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Full text of "Heine in Frankreich; eine litterarhistorische Untersuchung"

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PROFESSOR J.S. WILL 



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ZÜRICH 
Albert Müllers Verlag 

1895 



Alle Rechte vorbehalten. 




Druck von J. Schabelitz in Zürich. 



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Beide Welten, die romanische und die germanische, stehen 
gleichberechtigt nebeneinander ; sie sind einander notwendig- wie 
zwei Hälften, die sich ergänzen. Sich zu vermählen, nicht zu be- 
fehden, ist ihre Aufgabe , . . 

Hugo SchucJiardt, „Romanisches und Keltisches". 

Rapprocher TAllemagne de la France, tel est notre but ; et la 
comparaison de la litterature frangalse avec la litterature allemande 
est notre point de depart. 

Louis Bcerne, „La Balance", 1836. 

Ma religion litteraire et politique, c'est l'unite des lettres et la 
fraternite des peuples modernes. 

Edgar Quinet. 

Rester soi-meme et cependant s'unir aux autres, tel est le 
Probleme que chaque homme a ä resoudre. Tel est le probleme 
aussi de Talliance des grands peuples de l'occident. 

Saint-Marc Girardin. 



Vi 



Vorwort 



Nicht lange ist es her, da kam einer jener Pariser 
Korrespondenten, die jeden Morgen in den französischen 
Zeitunoen Stoff und Gedanken für ihre deutschen Artikel 
sammeln, auf die Idee, den Montmartre zu erklimmen 
— ich glaube, es war am Allerseelentag, um im alten, 
stillen Friedhofe das Grab Heines zu besuchen. Er fand 
dort als einzigen Grabesschmuck einen Kranz aus künst- 
lichen Blumen, dem der Spender in naiver Geschmack- 
losigkeit seine Visitenkarte beigefügt, die einen charak- 
teristisch duftenden Namen trug. Hieran einige mehr 
oder minder geistreiche Witzeleien zu knüpfen, schien 
dem Journalisten eine günstige Gelegenheit, und er 
schloss seine Randglossen mit dem Ausdruck des Be- 
dauerns, dass Heine nicht mehr sein spottendes Lachen 
an seinem Verehrer mit den künstlichen Blumen und 
der Visitenkarte ausüben könne. 

Ich erwiderte damals irgendwo unter anderm, dass 
es vor allem einem Deutschen schlecht anstünde, über 
den ungeschickten Verehrer Heines Witze zu reissen, 



Vorwort. 



ohne dessen künstliche Bhmien die letzte Ruhestätte 
eines der grössten deutschen Dichter ganz schmucklos 
gewesen wäre, und ferner, dass Heine mit seinem aus- 
geprägten Sinn für alles Komische und Verkehrte dieser 
Welt, allerdings eine köstliche Satire gereimt haben 
würde, — aber, wie so oft in seinem Leben, mit dem 
Gram im Herzen und feuchten Auges. Und aus dem 
feuchten Auge wäre dann eine Thräne mitten in sein 
Spottlied gefallen, in Gestalt einer jener Strophen, die 
er auf e^A ige Zeiten mit ehernen Griffeln in das goldene 
Buch deutscher Lyrik eingetragen. 

Damals aber ahnte ich noch nicht, dass auch ich 
einst den Spott seiner Manen herausfordern würde. 
Eine Doktorthese über Heinrich Heine ! ^) — Und ich 
weiss nicht, warum mir gerade die alte Geschichte von 
den künstlichen Blumen und der Visitenkarte einfällt. 
Vielleicht, weil ich dieselben mildernden Umstände er- 
hoffe, die ich im Namen Heines für den ungeschickten 
Verehrer forderte, der für seinen toten Lieblingsdichter 
eben that, w^as er konnte. 

Der Verfasser. 



^) Diese Arbeit wurde der h. philosopliischen Fakultät der Universität 
Zürich als Doktor-These eingereicht. 



X\ 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

Einleitung 1 

Erster Abschnitt. 
Das Milieu. 

Kapitel 1. Heines Ankunft in Paris 7 

2. Das litterarische Paris ums Jahr 1831 10 

3. Heines Stellung zur französischen Romantik und zu 

einigen ihrer Hauptvertreter 27 

Zweiter Abschnitt. 
H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

Einleitung 41 

Kapitel 1. Einzelstudien über Heine 44 

„ 2. Einleitungen zu Heines Werken in französischer Sprache 114 

,, 3. Französische Memoiren über Heine 122 

4. Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine . 136 

Dritter Abschnitt. 
Heines Kenntnis der französischen Sprache. 

Kapitel 1. Zeitgenössische Stimmen über Heines französische 

Sprachkenntnisse 165 

2. Einige unretouchierte französische Briefe Heines . . . 176 

Vierter Abschnitt. 

Heines französische Uebersetzer. 

Einleitung 183 

Heines Uebersetzer 187 

Heine-Uebersetzer der Westschweiz 254 



XIX Iiihaltsvorzeichnis 



Fünfter Abschnitt. 
H. Heines Einfluss. s.it. 

Kapitel 1. Einleitende Betrachtungen über den deutschen Einfluss 
auf die französische Litteratur in der ersten Hälfte 

dieses Jahrhunderts 269 

„ 2. Heines Einfluss auf einige Zeitgenossen 289 

„ 3. Einiges über den modernen deutschen Einfluss . . . 312 

„ 4. Die Parnassiens 321 

„ 5. Heines Einfluss auf die Parnassiens und ihren Anhang 326 

„ 6. Vereinzelte Heine -Verehrer und -Schüler 363 

„ 7. lieber Heines Einfluss auf die Gebrüder de Goncourt 

(Impressionnistes) und Paul Bourget (Psychologues) 366 
„ 8. lieber die zeitgenössischen Strömungen der französi- 
schen Poesie und deren Zusammenhang mit Heines 

Dichtung 376 

,, 9. H. Heine und einige Dichter der Westschweiz. . . . 423 

Anhang : 

Nachträge 437 

Bibliographie 446 

Register 457 



Errata 



Paf,'. 35, Zeile 4, lies Houssaye statt Houssay. 

„ 43, Zeile 9, lies Aeusserungen über Heine, statt Besprechungen. 

„ 44, Anmerkung 1, lies statt Quenard et Barbier — Barbier etc. gibt . . . 

, 45, Anmerkung 4, und 

„ 69, letzte Zeile, lies Abschnitt V, statt VII. 

„ 77, Zeile 12, lies Hippolyte Taine, statt Henri. 

„ 198, Zeile 8 und 9 ist als Text Houssayes von der Uebersetzung Nervals zu trennen. 



Einleitung 



Ein Wort der Erklärung zu verlangen , um nicht zu 
sagen der Entschuldigung, hat die Kritik bei einer These, die 
einen Stoff der neuern und neuesten Litteratur wissenschaft- 
lich zu behandeln sucht, das Recht. Abgesehen davon näm- 
lich, dass die Kenntnis moderner französischer Litteratur- 
epochen, die der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, in 
Frankreich selbst erst in allerjüngster Zeit in das Programm 
der „baccalaureats" aufgenommen worden ist, dass sich der 
„professeur de rhetorique" erst seit kurzem mit Lamartine 
und Victor Hugo beschäftigen muss, wie er es bis jetzt aus- 
schliesslich mit Corneille, Racine und Boileau gethan, ist der 
Einwand deutscherseits nicht ohne Berechtigung, der auf die 
grossen Schwierigkeiten hinweist, auf dem Gebiete der Litte- 
ratur von gestern und heute sichere und beweiskräftige Re- 
sultate zu erzielen. Auch wir geben zu, dass ein ähnlicher 
Versuch noch vor einem halben Jahrhundert als unausführbar 
gelten durfte, dass man sich damals notgedrungen in blosse 
Hypothesen verwickelt hätte. Heute aber sind die Verhält- 
nisse günstiger, denn die Schnelllebigkeit unseres „fin de 
siecle" ') hat sich auch der Litteraturepochen bemächtigt. Inner- 
halb einiger dreissig Jahre haben sich zwei ziemlich deutlich 



^) Mag dieser Ausdruck auch aus den Pariser Boulevards und ihren 
Blättern herstammen, so hat er sich nichtsdestoweniger inzwischen auch dort 
eingebürgert, wo sonst nicht der Pariser Mode-Argot geführt wird. „Fin de 
siecle" wird zweifelsohne die typische Bezeichnung für die letzten zehn Jahre 
des Jahrhunderts bleiben, ähnlich wie z. B. für die ersten „empire". 

Betz, Heine in Frankreich. 1 



Einloitungr. 



trennbare litterarische Strömungen verbraucht; mit Banville 
starb die französische Neoromantik aus und längst schon hat 
die realistische Bewegung Balzac-Flaubert mit Zola ihr letztes 
Wort gesprochen. Die rasch und fieberhaft arbeitende Kritik 
hat ihre zeitgenössischen Dichter schon gerichtet und geson- 
dert. Der Litterarhistoriker hat ihr Leben, Lieben und Leiden 
schon ausgegraben und seciert; seit Sainte-Beuve wird nicht 
einmal auf den Tod gewartet. Auch Memoirenschreiber wollen 
den Erfolg ihrer Aufzeichnungen noch erleben und tragen 
Sorge, dass wir jetzt schon in die verborgensten Falten eines 
Dichtermantels blicken können, statt uns wie früher ein 
Menschenalter auf solche Enthüllungen w^arten zu lassen. 
Da alles rascher lebt und urteilt, mag es einem Doktoranden 
vergönnt sein, sich der neuen Strömung versuchsweise an- 
zuschliessen. 

Noch sei mir gestattet, eine erläuternde Bemerkung per- 
sönlicher Art beizufügen. In Amerika geboren, in der Schweiz, 
der ich meine geistige Bildung verdanke, auferzogen, betrachte 
ich es als mein gutes Recht, mir den freien BUck und das 
freie Wort des Fremden zu wahren, der fern von Hass und 
Hader zweier Länder steht — selbst Gelehrte vermögen sich 
nicht immer von denselben zu befreien — die die Geschichte 
wohl erklärt, die Civilisation aber, die nicht von Königen oder 
Parlamenten gelenkt wird, bedauern und verwerfen muss. 
Freunde und Verwandte hüben und drüben, Geschmack und 
Sympathieen machen mir Land und Leute, Denken und Dichten 
beider Völker an den Ufern des Rheines gleich lieb. Und gleich 
verhasst ist uns in Frankreich und Deutschland die bedauerns- 
werte Ra^se beschränkter Chauvinisten. 

Und nun noch ein Drittes und Letztes; es ist in dem 
Gesagten schon angedeutet: 

No Profit grows, where is no pleasure ta'en; — 
In brief, Sir, study wliat you most afFect. 

(Taming of the Shreiv /., 1.) 



Einleitung-. '-^ 

Dies Wort gilt ganz und voll der Genesis dieser Arbeit. 
Nicht nur in Bezug auf den Dichter, sondern auch bezüglich 
der Litteratur seiner wirklichen und seiner Adoptivheimat, 
in Bezug auf die Idee, die in der herrlichsten Friedenshynine 
ausgedrückt ist, die je eine Poetenhand niederschrieb und die 
mit den Worten beginnt: 

Roule, libre et süperbe entre tes larges rives 
Rliin! Nil de l'Occident! Coupe des Nations! ... 

In den Sätzen von Börne, Quinet, Saint-Marc Girardin 
und des sympathischen und aufgeklärten deutschen Gelehrten 
Hugo Schuchardt, die wir auf die erste Seite dieses Buches 
setzten, liegen die Gedanken, in denen die geistige Triebfeder 
wurzelt, die uns stets zur Arbeit anspornte, besonders dann, 
wenn wir uns sagten: „Es geht über deine Kräfte" — oder 
uns jene Skepsis zuflüsterte, der man nicht entrinnt, wenn 
Aug' und Sinn viele Länder und ihre Menschen schauen ge- 
lernt: „A quoi bon" und „Que sais-je" ! — 

Nicht unterlassen will ich, einige Worte des Dankes an 
die beiden gelehrten Bibhographen und Litteraten Maurice 
Touryieux und Vicorate de Sj^oelherch de Lovenjoul zu richten, 
die mir in liebenswürdigster Weise entgegenkamen. Den 
Namen meines verehrten Lehrers, Herrn Professors Dr. H. 
Morfj darf ich wohl an letzter Stelle erwähnen, nachdem ich 
ihn bereits an die erste gestellt. Lag es auch in der Natur 
dieser Studie, dass ich in Bezug auf Idee und Forschungen 
auf mich selbst angewiesen war, so bleibt noch genug übrig, 
wofür ich meinem Lehrer zu herzlichem Danke verpflichtet 
bin. Stets bereit, mir mit Rat und That beizustehen, hat er 
sich auch trotz seiner überaus angestrengten Thätigkeit die 
Mühe genommen, diese Arbeit mit jener Gründlichkeit und 
Gewissenhaftigkeit zu durchgehen und zu sichten, die sein 
ganzes akademisches Wirken kennzeichnen. Den grössten 
Dank aber schulde ich Herrn Professor Morf dafür, dass er 



Einleitung. 



das Thema meiner Dissertation genehmigt — was mancher- 
orts nicht der Fall gewesen wäre. 

Ich betrachte es als ein Glück, über drei Jahre lang 
seinen gleich sichern und geistvollen, immer anregenden 
philologischen und litterarhistorischen Unterricht genossen, 
als eine Ehre und eine Empfehlung, bei ihm promoviert zu 
haben. 

Häusern im Elsass, August 1894. 



w 



ERSTER ABSCHNITT 



DAS MILIEU 



Erstes Kapitel 
Heines Ankunft in Paris 



Oh! Paris est la cite mere! 
Paris est le lieu solennel 
Oü le tourbillon ephemere 
Tourne sur un centre eternel! 
Paris! feu sombre ou pure etoile! 
Morne Isis couverte d'un voile ! 
Araignee ä rimmenso toile 
Oü sc prennent les nations ! 
Fontaine d'urnes obsedee ! 
Mamelle sans cesse inondee 
Oü, pour se nourrir de l'idee, 
Viennent les generations! 

Victor Hugo. 

Im Mai 1831 machte sich ein junger deutscher Dichter 
auf den Weg nach Paris, um sich dort, zunächst als Jour- 
nalist, Stellung und Brot zu erarbeiten. Dass er in der Heimat 
und schon im Auslande weit und breit als genialer Satyriker, 
Meister der deutschen Prosa und würdiger Nachfolger Goethe- 
scher Lyrik bekannt war, dass er die Rechtswissenschaft stu- 
diert und „juris utriusque doctor" geworden, dass er schliess- 
lich Protestant wurde, dies alles hatte ihm nicht zu der 
sehnlichst erhofften Staatsanstellung oder Professur in Preussen, 
München verhelfen ; auch nicht in der Stadt, wo er sich einst 
als Harry Heine & Co. auf dem Jungfernstiege die Zeit ver- 
trieb, wie es sich jedem Poeten geziemt, der nicht zum 
Krämer taugt. Und da es ihm auch ohnehin unter seinen 
Deutschen, die er allzu unsanft am Zopfe gerissen hatte, nicht 
mehr ganz geheuer war, so wollte es Heinrich Heine in Paris 



8 Das Milieu. 



mit der Journalistik versuchen. Das Vaterland verweigerte 
dem Sänger des „Buch der Lieder" die Sinekure, die Fremde 
sollte ihm die Pforten der politischen Kampfesarena offnen. 
Rasch noch hatte er den Musen mit den Liedern des „Neuen 
Frühling" Valet gesagt, bevor er sich in den Dienst der 
„Heiligen Allianz der Völker" stellte. 

Heine war nicht der Einzige, dem die Luft in deutschen 
Landen in jenen Tagen drückend und eng geworden. Börne 
hatte ihm bereits den Weg der geistigen Befreiung gezeigt. 
Auch NichtJuden richteten die Augen sehnsuchtsvoll nach 
dem litterarisch und politisch fiebernden Paris; ja das ganze 
gebildete Deutschland folgte mit äusserstem Interesse, zum 
Teil mit leidenschaftlicher Begeisterung dem Geistesgetummel 
der französischen Romantik. Es wurden die genialen Schauer- 
geschichten mit den unerschöpflichen Antithesen des jungen 
Hugo und Lamartines süssprächtige Reime verschlungen, 
während die grossen deutschen Dichter Klassikerrang ein- 
nahmen — und die Bücherschränke schmückten. Mit wahrer 
Wollust schwelgten Deutsche in der Poesie des Grässlichen 
und der Kontraste, des „Han dTsland"- und „Notre-Dame"- 
Romanes, um sich für die politische Schwüle, die sie um- 
gab, zu entschädigen. Die deutsche Generation von 1830 
war geblendet von dem mystischen Zauber des Mulatten- 
Abenteurers Dumas, der wenigstens ihre Phantasie durch 
sein glänzendes Erzählertalent in tollster Freiheit umher- 
schweifen Hess. 

Wir wissen, dass der Jubel über die Julirevolution, über 
das viel verheissende Regiment des Bürgertums sich über ganz 
Deutschland verbreitete und auch den jungen Heine erfasste. 
„Die Luft röche nach Kuchen," meinte er bei der ersten 
Nachricht von dem freudigen Ereignis. Seiner Begeisterung 
leiht er wiederholt die feurigsten Worte: „Mir war, als 
könnte ich den Ocean bis zum Nordpol anzünden mit den 
Gluten der Begeisterung und der tollen Freude, die in mir 



Heines Ankunft in Paris. 9 



loderten." Mag indessen die magnetische Kraft des kochen- 
den und zischenden Freiheitherdes für den socialpohtischen 
Kämpfer, den streithistigen Journahsten mid — den ge- 
demütigten Juden immerhin eine grosse gewesen sein, so 
glauben wir dennoch, dass in Heine der Dichter und Künstler 
den Ausschlag gaben, dass diese vor allem nach geistiger 
Nahrung lechzten, dass es ganz besonders den Mann der 
glühenden und sprühenden Phantasie an die Ufer der Seine 
zog, wo eine kraftvoll-kühne, lebenstrotzende Dichtkunst 
sich in den seltsamsten und übermütigsten Sprüngen erging. 

Und endlich war Heine nicht nur politischer Enthusiast, 
Künstler und Dichter, sondern er zählte auch dreissig Jahre, 
die sich nach des Lebens Freuden sehnten. Wenn heute 
noch jedem Gebildeten, der nicht von eng- und querköpfigem 
Kirchturmpatriotismus befangen ist, das Herz höher schlägt, 
sobald er zum erstenmale den historischen Boden des alten 
Lutetia betritt, das fast tausend Jahre lang geistige Welt- 
stadt gewesen, wie musste es erst dem Autor des „Tambour 
Le Grand" mit seinen französischen Sympathieen, dem feinen 
Sinn für alles Grossartige zu Mute gewesen sein, als er in 
der schweren Postkalesche an jenem Maimorgen des Jahres 
1831 durch die Porte Saint-Denis fuhr und sich plötzlich 
mitten im Herzen von Paris befand. 

Wenn wir es nun versuchen wollen, in raschen Zügen 
ein Bild der Scene zu entwerfen, in der Heine, zunächst bloss 
als Figurant, die litterarische Bühne des damaligen Frank- 
reich betrat, so versprechen wir weder eiu künstlerisches, 
noch detailliertes oder ganz neues Gemälde. In anspruchs- 
losen Umrissen möchten wir bloss ein kleines Momentbild 
dieser Hochflut geistigen Lebens zu Paris ums Jahr 1831 
entwerfen, da Heine als Asylsuchender kam, um auch Frank- 
reichs Historiker, Satvriker und Dichter zu werden. 



10 Das Milieu. 



Zweites Kapitel 
Das litterarische Paris ums Jahr 1831 



„Wer damals von Deutschland aus Paris besuchte, 
konnte wirklich in Versuchung greraten, die beliebten Be- 
zeichnung-en „Hauptstadt der civilisierten Welt", „Gehirn 
Europas" etc. für etwas mehr als blosse Gasconaden zu halten. 
Welchen Abstand g-eg-en die Heimat bildete damals die be- 
queme, freundliche Gastlichkeit dieser täglich jedem Fremden 
ohne alle Formalität geöffneten Bibliotheken, mit ihren weiten, 
hellen Arbeitssälen, ihren höflichen, gewandten Beamten; 
diese reichen, mannigfachen, jedermann zugänglichen Samm- 
lungen, diese Hörsäle der Sorbonne, des College de France, 
des Observatoire, wo jedermann willkommen war, wo in bunter 
Reihe Studenten, Arbeiter, Offiziere, Fremde aller Art, selbst 
Damen und Dämchen in Menge den Worten geistreicher, nicht 
selten glänzender Redner lauschten ! Es lag ein Zug von 
Humanität, ein freundliches Sonnenlicht guter, behaglicher 
Form auf der Oberfläche dieser bunten und stattlichen Welt, 
dessen Zauber sich so leicht kein unbefangener Besucher 
entzog." 

{Fr. Kreissig, „lieber die französische Geistesbewegung 
im XIX. Jahrhundert", Berlin 1873, pag. 52.) 

In jenen Tagen war Paris ein Athen. Die Julirevolution 
bloss ein Aufblitzen und Wetterleuchten des alten Revolutions- 
geistes, den der alte Bourbone erloschen glaubte; und als der 
abgedankte zehnte Karl der französischen Könige sich nach 
Rambouillet zurückgezogen hatte, da feierte das Volk Freuden- 
und Jubelfeste. Die Trikolore zog wieder in Paris ein, die 
Marseillaise, die man seit dem 18. Brumaire nicht mehr ge- 
hört, erklang wieder in der Seinestadt; Chateaubriand wurde 
triumphierend durch die Strassen gezogen und alles jubelte : 
„Es lebe die Pressfreiheit!" Vor und nach dem politischen 



Das litterarische Paris ums Jahr 1831. H 



Intermezzo aber konzentrierte sich alles Interesse und alles 
Talent eigentlich bloss auf Litteratur und Kunst. Die Stadt 
lebte in einem berauschenden Taumel von Musik und Poesie, 
schönen Bildern, schönen Reden und — schönen Frauen. 
Die Prosa parlamentarischer Debatten war dem zeitgenössi- 
schen Publikum zuwider ; mit Politik wollte es so wenig et- 
was zu schaffen haben als seine Dichter und Litteraten. Die 
Opposition der französischen Romantik war im Gegensatz zu 
der bald erwachenden Bewegung der Jung-Deutschen rein 
litterarischer Natur; sie richtete sich gegen die Formen- 
tyrannei des Klassicismus. Der Kampf, den die verschie- 
densten Geister jener Zeit — Petrus Borel, George Sand, 
Hugo, Musset, Merimee, Gautier u. a. gemeinsam fochten, 
galt bloss dem litterarisch Herkömmlichen, nicht dem politi- 
schen und nur selten dem socialen. Auch konnte bei den 
Romantikern nicht von Parlamenten, freier Presse, freiem 
Bürgertum die Rede sein, denn all dies besassen sie schon. 
Ihre Forderungen waren: Wahrheit und echte Leidenschaft 
in Prosa und Poesie; alte Freiheit und realistische Farben 
für ihre Sprache. 

In vollster Blüte standen Kunst, Litteratur und Theater, 
bald auch die Philosophie. Die Vergangenheit wurde ab- 
geschüttelt mit ihrer Sprache, ihren Ideen und ihren Trachten. 
Noch nie hatte der Nektar der Musen Dichterseelen so be- 
geistert; eine allgemeine litterarische Trunkenheit herrschte, 
wie sie der französische Parnass weder zu Ronsards, noch zu 
Madame de Rambouillets Zeiten geschaut. Es war kräftig 
keimender Dichterfrühling, in dem alles blüht und duftet, 
ein herrliches Erwachen aus dem langen Winterschlaf. In 
den frisch ausschlagenden Zweigen des stolzen Baumes der 
Poesie erklang in bezauberndem Durcheinander der Vögel 
Gesang. 

Was war nun in jenem Schauspiel der französischen 
Romantik, das beim Auftreten Heines schon einige Akte alt 



12 Das Milieu. 



war, das psychologische Moment, die Grundidee? — Die 
Wiedergeburt und die Herrschaft des „Ichs". Das „rnoi 
hai'ssable" hatte die Fesseln der Konvenienz des XVII. und 
XVIII. Jahrhunderts abgeworfen. Nach seiner Fagon durfte 
fortan ein jeder denken, dichten, reden und sich kleiden. In 
den Salons der Damen du Deffand, Geoffrin und de Lespi- 
nasse war noch dieselbe Geschmackstyrannei massgebend 
gewesen wie hundert Jahre zuvor im Hotel Rambouillet. 
Jetzt aber hatte sich nach eigenem Gutdünken zu belustigen 
und zu grämen, nach eigenem Belieben und eigener Laune 
über dies zu lachen und über jenes zu weinen aufgehört, als 
„misanthropie", „insociable" oder „incivil" verschrieen zu sein. 
Und eine Frau war es, die, mit genialer Eingebung nach Osten 
deutend, den Bann gelöst, den einst Frauen zum grossen 
Teil verschuldet hatten. Madame de Stael, die Tochter des 
Schweizers Necker, gab, vereint mit Chateaubriand, der fran- 
zösischen Romantik den berechtigten Individualismus; — am 
Ende des Jahrhunderts wird es wieder ein Schweizer sein. 
Fr. Amiel, der zusammen mit Baudelaire die letzten Konse- 
quenzen zieht und an der krankhaften Ichkultur der Deca- 
dents arbeitet. Alle beide gehen wiederum auf einen Schweizer 
zurück, auf J. J. Rousseau — und sie sämtlich sind Kinder 
des — kalvinistischen Genf! — 

Mag , auch keine der vielen Definitionen, die über die 
französische Romantik versucht worden sind, diese vielfarbige 
und vielverzweigte litterarische Strömung ganz umfassend 
decken, so ergänzt doch jedenfalls der Begriff des Individualis- 
mus fast durchweg den der Romantik; es kann der eine bei- 
nahe immer durch den andern ersetzt werden. Man braucht 
nur die gerade Linie der lyrischen Evolution rückwärts zu 
ziehen, um sich darüber klar zu werden, dass wir in der 
Ichschwärmerei den Kern und den specifischen Charakter der 
Romantik zu suchen haben; und wenn der Franzose unter 
„romantique" gewöhnlich nur mutiges, ungeduldiges und 



Das litterarische Paris ums Jahr 1831. 13 



leidenschaftliches Streben nach dem Schönen, Wahren und 
Grossartigen versteht, mit einem Beigeschmack von Keckheit 
und trotzigem Auflehnen gegen alles Hergebrachte und Spiess- 
bürgerliche, so hat er damit im Grunde doch nur den Indi- 
vidualismus in seinen Folgen und Erscheinungen charak- 
terisiert. Ferdinand Brunetiere ist mit grossem Scharfsinn, 
aber nicht „sine ira et studio" den Spuren des „moi hai'ssable" 
in der französischen Poesie des XIX. Jahrhunderts gefolgt, 
so besonders in seinen Vorträgen, die 1893 in der „Revue 
Bleue'^ unter dem Titel: „Evolution de la poesie lyrique au 
XIX" siecle" *) veröffentlicht wurden. Das „Ich" ist die 
„bete noire" des inzwischen unter die vierzig Unsterblichen 
eingegangenen Diktators der „Revue des deux Mondes", der 
es sich u. a. gestatten durfte, die französische Romantik 
„manifestation de l'hypertrophie du moi" zu nennen und mit 
Bezug auf die ihm unsympathischen Ichlyriker zu sagen : „II 
se trouvera toujours assez de gens, en France, pour nous 
assassiner du recit de leurs infortunes" etc. (Revue Bleue 
27. Mai 1893) — nachdem er uns die lichtvollsten und geist- 
reichsten Arbeiten über die Litteratur seiner Heimat geschenkt, 
die je geschrieben worden sind. 

Bis hierher haben wir uns — um bei unserm Bilde zu 
bleiben — lediglich mit der Inscenierung der litterarischen 
Bühne beschäftigt und es versucht, die Hauptideen und Ten- 
denzen gleichsam als Hintergrund aufzustellen. Jetzt handelt 
es sich darum, die Hauptdarsteller der Romantik vorzuführen. 

Von einer Darstellerin, die bereits seit einigen Lustren 
von der romantischen Bühne abgetreten war, auf der sie 
wohl die bedeutendste, keineswegs aber dankbarste Rolle ge- 
spielt, von Madame de Stael haben wir schon zu reden 
Gelegenheit gehabt. Erwähnt muss auch der Dichter werden, 
der als einer der letzten Opfer das Blutgerüste Dr. Guillots 



^) Inzwischen bei C. Levy in Buchform erschienen. 



14 Das Milieu. 



bestieg, Andre Clienier, der Sänger der „Jeurie captive". 
Der Einfluss seiner Werke nämlich, die 1819 von Henri 
de Latouche publiziert wurden, begann eigentlich erst um 
die Zeit, in der wir hier stehen, Früchte zu tragen, da 
Sainte-Beuve die Ahnen der Romantik suchte. Erst vierzig 
Jahre nach dem Tode des Dichter-Girondisten beginnt man 
seine Kunstform und seinen Hellenismus nachzuahmen. In 
den zwanziger Jahren waren weder Lamartine noch Victor 
Hugo von ihm inspiriert. Noch eines Dritten sei gedacht, 
der auch nicht mehr unter den Lebenden zählte, dessen 
Schriften aber gerade in den Julitagen Triumphe feierten, 
des Pamphietisten Paul-Louis Courrier^ den 1825 nicht etwa 
die Jesuiten, sondern seine eigenen Bauern erschlugen, die 
er, der Autor der „Petition ä la chambre des deputes pour 
les villageois qu'on empeche de danser", der es so meister- 
haft verstand, mit Nachahmung des Bauernstils der Touraine, 
für die verletzten Volksrechte zu plaidieren, hart und schlecht 
behandelt hatte. Das puritanisch strenge Urteil Börnes über 
Heine : unendlich mehr Talent als Charakter — passt noch weit 
mehr für den geistreichen Courrier, den nonchalanten Frondeur, 
dessen ganze politische Philosophie in persönlicher Freiheits- 
liebe aufging und dessen Liberalismus der Republik, der 
Monarchie und der Restauration gegenüber gleich feindlich 
und gleich indifferent blieb. 

Und nun zu den ersten Rollen der lebenden litterarischen 
Truppe, die wir dem Alter nach betrachten wollen, obgleich 
es manchen erging, wie ihren kleinen Kollegen auf der kleinen 
Bühne, die ihren Rühm überleben und von den Jüngern 
überflügelt werden. Es ist dies, wenn auch nicht im gleichen 
Masse, mit allen Veteranen des XVIII. Jahrhunderts der Fall, 
von denen die beiden bedeutendsten Opfer ihrer politischen 
Ambitionen werden sollten. 

Frangois-Rene, vicomte de Chateauhriand (1768 — 1848), 
stand auf der Höhe seines politischen Ruhmes; er war der 



Das litterarischo Paris ums Jahi' 1831. 15 

beredte, edle aber ungeschickte Minister und Staatsmann ge- 
worden. Aber die ,, goldenen Worte" seines ,, Genie du Chris- 
tianisme" waren schon vor drei Decennien gefallen. Mit den 
Natchez hatte er Mitte der zwanziger Jahre der Romantik das 
Modell glänzender, farbenprächtiger Naturmalerei gegeben; 
desgleichen schon um die Wende des Jahrhunderts seinen 
„Rene", der litterarisch auf beiden Ufern des Rheines nicht 
minder gewaltig wirkte als Goethes selbstbefreiendes Kunst- 
werk. Der Dichter, der die verschiedensten Elemente in 
sich vereinte, die alle auf bestimmte Einflüsse zurückzuführen 
sind — seine Lyrik auf Rousseau, der Farben und Bilder- 
reichtum seines Stils und sein Natursinn auf Bernardin de 
Saint-Pierre, — der Dichter, der die Prosa Rousseaus gewisser- 
massen orchestriert hat, — wie Brunetiere sich pittoresk aus- 
drückt, von dem wir uns in dieser Poetenschau oft leiten 
lassen, — und so einen Stil geschaffen, der für alle Zeiten 
mustergültig dastehen wird, — dieser Dichter war längst 
verstummt. — 

Charles Nodier (1780 — 1844), der Verfasser jenes andern 
Wertherromanes „Le peintre de Saltzbourg" (1803), hatte mit 
seinen phantastisch zügellosen Erzählungen schon zu Beginn 
des Jahrhunderts den Romantikern die Bahn geebnet. Nach- 
dem er aber sein Scherflein zur Beseitigung klassischer Vor- 
urteile beigetragen, zog er sich nicht wie Chateaubriand 
grollend zurück, sondern da öffnete er der romantischen 
Jugend die Pforten seines gastlichen Hauses, das der Sammel- 
platz der de Vigny, Hugo, Musset, Sainte-Beuve etc. bUeb 
und ihr erster „Cenacle" wurde, bis derselbe später in Hugos 
Wohnung übersiedelte. Im Jahre 1830 verfasste er die Ein- 
leitung zu der Uebersetzung der Werke Byrons von Amedee 
Pischot, in der er den Einfluss der Britten betont und dessen 
Folgen begrüsst. 

Von den beiden sympathischen „Chansonniers", die noch 
dem XVin. Jahrhundert entstammen, hatte der fröhliche, gött- 



16 Das Milieu. 



lieh leichtsinnige Autor von „M. et M™^ Denis" aufgehört, der 
Interpret des alten lustigen Prankreichs und Vorsitzender der 
revolutionären „Caveau"-Gesellschaft zu sein. Marie- Antome- 
Madeleine Desmtgiers war 1827 gestorben. Sein Schüler und 
Nachfolger aber, Jean- Pierre de Berayiger (1780-1857), wusste 
noch packender, reizender und noch gefährlicher zu singen. 
Die leichten, im tollen IJebermut tiefen Ernst bergenden 
„Chansons", die den bourbonischen Thron ins Wanken brachten, 
nachdem sein berühmtes Gedicht „Le Roi d'Yvetot" wie ein 
schriller Pfiff mitten in die Triumpheshymnen von Lützen 
und Bautzen ertönt war, hatten ihm neun Monate Gefängnis 
— und die begeisterte Liebe seines geliebten französischen 
Volkes verschafft. 

Die chronologische Anordnung bringt es mit sich, dass 
wir jetzt zu Marie- Henri Beiße- Stendhal (1783-1842) übergehen, 
der eine Stelle für sich einnimmt. Dem abenteuerlichen Leben 
dieses ehemahgen Offiziers der „grande armee" und Bonaparte- 
enthusiasten wurde unter den Bourbonen ein schöner Dichter- 
abend zu teil. Er durfte die letzten Jahre in seinem geliebten 
Italien als französischer Konsul verbringen, wo er auch seine, 
wenigstens für die Nachwelt, bedeutendsten Werke verfasste. 
Pur die Romantik allerdings war seine Schrift „Racine et 
Shakespeare" (1823), mit der er den Kampf gegen den Klassi- 
cismus mitbeginnen und mitfechten half, von grösserer Trag- 
weite. Immerhin hatte er auch in seinen vierbändigen Roman 
„Rouge et noir", der mit Recht als Ausgangspunkt — im 
XIX. Jahrhundert natürlich — ^ des modernen französischen 
Romans betrachtet wird, ein Stück Geistesgeschichte jener 
Epoche, alles was die Jugend von 1830 bewegte und begeisterte, 
hineingelegt. 

Auch der echteste, spontanste, innerlich bewegteste Natur- 
lyriker, wenn auch nicht der erste Naturbetrachter und -Sänger 
Prankreichs — denn das hiesse nicht nur Chateaubriand und 
Beruh, de St-Pierre vergessen, sondern auch den vielgeschmähten 



Das litterarische Paris ums Jahr 1831. 17 



J.-B. Rousseau, und nicht minder Lafontaine, Ronsard etc. etc. 
vergessen — der Dichter des „Lac", Alphonse de Lamartine 
(1790-1869), hatte der französischen Litteratur bereits vor 1831 
ihre edelsten und schwungvollsten iMexandriner geschenkt. 
Vor einem Jahrzehnt schon waren die bezaubernden Töne seiner 
„Meditations poetiques" erklungen, in die er den Weltschmerz 
seines Lehrers Chateaubriand hineingelegt, — eigentlich das 
einzige romantische an diesem klassischen Sänger. — Kurz 
vor der Julirevolution war Lamartine mit der Veröffentlichung 
der „Harmonies poetiques et religieuses" (1829) — die von 
Jules Lemaitre als das grösste Meisterwerk der französischen 
Lyrik angesehen werden — auf dem Gipfel seines Dichter- 
ruhmes angelangt, von dem er ebenso schnell herabsteigen 
sollte, wie er ihn erklommen hatte. Als Heine in Paris einzog, 
kehrtk, Lamartine gerade seinem Vaterlande schmollend den 
Rücken, um im Oriente, wo er sich in masslosen Luxus stürzte 
und lächerlic;lier Poeteneitelkeit fröhnte, eine verunglückte 
Wahlcampagne zu vergessen. Auf den Trümmern der antiken 
Welt inspirierte er sich noch zu dem mystisch angehauch- 
ten, zuweilen rhetorisch überschwänglichen „Jocelin", dessen 
lebendige Schilderung aber und schöne Anschaulichkeit die 
deutsche Kritik veranlasste, denselben als sein bestes Werk zu 
bezeichnen, — und zu dem krankhaft phantastischen, byroni- 
sierenden „La chute d'un ange". Nach „ Jocelin" (1835) hört für 
die Nachwelt Lamartine der Dichter auf. Die Geschichte aber 
wird den Autor der „Histoire des Girondins" von den entschei- 
dungsschweren Tagen im Jahre 1848 nicht trennen können. 

Noch haben wir zwei Dichter zu nennen, die die Romantik 
dem vergangenen Jahrhundert schuldet : Casimir Delavigne 
und Alfred de Vigny, die beide in den dreissiger Jahren noch 
in ihrer vollen Schaffenskraft standen. 

Delavigne (1794 — 1843), der in der „grossen Woche" in 
feurig patriotischem Liede die Wiederkehr der „Regenbogen- 
farben der Freiheit" begrüsste, war schon seit 1819, da seine 

Betz, Heine in Frankreich. 2 



lg Das Milieu. 

„Vepres siciliennes" über die Bühne gingen, ein berühmter, 
von Romantikern und Klassikern viel angefochtener Mann. 
Mit den „Enfants d'Edouard" — noch heute in Prankreich 
eines der beliebtesten Trauerspiele, dem jeder Franzose einmal 
sein Thränenopfer dargebracht — , die erst 1833 aufgeführt 
wurden, hat er dann eine opportunistische Stellung zwischen 
der alten und neuen Schule angenommen. Ohne grossen 
poetischen Schwung und echte Begeisterung, verfügte Dela- 
vigne über ein hervorragendes Formtalent, mit dem sich edle 
patriotische Gesinnung, wie diese in seinen „Messeniennes sur 
les malheurs de la France" (1818 und vermehrt 1826) an den 
Tag tritt, vereinigt. 

Im Gegensatz zu der schwankenden Stellung Delavignes 
ist Graf Alfred de Vigny (1799 — 1863) als einer der einfluss- 
reichsten und rüstigsten Bahnbrecher der Romantik zu be- 
trachten. Auch er hatte vor dem zweiten Drittel des Jahr- 
hunderts sein Bestes geleistet. Sein mystisches Gedicht „Eloa, 
la soeur des anges" begeisterte um die Mitte der zwanziger 
Jahre Sainte-Beuve und den ganzen Anhang des Cenacle 
von 1824. Kurz vorher hatte er der französischen Litteratur 
den unübertroffenen historischen Roman „Cinq-Mars'^ geschenkt. 
Bekannt ist sein mutiger Kampf und die ehrenvolle Niederlage 
mit der trefflichen Othello-Uebersetzung (1828). Aber erst nach 
der Julirevolution zeigte sich sein wahres , Jch'' als das eines 
der grössten Pessimisten dieses Jahrhunderts. Als solcher 
wirkte er initiativ auf die Gedankenlyrik in Frankreich. 

Bevor wir mit einem Worte die bedeutendsten Historiker 
und Kritiker jener Epoche berühren wollen, sei noch der 
grosse Vaudeville- und Scenen-Techniker Eugene Scribe er- 
wähnt (1791 — 1861). Seine Glanzperiode und vmbestrittene 
Herrschaft nicht nur über die französische Bühne, sondern 
auch über diejenige ganz Europas, fällt allerdings erst in ein 
späteres Jahrzehnt; immerhin hatte er schon bis zu den Juli- 
tagen dem französischen Theater, resp. den Boulevardtheatern 



Das littorarische Paris ums Jahr 1831. 19 



des Gymnase und Yaudeville, deren Glück er gemacht, seit 
seinem ersten Lustspiel „Davis" (1811) — mit einer Unzahl 
von Mitarbeitern — die Kleinigkeit von 200 Vaudevilles ge- 
schrieben, darunter seine berühmtesten Operntexte. — 

Wenn die Dichtkunst der Romantik nicht schlechtweg als 
die Glanzperiode der französischen Poesie aller Zeiten betrachtet 
werden darf, so lässt sich mit desto grösserer Bestimmtheit 
von der historischen Wissenschaft sagen, dass sie sich in den 
Jahren 1830 — 50 einer nie erlebten Blüte erfreute. Der Alt- 
meister der doktrinären Geschichtsschreibung , Frangois- 
Pierre-Ouülaume Oiiizot (1787 — 1874), hatte seinen Lehrstuhl 
im College de France und der Sorbonne, wo er die Resultate 
seiner sorgfältigen Quellenstudien schmucklos, aber durch die 
Fülle seines tiefen Wissens und durch die scharfe Kritik fes- 
selnd, der für Mittelalter schwärmenden romantischen Jugend 
vortrug, noch nicht mit dem Ministerstuhl vertauscht. In die 
Jahre 1828 — 30 fallen seine bedeutendsten Werke, so die 
„Histoire de la civilisation francaise'^ 

Dem jungen Jules Michelet (1798 — 1874) verschaffte erst 
die Juliregierung eine Sinekure, die ihm die nötige Müsse gab, 
seine spannenden und malerisch beschreibenden Geschichts- 
werke zu vollenden. Dagegen hatte der um zwei Jahre ältere 
Fr angois- Auguste Mignet (1796—1884) schon im Jahre 1824 
durch seine treffliche „Histoire de la Revolution frangaise'^ 
ein überaus klares und psychologisch scharf gedachtes Bild 
der grossen Staatsumwälzung entworfen. Der bureaukratische 
Louis- Adoli)he Thiers (1797—1877), der seine engherzige Ge- 
schichtsauffassung später auch auf die Politik übertrug, hatte 
sich schon Mitte der zwanziger Jahre ebenfalls mit einer 
„Histoire de la Revolution frangaise" (in acht Bänden) den 
Ruf eines grossen Historikers erworben. Seine hohen Verdienste 
für die geistige Hebung seines Volkes, als Unterrichtsminister 
Louis-Philippes, fallen in die Jahre 1832—35. In seinem Auf- 
trage studierte Victor Cousin in Deutschland neue Anordnungen 



20 Das Milieu. 

für die Einrichtung der französischen Schulen, deren Schüler- 
zahl sich unter Thiers' Fürsorge um eine Million vermehrte. 

Ebenso schufen in diesen Jahren die Vertreter der be- 
schreibenden Geschichtsforschung historische Meisterwerke 
von bleibendem Werte. So vor allen der liberal gesinnte 
Äugustin Thierry (1795 — 1856), den man wegen seines glän- 
zenden Erzählertalentes und seiner treuen Hingabe zur 
Wissenschaft, in deren Dienst er erblindete, den Homer der 
Geschichte genannt hat. 

Nachdrücklich ist gerade bei dieser Richtung der Zu- 
sammenhang mit der französischen Romantik, mit Chateau- 
briand und mit W. Scott hervorzuheben. Denn Aug. Thierry 
selbst erzählt uns, wie ihn die Lektüre der „Martyrs" mächtig 
für das Mittelalter begeistert hat, und bezeichnet er doch 
selbst W. Scott als seinen grossen Lehrmeister, wenn er ihn 
„le plus grand maitre qu'il y ait jamais eu en fait de divi- 
nation historique" *) nennt. 

Von den vielen namhaften Litterarhistorikern wollen wir 
nur den hervorragendsten nennen : Ahel-Frangois Villemain 
(1790 — ^1870), der in beredten Vorlesungen der zweitausend- 
köpfigen lauschenden Jugend Blicke in das geistige Leben 
der Völker öffnete, wie dies noch kein Franzose vermocht. 

Hier sei mit den alterreifen Vertretern der schönen Wissen- 
schaften abgeschlossen, obschon tioch mancher Name von 
gutem Klang zu nennen wäre. Der älteste der in diesem 
Jahrhundert geborenen Jungen und zugleich nicht nur durch 
sein Talent hervorragendste, sondern auch durch die domi- 
nierende, tonangebende Stellung, die er sich zu erringen 
wusste, ist der 1802 geborene Victor Hugo (gest. 1885). Mit 
zehn Jahren hatte er bereits gute Verse geschrieben, mit 
fünfzehn solche der französischen Akademie überreicht und 



1) Vergl. Gottl. "Wüscher : „Der Einfluss der englischen Balladenpoesie auf 
die französische Litteratur" (1765—1840). Zürcher Dissertation 1891. (Pag. 49.) 



Das litterarische Paris ums Jahr 1831. 21 

zwanzig Jahre alt war er mit seinen ersten „Ödes" (1822) 
an die Oeffentlichkeit getreten. Und als Hugo 1824 seine 
mächtigen klang- und farbenreichen „Ödes et Ballades" zu 
publizieren begann, da galt er schon allgemein als eben- 
bürtiger Rivale Lamartines, dessen unnachahmliche Vers- 
harmonie er zwar ebenso wenig erreichte, wie die innige 
Schwärmerei, den er aber durch reicheres Kolorit der 
Sprache, schärfere Charakteristik, blendende Phantasie und 
besonders an Gedankentiefe übertraf. Während sich der 
Sänger der „Meditations" stets in hehren Sphären und über- 
irdischen Träumereien bewegte, tobt in den Versen des 
leidenschaftlich kämpfenden jungen Romantikers eine schwer- 
wuchtige Lyrik. Was er dichtet, hat er gesehen, erlebt und 
reiflich vmd fest überlegt ; seine Poesie , auch wenn sie 
phrasenhaft und preziös lautet, wurzelt in dem Gehirn, und 
zwar in dem eines genial unruhigen Poeten. Kurz vor 
dem Ausbruch der zweiten Revolution hatte der noch nicht 
Dreissigjährige mit den „Orientales" sein Höchstes in der 
Kunstlyrik geschaff'en. Die fabelhafte Technik in der Reim- 
kunst, die staunenswerte Fertigkeit, die er in den wunderbar 
klangvollen Versen an den Tag legt, machen ihn, — mag 
er sich auch dagegen gesträubt haben, zum geistigen Vater 
der „l'Art pour rart"-Litteratur, bei der das „Ich" in den 
Hintergrund tritt, um den Tönen einer hinreissenden Sprach- 
orchestration, dem lyrisch-musikalischen Elemente, das wir 
auch in den „Contemplations" so bewundern, das Feld zu 
räumen. 

Schon 1827 hatte Hugo in der Einleitung zu seinem 
Buchdrama „Crom well" der klassischen Tragödie dea Krieg 
erklärt. Die Auff'ührung der „Marion Delorme" war 1829 ver- 
boten worden und 1830 hatte der berühmte Bühnenkampf 
und -sieg des „Hernani" stattgefunden. Besiegt waren die 
klassischen drei Einheiten und andere Traditionen des XVII. 
Jahrhunderts noch nicht, sondern einstweilen erst die Gleich- 



22 Das Milieu. 



gültigkeit des Pariser Publikums; von da an gab es für 
Hugo nur noch lärmend -enthusiastische Bewunderer und 
ebenso laute Gegner. Wenn wir nun in Betracht ziehen, dass 
Hugo 1831 noch den grossartigen Roman, das dreibändige 
Werk „Notre Dame de Paris", vollendete, in dem er mit 
wunderbarer Virtuosität und kunstvoller Darstellung für die 
Existenzberechtigung und die Verbindung des pittoresk 
Hässlichen mit dem ideal Schönen plaidierte, wie bereits in 
der Vorrede zu „Crom well", und uns mit glänzender Phantasie 
und staunenswerter Sachkenntnis ein plastisches Bild des 
Mittelalters hervorzaubert; wenn wir uns ferner erinnern, dass 
lyrische Schöpfungen, wie ein Teil der „Feuilles d'automne" 
und die ersten „Chants du crepuscule" noch 1831 entstan- 
den, so sind wir berechtigt zu behaupten, dass Victor Hugo 
vor der Julirevolution die vornehmsten, geist- und wirkungs- 
vollsten Werke seiner langen Dichterlaufbahn geschaffen 
hatte. 

Obgleich der um ein Jahr jüngere Prosper Merimee 
(1803 — 1870) erst in den vierziger Jahren die beiden Romane 
„Colomba" und „Carmen" verfasste, an die sich sein Name 
als einer der Vorläufer des modernen, indifferent beschreiben- 
den Realismus knüpft, so hatte er mit dem „Theätre de 
Clara Gazul" (1825), der „Chronique du regne de Charles IX", 
mit „Guzla" (1827) schon ein eigenartiges und hervorragen- 
des Erzählertalent ebenso wie gründliches Wissen bewiesen. 
„La Guzla" — jene berühmte, dem Macpherson'schen Betrüge 
ähnliche apokryphe Sammlung illyrischer und dalmatischer 
Balladen, veranlasst uns, ganz kurz auf das Erwachen des 
Verständnisses für Volkslitteratur hinzudeuten, die vor Meri- 
mee schon dem Polkloristen Claude Fauriel und dem Uni- 
versalessaisten Loeve-Veimars und später besonders von Xa- 
vier Marmier gepflegt wurde. Der französischen Kunstpoesie 
den frischen Quell reiner Volksdichtung zuzuführen, gelang 
diesen Männern jedoch nicht. Den Wert des echten Volks- 



Das litterarische Paris ums Jahr 1831. 23 

liedes, besonders des eigenen, nationalen, erkannte die fran- 
zösische Romantik nicht. ^) 

Heine würde uns nimmermehr verzeihen, wollten wir den 
zukünftigen Autor der „Mousquetaires" und des „Monte- 
Christo", den populärsten und vielleicht sympathischsten 
Romantiker, den Mulattensohn Alexandre Dumas (1803 — 1870) 
vergessen. Ihm kommt die Ehre zu, noch vor Hugo, mit 
allerdings ziemlich bedenklichen Waffen, die nicht einmal 
alle aus seiner Werkstatt waren — mit dem Drama „Henri III 
et sa cour'^, dem ersten romantischen Schauspiel, das über 
die geweihten Bretter des Theätre frangais ging, im Jahre 
1829 den ersten Sieg für sich, für seinen Cenacle (den No- 
diers) und die Romantik davongetragen zu haben. 

Für den 1827 von der französischen Akademie aus- 
geschriebenen „prix d'eloquence" konkurrierten drei Litterar- 
historiker: die beiden Schüler Villemains, Philarete Chasles 
und Auguste Saint -Marc Girardin, von denen wir wieder- 
holt zu sprechen haben werden, und ein junger Kritiker des 
„Globe", Charles- Augustin Sainte-Beuve (1804 — 1869j. Den 
Preis teilten sich die beiden ersten ex aequo; Sainte-ßeuves 
„Tableau de la poesie frangaise au XV? siecle", das auf 
gründlichem Studium Ronsards und du Bellays beruhte, zu 
dem ihn sein Freund Hugo und der allgemeine litterarische 
Zeitgeist angeregt, ging leer aus. Das Buch aber, in dem 
er die Romantiker über die Perücken der Klassiker hinweg 
mit Ronsard verkettete, erregte nichtsdestoweniger gewaltiges 
Aufsehen in litterarischen Kreisen und machte den Verfasser 
zu einem der Hauptleiter der neuen Strömung. Bald jedoch 
trennte er sich von derselben, um sich dem Mysticismus der 
Lamennais und Lacordaire, dann dem Jakobinertum eines 
Armand Carrel anzulehnen, und, nachdem er kurze Zeit 
mit Proudhons Socialismus geliebäugelt, ergebenst an den 



^) Vergl. Gottl. Wüsclier, a. a. O,, pag. 61 



24 Das Milieu. 



Stufen des Kaiserthrones zu enden. — Sainte-Beuve war der 
vielseitigste Romantiker, in dem man heutzutage mit Unrecht 
bloss den einflussreichsten Kritiker sieht, da er, wie keiner 
vor ihm, die intuitive Kraft der Nachempfindung für die ver- 
schiedenartigsten litterarischen Erscheinungen besass. Denn 
seine Lyrik nimmt eine bedeutende und wirkungsreiche 
Stellung ein. Im Jahre 1829 waren seine „Poesies et pen- 
sees de Joseph Delorme" und 1830 die „Consolations" er- 
schienen, in denen nach dem Muster der Engländer Cowper 
und Wordsworth das Kleinleben der Natur und die Genüsse 
des Stilllebens mit idyllischer Realistik geschildert sind. In 
Joseph Delorme hat er den Romantikern die drei Haupt- 
erfordernisse des neuen Verses gezeigt: Freiheit und Be- 
weghchkeit der Cäsur, Freiheit im „enjambement" und vor 
allem Reichtum des Reimes. Fast ein halbes Jahrhundert 
vor den Parnassiens feiert er die Macht desselben, indem er 
ihn als erstes und Hauptraittel für die gestaltende Phantasie 
des Dichters erklärt. Er war, wie Brunetiere treff'end sagt, 
der Du Bellay Hugos, denn er formte das, was das Genie 
desselben geschaffen, in rhythmische Regeln und legte so die 
Grundzüge der neuen „Illustration" der französischen Sprache 
nieder. 

Es erübrigt uns noch von zwei Dichtern zu reden, von 
denen ein jeder in seiner Art als Vollblutromantiker betrachtet 
werden kann. Wir meinen Alfred de Musset, den engsten 
Geistesverwandten, und den um ein Jahr Jüngern Theophile 
Gautier, den intimsten Freund Heinrich Heines. In diesen 
beiden Eigenschaften werden wir uns auch noch später 
mit ihnen zu beschäftigen haben. Hier seien sie nur als die 
beiden Poeten erwähnt, die die lange Reihe der Geistesheroen 
der Zeitepoche von 1831 beschliessen. 

Alfred de Miisset (1810 — 1857), welcher der Romantik 
das spöttelnd witzige Element, den Sarkasraus und die Sinn- 
lichkeit zuführte, hatte 1830 die „Contes d'Espagne et d'Itahe", 



Das litterarische Paris ums Jahr 1831. 25 

jene frisch sprudelnden humorvollen Erzählungen, heraus- 
gegeben. Erst nach 1831 griff das berühmte Liebesverhältnis 
tragisch in sein junges Leben ein, dessen erste Frucht „Rolla" 
(1833) wurde. Der Gegenstand dieser verhängnisvollen Leiden- 
schaft, die Baronin Dudevant (geborene Aurora Dupin, 1804 
bis 1876), war, eine unglückliche Ehe fliehend, fast zur selben 
Zeit, wie Heine nach Paris gekommen, wo sie noch im 
Jahre 1831 ihren ersten Roman „Rose et Blanche", nach 
ihrem litterarischen Mentor, Jules Sandeau, George Sand 
unterzeichnete; ein Pseudonym, das ihr zweiter Roman 
„Indiana" (1832) in alle Welt tragen sollte. — 

Noch nicht zwanzig Jahre zählte der krausköpfige meridio- 
nale TJieopliile Gaiitier (1811 — 1872), dieser echte und unver- 
fälschte Typus des Romantikers, als er dem Autor des Her- 
nani, seinem angebeteten Meister, die ersten duftenden und 
sprachprächtigen Lieder widmete. Sie kündigten schon die 
glänzenden Gaben des zukünftigen Versmalers an, wie sie sich 
später in den „Emaux et camees" offenbarten, jenen Grund- 
festen der Parnasseparole : „L'art pour l'art". Der süd- 
ländische Brausekopf war damals in der erwähnten denk- 
würdigen Vorstellung des Hernani — am 23. Februar 1830 ^ 
der Hauptführer der Schar begeisterter Musen jünger mit 
w^allendem Haupthaar, roten Schnürröcken und spanischen 
Mänteln, die dem litterarischen Philistertum den Garaus 
machen wollten. An jenem Abend schon hatte sich Gautier 
im Parterre des Theatre frangais mit seiner roten Weste und 
den hellgrünen Hosen den legendären Ruf geschaffen. *) 



*) In dem Cenacle von 1829 war Gautier der Jüngste. — Hier mag 
noch ein Wort der Aufklärung über den oft genannten und missverstandenen 
Begriff des Cenacle am Platze sein. Es handelt sich nämlicli nicht bloss um 
einen, sondern um drei Cenacles. Der erste, der von 1824, setzte sich zusammen 
aus : Nodier, in dessen Wohnung im Arsenal, wo er Bibliothekar war, er meistens 
tagte, — Victor Hugo, Alexandre Soumet, ein Bewunderer und Nachahmer 
Klopstocks, der nicht lange mit den Romantikern gemeinsame Sache machte, — 



26 Das Milieu. 



Alfred de Vigny und den beiden Brüdern Emile und Antony Deschamps, von 
denen der erstere sich durch treffliche Uebortragungen deutscher Klassiker aus- 
zeichnete. Auf der Tagesordnung dieses Schriftstellerbundes standen ausser 
dem Kampfe gegen das litterarisch Konventionelle, ganz besonders Hass der 
grossen Revolution und Verachtung alles Gemeinen und Vulgären. In dem 
zweiten Cenacle (ums Jahr 1828), der noch bei Nodier abgehalten wurde, in 
dem aber schon Hugo das grosse Wort führte, treffen wir ausser den alten 
noch folgende neue Namen : Sainte-Beuve, Alfred de Musset, Gerard de Nerval, 
Alexandre Dumas und die talentvolle Dichterin Madame Tastu, die sich beson- 
ders als Jugendschriftstellerin Verdienste erworben. Erst der dritte Cenacle 
findet im Hause Victor Hugos, Place Royale, statt. Vergebens suchen wir hier 
seine alten Freunde und Kampfesgenossen. Er ist inzwischen einer der Un- 
sterblichen, le maitre „Olympio" geworden, der keine Freunde, sondern nur 
noch weihrauchstreuende Anbeter und solche, die ihm bei seinen Arbeiten 
nützlich sind, in seiner hohen Nähe duldet, d. h. excentrische Studienköpfe, 
wie der Lykanthrop Petrus Borel, eine Anzahl Maler und Bildhauer. An der 
Spitze dieser unbedeutenden Verehrerschar der einzige Dichter : Theo Gautier. 



Heines Stellung zur französischen Romantik. 27 



Drittes Kapitel 

Heines Stellung zur französischen 
Romantik und zu einigen ihrer Haupt- 
vertreter 



Man hat sich deutscherseits darüber gewundert, dass 
Heine so spät in Prankreich zur Geltung gekommen ist. 
Heine selbst, der sich seines Wertes wohl bewusst war, wird 
zweifelsohne von Paris mehr Ehre für den deutschen Sänger 
erwartet haben. Wir aber, die wir jetzt die glänzende 
Siegesperiode der französischen Romantik überbHcken können, 
in der, neben der Fülle von Koryphäen, neue Poeten, neue 
bedeutende Geister jeder Art wie Pilze aus der Erde schössen 
und so die Epoche, die Heine in Paris verlebte, zu einer 
abnormal litterarisch produktiven gestalteten, wir müssen uns 
im Gegenteil darüber wundern, dass der deutsche Dichter so 
rasch in der litterarischen Welt von Paris zu Ansehen ge- 
langte. Denn der flüchtige Poet musste sich nicht nur allein 
durch die Masse von Talent und Genie den Weg zum Ruhm 
bahnen, sondern es traten noch hemmende Verhältnisse hinzu. 
Zu diesen gehört in erster Linie seine schiefe sociale Stellung 
als deutscher Journalist, über die man lange in massgebenden 
Kreisen im unklaren war. Geraume Zeit hatte Heine gegen 
ein geheimes Misstrauen zu kämpfen, das man dem schönen, 
jungen und geistreichen Chroniqueur — denn nicht als Dichter 



28 Das Milieu. 



betrachtete man ihn anfangs, von dem man so gut wie nichts 
wusste — mit der scharfen Zunge entgegenbrachte, den man 
überall antraf, hinter den Coulissen der Theater- und der 
politischen Bühne, in öffentUchen Versammhmgen, in Utterari- 
schen Salons und bei der „Boheme" ebenso wie in den 
Tuilerien. Lange musste er sich gefallen lassen, in Frank- 
reich als Deutscher verschrieen zu sein, während man ihn 
zu Hause einen Franzosen schalt. — 

Den sichersten und kürzesten und auch dankbarsten 
Weg zu Ansehen und Einfluss, denselben, den u. a. ein 
Alexandre Weill und später Albert Wolff einschlugen, d. h. 
die alte Heimat abzuschütteln und Franzose zu werden, diesen 
Weg wollte Heine nicht wählen. Diejenigen, die in germani- 
schem Ingrimm so schnell bereit sind, den flüchtigen deutschen 
Juden wegen seiner überrheinischen Sympathieen als Vater- 
landsverleugner oder gar -Verräter an den Pranger zu stellen, 
ignorieren, wie gross die Versuchungen waren, die an den 
nach französischem Schriftstellerruhm Strebenden herantraten, 
und wie fest und innig seine Liebe fürs deutsche Vaterland 
sein musste, dass er allen Verlockungen einer Naturalisation 
widerstehen konnte. Er blieb Deutscher und focht sein wag- 
halsiges Vorpostengefecht aus, als welches er seine Stellung 
in Paris stets betrachtete — und zwar wetteiferte er als 
Deutscher mit den Franzosen in Redetalent und „esprit", 
kämpfte mit ihren ureigensten Waffen, teilte kreuz und quer 
seine scharfen Hiebe unter den gefürchtetsten und angebetet- 
sten Helden der Feder und des Geistes aus. 

Wie sehr man gleich die Mitarbeiterschaft dieses in- 
teressanten Fremden schätzte, wie viel man von der Zug- 
kraft seines sprühenden Gedankenblitzes erwartete, geht zu 
Genüge aus der Thatsache hervor, dass die erste französische 
Uebersetzung der „Reisebilder" für die bloss ein Jahr alte, 
aber schon tonangebende „Revue des deux Mondes" ge- 
wonnen wurde, die bereits Gelehrte, wie Sainte-Beuve, Edgar 



Heines Stellung zur französischen Romantik. 29 



Quinet, Gust. Planche, Fauriel und Lerminier, und Poeten, wie 
Hugo, Dumas und Alfred de Vigny, zu ihren Mitarbeitern 
zählte, d. h. die ersten Namen des Tages. Eine der hervor- 
ragendsten litterarischen Modefiguren Loeve-Veimars über- 
setzt ihn. Noch mehr ! Das grossartige journalistische Unter- 
nehmen „L'Europe litteraire" stellt das französische Original 
seiner „Romantischen Schule" an die Spitze der ersten 
Nummer und benützt so das Talent, das Wissen und den 
Namen Heines als Reklame für die Zeitschrift. Und dies, 
als unser Dichter kaum ein Jahr, resp. zwei Jahre in Paris 
gelebt hatte! Heisst dies nicht zur Geltung kommen und 
nicht gewürdigt werden? Wer weiss, wie viel Mühe, Aus- 
dauer, Geduld und Talent es fast allen zu Ruhm und Ehre 
gelangten Franzosen in ihrer eigenen Hauptstadt kostete, 
bis es ihnen gelang, sich an die Oberfläche hinaufzuarbeiten, 
muss zugeben, dass Heine erstaunlich rasch nach Wert und 
Verdienst anerkannt wurde. Heinrich Laube, der einzige 
wirklich bedeutende von seiner Handvoll ehrlicher und treuer 
Freunde, bestätigt als Augenzeuge, dass seine französischen 
Kollegen sehr bald in ihm nicht nur die Krallen des Löwen 
fürchteten, sondern in dem deutschen Flüchtling eine geistige V 

Macht ersten Ranges erkannten , als solche sie ihn auch 
schätzten und achteten. ^) 

Alle deutschen Heinebiographen haben ein Kapitel dem 
Verhältnis Heines zu berühmten französischen Zeitgenossen, 
seinem gesellschaftlichen Verkehr in Paris und seinen näheren 
Freunden gewidmet. Es kann daher nicht unsere Aufgabe 
sein, hier Bekanntes im einzelnen zu wiederholen. Im weitern 
Verlauf unserer Arbeit, wenn wir von seinen Uebersetzern 
und der französischen Kritik reden, werden wir ohnehin 
Gelegenheit finden, manches Wissenswerte zu bringen. Im 



Vergl. H. Laube über H. Heine; Deutsche Rundschau 1887, Sept., 
png. 465. 



30 D«^s Milieu. 



folgenden beabsichtigen wir nur einige allgemeine Gesichts- 
punkte hervorzuheben, die einer deutschen Biographie ferner 
liegen, und den Namen Heines mit einigen französischen 
Litteraten und ihren Kreisen in Zusammenhang zu bringen. 
Wenige Notizen über Heines Stellung zu dem Saint-Simonis- 
mus glaubten wir trotz einiger interessanten Seiten in Job. 
Proelss' „Das junge Deutschland" (Stuttgart 1892) der Voll- 
ständigkeit wegen beibehalten zu dürfen. 

Auf die vielen Berührungspunkte zwischen dem Naturell 
und den litterarischen und socialen Neigungen Heines und 
der französischen Romantik genügt es mit wenigen Worten 
hinzuweisen. Abscheu vor der Routine, Verachtung alles 
Vulgären, Hass des Konventionellen, des Wortschwulstes der 
Emphase, aller hohlen, nichtssagenden, schönen Phrasen und 
Gefühle; dagegen Hang zur Phantastik, künstlerische Laune 
und — last but not least — fanatischen Kultus des Schönen 
und Grossartigen — dies alles hatte er mit den meisten 
Romantikern gemein. Beide Teile berührten sich ferner in 
der sich aus den obigen Eigenschaften logisch ergebenden 
Napoleonschwärmerei — wir haben natürlich nur die erste 
Phase der französischen Romantik im Auge. Diese war es ja 
auch, welche zu Schmähungen unseres Dichters Veranlassung 
gegeben hat, wobei man vergass, dass der Stein, der nur für 
Heine bestimmt war, die besten Patrioten traf; so Hegel, der 
von Jena aus schrieb : „Ich habe den Kaiser gesehen, diese 
Weltseele/' so Varnhagen von Ense, der Napoleon bewunderte, 
obgleich er gegen ihn gefochten hatte ; von Goethe gar nicht 
zu reden, dessen Bonapartebewunderung allbekannt ist. Wie 
bei den Romantikern, war es bei Heine nicht politische Ueber- 
zeugung, auch nicht persönliche aristokratische Neigung, die 
ihn für den genialen Korsen schwärmen Hessen, sondern der 
Hang zum Aussergewöhnlichen, der Widerwille, den er gegen 
alle Mittelmässigkeit, gegen die rohe Masse, gegen jedes farb- 
und schmucklose Dasein empfand. Flauberts legendäre Parole 



Heines Stellung zur französischen Romantik. 31 



„haine du bourgeois^^ ^) bedeutet im Grunde nichts Anderes, 
auch bei ihm muss dies Wort vom künstlerischen Standpunkte, 
nicht etwa vom socialpolitischen gedeutet werden. 

Heine, der schon in Deutschland ein erklärter Feind aller 
Cliquen war, blieb denselben auch in Paris fern, wo sie von 
jeher häufiger und einfiussreicher gewesen sind. Weder die 
„Bohemiens'' noch die Saint-Simionisten konnten ihn als den 
ihrigen betrachten. Freunde und Sympathieen besass er bei 
beiden, ja auch in Hugos Cenacle. Er verkehrte eben mit 
jedem, der ihn interessierte, ging aber ruhig seines Weges, 
ohne sich dauernd irreführen zu lassen. Wahr ist es allerdings, 
dass die grössere Anzahl seiner Bekannten und vor allem die 
beiden intimsten Freunde der sogenannten „Boheme romantique^' 
angehörten, eine Bezeichnung, die von dem einzigen über- 
lebenden Mitgliede derselben, von Arsene Houssaye herrührt, 
im Gegensatz nämlich zu dem „Olympe romantique'^, wo nach 
ihm Chateaubriand, Lamartine, Alfred de Vigny, Hugo und — 
Alex. Dumas thronten. Aber ebenso oft wie Gautier bei diesen, 
war auch der joviale Dumas bei den „Bohemiens'' zu sehen. 
Sehr flüchtig kannte Heine jedenfalls vier Sterne am littera- 
rischen Himmel : Hugo, de Vigny, Lamartine und Merimee. 
Er mag ihnen in den Soireen der Rothschildschen Kreise 
zuweilen begegnet sein, in denen sich schon damals alles 
bewegte, was es in Paris an Geist, Geburt und Geld Mächtiges 
gab, oder bei Lafayette und den Ministern Comte Duchätel 
und Salvandy, wo er Gelegenheit hatte, sich den ausgezeichnet- 
sten Männern des Tages zu nähern. Zweifelsohne kannte er sie 
persönlich; wie sollten sie ihm, der doch in den Redaktions- 
bureaux der „Revue des deux Mondes^' und der „Europe 
litteraire'' ein- und ausging, fremd geblieben sein ! Wir wissen 
es auch durch die Empfehlungen, die seine deutschen Besuche 
bei den litterarischen Grössen einführten. Nichtsdestoweniger 



^) Etwa mit „Hass gegen den Philister" wiederzugeben. 



32 Das Milieu. 



ignorierten jene ihn litterarisch total; — wir glauben nicht, 
dass der Name Heines in den Schriften, Briefen und Memoiren 
der genannten vier Koryphäen auch nur erwähnt ist. Bei 
Victor Hugo ganz besonders nicht, der nie verzieh und die- 
jenigen, die seine olympische Majestät beleidigt hatten, ent- 
weder totschwieg oder dann bei Gelegenheit niederschmetterte. 
Da ihm das Letztere bei Heine schwerlich gelungen wäre, 
begnügte er sich damit, den deutschen Dichter überhaupt 
nicht zu beachten. Peinlich war dieses Verhältnis für Gautier, 
dem Hugo ein höheres Wesen schien, der aber zugleich ein 
enthusiastischer Bewunderer Heines blieb. Der gute „Theo'' 
hat es dennoch nie über sich gebracht, den deutschen Freund 
in den Cenacle semes Dichtergottes zu führen, den er ver- 
spottet hatte. Nicht unmöglich ist es, dass Hugo später auch an 
den jüdisch-deutschen Heine dachte, als er die Juden in seinen 
„Chätiments" züchtigte. 

Heine war kein „homme du monde", dem es ein Bedürfnis, 
sich in feinen Salons zu bewegen und dort im Kreise schöner 
Damen durch seinen Geist zu glänzen und den geistreichen 
Don Juan zu spielen. Die Heinelegende allerdings will es 
anders; nach ihr soll sich der deutsche Dichter in einen witzigen 
Salonhelden verwandelt haben, der schreckliche Verheerungen 
unter den Frauenherzen angerichtet — bis ihm der strafende 
Commandeur das frivole Handwerk legte und ihn zur Matratzen- 
gruft verdammte ! — 

Heine war viel zu launenhaft, sein Witz zu scharf und 
ungeschliffen, um es in französischen Frauenkreisen zum 
Liebling zu bringen — der esprit des Boulevard ist nicht 
der des Boudoir — ; passte ihm irgend etwas nicht, oder war 
er schlecht gestimmt, so konnte er von der Suppe bis zum 
Käse stock- und grobstumm bleiben, wie — ein Gottfried Keller. 
Von allen Pariser Salons, in denen er vorübergehend ver- 
kehrte, blieb er eigentlich nur dem der ebenso schönen wie 
gescheiten Mailänderin Prinzessin Belgiojoso treu, wo er u. a. 



Heines Stellung zur französischen Romantik. 33 



mit Mignet, Cousin, Bellini, seltener mit Musset zusammen- 
traf. Der Letztere und Heine waren beide gleich erfolglose 
Rivalen, da Mignet als Sieger aus diesem Liebestournier um 
das Herz der italienischen Patriotin hervorging. 

x\lfred de Musset, Heine und — Leopardi ! Wer immer 
von den Dreien weiss, kann nicht an einen derselben denken, 
ohne sich der andern zu erinnern. Sie sind und werden 
stets das nimmerwelkende Dreiblatt der Weltschmerzpoesie, 
aus Liebespein, Ironie und Geistesunruhe zusammengesetzt, 
bleiben, wie sie zur Zeit unseres werdenden Jahrhunderts 
aus der Evolution der Weltpsychologie entstand, oder — um 
mit der vergleichenden Litteraturgeschichte zu reden — wie 
sie aus Byrons Dichtung emporblühte. Die Stoffesfülle ver- 
bietet uns, auf die ungemein interessante Aehnlichkeit zwischen 
Heine und Musset näher einzugehen.^) Nur dies: In dieser 
ihrer frappanten Aehnlichkeit, die sich sowohl auf innere An- 
lage als auch auf ihre Stellung nach aussen bezieht, stehen 
sie in der W^eltlitteratur einzig da. Sie haben nicht bloss 
Zweifeln und Schwanken, Geist und Witz (so selten bei grossen 
Dichtern) ^), eine unglückliche Leidenschaft, stolzes Selbst- 
bewusstsein, thränenfeuchten Spott und das traurige Lachen 
gemeinsam, sondern es decken sich auch ihre Stellung und 
ihr Benehmen gegenüber der zeitgenössischen litterarischen 
Strömung — beide spotten über die konsekrierten Dichter- 



1) Den Versuch einer solchen Parallele werden wir in Kürze unter- 
nehmen. — Fast alle, die über den einen oder andern Dichter schrieben, 
machen auf die Aehnlichkeit der beiden Poetengestalten aufmerksam. Aus- 
führlicher schrieb über dieses Thema bloss William Reymond („Revue des 
cours litteraires de la France et de l'Etranger", 28. April 1866, pag. 368 
bis 374). — In der „Revue contemporaine", 15. März 1861, pag. 306, ist 
eine Parallele zwischen Musset und Lenau skizziert. — Meissner vergleicht 
bekanntlich in seinen ,, Heine-Erinnerungen" Heine mit J. J. Rousseau. 

2) Vergl. u. a. Grenier, Diner Brizeux („Revue bleue", 3. Juni 1893) . . . 
,,Sauf Musset et surtout Heine, tous les poetes que j'ai connus n'etaient pas ce 
que le monde appelle des hommes spirituels." 

Bctz, Heine in Frankreich. 3 



34 Das Milieu. 



grossen ihrer Heimat — und ihr Einfluss auf die Jugend. 
Und heute wie damals haben sie dieselben schwärmenden 
Freunde und dieselben hasserfüllten Feinde. Doch selbst 
bei einer flüchtigen Skizze dieser verführerischen Parallele 
muss auf einen grossen Unterschied hingewiesen werden. 
Bei Musset überlebte der Körper den Geist; dem Dichter der 
„Confessions d'un enfant du siecle" fehlte die Kraft; er unter- 
lag. Bei Heine aber siegte das Immaterielle; sein Geist 
trotzte dem siechen Körper. Der Dichter des „Intermezzo" 
hat sich nie ergeben. — / 

Sehr liiert war Heine mit dem „Docteur L. Veron'"', einer 
der stadtbekanntesten Persönlichkeiten der dreissiger Jahre; 
Mediziner, Litterat, Verwalter der „Revue de Paris", Direktor 
der Grossen Oper und Autor der kulturhistorisch interessanten 
„Memoires d'un Bourgeois de Paris" , einem vierbändigen 
Werk, in dem übrigens merkwürdigerweise nirgends von 
unserm Dichter die Rede ist. Auch mit Beranger stand er 
lange gut, bis Heine, der den Chansonnier schätzte und liebte, 
auf die unglückliche Idee kam, diesem den Beinamen „polisson" 
zu geben, worin er trotz der Vorstellungen ihrer gemeinsamen 
Freundin Madame Jaubert nichts Beleidigendes sehen wollte. 
Befreundet war und blieb er mit Balzac, seinem Alters- 
genossen. Diesen hätten wir schon in unserer Dichter-Rund- 
schau erwähnen können, da er 1832 bereits über ein littera- 
risches Gepäck von circa zwanzig Novellen verfügte. Er 
stak aber noch tief im geschichtlichen Romane Walter 
Scotts und erst Mitte der dreissiger entpuppte sich der 
genial-rücksichtslose Meister des realistischen Sittenromans. 
Im „Journal des Goncourt" (Bd. II, pag. 22) werden uns fol- 
gende Worte des Autors der „Comedie humaine" wieder- 
gegeben: „Ah! c'est dommage, l'autre jour Henri Heine, le 
fameux Heine, le puissant Heine est venu. II a voulu monter, 
Sans se faire annoncer. Moi, vous savez, je ne suis pas le 
Premier venu, mais quand j'ai su qui c'etait, toute ma journee. 



Heines Stellung zur französischen Romantik. 35 



il l'a eue.^' Zu seinen nähern Bekannten zählten ferner noch 
zwei echte „bohemes romantiques", der Trabant Hugos, Petrus 
Borel, und ganz besonders der originelle Sekretär Balzacs, 
Lassailly. Arsene Houssay berichtet über ihn folgendes (Con- 
fessions I, pag. 374) : „II (Lassailly) est un de ceux qui ont 
invente le mot „incompris" pour les poetes et pour les ferames. 
Cette lettre en vers ecrite le jour de sa mort ä H. Heine le 
peint assez juste: 

Lassailly, l'avez-vous connu, mon eher Henri? 

C'etait Faust et Werther 

Et son coeur a fleuri 

Sans trouver de rosee. 

Au pays de Voltaire 

n vivait dans le bleu, toujours loin de la terre, — 

Ne pleurons pas sa mort; au sejour des esprits 

On pretera l'oreille au poete incompris." 

Seinem Herzen jedoch am nächsten von allen den be- 
rühmten und nicht berühmten Freunden, Salon-, Cafe- und 
Boulevard-Bekanntschaften, — einigen werden wir noch in 
den folgenden Kapiteln begegnen, — war der gute, unglück- 
liche Gerard de Nerval. „Je me vois en lui," soll Heine von 
ihm gesagt haben, und was er in dieser reinen Dichter- 
seele sah, war sicherlich nicht sein schlechteres Ich. Bei 
dem Geliebten der treulosen Colon, im Hotel de Chimay, traf 
er mit mancher notorischen Persönlichkeit der Boheme zu- 
sammen, u. a. mit Henri Murger, dem Maler Heinrich Leh- 
mann und dem Kritiker Champfleury. Wie muss es in dieser 
Gesellschaft Witze, Paradoxe und — gewisse Pikanterieen ge- 
regnet haben ! Welch Glück für die von seinen Deutschen 
ohnehin schon genug zerzauste Reputation Heines, dass sich 
kein Goncourt in ihrer Mitte befand! — 

Die „Kirche" der Saint-Simonisten traf Heine in ihrer 
Glanzperiode. In allen Stadtteilen von Paris hatten sich Ge- 
meinden gebildet, wo die erlösenden Lehren der neuen Re- 



36 Das Milieu. 



ligion gepredigt wurden. Das vornehmste litterarische Organ, 
der „Globe", in dessen Spalten die Romantiker einst das 
Hallali der dichterischen Reaktion ertönen Hessen, machte 
durch die Feder ihrer Führer Progaganda für den neuen 
Glauben. Auch in den Provinzen begann man sich für die 
Apostel, die Michel Chevalier, Enfantin und Olinde Rodrigues 
zu interessieren. Allein schon 1831 hatte sich die social- 
religiöse Sekte, die sich nach ihrem Gründer, dem abenteuer- 
lichen aber edeldenkenden Grafen Claude Henri de Saint- 
Simon nannte, bereits in zwei Richtungen gespalten, in eine 
social-politische und eine ethisch-religiöse, die letztere mit 
Enfantin an der Spitze. Zu diesem und seinen Lehren fühlte 
sich Heine eine kurze Spanne Zeit mächtig hingezogen. Er 
war ein regelmässiger Besucher der Versammlungen der rue 
Taitbout, die jener präsidierte, gewiss auch um sich nebenbei 
an den glänzenden Reden sprachlich zu bilden. Er wohnte 
der berühmten Sitzung bei, in der der Saal auf Befehl des 
Königs geschlossen wurde. In Briefen nennt er Enfantin 
seinen „lieben Freund", rühmt den seltenen Adel seiner Ge- 
sinnung und bezeichnet ihn als einen der bedeutendsten Geister 
der Gegenwart. 

Dieser für Heine kompromittierende Verkehr sollte in- 
dessen von kurzer Dauer sein. Er war kaum zwei Monate in 
Paris, als auch die Dekadence der neuen Kirche begann und 
zwar zunächst mit dem feierlich verkündeten Abfall Bazards, 
der die besten Anhänger mit sich riss. Schon im August 1832 
nahm der Saint-Simonismus in dem Justizpalast ein klägliches 
Ende. Die Hauptprediger hatten die Kanzel mit der Anklage- 
bank vertauscht. — „A l'heure oü je vous ecris" — so be- 
richtet Lerminier in der „Revue des deux Mondes" vom 
15. August 1832 (pag. 484) in den „lettres philosophiques" — 
„il n'y a plus ni Saint-Simonisme, ni saint-simoniens, tout 
s'est evanoui, car je ne compte pas dans Tordre des idees 
la secte qui donne en ce moment un si pitoyable spectacle ..." 



Heines Stellung zur französischen Romantik. 3T 



Heine fand bald neue Freunde und zwar Heine der 
Poet, d. h. sein echteres Ich. Man hat zur Genüge betont, 
dass er mit allen Philosophieen bloss sein geistreiches Spiel 
getrieben, mit jedem System tändelte, so auch mit dem Saint- 
Simonismus. Ohne dies bestreiten zu wollen, da wir selbst 
der Ansicht sind, dass Heine zu sehr Künstler und Satyriker 
war, um an irgend einer fanatischen Ausschreitung Gefallen 
zu finden, so glauben wir dennoch nicht, dass ihm die Lehre 
des französischen Grafen bloss ein willkommenes Thema für 
seine Dichterlaune gewesen sei. Sie sass tiefer. Denn als 
der erste Freiheitstaumel, der ihn allzuschnell in die Arme 
der Apostel warf, verraucht war, blieb dennoch an dem 
nüchtern Gewordenen ein gut Stück ihrer Lehre haften — 
mag sie auch im Kerne schon in dem Autor der „Reisebilder" 
gelegen haben — und zwar als jene janusköpfige Doktrin, 
auf der einen Seite socialistisch-antiklerikal, auf der andern 
aristokratisch-individuell, beides mit einem Anflug von Mystik. 



ZWEITER ABSCHNITT 



H. HEINE 

IM LICHTE 

DER FRANZÖSISCHEN KRITIK 



„Will man überhaupt Heine nur freundlich und wohl- 
gefällig- abg-espieg-elt sehen, so muss man sich an die ISota- 
bilitäten der Franzosen, unter denen er fünfzehn Jahre g-elebt, 
wenden. Sie respektierten ihn wie einen der vornehmsten 
Pairs in dem litterarischen Parlamente Europas, und derselbe 
Heine, an welchem sich bei uns jeder dürftige und sein bisschen 
Handwerkszeug aus Heinescher Domäne beziehende Journalist 
reiben zu dürfen, über welchen Spatz und Elster abgeschmackt 
piepen zu dürfen glauben, derselbe Heine gilt doi*t für einen 
der grössten Dichter und geistreichsten Autoren Europas. 
Ich weiss dies nicht von Hörensagen ; ich hab' es gesehen und 
erfahren an seiner Seite. Ihm öffneten sich alle Pforten, ich 
möchte sagen : alle Arme ; (;r gehörte ganz und gar und ohne 
Vorbehalt zu der glänzenden Familie von französischen Nota- 
bilitäten, welche sonst gegen den Ausländer so kühl und so 
höflich sind." 

(„Heinrich Laube über Heinrich Heine." — Mitgeteilt 
von Gust. Karpeles.) 

Der Vorwurf, unsere Forschungen in diesem Abschnitte 
„ad absurdum" getrieben zu haben, wird uns schwerHch er- 
spart bleiben. „Was lehren uns die hundert Stimmen aus 
dem Gallierlande Neues über den deutschen Poeten? Kaum 
ein Dutzend der zahlreichen französischen Beurteiler und 
Verehrer vermag Heines politische Bedeutung richtig zu er- 
kennen; — und noch weniger sind es, die die bezaubernde 
Anmut seiner Lieder zu fassen und zu schätzen vermögen." 
Solches und ähnliches wird die Kritik verlauten lassen. 
Froh sind wir sogar, wenn sie es damit bewenden lässt und 
uns nicht noch mit ernst- wissenschaftlichem Tadel der Ak- 
tualitätshascherei zeiht. — Insofern man nicht davon ablassen 
will, dass es nur einen deutschen Heine gibt und keinen 
französischen, dass den Franzosen kein Recht zusteht, einen 
Dichter zur Hälfte für sich in Anspruch zu nehmen, der 
fünfundzwanzig Jahre lang im Herzen ihres Landes gelebt. 



42 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

in dessen Litteratur sein Genie die tiefsten Spuren hinter- 
lassen hat, — wenn man, abgesehen von alledem, es als 
uninteressant und unwichtig erklärt, die verschiedensten An- 
sichten eines ganzen Volkes — vom polemischen Journalisten 
bis hinauf zum Dichter, über Gelehrte und Staatsmänner hin- 
weg — über eine so merkwürdige Poetengestalt zu vernehmen 
— wenn all' dies als unrichtig und unwesentlich betrachtet 
werden könnte, so müsste dennoch diesen mit vieler Mühe 
aufgehäuften und gesonderten Dokumenten ein praktischer 
und wissenschaftlicher Wert zuerkannt werden, nämlich : den 
Ruhm und die hohe Bedeutung Heines, die ihm von selten 
Prankreichs seit einem halben Jahrhundert im reichsten Masse 
zuerkannt wurden, für Deutschland durch französische Stim- 
men, die über der Grenze meist unbeachtet blieben, in ein 
neues Licht zu stellen, und dies zur Rehabilitation des Sängers 
der „Loreley" und Beschämung der Ignoranten Splitterrichter- 
kritik in dessen eigener Heimat. 

Wenn wir demnach mit grösster Zuversicht an diesen 
Teil unserer Aufgabe herantreten und bestimmt an die Zweck- 
mässigkeit derselben glauben, so gestehen wir mit gleicher 
Bestimmtheit, dass es über unsere Kräfte geht, ihr in allen 
Stücken gerecht zu werden. Anfangs glaubten wir, im stände 
zu sein, die Ansichten, Urteile und Studien der verschiedenen 
Schriftsteller nach gewissen Gesichtspunkten zusammenstellen 
und erörtern zu können ; eine Einteilung zu treffen , die 
günstige und gehässige Kritik kennt, oder eine solche, die sich 
ausschliesslich auf den französischen Dichter oder auf den 
deutschen Heine bezieht; die den geistreichen Satyriker oder 
den Sänger des „Intermezzo" im Auge hat etc. Allein wir 
mussten von diesem Plane, der dem Ganzen Innern Zusammen- 
hang und demonstrative Deutlichkeit gegeben hätte, abstehen. 
Die französische Kritik erwies sich von derselben Komphziert- 
heit wie die deutsche — und wie das Objekt selbst. Wir 
mussten uns daher auf eine Gruppeneinteilung beschränken. 



Einleitungr. 43 



innerhalb welcher wir die zerstreuten Urteile, einschlagende 
Arbeiten, Memoiren etc. chronologisch Revue passieren lassen. 
Damit die Oekonomie des Ganzen nicht beeinträchtigt 
werde, haben wir nur einige der wichtigsten und charakte- 
ristischsten Arbeiten über Heine ausführlich besprochen. Wir 
schicken deshalb eine vollständige Bibliographie der übrigen 
einschlagenden Schriften jeweilen voraus, und behalten uns 
vor, in Separatstudien auf dies und jenes zurückzukommen. 
— Auch in dem Kapitel „Gelegentliche Urteile und Be- 
sprechungen über Heine" haben wir uns bemüht, den reichen 
uns zur Verfügung stehenden Stoff aufs knappste zu ver- 
arbeiten. 



44 ff- Hoino im Lichto dor französischen Kritik. 



Erstes Kapitel 
Einzelstudien über Heine 



De la France, par Henri Heine. Par G.-A. D. ^) „Europe litteraire", 
28. Juni 1833. 

Allemagne — Poesie, par Edgar Quinet.^) „Revue des deux Mondes", 
15. Februar 1834. 

Henri Heine, par Philarete Chasles. „Revue de Paris", März 1835. 

Theophile Gautier bespricht in dem Journale „La Presse", an dem die 
ausgezeichnetsten Litteraten der Zeit, wie Balzac, de Girardin, 
Sue etc., arbeiteten, am 30. November 1837 die erste französische, 
bei Renduel erschienene Ausgabe der „Reisebilder". 

Profession de foi politique de deux poetes: MM. Freiligrath et Henri Heine, 
par Daniel Stern.^) „Revue des deux Mondes", 1. Dezember 1844. 

Etudes sur l'Allemagne, par Alfred Michiels. Paris 1850 (2« edition), 
Enthält ein Kapitel über „Henri Heine". 



^) Qnenard et Barbier (Dictionnaire des anonymes) geben keine Auskunft 
über diesen Anonymus. — In demselben Bande dieser Zeitschrift wurde Heines 
„De l'Allemagne" zuerst veröffentlicht. 

2) Süpfle bezeichnet (Bd. II, 2, pag. 140) diese und die hierauf folgende 
Arbeit Philarete Chasles' irrtümlich als die frühesten französischen Beurteilungen 
Heines. Quinet selbst hat schon zwei Jahre vorher sehr ausführlich über unseren 
Dichter gesprochen. 

^) Schriftstellername der Gräfin d'Agoult, geb. Beethmann. — Vergl. be- 
sonders über sie: Barbey d'Aurevilly — Les oeuvres et les hommes. — An 
dieser Studie hat de Mirecourt (s. u.) ein hübsches Exempel seines unverschämten 
Plagiattalentes verübt. Er hat sich den Beinamen „manufacturier de biographies" 
redlich verdient I 



Einzelstudien über Heine. 45 



Henri Heine, par Julian Klaczko. ^) „Revue de Paris", 1. Januar 1855. 
Henri Heine, par Louis Ratisbonne. „Revue conteniporaine",^) 31. Mai 1855. 

17. Februar 1856, f H. Heines. — Nekrologe. 

Louis Ratisbonne im „Journal des Debats" vom 22. Februar. 

2'heo Gaiitier^) im „Moniteur" vom 25. Februar. 

Auguste ViUemont im „Figaro" vom 28. Februar. 

Thcod. de Banville*) im „Figaro" vom 24. Februar. 

M. et L. Escudier^) in „Le Pays" vom 21. Februar. 

Edni. Texier im „Siecle" vom 24. Februar. 

Jules Lecomte in „L'Independance beige" ^) vom 23. Februar. 

Philippe Busoni in „Illustration" '^) vom 1. März. 

L. Laurent- Pichat in „Illustration" vom 15. März. 

Jides Janin im „Almanacli de la litterature" 1857. 



Henri Heine („Les Contemporains"), par Eugene de Mirecourt.^) 1856. 

Ecrivains modernes de l'Allemagne, par Blaze de Bury. Paris 1868. 

Les deux Allemagne — Madame de Stael et H. Heine, par E. Caro. 
„Revue des deux Mondes", 1. November 1871. 

Henri Heine et la politique contemporaine, par Luden Levy. „Nouvelle 
Revue", Juli 1881. 



^) Ueber die Angriffe einiger polnischer Schriftsteller, die nach Monteguts 
Bericht die letzten Stunden Heines verbitterten, werden wir auch später ge- 
legentlich sprechen. 

^) Später in „Impressions litteraires", Paris 1855. 

^) Diesen Nekrolog hat Gautier in seine Heinebiographie aufgenommen. 
Vergl. Histoire des oeuvres de Theo Gautier, par le vicomte de Spoelberch, 1887, 
pag. 108, 113. 

^) Vergl. Abschnitt VH. 

^) Diese Freunde Heines, die ihm das letzte Geleite gegeben, berichten 
u. a. : „Un nombreux cortege a accompagne le corps du defunt". Es stimmt 
dies nicht ganz mit dem, was uns die Hoinebiographen erzählen! 

^) Eine Zeitung, die Charles Simon, Edm. About, Jules Janin etc. zu 
ihren Mitarbeitern rechnete, darf wohl unter die französischen, d. h. Pariser- 
Blätter gezählt werden. 

') Mit einem Bildnis Heines. 

^) Berüchtigter Pamphletist, dessen wirklicher Name Charles- Jeau-B. 
Jacquot. 



46 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Lespoesies de Henri Heine, par C.Bellaigue. „Correspondant", 10. März 1884. 
La prose de Henri Heine. „Correspondant", 10. Juh 1884. 

Henri Heine et ses derniers biographes allemands, par G. Valbert. ^) 
„Revue des deux Mondes", 1. April 1886. 

Henri Heine et l'Allemagne moderne (Kap. III im III. Bande der „Histoire 
de la Htterature allemande"), par G.-Ä. Heinrichs. 2« edition 1891. 

Les theories sociales de Henri Heine, par H. Lichtenberg er. ^j In den 
„Annales de l'Est" (Nancy), April-Juni 1893. 

L'amour chez H. Heine, par Maurice Paleologue. „Revue de Paris", 
15. Februar 1894. 

H. Heine, par H. Lucas. „Semeur", 23. März 1894. 

Nachträge. 

Hier sei auch die Broschüre „Les coulisses d'un livre" ä propos 
des memoires de Henri Heine, par Kohn-Äbrest, 1884, erwähnt. 

Unzugänglich war uns „Etüde sur H. Heine", par M. de Jon- 
quiere-AntoneUe (citiert im Nouveau Dictionnaire d'histoire, Levasseur). 
Ebenso : „Essai sur H. Heine", par A. Büchner. Caen 1881. 

In Italien schrieben über Heine — es sei dies nocli nebenbei 
bemerkt — : G. Chiarini, B. Zendrini, E. Nencioni, de Gubernatis. 

In Spanien: E. Pardo Bazan („Revista de Espaiia"). 



^) Pseudonym Victor Cherbuliez'. 

2) Von dieser Studie wurden wir von einem ehemaligen Schüler des 
Autors, jetzt agrege es lettres, Herrn Fernand Baldenspergei-, freundlichst in 
Kenntnis gesetzt. Dieser junge Gelehrte, der in Zürich im Winter 1893/94 an 
einer französischen These über Gottfried Keller arbeitete, teilte uns mit, wie 
sehr man sich heute noch in litterarischen Kreisen seiner Heimat mit Heine 
beschäftige. Er war es auch, der uns scherzhaft erzählte, dass die Professoren 
fremder Litteraturen in ihren „cours publics" (eine Stunde wöchentlich), 
damit diese recht zahlreich besucht würden, über Heine sprächen, ein Mittel, 
das stets wirke! — Beim grossen gebildeten Publikum sei dies der einzige 
deutsche Dichter, für den man sich interessiere. Und da wir bereits den 
Weg der Indiskretion betreten, fügen wir gleich noch hinzu, dass wir eine 
äusserst interessante Arbeit Herrn Baldenspergers, „Henri Heine et le moyen- 
äge", zu Gesichte bekommen haben, die für das Seminar des genannten Lehrers 
bestimmt war, der die Studie als die beste bezeichnet, die seit seiner Lehrer- 
thätigkeit eingereicht wurde. 



Einzelstudien über Heine. 47 



Saint-Rene Taillandier 

(1817—1879). 

Treffend hat man diesen liebenswürdigen Gelehrten „le 
sourire de la Revue des deux Mondes" genannt. Die Memoiren 
seines Premides Ed. Grenier, der uns in dem Abschnitte „Diner 
Brizeux" ^) ausführlich von ihm erzählt, bestätigen diesen 
schönen Ruf. Es heisst dort u. a. : „Quelle nature, en effet, 
fut jamais plus candide que Barbier^) ou Saint-Rene Taillan- 
dier ? Ce dernier en portait le caractere ecrit sur sa belle 
figure ... II savait l'allemand et s'appliquait ä reveler ä la 
France la litterature d'outre-Rhin dans des etudes pleines de 
conscience et de science, oü je n'avais a regretter parfois 
qu'un manque de mesure ou de proportion. La distance lui 
grossissait les objets. Le temps seul remet les choses au point." 
Die letztere Bemerkung bezieht sich auf die deutschfreundliche 
Kritik Taillandiers. Grenier erzählt uns ebendaselbst eine neue 
und interessante Anekdote von Heine und seinem Uebersetzer. 
„Comme ü (Taillandier) m'avait succede en qualite de tra- 
ducteur aupres d'Heine, nous echangions nos Souvenirs sur le 
grand poete et ce grand ironique. II nous conta un jour un 
trait bien caracteristique. Heine venait de publier chez Levy 
ses Oeuvres traduites en frangais ... II y avait mis une pre- 
face, oü il ne citait que Gerard de Nerval parmi ceux qui 
l'avaient aide dans cette transposition d'une langue ä l'autre. 
Le hon Saint-Rene, qui avait ete son dernier traducteur, lui 
reprocha doucement de ne pas l'avoir cite apres Gerard de N. 
„Oh!'' lui repondit Heine, „eher monsieur Taillandier, com- 
ment voulez-vous que je misse votre nom si digne, si honorable, 



1) „Revue Bleue", 3 Juin 1893, pag. 681. 

2) Zu diesem Freundeskreise gehörten ausser den Genannten noch Victor 
de Laprade, Auguste Lacaussade, der Uebersetzer Leopardis und Ossians, und 
endlich Brizeux, ein vergessener Dichter. 



48 H- Heine im Lichte der französischen Kritik. 



le nom d'un futur academicien, a cote de celui d'un pendu?" 
Que repondre ä une pareille defaite ? Rien, et c'est ce que 
fit St-R. Taillandier." (Pag. 681.) 

Taillandier war nicht nur der kompetenteste Kritiker 
deutscher Dichtkunst, sondern auch derjenige, der die Auf- 
gabe des Germanisten am ernstesten nahm. „Er betrachtete 
es als seine Lebensaufgabe, die neuere deutsche Litteratur 
zu durchforschen und seinen Landsleuten in anziehender Ge- 
wandung darzustellen." ^) Er hatte längere Zeit in Deutschland 
studiert und war, bevor er nach Paris kam, in Strassburg und 
Montpellier Professor gewesen. Auch Taillandier begann seine 
Laufbahn, wie Sainte-Beuve, als Dichter. Dass er es vorzog, 
ein hervorragender Kritiker zu werden, dem man den einstigen 
Poeten anmerkt, statt ein mittelmässiger Dichter zu bleiben, 
bei dem man das „von Gottes Gnaden" vermisst, spricht von 
seinem Geschmack und Urteil. Die Entsagung war für ihn, 
wie für Sainte-Beuve, eine schmerzhafte, aber sie hinterliess 
nicht den Stachel der gereizten Bitterkeit, der an dem Autor 
der „Lundis" haften blieb. Die Musen, aus Dankbarkeit, dass 
er sie nicht kompromittierte, Hessen ihm einen Teil ihrer 
Reize. ^) 

Statt der Reihe nach die zahlreichen kritischen und 
biographischen Aufsätze Taillandiers durchzugehen, die sich 
teilweise oder ganz mit Heine beschäftigen, begnügen wir 
uns damit, unten eine Liste aller seiner in der „Revue des 



^) Breitinger, Vermittler etc., pag. 19. 

2) Diesen Gedanken führt ein dritter Kritiker, de Pontmartin, in seinen 
„Souvenirs d'un vieux critique" (pag. 280) hübsch aus. 

Die liohen Verdienste Taillandiers hat sein Schüler E. Montegut in 
den „Nos morts contemporains" (Hachette 1884) würdig geschildert. Reymond 
(Corneille, Shakespeare etc. 1864) schliesst seine Besprechung dieses Gelehrten 
mit den Worten .... „l'Allemagne doit de la reconnaissance {\ cet auteur qui 
ne l'aime pas moins que M. Saint-Marc Girardin, et lui est toujours reste fidele." 
Gewiss, — aber den grösseren Dank schuldet diesem aufgeklärten Manne 
Frankreich selbst. 



Einzelstuflien über Heine. 49 



deiix Mondes" erschienenen, einschlagenden Artikel anzuführen 
und uns in unserer Besprechung bloss an das zu halten, was 
er in dem Buche „Ecrivains et poetes modernes," Levy 1861, 
über Heine veröffentlicht hat. Die Aufsätze lauten : 

1. November 1843: De l'etat de la Poesie en AUemagne. 
(Lenau, Zedhtz, Heine, Freiligrath.) 
15. März 1844: La jeune AUemagne et la jeune ecole 

hegelienne. 
15. Januar 1845: Poesies nouvelles de Heine. 
1. April 1852: H. Heine, sa vie et ses ecrits. 

1. Oktober 1863: Les tragedies de H. Heine. ^) 

Die vorliegende Arbeit ist übrigens eine Reproduktion 
des Artikels der „Rev^ue des deux Mondes" vom 1. April 1852; 
einige Veränderungen ausgenommen und wenige Seiten, die 
Taillandier nach dem Tode Heines beifügte. 

Die Besprechung der Dramen werden wir bei den Ein- 
leitungen zu den französischen Werken Heines erwähnen.-) 



') Mit einem Bilde Heines, „dessine par M. Ch. Gleyre, grave par J. 
Fran(jois". Doppelte Seltenheit als „estampe" und als Illustration der „Revue 
des deux Mondes". Ueber dieses Bild soll sich Heine Gautier gegenüber fol- 
gendermassen geäussert haben (Oeuvres completes de Henri Heine, Bd. I, 2): 
. . . „la Vignette de la „Revue des deux Mondes", oii l'on me represente emacie 
et penchant la tete comme im Christ de Moralis a dejä trop emu en ma faveur 
la sensibilite des bonnes gens; je n'aime pas les portraits qui ressembleut, je 
veux etre peint en beau comrae les jolies femmes. Vous m'avez connu lorsque 
j'etais jeune et florissant; substituez raon ancienne image k cette piteuse effigie." 
— Ausser diesem Portrait Heines ist uns in den Hunderten von Bänden der 
berühmten Revue nur noch ein allegorisches Bildnis Rienzis bekannt, das 
in reklamenhafter Weise einer Reisebeschreibung eines Nachkommen dieses 
Volkstribuns beigefügt ist (Jahrgang 1831). Sonderbar, dass sicii Rienzi und 
Heine — auch ein „Volkstribun" — in diese Ehre teilen müssen. 

2) Wenn wir uns relativ nur kurz bei Taillandier aufhalten, wir meinen 
im Verhältnis zum Umfang und zu der Bedeutung seiner Arbeiten, so hat dies 
einen zwiefachen Grund. Einmal sind die Schriften Taillandiers in Deutsch- 
land längst bekannt und nach Verdienst gewürdigt. Heines Biographen eitleren 
und benützen seine Studien. SüpHe kommt wiederholt auf ihn zu sprechen und 

Betz, Heine in Frankreich. 4: 



50 H. Hoino im Liclito dor französischo?! Kritik. 



Interessant sind einige allgemeine Betrachtungen, die 
der Autor dem biographischen Teil vorausschickt. Nachdem 
er nämlich die neue, in ihren Kontrasten und Eigentümlich- 
keiten so merkwürdige litterarische Bewegung des „jungen 
Deutschland" geschüdert, knüpft er, wie folgt, an Heine an: 

II y a pourtant un ecrivain qui resumc fidelement cette agitation 
des vingt dernieres annees et en reunit en lui tous les contrastes. 
C'est une imagination ailee, une intelligence poeticLuement railleuse, 
un de ces esprits subtils et hardis, merveilleusement prepares ä tirer 
parti d'une Situation comme celle que je viens de decrire. Ni la 
Philosophie ni la poesie de la periode qui precede n'ont de secrets 
pour sa pensee. II comprend tous les problemes de la science, il 
possede tous les tresors de l'art, et il empörte gaiement cc bagage 
de la vieille Allemagne au milieu des expeditions revolutionnaires 
d'une generation emaneipee. L'Allemagne du spirituahsme et de 
l'imagination semble descendue dans la tombe; lui il Fevoque et la 
confronte avec les temps nouveaux. Personne ne pouvait se jouer 
avec plus de gräce au milieu des ruines. Avec une cruaute enfantine, 
avec une tristesse melee d'insouciance, il prend je ne sais quel plaisir 
de raffine ä faire croitre maintes fleurs sur des champs de mort ; 
fleurs charmantes et empoisonnees! toutes sortes de parfums bizarres 
s'y confondent, et il est impossible de les respirer sans etre ravi et 
trouble tout ensemble. Est-il triste? est-il joyeux? Est-ce le triomphe 
du libre-penseur qui eckte dans sa gaiete ? est-ce la tristesse du poete 
blesse qui se dissimule sous les accents de l'ironie? En verite, le 
doute est permis sur ce point, ou plutöt ces deux sentiments si 
contraires forment cliez lui un merveilleux accord qui est l'originalite 
meme de ses oeuvres. 



Fr. Meissner hat über die Hälfte seines Buches mit Ueberset/ungen und Inhalts- 
angaben sämthcher Artikel dieses Kritikers angefüllt. Dazu kommt noch ein 
Drittes : Taillandier bespricht wohl die französischen Werke Heines ; er ist aber 
Gelehrter, kennt die deutschen Werke ebenso genau — und desgleichen die 
deutsche Kritik, die notwendigerweise auf ihn einwirken musste. Hiermit soll 
nicht etwa ein Tadel ausgesprochen sein — denn wissenschaftlich betrachtet 
hätten diesen eher diejenigen verdient, die anders verfahren. Für uns aber 
macht dieser Umstand die Kritik Taillandiers weniger interessant, als z. IJ. 
die spontanere, originellere Auflassung eines Montegut. 



Einzolstudion über tfeine. 51 



Jetzt, da Heine den Kreislauf seines poetischen Wirkens 
durchgangen und mit der letzten Revision desselben begonnen 
habe, sei man im stände, sein Dichten und sein Leben zu 
überschauen (pag. 93) : 

Cette destinee, mobile comme le caprice, est unie cependant par 
le culte de Fimagination ; eile finira comme eile a commence, par la 
gaiete charmante et le poetique essor de la jeunesse. En vain les 
annees ont-elles suivi leiir coiirs, en vain la souffrance, une souffrance 
affreuse, impitoyable, a-t-elle appesanti ses mains de plomb siir la 
fantaisie ailee : la fantaisie triomphe et s'envole. Voyez-le sur ce lit 
de douleur oü un artiste eminent nous l'a represente, considerez cette 
tete fine et pensive oü le mal pliysique semble accuser plus vivement 
l'originalite de la vie interieure : ce qui est manifeste dans ce com- 
mentaire si vrai, ce qui eclate dans la delicatesse du visage, dans le 
sourire des levres, dans ce regard ä demi ferme oü ne penetre plus 
qu'un dernier rayon de lumiere, c'est la serenite imperturbable, c'est 
la victoire de „l'humour" sur les plus cruelles soufFrances qui puissent 
encliainer l'essor de l'äme. 

Weiter unten wird dem Humor Heines — den er offen- 
bar mit dem englischen Begriffe des viel umstrittenen Wortes 
vermengt — ein Loblied gesungen (pag. 94). 

Das ,,lyrische Intermezzo" bedeutet auch für Taillandier 
Heines Meisterwerk (pag. 102): 

Ce poeme sans modele est compose de soupirs, de sanglots, de 
reves lamentables, parfois meme de cris realises, eondenses, si cela 
peut se dire, dans quelques strophes, avec une precision incomparable. 
Ce sont de veritables merveilles, des diamants d'une eau limpide; on 
ne saurait rien imaginer de plus accompli dans l'art des vers, etc 

Die Ironie Heines hat in jenen Tagen noch nicht das 
Verletzende, die Manieriertheit, die später so störend wirken ; 
sie ist noch liebenswürdig und aufrichtig (pag. 106): 

Nachdem der Autor Erfolg und Bedeutung erklärt und 
das Lied „Tannenbaum mit grünen Fingern" in französischer 
Uebersetzung citiert, verleiht er seinem Bedauern Ausdruck, 
dass Heine nicht stets geblieben, was er damals war. „Yoila 



52 H. Hoino im Liclito der tVanzösischon Kritik. 

Heine en ses meilleurs jours. Dans ce tableau naif et aiida- 
cieiix, ne reconnaissez-vous pas le reveur eleve ä l'ecole du 
romantisme , qiii emploie le langage des Brentano et des 
Arnim pour exprimer les pensees les plus fieres, le poete 
revolutionnaire catechisant l'enfantine Allemagne ? Un tel role 
etait original, et Heine Ta souvent bien compris. Pourquoi 
sa verve, en attaquant l'hypocrisie et l'arbitraire, a-t-elle si 
peu respecte tant de choses saintes?" (Pag. 111.) 

Ebenso begeistert und unbeschränkt wie das Lob, ebenso 
oflPen und entschieden lautet Taillandiers Tadel, den der kranke 
Dichter um so schwerer empfinden musste, als er von einem 
Freunde und ehrenwerten Manne kam, dem hier die Wahr- 
heit zu sagen selbst schwer fiel. Von Heines Verhältnis zum 
Saint-Simonismus redend, fällt er folgendes Urteil über die 
„Memoiren des Herrn von Schnabelewopski" (pag. 117): 

Au nom de la morale, comme au nom de la poesie, c'est un 
devoir de condamner sans reserve ces inventions cyniques. Oii con- 
cevra difficilement un jour qu'une plume si ingenieuse et si brillante 
ait pu prendre plaisir ä de telles grossieretes que rien ne rachete, etc — 

Zu dem Buche „De la France", dem Werk Heines, das 
am meisten Kontraste aufweist und in dem der Dichter am 
sichersten in seiner innersten Ueberzeugung zu fassen ist, 
bemerkt Taillandier (pag. 118): 

Ainsi va ce livre, plein de folie et de raison, plein d'audace et 
de reticences, cachant mal l'embarras du publiciste sous la fantaisie 
du railleur, se dechainant contre les tartufes quand il a peur d'atta- 
quer les demagogues, tour ä tour liberal, saint-simonien, juste-milieu, 
fin ou grossier selon l'occurence, spirituel presque toujours et digne 
de rester comme un document instructif, si l'auteur eüt conserve 
toute la liberte de son esprit. 

Der Verfasser ist kein Freund der beunruhigenden, seelen- 
friedenstörenden Theorieen der deutschen Philosophie. Er 
sympathisiert, ohne es ausdrücklich zu sagen, vielmehr mit 
dem idealen, mystisch angehauchten Germanien der Madame 



Einzelstmüen über HeiRe. 53 



de Stael. Und so will er in Heines Widerlegung derselben, 
die er als „pages legeres" bezeichnet, vielmehr die Feder des 
Künstlers als die des tiefdenkenden Theoretikers sehen, indem 
er Heines „De l'Allemagne" geradezu den wissenschaftlichen 
Wert abspricht (pag. 122). 

Nur dort, wo der Philosoph zurücktritt, um dem fein- 
fühlenden Dichter Platz zu machen, wo Heine alte Sagen 
der nordischen Lande in seinem knappen, ungemein belebten 
Stile erzählt, oder mit wenigen Worten ein treffendes Bild 
eines deutschen Geistesheroen entwirft — so von Jac. Grimm, 
Goethe, Herder etc. . . . nur dort scheint für Taillandier die 
hohe Bedeutung des Buches zu liegen. 

Bloss kurz ist von dem Pamphlete über Börne die Rede ; 
der Autor anerkennt den scharfen, oft gerechten Witz; er 
sucht auch nach Milderungsgründen — bedauert aber vor 
allem Heines selbst wegen, der ja am meisten darunter zu 
leiden hatte , dass diese Repressalie nicht ungeschrieben 
blieb. 

Hohe Anerkennung dagegen zollt er „Atta Troll" (pag. 123): 

La gaiete et la poesie, l'ironie et l'imagination s'y unissent dans 
une mesure parfaite; c'est l'oeuvre d'un Arioste allemand. Ne nous 
fions pas trop a sa parole, quand il nous promet une oeuvre nee 
seulement de son caprice, un songe d'une nuit d'ete, une romantique 
Vision des domaines de Puck et de Titania: la satire saura bien s'y 
faire sa place; mais la satire n'y exclut pas la gräce, et on y respire 
je ne sais quels parfums de pres et de forets, qui repandent sur les 
strophes du poeme une fraicheur printanniere. 

Sinnreich ist folgende Parallele zwischen „Atta Troll" und 
dem „Wintermärchen" (pag. 128): 

„L'Allemagne" est le pendant d'„Atta Troll". „Atta Troll" etait 
l'oeuvre d'un Arioste du Nord, toujours pret ä dissimuler les hardiesses 
de sa pensee sous les volles elegants du symbole; „l'Allemagne" n'a 
ni symboles ni volles, c'est un pamphlet oü l'audace va le front leve. 
„Atta Troll" brillait de tout l'eclat du midi; „PAllemagne" nous 
transporte au niilieu des brunies. Le premier etait „le songe d'une 



54 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



nuit d'ete" ; le second est intitule „Conte d'hiver" ; l'antithese est 
complete . . . 

Mais „I'Allemagne" n'est pas seulement le poeme d'une Oppo- 
sition turbulente et sarcastique; Heine se joue de toutes clioses et 
de lui-meme. Ces democrates avec qui il semble faire alhance, il les 
couvre de ridicule, a l'heure meme oü il leur tend la main . . . 

C'est toujours enfin l'ineorrigible Immoriste qui prend plaisir 
ä aiguillonner de mille manieres le paisible temperament de son pays, 
qui pretend s'elever par l'ironie au-dessus de toutes les croyances, 
qui se fait un jeu de deconcerter la critique et qui, en persifiant les 
democrates, a pourtant le droit de repondre ä leurs attaques, avec 
une indignation comique : „Tu mens, Brutus; tu mens, Cassius; tu 
mens aussi, Asinius !" 

Inzwischen hat ein fürchterhches Leiden den grossen 
Spötter auf seine Matratzengruft geworfen. Allgemein er- 
wartete man mit den verschiedensten Gefühlen, dass der mo- 
derne Aristophanes vor Thorschluss den „Weg nach Damas- 
kus" einschlagen werde, als der „Romancero" erschien (p. 130): 

Le poete mourant devait dejouer une fois de plus les previsions 
du public. Ce qu'il a ete dans les entrainements de l'adolescence, il 
l'est encore aujourd'hui sous le regard de la fatale hotesse. Le 
„Romancero% c'est toujours l'ancien Henri Heine, celui des „Reise- 
bilder" et du „Livre des Chants"; c'est toujours la vieille Ironie des 
jours heureux, plus poignante seulement, puisque sans cesse eile 
prend la mort ä partie et plaisante lugubrement avec la tombe. Si 
quelques accents nouveaux se fönt entendre ^ä et lä comme une 
plainte etouffee, il faudra une volonte attentive pour en saisir le sens 
ä travers le carillon des notes joyeuses. 

Aus der lichtvollen Besprechung der „Hebräischen Melo- 
dieen" greifen wir die Stelle heraus, wo Taillandier von dem 
dritten Gesänge redet, den er für eine der herrlichsten 
Schöpfungen des Dichtergenies Heines hält (pag. 140j: 

La douce et ardente exaltation de son heros nous fait penetrer 
dans les mysteres de la poesie juive; le poete s'y peint lui-meme 
avec des tendances contraires qui se disputent son ame, et des pensees 
gracieuses et pathetiques s'y entremelent sans se detruire. L'inspira- 
tion juive ou nazareenne et l'inspiration grecque, il l'a dit souvent, 



Einzelstudien über Heine. 55 



voilä les deux grands systemes auxquels il faut bien que tout abou- 
tisse ; Homere et la Bible contiennent a ses yeux toute la philosophie 
de riiistoire. Cette fois il n'en parle plus en riant; le monde grec et 
le monde juif obsedent son äme inquiete. C'etait le poete des Hellenes 
qii'il preferait jadis quand „la jeunesse l'emportait sur son char au bruit 
des cymbales retentissantes" ; maintenant la jeunesse a disparu, l'eclat 
du monde reel s'evanouit : c'est l'heure des pensees graves et Jeliuda 
ben Halevy a remplace Homere. 

Bezeichnend für den psychologischen Standpunkt, den 
Taillandier Heine gegenüber einnimmt, ist der Mahnruf, den 
er an den Dichter richtet, der, abgesehen von einigen unzarten 
Bemerkungen, auf die wir noch zu sprechen kommen werden, 
einem ehrlichen, mitfühlenden Herzen entspringt (pag. 143) : 

Aujourd'Imi toutefois ses yeux se ferment ä ce monde perissable 
dont les contradictions et les miseres provoquaient sa douloureuse 
gaiete; un autre monde s'ouvre ä son esprit. La plus de miseres, 
plus d'irritants contrastes, plus de desenchantements qui revoltent; 
la tous les problemes sont resolus, et toutes les lüttes s'evanouissent. 
Si l'ironie, chez une intelligence capricieuse et ardente, pouvait etre 
le fidele miroir des clioses d'ici-bas, au sein de ce monde spirituel, 
que les regards de l'äme lui decouvrent, il n'y a plus de place que 
pour la confiance et le respect. II a cherche la serenite dans cette 
raillerie legere qui enveloppait l'univers entier et s'y jouait avec gräce ; 
serenite incomplete et fausse, qui bien souvent encore, nous l'avons 
vu, laissait eclater subitement des douleurs mal gueries. La vraie 
serenite est plus haut : dans l'intelligence et l'adoration de l'ideal que 
rien n'altere, de la verite que nulle ombre ne voile. . . . 

Pag. 145: 

Vous avez represente mieux que personne toute une periode de 
la pensee allemande, periode de trouble, de malaise, de dechirement: 
qu'il serait beau d'exprimer aussi le retour de la serenite vraie ä 
l'heure oü ce pays semble pret a retrouver ses voies, oü il repousse 
de plus en plus le sensualisme, Fatheisme et toutes les grimagantes 
visions du delire! 

Wir kommen nun noch zu dem Nachwort, das Taillandier 
nach dem Tode Heines verfasste. Er drückt darin sein Be- 
dauern aus, dass der Dichter es nicht vermochte, die vielen 



56 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

Dissonanzen seines Innern vor seinem Scheiden in einen seiner 
würdigen, versöhnend harmonischen Schlussaccord aufzulösen. 
Er vermag sich besonders nicht darüber zu trösten, dass 
Heine ausser stände war, sich an irgend einen Glauben anzu- 
klammern. Die Ironie habe eben alles in ihm getötet. — 
Was Taillandier schliesslich über seine Thätigkeit und Er- 
fahrungen als Uebersetzer Heines mitteilt, wird uns in einem 
andern Abschnitte beschäftigen. 

Zweierlei möchten wir hier nur noch hervorheben: Auf- 
fallend ist es nämlich, wie oft Taillandier auf den hoffnungs- 
losen Zustand, ja auf den nahen Tod seines Freundes in unzwei- 
deutigster Weise anspielt. Er musste doch wissen, dass die 
Blätter der „Revue des deux Mondes", in denen von dem 
„poete mourant" die Rede ist, noch feucht in die Hände 
Heines gelangen würden, der im Jahre 1852 noch lesen 
konnte. Wenn wir noch als Zweites erwähnen, dass wir in 
diesen umfangreichen Studien vergebens nach persönlichen 
Erinnerungen, Eindrücken, nach irgend etwas Anekdoten- 
haftem suchen, so können wir den Schluss ziehen, dass die 
Beziehungen zwischen Heine und Taillandier weit loser waren 
als sie dargestellt werden, und nicht über einen bloss littera- 
rischen Verkehr hinausgingen, kurz, dass von einer Freund- 
schaft nicht die Rede sein kann. Zweifelsohne fühlte sich 
Taillandier über die Art und Weise, wie Heine ihn ausnützte, 
gekränkt; dies bestätigen die Memoiren Greniers. Möglich 
ist es auch, dass ihm ein ähnlicher Argwohn Heines zu Ohren 
kam, wie ihn dieser gegen den ehrlichen Nerval laut werden 
Hess. In Wahrheit erfuhr Frankreich erst durch das genannte 
P. S., wer seit 1851 in der „Revue des deux Mondes" der 
französische Heine gewesen. Es war aber schon zu spät — 
denn die „Heine-Legende" hatte da schon Wurzel gefasst. 



Einzelstudien über Heine. 57 



J. Barbey d'Äurevilly 

(1811—1889). 

Dieser höchst merkwürdige Litterat, der durch seine 
Originahtät, die sich aus einem Gemisch von abschreckend 
reahstischer Sinnhchkeit, kathohschem Kampfeseifer, Luther- 
und Goethehass und souveräner Verachtung des schriftstel- 
lernden Weibes zusammensetzt — Dinge, über die er mit 
sprudehidem Geist und einem Paroxismus der Sprache ge- 
schrieben, die verblüffen, — eine Stelle für sich in der mo- 
dernen französischen Litteratur einnimmt, hat sich wiederholt 
mit Heine beschäftigt. 

Seine erste Studie über unseren Dichter, in dem er wohl 
manche verwandte Seite fand, datiert aus dem Jahre 18öö ; 
die zweite veröffentlichte er kurz nach dem Erscheinen der 
Korrespondenz Heines (französische Ausgabe) und die dritte, als 
Levy den letzten Band der Gesamtausgabe „De tout un peu" 
publizierte. Die erste und dritte Arbeit hat nun d'Äurevilly in 
eine verschmolzen und in dem Buche „Litterature etrangere" 
(Paris, Lemerre, 1891) untergebracht (einem Bande der Serie 
„Les Oeuvres et les hommes"), in dem sich neben Studien 
anderer ausländischer Dichter auch solche über Hebel und 
Hoffmann befinden; die zweite nahm er in den Band „Les 
Poetes" (Lemerre, 1889) auf (zur selben Serie gehörend). Wir 
bemerken noch, dass Barbey d'Äurevilly einer der Lieblinge der 
französischen Modernen ist, einer der „Meister" der Decadents. 

Der Heine, wie ihn sich dieser geistreiche Kopf zurecht 
gelegt, konnte naturgemäss nicht der eines jeden sein, eher 
der keines andern. D'Aurevillys Dichtergemälde ist nicht 
nur das originellste, sondern auch das kühnste der ganzen 
französischen Heine-Gallerie. Den meisten wird daher der 
phantastische Kritiker mit seiner äusserst temperamentvollen 
Sprache nicht zusagen; jeder dagegen wird zugeben, dass 
diese Skizzen kein einziges banales Wort enthalten. 



58 H- Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Besonders schwer wird hier die Auswahl der Citationen. 
D'Aiirevilly hat so ziemHch über alles seine eigenen An- 
sichten, oder er versteht es, dieselben so einzukleiden, dass 
sie denen anderer nicht gleichen. 

Wir beginnen mit der ersten Studie, die sich ausschliess- 
lich mit der von Heine noch selbst besorgten Ausgabe von 
„De l'Allemagne" beschäftigt, die die „Aveux d'un poete" 
enthält. Licht und Schatten gleich verteilend, schildert er 
Heines Dichtergestalt wie folgt (pag. 155): 

Henri Heine est un genie eminemment tendre, nuance des plus 
ravissantes et (dans le sens religieux) des plus divines melancohes, 
chez qui le sourire et meme le rire trempent dans les larmes, et les 
larmes se rosent de sang . . . C'est une äme d'une si grande puissance de 
reverie et d'un desir si amoureux du bonheur, que l'on peut dire 
qu'elle est faite pour le Paradis tel que les chretiens le congoivent, 
comme les fleurs sont faites pour habiter l'air et la lumiere. C'est 
une nature moderne, une de ces liatures de nos derniers temps, ma- 
lades tant elles sont spirituelles ! (Gar c'est encore Heine qui a dit le 
Premier que tous les grands spirituels etaient malades, qu'ils avaient 
tous au flanc — plus ou moins — la plaie eternelle.) C'est enfin un 
de ces sublimes Ennuyes de la vie, un de ces Antees de la jouissance 
humaine qui ont touche et mordu cette poussiere, et, ä cause de cela, 
doivent un jour remonter vers Dieu! Oui! voilä certainement, pour 
qui le connait bien, Henri Heine tel qu'il a ete des sa jeunesse, tel 
qu'il est de Constitution et d'essence, malgre lui-meme, malgre l'Alle- 
magne, malgre les Universites, malgre Hegel, malgre tous les miUeux 
qu'il a traverses et qui l'ont domine, quoiqu'ils lui fussent tres inferieurs. 
Et cependant ce tendre genie, ce reveur epris jusqu'ä l'angoisse de 
toutes les beatitudes, ce poete aussi intimement religieux de tempe- 
ranient que Klopstock, nous l'avons vu, pendant vingt ans, navrant 
spectacle! siffler dans la clef foree et rouillee de Voltaire, avec des 
levres lumineuses, plus dignes que Celles d' Alain Chartier de recevoir 
le baiser des reines! Cet Hamlet de la poesie douloureuse du XIX^ 
siecle a eu le cceur d'abandonner sa pale Ophelie, qui n'etait malade 
et un peu folle que d'amour, pour une folle complete, la Philosophie 
athee des universites allemandes, pour l'affreux squelette vide de la 
logique d'Hegel le Fossoyeur! Au Heu de rester ce qu'il etait, un 
dehcieux poete, d'une puissante suavite, un fiUeul des fees, une voix 



Einzolstudieii über Heine. 59 

mysterieuse planant sur le monde comme la voix de la Symphonie 
Pastorale de Beethoven, il n'a plus ete que Techo d'inspirations gro- 
tesquement hideuses, un carbonaro germanique ä „tu" et ä „toi" avec 
les carbonaris de tous les pays, un jacobin de litterature, par des- 
espoir de n'etre pas un jacobin pohtique, un vulgaire etudiant au beret 
rouge, en attendant que le beret füt un bonnet de meine couleur! 

. . . Und in diesem kräftig Avürzigen Stil geht es weiter. 
Nachdem er Hegel mit seiner „monstruösen Prosaik" für die 
Verirrungen Heines verantwortlich gemacht, fasst d'Aiirevilly 
sein Urteil über „De l'Allemagne" in folgenden Worten zu- 
sammen (pag. 161): 

C'est un livre eblouissant d'epigrammes et de sensations, — mais 
puisqu'il s'agissait d'etre historien et meme juge dans ce coup d'oeil 
jete sur TAllemagne, il fallait autre chose, on en conviendra, que des 
epigrammes au phosphore, pour faire oublier le livre de madame de 
Stael! 

In der Studie, die dem Bande „Les poetes" beigegeben 
ist, knüpft d'Aurevilly an den ephemeren Korrespondenzen- 
Skandal an, den die Herausgabe der Briefe Heines hervor- 
gerufen hat. Eine gute Gelegenheit, meint er, für den Tages- 
schriftsteller, der nach Aktualität hascht, um Kapital aus dem 
Namen Heines zu schlagen. „H. Heine! Qu'est-ce, pour eux, 
que Henri Heine? La premiere cocotte a cheval, au bois, et 
meme le cheval sans la drolesse dessus, les interesse bien 
plus qu'un homme de genie mort il y a dejä trente ans, et 
dont la gloire, comme toutes les gloires, dans ce plat monde 
de bavarderie superficielle, n'est plus qu'une silencieuse mo- 
mie" (pag. 112). 

Nicht in den Privatbriefen sei der wahre Heine zu suchen 
— auch er habe in die elende Plattheit des Alltagslebens 
herabsteigen müssen — sondern in seinen Werken finde man 
den Dichter, der stets Poet, auch dort, wo er es nicht sein 
wolle und nicht scheine. Dies ist ungefähr die These, die 
der Autor auf den folgenden Seiten mit glänzender und 
leidenschaftlicher Sprache und — wenn uns das Wort ge- 



60 H« Heine im Lichte der französischen Kritik. 



stattet ist — mit geistvoll impertinenter Schneidigkeit ver- 
ficht. Vor allem bleibe man ihm mit der philiströsen Moral 
vom Leibe (pag. 118): 

Qu'importent ces laideurs morales passageres chez les poetes, 
oü tout est de passage; chez les poetes, ces innocents coupables, 
lorsqu'ils sont coupables, pour qui, en raison meme des facultes qui 
fönt leur genie, la liberte humaine est moins grande que pour les 
autres hommes dans ce malheureux monde tombe! Et la responsa- 
bilite aussi. 
Zunächst will d'Aurevilly weder von Heine dem „Grie- 
chen" („pai'en"), noch vom Juden etwas wissen (pag. 114): 

Les gens sans pensee qui picorent sur des mots, ont appele 
Heine une ame paienne parce qu'il a fait jouer dans le diamant de 
son imagination reverberante quelques formes du nionde antique, mais 
il n'etait pas plus pai'en que chretien et que juif . . . 

Pag. 115: 

Le catholicisme et le judaisme avaient laisse egalement en son 
äme des impressions süperbes qu'il a superbement expriniees, quitte 
ä s'en moquer une minute apres ! Car l'enthousiasme et l'ironie etaient 
les boulets rames, Tun brülant, l'autre froid, de son genre de genie, — 
l'enthousiasme, qui ne dure pas! l'ironie, qui revient toujours! 

Da wir gerade d'Aurevilly von Heines Ironie sprechen 
Hessen, sei ihm für das gleiche Thema ein zweites Mal das 
Wort gegeben, und zwar dort, wo er die Gelegenheit ergreift, 
so nebenbei mit Taine abzurechnen. Der Angriff auf den 
grossen Litterarhistoriker, — der, wie der Leser längst ge- 
merkt, am entgegengesetzten Pole der Kritik steht, — ist 
ein so geschickter und boshafter, dass wir uns nicht enthalten 
können, ihn hier zu eitleren, obgleich Heine bloss willkom- 
mener Vorwand ist (pag. 116): 

Henri Heine a toujours mele ä tout ce qu'il a ecrit une ironie . . . 
est-ce divine ou diaboUque qu'il faut dire? car eile nous fait volupte 
et douleur; autant de bien que de mal „en meme temps". Et c'est 
si fort et si habituel dans Henri Heine, que si, comme M. Taine, par 
exemple, j'avais la manie d'expliquer les esprits par une qualite pre- 
miere j'expliquerais tout Henri Heine par celle-lä. Seulement, qu'on 



Einzelstudien über Heine. ßl 



se rassure! Pour ma part, je n'ai jamais cru ä ces facultes ogresses 
qui mangent toutes les autres, et ma notion de la critique est un peu 
plus complexe que celle d'uii faiseur de paquets qui emballe et ficelle 
toutes les facultes d'un homme dans une seule, sur laquelle il campe 
une etiquette: „Imagination! paquet Shakespeare! Enlevez et roulez !" 
C'est par trop conducteur de diligence, cela ! Henri Heine n'est pas plus 
une seule faculte que Shakespeare. II est varie, ondoyant, contraste, 
ayant dans sa tete une hierarchie de facultes qui s'accompagnent, se 
tiennent, fondent leurs nuances comme l'arc-en-ciel, et non pas une 
grande faculte solitaire, qui se dresse, pyramide isolee, dans le desert 
de son cerveau. 

Aus dem nächsten Kapitel greifen wir ein wahres Kunst- 
stück einer phantastischen Htterarischen Parallele mit den 
köstlichsten Ketzereien heraus. Wir sehen hier Heine gleich- 
sam durch ein farbenprächtiges, buntes Kaleidoskop der ge- 
samten Weltlitteratur (pag. 117): 

C'est un fils de Rabelais et de Luther, qui, les larmes aux yeux, 
marie la bouffonnerie de ces deux immenses bouffons ä une sentimen- 
talite aussi grande que celle de Lamartine. C'est un Arioste triste, 
aussi feerique et aussi dehcieusement fou que l'autre Arioste, qui 
montait Fhippogrifte! C'est un Dante gai — cela s'etait-il vu? — 
exile comme l'homme de Florence, mais qui a des manieres de parier 
de sa patrie encore plus tristes que Celles du Dante, sous cette gaiete, 
mensonge et verite, qui lui etreint, avec une main si legere et des 
ongles si aigus, le coeur ! C'est un Voltaire, mais qui a une äme, quand 
Voltaire n'a que de l'esprit. C'est un Goethe, sans l'ennui de Goethe, 
le Jupiter olympien de l'ennui solennel et supreme, qui l'a fait tomber 
cinquante ans comme une pluie d'or sur l'Allemagne ; sur l'Allemagne, 
cette Danae de l'ennui heureuse, qui se jetait par terre pour le ra- 
masser ! C'est un Hoffmann sans fumee de pipe, un Hoffmann qui met 
son fantastique dans le bleu le plus pur, dans les clairs de lune les 
plus blancs et les plus veloutes. C'est un Schiller ideal, moins l'odieuse 
philanthropaillerie. Et c'est enfin, pour trancher vivement sur tout 
cela, sur tous ces prismes qui composent son prisme, un Rivarol de 
metaphysique pittoresque, mais bien plus complet et bien plus eton- 
nant que Rivarol. 

Wiederholt verlangt d'Aurevilly, dass Heine als Dichter 
und nur als solcher beurteilt werden müsse (pag. 120j: 



62 H. Hoino im Lichto der französischen Kritikr 



Poete, il ne m'etonne jamais qu'il le soit. II Test toujours. II 
Test dans le rythme et il Fest hors du rytlime. II Fest partout, meme 
dans les idees les plus erronees qu'il a parfois, cet homme du temps ! 
II Fetait autant en prose qu'en vers. II Fetait (je Fai vu une fois) et 
il devait Fetre en parlant d'un morceau de fromage, comme disait le 
prince de Ligne de ce goujat de Rousseau . . . Qu'il grandisse ou 
qu'il rapetisse les hommes et les choses, qu'il se trompe ou qu'il ait 
raison, Heine est poete comme on respire ; il est poete, et poete ideal . . . 

Rousseau ein Pfuscher und litterarischer Handlanger! 
— Wenn d'Aurevilly unseren Dichter als Vorbild intransi- 
genter Respektwidrigkeit gegenüber kanonisierten Geistes- 
heroen genommen, so kann man wohl behaupten, dass der 
Schüler den Meister übertroffen hat (pag. 122, 123): 

C'est que le poete, je Fai dit, est la grande affaire, la grande 
realite dont on doive se preoccuper quand il s'agit de Henri Heine, 
tellement poete qu'il empörte tout dans le tourbillon de sa creation 
ou de son expression poetique. Je n'hesite point ä Vaffirmer, 
Henri Heine est certainement Je plus grand poete que VEurope ait 
vu depuis Ja mort de Jord Byron, Lamartine excepte, et a sa gloire 
acquise, consentie, s'ajoute encore cette autre gloire de n'avoir pas 
pour le moment de successeur . . . 

Poete en rapport direct avec le monde et FHistoire par la poesie, 
il a fait oeuvre de poete, il a fait oeuvre de beaute. Faire oeuvre de 
beaute, c'est la moralite des poetes; car la beaute eleve le coeur et 
nous dispose aux heroi'smes. 

Wem diese Ketzereien und Dithyramben rätselhaft 
scheinen , dem mögen folgende Worte d'Aurevillys als 
Schlüssel dienen: „J'aime Henri Heine, mais je sais le juger. 
On juge sa maitresse; on juge son bourreau. Et c'est meme 
souvent la meme chose!" — 

Wir haben uns noch mit der dritten Studie in dem 
Buche „Litterature etrangere " zu beschäftigen. Von den 
köstUchen Krümchen — d'Aurevilly nennt sie Diamanten- 
staub — , die in dem letzten Bande der französischen Aus- 
gabe „De tout un peu" gesammelt sind, dünken ihn die 



EinzoTstuflien über Hoino. ()3 



Artikel über „Don Quichotte" und die Kritik der Litteratur- 
geschichte Menzels zwei Diamanten hohen Karatgehaltes. 
Besonders in der Studie über den spanischen Dichter sieht er 
alle Vorzüge eines Kritikers, der zugleich Poet ist (pag. 170). 
Ein ganzes Kapitel widmet d'Aurevilly hier dem tragi- 
schen Schauspiele des achtjährigen Dichterleidens, von dem 
er mit der ganzen Kraft seines eigentümlich packenden 
Stiles spricht, den Triumph des Geistes mit innerstem Froh- 
locken in den wärmsten Farben schildernd: „L'Esprit n'a 
jamais mieux prouve chez personne qu'il etait d'une nature 
Immortelle" . . . 

C'est Bonald qui definissait superbement rhomme: „Une intelli- 
gence servie par des organes." Eh bien, Henri Heine a montre plus 
superbement encore que Bonald lui-meme ne l'avait dit, que l'intelli- 
gence pouvait se passer meme des organes! II a montre que, Reine 
trahie et abandonnee, eile pouvait, ä eile seule, faire toute la besogne, 
et que la besogne etait encore mieux faite, par ses royales mains, 
que par les mains de ses serviteurs ... 

Er sucht ein ähnliches Märtyrertum in der Weltlittera- 
tur, ein ähnliches Schauspiel von so seltener Pathetik und 
findet nur Scarron. Der war aber nicht wie Heine ein grosser 
Dichter, sondern bloss ein cy nischer Clown — „qui tirait la 
langue ä la Douleur" — , der nur eine einzige Thräne geweint, 
die er wie eine Perle in sein Epitaph eingelegt hat, sonst 
aber lachte wie ein Satyr (pag. 175): 

Mais Heine ne rit pas, lui. II n'a pas le spasme du rire de 
Scarron. II sourit, placide et resigne. Mais ses sourires, ce sont des 
merveilles d'expression et de pensee, qu'on ne lit pas sans atten- 
drissement ou sans cette belle colere de Voltaire, qui disait : „Je 
donnerais toute une liecatombe de sots, pour epargner un rliume de 
cerveau ä un homme d'esprit." Et, certes ! ce n'est pas une hecatombe 
de sots que nous eussions sacrifiee pour raclieter les douleurs de 
Henri Heine, mais ce serait, ma foi ! tous les sots de la creation, si 
Dieu voulait bien nous les prendre . . . 

Vermeint man hier nicht Heine selbst reden zu hören? 



64 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Sogar der ziemlich abgedroschenen Parallele mit Voltaire 
gewinnt d'Aurevilly ganz neue, unerwartete Seiten ab. Auf 
die Einseitigkeit seines Urteils brauchen wir nicht erst hin- 
zuweisen. Der Autor der „pucelle" war dem katholisch- 
aristokratischen Litteraten Zeit seines Lebens ein Greuel 
(pag. 176, 178) : 

Heine, aux yeux de la plupart des hommes, ces grossiers! est 
nioins grand que Voltaire parce qu'il a fait moins de train dans le 
monde; mais ce train ne tenait qu'ä l'heure qui sonnait sur la tete 
de Voltaire. II tenait aux circonstances et aux passions d'un temps 
qui s'en allait en guerre, comme Marlborough, contre toutes les 
grandes et respectables choses etablies, et qui ne connaissait pas la 
Celeste reverie que, depuis, nous avons appris ä connaitre ... La 
gloire de Voltaire, c'est le bruit de toutes les ruines qu'il a faites. 
Henri Heine fut l'oiseau qui chante sur ces ruines, mais du haut du 
ciel, ou du fond de son coeur amoureux et blesse, — ce qui est plus 
beau que le ciel ! . . . 

Pantheiste enfin „depantheise", quand il faisait une bonne action, 
dans les dernieres annees de sa vie, il disait qu'il „mettait sa carte 
chez le bon Dieu", echappant ainsi par l'esprit meme ä cette impiete 
qui finit par degoüter de l'esprit de Voltaire et qui l'a englouti et 
fait disparaitre dans sa blasphematoire fetidite. 



Armand de Pontmartin 

(1811-1890). 

Eine der interessantesten Skizzen, die über Heine ge- 
schrieben worden sind, stammt aus der Feder des geistreichen 
klerikalen Kritikers Pontmartin: ,^ Henri Heine'-'' (Dernieres 
causeries litteraires, Levy 1862). Unbeschränktes Lob verdient 
der Artikel schon des Tones wegen. Man bedenke, dass Pont- 
martin über einen Satyriker zu schreiben hatte, der ihm sein 
Heiligstes verspottet. Trotzdem kein hartes Wort, kein Schimpf 
und keine Schmähung; hier und da nur tiefes Bedauern und 



Einzelstudien über Heine. ß5 



inniges Mitgefühl des gläubigen Katholiken. Ja, er verzeiht 
dem Genie alles, — weil er es als solches erkannt hat. Er 
gibt sich die redlichste Mühe, das Gute, das Bleibende aus 
dem Lebenswerke des Pantheisten herauszulesen (pag. 367) : 

Nier le talent, Tesprit et le succes chez les honimes et dans les 
livres qui froissent nos sentiments et nos croyances, c'est une mal- 
heureuse et dangereuse tactique; maladroite parce qu'elle ne les em- 
peche pas de reussir; dangereuse parce qu'elle implique, semble-t-il, 
un aveu tacite d'embarras, de colere ou d'impuissance. Je commencerai 
done par une declaration naive que M. de la Palice m'eüt enviee: 
M. H. Heine est doue d'un esprit merveilleux, inoui", eblouissant, 
effrayant pour autrui, desolant pour lui-meme ; car il ne parait pas 
lui avoir donne jusqu'ici ni un moment de bonlieur, ni un atome de 
certitude. Ses ouvrages forment la plus attrayante lecture qu'il seit 
possible d'imaginer, lorsque, cgalement las de la verite et de l'erreur, 
on a envie de se lancer, pour un soir, dans ces regions „Immoristiques" 
qui ne sont ni l'erreur, ni la verite. Un plus voltairien que Voltaire, 
mais poete avec cela, ce que Yoltaire n'a jamais ete ; tour ä tour rail- 
leur sentimental et reveur goguenard, FrauQais assez Allemand pour 
comprendre l'Allemagne, Allemand assez Frangais pour la rendre claire, 
Prussien par hasard, Parisien par goüt, Athenien par droit de conquete 
et de naissance, digne de se moquer de Kant et capable de l'expliquer, 
M. H. Heine est dans la litterature internationale, sinon un modele sans 
defaut ou un oracle sans replique, au moins un type sans precedent et 
sans rival. II peut indifFeremment signer, entre la patrie de Chateau- 
briand et Celle de Goethe, des traites de paix ou des declarations de 
guerre, faire de son oeuvre optimiste ou morose un „casus belli" ou un 
trait d'union. 

Der Artikel war im April 1855 erschienen; in dem ge- 
nannten Buche erst 1862, und zwar ohne Aenderung, obgleich 
nun die Schonung eines Totkranken wegfiel. In einer An- 
merkung entschuldigt er sich in edelster Weise: „Nos lecteurs 
jugeront si, ä propos du plus ironique des hommes, il n'etait 
pas permis de cacher beaucoup d'ironie sous un peu d'indul- 
gence." Pontmartin beginnt (pag. 367): 

Voyons si, en cherchant bien, on ne pourrait pas, ä travers ces 
pages charmantes qui nous desolent, ces jolis sarcasmes qui nous 
Betz, Heine in Frankreich. 5 



ßß H. Hoino im Lichte dor französischon Kritik. 

ecrasent, ces fines epigrammcs qui nous criblent, rencontrer qk et lä 
quelque dedommagement ou quelque refuge, et ecliapper au double 
peril de refuser de l'esprit ä M. Heine pour deiiieurer bon cliretien, 
ou de cesser de croire eu Dieu ä force de goüter M. Heine. 

Nach einander wirft er die Fragen auf : Est-il catholique ? 
Est-il Protestant ? Est-il royaliste ? Est-il deiste ? Est-il athee ? 
etc. . . ., um sie alle mit Geist und, wie er selbst sagt, mit 
Ironie zu verneinen. Hieraus nur eine Stelle (pag. 369) : 

Or M. fleine est encore un peu familier vis-ä-vis de ce Dieu 
dont il commence ä admettre la necessite ; il le traite volontiers 
d'egal ä egal, Taccusant „d'humour" divin, l'appelant un Aristophane 
Celeste, se plaignant des flots de moquerie, des plaisanteries cruelles, 
des coups de foudre satiriques que le grand auteur de l'univers lance 
contre lui en lui infligeant la goutte ou la sciatique. 

Ja was ist denn Heine schliesslich? Die Antwort lautet: 
. . . „C'est un humoriste, un fantaisiste, un poete et, par dessus 
tout, un malade." — Interessant ist der Vergleich zwischen 
dem „Allemagne" der Madame de Stael und dem Heines: 
„Helas ! il y a en effet, entre ces deux livres separes par un 
demi-siecle, la meme difference qu'entre le budget d'un jeune 
et prodigue millionnaire et celui d'un vieillardruine." (Pag. 371.) 
Die vier Seiten, die über dies Thema handeln, schliessen dann 
mit dem Aphorismus : „Quand on a lu le livre de Madame 
de Stael, on ne sait rien, mais on peut tout. Quand on ferme 
le livre de M. Heine, on sait tout, mais on ne peut rien." 

„Lutece" kurz besprechend, betont er den prophetischen 
Blick Heines, der in politischen Dingen klarer gesehen habe 
als in litterarischen, bei denen er sich zu viel mit Klatsch 
abgebe. 



Einzelstudien über Heine. ß7 



Jules Janin 

(1804—1874). 

„Henri Heine et la jeunesse des poetesJ^ 
In der Zeitung „L'Independance Beige", 12. Februar 1865. 

Dieser Artikel, der den kranken Baudelaire so aufregen 
sollte, befindet sich in dem „Les et csetera du temps present" 
betitelten Feuilleton obiger Zeitung. 

J. Janin hat den 20. Band der Werke Heines (Hamburg 
1861 — 1863) gelesen und gibt nun zunächst seiner Freude 
über die frischen Jugendlieder des Dichters Ausdruck. „II 
est donc vrai que ce railleur, ce medisant, cet implacable 
Herne, dont les baisers memes etaient des morsures, a connu, 
disons mieux, a „subi" les chastes enivreraents de la vingtieme 
annee ? Et lui aussi, il avait, en venant au monde, un coeur 
honnete et devoue qui battait volontiers sous le chaste et doux 
regard de la personne aimee ... 11 adorait la campagne et le 
printemps. Sur les bords du Rhin, sur les greves de TOcean, 
dans la tempete et sous le brouillard, il rencontrait des gräces, 
des beautes, des reves ineffables, et si la vision disparaissait 
sous son regard ebloui, il la chantait, dans l'accent meme d'un 
berger de Virgile appelant Amaryllis ..." 

Aber da will „Eraste" ^) nicht hinaus. Er citiert die Prosa- 
übersetzung einiger Romanzen und Lieder und zwar gerade 
solche, in denen die Ironie Heines am deutlichsten hervortritt, 
so z. B. „Da droben auf dem Berge" („Heimkehr"), dessen 
letzter Vers mit folgender Uebertragung parodiert ist: „Helas! 



^) Bei Schriftstellern, die nicht in näherer Beziehung zu Heine standen, 
oder sich eingehend mit ihm beschäftigten, glaubten wir auch von einer kurzen 
Charakteristik absehen zu können. — Janin, dieser willkürlichste aller Kritiker, 
als deren Fürsten er sich selbst bezeichnete, dominierte eine lange Reihe von 
Jahren im Feuilleton des „Journal des Debats" in prinzipienloser und despo- 
tischer Weise über Theater- und Litteraturangelegenheiten. 

-) So unterzeichnete er seine Artikel in der genannten Zeitung. 



68 H. Heino im Lichte der französischen Kritik. 



comrae elles se sont moquees de moi!" {■= die merkten's und 
haben gelacht). Und er fährt fort: Voilä ce qu'!! chante ä 
ses amours passageres. Sur ces terres de son invention, „il 
y avait une fois un jeune homme mort, il vint ä minuit 
chercher sa fiancee et Tentraina dans le tombeau." Mais, 
dites-vous, ami lecteur, ces chansons printanieres manquent 
de gaiete, ces poemes amoureux sont pleins de tristesse! Eh 
bien, je suis tout ä fait de votre avis, ces jeunesses, au-delä 
du Rhin allemand sont bien tristes . . . Und nun geht es an 
Byron. „Ouvrez, s'il vous plait, pour vous reposer un instant 
des premieres poesies de Heine, les premieres poesies de lord 
Byron, vous trouverez autant de nuages sur les bords de la 
Tamise que sur les bords du Rhin allemand." — Auf Heines 
Spottlieder anspielend : „ . . . que si vous aviez le courage de 
braver le ridicule et de parier ä ce maitre en Ironie de la 
loyaute, de l'amour, de la foi, de la charite, de Fesperance, 
il vous repondrait: le cafe est eher, l'argent est rare, le 
monde et le temps emportent aux abimes l'amour et la 
loyaute " — d. h. „ä l'exemple de Byron, son modele et son 
maitre, Heine se console en appelant le diable ä son aide . . .'' 
Es folgt eine unbarmherzige Verstümmelung des Schelmen- 
liedes: „Mir träumt: ich bin der liebe Gott" (Heimkehr) mit 
der Randglosse, die die Wahrheit auf den Kopf stellt : „Voilä 
pourtant les choses que Ton a admire et sur lesquelles on 
disserte ä l'infini, des deux cötes du Rhin allemand; voila le 
Sujet des plus grandes extases pour les neocritiques, dont le 
bruit, avant peu, doit arriver jusqu'ä vous." 

Da lobt er sich das alte französische Volkslied — „l'aimable 
chanson"! Er weiss aber ganz gut, dass auch Heine hierin 
ein Meister ist — nur hat er wohl vergessen, dass er es selbst 
gesagt ! (Almanach 1857.) Wir kennen kein treffenderes Bei- 
spiel der allertraurigsten doppelzüngigen Gelegenheitskritik, 
die bloss redet, um zu reden, ä so und so viel die Zeile. 
Während er Regniers Worte: 



Einzelstudien über Heine. 69 



Et mon coeur, tout fletri d'ennuis, 
N'attend plus que la sepulture. 

als ersten Ausdruck eines wirklich Kranken bezeichnet, frage 
man sich bei Heines 

Ich legt' auch meine Liebe 
Und meinen Schmerz hinein — : 

„Unglücklicher! wie alt bist du?" worauf Janin für den 
Dichter erwidert : ,,Je vais, monsieur, sur mes vingt ans/* 
Der Advokat unseres Dichters hat Recht — wenn auch nicht 
in seinem Sinne — : A cette reponse on ne peut que sourire . . . 
Es kommt aber noch besser: ,,Dirons-nous, ä ce propos, 
toute notre pensee? Eh bien, toutes les amoureuses celebrees 
par de Goethe, par Heine , par lord Byron, bien plus par 
Shakespeare — es muss alles in einen Topf! — ne valent pas 
la plus simple bergere de nos vieux poetes." Die „Couplets" 
Theophiles zieht er den Liedern des „Neuer Frühling" bei 
weitem vor. Er citiert einige Verse, die jedermann im XVII. 
Jahrhundert auswendig wusste, und macht uns dann folgende 
Enthüllung: „Je ne crois pas que, meme en Allemagne, il y 
ait beaucoup de jeimes gens et de jeunes femmes qui sachent 
par cceur les chanteurs allemands. — Les critiques en parlent 
avec emphase; ils auraient grand'peine ä les reciter, meme 
en un jour de printemps." 

Und weiter unten ruft er aus : „ poete injuste et 
Sans reconnaissance ! 6 maladroit, qui, de gaiete de coeur, 
donne a les plus chers Souvenirs ce dementi cruel ! Mal- 
heureux faiseur d'epigrammes, blessant, impitoyable, les amis 
de ton enfance et les temoins bienveillants de ta jeunesse!" 

Das Feuilleton schliesst mit einer Erzählung, die natürlich 
zur Bestärkung seiner seichten Poetenauffassung dienen soll. 
Wir geben sie in exstenso samt den einleitenden Worten 
wieder : 

II fut la premiere victime de son intarissable Ironie, et comme il 
s'etaitimpose la tache abominable etc. (vergl. Baudelaire, Abschnitt VII). 



70 H. Heine iui Lichte der französischen Kritik. 



II est mort dans une intelhgente et lente agonie, en grand siUmce et 
protege par un suaire epais contre la douce chirte du jour. La der- 
niere fois qu'il regut dans sa chambre mortuaire les quelques aniis 
restes fideles ä son genie, ä sa pauvrete volontaire (?), il leur fut 
impossible de le voir, son ht etant entoure d'un epais rideau, et 
comme on l'interrogeait au miheu de ces tenebres, en Iui demandant 
des nouvelles de sa sante, il repondit par un terrible apologue. Or 
cet apologue, le voici, mot pour mot, prononce ä voix basse, avec 
un Souffle qui s'eteint : 

„II y avait, dit-il, a Municli, deux femmes qui portaient deuil 
chacune d'un fils de 20 ans. Les desolees, s'etant rencontrees ä la 
porte de l'eglise, s'abordaient en se donnant la main, et la premiere 
dit ä l'autre : Avez-vous entendu parier de la bataille de Leipzig ? 
c'est lä que j'ai perdu nion fils Hermann! Et l'autre femme apres 
un silence : Avez-vous entendu parier du grand siege et des fosses 
de la ville de Dresde? Helas! c'est lä que j'ai perdu mon fils unique 
Henri ! S'etant ainsi saluees, ces deux malheureuses entrerent dans 
l'eglise et chacune de son cote s'agenouilla en priant Dieu." Ici le 
moribond fit une pause, on croyait qu'il etait mort, mais ayant re- 
trouve quelque force : „Et moi, dit-il, je suis le fosse dans lequel 
sont enfoncees toutes les esperances; mon corps est le champ de 
bataille oü se heurtent et se rencontrent toutes les douleurs." 

Teiles furent les dernieres paroles de ce malheureux qui s'ap- 
pelait lui-meme, en tete de ses innocentes tragedies que son peuple 
a sifflees (Almanzor, W. Ratcliff), le joli poete et le joyeux Chan- 
sonnier. 



Emile Hennequin 

,j Henri Heine. ^^ 
(„Revue hberale", Avril 1884. Ecrivains francises 1889.) 

Der kürzlich verstorbene, kaum 29 Jahre alte Henne- 
quin berechtigte zu den grössten Hoffnungen. Wenige 
Wochen vor seinem frühen Tode veröffentHchte er die 
„ Critique scientifique ", die durch selbständiges, teilweise 
neues und kühnes Urteil, durch eine geistvoll angelegte und 



Einzelstudien über Heine. 71 



durchgeführte Methode und vor allem durch den verständigen 
Blick für die fremden Elemente in der modernen französischen 
Litteratur allgemeines Aufsehen erregte. Sogar Brunetiere ^) ge- 
ruhte, sich auf eine Disputation einzulassen, in der der junge 
Rivale nicht immer den Kürzeren zog. Hennequin unter- 
scheidet in dieser Schrift zwischen der „critique litteraire", die 
nach eingehender Analyse urteilt (Brunetiere), und der „critique 
scientifique", die, abgesehen von jeder Wertbestimmung, darauf 
hinzielt, aus der entwickelten Charakteristik festzustellen: 
„. . . soit certains principes d'esthetique, soit l'existence chez 
son auteur d'un certain mecanisme cerebral, soit une condition 
definie de l'ensemble social dans lequel eile est nee, a l'ex- 
pliquer par les lois organiques ou historiques les emotions 
qu'elle suscite ou les idees qu'elle exprime."^) Hennequin be- 
gnügte sich nicht mit der theoretischen Kritik. Drei Tage vor 
seinem Tode brachte er dem Verleger das Manuskript seiner 
„Ecrivains francises", an denen er das neue kritische System 
praktisch versucht. Es handelt sich hier um sechs Studien 
fremder Schriftseller (Edgar Poe,^) H. Heiyie, Dickens, Tourgue- 
neff, Dostoi'ewski, Tolstoi) — ^^gid sont entres en France dans la 
lectiire courante, qui ont infliie sur Ig develojppement de quel- 
ques-uns de nos litterateurs, qui ont, chez noiis des imitateurs 
estimes''^ — die naturgemäss zu einer dreifachen Studie führ- 
ten, einer ästhetischen, psychologischen und sociologischen 
(über deren Einfluss), führten. Am Schlüsse dieses äusserst 
lehrreichen Buches — in dem er sich, wie gesagt, genau dem 
in der „Critique scientilique" entworfenen Schema anpasst 



^) Er nennt das Buch : „Riebe de fonds, curieux et siiggestif, soiis sh 
forme laborien.se et singiiliereraent tourinentee." 

2) Man vergleiclie die enthusiastischen Seiten, die Ed. Kod in der „Nou- 
velle Revue'* (Bd. 55) dem hochbegabten Kritiker widmet, und aus denen der 
Schmerz des hinterblieb enen Freundes spricht. 

^) Er hat diesen, kaum 20 Jahre alt, trefflicli übersetzt (Contes grotes- 
ques) und in einer meisterhaften Studie behandelt. 



72 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



— in dem Kapitel „Oonclusions psychologiques" (pag. 262) 
fasst er die Resultate seiner Untersuchungen zusammen, mit 
denen er ein ganz neues Licht auf die moderne französische 
Litteratur wirft. Es wäre zu wünschen gewesen, dass Brune- 
tiere in seinem letzten Buche über die Evolutionen der fran- 
zösischen Lyrik in diesem Jahrhundert diese scharfsinnigen 
Studien Hennequins verwertet hätte. Denn gerade dort, wo 
dieser junge Mann richtig gesehen, zeigt die Arbeit des Aka- 
demikers bedenkliche Lücken. Die tiefgehende Bedeutung 
fremden Einflusses ist diesem ganz entgangen. Edgar Poe 
ist nicht einmal genannt. Sein Grauen vor dem Ich-Gespenst 
Baudelaires hat ihm den sichern und ruhigen Bhck geraubt. 

Und doch waren diese Studien nur die ersten Bausteine zu 
einem gross angelegten Werke, dessen Plan sich in Hennequins 
nachgelassenen Schriften vorfand und der von der immensen 
Tragweite des Unternehmens und der genialen Anlage Zeugnis 
ablegt. Der Titel „Histoire du XIX^ siecle en France" be- 
weist dies schon. 

Das erste Kapitel der zweiten Periode, die nach dem 
Eutwurf von 1850—1870 reichen sollte, ist betitelt: „Expose 
de la persistance des trois traditions, avec baisse de la tra- 
dition nationale et transformation generale de l'humanitaire 
en esthetique", und das zweite Kapitel : „Nouvelles intrusions 
etrangeres: Hoffmann, Poe, Dickens, H. Heine." 

Der Besprechung der Heinestudie Hennequins, die uns 
länger beschäftigen wird, wollen wir die Erwähnung einiger 
uns interessierenden Stellen aus den „Conclusions psychologi- 
ques" vorausschicken. Der Autor untersucht, inwiefern Heine 
vom normalen Typus des Menschen abweicht (pag. 262). „A 
proprement parier, des hommes de cette sorte — (Heine, 
Poe etc.) sont de Vivantes experiences de psychologie, la 
nature en les faisant extraordinaires a retranche ou hyper- 
trophie chez eux quelques facultes ä la fagon dont un phy- 
siologiste modifie artificiellement la Constitution de l'animal 



Einzelstudien über Heine. 73 



sur lequel il opere. Nous pouvons ä la fois connaitre l'effet 
de ces derangements cerebraux divers par la condition des 
ecrits congus sous leur influence." — Dies untersucht Henne- 
quin dann in dem Kapitel „Conclusions sociales." — Der 
Fall Heine führt ihn hier auf dem Gebiete allgemeiner Psy- 
chologie zu folgenden Resultaten (pag. 264): 

Chez H. Heine Fintelligence et la sensibilite se balan§aient 
presque, et ce qui se remarque dans son oeuvre, c'est la condition par- 
ticuliere d'instabilite de ses sentiments. Nous avons vu que de leur 
perpetuelle interference, il resultait qu'ils etaient forcement per^us, 
connus, distingues par leur sujet, qu'ainsi Heine etait amene ä les 
analyser, a ne plus les eprouver sincerement, ä les considerer avec 
ironie, ä s'etudier cruellemenf lui-meme. II nous a paru que nous 
avions saisi ainsi la condition meine de cette tendance ä la sui- 
analyse, et par suite ä l'impuissance volitionelle, qui se marque chez 
un grand nombre de travailleurs de l'esprit. Le passage rapide par des 
ötats d'äme varies, pensees, emotions, volontes, fait que tous les 
plienomenes mentaux sont percus par la conscience ... Le coefficient 
intellectuel de cliaque acte nioral, c'est-ä-dire le coefficient inactif, 
est notablement augmente; le sujet de ce phenomene oublie de plus 
en plus de vivre pour se voir vivre, il diminue a la fois son existence 
et le plaisir qu'il a pu prendre ä en etre le spectateur. D'autre part 
le fait simple de savoir toujours ce qu'il pense et ce qu'il fait, sup- 
prime de son ame la passion, le premier niouvement, la sincerite. 11 
en vient ä se mepriser, tout en se diminuant. Le terme inevitable 
de cette aifection est un sentiment continu de malaise et d'amertume, 
de declin et d'arret, que l'on peut le mieux comprendre par le mau- 
vais effet produit sur la marche d'une macliine par la presence et le 
frottement d'un appareil enregistreur. 

Und nun zur Heinestudie selbst, die zu den geistvollsten 
und selbständigsten der ganzen französischen Kritik gehört. 
Veranlassung gibt Hennequin die Herausgabe der Memoiren 
Heines. Wie Banville, hielt auch er sie für überflüssig, da in 
dem „Intermezzo" und den „Reisebildern" schon das ganze 
Ich des Dichters zu finden sei. ,,. . . Les oeuvres definissent, 
mieux qu'une autobiographie, la physionomie spirituelle du 
poete, sa fagon de sourire et de s'attrister, le sarcasme de sa 



74 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



bouche, la douceur bleue de ses yeux, tout l'attrait feminin 
de son äme variable et charmante^ conime un ciel d'equinoxe." 
Wir lernen hier gleich in dem Autor einen Heineverehrer 
und glänzenden Stilisten kennen. Treffend beginnt er gleich 
mit einer Schilderung der Doppelnatur Heines, seiner eigen- 
tümlichen Stellung in der Litteraturgeschichte : „Toute sa 
vie, dans tous les domaines de son activite, il s'est tenu au 
carrefour de deux routes, a l'angle de deux directions cardi- 
nales. II a oscille entre le judaisme, le christianisme et une 
Sorte de paganisme poetique ; entre la France et TAllemagne ; 
entre tous les genres, en prose et en vers. II a allie une forte 
originalite ä une Imitation evidente; ses oeuvres sont tantot 
voltairienneSj tantot teintes de romantisme, tantot a la fois 
emues et ironiques. Jusque dans sa fagon d'envisager sa vie 
et la vie, il ne peut se decider entre le sourire de l'humouriste 
et la tristesse de l'elegiaque." (Pag. 1.) — Nachdem er den 
Einfluss des „Manierisme" von Hoffmann und Jean Paul, des 
romantischen Elfen- und Geisterwesens besprochen, weist er 
mit Nachdruck auf den des Volksliedes auf die Muse Heines 
hin. Welch schöner Lorbeerkranz ist nicht nur dem Liede 
Heines, sondern zugleich auch der ganzen deutschen Lyrik 
in folgendem gewunden : „Que Ton ajoute ä cette beaute 
des poemes les nobles melodiös dont les ont ornes Schumann 
et d'autres, ces recitatifs lyriques qui fönt retentir et vivre 
les mots, les accentuent et les cadencent sur des levres 
humaines, et Ton pourra sentir par quel charme la chanson 
allemande demeure un genre populaire et exquis, comment 
eile est la poesie lyrique la plus vivace de toutes les littera- 
tures, la seule qui ait renoue avec la musique son ancienne 
alliance naturelle et profitable. Une partie des lieds de Heine 
et de quelques autres poetes, ne sont pas que l'expression 
d'une humeur particuliere, que de l'ecriture morte, lue silen- 
cieusement et solitairement par une elite. Ils ont penetre 
Täme de toute une race, ils ont des airs propres, des audi- 



Einzelstudien über Heine. 75 



toires nombreux, et vivent dans la memoire d'une multitude, 
demeures ce que toute poesie etait a l'origine, une declamation 
melodique et nationale." ^) (Pag. 63.) Und wieder auf den 
Kontrast in Heines Wesen und Dichten zurückkommend : 
„La poesie et la prose de Heine, laissant entrevoir une äme 
curieusement partagee, tendre, simple, reveuse, en une com- 
munion etroite et pantheiste avec la nature, mais aussi me- 
chante, d'une ironie particulierement äcre, traitre et subite, 
süre et rageuse. Et ces deux faces de la sensibilite morale 
de Heine alternent et se succedent sans menagement, sans 
intermediaires, par des juxtapositions telles que le charme de 
l'une se trouve heurte et releve par la dissonance de l'autre, 
comme une teinte zebree de sa complementaire s'exalte." 
(Pag. 67.) Meisterhaft ist Heines Pessimismus und cynischer 
Sinn geschildert: „. ..Dans ses vers d'amour, il ne reste rien 
de toute la gaiete, la gräce superficielle, les galants baise- 
mains d'autrefois; il a transpose en mineur de vieux motifs 
badins; il en a fait des nocturnes, des valses lentes, des 
musiques aussi desesperees ou aussi reveuses que celles de 
Chopin et rompues souvent, de memo, par des dissonances 
subites, des finales ironiques, de violants rires sonnant faux 
et pergants ..." Von dem Abschnitte, wo Hennequin ein 
farbenprächtiges Bild der Heine-Ironie entwirft, glauben wir 
nichts streichen zu dürfen (pag. 71): 

L'ironie de Heine est assurement la partie la plus singuliere et 
la plus saisissante de son genie. Elle n'est pas une gaiete legere, ailee, 
purement fantaisiste comme l'ironie spirituelle de Mercutio et de Rosa- 
linde, comme le joli sourire poetique de quelques comedies de Musset. 
Elle n'est pas non plus la joie seche des comiques de race latine, le 
rire d'un homme sanguin, equilibre, sain, ayant la salutaire etroitesse 
d'esprit de riiomme normal. Elle est penetree d'amertume, mouillee 
de pleurs, aigue et comme envenimee. Elle a double tranchant et 



^) Man vergleiche diese Worte Henuequins mit der Faselei eines Janin! 



76 H- Heine im Lichte der französischen Kritik. 

blesse ausni durement la triste faiblesse du poete que la cruaute de 
Celles qui causent son avilissement. C'est le rire d'un homnie atteint 
du mal deplorable des analystes, ressentant minutieusement et detail 
ä detail sa soufFrance, portant dans l'introspection de son äme endo- 
lorie une perspicacite nerveuse, l'apre acharnement ä connaitre toutes 
les retraites et toute la misere de son mal. Dans ce retour sur soi, la 
vue claire de la part de vanite, de sottise et de faussete qui souille ses 
plus delicates emotions, lui suggere sa raillerie suicide. II s'accable 
de mepris et d'indulgence, s'insulte et salit sa passion; la folie de 
hasarder la paix de son coeur entre les mains traitresses d'une femme, 
lui inspire de faux ricanements, et c'est quand son afFection trompee, 
bourrelee et meurti'ie lui rend l'ame le plus vide et le plus morne, 
qu'il s'ingenie ä affiler contre sa tendresse et la perfidie de sa bien- 
aimee les plus jolis sarcasmes. 

Noch tiefer senkt der Autor der „Critique scientifique'^ 
seine unbarmherzig scharf prüfende Sonde in das kranke 
Herz seines Dichters, um uns in wunderbarer Realistik zu 
erzählen, was er entdeckt hat (pag. 71 und 72): 

On sent l'insulte proferee par des levres fremissantes entrer au 
point vital de la victime et du bourreau. Sous l'outrage longuement 
premedite, sous cette haine clairvoyante, on per^oit l'horrible souf- 
france d'une äme blessee, encore eprise, et se punissant de l'etre. Ce 
partage de la sensibilite entre les deux affections contraires les plus 
puissantes, cet acharnement d'une lutte oü chaque coup porte ensan- 
glante deux poitrines, fait des ironies du poete allemand quelque 
chose de tragique et d'insense ; ces eclats de rire stridents qui partent 
au bout des pieces les plus calmement reveuses, avec une dissonance 
accrue par la traitrise des debuts pacifiques, ce passage d'un etat 
d'äme paisible ä une subite crispation de douleur, la revulsion ner- 
veuse qui s'est operee tout ä coup dans l'esprit de l'amant, accusent 
devant le lecteur comme un commencement de demence, une sorte 
de spasme hysterique, un acces de douleur morale que l'ame ne peut 
souflPrir sans etre arrachee de ses gonds. La foHe a de ces grimace- 
ments et certaines agonies laissent sur les traits des cadavres ce rictus 
sardonique. 

Aehnlich lautet, wenn auch weniger an die „Morgue" 
erinnernd, was uns der realistische Analytiker über das 
„Intermezzo" berichtet, das er „le plus bei effbrt de la lyre 



Einzelstudien über Heine. 77 



allemande" nennt, das frei ist von rhetorischen Deklamationen 
Alfred de Mussets und der bleichsüchtigen Melanchohe La- 
martines. 

Die Synthese der scharfsinnigen Analyse fasst er in fol- 
gende Worte zusammen (pag. 76) : 

Ce qui le defiiiit entre tous ces contrastes, c'est sa diversite 
meme, non pas une diversite successive, mais presente et manifeste 
dans toutes ses productions. Ce qui est constitutionnel dans Heine, 
c'est l'instabilite des sentiments et des sensations . . . Dans ce point 
morbide de son Organisation intellectuelle est la cause de ses douleurs 
amoureuses si vite oubliees et si variables qu'on n'en connait pas 
les objets, de ses gaietes subites, des hauts et des bas de son style, 
des Sujets auxquels il s'est applique, de son originalite, qui resume 
en l'alliage de tous les contraires. 

Nachdem Hennequin so die Heinesche Natur einer äst- 
hetischen und psychologischen Analyse unterzogen und ver- 
sucht hat, uns ein Bild des Dichters aus dem Geiste seiner 
Werke zu schaffen, — schreitet er nun zu dem Einflüsse von 
Rasse, der Mitte, kurz aller äusseren Verhältnisse über, d. h. 
er verfolgt gerade die entgegengesetzte kritische Methode 
Henri Taines, die er am geistreichsten und schärfsten be- 
kämpfte. Mit derselben Meisterhand des Stilvirtuosen hat er 
in pittoresker Realistik das Milieu um die Gestalt des Dichters 
gruppiert. 

Die Ungleichheit, das ewig Wechselnde in den Werken 
Heines führt Hennequin vor allem auf eine physische Ver- 
anlagung des Dichters, auf seinen krankhaft nervösen Orga- 
nismus zurück (pag. 78) : 

. . . C'etait lä, chez le poete, une condition organique, comme 
une faiblesse et une delicatesse trop grande du cerveau pour qu'il 
persistät dans un etat violent, comme une legerete vibrante de l'equi- 
libre Interieur qu'affolaient les secousses vives. 

Nachdem der Autor ein düster-wahres Bild des mit dem 
Tode ringenden Poeten entworfen (pag. 85 ff.) und dann noch 



78 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



hervorgehoben, dass sein Genie bis zur letzten Stunde original- 
und siegreich blieb, trotz Gotteszweifel und mancherlei Reli- 
gionswandlungen (pag. 87), beschliesst er seine Heinestudie 
in charakteristischer, für unseren Geschmack etwas zu sehr 
chemischer Weise: „La maladie lente qui le consuma a petits 
coups, opera sur son esprit comme ces reactifs subtils de la 
chimie qui dans un melange respectent les composes coherents, 
et dissolvent les instables." 



Emile Montegut 

(1826) 

^^Henri Heine. ^^ 

I. Annees de jeunesse. Poesies lyriques. 

(„Revue des deux Mondes", 15 May 1884). 

Diese Studie, die den bescheidenen Titel „Esquisse litte- 
raire" trägt, verbindet Sachkenntnis und Tiefe des Urteils 
mit fesselnder Darstellungsweise. Sie nimmt mit den Arbeiten 
Hennequins und Ducros den ersten Rang unter allen fran- 
zösischen, und nicht den letzten unter den deutschen bio- 
graphischen Schriften über Heine ein. Der Autor, jedem 
Fachmanne als einer der besten Kenner der englischen Litte- 
ratur in Frankreich bekannt, beginnt mit persönlichen Er- 
innerungen. Heine hat den jungen Montegut wenige Wochen 
vor seinem Tode zu sich berufen. ') Er sah in dem geist- 
reichen Litteraten, dessen Arbeiten er gelesen, den geeigneten 
Mann, der ihn, den sterbenden, viel angefochtenen Dichter, 
vor der Nachwelt rechtfertigen könnte. Wir lassen dem A^er- 
fasser selbst das Wort. Heine richtet nach zweistündiger 



^) Vergl. Correspondance in^dite de Henri Heine; Levy. Bd. 3, pac 
420, 425. 



Einzolstudion über Heine. 79 

Unterredung, die der Dichter ganz allein geführt, mit er- 
schöpfter Stimme die Bitte an ihn, seine Feder in den Dienst 
einer biographischen Skizze zu stellen : „Lorsqu'il fallut en 
arriver au sujet qui motivait plus particulierement ma visite, 
il souleva de ses doigts, pour me mieux voir, ses paupieres 
affaissees par la nevrose et me dit, de sa voix la plus plain- 
tive, qu'il avait bien besoin d'etre soutenu, car il etait, pour 
le moment, attaque de la maniere la plus indigne par des 
AUemands sans aveu, par des Polonais, par des femmes de 
mauvaise vie . . . et il citait des noms que je ne puis repeter 
. . . Mais ses plaintes assaisonnees de sarcasmes contre ses 
ennemis avaient epuise ses forces, et il retomba aneanti sur 
son lit: „Excusez la nature qui m'a mis en cet etat," me dit-il 
en me tendant la main, et sur cette parole, je pris conge." — 

Bevor wir auf den kritischen Teil dieser Arbeit eingehen, 
möchten wir Montegut Selbsterlebtes erzählen lassen. Ohne 
von dem abzuweichen, was Heines deutsche Biographen von 
Heines letzten Tagen berichten, zeichnen sich die Erinne- 
rungen durch besondere Nüancierung gewisser Einzelheiten 
aus und vor allem durch die Schärfe psychologischer Er- 
gründung, oder, um uns modern auszudrücken, durch seinen 
Impressionismus. 

Montegut fand den Schwerkranken — es war im Spät- 
herbst des Jahres 1855 — allein, halbangezogen im Bette; 
in der Hand einen Bleistift, vor ihm ein grosses, beschriebenes 
Blatt Papier. Er betont mit Nachdruck, dass die Schrift 
fest und deutlich war und nicht die mindeste Spur einer 
zitternden Hand zeigte, eine Konstatierung, die in dem Me- 
moirenstreite schwer wiegen dürfte. 

La maladie l'avait vaincu et terrasse, non enlaidi et „senilise", 
et si les traces de cruelles soufFrances n'etaient chez lui que trop 
visibles, il etait impossible, en revanche, d'y surprendre une marque 
serieuse de decrepitude. II parla pendant deux heures avec la plus 



80 H. Heino im Lichte der französischen Kritik. 



eloquente abondance, et, en l'ecoutant, il me semblait Hre comme 
le brouillon non corrige de quelqu'une de ses etincelantes fantaisies. 
Seulement, comme cette cascade d'eloquence s'ecoulait en s'accom- 
pagnant des apres sons d'une prononciation germanique des plus 
accentuees, je ne pus m'empecher de songer ä ces grenouilles d'Aristo- 
phane qui encadrent leurs chants si divinement lyriques du „Brekeke ! 
coax! coax!" de leurs marecages stygiens. 

Wenn Heine einst, wie Gautier berichtet, dem Apollo ge- 
glichen — und mit seinen Sarkasmen die bleichen Anhänger 
der nazarenischen Lehre überschüttet hatte, so war von alle- 
dem nichts geblieben (pag. 245): 

Cela ne Yeut pas dire que la maladie Favait enlaidi, car le visage 
etait encore d'une singuliere beaute; seulement cette beaute etait 
exquise plutot que souveraine, delicate plutot que noble, musicale en 
quelque sorte plutot que plastique. La terrible nevrose avait venge 
le nazarenisme outrage, en effagant toute trace de Thellenisant et en 
faisant reparaitre seuls les traits de la race ä laquelle il appartenait 
et oü domina toujours le spiritualisme exclusif contre lequel son elo- 
quente impiete s'etait si souvent elevee. Et cet aspect physique etait 
en parfait rapport avec le retour au juda'isme, dont les „Aveux d'un 
poete" avaient recemment entretenu le public. D'äme comme de 
Corps, il n'etait plus qu'un Juif, et, etendu sur son lit de souffrance, 
il me parut veritablement comme un arriere-cousin de ce Jesus si 
blaspheme naguere, mais dont il ne songeait plus ä renier la parente. 
Ce qui etait plus remarquable encore que les traits chez Heine, 
c'etaient les mains, des mains transparentes, lumineuses, d'une ele- 
gance ultra-feminine, des mains tout gräce et tout esprit, visiblement 
faites pour etre l'instrument du tact le plus subtil et pour apprecier 
voluptueusement les sinuosites onduleuses des heiles realites ter- 
restres; aussi m'expliquerent-elles la preference qu'il a souvent 
avouee pour la sculpture sur la peinture. C'etaient des mains d'une 
rarete si exceptionnelle qu'il n'y a de merveilles comparables que 
dans les contes de fees et qu'elles auraient merite d'etre citees 
comme le pied de Cendrillon ou l'oreille qu'on peut supposer ä cette 
princesse d'une ouie si fine qu'elle entendait l'herbe pousser. Enfin, 
un dernier caractere, plus extraordinaire encore s'il est possible, 
c'etait l'air de jeunesse dont ce moribond etait comme enveloppe, 
malgre ses cinquante-six ans et les ravages de huit annees de la 
plus cruelle maladie. C'est la premiere fois que j'ai ressenti forte- 



Einzelstudien über Heine. 81 

ment l'impression qu'une jeunesse imperissable est le privilege des 
natures dont la poesie est exclusivement l'essenee. Depuis, le cours 
de la vie nous a permis de la verifier plusieurs fois, et nous ne l'aYons 
Jamals trouvee menteuse. — 

Schon diese Stelle wird sowohl das Yertrauen, das Heine 
in Montegut setzte, als auch unsere häufigen und ausführlichen 
Citationen rechtfertigen. 

Zuweilen finden sich Anlehnungen an den englischen Bio- 
graphen Heines, Stigand, was bei einem französischen Kenner 
enghscher Litteratur begreiflich ist. Allein, wenn er auch 
dessen beid,e Bände „deux volumes considerables" nennt, so 
hat er sich dennoch zum Glücke nicht durch den pamphletis- 
tischen Charakter derselben beeinflussen lassen, es sei denn 
etwa dort, wo er Salomon Heines Benehmen Heine gegenüber 
als „noble et sensee" bezeichnet. Der vielfache Millionär, der 
seinen Neffen quasi enterbte, hätte nicht gut weniger für den- 
selben thun können, wollte er nicht vor der Nachwelt ge- 
rade als das Gegenteil gelten. Ferner dürfte Montegut auch 
mit Stigand irren und das damalige Deutschland nicht ge- 
nügend berücksichtigen, wenn er behauptet, dass Heine seine 
Schicksalsschläge selbst verschuldet habe. ,,Aucune fatalite 
ne pesa jamais sur Heine, sauf Celles qu'il crea lui-meme . . . 
Savif Texcentricite de Situation qui resultait d'une naissance 
juive en pays allemand, je ne vois rien dont il ait eu le droit 
d'accuser le sort." Den lebhaft geschilderten biographischen 
Teil verlassen wir hiermit, um uns den interessanten Aus- 
einandersetzungen des Kritikers und Psychologen zuzuwenden. 
Die Sympathie, die Heine trotz aller Spöttereien für die 
jüdische Rasse empfunden, schreibt Montegut nicht seinem 
Glauben, sondern dem Mitleiden des Dichters, seinem für alles 
Unglück empfänglichen Herzen zu. „C'est dans un sentiment 
general et philosophique d'humanite et non dans un sentiment 
particulier et religieux de consanguinite qu'il faut chercher la 
Sympathie propre ä Heine pour le peuple dont il etait issu." 

Botz, Heine in Frankreich. " 



82 Ef- Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Im Glauben, es sei für ihn die Lyrik nur ein Ausgangs- 
punkt zu den anderen Gebieten der Poesie, hat Heine seinen 
Almanzor gedichtet, den der Autor als „le plaidoyer le plus 
etrange assurement que la cause sacree de la liberte de con- 
science ait jamais enfante" bezeichnet. Aus der Besprechung 
dieses Dramas greifen wir folgende treffliche Charakteristik 
heraus (pag. 261) : 

Imaginez donc un charivari musical oü chaque instrument echange 
avec le voisin les sons qui lui sont propres ou usurpe ceux qui ne 
lui appartiennent pas, et vous aurez ä peine une idee d' Almanzor. II y 
a lä des accens de clairons qui se terminent en sons de flütes, des 
motifs de serenade qui se transforment en cris de guerre, des trilles 
de rossignols, lugubres comme le cri fatidique de la chouette, des 
croassemens de corbeaux qui s'achevent en sifflets de merle ; l'amour 
y mugit, la haine y gazouille, la tendresse y est malicieusement rail- 
leuse, le persiflage y prend des pointes d'elegie. C'est une oeuvre de 
demenee dans tous les sens, — la folie y a son apotheose, — mais 
cette demenee est inspiree, et nul autre qu'un yrai poete n'aurait pu 
la ressentir et l'exprimer. 

Die Synthese seines 'Urteils über die beiden Dramen — 
er stellt Ratcliff dramatisch höher als Almanzor, dem er grös- 
sere Originalität und poetische Inspiration zuspricht — lautet 
(pag. 264): 

Ces deux drames sont une double apotheose des fous par 
amour, et il appuie cette apotheose sur un des sophismes les plus 
forcenes qui aient jamais traverse un cerveau en proie aux delires 
furieux d'une passion malheureuse, c'est-a-dire la superiorite de 
l'amour sur toutes les choses de la terre, du ciel et de l'enfer. 

In folgenden Zeilen gibt er Quellenforschern einen Wink 
(pag. 263): 

Ce serait un curieux travail que celui de rechercher ces admi- 
rables adaptations de Heine : il y a teile de ses petites pieces lyriques 
de r„Intermezzo" qui, par le tour et le sentiment d'ironie, semble 
du Catulle ressuscite et mettant au ton du XIX® siede ses galantes 



Einzelstudien über Heine. 83 



malignites; et qu'est-ce que la piece bacliique inconiparable qui ter- 
mine les „Poemes de la mer", sinon le „Beatus ille qui procul negotiis" 
d'Horace, depouille de sa sagesse d'epicurisme modere et anime de 
la verve la plus carnavalesque qu'ait pu jamais parier personnage de 
Jordaens ou de Steen pour proclamer, sous une forme propre aux 
modernes pays de kermesses, les joies du retour en terre forme et 
l'heureuse securite des voluptes ä huis-clos qu'il preclia autrefois 
sous une forme latine ? 

„Son talent etait inegal ä toute täche qui reclamait 
continuite, constance, effort soutenu" — heisst es weiter. 
Aber entfernt, darin eine Inferiorität zu sehen, sagt er: „Mais 
grande serait votre erreur si vous croyiez qu'il y avait la 
faiblesse de nature ou gaspillage d'un talent presse de pro- 
duire et que le besoin condamne fatalem ent aux oeuvres de 
courte etendue." — Zwei Gründe gibt Montegut als Erklärung 
für diese Eigentümlichkeit an — sie nennen zugleich das 
Geheimnis eines jeden grossen Lyrikers (pag. 266) : 

La premiere, c'est que les idees se presentaient chez lui non 
par Progression froidement analytique, mais dans la lumiere chaude 
et vive de l'intuition synthetique; il les voyait au complet sous un 
seul rayon avec leurs racines, leurs rameaux et leurs fleurs. Or, ä 
celui qui pergoit les idees sous cette forme sommaire de Synthese, 
l'analyse apparait inutile ou devient facilement fastidieuse, et il ne 
peut les rendre que par des ecrits faits ä l'image de cette Synthese, 
c'est-ä-dire rapides et Vivantes comme eile. La seconde raison^ c'est 
qu'il portait dans tout ce qu'il ecrivait un exces de vehemence teile 
qu'elle ne pouvait se soutenir longtemps. S'il n'a ecrit que des oeuvres 
de petites dimensions, ce n'est pas qu'il eüt l'haleine courte ; il l'avait 
tres longue au contraire, car chacun de ses essais est ecrit d'un seul 
Souffle puissant et soutenu qui part de la premiere ligne et ne s'arrete 
qu'ä la derniere. Mais le moyen de prolonger longtemps une Inspi- 
ration qui demandait un tel eifort de la nature et qui entrainait 
necessairement une depense aussi enorme de vie cerebrale et ner- 
veuse! A ces deux caracteres vous reconnaissez le poete, surtout le 
poete lyrique, qui est un fils si fidele de la vie qu'il ne peut ecrire 
que dans son voisinage immediat et que toute Inspiration languit chez 
lui des que la vie s'eloigne ou se refroidit. 



84 H. Heino im Liclito dor tVanzÖsischon Kritik. 



Fein nuanciert ist die Parallele zwischen Heine und Byron, 
in der der Britte, genau genommen, den Kürzeren zieht, was 
bei der Kompetenz Monteguts von Bedeutung ist : 

Heine disait: „Byron et moi", mais nul, parmi les vrais juges 
en poesie, n'aurait ose s'autoriser de cette parole pour le taxer 
d'outrecuidance ou d'infatuation, car il est certain que, si l'oeuvre de 
Byron offre une fa§ade antrement considerable que celle de Heine, 
il y a chez Heine une sincerite de sentiment et, pour ainsi dire, une 
nudite d'emotion, une souplesse et une gräce qui sont inconnues ä 
l'eloquence quelque peu rhetorieienne et a la melancolie liautaine, 
mais quelque peu raide, de lord Byron. 

Wenn sich Heine wiederholt in Versen und Prosa die 
Unsterblichkeit versprach, so sieht Montegut hierin nur be- 
berechtigtes Selbstbewusstsein , keineswegs Dünkel: „Cette 
invulnerabilite sur le terrain poetique dit assez la place qu'il 
occupe et d'oü les vicissitudes de la mode ne parviendront 
pas plus ä le deloger que ses propres folies et ses pires erreurs 
ne l'ont empeche de la conquerir." Diese psychologische Auf- 
fassung der olympischen Sicherheit, der grossartigen „Süffi- 
sanz" und der aristokratischen Ueberlegenheit Heines erinnert 
an eine ähnliche Stelle in dem Nekrologe Heinrich Laubes, 
wo der Freund des totgesagten Dichters das kolossale Selbst- 
bewusstsein desselben interpretiert und von der gewöhnlichen 
Poeteneitelkeit unterscheidet. 

Was uns nun der Autor von Heine, dem Lyriker, dem 
Dichter des „moi par excellence" sagt, ist so trefflich aus- 
geführt und zum Teil so neu, dass wir uns nur ungern bloss 
auf eine Citation beschränken (pag. 268) : 

Les qualites maitresses que reclament les cliants qui ont la 
volupte pour principe d'inspiration, regnent ici en souveraines. En 
verite, plus nous relisons ces poesies de Heine et moins nous pouvons 
ecarter de notre esprit cette pensee que la volupte est en poesie 
une incomparable ecole de bon goüt. Repudiez toute hypocrite pru- 
derie, soyez lettres avec franchise et dites-moi s'il n'est pas vrai que 
toutes les fois que la volupte a trouve un interprete vraiment digne 



Einzelstudien über Heine. 85 



(l'elle, les chants de cet interprete se soient distingues par ces deux 
qualites que le bon goüt reclame comme siennes au premier chef: 
l'elegance et la sobriete . . . 

. . . Passez-les tous en revue, le Chinois Li-TaT-Pe, le Persan 
Hafiz, le Romain Horace, le boheme parisien Villen, le Cliampenois 
La Fontaine, le paysan ecossais Burns, l'etudiant allemand Heine, le 
dandy Musset, meme, si vous voulez, encore le bourgeois Beranger, 
et dites si cette opinion n'est pas fondee. Et ces deux qualites sont 
absolument adequates a la matiere qu'elles veulent celebrer, car la 
volupte est peut-etre la seule chose au monde qui ait le privilege 
d'inspirer aux poetes une forme entierement conforme ä sa nature. 
Le.veritable poeme erotique est court comme le plaisir meme qu'il 
traduit, et elegant parce que la volupte n'est pas lä oü le plaisir 
n'entraine pas un sentiment d'elegance. 

Der Gott der Liebe, der Heine begeisterte, ist ganz 
anderer Herkunft und von verschiedener Verderbtheit als 
jener der klassischen Mythologie. 

Montegut arbeitet das Bild noch mit poetischem Schwung 
und Geist aus, lässt sich aber von seiner eigenen Phantasie 
fortreisssen (pag. 270, 271): 

Ce Cupidon de Heine n'a rien de commun avec l'enfant aux 
alles blanches comme les colombes qui trainent le cliar de sa mere, 
dont nos ballets et nos chansons nous ont tant entretenus, pas plus 
que sa Venus n'a quelque chose de commun avec la blonde Aphro- 
dite. La Venus de Heine, vous la connaissez, sans vous en douter, 
depuis longtemps; c'est celle dont le grand Titien fit le portrait, 
cette Venus ä l'irresistible sensualite, aux mignons traits touraniens 
si differents des traits ä la noble correction des deesses issues du 
ciseau grec. Vous avez pu la voir aux Offices de Florence, etendue 
sur son lit de repos, tandis que sa chambriere cherche au fond du 
divin boudoir les linges necessaires pour voller la delicieuse brutalite 
et l'enivrante seduction de son corps aux charmes implacables . . . 

D'abord ses effets sont delicieux, quoique toujours marques de 
quelque chose de cruel ; ce sont des angoisses voluptueuses, des joies 
cuisantes, des sensations oü le plaisir se tire de la douleur, des 
spasmes que le coeur appelle avec impatience, des fievres auxquelles 
le cerveau se livre avec frenesie ; mais peu ä peu la part de la souf- 



86 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

france devient plus grande, des essaims do reves malfaisants s'abattont 
sur le malade et le livrent en proie aux hallucinations les plus affreuses, 
et lorsqu'enfin le poete descend en son coeur, il le trouve vide de 
tous les sentiments d'oü la vie tire sa f'ertihte; un residu funebre de 
cendres noires et de lie amere est tout ce qui reste de cet amour 
empoisonne. 

Wenn wir dieser sinnreichen Symbolik gegenüber den 
Vorwurf der Einseitigkeit auszusprechen wagen, so geschieht 
es, weil wir wähnen, es dürfte die „Wallfahrt von Kevlaar" 
und ein Lied „Du bist wie eine Blume", nicht in ein Modell 
einzuzwängen sein. 

In den häufigen Träumen, in die Heine seine poetischen 
Visionen einkleidet, sieht der Verfasser nicht einen blossen 
Kunstgriff — „ils etaient la traduction lumineuse des informes 
et incoherentes ebauches de ses nuits troublees. Le germe 
de mort que nous portons tous en nous etait donc non-seule- 
ment apparent, mais actif en lui presque des son entree dans 
la vie, et voilä pourquoi tant de pressentiments funebres se 
melent ä cette joie de vi vre qu'il exprime avec une si elo- 
quente frenesie . . . Dans cette joie de vivre memo se trahit 
une häte de funeste augure, de sorte qu'on peut dire sans 
paradoxe que c'est par la gräce meme de la mort qu'il a ete 
un chantre si vibrant de la vie" — (pag. 274). 

Montegut unternimmt es noch, den Misston der vielen 
Lieder Heines nicht nur zu erklären, sondern auch zu recht- 
fertigen, indem er auf die tiefe innere Tragik desselben auf- 
merksam macht (pag. 275, 276) : 

C'est ce desaccord entre l'amour et son objet qui est le principe 
de ces sarcasmes, de ces ironies et de ces blasphemes que l'on a si 
legerement reproches comme une dissonance a ses poesies. Loin d'etre 
en dissonance, Ironie, blaspheme, persiflage sont au contraire en accord 
parfait avec un amour de teile nature ; ils en fönt la cruelle harnionie 
et la profonde originalite; ils attestent en tout cas la sincerite du 
poete et disent a quel point il est reste fidele ä la verite. Oh ! 
qu'elles seraient menteuses si, sous pretexte d'unite, ces poesies con- 



Einzelstudien über Heine. 87 



servaient jusqu'au bout l'accent de la plainte, si le ton elegiaque y 
donnait davantage l'exclusion au ton satirique . . . 

Oh! que loin de prouver, comme on l'a dit, le peu d'anie du poete, 
tout cela prouve au contraire l'energie de sa passion! Oli! que loin 
d'etre bouifon, tout cela est tragique ! Le doute, le doute perpetuel, 
ou plutot la certitude de la fin toujours imminente du bonheur et de 
la banqueroute ä breve echeance de Famour, voilä le tourment liorrible 
qui fait le fond des poesies de Heine et qui le poursuit memo dans 
ses lieures de felicite tonte confiante . . . 

In einer Anmerkung weist der Autor darauf hin, dass 
der Skepticismus und die Ironie Heines nicht nur ihre mo- 
ralische Erklärung finden , sondern auch rein litterarischen 
Ursprunges sein können. Die volkstümlichen Weisen nämlich, 
die der Dichter täuschend ähnlich nachsang, tragen denselben 
Charakter. Sie vereinigen, wie die Lieder Heines, mit dem 
Ausdruck innig-naiver Liebe oft verletzende Ironie und revol- 
tierenden Cynismus (pag. 276): 

Tant que l'aniant veut seduire ou reste en proie au desir, il 
trouve les accents de la plus emouvante tendresse et prodigue les 
plus caressantes flatteries, mais vient-il ä triompher, aussitot le ton 
cliange et il notifie sa satiete ou son dedain avec la brutalite la plus 
revoltante. De meine, la jeune fille qui n'aime pas, sollicitee par un 
amant au desespoir, ecoute sans s'attendrir les plaintes les plus elo- 
quentes et notifie conge ä l'importun avec une durete que les plus 
sinistres menaces de mort ou de suicide ne peuvent flecliir. 

Die Natur, die Heine so gern und unerreicht besang, 
muss Montegut die eigene Sprache leihen , um ihren Ver- 
herrhcher in einem ihrer Wunder zu versinnbildlichen (pag. 276) : 

. . . Avez Aous janiais assiste, le matin, au reveil de la luniiere? 
Sons le froid clair-obscur de la premiere aube, un gazouillement isole 
part tout ä coup d'un buisson. A ce gazouillement un second repond 
du buisson voisin, l'etincelle melodieuse vole d'arbre en arbre et de 
nid en nid, et c'est bientot comme un incendie de sonorite qui em- 
brasse la campagne entiere. II en est ainsi de l'amour dans les cliants 
de Heine. Ce n'est d'abord qu'une plainte melodieuse, une fanfare de 
triompiie, un accent d'ardent espoir qu'il jette au vent de la solitude, 
mais sa voix a reveille tous les eclios de la natuve, qui lui renvoient 



88 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Tun apres l'autre ses propres paroles nmltiphees et prolongees, et 
bientöt, perdant tout etroit caractere d'intiniite, cet aniour s'est uni- 
versaHse jusqu'ä embrasser la nature entiere et ä prendre pour com- 
pagnons et confidens toutes les belies choses de la creation. 

Mais tout ä coup une parole cruelle ou mauvaise a retenti qui 
a mis ä neant toute cette illusion riante; les oiseaux sont devenus 
muets, les etoiles se sont couvertes d'un crepe de nuages, les fleurs 
se sont fletries et courbees, les eaux lointaines se sont precipitees 
avec un bruit sinistre, et il n'est plus rien dans la nature qui ne donne 
un signe de mort, ne fasse un geste de menace, ne siffle une insulte, 
une invitation au desespoir. Le roi et le dieu de tout ä Flieure se 
sont evanouis, et il ne reste plus qu'un pauvre enfant de nature su- 
perieure, embarrasse de son coeur, qui ne lui sert qu'ä souffrir, et 
de son genie, qui ne lui sert qu'ä niieux comprendre le neant de toute 
esperance et l'inutilite de tout eifort genereux. 

Montegut schliesst, indem er Heine Petrarka gegenüber 
stellt (pag. 277): 

Si Petrarque, en efFet, a un rival, c'est Heine, precisement par 
le contraste qui les oppose Tun ä l'autre, comme les deux interpretes 
les plus dissemblables de l'eternelle illusion qui mene. l'humanite, illu- 
sion maudite ou benie selon les siecles, qui tantot conduit au salut 
et ä la vie, comme chez Petrarque, et tantot, comme chez Heine, con- 
duit ä la damnation et ä la mort. 

Die Studie Monteguts hat uns lange aufgehalten. Die 
Fülle von Gedanken und neuen Gesichtspunkten, die sinn- 
reiche Darstellung des Heineschen Geistes veranlassen uns, 
diese Arbeit als die glänzendste zu bezeichnen, die in dieser 
Art in Frankreich über Heine geschrieben worden ist. Ja. 
wir möchten noch mehr sagen. Obgleich es nicht unsere 
Aufgabe ist, den Wert und die Bedeutung der französischen 
Studien mit den deutschen zu vergleichen, so können Avir 
nicht umhin, an dieser Stelle zu bemerken, dass Monteguts 
Aufsatz mit dem erwähnten Nekrologe Laubes — und der 
biographischen Skizze Zendrinis zu dem Besten, Wahrsten, 
innig und am dichterischsten Nachempfundenen gehört, das 
je über unsern Dichter gesagt wurde, und zu bedauern ist es 



Einzelstudien über Heine. 89 



daher, dass die allem Anscheine nach geplante Fortsetzung 
dieser schönen Arbeit bis jetzt ausgeblieben ist. 

Wir bemerken noch, dass Montegut in seinen litterar- 
historischen und ästhetischen Schriften wiederholt Stellen aus 
Heines Werken zuzieht. In den „Livres et ämes des Pays 
d'Orient" ist sogar Heine mit — chinesischen Poeten ver- 
glichen, wo er den Nachweis zu geben sucht, dass zwischen 
der Litteratur der Söhne des Himmels und der europäischen 
eine Affinität bestehe. 



Louis Ducros 

(1846). 

„Henri Heine et son temps'' (1799—1827), Paris 1886.^) Wir 
haben es hier mit dem gründlichsten und ausführlichsten fran- 
zösischen Werke über Heine zu thun, das allen Anforderungen 
der Wissenschaft entspricht, ja mit einem der ansehnlichsten 
und wertvollsten Bücher, die jenseits des Rheins über 
deutsche Litteratur geschrieben worden sind. Es konnte 
daher diese Arbeit des Professors in Poitiers — der sich schon 
1884 durch die bedeutende Schrift „Schopenhauer, les origines 
de metaphysique" auch über die Grenzen seines Vaterlandes 
rühmlichst bekannt gemacht — neben reichlich gezolltem Lobe 
nicht dem gelinden Tadel entgehen, der für den Franzosen in 
den Worten „un peu lourd" hegt. Das biographisch und lit- 
terar-kritisch gehaltene Buch umfasst auf 320 Seiten die Jugend 
Heines bis zum Erscheinen des „Buch der Lieder". Von da 
an, meint der Autor nicht mit Unrecht, sei Heine seinen Lands- 
leuten kein Unbekannter mehr. Ducros, der alles kennt, was 



^) Diesem Buche hat Bourdeau eine Studie gewidmet („Revue bleue" I. 
1887, pag. 49). 



90 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



hüben und drüben über den Dichter geschrieben wurde, hat 
das vorhandene Material nicht nur geschickt und in anziehen- 
der Weise verarbeitet, sondern auch selbständig weitergeforscht, 
besonders auf litterar-ästhetischem Gebiete. Der Gelehrte war 
an Ort und Stelle, hat die gründlichsten historischen Studien 
gemacht und so dem Leben Heines einen verständnisvollen 
Rahmen beigegeben. Seine Schilderung des deutschen Geistes- 
lebens jener Epoche ist auch für den Deutschen eine lehrreiche 
und fesselnde Lektüre, und nur selten wird er durch eine bittere 
Bemerkung des Autors in seinem Nationalgefühl gekränkt 
werden. In dem Werke lassen sich zwei grosse Grundideen unter- 
scheiden: an der Jugendgeschichte Heines, an dem Werden 
seines Geistes und Genies nachzuweisen, dass der Dichter kein 
Deutscher war, der sich mehr oder weniger rasch und voll in 
Paris akklimatisierte, sondern durch seine Erziehung, durch 
die Erlebnisse, und auch durch angeborene Geschmacksrichtung 
schon zur Hälfte Franzose, als er nach Paris kam. Zweitens 
will Ducros nachweisen, dass die unglückliche Liebe zu „Molly'^ 
thatsächlich jene Tragweite gehabt habe, die Heine ihr in 
seinen Liedern gegeben, was u. a. von Max. Heine und der 
Prinzessin Della Rocca bestritten wird. 

Bemerkenswert ist, was Ducros am Schlüsse seiner Ein- 
leitung von den französischen Citationen aus Heines Werken, 
auf die er angewiesen ist, sagt. Er bedauert, dass sie nicht 
in des Dichters Muttersprache diese Arbeit schmücken können. 
„. . . helas! ce dieu va nous parier ä travers des traductions, 
dans une langue qui n'etait pas la sienne, grand et serieux 
chagrin pour un critique qui aime son poete et voudrait le 
faire aimer." Er bittet also den Leser, sich womöglich an 
dfen deutschen Heine zu wenden. „Plutarque, qui est de venu, 
comme on sait, „le bon Plutarque", depuis qu'il a ete lui- 
meme si elegamment trahi par Amyot, raconte qu'un jour 
on invitait le roi de Sparte, Agesilas, ä aller entendre un 
homme qui imitait la voix du rossignol. Agesilas s'excusa. 



Einzelstudien über Heine. gi 



disant qu'il avait encore dans l'oreille le chant du rossignol 
lui-meme. Nous supplions nos lecteurs de saivre Texemple 
d'Agesilas et de preferer ä nos maladroites imitations frangaises 
les chansons originales du rossignol allemand." — Wie wir 
uns zu dieser Uebersetzungsfrage stellen, darüber wird der Ab- 
schnitt IV Auskunft geben. 

Und nun ein Gang durch die 300 Seiten des Buches. 
Wir wiederholen hier schon Gesagtes : Wir halten uns an das, 
was den deutschen Leser interessiert, wir suchen jene Stellen 
heraus, die Ducros' Ansichten charakterisieren und ein neues, 
anderes Licht auf die Heinekritik werfen. — Zieht ein Minera- 
loge mit jungen Lernbegierigen über Land, so sucht er deren 
Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen der Steinwelt zu 
richten. An der Flora, so verführerisch schön sie auch sein 
mag, muss er vorübergehen. Wer die ganze Natur gemessen 
will, muss denselben Weg noch einmal — allein gehen. Und 
diesen Gang durch Ducros Buch raten wir jedem. 

Das erste Kapitel führt Heine — „qui fut, des ses pre- 
mieres annees, ce qu'il restera toute sa vie : un enfant terrible" 
— bis zum Eintritt in das französische Lyceum Düsseldorfs. 
„Ce qu'il y aura d'essentiellement frangais chez Heine, l'etat 
politique de l'Allemagne au commencement de notre siecle 
peut seul l'expliquer." 

Das folgende Kapitel gehört daher der Beschreibung 
seiner Heimatstadt während der französischen Occupation 
und der deutschen Zustände überhaupt, — „qui vont faire de 
ce petit Germain un lyceen frangais^^ Und nachdem er ein 
Bild jener Stadt entworfen, fährt der Autor fort (pag. 16): 

Teile est la ville, eminemment industrielle et commergante, tel 
est le pays plat oü est venu au monde le plus grand poete apres 
Gcethe. La tradition ne dit pas qu'on ait jamais vu s'egarer jusqu'ä 
cet endroit du Rliin la belle et dangereuse „Lorelei", et c'est lä pour- 
tant qu'a passe son enfance celui de ses adorateurs qui l'a le mieux, 
le plus divinement cliantee; c'est lä, c'est sur les bords les moins 



92 H. Heine im Liclite der französischen Kritik. 



enchanteurs du Rhin, les plus denues de ruines pittoresques et de 
beautes romantiques, qu'est ne le dernier et le plus grand des Roman- 
tiques. Oe qui prouve une fois de plus que l'esprit souffle oü il veut 
et que les grands poetes n'obeissent jamais completement ä la fameuse 
loi des milieux, puisqu'ils se permettent parfois, comme Heine, de 
naitre ä cote et en deliors des miKeux les plus poetiques, les plus 
favorables ä l'eclosion de leur genie. 

Wir erfahren schon hier, welch' hohe Rangstufe Ducros 
unserem Dichter zuschreibt. In wenig sympathischem Lichte 
ist dann das Deutschland jener Tage geschildert — und zwar 
grösstenteils nach deutschen Quellen (Frejtag, Perthes etc.). 
Ducros will nachweisen, dass es dem jungen Heine ergehen 
musste, wie Wilhelm von Humboldt, der auch schliesslich zu- 
gab, dass die Heimat kein Land mehr sei, für das man sich 
begeistern könne. „Tel est en resume le .pays que les Alle- 
mands reprochent ä Heine de n'avoir pas su aimer d'un ardent 
patriotisme." Dem gegenüber werden der Revolutionsenthu- 
siasmus, die franzosenfreundlichen Rheinlande, die Segnungen 
der Gleichheitsidee, wie sie den Parias der Gesellschaft, den 
Juden, zu teil wurde, die relativ milde Herrschaft des ehr- 
lichen und tapfern Murat, der sich den Düsseldorfern beliebt 
zu machen wusste, vorgebracht und so mit Geschick die ersten 
Keime des sogenannten französischen Heine aufgedeckt. 

Im dritten Kapitel sehen wir Heine im Lyceum; hören 
von seiner nicht allzugrossen Neigung für die klassische Philo- 
logie, besonders von dem Abbe d'iVulnoi, den er oft verwünscht 
und von Heines leidenschafthcher, einseitiger Kritik des Ale- 
xandriners und der französischen Verskunst überhaupt. Der 
Autor citiert mehrere Stellen aus den Memoiren des Dichters, 
unter denen sich das Geständnis desselben befindet : „ J'aurais 
ete capable de mourir pour la France, mais faire des vers 
frangais, jamais" (Bourdeau, Memoires, pag. 14), worauf Ducros, 
der sich, wie er sagt, „a la frangaise" rächen will, erwidert 
(pag. 37): 



Einzel Studien über Heine. 93 



Co qu'il y a de plus etonnant dans cette condamnation brutale 
de la poesie fran§aise, c'est qu'elle est prononcee, et sur quel ton! 
par un vrai et grand poete, que ce poete vivait ä Paris depuis plus 
de vingt ans, et qu'ä l'epoque oü il ecrivait ces lignes, nos trois grands 
lyriques avaient, depuis longternps, donne leurs chefs-d'oeuvre. C'est 
donc ainsi que jugeait la poesie fran§aise, et cela en 1854, celui qu'on 
a appele ä juste titre le plus f rangais des Allemands ! c'est donc ainsi 
qu'il s'acquittait de la noble mission qu'il s'etait imposee de faire con- 
naitre la France ä TAlleinagne! Une si lourde meprise, de la part 
d'un esprit si fin, si parisien meme par tant de cotes, est bien faite 
pour remplir d'effroi son propre biograplie: comment donc, nous 
Francais, reussirons-nous ä comprendre et a faire comprendre un poete 
etranger qui comprenait si mal nos poetes ä nous? Ce qui nous en- 
courage cependant ä poursuivre cette täche, ingrate entre toutes, 
c'est que, ä l'admiration profonde et dejä ancienne que nous inspirent 
les vers de Heine, nous sentons bien que nous nous vengerons ä la 
frangaise de ses injustes dedains pour les poetes frangais : si nos juge- 
ments sur ses poesies pechent par quelque endroit, ce sera par exces 
de Sympathie, et ce defaut, si c'en est un, nous empechera, en tous 
cas, moins que le defaut contraire, de bien comprendre un poete 
etranger . . . 

„Heureusement" — fährt Ducrot weiter unten fort — ,,quel- 
qu'un se chargeait, ä cette meme epoque, de civiliser oii, ce 
qui etait alors la meme chose (!), de franciser le jeune barbare : 
c'etait le tambour Legrand." Dieser unvergänglichen Heine- 
schöpfvmg, dem poetischen Geiste, den der Dichter über diese 
Napoleonsallegorie gegossen, gilt folgender schöner Passus 
(pag. 39): 

Nous savions dejä tout ce que peuvent dire ä un poete les 
mille voix de la nature, par exemple le chant de l'alouette aux Pre- 
miers rayons du jour, les plaintes du vent, le soir, dans les forets 
de sapins, et Shakespeare nous a revele lui-meme les discours que 
tiennent parfois les arbres et les brins d'herbe eux-memes; mais ce 
que nous 7ie connaissions pas, avant Heine, c'est la merveille.use 
poesie que peuvent faire retentir sur une peau cl'dne deux haguettes 
de bois agitees en cadence par les 7nai7is d'un modeste soldat ; ce quo 
nous ne savions pas, et ce que Heine va nous racontor avec eloquence, 
c'est tout ce que peut apprendre un tambour ä qui sait l'ecouter. 



94 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



II est vrai qu'il ne suffisait meme pas d'etre un poete pour coin- 
prendre tout ce que disait le tambour de M. Legrand ; il fallait avoir 
encore, ce qui fait souvent defaut aux poetes, voire meme aux poetes 
allemands, il fallait avoir de l'esprit. 

Die ,, Grenadiere" nennt der Verfasser „lied immortel", 
dem Herzen des Dichters entsprungen, der seit der ersten 
Kindheit nicht nur französisch, sondern auch bonapartistisch 
gesinnt war. „Si l'abbe d'Aulnoi ne reussit pas a hü faire 
aimer notre poesie, il semble du moins, ä en juger par les 
faciles progres que Heine fera plus tard dans notre langue (?), 
que les legons de grammaire et de style de l'abbe furent la 
base premiere de son education frangaise : le Tambour Legrand 
fit le reste . . . (pag. 44) . . . „dans les premi^res annees de sa 
vie, on peut dire qu'il fut notre; c'est la France qui fut sa 
premiere patrie, car c'est eile qui, la premiere, fit battre son 
coeur: Heine ne l'oubliera jamais." Mag man diese Thatsache 
aus patriotischen oder litterarischen Motiven bedauern, zu 
widerlegen dürfte hierin der Biograph Heines nicht sein. Auch 
in folgendem wird man ihm Recht geben müssen. „Nous 
devinons des maintenant ce qu'il doit ä la France : quelques-uns 
des plus grands defauts que lui reprocheront ses compatriotes 
et qui etaient en effet, ä Düsseldorf, d'importation frangaise: 
l'entrain, la clarte des idees, la vivacite des reparties, cette 
furie frangaise en un mot qu'il apprit alors aux sons du tam- 
bour de M. Legrand." 

Nachdem Ducros den französischen Einfluss zu beleuchten 
gesucht, spricht er ausführlich und in anregendster Weise von 
zwei Meisterwerken, die auf den jungen Dichter einen tiefen 
Eindruck übten: Don Quichotte und Gullivers Reisen, indem 
er hieran geistvolle Erörterungen über den Zauber des plastisch- 
ironischen Genies Heines anknüpft (pag. 48 ff.). 

Dass der Dichter kein Verständnis für Musik hatte, kon- 
statiert Ducros, ohne für dies Phänomen eine Erklärung zu 
finden (pag. 50). 



Einzelstudien über Heine. 95 



Das vierte Kapitel handelt von des Dichters erstem Liebes- 
leid und seinen Liedern. Von den Romantikern unterscheidet 
sich Heine durch den persönlichen Ausdruck seiner Gedichte. 
Ihm war die Welt nicht nur ein Traum; was er zum poeti- 
schen Traum gestaltete, war oder schien wenigstens Wirklich- 
keit: „Or, si Heine est superieur aux romantiques, ce n'est 
pas seulement parce qu'il a plus de genie qu'eux tous, c'est 
aussi parce qu'il n'a pas reve, mais qu'il a vecu ses plus 
beaux vers : c'est ce que va vous montrer l'histoire de ses 
premieres amours" (pag. 57). Folgt die Geschichte der 
Schwärmerei des frühreifen Knaben für die Henkerstochter 
Josepha, von der Heine selbst sagt, dass sie die in ihm 
schlummernde Muse geweckt habe. Ducros untersucht hierauf 
die Streitfrage, die sich an die Molly seiner Lieder knüpft, — 
die uns vöUig nichtig scheint. Was haben wir gewonnen, 
wenn es uns gelingt nachzuweisen, dass Petrarcas Laura eine 
ehrbare Mutter von — dreizehn Kindern gewesen? — Der 
Autor glaubt an eine dauernd unglückliche Liebe Heines für 
seine Cousine. Wir citieren nur den psychologischen Teil 
der Beweisführung, der schwungvoll entworfen ist (pag. 65) : 

Pour si grand poete et, ce qui est parfois, il laut en convenir, 
une meine chose, pour si grand menteur qu'on soit, il est pourtant 
des cris et des sanglots que l'imagination n'invente pas et que le 
coeur seul a pu dicter. 

Est-il perinis de douter de la sincerite d'A. de Musset, lorsqu'il 
chante, comme Heine, un amour malheureux, ou plutot lorsque cet 
amour eclate et s'eniporte, comme malgre lui, en folles imprecations 
contre l'ingrate que la Muse ne peut lui faire oublier? De meme, la 
blessure de Heine ne se fermera jamais, et c'est de cette blessure, 
adoucie sans doute par d'indignes distractions que je n'oublie pas, 
pansee, si l'on veut, et profanee en meme temps par des mains impures, 
mais jamais completement guerie, que jailliront tant de beaux vers, 
d'une tristesse infinie, d'une amertume qui serre le coeur. 

Aber so echt der Schmerz ob seiner verschmähten Liebe 
gewesen sein mag, so wahr und innig ihm die ersten Thränen 



96 H. Heine iin Lichte der französischen Kritik. 



zu Liederperlen geworden, so gibt dennoch auch Ducros zu, 
dass der Poet sich später die alte Liebespein heraufbeschworen 
habe, um neue Lieder singen zu können. „Oui certes, il a 
souffert et pleure; mais il etait artiste, c'est-ä-dire il etait 
la dupe ou mieux encore le complice de son imagination, il 
savait gre ä celle-ci d'exagerer sa souflrance, d'en prolonger 
indefiniment, jusqu'ä son dernier jour" (pag. 67). 

Bevor der Autor zu der Betrachtung der „Traumbilder" 
übergeht, richtet er einige weise Mahnungen an seine Lands- 
leute, von deren allzuklassischer Bildung er ein mangelhaftes 
Verständnis für das Zauberreich der Heineschen Traumlyrik 
fürchtet (pag. 73): 

Pour goüter pleinement notre poete, il faut savoir aussi se 
relächer de certaines exigences, par trop rigoureuses, du goüt fran- 
gais; il faut oser se dire qu'en dehors des formes et des genres lit- 
teraires que nos grands ecrivains nous ont appris ä aimer, il peut y 
avoir, hors de chez nous, des fagons tres differentes et tout aussi 
legitimes de sentir et d'exprimer le beau. II est bien d'avoir le goüt 
difficile, et c'est justement ce que nous nous repetons ä nous-meme 
au nioment de juger les premieres oeuvres de notre poete; mais 
n'est-ce pas aussi un grand malheur, pour un critique, d'avoir le goüt 
trop exclusif, de ne pas savoir sortir de chez lui, surtout quand il 
aspire ä connaitre un auteur etranger? Nous ne nous sonimes pas 
assez gueris, en France, de notre vieiile manie de tout ramener ä 
nous-memes, ä notre point de vue frangais. 

Die Phantasie Heines verlor sich nicht im aberwitzig 
Mysteriösen und albern Wunderbaren und all den Ungereimt- 
heiten der deutschen Romantik: „C'est un merveilleux ad- 
missible et artistique parce qu'il est ordonne, un merveilleux 
enfin qui donne au lecteur l'illusion de la realite, parce qu'il 
est la realite meme animee seulement et poetisee par le genie" 
(pag. 76, 77): 

C'est la Fantaisie qui a dicte ä Heine quelques-uns de ses 
„Lieder" les plus merveilleux et lui a suggere ses „Songes" les plus 
bizarres; la Fantaisie qui peut, il est vrai, faire rimer des sottises 
aux esprits malades ou mal equilibres, mais qui inspire aussi aux 



Einzelstudien über Heine. 9T 



genies vigoureux et maitres d'eux-memes des reves ou des contes, 
etraiiges peut-etre, mais encore plus poetiques, tels que les „Noc- 
turnes." 

In den „Traumbildern" hebt Ducros u. a. die beiden 
Haupteigentümlichkeiten des Heineschen Genies hervor: „C'est, 
d'une part, une habilete tres particuliere ä nous emouvoir par 
des contrastes qu'il ne developpe pas et qui n'en sont que 
plus poignants; et, d'autre part, un art singulier, dans lequel 
il ira toujours grandissant et qui fera de lui le peintre de 
genie des futurs Lieder, l'art de dessiner en quelques traits 
tout un passage, füt-il completement imaginaire, et d'animer 
avec quelques mots ses personnages, fussent-ils des fantomes ..." 
(pag. 79). 

„. . . C'est gräce ä cette sobriete du peintre, a la fermete 
de son dessin et a la nettete de ses contours, que ses person- 
nages se detacheront, vivants et personnels, de cette multi- 
tude de formes sans vie qui flottent indecises dans les tableaux 
de la plupart des romantiques" (pag. 81). 

Die wohlthätigen Wirkungen der französischen Occupa- 
pation sucht Ducros im fünften Kapitel weiter zu entwickeln, 
immer mit der Nebenabsicht, Heines französische Sympathieen 
zu erklären: „Voilä, croyons-nous , un ensemble de faits 
eloquents que nous pouvons recommander ä l'attention de tous 
les critiques allemands qui ont reproche ä Heine d'avoir aime 
la France. Et que serait-ce, si nous nous plaisions ä enumerer 
les persecutions, ridicules ou atroces, auxquelles etaient en 
butte les coreligionnaires du poete?" (Pag. 92.) 

Der Autor preist die Toleranz der napoleonischen Re- 
gierung und vollendet in patriotisch angehauchter Tirade das 
Bild von Heine , dem Dichter des „ Tambour Legrand " 
(pag. 93 ff). 

Dass Ducros wohl guter Patriot, aber kein Chauvin ist, 
geht aus dem historischen Gemälde hervor, das er für den 
geschlagenen, tief gebeugten Legrand entwirft (pag. 97) : 

Betz, Heine in Frankreich. * 



98 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

Tout le monde connait ce magnifique reveil de l'Allemagne en 
1813. Un peuple entier se levait pour la defense de ses droits et de 
sa hberte, car nous ne faisons aucune difficulte de reconnaitre que les 
Körner, les Ficlite et tant d'autres illustres patriotes combattirent 
alors pour une cause juste et sainte, puisqu'il s'agissait pour eux de 
l'independance meme de leur pays. 

Nachdem Ducros ausführlich vom Prosagedichte Legrand 
gesprochen (pag. 104 ff.), sagt er von dem hinreissend dra- 
matischen Liede der Grenadiere (pag. 107) : 

Est-il besoin de faire remarquer les grandes beautes de ce lied 
justenient celebre: la vivacite des Images, la sincerite et la noblesse 
des sentiments et, par-dessus tout, la merveilleuse simplicite du style ? 
Pour nous, ce que nous admirons le plus, dans ce chant heroi'que et 
triste ä la fois, c'est l'art avec lequel un jeune poete des provinces 
rhenanes (il n'avait pas seize ans) a su, gräce ä son imagination, gräce 
surtout ä la Sympathie pour nos malheurs, deviner et chanter ce 
culte touchant que garderent pour leur empereur, jusqu'ä leurs der- 
niers soupirs, les soldats de la vieille garde. 

Aussi ce beau lied des „Grenadiers", nous le saluons ici avec 
reconnaissance, et c'est ä un double titre que nous en felicitons le 
poete: comme admirateur de son genie d'abord, et ensuite comme 
Fran§ais. Toutes les fois, en effet, qu'un Fran§ais essaiera de juger 
l'oeuvre de Henri Heine, il devra se souvenir, avant tout, qu'il a ecrit 
„le Tambour Legrand" et le chant des „Grenadiers". 

Wir sind uns bewusst, Ducros bis jetzt oft und lange 
das Wort gelassen zu haben. Allein es lag uns daran, gerade 
in dieser Lebensperiode des Dichters, in der die ganze für 
Deutschland und Heine folgenschwere Zukunft wurzelt, An- 
sichten aus dem Munde eines Franzosen zu vernehmen, der 
unseren Dichter nicht nur bewundert und versteht, sondern 
auch ihn und seine Zeit zum Gegenstande gründlichen 
Studiums gemacht hat. 

Aus dem folgenden Kapitel, in dem der Autor über 
Heines Studium in Bonn schreibt, über seinen Onkel Salomon 
Heine, das deutsche Studentenleben jener Zeit, über Wilhelm 
Schlegel, dessen Einfluss auf Heines Formvollendung er zu 



Einzelstudien über Herne. 99 



würdigen weiss, — ist nichts von besonderem Interesse an- 
zuführen. Nur kurz wollen wir uns bei Ducros' Urteil über 
die Sonette aufhalten (pag. 140) : 

C'est tantot, dans les sonnets amoureux, la passion qui parle 
toute pure; tantot, dans ce que j'appellerai les sonnets sarcastiques, 
qui furent une Innovation en Allemagne, c'est la franchise du jeune 
homme qui se revolte et s'emporte contre les fausses grandeurs qu'il 
voit courtiser autour de lui, „contre ces idoles toutes d'or ä l'exterieur, 
toutes de sable au dedans, qu'il refuse d'encenser avec la foule"; et 
alors ce n'est pas, comme cliez son maitre, „une predilection d'artiste, 
c'est l'indignation qui fait les vers du poete". 

An den „Fresko-Sonetten", die er eine „Mascarade de la 
vie humaine" nennt, tadelt Ducros die Disproportion zwischen 
dem Gegenstand und dem Rahmen. Jener scheint ihm zu 
unbestimmt, zu ausgedehnt und vielseitig, um in ein Sonett 
eingezwängt werden zu können — „faire entrer tous ces 
masques, repoussants ou gracieux, dans quelques pieces de 
quatorze vers chacune, c'est tenter une entreprise contra- 
dictoire, c'est vouloir peindre quelque chose comme le carnaval 
de Venise dans un tableau grand comme la main." (Pag. 142.) 

Unbeschränktes Lob zollt er der Sprache der Sonette, in 
deren packender Einfachheit er mit Recht einen genialen Zug 
Heines sieht. (Pag. 144.) 

Bewundernd spricht er von den beiden Sonetten, die 
Heine an seine Mutter richtet; sie sind auch vom eben er- 
wähnten Vorbehalt ausgeschlossen : „Ce sont deux vrais son- 
nets . . . pour prendre les mots memes de Schlegel, la forme 
ne pourrait mieux s'accorder avec le fond, ni „le corps avec 
l'äme", parce que le genie du poete ne pouvait mieux servir 
le coeur du fils." 

Das trostlose Leben in Göttingen wird uns im siebenten 
Kapitel anschaulich geschildert; im folgenden das alte Berlin 
und die Kreise, in denen Heine verkehrte. Ein anmutiges 
Bild entwirft Ducros von Rahel Varnhagen: „. . . il n'y a pas, 



100 H. Heine im Lichte der franzosischen Kritik. 

dans toute la litterature allemande, im ecrivain plus vrai que 
Rahel . . . (pag. 179) ... on imagine aisement quelle profonde 
impression dut faire sur Heine un esprit aussi net et aussi 
poetique en meme temps, qui faisait de Pichte et de Goethe 
ses lectures favorites, mais qui aimait par dessus tout „les 
enfants, la verdure, les beaux yeux et la parole" . . . par son 
goüt pour l'esprit frangais et la politesse fran9aise, affable et 
discr^te ä la fois." (Pag. 180.) 

Im neunten Kapitel wird das kleine dramatische Gepäck 
Heines visitiert. Ducros ist geneigt, auf Almanzor und Ratcliff 
anzuwenden, was Heine von seinen Liedern — wohl kaum 
im Ernste — sagte : sie seien keinen Schuss Pulver wert. 
Es ist bekannt, dass die Tragödien Heines Schmerzenskinder 
blieben. Hierauf anspielend, gibt Ducros später die Anekdote 
wieder, die Heine selbst von Paganini erzählt. Als nämlich 
der Dichter diesen wegen seines Spiels komplimentierte, frug 
der Künstler, das gespendete Lob kaum beachtend, was Heine 
von seiner Grüssungsart denke ! — Einer kurzen Inhaltsangabe 
des Almanzor schliesst sich die litterarische Kritik an, aus 
der wir folgendes hervorheben : „. . . Malgre l'horreur du 
denouement, c'est moins un drame qu'une suite de Lieder 
passionnes et melodieux ... II n'y a pas d'action veritable 
dans la tragedie de Heine, pas d'interet croissant de sc^ne 
en scene, mais un simple coup de foudre ä la fin et, ga et lä, 
des imprecations qui alternent avec des soupirs d'amour : on 
soupire, on se bat et on meurt. Comme dans la plupart des 
drames composes par de purs poetes lyriques, les personnages, 
ayant perdu leur temps ä chanter, s'agitent tout ä coup 
fievreusement pour rattrapper le temps perdu et arriver au 
denouement.^' (Pag. 196.) 

Den finstern, harten Zug der Ratcliff- Tragödie erklärt 
Ducros aus der Gemütsstimmung Heines. Molly hatte 1821 
einen anderen geheiratet. „N'est-ce pas lä Texphcation toute 
naturelle de ce sombre pessimisme ? . . . Est-il besoin de faire 



Einzelstudien über Heine. IQl 



remarquer que William Ratcliff, c'est encore H. Heine? Ainsi, 
qu'il noiis transporte en Ecosse ou en Espagne, dans Ratcliff 
comme dans Almanzor, c'est l'aiiteur que nous decouvrons 
soiis le plaid ecossais ou sous le manteau espagnol : il se joue 
lui-meme dans ses drames, comme il se chantera lui-meme 
dans ses Lieder/' (Pag. 206.) 

Im zehnten Kapitel werden wir mit der Geschichte der 
deutschen Romantik bekannt gemacht, die uns Bedeutung 
und Stellung des Dichters des Intermezzo, des letzten Ro- 
mantikers, erklären soll. Während wir diesen Teil, in dem sich 
Ducros an Hettners, W. Scherers, Hayms, Brandes' etc. ein- 
schlagende Arbeiten hält, füglich übergehen können, werden 
wir uns desto länger mit folgendem Abschnitte zu beschäf- 
tigen haben, in dem von dem Intermezzo die Rede ist, jener 
Liedersammlung, die der Verfasser nicht nur als das „chef- 
d'oeuvre'^ Heines ansieht, sondern auch als die kostbarste 
Perle der gesamten deutschen Lyrik. Seine Bewunderung 
für den Sänger dieser Lieder kennt kein „Aber'' und kein 
„Wenn". Er beginnt mit der Besprechung des geharnischten 
Artikels des zwanzigjährigen Heine gegen die Schule Novalis, 
in dem der Dichter alle Mängel der Romantik aufdeckt: 
„Lineaments purs, clarte des images, nettete du dessin, poesie 
plastique en un mot, toutes choses que nous allons justement 
rencontrer dans l'Intermezzo et qui etabliront l'eclatante su- 
periorite de Heine sur ses premiers maitres" (pag. 239). Ducros 
fügt aber hinzu, dass Heine im Colleg desjenigen Romantikers 
gesessen habe, der selbst die Verirrungen dieser Schule zuerst 
herausgefühlt. Ueberhaupt ist die unparteiische und lobende 
Kritik des Franzosen A. W. Schlegel gegenüber anerkennenswert, 
der seinerseits stets hart und ungerecht über Frankreichs grosse 
Dichter urteilte und über Meliere sogar höchst unverständig. 

Nachdem er die klassische Einfachheit der Sprache, des 
Strophenbaues und des Inhalts des Intermezzo untersucht 
(pag. 242), gelangt Ducros zu dem Ergebnis: 



102 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



. . , Faire beaucoup avec peu, exprimer le plus possible avec hi 
nioindre tension du mot et du vers et par le charme seul des Images 
les plus familieres, voilä tout Part du poete dans les „Lieder" tels 
que celui-ci: „Dans les eaux du Rhin, du beau fleuve, se mire, avec 
son grand dorne, la grande, la sainte Cologne." 

Pag. 244: 

Parfois meme le poete se passe completement d'images et de 
metaphores; ce n'est plus un auteur qui decrit: les clioses semblent 
s'offrir directement ä nos yeux et se raconter elles-memes, sans 
ornements, telles qu'elles sont, et, semble-t-il, avec le simple voca- 
bulaire de la prose, mais d'une prose merveilleusement ailee et chan- 
tante, d'une prose qui nous attendrit et nous remue le coeur plus que 
ne pourraient le faire les plus brillantes comparaisons poetiques. 

Immer wieder wird der Leser gebeten, sich an Heines 
deutsche Lieder zu halten. „ . . . c'est aux vers memes de 
Heine que nous renvoyons sans cesse le lecteur, nous efforgant 
nous-memes, pour nous tenir plus pres du poete, d'oublier les 
platitudes et les vulgarites de notre indigne prose." 

Ducros unterlässt es indessen nicht, auch auf den grossen 
Einfluss hinzudeuten, den die Volksdichtung W. Müllers und 
Brentanos Wunderhorn auf Heines Lyrik ausübten, fügt aber 
hinzu : „ . . . Si Heine est naturel et simple, c'est, avant tout, 
parce qu'il est personnel et sinc^re, c'est parce qu'il s'est mis 
tout entier dans ses poemes avec les desirs fous et les joies 
fugitives, avec les amers et doux Souvenirs ä la fois de son 
äme et de ses sens . . . C'est bien Heine lui-meme qui a vecu 
dans ses poemes, non cet etre factice et ambigu, tantot meine 
et tantöt troubadour, cree par l'imagination maladive des 
romantiques" (pag. 250). 

Selbst Goethe und Schiller werden von seiner Lyrik in 
den Schatten gestellt (pag. 250) : 

Si on excepte quelques rares poesies, oü il imite les romantiques, 
tout en les surpassant dans „l'Litermede", ce ne sont pas les siecles 
passes, moyen äge reve par les romantiques ou antiquite pai'enne 
ressuscitee par Goethe et Schiller, qui nous parlent par la bouche du 



Einzelstudien über Heine. 103 



poete, c'est tout simplement le coeur de Heine lui-meme, et, en l'ecou- 
tant gemir ou chanter, nous ne pouvons nous empeclier de trouver 
que les nobles Chevaliers de la Motte-Fouque, malgre toutes leurs 
prouesses, et les meines de Wackenroder, malgre les „effusions de 
leur ame", sont bien ternes et bien morts, que meme ces belies statues 
grecques sculptees par le genie des Goethe et des Schiller, malgre 
toute leur beaute plastique, nous laissent bien calme et bien froids ä 
cote de ces strophes de Heine, toutes Vivantes de sa vie et toutes chaudes 
du Souffle de son ame! C'est ä ces poesies, plus qu'ä aucune autre 
Oeuvre de n'importe quel poete allemand, füt-il Goethe lui-meme, qu'on 
peut appHquer ces belies paroles de Joubert sur les qualites qui fönt 
le poete de genie: „Pour plaire et pour charmer, ce n'est pas assez 
qu'il y ait de la verite ; il faut encore qu'il y ait de l'liomme ; il faut 
que la pensee et l'emotion propres de celui qui parle se fassent sentir. 
C'est l'humaine chaleur et presque l'humaine substance qui prete ä 
tout cet agrement qui nous enchante." 

Keiner hat das Ich so lebend, liebend und leidend in 
seinen Liedern zu verkörpern gewusst, wie Heine: 

Le moi qui s'offre ä nous dans les vers de Heine, n'est pas le 
moi abstrait de Fichte, ni le moi reveur et enfantin des romantiques, 
ni meme ce moi artiste de Goethe qui, jusque dans ses „poesies de 
circonstance" se separe trop de son oeuvre pour la rendre plus par- 
faite : c'est un moi vivant, ä la fois äme et corps, un moi qui souffre 
et palpite, aussi simplement humain, aussi plein de contradictions et 
de faiblesses que le lecteur lui-meme, un „moi" qui est „nous" en un 
mot, et c'est pourquoi ses joies et ses lamentations eveillent dans nos 
Coeurs de si longs et de si merveilleux echos! (Pag. 251.) 

Heine thront nicht über seinen Gefühlen ; er treibt kein 
sentimentales Spiel mit seinem Gemüt; er folgt nicht der 
Aesthetik Kants und Schillers: ,,...ce n'est pas ainsi qu'en- 
tendit et pratiqua la poesie celui qui s'est intitule lui-meme 
„le dernier des romantiques" : Ces poesies de Tlntermezzo ne 
sont pas un vain jeu de son Imagination; il ne joue pas ä 
l'amour dans ses vers, ce ne sont pas „des apparences'^ pour 
emprunter les termes memes de l'ecole, ce n'est pas „le 
simulacre de la vie'', c'est la vie meme qu'il a mise dans 
son poeme'' (pag. 255). 



104 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

Dass Heine im Intermezzo niedriger Sinnlichkeit fröhnt, 
will Ducros nicht zugeben. Heine ist nach ihm ganz Mensch 
und ganz Natur. Dies dürfte das Motto zu folgender hübschen 
ästhetischen Betrachtung sein (pag. 258): 

L'auteur du Livre des Chants n'est donc ni bassement sensuel 
ni ridiculement seraphique : il est simplement et franchement liumain. 
De meine, quand il parle de la nature dans „l'Intermede" comme 
lorsqu'il peindra plus tard les montagnes du Harz et la mer du Nord, 
il est simplement pittoresque, il n'est pas pantheiste, au sens du 
moins oü l'entendaient Schelling et l'ecole romantique. Sans doute il 
aime et cliante la nature, et qui donc l'a chantee mieux que lui, qui 
donc nous l'a montree plus jeune et plus fraiche, plus souriante ä 
ses premieres amours et surtout plus vivante ? Ses rossignols ne sont 
point empailles comme les rossignols romantiques: ils chantent vrai- 
ment dans ses vers comme s'ils voulaient le consoler de sa peine, et 
n'est-il pas en effet un des leurs? Les forets et la plaine et le ciel 
etoile ne sont pas de froids decors et comme le cadre obhge de ses 
chants d'amour : c'est aux oiseaux de la foret et aux ruisseaux de la 
plaine et aux etoiles „qui se tiennent lä-haut immobiles depuis des 
miUiers d'annees" qu'il confie ses joies ephemeres et ses douleurs sans 
fin, parce qu'il sait que les hommes n'ont pas le temps de l'ecouter 
et de le plaindre et qu'il ne voudrait pas d'ailleurs etre plaint et 
console par eux. 

Pag. 260: 

Heine vit si pres de la nature, il l'initie et l'associe a son amour 
d'une fagon si intime et si naive, qu'elle est presque toujours de moitie 
dans ses joies et ses peines; et la nature est si bien entree dans 
ses vers, eile les a si bien penetres et impregnes de tous ses parfums 
et de toutes ses harmonies qu'on pourrait presque dire que quelques- 
unes de ses strophes ont le parfum des violettes et des roses, qu'ailleurs 
on croit sentir ses ievres effeuillees par un lis, aussi doux et aussi pur 
qu'un baiser de jeune fille, car il a de ces vers qui fönt naitre des 
baisers sur les Ievres, tel lied amoureux soupire aussi langoureusement 
qu'un chant de colombe, tel autre ouvre ses ailes et monte gaiement 
au ciel comme l'alouette qui s'eleve, en babillant, d'un sillon d'avril; 
en un mot et si on nous permet cette Image un peu osee, mais ne 
faut-il pas oser quand on parle d'un poete? il semble que Heine ait 
mele ä la trame de ce style si divinement naturel le brin d'herbe 



Einzelstudien über Heine. 105 

que portait dans son bec cette Iiirondelle qui avait bäti son nid sous 
les fenetres de sa bien-aimee. 

Während die Romantiker im Dienste der Natur standen, 
hat Heine im Gegenteil der Natur geboten. Aber noch ein 
anderer Zug trennt diesen von jenen. „. . . par un don de 
I'esprit rarement accorde aux vrais poetes, ce charmant et 
diabolique genie se distingue encore de tous les contem- 
porains, on pourrait meme dire, de tous les compatriotes : 
nous voulons parier de son ironie (pag. 263) . . . dans l'Inter- 
mezzo les plaisanteries ne sont ni forcees, ni choquantes, 
comme elles le seront trop souvent plus tard, et l'ironie y est 
simplement gaie ..." 

Schliesslich behandelt Ducros die Frage — wir dürfen 
nicht vergessen, dass er zu Franzosen spricht — , woher es 
komme, dass eine so schmucklose Sprache so hohe poetische 
Wirkung erziele (pag. 267) : 

C'est qu'il est harnionieux. Le poete a su, avec quelques phrases, 
tres simples, il est vrai, mais toutes pleines de passion et d'liarinonie, 
composer une musique qui n'est pas seulement une caresse pour 
l'oreille, mais aussi et surtout un enchantement pour l'ame qu'elle 
remplit d'une douce et ineffable tristesse. „L'Intermede", en efFet, 
qu'est-il autre chose qu'une adorable Symphonie, qui tantot rit et 
badine, tantot gemit et pleure et, sans cesse, fait passer dans notre äme 
tous les sentiments, gais ou tristes, du plus insinuant des poetes et 
du plus entrainant des musiciens. 

Und mit einem letzten Worte sucht er den Zauber der 
Prosodie Heines zu erfassen (pag. 268): 

Nous sommes ramenes, on le voit, ä ce que nous avons admire 
tout d'abord dans les Lieder de Heine, a ce qui fait la grande beaute 
de „rintermede", la simplicite; seulement c'est la simplicite d'un genie 
qui illumine et transforme tout ce qu'il touclie. Prenez presque tous 
les termes dans „l'Intermede", ce sont les termes les plus uses et 
partbis les moins melodieux, par eux-memes, de la langue allemande : 
Heine s'en empare, et aussitot, sous la main de l'enclianteur, les mots 
les plus prosaiques reluisent d'un eclat et d'une beaute nouvelles, les 



106 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

plus uses recouvrent leur fraicheur premiere et les moins sonores, 
eux memes, gräce a ces combinaisons mysterieuses dont le genie a 
le secret, tout ä coup vibrent et resonnent comrae les cordes d'une 
lyre bien montee dont les sons se prolongent au loin et nous bercent 
dans une molle reverie. 

Charakteristisch für die Auffassung Ducros' ist, dass er 
sowohl in diesem Abschnitte als auch in dem ganzen Werke 
immer nur von dem deutschen Heine spricht. Die „Legende" 
von dem französischen Dichter gibt er sich nicht einmal die 
Mühe zu widerlegen ; die Heine-Uebersetzer ignoriert er voll- 
ständig. So energisch er an den Sympathieen Heines für 
Frankreich festhält, so nutzlos scheint es ihm, sich um das Ge- 
wand zu bekümmern, in dem Heine in Prankreich bekannt 
und berühmt geworden. 

Wir haben gesehen, mit welchem Enthusiasmus Ducros 
vom Intermezzo sprach, mit welch packender Beredsamkeit 
und feinstem ästhetischen Sinn er seinen Standpunkt vertritt. 
Bedeutend beschränkter ist aber das Lob, das er der „Heim- 
kehr" zollt. Einige biographische Notizen gehen der Kritik 
voraus. Wir erfahren, dass Heine schon 1823 mit dem Plane 
umgeht, auszuwandern. Hauptgrund ist wohl die verächtliche 
sociale Stellung seiner Stammesgenossen. Ihm schwebt aber 
auch die Mission der geistigen Völkervermittlung vor. „• . . II 
est curieux que Heine ait eu, des cette epoque, et ä peine 
äge de vingt-trois ans, une idee si nette et si arretee de ce 
röle d'intermediaire entre les deux nations, role utile et 
glorieux qu'il enviera ä Madame de Stael et dont il s'acquit- 
tera avec plus de competence peut-etre, mais aussi avec moins 
d'impartialite que le penetrant et genereux auteur de „l'Alle- 
magne." (Pag. 273). 

Des Verfassers Urteil über die „Heimkehr" beweist, dass 
wir es hier nicht mit einem blinden Bewunderer Heines zu 
thun haben. Sein Lob zieht hier bedeutend gelindere Saiten 
auf. (Pag. 275.) 



Einzelstudien über Heine. 107 

Während er den fröhlichen Witz und die geistreiche 
Ironie als Zierde des Intermezzo betrachtet, findet er in der 
„Heimkehr" allzu oft schrilles Lachen und schwache Kalauer. 
(Pag. 277). 

Die glühende Sinnhchkeit der schönen Verse des Inter- 
mezzo wird durch den heftigen Liebesschmerz erklärt und ent- 
schuldigt. „. . . Mais dans „le Retour" l'auteur est plus maitre 
de lui et nous le jugeons plus severement ; son ironie n'etant 
plus la revanche de son amour trahi, nous deplait et nous 
choque ..." (Pag. 278.) Nicht minder psychologisch scharf ge- 
dacht ist folgendes (pag. 278) : 

L'ironie de Heine s'egaie quelquefois ä bien peu de frais, voire 
menie, ce qui est plus grave, aux frais de la morale et du bon goüt. 
Osons le dire, cette ironie, qui savait etre si mordante, fut souvent 
triviale et polissonne et l'on doit regretter, pour ne parier ici que du 
poeme qui nous oecupe, que Heine n'ait pas rejete du „Retour" 
certaines pieces de vers qui n'ajoutaient rien a sa gloire de poete, 
car ce sont de pures gamineries: or, si le vrai poete doit etre un 
enfant, personne n'a jamais dit qu'il düt etre un gamin. Dans la 
premiere piece du „Retour", Heine se compare ä un enfant qui chante 
dans l'obscurite pour se delivrer de sa peine et de son effroi: il est 
facheux seulement que cet enfant n'ait pas toujours chante comme 
doit clianter un enfant, nieme s'il est un enfant sublime. 

Wenn Ducros hier den innigen Sänger der Liebe und des 
Leids vermisst, so anerkennt er dagegen in dem Autor der 
„Heimkehr" den vollendeten, grossartigen Künstler, d. h. den 
Dichter der „Loreley". Andere haben die sagenhaften Felsen 
zu Bacharach am Vater Rhein besungen (pag. 280): 

. . . mais ce qui fait qu'on ne connait plus que la „Lorelei" de Heine 
c'est qu'il a su peindre ce site, desormais celebre, avec un senti- 
ment si vif et si simple de la nature, avec des expressions si voisines 
des dieses, que le poete disparait tout entier et que ce sont les objets 
qui s'offrent et s'expriment eux-memes. Des la seconde strophe, on 
croit sentir au visage l'air frais du soir et on voit le Rhin qui coule, 
tranquille, au bas de la montagne, tandis que lä-haut, dans les derniers 
rayons du soleil couchant, la fee chante une chanson que le poete 



108 H« Heine im Lichte der französischen Kritik. 

n'a garde de transcrire: il aime bien mieux nous laisser rever ä „son 
etrange et puissante melodie" ; et d'ailleurs, en ecoutant lire et surtout 
chanter la poesie tout entiere, avec ses strophes si harmonieuses et 
sa conclusion d'une si froide indifFerence pour le sort de l'infortune 
pecheur, ne croit-on pas entendre la chanson nieme de la belle et 
cruelle Lorelei? 

Und sein zusammenfassendes Urteil lautet: 
„Les chansons amoureuses du „Retour" sont inferieures 
ä Celles de l'Intermede ; mais c'est dans le „Retour" surtout 
que Heine s'est raontre grand peintre, car il y a dessine, parmi 
tant de tableaux qui nous ont charmes, la Lorelei et surtout 
le Pelerinage ä Kevlaar qui est le Lied le plus emouvant et 
le plus pur, et peut-etre le chef-d'oeuvre du „Livre des Chants"." 
(Pag. 291.) 

Von dem Meerespoeten, dem Autor der „Nordsee", handelt 
das vorletzte Kapitel. Heine hat sie geliebt, weil sie ihm die 
Gesundheit wiedergegeben; er war der erste grosse deutsche 
Dichter, den das Meer zu unsterblichen Liedern begeisterte. 
„. . . il y avait dans cet amour de Heine pour Amphitrite, pour 
la capricieuse et folle deesse, la Sympathie naturelle d'un poete 
eminemment nerveux et d'humeur aussi changeante que les 
flots." 

Ducros versucht es nun, seinen französischen Lesern die 
Schönheiten der Wortmalerei dieses Liedercyklus zu erklären, 
indem er zugleich auf einige Vorzüge der deutschen Sprache 
hindeutet, die diesem Meisterwerke besonders zu Gute kommen 
(pag. 294) : 

La langue frangaise, meme chez les grands poetes, et quoi qu'ils 
fassent, est toujours analytique et un peu sourde ; rien, au contraire, 
n'est plus synthetique et plus retentissant que la langue que Heine 
a parlee, ou plutot chantee dans la „Mer du Nord". Tel vers et meme 
teile expression donnent en meme temps la couleur et le bruit des 
flots; tel adjectif est ä la fois une imagc et un son, que dis-je? 
Heine compose les adjeetifs qui nous presentent plusieurs images a 
la fois, par exemple la blancheur et la rapidite des vagues ecumantes 



Einzelstudien über Heine. 109 

ou bieu les reflets de la lune sur une mer tranquille et la douce 
melancolie qui se glisse, ä cette vue, dans l'äme du poete. Imaginez, si 
vous le pouvez, le plus curieux et aussi le plus heureux melange d'images 
qui cliantent et de sons qui peignent, et dites-vous surtout que ces 
images ne reproduisent pas uniquement les objets, par exemple les 
aspects changeants de la mer, que ces sons ne repetent pas purement 
et simplement, comme certaines harmonies imitatives aussi banales 
que celebres, les mille bruits des fiots qui viennent expirer sur la 
greve : tout au contraire, images et sons servent en meme temps seit 
ä nuancer, soit ä accentuer les impressions personnelles d'un poete qui 
pretait son äme ä tout ce qu'il chantait. Ces vers se plient enfin 
merveilleusement, par des coupes et des rythmes varies, a toutes les 
fantaisies de l'auteur. i) 

Noch einmal kommt der Verfasser auf Heines Kunst der 
Wort- und Metrik-Harmonie zurück, und zwar in poetisch 
inspirierter Prosa (pag. 302) : 

Cet art de montrer par degres et de marier habilement les 
details et l'ensemble, se retrouve dans toutes les marines, ä la fois 
nettes et grandioses, qui composent la „Mer du Nord". Ajoutez la 
merveilleuse facilite du poete ä varier et son rythme et l'etendue de 
ses stroplies, suiyant les mille exigences de sa capricieuse imagina- 
tion. Dans une meme poesie il emploie des metres differents et leur 
fait dire tout ce qu'il veut: ici, son vers gazouille et soupire comme 
la lame qui vient lentement expirer sur la plage ; lä, il bondit comme 
la mer en courroux, il siffle et gronde comme le vent qui fouette les 
flots; puis il se balance doucement ou file, rapide et leger, comme le 
navire aux blanches alles qui porte le poete et qu'il se platt ä com- 
parer ä un cygne; ailleurs enfin, la strophe tout entiere prend son 
vol et plane, majestueuse et tranquille, comme cet oiseau merveilleux 
qui, du haut des airs, jeta un jour, a travers la tempete, ces mots 
enigmatiques que comprit le cceur emu du poete et qu'il repeta avec 
la terre et le ciel: „eile l'aime, eile l'aime !" 



^) Ducros irrt indessen, wenn er daran zweifelt, von Franzosen ver- 
standen zu werden. In unseren Abschnitten IV und V wird es sich zeigen, 
dass es schon vor dem Gelehrten in Frankreich Poeten gab, die den Zauber 
der Heineschen Lyrik voll und ganz empfanden, und schon vor 1886 den 
Dichter der Nordsee, gerade wegen dieses seines eben geschilderten Talentes, 
zu einem ihrer Meister und Lenker erkoren hatten (Symbolistes), 



110 H. Heine im Lichte der franzosischen Kritik. 

Mit der „Harzreise" und dem „Bergidyll" schliesst das 
Buch. An der ersteren will er untersuchen, ob der Prosaist 
auf der Höhe des Lyrikers steht. Nach kurzer Analyse kommt 
Ducros zu einem negativen Schlüsse (pag. 307) : 

II y a de tout dans ce voyage du Harz : des turlipinades d'etu- 
diant, des conversations romantiques avec les fleurettes et les ruisse- 
lets de la montagne, des dissertations savantes sur le hareng fume : 
„de la choucroute arrosee d'ambroisie", pour emprunter un mot a 
l'auteur lui-meme ; seulement sa choucroute est tres authentique, 
tandis que son ambroisie est legerement eventee. 

Geistreich, meint der Verfasser, sind nur wenige Stellen, 
und mit seinem Witze treibe Heine Wucher : „. . . L'auteur 
a trop oublie que celui meme qu'il prendra plus tard pour 
modele, adit: „Ghssez, mortels, n'appuyez pas." Quand notre 
auteur croit avoir fait un mot, il ne sait plus s'en separer; 
quand il pense avoir trouve une idee dröle, il la developpe 
et la delaie tant qu'il peut . . . Ah! qu'il y a loin, meme „du 
plus frangais des Allemands" ä un vrai Frangais de France!" ^) 
(Pag. 309.) 

Wenn Ducros in den Reisebildern nur selten „esprit" 
findet, so spricht er diesen das Humorvolle ganz ab : „Quant 
ä l'humour des „Reisebilder", il nous seduirait tout ä fait, si 
l'auteur joignait au caprice de sa fantaisie poetique et ä son 
folätre badinage un peu de cette emotion sincere et partant 
communicative, sans laquelle il n'y a peut-etre pas de veri- 
table humour (pag. 310) ... il faut encore qu'un rayon de 
bonhomie vienne fondre tous ces contrastes heurtes et echauffer 
la page qui doit nous attendrir et nous faire sourire a la fois ; 
malheureusement, rien n'est plus etranger que la bonhomie a 
notre sarcastique voyageur, a celui qu'on a appele le merle 
moqueur de la foret allemande" (pag. 311). 



*) Hiermit vergleiche man Barbey d'Aurevilly und Pontmnrtin! 



Einzelstudien über Heine. III 



Der Verfasser glaubt die romantische Schule, sowohl für 
dies „zum Besten halten^' des Lesers als auch für die Manie 
der Selbstparodie verantwortlich machen zu können. 

So ablehnend sich auch Ducros zu Geist und Inhalt der 
Prosa Heines zeigt, so imgeschmälert lautet sein Lob über 
das äussere Gewand derselben, über den Sprachkünstler 
(pag. 311): 

La prose de Heine, une prose nette, rapide, exempte, Dieu 
merci ! de ces phrases surchargees d'incidents et encombrees de 
parentheses, qui fönt de certains prosateurs allemands de vrais sphinx 
dont on se lasse ä la fin de dechiffrer les perpetuelles enigmes. Cette 
prose n'a pas les larges developpements, les repos et les molles sinuo- 
sites de la phrase de Goethe, mais eile est plus vivante, plus incisive 
et surtout, quand l'auteur est bien inspire, plus amüsante et plus 
fran§aise. 

Den Dichter des Intermezzo erkennt Ducros wieder in 
einzelnen lyrischen Oasen der Reisebilder, vor allem in der 
„Bergidylle", für die er folgendes hübsche Gleichnis in 
Heines eigenen Werken findet: 

Heine raconte que parfois, au milieu du Harz, on entend dans 
le lointain des sons mysterieux comme ceux d'une cloche de chapelle 
perdue dans les bois : ce sont, dit-il, les clochettes des troupeaux qui, 
dans le Harz, sont accordees avec tant de charme et de purete. 

Le lecteur, lui aussi, dans cette foret si bruyante, si babillarde 
des „Reisebilder", entend tout ä coup dans le silence de la nuit, sur 
le sommet de la montagne, des sons vraiment enchanteurs, aussi 
purs et aussi doux que le son d'une clochette dans les bois : c'est le 
poete qui a enfin accorde sa lyre pour nous chanter cette idylle 
pleine de fraicheur et de naivete qu'il a appelee l'Idylle de la Mon- 
tagne (Berg-Idylle). 

Nachdem Ducros das ganze Gedicht in beiden Sprachen 
citiert, widmet er Heine dem Lyriker noch folgende Worte, 
die dies fesselnde Buch — und unsere Besprechung desselben, 
noch schön abschliessen : 

„Le „charme" de ses beaux vers agissant sur nous peu 
ä peu, nous croyons voir ces villes merveilleuses qu'il nous 



112 H. Heine im Lichte der franzosischen Kritik. 

montre au fond de la mer et ces antiques raanoirs qu'il fait sortir 
de terre; nous croyons reconnaitre ces etranges jeiines filles, 
aux yeux bleiis comme deux etoiles, si promptes ä donner et 
ä reprendre leur coeur, plus innocentes encore que mechantes, 
car il semble que leur destinee soit d'inspirer et d'ignorer 
l'amour. Nous nous attristons alors et nous pleurons avec le 
poete qui s'est vu oublie et trahi et qui aime toujours; si 
tantöt, en effet, nous etions romantiques avec lui, quand il 
ressuscitait a vos yeux les hommes et les choses du moyen 
äge, maintenant nous aimons et nous nous souvenons avec 
lui, nous revoyons avec lui les sentiers tout parsemes de 
violettes, les beaux sentiers par oü notre jeunesse a passe; 
comme lui, nous oublions l'heure presente, la täche ingrate 
et la prosaique realite et, comme lui, nous avons vingt ans!" — 
(Pag. 322.) 



Anhang I. 

Kürzere Abhandlungen über Heine. 

Die Zeitschrift ^Bihliotheque universelle de Geneve^^) hat sich im Laufe 
der Zeit wiederholt mit Heine beschäftigt. Die erste Besprechung 
seiner Werke befindet sich im Bulletin litteraire vom Juniheft 
1836. — Dann über „Lutece" in der Mainummer 1855. — lieber 
die französische Ausgabe der „ßeisebilder" : Mai 1860 von Gustave 
Revilliod. 

G. Duesherg bespricht in der „Revue de Paris", April 1855, den 
„Romancero". 

Champfleury, Hoffmann et Henri Heine, in „Le Livre", Jahrgang 1883. 

Henri Heine et la critique contemporaine en Allemagne, par P. Z. — 
„Journal des Debats", 16. August 1893. 



^) Süpfle hätte es nicht unterlassen sollen, auf die besonders in der 
ersten Hälfte dieses Jahrhunderts hervorragende, geistig vermittelnde Rolle 
dieser Zeitschrift hinzudeuten. Auch aufdie Heinekritik dieser Revue, 
die wir wegen Stoffesfülle hier streichen mussten, werden 
wir später zurückkommen. \ 



Einzelstudien über Herne. Il3 

Anhang IL 

Heine in französischen Schul- und Studienbüchern. 

La litterature allemande au XIX® siede, par Adler-Mesnard. 2 vol. 
Paris 1853. 

Morceaux choisis des prosateurs et poetes allem ands, par L. Dietz. 
Paris 1866. 

Choix de morceaux classiques des meilleurs ecrivains allemands, par 
J. Dresch. Paris 1874. 

Recueil de lettres, extraites des meilleurs ecrivains allemands, par 
M.-E. HaUberg. Paris 1875. 

Choix de Ballades allemandes (de Goethe, H. Heine etc.), notices et notes 
par E, HaUberg. 

Lectures modernes, par J.-N. Charles, Paris 1876. 

Heine, ausgewählte Werke ^) — Poesie et prose, avec notices biogra- 
phiques et annotations, par Antoine Levy. Paris 1892. 

Angleterre-Allemagne. Histoire Htteraire, notices biographiques et cri- 
tiques, morceaux choisis, par H. Dietz. Paris 1891. 

Le XIX° siecle en Allemagne. 2) Morceaux choisis des meilleurs ecri- 
vains allemands de ce siecle, par Louis Weil. 1892. 

Henri Heine. Extraits des oeuvres en vers et en prose, annotes par 
A. Girot.^) (Classiques allemands.) 1893. 

Lied und Legende. Recueil de poesies allemandes, avec introduction et 
des notes litteraires et biographiques par Ph. Kuhff. 



^) Auteurs allemands inscrits au nouveau programme de l'enseignement 
classique moderne. (Ausser Heine figurieren hier noch Grimm, Kinder- und 
Hausmärclien, und Hebel, Schatzkästlein.) 

2) Unter den vielen Büchern dieser Art, die wir in den Händen gehabt, 
sind die beiden letztgenannten die einzigen, die Gottfried Keller nicht ver- 
gessen. H. Dietz führt den Dichter als Vertreter des realistischen Romans an. 

^) Enseignement secondaire moderne, programmes officiels du 15 Juin 
1891. — Von Girot (professeur au Lycee Condorcet) sind noch erschienen: 
Schiller, Wilhelm Teil — avec notes, un vocabulaire et une carte du theätre 
de la legende de Teil und Choix de Poesies lyriques de Goethe et de Schiller, 
suivi de 50 des plus helles ballades allemandes (darunter auch von Heine) 
avec un vocabulaire complet, 1894. 



Betz, Heine in Frankreich. 



114 H- Heino im Lichte der französischen Kritik. 



Zweites Kapitel 

Einleitungen zu Heines W^erken 
in französischer Sprache 



Loeve-Veimars. Sein Vorwort zu dem ersten Teile der „Reisebilder", 
der am 15. Juni 1832 in der „Revue des deux Mondes" erschien, 
ist die erste einigermassen eingehende Besprechung von einem 
Werke Heines in Frankreich. 

Eugene Renduel, berühmter Verleger der Romantiker. Schreibt die 
Einleitung zu dem bei ihm 1833 erschienenen „De la France". 

Kurze litterarische Einleitung zu „Les aveux d'un poete", die am 
15. September 1854 in der „Revue des deux Mondes" erschienen. 
Anonym. 

Saint-Rene TaiUandier, Einleitung zu Liedern der „Heimkehr". „Revue 
des deux Mondes", 15. Juli 1854. — Eine Geschichte der Dramen 
Heines und der deutschen Schicksalstragödie überhaupt, die zuerst 
in der „Revue des deux Mondes" 16. Oktober 1863 erschien, wurde 
in dem Bande „Drames et fantaisies" aufgenommen. 

Theophüe Gautier. Schrieb eine die Gesamtausgabe der Heineschen 
Werke einleitende Studie. 1856. 

Hemi Julia,^) Autor einer einleitenden Notiz des Bandes „De la France". 
Levy, 1857. 



^) Freund und Testamentsvollstrecker Heines. 



Einleitungen zu Heines Werken in französischer Sprache. 115 

Charles Beo'thoud, Verfasser der Einleitung zu den beiden Bänden 
„Correspondance inedite". 1866. 

Arsene Houssaye schrieb eine „preface" zu dem 1893 erschienenen 
„Heine intime". 



Gerard de Nerval 

(1808—1855). 

Einleitungen im Bande „Poemes et Legendes", Levy 1855. 

Auch was Nerval unter dem Titel „Notice du traducteur" 
über Heine geschrieben, hat schon vielfach den Weg nach 
Deutschland gefunden. Wir sehen uns daher leider gezwungen, 
nur kurz bei seinen Arbeiten zu verweilen, leider deswegen, 
weil jedes Wort dieses unglücklichen, dichterisch ebenbür- 
tigsten Freundes von tiefem Verständnis und innerster Kon- 
genialität zeugt, weil Heines Dichtergestalt in jenen Studien 
von einem der zartfühlendsten Poeten wie verklärt scheint, 
und schliesslich leider, weil Nerval überhaupt der verständnis- 
vollste und enthusiastischste Bewunderer ist, den Deutsch- 
lands Muse je im Frankenlande besessen. 

Aus einigen Liedern Heines — so beginnt Nerval die 
erste litterarische Einleitung (zum Liedercyklus „La Mer 
du Nord") auf das stürmische Jahr 1848 anspielend, in dem 
ja diese Studie samt den Liedern in der „Revue des deux 
Mondes" erschien^) — hätten wir ohne Mühe einen Büschel 
republikanischer Ruten binden können und auch das Beil 
des Liktors wäre darunter zu finden gewesen — „nous pre- 
ferons vous offrir un simple bouquet de fleurs de fantaisie, 
aux parfums penetrants, aux couleurs eclatantes. II faut bien 



^) Vergl. Bibliographie. 



116 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

que quelque fidele, en ce temps de tumulte oü les cris enroues 
de la place publique ne se taisent jamais, vienne reciter tout 
bas sa priere ä Fautel de la poesie". 

Immerhin will Nerval vorerst den geistvollen Satyriker 
mit einigen Strichen zeichnen. Er thut es als Poet in duf- 
tiger, fein instrumentierter Sprache. Treffend zwischen der kalt 
secierenden Ironie, dem erbarmungslosen Messer des Sarkasmus 
und den ebenso sicher treffenden Pfeilen Heines unterschei- 
dend, sagt er (pag. 119): 

Avec la liaine, il possede l'amour, un amour aussi brülant que 
la haine est feroce; il adore ceux qu'il tue; il met le dictame sur 
les blessures qu'il a faites et des baisers sur ses morsures. Avec 
quel profond etonnement il voit jaillir le sang de ses victimes, et 
comme il eponge bien vite les filets pourpres et les lave de ses 
larmes ! 

Aus dem folgenden heben wir nur noch jene Stelle her- 
vor, wo Nerval Heines Doppelnatur zu erfassen sucht und in 
dithyrambischen Worten dessen Sprachkunst feiert : 

Ce n'est pas un vain cliquetis d'antitheses de dire litterairement 
d'Henri Heine qu'il est cruel et tendre, nai'f et perfide, sceptique et 
credule, lyrique et prosai'que, sentimental et railleur, passionne et 
glacial, spirituel et pittoresque, antique et moderne, moyen äge et 
revolutionnaire. II a toutes les qualites et meme, si vous voulez, tous 
les defauts qui s'excluent; c'est l'homme des contraires, et cela sans 
eifort, sans parti pris, par le fait d'une nature pantheiste qui eprouve 
toutes les emotions et pergoit toutes les images. Jamais Protee n'a 
pris plus de formes, jamais Dieu de l'Inde n'a promene son äme 
divine dans une si longue serie d'avatars. Ce qui suit le poete ä 
travers ces mutations perpetuelles et ce qui le fait reconnaitre, c'est 
son incomparable perfection plastique. II taille comme un bloc de 
marbre grec les troncs noueux et difformes de cette vieille foret 
incatricable et touffue du langage allem and, ä travers laquelle on 
n'avangait jadis qu'avec la hache et le feu; grace ä lui l'on peut 
marcher maintenant dans cet idiome sans etre arrete ä chaque pas 
par les lianes, les racines tortueuses et les chicois mal deracines des 
arbres centenaires : — dans le vieux chene teutonique, oü l'on n'avait 
pu si longtemps qu'ebauclier ä coups de serpe l'idole informe d'Ir- 



Einleitungen zu Heines Werken in französischer Sprache. 117 

mensul, il a sculpte la statue harmonieuse d'Apollon; il a transforme 
en langue universelle ce dialecte que les Allemands seuls pouvaient 
ecrire et parier, sans cependant toujours se comprendre eux-memes. 

Obgleich die zweite litterarische Einführung Nervals, die 
sich mit dem „Intermezzo" beschäftigt, einige Monate nach dem 
Cyklus der Nordseelieder in der „Revue des deux Mondes" 
erschien, ist sie dennoch in den „Oeuvres completes" voran- 
gestellt worden, indem sich der Herausgeber mit Recht an 
die chronologische Reihenfolge der deutschen Publikationen 
hielt. So kam es allerdings, dass die eigenthche und all- 
gemein einführende Studie Nervals in den gesammelten Wer- 
ken nach dieser mehr speciellen Besprechung zu stehen kam. 

Nerval beginnt mit einer Darstellung der litterarhisto- 
rischen Bedeutung des „Intermezzo" für die deutsche Dicht- 
kunst. Heine, der sonst nichts respektierte, hatte für das 
wahrhaft Schöne, wo immer er es traf, einen Kultus. In 
diesem Sinne will der Autor es gelten lassen, dass Heine ein 
Heide resp. ein Grieche genannt werde. 

II admire la forme quand cette forme est belle et divine, il 
saisit l'idee quand c'est vraiment une idee pleine et entiere, non 
un clair-obscur du sentimentalisme allemand. Sa forme ä lui est 
resplendissante de beaute, il la travaille et la cisele, on ne lui laisse 
que des negligences calculees. Personne plus que Heine n'a le souci 
du style. Ce style n'a ni la periode courte fran^aise ni la periode 
longue allemande; c'est la periode grecque, simple, coulante, facile 
ä saisir et aussi harmonieuse ä l'oreille qu'ä la vue. 

Selbst Poet, hat Nerval gefühlt, dass der grosse Lyriker 
zugleich Gelegenheitsdichter — im idealsten Sinne ist. „Heine 
n'a Jamals fait, a proprement dire, un Hvre de vers ; ses chants 
lui sont venus un ä un, — suggeres toujours soit par un objet 
qui le frappe, soit par une idee qui le poursuit, par un ridicule 
qu'il poursuit lui-meme." 

Nur leicht und rasch streift sein Tadel Heines zuweilen 
allzuvernichtende Satyre, — besonders wo sie persönlich wurde. 



118 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Und gleich will er den Schatten, den er dem Lichtbilde nur 
ungern beigab, wieder verwischen, — „il chätie en faisant 
rire. C'est un Aristophane philosophe qui a le bonheur de 
s'attaquer ä d'autres qu'ä Socrate". 

Nerval hält das „Intermezzo" für Heines ureigenstes 
und charakteristischstes Werk. Scheinbar ein loser Strauss — 
den aber ein und dieselbe Idee umwindet. Oder, wie sich 
Nerval hübsch ausdrückt : „L'auteur a retire le fil du collier, 
mais aucune perle ne lui manque." — Und diese Einheit ist 
die Liebe (pag. 84): 

C'est lä un amour entierement inedit, — non qu'il ait rien de 
singulier, car chacun y reconnaitra son histoire; ce qui fait sa nou- 
veaute, c'est qu'il est vieux comme le monde, et les choses qu'on 
dit les dernieres sont les choses naturelles. — Ni les Grecs, ni les 
Romains, ni Mimnerme, que l'antiquite disait superieur ä Homere, ni 
le doux Tibulle, ni l'ardent Properce, ni l'ingenieux Ovide, ni Dante 
avec son platonisme, ni Petrarque avec ses galants concetti, n'ont 
jamais rien ecrit de semblable. Leon l'Hebreu n'a compris rien de 
pareil dans ses analyses scolastiques de la „Philosophie d'amour". Pour 
trouver quelque chose d'analogue, il faudrait remonter jusqu'au „Can- 
tique des Cantiques", jusqu'ä la magnificence des inspirations orien- 
tales. Voilä des accents et des touches dignes de Salomon, le premier 
ecrivain qui ait confondu dans le meme lyrisme le sentiment de 
l'amour et le sentiment de Dieu. 

Und was erzählen uns die Liebeslieder? Der Stoff ist 
weder kompliziert noch neu ; eine alltägliche Liebesgeschichte, 
die keine zwei Seiten eines Romanos füllen würde. Heine 
aber hat damit ein grosses herrliches Gedicht gesungen, in 
dessen kurzen Strophen die ganze menschliche Seele vibriert 
(pag. 85): 

Passion, tristesse, Ironie, vif sentiment de la nature et de la 
beaute plastique, tout cela s'y melange dans la proportion la plus 
imprevue et la plus heureuse ; il y a §ä et lä des penseos de morähste 
condensees en deux vers, en deux mots; un trait comique vous fait 
pleurer; une apostrophe pathetique vous fait rire; — les larmes, ä 
chaque instant, vous viennent aux paupieres et le sourire aux levres. 



Einleitungen zu Heines Werken in französischer Sprache. 119 

Sans qu'on puisse dire pourquoi, tant la fibre secrete a ete touchee 
d'une main legere. En lisant „l'Intermezzo", l'on eprouve comme une 
espece d'efFroi : vous rougissez comme surpris dans votre secret ; les 
battements de votre coeur sont rythmes par ces strophes, par ces 
vers de huit syllabes pour la plupart. Ces pleurs que vous aviez 
Verses tout seul, au fond de votre chambre, les voilä figes et cristal- 
lises sur une trame Immortelle. II semble que le poete ait entendu 
vos sanglots, et pourtant ce sont les siens qu'il a notes. 

Jene Lieder, sie fanden ein dankbares, schmerzhaftes Echo 
bei Nerval, — ein Echo, das noch lauter und tiefer in dem 
gequälten Herzen des unglücklichen Geliebten der Colon 
erscholl, als der Leidensruf des Dichters selbst. Wie sehr 
sich der Uebersetzer des „Faust" in seinen innersten Empfin- 
dungen getroffen fühlt, tritt am deutlichsten hervor, wenn er 
über die Mädchengestalt des „Intermezzo" folgende leiden- 
schaftliche oratio pro domo anstimmt (pag. 86): 

Et cependant, qu'elle est adorablement vraie ! Comme on la 
liait et comme on l'aime, cette bonne fille si mauvaise, cet etre si 
charmant et si perfide, si femme de la tete aux pieds ! „Le monde 
dit que tu n'as pas un bon caractere, s'ecrie tristement le poete, 
mais tes baisers en sont-ils moins doux?" Qui ne voudrait souffrir 
ainsi ? Ne rien sentir, voilä le supplice : c'est vivre encore que de 
regarder couler son sang. 

Und sich an das Phantom seiner eigenen treulosen Ge- 
liebten anklammernd, entgleiten ihm noch düstere Worte der 
Verzweiflung (pag. 86): 

La femme est la chimere de l'homme, ou son demon, comme 
vous voudrez, — un monstre adorable, mais un monstre; aussi regne- 
t-il dans toutes ces johes strophes une terreur secrete. Les roses 
sentent trop bon, le gazon est trop frais, le rossignol trop harmo- 
nieux! — Tout cela est fatal; le parfum asphyxie, l'herbe fraiche 
recouvre une fosse, Foiseau meurt avec sa derniere note . . . Helas! 
et lui, le poete inspire, va-t-il aussi nous dire adieu? 

Man nenne diese Ausbrüche eines kranken Poeten nicht 
mystischen Wortschwall, Lavendelwasser der Sentimentalität 
oder dergleichen, — denn sie sind — man verzeihe das 



120 H« Heine im Lichte der französischen Kritik. 

banale Wort — mit seinem Herzblute niedergeschrieben. 
Treulosigkeit einer unwürdigen Frau, um die sich des naiv- 
schüchternen Träumers ganzes Leben und Denken drehte, hatte 
damals schon den geplagten Geist Nervals an den Rand des 
Wahnsinns geführt. 



Marcel Prövost 

(1862). 

Die Einleitung^) zu Daniaux' Uebersetzung der „Heimkehr" 
(„Le Retour", Lemerre, 1890) stammt nicht aus der Feder eines 
Kritikers oder gelehrten Litterarhistorikers, sondern von einem 
Poeten, der mit Hülfe seiner Phantasie, seiner Begeisterung 
für den geliebten Dichter aus jener Episode des Liebeslebens 
Heines ein psychologisches Kabinettstück in einer Sprache ge- 
schrieben, die heute nicht viele Franzosen führen. Wir nehmen 
keinen Anstand, von vorneherein zu behaupten, dass in dieser 
schwungvollen Vorrede, in der mit die schönsten Worte dem 
Andenken Heines gewidmet sind, die hüben und drüben dem 
Dichter geweiht wurden, mehr Poesie liegt, als in den LTeber- 
setzungen Daniaux' selbst. Ist es nötig, erst zu bemerken, dass es 
Marcel Prevost nicht in den Sinn kam, etwas wie einen Bei- 
trag zur Heineforschung zu liefern? Er ist zum Glück Poet 
und hat dergleichen nicht nötig. Das strenge Urteil deutscher 
Kritik, die einige Ungenauigkeiten entdeckt, scheint uns des- 
wegen wenig am Platze. 

Der Autor des Romans „Automne d'une femme" und so 
vieler andern äusserst feinen Herzensstudien, die den noch 
jungen Schriftsteller zu einem Lieblinge der gebildeten fran- 
zösischen Lesewelt gemacht haben, entwirft vorerst ein be- 
wegtes Bild der Gedankenrückkehr, der bitter-süssen Freuden 



^) Diese Einleitung erschien zuerst unter dem Titel : „Le premier amour 
de H. Heine" in der „Revue Bleue", 19. April 1890. 



Einleitungen zu Heines Werken in französischer Sprache. 121 

des „je me souviens". — „C'est im pareil retour qui a donne 
son inspiration et son nom au present poeme de Henri Heine. 
Sous le voile des rinies ironiques, revoltees ou attendries, 
l'aventure reelle transparait ä peine, se dissimule, echappe au 
liseur. Elle fut pourtant, cette douloureuse aventure d'amour ; 
eile fit battre des coeurs de chair; eile fit couler des larmes 
de sei et d'eau. Tout le monde la connait au delä du Rhin. 
En France, eile est encore ä peu pres ignoree." — Je vais la 
conter: — Und nun erzählt er uns idealisiert, in anmutiger 
Weise, voll Pietät für den Dichter seiner Wahl, die Liebes- 
idylle von Harry Heine und Molly. 

Auf das Wort Heines von den grossen Schmerzen und 
den kleinen Liedern anspielend, sagt er: „Les petites chansons, 
mises bout ä bout, sans lien apparent, ont compose un livre 
immortel, veritable „Imitation" de l'amour profane." — Und 
hier noch die Schlusszeilen: „Molly elle-meme, la niaise petite 
juive vouee ä Tobscurite, a du ä sa trahison une place dans 
la legion des lyriques amantes, ä cöte de Laure de Noves et 
de Beatrix Portinari. — Et nous, jeunes gens de cette seconde 
moltie de siede, ä qui Heine a, pour ainsi dire, enseigne Vamour 
lärme par lärme et haiser par haiseVj, nous y avons gagne le 
j^HeimkeJir'-^ et r,^Intermezzo^^, — c'est-ä-dire deux cantiques de 
tendresses tels que jamais poete n'en avait chiichote si pres de 
Väme Jmmaine.'-^ 

So schreibt ein Franzose, der in absehbarer Zeit Sitz und 
Stimme in der Akademie der Vierzig neben — Brunetiere 
haben wird. Was er sagt, ist das künstlerische Echo der 
Bewunderung einer ganzen französischen Schriftstellergenera- 
tion. So klassisch auch die Methode sein mag, das Gegen- 
teil von dem zu beweisen, was Menschen von sich selbst be- 
haupteten, so erlauben wir uns dennoch hiervon abzustehen 
und Marcel Prevost zu glauben, was er uns von sich, von 
seinen litterarischen Gefährten, von seiner Liebe und Dankbar- 
keit für das Genie Heines mitteilt. 



122 H. Heine im Lichte der französischen Kritili. 



Drittes Kapitel 
Französische Memoiren über H. Heine 



Le comte d' Alton Shee, Mes Memoires. 1826—1848. Bruder der Madame 
Jaubert und Genosse des sinkenden Musset. 

Prinzessin Christine Trivulce de Belgiojoso, Souvenirs dans l'Exil. 
^ National^, September -Oktober 1850. 

Souvenirs de Madame C. Jaubert. Paris, Hetzel, ungefähr 1880. 

Princesse della Rocca, H. Heine, Souvenirs de sa vie intime, recueiUis 
par sa niece. ^) Paris, Levy, 1881. 

Auguste Barbier, Souvenirs personnels. Dentu, 1883. 

Camille Seiden,^) Les derniers jours de Henri Heine. Levy, 1884. 

Philibert Audebrand, Petits memoires du XIX« siecle. Paris 1892. 



1) Deutsche Ausgabe bei Hartleben, Wien, 1881. — Zugleich erschien 
auch eine italienische : „Ricordi della vita intima" etc. 

2) Pseudonym der Frau v. Krinitz aus Torgau (Preussen). P^ine thätige 
französische Schriftstellerin, die sich nicht, wie Ed. Engel, der Herausgeber 
der Heinememoiren, meint, nach dreissigjährigem Schweigen durch diese 
Memoiren in Erinnerung rufen wollte. — Alfred Meissners „Geschichte meines 
Lebens" enthält einige widerwärtige Indiskretionen über die letzte Freundin 
Heines. 



Französisclie Memoiren über H. Heine. 123 

Alexandre Weill 

(1813). 

„Souvenirs intimes. ^^ 
Dentu, 1883. 

Genau genommen, gehört der Autor dieser Memoiren 
nicht in unseren Bereich. Nicht nur weil er in der Nähe 
von Strassburg, in „Schierhein im Ried", d. h. damals wohl 
auf französischem Boden aber in deutscher Umgebung, seine 
Jugendjahre verlebte, sondern auch, weil die deutsche Litte- 
ratur das Recht hat, den begabten NovelHsten, der im „Jungen 
Deutschland" eine hervorragende Stellung eingenommen, zum 
grossen Teil als den Ihrigen zu betrachten. Dagegen ist aber 
einzuwenden, dass Weills Denken, Schriftstellerei und be- 
sonders seine Gefühle seit nahezu einem halben Jahrhundert 
den Franzosen gehören. Er sagte sich los von Deutschland, 
gleich Albert Wolff und andern — unähnlich unserem Dichter, 
der, unter denselben Verhältnissen aufgewachsen, aus analogen 
Gründen Deutschland verlassend, Deutscher blieb, obgleich 
gerade ihm der Tausch noch höhere Ehren eingetragen haben 
würde, als seinem elsässischen Stammesgenossen. 

Die vorliegenden Memoiren, die sich mit Heine im Schlaf- 
rocke und mit „Madame Heine en matinee" — und gelegent- 
lich auch ohne Matinee — , dann besonders eingehend mit dem 
Glauben des Dichters beschäftigen, sind in Deutschland bereits 
hinlänglich berücksichtigt worden. Wenn sie auch biographisch 
einiges Neues bringen, so hat die Wissenschaft im grossen 
Ganzen durch diese „en deshabille"- Schilderung wenig ge- 
wonnen. Er gibt nur über einen grossen Poeten — einen 
Klatsch mehr, und zwar einen der taktlosesten und wider- 
lichsten Sorte. — Sieht man von der öffentlichen schmutzigen 
Wäsche ab, die Weill an dem Ehepaar Heine vornimmt, bei 
dem er fünfzehn Jahre lang Gastfreundschaft gefunden, so 
bleibt als Quintessenz des Buches der Versuch eines Nach- 
weises übrig, dass Heine nie aufgehört, ein gläubiger Jude 



124 H. Heine im Liclite der französischen Kritik. 

und Verehrer Moses' und Jehovas zu sein, — und ein glühen- 
der Hass, mit dem Goethe und Wagner beehrt werden. Hierzu 
kommt noch fortwährendes phiHströses Morahsieren, vmd zwar 
nicht nur an Heine, bei dem ja so ziemHch jeder seine Kunst 
im Richten versucht hat. Von den Werken Goethes und 
Mussets heisst es, um nur einige Beispiele zu geben: „Le 
vice, helas! pullule comme la sauterelle^^ (pag. 14); von Victor 
Hugo: „C'est ä son immense genie fourvoye que la France, 
litteraire d'abord, puis politique et sociale, doit sa corruption 
et sa decadence." Gelinde hört sich daneben der Schieds- 
spruch an, der über Heine gefällt wird: „Heine, malgre son 
grand genie poetique, malgre son esprit acere et brillant, n'a 
pas exerce une influence salutaire sur son pays. " — Wie sich 
der alte Elsässer Deutschland gegenüber verhält, mag folgende 
hübsche Prosa illustrieren: „D'oü vient que l'Allemagne n'est 
plus qu'une sale caserne, n'ayant plus ni ideal, ni genie, ni 
talent, ni poesie, ni musique — car Wagner est ä la musique 
ce que Bismarck est ä la civilisation : un fleau (!) — apres 
avoir produit des poetes comme Goethe et Heine?" (Pag. 10.)') 
Das Interessanteste, das uns diese Erinnerungsblätter 
bringen, ist der Bericht über eine Zusammenkunft von Heine, 
Sue, Balzac und Weill selbst. — Sue und Balzac hatten sich 
vor dem hier beschriebenen Dejeuner, über das Weill ä la 



^) Wir dürfen wohl annehmen, dass eine der besten süddeutschen Zei- 
tungen, die „Strassburger Post", solche und ähnliche Stellen Weillscher Prosa 
ignorierte, als sie (18. Dezember 1892) einen mehr als schmeichelhaften Artikel 
über diesen Litteraten brachte. — Wir verweisen hier noch auf folgende, bei 
J. Schabelitz in Zürich erschienenen Schriften A. Weills : „Briefe hervor- 
ragender verstorbener Männer Deutschlands" (1889), in denen manches Wissens- 
werte durch litterarische und andere Klatschereien erdrückt wird. Dabei ist 
der Ton, den Weill anschlägt, allzu oft unanständig und eines Litteraten un- 
würdig. Dies gilt besonders von der geradezu unflätigen Einleitung seiner 
„Skizzenreirae meiner Jugendliebe" (1887). Weill bemerkt dort, dass er vom 
deutschen Publikum nicht einmal Erwähnung erwarte. Er hatte Recht — weit 
mehr aber das deutsche Publikum. 



Franzosische Memoiren über H. Heine. 125 

Goncourt — nur mit mehr Breite und weniger Geist reportiert, 
noch nicht gekannt. Drei Stunden lang währte dasselbe — 
„toutes les pensees remarquables de la discussion, voltigeant, 
durant trois heures, comme une navette ä travers la France 
de Republique, de Monarchie, de Socialisme, de Pourierisme 
et de Communisme". — Also von allem andern war die Rede, 
nur nicht von dem, was am nächsten lag, von der Litteratur. 
Zuweilen kommt es zu einem Geistesfeuerwerk. So antwortet 
z. B. Balzac Eug. Sue, der sagt: „Nul ne doit avoir le superflu 
quand tous n'ont pas le necessaire!" — Autant dire: „Nul ne 
doit avoir de l'esprit quand tant d'hommes n'ont pas le sens 
commun!" Worauf Heine, der stets das letzte Wort behält 
und, in die Enge getrieben, mit einem Witz von einem Thema 
zum andern springt: „C'est la premiere fois que mon ami 
Balzac allie l'esprit avec le superflu. D'ordinaire, on n'a de 
l'esprit que pour trouver des raisons de pouvoir se passer et 
du superflu et du necessaire ..." Und nun noch eine Stelle, 
die stark an die — Zote streift: ,,La beaute, reprit Balzac 
souriant, est un superflu. Une femme jeune, bien portante, 
füt-elle laide, pourvu qu'elle ait le necessaire, suffit pour l'a- 
mour ..." Die Portsetzung ist noch gesalzener. Heine prä- 
sentiert dann einen launigen Moralspruch, den er irgendwo 
herholt, nur nicht aus seiner eigenen Praxis: „Entre nous, 
toute femme doit avoir le droit au mari. Je ne congois pas 
que l'on exige de la femme la fidelite plutöt que de l'homme. 
Nous ne perdons rien de Tinfidelite de la femme. Dieu l'a 
mise — c'est Voltaire qui l'a dit — ä notre disposition ä toute 
heure, tandis qu'elle perd reellement quelque chose par chaque 
infidelite de son mari ..." etc. Kösthch ist der Schluss dieser 
Sitzung. Die Freiheit war auf der Tagesordnung. Balzac 
hatte eine Tirade mit den Worten beendet: „La liberte ab- 
solue ne fut ni ne sera Jamals que l'anarchie absolue" — wo- 
rauf sich Sue an Heine wendet: „Mais quel est donc l'avis 
de notre ami Heine?" Und dieser: „— En ma qualite d'Alle- 



126 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

mand, j'en ai plusieurs. Mais, pour les r^sumer, voici mon 
opinion. Je vous avertis qiie je remonterai au deluge. Faut-il 
remonter?" — Mit schlagfertiger Höflichkeit erwidert ihm 
Balzac: ,,Remontez, cela vous sera facile: vous n'aurez qu'ä 
vous lancer sur Pegase." Und nun sprüht Heines Rede 
von geistreichen Paradoxen, die der Dichter halb ernst halb 
scherzend mit den Worten beschliesst — Weill gibt sie in 
gesperrtem Druck wieder — : „II faut donc ou une Republique 
gouvernee par des monarchistes ou la Monarchie gouvernee 
par des republicains . . . Nous proclamerons la republique. 
Balzac en sera le president, Sue, le secretaire general, Moi, 
je mettrai votre gloire en vers allemands, car Jamals les 
Frangais ne permettront ä un romancier d'avoir du genie 
politique. Meyerbeer les mettra en musique, et le petit Weill, 
qui a une voix de tenor, les chantera." 

Der Einfachheit halber lassen wir hier noch weitere ein- 
schlagende Arbeiten Weills folgen. 

In der Nummer vom 17. August 1878 der „Revue bleue" 
(damals noch „Revue politique et litteraire") veröffentlichte er 
unter dem Titel: „La jeune Allemagne a Paris apres 1830" 
eine Studie über Ludwig Börne und Heinrich Heine. ') — Das 
Wenige, das in dieser Schrift von Heine gesagt wird, dient 
nur dazu, um die Gestalt Börnes desto vorteilhafter hervor- 
treten zu lassen. Während der prinzipientreue Börne als fast 
obskurer Anachoret lebte, nur mit wenigen demokratischen 
Hitzköpfen verkehrend, führte Heine nach Weill ein aus- 
schweifendes Leben (pag. 153): 

Heine, plus jeune que Boerne d'une quinzaine d'annees, avide 
de plaisirs, affame de reputation, buvant ä longs et larges traits dans 
la coupe de toutes les voluptes legitimes et illegitimes, frequentait la 
boheme doree de la litterature romantique. Theophile Gautier, Al- 



1) Auszug des in Aussicht gestellten Buches: Ludovic Boerne, sa vie, 
sa mort, son monument, ses ecrits frangais, son oraison fun^bre par Raspail, 
prdface de Cormenin, et ses Pensees, traduites de lallemand. 



Franzosische Memoiren über IL Heine. 127 

phonse Royer, Gerard de Nerval, tous les Champions, tous les eman- 
cipateurs de la chair de 1830 etaient ses amis et souvent ses convives 
de festins orgiaques. 

Der Autor stellt Heine nicht nur als Wüstling, sondern 
auch als höchst zweideutigen politischen Berichterstatter hin 
(pag. 153): 

Heine, grand chasseur de popularite, posait ä Paris pour un 
democrate allemand, tandis qu'en sa qualite de correspondant de la 
„Gazette d'Augsbourg", il avait accepte des ministeres Mole, Guizot 
et Thiers une Subvention annuelle de six mille francs. II sut si bien 
menager la chevre democratique et le chou monarchique, voire meme 
la carotte artistique, que pendant des annees il passa pour un repu- 
blicain. Boerne seul ne fut pas sa dupe. II n'avait pourtant pas de 
preuves probantes pour le convaincre de dupKcite, mais il les flairait 
et, Sans les influences de son entourage allemand, il l'eüt attaque 
des l'annee 1834. Heine, en outre, dans tous ses ecrits, reniant le 
Juif, s'affubla d'un manteau grec. II divisa les grands hommes en 
esprits juifs et en esprits grecs. Les Juifs, pour lui, ne furent jamais 
que des spiritualistes ; les Grecs, au contraire, ont toujours deifie la 
matiere : il prechait donc l'atheisme. 

Wenn schon hierin mancher Widerspruch mit dem, was 
Weill später in seinen Erinnerungen sagen wird, liegt, so läuft 
die Erklärung : „ . . . Au fond, Heine a toujours ete deiste . . . 
il est mort deiste," seinen diesbezüghchen Aussagen in den 
Memoiren entgegen, wo es heisst, dass Heine als gläubiger 
Jude gestorben sei. 

„II n'avait qu'ä rester fidele ä lui-meme pour exercer une 
veritable influence sur son siecle, influence qui, sauf ses 
poesies lyriques, a ete nulle, comme tout ce qui est pose, 
comme tout ce qui est masque!" 

Heine eine Maske ! — er, dem man nie verziehen hat, dass 
er die anderer zu oft und zu unsanft heruntergerissen! Von 
dem Pamphlet gegen Börne sprechend, macht Weill Heine den 
doppelten Vorwurf, Privatangelegenheiten hineingezogen und 
auf den Tod gewartet zu haben — und dies mit Recht. Aber 
ihn treffen die gleichen Vorwürfe ungleich schwerer, ihn, der auf 



128 H- Heine im Lichte der franzosischen Kritik. 



eine fünfzehnjährige Freundschaft — Boerne und Heine waren 
nie Freunde — mit widerwärtigem Alkovengeklatsch antwortet. 

Im Jahre 1886 gab Weill eine Sammlung seiner besten 
Novellen heraus, unter dem Titel: „Mes Romans^^ Diese 
wirklich erfreulichen Elsässer Geschichten waren schon früher 
zerstreut, teils in französischer, teils in deutscher Sprache er- 
schienen. Was uns an diesem Buche interessiert, ist eine 
Einleitung von Heine, die auf dem Titelblatte in fetten Lettern 
angezeigt wird. Für die französischen Leser war dieselbe 
nämlich „de l'inedit". Weill erzählt uns in einer Vorrede die 
Geschichte jener Einleitung, die Heine 1847 für eine deutsche 
Ausgabe von vier Novellen seines Freundes bestimmt hatte. 
Am Vorabende seiner Hochzeit (1847) sei Heine auf ihn zu- 
getreten und habe gesagt: — „Weill, je vous ai fait une 
preface pour vos „Histoires de village" et l'ai envoyee ä votre 
editeur, ä Stuttgart. C'est mon cadeau de noces!" — Worauf 
Weill: „C'est un cadeau royal que vous me faites, merci, 
mon ami ! Je la lirai imprimee." — Der elsässische Novellist 
hätte sich mit dem schmeichelhaften Inhalte der Heineschen 
Einleitung begnügen dürfen, ohne sich im weiteren noch von 
andern Weihrauch streuen zu lassen. 

Die Revolution von 1848 brach herein, bevor der Band 
veröffentlicht wurde, für den das „königliche Geschenk" be- 
stimmt war. „Je ne pensai pas plus ä mes premieres histoires 
qu'ä mes premieres chemises,'^ sagt Weill. Später trat der 
Bruch zwischen diesem und Heine — nach fünfzehnjähriger 
Freundschaft ein. Weill macht Madame Heine dafür verant- 
wortlich und meint: „. . . eile aurait brouille le bon Dieu 
avec ses saintsi" — (Die Einzelheiten sind in den „Souvenirs 
intimes" erzählt.) Er versichert uns, dass er die Einleitung, 
die er jetzt (1885) übersetzt, seit jenen Tagen nicht mehr 
gelesen habe. Seinem Buche fügt er sie bei — „parce que 
c'est un des meilleurs morceaux (inedits) du grand poete". 



Französische Memoiren über H. Heine. 129 



Edouard Grenier 

(1819). 

Der greise französische Lyriker, der seine ^^Souvenirs 
litteraires'' in der „Revue bleue" (1892—1893) veröffentlichte, 
spricht in der Nummer vom 27. August 1892 von Heine 
und seinen Erlebnissen mit dem Dichter, den er als junger 
Student, gerade von Deutschland kommend, im Jahre 1838 
durch einen komischen Zwischenfall in einem Lesekabinett 
kennen lernte. Den ersten Eindruck, den das Aeussere 
Heines auf ihn gemacht, beschreibt er wie folgt (pag. 267): 

C'etait Uli homme frisant la quarantaine, de taille moyenne, 
assez replet, sans barbe, avec de longs cheveux blonds, le front haut, 
des yeax dignotants a denii fermes, surtout quand il lisait; sans 
vraie distinction; rien qui trahit le poete, ou l'artiste, ou memo 
rhonime du monde ; un bon bourgeois du Nord, avec un leger accent 
tudesque. 

Grenier verfolgt mit seinen Aufzeichnungen einen ganz 
bestimmten Zweck — er selbst sagt es wiederholt — : er will 
jene Heinelegende zerstören, die erzählt, dass Heine das Fran- 
zösische ebenso wie das Deutsche beherrschte. Wir haben 
dieser Frage ein besonderes Kapitel gewidmet, in dem auch 
die diesbezüglichen Bemerkungen Greniers erwähnt sind. 

Damit begnügt er sich indessen nicht. Gehässige Streif- 
lichter fallen auch auf Heines Charakter, auf Mathilden ; ja 
er unternimmt es sogar, mit der Fabel von Heines Geist (esprit) 
aufzuräumen. Wir sind uns daher gleich darüber klar, dass 
er dem Dichter — aus irgend einem Grunde — übel will, 
dass er sich für irgend eine kleine oder grössere Bosheit, von 
der wir natürlich nichts erfahren, wir möchten fast sagen zu 
rächen sucht. ^) Dabei ist ihm, wir geben dies zu, auch das 



1) In letzter Stunde fällt uns der Band „Letzte Gedichte und Gedanken 
von H. Heine" (aus dem Nachlasse des Dichters zum ersten Male veröflfentlicht, 
Bctz, II(Mne in Frankreich. ^ 



IgQ H. Heine im Lichte der fraiizosisclien Kritik. 

Wesen Heines gründlich unsympathisch. Seine Kritik lautet 
daher um so härter und schonungsloser. 

Ein flüchtiger Bhck auf das poetische Schaffen dieses 
Schülers von Andre Chenier und Lamartine gibt uns den litte- 
rarischen Schlüssel zu seinen schroffen Urteilen. Er ist der 
Ueberlebende einer längst vergessenen Dichtergeneration. In 
jeder Zeile offenbart sich uns der sentimentale Gefühlsmensch 
von tiefster Rehgiosität. Mit welch inniger, zarter Empfin- 
dungsweise erzählt er uns z. B. in denselben Memoiren von 
seinen Erlebnissen mit einigen berühmten Frauen, denen er 
nahe gestanden, wie naiv und zärtlich duftig berichtet er uns 



Hamburg 1869) — in die Hände, in dem wir ein Gedicht „An Eduard G." 
finden. Da Grenier lange Zeit im Orient in diplomatischen Diensten war, seine 
Gedichte wiederholt von der Akademie gekrönt wurden, und da besonders die 
Charakteristik des Dichters zutreflFend ist, stimmt ja alles, und es kann kein 
Zweifel darüber bestehen, dass diese unschön rohen (einen Vers mussten wir 
streichen), die innere Erbostheit Heines verratenden Schmähverse an den 
Autor dieser Memoiren gerichtet waren. Das Gedicht, das wir hier wieder- 
geben, ist nicht in den „Poesies in^dites" aufgenommen. 

„Du hast nun Titel, Aemter, Würden, Orden, 
Hast Wappenschild mit panaschiertem Helm, 
Du bist vielleicht auch Excellenz gew^orden — 
Für mich jedoch bist du ein armer Schelm. 

Mir imponieret nicht der Seelenadel, 
Den du dir anempfunden sehr geschickt, 
Obgleich er glänzt wie eine Demantnadel, 
Die des Philisters weisses Brusthemd schmückt. 

O Gott! ich weiss, in deiner goldbetressten 
Hofuniform, gar kümmerlich, steckt nur 
Ein nackter Mensch, behaftet mit Gebresten, 
Ein seufzend Ding, die arme Kreatur. 

Ich weiss, bedürftig wie die andern alle, 

. . . . deshalb mit dem Gemeinplatzschwalle 
Von Hochgefühlen bleibe mir vom Hals!" 



Französische Memoiren über H. Heine. 13I 



von Goethes Bettina, die er in Berlin aufsuchte. Einen solchen 
Charakter musste die Doppelnatur Heines unsympathisch be- 
rühren. Wie gesagt, aus Greniers Dichten ist das scharfe 
Vorgehen gegen die Manen Heines leicht erklärbar. Das 
Uebelvvollen aber des einstigen Freundes deuten weder Ver- 
schiedenheit der Charaktere noch geschwätziges Alter, und 
daher glauben wir nicht zu irren, wenn wir annehmen, dass 
Grenier eine ihm von Heine widerfahrene Kränkung ge- 
flissentlich verschweigt. 

Einer Karikatur gleicht das Bild, das Grenier von Ma- 
thilden entwirft. Aus einem Briefe, den er im Jahre 1839 
geschrieben, greift er folgende Stelle heraus: „Je viens de 
me promener aux Champs-Elysees avec H. Heine. Le grand 
homme a ete assommant et sa femme bete comme une oie." 
Dass ein zwanzigjähriger Student in übler Laune auf einen 
grillenhaften Einfall kommt und die Unterhaltung Heines 
tötlich langweihg nennt, lässt sich ja verstehen. Er selbst führt 
das Wort Lafontaines „cet äge est sans pitie" als Entschuldigung 
an. Was soll man aber dazu sagen, w^enn ein Siebzigjähriger 
diese Indiskretion an sich selbst vornimmt und eine über- 
mütige Bemerkung — die nicht einmal witzig ist — seines 
eigenen Briefes zum Besten gibt? — Wir selbst wollen kein 
Urteil fällen — um dem Vorwurf Lafontaines zu entgehen. 

Grenier erzählt weiter, wie Heine ihn in seiner Studenten- 
bude aufgesucht habe ^ nicht etwa um seinetwillen (Greniers), 
sondern lediglich, damit er ihm bald ein Gedicht, bald einen 
Artikel der „Augsburger Zeitung" übersetze. Grenier schwärmte 
damals für die Prinzessin Belgiojoso. Als Belohnung ver- 
sprach ihm deswegen Heine, ihn der Italienerin, für welche 
diese Uebersetzungen angeblich bestimmt waren, vorzustellen. 
Der Verfasser fügt hinzu, er habe später erfahren, dass jene 
Uebersetzungen nicht für die grossen und grausamen Augen 
der schönen Frau bestimmt waren — die Grenier, nebenbei 
gesagt, nie zu sehen bekam! — , sondern für die Guizots, der 



132 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

Heine dafür 6000 Fr. auszahlte. Die Insinuation ist nicht 
nur gehässig, sondern wahrscheinUch auch ungerechtfertigt. 
Einmal ist es gar nicht unmöglich, dass Heine die Ueber- 
setzungen zunächst für die Prinzessin bestimmte, in die er 
stark verliebt war und die kein Wort Deutsch verstand. Dann 
aber dienten sie ihm einfach für seine französischen Publi- 
kationen. Grenier selbst gibt auf der nächsten Seite an, sie 
seien für sein Buch „Lutece" verwendet worden. 

Der Autor transponiert dann den bekannten Vorwurf: 
Talent, aber kein Charakter: „II ne nie paraissait pas assez 
serieux sur ce chapitre (der rehgiösen Fragen) et je me per- 
mettais de le lui reprocher. De plus, ä tort ou ä raison, son 
caractere, son röle politique, ses opinions flottantes, ne m'in- 
spiraient pas le respect que je ressentais pour son talent." 
Den Dichter der deutschen Lieder wusste er als Kenner der 
deutschen Sprache sehr wohl zu schätzen, ebenso wenig war 
ihm der Glanz seines Namens unbekannt. Der Zwanzigjäh- 
rige, der mit Heinrich Heine verkehren durfte, konnte sich als 
hinlänglich für seine kleinen Dienste belohnt betrachten, — die 
heute der Siebzigjährige vermeint umsonst geleistet zu haben. 

Auch an Ungenauigkeiten fehlt es nicht in den Memoiren. ^) 
So soll Heine damals — 1839 — noch kein berühmter Mann 
gewesen sein ; in Frankreich habe ihn nur eine kleine Schar ge- 
kannt, da u. a. sein Buch „De l'Allemagne" noch nicht be- 
endet gewesen. Dies war aber schon 1834 bei Renduel erschienen. 

Zuweilen perorierte der junge Grenier eifrig mit Heine 
über die politische und sociale Gährung in Deutschland, wo 
bloss der zündende Funke fehle: 



1) Legras fertigt mit Recht den französischen Dichter mit den Worten ab : 
„Der französische Schriftsteller, der von den Ergebnissen der Heineforschung 
nicht die geringste Kenntnis besitzt, hat von dem Leben Heines sehr wenig 
gesehen, sich aber eingebildet, bei seinem berühmten Freund eine beträchtliche 
Rolle gespielt zu haben." etc ... (Heinrich Heine in Paris, „Deutsche Rund- 
schau", Heft 10, 1894, pag. 87.) 



Französische Memoiren über H. Heine. 133 



„Oh! si j'etais vous! lui disais-je. Vous avez le levier en main 
et vous ne savez pas soulever ce monde !" Heine m'ecoutait. Ce 
langage le flattait et l'irritait ä la fois; car il eüt, certes, aime jouer 
ce role. Mais il sentait, comme moi, qu'il n'avait ni le caractere, ni 
la force d'esprit necessaires. Les sceptiques et les railleurs ne sont 
pas des chefs de peuples, ni des initiateurs; ils ne sont pas meme 
des revolutionnaires. La foi seule transporte les montagnes. (Pag. 270.) 

Grenier erzählt dann, ausser von einigen zum Teil neuen 
Anekdoten, auch von dem Duell Heines, bei dem ein Freund 
des Verfassers sekundierte : „Comme il avait plu et qu'il y 
avait de la boue sur le terrahi, H. Heine dit plaisamment: 
„Le chemin de l'honneur est bien sale." — On echangea deux 
balles, et Ton en resta la. Pourquoi n'en a-t-il pas ete de 
meme avec Pouschkine, helas!"^) 

In einem spätem Abschnitte werden wir darauf zu sprechen 
kommen, wie schwierig Grenier das Uebersetzen gemacht wurde. 
Wir erwähnen hier nur, wie dieser die Starrköpfigkeit Heines, 
der gewisse Germanismen seiner eigenen Uebersetzung nicht 



^) Diese Reflexion verführt uns zu einer kleinen Abschweifung. Die 
„Revue bleue" veröffentlichte am 21. Oktober 1893 zeitgemäss — es wurden 
gerade die Russen in Paris gefeiert — Fragmente aus den Memoiren der 
Madame Srairnoff (nee de Rosset, 1810 — 1882), die ungefähr zur selben Zeit 
in der Petersburger Revue „Messager du Nord" herausgegeben wurden. Wir 
citieren hier eine Stelle aus dem dialogisch gehaltenen Abschnitte „Les opi- 
nions de Pouschkine sur la litterature fran^aise" (!), wo der russische Dichtei 
von Heine spricht : 

Pouschkine: A propos, Joukowski, je suis enchante de Heine, de sa prose 
et de ses vers egalement. Sa prose allemande se lit si facilement, c'est un Grec. 

Poletika : Moderne ? 

Pouschkine : Ce n'est pas un Palikare ou un Heteriste, c'est un Athenien. 
II ade la „Wehmuth" allemande, et ceci a manque aux Grecs et k Chetiier; 
mais, comme forme, Heine est un Helline. II est juif, et il a des sentiments 
de chretien souvent. 

Wiasemsky : On dit qu'il ne croit k rien. 

Pouschkine : II ne croit pas k Luther, ni au pape ; mais il croit k 
Jehovah, et il adore Jupiter, Venus, ApoUon et le grand Pan. 

Joukowsky : Heine n'est pas un chretien, mais il a compris la beaute 
morale du christiauisme. 



134 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



aufgeben wollte — „incongruites et audaces germaniqiies" — 
auslegte : ,,. • • ü avait peut-etre raison. II montrait ainsi ou 
laissait deviner son origine etrangere ; c'etait une coquetterie 
de plus et la meilleure maniere d'accrediter la legende qu'il 
etait son propre traducteur !'' 

Im Jahre 1847 wurde Grenier mit einer Mission in Deutsch- 
land betraut. Heine gab ihm zahlreiche Empfehlungen nach 
Hamburg, Berlin, Leipzig und Wien mit — immerhin eine 
kleine Entschädigung für Greniers Uebersetzerdienste. — Erst 
anfangs der fünfziger Jahre kehrte er bleibend nach Paris 
zurück. Heine war schon ans Krankenlager gebannt: 

Je le retrouvai aussi mordant, aussi sarcastique, aussi vivant 
par l'esprit qu'auparavant. La souifrance ne l'avait pas abattu et 
encorc moins attendri sur lui-meme ou sur les autres. II supporta 
jusqu'ä la fin son martyre avec une vaillance admirable, sans pose, 
Sans phrase et sans faiblesse, et cet Iiomme, qui avait si peu de 
caractere dans la vie, sut en avoir devant la mort. (Pag. 271.) 

Der verbitterte Dichter sollte sich schliesslich auch den 
einstigen „teinturier^^ entfremden. Saumseligkeit Greniers bei 
der Uebertragung des „Livre des chants" und der „Nouvelles 
poesies" zogen ihm von dem Kranken, wie es scheint, einige 
verletzende Worte zu. Wir zweifeln nicht daran, dass die- 
selben ebenso verletzend wie scharf treffend gewesen sind. 
Wir fragen auch nicht, ob dem grossen kranken Dichter von 
selten Greniers Nachsicht gebührte. — Dieser sah den 
sterbenden Poeten nicht mehr. Suchen wir in den Schluss- 
worten Greniers nach keinem warmen Worte. So gross der 
Unterschied der dichterischen Bedeutung, so tief ist auch der 
Abgrund, der die beiden Poeten psychisch trennt. 

Teiles furent nies relations avec ce poete de premier ordre, 
etrange figure composee de tant de traits divers et opposes. Tous 
les contrastes, en eifet, se trouvaient reunis dans Fhomme, comme 
dans le poete : hero'ique contre la douleur physique, faible et irritable 
comme un enfant devant la moindre critique litteraire, ironique et 



Französische Memoiren über H. Heine. 135 

moqueur envers ses enneniis, ses amis et lui-meme, amoureux de la 
reine de Saba et passionnement epris d'une grisette parisienne; — 
ne croyant ä rien et partant en guerre contre les institutions et les 
idoles, n'epargnant personne et voulant etre epargne; vindicatif et 
amer avec des retours de bonhomie ; riant du mal fait par lui conime 
s'il etait mechant; sacrifiant tout ä un bon mot; s'elevant ä la plus 
haute poesie et descendant aux plaisanteries les plus vulgaires ; esprit 
d' Ariel dans un corps de PhiHstin; enfin, comme il disait de lui-meme, 
„choucroute arrosee d'ambroisie". 

Wie sehr Heine dem Dichter des „La mort de Lincoln" 
unsympathisch sein musste, belehren uns zwei weitere Stellen 
aus denselben Memoiren (13. Mai): „Le paradoxe ne m'a 
jamais plu, — surtout ecrit ; — c'est un procede d'esprit trop 
facile. Passe encore dans la conversation, oü il reveille les 
idees, en appelant la contradiction. II fait alors l'office du 
brochet dans les etangs. Encore ne faut-il pas en abuser; 
laissons-le aux gens d'esprit secondaire qui n'ont que ce 
moyen de briller, ou aux virtuoses de la causerie en humeur 
de tirer leur feu d'artifice ..." Und auf den Witz Heines 
anspielend: „Les grandes flammes souvent ne donnent pas 
d'etincelles ; Tesprit de societe n'est que la petite monnaie 
de l'intelligence, et les millionnaires peuvent se passer de 
billon,"!) 



*) Wir bemerken noch, dass der Abschnitt der Memoiren Greniers, in 
dem von Heine die Rede ist, im „Magazin für Litteratur" (26. November 1892) 
übersetzt wurde. 



136 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Viertes Kapitel 

Gelegentliche Urteile und Aeusserungen 
über Heine 



George Sand 

(1804—1876). 

In den sieben Bänden ihrer Korrespondenz befindet sich 
kein einziger Brief von Heine, mit dem sie doch in brief- 
Hchem Verkehr stand, und zwar ungefähr seit 1836. Dagegen 
fand sich in Laubes Nachlass ^) folgendes an Heine adressiertes 
Billet: 

G. S. 

eher Cousin, vous m'avez proniis la tratluction de quelques 

lignes de vous sur Potzdam ou sur Sanssouci. Voici le monient ou 

j'en ai besoin. Permettez-moi de les citer textuellement en vous 

nommant; c'est par cette citation que je veux comniencer hi seconde 

Serie des aventures de Consuelo, laquelle vient d'arriver ä la cour 

de Frederic. Depechez-vous donc et venez ine voir, car je pars dans 

quelques jours. 

Votre Cousine 

Monsieur Henry Heine, G. S. 

Rue du Faubourg- Poissonniere, 46. 

Der Herausgeber liefert hierzu den scharfsinnigen Kom- 
mentar „ä la Homais", es müsse dieser G. S. unterzeichnete 
Brief, weil darin „Consuelo" erwähnt ist, zweifellos von George 



^) Vergl. Briefe von Henri Heine an H. Laube, herausgegeben von Eugen 
Wolff, Breslau 1893, pag. 60. 



Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine. 137 



Sand herrühren. Von der Anrede „Gher cousin" sagt Herr 
Wolff, sie sei als technischer Ausdruck der Boheme zu nehmen. 
Erstens ist uns dieser Boheme-Titel nicht bekannt, und zweitens 
gehörte Madame Dudevant nie der eigentlichen Boheme an. 
Die Anrede hat vielmehr Heine selbst eingeführt. Diese An- 
nahme bestätigt folgende Dedikation des Dichters, die wir 
im „Livre moderne" — Une poignee d'orthographes — (1890, 
Nro. 4) finden. Dieser übersendet nämlich der Schriftstellerin 
seine „Reisebilder" mit der Widmung: „A ma jolie et grande 
Cousine G. S., comme temoignage d'admiration. Henri Heine." 
Leider sind die Briefe, die George Sand an Grenier ge- 
schrieben und in denen sicherhch oft von Heine die Rede 
war, durch Brand während der Gommune vernichtet worden. 
An Liszt schreibt sie am 18. August 1836 u. a. : „On dit que 
notre cousin Heine s'est petrifie en contemplation aux pieds 
de la princesse Belgiojoso." Und an denselben von La Ghätre 
aus, am 5. Mai 1836: „. . . j'ai ete ä Paris passer un mois, j'y 
ai vu tous nos amis . . . Henri Heine, qui tombe dans la 
monomanie du calembour ..." — Aber ungleich respekts- 
widriger und geradezu irreführend lautet eine Stelle aus 
einem Briefe Heines an Laube (12. Oktober 1850): „George 
Sand, das Luder, hat sich seit meiner Krankheit nicht um 
mich bekümmert ; die Emancipierte der Weiber oder vielmehr 
diese Emancimatrice hat meinen armen Freund Ghopin in 
einem abscheuhchen, aber göttlich geschriebenen Roman aufs 
empörendste maltraitiert." ^) Wir haben hier, beiläufig gesagt, 
ein hübsches Beispiel der modernen geschmacklosen und in- 
diskreten Briefplünderungsmanier. Was ein Schwerkranker in 
einer bittern Stunde in vertraut burschikoser Weise einem 
Freunde privatim mitteilt, wird schonungslos an die Oeffent- 



^) Gegen das offene Geheimnis, dass in dem Prince Karol der „Lucrezia 
Florian!" Chopin porträtiert ist, protestiert die Dichterin. (Histoire de ma 
vie, IV, 467.) 



138 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 

lichkeit gezerrt. Was der erste Beste als Gemeinheit zu be- 
trachten das Recht hat, gilt für grosse Tote — unter dem 
Deckmantel der Wissenschaft — als etwas ganz Selbstver- 
ständliches. 



J.-P. de Beranger 

(1780—1857). 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass Beranger geringer von 
Heine dachte, als dieser von ihm. Moritz Hartmann, ^) den 
Venedey im Jahre 1846 bei dem Volksdichter einführte, er- 
zählt, dass dieser mit ihm über Uhland, Preiligrath, Hoffmann 
V. Pallersleben u. a. gesprochen habe. An Heine hätte er 
vieles getadelt. Der Dichter, der hinter dem heitersten Couplet 
einen ernsten Gedanken verbarg, meint Hartmann, konnte 
den Dichter nicht aufrichtig lieben, der hinter dem ernst- 
haftesten Wort eine Grimasse versteckte. Das khngt geist- 
reich, ist aber litterarisch falsch. Hartmann dürfte sich ver- 
gebens bemühen, hinter jedem Couplet des Autors von „Jacques 
Bonhome" einen ernsten Gedanken zu entdecken — immerhin 
öfter als eine Grimasse im „Buche der Lieder". Sicher ist 
allerdings, dass sich Beranger ungleich mehr zu Uhland hin- 
gezogen fühlte. 

Der biographischen Skizze über Heine in der „Nouvelle 
Biographie generale". Firmin Didot, 1861, von Germain Malurer, 
fügt der Herausgeber dieses Lexikons, der geborene deutsche 
Lexikograph Dr. Hoefer, folgendes aus seinen persönlichen 
Erinnerungen bei: 

Bien longtemps avant cette cruelle maladie qui, commencee 
par une paralysie de la paupiere de l'oeil gauche, avait fini par de- 
terminer une paralysie avec contracture et atrophie des jambes, 



') Vergl. Nachtrag in Professor Breitingers Broschüre, und Berangers 
Werke, deutsch durch Ludwig Seeger, 1859, II, 406. 



Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine. 139 



j'avais souvent entendu H. Heine se plaindre du triste sort des 
liomnies de lettres, „reduits ä tourmenter perpetuellement leur ima- 
gination pour en tirer de quoi aniuser le public". Quelques niois 
avant sa mort, il rcQut la visite de Beranger : ce fut sur mes vives 
instances que Fillustre chanspnnier s'y etait decide. „Les gens de 
lettres, me disait-il cliemin faisant, ont tant de vanite." — „Mais il 
s'agit, lui repondis-je, de consoler celui qui souifre." — Malheureuse- 
ment ce que Beranger craignait ne se realisa que trop : le lendemain, 
des journalistes amis de Heine parlerent de cette visite comme d'un 
liommage rendu par le grand poete frangais au premier poete d'Alle- 
magne. (Note du directeur.) 

Eine andere Anekdote berichtet Audebrand in seiner Rede 
bei der Einweihung der Statue Berangers („Livre", 1885, pag. 
431): 

Un jour, dans un cafe de gens de lettres, un faiseur de cantates, 
paye par la cassette de Napoleon III, se mit ä dire tout haut: „Ce 
n'est pas un poete." Le lendemain, le propos etait rapporte ä Henri 
Heine qui, en ce moment, s'eteignait sur son lit de douleur. Si ac- 
cable de soufFrance qu'il put etre, l'auteur des „Reisebilder" se dressa 
sur son seant, et, apres une alerte epigramme ä l'adresse du blas- 
phemateur, que je n'ai pas besoin de reproduire ici, il s'ecria: „Pas 
un poete, Beranger! Eh mon petit monsieur, c'est la lyre la plus 
sonore des temps modernes !" ^) 



^^Uesprit des Allemands.'-^ 
Morel et Ed. Gcerimont. 

Paris, Collection Hetzel, 1860. 

In der Einleitung wird in seltsamer Weise über den Ein- 
fluss des deutschen Geistes gesprochen und das berühmte Wort 
des Pere Bouhours widerlegt. Die Verfasser wollen in diesem 
Buche eine Gedankenlese im deutschen Dichterhaine halten. 



Als eine Lücke ist es zu bezeichnen, wenn Heine in dem Buche 
„Beranger, ses amis, ses ennemis", 1864, von A. Arnould nicht erwähnt ist. 



140 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



„En tout cas, les pensees qui vont suivre sont ordinairement 
assez belies pour que des Prangais ne refusent pas de les me- 
diter: la beaute, le genie, la sublimite morale, en s'adressant 
aux facultes superieures de rhomme, le desabusent des petits 
prejuges, le sauvent des niaises antipathies, des miseres d'une 
rivalite sterile. La France et TAllemagne ne tarderaient guere 
ä s'aimer pleinement s'il surgissait quelques hommes doues d'un 
talent pour ainsi dire international et, comnie plusieurs dont 
nous avons recueilli des pensees, capables d'interpreter avec 
une egale perfection l'esprit frangais ä TAllemagne, l'esprit 
allemand ä la France." 

Wir geben diese Stelle lediglich als Kuriosität wieder. 
Solche Worte sind selten — und werden immer seltener — 
von beiden Seiten mögen sie heute als Utopien eines in den 
Wolken wohnenden Idealisten — oder eines Socialisten be- 
lächelt werden. — Heines Name kehrt in dieser Anthologie 
in erhabenster Gesellschaft wieder, und würde man die hier 
von ihm citierten Moralsprüche und Sentenzen zusammen- 
stellen und unsern Dichter darnach beurteilen, so bekäme man 
von dem Autor des „Atta Troll" eine ziemlich verkehrte Idee. 
Wir lassen hier ein Citatenbeispiel aus dem Abschnitte 
„Morale'' (pag. 224) folgen: 

Je voudrais que nous eussions un autre mot pour designer ce 
que nous appelons maintenant niorale; autrement, induits en erreur 
par Fetymologie, nous pourrions facilement etre portes ä regarder la 
morale comme un produit des mceurs. Mais la veritable morale est 
independante des moeurs d'un peuple, aussi bien que du dogme et de 
la legislation. Les moeurs sont le produit du climat et de l'histoire, 
et ce sont plutöt ces derniers qui agissent sur l'etabhssement du 
dogme et de la loi. C'est pourquoi il y a des moeurs indiennes, chi- 
noises, chretiennes; mais il n'y a qu'une seule morale, la morale 
humaine. (H. Heine.) 



Gelegentliche Urteile und Aousserungon über Heine. 141 

Louis Yeuillot 

(1813—1883). 

„Les Odeiirs de Paris.''^ 
Paris 1866. 

In dem siebenten- Kapitel dieses Monstrepamphletes, das 
den Titel „Le vrai poete parisien" trägt, spricht der gefürch- 
tete katholische Journalist von unserem Dichter. Es heisst 
dort gleich zu Beginn, dass weder Hugo noch Musset eigent- 
liche nationale Dichter seien ; seit Voltaire gäbe es überhaupt 
bloss einen echten Pariser Dichter und dieser sei nicht einmal 
Beranger, der ausschliessHch „faubourien" bleibe, sondern 
Heinrich Heine — „Allemand de naissance, Frangais de choix, 
juif d'origine, qui se fit baptiser protestant, personne n'a su 
pourquoi, redevint juif d'instinct, se crut ou se pretendit deiste 
et au fond vecut, ecrivit, mourut blasphemateur et athee sans 
parvenir jamais ä en donner aucune raison". 

Den Dichter in Heine aber hielt Yeuillot hoch und erklärt 
dies mit einer Entschiedenheit, die wir weder bei seinen Urteilen 
über Musset noch Hugo finden. „B est par excellence le poete 
parisien, et, ce qui peut etonner, poete lyrique et grand poete." 
— Uns will überhaupt dünken — sagen wir es gleich heraus, 
mag sich Veuillot auch im Grabe umdrehen — , dass der Autor 
der „Odeurs de Paris" im Geheimen mit Heine sympathisiert, 
ja dass sich der Pamphletist an Heines Talent, jenem, das wir 
bei dem Dichter des „Buches der Lieder" zu bedauern pflegen, 
inspirierte. Seine verletzenden, scharfen Invektiven erinnern 
an den unbarmherzigen und oft geschmacklosen Sarkasmus, 
dessen Heine fähig war, wenn er sich vergass. Nur so — aus 
dieser innern Geistesverwandtschaft — können wir uns die 
relative Moderation dieses Artikels erklären, gemässigt, wenn 
wir damit vergleichen, was Veuillot an Kot und Unflat auf 
die ersten und vornehmsten Geister seiner Zeit geworfen, die 
seiner Sache lange nicht so geschadet, wie gerade Heine. 

Als Erbfeind seiner Sache vergleicht Veuillot in einer 



142 H- Heine im Lichte der französischen Kritik. 



leidenschaftlichen Tirade Heine mit Voltaire (pag. 232) und 
nützt eine grauenerregende Schilderung seiner Agonie gebüh- 
rend aus (pag. 239). 

Auf acht Seiten endhch polemisiert Veuillot gegen Gautier, 
dessen Heineskizze (die „Reisebilder" einleitend) er zerzaust, 
so dass der Name Heine fast bloss ein Vorwand zu sein 
scheint, sich mit dem Freunde des Dichters zu raufen. KöstHch 
ist es, wenn es Veuillot unternimmt, den „po^te impeccable" 
zu persiflieren. Er, der seine grammatischen Studien an Paul 
de Kock gemacht, weder College noch Lycee besucht, der 
später nur so laut schrie, damit seine Unwissenheit nicht zum 
Vorschein kam, spottet über den Stil des Autors „der M""^ de 
Maupin" mit pedantischer Wortkritik. Dabei fällt uns zweierlei 
ein: einmal ein Artikel Edmond Scherers, in dem ein be- 
denkliches Bild von Veuillots Französisch entworfen ist, und 
dann — eine Fabel von Lafontaine! 



Edouard Schure 

(1841). 

y,Histoire du Lied/ 

ou La chanson populaire en Allemagne, avec wie centaine de traductions 

en vers et sept melodies. 

Paris, 1868. 



Der gelehrte Elsässer beschäftigt sich in diesem trefflichen 
Buche ausführlich mit Heine, zu dem er hübsch, wie folgt, 
hinüberleitet : 

La poesie romantique allemande etait dans ses plus beaux jours 
en 1825. Une foule d'adorateurs se pressaient autour d'elle, maint 
Chevalier faisait flotter ses couleurs dans l'arene de la litterature et 
de la critique, les rois lui souriaient parce qu'elle les encensait, les 
diplomates la protegeaient parce qu'elle faisait oublier au peuple ses 
pensees de liberte. C'est alors qu'entra en lice un poete etincelant 



Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine. 143 

d'esprit et d'imagination, qui s'annonga comme son plus fougueux 
Chevalier. Par malheur, il s'aperQut un beau jour qu'il rompait les 
lances pour une vieille douairiere dessechee, au lieu de conquerir 
les Charmes d'une jeune beaute florissante. Rouge de colere, il lui 
jeta son gant ä la face et distribua ä tous ses Champions de si 
bonnes estocades que la plupart ne s'en releyerent plus et que la 
bonne dame en mourut de depit. Cet enfant terrible, c'est Henri 
Heine. 
Die bilderreiche Skizze, die der Verfasser dann von Heines 
Leben und Dichten entwirft, ist so geistreich und poesievoll, 
dass wir gerne einige phantastische Zuthaten in den Kauf 
nehmen (pag. 440 — 448). Ausführlich und mit psychologischer 
Schärfe bespricht er Heines innern Zwiespalt. Unter den Lyri- 
kern will Schure Heine gleich nach Goethe genannt wissen. 



Edgar Bourloton, 

Ex-engage volontaire de 1870 aux Zouaves de la Garde. 

j^L'Allemagne contemporame.^^ 
Paris 1872. 

Der Autor, der sich marktschreierisch seiner erfüllten 
Bürgerpflicht rühmt, schreibt im bunten Durcheinander über 
Kunst, Litteratur, Sitten und Politik. Ueber den Geist des 
Buches gibt der Titel schon genügend Auskunft. Was er uns 
von Heine zu sagen weiss (pag. 89 ff.), ist das Gehässigste, 
was eine französische Feder über diesen Dichter geschrieben. 



Grand-Carteret. 

„La Frmice jugee par VAllemagne.^^ ^) 

Paris 1886. 

In diesem originellen, wenn auch keineswegs wissen- 
schaftlichen, so doch lehrreichen Sammelwerke spielt natürlich 



1) Das angekündigte Gegenstück : „L'Allemagne jugee par la France' 
ist bis jetzt — wohl aus guten Gründen — noch nicht erschienen. 



144 H- Heine im Lichte der französischen Kritik. 



Heine eine grosse Rolle. Der Kompilator bedient sich seiner 
in der geschicktesten Weise — pro domo. So begegnet er 
der leider typischen deutschen Redeweise von der Verwor- 
fenheit und Sittenverderbnis des modernen Babel oder Sodom 
und ähnlichen historischen Metaphern mit dem witzigen Aus- 
spruche Heines: „II est difficile de ne pas etre moral ä Stutt- 
gart; ä Paris, c'est deja plus facile. C'est une chose parti- 
culiere que le vice. Chacun peut exercer tout seul la vertu, 
et n'a besoin pour cela de l'aide de personne; mais, pour le 
vice, il laut etre deux." Solche und ähnliche Citationen aus 
Heines Werken, von denen einige, in Frankreich mehr noch 
als in Deutschland, zum geflügelten Worte geworden sind, 
finden sich in diesem Buche zu Dutzenden. 

„De l'Allemagne" widmet Grand-Carteret ein ganzes Ka- 
pitel (pag. 253 ff".), nachdem er mit hoher Anerkennung und 
grossem Wohlwollen von Börne gesprochen, der ihm der 
sympathischere von beiden zu sein scheint. Auf die Vorrede 
zu „Lutece" anspielend, in der Heine mit galanter Ironie seine 
Nationalität als Milderungsgrund für seine scharfen Urteile 
anführt, bemerkt Carteret : „Et quel singulier effet produisent 
ces douceurs, ces chatteries, a cöte des rudesses sinceres et 
parfois naives de Boerne dont l'honnetete ne peut admettre 
qu'on caresse en France cette aristocratie qu'on a repoussee 
en Allmagne." Und in einer Anmerkung lesen wir noch: 
„A quoi sert l'esprit, cependanti Tandis que Boerne, cet 
honnete homme qui revait une republique franco-germanique, 
serait, sans A. Weill, completement oublie de notre generation, 
chaque joiir on ecrit quelque nouveau volume sar Heine ..." 

Carteret kennt, scheint es, bloss den witzigen Journalisten 
und Politiker Heine ; sonst dürfte er nicht darob staunen, dass 
der Dichter im Gedächtnis der Franzosen weiter lebt, während 
Börne vergessen ist. 



I 



Golegentlicho urteile und Aeusserungen über Heine. l45 

Edouard DrumontO 

(1844). 

„La France juive. Essai d'histoire contemporaine.^^ 

1886. 

Drumont verschont in diesem Buche, dessen kultur- 
historische Bedeutung nicht abzuleugnen ist, nicht bloss den 
Juden Heine , sondern benützt auch dessen scharfen Witz, 
der ihm antisemitische Waffen liefert (so z. B. im Motto und 
in der Einleitung). Ja er, der jeden jüdischen Landsmann, 
mag er Albert Wolff oder Ludovic Halevy heissen, mit Kot 
beworfen, bringt es über sich, Heine als Poeten hochzuhalten 
und ihm wiederholt etwas Angenehmes zu sagen. ^) So, um 
nur ein Beispiel anzuführen, bei Gelegenheit des jüdischen 
„Secho dodi": „Lire ä ce sujet le petit poeme exquis, ä la 
fois attendri et railleur, que H. Heine a ecrit ..." und es 
folgt die französische Uebersetzung der Ballade „Prinzessin 
Sabbat" (Hebräische Melodieen). 

Wir können dies Buch den Gegnern des Heinedenkmals 
nur empfehlen. Wenn sie es gelesen, werden sie zweifelsohne 
selbst die Initiative zur Errichtung eines Monumentes ergreifen, 
wenn auch nicht für Heine, den grossen Dichter Deutschlands, 
so doch für Heine — den ersten Antisemiten! 



^) Es bedarf einer Entschuldigung, bevor wir von diesem Buche reden, 
das der ekelhaftesten Skandalsucht entsprungen, aber gerade deswegen, weil 
es den niedrigsten Gelüsten mundgerecht geschrieben, einen Erfolg in Frank- 
reich errungen, wie selten ein Pamphlet grossen Stils. Drumont ist ein grobes, 
plumpes und, was das Schlimmste, ein käufliches Talent — ein Giboyer vom 
Scheitel bis zur Sohle, eine Art Jacquot (de Mirecourt), eine gemeine Auflage 
von Louis Veuillot — aber er ist eben ein Talent, ein Pamphletist, der über 
alle Mittel dieses Berufes : leidenschaftliche Sprache, frechen Mut, zähe Arbeits- 
kraft und zündende Schlagfertigkeit, verfügt. Was aber bei Louis Veuillot, 
ganz abgesehen von der besseren Sache, für die er streitet, mildernd stimmt 
— die ehrliche Ueberzeugung — , so kommt diese bei Drumont nicht in Be- 
tracht, der seine Feder vor seinem Judenfeldzuge — semitischen Organen anbot. 

2) Nur einmal wendet er sich gegen ihn als einen politischen Spion. 
(Pag. 236.) 

Hotz, Heine in Frankreich. 10 



146 fr. HoiiK^ im Lichte dov französischen Kritik. 



F. Ä. Iiiohtenberger *) 

(1832). 

jjHistoire des idees religieiises en Allemagne.^ 
Paris, 1888. 

Nachdem uns der Autor auseinandergesetzt, warum er sich 
in einem solchen Werke so eingehend mit der lyrischen Poesie 
in Deutschland beschäftige (er widmet derselben fünfzig Seiten), 
kommt er u. a. auch auf Heine zu sprechen, dessen „Inter- 
mezzo" er, wie schon andere vor ihm, „cantique des cantiques 
de l'amour profane" nennt. (Pag. 381.) In seinen kritischen 
Betrachtungen werden wir natürlich oft an die Tendenz des 
Buches und den Beruf des „doyen de la faculte de theologie 
de Paris" erinnert. „Chez Heine, la facilite a degenere en 
frivohte, la plaisanterie a detruit le respect. Son rire a quelque 
chose d'amer, de cynique, de mechant. Ce n'est pas la rail- 
lerie etincelante de Voltaire, s'attaquant aux prejuges et aux 
superstitions de son temps, c'est la moquerie haineuse et lugubre 
qui s'attache ä tous les sujets, ne respecte rien, ni personne, 
ni lui-meme; c'est l'impertinence du genie qui se croit tout 
permis, qui prouve sa liberte en violant toutes les lois, qui 
ne considere ce monde que comme un jouet de sa fantaisie, 
et qui, sur le lit de douleur oü la maladie a fini par le clouer, 
secoue encore ses grelots pour insulter et souiller ce que les 
autres v^nerent." 



1) Dies Werk, das unseres Wissens von der deutschen Fachkritik stark 
mitgenommen wurde, ist von Süpfle nicht erwähnt. — Der Autor ist nicht zu 
verwechseln mit E. Lichtenberger, Verfasser der trefflichen Arbeit „Etudes 
sur les po^sies lyriques de Goethe", Paris 1882 — und H. Lichtenberger. 



i 



Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine. 147 



Iiävy- Brühl 

,^UAllemagne depiiis Leibnitz. 

Essai S7(r le develoj^pement de Ja conscience nationale 

en AUemagne 1700—1848.'' 

Paris, 1890. 

In einer Geschichte der Gedankenevolution im Deutsch- 
land des XVIII. und XIX. Jahrhunderts durfte der Name 
des Autors der „Reisebilder" nicht fehlen. Levy-Bruhl hat 
auch mit klarem BHck die Rolle des letzten Romantikers 
erkannt und dieselbe in seinem Buche interessant dargestellt. 
Es handelt sich hier sachgemäss um Heine, den Journalisten, 
den socialpolitischen Kämpfer, und um dessen Verhältnis zu 
Deutschland und Frankreich. Der Autor betont, dass Heine, 
so sehr er auch Preussen hasste, nie aufhörte, Deutschland 
zu lieben. Das Priedenswerk, Prankreich Deutschland näher 
zu bringen, sei dem Dichter, zum Teil aus eigener Schuld, 
nicht gelungen. „. . . En France, on ne preta pas grande atten- 
tion ä ses avertissements ; en AUemagne, il fut honni. Et 
cependant ses efforts, quoique maladroits, etaient sinceres; 
ses vues souvent prophetiques." (Pag. 432.) 

Das politische „credo" Heines fasst Levy-Bruhl in folgende 
Worte zusammen: „Patriotisme sincere uni aux tendances 
cosmopolites du siecle precedent, haine de la Sainte-AUiance, 
amour de „l'humanite libre", tendances socialistes un peu 
vagues, mais dejä menagantes . . . Democrate par le coeur, 
aristocrate par l'esprit, il voit menacee toute notre civilisation 
moderne, ce fruit d'un labeur de trois siecles." 



148 If- Hoino im Lichte der französischen Kritik. 



Edm. Birä 

(1829). 

„ Victor Hugo apres 1830.^ 
Paris, 1891. 

In diesem Werke, in dem mit staunenswertem Pleisse 
alles gesammelt ist, um Victor Hugo als Menschen und Cha- 
rakter zu zermalmen und somit auch den Dichter vom höchsten 
Poetenthrone herabzuzerren, muss Heines scharfe Feder weid- 
lich am Zerstörungswerke mithelfen. Alles, was unser Dichter 
in „Lutece", „De la France" — seine Kritik der „Bourgraves" 
in „Lutece" (pag.303) ist in extenso wiedergegeben, die markig- 
sten Stellen sind gesperrt gedruckt — gegen Hugo geschrieben, 
ist am geeigneten Orte verwertet. Der Name Heines tritt uns 
fast ebenso oft entgegen, wie der — Louis Veuillots. — Bire 
sucht überall Hülfe — „il prend son bien oü il le trouve! — 



Änatole Leroy-Beaulieu 

(1842). 

„Les Juifs et V antisemitisme.'''' — „Le Oenie juif et 

Vesprit jiäf.^^ 

„Revue des deux Mondes" (tome 114). 

Der bekannte, bedeutende Nationalökonom untersucht 
in diesem Abschnitte seiner Arbeit über die Juden und ihre 
Widersacher sachlich und klar, unparteilich, aber mit Festig- 
keit, die Frage: Hat der Jude eine nationale, speciell semi- 
tische Geistesrichtung; besitzt er Eigenschaften des Ver- 
standes, die ihm durchgehend eigen sind? Und wenn dies 
der Fall, welches sind die charakteristischen Züge desselben 
und ihre Hauptträger? 



i 



Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine. 149 

Zuerst beschäftigt den Autor die Frage : Ist der Jude ein 
schöpferisches Element in der menschlichen Geistesgeschichte? 
„Le semite serait une race feminine possedant ä un haut degre 
le don de receptivite; il lui manquerait toujours l'energie virile, 
la puissance generatrice!" — Leroy-Beaulieu bezweifelt dies, 
indem er richtig folgert: „Si le juif ne fait qu'imiter, copier, 
emprunter, comment une pareille race pourrait-elle denationa- 
liser nos fortes races aryennes!" 

Nachdem er dann die „vis poetica" des alten Testamen- 
tes, die ewige, originelle lyrische Kraft der Psalmen etc. nach- 
gewiesen, kommt er nach Spinoza folgendermassen auf Heine 
zu sprechen: 

Est-il faux que, ä la lyre germanique, ce sceptique heritier du 
psalmiste ait ajoute une corde d'une finesse etrange ? Ou notre 
oreille n'en pergoit-elle plus les vibrations subtiles et les dissonances 
delicates? Si demode (!) que soit le poete juif en Allem agne, repete- 
rons-nous que ses „Lieder" ne sont qu'une insipide versification de 
copiste sans spontaneite, sans imagination, sans liumour, sans imprevu, 
Sans genialite en un mot ? II me semble, quant ä moi, que dans toute 
cette riebe poesie allemande, il n'y a pas de fantaisie plus libre. 
Arretons-nous un instant sur Heine. S'il reste aux Juifs un genie 
national, c'est cliez l'auteur des „Reisebilder" que nous avons le plus 
de Chance de le decouvrir. II a eu beau se faire baptiser, il garde la 
marque d'origine. Yous ne le comprendrez point si vous oubhez qu'il 
est ne juif. U y a chez lui, jusqu'en ses chants d'amour et ses plus 
naives melodies, une note etrangere ä l'Allemagne du temps, quelque 
chose de douloureux et de mauvais, une saveur äcre, une pointe de 
mahgnite qui tient a ses origines, a son education, ä la Situation des 
Juifs alors en Allemagno. C'est l'oiseau echappe de la cage du ghetto 
et qui se souvient de sa prison, tout en volant bruyamment en tout 
sens pour essayer sa liberte; il y a du defi et de la rancune dans 
ses battements d'ailes. Je sais que la critique allemande lui est severe ; 
on dirait que dans le poete eile se plait ä ravaler le Juif. Aux yeux 
de l'Allemagne, imbue de l'orgueil de race, n'etre pas de sang teu- 
tonique est, pour un poete allemand, un peche originel malaise ä 
raclieter. Le nouvel empire ne veut rien devoir qu'au sang de Her- 
mann. Du classique Walhalla, eleve sur la rive du Danube aux gloires 



150 H- Heine im Lichte der französischen Kritik. 

germaniques, l'ingrat teutomane s'efforce d'expulser tout ce qui n'est 
pas fils de Thor. Heine a ete traite par les critiques d'outre-Rhin, 
comme ses congeneres, les musiciens, par Wagner. A lui aussi on a 
conteste toute originaUte, tout don d'invention. W. Scherer, l'historien 
de la Htterature allemande, ne lui reconnait qu'un rare talent d'imi- 
tation. II est vrai que le moule des „Lieder" n'est pas ä Heine; il 
appartient au romantisme des Schlegel, de Tieck, de Novahs . . . 
On ne lui laisse meme pas en propre ce qu'il semble avoir de plus 
personnel, cette ironie que d'aucuns appelaient l'ironie juive; — eile 
aussi revient au romantisme allemand. Heine n'en est que la fleur 
supreme, fleur maladive aux parfums malsains, car il y a un ver 
dans cette rose allemande, le judaisme. (Pag. 775.) 

In einer Anmerkung weist der Autor auf die Schriften 
von Treitschke und Hartmann hin, in denen Heine so un- 
glirapflich behandelt wird, und sagt: „Tous deux, du reste, 
laissent voir que chez le poete ils poursuivent le juif" etc. 



Indem wir noch kurz und der Uebersichtlichkeit wegen 
zusammenfassend die Stellung von Frankreichs bedeu- 
tenden Litterarhistorikern und Kritikern zu Hein- 
rich Heine betrachten wollen, schicken wir gleich voraus, dass 
sich mit Ausnahme von Montegut und etwa von Sainte-Beuve 
keiner derselben eingehend mit unserm Dichter beschäftigt. 
Trotzdem schien es uns wissenswert, aus kurzen Bemerkungen 
und leicht hingeworfenen Worten die Ansichten der Kritiker, 
die seit einem halben Jahrhundert den litterarischen Geschmack 
Frankreichs leiten, kennen zu lernen. 



i 



Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine. 151 



Charles Ä. Sainte-Beuve 

(1804—1869). 

Der grosse Kritiker und Historiker der französischen Ro- 
mantik bespricht im „National" vom 8. Angust 1833 das im 
selben Jahre bei Renduel erschienene Buch Heines „De la 
France". Nach einigen einleitenden Worten, die sich auf den 
Umschwung im deutschen Dichterwalde seit Madame de Staels 
„De TAllemagne" beziehen, stellt er uns Heine wie folgt vor: 
„M. Heine n'etait pas connu chez nous avant la revolution de 
juillet, et aujourcVliid il est tont ä fait nataraUse ; il est des 
nötres autant que le sjnrittiel Grimm Va jamais e^e." — Das 
Buch hat nach Sainte-Beuve den grossen Vorzug, zur rich- 
tigen Zeit, in einem günstigen Moment erschienen zu sein. 
„Homme de guerre, d'escarmouche rapide, archer fuyant et 
un peu cruel, il s'est jete parmi nous, sur notre rive du Rhiii, 
et de la, il nous a montre comment il savait decocher l'ironie 
et frapper au coeur des siens quand les siens n'etaient pas 
des nötres. Chaque fleche qu'il decochait de la sorte portait 
en meme temps un message a notre louange; nous devons 
aimer en lui un de nos alhes les plus compromis et les plus 
fervents." Indessen sei sein scharfer und auch das heiligste 
nicht schonender Witz selbst in den Augen der als frivol 
verschrieenen Franzosen verletzend ; ja Sainte-Beuve behauptet 
sogar, Heine sei für diese viel zu geistreich. „. . . Heine sera 
davantage encore a notre niveau de Frangais quand il aura 
un peu moins d'eprit." Und diesen Gedanken ausführend: 
„C'est que l'esprit de M. Heine est plutöt celui d'un poete 
que celui de tout le monde; il n'a pas seulement de ces 
traits inattendus, saisissants, courts, de ces rapports neufs 
et piquants qu'un mot exprime et enfonce dans la memoire; 
il a, a un haut degre, l'imagination de l'esprit, le don des 
comparaisons singulieres, frappantes, mais prolongees, mille 



152 H. Heine im Liclite der tVanzösisclieii Kritik. 

gerbes, ä tout instant, de reminiscences colorees, d'analogies 
brillantes et de symboles. Or, pour un poete qui ecrit en prose, 
qui surtoiit doit etre lu en prose frangaise, la plus difficul- 
tueuse de toutes les proses, il y a beaucoup de precautions 
necessaires pour faire passer, comme en contrebande, cette 
raagie et ces richesses ..." Sainte-Beuve kommt zu dem 
Schluss, dass Heine, trotz einiger französischer Eigenschaften, 
im Grunde doch ein deutscher Poet bleibe, weswegen er ihn 
nicht in seiner ganzen Bedeutung erfassen könne. In den 
„Reisebildern" — die er „impressions de voyages" nennt — 
erinnert ihn Heines beissender, nicht immer ungezwungener 
Witz, gemischt mit wahrem Enthusiasmus, an die Art 
Stendhals: „mais avec plus de pittoresque, et, malgre tout, 
de spiritualisme". — Eingehend kritisiert er Heines Briefe 
über Casimir Perier, den er nicht, wie der Dichter, für einen 
grossen Mann hält. Voll Lobes aber ist er für Heine, den 
Kunstkritiker. — Aeusserst interessant nun ist ein Brief Sainte- 
Beuves, der diesem Artikel in den „Premiers Lundis" (Bd. II, 
pag. 258) beigefügt ist. Derselbe ist an Herrn Ch. Berthoud 
in Neuchätel gerichtet, den wir noch als Uebersetzer Heines 
kennen lernen werden, und lautet: 

„Monsieur, 

„J'ai regu les deux volumes de la Correspondance de 
Heine et je les ai aussitöt parcourus avec plaisir. Ils me 
sont parvenus dans un moment, d'ailleurs, oü ce genre de 
lecture facile et variee est tout ce que je puis supporter, etant 
encore fort souffrant d'une Indisposition assez grave. J'ai 
connu autrefois Henri Heine ; il me faisait beaucoup d'amities 
ä la rencontre: il m'est raeme arrive de parier, il y a bien 
longtemps, de ses „Reisebilder" dans la „Revue des deux 
Mondes". II me disait que, comme poete, je ressemblais un 
peu au poete allemand Hoelty. Depuis, nos relations qui n'avaient 
Jamals ete que fortuites, se sont relächees; il est tombe malade 



Gelegentliche Urteile und Aeiissorungen über Heine. 153 



et n'est plus sorti de la chambre. Je crois bien n'avoir pas 
echappe ä quelques-iines des epigrammes qu'il distribuait ä la 
„Gazette d'Augsbourg", aux depens de ses connaissances de 
Paris. II y a bien ä dire sur ce cote peu sür de soii carac- 
tere. Mais c'etait un charmant, parfois divin et souvent dia- 
bolique esprit. Il est fort a la mode en ce raoment chez 
nous. Lui et Musset sont pousses tres haut. Nous vous devrons 
de le mieux connaitre. 

„Agreez etc." 

Wer von den circa 100 Bänden weiss, die die Lebens- 
arbeit dieses Kritikers bilden, wird diesem nicht verübeln, 
wenn er nach 34 Jahren vergessen, dass er über „Franzö- 
sische Zustände" und nicht über die „Reisebilder", und zwar 
im Feuilleton des ,, National" und nicht in der ,, Revue des 
deux Mondes", geschrieben. — Wenn wir nun zwei Stellen 
aus dem „Journal des Goncourt" sowohl der Kritik als auch 
dem Briefe gegenüber stellen, so können wir uns nicht des 
Eindrucks erwehren, dass hier von dem Brüderpaar etwas 
stark aufgetragen wurde; — „qu'ils ont force la note", wie 
der Franzose sagen würde. 

Mais clejä il n'est plus question de Hugo, c'est H. Heine qui 
est sur le tapis. On le voit bien ä la figure de Sainte-Beuve. Gautier 
cliante l'eloge physique du poete allemand et dit que, tout jeune, il 
etait beau comme la beaute meme, avec un nez un peu juif : „C'etait, 
voyez-YOus, Apollon melange de Mephistopheles !" — „Vraiment, dit 
avec colere Sainte-Beuve, je m'etonne de vous entendre parier de 
cet liomme-lä, un miserable qui prenait tout ce qu'il savait de vous 
ponr le mettre dans les gazettes . . . qui a dechire tous ses amis."" — 
„Pardon, lui dit tranquillement Gautier, moi j'ai ete son ami intime 
et j'ai toujours eu a m'en louer. II n'a jamais dit de mal que des 
gens dont il n'estimait pas le talent." 

(„Journal des Goncourt", II, pag. 210.) 

Sur le nom de H. Heine, prononce par Tourgeneff, comme nous 
affirmons tres haut notre admiration pour le poete allemand, Sainte- 
Beuve, qui dit l'avoir beaucoup connu, s'ecrie que c'etait un mise- 



154 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



rable, un coquin, puis, sur le „tolle" general de la table, se tait, se 
dissimulant derriere ses deux mains, qu'il garde sur son visage, tout 
le temps que dure l'eloge. 

Et Beaudry de conter ce joli mot de H. Heine ä son lit de mort : 
Sa femme priant ä ses cotes Dieu de lui pardonner, il interrompt la 
priere en disant : „N'en doute pas, nia chere, il me pardonnera, c'est 
son metier!" (II, pag. 96.) 

Immerhin täuschte sich Heine sehr, was er im Mai 1855 
an seinen Freund Philarete Chasles schrieb : „Die Hauptsache 
ist, von einem Geiste, wie der Ihrige, gewürdigt zu werden, 
von einem der beiden wirklichen Kritiker, welche Frankreich 
besitzt. Der andere, möge es Ihnen nicht missfallen, ist Sainte- 
Beuve, der mir auch einen Nachruf widmen wird, so dass ich 
mich ohne Unruhe begraben lassen kann." ^) 



Ernest Renan 

(1823—1893). 

Aus seinen Werken sind uns keine Anspielungen auf 
Heine, Citate oder Urteile bekannt. Renan verhielt sich — 
nach dem „Journal des Goncourt" wenigstens — schweigend, 
wenn bei Magny Gautier von Heine schwärmte und Sainte- 
Beuve denselben beschimpfte. Dagegen versichert uns Arsene 
Houssaye in seiner citierten Einleitung, dass Renan Heine las 
und bewunderte. 



^) Heinrich Heine in Paris, Neue Briefe etc., siehe oben, pag. 85. 



Gelegentliche Urteile und Aeusserungen über Heine. 155 



J.-J. Weiss') 

(1827—1891). 

j^S'U}' Goethe^ etudes critiques de litterature allemande.^^ 
Avec une preface do Francisciuo Sarcey (1891?). 

In dieser Studiensammlung befindet sich eine Besprechung 
der Heine-Erinnerungen von A. Meissner, die schon im Jahre 
1857 in der „Revue contemporaine" erschienen war. 

Der Hugenotte zeigt sich gleich in den ersten Zeilen : 
„On pourrait intituler ce livre l'agonie de l'athee." — Und 
wenn Weiss auch hinzufügt: „Que M. Meissner se rassure! 
Je ne suis pas un pharisien ; je ne viens pas precher la dam- 
nation ä un pauvre poete qui n'a eu que trop son enfer ici-bas" 
— so wissen wir doch bereits, dass wir mehr vom Moralisten 
als vom Kunstkritiker zu hören bekommen werden. 

„H. Heine n'a point cru; voilä le secret de sa vie si 
cruellement brisee, de son talent profane ou perdu" (pag. 136). 
Inniges Mitleiden durchzieht als Leitmotiv die ganze Skizze. 
Weiss preist den deutschen Poeten und betrauert in ergreifend 
schöner Sprache den unglückseligen Menschen. Von Heines 
Verhältnis zur französischen Litteratur erwähnt er kein Wort. 



') Das Buch (nach dem Tode des Autors publiziert) enthält die bekannte 
Studie über Goethes „Hermann und Dorothea", die J.-J. Weiss im Jahre 1856 
als Doktorthese bei der Pariser Faculte de lettres eingereicht hatte. Die Arbeit 
erregte damals grosses Aufsehen. Statt einer gelehrten, umfangreichen These, 
wie sie heute noch in Frankreich üblich sind, wagte er es, auf kaum siebzig 
kleinen Seiten eine im losen Gewände eines leichten, eleganten Stils ge- 
schriebene These, mit einigen neuen Ideen, aber von äusserst geringem kri- 
tischen Werte, der Sorbonne zu überreichen. Zum Glücke waren die Professoren 
„sous leur cuirasse d'erudition, gens d'esprit", meint Sarcey in seiner Einleitung. 
E. Faguet ist anderer Ansicht und nennt die Studie irgendwo „ouvrage de 
bon ecolier". 



156 H. Heine im Lichte der frcanzösischen Kritik. 



Ferdinand Brunetiere 

(1849). 

Dem geschworenen Feinde aller „Ich "-Dichter konnte ein 
Heine nicht sympathisch sein. Der Kritiker, der den Satz 
aufstellt: „La litterature est impersonnelle, et ce qui est per- 
sonnel n'est pas encore devenu litteraire. Un homme est peu 
de chose, et on ne s'interesse en lui qu'ä ce qu'il a de commun 
avec les autres hommes", *) — kann weder Freund noch Be- 
wunderer unseres Dichters sein — er ist gar nicht im stände, 
die Lyrik Heines zu fassen. Zwar hat er es bei seinen zahl- 
reichen Ausfällen gegen das „moi haissable" — diese wirken 
in dem letzten Werke des Akademikers (l'evolution etc.) ge- 
radezu ermüdend — nie direkt auf Heine abgesehen. Er 
ignoriert überhaupt in seiner Evolutionsgeschichte 
der französischen Lyrik dieses Jahrhunderts den 
Poeten in Heine, seine Stellung zur französischen 
Dichtkunst und dessen Einfluss auf dieselbe 
gänzlich. — Wir müssen also unsere These ohne Hülfe 
und Sanktion der allerhöchsten Kritik verfechten. Wiederholt 
dagegen wird besonders in den letztgenannten Studien der 
Litterarhistoriker und Kritiker Heine erwähnt und citiert, 
so dass wir uns nicht zu täuschen glauben, wenn wir an- 
nehmen, dass Heines französische Studien bei dieser Gelegen- 
heit von Brunetiere einer näheren Betrachtung unterzogen 
wurden. So heisst es oft: „Heine raconte quelque part, H. a 
exprime quelque part — c'est H. au nioins qui nous le dit" — 
etc., und zwar hauptsächlich dort, wo er ihm mit einer geist- 
reichen Bosheit unter die Arme greifen kann. Kurz, Brunetiere 
argumentiert hier nicht selten mit dem, was Heine den Fran- 
zosen gelehrt. 



^) La litterature personnelle. 



Golegentliche Urteile und Aoussorungon über Pleine. 157 

Dass Brunetiere den Autor des „Intermezzo" immerhin unter 
die grössten Dichter dieses Jahrhunderts zählte, wenn auch 
gewiss nicht aus eigener Ueberzeugung und Erkenntnis, lässt 
sich mit verschiedenen Stellen aus seinen Arbeiten belegen. 
„Nul ne fait plus d'estime que nous de Dante et de Petrarque, 
de Byron et de Shelley, de Goethe et Henri Heine, mais ce 
n'est pas une raison de dedaigner Voltaire et Rousseau, Fenelon 
et Bossuet, Pascal et Descartes." ^) 



Hippolyte- Adolphe Taine 

(1828—1893). 

Von ihm wissen wir bloss, dass er (Einleitung zu seiner 
englischen Litteraturgeschichte) einmal Heine in einem Atem- 
zuge mit Musset, Hugo und Lamartine nennt. Möglich ist es, 
dass er sich über unsern Dichter in seiner Schrift über Camille 
Seiden, die uns nicht zugänglich war, ausspricht. 



Jules Lemaitre 

(1853). 

Von diesem so rasch zu Ruhm und Ehre gelangten 
einstigen Professor in Le Ha vre, der in seinen zahlreichen 
kritischen Schriften genaue Kenntnis der Heineschen Werke 
verrät, interessiert uns besonders ein in der „Revue bleue '^ 
(die diesen Kritiker eigenthch entdeckt hat) am 3. Juni 1893 
abgedruckter Brief, den der vielseitige Litterat seiner Zeit an 
den „Intermediaire des chercheurs" ^) gerichtet hatte. Nach- 



^) „Revue des deux Mondes", l*''Decembre 1892. La reforme de Mal- 
herbe et l'evolution des genres. 

2) Es handelt sich um eine „Enquete sur le choix d'une biblioth^que", 
d. h. um die von dieser „Revue" gestellte Frage : „Quels sont les vingt 



158 H. Heine im Lichte der französischen Kritik. 



dem er dieser nämlich eine Liste von zwanzig Büchern mit- 
geteilt, die er für die vollendetsten der Weltlitteratur hält, 
fügt er noch folgenden Kommentar bei: „Sans m'en rendre 
compte, je l'avais dressee non pour moi seul, mais pour le 
public, et j'}^ exprimais des preferences convenables plutöt 
que dHntiines predilections. Or, il ne s'agit pas ici de choisir 
les vingt plus beaux livres qui aient ete ecrits, mais ceux qu'il 
me plairait le plus de passer le reste de ma vie." Und da 
will er gleich die zehn ersten Bücher streichen und an ihre 
Stelle u. a. les poesies d'Henri Heine setzen. — Man braucht 
nur in Lemaitres Gedichtsammlungen (denn er ist nicht nur 
Kritiker und Dramaturg, sondern auch feinsinniger Poet) „Les 
Medaillons" (Lemerre, 1881) und besonders in den „Petites 
Orientales" (1882) zu blättern, um sich zu überzeugen, dass 
ihm Heine nicht nur ein Lieblingsdichter, sondern auch ein 
Vorbild war. 



vohimes que vous choisiriez si vous etiez obliges de passer le reste de votre vie 
avee une bibliotheque reduite ä ce nombre de volumes?" In dieser Zeitschrift 
linden wir, von Paul Massen unterzeichnet, unter dem Titel: „Bibliotheque 
choisie du genre humain", eine Liste, in der Heines „Reisebilder" als drei- 
zehntes Buch figurieren, und zwar zwischen Renans „Dialogues philosophiques" 
und Gautiers „Mademoiselle de Maupin". — Wir bemerken hier beiläufig, dass 
es über diese und ähnliche Fragen eine ganze Litteratur gibt. Man vergleiche 
„Conference de M. Bardoux" („Magasin pittoresque", 1887, Nro. 3, 4, 5). — 
„Fra i libri", von Guiceiardi und de Sarlo. Bologna 1893. In England u. a. 
Perkins „The best Reading". — Ireland, „Books for General Reading". 



Anhang. 159 



Anhang 

Französische Stimmen 
über die Heine-Statue-Polemik in Deutschland 



Unter den zahlreichen Protestationen, die in Prankreich 
gegen den Beschluss der Düsseldorfer Stadtväter und gegen 
die Ansichten ihrer Gesiiniungsgenossen laut wurden — fast 
jegliche Zeitschrift und Zeitung beschäftigte sich mehr oder 
weniger sachlich mit dieser Präge — ist Marcel Pouquiers 
Peuilleton die schärfste und erbittertste; für den deutschen 
Leser eine peinliche Lektüre. Er beginnt den Artikel (in 
„Profils et Portraits^', 1891) mit einer hübschen und in- 
teressanten Anekdote: „Es war während der „Annee terrible", 
kurz nach dem Priedensschluss, Vor den Thoren des be- 
siegten Paris erdröhnte noch das donnernde Geschütz der 
manövrierenden x\rtillerie. Der alte, gebrochene Th. Gautier, 
dem Grabe nahe, und Theodore de Banville spazierten in den 
Trümmern der Tuilerien, auf welche die sinkende Sonne ihre 
letzten Strahlen w^arf. — „L'auteur patriote et superbement 
ironique des „Idylles prussiennes" demanda, a un instant de 
la conversation, au grand artiste qui allait, avec un pittoresque 
si fin et avec une tristesse si profonde, ecrire son dernier 
chef-d'oeuvre, les „Tableaux du Siege", quel rang il attribuait 
ä Henri Heine parmi les poetes contemporains, le „Maitre" 
excepte, bien entendu. Et Gautier repondit sans la moindre 



160 TT. TToino im Lichto der französischen Kritik. 

hesitation : „Mais le premier!"" — Ein solches Urteil über 
einen deutschen Dichter — denn als Deutschen betrachtete 
Gautier seinen Freund stets — in jenen Tagen der Erniedri- 
gung und des Jammers thut der Offenheit und Ehrlichkeit 
des alten Romantikers Ehre an. 

Es folgt hierauf eine leidenschaftliche Kritik der Wider- 
sacher Heines, gegen die Fouquier auf einigen Seiten wütet. 
Seine Hiebe treffen zuweilen, sind oft geistreich, noch öfter 
aber schlägt er blind um sich. 

Auch J. Legras ^) weiss in der „Revue bleue" den Düssel- 
dorfer Aedilen manche Liebenswürdigkeit zu sagen. Es in- 
teressiert uns aber dieser Artikel, weil einige Beiträge be- 
rühmter Franzosen zu dem „Heine-Almanach" , den die 
„Litterarische Gesellschaft Nürnbergs" bald nachher heraus- 
gab (1893), verraten werden. — 

Pauvre Heine, ton seul tort est d'etre ne juif ! 

Charles Gounod. 

La decision du conseil communal de Düsseldorf nous remet 

quelques siecles en arriere ; ces messieurs doivent regretter le Moyen- 

äge et la torture. Pendre riiomme et prendre son bien, tel est la 

ni orale de ce fin de siecle. 

Emile Zola. 

La France qui donna l'hospitalite au vivant, ne la refuserait 
pas au mort! 

Älphonse Daudet. 

Je le considere comme un devoir, non seulement de PAllemagne, 

mais de l'Univers entier, de protester contre Tinfäme barbarie des 

ediles de Düsseldorf. 

Ernest Daudet. 



1) Professor in Bordeaux, Autor der geistreichen, aber etwas taktlosen 
Bücher „L'Athenes de la Spree" (unter dem Anagramm „Luc Gersal") ; taktlos 
deswegen, weil er Leute, deren Gast er gewesen, ziemlich stark mitgenommen. 
VerJJifentlichte inzwischen zwei Artikel über Heine in Paris und einige fran- 
zösische Briefe desselben in der „Deutschen Rundschau". Heft 8 und 10, 1894. 



Anhang. 161 



Je considere Heine comme un des plus grands poetes, non 

seulement de l'Alleniagne et des temps modernes, mais de l'humanite 

entiere et de tous les temps. 

Jean Richepin. 

Wie wir sehen, sind diese Beiträge weder sehr geistreich 
noch ideenneu; einige streifen sogar an BanaHtät. Sehr be- 
zeichnend ist das Bekenntnis Richepins. 

Geradezu eine Blamage für die kunstsinnigen Heraus- 
geber des „Heine-Almanachs" bedeutet das französische Ge- 
dicht: „Les Sphynx du Parc". Aux ediles de Düsseldorf. 

Man weiss nicht, ob es Herrn Kist ■ — so nennt sich der 
Poet — mehr an der Metrik oder an der Grammatik fehlt, 
wenn man einen Vers wie den folgenden zu lesen bekommt: 

„Non! jef^ez le juif sur la rue!" 

Auch der Gedanke ist übrigens aus der Vorrede Gautiers 
entnommen. 



ßetz, Heine in Frankreich. 11 



DRITTER ABSCHNITT 



HEINES KENNTNIS 
DER FRANZÖSISCHEN SPRACHE 



„Mein Geist fühlt sich in Frankreich 
exiliert, in eine fremde Sprache verbannt." 
H. Heine („Gedanken und Einfälle"). 



Erstes Kapitel 

Zeitgenössische Stimmen über Heines 
französische Sprachkenntnisse 



Wir müssen Ed. Grenier entschieden beistimmen^ wenn 
er in seinen Erinnerungen von einer „Heinelegende" *) spricht, 
die will, dass unser Dichter die französische Sprache be- 
herrschte. Er hat recht, weil Heine in Prankreich und be- 
sonders in Deutschland diesen Ruf geniesst, obgleich er durch- 
aus nicht begründet ist. Hüben und drüben wurde aller- 
dings nach und nach bekannt, dass Heine nie sein eigener 
Uebersetzer gewesen, obschon er ja wirklich sich darin ver- 
sucht hat — auch dies zwar nicht in weiteren Kreisen. Dass 
er es aber nicht einmal so weit brachte, nach zwanzigjährigem 
Aufenthalte einen korrekten französischen Brief zu stände 



^) Mit dieser Legende hält es Audebrand, dessen „Petits Memoires" 
(vergleiche Abschnitt II) überhaupt einen legendenhaften Charakter haben. 
Er erzählt uns nämlich (pag. 10) : „Henri Heine etait si richement doue au point 
de vue des ressources du style qu'il pouvait ecrire un meme livre on alle- 
mand, d'abord, et ensuite en francjais, ou bien en francjais d'abord, en alle- 
mand ensuite. Notez que Tun et l'autre etaient toujours du meilleur metal 
litteraire." Und weiter unten citiert er das berühmte Wort Thiers', der, 
wie bekannt, 1850 in einem Freundeskreise die Aeusserung that: „L'homme 
qui, k l'heure ou nous sommes, ecrit le mieux en fran^ais, est un etranger, cet 
etranger est un Allemand et cet Allemand est Henri Heine (nach andern soll 
ihn Thiers als den geistvollsten [le plus spirituel] bezeichnet haben) und fügt 
hinzu : „II parlait d'or, le petit historien. Kien de plus vrai, en effet. L'echappe 
de Düsseldorf faisait de notre langue ce qu'il voulait." 



166 Heines Kenntnis der französischen Sprache. 



zu bringen, haben wir noch nirgends zu lesen bekommen. *) 
Die im folgenden Kapitel zum Teil hier zum erstenmale ver- 
öffentlichte französische Korrespondenz wird uns zeigen, dass 
Heines Orthographie und Stil manches zu wünschen übrig 
Hessen. 

Im Irrtum befindet sich dagegen Grenier, wenn er den 
Leser wiederholt glauben lässt, dass vor ihm noch niemand 
die linguistischen Kenntnisse Heines ins richtige Licht ge- 
stellt habe. Das Gegenteil ist der Fall; denn fast alle, die 
dem Dichter nahe standen, haben schon längst an dieser 
Legende gerüttelt, um sie ebenso wenig zu zertrümmern, wie 
Greniers vermeinthche Enthüllungen es gethan und wie dies 
unsere Auseinandersetzungen thun werden. Die Legende 
wird trotzdem weiter leben — weil sie Heine selbst zur Welt 
gebracht, gepflegt und gehegt hat. 

Gegen das Ende seines Lebens, besonders seinen Deutschen 
gegenüber, hat er gebeichtet, wie fremd ihm eigentlich stets 
die Sprache Frankreichs geblieben. So lesen wir in Alfred 
Meissners „Erinnerungen" (pag. 193) : „Heine hatte trotz seines 
langen Aufenthaltes in Frankreich das Französische nie voll- 
kommen erlernt, wiewohl er alle Feinheiten dieser Sprache 
im Munde anderer zu würdigen wusste. Die Uebersetzungen, 
die er selbst zuwege brachte, litten an einer gewissen Weit- 
schweifigkeit und hatten deutsche Tournüre. „Sie können 
nicht glauben," sagte er, „wie schwer es den Deutschen fällt, 
in diesen abgezirkelten, bestimmten, unverrückbaren Formen 
den deutschen Geist wiederzugeben. Meine eigenen Lieder 
kommen mir in dieser Umbildung ganz fremd vor. Ich 
deutscher Waldvogel, gewohnt seine Wohnung aus dem bun- 
testen und einfachen Material zusammenzubauen — ich niste 
da in der Allongeperücke Voltaires!" 



^) Wir sprechen von Heines Biographieen. 



Zeitgenössische Stimmen. 167 



In „Gedanken und Einfällen" ^) drückt sich Heine fol- 
gendermassen über das Französische aus: „Die französische 
Sprache an sich ist arm, aber die Franzosen wissen alles, 
was sie enthält, in der Konversation auszubeuten, und sie 
sind daher sprachreich in der That." 

In der in seine nachgelassenen Schriften aufgenommenen 
Lebensskizze Loeve-Veimars', von der wir schon gesprochen, 
bekennt er ebenfalls, mit schmeichelhaften Worten für seinen 
ersten Uebersetzer, sein unzureichendes Französisch. Heine 
w^ar allerdings erst kurze Zeit in Paris, als er die Hülfe 
dieses Modelitteraten in Anspruch nahm. Es heisst nämlich 
in jenem biographischen Fragmente u. a. : „Als ich das 
Uebersetzungstalent des seligen Lo^ve-Veimars für verschie- 
dene Artikel benutzte, musste ich bewundern, wie derselbe 
während solcher Kollaborationen mir nie meine Unkenntnis 
der französischen Sprachgewohnheiten oder gar seine lin- 
guistische Ueberlegenheit fühlen Hess. ^) Wenn wir nach 
langstündigem Zusammenarbeiten endlich einen Artikel zu 
Papier gebracht hatten, lobte er meine Vertrautheit mit dem 
Geiste des französischen Idioms so ernsthaft, so scheinbar er- 
staunt, dass ich am Ende wirklich glauben musste, alles selbst 
übersetzt zu haben, um so mehr, da der feine Schmeichler 
sehr oft versicherte, er verstünde das Deutsche nur sehr 
wenig." 

Aber all dies erfuhr die Leserwelt erst nach 1856, als die 
Legende schon feste Wurzeln gefasst hatte. ^) 



^) Ausgabe Elster, Bd. VII, pag. 425. 

2) Dafür nahm er in der „Revue des deux Mondes" den Löwenanteil 
für sich in Anspruch. Vergl. Abschnitt IV. „Uebersetzer". 

^) Es lialf auch nichts, dass die tonangebenden, meist gebrauchten Nach- 
schlagebücher entschieden Stellung gegen dieselbe nahmen. So besonders 
,,Le Grand Dictionnaire universel du XIX° siecle von Pierre Lai'ousse" — mit 
dem schon jeder Pariser Journalist und Litterat gearbeitet; und ebenso die 
„Nouvelle Bibliographie de Firmin Didot freres". Ein Lexikon derselben 
Firma: „Dictionnaire de la conversation et de la lecture", 1861, dagegen 



168 Heines Kenntnis der französischen Sprache. 



Sehen wir uns jetzt nach den Zeugnissen seiner persön- 
lichen Bekannten um. 

Auguste Barbier, der den Dichter 1837 in Boulogne-sur- 
Mer kennen lernte, sagt von seiner französischen Aus- 
sprache : „Sa parole etait empreinte d'un accent germanique 
tres prononce et fort desagreable." Allem Anscheine nach 
hat also Heine die seinem Stamme eigene Gabe der Sprach- 
und Accentassimilation nicht besessen. 

Am interessantesten und lehrreichsten sind die dies- 
bezüglichen Mitteilungen Saint-Rene Taillandiers, ') der schon 
über dreissig Jahre vor Grenier Heine, den französischen 
Schriftsteller, in das richtige Licht gestellt hat. 

Malgre l'opinion contraire tres repandue en France et en Alle- 
magne, Henri Heine n'ecrivait pas notre langue; il la connaissait par- 
faitement, il en appreciait les finesses, les delicatesses, mais il etait 
incapable de construire une phrase elegante et qui ne füt pas em- 
barrassee de germanismes. Ce tissu ferme et souple de la prose pari- 
sienne, il essayait en vain de le deployer avec art; les fils se rompaient 
dans ses mains, et l'image n'apparaissait qu'ä denii sur la trame eni- 
brouillee . . . 

Pag. 148: 

Cetait lä, en effet, une de ses preoccupations les plus vives. II 
craignait qu'une traduction trop fidele, füt-elle meine tres poetique ä 
son gre, ne donnat pas au lecteur frangais une juste idee de ce qu'il 
avait voulu faire. „II y a des choses, nie disait-il, qu'il faut absolu- 
ment transposer au lieu de les traduire.'' Et il ajoutait: „Voyez 



bezeichnet das Französische als Heines zweite Muttersprache. Der aus dem 
Eisass gebürtige Philologe und Litterarhistoriker A. Bessert drückt sich in 
seinem Artikel über Heine in der „Grande Encyclopedie" (Lamirault) wie 
folgt aus: „Henri Heine se prenait-il reellement pour un ecrivain fran(,'.ais, pour 
un successeur de Voltaire, comme l'appelaient complaisamment ses amis? Cela 
est douteux. Son frangais, sans manquer d'allure, a une teinte exotique, 
comme celui de certains vomanciers sidsses.^^ 
^) Ecrivains et poetes modernes, 1861. 



Zeitgenössische Stimmen. 169 



ces strophes; elles ont une couleur legerement chevaleresque et ro- 
mantique; je les ai ecrites dans le ton de Clement Brentano et de 
certaines pieces du „Cor merveilleux" ; qu'ai-je voulu par la? J'ai 
trouve piquant de donner au sentiment que j'exprimais une forme 
gracieuse, mais passee de mode; il m'a plu d'y repandre une teinte 
ä la fois charmante et fanee. Que j'aie eu tort ou raison, c'est une 
autre aifaire, mais voilä ce que j'ai voulu. Or, cette gräce romantique 
(dans le sens allemand), cette gräce romantique et printaniere n'est 
pas hors de mode chez vous comme chez les compatriotes de Bren- 
tano et de Fouque ; eile aurait plutot une certaine fraicheur de nou- 
yeaute que je n'ai pas eu l'intention d'exprimer ici. Au ton roman- 
tique, substituons le ton Pompadour, mettons la nuance Louis XV ä 
la place de la nuance moyen-äge . . / Le fin sourire du poete, au 
moment oü il combinait ainsi ses effets, revelait bien le dilettante 
consomme. 

Pag. 149: 

S'il ne maniait pas notre langue avec elegance et sürete, il savait 
apprecier en maitre les traductions qu'il demandait ä ses confreres. 
C'etait plaisir de l'entendre discuter un mot, proposer un tour de 
phrase, combiner des alliances de termes avec le sentiment le plus 
fin des lois du style et des ruses de la langue. C'etait surtout un 
curieux sujet d'etudes que de le voir ainsi corriger, attenuer, trans- 
poser completement certaines parties de son oeuvre. II en resultait 
quelquefois un remaniement du texte meme. Ses poesies traduites 
sont donc en plusieurs endroits une oeuvre presque nouvelle, et ceux 
qui peuvent les comparer ä l'original y trouveront des indications assez 
curieuses sur les idees que le poete s'etait faites, ä tort ou ä raison, 
du docteur allemand et du public frangais. 

Taillandier citiert noch ein Fragment des Briefes, den 
Heine ihm kurz vor der Veröffentlichung des „Nouveau Prin- 
temps" („Revue des deux Mondes", 15. September 1855) — 
der ohne Namen des Uebersetzers herauskam! — geschrieben.*) 
Der Kritiker will sich mit diesem Schriftstück gegen Anschul- 
digungen, die ihm von deutscher Seite widerfuhren, ver- 
teidigen. 



') Vergl. Correspondance inedite, Bd. III, pag. 424; Levy, 1877. 



170 Heines Kenntnis der französischen Sprache. 



„. . . Votre traduction est magnifique, et mes corrections ne sont 
que des variantes que je vous propose seulement pour y avoir mis 
la main. Ah! qu'il est difficile pour moi d'exprimer nies sentiments 
poetiques allemands! Ma sensiblerie d'outre-Rhin, dans la langue du 
positivisme, est d'un bon sens par trop prosai'que. Croyez-moi, nion 
eher ami, il se trouve tres mal ä son aise, ce pauvre rossignol alle- 
mand qui a fait son nid dans la perruque de M. de Voltaire. 

„Donc ä demain. 

„Votre tout devoue, 

„Henri Heine." 

Wir ersehen aus dem Schlüsse dieses Briefes, dass Heine 
einen geistreichen Einfall auszunützen wusste ! — 

Auch Alexandre Weill hat sich schon 1883 in seinen 
bereits besprochenen „Souvenirs intimes" deutlich über Heines 
Französisch ausgesprochen. Es heisst dort (pag. 96) u. a. : 
„Henri Heine ne savait pas le frangais grammaticalement. II 
ne savait pas faire marcher de pair le subjonctif avec l'indi- 
catif, ni sexuer les participes selon le regime direct ou indi- 
rect . . ." Hier hören wir auch von einem neuen „teinturier". 
„Heine, a ma connaissance, se faisait traduire par un certain 
M. Wolf, pauvre pion, Alsacien mätine d'Auvergnat, et quand 
il ecrivait lui-meme en frangais, il se faisait blanchir, d'abord 
par Gerard de Nerval, une des plumes les plus fines de son 
epoque, puis par un employe de Buloz.^' 

Wir kommen nun zu den Memoiren der „Mouche'', ^) die 
uns über diesen Punkt manche wissenswerte Auskunft gibt. 
Von Heines Ansichten über die französische Sprache erfahren 
wir zunächst folgendes: „— Ma maniere de lire rallemand 
lui plaisait parce qu'il la trouvait naturelle, simple, bien appro- 
priee au genie de la langue qu'il estimait non seulement la 
plus belle, mais la plus harmonieuse du monde. l\ trouvait 
la nötre impropre ä la poesie, plus seche qu'elegante, tout ä 
fait incapable de traduire certaines sensations intimes.'' (Pag. 25.) 



Vergl. Abschnitt II, pag. 122. 



Zeitgenössische Stimmen. 171 

Schon einige seiner kritischen Urteile über berühmte 
französische Kollegen, auf die wir nicht näher eingehen können 
— wir erwähnen nur den Vorwurf, den er den Versen Alfred 
de Mussets macht, sie seien bloss gereimte Prosa — berechtigt 
zu dem Schlüsse, dass Heines französisches Sprachgefühl, das 
ihm alle und mit Recht zusprechen, nicht über gewisse Kennt- 
nisse einiger Feinheiten, oder genauer, Pinessen und Rou- 
tinen des Pariser Konversationsstiles hinausgingen. Jegliches 
gründliche Wissen, das auf ernstem Sprachstudium beruht, 
mangelte ihm. 

Von seiner Unfähigkeit, selbständig zu übersetzen, be- 
richtet Camille Seiden ferner : „Curiosite ou desir de m'associer 
ä ses travaux, il m'entretenait longuement de ses projets de 
traduction. II s'agissait de trouver des expressions frangaises 
ä la fois assez harmonieuses et assez justes pour initier le 
public de la „Revue des deux Mondes'' ä ce chef-d'oeuvre 
qui, sous le titre de „Nouveau Printemps'', peint si bien l'etat 
d'un coeur qui passe des glaces d'un amour refroidi aux delices 
printanieres d'un amour nouveau. II voulait, disait-il, com- 
parer ma version frangaise avec celle de ses traducteurs ordi- 
naires et corriger leur travail sur mon texte.'' (Pag 23.) 

Also nicht weniger als drei — die „Mouche", Taillandier 
und — Heine — arbeiteten an der Uebersetzung des „Neuen 
Frühling" ! 

Noch deutlicher lautete schon eine andere Stelle ihrer 
Erinnerungen : „. . . tantöt il me chargeait d'ecrire les adresses 
des lettres qu'il ecrivait ä sa mere, tantöt de corriger les 
epreuves de l'edition frangaise des „Reisebüder". Täche ardue, 
car je ne m'etais jamais occupee de travaux litteraires; favais 
ä corriger im texte panacM de harharismes et de phrases iji- 
admissihles.^^ 

Grenier nun, wie wir schon angedeutet haben, räumt 
allerdings am energischsten mit der Fabel von Heines selb- 



172 Heines Kenntnis der französischen Sprache. 



ständiger französischer Schriftstellerthätigkeit auf. ^) Dreimal 
wiederholt er es in seinen „Souvenirs litteraires", dass er dies 
mit Absicht thue und dem Bewusstsein, hiermit der allgemein 
verbreiteten Meinung entgegenzutreten (pag. 268) : 

Je vais sans doute etonner bien du monde en Allemagne et en 
France, en ajoutant que, tout en etant un causeur alerte et possedant 
bien des finesses de notre langue, il n'etait pas capable de l'ecrire tout 
seul avec sürete et de maniere ä presenter son oeuvre sans retouches 
devant le pubhc frangais. J'ai re§u bien des lettres et des billets de 
lui: pas un qui ne j^ortät, par quelque faute ou negligerice, la marque 
de son origine efrangere. Et, quant ä ses articles ecrits et parus 
dans la „Revue des deux Mondes", je sais par experience que, bien 
que signes de son noin, ils avaient toujours ete traduits de Tallemand 
en fran^ais par un autre, ou que, s'il avait voulu se charger lui-meme 
de ce travail, cette traduction avait du forcement etre toujours revue 
et corrigee par un ecrivain fran^ais. 

Wie er als junger Mann beim Uebersetzen des „Atta Troll" 
seine liebe Not mit Heine hatte, erzählt Grenier wie folgt 
(ib. pag. 270): 

J'eus des lüttes ä supporter avec l'auteur pour cette traduction 
comme pour les autres. II s'obstinait ä vouloir faire passer dans le 
frangais des audaces de mots, des accouplements etranges que l'alle- 
mand peut se permettre, — car cette langue molle, souple et riche 
se plie ä tout sous la main d'un grand artiste, — mais que la langue 
fran^aise, cette „gueuse fiere", comme on l'a dit, ne peut accepter ä 
aucun prix. Je ne pouvais faire entendre raison ä H. Heine sur ce 
chapitre-lä. II s'en etait fait un Systeme, qu'il a expose dans la pre- 
face de ses „Reisebilder". II pretend que c'est un moyen de rajeunir 
notre langue et d'etendre nos idees; mais, systematique ou naturel, 
ce goüt des alliances de mots bizarres et incompatibles le rendait 
intraitable. II tenait ä ses mots et se cramponnait en desespere. 

Dass Heines französische Rede geistreich, schlagfertig 
und originell war, darüber herrscht nur eine Stimme. ^) Da- 



1) Vergl. Abschnitt II, pag. 129. 

2) Cf. dazu, dass z. B. Balzac in den „Fantaisies de Claudine" (Bruxelles 
1841, pag. 222) Heines geistreichen Ausdruck über die Liebe als „maladie 
secrete du coeur" rühmt. 



1 



Zeitgenössische Stimmen. 173 

gegen blieb ihm Zeit seines Lebens der deutsche Accent und 
zum korrekten Sprechen brachte er es nie; die Sprache floss 
ihm nach zwanzig Jahren französischer Umgebung nicht leichter 
als in der ersten Zeit seines Pariser Aufenthaltes, da Madame 
Jaubert (1835) von seinem Französisch berichtet: „II parlait 
alors le frangais avec quelque difficulte, toutefois exprimant 
sa pensee sous une forme piquante." ^) — Heinrich Laube er- 
zählt eine Anekdote, die für die linguistische Schwerfälligkeit 
Heines charakteristisch ist. -) ,, Tagelang prüfte und fragte er: 
Wie drückt man diesen Begriff, jenes Wort am besten im 
Französischen aus?'' „Ich hab's!" rief er eines Tages, bei mir 
eintretend, — „ich hab's! Les eleves de Charles muss man 
Karlsschüler übersetzen." Mit dieser simplen Entdeckung 
hatte er sich tagelang beschäftigt. — 

Wie sehr Greniers Zeugnis über Heines fehlerhaftes 
Französisch beizustimmen ist, werden besonders diejenigen 
Briefe beweisen, die weder die Korrektur eines Verlegers noch 
einer Freundeshand erfahren haben. Einige zeugen von einer 
orthographischen Flüchtigkeit, die an die Korrespondenzen 
seiner Stammesgenossin Rahel erinnern. Heine besass ent- 
schieden das, was die Franzosen „la bosse de l'orthographe" 
nennen, nicht. 

Heine hat sich verschiedentlich in französischen Neu- 
bildungen versucht. Sie sind ihm alle misslungen, — mit 
Ausnahme einer einzigen, die besser unterblieben wäre. Wäh- 
rend nämhch der Schweizer Eggis dem französischen Sprach- 
schatz das hübsche Wort „ensoleille"^) schenkte, zog von Heines 



^) Souvenir etc., pag. 283. 

2) „Gartenlaube", 1868, pag. 24. 

^) Littre führt dies Wort in dem Supplement seines Dictionnairs an, citiert 
aber bloss zwei Stellen aus Gautiers Werken. Nach Arsene Houssaye hat es 
dieser von Eggis adoptiert. 



174 H(!in(^s Kenntnis dor französischen Sprache. 

Neologismen bloss — „horizontale", als Bezeichnung für eine 
Frauengattung, für die es doch im Französischen — nach 
Louis de Landes „Glossaire erotique" — genug Bezeichnungen 
gab. — Von andern, mehr oder weniger ernstgemeinten Neo- 
logismen Heines seien die Worte erwähnt: „etat de — (droit 
de — ) moribondage"; ferner: „par droit de nativite". In einem 
Briefe an Madame Jaubert (die obigen Ausdrücke finden sich 
ebenfalls in Briefen an seine „petite fee'') heisst es: „Je suis 
enchante de ce que vous me dites de Madame votre fiUe; 
„fa" est jeune et j,retahlissahle^'. 

Nur aus der ausgesprochenen Antipathie Heines gegen die 
französische Verskunst, besonders gegen den Alexandriner, 
ist erklärlich, dass er es fertig gebracht hat, er, der in 
Liedern träumte, fünfundzwanzig Jahre in Paris zu leben, 
ohne einen einzigen französischen Vers zu reimen. Diese 
Thatsache scheint uns zu dem Schlüsse zu berechtigen, dass 
Heine eigenthch nie recht französisch dachte. Die logische 
Folge wäre doch bei einem Vollblutlyriker, wie Heine, ge- 
wesen, dass er dann auch französisch gedichtet hätte, und 
seien es nur Gelegenheitspoesieen. Er selbst aber versichert 
uns launig, dass er eher im stände gewesen, für Frankreich zu 
sterben, als einen französischen Vers zu machen. Ja, er ver- 
mag nicht einmal die französischen Verse anderer korrekt zu 
citieren. So führt er in einem Briefe an seinen Freund 
Christian Sethe zwei Verse aus „Merope" (IL 7) folgender- 
massen an: 



Quand on a tout perdu et qu'on n'a plus d'espoir, 
La vie est une opprobre et la mort un devoir. ^) 

Wenn wir diese Böcke dem deutschen Studenten ver- 



*) Hüfifer, der den Brief citiert, korrigiert die ungenaue Wortwiedergabe 
(Voltaire sagt „quand on", statt wie Fleine ,,et qu'on"); das weibliche „opprobre" 
geniert ihn aber auch nicht. 



i 



I 



Zeitgenössische Stimmen. 175 



zeihen können, so darf der alte Heine auf keine Milderungs- 
gründe zählen, wenn er in seinen Memoiren einen Lieblings- 
vers seines Grossoheims in einer Weise citiert, die jedem 
französischen Ohre weh thut: 

„Oü l'innocence perit, c'est un crime de vivre." 



176 Heines Kenntnis der französischen Sprache. 



Zweites Kapitel 

Einige unretouchierte französische Briefe 

Heines ') 



Es folgen hier einige zum Teil noch unveröffentlichte, 
zum Teil weniger bekannte Briefe Heines, die keine Retouche 
aufweisen und deshalb geeignet sind, den vorangehenden 
Seiten als „pieces justificatives" zu dienen. Wir betrachten 
es nicht als unsere Aufgabe, die hier citierten Briefe einer 
grammatikalischen Untersuchung zu unterziehen. Wir be- 
gnügen uns damit, Fehlerhaftes und Auffallendes (z. B. Argot- 
ausdrücke) durch gesperrten Druck zu markieren. 

Französischer Teil eines Briefes an seinen Freund Ch. Sethe: 

Je n'aurais jamais cru que ces betes qu'on nomine allemands, 
soient une race si ennuyante et malicieuse en memo temps. Aussitot 
que ma sante sera retablie, je quitterai TAllemagne, je passerai en 



^) Wie bereits erwähnt, hat Jules Legras inzwischen in der „Deutschen 
Rundschau" eine Anzahl interessanter französischer Briefe , Entwürfe und 
Uebersetzungen Heines veröffentlicht, wobei er auch auf die Frage von Heines 
französischer Sprachkenntnis zu sprechen kommt. Aus seinen Mitteilungen 
geht hervor, dass sich diese Schätze im Gewahrsam von J. Bourdeau befanden, 
den wir noch als Uebersetzer der Heine-Memoiren kennen lernen werden. 
Diesem seien die Manuskripte von Calmann Levy zur Sichtung übergeben worden. 
Dagegen versicherte uns dieser Verleger noch letzten Herbst, dass er keine^^™. 
französischen Briefe Heines von öffentlichem Interesse habe — ! — Es bleib^^Bj 
das Verdienst des Herrn Legras, mit der Verleumdung, es hätte sich Heine 
durch die Pension, die er von der französischen Regierung annahm, an Louis 
Philippe verkauft, für immer aufgeräumt zu haben. Nach den von ihm neu 
entdeckten Urkunden und der daran geknüpften Beweisführung kann von einer 
„feilen Feder" nicht mehr die Rede sein. 



I 



Einige unretouchiorte französische Briefe Heines. 17^ 

Arabie, j'y menerai une vie pastorale, je serai homme dans toute 
l'etendue du terme, je vivrai parmis des cliameaux qui ne sont pas 
etudiants, je ferrai des vers arabes, heau comme le Morlaccat, enfin 
je serai assi sur le rocher sacre, oü Mödschnun a soupire apres Leila. 
(Hüffer, „Aus dem Leben Heines", 1878.) 



A Monsieur Boccage, artiste du Theatre de la Porte-St-Martin? 

rue de Lancy N" 35. 
Monsieur! ^ 

J'ai re^u votre billet et le Manuscript de la tragedie de Kleist. 
Coinme je vous connais l'äme artiste et que vous n'etes pas vous 
meine auteur dramatique, je suis persuade de la sincerite de 
Vinteret que vous avez montre ä cette occasion et je vous en re- 
mercie. Quant ä Mr. Dumas je ne sais que penser. Lorsque j'ai ete 
le voir pour la premiere fois, il-y-a sept semaines, il ma dit tout 
positivement: „Monsieur Harel aura ce soir entre ses mains la tragedie 
de Henri Kleist", et lorsque je suis alle chez lui une seconde fois, il 
y a dix jours, il m'a dit: „Le Manuscrijjt de la Tragedie est entre 
les mains de Mr. Harel, je vous engage ä voir ä ce sujet Mr. Boccage, 
ä qui je ne pourrais parier moi meine dans ce moment, parce que 
nous sommes brouilles." 

Voyant que Mr. Dumas s'est trompe, et que le Manuscript n'a 
pas ete dans les mains de Mr. Harel du tout, je m'abstiendrai de toute 
nouvelle demarche. La piece fera peut-etre mieux son chemin quand 
eile sera imprimee. 

Agreez, Monsieur, l'assurance de ma plus haute consideration. 
Peut-etre je viendrai encore chez vous pour vous voir avant votre 
depart. Nid homme n'est plus que moi l'admirateur de votre grand 
talent, qui est plus rare que ne s'imaginent les i^oi-disant critiques 
qui ne connaissent que la scene fran§aise : En effet, Monsieur, je suis 
assez vain de croire que la magie de votre voix trouve dans mon 
cceur un echo plus sonnore, que dans d'autres cceurs. Yotre devoue 

Henri Heine. 2) 
Paris le 7 May 1834. 



^) Heine versieht die Anrede stets mit dem unfranzösischen Ausrufungs- 
zeichen. 

^) Von Karl Emil Franzos, in dessen Besitz dieser Brief ist, in „Deutsche 
Dichtung", XI. 1, veröffentlicht und kommentiert. 

Betz, Heine in Frankreich. 12 



178 Heines Kenntnis der französischen Sprache. 

Paris le 11 Mars 1841. 
Mon chh' Renduel! 

Ce n'est pas par negligence que j'ai tarde jusqu'aujourd'hui de 
vous ecrire. Deloye ne s'est pas presse de me donner une reponse 
hrilliante. II public apresent ses livres dans le format de Charpentier 
qui crie qu'on lui prennait son invention et qui criera encore plus fort, 
quand on publiera dans ce format un livre portant le meme titre 
qu'un des siens. Cet incident a donne lieu a des pourparlers assez 
bouffons. En resultat Deloye veut bien faire une edition de mon 
Allemagne dans un volume, en exigeant que j'ote un tiers de l'ouvrage 
et que je le remplage par du nouve^Mcc — ce qui me fait de nouveaux 
frais de traduction. Ma retribution sera de huit sous par volume, 
cependant sur 1000 Exemplaires 250 Ex ne me seront pas comptes. 
On me paye 1000 Ex d'avance, en billets de 100 fr payables dans le 
courant de l'annee et au commencement de l'annee prochaine. — 
Voil<2 aiwesent ce que je vous propose, mon eher Renduel: 

Je vous donne 500 francs argent comptant et je vous promets 
de vous payer encore 300 francs d'ici en trois ans si mon edition de 
1' Allemagne a reussi ou que je me trouve plus riche que dans ce 
moment. Soyez persuade que je ne veux pas vous payer ces 300 fr 
en vaines promesses et que vous ne les perderez dans aucun cas. Je 
suis tres gueux dans ce moment, mais j'ai beaucoup cVavenir de for- 
tune et je ne crois pas manquer d'honneur. 

Si vous acceptez ma proposition, dont je ne doute pas, je vous 
prie de me nommer la personne ä qui je remettrai un billet de Banque 
de 500 francs et qui en retour me delivrera de votre part un ecrit 
formule de maniere ä ne laisser aucun doute sur mon droit de reim- 
primer l'Allemagne. Dans cet ecrit vous ne mentionnez pas la somme 
que je vous paye, car De/?oye n'a pas besoin de savoir qu'elle sert en 
meme temps de m'acquitter aupres de vous d'une dette d'argent.— Quant 
ä cette dette, je vous repete encore une fois que je n'ai pas re§u pour 
100 fr de livres comme vous disiez l'autre jour; je n'ai re§u que 
12 Yolumes ä 2 fr 50 °, et ca fait 30 fs. Cette remarque devient 
oweuse apres l'arrangement que nous fönt aujourd'hui ; eile sert toute- 
fois ä vous montrer que vous ne sacrifiez pas tant que vous imaginiez. 
Cependant cela ne m'empeche pas de vous dire mes remerciments les 
plus sinceres pour le sacrifice que vous faites et qui a toujours une 
assez grande valeur pour moi. Vous etiez toujours plein de bons 



I 



Einige unretouchierte französische Briefe Heines. 179 



procedes ä mon egard et je serais enchante si jamais je troiwerais 
l'occasion de vous en prouver ma reconnaissance. 

Votre ami 

Henri Heine. ^) 



Mon eher Balzac! 

J'ai remis ä Samedi le dtner dont je vous ai ecrit hier. J'ai häte 
de vous en avertir et de repeter avec empressement que je compte 
sur vous. 

Accusez-moi avec deux mots la reception de ces hgnes affin que 
je sois sür que vous les ayez reQues. 

N'oubhez pas de venir Samedi, 14 Janvier, chez 

votre tout devoue 

Henri Heine 

46. faub. Poissonniere. 2) 



i 



Mon eher Gozlan! 

Une dame allemande qui vous a vu l'autre jour cliez moi m'a 
Charge de vous demander quelques lignes pour son Album. Je vous 
l'envoie ci-joint et j'enverrai demain chez vous pour le reprendre. 

Ma femme lit dans ce moment votre Pere-Lachaise ; eile ne fait 
que me parier du matin au soir d'un ChevaZZier de Profundis, d'une 
coquine nommee Mousseline et d'une diablesse de sonnette qu'on en- 
tend ä tout moment. 

Votre tout devoue 

Henri Heine. (!) 
Sawwedi. — (Ohne Jahreszahl.) 

Dieser Brief ist als Facsimile in de Villemessants „L'Auto- 
graphe" vom 1. März 1864 wiedergegeben. Merkwürdig ist 
derselbe wegen der Unterschrift. Die Geduld Heines wurde 
durch die unmöglichsten Formen, die die Franzosen seinem 



^) Das Original ist in unserem Besitze. 

2) Wir verdanken dieses Facsimile der Liebenswürdigkeit des Herrn 
Vicomte de Spoelberch. Dieser gibt als Datum des Billets das Jahr 1843 an. 



180 Heines Kenntnis der französischen Sprache. 

Namen gaben, oft auf eine harte Probe gestellt. Aus Heine 
machten sie „Enne"; mit dem Vornamen zusammengesprochen, 
ergab sich „Enrienne". Von da bis zu dem Kalauer „Un rien" 
war für den Boulevardwitz kein weiter Weg. Heute herrscht 
allgemein die Aussprache: „henri ain". ^) Es half Heine nichts, 
dass er seinen PamiHennamen eine Zeitlang mit einem Accent 
versah. 



1) So wird er auch von dem Societaire der Com^die Fran^aise, Le 
Bargy, im „Gendre de Monsieur Poirier" ausgesprochen (cf. Abschnitt V). 



I 



VIERTER ABSCHNITT 

HEINES 
FRANZÖSISCHE ÜBERSETZER 



II morto Enrico poetava ancora. 

Bernardino Zendrini. 

Astre ä demi voile, l'idee eclate et perce 
Sous le nuag-e gris de la traduction; 
Pour juger de l'etoile, il suffit d'un rayon. 
Theophile Gautier, 



I 



Manchen Unberufenen werden wir in der langen Reihe 
der französischen Heinedolmetscher finden, dafür auch manch 
erfreuHches GeHngen einer schwierigen Aufgabe. Bange war 
uns oft genug, auf Spuren eines plumpen Getrampels in dem 
Blumenbeete seiner Lieder zu stossen, mit anzusehen, wie sie 
mit ungeschickter Hand aus dem reichen Boden ihrer Sprache 
gezerrt wurden. Ein jeder darf es ja ungestraft thun, — 
nur den, der in unserem Gemüsegarten auf Kraut und Rüben 
herumtrampelt, dürfen wir strafen! — 

Wir wollen indessen nicht strenge urteilen — ja, wir 
beabsichtigen das Richten überhaupt auf ein Minimum zu 
beschränken, da eine eingehende ästhetisierende Kritik weder 
unsere Aufgabe sein kann, noch innerhalb unserer Kompetenz 
liegt. Nachsicht ist hier schon deshalb am Platze, weil die 
Schwierigkeiten, die sich bei jeder Nachbildung einstellen, 
bei den Liedern Heines wirklich oft unüberwindHch scheinen, 
zur teilweisen Bewältigung schon bedeutende Talente erfordern. 
Ist doch der musikalische Rhythmus derselben kein zufälliger 
— wir wissen, wie Heine an seinen Versen feilte. Sie sind 
das Resultat einer kunstvollen Arbeit, und das wirklich Kunst- 
volle an ihnen ist gerade, dass sie nicht gekünstelt erscheinen, 
dass sie sich voll natürlicher, ungezwungener Anmut wiegen, 
wie die Elfen und Feen, die sie besingen. Hält sich daher 
der Uebersetzer streng und pedantisch bloss an die Form des 
Originals, so verliert seine Uebersetzung fast immer dessen 
zwanglose Kunst, sie wird eine poesielose Verskopie, die statt 



184 Heines französische Uebersetzer. 

an das Tanzen der Elfen an das Gerumpel eines Lastwagens 
erinnert. Beim entgegengesetzten Verfahren, das sich um 
die Form gar nicht kümmert, und die Idee, wie es gerade 
passt, verkörpert, ist das Resultat kein glücklicheres. Der Ueber- 
setzer, der das französisch klassische Gewand zu zerreissen 
fürchtet, wird das des Fremden zerzausen. 

lieber die so wichtige Uebersetzungsfrage im allgemeinen, 
die sich etwa so formulieren Hesse: „Inwiefern kann ein 
poetisches Werk im fremden Kleide nützen oder schaden, 
gewinnen oder verlieren?" — oder: „Kann man ihm das natür- 
liche Gewand mit einem neuen vertauschen, so dass es im 
neuen ebenso gefällt wie im alten?" — über dies interessante 
Thema ist aus der Feder Kompetenter und Unbefähigter viel 
Tinte geflossen. ^) Die noch zu bewältigende Stoffesfülle ver- 
bietet uns, hier näher auf das pro und contra der Ueber- 
setzungskunst einzugehen. Im Widerspruch mit den meisten, 
die hierüber geschrieben, glauben wir an die Möglichkeit 
guter französischer Uebertragungen deutscher Lyrik, obschon 
auch wir, wie gesagt, für die grossen Schwierigkeiten nicht 
blind sind ; wir glauben daran, weil uns die unten folgende 
Untersuchung den praktischen Beweis geliefert. Ist es dem 
Uebersetzer gelungen, Geist und Stimmung des Originals bei- 
zubehalten, so dass das übertragene Lied analog auf Verstand 
und Gemüt des Fremden einwirkt, so scheint uns der Zweck 
erfüllt. Ein Kunstwerk, eine poetische That aber nennen wir 
die französische Uebersetzung, wenn sie auf den sprachkun- 
digen Deutschen selbst einen dem Original täuschend ähn- 
lichen Eindruck macht. 

Jedenfalls aber sollten alle mehr oder minder berechtigten 
Bedenken der prinzipiellen und gelegentlichen Verkleinerer 



1) Cf. Tycho Momrasen, Die Kunst des Uebersetzens fremdsprachlicher 
Dichtungen ins Deutsche, Frankfurt 1886. — Ebenso: Edmond Scherer, De la 
traduction en vers, Etudes de la litterature contemporaine, Bd. V, 319 ff. u. a. 



Einleitung. 185 



der Uebersetzungslitteratur angesichts der grossen Nützlich- 
keit derselben verstummen. Wir beabsichtigen nicht, hier 
noch Allbekanntes von ihrer hohen Bedeutung für Sprache, 
Litteratur und Wissenschaft zu wiederholen, — am wenigsten 
in der Heimatstadt Bodmers und Breitingers. Jene aber, seien 
es Dichter oder Gelehrte, die so gering von der Nachbildung 
denken, vergassen, was in Prankreich ein Amyot und in 
Deutschland ein Luther durch ihre Uebersetzungsthätigkeit 
für ihr Idiom gethan, wie dort ein Ducis, der doch übel genug 
mit Shakespeare umging, für die französische, hier die Schlegel- 
Tiek für die deutsche Bühne fördernd gewirkt haben. 

In diesem Abschnitte nun handelt es sich um eine chro- 
nologisch geordnete Uebersicht sämtlicher Heineübersetzungen, 
die die französische Litteratur der letzten sechzig Jahre aufzu- 
weisen hat.\) Zweck der Zusammenstellung des grossen Ma- 



1) Es sei uns hier gestattet, über die flüchtige und unzureichende Arbeit 
von Ottiker von Leyk, „Die deutsche Lyrik in der französischen Uebersetzungs- 
litteratur" (Herrigs Archiv, Bd. 71, pag. 49 ff.), kurz zu referieren. Der Autor 
unterschätzt die französische Naclibildung qualitativ und quantitativ. Mit den 
wenigen Namen, die er anführt, ist die Liste der französischen Ilebersetzungs- 
dichter noch lange nicht erschöpft, wie er glaubt. Ja, es fehlen sogar mit die 
besten, so z. B. Amiel und Ristelhuber. 

Auf Seite 52 sagt er : „In mehrfachen Leistungen vertreten sind ausser 
dem eigentlichen Volksliede bloss Goethe, Schiller und Uhland ; Börne, Cha- 
misso, Platen, Lenau, Heine etc. etc., und wenige andere bilden den Schluss." 
Zu den Schlussbildenden, nicht mehrfach Uebersetzten gehört also Heine ! 
In dem gleichen Werke, in dem der Verfasser die Uhland-Uebertragungen 
gefunden hat, hätte er sich eines besseren belehren können. Es hei.sst dort : 
„H. Heine est beaucoup plus celebre en France que les deux poetes dont 
nous venons de parier (der eine ist Uhland!). D'habiles traductions faites sous 
ses yeux l'ont, pour ainsi dire, naturalise chez nous" etc. (Etudes sur l'Alle- 
magne, par Alfred Michiels, Bd. II, pag. 387). Ottiker weiss es aber besser 
und behauptet nochmals am Schlüsse seiner Arbeit : „Von keinem deutschen 
Dichter sind so viele Gedichte übersetzt worden als gerade von dem schwä- 
bischen Sänger." — (Auch Süpfle begeht denselben Fehler.) 

Sehr naiv ist das Staunen des Autors ob der Gewandtheit Schures in 
der Handhabung des Französischen, der doch ein „halber Deutsclier" sei ! 
Bis jetzt ist unseres Wissens keinem eingefallen, sich darüber zu wundern, 



186 Heines französische Uebersetzer. 



terials ist in erster Linie, nachzuweisen, wie sehr die Lieder 
Heines französische Dichter und Dichterhnge von 1830 an 
bis auf den heutigen Tag fesselten und zu Nachbildungen 
begeisterten. Das Resultat dieser Rundschau, dieser reichen 
Blumenlese deutscher Lyrik auf gallischem Boden, dürfte 
nach unserer bescheidenen Meinung ein ebenso lehrreiches 
wie originelles sein. Den geneigten Leser, der nicht a priori 
aller Uebersetzung abhold ist, werden manches schöne Talent, 
manch neuer ungeahnter poetischer Genuss, manch neuer 
iVusblick in ein stilles, verborgenes, aber lohnendes Plätz- 
chen des grossen französischen Dichterwaldes für seine Ge- 
duld reichhch entschädigen. 



dass die Matter, Willtn, Ristelhuber, Erkmann, J. J. Weiss, Edm. About etc. etc. 
französisch schreiben konnten. Unsere Arbeit im allgemeinen und Haupt- 
abschnitt II im besonderen dürften folgende Behauptung Ottikers zur Geniige 
widerlegen : „Goethe ist der einzige deutsche Dichter, mit dem sich die 
französische Kritik eingehender befasst, der einzige, dem sie eine ganze 
Reihe höchst bemerkenswerter litterarischer Erzeugnisse gewidmet hat." — 
Nervals Prosa-Uebersetzungen bezeichnet der Autor als „zwitterhafte Absude". 
(Man vergleiche dagegen über Nerval Abschnitt IV und V.) Der grosse 
Erfolg seiner Prosanachbildung und die Thatsache, dass Heine sich dieselbe 
gefallen Hess, beweisen schon zur Genüge, dass Nervals Uebersetzung nicht 
mit der Bezeichnung „prosaische Totgeburten" abzufertigen ist. 

Von Heine -Uebersetzern und -Verehrern Italiens und Spaniens 
berichten : 

H. Breitinger, Die italienischen Heine Uebersetzer, „Gegenwart", 
7. Juni 1879, und 

Dr. H. Parloiv (Madrid), Die Spanier und Heinrich Heine, „Berliner 
Tageblatt", Juli 1893. 

Strodtmann (Heines Leben und Werke, dritte Auflage, pag. 437) gibt 
eine Liste aller ihm bekannten Uebertragungen. Darunter befinden sich rus- 
sische, japanische, ja auch lateinische und — hebräische Uebersetzungen. 



Baron Fran§ois Loeve-Veimars. 187 



Heines Uebersetzer 



Baron Francois Loöve-Yeimars 

(1801—1854). 

Diese merkwürdige Litteratenfigur der Regierungszeit 
Louis-Philippes ist in gewisser Beziehung die Karikatur 
Heines. Loeve ist der Sohn deutsch-jüdischer Eltern, die 
lange in Hamburg ansässig waren, wo der zukünftige fran- 
zösische Baron sich in seiner Jugend als Kommis bethätigte. 
Er trat dann zum Christentum über, kam nach Paris, wo es 
ihm gelang, durch seine deutsche Sprachkenntnis und mit 
Hülfe zähen Strebertums ein berühmter Mann zu werden. 
Der kürzlich verstorbene Maxime du Camp ^) entwirft ein 
wenig schmeichelhaftes Bild von dem ersten Uebersetzer 
Heines, das ihn uns so ziemlich als litterarischen Glücksritter 
darstellt. Heine selbst hat ihm eine kurze Lebensskizze, voll 
Hebenswürdiger, nirgends verletzender Ironie gewidmet. ^) In 
diesem Fragment, eine seiner letzten Arbeiten, heisst es u. a. : 
„Es war eine sonderbare Marotte von Loeve-Veimars, dass 
derselbe, der das Deutsche ebenso gut verstand, wie ich, den- 
noch allen Leuten versicherte, er verstünde kein Deutsch." 

Als Loeve-Veimars Heine übersetzte (Juni bis De- 
zember 18S2), war er schon eine der bekanntesten Per- 



^) Souvenirs litteraires, Hachette 1892, pag. 287 ff. 
2) Heines Werke, Elsters Ausgabe, Bd. VII, pag. 395. 



188 Heines französische Uebersetzer. 



sönlichkeiten des litterarischen Paris, und zwar durch seine 
Uebertragungen der excentrischen Novellen A. Th. Hoff- 
manns, die er gerade im rechten Momente auftischte. ^) Der 
Erfolg dieser Erzählungen war ein enormer, und für Loeve, 
den Entdecker derselben, fielen noch genug Lorbeeren ab, 
um ihn zum hervorragenden Schriftsteller zu stempeln. 

Loeve-Veimars ist nicht nur der erste Uebersetzer Heines, 
sondern auch der einzige, der sich dieser Aufgabe nicht 
anonym unterzogen. In dem Prospektus der ,,Revue des deux 
Mondes" erscheint er im Gegenteil als Hauptperson. Während 
nämlich der Name Heines in bescheiden kleinen Lettern an 
den Titel angefügt ist, prangt daneben fett gedruckt der 
Loeve-Veimars', und zwar nicht als Uebersetzer, sondern in 
einem Doppelsinn, der uns bei dem eleganten Plagiatkünstler 
gar nicht überrascht. 

Seine fragmentarische Uebersetzung der „Reisebilder" ^) 
ist eine sehr freie. Was ihm nicht passte und zu schwierig 
schien, Hess er einfach weg. Diese Uebertragung bheb auch 
in der Buchausgabe unbenutzt. Schon Joseph Willm ^) hat auf 
einige Ungenauigkeiten hingewiesen und bemerkt: „II a pu 
amuser et interesser, tel qu'il est (der Auszug der „Reise- 
bilder"), mais ce n'est certes pas une traduction exacte." 

An seinen Uebersetzer, der es unter Thiers zum Baron 
und königlichen Generalkonsul brachte, hat Heine sicherhch 
gedacht, als er schrieb: „In der französischen Litteratur 
herrscht jetzt ein ausgebildeter Plagiatismus. Hier hat ein 
Geist die Hand in der Tasche des andern, und das gibt ihnen 
einen gewissen Zusammenhang . . ." etc. ^) 



1) Im Jahre 1825 hatte er sich schon durch Prosaübertragung englischer 
und schottischer Balladen von W. Scott u. a. verdient gemacht. 

2) Vergl. Anhang: Bibliographie. 

^) Nouvelle Revue germanique, Juni 1832, pag. 157. 
4) Ausgabe Elster, Bd. VII, pag. 426. 



Joseph Willm. — A. Specht. 189 



Joseph Willm 

(1790—1852). 

War ein emsig arbeitender elsässischer Litterarhistoriker 
und Philosoph. Seine bedeutendsten Werke sind: „Essai sur 
la Philosophie de Hegel", 1836 — und die dreibändige „His- 
toire de la philosophie allemande depuis Kant jusqu'ä nos 
jours", 1846 — 1847. Dabei war er Leiter und Hauptmit- 
arbeiter der „Nouvelle Revue germanique", ein Unternehmen, 
einzig in seiner Art, das sich ausschliesslich mit deutscher 
Litteratur beschäftigte. In dieser Zeitschrift (1829—1836) er- 
schienen auch zuerst die trefflichen Nachbildungen X. Mar- 
miers aller zeitgenössischen deutschen Dichter. Im Juniheft 
finden wir eine wohlgelungene Uebersetzung der „Teilung 
der Erde" von Auguste Pichon. 

Joseph Willm darf mit Recht der erste kompetente und 
vertrauenswürdige Uebersetzer Heines genannt werden. In 
seiner „Revue germanique" (188 2 , Juni, Juli und Oktober) 
hat er unter dem Titel „Souvenirs de voyage par Henri Heine" 
ausführliche Analysen und Auszüge der „Harzreise" und der 
„Nordsee" veröffentlicht, die ungleich grösseres Verständnis 
des Originals verraten, als die Uebertragung Loeve-Veimars', 
dem er gelegentlich manchen Schnitzer nachweist. In einigen 
einführenden Bemerkungen nennt er Heine einen der Aus- 
erwählten der neuen deutschen Litteratur. 



Ä. Specht 

(t 1874). 

Durch einen Zufall wurde vor ungefähr zehn Jahren 
bekannt, dass auch dieser bescheidene Litterat und Künstler 
unserem Dichter als „teinturier" (Nachhelfer) und Uebersetzer 



190 Heines französische Uebersetzer. 



wesentliche Dienste leistete. Er war es, der die erste Ueber- 
tragung der „Französischen Zustände ^^ für die Ausgabe Ren- 
dueP) (1833) lieferte. Wir lassen dem Entdecker dieser bis jetzt 
unseres Wissens unbekannt gebliebenen Thatsache, P. Ponsin, 
selbst das Wort, der im „Intermediaire" vom 25. Oktober 1882 
(pag. 671) folgendes berichtet: 

Le teinturier de Henri Heine. 

Au commencement de l'annee 1874 mourait a Montdidier, oü il 
s'etait retire, M. A. Specht, ancien chef de bureau a l'administration 
des Postes, chevaHer de la Legion d'honneur, ecrivain, paysagiste et 
musicien. M. Specht cachait sous des dehors modestes un profond 
savoir qui l'avait mis en relation avec les sommites Htteraires et ar- 
tistiques de son temps, parmi lesqiielles je citerai Meyerbeer, Richard 
Wagner, Liszt, le peintre Troyon, qui fut son maitre et son ami, Mery, 
Jules Janin, Buloz, le P. Gratry et enfin M. de Genoude, dont il fut 
longtemps le collaborateur ä la Gazette de France . . . 

M. Specht avait laisse en mourant une bibhotheque assez im- 
portante, dont je fus cliarge par l'executeur testamentaire de rediger 
le catalogue pour la vente publique. En procedant ä ce travail, je 
suis tombe sur un exemplaire du livre de H. Heine, pubhe chez Een- 
duel, en 1833, intitule: De la France, sur le faux titre duquel etait 
ecrite, de la main de M. Specht, une note dans laquelle il declare 
etre Tauteur de cette traduction; particularite litteraire inconnue 
jusqu'ici qui est assez interessante pour qu'on la signale aux Querard s 
futurs. P. Ponsin. 

Ohne diese kleine eigenhändige Notiz also hätten wir nie 
den Namen eines gar nicht unbedeutenden Kameraden, Ueber- 
setzers und sprachlichen Nachhelfers Heines erfahren, den 
dieser selbst sich gehütet zu nennen. Und doch hat die vor- 
zügliche Uebertragung der „Französischen Zustände" den 



^) Vergl. Bibliographie, „De la France". — Dieser Band der Renduel- 
schen Ausgabe erschien 1833 und nicht 1834, wie in Elsters Ausgabe, Band V, 
pag. 491, 7.W. lesen ist. 



I 



Madame Cornu-Lacroix. 191 



Grundstein zu Heines Pariser Berühmtheit gelegt. Die 
Spechtsche Uebertragung wurde auch in die definitive Aus- 
gabe von Levy aufgenommen. ^) 



Madame Cornu-Lacroix 

(Sebastien Albin) 

(1812). 

Ein Patenkind der Königin Hortense und Napoleon III., 
Mademoiselle Lacroix, heiratete den im dritten Kaiserreiche 
bekannten Historienmaler Sebastien-Melchior Cornu und machte 
sich unter dem Pseudonym Sebastien Albin als Schriftstellerin 
einen Namen. Ausser einer Reihe von litterarischen Studien 
in der „Revue independante", „Encyclopedie moderne" etc. 
und dem zweibändigen Werke „Goethe et Bettina" (Paris 1843) 
gab sie im Jahre 1841 die: „Ballades et chants populaires^) 
(anciens et modernes) de I'Allemagne — traduction nouvelle 
par Sebastien Albin" — heraus. — Der einige 400 Seiten 
starken Sammlung von Prosa-Nachbildungen geht eine „Notice 
historique" voraus, die vom Hildebrandlied bis Heine reicht. 



1) Dieser Specht ist derselbe, der in den Jahren 1835, 1836 und 1838 eine 
Anzahl Studien und Rezensionen unter dem Titel „Revue litteraire de I'Alle- 
magne " in der „Revue des deux Mondes" A. Sp. unterzeichnete. In einem 
Vorworte („Revue des deux Mondes", 1. Januar 1835, pag. 78) spricht er von 
einem Plane, diese Serie mit einer allgemeinen Uebersicht des litterarischen 
Deutschland der Gegenwart einzuleiten : „Nous y avons renonce en reflechis- 
sant que le plan adopte par notre collaborateur Henri Heine devait le conduire 
infailliblement ä envisager I'Allemagne moderne egalement sous le rapport 
litteraire, et des lors un travail du meme genre, quoique bien moins complet, 
devait gener sa marche, peut-etre gauchir ses idees, ou lui faire craindre une 
solidarite embarrassante." — Süpfle kennt diesen Vermittler deutschen Geistes 
nicht. 

^) Bei Gosselin, Paris. — Das Buch und die Uebertragungen sind in der 
„Revue de Paris", 1841, von Camille Baxton besprochen. — Süpfle hat sowohl 
dieses Buch als auch das Werk über Goethe, was weniger zu entschuldigen 
ist, gänzlich übersehen. 



192 Heines franzosische Uoboisotzer. 

Bevor wir ein Probestück von diesen Uebersetzungen geben, 
möchten wir aber einige Zeilen citieren, die diese geistvolle 
Dame in die grosse Zahl der französischen Schriftsteller ein- 
reihen, die von einer geistigen Allianz Deutschlands und 
Frankreichs träumen : „L'Allemagne et la France, toujours 
solidaires l'une de l'autre, dont l'une fit la reforme rehgieuse 
et l'autre la reforme politique, marchent maintenant vers le 
meme but, le perfectionnement social; toutes deux elles 
regnent par l'esprit et par la pensee. Et quels que soient les 
obstacles qui puissent accidentellement entraver l'union intime 
des deux pays, il est une volonte providentielle ou une force 
logique des' choses qui finira toujours par faire triompher la 
verite et le droit . . . Toutes deux ont trop appris ä leurs 
depens oü mene l'exaltation aveugle pour la mettre de 
nouveau au Service de calculs haineux et machiavehques." — 
So ein Patenkind Napoleon III. im Jahre 1841 ! — Nach 
einer verständnisvollen Charakteristik Heinescher Dichtung 
folgen einige wortgetreue und in schlichter Sprache gehaltene 
Uebertragungen (pag. 390 ff.)- 

Tu es, comme une fleur, douce, belle et pure ; je te regarde, e 
la melancolie entre en mon äme. 

II nie semble que je devrais poser mes niains sur ta tete, et prier 
Dieu qu'il te conserve toujours douce, belle et pure. 



Alexandre WeilD 

(1813). 

Um „Mathilden" eine Freude zu bereiten, die oft von 
den Gedichten ihres Mannes zu Weill sagte: „si c'est vrai 
que c'est si beau?" brachte er ihr eines Tages — wohl ums 
Jahr 184Ö — folgende Nachdichtung mit: 



^) Vergl. Abschnitt II. 



Alexandre Weill. 19B 

Rassure-toi, ma mie, et sois sans peur! 
II n'est ici ni voleur ni chipeur! 
Cependant, pour qu'un brigand ne t'emporte 
Comnie un bijou, je verrouille la porte. 

L'orage gronde. Entends-tu ce fracas? 
Ah bah! l'hotel ne s'ecroulera pas! 
Pourtant, de peur d'un subit incendie, 
Je vais d'un souffle eteindre la bougie! 

Mais tu n'as rien autour de ton cou blanc, 
Pas de cravate et pas meme un ruban! 
Pour le tenir chaud et fondre sa glace, 
De mes deux bras permets que je Tenlace. 

Er erzählt in seinen „Souvenirs intimes" (pag. 99): „Ma- 
thilde etait enchantee" — worauf sie ihren Gatten gefragt, 
warum er den „petit Weill" nicht seine Lieder übersetzen lasse. 
Und Heine habe geantwortet: „D'abord il ne voudrait pas s'en 
charger. Son plus beau poeme, c'est son mariage ..." Weill 
bemerkt noch, dass er es schliesslich doch auf sich genommen, 
da er schon manche Versuche unter seinen Papieren besass, — 
wenn ihn nicht inzwischen Mathilde mit seinem Freunde über- 
werfen hätte. Denn er, der beider Sprachen mächtig ist — 
die ,,Elsässischen Dorfgeschichten" legen für seine deutsche 
Sprachgewandtheit genügendes Zeugnis ab — , glaubt an 
die Uebersetzungsfähigkeit des Französischen, wie aus nach- 
stehenden Zeilen seiner „Souvenirs" (pag. 97) hervorgeht. 
Heine fragt ihn: „Pourriez-vous traduire mes Lieder? On 
m'a dit qu'ils sont intraduisibles." — Und Weill antwortet: 
„Ce sont d'impuissants cuistres qui disent cela. D'abord, tout 
peut se traduire en frangais, la langue maitresse de l'humanite, 
et ce qui ne saurait se traduire en frangais ne vaut rien en 
aucune langue. II est ä remarquer qu'une oeuvre allemande 
ou anglaise de premier ordre, bien traduite en frangais, gagne 
en clarte et en purete, j'allais dire en sürete, meme aux yeux 
de l'auteur. II se comprend mieux quand il se lit en frangais 

Betz, Heine in Frankreich. 13 



194 Heines französische Uebersetzer. 



qu'en se lisant dans sa langue maternelle. Le Prangais, de 
sa nature, ou plutöt d'instinct, vanne et tamise la matiere 
qu'il travaille, de plus 11 sarcle le sol dans lequel 11 trans- 
plante. II donne l'alr et la lumlere ä toute pensee qu'il 
cultlve. Donc, vos Lieder peuvent etre parfaltement tradults. 
Mais 11 faudralt non seulement connaitre ä fond les deux 
langues, comme une langue maternelle, ce qul ne me feralt 
pas reculer, mals encore etre poete comme v^ous, et sur ce 
point je me recuse ..." 



Edouard Grenier') 

(1819). 

Grenler hat nach seinen eigenen Aussagen Heine Ueber- 
setzungsdlenste zwischen den Jahren 1845 und 1850 geleistet, 
und zwar übertrug er „Lutezla" (Lutece — Lettres de Paris), 
das Fragment „Rabbi Bacharach" und „Atta Troll" („Revue 
des deux Mondes", März 1847). — Von ihm sind auch einige 
Lieder und die Uebersetzung des „Wintermärchens", die nicht 
in der „Revue des deux Mondes" aufgenommen wurden. — 
Seine Uebertragungen sind äusserst treu und sprachgewandt, 
wie es sich bei Grenler von selbst versteht. — 



Maximilian Buchon 

(1818—1869). 

Ein französischer Litterat, der schon vor seinem un- 
freiwilligen Aufenthalte in der Schweiz (Bern) und Deutsch- 
land — er musste nach der Revolution von 1848 fliehen — 
mit deutscher Dichtkunst sympathisierte. Wir haben von 



^) Vergl. Abschnitt ]I und Bibliographie. 



Maximilian Buchon. 195 



ihm als Verfasser einer kleinen, hübschen Broschüre von 
einigen sechzig Seiten zu sprechen, die es bis zur vierten 
Auflage gebracht hat und den Titel trägt: 

,^Poesies allemandes de J.-P. Hebel, Th. Koerner, L. Uliland, 

H. Heine'' 
traduites par Maximilien Buchon. Salins, 1846. 

Die Einleitung lehrt uns gleich, dass wir es hier wieder 
mit einem französisch-deutschen Einigungsschwärmer zu thun 
haben. Er will an den vier Dichtern den Franzosen zeigen, 
wie die Deutschen die Natur (Hebel füllt zwei Drittel des 
Büchleins), das Vaterland, ihre Sagen und Geschichte und 
die Liebe besingen. Ohne Ueberschrift (wie dies bei den 
meisten Uebersetzern der Fall ist) lässt er in buntem Durch- 
einander elf Gedichte Heines folgen. Die Uebertragung ist 
durchweg eine äusserst freie; dafür geht er aber auch frei 
mit dem französischen Vers um, was ihm von der Kritik 
folgendes Lob eingetragen hat: „On ne peut pas reprocher 
ä M. Buchon de pecher par la recherche dans le tour poetique. 
Sa maniere de versifier, au contraire, a quelque chose de 
rugueux et de sauvage qui choque l'oreille, et, s'il est realiste 
par le fond, par la forme, en revanche, il est par trop fantaisiste." 

Als Beispiel führen wir das launige Gedicht an, das ihm 
wohl am besten gelungen sein dürfte: 

Ils avaient avec moi le.s plus nobles fagons, 
Qu'ils saupoudraient toujours de paternes le§ons 
Et ne manquaient jamais de me laisser entendre 
Qu'on me protegerait ... si je savais attendre. 
Mais tout cela n'eüt pas empeche qu'a la fin 
Je n'apprisse, ä mes frais, ce quo c'est que la faim ; 
Si je n'eusse trouve Fappui d'un bien brave komme 
Qui, chose remarquable ! ainsi que moi se nomme. 
Oh! oui, c'est lui, mon coeur s'en souviendra toujours, 
Qui me fournit le pain, durant les mauvais jours; 
Aussi, de l'embrasser, sens-je un besoin extreme. 
Mais impossible ; car cet homme, c'est . . . moi-meme ! 



196 Heines franzosische Uebersetzer, 



Buchon übersetzt weder als Dichter noch als Gelehrter; 
seine Nachbildungen, besonders die von Hebel, sind Arbeiten 
eines verständigen Dilettanten. — 



Gerard de Kervar) 

(Gerard Labrunie) 

(1808—1855). 

Das bezeichnendste Wort für diesen unglücklichen Träumer 
hat Eggis gefunden: „C'est simple comme le genie, poete 
comme l'amour et voyageur comme Thirondelle.'' Ein Traum, 
ein düsterer, aufreibender Traum war diesem berühmtesten 
Uebersetzer Heines und Goethes in Frankreich das kurze 
Leben, und Jenny Colon die böse Fee, jene Operettensängerin 
„cette mangeuse de rosbif qui ne comprenait pas les adorations 
poetiques". So drückt sich verächtlich Arsene Houssaye, sein 
noch lebender Freund, in den „Souvenirs d'antan^' aus („Li?;re" 
1883), in denen er ein rührendes Bild dieses Poeten entwirft. 
SchrofiP tritt hier der Kontrast zwischen Heine und seinem 
französischen Freunde und Dolmetscher zu Tage. Nerval, die 
Herzensgüte, Seeleneinfachheit selbst, ohne Arg und List, 
naiv bis zur Kindlichkeit, und Heine, der den Verdacht hegt, 
er eskamotiere ihm seine Gedanken ! 

„Gerard etait charmant: la douceur de la colombe et la 
legerete du nuage. On etait pris du premier coup ä ses yeux 
qui etaient son äme, ä sa voix qui etait son coeur . . ." 

Denselben zweifelhaften Geschmack, den Maxime du 
Camp in den ,,Souvenirs litteraires'^ seiuem intimsten Jugend- 
freunde Flaubert gegenüber zeigte, bewies er auch da, wo 
er mit widerwärtiger Detailmalerei die traurige Geschichte 
der Geisteskrankheit Nervals erzählt. Uns interessiert hier 
nur, was er uns von Gautiers Erinnerungen wiederholt. Als 



1) Vergl. Abschnitt II und V. 



Gerard de Nerval. 197 



Nerval nämlich erfahren, dass die Colon, an die er sein ganzes 
kleines Vermögen mit Blumen vergeudet hatte, gar nichts von 
seiner stummen Liebe gewusst habe, erwiderte er dem guten 
,,Theo", der ihm hierüber Vorstellungen machte : „A quoi cela 
aurait-il servi qu'elle m'aimät?" — Und, erzählt Gautier weiter: 
„ — puis il recita en allemand la Strophe de Henri Heine: „Celui 
qui aime sans espoir pour la seconde fois est un fou; moi 
je suis fou. Le ciel, le soleil, les etoiles en rient. Moi aussi 
j'en ris, j'en ris et j'en meurs!" 

Wie sehr Nerval mit Heineschen Liedern imprägniert, 
wie sehr dessen Lyrik seinem zerfahrenen inneren Wesen 
verwandt und —- verderblich war, so dass sich seine Ge- 
fühle von selbst in Nachbildungen unseres Dichters äusserten 
und erleichterten, geht aus folgender Stelle der genannten 
Erinnerungsblätter Arsene Houssayes hervor (pag. 43): 

Je vis un matin arriver Gerard, les yeux rougis par les larmes. 
C'etait au plus beau temps de sa passion pour Jenny Colon, dont il 
aimait jusqu'au nez en virgule.Elle ne le trompait que deux ou trois fois 
par semaine ; eile menagait de le tromper tous les jours. Devani cette 
colonisation il etait desespere, mäis silencieux, car il l'aimait trop pour 
l'accuser. A la fin pourtant, en maniere de reponse ä mes questions, 
il ecrivit d'une niain fievreuse ces trois ballades de Henri Heine; 

Matiere ä chanson. 

„Sur les beaux yeux de ma maitresse, j'ai compose les plus helles 
canzones; sur la petite bouche de ma maitresse, j'ai compose les meil- 
leurs tercets ; sur les joues savoureuses de ma maitresse, j'ai compose 
les plus magnifiques stanccs. 

Et si ma maitresse avait un coeur, je voudrais composer sur lui 
un tres beau sonnet; mais je ne ferai jamais ce sonnet-la!" 

N'est-ce pas, me dit-il avec desespoir, que c'est une belle matiere 
ä chanson ! 

Le Chevalier blesse. 

„Je sais une vieille hailade, qui resonne luguhre et sombre : un 
Chevalier portait au coeur une blessure d'amour; mais celle qu'il aimait 
trahit sa foi. 



198 Heines französische Uebersetzer. 



II lui fallut donc mepriser comme deloyale la dame si chere ä 
son coeur; il lui fallut donc rougir de son amour. 

Fidele aux lois clievaleresques, il descendit dans la lice et defia 
les Chevaliers au combat: — Que celui-lä s'apprete ä combattre qui 
accusera ma dame d'avoir entache son hermine! 

Personne ne repondit ä ces paroles, personne — excepte son 
coeur. — Ce fut donc contre son cceur qu'il pointa le fer de sa lance." 

— Ah ! si vous saviez, me dit-il en portant la main ä son coeur, 
combien j'ai lä de blessures! 

Lärmes et serpents. 

„Oui, c'est bien ici qu'en des jours de confiance insensee je crus, 
pour mon malheur, ä tes serments d'amour eternel : ä la place meme oü 
jadis ont coule tes larmes hypocrites, aujourd'hui sifflent des serpents." 

Hier mag auch noch eine Seite aus denselben Memoiren 
Platz finden, wo das Verhältnis zwischen Heine und Nerval 
äusserst charakteristisch und pittoresk dargestellt ist und wir 
zugleich von den Sprachkenntnissen des Letzteren Auskunft 
erhalten (pag. 121, 22): 

„Ce qui a manque ä Gerard, ce ne sont pas les amities — ni les 
amours — c'est la femme. Vae soll. — Malheur ä l'homme seul! a 
dit l'Ecriture. Son ami H. Heine avait compris cette grande parole. 

Un matin, il m'a prie de l'accompagner chez Henri Heine pour 
n'etre pas trop mal venu. „Voyez-vous, me dit-il, je suis si en retard 
pour mes traductions qu'il va ne faire de moi que deux bouchees." 
Nous avons trouve H. Heine couche. Comme toujours, Juliette — la 
Juliette de ce Romeo — chantait comme une fauvette dans la chambre 
voisine. H. Heine accueiUit Gerard sans rancune. „Apres tout, dit-il, 
que me fönt mes ballades quand j'entends chanter Juhette?" — „Je 
croyais que c'etait un rossignol," dit Gerard. — „Un rossignol, je le 
ferais fricasser pour mon dejeuner. C'est une fauvette qui cliante." — 

„Vous avez bien raison, dis-je ä Heine, le rossignol est un vieux 
chche; il n'y a que les fauvettes pour avoir des inspirations." — „Avez- 
vous remarque, me dit Heine, comme la voix d'une femme est tour 
ä tour un rayon de soleil ou le parfum d'un bouquet ? Quand Juliette 
ne cliante pas, il me s^emble que le soleil se caclie et que je ne respire 
plus le printemps. Je suis si mal dans mon ht! Oh destinee! Qui 
donc m'a condamne ä ce rocher, moi qui ne suis pas Promethee!" 



i 



Gerard de Nerval. 199 



Le poete railleur se retournait dans son lit sans jamais trouver 
le bon cote. „Ah! que Gerard est lieureux, reprit-il, il est toujours 
par quatre chemins, Voila pourquoi il me traduit si mal." — „Je crois 
bien, dit Gerard, il n'y a qu'un liomme capable de vous traduire, c'est 
vous-meme." — „Dites tout de suite que vous ne savez ni rallemand, 
ni le frangais." 

La verite, c'est que Gerard ne savait plus le fran^ais dans ses 
jours troubles et n'avait jamais bien su l'allemand. „Tenez, mon eher 
Gerard, il faut faire comme moi : j'ai epouse une FranQaise qui m'a appris 
le frangais; epousez une Allemande qui vous apprendra l'allemand." 
Gerard avait horreur de toutes les prisons, il avait la terreur du ma- 
nage. „On ne trouve pas toujours une Juliette, (üt-il pour flatter 
H. Heine, yeux noirs, dents blanches et le reste." ~ „Le reste! s'ecria 
H. Heine, que diable voulez-vous que j'en fasse ? La pauvre JuHette 
en est reduite ä chanter toujours sur le balcon." 

On sait que Henri Heine avait epouse sa maitresse. La pauvre 
fiUe, il l'avait epousee bien moins pour eile que pour lui, quand dejä 
la paralysie le frappa. Ce fut une soeur de charite au ht d'un mourant, 
un mourant qui ne mourait pas. C'est l'histoire d'Aubryet, mais Aubryet 
n'eut pas une Juliette pour embaumer sa tombe vivante. Heine disait: 
„Savez-vous pourquoi vous me retrouvez encore? C'est que JuHette 
me retient des deux mains; eile m'aime tel que, quand j'en suis ä 
mon dernier soupir, eile pleure si bien que je ressuscite pour boire 
ses larmes." 

Juliette etait une ci-devant ouvriere qui n'avait aucun sentiment 
de la litterature, qui aimait Heine pour sa poesie sans y rien com- 
prendre. N'est-ce pas bien lä le caractere de la femme? 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass Werther, Faust, A. Th. 
Hoffmann, Bürger, für das schlecht equilibrierte Gehirn Nervals 
eine gefährliche Geisteskost bildeten. Allein der Keim einer 
krankhaften Mystik lag schon in ihm und es heisst zu weit 
gehen, wie dies von Paul de Saint- Victor in der Einleitung 
zu der „Boheme galante" und von andern geschehen ist, den 
Freund Heines als ein Opfer deutscher Phantastik und Philo- 
sophie hinzustellen, seinen Wahnsinn Deutschland, „le pays 
des hallucinations de l'intelligence", in die Schuhe zu schieben. 
Ein Stück Wahrheit liegt allerdings in diesem Glauben ; denn 
für einen französischen Dichterkopf, der nicht stark und sicher 



200 Heines französische üebersetzei 



denkt, ist das Vertiefen in anglo-gerraanisches Geistesgewebe 
ein Wagnis. Noch ein anderer Bewunderer Heines und Ner- 
vals, Baudelaire, ist ihm unterlegen. 

Alex. Weill lässt Heine sagen (Souvenirs intimes, pag. lOOj : 
„J'ai bien aide Gerard, mais il est trop classique et il ne 
sait pas bien l'allemand." Im ersten Punkt scheint Heine zu 
irren, denn wäre Nerval so klassisch gewesen, so hätte er es 
sich nicht nehmen lassen, den Alexandriner bei der Nach- 
dichtung zu benützen. Dass er sich der Prosa bediente, ist der 
beste Beweis, dass er nicht klassisch dachte und empfand. 

Nerval hat bekanntlich schon 1830 unter dem Titel 
„Poesies allemandes" eine Reihe von Gedichten Bürgers, 
Uhlands, Schillers etc. übersetzt. Heine ist in dieser Samm- 
lung unseres Wissens noch nicht vertreten. 

Die deutsche Kritik hat für die erste „Intermezzo "-Ueber- 
tragung ein durchw^eg ablehnendes Urteil. Wenn sie damit 
sagen will, dass bei der Nervalschen Uebersetzungsweise etwas 
Anderes herausgekommen ist als das Original, so hat sie Recht; 
wenn sie aber behauptet, dass dies Andere bloss ein farbloser 
Abklatsch der Lieder Heines darstelle, so ist sie im Irrtum, 
denn der Prosanachbildung wohnt ein eigentümlicher Zauber 
inne, der nicht umsonst die Franzosen fesselte und, wie wir 
später sehen werden. Schule machte. Nerval hat es eben 
verstanden, das Bestrickende der Heineschen Lyrik durch die 
einfachsten, aber gerade deswegen für den französischen 
Dichter schwierigsten Mittel in die Prosa hinüberzuretten. 
Er wusste wohl, warum er auf eine getreue Uebertragung der 
Strophenarchitektonik Heines verzichtete. Eine genaue Reim- 
und Rhythmus-Nachahmung war damals noch unmöglich; ein 
solches Unternehmen hätte Fiasco gemacht. Durch seine 
musterhafte Prosa, in der er musikalischen Schmelz und eine 
gewisse Herzensmystik hineinzulegen verstand, ward dem 
Dichter und dem Dolmetscher ein durchschlagender Erfolg 
gesichert. 



Gerard de Nerval. 201 

Da die französische Kritik gewöhnlich die „Nordsee-Ueber- 
tragungen" als die gelungensten bezeichnet, geben wir aus 
diesem Cyklus einige kurze Proben. Wem irgend ein „Poeme 
en prose" der modernen Symbolisten oder die Werke Stephane 
Malarmes zur Hand sind, der mag sich von der frappanten x\n- 
lehnung an diese Modelle selbst überzeugen (pag. 130) : 

Le calme. 

La mer est calme. Le soleil reflete ses rayons dans l'eau, et 
sur la surface onduleuse et argentee le navire trace des sillons d'eme- 
raude. 

Le pilote est couche sur le ventre, pres du gouvernail, et ronfle 
legerement. Pres du grand mat, raccommodant des volles, est accroupi 
le mousse goudronne. 

Sa rougeur perce ä travers la crasse de ses joues, sa large bouclie 
est agitee de tressaillements nerveux, et il regarde gä et lä tristement 
avec ses grands, beaux yeux. 

Car le capitaine se tient devant lui, tempete et jure et le traite 
de voleur: „Coquin! tu m'as vole un hareng dans le tonneau!" 

La mer est calme. Un petit poisson monte a la surface de l'onde, 
chauffe sa petite tete au soleil et remue joyeusement l'eau avec sa 
petite queue. 

Cependant, du haut des airs, la mouette fond sur le petit pois- 
son, et, sa proie fretillante dans son bec, s'eleve et plane dans l'azur 
du ciel. 

Questions. 

Au bord de la mer, au bord de la mer deserte et nocturne, se 
tient un jeune liomme, la poitrine pleine de doute, et d'un air morne 
il dit aux flots : 

„Oll! expliquez-moi l'enigme de la vie, la douloureuse et vieille 
enigme qui a tourmente tant de tetes: tetes coiffees de mitres hiero- 
glypliiques, tetes en turbans et en bonnets carres, tetes ä perruques 
et mille autres pauvres et bouillantes tetes liumaines. Dites-moi ce 
que signifie l'homme ? d'oü il vient? oü il va? qui habite lä-haut au- 
dessus des etoiles dorees?" 

Les flots murmurent leur eternel murmure, le vent souffle, les 
nuages fuient, les etoiles scintillent, froides et indifferentes, — et un 
fou attend une reponse. 



202 Heines französische Uebersetzer. 



Alfred Michiels *) 

(1813-1892). 

Ein sprachkundiger, vielseitig gebildeter und besonders 
als Vermittler deutscher Geisteskultur sehr verdienter Lit- 
terat, — aber kein Dichter. Wir können die Poesie der Prosa 
Nervals nicht deutlicher nachweisen als durch die Prosa der 
Poesie Michiels. 

Die folgende Uebersetzung der „Grenadiere" — mit Aus- 
nahme der letzten Strophen herzlich unbedeutend — befindet 
sich in dem Bande: „Etudes sur l'Allemagne'^, 1850 (erste 
Ausgabe 1839, zweite 1845), pag. 402: 

Les deux grenadiers. 

Deux grenadiers frangais revenaient de ßussie; 
Oubliant leur defaite et leur captivite, 
Ils songeaient au bonheur de revoir leur patrie, 
De revoir ses coteaux et son ciel enchante. 

Mais soudain retentit une affreuse nouvelle: 
„La France de ce coup ne guerira jamais, 
„Les Prussiens ont battu son armee immortelle, 
„L'empereur, l'empereur est aux mains des Anglais." 

Et tous les deux, le front penclie sur leur poitrine, 
Ainsi que des enfants se mirent ä pleurer. 
„France!" murmura l'un, „ta chute est ma ruine; 
„Ma cicatrice saigne et je vais expirer." 

„Ami," repondit l'autre, „il me faut du courage: 
„Je ne puis, comme toi, me soustraire au malheur; 
„J'ai ma femme ä nourrir, j'ai deux fils en bas äge; 
„Ils mourront de besoin si je meurs de douleur." 

„Eh que m'importe ä moi tes enfants et ta femme? 
„Laisse-les mendier s'ils ont faim, laisse-les. 
„Un chagrin plus amere empoisonne mon äme: 
„L'empereur, l'empereur est aux mains des Anglais." 



1) Vergl. Abschnitt II. 



I 



Alfred Micliiels. 203 



„Frere, ne trahis pas ma derniere esperanco ; 
„Lorsque, dans un instant, tu m'auras vu niourir, 
„Fais transporter mon corps sous le ciel de la France, 
„Qu'au sein de mon pays je puisse au moins dormir. 

„Proniets-moi d'attaclier ma croix sur ma poitrine 
„Et de m'ensevelir ainsi dans ma fierte. 
„Entre mes froides mains place ma carabine, 
„Et que mon sabre aussi repose ä mon cote. 

„Comme une sentinelle aux faites des murailles, 
„Du sein de mon tombeau j'ecouterai toujours, 
„Et si j'entends gronder le canon des batailles 
„Et les chevaux liennir, ainsi qu'aux anciens jours; 

„Si notre general, qui maintenant succombe, 
„Passe au-dessus de moi, le front triste et reveur, 
„On me verra sortir tout arme de ma tombe 
„Pour saluer, pour defendre et sauver l'empereur!" 



Hicolas Martin 

(1814-1877). 

Geburt, Verwandtschaft — er ist Schwestersohn Karl 
limrocks — Erziehung und Neigung, alles hatte den begabten 
iitteraten und Dichter dazu bestimmt, ein hervorragender 

[Geistesvermittler der beiden Völker zu werden. Seine hohe, 
iber undankbare Mission hat er nach Kräften erfüllt, — seine 

[Stimme jedoch verhallte — wie die Börnes — im blinden 

[Gewirre des Nationalkampfes. 

Innerhalb der französischen Dichtergruppe wurde er als 

iPoet von der Kritik in die sogenannte „ecole fantaisiste" ein- 

igereiht, zu der noch u. a. Arsene Houssaye, Murger, Boyer etc. 

[gerechnet werden. Marc-Monnier ") sagt von ihm: — „celui 



^) „Les poetes", Bibliotlieque universelle, Mai 1856. 



204 Heines französische Uebersetzer. 



que j'aime le mieux, parmi ces poetes elegants, est M. Nicolas 
Martin qui se distingue par im air de franchise et de sincerite 
flaraande/^ — 

Sein Buch „Les poetes contemporains en Allemagne" 
ist die Frucht einer Htterarischen Mission in Deutschland, die 
er 1846 im Auftrage des Ministers de Salvandy unternommen 
hatte. Wie intakt er sich seinen nationalen Dualismus, das 
freie Urteil und den Mut seiner Ueberzeugung zu bewahren 
wusste, geht aus einer Stelle — wir könnten noch hundert 
andere eitleren — seiner Autobiographie hervor („Auto- 
biographie printaniere"), der ein Band Gedichte — „Poesies de 
Nicolas Martin", 4^ edition, Paris 1867 — vorausgeht. „Com- 
ment suis-je devenu un poete, un poete allemand pour un quart, 
flamand pour un autre quart, et frangais pour le reste? Je 
pourrais commencer ma reponse par ce vers: 

„Fils de mere allemande et de pere frangais"; 
et la finir en disant que mon enfance et ma premiere jeunesse 
se sont passees dans les Flandres. Comme il arrive presque 
toujours aux fils, je gardai surtout Vempreinte maternelle. Je 
la gardai dans la vigueur du corps, dans la sante physique 
comme dans la serenite de l'esprit, cette sante de l'äme ..." 

Nicht gerade schmeichelhaft für Frankreich, dem er ,,par 
le reste" angehört. In diesem Falle kann man schwerlich 
von „beaux restes" reden. — Fügen wir noch einen Vers 
aus der gleichen Liedersammlung hinzu, so haben wir immer- 
hin eine Erklärung für die Thatsache, dass das Exemplar der 
Bibliotheque nationale in Paris — unaufgeschnitten in unsere 
Hände gelangte. Sein „A TAllemagne" betiteltes Lied beginnt 
nämlich : 

A l'AIlemagne. 

Allemagne, AUemagne, oh! mon coeur est ä toi, 
Terre de l'esperance et de l'antique foi, 
Terre des simples coeurs, 6 naive patrie 
De la grave science et de la reverie! 



i 



Nicolas Martin. 205 



Terre de souvenir et de fidelite, 

Abri ouvert toujours a Fhospitalite, 

Valion mysterieux oü les fleurs et les femmes 

Ont les plus doux parfums et les plus vierges ämes, 

Oü l'austere devoir jamais ne parle en vain, 

Oü l'art est encor roi, l'amour encor divin, 

La musique encor soeur des harpes seraphiques, 

Et tout beau front orne de ses gräces pudiques, 

Terre de l'esperance et de l'antique foi, 

Allemagne, Allemagne, oh! mon cceur est ä toi. 

Sainte-Beuve hatte diese' Verse noch nicht zu Gesichte 
bekommen, als er in den „Causeries du Lundi" von ihm sagte: 
„Nicolas Martin mele ä son inspiration frangaise une veine 
de poesie allemande. II a un sentiment domestique et naturel 
qui lui est familier, et Ton croirait qu'il a eu quelque 
Sylphide des bords du Rhin pour marraine." — 

Der Einleitung des genannten Werkes „Les poetes con- 
temporains" — sie ist an Karl Gödeke gerichtet — entnehmen 
wir folgende Stelle, die uns den tiefen Eindruck fühlen lässt, 
den Heine auf Martin gemacht hat (pag. 6) : 

„Comment n'aurions-nous pas parle particulierement de Heine, 
puisque Favant-veille je murmurais ses vers sur le pont du Rhin ä 
Düsseldorf? Helas! ce vif esprit, qui vient de s'eteindre si vaillant 
encore, etait alors dans toute sa force ! Sur ma demande, vous vou- 
lütes bien me hre d'une voix emue et vibrante sa bailade des Deux 
Grenadiers. Entre un Frangais et un AUemand, sympathiquement en- 
traines l'un vers l'autre, le genie de Heine etait le naturel trait d'union. 
Ce genie mele de reveries et d'action est la plus habile, la plus spon- 
tanee fusion de nos deux nationalites. Heine, c'est le cceur diaboli- 
quement embrasse de Faust, que rafraichit et rachete incessamment 
une lärme de Marguerite. Cette larme-lä lui fera pardonner bien des 
ricanements. 

In demselben Bande sind auch seine Prosaübertragungen 

leutscher Lieder aufgenommen. Diese waren schon vereinzelt 

in der „Revue de Paris" (zwischen 1840 und 1850) erschienen 

und später zusammen in „France et Allemagne", 1852. — 



206 Heines französische tJebersetzer. 



Heine ist etwa mit einem Dutzend Uebertragungen vertreten. 
Ohne das Gepräge der duftenden Prosa-Poesie Nervals zu 
tragen, schmiegen sich dennoch seine Nachbildungen in prunk- 
loser Sprache dem Geiste des Originals an. Wir lassen als 
Probe das bekannte Sonett Heines an seine Mutter folgen: 

A ma mere. 
I. 

Je suis habitue ä porter tres haut la tete ; mon esprit lui-meme 
est un peu raide et rebelle; si le roi en personne me regardait en 
face, il ne me ferait pas baisser les yeux. 

Et pourtant, chere mere, je le dirai franchement, mon orgueil a 
beau se gonfler et se guinder ä l'independance, souvent en ta douce 
et sainte presence, une crainte respectueuse me saisit. 

Est-ce ton esprit qui me dompte en secret, ton esprit superieur 
qui penetre tout avec hardiesse, et s'eleve d'une aile lumineuse jus- 
qu'aux Celestes hauteurs? 

Ou suis-je ecrase par le souvenir des chagrins dont j'ai rempli 
ton coeur, ce noble et tendre coeur qui m'a tant aime? 

II. 

Seduit par un reve insense, je t'ai quittee autrefois; je voulais 
aller jusqu'au beut du monde, et je voulais voir si je trouverais l'amour, 
impatient de l'embrasser d'une etreinte ardente. 

J'allais donc, cherchant l'amour dans toutes les rues; j'etendais 
des mains suppliantes devant chaque porte et je mendiais un peu 
d'amour. — Mais partout on m'accueillait avec un sourire moqueur 
et je ne recoltais que la liaine. 

Et je m'egarais de plus en plus ä la recherche de l'amour, tou- 
jours de l'amour; mais cet amour, helas! je ne le trouvais Jamals, et 
je revins sous le toit paternel, l'äme et le corps malades. 

Mais, au moment oü j'allais franchir le seuil, tu t'elangas ä ma 
rencontre, chere mere! et, ce qu'alors je vis briller dans tes yeux, ah! 
c'etait cet amour, ce doux et profond amour si longtemps cherche! 



Saint-Rene Taillandier. 207 



Saint-Rene Taillandier 

(1817—1879). 

Mit diesem Uebersetzer Heines ist die Kritik übel um- 
gegangen und zum grossen Teil nicht ohne gerechten Grund. 
ZAvischen 1851 und 1855 veröffentlichte er, meistens anonym, 
in der „Revue des deux Mondes" : „Romancero, Mephistophela 
et la Legende de Paust", „Le Retour", „Le Livre de Lazare" 
und „Nouveau Printemps". — Fast alle diese Uebertragungen, 
die noch unter der Aufsicht Heines zu stände kamen, sind 
in der definitiven Ausgabe von Levy aufgenommen worden. 
— Schon Mitte der fünfziger Jahre, noch zu Lebzeiten Heines, 
nimmt Ad. Stahr die Uebersetzungsweise Taillandiers arg mit, 
indem er u. a. behauptet, dieser habe nicht nur die Lieder 
Heines entstellt, sondern auch an vielen Stellen die kecken 
und originellen Einfälle mit abgeblassten, banalen Phrasen 
umschrieben, als ob sich der französische Geschmack gegen 
derlei Kühnheiten sträube. Taillandier wehrt sich gegen diese 
Kritik in einem P. S. vom März 1861 ausführlich und in 
scharfer Weise, und beginnt seine Erwiderung mit einem 
Brieffragmente Heines, in dem seiner Uebersetzungsthätigkeit 
volles Lob gespendet wird. ^) 

Heine hatte schon zuvor die Uebersetzung, des Lieder- 
cyklus „Lazarus" (Lamentationen) eine vortreffliche genannt. 
Allein wir finden in seinen Schriften genug Anhaltspunkte, 
die uns zu dem Schlüsse berechtigen, dass der totkranke 
Dichter sich diese Uebertragungen „faute de mieux" eben 
gefallen lassen musste. Das bekannte Wort „Lune empaillee" 
wird wohl seine innerste Ueberzeugung über den dichterischen 
Wert der Uebersetzungen Taillandiers gewesen sein, der 



^) Vergl. Abschnitt V und für seine verschiedenen Uebersetzungen 
Bibliographie. 

2) Vergl. Abschnitt III, p. 170. 



208 Heines französische Uebersetzer. 



sich dieser Aufgabe in uneigennützigster und bescheidenster 
Weise — es muss dies nicht vergessen werden — unterzog. 
Auch Breitinger hat sich in seiner oft eitierten Antritts- 
rede über diesen sonst so verdienten Litterarhistoriker, dem 
besonders von deutscher Seite alle Ehre gebührt, lustig ge- 
macht und auf eine Uebersetzung hingewiesen, die allerdings 
zum Spotte reizt. Taillandier gibt nämlich die Verse : 

„Flieg' hinaus bis an das Haus, 
Wo die Blumen spriessen, 
Wenn Du eine Rose schaust, 
Sag' ich lass' sie grüssen" 

folgendermassen wieder: „Envole-toi dans Tespace, va jusqu'ä 
la demeure oü les plus helles fleurs s'epanouissent. Si tu 
apergois une rose, dis-lui que je lui envoie nie plus empresses 
compliments/^ Wozu Breitinger bemerkt: „Wahrhaftig, das 
Problem war noch zu lösen, lyrische Zeilen durch einen fran- 
zösischen Briefschluss wiederzugeben !'' ') 

Ohne näher auf die Uebersetzungsthätigkeit Taillandiers 
einzugehen, sagen wir mit seinem Freunde Grenier: ,,Er war 
kein Dichter." 



Camille Seiden^) 

(Madame de Krinitz) 

(geh. circa 1830). 

Auch die „Mouche" verdient es, unter die Heineübersetzer 
gerechnet zu werden. Sie war in That und Wahrheit seine 
letzte „teinturiere". Sie erzählt uns selbst, wie sie dem 
sterbenden Dichter an der Ueberarbeitung der „Reisebilder" 



') Der verstorbene Professor der französischen Sprache und Litteratur 
hatte Recht, auf diese bedenkliche Geschmacklosigkeit Taillandiers hinzudeuten. 
Er durfte nur nicht auf der gleichen Seite „lune empaillee" mit „einen in 
Stroh gewickelten Mondschein" übersetzen! — 

2) Vergl. Abschnitt II. 



Saint-Rene Taillandier. 209 

behülflich gewesen und dass sie den „Neuen Frühling" selb- 
ständig übersetzt, auf Wunsch ihres Freundes, damit dieser 
an ihrer Nachbildung diejenige seines gewohnten Uebersetzers 
— es handelt sich hier um Taillandier (1856) — korrigieren 
könne. Wie viel wir ihrer Arbeit in der französischen Aus- 
gabe von Levy verdanken, darüber spricht sie sich in ihren 
,,Derniers jours de Henri Heine" nicht aus. In diesen Er- 
innerungsblättern befindet sich auch eine anspruchslose, aber, 
weil frei von allem Lavendelw^asser der Sentimentalität und 
Rhetorik, seelisch-wirkungsvollere Darstellung des Liedes: 
„Du bist wie eine Blume", als sie den meisten Uebersetzern 
gelungen ist : „Tu ressembles ä une fleur, tant tu es gracieuse 
et belle et pure ; je te regarde en silence, et, tandis que je te 
regarde, un indicible sentiment de tristesse me penetre; 
j'eprouve quelque chose comme si je devais etendre les mains 
sur toi et te benir, priant le ciel de te conserver aussi belle, 
aussi gracieuse, aussi pure." — Dasselbe Bändchen enthält 
eine allerdings sehr freie, aber durchaus kongeniale und schöne 
Prosabehandlung des letzten Gedichtes Heines , das dieser 
wenige Wochen vor seinem Tode seiner Freundin widmete. 
Sie nennt es nicht „Für die Mouche", wie es in deutschen 
und französischen Ausgaben betitelt ist, sondern „La Fleur 
de la Passion". Vergleichshalber wollen wir hier die erste 
Strophe der Uebersetzung und des Originals eitleren. 

„Mon reve s'encadrait dans des demi-tenebres. Une nuit d'ete. 
De päles debris, restes mutiles d'une magnificence eteinte, des frag- 
ments d'architecture, ruines du temps de la Renaissance, reposent epars 
sous la flottante clarte de la lune." 

Für die Mouche. 

(Elster, Bd. II, pag. 46.) 
Es träumte mir von einer Sommernacht, 
Wo bleich, verwittert, in des Mondes Glänze 
Bauwerke lagen, Reste alter Pracht, 
Ruinen aus der Zeit der Renaissance. 



B 1 z , Heine in Frankreich. 14 



210 Heines französische Uebersetzer. 



Paul Ristelhuber 

(Paul de Lacour) 

(1834). 

Ein Strassburger Kind, dessen Lebenswerk fast ausschliess- 
lich aus Uebersetzungen vom Deutschen in die Sprache seiner 
Heimat bestand. Er war der Erste, der es wagte, das „Lyrische 
Intermezzo" in Versen zu übertragen. Schon 18ö6 hatte er 
ein ,,Bouquet de Lieder, traduits des poetes de l'Allemagne 
contemporaine" unter dem Pseudonym Paul de Lacour ver- 
öffentlicht. Es sind dort 35 Dichter mit 65 Gedichten ver- 
treten, und von diesen fallen allein sieben auf Heine. Die ein- 
zelnen Lieder sind jeweilen mit Anmerkungen aus Studien von 
Daniel Stern, Lerminier, Louis Ratisbonne, St-Rene Taillandier 
versehen. Die L^ebertragungen aus Heine sind den „Jungen 
Leiden'' und der „Heimkehr'' entnommen. Die Nachbildungen 
Ristelhubers sind wort-, ja oft versgetreu. Er kümmert sich 
wenig um die französischen Regeln der Verskunst, weswegen 
er sich am Schlüsse seiner Einleitung meint entschuldigen zu 
müssen : „Nous avons ete amenes ä des genres de strophes 
et de vers peu communs, ä des etrangetes meme, que nous 
prions la critique de vouloir nous pardonner. Nous avons 
peche par exces de respect, c'est-ä-dire peut-etre par trahison." 

Wir können schon von diesen Uebersetzungen sagen, 
was später auch zum Teil von seinem „Intermezzo" gelten 
wird, dass sie eine strenge Kritik nicht aushalten. Ristelhuber 
ist keine Dichternatur ; damit wäre eigentlich schon alles ge- 
sagt. Er begreift die Schönheiten der deutschen Lyrik, aber 
er kann sie nicht wiedergeben. Seinem Französisch geht die 
feine, natürlich instrumentierte Sprache ab ; in Vers und 
Rhythmus vermissen wir das musikalische Element, das immer 
ein Symptom und die Legitimation aller echten Lyrik ist. 
Und ein Hauptfehler scheint uns zu sein, dass sich in seiner 
Uebersetzung alle Lieder gleichen, seien sie von Uhland, 



I 



Paul Ristelhuber. 21 1 

Körner, Chamisso oder Heine. Sie haben alle ihre Färbung 
verloren. Ein bleibendes Verdienst hat sich Ristelhuber den- 
noch erworben, ganz abgesehen davon, dass ihm auch manches 
ganz gut gelungen und ihm keine willkürliche Verstümme- 
lung vorzuwerfen ist, indem er mit Takt und Sachkenntnis, 
ohne je der Rhetorik und der Preziosität zu fröhnen, die 
französische Litteratur mit den Perlen deutscher Lyrik be- 
kannt machte. 

Im Jahre 1857 — ein Jahr nach Heines Tod — gab er 
bei Poulet-Malassis die kleine Broschüre heraus : ^Jntermezzo, 
poeme de Henri Heine, traduit en vers frangais par Paul 
Ristelhuber.'^ 

Der Autor tritt uns hier entschieden mit einer besseren 
Arbeit entgegen. Hübsch ist die Dedikation an eine Freundin, 
mit welcher er das Büchlein einleitet: 

C mon amie, 

Vous, dont je regus l'aveu, 
Favorisez, je vous prie, 
L'essor nouveau d'un genie 
Qu'anime le plus beau feu. 
Etre charmant et perfide, 
Un serpent a l'air candide 
Fait crier un passereau; 
Compatissez au martyre 
Du pauvret que l'on dechire, 
N'imitez pas le bourreau. 
Bade, 31 oct. 56. 

Viele der Lieder sind dem Original harmonisch nach- 
gedacht und nachgesungen. Aber auch hier finden wir wenige 
Uebertragungen, die wir mit Tycho Mommsen als „stilvolle 
Originaldichtungen" bezeichnen könnten. Einzig vielleicht das 
Lied vom Fichtenbaum. 

Sur un mont de la Norvege 
Un pin se dresse branlant; 
II dort, la glace et la neige 
Le couvrent d'un manteau blanc. 



2l2 Heines französische Uebersotzor. 

Morne et solitaire, il reve 
D'un palmier de l'Orient 
Dont la couronne s'eleve 
Au haut d'un rocher brülant. 

In einer dritten Liedersammlung „Rhythmes et Refrains", 
Lyon, Perrin 1864, ^) in dem Abschnitte „D'Albion et d'Alle- 
raagne", befindet sich eine Umdichtung der „Botschaft" („Junge 
Leiden'', Nro. 7) die uns besonders wegen des frischen Tones 
als die gelungenste erscheint. 

Le message. 

Assez dormi, mon joli page! 

A clieval, en avant! 
Gragne, ä travers monts et village, 

Le palais de Duncan. 

Va te glisser dans l'ecurie : 

Au valet, sans effroi, 
Demande laquelle on marie 

Des deux filles du roi. 

Si c'est la brune, la seconde, 

Viens le dire ä l'instant; 
Si l'on te dit que c'est la blonde, 

II ne presse pas tant. 

Chez le cordier, avec prudence 

D'un cordon munis-toi; 
Reviens lentement, en silence. 

Et presente-le moi. 



^) Ausgabe in 200 nummerierten Exemplaren. 



J 



Louis Ratisboiine. 213 



Louis Ratisbonne ') 

(1827). 

In ihm lernen wir wieder einen Strassburger kennen, 
der sich an poetischen Nachbildungen Heines versuchte, den 
er wohl kannte. In seiner Liedersammlung „Au printemps 
de la vie" (Levy, 1807) entdeckten wir ein Gedicht mit der 
Randbemerkung „imite de Heine". Nicht ohne Mühe erkannten 
wir hierin eine ebenso freie wie misslungene Uebertragung 
des „Warum sind die Rosen so blass" (,, Intermezzo", 23). 

Pourquoi doiic vous fletrir, mes fleurs, avant l'automne? 
Pourquoi n'avez-vous plus ni parfum, ni couleur? 
Et toi, pourquoi, dans Fair, 6 rossignol chanteur? 
Ta romance, aujourd'hui, si tristement resonne? 

Comme cette verdure est sombre et monotone! 
Que cet air est charge d'une lourde vapeur! 
nature engourdie, ä ta morne torpeur 
On dirait que la mort d'un linceul t'environne. 

i. Et toi, comme ä regret eclairant son sommeil, 

Quel deuil portes-tu donc, 6 pale et froid soleil? 
lumiere attristee! 

Moi-meme, q.ui me rends ainsi triste ä mon tour? 
Oh! dis, mon bien-aime, dis-moi, mon seul amour, 
Pourquoi m'as-tu quittee? 

Noch unglückHcher ist die Uebersetzung des Liedes „Ich 
hab' im Traume geweinet" etc. 



') Vergl. Abschnitt II. 



214 Heiiiüs französische Uobcrsctzcr. 



Paul Yrignaul. 

Vermutlich ein Pseudonym. Der unbekannte Dichter 
veröffenthchte in der „Revue germanique" im Dezember 18ö8 
eine Serie von Liebeshedern unter dem Titel „Baisers, chants 
d'amour traduits de Fallemand", unter denen sich sechs Um- 
dichtungen Heines befinden. Von diesen schmiegt sich fol- 
gende Uebertragung des Liedes „Küsse, die man stiehlt im 
Dunkeln" am treuesten an das Original an. Zwar passt der 
Ausdruck „flamme pure" schlecht mit dem Innern Sinne des 
Gedichtes. 

Les baisers dans robscurite, 

Donnes et rendus sans mesure, 

C'est, surtout quand la flamme est pure, 

Une indicible volupte! 

Ils fönt rever aux douces choses 
Dont on aime ä se souvenir, 
Et nous montrent les lointains roses 
Du beau pays de l'avenir. 

Mais trop penser, lorsqu'on s'embrasse, 
Ne vaut rien, chere äme, pleurons! 
Nos baisers secheront la trace 
Des larmes que nous verserons! 



Gaston Dargy 

ist der Autor der „Voyages a travers les Mondes poetiques"^ 
(premi^re serie:- Allemagne, 1500—1862; Paris, 1862). 

Die Sammlung, die Gedichte von Hagedorn bis Freiligrath 
umfasst, enthält einige recht geschickte Nachbildungen 



') Das Buch ist iu 3ÜÜ nummerierten Exemplaren gedruckt. 



Gaston Dargy. 215 



Heinescher Satiren, wovon wir unten eine Probe folgen 

lassen. 

Le Prussien. i) 

A M. Ch. Schuermans. 

Dann Aix, messieurs, les chiens dans la rue allonges 
Ont l'air piteusement de dire aux etrangers : 
„Allons, flanqiiez-moi donc un coup de pied; peut-etre 
Cela distraira-t-il ma bedaine et mon maitre." 

J'ai fläne plus d'uiie heure eii cet ennuyeux trou 
Et lä j'ai retrouve — toujours peu de mon goüt — 
L'uniforme prussien : manteau gris ä col rouge. 
Or qu'est-ce qu'un Prussien? 

Un pantin qui ne bouge 
Qu'en gestes compasses pedamment, gravement; 
C'est un menie angle droit ä cliaque mouvenient. 
Immuable „facies" puant la Süffisance, 
A te voir on croirait que ta cervelle pense. 

Le Prussien se promene aussi raide et guinde 

Qu'etrique, ficele, droit comnie un I brode. 

A-t-il donc avale le bäton respectable 

Dont le rossait jadis le caporal pendable ? 

Oui. Le long instrunient de la sclilague est fourre 

Dans le corps du Prussien qui parait lionore 

De s'en faire un tuteur. Sa moustache pendante, 

Plus longue que son nez et plus outrecuidante, 

De la sötte perruque est un aspect nouveau : 

La queue, au lieu de pendre au dos, pend au museau. 



^) Der beste Heinekenner wird nur mit Mühe unter diesem Titel ein 
mitten aus dem „Wintermärchen" herausgerissenes und verstümmeltes Stück 
erkennen (Kap. III). Ebenso verhält es sich mit dem folgenden Gedichte mit 
der Ueberschrift „Sourire", das dem Kap. VII von „Atta Troll" entnommen ist. 



216 Heines französische Uebersetz« 



CatuUe MendösO 

(1840). 

Zu den ersten litterarischen Arbeiten des jungen hitz- 
köpfigen Parnassien gehört eine in der „Revue frangaise" 
(186S — 1. Dezember) vergessene und begrabene, ganz vor- 
zügHche Uebersetzung des Ratchff. Von den drei Nach- 
bildungen dieses Fragmentes — die in der Ausgabe von Levy 
aufgenommene, von einem uns nicht Bekannten verfasste, ist 
schlecht, eine von Heine besorgte ^) besser — ist derjenigen 
von Mendes, des prächtigen und kräftigen Stils wegen, ent- 
schieden der Vorzug zu geben. Man spürt den leiden- 
schaftlichen Hauch, die kongeniale zügellose Phantasie in 
dieser Umdichtung, mit der sich Mendes vielleicht die Zeit 
während seiner Haft vertrieb, die ihm sein sinnlich tolles 
Drama „Le Roman d'une Nuit" verschafft hatte. Die Ueber- 
schrift der betreffenden Uebersetzung lautet : „Theätre de 
Henri Heine" — William Ratcliff — und bescheiden und klein 
in einer Ecke: traduit de l'allemand par Catulle Mendes. 

Interessant ist der Inhalt des folgenden „Avant-propos" : ^) 

A l'occasion des tragedies de Henri Heine, tout ä fait inconnues 
en France et peu connues encore en Allemagne, je me reserve 
d'etudier prochainement la jeune ecole romantiqiie qui passa sur le 
theatre de Dusseldorf avec la gloire d'un eclair. II y avait lä Carl 
Immermann, vaste genie en proie au desordre, lutteur jamais de- 
courage, l'auteur de „Tristan et Iseult", de „Ghismonda" et de „Merlin 



1) Vergl. Abschnitt V. 

2) Vergleiche Anhang I. 

^) Da Mendes in demselben sowohl von einer Uebersetzung des ,,Alinanzor" 
als auch von einer Studie über das deutsch-romantische Theater spricht, und 
wir beide weder in seinen Werken noch in Revuen finden konnten, haben wir 
uns an ihn selbst um Auskunft gewandt. Leider erfolglos, da Catulle Mendes 
auf eine sehr höfliche Anfrage nicht antwortete. Wir erwähnen dies nur, weil 
uns sonst alle Franzosen, und zu diesen gehören noch ,, grössere Tiere" als 
Mendes, mit altbewährter Courtoisie entgegengekommen sind. 



Catulle Mendes. — A. Claveau. 217 



Fenclianteur" ; il y avait Christian Grabbe qui imitait Shakespeare 
et fut jaloux de Goethe ; il y avait tous ceux qui, devores d'ambitions 
grandioses, voulaient donner des successeurs ä l'auteur de „Faust" et 
ä l'auteur de „Marie Stuart", reagir contre Penvahissement sans 
cesse plus intolerable de la tragedie de famille, et vaincre, dans une 
bataille oü Shakespeare etait general en chef, les faiseurs de pieces 
ä la mode du jour, les dramaturges bourgeois et les vaudevillistes 
sensibles, les Raupach et les Grillparzer (!). Entreprise glorieuse et 
qui echoua immediatement. Henri Heine avait 20 ans alors. II se 
mela au mouvement resurrectionnel. „Wilham Ratchif" et „Almanzor" 
furent des combats ä outrance oü le jeune poete commanda le feu. 
Y eut-il defaite ou victoire ? Je ne sais plus ce que les prefaces en 
disent. Le lecteur va connaitre ces deux poemes, farouches, gracieux, 
desesperes, bouffons, toujours excessifs, oü se fönt entendre ä la fois 
des croassements de corbeau famehque et des roucoulements de 
eolombe pamee ! — 



Ä. Claveau 

(1835), 

der sich als Kritiker der „Revue contemporaine'^ einen Namen 
gemacht, ist der zweite, der es versuchte, das „Lyrische Inter- 
mezzo" in französische Verse umzubilden. Sein „Intermede" 
erschien in der genannten Zeitschrift vom 15. September 186S 
und zwar mit dem Nebentitel: ,,Imite on ne peut plus libre- 
ment de l'Intermezzo de Henri Heine.'' Der Dichter thut gut, 
uns hiervon zu unterrichten, denn die meisten Lieder sind 
kaum zu erkennen. Als selbständige Gedichte sind diese ein- 
unddreissig Nachbildungen — denn auch quantitativ hat sich 
Claveau die Arbeit verkürzt — nicht ohne Reiz. Die beiden 
folgenden Uebertragungen mögen von dieser freiesten aller 
freien Behandlungen einen Begriff geben. Wenn wir zur Not 
in dem „Conclusion" überschriebenen Gedicht „Die alten 
bösen Lieder" etc. erraten, so dürfte in dem zweiten Lied 
dieser Sammlung schwerlich „Im wunderschönen Monat Mai" 



218 



Heines französische Uebersetzer. 



wieder zu erkennen sein. Wir selbst sind im unklaren, ob 
wir wirklich das erste Lied des „Lyrischen Intermezzo" als 
Vorbild betrachten dürfen. Das Einzige, was uns zu diesem 
Schlüsse berechtigt, ist, dass in beiden das Wort „Mai" vor- 
kommt; das ist eigentlich zu wenig, um auf eine Ueber- 
setzung schliessen zu können, wenn sonst Inhalt, Idee und 
Form grundverschieden sind. — Wir finden aber im „Inter- 
mezzo" kein anderes Vorbild. 



Dans un mois de vie et de force, 
C'etait, je pense, avril ou mai, 
Chaque bourgeon pergait l'ecorce, 
Mon äme s'ouvrit et j'aimai. 

J'aimai, je sentis quelque chose, 
Un frisson de quelques instants ; 
C'etait le printemps, je suppose . . 
J'ai garde rancune au printemps. 

J'aimai quand la bergeronnette 
Au bord de l'eau posait son nid; 
Etait-ce Alice, etait-ce Annette ? 
Ce n'etait rien, car c'est fini. 



Conclusion. 

Allez nie cliercher un cercueil, 
Tandis que mon äme est en deuil, 
Pour mettre ce que j'ai dans l'äme; 
Allez m.e chercher un cercueil 
Plus grand que les tours Notre-Dame. 



Plus grand toujours, plus grand encor 

Que l'obelisque de Louqsor 

Et que la colonne Vendome; 

Plus grand toujours, plus grand encor 

Que le Pantheon et son dome. 



A. Claveau. 219 



AUez me chercher, mes amis, 
Une biere oü tout sera mis, 
Joie et (louleur, plaisir et peine; 
Allez iiie cherclier, mes amis, 
Une excellente biere en diene. 

En diene, c'est trop peu, vraiment ! 
En fer, en plomb, en diamant, 
Voilä comme il me faut ma biere; 
En diene, c'est trop peu, vraiment, 
C'est trop peu nieme de la pierre! 

Amenez ä l'enterrement, 

Pour transporter le monument. 

Quelques colosses majuscules ; 

Amenez ä l'enterrement 

Une ou deux douzaines d'Hercules. 

Payez un croque-mort geant 

Pour me jeter dans l'ocean 

La biere si longue et si grosse ; 

Payez un croque-mort geant : 

A grand cercueil plus grande fosse ! 

Or 9a, devinez pourquoi, 

Mes bons amis, dites-le moi. 

Je veux tant de bruit et de place ? 

Or Qa, devinez pourquoi 

Ce convoi de premiere classe ? 

Ce luxe de fosse et de deuil, 
Ces geants et ce grand cercueil, 
En avez-vous flaire la cause ? 
Ce luxe de fosse et de deuil . . . 
Je vais vous confesser la chose : 

C'est que j'enterre mon amour, 
Defunt par hasard, l'autre jour, 
D'une mort un peu trop subite; 
C'est que j'enterre mon amour . . . 
Or, la mer sera trop petite ! 



220 Heines französische Uebersetzer. 



Charles Berthoud') 

Lange waren wir im ungewissen, welcher Feder sowohl 
die Uebersetzung der Bände „Correspondance inedite" als auch 
die erläuternde Vorrede und die zahlreichen Anmerkungen 
entstammten, bis uns die „Revue germanique et frangaise" auf- 
klärte. In den Nummern vom 1. Mai und 1. August 1864 
ist nämlich zuerst eine Auswahl von Heines Briefen aus den 
Jahren 1820—1825 und 1825—1836 zum erstenmale in fran- 
zösischer Sprache mit längerer Einleitung und ausführlichen 
Notizen im Texte veröffentlicht worden. Als Autor der Ueber- 
setzung und des Kommentars unterzeichnete Ch. Berthoud, 
wenn wir nicht irren, ein Neuenburger Litterat, der viel für 
die „Revue suisse" schrieb. — Dass er den grössten Teil der 
Briefe weggelassen, erklärt er damit, dass diese über Dinge 
und Leute handelten, die dem französischen Leser fremd sind. 
Er wolle aber die Briefe in der Weise auswählen, dass sie 
gewissermassen einer Autobiographie Heines gleichkämen. 
Die Idee von Gustav Karpeles war also keine neue.^) Als wir 
nun die Uebersetzung Berthouds mit derjenigen der „Oeuvres 
completes" verglichen, fanden wir geradezu eine verdächtige 
Aehnlichkeit zwischen beiden. Stil und Konstruktion deckten 
sich vollständig, zuweilen war nur ein Wort durch sein 
Synonym wiedergegeben, z. B. production mit composition, 
puissance poetique mit force poetique vertauscht. Als sich 
aber nicht nur die Anmerkungen, sondern auch die Vorreden 
in gleicher Weise deckten, konnte kein Zweifel mehr vor- 
handen sein, dass wir in Berthoud den anonymen Verfasser 
der französischen Ausgabe der Heinekorrespondenz zu sehen 
haben. Immerhin begreifen wir nicht, warum dieser nicht 
wenigstens seine Einleitung unterzeichnet hat. 



^) Gestorben 1. Mär/ 1894. — Vergl. Abschnitt II, Sainte-Beuve. 
2) II. Heines Autobiographie nach seineu Werken, Briefen etc. 



1 



De Chatelain. 221 



De Chatelain. 

Le Chevalier de Chatelain ist der Verfasser des wenig 
bekannten Buches „Pleurs des Bords du Rhin^', — Beautes 
de la Poesie alleniande (London, 1866). Er lebt als Un- 
zufriedener in England und benützt seine freie Zeit, um seine 
Landsleute mit den Schätzen englischer und deutscher Litte- 
ratur bekannt zu machen. Das vorliegende, hübsch aus- 
gestattete Werk gibt eine Anthologie deutscher Lyrik der 
letzten 150 Jahre. Der Titel ist cum grano salis zu nehmen, 
da die wenigsten poetischen BUiten an den Ufern des Rheins 
gewachsen sind. Das recht interessante Buch hat nicht gerade 
viel Beachtung gefunden, obgleich der Autor darin guten 
Geschmack und ein angenehmes Dilettantentalent verrät. Der 
Wert der einzelnen Nachbildungen ist ein verschiedener; am 
besten sind ihm die Uebersetzungen der Lieder von Platen, am 
wenigsten die Heines gelungen. Obgleich er sich von groben 
Missverständnissen ferne hält und sich dem Gedanken treu an- 
schliesst, entbehren die letzteren jeglicher poetischen Wirkung. 
Den glückhchsten Ton scheint er uns in folgender Ballade 
getroffen zu haben.') (Wir eitleren nur den ersten Teil der- 
selben.) 

Le Chevalier Olaf. 

Deux liomnies sont devant l'Eglise ; 
Ecarlate est des deux la mise; 
L'un, portant süperbe manteau, 
C'est le roi, — l'autre est le bourreau. 



^) Immerhin müssen sich deutsche Poeten dankbar erzeigt haben, denn 
er schliesst das Vorwort der zweiten Auflage mit den Worten : „Quant k trouver 
des expressions pour peindre nos sentiments envers les Poetes Allemands, 
Fran^ais et Anglais — qui nous ont ecrit k propos des „Fleurs des Bords du 
Rhin" des lettres datees de Darmstadt, de Munich, de Sartz etc. . . . nous y 
renon(;ons. II est des choses qui remuent le coeur — mais que la plume est 
inhabile u rendre." 



222 Heines französische Ueborsot/ci'. 

Le roi dit ä Fhoinme ä la liache : 
„C'en est donc fait! — L'Eglise attache, 
A leurs fronts, d'amour le bandeau . . . 
Apprete ta hache, bourreau!" 

Les cloches vont percer la nue ; 
Voilä que du saint lieu se rue 
Le peuple ... Au niilieu de ses flots, 
Pares, sont les epoux nouveaux. 

Elle est pale conime une niorte, 
La fille du roi, tres accorte 
Naguere . . . Olaf le Chevalier, 
Cräne et, lui da . . . franc du collier, 

A dit au roi: „Bonjour, beau-pere! 
Elle est a toi, ma tete altiere; 
De mes noces, c'est le cadeau 
Qu'il te plait faire ä ton bourreau! 

„Mais ne le ferme encor, mon livre 
Jusqu'ä minuit laisse-moi vivie, 
Afin que puisse banqueter, 
Danser et mes noces feter! . . . 

„Jusqu'ä minuit laisse-moi vivre 
De ma vie et ferme le livre, — 
Je ne veux pas te la cliiper, — 
Apres la danse et le souper!" 

„Ainsi soit-il ... De notre gendre 
La tete, je veux bien l'attendre," 
A dit le roi, „jusqu'a minuit! — 
Bourreau, soit pret pour ce deduit !" 



Effoiiard Schure. 223 



Edouard Schure') 

(1842). 

Von allen bisher genannten Heineübersetzern hat der 
elsässische Litterat, Poet und Musikschriftsteller das Beste 
geleistet. Leider sind es nur ein halbes Dutzend Lieder, die er 
von unserem Dichter übertragen hat, diese aber vortrefflich. 
Wir finden sie in seinem „Histoire du Lied" 1868, einer Arbeit, 
durch die sich der noch in Barr lebende Gelehrte auch in 
Deutschland einen geachteten Namen erworben hat. Wir 
eitleren ausser der gelungenen Nachbildung des „Pichten- 
baunis" die „Lorelei", die sich genau dem Rhythmus des 
Originals anschliesst — er fügt im Anhang die Komposition 
Sicheis bei — , und „Es fällt ein Stern herunter", ein Muster 
stilvollster LTebertragung, ebenfalls mit rhythmischer Treue, 
dafür aber, noch mehr als dies nicht ganz unbeschadet bei 
der „Lorelei'' der Pall ist, vom wörtlichen Sinn des Originals 
erheblich abweichend. „Ecoutez ce Lied" — sagt er von 
dem Liede „Es fällt ein Stern" (pag. 459) — „qui semble 
chanter sur le sepulcre des beautes terrestres et Celestes comme 
la voix d'un sylphe leger qui monte en planant dans l'azur 
fonce du firmament." — 

La belle etoile tombe 
De son brillant sejour; 
Elle a trouve sa tombe, 
L'etoile de l'amour. 

Le doux pommier frissonne; 
Tombez, feuilles et fleurs, 
Depouilles de I'automne, 
Jouets des vents moqueurs. 



') Vergl. Abschnitt I] 



224 Heines französische Uebersetzor. 

Cygne de l'eau dormante, 
Ton chant nie fait fremir; 
Doucement tourne et chante, 
Les flots Yont t'engloutir ! 

Silence — sur la terre 
Tout dort, tout a passe; 
L'etoile est en poussiere, 
Le doux chant a cesse. 



Pag. 460: 



Lorelei. 



Dis-moi, quelle est donc cette histoire 
Dont mon coeur se souvient, 

De douce et d'antique memoire, 
Qui toujours me revient? 

La brise fraichit, il fait sombre, 
Le vieux Rhin coule en paix; 

Tout dort, tout grisonne; dans l'ombre 
S'embrasent les sommets. 

Lä-haut une vierge immortelle 

Trone au soleil couchant; 
Son sein de rubis etincelle, 

La belle chante un chant; 

Chante en peignant sa chevelure. 

Plus fiere que le jour, 
Un chant de merveilleuse allure, 

Un puissant chant d'amour! . . . 

Le pecheur, d'un desir sauvage, 

Fremit dans son bateau; 
Son ceil ne voit plus le rivage, 

Son oeil regarde en haut! 

Je crois que la vague devore 

La barque et le pecheur. 
Lore des flots, fiere Lore, 

Voilä ton chant vainqueur. 



I 



Edouard Schure. — Albert Merat. — Leon Valade. 225 



„Fichtenbaum." 

Sur un mont chenu de Norvege, 
Un pin se dresse triste et seul. 
II dort — et Teternelle neige 
Le couvre d'un epais linceul. 

II reve d'un palmier splendide 
Qui, loin, dans l'Orient vermeil, 
Languit, seul, sous un ciel torride, 
Sur son roc brüle du soleil. 



Albert Merat — Leon Yalade 

(1838). 1854—1884). ') 

Parmi les jeunes hommes qui logeaient ou venaient souvent ä 
l'hotel du „Dragon Bleu", il y avait deux amis, deux inseparables, 
presque deux freres : Albert Merat et Leon Valade. On etait si 
accoutume ä les voir ensemble, qu'on avait pris l'habitude de meler 
leurs noms comme ils melaient leur vie, et on les appelait volontiers 
Albert Yalade et Leon Merat. Ce sont lä des amities charmantes de 
la vingtieme annee. 

Ils travallaient ensemble ä une traduction de „l'Intermezzo" de 
Henri Heine, et allaient publier ou venaient de publier, toujours 
ensemble, un livre de vers avec ce titre frais comme le printemps : 
„Avril, Mai, Juin." II faut s'arreter sur l'oeuvre de ces deux dehcats 
esprits. 

So erzählt Catulle Mendes in seiner „Legende du Par- 
nasse" (pag. 191). Wir irren wohl nicht, wenn wir annehmen, 
dass Merat, dieser talentvolle Millet der Dichter, weder in 
dem Masse von Heine erfüllt war, noch sich ebensoviel an 
dem Uebersetzungswerk beteiligte, wie sein junger Freund. 
Merat, einer der erfreulichsten französischen Poeten der Gegen- 



^) Vergl. Abschnitt V. 
Bi'tz, Heine in Frankreich. 1^ 



226 Heines französische tJebersetzer. 



wart, dessen Liedersammlungen die mehrfache Preiskrönung 
der französischen Akademie vollauf verdienen ; Merat, der die 
landschaftlichen Reize der Umgebung von Paris — den 
meisten Boulevardiers ebenso unbekannt, wie den nach Bilder- 
galerien und feinen Restaurants jagenden Fremden — besingt, 
konnte sich seiner innersten Natur nach nicht so ausschliesslich 
zu dem Verfasser des „Intermezzo" hingezogen fühlen, wie 
dies bei Valade der Fall war. Immerhin figurieren sie beide 
als Dichter des 

,^ Intermezzo^, poeme traduit de Henri Heine. 
(Lemerre, 1868.) 

Wir halten diese poesievolle Arbeit der beiden Parnassiens 
für die beste, wenn auch nicht für die genaueste der voll- 
ständigen Umdichtungen dieses Liedercyklus. Das Büchlein ist 
voller Frische und Anmut. Oft fehlen Rhythmus und Harmonie 
des Originals, aber selbst durch die fremde Sprache und Form 
lächeln noch Grazie und Originalität Heines hindurch. Alles 
ist dichterisch nachempfunden und dichterisch wiedergegeben. 
Von den hier angeführten Proben sind nicht alle von gleichem 
Werte. So scheint uns gerade das „Fichtenbaumlied" schon 
besser nachgedichtet worden zu sein. Der Gedanke ist ebenso 
wie der Vers zu sehr in die Länge gezogen. Es ist zu viel 
erklärt, ausgeführt ; hier zeigt sich die Schattenseite des Wortes 
Rivarols : „toute traduction frangaise est une explication'^ In 
der Lyrik kann dieser Vorzug schädlich wirken, wie dies sich 
gerade an diesem Liede deutlich zeigt. Unserer Phantasie, 
unserem Gefühl ist kein Spielraum gegeben. Wenn wir Valades 
Umdichtung gelesen haben, wissen wir alles. Heine deutet 
nur an, — er zwingt uns nicht, etwas ganz Bestimmtes zu 
denken, er gibt unserer Phantasie bloss die Flügel. 

Unsere Auswahl kann eine ungeschickte sein ; mit Willen 
aber ist sie eine spärliche; wir hoffen dadurch manchen zu 
bewegen, dies Büchlein selbst in die Hand zu nehmen. 



_^i 



Albert Merat. — Leon Valade. 227 

Pag. 36: ' . 

XXVIII. 

Un sapin isole dresse son front tremblant 

Sur un aride mont du Nord. — Morne, il sommeille, 

Et la neige en glagons lui fait un manteau blanc. 

II reve de lä-bas, la terre sans pareille, 

Et d'un palmier qui hait, captif du roc brülant, 

L'implacable splendeur de la plage verineille. 

Pag. 39: 

XXXI. 

Les grands chagrins dont je suis l'hote, 
J'en fais de petites chansons: 
Toutes, conime un vol de pinsons, 
S'en vont droit ä ton coeur sans faute. 

Mais, de retour, toutes en choeur 
Se plaignent, 6 fächeux mystere! 
Se plaignent et me veulent taire 
Ce qu'elles ont vu dans ton ccßur. 

Pag. 52: 

XL VI. 

Ma chanson est envenimee, 
Et bien simple en est la raison: 
Ta main a verse du poison 
Sur ma jeunesse, bien-aimee! 

Ma chanson est envenimee. 

Et bien simple en est la raison: 

J'ai des viperes ä foison 

Dans le coeur, et toi, bien-aimee. 

Kurz vor seinem frühen Tode veröffentlichte Leon Valade, 

md zwar diesmal ohne Merat, einen kleinen Band von sechzig 

leiten: ^^Nocturnes^^ , poemes imites de Henri Heine (Paris, 

Patay, 1880). Unter diesem Titel vereinigte der Dichter eine 



228 Heines franzosische üebersetzer. 



Auswahl von Balladen und Romanzen aus der „Heimkehr" 
und den „Jungen Leiden", und zwar finden sich dort Ueber- 
setzungen der bekanntesten Gedichte Heines. Auch hier 
bewährt sich das feinfühlende lyrische Talent Valades. Nur 
scheint uns die Form oft eine wenig glückliche zu sein. Die 
Ballade liegt dem Gefühlslyriker offenbar ferner; ihm fehlt 
der Griffel des französischen Balladendichters Banville. Am 
besten ist wohl das Wesen dieser Liedergattung in den beiden 
folgenden Umdichtungen gelungen (pag. 22) : 

Balthazar. 

C'etait sur le minuit . . . A peine remuait 
Babylone, enfoncee en un somnieil muet. 

Une feto pourtant remplissait ä cette heure 
De torclies et de bruit la royale demeure. 

A la table du roi, lä-haut, rien ne manquait; 
Balthazar presidait lui-meme le banquet. 

Cercle bariole de courtisans, la troupe 
Des convives rieurs vidait coupe sur coupe. 

Ce joyeux cliquetis mele de cris joyeux 
Chatouillait dans son coeur le nionarque orgueilleux 

Et le vin par degres lui colorant la face, 
Aux blasphemes bientot s'emporta son audace. 

C'est ä Dieu qu'il jeta l'insulte follement 
Et l'admiration se fit rugissement. 

Un serviteur, quittant la salle au premier signe, 
Revint avec un faix d'orfövrerie insigne: 



1) Vergleichshalber ist es interessant, die Version Valades der Amieis 
gegenüberzustellen. 



I 



Albert Merat. — Leon Yallade. 229 

Bassins d'argent massif, precieux vases d'or, 
Pris ä Jerusalem, dans le sac du Tresor; 

Et le roi, remplissant une coupe sacree, 
But d'un trait et cria d'une voix assuree: 

„Dieu des Hebreux ! le roi de Babylone, va, 



„Pauvre sire, te met au defi, Jehova !" 



II n'a pas plus tot dit ces mots qu'il les regretie, 
Sentant sourdre en son coeur une angoisse secrete. 

Les rieurs ont f'ait treve ä leur bruyant transport; 
II regne dans la salle un silence de mort. 

Voyez! sur le mur blanc, quelque chose promene 
Son ombre : et Ton dirait comme une main humaine . 

La main, en traits de flamme, ecrit sur le mur blanc : 
Elle ecrit, puis s'efface aux yeux du roi tremblant. 

Le roi resta les yeux hagards; et ce presage 
Fit flechir ses genoux et blemir son visage. 

Consternes a ce coup, les flatteurs impudents 
Furent muets; la peur faisait ciaquer leurs dents. 

Les mages Chaldeens venaient, — baissaient la tete . , 
Et les lettres de feu n'eurent pas d'intreprete. 



Les deux grenadiers. 

Deux grognards de la garde ayant fait la campagne 
De Russie, oü longtemps on les retint captifs, 
Cheminaient vers la France. Et dans notre Allemagne 
Ils baisserent le front, sombres — non sans motifs! 

C'est lä que, jusqu'au bout, ils surent la deroute 
De la France trahie en son effort dernier: 
La grande armee, helas ! taillee en pieces toute . . . 
Jusqu'a lui, l'empereur, l'empereur prisonnier! 



230 Heines französische Uebersetzer. 

Comme on leur eut conte ces nouvelles trop süres, 
Les pauvres grenadiers en pleurerent bien fort. 
L'un dit: „Je souft're tant que mes vieilles blessures 
„Se sont rouYertes ... Va! je serai bientot mort." 

„Voici la fin," dit l'autre. „Adieu toute esperance! 
„Je voudrais bien mourir aussi, moi. Par malheur 
„J'ai ma femme, avec mon enfant, restee en France, 
„Et ma mort, sürement, entrainerait la leur." 

„Que m'importe, apres tout? C'est lä ce qui m'arrete? 
„Une femme! un enfant! — Qu'ils aillent mendier, 
„S'ils ont faim ! Moi j'ai bien d'autres soucis en tete . . . 
„Prisonnier, l'empereur, l'empereur prisonnier! 

„Camarade! voici ce que je veux, ecoute: 
„Sans arriver plus loin, si je meurs dans tes bras, 
„Oh! remporte avec toi mon corps, coüte que coüte, 
„Dans la terre de France oü tu m'enterreras ! 

„Laisse ma croix d'honneur avec son ruban rouge 
„Apphques sur mon coeur — c'est lä ma volonte! — 
„Mon fusil, dans ma main: ne crains pas qu'il en bouge! 
„Tu me ceindras aussi mon epee au cote. 

„Dans ma tombe, poste comme une sentinelle, 
„J'y veux rester ainsi jusques aux jours nouveaux 
„Oü j'entendrai gronder la rumeur solenneile 
„Des Canons et sonner le pied dur des clievaux. 

„L'empereur, sur ma fosse, alors, comme la trombe, 
„Passera . . . Les tambours battront avec fureur . . . 
„Et moi, je sortirai tout arme de la tombe 
„Pour le defendre, lui, l'empereur, l'empereur!" 

In den „Poesies posthumes'' (Lemerre, 1890) Valades ent- 
deckten wir noch ein hübsches Dedikationsgedicht „Envoi de 
rintermezzo'' an einen Freund (pag. 245), mit dem wir von 
diesem liebenswürdigen Poeten Abschied nehmen wollen: 



I 



Albert Merat. — Leon Vallade. 231 



Envoi de Tlntermezzo. 

Ä Philippe Burty. 

Dans le parc enchante de Heine 
Brillent les etoiles de feu: 
L'amour y chante avec la haine, 
L'oiseau noir apres l'oiseau bleu . . . 

Nous nous sommes tus pour entendre 
Le doux rossignol eperdu . . . 
Mais du concert cruel et tendre 
Le meilleur sans doute est perdu . . . 

Avions-nous con^u la cliimere, 
En un soir tenebreux et vain, 
De retenir la gräce amere 
Et l'art du poeme divin? 

Reve absurde, chimere foUe ! 
Mais, 6 delicat et denii, 
Allez donc, quand la lune molle 
Caresse le parc endormi, 

Lorsque glissent des blanclieurs päles 
Parmi le feuillage tremblant, 
Emplir de ces vagues opales 
Votre coupe de jade blanc. 



E. Yaughan. — Ch. Tabaraud. 

Mit diesen uns sonst nicht als Dichter bekannten Ver- 
fassern des sehr geschmackvoll herausgegebenen Bändchens 
^JJ InterynezzOj pohne d' apres Henri Heine^^, Paris, Bailiiere, 1884 
(mit einem schlechten Holzschnitte von Heine nach Selliers 
Bild), sind wir bei der fünften Uebersetzung dieses Lieder- 



232 Heines französische Uebersetzer. 



cyklus angelangt. Allein mit der Zahl scheint nicht der 
Wert der Umdichtungen zu wachsen. An und für sich .be- 
trachtet, sind diese französischen Lieder graziös und leicht 
hingeworfen. Wenn sie nur keine Uebersetzung der Gedichte 
Heines darstellen sollten! Warum denn nicht sagen: ,,inspires 
par Heine" ? Bei den meisten Stücken ist das Original gar 
nicht wieder zu erkennen. So z. B. bei „Ich hab' im 
Traume geweinet'', wo eigentlich nur ein Bisschen von dem 
Refrain übrig geblieben ist (pag. 119): 



LVI. 

J'ai pleure pendant mon reve ! 

Je revais que la mort avait pali ton front. 

Je m'eveillai, pleurant, plein d'un cliagrin profond; 

Mon pauvre coeur saignait comme frappe d'une glaivc. 

J'ai pleure pendant mon reve ! 
Je revais qu'ä jamais tu t'eloignais de nioi. 
Je m'eveillai, le coeur empli d'un triste emoi, 
Et mon amere plainte en un sanglot s'acheve. 

J'ai pleure pendant mon reve ! 

Je revais — 6 bonheur! — que tu m'aimais toujours, 

Je m'eveillai. Depuis, sur nos mortes amours, 

Le torrent de mes pleurs coule, coule sans treve. 

Eine Ausnahme macht die einfache, knappe und gerade 
deswegen wirkungsvolle Wiedergabe des „Fichtenbaum". 
Getreu und hübsch gelungen ist ferner auch das Lied „Phi- 
lister im Sonntagsröcklein''. 

Sur une montagne du Nord, 
Un sapin isole se dresse, 
Et par la farouclie caresse 
D'un vent d'hiver berce, s'endort. 



i 



E. Vaughan. — Cli. Tabaraud. 233 

Sous son manteau de givre, il reve 
D'un pahnier qui, uiorne et doleiit, 
Lä-bas, sur un rocher brülant, 
Tout seul, se desole sans treve. 



Endimanclies, des bourgeois, 
Parmi les pres et les bois, 

S'esbaudissent. 
Saluant le renouveau, 
Legers comme le chevreau, 

Ils bondissent. 

On les voit, de leurs yeux ronds, 
Regarder des environs 

Les merveilles, 
Au chant des moineaux, vibrant, 
Larges et longues ouvrant 

Leurs oreilles. 

Moi, d'un rideau, tristement, 
Je couvre liermetiquement 

Ma fenetre, 
Afin de voir, en plein jour, 
Le spectre de inon amour 

M'apparaitre. 

Pres de moi, comme quelqu'un 
Qu'on attend, l'amour defunt 

Prend sa place. 
A mes yeux noyes de pleurs 
Le tableau de mes douleurs 

Se retrace! 



234 Heines französische Uebersetzer. 



Ch. Beltjens 

den Süpfle als Heineübersetzer erwähnt, ist der Intermezzo- 
übertrager Nummero s e c h s. ^) 

Dieser belgische Poet — seine Uebertragungen geben 
uns keine Veranlassung, an diesem Berufe Beltjens zu zwei- 
feln, obgleich sie uns nicht auf diesen Gedanken gebracht 
hätten — gehört zu denen, die eine dem Originale äqui- 
valente Nachdichtung als ein ebenso wünschenswertes w4e un- 
erreichbares Ideal hinstellen. Sein eigener Versuch gibt uns 
allerdings keinen Gegenbeweis in die Hand. „Je ne crois pas 
qu'il existe une seule traduction parfaite, pas merae en prose," 
heisst es in einem seiner Briefe, wo er sich auf die Autorität 
Victor Hugos beruft. Dabei gibt er selbst zu, dass ihm von 
sämtlichen Heineübersetzungen bloss die Nervals bekannt sei. 
— Es kommt Beltjens vor allem darauf an, den Rhythmus des 
Originals zu treffen, genau wie bei Amiel, von dem er ja 
auch nichts weiss. Die Umdichtung ist eine sehr freie; er 
selbst gesteht, dass er der Harmonie des Verses oft die ge- 
naue Wiedergabe des Sinnes geopfert habe. Leider umsonst, 
denn in den meisten seiner Lieder können wir der rhythmi- 
schen Kunststücke wegen keinen poetischen Genuss finden. 
Als Beispiel diene folgende Uebersetzung, die wir genau nach 
dem Druckbogen wiedergeben: 



1) Das Buch war uns nicht zugänglich. Ein merkwürdiger Zufall aber | 

verschaffte uns die Probedruckbogen, nebst einigen handschriftlichen Notizen ' 

des Dichters. Es hatte sich nämlich Herr Beltjens an Herrn Dr. Ziesing, 
Privatdocent der französischen Litteratur an der hiesigen Universität, gewandt, 
damit dieser als der geeignetste Mann in seiner doppelten Eigenschaft eines 
gründlichen Heinekenners und tüchtigen Linguisten die Uebersetzungen durch- 
sehe und verbessere. Dieser war so freundlich, uns die Blätter samt den 
Briefen Beltjens' zur Verfügung zu stellen. 



eil. Beltjens. 235 



XXXII. 

A A A A 
A A J 

8 3 3 3 

Mon ainour, | quand sera | ton eher corps | au tombeau, 

3 3 3 

Etendu | sur sa cou | che de gla | ce, 

Je viendrai, triomphant de la nuit sans flambeau, 

Pres de toi, m'emparer de ma place. 

Je te tiens, toi si froide et si pale, en tremblant, 

Et mon äme en extase est ravie; 
Fou d'amour, je t'embrasse et te presse, exhalant 

Mes sanglots, mes baisers et ma vie. 

Pour la danse macabre, ä Pappel de minuit, 
Tous les noirs trepasses s'avertissent ; 

— Mais qu'importe ä nous deux! nous restons dans la nuit 

Oü tes bras amoureux m'engloutissent. 

On entend le clairon du dernier jugement : 
Vers le ciel ou l'enfer tout s'elance! 

— Mais nous deux, dans la tombe entrelaces tendrement, 

Sans souci, nous restons en silence. 



Einen glücklicheren Ton hat er in der „Loreley" ge- 
funden; auch der „Fichtenbaum" schmiegt sich trotz freier 
Behandlung passend an das Original an. Sein Meisterstück 
aber dürften die „Grenadiere" sein, wo er die wuchtige 
Sprache und die einfache Tragik des Liedes trefflich wieder- 
gegeben hat. 

Loreley. 

Je ne sais d'oü vient la tristesse 
Qui me trouble ainsi jour et nuit; 
Un conte, un vieux conte, sans cesse, 
De son souvenir me poursuit. 



236 Heines französische Uebersetzer, 

L'air est frais et voiei la brume: 



Le Rhin coule paisiblement, 
Et la Cime du mont s'allume 
Aux derniers feux du firmament. 

Lä-liaut, la vierge la plus belle 
Se tient assise aupres du bord; 
Sa parure d'or etincelle, 
Elle peigne ses cheveux d'or. 

Pendant que, dans l'or de sa tresse, 
Son peigne d'or glisse et descend, 
Sa bouche aux levres charmeresses 
Chaute un hymne etrange et puissant. 

Une douleur apre et sauvage 
Dans son bateau prend le nocher; 
II ne voit plus flots ni rivage, 
Rien qu'elle au sommet du rocher. 

Sous la vague avec sa carene, 
Je crois le nocher descendu : 
C'est la chanson de la sirene, 
C'est Loreley qui l'a perdu. 



XXXIII. 

Sur un sommet de l'aride Norvege 
Croit un sapin, sauvage enfant du Nord; 
Un lourd manteau, fait de glace et de neige, 
De sa blancheur l'enveloppe ; — il s'endort. 

II voit en reve un palmier solitaire, 
Se desolant, dans l'orient lointain, 
Sur un rocher brülant comme un cratere, 
Sous un soleil qui jamais ne s'eteint. 



Ch. ßoltjcns. 23' 



Les deux grenadiers. 

Deux grenadiers, prisonniers chez les Russes, 
Vers le pays en revenaient gaiment; 
Mais arrives au quartier des Borusses, 
Leur front soudain se pencha gravement. 

Oll leur apprit la sinistre defaite : 
Les Corps frangais battus jusqu'au dernier, 
La Grande Armee en deroute complete 
Et l'Empereur, l'Empereur prisonnier! 

Jamais leurs yeux n'avaient verse des larmes : 
Un long sanglot trahit leur desespoir. 
Le Premier dit : „Je succombe aux alarmes, 
Ma piaie au flanc va se rouvrir . . . bonsoir !" 

L'autre lui dit: „Adieu toute esperance! 
Frere, avec toi je voudrais bien mourir; 
Mais j'ai ma femme au doux pays de France 
Et notre enfant que mon bras doit nourrir." 

„Eh! que nie fönt ton enfant et ta femme! 
Je ne saurais m'alarmer de si peu; 
Ils pourront bien mendier, sur mon äme, 
Quand l'Empereur est prisonnier, morbleu! 

Cher camarade, une seule priere! 
Puisque mon corps doit etre enseveli, 
Jusques en France empörte au moins ma biere, 
Au sol fran§ais je veux avoir mon lit. 

La croix d'honneur, avec son ruban rose, 
Doit sur mon coeur etaler sa beaute; 
Que mon fusii entre mes mains repose. 
Et ceins de pres l'epee a mon cote. 

Sous le gazon, sentinelle secrete. 
Je veux ainsi veiller jusqu'au grand jour 
Oü lourds Canons, chevaux, voix de tempete 
M'annonceront l'Empereur de retour. 



238 Heines französische Uebersetzer. 



Qu'il passe alors au galop sur ma tete, 
Dans la melee et les cris de fureur, 
Et l'arme au bras, de nion cercueil en fete, 
Je sortirai pour garder l'Empereur !" 



Francois Yallon. 

Mit dem Buche, betitelt: ,^Ecrm de Poesies'-^ (anglaises, 
allemandes, italiennes et espagnoles), traduites par Fr. Vallon, 
Paris, Lemerre, 1886^ will uns der Verfasser einen Blumen- 
strauss fremder Gedichte in französischer Uebersetzung geben. 
Er behauptet, der erste Franzose zu sein, der diesen Versuch 
wage. Genau genommen beruht diese Annahme allerdings 
auf einem Irrtum; denn schon zehn Jahre zuvor hat der 
Genfer Amiel seine „Etrangeres" herausgegeben. Die ein- 
heimische sowie die ausländische Kritik hat von dem elegant 
ausgestatteten Buche gebührende Notiz genommen. Sehr 
lobend sprachen sich 0. Roquette („Darmstädter Zeitung", 
30. Nov. 1886) und der Altmeister deutscher Uebersetzungs- 
kunst („Tägliche Rundschau", 21. Januar 1886) sowohl über 
die geschmackvolle Wahl bei der Blumenlese, als auch über 
die geschickte und poesievolle Nachahmung aus. Irrtümlich 
wundern sie sich, dass ein solches Buch nicht schon lange 
seinesgleichen in Frankreich habe, während in Deutschland 
kein Mangel an ähnlichen Versuchen sei. Trotzdem ist es 
aber die Schweiz, die nicht nur Amieis „Etrangeres", sondern 
auch Joh. Scherrs „Bildersaal" geliefert hat. 

Mit dem Lobe der genannten deutschen Dichter können 
auch wir, was die Nachbildungen Heines betrifft, deren die 
Sammlung etwa ein halbes Dutzend enthält, übereinstimmen. 
Die Uebersetzungen der Lieder sind getreu und in schöner 
Sprache dem Geiste des Originals angepasst. Als die stilvoll- 
sten Versuche betrachten wir die beiden folgenden Gedichte: 



Frangois Vallon. 239 



Du haut des cieux calmes, sans voile. ^ 

Du haut des cieux calmes, sans voile, 

Tombe une etoile, lä-bas. 
De l'amour c'est la douce etoile 

Que je vois tomber, helas ! 

De l'odorant pommier, en foule, 
Tombent des feuilles, des fleurs: 

Le vent s'en amuse et les roule 
Fanant leurs tendres couleurs. 

Le cygne chantant vogue et mire 
Dans les flots bleus son cou blanc. 

Sa voix baisse, tremble, soupire; 
II tombe au fond de l'etang. 

Tout s'est eteint, bruit et lumiere: 

Feuilles et fleurs ont passe. 
L'etoile n'est plus que poussiere; 

Le chant du cygne a cesse. 



Lurlme.2) 

Je ne sais pourquoi la tristesse 

A ce point m'assombrit. 
ün conte des vieux jours, sans cesse, 

Me revient ä l'esprit: 

Un air frais parcourt les campagnes, 
Le Rhin coule sans bruit: 

Le soleil dore les montagnes 
Oü va tomber la nuit. 

Lä-haut, une vierge est assise, 
Fixant les flots profonds; 

Sa parure est d'or: eile frise 
L'or de ses cheveux blonds. 



^) „Es fällt ein Stern der Liebe", Intermezzo, 59. 

2) Die Bezeichnung Lurline für Lorelei hat er in Sir Ruppert, „The 
fearless, a legend of Germany" (pag. 220), gefunden. Uebrigens soll für diese 
Form auch die altdeutsche Sprache Belege haben. 



240 Heines französische üebersetzer. 



En les frisant, pleine de gräce, 

Avec un peigne d'or, 
Elle chante. Un noclier qui passe 

Ecoute, ecoute encor. 



Un transport violent, farouche, 

S'allume en lui bientot: 
Ses yeux, loin de l'ecueil qu'il touche, 

Sont sur le pic, lä-haut. 

Nocher, barque enfin, j'imagine, 

Sous les ondes d'argent, 
Sombrent. — Voila ce que Lurline 

A fait avec son chant. 



Camille Prienr. 

Eines der letzten Bändchen der 1 Fr.-Serie „Bibliotheque 
choisie des chefs - d'oeuvre frangais et etrangers", die das be- 
kannte Pariser Verlagshaus Dentu mit vorzüglichem Drucke 
und Papier seit einigen Jahren veröffentlicht, ist : 

„Le Tambour Le Grand, sidvi de Voyage en Italiey^^ 
traduction nouvelle de Camille Prieur. 1889.^) 

Die kurze biographische Einleitung ist bloss ein Auszug 
der Lebensskizze Gautiers mit einigen chauvinistischen An- 
hängseln, wozu die Düsseldorfer Statuenfrage die Veranlassung 
gibt. Die Uebersetzung ist eine fliessende und scheint sich 
eher an die Loeve-Veimarssche als an die der „Oeuvres com- 
pletes" anzulehnen, womit natürlich nicht bestritten sein soll, 
dass sie ohne Zuziehung beider verfasst sein kann. Dass sie 



1) Ausser Heine ist die deutsche Litteratur noch durch Goethes „Werther" 
und „Hermann und Dorothea" — in einem Bändchen — und Hoffmanus „Contes 
fantastiques" vertreten. 



Camille Priour. — Alexis Lupus. 241 



modern stilisiert ist, beweist allerdings wenig. Von der 
„italienischen Reise" ist nur der erste Teil (,,von München 
nach Genua") übertragen. 



Alexis Lupus 

heisst der Autor einiger wohlgelungener Uebertragungen, 
die die „Nouvelle Revue" (Bd. 43, pag. 400 ff.) 1890 brachte. 
Sie sind stark, aber auch geschickt französisiert, wie dies am 
besten die Romanze vom „Armen Peter" zeigt: 

I. 



¥ 



Jean valse; il valse avec Margot . . . 
Quel heureux inortel que cet homme ! . . . 

— Pierre est triste comme un sanglot, 
II est plus pale qu'un fantome. 

Margot et Jean vont s'epouser, 
Ils sont en brillante toilette; 
Pierre est d'humeur ä tout briser, 
II n'est point en habits de fete. — 

II (lit, les contemplant tous deux, 

— En proie au chagrin qui raccable — : 
„Je me pendrais, lä, devant eux, 
„Si je n'etais si raisonnabli» . . . 

II. 

„J'eprouve au coeur un mal affreux, 
„Je crois que tout mon sang se fige, 
„Et j'erre, . . . j'erre, . . . malheureux, 
„N'importe oü mon pas se dirige. 

„Comme s'il pouvait y guerir, 
„Pres de Margot mon coeur m'entraine, 
„— Mais son regard me fait mourir . . . 
„Tant son bonheur la rend sereine . . . 

letz, Iloinc in Frankreich. Iß 



242 Heines französische Uebersetzer. 

„Je fuis, je gravis le rocher, 

„La, je serai seul tout ä l'heure; — 

„Lä-haut je n'ai rien ä cacher, 

„Je pleure, je pleure — et je pleure . . 

III. 

Le pauvre Pierre, d'un pas lent, 
S'avance, bleme et chancelant; 
Et les passants de s'arreter. 
Et les filles de chuchoter: 

„ Avez-vous rien vu d'aussi beau ? ! 
„Sans doute sort-il du tombeau, 
„Ce pauvre eher adolescent?" — 
— Non, mes amours ! . . . il y descend . 

Pour lui, dont le coeur est en deuil, 
Le meilleur gite est un cercueil: 
Car dans sa tombe il dormira, 
Ce sommeil-lä — le guerira. — 



Guy Roparte. — P.-R. Hirsch. 

So nennen sich die Verfasser der siebenten franzö- 
sischen Nachdichtung des „Lyrischen Intermezzo", 

„Intermezzo, d' apres le poeme d' Henri Heine/^ 
Lemerre, 1890. 

Das Buch ist Prangois Coppee gewidmet, vielleicht nicht 
bloss als ihrem „Meister", sondern auch als dem Schüler des- 
jenigen, den sie übersetzen. 

In einem „Prelude", das mit dem Prologe Heines, welcher 
nicht übertragen ist, nichts zu thun hat, soll allem Anscheine 
nach eine dichterische Allegorie der Lieder Heines gegeben 
werden, seines Liebens und Leidens : 




Guy Ropartz. — P.-R, Hirsch. 243 

C'est l'antique foret, foret d'enchantement 
Oü les tilleuls fleuris ont des chansons tres douces; 
Oü, quand la lune epand ses clartes sur les mousses, 
Mon coeur s'epanouit delicieusement. 

J'allais sous le feuillage epais; dans la nature 
Silencieuse, un bruit tout a coup frappe l'air: 
C'etait le rossignol, chantant ä gosier clair 
L'amour qui divinise et Fainour qui torture, 

L'amour joyeux, l'amour triste, l'amour moqueur, 
Ses peines, ses plaisirs, ses sourires, ses larmes; 
Cette fraiche musique a, pour moi, taut de cliarmes, 
Que le mal oublie se reveille en mon coeur. 

Et le doux rossignol de brauche ä brauche saute; 
Je vais plus loin et vois apparaitre bientot, 
Au bord d'une clairiere, un immense chäteau 
Dominant l'horizon de sa toiture haute. 

Portes closes, volets rejoints, les alentours 
Etaient empreints de deuil et de morne tristesse ; 
L'angoisse vous mordait au fond de l'äme. Etait-ce 
Que la mort pour demeure avait choisi ces tours? 

Devant la porte, un sphinx me regarde. Je crains 
De l'approcher, mais son attirance m'y force . . . 
II avait d'un hon les griifes et le torse, 
Le visage attrayant d'une femme, et les reins. 

Une femme tres behe avec de blondes tresses: 
Le eroissant de la levre aux sauvages contours 
Promettait follement d'eloquentes amours; 
Son regard appelait des voluptes traitresses. 

Le rossignol chantait delicieusement. 
Posant mon front brülant contre son front de pierre, 
Je frappai d'un baiser l'arc de sa bouche fiere, 
Comme pousse vers un irresistible aimant. 



244 Heines französische Uebersetzer. 



La figure impassible eut un frisson de vie ; 
Elle but, d'un seul trait, le feu de nion baiser. 
Le marbre en soupirant s'efforce d'apaiser 
Sa devorante soif toujours inassouvie. 

Jamals assez! Jamals assez! Sa passlon 
Jusqu'ä mon dernler souffle asplrera ma vle ! 
Sentant decroitre enfin sa monstrueuse envle, 
Elle enfonce en mon corps ses griffes de Hon. 

Etrange volupte! Delicieux martyre: 
Jouissance abliorree et supplice plus eher! 
Le baiser de sa bouche enivrante m'attire 
Tout le temps que sa griffe ensanglante ma chair. 

„0 toi, beau sphinx, amour, dis-moi pourquoi tu meles 
„A toutes voluptes des soufFrances mortelles? 
„Toi, qui tiens sous ta loi les humains pantelants, 
„Beau sphinx dont le baiser enivre et martyrise, 
„Revele-moi le mot de l'enigme incomprise!" — 
— ^M.o\j j'ai reflechi depuis pres de mille ans!" — 

Di CO Dichter versuchen es selten, den musikalischen Zauber 
der kurzen Verse und Strophen wiederzugeben. Meistens sind 
zwei Verse Heines in einen Alexandriner verschmolzen. Aber 
weder Boileau noch Heredia würden denselben anerkennen ; 
denn fast immer stellen sie eigentlich nur willkürlich ge- 
reimte Prosa dar. Unter diesem Vorbehalte ist den Nach- 
dichtungen ein eigentümlich mystisch-poetischer Reiz nicht 
abzusprechen. — Die folgende Uebertragung des Liedes: 
„Lehn' deine Wang' an meine Wang'", das, wie alle Lieder, 
sehr frei behandelt ist, wird das Gesagte verdeutlichen: 

Mets tes yeux sur mes yeux, pour que nos pleurs pämes 
Se melent; que ton coeur contre mon coeur se presse, 
Pour que, d'un meme feu, tous deux soient consumes! 
Et quand, sur le bücher que notre amour se dresse, 
Coulera le torrent de nos pleurs, qu'en mes bras, 
T'etreignant avec force, enfin tu tomberas. 



Je mourrai de bonheur, dans un eri de detresse! 






Guy Ropartz. — P.-R. Hirsch. 245 



Unter den vielen „träumenden Pichten bäumen" der fran- 
zösischen Uebersetzungslitteratur — es sind uns deren zehn 
bekannt — nimmt der vorHegende durch die kraftvolle Sprach- 
symbolik und originelle Verskonstruktion, die sofort die Schule 
Verlaines und Malarmes verrät, eine Stellung für sich ein. 
Dass es die effektvollste Version von allen ist, dürfte nicht 
abzustreiten sein. Allein es bleibt eben eine Version, eine 
poetische Anlehnung. Heines Lied ist Vorwand, nicht Zweck. 
Wir tadeln nicht, konstatieren bloss. 

Un pin solitaire se dresse 

Sur un aride mont du Nord: 

Enveloppe d'un blanc manteau de neige, il dort. 

II reve d'un palmier, pleurant, sous la caresse 

Morne d'un etouffant matin, 

Lä-bas, dans l'Orient lointain. 

Dass ihnen nicht die leichte Hand fehlte, um mit den 
einfachsten Mitteln die Harmonie der Heineschen Verse 
wiederzugeben, dass sie sich mehr aus „parti pris^' der lang- 
hingezogenen rhythmischen Prosa bedienten, geht aus dem 
letzten Liede, das wir hier citieren, hervor (dem 57. des 

„Intermezzo"): 

La phiie et le vent d'automne, 

Dans la nuit, 

Font un bruit 

Monotone. 
Oü se trouve maintenant 
Ma pauvre et timide enfant? 
II me semble reconnaitre, 
Appuyee a sa fenetre, 
Sa tete aux cliarines pälis. 
Les yeux de larmes remplis, 

Elle sende 
L'oeean aux mille plis 
De l'obseurite profonde.i) 



^) Guy liopartz hat u. a. bei Lemerre „Notations artiatiques"' ver- 
öflfeutlicht, eine Sammlung hübscher Reisestudien, in denen von allem möglichen 



246 Heines französische Uebersetzer. 



J. Daniaux. 

In der Zeitschrift „Le Livre moderne" Nro. 7 lesen wir, 
wohl von der Feder des Herausgebers Uzanne selbst : „Henri 
Heine, en depit de l'origine, appartient encore plus ä la France 
qu'ä TAllemagne. C'est donc une restitution que vient d'operer 
M. J. Daniaux en traduisant, en vers alertes, subtils, spirituels 
et passionnes, les petits poemes du „Heimkehr"." Wer einen 
Blick in den zweiten Abschnitt dieser Arbeit geworfen hat, 
wird an der ersten Ansicht des berühmten französischen 
Bibliophilen nichts Neues finden. Was die zweite anbetrifft, 
so wollen wir erst prüfen, ob das elegante Buch : „Le Retour'-^ j 
traduction e?i vers frangais 'par J. Daniaux. Avec une intro- 
duction inedite par Marcel Prevost,^) Paris, 1890 — alle jene 
Vorzüge besitzt. — Da diese Nachbildungen schon der be- 
rühmten Gönnerschaft wegen viel von sich reden machten, so 
wollen wir uns diese Sammlung etwas näher ansehen. Be- 
ginnen wir gleich mit dem ersten Liede der „Heimkehr". Die 
erste Strophe ist trotz einiger Freiheiten, die wir mehr oder 
weniger in allen diesen Uebersetzungen antreffen werden, 
nicht ohne Geschick wiedergegeben („In mein gar zu dunkles 
Leben") : 

Dans la nuit noire de ma vie, 
Blanc mirage vite efface, 
Une douce Image a passe 
Que l'ombre bientot m'a ravie. 



die Rede ist, von Stockholm und Bayreuth, Kunst und Musik etc. Der Heine- 
Uebersetzer und -Verehrer tritt auch hier zu Tage, lieber seine sprachlichen 
Kenntnisse werden wir allerdings stutzig, wenn wir die entsetzlich verstüm- 
melten Verse Heines aus dem vom Verfasser übertragenen „Intermezzo" lesen, 
die dem Buche als Geleite mitgegeben sind. Wir kopieren buchstäblich : 
Im Rhein, im shoenen Strome, 
Da spiegelt sich im de??i Welln etc. . . . 
*) Vergl. Abschnitt II und V. 



A 1 



J. Daniaux. 247 



Holperig dagegen und den Ton des Originals wenig 
treffend klingt die dritte Strophe „Ich, ein tolles Kind, ich 
singe" etc.: 

Vieil enfant apeure, je chante 

Dans ma sinistre obscurite . . . 

Peut-etre mon lied ^) tourmente 

Dissipera mon epouvante. 

Ganz vorzüglich ist dem Dichter dagegen die „Lorelei" 
gelungen : 

Je ne sais d'oü cette tristesse 

Me peut venir: 
\Jn conte ancien liante sans cesse 
Mon Souvenir. 

L'air fraichit; l'ombre s'amoncelle; 

Le Rhin s'endort; 
Le sommet des monts etincelle 

De gloires d'or. 



La plus belle vierge est assise 

Sur le roc noir, 
Son manteau flamboyant s'attise 

Des feux du soir: 

Elle peigne ses tresses blondes, 

Et son cliant clair 
S'envole en versant sur les ondes 

Un philtre am er. 

Le pecheur, d'un desir sauvage 

Aiguillonne, 
En l'ecoutant, loin du rivage 

Est entraine. 



^) Da sich dies deutsche Wort erst seit den Parnassiens eingebürgert 
hat, d. h. vorkommt ohne gesperrt oder mit Anführungszeichen versehen zu 
sein, glauben wir behaupten zu können , dass das „Lied" Heines — des 
Lieblings und Meisters der Parnassiens — der französischen Sprache diesen 
neuen Ausdruck, nebst einem Teil des Dinges selbst, zugeführt hat. — In 
der „Semaine litteraire**, 12. Mai 1894, finden wir den Titel: Lied des Liedes. 



248 Heines französische Uebersetzer. 



Des flots monte a la haute berge 

Une rumeur : 
C'est \e Rliin grondant qui subnierge 

Barque et rameur! 

Das Gegenteil lässt sich aber von dem vierten Liede 
sagen. Den ersten Vers „Im Walde wandl' ich und weine" 
umschreibt er mit den beiden folgenden: 

„Dans la foret verte oü j'arrive 
„Pelerin sombre et courbatu," etc. 

Von der ganzen innigen Natürlichkeit des Originals bleibt 
nichts übrig als Phrase. 

Auch der Effekt von den launenhaften Sprüngen vom 
Ernst zum Spott, von der Thräne zum ironischen Lächeln, 
kurz was man die Heinesche Manier zu nennen pflegt, geht 
so gut wie verloren: 

Les ans s'envolent tour ä tour, 
Filant aux races leur suaire ; 
Mais jamais ne mourra l'amour 
Dont mon coeur est le sanctuaire . . . 

Mon chagrin serait moins cuisant 
Si, quand viendra l'heure supreme, 
Je m'eteignais en vous disant 
Enfin: „Madame, je vous aime!" 

(„Heimkehr", 25, Elster.) 

Schon das französische „Madame" kann hier nicht, wie bei 
Heine, komisch, witzig wirken. — Schwerfällig lautet auch 
die Uebersetzung jener berüchtigten Strophe, die unserem 
Dichter mehr geschadet hat als das „Wintermärchen" und 
seine Börneschrift zusammengenommen (Elster, 78) : 

Vous m'avez compris rarement, 
Et moi moins encor, je l'avoue. 
Mais nous tombämes dans la boue 
Et le jour entre nous s'est fait ä ce nioment! 



Ä 



J. Daniaux. 249 



Störend wirkt überall die Umschreibung des traulichen 
Du mit dem salonfähigen Sie, die dem Liede gleich den 
Grundcharakter der volkstümhchen Lyrik nimmt. Dass der 
Franzose den Unterschied nicht so empfindet, ist ja richtig. 
Er, resp. seine Volkspoesie, kennt ihn aber, und zwar 
nicht nur, weil er „j'aime mieux ma mie, 6 gue!" gehört hat, 
sondern weil es auch bei ihm Momente gab, wo er nicht 
sprach: „je vous aime" — wohl aber „je t'aime". 

Dass dies Lied weit hinter dem Original zurückbleibt, 
will noch nicht heissen, dass es schlecht ist. 

Elle a la grace d'une fleur, 
L'enfant douce, pure et jolie, 
Dont le clair regard enjoleur 
Me remplit de melancolie: 
Parfois je veux, dans ma folie, 
Benir ce beau front sans detours, 
Pour que Dieu la garde jolie 
Et douce et charmante . . . toujours ! 

In folgender Umdichtung übertreibt Daniaux noch die 
derbe Komik Heines, die in den schw^erfälligen Zwölfsilbern 
geradezu geschmacklos wirkt (Elster, „Heimkehr", 121). Pag. 72: 

Puisque, jusqu'a ce point, nos jours sont decousub, 
Je voudrais que ce vieux savant tudesque en us 
Qui rassemble si bien les fragments de la vie, 
En degageät pour moi la metliode suivie; 
Des lambeaux de son froc, dechires et tordus, 
De son bonnet crasseux que la pommade inonde, 
Sans doute, il doit boucher les lacunes du* monde. 

In den beiden Liedern, mit denen wir abschliessen wollen, 
ist er Heine am gerechtesten geworden. Es sind die am 
frischesten duftenden Blumen aus Daniaux' Strausse, in dem 
sich manch' Erblasstes, Verwelktes und arg Zerzaustes befindet. 

J'aurais voulu, ma petite, 

Demeurer ä tes cotes ; 

Mais tu m'as quitte bien vite, 

Tes instants etant comptes. 



250 Heines französische Uebersetzer. 



Quand je t'ai dit ma souffrance, 
Tu parus t'extasier ; 
Puis tu fis la reverence 
En riant ä plein gosier. 

Pour mieux aviver ma peine, 
Tu m'as refuse, par jeu, 
Cette simple et tendre aubaine: 
L'amer baiser de l'adieu . . . 

Ne crois pas que je me tue; 
On se fait une raison: 
Le coeur, vois-tu, s'habitue 
A souifrir la trahison. 



Quand la nuit fugace 
Envahit l'espace, 
Dans le clair-obscur 
De mon reve, passe 
Un fantome pur. 

Chaque soir, ä peine, 
Muette et sereine, 
Elle a clos mes yeux, 
L'ombre me ramene 
Mon songe joyeux. 

. . . Au bois, Taube pleure ; 
En vain sonne l'heure, 
Mon coeur reste sourd. 
L'image y demeure 
Tout le long du jour. 

(Elster, „Heimkehr", 118, 120.) 



Nachträge. 251 



Nachträge 



Wir erwähnen hier zunächst noch einige Uebersetzer, 
deren Werke uns nicht zugängHch waren. 

H. Heine, Poesies choisies, traduites par C.-M. Nancy. Berlin, Behr, 1858. 

Poesies choisies de H. Heine, par Ch. Marelle. Braunschweig, Wester- 
mann, 1868. Ch. Marelle ist noch Verfasser der „Contes et chants 
populaires en France", 1876, und hat unter dem Titel „Le Petit 
Monde" (Berlin 1874) eine Anzahl deutscher Kinderlieder über- 
tragen. 

Joseph Boulmier hat in seinen „Rimes loyales" neben Z. Werner und 
Herwegh auch Heine übersetzt. 

Als Heineübersetzer seien der Vollständigkeit halber noch 
genannt : 

J. Bourdeau, der die Memoiren Heines übertrug („Memoires de Henri 
Heine", C. Levy, 1884), und 

M. S. Gourovitch, der die Uebersetzung des im vergangenen Jahre 
erschienenen Buches von Baron L. v. Embden übernommen 
(„Henri Heine intime", edition frangaise par M. S. Gourovitch. 
Preface par Arsene Houssaye). 

Endhch sind im Laufe dieses Jahres zwei weitere 
poetische Uebertragungen Heinescher Liedersammlungen er- 
schienen : Von dem uns schon bekannten 
Daniaux, Le Nouveau Printemps^ Angelique. Lemerre, 1894 — 
und die achte „Intermezzo "-Uebersetzung von 

J. de Tallenay, Intermede lyrique de Heine, traduction poetique — suivi 
de Premieres rimes. Ollendorf, 1894. 



252 Heines französische Uebersetzer. 



,, Pages posthumes de Henri Heine." 

So lautet die Ueberschrift einer Serie kurzer Historien, 
Aphorismen etc., die in der artistischen „Revue illustree" ^) 
im Verlage von Ludovic Baschet zwischen 1888 und 1892 
erschienen. Da uns diese sogenannten nachgelassenen Schriften 
Heines gleich als geschickte Mystifikationen vorkamen, wandten 
wir uns an den Verleger mit der Bitte, uns über die Quellen 
jener Pubhkationen zu unterrichten. Dieser teilte uns in zu- 
vorkommendster Weise mit, dass ihm die „Pages posthumes'' 
von einem Herrn 0. Fidiere des Pruivaux übergeben worden 
seien, den er aber schon seit 1888 aus dem Auge verloren 
habe. Dieser angeblich neu entdeckte Nachlass Heines be- 
steht nun ganz einfach aus einer Kompilation von allen mög- 
lichen, längst von Engel, Elster etc. veröffenthchten nach- 
gelassenen Schriften unseres Dichters. Ein Beispiel mag 
unsere Bezeichnung Mystifikation — besser passt hier das 
französische Wort „fumisterie" — rechtfertigen. Unter dem 
Titel „Maximes et pensees detachees" finden wir folgende 
Stelle: „Une alliance entre la France et la Russie, avec les 
affinites des deux pays, n'aurait rien que de naturel. En 
Russie, comme en France, regne l'esprit de la Revolution : ici, 
dans la masse; la, concentre en un seul homme; ici, sous la 
forme republicaine; lä, sous la forme absolutiste; ici, ayant 
en vue la liberte ; lä, la civilisation ; mais, dans les deux pays, 
agissant revolutionnairement contre un passe meprise et meme 
deteste." 

Hiermit bricht der Uebersetzer ab. Was wir bis jetzt 
gelesen, könnte ganz gut ein Bruchstück der Einleitung des 
Akademikers Mezieres sein, die am Kopfe des „Livre d'or 



1) Bd. VI, I. Semester, pag. 113, 184; II. Semester, pag. 89, und Bd. XIV 
(15. November 1892). 



„Pages posthumes de Henri Heine." 253 



des fetes franco-russes" steht. Bei Heine aber beginnt erst 
die ironische Persiflage seines vorausgeschickten Paradoxon, 
denn er fährt fort: „Die Schere, welche die Barte der Juden 
in Polen abschneidet, ist dieselbe, womit in der Conciergerie 
dem Ludwig Capet die Haare abgeschnitten wurden; es ist 
die Schere der Revolution, ihre Censurschere, womit sie nicht 
einzelne Phrasen oder Artikel, sondern den ganzen Menschen, 
ganze Zünfte, ja ganze Völker aus dem Buche des Lebens 
schneidet," etc. etc. Nicht nur die Gedanken, sondern auch 
die einzelnen Worte sind entstellt. So ist z. B. das „Haus- 
backene" mit „ce qui est utilitaire" übersetzt. — Die Nummer 
vom- 15. November 1892 bringt (pag. 340) eine Historie, be- 
titelt: „La derniere incarnation du Dieu Mars" (mit Illustra- 
tionen). Die ersten zehn Zeilen sind aus „Götter im Exil" 
(Ausg. Elster, Bd. VI, pag. 79) übertragen; woher das übrige 
stammt, wissen wir nicht zu sagen. 

Diese litterarische Freibeuterei wäre natürlich in Deutsch- 
land nicht möghch. Sie hätte aber auch keinen Zweck. In 
Prankreich bedeutet der Name Heine stets ein pikantes, 
seltenes Gericht für litterarische Feinschmecker — eine Re- 
klame, die heute mehr zieht, denn je. 



254 Heines französische üebersetzer. 



Heine-Uebersetzer der W^estschweiz 



Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller werden Schweizer- 
schriftsteller und -Dichter genannt. Einen Alex. Yinet als 
französischen Litterarhistoriker und Kritiker zu bezeichnen, 
bloss weil er französisch schrieb, wäre ebenso falsch, wie die 
obige Bezeichnung der beiden Dichter deutscher Zunge richtig 
ist. Schon aus diesen hiermit angedeuteten inneren Gründen 
sind wir berechtigt, auch die französischen üebersetzer Heines 
in der Schweiz von denen in Prankreich zu trennen. Allein 
diese sind es nicht, die uns bewogen, so zu verfahren, son- 
dern wir zogen deswegen vor, die Schweizerdichter separat 
zu behandeln, weil wir verhüten wollten, dass ihre hervor- 
ragende Qualität in der grossen französischen Quantität ver- 
schwinde oder doch wenigstens nicht zur Geltung komme. 

Als Vermittler der Nationen, als ihr litterarischer Dol- 
metscher zu wirken, ist dem Westschweizer, dem Schweizer 
überhaupt, Pflicht und Mission. Das Elsass hat seine völker- 
vermittelnde Rolle seit 1870 ausgespielt. Ein zukünftiger 
Goethe wird sich nunmehr nach Paris begeben müssen, um 
sich im Französischen auszubüden! — Elsass war nur ein 
Grenzland — die Schweiz ist mehr, sie ist eine unabhängige 
Nation. 

Wenn Rambert noch bedauern konnte, dass die west- 
schweizerischen Dichter der letzten Generation — von ihm 
aus gerechnet — ihre Mission nicht erfüllt haben, so gilt 
der Tadel nicht der neuen, zu der Amiel, er selbst und 



Marc-Monnier. 255 



unter andern auch Marc-Monnier gehören. Mit dem letztern 
eröffnen wir die kleine Elite der schweizerischen Heine- 
übersetzer. 



Marc-Monnier ') 

(1829—1885). 

Den Geschmack und die sprachliche Sicherheit, die Poesie 
und Prosa dieses fruchtbaren Schriftstellers auszeichnen, finden 
wir auch bei seinen Uebertragungen. Rhythmisch, wortgetreu 
und zugleich als französisches Lied effektvoll, ist die „Lore- 
le", wie er die Rheinnixe nennt. (Poesies, Lemerre, 1872.) 

Lore-le. 

Je suis, devant ces rivages, 
Si triste, et ne sais pourquoi; 
C'est Uli conte des vieux äges 
Qui Sans cesse est devant moi. 

L'air est frais, voici la brume, 
Et le Rhin coule sans bruit; 
Le sommet du mont s'allume 
Au dernier rayon qui fuit. 

Lä-haut, la vierge qui regne, 
Est assise sur le bord, 
Et Ton voit I'or de son peigne 
Luire dans ses cheveux d'or. 

En les peignant, sur la rive, 
Elle chante un air fatal, 
Air etrange qui captive, 
Qui vous fait plaisir et mal. 



^) Vergl. Abschnitt V. 



256 Heines französische Uobersetzer. 

Dans l'esquif, riioninie qui passe, 
Par cet air sauvage est pris, 
Regarde en haut, dans l'espace, 
Ne Yoit pas les rochers gris . . . 

Je crois que sous l'eau niechante 
L'homme et la barque ont coule . . . 
Et voilä, quand eile chante, 
Ce que fait la Lore-le. — 



(Pag:. 139.) 



Henri-Frederic Ämier) 

(1821—1881). 

Im Jahre 1876 veröffentlichte dieser nach seinem Tode 
so berühmt gewordene Genfer einen Band Gedichte, in dem 
deutsche (Gottfried Keller mit einem Liede), englische, spa- 
nische, italienische, griechische und ungarische Lyrik ver- 
treten ist: 

„Les etrangeres.^^ 
Poesies traduites de diverses litteratures. 

Das Vorwort ist an seinen Freund und Landsmann Edm. 
Scherer gerichtet. Er will uns in diesem über seine An- und 
Absichten, die Uebersetzungskunst betreffend, unterrichten: 
„La traduction parfaite, ce serait celle qui rendrait, non pas 
seulement le sens et les idees de l'original, mais sa couleur, 
son mouvement, sa musique, son emotion, son style distinctif, 
et cela dans le meme rhythme, avec des vers de meme forme 
et un meme nombre de vers. Or, il n'est pas douteux que 
cet ideal est inaccessible, au moins dans notre langue, car si 
notre litterature est hospitaliere, eile sous-entend que ses 



') Vergl. Abschnitt V. 



A 



Henri-Frederic Amiel. 257 



hötes prendront ses habitudes, son costume et ses fagons ä 
eile, et non pas qu'elle-meme fera la moitie des avances et 
du chemin. Mais, en tbese generale, quel autre ideal est 
donc plus accessible? ... 

„Me deraandez-vous pourquoi les poesies allemandes do- 
minent dans cette coUection qui, ä vrai dire, est plutöt inter- 
nationale? La raison en est simple: c'est que, pourla traduc- 
tion en vers frangais, aucune peut-etre des langues europeennes 
n'est plus refractaire et plus incommode que celle d'outre- 
Rhin; les obstacles sont redoubles et multiplies comme a plaisir." 

Nicht nur, um diese Hindernisse zu überwinden, sondern 
auch zu dessen eigenem Besten verlangt er für den franzö- 
sischen Vers mehr Freiheit. In einem „Appendice" verficht 
er diese Idee. Seine Poetik will er damit illustrieren, dass er 
die Uebersetzungen in „rhythmes connus" und „rhythmes 
nouveaux" einteilt. 

Leider sind von Heine nur zwei Gedichte in den „Etran- 
geres" übertragen ; diese aber sind Meisterstücke der Ueber- 
setzungskunst. Amiel wäre der Mann gewesen, den Franzosen 
den deutschesten, den genauesten Heine zu geben. Wenn 
Rössel ^) von seinen Uebertragungen sagt (pag. 520) : „La 
gaucherie laborieuse est le trait caracteristique" und von 
„peinlicher , unmelodischer Lektüre seiner steifen LTeber- 
setzungen" spricht, so mag dies schroffe Urteil bei einem 
Teile der Umdichtungen einige Berechtigung haben. Bei den 
Liedern Heines aber trifft es ganz und gar nicht zu. Wahr 
ist es, dass man bei mancher andern Uebersetzung fühlt, dass 
der gelehrte Professor dem Poeten die Hand führt, ihm ge- 
wissermassen über die Schulter sieht, um die poetischen 
Exercitia zu kontrollieren und zu korrigieren. Ueberall, wo 
er sich in reiner Lyrik versucht, merkt man, dass ihm die 



^) Virgile Rössel, Histoire litteraire de la Suisse romande des origines 
h nos jours, tome 11, 1891. 

Betz, Ileinc in Frankroich. 17 




258 Heines französische XJebersetzer. 

poetische Inspiration abgeht. Er vermag seine Verse nicht 
dichterisch zu beseelen. Aeusserst interessant ist es deswegen, 
Amiel und Valade als Uebersetzer einander gegenüber zu 
stellen. Bei Valade sagt man sich: so hätte ungefähr ein 
von Heine selbst französisch gedichtetes Lied gelautet, — 
bei Amiel: besser kann ein deutsches Lied Heines nicht 
übertragen werden. Beide zusammengenommen bilden die 
Idealgestalt des Dichter-Dolmetschers. 

Belsatzar. 

Minuit. Dans les places, personne. 
Tout dort. L'ombre est sur Babylone. 

Mais au palais du roi, grand jour: 
Flambeaux, rumeurs, gala de cour. 

Et, pour la fete colossale, 
Belsatzar trone dans la salle. 

Joyeux, vidant la coupe d'or, 
Les grands, ä l'entour, fönt decor. 

Aux cliants, aux rires, au tumulte, 
Belsatzar, le roi sombre, exulte. 

Sa joue a perdu sa paleur, 
Le feu du vin gonfle son coeur. 

A sa perte, il court de lui-meme; 
Aveugle, Belsatzar blaspheme. 

Son discours, toujours plus hardi, 
Des flatteurs est plus applaudi. 

Ivre d'une audace coupable, 

II donne un ordre: et, sur la table, 

On apporte, pour braver Dieu, 
Les vases d'or du temple hebreu. 



Henri-Fredei'ic Amiel. 259 

L'impie en saisit un. Rapide, 
II Femplit de vin et le vide. 

II le retourne lentement, 
Et s'ecrie alors, ecumant: 

„Jehovah, honte ä ta couronne! 
„Je suis le roi de Babylone!" 

Mais sa levre ä peine a maudit, 
Qu'il s'arrete, pale, interdit. 

Et, dans la fete colossale, 

Un froid de mort eniplit la salle. 

Soudain, sur la haute paroi, 

Ecrit une main d'homme . . . Effroi ! 

En traits de flamme ecrit encore, 
Ecrit la main, puis s'evapore. 

Et Belsatzar, sourcils fronces, 
Tremble. Ses membres sont glaces. 

Baissant leurs paupieres craintives, 
D'horreur frissonnent les convives 

Viennent bientot mage et devin. 
Dechiffreront-ils ? Espoir vain. 

Et Belsatzar, cette nuit meme, 
Perdit tout, vie et diademe. 



Lorley. 

Mon coeur, pourquoi ces noirs presages? 

Je suis triste ä mourir. 
Une histoire des anciens äges 

Haute mon souvenir . . . 



260 Heines französische Uebersetzer. 



Dejä l'air fraichit, le soir tombe 
Sur le Rhin, flot grondant; 

Seul, un haut rocher qui surplonibe, 
Brille aux feux du couchant. 

Lä-haut, des nymphes la plus belle, 

Assise, reve encor; 
Sa main, oü la bague etincelle, 

Peigne ses cheveux d'or. 

Le peigne est magique. Elle chante, 
Timbre etrange et vainqueur ; 

Tremblez, fuyez, la voix touchante 
Ensorcelle le coeur. 

Dans sa barque, l'homme qui passe, 
Pris d'un soudain transport, 

Sans le voir, les yeux dans l'espace, 
Vient sur l'ecueil de mort. 

L'ecueil brise, le goufFre enserre 

Et nacelle et nocher . . . 
Et voilä le mal que peut faire 

Lorley sur son rocher. 



Paul Gautier 

(1843—1869). 

In ihm verlor die französische Schweiz einen zu den 
grössten Hoffnungen berechtigenden Dichter, einen vom 
Scheitel bis zur Sohle eminent lyrisch angelegten Poeten, 
mit einer stark satirischen Ader. 

Das kleine, aber wertvolle litterarische Gepäck dieses im 
26. Jahre hinweggerafften Schweizers ist in der hübschen 
Broschüre enthalten: 



Pcaul Gautier. 261 



,^Pervenches et Briiyeres.^' 
Poesies choisies. Geneve, Fick, 1870. 
Pietätvolle Hände haben es ihm auf das frische Grab 
gelegt. Eugene Rambert (E. R.), der schon in der „Biblio- 
theque Universelle" wiederholt auf den hochbegabten Gautier 
hingewiesen, widmet diesem in der posthumen Ausgabe eine 
treffliche Lebensskizze. Sie ist allerdings von einem ganz 
verschieden veranlagten Dichter geschrieben, dessen gelassene 
Gemütstiefe die Lieder des zerrissenen Herzens eines jungen 
Poeten mehr bedauern als bewundern kann. Wir werden noch 
sehen, wie Rambert Musset und Heine als verderbenbringend 
für Gautiers Muse ansieht. Allein wieso dieser bei Heine 
u. a. „absence d'energie morale" gelernt haben soll, kann 
uns Rambert leider nicht mehr erklären. 

Gautier kümmert sich in seinen Uebersetzungen weit 
weniger um Form und Rhythmus des Originals wie Amiel. 
Er sucht die Poesie oder die Satire zu erfassen, um sie dann 
dichterisch nachzuahmen. Es kommt ihm daher auch nicht auf 
Wörtlichkeit an. Rambert beklagt den frühen Tod seines Lands- 
mannes, der der „litterature romande" eine Uebertragung 
Uhlands schuldig geblieben ist, die für sie eine Zierde und 
ein Gegenstand des Stolzes gewesen wäre. Wir glauben mit 
mehr Recht den Verlust einer der vorzüglichsten, dichterisch 
inspirierten, tief nachempfundenen Uebersetzungen des „Buches 
der Lieder" bedauern zu dürfen, denn eine solche hätte uns 
ein längeres Leben Gautiers geschenkt. 

Nachdem wir noch erwähnt, dass selbst Rössel, der Amiel 
so streng richtete, Gautier als einen Meister der Uebersetzungs- 
kunst betrachtet, dessen „Loreley" er über die Marc-Monniers 
stellt, wollen wir eine Auslese dieser trefflichen Umdichtungen 
folgen lassen. 

Oll! vous etcs, comme une fleur, 

Aimable, candide et jolie! 

Je vous regarde, et dans nion coeur 

Se glisse melancolie. 




262 n eines französische Uebersetzer. 



Parfois ... oh ! je voudrais lever 
Ma main sur votre front sans ride; 
Frier Dieu de vous conserver 
Aimable, jolie et candide. 

Pag. 93: 

Ils s'aimaient dans leur coeur; et pourtant, tour ä tour, 

Ils ne se dirent pas leur brülante pensee. 

Elle ne lui parlait que d'une voix glacee, 

Et, comme eile, il voulait se consumer d'amour. 

Ils se quitterent donc, et la terre lointaine, 
En songe, quelquefois, les reunit encor . . . 

Mais, des longtemps, Tun etait mort 

Que l'autre le savait ä peine! 

(Aus „Die Heimkehr", 1823—1824, Nro. 33.) 



Pag. 83: 



Le Chef d'orchestre. 

Le bois est rempli d'harmonie, 
Les nids sont pleins d'accents divers. 
Quel est le maitre de genie 
Qui dirige tous ces concerts? 

Est-ce le vanneau dont la tete 
Secoue un panache hautain? 
Est-ce le coucou qui repete 
Sans cesse le meme refrain? 

Est-ce la tendre tourterelle? 
Ou le bouvreuil? ou le heron 
Qui, juche sur sa jambe grele, 
A pris un air de fanfaron? 

Non! c'est en mon coeur, je vous jure, 

Qu'est cet artiste de renom . . . 

Je le sens qui bat la mesure, 

Et je crois qu'Amour est son nom. 

(Aus „Neuer Frühliug", Nro. 8, pag. 206.) 



^ 



Pag. 86: 



Paul Gautier. — IS^achträge. 263 



Mon coeur. 

Charmante fille du marin, 
Sur le bord tire ta nacelle; 
Viens t'asseoir pres de moi, la belle, 
Et causer, ta main dans ma main! 

Mets sur mon coeur ta blonde tete! 

N'liesite pas: chaque matin 

Tu vas confier ton destin 

Sans crainte a la vague inquiete. 

Et mon coeur est comme la mer: 
II a sa brume et ses tourmentes, 
Et bien des perles eclatantes 
Roulent avec son flux amer. 

(„Das Fischermädchen."] 



Nachträge. 

I. 

Jules Yuy. 

In den zwei Bänden der „Echos des bords de l'Arve^^ 
(3' edition, Geneve, Georg, 1873) von dem Genfer Jules Vuy 
befinden sich zwar unter den circa fünfzig Uebertragungen von 
Uhland, Lenau, Geibel und Chamisso keine von unserem 
Dichter. Wir glauben aber den Autor dieses sehr bekannten 
Buches dennoch hier nennen zu dürfen, da Süpfle ihn nicht 
erwähnt, und wir dem, der sich bei uns nach der franzö- 
sischen Uebersetzungslitteratur umsieht, die möghchst gründ- 
liche Auskunft geben möchten. — Rambert ist der Ansicht, 
dass die Uebertragungen Jules Vuys denen Marc-Monniers 
würdig zur Seite stehen.^) Er knüpft hieran. noch folgende 
Bemerkung (pag. 543): 

^) Vergl. „Trois poetes de la Suisse romande", Bibliotheque Universelle, 
März 1873. 



264 Heines französische Uebersetzer. 

Toutes ces traductions des poetes de TAUemagne du Sud, par 
nos poetes romands, sont un phenomene litteraire des plus interessants. 
Mais la vraie imitation est creation, et s'il y a quelque parente de 
genie entre la Souabe et nous, il faut qu'elle se manifeste non seule- 
ment par des emprunts, mais par une reelle analogie dans les pro- 
ductions spontanees. Or l'analogie n'apparait nulle part plus evidente 
que dans les vers de M. Vuy; c'est meine la son originalite la plus 
marquee, et ce qui lui fait parmi nous une place ä part. 

Ohne mit Rambert in Sachen seiner heimatlichen Litte- 
ratur rechten zu wollen, scheint uns Vuy nach dieser Richtung 
hin doch nicht eine solche Ausnahmestellung in Anspruch 
nehmen zu können, wenn wir an Eggis, Amiel und besonders 
an Blanvalet denken. 

II. 

Wir bitten hier noch um Raum für eine interessante 
kleine litterarische Entdeckung, die allerdings nicht hierher 
gehört. Es ist schon vielfach auf das berühmte Rheingesang- 
tournier hingewiesen worden, das, wie bekannt, Nie. Beckers 
patriotisch stolze Strophen provozierten — auf die bissig 
geistreiche Antwort Mussets, die Friedenshymne Lamartines 
und Edg. Quinets massvolle Verse. — Unbekannt ist aber die 
Antwort des Schweizers geblieben, und doch klingt sein Lied 
vom Rhein ebenso stolz wie das Beckers, so formvollendet 
wie das Quinets und so frech-schneidig wie das Mussets — 
den Vergleich mit Lamartine ziehen wir vor, zu unterlassen. 

Mag es denn mit diesem Buche den Weg über den 
Rhein antreten als posthume Antwort avif eine Frage, die stets 
nur das Schwert, nimmermehr des Sängers Leier lösen wird. 
Le Rhin suisse. 

Quand ces nains vils flatteurs, gros de fiel et de liaine, 
S'arrachent, par lambeaux, les peuples de la plaine 
Et veulent enchainer le fleuve souverain, 
Mon coeur prend en pitie leur niuse courtisaue; 
Le clieval n'a jamais porte le bat de l'äne : 
II est ä nous, le Rliin. 



n 



Nachträge. 265 



Notre erable de Trons le couvre de ses branches. 
— II ecoute, joyeux, le bruit des avalanches, 
II reflete nos monts dans son cours souverain. 
Soir et matin, lä-haut, le pätre, au sein des nues, 
Contemple, en priant Dieu, ses deux rives connues : 
II est ä nous, le Rhin. 

Ilanz et Dissentis, comme aux saisons passees, 
Se baignent, chaque jour, dans ses ondes glacees, 
Souverains, se plongeant dans le flot souverain; 
Debout sur ses rochers, la loyale Rhetie 
Sourit au jeune fleuve, enfant de l'Helvetie : 
II est ä nous, le Rhin. 

II ne connaitra pas nos montagnes captives, 
Les fils des fils de Mals peuplent encor ses rives, 
Son flot n'est point le serf du Franc ni du Grermain; 
Digne des vieux Grisons, il coule fier et libre. 
A la Suisse le Rhin, comme ä Rome le Tibre : 
II est ä nous, le Rhin. 

Les Alpes sont ä nous, et leurs cimes de neige. 
Et leurs pics sourcilleux, formidable cortege, 
Seculaire berceau du fleuve souverain. 
La, nos peres ont bu sa vague froide et pure. 
II fallait au grand fleuve une grande nature ; 
II est ä nous, le Rhin. 

II est ä nous, le Rhin. — Yoyez-le, dans sa course, 
ßondir et s'elargir, en sortant de sa source, 
Au pied du Saint-Gothard, il est ne souverain; 
Mais lä-bas, mais la-bas, son onde insaisissable 
Va se perdre ignoree et mourir dans le sable : 
II est ä nous, le Rhin. 




I 



FÜNFTER ABSCHNITT 



H. HEINES EINFLUSS 



Les grands jjoetes sont comme les grandes 
montagnes, ils ont beaucoup d'echos. 

Victor liugu. 



Erstes Kapitel 

Einleitende Betrachtungen über den deutschen 

Einfluss auf die französische Litteratur in der ersten 

Hälfte dieses Jahrhunderts 



Dans nos recherches de litteratures etran- 
geres, nous ne devons nous attacher qu'aux 
noms celebres et aux esprits originaux dont 
l'influenee s'est exercee sur TEurope et sur la 
France. 
VUlemain, Tableau de lalitteratuie, XIII« legon. 

Si je n'etais pas Francais, je voudrais 
etre Allemand. Victor Hugo. 

Schon vor Dr. TJi. Süpfle^) und Dr. Fr. Meissner^) und über 
10 Jahre vor Heinrich Breitingers trefflichem und inhaltreichem 
Aufsatze „Die Vermittler des deutschen Geistes in Prankreich" 
(Zürich 1876) hat ein Franzose auf dies ebenso ergiebige und 
nützliche, als auch ungemein schwierige Thema hingewiesen. 
„J'estime qu'il est tres utile de . . . chercher ä mesurer et ä 
evaluer avec precision les effets de l'influenee germanique sur 
notre renovation litteraire et poKtique du XIX" siecle." So 
drückt sich Sainte-Beuve am 2. November 1863 aus in seiner 
Einleitung zu der äusserst anregenden Arbeit William Eey- 
monds: „Corneille, Shakespeare et Goethe, etude sur l'influenee 
anglo- germanique en France au XIX" siecle", Berlin 1863.^) 



1) Deutscher Kultureinfluss auf Frankreich, 2 Bde. Gotha, 1886, 1888. 

£^) Der Einfluss des deutschen Geistes auf die französische Litteratur des 
Jahrhunderts bis 1870, Leipzig, 1893. 
') Eine weitere Studie über dies Thema, bemerkenswert wegen ihrer 
sllen Darstellung und der Fülle neuer Gesichtspunkte, entstammt der 



270 H. Heines Einfluss. 



Allein, so viel auch die meisten dieser Schriften Inter- 
essantes und Lehrreiches bieten, so grossartig auch besonders 
das von erstaunlicher Arbeit zeugende Werk Süpfles angelegt 
ist, so gilt dennoch für diese wichtigste Epoche deutschen 
Einflusses auf die französische Litteratur noch heute das 
Wort Gotschalls, an das einige der Genannten angeknüpft 
haben: „lieber den Einfluss deutscher Litteratur in Frank- 
reich fehlt eigentlich noch eine zusammenhängende Dar- 
stellung/^ 

Fern von uns liegt die Absicht, mit den folgenden Be- 
trachtungen diese Lücke auszufüllen. Nachdem wir Jahr und 
Tag dem Einflüsse eines einzigen Mannes nachgeforscht haben, 
halten wir uns für befähigt, die Schwierigkeiten zu erkennen, 
die sich der Bewältigung eines so grossen Gebietes entgegen- 
stellen müssen. — Wir wollen hier lediglich an dem Rahmen, 
den wir bereits mit einer Uebersicht der französischen Lit- 
teratur begonnen haben, weiter arbeiten, um ihn noch später 
mit einem Hinblick auf die modernen Dichter und die Ein- 
wirkungen, die von Deutschland eindrangen, zu vollenden, 
damit so das Bild unseres Hauptstudiums stets vom Ganzen 
einbegrenzt und in die Gesamtheit französischer Dichtung an- 
schaulich eingefügt bleibe. 

Schon wiederholt ist mit Nachdruck betont worden, wie 
falsch es ist, den deutschen Einfluss erst von dem Buche der 
Frau von Stael an zu datieren. Diese Legende aber wird 



Feder des bekannten Politikers und Freundes Gambettas, Joseph Reinachs, 
der in der „Revue bleue" („Revue politique et litteraire") vom 4. Mai 1878 
den Aufsatz „De Vin-ßuence inteUectuelle de VAUemagne sur Ja France^ 
als Gegenstück des ebendaselbst zuvor (7. Juli 1877) erschienenen „De l'in- 
fluence historique de la France sur l'Allemagne" veröffentlichte. — Man ver- 
gleiche auch : R. Rosieres, „La litteratur e aUemande en France de 1750 
tl 1800^, „Revue politique et litteraire", 15. September 1883 (beide Arbeiten 
von Süpfle nicht citiert), und endlich Ch. Jorets schätzenswerte Broschüre: 
Des rapports intellectuels et litteraires de la France avec VAUemagne, 1884. 



Einleitende Betrachtungen. 271 



noch weiter bestehen, so lange sich Männer vom Fach auf 
deutscher und französischer Seite zu derselben bekennen. 
Denn das, was Fritz Meissner hierüber lehrt, ') unterscheidet 
sich nicht wesentlich von dem, was Michel Breal im selben 
Jahre sagt: „Si Ton excepte les premiers instants de la Re- 
forme, l'influence intellectuelle de l'Allemagne sur la France 
ne commence guere qu'avec le livre de Madame de Stael."^) 
Der nordisch-germanische Einfluss hatte, seitdem Franken 
über den Rhein gezogen, nie aufgehört zu wirken. Wenn 
der Geist der französischen Reformation mit Recht seinem 
innersten Wesen nach ein deutscher genannt worden ist, 
so muss die Quelle desselben vor allem im Frankenvolke ge- 
sucht werden. Ungenau ist es deswegen, dieselbe schlecht- 
weg als die Tochter der deutschen zu bezeichnen. Sie ent- 
stand in erster Linie aus sich selbst, als religiöse Renais- 
sance. Die „Reforme" war die gleichaltrige Schwester der 
neuen Religion Luthers, von der dann allerdings die mo- 
ralische Kraft ausging. 

Deutsches Denken hatte im XVIIl. Jahrhundert mit- 
geholfen, den morschen alten Staatsbaum zu brechen. Der 
social - politische Beigeschmack deutschen Einflusses ist um 
so bemerkenswerter, als dieser sonst rein psychischer Natur 
ist und im Gegensatz zu dem Einwirken Frankreichs auf 
Deutschland, das sowohl ein historisches als auch litterarisches 
war, ausschliesslich dem Reiche des Geistes angehörte. 

Muss demnach auch das klassische Bild von der „durch- 
brochenen chinesischen Mauer" als ungenau fallen gelassen 



^) Ibidem oben, pag. 1. — Die Kritik hat dies unzulängliche Werk zur 
Genüge besprochen (so z. B. R. Mahrenholtz, ,,Litteraturblatt'" etc., September 
1893), so dass wir hier nicht auf die vielen Mängel desselben und die naive 
Anmassung des Verfassers einzugehen brauchen. 

-) „L'enseignement de l'anglais et de l'allemand" („Revue bleue", 
18. März 1893). 



272 H. Heines Einfluss. 



werden, so bleibt es nichtsdestoweniger wahr, dass nicht 
mir die grosse Masse, sondern auch das kleine Häuflein Ge- 
bildeter herzlich wenig von deutschem Wesen, deutscher 
Kunst und Sprache wusste, und dies bis tief ins XVIII. 
Jahrhundert hinein. Selbst bei den klarsten Köpfen sind 
die Kenntnisse über das Volk jenseits des Rheines so 
ziemlich eine Karikatur der Wirklichkeit. Der viel gereiste 
Montaigne wirft die deutsche Sprache — er nennt sie auch 
gelegentlich „la langue des chevaux" — mit der persischen 
in einen Topf. Voiture und seine schöne Umgebung von 
Rambouillet wollen fast vergehen vor Lachen, als ein deut- 
scher Gelehrter „en us" ihnen zumutet. Deutsch zu lernen. 
Welche Ignoranz deutscher Dinge tritt uns nicht in den 
Memoiren des XVII. und XVIII. Jahrhunderts entgegen? 
Was war denn für die Saint-Simon, Dangeau etc. die Personi- 
fikation Deutschlands? Die grob-derbe Pfalzgräfin Elisabeth 
Charlotte, Herzogin von Orleans. 

Das Geisteswerk der genialen Frau bleibt daher eine 
grossartige Revelation. 

Schon vor „De l'AUemagne'*', dessen Schicksale bekannt 
sind, hatte die Abhandlung der Baronin von Stael- Holstein 
„ De la litterature consideree dans ses rapports avec les 
institutions sociales", die im ersten Jahre unseres Jahr- 
hunderts erschien, durch die Fülle neuer Ideen, die Un- 
erschrockenheit einer Sprache, wie sie, allem Konventionellen 
zum Trotze, in Frankreich lange nicht mehr geführt wor-: 
den war, ein ungeheures Aufsehen erregt. Eine Französin 
wagte es, der nordischen, anglo-germanischen Litteratur den 
Vorzug zu geben, die sie systematisch von der südlichen, 
romanischen trennt; eine Frau plaidierte laut für die Idee 
menschlicher Perfektibilität an der Wende des skeptischen 
Jahrhunderts „par excellence'' ; sie unterfing sich, zu ver- 
künden, dass Deutschland mehr denn jede andere Nation zur 
wahren Lyrik veranlagt sei, weil es sich durch jene Geistes- 



_^SiL i 



Einleitende Betrachtungen. 213 

Unabhängigkeit auszeichne, die allein der persönlichen Origi- 
nalität Raum und Freiheit gewähre, weil dort die „Melancolie" 
wohne, die der Poesie Tiefe und moralische Grösse verleihe. 
Was die Kreatur des erzürnten Napoleon, General Savary, 
der schmollenden Tochter Neckers als Grund der Konfiskation 
der 10,000 Exemplare ihres „De l'Allemagne" angab — „qu'il 
n'etait point frangais'' — konnte schon von ihrem ersten Werke 
gesagt werden. 

Was nun ihr Buch über Deutschland betrifft, so muss 
eine gerechte Kritik zugeben, dass es eher eine geistreiche, 
farbenprächtige und glänzende Skizze ist, als ein getreues, 
objektives Bild eines Volkes „sine ira et studio". Ihre Wan- 
derungen durch Deutschland waren nicht Studienreisen; sie 
glichen vielmehr Triumphzügen. Ihr ging der Ruf einer der 
geistreichsten Frauen, einer Königin des Pariser Salons, und 
vor allem die Ehre der erbitterten Feindschaft der „Welt- 
seele" voraus. Und ihr, der Gedankenfürstin, erging es wie 
den Mächtigen der Erde, die, wenn sie reisen, mit dem besten 
Willen und Können mehr Illusionen als Wirklichkeit sammeln. 
Dass Madame de Stael trotzdem so vieles richtig gesehen und 
beurteilt, scheint uns gerade der beste Beweis ihres Genies 
zu sein. Nichtsdestoweniger musste ihr Buch optimistischer 
ausfallen, als dies zu Frankreichs Nutzen und Belehrung von- 
nöten gewesen wäre. Ihr fehlte die Seelenruhe. Vergessen 
wir nicht, dass die Heimatsverbannte einen glühenden Hass 
gegen das Frankreich Bonapartes in der Brust barg. Eine 
Lektion wollte sie jenen zu Hause geben, als gutes Beispiel 
den Kontrast ihres Ichs zeigen, und mit richtigem Griff wählte 
sie Deutschland, um ihrem Lande zur Beschämung, aber auch 
zum Heile alle germanischen Tugenden vorzuhalten. Wenn 
daher Heine ihr Buch und dessen Tendenz mit der Germania 
des Tacitus vergleicht, die auch eine indirekte Satire an die 
Adresse Roms bedeutet, so ist diese geistreiche Parallele ebenso 
treffend, wie für beide Teile ehrend. Nur so ist die über- 

Betz, Heine in Frankreich. 18 




274 H. Heines Einflusg. 



schwängliche Verehrung Deutschlands der Madame de Stael 
zu erklären. Wozu daher die Indignation deutscher Gelehrter 
über Heines Erwiderung auf diesen Panegyrikus, den sie als 
antipatriotische, gehässige Verstümmelung des idealen Bildes 
der Französin verdammen ? Denkt der ehrlich Gesinnte heute 
anders als zur Zeit Goethes, da man mit nachsichtigem Wohl- 
wollen von den „Exaltationen der guten Frau" sprach? 

Während die grosse Masse der französischen Leser das 
Buch Madame de Staels über Deutschland als ein Werk blen- 
dender Phantasie auffasste — auch ein Villemain hob in 
erster Linie das bezaubernde Kolorit ihres Stils hervor — , 
bedeutete es für Weiterblickende nicht viel weniger als eine 
Revelation, die sie zu enthusiastischen Studien und Forschungs- 
reisen anspornte. Bedeutende Männer folgten ihrem Beispiele, 
und im Lande der „Sagen und der Philosophie" wimmelte es 
bald von französischen Lernbegierigen. Victor Cousin wanderte 
zweimal nach Deutschland, um dort zuerst Kant und später 
Hegel zu kosten und nach seiner Manier zu verdauen. Nach 
den Philosophen und Gelehrten traten nicht bloss Neugierige, 
auch geistreiche Leute und Dichter die Reise über den Rhein 
an, unter den ersten Benjamin Constant, der wankelmütige 
Freund Madame de Staels, der dann auf die unglückliche Idee 
geriet, die Wallensteintrilogie in ein Stück zu verschmelzen. 
Bezeichnend ist, was er zu Beginn des Jahrhunderts an 
seine andere Freundin, die Neuenburgerin Madame de Char- 
riere, schreibt: „J'ai beaucoup parcouru la litterature alle- 
mande depuis mon arrivee. Je vous abandonne leurs poetes 
tragiques, comiques, lyriques, parce que je n'aime la poesie 
dans aucune langue; mais, pour la philosophie et l'histoire, 
je les trouve infiniment superieurs aux Frangais et aux An- 
glais. Ils sont plus instruits, plus impartiaux, plus exacts, un 
peu trop diffus, mais presque toujours justes, vrais, courageux 
et moder^s." 

Bevor aber die Aktion ihre Früchte tragen konnte, trat 



Einleitende Betrachtungen. ^75 

schon die Reaktion ein. Bald wurden erschreckte Stimmen 
laut, die vor Verdeutschung warnten. Sie blieben jedoch 
vereinzelt und verhallten erfolglos ; die mächtige Bewegung, 
die schon Männer, wie Diderot — - „la plus allemande de 
toutes nos tetes" (so Goethe und Sainte-Beuve) — Grimm, Hel- 
vetius, Holbach, Ducis, Mercier und den Zürcher Heinrich 
Meister nicht zu vergessen u. a., vorgebahnt, ging ihren sichern 
Gang weiter. Aber deutsche Ideen waren es nicht allein, die, 
von Madame de Stael signalisiert, zwischen 1810 — 1840 in 
Frankreich eindrangen, sondern es vereinigte sich mit diesen 
englischer Einfluss, um gemeinsam zur mächtig schwellenden 
Strömung der antiklassischen Litteratur beizutragen. 

In den letzten Jahren der Restauration verband sich 
dieser germanisch-englische Einfluss mit den geistig und 
physisch befreienden Wirkungen der grossen Revolution, um 
dem französischen Ich, d. h. der Romantik, zum dauernden 
Siege zu verhelfen. Dieser Wiedergeburt der subjektiven 
Litteratur in Prankreich gab die deutsche Philosophie die 
Weihe. Cousin wurde der beredte Interpret der transcen- 
dentalen Ich-Philosophie Kants und Fichtes in jenen altehr- 
würdigen Sälen der Sorbonne, in denen sich die Geisteselite 
der Seinestadt drängte. 

Die Blütezeit der germanischen Beeinflussung fällt in die 
Jahre 1830 — 1840. Sie erreichte ihren Höhepunkt während 
der nach vielen Seiten hin segensreichen Regierung Louis 
Philippes, einer Epoche geistiger und materieller Industrie, des 
Wohlstandes und heiter massvollen Lebensgenusses, die trotz 
ihrer viel verhöhnten „Bourgeois-Färbung" für Kunst und 
Wissenschaft förderlich und schützend wirkte, wie seit Louis XIV. 
keine andere Regierungsperiode. Erst Nikolaus Beckers „Sie 
sollen ihn nicht haben" kühlte die Germanophilen-Strömung 
ab und kündigte drohend den baldigen moralischen Bruch 
der beiden Nationen an, zu dem die trotzig unverschämte 
Antwort Mussets den Grundton gab. 



2f6l H. Heines Einfluss. 



Annees curieuses, pittoresques, qui dans deux ou trois siecles 
d'ici feront la joie des amateurs de bric-ä-brac et l'etonnement des 
bourgeois, que Celles qui s'etendent de la revelation de PAllemagne 
ä la France par Madame de Stael ä la rupture morale des deux 
nations, quand au menagant „Rhin allemand" de Becker repondra le 
tres impertinent „Rhin allemand" de Musset. Pendant ces vingt-cinq 
annees, malgre le souvenir des guerres imperiales, malgre Leipzig, 
Montmartre et Waterloo, malgre Kleist et malgre Blücher, bien que 
les derniers Voltairiens protestent avec colere, le genie de la France 
est amoureux de l'Allemagne. Aux aspirations vagues et indefinissables 
qui le tourmentaient, l'objet precis et reel avait longtemps manque : 
l'Allemagne, entrevue a travers le livre de Madame de Stael, tut 
l'ideal desire qui vint fixer et incarner ces reves. Le genie de la 
France s'en est epris sur une image poetique, comme un roi d'Angle- 
terre etait jadis tombe amoureux d'une princesse de Cleves ä la seule 
vue de son portrait peint par Holbein. 
(J. Reinach, „De l'influence de l'Allemagne sur la France", pag. 1036.) 

Wäre doch Deutschland damals schon gross und einig 
gewesen : Hätte es nicht erst nötig gehabt, Paris den Besuch 
Bonapartes in Berlin zurückzuerstatten, wie ganz anders würde 
heute Alles aussehen ! Wohl lernten sich die beiden Völker 
durch den furchtbaren Massenanprall von 1870 besser kennen; 
— aber nicht um sich zu verstehen, sondern um sich zu 
hassen; um sich Schutz- und Trutzbündnissen in die Arme 
zu werfen, die der Geschichte der Kultur und der Völker- 
psychologie hohnsprechen. Man verzeihe die politische Rand- 
glosse einem bescheidenen Litteraten, der nicht einmal „Re- 
porter" ist und es wohl kaum je zum Journalisten bringen 
wird. 

In jenen Tagen gab es ein geistiges Deutschland mitten 
im Herzen von Prankreich; auf den Pariser Boulevards lust- 
wandelten Heine und Balzac Arm in Arm; Meyerbeer führte 
das grosse Wort in der Oper. Und umgekehrt konnte man 
allerorts in Deutschland ein Stück Paris finden. Nicht nur 
die französische „High-life" war es, die sich in den Bädern 
von Homburg, Wiesbaden und Baden-Baden um den „grünen 



ä 



Einleitende Betrachtungen. 277 

Tisch" drängte, sondern auf den Kollegienbänken stiller Uni- 
versitäten Sassen auch junge Deutsch-Enthusiasten, und das 
bescheidene und gescheiter geniessende französische Publikum 
suchte sich im Schwarzwalde und Taunus Sommerfrische, 
schwärmte an den Ufern des Rheines, den ihr grosser Dichter 
so beredt gefeiert, und schaute sich um nach den liebreizenden 
Idealgestalten der Lotten , Gretchen und Dorotheen der 
„blonde Allemagne". Nach den vierziger Jahren heisst es 
aber bald nicht mehr „la douce, la chaste, la romanesque 
Germanie", sondern „la savante, Terudite". 

Der Uebergang zu einem näheren Hinblick auf die Gruppe 
der hervorragendsten Germanophilen dieser Epoche liegt hier 
nahe. Wir beabsichtigen hierauf noch kurz von der ver- 
mittelnden Stellung des Elsass zu reden und dann zu dem deut- 
schen Einfluss auf einige französische Dichter überzugehen. 

Unter den ersten, zeitlich und ihrer Bedeutung nach, die 
voll aufrichtiger Bewunderung die Erfolge deutschen Geistes 
in Kunst und Wissenschaft begrüssten und in Deutschland 
ein neues gelobtes Land erblickten, müssen die beiden Brüder 
Emile (1791—1871) und Antomj (1800—1869) Desc/iamps 
genannt werden. Der ältere vor Allem hat durch seine für 
damalige Verhältnisse überraschende Gewandtheit der Nach- 
bildung und durch seinen sichern Geschmack viel zur Wieder- 
auffrischung der französischen Dichtkunst beigetragen. Die 
epochemachende Einleitung zu den „Etudes frangaises et 
etrangeres'' (1828), die sich den Beifall Goethes erworben hatten 
— es sind Gedichte, teils eigener Inspiration, teils Anlehnungen 
an spanische und besonders an deutsche Muster — , wirkte 
vielleicht noch mächtiger auf die romantische Dichtungs- 
evolution ein als das Vorwort Cromwells. Grossen Erfolg 
erzielte Emile Deschamps durch eine relativ geschickte Ueber- 
setzung der Schillerschen Glocke, die Madame de Stael 
wenige Jahre zuvor als unübertragbar bezeichnet hatte. Bel- 
lini und Rossini komponierten seine Uebersetzungen. Es muss 




278 H. Heines Einfluss. 



aber bemerkt werden, dass sein poetisches Talent an Be- 
deutung Y/eit hinter seinem befruchtenden Einflüsse steht. 
Er und sein Bruder waren bloss geschickte, geistreiche und 
nicht selten sehr preziöse Reimer. — 

Edgar Quinet (1803 — 1875) ist unter den Germanophilen 
wohl der bedeutendste Kopf. Seit 1827 studiert er in Heidel- 
berg, ist berauscht von deutscher Wissenschaft und Poesie, 
verkehrt mit Niebuhr, Tieck, Görres. Ganz besonders be- 
freundet aber ist er mit Professor Kreutzer. Die Resultate 
seiner Beobachtungen und Studien legt er in den nächsten 
Jahren in einer Reihe von Broschüren und Artikeln für die 
„Revue des deux Mondes" nieder; so unter andern „L'Alle- 
magne et la Revolution" ; „Systeme politique en Allemagne" ; 
„Du Genie des traditions epiques en Allemagne" etc. etc. In 
einem sonst begeisterten Nachrufe Goethes bekämpft er die 
„heimatlose'' Kunst, die er „art sans cceur" nennt; freudig, 
neid- und arglos begrüsst er daher das Erwachen deutschen 
Nationalgefühls in den Dichtern des Schwertes, der Heimat 
und der Befreiung: Körner und Uhland; Gallomanie und 
Teutomanie sind ihm gleich verhasst. Seine edle und humane 
Antwort auf den schneidig-frechen, allerdings provozierten 
Hohngesang Mussets beweist dies. Sein „Rhin'' indessen ist 
vergessen, und nicht mit Unrecht; denn Lieder leben nicht 
mit Tiefe und Edelmut des Gedankens fort, sondern nur, wenn 
sie den Hauch einer echten Dichterseele ausatmen — mag er 
auch vergiftet sein. — Derselbe Bewunderer deutschen Wissens 
aber war es, der noch vor Heine das Märchenbild der Ma- 
dame de Stael zerstörte. Wie energisch er sich gegen die 
Auffassung derselben wendet, von der er wohl weiss, dass sie 
bei seinen Landsleuten die alleinherrschende ist, mag fol- 
gender Passus aus seiner Schrift „De l'Allemagne et de la 
Revolution'' zeigen, einer Arbeit des trotz seiner jungen 
Jahre scharf urteilenden Litterarhistorikers, die noch nicht 
ihrer ganzen Bedeutung nach gewürdigt worden ist. 



Einleitende Betrachtungen. 279 

Die Stelle lautet (pag. 16): 

Si nous nous representons FAllemagne, c'est encore l'Allemagne 
de Madame de Stael, FAllemagne d'il y a cinquante ans, un pays 
d'extase, un reve continuel, une science qui se cherche toujours, un 
enivrement de theorie, tout le genie d'un peuple noye dans l'infini, 
voilä pour les classes eclairees; puis des sympathies romanesques, 
un enthousiasme toujours pret, un don-quichotisme cosmopolite, voilä 
pour les generations nouvelles; puis l'abnegation du pietisme, le re- 
noncement ä Finfluence sociale, la satisfaction du bien-etre mystique, 
le travail des sectes religieuses, du bonheur et des fetes ä vil prix, 
une vie de patriarche, des destinees qui coulent sans bruit, comme 
les flots du Rliin et du Danube, mais point de centre nulle part, 
point de lien, point de desir, point d'esprit public, point de force 
nationale, voilä pour le fond du pays. Par mallieur tout cela est 
change . . . 

Wie Quinet, so schwärmt auch Saint-Marc Oirardin 
(1801 — 1873) für ein Einverständnis zwischen Deutschland 
und Frankreich durch Vermittlung der Litteratur. Dabei 
betont er aber, dass es sich nicht um Verschmelzung handle, 
denn gerade in der Verschiedenheit der beiden Völker liege 
die Bedeutung und das Erspriesshche der Vereinigung. In 
den „Notices politiques et litteraires sur FAllemagne" (1834) 
zeigt er sich als erklärter Germanophile. Es heisst dort u. a. : 
,,I1 y a, au delä du Rhin, des tresors d'affections domestiques, 
de foi religieuse et, si vous le voulez, meme de sentiments 
exaltes et romanesques qui tentent ma cupidite et me fönt 
souhaiter que nous nous unissions chaque jour davantage 
avec FAllemagne, ahn de profiter un peu de cette richesse 
Nous en avons besoin. Je reve donc une alliance morale 
avec FAllemagne, je reve aussi une alHance politique.'^ Und 
weiter : 

„ J'aime la litterature allemande, et comme la faveur qu'elle 
trouve en France, dans ces derniers temps, est une des causes 
qui aident le plus ä cette aUiance morale et politique, je ne 
puis point voir cette faveur d'un mauvais oeil." 



280 H- Heines Einfluss. 



Unter dem Drucke äusserer Verhältnisse legte sich der 
Deutschenthusiasmus dieses hellsehenden Litteraten; seine 
hohe Achtung versagte er aber Deutschland nie. Erwähnt 
sei noch, dass er sich auf dem Gebiete des Erziehungswesens 
grosse Verdienste für sein Vaterland erworben. Seine dies- 
bezüglichen Studien machte er in Deutschland. 

Noch inniger als alle Genannten fühlte sich Gerard de 
Nerval zur Heimat Goethes hingezogen. Die Rhein- und 
Deutschlandschwärmerei dieses uns schon wohl bekannten 
Dichters tritt uns besonders in seinem Buche „Loreley, Sou- 
venirs d'Allemagne" (1852) entgegen, einem duftenden Strausse 
echt deutscher Romantik, in dem sich auch manche Blume 
aus dem reichen lyrischen Garten seines Freundes Heine be- 
findet. „He bien, mon ami," — redet er in der Einleitung Jules 
Janin an, — „cette fee radieuse des brouillards, cette ondine 
fatale comme toutes les nixes du Nord qu'a chantees Henri 
Heine, eile me fait signe toujours: eile m'attire encore une 
fois!" — Die glänzende Zukunft, die einst der Altmeister zu. 
Weimar noch dem achtzehnjährigen Uebersetzer seines „Faust" 
voraussagte, hat sich nicht verwirklicht. Der arme Träumer 
endete wenige Jahre, nachdem er obige Worte nieder- 
geschrieben, nicht in den Armen seiner geliebten Rhein- 
töchter, sondern im Lasterdunkel einer Sackgasse von Paris. 

Einen ehrenvollen Rang unter den Geistesverwandten 
und Nachfolgern Madame de Staels nimmt neben Victor] 
Cousin auch Jean Lerminier (1803—1857) ein; wie jener,| 
mehr geistvoller Schönredner als tiefer Denker oder ori- 
gineller Kopf. Auch er spricht in seinem Werke „Au delal 
du Rhin, tableau de l'Allemagne depuis Madame de Stael" 
(1835) den Gedanken aus, dass zwischen Frankreich und 
Deutschland nicht Rivalität, sondern Solidarität bestehen solle. 
Der erst kürzlich verstorbene Xavier Marmier (1809 bis 
1892) war schon längst ein Vergessener. Vor einem halben 
Jahrhundert gehörte er zu den ersten und begabtesten, die 



__^isK^ 



Einleitende Betrachtungen. 281 

es sich zur Aufgabe gemacht hatten, „d'europeaniser la 
France". Grosse Sprachgewandtheit und -Kenntnis bewies er 
bereits als zwanzigjähriger Jüngling mit seinen Uebersetzungen 
der Dramen Schillers und Goethes. 

Noch wollen wir hier einige Namen nennen, die uns alle 
schon im zweiten Abschnitt begegnet sind : Philarete Chasles 
(1799—1873) und Gustave Planche (1808-1857), die sich durch 
zahlreiche, zum Teil lichtvolle und eingehende Studien frem- 
der, besonders deutscher Litteratur rühmhchst hervorgethan 
haben; Saint-Rene Taülandier (1817 — 1879) und Blaze de 
Bury (geb. 1813), den formvollendeten Uebersetzer Goethes 
und Verfasser trefflicher Arbeiten in der „Revue des deux 
Mondes". 

Ueberall ist zu lesen, dass E 1 s a s s die tapfersten Sol- 
daten und tüchtigsten Generäle der „grande armee" geliefert 
hat. Seltener wird daran erinnert, dass es auch der Litteratur 
ihre Rapp, Kellermann und Kleber gegeben, die mit gleicher 
Tüchtigkeit und wackerm Sinn in stiller Gelehrtenstube, ohne 
Hoffnung auf Ruhm und Ansehn, bloss der Sache selbst 
willen, das, was jene durch Heldenmut zertrümmert und aus- 
einandergerissen, wieder aufbauten und vereinigten. 

Zu denen, die den Geistesaustausch förderten und so 
ihre schöne Mission, die ihnen durch die Lage ihrer Heimat 
zufiel, als Interpreten zweier blühenden Litteraturen erfüllten, 
gehören Namen von gutem Klange; treffliche Männer auf 
allen Gebieten hatte aber auch schon das alte deutsche 
Elsass erzeugt. Ein Ortfried von Weissenburg wurde der 
Einführer der deutschen Schriftsprache; dort am linken 
Rheinufer trieb Gottfried von Strassburg sein Minneleben 
und -Singen. Während der Reformation, die das Elsass in 
hoher intellektueller und kommerzieller Blüte fand , hielt 
Geiler von Kaiserberg seine kräftig deutschen Reden, und 
Elsässer waren Fischart, Moscheroch und Grimmeishausen. 
Als der „Globe" (tomeVII, pag. 614) die 1829 in Strass- 



282 H. Heines Einfluss. 



bürg neu erschienene „Nouvelle Revue germanique" bespricht, 
sagt er u. a. : „Strasbourg, place aux confins des deux pays, 
est en quelque sorte une terre neutre oü, raieux qu'ailleurs, 
les idees allemandes peuvent d'abord prendre pied, pour se 
repandre ensuite dans le reste de notre France. . ." Wie oft 
wurde in dieser Provinz Prankreichs vor 1870 bei festlichen 
Gelegenheiten, die Deutsche und Elsässer gemeinsam feierten, 
das Wort gehört: „L'Alsace est un trait d'union entre l'es- 
prit alleraand et l'esprit frangais." Obschon im Herzen treu- 
gesinnte Bürger ihres Vaterlandes, verbanden die Elsässer 
viele Bande mit Land und Leuten am andern Ufer des 
Rheins. Zugleich französisch geschult und deutsch gebildet, 
waren sie wie geschaffen, die Perlen deutscher Dichtkunst 
und die Marksteine deutschen Denkens zu sammeln und ihren 
Landsleuten mit Verständnis und Sympathie zu erklären. 
Aber auch hervorragende deutsch schreibende Elsässer finden 
wir noch, besonders Mülhauser (die Stadt war bis 1798 
schweizerisch). So die beiden Brüder August und Ludwig 
Stober und Candidus. Im Jahre 1858 hat der Colmarer 
Dichter Pfeffel eine hübsche Sammlung deutscher Lyrik 
herausgegeben; Friedrich Otte ist die Ehre zu teil geworden, 
der Uhland des Elsass genannt zu werden. Einer der 
typischsten Repräsentanten der zwischen beiden Sprachen 
schwebenden Geistesvermittler ist Ludwig Spachj der deutsche 
Gedichte und französische Romane schrieb. Er stellt so recht 
eigentlich den schliesslichen Uebergang vom Germanismus 
zur französischen Kultur dar. Sein französisch verfasstes 
Hauptwerk sind die 32 biographischen Skizzen elsässischer 
PersönHchkeiten vom Mittelalter bis in die Neuzeit. 

Elsässer waren es fast ausschliesslich, die an der ^^Revue 
germanique'-^ mitarbeiteten; wir nennen nur Dollfus, Neffzer, 
Chauffour-Kestner. Im gleichen Sinne wirkte die von Eistel- 
Jmher 1862 gegründete Zeitschrift „Le BibHographe alsacien", 
Gazette htteraire etc. Die erstere wurde mit einem Geleit- 



Einleitende Betrachtungen. 283 



schreiben Renans eröffnet (1858), der die litterarische Mission 
des Elsass wie folgt charakterisiert: 

„Nous possedons parmi nous une coionie allemande qui, 
en meme temps qu'elle communique largement avec le centre 
des idees frangaises, puise directement encore aux mamelles 
germaniques, dont eile n'est point detachee: c'est Tecole de 
Strasbourg. Cette modeste et savante ecole, dont Tadminis- 
tration centrale a parfois trop peu respecte l'individualite, 
est parmi nous le seul reste des anciennes institutions pro- 
vinciales qui avaient de si bons effets pour la culture intellec- 
tuelle." 

In Colmar wurde das erste bedeutende Werk über 
Deutschland seit „ De TAllemagne " geschrieben. „De l'etat 
moral, politique et litteraire de TAllemagne" (1846 — 1847) von 
Matter ist das Ergebnis langjähriger Studien des Strass- 
burger Professors, der als verständiger, deutschfreundlicher 
Vermittler an der „Faculte de Strasbourg" wirkte. 

Aus dem Elsass kam auch J.-J. Weiss, um nur noch 
einen anzuführen, der bedeutende Litterarhistoriker und 
Journalist, der in der französischen Politik eine so merk- 
würdige Rolle spielen sollte. Deutscher Stolz und idealer 
Sinn, aber auch germanische Träumerei und Hang zu offi- 
ziellem Wesen mögen die Schuld tragen, dass Weiss das 
Ziel seiner politischen Ambitionen nicht erreichte. 

Kurz, Prankreich hat 1870 mehr als eine Provinz ver- 
loren — aber auch für Deutschland hat das Elsass aufgehört, 
ein fast neutraler Boden geistiger Vermittlung zu sein. 

Betrachten wir nun noch einige interessante Erschei- 
nungen und Symptome fremden, resp. deutschen Einflusses 
auf dem Gebiete der Dichtkunst im speciellen. Wir haben 
schon gesehen, dass vor allem die französische Lyrik in 
ihrem innersten Wesen ergriffen wurde. An ihrer Metamor- 
phose kann man am deutlichsten wahrnehmen, wie stark 
und durchdringend anglo-germanisches Einwirken sein musste. 



284 H. Heines Einfluss. 



Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts standen sich deutsche 
und französische Poesie grundverschieden gegenüber : die ho- 
heitsvolle Muse Frankreichs, immer vornehm, schwungvoll und 
edel, sich nie vergessend, auch wenn sie mit Witz und Sinn- 
Hchkeit kokettierte, stets die „dehors" wahrend — stolz blickt 
sie von der Höhe klassischer Konvention auf die barbarische 
Schwester herab, die bürgerlich bescheidene, keusch und 
brav Haus, Hof und Heim Hebende Muse Deutschlands, die 
vom Liebchen, dem blonden Mädchen mit gesenktem Blicke, 
bei Sternenhimmel und in Mondscheinnächten schwärmt und 
träumt ! 

Die französische Lyrik hatte noch alles zu lernen, d. h. 
wieder zu lernen, von vorne anzufangen. Ihr fehlte nicht 
nur der Kern — wahres Empfinden und Sinn für die Natur ^, 
sondern auch die natürhche Schale, und zwar diese ganz be- 
sonders. Die preziösen Wortdeklamationen, die die Herzens- 
stimme erstickten, mussten verschwinden. Von England her 
erscholl der erste befreiende Ruf mit Ossians nordischer 
Naturmystik und Byrons gewaltiger Naturpoesie. 

„Toi qui chantais l'amour et les heros, 
Toi, d'Ossian la compagne assidue, 
Harpe plaintive, en ce triste repos 
Ne reste pas plus longtomps suspendue." 

So singt in einem Briefe an M. de Virieu der acht- 
zehnjährige Lamartine, bei dem man umsonst nach deut- 
schem Einfluss sucht. „Lamartine, parfaitement etranger 
ä r Allem agne, savait l'Italie et comprenait ses harmonieuxj 
poetes, Le Tasse, Petrarque. Quant ä Byron lui-meme, bien 
qu'il lui adressät des epitres, Lamartine ne s'en inquietait que 
d'assez loin et pour le deviner, pour le refuter bien vague- 
ment, plutöt que pour l'etudier et pour le Hre."^) Wenn es 
wahr ist, dass sich der Autor der „chute d'un ange" nicht 



^) Sainte-Beuve, Lettre-preface in Reymonds „Corneille" etc. — s. oben. 




Einleitende Betrachtungen. 285 



von dem diabolischen Genie des Britten fortreissen Hess, so 
kann auf der anderen Seite nicht geleugnet werden, dass dies 
herrliche Dichterecho der Natur Lamartine mächtig anzog 
und dichterisch begeisterte. Recht hat aber Sainte-Beuve, 
wenn er hier von deutschem Einfluss ganz absieht. Breitinger 
sagt in voller Uebereinstimmung damit :^) „Die Führer der 
romantischen Dichterschule selbst aber beschäftigten sich mit 
Byron und Shakespeare, mit Dante und den Spaniern, wenig 
oder gar nicht mit den Deutschen. Sie werden mir aufs Wort 
glauben, wenn ich Sie versichere, dass Victor Hugo schon 
damals kein Deutsch trieb." 

Auch wir sind der Ansicht, dass vor allem der Einfluss 
Goethes lange nicht so bedeutend war, wie dies z. B. Süpfle 
annimmt. Auf die „Spitzen" der Romantik hatte deutsches 
Dichten entschieden geringen Einfluss, so stark derselbe auch 
auf die damalige „Boheme litteraire" einwirkte und sich aus 
ihrer Mitte heraus allmälig Geltung verschaffte. An „Werther" 
allerdings, aber auch an „Rene" — denn beide haben Saint- 
Preux zum gemeinsamen Ahnen — lehnt sich schon 1808 
der Roman „Valerie" der Baronin Krüdener an, mit der aben- 
teuerlichen Magdalenengestalt. ^) Dann Nodiers „Peintre de 
Salzbourg",^) de Senancourts „Obermann" und Benjamin Con- 
stants „Adolphe". Der Wertherleiden in der französischen Litte- 
ratur gibt es noch mehr, sie bleiben noch lange Mode und 
sind in Sainte-Beuves „Volupte", Alfred de Mussets „Enfant 
du Siecle" und manchem Romane der George Sand zu 
spüren. 



') „Vermittler des deutschen Geistes" etc., pag. 15. 

2) Diese erste Blüte der „Wertherie" linden wir weder bei Süptie, noch 
in Ferd. Gross' „Goethes Werther in Frankreich", natürlich auch nicht bei 
Fr. Meissner erwähnt, 

^) „Ch. Nodier, mon predecesseur, et qui a tant parle „Werther" et 
Allemagne, Tarrangeait encore plus ä sa phantaisie et ne la voyait qua, travers 
la brume ou l'arc-en-ciel : il ne savait pas l'allemand." — Sainte-Beuve, ibidem. 



286 H. Heines Einfluss. 



Wer das „College" besucht, weiss wohl noch von Goethe als 
Autor des „Paust", im besten Falle kennt er noch „Hermann 
und Dorothea", sonst ist Goethe und war er stets allgemein 
bloss als „Auteur du Werther" bekannt. Im Jahre 1849 
schreibt Daniel Stern (comtesse d'Agoult) in ihren „Esquisses 
morales et politiques" (Paris 1849) : „Personne ne connait 
Goethe en France", und Sainte-Beuve, der wiederholt auf den 
überschätzten Einfluss Goethes zurückkommt, bemerkt im 
dritten Band seiner „Nouveaux lundis" u. a., dass er den 
Romantikern ein halb Unbekannter, eine Art majestätischen 
Rätsels, ein entfernter Jupiter Ammon gewesen, der nicht 
aus seinem Heiligtum getreten sei; dass alle Anstrengungen, 
die man gemacht habe, nicht etwa, um ihn zu popularisieren 
— denn dies wäre niemals angegangen — , sondern bloss um 
ihn in Frankreich zu naturalisieren, nur zur Hälfte gelungen 
seien. Noch deutlicher drückt sich der alte Veteran der 
Romantik in der wiederholt citierten Vorrede aus: „Ce que 
je puis vous attester, c'est que les imitations de litterature 
etrangere, et particulierement de l'Allemagne, etaient moins 
voisines de leur pensee (der Romantiker) qu'on ne le suppo- 
serait a distance. Ces talents etaient eclos et inspires d'eux- 
memes et sortaient bien en droite hgne du mouvement frangais 
inaugure par Chateaubriand. Madame de Stael, avec sa veine 
particuliere de romantisme, n'etait pour eux que tres accessoire. 
Je parle en ce moment de Lamartine, Victor Hugo, Alfred 
de Vigny. Aucun des grands poetes romantiques frangais 
ne savait l'allemand (Sainte-Beuve selbst auch nicht) — et 
parmi ceux qui les approchaient, je ne vois que Henri Blaze, 
tr^s jeune alors, mais dejä curieux et au fait, et aussi Gerard 
de Nerval qui de bonne heure se multipliait et etait comme 
le commis-voyageur litteraire de Paris ä Munich. Goethe 
etait pour nous un demi dieu honore et devine plutöt que 
bien connu." 

Trotzdem Sainte-Beuve hier etwas zu weit geht — auch 




Einleitende Betrachtungen. 287 

sieht man gerade manches genauer von ferne als in nächster 
Nähe und mitten im Gedränge — so liegt in diesem Zeugnis 
eines eng Beteiligten viel Beachtenwertes und Wahres. Dass 
Süpfle irrt, wenn er einen entschiedenen Einfluss Goethes auf 
Victor Hugo nachweisen zu können glaubt, scheint uns 
zweifellos. Dagegen spricht schon folgende Anekdote : Hugo 
wurde eines Tages gefragt, ob er Goethe gelesen, worauf er 
antwortete: „Non, mais j'ai lu Schiller, c'est la meme chose." 
Mit dieser köstlichen Abfertigung Goethes stimmt eine Stelle 
aus Hugos eigenen Schriften überein (William Shakespeare, 
2" partie, I, 5), wo er sich über den Autor des „Werther" und 
„Tasso'' wie folgt ausdrückt: „Shakespeare frissonnant a en lui 
les vents, les esprits, les philtres, les vibrations, les balance- 
ments des soviflfles qui passent, l'obscure penetration des effluves, 
la grande seve inconnue. De lä son trouble, au fond duquel 
est le calme. C'est ce trouble qui manque a Goethe, loue ä 
tort pour son impassibilite, qui est inferiorit^." 

Eines wenigstens dürfte kaum zu bestreiten sein, nämlich, 
dass Hugos Kenntnis Goethes eine sehr spärliche war. Damit 
soll natürHch nicht behauptet werden, dass der Dichter der 
„Contemplations", der in französischen Litteraturgeschichten 
seiner realistischen Plastik und der kraftvoll energischen 
Sprache wegen der germanischste Poet Frankreichs genannt 
wird, nicht von deutschen Ideen beeinflusst worden sei. Wie bei 
den Germanophilen, finden wir auch bei ihm, dem jungen 
legitimistischen Hugo, den Gedanken, dass Frankreich und 
Deutschland als die ältesten Kulturvölker Europas — er be- 
trachtet sein Vaterland als Erbe des alten Rom — bestimmt 
seien, Hand in Hand an der Spitze der Civilisation zu schreiten. 
„Que reste-t-il donc de tout ce vieux monde V^ ruft er in seinem 
Buche über den Rhein aus.^) — „Qu'est-ce qui est encore debout 
en Europe ? — Deux nations seulement : La France et F Alle- 



„Lettres sur le Rhin", 1842. 



288 H. Heines Einfluss. 



raagne. Eh bien, cela pourrait suffire. La France et FAlle- 
magne sont essentiellement l'Europe. L'Allemagne est le 
coeur et la France est la tete. L'Allemagne et la France sont 
essentiellement la civilisation. L'Allemagne sent, la France 
pense. Le sentiment et la pensee, c'est tont l'homme civilise." 
— Ueber die Rollenverteilung Hesse sich freilich streiten, bloss 
auf die Grundidee kommt es an, und die ehrt den Autor der 
„Bourgraves''. Sie ist aber zu schön, als dass die Politik 
jemals die Verwirklichung derselben zugeben könnte. Deutsch 
ist ferner Victor Hugos Kinder- und Familienkultus ; hier zeigt 
er Gemüt und er weiss es dichterisch zu verwerten. Gibt 
es etwas Gemütvolleres, sinnig Einfacheres als das neunzehnte 
Lied der „Feuilles d'automne'', so ganz frei von dem ihm 
oft vorgeworfenen rhetorischen Wortschwall? 

Lorsque l'enfant parait, le cercle de famille 
Applaudit ä grands cris; son doux regard qui brille 

Fait briller tous les yeux, 
Et les plus tristes fronts, les plus souilles peut-etre, 
Se derident soudain ä voir l'enfant paraitre, 

Innocent et joyeux. 



Heines Einfluss auf einige Zeitgenossen. 289 



Zweites Kapitel 
Heines Einfluss auf einige Zeitgenossen i) 



Paris wurde und wird heute noch als die geistige Metro- 
pole der Welt bezeichnet, als die Stadt, in der grosse Revo- 
lutionen und die neuen Moden, Begeisterung für Kunst und 
Litteratur, ebenso wie für die verächtlichste Frivolität er- 
zeugt werden. Dass das ganze französische Volk stets mit 
dem Enthusiasmus und den Launen der Seinestadt zu identi- 
fizieret! sei, ist wohl nie im Ernste behauptet worden; dass 
aber seit einem Jahrhundert Tausende von Deutschen, und 
zwar Hoch und Niedrig (vor 1870 ungefähr 50,000), an dem 
Ruhme und — an der Schande Lutetias mitarbeiten, dies 
wird selten bedacht. 

Bekannt und bei jeder Gelegenheit bedauert ist ferner- 
hin die Thatsache, dass sich der Deutsche, im Gegensatz zu 
dem Franzosen und Engländer, rasch und willig den Sitten 



^) Beiläufig sei bemerkt, dass schon darauf hingewiesen worden ist, dass 
Heine auch Liedervorwürfe aus dem Französischen entlehnt hat (cf. Geigers 
Zeitschrift, IV, 301). — Ebenso wird vielfach von französischem Spracheinfluss 
auf Heines Stil geredet. Eine diesbezügliche Notiz befindet sich im VII. Bande 
des „Journal des Goncourt" (pag. 28) : „Aug. Sichel affirraait, ce soir, que 
rallemand de Henri Heine etait un allemand tout special, presque une langue 
particuliere, une langue k phrases courtes, sans pr^cedents dans la langue 
germanique, et qu'il croyait formee par l'etude du fran(jais des encydopedistes, 
du fran^ais de Diderot." 

Betz, Heine in Frankreich. 19 




290 H. Heines Einfluss 



der neuen Heimat assimiliert. In dem geflügelten Worte 
Heines, es werde der Deutsche durch die Exportation schlechter, 
genau wie das bayerische Bier, steckt mehr als ein antipatrio- 
tischer Witz. Wer in Paris, London und New- York gelebt 
hat, wird dieser boshaften Bemerkung nicht alle Wahrheit 
absprechen. Denn dieser hat gesehen, dass der Deutsche in 
Amerika dem fieberhaft und rücksichtslos geschäftsjagenden 
Yankee den Rang abläuft und wenn er politisiert, bald durch- 
trieben korrupter wird, als der geriebenste Irländer ; dass es 
ihm in England in kurzer Zeit gelingt, ebenso steif und kalt 
einherzugehen, wie der eingefleischteste Sohn John Bulls; 
dass er sich in Paris vor allem von den Boulevardmanieren 
und -gewohnheiten imponieren lässt, und seinen Ehrgeiz darein 
setzt, den waschechtesten Boulvardier nachzuäfl'en. Das Wort 
Heines findet auf die Mehrheit der Deutschen in der Fremde 
seine Anwendung — daran ist nicht zu rütteln — , aber es 
bleibt die Minorität, es bleiben die Kerntruppen der deutschen 
Auswanderer, und diese geben zum Glück den Ausschlag. 
Diese bringen alle guten Eigenschaften des Germanen nicht 
nur unbeschädigt mit, sondern sie wissen sie auch zu be- 
wahren und zu hüten, so dass sie Früchte tragen, Handel, 
Wissenschaft und Litteratur, dem öffentlichen und dem pri- 
vaten Leben in der neuen Heimat nützen und zur Ehre ge- 
reichen. 

Im Augenblicke, da wir uns, nach vielleicht allzu langem 
Umherschweifen, dem Mittelpunkte und Hauptzwecke unserer 
Arbeit nähern, entschlüpft uns diese letzte Digression. Un- 
schwer dürfte jedoch die Veranlassung erkennbar sein. 

Heinrich Heine kann der dritte grosse Deutsche von Ein- 
fluss in Paris genannt werden, wenn wir Grimm und Holbach 
als die beiden ersten bezeichnen. Wirft man uns vor, Börne 
zu vergessen, so erwidern wir, dass dessen Schriften und 
Persönlichkeit im „tout Paris" unbemerkt blieben. Sie drangen 




auf einige Zeitgenossen. 291 

nicht durch. Die innere Ursache erklärt folgende kurze und 
treffende Charakteristik dieses edlen Menschen aus der Feder 
Cormenins: „II aimait la France, comme sa seconde patrie, 
il Taimait dans l'interet de TAllemagne." Während ihm sein 
Vaterland dies nicht einmal dankte, blieb und ist er heute 
für das gebildete Pubhkum, ja selbst für den „lettre" in Paris, 
trotz Loeve-Veimars, ein Unbekannter. 

Ganz anders Heine, der fast von Anfang an als ein her- 
vorragendes Mitglied der französischen Litteratenzunft be- 
trachtet und anerkannt wurde. Ja, als er längst schon, „ein 
poetisches Gerippe", an sein Schmerzenslager geschmiedet 
war, um dort Prometheus-Qualen mit jener nie dagewesenen 
Willensstärke ') und diabolischen Ironie als tröstende Philo- 
sophie zu erdulden, — da leuchtete noch, obschon er persön- 
lich vergessen und vernachlässigt, sein funkelnder Geist mitten 
in die Wogen des Lebens hinein, — nicht wie ein plötzhch 
aufschnellendes und rasch verschwindendes Meteor, sondern 
um bleibende Lichtstrahlen — und auch Schatten zu hinter- 
lassen. Die Zeiten allerdings, da alles „ä la Heine" war, sind 
längst dahin; zum Glück! — denn „ä la Heine" bedeutete 
sein tödlicher Witz, sein Satyrlächeln, die Krallen seiner zer- 
fleischenden Ironie. Die tieferen Spuren sollte der Sänger 
des „Buches der Lieder", der Autor der „Reisebilder" hinter- 
lassen, nicht der boshafte Verfasser des Herrn von „Schnabele- 
woski". 

Von Heines Einfluss auf die französische Litteratur ist 
unseres Wissens von deutscher Seite so gut wie nichts ge- 
sagt worden. Einzig bei Schmidt- Weissenfeis-) fanden wir 
denselben zwar kurz, jedoch ausdrücklich betont, aller- 



^) Auch ein Vauvenargues, der edle französische Moralist, wusste mit 
stoischer Ruhe die Leiden langer Jahre heldenhaft zu erdulden — aber er 
war ein charakterfester Philosoph, kein Dichter, „cette chose legere" etc., 
kein Sänger der Liebe und der Freuden und Leiden der Welt. 

") „Frankreichs moderne Litteratur seit der Restauration", Berlin 1865. 



292 H. Heines Einfluss 



dings hauptsächlich als ein verderbenbringender. Richtig ge- 
sehen hat er, wenn er (pag. 184) sagt: „Heine war entschieden 
auch französischer Dichter geworden und derjenige, der einige 
Zeit in Prankreich gelebt, wird einräumen, dass Heines Geist 
auch die französische Litteratur beeinflusst hat."^) 

Dass Heines kritische und historische Arbeiten Aufsehen 
erregten, sowohl durch die Darstellungsw^eise als auch durch 
ihren originellen Inhalt, dass sie die französischen Geister be- 
schäftigten und trotz irreführender Tendenzen bildend wirk- 
ten, haben seine deutschen Biographen schon hervorgehoben. 
Auch hat hierüber unser zweite Abschnitt so viel Material 
geliefert, dass wir es füglich unterlassen können, noch einmal 
darauf zurückzukommen. 

Schon in den Jahren 1833 — 1834 finden wir, dass sich 
die leitenden Männer im Heere der Litteraten Heines „Reise- 
bilder", „De l'Allemagne", „De l'etat actuel" etc. (die Roman- 
tische Schule) zum geistigen Eigentum gemacht haben, das 
sie nach Bedarf pro und contra verwerten ; Citationen finden 
sich um diese Zeit bei Lerminier, Quinet, de Lagenevais 
(Blaze de Bury), Ph. Chasles, Gustave Planche, Xav. Mar- 
mier u. a. in Menge. 

Aber auch der Einfluss des Schriftstellers und Dichters 
machte sich bereits in den dreissiger Jahren geltend. So 
konnte A. Sp.( — echt), Kritiker der „Revue des deux Mondes", 
ebendaselbst (1. Januar 1836) in einer Besprechung der Reise- 
skizzen eines Frederic Meyer u. a. bemerken: „M. Pr. M. 
voyage pour son plaisir d'abord, il faut le croire, et surtout 
pour se donner, entre autres satisfactions, celle d'imiter Henri 
Heine, dont les „Reisebilder" ont, des leur premiere apparition, 



^) Störend wirkt der Ton, der sich in den wenigen Seiten, die hierüber 
handeln und manches Bemerkenswerte enthalten, breit macht. Am wenigsten 
steht es Herrn Schmidt an, von Heines ^stinkendem, gemeinen Esprit" zu 
reden, denn bei ihm läuft nicht selten der gemeine Ausdruck nackt einher. 



It 



auf einige Zeitgenossen. 293 

fait ecole en Allemagne et meme en France." — Eine ähn- 
liche x^nspielung findet sich in den Memoiren der Madame 
Jaubert (pag. 302), bei der man die Empfindung hat, als 
schweben ihr ganz bestimmte Persönlichkeiten vor : „Apres 
avoir, en silence, päture une vingtaine d'annees sur les oeuvres 
d'Henri Heine, force etait aux ecrivains qui le citaient de le 
nommer." 

Gewiss hat die kleine Freundin Hehies zunächst Theo- 
phile Gautier im Auge gehabt, von dem nun die Rede sein 
soll. „Theo" gehörte schon zu den Bewunderern des Autors 
der „Reisebilder", bevor er diesen persönlich kannte, und als 
er sein Freund wurde, verwandelte sich das Bewundern in 
enthusiastische Verehrung, die an Schwärmerei grenzte. Seine 
Werke weiss er auswendig. In den zahlreichen Schriften des 
Dichters, Romanschriftstellers und Kritikers Gautier wimmelt 
es von Stellen aus Heine. Immer fällt ihm ein „bon mot", 
ein geistreicher Einfall, ein originelles Urteil oder ein hübsches 
Lied seines Freundes ein. Ein Beispiel aus vielen: Die Cha- 
rakteristik Denecourts leitet er (in den „Portraits contem- 
porains", pag. 213) mit einer Anspielung auf Heines „Götter 
im Exil" wie folgt ein: „H. Heine, dans un charmant article, 
a decrit les occupations et les deguisements des dieux en 
exil ; il nous a montre , apres Favenement triomphal du 
christianisme, les olympiens forces de quitter leurs Celestes 
demeures, comme au temps de la guerre des Titans, et s'adon- 
nant ä diverses professions en harmonie avec le prosai'sme 
de l'ere nouvelle" etc. . . . 

Wie oft erinnert er den Leser an die reizende melan- 
cholische kleine Ballade vom „Fichtenbaum und der Palme" 
— sie hat es ihm wie so vielen seiner Landsleute angethan. 
„Kurz, überall in Gautiers Werken : „Heine disait, Heine ra- 
conte." 

Fragen wir uns nun, was diesen Romantiker in Heine 
anzog, so müssen wir zunächst negativ antworten und sagen, 



294 H. Heines Einfluss 



dass dessen lyrische Natur bei Gautier kein dankbares Echo 
gefunden. So scheint es wenigstens, Avenn wir Gautiers Werk 
als einheitliches Ganze betrachten, auf das das Epitaph seines 
Schülers Cat. Mendes treffend passt: 

„. . . . Mais tous, vierges et fleurs, patres, etoile, oiseau, 
Ne pleurez pas, malgre la plus juste des causes, 
Car celui qui dort lä, dans un bleme lambeau, 
Sut regarder sans pleurs les etres et les choses." 

Wir kommen noch auf den angeblichen „poete impas- 
sible" zu sprechen.^) Zweifellos ist immerhin, dass ihn besonders 
die Plastik des Heineschen Stils sympathisch berührte und 
entzückte, die sich auch in der Uebersetzung nicht ganz 
verleugnete ; dass ihn bei Heine der eminente Schönheits- 
sinn — das Griechische — und das blendende Witzfeuerwerk 
fesselten. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Gautier, den 
Vollblutromantiker, alles Fremdartige, vom Alltäglichen Ab- 
weichende anziehen musste. 

Heine hat bekanntlich von der Frau nicht immer als von 
einer holden und reinen Blume geschwärmt ; oft tritt bei ihm 
in Prosa und Poesie die biblische und besonders die heidnische 
Auffassung des Weibes, als menschhches Schönheitsideal, von 
Moral und Charakter ganz abgesehen, in den Vordergrund. 
Genau so fasste Gautier, der bewundernde und geniessende 
Künstler, das „ewig Weibliche" auf. „Je verrais une belle 
creatur», que je saurais avoir l'äme la plus scelerate du monde, 
qui serait adultere et empoisonneuse, j'avoue que cela me 
serait parfaitement egal et ne m'empecherait nullement de 
m'y complaire, si je trouvais la forme de son nez convenable" 
(„Mademoiselle de Maupin", chap. IX). 



1) Baudelaire will einem ähnlichen Gedanken Ausdruck geben, wenn er 
seine berühmte, an Gautier gerichtete Widmung der „Fleurs du mal" mit den 
Worten beginnt : „Au poete impeccable, au parfait magicien es lettres fran- 
^aises" etc. 




auf einige Zeitgenossen. 295 



Wie viele Parallelstellen Hessen sich hiezu aus den „Reise- 
bildern" und dem „Buch der Lieder" heranziehen, des Dichters, 
der jene Strophe wagte : 

Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, 
Wird täglich abgeschmackter! 
Sie spricht von dir, mein schönes Kind: 
Du hast keinen guten Charakter etc. 

Wir wissen, mit welch peinlicher Sorgfalt Heine an seinen 
so einfach und ungekünstelt lautenden Liedern feilte. Mit 
derselben Sorgfalt arbeitet auch Gautier an seinen Gedichten, 
bis Worte und Buchstaben seinen Künstlerblick befriedigen. 
Das Resultat ist allerdings ein anderes ; ein grundverschiedenes 
wird es auch bei Plaubert sein, der seine „Madame Bovary" 
unter den „affres du style" geboren hat. Das Prinzip aber 
ist das gleiche. Es ist die „l'art pour l'art^-Theorie. 

Die Gebrüder Goncourt, die ihres intimen Verkehrs mit 
Gautier wegen immerhin Vertrauen beanspruchen können, 
wollen in ihm — hier kommen wir auf die nicht uninteressante, 
oben angedeutete Frage — auch Sentimentahtät und schwärme- 
rische Melanchohe entdeckt haben, indem sie u. a. von ihm 
sagen („Journal", Bd. III, 192): 

Quel causeur, — bien, bien superieur ä ses livres, quelque 
valeur qu'ils aient, — et toujours dans la parole au delä de ce qu'il 
ecrit. Quel regal pour les artistes que cette langue a double timbre, 
et qui mele souvent les deux notes de Rabelais et de Henri Heine : 
de reno7"mite grasse ou de la tendre melancolie. 

(Bd. III, pag. 192.) 

Nach reiflichem Prüfen stimmen wir den Goncourt bei, 
gegen die allgemeine Ansicht, der unlängst noch Zola und 
Faguet das Wort geredet haben, es habe sich Gautier nie- 
mals gegen die gefühllose Majestät der Formschönheit ver- 
sündigt. Es schien uns diese Form-Infallibilität bei einem so 
herzensguten Menschen schon aus psychologischen Gründen 



296 H. Heines Einfluss 



unwahrscheinlich. Wir waren fest überzeugt, bei Gautier 
etwas Aehnliches, wie Flauberts Briefe an George Sand, zu 
finden. Und wir haben uns nicht getäuscht. Wir fragen uns 
bloss, ob sich diejenigen, die ihn gänzlicher Unempfindlichkeit 
zeiheten, die Mühe genommen, ein wenig in seinen Werken 
zu blättern. Liegt denn in folgenden Versen etwa kein 
Gefühl ? 

Mes cils te feront de l'ombre ! 
Ensemble nous dormirons; 
Sous mes cheveux, tente sombre, 
Fuyons! Fuyons! 

Sous le bonheur mon coeur ploie! 
Si l'eau manque aux stations, 
Bois les larmes de ma joie! 
Fuyons! Fuyons! 

Und so Hesse sich besonders aus den „Premieres Poesies^' 
noch manches lyrisch empfundene Gedicht eitleren. Wie ver- 
hält sich die Legende vom „poete impeccable" zu dem Bilde, 
das er in der biographischen Skizze Baudelaires von dem 
Dichterberufe entwirft? „Ah! quelle existence triste, precaire 
et miserable . . . Toute Sensation lui devient motif d'ana- 
lyse. Involontairement il se dedouble (der Dichter) et, faute 
d'autre sujet, devient l'espion de lui-meme. S'il manque de 
cadavre, il s'etend sur la dalle de marbre noir, et, par un 
predige frequent en litterature, il enfonce le scalpel dans 
son propre coeur . . .'' (Oeuvres completes de Baudelaire, I, 12.) 

Gautier denkt hier nicht nur an Baudelaire, Musset, 
Heine u. a., sondern auch an seine eigene Jugend, an die 
erste dichterische Schaffensperiode seiner jungen Jahre. 

„Souvent j'avais occasion de lui (Heine) citer Theo 
Gautier, qui etait vraiment imbu des poesies et de l'esprit de 
l'illustre ecrivain." So wiederum Madame Jaubert (pag. 303). 
Sehen wir uns nun das poetische Meisterwerk Gautiers „Emaux 




auf einige Zeitgenossen. 297 

et Camees'' daraufhin etwas näher an. *) Bei einigen der be- 
kanntesten Stücke ist die Anlehnung an Heinesche Lieder 
eine so auffallende, dass es kaum glaublich erscheint, dass 
diese bis jetzt unbeachtet geblieben, was dennoch — Irrtum 
vorbehalten — der Fall ist. — Wir führen zunächst die 
Ballade, betitelt „Caerulei oculi" an (pag. 57): 

Caerulei oculi. 

Une femme mysterieuse, 
Dont la beaute trouble mes sens, 
Se tient debout, silencieuse. 
Au bord des flots retentissants. 

Ses yeux, oü le ciel se reflete, 
Melent ä leur azur anier, 
Qu'etoile une humide paillette, 
Les teintes glauques de la mer. 

Dans les langueurs de leurs prunelles, 
Une gräce triste sourit; 
Les pleurs mouillent les etincelles 
Et la lumiere s'attendrit. 

Et leurs cils, comme des mouettes 
Quirasent le flot aplani, 
Palpitent, ailes inquietes, 
Sur leur azur indefini. 



^) Von einer auf gründlichen Vergleichen und genauen Untersuchungen 
beruhenden Studie von Einfluss und Entlehnungen kann bei der Ausdehnung 
dieser Arbeit weder bei Gautier noch bei den zahlreichen folgenden Dichtern 
die Rede sein. Dies ist Sache von Einzelforschungen, die hiermit angeregt zu 
haben uns mit freudiger Genugthuung erfüllen würde. Wir betrachten es bloss 
als unsere Aufgabe, den Einfluss Heines anzudeuten, Anhaltspunkte zu geben, 
sein Einwirken beispielweise festzustellen oder an Hand von dichterischen 
Produktionen als möglich oder wahrscheinlich zu bezeichnen. Zuweilen werden 
wir finden, dass Dichter selbst bekennen, wie Heine sie beeinflusst hat. 



298 H. Heines Einfluss 



Comme clans l'eau bleue et profonde 
Oü dort plus d'un tresor coule, 
On y decouvre, ä travers l'onde, 
La coupe du roi de Thule. 

Sous leur transparence verdatre 
Brille, parmi le goemon, 
L'autre perle de Cleopätre 
Pres de l'anneau de Salomon. 

La couronne, au gouffre lancee 
Dans la ballade de Schiller, 
Sans qu'un plongeur l'ait ramassee, 
Y Jette encor son reflet clair. 

Un pouvoir magique m'entraine 
Vers l'abime de ce regard, 
Comme, au sein des eaux, la sirene 
Attirait Harald Harfagar. 

Mon äme, avec la violence 
D'un irresistible desir, 
Au milieu du gouffre s'elance, 
Vers l'ombre impossible ä saisir. 

Montrant son sein, cacliant sa queue, 
La sirene, amoureusement, 
Fait ondoyer sa blancheur bleue 
Sous l'email vert du flot dormant. 

L'eau s'enfle, comme une poitrine 
Aux soupirs de la passion; 
Le vent, dans sa conque marine, 
Murmure une incantation. 

„Oh! viens dans ma couche de nacre, 
Mes bras d'onde t'enlaceront; 
Les flots, perdant leur saveur acre, 
Sur ta bouche, en miel couleront. 



auf einige Zeitgenossen. 299 



„Laissant briiire, sur nos tetes, 
La mer qui ne peut s'apaiser, 
Nous boirons Foubli des tempetes 
Dans la coupe de mon baiser." 

Ainsi parle la voix humide 

De ce regard ceruleen, 

Et mon coeur, sous l'onde perfide, 

Se noie et consomme Thymen. 

Dass wir es hier mit einer „Loreley ä la Gautier" zu 
thun haben, ist in die Augen springend. Bezeichnend ist, 
dass Gautier gerade diesem Namen aus dem Wege geht, 
während er den König in Thule, den Taucher, den Fischer etc. 
— die ihn immerhin auch inspiriert haben mögen — er- 
wähnt. 

Ebenso wenig dürften wir mit der Behauptung auf Wider- 
spruch stossen, dass die Grundidee des berühmten Gedichtes 
„Nostalgies d'obelisques" und des Liedes vom „Pichtenbaum" 
eine ähnliche ist, das Büd aber genau dasselbe, bloss mit 
anderen Namen. Charakteristisch für Gautiers Manier ist seine 
Vertauschung des Rahmens. Statt sich der Natursymbolik zu 
bedienen, benützt er zwei Obeliske — „l'obelisque de Paris" 
und „l'obelisque de Luxor". Die beiden Teile des Gedichtes 
umfassen je achtzehn Strophen. Wir trennen von jedem die 
erste; es entsteht so ein zweistrophiges Lied, das in dieser 
Gestalt erst recht seinen Ursprung nicht zu verleugnen 
vermag : 

I. 
L'obelisque de Paris. 

1. 

Sur cette place, je m'ennuie, 
Obelisque depareille; 
Neige, givre, bruine et pluie 
Glacent mon flanc dejä rouille; 
2—18. 



300 H. Heines Einfluss 



II. 
L'obelisque de Luxor. 

1. 
Je veille, unique sentinelle 
De ce grand palais devaste, 
Dans la solitude eternelle, 
En face de l'immensite. 

2-18. 

(Vergl. Heines „Ein Fichtenbaum steht einsam".) 
(Elster, Bd. I, pag. 78.) 

Wir lassen noch einige Gedichte folgen, die sich zwar 
nicht direkt an ein Lied Heines anlehnen. Wir meinen aber, 
es müsste im „Intermezzo" irgend ein Vorbild zu finden sein, 
so sehr erinnert uns der zarte Wortschmelz, die grosse Ein- 
fachheit der poetischen Mittel, die singliche Weise, die Natur- 
symbolik, bis zur kleinen, pikanten, ironischen Dissonanz des 
Schlussverses — wie im „Lied", an Heines Lyrik. Ganz 
Heine, von Anfang bis zum Ende, ist das erste Gedicht: 



Le monde est mechant. 

Le monde est mechant, ma petite : 
Avec son sourire moqueur, 
U dit qu'ä ton cote palpite 
Une montre en place de coeur. 

— Pourtant ton sein emu s'eleve 
Et s'abaisse, comme la mer, 
Aux bouillonnements de la seve 
Circulant sous ta jeune chair. 

Le monde est mechant, ma petite : 
H dit que tes yeux vifs sont morts 
Et se meuvent, dans leur orbite, 
A temps egaux et par ressorts. 




auf einige Zeitgenossen. 301 



— Pourtant une lärme irisee 
Tremble ä tes cils, mouvant rideau, 
Comme une perle de rosee 

Qui n'est pas prise au verre d'eau. 

Lo monde est mechant, ma petite : 
II dit que tu n'as pas d'esprit 
Et que les vers qu'on te recite 
Sont pour toi comme du sanscrit. 

— Pourtant, sur ta bouche vermeille, 
Fleur s'ouvrant et se refermant, 

Le rire, intelligente abeille, 

Se pose ä chaque trait charmant. 

C'est que tu m'aimes, ma petite, 
Et que tu hais tous ces gens-lä. 
Quitte-moi ; — comme ils diront vite : 
Quel coeur et quel esprit eile a! 

Lied. 1) 

Au mois d'avril, la terre est rose 
Comme la jeunesse et l'amour; 
Pucelle encor, a peine eile ose 
Payer le printemps de retour. 

Au mois de juin, dejä plus pale 
Et le coeur de desirs trouble, 
Avec Pete, tout brun de häle, 
Elle se Cache dans le ble. 

Au mois d'aoüt, bacchante enivree, 
Elle offre ä l'automne son sein, 
Et, roulant sur la peau tigree, 
Fait jailhr le sang du raisin. 

En decembre, petite vieille, 
Dans les frimas poudree ä blanc, 
Dans ses reves, eile reveille 
L'hiver aupres d'elle ronflant. 



„Revue de Paris", 1. Januar 1854. 



302 H. Heines Einfluss 

Pag. 215 : 

Plaintive tourterelle. 

Plaintive tourterelle 
Qui roucoules toujours, 
Veux-tu preter ton alle 
Pour servir mes amours ? 

Comme toi, pauvre am ante, 
Bien loin de mon ramier, 
Je pleure et me lamente 
Sans pouvoir l'oublier. 

Vole, et que ton pied rose, 
Sur l'arbre ou sur la tour, 
Jamais ne se repose, 
Car je languis d'amour. 

Evite, 6 ma colombe, 
La halte des palmiers 
Et tous les toits oü tombe 
La neige des ramiers. 

Ya droit sur sa fenetre, 
Pres du palais du roi, 
Donne-lui cette lettre 
Et deux baisers pour moi. 

Puis sur mon sein en flamme, 
Qui ne peut s'apaiser, 
Reviens, avec son äme, 
Reviens te reposer. 

Ein letztes Lied erklärt uns — und bestätigt das Ge- 
sagte — , wie nahe es lag, dass sich die Gedichte Gautiers 
an die Heines anlehnten^ wie es unausbleiblich w^ar, dass er 
sich an der Lyrik unseres Dichters inspirierte. Es bekräftigt 
das Wort ihrer gemeinsamen Freundin : „II etait vraiment 
imbu des poesies et de l'esprit de l'illustre ecrivain." — In 
,,La bonne soiree" (pag. 217) erzählt er uns nämlich, wie er 



.M: 



auf einige Zeitgenossen. 303 



an einem unfreundlichen Abend den Entschluss fasste, in seinen 
vier Wänden zu bleiben, statt sich durch Schnee und Regen 
zu einem Balle zu begeben. In der letzten Strophe erfahren 
wir nun, wer ihm die Zeit verkürzte und traute Gesellschaft 
leistete : 

J'ai lä r„Intermezzo" de Heine, i) 

Le „Thomas Grain-d'Orge" de Taine, 
Les deux Goncourt; 

Le temps, jusqu'ä Flieure oü s'acheve, 

Sur l'oreiller, l'idee en reve, 
Me sera court. 

Baudelaire sagt von seinem Meister und Freunde, von 

dem er behauptet, dass er einst neben La Bruy^re, Buffon 

und Chateaubriand genannt werde: „Par sa raillerie, sa gaus- 

serie, sa forme decision de n'etre jamais dupe, il est un peu 

Frangais, mais s'il etait tout ä fait Prangais, il ne serait pas 
poete."^-) 

Was an Gautier nicht französisch war, ist zum grössten 
Teile Heines Werk. 

Merkwürdig, dass die beiden intimsten Freunde Heines 
in Paris mit die sympathischsten Dichter der französischen 
Romantik waren, merkwürdig deswegen, weil uns so viel 
von seiner Rücksichtslosigkeit, egoistischen Laune und Un- 
fähigkeit, sich Freunde zu w^ahren, erzählt wird. Der zweite 
dieser liebenswürdigen Poeten, die sich vom Genie des deut- 
schen Freundes beeinflussen Hessen, ist Gerard de Nerval, 
wie Gautier längst schon ein alter Bekannter. Die Nacht des 
Wahnsinns hatte ihn bereits umschlungen, als er für Arsene 
Houssaye jene Ballade „ä la Heine" improvisierte, in der er 
auf seinen Liebesschmerz anspielte, welcher sein ganzes Leben 



^) Der Philologe erlaubt sich, auf das Reimwort aufmerksam zu machen, 
das uns der strengsten Textkritik gemäss unverbrüchliche Auskunft über die 
französische Aussprache des Namens Heine gibt. 

^) „L'art romantique", pag. 187. 



h 



304 H. Heines Einfluss 

zerrüttete. Es ist dies das erste und bekannte ^) „poeme en 
prose", die Dichtungsart, die, wie wir noch sehen werden, 
bei den Modernen so grosses GKick machen sollte. Nerval 
nahm hier seine eigenen Uebertragungen Heines zum Vor- 
bild. Interessant sind im Anschluss hieran seine Betrachtungen, 
die wir dem Werke „De la poesie allemande" (pag. 65) ent- 
nehmen. 

II est difficile de devenir un hon prosateur, si Fon n'a pas ete 
poete — ce qui ne signifie pas quo tout poete puisse devenir un 
prosateur. Mais comment s'expliquer la Separation qui s'etablit pres- 
que toujours entre ces deux talents ? II est rare qu'on les accorde 
tous les (leux au meme ecrivain : du moins Fun predomine Fautre. 
Pourquoi aussi notre poesie n'est-elle pas populaire comme celle des 
AUemands? C'est, je crois, qu'il faut distinguer toujoitrs ces deux 
styles et ces deux genres, — chevaleresque — et gaulois, dans Fori- 
gine qui, en perdant leurs noms, ont conserve leur division generale. 
On parle, en ce moment, d'une collection de chants nationaux recueillis 
et publies ä grands frais. La, sans doute, nous pourrons etudier les 
rythmes anciens conformes au genie primitif de la langue, et peut- 
etre en sortira-t-il quelque moyen d'assouplir et de varier ces coupes 
belles mais monotones que nous devons ä la reforme classique. La 
rime riebe est une grace, sans doute, mais eile ramene trop souvent 
les memes formules. Elle rend le recit poetique ennuyeux et lourd 
le plus souvent et est un grand obstacle a la popularite des poemes. 

Wir ersehen hieraus wiederum deutlich, woher die fran- 
zösische Boheme-Romantik ihre Inspirationen und Neuerungen 
zum grossen Teil schöpfte. 

Wie hoch Nerval seinen Freund als Dichter stellte, wie 
bedeutend er dessen Einfluss auf beiden Seiten des Rheines 
anschlug, geht noch aus folgender Stelle hervor 2) (pag. 316): 

Cette manie, cependant, touclia bientot ä son terme, et Heine 
fut, pour ainsi dire, le precurseur lyrique de notre revolution de 
juillet qui, en Allemagne, produisit tant de resultats litteraires. 



1) Abgesehen von einem ähnlichen Versuche des später zu erwähnenden 
Bertrand. 

2) In der Ausgabe „Faust et le second Faust", Paris, Garnier freres, 1877. 




auf einige Zeitgenossen. 305 



En effet, ce fut Heine qui, se separant entierement de la forme 
purement objeetive de Gffitlie et d'Uliland, sans adopter la maniere 
opposee de Schiller, sut rendre, par des procedes d'art inconnus 
jusqu'ä lui, ses sentiments personnels pleins de poesie, de melancolie 
et meme d'ironie, sous une forme neuve, revolutionnaire memo, qui 
ne cessa pas pour cela d'etre tres populaire. Heine fit ecole ; un essaim 
considerable de jeunes poetes lyriques tacherent de l'imiter; mais 
aueun d'eux n'eut ni son genie, ni meme sa maniere de faire le vers, 
qui n'est qu'ä lui. Ce qu'il y a d'extraordinaire en Heine, c'est qu'il 
a exclu entierement la politique de ses chants, bien que la forme 
de ces memes chants denote un esprit revolutionnaire et absolu. 
Abstraction faite de l'ironie lyrique de Heine, de cet esprit railleur 
dont il sait afFubler une phrase serieuse, Heine a compose des chants 
vraiment classiques, des chants populaires que tous les jeunes gens 
en Allemagne savent par coeur. 

Heine est, parmi les nouveaux poetes lyriques, le dernier du 
temps ancien et le premier de notre ere moderne, et il a eclipse bien 
des reputations a demi evanouies. 

Von Heines Manier und Einfluss zeugen ferner die geist- 
und humorvollen, in musterhafter Sprache verfassten „Voyage 
en Grece" und besonders „Voyage en Orient". ^) In diesen 
Reisestudien, die seiner besten Schaffensperiode angehören, 
verriet er echten Künstlerenthusiasmus mit einschmeichelnder 
Schalkhaftigkeit; über beiden schwebt ein leiser Anflug von 
Melancholie. In seinen Liedern, die wir in dem Bande „La 
boheme galante" (1856) neben kleinen Skizzen und Novellen 
gesammelt finden, ist Inspiration deutscher Lyrik leicht er- 
kennbar. Der specifische Einfluss Heinescher Poesie ist hier 
schwer zu unterscheiden. Gleichwohl erinnert manches an 
Heines Art, wie z. B. das Gedicht „La cousine" (pag 49): 

La cousine. 

L'hiver a ses plaisirs, et souvent, le dimanche, 
Quand un peu de soleil jaunit la terre blanche, 
Avec une cousine on sort se promener . . . 
— „Et ne vous faites pas attendre pour diner," 
Dit la mere. 

') Neue Ausgabe in zwei Bänden, Charpentier, 1889. 
Betz, Heine in Frankreich. 20 



306 H. Heines Einfluss. 



Et quand on a bien, aux Tuileries, 
Vu, sous les arbres noirs, les toilettes fleuries, 
La jeune fille a froid ... et vous fait observer 
Que le brouillard du soir commence ä se lever. 

Et Ton revient, parlant du beau jour qu'on regrette, 
Qui s'est passe si vite ... et de flamme discrete. 
Et Ton sent, en rentrant, avec grand appetit, 
Du bas de l'escalier, — le dindon qui rotit. 

Obschon bei Beranger von einem Einfluss Heines nicht 
die Rede sein kann — höchstens von einem solchen Uhlands, 
den der Chansonnier hoch verehrte — , so ist doch mit Recht 
behauptet worden, dass er sich von den Schilderungen des 
„Tambour le Grand" inspirieren Hess. Das „Grenadierlied" 
Heines hatte schon längst die Runde in der lesenden Welt 
gemacht, bevor Beranger seine „Le vieux drapeau" und „Le 
vieux sergent" gesungen. In dem letztern Liede hat er Heines 
Wort von dem künftigen heiligen Grabe auf St. Helena benützt. 

Hier wäre auch Charles Monselet (1825—1888) zu er- 
wähnen. Reymond sagt von ihm : ') „M. Monselet publia un 
volume de chansons bachiques (1855) dans le rhythme des 
Lieder allemands, qu'il intitula „Les vignes du Seigneur"" 
(Paris, Lecou, 1855 — seltenes Büchlein). Dieser typische 
Boulevarddichter war geistreich in Prosa und Vers. Er musste 
sich zu Heine hingezogen fühlen, den er gekannt hatte. Seine 
zahlreichen zerstreuten Schriften, in denen der Autor der 
„Reisebilder" zweifelsohne Spuren hinterlassen, konnten wir 
nicht konsultieren. Wir eitleren hier nur aus obiger Sammlung 
ein charakteristisches Gedicht, das an Heines Kontrast-Lyrik 
anklingt. Monselet hat es nie zu einheitlichem ernsten 
Schaffen gebracht. Er ist eine bric-ä-brac-Figur der aus- 
gehenden Romantik. 



') L. c. pag. 182. — Süpfle, der Reymond nicht kennt und nicht nennt, 
gibt Bd. III, pag. 83, jene Zeilen in wörtlicher Uebeisetzung wieder. 



■t 



auf einige Zeitgenos'sen. 307 



Mademoiselle Clorinde. 

L'autre nuit, comme ils etaient onze 
Qui soupaient ä la Maison-d'Or, 
Sous une table aux pieds de bronze 
Deux d'entre eux parlaient d'elle encor: 

— Elle est morte, c'est grand dommage, 
La perle du quartier Breda! 
Mieux eüt valu, pour ce voyage, 
S'en aller Rosine ou Clara. 

C'etait une petite blonde, 
Nee ä seize ans et morte ä vingt; 
Enfant qui trop tot vint au monde, 
Enfant qui trop tot s'en revint. 

Un des princes de la finance 
L'avait tiree on ne sait d'oü.* 
Chez eile eclatait l'elegance : 
II l'entourait d'un luxe fou. 

Dans les plis d'un peignoir cacliee, 
Les genoux sous eile tapis, 
Reveuse, eile vivait couchee 
Sur les fleurs de son grand tapis. 

Nulle n'etait plus provoquante, 
Dans nos nuits de pornpeux gala; 
A la fois marquise et bacchante : 
C'etait Clorinde! — Pleurons-la. 

Adieu, notre jeune compagne; 
Tu t'en vas au milieu du jour, 
L'estoraac ruine de Champagne 
Et le cceur abime d'amour. 

Un menuisier, une portiere, 
Deux personnes, uniquement, 
La suivirent au cimetiere : 
Sa mere et son premier amant. 



308 H. Heines Einfluss 



E. Montegut ^) hat darauf hingewiesen, dass Heine jene 
Lehre von der Rehabilitation des Fleisches gegenüber dem 
christlichen Spiritualismus nicht erst bei den Saint-Simonisten 
geholt habe, wie dies gewöhnlich angenommen werde, son- 
dern dass dieselbe schon im „Almanzor" in ihrer berauschen- 
den Immoralität hervortrete. Ganz bestimmte Formen habe 
sie dann in „De PAllemagne" angenommen, wo sie offen und 
mit des Dichters ganzer Beredsamkeit gepredigt sei. Und nun 
geht Montegut noch weiter und ist geneigt, gerade das Um- 
gekehrte zu glauben, nämlich, dass Heine es war, der die Saint- 
Simonisten beeinflusst, indem er sagt (pag. 262): „Non seule- 
ment il ne dut pas cette doctrine aux saint-simoniens, mais je 
suis tres porte ä soupgonner que c'est au contraire de lui qu'elle 
leur vint, et que c'est par ses ecrits et ses conversations 
qu'il leur insuffla cette religiosite pantheistique, ce „brio" 
thaumaturgique et cette virtuosite de predicants qui distin- 
guerent un instant quelques-uns d'entre eux." 

Wir führen die Hypothese, wie gesagt, bloss ihrer Neu- 
heit wegen an und überlassen die Diskussion den Sachver- 
ständigen. 

Man wird sich wundern, den Namen Alfred de Mussets 
hier an letzter Stelle genannt zu finden. Wiederholt ist von 
französischen Litteraten auf Anklänge an Heinesche Poesie 
hingedeutet worden. Allein mit einem wissenschaftlichen 
Nachweise hat es seine Schwierigkeiten. Denn, abgesehen 
von dem stolzen Proteste Mussets, der mit den berühmten 
Versen schliesst: 

„Je hais, comme la mort, l'etat de plagiaire ; 

Mon verre n'est pas grand, mais je bois dans mon verre." 

darf bei etwaigen Aehnlichkeiten nicht die bereits besprochene 
Geistesverwandtschaft der beiden Dichter übersehen werden. 

1 



1) Cf. Abschnitt II. 



ä 



auf einige Zeitgenossen. 309 



Ein erstaunlicher Zufall wäre es ja zu nennen, wenn diese 
zeitgenössischen, durch und durch spontanen und subjektiven 
Poeten nicht auch Aehnliches geschaffen hätten. Daher muss 
ein Nachweis von Entlehnungen mit der grössten Vorsicht 
geführt werden.') Ohne verblüffende Enthüllungen zu ver- 
sprechen, können wir jetzt schon versichern, dass auch Musset 
zu denen gehört, die an dem reichen Pokale Heines genippt 
haben, wie das schon vor Montegut und Hennequin von 
Reymond hervorgehoben wurde.-) Während Hennequin^) nur 
mit den wenigen Worten: „Teile page des „Reisebilder" 
peut etre comparee exactement ä une page des nouvelles de 
Musset" auf eine eventuelle Anlehnung hindeutet, führt 
Montegut diesen Gedanken näher aus:^) „Ce genie et ces li- 
mites avaient apparu, en effet, avec la plus lumineuse evidence 
dans un volume public en 1823, sorte de „Spectacle dans un 
fauteuil", qui semble vraiment avoir servi de prototype au 
fameux volume de Musset, tant il est compose d'une maniere 
analogue. Deux poemes dramatiques, comme dans le recueil 
de Musset: „Almanzor" et „William Ratcliff", separes par une 
Serie de „heds", „l'Intermezzo", qui tient la place de „Namouna". 
Einer der Uebersetzer des „Intermezzo", Claveau, hat 
eine ähnliche Anspielung in einem Gedichte, das er seiner 
Uebertragung vorausschickt, sogar in Verse gebracht.^) 

I. 

Heine, sauf qu'il est AUemand, 
A fait une chanson que j'aime, 
Une chanson de sentiment, 
ßref, un admirable poeme. 



^) Es versteht sich von selbst, dass wii- in der Abschnitt I, pag. 33, 
versprochenen Studie auch hierauf näher eingehen werden. 

2) Henri Heine et Alfred de Musset („Revue des cours litteraires de 
la France et de l'Etranger", 28. April 1866). 

^) Ecrivains francises, pag. 65. 

-*) „Revue des deux Mondes", 1884, pag. 260. 

^) „Revue contemporaine", 15. September 1863. 




310 H. Heines Einfluss. 



Son „Intermezzo", comme on dit, 
A vu bien souvent, je le gage, 
Sur certaine petite page, 
Pleurer Nerval qui se pendit. 

II parait que c'est un travers, 
Commun ä vous autres poetes, 
De mettre tous, tant que vous etes, 
Vos grands chagrins en petits vers; 

Car Musset broda finement, 
En bon fran§ais, le pareil thenie, 
Et recommen§a le poeme 
Ecrit, par l'autre, en allemand. 

II en fit meme deux ou trois 
Qui sont de fort jolis blasphemes; 
Mais aueun d'eux ne vaut, je crois, 
Ceux que les hommes fönt eux-memes. 

Dieses Kapitel lehrt uns, dass der Einfluss Heines in der be- 
sprochenen Litteraturepoche, bei Gautier etwa ausgenommen, 
schwer von dem allgemeinen Einfluss deutscher Dichtung 
auf die französische Romantik zu scheiden ist. Wie sehr sich 
diese mit der Persönlichkeit Heines überhaupt zusammen- 
werfen und decken lässt, illustriert eine geistreich lakonische 
Definition des Symbolistenkritikers Charles Morice: „Le Ro- 
mantisme est une enfance capricieuse, volontiers mechante et 
triste, avec des eclats de gaiete, de naivete." ^) 

Wenn bis jetzt von einem Einfluss Heines in seinen 
Biographieen etc. die Rede war, so waren damit ausschliess- 
lich die Vertreter der Romantik gemeint.-) Zu dem wenig 



') „La litteratuve de tout {\ Tlieure", Penin, 1880. 

2) Auch G. Brandes widmet einen kurzen Abschnitt seines Buches „Die 
romantische Schule in Frankreich" (pag. 41—54) dem fremden Einfluss auf 
die französische Romantik. Diese Seiten des Autors des treflflichen Werkes 
„Die Hauptströmungen der Litteratur des XIX. Jahrhunderts" kamen leider 
zu spät in unsere Hände, um hier verwertet zu werden. 



auf einige Zeitgenossen. 311 



Bekannten konnten wir hier wenig Nevies hinzufügen, wenig 
nämlich im Verhältnis zu dem, was wir noch im weiteren 
Verlauf unserer Arbeit zu bringen versprachen. Bevor wir 
aber einige unbeschriebene Seiten der Heineforschung zu 
füllen gedenken, müssen wir, unserm bisher befolgten Plane 
gemäss, litterarisch den Weg bahnen und noch ein Wort von 
modernem deutschen Einfluss sagen. Vieles hierüber Ver- 
öffentlichte werden wir verbessern und ergänzen müssen. 



312 H. Heines Einflusf 



Drittes Kapitel 

Einiges über den modernen deutschen 

Einfluss 



In der Mitte dieses Jahrhunderts war Deutschland für 
Prankreich immer noch das Land der Balladen, der Burgen 
und Burggrafen, der Feen, Wassernixen und Zwerge, eine 
Art bric-ä-brac-Magazin des Mittelalters, wie es sich die 
ersten Romantiker schon vorgestellt hatten; — und dies 
trotz Heine, Quinet und andern, die es nicht vermochten, den 
Eindruck des „De l'AUemagne" der Madame de Stael zu 
verwischen. 

Erst mit Saint-Rene Taillandier sehen wir eine Reihe 
von hochgebildeten Gelehrten in der französischen Litteratur 
auftreten , die sich nicht damit begnügten, deutsch und 
Deutsches zu „ahnen", wie einst Sainte-Beuve. Wir erinnern 
an die grossen Namen der Taine und Renan; ferner an E. 
Montegut und V. Cherbuliez (Valbert), den protestantischen 
Schv/eizer-Franzosen, der in würdiger Weise das Erbteil 
Taillandiers in der „Revue des deux Mondes'^ angetreten 
hat, und endlich an den trefflichen Germanisten und Litterar- 
historiker Arthur Chuquet, den Ludwig Bamberger mit 
Recht als ein „Muster objektiver Geschichtsschreiberei" 



1) Vergl. „Arthur Chuquet" von Ludwig Baniberger in der „Deutscheu 
Rundschau", November 1892. 



1 



Einiges über den modernen deutschen Einfluss. 313 

bezeichnet, — und dessen Geistesverwandte, die ebenso vor- 
urteilsfreien Albert Sorel und Gabriel Monod. Bei einem 
systematischen und gründlichen Studium deutschen Ein- 
flusses in Frankreich wäre also zunächst die Einteilung zu 
treffen: vor und nach Taillandier, und hierauf vor und nach 
1870/71.*) Denn trotz der aufklärenden Thätigkeit der Ge- 
nannten und der Gleichgesinnten, trotz der warnend prophe- 
tischen Worte Heines, muss gesagt werden, dass, vor der 
Kriegskatastrophe, weder die grosse Masse des Volkes, noch 
die kleine Zahl der Gebildeten — einige wenige Stimmen 
ausgenommen — das wahre, vor allem das neue, einige 
Deutschland wirklich kannten und daher zu schätzen und 
zu — fürchten wussten.^) Während die Halbbildung, die 
etwas von Goethe und Schiller in den Mauern der „Colleges" 
hatte läuten hören, mit spöttelndem Horror von der dunkeln 
Geistestiefe der germanischen Philosophen sprach, sich immer 
noch die „blonde Allemagne'' als das Land schwärmerischer 
Sentimentalität vorstellte, in dem Dichter, Philosophen und 
Künstler ein paradiesisches Leben führen, — blieb man blind 
für die Veränderung, die sich seit Kant, Hegel, Herder und 
Goethe — jenen grossen Lehrern von Taine und Renan — 
im deutschen Parnass und deutschen Nationalbewusstsein 
vollzogen hatte. Richtig ist es allerdings, dass Frankreich 
schon vor 1870 im regsten Geistesverkehr mit seinem Nach- 
barstaate stand — aber es war in seiner Kenntnis deutscher 
Dinge um ein halbes Jahrhundert zurückgeblieben — eben 
bei den genannten Geistesheroen. Daher kommt es, dass man 
von deutscher Seite allgemein hört — Dr. Süpfle und Meissner 
inbegrifPen — , dass Prankreichs Interesse für die deutsche 



^) Wir gehen hier, wenn wir nicht irren, mit Dr. Meissner einig. 
-) . . . Malgre Henri Heine, (V AUemagne de Madame de Statl) est 
restee jusqu'en 1870 V AUemagne de nos litter ateu7'S et de nos artistes. 

Koire de la litterature franc^nise" par Gustave Lanson. Paris, Hachette, 
(0, pag. 865.) 



314 H. Heines Einfluss. 



Litteratur seit 1870 gefallen sei, weil es sich eben heute 
weit mehr um die Zeitlitteratur und -Wissenschaft kümmert, 
als um die grossen Klassiker. 

Ferdinand Gross hat sich in einer Studie über „Goethes 
Werther in Prankreich" (Leipzig, ohne Jahrzahl) veranlasst 
gesehen, auch seine Entdeckungen und Ansichten über deut- 
schen Einfluss im allgemeinen zum besten zu geben. So 
behauptet er u. a. (pag. 15): „Etwa von 1840 — 1870 herrscht 
in Frankreich eine gar nicht verhehlte Gleichgültigkeit gegen 
die deutsche Litteratur." Die beste Erwiderung dürfte in 
einer Stelle von Fr. Kreyssigs „lieber die französische Geistes- 
bewegung im XIX. Jahrhundert"^) liegen (pag. 124): „Es 
muss überhaupt gesagt und betont werden : ein Strom deut- 
schen, englischen, amerikanischen, belebenden Einflusses, wie 
Frankreich ihn noch nie früher empfunden, geht durch das 
siebente Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Es ist der deutsche 
GedankiB, der in dieser ganzen eifrigen Geistesarbeit gährt, 
sich in das keltisch-romanische Wesen einbohrt." 

Dieser fremde Einfluss beginnt schon seit den sechziger 
Jahren in immer steigendem Masse auf den gallisch-latei- 
nischen Geist der französischen Nation einzuwirken. Wenn 
schon im XV. Jahrhundert Italien, im XVI. Spanien und im 
XVIII. England begonnen hatten, den „esprit gaulois" umzu- 
gestalten, so that noch das „Eindringen" anglo-germanischen 
Geistes das Uebrige, damit für die Zukunft der reinen Natio- 
nalpoesie der Boden entzogen wurde. Indessen gewiss nicht 
zu Frankreichs Schaden; denn nationale Litteratur allein 
war nie im stände, die herrschenden Ideen und Gefühle eines 
Zeitalters zu umfassen. Das Genie denkt, dichtet und schaff't 
für alle Völker insgesamt. Eine Litteratur, die dasselbe nicht 
beachtet, aufnimmt und verwertet, muss zurückbleiben. 



^) Drei Vorträge von Fr. Kreyssig, Berlin 1873. 




Einiges über den modernen deutschen Einfluss. 315 

DawS Eindringen deutschen Geistes und litterarischen Ein- 
flusses haben bedeutende französische Litterarhistoriker, wie 
Brunetiere, G. PeUssier, Paul Albert, J. J. Weiss, Edmond 
Scherer und, als einer der ersten, Reymond, nicht nur zu- 
gegeben, sondern auch selbst nachgewiesen, ja sogar zum 
Teil begrüsst. Am kompetentesten in dieser Frage hat sich 
der talentvohe E. Hennequin gezeigt, dessen Arbeiten einen 
sichern Blick, grosse Kenntnisse und einen originellen Kopf 
verraten. 

Wiederholt stiessen wir auf die durchaus irrtümliche Be- 
hauptung, dass sich die Franzosen seit 1870 gegen alles, was 
deutsch ist, somit auch gegen deutsche Litteratur, starr ab- 
schliessen.^) Gerade das Umgekehrte ist der Fall. Oberfläch- 
lich waren ihre diesbezüghchen Kenntnisse zum grossen Teil 
vor 1870. Nicht mit Unrecht sehen sie in dieser Ignoranz 
eine der Ursachen ihrer Niederlage. Seit 1870 ist Deutsch- 
land allerdings nicht mehr das Land, über das man bloss 
schwungvolle Vorträge hält und geistreiche Artikel schreibt, 
sondern das Land, dessen Sprache, Litteratur und Geschichte 
man mit Ernst studiert. Erst seit 1870 sind deutsche Klas- 
siker mit vernünftigem Kommentar zum obligatorischen Schul- 
buche geworden. Niemals zuvor, auch nicht zur Zeit, als 



^) Natürlich ist auch Ferdinand Gross dieser Ansicht, nachdem er (pag. 15) 
behauptet : „Die Franzosen wollen es nicht Wort haben, dass jemals ein 
Tropfen Blutes der deutschen Litteratur in die Adern der französischen über- 
gegangen." Statt bei den Obengenannten, scheint sich Gross bei Tissot & Co. 
unterrichtet zu haben. — Naiv klingt sein Vorwurf, dass die Franzosen die 
deutschen Klassiker heute weniger lesen als im Anfange des Jahrhunderts. 
Wie steht es denn mit diesen" in der eigenen Heimat? Wird dort etwa „Wilhelm 
Meister" mehr gelesen als der französische Roman (im Original, in der Ueber- 
setzung oder als Kopie)? Oder sind wohl in Deutschland Lamartine und Hugo 
so bekannte, vielgelesene Grössen ? Deutschlands Leihbibliotheken — und 
20,000 Studenten mögen hierüber Auskunft geben, oder Grillparzer, der noch 
einige Jahre vor seinem Tode deutsche Ignoranz in Sachen französischer 
Litteratur beklagte. Also keine Steine werfen — vor allem damit sie nicht 
zurückprallen ! — 




316 H. Heines Einfluss. 



die Deutschschwärmerei ihren Höhepunkt erreichte, hatte das 
Streben, sich über Deutschland zu unterrichten, so reichhche 
Mittel zur Hand wie heute. ^) Edm. Scherer beginnt seine 
Studie über Goethe (Mai 1872) mit den Worten: „L'atten- 
tion et l'etude, chez nous, se portent en ce moment vers 
l'Allemagne. C'est un bon signe et, a dire vrai, une mani- 
festation de l'esprit public ä laquelle je ne m'etais point at- 
tendu ..." 2) 

Wahr ist es, dass die Motive, um derentwegen sich die 
Augen Prankreichs in der Neuzeit nach Deutschland richten, 
zum grossen Teil andere sind, als während der Regierung 
Louis Philipps. Die Völkerpsychologie erklärt uns, warum 
Deutschland seit 1870 für Prankreich als der gefürchtetste 
Gegner und Rivale betrachtet werden musste, so unhistorisch 
der Gedanke an sich auch sein mag. Zum eigenen Nutzen, 
als Waffe, musste geradezu alles abgelernt und verwertet 
werden, was Deutschland auf allen Gebieten der Wissenschaft 
hervorbrachte. Immerhin blieb die französische Litteratur 
in dieser Richtung im grossen und ganzen merkwürdig un- 
patriotisch gesinnt. Längst schon hat die Kriegs- und Revanche- 
schriftstellerei, die Prof. Koschwitz kürzHch zusammenstellte,^) 
Reiz und Zugkraft verloren. Die jüngste Romanepopöe Zolas, 



^) Ferd. Gross beliebt das Entgegengesetzte zu behaupten, nämlich dass 
wir in den Katalogen der französischen Verlagsfirmen vergebens nach den 
besten Namen der deutschen Litteratur suchen. Wir verweisen ihn und den 
Leser auf Alwin Weises „Bibliotheca germanica", Le Soudier, 1886; ebenso 
auf die Abschnitt II, pag. 113, gegebene Liste französischer Schulbücher, von 
denen bloss drei in die Zeit vor 1870 fallen, und schliesslich auf das eben 
erschienene : „Journal general de l'imprimerie et de la librairie" — Livres 
classiques pour la rentree des classes 1894. 

2) Hier erinnern wir uns, dass Prof. Baechtold in seinen Goethevorlesungen 
konstatierte, es könne keine deutsche Ausgabe von „Hermann und Dorothea 
der französischen, von Chuquet besorgten und kommentierten an die Seite 
gestellt werden. 

^) E. Koschwitz, „Die französische Novellistik und Romanlitteratur über 
den Krieg von 1870/71", Berlin 1893. 




Einiges über den modernen deutschen Einfluss. 317 



„La guerre", dreht die Spitze gegen Prankreich, wenn wir 
von einigen Einzelheiten absehen, die notwendig waren, um 
die Franzosen zu bewegen, die bittere Pille überhaupt zu 
schlucken. 

Man durchblättere nur einmal die Menge von französischen 
Revuen, besonders die letzten Jahrgänge der „Revue des deux 
Mondes'', der „Nouvelle Revue", der „Revue suisse", der „Re- 
vue britannique'' ; dann die wie Pilze hervorschiessenden 
kleineren Zeitschriften, und man wird bald überzeugt sein, dass 
sich Frankreich niemals so viel, so eingehend und so ver- 
ständig um deutsche Litteratur bekümmerte. „Ces Russes, ces 
Allemands, ces Anglais, ces Danois, nous pretendons en pro- 
fiter, nous en accroitre,'' schreibt Maurice Barres. *) Man 
werfe einen Blick in den ersten Band der jungen Revue „Le 
Monde poetique'^ Neben einer Reihe von Studien über 
moderne deutsche Dichter stossen wir auf Uebertragungen 
von Geibel und Ebers. Ein anderes Wochenblatt, „L'Idee 
libre", Organ einer Dichtergruppe — diese Revuen sind es 
alle — -, bringt fast in jeder Nummer einen Artikel über deut- 
sche Litteratur. Sehr richtig charakterisiert diese („L'Idee libre", 
IP annee, Nro. 5, pag. 236) die Rolle der modernen fran- 
zösischen Litteratur: ,, . . . II me semble qu'il est necessaire de 
repeter ici que si notre generation merite de laisser un Sou- 
venir notable dans l'histoire litteraire de notre pays, c'est 
qu'elle a ete la premiere qui ait dirige ses curiosites pas- 
sionnees vers les efforts et vers les realisations artistiques dont 
l'Europe et dont le nouveau monde ont fourni tant d'inou- 
bliables exemples. C'est pour avoir mele sa sensibilite ä celle 
des contemporains de Russie, d'Allemagne, de Norvege, d'An- 
gleterre et d'Amerique, c'est pour avoir enrichi merveilleusement 
le domaine de ses experiences, que l'äme de la generation 
actuelle a pu apporter un sang nouveau aux chifFons de 



^) Vergl. „Le Semeur", pag. 13, Nro. 145. 



318 H. Heines Einfluss. 



rhetorique qiie nos predecesseurs se sont amuses ä secoiier 
avec des gestes uses, durant leur longue carriere artistique/' 
(Als Vertreter dieser Litteratur sind genannt: Baudelaire, 
St. Mallarme, de Vogüe, P]d. Schure, F. de Pressense, Ed. 
Rod, E. Hennequin, Gabriel Sarrazin etc.) *) 

Eine andere Miniaturrevue, die sich nicht selten mit 
deutscher Poesie beschäftigt, nennt sich ,,Chat noir'^ Sie 
wird von der Poeten -boheme redigiert, die sich in der 
bekannten phantastischen Kneipe im Montmartre - Quartier 
lärmend versammelt. Es sind alles originelle, zuweilen zu 
originelle, aber ideal gesinnte und meistens talentvolle Brause- 
köpfe, von denen sich einige seit den achtziger Jahren einen 
Namen gemacht haben, so z. B. Rodenbach, Rollinat, Leon 
Cladel und Ed. Haraucourt. Alles Fremdartige findet dort 
eo ipso eine Stätte. Wir hörten in dem merkwürdigen Lo- 
kale, wo mittelalterliche und ultramoderne Dekorationskunst 
ein w^mderliches Gemisch bilden, populäre englische und 
amerikanische „songs" — in französisch freier Uebertragung 
natürlich — neben urdeutschen Studentenliedern singen. Noch 
unlängst wohnten wir dort einer sogenannten Vorstellung bei 
— Dichter und Komponisten interpretieren sich stets selbst — , 



1) So klagt der liebenswürdige Fr. Coppee, dem wir die kleinen chau- 
vinistischen Anfälle gerne verzeihen — grosse Dichter sind ja oft grosse 
Kinder — : ^Depuis de longues annees dejc\, nous suivons avec peine, chez 
quelques poetes, les ravages dune sorte de maladie de nos rythmes et de 
notre langue, et, \k encore, nous reconnaissons une influence etrangere. Car 
rien de tout cela n'est latin, n'est francjais, ne jaillit de notre sol, de notre 
inspiration nationale. Une brunie gennanique nous envahit et nous conquiert, 
et j'en suis desole." („Mon franc parier", pag. 199.) 

Auch von Paul Bourget erinnern wir uns kürzlich eine ähnliche Khige 
gelesen zu haben, dem doch, wie wir noch sehen werden, mehr als irgend 
einem andern, angesichts der kosmopolitischen Färbung der modernen fran- 
zösischen Litteratur, ein reuiges „mea culpa" ansteht. Wir selbst sind der 
Ansicht, dass ein solches Eindringen fremden Einflusses jedem Lande gefährlich 
werden könnte, nur nicht Frankreich mit seinem starken Nationalgefiihl und 
dem prononcierten Nationalcharakter. Frankreich kann nur gewinnen. 




Einiges über den moderne-n deutschen Einfluss. 319 



in der ein wildbelockter Musensohn eine französische Ballade 
recitierte, aus der uns wiederholt das nota bene korrekt deutsch 
ausgesprochene Wort „Haidenröschen" entgegenklang. Wir 
wandten uns später an den Dichter: „Savez-vous, Monsieur, 
que ga me rappelle Henri Heine." — „Ah, mon tres hon sieur, 
c'est un her compliment que vous me faites lä," war die 
Erwiderung des Poeten. — Wem die Geburtsstätte der Ro- 
mantik und des „Nouveau Parnasse" bekannt ist, der wird 
uns nicht verübeln, hier von einem „Chat noir" geredet zu 
haben. 

Aber auch fern von diesen leichtlebigen litterarischen 
Frondeurs, fern im geistigen und lokalen Sinne, an dem andern 
Ufer der Seine, — in der Sorbonne, im College de France 
stossen wir auf Schritt und Tritt auf Spuren deutscher Geistes- 
arbeit. Dem Philologen sei es gestattet, hier gleich den Namen 
Gaston Paris zu nennen, der die von dem Altmeister Friedrich 
Diez neubegründete Romanistik so glänzend fortsetzte. Auch 
in allen anderen Gebieten sehen w4r die altbewährte und be- 
rühmte französische Synthese, durch das Studium deutscher 
Forschung, der anglo- germanischen Analyse weichen. Der 
wissenschaftliche Ernst und mit ihm die gelehrte Schwere 
treten immer mehr in den Vordergrund und imponieren. Nur 
so sind der rasche Erfolg und die Macht eines Brunetiere er- 
klärlich, der mit seiner streng systematischen, oft unfreund- 
hchen, stilistisch nicht selten nachlässigen Kritik noch vor 
einem halben Jahrhundert in der Heimat La Harpes und 
Sainte-Beuves schwerlich durchgedrungen wäre. Und so ist 
denn heute nur zur Hälfte wahr, was Karl Hillebrand, der 
einstige Sekretär Heines, noch 1874 in seinem Buche „Frank- 
reich und die Franzosen in der zweiten Hälfte des Jahrhun- 
derts" (pag. 318) sagt: „Im Kampfe zwischen den deutschen 
und französischen Ideen auf gallischem Boden sind die ersteren 
unterlegen." Ganz unterlegen sind in dieser so stark kosmo- 
politisch angehauchten Evolution Frankreichs gallischer Geist, 



320 



H. Heines Einfluss. 



französisches Naturell und die französische Synthese, die der 
Welt so grosse Dienste geleistet, nicht, und zwar nicht nur 
zum Heile Prankreichs, sondern auch zu Nutz und Frommen 
Deutschlands. Denn ginge die französische Idee zu Grunde, 
so wäre dies für den germanischen Nachbar, ja für die ganze 
Civilisation ein unersetzhcher Verlust. Beide Völker sind sich 
gegenseitig unentbehrlich — Geschichte, Rasse, Litteratur und 
das Wohl der modernen Kultur ketten sie trotz mehr oder 
weniger gekünstelten Bündnissen aneinander. 




Die Parnassiens. 321 



Viertes Kapitel 
Die Parnassiens 



„Heine est fort ä ,1a mode en ce moment chez 
nous. Lui et Musset sont pousses tres haut." 

(Sainte-Beuve an Ch. Berthoud, 1867.) 

Es ist bereits angedeutet worden, dass wir den Haupt- 
einfluss Heines nicht bei den Romantikern, seinen Zeitgenossen, 
sondern bei deren Nachfolgern zu suchen haben, und zwar 
sowohl bei den direkten, den sogenannten „Parnassiens", als 
auch bei den Repräsentanten modernster Dichtungsevolutionen. 
Im folgenden sei zunächst der Versuch gemacht, die erstere 
Litteraturströmung in kurzen Zügen zu entwickeln. 

Um die Mitte der sechziger Jahre glich die französische 
Dichtkunst, so wie sie wenigstens in Paris erblühte, wenn 
nicht einer verwelkten, so doch stark erblassten Blume. La- 
martine hatte längst ausgesungen. De Vigny war unter die 
wahren Unsterblichen eingegangen; den moralisch und phy- 
sisch gebrochenen Musset hatte der Tod einige Jahre zuvor 
von einem freudensatten Leben befreit. Baudelaire erwartete 
Erlösung von seinem Siechtum. Gautier, dem nach so langer 
SchafFenszeit kein heiterer, sorgenloser Poetenabend beschieden 
war, der bis zuletzt seine „goldene Feder" des täglichen 
Brotes wegen für Tagesfeuilletons und Theaterberichte her- 
geben musste, — war alt, geschlagen, melancholisch — nur 
noch ein Schatten des einstigen „grand Theo". Und sein 
Abgott, Victor Hugo, der grollte und donnerte auf Guernesey, 

Betz, Heine in Frankreich. -^l 



322 H- Heines Einfluss. 



fern von Paris, im Exil. Der hehre Glanz von ehemals am 
sternenfunkelnden Himmel der Romantik war in jenen Tagen 
dahin. Keck und farbenschimmernd leuchtete eigentlich da- 
mals bloss das Poetengestirn, genannt de Banville, „qui jouait 
avec une virtuosite infatigable des sonates aux etoiles''. 

Da kam von Bordeaux hergewandert ein junger Vers- 
beflissener nach der Hauptstadt und mietete sich ein be- 
scheidenes Kämmerchen in der rue de Douai. Der Provinzler 
hiess Catiille Mendes und in seiner Stube stand die Wiege der 
neuen Dichtergruppe, die Barbey d'Aurevilly einmal scherz- 
weise „Parnassiens" genannt. In seinem Buche „La legende 
du Parnasse contemporain" (1884) erzählt er uns zw^anzig 
Jahre später Entstehung und Geschichte dieses „Cenacle", 
aus dem bis jetzt vier „Unsterbliche'^ hervorgegangen sind. 
Dort erklärt er den Dichter Albert Glatigny, den er als den 
einzigen bedeutenden Schüler Gautiers bezeichnet, als den 
geistigen Vater der Parnassiens. Was Mendes lange nicht 
genug betont, ist die Thatsache, dass Seele und Nerv — und 
besonders der „nervus rerum'' — dieser jungen Dichtergesell- 
schaft Alphonse Lemerre (geb. 1838) war. Dieser „Cotta der 
Parnassiens" interessiert uns hier schon deswegen, w^eil er der 
Verleger fast aller poetischen Nachbildungen Heines wurde. 
Geschichte und Erfolge Lemerres und der genannten Dichter- 
schar gehen Hand in Hand. Ohne diesen kunstsinnigen, 
unternehmenden und dabei gewissenhaften Buchhändler wäre 
diese Poetengruppe niemals zu solcher Bedeutung gelangt; 
denn er hat es nicht nur verstanden, die verschiedensten 
Talente zu finden und zu vereinigen, sondern, was ungleich 
schwieriger war, sie fast alle bleibend zusammenzuhalten. 

Eine Zeitlang hatte Leconte de Lisle, der dichterische 
Stellvertreter des grossen Verbannten, die ersten Parnassiens 
um sich versammelt, so : Sully Prudhomme, Frangois Coppee, 
Louis Menard und H. Houssaye, die beiden feurigen Hellenisten. 
Zuweilen fanden sich auch Stephan Mallarme, der spätere 




Die Parnassiens. 323 



„auteur difficile^S und — der junge Gaston Paris ein, der etwas 
Aehnliches werden sollte ! — Die Götter dieses kleinen Olymps 
sind Gautier, Theodore de Banville, der genannte Leconte de 
Lisle und Charles Baudelaire. Ein jeder dieser Dichter hatte 
seine Epigonenschar, die sich jeweilen auf ihre typischen 
Werke — „Emaux et Camees", „Ödes funambulesques", „Poe- 
sies barbares" und „Fleurs du MaP^ — • berief. Das Haupt aber 
der Bewegung wurde bald der schnell berühmt und — be- 
rüchtigt gewordene, blendende Verskünstler Catulle Mendes, 
der kaum die zwanzig Jahre überschritten hatte. Um den 
jungen und rührigen Leiter der „Revue fantaisiste'V) die auch 
Gautier, Baudelaire und Banville patronisierten, scharten sich 
eine ganze ^Anzahl jugendhcher Musensöhne. Viele von ihnen 
wurden später Lieblinge des Publikums, einige fanden, wie 
gesagt, den Weg zu den vierzig Unsterblichen, und zu den 
besten zählen manche von denen, die im weitern Leserkreise 
unbekannt blieben. Ausser den Genannten gehören noch 
hierher: Armand Silvestre, Jose Maria de Heredia — „le Ra- 
jah des sonnets'' — Anatole France, Paul Verlaine, Merat und 
Valade. Mitarbeiter der „Revue fantaisiste'', solche, die im 
Passage Choiseul bei Lemerre mit den Koryphäen der Gruppe 
zusammentrafen, waren noch Alphonse Daudet, Jules Claretie, 
Leon Clavet und — Richard Wagner. Die ersten Parnassiens 
sind auch die ersten französischen Wagnerianer. ^) 

^) Die Parnassiens wurden daher zuerst „Fantaisistes" genannt. Das 
Wort „fantaisie" ist ebenso wenig übersetzbar wie das deutsch -englische 
„Humor". — Heine gilt in Frankreich als „poete fantaisiste" par excellence. 

2) Will man überhaupt sehen, wie sehr und auf welche Weise Richard 
Wagner auf die moderne französische Dichtkunst einwirken konnte, so lese 
man die zehn Seiten, die Mendes, sein langjähriger Freund und unermüdlich 
streitender Kämpe, dem deutschen Komponisten widmet. In der französischen 
Musikgeschichte wird der Name dieses Parnassien nie von dem Wagners zu 
trennen sein. Ja sogar der Dichter Wagner hat seine Anhänger in Frank- 
reich. Catulle Mendes bezeichnet als seine Lieblingsschriftsteller: Victor 
lugo und — Wagner. Ferner konsultiere man Charles Morice („La litterature 
tout h l'heure"), besonders das Kapitel „Les formuies accomplies". Es heisst 



324 H. Heines Einffuss-. 



Was das Programm dieses Cenacles, seine Wünsche und 
Ziele betrifft, so hat dies PeKssier („Le mouvement litteraire 
au XIX* siecle'^, pag. 292) treffend zusammengefasst : 

„Le Parnasse conteinporain se donna pour täclie de defendre 
la poesie, d'un cote, contre les „pleurards imbeciles et les rieurs de- 
brailles" que les grands noms de Lamartine et de Musset trainaient 
encore ä la suite ; de l'autre, contre les utilitaires qui ne consentaient 
ä l'admettre que si eile se donnait pour täclie de vulgariser les ap- 
plications de la science moderne. II fut le gardien de l'art qui ne fait 
ni rire ni pleurer et qui est ä lui-meme sa propre fin." 

Ihr Vorbild war in erster Linie der versüppige Autor der 
„Emaux et Camees". 

Tout passe. — L'art robuste 
Seul a l'eternite. 



Les dieux eux-memes meurent. 
Mais les vers souverains 

Demeurent 
Plus forts que les airains. 

(„L'Art'S pag. 225 und 22G. 



dort u. a. von Wagner, den er mit Balzac „dominateur de ce siecle" neinit 
(pag. 195) : 

„Richard Wagner a fait deux principales choses : Tunion de toutes les 
formes artistiques et la Synthese des observations et des experiences dans la 
fiction. Personne des contemporains — j'entends des meditatifs et des sinceres — 
ne doute plus, apres tant d'injiires, interessees ou seulement ineptes, qui annon- 
cerent le glorieux effort, que \k, dans cette voie ouverte par Wagner, au terme 
de cette voie, ne se dresse et rayonne le geste eblouissant de l'art trioniphant. 
On pense en vain d'expliquer comment le theätre de Wagner, quoi qu'en aient 
dit tels et tels, n'est pas la resurrection du thdätre grec, comment tons les 
moyens esthetiques requis par le maitre, musiqne, art scenique, poesie, con- 
courent k l'action : ce sont \k verites familieres k eeux pour qui les presentes 
lignes sont ecrites (d. h. für die Anhänger der „Symbolistes"). Inutile aussi 
d'affirmer davantage de quel precienx et grave j^oids Ja pensee wag- 
nerienne pese et toujours plus pesera, feconde! siir les esprits engages 
dans la voie lumineuse."' — 

Schliesslich sei noch auf die Artikel von Emile Hennequin in der „Revue 
wagnerienne" (8. November 1885), „L'esthetique de Wagner et la doctrine 
spencerienne", und von CatuUe Mendes in der „Revue de Paris" (15, April 1894), 
„L'Oeuvre wagnerienne en France", aufmerksam gemacht. 




Die Parnassiens. 325 



Dies war Parole der Parnassiens. Dann Theodore de 
Banville, auch ein „paien", nur noch exkkisiver, konsequenter 
als Gautier, dessen „Griechentum" zuweilen, wie wir gesehen 
haben, sentimentalen Beigeschmack hatte. Victor Hugo aber 
blieb für die „Pantaisistes", was er den Romantikern gewesen, 
„Le Pere", wie ihn Augier genannt hat, und zwar war er 
ihr Vorläufer und Muster als Autor der „Orientales". Pere 
blieb er ebenfalls den späteren „Symbolistes", er, der zuerst, 
wie sie sagen, die innerste Seele der Worte, die Zaubermacht 
der einzelnen Silben entdeckt hat. ,, Victor Hugo lui-meme — 
so wird Charles Morice in seinem originellen, oben citierten 
Buche (pag. 110) sagen — qui pourtant prit en main le 
drapeau de la nouvelle ecole (der Romantik), est l'incoherent 
et vaste repertoire de toutes les formules et de toutes les 
opinions." 

Trotz einiger Excentricitäten — sie mussten auch bitter 
dafür büssen, denn keine Dichterschule hatte bei ihrer Ent- 
stehung so viel von Spötteleien ä la Charivari zu leiden, als 
die des „Nouveau Parnasse" — , trotz mancher mystischer und 
musikalischer Rätsel und Charaden, mit denen sie zuweilen 
zur Freude der Eingeweihten und zum Aerger der „profanes" 
ihr Spiel trieben, haben die Parnassiens einen tiefen und 
guten P]influss auf die französische Poesie geübt. Denn was 
sie alle zusammenhielt, war nicht nur Liebe zum reichen 
Wohlklang in Vers und Reim, Missachtung alles Vulgären, 
sondern vor allem die ideale Religion der Kunst. 



326 H. Heines Einfluss 



Fünftes Kapitel 

Heines Einfluss auf die Parnassiens 
und ihren Anhang 



„Voici trente ans que sV'St eteiiit, h Paris, Ic poetc 
des „Reisebildt'r", dans ce petit apparteiuent au cinquiemo 
do ravenue Matignon qu'a si pittoresquement decrit Ma- 
dame Camille Seiden . . . Durant ces trente ans ecouUa^ 
le nom de Henri Heine n'a fait que grandir, et ce n'etait pas 
qu'une curiosite de revelations piquantes qui faisait 
attendre, il y a quelques mois, ses memoires avec tant 
d'impatience. Dieu merei! ce qui a survecu a Henri Heine, 
ce ne sont ni ses g'riffes, ni ses haines, ni meme le Sou- 
venir des erreurs ou des fautes quMl a pu commettre, mais 
rimmortelle beaute de son langage, la gräce inconiparable 
des Images qu'il evoque . . ." 

Paul Ginisty, „Annee litteraire", 1886, pag. 112, 

E]in Wanderer sieht sich in sonst wohlbekannter Gegend 
plötzUch vor einem Wege stehen, den er bisher noch niclit 
beachtet. Soll er ihn einschlagen, ist der Gang der Mühe 
wert, gerät er nicht etwa in eine Sackgasse? Während er 
zaudert, kommt ein anderer des Weges, und er fragt diesen 
alsbald: „Wo führt die Strasse hin? Sind Sie in dieser Gegend 
zu Hause ?'^ — Worauf jener: „Die Strasse ist neu und führt 
an eine Menge von Punkten, wo Ihr überraschter Blick 
manch Neues schauen wird. Ich selbst bin hier zwar nicht 
zu Hause, gern und oft ging ich aber schon diesen Weg — 
und jener Wegweiser dort oben wird Sie richtig leiten.'' 

Die aus Ginistys „Annee litteraire'' citierte Stelle soll für 
diejenigen, die meiner Führung misstrauen, der sichere Weg- 



.^A 



auf die Parnassiens und iliron Anhang. 327 

weiser sein ; er soll sie von vorneherein überzeugen, dass sie, 
obgleich heimisch und wohlbekannt in diesem Gebiete, jenen 
einen Weg, der zu zahlreichen interessanten Aussichtspunkten 
führt, bis jetzt übersehen haben. 

Wir insistieren auf das Zeugnis Ginistys — aus unserem 
zweiten Abschnitte hätten wir eine ganze x\nzahl ähnlicher 
herausgreifen können — , der, wie wenige, im stände war, die 
Geistesrichtungen seiner Litteratur zu prüfen, wie er dies m 
seiner Sammlung der „Annees litteraires" gethan, für die Jules 
Lemaitre, Henri Pouquier, Prangois Coppee, Jules Claretie u. a. 
jeweilen alljährlich Einleitungen lieferten; — ich sage, wir 
insistieren auf die Worte Ginistys: „Durant trente ans ecoules, 
le nom de Henri Heine n'a fait que grandir'' etc., und halten 
die Frage für müssig, welcher von beiden recht habe: Süpfle, 
der fern stehende Gelehrte, dessen treffliches Werk zu gross 
angelegt war, als dass ihm der sichere Blick ins einzelne mög- 
lich gewesen wäre, und der von „stark abgeschwächter Be- 
liebtheit der „Reisebilder" bei dem französischen Publikum" 
spricht und Strodtmanns sehr richtige Bemerkung, es sei Heine 
mit dem Erscheinen seiner „Oeuvres completes" in die Reihe 
der ersten französischen Schriftsteller erhoben worden, nicht 
gelten lassen will, — oder Ginisty, der französische Litterat 
in Paris, der seit Jahren der modernen Litteratur seiner 
Heimat allwöchentlich den Puls fühlt. 

Da der „Cenacle'' der Parnassiens aus den heterogensten 
Elementen zusammengesetzt war — wie übrigens die der 
Romantik auch, nur dass jene unter dem Banne eines ein- 
zigen Herrn standen — und ein jeder eigentlich seine eigenen 
Dichterwege ging, und da Heine selbst eine sehr komplizierte 
Poetennatur, wodurch er nach den verschiedensten Richtungen 
hin einwirken musste, so ist es unmöglich, von einem all- 
gemein charakteristischen Einfluss unseres Dichters zu reden, 
der an allen hier in Betracht kommenden Poeten nachzuweisen 
wäre. Wir sind daher gezwungen, das Ergebnis unserer 



328 H. Heines Einfluss 



Untersuchungen an den einzelnen Dichtern zu entwickeln 
und nachzuweisen. Des inneren Zusammenhanges wegen 
haben wir diejenigen, an die sich später moderne Dichter- 
schulen knüpften, aus den Parnassiens geschieden, und zwar 
nicht nur Paul Verlaine und Steph. Mallarme, sondern auch 
den geistigen Vater der Decadence, Charles Baudelaire, der 
mit Banville, zu dem wir hier gleich übergehen, sogar noch 
zu den sogenannten Neoromantikern gezählt werden sollte. 



Theodore de Banville 

(1823—1891). 

Als im Frühjahr 1891 ein selten schönes und glückliches 
Dichterleben erlosch und Paris seinen Poeten zu Grabe trug, 
da erklang allerorts, wo Litteratur eine Heimstätte hat, der 
Klageruf: „Nun ist auch die französische Romantik begraben, 
sie haben ihren letzten Sohn beerdigt." Und wir fügten bei 
der Todesnachricht hinzu: und den dankbarsten Schüler und 
mit Gautier den glühendsten Verehrer Heinrich Heines, der 
unseren Dichter liebte, wie dies nur ein Poet vermag. Sein 
„Gott" allerdings — denn dafür ist er Romantiker — war 
Victor Hugo, „le pere de tous les rimeurs" ; aber seinem 
Herzen näher stand Heine. 

Verse reimen w^ar diesem letzten bedeutenden Dichter 
aus der Schule von 1830 schon frühe Jugendbeschäftigung. 
Der Autor der „Cariatides" zählte erst sechzehn Jahre. In 
diesem Liederbuche offenbarte sich bereits sein überschwäng- 
licher Kultus für die Kunstlyrik, den klangreichen, glanzvoll 
strahlenden Vers mit all den glitzernden und funkelnden 
Worten des französischen Sprachschatzes. Und dieser Künstler- 
freude am reichen Versklang blieb er treu vom ersten Knaben- 
liede bis zur letzten Ode, die der liebenswürdige Greis wenige 




auf die Parnassiens und ihren Anhang. * 329 



Stunden vor seinem Tode geschrieben. Er war es dann auch, 
der mit alles vermögender Reimesfülle die längst verklungenen 
Lieder des XV. und XVI. Jahrhunderts zu neuem Leben rief, — 
„Chansons, triolets et rondeaux" Charles' d'Orleans, das „Vire- 
lai" und die „Odelette", das ganze klangvolle und fröhliche 
Vogelgezwitscher des Remi Belleau und die verzückte Natur- 
lyrik Ronsards. 

Zur Genüge und nicht ohne Uebertreibung wurde sein 
Formenkultus, sein „Wortgötzendienst" getadelt. Wie bei 
Gautier, so vermisste man auch bei ihm — mit gleicher Un- 
gerechtigkeit — den Gedanken. Ein geistreicher Kritiker 
sagt in einem beissenden Wortspiel von Banville : ,, . . . 11 
celebre sans arriere-pensee - - et meme sans pensee -- la gloire 
et la beaute des choses." — Selbst angenommen, dass nirgends 
in der Satire der „Ödes funambulesques" und in seinen Ko- 
mödien - auch nicht in dem reizenden „Maitre Gringoire" — 
Gedanken zu finden wären, so liegen doch schon solche in 
der Plastik, mit der er seine Lebenstheorie immer und immer 
verkündete; so bleibt es eine Weisheit, so gut wie eine andere, 
an die absolute Herrschaft des Schönen zu glauben. Mag 
man diese aus allen möglichen Gründen verwerfen und 
bestreiten — nur die Existenzberechtigung sei ihr nicht ge- 
nommen. 

„C'est par ce sentiment profond du naturalisme pai'en 
que Theodore de Banville est vraiment un aede, plus que pour 
avoir remis en honneur des epithetes de la pleiade." ^) Hier- 
mit ist schon ein Berührungspunkt mit seinem Lieblingsdichter 
angedeutet. Er sah in ihm den „Griechen", den Huldiger 
des Schönen, den Meister des Stils, von der Hand eines 
Künstlers mit Sorgfalt gemeisselt. Er sah in ihm den Meister 
r Wortharmonie für Aug' und Ohr. '^) 

1) Marcel Fouquier, „Portraits et profils". 

'•^) Man vergleiche folgende Worte Heines, die Ad. Stnlir („Zwei Monate 
Paris", 1851) pag. 325 wiedergibt: „Unsere Sprache ist für das Auge mit 



330 H. Heines Einfluss 



Obgleich Banville schon 1842 mit den „Cariatides" vor 
das Pubhkum getreten war, wurde er erst 1859 durch die 
VeröffentUchung der „Ödes funambulesques", womit er der 
komischen Sprache des XIX. Jahrhunderts lebendige Gestalt 
gab, in w^eiteren Kreisen bekannt. Dadurch, dass er sich wenige 
Jahre darauf mit seinem „Exil des dieux" — worin das Merk- 
würdigste die griechische Götterbezeichnung statt der ge- 
wohnten klassischen (römischen), z. B. Zeus für Jupiter, 
x^thenee für Minerve etc. — an dem „Parnasse contemporain", 
jenem Konstitutionskodex der Parnassiens beteiligte, trat er 
offiziell in den neuen „Cenacle" ein, allerdings eher in der 
Eigenschaft als Meister und hoher Gönner. — Schon Theo 
Gautier hat in seiner „Histoire du romantisme" auf das Vor- 
bild des eben genannten Gedichtes angespielt: 

L'„Exil des dieux" de Banville peuple une vieille foret druidiquc 
des dieux chasses de l'Olympe, et montre, sous son aspeet serieux, un 
theme poetique que Henri Heine, avec son scepticisme attendri et sa 
sensibilite moqueuse, avait traite plus legerem ent. — 

Bevor wir noch des Nähern auf Banvilles Heinekultus 
eingehen, wollen wir den Dichter selbst reden lassen, und 
einige Seiten aus seinen Erinnerungen citieren. ^) Dies Me- 
moirenkabinettstück enthält u. a. das berühmte Bekenntnis: 
,, Henri Heine est, apres Victor Hugo, le plus grand poete de 
ce siecle. La premiere fois qiie je lus l\^Intermezzo'-^ , le plus 
heau pohne d'amour qiä ait jamais ete ecrit, il me sembla quhin 
volle se dechirait devant mes yeiix . . ." etc. 

Schon diese Worte sagen mehr, als die peinlichste und 
kleinlichste Textuntersuchung lehren könnte. 



berechnet. Sie ist plastisch, und im Reim entscheidet nicht nur der Klang, 
sondern auch die Schreibart" — und weiter : „Ich bin wirklich sehr gewissen- 
haft im Arbeiten gewesen ; ich habe gearbeitet, ordentlich gearbeitet an meinen 
Versen." 

1) „Mes Souvenirs", Paris 1883. 



m 



auf die Parnassieiis und ilircn Anhang. 331 



Henri Heine. 

Sur colui-lä je n'ai aucuns Souvenirs personnels, car je n'ai Ja- 
mals eu le bonheur de le voir, et cependant il n'y a pas d'etre que 
j'aie plus tendrement ainie. Quoi ! aimer un Prussien ! C'est que, pour 
moi, il n'est pas du tout un Prussien; il est de la patrie d'Orphee, 
et il a cliante, il chantera ä jamais, au bord des golfes pareils ä des 
Saphirs, oü nagent les cygnes blancs conime la neige. Helas! j'avais 
le desir le plus ardent de courir vers ce poete, dont j'entendais en 
moi les vers rythmes par les battements meme de moncoeur; mais 
pour cela, ne voulant pas le troubler, j'attendais qu'il tut gueri de ses 
souff'rances et j'attendais aussi que je fusse gueri des miennes pour 
ne pas le desoler par un triste spectacle. C'est en quoi j'avais mal 
raisonne; car je suis reste malade et je le serai jusqu'ä mon dernier 
jour, et, depuis longtemps deja, le poete, reveille du cauchemar de cette 
nuit terrestre, triomphe sous la pourpre et, en compagnie des ehan- 
teurs qui l'ont precede, boit le nectar dans une coupe de diamants 
et s'enivre d'immortelles delices. 

Pour moi (et je commence ä etre assez vieux pour oser dire 
ce que je pense), Henri Heine est, apres Victor Hugo, le plus grand 
poete de ce siede. La premiere fois que je lus l'„Intermezzo", le 
plus beau poeme d'amour qui alt jamais ete ecrit, il me sembla qu'un 
volle se dechirait devant mes yeux et que je voyais pour la premiere 
fois une chose longtemps revee et cherchee. Quoi ! ce n'^tait pas un 
impossible desir! cela se pouvait donc, un poeme exempt de toute 
Convention et de toute rhetorique, oü le chanteur est si sincere que, 
lorsqu'il me montre son coeur dechire et saignant, je me sens en meme 
temps inonde par le sang qui coule de mon coeur ! Ce cliant, ce drame 
oü il n'y a pas d'autres personnages que la rose, le lis, la colombe, 
le soleil et le rossignol, c'est-ä-dire de quoi faire le plus assommant 
et le plus plat des volumes de vers, est pour moi egal au Cantique 
des Cantiques et superieur meme aux scenes d'amour de „Romeo et 
Juliette", car l'expression de l'amour y est aussi intense et suavement 
exquise que dans la tragedie shakespearienne, et, pour son eternelle 
gloire, eile y est affranchie de toute historiette! 

Dans r„Intermezzo", le drame, c'est les afFres, les joies, les 
delices, les epouvantes, les regrets, les bravourös, les lächetes, les 
voluptes cruelles, les ressouvenirs, les sanglots, les desirs de l'ineluc- 
table amour, aussi divers et changeants que les flots ensoleilles, ge- 
missants et capricieux de la mer. I\ peut y avoir des instants oü ma 
blessure soit trop avivee et cuisante pour que je puisse m'interesser 



332 H. Heines Einfluss 



a la querelle des Capulets et des Montaigus; inais, au contraire, ä 
quelque moment que ce soit, je me sens ivre dans ce poeme qui iie 
saurait me lasser, puisqu'il n'y est question que de moi et ma propre 
histoire. 

Oui, qui que tu sois, tu as aiine ou tu aimes, et, en lisant !'„ Inter- 
mezzo", tu retrouves, transcrit dans une langue divine, mais en meme 
temps claire et precise, tout ce que tu as senti et pense, et, dans le 
jardin plein de fleurs brillantes oü s'ouvre la rose rougissante et oü 
retentit le cliant enflamme des rossignols, tu reconnais non pas des 
marionnettes d'epopee ou de theätre, mais la bien-aimee et toi, ces 
deux personnages toujours jeunes de la Comedie humaine et de la 
divine Comedie . . . 

Je ne puis m'empeclier de rire en voyant qu'on clierclie la for- 
mule du poeme moderne, si completement et absolument trouvee dans 
„Atta Troll", oü des chasseurs dandies vont tuer, dans les Pyrenees, 
un ours vaillant, comme Achille, qui, une fois depouille et prepare par 
le foureur, devient une descente de lit envoyee ä „mademoiselle Ju- 
liette ä Paris", et oü cependant passent sous la lune, avec la chasse 
infernale, la deesse Diane et la fee Habonde, et Herodiade faisant 
sauter sur son plat d'or, comme une orange, la tete de Jean-Baptiste... 

Cliose etrange ! le chanteur de r„Intermezzo", qui savait si bien 
admirer, s'etait montre de la plus cruelle injustice envers le roi in- 
conteste de l'art lyrique, et, par contre, Victor Hugo est peut-etre un 
peu avare de louanges pour l'archer apoUonien, pour le spirituel et 
moderne Aristophane. Mais,^) tandis que ces deux genies se regardent 



*) Wenn Heine, ebenso wie sein Geistesverwandter Musset, respekt- 
widrige Witze über den „Olyinpier'* riss, so wusste er aber auch dieselben 
durch aufrichtiges, immerhin nicht ganz ironiefreies Lob gut zu machen. So 
schreibt er im sechsten Brief „lieber die französische Bühne" (Bd. X, pag. 195): 
„Ja, V. Hugo ist der grösste Dichter Frankreichs, und was viel sagen will, 
er könnte sogar in Deutschland unter den Dichtern erster Klasse eine Stellung 
einnehmen." Man vergleiche J. Sarrazin, „Deutsche Stimmen über Victor Hugo", 
„Körtings Zeitschrift", Bd. VH, pag. 228 ff. — Dass der eitle Hugo die Spöt- 
tereien des Satyrikers nie verzieh, haben wir schon erwähnt. Es wurde dies 
neuerdings in einem pikanten Aufsatze des Akademikers Jules Claretie „Les 
Causeries de Victor Hugo" („Revue de Paris", 1. Juli 1894) bestätigt. Hugo 
rühmt sich dort, in seinem ganzen Leben keinen Liter Wein getrunken zu 
haben, und fährt fort : „Ce qui n'empeche pas M. Villemain de m'avoir accuse 
de folie, un autre d'alcoolisme, un autre encore de tentative de raeurtre sur 
mes eufants, oui de defenestration, et Henri Heine d'avoir ecrit qu'il savait 




auf (lio Parnassiens und ihren Anhang. 333 



en lions de fa'ience, leurs deux Muses, derriere eux, echangent des 
sourires amis et tendrement se caressent et s'embrassent. 

(Pag. 439-444.) 

Auch eine wohlgetroffene, köstUche kleine Momentauf- 
nahme unseres Dichters in Banvilles „Camees parisiens" 
(„Petites etudes", Paris 1883; pag. 244), mag hier Raum 
finden : 

„Avec quelque chose d'un Etre plus immortol et plus divin, que 
je ne puis nommer ä propos du poete d'„Atta Troll", son visage 
serein, eclatant, d'une beaute siderale, reproduisait, transforme par 
la voluptueuse gräce hebraique, celui d'Apollon, mais d'un Apollon 
endiable, dont toutes les pensees etaient ironie et poesie ä la fois, 
et sa barbe blonde, naturellement separee en deux pointes, faisait 
merveilleusement valoir une bouche toujours etincelante d'amour, 
de raillerie et de joie. Oui, de joie, malgre toutes les souffrances! 
Heine, ä qui un oncle Midas avait offert un million pour qu'il re- 
noncat ä percer les sots de ses fleches d'or, i) comnie son aieul 
Aristopliane, et qui avait refuse ce prix insuffisant, ne devait-il pas 
etre gai conime le soleil? Qui fut aussi riebe que lui, puisqu'il 
l'avait ete assez pour se donner, comme „gracioso" egayant ses 
poenies lyriques . . . Monsieur de Rothschild! Aussi avait-il toujours 
l'air du dieu des vers au nioment oü il vient d'ecorcher le satyre 
Marsyas; et, ä voir son sourire, on eüt dit qu'il portait en effet sous 
son bras la peau de Marsyas toute sanglante. De la l'ineifable conten- 
tement qui brillait sur son front baigne de lumiere!" 

Schon in den „Cariatides" (1842) hatte Banville in dem 
Abschnitte, betitelt: „Caprices, Dixains a la maniere de Cle- 
ment Marot", die Sage vom geschundenen Silenen in gleicher 
Weise allegorisch auf unseren Dichter angewandt. Die zwölfte 
Strophe lautet nämlich (pag 184) : 



pertinemment, et par mon tailleur, s'il vous platt, que fefais bossu, oui 
gibheux, ce qui m'a fait ecrire sous un de mes portraits : 

Voici les quatre aspects de cet homme feroce : 

Folie, Assassinat, Ivrognerie et Bosse," 

iO Banville verwertet hier dichterisch frei ein bekanntes, aber nicht 
nst gemeintes Wort Heines. 



334 H. Heines Einfluss 



„Comme Phebus, apres l'avoir branclie, 
Heine toujours portait la peau sanglante 
D'un Marsyas qu'il avait ecorche. 
Pour un amant de la rime galante, 
Cette maniere est un peu violante. 
O noirs pavots ! horrible floraison ! 
Mais le Satyre ä la comparaison 
Ne peut gagner, s'il entreprend la lutte, 
Et les porteurs de lyre ont eu raison 
En ecorchant le yain joueur de flute." 

Der Vergleich ist poetisch und richtig gedacht. Und 
wenn Banville hindurchblicken lassen will, dass ihm Heine, 
der Satiriker, den Heine des „Intermezzo" zuweilen verdorben 
hat, so hat sich, wie wir gesehen haben, der spätere Autor 
der „Ödes funambulesques" doch noch mit dem Dichter des 
„Atta TrolP' versöhnt. 

Noch einmal feiert er seinen Lieblingsdichter in Versen, 
und zwar als Nachruf im „Figaro'' (vom 24. Februar 1856), 
der damals nur zweimal wöchenthch erschien und seine 
Spalten bloss litterarischen, artistischen und anderen Pikan- 
terieen öffnete und von Politik und dem Ernste des Lebens — 
beileibe nicht das Gleiche — nichts wissen wollte. Ban- 
ville, der die Leser des Blattes an seine geistreichen und 
leichtfertigen „chroniques" gewöhnt hat, glaubt sich wegen 
der pietätvollen Verse, die schlecht in den Mund des Helden 
Beaumarchais' passen, entschuldigen zu müssen: 

„Mille pardons ! je m'oubliais, — mais je Tai tant aime, 
ce eher esprit ironique et enchanteur qui nous a donne „Atta 
TrolP' et r„lntermezzo" ! — Aliens, ce n'est rien, un grand 
poete qui meurt seulement, voila tout: n'en parlons plus!'' 
In dieser bitter höhnenden Spottrede liegt mehr wahre Trauer 
als in dem folgenden Nekrologsgedichte, das nicht zu seinem 
Besten zählt. Wir citieren es aus dem Liedercyklus „Le sang 
de la coupe", in dem es unverkürzt und unverbessert auf- 
genommen ist. 




auf die Parnassiens und iJiren Anhang. 335 



A Henri Heine. 

O poete! ä present que, dans ta chere France, 
L'aniante au froid baiser t'a pris ä la soufFrance, 
Et que, sur ton front pale encor endolori, 
Le calme harmonieux du trepas a fleuri; 
A present que tu fuis vers l'astre oü la musique 
Pure t'enivrera du rythme hyperphysique, 
Tu souleves la pierre inerte du tombeau, 
Et, redevenu jeune, enthousiaste et beau, 
Loin de ce monde empli d'epouvantes frivoles, 
Libre de tous liens, mon frere, tu t'envoles 
Aux rayons dont fourmille et fremit l'ether bleu, 
Le visage riant comnie celui d'un dieu! 

Vetu du lin sans tache, et de la pourpre insigne 
Couronne, rayonnant, tu joins la voix du cygne 
Au concert que faisaient, dans le desert des eieux, 
Les spheres gravitant sur leurs legers essieux. 
Glorieux, tu redis les cliants que, sur la terre, 
N'ont fleclii que le tigre et la noire panthere. 
Et tu vois accourir vers toi, ravis d'amour, 
Les constellations et les lis. A l'entour, 
Sous le volle meurtri d'une Aurore qui saigne, 
La lumiere, en pleurant, dans ton ode se baigne ; 
Dans les jardins de feu, les roses de mille ans, 
Pour la boire, ont ouvert des calices brtilants. 
La vigne et les raisins de l'immortelle joie, 
Rougissants de desir sous la treille qui ploie, 
Laissent pendre leurs fruits gonfles sur les chemins. 
Et toi, vers les rameaux tendant tes belles mains, 
Heureuses de cueillir les Celestes vendanges, 
Tu montes dans l'azur en cliantant des louanges I 

Dass Banville den Geist der Heineschen Werke auf sich 
einwirken liess, dürfte nach dem vorangegangenen nicht mehr 
zu bezweifeln sein. Auf dies Vorbild deuten vor allem die 
„Ödes funambulesques" hin, jene phantastisch-launischen Spott- 
Heder, das Bändchen, das Hugo „un Hvre exquis" nannte und 
von dem Vacquerie — als getreues Echo — schrieb: 



336 H. Heines Einfluss- 



„Ton volume eclate de rire, 

Mais le beau rayonne au travers." 

E. Hennequin bemerkt : ^) „De Banville a egaye ses „Ödes 
funambulesques" par d'etincelants paillons qui luttent de flam- 
boiements avec les fusees d',,Atta Troll" et du „Conte d'hiver'^ 
Auch Gautier denkt bei diesen Satiren an Heine und 
sagt („Les progres de la poesie frangaise depuis 1830," Paris 
1867): 

„Jamais la fantaisie ne se livra a un plus joyeux gaspillage de 
richesses, et, dans ce bizarre volume, l'inspiration de Banville res- 
semble ä cette mignonne princesse chinoise dont parle Henri Heine, 
laquelle avait pour supreme plaisir de dechirer, avec ses ongles polis 
et transparents comnie le jade, les etoffes de soie les plus precieuses, 
et qui se pämait de rire en voyant ces lambeaux roses, bleus, jaunes 
s'envoler par-dessus le treillage comme des papillons." - 

Desgleichen zieht Ducros ^) (pag. 145) eine Parallele zwi- 
schen Banvilles Oden und Heines Sonetten: 

„Si on nous perniet de rapprocher ici Heine d'un poete 
frangais contemporain, M. Theodore de Banville, nous appel- 
lerons volontiers quelques-uns de ces sonnets (particuliere- 
ment le III, IV) ^) des sonnets funambulesques. La definition 
que M. de Banville donne de ses „ödes funambulesques" 
convient ä merveille a ces sonnets de Heine: „L'ode funam- 
bulesque (disons ici le sonnet) est un poeme . . . dans lequel 
l'element bouffon est etroitement uni a l'element lyrique *) ei 
oü, comme dans le genre lyrique pur, l'impression comique 
ou autre, que l'ouvrier a voulu produire, est toujours obtenue 
par des combinaisons de rimes, par des elTets harmoniques et 
par des sonorites particulieres." — Chez M. de Banville, le 
comique resulte le plus souvent du melange de termes bour- 



') „Ecrivains frangais" etc. (vergl. Abschnitt II). 
2) Vergl. Abschnitt IL 
^) „Freskosonette". 

^) Banville hat dieser Idee in seinem „Gringoire" dramatische Gestalt 
gegeben. 



■ 



auf die Parnassfens und ihren Anhang. 337 



geois et meme boulevardiers avec des termes tres poetiques. 
C'est de meme le cas chez Heine qui remplace seulement les 
termes boulevardiers par des mots d'etudiant (burschikos)." — 
Ducros hätte nur den anachronistischen Anflug seiner sehr 
richtigen Parallele vermeiden sollen. ^) 

Bemerkenswert ist auch , dass der Autor der „Idylles 
prussiennes" '^) in Heine niemals einen Deutschen sehen wollte. 
Hat er doch für diese Rache- und Spottgedichte, die mit 
Derouledes Revancheliedern zu dem chauvinistischsten, aber 
auch zu dem wertvollsten gehören, das die Revanche-Poesie 
seit 1870 hervorbrachte, Heines eigene Worte aus der „Ger- 
mania" als Motto gebraucht. 

Aehnlich wie bei Heine, können wir von drei verschie- 
denen, sich dennoch nicht widersprechenden Banville reden; 
von Banville, dem sternträumenden Poeten, dem Humoristen 
und Peuilletonisten der Boulevards, und dem Satyriker. Genau 
wie Heine, verfolgt er seine Opfer, in naivem Starrsinn, mit 
einem Feuerwerk von Paradoxen und beissenden Witzen; wie 
jener, hält er dies für sein gutes Dichterrecht und wundert 
sich, dass ihn andere, das Opfer inbegriffen, grausam und un- 
gerecht finden. Wie Heine, war Banville ein Original, das 
nicht wie andere Menschen sein konnte und wollte, ein oppo- 
sitioneller Geist, der einem Charakter entsprang, in dem sich 
eine Fülle von Gegensätzen vereinigte. In Einem aber ist 
er ihm und seinem andern Meister Hugo ganz ungleich, und 
zwar durch eine Eigenschaft, die ihn über und ausser die 
ganze Dichterschar des Jahrhunderts stellt. Diese Eigentüm- 
lichkeit besteht in seinem unverwüstlichen Optimismus. Von 
allem Elend hienieden sieht er nichts. Die Welt betrachtet 
^^r als ein ungeheures Feenreich und als solches besingt er 

t 



^) Auffallend ist es, dass Jules Lemaitre in seiner Studie über Banville 
Les contemporains", F* serie) nicht von Heines Einfluss redet. 

'^) In dein citierten Aufsatze von Koschwitz übersehen. Ebenso weg- 
elassen ist Amedee Achards „Le r^cit d'un soldat". 

Betz, Heine in Frankreich. ^^ 



338 H:. Heines Einfluss 

sie auch. Baudelaire, der denkbar entgegengesetzteste Em- 
pfindungspol, trifft das Richtige, wenn er von ihm sagt : „Le 
talent de Banville represente les belies heures de la vie." 
Insofern ist Banville in unserem pessimistischen Jahrhundert 
ein Fremder — ein im Zeitalter des Zweifels und des Ich- 
schmerzes verirrter , Heine ganz unähnlicher Renaissance- 
Dichter. 



CatuUe Mendes 

(1843). 

Wir haben diesen begabten und vielseitigen Ritter der 
Feder schon als Uebersetzer Heines und Leiter der Parnassiens 
kennen gelernt. Wenn wir hier von ihm sprechen, so gilt 
dies nur dem Lyriker, der, besonders in seinen Jugendjahren, 
einige der vollendetsten Lieder gesungen, die die moderne fran- 
zösische Poesie aufzuweisen hat. Ueber die Grenzen Frank- 
reichs hinaus erinnert der Name Catulle Mendes allerdings 
bloss an den Autor einer Anzahl Romane, in denen sich 
kunstvoll dargestellter Sadismus breit macht. 

Der jugendliche Dichter Mendes, der wurzelt ganz und 
voll im Heineschen Liede, und wir gehen soweit, zu be- 
haupten, dass er seinem Geschick, den Ton desselben ge- 
troffen zu haben, die ersten Erfolge verdankt. Der zwanzig- 
jährige Poet hat sich dermassen der innersten Natur der Lyrik 
Heines assimiliert, dass einige seiner Lieder uns einen Begriff 
geben, was wir uns unter einer idealen Heineübersetzung 
vorstellen. Diese hiermit gemeinten kleinen Lieder befinden 
sich in dem ersten Bändchen seiner „Poesies completes", ^) 
in den Abschnitten „Philomela'' und „Panteleia^', die zu 
Beginn der sechziger Jahre erschienen waren. Von dem 
darin aufgenommenen Cyklus „Serenades" — „le plus futile 



Nouvelle Edition, Paris, Ollendorf, 1885. 




auf die Parnassiens und ifiren Anhang. 339 

et le plus souriant de mes petits recueils" — sagt er, zwanzig 
Jahre später, selbst^) (pag. 181): 

Les „Serenades", sous-intitulees „poemes ingenus", formaient un 
tout petit ensemble de toutes petites pieces amoureuses. Cela voulait 
ressembler aux lieder de Henri Heine et cela ressemblait aux tendres 
complaintes que cliantaient sous les balcons les etudiants de Castille. 
Un melange de songerie allem ande et de cranerie espagnole. Sans 
. me faire aucune illusion sur le merite reel de ces courts poemes, 
j'ai conserve pour eux une certaine tendresse, a cause peut-etre, que 
sais-je, de quelque souvenir qui s'y rattache. L'inspiration, aux yeux 
d'un poete, peut surtout valoir par l'inspiratriqe. 

Von demselben Liedercyklus sprechend, beichtet er 
(pag. 186): „. . . Malgre le ton pueril de ces petits poemes 
qui imitaient des chansons populaires, il s'y glissait parfois 
des amertumes et je ne sais quoi d'amer et de fatal." Der 
Parnassien glaubt sich dieser vermeintlichen Geschmacksver- 
irrung wegen in einem „Finale" betitelten Gedichte entschul- 
digen zu müssen. ^) 

Finale. 

Je n'ai jamais commis de crime, 

On ne m'a pas assassine; 

Mon remords fut i magine 

Et mon cceur saigne pour la rime. 

Jeune, on aime a parier trepas ; 
Byron, Musset, l'exemple tente. 
Sais-tu de quoi l'äme est contente? 
De montrer qu'elle ne l'est pas. 

Le spieen a de sinistres charmes: 
On a le caprice entete 
D'affirmer sa virilite 
Par le desespoir et les larmes. 



^) „La legende du Parnasse contemporain", pag. 181. 
2) Ebendaselbst, pag. 186. 



340 H. Heines Einfluss 

Mais ces choses-lä n'ont qu'un jour 
Sourire est bon, la vie est belle. 
On se lasse d'etre rebelle 
A la clemence de l'amour. 

L'heureux ciel d'ete qui flamboie 
N'a pas honte de ses rayons; 
Si nous sommes joyeux, ayons 
Le courage de notre joie. 

Je suis le passant ingenu, 
Celui qui soupire et qui chante 
Parce que l'epine est mecliante 
Et que l'avril est revenu. 

Je m'etais egare, sans doute, 
Une ogresse me mena§ait; 
Mais mon ca3ur, ce petit Poncet, 
A bientöt retrouve sa route. 

Vers un gite plein de douceurs 
II ramena, des lieux contraires, 
Tons les jeunes desirs, ses freres, 
Et les illusions, ses soeurs. 

C'est ä peine s'il se rappelle 
Qu'il fut un instant fourvoye; 
II est, dans son nid, mieux choye 
Que les petits d'une hirondelle. 

S'il souffrit, ce fut en revant; 
Le reve a sa melancolie . . . 
Mais une nouvelle folie 
Guerit d'un vieux songe souvent. 

Et, berce d'un souffle qui vole 
De Weimar ä Valladolid, 
J'ai joue les airs de mon lied 
Sur une guitare espagnole! 



auf die Parnassiens und ihren Anhang. 341 



Die mystisch angehauchte Legende zieht ihn mächtig an. 
„En effet, une force invisible ra'attire vers la legende, humaine 
ou religieuse, inventee ou renovee, vers la lointaine legende . . .'' 
(ebendaselbst, pag. 264) „. . . C'est plein de cet amour pour 
la legende que j'ai ecrit la plupart de mes poemes „Pante- 
leia". . ." etc. 

Hieraus erklärt sich seine Vorliebe für die mystisch gross- 
artigen Schönheiten der heiligen Schrift — wieder ein merk- 
würdiger Berührungspunkt mit Heine. ^) 

Die Analogie mit Heinescher Poesie hat besonders 
E. Hennequin herausgefühlt : 

Ce sont nos poetes les plus delicats, ceux dont l'inspiration est 
la plus raffinee et la plus feminine, qui accusent le mieux les ten- 
dances voyageuses de notre lyre. M. Catulle Mendes, qui depuis 
s'est livre dans ses vers ä un erotisme plus transcendant, ä ses debuts, 
dans „Philomela", dans les „Serenades", surtout dans r„Intermede", 
a niodule quelques chansons lyriques, harmonieuses, simples, d'un 
erotisme souffrant, mievre ou malicieux, qui repercutent et continuent 
certaines des musiques de Heine. Dans les „Serenades", la piece VIII 
est assurement d'une emotion toute germanique, ainsi que la piece XI 
qui debute par cette strophe: 

Tes yeux mechants et captieux, 
Comme le regard des chimeres, 
Je veux les Yoir, bien que ces yeux 
Causent des peines tres ameres. — 

Le balancement du rythme et la tenuite amoureuse de l'idee 
ont d'incontestables affinites de facture et de sentiment avec les plus 
penetrantes pieces du „Livre des chants". Mals il n'est j^cis d'exemple 
plus conduant de ces analogies que ce lied chantant de V^Intermede"" ^ 
tout impregne de Vironique tendresse de Heine : 



^) Noch im vergangenen Jalire brachte die „Revne ilhistree" eine in 
musterhafter Sprache verfasste Uebersetzung des neuen Testamentes von 
C. Mondes („L'evangile de l'enfance, mis en fraiKjais par Catulle Mendes"). 



342 



H. Heines Einfluss 

Je veux, sur un rythme leger 
Comme un parfum de fleurs nouvelles, 
Dire les fleurs de l'oranger 
Et ton sein plus parfume qu'elles. 

Je veux, sur un rythme soyeux 
Comme une soie oü le jour glisse, 
Dire les satins precieux 
Et ta peau plus fine et plus lisse. 

Je veux, sur un rythme poh 
Comme un lac oü le ciel se double, 
Dire le lapis-lazuli 
Et tes yeux purs que rien ne trouble. 



Et, sur un rythme feminin 
Comme la vipere onduleuse, 
Dire l'aspic et son venin, 
Et ta douceur, mon amoureuse. 



(Pag. 291. 



Es sei auch uns noch gestattet, an einigen weiteren Bei- 
spielen zu zeigen, wie sehr Mendes in dieser Schaffensperiode; 
die Lyrik Heines auf sich einwirken Hess. Die beiden hier] 
folgenden Gedichte, die direkt an den Text eines Liedes voi 
Heine anknüpfen, gehören zu dem Cyklus „Panteleia", die] 
Ballade „Lied" zu dem Bändchen „Philomela" (pag. 41). 

IX. 

Wie schändlich Du gehandelt, 
Ich hab' es dsen Menschen verhehlet. 
H. Heine. 

Jamals, aux passants, je ne conte 
Ta honte ni mon mal amer; 
Mais je suis alle sur la mer 
Et j'ai dit aux poissons ta honte. 

Vous triomphez encor, ma mie, 
Sur terre ferme, efFrontement ; 
Mais, dans tout l'abime ecumant, 
On connait bien ton Infamie. 




auf die Parnassiens und iliron Anhang. 343 



Pag. 32: 



Pag. 36: 



Serenades. 
I. 



Wandr ich in dem Wald, des Abends, 
In dem träumeiüschen Wald. 

H. Heine. 



Dans la foret qui cree un reve, 
Je vais, le soir, dans la foret: 
Ta freie image m'apparait 
Et chemine avec moi, sans treve. 

N'est-ce pas lä ton volle fin, 
Brouillard leger dans la nuit brune? 
Ou n'est-ce que le clair de lune 
A travers Pombre du sapin? 

Et ces larnies, sont-ce les miennes 
Que j'entends couler doucement? 
Ou se peut-il, reellement, 
Qu'ä nies cotes, en pleurs, tu viennes? 



Lied. 

I. 

Nez au vent, coeur plein d'aise, 
Berthe eniplit, fraise ä fraise, 
Dans le bois printanier, 
Son frais panier. 

Les deesses de marbre 
La regardent, sous l'arbre, 
D'un air plein de douceur, 
Comme une soeur. 

Et, dans de folles rixes, 
Passe l'essaim des Nixes 
Et des Elfes badins 
Et des Ondins. 



344 



H. Heines Einfluss 



Pag. 37: 



Pag. 88: 



II. 

Un Elfe dit ä Berthe: 
„Lä-bas, sous Tombre verte, 
II est, (lans les sentiers, 
De beaux fraisiers!" 

Un Elfe ä la moustache 
Tres fine et l'air bravache 
D'un reitre ou d'un varlet, 
Quand il lui platt. 

— „Conduisez-moi, dit Berthe, 
Lä-bas, sous l'ombre verte, 
Oü sont, dans les sentiers, 
Les beaux fraisiers." 



in. 

Leste, comme une chevre, 
Berthe courait. „Ta levre 
Est un fraisier charmant," 
Reprit l'amant. 

„Le baiser, fraise rose, 
Donne ä la bouche eclose, 
Qui le laisse saisir, 
Un doux plaisir." 

— „S'il est ainsi, dit Berthe, 
Laissons, sous l'ombre verte, 
En paix, dans les sentiers, 
Les beaux fraisiers!" 



In dem von Hennequin erwähnten kleinen Liederbuche 
„Intermede" (Paris, Ollendorf, 1885) findet sich wiederum 
eine ganze Anzahl Gedichte, die durch ihre anmutige Sing- 
weise, durch die charakteristische Mischung von träumerischer 
Sentimentalität und kränkelnder Sinnlichkeit — Brunetiere 



auf die Parnassieiis und ihren Anhang. 345 

würde diese Manier „du Musset deprave" nennen — und be- 
sonders durch die häufige Blunienallegorie den Titel vollauf 
rechtfertigen und erklären. Als Beleg noch folgende kleine 
„Chanson" : 

Si ton front est comme un roseau 

Qui s'efface, des qu'un oiseau 
Le touche, 

Mon baiser se fera moins prompt, 

Pour ne pas etonner ce front 
Farouche ! 

Si tes yeux, ces lacs lumineux, 
N'aiment pas qu'un soir triste en eux 

Se mire, 
Pour ne pas assombrir tes yeux, 
Je prendrai le masque joyeux 

Du rire! 

Mais si ton coeur las est pareil 
Au lis qui, brulant au soleil 

Ses Charmes, 
Penche, de rosee altere, 
Sans feindre, helas! j'y verserai 

Des larmes. 

„Du Heine pur,'^ wie sich der Franzose ausdrücken würde, 

ind endlich noch die beiden Strophen, mit denen wir Men- 

des verlassen wollen. Wir wissen nicht mehr, wo wir die 

hübschen Verse, die bis zur Vision der blassen, kleinen Hand 

an Heine erinnern, aufgelesen haben: 

J'ai vu fleurir le sourire 

D'une levre en mai ; 
Je ne mourrai pas sans dire 

Que je fus aime, 

Qu'une odeur de clematite 

Me suit en chemin, 
Pour avoir touche, petite 

Et pale, ta main. 



i 



346 H. Heines Einfluss 



Francois Coppee 

(1842). 

Auch ein Parnassien, und, seiner dichterischen Genesis 
nach, doppelt ein solcher, weil es Mendes war, der ihm die 
Kunst des Reimens lehrte. Während er aber lernte, was zu 
lernen war, ging er seine eigenen Wege, sagte sich los von 
der blossen Sprachkünstelei und wurde des modernen Frank- 
reich unübertroffener Kleinmaler und populärster Lyriker. 
Natürlich ist es, dass den jungen Coppee auch die Heine- 
schwärmerei seines Lehrmeisters beeinflusst hat. Und in der 
That lassen sich auch bei dem Autor der „Humbles" — so 
fremd sich im Grunde die beiden Musen sein mögen — 
deutliche Spuren Heineschen Einflusses nachweisen. Schon 
der Zug feiner Ironie, eine gewisse zarte, nicht selten an- 
gekränkelte Empfindungsweise seiner ersten Lieder lassen die 
Annahme gar nicht gewagt erscheinen, dass auch er bei der 
Lyrik unseres Dichters in die Schule gegangen. Seine ganze 
litterarische Erziehung und Umgebung weisen darauf hin. 
Wäre dies nicht der Fall, so könnte mit Recht bemerkt 
werden, dass es sich hier gerade so gut um deutschen Ein- 
fluss handle. Heine aber war Mode- und Lieblingsdichter der 
Parnassiens, und was daher bei ihnen deutschen Ursprungs 
ist, darf in erster Linie als Werk Heines betrachtet werden. 

Unser Gewährsmann ist auch hier wieder E. Hennequin: 

Frangois Coppee, quand il n'est pas purement original, s'inspire 
volontiers de la muse populaire allemande. II y a dans ses recueils 
de vers, surtout dans „L'Exilee" (Lied, Echo, etc.), dans „Les Mois", de 
vraies chansons musicales, simples, d'une emotion naive et naturelle, 
comme eüt pu en composer un disciple de l'ecole souabe . . . il nous 
seinhle que les y,Intiinites^ laissent au soucenir une emotion parente 
a Celle qu'on eprouve en lisant l'y, Intermezzo^. C'est la meme analyse, 
par petites pieces detachees, d'une histoire amoureuse generale et 
vague comme toutes les aventures sentimentales, le meme sens de 




auf die Parnassiens und iliren Anhang. 347 

l'äme feminine, les memes dialogues avec les choses inanimees, et par- 
fois des mecliancetes ressemblantes. Parmi les poetes conteniporains, 
M. Coppee est celui qui rappelle le plus le cliarme naturel, l'inspi- 
ration familiere enjouee ou melancolique de la muse allemandeJ) 

Als Motto für seine Liedersammlung „L'Exilee" benützt 
Coppee Heines Worte aus dem „Intermezzo^' : „De mes grands 
chagrinSj je fais de petites chansons." Das hübsche „Lied'^ 
birgt den ganzen Zauber, den Titel und Motto versprechen. 

Lied. 

Rougissante et tete baissee, 
Je la vois me sourire encor. 

— Pour le doigt de ma fiancee 
Qu'on me fasse un bei anneau d'or! 

Elle part, mais bonne et fidele; 
Je vais l'attendre en m'affligeant. 

— Pour garder ce qui me vint d'elle, 
Qu'on me fasse un coffret d'argent. 

J'ai sur le coeur un poids enorme; 
L'exil est trop dur et trop long. 

— Pour que je me repose et dorme, 
Qu'on nie fasse un cercueil de plomb. 



Leon Yalade 

(1841—1884). 

Diesen sympathischen Poeten haben wir schon als einen 
der besten Heineübersetzer kennen gelernt. Yalade zählte 
zwanzig Jahre, als er sich den Parnassiens anschloss. Sein 
Landsmann Mendes — beide sind aus Bordeaux gebürtig — , 



„Ecrivains francises", pag. 292. 



348 H. Heines Einfluss 



der hohe Stücke auf das poetische Talent Valades hielt, ent- 
wirft ein inniges Bild des so früh hinweggerafPten Dichters, 
von dem er u. a. sagt: 

„Une douceur infinie, un peu triste, une apprehension de tout 
exces, une tendresse qui ose ä peine dire qu'elle aime, alanguissent 
delicieusement son talent discret et pur. II fait songer a une sensitive 
qui serait une violette." 

(„Legende du Parnasse Contemporain", pag. 197.) 

Ein anderer zu Ruhm und Ehre gelangter Parnassien, 
Anatole France, ^) urteilt ähnlich über Valade : 

Leon Valade est un poete tout intime, tres fin, tres delicat. II 
excelle ä peindre des scenes familieres et de jolis paysages. II a 
de l'esprit, c'est-ä-dire qu'il a ce qui caresse, ce qui chatouille l'äme 
et la fait sourire. II s'attendrit quand il faut, mais il garde, meme 
en s'attendrissant, une pointe de malice. 

Da Valade es aber trotzdem nicht verstanden, sich in 
seiner eigenen Heimat lärmend an die Oberfläche zu drängen, 
musste er natürlich dem Auslande, das keine Zeit hat, fremde 
Autoren zu prüfen, sondern auf die angewiesen ist, die sich 
ihm am auffallendsten anbieten, ein Unbekannter bleiben. Diese 
Isolierung, zu Hause und in der Fremde, ist allein schon ein 
Symptom echten Dichterwertes. Seine Lieder, die die Mode- 
kritiker nicht der Mühe wert hielten, der grossen Menge an- 
zupreisen, waren nur einer kleinen Gemeinde Kunstliebender 
bekannt. Erst durch die Herausgabe seiner Werke ^j erfuhr 
das Publikum, dass Frankreich seit kurzem wieder einen 
Dichter weniger zähle, lieber sein Talent und seinen Lieb- 
Hngspoeten berichtet Camille Pelletan in einer interessanten 
Einleitung u. a. folgendes (pag. VII) : 



^) Vergl. Grand Dictionnaire Larousse, 11" Supplement, article „Valade . 
2) „Oeuvres de Leon Valade — Poesies", Lemerre, 1887 — mit einer 
biographischen Skizze von Camille Pelletan. 




auf die Parnassions und ihren Anhang-. 349 

„C'est la delicatesse dans le sentiment et dans la forme 
qui reste la marque de son talerit. On le reconnaitrait rien 
qu'au choix des maitres auxquels il revenait sans cesse. Je 
parle surtout de Henri Heine dont il imita mainte fois les 
poemes. II excellait ä son reve allemand colore d'un esprit 
tont frangais, ses profonds sanglots brusquement interrompus 
par une etincelante Ironie, et ses visions des legendes ger- 
maniques ä moitie traversees par un rayon de lumiere vol- 
tairienne. Valade avait, comme personne, rincomparable 
legerete de main, necessaire pour saisir ce je ne sais quoi 
d'insaisissable, fait d'une simplicite si prodigieusement trouvee 
et d'un sourire si cruellement douloureux ..." 

„Les qualites qui Tont attire vers ces maitres (Burns und 
Heine) sont celles de toute son oeuvre: un sentiment singu- 
lierement affine dans une forme etonnamment delicate, On y 
reconnait, presque partout, la melancolie profonde du reve 
trompe par la realite ; mais c'est chose rare ! une melancolie 
sans pose et sans galimatias, n'ayant aucun rapport avec ces 
desesperances que les „decadents" riment dans une langue 
assez voisine, ä ce qu'il semble, du haut allemand." (!) 

Wer dem bei Lemerre (format des Elzevirs) erschienenen 
hübschen in- 12 Bändchen Valades einige Stunden geschenkt 
— und er wird es nicht bereut haben — wird jedes Wort 
Pelletans, den letzten Satz vielleicht ausgenommen, unter- 
schreiben. Valade hat das Geheimnis der natürlichen Weisen 
seines Meisters gefunden — aber auch sein trübes Lächeln. 
Seine Ironie dagegen hat nicht die Heinesche Schärfe, sie 
ist liebenswürdiger und harmloser. Nicht nur Form und 
Geist der Heineschen Lieder hat er sich angeeignet, sondern 
wiederholt schmiegt sich sein Gedicht an des Dichters Name 
und eigene Worte an, so in der melancholischen Freske, 
betitelt : 



350 H. Heines Einfluss 

Bouquetiere. i) 
Heine, rieur malade, annonce quelque part 
Que ses freres et soeurs ont un air de famille ; 
„Beaux souvent; mais au coin de la levre fretille 
„Une ligne equivoque, — un tout petit lezard! . . ." 

Toi qu'on fait preluder au mal, petite fille! 

En vendant ces bouquets qu'on t'offrira plus tard, 

Une fausse innocence eclaire ton regard; 

Dans tes grands yeux malins trop de science brille. 

Oui! comme tu venais de m'aborder, un soir, 

Dans un pli de ta joue etroite, je crus voir 

D'un precoce lezard se dessiner la queue . . . 

Tu riais, et ta main, que le froid rendait bleue, 

Me tendait, en tremblant, un bouquet, — que je pris. 

Pourquoi donc cette ligne etrange quand tu ris ? 

Bevor wir eine Anzahl dichterischer Belege für das Ge- 
sagte folgen lassen, sei noch eine freie Uebertragung an- 
geführt, mit der Aufschrift: 

Pag. 276: 

La rencontre. 

(Imite de Henri Heine.) 

Sous les tilleuls en fleur, Torehestre frenetique 
Mele joyeusement les filles aux gar^ons. — 
Certain couple, inconnu de la foule rustique, 
S'en distingue, elegant de taille et de fa§ons. 

Dans les balancements etranges de leur danse, 
Ils croisent, en riant, un coup d'oeil singulier; 
Leur tete se renverse ou s'incline en cadence, 
Et la belle, tout bas, dit a son cavalier: 

„A Yotre chapeau vert, mon beau sire, pendille 
„Un lis, tel qu'il en croit au fond de l'Ocean . . . 
„En vain vous vous cambrez comme un fils de famille : 
„Vous ne descendez pas de la cote d'Adam! 



^) Oeuvres, pag. 35. 




auf die Parnassiens und ihren Anhang. 351 

„Vous etes un Ondin qui venez, dans ce monde 
„Villageois, enjoler les filles sans soupQon. 
„Je vous ai reconnu vite, echappe de l'onde, 
„Rien qu'ä vos fines dents d'aretes de poisson." 

Et de nouveau leur danse etrange les balance, 
Avec des hochenients de tete ä ehaque pas, 
Des rires, des clins d'yeux echanges en silence; 
Et le cavalier dit ä sa belle, tout bas: 

„Votre main douce, en vain je la presse avec zele: 
„J'y sens courir un froid de glaee sous la peau! 
„Et d'oü vient que je vois, nia noble demoiselle, 
„A cette robe blanche un ourlet trempe d'eau? 

„A votre reverence, ironique et mutine, 
„Je vous ai reconnue, enfant du gouffre amer. 
„A coup sür, tu n'es pas fille d'Eve, l'Ondine! 
„Ma petite cousine, oh! tu viens de la mer." 

— Les violons fönt treve, et la danse est finie; 
Retombant sur ses pieds, le beau couple pai'en 
Aussitot se separe avec ceremonie: 
Tous les deux, par malheur, se connaissent trop bien. 

Und nun ein kärgliches Sträusschen aus einem reichen 
Dichtergarten. Wir hoffen, es ist uns geglückt, diejenigen 
Blüten zu pflücken, die den Duft des „Buches der Lieder" 
am reinsten bewahrt haben. 

II. 

Le soleil etait radieux; 

J'ai vu passer des amoureux, 

Le rire aux dents, l'eclair aux yeux. 

J'ai souhaite d'etre comme eux, 

D'avoir aussi mon amoureuse, 
Appas flamands, tete a la Greuze, 
Fleur Sans parfuni, ou tubereuse, 
Astre eclatant, ou nebuleuse. 



352 H. Heines Einfluss- 



Je lui dirais : „Mon eher tresor, 
„Repete-moi, repete encor, 
„Repete la parole d'or." 

Et iious irions au bois, dans l'herbe, 
Conjugant ä deux le doux verbe, 
Gläner une odorante gerbe. 



XII. 

Ce qa'il me faut, pour etre heureux, 
Ce sont des chants d'oiseaux, des roses, 
Des rayons, enfin de ces choses 
Qui suffisent aux amoureux. 

Ce qu'il faut ä ma levre ardente, 
C'est un ardent baiser d'amante, 
Avec des bras entrelaces, 
Auquel on ne peut dire : „Assez !" 

Ce qu'il faut ä mon coeur sincere, 
C'est une main d'ami qu'on serre 
Et qui vous repond : „ A toujours !" 

Et je sens mon äme assez saine 
Pour en arracher toute haine, 
Afin d'y mettre plus d'amours. 

XXVII. 

Elle avait, quand eile arriva, 
Ce qui se perd, ce qui s'en va 
Au parfum des odeurs coüteuses, 
Au vent des valses capiteuses, 

Sur sa joue honnete, eile avait 
Ce Velours rose, ce duvet 
Des peches encor sur la brauche, 
Et son äme etait toute blanche. 

Elle avait un petit fichu 
Qui n'avait pas encore diu 
Au-dessous de la gorge ronde. 




auf die Parnassiens und ihron Anhang. 353 

Elle etait suavement blonde; 
Son oeil etait limpide et doux . . . 
Elle est morte ! — La voyez-vous ? 



Vision. 

Les marbres massifs, tombes des frontons, 
Avaient eftbndre le sol dans leurs chutes; 
Le lierre et l'acanthe, autour des volutes, 
Enroulaient de verts et legers festons. 

Sous la voüte froide et sombre, ä tätons, 
Je cherchais l'autel : quand, au son des flütes, 
Un clioeur retentit, — et vous m'apparütes, 
Deesse au front blanc que nous regrettons! . . 

Perdant ä la fois la vue et l'oui'e, 

Je mis dans mes mains ma face eblouie : 

Chacun de vos yeux etait un soleil ! . . . 

... Et quand je sortis du temple, au reveil, 
Je revis la vierge aux yeux d'or, assise 
Sur le marbre blanc et pur d'une frise . . . 



I. 

Je lui montrai les blondes mousses 
Et tout l'essaim des choses douces 
Dont Avril marche environne : 

— Elle prit un air etonne. 

Je lui fis voir mon coeur plein d'elle, 
La priant de brüler son alle, 
Hardiment, au flambeau sacre : 

— Elle ouvrit un oeil effare. 

Je lui parlai des belles fievres 
Qui vous montent du coeur aux levres, 
Au clair de lune, apres minuit: 
Betz, Heine in Frankreich. ^^ 



354 H. Heines Einfluss 



— Elle eut un bäillement d'ennui. 
Voulant obtenir quelque chose, 
Je lui fis voir un chapeau rose. 



Songe d'une nuit de Mai. 

Dans un bois plein d'oiseaux chantants, 
Pres d'un lac aux flots miroitants 
Et sous les astres eclatants 
D'une belle nuit de printemps, 

Je poursuivais la Fantaisie : 
Quand je vis luire, — äme saisie ! — 
Avec un parfum d'ambroisie, 
L'arbre d'or de la poesie ! 

Sur mon front, j'en tressai des noeuds, 
Et ce beau feuillage epineux 
Lui fit un cercle lumineux. 

Or, j'entendis rire une fee : 

Et je portais, comme un trophee, 

Ma tete de chardons coifFee . . . 



Dans la foret. 

A Pierre Elzear. 

Par une chaude nuit, quand fermentent les seves, 
Lorsqu'ä demeurer plein, le cffiur eclaterait. 
Je veux m'en aller, seul, au fond de la foret, 
Pour donner, ä la fois, l'essor ä tous mes reves. 

Mainte vague chimere, au merveilleux attrait, 
Dont mon esprit fievreux est obsede sans treves, 
Prendra yie et couleur . . . Formes! visions braves 
Dont moi seul aurai su l'ineffable secret! 

Et je suivrai des yeux leurs pas folatres. L'une 

Fera luire ses bras dans un rayon de lune; 

De päles fleurs des eaux, l'autre ceindra son front; 



a 



auf die Parnassiens und ihren Anhang. 



355 



Et de fils de la Vierge ayant tisse leurs voiles, 
Toutes s'eleveront en groupe et se perdront 
Dans le ciel que blanchit la neige des etoiles. 



Pag. 293: 



Miniature. 
I. 

C'est parce qu'elle etait petite 
Et charmante, fragilement, 
Qu'elle m'eut encore plus vite 
Pour esclave que pour amant. 

C'est que j'etais si grand pour eile, 
Qu'abregeant l'espace entre nous, 
Mon attitude naturelle 
Etait de vivre ä ses genoux. 

C'est qu'amoureux de sa faiblesse, 
J'aimais ä prendre dans mes mains 
Ses petits pieds que marcher blesse, 
N'etant pas faits pour nos chemins. 

C'est qu'en mes bras serrant, sans peine, 
Celle que je nommais mon bien, 
J'avais plus facile et plus pleine 
L'illusion qu'il etait mien . . . 

— Et c'est aussi que son caprice 
Mettait tant de flamme ä ses yeux, 
Qu'il fallait bien que je le prisse 
Ainsi qu'un ordre imperieux. 

C'est qu'ä la fois enfant et femme, 
Orgueilleuse sous ses deliors 
Si freies! eile avait dans l'äme 
L'indomptable fierte des forts. 



II. 

C'etait, du beut de la bottine 
Jusqu'ä la pointe des cheveux, 
Une nature exquise et fine, 
Un Corps delicat et nerveux : 



356 H. Heines Einfluss 

Freie instrument, dont la paresse 
S'eveillait, des qu'on y touchait, 
Et vibrait, sous une caresse, 
Comme un violon sous l'archet. 



III. 

Passagere et mignonne hotesse! 
D'oü vient qu'elle semble tenir, 
Du seul droit de sa petitesse, 
Tant de place dans mon souvenir? 

Dans l'ampleur folle des toilettes, 
Lourdes ä dessein, eile avait 
L'ebouriifement des fauvettes 
Frileuses sous le cliaud duvet. 

Le froissement doux des etofFes 
Lui seyait et s'abattait sur 
Ses petits pas, avec des stroplies 
D'un rythme nonchalent et sür. 

Elle le savait, l'ing^nuo, 
Et qu'une influence des eieux 
L'avait formee expres menue, 
Comme tout joyau precieux. 

Son elegance etait de race 
Pure, comme l'or du creuset: 
Et le dernier mot de la gräce, 
Sa taille souple le disait. 

Un instinct de molles postures 
Sans fin la faisait ondoyer : 
Car, dans les moindres creatures, 
La vie a son plus chaud foyer. 

Et son coeur aussi battait vite! 
Et, dans un ardent tourbillon, 
Son esprit que tout reve invite, 
Noir d'un ombre, gai d'un rayon. 



m 



auf die Parnassiens und ihren Anhang. 357 



Allait d'un vol oü nia pensee, 
Ivre contagieusement, 
La suivait, parfois distancee 
Et fidele non sans tourment. 

IV. 

Reminiscences mal bannies! 
chers prestiges regrettes, 
Faits de nuances infinies, 
Pleins de saveurs et d'acretes! 

Douceurs etranges des voix greles, 
Faiblesses au channe vainqueur, 
Reseau puissant de mailles freies 
Oü, pour Jamals, se prend un coeur! 

Morte, absente, ou bien inüdele, 
Qu'importe! rien ne peut ternir 
L'exquise miniature d'elle 
Que mon äme a su retenir; 

Et le regret en moi tressaille, 
Nul amour nouveau n'etouifant 
L'ancien reve, fait ä la taille 
D'une petite et blonde enfant. 



L6on Dierx 

(1838). 



Ein Landsmann Leconte de Lisles (Ile de Reunion). CatuUe 
Mendes hält ihn mit Coppee und Sully Prudhomme für den 
bedeutendsten Poeten der Parnassiens. 

Leon Dierx (dont Fceuvre considerable reste presque ignoree 
de la foule) est veritablement un des plus purs et des plus nobles 
esprits de la fin du XIX" siecle. Je ne crois pas qu'il ait Jamals 
existe un honime plus intimement, plus essentiellement poete que lui ... 
II vit dans la reverie eternelle de la beaute et de l'amour ..." 

(„Legende des Parnassiens", pag. 246.) 



358 H. Heines Einfluss 



Aus vielen seiner Gedichte spricht unverkennbare Seelen- 
verwandtschaft mit Heine. Man lese nur folgende Stellen aus 
einer biographischen Skizze Paul Verlaines, ^) der für diesen 
Vorläufer moderner Dichtkunst voll Lobes ist. 

Une melancolie „sui generis", l'amour douloureux de la nature, 
le „lacryma rerum", l'emotion panique que fait vibrer Ronsard dans 
son „Elegie ä la foret de Grätine", le pantheisme, . . . ce sentiment 
frappait le lecteur des vers, dejä si corrects et comme rythme et 
comme rime et comme langue du premier recueil, „Poemes et poesies"... 

Ce qui le differeneie de Leconte de Lisle, cliaste ou du moins 
discret quand il parle d'amour, c'est que Dierx est un voluptueux . . . 
Evidemment l'amour sensuel ne va pas cliez Dierx sans une pointe 
de mysticisrae qui le releve et le redresse en quelque sorte, mais le 
fond y est bien: le goüt de la femme, son bruissement, son „odor" et 
toutes les consequences de l'adoration d'elle, querelies douces, parlbis 
atroces quand l'orgueil s'en mele, emois parfois amers, confiantes 
jalousies, faiblesses enfin si pardonnables, tout y est . . . 

Dass Dierx als Genosse Banvilles, Mendes' und Valades 
tiefe Blicke in die Lyrik Heines gethan hat, unterliegt keinem 
Zweifel. Wir glauben aber, bei diesem Dichter eher eine 
frappante Geistesharmonie mit dem Autor des „Intermezzo" an- 
nehmen zu müssen, und ein allgemeines Einwirken deutscher 
Dichtkunst, mit der er vertraut ist. Direkte Anklänge an 
Heine sind uns in seinen Werken 2) nicht aufgefallen. Hoch 
denkt Dierx von Goethe, dessen Namen wir in seinen Liedern 
wiederholt begegnen; — hoch, nach seiner Fagon, beeilen 
wir uns hinzuzufügen. Denn er beginnt das Gedicht „Pour 
le tombeau de Theophile Gautier" („Les amants"): 

„Salut ä toi, du fond de la vie ephemere, 

Salut ä toi qui vis dans l'immortalite 

Oü, pres de Goethe assis, tu contemples Homere!" 



1) y,Les hommes d'aujourd'hui", N** 287, Librairie Vaiiier. 

2) „Levres closes", 1887 — „Les amauts", 1879, Lemerre. 



I 



auf die Parnassiens und ihren Anhang. 359 



. Claude Couturier. 

Mit diesem Dichter haben wir bereits die eigenthchen 
Parnassiens verlassen. Couturier und Bleniont, von denen wir 
noch kurz handeln werden, sind Banvillisten einer jüngeren 
Generation. 

Claude Couturier hat 1889 (bei Charpentier) „Chansons 
pour toi" veröffentlicht. Theodore de Banville stellt uns den 
Dichter in einem schmeichelhaften „avant-propos" vor. Er 
ist Schüler des Aristophanes — seine direkten Meister aber 
sind Heine und der Autor der „Ödes funambulesques" selbst. 
Wie dieser, versteht er es mit grosser Virtuosität zu „ronsar- 
disieren". Besonders ist er jedoch von Heines Poesie und Sa- 
tire durchdrungen, und zwar in einer Weise, wie wenige 
französische Dichter. Banville macht den Leser von vorne- 
herein darauf aufmerksam: „Je ne veux pas evoquer de 
comparaison ecrasante; mais en leur crudite aristophanesque, 
tels poemes de son livre, comme „Le dernier faune" et „La 
blancheur de Pierrot", ne sont peut-etre pas indignes d'avoir 
ete inspires par une intelligente et naive admiration de Henri 
Heine." 

Unser Gewährsmann ist hier noch Ginisty („Annee lit- 
teraire", 1889): „L^ne note qui apparait souvent en lui avec 
une gräce extreme, en disciple de Heine qu'il est par certains 
cötes, c'est celle de la pitie donnee avec une apparence 
d'enjouement, et l'expression fleurit, alerte et spirituelle, sur 
un theme douloureux." 

Am deutlichsten zeigt sich Heines Einfluss in der köst- 
lichen Satire „L'ours'S die „Atta Troll" geradezu nachgedichtet 
ist. Das Gedicht ist leider zu lang, um „in extenso'' hier 
Platz zu finden. Es beginnt: „C'est le fils d'Atta Troll et le 
fils de Mumma . . ." Inhalt: Ein junger Bär, der sich nach 
den heimathchen Wäldern sehnt, flieht mit Hülfe eines „reveur'', 



360 H. Heines Einfluss 

der ihn loskauft, in die Wildnis, bekommt diese aber bald 
satt und trottelt wieder in die Gefangenschaft, um weiter zu 
tanzen, unter dem Spottgelächter von Jung und Alt : 

Et tout seul, cette fois, au niilieu des badauds, 
Levant sa grosse patte et cambrant son gros dos, 
Retrouvant, d'uii seul coup, ses anciennes allures, 
Parmi les quolibets et parmi les injures, 
Honni, moque, couvert de boue et de mepris, 
Vieux cabotin farouche et de rythmes epris, 
Preferant aux grands mots les treteaux de la foire, 
Libre de toute chaine, il dansa pour la gloire . . . 

Der Tanzbär protestiert monologisierend dagegen, dass 
ihn sein Führer, ein Italiener, „rebut des campagnes de Rome", 
seine Kunststücke gelehrt habe, und beginnt weidlich auf den 
Quälgeist loszuschimpfen : 

Oh ! cet Iiomme ! son maitre, helas ! et son barnum ! 
Ignoble, degoütant, brutal, gorge de rhum 

Ce gueux avec lequel il marche, il mange, il couche, 
Sinistre mecreant, bete et sans dignite, 
Larron de son honneur et de sa liberte ! 

Und am Schlüsse einer Tirade voll Witz und tiefen 
Sinnes ruft Meister Petz indigniert aus : 

„Lui, le fils du fameux Atta Troll, etre l'oeuvre 

De ce bandit sinistre ä tete de couleuvre ? 

Ah! Messieurs, par pitie, n'en eroyez pas un mot! 

Mais il savait dejä danser etant mannet ! 

Henri Heine Faffirme, il faut croire un poete. 

Le montreur qui l'a pris est une franche bete, 

Bien digne de porter, ä son tour, le carcan. 

Maitre ä danser! Mais il ignore le cancan 

Et n'a sur la scottisch que des notions vagues. 

Ses pieds ont le roulis des bateaux sur les vagues; 

Oü les pretentions vont-elles se nicher? 

Danser! Le malheureux! II ne sait pas niarcher." etc. 



auf die Pariiassieiis und ihren Anhang. 361 



Die amüsante Liedersammlung enthält aber auch rein 
lyrische Strophen; Couturier hat gleichfalls von dem Autor 
des „Intermezzo" gelernt. Er ist, wie Heine, eine Doppel- 
natur ; bald haben Satire und Ironie , bald melancholische 
Sentimentalität die Oberhand. Er hat dies charakteristische 
Zwitterwesen seiner Empfindung selbst in Verse gebracht, 
in dem an seine Mutter gerichteten Gedichte: „Les deux voix". 
Mit diesen drei Strophen beschliessen wir die wenigen Notizen 
über eine der für den Einfluss Heines typischen Dichtererschei- 
nungen des modernen Frankreich. 

Deux voix, une seule bouche! 

La douleur et la gälte! 

L'homme qu'un rien au eceur touche, 

Puis qu'un rien a contente. 

II plane, il rampe et se couche. 
Tout est voir! Tout est clarte! 
Deux voix, une seule bouche! 
La douleur et la gaite! 

Maintenant l'oeil enchante, 

Et, tout ä l'heure, l'oeil louche; 

Instable comme une mouche, 

II sanglote ayant chante: 
La douleur et la gaite! 
Deux voix, une seule bouche! 

Diese Verse bilden einen treffenden Denkspruch für diese 
ganze erfreuliche Dichterarbeit und nicht weniger ein passendes 
Motto — für Heines sämtliche Werke. 



362 H. Heines Einfiuss. 



Emile BlemontO 

(1839). 

Ein anderer Schützling Banvilles, bei dem die französische 
Kritik auf Heine hinweist. In seiner Liedersammlung „Por- 
traits Sans modeles" (Lemerre, 1879) mischt sich formvollendete 
Malerei modernen Lebens in Heinescher Weise, ein prickelnd 
geistreiches Spiel der Phantasie. Sein Meister Banville sagt 
von ihm (Lemerre, „Anthologie^', Band IV, pag. 370): „Ra- 
pidite et variete de l'image, harmonies bien ponderees, eclat 
et originalite de la rime, telles sont les qualites qui donnent 
aux vers de M. Emile Blemont cette etrangete sans laquelle 
la beaute ne serait rien pour nous. II a l'art de dire la chose 
ä laquelle on ne s'attend pas . . .'' etc. 



^) Blemont unter die „Symbolistes" zu zählen, weil er in der Nummer 
vom 15. Januar 1894 der „Revue illustree" ein „Alphabet symbolique" ver- 
öffentlicht hat, liiesse einen poetischen Scherz ernst nehmen. 



j^l 



Vereinzelte Heine-Verehrer und -Schüler. 363 



Sechstes Kapitel 
Vereinzelte Heine-Verehrer und -Schüler 



Nicht unter die Parnassiens, ebenso wenig aber unter die 
Decadents einzureihen sind einige Dichter, die noch kurz zur 
Sprache kommen sollen. 

Henri Cazalis 

(1840). 

Ein Poet von Rasse, daneben Doktor der Rechte und 
der Medizin. Ob er ein besserer Jurist ist, als Heine es war, 
wissen wir nicht. Paul Bourget ist es u. a., der in den Lie- 
dern dieses gelehrten Dichters Anklänge an Heine gefunden. 

„Un goüt souverain de l'art, un amour ä la fois religieux 
et melancolique de la beaute, une sorte de mysticisme nihi- 
liste, de desenchantement enthousiaste et comme un vertigo 
de mystere, donnent ä sa poesie un charme composite, inquie- 
tant et penetrant, comme celui des tableaux de Burne Fönes 
et de la musique tzigane, des romans de Tolstoi' et des lieds 
de Heine. ^^ ') 

Den Grundton seiner Lieder bilden Traurigkeit, Entsagung, 
stark mit Mysticismus untermengt. Als sein bestes Werk 



*) „Anthologie des poetes fran^ais du XIX^ siecle", Lemerre — Bd. II, 
pag. 423. 



364 H. Heines Einfluss. 

werden die „Illusions" ') angesehen. Wir entnehmen folgendes 
Gedicht dieses pantheistischen und düstern Träumers, dessen 
mystisch kränkelnde Lyrik Bourget und uns rechtfertigen 
mag, Cazalis mit Heine in Verbindung gesetzt zu haben. 

La nuit se deroulait splendide et pacifique; 
Nous ecoutions chanter les astres et la mer, 
Et nos Coeurs eperdus tremblaient dans la nmsique: 
Les harpes de David semblaient flotter dans l'air. 

La lune montait pale, et je faisais un reve: 
Je revais qu'elle aussi chantait pour m'apaiser, 
Et que les flots aimants ne venaient sur la greve 
Que pour mourir sur tes pieds purs et les baiser; 

Que nous etions tous deux seuls, en ce vaste monde; 
Que j'etais autrefois sombre, errant, egare, 
Mais que des harpes d'or, en cette nuit profonde, 
M'avaient fait sangloter d'aniour, et delivre; 

Et que tout devenait pacifique et splendide, 
Tandis que je pleurais, le front sur tes genoux, 
Et qu'ainsi que mon coeur, le ciel n'etait plus vide, 
Mais que Farne d'un Dieu se repandait sur nous ! 



Felix Kaquet 

ist der Autor eines Liederbuches, „Haute ecole" betitelt (1886, 
Charpentier), in dem viel düster-realistische Philosophie, herber 
Sarkasmus und Byron-Heinescher Weltschmerz in kraftvoll 
schönen Versen un(^ergebracht ist. Den ersten Teil nennt 
dieser Geistesverwandte Heines „Livre juif". Als Motto schickt 
er einige Zeilen aus „Atta Troll" voraus. Inspiriert ist er 



1) Lemerre, 1875. 



I 



Vereinzelte Heine-Verehrer und -Schüler. 365 



aber anscheinend von der Bibel — und den „Hebräischen 
Melodieen". Manch hübsche und originell kernige Ballade 
zeigt deutsche Schulung. 



Jules Breton 

(1827). 

Dieser als einer der bedeutendsten Landschaftsmaler der 
Neuzeit bekannte Künstler ist zugleich ein achtenswerter 
Dichter. In den „Confidences de Salon" ^) der „Revue illus- 
tree'* vom 15. März 1893 ist auch Jules Breton um seine 
verschiedenen Liebhabereien befragt. Die Rubrik „Mes auteurs 
favoris en prose" füllt er mit dem einzigen Namen Henri 
Heine aus. Obgleich es nun in einer Zeit, wo der Dichter 
seine Buchstaben bemalt und der Kritiker seine Argumente 
in der Naturgeschichte oder in der Psychiatrie holt, erst recht 
nichts Absonderliches ist, dass ein Maler Palette und Pinsel 
weglegt, um zu dichten, so darf die Thatsache doch unsere 
Aufmerksamkeit erregen, dass der Maler-Dichter, der die Lieder 
„Les champs et la mer" gesungen, Heine als seinen Lieblings- 
prosaschriftsteller erklärt. (Es ist natürlich hier nur an die 
Prosa Nervals, Taillandiers etc. zu denken.) 



1) Bei diesen litterarischen, ästhetischen und moralischen Generalbeichten 
begegnet uns der Name Heines wiederholt. Besonders beachtenswert ist dabei 
die Zusammenstellung der Namen. So füllt z. B. der Moderne Grosdaude 
die Rubrik „Mes po^tes favoris" folgendermassen aus: „Baudelaire, Müsset, 
Heine, Verlaine."" In einem andern Interview finden wir als Lieblings- 
prosaschriftsteller friedlich neben einander gestellt: „Flaubert, Heine, Bossuet, 
La RocTiefoucauld und — Octave Miräbean.'* Heine zwischen Flaubert und 
Bossuet ! Es zeugt dies von einem ziemlich komplizierten Geschmack. Sehr 
bezeichnend sind auch die „Confidences" des geistreichen Akademikers und 
Administrateurs der „Comedie fran(jaise" Jules Claretie. Die Dichter seiner 
Wahl sind nämlich : Victor Hugo, Musset und Henri Heine. 



366 H. Heines Einfluss 



Siebentes Kapitel 

Ueber Heines Einfluss auf die Gebrüder 

de Goncourt (Impressionnistes) 

und Paul Bourget (Psychologues) 



Die beiden Goncourt. 

Obgleich wir hiermit von der Poesie zur Prosa übergeheiij 
von der Lyrik zu dem Schriftstellerpaar, das geAvöhnlich 
zwischen Flaubert und Zola genannt wird, so lässt sich gleich- 
wohl die Kluft leicht überbrücken, denn es haben — so 
paradox es auch klingen mag — die Parnassiens und die 
Gebrüder Goncourt das gleiche Ideal, dieselbe Tendenz und 
enthusiastische uneigennützige Liebe für ihre Kunst und die 
gleiche Parole: „L'art pour l'art." Die letztere ist bei den 
Goncourt nur noch radikaler zu verstehen; etwa wie: „Die 
Kunst allein für die Künstler." — Und im innersten Herzens- 
grunde Heines lebte ein ähnlicher Gedanke. 

Der ältere, noch lebende Bruder, Edmond, ist 1822 in 
Nancy geboren; der jüngere, Jules, in Paris, 1830, wo er 
schon 1870 starb. 

Die Geistes-, Geschmacks- und Herzenseinheit dieses son- 
derbaren Brüderpaares ist allbekannt. „Ames si etroitement 
melees et tressees ensemble — sagt Banville — que, pour ainsi 
dire, on entendait se meler leurs Souffles." Der Kunstkultus 
ist ihnen beiden gemeinsam, für beide erster und letzter 



I 



auf die Gebrüder de Goncourt und Paul Bourget. 367 

Lebenszweck. Von diesem geht für sie Freud und Leid aus, 
und daher können wir diesen merkwürdigen Litteraten unsere 
Sympathie und unsere Bewunderung nicht versagen. Von 
ihrer hohen Bedeutung für Roman und Theater nicht nur 
Frankreichs, sondern der ganzen modernen Litteratur, haben 
wir hier nicht zu sprechen. Die morahsierende Kritik ist mit 
ihnen strenge zu Gerichte gegangen, besonders seit dem Er- 
scheinen des „Journal des Goncourt^', jener siebenbändigen 
geistvollen Indiskretion, die uns — trotz manchem Ueber- 
flüssigen und Nebensächhchen — ein so originelles, scharfes und 
fein empfundenes Bild ihrer Zeit entwirft, dass alle moderne 
Gelehrsamkeit das kommende Jahrhundert nicht hindern wird, 
in den Memoiren der Goncourt die Physiognomie, den ur- 
eigenen Charakter der französischen Gesellschaft in der zweiten 
Hälfte des XIX. Jahrhunderts zu finden. 

Es sei uns gestattet, hier eines andern, ganz kleinen Ver- 
dienstes derselben zu gedenken, das sonst doch in keiner 
Litteraturgeschichte Erwähnung finden würde. Durch ihre 
zahlreichen Anspielungen auf Heine, in ihren Memoiren so- 
wohl als auch allenthalben in ihren Werken, kurz bei dem 
Heinekultus der Goncourt keimte zuerst die Idee in uns, die 
hier zum Buche geworden. Auf sie wälzen wir Schuld oder 
Dank, je nachdem es schlecht oder gut ausgefallen. 

Ihre poesievollen Neckereien, ihr Witz „tout en idees^', 
ihr beissender Spott, ihre souveräne Verachtung der modernen 
Gesellschaft, — wir können alle diese und noch andere Züge 
direkt aus dem Autor der „Reisebilder'^, und zwar nach 
eigenen Geständnissen, herleiten. Ihre Originalität kann eine 
geschickte Mischung des Geistes Rivarols und Heines genannt 
werden. Gewisse Seiten aus „Ch. Demailly" (1860), „Manette 
Salomon'' (1867), jenes Kabinettstück in „Idees et sensations^' 
(1866), „Les funerailles de Watteau" fesseln durch dieselben 
Reize geistvoller und witziger Phantastik, wie z. B. „Die 
florentinischen Nächte^^ 



368 H- Heines Einfluss 

Leur instinct les pousse vers l'idealisme, vers la fantaisie lyrique 
comme l'avait comprise Henri Heine. y,Saint Henri Heine!"' diront-ils 
dans leur admiration. Ils debutent par des etudes sur un siecle 
spirituel et leger, dont ils recherchent avec amour les cotes mondains 
les plus frivoles. En 1856, ils rapportent d'un voyage d'Italie un vo- 
lume dans le genre des „Reisebilder", mais tellement echevele qu'ils le 
brülent sans oser en rien publier qu'un court fragment dans „L'Artiste". 
Un peu apres, ils raillent le realisme dans „Charles Demailly" et ils 
l'attaquent dans un autre ouvrage comme une abdication estlietique 
des qu'il s'etale „tout vert, tout cru, tout brut". Ils defendent l'art 
pour l'art, la moralite du beau ; ils parsement leurs ecrits d'etincelants 
morceaux de prose, et, en ces dernieres annees, alors que M. Edmond 
de Goncourt est embrigade pourtant dans un cenacle qui ne se re- 
commande pas de l'auteur de r„Tntermezzo", on le voit parfois revenir 
ä ses premieres inspirations et creer, dans le personnage de la Tomp- 
kins, un pendant au Fortunio de Theophile Gautier. ') 

Auch bei den Goncourt hat die Kritik Hennequins 
Heines Spuren entdeckt. „M. de Goncourt est comme un con- 
fluent de deux esthetiques. l\ a garde beaucoup de sa fre- 
quentation de Tancienne France, de la France de Diderot et de 
M""" de Lespinasse. Mais 11 a ete conquis aussi par le ronian- 
tisme septentrional qui nous a envahis, par Poe, de Quincy, 
Heine, par ce que Balzac a innove. De cet amalgame est fait 
le charme et le heurt de son oeuvre, ce par quoi eile nous 
seduit et nous terrifie . . . 

On se targait surtout, au „ Paris 'V) d'avoir de la fantaisie, 
et visiblement H. Heine etait im peu le genie du lieii. Les 
Goncourt aussi suhirent cette admiration. „Une nuit de 
Venise" ^) est bien une fantaisie a la maniere des „Reise- 
bilder" et le „Ratelier" aussi," etc. — („Quelques ecrivains" 
etc., pag. 172.) 



1) Maurice Spronck, „Les artlstes litteraires", Paris 1889, pag. 146 ff. 

2) Litterf«r-artistische Tageszeitung mit Zeichnungen von Gavarni und 
Beiträgen von den Goncourt, Scholl, Banville etc.; erschien in den fünfziger 
Jahren. 

3) In den „Pages retrouvees". 



J 



auf die Gebrüder de Goncourt und Paul Bourget. 369 



Von den beiden Brüdern war es besonders der jüngere — 
der ganz aus Nerven bestand, die ihn auch ins frühe Grab 
brachten — , auf den Heine einwirkte, und zwar in dem Masse, 
dass sein Einfluss souverän und einzig in ihm herrschte. An 
Jules de Goncourt haben wir das typischste Beispiel von dem, 
was man in Deutschland unter Heines verderblichem Einflüsse 
versteht. Er hat — es geht dies unzweideutig aus seinen 
Briefen hervor („Lettres de Jules de Goncourt^', Paris 1885) — 
die Eigentümhchkeiten der Heineschen Prosa, ihren raschen 
Stil, ihr leicht berührendes, aber scharf ätzendes Wortfeuer- 
werk, die feine Ironie mit dem kühnen Hintergedanken, ihr 
unerwartetes Ueberspringen von Ernst zu Scherz — „de la 
grandeur melancolique d'un Pascal au poetique caprice d'un 
Heine" — ja bis zu ihrer beredten und willkürlichen Inter- 
punktion mit Gedankenstrichen etc. — Jules hat diese von 
Heine geschaffene Prosa geradezu studiert und dann kopiert.^) 

Seinen Freund Aurelien Scholl — auch einer, der bei 
dem „esprit" Heines in die Schule gegangen — bittet Jules de 
Goncourt mit folgender Schmeichelei um einen Brief („Lettres'', 
pag. 64): „Ecrivez-nous s'il fait soleil en vous et s'il pleut 
dans votre gentil coeur! — Du Henri Heine, s'il vous platt !^^ 

Die Nachricht von Heines Tod erfüllt den selbst zum 
baldigen Tod Verurteilten mit bitterem Schmerz. Aus Rom 
schreibt er — nicht sehr schmeichelhaft für Alexandre Dumas, 
Mignet und die iVndern — : „Heine est mort, mieux eüt valu 
dans la fosse tout le cortege. Je n'apergois que des näins pour 
tendre l'arc d'Ulysse." Und an Scholl, wenige Tage nach 
dem Hinscheide Heines: „Ah! ils nous logent lä-bas, cöte ä 
cöte, ä Bicetre ! Bravo, c'est une academie comme une autre, 



^) Auf dieses interessante und so gut wie unbeachtet gebliebene Problem 
der vergleichenden Litteraturgeschichte können wir nicht näher eingehen — 
hoffen aber bald Gelegenheit zu haben, in einer Einzelstudie auf den Einfluss 
Heines, wie er sich so merkwürdig in den Goncourt zu erkennen gibt, zurück- 
zukommen. 

Betz, Heine in Franki'eich. 24 



370 H. Heines Einfluss 



n'aiirions-nous de compagnons qu'Hoffmann et Henri Heine. — 
Une bien grande mort que la mort d'Henri Heine. — Nous 
ne serions pas en trop mauvaise compagnie. Que voiis en 
semble?" (Aus Rom, 28. Februar 1856.) 



Paul BourgetO 

(1852). 

Wir hätten Bourget den Dichter — denn der erfolgreiche 
Meister des modernen psychologischen, Empfindung secierenden 
Romans kommt hier weniger in Betracht — unter die Par- 
nassiens einreihen können, ohne seinem Talente und der Fär- 
bung desselben Gewalt anzuthun. In seiner Jugend bildete 
er mit Maurice Bouchor und Richepin das stadtbekannte 
unzertrennliche Dichterkleeblatt. Er war damals noch nicht 
der kosmopolitisch denkende und schreibende Romanschrift- 
steller, was ihm den Beinamen „le juif errant des idees'' ein- 
getragen hat. Die ersten Meister, bei denen der zwanzig- 
jährige Bourget seinen Geist bildete und Trost suchte — denn 
seine Jugend war keine glückliche, wenn wir ihm selbst 
glauben dürfen : „Oh 1 non, je n'en voudrais pas revivre un 
jour, pas un seul^' — waren Stendhal, Balzac und besonders 
aber Heine. Wie dieser, begann der junge Poet in kleine 
Lieder die grossen und wohl auch kleinen Leiden mit bitter 
sarkastischem Lächeln hineinzulegen. „Entre temps, la ving- 
tieme annee etait la avec ses habituelles esperances a la 
fois bienfaisantes et decourageantes — comme toutes les 
choses d'ici-bas. Naturellement, M. Bourget imita le maitre 
qu'il aimait dans la traduction de ses pensees. De la ce pre- 
mier volume de vers d'amour : „Au bord de la mer'', tout en 
courtes pieces musicales, compHquees, delicates et dejä si tristes. 



^) Inzwischen einer der vierzig Unsterblichen geworden. 




auf die Gebrüder de Goncourt und Paul Bourget. 371 



On dirait du „H^ii^^"; on pretend quo la „Petite couleuvre 
bleue" en est.'' ^) 

Auch E. Hennequin^) weist vorübergehend auf den deut- 
schen Einfluss hin. „P. Bourget parait avoir obei aux meines 
tendances dans son premier recueil de vers. Depuis, ce poete 
s'est rallie ä Shelley, aux lakistes, ä Baudelaire ; mais dans la 
„Vie inquiete'' les chansons allemandes ne manquent pas, et il 
est une piece, la ,, Couleuvre bleue", fantastique et musicale, 
qui pourrait etre inseree sans disparate dans une anthologie 
allemande." („Ecrivains" etc., pag. 293.) 

Aus der Reihe der zahlreichen Gedichte, die deutlich den 
Stempel Heinescher Inspiration tragen, und typisch wegen 
der eigentümlichen Mischung von ironischer Melancholie mit 
elegant kokettierendem Pessimismus sind, wählen wir bloss 
zwei — das eine davon die bereits citierte „Couleuvre bleue" — , 
die nicht nur dem Modell am nächsten kommen, sondern auch 
mit zu den hübschesten der ganzen Liedersammlung gerechnet 
werden. („Oeuvres de Paul Bourget — Poesies" [1872 — 1876] 
— „Au bord de la mer" — „La vie inquiete" — „Petits 
poemes" — Paris, Lemerre, 1885.) 

La petite couleuvre bleue. 

I. 
La petite couleuvre bleue 
Du desir irie sifflait tout bas : 
„0 poete, encor une lieue, 
Marche vite et ne tremble pas." 

— „0 petite couleuvre bleue, 
' Que tes sifflements m'ont fait mal. 

J'ai chemine plus d'une lieue 
Sans rencontrer mon ideal. 

^^ft ^) E. Tissot, „Les evolutions de la critique fran(jaise". 

^^» ^) Es freut uns, den in unserer Arbeit oft citierten Kritiker von W. Wetz 
so verständnisvoll und eingehend behandelt zu sehen. (Vergl. „Kritischer 
Jahresbericht über die Fortschritte der romanischen Philologie", IL Heft, 1894, 
pag. 163 — 169.) 



372 



H. Heines Einfluss 



Mon ideal est une vierge 

Qui jamais ne me sourira." 

— „Ya, frappe ä la prochaine auberge, 

Qui sait quelle main l'ouvrira?" 

II. 

Une vieille, avec politesse, 
Ouvre la porte, doucement: 
„Avez-vous vu, dame l'hotesse, 
Une enfant au rire charmant? 

Elle porte, la jeune vierge, 
Des perles noires au collier." 

— „Elle a dine lä, dans l'auberge, 
Avec un jeune cavalier." 

— „Merci, madame." 

— „Voici riieure 
Oü l'ombre tombe, entrez chez nous." 

— „Merci, l'hotesse ; que je meure, 
Si je dors une heure chez vous!" 



III. 

„Petita couleuvre menteuse, 
Pourquoi m'as-tu charme le coeur? 
Oh! dis-moi, n'es-tu pas honteuse 
De me siffler ton air moqueur? 

Voici que, seul et sans lumiere, 

Je reconnais le vieux chemin 

Qui conduisait au cimetiere." 

— „Marche encor et crois ä demain; 

Peut-etre que, parmi ces marbres, 
Erre ton amie. 

— On entend 
Gemir le vent parmi les arbres : 
C'est son soupir, eile t'attend." 



auf die Gebrüder de Goneourt und Paul Bourget. 373 

IV. 

„0 p«tite couleuvre fausse, 
Je suis las et la nuit pälit, 
Voici l'aube." 

— „Entre dans la fosse, 
Pour sommeiller, c'est un bon lit; 

Tu reveras de cette amie 
Que tu poursuivis si longtemps." 
— „La terre a mon ame endormie 
Est bien lourde, que faire?" 

— „Attends!" 

Pensees d'automne. 
I. 

Ce monde meilleur et tout autre, 
Le Paradis, je n'eii veux pas. 
Tout mon souvenir tient au notre, 
Toute ma vie est ici-bas. 

La belle enfant que j'ai choisie, 
Ses cheveux, sa bouche et ses yeux, 
Sa jeunesse et sa poesie, 
Je ne les aurai pas aux cieux ; 

Si la chair n'est pas Immortelle, 
Si les formes doivent perir, 
Je ne reconnaitrai plus celle 
Qui m'a fait aimer et souffrir. 

IL 

Par les sentiers boueux d'automne, 
Je marche, les cheveux au vent ; 
Plus d'un passant muet s'etonne 
Et me considere en revant. 

Au milieu des feuilles jaunies, 
Les lueurs des soleils couchants 
Ont des tristesses infinies, 
Dans le grand silence des cliamps. 



374 H. Heines Einfluss 



III. 

L'automne! Fautoiiine! — Les liaies 
Et les arbres sont defeuilles, 
A peine quelques rouges baies 
Tremblent aux buissons depouilles. 

L'automne! Fautomne! — Les routes 
Soni desertes, sous Fair glace, 
Et les feuilles s'amassent toutes 
Dans les profondeurs du fosse. 

L'automne! Fautomne! — La vie 
Fletrit chaque jour, sous nos yeux, 
Toute la beaute qui convie 
Le coeur ä la fete des cieux. 

Ce pauvre coeur en vain reclame 
L'eternite pour ses amours. 
— Nous n'avons pas meme assez d'äme 
Pour aimer et soufFrir toujours. 

Beide Gedichte gehören dem Cyklus „Au bord de la mer'^ 
(1872 — 1873) an, dem ßourget ein längeres Citat aus dem 
„Intermezzo" vorausschickt, wie auch der Liedersammlung 
„Vie interieure". 

Doch auch in seinen späteren Prosaschriften kritischen 
und ästhetischen Inhalts zeigt es sich, wie sehr ihn Heine 
stets beschäftigt. Er gehört mit Banville zu denen, die in 
dem Dichter des „Buch der Lieder" einen der grössten Poeten 
aller Zeiten und den unübertroffenen Sänger der Liebe ver- 
ehren. In der Einleitung zu der Studie über Chateaubriand 
(„Etudes et portraits", 1889) heisst es am Schlüsse: „Un poete 
qui s'y connaissait en douleurs, cet Henri Heine dont l'„Inter- 
mezzo" reste le plus ardent livre d'amour de notre epoque, 
disait dans ses derniers jours : Je n'ai jamais aime que des 
statues et que des mortes." Und gleich darauf beginnt er das 
erste Kapitel mit den Worten (pag. 62) : „Elles ont ete les 



auf die Gebrüder de Goncourt und Paul Bourget. 375 



plus heureuses inspirations de son genie, ces dispariies aux- 
quelles Henri Heine pensait si follement, puisqu'elles lui ont 
fait ecrire les pages du „Tambour Le Grand" et les „Remi- 
niscences du Livre de Lazare". C'est qu'en toute chose, poesie 
ou histoire, la Sympathie est la grande methode." — Noch 
eine letzte Stelle : In seiner dialogisch gehaltenen ästhetischen 
Studie „Science et poesie" (ebendaselbst) spricht Pierre V. . . 
die Ansicht aus, dass jedes wirklich grosse poetische Werk 
als Vorbedingung Isoliertheit vom allgemeinen Milieu verlange. 
Byron und Chateaubriand waren hn Kampfe mit ihrer Um- 
gebung, Edgar Poes träumerisches Dichten entstand mitten 
im materialistischen Jagen der amerikanischen Industrie, und, 
fährt er fort : „Je me suis souvent represente le poete comme 
un Gyges et qui ne pourrait entendre ce que Ton dit de lui, 
et, si vous voulez etudier la psychologie des tout ä fait grands, 
de ceux qui, comme Shakespeare, comme Shelley, comme 
Keates, comme Heine, ont recule les bornes du c(Eur et du 
songe, vous trouverez qu'ils ont eu au doigt, meme dans la 
gloire, la bague qui rend invisible, et autour de leur personne 
le nuage qui rend isole." (Pag. 218.) 



376 H. Heines Einfluss 



Achtes Kapitel 

Ueber die zeitgenössischen Strömungen 

der französischen Poesie und deren Zusammenhang 

mit Heines Dichtung 



„S'il rcnaissait deiuain, rauteur des „Reisc- 
bilder" verrait qu(^ ses oeuvres ont un rayon 
ä part dans toutes les bibliotheques." 
Phil. Audebrand 
(„Petits memoires du XIXe sieclc"). 

„Et nous, jeunes g-ens de cette seconde 
inoitie de ce siecle, ä qui Heine a, pour ainsi 
dire, enseigne l'amour lärme i^ar lärme et baiser 
par baiser, nous y avons gagne le „Heimkehr" 
et r„Intermezzo", — c'est-ä-dire deux cantiques 
de tendresses tels que Jamals poete n'en avait 
chuchote si pres de Tarne humaine." 

Marcel Prevost. 

Frankreich, das in diesem Jahrhundert ungefähr ein 
Dutzend Mal die Regierungsform gewechselt und circa eben- 
soviel philosophische Systeme verbraucht hat, blieb in der 
Reichhaltigkeit seiner Dichterschulen und -Gruppen, wie be- 
kannt, nicht zurück. Wie jene, waren auch diese meist von 
kurzer Dauer und die Gründer überlebten hier und dort nicht 
selten ihr Werk. 

So bunt, wie seit einigen zehn Jahren, hat es im fran- 
zösischen Dichter walde nie zuvor ausgesehen. „Decadents, 
Symbolistes, Mystiques, Impressionnistes, Quintessents, Deli- 
quescents" etc. etc., jede mit einem Häuflein Anhänger und 
einer kleinen ,,Revue" als Tummelplatz verkannter Genies — 



M 



und die zeitgenössischen Strömungen. 377 

wetteifern untereinander im Suchen nach einem neuen Dichter- 
ideal. ^) Alle diese Gruppen auseinanderzuhalten und zu 
definieren, ist schon deswegen unraöghch, weil die Dichter 
und Dichterlinge, die man einzuteilen hätte, selbst gegen alle 
Klassifizierung protestieren. Verlaine will nicht „Decadent", 
Maeterlink nicht „Symboliste" undHuysmans nicht „Impression- 
niste" genannt sein. Eigentlich gibt es — will man nach den 
zahllosen Programmen und Manifesten urteilen — ebensoviel 
Schulen wie Dichter. ^) Ferner ist an eine übersichtliche 
Einteilung schon nicht zu denken, weil eine ganze Reihe der 
„Modernes" zwischen den beiden Hauptrichtungen — den 
Decadents und Symbolistes — schwankt und bald der einen, 
bald der andern folgt, was um so merkwürdiger ist, da doch 
Decadence (= Baudelairisme) und Symbolisme Gegensätze 
sind, insofern als die erstere den Begriff und die Form der 
Poesie auf ein kleines menschliches „Ich" reduziert und der 
letztere die Unendlichkeit im All der Phantasie („le tout") 
bedeutet. 

In That und Wahrheit — zu diesem Schlüsse muss der 
Litterarhistoriker unfehlbar gelangen — gibt es seit den Tagen 
der französischen Romantik überhaupt keine charakteristische, 
kompakte Schule mehr, sondern bloss Dichtergruppen. ^) Denn 
es fehlt der Feind, das mit vereinten Kräften zu bekämpfende 
Objekt; es fehlt das gemeinsame Streben nach gemeinsamen 



^) Los promoteurs de hi souscription (pour un monument en l'honueur 
de Charles Baudelaire) etaient, pour la plupart, des decadents et des sym- 
bolistes. Je leur demaude pardon, si je les designe mal. Les ecoles et les 
cenacles changent maintenant de nom tous les huit jours ; il n'y a pas moyen 
de s'y reconnaitre. — (Fr. Coppee, „Mon franc parier", 1894, pag. 180.) 

-) ,,Sie sind keine Schule, sie folgen keinem gemeinsamen Gesetz. Man 
kann nicht einmal sagen, dass sie eine Gruppe sind; sie schliessen sich nicht 
zusammen und vertragen sich nicht; jeder hat seine eigene Weise, von welcher 
der Andere nichts wissen will." (Hermann Bahr, „Studien zur Kritik der 
Moderne", 1894, pag. 20.) 

^) Eine kurze Spanne Zeit allerdings besass der Naturalismus eine ein- 
heitliche Idee. 



378 H. Heines Einfluss 



Zielen, d. h. das fruchtbar fördernde Motiv. — Die Kampfes- 
lust gegen den Klassicismus — bei allen Romantikern mehr 
oder weniger ausgeprägt — machte ihre Litteratur stark, 
kernig und reich. — Jetzt fühlt jeder Poet das Bedürfnis, auf 
altem Felde neue Saat zu streuen; sein Ehrgeiz träumt von 
neuen Bahnen, die zum verheissenen Lande eines neuen Kunst- 
ideals führen sollen — unter seiner Führung natürlich. Daher 
die Buntscheckigkeit des modernen Parnass, und — um ja das 
Wort des Rabbi Ben Akiba Lügen zu strafen — jene Sucht nach 
Niedagewesenem, Unerhörtem, wobei die bizarrsten Resultate 
zum Vorschein kommen. Mit absichtlichem Bewusstsein wählen 
sich die Manifestanten irgend einen Meister vergangener Zeiten 
als Schutzpatron, sei es, angezogen von deren Vorzügen, — oder 
von ihren Fehlern. Das letztere häufiger, weil diese leichter 
nachzuahmen sind. — Da wir also keine drei moderne Dichter 
unter einen Hut bringen können, suchen wir uns in diesem 
Durcheinander damit zu helfen, dass wir die allgemeine lit- 
terarische Bewegung im heutigen Prankreich als „Decadence" 
bezeichnen, indem uns dabei die analogen Perioden im alten 
Griechenland und Rom als Vorbild dienen, da sich Ueber- 
feinerung des Geschmackes, ruhe- und rastloses Tasten nach 
Neuem, mit geistigem und physischem Verfall verbanden. 
Doch soll hiermit nicht etwa der Verfall der romanischen 
Rasse gemeint sein, an den wir nicht glauben, sondern ein 
allgemeines Zeitsymptom, das nur von irgend einer Seite der 
Reaktion harrt. Gleiche Ursachen haben nicht immer die- 
selben Folgen. 

Charles Morice, der Kritiker der Modernen, ist natürlich 
anderer Meinung. Nachdem er („La litterature de tout ä 
l'heure") mit viel Sorgfalt und Geschick die Wurzeln seiner 
Schule aus dem reichen Boden der Parnassiens, Romantiker 
und des klassischen Zeitalters herausgegraben, protestiert er 
nicht ohne Logik gegen den Namen „decadence": „On a dit 
Decadence et Symbolisme: je ne reconnais d'incontestable 



und die zeitgenössischen Strömungen. 379 



decadence litteraire que dans les roraans ä la mode; je ne 
connais point de litterature qui ne soit symbolique. Rieii 
n'est aussi parfaitement inutile que ces etiquettes." (Pag. 295.) 
Er behauptet, dass die Decadents durch ihre Bemühungen, 
den alten Schatz der Sprache zu heben, ganz im Gegenteil 
gegen die Decadence der Sprache arbeiten. Noch radikaler 
drückt sich ein anderer Kritiker dieser Färbung aus. Nach 
ihm beginnt die Decadence — der Name rührt, nebenbei 
gesagt, von Champsaur her, einem geistreichen Boulevard- 
chronisten ä la Aurelien Scholl — im XVII. Jahrhundert und 
dauert bis Chateaubriand. „Les vrais decadents sont les 
classiques, au parier si pauvre, denue de toute puissance 
sensitive, de couleur, de joaillerie, de psychologie et de pre- 
cision. La phrase de cette epoque sonne creux, rien ne git 
en dessous ... II faut excepter 1',, Esther" de Racine, Saint- 
Simon, La Bruyere; le reste ne vaut guere lecture." (Paul 
Adam, citiert von Maurice Peyrot, „Nouvelle Revue", Bd. 49, 
ipag. 130.) 

Versuchen wir nun noch kurz die französische Litteratur- 
[strömung als Gesamtheit zu charakterisieren. Nach einigen 
[Notizen über ihre Geschichte — ein klares Bild von diesem 
unklaren Ding wird uns schwerlich gelingen — werden wir 
auch hier wieder den Weg zu Heines Einfluss zu finden 
wissen. 

Die neue Schule unterscheidet sich schon auf den ersten 
Blick von den Romantikern durch ihr bizarres, fremdartiges 
Wesen. Auch diese schwärmten schon für das Wunderbare 
und Seltsame — aber vernünftige Wahrscheinlichkeit war 
noch nicht gebannt. Der französischen Muse von damals 
flösste mit wenigen Ausnahmen die Phantastik, wie sie im 
Reiche der Poesie in England und Deutschland ihre Rechte 
hatte, noch Misstrauen ein. Urheber dieses abnormalen und 
zugleich eminent antinationalen Zuges ist Charles Baudelaire 
— verhöhnt und geschmäht von den Einen, von Andern in 



380 H. Heines Einfluss 



alle Himmel gehoben. Sein Dichten und seine Kritik träufelten 
— die Einen sagen Gift, die Andern Balsam und neu be- 
lebenden Saft in die Adern der französischen Poesie. Von 
ihm, dem Bewunderer und ersten Nachahmer und Ueber- 
setzer des grausig-phantastischen Amerikaners Edgar Poe, 
stammt der litterarische Selbstekel, der Pessimismus-Spleen. 
Alle Schleusen öffnete er dem fremden Einfluss und arge 
Verheerung richtete der Kosmopolitismus in den Gefilden der 
französischen Nationaldichtung an. Er war es — und dies 
wird seine hohe litterarische Bedeutung bleiben, mag man sie 
missbilligen und verwünschen oder heilsam nennen — , der 
der französischen Dichtkunst die kosmopolitische Taufe gab. 
Schwerlich wird diese fürderhin je wieder im alten Sinne 
national werden können. „Nous en sommes satures," klagt 
ein Kritiker über das Eindringen fremder Poesie, und der be- 
rühmte Romanist Paul Meyer ^) hat Recht, wenn er Frankreich 
mit einschliesst, indem er sagt: „Dans l'Europe moderne, les 
litteratures ont si bien reagi les unes sur les autres, qu'aucune 
n'offre plus un caractere veritablement national. Elles sont 
toutes plus ou moins cosmopolites." 

Wie musste französisches Empfinden mit fremden Ein- 
drücken imprägniert sein, damit ein französischer Dichter 
und Kritiker schreiben konnte: „C'est un dejä vieux fait 
qu'Edgar Poe, ä peine revele en France, y trouva comme la 
patrie naturelle de sa gloire, orpheline en sa vraie, vraiment 
factice patrie. De lui et de Baudelaire, il faut aimer les in- 
fluences comme fraternelles et qu'il sied de ne separer point.*'^) 

Nicht dass es keine Andersdenkende gäbe — ganz ab- 
gesehen von Brunetiere. Man vergleiche mit dem obigen 
folgende Definition der Dichtung Edgar Poes : „L'esprit mathe- 



1) „De l'influence des troubadours sur la poesie des peuples romands' 
(Romania V, 257). 

-) Charles Morice, 1. c, pag. 201. 



J 



nn(( die zeitgenossischen Strömungen. 381 

matique, rimagination et l'alcool dans im cerveau americain, 
atteint du delirium tremens." ^) 

Allein es bedeutet nichtsdestoweniger eine ausserordent- 
liche Metamorphose des französischen Geistes, dass Morice 
im Namen einer grossen Anzahl moderner Poeten sagen 
durfte, Prankreich sei die natürliche Heimat Poes. Einiger- 
massen erklärlich wird diese Erscheinung dadurch, dass einige 
der tonangebendsten Decadents Ausländer sind. Rene Ghil, 
dessen Worttonsystem an hellen Blödsinn grenzt, ist Belgier; 
Jean Moreas Grieche, Stuart Merill — einer der geniess- 
barsten — und Viele-Griffin sind Landsleute Edgar Poes. 

Wenn von dem fremden Einflüsse als erstem und Haupt- 
merkmale der modernen französischen Litteratur gesprochen 
wird, so darf auch ein Schweizer nicht vergessen werden, 
dessen pessimistischer Hamletcharakter und poesievolle Natur- 
symbolistik manchen Baustein zu dem Decadence-Gebäude 
geliefert haben. Wir meinen den Genfer Professor Henri- 
Frederic Amiel,^) der im Jahre 1881 mit der festen Ueber- 
zeugung starb, dass sein Name mit seinem Leben dahin- 
gegangen sei. Statt dessen wurde er bald durch die Ver- 
öffentlichung der „Fragments d'un Journal intime", die Edm. 
Scherer herausgab und Renan und Caro in Prankreich ein- 
führten, ein berühmter Toter. Noch kürzlich nannte ihn 
Brunetiere^) „Genevois dont on eüt fait un dieu, ä Paris, si 
ses compatriotes Feussent permis." — Einige Stellen des 
^merkwürdigen Tagebuches — das P. Bourget, der diesem eine 
[interessante Studie widmete, zu der Bemerkung veranlasst: 

„Pour eelui qui va etudiant ä travers la litterature actuelle les 
traits epars de la grande äme contemporaine, ce Journal d'Amiel 



1) Arthur Arnould, „Revue moderne", Bd. XXXIII, pag. 83. 
^) lieber Amiel vergl. u. a. Gastou Frommel, „Esquisses contemporaines", 
und M®"'' Emma Warnod, „Etudes litteraires et morales". 
3) „Revue bleue", 20. Mai 1893, pag. 615. 



382 H. Heines Einfluss 



constitue une sorte d'experience psychologique toute notee et de la 
valeur la plus precieuse." 

(„Psychologie contemporaine", Paris 1892, pag-. 255.) 

— bilden geradezu Marksteine der französischen Mystik und 
Symbolistik, so besonders der berühmte, oft citierte Satz : 
„Tout paysage est un etat d'äme", der sich zu dem Sym- 
boHsme verhält wie „Fart pour l'art" zu den Parnassiens. Ein 
Vollblutsymbolist könnte folgendes hübsche Bild gefunden 
haben: „Ce petit sentier, royaume du vert." 

Charakteristisch ist dann in zweiter Linie für die Modernen 
aller Nuancen: Verschwommenheit des Gedankens, unklarer 
Stil — nicht selten bis zur Unverständlichkeit. ^) Bei einigen 
scheint die Kunst darin zu bestehen, den Schleier der — 
Poesie so dicht wie möghch über die Idee zu ziehen. Ob- 
jektive, deutliche Beschreibung ist verpönt. Die Natur, jedes 
menschliche Handeln und Denken muss sich im Symbol äussern, 
das darm erraten werden soll. — Wir sollen lernen, Worte 
„klingen" zu hören, statt immer plumpe genaue Verdeutlichung 
zu verlangen, die es niemals vermag, die geheimen Fäden 
des Gedankens wiederzugeben. Die Poesie soll musikalische 
Empfindungen erwecken, aber nicht wie bei den Parnass- 
dichtern durch Versroutine, sondern gerade im Gegenteil durch 
eine undeutlich schimmernde und schwankende Vers- und 
Wortrhythmik. Hier begegnen wir dem Einflüsse Wagners. 
Die Musik betrachten sie als die ihrem Ideal am nächsten 
kommende Kunst. Brunetiere weist auf einige Titel hin, die 
diese Tendenz bestätigen:^) „Romances sans paroles'' (Ver- 
laine), „Complaintes" (Lafargue), „Cantilenes" (Moreas) etc. 

Allen gemeinsam ist ferner das Streben und Tasten nach 
neuen Sensationen, nach einer neuen Art, alte Dinge zu be- 



1) Sie nennen dies „channe — " oder „poesie du vag-ue . 

2) „Revue bleue", 17. Juni 1893. 



I 



und die zeitgenössischen Strömungen. 383 



zeichnen ; ') sie erhoffen eine grosse idealHtterarische Epoche 
als notwendige Reaktion des Zeitalters der materialistischen 
und naturalistischen Kritik und Litteratur, die, von der Hoch- 
flut der praktischen Wissenschaften mitgerissen, die alten Be- 
griffe von Geschmack und Dichterideal verloren haben. 

Am radikalsten zeigen sich alle ihre Bestrebungen auf 
dem Gebiete der Form, der Poetik, wenn auch hier wiederum 
verschiedene Nuancen zu unterscheiden sind. So hat sich 
besonders Paul Verlaine, unstreitig der hervorragendste Dichter 
der Decadence, deren anerkanntes Haupt er auch ist, stets 
seiner parnassischen Jugend erinnert. Ironisch sagt er von 
einigen Erzeugnissen des „vers libre", dass man dergleichen 
zu seiner Zeit Prosa genannt habe. 

Von diesem rein äusserlichen Standpunkte aus betrachtet, 
ist die Decadence erst einige zehn Jahre alt. Denn es war 
im Jahre 1880, als ein exotischer Dichter, mit Namen Vergolo, 
seine „Poetique nou volle" herausgab, worin für den „vers 
blanc" und „vers libre" eine Lanze gebrochen wird. Die Regeln 
der Cäsur und des Hiatus schafft er ab. ^) Ungleich grösseres 
Aufsehen erregten dann in den achtziger Jahren die „Illu- 
minations^^ des excentrischen Arthur Rimbaud, die schon lange 
als Manuskript bei den „Jungen'' cirkuliert hatten. Verlaine 
wird bekehrt und begrüsst mit Enthusiasmus diese Sammlung 
von Prosa und Poesie : „Un pur chef-d'oeuvre , flamme et 
crystal, fleuves et fleurs et grandes voix de bronze et d'or." ^) 
In diesem Liedercyklus befindet sich das berühmte, viel be- 
spottete Sonett, das mit den Versen beginnt: 



^) Das Neue an den Modernen insgesamt — und darin unterscheiden 
sie sich von den Romantikern, mit denen sie immerhin einige Berührungs- 
punkte haben — ist, dass sie nach Stimmungen (sensations) suchen ; sie sind 
ganz Nerv. 

2) Vergl. Georges Rodenbachs „La nouvelle Poesie", „Revue bleue", 
4. April 1891. 

3) „Les hommes d'aujourd'hui", 7* vol., N" 318. Ebenso zu vergleichen 
Paul Verlaine, „Les poetes maudits" (Rimbaud, Mallarme, etc.), Vanier, 1888. 



384 H. Heines Einfluss 



„A iioir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu, voyelles, 
Je dirai quelque jour vos naissances latentes" etc. ^) 

Sein Einfluss war es, der nicht nur auf Verlaine, sondern 
auch auf die ganze junge, auf ein neues Genie harrende 
Dichterschar bahnbrechend wirkte, vor Allem auf dem Ge- 
biete des Versbaues. Der Reim verschwindet ; es bleiben mei- 
stens nur Assonanzen, und oft sind die Verse reim- und 
assonanzlos (vers blancs). Alle alten Gesetze der Prosodie 
werden der Plastik der poetischen Idee, dem Wortbilde ge- 
opfert. Die Symbolistes werden allerdings später unter der 
Führung Rene Ghils und Jean Moreas' andere Wege ein- 
schlagen, w^eil sie wähnen, etwas nie Dagewesenes — das 
„Symbol" — entdeckt zu haben. Hierauf erwidert aber sehr 
richtig ihr Altmeister Verlaine: „Qui dit symboles, dit Images, 
et qui dit images, dit poesie. Tous les vrais poetes ont ete 
symbolistes." 

Wir haben es bisher vermieden, in diesem Zusammen- 
hange von unserem Dichter zu reden, obgleich hierzu schon 
wiederholt Gelegenheit geboten gewesen wäre. Wir zogen 
es vor, die Symptome seines Einflusses zusammenhängend 
und der Reihe nach, bei Baudelaire beginnend, nachzuweisen. 
In einer so zerfahrenen, sich oft widersprechenden und noch 
zu keinem Endresultate gelangten Litteraturepoche unver- 
kennbaren Einfluss aufzudecken, muss — wir sind uns dessen 
wohl bewusst — ein gewagtes Unternehmen bleiben. Auf 
der andern Seite aber ein um so dankbareres, als es wohl 
noch niemandem eingefallen ist, in der modernen französischen 
Decadence-Dichtung Spuren — deutscher Einwirkung zu 
suchen. 

Wir beginnen mit Baudelaire und dessen Verhältnis zu 
Heinrich Heine. 



*) Die Erscheinung, den Buchstaben Farben und bestimmten Tonklang 
zuzuschreiben, ist nicht neu, wie Herrn. Bahr (1. c. pag. 22) nachweist. 



I 



und die zeitgenossischen Strömungen. 385 



An Charles Baudelaire (1821 — 1867), gleich hervorragend 
als phantastisch makabrer Sonderling und als Poet, hat sich, 
wie bei keinem andern Dichter Prankreichs, die Wahrheit des 
Goetheschen Wortes bewährt, das denjenigen tollkühn nannte, 
der es im Gallierlande wage, anders zu denken und zu handeln 
als die Mehrzahl. Wie gering musste der Autor der „Pleurs 
du mal" von Popularität und öffentlicher Meinung gedacht 
haben, um all dem Hohn und Spott, dem Schimpfe stand zu 
halten, der schon zu seinen Lebzeiten über ihn hereinbrach. ^) 
Ueberblickt man die Gesamtheit der Werke Baudelaires — 
Poesie und Prosa, Romane und Kritik — , so tritt uns dieser 
Dichter als eine abnorme und unfassliche Synthese der ver- 
schiedensten Persönlichkeiten entgegen. „C'est plutot un com- 
pose de cinq ou six individualites diverses qui tiennent la 
parole les unes apres les autres, sans ordre logique, au hasard 
de l'inspiration momentanee, sans que chacune d'elles prenne 
soin de ce qui a ete dit precedemment." ''^) In Wahrheit ist 
Baudelaire Spätromantiker, Parnassien, Decadent und Sym- 
bolist zugleich und nach einander. Wie bei Banville, so muss 
man auch bei ihm auf Gautier zurückgehen. Dieser selbst 
erzählt in seiner Biographie Baudelaires („Oeuvres completes 
de Baudelaire", Levy, 1892), dass der Autor der „Fleurs du 
mal" ihn stets als Lehrer und Meister angesehen, was schon 
die originelle Widmung des genannten Werkes besagt : „Au 
poete impeccable, parfait magicien es lettres frangaises" etc. 
Parnassien war und bheb er insofern, als er sich voll und 
ganz zu der Parole „l'art pour l'art" bekannte, die er aller- 

*) Manchen ist vielleicht noch das litterarische Schisma in der „Revue 
des deux Mondes" in Erinnerung, das auf Bruneti^res Protest gegen ein 
.Denkmal zu Ehren Baudelaires folgte. Darüber, ob der Standpunkt der „Revue 
[des deux Mondes" von 1892 gegenüber derjenigen vom 1. Juni 1855, die die 
[ersten Lieder Baudelaires (aus den „Fleurs du mal") veröffentlichte, einen 
[Fortschritt bedeutet, dürfte man verschiedener Ansicht sein. 

2) M. Spronck, „Les artistes litt^raires" etc., Paris 18S9, pag. 89. 

Bt'tz, Heine in Frankreich. "^ 



:-^86 H. Heines Einfluss 



dings auf seine Weise auffasste, d. h. von allem Banalen, 
Hergebrachten und besonders — Natürlichen in jeder Form, 
mi Leben und in der Kunst, gerade das Entgegengesetzte zu 
thun. Berühmt wurde der „Dandy der Decadence", wie er oft 
genannt wird, zuerst durch seine „Poemes en prose" und als 
Uebersetzer und Interpret Edgar Poes. ^) — Den Decadent 
hat Gautier im Auge, wenn er in der erwähnten Biographie 
(pag. 28) sagt : „Quoiqu'il soit bien evidemment romantique 
d'intention et de facture, on ne saurait rattacher par un lien 
visible Baudelaire ä aucun des grands maitres de cette ecole." 
Die geistigen Beziehungen zwischen Baudelaire und Heine 
glauben wir am besten mit der Geschichte einer interessanten 
und sehr bezeichnenden Kontroverse Baudelaires mit Jules 
Janin einzuleiten. Im zweiten Abschnitt haben wir den Artikel 
(„Henri Heine et la jeunesse des poetes") dieses optimistischen 
und charakterlos seichten Litteraten angeführt, in dem der 
Kritiker des „Journal des Debats" die bittere, melancholische 
Ironie des deutschen Poeten angreift und behauptet, dass 
seine Lyrik ebenso düster wie ungesund sei und aller jener 
Fröhlichkeit bar, die den Grundton der wahren französischen 
Poesie bilde. Janin glaubt hier mit seinem Namen — er 
unterzeichnet „Eraste" — auch die Meinung ändern zu dürfen. 
Janin, der Verfasser des im Abschnitt II ebenfalls citierten 
Nekrologs im „Almanach" von 1856, schreibt nämlich als 
„Eraste" in der „Independance beige" : „II fut (Heine), en 
effet, la premiere victime de son intarissable Ironie, et, comme 
s'il s'etait impose la täche ahommahle de rire aujourd'hui, 
demain, toujours, il n'a pas connu, de son vivant, la douce 
volupte des larmes; il n'en a pas fait repandre sur son cer- 



1) Will man von den vermeintlichen uniformen Kunstidealen der ersten 
Parnassiens einen Begriff bekommen, so stelle man die Lyrik der drei be- 
rühmtesten Anhänger derselben — Baudelaire, Leconte de Lisle und Fran^. 
Coppee — neben einander. 




und die zeitgenössischen Strömungen. 387 

cueil." — Hiermit ist seine Trauerhymne in dem citierten 
Kalendernekrologe zu vergleichen ! ') 

Dass dieser Artikel in erster Linie auf den in Brüssel 
lebenden, oder genauer, sterbenden Baudelaire gemünzt war, 
konnte diesem nicht entgehen ; er empfand den Hieb doppelt 
— einmal als Poet und Schüler Edgar Poes, und dann, weil 
er sich mit Heine selbst solidarisch fühlte. „Avez-vous lu — 
schreibt er an Sainte-Beuve ^) — l'abominable feuilleton de 
Janin contre les poetes melancoliques et railleurs?" Und in 
einem Briefe an Julien Lemer : ^) „Avez-vous vu l'infäme 
feuilleton d'Eraste sur H. Heine et la jeunesse des poetes? 
Janin blague les melancoliques. Je peux appeler ga une pierre 
dans mon jardin. Je fais une reponse. Mais dans quels termes 
M. le Figaro est-il avec J. Janin? La est la question." Einen 
gesalzenen und gepfefferten Brief schrieb er auch und zugleich 
eine Antwort, die für die „Independance beige" bestimmt war; 
aber beide Schriftstücke gelangten nicht bis in die Hände der 
betreffenden Redaktoren. Das Manuskript der letzteren ging 
später in den Besitz Poulet-Malassis' (Verleger und Baudelaires 
bester Freund in Brüssel) über. Herr Maurice Tourneux, der es 
besichtigt, erzählte uns, dass es mit einem Schwertzeichen 
als Unterschrift versehen war. Eugene Crepet hat dieses 
merkwürdige Fragment des schon geisteskranken Dichters, 
bei dem der Welt- und Selbstekel bereits den Wahnsinn 
streifte, in den „Oeuvres posthumes" (Quantin, 1887) publi- 
ziert. Für uns sind diese hastig hingeworfenen Sätze immerhin 



^) Es heisst dort u. a. : „Henri Heine avait un esprit tout francjais, plein 
de verve, d'ironie et d'eclat, obeissant k tous les caprices et k toutes les 
inspirations du railleur impitoyable et du poete en belle humeur. Quand on 

Iallait bien au fond de cet esprit charmant, tout rempli des ijIus genereuses 
passions et des plus nobles instincts . . ." etc. etc. 
I 2) Lettres inedites de Charles Baudelaire, „Nouvelle Revue", Bd. XLH, 
lag. 467. 
I 3) ^Livre", 1888, pag. 141 ff. 



388 H. Heines Einfluss 



interessant, weil Baudelaire hier uns selbst den Beweis liefert, 
dass nicht nur Byron und Poe, sondern auch Heine auf dies 
sonderbare Dichtergehirn eingewirkt hat. Die toll genialen 
Streiflichter fallen in diesem zerhackten Prosastück auf eine 
Reihe von Persönlichkeiten. Wir eitleren hier bloss die Stellen, 
die auf Heine Bezug haben : 

Pag. 58. „H. Heine etait donc un homme ! Bizarre. 
Catilina etait donc un homme, un monstre pourtant, puisqu'il 
conspirait pour les pauvres. H. Heine etait mechant, — oui, 
comme tous les hommes sensibles, irrites de vivre avec la 
Canaille ; par canaille, j'entends les gens qui ne se connaissent 
pas en poesie (le „genus irritabile vatum"). — Examinons ce 
coeur de H. Heine jeune. — Les fragments que vous citez 
sont charmants, mais je vois bien ce qui vous choque : c'est 
la tristesse, c'est l'ironie. Si J. J. (Janin) etait empereur, il 
decreterait qu'il est defendu de pleurer ou de se pendre sous 
son regne, ou memo de rire d'une certaine fagon ..." 

Pag. 60. „Je presente la paraphrase du „genus irritabile 
vatum" pour la defense non seulement d'H. Heine, mais aussi 
de tous les poetes. Ces pauvres diables (qui sont la couronne 
de l'humanite) sont Insultes par tout le monde. 

„ . . . Byron, Tennyson, E. Poe, Lermontoff, Leopardi, Es- 
pronceda; — mais ils n'ont pas chante Margot! Eh! quoi! 
je n'ai pas cite un Prangais. La France est pauvre. 

Deux parties egalement ridicules dans votre feuilleton. 
Meconnaissance de la poesie de Heine et de la poesie en ge- 
neral. These absurde sur la jeunesse du poete. Ni vieux ni 
jeune, il est. II est ce qu'il veut. Vierge, il chante la dehauche ; 
sohre, Vivrognerie.'-^ 

Was ihn eben zu Heines Poesie hinzog und ihn in seiner 
Auffassung eines wahren Dichters bestärkte, war dessen Kon- 
trastnatur, besonders aber Heines makabrer Witz, helden- 
mütiger Humor und blutige Satire — auf dem Leidenslager. 
Was Spronck (siehe oben) von Baudelaires Vorliebe für Hoff- 




und die zeitgenössischen Strömungen. 389 



mann sagt, der ihn entzückte, für Poe, dessen Schriften seine 
Bibel waren, für den Engländer Quincy, den Opiumsänger, 
für den der x\utor der Haschischlieder schwärmte, gilt auch 
für Heine. 

Ces existences doubles, oü d'ordinaire un roman vrai de misere 
et de desespoir se deroule parallelement ä une serie de splendides 
romans factices, le seduisaient par leur originalite. Devant leurs 
Oeuvres Iieurtees, presque diaboliques, troublantes par le brouillard 
d'Iiallucination qui les enveloppe, il admirait l'artiste et il aimait 
riiomme, avec une sorte de commiseration pour les soufFrances qu'il 
devinait. (Pag. 108.) 

Wenn Baudelaire für den leid- und schmerzbeladenen 
Dichter überhaupt schwärmt und nur in ihm echte Poesie 
wohnen lässt, wie dies aus zahlreichen Stellen seiner Werke, 
wie z. ß. aus folgender, hervorgeht: 

. . . Le siecle considere volontiers le malheureux comme un im- 
pertinent. Mais si ce malheureux unit Fesprit ä la misere, s'il est, 
comme Gerard, doue d'une intelligence brillante, active, lumineuse, 
prompte ä s'instruire, s'il est, comme Poe, un vaste genie, profond 
comme le ciel et comme l'enfer, oh! alors, l'impertinence du malheur 
devient intolerable! — („L'art romantique", pag. 356.) 

und wie dies Gautier in seiner Biographie (pag. 21) geistreich 
drastisch bestätigt : 

II aime ä suivre l'homme pale, crispe, tordu, convulse par les 
passions factices et le reel ennui moderne ä travers les sinuosites de 
cet immense madrepore de Paris, ä le surprendre dans ses malaises, 
ses angoisses, ses miseres, ses prostrations et ses excitations, ses 
nevroses et ses desespoirs. 

so ist die Annahme nicht allzu gewagt, dass Heine zum grossen 
Teil Baudelaire in die Arme Poes geworfen hat. Dabei ist 
nicht zu vergessen, dass seine besten Freunde Gautier, Ban- 
ville und Arsene Houssaye Heine kannten und verehrten. Von 
ihm geht die Idee von der psychischen Superiorität leiden- 
der Menschen aus. Ihre kranken Glieder und Nerven — so 



390 H- Heines Einfluß s 

heisst es, wie bekannt, in den „Reisebildern", wo er von den 
blassen Italienern spricht — wissen Leidensgeschichten 7a\ 
erzählen mit einer poetischen Wahrheit, die Kerngesunde 
ignorieren. Schon in seinen „Jugendliedern" hatte der deut- 
sche Dichter mitten in die Lyrik seines Lachens und Liebens 
hinein die berauschend-ansteckende und fremdartige Essenz 
— „eine Mischung von Gifthauch und Wohlgeruch" — eines 
kranken Herzens und leidenden Körpers — der Nevrose ge- 
träufelt. Dem gleichen Gedanken werden später die Goncourt 
in folgendem Passus Ausdruck verleihen, indem auch sie für 
die poetische Erhabenheit und Allgewalt der „Poesia del 
dolore" ^) eintreten. 

„Oh! certes, c'est la sante d'un genie bien portant (d. h. 
Hugo), mais toutefois, pour le rendu des delicatesses, des me- 
lancolies exquises, des fantaisies rares et delicieuses sur la 
corde vibrante de l'äme et du coeur, ne faut-il pas, je me le 
demande, un coin maladif dans l'homme, et n'est-il pas ne- 
cessaire d'etre un peu, ä la fagon de Henri Heine, un crucifie 
physique."^) („JournarS Bd. II, pag. 91.) 



^) Wir verweisen hier auf das Buch von Monti, das diesen Titel trägt und 
in dem Heine ausführlich behandelt ist. — Man vergleiche auch, was Barbey 
d'Aurevilly (Abschnitt II, pag. 58) über die dichterische Superiorität der 
Leidenden sagt. 

2) Genau so dachte, ausser Sainte-Beuve, der einem unglücklichen Dichter 
schreibt: „Fahren Sie fort zu singen und zu leiden; es ist der edelste Zustand 
einer sterblichen Seele" — auch der arme Guy de Maupassant : „Certes, 
ce mal effrayable (l'epilepsie de Flaubert) n'a pu frapper le corps sans assom- 
brir l'esprit. Mais, doit-on le regretter ? Les gens tout k fait heureux, forts 
et bien portants sont-ils prepares comme il faut pour comprendre. penetrer, 
exprimer la vie, notre vie si tourmentee et si courte? Sont-ils faits, les 
exuberants, pour decouvrir toutes les miseres, toutes les souffrances qui nous 
entourent, pour s'apercevoir que la mort frappe sans cesse, chaque jour, 
partout, feroce, aveugle, fatale." — Der dies schrieb („Etüde sur la vie de 
Gust. Flaubert" in „Lettres de G. Flaubert", Paris 1884), mochte wohl selbst 
fühlen, dass auch er nicht zu den „exuberants" gehöre, wennschon er nicht 
ahnen konnte, dass ihm in Kürze das Schicksal noch Grässlicheres als den 
Tod beschied : vollständige Umnachtung seines seltenen Geistes. 



und die zeitgenössischen Strömungen. 391 



Allein Baudelaire ist bei weitem kein Heinebewunderer 
„en bloc", wie seine genannten Freunde. Die Vergissmein- 
nicht-, Rosen- und Veilchenschwärmerei, die ganze Lyrik der 
vier Jahreszeiten, „pourrie de sentimentalisme materialiste", 
ist ihm sogar zuwider. Für die Natur hat er nur Sinne, wenn 
sie tragisch oder bizarr ist, ins Ungeheure oder abschreckend 
Grässliche ausartet. 

Die Kritik hat nicht mit Unrecht auf die krassen Wider- 
sprüche in Baudelaires Urteilen hingewiesen. „II oubliait, dans 
la chaleur de l'enthousiasme, ou sous la pression d'une amitie 
particuhere, ou pour tout autre motif, ses theories les plus 
energiquement soutenues." ^) Aber weder Edm. Scherer, Bru- 
netiere und Bourget noch, Dr. Ziesing ^) haben in dem Dichter 
der „Fleurs du mal" den mystisch-katholischen Zug genügend 
hervorgehoben, wie er allerdings erst in den von Crepet heraus- 
gegebenen nachgelassenen Schriften Baudelaires besonders stark 
hervortritt; und gerade dieses Charakteristikon löst manchen 
scheinbaren Widerspruch. Dieselben Symptome finden sich bei 
Barbey d'Aurevilly und ganz besonders bei dem mystisch- 
frommen Sünder Paul Verlaine. Fast auf jeder Seite der 
Gedichte Baudelaires stossen wir auf Spuren fanatischer, wenn 
man will satanisch katholischer Denkweise. Wie oft spricht 
er nicht von dem „peche primordial". Er selbst nennt sich 
„Heautontimorumenos", d. h. Selbststeiniger. Gott ist es, der 
dem Menschen alle Schrecken der Hallucinationen, alles Ent- 
setzliche irdischer Qualen ins Herz gelegt, auf dass er sich 
von der Erbsünde reinige. Ziesing vergleicht den Dichter 
treffend mit den Flagellanten des XIII. Jahrhunderts. Hier- 
mit hängt auch seine Frauenverachtung zusammen. Das Weib 
bedeutet für ihn das Fleisch gewordene Uebel, die verkörperte 



^) Spronck, 1. c. pag. 89. 

-) „Charles Baudelaire. Ein Essay", Zürich 1879. 



392 H. Heines Einfluss 

Versuchung, sagen wir es gerade heraus — den Satan. *) Die 
für den Tenor des ganzen Buches „L'art romantique" cha- 
rakteristische Seite, die hier folgt, birgt demnach durchaus 
keine Inkonsequenzen des von Heines Spott verletzten katho- 
lischen Poeten, mag der Ton, den er hier unserem Dichter 
gegenüber anschlägt, auch erheblich von dem des besprochenen 
Artikels gegen Janin differieren. 

II me semble que cet exces de paganisme est Ic fait d'un liomme 
qui a trop lu et mal lu Henri Heine et sa litterature pourrie de sen- 
timentalisme materialiste. 

Et puisque j'ai prononce le nom de ce coupable celebre, autant 
vous raconter tout de suite un trait de lui, qui nie niet liors de moi 
chaque fois que j'y pense. Henri Heine raconte dans un de ses 
livres que, se promenant au milieu de montagnes sauvages, au bord 
de preeipices terribles, au sein d'un ehaos de glaces et de neiges' il 
fait la rencontre d'un de ces religieux qui, aecompagnes d'un chien, 
vont ä la decouverte des voyageurs perdus et agonisants. Quelques 
instants auparavant, l'auteur venait de se livrer aux elans solitaires 
de sa haine voltairienne contre les calotins. II regarde quelque temps 
l'homme — humanite qui poursuit sa sainte besogne; un combat se 



1) Ganz kürzlich hat Georges Rodenbach in einem allerdings etwas 
überschwänglichen Aufsatze diesen Grundzug, dies einzige Einheitliche von 
Baudelaires Wesen in das richtige Licht gestellt : „Certes, un horame de 
decadence toujours, au seuil de la vieillesse d'un monde, au seuil de ce qu'il 
appelle lui-meme „l'automne des idees". Mais cet homme de decadence demeure 
aussi tout impregne de l'Eglise. Parmi les vices modernes et la corruption 
efifrenee dont il subit la contagion, il continue k etre le depositaire du dogme, 
le denonciateur du peche." („Le tombeau de Baudelaire", „Revue de Paris", 
1. Juni 1894, pag. 181.) — Pittoresk und geistreich stellt Rodenbach den 
inneren Zusammenhang der Decadence mit der Romantik dar: diese schwärmte 
für das Aeusserliche der Kirche des Mittelalters, für die neu entdeckten 
Schönheiten des gotischen Stils, für die restaurierte Notre-Dame-Kathedrale. 
„ . . . Cette Notre-Dame de Paris, aussitöt accaparee par Hugo, on peut dire 
qu'elle fut l'arche d'alliance du romantisme. Mais Hugo, comme le roi David, 
se contenta de danser devant l'arche, avec Esmeralda et les bohemiennes du 
parvis. — Or, la generation qui suivit entra, eile, dans Notre-Dame, se signa 
d'eau beulte, marcha vers le choeur, aflärraa son adhesion k la foi et aux mysteres : 
c'etait Barbey d'Aurevilly; c'etait Hello; c'etait Baudelaire." 



!1 



und die zeitgenössischen Strömungen. 393 



livre dans son ame orgueilleuse et enfin, apres une douloureuse hesi- 
tation, il se resigne et prend une belle resolution: Eh bien, non! je 
n'ecrirai pas contre cet homme! 

Quelle generosite! Les pieds dans de bonnes pantoutles, au 
coin d'un bon feu, entoure des adulations d'une societe voluptueuse, 
nionsieur Phomme celebre fait le serment de ne pas diffamer un pauvre 
diable de religieux qui ignorera toujours son nom et ses blasphemes, 
et le sauvera lui-meme, le cas echeant ! 

Non, Jamals Voltaire n'eüt ecrit une pareille turpitude. Voltaire 
avait trop de goüt; d'ailleurs, il etait encore homme d'action et il 
aimait les hommes. 

Als dem Jesuitenpater Hardouin einst die Kühnheit seiner 
Paradoxe vorgeworfen wurde, erwiderte er: „Croyez-vous 
que je me serais leve toute ma vie ä quatre heures du matin 
pour ne dire que ce que d'autres ont dejä dit!" — Baudelaires 
Ekel vor allem Hergebrachten — er mag zwar öfters um 
die vierte Morgenstunde das Lager aufgesucht als verlassen 
haben — , sein Hang zum Absonderhchen hat im Grunde 
keinen andern Ursprung. Seine excentrischen Anlagen, sein 
paradoxes „Ich" wurde durch geistesverwandte Vorbilder 
bloss genährt; er benutzte diese gewissermassen zur Schulung 
und Trainierung seiner Originalität, die schliesslich in Methode 
und Pedanterie ausartete. — Aus demselben Büchlein, dem 
wir obige Anekdote entnommen haben, eitleren wir noch fol- 
gende Stelle, wo Heine als einer der typischen Vertreter des 
modernen Paradoxon erwähnt ist. •) 

Pag. 70. „ . . . Ce savant (eben der Pater Hardouin) repre- 
sente bien le paradoxe moderne, obstine, fanfaron, violent, 
eontradictoire en principe et avec premeditation. . . . Le para- 
doxe tel que l'ont congu, enseigne, pratique des esprits voues 
a l'opposition par nature et par calcul, comme Richard Savage 
qui, depuis sa jeunesse jusqu'ä Tage de 89 ans, ne cessa de 



^) „Le Paradoxe ; essai sur les excentricites de l'esprit huinaiu dans tous 
les siecles", par Fred. Solue. Paris, Savine, 1888. 



394 H. Heines Einfluss 



prendre le contre-pied de toutes les idees regues dans son pays, 
comme Linguet, Henri Heine et presque tous les ecrivains 
dits originaux de la periode contemporaine." 

Das denkbar leichteste Mittel, originell zu erscheinen, sind 
die Kontrasteffekte. Wie Heine, so hat auch Baudelaire das 
plötzliche Ueberspringen vom Idealen zum Vulgären, vom 
Elegischen zum fratzenhaft Komischen oft benutzt. Die be- 
rühmte Theorie von den Kontrasten kannte zwar schon die 
Generation von 1830. Victor Hugo, der Verkünder derselben, 
hatte sie aber nur im Roman und im Drama verwertet. 
Baudelaire war seit Heine der erste — die Lieder desselben 
sind circa zehn Jahre vor dem Erscheinen der „Pleurs du 
mal" bereits übersetzt gewesen — , der sie auch in kurzen 
Gedichten anbrachte. Ein Beispiel liefert uns gleich das ein- 
leitende Gedicht, in dem er ein düster tragisches Gemälde 
irdischer Laster und des Erdenjammers entwirft, um im 
letzten Vers unerwartet abzubrechen mit dem ironischen Ruf 
an den Leser : 

„Hypocrite lecteur! — iiion semblable — mon frere!" 

Noch deutlicher zeigt sich diese Manier in einem seiner 
tiefempfundenen, sprach wuchtigen Lieder, in „Le cou verde" 
(„Fleurs du mal", pag. 214). Nachdem er nämlich das den 
Menschen stets beim Anblick der Unendlichkeit des Firma- 
ments umstrickende Angstgefühl in erhabenen Versen be- 
schrieben, schliesst er mit dem geradezu komisch wirkenden 
Bilde: 

„Le ciel, couvercle noir de la grande marmite 
Oü beut l'imperceptible et vaste Humanite." 

Baudelaire erzählt in der an Arsene Houssaye gerichteten 
Widmung der „Petits poemes en prose", dass ihn Louis Ber- 
trands (Aloysius genannt — 1807 bis 1841) posthumer „Gas- 
pard de la nuit" inspiriert habe. Nun ist allerdings nicht zu 
bestreiten, dass dieser originelle, mit Unrecht zu der obskuren 



U 



und die zeitgenössischen Strömungen. 395 

Schar der ersten Romantiker gerechnete Dichter der erste 
war, der sich in dieser hybriden Form der Poesie versucht 
hat. Sainte-Beuve, der über das Talent Bertrands günstig 
urteilte, berichtet, dass diesem die rhythmische, gefeilte, bis ins 
kleinste Detail studierte Prosa mehr Mühe gekostet als seine 
Verse. Allein Baudelaire gesteht selbst zu — und Gautier 
bestätigt es — , dass ihm die Nachahmung misslang und etwas 
ganz Anderes herauskam. Das Andere aber erinnert weit mehr 
an die Prosaübersetzungen Nervals. Als Baudelaire seine „Petits 
poemes" schrieb, war Bertrand längst vergessen; bequemer 
war es daher, das Publikum irrezuführen, als auf den eben 
erst erlösten deutschen Dichter als Vorbild hinzuweisen (die 
Gedichte erschienen zuerst in der „Revue fantaisiste" vom 
November 1861). Natürhch muss dies Konjektur bleiben. 
Eine solche kleine „fumisterie" bei dem Autor der „Paradis 
artificiels" zu suchen, dürfte immerhin zu verantworten sein. 

Wenn Baudelaire in der genannten Widmung u. a. sagt 
(pag. 2): 

„Quelle est celui de nous qui n'a pas, dans ses jours d'ambition, 
reve le miracle d'une prose poetique, musicale sans rytiime et sans 
rime, assez souple et assez heurtee pour s'adapter aux mouveraents 
lyriques de l'aine, aux ondulations de la reverie, aux soubresauts de 
la conscience?" 

so schweben ihm hier, wir sind fest davon überzeugt, die 
Nervalschen Uebersetzungen vor, die den ganzen Cenacle der 
„Revue fantaisiste" begeisterten. Wir bemerken an dieser 
Stelle gleich, dass der begabte, leider allzu oft dunkle Deca- 
dent Stephan Mallarme — er gilt sogar bei seinen Gesinnungs- 
genossen als „auteur difficile" — nicht nur den Edgar Poe- 
Kultus Baudelaires geerbt — seine täuschenden Nachahmungen 
der Lieder des Amerikaners übertreffen noch die seines Mei- 
sters — , sondern auch die Vorliebe für den nicht reizlosen 
Mischgenre (Stephan Mallarme, „Vers et Prose^', Paris 1893). 



396 H. Heines Einfluss 



Auch Baudelaire hatte vor der Plebs einen Künstler- 
horror ; er war, wie Heine, seiner innersten Natur nach durch- 
aus aristokratisch angelegt. „Les gens comme moi veulent 
que les affaires d'art se traitent entre aristocrates." („Curiosites 
esthetiques'^, „Salon" 1859, Kap. V.) Die Republikaner be- 
zeichnet er als Feinde der Kunst: „bourreaux de Venus et 
d'Apollon'' (ib. Kap. XVII). 

Wie Heine, hegt und pflegt er seine Herzenswunden und 
schwelgt in Weltverachtung. Es ist ihm eine wahre Wollust, 
im Leide seiner geplagten Seele zu wühlen. Auch hier 
natürlich treibt er es aufs äusserste. Baudelaires Schmerz hat 
nicht den Seelenadel und die vornehme Hoheit eines Byron, 
nicht den lyrischen Zauber eines Musset oder Heine; er ist 
düster, grauenhaft, ja oft abstossend. 

Je suis le sinistre miroir 
Oü la megere se regarde! 

Je suis la plaie et le couteau! 
Je suis le soufflet et la joue! 
Je suis les membres et la roue, 
Et la victime et le bourreau! 

Je suis de mon coeur le vampire, 
Un de ces grands abandonnes, 
Au rire eternel condamnes, 
Et qui ne peuvent plus sourire! 

(L'Heautontimoroumenos.) 

Wie Heine ferner feilt er fortwährend an seinen klang- 
vollen Versen, bis er den gewünschten Erfolg erzielt hat. 

Und schliesslich berührt sich Baudelaire mit Heine in der 
Auffassung des Weibes, wenn er auch hier die letzten Kon- 
sequenzen zieht, was mit dem erwähnten mittelalterlich reli- 
giösen Zuge zusammenhängt. Eine bekannte und leicht be- 
greifliche Thatsache ist es ja, dass geniale Menschen von der 
Frau — die eigene ist gemeint — vor allem, bisweilen aus- 



und die zeitgenössischen Strömungen. 397 



schliesslich, verlangen, dass sie natürlich sei — möglichst „na- 
türlich-schön" — versteht sich. — Man denke nur an Goethe, 
Rivarol und Heine. Wenn Baudelaire in dem .,Conseil aux 
jeunes litterateurs" („Art romantique", pag. 288) seinen jungen 
Berufsgenossen den erbaulichen Rat gibt: „C'est parce que 
tous les vrais Htterateurs ont horreur de la litterature, ä de 
certains moments, que je n'admets pour eux . . . que deux 
classes de femmes possibles: les filles ou les femmes betes, 
l'amour ou le pot-au-feu"; — wenn er in dem Gedicht 
„Sonnet d'automne" seiner Geliebten zuruft: 

— Sois charmante et tais-toi! 
und in einem andern sagt: 

Que m'importe que tu sois sage, 
Sois belle et sois triste ! 

so wird jeder, der Heine gelesen, sein Leben und seinen 
Mathilden-Roman kennt, zugeben, dass er im Grunde ebenso 
dachte. 

„Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, 

Wird täglich abgeschmackter! 

Sie spricht von dir, mein schönes Kind: 

Du hast keinen guten Charakter." 

Der uns als feiner Heinekenner und -Verehrer bekannte 
Dr. Ziesing bemerkt in seinem bereits erwähnten, anregenden 
Essay über Baudelaire (pag. 33) : „Wer kennt nicht das siebente 
Gedicht aus Heines „Traumbildern'^ : „Nun hast du das Kauf- 
geld, was zögerst du noch?" Das ist so recht im Stile eines 
Baudelaire gehalten, mit Verdammniswalzer, schielenden 
Kupplerinnen und lüsternen Pfäfflein. Das Gleiche gilt von 
Nro. 8: „Ich kam von meiner Herrin Haus'', das ist ver- 
deutschter Baudelaire." Gewiss, Dr. Ziesing hat hier sehr 
[richtig gesehen, nur hätte er sich umgekehrt ausdrücken 
^sollen, denn das ,, Lyrische Intermezzo" erschien schon an- 
fangs der zwanziger Jahre (die Nerval sehe Uebersetzung schon 



398 H. Heines Einfluss 



1848) und die „Pleurs du mal'' erst 1857. — Der Autor fährt 
fort: „Und was Heine, Deutschlands drittgrösster moderner 
Dichter, gesungen: 

„Da hab' ich viel blasse Leichen 
Beschworen mit Wortesmacht; 
Sie wollen nun nicht mehr weichen 
Zurück in die alte Naclit." 

das darf man füglich auf den französischen Dichter beziehen ; 
die Geister, die er rief, die ward er nicht mehr los . . . 
Baudelaire hat ein, man möchte sagen, Heine nachgeahmtes 
Gedicht dieses Genres (sc. der Totentanzballaden) geschrieben, 
betitelt „Le revenant"." 

Das fünfundsechzigste Gedicht des Buches „Spleen et Ideal" 
(„Fleurs du mal", pag. 186), das wir hier folgen lassen, trägt 
in der That den untrüglichen Stempel Heinescher Lyrik. 

Le revenant. 

Comme les anges a l'oeil fauve, 

Je reviendrai dans ton alcove 

Et vers toi glisserai, sans bruit, ^ 

Avec les ombres de la nuit; 

Et je te donnerai, ma brune, 
Des baisers froids comme la lune 
Et des caresses de serpent 
Autour d'une fosse rampant. 

Quand viendra le matin livide, 
Tu trouveras ma place vide, 
Oü, jusqu'au soir, il fera froid. 

Comme d'autres par la tendresse, 
Sur ta vie et sur ta jeunesse, 
Moi, je veux regner par Teffroi! 

Hiermit verlassen wir Baudelaire, mit dem wir uns viel- 
leicht allzulange beschäftigt haben. Es geschah dies jedoch 



und die zeitgenössischen Strömungen. 399 



um in diese Parallele alles hineinzuziehen, das unsere Ueber- 
zeugung rechtfertigt, es habe auch der Einfluss Heines ein 
Scherflein an der Entwicklung dieses merkwürdigen Decadence- 
Poeten — neben dem mächtigen Einwirken Edgar Poes und 
dem gleichfalls sehr bedeutenden HofFmanns — beigetragen. 
Bedenken wir somit, dass Baudelaire der geistige Vater der 
modernen französischen Decadence-Poesie ist, so müssen wir 
zu dem Resultate gelangen, dass neun Zehntel derselben anglo- 
germanisches Werk sind. — Es lag uns daran, dies festzu- 
stellen, bevor wir bei den Decadents der Neuzeit nach direktem 
Einflüsse Heines Umschau halten. 

Vorerst aber soll noch zweier moderner Vertreter dieser 
„Ecole satanique" gedacht werden, die sich unmittelbar an 
den Baudelairisme anlehnen. Hierher gehört zunächst 

Jean Richepin (1849), bei dem der Nihilismus, der alles 
belachende Spott und das Gift der nichts schonenden Ironie 
Heines — durch das Medium Baudelaires hindurch — ver- 
derbenbringende Früchte getragen hat. Richepins Leben lässt an 
romantischer Färbung nichts zu wünschen übrig. Der reich be- 
gabte, aber zügellose Jünghng hatte es bis zur „Ecole normale" 
gebracht, als der Krieg ausbrach, den er als Franctireur mit- 
machte. Später wurde er nacheinander Matrose, Bänkelsänger, 
„Kraftmensch" und Schauspieler in den „Theätres forains". 

In den „Chansons des Gueux" (1873), in der hübschen 
Liedersammlung „La mer'' (1886) und in dem reizenden 
Schauspiele „Le flibustier" („Theätre frangais", 1888) hat er 
demnach Selbsterlebtes und nach eigener Anschauung ge- 
dichtet. Als „dompteur de mots", wie er sich mit vollem 
Recht selbst nennt, als Wort-, Reim- und Versjongleur aller- 
ersten Ranges schliesst er sich an Banville an. Jules Le- 
maitre („Les Contemporains, II? serie, pag. 326) deutet, 
Richepins „Caresse" besprechend, auf „quelques fantaisies ä la 
Henri Heine" hin. Die schönsten Perlen französischer Lyrik 
wechseln bei ihm mit den unappetitlichsten Excentricitäten 



400 H. Heines Einfluss 



ab. Besonders mit den letztern hat er Schule gemacht und 
sich einen kleinen Cenacle geschaffen. Zu diesem gehörte 
anfangs der zweite hier zu erwähnende Dichter. 

Maurice Bouchor (1855) begann sehr jung zu dichten. 
Kaum neunzehn Jahre alt, gab er schon die erste Lieder- 
sammlung „Les chansons joyeuses'^ heraus. Seine Freunde und 
Lehrer waren Paul Bourget und Richepin. Von dem letztern 
jedoch trennte er sich nach den „Blasphemes". Als seine besten 
Gedichte werden die 1876 erschienenen „Poemes de l'amour et 
de la mer" angesehen, in denen er sich als leidenschaftlicher 
Sänger des Meeres zeigt. „Les „Poemes de l'amour et de la 
mer" de M. M. Bouchor presentent egalement une serie de 
petites pieces simples, passionnees, eprises ou ironiques, denuees 
de declamation, sans la grande emphase romantique, qui 
tiennent parfois de la sensibilite et de la mechancete de 
Heine.^' (Hennequin, 1. c. pag. 293.) 

Auch bei seinen „Chansons joyeuses" (in der 1888 er- 
schienenen Sammlung „Symboles" aufgenommen) wurde von 
der Kritik auf die Geistesverwandtschaft mit der Lyrik Heines 
hingewiesen. „La premiere partie des „Chansons joyeuses", oü 
un amour naif est chante, me semble delicieuse de fraicheur, 
d'emotion douce, de delicatesse. — Cette poesie est vraiment 
originale. Peut-etre M. Bouchor fut-il touche de Henri Heine; 
mais nous croyons surtout a une affinite entre les deux natures.'' ') 
— Diese Affinität erklärt sich leicht dadurch, dass beide von 
Byron abstammen, den Bouchor vergöttert. In seinen „Poemes 
de l'amour", wo sich auch Uebersetzungen von dem englischen 
Dichter finden, preist er diesen in enthusiastischen Versen : 

„Ah! vivre comme toi, grand coeur desespere, 
Et mourir, cömme toi, sur la terre etrangere; 
S'enfuir en Orient, pour chercher la lumiere, 
Et clianter, jusqu'au bout, comme un cygne.sacre." 



*) Paul Gnigon, „Nouvelle Revue", Bd. LI, pag. 51. 



a 



und die zeitgenössischen Strömungen. 401 



Manches Lied aber, besonders in der zuletzt genannten 
Sammlung, zeigt unleugbare Spuren Heinesehen Einflusses. 
So tritt in folgendem Gedichte die Manier unseres Dichters 
deutlich hervor (pag. 200): 

L'annee est morte, ding, dong ! 
Ding, deng, dong, l'annee est morte; 
Janvier attend a la porte 
Qu'on lui tire le cordon. 

L'annee est morte, bien morte! 
On va l'enterrer bientot ; 
Par la yierge, il ne m'en cliaut; 
Par le diable, peu m'importe! 

Que l'on mette aussi mon coeur 
Dans la fosse do l'annee 
Oü mon äme s'est damnee 
Pour un sourire moqueur. 

Que, dans cette fosse, on plonge 
Tous les regrets superflus. 
Et qu'on ne me parle plus 
Du passe qui n'est qu'un songe. 

Lugubres cloches de fer, 
Roulez a pleine volee 
Sur mon ame desolee 
Vos lourds carillons d'enfer. 

L'annee est morte, bien morte! 
Et desespere, j'attends 
Qu'il naisse un nouveau printemps, 
Ou que le diable m'emporte. 

Noch auffallender ist die Anlehnung in dieser ironisch 
modernisierten Loreley : 

Betz, Heine in Frankreicli. 26 



402 H. Heines Einfluss 



On entend un chant sur l'eau, 

Dans la brune: 
Ce doit etre un matelot 
Qui veut se jeter ä l'eau 

Pour la lune. 

La lune entr'ouvre le flot 

Qui sanglote, 
Le matelot tombe ä l'eau . . . 
On entend trainer sur l'eau 

Quelques notes. 

Schliesslich sei ein innig-sentimentales Lied ohne iro- 
nischen Beigeschmack citiert, das uns an den besseren Heine 
erinnert (pag. 134): 

Tu t'en venais ä moi, par les longs soirs d'hiver, 

Et tu frissonais sous ton chäle, 
Et nous contemplions la lune douce et pale 

Qui se leve et rit sur la mer. 

Dans nos regards profonds, que de tendresse enclose ! 

Le vent de nuit nous caressait, 
Et tes levres en fleur etaient pour lui, qui sait? 

En hiver, une etrange rose: 

Sur mon epaule, alors, tes bras tremblants poses, 

Tu semblais plus blanche et plus belle, 
Et je sentais mon coeur soudain battre de l'aile 

Et s'envoler vers tes baisers ! 

Und nun wollen wir in das Innere des Heiligtums des 
modernsten Dichterhaines treten und sehen, ob auch die Musen- 
priesterin der Decadence in den Liedern des „Intermezzo" ge- 
blättert hat. — 

„Bizarre Träume, in denen die Ironie die Rührung be- 
deckt ; blassrotes Nebelgewölke, aus denen blonde Engelsköpfe 
zwischen den Grimassen von Mephistophelesgestalten hervor- 
lugen ; durchsichtige Nebel, auf die die Sonne seiner Phantasie 



i 



nn([ die zeitgenossischen Strömungen. 4ÖH 



goldene Schleier wirft ; immer bewegliche Landschaften voller 
Widersprüche; bald ein Klostergarten und in nächster Nähe 
die blauen Fluten eines griechischen Gewässers; bald gotische 
Ruinen und daneben der indische Kaktus in blutrotem Schim- 
mer. Und inmitten dieser feenhaften Ideenwelt ein grübeln- 
der und zerstreuter Jünger der Musen, ein mystischer oder 
cynischer Student." — Diese Worte gelten nicht etwa einem 
Symbolisten oder einem Decadent; sie sind in freier Ueber- 
tragung den Erinnerungen der „Mouche" (C. Seiden) entnom- 
men und auf Heine bezogen. — Wer sich die Mühe gegeben, 
in den litterarischen Abhandlungen der Modernen zu blättern, 
oder das Buch von Charles Morice in den Händen gehabt hat, 
oder auch nur unserer skizzenhaften Studie der neuesten Litte- 
ratur gefolgt ist, wird nicht leugnen, dass diese Charakteristik 
Heines den Vertretern der neuen Poetik wie auf den Leib ge- 
schrieben ist: 

„D'oü vient donc que Heine nous fait „voir" les choses, non 
seulement sans les decrire, mais parfois meme sans employer ni cou- 
leurs, ni figures de mots ? C'est qu'il a l'art, invraisemblable semble- 
t-il, mais que pratique d'instinct tout grand poete, de parier ä nos 
yeux par la seule harmonie de ses phrases et de produire des images 
rien qu'avec de beaux sons et des rythmes enchanteurs. Grace ä ce 
perpetuel secours que nos sens se pretent entre eux, en lisant Heine 
nous croyons voir ce que nous ne faisons qu'entendre, et nous voyons, 
sous des formes ä la fois nettes et charmantes, ce que nous entendons 
en des phrases ä la fois claires et harmonieuses. - Heine n'est pas 
de ces poetes (sie!) qui s'imaginent qu'on ne peut peindre qu'avec 
des Couleurs; il s'adresse ä la fois, et dans une meme strophe, aux 
oreilles et aux yeux des lecteurs ; il s'eflForce surtout, pour que l'illu- 
sion soit complete, de faire naitre dans leur äme les sentiments qu'ils 
auraient eprouyes en presence des objets qu'ils croient voir et des 
personnages qu'ils croient entendre." 

So schreibt (pag. 284, 285) nicht etwa ein „SymboHste 
jpro domo", sondern ein Gelehrter, Louis Ducros, der uns be- 
kannte Autor der besten französischen Heinebiographie. Als 
Beleg für das Gesagte citiert er die Prosaübersetzung der 



404 H. Heines Einfluss 

„Wallfahrt von Kevlar". Einige Seiten weiter weist Ducros 
auf Heines Wortmalerei hin, und was er darüber zu sagen 
hat, lautet wie ein Stück Decadence-Manifest. Was hier aus- 
gedrückt ist, schwebt den Modernen als Ideal vor. 

La langue fran^aise, ineme chez les grands poetes, et quoi 
qu'ils fassent, est toujours analytique et un peu sourde ; rien, au con- 
traire, n'est plus synthetique et plus retentissant que la langue que 
Heine a parlee, ou plutot chantee dans la „Mer du Nord". Tel vers 
et meme teile expression donnent en meme temps la couleur et le 
bruit des flots ; tel acljectif est ä la fois une image et un son, que 
dis-je? Heine compose des adjectifs qui nous presentent plusieurs 
images ä la fois, par exemple la blancheur et la rapidite des vagues 
ecumantes, ou bien les refiets de la lune sur une mer tranquille, et la 
douce melancolie qui se glisse, a cette vue, dans Päme du poete . . . 
etc. etc. (Pag. 294, 95.) 

Diesem stelle man vergleichsweise folgende beiden Sätze 
aus der „Litterature de tout ä Fheure" von Charles Morice 
gegenüber : 

„La Synthese rend ä l'esprit sa patrie, reunit l'heritage, 
rappeile l'art ä la verite et aussi ä la beaute." (Pag. 359.) 

„Nous reduisant donc ä notre objet strict, observons que 
la grande analyse des trois siecles derniers ordonne ä cette 
heure-ci le devoir logique de la Synthese." (Pag. 358.) 

Mit andern Worten: was Seiden und Ducros über Heine 
sagen, ist nichts Anderes als was die Symbolistes von der 
neuen Poesie fordern und zu verwirklichen suchen. Wir 
ziehen daher den Schluss, dass Heines Lieder und Balladen 
als eine reiche Quelle der Inspiration für die französischen 
„Jungen" und „Alten" der Decadence betrachtet werden 
müssen, aus der im Verborgenen und offen geschöpft wurde, 
und zwar in Bezug auf Inhalt und Form — „quod erit de- 
monstrandum". 

Ende der siebziger Jahre machte eine Dichterin, Madame 
Marie Krysinska, in litterarischen Kreisen viel von sich reden. 



und die zeitgenössischen Strömungen. 405 



Sie war die erste, die jene besprochene hybride Dichtungsart 
konsequent durchführte und studierte; die erste, die sich im 
Prinzip gegen die „perfection routiniere" der Parnassiens und 
Romantiker richtete. Im „Evenement" erschienen in den 
Jahren 1882 und 1883 wiederholt Fragmente dieser Prosa- 
rhythmik. Schon vorher hatte sie solche Poesieen in schön- 
geistigen Klubs vorgetragen. J. H. Rosny, ein erfolgreicher 
Romanschriftsteller, einer der bekanntesten Decadents, sagt 
u. a. in der Einleitung zu den im Jahre 1890 bei Lemerre 
(auch die Decadents fanden im Passage Choiseul freundliche 
Aufnahm_e) veröffentlichten „Rythmes pittoresques" par Marie 
Krysinska : „Que, la premiere, eile constitua le nouveau mode 
musical de la parole non chantee . . . Votre prose rythmee — 
er richtet sich an die Poetin — possede une harmonie delicate ; 
l'euphonie des mots, le Systeme des assonances, la modulation 
de la Periode et, d'autre part, la gräce, l'inattendu, la concen- 
tration, la saveur des Images ne laissent pas un instant de 
doute sur le caractere nettement et bellement poetique de 
votre travail.^' 

Georges Rodenbach, der bereits erwähnte belgische Baude- 
lairist, erzählt in einem interessanten Artikel der „Revue bleue '^ 
(4. April 1891), „La poesie nouvelle", dem wir manche wertvolle 
Auskunft verdanken, u. a. folgendes : Nichts lag anfangs Marie 
Krysinska ferner, als den französischen Vers umzugestalten. 
Da kam ihr eines Tages die Nervalsche Uebersetzung der 
Lieder Heines in die Hände, und gleich war sie von dem 
eigentümlichen Zauber dieser „prose poetique" ergriffen, deren 
Verse jeweilen den Heines ohne Metrik, Cäsur und Reim 



1) Ohne es mit Bestimmtheit nachweisen zu können — weil verlässliche 
Daten fehlen — halten wir es für mehr als wahrscheinlich, dass der junge 
Rlmhmid — Victor Hugo hat ihn einmal „Shakespeare enfant" genannt — , 
der damit begonnen, in ähnlichen Prosaversen zu dichten, von der neuen 
Poetik der Krysinska Kenntnis hatte und sich ihr nachträglich anschloss. 



406 H. Heines Einfluss 

wiedergaben. Es schien ihr diese lose Strophen- und Vers- 
musik eine zwischen Prosa und Poesie schwebende, berechtigte 
und selbständige Stellung einzunehmen. „Alors eile se ditqtt^ime 
teile forme lui suffirait pour s'exprimer sans devoir aller jusqa'aii 
vers. Et eile y appliqua desormais des motifs personnels et 
des sensations directes." Und Rodenbach fügt dann noch hinzu: 
„Ceci est piquant, quand on songe ä l'assurance de ceux qui 
ont repris, dans la suite, cette forme „mixte" dans l'intention 
meme de ceux qui Tont trouvee, et qui laissait intact, bien 
au-dessus, le vers traditionnel moins accessible et plus orfevre. 
On veut maintenant que cela ait tue ceci, et on proclame 
avec intransigeance „le vers libre" comme le commencement 
de la sagesse et la condition de tout talent." 

Nicht derselben Meinung ist ein anderer Kritiker der 
Modernen — Krysinska selbst dürfte die Ansicht Rodenbachs, 
es sei jene Dichtungsart bloss ein „genre mixte", nicht teilen — , 
Jean Psichari, ( — auf den Belgier folgt ein Grieche!), der 
im selben Bande der ,, Revue bleue^' (6. Juni 1891) eine lehr- 
reiche Studie über den Versbau und die Tendenzen der 
jüngsten Dichterschulen mit einem Satze beschliesst , der 
ausserdem alles, was hier bis jetzt über den Einfluss Heines 
gesagt worden ist, wiederum bestätigt. Nachdem er das Ende 
der Herrschaft des Alexandriners als wahrscheinlich hingestellt, 
indem er sehr logisch argumentiert, dass Verse uns nur dann 
durch ihre Schönheit frappieren, wenn sie den bisher ge- 
schaffenen unähnlich sind, d. h. dieselben übertreffen, dass 
nun aber die Vollkommenheit des Alexandriners mit Jose 
Maria de Heredia ( — auf den Griechen ein aus den Bergen 
der Sierra Madre bei Santiago de Cuba gebürtiger !) die höchste 
Stufe erreicht habe und infolgedessen das kommende Poeten- 
genie gezwungen sei, andere Wege einzuschlagen, — fährt 
er fort: „Un ideal vient d'apparaitre. On entrevoit im vers 
aux rythmes les plus varies se succedant dans une meme 
piece ; chacun de ces rythmes se proportionne au sentiment ou 



f 



und die zeitgenössischen Strömungen. 407 



ä Fimage; le developpement de la strophe n'a d'autre regle 
que le developpement de l'idee. Le rire et les larmes se 
melent : des envolees de poesie cote ä cöte avec des tristesses. 
Une ligne de prose parfois viendra ä se montrer, pour rea- 
liser enfin le voeu exprime par Vigny, qui demandait le reci- 
tatif apres le chant. // nous faudrait im Heine en vers lihres. 
On n'attend plus que le poete/' 

Im Anschluss hieran mag es — „pour vider la question^' — 
nicht uninteressant sein, auch die Meinung Perd. Brunetieres 
zu befragen. Dass der bekannte Champion des ,,grand siecle'' 
und strenge Richter der Romantik die Hoffnungen und Sympa- 
thieen der Modernen nach keiner Richtung hin teilt, liegt auf 
der Hand. Weder vom- „vers libre" noch vom „vers blanc^', ge- 
schweige denn von einem ,,genre mixte^', will er etwas wissen. 
Auf folgende Weise spricht er diesen Neuerungen jegliche 
vernünftige Existenzberechtigung ab : „Un tableau doit etre 
„peint'', ce qui s'appelle „peint", quels que soient d'ailleurs ses 
autres merites, quelles que soient ses pretentions, comme, avant 
d'etre quoi que ce soit, epiques, dramatiques ou lyriques, des 
vers doivent etre des vers . . . Des vers qui ne sont pas des vers 
sont . . . de la prose, et un tableau qui n'est pas peint, n'en 
est pas un." ^) Der Vergleich hinkt zwar — denn auf der 
einen Seite haben wir bloss Farbe und Bild — auf der andern 
hingegen das Wort, mit dem wir zweierlei bilden können, 
Prosa und Poesie. In seiner letzten Vorlesung 2) über die 
Entwicklung der Lyrik Prankreichs im XIX. Jahrhundert 
bekräftigt er wiederum seine skeptischen Ansichten über die 
Zukunft des ,,vers blanc": „En frangais, dans une langue oü 
le vocabulaire de la poesie ne differe pas substantiellement 
de celui de la prose, — si la rime n'est pas l'unique genera- 



1) „Revue bleue", 30. Mai 1893. 

2) L. c. (conclusion), 24. Juni 1893. Inzwischen ist die Serie in Buchform 
erschienen. 



408 H. Heines Einfluss 



trice du vers, il semble bien que Timagination de la rime 
soit le Premier doii du poete, son aptitude originelle, la 
faculte qu'il apporte en naissant. . . . Puisque la poesie est 
un langage ,,mesure", la Sensation de la mesure est indispen- 
sable, non pas meme ä son effet, mais ä sa definition, et 
puisqu'en frangais la quantite ne saurait nous donner cette 
Sensation necessaire, il faut donc que ce soit la rime qui nous 
la procure." — Der Alexandriner müsse nach wie vor „le type 
du vers frangais'' bleiben. Litterarisch verspricht er sich von 
der neuen Schule Folgen, an die wir nicht glauben, weil 
sie uns dem innersten Wesen der Lyrik zu widersprechen 
scheinen: „On souffrira tout autant, mais on le dira moins, 
si meme on Tose dire ; et, ä cet egard, je crois que nous pou- 
vons voir dans le „baudelairisme'' la derniere convulsion de 
Tindividualisme expirant. Lyrique dans sa forme, la poesie 
redeviendra donc impersonnelle dans son fond. Le poete ne 
sera plus lui-meme la matiere unique de ses chants; il ne 
nous fatiguera plus du recit de ses bonnes fortunes ou du 
Souvenir de ses debauches; il ne sera plus Byron, ni Musset, 
ni Don Juan. C'est aux sources inepuisables de la nature, 
de rhistoire, de la science qu'il rajeunira son Inspiration." 
Dass sich der Poet der Zukunft an die „sources inepuisables 
de la nature'^ halten wird, glauben und hoffen auch wir; zu 
denen aber rechnen wir in erster Linie den Menschen selbst. 
Mag sein, dass der Gang der socialen Verhältnisse den Prophe- 
zeiungen Brunetieres recht geben wird. LTnd doch will uns 
dünken, es müsse der Mensch den Dichtern und Dichterver- 
ehrern auch fernerhin das erste, das interessanteste und er- 
habenste Problem bleiben. 

Kehren wir nach dieser kleinen Abschweifung noch auf 
einen Augenblick zu Marie Krysinska zurück. Das oben 
erwähnte Bändchen „Rythmes pittoresques'' enthält den 
poetischen Erguss einer tief empfindenden Seele. Die Form 
der Prosa-Lieder und -Balladen gleichen ihrem Vorbilde, den 



und die zeitgenössischen Strömungen. 409 



Uebersetzungen Nervals, auf ein Haar. Ihre Sprache, durch 
keinerlei Schranken der Reimkunst beengt, übt durch E]in- 
fachheit und natürlich musikalischen Rhythmus einen eigenen, 
ästhetisch durchaus begründeten Zauber aus. Und nicht nur 
die äussere Gestalt verrät das Muster, das ihm vorgeschwebt, 
sondern auch der Grundton und die Motive einiger müde 
wehmütiger, mystisch düsterer Lieder erinnern an Heine. Der 
deutsche Leser wird bei der hier angeführten Ballade nicht 
umhin können, an die Gestalt der „toten Marie'' zu denken. 

Ballade. 
I. 

Dans le parfum des violettes, des roses et des acacias — ils 
se sont, un inatin, rencontres. 

Aupres de son corsage entr'ouvert dormaient des roses moins 
douces que sa gorge — et ses youx, qui semblaient deux noires vio- 
lettes, embaumaient comme le printemps. 

Le soleil poudrait d'or ses cheveux blonds; — 

Lui, regardait ses yeux qui semblaient deux noires violettes. 

Rapides sont les heures d'amour. 

Un soir, sous les etoiles, eile lui dit: — Je suis ä toi pour jamais. 
Et les etoiles les ont fiances, — les etoiles moqueuses et froides, 
Dans le parfum des violettes, des roses et des acacias. 

Rapides sont les heures d'amour. 

Un jour il est parti, comme les petites fleurs d'acacias neigeaient — 
Mettant sur le gazon desole de grandes taches blanches, pareilles 
ä des linceuls, 

Oü le papillon venait agoniser. 

II. 

Est-il donc des parfums qui tuent ? 

Une fois seulement il respira la fleur tenebreuse de ses cheveux. 

Une fois seulement. 

Et il oublia Fenfant blonde qu'il avait, un matin, rencontree, 

Dans le parfum des violettes, des roses et des acacias. 



410 H. Heines Einfluss 



les nuits irreelles, les merveilleuses nuits! 

Les caresses mortellement enivrantes, 

Les baisers qui ont le goüt du reve 

Et les alanguissements plus doux que la Yolupte. 

les nuits irreelles, les merveilleuses nuits! 

Un musc attenue hantait son alcove. 
Est-il donc des parfums qui tuent? 

Elle disait: — Je n'aimerai que toi — la traitresse. 
Et son Corps inoubliable avait des mouvements 
de bei animal dompte. 

De bei et dangereux animal — dompte. 

Un jour, il trouva des levres muettes et boudeuses. 

niais toujours ayant ce memo goüt du reve — 
mortellement enivrant. 

Des levres cruelles et muettes comme les roses parfumees, qui 
attirent et ne rendent pas les baisers. 

C'est en vain qu'il pleura plus qu'au jour oü sa mere 
dans le tombeau s'etait coucliee. 

Les yeux de la bien-aimee avaient des regards plus froids 
que les marbres des mausolees. 

Et ses levres, ses levres si clieres restaient muettes comme les roses. 

Est-il donc des parfums qui tuent? 

Le bei et dangereux animal qu'il croyait dompte, avait, en jouant, 
mange son coeur. 

Alors, il maudit l'azur du ciel et les etoiles scintillantes. 

II maudit l'immuable clarte de la lune, le chant des oiseaux 

Et le feuillage qui cliucliote mysterieusement et perfidement 
quand approche la nuit apaisante. 



III. 

Mais le coeur de l'homme est oublieux et infidele. 
Et maudire est bien triste, alors que renait la saison des jeunes 
calices 

Et des brises tendres comme des baisers. 



« 



und die zeitgenössischen Strömungen. 411 



II se souvint de l'enf'ant blonde qui iui avait dit, un soir, sous 
les etoiles: — Je suis ä toi pour jamais. 
Et il revint. 

Mais eile etait allee dormir au cimetiere, 

Dans le parfuni des violettes, des roses et des acacias. 

(„Evenement", 25. Novembre 1882.) 

Als einer der begabtesten aus der Dichtergruppe, die 
sich den Theorieen und Tendenzen Rimbauds anschloss, ist 
Jules Lafargue zu bezeichnen (geb. 1860 — in Montevideo [!]), 
den der Tod, wie seine Geistesverwandten Chatterton, Hege- 
sippe Moreau, in der Blüte der Jahre wegraffte. Auch in 
seinen Liedern erinnert uns vieles an Heine, was Charles 
Morice bestätigt, der von dem grossen Einflüsse spricht, den 
deutsche und englische Poesie auf den jungen Decadent aus- 
geübt. Die verschiedensten Stimmungen spiegeln sich ab- 
wecliselnd in seinen Gedichten wieder. Die kleinen und grossen 
Leiden einer empfindsamen Seele schildert er mit ironischer 
Resignation und thränenfeuchtem Lächeln. Er lacht oft grell 
— um das Weinen zu ersticken. — Er fühlt zärtliches Sehnen 
und innige Liebe für jene junge Frau mit dem Busen „comme 
des soucoupes'^, aber er weiss auch, — dass sie Klavier spielt. 
Er ist ein echter Lyriker „fin de siecle", lacht und weint, wie 
seine Zeit, die es von Byron, Edgar Poe — und Heine ge- 
lernt hat. 

Paul Verlaine (1844), ein Lothringer, der 1873 optierte, 
hat immer gegen die Einreihung unter die Decadents pro- 
testiert. Am liebsten würde er sich „poete maudit" genannt 
wissen. Seiner Geistesbeschaffenheit, seiner hypermüden Seele 
und übersättigten Sinnen aber wird er es stets zuzuschreiben 
haben, unter die typischen Vertreter der Decadence-Dichtung 
gezählt zu werden. Was ihn von dieser indessen trennt, ist 
die schöne Klarheit seiner Sprache und eine grosse Versroutine, 
die den alten Parnassien verrät. Treffend wurde er der mo- 



412 H. Heines Einfluss 



derne Villon genannt; wie der Autor des ,, Grand Testament'^, 
gehört auch er unstreitig der echten Rasse der Sänger an, 
bei denen die Poesie wild wächst und wuchert, und plötzlich 
und ungestüm hervorbricht — auch aus faulern Grund vuid 
Boden — , in deren Liedern man den schlagenden Puls und 
das klopfende Herz spürt. Paul Verlaine, der die ganze 
Decadencegruppe um Kopfeslänge überragt, ist ein grosser 
Dichter, der viel geirrt hat. Ein solcher Poet, wäre er auch 
kein Parnassien gewesen, konnte nicht unberührt an Heine 
vorübergehen. Liebesschmerz und Ironie, bestrickender Reiz 
der Töne und sinnliche Mystik, alles was aus dem „Buch der 
Lieder" spricht, klingt uns auch in Verlaines Muse entgegen. 
Sie träumt von geisterhaften Frauengestalten — einer bleichen, 
toten Marie, — die sie liebt, mit der sie weint. — Man blättere 
in Verlaines „Poemes saturniens" (1865), oder in „Sagesse" 
(1881) — für jeden Freund wahrer Poesie, wess litterarischen 
Glaubens er auch sei, ein seltener Genuss — und aus manchem 
Verse wird der aufmerksame Leser ein deutliches Heine- 
Echo vernehmen. So gleich in der letzten Strophe der „Lassi- 
tude" („Choix de Poesies", Charpentier, 1893, pag. 10), die 
auch vor der Kritik J. Lemaitres („Les Contemporains", 
Serie IV, pag. 82) Gnade gefunden hat : 

„Mets ton front sur mon front et ta main dans ma main, 
Et fais-moi des serments que tu rompras demain, 
Et pleurons jusqu'au joiir, 6 petite fougueuse !" 

Wer denkt da nicht gleich an Heines : „Lehn' deine 
Wang' an meine Wang'" etc.? Und um wie viel poetischer 
nachempfunden als Nervals „Appuie ta joue", oder gar Ristel- 
hubers „AppHque" etc. Aus der erwähnten Sammlung haben 
wir es versucht, ein Liederkleeblatt zu pflücken, das uns nicht 
nur die mit Heine verwandten Seiten — schmerzensreiche 
Empfindsamkeit, kunstvolle Nonchalence der Sprache etc. — 
nachweisen, sondern auch an ganz bestimmte Stellen erinnern 
soll. 



und die zeitgenössischen Strömungen. 413 



II pleure dans mon coeur, 
Comme il pleut sur la ville; 
Quelle est cette langueur 
Qui penetre mon coeur? 

O bruit doux de la pluie, 
Par terre et sur les toits! 
Pour un coeur qui s'ennuie, 
O le chant de la pluie ! 

II pleure sans raison, 
Dans ce coeur qui s'ecoeure. 
Quoi ! nulle trahison ? 
Ce deuil est sans raison ! 

C'est bien la pire peine 
De ne savoir pourquoi; 
Sans amour et sans haine, 
Mon coeur a tant de peine. 



Le ciel est, par-dessus le toit, 

Si bleu, si calme ! 
Un arbre, par-dessus le toit, 

Berce sa palme. 

La cloche dans le ciel qu'on voit, 

Doucement tinte. 
Un oiseau sur l'arbre qu'on voit, 

Chante sa plainte. 

Mon Dieu, mon Dieu, la vie est lä, 

Simple et tranquille. 
Cette paisible rumeur-lä 

Vient de la ville. 

— Qu'as-tu fait, 6 toi que voilä, 

Pleurant sans cesse; 
Dis, qu'as-tu fait, toi que voilä, 

De ta jeunesse ? 



414 H- Heines Einfluss 



Je ne sais pourquoi 

Mon esprit amer, 
D'une alle inquiete et folle, vole sur la mer. 

Tout ce qui m'est eher, 

D'une alle d'effroi 
Mon amour le couve au ras des flots. Pourquoi, pourquoi? 

Mouette ä l'essor melancolique, 
Elle suit la vague, ma pensee, 
A tous les vents du ciel balancee 
Et biaisant quand la maree oblique; 
Mouette ä l'essor melancolique. 

Ivre de soleil 

Et de liberte, 
Un instinct la guide ä travers cette immensite; 

La brise d'ete, 

Sur le flot vermeil, 
Doucement la porte en un tiede demi-sommeil. 

Parfois, si tristement eile crie, 
Qu'elle alarme, au lointain, le pilote, 
Puis au gre du vent se livre et flotte 
Et plonge, et, l'aile toute meurtrie, 
Revole, et puis si tristement crie! 

Je ne sais pourquoi 

Mon esprit amer, 
D'une aile inquiete et folle, vole sur la mer. 

Tout ce qui m'est eher, 

D'une aile d'effroi 
Mon amour le couve aux ras des flots. Pourquoi, pourquoi? 



Die „Nordseelieder" mögen auch den Gedichten „La mer" ^) 
von Gustave Kahn („Revue moderne", 3" annee, N" 1) als Vor- 



^) Andere bekannte Meeressänger sind noch : Victor Hugo, überall in 
seinen „Contemplations" ; J. Autran, „Les poemes de la mer", 1859; Michelet, 
(in Prosa) und neuerdings Jacques Normand und Sully Prudhomme. 



und die zeitgenössischen Strömungen. 415 



bild gedient haben. Der 1859 geborene Lothringer ist ein 
Decadent vom reinsten Wasser. Er ist der Verfasser einiger 
Monographieen, die sehr für uns sprechen, denn diese behandeln 
Heine, HofFmann, Casanova, Lafargue und etUche Decadents. 
Einem an Huret *) gerichteten Briefe entnehmen wir folgende 
sehr bezeichnende Stellen: „. • • ^s (les symbolistes) ont lu 
ou ont du lire, de choix et aux moments de delassement, 
les vieux poemes d'antiquite des races, les legendes, les cycles 
du raoyen äge, le Dante. Ils connaissent Goethe, Heine, Hoff- 
raann et autres Allemands ... ils ont subi, par le hasard des 
temps, une forte Immersion de la musique legendaire et sym- 
bolique de Wagner . . . Cest cet ensemble d'influences qid est le 
generateur du mouvement achtel, et cet ensemble d'oßuvres an- 
ciennes qui compose la hibliotheqiie ideale.''^ 

Charles Gros (1842 — 1888) wird gewöhnlich als Baude- 
lairist bezeichnet. Sein Bestes hat er mit den 1873 erschie- 
nenen Liedern „Le cofFret de Santal" geboten, von denen 
manche in der That an Heineschen Einfluss denken lassen. 

Das Gleiche gilt von Adolphe Rette (1862), dessen Ge- 
dichte und Prosaschriften in zahlreichen modernen Revuen 
zerstreut liegen (so in „La Cravache", „Mercure de France", 
„L'Ermitage", „Le Saint-Graal" etc.).— Theodore de Beze^) 
nennt uns seine Lieblingsautoren: „Shakespeare, Balzac, Victor 



I 



^) Jules Huret, „Enquete sur Tevolution litteraire", pag. 399. Derselbe 
litterarische Reporter lässt den begabten Dichter Gabriel Vicaire in seinem 
„interview" u. a. sagen (pag. 377) : „II y a une chose qui m'attire beaueoup, 
c'est la poesie populaire . . . La,, il n'y a pas de complication de style, le vers 
varie suivant l'impression k rendre, la rime n'est quelquefois qu'une simple 
assonance. En Angleterre, en Allemagne, on a beaueoup etudie cette poesie. 
Henri Heine en a tire de tres beaux effets ..." — Ebenso kommt Heine 
in den Gesprächen von Anatole France und Maurice Bandes vor. So sagt 
der letztere u. a. : „ . . . Savez-vous que Heine n'est un poete si emouvant que 
par les qualites qui fönt en meme temps de lui un des plus profonds penseurs 
de ce siecle ? 11 a la culture et la clairvoyance . . ." (Pag. 20.) 

2) „Les hommes d'aujourd'hui", N" 417. 



416 H. Heines Einfluss 



Hugo, Gerard de Nerval, Verlaine, Heine, Swinburne." Nota- 
bene : Von ihm wurde die Idee lanciert , Baudelaire ein 
Monument zu errichten. 

Nicht unbedeutsam scheint uns die grosse Rolle zu sein, 
die der Traum in der mystisch-symbolischen Fraktion der 
Decadence-Dichtung spielt. Er ist geradezu als Kunstmoment 
in ihre Aesthetik aufgenommen. Morice schickt seinem letzten 
Kapitel („Commentaires d'un livre futur") Taines Worte vor- 
aus: „ . . . Dans l'abstraction, le reve et le Symbole", und 
sagt (pag. 359): „La Synthese de l'art, c'est: Le reve joyeux 
de la verite belle." — Alle französischen Modernen machen 
von diesem poetisch wirksamen Mittel den ausgiebigsten Ge- 
brauch. Auch in dieser Sonderheit sehen wir deutschen resp. 
Heineschen Einfluss. — 

Und nun, bevor wir, das Buch beschliessend,^) Umschau 
nach Heines Einfluss in Helvetiens welschen Landen halten 
wollen, noch ein kurzer Halt, ein letzter Blick rückwärts auf 
all das, was wir bis jetzt von Heine in Prankreich gelernt 
haben. Es handelt sich nämlich darum, uns klar zu werden, 
wie es kam, dass Heine, sein Wort und sein Lied, das Interesse 



^) Nur des allgemeinen Interesses halber sei hier noch der Felibre Theodore 
Aubanel (1829—1886) aus Avignon erwähnt, bei dem von Heineschem Einfluss 
gesprochen wird. Wie bekannt, gehört Aubanel mit Mistral und Roumanille 
zu den Wiederbegriindern der provenc^alischen Lyrik. Er ist der Dichter der 
Liebe („Livre d'amour", 1860) und wird der Petrarque fran^ais genannt. 
In seineu Liedern besingt er stets nur die eine Geliebte, die Nonne geworden 
und die er nicht vergessen kann. Daher seine Devise: „Quan canto, soun 
man encanto." Als sein Meisterwerk gilt die Dichtung „La Mirongrano entre- 
ouberto" (halb geöffnete Granate). A. Daudet nennt seinen Landsmann in 
dem Nachrufe, den er ihm gewidmet, „einen grossen Dichter, ausgestattet 
mit Leidenschaft, Farbe, Phantasie, und den unser schöner proven^alischer 
Rhonestrom beweinen wird, wie die Töchter des Rheines Heinrich Heine 
beweinen." — Da wir es hier mit dem Einfluss Heines auf die französische! 
Dichtkunst zu thun haben, kann es fast ebensowenig unsere Aufgabe sein, 
denselben bei dem Proven^alen Aubanel zu verfolgen, wie etwa bei dem^ 
Italiener Zendrini. 



und die zeitgcnossi schon Strömungen. 417 



des französischen Publikums stets so rege gehalten, dass 
die Teilnahme an seinem Leiden und Lieben von jeher bei 
den Gebildeten Frankreichs eine so grosse gewesen; mit an- 
deren Worten, um die Frage: „Welches sind die Gründe 
seiner Beliebtheit?" 

Auch darauf soll uns Frankreich selbst Antwort geben. 
Eines heben wir zunächst nochmals mit Nachdruck hervor, 
damit zum richtigen Verständnis des so mannigfaltigen Ein- 
flusses alles gesagt sei. — Wenn es nämlich für Deutschland 
einen doppelten Heine gibt, einmal den Sänger unvergänglicher 
deutscher Lieder, und dann den unvergleichlichen Satiriker, 
den vernichtenden Spötter, so können wir nun auf Grund dieser 
Studie sowohl, als auch langjähriger persönlicher „Enquete" 
versichern, dass Frankreich drei Heine kennt. Erstens und 
vor allem Heine den „homme d'esprit par excellence". Dies ist 
die allgemeinste, verbreitetste französische Denkweise. Zwei- 
tens : Heine - Musset ; d. h. der Dichter der Liebe, ihrer 
Freuden und Leiden, und dies ist der Heine jener Elite, die 
Gedichte liest. Und drittens gibt es einen Heine der Dichter, 
der litterarischen Dilettanten. Diese lieben und verehren 
Heine, wie er leibt und lebt, in seiner ganzen unfasslichen 
Sphinxgestalt, mit seiner verwirrenden Lyrik, mit seinem 
melancholischen Spottgelächter, mit dem blendenden Zauber 

j seiner so fremdartig poetischen Erscheinung. 

I Daran, dass Heine für die grosse Masse der Gebildeten 

Frankreichs der supergeistreiche Litterat bedeutet, dass sein 

I Name als solcher seit zwei Decennien, jahraus, jahrein, bis 
in das kleinste und entlegenste Städtchen der Provinz ge- 

I drungen, daran ist Gaston Marquis de Presles schuld, der 

i Schwiegersohn des biedern Monsieur Poirier, Held des belieb- 
testen und treffHchsten Lustspiels des ganzen modernen fran- 
zösischen Repertoirs, genannt : „Le gendre de M. Poirier'^ und 
verfasst von Emile Augier und J. Sandeau. In dieser prächtig 
gesunden Satire menschlicher Schwächen, — denn sie passt 



418 H. Heines Einfluss 



für alle Zeiten und für jedes Land, nicht nur für das Paris 
vor dem Jahre 1848, — fragt der Marquis seinen Millionen- 
schwiegerpapa , nachdem dieser dem Tochtermann zaghaft 
den Vorwurf gemacht (Akt II, Scene I): „Vous etes cepen- 
dant trop raisonnable pour croire ä l'eternite de la lune de 
mieF' — ironisch lächelnd: „Trop raisonnable, vous l'avez 
dit, et trop ferre sur l'astronomie . . . Mais vous n'etes pas 
Sans avoir lu Henri Heine?" 

Poirier: (sich an seinen Freund wendend): „Tu dois avoir 
lu ga, Verdelet?" 

Verdelet: „J'ai lu, j'en conviens/' 

Poirier : „Cet etre-lä a passe sa vie ä faire l'ecole buis- 
sonniere!" 

Gastoti : „Eh bien ! Henri Heine, interroge sur le sort des 
vieilles pleines lunes, repond qu'on les casse pour en faire 
des etoiles/' 

Es mag für unseren Dichter in seinem schweren Leiden 
ein Glückstrahl gewesen sein, als ihm die Nachricht wurde, 
dass sein „esprit'', und zwar nicht anonym, auf der französi- 
schen Bühne eingezogen sei, denn die Premiere jenes Stückes 
fand im Jahre 1854 im Gymnase statt. Wie mancher auch 
noch so sprachkundiger Deutsche, der der musterhaften Dar- 
stellung dieses Lustspiels — spielt doch pere Got den alten 
Poirier — seit 1864 in der Comedie frangaise beigewohnt, 
fand wohl an diesem geistreichen Bilde Gefallen, ohne in dem 
„Henri äin" seinen deutschen Dichter wieder erkannt zu haben. 

Dass die grosse Mehrheit des lesenden PubHkums Heine 
besonders den witzigen, absonderlichen Humoristen hiess, 
geht auch aus folgenden Zeilen Hennequins („Ecrivains 
francises", pag. 294) hervor: „Ce qu'il (le public) a accepte 
de Heine et de ses semblables, c'est non son Ironie, sa melan- 
colie, sa preciosite, mais, sous benefice d'inventaire, son esprit 
gracieux et fin, sa gaite poetique, son amüsante mobilite 
d'äme, c'est-ä-dire en somme les cötes oü se marque encore, 



und die zeitgenössischen Strömungen. 4l9 



mais se marque le moins violemment l'instabilite cracteris- 
tique de son humeur. Celle-ci existe donc chez quelques 
railliers de nos lecteurs, niais attenuee, affaiblie et reduite ä 
ne se manifester qu'entre des etats d'äme par trop divers/' 

Vergessen wir nicht, welches Prestige, welche souveräne 
Macht in Prankreich von jeher der „esprit" , schlagender 
Witz und eine geistreiche Unterhaltung besassen. Dann ist 
auch für jene Zeit in Betracht zu ziehen, dass von den sämt- 
lichen Romantikern, Musset vielleicht ausgenommen, keiner 
geistreich war. Ueberhaupt hatten die Franzosen seit Rabelais 
keinen berühmten Humoristen, wenn auch die humoristische 
Ader der französischen Litteratur nicht ganz ausgetrocknet 
war. Bei Meliere hat der Humor eine düstere, wir möchten 
fast sagen: eine englische Färbung. Ein hervorragender 
Humorist — malgre lui — kann höchstens Heines Zeit- 
genosse Veuillot genannt werden. Daher die Vorliebe für 
Heine, daher sein Nimbus bei der Menge, die das Fehlen 
der schalkhaften Gutmütigkeit, ohne die es keinen wahren 
Humor gibt, nicht empfindet, die in dem Autor der „Reise- 
bilder" in erster Linie stets den Mann des sprudelnden Geistes 
bewundern wird, der ja auch die Pariser Litteraten so be- 
strickte : „A Paris, les beaux parleurs sont toujours bien venus; 
la blague est une puissance. Beaumarchais pensait que c'est 
[a seule. Les gens de lettres battaient des mains aux im- 
>rovisations de Henri Heine." (Audebrand, „Petits memoires^', 
)ag. 14.) 

Was Heine, den Schriftsteller, den Dichter in Prosa und 
'oesie, so beliebt machte, was ihm im französischen Parnass 
^„droit de cite" gab, das war die wunderbare Klarheit seiner 
Sprache, die Sprache aller und doch die eines andern: „Quel 
[ue seit le manque d'ordonnance de ses „Reisebilder", c'est 
sncore la seule oeuvre prosaique allemande qu'un Frangais 
>uisse lire d'un bout a l'autre, sans avoir ä user de sa volonte 
)our contraindre son attention. II a accompli le singulier 



420 H. Heines Einfluss 



tour de force d'une langue naturellement diffuse (!) et peu 
apte ä former des phrases solides, condensee et pressee au 
point de devenir forte, agile et limpide." (Hennequin, ib., 
pag. 65.) 

Und was den eigentümlichen Zauber betrifft, den Heines 
merkwürdiges Doppelwesen auf den kleinen Kreis — und nur 
auf diesen — von Dichtern und litterarischen Feinschmeckern 
ausübt, so wollen wir hier Ed. Schure das Wort lassen: 
,,Cette nature double a ete une des caiises jn'incipales du succes 
prodigieux de Henri Reine en France. On aime, chez nous, ces 
contrastes heurtes, ces poetes au coeur sanglant et dechire 
qui disent au monde : Vois-tu les blessures que tu m'as faites ? 
et qui, quand la foule approche, se redressent et fönt siffler 
le fouet autour de ses oreilles. On a pardonne ä Henri Heine 
ses excentricites de sentiment et d'imagination, gräce a son 
esprit mordant. Qu'il lui arrive, par exemple, de parier d'un 
amour de jeunesse, de quelque belle jeune fille blonde et son- 
geuse, il en parlera si bien que vous, Frangais sceptique, 
vous serez sur le point d'etre emu. Dejä les larmes vous 
viennent aux yeux et vous craignez de perdre votre enjoue- 
ment d'homme du monde. Mais voici qu'un trait d'esprit part 
comme une fleche, la madone se change en Soubrette; vous 
souriez et vous voilä soulage. Vous pensiez avoir ä faire ä 
Jean Paul; point du tout, c'est ä un autre Voltaire. La siir- 
prise vous enchante et vous applaudissez. Pour les Allernands, 
c'est tont le contraire, Ils voulaient pleurer, et on les a fait 
rire; ^ ils sont farieux/^ (Schure, „Histoire du Lied'', pag. 450.) 

Man hat mit Recht in dem Verhältnis des deutschen 
Volkes zu Heine seit dessen Tode drei Stadien unterschieden: 
das der gänzlichen Vernachlässigung, die mit dem Hinscheiden 
des Dichters beginnt ; dann die eifrige Befehdung, und endlich 



^) Wir betrachten es natürlich als einen Lapsus, wenn es bei Schure 
gerade umgekehrt heisst (ils voulaient rire, et on les a fait pleurer). 



und die zeitgonössisclien Strömungen. 421 

die Anerkennung. Heute kann man mit Fug von einer vierten 
Periode sprechen, — der der erbitterten Parteinahme für und 
gegen Heine. Ganz anders in Frankreich. Schon seit dem 
Erscheinen der beiden ersten Bände der „Oeuvres completes^', 
die grosses Aufsehen erregten und, wie wir gesehen haben, 
mit Enthusiasmus begrüsst wurden, — schon seit 1855 ist die 
Wertschätzung und Anerkennung seines Genies in stetem 
Wachsen begriffen, und dies will, wenn wir bedenken, was 
Sainte-Beuve vor 1870 über das Ansehen Heines in Frank- 
reich sagte, nicht wenig bedeuten. Eines darf jedoch nicht 
verschwiegen werden. Wenn die allgemeine Bewunderung 
dieses deutschen Dichters in Frankreich, besonders in den 
letzten Jahren, so hohe Wellen schlug, und speciell wenn an 
die Düsseldorfer Affaire angeknüpft wurde, so spielen hier 
zum Teil gewiss nicht rein litterarische Motive mit. Ab- 
gesehen von der anderwärts schon besprochenen „vogue" alles 
Fremdartigen und Ausländischen, mit der sich die Beliebtheit 
nordischer, besonders russischer Schriftsteller deckt, die Tour- 
gueneff, de Yogüe und — die russische Alhanz in Frankreich 
eingeführt, hat der Heine-Enthusiasmus jenseits des Rheines 
gar oft einen leichten Anflug von chauvinistischer Schaden- 
freude, gemischt mit sogenanntem „snobisme'*. 

Allein, wie dem auch sei, so stehen folgende Thatsachen 
nicht minder fest: Erstens hat der Heinebiograph Strodt- 
mann recht, wenn er behauptet, dass Heine durch seine 
„Oeuvres completes'' in die Reihe der ersten französischen 
Schriftsteller erhoben wurde. Er ist innerhalb der franzö- 
sischen Litteratur als ein grosser Dichter zu betrachten; er 
gehört ihr an, ebenso gut, ja noch mehr, wie ein Melchior 
Grimm oder ein Abbe Galliani, trotz aller seiner grossen und 
kleinen „teinturiers". 

Zweitens hat Heine, wenn auch ohne den ernsten Willen 
eines Börne, direkt und indirekt, kraft seines Genies, mehr wie 
irgend ein anderer die Augen der Franzosen auf deutsches 



422 H- Heines Einfluss. 

Wissen und Wesen gelenkt, mehr wie irgend ein anderer 
die französische Litteratur — wir möchten sagen : germanisiert. 

Drittens irrt Karl Hillebrand entschieden — mag er 
auch der Sekretär unseres Dichters gewesen sein — , wenn er 
sagt : „In der That scheint Goethe, der Mensch wie der Dichter, 
unsere Nachbarn am meisten zu interessieren." Seit einem hal- 
ben Jahrhundert ist dies nicht mehr der Fall. Der bekannteste 
deutsche Dichter im Prankenlande ist Heine; für ihn, den 
Dichter und Menschen, interessieren sich die Franzosen seit 
den Tagen der Spätromantik unzweifelhaft am meisten. Und 

Viertens steht nicht minder fest, dass die Franzosen 
von Heine zuerst, und erst durch ihn, mit Erfolg lernten, dass 
die Lyrik nicht bloss in einer noch so harmoniereichen, farben- 
prächtigen und klangvollen Sprache bestehe, sondern dass sie 
gesungen werden will, — dass nicht die Beredsamkeit, son- 
dern die Inspiration die Hauptsache sei, dass der Liebe nicht 
Lobes- und Preishymnen dargebracht werden sollen, sondern 
dass die Liebe selbst sprechen, selbst frohlocken und klagen, 
dass sie nicht in kunstvollen Allegorieen, sondern, wie beim 
Volke, in einfachen, rasch belebten Tönen direkt zum Herzen 
sprechen soll. 



Einige Dichter der Westscliweiz. 423 



Neuntes Kapitel 

H. Heine und einige Dichter 
der W^estschweiz 



Wem der Grundton der Litteratur der französischen 
Schweiz bekannt ist, wird dort schwerHch Spuren und tiefe 
Eindrücke Heinescher Dichtung suchen. Dass aber die Lyrik 
unseres Dichters auch über das Juragebirge gedrungen, sahen 
wir schon in unserem vierten Abschnitte. Neben einigen 
neuen Namen werden wir daher wieder alten, schon bekannten 
begegnen. Zu den letzteren gehört : 

Marc-Monnier. (Marc-Monnier wird in Lemerres „An- 
thologie des Poetes frangais du XIX^ siecle" als Franzose 
betrachtet und daher nicht zu den im „Appendice" unter- 
gebrachten „Poetes etrangers ayant ecrit en frangais'' gezählt, 
worunter Schweizer, Belgier, Canadier etc. zu verstehen sind.) 

Durch seinen engen Verkehr mit dem deutschen Liede 
mussten seine eigenen Gedichte naturgemäss fremdes Gepräge 
annehmen. „On pourrait le mettre en regard de quelques-uns 
des poetes qu'il imite ou traduit, Heine, Uhland, etc.'' (Ram- 
bert, „Revue universelle", August 1872, pag. 720.) 

In der gereimten Vorrede der „Poesies de Marc-Monnier" 
(Paris, Lemerre, 1872), wo überall die Begeisterung für deut- 
sche Lyrik hervortritt, lenkt er unsere Aufmerksamkeit direkt 
auf eine Quelle seiner dichterischen Inspirationen : 



424 



H. Heines Einfluss. 



. . . Ma seconde histoire, — „on en pleure, 
Dit Heine, en deux le coeur se fend" — 
Pourtant eile arrive ä toute heure : 
Un enfant aimait une enfant. 

Aber auch der Autor der „Comedies de raarionnettes" 
fühlte sich mit dem Dichter des „Wintermärchen" geistes- 
verwandt. 

Henri Blanvalet (1811—1870). Ein Genfer Poet und 
Romantiker von echtester Farbe. Rössel und Godet weisen in 
ihren Litteraturgeschichten der französischen Schweiz beide 
auf Blanvalets Kongeniahtät mit Heine hin. Die Psychologie 
derselben scheint uns allerdings bloss der erstere, Professor 
Rössel in Bern, richtig entwickelt zu haben. Blanvalet war 
ein geborener Dichter, den nur das Milieu verhinderte, ein 
sehr bedeutender Dichter zu werden. Ungefähr um die gleiche 
Zeit überschritten sie den Rhein — Heine auf dem Wege 
nach Paris — Blanvalet in der umgekehrten Richtung, nach 
Berlin, von wo der junge Student seine ersten Lieder an die 
Ufer des Genfersees sandte. In dieser Schaffensperiode macht 
sich noch fast ausschliesslich in seinen Poesieen deutscher 
Einfluss geltend. Er hat den Rebensaft des Rheines gekostet, 
die Tannenluft des Schwarzwaldes geatmet und im schönen 
Schwabenlande geherzt und geliebt. Aus deutschen Gauen 
brachte er das deutsche Lied mit all seinem Humor und 
Träumen mit in die Heimat Calvins. Später freilich scheint 
der mächtige Einfluss Victor Hugos sich ziemlich ausschliess- 
lich im Dichten Blanvalets festgesetzt zu haben. 

An die Lyrik Heines speciell erinnert manche Eigenschaft 
seiner Dichtungsweise : er weiss den höchsten Aff'ekt in knapp- 
ster Rede wiederzugeben; sein poetischer Bannstrahl, voll von 
bitterem Sarkasmus, trifft dieselbe Scheibe socialer Gebrechen 
und Miseren, wie der Heines : Kleinlichkeit, Habsucht und 
die Tyrannen. Er ist revolutionär, weil er human denkt - 
und selbst unter der Ungerechtigkeit der menschlichen Gesell- 



Einige Dichter der Westschweiz. 425 



Schaft zu leiden hat. Und wo sich sein Geist nicht aufbäumt, 
spricht Weltschmerz aus den Liedern, in die er viele Thränen 
hineingedichtet noch zu einer Zeit, da Musset und Heine 
längst ausgelitten und ausgesungen hatten. 

Ganz Heine, wie Godet richtig bemerkt, ist die hübsche 
Ballade, die der Zweiundzwanzigjährige von Berlin aus — 
das er zu Puss erreichte! — nach Hause sendet. Aus den 
„Poesies completes'^ (Geneve, Cherbuhez, 1871) des Dichters 
der „Petite soeur'' — jeder Westschweizer wusste dies Gedicht 
einmal auswendig — fügen wir ausserdem noch zwei Lieder 
bei, das eine wegen der an Heine erinnernden Blumenallegorie, 
das andere wegen der unserem Dichter so oft vorgeworfenen 

Manier. 

Je faisais, pensant ä ma mere, 
Route poiir l'universite, 
Quand la fiUe de la meuniere 
Surprit mon regard arrete. 
Elle etait si jeiine et si freie, 
Du ciel me parlait si souvent, 
Que j'oubliais souvent, pres d'elle, 
Le tic-tac du moulin ä vent. 

Fallait reprendre la grand'route 
Qui mene ä l'universite, 
Oü, supposant qu'on les ecoute, 
Tant de docteurs ont radote. 
En contem plant la face bleme 
De ces parleurs ä tout venant. 
Je pensais souvent, en moi-meme, 
Au tic-tac du moulin a vent. — 

Quand, pour regagner la patrie. 
Je quittai l'universite. 
Je revis bien, dans la prairie, 
Le moulin toujours agite. 
Mais la fille de la meuniere 
N'etait plus lä, comme devant; 
Elle dormait au cimetiere, 
Au tic-tac du mouhn ä vent. — 



426 H. Heines Einfluss. 



Jeune fille et jeune fleur. 

Pres d'un lac aux eaux liinpides, 
Je portais mes yeux avides 
Sur les fleurs ä leur eveil, 
Et je vis une d'entr'elles, 
Belle parmi les plus belles, 
Qui semblait fuir le soleil; 
Elle inclinait vers la terre 
Son front penche sous le deuil. 
J'ai vu la fleur passagere 
Qui fleurit pour le cercueil. 

Et quand ses jeunes compagnes 
Etalaient, dans les campagnes, 
Leurs parfums et leurs couleurs, 
Et, joyeuses de la vie, 
Agagaient la brise amie 
Qui vient balancer les fleurs, 
Elle inclinait vers la terre 
Son front penche sous le deuil. 
J'ai vu la fleur passagere 
Qui fleurit pour le cercueil. 

A la voir ainsi pälie, 

Sans regrets et sans envie, 

S'etioler ä mes yeux. 

Je me disais en moi-meme : 

Oh ! sans doute un ange l'aime 

Et l'attend au fond des cieux. 

Elle posa sur la terre 

Son front penche sous le deuil. 

J'ai vu la fleur passagere 

Qui fleurit pour le cercueil. 



Ange adore. 

Ange adore, pour un regard de toi 
Je donnerais et uion ame et ma foi, 



Einige Dichter der Westschweiz. 427 

Je dounerais les splendeurs eternelles, 
Les saiiits concerts des seraphins fideles, 

Je donnerais . . . mais ce chäle d'Iiiver, 
Diable m'emporte! il est pourtant trop eher. 

Etienne Eggis (1830—1867). In den ungemein witzigen 
Federzeichnungen in epigrammatischer Prosa „Voyages aux 
Champs-Elysees" ^) wird ein Adolphe Gaiffe von Eggis „le 
Henri Heine frangais" genannt. Dies Freiburger Kind hätte 
sich selbst als ein Gemisch von Heine und Murger bezeichnen 
können. Wenn Blanvalet ein französischer Romantiker von 
der Nuance Hugos war, so stellt Eggis einen echten Typus der 
Romantik Gautiers und Nervals dar. Er ist — rara avis — 
ein leibhaftiger „boheme" der Westschweiz, die ihn nicht um- 
sonst einen ,,ecervele qui gäche son talent" gescholten hat. 

Hauslehrer bei einem bayerischen Grafen, dann fahrender 
Student und Dichter, sang er oft mit leerem Magen, aber 
niemals mit trockener Kehle. Victor Hugo, dem er einige 
Gedichte übersandt hatte, würdigte ihn eines anerkennenden 
Schreibens, und mit diesem Talisman machte sich der schwei- 
zerische Villen auf den Weg nach Paris. Dort wurden u. a. 
Maxime du Camp und Arsene Houssaye seine Freunde und 
Beschützer. Wie er dem letzteren für Unterkunft und Unter- 
halt dankte — unser Schweizer verschwand eines Tages samt 
den Havannacigarren — und dem Klavier Houssayes — hat 
dieser selbst humorvoll erzählt. Eggis, der seinem Wohlthäter 
darauf per „mon eher vole" schrieb, war der Ansicht, es sei 
unter Poeten alles Gemeingut! — 

„De notre vie, ami, voilä le beau poeme : 
Vive la poesie et vive la boheme !" 

Wie gesagt, ein seltenes Pflänzchen im schweizerischen 
Jura ! — Das unstäte Wandern, Not und Entbehrungen machten 



^) „La Presse", 1855. 



428 H. Heines Einfluss. 



seinem lockern Leben ein frühes Ende. „Er ist gewandert hin 
und her — ist endlich verdorben, gestorben" — in Berlin, an 
der Schwindsucht, siebenunddreissig Jahre alt. 

Professor Rössel sagt von Eggis in einem Artikel der „Nou- 
velle Revue" (Bd. LIX, pag. 92) : „L'inspiration est, chez Eggis, 
germanique en maints endroits ; le style, non pas. Jules Janin 
le qualifiait de „po^te gallo-romand.'^ C'est bien cela, un me- 
lange de Musset, de Heine, de Geibel, qui dut assurement 
plaire ä Paris, au temps oü Ton fetait encore la blonde et 
pacifique Allemagne." 

Gewiss hat Eggis ein gut Stück deutscher Romantik nach 
Paris gebracht, und verdient daher auch als Geistesvermittler 
genannt zu werden. Dies that auch William Reymond — 
(übergangen ist er von Süpfle und Meissner) — : „Un poete 
suisse. Et. Eggis, seconda pendant quelque temps de sa seve 
etrangere les innovations des romantiques flamboyants." 

Die poetischen Werke dieses begabten Dichters, dessen 
frischer, urwüchsiger Muse man nicht gleichgültig gegenüber- 
stehen kann, sind 1886 neu erschienen, und zwar mit einer 
ansprechenden biographischen Einleitung von Philippe Godet. 
— Aus diesem Bändchen ist folgende Auswahl der Gedichte 
getroffen, aus denen vielleicht eher eine unserem Dichter 
eminent kongeniale Natur spricht, als bewusste Nachahmung, 
wennschon, wie gerade bei dem ersten Beispiele, Heinesche 
Manier unverkennbar ist. 

Si je pleure? 

mon pale reveur! me disait une femme, 
Toi, dont le coeur est mort dans le sein decliire, 
Et dont l'oeil, cependant, reluit sous tant de flamme, 
Sceptique de vingt ans, as-tu jamais pleure V 

Helas! lui repondis-je, aux faiblesses humaines 
Je n'ai pu m'arracher encor tout entier; 
La supreme apathie a de vastes domaines 
Oü ne s'est point encor pose mon pied altier. 



Einige Dichter der AVestschweiz. 429 



Si j'ai pleure, dis-tu, femme aux levres heureuses, 
Je suis un homme, helas! et j'en porte le nom. 
J'ai verse bien souvent des larmes douloureuses, 
— Je pleure chaque fois que j'epluche un oignon. 

(Aus „Voyages aux pays du coeur", 
zuerst in Paris 1853 erschienen.) 



A Madame ... 

Comme Dieu, dans le sein des mers mysterieuses, 
A derobe la perle aux yeux des matelots, 
J'ai, dans mon äme, loin des foules curieuses, 
Enfoui mon amour et cache mes sanglots. 

Oh ! de mon coeur blesse le douloureux mystere, 
Madame, ä vos regards restera toujours clos; 
La fleur de mon amour s'eteindra, solitaire, 
— Beau lis que le soleil n'aurait jamais eclos. 

Votre doux nom, madame, embaumera ma lyre, 

Le reflet de vos yeux eclairera ma nuit. 

Et, si vos levres d'or me donnaient leur sourire, 

Je comprendrais le ciel — mais j'apprendrais l'ennui ! 



Me tuer? — Aliens donc ! 

Me tuer? — J'aime mieux, en cachant mon ulcere, 
Au travers des humains que le destin lacere, 
Poursuivre mon chemin, le scepticisme au coeur, 
Et jeter aux passants mon sourire moqueur. 

Le globe, oü pleure et rit la comedie humaine, 
Vaut bien, jusqu'ä la fin, ma foi! qu'on s'y promene; 
Je ne quitterai pas ma place du balcon: 
Je veux boire mes jours jusqu'au dernier flacon, 

Marcher, sans me salir, dans cette fange immonde. 
Et rire jusqu'au bout de la farce du monde! 



430 H. Heines Einfluss. 



La vieille romance. 

Connais-tu la romance 
Qui fait toujours pleurer, 
Que le Coeur recommence 
Sans se desesperer? 

Carl aimait Madelaine: 
II eüt baise ses pas; 
II buvait son haieine: 
— Elle ne l'aimait pas. 

Elle aimait un beau pätre 
Qui passait sans la yoir; 
Et souvent, pres de l'atre, 
Elle pleurait, le soir. 

Le pätre en la vallee 
Avait mis son amour; 
Son äme desolee 
Gemissait nuit et jour; 

Car son amour immense 
N'etait pas partage, 
Et parfois la demence 
ßrülait son sang fige. 

Et, tout päles et sombres, 
Ils allaient par les champs, 
Quand la nuit met ses ombres 
Sur les coteaux penchants; 

Ils erraient, solitaires, 
Sans oser esperer. 
Et les ebenes austeres 
Les regardaient pleurer. 

Et quand la mort sordide 
A leurs yeux vint s'offrir, 
Chacun croyait, candide, 
Etre seul ä soufFrir. 



Ä Claudia. 



Einige Dichter der Westschweiz. 431 

Oh! la vieille romance 
Qui fait toujours pleurer, 
Que le coeur recommence 
Sans se desesperer. 

L'eclat de rire d'un boheme. 

Dans les beaux jours d'ete, quand un soleil splendide 

A l'habit riche et fin, comme au haillon sordide, 

Verse, sans les compter, ses bienfaisants rayons, 

Je m'en vais bien souvent, seul avec mes crayons, 

Sur les grands boulevards, au travers de la foule, 

Qui, comme un fleuve immense, autour de moi s'ecoule; 

Et lä, silencieux, je vois ä mes cotes 

Passer et repasser, ä pas precipites, 

Tous les acteurs divers du drame qui se joue 

Dans Paris, ce bourbier fait de sang et de boue; 

L'artiste, le banquier, l'ouvrier, le dandy 

Et le capitaliste au ventre rebondi; 

Le poete sans pain, l'intrigant en carrosse; 

Le fat qui ne vaut pas la peine qu'on le rosse; 

L'homme de loi, d'argent, d'affaires, de palais, 

Pour voler ses clients achetant les valets; 

Les comtes, les barons, les marquis d'aventure, 

Qui, de leurs blasons faux, salissent la roture; 

L'exploiteur, l'exploite; le puissant, le petit, 

A la place du coeur n'ayant que l'appetit; 

Tout ce qui grouille, enfin, de vil, d'abject, d'immonde, 

Dans ce grand hopital qu'on appelle le monde . . . 

Et je me dis alors que, pour un million, 

Ces hommes ä genoux baiseraient mon haillon ; 

Gar l'homme, des vertus rejetant la chimere, 

Vendrait, pour un peu d'or, ses enfants et sa mere. 

Alors un noble orgueil illumine mon front; 

Du haut de mes haillons, vierges de tout affront, 

Dominant cette foule et penche sur ma lyre, 

Je Jette au monde entier un vaste eclat de rire. 

Jules Vuy (1815). Ein Genfer Advokat, der trotz Insti- 
tutionen und Pandekten ein Poet geblieben ist. Die „Echos 



432 H. Heines Einfluss. 



des bords de l'Arve" (1850), die drei oder noch mehr Auflagen 
erlebt haben und von denen die Kritik, Marc-Monnier u. a., 
viel Gutes zu sagen weiss, zeigen, dass seine ganze Sympathie 
dem deutschen Liede gehört, das ihn dafür glücklich inspiriert. 
Wenn Amieis Anlehnungen sich mehr nach der künstlerisch- 
technischen, die Marc-Monniers nach der poesievoll-preziösen 
Seite hinneigen, so hat es Vuy verstanden, den echten deutschen 
träumerischen Ton zu treffen. Es liegt wie ein Hauch nordi- 
scher Melancholie über seinen Liedern.^) Vuy hat ein frommes, 
naturliebendes Gemüt und er lässt sich demnach vorzugsweise 
von Uhland, Justinus Kerner, Geibel und besonders von Lenau 
beeinflussen. Den letzteren hat er trefflich übersetzt. Die 1878 
erschienenen „Nouveaux echos^' enthalten noch Uebertragungen 
von Just. Kerner und Uhland. Mag ihn aber auch manches 
bei Heine nicht angesprochen haben, so ist doch nicht anzu- 
nehmen, dass das „Buch der Lieder'' keinen Eindruck auf den 
fein lyrisch veranlagten Dichter hinterlassen habe. Die hübsche 
Natursymbolik des folgenden Gedichtes gibt uns ein Recht, 
dies anzunehmen. 

Le peuplier. 

Au sein de l'ombre et du silence 
Des päles heures de la nuit, 
Le peuplier, qui se balance, 
S'agite avec un leger bruit. 

II s'eveille, et son doux murmure, 
Vague et plaintif, semble vouloir, 
Lorsque repose la nature. 
Parier dans le calme du soir. 

Sa Cime, par moments, se penclie, 
Et je vois, pure de fraicheur, 
Une etoile sereine et blanche 
Qui me sourit comme une soeur. 



1) Vergl. „Trois poetes de la Suisse franq.aise", par E. Rambert — 
,Bibliotheque universelle", März 1873. 



Einige Dichter der Westschweiz. 4g3 



Paul Gautier. Wir haben diesen jungen Dichter bereits 
als Uebersetzer Heines kennen gelernt und ausführlich von 
ihm gesprochen. Dass er ganz von der Poesie desselben er- 
füllt war, ist natürlich. An der Lyrik Heines und Alfred de 
Mussets hat er sich zum Dichter herangebildet. Wir lassen 
hier noch E. Rambert, dem Verfasser der biographischen Skizze 
in dem Bändchen „Pervenches et Bruyeres", das Wort, und 
eitleren — diesen letzten Abschnitt nicht unwürdig beschlies- 
send — aus der genannten Sammlung zwei Lieder, in denen uns 
Gautier ebenso glücklich im Sinne Heines zu dichten scheint, 
wie er es verstanden hat, unseren Dichter unübertroffen auf 
Französisch zu kopieren. (Pag. 8:) 

Enfant de son epoque, Paul Gautier n'avait pu passer indifferent 
ä cote de Heine, ni ignorer Alfred de Musset. Sceptiques, irresolus, 
flottant entre un ardent besoin de croire et un amer desenchantement, 
ces deux poetes ont exerce sur la jeunesse lettree une influence re- 
grettable. Gautier avait l'intuition des dangers qui resultent de cette 
absence d'energie morale. II finit par comprendre qu'un abandon 
facile ä Temportement des passions ne peut engendrer que l'impuis- 
sance et le degoüt. Sur la pente fatale, oü facilement le pied glisse, 
la foi de ses jeunes annees lui remontait au coeur et lui faisait voir 
le gouffre du materialisme sous les fleurs d'une pensee elegante, mais 
sensuelle. 

A eile. 

Belle, sais-tu pourquoi la fleur aux tendres charmes, 

La pervenche aux yeux bleus, 
Regarde en fremissant, toute humide de larmes, 
Se lever le soleil, son süperbe amoureux? 

Sais-tu pourquoi, le soir, l'eglantine pälie 

Se courbe, en revant, vers le sol ? 
Pourquoi ce vague emoi, cette melancolie 
Qui nous serre le coeur, au chant du rossignol? 

Quand le ramier se joue avec sa jeune amante, 

D'oü vient, helas! que, par moments, 
On dirait — tant leur voix est plaintive et tremblante — 
Que leurs cris de plaisir sont des gemissements ? 
Betz, Heine in Frankreich. ^" 



434 H. Heines Einfluss. 



Mon coeur, rempli d'amour, l'est aussi de tristesse. 

Sais-tu, sais-tu pourquoi? 
Sais-tu pourquoi je pleure, 6 ma douce maitresse! 
O ma doiice maitresse ! en me penchant vers toi ? 



A eile, en automne. 

Tout est sombre dans la nature 
Et tout est vide dans mon coeur, 
Et, sachant bien que rien ne dure, 
J'ai cesse de croire au bonheur. 

Mais je ne verse point de larmes, 
Je garde une amere gaite: 
La douleur peut avoir des charmes, 
Quand on la porte avec fierte. 

A riieure froide oü tu commences 
A faire ä l'amour un tombeau, 
Si j'ai vu de mes esperances 
Tomber, tomber chaque lambeau, 

Enfant, n'en sois pas etonnee. 
Tu sais bien que c'est la saison 
Oü des bois la feuille fanee 
Tombe morte sur le gazon. 



ANHANG 



Nachträge. 



Wir lassen hier die drei Hauptmonologe Ratcliffs folgen, 
wie sie in der von Heine selbst besorgten Uebersetzung 
lauten, die unter dem Titel „William et Marie'' in der „Revue 
de Paris", Januar 1840, erschien, und zwar mit folgender Notiz 
des Dichters: „J'ai ecrit ce conte dramatique ä Berlin en 1820. 
J'etais bien jeune alors ! Peut-etre les vers allemands de l'ori- 
ginal ont-ils perdu quelque chose de leur fraicheur native en 
passant dans la prose frangaise." — Herr Vicomte de Spoel- 
berch de Lovenjoul, der so freundlich war, uns auf diese 
Uebersetzung, die bedeutend von der der „Oeuvres completes'' 
abweicht, aufmerksam zu machen, stellt dieselbe weit über 
die anonyme der Buchausgabe. Vermutlich war es A. Specht, 
der Heine hier geholfen, möglicherweise auch Ed. Grenier. — 
„Drames et fantaisies", scene VIII, pag. 185 (Elster, Bd. II, 
pag. 327). 

Ratcliff. 

Bien jeune encore, quand je jouais tout seul, j'apercevais deux 
fantomes nebuleux qui etendaient au loin leurs longs bras aeriens, 
eomnie pouv s'entrelacer, et qui, ne pouvant s'approclier, se regar- 
daient douloureusement et avec amour. Quelque vaporeux et flottants 
qu'ils fussent, je distinguais cependant sur le visage de Tun d'eux les 
traits fiers et tristes d'un homme, et, sur le visage de l'autre, la douce 
beaute d'une femme. Souvent aussi je les voyais en reve, ces deux 
apparitions, et alors j'apercevais leurs traits plus distinctement encore. 
L'liomme me regardait avec melancolie, la femme avec amour. Quand, 



438 Anhang. 



plus tard, je me rendis ä l'universite d'Edimbourg, ces apparitions de- 
vinrent plus rares, et nies pales visions disparurent, emportees dans 
le tourbillon de la vie d'etudiant. Mais voila que, dans un voyage 
pendant les vacances, le hasard me conduisit au cliäteau de Mac-Gregor. 
J'y vis Marie. A son aspect, un eclair traversa mon coeur et le fit 
tressaillir. C'etaient bien lä les traits du fantome nebuleux, ces traits 
de femme si calmes, si doux, si beaux d'amour et de tendresse, qui 
tant de fois m'ayaient souri en songe; seulement les joues de Marie 
n'etaient pas aussi päles, son regard n'etait pas aussi fier; les joues 
de Marie rayonnaient, et ses yeux etaient etincelants. Le ciel avait 
repandu sur cette gracieuse figure tous les prestiges de la beaute ; 
certes, la Vierge meme n'etait pas plus belle que celle qui portait 
son nom. Transporte alors d'amour et de douleur, j'etendis les bras 
vers eile pour la presser sur mon sein . . . (Pause.) — Je ne sais com- 
ment cela se fit, mais un miroir se trouvait devant mes yeux, et je 
reconnus en moi cet homme fantome, qui etendait les bras vers sa 
compagne nebuleuse. 

N'etait-ce qu'un songe, une Illusion? Mais Marie jetait sur moi 
un regard si doux, si affectueux, si aimant, si engageant meme, que 
nos yeux et nos ämes se confondirent. O mon Dieu! Ce sombre 
mystere de ma vie se devoila tout ä coup. Je compris des lors le 
chant des oiseaux, le langage des fleurs, le sourire amoureux des 
etoiles, le souffle de la brise, le murmure des ruisseaux et les soupirs 
secrets de ma poitrine. 

Comnie des enfants, nous poussions des cris de joie, nous sautions 
et jouions; nous nous cherchions et nous trouvions dans le jardin. 
Elle me donnait des fleurs, des niyrtes, des boucles de cheveux, des 
baisers; les baisers, je les lui rendais; et enfin, un jour, courbe en 
suppliant ä ses genoux, je lui dis : Oh ! Marie ! m'aimes-tu ? (II 
devient reveur.) 

Ratciiff 

(Scene XI, pag. 194. Elster, pag. 331). 

Comme l'ouragan siffle ! L'enfer a lache tous ses fifres; quelle 
musique ils fönt! La lune s'est enveloppee dans son large plaid et 
ne laisse tomber que de ternes et päles rayons. Elle pourrait bien 
se cacher entierement pour moi ! car, quelque nuit qu'il fasse, l'ava- 
lanche n'a pas besoin de lumiere pour voir oü eile doit rouler. Seul 
le fer sait trouver l'aimant, et l'epee de Ratcliif saura aussi, sans 
guide, trouver la poitrine de Douglas. Mais notre baronnet viendra-t-ilV 



Nachträge. 439 



Ne craindra-t-il pas l'orage, le rliume, la toux ou le froid? II se dira 
peut-etre : remettons la partie ä demain soir ! Ah ! Ah ! 

C'est pourtant cette nuit qu'il nie le faut; et, s'il ne vient pas 
ä nioi, j'irai ä lui . . . au chäteau ! i) C'est une clef qui ouvre toutes 
les portes; et ces deux autres amis^) sont toujours lä pour proteger 
ma retraite. (U prend un pistolet.) II me regarde d'un air si loyal 
que je voudrais presser ma bouche contre la sienne et . . . Oh ! apres 
un tel baiser de feu, je serais gueri a tout Jamals de mes atroces 
douleurs. (Tout pensif.) Peut-etre aussi que Douglas, en ce moment, 
presse sur sa bouche la bouche de Marie! Oui, c'est pour cela que 
je ne dois pas mourir; non, je ne veux pas mourir! je serais contraint 
ä sortir chaque nuit de ma tombe et, ombre impuissante, ä regarder, 
les dents serrees, ce niais flairer d'un air de convoitise les charmes de 
Marie et souiller ses appas. Non, je ne dois pas mourir ! Si du haut 
du ciel j'apercevais Douglas pres de la couche de Marie, je lancerais 
des maledictions qui feraient pälir les joues roses des seraphins, et 
les forceraient ä rester court au milieu de leurs longs et monotones 
alleluias ! 

Ratcliff 
(Scene XlII, pag. 200. Elster, pag. 335). 

Ah ! ce n'est point un reve ! je suis aupres de la Roche-Noire, 
vaincu, abattu, meprise ! Le vent souffle ä mes oreilles : voilä donc cet 
esprit fort et gigantesque qui se jouait des hommes et des lois ; cet 
homme qui luttait fierement avec le ciel et qui, maintenant, ne peut 
empecher le comte Douglas de reposer, cette nuit, dans les bras de 
sa bien-aimee, de lui raconter comment ce vermisseau qu'on nomme 
William Ratcliff se tordait miserablement sur le sol, au pied de la 
Roche-Noire, et comment il n'a pas voulu souiller son pied ä son 
contact impur. (Aycc fureur.) Sorcieres damnees ! ne ricanez donc 
pas de ce rire glapissant. Treve ä vos gestes railleurs. Je vais lancer 
des roches sur vos tetes execrables, arracher des forets de pins et 
en fouetter vos epaules jaunies; je vais fouler aux pieds vos corps 
secs et fletris, et faire jaillir le noir venin qu'ils recelent. Vents du 
nord, mugissez ; brisez le monde en mille pieces ! Firmament, abime- 
toi, ecrase-moi sous tes decombres! Terre, rentre dans le neant, 



^) Frappant sur son epee. 

^) Posant la main sur ses pistolets. 



440 Anhang. 



engloutis-moi dans les tenebres! (Furieux, tremblant et d'un air 
mysterieux.) Que me veux-tu, homme fantome, spectre nebuleux 
qui me poursuit sans cesse? N'attache pas sur moi ce regard fixe! 
Tes yeux sucent mon sang et me petrifient; tu verses de la glace 
dans mes veines brülantes ; tu fais de moi un fantome, une ombre 
sans vie comme toi. Que me veux-tu ? Oü faut-il aller ? Marie, ma 
blanche colombe ? . . . Du sang ? Hola ! Qui a parle ? Ce n'est pas 
le vent! Que faut-il faire? ... La vie de Marie? . . . Le veux tu?... 
Oui . . . Soit . . . Ma volonte est de fer, et plus puissante encore que 
Dieu et Satan. (II s'enfuit.) 



IL 

Philibert Audebrand erzählt uns in seinen „Petits me- 
moires du XIX^ siecle" (pag. 64—67), dass Heine mit dem 
Gedanken umging, einige Skizzen, die er auf seinem Leidens- 
lager entworfen, in einem Buche, „Contes pour les malades'' 
betitelt, zu sammeln. Von diesen mit Bleistift geschriebenen 
Entwürfen will der alte Journahst den folgenden gesehen und 
kopiert haben. 

L'avocat. 

Je m'etais mis ä la fenetre, regardant dans la rue les allants et 
venants. Tout ä coup passa un avocat dont la folie des derniers 
evenements a fait un ministre. 

II marcliait avec gravite. Chose curieuse, sa toge s'etait collee 
ä sa peau et, ä un certain moment, s'arrondissait de chaque cote, de 
maniere ä former des alles noires, des alles de chauvc-souris ou de 
dindon. 

A present que j'y reflechis, je crois bien que c'etaient des alles 
de dindon. Ce qui donne ä le penser, c'est qu'un grand ruban rouge 
descendait du cou jusqu'ä l'abdomen, absolument comme cela se voit 
chez l'oiseau dont nous ont dote les jesuites. 

L'homme marchait, dis-je, avec gravite et lentement. Quand il 
rencontrait un ancien confrere, il le saluait d'un air gauche en disant : 

— C'est pourtant la politique qui m'a mis dans l'etat oü vous 
me voyez. 



Nachträge. 441 

Als „inedit'^ führt Audebrand auch folgende „Legende" an : 

Histoire d'un puceron. 

— La gloire ! la gloire ! Je vous dis, moi, qua ca ne vaut pas 
la cendre qui resiilte d'un cigare de trois sous. 

Une raie faite sur le sable, une ride sur l'eau, une note jetee 
au vent et qui s'enfonce dans l'immensite de l'etlier, voila la vie, 
voilä la gloire. — Y a-t-il ä etre vain quand on vit et qu'on dort 
dans la pourpre? 

L'liomme est un ver de terre et se croit un dieu. II se coiffe 
avec de l'or, s'habille avec de la soie, il fait mettre ä ses souliers 
des olous de diamant. II a des palais de marbre pour se loger, des 
armees pour le garder, des peuples courbes sur le sol pour nourrir 
ses caprices. On l'entend dire: „Je suis le maitre." — Tu n'es le 
maitre que de ta soupe quand tu l'as dans le ventre, et encore faut-il 
que tu la rendes ! 

Une fleur de mai parait, il la prend ; une jeune fille fleurit, il 
la cueille. II a le meilleur vin. II se promene, la nuit, sur les mers 
embaumees, la nuit, quand le ciel est tout brode d'etoiles. Rien ne 
lui resiste dans ce qui se voit. „Attends, tu vas payer en une minute 
la dinie de ton orgueil." 

Tout pres de l'echoppe d'un savetier, un petit monstre vient de 
naitre. Cela est gros tout au plus comme la tete d'une epingle. Cela 
a une tete de serpent, une queue de cai'man, des griffes de lion, des 
ailes de dragon, du temps oü il y avait des dragons volants, c'est-ä- 
dire avant le deluge des savants. C'est un puceron d'Amerique ap- 
porte par un navirc et depose, sous forme d'oeuf, dans les ordures 
qu'un matelot a rejetees, en passant le long d'un mur. Ce monstre, 
ce serpent, ce crocodile, ce lion, ce dragon, cette mouclie, qu'est-ce 
qui le pousse ? On ne sait. 

— Halte-lä! s'ecrie une sentinelle du palais, on ne passe pas. 

— On passe, repond le puceron ; me voici dejä dans la salle du 
trone. 

Dix niille soldats ont frissonne; les cliambellans ont montre 
leur dos sur lequel il y a une clef en or; les pretres ont exorcise, 
les courtisanes ont remue leurs eventails; le fou a agite ses grelots. 
Tout cela, peine perdue. Tout en chantant un air d'opera-comique 
du pays des mouches, le puceron s'avance; il pique le roi au front, 
ä l'endroit oü est la couronne. Sa Majeste est morte. 



442 Anhang. 



-- A present, j'ai fini ma taclie, dit le puceron, et il s'en va 
mourir sur les excrements d'oü il etait sorti. 

Soyez vains, si vous vouloz, mais pensez ä la mouclie ! 



III. 

Wir haben hier noch zwei Uebersetzungen nach- 
zutragen, auf die wir kurz vor Thorschhiss aufmerksam 
gemacht wurden. Die eine befindet sich in der Nummer 
vom 10. August 1879 der Zeitschrift „L'lntermediaire des 
chercheurs et curieux". Unter dem Titel ,,Trilogie regicide'', 
poesie inedite de H. Heine, bringt ein E. U. P. Unterzeichneter 
die wörtliche Prosaübersetzung des Gedichtes „1649—1793—???" 
(Elster, Bd. II, pag. 201), das nicht in dem Bande „Poesies 
inedites" aufgenommen ist, und zwar mit folgendem Kom- 
mentar : 

Dans une precieuse collection d'autographes, oü, par privilege, 
j'ai pu avoir acces, se trouve une bien curieuse piece de vers, de la 
main de H. Heine, qui s'est rencontree parmi ses papiers posthumes, 
et dont il m'a ete perniis de prendre copie. 

Voici la translation litterale du texte allemand. Quant au titre, 
il se passe de traduction, car il est dans la langue universelle des 
chiffres — et des chiffres fatidiques — se composant de trois dates, 
dont deux sont assez fameuses dans nos annales modernes, et dont 
la troisieme est encore dans les futurs contingents de l'histoire du 
demo-socialisme septentrional. 

Die andere noch zu erwähnende Uebersetzung ist dagegen 
das Werk eines Dichters und — Philologen. Unter dem 
Pseudonym Clair Tisseur ^) hat nämlich der Lyoner Gelehrte 



') Nannte sich wohl so nach dem Lyoner Dichterbrüderpaar Barthelemy 
und Jean Tisseur. Der erstere starb 1843, kaum 30 Jahre alt, als Professor 
der französischen Litteratur in Neucbätel. — Unter demselben Pseudonym 
veröffentlichte Puitspelu „Modestes observations sur l'art de versifier", ein 
Buch, das allgemeine Anerkennung fand. 



Nachträge. 443 



Puitspelu — wie Altmeister Diez, zugleich Romanist und Poet — 
einen Band formvollendeter und gedankentiefer Gedichte, 
betitelt „Pauca Paucis" (nouvelle edition augmentee etc.), 
Lyon 1894, herausgegeben, in dem wir eine erfreuliche Ueber- 
tragung der „Wallfahrt nach Kevlaar" finden. Diese ist 
ziemlich getreu, schmiegt sich auch im Reim an das Original 
au und erinnert an die Uebersetzungsweise Amieis. Wir lassen 
hier die hübsche Version der berühmten Ballade folgen, die 
wir ja ohnehin versäumt in französischem Gewände zu zeigen. 



Le pelerinage de Kevlaar. 

I. 

Pres du lit se tenait la mere: 
„Allons, moii Wilhelm, sois bien sage ! 
„Ne veux-tu donc pas te lever, 
„Pour voir le beau pelerinage?" 

— „Je suis si malade, 6 maman! 
„Je ne sais pourquoi j'ai si peur : 
„Je pense ä la Grretchen, la morte, 
„Et cela me brise le coeur." 

— „Viens, nous irons ä Kevlaar, 
„Premls tes heures et ton rosaire; 
„Ton petit coeur sera gueri 

„Par les mains de la bonne Mere!" 

Les bannieros flottaient au vent; 
Les hymnes montaient, solennelles; 
C'est vers Cologne sur le Rhin 
Que se dirigeaient les fideles. 

La mere tenait par la main 
L'enfant ä la face amaigrie. 
Tous deux chantaient avec le chceur; 
„Louanges soient ä vous, Marie!" 



444 Anhang. 



n. 



Notre-Dame de Kevlaar 
A mis ses habits de parades; 
Elle a bien ä faire aujourd'hui: 
II lui survient tant de malades! 

Pauvres malades qui Fimplorent ! 
Chacun d'eux ofFre, faite en cire, 
L'image du membre dolent: 
Chacun voit cesser son martyre. 

Et si d'une main c'est l'image, 
L'afflige voit guerir sa main; 
Et si c'est un pied qu'il apporte, 
Bientot son pied deviendra sain. 

II est venu plus d'un bancroche, 
Qui court ainsi qu'un levrier. 
Tel dont les doigts etaient pourris, 
Est devenu menetrier. 

La mere modelait un co^ur 
De la cire prise d'un cierge: 
„Pour qu'elle guerisse ton mal, 
„Porte cette offrande ä la Vierge !" 

L'enfant soupirant prend l'offrande; 
Soupirant va vers Notre-Dame. 
Des larmes luisent dans ses yeux; 
Les mots s'echappent de son äme: 

„0 vous, entre toutes benie, 
„0 Vierge pure, 6 Vierge sainte, 
„Tres benigne Reine des cieux, 
„Vers vous laissez monter ma plainte! 

„Nous demeurons, ma mere et moi, 
„Dans Cologne la catholique, 
„La ville aux quatre cents chapelles, 
„A la süperbe basilique! 



Nachträge. 445 



„Et pres de nous logeait Gretchen. 
„Et maintenant Gretchen est morte. 
„0 Vierge, guerissez mon mal ! 
„Regardez ce coeur que j'apporte! 

„O guerissez mon coeur souffrant! 
„C'est un pauvre enfant qui vous prie. 
„Soir et matin il redira: 
„Louanges soient ä vous, Marie!" 



III. 

La mere, avec le fils dolent, 
Sont endormis dans leur chambrette. 
Entre soudain la Vierge sainte; 
Sa marche est legere et discrete. 

Elle se courba vers l'enfant, 
Et, sur sa poitrine innocente, 
Tres doucement posa la main. 
Et puis disparut souriante. 

La mere, en reve, avait tout vu. 

— Tout s'obscurcit. — Non sans effort, 

Elle secoua le sommeil. 

Les chiens aboyaient a la mort. 

Le petit, les traits reposes, 
Gisait mort dans son humble lit; 
La fraiche rougeur de l'aurore 
Se jouait sur son front päli. 

La mere joignit les deux mains; 
Et sein gonfle, lärme tarie, 
Elle murmurait faiblement: 
„Louanges soient a vous, Marie!" 



446 Anhang-. 



Bibliographie 
der in Buchform erschienenen französischen Werke von H. Heine 



1833. De la France. Paris, Eugene Renduel. Fr. 7. 50. 

Mit einer biographisch erläuternden Einleitung vom 
Herausgeber und einem Vorwort von Heine, datiert 18. Ok- 
tober 1832. Das Letztere ist in der definitiven Ausgabe von 
Levy aufgenommen. 

1834. Reisebilder (Tableaux de voyage). Paris, Eugene Ren- 

duel. 2 Bde. Fr. 15. —. 

1835. De rAllemagne. Paris, Eugene Renduel. 2 Bde. Fr. 15. — . 

Mit folgender Dedikation (die nicht in die definitive 
Ausgabe von Levy aufgenommen ist): 

A Prosper Enfantin. 

Vous avez desire connaitre la marche des idees en 
Allemagne, dans ces derniers temps, et les rapports qui 
rattachent le mouvement intellectuel de ce pays ä la Syn- 
these de la doctrine. 

Je vous remercie de l'honneur que vous m'avez fait cn 
me demandant de vous edifier sur ce sujet, et je suis heureux 
de trouver cette occasion de communier avec vous ä travers 
l'espace. 

Permettez-moi de vous offrir ce livre; je voudrais 
croire qu'il pourra repondre au besoin de votre pensee. 
Quoi qu'il en puisse etre, je vous prie de vouloir bien 
l'accepter comme un temoignage de Sympathie respectueuse. 

Henri Heine. 

Es folgt darauf seine Einleitung mit dem Datum 
8. April 1835. 



Bibliographie. 447 

Von dieser ursprünglich auf sechs Bände berechneten 
Ausgabe sind nur die oben genannten fünf Bände erschienen, 
die vollständig sehr selten sind und broschiert 200—300 Fr. 
taxiert werden. Die Bibliotheque nationale besitzt nur (in 
elegant vergoldetem Kalbledereinband) Bd. II, III (Reise- 
bilder) und V, VI (De rAllemagne). — In dem biblio- 
graphischen Lexikon von Bourquelot (La litterature fran§aise 
contemporaine, 1827—1849) heisst es irrtümlich: Oeuvres de 
Henri Heine, Paris, Renduel, 6 vol., 1834—1835 (Fr. 45. -). 

Der unbekannte, von Heine selbst verschwiegene Ueber- 
setzer ist der Elsässer A. Specht, der ein Freund Heines 
war und 1874 in Montdidier gestorben ist. (Vergl. Abschnitt 4, 
„Heines Uebersetzer".) 

1853. Reisebilder, tableaux et voyages. Paris, Victor Lecou. 
1 Bd. 

Mit Tambour Le Grand und Schnabelewosky. — Vorrede 
Heines vom 20. Mai 1834. — Dies Buch wurde ohne Wissen 
Heines herausgegeben. 

1855. De l'Allemagne. Paris, (Michel Levy freres) Calmann 

o.F.br.)') L^Yy_ 2 Bde. 2. Ausgabe 1863. 3. Ausgabe 1872. 

Die neueste Ausgabe (Nouvelle edition, entierement re- 

vue et augmentee de fragments inedits, 1884) enthält folgende 

französische Schriften Heines: 

Bd. I. Preface de la premiere edition (8. April 1835). 

(Die Dedikation an Enfantin, des inzwischen zum Phi- 
listertum bekehrten „Apostels", hatte Heine noch selbst ge- 
strichen. Für den Saint-Simonisten, den er einst „den bedeu- 
tendsten Mann des Jahrhunderts" genannt, hatte er nur noch 
Spott.) 



^) Wir verdanken diese genauen Daten der Zuvorkommenheit des jetzigen 
Chefs des Hauses, Herrn Paul Calmann Levy. lieber die Auflageziffer und die 
Zahl der neuen Abdrücke, darüber wollte man uns „aus Prinzip" keine Aus- 
kunft geben, ein Prinzip, das bei lebenden Schriftstellern jedenfalls eher 
angebracht ist, als bei solchen, die bereits seit einem halben Jahrhundert 
Klassiker sind. „Du reste," meinte Herr Levy, „le nombre de volumes ne 
prouve rien; Heine ne s'adresse qnk un public d'elite." Das wussten wir; 
interessiert hätte uns bloss, welche Werke Heines viel und welche wenig 
gekauft wurden. 



448 Anhang^. 



1. De rAllemagne jusqu'ä Luther. 

2. de Luther jusqu'ä Kant. 

3. de Kant jusqu'ä Hegel. 

4. La litterature jusqu'ä la mort de Goethe. 

5. Poetes romantiques. 

Bd. II. 6. Reveil de la vie politique. 

7. Traditions populaires. 

8. La legende de Faust. 

9. Les dieux en exil. 
10. Aveux de l'auteur. 

1855. Lutece. Lettres sur la vie politique, artistique et sociale 
(13. April.) gj-j France. Paris, Levy. 2. Ausg. 1857. 3. Ausg. 

1861. 4. Ausg. 1863 . . . Neueste Ausg. 1892. 

Vorrede von Heine, dat. 30. März 1855. — Enthält die 
Briete an die „Augsburger Allgemeine", 1841—1843, von Ed. 
Grenier übersetzt. 

1855. Poemes et legendes. Paris, Levy. 2. Ausg. 1861. 



(4. Juli.) 



3. Ausg. 1864 etc. Neueste Ausg. 1892. 
Vorrede von Heine, dat. 25. Juni 1855. Enthält: 

1. Atta Troll (mit Einleitung von Heine, Dezember 1846). 

2. Intermezzo (mit Notice du traducteur — Ger. de Nerval — 
siehe „Revue des deux Mondes", 15. September 1848). 

3. La Mer du Nord (mit Notice du traducteur — Nerval — 
„Revue des deux Mondes", 15. Juli 1848). 

4. Nocturnes. 

5. Feuilles volantes. 

6. Germania, contes d'hiver. Vorrede Heines, 17. December 
1844. (Wurde von Ed. Grenier übersetzt und ist eine der 
wenigen Schriften Heines, die nicht in der „Revue des 
deux Mondes" Aufnahme fanden.) 

Anmerkung. Den bekannten Vers im Whitermärchen, 
über die davonlaufenden deutschen Junker, den Heine auf 
Anraten Fr. Willes in seiner deutschen Ausgabe strich, Hess er 
in der französischen Ausgabe stehen. Vergl. „Deutsche Dichtung", 
iid. IX, pag. 260. 



Bibliographie. 449 

1856. Reisebilder — Tableaux de voyage. Paris, Levy. 2 Bde. 
O.Mai.) 2. Ausg. 1865. 3. Ausg. 1872. 

Letzte Ausgabe 1888 (revue, considerablement augmentee 
et ornee d'uii portiait de l'auteur, precedee d'une etude sur 
H. Heine par Th. Gautior). Vorrede von H. Heine, datiert 
20. Mai 1834. Inhalt : 
Bd. I. Preface de l'ancienne edition. 
Les Montagnes du Hartz. 
L'Ile de Norderney. 
Le Tambour Le Grand. 
Angleterre. 
Schnabelewopski. 
Bd. II. Italie. 

Voyage de Munich ä Genes. 

Les bains de Lucques. 

La ville de Lucques. 

Les Xuits florentines. 

1857. De la France. Paris, Levy. 2. Ausg. 1863. Letzte 
(15. Jan.) ^^^sg^ |gg4 Inhalt: 

Preface de la nouvelle edition par Henri Julia. 

Preface de l'edition allemande von Heine, 18. Okt. 1832. 

Lettres ecrites ä la „Gazette universelle d'Augsbourg" 
(1831-32). 

Fragments (1832). 

Lettres confidentielles adressees ä M. Aug. Lewald, 
directeur de la „Revue theätrale" de Stuttgart (1838), 
„Salon" 1831. 

1857. L'Intermezzo, poeme de Henri Heine, traduit en vers 
frangais par Paul RistelJniher. Paris, Poulet- 
Malassis. 

1864. Drames et fantaisies. Paris, Levy. Neueste Ausg. 1886. 
^^-•^^'^•) Inhalt: 

Introduction (von Saint-Rene Taillandier, vergl. „Revue des 
deux Mondes«, 1. Oktober 1863). 

1. Almansor. 

2. WiUiam Ratcliff. (Es ist dies nicht die von Heine selbst 
besorgte Uebertragung.) 

J5t tz, Heine in Frankreich. 29 



450 Anhanr. 



3. Le Retour, poesies de jeunesse, mit Einleitung von Saint- 
Rene Taillandier. 

4. Le Rabbin de Bacharach. (Uebersetzung von Ed. Grenier.) 

5. Le Romantisme (die Jugendarbeit Heines). 

1866. Correspondance inedite, avec une preface et des notes. 
(29. Okt.) p^^ig^ L^^y 2 Bde. 

L Serie: Einleitung und Uebersetzung, beide anonym, von Ch. Ber- 
thoud. 
Briefe von 1820—1828. 
IL „ „ „ 1828-1842. 

1867. De Tout un Peu. Paris, Levy. Letzte Ausg. 1890. 
(20. Mai.) Inhalt: 

Lettres de Berlin (3 Briefe, 1821-22, an den Redaktor 
Dr. Schulz). 

Morceaux de critique (La mort du Tasse — L'Almanach 
des muses — Poesies de J.-B. Rousseau — Struensee — La 
litterature allemande (von Menzel) — Don Quixote — Me- 
langes — (Le grand opera — Rossini et Meyerbeer — Les 
virtuoses de concert — Berlioz, Liszt, Chopin). 

Des Pyrenees — (I. Bareges — IL La vie des bains et 
les baigneurs — III. Le Duc de Nemours — La richesse 
nationale des juifs). 

La deesse Diane — Le the — La premiere representa- 
tion des Huguenots — L'incendie de Hambourg. 

Esquisse autobiographique (am 15. Januar 1835 an Phil. 
Chasles gerichtet). 

1867. De l'Angleterre. Paris, Levy. 2. Ausg. 1881. Inhalt: 

(17. Juni.) 

Avertissement (de l'editeur). 

Introduction von H. Heine. 

Les heroines de Shakespeare — Tragedies — Comedies. 

Fragments sur l'Angleterre. 

1868. L'Intermezzo. Poeme traduit de H. Heine par Albert 

Merat et Leon Valade. Paris, Lemerre. 



Bibliographie. 451 



1868. Satires et portraits. Paris, Levy. Neue Ausg. 1885. 
(14. März.) Inhalt: 

Avertissement (des editeurs). 

Louis Boerne — Le denonciateur — De la Pologno — 
Louis Marcus — V. Cousin. 

1868. Allemands et Frangais. Paris, Levy. 3., neueste Ausg. 

(11. Juli.) 1^32. Inhalt: 

De la noblesse allemande — Lettre ecrite de Normandie 
— La Pension de Heine et sa pretendue naturalisation en 
France — Kahldorf — Le miroir des Souabes — Salon de 
1831 — Mirabeau et la revolution — Les journees de Juin — 
Salon de 1833 — Varia — Reforme des prisons et legislation 
penale — Testament de Henri Heine. 

1877. Correspondance. Paris, Levy. 
III. Serie : 1843—1855. 

1880. Nocturnes. Poemes imites de H. Heine, par Leon Valade. 
Paris, Patay. 

1884. Intermezzo. Poeme d'apres H. Heine, par E. Vaughan 
et Ch. Tabaraud. Paris, Bai liiere & Messager. 

Anmerkung. Jacques Roques hat mit Benutzung dieser 
Uebersetzung das „Intermezzo" komponiert. 

1884. Memoires. Traduction de J. Bourdeau. Paris, Levy. 

(6. Mai.) 

1884. L'Intermezzo. Poeme d'apres H. Heine, traduction par 
(-1««^^) Beltjeyis. 

1885. Poesies inedites. Paris, Levy. 

(20.Fobr.) Preniieres souffrances (1817—1821) etc. etc. 

1889. Le Tambour Le Grand, suivi du Yoyage en Italie; tra- 

duction nouvelle de Camille Prieur. Paris, Dentu. 
(Bibliotheque choisie des chefs-d'oeuvre fran§ais et etran- 
gers, tome XLV.) 

1890. Le Retour. Traduction en vers frangais par /. Daniauxj, 

avec une introduction inedite par Marcel Prevost. 
Paris, Lemerre. 



452 Anhang-. 

1890. L'Intermezzo, d'apres le poeme de H. Heine, de Guy 
RoiKirtz et P.-R. Hirsch. Paris, Lemerre. 

1893. Heine intime. Lettres inedites, avec notes biographiques 
et commentaires par baron L. de Embden. Edition 
frangaise par Gourowitch. Preface par Arsene 
Hoiissaye. Paris, L e Sondier. 

(Erlebte im Jahre 1893 bereits zwei Editionen.) 

Anmerkung. Die bei Calmann Levy erschienenen Oeuvres 
comj^letes de Henri Heine umfassen demnach 17 Bände 
{k Fr. 3. 50). 



Nachträge. 

1894. L'Intermede lyrique de Heine; traduction poetique de 
/. de Tallenay, suivi de Premieres rimes. OUen- 
dorf. 18 (3. 50). 

1894. Le Nouveau Printemps, Angelique. Traduction par Ba- 
niaux. Lemerre, 1894. 
— Henri Heine. Les Allemands (d. h. die ,, Harzreise" !). 
Traduction nouvelle avec etude sur la vie et 
l'oeuvre de Henri Heine. 
— Atta Troll. Histoire d'un ours. 

(Zwei Büchlein der „Nouvelle Bibliotheque populaire" 
ä 10 Cent. [!], Henri Gautier, Paris.) 



Bibliographie. 



453 



Vollständiges Verzeichnis 
der in französischen Revuen erschienenen Werke Heinrioli Heines 



1832. 

(15. Juni.) 



1832. 

(1. Sept.) 



1832. 

(15. Dez.) 



Revue des deux Mondes. 

Excursions au Blocksberg et dans les environs du 
Harz. 

Mit erläuternder Einleitung vom Uebersetzer, die 
nicht in die „Oeuvres completes" aufgenommen ist. 

Histoire du Tambour Le Grand. Fragments traduits 
de H. Heine. 

Loeve-Veimars bemerkt, er müsse der Länge des 
Originals wegen abkürzen. 

Les Bains de Lucques. 

Uebersetzt von Loeve -Veimars, dessen Uebertragung 
nicht für die „Oeuvres completes" benutzt wurde. 



Europe litteraire. 

1833. Etat actuel de la litterature en Allemagne. ') 
(In acht (Romantische Schule), mit dem Nebentitel, der auf die 

— 24. Mai.) Tendenz hindeutet: De l'Allemagne depuis Madame de Stael. 



^) Die Zeitschrift „Europe litteraire", Journal de la litterature nationale 
et etrangere, trug in fettem Drucke die für die Romantik charakteristische 
Bemerkung : „La politique est completement exclue de ce Journal." — 
300 Schriftsteller, darunter fast alle bedeutenden Männer des damaligen 
Frankreich, hatten sich als beitragende „fondateurs" erklärt. Trotzdem, oder 
gerade weil das Unternehmen zu grossartig angelegt war, lebte die „Europe 
litteraire" bloss ein Jahr lang. Beachtenswert ist, dass diese Schrift Heines 
für die erste Nummer vielleicht ebensosehr als Programm, wie als Reklame 
benutzt wurde. — Die drei einzigen erschienenen Bände enthalten auch sonst 
noch litterarische Schätze, so z. B. George Sands „Lelia", Romane von Balzac. 
Ebendaselbst eine Anzahl Aufsätze von Paulin Paris etc. etc. 



454 Anhang. 

1833. Une Preface, par H. Heine. 

(26. Dez.) 

Revue des deux Mondes. 

1834. \ l I. La Revolution religieuse et 
<i-^ärz.) 1 Martin Luther. 

1834. I I II. Les precurseurs de la Revo- 



(15. Nov.) \ j)g l'Allemagne. 



1834. 

(15. Dez.) 



lution philosophique, Spinoza 



et Lessing. 



III. La Revolution philosophique. 
Kant, Fichte, Schelling. 



Revue de Paris. 

1835. Esquisse autobiographique. Lettre de Henri Heine ä 
(März.) ph. Chasles. 

1840. William et Marie (Ratcliff). 

(Januar.) 

Revue du dix-neuviöme Siecle. 

1840-45. Lettres confidentielles adressees a M. Aug. Lewald. 
Die Briefe an Lewald, die Julia in den „Oeuvres com- 
pletes" in den Band „De la France" eingereiht hat, waren 
in den vierziger Jahren schon von Heine für die obige Zeit- 
schrift übersetzt worden. 

Revue des deux Mondes. 

1836. Les Nuits florentines. 

(15. April, 
1. Mai.) 

1847. Atta Troll. 
(15. März.) XJebersetzer (anonym) Ed. Grenier. 

1848. 
(15. Juli.) Mer du Nord. 

(15. Sept.) Intermezzo. 

Uebersetzt von G. de Nerval. Von ihm auch die Ein- 
leitungen, die in der Buchausgabe beibehalten worden sind. 



Bibliographie. 455 



Nervals „Intermezzo "-Uebertragung ist auch in seinen eigenen 
Werken aufgenommen worden, und zwar in dem Band „Le 
reve et la vie". 

Anmerkung. Süpfle führt irrtümlich noch die Nummer 
vom 1. April 1848 der „Revue des deux Mondes" an, in der sich 
Uebersetzungen von Nerval befinden sollen, (ßd. III, pag. 138, 
Anm. 55.) 

1851. Romancero, poesies inedites. 

(15. Okt.) Uebersetzt von Saint-Rene Taillandier (ungenannt!). 

(Anmerkung. Nicht 1. Oktober, wie Süpfle anführt.) 

1852. Mephistophela et la legende de Paust. 
(15. Febr.) Uebersetzt von Saint-Rene Taillandier. 

1853. Les dieux en exil. 

(1. April.) 

1854. Le Retour. Poesies de jeunesse. 

(15. Juli.) . Uebersetzung und Einleitung von Saint-Rene Taillandier. 

Die letztere befindet sich in den „Oeuvres completes". 

1854. Les Aveux d'un poete. 

(lo. Sept.) jyjii; einer Einleitung, die nicht in den „Oeuvres com- 

pletes" („De l'AUemagne", II) aufgenommen ist. 

1854. Le Livre de Lazare. 

(1. Nov.) Einleitung und Uebersetzung (ebenfalls in den „Oeuvres 

completes") von Saint-Rene Taillandier. 

1855. Nouveau Printemps. 

(lo. Sept.) Uebersetzt von Saint-Rene Taillandier. 

Revue contemporaine. 

1863. L'Intermede, imite on ne peut plus librement de 
(lo. Sept.) rintermezzo de Henri Heine, par A. Claveau. 

Revue fran^aise. 

1863. Theätre de Henri Heine. William Ratcliff, traduit par 
^^•^^■^•) Catulle Mendes. 




456 Anhang, 

Revue germanique et fran^aise. 

T ,, ^ TT • TT . ( 1820 ^1825. 
Lettres de Henri Heine. 

1 1825-1836. 
Traduites par Charles Berthoud. 
(Blosse Auswahl.) Mit Einleitung und Notizen. 

Revue des deux Mondes. 

1870. Pensees et poesies detachees de Henri Heine. 

(15. Jan.) (^^icij^ ^i^ g^pfl^ ^.^jgj.^^ ^p^j.«^ ^^^^ ^^.^^ j^^.^^^ g.^^^^ j^_^^^ 

(Aus Strodtmanns „Letzte Gediclite und Gedanken von H. 
Heine".) 

In einer Notiz, walirsclieinlich von Saint-Rene Taillandier, 
heisst es am Schlüsse: „En resume, beaucoup d'ivraie; niais 
Ton est amplement dedommage par certaines pages oü Heine 
retrouve la suave harmonie de ses meilleures poesies, oü un 
sentiinent profond alterne avec des eckits de rire argentins" 
(pag. 541). 

Revue illustrde. 

1888. 1 
:s^o. 52, 54 Pages posthuines de Henri Heine. 

iöqq" I (Historien, Briefe, Aphorismen etc. mit Illustrationen. 

löJ^. Y(3j.gi^ g;j^pi^^| jy .^ 

(15. Nov.) / 



Register. 



457 



R 



egister. 



(Herr A. Spaeti, Gyjiinasiallehrer, der uns auch bei der Korrektur behülflich war, hat 
die Abfassung- des Reg-isters gütigst übernommen.) 



About, Ediu., 45. 186. 
Achard, Auiedee, 337. 
Adam, P., 379. 
Adler-Mesnard 113. 
Agesilas 90. 91. 
Agoult, comtesse d', 44. 

286. 
Albert, Paul, 315. 
Albin, Sebastien, 191. 
Alton, Shee d', 122. 
Amiel, Fred., 12. 185. 

228.234.238.254.256. 

257.258.261.264.381. 

432. 443. 
Aniyot 90. 185. 
Arioste 53. 61. 
Aristophanes 54. 66. 

118. 332. 333. 359. 
Arnim 52. 
Arnould, Arthur, 139. 

381. 
Aubancl, Theod,, 416. 
Aubryet 199. 
Audebrand, Phil., 122. 

139.165.376.419.440. 

441. 
Augier, Emile, 325.417. 
Aulnoi, Abbe d', 92. 

94. 



Aurevilly, Barbey d', 
44. 57. 59. 60. 61. 62. 
63. 64. 110. 322. 390. 
391. 392. 

Autran, J., 414. 

Baechtold 316. 
Bahr, Herm., 377. 384. 
Bailliere 231. 
Baldensperger, F., 46. 
Balzac 2. 34. 35. 44. 124. 

125.126.172.179.276. 

324. 368. 370. 415. 
Bamberger, Ludw.,31 2. 
Banville 2. 45. 73. 159. 

228.322.323.325.328 

bis 338. 358. 359. 362. 

366.368.374.385.389. 

399. 
Barbier, Aug., 44. 47. 

122. 158. 168. 
Barres, Maurice, 317. 

415. 
Baudelaire, Charles, 12. 

67. 69. 72. 200. 294. 

296.303.318.321.323. 

328.338.365.371.377. 

379.380.384.385.386. 

387—399. 416. 



Baschet, Ludovic, 252. 
Baxton, Camille, 191. 
Bazan, E. Pardo, 46. 
Bazard 36. 
Beaudry 154. 
Beaumarchais 334. 419. 
Becker, Nie, 264. 275. 

276. 
Beethmann 44. 
Beethoven 59. 
Belgiojoso 32. 122. 131. 

137. 
Bellaigue, C, 46. 
Belleau, Remi, 329. 
Bellini 33, 277. 
Beltjens, Gh., 234. 
Beranger, J.-P. de, 16. 

34. 85. 138. 139. 141. 

306. 
Berthoud, Charles, 115. 

152. 220. 321. 
Bertrand, Louis, 304. 

394. 395. 
Beyle-Stendhal 16. 
Beze, Theod. de, 415. 
Bire, Edm., 148. 
Bismarck 124. 
Blanvalet 264. 424. 427. 
Blemont 359. 362. 



458 



Anluing. 



Boccage 177. 
Bodmer 185. 
Börne 3. 8. 14. 53. 126. 

127.128.144.185.203. 

248. 290. 421. 
Boileau 1. 244. 
Bonald 63. 

Borel, Petr., 11. 26. 35. 
Bessert, A., 168. 
Bossuet 157. 365. 
Bouchor, Maurice, 370. 

400. 
Bouhours 139. 
Boulinier, J., 251. 
Bourdeau,J.,89.92.176. 

251. 
Bourget, Paul, 318. 363. 

364.366.370.371.374. 

381. 391. 400. 
Bourloton, Edg., 143. 
Boyer 203. 
Brandes 101. 310. 
Breal, Michel, 271. 
Breitinger, H., 48. 138. 

186. 208. 269. 285. 
Breitinger, J. J., 185. 
Brentano, Clement, 52. 

102. 169. 
Breton, Jul., 365. 
Brizeux 33. 47. 
Brunetiere, Ferd., 13. 

15.24.71.72.156.157. 

315.319.344.380.381. 

382. 385. 391. 407. 
408. 

Buchon, Maximilien, 

194. 195. 196. 
Büchner, A., 46. 
Buffon 303. 
Buloz 170. 190. 
Bürger 199. 200. 
Burne, Fönes, 363. 
Burns 85. 349. 
Burty, Philippe, 231. 



Bury,Blazede,45.281. 

286. 292. 
Busoni, Phil., 45. 
Byron 15. 33. 62. 68. 69. 

84. 157. 284. 285. 339. 

364.375.388.396.400. 

408. 411. 

Calvin 424. 

Camp, Maxime du, 187. 

196. 427. 
Candidus 282. 
Capet, Ludwig, 253. 
Caro, E., 45. 381. 
Catulle 82. 
Carrel, Armand, 23. 
Carteret 144. 
Casanova 415. 
Cazahs, Henri, 363. 364. 
Chamissol85.211.263. 
Champfieury 35. 112. 
Champsaur 379. 
Charles, J.-N., 113. 
Charpentier 178. 
Charriere, Mad. de, 274. 
Chartier, Alain, 58. 
Chasles, Philarete, 23. 

44. 154. 281. 292. 
Chateaubriand 10. 12. 

14. 15. 16. 17. 20. 31. 

65. 286. 303. 374. 375. 

379. 
Chatelain 221. 
Chatterton 411. 
Chauifour-Ke8tner282. 
Chenier, Andre, 14. 130. 
Cherbuhez, V., 46. 312. 
Chevaher, Michel, 36. 
Chiarini 46. 
Chimay, Hotel de, 35. 
Chopin 75. 137. 
Chuquet, Arthur, 312. 

316. 
Cladel, L., 318. 



Claretie, Jules, 323. 327. 

332. 365. 
Claveau, A., 217. 309. 
Clavet, Leon, 323. 
Colon, Jenny, 35. 119. 

196. 197. 
Constant, Benj., 274. 

285. 
Coppee, FrauQois, 242. 

318. 322. 327. 346. 

347. 357. 377. 386. 
Cormenin 126. 291. 
Corneille 1.48. 269. 284. 
Cornu-Lacroix, Mad., 

191. 
Cornu, Sebastien-Mel- 

cliior, 191. 
Courrier, P.-L., 14. 
Cousin, V., 19. 33. 274. 

275. 280. 
Couturier, Claude, 359. 

361. 
Cowper 24. 
Crepet 391. 387. 

Dangeau 272. 
Daniaux, J., 120. 246. 

249. 251. 
Dante 61. 118.157.285. 

415. 
Dargy, Gaston, 214. 
Daudet, A., 160. 323. 

416. 
Daudet, E., 160. 
Delavigne, Casimir, 17. 

18. 
Della Rocca 90. 122. 
Deloye 178. 
Denecourt 293. 
Dentu 240. 
Deroulede 337. 
Desaugiers 16. 
Descartes 157. 
Deschamps, A., 26.277. 



Register. 



459 



Deschamps, E., 26. 277. 
Dickens 71. 72. 
Dierx, Leon, 357. 358. 
Diderot 275. 368. 
Didot, Firmin, 167, 
Dietz, H., 113. 
Dietz, L., 113. 
Diez, Fr., 319. 443. 
Dollfus 282. 
Dostoi'ewski 71. 
Dresch, J., 113. 
Drumont, Ed., 145. 
Ducliätel, Comte, 31. 
Du Bellay 23. 24. 
Ducis, 185. 275. 
Ducros, Louis, 78. 89 

bis 112, 336. 337. 403. 

404. 
Dudevant,Mad.25.137. 
Du Deffand 12. 
Duesberg, G., 112. 
Dumas, Alex., 8. 23. 

26. 29. 31. 177. 369. 
Dupin, Aurora, 25. 

Ebers 317. 

Eggis, Et., 173. 196. 

264. 427. 428. 
Elster 252. 
Elzear, Pierre, 354. 
Embden, Baron v., 251. 
Engel, Ed., 122. 252. 
Enfantin 36. 
Eraste 67. 386. 387. 
Erkmann, 186. 
Escudier, M. et L., 45. 
Espronceda 388. 

Faguet, E., 155. 295. 
Fauriel, Claude , 22. 

29. 
Fenelon 157. 
Fichte 98. 100. 103. 

275. 



Fichtenbaum - Ueber- 

setz., 211. 225. 226. 

227. 232. 236. 245. 
Fidiere, O., des Prui- 

vaux, 252, 
Fischart 281. 
Flaubert 2. 30. 196. 

295. 296. 365. 390. 
Floriani, Lucrezia, 137. 
Fouque 169. 
Fouquier, Marcel, 159. 

160. 329. 
Fouquier, Henri, 327. 
France, Anatole, 323. 

348. 415. 
FrauQois, J., 49. 
Franzos, Emil, 177. 
Freiligrath 44. 49. 138. 

214. 
Freytag 92. 
Frommel, Graston, 381 

GaUiani, Abbe, 421. 
Gautier, Paul, 260. 261. 

433. 
Gautier, Theophile, 11. 

24. 25. 26. 31. 32. 44. 

45. 49. 80. 114. 126. 

142. 153. 154. 158. 159. 

160.161.173.181.197. 

240.293.294.295.296. 

297.299.302.303.310. 

321.322.323.325.328. 

329.330.336.358.368. 

385.386.389.395.427. 
Gavarny 368. 
Geibel 263. 317. 428.432. 
Geiler von Kaisersberg 

281. 
Genoude, M. de, 190. 
Geoffrin 12. 
Gerimont 139. 
Gersal, Luc, 160. 
Ghil, Rene, 381. 384. 



Ginisty,Paul, 326. 327. 

359. 
Girardin, Saint-Marc, 3. 

23. 44. 48. 279. 
Girot 113. 

Glatigny, Alb. de, 322. 
Gleyre, M. Gh., 49. 
Gödecke, Karl, 205. 
Godet 424. 425. 428. 
Goncourt, freres, 35. 

125.295.303.366.367. 

368. 369. 390. 
Goncourt, Edm., 366. 

368. 
Goncourt, Jules, 366. 

369. 
Goerres 278. 
Goethe 15. 30. 53. 61. 69. 

91. 100. 102. 103. 111. 

113.124.131.143.146. 

155.185.186.191.196. 

217.240.252.269.274. 

275.277.278.281.285. 

286.305.313.358.397. 

415. 422. 
Gottfried von Strass- 

burg 281. 
Gotthelf, Jeremias, 254. 
Gottschall 270. 
Gounod, Charles, 160. 
Gourowitch, M. S., 251. 
Gozlan 179. 
Grabbe, Christian, 217. 
Grand - Carteret, 143. 

144. 
Gratry 190. 
Grenadiere, Uebersetz. 

202. 229. 237. 
Grenier 33. 47. 56. 129. 

bis 135. 137. 165. 166. 

168. 171 — 173. 194. 

208. 437. 
Grillparzer 217. 315. 
Grimm, Jac, 53. 



460 



Anhang. 



Grimm, Melch., 421. 

151. 275. 290. 
Grimmeishausen 481. 
Gros, Charles, 415. 
Grosclaucle 365. 
Gross, Ferd., 285. 314. 

315. 316. 
Gubernatis, de, 46. 
Guicciardi 158. 
Guigon, Paul, 400. 
Guillot, Dr., 13. 
Guizot 19. 127. 131. 

Hafiz 85. 
Hagedorn 214. 
Halevy 145. 
Hallberg, M.-E., 113. 
Haraucourt, Ed., 318. 
Hardouin 393. 
Harel 177. 
Hartmann, Moritz, 138. 

150. 
Haym 101. 
Hebel, J. P., 57. 113. 

195. 196. 
Hebreu, Leon 1', 118. 
Hegel 30. 58. 59. 189. 

313. 
Heine, Mad., 123. 128. 
Heine, Max., 90. 
Heine, Salomon, 81. 98. 
Heinrichs, G. A., 46. 
Hello 392. 
Helvetius 275. 
Hennequin, E., 70—78. 

309. 315. 318. 324. 

336. 341. 344. 346. 

368. 371. 400. 418. 

420. 
Heredia , Jose Maria 

de, 244. 323. 406. 
Herder 53. 313. 
Herwegh 251. 
Hettner 101. 



Hillebrand,K.,319.422. 
Hirsch, P. R., 242. 
Hoefer, Dr., 138. 
Hoelty 152. 
Hoffmann, A. Th., 57. 
61. 72. 74. 112. 188. 

199. 240. 370. 415. 
Hoffmann v. Fallers- 

leben 138. 
Holbach 275. 290. 
Homere 118. 358. 
Horace 83. 85. 
Houssaye, Arsene, 31. 

35. 115. 154. 173. 196. 

197. 203. 251. 303. 

389. 394. 427. 
Houssaye, H., 322. 
Hüffer 174. 177. 
Hugo, Victor, 1. 8. 11. 

14. 15. 20. 21. 22. 23. 

24. 25. 26. 29. 31. 32. 

35. 124. 141. 148. 153. 

157. 234. 267. 269. 

285. 286. 287. 288. 

315. 321. 323. 325. 

328. 330. 331. 332. 

335. 337. 365. 390. 

392. 394. 405. 414. 

416. 424. 427. 
Humboldt, W., 92. 
Huret, Jules, 415. 
Huysmans 377. 

Immormann 216. 
Intermezzo-Uebersetz. 

200. 210. 217. 226. 
231. 242. 251. 

Jacquot,Charles-Jean- 

B. (de Mirecourt), 45. 

145. 
Janin, Jules, 45. 67. 

69. 75. 190. 386. 387. 

388, 392. 428. 



Jaubert, Mad., 34. 122. 

173. 174. 293. 296. 
Jonquiere , Antonelle 

M. de, 46. 
Jordaens 83. 
Joret, Gh., 270. 
Joubert 103. 
Joukowski 133. 
Julia, Henri, 114. 

Kahn, Gust., 414. 
Kant 65. 103. 189. 275. 

313. 
Karpeles, Gustave, 41. 

220. 
Keates 375. 
Keller, Gottfried, 32. 

46. 113. 254. 256. 
Kellermann 281. 
Kerner, Justinus, 432. 
Kist 161. 

Klaczko, Julian, 45. 
Kleber 281. 
Kleist 177. 
Klopstock 25. 58. 
Kock, Paul de, 142. 
Kohn-Abrest 46. 
Körner, Th., 98. 195. 

211. 278. 
Koschwitz, E., 316. 337. 
Kreutzer, Prof., 278. 
Kreyssig, Fr., 10. 314. 
Krinitz, Frau von, 122. 

208. 
Krüdener,Baronin, 285. 
Krysinska, Marie, 404. 

405. 406. 408. 
Kuhff 113. 

L,a Bruyere 303. 379. 
Lacaussade, Aug., 47. 
Lacordaire 23. 
Lacour, Paul de, 210. 
Lacroix, M"", 191. 



Register. 



461 



Lafargue 382. 411. 415. 
Lafayette 31. 
Lafontaine 17. 85. 131. 

142. 
Lagenevais, de, 292. 
La Harpe 3l9. 
Lamartine 1. 8. 14. 

17. 21. 31. 61. 62. 

77. 130. 157. 264. 

284. 285. 286. 315. 

32L 324. 
Lamennais 23. 
Lamirault 168. 
Lande, Louis de, 174. 
Lanson, Gust., 313. 
Laprade , Victor de, 

47. 
La Rochefoucauld 365. 
Larousse, Pierre, 167. 

348. 
Lassailly 35. 
Latouche, Henri de, 14. 
Laube, Heinrich, 29. 

41.84.88.136.137.173. 
Laurent-Pichat, L., 45. 
Lecomte, Jules, 45. 
Leconte de Lisle, 322. 

323. 357. 358. 386. 
Legras 132. 160. 176. 
Lehmann, Heinrich, 35. 
Lemaitre, Jules, 17. 

157. 158. 327. 337. 

399. 412. 
Lemer, Julien, 387. 
Lemerre 322. 323. 348. 

349. 405. 423. 
Lenau 33. 49. 185. 263. 

432. 
Leopardi 33. 47. 388. 
Lerminier, Jean, 29, 

36. 210. 280. 292. 
Lermontoff 388. 
Leroy-Beaulieu, Ana- 

tole, 148. 149. 



Lespinasse, M"« de, 12, 

368. 
Levasseur 46. 
Levy, Ant., 113. 
Levy-Bruhl 147. 
Levy , Calmann , 47. 

57. 176. 191. 207. 

209. 216. 
Levy, Lucien, 45. 
Lichtenberger, E., 146. 
Lichtenberger, F. A., 

146. 
Lichtenberger, H., 46. 

146. 
Linguet 394. 
Liszt 137, 190. 
Li-Tai-Pe 85. 
Littre 173. 
Loeve-Veimars, 22. 29. 

114. 167. 187. 188. 

189. 240. 291. 
Lucas, H., 46. 
Lupus, Alexis, 241. 
Luther, 61. 133. 185. 

271. 

Jflagny 154. 
Mahrenholtz 271. 
Malherbe 157. 
Mallarme, Stephane, 

201. 245. 318. 322. 

328. 383. 395. 
Malurer, Germain, 138. 
Marelle, Gh., 251. 
Marc-Monnier 203. 254. 

261. 263. 423. 432. 
Marlborough 64. 
Marmier, Xavier, 22. 

189. 280. 292. 
Marot, Clement, 333. 
Martin, Nicolas, 203. 

204. 205. 
Massen, Paul, 158. 
Maeterhnk 377. 



Matter 186. 283. 
Maupassant, Guy de, 

390. 
Meister, H., 275. 
Meissner, A., 33. 50. 

122. 155. 166. 
Meissner, Dr. Fr., 269. 

271. 285. 313. 428. 
Menard, Louis, 322. 
Mendes, Catulle, 216. 

225. 294. 322. 323. 

324. 338. 341. 342. 

346. 347. 357. 358. 
Merat, Alb,, 225. 226. 

227. 323. 
Mercier 275. 
Merimee, Prosper, 11. 

22. 31. 
Mery 190. 

Meyer, Frederic, 292. 
Meyer, Paul, 380. 
Meyerbeer 126. 190. 276. 
Mezieres 252. 
Michelet, Jules, 19. 414. 
Michiels, Alfred, 44, 

185. 202. 
Mignet, Frangois Aug., 

19. 33. 369. 
Millet 225. 
Mimnerme 118. 
Mirabeau 365. 
Mirecourt, Eugene de, 

44. 45. 
Mistral 416. 
Mole 127. 
Meliere 101. 419. 
Mommsen, Tycho, 184. 

211. 
Monod, Gabriel, 313. 
Monselet, Charles, 306. 
Montaigne 272. 
Montegut,E.,45.48.50. 

78 bis 89. 150. 308. 

309. 312. 



462 



Anhang. 



Monti 390. 

Moreas, Jean, 381. 382. 

384. 
Moreau, Heges., 411. 
Morel 139. 
Morf, H., 3. 
Morice, Charles, 310. 

323. 325. 378. 380. 

381. 403. 404. 411. 

416. 
Moscheroch 281. 481. 
Motte-Fouque 103. 
Mouche (Cani. Seiden) 

170. 171. 208. 209. 
Mousseline 179. 
Müller, W., 102. 
Murat 92. 
Murger, Henri, 35. 203. 

427. 
Musset, Alfred de, 11. 

15. 24. 26. 33. 34. 75. 

77. 85. 95. 122. 124. 

141.153.157.171.261. 

264.275.276.285.296. 

308.309.321.324.332. 

339.345.365.396.408. 

417.419.425.428.433. 

Ifancy, C.-M., 251. 
Naquet, Felix, 364. 
Necker 12. 
Neffzer 282. 
Nencioni, E., 46. 
Nerval, Glerard de, 26. 

35. 47. 115-119. 127. 

170. 186. 196-202 

206.234.280.286.303. 

304.365.395.409-412. 

416. 427. 
Niebuhr 278. 
Nodier. Charles, 15. 25. 

26. 285. 
Normand, Jacques, 414. 
Novahs 101. 150. 



Obelisque , L' — de 

Luxer, 300. 
ObeUsque , L' — de 

Paris, 299. 
Odeurs de Paris, Les, 

141. 
Orleans, Charles d'— , 

329. 
Orleans, Herzogin von, 

272. 
Ortfried von Weissen- 

burg 281. 
Ossian 47. 284. 
Otte, Friedr., 282. 
Ottiker von Leyk 185. 

186. 
Ovide 118. 

Paganini 100. 
Paleologue , Maurice, 

46. 
Palice, M. de la, 65. 
Paris, Gaston, 319. 323. 
Parlow, Dr. H., 186. 
Pascal, 157. 369. 
PeUssier 315. 324. 
Pelletan, Camille, 348. 
Perier, Casimir, 152. 
Perkins 158. 
Perthes 92. 
Petrarque 88. 95. 118. 

157. 284. 416. 
Peyrot, Maurice, 379. 
Pfeifel 282. 
Pichon, Aug., 189. 
Pischot, Amedee, 15. 
Planche, Gustave, 29. 

281. 292. 
Platen 185. 221. 
Plutarque 90. 
Poe 72. 368. 375. 380. 

381. 386 — 389. 395. 

399. 411. 
Poletika 133. 



Pompadour 169. 
Ponsin, P., 190. 
Pontmartin, de, 48, 64, 

65, 110. 
Poulet- Malassis 211. 

387. 
Pouschkine 133. 
Pressense, F. de, 318. 
Prevost, Marcel, 121. 

246. 376. 
Prieur, Camille, 240. 
Properce 118. 
Proudhon 23. 
Prudhomme, Sully, 322. 

357. 414. 
Psichari, Jean, 406. 
Puck 53. 
Puitspelu 442. 443. 

Quenard 44. 
Quincy 368. 389. 
Quinet, Fdg., 3. 29. 44. 
264.278.279.292.312. 

Rabelais 61. 295. 419. 
Racine 1. 379. 
Rahel 173. 
Rambert, Eugene, 254. 

261.263.264.432.433. 
Rambouillet, Hotel, 12. 
Rambouillet, Madame 

de, 11. 
Rapp 281. 
Raspail 126. 
Ratisbonne, Louis, 45. 

210. 213. 
Raupach 217. 
Renan 154. 158. 312. 

313. 381. 
Renduel 44. 114. 178. 
Regnier 68. 
Reinach, J., 270. 276. 
Rette, A., 415. 
Revilliod, Gustave, 112. 



Register. 



463 



Reymond, William, 33. 

48. 269. 284. 306. 309. 

315. 428. 
Richepin, Charles, 161. 

370. 399. 400. 
Richter (Jean Paul) 

74. 420. 
Rienzi 49. 
Rimbaud, Arthur, 383. 

405. 411. 
Ristelhuber 185. 186. 

210. 211. 282. 412. 
Rivarol61.226.367.397. 
Rod, Ed., 71. 318. 
■Rodenbach 318. 383. 

392. 405. 406. 
Rodriguet, Ohnde, 36. 
RolHnat 318. 
Ronsardll. 17. 23.329. 

358. 
Ropartz, Guy, 242. 245. 
Roquette, O., 238. 
Rosieres, R., 270. 
Rosny, J. H., 405. 
Rossel,Virgile,257.261. 

424. 428. 
Rossini 277. 
Roumanille 416. 
Rousseau, J.-B., 17. 
Rousseau, J.-J., 12. 15. 

33. 62. 157. 
Ruppert, Sir, 239. 
Royer, Alphonse, 127. 

Sainte-Beuve, Charles- 

A., 2. 14. 15. 18. 23. 

24. 26. 28. 48. 150 bis 

154. 205. 220. 269. 

275. 284. 285. 312. 

319. 387. 390. 395. 

421. 
Saint-Pierre,ßernardin 

de, 15. 16. 
Saint-Preux 285. 



Saint -Simon 36. 272. 

379. 
Saint-Victor, Paul de, 

199. 
Salvandy, de, 31. 204. 
Sand, George, 11. 25. 

136. 137. 285. 296. 
Sandeau, Jules, 25. 417. 
Sarcey 155. 
Sarlo, de, 158. 
Sarrasin, Josef, 332. 
Sarrazin, Gabriel, 318. 
Saumet, Alex., 25. 
Savage, Rieh., 393. 
Savary, General, 273. 
Scarron 63. 
Scherer, Edm., 142. 

184. 256. 315. 316. 

381. 391. 
Scherer, AV., 101. 150. 
Scherr, Joh., 238. 
Schiller 61. 102. 103. 

113. 185. 200. 281. 

287. 305. 313. 
Schlegel, W., 98. 99. 

101. 150. 185. 
Schmidt- Weissenfeis 

292. 296. 
Scholl, Aurelien, 368, 

369. 379. 
Schopenhauer 89. 
Schnell ardt, Hugo, 3. 
Schul- und Studien- 
bücher 113. 
Schumann 74. 
Schuermans 215. 
Schure, Edouard, 142. 

143. 185. 223. 318. 

420. 
Scott, W., 20. 34. 188. 
Scribe, Eug. 18. 
Seeger, Ludwig, 138. 
Seiden, C, 122. 157. 

171. 208. 326. 403. 



Selher 231. 
Senancourt 285. 
Sethe, Christian, 174. 

176. 
Shakespeare 48. 69. 

93. 185. 217. 269. 

285. 287. 375. 404. 

405. 415. 
Shelley 157. 371. 375. 
Silvestre, Armand, 323. 
Simrock, Karl, 45. 203. 
Smirnoff, Madame, 133. 
Solue, Fred., 393. 
Sorel, Albert, 313. 
Spach, Ludw., 282. 
Specht, A., 189. 190. 

191. 292. 437. 
Spinoza 149. 
Spoelberch,Yicomte de, 

3. 45. 179. 437. 
Spronck, M., 368, 385. 

388. 391. 
Stael, Mad. de, 12. 13. 

45. 53. 59. 66. 106. 

151. 270—280. 286. 

312. 313. 
Stahr, Adolf, 207. 329. 
Steen 83. 
Stendhal 152. 370. 
Stern, Daniel, 44, 210. 

286. 
Stigand 81. 
Stober, August, 282. 
Stober, Ludwig, 282. 
Strodtmann 186. 327. 

421. 
Stuart Merill 381. 
Sue 44. 124. 125. 126. 
Süpfle, Dr. Th., 44. 

112. 146. 185. 191. 

234. 263. 269. 270. 

285. 287. 306. 313. 

327. 428. 
Swinburne 416. 



464 



Anhang. 



Taine 60. 77. 157. 303. 

312. 313. 416. 
Tabaraud, Gh., 231. 
Taillandier, St -Rene, 

47 bis 56. 114. 168. 

169. 171. 207-210. 

281. 312. 313. 365. 
Tallenay, J. de, 251. 
Tasse, Le, 284. 
Tastu, Mad., 26. 
Tennyson 388. 
Texier, Edra., 45. 
Theophile 69. 
Tliiers, Louis-Adolphe, 

19: 20. 127. 165. 

188. 
Thierry, Augustin, 20. 
TibuUe 118. 
Tieck 150. 185. 278. 
Tisseur, Clair, 412. 
Tissot, E., 315. 371. 
Tolstoi 71. 363. 
Tourgueneff 71. 153. 

421. 
Tourneux, Maurice, 3. 

387. 
Treitschke 150. 
Troyon 190. 

Uhland 138. 185. 195. 

200. 210. 263. 278. 

282. 305. 306. 423. 
432. 

Uzanne 246. 



"Vacquerie 335. 
Valade,Leon,225— 228. 

230.258.323.347.348. 

349. 358. 
Valbert (Victor Cher- 

buliez) 46. 312. 
Valien, Frangois, 238. 
Varnhagen v.Ense, 30. 
Varnhagen, Rahel, 99. 

100. 
Vaughan, E., 231. 
Vauvenargues 291. 
Venedey, 138. 
Vergolo, 383. 
Verlaine, P. 245.323. 

328. 358. 365. 377. 

382—384. 391. 411. 

412. 416. 
Veron, L., 34. 
Veuillot, Louis, 141. 

142. 145. 148. 419. 
Vicaire, Gabriel, 415. 
Viele-Griffin 381. 
Vigny, Alfred de, 15. 

17. 18. 26. 29. 31. 254. 

286. 321. 407. 
ViUemain 20. 23. 269. 

274. 332. 
Villemessant 179. 
Villemont, Auguste, 45. 
Villon 85. 412. 427. 
Virgile 67. 
Virieu, M. de, 284. 
Vogüe, de, 318. 421. 



Voiture 272. 

Voltaire 35. 58. 61. 63. 

64. 65. 125. 141. 142. 

146. 157. 166. 168. 170. 

174. 393. 420. 
Vrignault, Paul, 214. 
Vuy, Jules, 263. 264. 

431. 432. 

liVackenroder 103. 
Wagner, Richard. 124. 

150. 190. 323. 324. 

371. 382. 415. 
Warnod, Emma, 381 
Weil, Louis, 113. 
Weill, Alexandre, 28. 

123. 128. 144. 170. 

192. 193. 200. 371. 
Weise, Alwin, 316. 
Weiss, J.-J., 155. 186. 

283. 315. 
Werner, Z., 251. 
Wiasemsky 133. 
Willm 186. 188. 189. 
Wolf 170. 

Wolif,Alb.,28.123.145. 
Wolff, Eug., 136. 137. 
Wordsworth 24. 

Zola, E., 2. 160. 295. 316. 

ZedHtz 49. 

Zendrini , Bernardino, 

46. 88. 181. 416. 
Ziesing, 234. 391. 397. 







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2339 Heine in Frankreich 

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