über den Canalis Fallopii. Morph. Jahrb. II. p. 435—439. 
Leipzig 1876. 

Über das Kopfskelet von Alepocephalus rostratus Risso , nebst 
Bemerkungen über das «Kiemenorgan» von Alausa vulgaris. Ibid. IV. Suppl. 
p. 1—42. 2 Taf. Leipzig 1878 (Kari Theodor Ernst von Siebold zur 50 jäh- 
rigen Jubelfeier gewidmet). 

Über die Pars facialis des Lacrymale des Menschen. 1881. Ibid. VII. 
p. 173-176. Leipzig 1882. 

Nachträgliche Bemerkungen zu der Mitteilung über die Pars facialis des 
menschlichen Thränenbeins. Ibid. VII. p. 746. Leipzig 1882. 

Über die Occipitalregion und die ihr benachbarten Wirbel der Fische. 
Festschr. f. A. v. Kölliker. p. 1-33. 1 Taf. Leipzig 1887. 4^ 

Die Metamerie des Kopfes und die Wirbeltheorie des Kopfskeletes. 
1887. Morph. Jahrb. XIII. p. 1—114. Leipzig 1888. 

[Siehe ferner die Abhandlungen über die Kopfnerven des Hexanchus 
1871. sub 3d. und über die Nasenmuscheln 1871 und 1879 sub 3e.] 

Y. Gliedmaßenskelett. 

Vergleichend-anatomische Bemerkungen über das Fußskelet der Vögel. 
Reicherts und du Bois-Reymonds Arch. f. Anat., Phys. und wiss. Med. 1863. 
p. 450-472. Leipzig 1863. 

Das Fußskelet der Vögel. Zool. Garten. V. p. 27—29. Frank- 
furt a. M. 1864. 

Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere. I. Car- 
pus und Tarsus. Leipzig (W. Engelmann) 1864. VIII. 127 pp. 6 Taf. 4». 




73] Carl Gegenbaur. 461 






Ein Fall von erblichem Mangel der Pars acromialis claviculae, mit 
Bemerkungen über die Entwickelung der Clavicula. Jenaische Zeitschr. f. 
Med. und Naturw. I. p. 1—16. Leipzig 1864. 

Über die episternalen Skeletteile und ihr Vorkommen bei den Säuge- 
tieren und beim Menschen, ibid. I. p. 175-195. Leipzig 1864. 

Upon the Episternal Portions of the Skeleton, as they appear in 
Mammalia and in Man. Nat. Hist. Review. V. p. 545—567. London 1865. 

Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere. 11. Schul- 
tergürtel der Wirbeltiere. Brustflosse der Fische. Leipzig (W. Engelmann) 
1865. VI. 176 pp. 9 Taf. 4^ 

Über den Brustgürtel und die Brustflosse der Fische. 1865. Jenaische 
Zeitschr. f. Med. und Naturw. II. p. 121-125. Leipzig 1866. 

Über die Entwickelung des Schlüsselbeins. Nachschrift zur gleich- 
namigen Abhandlung von Bruch 1866. Ibid. 111. p. 304-307. Leipzig 1867. 

Über die Drehung des Humerus. Ibid. IV. p. 50—63. 1 Taf. Leip- 
zig 1868. 

Sur la torsion de Thumdrus. Ann. Scienc. Nat. (5) Zoologie X. p. 55 
bis 67. Paris 1868. 

Über das Gliedmaßenskelet der Enaliosaurier. Jenaische Zeitschr. 
f. Med. und Naturw. V. p. 332—349. 1 Taf. Leipzig 1870. 

Über das Skelet der Gliedmaßen der Wirbelthiere im Allgemeinen und 
der Hintergliedmaßen der Selachier insbesondere. Ibid. V. p. 397 — 447. 2 Taf. 
Leipzig 1870. 

Über die Modifikationen des Skelets der Hintergliedmaßen bei den 
Männchen der Selachier und Chimären. Ibid. V. p. 448—458. 1 Taf. Leip- 
zig 1870. 

[Beiträge zur Kenntnis des Beckens der Vögel. 1870. Ibid. VI. p. 157 
bis 220. 3 Taf. Leipzig 1871 (siehe auch sub 3 b. a).] 

Über das Archipterygium. 1872. Ibid. VII. p. 131—141. I Taf. Leip- 
zig 1873. 

Über den Ausschluß des Schambeins von der Pfanne des Hüftgelenks. 
Morph. Jahrb. II. p. 229—240. 1 Taf. Leipzig 1876. 

Zur Morphologie der Gliedmaßen der Wirbeltiere. Ibid. II. p. 396 — 420. 
Leipzig 1876. 

Zur Gliedmaßenfrage. An die Untersuchungen v. Davidoffs angeknüpfte 
Bemerkungen. Ibid. V. p. 521—525. Leipzig 1879. 

Kritische Bemerkungen über Polydaktylie als Atavismus. Ibid. VI. 
p. 584-596. Leipzig 1880. 

Über die Malleoli der Unterschenkelknochen. 1886. Ibid. XII. p. 306. 
Leipzig 1887. 

Über Polydactylie. Ibid. XIV. p. 394—406. Leipzig 1888. 



462 Max Fürbringer [74 



■^^v* 



Das Flossenskelet der Crossopterygier und das Archipterygium der 
Fische. 1894. Ibid. XXII. p. U^-\6ö. Leipzig 1895. 

Clavicula und Cleithrum. Ibid. XXIII. p. 1—20. 5 Textflg. Leipzig 1895. 

c. Muskelsystem. 

Ein Fall von mehrfachen Muskelanomalien an der oberen Extremität. 
Virchows Arch. f. path. Anat., Phys. und klin. Med. XXI. p. 376—385. 
1 Taf. Berlin 1861. 

Über den Musculus omohyoideus und seine Schlüsselbeinverbindung. 
1875. Morph. Jahrb. I. p. 243—265. Leipzig 1876. 

Bemerkungen über den Musculus flexor brevis pollicis und Verände- 
rungen der Handmuskulatur. Ibid. XV. p. 483 — 489. Leipzig 1889. 

Zur Systematik der Rückenmuskeln. Ibid. XXIV. p. 205—208. Leip- 
zig 1896. 

d. Nervensystem. 

Über das Verhältnis des Nervus musculocutaneus zum N. medianus. 
1866. Jenaische Zeitschr. f. Med. und Naturw. III. p. 258—263. Leipzig 1867. 

Über die Kopfnerven von Hexanchus und ihr Verhältnis zur „Wirbel- 
theorie" des Schädels. Ibid. VI. p. 497—559. 1 Taf. Leipzig 1871. 

[Siehe ferner über den Canalis Fallopii 1876 sub 3 b. ß.] 

e. Hautsystem und Sinnesorgane. 

Kurze Mitteilung über die Struktur der Tasthaare. Verh. d. phys.-med. 
Gesellsch. in Würzburg. I. p. 58—61. Würzburg 1850. 

Untersuchung über die Tasthaare einiger Säugethiere. Zeitschr. f. wiss. 
Zool. III. p. 13—27. Leipzig 1851. 

Über die Nasenmuscheln der Vögel. 1871. Jenaische Zeitschr. f. Med. 
und Naturw. VII. p. 1—21. Leipzig 1873. 

Bemerkungen über die Milchdrüsenpapillen der Säugethiere. Ibid. VII. 
p. 204—217. Leipzig 1873. 

Zur genaueren Kenntnis der Zitzen der Säugethiere. 1875. Morph. Jahrb. 
I. p. 266-281. Leipzig 1876. 

Ein Fall von mangelhafter Ausbildung der Nasenmuscheln. Ibid. V. 
p. 191—192. Leipzig 1879. 

Zur näheren Kenntniß des Mammarorgans von Echidna. Ibid. IX. 
p. 604. Leipzig 1884. 

Zur Morphologie des Nagels. Ibid. X. p. 465—479. Leipzig 1885. 

Über das Rudiment einer septalen Nasendrüse beim Menschen. 1885. 
Ibid. XI. p. 486-488. Leipzig 1886. 

Zur Kenntnis der Mammarorgane der Monotremen. Leipzig (W. Engel- 
mann) 1886. 33 pp. 2 Textfig. 1 Taf. 4°. (P. J. van Beneden zum SOjihr. 
Professor-Jubiläum gewidmet.) 




75] Carl Gegenbaur. 463 



f. Eingeweidesystem. 

Ein Fall von Nebenpankreas in der Magenwand. Reicherts und du 
Bois - Reymonds Arch. f. Anat., Phys. und wiss. Med. 1863. p. 163 — 165. 
Leipzig 1863. 

Bemerkungen über den Vorderdarm niederer Wirbelthiere. Morph. 
Jahrb. IV. p. 314—319. Leipzig 1878. 

Die Gaumenfalten des Menschen, ibid. IV. p. 573-583. Leipzig 1878. 

Über die Unterzunge des Menschen und der Säugethiere. Ibid. IX. 
p. 428-456. Leipzig 1884. 

Bemerkungen über die Abdominalporen der Fische. 1884. ibid. X. 
p. 462-464. Leipzig 1885. 

Beiträge zur Morphologie der Zunge. Ibid. XI. p. 566-606. Leipzig 1886. 

Über Coecalanhänge am Mitteldarm der Selachier 1891. Ibid. XVIII. 
p. 180—184. Leipzig 1892. 

Die Epiglottis. Vergleichend-anatomische Studie. Leipzig (W. Engel- 
mann) 1892. VII. 70 pp. 15 Textfig. 2 Taf. gr. 4". (A. v. Kölliker zum 
50 jähr. Doktorjubiläum gewidmet.) 

Zur Phylogenese der Zunge. Morph. Jahrb. XXI. p. 1-18. Leipzig 1894. 

g. Gefäßsystem. 

Ein eigentümlicher Befund an der Eustachischen Klappe. J865. Je- 
naische Zeitschr. f. Med. und Naturw. II. p. 125 — 126. Leipzig 1866. 

Zur vergleichenden Anatomie des Herzens. I. Über den Bulbus 
arteriosus der Fische. II. Über die Atriovcntricularklappen der rechten 
Kammer bei Crocodilcn, Vögeln und bei Ornithorhynchus. 1865. Ibid. II. 
p. 365-385. Leipzig 1866. 

E:in l'all von Einmündung der oberen rechten Lungenvene in die obere 
Mohlvene. Morph. Jahrb. VI. p. 315 317. Leipzig I8S0. 

Über den Conus arteriosus der Irische. Ibid. XVII. p. 596 610. Leip- 
zig IS9I. 

[Siehe ferner über das Vorkommen Purkinje'scher Fäden 1877 sub 3a.| 

H. Besprechungen. 

Einige Bemerkungen zu (joette's „Entwickhinv^sgeschichte der Unke 
als Grundlage einer vergleichenden Morphologie der Wirbeltiere". 1875. 
Morph. Jahrb. I. p. 299 -345. Leipzig 1876. 

Marsh, (). C. Introduction and Succession of Verlebrate Life in 
America. Ibid. IV. p. 76. Leipzig 1878. 

(jrenacher, 11. Untersuchungen über das Anhropodenauge. Im 
Auszuge mitgeteilt. Ibid. IV. p. 328. Leipzig 1878. 



464 Max Fürbringer [76 



Hanstein, J. Christian Gottfried Ehrenberg, ein Tagewerk auf dem 
Felde der Naturforschung des neunzehnten Jahrhunderts. Ibid. IV. p. 503- 504. 
Leipzig 1878. 

Kessler, L. Zur Entwicklung des Auges. Ibid. IV. p. 679—680. 
Leipzig 1878. 

Grenacher, H. Untersuchungen über das Sehorgan der Arthro- 
poden, insbesondere der Spinnen, Insekten und Crustaceen. Ibidem. V. 
p. 399-400. Leipzig 1879. 

Pansch, A. Die Furchen und Windungen am Großhirn des Menschen. 
Ibid. V. p. 400. Leipzig 1879. 

Schneider, A. Beiträge zur vergleichenden Anatomie und Entwick- 
lungsgeschichte der Wirbeltiere. V. p. 526. Leipzig 1879. 

Krause, C. F. Th. Handbuch der menschlichen Anatomie. 3. Aufl. 
Ibid. VI. p. 318. Leipzig 1880. 

Pansch, A. Grundriß der Anatomie des Menschen. Ibid. VI. p. 318. 
Leipzig 1880. 

Schwalbe, G. Lehrbuch der Neurologie. Ibid. VI. p. 318. Leipzig 1880. 

Daniels, C. E. Het leven en de Verdiensten van Petrus Camper. 
1882. Ibid. VIII. p. 351—352. Leipzig 1883. 

Thijssen, E. H. M. Nicolaas Tulp, als geneeskundige geschetzt. Eene 
Bijdrage tot de geschiedenis der Geneeskunde in de XVII e Eeuw. 1882. 
Ibid. VIII. p. 351—352. Leipzig 1883. 

Aeby, Chr. Der Bronchialbaum der Saugethiere und des Menschen 
nebst Bemerkungen über den Bronchialbaum der Vögel und Reptilien. 1882. 
Ibid. VIII. p. 483-^184. Leipzig 1883. 

Swirski, G. Untersuchungen über die Entwicklung des Schulter- 
gürtels und des Skelets der Brustflosse des Hechtes. 1882. Ibid. VIII. 
p. 484. Leipzig 1883. 

Baume, R. Versuch einer Entwicklungsgeschichte des Gehirns. Ibid. 
Vlll. p. 684. Leipzig 1883. 

Flemming, W. Zellsubstanz, Kern und Kemtheilung. 1883. Ibid. IX. 
p. 166. Leipzig 1884. 

Hertwig, O. Die Entwicklung des mittleren Keimblattes der Wirbel- 
thiere. II. Teil 1883. Ibid. IX. p. 167-169. Leipzig 1884. 

Virchow, H. Beitrage zur vergleichenden Anatomie des Auges. 1883. 
Ibid. IX. p. 168. Leipzig 1884. 

Rautenfeld, E. v. Morphologische Untersuchungen über das Skelet 
der hinteren Gliedmaßen von Ganoiden und Teleostiem. 1883. Ibid. IX. 
p. 325—326. Leipzig 1884. 

Gruber, W. Beobachtungen aus der menschlichen und vergleichen- 
den Anatomie. IV. Heft. 1883. Ibid. IX. p. 326-328. Leipzig 1884. 




77] Carl Gegenbaur. 465 



Testut, L. Les Anomalies musculaires chez Thomme. 1884. Ibid. X. 
p. 331—336. Leipzig 1885. 

Retzius, G. Gehörorgan der Wirbeltiere. 1885. Ibid. XI. p. 126- 128. 
Leipzig 1886. 

IIL Lehrbucher und Handbücher. 

I. Über vergleichende Anatomie. 

Originaibeiträge zu Carus, J. V., Jcones zootomicae. I. Die wirbel- 
losen Tiere. 23 Taf. mit Text. Leipzig (W. Engelmann) 1857. Roy. Fol. 

Grundzüge der vergleichenden Anatomie. 1. Aufl. Leipzig (W. Engel- 
mann) 1859. XIV. 606 pp. 198 Abb. 8^ 

Herausgabe von Rathke, H. Vorträge zur vergleichenden Anatomie 
der Wirbelthiere. Mit einem Vorwort von C. Gegenbaur. Leipzig (W. Engel- 
mann) 1862. VI. 170 pp. 8\ 

Grundzüge der vergleichenden Anatomie. 2. Aufl. Leipzig (W. Engel- 
mann) 1870. XII. 892 pp. 319 Abb. 8^ 

Manuel d*Anatomie compar^e. Trad. par C. Vogt Paris (C. Reinwald) 
1874. 8^ 

Grundriß der vergleichenden Anatomie. 1. Aufl Leipzig (W. Engel- 
mann) 1874. VIII. 660 pp. 320 Abb. 8». 

Grundriß der vergleichenden Anatomie. 2. Aufl. Leipzig (W. Engelmann) 
1878. VI 11. 655 pp. 356 Abb. 8». 

Elements of Comparative Anatomy, translat. by F. Jeffrey Bell. The 
translat. revised and a preface written by E. Ray Lankester. London (Mac- 
millan & Co.) 1878. XXVI. 645 pp. 8'>. 

Manuale di Anatomia comparata. Trad. da Emery. Napoli (Detken & 
Rocholl) 1882. 8'\ 

Vergleichende Anatomie der Wirbclthiere mit Berücksichtigung der 
Wirbellosen. I. Leipzig (W. Engelmann) 1898. VIII. 978 pp. 346 Abb. gr. 8». 

Vergleichende Anatomie derWirbelthiere etc. II. Leipzig (W. Engelmann) 
1901. VIII. 696 pp. 355 Abb. gr. 8^ 

2. Über Anatomie des Menschen. 

Lehrbuch der Anatomie des Menschen: 

1. Aufl. Leipzig (W. Engelmann) 1883. VII. 984 pp. 558 Abb. 8*. 

2. Aufl. Ibid. 1885. XVll. 1041 pp. 597 Abb. 8r 

3. Aufl. Ibid. 1888. XVIIl. 1057 pp. 619 Abb. 8». 

Traite d'Anatomie humaine. Trad. sur la 3e edit par Ch. Julin. 
Paris (C. Reinwald) 1889. 8". 

Festschrift dar Universität Heidelberg. 11. 30 



466 Max Fürbringer, Carl Gegenbaur. [78 






4. Aufl. 1. Leipzig (W. Engelmann) 1890. XIV. 470 pp. 329 Abb. 
11. Ibidem 1890. X. 624 pp. 323 Abb. 

5. Aufl. I. Ibid. 1892. XIV. 468 pp. 329 Abb. 

II. Ibidem 1892. X. 622 pp. 339 Abb. 8". 

6. Aufl. 1. Ibid. 1895. XVI. 477 pp. 343 Abb. 

11. Ibidem 1896. X. 650 pp. 370 Abb. 8". 

7. Aufl. I. Ibid. 1898. XVlll. 478 pp. 346 Abb. 

II. Ibidem 1899. X. 658 pp. 388 Abb. 8^ 

IV. Herausgabe von Zeitschriften. 

Jenaische Zeitschr. f. Medizin und Naturu'issenschaft, herausgegeben 
von der medizinisch-naturwissenschaftlichen Gesellschaft zu Jena. Band 
I>-VI1. Leipzig (W. Engelmann) 1864—1873. 8^ [Danach ging die noch jetzt 
bestehende Zeitschrift in anderen Verlag (H. Dufft, dann G. Fischer) und 
in andere Redaktion über.] 

Morphologisches Jahrbuch. Eine Zeitschr. f. Anatomie und Entwicke- 
lungsgeschichte. Herausgegeben von Carl Gegenbaur in Heidelberg. Band 
I— XXIX. Leipzig (W. Engelmann) 1875/76-1900 02. Band IV. mit Supplement 
C. Th. E. von Siebold zur 50jährigen Jubelfeier den 22. April 1878 zugeeig- 
net. 152 pp. 8 Taf. [Danach ging die Zeitschrift im gleichen Verlage in die 
Redaktion von Georg Rüge in Zürich über.] 

V. Ankündigung der Disputatio publica. 

Medicinae et Chirurgiae Doctor, Professor publicus Ordinarius Pride- 
ricus Adolphus Schmidt, Gratiosi Medicorum Ordinis h. t. Decanus etc. ad 
Disputationem public am Se praeside pro summis in Medicina, Chi- 
rurgia et Arte obstetricia honoribus rite obtinendis a praenobili, clarissimo 
et perdocto Viro ac Domino Carolo Gegenbaur, Wirceburgensi die 
XVI. mensis April MDCCCLI hora nona matutina habendam Rectorem Aca- 
demiae Magnificum, patres conscriptos, omnium ordinum professores, cives 
academicos, literatos denique et literarum fautores omni, qua par est, 
humanitate invitat. Wirceburgi (C. Becker) 1851. Dissertatio inauguralis: 
De limacis evolutione. Theses No. I— XL Quaestio Praesldis: De inspec- 
tione juvenum ad militiam conscriptorum. Quaestio Promovendi: De humani 
generis unitate nativa. 8 pp. 8°. 

VI. Selbstbiographie. 

Erlebtes und Erstrebtes. Mit einem Bildnis des Verfassers. Leipzig 
(W. Eingelmann) 1901. 114 pp. Kl. 8". 




.jäim 



Namenregister, 



30* 




Ackermann» Jakob Fidelis, Ana- 
tom, 11 3. 161. 366. 

Agassiz, L., Zoolog, 1! 430. 

Alexius ab Aquilino, Orienta- 
list, 11 8 f. 23. 

Amicis, G., Botaniker, 11 279 f. 

Arlt, Ophthalmolog II 197. 198 f. 

Arndt, Ernst Moritz, II 300. 

Arn etil, Arthur, Mathematiker, II 
229 f. 

Arnim, Achim von, 1 360 362'. 

Arnold, Friedrich, Anatom u. Phy- 
siolog, II 3 ff. 416. 420 f. 442. 

Arnold, Julius, path. Anatom, II 
72 f. 74. 75 f. 81. 83. 96. 165. 167. 
421. 

Arnold, Wilhelm, Mediziner, II 7. 
10 f. 12. 13. 15 f. 18. 24. 28. 67. 
75. 97. 107. 

Arnoldi, W., Botaniker, II 308. 

Aronhold, Mathematiker, II 237. 

Ast, Friedrich, Philolog, I 378. 

Askenasy, Botaniker, II 273. 

Auwers, Chemiker, II 380. 

Baer, Carl Ernst von, II 446. 
Bahr, Christian Felix, Philolog, I 

295. 
Baeyer, Adolf, Chemiker, 11 269. 

370. 373. 



) 



4 



Balfour, F. M., Zoolog, II 432. 
433. 

Bardeleben, Chirurg, II 147. 

Bartsch, Karl, Germanist u. Ro- 
manist, 1 63. 

Bary, Anton de, Botaniker, II 272. 
276. 320. 323. 

Baumgarten, Hermann, Histo- 
riker, I 313^ 315. 329. 342 ''. 

Bayer, L, vergl. Anatom, II 417. 
438. 

Beck, Bernhard, Mediziner, II 38. 

Becker, Otto, Ophthalmolog, II 
75. 197 ff. 

Beer, Ophthalmolog, II 194. 

Behring, Hygieniker, II 151. 

Beneden, B. J. van, vergl. Anatom, 
II 418. 462. 

Bergh, Rudolf, vergl. Anatom, II 
414. 421. 

Bernays, A.C., vergl. Anatom, II 
417. 434. 438. 

Bernard, Claude, Physiolog, II 
211 f. 

Bernthsen, August, Chemiker, II 
363. 

Bert hold, Leonhard, Orientalist, I 
43. 44. 

Bessel, Friedrich Wilhelm, Astro- 
nom, 11 235. 




470 



Namenregister. 



•'^ V. 



Bessel-Hagen, E^ Physiker, II 

249. 
Beyschlag. Willibald, Theolog, I 

341*. 
Bezold, Albert von, Physiolog, II 

405. 406. 413. 
Bilharz, Theodor, Zoolog, II 38. 

53 89 f. 106. 
Billroth, Theodor, Chirurg, II 145. 
Bisch off. Gottlieb Wilhelm, Bota- 
niker, II 272. 
Bischoff, L W. Th., Anatom, II 

18. 67. 
Bismarck I 3]9f. II 414. 
Bjerknes, Physiker, II 260. 
Blum. Reinhard, Mineralog, 1, XIII. 

II 215. 
Bluntschli, Johann, Kaspar, Ju- 
rist, I 271. 273 f. 275 ff. 280. 
Boas, J. E. V., vgl. Anatom, II 417. 

434. 436. 437. 438. 
Böckh, August, Philolog, I, XV. 41. 

357 ff. 
Boll. F., Physiolog, II 215. 217. 
Bolzano, Mathematiker, II 232. 
Born, G., vergl. Anatom, II 417. 

434. 
Bornträger, Chemiker, II 363. 
Bozenmann, Chirurg, II 148. 
Braun, AI., Botaniker, 11308.314. 

352. 
Braun, Heinrich, Chirurg, II 153. 
Braus, H., vergl. Anatom, 11 417. 

432. 434. 435 437. 
Brendel, Sebald, Jurist, I 215. 
Brentano, Clemens, I 360. 
Brinz, Pandektist, 1 149. 173. 189. 
Brock, J., vergl. Anatom, 11 417. 

437. 
Bronn, Heinrich Georg, Zoolog, 1 

Xllf. 11 11. 19. 
Brown, Robert, Botaniker, II 293 f. 
Brücke, Ernst, Physiolog, II 213. 

214. 325 f. 334. 335. 
Brühl, Chemiker, II 363. 



I 



\ 



Bruns, Pandektist, 1 146. 149. 181. 

184. 195. 201. 202. 
Bulmerincq, August von, Jurist, 

I 280. 

Bunsen, Robert Wilhelm, I, XI. 41. 

135. 179. 185. 336. II 68. 74. 160. 

215. 246. 252 f. 258. 277. 361 • 362 ff. 

368. 375 ff. 381. 
Burchardi, Pandektist, I 178. 

Carus, J. V., Zoolog, II 413. 414. 

438. 465. 
Caspary, Robert, Botaniker, II 

272. 
Cauchy, Mathematiker, II 232 f. 
Chelius, Franz von, Operateur, II 

138. 
Chelius, Max Joseph von, Chirurg 

und Ophthalmolog, II 12. 68. 133 ff. 

154. 159. 194. 
Christ mann, Jakob, Orientalist, I 

10. 54 f. 
Clebsch, Mathematiker, II 237. 
Conradi, Joh. Wilh. Heinrich, Kli- 
niker, II 12. 161. 
Corda, A.J. C, Botaniker, II 294. 
Corning, H. K-, vergl. Anatom, 

II 417. 435. 436. 437. 
Creuzer, Friedrich, Philolog, l,XV. 

37. 47. 48. 49. 50. 80. 295. 357. 

359. 360. 362. 363. 367. 405. 
Crop p, Friedrich, Jurist, 1 162. 170. 
Cuvier II 446. 

Dahlmann, Karl, Historiker, 1 299. 

300 f. 315 f. 
Darwin, Charles, I, XIII. II 304. 

354 f. 399. 408. 409. 446. 
Daub, Karl, Theolog, I 43 f. 79 ff. 

102. 107 f. 109.118. 131. 165. 403. 
David, Ophthalmolog, II 203. 
Davidoff, M. von, vergl. Anatom, 

II 317. 433. 435. 461. 
De Candolle, Botaniker, II 289. 
Deecke, Th., Botaniker, II 284 f. 




Namenregister. 



471 



Delffs, Chemiker, II 68. 363. 

Dereser (Thaddaeus vom heiligen 
Adam), Orientahst, 1 23 ff. 36. 

Dierbach, Johann Heinrich, Bo- 
taniker, II 11. 12. 

Dochow, Adolf, Jurist, I 243. 

Donders, Ophthaimolog, 11 193. 
199. 

Drach, von, Mathematiker, 11237. 

Droysen, Johann Gustav, Histo- 
riker, I 297«. 315. 325». 326. 

Du Bois-Reymond, Physiolog, II 
211. 213. 

Duchek, Kliniker, II 162. 

Duncker, Max, Historiker, I 315. 
326. 

Dur&ge, Mathematiker, II 237. 

Dusch, Theodor von, Kliniker, II 
74. 153. 162. 

Ecker, Alexander, Anatom, II 36. 
Eggeling, H., vergl. Anatom, II 

417. 435. 436. 437. 
Eisen loh r, August, Ägyptolog, 1 

63 f. 
Eisenmenger, Johann Andreas, 

Orientalist, 1 13 f. 
Elmsley, Philolog, 1 395. 
Engelmann, Botaniker, II 273. 
Engelmann, Th. W., Physiolog, 

II 413. 414. 
Engelmann, Wilhelm, Buchhänd- 
ler, II 414. 421. 
Engert, H., vergl. Anatom, II 417. 

435. 
Erdmannsdörffer, Bernhard, 

Historiker, I, VII ff. 353 f. 
Euler, Mathematiker, II 232. 
Eytelwein, Mathematiker, II 232. 

Feddcrsen, Physiker, II 250. 

Feuerbach, P. J. A., Kriminalist, 
I 209. 219. 223. 

Fichte, Johann Gottlieb, Philo- 
soph, I 373. 



t 






Fischer, Kuno, Philosoph, I, VII. 

II 405. 414. 421. 422. 447. 
Flower, vergl. Anatom, II 415. 
Fohmann, Vinzenz, Anatom, II 

11. 13. 16. 
Foucauld, Physiker, II 253 f. 
Francke, Pandektist, I 178. 
Frank, A. B., Botaniker, II 332 f. 

334. 
Frenkel, Fr, vergl. Anatom, II 

412. 431. 
Freytag, Gustav, I 297. 315. II 270. 
Friedreich, Nicolaus, Kliniker, II 

74. 82. 161 ff. 397. 398. 421. 429. 

460. 
Fries, Jakob Friedrich, Philosoph, 

I, XIV. 36 f. 50. 72. 
Fuchs, Immanuel Lazarus, Mathe- 
matiker, II 241 f. 
Fürbringer, Max, Anatom, II 412. 

416. 417. 423. 432. 434 f. 437. 
Fürbringer, Paul, Mediziner, II 

167. 413. 
Funke, Otto, Physiolog, 11270.272. 

G a d o w , H., vergl. Anatom, II 417. 

435. 
Gambsjäger, Franz Wilhelm An- 
ton, Jurist, 1 155. 200. 
Gans, Eduard, Jurist, I 193. 
Gaß, Wilhelm, Theolog, I 127 ff. 
Gattermann, Ludwig, Chemiker, 

II 367. 378. 380. 
Gauß, Mathematiker, II 252. 
Gegenbaur,Carl, Anatom, I, XVI; 

II 3. 75. 82 f. 162. 171. 187. 391 ff. 
Gelcznoff, N., Botaniker, II 294. 
Gensler, Johann Kaspar, Jurist, 

I 215. 224. 
Gerhardt, Karl, Mediziner, II 405. 
G ervin US, G. G., Historiker, I 

304 f. 309. 315. 324. 335. 
Gierke, Otto, Jurist, 1 279. 
Giesebrecht, Ludwig, Historiker, 

I 315. 



Lir. 



472 



Namenregister. 






Gmelin, Kriminalist, I 205 f. 
Gmelin, Christian Gottlob, Che- 
miker, II 362. 
Gmelin, Johann Friedrich, Che- 
miker, II 361. 
Gmelin, Leopold, Chemiker, II 

10. 12. 68. 159. 361 f. 
Gneist, Rudolf, Jurist, I 277. 
Göbel, C, Botaniker, II 277. 342. 

356. 
Gönner, Jurist, I 259 f. 
Göppert, E., Anatom, 11416.431. 

435. 436. 437. 
Görres, Joseph, I 360. 
Goethe II 409. 410. 
Goette, A., Zoolog, II 438. 
Göttling, Karl, Philolog, I 295. II 

404. 
Goldschmidt, H., Chemiker, II 

371 f. 380. 
Goldschmidt, Levin, Jurist, 1 

231. 232 f. 234. 340». 
Gomperz, Theodor, Philolog, I 

404. 
Goronowitsch,N.,vergl. Anatom, 

II 417. 435. 
Gottsche, J., Botaniker, II 294. 
Graebe, Chemiker, II 289. 
Gräfe, Albrecht von, Ophthalmo- 

log, II 149. 193 f. 202. 
Graham, Th., Botaniker, II 334. 
Grassi, B., vergl. Anatom, II 417. 

431. 
Green, Physiker, II 251 f. 
Guignard, L, Botaniker, II 289. 
Gundelfinger, Mathematiker, II 

237. 238. 



Häckel, Ernst, Zoolog, II 304. 

405. 407 ff. 414. 415. 421. 422. 

427. 430. 445. 
H ausser, Ludwig, Historiker, I 

179. 185. 276. 285 ff. 295 ff. 320 ff. 
Hagen, Karl, Historiker, I 353. 



t 



Haies, Stephan, Botaniker, II 325 f. 

327. 
Haller, B., Zoolog, II 417. 435.437. 
Hammer, Joseph von, I 45. 47. 

56. 57. 
Hansemann, G., Physiker, II 262. 
Hanstein, J. von, Botaniker, II 

*j 1 1. 
Hase, Karl, Theolog, II 404. 
Hasse, Karl Ewald, Kliniker, II 74. 

160. 161 f. 
Haym, Rudolf, I 342«. 
Heeren,A. H. L., Historiker,! 373. 
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, 

Philosoph, I,XIV. 41. 81. 84. 85. 

91 ff. 98. 101 f. 108. 112. 126.130. 

145 f. 176. 266 f. 
Hegelmaier, Botaniker, II 346. 
Heindorf, L. Fr., Philolog, 1377. 

380. 
Heinze, Rudolf, Jurist, I 243 ff. 
Heise, Georg Arnold, Jurist, I 144. 

153 ff. 176. 180. 192. 194 f. 198. 
Helmholtz, Hermann, I, XI. 41. 

134. II 73 f. 142. 160. 193. 196. 

209 f. 216. 258. 259. 447. 
Hengsten berg, E. W., Theolog, 

I 50f. 

Henle, Jakob, Anatom u. Physio- 

log, II 3. 36. 46. 66. 67 ff. 107. 

159. 162. 
Henrici, O., Mathematiker, II 237. 
Hepp, Kari Ferdinand Theodor, 

Kriminalist, I 236. 237. 
Herder, Joh. Gottfr., I 193. 
Hermann, Gottfried, Philolog, I 

376 f. 380. 394 ff. 404. 
Herrmann, Emil, Jurist, I 242. 
Hertwig, O., Zoolog, II 413. 430. 
Hertwig, Richard, vergl. Anatom, 

II 413. 

Hertz, Heinrich, Physiker, II 250. 
Hess, C, vergl. Anatom, II 417. 

435. 
Heß, E., Mathematiker, II 237. 



Namenregister. 



473 



Hesse, Ludwig Otto, Mathema- 
tiker, II 233 ff. 275. 

Hier holzer, Mathematiker, II 237. 

Hindenburg, Karl Friedrich, Ma- 
thematiker, II 224 f. 

Hirzel, Salomon, Buchhändler, 
II 270. 

Hitzig, Ferdinand, Orientalist, I 
36. 65 ff. 

Ho des, M., Anatom, II 27. 30. 

Hofmann, A. W., Chemiker, II 263. 
269. 

Hofmeister, Wilhelm, Botaniker, 
II 257 ff. 

Hol leben, von, nachmaliger Bot- 
schafter, I 340. 

Hülsten, Karl, Theolog, I 130. 

Holtzmann, Adolf, Indogermanist 
und Germanist, I 61 ff. 

Hommel, Kriminalist, I 206. 

Horkel, Botaniker, II 279. 

Horstmann, physikalischer Che- 
miker, II 363. 

Hose US, Historiker, I 340. 

Hubrecht, A. A. W., vergl. Ana- 
tom, II 417. 432. 

Hüllmann, Philolog, I 388. 

Hugenin, Hebraist, 1 14. 

Hugo, Gustav, Jurist, I 138. 157. 
163 f. 195. 367. 

Hupfeld, Orientalist, 1 36.51.68. 

Huschke, Emil, Anatom u. Phy- 
siolog, II 404. 405. 413. 

Huxley, Th. H., vergl. Anatom, II 
431. 439. 446. 

Hyrtl, Anatom, II 66. 

Irmisch, Th., Botaniker, II 276. 
307. 

Isenbiehl, Joh. Lorenz, Orien- 
talist, I 19 ff. 27. 52. 

Jacobi, C. G. J., Mathematiker, 

II 230. 234. 235. 239. 
Jacobson, Paul, Chemiker, 11372. 






V 



Jäger, E. von, Ophthalmolog, II 
198. 

Jäger, L, Botaniker, II 294. 

Jan nasch, Chemiker, II 380. 

Janson, Franz, Jurist, I 209 f. 

Jessen, C, Botaniker, II 338. 

Jhering, Rudolf, Jurist, I 149. 150. 
188. 193. 201. 202. 

Jobert de Lamballes, Chirurg, 
II 147. 

Johannes a S. Cruce, Karme- 
liter, Theolog in Heidelberg, I 
23. 24. 

Johnson, H., Botaniker, II 331. 
332. 333. 

Jolly, Julius, Minister, I 200 f. 

Jo 1 ly, Philipp, Physiker, 1328». 335. 
II 179. 245. 

Jordan, Sylvester, Jurist, II 272. 

Jost, L, Botaniker, II 291. 

Jung, Johann, Theolog in Heidel- 
berg, I 21. 23. 

Kammerlingh-Onnes, Physiker, 

II 249. 
Kant, Immanuael, 181.84. 85. 90. 

91. 102. 108. 126. 165. 167. 173. 

217. 395. 11 447. 
Kayser, Karl Ludwig, Philolog, 

I, XV. 405. 
Kekule, August, Chemiker, II 

171. 376. 
Keller, Ludwig, Jurist, I 176. 186. 

188. 
Kern, von, Historiker, I 340. 
Kieser, Dietrich, Kliniker, II 404. 
Kirch hoff, Gustav Robert, Physi- 
ker, I, XII. 41. 135. 179,1174. 160. 

215. 236. 245 ff. 277. 
Klaatsch, H., vergl. Anatom, II 

416. 430. 431. 434. 435. 436. 437. 
Klopp, Onno, Historiker, I 342'. 

347. 
Kluckhohn, August, Historiker, 

I 340'. 



474 



Namenregister. 



Kl üb er, Johann Ludwig, Jurist, 

I 260 f. 263 f. 265 f. 267. 269. 271. 
Knapp, Hermann, Ophthalmolog, 

II 145. 195 ff. 200. 

Knauff, Franz, Mediziner, II 167. 

Knauth, J., Botaniker, II 273. 

Knies, Karl, Nationalökonom, I 

XIV, II 275. 277. 

K n ight, Thomas, Botaniker, II 330. 

331. 
Knoevenagel, Chemiker, II 380. 

Knorz, Botaniker, II 280. 

Kobelt, Georg Ludwig, Anatom, 
II 18 f. 36. 38. 51. 

Koch, G. V., vergl. Anatom, II 413. 

Köchly, Hermann, Philolog, I,XV. 

Kolli ker. Albert, Anatom, II 29. 
162. 396 f. 399. 401.403. 418.428. 
455. 460. 463. 

Königsberger, Leo, Mathema- 
tiker, II 241. 258. 

Kopp, Hermann, Chemiker, II 
258. 263. 

Kopp, ü. F., Paläograph, I 394'. 
400. 

Kortüm, J. Fr. Chr., Historiker, 

I 353. 

Krutitzky, Botaniker, II 273. 
Kühne, Willy, Physiolog, I, XP. 

II 74. 210 ff. 

Laban d, Paul, Jurist, I 279. 
Lamarck, Jean, Zoolog, II 309. 
Lang, V. von, Physiker, II 249. 
Lange, Wilhelm, Gynäkolog, II 

68. 130. 
Langsdorff, Johann Wilhelm von, 

Technolog, II 226. 
Langsdorff, Karl Christian von, 

Technolog und Mathematiker, II 

226 f. 363. 365. 
Leche, W., vergl. Anatom, II 417. 

43.^. 437. 
Legendre, Mathematiker, II 230 f. 
Lehmann, Ma.x, Historiker, I 324. 



t 



Leiblein, Zoolog, II 403. 
Leibniz, Gottfried Wilhelm, II 

223 f. 
Leitgeb, H., Botaniker, II 306 f. 

311. 347. 349. 
Leonhard, Karl Kaspar, Geolog, 

I 271. 
Leszczyk-Suminsky, Graf, Bo- 
taniker, II 299. 

Leubuscher, Rudolf, Mediziner, 

II 405. 

Leuckard, F. Sigismund, Zoolog 

u. Physiolog, II 11. 18 f. 36 f. 38. 
Leydig, Franz, Anatom, II 397. 

403. 
Liebermann, Karl, Chemiker, 

II 368'. 369. 385. 
Liebig, Chemiker, II 364. 379. 
Lindley, Botaniker, II 319. 
Link, H., Botaniker, II 339. 
Lippmann, G., Physiker, II 249. 
Lippschitz, Mathematiker, II 237. 
List, Friedrich, Nationalökonom, 

I 297. 312. 313. 
Loening, Richard, Kriminalist, I 

220. 234. 
Lorsch, Rechtshistoriker, I 340. 
Lotsy, J. E., Botaniker, II 289. 
Lücke, Orientalist, I 44 f. 
Lüroth, Mathematiker, II 237. 
Luschka, Hubert, Anatom, 1138. 

52. 53. 67. 



Macaulay 1 314. 332. 

Marcus, K. Fr., Mediziner, II 
162 f. 398. 

Marheineke, Philipp Konrad, 
Theolog, I 41. 85. 93 f. 

Marquardsen, Heinrich, Jurist, 
I 279. 

Martin, Christoph Reinhard Diet- 
rich, Jurist, I 156. 158. 210 ff. 

Mathy, Karl, II 270. 

Matteucci, Botaniker, II 327. 



Namenregister. 



475 



Maurer, Fr., vgl. Anatom, II 416. 

435. 436. 437. 438. 
May, Franz Anton, Mediziner, II 

113 ff. 
Mayen, F., Botaniker, II 339. 
Mayer, Ad., Mathematiker, II 237. 
Mayer, Fr., vergl. Anatom, II 417. 

438. 
Meier, M. H. E., Philolog, I 394. 
Mein ecke, Friedrich, Historiker, 

I 325. 
Mendelssohn - Bartholdy, C, 

Historiker, I 340'. 
Mettenius, G., Botaniker, II 302. 

307. 308. 311. 
Meyer, Georg, Jurist, I 280 ff. 
Meyer, Richard, Chemiker, II 368. 
Meyer, Viktor, Chemiker, II 219 f. 

351. 364 ff. 
Miklucho-Maclay, vergl. Ana- 
tom, II 413. 435. 
Miliard et, Botaniker, II 273. 
Minnigerode, Mathematiker, II 

237. 
Mirbel, Botaniker, II 290. 316. 
Mitten, W., Botaniker, II 304. 
M i 1 1 e r m a i e r , Karl Joseph Anton, 

Jurist, I 222 ff. 
Miyake, K., Botaniker, II 297. 
Möbius, Mathematiker, II 233. 
Moser, Justus, I 360. 
Mohl, Hugo von, Botaniker, II 54. 

269. 271. 272. 277. 280. 284. 285. 

3(K 316. 318. 319. 324. 
Mohl, Robert von, Jurist, I 179. 

219. 232. 268. 271. 272 ff. 277. 

3,V). 
Mo mm sc II, Kheodor, I 143 f. 171. 

193. 297. 315. 317. 322. 
Morstadt, Karl liduard, Jurist, 

I 237 f. 211 f. 267. 
Mühlenhruch, Pandektist, I 146 f. 

17S. 
Müller, Anton, Mathematiker, II 

229 f. 



f 



Müller, Carl Otfried, Philolog. 

I 360. 361 »• ». 394. 404. 
Müller, H., Ophthalmolog, II 203. 
Müller, Heinrich, Anatom, 11397. 

401. 403. 428. 455. 458. 
Müller, Johannes, Anatom und 

Physiolog, II 6. 23. 33 f. 50. 400. 

403. 407. 431. 446. 
Müller, Karl, Botaniker, 11280. 

308. 
Müller, N. J. C, Botaniker, II 

273. 334. 349. 
Müller, Wilhelm, pathol. Anatom, 

II 405. 

Muncke, Georg Wilhelm, Physiker, 

II 10. 246. 
Muth er, J.G.Th.A.A., Jurist, 1187. 

Naegele, Franz Karl, Gynäkolog, 
II 12. 68. 113. 116 ff. 136. 137. 
139. 153. 

Naegele, Hermann, Gynäkolog, 
II 113. 128 ff. 

Nägeli, C, Botaniker, II 298 f. 314. 
316. 318. 323. 324. 338. 341. 342. 
349. 354. 

Neander, Job. Aug. Wilh., Theo- 
log, I 41. 81. 

Neu mann, Carl, Mathematiker, 
II 237. 

Neumann, Franz, Physiker, II 
2,15. 246. 248. 251 f. 

N ö t h er, Max, Mathematiker, U 237. 
239 f. 241. 

Nokk, Wilhelm, Staatsminister, 

I 405. 

NoIl, F.. Botaniker, II 356. 
Nuhn. Anton, Anatom, II 6<^ 72.81. 

Oe tinger. Theosoph, I 107. 
(illinger, Ludwig, Mathematiker, 

II 229 f 

Oncken, Wilhelm, Historiker, I 

X\(} 340'. 
O p p e n h e i m , I leinrich , Jurist, 

II 272 



476 



Namenregister. 



Paetz, Karl Wilhelm, Jurist, 1 155. 
211. 259. 

Palacky, Historiker, I 300. 

Pasteur II 383. 

Paulli, S., vergl. Anatom, II 417. 
432. 

Paulus, Heinrich Eberhard Gott- 
lieb, Theolog, I 29. 41 ff. 65. 80. 
96. 402 f. 

Payer, Botaniker, II 352. 

Pertz, Karl, Historiker, 1 298.320. 
3251. 

Pfeffer, W., Botaniker, II 327. 

Pfeiffer, K., Historiker, I 348». 

Pfeufer, Karl, Kliniker, I 179.335. 
II 68 f. 159. 161. 

Pfuhl, Johannes, Bildhauer, II365f. 

Pineau, J., Botaniker, II 294. 

Pirogoff, Mediziner, II 188. 

Playfair, Chemiker, II 362. 

Poisson, Physiker, II 251 f. 

Potonid, Botaniker, II 353. 

Pringsheim, N., Botaniker, II 287. 
311. 322 f. 347. 350. 

Prym, Mathematiker, II 237. 

Puchelt, Fr. Aug. Benjamin, Kli- 
niker, 11 12. 68. 136. 139. 159. 161 f. 

Puchta, Georg Friedr., Jurist, 1 
141. 142. 146. 147. 173. 180f. 186. 
189. 

Pütt er, Joh. Stephan, Jurist, I 
259 f. 261. 262. 

Quincke, Georg, Physiker, II 249. 



-O/* N.- 



t 



Rau, Karl Heinrich, Nationalöko- 
nom, I 271. 

Reichenbach, Gustav, Botaniker, 
II 268. 269. 

Reil, Joh. Christ., Mediziner, I 373. 

Reizenstein, Sigmund von, I, XV. 
357 ff. 

Richelot, Mathematiker, II 235. 
246. 

Ried, Ernst, Chirurg. II 404. 

Rinecker, Mediziner, II 162. 

Röder, Karl David August, Jurist, 

I 236. 238 ff. 272. 
Röper, Botaniker, II 270f. 

Roh de, Erwin, Philolog, I. XV. 404. 
Rohm er, Friedrich, Theosoph, I 

277. 
Rohrbach, P., Botaniker, II 350. 
Rosanoff, Botaniker, II 273 
Roscoe, Chemiker, II 362. 
Rosenberg, A., vergl. Anatom, 

II 415. 

Rosenberg, E., vergl. Anatom, II 

417. 431. 434. 437. 
Rosenberg, O., Botaniker, II 318. 

342. 
Roßhirt, Konrad Eugen Franz, 

Jurist, I 186. 218 ff. 
Rothe, Richard, Theolog, 181.82. 

98 ff. 128. 
Rottek, Karl, Historiker, I 298«. 
Rudolph, David, Orientalist, I 14 f. 
Rüge, Georg, vgl. Anatom, II 413. 

416. 418. 431. 432. 435. 436. 437. 

438. 466. 



Radlkofer,L., Botaniker, II 2^5 f. 
Ranke, Leopold von, Historiker, 

I 289. 296 f. 298. 299. 301. 3a3. 

310, 311». 315ff. 318f. 323^. 325*. 

326. 327. 328». 332 ff. 
Rapp, Wilhelm von, Zoolog und 

Anatom, II 51 f. 
Rathke, H., vergl. Anatom, 11438. 

465. 






Sachs, J., Botaniker, II 276. 303. 

327. 328. 332. 334. 338. 346. 353. 
Sadibeck, R., Botaniker, II 305. 
Sagemehl, M., vergl. Anatom, II 

417. 432. 
S a m u e I y , Adolf, Jurist, I 243. 279. 
Sander, Kirchenrat, I 358. 
Sandmeyer, Chemiker, II 373. 
Sanio, E., Botaniker, II 312. 



Namenregister. 



Savigny, Friedr. Karl von, Jurist, 
1 138 ff. 145 ff. 153. 154. 158. 163ff. 
168 ff. 171 ff. 176f. 180f. 182. 186. 
188. 191. 192. 193. 196, 198. 360. 

Schacht, H., Botaniker, II 279. 
285 ff. 286. 287. 294. 296. 299. 

Scheffel Joseph Vii^tor von, 1336. 

Schelling I 37. 50. 72. 84. 85ff. 
91 f. 107. 126. 

Schelver, Franz Joseph, Bota- 
niker, 11 11. 12. 

Schenkel, Daniel, Theolog, 1 84. 
119 ff. 131. 

Seh im per, Karl, Botaniker, II 275. 
352. 357. 

Schieiden, Matthias Jakob, Bo- 
taniker, II 269.271. 279. 280.281. 
283 ff. 286. 294. 295. 298. 299. 302. 
316. 317. 342. 

Schleiermacher I 81. 83f. 96f. 
100 f. 106. 107 f. 110. 113 f. 118. 
126. 127. 129. 130 f. 377. 383. 

Schlosser, Friedr. Christoph, 
Historiker, I 286 ff. 296. 298. 299. 
300 ff. 304'. 305. 307 f. 315 f. 318. 
327. 328. 330 ff. 335. 348. 360. 
36^. 

Schmid, B., Botaniker, II 292. 

Schmidt, Benno, Chirurg, II 270. 

Schmidt, Johann Anton, Bota- 
niker, II 272. 

Schmitz, F., Botaniker, II 320. 

Schmoller, Gustav, Nationalöko- 
nom, 1 317. 

Schnappingcr (Bonifacius a. S. 
Wunibaldo), Theologe in Heidel- 
berg, I 23. 25. 

Schröder, E., Mathematiker, II 237. 

Schröder, Otto, Philolog, 1392». 

Schröter, Mathematiker, II 237. 

Schultze, Bernhard Sigismund, 
Gynäkolog. II 405. 

Schultze, Friedrich, Kliniker, II 
167. 

Schultze, Max, Anatom, 11 414. 



■x_/v- 



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477 

=0 



Schultze, Oskar, Zoolog, II 404. 

Schulz, David, I 360. 362. 

Schulze-Gaevernitz, Hermann 
von, Jurist, I 280 f. 

Schuster, A., Physiker, II 249. 

Schwalbe, E. Anatom, II 417. 438. 

Schwann, Physiolog, II 21 f. 46. 49. 
60 f. 85 f. 213. 

Schwarz, Friedrich Heinrich Chri- 
stian, Theolog, I 43 f. 79 ff. 

Schweins, Franz Ferdinand, Ma- 
thematiker, II 225 ff. 

Seh wendener, S., Botaniker, II 
338. 353. 

Schwink, vergl. Anatom, II 417. 
438. 

Sebastian, Friedr. Jak. Christian, 
Kliniker, II 12. 68. 161. 

Seebeck, Kurator in Jena, II 404. 
414. 

Semon, R., vergl. Anatom, 11417. 

434. 436. 437. 

Seydel, O, vergl. Anatom, II 417. 

435. 436. 

Siebold, C. H. E. von, Zoolog, 

II 418. 460. 466. 
Simon, Gustav, Chirurg, II 146 ff. 
Simon, Richard, Orientalist, I 5ff. 

17. 20. 30. 
Sokolowski, Jurist, I 182. 193 f. 
Solger, B., Anatom, II 412. 416. 

417. 431. 
Solger, K. W. F., Philosoph, 1 372. 
Spinoza I 7. 
Stalin, Historiker, I 306. 
Stahl. Fr. J., Jurist, I 146. 274 f. 
Stahl, H., Mathematiker, II 237. 
Stannius, vergl. Anatom, II 439. 
Steiner, Jakob, Mathematiker, II 

228. 230. 231. 239. 
S t e n z e I , G. A. H., Historiker, 1 299. 
Stokes, Physiker, II 255. 
Stoy, Volkmar, Pädagog, II 275. 
Strasburg er. Eduard. Botaniker, 

II 290. 295. 309. 318. 



478 



N amenregister. 



Strauß, David Friedrich, 1 91. 96. 

122 f. 
Struthers, vergl. Anatom, 11415. 
Studnitzka, Franz, Archäolog, 

I 392». 

Sybel, Heinrich von, Historiker, I 
290». 293. 296. 297. 315 ff. 322. 
326 f. 329. 333. 336. 345. 347. 349. 
350». 

Tangl, E., Botaniker, II 324. 
Targioni-Tozzetti, Botaniker, 

II 293 f. 

Temme, J. D. H., Jurist, I 211. 

Thibaut, Anton Friedrich Justus, 
Jurist, I 138. 139. 145. 156. 163 ff. 
178 ff. 184. 192. 195 ff. 199. 201. 
220. 237. 262. 

Thibaut, Bernh. Friedrich, Mathe- 
matiker, II 225. 

T h i e r s , Louis Adolphe, Historiker, 
II 299. 320. 

Thiersch, Friedrich, Philolog, 1 
393. 

Thorbeke, Heinrich, Orientalist, 

I 58 ff. 

Thwaites, N., Botaniker, II 314. 
Tiedemann, Friedrich, Anatom, 

II 3. 11. 12 f. 16. 17 ff. 67.69.77. 
159. 

Tieghem, Ph. van, Botaniker, II 

291. 
Treitschke, Heinrich von, I 41. 

276. 286. 304^ 313*. 315. 317 f. 

323». 324. 333. 338 f. 346. 349. 

352 f. II 270. 275. 277. 
Treub, M., Botaniker, II 289. 291. 
Treviranus, L, Botaniker, 11 290. 
Tulasne, LR., Botaniker, 11283. 

285. 287. 

U 1 1 m a n n , Karl, Theolog, l 81 . 84. 

121. 130. 
Umbreit, Friedrich Wilhelm Karl, 



t 






Theolog, I 44 ff. 51 ff. 55. 56. 64 f. 
66. 68 f. 81. 84. 
Unger, F., Botaniker, II 283. 285 
298. 336. 



Valentine, Botaniker, II 311. 

Vangerow, Karl Adolf von, Pan- 
dektist, I 144. 164 f. 176. 178 ff. 
188. 192. 199 ff. 334. 336. 

Varrentrapp (Frankfurt) I 342«. 

Vetter, B., Zoolog, II 413. 435. 

Vierordt, K., Physiolog, 1154.67. 

Virchow, Rudolf, II 163. 164. 171. 
175. 187. 213. 214. 397. 

Vogt, Carl, Zoolog, II 430. 465. 

Volck, F., anatomischer Zeichner, 
II 80. 

Voß, Joh. Heinr.. I, XV. 80.90. 
360. 402». 402. - 

Vrolik, A., vergl. Anatom, II 413. 
432. 

Wachsmuth, Rudolf, I 340>. 

Wagner, Franz, anatom. Zeichner, 

II 21. 28. 34 f. 39. 40. 80. 

Waitz, Georg, Historiker, I 315. 

Waldeck, Jurist, I 157. 

Wattenbach, Wilhelm, Historiker, 

I 353. 
Weber, Georg, Historiker, I 234. 

Weber, H., Mathematiker, II 237. 

Weber, Kari Otto, Chirurg, II 74. 

142 ff. 154. 168. 197. 
Weber, Wilhelm, Physiker. II 246. 

248. 250. 
Wedekind, Georg Joseph, Jurist, 

I 259. 260. 263. 
Weech, von, Historiker, I 340». 
Weil, Adolf, Mediziner, II 167. 
Weil, Gustav, Orientalist, I 54 ff . 

59. 
Weith, Chemiker. II 373. 
Welcker, Kari Theodor, Jurist, 

I 215 f. 256. 



Namenregister. 



419 



Wenck, Waldemar, Historiker, II 
270. 

Wertheim. Physiker, II 251 f. 

Westermeier, M., Botam'ker, II 
282. 

Wette, de, Wilhelm Martin Lebe- 
recht, Theolog, I 28. 31 ff. 45 f. 
49. 52. 67. 121. 

Wiedemann, E., Physiker, II 249. 

Wiedershcim, vergl. Anatom, II 
433. 440. 

Wigand, A., Botaniker, II 299. 

Wigand, Justus, Heinrich, Gynä- 
kolog, II 126. 127. 

Wieser, Max, anatomischer Zeich- 
ner, II 80, 

W i I k e n , Friedrich, Oberbibliothe- 
kar, I 44. 378. 

Windscheid, Bernhard, Jurist, I 
165. 173. 186 ff. 201 f. 

Winkelmann, Eduard, Historiker, 
I, VI f. 353 f. 

Wislicenus, Johannes, Chemiker, 
II 270. 

Wöhler, Chemiker, II 211. 

Wohlwi 1 1, Adolf, Historiker, I338>. 
339». 340^. 



t 



<^ 



Wolf, Friedrich August, Philolog, 
I 362'. 377f. 37a 38a 395. 

Wolffhugel, Mediziner, II 167. 

Wolkoff, von, Botaniker, I! 337. 

Woringen, Franz Arnold Maria 
von, Jurist, I 236. 238. 

Wutzer, Chirurg, I! 144. 



Zachariä, Karl Salomon, von 
Lingenthal, Jurist, I 156. 178. 
200. 216 ff. 228. 260. 262 ff. 269 f. 

Zachariä s, Botaniker, I! 277. 

Zangemeister, Kari, Philolog und 
Oberbibliothekar, I, V. 

Zeller, Eduard, Philosoph, I 41. 
258. 

Zimmermann, A., Botaniker, II 
291. 324. 

Zimmermann, J. G. von, Arzt 
und Schriftsteller, I 397. 

Zimmern, Sigmund Wilhelm, Ju- 
rist, I 220. 

Zöpfl, Heinrich, Jurist, I 237.240 f. 
267 ff. 270. 278. 

Z ö p p r i t z , Z., Mathematiker, 1 1 237. 

Zorn, Chemiker, II 363. 




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C. F. Winter*sche Buchdruckerei. 




<^-% 



Namenregister. 



479 



Wenck, Waldemar, Historiker, II 
270. 

Wertheim, Physiker, II 251 f. 

Westermeier, M., Botaniker, II 
282. 

Wette, de, Wilhelm Martin Lebe- 
recht, Theolog, I 28. 31 ff. 45 f. 
49. 52. 67. 121. 

Wiedemann, E., Physiker, II 249. 

Wiedersheim, vergl. Anatom, II 
433. 440. 

Wigand, A., Botaniker, II 299. 

Wigand, Justus, Heinrich, Gynä- 
kolog, II 126. 127. 

Wieser, Max, anatomischer Zeich- 
ner, II 80. 

Wilken, Friedrich, Oberbibliothe- 
kar, I 44. 378. 

Windscheid, Bernhard, Jurist, I 
165. 173. 186 ff. 201 f. 

Winkelmann, Eduard, Historiker, 
I, Vif. 353 f. 

Wislicenus, Johannes, Chemiker, 
11 270. 

Wöhler, Chemiker, II 211. 

Wohlwill,Adolf, Historiker, 1338'. 
339-. 340^. 



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Wolf, Friedrich August, Philolog, 
I 362». 377 f. 378. 380. 395. 

Wolffhügel, Mediziner, 11 167. 

Wolkoff, von, Botaniker, II 337. 

Worin gen, Franz Arnold Maria 
von, Jurist, I 236. 238. 

Wutzer, Chirurg, II 144. 



Zachariä, Karl Salomon, von 
Lingenthal, Jurist, I 156. 178. 
200. 216 ff. 228. 260. 262 ff. 269 f. 

Zacharias, Botaniker, 11 277. 

Zangeme ister, Karl, Philolog und 
Oberbibliothekar, I, V. 

Zell er, Eduard, Philosoph, I 41. 
258. 

Zimmermann, A., Botaniker, II 
291. 324. 

Zimmermann, J. G. von, Arzt 
und Schriftsteller, I 397. 

Zimmern, Sigmund Wilhelm, Ju- 
rist, 1 220. 

Zöpfl, Heinrich, Jurist, I 237. 240 f. 
267 ff. 270. 278. 

Zöppritz,Z., Mathematiker, II 237. 

Zorn, Chemiker, II 363. 




C. F. Winter'sche Buchdnickerei. 



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