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Full text of "Historische Monatsblätter für die Provinz Posen"

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Historisehe ^ ^ 

hl 

Monatsblätter 

für die Provinz Posen. 

Heraii^egeben 



von 



Dr. Adolf Warschauer. 



Vierter Jahrgang. 



Beilage zu Jahrgang XVIII der Zeitschrift der Historischen 

Gesellschaft für die Provinz Posen und der Historischen 

Gesellschaft für den Netzedistrikt. 



Posen. 

Eigentum der Historischen Gesellschaft. 

1903. -o r 



DD 
49 

Vi H 55' 

653084 
S' . 3 . S7 



Inhalt. 



Abhandlungen. 

Seite, 

Bickerich W., Franz Nesemann 25 

Friedensbiirg F., Die polnischen Münzen Heinrichs III. u. IV. 

von Glogau 49 

Kleinwächter H., Aus einer Wollsteiner Kirchenchronik ... 65 
Polnische Sprichwörter aus der Provinz Posen 181 

Kohte J., Der mittelalterliche Stadtplan von Gnesen 55 

„ „ Die Denkmalpflege der Provinz Posen während der 

letzten Jahre 17u,33 

„ „ Die Provinz Posen in der deutschen Kunstgeschichte 155 
Landsberger J. Dr. phil., Förderung der Emanzipation der süd- 

preussischen Juden durch die Regierung 87 

Rum ml er E., Der liber beneficiorum des Johannes a Lasco . . 145 

Schmidt E., Über den Heringshandel in Großpolen 1 

Simon K., Ein Grabmalstypus im Posener Dome und seine ge- 
schichtliche Stellung 161 

Skladny A., Das Jahr 1848 in der Auffassung polnischer Ge- 
schichtsschreibung 97 

Warschauer A., Historische Beiträge zur Wiederherstellung des 

Posener Rathauses 81 u. 113 

Wotschke Th., Der Versuch, der Posener Pfarrschule von Maria 
Magdalena 1549 einen evangelischen Lehrer zu 

geben 177 

„ „ Herzog Albrecht von Preußen und Posener 

Kaufleute 37 

„ Posener Studenten in Leipzig bis 1560 129 



Besprochene Bücher und Abhandlungen in alphabetischer 

Reihenfolge. 



Acta Tomiciania, Tomus 
undecimusA.D.MDXXIX. 
Posnaniae 1901. (A. War- 
schauer) 57 

von Conrady E., Leben u. 
Wirken des Generals Carl 
von Grolman. Berlin 1894, 
1895,1896 (K. Schottmüller) 42 

Dal ton H., Daniel Ernst 
Jablonski, eine preußische 
Hofpredigergestalt in Berlin 
vor 200 Jahren. Berlin 1903. 
(H. Kleinwächter) .... 93 

Fi sicher, Der Polen -Auf- 
stand von 1848. S.-A. a. d. 
.Geselligen" Jhrg. 1898. 
Graudenz 1899. (K.Schott- 
müUer) 136 



Grüner J., das Schulwesen 
des Netzedistrikts zur Zeit 
Friedrichs des Grossen. 
(1772—86). Breslau 1903. 
(A. Skladny) 158 

Heppner und Herzberg, 
Jüdische Gemeindebilder 
aus der Provinz Posen 
(L. Lewin) . 74 

Junker von Ober-Con- 
reut, Im Polen- Aufruhr 
1846—48. Aus den Pa- 
pieren eines Landrats. 
Gotha. Fr. Perthes 1898. 
(K. Schottmüller) .... 136 

von Krosigk H., General- 
feldmarschall von Stein- 
metz. Berlin 1900. (K. 
Schottmüller) 42 



Kun z , Die kriegerischen Er- 
eignisse im Grossherzog- 
tum Posen im April u. 
Mai 1848. Berhn 1899. 
(K. Schottmüller) .... 136 

Lange G., Volksschule und 
Deutschtum in der Ost- 
mark. Bielefeld 1903. 
(A. Skladny) 185 

Lehmann M., Freiherr von 
Stein. I.Teil. Leipzig 1902. 
(G. Kupke) 28 

Meinecke F., Das Leben 
des Generalfeldmarschalls 
Hermann von Doyen. 



Stuttgart 1896. 1900. (K. 
Schottmüller) 42 

S t u m p f e E. , Polenfrage und 
Ansiedelungskommission. 
Berlin 1902. (L. Wegener) 141 

Voigt H. G., Der Missions- 
versuch Adalberts von 
Prag in Preußen. Königs- 
berg i. P. 1901. (K. Loh- 
meyer) 10 

Wegener L., Der wirtschaft- 
liche Kampf der Deutschen 
mit den Polen um die 
Provinz Posen. Posen 1903. 
(G. Adler) 186 



Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der Posener Pro- 
vinzialgeschichte. 1902. Zusammengestellt von K. Schottmüller 169 



Nachrichten S. 12, 30, 47, 59, 95, 109, 126, 175, 188. 



Geschäftliches. 
Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Jahresbericht über das Geschäftsjahr 1902. S. 60. Chronik S. 79, 191. 



Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt zu Bromberg. 

Sitzungsbericht S. 15, 32, 128, 176. Geschäftsbericht über das 
Jahr 1902. S. 109. 





lilSTORISCIiE 
MOnniS BLATTER 

für die Provinz Posen 



I Jahrgang IV Posen, Januar 190 3 



Nr. 1 



Schmidt E., Ueber den Heringshandel in Grosspolen S. 1. — Litterarische 
Besprechungen S. 10. — Nachrichten S. 12. — GeschäftOches S. 15. 




Der Heringshandel in Grosspolen. 

Von 
E. Schmidt. 

s ist nur ein kleiner Fisch, unter den Bewohnern der 
Weltmeere der kleinsten einer; und doch hängt an ihm 
P^ das Schicksal vieler, vieler Tausende von Menschen: 
1^^ um seinetwillen stechen alljährlich ganze Flotten in See, 
allen Gefahren des trügerischen Elements trotzend; um seinet- 
willen sind ganze Vermögen verloren und gewonnen worden ; um 
seinetwillen ist es zu Irrungen zwischen grossen Reichen gekommen. 
Es ist der Hering (Clupea harengus L.). Bringt man doch 
selbst den Rückgang der Macht des Hansabundes mit der 
Änderung seiner Wanderzüge in Verbindung! Für Millionen 
von Menschen ist er die einzige Würze des kärglichen Mahles 
geworden; in katholischen Ländern sind alle Stände auf ihn als 
unentbehrliche Fastenspeise angewiesen. So kommt es, dass der 
Hering auch im Gebiete unserer Provinz, im ehemaligen Gross- 
polen und Kujawien, von frühesten Zeiten an im Haushalte der 
einheimischen ländlichen und städtischen Bevölkerung eine her- 
vorragende Rolle gespielt hat. Infolgedessen gehört er auch zu den 
wichtigsten Artikeln des gesamten Handelsverkehrs, wie er sich 
in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters zwischen Gross- 
polen und den Küstenplätzen der Ostsee entwickelte. Schon in 
den frühesten urkundlichen Denkmälern des alten Polens begegnet 
uns der Hering als eine wichtige und einträgliche Ware, die in 
allen landesherrlichen Bestimmungen über Zölle und Abgaben eine 



hervorragende Rolle spielt, 1198 wurden von jeder Wagenladung 
Heringe 50 Schock als Zoll an den Herzog abgegeben (Cod. dipl. 
Maj. Pol. Nr. 34). 1238 einigte sich Herzog Wladislaus Odonicz 
von Grosspolen mit dem Deutschen Orden, dass von jedem Last- 
wagen Heringe an den Zollstätten Gnesen und Posen pro Pferd 
6 ,, Spiesse'' Heringe, wenn es ein polnischer, 4 ,, Spiesse", wenn 
es ein deutscher Lastwagen war (ebenda Nr. 207 ; der Spiess 
wurde zu 30 Stück gerechnet). 1243 war eine Erneuerung dieses 
Handelsvertrags nötig, die Söhne des Odonicz, Boleslaus und 
Przemysl, ermässigten den Zoll auf 2 Spiesse pro Pferd, wovon 
ein Spiess dem königlichen ,, Münzer*' (monetarius; hier doch 
wohl = Schatzmeister), der andere zu gleichen Teilen dem Kastellan 
und dem Tribun der betr. Zollstätte gebührte (ebenda Nr. 237). 

Für unsere Gegenden ist nun von allen Seehäfen, die den 
Heringshandel vermittelten, Danzig stets weitaus der wichtigste 
gewesen. Als Vorort der preussischen Städte hatte es eine ge- 
wichtige Stimme im Hansabunde, und als dieser letztere seinen 
glänzenden Kriegszug gegen König Waldemar IV von Dänemark 
beendet hatte, nahm Danzig an den reichen Früchten des Sieges 
teil. Im Jahre 1368 gewann es neben den anderen Hansastädten 
eine ,,Vitte" an der Küste von Schonen, der südlichsten Land- 
schaft Schwedens, und zwar zwischen Falsterbo und Skanoer.^) 
Unter ,,Vitte" ist aber eine Strecke Strandes von bestimmter Länge 
und Breite zu verstehen, wo Landeplätze angelegt, Handwerk- 
stätten, Kaufbuden, Lager- und Vorratshäuser errichtet werden 
konnten. Das vor der Vitte liegende Meer aber stellte die uner- 
schöpflichen Jagdgründe dar, wo ungezählte Scharen von Heringen 
seit dem 12. Jahrhundert sich alljährlich zur Hochsommerszeit 
einstellten. Hier wurden die Fische gefangen, nach ihrer Güte 
sortirt, eingesalzen, fest in Tonnen, die an Ort und Stelle ange- 
fertigt waren, verpackt, mit einer Marke, welche die Güte oder 
Eigenart der Ware angab, versehen und endlich auf die „Koggen" 
und „Schuten" verladen, um nach Danzig geschafft zu werden. 
Von hier gingen die Heringsfässer — mit andern überseeischen 
Waren — die Weichsel aufwärts bis Bromberg oder Thorn, und 
dann entweder zu Lande auf den vom Staate gutgeheissenen 
Strassen, die allein eine gewisse Sicherheit verbürgten, nach Gnesen 
und Posen oder zu Wasser weiter nach Warschau und Krakau. 

In den polnischen Städten wurde die Ware von den ein- 
heimischen Kaufleuten in Empfang genommen und an den Wochen- 
und Jahrmärkten im Kleinhandel vertrieben. Von welcher Be- 
deutung der Umsatz in diesem Artikel war, geht daraus hervor, 
dass z. B. in Posen schon im 15. Jahrhundert ein ganzer Teil 



L) Hirsch, Danzigs Handels- und Gewerbsgeschichte S. 143 ff. 



f 



<des Marktes (wohl die Südseite) für den Fisch- und Herings- 
handel an Markttagen eingeräumt war und daher auch den Namen 
„Heringsmarkt" (forum allecium) erhielt.^) Hier walteten in 17 
Buden, welche nach dem Büdner-Privilegium von 1417 errichtet 
worden waren, ebensoviele Heringsverkäufer ihres Amtes. Von 
jeder Bude wurde vierteljährHch je ein Vierdung, also im ganzen 
Jahre je eine Mark^) an die Stadtkasse erlegt, so dass dieser 
daraus eine Jahreseinnahme von 17 Mark erwuchs. Auch fremden 
Kaufleuten war es nicht verwehrt, an Wochen- und Jahrmärkten 
Heringe und andere Waren feilzuhalten; sie zahlten dafür ein 
Standgeld an die Stadtkasse, die daraus einen durchschnittlichen 
Ertrag von etwa 10 Mark alljährlich zog. Zur Jahrmarktszeit 
bewachte ein von der Stadt angestellter Nachtwächter das kostbare 
Gut; er bekam für die Nacht 4 Groschen. Im 16. Jahrhundert 
scheinen die Heringshändler gar neben der Gilde der Büdner eine 
besondere Innung gebildet zu haben: wiederholt traten die Älter- 
leute der „Heringer" (seniores allecariorum) als sachverständige 
Beurteiler gelieferter Salzfische auf (s. u.). 

Mit begehrhchem Auge blickten die Grossen des Landes, 
die Herren vom Adel, auf die langen Handelszüge, die den 
Städten so reichen Gewinn brachten und dem Bürger eine bessere 
Lebenserhaltung ermöglichten, als den Herren des Landes. So 
begann man denn, die Kaufzüge anzuhalten und zu plündern, und 
erachtete selbst den Hering für wertvoll genug, um seinetwillen 
Ehre und Leben zu wagen. So muss sich S^dziwoj Mokronowski 
1398 vor dem Grodgerichte zu Posen verantworten, weil er 
den Bürgern von Punitz eine Anzahl „Heringe und andere Dinge" 
geraubt hatte ^). 

Selbst königliche Beamte erachteten es nicht unter ihrer 
Würde, Heringstransporte abzufangen; so vergriff sich 1453 der 
Kastellan von Nakel, Wladislaus (von Danaborz?) an solch einer 
Handelskarawane, die auf dem Wege von Danzig nach Posen 
war, und raubte eine Anzahl Heringstonnen. In beweglichen 
Worten forderte nun der Rat der Hansastadt den Kastellan — 
mit Bezugnahme auf die alte Freundschaft zwischen seinem 
Hause und ihr — auf, sein Unrecht wieder gut zu machen.*) 



1) Dies und das folgende nach Warschauers Stadtbuch von Posen I 
S. 55*, 190*, 392. 

^ Die in Polen gültige Krakauer Mark betrug 197,68 Gramm Silber 
vergl. Kirmis in der Zeitschr. d. Hist. Ges. f. d. Prov. Posen IV, S. 317 Anm. 1. 

3) Ich glaube so die Worte bei v. Lekszycki, Grodbücher Nr. 2349 : 
„pro allecibus et aliis rebus" richtig zu verstehen. 

4) Die Aktenstücke aus dem ehemaligen Danziger Stadtarchive, 
das jetzt ein Bestandteil des Königl. Staatsarchivs für Westpreussen 
geworden ist, kann ich leider nur nach ihrer früheren Signatur anführen. 
Obiges Schreiben von 1453 trug die Bezeichnung VI 23 a 1. 



i 



Ein anderer Fall wird uns aus dem 16. Jahrhundert be- 
richtet. Der Edle Johann Krzysankowski hatte im Jahre 1525 
den Exiner Bürger Albrecht Schaf erneke unweit von „Bossefleisch" ^} 
überfallen, ihm 5 Pferde und 9 Fass Heringe abgenommen und 
obendrein noch die Nase aufgeschlitzt. 5 Jahre lang trug 
Schaferneke seinen Rachedurst mit sich herum, bis endlich die 
Stunde schlug, wo er an seinem Schädiger Vergeltung üben 
konnte. Er war wieder einmal 1530 auf einer Geschäftsreise in 
Danzig, da erblickte er dort seinen Feind und zeigte ihn sofort 
dem Schöffengericht als Störer des friedlichen Handelsverkehrs 
an. Der Stadtschultheiss zog beide vor seinen Richterstuhl; 
Krzysankowski suchte sich damit herauszureden, dass sein Streit- 
fall mit Schaferneke schon längst durch den General-Starosten 
von Grosspolen, Lukas von Görka, und andere Kommissarien 
gütlich beigelegt worden sei. Die Danziger Behörde setzte aber 
ein, wie es scheint, gerechtfertigtes Misstrauen in diese Aussage; 
Krzysankowski wanderte auf Begehren des Klägers in das 
Gefängnis; vom Gerichte aber erging eine schriftliche Bitte um 
Auskunft an Lukas von Görka. '^) 

So waren die Heringstransporte auf dem Landwege manchen 
Fährlichkeiten ausgesetzt. War das kostbare Gut an seinem 
Bestimmungsorte angelangt, dann sah der Wiederverkäufer zu- 
nächst nach, ob die Heringsfässer auch das richtige Zeichen 
hätten. Noch heute ist es ja im Heringshandel Sitte, dass die 
Herkunft der Fische durch eine Schutzmarke bezeichnet wird, 
durch die bis zu einem gewissen Grade die Güte der Ware 
verbürgt wird. In früheren Jahrhunderten war es genau ebenso. 
Mit den von allen Fachmännern wohlgekannten Zeichen ver- 
sehen, gingen die Fässer von Hand zu Hand, vom Schiffer an 
den Danziger Grosskaufmann, von diesem an den Fuhrherrn, 
der die Beförderung nach dem Ziel des Auftrags übernommen 
hatte, endlich an den Händler im Binnenlande. 

Irrtümer und Fälschungen waren dabei aber nicht aus- 
geschlossen, und Klagen darüber, die sich meist an die Adresse 
der Stadt Danzig richteten, wurden oft genug gehört. Einige 
davon mögen mit ihren Einzelheiten hier Platz finden. 

Im Jahre 1522 hatte Gregor Szinowyatha aus Lobsens 
in Danzig von dem dortigen Kaufmann Bernhard Cromher 6 
Tonnen mit der Marke des Schonen'schen Fischfanges, einem 
Kreise oder Zirkel von etwa 10 cm Durchmesser, als „rechtfertigenn 
guttenn Schoneschenn heringk" gekauft. In Posen angekommen, 
lud er die Tonnen auf dem Heringsmarkte ab, machte sie auf 



1) Lage unbekannt, vermutlich im Danziger Stadtgebiet. 
-) Altes Danziger Archiv, Missive 1527—1531. S. 478. 



und fing an, sie feil zu halten. Da kamen die beiden vereidigten 
sachverständigen Beschauer und Mäkler des Posener Fischmarktes, 
Niklas Zwada und Andreas Wargala und unterzogen die Heringe 
einer sorgfältigen Untersuchung. Endlich erklärten sie, dass in 
den Tonnen nicht gute Ware, sondern Brackheringe ^) wären. 
Zum Beweise wiesen sie auf die Marke, die sich auf den Böden 
der Fässer befand: es war auch ein einfacher Kreis, aber kleiner 
-als der, mit dem die gute Ware bezeichnet zu werden pflegte. '^) 
Natürlich wandte sich nun Szinowyatha an das Posener 
Schöffengericht und gab hier vor gehegter Bank seine Klage 
gegen den Danziger Verkäufer ab, die dann schriftlich von Posen 
an den Gerichtsort des Beklagten befördert wurde. 

Noch schlimmer erscheint folgender Fall, wo geradezu die 
Schutzmarke gefälscht war. Jakob Fischer aus Posen hatte 
im Jahre 1547 von dem Danziger Kaufmann Georg Miller 
8 Tonnen Heringe gekauft, und zwar im Auftrage der drei 
Posener Bürger Matthias Scholdra, Johann Camyensky und 
Stanislaus Baranowsky, die ein gemeinsames Heringsgeschäft be- 
trieben. Diesen dreien kam die eingekaufte Ware verdächtig vor; 
sie wandten sich an den Vorsitzenden des Posener Schöffengerichts, 
den Vogt Johann Coszmider, der zunächst eine Kommission, 
bestehend aus seinen Schöffen, den Älterleuten der Heringshändler- 
Gilde (seniores allecariorum) und zwei Danziger Bürgern (Matthias 
Lak und Johann von Cantenn) berief. Bei der nun folgenden 
Untersuchung wurde festgestellt, dass die Tonnen die Schutzmarke 
von Schonen, den Kreis, und ausserdem ein Hauszeichen führten, 
dass aber die innen befindlichen Heringe nicht die Schonen'schen, 
sondern solche von irgend einer andern minderwertigen Art 
(alterius cuiusdam parum validi usus) und der Schutzmarke 
Schönens nicht würdig seien. ^) 

Die vielen gerichtlichen Streitigkeiten, welche sich 
an mangelhaft gelieferte Heringsware anschlössen, geben mit 
ihren mannigfachen Auseinandersetzungen und Erörterungen einen 
interessanten Einblick in die Rechtsverhältnisse und Anschauungen 
jener Zeit. Einige dieser Fälle seien kurz erwähnt. 

Um das Jahr 1509 lebte in Bromberg ein gewisser Daniel, 
der in den Diensten des dortigen Starosten Andreas von 



1) „Brack" ein aus dem Niederdeutschen stammender Ausdruck, 
•soviel wie „Ausschuss" bedeutend; „bracken" = als ungeeignet aussondern. 

2) „welcher bahdem ist geczirkelt mit ainem klainen czirkel, klainer, 
dann an dem Schoneschenn rechtfertigenn heringe alte gewohnhait mit- 
pringt." (Altes Danziger Stadtarchiv, nicht repertorisiert). Der Brief ist 
-datiert vom „Dornnstage neyst vor Mathie des heyligen zwelfpotten" = 
120. Februar 1522. 

3) Brief von Posen an Danzig vom 24. Juni 1547 (Altes Danziger 
Stadtarchiv, nicht repertorisiert). 



Koszczielecz stand, gleichzeitig aber auch mit eigenem Schiffe 
Handel nach Danzig betrieb. So hatte er einst eine ganze 
Schiffsladung Salz, Heringe und andere Fische von dem Dan- 
ziger Kaufmann Johann Kampen erstanden, war aber das Geld 
dafür dem Lieferanten schuldig geblieben. Daniel starb, und das 
Schiff ging nun in den Besitz seines Herrn, des Starosten, über. 
Als das Fahrzeug nun wieder einmal nach Danzig kam, legte 
Kampen, in der Annahme, es sei noch Daniels Gut, mit Erlaubnis 
seiner Behörden darauf Beschlag. Die Folge davon war ein 
geharnischtes Schreiben des Bromberger Starosten an die Stadt 
Danzig mit der Aufforderung, den Kahn wieder herauszugeben.. 
Dies erfolgte auch auf Befehl der städtischen Behörde sofort, die 
sich indessen in ihrem Antwortsschreiben nicht enthalten konnte, 
einer gewissen Empfindlichkeit über das Vorgehen des Starosten 
Ausdruck zu geben: er, der Starost, sei falsch berichtet worden;: 
auf Grund einer ungenauen Mitteilung aber gleich so grob zu 
werden, sei doch eigentlich nicht recht schicklich. Man sei in. 
Danzig überhaupt der Ansicht, dass der liebenswürdige Herr 
Starost sich eines bescheideneren Tones den Stadtobrigkeiten 
gegenüber befleissigen dürfte, u. s. w. ^) Die Schuld Daniels an 
Johann Kampen sei aber noch immer nicht getilgt; der Herr 
Starost möge die Erben des Verstorbenen dazu anhalten. 

Genau umgekehrt lag folgender Fall. Diesmal (1598> 
waren in Bromberg die Heringsfässer des Danzigers Salomon 
Hoffman auf Antrag seines Bromberger Gläubigers Johann 
Gosdziczki und auf Beschluss des Schöffengerichts mit Beschlag: 
belegt und dem Gläubiger aufgelassen worden. Der Danziger 
Rat beklagte sich über dies Verfahren, das ja allerdings dem 
Grundsatz: „actor sequitur forum rei" zuwiderlief. Das Schöffen- 
gericht zu Bromberg antwortete darauf: „Wenn der Beklagte 
rechtzeitig Einspruch gegen die Kompetenz des Gerichtshofs- 
erhoben hätte, so würde dem stattgegeben worden sein. So ist 
er aber von allen Verhandlungen ferngeblieben, hat sich auch 
durch einen Bevollmächtigten nicht vertreten lassen. Infolge 
dessen habe das Gericht nach dem Grundsatz „actor in contu- 
maciam cittati, quicquid petit, obtinef* verfahren."^) 



1) „nee tarnen tarn levi relationi fides adhibenda fuisset, quominus. 
eque nos invehere licuit, utcunque credidissemus, Gratositatem Vestram 
erga nos modestius agere debuisse". Das Latein ist nicht sehr schön,, 
der Sinn aber klar. Der Ausdruck „Gratiositatem Vestram" ist sicherlich 
mit Absicht gewählt (Altes Danziger Stadtarchiv, Missive 1509— 1516. 
S. 59. Schreiben vom Ende Mai 1509). 

2) Bromberg an Danzig 20. April 1598 (Altes Danziger Stadtarchiv,, 
nicht repertorisiert). 



Wie aus den angeführten Beispielen hervorgeht, unter- 
schieden die Sachverständigen nach ihrer Güte mehrere Sorten 
von Heringen. Die besten waren sicher die von der Halbinsel 
Schonen, weniger wertvoll zum Beispiel die von Gotland, wie 
aus einem Schriftstück des alten Danziger Stadtarchivs von 1483 
hervorgeht. In diesem Jahre bekundete der Bürgermeister von 
Wongrowitz Matthias mit seinen Ratmannen, dass seinem Kollegen, 
dem Bürgermeister von Exin, Nicolaus Kapya an Stelle der 
gewünschten „Bylynskie" Heringe „Gotlynie" (Gotländische) 
geliefert worden wären. ^) Kapya berechnete seinen Verlust auf 
7 Gulden, wozu noch ein Gulden für die Ausstellung dieses 
Gutachtens kam. Ähnliche Klagebriefe liegen aus Kaiisch, 
Kletzko, Koschmin, Gnesen, Samter und anderen Städten Gross- 
polens vor. ''^) 

Auch über mangelhaftes Mass wurde öfters Beschwerde 
geführt: entweder waren die Fässer zu klein oder nicht voll 
genug gepackt. Auch waren die Heringe zuweilen schon ver- 
dorben. Eine Anzahl solcher Fälle mag sich gehäuft haben, 
als der Rat von Posen sich am 19. Mai 1635 entschloss, ein 
sehr eindringliches Schreiben mit Hervorhebung aller dieser 
Übelstände an Danzig zu richten. „Die Folge wäre, dass die 
Konsumenten, namentlich die Herren vom Adel aus der Umge- 
gend, dafür ihren Unmut an der armen Stadt Posen selbst aus- 
liessen, die sie für die schlechten Heringe verantwortlich 
machten. " ^) 

Neben Danzig traten, wie schon erwähnt, die andern Hafen- 
plätze der Ostsee für unsere Provinz an Bedeutung zurück. Nicht 
unerheblich war allein der Handelsverkehr mit Stettin, das ja 
durch die natürliche Wasserverbindung mit Grosspolen einen 
Anspruch darauf hatte. Dass der Handel auf diesem Wege nicht 
zu seiner vollen Entfaltung kam, lag an der Zollpolitik der 
brandenburgischen Kurfürsten, die den untern Lauf der 
Warthe und einen Teil des mittleren Oderlaufs beherrschten. 
Schon seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts mussten alle 
Waren, die von Stettin nach Grosspolen oder umgekehrt gingen, 
von Küstrin nach Frankfurt a. O. und zurück geschafft werden, 
da an dieser letzteren Stadt, die sich des Stapelrechts erfreute, keine 
Ware aus der Mark Brandenburg nach Osten vorbeigehn durfte. *) 



*) Wongrowitz an Danzig 18. Februar 1483 (Altes Danziger Stadt- 
archiv VII, 73). „Bylynskie" vermag ich nicht zu erklären. 

2) Altes Danziger Stadtarchiv VII, 7, 127, 129, 129a, 138, 178a. 

3) Altes Danziger Stadtarchiv, nicht repertorisiert. 

•*) S. des Verfassers Ausführungen zur „Geschichte des Warthe- 
verkehrs in polnischer Zeit" in diesen „Monatsblättem" Jahrgang I 
S. 87 ff. 



8 



Ausserdem mussten die Durchgangsv/aren an verschiedenen 
Stellen des Weges Zoll bezahlen, so z. B. im Anfange des 
17. Jahrhunderts bei Küstrin, Landsberg a. W. und Driesen. Von 
der Tonne Heringe wurden 1614 

in Küstrin 3 Silbergroschen 91/3 Pfennige 
„ Landsberg 2 „ — „ 

„ Driese n 2 „ 8 „ 

zusammen also 8 Silbergroschen 51/g Pfennige 
Zoll von den kurfürstlichen Beamten erhoben, was für die Last 
(= 12 Tonnen) Heringe schon die Summe von 4 Thalern 
5 Silbergroschen 4 Pfennigen ergab. „Hiebey — so berichtet, 
der Zollschreiber ^) — ist der Stadt Landsberg Zoll nicht ein- 
gerechnet; item es seyn auch Churfürstliche Gnaden Zölle zu 
Aderbergk (=: Oderberg) und Schwedt über obige in Acht zu 
nehmen". Wenn also der grosspolnische Magnat Adam Sedziwoj 
Czarnkowski 1614 für sich die Erlaubnis vom Kurfürsten Johann 
Sigismund erwirkte, ausser andern Waren auch 10 Last Heringe 
von Stettin durch brandenburgisches Gebiet zollfrei durchführen 
zu dürfen'^), so bedeutete das für ihn die nicht unerhebliche 
Ersparnis von 42 Thaler 5 Silbergroschen 4 Pfennige. 

Erst als im Jahre 1618 zwischen Polen und Brandenburg 
der Handelsvertrag von Trebisch^) geschlossen war, fielen 
die Zollschranken bis zu einem gewissen Grade; doch kamen 
die Vorteile des Vertrages im Wesentlichen nur dem polnischen 
Adel zu Gute, der von Stund an nur noch 8 Pfennige von jedem 
Heringsfass, also 8 Silbergroschen von der Last an Zoll zu 
erlegen hatte. 

Die Schwierigkeiten, die dem Durchgangsverkehr auf den 
Wasserstrassen durch Brandenburg in den Weg gelegt wurden, 
führten schon früh zu dem Versuche, einen direkten Landweg 
von Stettin nach Posen mit Umgebung brandenburgischen Gebietes 
ausfindig zu machen. Das geschah auch; der Weg führte ver- 
mutlich über Stargard i. P. und Märkisch-Friedland nach Grosspolen, 
also dicht an der Grenze des Kurfürstentums vorbei. Das war 
für den märkischen Adel eine starke Versuchung, der er nicht 
immer zu widerstehen vermochte, wofür folgender Fall als Beispiel 
dienen mag. 

Der Posener Bürger Jacob Kryppa befand sich um das Jahr 
1500 mit einem Warenzuge auf dem Wege von Stettin nach Posen; 
er führte u. a. 24 Tonnen Heringe, 2 Tonnen Lachse und für etwa 
50 rhein. Gulden Fuchs- und Biberfelle mit sich. Da überfiel 



1) Geh. Staatsarchiv zu Berlin R. 19. 102 b. 

^ Ebenda. 

^ S. diese Monatsblätter Jahrg. 1, S. 91 f. 



ihn unweit der dicht an der pommerschen Grenze gelegenen 
Stadt Arnswalde der Landvogt der Neumark, Christoph v. Polenz, 
nahm ihm sein Gut und obendrein 9 Pferde des Wagenzuges weg 
und Heferte die Beute an die kurfürstHche Kammer ab. Später 
leistete jedoch der Kurfürst dem Geschädigten Schadenersatz^). 

Aus diesem zuletzt angeführten Beispiele ersehen wir, dass 
neben den Heringen auch andere Salzfische von den Ostsee- 
häfen nach Grosspolen eingeführt wurden. Ausser den eben- 
genannten Lachsen (salmones) werden in diesem Zusammenhange 
ziemhch häufig Störe erv/ähnt. So wenden sich z. B. um 1400 
die Ratmannen der Stadt Jungen-Lesslow (heute Inowrazlaw) an 
Thorn mit der Bitte, den Transport zweier grosser Störe auf der 
Weichsel an Thorn vorbei gütigst zu gestatten; die Lesslauer 
hätten diese Fische für die königliche Tafel zu liefern 2). 

Aber auch marinierte Aale (anguillae), Stockfische (salpae) 
und Flundern (platessae) kommen vor, letztere drei Arten in 
einem schon erwähnten Schreiben des Posener Rates an Danzig 
vom 19. Mai 1635 (s. o.). Doch haben sie für die Volksernährung 
und den Handelsverkehr nie die Bedeutung des Herings erlangt. 

Auch über den Preis der Heringe Hesse sich eine ganze 
Anzahl von Einzelnachrichten zusammenstellen, aus denen indessen 
ein klares und anschauliches Bild über die Preisverhältnisse sich 
nicht gewinnen lassen dürfte. Kriegerische Wirren und die selbst 
in Friedenszeiten herrschende Unsicherheit der Handelsstrassen, 
die Verschiedenheit im Ausfall der grossen Fischzüge, schliesslich 
die wechselnde Kaufkraft des Publikums Hessen den Preis bald 
gewaltig in die Höhe steigen, bald ganz tief fallen. Als Beispiel 
mag angeführt werden, dass im Jahre 1497 die Tonne Heringe 
in Posen ungefähr ebensoviel kostete, wie 1503 die ganze Last^). 

Die vorstehenden Mitteilungen, die nicht den Anspruch 
darauf erheben, das Thema zu erschöpfen, Hessen sich von jedem 
Forscher auf dem Gebiete der Ortsgeschichte durch eine Anzahl 
neuer Beispiele und Gesichtspunkte erweitern. 



1) Geh. Staatsarchiv zu Beriin R. 4 Nr. 7. 

2) Thorner Stadtarchiv Nr. 1209. Unterschrift: die Ratmanne czu 
Jungen-Lesslow. 

3) Warschauer a. a. O. S. 318, 435. Vergl. femer Hirsch a. a. O. 
S, 247. 



10 

Litterarische Besprechungen. 



H. G. Voigt, Der Missionsversuch Adalberts von Prag 
in Preussen. Mit einer Karte. Königsberg Pr., Ferd. Beyer 
Thomas und Oppermann), 1901. — 81 S. 8 — Mk. 1,60. 

Der Professor der Theologie Voigt in Halle, früher in 
Königsberg, hat uns, wie wohl auch den Lesern dieser Blätter 
bekannt sein dürfte, im Jahre 1898 mit einer grossen Lebens- 
beschreibung des Bischofs Adalbert von Prag, des ersten Preussen- 
apostels, beschenkt, der ersten wissenschaftlichen Gesamtdar- 
stellung des Lebens dieses nach vielen Richtungen hin höchst 
merkwürdigen und bedeutenden Mannes, mit einer Arbeit, welcher 
ein jeder, der den ausnahmsweise zahlreichen und zuverlässigen 
Quellen unbefangen gegenübertritt, die vollste Anerkennung und,, 
selbst wenn er auch mit Einzelnheiten hier und da nicht ein- 
verstanden sein sollte, die höchste Beachtung und einen sehr 
hohen Wert gern zugestehen wird. In der oben angeführten 
Abhandlung, einem Sonderabdruck aus der Altpreussischen Monats- 
schrift, unterzieht nun der Verfasser den Missionsversuch und 
das Ende des Heiligen einer neuen Untersuchung, und zwar in 
erster Linie und hauptsächlich die Gegend, in welcher sich dieses 
unglückliche Unternehmen abgespielt hat, indem er den Versuch 
macht die sehr zahlreichen, ich möchte sagen: mittelbaren, 
genauen Zeitangaben der zwei (drei) gleichzeitigen Lebens- 
beschreibungen zu verwerten. Da uns nämlich in denselben 
erzählt wird, dass Adalbert und seine gleich ihm dem Mönchsstande 
angehörigen Begleiter sehr genau und gewissenhaft die durch 
ihren Ritus vorgeschriebenen Gebete eingehalten und die sonstigen 
rituellen Handlungen (Horenoffizien) vollzogen haben, so glaubt 
der Verfasser nach diesen Angaben, die eben, weil Gebete und 
Offizien in der Regel an genau bestimmte Stunden gebunden 
waren, als Zeitangaben gelten können, die Entfernungen, welche 
jene Männer zwischen einzelnen Handlungen, soweit sie nicht 
etwa ruhten, auf preussischem Boden zurückgelegt haben,, 
wenigstens annähernd berechnen und dadurch für die einzelnen 
Vorgänge und für das Martyrium des Heiligen selbst die Örtlich- 
keiten mit einiger Sicherheit festlegen zu können. Auf diesem Wege,^ 
gegen den gewiss grundsätzlich nichts einzuwenden ist, kommt V. zu 
folgendem neuen Ergebnis. Das die Missionare .von Danzig her zum 
Preussenlande führende polnische Schiff ist nicht an der westlichen 
Seeküste Samlands gelandet, sondern durch das (alte) Tief in 
das Haff hineingefahren und hat die ihm anvertrauten Männer 
erst etwa an der Pregelmündung ans Land gesetzt, und von da 
sind diese dann von freundlich entgegenkommenden Eingeborenen 
auf einem Kahn stromaufwärts bis zur Stelle des spätem Königsberg 
gebracht und auf einer Insel, wohl dem heutigen Kneiphof, aus- 



11 



geschifft. Auf dem Rückwege sind die Fremden zuerst v/ieder zu 
Wasser etwa bis an die erste Landungsstelle geschafft und von 
da aus noch mehrere Meilen westwärts gewandert, bis endlich 
Adalberts Schicksal sich erfüllte — also nicht bei Tenkitten selbst, 
wenn auch nicht in allzu grosser Entfernung davon. Gegen diese 
gewiss höchst geistvolle und, wie ich schon bemerkte, im All- 
gemeinen durchaus berechtigte Darlegung glaube ich nur zwei 
Einwendungen machen zu können, die eine vielleicht eine etwas 
fragliche, die andere eine entschieden zurückweisende. Zuerst: 
führte Adalbert wirklich und nicht bloss „gewiss auch" ein 
Astrolabium mit sich, oder konnte er bei etwa bewölktem Himmel 
auch ohne ein solches die vorgeschriebenen Zeiten genau feststellen? 
und: war unter den obwaltenden Umständen die ganz genaue 
Einhaltung der Regel wirklich geboten? Sodann: jene Insel, welche 
den heutigen Kneiphof nur erst auf einem Rost zu tragen im Stande 
ist, konnte damals ohne alle Frage vom Wasser her ebenso wenig, 
vielleicht noch viel weniger betreten werden als der allergrösste Teil 
des nördlichen untern Pregelufers überhaupt. Es wird also wohl, 
wenn auch V.'s jetzige Auffassung, wie ich gern glauben will, 
im Ganzen richtig ist, als der von Adalbert erreichte östlichste 
Punkt in Preussen ein anderer gesucht werden müssen. Zum 
Schlüsse dieses Hauptabschnittes bespricht der Verfasser noch die 
Möglichkeit, dass Adalbert an der Nordostecke des westlichen 
Samlandes, am Fusse der kurischen Nehrung, das Schiff verlassen 
und sein Ende gefunden haben könnte, da die Ortsangaben der 
gleichzeitigen Lebensbeschreibungen auch für jene Gegend nicht 
übel zu passen schienen, er hält aber doch selbst diese 
Möglichkeit für ausgeschlossen. — In dem zweiten, ungleich 
kürzern Kapitel, das von den Ursachen für das Scheitern dieses 
Missionsversuches handelt, kommt V. zu dem Ergebnis, dass 
Adalberts eigene Auffassung, er sei mit mangelhafter Vorbereitung 
und in unrichtiger Weise, also ganz und gar unpraktisch zu 
Werk gegangen, durchaus zutreffend gewesen sei, Adalbert habe 
„zu sehr einer enthusiastischen Todesbegeisterung Raum ge- 
geben". — Aus den sehr zahlreichen und meist auch recht 
inhaltsreichen Anmerkungen sei hier nur ein Punkt hervorgehoben: 
die wiederholte Zurückweisung der oft recht eigentümlichen Auf- 
stellungen des Braunsberger Gelehrten A. Kolberg und seine 
gewaltsame Zustutzung der Quellen, wenn sie mit ihm nicht 
übereinstimmen wollen. 

Gar zu gern möchte man sich der Hoffnung hingeben, dass 
Voigt auch fernerhin, trotz der räumlichen Entfernung, der Ge- 
schichte unserer Heimat, die ihm schon so Schönes verdankt, 
seine Aufmerksamkeit, seine erfolgreiche wissenschaftliche Thä- 
tigkeit nicht ganz entziehen werde. 

Königsberg Pr. Karl Lohmeyer, 



12 

Nachrichten. 



1. Der neu ernannte Direktor des Posener Provinzial- 
•museums hat uns auf unsere Bitte die folgende Darstellung seines 
bisherigen Lebenslaufes und seiner wissenschaftlichen Thätigkeit 
zugehen lassen: 

Ich Ludwig Carl Joachim Kaemmerer, wurde am 
IL Oktober 1862 in Danzig als Sohn des Kaufmanns Rudolf 
Kaemmerer geboren; ich besuchte das städtische Gymnasium 
meiner Vaterstadt, das ich im Jahre 1882 mit dem Zeugnis der 
Reife verliess, um mich dem Studium der Kunstgeschichte zu 
widmen. Auf den Universitäten Berlin, München und Leipzig 
hörte ich kunstwissenschaftliche, historische, philosophische und 
juristische Vorlesungen, unter denen mir die des feinsinnigen 
Münchner Archaeologen Heinrich Brunn, sowie die von Anton 
Springer und Wilhelm Wundt besonders unvergesslich sind. Mit 
einer Dissertation über die Landschaft in der deutschen Kunst 
bis zum Tode Albrecht Dürers (Leipzig E. A. Seemann 1886), 
promovierte ich im Herbst 1886 bei der philosophischen Fakultät 
der Universität Leipzig zum Doktor. Die Vorarbeiten zu dieser 
Promotionschrift hatten mich zu einem kürzeren Studienaufenthalt 
nach Belgien geführt, dessen reiche Kunstschätze meine besondere 
Aufmerksamkeit auf das Gebiet der niederländischen Malerei des 
fünfzehnten Jahrhunderts und die zahlreichen Probleme ihrer 
Entwickelung lenkten. Auf den Rat meines verehrten Lehrers 
Anton Springer trat ich bald nach meinem Doktorexamen bei 
der Verwaltung der Königlichen Museen in Berlin als Volontär 
ein. Hier bearbeitete ich unter Wilhelm Bodes Leitung die 
deutschen Skulpturen des Museums für den 1888 erschienenen 
beschreibenden Katalog der Bildwerke der christlichen Epoche, 
«ine Aufgabe, die mich mit einem noch wenig gründlich er- 
forschtem Gebiet der deutschen Kunstgeschichte bekannt machte 
und mir Gelegenheit zu manchen Funden bot. 

Nach meiner Verheiratung (1887) unterbrach ich diese 
Thätigkeit, um in Begleitung meiner Frau eine neunmonatliche 
-Studienreise durch Italien anzutreten, das ich, abgesehen von 
einem kürzeren Ausflug nach Venedig, noch nicht kannte. Neben 
Studien über die Bildhauer der Florentiner Frührenaissance — 
insbesondere Donatello, dessen fünfhundertjähriges Geburtsjubiläum 
damals gerade in Florenz durch eine Ausstellung in Bargello 
gefeiert wurde, und dessen leidenschaftliche Künstlerpersönlichkeit 
mich gewaltig anzog, beschäftigten mich die altniederländischen 
Bilder in den italienischen Sammlungen, vor Allem aber galt 
es, die jedem Kunstbeflissenen unentbehrliche Anschauung von 



13 



italienischem Wesen und Können vor den Denkmälern und 
im Verkehr mit Land und Leuten zu gewinnen und zu befestigen. 
Victor Hehns Buch über Italien und Burckhardts unvergleichliche 
Werke über die Kunst und Kultur des Landes waren mir dabei 
Wegweiser und Begleiter. In dem hochbetagten Baron v. Liphart 
in Florenz lernte ich einen von glühender Begeisterung in unver- 
wüstlicher Frische erhaltenen, stets zu freundlichem Mitteilen und 
Anregen bereiten und dennoch strengen Lehrer der kunst- 
historischen Jugend kennen. Den Verkehr mit diesem ehrwürdigen 
Kunstfreund rechne ich zu den wertvollsten Erinnerungen meiner 
ersten Italienfahrt. 

Nach Berlin zurückgekehrt, arbeitete ich kürzere Zeit am K. 
Kunstgewerbemuseum als Volontär, um dann bei dem Kupferstich- 
kabinet der K- Museen als Hilfsarbeiter einzutreten. Im Jahre 1890 
wurde ich als Assistent dieser Sammlung fest angestellt. Wieder- 
holte Studienreisen — z. T. mit Unterstützung des Kultusministeriums. 
— führten mich nach Holland, Belgien, England, Süd- und West- 
deutschland. Ihre Ergebnisse verwertete ich in Beiträgen für das 
Jahrbuch der K. preussischen Kunstsammlungen. Neben den 
amtlichen Arbeiten, die besonders der Katalogisierung des 
Kupferstichkabinets und der Organisation einer Sammlung für 
moderne graphische Kunst in dieser Abteilung gewidmet waren, 
gingen Studien über die altniederländische Malerei des fünfzehnten 
Jahrhunderts sowie die Materialsammlung für ein Handbuch der 
kunstgeschichtlichen Quellenkunde einher. 

Die Katalogisierung der Freiherrlich v. Lipperheidischen 
Bildersammlung zur Geschichte der Tracht — heute im Besitz 
des Staats — führte mich in mehr kulturgeschichtliche Forschungs- 
gebiete ein, während die Kunstberichterstattung für den Reichs- 
anzeiger zur Stellungnahme in Sachen der zeitgenössischen 
Kunstproduktion nötigte. Eine Würdigung Max Liebermanns 
erschien im Verlage von E. A. Seemann -Leipzig (1900), Mono- 
graphien über Daniel Chodowiecki (1897), Hubert und Jan van 
Eyck (1898), Hans Memling (1899) in der von Velhagen & Klasing 
herausgegebenen Sammlung von Künstlermonographieen. 

Im Rückblick auf die ebenso arbeitsreiche wie anregende 
Zeit meiner Berliner Amtsthätigkeit erinnere ich mich dankbar der 
zahlreichen Beziehungen, die mir hier nicht nur im engern 
Kollegenkreise, sondern auch mit auswärtigen Fachgenossen und 
Kunstfreunden, und in der kunstgeschichtlichen Gesellschaft, deren 
Vorstand ich während der letzten zwei Jahre angehörte, anzu- 
knüpfen vergönnt war. 

Bei dem Antritt des mir jetzt übertragenen Amts, das mich 
in eine ganz neue Umgebung und als Leiter des Posener Provinzial- 
niuseums vor besonders schwierige Aufgaben stellt, bin ich mir 



14 



der Verantwortung, die in der Übernahme solcher Pflichten liegt, 
wohl bewusst. Die Hoffnung auf Erfolg gründet sich einzig auf 
eine niemals erschütterte Liebe zur Sache und den Glauben an 
den Sieg der Beharrlichkeit. 

2. Der Westpreussische Geschichtsverein lässt seit dem Beginn 
des Jahres 1902 neben seiner Zeitschrift, die sich wegen ihres 
wissenschaftlichen Gehalts allgemeine Anerkennung erworben hat, 
eine Vierteljahrsschrift in Heften von etwa einem Bogen Stärke 
unter dem Titel: „Mitteilungen des Westpreussischen Geschichts- 
vereins" erscheinen. Sie sind, wie die Monatsblätter unserer 
Gesellschaft, dazu bestimmt, durch kleinere Aufsätze, Kunstbericht- 
Notizen u. s. w. auch in weiteren Kreisen für die landeskundlichen 
Interessen zu wirken und dienen zugleich als Organ für geschäft- 
liche Mitteilungen des Vorstandes an die Vereinsmitglieder. Die vier 
Hefte des laufenden Jahrgangs liegen uns vor, ihr Redakteur ist 
der Danziger Stadtbibliothekar Dr. Günther. Aus dem interes- 
santen und mannigfachen Inhalt heben wir als besonders auch 
für unsere Provinz beachtenswert hervor den Bericht über den 
Vortrag von H. PI eh n- Berlin: Beiträge zur Geschichte der Agrar- 
verfassung und der Nationalitätenverhältnisse in Westpreussen 
(S. 3 ff.), die Aufsätze von Dr. Bär-Danzig: Die Begründung 
eines Staatsarchivs für die Provinz Westpreussen (S. ff. 7) 
und Aus Gralaths Berichten über die Verhandlungen in Warschau 
wegen der ersten Teilung Polens 1773 (S. 27 ff.), ferner eine 
auszugsweise Übersetzung * aus dem in den Scriptores rerum 
Polonicarum XV S. 215 — 26 von Korzeniowski veröffentlichten 
Nuntiaturbericht über den Handel Danzigs aus dem Jahre 1583. 
Aus den Litterarischen Anzeigen sei auf die ablehend ge- 
haltene Besprechung Frey tags über das Buch von G. Krause: 
„Die Reformation und Gegenreformation im ehemaligen König- 
reiche Polen, besonders in den jetzt preussischen Provinzen 
Posen und Westpreussen" hingewiesen. 

3. H. Lew in Paris veröffentlicht in den Mitteilungen der 
Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Bd. XXXII S. 400 ff. 
einen auch für die Kulturgeschichte unserer Provinz wichtigen 
Aufsatz über den Tod und die Beerdigungsgebräuche bei den 
polnischen Juden. 

4. Einige Mitteilungen über den Aufenthalt Napoleons in 
Meseritz (26. November 1806) giebt Oberlehrer Dr. Pick in 
Nr. 106 des Meseritzer Kreis- und Wochenblattes von 1902. 



***** 



15 



Geschäftliches 

der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 
zu Bromberg. 

Abteilung für Geschichte 
(früher: Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt). 



Am 30. Oktober 1902 fand eine ausserordentliche Hauptversammlung 
der Mitglieder unter dem Vorsitz des Unterzeichneten statt, der die Zu- 
sammenkunft mit der Mitteilung eröffnete, dass durch die Unterzeichnung 
des Sondervertrags zwischen der Historischen Gesellschaft und der 
Deutschen Gesellschaft hierselbst am 15. Oktober die Umwandlung der 
-ersteren in eine Abteilung der letzteren vollzogen sei. Die dahinzielen- 
den Beschlüsse vom 25. September ds. Js. seien den Mitgliedern gedruckt 
zugegangen ; acht Austrittserklärungen seien erfolgt (unter diesen 6 wegen 
Verlegung des Wohnsitzes von Bromberg weg), ihnen ständen etwa 30 
neue Beitrittserklärungen gegenüber. 

In der nun erfolgenden Vorstandswahl wurde der bisherige Vor- 
stand der Historischen Gesellschaft durch Zuruf zum Vorstande der 
neuen Abteilung gewählt, an Stelle -des ausscheidenden Ehrenmitglieds 
Herrn Geheimrat Dr. Guttmann trat Herr Landgerichts-Präsident Rieck. 
Der neue Vorstand wurde beauftragt, bis zum 1, April 1903 einen Ent- 
wurf der Abteilungssatzungen fertigzustellen ; bis dahin sollte er im Sinne 
der alten Statuten seines Amtes walten. 

Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten zeigte Herr 
Stadtrat Wolff die der Sammlung überwiesene Ausrüstung eines städ- 
tischen Nachtwächters aus dem vorigen Jahrhundert vor und knüpfte 
daran einige aus den älteren Stadtakten entnommene Mitteilungen über 
das Bromberger Nachtwachwesen seit 1815. Darauf berichtete der Unter- 
zeichnete über den Aufenthalt schottischer Kaufleute in Bromberg während 
des 16. und 17. Jahrhunderts. 

In der Vorstandssitzung am 3. November wurden die Aemter 
innerhalb des Vorstandes verteilt und zwar, wie folgt: Landgerichts- 
Präsident Rieck Vorsitz, Oberlehrer Dr. Schmidt Stellvertretung des Vor- 
sitzenden, Kommerzienrath Franke Kassenamt, Forstmeister Schulz Schrift- 
führeramt, Seminar-Oberlehrer Koch Stellvertretung des Schriftführers, 
Oberlehrer Dr. Baumert Verwaltung der Sammlungen. Als Beisitzer ge- 
hören dem Vorstande an: Oberregierungsrat Dr. Albrecht, Rentier R. 
Dietz, Professor Dr. Ehrenthal, Regierungs- und Baurat Schwarze, Haupt- 
mann a. D. Timm, Oberlehrer Wandelt, Kaufmann G. Werkmeister. 

E. Schmidt. 

In der Monatsversammlung am 21. November 1902 abends 8 Uhr 
begrüsste Herr Landgerichts-Präsident Rieck die erschienenen Mitglieder 
zum ersten Mal als erster Vorsitzender. Für das Sitzungszimmer im 
Zivilkasino ist von Freunden des früheren ersten Vorsitzenden der 
Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt und deren Gründer, Herrn 
Geh.-Reg.-Rat Dr. Guttmann sein Bild gestiftet worden. Den Gebern 
wird für das Geschenk gedankt. 

Darauf hielt Herr Fabrikbesitzer Schemel aus Krone a. Br. einen 
Vortrag über zwei alte Bilder in der Klosterkirche zu Krone a. Br., 
die bei Gelegenheit der Erneuerung des Inneren der Kirche freigelegt 
worden sind. Die Bilder waren sehr beschmutzt, eins von ihnen zum 
Teil vernichtet. Nach den Angaben des Vortragenden sind beide Bilder 



16 

ausgebessert und die fehlenden Teile erneuert worden. Die Bilder zeigen 
oben je eine figurenreiche Darstellung, darunter je rechts und links eine 
Landschaft. Die Landschaften stellen Ansichten des Klosters und der 
Stadt Krone a. Br. dar. Das eine Hauptbild zeigt einen König, der einem 
Abt ein Schriftstück überreicht. Die Begegnung hat nach der auf dem 
Bilde befindlichen Landschaft bei Kronthal stattgefunden. Das 2. Haupt- 
bild zeigt einen Papst auf dem Thron, umgeben von Kardinälen, der 
einem vor ihm knieenden Cisterziensermönch ein Inful übergiebt. Nach 
den Schlüssen des Vortragenden ist der König auf dem ersten Bilde 
Johann Sobieski, der Abt und der auf dem 2. Bilde knieende Cister- 
ziensermönch der Unterkanzler und Senator Gninski. 

Herr Oberlehrer Dr. Baumert berichtete dann über Aus- 
grabungen auf dem Gute Trischin bei Bromberg, wo im laufen- 
den Sommer mehrere Steinkistengräber aufgedeckt wurden, in denen 
mehrere Gesichtsurnen gefunden wurden. Einige der Urnen wurden vor- 
gezeigt. Der Herr Vorsitzende teilte mit, dass auf dem Gute seines 
Bruders im Greifenhagener Kreise eine sehr grosse Zahl ähnlicher Urnen 
der verschiedensten Grösse gefunden worden seien. 

In der Monatsversammlung am 9. Dezember 1902 legte der erste 
Vorsitzende, Herr Landgerichts-Präsident Rieck, zunächst der Versamm- 
lung das Diplom über die Ernennung des früheren Vorsitzenden der 
Gesellschaft, Herrn Geheimen Regierungsrats Dr. Guttmann zum Ehren- 
mitglied vor. Die dazu gehörige Adresse wurde von ihrem Verfasser,, 
Herrn Professor Dr. Ehrenthal vorgelesen. Darauf hielt Herr Gymnasial- 
oberlehrer Dr. Stoltenburg einen Vortrag über Hermann von 
Boyen und den Untergang Polens, worin er in grossen Umrissen 
Boyens Lebenslauf gab und eingehend die Teilnahme Boyens an dea 
Kämpfen in Polen während der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts be- 
handelte. Im Anschlüsse an den beifällig aufgenommenen Vortrag las 
Herr Oberlehrer Dr. Baumert Mitteilungen des Herrn Gymnasialdirektors 
a. D. Mark vor, in denen dieser Zustände und Begebenheiten der 
Jahre 1846 bis 1848 in Bromberg, bei denen er persönlich be- 
teiligt war, in lebens- und humorvoller Weise schilderte. Herr Geh. 
Justizrat a. D. Jentzsch, der im Jahre 1848 als Obersekundaner dem 
hiesigen Gymnasium angehört hatte und mit den übrigen Sekundanern 
und Primanern in die Bromberger Bürgerwehr eingetreten war, bestätigte 
die Mitteilungen des Herrn Direktor Mark und fügte manche eigene Er- 
lebnisse aus der damaligen Zeit hinzu. 

Der Versammlung war eine Sitzung des Vorstandes voraufgegangen ,^ 
in der geschäftliche Dinge erledigt wurden. Schulz. 



Historische Abteilung der Deutsclien Gesellschaft für Küiist und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Montag, den 26. Januar 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant „Wilhelma"„ 
Wilhelmstrasse 7 Monatssitzung. 

Tagesordnung: Vorlegung und Erläuterung wichtiger Neuerscheinungen^ 
auf dem Gebiete der Posener Landesgeschichte. 



Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen — Veribg der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Broraberg. 
Druck der Hof buchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 
MONPSTS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang IV Posen, Februar 1903 



Nr. 2 



Kohte J., Die Denkmalpflege der Provinz Posen während der letzten 
Jahre S. 17. — Bickerich W., Franz Nesemann S. 25. — Litterarische 
Besprechungen S. 28. — Nachrichten S. 30. — Geschäftliches S. 32. 



Die Denkmalpflege der Provinz Posen 

während der letzten Jahre. 

Von 
J. Kohte. 

ascher fliesst das Leben in der Gegenwart dahin als in 
früheren Zeiten und bedroht die Zeugen dieser, die 
Baudenkmäler und ihre Ausstattung, mit Veränderung 
und Zerstörung. Das künstlerische Können ist namentlich 
in den Kreisen des Handwerks tiefer gesunken, so dass fast 
alles, was an den Denkmälern vorgenommen wird, eine Schädigung 
derselben bedeutet. Um so eifriger ist das Erbe unserer Vorfahren 
zu behüten, der Sinn für die Würdigung dieses Gutes im Volke 
zu wecken und ' der wissenschaftlichen Erkenntnis der Bestand der 
Denkmäler zu überliefern. In dem 1895 — 98 ausgegebenen Ver- 
zeichnis der Kunstdenkmäler sind diejenigen Massnahmen erwähnt, 
welche die Denkmäler in neuerer Zeit berührt haben. An dieser 
Stelle soll darüber berichtet werden, was seitdem zur Pflege der 
Denkmäler geschehen ist. Die Anordnung der Ortschaften und 
der Denkmäler folgt derjenigen des Verzeichnisses. Wenn ich 
auch glaube, dass meiner Aufmerksamkeit keine Massnahmen von 
grösserem Belang entgangen sein werden, so ist es doch schwer, 
eine erschöpfende Übersicht zu gewinnen, so lange eine wirksame 
Verwaltung der Denkmalpflege im preussischen Staate nicht besteht. 




18 



Stadt Posen. 

Von der mittelalterlichen Stadtmauer wurden im Früh- 
jahr 1898 einige Reste beim Neubau des Hauses Breslauer-Str. 14 
auf kurze Zeit freigelegt. Eine Aufnahme derselben habe ich in 
der Zeitschrift der Historischen Gesellschaft Band XIV S. 141 — 144 
mitgeteilt. 

Bei der Umgestaltung des Schlossberges wurden die längs 
der Mauer des Schlossgartens sowie die auf dem Zwinger der 
mittelalterlichen Stadtbefestigung errichteten Häuser abgebrochen. 
Die Reste der Stadtmauern bleiben erhalten und werden in die jetzt 
anzulegenden gärtnerischen Anlagen eingezogen. 

Das Innere des Domes erfuhr weitgehende Erneuerungen, 
welche jedoch bei dem geringen Werte dieses Bauwerks die 
Interessen der Denkmalpflege wenig berühren. Dass aber selbst 
geringfügige Aufgaben einer sachverständigen Leitung nicht ent- 
behren dürfen, erhellt daraus, dass in die vermutlich auf Peter 
Vischer zurückgehenden Messingplatten Löcher gebohrt und eiserne 
Schrauben gewöhnlicher Art eingezogen wurden. 

Eine der bedauerlichsten Unternehmungen, welche die 
Denkmalpflege der Provinz Posen zu verzeichnen hat, ist der 
Umbau der Rosenkranz-Kapelle an der Dominikaner- 
Kirche. Die Kapelle, ein Werk der Spätgotik, hatte im 17. und 18. 
Jahrhundert Veränderungen erfahren und damals den barocken 
Hochaltar erhalten, welcher die ganze nördliche Schmalwand ein- 
nahm. Statt aber dieses geschichtlidi entstandene Bild zu wahren, 
wurde die Kapelle im Jahre 1901 in gotischem Stile hergerichtet. 
Von den Rippen der Gewölbe wurde das im 17. Jahrhundert auf- 
getragene Blattwerk, von dem Bogen vor dem Hochaltare wurden 
die Adelswappen abgeschlagen, und der Hochaltar wurde beseitigt, 
obwohl sich dabei auf seiner Rückseite die Inschrift fand. 

Michal Zahicki, snycierz z Grodziska, rohil 
roku 8 Novemhri iJ2j, 

welche ihn als Werk eines bisher unbekannten Künstlers des 
Posener Landes beglaubigt. Waren die beseitigten Stücke auch 
keine hervorragenden Äusserungen ihrer Stilepochen, so standen 
sie doch an Wert hoch über dem, was jetzt an ihrer Stelle geschaffen 
worden ist. Der neue gotische Altar ist eine dürftige Fabrik- 
ware, welche jenes Verständnis für die Wirkung des Raumes 
vermissen lässt, durch welche das alte Werk sich auszeichnete. Es 
wird nun dafür zu sorgen sein, dass dieses an einem anderen 
angemessenen Orte wieder aufgestellt werde. 

Die Messinggrabplatte des Felix Paniewski, welche früher 
hoch in der Kirche angebracht war, ist jetzt bequemer für die 
Betrachtung in der Rosenkranz-Kapelle aufgestellt worden. Die 



19 



sehr vernachlässigte Halle über dem südlichen Flügel des Kreuz- 
ganges wurde wiederhergestellt und mit den benachbarten Räumen 
zu einem gemeinnützigen Zwecke hergerichtet. Dabei wurden 
die Öffnungen der Front mit Fenstern verschlossen. 

In der Fronleichnams-Kirche, welche 1899 eine eigene 
Pfarrei erhalten hat, wurden die Kanzel und der Taufwasser- 
behälter durch neue gotisierende Stücke ersetzt, welche aber den 
bescheidenen alten barocken Stücken weder an Wert noch an 
Wirkung gleichkommen. 

An den Fronten der evangelischen Petri-Kirche wurden 
die schadhaft gewordenen Gesimse 1901 in Ziegel erneuert. 

Für die Wiederherstellung des Rathauses, dieses wichtig- 
sten Baudenkmals der Provinz, sind seitens der Stadt und des 
Staates Mittel bereit gestellt worden. Die gefährdeten Stuck- 
bildwerke der Ostfront wurden im Sommer 1901 durch die 
Formerei der Berliner Königlichen Museen instand gesetzt und 
ergänzt. Im übrigen ist über die Wiederherstellung noch keine 
Entscheidung getroffen, namentlich nicht über die Frage, in welcher 
Weise die bei der Untersuchung der Fronten gefundenen Reste 
der alten Bemalung wieder benutzt werden sollen. Ueber ein 
altes Ölbild des Rathauses, welches durch Schenkung in den 
Besitz des Magistrats gelangte, habe ich in den Historischen 
Monatsblättern Jahrgang I S. 3 berichtet. Eine vorläufige Mit- 
teilung über die Wiederherstellung des Bauwerks gab ich ebendort 
S. 49. Weitere Nachrichten über die Angelegenheit vgl. Jahrgang I 
S. 72 und II S. 110. 

Die alten Wohnhäuser der Stadt verschwinden, wie ich 
in der Zeitschrift der Historischen Gesellschaft Band VII S. 413 
beklagte, von Jahr zu Jahr, ohne dass sich diesem Vorgange 
gegenüber etwas anderes thun lässt, als den alten Zustand im 
Bilde festzuhalten. Die spätgotischen Zellengewölbe des Hauses 
Aher Markt 43 wurden bei der Einrichtung eines Kaufladens 
1897 zerstört; in demselben Jahre wurden die über der Stadt- 
mauer errichteten Häuser Neuer Markt 13 und 14 und das Haus 
Breslauer-Str. 34, mit seiner gefälligen Front in der Art der 
späteren Bauten Friedrichs des Grossen, durch Neubauten ersetzt. 
Dagegen gelang es glücklich, den Giebel des in kirchlichem 
Besitze befindlichen ehemaligen Gebäudes der Philippiner gegen- 
über der'^ Margareten-Kirche vor einer Veränderung zu bewahren. 
Als 1901 das Haus Alter Markt 100 an der Ecke der Juden- 
strasse abgebrochen wurde, wurde das auf der Ecke angebrachte 
Marien-Standbild mit seinem Türmchen von dem Propste der 
kathoHschen Oberpfarrkirche erworben; es wäre zu wünschen, dass 
das reizvolle Bildwerk an dem Propsteigebäude einen ähnlichen 
Standort erhalte, wie es früher inne hatte. 



20 



* Zur Unterbringung von Altertümern aus den katholischen 
Kirchen wurde dasDiöcesan-Museum gegründet und vorläufig 
in der Kapelle des alten Seminars eingerichtet. Dieses Museum 
befindet sich zwar noch in den Anfängen, ist aber vornehmHch 
bestimmt, den Aufgaben der Denkmalpflege zu dienen. Unter 
seinem derzeitigen Bestände bewahrt es den Altar der Kirche in 
Ober-Pritschen und aus dem Besitze der Oberpfarrkirche in Posen 
die Inschrift von der abgebrochenen Pforte der Stadtmauer am 
Neuen Markte. 

Landkreise des Regierungs- Bezirks Posen. 

Die Instandsetzung der St. Johanneskirche der Komm en- 
de rie bei Posen wird von der Staats-Bauverwaltung vorbereitet. 
Das Portal und das Rundfenster der Westfront sollen als be- 
merkenswerte Einzelheiten des romanischen Baues vom Putz 
befreit und wieder im Ziegelwerk hergestellt werden. 

Die frühgotische Kirche in Gluschin wurde instand gesetzt. 
Das vermauerte Portal der Südfront soll demnächst geöffnet und 
eine Vorhalle angefügt werden, deren Holzdecke das Portal in 
der vollen Höhe sichtbar lässt. 

Die Kirche in Lussowo wurde 1898 instand gesetzt und 
das Innere von dem Maler Deventer aus Posen gemalt. 

Die katholische Pfarrkirche in Rogasen erhielt statt des 
wertlosen Hochaltares einen neuen in gotischen Formen und wurde 
im Innern ebenfalls ausgemalt. 

Da die Türen der Kirchen zu allen Zeiten und an allen 
Orten nach innen aufschlugen, so wurden infolge der neuerdings 
erhobenen Forderung der Polizei-Verwaltungen, dass die Türen 
umgeändert würden, um nach aussen aufzuschlagen, zahlreiche 
der alten Portale, namentlich der spitzbogigen aus gotischer Zeit 
in rücksichtsloser Weise verstümmelt. Im Jahre 1902 wurde 
eine derartige Verordnung auch hinsichtlich der Portale der 
katholischen Pfarrkirche in Samter erlassen, zum Glück aber 
noch rechtzeitig zurückgenommen. In welcher Weise die Aus- 
gänge der Kirche zu verbessern sind, ist noch nicht entschieden ; 
doch wird jedenfalls das vermauerte Portal der Nordfront wieder 
zu öffnen sein. 

Die katholischen Kirchen in Wiltschin und in Birnbaum, 
zwei spätgotische Bauten von schlichter rechteckiger Grundform, 
wurden auf der Ostseite erweitert und zugleich ausgebaut. Die 
Arbeiten geschahen unter Leitung der Staats-Bauverwaltung. 

Die infolge mehrfacher Veränderungen wertlose Kirche in 
Dokowy mokre wurde durch einen Neubau ersetzt. 

Die Holzkirche in Schwirle, 1554 errichtet und also eine 
der ältesten des Landes, ist mit Abbruch bedroht. Sie würde einer 



21 



Instandsetzung bedürfen, während die Gemeinde einen steinernen 
Neubau wünscht. 

Die Instandsetzung der Kirche in Alten hof ist vorbereitet. 

Die katholische Gemeinde in Meseritz beantragte die Er- 
richtung eines Turmes an ihrer Kirche. Da ein solcher aber beim 
Bau der Kirche nicht vorgesehen war und der Dachreiter hinter 
dem Westgiebel für das Aufhängen der Glocken genügt, so wurde 
der Antrag seitens der Staats - Verwaltung als des Patrons ab- 
gelehnt. 

Ueber einige im Seminar Paradies gefundene mittelalter- 
liche Ziegel aus der Bauzeit der Klosterkirche vgl. Historische 
Monatsblätter I S. 43. 

Vor der Westfront der evangelischen Kirche in Borui- 
Kirchplatz wurde im Jahre 1900 ein gemauerter Turm angefügt, 
auf die Kirche bezug nehmend, in einfachen barocken Formen. 

In einer Kapelle der katholischen Kirche in Fehlen wurden 
die das Leiden Christi darstellenden Bilder von dem Maler 
Deventer 1897 wiederhergestellt. 

Das Klostergebäude in Obra wurde 1901 zur Emeriten- 
Anstalt ausgebaut, wobei der alte Bestand erhalten blieb. Von 
einigen abgebrochenen Öfen des 18. Jahrhunderts wurden mehrere 
Kacheln als Probestücke an das Provinzial - Museum in Posen 
abgegeben. 

Statt des vom Blitze getroffenen Turmes der evangelischen 
Kirche in Schwenten, eines Fachwerkbaues, wurde 1898 ein 
gemauerter Turm in gotischen Formen errichtet. 

Die katholische Pfarrkirche in Czempin, von welcher aus 
mittelalterlicher Zeit nur noch geringe Reste vorhanden waren, 
wurde durch einen Neubau ersetzt. 

Die unweit des Dorfes Gryzyn gelegene Kirchenruine, der 
Rest einer untergegangenen Ortschaft, bedarf einer Instandsetzung, 
damit sie vor weiterem Verfall bewahrt bleibe. Zunächst gilt es 
die erforderlichen Mittel zu sammeln. 

In der katholischen Pfarrkirche in Kosten wurden 1896 
der Hochaltar, 1899 die Wände und Gewölbe sowie die übrige 
Ausstattung neu bemalt. Dass auch der spätgotische Flügelaltar 
neu hergerichtet wurde, war ein schwerer Fehler, durch welchen 
dieses wertvolle Stück, das am besten erhaltene dieser Art im 
Gebiete der Provinz Posen, empfindlich geschädigt worden ist. 
Die Teilungen zwischen den vier Heiligenbüsten des Sockels, 
noch mehr der Wimperg über dem Schrein sind Zusätze, welche 
besser fortgeblieben wären. Die Bildwerke des Altares wurden 
bemalt, ohne dass der alte Zustand in ausreichenden Aufnahmen 
festgelegt wurde; die Gemälde wurden ergänzt, und schon jetzt 
lösen sich die neuen Teile vom Grunde los, so dass auch die 



22 



Absicht der Gemeinde, den Altar in einen angeblich würdigeren 
Zustand zu versetzen, nicht erreicht ist. Die gottesdienstlichen 
Geräte, welche bei einem Brande 1899 beschädigt wurden, wurden 
fast sämtlich erneuert. Das Geläute wurde 1895 umgegossen. 

Die für den deutschen katholischen Gottesdienst benutzte 
Kapelle des Dominikaner- Klosters in Kosten bedarf einer Er- 
weiterung, bei welcher die baufälligen Reste des anstossenden 
Kreuzganges niedergelegt werden sollen. 

Eine Instandsetzung der katholischen Pfarrkirche in Lubin 
ist in Angriff genommen. Von der evangelischen Pfarrkirche, 
deren Altarraum einen hübschen romanischen Bau enthäU, sind 
Aufnahmen angefertigt worden, um die Instandsetzung vorzubereiten. 

Fr au Stadt hat von den Städten des Posener Landes bis- '' 
her sein geschichtliches Bild am besten bewahrt. Im Jahre 1893 
gab sich die Absicht kund, das neben dem Kripplein Christi 
gelegene alte Schulhaus abzubrechen und die Kirche freizulegen, 
obwohl diese mit dem Schulhaus einen bemerkenswerten Punkt 
im Stadtbilde darbietet. Möge es wie damals noch lange ge- 
lingen, die Erneuerungsgelüste zurückzuhalten. 

An der katholischen Kirche in Ober -Pritschen wurde 
1898 der schadhafte Dachstuhl instand gesetzt und das Dach | 
wieder mit Mönchen und Nonnen^) gedeckt. Die Arbeiten im ' 
Inneren sind wegen Mangel an Mitteln noch ausgesetzt. 

Eine Instandsetzung der evangelischen Kirche des Ortes, | 
welche Pfingsten 1907 ihr zweihundertjähriges Bestehen feiert, ^a 
ist vorgesehen. 

Der im Frühjahr 1898 geplante Anbau der Kirche in i 
Mittel-Röhrsdorf, welcher diese ihres geschichtlichen Gepräges | 
beraubt hätte, wurde noch vor Beginn der Bauarbeiten verhindert. 
Der alte Dachstuhl über dem Chore ist in seinem Bestände zu 
sichern. 

Die katholische Pfarrkirche in Lissa, einer der 
schönsten Barockbauten Norddeutschlands, soll erweitert werden. 
Vom Standpunkte der Denkmalpflege ist nicht dringend genug J 
abzuraten von diesem Vorhaben, das durch die irrige Absicht ? 
beeinflusst erscheint, den ursprünglichen Bauplan der Kirche 
wiederherzustellen. Nicht nur müssten der Erweiterung wegen ; 
die Ostmauer und der Hochaltar zerstört werden, sondern es I 
würde auch beim besten Willen nicht gelingen, zwischen den 
bedeutsamen alten Teilen und den neuen eine befriedigende 
Uebereinstimmung herbeizuführen. Da die Leszczynskischen 

1) Aus der Ziegelei von M. Perkiewicz in Ludwigsberg bei Moschin, 
welche diese Ziegelart in den in der Provinz Posen gebräuchlichen Ab- 
messungen anfertigt und sie auch für andere der hier genannten Denkmal- 
bauten geliefert hat. 



23 



Gräber am Ostende der Seitenschiffe nicht beseitigt werden 
können, so würde die Kirche nach der Erweiterung aus zwei 
nur im Mittelschiff verbundenen Hälften bestehen. Man wird 
versuchen müssen, dem Bedürfnis auf andere Weise zu genügen, 
indem man die eingebauten Sakristeien aus der Kirche entfernt 
oder an anderer Stelle einen Neubau errichtet, welcher sich kaum 
teurer stellen dürfte als ein Erweiterungsbau unter den ob- 
waltenden Umständen. Vielleicht verhilft der Mangel an Mitteln 
zu besserer Erkenntnis. 

An der evangelischen S. Johannes-Kirche in Lissa wurden 
1898 die Strebepfeiler der Fronten verändert, das Innere gemalt 
und mit einer Heizung versehen; leider geschahen die Arbeiten 
ohne sachverständige Leitung. 

Über den 1896 erfolgten Ausbau der evangelischen Kreuz- 
Kirche in Lissa habe ich in der Zeitschrift der Historischen 
Gesellschaft Band XI S. 429 einen ausführlichen Bericht erstattet. 
Dank dem Entgegenkommen der Gemeinde konnte den Forderungen 
der Denkmalpflege in weiterem Masse genügt werden, als es bis 
dahin in der Provinz der Fall gewesen war. Die Malerarbeiten 
wurden von Deventer mit grossem Verständnis ausgeführt. 

Eine Instandsetzung der katholischen Pfarrkirche in Reisen 
wird beabsichtigt. 

Der Blockholzbau der Pfarrkirche in Pakoslaw wurde im 
Jahre 1900 durch einen gemauerten Neubau ersetzt und der spät- 
gotische Flügelaltar in das Diöcesan-Museum nach Posen über- 
geführt; von den übrigen Bildwerken der Kirche blieb leider nur 
eines erhalten. 

Die katholische Pfarrkirche in Gostyn erlitt in den 
Jahren 1901—2 bedeutende Veränderungen. Obwohl es sich 
um eines der besten mittelalterlichen Denkmäler der Provinz 
handelte, wurde doch kein Sachverständiger zur Leitung der 
Arbeiten bestellt, und ebenso wenig wurden die während der 
Arbeit gewonnenen Ergebnisse über die Baugeschichte der Kirche 
in wissenschaftlicher Weise festgelegt, wenngleich anzuerkennen 
ist, dass vor Beginn der Arbeiten eine grosse Anzahl guter 
Photographien von dem Bauwerk aufgenommen wurde. Zu be- 
dauern ist, dass an den Fronten Maschinensteine verwendet und 
mit Cement verfugt wurden, welche nun in Widerspruch stehen 
zu den von der Hand gestrichenen und mit Kalkmörtel verfugten 
alten Ziegeln. Auch überschreitet die Herstellung neuer Teile an 
den Fronten das zulässige Mass ; die Giebel und Gesimse wurden 
durchweg erneuert, und es ist jetzt nicht mehr zu entscheiden, ob 
und wie weit man berechtigt war, die überiieferten Formen zu 
verändern. Unter den 1790 hergestellten Dächern der Abseiten 
fanden sich Reste des alten Hauptgesimses des Mittelschiffes, 



24 



unter welchem ein 65 cm hoher, farbig gemalter Masswerkfries 
hinlief, ein in der Provinz Posen bisher nicht beobachteter 
Schmuck. Im Inneren der Kirche wurden bedeutende Reste der 
spätgotischen Ausmalung des Chores gefunden, welche ein Gegen- 
stück bilden zu den Malereien der katholischen Kirche in Ober- 
Pritschen. Eine Beschreibung der gefundenen Bilder habe ich im 
III. Jahrgang dieser Blätter S. 92 mitgeteilt. 

An der ehemaHgen Klosterkirche bei Gostyn soll die 
verfallene Freitreppe vor der Westfront demnächst neu hergestellt 
werden. 

Gegen die Erweiterung der Kirche in Gross-Strzelce, 
eines verstümmelten mittelalterlichen Bauwerks, sind keine Bedenken 
zu erheben. 

An der romanischen Kirche in Giecz wurde vor dem 
Portal der Südseite eine gemauerte Vorhalle errichtet. 

Das Geläute der katholischen Pfarrkirche in Pudewitz 
wurde umgegossen. 

Die Kirche in Biechowo wurde instand gesetzt. 

Der Blockholzbau der Kirche in Skarboszewo wurde 1902 
abgebrochen, um einem gemauerten Neubau Platz zu machen; 
doch wurden von dem alten Bauwerk Aufnahmen angefertigt. 

Die Kirche in Zerkow wurde ausgemalt, leider ohne der 
künstlerischen Bedeutung dieses Bauwerks Rechnung zu tragen. 

Der erratische Block bei Jedlec im Kreise Pleschen, einer 
der grössten seiner Art, ist neuerdings allgemeiner bekannt ge- 
worden ; es ist zu hoffen, dass er vor der Vernichtung bewahrt bleibt. 

Die Kirche in Rozdrazewo wurde erweitert. 

In der ehemaligen Klosterkirche in Olobok wurde die 
Ausmalung von Deventer wiederhergestellt. 

Wegen der Erweiterung der Kirche in Kotlow wurden 
Verhandlungen eingeleitet, aber nicht weiter verfolgt. Man wird gut 
tun, das auf einem steilen Hügel gelegene romanische Kirchlein 
unberührt zu erhalten. 

Die katholische Pfarrkirche in Schildberg wurde instand 
gesetzt und gemalt. 

Die Ruinen der beiden Schlosstürme in Schildberg und 
in Boleslawiec wurden 1901 instand gesetzt, jener aus Mitteln 
des Kultus-Ministeriums und der Provinzial-Verwaltung, dieser 
des Landwirtschafts-Ministeriums. 

In Opatow wurde der Blockholzbau der alten Kirche 1899 
durch einen Ziegelbau ersetzt, welcher den malerischen Reiz des 
alten Bauwerks recht vermissen lässt. Von der alten Ausstattung 
wurden nur zu den Nebenaltären einige Reste verwendet. 

(Die Bemerkungen über die Denkmalspflege im Regierungsbezirke 
Bromberg folgen in der nächsten Nummer). 




25 



Franz Nesemann. 

Von 
W. Bickerich. 

er Schluss des vergangenen Jahres hat in den Kreis 
unserer Mitarbeiter eine schmerzliche Lücke gerissen. 
Am 16. Dezember 1902 entschlief plötzlich Dr. Franz 
Nesemann, Gymnasialprofessor a. D. in Lissa i. P., 
ein Mann, der sich um eine ganze Reihe gemeinnütziger, idealer 
und nationaler Bestrebungen, insbesondere auch um die Pflege 
der heimatlichen Geschichte grosse Verdienste erworben hat, aus 
dessen Feder erst die letzten Hefte unserer Gesellschaft eine 
wertvolle Arbeit über die Tuchschererinnung in Lissa brachten, 
zugleich eine Persönlichkeit, die wegen der originalen Kraft ihres 
Wesens weithin in unserer Provinz bekannt und geschätzt war, 
so dass eine Würdigung ihres Lebens und Wirkens an dieser 
Stelle als Dankespflicht erscheint und vielen willkommen sein 
dürfte. 

Geboren zu Bahrendorf bei Magdeburg am 28. November 
1836, erhielt Franz Nesemann den ersten Unterricht in der 
heimatlichen Dorfschule, Nach weiterer Vorbereitung durch 
Privatunterricht besuchte er von Ostern 1850 ab das K- Dom- 
gymnasium in Magdeburg und bestand dort Michaeli 1857 die 
Abiturientenprüfung. Hierauf studierte er Philologie, zunächst 
2 Jahre in Halle a. S. vorzüglich unter der Leitung von Bernhardy 
und Bergk, dann in Berlin unter der Führung von Boeckh und 
Haupt. Gleichzeitig begann er namentlich durch Droysen an- 
geregt, historische Studien. Auf Grund einer Dissertation De 
episodeis Aristophaneis wurde er am 5. Juli 1862 von der 
philosophischen Fakultät zu Berlin zum Dr. phil. promoviert. 
Nachdem er ein Jahr später vor der K. Wissenschaftlichen 
Prüfungskommission zu Berlin das examen pro facultate docendi 
abgelegt hatte, trat er zum 1. August 1863 als Kandidat in das 
Gymnasium in Lissa ein, um dann durch Verfügung des K- 
Provinzial-Schulkollegiums vom 24. September 1864 die Anstellung 
als ordentlicher Lehrer an derselben Anstalt zu empfangen. Und 
er ist diesem Wirkungsfelde treu geblieben. Seine ganze Amts- 
thätigkeit — gewiss ein seltener Fall in unserer Zeit — hat er 
der einen Anstalt gewidmet, 34 Jahre hindurch bis zu seinem 
im Herbst 1897 erfolgten Eintritt in den Ruhestand; ein schönes 
Zeichen, wie wohl er sich in seinem geliebten Lissa fühlte, wie 
eng er bald mit dessen Verhältnissen verwachsen war. Freilich 
lag überhaupt ein stark konservativer Zug in seinem Wesen und 



26 



seiner ganzen Lebensführung. Fast die ganze Zeit seines 
Aufenthalts in Lissa, bis zu seinem Tode, mehr als 3 Jahrzehnte 
hat er in demselben Hause und zwar in den gleichen Räumen 
gewohnt. Auch nachdem ihm die allgemein verehrte Gattin nach 
einer innigen, leider kinderlosen Ehe durch einen furchtbaren Tod 
genommen war, blieb unter der Obhut einer treuen Dienerin die 
Häuslichkeit in derselben Verfassung, und inmitten einer behag- 
lichen raucherfüllten, von einer ansehnlichen Bücherei stark- 
besetzten Studierstube waltete er wie ein edler Patriarch. Seine 
Arbeitszeit und seine Erholung waren genau geregelt. Täglich 
konnte man ihn zur gleichen Stunde meist auch auf demselben 
Wege beim Spaziergang treffen. Indessen vor der Gefahr solcher 
Anlage, der Gefahr geistiger Erstarrung schützte ihn seine uner- 
müdliche Arbeitskraft und der rastlose Forschungstrieb, der in 
ihm war. Man merkte es ihm an, das ihm die Arbeit nicht zur 
Last wurde, dass sie ihm Lebenselement war. Seine früheren 
Schüler aus den verschiedensten Jahrgängen geben ihm einstimmig 
das Zeugnis, dass sie ihm vieles, wenn nicht das Beste aus dem 
Ertrage ihrer Schulzeit verdanken. Trotz seines seltsamen Äusseren, 
das die Spuren eines traurigen Unfalls an sich trug, war er ihnen 
eine imponierende Persönlichkeit als ein Mann, der in der Wissen- 
schaft lebte und webte, von dem die einen Begeisterung für ernstes 
Denken und Forschen, die andern wenigstens unwillkürlich eine 
tiefe Achtung vor solcher Geistesarbeit empfingen. Leider fand 
seine Lehrthätigkeit einen vorzeitigen und unerwünschten Abschluss. 
Fernstehende, welche die amtlichen Verhandlungen nicht kennen, 
können und dürfen über den schmerzlichen Konflikt, der zwischen 
N. und seiner vorgesetzten Behörde ausbrach, nicht urteilen. 
Gewiss wäre es auch nach der sonstigen Kenntnis seines Wesens 
verkehrt, ihn hierbei von jeder Verschuldung freizusprechen. Ein 
treuer Freund seiner Freunde war er, aber kein Menschenkenner; 
seine grossartige Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit wurde zu 
Zeiten übel ausgenutzt und missbraucht. Andererseits entstand 
in ihm unter mancherlei Erfahrungen ein Misstrauen, das es ihm 
erschwerte, sich andern recht mitzuteilen. Die Zähigkeit, mit der 
er an liebgewordenen Gewohnheiten festhielt und die seiner Eigenart 
entsprechenden Wege verfolgte, mochte für die gemeinsame 
Arbeit eines Kollegiums und einer öffentlichen Anstalt zuweilen 
recht hinderlich werden, und seine unabhängige Gesinnungsart 
verirrte sich leicht in starkes Selbstgefühl und mitunter in scharfes 
Urteil über andere. Ob und wie er auch gefehlt haben mag, 
er hat wahrlich dafür gebüsst im Aufgeben des ihm ans Herz 
gewachsenen Berufes und in der zunehmenden Vereinsamung 
seines Lebensweges, und, was das Grösste und Beste ist, das 
von dem irrenden und leidenden Menschen gesagt werden kann, 



27 



N. hat sich durch solch schmerzliche Erfahrungen läutern lassen. 
Statt sich verbittert und grollend in sich selbst zurückzuziehen, 
hat er die ihm gewordene Müsse um so eifriger nicht bloss zur 
wissenschaftlichen Forschung sondern auch zur Pflege der man- 
cherlei von ihm geleiteten oder mitgetragenen gemeinnützigen 
Bestrebungen verwandt. Die Lissaer Ortsgruppe des Allgemeinen 
deutschen Schulvereins hatte in ihm ihren Begründer, Leiter, ja, 
man kann ohne Übertreibung sagen, ihren ganzen Zusammenhalt. 
Die ca. 120 über die ganze Provinz zerstreuten Mitglieder waren 
wohl ausnahmslos von ihm persönlich geworben. Die Vorträge, 
welche er auf den alljährlichen Generalversammlungen hielt, und 
in denen er die verschiedensten geschichtlichen und nationalen 
Fragen eingehend besprach und scharf beleuchtete, werden vielen 
Teilnehmern unvergesslich sein. Ebenso war er seit Gründung 
der Comeniusgesellschaft (1892) deren Ortsbevollmächtigter in 
Lissa, zugleich Mitglied ihres Gesamtvorstandes. — Wie er 
bereits bei Veranstaltung der Feier des 300-jährigen Geburts- 
tages des Amos Comenius am 28. März 1892 hervorragend 
beteiligt war, so hielt er bei dem Congress der Gesellschaft 
in Lissa am 23. Oktober 1893 die Festrede über das durch 
Erörterungen in den Lissaer Lokalblättern wichtig gewordene 
Thema: „Der angebliche Verrat des Comenius im schwedisch- 
polnischen Kriege". Als dann im Jahre 1898 anlässlich der 
350 jährigen Jubelfeier der evangelisch - reformirten Johannes- 
gemeinde zu Lissa die Bestrebungen zur Schaffung eines Comenius- 
denkmals in dieser Stadt und zwar auf den Kirchplatz der ge- 
nannten Gemeinde auf den Plan traten, war es wieder N., der 
durch ungesäumte Spende einer auch für seine Verhältnisse 
reichen Gabe, der weitaus grössten, die aus Lissa von Privaten 
gekommen ist, und ebenso durch seine Schrift: „Ein Denk- 
mal des Johann Amos Comenius. Lissa 1898" das Unter- 
nehmen thatkräftig unterstützt hat und durch sein opfer- 
williges Eintreten für den lokalen Erfolg geradezu ent- 
scheidend gewesen ist. Bei der Feier der Denkmalsenthüllung 
sprach er als Vertreter der genannten Gesellschaft über die freien 
genossenschaftlichen Aufgaben der Volkserziehung. Mit dem- 
selben warmen Interesse hat er der Historischen Gesellschaft für 
die Provinz Posen als Geschäftsführer für die Stadt Lissa und 
auch zuletzt als Mitarbeiter gedient. Auch die wertvollsten Ver- 
öffentlichungen seiner Feder bewegen sich auf dem Gebiete der 
Provinzialgeschichte, nämlich die in den Programmen des Kgl. 
Gymnasiums zu Lissa 1894 und 1896 erschienenen Neuherausgaben 
der Comenianischen Schriften „Lesnae excidium", „Vindicatio 
famae et conscientiae" (letztere auszugsweise, soweit sie die Zer- 
störung Lissas angeht) und „Panegyncus Carolo Gustavo." 



28 



Namentlich die mit ungemeiner Sorgfalt aus den verschiedensten 
Quellen hergestellte und erläuterte Ausgabe des „Excidium 
Lesnae" ist ein wichtiger Beitrag zu der Geschichte der Stadt 
Lissa und ein bleibendes Verdienst des Heimgegangenen. 

An seinem letzten Geburtstag, wo er wie alljährlich einen 
kleinen Freundeskreis um sich versammelt hatte, war er zwar 
anscheinend frisch und wohl, aber stiller und ernster als sonst. 
Beim Abschied kam ungesucht die Rede auf Sterben und Ewig- 
keit. Jemand äusserte: „Droben wird es besser sein." Da 
entgegnete N. : „Wir wissen es nicht, aber wir hoffen es. Wir 
thun, was wir können, und wissen, dass wir herzHch wenig thun 
können, und die Hauptsache ist die Demut." Es waren die 
letzten Worte vor dem üblichen Abschiedsgruss und zugleich die 
letzten Worte, die Schreiber dieser Zeilen aus dem Munde des 
verehrten Mannes vernommen hat. Wenige Tage darauf, am 
Morgen des 16. Dezember, hat, nachdem in den letzten Tagen 
ein leichtes Unwohlsein voraufgegangen war, ein Schlaganfall 
dem arbeitsreichen Leben ein Ziel gesetzt. Wir aber, seine 
Freunde, Mitarbeiter und Schüler, wollen das Andenken dieser 
kraftvoll eigenartigen Persönlichkeit bewahren und dürfen auf ihr 
Gedächtnis verwenden, was der Heimgegangene von dem Denkmal 
des Comenius am Schluss seiner diesem gewidmeten Schrift 
gesagt hat: „Eines solchen Mannes Denkmal dient nie und 
nimmer einem vergänglichen und eitlen Zwecke; es ist der auch 
zu den späteren redende Ausdruck des Gemeingefühls, wie er es 
empfand, und alle die es empfinden, die ihm das Denkmal 
setzen." 



Litterarische Besprechungen. 

Lehmann, M., Freiherr von Stein. Erster Teil. Vor 
der Reform. 1757—1807. Leipzig, Hirzel. 1902.454 3. 

Im Verlag von Hirzel in Leipzig ist soeben der erste Band 
der gross angelegten Lebensbeschreibung des Freiherrn von Stein 
von Professor Max Lehmann erschienen. Lehmann behandelt, 
gestützt auf archivalische Funde in Wiesbaden, Düsseldorf und 
Münster sowie im geheimen Staatsarchiv in Berlin, das Leben des 
Freiherrn von Stein bis zum Anfang des Jahres 1807 d. h. bis 
zur Entlassung des Ministers. Nach einem Ausblick auf die 
Abstammung des Geschlechts, sein Verhältnis zu den Grafen 
von Nassau, nach einer etwas breit angelegten Schilderung und 
Charakterisierung der rheinischen Ritterschaft und ihrer Ordnungen, 
kennzeichnet der Verfasser das Leben im Elternhaus, den Studien- 



29 



gang und den Eintritt Steins in den juristischen Dienst und zwar 
in das Bergwerks -Departement. Im Jahre 1781 machte er mit 
seinem Chef Heinitz und dem Oberbergrat v. Reden eine Reise 
nach dem Osten und giebt seine Eindrücke in einem Brief an 
seine Mutter wieder. Er beklagt das Land, wo Unwissenheit, 
Mangel an Arbeitskräften und Trägheit bewirken, dass die Land- 
wirtschaft ganz und gar vernachlässigt wird. Die polnischen 
Adlichen, seien mit der neuen Regierung unzufrieden. Es sei 
der Befehl an sie ergangen, dass sie einen Teil des Jahres auf 
ihren Gütern zubringen sollten, so dass sie die Absicht hätten, 
eine grosse Zahl zu verkaufen, hier könne man sein Kapital zu 
8 bis 10 Procent anlegen. 

Von Bromberg aus ging Stein nach Warschau, von dort 
nach Krakau; sie mussten den Besuch in Wieliczka abkürzen, weil 
sie den Österreichern verdächtig erschienen. 

Der für uns wertvollste Abschnitt des Buches ist der 
Bericht, den Stein und Reden nach ihrer Rückkehr über Polen 
lieferten. „Es giebt nur zwei Klassen: Adliche und Bauern. 
Jene geniessen alle Vorteile des Vermögens und der bürgerlichen 
Gesellschaft; denn die Gesetze sichern nur ihnen Freiheit und 
Eigentum zu, während der Bauer dem ganzen Druck der Armut 
und der Sclaverei überlassen bleibt. Die Folge des Elends aber 
ist Verminderung der Menschenzahl. Um den Ertrag seines Guts 
zu vermehren, begünstigt der Adliche den Genuss der starken 
Getränke, die er produciert; wodurch der gemeine Mann in 
beständiger Armut erhalten und die Kräfte des Körpers frühzeitig 
zerstört werden. Stein tadelt auch die Regierung, die so wenig 
für Ausbildung von Ärzten thäte. Dann berichtet er über die 
Industrie; Luxusartikel würden vom Ausland genommen und 
seien sehr teuer. Nationale Fabriken und Industriezweige zu 
errichten scheitern, die Leibeigenschaft verhindern jede Ausbildung 
zum Bürgerstand. „In Polen, so schreibt Stein, fehlt der ganze 
mittlere oder Bürgerstand, der dem Staat die aufgeklärtesten und 
thätigsten Menschen zu liefern pflegt." Auch der Charakter der 
Polen giebt Stein viel zu denken: der gemeine Pole ist ein 
sorgloses Geschöpf, das so lange geniesst, als sein Vorrat 
dauert, sich elend kleidet, nährt und wohnt und keine Freude 
kennt als Ausschweifung und Schwelgerei. 

Die nächsten Jahre finden wir Stein im Westen. Zunächst 
im Bezirk des Bergamtes Westfalen, dann als Kammerdirektor 
von Cleve-Mark, schliesslich als Oberpräsident in Minden und 
Münster. 

Als im Frieden von Lüneville Deutschland das linke 
Rheinufer abtrat, verkaufte Stein seine Besitzungen in der dor- 
tigen Gegend, um nicht unter französischer Herrschaft stehen 



30 



zu müssen, und fand Ersatz dafür im Osten. Hier kaufte er im 
Jahre 1802, nachdem er selbst an Ort und Stelle gewesen war, 
die Herrschaft Birnbaum zum Preise von 230 000 Thalern. Da 
ihm das Ganze zu teuer war, suchte und fand er einen Mit- 
käufer in der Person des Kammerherrn von Troschke, der den 
dritten Teil des Gutes erwarb. Stein trug sich mit grossen 
Plänen für sein Gut. Statt der Dreifelderwirtschaft sollte ratio- 
nelle Fruchtfolge eingeführt werden. Besseres Vieh wollte er 
anschaffen, einen Teil der Seen trocken legen lassen, um Wiesen 
zu schaffen. 

Die Berufung Steins in das Ministerium erfolgte 1804 und 
zwar wurden ihm die Ministerien Accise und Fabriken Depar- 
tement und Bank, Seehandlung und Salzadministration anvertraut. 
Den Reformen in der Salzadministration folgten bald Änderungen 
in der Competenz der Steuerbehörden, zunächst in Südpreussen 
und Neuostpreussen. Hier wurden sämtliche Provinzial- Steuer- 
behörden mit den Kammern verbunden. Ebenso sollte der neue 
Accise-Tarif, der in West- und Ostpreussen eingeführt wurde, 
auf Süd- und Neuostpreussen ausgedehnt werden. Hier galt es 
vor allem, der bedrängten Bürgerschaft zu helfen, das Hand- 
werk, das von Abgaben noch aus polnischer Zeit gedrückt wurde, 
von diesen zu befreien und namentlich dem Anfänger die Mög- 
lichkeit des Fortkommens zu gewähren. Der Adel sollte in 
angemessener Weise entschädigt werden. Aber vor allem war 
es nötig, die Zolllinie gegen die alten Provinzen, welche mit der 
ehemaligen Grenze zwischen Polen und Preussen zusammenfiel, 
aufzuheben. Auch die Einführung der General-Accise war 
geplant. Das Verbot, das Handwerk auf dem Lande zu betreiben, 
sollte durchgeführt werden, um zunächst die Städte zu heben. 
Ausgeführt ist keiner dieser Vorschläge. Die Berichte, welche 
sie formulierten, fallen bereits in eine Zeit, in welcher die Tage 
des alten Preussens gezählt waren. G. Kupke. 



Nachrichten. 



1. Im Juni 1902 wurde auf dem nördlich von Bromberg an 
der nach Krone a. Br. führenden Chaussee gelegenen Gute Tri seh in 
durch Arbeiter ein Steinkistengrab entdeckt und von diesem 
Funde durch den Besitzer des Gutes, Herrn Schuckert, dem 
Vorstande der „Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt " 



31 



Mitteilung gemacht. Durcli Mitglieder des Vorstandes der Gesell- 
schaft wurde daraufhin am 28. folgendes festgestellt: 

Das aufgefundene Grab befindet sich am Ende eines in 
südöstlicher Richtung auf das Kurhaus Ellernthal zu ins Brahethal 
sich vorschiebenden Höhenzuges. Leider war dasselbe schon 
durch die Arbeiter aufgedeckt und durchwühlt, und der Inhalt 
desselben zum Teil daraus entfernt worden. Der Innenraum hatte 
eine Länge von etwas über 1 m, die Breite und Tiefe betrug 
je etwa 0,6 m. Bei der weiteren Untersuchung konnten die 
Überreste noch einiger Urnen festgestellt und eine kleinere Urne, 
welche in der Nordwestecke des Grabes auf mehreren Steinen 
stand und Knochenreste enthielt, geborgen werden. Im Ganzen 
scheint das Grab etwa 10 Urnen in zwei über einander stehenden 
Schichten enthalten zu haben. 

Nur 2,75 m von diesem Grabe entfernt wurde darauf mit 
der Sonde ein zweites, mit dem ersten parallel liegendes Grab 
in geringer Tiefe unter der Oberfläche (etwa 0,2 m) festgestellt 
und sogleich aufgedeckt. Die herzförmige Deckplatte hatte eine 
Länge von 1,3 m; ihre grösste Breite betrug 0,9 m. Nach Ent- 
fernung derselben wurde ringsherum die Erde weggegraben und 
dann die Seitenplatten ausgehoben. Die beiden Längsseiten und 
und die Nordwestseite wurden durch je eine Platte gebildet; die 
Südostseite, die offenbar als Eingang in die Grabkammer diente, 
v/ar durch vier kleine Platten geschlossen. An einigen Stellen 
waren diese Platten durch von aussen darangelegte Steine gestützt. 
Die Länge des Innenraums betrug 0,9, die Breite 0,6, die Tiefe 
0,4 m. Die südöstliche Hälfte des Grabes war noch völlig leer, 
die andere, hintere enthielt 5 Urnen, zum Teil auf flachen Steinen 
stehend, die aber teils durch den Druck der Seitenplatten, teils 
durch eingedrungenen Sand und Wasser stark gelitten hatten. 
Die schwarz gefärbten Urnen von etwa 0,25 m Höhe zeigten die 
gewöhnliche Form ohne jede Verzierung und waren zum Teil 
durch Deckel, eine durch eine flache Schale, geschlossen. Drei 
von ihnen mussten ihres beschädigten Zustandes wegen gleich 
auf ihren Inhalt untersucht werden. Sie enthielten sämtlich 
Knochenreste, ausserdem die rechts an der Rückwand stehende 
Überreste eines dünnen Bronzeringes und geschmolzener Glas- 
perlen von blauer Farbe, die links davon stehende 4 stark ver- 
rostete eiserne Ringe von 6 — 7,5 cm Durchmesser. Die beiden 
davor stehenden wurden einstweilen bandagiert, um später unter- 
sucht zu werden. Aber auch sie zerfielen vollständig; ihr Inhalt 
bestand nur aus Knochenresten. 

Da früher schon zwischen diesen beiden Gräbern ein drittes 
gefunden worden war, und herumliegende, offenbar durch den 
Pflug zu Tage geförderte Steinplatten das Vorhandensein weiterer 



32 



Gräber wahrscheinlich machten, wurde die nächste Umgebung def 
Grabstätte mit der Sonde weiter untersucht, wobei noch mehrere 
andere Steinkisten festgestellt wurden, deren Aufgrabung und 
Durchforschung in nächster Zeit erfolgen soll. Baumert. 

2. In dem Posener Bezirksverein des Vereins Deutscher 
Ingenieure hielt am 1. Dezember 1902 Herr Regierungs- und 
Gewerberat Haegermann einen Vortrag über „Entschwundene 
Industriezweige der Provinz Posen". Es wird im An- 
schluss an die Forschungen des Gymnasialdirektors Dr. W. Schwartz 
die vorgeschichtliche Eisenindustrie in den Kreisen Schildberg 
und Adelnau, unter Benutzung der von uns veröffentlichten Studien 
E. Schmidts und E. Pietrkowskis die Bierbrauerei und Tuchmacherei 
und endlich besonders eingehend die Geschichte der Zuckerindustrie 
behandelt. 

3. Einige Notizen über „Künstlerische Andenken an den 
Kaiserbesuch in Posen" mit einer Abbildung des Vorderdeckels 
des „Goldenen Buches" der Stadt Posen veröffentlicht Max Kirmis 
in Nr. 16 des 39. Jahrgangs (1903) der Zeitschrift „Daheim". 



Geschäftliches 

der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 
zu Bromberg. 

Abteilung für Geschichte 
(früher: Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt). 



Die Januarversammlung fand am 20. Januar Abends 1/28 Uhr im 
hiesigen Zivilkasino statt. Den Vortrag des Abends hielt der Herr Ober- 
lehrer Kuwert über Arminius als Held der deutschen Dichtung. An den 
Vortrag schloss sich die Feier des 22. Stiftungsfestes der Gesellschaft durch 
ein Festessen an, an dem sich etwa 50 Mitglieder beteiligten. 

I. A.: Schulz, Schriftführer. 

Historische Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 10. Februar 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant „Wilhelma", 

Wilhelmstrasse 7 

Ordentliche General-Versammlung. 

Tagesordnung: 1. Jahres- und Kassen-Bericht. 2. Ersatzwahl für die 
drei ausscheidenden Vorstandsmitglieder. 3. Wahl von 3 Kassenrevisoren. 
4. Vortrag des Herrn Dr. Laubert: Der erste Posener Provinzial- 
landtag im Jahre 1827. 

Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 
Di-uck der Hof buchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 




MISTORISCIiE 
MOnniS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 




Jahrgang IV 



Posen, März 1903 



Nr. 3 



Kohte J., Die Denkmalpflege der Provinz Posen während der letzten 

Jahre (Fortsetzung) S. 33. — Wotschke Th., Herzog Albrecht von 

Preussen und Posener Kaufleute S. 37. — Litterarische Besprechungen 
S. 42. — Nachrichten S. 47. 



Die Denkmalpflege der Provinz Posen 

während der letzten Jahre. 

Von 
J. Kohte. 

(Schluss.) 

Regierungs-Bezirk Bromberg. 

In Bromberg wurden beide katholischen Kirchen ausgemalt, 
doch in wenig befriedigender Weise. 

Für den Wiederaufbau des barocken Turmhelms der Nonnen- 
kirche daselbst fertigte ich einen Entwurf in Anschluss an zwei 
Skizzen, welche Konservator v. Quast 1844 von der Kirche ge- 
zeichnet hatte. Die Ausführung geschah 1901 durch die 
städtische Bauverwaltung. Die Dächer der Kirche bedürfen einer 
Instandsetzung; doch empfiehlt es sich, zur Zeit nur die drin- 
genden Schäden auszubessern, weitere Massnahmen aber zu ver- 
tagen, bis die Feuerwehr, wie in einigen Jahren zu erwarten, 
aus dem Gebäude verlegt sein wird und dieses eine umfassende 
Wiederherstellung erfahren kann. 

Das Innere der ehemaligen Klosterkirche in Krone a. B. 
erfuhr eine massvolle Instandsetzung, bei welcher auch die alte 
Verglasung der Fenster erhalten blieb. Die Arbeiten sind noch 
nicht abgeschlossen. 

3 



34 



In Inowrazlaw ist die Frage der Erhaltung der Ruine der 
Marien-Kirche damit zum Abschlüsse gekommen, dass in der 
Nähe eine den Bedürfnissen der Gemeinde genügende neue Kirche 
errichtet und die alte in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder auf- 
gebaut wurde. Die Arbeiten an der alten Kirche sind bis auf 
einige Teile des inneren Ausbaues abgeschlossen, so dass ich 
eine Übersicht des Geleisteten im vorigen Jahrgange S. 161 mit- 
teilen konnte. Ein romanisches Kreuz, welches kürzlich in der 
Kirche zu Orlowo gefunden und der Marien-Kirche in Inowrazlaw 
geschenkt wurde, wird zur Zeit in den Werkstätten des Kunst- 
gewerbe-Museums in Berlin wiederhergestellt. Zu den Kosten 
dieses Kreuzes werden Provinz und Staat Beiträge leisten, nachdem 
die Kosten des Wiederaufbaues der Kirche von der Gemeinde 
allein getragen worden sind. 

Der Turm der Schlossruine in Kruschwitz wurde be- 
steigbar gemacht, ohne dass jedoch dabei die Interessen der 
Denkmalpflege ausreichend gewahrt worden wären. 

Die Kanzel der katholischen Pfarrkirche in Strelno wurde 
durch eine neue ersetzt, welche wiederum recht unbefriedigend 
ausgefallen ist. Die Krönungen des Chorgestühls bedürfen der 
Ausbesserung. Ein Kruzifix, welches bei den 1891 stattgehabten 
Bauarbeiten aus der Kirche beseitigt wurde, ist jetzt auf dem 
Vorplatze aufgestellt. 

Bei der Wiederherstellung der Prokopius-Kapelle in Strelno 
1892 wurden die aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammenden 
Malereien übertüncht. Es soll jetzt versucht werden, sie wieder 
aufzudecken. 

Bei einer Neudeckung der Dächer der katholischen Pfarr- 
kirche in Gembitz wurden die vorhandenen Mönche und Nonnen 
ohne Grund durch Biberschwänze ersetzt. Es besteht jetzt die 
Absicht, den Rokoko-Ausbau zu beseitigen ; nach den betrübenden , 
Erfahrungen, die an allen Orten beim Ersätze alter Stücke i 
gemacht wurden, ist ernstlich zu empfehlen, den alten Ausbau : 
zu belassen und instand zu setzen. 

Die Krypta der ehemaligen Klosterkirche in Mogilno 
wurde dem Gottesdienste zurückgegeben. Dagegen wurden bei • 
den Bauarbeiten an der Stadtkirche im Jahre 1900 drei Altäre be- 
seitigt, und die zur Ausbesserung des äusseren Sockels ver- 
wendeten durchlochten Maschinenziegel gehen schon jetzt der 
Zerstörung entgegen, eine Warnung, diese Ziegelart trotz des 
Lobes der Fabrikanten bei Denkmalbauten zu verwenden. 

An der katholischen Kirche in Tremessen sind einige 
bauliche Massnahmen zu treffen. 

Im Inneren des Domes in Gnesen wurden verschiedene 
Veränderungen vorgenommen, leider wiederum ohne Mitwirkung ; 



35 



«ines Architekten. Den Silbersarg des hl. Adalbert zu tragen, 
wurden vier knieende Figuren, Vertreter des polnischen Volkes, aus 
geringerem Metall hergestellt; fraglich ist jedoch, ob der Sarg 
durch diese Art der Aufstellung gewonnen hat. 

Die Tr initatis-Kirche in Gnesen bedarf einer Erweiterung 
an welcher die Denkmalpflege wenig beteiügt ist. 

Die Instandsetzung der Franziskaner-Kirche in Gnesen 
ist vorbereitet; von einer Veränderung der Orgelbühne ist, 
abzuraten. 

Die St. Johann es -Kirche in Gnesen bedarf einer Instand- 
setzung des Dachstuhls und der Dachdeckung; bei dieser Ge- 
legenheit wird sich eine weitergehende Wiederherstellung nicht 
abweisen lassen, nachdem sich ergeben hat, dass die Fenster 
ehemals ein Masswerk aus Kunststein besassen — ähnlich dem 
der Fronleichnams-Kirche in Posen — , und dass an dem Chor- 
gewölbe noch eine alte Bemalung vorhanden ist. Obwohl die 
katholische Gemeinde nicht Eigentümerin der Kirche ist, so hat 
sie doch für dieses schöne Bauwerk bereits ansehnliche Mittel 
aufgebracht; es wäre sehr zu wünschen, dass im vorliegenden 
Falle die Teilnahme an der Denkmalpflege auch durch Bereit- 
stellung öffentlicher Mittel gefördert würde. 

Zum Bau eines Turmes an der St. Michaels-Kirche in 
Gnesen fertigte ich, nachdem die alte Vorhalle an der Westfront 
im Frühjahr 1900 abgebrochen worden war, auf Wunsch der 
Gemeinde zwei Skizzen, die eine in spätgotischer Auffassung mit 
Satteldach, die andere mit geschweifter Haube im Anschluss an 
die barocken Hauben der Stadt Gnesen. Die Gemeinde wählte 
die letztere Skizze und brachte sie 1901 durch ortsangesessene 
Handwerker zur Ausführung. 

Die Kirche in Falkenau wurde 1902 instand gesetzt und 
-die Schindeldeckung der Dächer beibehalten. 

An der Kirche in Ostrowitz soll der fehlende obere Ab- 
schluss des Turmes aufgesetzt werden. 

In der Kirche in Smoguletz wurden die aus dem 17. Jahr- 
liundert stammenden Spitzbögen der Fenster durch Rundbögen ersetzt. 
Am Turme unterblieb die Umänderung der Öffnungen; dagegen 
wurde er im Jahre 1900 erhöht und mit einem neuen reich gestalteten 
Helm versehen. An dem Ausbau der Kirche hat die Denkmal- 
pflege nur ein mittelbares Interesse. 

Die katholische Stadtpfarrkirche in Wongrowitz betreffend 
ist eine umfassende Instandsetzung des Äusseren wie des Inneren 
sowie der Bau zweier Vorhallen seitens der Staats-Bauverwaltung 
vorbereitet. Die Kirche ist von Veränderungen der Gegenwart 
noch wenig berührt worden; um so mehr wird dafür zu sorgen 



36 



sein, dass sie durch die jetzt auszuführenden Massnahmen keine 
Einbusse erleide. 

Die Ausstattung der ehemaligen Klosterkirche in Wongrowitz 
wurde instand gesetzt. 

Für die Erweiterung der Kirche in Gora bei Znin wurden 
Entwürfe seitens der Staats-Bauverwaltung aufgestellt, noch bevor 
die Inventarisation der Kunstdenkmäler erfolgt war. Die Kirche 
ist ein frühgotischer Ziegelbau, der trotz einer barocken Ver- 
stümmelung in allen Teilen so vollständig erhalten ist, wie inner- 
halb der Provinz Posen nur die Kirchen in Gluschin und Alt- 
Gostyn; sie hat also zum mindesten für östliche Verhältnisse 
einen hohen Denkmalwert, welcher bei der weiteren Verfolgung 
der Angelegenheit nicht ausser Acht gelassen werden darf. Zu- 
nächst sind Aufnahmen des kunstgeschichtlichen Bestandes der 
Kirche anzufertigen, was bisher verabsäumt worden ist. 

In der katholischen Pfarrkirche in Ex in wurde die alte 
Kanzel durch eine neugotische ersetzt, obwohl deren Formen in 
der im 17. Jahrhundert erbauten Kirche garnicht berechtigt sind. 

Die evangelische Kirche in L ab i seh in, 1810 — 20 errichtet, 
ist noch im Sinne der älteren protestantischen Kirchen angelegt; 
der Altar steht an einer Langseite, sehr zweckmässig für den 
Gottesdienst. Der Absicht der Gemeinde, die Kirche als Lang- 
hausbau umzugestalten, ist deshalb im Interesse der Denkmal- 
pflege entgegen zu treten; der gewünschte Turm würde von der 
Kirche getrennt zu errichten sein, so dass auch die alten Bäume 
um die Kirche erhalten bleiben können. 

Die katholische Pfarrkirche in Usch, ein Fachwerkbau vom 
Ende des 18. Jahrhunderts, soll durch einen Ziegelbau ersetzt 
werden. 

Der Blockholzbau der evangelischen Kirche in Putzig,, 
welcher bald nach der preussischen Besitznahme des Netzegaues 
hergestellt wurde, wird als Betkapelle erhalten bleiben, nachdem 
westwärts auf der Dorfstrasse ein grösserer Ziegelbau 1901 er- 
richtet worden ist. 

Der Kreis Fi lehne ist noch reich an Bauernhäusern, welche 
an der Giebelseite mit einer Halle ausgezeichnet sind. Der 
Studierende der Technischen Hochschule in Charlottenburg 
Fritz Hofmann hat im Spätsommer 1902 die wichtigsten Ort- 
schaften nördlich der Netze besucht und zahlreiche Aufnahmen 
von den Häusern angefertigt, so dass für jenen Landstrich eine 
Übersicht des zur Zeit noch erhaltenen Bestandes gewonnen ist. 



Es sind fast immer dieselben Grundsätze, gegen die ge- 
fehlt wird, und an die nicht oft genug erinnert werden kann. 



37 

I Man beachte, dass die Arbeiten zur Instandsetzung oder 

Wiederherstellung eines Bauwerks in sachgemässer Reihenfolge 
ausgeführt werden. Erst wenn die Arbeiten zur Sicherung und 
Erhaltung des Äusseren erledigt sind, darf an die Ausschmückuug 
des Inneren gegangen werden. 
I Alle baulichen Massnahmen haben sich eng an die alte Bauweise 

anzuschliessen. Vor der Verwendung des unschön aussehenden 
und gefährlich wirkenden Cements, ohne den ein moderner Maurer 
nicht mehr glaubt auskommen zu können, ist zu warnen. 

Die polizeilichen Vorschriften betreffend die Verkehrssicherheit, 
insbesondere über die Weite der Thüren und das Aufschlagen der Flügel 
dürfen, wie der Erlass des Staatsministeriums vom 28. November 1892 
ausspricht und der Erlass vom 4. Februar d. J. von Neuem in Erinnerung 
bringt, auf bestehende Bauten nicht ohne weiteres angewendet werden. 

Die Ausmalung der Kirchen darf nicht geschäftsmässigen 
Staffierern überlassen werden, deren es zum Unglück in der Stadt 
Posen eine grosse Anzahl giebt. 

Bei der Herstellung von Glasfenstern, um deren willen vieles 
Wichtigere oft vergessen wird, ist Kathedralglas auszuschliessen, 
ein Rohglas, welches trotz seines stolzen Namens mit dem schönen 
gegossenen Glase der alten Fenster nichts gemein hat. 

Goldschmiedegeräte dürfen nicht neu vergoldet werden, da 
der neue Überzug die Formen verdirbt. 

Den überlieferten geschichtlichen Bestand zu erhalten und 
zu pflegen, nicht aber zu verändern, ist die wichtigste Aufgabe 
der Denkmapflege. 

Vor allem bedenke man, dass nur, wenn ausreichende 
Mittel vorhanden sind und ein auf dem Gebiete der Denkmal- 
pflege erfahrener Künstler bestellt ist, etwas Erspriessliches ge- 
schaffen werden kann, und man hüte sich, die Hand an das 
Alte zu legen, so lange diese Bedingungen nicht erfüllt sind. 

Berichtigung: In dem ersten Teile dieser Arbeit ist auf S. 22 
in dem Abschnitt über Mittel-Röhrsdorf für Anbau Umbau zu setzen. 



Herzog Albrecht von Preussen und 
Posener Kaufleute. 

Von 
Th. Wotschke. 

ie Kirchengeschichte erzählt, welch innigen Anteil der 
edle Hohenzoller auf Preussens Herzogsthron an der 
Entwicklung der Reformation in Posen nahm, wie er 
hier für die Verbreitung evangelischer Schriften Sorge trug, evan- 
gelische Prediger unterstützte, sie in den Verfolgungen durch 




38 



seinen Einfluss schützte, ihnen auch, wenn seine Fürsprache vor ] 
der Ächtung sie nicht retten konnte, eine Zufluchtsstätte bot im 
seinen Landen. Aber diese Förderung seiner Glaubensgenossen 
zeigt nur die eine Seite seines Wohlwollens; den kirchlichen und 
religiösen Interessen laufen geschäfthche zur Seite, wir sehen 
Herzog Albrecht auch in engen Handelsverbindungen mit Posener 
Kaufleuten und Handwerkern, sehen ihn ihrer Dienste, ihrer 
Waren, ihrer Vermittelung sich bedienen, fast als wäre Posen 
Preussens grosse Handelsstadt gewesen und durch seine Mauern 
der ganze Verkehr des alten Ordenslandes von und nach Deutschland 
gegangen. Interessante Einblicke in Handel und Wandel, Verkehr 
und Leben unserer Provinzialhauptstadt im 16. Jahrhundert ge« 
währt die Verbindung mit Königsberg, und ich will dieselbe zu 
skizzieren suchen, indem ich eine kleine Auswahl kurzer Geschäfts-^ 
briefe mitteile. Sie werden zeigen, wie in den verschiedensten 
Handelszweigen Posener Häuser einen bewährten Ruf hatten und 
weithin Geschäfte abschlössen, wie auch Posener Handwerker ot> 
ihrer Tüchtigkeit und Geschicklichkeit bis in die Ferne begehrt 
wurden. 1 

I. Herzog Albrecht an Friedrich und Balthasar Schmaltz.^) 1 
Erbare, liebe, besondere. Nachdem wir euch vonn Petterkaw aus i 
dessgleichenn vnser Kammermeister Christoph Gattennhofenn 
vormals geschriebenn vnd auch Clingenbeck selbst personlich mit 
euch handlung gehabt, etlich geldt, so er ausser landes entlehnt^ j 
vonn vnsert wegenn inns erst zu erlegen vnd ir, Friederich, solchs ^ 
auch vnserm Secretarien Georgenn Rudollfen, so wir in vnsern' 
geschefften zu Petterkaw nechstuorgangener tagfart hinder vns 
gelassenn, ausszurichten zugesagt, solch geldt inns erst hinaus- 
zu überweisen. Demselbigen nach ist nochmals an euch vnser j 
gnedigs begerenn, wo solchs noch nit erlegt, ir wollet nichts 
anrt euch erwinden lassen, damit dasselbig inns erst ann sein ge- 
purendt orth, angesehenn das vns nit wenig daran gelegenn, ver- 
fertigenn vnd keinen weyterenn vertzug darinn verursachen. 
Datum Konigspergk, den IL Tag Marcii 153L Am 28. Mai 
schreibt er einen ähnlichen Brief an Friedrich Schmaltz mit dem 
Zusatz „hirauff wissen wir euch nicht zuuverhaltenn, das 
vns jetzo von vnsers lieben Bruders Marggraf Georgen Canzlers 
schrifften zukommen, das ime solch geldt noch nicht erlegt sey.'*^ 

II. Herzog Albrecht an Conrad Wath zu Posen. Erbar^ 
lieber, besonderer. Wir sein glaubwürdig bericht, dass ir mit 
guttem Reinischen wein handeln sollt. Wo nue dem also, so 
ist an euch vnser gnedigs synnen vnd begeren, ir wollet vns ein 



1) Die beiden Brüder gehörten zu den angesehensten Kaufherrert 
Posens. Friedrich besonders war langjähriger Ratsherr. 



39 



vesslein gutten Reynischen wein, der fein seufft vnd gutt ist, 
zuschicken bey eurem eigen boten, damit er nicht vervelscht 
werde, vnd was wir euch dan dauor geben sollen, solchs wolt 
vns durch ewher schreyben verstendigenn. Wollenn es euch 
allhier oder zu Possen zu Dank erlegen lassenn. Datum Konigspergk, 
5. Decembris 1536. 

III. Herzog Albrecht an Friedrich Schmaltz zu Posen. 
Unnsern grus zuuor. Erbar, lieber, besonderer. Nachdem wir 
dir vormals etlichs salpitters halben, vnns denselben zuzufertigenn, 
haben schreibenn lassenn, nimbt vns nicht wenig wunder, woran 
der verzugk. Vnd dieweyl wir denselben je eher je besser gern 
bey vns wissen wolltenn, ist vnnser gnedigs begerenn, du wollest 
vnns funffzig Centner, es sey Meherischer oder Breslauischer, so 
es allein gutther salpitter ist, vnverzoglichen zuschickenn, also 
das vns derselbe vff kunfftige ostern oder dauor gewisslich möge 
zugebracht werdenn. Das gereicht vnns zu sondernn gefallen. Inn 
allen gnadenn wiederumb zuerkennenn. Datum Konigspergk, den 
18. Februarii 1533. 

IV. Herzog Albrecht an den perlenheffter Oswald Kuhn 
zu Posen. Lieber, getreuer. Nachdem du offtmals hieher ge- 
schrieben, dich ins ehest zu vnns zuuerfügen, befinden wir, dass 
sich solchs in die lenge vertziehenn thut. Dieweyl aber wir, vnnd 
vnsere freuntliche liebe gemahell für unsern vnd ihrer lieb 
perlenschmuck vnnd kleidung auch sonst keines perlenheffters ent- 
behrenn können, so ist an dich vnser begher, du wollest dich 
inns erst zu vnns begebenn oder aber vnuertzoglichen antworten, 
ob vnd wenn du hierher zu kommen willens oder nit zufertigenn. 
Darnach wir vnns zurichten. Datum Konigsperg, 18. Februarii 1533. 

V. An den kupfferschmidt zu Posen. Ersamer, lieber, 
besonder. Nachdem wir alhie vff vnserm schloss Konigspergk 
ihn den badstuben an wannen vnd anderen kupferwergk etliche 
mangell habenn, nichtsminder zum Newenhauss ^) auch etliche 
gemecher mit kupffer decken zu lassen bedacht sein, ist vnser 
gnedigs begeren, du wollest dich ins förderlichst zu vns begeben. 
Da wollen wir dir solche mangel dess gleichen andere arbeyt, 
so wir gern gefertigt sehen, antzeigen, mit dir handeln vnd vmb 
gebürende vergleichung andingen lassenn. Datum Konigsperk, 
den 29. Octobris 1544. 

VI. An Hans Kuntzenn zu Poznan. Es hat der ernueste, 
achtbar vnd hochgelerte vnser Kantzier Hans vonn Creitzenn berichtet, 
wie ir vns ezliche briue'-^), die ann vns lautende euch vonn 



1) Herzog Albrechts Sommerresidenz bei Königsberg. 

2) Briefe wurden den Posener Kaufleuten besonders oft zur Be- 
förderung übergeben, so erhält Klaus Haberland in Posen am 1. August 1529 
ein Schreiben, um es an Dietrich von Rehden nach Rom abzugeben. 



40 



Frankfurt zukohmen, vberschickt und danebenn, das ir 90 groschen 
polnisch zu vortfurderung derselbenn schriftenn ausgelegt. Nun 
thun wir vns eures guttenn willens gegen euch gnediglich be- 
danken, euch auch die 90 groschen bey Zeigernn wiederumb 
zusenndenn. 

Ferner hat vns vnser Cantzler angezeigt, wes ir ann jenenn 
wegenn der 7 gülden polnisch, die ir denn furleutten, welche 
vns verrückter zeit etzliche weine zugefurt, furgestreckt vnd euch 
noch ausstehende weren, geschrieben. Nu haben wir inn vnser 
rentkammer, wie es vmb solche 7 gülden ein gestalt, sehenn lassenn 
vnd befindenn, das George Schultz vonn Nurnbergk, der vns die 
weine zugesandt, solche 7 gülden berechennt, darob dieselbenn 
ime vnd nicht vnns zu entrichten geburet. Doch vngeacht 
desselbenn vnd damit ir euch nichts zu beschwerenn, thun wir 
euch solche 7 gld. zusenndenn der zuuoersicht, ihr werdet euch 
kunftigk inn vunserenn gescheiten wilferig erzeigenn. Das seint 
wir gnediglichen zuschreiben gewogen vnd wolten euch dis 
darnach habt zurichten nicht pergen. 

Dat. Konigsperk, Octobr. 1546. 

Die geschäftliche Verbindung Herzog Albrechts mit Posener 
Kaufleuten bewirkte, dass diese in schwierigen Lagen um Für- 
sprache bei dem Könige und polnischen Grossen an ihn sich wandten. 
In deutscher Übersetzung teile ich im Folgenden ein Bittgesuch 
mit, dass von einem Überfall Posener Kaufleute im fernen Osten 
erzählt, wie die Zeitschrift, Jahrgang 1886, über einen solchen im 
fernen Westen unfern Nürnbergs berichtet hat. 

Erlauchtester Fürst und gnädigster Herr. Euer Fürstlicher 
Hoheit unsere bereitwilligsten und stets zur Verfügung stehenden 
Dienste zuvor. Erlauchtester Fürst! Obwohl wir E. F. H., die 
mit schweren Geschäften überhäuft, mit unsern Klagen nicht nahen, 
noch viel weniger belästigen sollten, zwingt uns doch unsere Not, 
unser Geschick oder vielmehr unsere traurige Heimsuchung E. F. H. 
zu klagen der Zuversicht E. F. H. werden gnädig uns hören und 
mit Ihrem Einfluss sich für uns verwenden, worum wir in tiefster 
Ergebenheit inständig bitten. So steht es mit uns. Als wir un- 
längst in der kleinpolnischen Stadt Lublin weilten, um unsere 
Waren wie gewöhnlich auf der Messe zu verkaufen und in der 
Herberge waren, geschah es spät am 15. Februar, dass ein gewisser 
Ambrosius Michowski vom Ritterstande und sechs oder sieben 
seiner Diener in der tiefen totenstillen Nacht mit Toben und in 
wildem Gestüm durch die Strassen der Stadt stürmten, Schwerter 
und Büchsen den ihnen Begegnenden vorhielten, sodass auch die 
Stadtwache ihre Gewalttätigkeiten erfuhr, wie sie vor dem Lubliner 
Rate aussagte. Darauf suchte Michowski den Wächter auf, welchen 
die fremden Kaufleute angestellt hatten, bedrohte ihn und fragte : 



41 



„Wo sind die deutschen Hunde, ich muss sie aufsuchen und sehen, 
was es für Leute sind." Darauf kam er in unser Quartier, wo er 
ohne gereizt zu sein mit heftigen Worten, Drohungen und Be- 
schimpfungen auf uns eindrang. Alle seine Flüche, Verwün- 
schungen und Schmähreden meinten wir schweigend hinnehmen 
zu müssen, um ihm keinen Anlass zu Tätlichkeiten zu geben. 
Ja, als wir zu Tische sassen, brachte einer der Diener des Ambrosius 
eine Büchse gespannt und schussfertig und richtete sie auf unsern 
Wirt, als wollte er dessen Brust zerschmettern. Darauf floh der 
Wirt in sein Schlafzimmer und versteckte sich dort. Hiermit nicht 
zufrieden schwang jener Michowski mit seinen Dienern die Schwerter 
und nannte uns deutsche Hunde. Noch im Weggehen forderte 
er uns heraus, indem er Steine zum Fenster hineinwarf. Wir blieben 
in der Herberge, da niemand von uns vor Furcht hinauszugehen 
und nach dem Markte, wo unsere Waren lagen, hinzueilen wagte. 
Als nach einiger Zeit der Feind sich nicht mehr zeigte, und wir 
an seine Rückkehr nicht mehr dachten, liefen wir von der Herberge zum 
Markt, um nach unseren Waren zu sehen. Dort griff uns Michowski 
aus dem Hinterhalte an, drang stechend und hauend auf uns ein, 
so dass er mich, Caspar Stolpe, schwer verwundete. Wie wir diese 
Gewalttat vor Augen sahen, schien es uns geboten, uns zu ver- 
teidigen und den frevelhaften Angriff zurückzuweisen. Als wir 
da männlich ihnen widerstanden, wurden zwei von jenen verwundet, 
wie es zu geschehen pflegt, wo Gewalt mit Gewalt abgewehrt 
wird. Hierfür sind wir vor dem Rate zu Lublin hart verklagt 
worden. Niemand von uns wurde zur Aussage zugelassen, noch 
viel weniger konnten wir trotz aller Bitten erreichen, dass jemand 
in dem Rechtsstreite für gutes Geld unsere Verteidigung führte. 
Ja auf das Unbilligste wurden wir behandelt und wider alles 
Gesetz und Recht von dem Lubliner Stadtgericht, wo wir zuerst 
verklagt waren, unverhört und ohne Rechtsspruch fort vor das 
Landgericht gezogen, wo unser Ankläger zugleich Richter war. 
Hier wurde das harte Urteil gefällt, dass zwei von uns sich eidlich 
verpflichten und Sicherheit stellen sollten, sich nächste Pfingsten 
zu stellen und fünf Wochen in Lublin im Gefängnis zu sitzen. 
Hiermit nicht genug, wurde eine Strafe von 200 Gulden von uns 
eingetrieben. Ob das gerecht ist, überlassen wir jedem billig 
Denkenden zur Beurteilung. Ein grosser Verlust ist uns zugefügt 
und tief sind wir geschädigt. In unserer Not und Bedrängnis 
kennen wir keinen, zu dem wir mit der Bitte um Unterstützung, 
Rat und Hülfe flüchten könnten als allein E. F. H., die, wie wir 
wissen, mit dem Gerechtigkeitsgefühl eines Fürsten der Unglück- 
lichen und Armen sich annimmt. Deshalb schreiben wir unsere 
Beschwerde in diesem Bittgesuch E. F. H. mit der ergebenen 
und flehentlichen Bitte, alles, was wir berichtet, gnädig zu er\vägen 



42 



und uns bei Königlicher Majestät, unserem allergnädigsten Herrn, 
und dem Palatine von Sendomir und Lublin zu empfehlen zu ge- 
ruhen, auch bei dem grossmächtigen Kastellan von Posen für uns 
einzutreten, damit er, der zu den ersten Magnaten des Reichs 
gehört, uns Arme und Verlassene bei der Königlichen Majestät 
und dem Palatin von Lublin vertritt, dass wir von dem ungerechten 
Eide, durch den wir verpflichtet sind, losgesprochen und das Geld, 
das als Strafe rechtswidrig von uns erpresst ist, uns zurückerstattet 
wird; ferner dass wir ohne Gefahr von hier Reisen unternehmen 
und wie früher unsern Handel friedlich, frei und ohne Hindernis 
treiben können und vor jeder Gewalttat sicher sind. E. F. H. 
wollt n wir uns für Ihre Fürsprache durch Dienstbeflissenheit und 
Dankbarkeit zu jeder Zeit nach Kräften erkenntlich zeigen. 

E. F. H. 
schuldige und ergebene 
Caspar Rosenhammer Nikolaus Rossmann 

Hieronymus Reidt Caspar Stolpe 

Laurentius Storch. 
Ungesäumt kam der Herzog den Bitten der fünf Posener 
Kaufleute nach, am 13. April 1546 verwandte er sich für sie 
beim Könige Sigismund, an demselben Tage schrieb er auch an 
den Kastellan von Posen Andreas Gorka und an den Sendomirer 
Palatin und Lubliner Kastellan Grafen Johann von Tenczin. 



Litterarische Besprechungen. 

Friedrich Meinecke. Das Leben des Generalfeldmar;*- | 
Schalls Hermann von Boyen. 2 Bände. Stuttgart 1896. 1900. | 
J. G. Cotta Nachf. (422 und 600 S.). 1 

E. V. Conrady. Leben und Wirken des Generals der 
Infanterie und kommandierenden Generals des V.Armeekorps,. 
Carl von Grolmann. Ein Beitrag zur Zeitgeschichte der 
Könige Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. Nach 
archivalischen und handschriftlichen Quellen. I. Teil, Von 
1777 bis 1813. Mit einem Bildnis, einer Übersichtskarte und 
vier Skizzen. — IL Teil. Die Befreiungskriege 1813 bis 1815. 
Mit drei Übersichtskarten und neun Skizzen (VI und 401 S.). 
IIL Teil. Von 1815 bis 1843. Mit einer Abbildung von Grolmans 
Denkmal auf dem Friedhof zu Posen. (V und 312 S.). Berlin 
1894, 1895, 1896. E. S. Mittler und Sohn. 

H. von Krosigk. Generalfeldmarschall von Steinmetz. 
Aus Familienpapieren dargestellt. Mit einem Bildnis. Berlin 
1900. E. S. Mittler und Sohn (XIII u. 328 S.). 

Von den drei preussischen Feldherrn, deren Lebens- 
beschreibungen hier zu betrachten sind, haben zwar nur die 
beiden letzten in engeren Beziehungen zur Provinz Posen ge- 
standen; nichtsdestoweniger wird aber auch das Leben des Ge- 



43 



nerals v. Boyen bei den Lesern der Historischen Monatsblätter 
Interesse finden dürfen, da einerseits Boyen selbst als Teilnehmer an 
den der letzten Teilung Polens vorangehenden Kämpfen eine 
eingehende und zuverlässige Schilderung der preussischen Truppen- 
führung hierbei gegeben hat, andererseits als der Verfechter der 
Scharnhorstschen Ideen nach 1815, vor allem durch die dauernde 
Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht für die neuere preussische 
Geschichte von grosser Bedeutung geworden ist. Boyen im 
Unterricht unserer Schulen noch viel zu wenig gewürdigt, bildet 
mit Scharnhorst und Gneisenau zusammen das grosse Dreigestirn 
der um die preussische Heeresorganisation nach 1807 verdienten,, 
mit staatsmännischem Weitblick begabten Feldherrn, Strategen im 
Clausewitzschen Sinne. Die von Boyen selbst 1834^ — 36 ver- 
fassten Erinnerungen gab im Jahre 1889 — 90 aus dem Boyen- 
schen Nachlass der sich im Besitz der einzigen Tochter Boyens, 
(vermählt mit dem General v. Tümpling) im Tümplingschen 
Familienarchiv zu Thalstein bei Jena befand, der Jenenser Kirchen- 
historiker Friedrich Nippold heraus. Leider bricht dies Memoiren- 
werk schon mit dem Jahre 1813 ab. Eine gekürzte populäre 
Ausgabe davon veranstaltete 1899 der Verlag von Lutz in Stutt- 
gart (besprochen Historische Monatsblätter 1901 S. 131 — 132 
von G. Kupke). Gegenüber diesen bisherigen Veröffentlichungen 
besitzt nun Meineckes Werk einen doppelten Vorzug: einerseits 
ist es zeitlich umfassender, denn es giebt auch die zweite Hälfte 
von Boyens Leben, die 35 Jahre nach 1813, die Zeit seiner zwei- 
maligen Thätigkeit als Kriegsminister; andererseits ist Meineckes 
Biographie kritisch, sie ergänzt und prüft die Denkwürdigkeiten 
an der Hand von Akten, sie zieht alles übrige Material, ver- 
arbeitetes und archivalisches, letzteres namentlich aus dem 
Tümplingschen Familienarchiv, aus dem Geh. Staatsarchiv, den 
Kriegsarchiven des Grossen Generalstabes und des Kriegsministeriums 
zu Rate. Dazu kommt die unvergleichlich feine, psychologisch 
analysierende Darstellungskunst Meineckes, der wie wenige 
Historiker heute in feinsinniger seelenkundiger Ausdeutung den 
Gedankengängen seiner Helden nachzugehen weiss. Schon das 
erste Buch „Lehrjahre" hat für uns ganz besonderes Interesse, 
denn Meinecke führt uns nach der Schilderung von Boyens Jugend 
und dem Garnisonleben in Bartenstein und Königsberg, wo er in 
den Vorlesungen Kants und des Nationalökonomen Kraus einen 
bestimmenden Einfluss für die ganze spätere Weltanschauung 
empfing, in das preussische Feldlager des polnischen Insurrektions- 
krieges von 1794. Boyen hat sich während dieses Feldzuges 
dauernd in Adjutantenstellungen bei höheren Führern, den Ge- 
neralen Wildau, Amandruz und Günther befunden, und dies giebt 
<iem Verfasser Gelegenheit weniger auf kleine Gefechte als aui. 



44 



die Vorgänge im Ganzen auf dem nördlichen Kriegsschauplatze 
zwischen Warschau und der Narewlinie und auch zugleich auf 
die Persönlichkeiten der Boyen sehr wohlgesinnten Führer, na- 
mentlich Wildaus und Günthers einzugehen; besonders letzterem, 
den die Legende zu einem Sohne Friedrichs des Grossen hat 
machen wollen, der als Soldat einer der grössten preussischen 
Kavallerieführer, als Mensch von so hohen ethischen Anschauungen 
war, dass ihm die Pflichterfüllung zu einer wahren Leidenschaft ge- 
worden, hat der Verfasser in diesem Kapitel ein sehr schönes Denkmal 
gesetzt. Im ganzen war die Aufgabe des preussischen Korps am Narew 
eine ebenso schwierige wie undankbare; galt es doch sowohl die ganze 
Ostpreussische Grenze wie die Narewlinie zu sichern durch den sehr 
schwachen preussischen Kordon, dessen einzelnen Posten, auf 
langer Front verteilt, die Verteidigung der waldbesetzten Ufer 
^des furtenreichen Stromes oblag. Obwohl Boyen hier nicht bei 
seinem Fronttruppenteil tätig war, so hat er doch durch seine 
öfteren einsamen Ritte ins russische Hauptquartier und die Führung 
von Streifkommandos das Leben des Krieges hier gründlich 
Icennen gelernt. Und wie Boyen das hierbei um sich Erschaute zu 
durchdenken und in seiner vollen Bedeutung zu erfassen suchte, 
das lehren in dieser Zeit seine im Winterquartier 1795 nieder- 
geschriebenen Denkschriften über Polen und Südpreussen, die 
Meinecke in Band VIII S. 307—318 der Zeitschrift der Hist. 
Ges. f. d. Pr. Posen früher schon veröffentlicht hat. Es ist nicht 
möglich, mit gleicher Ausführlichkeit auf die folgenden Kapitel 
einzugehen, die die Teilnahme an der Schlacht von Auerstätt, 
an der Reorganisationskommission und die Jahre der Reform, der 
Befreiungskriege, der Leitung des Kriegsministeriums durch Boyen 
schildern, für welche letztere Zeit gerade die Aufhellung der 
Vorgeschichte des Wehrgesetzes von 1814 durch Meinecke ganz 
besonders verdienstlich ist. Welche riesige Tätigkeit in der 
Friedenszeit hat dann Boyen als Minister weiter entfaltet; die 
dauernde Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht, 
Die Einrichtung der Generalkommandos, Divisions- und Brigade- 
verbände, Ersatzbehörden, Entwurf der Landwehrordnung und 
Bundeskriegsverfassung waren Boyens Werk, den daneben auch 
die innere Politik interessierte, wie er z. B. für Posen besonders 
die Ansiedelung deutscher Bauern empfahl. Nach 20jährigem 
Fernsein aus dem Staatsdienst von 1820 — ^40 übernahm er beim 
Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. wiederum das Kriegs- 
ministerium auf 7 Jahre, unermüdlich an der Landwehrorganisation 
arbeitend. Am 15. Februar 1848 vor Beginn des tollen Jahres 
ist er heimgegangen. 

Die zweite Biographie, aus der Feder des Generals der 
Infanterie v. Conrady, ist Grolmann gewidmet, der als komman- 



45 



dierender General des V. Korps lange Jahre in Posen selbst ver- 
bracht hat. Der Verfasser will sein Werk selbst nicht an dem Mass- 
stab der grossen Historiker gemessen wissen, und es ist auch 
nicht entfernt mit Meineckes feinsinniger Boyenbiographie zu 
vergleichen. Dieses dreibändige Werk, dessen Inhalt sich wohl 
an manchen Stellen hätte kürzer fassen lassen, enthält eigentlich 
mehr Materialien zu einer Familien- und Zeitgeschichte, als eine 
wirkliche Verarbeitung dieser Stoffe. Trotz alledem bleibt dieses 
Buch doch sehr verdienstlich, denn einerseits bei dem grossen 
Mangel persönlicher Aufzeichnungen Grolmans über sich selbst 
musste das Material sehr mühsam zusammengebracht werden, 
andererseits wird durch diese liebevolle eingehende Schilderung 
Grolmanns seine bisher arg vernachlässigte Person doch mehr in 
eine wohlverdiente hellere Beleuchtung gerückt. Der Band, die 
Jahre 1777 — 1813 umfassend, erzählt die Jugend Grolmanns, den 
Diensteintritt beim Regimente Moellendorff und Kommandierung 
als Adjutant zum Feldmarschall gleichen Namens im Kriege von 
1806, die Teilnahme an der Reform unter Scharnhorst und die 
Unterbrechung des preussischen Dienstes von 1809 — 1812 durch 
Teilnahme an den Kämpfen in Spanien als Oberstleutnant der 
deutsch-englischen Legion. Der zweite Band (1813 — 1815) zeigt 
ihn uns als Offizier im Generalstabe Blüchers, dann als Stabs- 
chef bei Kleist, nach dem Krieg als Chef des grossen General- 
stabes und des 2. Departements des Kriegsministeriums. Der 
dritte Band (1815—1843) schildert ihn als Gehilfen Boyens bei 
der Landwehrorganisation und bei den Festungsbauten u. a., bis 
er 1819 ebenso wie Boyen den Angriffen der Reaktionspartei 
weichend sich als Privatmann auf sein Gut Gosda in der Lausitz 
zurückzieht. Erst 1826 trat er wieder in die Armee zurück, als 
Kommandeur der 9. Division in Glogau. Der Ausbruch des pol- 
nischen Aufstandes 1831 und die Konzentration der preussischen 
Truppen im Osten, brachte ihn auf längere Zeit nach Krotoschin 
und in häufigeren Verkehr mit Gneisenau in Posen. Die Frucht 
dieses einjährigen Aufenthalts in der Provinz Posen war die am 
25. März 1832 dem Staatsminister v. Brenn eingereichte „Denk- 
schrift über die Verwaltung der Provinz Posen." Auf ihre Be- 
deutung wies Fürst Bismarck in der Sitzung des Abgeordneten- 
hauses am 28. Januar hin; im Druck erschien sie zuerst 1848 
bei Flemming in Glogau, was der Verfasser nicht erwähnt, und 
wurde 1886 nochmal neu abgedruckt. Sie geht aus von den 
Missgriffen bei der Einrichtung der Provinz 1815, bemängelt die 
von den Polen missdeuteten Stellen im Besitznahmepatent, die 
Bestellung des Fürsten Radziwill als Statthalter, die Bewilligung 
von Provinzialständen, die anfänglichen Fehler im Schulwesen, 
dann charakterisiert er den polnischen Adel, Klerus, Bürger- und 



46 



Bauernstand, dann die alteingesessenen Deutschen, die Guts- 
besitzer als wenig zahlreich, die Bürger als meist verschüchtert 
und unternehmungsunlustig. Im Bauern sieht Grolmann noch am 
ersten die Kernkraft und den Rückhalt des Deutschtums; bezüglich 
des Beamtentums findet er in Justiz wie Verwaltung zu wenig 
Altpreussen, zu viel Polen oder polonisierte Deutsche. Er 
schliesst mit dem Vorschlage die Provinz aufzuteilen und zu den 
Nachbarlanden Westpreussen, Brandenburg, Schlesien zu schlagen. 
Noch im selben Jahr erhielt Grolmann das Generalkommando in 
Posen; mit Flottwell zusammen nahm er Teil an den Berliner 
Ministerial-Beratungen über die Massregeln für seine Provinz, 
über den Stand der Dinge sollte er nach des Königs Befehl alle 
zwei Monate gemeinsam mit dem Oberpräsidenten Flottwell, mit 
dem ihn bald die gleiche Anschauungsweise noch verband, 
Immediatberichte erstatten. Grolman empfahl schon damals die 
Belegung der kleineren Städte mit Garnisonen. In dieser Haltung 
gegenüber der Polenfrage brachte der Regierungsantritt Friedrich 
Wilhelms IV. einen völligen Systemwechsel, dessen Opfer Flottwell 
durch seine Versetzung nach Magdeburg wurde. Wie Grolmann 
dem Könige prophezeit, bewirkte die den Polen erteilte Amnestie 
einen ungünstigen Ausfall der Wahlen zum Provinzial-Landtag, 
in dem die Polen nur das Vorhandensein einer Personalunion 
zwischen der Provinz Posen und dem preussischen Staat sehen 
wollten. Grolmanns Ratschläge fanden aber nicht wie er gewünscht, 
Gehör. Im Jahre 1843 ist er gestorben, noch heute ziert sein 
Grabmal, ein einfacher Granitwürfel mit der Inschrift „Grolmann" 
den Posener Garnisonfriedhof. 

Dem dritten General, dem Generalfeldmarschall v. Steinmetz, 
dem Führer des V. Korps bei den ruhmvollen Einmarschsiegen 
von Nachod und Skalitz, hat sein Schwager, der Major v. Krosigk 
ein Lebensbild gewidmet ; hauptsächlich an der Hand von Briefen 
des Feldmarschalls, die oft ganz im Wortlaut mitgeteilt sind. 
Bei dieser etwas einseitigen Quellenbenutzung ist daher der 
geschichtliche Wert der Darstellung nur ein bedingter; aber sie 
bietet auf diese Art für die psychologische Erklärung der An- 
schauungs- und Handlungsweise des Generals viel Interessantes. 
Die Einteilung und Bezeichnung der Kapitel ist nach den militärischen 
Rangstufen gegeben. Als kommandierender General unseres 
V. Korps ist Steinmetz von 1864 — 70 in Posen gewesen. Zu den schö- 
nen Lorbeeren der bömischen Schlachtfelder von 1866 nach dem Tage 
von Spichern neue 1870 hinzuzufügen war ihm nicht vergönnt. Der 
dreiundsiebenzigjährige General war körperlich erschöpft, gealtert; 
er war schwerhörig, daher argwöhnisch und leicht erregt; er 
hatte das Kommando über die I. Armee nicht gerade freudig 
übernommen. Von dieser Betrachtung aus muss man als Haupt- 



47 



verdienst des Krosigkschen Buches ansehen die psychologische 
Darlegung und Aufhellung des tragischen Ausgangs von Steinmetz' 
Feldherrn - Laufbahn. Der Konflikt vor Metz mit dem Prinzen 
Friedrich Karl als Oberstkommandierenden der Einschliessungs- 
truppen; der Briefwechsel zwischen dem König Wilhelm und 
Steinmetz, des letzteren plötzliche Enthebung vom Kommando 
der I. Armee und Versetzung als Gouverneur nach Posen sind 
offen und unparteiisch durch Abdruck der betreffenden Schrift- 
stücke aufgedeckt. Die Entschliessung des Königs erscheint danach 
durchaus gerechtfertigt. Auch der nach dem Friedensschluss 
zwischen dem Herrscher und dem General geführte Briefwechsel 
zeigt, wie die gütige wohlwollende und vornehme Art des alten 
Kaisers den unpassenden und unfreundlichen Ton in Steinmetz 
vorangegangenen Briefen einfach übersieht, um ihn nicht dienstlich 
ernst zurückweisen zu müssen. K. Schottmüller. 



Nachrichten. 



1. Deutsche Gesellschaft. Mit dem Monat März 1903 
hat die Deutsche Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft die 
Vorträge ihres Wintersemesters beendet. Bezüglich der Vorträge 
im Oktober verweise ich auf die Nachrichten im Novemberheft 
der historischen Monatsblätter. 

Im November hat in Posen Herr Archivdirektor Professor 
Dr. Friedensburg, der langjährige Leiter des Preussischen histo- 
rischen Instituts in Rom, uns einen Vortrag aus dem päpstlichen 
Rom und seinen Sammlungen gehalten, Herr Geheimrat Dr. Thode 
aus Heidelberg in drei Abenden über Dürer, Böcklin und Thoma 
gesprochen. Die beiden Breslauer Professoren Dr. Partsch und 
Dr. Kaufmann haben uns eingeführt in die Wirtschaftsgeographie 
von Mittel-Deutschland und in das Gebiet der politischen Ent- 
wicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Im Februar hat 
schliesslich Professor Dr. Brinckmann, der Museums-Direktor in 
Hamburg, an zwei Abenden über japanische Kunst gesprochen. 
I Gleichzeitig mit ihnen haben die Herren Professor Dr. Ebbinghaus 
aus Breslau und Dr. Minde-Pouet aus Posen Übungsstunden ab- 
gehalten, der erste über „Experimentelle Psychologie", der zweite 
über „Das moderne Drama." 

Die Sonntags-Nachmittage boten Gelegenheit für volks- 
tümliche Vorträge, und zwar haben gesprochen Rechtsanwalt 
Kirschner über das Thema: „Aus der sozialen Gesetzgebung", 
Dr. Flechtner-Stettin: „Aus der Posener Industrie", Herr Professor 



48 



Pfuhl: „Aus der Lebensgeschichte unserer einheimischen Pflanzen", 
Amtsrichter Ramdohr behandelte die „Haager Friedenskonferenz", 
Professor Wernicke sprach über die „Schäden des Alkoholismus", 
Dr. Kremmer über die „Umgebung der Stadt Posen", Professor 
Lubarsch behandelte in zwei Vorträgen „Gehirn und Seele". 

In der Provinz hatte im November und Anfang Dezember 
Herr Professor Amberg aus Berlin in 2Q Städten Vorträge 
gehalten über Themata aus dem Gebiete der Experimentellen Physik, 
Geologie und Meteorologie. 

Für die übrigen Vorträge hatten sich acht Posener Herren 
bereit erklärt: Archivrat Dr. Warschauer, Dr. Fredrich, Dr. Minde- 
Pouet, Professor Mendelsohn, Professor Pfuhl, Dr. med. Lange, 
Oberlehrer Könnemann und der Unterzeichnete. 

Von diesen Herren sind in den Städten Wreschen, Rawitsch, 
Nakel, Mogilno, Kruschwitz, Filehne, Samter, Schneidemühl, 
Tremessen, Wongrowitz, Schwerin a. W., Meseritz, Kempen, Neu- 
tomischel, Wronke, Fraustadt, Schönlanke, Birnbaum, Wollstein, 
Lissa, Inowrazlaw, Kosten, Gnesen, Ostrowo, Kolmar, Schrimm 
und Grätz Vorträge gehalten worden. G. Kupke. 

2. Fedor von Koppen giebt in dem Grenzboten Jahrgang 61 
Nr. 51 S. 659 — 65 „Erinnerungen aus dem polnischen Insurrektions- 
kriege in der preussischen Provinz Posen im Jahre 1848." Der 
Verfasser war dazumal Offizier im 7. Infanterieregiment, das nach 
Posen kam. Der Hauptteil seiner interessanten Notizen bezieht 
sich auf die Erstürmung von Xions (29. April), an der er Anteil 
genommen hat. 



Historische Abteilung der Deutsciien Geseliscliaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 10. März 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant „Wilhelma% 

Wilhelmstrasse 7 

Monatssitzung. 

Tagesordnung: Vortrag des Herrn Lic. Dr. Wotschke (Ostrowo): Die 
Reformation in Posen bis zur Einwanderung der Böhmischen Brüder 1548. 



Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg., 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





mSTORISCME 
MOnniS BLATTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang IV Posen, Hpril 1903 



Nr. 4 



Friedensburg F., Die polnischen Münzen Heinrichs III. und IV. von 
Glogau S. 49. — Kohte J., Der mittelalterliche Stadtplan von Gnesen 
S. 55. — Literarische Mitteilungen S. 57. — Nachrichten S. 59. — 
Geschäftliches S. 60. 



Die polnischen Münzen HeinricJis III. u. IV. von Glogau. 

Von 
F. Friedensburg. 




Is König Przemislaw II. von Polen im Jahre 1296 
mit Hinterlassung nur einer an Wenzel IL von 
Böhmen verheirateten Tochter starb, bewarben sich um 
seine Krone und sein Reich neben seinem Schwiegersohn auch 
Herzog Heinrich III. von Glogau, der Sohn einer Schwester des 
Vaters, und der kujawische Herzog Wladislaw Lokietek, nach 
der Geburt der Oheim, durch seine Vermählung ein Vetter des 
verstorbenen Königs. Der Letzgenannte hatte die Stimmung des 
polnischen Adels für sich, eine letzwillige Verfügung Przemislaw's 
aber sprach mehr für den schlesischen Heinrich. Deshalb einigten 
sich zunächst Wladislaw und Heinrich in einem Vertrage am 
10. März 1296 dahin, dass der schlesische Herzog ein Stück von 
Grosspolen von der Obra bis zur Warthe und Netze nebst der 
Stadt Bentschen erhielt und Wladislaw sich verpflichtete, den 
Sohn seines Gegners an Kindesstatt anzunehmen und ihm bei 
Erreichung der Grossjährigkeit die Stadt Posen zu übergeben. 
Dieses Abkommen hielt aber nicht lange vor, Heinrich nahm 
die Fehde wieder auf und zwang den Polen weitere Landstriche, 
insbesondere die Städte Posen und Gnesen, ab, nur seine Be- 
werbung um die Krone blieb erfolglos. Gleichwohl berichtet der 
Geschichtsschreiber Dlugosz: „per omne tempus, quo vixit, se 

4 



50 



dominum et heredem regni Polonie scribebat et nominabat". 
In der Tat lautet denn auch zuerst Ende 1301, seit 1307 regel- 
mässig die Titulatur in den Urkunden Heinrichs: ,,eyn erbe des 
kunigreiches zu Polennerland, herzöge von Zlezien, herre czu 
Glogow und czu Pozna" und auf den Siegeln: ,,dei gracia heres 
regni Polonie, dux Slezie, dominus Glogovie et Poznanie." 

Im Jahre 1309 starb Heinrich, von dem Dlugosz auch be- 
richtet, dass ,,sub regimine suo terra Majoris Polonie secura 
pace atque quiete abundabat." Seine fünf Söhne, Heinrich IV. (oder 
IL, wenn man, wie öfter geschieht, mit dem Vater eine neue 
Zählung beginnt), Konrad, Boleslaw, Johann und Primko teilten 
1312 ihr Erbe mit Ausschluss von Glogau, das der Mutter 
Mechthild, einer geborenen Herzogin von Braunschweig, als 
Leibgedinge verblieb, in zwei Hälften, eine westliche mit der 
Hauptstadt Oels, zu der von polnischen Städten Kaiisch, Gnesen 
und einige kleinere, wie Schroda und Orla, wohl mehr dem 
Namen als dem tatsächlichen Besitz nach gehörten, und eine 
östliche mit der Hauptstadt Sagan. Zu dieser gehörte der 
grösste Teil des noch vorhandenen polnischen Besitzes: Posen, 
Kosten, Schrimm, Grätz u. s. w. Doch die Söhne vermochten 
diese Gebiete noch weniger zu halten als der Vater, und 
Heinrich, der mit den Ansprüchen auch die Titulatur des Vaters 
fortgesetzt hatte, sah sich 1319 genötigt, diese Titulatur als 
gänzlich inhaltlos über Bord zu werfen und sein Siegel zu 
ändern. Ja, die Polen beraubten das glogauer Fürstentum nun 
noch obendrein einer seiner Städte: Fraustadt, das 1337 
durch Kauf an König Johann von Böhmen übergegangen war, 
eroberte 1343 König Kasimir, und seitdem ist es bei Polen, 
bezw. dem Grossherzogtum Posen verblieben. 

Die geschilderten Vorgänge haben auch in den Münzen 
der glogauer Herzöge ihre Verewigung gefunden: teils durch 
Prägung schlesischen Geldes in polnischen Münzstätten, teils 
durch Anspielungen in den Darstellungen im eigentlichen Sinne 
schlesischer Münzen. Das Mittelalter liebte solche Anspielungen 
und Andeutungen, durch die zum Umlauf bestimmte Münzen 
zu Geschichtsdenkmälern werden, haben doch auch wir noch 
in den Krönungs- und Siegestalern solche Geschichtsmünzen ge- 
habt und neuerlich mit den Jubiläumsmünzen von 1901 nach 
langer Pause diesen schönen Gebrauch wieder aufgenommen. Unter 
diesem Gesichtspunkte bilden die sogleich zu erörternden acht Stücke 
eine einheitliche Reihe, wenn sie auch nicht gerade sämtHch als 
„polnische" Münzen im strengen Sinne gelten können. Sie sind 
sämtlich bereits längst veröffentlicht und mehrfach auch literarisch 
behandelt worden, u. a. in von Saurmas Münztafeln, in 
Stronczynskis bekanntem Werk, in einem Aufsatz von Max Kirmis 



51 



über die städtische Münze von Posen (Jahrgang 1886 unserer 
Zeitschrift), zuletzt in des Verfassers dieses Aufsatzes schlesischer 
Münzgeschichte des Mittelalters. Doch finden sich in diesen 
Veröffentlichungen und Besprechungen sehr viele Irrtümer, und 
eine ausreichende Erklärung dieser interessanten Gepräge ist 
noch nirgends gegeben. Eine Zusammenstellung der ganzen 
Reihe ist daher um so mehr am Platze, als einige neue Ent- 
deckungen und Beobachtungen die Deutung wesentlich ge- 
fördert haben. 

Herzog Heinrich III. war einer der ersten, wo nicht der 
•erste der schlesischen Fürsten, der bald nach 1290 ohne An- 
lehnung an fremde Vorbilder, insbesondere lange vor der Ein- 
führung der böhmischen Groschen, von der Prägung der Blech- 
münzen (Bracteaten) zur Schlagung eines im Verkehr handlichen 
und einen festen Geldwert darstellenden zweiseitigen Geldstückes 
überging. Diese Münze hiess, wie jedes Geldstück im früheren 
Mittelalter, Pfennig bezw. denarius, doch führt sie in einigen 
wenigen Urkunden auch einen besonderen, nur ihr eigenen 
Namen: quartensis, weil sie an Wert der ,,quarta'' (= 1/95 Mark) 
bezw. vier alten Pfennigen gleichkam. Man könnte sie daher 
heut Vierer oder Vierling nennen, doch ziehe ich hier den her- 
gebrachten Namen Pfennig vor. An Teilwerten schlug man Halb- 
stücke und Viertel. 

Ehe ich nun zur Beschreibung der in Betracht kommenden 
Stücke, die sämtlich bis auf No. 2 ganze Pfennige sind, über- 
gehe, bemerke ich, dass die vorangestellte Ziffer mit F. die 
Nummer meines oben angeführten Buches (Cod. dipl. Silesiae Bd. 13) 
bedeutet, wo sich über manche Einzelheiten, die hier weniger 
am Platze sind. Näheres findet. Am Schluss führe ich die 
Sammlungen an, die die einzelnen, durchgehend sehr seltenen 
Stücke besitzen : M = Museum für Kunstgewerbe und Altertümer 
in Breslau, F = meine eigene Sammlung, B = Kgl. Münzkabinet in 
Berlin, D = desgl. in Dresden, L = Münzsammlung der Universität 
Leipzig. Für den Nachweis weiterer Exemplare und sonstige 
Bemerkungen und Berichtigungen würde ich sehr dankbar sein. 

1) F. 623. Stehender Fürst, den schlesischen Pfauenfeder- 
helm und die Königskrone haltend, zwischen 4 Kleeblättern. 
Rs. t MONETA X CROSSENE. Der Buchstabe C, Initiale des 
Namens von Krossen. MFL. 

2) F. 438. Schriftloser Hälbling mit demselben Helm und 
derselben Krone. FD. 

Diese beiden Münzen, deren Zusammengehörigkeit durch 
■die gleichartige Zeichnung der dargestellten Embleme gesichert 
ist, entstammen nach der Aufschrift von 1 der Münzstätte zu 

4* 



52 



Krossen und wirken durch die Vereinigung des Herzoghelms 
mit der polnischen Königskrone wie eine Illustration zu der 
erstangefürten Stelle des Dlugosz. Es war im Mittelalter sehr 
beliebt, auch die Münzen zur Veröffentlichung politischer An- 
sprüche zu verwerten : wer keine Urkunde las und kein Siegel 
betrachtete, der mochte auf dem Pfennig, der ihm durch die 
Hände ging, sehen, was sein Landesherr für ein gewaltiger 
Mann war, und wessen er sich vermass. 

3) F. 623. Statt der Umschriften beiderseits Sterne, Klee- 
blätter und Punkte. Schild mit dem kujawischen Wappen: 
halber Adler und Löwe unter einer Krone. Rs. der schlesische 
Pfauenfederhelm. M (Galvanischer Abschlag). 

Das Wappen der Hs. ist genau das des Wladislaw Lokietek 
auf seinem Siegel. Gleichwohl gehört ihm selbst dieser Pfennig 
nicht an, da man in Polen niemals solche Münzen geprägt hat,, 
die ganze Mache („Fabrik") der Münze bezeugt ihren 
schlesischen Ursprung. Ebensowenig kann man das Stück auf 
die Vermählung der Tochter Wladislaws mit Herzog Bernhard 
von Schweidnitz beziehen: denn wenn auch solche „Hochzeits- 
pfennige" nicht selten sind (s. u. zu 5), so ist doch der Pfauen- 
federhelm hier ganz anders gezeichnet, als auf den gleichzeitigen 
schweidnitzer Münzen. Es bleibt daher nur übrig, den Pfennig 
aus den Beziehungen Wladislaws zu Heinrich III. zu erklären, 
und dann mag er entweder ein Denkmal jenes Vertrages von 
1296 sein oder, was aber weniger wahrscheinlich ist, wiederum 
die Prätensionen Heinrichs und seinen Sieg über den polnischen 
König bedeuten. 

4) F. 624. Kleeblätter, Ringel u. V in regelmässigem 
Wechsel statt der Umschrift. Der schlesische Adler mit dem 
mondförmigen mit Kreuz und Kleeblättern verzierten Brust- 
schmuck. Rs. Statt der Umschrift Kleeblätter und Punkte, 
Kreuz, darum noch eine Umschrift aus sinnlos aneinander- 
gereihten Buchstaben. M. 

Diese Münze schliesst sich durch ihr ungewöhnlich breites 
Format und ihre Randverzierungen untrennbar an die vorige an. 
Ihre Deutung ergiebt der Buchstabe V, der nur die Initiale 
eines Stadtnamens sein kann, wie sie ähnlich zwischen Zierraten 
versteckt, auf anderen Pfennigen des Glogauer Fürstentums — 
von Sagan und Namslau — vorkommt. Als einzig mögliche Er- 
gänzung bietet sich Vrowenstat, wie sich Fraustadt zwar nicht 
auf seinem gleichzeitigen Siegel (dort mit F), aber in zahlreichen 
Urkunden (Schles. Regesten 2925, 3170, 3382, 4407) schreibt. 
Diese Ergänzung ist um so unbedenklicher, als der Adler der 
Hs. nach seinem Schmuck nur der niederschlesische sein kann, 
auch wird sie noch durch das folgende Stück bestätigt. 



53 



5) F. 617. Beiderseits Kleeblätter statt der Umschrift. 
Schreitender Adler nach links, davor Rose, darüber V. Rs. der 
bayerische Weckenschild. Nur aus der Zeichnung bei v. Saurma 
bekannt. 

Dass auch auf diesem Pfennig das V zu Fraustadt ergänzt 
werden muss, zeigt die Rose noch besonders an, die ein Ab- 
zeichen der Jungfrau Maria ist und sie öfters auf Münzen, u. a. 
auch auf einem Glogauer Pfennig Heinrichs III ersetzt. Maria 
aber ist die Schutzheilige und das Siegelbild von Fraustadt. So 
unterstützen sich die Deutung und Zuteilung unserer Nr. 3, 4 
und 5 wechselseitig, und wir gewinnen auch für Nr. 3 Heimats- 
berechtigung in Fraustadt: gerade in dieser Grenzstadt mochte 
der Stempelschneider sich veranlasst fühlen, die Aussichten des 
Herzogshauses auf die Thronfolge in Polen durch sein Erzeugnis 
zum Ausdruck zu bringen. Das bayerische Wappen auf Nr. 5 aber 
■erklärt sich einfach als Nachahmung, und zwar jenes häufigsten 
und bekanntesten aller schlesischen Denare, des Pfennigs mit 
CLIPEVS BAVWARIE um den Weckenschild, der sich auf die 
dem Jahre nach nicht feststehende, noch in die Regierungszeit 
Heinrichs III fallende Vermählung seiner Tochter Beatrix mit dem 
Herzog von Bayern und nachmaligen Kaiser Ludwig bezieht. 
Das Prägebild nötigt also zwar nicht zu der Annahme, dass man 
diese Vermählung in Fraustadt besonders gefeiert hat, sichert 
aber den Pfennig für unseren Herzog. 

Es ist eine bekannte Streitfrage, ob Fraustadt schon zur 
Zeit, als es noch schlesisch war, das Münzrecht besessen hat. 
An sich wäre das nicht unmöglich, denn die Herzöge pflegten 
damals nicht nur alljährlich ihre Münze zu verkaufen, sondern 
überliessen sie wohl auch einmal auf längere Zeit ihren Städten ; 
Guhrau z. B. hat im Jahre 1300 ein, wie es scheint, zeitlich 
uneingeschränktes Münzrecht erworben. Auch berichtet Cellarius, 
dass Fraustadt „privilegia et immunitates suas cum jure cudendi 
monetam a.Glogoviensibus ducibus donata"besitze,und ähnlich 
drückt sich Dlugosz aus. Eine das Münzrecht der Stadt Fraustadt 
betreffende Urkunde hat sich aber bisher nicht ermitteln lassen, 
und unsere Pfennige sind zur Entscheidung des Streites nicht 
geeignet, da sie, nach ihren Prägebildern zu urteilen, eher fürst- 
lichen als städtischen Ursprungs sind, mindestens nicht mit 
Sicherheit als städtisch angesehen werden können. 

6) F. 633 t DENARIVS. Der Buchstabe P. Rs. f POZNA 
Kopf mit Diadem nach links. Zwei Verschiedenheiten: a) 
zwischen den Schriftzeichen beider Seiten Kleeblätter b) statt 
dieser auf der Hs. sechsstrahlige Sterne, auf der Rs. Punkte. MFD. 

Dieser sehr zierliche Pfennig nennt die Münzstätte Posen, 
ist also in der Hauptstadt des neu erworbenen Gebietes und 



54 



daher sicher noch von ihrem ersten Erwerber, Heinrich III, ge- 
prägt worden; denn es ist eine bekannte numismatische Tat- 
sache, dass neue Herren sich sofort durch neues Geld bekannt 
zu machen suchten. Überaus interessant ist das Gepräge der Rs., 
offenbar die Nachbildung eines antiken Kopfes, einer Gemme 
oder einer Münze. Solche Nachahmungen antiker Vorbilder 
kommen auf Mittelaltermünzen recht selten vor : aus dem Osten 
ist dies der einzige mir bekannte Fall; viel häufiger ist die Ver- 
wendung alter geschnittener Steine zu Petschaften. In Posen ist 
schon im 13. Jahrhundert eine Münzstätte gewesen, und zwar 
eine königliche (Cod. dipl. Maj. Pol. I Nr. 303, 421, 496), die 
Stadt selbst aber hat das Münzrecht wohl erst 1410 vonWladis- 
law II. erhalten. Auch unser Pfennig ist durch das Fürstenbild 
deutlich als landesherrlich gekennzeichnet, und vergeblich sehen 
wir uns nach gleichzeitigen Stücken mit dem Posener Städte 
Wappen, den gekreuzten Schlüsseln, um. Insbesondere gehören 
die Pfennige, die Kirmis unter 2 und 3 wegen der Schlüssel 
an Posen gegeben hat, anderen Städten: Tost und Schweidnitz^ 
(s. a. unter Nr. 8), während andererseits der von Stronczyiiski zu 
unserem Denar gelegte Heller mit P und Adler, wie schon 
Kirmis richtig bemerkt hat, nach seinem Feingehalt und seinen 
Fundgenossen einer viel späteren Zeit entstammt. 

7) F. 634. MONETA PO Kopf wie auf der Rs. von 
6. Rs. DE GRODIS Baum mit 4 Blättern. Auf jeder Seite zwei 
sechsstrahlige Sterne als Trennungszeichen. MB. 

Dieser Pfennig nennt die Münzstätte der kleinen Stadt 
Grätz, die zwar der Sitz eines Grafen war, und auch in der 
Teilungsurkunde von 1312 erwähnt wird, von der wir aber sonst 
wenig wissen (vgl. Cod. dpi. Maj. Pol. Nr. 879, 882, 886).. 
Sie schliesst sich eng an die vorige an, wenn auch der Schnitt 
der Darstellungen und der Buchstaben etwas gröber ist, und ge- 
hört daher ebenfalls noch Heinrich III. Auf ihn weist auch das 
etwas ruhmredige POlonie der Hs., das unser Stück ebenfalls 
zu einer Prätensionsmünze macht. Nicht mit Sicherheit zu deuten 
ist die Darstellung der Rs.: sie ist offenbar einem Adelswappen 
entnommen und mag, wie dies auf schlesischen Münzen dieser 
Zeit öfter vorkommt, den herzoglichen Kastellan oder den Hof- 
richter, dem die Aufsicht über die Münze oblag, bedeuten. Man 
könnte hier an die Familie der Stossowitze — heut von Stosch — 
denken, die seit Alters ähnliche Blätter, aber nur ihrer zwei — im 
Siegel führt: ein Peter Stossowitz erscheint lange Jahre hindurch 
unter den Grossen am Hofe Heinrichs. 

8) F. 628. Kopf mit lockigem Haar mit Halsansatz von 
vorn im Kleeblattkreis. Rs. . . ONVS SAGANI Zwei ge- 
kreuzte Schlüssel, von 4 Sternen begleitet. M. 



55 



Diese leider nur in einem Exemplar bekannte Münze bietet 
der Erklärung grosse Schwierigkeiten. Das Wappen der Rs. ist 
das der Stadt Bomst (s. Hupp Wappenbuch Heft 2 S. 31), 
welche zwar nicht in dem Teilungsvertrage von 1312, aber als 
„Babinmost" in der Urkunde von 1329 über die Aufnahme 
Heinrichs IV. in den böhmischen Lehensverband (Grünhagen u. 
Markgraf, Schles. Lehnsurk. Bd. 1 S. 130) vorkommt. In dieser 
Stadt also müsste unser Pfennig von dem genannten Herzog 
geschlagen worden sein. Das Bild der Hs. ist die damals nament- 
lich in Glogau häufige typische Darstellung des Landesherrn, 
Bildnisähnlichkeit ist dabei selbstredend nicht einmal erstrebt. 
Die Umschrift der Rs. weist ebenfalls auf Heinrich IV, der 
Herzog von Sagan war, doch ist das erste Wort leider nicht 
wieder herzustellen. Man möchte patrONVS vermuten und 
dann die Schlüssel auf den heiligen Petrus deuten: aber der 
war nicht der Schutzheilige der Stadt oder etwa des Fürstentums 
Sagan, und es ist sogar unsicher, ob er der Patron von Bomst v/ar. 
Um 1670 wenigstens war die dortige Pfarrkirche der heil. Katharina 
geweiht, danach dem heiligen Laurentius, ältere Nachrichten aber 
besitzt weder die Ortsgeistlichkeit noch das Staatsarchiv in Posen. 
Auch sonst findet sich kein Wort, das zu den sicheren Buch- 
staben NVS — das vermeinte O könnte, auch C oder E sein, 
domINVS ist ausgeschlossen — passte. Hier also müssen wir 
weiterer Aufklärung in der Zukunft harren, die uns vielleicht 
einmal ein Stück mit vollständiger Inschrift bescheert. 



I Der mittelalterliche Stadtplan von Gnesen. 

^ Von 

J. Kohte. 

Herr Archivrat Dr. Warschauer, welcher kürzlich die städtischen 
Archive der Provinz Posen zum Gegenstande einer umfangreichen 
Veröffentlichung machte, hat bei dieser Gelegenheit mehrere ge- 
schichtlich sehr wertvolle Pläne der Stadt Gnesen aus dem Dunkel 
der Vergessenheit gezogen. Es sind dies: 

1) Zwei Pläne, welche der Feldmesser Karl v. Kirschenstein 
1787 im Auftrage der polnischen Kommission der guten Ordnung 
von der Stadt Gnesen und ihrer südlichen Umgebung aufnahm, 

2) ein kleiner Plan aus südpreussischer Zeit, 

3) ein Plan von Bauführer Backhoff und Leutnant Crusius 1819 
nach dem Brande der Stadt aufgenommen, mit der Angabe des 
alten Bestandes und zwei Entwürfen zum Wiederaufbau; dieser 
Plan ist in zwei Ausfertigungen vorhanden, dazu eine Kopie der 
einen von 1840. 



56 



Aus diesen Aufnahmen gewinnen wir ein zuverlässiges 
Bild vom Lageplan der mittelalterlichen Stadt. Gnesen ist eine 
der ältesten Städte des Landes und empfing auch als eine der 
ersten deutsches Recht. Während die meisten Städte, welche im 
Gebiete der Provinz Posen nach deutschem Recht gegründet 
wurden, auf zuvor unbebautem Gelände entstanden, wie dies von 
Bromberg ausdrücklich überliefert wird, oder an die ältere An- 
siedlung angeschlossen wurden, so wurde in Gnesen, wie wir 
jetzt aus den Plänen erkennen können, die ältere Ansiedlung un- 
mittelbar für die Neugründung benutzt. Vielleicht war die ältere 
Ansiedlung schon zu bedeutend, als dass man die Strassenzüge 
verlegen konnte; vielleicht aber zwang auch die geringe Aus- 
dehnung der Hochplatte, auf welcher die ursprüngliche Stadt lag, 
dass man den vorhandenen Bestand tunlichst schonte. 

Der Markt erhielt nicht die regelmässige Gestalt wie ander- 
wärts; er bildete in alter Zeit nur annähernd ein Rechteck; die 
Nordostecke lief spitz zu; die Häuser der Ostseite standen nicht 
in einer Flucht. Auf dem nördlichen Teile des Marktes lag das 
Rathaus. Hinter den Häusern der Ostseite des Marktes, durch 
eine Gasse von ihnen getrennt, zog sich die Stadtmauer entlang. 
Die Reste derselben sind im Plane von Kirschenstein gezeichnet, 
dazu die beiden Tore, das Thorner und das Warschauer, jenes 
im Norden, dieses im Süden nahe der Pfarrkirche S. Trinitatis 
gelegen, deren Friedhof die Mauer umzog. Die Südspitze der 
Altstadt ist die einzige Stelle des Lageplanes, welche während 
der Jahrhunderte unverändert geblieben ist; noch jetzt erhebt sich 
der Friedhof über steilen Abhängen. Die genannten beiden 
Tore scheinen nur schlichte rechteckige Türme gewesen zu sein. 
Auf der Westseite war die Stadt wohl nur durch ein Planken- 
werk geschützt. Der Graben, welcher den Stadthügel umschloss, 
stand nach Süden mit dem Jelonek-, nach Norden mit dem Kreuz- 
See in Verbindung, und man möchte vermuten, dass der westliche 
Arm des Grabens bei der Gründung der Stadt bereits vorhanden 
war, der östliche aber künstlich durch das Gelände geleitet wurde. 

Von der Westseite des Marktes ging die Strasse nach 
Posen ab und zog, wie noch heute, an der Südseite des Dom- 
hügels vorüber. Von der Südostecke des Marktes gelangte man 
zur Pfarrkirche und zum Warschauer Tore, von der Nordostecke 
zum Thorner Tore. Aus der Nordwestecke des Marktes führte 
ein gebrochenes Gässlein zur Franziskaner-Kirche; diese und die 
Trinitatis-Kirche waren die einzigen Kirchen, welche innerhalb der 
räumlich recht beschränkten Altstadt lagen. Die Fluchten der 
Grundstücke an der Nordseite des Marktes waren gleichlaufend 
mit der Achse der Franziskaner-Kirche abgesteckt; als Gnesen 
mit deutschem Rechte bewidmet wurde, wird das Kloster also 



57 



jedenfalls schon bestanden haben, mag seine Gründung auch 
nur um wenige Jahre früher erfolgt sein. In gleicher Weise 
hatten sich ja in Posen die Dominikaner ansässig gemacht, bevor 
noch der Aufbau der deutsch-rechtlichen Stadt sich vollzogen hatte. 

Gnesen scheint sich frühzeitig nach Osten hin entwickelt 
zu haben. Vor dem Thorner Tore zweigte von der Tremessener 
Strasse südwärts eine andere ab, in der Richtung zur Warschauer 
Strasse hin. In jener Gegend zeichnete Kirschenstein die 
Kapellen zum heil. Geist und heil. Nicolaus; beide scheinen 
nach ihren Grundrissen mittelalterliche Ziegelbauten gewesen zu 
sein, wie die weiterhin gelegenen Kirchen zu S. Johann,. 
S. Michael und S. Lorenz. Da der kleine Friedhof an der 
Pfarrkirche für Beerdigungen nur wenig Platz darbot, so mögen 
die Friedhöfe der beiden Kapellen gewiss schon frühe zum Er- 
satz gedient haben. 

Eine gerade Verbindung der östlichen Vorstadt mit der 
Mitte des Marktes fehlte in alter Zeit ; sie wurde erst hergestellt, 
als nach dem grossen Brande von 1819 die Stadt neu auf- 
gebaut wurde. Damals wurden die Fluchten des Marktes so 
abgeändert, dass sie nahezu ein Quadrat umschliessen. Der An- 
fang der Tremessener Landstrasse wurde zur Wilhelm-Strasse um- 
gestaltet. Quer über den Markt hinweg wurde eine neue Strasse 
angelegt, in der Achse des Domes, dessen Bild seitdem noch 
bedeutender als früher im Stadtbilde mitspricht. Der westliche 
Teil der Strasse ersetzte die alte Domgasse. Der östliche Teil, 
die Friedrichstrasse, aber wurde erst durchgebrochen ; zur Linden- 
Strasse verlängert, stellt sie gegenwärtig die wichtigste Strasse 
der seit dem Bau des Bahnhofs immer mehr nach Osten hin 
ausgedehnten Stadt dar. In der neuen Gestalt zeigt der Lage- 
plan von Gnesen eine gewisse Regelmässigkeit, wie sie den 
ostdeutschen Kolonialstädten eigen ist. Aber diese Verbesserung 
ist erst der preussischen Herrschaft zu danken, die den Wieder- 
aufbau der alten Stadt Gnesen als eine ihrer ersten grossen 
Schöpfungen unternahm, zur Hebung des nach den napoleonischen 
Kriegen wiedergewonnenen Landes. 



Literarische Mitteilungen. 

Acta Tomiciania. Tomas undecimus A. D. MDXXIX. 
Posnaniae 1901. 355 S. Gr. 4^. 

Die Hoffnung, dass die Veröffentlichung der Acta Tomiciana, 
der wichtigsten Quelle für die Geschichte der Regierung des 
Königs Sigismund I von Polen, unter ihrem jetzigen Herausgeber 
Herrn Dr. Celichowski einen schnellen Fortgang nehmen würde, 



58 



hat sich erfüllt. Dem zehnten Bande, den wir Bd. XIV S. 167 
der Zeitschrift der Historischen Gesellschaft besprechen konnten,, 
ist jetzt der elfte gefolgt. Er gleicht in Ausstattung, Anlage 
und Sorgfalt der Bearbeitung seinem Vorgänger. Es ist gegen 
den Herausgeber in einer Kritik des zehnten Bandes der Vorwurf 
erhoben worden, dass er in seinem Werke nicht alle irgendwie 
bekannt gewordenen Urkunden zur Geschichte der Regierung des 
König Sigismund vereinige. Man wird ihm Recht geben müssen, 
wenn er dieses Verlangen als ausserhalb seiner Aufgabe liegend 
zurückweist und sich auch fürderhin darauf beschränken will, die 
Sammlung des Stanislaus Görski, des Sekretärs des Kronkanzlers 
Tomicki, zu veröffentlichen und sie nur in so weit aus anderen 
Quellen zu ergänzen, als dies zur Vervollständigung und Ab^ 
rundung des Görskischen Materials dienen kann. Immerhin wäre 
es dankenswert, wenn er seine Absicht, den späteren Bänden 
Verzeichnisse schon gedruckter Urkunden des behandelten Zeit- 
raums beizugeben, ausführen würde. 

Der vorliegende Band umfasst das Kalenderjahr 1529. Es 
ist dies eine Neuerung, da die früheren Bände sich nicht durch- 
aus mit den Jahren deckten; wenn sie beibehalten werden sollte^ 
so würde die Benutzbarkeit des Werkes dadurch gewinnen. 
Dagegen hat der Herausgeber die in dem vorigen Bande ge- 
äusserte Absicht, anstatt des etwas schwerfälligen Quartformat 
ein handlicheres Folioformat zu wählen, nicht ausgeführt. 

Was den Inhalt der veröffentlichten Urkunden betrifft, sa 
erkennt man aus ihm, dass im Jahre 1529 die Inkorporierung^ 
Masoviens das Interesse der inneren Politik Polens beherrschte. 
In der äusseren Politik war die von den Türken drohende Gefahr 
und die Belagerung Wiens durch dieselben das Leitmotiv. Das 
provinzielle Leben Grosspolens ist nur in wenigen Stücken berück- 
sichtigt. In Nr. 7 bittet der Generalstarost von Grosspolen und 
Kastellan von Posen Lucas von Görka den König Ferdinand für 
den grosspolnischen Edelmann Johann Gostinski, der nach dem 
Heiligen Lande ziehen will, um sicheres Geleit. Urkunde Nr. 13 
betrifft die Stadt Bentschen, deren Starost Martin Myszkowski 
die Bürger ungerechter Weise zu Frohndienst und Malzkauf 
zwingt, und hierfür von dem Senat zur Rechenschaft gezogen 
wird (Januar 22). Nr. 29 giebt einen Erlass des Senats an 
Lucas von Görka wegen der Räubereien und Grenzberichtigungen 
an der grosspolnisch-schlesischen Grenze, Nr. 85 eine Be- 
nachrichtigung des Kanzlers Tomicki an die Posener Domherren, 
dass der Papst die Besetzung zweier Domherrnstellen mit 
Doktoren der Theologie und des kanonischen Rechts genehmigt 
habe. Mehrere Briefe betreffen den Tod des Bruders des 
Kanzlers, des Kastellans von Gnesen Nicolaus Tomicki (f 29. März. 



59 



1529). Endlich sei noch ein Schreiben des Königs an Lucas 
Görka vom 28. December hervorgehoben, worin ihm Verhaltungs- 
massregeln wegen der deutschen durch Posen ziehenden Söldner, 
welche Johann Zapolya von Ungarn gegen König Ferdinand ge- 
worben hatte, erteilt werden. 

Dem Text ist ein Personenregister beigegeben, leider nicht 
auch ein Orts- und Sachregister. Wir wiederholen die Bitte um 
kurze Inhaltsangabe über den einzelnen Stücken, etwa wie sie 
die „Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte der Grossen 
Kurfürsten" geben. A. Warschauer. 



Nachrichten. 



1. Am Schlüsse meines Aufsatzes: Die Denkmalpflege 
der Provinz Posen S. 36 machte ich einige Angaben über die 
Aufnahme von Bauernhäusern bei Filehne. Leider verschwinden 
diese Vertreter einer volkstümlichen Bauweise von Jahr zu Jahr,, 
und gerade die besseren Beispiele fallen den veränderten Be- 
dürfnissen am ersten zum Opfer. Wie ich nachträglich erfahre,, 
ist das Seideische Haus in Peterawe bei Obersitzko im Jahre 
1900 abgebrochen worden. Dieses Haus, von welchem ich in der 
Zeitschrift der Historischen Gesellschaft Band XIV zeichnerische 
und photographische Aufnahmen mitteilte, war eines der be- 
merkenswertesten und seine innere Einrichtung sowie das ganze 
Gehöft fast unberührt erhalten geblieben; um so mehr ist der 
Abbruch des Hauses zu bedauern. Es ist die höchste Zeit, dass 
mit der Aufnahme des noch vorhandenen Bestandes der alten 
Bauernhäuser in der Provinz Posen endlich vorgegangan werde. 

S. 37 Zeile 21 desselben Aufsatzes ist statt gegossenem 
zu lesen geblasenem Glase. 

2. Aus Althöfchen, dem Wohnsitz der Aebte des Klosters 
Biesen (Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Posen 
Band III. S. 89), gibt Baurat Wilcke aus Meseritz im laufenden 
Jahrgange der „Denkmalpflege" S. 30 eine Mitteilung über die 
ehemalige Torfahrt des Dominiums nebst einer Photographie, 
einem Grundriss und einem Schnitt des Bauwerks. Dieses er- 
hob sich turmartig über der Einfahrt und war, nach den Formen 
zu urteilen, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ent- 
standen, vermutlich gleichzeitig mit der anmutigen Kirche und 
dem Wohnhause. Im Jahre 1886 wurde das eigenartige Bau- 
werk abgebrochen; wie es scheint, war man sich des künst- 
lerischen Wertes desselben nicht bewusst, so dass eine Anzeige 
an den Konservator der Kunstdenkmäler verabsäumt wurde. Das. 
Bauwerk war in der Achse der Kirche errichtet, zwischen: 



60 



dieser und dem Wohnhause und bildete zwischen beiden eine 
ansprechende Verbindung, die der Besucher des Ortes jetzt ver- 
misst. Ein Grund, das Tor abzubrechen, lag jedenfalls nicht 
vor; denn wenn es den Verkehr wirklich behindert hätte, so 
konnte durch Schaffung eines seitlichen Umgangs dem Bedürfnisse 
genügt werden. Ein ähnliches Bauwerk wie das abgebrochene 
ist der 1627 errichtete Torturm des Schlosses Bentschen, welcher 
dessen Erdumwallung unterbricht (Verzeichnis Band III Abb. 75) ; 
auch manche Glockentürme des Posener Landes bieten ähnliche 
Lösungen, wie der 1840 errichtete der katholischen Pfarrkirche 
in Kolmar. 

3. Über mehrere der Schrotholzkirchen Oberschlesiens 
geben K. M. Mayer und E. NöUner im Zentralblatt der Bau- 
verwaltung Nr. 24 und 25 einige Mitteilungen und Abbildungen; 
die letzteren bestehen aus Photographien und Grundrissen; leider 
fehlen Schnitte, aus welchen die Gestalt der Dachstühle bevorgeht. 
Das dargebotene Material lässt die Beziehungen erkennen, die 
zwischen den oberschlesischen und den posenschen Holzkirchen 
bestehen, und erweckt den Wunsch, dass auch die bemerkens- 
werten Holzkirchen der Provinz Posen durch Aufnahmen allgemeiner 
bekannt gemacht werden möchten. Dass diese Bauwerke, wenn 
nur der gute Wille vorhanden ist, sich instand setzen oder auch 
nach einem anderen Orte überführen lassen, beweist das Beispiel 
der Holzkirche in Mikultschütz, Kreis Tarnowitz. j, Kohte. 



Geschäftliches. 



Jahresbericht 
der »Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen* 

über das Geschäftsjahr 1902. 

Die Mitgliederanzahl unserer Abteilung betrug am 11. Februar 1902, 
dem Tage unserer letzten Generalversammlung, 1222 Personen. Im Laufe 
des Jahres traten 60 Mitglieder zu, doch verloren wir meist wegen Nicht- 
zahlung der Beiträge an die Kasse der Deutschen Gesellschaft 56 Mit- 
glieder, so dass wir jetzt 1226 Mitglieder besitzen. 

Der Stadt Posen gehören 487, anderen Orten 739 an. Da die 
Deutsche Gesellschaft mit ihren 5 Abteilungen jetzt im Ganzen 2214 Mit- 
glieder zählt, so gehört mehr als die Hälfte unserer Abteilung an. 
Interessant ist es zu beobachten, wie dieses Verhältnis sich ändert, wenn 
man die Mitgliederanzahl in der Provinzialhauptstadt und in der Pro- 
vinz gesondert betrachtet. Während nämlich in Posen nur etwa 44% 
der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft unserer Abteilung angehören, 
ist das in der Provinz bei 66% der Fall. Es rührt dies naturgemäss 
daher, dass die Historische Abteilung durch ihre Publikationen auch den 
Mitgliedern ausserhalb der Stadt Posen an ihren Arbeiten ständigen Anteil 
bietet und so mehr als die anderen Abteilungen den provinziellen Charakter 
der Deutschen Gesellschaft aufrecht erhält. 



61 



Da seit dem Anschluss an die Deutsche Gesellschaft unsere Ab- 
teilung um etwa 300 Mitglieder zugenommen hat, denen die Druck- 
schriften geliefert werden mussten, so haben sich ihre laufenden Ausgaben 
über die ihr von der Deutschen Gesellschaft gewährleistete jährliche Min- 
destquote von 6000 M, um 1000 M. gesteigert. Für das Berichtsjahr wurde 
diese Fehlsumme uns zwar nicht von der Deutschen Gesellschaft, wohl 
aber durch deren Vermittlung aus den dem Kultusministerium zur Ver- 
fügung stehenden Fonds für wissenschaftliche Zwecke ersetzt; es wird 
aber unser Bestreben sein müssen, diese Summe, als eine ständige Er- 
höhung unserer Bezüge, dauernd auf den Ausgabeetat der Deutschen 
Gesellschaft zu bringen. 

Der in der Generalversammlung am 10. Dezember 1901 gewählte 
Vorstand hat sich in der ersten am 1. März 1902 von ihm abgehaltenen 
Sitzung so konstituiert, dass er das Amt des ersten Vorsitzenden dem Herrn 
Archivdirektor Dr. Prüm er s, des stellvertretenden Vorsitzenden dem 
Herrn Gymnasialdirektor Dr. Friebe, des Verwalters der Sammlungen 
dem Herrn Geh. Regierungs- und Schulrat Skladny, des Schatzmeisters 
dem Herrn Bankdirektor Hamburger und des Schriftführers dem 
Berichterstatter übertrug. In einigen Sektionen haben wir das Amt des 
Geschäftsführers neu besetzt: inLissa durch Herrn Buchhändler 
Eulitz, in Meseritz durch Herrn Oberlehrer Dr. Pick und in Paradies 
durch Herrn Seminardirektor Hoffmann. 

Dem wissenschaftlichen Tauschverkehr haben sich 3 Gesell- 
schaften neu angeschlossen, doch ist er andererseits in dem Berichtsjahre 
dadurch etwas eingeschränkt worden, dass auf Ansuchen der Landes- 
bibliothek einigen Vereinen, die gar nichts oder nahezu nichts publi- 
zirerten, der Austausch gekündigt worden ist. Im ganzen beträgt die 
Summe aller Vereine, Akademieen u. s. w., mit denen der wechselseitige 
Austausch stattfindet, jetzt 192. Die Publikationen von 36 dieser Gesellschaften 
bleiben, da sie speciell unser Forschungsgebiet betreffen, in unserer 
Bücherei, die andern 156 werden unserem Vertrage mit der Provinzial- 
verwaltung entsprechend der Landesbibliothek, jetzt der Kaiser-Wilhelm- 
Bibliothek überwiesen. Über seine Tauschverpflichtung hinaus hat uns 
der Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen durch die Über- 
weisung der meisten seiner früheren Publikationen ein kostbares 
Geschenk gemacht. Die litterarische Vereinigung mit der Historischen 
Gesellschaft für den Netzedistrikt zu Bromberg, die sich jetzt in eine 
Abteilung der in Bromberg neu gegründeten Deutschen Gesellschaft 
für Kunst und Wissenschaft umgewandelt hat, wurde fortgesetzt. Bei der 
Generalversammlung der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine, 
die am 23. — 26. September in Düsseldorf stattfand, waren wir durch 
unseren Vorsitzenden vertreten. Andern an uns eingegangenen Einladungen, 
wie der des Germanischen Nationalmuseums zu Nürnberg zur Feier ihres 
50 jährigen Jubiläums, und der Universität Dorpat zur Feier ihres hundert- 
jährigen Bestehens, konnten wir der grossen Entfernungen wegen nicht 
Folge leisten, sondern mussten uns mit schriftlichen Glückwünschen 
begnügen. 

An wissenschaftlichen Veröffentlichungen haben wir den 
17. Jahrgang unserer Zeitschrift und den 3. Jahrgang der Historischen 
Monatsblätter herausgegeben. Von den hier veröffentlichten Arbeiten 
ist die des Herrn Dr. Minde-Pouet über die Kunstpflege in Posen, sowie 
der im Nachlasse des verstorbenen Landesbibliothekars Dr. Schwartz 
aufgefundene Aufsatz „Das Posener Land in prähistorischer Zeit" auch im 
Sonderabdruck erschienen. Das Dezemberheft der Monatsblätter erschien 
in festlicher Ausstattung mit Illustrationen und beschäftigte sich aus- 
schliesslich mit der am 14. November eröffneten Kaiser- Wilhelm-Bibliothek. 



62 



In Bezug auf den Stand der in Vorbereitung befindlichen Sonder- 
veröffentlichungen ist zu bemerken, dass zunächst die Darstellung 
der Geschichte der Provinz Posen zu polnischer Zeit, und zwar noch im 
Laufe dieses Jahres erscheinen wird. Die Pränumerationsbedingungen 
werden den Mitgliedern demnächst bekannt gegeben werden. In ein 
neues literarisches Unternehmen sind wir durch den glücklichen Fund 
zweier deutscher Bürgerchroniken der Stadt Fraustadt aus dem 16. und 
17. Jahrhundert einzutreten veranlasst worden. Die kulturhistorische 
Wichtigkeit dieser Quellen schien uns so gross, dass wir ihre Herausgabe 
beschlossen. Die Arbeit ist Herrn Oberlehrer Dr. Moritz zu Posen über- 
tragen worden, der die Lieferung des druckfertigen Manuskripts zu Ostern 
1904 in Aussicht gestellt hat. 

Sitzungen wurden in der Stadt Posen 9 abgehalten. An Stelle 
der Junisitzung wurde der Neubau des Provinzialmuseums unter Führung 
des Herrn Baumeisters Ahrns besichtigt. Den Sommerausflug richteten 
wir am 15. Juni nach Goluchow zur Besichtigung der dort aufbewahrten 
wertvollen historischen und Kunstsammlungen. In den Städten der Provinz 
haben wir Vorträge und Sitzungen unserer Abteilung nicht veranstaltet, 
da die Deutsche Gesellschaft es als eine ihrer Hauptaufgaben betrachtet 
hat, die Städte der Provinz hiermit zu versorgen und hierbei alle Ab- 
teilungen zusammenzufassen. Wir dürfen es jedoch als einen ideellen 
Erfolg unserer Bestrebungen hervorheben, dass unter den gewählten Vor- 
tragsthematen solche aus der Heimatsgeschichte stark berücksichtigt worden 
sind und dass solche Stoffe in dem laufenden Winter bereits in den 
Städten Meseritz, Schönlanke, Lissa, Gnesen und Schrimm behandelt 
worden und für eine Reihe anderer ähnliche Vorträge noch in Aussicht 
genommen sind. 

Der Verwalter unserer Sammlungen Herr Geheimer Regierungs- 
und Schulrat Skladny berichtet, dass die Bibliothek um 380 Schriften 
gewachsen ist, so dass sie am 1. Januar 1903 sich auf 3380 Druckschriften 
in 9000 Bänden belief. Die Sammlung der Bilder hat um 516 zugenommen. 
Die Handschriftensammlung hat Herr Dr. Schottmüller zu Berlin durch 
das Bruchstück eines Briefes Alexanders von Humboldt bereichert. 

Der Vorstand 

'der „Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen", Historischen 

Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft. 

i. A. Warschauer. 



Im Jahre 1902 sind der Bibliothek der historischen Gesellschaft 
für die Provinz Posen folgende Zuwendungen gemacht worden. 

A. Für die Bibliothek. 

a) an Druckschriften: 
Vom Kultusministerium in Berlin: Holtze, Geschichte des 
Kammergerichts in Brandenburg— Preussen III. Berlin 1901. — Die Jahres- 
berichte und wissenschaftlichen Beilagen der Gymnasien Bromberg für 
1817, 18, 1822—26, 1828, 1830, 34, 35, 37, 39, 1843, 44, 46, 1850—52, 
1854—58, 1860, 62, 64—70, 1873, 74, 76—79, 1881—96, 1901, 02; 
Fraustadt für 1902; Inowrazlaw für 1864, 66, 68—73, 1876—88, 
1890—94, 1902; Kempen für 1868, 69, 1871, 74—89, 1892, 94, 97, 
1900, 02; Krotoschin für 1849, 1852—64, 1866—72, 1874—85; Lissa 
für 1841, 43—45, 1851, 54, 1856—60, 1862—71, 1874—80, 1883—94; 
-Meseritz für 1843—49, 1853, 54, 1856—67, 1869, 1871—85, 87, 88, 



63 



1890—95, 97, 99, 1901, 02; Nakel für 1874, 76—95, 1901, 02; Ostrowo 
für 1887, 89—94, 1899, 1902; Posen Mar.-Gymn. für 1863, 1865—68, 
1870—74, 76—78, 1880—87, 1902; Posen Fr. Wilh.-Gymn. für 1836, 
38, 39. 1841, 42, 1851, 54, 57—62, 1865—90, 1894, 95, 1902; Posen 
Berg.-Gymn. für 1875—88, 1890, 91, 1902; Rogasen für 1902; 
Schneidemühl für 1902; Schrimm für 1902; Tremessen für 
1844, 48—51, 1853, 57, 58. 1861, 1862, 67, 68, 1871, 73—85, 
1889—95. 1902; Wongrowitz für 1873—76. 1878—89, 1891—96, 
1902. — Vom Magistrat in Gnesen: a) Karten von Gnesen, 
Posen o. J., b) Kurtscheid , Karte des ehemaligen Polen , 
Berlin o. J.; c) Karten von Polen, 1831. — Vom vaterländischen 
Frauenverein in Posen: Jahresbericht des vaterländischen Frauen- 
vereins zu Posen, 1901. — Von der Landesbibliothek in Posen: 
D^browski und Wybicki, Aufruf zur Bildung polnischer Legionen für 
Napoleon, Berlin 1806. — Von der Landwirtschaftskammer in 
Posen: Jahresbericht über den Zustand der Landeskultur in der Provinz 
Posen, Posen 1900, 1902. — Vom Provinzial-Sängerbund in Posen: 
a) Festzeitung zum 50jährigen Bestehen des Posener Provinzial-Sänger- 
bundes, Posen 1902; b) Eitner. Chronik des Posener Provinzial-Sänger- 
bundes, Posen 1902. — Vom akademischen Verein deutscher 
Historiker in Wien: Vancsa, über Landes- und Ortsgeschichte, 
Wien 1902. — Ferner von Frau Regier.-Schulr. D. Franke in Posen 
mehr als 200 Bücher geschichtlichen und literarischen Inhalts. — Von 
den Herren BibHothekar Dr. Celichowski in Kurnik: Dantyszek. poemat: 
de nostrorum temporum calamitatibus Silva, Poznan 1902. — Landes- 
hauptmann Dr. von Dziembowski in Posen: Berichte über die 
Provinzial-Irrenanstalten in Dziekanka, Kosten, Owinsk, 1901. — Rektor 
Franke in Posen: Jahresbericht der Knaben-Mittelschule in Posen, 1902. 

— Professor Max Gumplowicz in Wien: 3 Bücher, a) Biblioteka 
polska w Wiedniu 1898; b) Gumplowicz, Zywot Balduina Gallusa, 
Warszawa 1901 ; c) Gumplowicz, Leben und Schicksale Balduins, Bischofs 
von Kruschwitz. Posen 1902. — P. Haake: Haake, König August der 
Starke. Berlin 1902. — Dr. Hauffe in Berlin 1 Buch. — Gymn.- 
Direktor R. Heidrich in Nakel: P. Heidrich, Geschichte des Bromberger 
Kanals, Nakel 1901. — Verlagsbuchhändler J. H. Heitz in Strassburg: 
Simon. Studien zum romanischen Wohnbau in Deutschland. Strassburg 1902. 

— Buchhändler J. Jolowicz in Posen: 16 Bücher, unter diesen a) J. Lands- 
berger, manuel de tecnica chirurgici rebelunui, Galatz 1877; b) Pamiqtnik 
25 letniej dziaJalnosci towarzystwa Stella w Poznaniu, Poznan 1898; 
c) Jaskulski, kazanie na sekundycyach pratata Hebanowskiego ; d) Jelinek, 
spolecnost proctoti ved v Poznani, o. O. u. J. — Reg. Baumeister J. Koh te 
in Berlin: Kohte, über die Kunstdenkmäler der Provinz Posen, Berlin 1902. 
Rektor Lehmann in Posen: sämtliche Jahresberichte der Mädchen- 
Mittelschule in Posen. — Professor K. Lohmeyer in Königsberg: Loh- 
meyer, Literatur des Jahres 1901 zur Geschichte Altpreussens, Leipzig 1901. 

— Oberlehrer A. Pick in Meseritz ein Buch. — Archivdirektor 
Geheimrat R. Prümers in Posen: Prümers, die Anfänge der Posener 
Loge. Berlin o. J. — Leutnant Reichert: Reichert. Bromberg als 
preussische Garnison von 1772 bis zur Gegenwart. Marienwerder 1888. — 
Kaufmann Schlesinger in Posen 3 Flugblätter: a) Posener Bürger 
den Stettiner Gästen zur Eröffnung der Bahn, Posen o. J. ; b) Flugblatt 
aus dem J. 1848; c) Einkommensteuer wird nicht erhoben, Posen 1862. 

— Archiv- Assistent Dr. Schottmüiler in Berlin 3 Bücher, darunter 
Schottmüller, Handel und Gewerbe in Posen, Posen 1901. — Forstrat 
Schwieger in Potsdam 3 Werke: a) Unsere Zeit 1 — 8, Leipzig 1857 
l)is 1872; b) Hozier, Feldzug in Böhmen. Berlin 1866; c) Die Zukunft, 



64 

Berlin 1894—1901 (unvollständig). — Geheimrat Skladny in Posen 
verschiedene Bücher. — Buch- und Verlagshändler E. Trewendt in 
Breslau: Jahrbuch des schlesischen Museums für Kunstgeschichte und 
Altertümer I. Breslau 1900. — Rentier Walter in Posen 4 Schriften: 
a) Bei Xions 1848 (Gedicht); b) Dem General von Steinäcker die Bürger- 
schaft, Posen o. J. ; c) Siedler, Festrede zum Stiftungstage der Hohen- 
zollern- Denkmünze, Posen 1853; d) ein Posener Flugblatt aus dem 
Jahre 1848. — Archivrat Dr. A. Warschauer in Posen: a) Warschauer,^ 
Städtische Archive in der Provinz Posen, Leipzig 1901 ; b) Warschauer, 
Franz Schwartz; zur Erinnerung aus seinem Leben und Wirken, Posen 1901. 
— Ungenannt 13 Schriften: a) Beilagen des Amtsblatts des 
Reg.-Bez. Posen 1817; b) Amtsblatt des Reg.-Bez. Bromberg 1826, 1832; 
c) Laube, Gesetzsammlung des vormaligen Herzogtums Warschau 1—4 
Posen 1816; d) Jahresberichte der Bibelgesellschaft zu Posen 25, 26, 35, 
36, 39, 44, 45, 48 ; e) Powszechne prawo krajowe dla panstw pruskich 1 — 4 
Poznan 1826, und rejestr dazu 1830; f) von Tieschowitz, Vortrag 
über die statistischen Verhältnisse des Adelnauer Kreises, Posen 1840; 
g) Verzeichnis sämtlicher Ortschaften des Reg.-Bez. Posen, Posen 1845; 
h) Prusinowski, mowa zalobna na pogrzebie Antoniny Chtapowskiej, 
Poznan 1857; i) Voigt, Erwerbung der Neumark, Berlin 1863; k) Nau- 
mann, Orts-Verzeichnis sämtlicher zum Oberlandesgericht Posen gehör. 
Ortschaften, Posen 1880 ; 1) Jahresbericht der Handelskammer zu Posen 1877 ; 
m) Grützmacher, Festschrift zum lOOjährigen Bestehen der evan- 
gelischen Gemeinde Schneidemühl 1887; n) Wernicke, über Volks- 
ernährung, Posen 1902. 

b) an Bildern: 
Vom Magistrat in Koschmin eine alte Ansicht der Stadt 
Koschmin (Phot. aus der Pfarrkirche in Koschmin). — Ferner von den 
Herren Kaufmann H. G rüder in Posen 3 Entwürfe zum Denkmal des 
Kaisers Friedrich (Photograph.) — Probst v. Jackowski in Gostyn: 
24 Lichtbilder mit Ansichten der Pfarrkirche zu Gostyn. — Geheimrat 
Skladny in Posen verschiedene Bilder. 

B. Für das Archiv: 

Vom Herrn Rittergutsbesitzer O. Friedrich in Posen: Immatri- 
kulations - Urkunde des Johannes Theophilus Friedrich Lissanus» 
Göttingen 1812. 



Historische Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 21. April 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant „Wilhelma% 

Wilhelmstrasse 7 

Monatssitzung. 

Tagesordnung: 1) Professor Dr. Rummler: Aus dem Gnesener Benificial- 
buch des Johannes a Lasco. 2) Oberlehrer Behrens : Die neuesten Karten 
über die Provinz Posen. 3) Dr. Kremmer: Vorlegung neu erschienener 
Heimatskunden der Provinz Posen. 4) Archivrat Dr. Warschauer: Ein 
humoristisches Gedicht über die Stadt Posen von 1803. 

Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 




HISTORISCHE^^ 
MONFlTSBLflTTER 

^i=£!^=- für die Provinz Posen 



Jahrgang IV 



Posen. Mai 1Q03 



Mr. 5 



Kleinwächter H., Aus einer Wollsteiner Kirchenchronik S. 65. 
Litterarische Mitteilungen S. 74. — Geschäftliches S. 79. 



Aus einer Wollsteiner Kirchenchronik, 

Von 
H. Kleinwächter. 




as Verdienst, eine „Geschichte der evangelisch-luthe- 
rischen Gemeinde und Kirche in Wollstein" nieder- 
geschrieben und in einer von fremder Hand ge- 
fertigten Abschrift der Nachwelt hinterlassen zu haben, hat sich 
der langjährige Pfarrer dieser Gemeinde, der zu seiner Zeit 
wohlbekannte Superintendent und Pfarrer Heinrich Gerlach er- 
worben, der am 18. September 1870 sein segensreiches Leben 
in einem Alter von 71 Jahren beschloss. Sein lebhaftes In- 
teresse für die Wollsteiner Gemeinde erklärt sich nicht bloss aus 
seiner 45 jährigen Amtswirksamkeit in ihr; Wollstein war auch 
die Stätte seiner Geburt und der Herd seines Jugendlebens, denn 
schon sein Vater Christian Gotthold Gerlach bekleidete hier 
durch 37 Jahre, nämlich von 1787 bis 1824, das Amt eines 
evangelischen Predigers. Rechnet man die Amtsjahre Heinrich 
Möllingers, des Schwiegersohnes von Heinrich Gerlach (von 1872 
bis 1885) hinzu, so ergiebt sich ein Zeitraum von nahezu 
100 Jahren, in welchem die Familie Gerlach den Predigtstuhl 
in Wollstein innegehabt hat. 

Aus welchen Quellen hat nun Heinrich Gerlach geschöpft? 
Einige wenige Urkunden waren noch aus älterer Zeit vorhanden. 
Ferner hatte der Pastor Matthäus Weber in seinem „Hauptbuch 

5 



66 



der Getauften" von 1652 — 1671 Nachrichten über Wollsteiner 
Geschehnisse aufgezeichnet, wogegen seine Amtsnachfolger diesem 
früher allgemeinen Brauche, in die Kirchenbücher wichtige Er- 
eignisse einzutragen, nicht mehr gefolgt waren. Erst vom 
Jahre 1718 an öffnet sich dem Chronisten ein neuer Quell. In 
diesem Jahre übernahm Christoph Geisler das Pfarramt. „Von 
demselben", schreibt Gerlach, „besitzen wir einen kostbaren 
Nachlass denkwürdiger Nachrichten, die er von Jahr zu Jahr 
niedergeschrieben hat." Sie füllen den Zeitraum von 1718 
bis 1747. Der Pastor Gottfried Nickisch setzte diese Mittei- 
lungen nur bis zum Jahre 1754 fort, sodass Gerlach von da an 
selbst forschen und sammeln musste. Er versichert uns aber 
also: „Schreiber dieses glaubt in Nachfolgendem alles zugeben, 
was sich als historisch gewisse Nachricht über die die hiesige 
evangelische Kirche und Gemeinde betreffenden Ereignisse der 
folgenden Jahre aus den wenigen vorhandenen Schriften, aus den 
Kirchenbüchern u. s. w., wenn auch mit grosser Mühe, sammeln 
lässt." Zuletzt konnte er aus den Erlebnissen des eigenen 
Amtslebens schöpfen. Leider schliesst das Werk aber bereits 
mit dem Jahre 1839 förmlich ab, und es ist nicht bekannt, ob 
auch aus den folgenden 30 Amtsjahren des Verfassers noch 
irgendwo Niederschriften vorhanden sind. 

Es kann nun nicht unsere Aufgabe sein, eine vollständige 
Geschichte der evangelischen Gemeinde in Wollstein hier wieder- 
zugeben, über den Extrakt noch einen Aufguss zu machen, 
umsoweniger als diese Aufgabe bereits' durch Albert Werner . in 
seinem verdienstvollen Werke „Die evangelischen Parochien in 
der Provinz Posen" gelöst ist. Auch trägt die vorliegende 
Chronik wesentlich lokalen Charakter und enthält nichts, was für 
den grossen Gang der Weltgeschichte oder auch bloss unserer 
Landesgeschichte, die sich allerdings stets aus kleinen Zügen zu 
einem grossen Ganzen kristallisiert, massgebend wäre oder auf- 
hellend wirkte. Vielmehr sollen neben einer kurzen Übersicht 
drei Begebenheiten durch wörtliche Wiedergabe herausgehoben 
werden. 

Das Pfarrsystem Wollstein gehört zu den älteren der Pro- 
vinz, da es wohl mit Recht als ums Jahr 1600 gegründet in 
dem Wernerschen Buche angegeben wird. Dass dort im Jahre 
1612 ein evangelischer Prediger angestellt war, geht aus einer 
Anlage zu einer Visitationsverhandlung vom Jahre 1777 hervor. 
Thomas (Altes und Neues) lässt die Reihe der Wollsteiner Geist- 
lichen mit M. Joh. Straus 1642 beginnen. Aus der Einschrift 
eines Wollsteiner Bürgers in sein Gebetbuch geht hervor, dass 
derselbe am 28. November nach 24 jähriger Amtstätigkeit ge- 
storben ist. Auch ist zu bemerken, dass es damals in Wollstein 



67 



zwei Prediger, einen deutschen und einen polnischen, gab; denn 
am 15. April 1652 wird das Verhältnis zwischen beiden so ge- 
ordnet, dass dieser von der Herrschaft, dagegen der deutsche 
Prediger von der Gemeinde zu unterhalten ist. In diesem Jahre, 
am 31. März, wurde die Kirche durch die bei Priment zu- 
sammengezogenen Truppen der Konföderierten arg verwüstet, und 
erst im Jahre 1660 am 20. April wurde der Pastor Matthäus 
Weber, welcher mit den Gemeindegliedern geflohen war, wieder 
in sein Amt durch den Grundherrn Peter von Powodowski 
eingeführt und der Gottesdienst am folgenden Tage mit zwei 
Predigten wieder begonnen. Das Gotteshaus konnte aber nur 
mit Hülfe auswärtiger Glaubensgenossen wiederhergestellt werden, 
wozu eine Kollektenreise durch zwei Bürger nach Fraustadt, 
Glogau und das Fürstentum Liegnitz, später auch nach ZüUichau, 
Crossen u. s. w., unternommen wurde. 

Ein schreckliches Erlebnis wird uns aus der Zeit der Amts- 
führung Samuel Wittkes mitgeteilt, und zwar aus dessen in den 
Händen seiner Nachkommen befindlichen Nachlasse. 

„Am zweiten Pfingstfeiertage 1684 am 22. Mai des Nachts 
gegen ein Uhr klopft ein der deutschen Sprache ganz kundiger 
Mann, nachdem er den Zaun vor dem Pfarrhause überstiegen 
und die Tür desselben von innen aufgeriegelt hat, heftig an die 
Haustür und bittet, da er von innen nach seinem Begehren ge- 
fragt wird, sehr dringend, der Pfarrer möchte eilend die plötzlich 
krank gewordene Frau Pietsch besuchen. Es wurde demselben 
hierauf, da man nichts Arges vermutete, das Haus geöffnet, aber 
wunderbarer Weise sein sofortiges Eintreten in die Stube ver- 
hindert. Als nun die Person, welche die Haustür geöffnet, den 
Pfarrer, der in der Nebenstube schlief, geweckt hatte und im 
Begriff ist, jenem Manne Bescheid zu geben, wird sie im Haus- 
flur mehrere mit Schiessgewehr und Säbeln bewaffnete Männer 
gewahr. Es gelingt ihr, die Stubentür wieder zu verriegeln und 
dem Pfarrer hiervon Nachricht zu geben. Ehe derselbe aber sich 
völlig ankleiden kann, wird die Stubentür schon von jenen Be- 
waffneten erbrochen. Der Pfarrer versuchte es, durch die Hinter- 
■tür zu entfliehen, wird aber von andern, die durch den Gang 
meben dem Hause in den Hof gedrungen waren, in demselben 
ergriffen, nach kurzer Gegenwehr festgenommen und, nachdem 
die in die Stube gedrungenen Personen die hintere Haustür ge- 
öffnet hatten, bei den Haaren auf der Erde hin durch das Haus 
auf die Strasse geschleppt. Er hatte nur die Beinkleider an- 
ziehen können, und war übrigens im blossen Hemde und bar- 
luss. Auf der Strasse riss man ihm das Hemde ab und zerhieb 
ihn mit Peitschen dermassen, dass er hätte des Todes sein 
mögen. Auf der Strasse standen mehrere Reitpferde. Man hob 

5* 



68 



den Pfarrer auf das eine und versuchte es, ihn auf demselben 
rückHngs so zu befestigen, dass man seine Füsse an des Pferdes 
Vorderfüsse und seinen Kopf an des Pferdes Schweif band. Als 
man eben hiermit fertig war, gelang es dem Pfarrer mit grosser 
Kraftanstrengung, den rechten Fuss, die rechte Hand und dann 
auch das Haupt sich frei zu machen. Hierdurch wurde das 
Pferd scheu gemacht und warf ihn nun völlig zu Boden. 
Hierüber erbittert griffen ihn die Verfolger bei den Haaren, rissen 
ihn auf der Erde hin und her, stopften ihm Sand in den Mund 
und die Augen, zerschlugen ihn besonders im Gesichte sehr 
heftig. Den oben angegebenen Versuch, den Pfarrer auf ein 
Pferd zu binden, wiederholten die Verfolger bis zur Nelker 
Wassermühle in Zeit von einer Stunde wenigstens zehn mal. 
Jedesmal wurde der Pfarrer wunderbar gestärkt, sich wieder los 
zu machen, wobei aber die erwähnten Misshandlungen immer 
wiederholt wurden. Da nun die Absicht der Feinde, den Pfarrer 
auf diese Weise zu Pferde fortzubringen, nicht gelang, so 
nahmen ihn nun zwei Reiter zwischen ihre Pferde, wanden sich, 
seine Haare um die Hand und schleppten ihn so, da er kaum 
noch gehen konnte, über die Brücke durch das Wasser und 
durch alle Pfützen hindurch, mit steten Misshandlungen, sodass 
sie ihn bald halb zur Erde fallen Hessen, bald wieder empor- 
rissen, den Berg hinan bis auf den Kielpiner Weg. Hier schienen 
sie zu merken, dass ihnen von der Stadt aus nachgesetzt würde,., 
hielten an und schienen eine Weile zweifelhaft, ob sie den 
Pfarrer töten sollten. Sie setzten ihm bald die Säbel, bald das 
Schiessgewehr auf die Brust; endlich aber schlugen ihn mehrere 
mit starken Peitschen unaufhörlich und auf das heftigste nicht 
nur über den Rücken, sondern auch über die Brust und das 
Angesicht, und Hessen ihn so wie tot liegen. In diesem Zu- 
stande, dem rohen Fleisch gleich, fanden einige von der evange- 
lischen Gemeinde ihren Pfarrer und trugen ihn nach Hause 
zurück." 

War dieses ein Privatracheakt, so fehlte es in jener wüsten 
Zeit nicht an solchen harten Bedrückungen der evangelischen 
Gemeinde, die mit dem allgemeinen rechtlosen Zustande des 
Dissidententums in Zusammenhang standen. Kaum war im Jahre 1718 
der Pastor Christoph von Geisler ^) in sein Amt eingeführt, so 
erhob der Erbherr, Starost von Niegolewski, für seine nachträgliche 
Genehmigung eine Abgabe von 200 Speciestalern, und zwar 
binnen 24 Stunden zu erlegen, widrigenfalls die Kirche abge-^ 
nommen, der Pfarrer verjagt und das Pfarrhaus demoliert würde. 



1) Er stammte aus einem altadligen Geschlecht bei Sonnenburg 
in der Mark. 



69 



Die arme geängstete Gemeinde erhielt trotz vielen Bittens keine 
Ermässigung, sondern nur eine Aufschubfrist von 14 Tagen. Sie 
gaben nun das letzte hin und brachten mit Mühe 100 Taler 
und durch Hülfe des ihnen beistehenden benachbarten dissidentischen 
Adels, namentlich eines Herrn von Dziembowski, fernere 50 Taler 
zusammen. Den Rest deckten sie durch Versetzung des Altar- 
schmuckes, wodurch sie ein Darlehen von 50 Talern erhielten, 
während ein Fräulein von Luckin den Altar neu bekleidete. Das 
opferwillige Anerbieten des Pastors, sein Mobiliar zu ver- 
kaufen, wurde von der Gemeinde nicht angenommen. Am 
14. Dezember hatte der Kirchenvorstand aber die Freude, das 
Kirchengut wieder einlösen zu können. Ausserdem musste die 
Gemeinde auch an den katholischen Geistlichen für die Gestattung 
der Einführung ihres Pastors eine Abgabe entrichten. 

Eine merkwürdige Last wurde dem Pfarrer im Jahre 1725 auf- 
gelegt. In diesem Jahre herrschten in der Provinz starke Gewitter, 
Stürme und Erderschütterungen. In Posen stürzten 4 Türme 
€in, in der Dominikanerkirche wurde die Orgel zerschmettert. 
Um diese Schäden zu heilen, musste jeder evangelische Geistliche 
in einer grossen Stadt 20 Dukaten, in kleineren 10, in Dörfern 
€ und ein jeder Kantor 2 Dukaten entrichten. 

Im Jahre 1728 bestätigte die neue Grundherrschaft Gajewski 
die Privilegien für 3 Dukaten. Zehn Jahr später (1738) sollte 
die Gemeinde bei Gelegenheit einer Revision durch den bi- 
schöflichen Delegaten, den Archidiakonus Pawtowski, für Be- 
willigung ihrer eigenen Turmreparatur 50 Dukaten erlegen, und 
nur auf dringende Bitte wurde diese Abgabe auf 20 Dukaten 
ermässigt. Dafür mussten sie ausserdem Geschenke an die zahlreiche 
Begleitung des Visitators machen, bis zum Küchenjungen herab, 
und bei der Abreise verzehrte der Visitator ein ansehnliches 
Frühstück beim Pastor von Geisler. 

Im Jahre 1747 am 6. September starb der Pastor Christoph 
von Geisler und ward am 9. September bestattet, nachdem der 
Pleban für seine Bewilligung hierzu 6 Dukaten erhalten hatte. 
Für das feierliche Begräbnis, welches vier Wochen später erfolgte, 
empfing er dann nochmals 6 Dukaten. 

Auch für die Bestätigung des folgenden Pfarrers Gottfried 
Nickisch wurde eine Abgabe von 200 Dukaten, und zwar von 
Seiten des Grundherrn, verlangt. Man wollte aber keinen 
Präzedenzfall schaffen und fand sich mit einem Präsent ab, 
welches auch angenommen wurde, nämlich mit silbernem Gerät 
zur Ausschmückung der Tafel. Auch verging keine Woche, wie 
Nickisch schreibt, wo er nicht vom Pleban bedrückt wurde. Ja, 
«s zogen Geistliche im Lande umher, um die Evangelischen 
zu gewinnen, Hessen sich aber in Wollstein mit einem Species- 



70 



dukaten abfinden, bis der König von Preussen durch seine 
Intervention diesem Unwesen ein Ende machte. 

Gelegentlich merkt unser Chronist an, es scheine aus 
vorhandenen Papieren hervorzugehen, dass damals dem Pfarrer 
die Sorge für die Verwaltung des Kirchenvermögens fast garnicht 
obgelegen habe. Diese Beobachtung hat ihn nicht getäuscht. 
Von alten Zeiten her waren die Geistlichen nicht, wie es jetzt 
aligemein rechtens ist, Mitglieder, geschweige denn Vorsitzende 
des Kirchenvorstandes, und es erklären sich hieraus manche 
Reibungen zwischen Hirt und Herde, wie sie auch vereinzelt 
aus der Wollsteiner Gemeindegeschichte angemerkt werden. Im 
aligemeinen herrschte aber hier ein friedliches Verhältnis, wie 
überhaupt ein sittlicher Ernst, auch wurde • — es wird hier aus- 
drücklich bemerkt und an Beispielen nachgewiesen — gewissenhafte 
Kirchenzucht geübt. 

Lassen wir einmal den Chronisten selbst weiter reden. Er 
schreibt: „In den nachfolgenden Jahren hatten die Evangelischen 
des Landes durch die Teilnahme der in Bar geschlossenen 
Konföderation, die zum Teil auch den Zweck hatte, die den 
Dissidenten erteilte Gleichheit der Rechte wieder zu vernichten,, 
viel zu leiden. Namentlich musste auch die hiesige Gemeinde 
einer Abteilung der Konföderierten, die eine Zeitlang in Fraustadt 
ihren Sitz hatte, bedeutende Geldbeiträge liefern. Erst die 
historischen Ereignisse des Jahres 1772 brachten eine günstige 
Veränderung dieser Verhältnisse herbei. Hierbei darf nicht un- 
bemerkt gelassen werden, dass von der Zeit ab, wo die Familie 
Gajewski in Besitz der Herrschaft Wollstein gekommen, die Lage 
der Evangelischen eine günstigere war." 

Der Segen ruhiger Zeiten zeigte sich auch im Gemeinde- 
leben. Bereits am 22. Juli 1772 wurde eine Gemeindeordnung 
abgefasst. Im Jahre 1777 wurde eine Kirchenvisitation durch 
zwei Kommissarien des neugebildeten evangelisch-lutherischen 
Konsistoriums in Lissa, nämlich den General -Senior Daniel 
Fischer und einen Herrn von Lossow, in Wollstein abgehalten. 
Nach der kirchlichen Feier, bei welcher beide Visitatoren und 
der Pfarrer Ansprachen hielten, wurde die Revision der Kälte 
wegen in die Sakristei verlegt. Die kirchlichen Einkünfte wurden 
aus dem Ertrag des Klingelbeutels, der Stellenmiete, den Sportelrt 
und dem Gotteskasten festgesetzt. Ausserdem hatte jeder Bürger 
eine Quartalabgabe von 4 p. Gr. zu entrichten, wofür er eine 
freie Grabstelle auf dem Gottesacker erhielt. Die Gewerke 
wurden bei dieser Gelegenheit von der Verpflichtung, der Messe 
anzuwohnen, gegen eine Abgabe befreit. Bei einer Beschwerde- 
führung gegen den Pastor und gegen den Kantor, gegen jenen, 
dass er zu viel verreise, gegen diesen, dass er „zu viel Ferien 



71 



mache," konnten beide sich reinigen, jener damit, dass ledigHch 
die ihm vom Konsistorium übertragenen Amtsgeschäfte ihn der 
Gemeinde entzögen, dieser damit, dass der jährHche Umgang 
einen wesentlichen Teil seiner ihm zugesicherten Einkünfte bilde. 

Im Jahre 1777 wurde eine neue Orgel mit 8 klingenden 
Registern, einem Tremulanten und einem Glockenspiel angeschafft, 
1778 der Gemeinde eine jährliche Abgabe von 50 fl. an die 
„ Unionskasse " aufgelegt, 1780 ein paar Pauken geschenkt, auch 
das Gehalt des Pastors auf 240 fl. einschliesslich Holzgeld 
festgesetzt. 

Im Jahre 1778 starb der Pastor Nickisch. Mit seinen vielen 
anderweitigen Amtsgeschäften wird es entschuldigt, dass „die 
von ihm geführten Kirchenregister nicht die v/ünschenswerte 
Vollständigkeit besitzen." Seine genaue Kenntnis der Landes- 
gesetze und seine Gewandtheit in der polnischen Sprache war 
nämlich für die Kirchenbehörde Beweggrund, ihn vielfach bei 
Errichtung neuer Pfarrsysteme und auch sonst als Rechtsbeistand 
oder als Dolmetscher heranzuziehen. 

Mit dem Jahre 1789 beginnt nun die Amtswirksamkeit 
Christian Gotthold Gerlachs, des Vaters des Chronisten, dessen 
Jugendleben und Ausbildung, z. B. seine erste theologische 
Prüfung (damals tentamen genannt) vor dem Kreissenior Kopp in 
Karge, sowie seine Familienverhältnisse, der Sohn uns eingehend 
schildert, mit der bescheidenen Bitte, es mit seinem nahen Ver- 
wandschaftsverhältnis zu entschuldigen, wofür wir ihm aber im 
Gegenteil nur zu danken haben. Im Jahre 1806 hätte die 
Gemeinde diesen von ihr geliebten und verehrten Seelsorger 
durch einen Ruf nach Quaritz bei Glogau verloren, hätte er nicht 
ihren Bitten Gehör gegeben, die sie durch Erhöhung des festen 
Pfarrgehaltes von 40 auf 60 Taler bekräftigte. 

Das Jahr 1806 brachte mit der französischen Okkupation 
und Etablierung des Herzogtums Warschau auch nach Wollstein 
das dem Code Napoleon entnommene Civilstandsgesetz. Während 
in der Stadt die Geschäfte des „Civilbeamten" dem Bürgermeister 
übertragen wurden, überliess man sie für die eingepfarrte Land- 
bevölkerung dem Pastor, dem aber dies Amt nur Mühe und 
Arbeit brachte, wie es uns eingehend geschildert wird. 

„Der Pfarrer hat dies Amt wahrscheinlich gern übernommen, 
teils um den betreffenden Gemeindegliedern eine Erleichterung 
zu verschaffen, teils um ihre Verbindung mit der Kirche nicht 
loser werden zu lassen, aber es war dasselbe für ihn eine höchst 
drückende Last. Über jede Geburt, über jedes Aufgebot und 
jede Trauung, über jeden Sterbefall mussten Verhandlungen nach 
einem sehr weitläufigen Formulare aufgenommen, ins Polnische 
übersetzt und in beiden Sprachen in duplo in Reinschrift gebracht 



72 



werden. Da der Pfarrer der polnischen Sprache nicht kundig 
war, kostete ihm die Übersetzung, für welche ein Translateur 
(der Leinweber Wittke hierselbst) bestätigt war, mehr, als die 
betreffenden Gebühren eintrugen." 

In das Jahr 1810 fällt auch der grosse Brand, dem die 
Kirche zum Opfer fiel, wovon wir gleichfalls eine Beschreibung 
haben. Es war der 19. September. 

,,Um fünf Uhr des Nachmittags, nach einem warmen Tage, 
nachdem es wochenlang nicht geregnet hatte und daher die 
hölzernen, durchweg mit Schindeln gedeckten Häuser prassel- 
dürre waren, ertönte der Schreckensruf, und eine finstere Rauch- 
wolke, von dem östlichen Teile der Judenstrasse, wo dieselbe 
mit dem Markte zusammenstiess, ausgehend, und von dem ziem- 
lich starken Winde, der kurz vorher sich gewendet hatte und aus 
Nord-Ost kam, über die ganze Stadt getrieben, kündigte deutlich 
die grosse Gefahr an. Ein grosser Teil der Einwohner war 
teils verreist, besonders aber mit Kartoffelhacken u. s. w. auf 
den Feldern und in den Gärten zerstreut. Die Anwesenden 
eilten zur Löschung, aber in wenigen Minuten hatte die Flamme 
schon das Haus der Fleischerwittwe Ulbrich ergriffen, auf dessen 
Bodenraum viel Speck sich vorfand. Schrecklich war es zu 
sehen, wie die brennenden Speckseiten in der dicken finsteren 
Rauchwolke aufstiegen, über die ganze Stadt sich ausbreiteten 
und wie ein Feuerregen herniederfielen. Durch dieselben wurde 
zunächst die hinter dem Markte nach der Abendseite hin am 
See liegende Entengasse (jetzt Königsstrasse) und bald auch das 
Rathaus in Flammen gesetzt. Dem Bäckermeister Schulz gelang 
es kaum, die neue Feuerspritze aus dem Schuppen am Rathause 
zu retten. Der grösste Schlauch derselben verbrannte. 

An ein Löschen war nun nicht mehr zu denken. Alles 
lief der Habe derjenigen, die am meisten in Gefahr standen, 
und seiner eigenen zu. So m.usste nun die Flamme ruhig 
ihrem verheerenden Wüten überlassen werden, bis die Be- 
wohner der Umgegend stromv/eis zur Hülfe herbeieilten. Ihnen 
v/äre es mit Gottes Hülfe vielleicht gelungen, auf dem Punkte, 
v/o die Entengasse an die evangelische Kirchgasse anstiess und 
das Gürtlersche Querhaus und das Eckhaus der Witwe Zeidler 
stand, der Flamime Einhalt zu tun und dadurch die evangelische 
Kirche zu retten, wenn nicht der damalige Kommandant des Orts, 
von Schultz, durch törichtes Benehmen das Abdecken der ste- 
henden Häuser verhindert hätte. So verbreitete sich die Flamme, 
wiewohl der Wind ruhiger geworden zu sein schien, nach der 
evangelischen Kirche hin und in die Judengasse sogar gegen 
den Wind von Haus zu Haus. Es war ihm ein bestimmtes Ziel 
gesetzt. Es mochte gegen 7 Uhr des Abends sein, als auch die 



73 



-evangelische Kirche von den Hintergebäuden der benachbarten 
bürgerlichen Wohnhäuser durch die Flamme ergriffen wurde. 
Auf einmal brach die Flamme in Kirche und Turm durch und, 
als ob zwei starke Arme sie mit Ruck von innen ausgedeckt 
hätten, standen Kirche und Turm in einem Nu als ein brennendes 
Gerippe da. Noch einmal schlugen die Glocken gleichsam zum 
Abschiede in ergreifenden Tönen an, dann neigte sich der Turm 
ein wenig nach dem See zu und stürzte nun in sich selbst zu- 
gleich mit der Kirche in schrecklichem Krachen zusammen. Ein 
durchgreifender Wehschrei durchdrang die Luft, als die Flamme 
so plötzlich die Kirche ergriff, dann erfolgte eine tiefe Stille, 
und ein neuer Wehschrei rings um die Stadt her erhob sich, als 
das Gotteshaus zusammenstürzte, welches 168 Jahre zur Ehre 
Gottes und zum Segen der Gemeinde wunderbar erhalten worden 
war. Dem Schreiber dieses, der als elfjähriger Knabe Augen- 
und Ohrenzeuge von dem allen war, wird der Eindruck dieser 
schrecklichen Stunde nie verlöscht werden." 

Der Verfasser schildert dann weiter, wie auch der Turm 
der katholischen Kirche Feuer fing, die Kirche dagegen von den 
Flammen verschont blieb, ebenso das evangelische Pfarrhaus. 
Der Pfarrer selbst beteiligte sich, nachdem, er die Kirchenbücher 
in Sicherheit gebracht und seinem Sohne den strengsten Befehl 
gegeben hatte, sich nicht von denselben zu entfernen, mit 
grosser Anstrengung, und ohne Lebensgefahr zu scheuen, beim 
Löschen des Brandes. „Von 225 Häusern der Stadt blieben nur 
62 stehen, 164 aber wurden, wie die evangelische Kirche, der 
katholische Kirchturm, das Rathaus, die Synagoge und das 
städtische Brauhaus, in wenigen Stunden ein Raub der Flammen, 
die so verheerend gewirkt hatten, dass z. B. auf dem evan- 
gelischen Kirchplatze kaum eine Kohle und von dem ganzen 
Geläute nur ganz geringe Spuren zu finden waren." 

Der Gottesdienst der evangelischen Gemeinde wurde nun 
vorläufig mit Bewilligung des Grundherrn Adam von Gajev/ski 
in die Katharinenkirche verlegt. 

Im folgenden Jahre stand bereits ein neues, aber unschein- 
bares Bethaus an Stelle des abgebrannten, das nach sieben Jahren, 
also im Jahre 1818, von der Gemeinde, um ihrem aus Warmbrunn 
heimkehrenden Pastor eine Überraschung und Freude zu bereiten, 
innen ausgeweisst wurde. Es diente seinem Zwecke durch 
21 Jahre und v/urde erst im Jahre 1830, also bereits nach dem 
Ableben des Pfarrers Christian Gotthold Gerlach (f 2 I.Oktober 1824), 
durch einen Neubau ersetzt, dessen Ausführung dem Maurer- 
meister Rüdiger übertragen wurde. Die Einweihungsfeierlichkeit, 
an welcher unter anderen geladenen Ehrengästen auch der Land- 
rat Bitter teilnahm, sowie andere schon an die Neuzeit heran- 



74 



streifende Ereignisse, wie das Jubelfest am 25. Juni 1830„ 
welches der Chronist bereits aus eigner Erinnerung schildern 
konnte, seien hier kurz berührt. Auch hinsichtlich der Feststellung 
des Kirchenvermögens, der Reorganisation der Bürgerschule, des 
Neubaus eines Schulhauses genügt es, auf die sehr ins Einzelne 
gehenden Angaben des 174 Folioblätter füllenden vor uns 
liegenden Bandes hinzuweisen. 

Möchten die evangelischen Pfarrer als geborene Chronisten^ 
in die Fusstapfen Heinrich Gerlachs treten. Diesem auch von 
mir verehrten würdigen Manne bei dieser Gelegenheit ein an- 
spruchloses Ehrengedächtnis stiften zu können, hat mir zur Freude 
gereicht. 



Litterarische Mitteilungen. 

Jüdische Gemeindebilder aus der Provinz Posen. Bear- 
beitet und herausgegeben von Rabb. Dr. Keppner-Koschmin 
und Lehrer Herzberg-Bromberg. 

Unter diesem Titel sind im „Jeschurun, Organ für die 
geistigen und sozialen Interessen des Judentums", Posen, Jahr- 
gang 1901 S. 1115 ff., 1153 ff., 1295 ff., 1320 ff., 1352 ff.,. 
Jahrgang 1902 S. 78 ff., 107 ff., 126 ff., 371 ff., 410 ff.,. 
513 ff., 545 ff. fünf Darstellungen aus der Vergangenheit von. 
Posener israelitischen Gemeinden erschienen, und zwar über 
Pleschen, Schwersenz, Rakwitz, Samter und Schubin. Für diesen 
Teil der Landesgeschichte ist bisher wenig geschehen. Nur Posen ^),, 
Schneidemühl''^), Ostrowo^),Inowrazlaw'^) und neuerdings Bromberg^)^ 
haben eine zusammenhängende Darstellung gefunden. Um so dan- 
kenswerter ist die Aufgabe, die die Herausgeber sich gestellt haben, 
„ein Buch herauszugeben, das neben interessanten Mitteilungen 
aus der Geschichte der Juden des Landes Posen von der 
frühesten Zeit bis zur Gegenwart auch „„Jüdische Gemeinde- 
bilder aus der Provinz Posen"" darbieten soll." (Vorbemerkung).. 
Die Materialien zu diesem Buche, die durch Umfragen in den 
Gemeinden gewonnen werden sollten, sind spärlich eingelaufen;; 



1) I. Peries, Geschichte der Juden in Posen, Monatsschrift für 
Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Jahrgang XIII und XIV,, 
auch als S.-A. 

2) M. Brann, Geschichte des Rabbinats in Schneidemühl, Breslau 
1894 auch mit allgemein geschichtlichen Nachrichten. 

'■^) A. Freim.ann, Geschichte der jüdischen Gemeinde Ostrowo,. 
Ostrowo 1895. 

■*) L. Lewin, Geschichte der Juden in Inowrazlaw, Zeitschrift der 
Hist. Gesellsch. für die Prov. Posen, Jahrgang XV S. 43 ff. 

^) I. Herzberg, Gesch. der Juden in Bromberg, Frankf. a. M. 1903.. 



75 



die Herausgeber klagen darüber. Es wird so bald nicht erscheinen,, 
und eine Besprechung ist daher bereits jetzt am Platze, zumal 
da die Herausgeber um Berichtigungen und Ergänzungen dieser 
ihrer „Probe" bitten. 

Die Mitteilungen zu den Gemeindebildern stammen von 
verschiedenen Seiten und sind dementsprechend von verschie- 
denem Werte. Ein Irrtum der Herausgeber aber ist es, zu 
glauben, dass sie auf diesem Wege ein für die Geschichte der 
Juden im Posenschen wertvolles Buch zu stände bringen werden.. 
Die wichtigsten Quellen dazu müssen in den Archiven, besonders 
dem Staatsarchive in Posen, in welchem jüdische Gemeinden, 
ebenfalls Akten deponirt haben, teilweise auch in denjenigen zu 
Berhn und Breslau, gesucht werden. Diesen Mangel lassen auch 
die Gemeindebilder sofort erkennen. Auch die gedruckte Litte- 
ratur ist nicht vollständig herangezogen worden. 

Im einzelnen sei bemerkt: Für PI eschen, das erst mit dem 
Beginne des 19. Jahrhunderts Juden aufweist (ein südpreussisches 
Gericht in Kaiisch ist 1815 unmöglich) wäre über Bewegung der 
Bevölkerung und Steuerverhältnisse in den Gemeindeakten wohl 
mehr zu finden gewesen. Rabbiner Elia Gutmacher, eine weit 
und breit verehrte Erscheinung, ist Verfasser von vier Ab- 
handlungen und Werken und von Rechtsgutachten, auch hat er 
mehrfach Approbationen erteilt. Dr. Silberberg ist Empfänger 
des Rechtsgutachtens Nr. 6 in den Responsen Matteh Lewl 
(Frankfurt a. M. 1891). Die Schriften des Dr. Klein, der später 
Landesrabbiner in Lippe-Detmold zu Lemgo war, sind in Lippes 
bibliographischem Lexikon zusammengetragen. Reichlicher ist 
Schwersenz bedacht. Über den Streit der Gemeinde mit der 
Posener ist in diesen Blättern (III S. 43 f.) etwas veröffentlicht 
worden, über Schulden in der Zeitschrift der Historischen Ge- 
sellschaft II S. 249, über Beziehungen zur Grundherrschaft und 
das Gemeindearchiv durch Warschauer, Städtische Archive 
S. 256 f. Der Ausdruck „ewige Schuld" stammt nicht von den, 
Schuldnern, sondern von den Gläubigern und kommt bei Auf- 
legung dieser Art von Lasten vor. Die grosse Lücke in der 
Reihe der Rabbiner kann teilweise ausgefüllt werden durch Mose 
Meir (1689 oder kurz zuvor), Meir (vor 1717), Avigdor (1729),, 
Elieser Leiser (1752), Jehuda Loeb (kurz vor 1776), Salomo 
Mona oder Muna (Zeit unbestimmt), Aron (gegen Ende des 
18. Jahrhunderts). Über Eljakim Goetz und Gelehrte der Gemeinde- 
ist mehr bekannt. Jehuda Loeb ben Hilleis (1693) Werk ist ins La- 
teinische übersetzt worden. Die Daten über Tiktin sind ungenau,, 
sein Vater (Haupt einer Lehranstalt in Schwersenz) nicht erwähnt. 
Statt Vier-Städte-Synode muss es Vier-Länder-Synode heissen. 
Dr. Lev/ysohns Schriften sind bei Lippe zu finden, ebenso die- 



76 



jenigen seines Bruders. Das Synagogenbuch der Posener „neuen 
Synagoge" erwähnt einen Schwersenzer, der kurz nach 1600 
gelebt hat. Für Rakwitz, in welchem Juden zuerst 1780 ge- 
nannt werden, ist das Gemeindearchiv ausgiebig benutzt worden. 
Rakwitz gehörte 1812 zum Herzogtum Warschau, daher die 
Rekrutensteuer, die freilich 1815 im Posenschen beibehalten 
wurde. „Iranoth" ist Einbürgerungsgeld. Von den genannten 
Rabbinern sind Nr. 1, 2, 4, 6, 7 Grätzer, 3 Akiba Eger, 5 der- 
jenige in Wollstein Samuel Sanvel. In Samter (ausschHessHch 
der deutsche Ortsname war in Gebrauch) wurde 1789 an den 
Schlossherrn vom Tuchhandel Zins gezahlt. 1843 scheint die 
Gemeinde entweder nicht reich oder nicht gross gewesen zu 
sein, sie zahlt nur 131 Thlr. Rekrutengeld. Über jüdische 
Schulen 1830 siehe Warschauer, Zeitschrift für die Geschichte 
der Juden in Deutschland III S. 53. Der erste bekannt ge- 
wordene Rabbiner ist Isaak Benjamin Wolf (vor 1681), sodann 
Rabbiner der Mark, eine talmudische Lehrschule hatte 1672 
in S. Eljakim Götz, später Rabbiner in Schwersenz und Hildes- 
heim. Die Reihenfolge der Rabbiner ist: Karo (1730), Lesel 
(1735), Katzenellenbogen, Mose Aschkanasi (1775), Koschmann 
(vor Passah 1779, Pos. Kscherimbuch 387 a), Feibeimann 
(war 1804 noch Assessor in Lissa). Gabriel Katz ist Verfasser 
des Kommentars zum Buche Ruth „Peduth Israel", Krotoschin 
1853. Die Nachrichten aus ältester Zeit in Schubin hätten durch 
aus der Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen VII S. 258, 261 und VIII S. 173 ergänzt und be- 
richtigt werden können. Der älteste Rabbiner ist nicht „in Ver- 
gessenheit geraten", sondern der als Empfänger eines Respon- 
sums seines Freundes Akiba Eger bekannte Mose. Dasselbe ist 
von dem dritten, Nathan, und von dem Gelehrten, Samuel, zu 
sagen. Dr. Mielziner ist Professor am Hebrew Union College, 
einer israelitisch-theologischen Lehranstalt in Cincinnati. Über 
ihn und seine wissenschaftliche Tätigkeit war Lippes Lexikon zu 
vergleichen. Er ist Verfasser einer „Einleitung in den Talmud." 
Eine Fortsetzung der „Gemeindebilder" mit vertieftem und 
erweitertem Inhalte ist sehr wünschenswert, ebenso das Erscheinen 
des angekündigten Buches. L. Lewin. 

Nowe pr^dy polskie i antypolskie pod rzqdem pruskim 
(unterzeichnet Poznanczyk. Aus der Biblioteka Warszawska 
1903, Januarheft.) 

Neue polnische und antipolnische Strömungen unter 
der preussischen Regierung (unterzeichnet: ein Posener.) 

Der Kampf, der sich in den letzten Jahren zwischen der 
deutschen und polnischen Bevölkerung unserer Provinz immer 
lebhafter entwickelt hat, veranlasst den Verfasser zum Nachdenken 



77 



darüber, wie der polnisch sprechende Teil der Einwohner wei- 
teren Einwirkungen in seine nationalen Eigenheiten entgegentreten 
soll, und ob er diesen Kampf mit Aussicht auf Erfolg durch- 
zuführen imstande ist. Der Gedankengang lässt sich wesentlich 
in folgendem zusammenfassen. 

Die Regierung lässt alle Vorteile, die sie zu vergeben hat, 
ausschliesslich den Deutschen zufliessen. Dies allein aber dürfte 
nicht sehr ins Gewicht fallen, da die Polen, auf die eigne Kraft 
angewiesen, sich dann nach allen Richtungen hin zu entfalten 
gezwungen sind. Das noch junge polnische Gewerbe, der 
Handel, die Landwirtschaft, der Stand der Ärzte und Rechts- 
anwälte bietet ihnen ein ausgedehntes Feld unabhängiger Tä- 
tigkeit. Sie können ihre Lebenskraft ungestört entwickeln. Der 
Zuwachs der polnischen Bevölkerung ist ja sogar stärker als der 
der deutschen. Hierzu kommt der wunderliche Umstand, dass 
die Regierung selbst durch das Ansiedelungsgesetz eine Art 
Prämie für die Auswanderung der Deutschen zahlt. Das klingt 
zwar sonderbar, ist aber so. Der einst massige Preis des Bodens 
ist infolge der Ausführung dieses Gesetzes schnell empor- 
geschnellt. Der deutsche Besitzer, der früher Land für billigen 
Preis erstanden hat und daraus bei schwerer Arbeit einen 
massigen Gewinn zieht, hält es für vorteilhafter, es für schweres 
Geld zu verkaufen und anderswo bequem von reichen Zinsen 
zu leben. Also die Gefahr, dass Posen seine polnische Be- 
völkerung verliert, ist nicht gross. Dagegen ist die Befürchtung 
nicht von der Hand zu weisen, dass die Polen, die gezwungen 
sind, für ihre materielle Existenz alle Kräfte anzustrengen, ihren 
inneren Kulturwert verlieren. 

Dagegen müssen alle zulässigen Kampfmittel ins Feld ge- 
führt werden. Das hervorragendste unter ihnen ist die Presse;, 
aber nicht die Presse, welche nur den Ruhm des Skribenten und 
den Vorteil der „Macher" im Auge hat; nein, die Presse, welche 
des Volkes Sprache redet, seine Not, seine Wünsche, seine 
Ungeduld kennt; mit einem Wort: eine Presse, die nicht un- 
gelesen bleibt, und die dem Leser zum vollen Bewusstsein bringt, 
dass man über Polen das requiem anzustimmen durchaus noch 
nicht berechtigt ist. 

Ein anderes Mittel ist das der Belehrung und Erziehung 
des Volkes durch ausgedehnte Vereine. Und dieser Mühewaltung 
müssten sich alle verständigen Männer von besserer Bildung mit 
Selbstlosigkeit unterziehen. 

Was den sogenannten Hakatismus betrifft, so darf er insofern j, 
als er nur die Moral der deutschen Bevölkerung zu untergraben 
geeignet ist, als ein gefährlicher Feind nicht angesehen werden. 
Das polnische Volk ist kräftig und lebendig genug, um auch 



78 



dieser unmoralischen Erscheinung gegenüber Stand zu halten. 
Erst dann droht ernste Gefahr, wenn die Regierung auf dem 
Wege der Gesetzgebung Mittel finden sollte, Unrecht als Recht 
walten zu lassen. A. Skladny. 

Tetzner, Dr. Franz. Die Slaven in Deutschland. Braun- 
schweig. Vieweg und Sohn. 1902. 

Auf Grund eigener Reisen und unter grosser Benutzung 
des schon vorliegenden gedruckten Materials will der Verfasser 
eine kurze Darstellung des Slaventums in Deutschland geben. 
Nach einer Einleitung über die Ausbreitung der slavischen Völker- 
stämme im Deutschen Reiche behandelt er nach einander in 
ausführlicher Weise die Preussen, Lithauer, Kuren und Letten, 
Masuren, Philipponen, Tschechen, Mähren, Sorben, Polaben, 
Slowingen, Kaschuben und Polen. Nach einer jedesmaligen 
Übersicht über die von ihm benutzte Litteratur schildert er nun 
in kurzem. Umriss die Geschichte der einzelnen Stämme, ihre 
Dichtung und Sprache, einzelne hervorragende Dichter oder Pre- 
diger, ihre Siedelungen, die Art ihres Hausbaues, ihre Kleidung 
und Gerätschaften, ihre Gebräuche bei Hochzeiten, Taufen oder 
Todesfällen, zieht auch wohl Vergleiche zwischen der jetzigen 
Kulturstufe, namentlich in Bezug auf Beherrschung der deutschen 
Sprache, mit früheren Zeiten. 

Photographische Abbildungen, Karten, Nachbildungen von 
Dachverzierungen, Proben von Gedichten in der Volkssprache 
dienen zur Vervollständigung und zur besseren Veranschaulichung 
des Gesagten. 

Da, wo der Verfasser seine eigenen Erlebnisse erzählt, ist 
das Buch angenehm und fesselnd zu lesen, sonst macht sich oft 
eine Wiederholung ermüdend geltend, was ja bei der jedesmaligen 
gleichen Anlage der Behandlung der einzelnen Abschnitte nicht 
oder wenigstens sehr schwer zu vermeiden war. 

Uns interessieren natürHch in erster Linie die Ansichten 
des Verfassers über die Polen. 

Hier hat er neben eigener Anschauung die gebräuchlichsten 
Werke über Posen, Westpreussen und Schlesien benutzt. Er be- 
handelt zuerst das Sprachgebiet, gibt eine dankenswerte Statistik 
über den Prozentsatz der polnischen Bevölkerung in den ein- 
zelnen Kreisen unserer Provinz, geht kurz auf die bäuerlichen 
Verhältnisse ein, verweilt länger bei der Sachsengängerei, für die 
er einzelne Beispiele und ganz fesselnde Darstellungen von dem 
Treiben in Wilhelmsbrück und Kattowitz gibt, und streift in einem 
Jetzten Abschnitte die Bestrebungen der Ansiedelungskommission. 

Ein zweiter Abschnitt behandelt die Geschichte und Kultur- 
geschichte. Er berührt die Holländereien, gibt Lageplan und 
-Abbildung polnischer Gehöfte, Bamberger und Sokoltracht. 



79 



Im dritten Abschnitte behandelt er dlQ Sitten und Ge- 
"brauche, den polnischen Tanz, die Hochzeiten, Kindtaufen, Be- 
gräbnisse, die Feier des Osterfestes, Johannisabends und Ernte- 
festes. Etwas über Götter und Geister, über Lieder und Sprüch- 
wörter füllen die beiden nächsten Abschnitte, während ein letzter 
dem polnischen Vater Unser gewidmet ist. G. Kupke. 



Geschäftliches 

I der „Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen.' 



Chronik. 

In der Monatssitzung am 11. November 1902 erstattete Geh. 
Archivrat Dr. Prümers seinen Bericht über die General-Versammlung des 
Gesamtvereins der deutschen Geschichts- uud Altertumvereine ab, die vom 
23. bis 26. September in Düsseldorf getagt, und an der er als Vertreter 
unserer Gesellschaft teilgenommen hatte. 

Archivrat Dr. Warschauer legte darauf eine neu aufgefundene 
alte Handschrift vor und zwar, wie sich bei näherer Untersuchung heraus- 
gestellt hat, einen neuen Band der Historisch-statistisch-topographischen 
Beschreibung von Südpreussen und Neu-Ostpreussen, deren erster Band, 
der im Jahre 1798 erschienen war, das Material für Südpreussen brachte, 
während der zweite Band, der nicht zum Druck gekommen ist, Neu- 
Ostpreussen behandelt. 

Sitzung vom 9. Dezember 1902. Gymnasial-Oberlehrer Dr. Erich 
Schmidt aus Bromberg gab einen Überblick über seine neuesten For- 
schungen bezüglich der Holländereien in der Provinz Posen. Auch er 
entscheidet sich auf Grund des archivalischen Materials für die Form 
.„Holländerei". Holländer haben die ersten derartigen Dörfer in West- 
preussen gegründet, das beweisen schon die Vornamen der ersten An- 
siedler, wie Adrian und Cornelis. Von dort aus sind zunächst Dörfer im 
Posenschen angelegt. 

Archivrat Dr. Warschauer macht sodann auf die im Jahre 1801 
veröffentlichte Historisch-statistische Beschreibung des Kreises Meseritz 
aufmerksam, die im VIII. Bande der „Allgemeinen geographischen Ephe- 
tneriden" abgedruckt ist. Der nicht genannte Verfasser bringt ziemlich 
ausführliche Nachrichten. 

Die Sitzung vom 26. Januar 1903 wurde in gewohnter Weise zur 
Vorlegung und Besprechung einer Anzahl wichtiger Neuerscheinungen auf 
dem Gebiete der Posener Landesgeschichte benutzt. 

Besprochen wurden Piekosinski, Wybör zapisek s^dowych grodz- 
kich i ziemskich wielkopolskich z XV "wieku I 1 durch Archivrat 
Dr. Warschauer, Ulanowski, Akta kapitul i s^döw biskupskich II durch 
Professor Dr. Rummler, Dalton, Daniel Ernst Jablonski, durch Super- 
intendenten Klein Wächter, Boguslawski, 85 Jahre preussischer Re- 
gierungspolitik in Posen und Westpreussen von 1815 — 1900 und Jan- 
kowski, Szescset lat stosunköw polsko-pruskich durch Geheimrat 
Skladny, Tetzner, Slaven in Deutschland, durch Dr. L. Wegner. 

Sitzung vom 11. Februar 1903. Satzungsgemäss findet alljährlich 
im Februar die General-Versammlung statt. In ihr wurde zunächst 
die Rechnung für das abgelaufene Jahr vorgelegt, und dem Schatzmeister 
die Entlastung erteilt. Der von dem Archivrat Dr. Warschauer er- 



80 



stattete Jahresbericht findet sich im Aprilhefte dieser Blätter abgedruckte 
Geheimrat Skladny berichtete über die Vermehrung der Sammlungen. 

Nach den neuen Satzungen der Gesellschaft mussten drei Mit- 
glieder des Vorstandes ausscheiden. Das Los traf Archivrat Dr. War- 
schauer, Oberlandesgerichtsrat Martell, Gymnasialdirektor Dr. Friebe. 
Sie wurden sämtlich wiedergewählt und nahmen die Wahl an, ebenso 
die zu Rechnungsprüfern Wiedergewählten, Eisenbahnbetriebskontrolleur 
Striegan, Kaufmann Licht und Kaufmann Schroepfer. 

Den wissenschaftlichen Vortrag des Abends hielt Dr. Laubert,, 
der sich schon seit längerer Zeit mit eingehenden Studien über die Ver- 
waltungsgeschichte der Provinz Posen beschäftigt, über den ersten Po- 
sener Provinziallandtag im Jahre 1827, und als Abschluss brachte 
dann Archivrat Dr. Warschauer einen Fastnachtsscherz vom Jahre 1653 
aus der Fleischerzunft in Breslau zum Vortrag, der in einer Fraustädter 
Chronik eingetragen ist. 

In der Sitzung am 10. März 1903 sprach Licentiat Pastor 
Dr. Wotschke aus Ostrowo über die Reformation in der Provinz 
Posen bis zum Jahre 1548. Es ist dem Vortragenden gelungen, sehr 
viel neues Material zur Posener Reformationsgeschichte hauptsächlich aus 
dem Kgl. Staatsarchive zu Königsberg zusammenbringen. Teilweise hat 
er dies schon in seiner Arbeit über Andreas Samuel und Johann Se- 
klucyan in Jahrgang XVII unserer Zeitschrift verwertet, ein anderer dem- 
nächst erscheinender Teil wird ganz neues Licht auf die Tätigkeit des- 
Posener Predigers Eustachius Trepka werfen. 

Die Sitzung vom 21. April 1903 gab nochmals Anlass zur Be- 
sprechung von Büchern und Karten, die für unsere Provinz von Interesse 
sind. Professor Dr. Rummler gab eine Übersicht über den Inhalt des 
Liber beneficiorum des Johann a Lasko und zeigte, wie das Buch 
reiches Material namentlich für die V/irtschaftgeschichte bietet. Der Vor- 
trag wird demnächst veröffentlicht werden. Oberlehrer Behrens legte 
die neue Reimannsche Karte von Deutschland vor, deren Vorzüge er 
rühmend anerkannte. Oberlehrer Dr. Kremmer besprach einige zwanzig 
Heimatskunden der Posener Kreise, die im Verlage von Friedrich Ebbecke 
zu Lissa i. P. erschienen sind. 

Endlich trug Archivrat Dr Warschauer ein humoristisches 
Gedicht über Posen vor, welches als Antwort auf ein Klagelied 
V. Helds, der als Gefangener in der Festung Colberg inhaftiert war, iit 
der Südpreussischen Monatsschrift von 1803 erschien. Prümers. 



Kistorlsciie Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 12. Mai 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant ,Wilhelma% 

Wilhelmstras"se 7 

Monatssitzung. 

Tagesordnung: Archivdirektor Geheimrat Dr. Prümers: Zur hundert- 
jährigen Erinnerung an den grossen Brand in der Stadt Posen im Jahre 1803, 

Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg^ 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





MISTORlSCliE 
MOriHTSBLÄTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang IV 



Posen, Juni 1903 



Nr. 6 



Warschauer, A., Historische Beiträge zur Wiederherstellungsfrage des 
Posener Rathauses S. 81. — Landsberger, J., Dr. phil., Förderung 
der Emancipation der südpreussischen Juden durch die Regierung S. 87. — 
Litterarische Mitteilungen S. 93. — Nachrichten S. 95. 

Historische Beiträge 
zyr Wiederherstellungsfrage des Posener Rathauses. 

Von 
A. Warschauer. 

L 

Die bisherigen fünf grossen Wiederherstellungen des Rat- 
hauses. — Die technischen Vorarbeiten der jetzigen Wieder- 
herstellung. — Historische Quellen: Stadtrechnungen. — 
Baukontrakte. — Visionen. — Bilder. — Material aus 
preussischer Zeit. 

as sechste Mal nimmt, so weit wir nach unserer Über- 
lieferung beurteilen können, die Bürgerschaft der Stadt 
Posen eine Erneuerung ihres alten Rathauses in Angriff. 
Seine Grundvesten stammen aus den ersten Jahren 
des 14. Jahrhunderts, so dass wir zugleich mit dem Abschluss 
der Renovierung das 600 jährige Jubiläum des ehrwürdigen Hauses 
feiern könnten. Der erste Umbau, von welchem wir wissen, 
erfolgte im Jahre 1508 und machte aus dem frühgotischen Kern 
des Gebäudes einen spätgotischen Bau, dessen charakteristische 
Eigentümlichkeiten wir noch heute an den Blenden des Turmes 
und an einigen Türumrahmungen erkennen können. Diesen 
kleinen Bau, dessen Umfang etwa nur die Hälfte unseres heutigen 
Rathauses betrug, traf am 2. Mai 1536 bei einer gewaltigen 
Feuersbrunst, welche die halbe Stadt in Asche legte, das Unglück, 




82 



dass sein Turm, von der Flamme ergriffen, Risse bekam und 
sich nach Westen hinüber neigte. Um den Turm zu retten und 
wiederherzustellen, hat man in dem Jahrzehnt darauf mancherlei 
Reparaturen vorgenommen, bis man sich endlich im Jahre 1550 
zu einem grossartigen Erweiterungs- und Erneuerungsbau ent- 
schloss. Dieser — unserer Überlieferung nach — der zweite 
grosse Umbau des Rathauses, weicher in das Jahrzehnt 
1550 — 60 fällt und besonders von italienischen Baumeistern unter 
Führung des Giovanni Battista di Quadro aus Lugano ausgeführt 
wurde, fügte dem alten Bau einen grossen Anbau nach Westen 
(also in der Richtung des jetzigen Stadthauses) zu und legte ihm 
nach Osten die Loggienfront vor. Er verwandelte mit jener fast 
verblüffenden, keck zugreifenden Kühnheit, welche der Kunst des 
16. Jahrhunderts eigen ist, den Stilcharakter des Gebäudes voll- 
ständig. Ohne dass die Reste der Gotik völlig beseitigt wurden, 
erhielt das Rathaus nunmehr den Charakter der Renaissance, den 
es bis heute beibehalten hat. Etwa ein halbes Jahrhundert nach 
der Fertigstellung dieses Umbaus erwies sich eine Wiederher- 
stellung als notwendig. Auch diese dritte Renovation, 
welche in den Jahren 1612 — 18 stattfand, begnügte sich nicht 
damit, das Gebäude von innen und aussen zu erneuern und auf- 
zufrischen, sondern griff in die Substanz des Baues ein, indem 
der Turm mit einem steinernen Gang, anstatt des vorhandenen 
hölzernen, versehen wurde. Nachdem dann im Jahre 1642 
wieder eine Auffrischung des Äusseren erfolgt und die Spitze 
des alten Turmes hierbei mit vier geschnitzten Figuren, welche 
wahrscheinlich die vier sagenhaften Fürsten, Lech, Czech, Russ 
und Pruss, vorstellten, geschmückt worden war, traf diesen Turm 
am 9. August 1675 der Blitz, worauf im Jahre 1690 der vierte 
grosse Renovierungsbau, welcher das Rathaus mit einem 
neuen, wegen seiner Schönheit weit und breit berühmten Turm 
versah, erfolgte. Aber auch diesem Turm war kein langes Da- 
sein beschieden, da ein furchtbarer Sturm am 18. Juni 1725 den 
ganzen oberen Teil bis zu dem steinernen Gang umwarf und 
auf das zweite Haus der Wronkerstrasse, rechter Hand, wenn 
man vom Markte kommt, schleuderte. Die kläglichen finanziellen 
Verhältnisse der Stadt Hessen eine Wiederherstellung in den 
nächsten Jahrzehnten nicht zu. Der Bau, dem die Turmspitze 
fehlte, nahm immer grössere Zeichen der Vernachlässigung an 
und begann einer Ruine zu gleichen. Einige Reparaturen, welche 
im Jahre 1750 stattfanden, waren nicht durchgreifend genug. 
Da wurde es der Stadt im Jahre 1782 durch Unterstützung der 
Krone ermöglicht, einen Erneuerungsbau grossen Stiles, diesmal 
also den fünften, zu unternehmen. Unter der ausdrückUchen 
Begründung, dass die Wiederherstellung dieses herrlichen Ge- 



83 



bäudes eine öffentliche Sache sei und auch des politischen In- 
teresses nicht entbehre, zahlte die Staatskasse in den Jahren 
1782—84 erst 15 000 p. Gulden, dann 20 000 Gulden und 
überwies dann noch aus Staatseinnahmen 10 300 Gulden für den 
Bau, welcher das Gebäude mit einem neuen, noch jetzt stehenden 
Turm versah und es im Innern und Äussern farbenprächtig 
wiederherstellte. Wenige Jahre nach Vollendung dieser Er- 
neuerung ging die Stadt Posen 1793 in den Besitz des preussi- 
schen Staates über. Seitdem ist keine wesentliche Änderung 
an dem Gebäude vorgenommen worden. Im allgemeinen be- 
gnügte man sich damit, der praktischen Verwendbarkeit halber 
grössere Räume durch Ziehung von Zwischenwänden in kleinere 
zu zerlegen. 

Aus dem Erwähnten ergiebt sich, dass eine jede der 
früheren Wiederherstellungen unseres Rathauses zugleich mit einer 
Erweiterung oder Ergänzung desselben durch Hinzufügung neuer 
Bauteile verknüpft war. Zum ersten Male steht jetzt die Bürger- 
schaft vor einem Erneuerungsbau, bei welchem die künstlerisch- 
historischen Interessen fast allein bewegend und massgebend sind. 
Was beabsichtigt wird, ist bekanntlich nicht ein erneuernder 
Ausbau in modernem Sinne, sondern eine Wiederherstellung des 
Gebäudes wenigstens annähernd so, wie es um die Mitte des 
16. Jahrhunderts aus der Hand der italienischen Baukünstler her- 
vorgegangen ist, wobei wir uns freilich in manchen Stücken, wie 
besonders in Bezug auf den Turm, mit der Unmöglichkeit der 
Durchführung trösten müssen. 

Gerade deshalb aber ist ein Zurückgehen auf die Bau- 
geschichte des Rathauses unter Berücksichtigung aller Einzelheiten 
derselben unerlässlich. Nun ist ja gewiss die Hauptquelle hierfür 
das Gebäude selbst. So weit es sich ohne Aufstellung eines 
Gerüstes tun Hess, haben im Jahre 1899 sowohl Herr Stadt- 
baurat Grüder wie Herr Regierungsbaumeister Kohte, der damals 
das Amt eines Konservators der Kunstdenkmäler in unserer Pro- 
vinz versah, baugeschichtliche Untersuchungen vorgenommen und 
ihre Ergebnisse in wertvollen Programmentwürfen für die Wieder- 
herstellung niedergelegt. Der Letztgenannte veröffentlichte seine 
Vorschläge 1900 in einem Aufsatz über die Wiederherstellung 
des Rathauses zu Posen in Jahrgang I Seite 49 ff. dieser Hi- 
storischen Monatsblätter. Nachdem kurz darauf die Stadtver- 
waltung 75 000 und die Staatsverwaltung 60 000 Mark als 
Kostenbeiträge für die Wiederherstellung bewilligt hatten, ver- 
vollständigte Kohte auf Rüstungen, mit denen ein Teil der 
Fronten versehen worden war, seine Untersuchungen und gewann 
aus den Farbenresten der Ostfront die gewünschten Aufschlüsse 
über ihre farbige Behandlung. Die figürlichen Stuckbilder dieser 

6* 



84 



Front zeigten sich so verwittert, dass ihre sofortige Ergänzung 
durch sachkundige Arbeiter aus der Formerei der Kgl. Museen 
zu Berhn sich als notwendig herausteilte. Diese Arbeit wurde 
im Sommer 1901 vollendet. Den ihm erteilten Auftrag, auf 
Grund der von ihm gewonnenen Ergebnisse einen endgültigen 
Entwurf und Kostenanschlag auszuarbeiten, führte Kohte zwar aus 
und fertigte auch einige Skizzen für die polychrome Behandlung 
der Fronten an, zu einer Ausführung ist es aber bisher noch 
nicht gekommen, da die städtischen Behörden über einige 
der grundlegenden Fragen, besonders über die buntfarbige Be- 
handlung der Ostfront, zu festen Entschlüssen noch nicht ge- 
langt sind. 

Es gibt nun aber auch eine reiche schriftliche Über- 
lieferung über das Rathaus, welche geeignet ist, die bautechnische 
Untersuchung zu fördern, für ihre Ergebnisse als Kontrolle dienen 
kann und vielleicht die eine oder andere Lücke derselben aus- 
zufüllen im Stande ist. 

Die Aufgabe dieser Mitteilungen soll es sein, diese hand- 
schriftlichen Quellen im allgemeinen zu charakterisieren und in 
einigen Punkten, die für die bevorstehenden Wiederherstellungs- 
arbeiten besondere Bedeutung haben, die sich aus ihnen erge- 
benden Tatsachen zusammenzustellen. Wenn die Stadtgemeinde 
in Zukunft einmal in einer umfassenden Publikation über das 
Rathaus — in ähnlicher Weise, wie dies für Breslau bereits ge- 
schehen ist — die Geschichte und künstlerische Bedeutung 
dieses ehrwürdigen Kunstdenkmals der wissenschaftHchen Welt 
vorlegen sollte, so werden diese handschriftlichen Quellen in voller 
Ausführlichkeit herangezogen werden müssen. 

Die wichtigste dieser Quellen für die Baugeschichte des 
Rathauses sind die Stadtrechnungen. Was auch immer im 
Auftrage der Stadt geschah, verursachte naturgemäss Ausgaben 
und musste seinen schriftlichen Niederschlag in den Ausgabe- 
posten der städtischen Kämmerer finden. Jede, auch die kleinste 
Reparatur und Anschaffung, die für das Rathaus unternommen 
wurde, findet sich dementsprechend in diesen Rechnungen no- 
tiert, vielfach allerdings nur kurz und summarisch, hin und wieder 
aber doch so specialisiert, dass sich die einzelnen Steine, Nägel 
und Latten nachzählen lassen. Die Reihe der Posener Stadt- 
rechnungen beginnt mit dem Jahre 1493 und reicht bis auf den 
heutigen Tag; es sind im Ganzen viele Hundert Hefte und 
Bände; zu Zeiten, besonders im 16. Jahrhundert, wurden die 
Rechnungen doppelt geführt, nämlich in einem chronologisch 
und einem sachlich nach den verschiedenen Kapiteln der Aus- 
gaben geordnetem Exemplar. Allerdings ist die Reihe der 
Rechnungen nicht ganz lückenlos auf uns gekommen, und es hat 



85 



in sofern ein Unstern über der Erhaltung der Rechnungen ge- 
waltet, als gerade für die ältere Zeit die für unseren Zweck 
wichtigen Stadtrechnungen, wie es scheint, unwiederbringlich ver- 
loren sind. Während nämlich die Stadtrechnungen aus den 
Jahren 1493 bis 1502 lückenlos vorhanden sind, fehlen sie für 
den Zeitraum von 1503 bis 1520, also grade aus der Zeit des 
ersten Umbaus von 1508. Noch bedauerlicher ist die Lücke in 
den Stadtrechnungen von 1550 — 59. Mit diesen Rech- 
nungen ist wahrscheinlich die ergiebigste archiva- 
lische Quelle des grossen Rathausumbaus des Giovanni 
Battista untergegangen. Endlich fehlt auch noch mit der 
Stadtrechnung von 1617/18 wenigstens ein Teil der finanziellen 
Nachrichten über den dritten grossen Umbau des Rathauses. 
Von besonderem Werte werden diese Rechnungen, wenn nicht 
nur gelegentliche Posten, sondern ganze Baurechnungen auf- 
genommen sind, so 1615/16 ein ganzes Kapitel über die Er- 
bauung des steinernen Ganges am Rathausturm und dessen Aus- 
schmückung, 1616/17 über die Ausbesserung und den Abputz 
des Rathauses, 1690 über den Bau des Turmes. Aus dem 
Jahre 1750 ist eine Baurechnung über die in diesem Jahre vor- 
genommenen Reparaturen vorhanden. Besonders eingehend und 
aufschlussreich sind die fast vollständig erhaltenen Baurechnungen 
von 1782 — 84, also aus der Zeit der letzten Reparatur. 

Von grosser Wichtigkeit ist auch eine zweite Abteilung der 
in Betracht kommenden Quellen, nämhch die Baukontrakte, 
die zwischen dem Magistrat und den beauftragten Künstlern und 
Handwerkern abgeschlossen wurden. Ihre Zahl ist allerdings 
nicht sehr gross. Der wichtigste, ein kunsthistorischer Schatz 
ersten Ranges, ist der Vertrag, den der Magistrat am 3. März 1550 
mit dem Italiener Giovanni Battista abschloss; er ist im Konzept 
und in Abschrift erhalten und leistet durch die Genauigkeit seiner 
Angaben einigermassen Ersatz für den Verlust der Stadtrechnungen 
aus jener Zeit. Freilich enthält dieser Vertrag nur diejenigen 
Punkte der Abmachungen, die speciell den Architekten angehen, 
besonders über die Zahl und Ausdehnung der zu bildenden 
Innenräume, während die zu unternehmenden Bildhauer- und 
Malerarbeiten keine Erwähnung gefunden haben. Von hohem 
Interesse sind auch die Kontrakte, die der Magistrat 1781 mit 
dem Baumeister Anton Heine und dem Architekten Johann 
Nerger abschloss. 

Eine dritte Reihe von Quellen verdankt ihre Entstehung 
einer besonderen Einrichtung des altpolnischen Rechts, die amt- 
liche Besichtigungen und deren Protokollierung in allen den- 
jenigen Fällen vorschrieb, wo dies zum Zwecke späterer Rechts- 
verhandlungen oder Massregeln der Verwaltung notwendig er- 



86 



schien. Solchen sog. Visionen, die regelmässig von einem 
Reichsfrohnboten und zwei Edelleuten vorgenommen wurden, 
wurde auch das Rathaus vielfach unterworfen, besonders nach 
zerstörenden Naturereignissen, Kriegen, vor der Inangriffnahme 
grösserer Reparaturen u. s. w. Besonders aus dem 18. Jahr- 
hundert sind sie zahlreich vertreten und geben durch ihre bis 
in die genauesten Einzelheiten gehenden Ausführungen mancherlei 
Aufschlüsse. 

Zu den bisher charakterisierten Quellen treten noch einzelne 
Schriftstücke der verschiedensten Art, wie Korrespondenzen des 
Rats über zu beschaffendes Baumaterial oder aus der Fremde zu 
holende Künstler, Papiere in Rechtstreitigkeiten über nicht recht- 
zeitig ausgeführte Arbeiten u. a. Von eigenartigem Interesse 
sind schliesslich noch die Akten eines Prozesses aus dem Anfange 
des 17. Jahrhunderts, den die Posener Juden gegen den Magistrat 
führten, weil sie sich über Malereien, die am Rathause her-^ 
gestellt wurden, beleidigt fühlten. 

Von diesen historischen Quellen zur Geschichte des Rat- 
hauses ist bisher wenig veröffentlicht und benutzt worden. Be- 
sonders gilt dies von der ergiebigsten dieser Quellen, den Stadt- 
rechnungen, von denen bisher nur die fünf ältesten aus der Zeit 
von 1493 — 97, also aus Jahren, die für die Geschichte des Rat- 
hauses bedeutungslos sind, publiciert sind. Lukaszewicz hat in 
seinem Historisch-statistischen Bild der Stadt Posen (polnisch 1838, 
deutsch 1878 erschienen) einige Urkunden, besonders Besich- 
tigungsprotokolle und die Akten des erwähnten Judenprozesses 
veröffentlicht. Der Vertrag mit Giovanni Battista ist mehrfach 
sowohl im polnischen Original als in deutscher Übersetzung ge- 
druckt worden, zuletzt polnisch und deutsch bei H. Ehrenberg,. 
Geschichte der Kunst im Gebiete der Provinz Posen, wo auch 
sonst einige Urkunden über das Posener Rathaus veröffentlicht 
sind, S. 182 f. 

Sehr bedauerlich ist es, dass eine Art von Quellen, die 
sonst bei der Wiederherstellung alter berühmter Baulichkeiten 
von dem grössten Werte sind, bei uns sehr spärlich fliesst,. 
nämlich die Bilder. Obwohl das Gebäude wegen seiner Schön- 
heit viel gepriesen wurde, und es direkt überliefert ist, dass 
viele Fremde sich Abrisse, besonders von dem schönen alten. 
Turm machten, so ist doch kein Einzelbild unseres Rathauses 
erhalten, das älter ist als der letzte grosse Umbau von 1782—84, 
also irgend welchen wesentlichen Aufschluss geben könnte, den 
uns der jetzige Bestand des Gebäudes nicht auch gewährt. Die 
alten Gesamtansichten der Stadt, besonders der Plan bei Braun 
und Hogenberg, Contrafactur und Beschreibung von den vornembsten 
Stetten der Welt, aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts geben 



87 



zwar kleine Ansichten des Rathauses, tun dies aber in so schema- 
tischer Weise, dass sich für die Ausgestaltung einzelner Bau- 
glieder kaum irgend welche Erkenntnis gewinnen lassen dürfte. 
Das älteste Einzelbild des Rathauses ist vor einigen Jahren in 
einer Privatsammlung zu Köln aufgefunden und von dem Besitzer 
der Stadt Posen zum Geschenk gemacht worden. Es stellt merk- 
würdigerweise das Rathaus als venetianischen Palazzo und den 
alten Markt als See dar, gibt aber sonst die Einzelheiten ziemlich 
genau wieder. Kohte (Hist. Monatsblätter I S. 3 f) schreibt es 
einem Schüler des Bernardo Beiotto (Canaletto) zu und setzt 
seine Entstehungszeit kurz nach der letzten Renovation (1783). 
Nicht übersehen darf man auch das Material aus preussischer 
Zeit. Vv/'enn es auch von keinen grösseren Erneuerungsbauten 
Kunde gibt, so wirft doch manche Notiz auch ein Licht auf 
ältere Zeiten, ganz abgesehen davon, dass es eben auch von 
Wert ist zu wissen, was in den letzten 100 Jahren mit dem 
Gebäude vorgenommen worden ist. Aus südpreussischer Zeit 
sind wichtige Akten aus der ehemaligen Posener Kammer „Über den 
Ausbau des hiesigen Rathauses aus den Jahren 1793 — 1805" 
vorhanden und werden in dem Staatsarchiv zu Posen aufbewahrt. 
Auch das Geheime Staatsarchiv zu Berlin besitzt ein Aktenstück 
über „die Bauten und Reparaturen am Rathaus zu Posen 1793 — 1802" 
aus der ehemaligen Registratur des Generaldirektorium.s. Endlich 
kommen noch aus neuerer Zeit Akten der Kgl. Regierung zu 
Posen betr. die Reparaturen des Rathauses in Posen aus den 
Jahren 1817 — 31, jetzt im Posener Staatsarchiv, in Betracht. 

(Fortsetzung folgt.) 



Förtierüng der Emancipätion 
der sOdpreyssiscfien Juden durch die Regierung. 

Von 
J. Landsberger, Dr. phil. 

ie nach der Erwerbung eines Teils der polnischen 
Lande durch die Krone Preussen — nunmehr Süd- 
preussen genannt — den höchsten Regierungskreisen 
sich bald die Überzeugung von der Notwendigkeit 
einer durchgreifenden Reform auf allen Gebieten des öffentlichen 
Lebens aufdrängte, so gelangten die massgebenden Staatsmänner 
auch zu der Erkenntnis, dass der Reform des Judenwesens in 
der neuen Provinz die grösste Beachtung geschenkt werden 
müsse. Es dürfte nun nicht ohne Interesse sein, die An- 




88 



schauungen derselben in dieser Frage sowie die hiernach tat- 
sächlich erfolgten Massnahmen etwas genauer kennen zu lernen. 

Bereits in dem Reskript vom 21. Januar 1794^) sprach 
sich der Minister v. Voss dahin aus, dass diese Reform von der 
grössten Wichtigkeit sei, was unter anderem mit dem Hinweise 
auf die Tatsache, „dass im ganzen genommen der südpreussische 
Jude ein kultivierterer Mensch als der Bürger in kleinen Städten 
und der Bauer auf dem platten Lande ist", begründet wird. 
Ein gleiches Urteil fällte der Syndikus Koels sowie der Kriegs- 
und Domänen-Rat Göckingk''^), welchem die Aufgabe zugefallen 
war, den Zustand der Stadt Posen zu untersuchen^). 

Für eine durchgreifende Reform des Judenwesens in Süd- 
preussen erklärte sich auch in einem an die Kriegs- und Do- 
mänen-Kammer zu Posen unterm 4. November 1794 gerichteten 
Schreiben^) v. Buchholz, der neuernannte Oberpräsident der 
erwähnten Provinz^). 

Dass aber die geplante Reform wesentlich in dem Sinne 
einer Verbesserung der bisherigen Lage der südpreussischen 
Juden gedacht war und zur Ausführung kommen sollte, dafür 
bürgte sowohl der der religiösen Intoleranz und sonstigen Vor- 
urteilen abgeneigte Zeitgeist im allgemeinen als auch die durchaus 
humane und wohlwollende Denkweise des damaligen Königs 
von Preussen und seiner Räte. Diese Tendenz lässt sich denn 
auch in dem bereits angezogenen Reskript des Ministers v. Voss 
deutlich erkennen, indem er der Industrie der Juden der neuen 
Provinz einen grösseren Spielraum angewiesen wissen will und 
der Erwägung des Oberpräsidenten von Südpreussen empfiehlt, 
ob ihnen nicht die Anlegung von Ackerwirtschaften verstattet 
werden könne, während er sie andererseits vom Kleinhandel 
so viel als möglich abziehen möchte. 

Ganz unzweideutig und klar sprach sich hierüber der 
schlesische Minister Graf Hoym, zugleich Nachfolger des Frei- 
herrn V. Voss für Südpreussen, in einer vom 23. März 1795 
datierten Denkschrift^) aus. Die von Dohm'^) zu Gunsten der 
Juden gemachten Vorschläge könnten, so führte er aus, von 



^) Ph. Bloch: Judenwesen, in: Das Jahr 1793, hrsg. v. R. Prümers, 
Posen 1895. S. 627. 

^) Zeitschrift der Posener Historischen Gesellschaft I S. 156 und 
Bloch a. a. O. S. 593, N. 4. 

3) I. Meisner, in: Das Jahr 1793, S. 398, und A. Warschauer eben- 
daselbst S. 474/75. 

4) Posener Staatsarchiv : SPZ. Gen. A VIII, Bl. 89. 

5) Das Jahr 1793, S. 774. 

6) Posener Staatsarchiv : PSZ. Gen. A Vill 1 a, Bl. 158. 

7) Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Berlin und 
Stettin 1781. 



89 



einigen Einschränkungen abgesehen, sehr wohl verwirklicht 
werden, und die Israeliten müssten, um sie zu glücklichen Mit- 
gliedern der bürgerlichen Gesellschaft zu machen, vollkommen 
gleiche Rechte mit allen übrigen Untertanen erhalten. 

Einen etwas engherzigeren Standpunkt vertrat die Posener 
Kriegs- und Domänen-Kammer, welche über die erwähnte Denk- 
schrift sich gutachtlich äussern sollte. In ihrem vom 8. Mai 
1795 datierten Berichte^) erklärte sie sich namentlich gegen die 
allgemeine Festsetzung, dass allen Juden gleiche Rechte mit 
den Christen gewährt werden sollten. Dieser Vorschlag sollte 
ihrer Meinung nach dahin eine Änderung erfahren, dass die 
Israeliten allenfalls rücksichtlich derjenigen Punkte, die nicht ge- 
nauer festgesetzt seien, in der Regel nach dem Rechte der 
christlichen Bewohner der Provinz zu beurteilen wären. 

Immerhin stand die Kammer auf einem freisinnigeren Stand- 
punkte als der Posener Stadtmagistrat, welchem gegenüber sie 
ihre Ansicht von der Notwendigkeit der Erweiterung der Juden- 
stadt aufrechthielt '^). In diesem Sinne sprach sie sich auch in 
dem oben erwähnten Gutachten aus; andererseits freilich meinte 
sie nach wie vor das Fortbestehen eines besonderen Juden-Vier- 
tels empfehlen zu müssen. 

Durch diese Darlegung wurde übrigens die Überzeugung 
v. Hoyms von der Notwendigkeit einer möglichsten Gleichstellung 
der südpreussischen jüdischen Bevölkerung mit der christlichen 
durchaus nicht erschüttert, wie aus einem von ihm an dieselbe 
Kammer gerichteten Reskript vom 16. August 1795^) zu ersehen 
ist. In diesem verlangt er eine gewisse Nachweisung unter an- 
derem zu dem Zwecke, um darüber Beschluss zu fassen, in 
wie weit den südpreussischen Juden ein ausgedehnterer Handel, 
Betrieb der Handwerke, sowie der Ankauf städtischer Häuser und 
Grundstücke zugestanden werden könnte; ferner sollte für ihre 
Befreiung von willkürlichen Abgaben an die Städte und Zünfte 
Sorge getragen werden. Denn der König sei, so heisst es weiter, 
„gesonnen, die jüdische Volksklasse in Südpreussen den Wohl- 
taten und Gerechtsamen der dortigen christlichen Bürger und 
Untertanen möglichst nahe zu führen, um in dieser Provinz, wo 
der Zunftzwang wenig Hindernisse in den Weg legen wird, ein 
Beispiel aufzustellen, dass der jüdische Staatsbürger, sobald er 
seinerseits seinen Verbindlichkeiten nachkommt und selbige ebenso 
wie die christlichen Einwohner erfüllt, auch in seinen Nations- 
und Religions - Verhältnissen dem Staate durch gehörige Ein- 



1) Posener Staatsarchiv: SPZ. Gen. A VIII la, Bl. 182 ff. 

2) Das. Bl. 184. 

3) Das. A. VIII 14, Bl. 1—2. 



90 



schränkungen nicht schädlich werden kann, keineswegs wegen 
seiner Religion in Druck gehalten, sondern in gute und möglichst 
gleiche Nahrungs-Verhältnisse mit allen Einwohnern im Staate 
nach Massgabe seines Standes und Gewerbes gesetzt werden muss." 

Die vielfältig gepflogenen Verhandlungen und provisorischen 
Versuche führten endlich im Jahre 1797 zu der Neuordnung des 
Judenwesens in Südpreussen, wie sie in dem General-Juden- 
Reglement vom 17. April des genannten Jahres niedergelegt ist. 

Trotz der in diesem Reglement unverkennbar hervortretenden 
wohlwollenden Gesinnung der israelitischen Bevölkerung gegen- 
über und der tatsächlich wesentlichen Verbesserung der Lag<e 
derselben konnte es indessen aus verschiedenen Gründen nicht 
fehlen, dass die Ausführung einzelner Bestimmungen den lebhaften 
Widerspruch der jüdischen Einwohner hervorrief. Aber auch 
diesen Beschwerden^) Hess die Regierung die sorgfältigste Prüfung 
angedeihen, und es ward, soweit sie irgendwie begründet er- 
schienen, für ihre Abstellung Sorge getragen ; auch berücksichtigte 
man eine Reihe von Wünschen, denen das General - Juden- 
Reglement nicht ausdrücklich entgegenstand. Unter anderem wurde 
bestimmt, dass keinem Juden, welcher den Befähigungsnachweis 
für das von ihm gewünschte Gewerbe führe, die Erlaubnis zur 
Betreibung desselben versagt werden dürfe. Ferner sollten bei 
der Beurteilung des durch einen Juden angefertigten Meister- 
stückes jüdische Meister nicht ausgeschlossen sein. Auch ward 
den städtischen Gewerbe treibenden Juden der Besitz von Häusern 
allgemein verstattet''^). 

Schon vorher hatte sich unterm 23. Januar 1797^) aus 
Anlass eines besonderen Falles v. Hoym dahin ausgesprochen, 
dass zwar diejenigen Städte, die mit einem giltigen Privilegium 
de non tolerandis Judaeis versehen seien, bei ihren wohlhergebrachten 
Rechten geschützt werden müssten. Falls es sich aber zeigen 
sollte, dass ein derartiges Privileg der Bürgerschaft nicht zum 
Vorteil gereiche, sondern in früheren Zeiten nur aus Religionshass 
erteilt worden sei, so behalte sich die Regierung die Aufhebung 
oder die Abänderung solcher Festsetzungen vor. 

Mit welcher Folgerichtigkeit die leitenden Berliner Regierungs- 
kreise an dem Gedanken der möglichsten Gleichstellung der süd- 
preussischen Juden mit den übrigen Bürgern der Provinz 
festhielten und namentlich alles zu vermeiden suchten, was dazu 
beitragen konnte, sie von der christlichen Bevölkerung zu sehr 
abzusondern, ersehen wir aus einem bemerkenswerten, an die 



1) Posener Staatsarchiv: S.P.Z. Gen. A. VIII Ib, Bl. f. 116—17. 
^) Das. Bl. 118—21. 
S) Das. Bl. 3. 



91 



Warschauer Kammer unterm 6. Dezember 1797^) gerichteten 
Schreiben. In demselben heisst es: „Unsere . . . Vorschläge zur 
Hebung verschiedener bemerkten Bedenklichkeiten müssen 
auf Veranlassung eines Hof-Reskript s vom 13. v. M. jetzt 
anderweitig modificiert werden, da durch das Reskript die Ein- 
richtung von besonderen Judenäm.tern durchaus untersagt ist. 
Der Hof befürchtet nämlich, dass durch eine solche Einrichtung 
die Juden in Hinsicht ihrer bürgerlichen Verhältnisse ganz gegen 
die dem General-Juden-Reglement zu Grunde liegenden Ideen 
zu sehr von den übrigen Untertanen isoliert werden möchten, 
und der beabsichtigte Zweck, die politische Einheit dieses Volkes 
zu vernichten, vereitelt v/erden könnte." 

Hieraus geht hervor, dass die Warschauer Kammer, an ihrer 
Spitze Graf Hoym, sich mit der Absicht getragen hatte, be- 
sondere Judenämter einzurichten. Im übrigen ist bei der Ge- 
samthaltung des Letzteren den mosaischen Glaubensgenossen 
gegenüber gar nicht zu zv/eifeln, dass auch dieser Vorschlag 
nur das Beste derselben im Auge hatte ^). 

Freilich hielt v. Hoym eine völlige Gleichstellung der 
jüdischen Bevölkerung mit der christlichen für unmöglich, so 
lange nicht die erstere zu gleichen Leistungen wie die letztere 
dem Staate gegenüber verpflichtet sei^). Zu den Haupthinder- 
nissen in dieser Beziehung zählte er die Befreiung der Juden 
vom Kriegsdienste^). 

Erwägt man die starke Abneigung, welche gegen denselben 
auch in christlichen Kreisen herrschte^) und im Hinblick auf die 
damals übliche harte, ja grausame Behandlung des gemeinen 
Mannes sehr berechtigt war, so wird den Israeliten hieraus um 
so weniger ein Vorwurf zu machen sein, als zu den sonstigen 
Bedenken immerhin noch solche religiöser Art treten konnten. 
Dazu kam noch der ausgesprochene Wille des Königs Friedrich 



1) Das. Bl. 94—95. 

2) Dem Grafen v. Hoym v/ar eine derartige Einrichtung von 
Breslau her bekannt, wo das Judenairxt, schon unter der österreichischen 
Regierung ins Leben gerufen, im ganzen genommen, wenn man den 
Verhältnissen, wie sie nun einmal bestanden, Rechnung trägt, mehr zum 
Nutzen als zum Schaden der Juden wirkte. Diese Überzeugung hat Vf. auf 
Grund seiner in Breslauer Archiven gemachten jahrelangen Studien 
gewonnen. 

3) S. die vorletzte Note. 

4) Ebendaselbst und F. Schwartz in: Das Jahr 1793, S. 735. Aus 
den hier gemachten Mitteilungen geht übrigens hervor, dass auch zahl- 
reiche christliche Bevöikerungsklassen von der Kantonpflicht frei waren. 

5) Ad. Warschauer in: Das Jahr 1793, S. 531/32 und 573e. Unter 
anderem trat die christliche Kaufmannschaft zu Posen in mehreren Ge- 
suchen' an die höchsten Behörden und den König selbst dafür ein, dass 
der Stadt die Enrollementfreiheit gewährt werde. 



92 



Wilhelm III., welcher sich entschieden gegen die Aufnahme von 
Juden in das Heer erklärte^). 

Die in dem gedachten Hof-Reskript scharf ausgesprochene 
Tendenz kehrt auch in einem an die Posener Kammer gerichteten 
Reskript vom 4. Februar 1799^) wieder. Letztere hatte aus 
gewissen Zweckmässigkeitsgründen die Einführung verschiedener 
Beschränkungen der südpreussischen Judenschaft, insbesondere 
die solidarische Verbindlichkeit derselben in Vorschlag gebracht. 
Am wenigsten, führte Minister v. Voss aus, könne er sich von 
der Nützlichkeit des zuletzt erwähnten Vorschlages überzeugen, 
„weil gerade dadurch der Gemeingeist bei der Nation genähret, 
die Annäherung zu anderen Glaubensgenossen gehindert .... 
wird, daher auch das alte diesfällige Gesetz selbst in den übrigen 
Provinzen nur äusserst selten in Anwendung kommt." 

In diesen Zusammenhang gehören die Bemühungen der 
Regierung, die israelitischen Einwohner dahin zu bringen, die 
sie von der christlichen Bevölkerung unterscheidende Kleidung 
und Äusserlichkeiten ähnlicher Art abzulegen. Auf eine ent- 
sprechende Anfrage hatten die Ältesten der jüdischen Gemeinde 
zu Posen bereits unterm 27. Januar 1795^) die Erklärung ab- 
gegeben, dass einer Änderung der israelitischen Kleidertracht 
religionsgesetzliche Vorschriften nicht entgegenständen. Zur Er- 
reichung dieses Zieles sollte jedoch nur das Mittel der Belehrung, 
kein Zwang angewandt werden, wie v. Hoym in einem Schreiben 
vom 25. September 1797^) an die Posener Kammer ausführt. 

Nicht unwichtig war die Verordnung vom 29. Dezember 1 801 ^), 
dass die Behörden in ihren amtlichen Beziehungen zu den 
israelitischen Untertanen die Bezeichnung derselben als Juden 
vermeiden, und falls die Hinzufügung der Religion zum Namen 
sich als notwendig herausstellen sollte, dafür den Ausdruck „alt- 
testamentarische Religionsverwandte" zu gebrauchen^). 

Das folgende Jahr (6. Februar) brachte die Ausführung der 
bereits 1797 erwogenen Massregel, das einigen Städten und 
Gewerben zustehende Recht der Ausschliessung jüdischer Personen 
aufzuheben'*). 

In demselben Jahre (26. Juli) nahm v. Voss Veranlassung, 
dem Könige die Ablehnung des Gesuches der Bürgerschaft zu | 

1) Vgl. diese Monatsblätter I 182. 

2) Staatsarchiv Posen SPZ. Gen. A VIII 1 c, Bl. 18. 

3) Das. A VIII la, Bl. 148b. 

4) Das. A VIII i b, Bi. 67. 

5) Das. A VIII 1 c, BI. 28—29. J 
^) Bereits im Jahre 1790 war ein derartiger Vorschlag von jüdischer | 

Seite gemacht worden. Vgl. D. Friedländer: Aktenstücke, die Reform 
der jüdischen Kolonien in den preussischen Staaten betreffend (1793). S. 171. 
7) Posener Staatsarchiv SPZ. Gen. A VIII 1 c, Bl. 68—69. 



93 



Kaiisch zu empfehlen, welches dahin ging, die dortigen jüdischen 
Einwohner auf ein Quartier einzuschränken^). 

Im folgenden Jahre (7. Februar 1803) trat derselbe dafür 
ein, dass das Dorf Schermeisel zur Stadt erhoben werde, damit 
die Juden dort auch ferner ihren Wohnsitz haben könnten^). 

Die Bemühungen der leitenden Regierungskreise, einen 
Teil der südpreussischen Juden für den Ackerbau zu gewinnen, 
sind bereits an einer anderen Stelle geschildert worden^); die 
Darlegung der Massnahmen derselben, die israelitische Bevölke- 
rung möglichst allen Zweigen des Handwerks zuzuführen, be- 
halte ich mir für eine besondere Abhandlung vor. 



Litterarische Mitteilungen. 



Dalton H., Daniel Ernst Jablonski, eine preiissische 
Hofpredigergestalt in Berlin vor zweihundert Jahren. 
Berlin, W. Warneck. 1903. 

Jablonski ist eine für unsere Provinz bedeutsame Per- 
sönlichkeit, zu der er eine dreifache Beziehung hat. Im Jahre 
1660 zu Nassenhuben bei Danzig als Sohn eines reformierten 
Predigers geboren, der später Senior der Böhmischen Brüder in 
Grosspolen wurde und noch den Namen Figulus führte, mütter- 
licherseits ein Enkel von Amos Comenius, kam er im Jahre 1667 
nach Memel. Sein erster Eintritt in die Provinz beginnt mit dem 
Jahre 1670, in welchem der Knabe nach des Vaters Tode der 
Lateinschule zu Lissa übergeben wurde, die damals unter dem 
Rektorate des Samuel Hartmann stand, in dessen Hause er auch 
Aufnahme fand, bis er im Jahre 1677 die Universität Frankfurt 
bezog, um einem zweijährigem Studium der Theologie obzu- 
liegen. Nachdem er vorübergehend in Briesen im Lehramt ge- 
standen, besuchte er zu seiner Weiterbildung die Universität 
Oxford, die seinen Blick vertiefte. Darauf folgte eine dreijährige 
Tätigkeit als kurbrandenburgischer Feldprediger in Magdeburg. 

Mit dem Jahre 1686 siedelt Jablonski zum zweiten Male 
nach Grosspolen über, und zwar als Prediger und Rektor in 
Lissa. 1691 aber berief ihn Kurfürst Friedrich III. von Branden- 
burg als Hofprediger nach Königsberg und 1693 nach Berlin. 



1) Notiz in dem Repertoriiim über südpreussische Akten in fremden 
Archiven (Abschnitt XXIII), welches sich im Königlichen Staatsarchiv zu 
Posen befindet. 

2) Ebendaselbst. 

^) Vgl. meine Arbeit: „Jüdische Ackerwirte zu südpreussischer Zeit." 
Historische Monatsblätter I, S. 177 ff. 



94 



Hier wirkte Jablonski bis zu seinem Tode im Jahre 1741, also 
durch eine Reihe von 48 Jahren. Als solchen schildert ihn 
Daiton nach den verschiedensten Seiten seines vielverzweigten 
Amtes. Er genoss das Vertrauen König Friedrich Wilhelms I. in 
seltenem Masse. 

In diese Zeit fällt die dritte Berührung Jablonskis mit 
Grosspolen, einmal durch seine Erwählung zum Senior der Böh- 
mischen Brüderunität im Jahre 1699, sodann durch sein Ein- 
greifen in die politischen Verhandlungen der protestantischen 
Vormächte mit Polen zur Befreiung der Dissidenten von dem 
auf ihnen lastenden Religionsdrucke zur Zeit des nordischen 
Krieges und später unter König August. So ist es seinem Ein- 
flüsse zu verdanken gewesen, dass Lissa zweimal von der in 
Aussicht genommenen Zerstörung verschont blieb, bis es dann 
doch in Asche sank. Seine Doppelstellung als preussischer 
Hofprediger und als Unitätssenior befähigte ihn zu diesem Ein- 
greifen, wie er auch an vielen Synoden im polnischen Reiche 
teilnahm. Das Thorner Blutbad (1724) fällt in seine Lebenszeit, 
worüber er uns in der wertvollen Schrift „Das betrübte Thorn** 
ausführliche Nachricht giebt. 

In diesen Unterabschnitt „Eintritt für evangelische Glaubens- 
genossen im Auslande a) für die Evangelischen in Polen," der 
uns am meisten interessiert, erfahren wir aber nicht wesentlich 
anderes, als was wir Kvacala verdanken, „dem unermüdUchen 
und sorgfältigen Archivforscher, auf dessen ausführliche Aufsätze 
über Jablonski und Grosspolen in der Zeitschrift der Historischen 
Gesellschaft für die Provinz Posen Jahrgang XV und XVI — so 
sprechen wir Daiton nach — wir um so lieber verweisen, als 
sie uns dem entheben. Schritt für Schritt auf die wichtige 
Tätigkeit Jablonskis für seine polnischen Brüder und Glaubens- 
genossen einzugehen." S. 323. 

Daiton bringt uns diesmal nicht blos klares Wasser streng- 
wissenschaftlicher Geschichtsforschung. Seine Schrift ist zugleich 
eine Tendenzschrift im Interesse der protestantischen Kirchen- 
vereinigung. Des Verfassers glühende Vorliebe für seine reformierte 
Konfession macht ihn etwas blind gegenüber den gegenteiligen 
Bestrebungen. Die Unionsversuche waren damals nicht so 
harmlos, wie es scheint. Namentlich ist von den Bedrückungen 
und Gewissensbedrängnissen, welchen die Lutheraner durch die 
strengen Edikte des Königs gegen die Kirchenzeremonien aus- 
gesetzt waren, nichts erwähnt. Doch begrüssen wir diese neue 
Gabe des unermüdlichen Verfassers, besonders auch um des- 
willen, weil sie den BHck Fernstehender auf unsere etwas abge- 
legene Provinzialgeschichte lenkt und Interesse für sie erweckt. 

H. Klein Wächter. 



95 

Nachrichten. 



1. Kachelähnliches Tongefäss von Gocanowo bei 
Kruschwitz, Kujawien. Im Jahre 1894 wurden in Gocanowo 
bei Kruschwitz, Kujawien, beim Pappelausroden in einer Tiefe 
von 2 m Tongefässe entdeckt und mir späterhin übergeben. Die 
betreffende Pappel stand am Fusse eines schon in den 60 er 
Jahren abgetragenen Burgwalles, von dem in der Litteratur eine 
Notiz sich bisher nicht findet. Es muss aber dahingestellt 
bleiben, ob und in welchen Beziehungen die Gefässe zu diesem 
Burgwalle stehen. Das Hauptstück ist ein kachelartiges Gefäss, 
18,2 cm hoch, mit rundem, 8 cm im Durchmesser haltendem 
Boden, das dann nach oben zu viereckig wird, sodass die Mün- 
dung ein Viereck von 12 — 13 cm Seitenlänge darstellt. Innen 
die vier Ecken sind rinnenartig eingedrückt, und diese Rinnen 
laufen innen bis fast an den Boden herab. Auch von aussen 
her lassen sie sich erkennen, sodass das Gefäss wie emailliert 
erscheint. Die Farbe des Tons ist unregelmässig, gelblich-grau bis 
hochrot, die Dicke der Wandung gegen ^j^ cm. 

Das Gefäss hatte jedenfalls einen Deckel, der wohl wie 
ein Falz aufgesetzt wurde und in der Mitte einen Knopf hatte. 

Von einem zweiten ganz ähnlichen kachelartigen Gefäss 
ist nur der untere Teil erhalten ; ausserdem erhielt ich den Boden 
eines mittelalterlichen Gefässes (11 cm im Durchmesser), aus 
schwarzem Ton. 

Unser Hauptstück ist deswegen interessant, weil es zum 
Teil mit einer ascheähnlichen Substanz angefüllt war. Ausserdem 
aber lag darin nach ausdrücklicher Versicherung des Inspektors, 
der beim Fällen des Baumes zugegen war, eine Masse von der 
Form eines Briketts, deren Natur mir unbekannt ist. Sie sieht 
aus wie ein später zusammengetrockneter Ausguss des Gefässes I. 
Wenigstens ist die Spitze rundlich, dann aber ist der Durch- 
messer des fraglichen Gegenstandes viereckig oder vielmehr 
rechteckig, was vielleicht durch unregelmässiges Zusammentrockneü 
zu Stande gekommen ist. Das der Spitze entgegengesetzte Ende 
ist mögUcherweise abgebrochen, denn die Oberfläche ist sehr un- 
regelmässig und sieht bruchartig aus. 

Die Natur dieser eigentümlichen Masse, welche bei ober- 
flächlicher Besichtigung grosse Stücke von Holzkohle enthält, ist 
mir durchaus rätselhaft; ob wir es mit einer anorganischen Sub- 
stanz zu tun haben, vielleicht einfacher zusammengetrockneter 
Erde, wird die chemische Untersuchung ergeben. 

Analoge Gefässe wie Nr. I habe ich bisher in den Samm- 
lungen nicht finden können; ihre zeitliche Stellung (früh mittel- 



96 



alterlich) ist ja zweifellos. Die offenbare Seltenheit des Typus 
rechtfertigt die Beschreibung. 

R. Lehmann-Nitsche, Dr. phil. et med. 
(La Plata, Argentinien). 

2. Herr Dr. Celichowski, der Herausgeber der Acta To- 
miciana, deren 11. Band in unserem vorletzten Hefte besprochen 
wurde, teilt uns freundlichst mit, dass die Urkunde Nr. 13 des 
genannten Bandes sich nicht (wie in unserer Besprechung an- 
genommen wurde) auf die Stadt Bentschen in der Provinz Posen, 
sondern auf das Städtchen B^dzin in Kleinpolen beziehe. 

3. Jahrgang V Nr. 5 der Zeitschrift „Die Denkmal- 
pflege" bringt zwei grössere Aufsätze über die Kunst- 
denkmäler unserer Provinz. Sie wird eröffnet mit einem 
Aufsatz von dem Geh. Baurat und Konservator der preussischen 
Kunstdenkmäler, Hans Lutsch, über die Neubemalung des 
Rathauses zu Posen. Der Verfasser tritt energisch für die 
polychrome Wiederherstellung der Ostfront ein. Wir kommen 
auf diesen Aufsatz noch bei der Fortsetzung unserer in dieser 
Nummer begonnenen Historischen Beiträge zur Wiederherstellungs- 
frage des Posener Rathauses zurück. Der zweite Aufsatz rührt 
von Julius Kohte her und behandelt den Wiederaufbau der 
S. Marienkirche in Inowrazlaw (vgl. Monatsblätter III 
S. 161 — 4). Beide Aufsätze sind mit interessanten Illustrationen 
geschmückt. 

4. Über den Urkundenfälscher Christoph Stanislaus 
Janikowski, der wahrscheinlich auch die Gründungsprivilegien 
der Städte Meseritz und Schwerin a. W. gefälscht hat, veröffent- 
licht Bär einen interessanten Aufsatz in den „Mitteilungen des 
Westpreussischen Geschichtsvereins" Jahrg. II. Nr. 1 S. 3 ff. 

A. Warschauer. 



Historische Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Sonntag, den 21. Juni 1903 

Ausflug nach Paradies zur Besichtigung des dortigen 

ehemaligen alten Cistercienserklosters. 

(Vgl. Genaueres auf Seite 4 des Umschlages.) 



Redaktion: Dr. A. Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Brombei-g. 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 




lilSTORISCME 
MOIiATSBLnTTER 

für die Provinz Posen 




Jahrgang IV Posen, Juli 1903 



Nr. 7 



Skladny A., Das Jahr 1848 in der Auffassung polnischer Geschichts- 
schreibung S. 97. — Nachrichten S. 109. — GeschäftHches S. 109. — 
Bekanntmachung S. 112. 



Das Jahr 1848 

in der Auffassung polnischer Geschichtsschreibung. 

Von 
A. Skladny. 

Dr. Kazimierz Rakowski, Powstanie Poznariskie w 1848 roku (z mapk% 
i czterema podobiznami dokumentöw w tekscie). Lwöw 1900. 

Dr. K. Rakowski, Der Posener Aufstand des Jahres 1848 (mit einem 
Kärtchen und 4 dem Text beigegebenen Dokumenten in Facsimile-Druck). 
Lemberg 1900. 8« 271 + 83 S. 

enig erfreulich für die deutschen und polnischen 
Bewohner der Provinz ist das erwähnte Jahr. Daher 
lag nach 50 Jahren für niemand eine Veranlassung 
vor, seiner in einer Jubelschrift zu gedenken. Nachträglich erst 
hat der bekannte Dr. Rakowski ein Bild jener Geschehnisse auf- 
zurollen unternommen. Da er hierbei eine grosse Anzahl deutscher 
und polnischer Druckschriften, ausserdem einige neue polnische 
Dokumente verwendet hat und somit imstande war, alles Tat- 
sächliche mitzuteilen, so beansprucht das Buch einige Auf- 
merksamkeit. Seine Auffassung der Sache ist aber so spezifisch 
polnisch, dass es der Mühe lohnt, sie kennen zu lernen und 
einige Erläuterungen daran zu knüpfen. 

Rakowski führt den Leser nicht sogleich mitten in das 
Jahr 1848 hinein. Er gibt zunächst eine pragmatische Geschichte 
der Provinz von 1815 ab, um darzulegen, dass der Ausbruch 

7 




98 



des Jahres 1848 lediglich die Folge voraufgegangener deutscher 
Sünden sei. Er geht, wie alle diejenigen, welche für Posen 
besondere Rechte beanspruchen, von den Verhandlungen des 
Wiener Kongresses aus und verweist auf folgenden Teil der 
Hauptakte: „Die Polen werden eine Repräsentation und nationale 
Einrichtungen erhalten, geordnet nach der Art der politischen 
Existenz, welche jede der Regierungen, der sie angehören, ihnen 
zu bewilligen für nützHch und angemessen erachten wird." In 
diesen Worten ist nicht das geringste enthalten, was den Polen 
besondere Rechte in Aussicht stellt. Dagegen ging die königliche 
Proklamation vom 15. Mai 1815 darüber hinaus. Darin sagt der 
König zu den polnischen Einwohnern der Provinz: „Eure Sprache 
soll neben der deutschen in allen öffentlichen Verhandlungen 
gebraucht werden, und jedem von euch soll nach Massgabe 
seiner Fähigkeiten der Zutritt zu den öffentlichen Ämtern des 
Grossherzogtums, sowie zu allen Amtern, Ehren und Würden 
meines Reiches offen stehen." Dieses königliche Versprechen 
wurde nicht nur gehalten, es wurde noch mehr gewährt. Gesteht 
doch Rakowski selbst ein, dass Posen sich gegenüber den 
anderen Provinzen einer Sonderstellung erfreute: sie hatte einen 
eigenen Statthalter polnischer Nationalität; die polnische Sprache 
war nicht nur Unterrichtssprache in den niederen und höheren 
Schulen, sondern hatte mit der deutschen auch Gleichberechtigung 
in der Verwaltung und Justiz ; es wurden sogar besondere Münzen 
zum Gebrauch dieser Provinz geprägt; in den zwanziger Jahren 
erfolgte die Befreiung der Bauern von der Erbuntertänigkeit, und 
seit jener Zeit erst gibt es hier — wie Rakov/ski einräumt — 
einen Bauernstand, seit jener Zeit einen Fortschritt in der Feld- 
wirtschaft. Angesichts alles dessen muss man erstaunt fragen, 
was denn eigentlich den polnischen Bewohnern unserer Provinz 
noch mangelte. Rakowski verrät es unumwunden : es fehlte noch die 
Einrichtung eines eigenen Nationalheeres. Und tatsächlich wurden 
solche Wünsche nach Berlin getragen. Doch der König und 
seine Minister kannten den polnischen Charakter zu gut, um 
derartigen Anträgen Rechnung zu tragen. Dass dieses Heer 
ein Herd beständiger Beunruhigungen gewesen wäre, ist wohl 
einleuchtend, auch wenn die Geschichte nicht gezeigt hätte, 
welche Förderer aller möglichen politischen Revolutionen grade 
die polnischen Legionen bis in die neueste Zeit gewesen sind. 
An die Zeiten polnischer Kriegsherrlichkeit sollte im Jahre 1836 
das Geschenk erinnern, welches einige Schüler des Posener 
Gymnasiums polnischen Lehrern verehrten: es waren Fingerringe 
mit Bildnissen Ko^ciuszkos, Napoleons und Poniatowskis. Die 
Behörde schritt gegen diese Lehrer disziplinarisch ein. Dies hält 
Rakowski für eine Verfolgung der Schule. Ein zweites Beispiel 



99 



iüT derartige Verfolgungen bietet ihm Pakosch. Dort wurde 
— sagt er — gegen die polnische Sprache vorgegangen, indem 
man das Progymnasium aufhob und an seiner Stelle Anstalten 
mit deutschen Lehrern schuf. Das ist falsch. Die Reformaten- 
schule in Pakosch (um diese handelt es sich hier) musste 
deshalb eingehen, weil sie nichts wert war, ja nicht einmal mehr 
ihre Lehrer besorgen konnte.*) Einer weiteren Bedrückung der 
polnischen Sprache machte sich die Regierung nach Rakowski 
dadurch schuldig, dass sie von Geistlichen, welche Stellen staat- 
lichen Patronats annehmen wollten, ja auch von Schulinspektoren 
und Lehrern die Kenntnis der deutschen Sprache forderte. Hier- 
nach verlangt also Rakowski, die Regierung eines deutschen 
Staates solle darauf verzichten, dass Personen, bei deren Anstellung 
sie mitzureden hat, und deren Einfluss auf die Erziehung des 
Volkes und der Jugend von grösster Bedeutung ist, sich die 
Sprache aneignen, in der damals wenigstens der dritte Teil der 
Posener Bevölkerung sich verständigte. Im übrigen war die 
I^egierung nicht einmal so anspruchsvoll wie behauptet wird. Denn 
noch im Jahre 1864 befanden sich hier 59 geistliche Schul- 
inspektoren, die sich durch völlige Unkenntnis der deutschen Sprache 
auszeichneten. Eine interessante Unzufriedenheitsstatistik legte 1829 
dem Provinzial- Landtage der Landtagsmarschall Fürst Sulkowski 
vor. Er wies nach, dass zwar alle Landgerichtsdirektoren der 
■Provinz polnisch verstanden, aber nur einer polnisch zu sprechen 
und zu schreiben vermochte; dass unter den Gerichtsräten 
25 deutsch, 7 polnisch und 5 zweisprachig waren; dass von 
den Gerichtsassessoren 6 nur deutsch, 5 nur polnisch konnten 
und einer beide Sprachen beherrschte. Der Oberpräsident und 
der Regierungspräsident in Bromberg verstanden etwas polnisch, 
die Oberregierungsräte sprachen nur deutsch, von 20 Regierungs- 
läten waren 3 Polen und 4 vermochten sich auch polnisch zu 
verständigen; unter 10 Regierungsassessoren gab es zwei, die 
polnisch sprachen. Diese Statistik sollte beim König die Bitte 
unterstützen, dass seinem Versprechen gemäss in der Provinz 
nur beider Sprachen mächtige Beamte angestellt werden sollten. 
-Das Versprechen des Königs hatte aber anders gelautet: nicht 
die Sprachenkenntnis, sondern die Fähigkeit sollte bei der An- 
stellung von Beamten massgebend sein. Jener Statistik fehlt 
überdies der Nachweis, dass fähige Polen bei der Verleihung 
von Ämtern übergangen worden seien. 

Das Schriftstück wurde dem König nicht vorgelegt, denn 
es brach die November-Revolution 1830 im russischen Polen aus. 
Flottwell wurde Oberpräsident. Es ist natürlich, dass die Tätig- 



*) Hist. Monatsbl. I. 161. Zeitschr. d. Hist. Ges. XVI. 67. 

7* 



100 



keit dieses energischen Mannes, die auf eine schnelle und nach- 
haltige Germanisierung der Provinz gerichtet war, von Rakowski 
als ein ununterbrochener Eingriff in polnische Rechte angesehen 
wird. Freilich trägt Rakowski hierbei die Farben recht grell auf. 
So behauptet er. Flottwell habe seine Wirksamkeit mit der Ein-^ 
Ziehung der Güter jener begonnen, die an dem Aufstand in 
Russland teilgenommen hatten. Gleichwohl wusste er aus den. 
Schriften, deren Benutzung er versichert, dass gegen jene Leute 
äusserst milde verfahren wurde : es sollte nur der Besitz derjenigea 
als verfallen gelten, welche bis zum 1. April 1832 sich nicht zur 
Rückkehr in die Provinz entschlossen. Dem Oberpräsidenten 
Flottwell macht Rakowski ferner zum Vorwurf, dass der Provinz, 
bezw. den Kreisen im Jahre 1833 das Recht entzogen wurde^ 
die Landräte selbst zu wählen, dass die Polen aus der Verwaltung; 
und Justiz verdrängt wurden, vornehmlich aber, dass er als bestes 
Mittel zur Bekämpfung polnischer Übergriffe die Einwanderung; 
deutscher Arbeiter und den Ankauf polnischen Besitzes durch 
den Staat ansah, und dass er zu diesem Zweck alle öffentlichen 
Kassen anwies, die an Polen geliehenen Gelder schleunigst zu 
kündigen, um so die in Verlegenheit gebrachten polnischen Be- 
sitzer zu billigem Verkauf zu zwingen. Dieses zuletzt erwähnte 
Mittel dürfte unter gesunden Verhältnissen allerdings befremdlich 
erscheinen. Damals aber befanden sich die Sachen hier in einem, 
bedenklich schwankenden Zustande. Viele der begüterten pol- 
nischen Familien hatten durch ihre Beteiligung am Aufstande 
nicht nur das Wohlwollen der Staatsregierung verwirkt, sie waren 
auch in einen Vermögensverfall geraten, aus dem der Staat sein 
Eigentum zu retten suchen musste. Wie ein sorgsamer Haus- 
vater seine Gelder von einem Schuldner zurückzieht, der in, 
Zahlungsschwierigkeiten gerät, so musste der Oberpräsident auch 
rücksichtlich der öffentlichen Gelder den leichtfertigen Schuldnern: 
gegenüber verfahren. 

Aber das Nationalgefühl der Polen hatte sich infolge der 
politischen Ereignisse sehr entwickelt und wurde in der Provinz, 
auf jede nur denkbare Weise genährt. Es gab hier wohl kein 
polnisches Haus, sagt Rakowski mit berechtigter Ironie, in dem 
nicht ein polnischer Flüchtling Aufnahme und Gelegenheit ge- 
funden hätte, seine Ideen der Wiederauferweckung Polens zu 
verbreiten. Die plötzlich auftauchende Emigrantenliteratur übte, 
einen berauschenden Einfluss auf die Gemüter aus. Sie schuf ia 
der Provinz eine Reihe gleich gearteter Zeitschriften, die in unter- 
haltender und belehrender Form die Geister für ein zukünftiges 
Polen vorbereiteten. Dem gleichen Zweck dienten ungezählte 
Vereine, welche unter den unschuldigen Namen von Vergnügungs- ] 
Vereinen auftauchten, in der Tat aber polnische Politik trieben^ \ 



101 



So erzogen blickten die polnischen Bewohner der Provinz mit 
Argwohn auf das Wirken des Oberpräsidenten. 

Doch die emsigste Tätigkeit einzelner hervorragender Polen 
für ein neues polnisches Reich, die Überschwemmung der Provinz 
mit polnischen Broschüren, die krampfhafte Wirksamkeit der zahl- 
reichen Vereine vermochte nur den polnischen Adel und einen 
Teil des Bürgerstandes für die neuen Ideen zu gewinnen. Aber 
auch hier fand von vorn herein eine Spaltung in zwei Parteien 
statt, die demokratische, welche schleunigst zur Revolution drängte, 
und die konservative, welche erst einen günstigen Zeitpunkt da- 
für abwarten wollte. Selbst ein Aufruf der polnischen Zentral- 
Kegierung in Frankreich vom 3. März 1832 an alle Völker 
Europas zur Wiederherstellung Polens in seinen alten Grenzen 
fand überall besseren Boden als in Posen. Denn hier war der 
Bauernstand, dem die Befreiung von der Erbuntertänigkeit noch 
in frischer Erinnerung war, für derartige Utopien nicht zu haben. 

In dieser Zeit der vorbereitenden Umtriebe bestieg König 
Friedrich Wilhelm IV. den Thron und Flottwell musste Posen 
verlassen. Die Sympathien, die der König der Provinz Posen 
oind der polnischen Sprache entgegenbrachte, erwiderte der de- 
mokratische Teil der nationalen Verschwörung damit, dass er mit 
einer gewissen nervösen Hast den Ausbruch der Revolution im 
ganzen ehemaligen Polen betrieb. Gelingt der Streich, meinten 
sie, so hatten sie erreicht, was sie wollten; gelingt er nicht, so 
hatten doch ihre Lehren wenigstens den Boden vorbereitet, auf 
dem weiter gearbeitet werden konnte. Da diese Hast durchaus 
nicht den Plänen der Zentralregierung in Versailles entsprach, 
weil sie fürchten musste, ihren Einfluss in Posen hierdurch ein- 
zubüssen, so suchte sie 1845 durch Entsendung des Mieroslawski 
nach der Provinz zu erreichen, dass hier in die Tätigkeit der 
Verschwörer einige Mässigung und ein langsameres Tempo ge- 
bracht würde. Besonders eifrig gebärdete sich in Posen der 
Buchhändler Stefanski, der seine Hauptaufgabe darin sah, sich 
des Kernwerks zu bemächtigen. Er suchte für diesen Gedanken 
Anhänger nicht nur unter den Bürgern von Posen und den 
kleinen Städten, sondern auch beim Militär und unter der 
Gymnasialjugend. Als er sogar so weit ging, dass er Bevoll- 
mächtigte aller ehemals polnischen Landesteile zusammen berief, 
da wurde er verhaftet, und die Regierung begann diese Umtriebe 
aufmerksamer zu beobachten. Dem Mieroslawski war es indessen 
gelungen, die Posener Hitzköpfe dadurch ein wenig zu beruhigen, 
dass er den Termin zum Ausbruch der so eifrig ersehnten na- 
tionalen Erhebung auf den 21. Februar des folgenden Jahres 
1846 festsetzte. Die Vorbereitungen hierzu sollte die von 
JMieroslawski für Posen geschaffene Nationalregierung treffen, 



102 



an deren Spitze der Gymnasiallehrer Dr. Libelt trat. Obwohl die 
Staatsregierung hiervon Kenntnis erhalten hatte und die fremden. 
Polen überwachen und festnehmen Hess, gelang es Mieroslawski 
doch, trotzdem er sich am Tage im Hause Jarochowskis aufhielt,, 
und des Abends den Sitzungen des Revolution-Komites bei- 
wohnte, lange verborgen zu bleiben. Erst als er die Stadt 
Posen verliess, um agitierend und organisierend die Provinz zu 
bereisen, wurde er zufällig in Swiniary am 12. Februar 1846 
aufgegriffen und verhaftet. Die bei ihm gefundenen Papiere 
legten die Pläne der Verschwörung klar. Somit und nachdem 
auch der Handstreich Niegolewskis auf das Kernwerk am 
13. März vereitelt worden war, galt der Aufstand von 1846 für 
beendet. Über 700 Personen wurden verhaftet, von diesen kamea 
254 zur Anklage und Verurteilung. 

Dieser vergebliche Aufstandsversuch war aber nicht, wie 
man deutscherseits annahm, das Ende der polnischen Machen^ 
schaffen, er bildete vielmehr den Anfang zu neuen grösseren 
Unternehmungen. Wieder war es Versailles, woher den un- 
ruhigen Köpfen die Anregung kam. Zahlreich durchstreiften, 
erzählt Rakowski, von dorther Emissäre die Provinz. Welcher 
Art Leute das mitunter waren, dafür ist ein Exempel Babowski,. 
der 1847 von Dorf zu Dorf wandernd in der Nähe von Posen< 
durch einen Gendarmen festgenommen werden sollte, weil er sich 
nicht legitimieren konnte. Babowski wehrte sich und schoss dem 
Gendarmen nieder. Er wäre entkommen, wenn nicht gerade der 
Fleischer Reschke aus Posen des Wegs gegangen und sich, 
seiner bemächtigt hätte. Babowski wurde auf dem Kanonenplatz: 
erschossen, polnische Frauen tauchten in das Blut des Mörders 
ihre Taschentücher und die Geistlichkeit hielt für ihn Trauer- 
messen ab. 

Das wichtigste aber, was vor 1846 verabsäumt worden- 
war, holte jetzt bei Ausbruch der Märzrevolution die Versailler 
Zentralregierung nach: sie suchte in ihren Proklamationen die 
religiösen Leidenschaften des Volkes wachzurufen. „Brüder** 
heisst es in einer solchen „nach so vielen Jahren der Bedrückung 
und des Unglücks kam endlich die Zeit der Freiheit für die 
Völker nach dem Willen Gottes selbst. Der heilige Vater erhob 
sich zuerst zur Verteidigung der Bedrückten und segnete als 
Gesalbter des Herrn mit zum Himmel erhobenen Händen die 
ganze Welt. Schon hat Italien, die Schweiz, schon Frankreich 
diesen heiligen Ruf befolgt . . . Andre Völker werden sogleich diesem. 
geheiligten Beispiel folgen, da sie zur Überzeugung gelangt sind,, 
dass der gerechte Gott nicht dazu die Welt erschaffen hat, damit 
die einen glücklich seien, die andern in schrecklicher Knechtschaft 
leben, sondern damit alle teilnehmen an der gleichen Freiheit 



103 



und dem gleichen Wohlbefinden. Denn das sind Geschenke, die 
Gott, der in seiner Güte für alle gleich barmherzige Vater her- 
nieder gesendet hat . . . Gedenkt, dass unter der preussischen 
Uniform, die eure Brust deckt, ein polnisches Herz schlägt, und 
dass Gott euch nicht dazu geschaffen hat, auf dass ihr für unsern 
Unterdrücker, den preussischen König, gegen eure Brüder mit 
eigner Lebensgefahr kämpfen sollt . . . Der allmächtige Gott hat 
euch, ihr Brüder, Treue, Gehorsam und Liebe nur gegen eure 
Religion und gegen euer Vaterland, nicht aber gegen eure Be- 
drücker geboten. Also ist der Treubruch gegen diese keine 
Sünde; dagegen würde es, wenn ihr ihnen die Treue wahrtet, 
eine Todsünde sein, für welche auch Gott nie Vergebung ge- 
währen würde. Brecht demnach diese nichtswürdigen Eide so, 
wie im Jahr 1830 das polnische Heer den vom russischen Kaiser 
erzwungenen Eid gebrochen hat . . . Und wenn wir mit Gottes 
Hilfe aus dem Vaterland unsere Quälgeister, die Russen, Öster- 
reicher und Preussen hinausfegen, verschwindet auf immer ihre 
Herrschaft über unser schönes Vaterland und es endet die 
Knechtschaft des Volkes: wir Alle, Adel, Bürger und Bauern 
werden nur Brüder sein. Söhne eines polnischen Vaterlands . . . 
Gott, segne Polen und gewähre, dass zu deiner Ehre und zu 
unserm Glück wiedererstehe das dir gläubige polnische Volk als 
eine freie, polnische Republik." 

Diese Lehren fanden einen gewaltigen Wiederhall in der 
Provinz und Nachahmung bei der katholischen Geistlichkeit. Ein 
Beispiel dafür bringt Rakowski in der Ansprache des Pfarrers 
zu Klecko, welche ich hier wenigstens im Auszuge mitteilen 
möchte : 

„Geliebte Brüder. Habt ihr bis jetzt zu der gewöhnlichen 
Arbeit nicht Lust und Liebe verloren? Gewiss denkt ihr wie 
bisher fleissig und beharrlich zu arbeiten, obwohl die alten Zeiten 
sich in neue Zeiten wandeln; denn die Arbeit ist euer Ruhm, 
die Arbeit ums tägliche Brot ist eure Krone. Ihr verlangt also 
nicht Befreiung von euren Arbeiten, sondern ihr verlangt die Be- 
freiung von euren bisherigen sogenannten Abgaben, von der 
Kopfsteuer und von andern alten Dingen, derentwegen ihr vor 
kurzem noch mit den Exekutoren euch herumbalgen und herum- 
fluchen musstet; ihr verlangt, dass unter euch die jetzige Not 
nicht mehr verbleibe, noch das Elend und die Verfolgung. Gött- 
lich ist euer Verlangen. Ich kann euch dreist im Namen Gottes 
versichern, dass die polnische Regierung euch von all dem be- 
freit, wenn ihr auf sie nur eure Hoffnung, euer festes Vertrauen 
setzt. . . . Die Regierung eines polnischen Volkes begehrt von 
dir, arbeitsames Volk, kein Geld; sie weiss recht gut, dass du 
Geld nicht besitzest: Du wirst es haben, doch erst unter pol- 



104 



nischer Regierung: Sie wird zwar auch Geld brauchen, doch sie 
nimmt es von denen, die es haben ; von dir dagegen, Volk der 
Arbeiter, verlangt die polnische Regierung nur deine harten Hände, 
deine eiserne Brust, und setzt auf Gott und dich die zuversichtliche 
Hoffnung, dass, wenn sie ruft: „Zu den Waffen, polnische Brüder !" 
du wie das Donnerwetter in Einigkeit und Ordnung dastehen 
wirst mit deiner harten Hand, mit deiner eisernen Brust furchtlos 
gleich dem Löwen. . . . Und jetzt Brüder frage ich euch : wenn 
der schreckliche Tag anbrechen sollte, an dem irgend eine 
tyrannische Regierung, die bisher blind für alles war, was sich 
heiliges in der ganzen Welt begibt, und die unsre Freiheit und 
unsre neue Verbrüderung nicht zu ertragen vermag — wenn 
eine solche Regierung auf uns wie ein Unwetter seine blinden 
Söldner losliesse und diese blinden Söldner anfingen, eure braven 
Weiber und eure unschuldigen Töchter zu entehren, wenn sie 
anfingen, die Kleinen, eure Kinder auf die Lanzen zu spiessen, 
was dann? Siehe, ich euer Priester ergreife das heilige Kreuz, 
erhebe die heilige Fahne des polnischen Volkes und rufe : 
Brüder Polen, zu den Waffen. Denn siehe, räuberische Wölfe 
stürzen auf uns, um uns unsre heilige Freiheit und heilige 
Einigkeit zu entreissen. Wollt ihr Brüder mit mir gehen? Das 
Übrigfe findet sich mit Gottes Hilfe". — 

Auf den historischen Verlauf des Posener Aufstandes, der 
unmittelbar der Berliner Revolution folgte, soll hier nicht näher 
eingegangen werden. Die Ereignisse sind allgemein bekannt. 
Es soll nur auf Grundlage der Schrift Rakowski's der Nachweis 
versucht werden, dass die öffentlichen Erklärungen der Polen, 
welche sie der Regierung und den Deutschen über ihre Absichten 
kund gaben, im Widerspruch mit ihrem tatsächlichen Vorgehen 
standen. Mit dem Bewustsein, dass die breiten Massen der 
polnischen Bevölkerung gewonnen seien, wuchs die Begehrlichkeit 
der leitenden Personen, welche das National-Komite in Posen 
bildeten. Es entsendete eine Deputation an den König am 22. März 
und verlangte die Einrichtung eines Nationalheeres und die Be- 
setzung der Beamtenstellen mit eingeborenen Polen. Trotz des 
insolenten Benehmens eines der Deputierten sagte der nachsichtige 
König eine Reorganisation der Provinz zu. Diese sollte durch 
eine aus Mitgliedern beider Nationalitäten zusammengesetzte 
Kommission unter Vorsitz des Oberpräsidenten durchgeführt werden. 
Ihre Tätigkeit werde beginnen, sobald die Ordnung in der Provinz 
zurückgekehrt sei, und wenn das Ansehen der Behörden gewahrt 
bleibe. Diese Zusage des Königs ist ungemein wichtig, da sie 
für die folgenden Ereignisse den Massstab der Beurteilung bietet. 
Schon am 25. März trat die Deputation mit weiteren Forderungen 
auf ; in die Reorganisations - Kommission sollten nur geborne 



105 



Posener zugelassen und zu ihrem Vorsitzenden General von Willisen 
ernannt werden, den Landräten sollten bis zu ihrer endgiltigen 
Absetzung polnische Kommissare zur Seite gestellt, die Distrikts- 
kommissare sofort entlassen, und zum Oberpräsidenten sollte 
unverzüglich ein Pole ernannt werden. 

Nun hätte man erwarten müssen, dass die Polen sich ge- 
mäss der königlichen Aufforderung ruhig verhalten würden, um 
so der versprochenen Reorganisation jedes Hindernis aus dem 
Wege zu räumen. Doch in ihren Absichten lag nichts weniger 
als dies. Zunächst wurde, sobald Mieroslawski am 27. März 
nach Posen kam, die Organisation eines polnischen Heeres im 
grossen Massstabe betrieben. Es wurden die Kreise bestimmt, 
aus denen die polnischen Heerespflichtigen nach den 4 Kriegs- 
lagern in Xions, Pleschen, Wreschen und Mitschisko zusammen- 
kommen sollten ; es erfolgten starke Waffenankäufe; die Höhe der 
Kriegssteuer wurde festgestetzt. Grossartige Versprechungen 
machte das National -Komite am 25. März und 1. April in Auf- 
rufen an das Volk : a) die für das Vateriand Kämpfenden erhalten 
eine angemessene Belohnung; ihrer Witwen und Waisen wird 
sich die polnische Regierung annehmen; b) die für die Freiheit 
Kämpfenden haben den ersten Anspruch auf Anstellung in den 
Ämtern des neuen Reichs; c) die Frauen und Kinder der uhter 
Waffen stehenden Tagelöhner und Knechte erhalten nach wie vor 
das Deputat und ^/g des dem Vater oder Ehemann zustehenden 
Lohns; d) die Jagd- und Fischereigerechtsame der Dominien 
werden aufgehoben. 

Auf diese Weise wurde von polnischer Seite alles getan, 
um die Voraussetzungen für die vom König zugesagte Reorga- 
nisation zu vernichten; denn diese Vorkehrungen waren keines- 
wegs geeignet, die Ordnung und Sicherheit im Lande wieder 
herzustellen. Man ging noch weiter, indem man, ohne die in 
Aussicht gestellte Berufung der Organisations-Kommission abzu- 
warten, die Schaffung eines Nationalheeres ausführte. 

Eine zweite Forderung der an den König gesandten Deputation 
vom 22. März war die Besetzung der Beamtenstellen mit ein- 
geborenen Polen. Auch hier glaubte man eine vorhergehende 
Prüfung der Sache durch die Organisations-Kommission und die 
<jenehmigung des Königs als ganz überflüssige Dinge ansehen 
zu können. Denn noch an demselben Tage begann man mit 
der Einrichtung polnischer Kreisbehörden. Irgend eine polnische 
Vertrauensperson wurde vom Zentralkomite in Posen nach einem 
landrätlichen Kreis, nach einer Stadt gesendet. Dort angelangt 
wies der polnische Kommissar seine Vollmacht dem Landrat 
beziehungsweise dem Bürgermeister vor und verlangte weiter 
.nichts, als die Aushändigung der gesamten Akten und der Kasse 



106 



mit dem Bemerken, dass er jetzt die Geschäfte des Landrats 
oder des Bürgermeisters versehen werde; der Andre könne 
gehen. So ging es den Kreis- und städtischen Behörden. Noch 
formloser war das Verfahren gegenüber dem höchsten Provinzial- 
Beamten; der wurde einfach als nicht vorhanden von den Polen 
erachtet; für sie war die oberste Provinzial-Behörde das National- 
Komite, das sich auch als solche gerierte und daneben noch die 
Geschäfte des Posener Magistrats versah. Bekannt ist ja, wie 
es am 22. März zum Rathaus zog und vom damaligen Bürger- 
meister in eigner Person nach dem Sitzungssaal geleitet wurde. 
Bei jener Gelegenheit zeigte das polnische National -Komite in 
recht auffallender Art, dass ihm die Deutschen und deren Wohl 
im höchsten Grade gleichgültig wären. Denn als im Sitzungs- 
saal auch ein deutsches Komite mit dem Antrage erschien, an 
den Sitzungen teilnehmen zu dürfen, erhielt es einen kurzen 
ablehnenden Bescheid mit der Begründung, dass es sich hier 
um die Unabhängigkeit Polens handle. 

In eine neue Phase trat die allgemeine Wirrnis mit dem 
Eintreffen des Generals Willisen in Posen am 5. April. Während 
seiner Htägigen Anwesenheit verfuhr er die Dinge so, dass sie 
nur noch durch blutigen Kampf ins richtige Gleis gebracht werden 
konnten. Der von den Polen so ersehnte Organisator der Provinz 
verdarb es gleich am ersten Tage selbst mit ihnen, als er ihnen 
im Aufruf vom 6. April die Amnestie des Königs für das Ver- 
gangene zusicherte. Doch als sie ihn verwundert fragten, wie 
er angesichts der „legalen Revolution" von einer Amnestie 
sprechen könnte, erklärte er kleinlaut, dieser Passus beruhe wohl 
auf einem Irrtum des Sekretärs. Im übrigen hiess er alles gut,, 
was die Polen bisher vorbereitet und getan hatten. 

Denn ganz offen sagte er in dem erwähnten Aufruf: Polen, 
ihr wollt eine Nationalregierung und die polnische Sprache in 
der Justiz, ihr sollt das Eine und das Andere haben. Zunächst 
soll an die Spitze der Verwaltung ein Pole treten, sodann soll 
die freie Wahl der Landräte stattfinden. Ihr wollt ein National- 
heer. Ihr habt es schon in eurer Landwehr: alles was ihr 
begehrt, lässt sich mit dieser thun, und ich bin gern bereit^ 
Anträge sachverständiger Männer aus eurer Mitte entgegen 
zu nehmen, die sich auf die Dienstsprache im Heere und auf 
die Form seiner Abzeichen beziehen .... 

Eine derartige Auffassung der Reorganisation, die schliesslich 
zur vollen Loslösung der Provinz vom preussischen Staatsverbande 
hätte führen müssen, war den Polen natürlich höchst willkommen. 
Sie fühlten sich daher sehr enttäuscht, dass diesem Gebahren 
aufs schärfste wenigstens die Militärbehörde Posens entgegentrat. 
Schon am 7. April verhängte von Colomb über Posen den Bela- 



107 



gerungszustand. Schlesiche, pommersche und märkische Land- 
wehr rückte in die Provinz und verübte — wie Rakowski klagt 
— im Verein mit Deutschen und Juden die ärgsten Grausam- 
keiten. Zur Beleuchtung dieser Grausamkeit ist es notwendig, hier 
wenigstens einige solche Schreckensscenen, wie sie Rakowski 
darstellt, zu erwähnen. Gleich bei Beginn des Belagerungs* 
zustandes versuchte ein Pole vor dem Rathaus eine Rede zu 
halten. Er wurde auf unsanfte Art von Juden und Soldaten daran 
gehindert. Da kommt ihm ein bewaffneter Pole zu Hilfe. Dieser 
wird von einem Unteroffizier sogleich ergriffen, der Säbel wird 
ihm zerbrochen und er selbst unter Kolbenstössen auf die Wache 
gebracht. Auf eine Beschwerde hierüber antwortet v. Colomb- 
mit einem Achselzucken. Mit Recht, denn der Belagerungszustand 
ist ja ein Zustand, in dem man sich doppelt in Acht zu nehmen' 
hat. Ein andrer Fall: Die Soldaten in Bromberg pflegten den? 
Landleuten, die stolz mit ihren polnischen Kokarden die Stadt: 
betraten, diese abzureissen und den Hunden an die Schwänze 
zu binden. In Posen wurden die Ärmsten gezwungen, ihre 
Kokarden zum Frühstück aufzuessen. 

Ernster, aber durchaus gerechtfertigt, war ein Vorfall ber 
Labischin. Dort kam ein Trupp Polen aus Russland, die sich 
am Aufstand hier zu beteiligen beabsichtigten. Von den Ein- 
wohnern der Stadt bejauchzt zogen sie hinaus. Da jagte ihnen 
eine Schwadron Husaren begleitet von Labischiner Deutschen- 
und Juden nach, überfiel die Nichtsahnenden, verwundete und 
tötete viele und schleppte andre gefesselt nach Labischin. Am- 
nächsten Morgen führten Husaren die ärgsten der Juden nach 
Posen vor Gericht, wo sie nur wegen Raubes angeklagt wurdeUj. 
obwohl die Gazeta polska später meldete, dass einer der in La- 
bischin Überfallenen Polen seinen Wunden erlegen sei. Dies 
Beispiel ist, abgesehen von der recht unklaren Darstellung des 
Sachverhalts, sehr bezeichnend für die Naivität, mit der Rakowski 
den Einzug fremder Insurgenten in unsre Provinz für etwas 
Selbstverständliches, ihre Beunruhigung dagegen als etwas Ver- 
dammenswertes hält. Ebenso naiv ist sein Hinweis auf das. 
Zeugnis der Gazeta polska. 

Dass Rakowski auch übertreibt, ist aus folgender Mit- 
teilung zu schliessen, die er über ein Gefecht vom 22. April 
gibt. Eine preussische Abteilung marschierte von Ostrowo nach 
Adelnau und traf in Gross Topola einen Haufen von 20 be- 
waffneten Bauern, die ihren polnischen Landsleuten in Adelnau 
zu Hilfe eilten. Sie wurden aufgefordert, die Waffen zu strecken 
und taten es. Da warfen sich die Husaren auf sie und hieben 
alle nieder. Das ist falsch. Denn Adalbert Lipski, ein pol- 
nischer Zeitgenosse jener Vorfälle, sagt in seinen Beiträgen zuc 



108 



Beurteilung der Ereignisse im Grossherzogtum Posen, dass von 
diesen Leuten nur drei gefallen seien und fügt sogar hinzu, 
dass nach deutscher Darstellung dieser Sache die drei Polen im 
Kampfe gefallen wären. 

Doch genug von diesen Einzelheiten. Es kam am 11. April 
auf Willisens Veranlassung die unglückliche Konvention von Ja- 
roslawice zustande. Diese Konvention sanktionierte unter an- 
derem vertragsmässig das Weiterbestehen eines polnischen 
Heeres, das in 4 Lagern (Wreschen, Xions, Pleschen und Mi- 
loslaw) consigniert werden sollte. Und doch lehnte es Miero- 
slawski ab, diesen Vertrag zu unterzeichnen, weil er in seine 
Operationen sich in keiner Weise dreinreden lassen wollte. 
Ein anderer Punkt der Konvention besagte, dass jedes der pol- 
nischen Lager nur eine bestimmte Anzahl Truppen enthalten 
sollte, die überzähligen mussten nach der Heimat entlassen 
werden. Auch dies wurde umgangen. Denn diese Leute wurden 
entweder in bewaffneten Haufen entlassen und gingen nicht nach 
Haus, sondern bildeten zahlreiche Kampfscharen ; oder sie wurden 
nur beurlaubt. Dass solche Abteilungen plündernd und andern 
Unfug verübend im Lande umherzogen, hält Rakowski für ent- 
schuldbar. Weniger selbstverständlich erscheint es ihm, dass die 
deutsche Bevölkerung an ihnen Widervergeltung übte, wo sie 
konnte, oder dass sie von preussischem Militär auf das Nach- 
drücklichste bekämpft wurden. Von Colomb selbst glaubte anfangs 
gegen die von Willisen abgeschlossene Konvention und die pol- 
nischen Lager nicht einschreiten zu dürfen. Er entschloss sich 
erst dazu, als er wahrnahm, dass bewaffnete Rotten überall auf- 
tauchten, und die ganze Provinz in heillosestem Aufruhr wogte. 
Langsam engte er die polnischen Lager durch einen Gürtel 
preussischen Militärs ein, um ihnen zunächst die Zufuhr zu unter- 
binden. Erst am 29. April wurden die Polen bei Xions an- 
gegriffen und zerstreut. Ein gleiches Schicksal erlitt am nächsten 
Tage das Lager von Miloslaw, dass im Verein mit dem Heer 
von Pleschen kämpfte. Hier erlitten die Preussen zwar schwere 
Verluste infolge einer auf deutscher Seite verübten Unvorsichtigkeit, 
die polnischen Lager wurden aber gleichwohl zur Auflösung ge- 
zwungen. Und nach wenigen Tagen gab es kein polnisches 
Heer mehr in Posen, da die polnischen Offiziere selbst ihrem 
Herrn und Gebieter Mieroslawski die weitere Gefolgschaft ver- 
sagten. Sie fürchteten vor allem, er würde sie nach Russland 
hinüberführen. Nach kurzer Verhandlung mit General Wedel 
«inigte man sich dahin: Die Waffen sind sofort niederzulegen; 
4ie Emigranten aus Russland und Galizien werden in westliche 
Festungen gebracht und können von dort, sobald sie wollen, nach 
J^rankreich auswandern ; die preussischen Deserteure werden nach 



109 



Posen gebracht und haben dort das Weitere zu erwarten ; per- 
sönliche Freiheit bleibt allen andern, welche die Waffen strecken.. 
Die Waffen sollten am 10. Mai in Czarne piontkowo nieder- 
gelegt werden. Aber die Polen hatten beschlossen, dass „kein 
Stückchen polnischen Eisens freiwillig den Preussen zu Füssen 
gelegt werde". Als deshalb am festgesetzten Tage Wedel nach 
dem bestimmten Orte kam, fand er weder Offiziere, noch Waffen, 
sondern nur 35 polnische Leute vor, die sich dort umhertrieben.. 



Nachrichten, 



Zum Direktor der Posener Akademie, die am 
1. Oktober eröffnet werden solU ist Universitätsprofessor 
Dr. Kühnemann, früher zu Marburg, jetzt zu Bonn ernannt worden.. 
Die wissenschaftlichen Leistungen dieses Gelehrten bewegten 
sich sowohl auf philosophischem als auch auf litterarischem 
Gebiete, auch geht ihm der Ruf eines sehr guten Redners voraus.. 



Geschäftliches. 



Jahresbericht der Abteilung für Geschiclite der Deutschem 
Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft zu Bromberg», 

(Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt.) 

Der zu erstattende Bericht hat diesmal den Zeitraum von fünf Vier- 
teljahren — vom Januar 1902 bis April 1903 — und damit den wich- 
tigsten Abschnitt nach der Gründung der Historischen Gesellschaft für 
den Netzedistrikt zu umfassen. Hat sie doch in ihm ihre Selbständigkeit 
aufgegeben und sich als Abteilung in die grosse Deutsche Gesellschaft 
für Kunst und Wissenschaft zu Bromberg eingefügt. Da das Geschäfts- 
jahr dieser vom 1. April bis 31. März läuft, mussten auch wir uns dieses 
Geschäftsjahr aneignen. 

In der vorjährigen Hauptversammlung am 16. Januar 1902 wurden 
in den Vorstand gewählt die Herren 

Geh. Reg.-Rat Dr. Guttmann, Vorsitzender, 

Oberlehrer Dr. E. Schmidt, Stellvertreter des Vorsitzenden, 

Kommerzienrat Franke, Schatzmeister, 

Oberlehrer Dr. Baumert, Archivar, 

Oberlehrer, Pastor a. D. Koch, Schriftführer, 

Oberregierungsrat Dr. Albrecht. 

Als Beisitzer gehörten dem Vorstande an die Herren: Professor 
Dr. Ehrenthal, Oberlehrer Wandelt, Reg.- und Baurat Schwarze, Kauf- 
mann G. Werkmeister, Rentner R. Dietz, Hauptmann a. D. Timm. 

Im Februar wurde der Kgl. Forstmeister Schulz vom Vorstande 
zugev/ählt und ihm das Amt eines stellvertretenden Schriftführers übertragen. 

Der Vorstand hat es sich auch in dem abgelaufenen Zeitabschnitt 
angelegen sein lassen, die Interessen der Gesellschaft nach allen Rich- 
tungen hin zu vertreten und ihren Mitgliedern durch Vorträge und son- 
stige Veranstaltungen Anregungen der mannigfaltigsten Art zu bieten.. 



110 



Er hat 18 Sitzungen abgehalten. Ausserdem haben der Vorsitzende und 
dessen Stellvertreter sowie Herr Landgerichtspräsident Riek verschiedenen 
■Sitzungen und Besprechungen mit dem Herrn Oberpräsidenten und Re- 
gierungspräsidenten beigewohnt, in denen über die Gründung einer 
Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft zu Bromberg ver- 
handelt wurde. Diesem Zweck waren auch grösstenteils die Vorstand- 
sitzungen bis in den Oktober 1902 hinein gewidmet. Da von dem An- 
schluss der Bromberger Vereine an die Posener Deutsche Gesellschaft für 
Kunst und Wissenschaft abgesehen wurde, fiel für die hiesigen Vereine 
der Hauptgrund des Widerstrebens gegen die Gründung der Gesellschaft 
weg. Das Ergebnis der langen und mühevollen Verhandlungen war der 
Vertrag vom 15. Oktober 1902 mit der inzwischen gegründeten Deutschen 
Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft zu Bromberg, dessen Abschluss 
in der Hauptversammlung am 25. September genehmigt worden war. 

Ihre erste Hauptversammlung hielt die neue Abteilung für Ge- 
schichte am 30. Oktober 1902 ab. Bei der Wahl des neuen Vorstandes 
wurden gewählt die Herren 

Landgerichtspräsident Riek, der das Amt des Vorsitzenden übernahm, 

Oberlehrer Dr. E. Schmidt, stellvertretender Vorsitzender, 

Kommerzienrat Franke, Schatzmeister, 

Oberlehrer Dr. Baumert, Archivar, 

Forstmeister Schulz, Schriftführer, 

Oberlehrer, Pastor a. D. Koch, stellvertretender Schriftführer. 

Als Beisitzer v/urden die obengenannten Herren wieder, Herr Ober- 
regierungsrat Dr. Albrecht neu gewählt. 

Auf die Wiederwahl des Mitbegründers und bisherigen ersten Vor- 
sitzenden der Gesellschaft, Herrn Geh. Reg.-Rat Dr. Guttmann musste 
verzichtet werden, da er das Amt mit seiner Pensionierung am 1. Oktober 
niedergelegt und eine Wiederwahl wegen seines Wegzuges von Bromberg 
abgelehnt hatte. Seine Verdienste um die Gesellschaft wurden durch die 
Ernennung zum Ehrenmitgliede gewürdigt. Diese glaubte der Vorstand 
^uch durch die Teilnahme an der Feier des 25-jährigen Direktorjubiläums 
-am 1. Juli 1902 und die Überreichung einer Nachbildung des hiesigen 
Denkmals Friedrichs des Grossen anerkennen zu müssen. 

Die Zahl der Mitglieder betrug bei der vorjährigen Hauptver- 
sammlung 212. Von diesen sind nur wenige, meist in Folge Wegzuges 
von Bromberg nicht in die neue Abteilung für Geschichte eingetreten. 
Dagegen sind viele neue Mitglieder gewonnen worden, so dass wir deren 
jetzt 292, einen Ehrenvorsitzenden, und 5 Ehrenmitglieder haben. Durch 
den Tod verloren wir ein langjähriges Mitglied den Pfarrer, Dekan a. D. 
Kasimir Erdmann in Kwieciszewo. 

In den Kassenverhältnissen ist insofern eine Änderung eingetreten, 
als die Beiträge jetzt von der Deutschen Gesellschaft erhoben werden 
und uns von dieser eine bestimmte Summe — z. Z. 1400 M. — über- 
wiesen werden. Bei der starken Mitgliederzahl ist diese Summe zu ge- 
ring und wird erhöht werden müssen, soll die Abteilung ihren Aufgaben 
in bisheriger Weise gerecht werden. Die Einnahmen haben betragen 
2584,97 M., die Ausgaben 2472,77 M., so dass ein Bestand von 112,15 M. 
geblieben ist. 

Der zwischen der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen 
und uns unter dem 12. August 1899 über die litterarische Vereinigung 
geschlossene Vertrag ist zunächst bis zum Schlüsse des Jahres 1903 ver- 
längert worden, nachdem der Herr Oberpräsident wiederum eine Staats- 
beihülfe von 400 M. bewilligt hat. Auch diese Beihülfe wird gemäss 
der gesteigerten Mitgliederzahl erhöht werden müssen, wenn das litte- 
.jarische Übereinkommen mit Posen aufrecht erhalten werden soll. 



111 



Die Sammlungen haben in der Berichtzeit manche erfreuHche Be- 
reicherung erfahren. Vorgeschichthche Altertümer sind geschenkt worden 
von den Herren Landesbauinspektor Ziemski, Stadtbaurat Meyer, Stadt- 
gärtner Neumann zu Bromberg, Strommeister Verch zu Weissenhöhe, 
Gutsbesitzer Schuckert in Trischin, Kaufmann Lange in Gross-Salzdorf 
und von Frau Brauereibesitzer Krüger in Samotschin, geschichtliche Alter- 
tümer vom Magistrat und den Herren Kommerzienrat Franke, Oberlehrer 
Klose, Amtsrichter Peterson, Stadtrat Wolff, Gebr. Engelmann zu Brom- 
berg, Domänenpächter Rahm-Woynowo, gekauft worden sind mehrere 
Tongefässe aus Wiatrowo-Hauland bei Wongrowitz. Für die Münz- 
sammlung wurden 27 Stück geschenkt von den Herren Landschaftsdirektor 
Franke, Seminarlehrer Reddin, Rechtsanwalt Kuwert, Kaufmann L Lipp- 
mann, Hauptmann Timm zu Bromberg, Besitzer Seefeldt zu Pawlowke, 
gekauft wurden 20 preussische Taler aus den Jahren 1769 — 1821. — 
Im Zeitschriftenaustausch standen wir mit 28 Vereinen und wissen- 
schaftlichen Anstalten; abonniert waren wir auf 7 Zeitschriften. Die 
Bücherei wurde vermehrt durch Geschenke vom Kultusministerium, vom 
Gymnasium zu Nakel und von den Herren Kupffender, Dr. Liman, 
Hauptmann Timm, Otto Grunwald zu Bromberg, Studiosus Lüdtke zu 
Inowrazlaw, Geh. Reg.-Rat Dr. Guttmann zu Berlin, Th. Schemel zu 
Krone a. Br., Lehrer Klemm zu Czarnikau und Brauereibesitzer Krüger 
zu Samotschin. 

Da die Nonnenkirche noch immer nicht ganz für unsere Zwecke 
hergegeben werden kann, so befinden sich Bücherei und etnographische 
Sammlung wie bisher in gemieteten Räumen des Gymnasiums, wo sie 
der Allgemeinheit nicht zugänglich gemacht werden können. Wegen 
Unterbringung unserer Bücher in der zu gründenden Bücherei der Stadt 
schweben mit uns ebenso wie mit den anderen Abteilungen auf der 
Grundlage Verhandlungen, dass die Bücher Eigentum der Abteilung 
bleiben, dass dies äusserlich sichtbar gemacht werde und dass die Stadt 
die Verwaltung und Instandhaltung übernehme. Der Vorstand glaubt 
sich diesem Abkommen gegenüber geneigt verhalten zu müssen, weil 
dadurch die Bücherei einem grösseren Kreise zugänglich und ihrem 
eigentlichen Zwecke mehr dienstbar gemacht werden kann, weil der 
.Büchereiverwalter entlastet und auch der Kasse eine Erleichterung ver- 
schafft wird. — Die Sammlungen in der Nonnenkirche waren, wie in 
früheren Jahren in den Sommermonaten Sonntags von 11 — 1 Uhr für 
Jedermann geöffnet. 

Eine Ausgrabung von Steinkistengräbern hat am 12. Juli 1902 auf 
dem Gute Trischin in Gegenv/art von Vorstandsmitgliedern und einigen 
geladenen Personen stattgefunden, nachdem schon vorher Herr Dr. Baumert 
dort einige Gräber aufgedeckt und die dabei gefundenen Urnen für 
die Sammlungen geschenkt erhalten hatte. Dem Besitzer des Gutes 
Trischin, Herrn Schuckert, sei auch an dieser Stelle für die Bereitwillig- 
keit, mit der er die Ausgrabungen gestattet hat, und für die Hülfe, die 
er dabei geleistet hat, der Dank der Abteilung ausgesprochen. 

Die monatlichen Versammlungen wurden in der bisherigen Weise 
abgehalten. Sie erfreuten sich meist eines regen Besuches und boten 
Anregungen nach vielen Richtungen hin. Am 27. Februar 1902 sprach 
Heri Professor Dr. Ehrenthal über die römischen Bauten in Trier und er- 
läuterte seinen Vortrag durch Vorzeigung zahlreicher Bilder aus dem 
Tri ersehen Museum, Am 20. März hielt Herr Schemel den schon für 
Dezember in Aussicht genommenen Vortrag: Aus dem Lande der alten 
Burgunder und Gepiden. Die Sitzung am 10. April wurde durch eine 
Vorlesung aus einer Arbeit unseres Ehrenmitgliedes, des Herrn Oberforst- 
meisters a. D. Hellweg über das Diluvium im Netzegebiet ausgefüllt. In 



112 



der Hauptversammlung am 30. Oktober überreichte Herr Stadtrat Wolff 
für die Sammlungen eine alte und eine neue Ausrüstung eines Brom- 
berger Nachtwächters und machte Mitteilungen über die Verhältnisse 
dieser wichtigen Beamtenkategorie seit 1815. Den Vortrag des Abends 
hielt Herr Dr. E. Schmidt über die Schotten in Bromberg. Am 21. November 
sprach Herr Schemel aus Krone a. Br. über zwei alte Bilder in der 
dortigen Klosterkirche und einen Besuch des Königs Joh. Sobieski daselbst, 
am 9. Dezember Herr Dr. Stoltenburg über Herrmann v. Boyen und den 
Untergang Polens. Mit der Monatsversammlung am 20. Januar 1903^ 
wurde die Feier des Stiftungsfestes, die in der gewohnten Weise durch 
ein Festmahl, das durch ernste und heitere Reden und den Gesang froher 
Lieder gewürzt wurde, begangen wurde, verbunden. Herr Oberlehrer 
Kuwert sprach über Arminius als Held der deutschen Dichtung. In der 
Februarversammlung am 12. sprach Herr Chefredakteur Gintschel über 
litterarische Strömungen in der vormärzlichen Zeit und über die Brom- 
berger Theaterverhältnisse im vorigen Jahrhundert. An die Hauptvor- 
träge schlössen sich stets kleinere Mitteilungen von meist örtlicher Be- 
deutung oder die Vorzeigung von Fundstücken an, was stets in hohem 
Grade die Aufmerksamkeit der Zuhörer fesselte. Am 2. Februar 1902 
veranstaltete die Gesellschaft zusammen mit dem Bromberger Gesangverein 
einen Vortrag des Herrn Dr. M. Friedländer aus Bedin über das Volks- 
lied, der sehr zahlreich besucht war und durch gesangliche Darbietungen 
des Vortragenden und des Gesangvereins besonders unterhaltend ge- 
staltet wurde. 

In Folge des Anschlusses an die Deutsche Gesellschaft wurden 
verschiedene Vorträge der Allgemeinheit zugänglich gemacht, so der 
Vortrag des Herrn Dr. Mayec über Eduard Mörike, des Herrn Professor 
Kaufmann aus Breslau über die Charakteristik der Jahre 1848/49 und des 
Archivrats Herrn Dr. Warschauer über die Epochen der Posener Landes- 
geschichte. Die Kosten der ersten beiden Vorträge trug die Kasse der 
Deutschen Gesellschaft, die des letzten unsere Abteilungskasse. 

Der Sommerausflug fand am 25. Juli nach der Schwedenschanze 
bei Fordon (Burg Wyszogrod) statt. Herrn Stadtrat Wolff, der zu dem 
Gelingen des Ausfluges in ausgiebigster Weise beitrug, und Herrn Stadt- 
rat Engelmann, der die Pforten seines Hauses gastfrei den Teilnehmern 
des Ausfluges öffnete, sei auch hier der Dank der Gesellschaft aus- 
gesprochen. 

Der Vorstand der Abteilung für Geschichte der Deutschen Geseilschaft für 
Kunst und Wissenschaft zu Bromberg 

(früher Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt.) 
I. A.: Schulz, Kgl. Forstmeister, Schriftführer. 



Historisciie Abteilung der Deutschen Gesellsctiaft för Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 
Der für den 21. Juni geplante 

Sommausflug nach Meseritz und Paradies 

ist auf S^onntag, den 13. September verschoben worden. 

Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg, 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





MISTORISCHE 
MONATS BLATTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang IV Posen, Hugust 1903 



Mr. 8 



Warschauer A., Historische Beiträge zur Wiederherstellungsfrage des 
Posener Rathauses, Fortsetzung, S. 113. — Nachrichten S. 126. — 
Geschäftliches S. 128. — Bekanntmachung S. 128. 



Historische Beiträge 
zur Wiederherstellungsfrage des Posener Rathauses. 

Von 
A. Warschauer. 

IL 

Raumeinteilung im alten Bau: das Ratszimmer, der grosse 
Saal. — Der Umbau des Giovanni Battista: Kellergeschoss. 
Erdgeschoss. Hauptgeschoss: Bestimmungen des Bau- 
vertrags, Besichtigungsprotokolle von 1750 und 1780. Der 
vordere Saal. Der Königssaal. Das Ratszimmer. — Zer- 
störung des Königssaals um 1795. Teilung des vorderen 

Saals 1834. 

Vor der Frage, ob das Äussere des Rathauses in Farben- 
schmuck wiederhergestellt werden solle oder nicht, ist in der 
letzten Zeit der Plan der Wiederherstellung des Innern etwas in den 
Hintergrund getreten, und es ist fraglich, ob überhaupt noch an 
eine Umgestaltung der Innenräume gedacht wird. Und doch ist es 
kaum zweifelhaft, dass sich durch diese leichter und wahrscheinlicher 
Wirkungen eigenartiger altertümlicher Schönheit werden gewinnen 
lassen als durch jene. Denn wenn man auch über den künstlerischen 
Wert des ursprünglichen architektonischen und malerischen 
Schmuckes der Ostfront verschiedener Meinung sein kann, so 
sind doch die Raumgedanken, die sich bei dem grossen Er- 
weiterungsbau des Giovanni Battista di Quadro in dem Innern 
des Rathauses verkörpert haben, der grossartigen Auffassung 

8 



114 



sicher nicht unwürdig gewesen, die man der Zeit und der Heimat 
des Künstlers mit Recht beizumessen pflegt. 

Im allgemeinen hat die technische Untersuchung des Mauer- 
werks Klarheit über die verschiedenen Perioden der Raum- 
verteilung im Innern des Rathauses verschafft. Die in folgendem 
benutzte handschriftliche Überlieferung dürfte jeden Zweifel über 
diese Entwickelung endgültig beseitigen, da sie nicht nur die 
ursprüngliche Anlage, sondern auch Schritt für Schritt die Um- 
gestaltung in den heutigen Zustand erkennen lässt. 

Über die Räumlichkeiten in dem alten Rathaus vor dem 
Umbau des Giovanni Battista, als das Gebäude im Westen noch 
mit dem Turm abschloss, ist wenig überliefert. Nur ein Zimmer 
dieses ältesten Baues wird in den Stadtrechnungen vielfach ge- 
nannt: Das Ratszimmer, lat. hypocaustum consulare, das auch 
in dem Vertrage der Stadt mit Giovanni Battista als die „jetzige 
alte Ratsstube oder das Zimmer in dem die Herren sitzen", 
erwähnt wird. In diesem Vertrage wird auch seine Lage in der 
Nordwestecke des alten Gebäudes in dem zweiten (Haupt-) 
Geschoss genau beschrieben^). Nach dieser Schilderung muss 
man annehmen, dass es eben so gross gewesen ist, als das heute 
noch bestehende Turmzimmer (Nr. 3 in Abb. 3), neben dem es lag. 
Man muss hierbei erwägen, dass im Mittelalter der Rat nur aus 
8 Mitgliedern bestand und dass auch nach der Verfassungs- 
änderung von 1504 zwar 16 Ratsherren jährlich ihres Amtes 
walteten, von denen aber nur 8 als „sitzende" Ratsherren regel- 
mässig den Sitzungen beiwohnten, während die 8 anderen nur 
bei wichtigeren Angelegenheiten hinzugezogen wurden, eine 
Verfassungsform, die sich übrigens nicht bewährte und 1518 zu 
Gunsten der alten wieder abgeschafft wurde. Im Allgemeinen 
war also ein kleines Zimmer für die Ratssitzungen hinreichend, 
wenn auch freilich die Enge des Raumes sich oft fühlbar und 
das Streben nach einem grösseren Sitzungszimmer sich geltend 
gemacht haben wird. Dass dieses alte Ratszimmer gewölbt 
war, geht nicht nur aus dem erwähnten Vertrage, sondern auch 
aus der Stadtrechnung von 1548 hervor 2). 

Freilich muss es in dem alten Bau auch einen umfassenderen 
Raum gegeben haben, in dem eine bei weitem grössere Ver- 

1) Es muss etwa dem Zimmer 6 der heutigen Einteilung (Abb. 3) 
mit Hinzuziehung des anstossenden Teils des Korridors (5) entsprochen 
haben. 

^ A reparando testudine in hypocausto consulari 2 fl. 6 gr. Auch 
sonst werden die Gewölbe des Rathauses vielfach in den Rechnungen 
erwähnt: so 1493 Item vor czwu eychenn off das rothaws von den ge- 
welben 8 gr. 1538 Muratori . . . testudinem ibidem in turri ignis incendio 
labefactam dejecit denuoque extruxit Diese Wölbung im Turm ist 
vielleicht eine der noch jetzt bestehenden. 



115 



Sammlung Unterkommen finden konnte; denn bei allen für das 
Wohl der Stadt wesentlicheren Geschäften war der Rat verpflichtet, 
sich mit den Schöffen und Innungsältesten zu gemeinsamer Be- 
ratung zu vereinigen. Da das Schöffenkollegium aus 9 Personen, 
die Gesamtheit der Innungsältesten am Ende des Mittelalters aus 
44 und um 1550 aus 52 Personen bestand, vielfach auch noch 
frühere Ratsherren zugebeten wurden und ausserdem zweifellos noch 
Platz für den Stadtschreiber und seine Gehülfen, Stadtdiener, 
Parteien und andere Interessenten da sein musste, so muss not- 
wendigerweise auch in dem alten Bau schon mindestens ein 
Raum gewesen sein, in dem etwa 100 Personen Platz finden 
konnten. Zu derselben Vermutung führt auch der Umstand, dass 
hin und wieder der Generalstarost von Grosspolen seinen Gerichts- 
tag, dem die höchsten Beamten des Landes und eine ansehnliche 
Menschenmenge beizuwohnen pflegten, auf dem Posener Rathaus 
abhielt^). Da man sich diesen wichtigsten Raum des Gebäudes 
doch wohl kaum anders, als in seiner Hauptetage, denken kann, 
die ganze westliche Hälfte dieses Stockwerkes aber durch das 
erwähnte Ratszimmer und das Turmzimmer bereits besetzt war, 
so hat die schon von Kohte ausgesprochene Vermutung^), dass 
die östliche Hälfte, also der alte Stadtverordneten-Sitzungssaal 
und der jetzige Vorflur, schon damals e i n Raum gewesen sein 
muss, auch aus historischen Gründen viel Wahrscheinlichkeit 
lür sich. 

Der grosse Umbau des Giovanni Battista, der in den Jahren 
1550 — 52 erfolgte, hatte ausgesprochener Massen zwei Zwecke: 
einmal den durch den grossen Brand des Jahres 1536 ins Wanken 
gekommenen Turm zu stützen und ferner die zu enge gewordenen 
Räumlichkeiten des alten Hauses zu erweitern. Zur Befestigung 
des Turmes hatte man in den dreissiger und vierziger Jahren des 
16. Jahrhunderts manches versucht, ohne zu einem vollkommen 
befriedigenden Ergebnis gelangt zu sein. Auch die Errichtung 
der gemauerten Buden, die aus dieser Zeit stammen, scheint 
dem gleichen Zweck gedient zu haben ^). Noch jetzt kann man 
deutlich bemerken, dass der Turm bedeutend nach Westen zu 



1) Lekczycki, Die ältesten grosspolnischen Grodbücher I. Leipzig 1887 
S. 242. 

2) Kohte, Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Posen II. 
Berlin 1896 S. 70. 

3) Stadtrechnung 1547/48: Muratori lupanar et circa pretorium 
budas construenti exposuimus 6 fl. 6 gr. Muratori circa pretorium budas 
construenti 2 fl. 13 gr. Ad budas circa pretorium 2000 laterum 2 fl. 12 gr. 
Muratori budas circa pretorium extruenti 2 fl. 12 gr. Czernatowi a fossura 
fundamentorum ad budas sub praetorio 26 gr. Muratori budas sub praetorio 
extruenti 1 fl. 15 gr. Exposuimus muratori laboranti circa turrim praetorii 
3 fl. 2 gr. 

8- 



116 



überhängt. Der ihn unterstützende Anbau musste also nach dieser 
Richtung hin vorgenommen werden. TatsächHch schildert der 
mit Giovanni Battista abgeschlossene Bauvertrag recht anschaulich^ 
dass der Meister als einen Anbau zu dem alten Gebäude drei 
Wände nach der Wage hin — das alte jetzt abgerissene Stadt- 
wagegebäude stand an der Stelle des heutigen Stadthauses, 
also westlich vom Rathause — durch vier Geschosse auf- 
führen sollte. Welche Räume in den verschiedenen Stockwerken 
des neuen Anbaus angelegt werden sollten, ist in dem Vertrage 
überall angedeutet, ganz genaue Angaben aber nicht nur hierüber^ 
sondern auch über die Art und Weise, wie der Anbau mit dem 
alten Hause in Verbindung gesetzt werden sollte, finden sich nur 
für das Hauptgeschoss. 




-► Westen. 



Abb. 1. 

Kellergeschoss des Posener Rathauses. Nach einem Plan von etwa 1795. 



Was zunächst das Kellergeschoss anbelangt, so ist in 
dem Vertrage angegeben, dass dort ein gewölbter Bierkeller an- 
gelegt werden solle. Es scheint auch tatsächlich, dass erst durch 
den Anbau des Giovanni Battista die Stadt in den dauernden 
Besitz eines Stadtkellers unter dem Rathaus gekommen ist und 
somit eine Einrichtung bei sich eingeführt hat, die in den. 
deutschen Städten fast überall sowohl dem Stadtsäckel eine an- 
sehnliche Einnahme als auch dem geselligen Bedürfnis der Bürger- 
schaft eine Stätte gewährte. In den Stadtrechnungen vor dem 
Umbau wird nirgends einer Einnahme von einem solchen Keller 



117 



Erwähnung getan ^). Dagegen erscheinen bereits in den ältesten 
Stadtrechnungen, die aus der Zeit nach dem Umbau erhalten sind, 
ständige, in den späteren Rechnungen immer wiederkehrende 
Einnahmeposten von den gewölbten Räumen unter dem Rathause. 
Allerdings können diese Gewölbe von den Pächtern auch zu 
anderen gewerblichen Zecken verwandt worden sein, wenn aber 
im Jahre 1572 als Pächterin eines solchen Raumes eine Frau 
Bacchus genannt wird,^) so mag dies ein Spitzname sein und 
auf den Beruf der Trägerin und also auf die Verwendung des 
von ihr gemieteten Rathauskellers hinweisen. Ausdrücklich wird 
ein Stadtkeller unter dem Rathause*^) das erstemal in der Stadt- 
rechnung von 1577 erwähnt. Noch heute werden dieselben ge- 
wölbten Räume des Untergeschosses in dem westlichen Teil des 
Rathauses zu dem gleichen Zwecke verwandt, zu dem sie zur 
Zeit ihrer Erbauung bestimmt worden sind, wenngleich die 
stattlichen beiden Säle, zu denen sie der italienische Künstler 
gestaltet hatte und die unser Plan (Abb. 1) noch zeigt, durch 
mannigfache Einbauten jetzt zerstört sind. Die kleineren Keller- 
läume unter dem alten Teile des Rathauses Hess Giovanni Battista 
wohl unangetastet und setzte nur den nördlichen seiner beiden 
Säle durch eine Tür mit dem zunächst liegenden älteren Raum 
in Verbindung. Diese älteren Räume hatten schon im Mittelalter 
und behielten dann auch in späterer Zeit eine zu der Bestimmung 
ihrer Nachbarschaft in schneidendem Widerspruch stehende Ver- 
wendung. Hier befanden sich nämlich die städtischen Gefängnisse^), 
so wie die Folterkammer, von deren häufiger Anwendung den 
Grundsätzen des alten Kriminalrechts entsprechend die städtischen 
Akten viele Beweise liefern. Wenn man heute diese dumpfigen aus 
dem Anfange des 14. Jahrhunderts stammenden Tonnengewölbe 
betritt, deren mächtiges Gefüge durch keine Fensteröffnung durch- 
brochen wird, dann mag man wohl mit Schaudern an das traurige 
Los der Unglücklichen denken, die in dieser Finsternis und 
drückenden Luft ihres Richterspruchs geharrt haben. Das Jammer- 
geschrei der Gefolterten aber verhallte, von aussen ungehört, 
an den steinernen Wölbungen, und dass die dunklen Scenen, die 



1) Nur eine einzige Stelle in den Ratsakten von 1469 spricht von 
einem städtischen Keller und seiner Verpachtung: A. C. 1449-69 Bl. 118. 
Celarium; Arendavimus et convenimus celarium civile honeste Ursule 
Czeszowa. ... Es ist fraglich, ob es sich hier um einen Keller im 
Rathaus handelt. Möglich ist es jedoch, dass man in diesem Jahre 
einen später wieder aufgegebenen Versuch zur Einrichtung eines Ratskellers 
machte. 

'^ A Bachusewa racione census conducticii ex testudine praetoriali 5 fl. 

^ A Thoma Malik ex celario sub pretorio censum annuum per- 
•cepimus 2 fl. 

^) .Stadtrechnung 1543/44 A mundandis carceribus sub praetorio. 



118 



sich hier abspielten, von keinem Schimmer des TagesHchts erhellt 
wurden, beweisen unsere Stadtrechnungen durch die Ausgabe- 
posten für Lichte, die dem Henker jedesmal geliefert wurden, 
wenn er eine Folterung vornehmen sollte. Als am Ende des 
18. Jahrhunderts die Stadt unter preussische Herrschaft kam, 
dachte man wohl daran, die Räume zu Gefängnissen weiter zu 
benutzen, der humaner gewordene Sinn der Zeit aber brachte es 
doch mit sich, dass die Baubehörde im Jahre 1795 erklärte, hierzu 
müssten schlechterdings verschiedene Fensteröffnungen noch hinaus- 
geführt werden, um mehr gesunde Luft in diese Gewölbe zu 
bringen. Da aber hierdurch verschiedene der an das Rathaus 
angebauten Buden und Kramläden Schaden gelitten hätten und 
ihre Eigentümer demzufolge Einspruch erhoben, so gab man das 
Vorhaben auf und erbaute ein besonderes Gefängnis, die sog. 
Frohnfeste. Aus der Zeit dieser Verhandlungen, also aus den 
letzten Jahren des 18. Jahrhunderts, stammt der Plan des Unter- 
geschosses, den wir hier als Abb. 1 beigeben. Es scheint, dass 
er in allen Teilen noch die alte Einteilung genau wiedergiebt, 
besonders — wie schon oben erwähnt — die beiden grossen 
Räume, die durch den Anbau des Giovanni Battista im Westen 
geschaffen worden sind. ; 

Auch in dem über den Kellern liegenden Erdgeschossl 
hatte der Anbau des Giovanni Battista zwei neue gewölbte 
Räume in derselben Ausdehnung wie im Kellergeschoss herzu- 
stellen. Einen Grundriss dieses Stockwerkes, das übrigens für | 
die jetzigen Wiederherstellungsarbeiten nicht in Betracht kommt, ■ 
nach der alten Raumeinteilung gibt Kohte in dem Verzeichnis 
der Kunstdenkmäler Bd. II, S. 68. Zu allen Zeiten befanden sich 
in diesem Geschoss die Kassenräume, das Pförtnergelass und das 
Archiv der Stadt. Zeitweise, wenn es die Verhältnisse forderten,^ 
brachte man hier auch das Landesarchiv unter, das sonst seine 
Unterkunft im Schlosse hatte. 

Die eigentlichen Sitzungssäle, auf deren räumliche und 
künstlerische Ausgestaltung besonderer Wert gelegt wurde, be- 
fanden sich in dem zweiten Geschoss, und hier begnügte man 
sich auch nicht mit der blossen Erweiterung durch den Anbau, 
sondern zog auch die alten Teile in die Umgestaltungsarbeiten 
mit hinein. Der betreffende Abschnitt des Bauvertrages lautet in 
deutscher Übersetzung: „In dem zweiten Geschoss wird er 
Gemächer nach der folgenden Einteilung anlegen: nämlich die 
Stube, in der heut die Herren sitzen, wird er in das neue Ge- 
bäude hereinziehen, indem er die Hinterwand einschlägt und das- 
Gewölbe, in dem der Ofen steht, wegnimmt; aus der alten Stube 
und dem neuen Gemach wird er ein einziges neues, schön ge- 
wölbtes Gelass machen. Ferner wird er die Wölbung, die neben 



119 



dieser Stube steht, ebenfalls einreissen und, nachdem er ein 
anderes errichtet hat, daraus einen Flur auf die Ratsstube zu 
machen, die gleich hinter dem Turme mit einer sauberen Wölbung 
in den neuen Mauern errichtet werden soll." ^) Hiernach war 
dem Künstler die Aufgabe gestellt, das Hauptgeschoss des von 
ihm durch seinen Anbau erweiterten Hauses in drei grössere 




Abb. 2. 

Hauptgeschoss des Posener Rathauses. 



Westen. 



Alte Raumeinteilung. 



Räume zu teilen, nämlich 1. in einen Saal, der die alte Rats- 
stube im alten Gebäude und den daran stossenden Teil des An- 
baues, also seine südliche Hälfte, einnehmen sollte (Nr. 6, 1 y 
8 und 5 der heutigen Einteilung vgl. Abb. 3). 2. in ein zu dem 
neuen Ratszimmer bestimmtes Gemach, das ganz in den neuen 
Mauern liegen sollte, das also nur den noch übrigen Teil des 
Anbaues — seinen nördlichen Teil — einnehmen konnte (Nr. 4 
in Abb. 3). 3. in einen grossen Flur, der ganz in das alte 
Gebäude zu liegen kam (Nr. 1 und 2 in Abb. 3). Von diesen 
drei Räumen besteht heute nur noch der zweite in derselben Aus- 
dehnung wie früher (Nr. 3 in Abb. 2), während die beiden anderen 
grossen Räume durch spätere, noch unten zu besprechende Zwischen- 
wände geteilt worden sind. Dass tatsächlich nur drei Räume 
einzurichten waren, bestätigt die Fortsetzung des Vertrages, in 



1) Der erste, der eine richtige Übersetzung dieses Paragraphen ge- 
geben hat, war M. Prausnitz in seiner leider unvollendet gebliebenen 
Arbeit: Über das Posener Rathaus, in der Posener Zeitung 1890, Nr. 332, 
344, 353, 382. 



120 



dem es heisst: „In derselben Art und Weise wird er auch in 
dem dritten Geschoss drei Gemächer einrichten, eines über der 
grossen Stube in derselben Länge und Breite wie die Stube, 
aber ohne Wölbung, über dem Ratszimmer und über dem Flur." 
Auffällig ist es, dass in dem Abschnitt über das Hauptgeschoss 
der in den vier Wänden des Turmes liegende Raum ganz ausser 
Betracht geblieben ist (Nr. 2 in Abb. 2). Man kann jedoch an- 
nehmen, dass der Satz, mit dem der Abschnitt über das dritte 
Geschoss schliesst: ^In dem Turme wird er auch zwei Gemächer 
anlegen nach der unteren Einteilung, aber ohne Wölbungen," 
sich zugleich auf dieses und das Hauptgeschoss bezieht, wobei 
freilich vorausgesetzt werden muss, dass man sich für das letztere 
doch noch nachträglich zu einer Einwölbung des Turmzimmers 
entschloss. 

In jeder anderen Beziehung aber richtete sich der Künstler 
genau nach den Bestimmungen des Vertrages, und unsere Quellen 
zeigen deutlich, dass die drei durch den Vertrag vorgeschriebenen 
grossen Räume des Hauptgeschosses bis gegen das Ende des 
18. Jahrhunderts bestehen blieben, obwohl ihre Bestimmung im 
Laufe der Zeiten mannigfach gewechselt hat. 

Über beides geben zwei Besichtigungsprotokolle des Rat- 
hauses aus dem 18. Jahrhundert, in denen der Zustand der 
einzelnen Räume geschildert wird, vollkommen klaren Aufschluss. 

Das erste stammt vom 5. März 1750 und wurde vor dem 
Beginn einer grösseren Reparatur des Innern wohl zum Nachweis 
ihrer Notwendigkeit veranlasst. Es heisst hier über das Haupt- 
geschoss : «Auf der Galerie im ersten Stockwerk sind die 
Wölbungen von Grund aus gerissen, die Wand droht den plötz- 
lichen Einsturz. In dem Saale, zu dem zwei Türen führen, 
ist die Wölbung besonders in der Nähe der Türe zu den Eisen- 
kramen zu in sehr gefährlicher Weise gerissen, ebenso wie in der 
Ecke auf die Heringsbuden zu. Ferner ist in der Ecke zum Kranzmarkte 
über der Treppe die Wölbung ebenfalls gerissen und die Wand 
über der Tür zu dem Königssaale stark gerissen, der Stein in der 
Tür ist durch und durch geborsten. In dem Königssaale ist die 
Mauer an drei Wänden, besonders zum Kranzmarkte zu geborsten 
und gerissen. Die Wölbung ist eingestürtzt und der Fussboden 
mit dem Estrich ganz schlecht, Fenster und Rahmen sind nicht 
vorhanden. Auf dem Abort ist die Wölbung geborsten und 
ebenso die Wand. In dem zweiten Saale ist ein bedeutender 
Riss über dem Fenster zum Eingang zu nach Norden. In der 
Gerichtsstube ist keine Zerstörung bemerkbar^)." Diese Be- 



^) Der polnische Originaltext lautet: W galeryi na pirwszym 
pi^trze sklepienia z gruntu porysowane, sciana naglq ruin^ grozqca. Na 



I 



121 



sichtigung führt offenbar durch den grossen Vorsaal (Abb. 2 Nr. 1) 
in den langen Saal im Nordwesten des Gebäudes (Nr. 4), von dort 
in den Saal Nr. 3 und schliesslich in das Turmzimmer Nr. 2 
und zeigt die Raumeinteilung des Stockwerks in drei grosse 
Säle und ein kleineres Zimmer ganz deutlich. Zu einem ähnlichen 
Ergebnis führt das Besichtigungsprotokoll der sog. Kommission 
der guten Ordnung, die im Jahre 1780 in Posen zur Neuordnung 
der zerrütteten Verhältnisse der Stadt zusammentrat und durch 
genaue Aufnahmen des bestehenden Zustandes eine sichere Grund- 
lage für ihre Wirksamkeit schuf. Hier wird das Hauptgeschoss 
des Rathauses folgendermassen beschrieben: „Wenn man die 
obere Vorhalle betritt, so sind da zwei eisenbeschlagene Holz- 
türen in eisernen Angeln. Geht man in den sogenannten 
Kriminalsaal '^) hinein, so befinden sich dort 7 gute Fenster 
ohne Gitter. Aus diesem Saale heraus führen zwei Türen und 
zwar die erste in den Vorflur, aus dem eine Tür in das Gerichts- 
zimmer führt, eine zweite in das Zimmer, in dem früher die 
Tribunale stattfanden und jetzt die Posener Landgerichte. 
Von diesem Tribunalsaale führt eine Treppe nach oben in den 
Vorflur u. s. w.^). 

Auffällig ist es, dass in diesen beiden doch nur durch 
30 Jahre von einander getrennten Besichtigungsprotokollen die 
Räume vollkommen verschieden bezeichnet werden. Auch in den 
uns sonst zu Gebote stehenden handschriftlichen Quellen ist es 
nicht immer ganz leicht aus den wechselnden Benennungen der 
Säle den im einzelnen Fall von dem Schreiber gemeinten Raum 
nachzuweisen. Die grosse, die ganze Osthälfte des Haupt- 
geschosses einnehmende Halle (Nr. 1 der Abbildung 2, Nr. 1 und 2 
der Abbildung 3), die von zwei mächtigen, reich mit Stuck ver- 



sali, do ktorey drzwi dwoie, sklepienie osobliwie w bliskosci drzwi od 
kramow zelaznych bardzo niebespiecznie porysowane iako tez y w naro- 
zniku od budek sledziowych. Item w kqcie od winczarskiego targu 
nad wschodami sklepienie takze porysowane y sciana nade drzwiami do 
sali krolewskiey znacznie porysowana, kamien w drzwiach na wylot 
sp^kany. Na sali krolewskiey mur w scianach 3 a naybardziey od win- 
czarskiego targu pop§kany y porysowany. Sklepienie si^ zawalilo y po- 
dloga z iastrychu wcale zla, okien ani ramow nie masz. W miescu 
sekretnym sklepienie pop^kane y sciana. W drugiey sali do wst^pu nad 
oknem na pulnocy iest rysa znaczna. W izbie s^dowey ruiny nie znac. . 
(Stadtarchiv Posen. Vogtbücher 1750 Bl. 48 f.) 

2) Dass hiermit der grosse Raum (1 und 2 in Abb. 3) gemeint ist, 
zeigt der Umstand, dass sich hier auch jetzt noch 7 Fenster befinden. 

3) Im polnischen Originaltext : Do przedsionki gorney wszedtszy 
iest drzwi dwoie drewnianych na biegunach zelaznych sztabami zelaznemi 
pobite. Do sali kriminalney zwaney wchodz^c iest okien siedm dobrych 
bez krat, z tey sali idqc iest drzwi dwoie do pierwszey przedsionki, 
z ktorey sq drzwi do izby s^dowey, drugie do izby, w ktorey przedtym 



122 



zierten Wölbungen überspannt und durch die beiden in ihrer 
Mitte stehenden Säulen in zwei Hälften geteilt wurde, ist in dem 
Bauvertrage, dem sie wenn nicht ihre Herstellung so doch 
ihre Erneuernng verdankt, als Flur bezeichnet. Diese Bezeichnung 
blieb dem Räume auch noch einige Zeit nach seiner Fertig- 
stellung. In der Stadtrechnung des Jahres 1559/60 ist die 
Summe von 7 Gulden für 1750 Glasscheiben für die Fenster 
„der oberen Flure" ausgeworfen^). Schon die Zahl der Scheiben 
ergibt, dass nur unser Raum, der sieben Fenster enthält, gemeint 
sein kann: auf jedes dieser sieben Fenster kommen hiernach 
250 Scheiben, natürlich in dem kleinen Format des Zeitalters 
der Butzenscheiben. In späterer Zeit scheint man diese Bezeichnng 
nicht mehr angewandt zu haben, obwohl sie in Rücksicht auf die 
prächtig ausgestatteten Vorhallen vieler deutscher Rathäuser 
eigentlich nichts auffälliges hatte. Man nannte den Raum später 
ausschliesslich Saal, Rathaussaal oder Saal im Rathause; da aber 
das Hauptgeschoss noch zwei Räume hatte (No. 4 und 3 Abb. 2),. 
die man ebenfalls als Säle bezeichnen konnte und einen von 
ihnen (Nr. 4) wegen seiner Ausdehnung gar nicht anders zu 
bezeichnen in der Lage war, so mussten die Stadtschreiber, wenn 
sie sich in ihren Schriftstücken und Rechnungen genau ausdrücken 
wollten, den Saal, den sie gerade meinten, durch Hinzufügung 
einer näheren Angabe hervorheben. Unser Saal (Nr. 1) wird 
dementsprechend hin und wieder „der vordere Saal" genannt, 
gewöhnlich aber blieb man für ihn doch bei der Bezeichnung 
Saal schlechtweg und sparte die näheren Bezeichnungen für den 
hintern Saal (Nr. 4) auf, während man den kleineren Raum (Nr. 3) 
vielfach als Zimmer (polnisch izba) von den grösseren Gelassen 
unterschied. Wozu unser vorderer Saal in älterer Zeit benutzt 
wurde, wird uns von den Quellen nicht ausdrücklich überliefert: 
Wenn die Vermutung richtig ist, dass er im alten Bau als der 
einzig dazu ausreichende Raum des Gebäudes für die grossen 
Versammlungen, in denen die Innungsältesten als Vertreter der 
Bürgerschaft von dem Magistrat zu befragen waren, verwandt 
wurde, so wird man vielleicht annehmen können, dass dies auch 
nach dem Umbau so gewesen ist. Die Zweiteilung des Raumes 
durch die Säulenstellung und die doppelte Wölbung würde dann 
als der architektonische Ausdruck der Trennung des höheren von 
dem niederen Stande der Bürgerschaft in ihren gemeinsamen 
Beratungen gedeutet werden können. Gegen Ende der polnischen 



odprawowaly si§ trybunaly a teraz s^dy ziemskie Poznanskie, z tey tedy 
sali kriminalney s^ schody na gor^ do przedsionki, z ktorey etc. (Stadt- 
archiv Posen E 3a S. 600). 

1) Stadtrechnungen 1559/60 dorn. a. f. exalt. crucis: pro 1750 schib- 
vitri ad fenestras superiorum atriorum pretorii numeravimus 7 fl. 



123 



Zeit diente der Saal, wie aus dem Besichtigungsprotokoll der 
Kommission der guten Ordnung hervorgeht, der Kriminalgerichts- 
barkeit, die von dem Rat und dem Schöffenkollegium als gemischtes 
Gericht (Judicium compositum) zusammen gehandhabt wurde und 
demnach eines grösseren Raumes bedurfte. Hiermit hängt es denn 
wohl auch zusammen, dass auch im Anfang des 19. Jahrhunderts 
sich in diesem Saale der sog. ,,Schöffenstuhi", eine niet- und 
nagelfeste Vorrichtung, die offenbar als Sitzgelegenheit für die das 
Gericht hegenden Richter diente, sich befand. Als nach Einführung 
der preussischen Herrschaft dem Magistrat die Kriminalgerichtsbarkeit 
abgenommen wurde, scheint der Saal seiner ursprünglichen Be- 
stimmung als Versammlungsstelle der Bürgerschaft wieder zurück- 
gegeben worden zu sein. ^) 

Ob dieser Saal oder der im Südosten des Gebäudes ge- 
legene achtfenstrige, gewölbte, langgestreckte Raum (Abb. 2 Nr. 4) 
in früheren Zeiten als das bedeutungsvollste Gelass des Rathauses 
gegolten hat, kann zweifelhaft erscheinen. Da der letztgenannte 
Saal jetzt durch Zwischenwände geteilt und seine Wölbung 
zerstört ist, so können wir uns von dem Eindruck, den er hervor- 
rief, keinen zureichenden Begriff mehr machen und ihn mit dem 
vorderen Saale nicht vergleichen. Welcher von den beiden Sälen 
also gemeint ist, wenn in den Stadtrechnungen von dem „grossen" 
Rathaussaal '^) die Rede ist, kann mit Bestimmtheit nicht ent- 
schieden werden. Im Anfang des 18. Jahrhunderts bürgert sich 
der Name „ Königssaal " für den hinteren Saal ein. Wahrschein- 
lich rührt dieser Name daher, dass hier die zahlreichen polnischen 
Königsbilder, die die Stadt besass und von denen in der Fort- 
setzung dieser Mitteilungen noch die Rede sein wird, sich be- 
fanden. Zum ersten Male ist dieser Name in der Stadtrechnung 
von 1718 gefunden worden. In einem Besichtigungsprotokoll 
von 1737 heisst er der „Königssaal in dem oberen Stockwerke 
neben der Gerichtsstube". Das oben angeführte Besichtigungs- 
protokoll von 1750 bezeichnet mit vollkommener Deutlichkeit die 
Lage des Königssaals, der sich damals in völlig zerstörtem Zu- 
stande befand. Seine Wiederherstellung, über deren Kosten eine 
besondere Rechnung in dem Stadtarchiv vorhanden ist, erfolgte 
in den Jahren 1756 — 58. Gegen Ende der polnischen Zeit 
wurde das Königszimmer auch das Tribunal genannt ^). 

Das neben ihm liegende Gelass (Abb. 2 Nr. 3), das in dem 
Bauvertrage zum Ratszimmer bestimmt war, ist tatsächlich zu 



1) Staatsarchiv Posen. Pcsen C VII Bb 1. 

^ Stadtrechnung für 1612: Maliarzowi od maliowania sali wielgi 
ratuszny y obrazu victorii Zmoliensk. zamku w zemi Siewierski 49 fl 23 gr. 
^) Rechnung von 1782 wizbie krolewskie czyli tribunal zwana. 



124 



diesem Zweck auch verwandt worden ^). Erst im 18. Jahrhundert 
wird es auch als Gerichtszimmer bezeichnet. 

Wenn demzufolge auch in späterer Zeit die Bestimmung 
der Räume keine ganz feste geblieben ist, so kann man doch 
für die ältere mit einiger Sicherheit über die Verwendung der 
drei grossen Säle im Hauptgeschoss behaupten, dass der vordere 
Saal (Nr. 1) zum Versammlungsort für die Bürgerschaft, der 
hintere Saal Nr. 3 als Ratszimmer und Nr. 4 für die grossen 
Gerichtssitzungen verwandt wurden. 




Abb. 3. » ► Westen. 

Hauptgeschoss des Posener Rathaus. Jetzige Raumeinteilung. 



Mit der Einführung der preussischen Herrschaft wurde be- 
kanntlich die Selbständigkeit der Städte in der Verwaltung und 
Rechtsprechung aufgehoben. Die grossen Säle des Rathauses, 
die allerdings erst ein Jahrzehnt vorher wieder hergestellt worden 
waren, wurden somit kaum mehr verwendbar, dagegen fehlten 
kleinere Amtszimmer. Man entschloss sich um so leichter zur 
Zerteilung der grossen Räume, als der Zug der Zeit nicht dahin 
ging, das geschichtlich Gewordene liebevoll zu erhalten. So 



1) Lässt sich aus der Zahl der Fenster auch rechnerisch nach- 
weisen. In der Stadtrechnung von 1602 findet sich ein Posten von 15 
Gulden für -1000 Scheiben zu den Fenstern der Ratsstube (Za 1000 szyb 
do okien do izby radziezkiey). Da in der Hauptetage jedes Fenster 250 
Scheiben hatte, so kann nur ein Zimmer von 4 Fenstern gemeint sein. 
Dies trifft aber nur für den Raum Nr. 3 zu. 



125 



wurden nicht nur die grossen Räume des dritten Geschosses, die 
allerdings keine künstlerische Bedeutung hatten, geteilt, sondern 
auch der Königssaal im Hauptgeschoss durch Ziehung von 
Zwischenwänden in drei Zimmer und den zugehörigen Korridor 
zerlegt ^). Der vordere Saal aber blieb vorläufig noch in seiner 
alten Ausdehnung bestehen. Erst im Jahre 1834 teilte man ihn 
durch die viel besprochene Zwischenwand 2), deren Wegnahme 
jetzt wieder geplant wird, und zerstörte somit einen Raum, für 
dessen eigentümlichen architektonischen Reiz man kein Ver- 
ständnis mehr hatte. (Fortsetzung folgt.) 



1) In den Akten des Staatsarchivs, Posen C VII B b 1 befindet sich für 
diese bauliche Veränderung der Entwurf vom 9. Juni 1795 und der An- 
schlag vom 14. Juni 1796. In dem Entwurf heisst es über das Haupt- 
geschoss : 

„C in der 2. Etage bleibt 
Nr. 13 (= Nr. 1 und 2 in unserer Abbildung 3) der grosse Fluhr zum- 
Vorsaal zum Versammeln der Bürgerschaft und der Gewerbe, und 
darf die Treppe nur gehörig in Stand gesetzt werden. 
Nr. 14 (= Nr. 3) wird das Vorzimmer für den Policey-Magistrat. 
Nr. 15 (= Nr. 4) bleibt zum Sessions-Zimmer für den Policey-Magistrat. 
Nr. 16 (= Nr 6) wird so dann nach dem auf dem Plan mit rother 
Tinte projektirten Ausbau die Registratur für den Policey-Magistrat 
und kan das Fenster e zur Gewinnung mehreren Raums füglich, 
zugemauert werden. 
Nr. 17 (= Nr. 7) wird die Canzeley für den Policey-Magistrat. 
Nr. 18 (— Nr. 8) wird die Verhör und Instructions-Stube für das Stadt- 
Gericht, damit die Parteyen nicht zur 3. Etage, wo dieses Gericht 
sein Sessions-Zimmer erhält, geführt werden dürfen. 
Nr. 19 (= Nr. 5) wird der neue Corridor zu diesen neu anzulegenden 
Zimmern." 

In dem Anschlag heisst es dann: „In der 2. Etage. Von Nr 13- 
zu Nr. 19 eine Thüröffnung durch der Mauer zu brechen, die Blockzarge 
einzumauern, da diese Wand nicht sehr stark ist. 4 Thlr. Von Nr. 15 
nach Nr. 16 ebenfalls eine Thüre durchzubrechen, die Blockzarge ein- 
zumauern. 4 Thlr 80 laufende Fuss neue massive Wände bey 

Nr. 16, 17, 18 und 19 1 Stein stark anzulegen und 12 Fuss hoch auf- 
zuführen, 62/3 Schachtruthe ä 1 Thlr 20 Gr. und 12 Thlr 5 Gr. 4 Pfg." 
Sehr bemerkenswert sind hier die Posten für die Durchbrechung der beidea 
Thüren. Die Thür, welche heute von dem Vorsaal (Nr 1 in Abb. 3) nach 
dem Korridor (Nr. 5) führt, ist also eine moderne Öffnung. Freilich zeigir 
das Besichtigungsprotokoll der Kommission der guten Ordnung (s. S. 121)- 
dass schon früher eine Thür von dem vorderen Saal in den Königssaal 
geführt hat. Es bleibt also nur übrig anzunehmen, dass diese alte Thür- 
öffnung erst bei dem Umbau 1782/83 zugemauert worden ist. Schwierig 
zu bestimmen ist es, welche Türöffnung gemeint ist, die von Nr. 15 nach 
16 durchbrochen werden soll. Der alte Plan, auf den Entwurf und An- 
schlag sich beziehen, ist nicht mehr vorhanden und nach unserer Deutung 
(Nr. 15 = 4, Nr 16 = 6) wären 2 garnicht neben einander liegende Räume, 
bezeichnet. Man wird kaum umhin können, einen Schreibfehler in der 
Vorlage anzunehmen. Wahrscheinlich ist die Thür von 3 zu 5 gemeint. . 
2) In der Stadtrechnung von 1834 (diese Jahreszahl steht auch auf 
der Decke des Vorflures) heisst es: „Für Reparaturen im Innern des Rat- 



12G 

Nachrichten. 



1. über die Polonisierung der Bevölkerung von 
Krakau gibt J. Ptasnik in dem neuesten Hefte der Biblioteka 
Krakowska (Nr. 23 S. 49 — 55) einige sehr interessante Angaben, 
denen wir das Folgende entnehmen. Im 14. und 15. Jahr- 
hundert war die Bevölkerung fast noch ganz deutsch, während 
im 16. die schnelle Polonisierung vor sich ging. Wie in Posen 
ist dies auch in Krakau am besten bei den Ratslisten zu 
beobachten. Zunächst komm.en die polnischen Vornamen auf, 
dann werden die deutschen Familiennamen in das Polnische 
übersetzt: Ein Hoffmann nennt sich Dworzanski, ein Weiss Bialy. 
Besonders schnell polonisierten sich die reichen Familien, die 
Landgüter besassen und sich möglichst wenig von dem Landadel 
unterscheiden wollten. Ein zweiter Grund für die Polonisierung 
der Bevölkerung war das Eindringen einerseits des polnischen 
Adels, der es nicht verschmähte, durch den Grosshandel zu Ver- 
mögen zu kommen, andererseits der niederen Schicht des früher 
in den Vorstädten angesessenen polnischen Volkes in den Kern 
der deutschen Bürgerschaft, die durch Zuzug aus Deutschland 
nicht weiter verstärkt wurde. — Das erste polnische Schriftstück 
in den Krakauer Ratsakten stammt vom Jahre 1537, etwa um 
dieselbe Zeit setzten die Polen und polonisierten Deutschen 
nicht ganz ohne Kampf die Bestimmungen durch, dass jeder 
Krakauer Stadtschreiber der deutschen und polnischen Sprache 
kundig sein müsse, und dass die Ratsherren die Schöffen aus den 
Deutschen und Polen wählen sollten. In dem Kampfe gegen 
den Deutschen Orden im Anfange des 16. Jahrhunderts, der 
zuletzt zur Säkularisierung des Ordensstaates führte, flammte das 
polnische Nationalgefühl auf. Im Jahre 1520 schrieb Agricola, 
es würde ihm schwer, länger in Krakau zu verweilen, es gebe 
dort keinen Deutschen, der nicht schlechter als die Juden be- 
handelt wurde, besonders bitter urteilt er über das Benehmen der 
polonisierten Deutschen. Auch in den Gesellenherbergen tobte 
der nationale Kampf. Schon im Jahre 1501 beschloss der Rat, 
dass bei den Hutmachern die deutschen und polnischen Gesellen 



hauses 7 Thlr. 25 Sgr. 4 Pf. Dem Maurermeister Schildener für Repara- 
turen im Rathause 65 Thlr. 26 Sgr. 6 Pf.). Dem Maurermeister 
Schildener für Aufführung der Scheidewand im Vorflur auf dem Rathause 
laut Ordre 56 Thlr. 25 Sgr. 6 Pf. und 19 Thlr. 2 Sgr. 3 Pf. . . . Dem 
Schiffbauer Kleemann für 5500 Stück Mauersteine zur Scheidewand auf 
dem Rathause 66 Thlr. Dem Maurermeister Schildener für den Ausbau 
des Vorflurs im Rathause 18 Thlr. 13 Sgr. Stadtarchiv Posen C X A 57. 



127 



je eine besondere Herberge haben sollten. Dreissig Jahre später 
wurde bei den Schwertfegern die polnische Sprache für die Ver- 
handlungen als die allein verständliche eingeführt. Dasselbe 
geschah 1539 bei den Schuhmachern, bei denen bis dahin beide 
Sprachen neben einander gebraucht worden waren. Manche 
Innungen wehrten sich allerdings gegen die Polonisierung; so 
bestimmte noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts das Gesellen- 
statut der Korduanlederarbeiter, dass nur in Ausnahmefällen 
Polen, Ungarn oder Böhmen aufgenommen werden sollten. 

2. Die diesjährige Generalversammlung des Gesamt- 
vereins der deutschen Geschichts- und Altertums- 
vereine findet vom 27. bis 30. September 1903 in Erfurt statt. 
Von den auf der Tagesordnung stehenden Anträgen ist für uns 
von Interesse derjenige der Gesellschaft für Lothringische Ge- 
schichte und Altertumskunde: „Die Forschung über den Einfluss 
der römischen Kultur auf diejenigen Gegenden Deutschlands, die 
nicht dem römischen Herrschaftsbereich angehörten, ist vom 
Gesamtverein einheitlich zu organisieren und einer Spezial- 
kommission zu unterstellen." In Rücksicht darauf, dass zu diesen 
Gebieten auch die heutige Provinz Posen gehört, hat Herr 
Archivdirektor Dr. Prümers ein Korreferat für diesen Antrag über- 
nommen. In Verbindung mit der Generalversammlung findet am 
25. und 26. September der vierte Tag für Denkmalspflege statt. 

3. Die Wiederherstellung des Rathauses in Posen 
ist von der Frage abhängig, in welcher Weise die Reste der 
alten Bemalung wieder benutzt werden sollen. Da ist es von 
Wert, eine Umschau zu halten, wie man bei der Wiederher- 
stellung anderer Rathäuser, deren Fronten ebenfalls bemalt waren, 
verfahren ist. Vor mehreren Jahren bereits wurden die aus dem 
17. Jahrhundert stammenden Malereien der Rathäuser in Mühl- 
hausen im Elsass und in Neisse in Schlesien neu hergestellt. 
Jetzt hat man auch die Malereien des Rathauses in Bamberg 
erneuert, über welche „Die Denkmalpflege" vom 25. Februar d.J. 
einen ausführlichen Bericht nebst Abbildungen bringt. Die beiden 
Langfronten des Rathauses in Bamberg wurden 1756 mit einer 
grosszügigen farbigen Architektur bemalt, i|i welche sich die 
ebenfalls gemalten Standbilder von Gesetzgebel-n und Herrschern 
der römischen Geschichte, die Bildnisse verdienter Männer der 
Stadt sowie mehrere allegorische Scenen einfügen. Das Ganze 
ist in dem alten Reichtum der Farben wiederhergestellt, und 
soweit sich bis jetzt beurteilen lässt, sind die Arbeiten sowohl 
nach der künstlerischen als nach der technischen Seite hin 
gelungen. Vor der gleichen Aufgabe wie in Bamberg steht man 
zur Zeit in Ulm und in Basel, wo die Erweiterung der Rat- 
häuser zugleich eine Instandsetzung der alten Bauwerke und 



128 



damit auch ihrer noch vom Ausgange der Gotik stammenden 
Frontmalereien bedingt. In allen den genannten Beispiele handelt 
es sich um die Bemalung grosser ausgedehnter Putzflächen, die den 
Angriffen des Wetters in besonderem Masse preis gegeben sind. 



Geschäftliches. 



Hauptversammlung der Abteilung für Geschichte 

der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

zu Bromberg 

(früher Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt). 

Die Hauptversammlung fand am 22. Mai Abends 8V2 Uhr im hiesigem 
Civilkasino statt. Sie wurde an Stelle des erkrankten ersten Vorsitzenden, 
und an Stelle des verreisten stellvertretenden Vorsitzenden von dem 
Archivar, Herrn Oberlehrer Dr. Baumert geleitet. Der Schriftführer 
erstattete den Jahresbericht. Dem Kassenführer, dessen Rechnung voa 
dem Herrn Stadtrat Jeschke geprüft worden war, wurde nach Beantwortung 
der gezogenen Erinnerungen Entlastung erteilt. Den Bericht über Bücherei 
und Sammlungen erstattete der Archivar. 

Darauf wurden die neuen Satzungen beraten. Diese sind von dem 
Vorstande entworfen und haben die nach den Satzungen der Deutschen 
Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft erforderliche Genehmigung des 
Vorstandes dieser Gesellschaft gefunden. Die Satzungen wurden von 
der Versammlung einstimmig angenommen. 

Der bisherige Vorstand wurde durch Zuruf wiedergewählt. 

Auf eine Anfrage des Kassenführers, betreffend Erhöhung des voa 
der Kasse der Deutschen Gesellschaft an die Abteilung zu überweisenden 
Mittel, wurde von dem Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft erwidert,, 
dass eine solche zur Zeit nicht möglich sei, dass aber eine Erhöhung des 
Monatszuschusses beantragt werden werde und dass nach dessen Ge^ 
Währung den einzelnen Abteilungen auch reichHchere Mittel zur Ver- 
fügung gestellt werden würden. 

I. A.: Schultz, Kgl. Forstmeister, Schriftführer. 



Historische Abteilung der Deutschen Geseilschaft für Kunst und Wissenschaft. 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 
Sonntag, den 13. September 1903. 

Sommerausflug nach Meseritz und Paradies. 

Näheres vgl. Seite 4 des Umschlages. 

Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- j 

vinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg^ « 

Druck der Hofbuch druckerei W. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 
MOnnTSBLFlTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang IV Posen, September 1903 



Mr. 9 



Wotschke Th., Posener Studenten in Leipzig bis 1560, S. 129. — 
Schottmüller K., Die neueste deutsche Literatur über den Posener 
Aufstand von 1848, S. 136. — Literarische Mitteilungen, S. 141. — 
Bekanntmachung S. 144. 



Posener Studenten in Leipzig bis 1560. 

Von 
Th. Wotschke. 

'm Folgenden biete ich einen Auszug aus G. Erler: „Die 
Matrikel der Universität Leipzig." (Codex Diplomaticus 
Saxoniae Regiae XVI und XVII) Leipzig 1895 und 1897. 
Es ist nur eine trockene Aufzählung einzelner Namen, 
aber in das Kulturleben unserer Provinz im 15. und in der ersten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts gewährt sie einen interessanten Ein- 
blick, den Forschern auf dem Gebiete unserer Provinzialgeschichte 
auch ein bequemes Hilfsmittel für ihre Studien. Ich glaube des- 
halb die anfangs zum Zwecke privater Forschungen aufgestellte 
Liste veröffentlichen zu dürfen. Leider kann sie nicht den 
Anspruch erheben, die Namen sämtlicher Studenten aus unserer 
Provinz in Leipzig für die Jahre 1409 — 1560 zu bringen. Nicht 
nur haben viele der Studierenden, um der z. T. harten Disziplin 
der Hochschule zu entgehen, in die Matrikel sich nicht aufnehmen 
lassen, verschiedene Rektoren unterliessen es auch, die Heimat 
der Intitulierten einzutrag-en, so dass in vielen Fällen nicht fest- 
zustellen ist, welcher besonderen Gegend die zur polnischen 
Nation gehörigen Studenten, die aus Böhmen, Mähren, Schlesien, 
Ungarn, Preussen, Polen, Litauen und Russland stammen können, 
zuzuweisen sind. Ein Petrus Czymmermann de Frawenstat und 
ein Jacobus Schucz de Posnonia begegnen uns W. S. 1447 bezw. 
W. S. 1492 unter der Zahl der Baccalarianden. Durch ein Ver- 



130 



sehen des Rektors wahrscheinlich sind ihre Namen in die Matrikel 
nicht eingetragen. Auffallend ist, dass seit 1462 so wenige 
Studenten aus unserer Provinz sich dem Baccalariatsexamen in 
Leipzig unterzogen haben. Die meisten Studenten hat im 
15. Jahrhundert aus unserer Provinz Fraustadt nach der sächsischen 
Hochschule gesandt, gegen Ende des Jahrhunderts geht die Zahl 
der Fraustädter Studenten in Leipzig zurück, um im folgenden 
Jahrhundert auf Null zu sinken. Da wir im 16. Jahrhundert 
auch auf anderen Akademien nur wenige Fraustädter studieren 
sehen, selbst Wittenberg auf sie so wenig Anziehungskraft aus- 
übte, dass uns an der cathedra Lutheri bis 1570 nur ein Fraustädter 
begegnet, der am 18. März 1544 dort inskribierte Johannes Chryseus, 
müssen wir für jene Zeit auf einen Rückgang der akademischen 
Bildung in dieser Stadt schliessen. 

Indem ich mir es vorbehalte, in einer ausführlichen Publi- 
kation über das akademische Studium in unserer Provinz bis zum 
Jahre 1600 zu zeigen, welche Universitäten neben Leipzig die 
Posener Studenten angezogen haben, und in welchem Verhältnis 
die Frequenzziffer der Posener Studenten an den verschiedenen 
Universitäten zu der Leipziger steht, bemerke ich hier nur kurz, 
dass im 15. Jahrhundert neben Krakau Leipzig von allen 
Universitäten die grösste Anziehungskraft auf unsere Provinz 
ausübte, und dass, als der Stern Wittenbergs aufging, erst vom 
Jahre 1530 ab Leipzig entschieden von Wittenberg überflügelt 
worden ist. 1411 w. S. 

Gabriel Kroswicz^) Pragensis^). 

Friedericus Posern ^) 

1421 S. S. 
Albertus Selker de Pozenavia. 
Jacobus Kempnat de Frawenstat. 

1422 S. S. 
Stephanus Briger de Fruwenstad. 

1425 S. S. 
Nicolaus Vincencii de Frawenstad. 

1426 W. S. 
Nicolaus Hermanni de Frawenstad. 
Nicolaus Stoybe de Frawenstad. 

1428 S. S. 
Petrus Rudigeri de Frawenstad. 

1431 S. S. 
Johannes Thome de Storchnest. ^) 
Nicolaus Martini de Storchnest. 



1) Der damals noch schwankende Familienname ist ausgelassen und 
dem Vornamen der Stadtname hinzugefügt. 

^ Er gehörte zu den aus Prag ausgewanderten Studenten. 
^ Baccalar am 27. Mai 1461. 



131 



1436 W. S. 
Thomas Polonus de Frawenstad. ^) 

1438 S. S. 
Stanislaus Gorlin de Poznonia.^) 

1441 S. S. 
Johannes Puchwelder de Frawenstad.^) 
Nicolaus Tycze de Frawenstad. 
Andreas Lyndener de Posnonia. ^) 

1442 S. S. 
Simon Bedermann de Poznania.*) 

1442 W. S. 
Henricus Gruneberg de Frawenstad. 
Michael Buchwelder de Frawenstad. 

1445 S. S. 
Caspar Herold de Frawenstad. 
Bartholomeus Johannis de Posenonia. 

1451 S. S. 
Balthasar de Frowenstad. 

1455 S. S. 
Johannes Tuperer de Krotense (Krotoschin.) 

1457 S. S. 
Matthias de Frowenstad.^) 

1458 S. S. 
Bartholomeus de Posnonia.^) 
Andreas Seffgo de Posnonia. 

1458 W. S. 
Andreas Wayner de Frauenstad. '^) 

1459 S. S. 
Matthias Schidel de Reysen. 
Lucas de Posnonya. 

1459 W. S. 
Benedictus Gortczky de Passenonya.^) 

1461 S. S. 
Johannes Porross de Buk. 

1461 W. S. 
Martinus Schulteti de Bugk. 



1) Wird am 14. September 1432 Baccalar der Philosophie. 
^ Die Görlin und Lindner entstammen alten Patrizierfamilien in 
Posen. 

3) Wird am 4. Juni 1438 Baccalar. 

4) Wird am 20. April 1443 Baccalar. 

5) Der Vater des späteren Rektors an der Lubranskischen Akademie 
in Posen. 

^ Desgleichen. 

^ Baccalar am 6. März 1461. 

^ Baccalar am 11. September 1462. 



132 



1463 S. S. 
Sigismundus Lessna de Lessna (Lissa). 

1463 W. S. 
Ericus Lesnaw. 

1464 S. S. 

Paulus Rasoris de Schaumutuli (Samter). 

1465 W. S. 
Albertus de Costen. 

1468 S. S. 
Nicolaus Lobeske de Posnania. 

1470 S. S. 
Stanislaus Mesericz. 

1472 S. S. 
Johannes Swech de Possnonia. 

1472 W. S. 
Petrus Rormann de Frawnstat. 

1477 S. S. 
Marcus Graffe de Lessn (Lissa). 
Albertus ^ 

Andreas > Gorssky de Frawenstad. 
Petrus J 

Gabriel Swertfeger de Frawenstad. 
Mathias de Frawenstad bacc. decretorum. 

1480 W. S. 
Johannes de Nagkel. 

1486 W. S. 
Johannes Bernhard! de Posnonia. ^) 

1488 S. S. 
Johannes Kanya de Paznania. 

1489 S. S. 
Jacobus Gewelt de Passenonia. 

1490 S. S. 
Jeronimus Rossdrassewsky de Posnonia. 

1491 W. S. 
Johannes Johannis de Posnonia. 
Leonhardus Heldt de Posnonia. 

1492 W. S. 
Stanislaus Gocz de Bosnonia. 

1496 S. S. 
Nicolaus Baxicze de Gnisen. 

1497 S. S. 

Nicolaus Reyssock de Plcznow (Pleschen). 

1498 S. S. 
Johannes de Tomitz (Tomice bei Buk). 



1) Wegen Ungehorsams ward er vom Rektor relegiert. 



133 



1499 S. S. 
Nicolaus Wydawsky de Posnonia. 
Joseph Szulch de Posnonia. 
Sebastianus Gerlyn de Posnonia. 
Johannes Gretz de Posnonia. ^) 
Johannes Beylosslawsky de Posnonia. 

1501 W. S. 
Johannes Scramme de Posnonia. 

1508 S. S. 

Caspar Tupprer de Krotensche (Krotoschin). 

1509 W. S. 
Thomas Lubrentzki de Posnonia. 

1510 S. S. 
Petrus Aurifabri de Posnania. ^) 

1511 W. S. 
Johannes Allersberck de Bosnonia. 

1513 W. S. 
magr. Jacobus Swetlueck de Posnania mgr. Cracoviensis. 
Johannes ^ 

Lucas > de Sbanschin (Bentschen). 
Steneslaus J 
Thomas Swetlueck latine Lucidianus de Postnania. 

1515 S. S. 
Martinus Mentzel de Possen. 
Martinus Roch de Possen. 

1515 W. S. 
Petrus Kopasewski ex Bosnonia. 

1517 S. S. 
Paulus Inn Hoff ex Bocsenn. 

1518 W. S. 
Wolfgangus Lyndener de Posnania. 

1521 S. S. 
Nicolaus Fisschel ex Powiczsch. 
Blasius Bialech de Bosnonia. 
Stanitzlaus Golasgi Posnanus. ^) 

1522 S. S. 
Andreas capitaneus Naccensis. 
Christophorus capitaneus Naccensis. 
Ambrosius capitaneus Crusschwitzensis. 



1) Er ward 1525 Posener Stadtschreiber und polonisierte seinen 
Namen in Grodzicki. Vergl. Warschauer: Die Chronik der Stadtschreiber 
von Posen Z. H. G. Pos. II, 199. 

2) Ein späterer Posener Ratsmann. Vergl. Warschauer: Chronik 
Z. H. G. Pos. II, 200. 

3) Bei der Ortsangabe sehen wir hier zuerst den Einfluss des 
Humanismus. Das unlateinische de weicht zu Gunsten des Adjektivums. 



134 



1522 W. S. 

Martinus Dambrowsky de Dambrowska (Kreis Posen-West). 
Johannes Czarnkowsky de Czarnkaw (Czarnikau). 
Andreas Czarnkowsky de Czarnkaw. ^) 

1523 W. S. 
Martinus Selaga Posnaniensis. 
Stanislaus Beninski ex Beninn. 

1525 S. S. 
Mathias Beraneck Posnonianus. 

1526 S. S. 
Albertus Armandus de Posnania. 
Johannes Gerthen Costensis. 

1527 S. S. 
Thomas Smidel ex Posen. 

1527 W. S. 
Mathias Gortzschki de Miloslavia. 

1528 S. S. 
Mathias Trevicius de Drzewicza. ^) 
Lucas Jankowsky. ^) 

1529 S. S. 
Joannes Scyron Posnanus. 
Andreas Imhof de Gnesna. 

1529 W. S. 
Andreas Ulbricht Posnanus. 

1530 S. S. 
Mathias Kosmider de Posnania. 

1531 W. S. 
Vitus Cordus de Gorka. 
Joachimus \ , ^ ,r .w 
Nicolaus ) ^'^^'^^ ^ Kosthin. 

1532 S. S. 
dominus Jacobus Ostrorog. ^) 

1533 S. S. 
Nicolaus Conarski ex Cobelen. 



1) Andreas Czamkowski von 1553 — 1562 Bischof von Posen. 

^ Ob Trevicius ein Kind unserer Provinz war, weiss ich nicht« 
Er ist für uns interessant, weil er ein Privatschüler Christoph Hegendorfs 
war und durch seinen Oheim, den Breslauer Bischof Matthias Drzewicki^ 
dessen Berufung an die Lubranskische Akademie in Posen veranlasste. 
Hegendorf schreibt ihn Drevitsch und hat ihm sein Buch : De instituenda 
vita et moribus corrigendis iuventutis paraeneses, Haganoae per Joh. 
Secerium 1527 gewidmet. 

3) Lucas Jankowsky war Besitzer von Psarskie (Kreis Posen-West) 
und trat wie sein Schwager Jakob Ostrorog 1553 zu den böhmischen 
Brüdern über. 

^) Jakob Ostrorog von Scharf enort seit 1553 das Haupt der 
böhmischen Brüder in Polen. 1566 wird er General von Grosspolen und 
stirbt am 22. März 1568 in Posen. 



135 

1534 S. S. 
Andreas Lypsinski. ^) 

1534 W. S. 
Stanislaus Unger de Bosnania. 
Andreas Jankowski. 

1536 S. S. 
Joannes Seclucianus. '^) 

1537 W. S. 
Sebastianus Schultetus Posnaniensis. 

1538 S. S. 
Albertus Piechnous Cosminensis. 

1539 S. S. 
Georgius Grave Posnaniensis. 

1541 W. S. 
Jacobus Beier Posnaniensis septennis. 

1542 S. S. 
Andreas Samuel Cracoviensis. ^) 

1542 W. S. 
Nicolaus Noskowsky Posnaniensis. 

1544 S. S. 
Caspar Lindener Posnaniensis. 

1544 W. S. 
Casparus Esporn Posnaniensis. 

1545 S. S. 

Stanislaus 1 fratres germani barones a Czernkow ex 
Albertus^)/ palatinorum Posnaniensium familia. 

1546 S. S. 
Chunradus a Wat 



Joannes Gräfe ^ Posnanienses 



) 

1549 S. S. 
Julianus Wagorzewski Posnaniensis. 

1549 W. S. 
Valentinus Pyersisthy Posnaniensis. 

Joannes Zerniczski (Zernicki jetzt Herrenkirch). 
Dobrogostius Laboczki nobilis Maioris Poloniae. 

1550 W. S. 
Adam Sczodrakowski Posnaniensis. 



1) Nach Lukaszewicz wäre Lypczinski mit den Söhnen des Andreas 
Gorka auch in Wittenberg auf der Universität gewesen, aber das Witten- 
berger Universitätsalbum weisst seinen Namen nicht auf. 1549 ist er 
Bürgermeister von Posen. 

2) Vergl. meine Abhandlung über Samuel und Seklucyan Z. H. G. 
XVII, 270 ff. Seklucyan ward am 18. September 1536 Baccalar. 

3) Albert Czarnkowski ward 1568 General von Grosspolen. 



136 



1551 S. S. 
Andreas Opaliniiczki de Opalenicza ^) Maioris Poloniae. 
Joannes Bukowieczki Maioris Poloniae. 
Nicolaus Kynovski Maioris Poloniae. 
Christophorus \ ^ i ^ + ^ t k- • 
Stanislaus / ^^^^^3^ ^'^^'^^ ^^ ^^^^s^"' 

1551 W. S. 
Sebastian Zenger Ostrorogius. '^) 

1553 W. S. 
Georgius a Liatalicze comes de Labissin. 

1554 S. S. 
Thomas Schmidell Posnaniensis. 

1554 V/. S. 
Abrahamus Sbansky (aus Bentschen). 

1555 S. S. 
Joannes Parabowosky Posnaniensis. 

1558 S. S. 
Joannes Patruus Posnaniensis. ^) 

1558 W. S. 
Georgius Politeck Posnaniensis. 



Die neueste deutsche Literatur 
über den Posener Aufstand von 1848. 

Von K. Schottmüller. 

(Junker v. Ober-Conreuth.) Im Polen-Aufruhr 1846—1848. Aus 

den Papieren eines Landrats. Gotha: Fr. Perthes 1898. 

271 S. 80. 
Fischer, Der Polen-Aufstand von 1848. S. A. a. d. „Geselligen" 

Jg. 1898. Erinnerungen aus Posen und Westpreussen. 

Graudenz. Röthe. 1899. 51 S. 80. 
Kunz, Die kriegerischen Ereignisse im Grossherzogtum Posen 

im April und Mai 1848. Berlin, E. S. Mittler u. Sohn 1899. 

IV. 190 S. 80, mit 6 Kartenbeilagen in Steindruck. 

Die fünfzigjährige Wiederkehr der Erinnerungen an „das 
tolle Jahr" hat 1898 zwar für die Vorgänge in West- und Mittel- 

^) Andreas Opalinski folgte 1580 Adalbert Czarnkowski in der 
Generalschaft von Grosspolen. 

2) Wahrscheinlich ein Mitglied der Brüdergemeinde in Scharfenort. 
Auf der Synode der Brüder zu Prerau am 28. Oktober 1547 war der 
Beschluss gefasst worden, begabte Jünglinge zum Studium auf deutsche 
Universitäten zu senden. Damals ging auch Johann Rokyta, der spätere 
Pfarrer von Scharfenort, mit Empfehlungsbriefen von Speratus und Boden- 
stein zum Studium nach Basel. 

3) Patruus ist der bekannte geschäftige Posener Buchhändler; er 
studierte nicht in Leipzig, sondern Hess sich nur aus geschäftlichen 
Gründen bei der Universität inskribieren. Frühjahr 1558 kam er von der 
Frankfurter Büchermesse zurück, wo er mit Vergerius zusammen- 
getroffen war und sich geweigert hatte, die Exemplare der in Tübingen 
gedruckten Brüderkonfession mit nach Posen zu nehmen. 



137 



deutschland in dem Werke Hans Blums „Die Deutsche Revolution 
1848" eine grosse Veröffentlichung gebracht, aber der gleich- 
zeitige Posener Polen-Aufstand in seiner Verquickung mit den 
Berliner Vorgängen, der Tätigkeit der polnisctien Emigration in 
Frankreich, den staatlichen Versuchen zur Beruhigung und 
schliesslich der militärischen Niederwerfung hat bis heute leider 
keine allumfassende eingehende Darstellung gefunden. Nur ein- 
zelne deutsche Monographien sind erschienen, von denen die 
drei obengenannten als die wichtigsten in Folgendem kurz be- 
sprochen werden sollen. 

Der Verfasser der ersten Schrift ist Adalbert Waldemar 
Junker v. Ober-Conreuth, der 1845 — 49 als Landrat den Kreis 
Czarnikau verwaltete und 1898 in Kassel starb, nachdem er zu- 
letzt längere Zeit Regierungspräsident zu Breslau gewesen ist. 
Sein Buch ist kein Memoirenwerk im landläufigen Sinne, wo die 
Vorgänge nur unter dem Gesichtspunkt der Beteiligung des 
Verfassers in ihnen und in subjektiver Färbung zur Rechtfertigung 
von Unterlassungssünden erzählt werden; es ist vielmehr eine 
pragmatische historische Darstellung der Polenbestrebungen 
1846 — 48 mit guter Verarbeitung der dem Verfasser bequem 
erreichbaren Quellen. Die Quellen sind neben den Tagebuch- 
notizen aus der Czarnikauer Landratszeit einige offizielle Doku- 
mente wie Kgl. Kabinetsordres, Ministerial-, Ober-Präsidial-, 
Regierungsverfügungen, Manifeste der polnischen und deutschen 
Nationalkomitees ; an gedruckten Quellen sind verwertet in erster 
Linie die vorzüglichen Tagebücher des Generals Heinrich von 
Brandt, die zeitgenössischen Broschüren von Voigts-Rhetz, 
WiUisen, u. a. Knorrs Buch „Die polnischen Aufstände seit 1830", 
sowie Notizen der Posener und Breslauer Zeitung. Hat der 
Verfasser so fast die ganze deutsche gedruckte Literatur fleissig 
verwertet, so ist zu bedauern, dass er bei seiner geschickten 
Darstellungsgabe das gezeichnete Bild nicht noch durch archiva- 
lische Quellen zu vervollständigen versucht hat. Doch muss 
man immerhin dankbar anerkennen, dass seine Darstellung jener 
verwickelten schwierigen Verhältnisse gut gelungen ist, und die 
Wiedergabe der lokalen Vorgänge in Czarnikau gibt gerade ein 
fast typisches Bild für die Versuche der polnischen Kreiskomitees 
gegenüber den einzelnen Landratsämtern. Dass er dabei nicht 
bloss erzählend verfährt, sondern an den Einrichtungen und 
Persönlichkeiten auf deutscher Seite öfters strenge Kritik übt, 
wird seinem Werk kaum Abbruch tun, zumal er ja gerade durch 
die Schilderung jener Zustände ihrer Wiederholung in der Zu- 
kunft vorzubeugen hofft. Seine Urteile sind in der Tat gerecht, 
die Langmut der Militärbehörden, vor allem des kommandierenden 
Generals, das Zaudern und die Unentschlossenheit des Ober- 
Präsidenten V. Beurmann, Willisens Unklarheit, die Kopflosigkeit 



138 



des Posener Magistrats, der dem polnischen Nationalkomitee das 
Rathaus einfach überlässt, all das sind Vorkommnisse, die eben 
nicht zu rechtfertigen sind. 

Im ersten Abschnitt „Verschwörung" schildert der Verfasser 
die Vorgänge in den Jahren 1844 — 47. Ausgehend von den 
Nachwirkungen der Revolution von 1831, dem Zusammenschluss 
der Geflüchteten in Paris als „Emigration", deren beständigen 
Beziehungen zu den Posener Polen bespricht er die Haltung 
Grolmanns und Flottwells, der beim Regierungsantritt Friedrich 
Wilhelms IV. leider im Ober-Präsidium durch den Grafen Arnim er- 
setzt wurde, dem seine Versöhnungspolitik und gesellschaftliche Be- 
vorzugung der Polen den Namen des „Soireen-Ober-Präsidiums" ein- 
trug. Gleich versöhnlich gestimmt war Arnims Nachfolger Beurmann,. 
beseelt von gutem Willen, aber ohne jede Kraft, diesem Geltung 
zu verschaffen. Der Verfasser macht ihm zum Hauptvorwurf^ 
dass er nie engere Fühlung mit den Landräten hielt und sie 
ganz ohne Verhaltungsbefehle Hess. Der Leser wird dann in 
den Verwaltungsbezirk des Verfassers, den Kreis Czarnikau, ge- 
führt, in dem der frühere Landrat ein sehr schwächliches und 
fast polenfreundliches Regiment geführt hatte. Der neue Land- 
ratsamtverwalter, wegen seines straffen, aber korrekten Wesens 
von den polnischen Gutsbesitzern des Kreises sehr kühl auf- 
genommen, bemerkte bald die steigende Gährung unter den 
Polen, die verschwörerischen Zusammenkünfte der Gutsbesitzer 
bei Gelegenheit grosser Treibjagden, und zog auf die Nachricht 
von dem auch die Kreisstadt bedrohenden Ausbruch einer 
grösseren polnischen Revolution durchmarschierende militärische 
Kolonnen zum Schutz in die Nähe. Die rechtzeitige Verhaftung 
Mieroslawskis, Liebelts und zahlreicher anderer Polen verhütet 
den Losbruch des Aufstandes, dessen Programm man in den be- 
schlagnahmten Papieren entdeckte. Der Hochverratsprozess 
gegen die Verhafteten und Angeklagten endete mit einer sehr 
gelinden Verurteilung. 

Der zweite Abschnitt über die „Revolution von 1848" 
gliedert sich in drei Kapitel. 1. Verwicklung. 2. v. "WiUisen- 
Wirrwar. 3. Entwirrung-Lösung. Das erste Kapitel hebt hervor, 
wie mehrere Tage lang, bevor die Kunde von der Berliner 
Revolution nach Posen gelangte, dort eine an den König ge- 
richtete Adresse zwecks Unabhängigkeitserklärung für die Provinz 
Posen zur Unterschrift auslag. Die Absendung unterbleibt zwar^ 
aber auf Kunde der Berliner Ereignisse finden Massenversamm- 
lungen zu Petitionsberatungen statt. Plakate und Manifeste be- 
haupten kühn die Zustimmung des Ober-Präsidenten zur Bildung 
eines Nationalkomitees und polnischer Kreiskomitees. Die schwäch- 
lichen Proteste Beurmanns hiergegen verhallen ungehört. Die 
Einsetzung der Kreiskomitees und Vertreibung der Landräte gelingt 



139 



in den meisten Posener Kreisen, nicht im Bromberger Regierungs- 
bezirk. Die Ankunft der in Berlin aus dem Gefängnis entlassenen 
Mieroslawski und Liebelt steigert die Unternehmungslust der 
Polen, die Sammlung und Organisation polnischer Insurgenten- 
bataillone beginnt. In Czarnikau erobert der Landrat, dem 
Militärhilfe mehrfach versagt ist, die Tags zuvor aufgegebene 
Kreisstadt mit Hilfe der von ihm einberufenen deutschen Land- 
wehrmannschaften zurück, zwingt das polnische Kreiskomitee und 
die Insurgenten zum Rückzuge und hält die Ruhe durch Streif- 
patrouillen des eingerückten Militärs im Kreise aufrecht. Die 
nach Berlin gereiste Polendeputation erlangt von den Ministern 
und dem König das Versprechen einer „Reorganisation der 
Provinz" und die Entsendung Willisens als Kommissar dafür. 
Die Ankunft Willisens, dessen Tätigkeit das zweite Kapitel er- 
zählt, erregt bei den Deutschen Besorgnis, da er als grosser 
Polenfreund aus seinen Schriften über 1830 bekannt war. Durch 
fortgesetzte Verdächtigungen gegen die Deutschen wussten die 
Polen den General ganz für sich einzunehmen, der in der bei- 
nah nur polnisch zusammengesetzten Reorganisations-Kommission, 
wo er Beurmann im Vorsitz ablöst, die Einrichtung von National- 
truppen und Empfehlung eines Polen als Ober-Präsidenten zu- 
sagt. Seine Vollmachten bleiben ganz unbekannt. Auf Drängen 
des Ministeriums erklärt er das polnische Nationalkomitee zwar 
für aufgelöst, lässt es aber ruhig weiter wirken. Das Programm 
Willisens zu einer rein polnisch - unabhängigen Organisation 
Posens veranlasst die Deutschen zu dringenden Anträgen nach 
Berlin auf Abberufung dieses Kommissars, der dem Komman- 
dierenden General gerade jetzt verbot, die immer bedrohlicher 
anwachsenden bewaffneten Insurgentenhaufen in der Provinz 
militärisch zu zersprengen, und selbst durch den Waffenstillstand 
von Jaroslawiec Mieroslawski die dauernde Verstärkung und 
Verproviantierung dieser Scharen ermöglichte. Auf seiner 
Reise durch die Provinz setzte er in den Kreisen Schroda, 
Wreschen, Pleschen, Adelnau, Obornik die von den Polen ge- 
forderten polnischen Kreiskomitees ein, seine Versuche scheiterten 
aber Dank der Energie der Landräte in den Kreisen Rawitsch 
und Krotoschin und im ganzen Bromberger Bezirk. Am 19. April 
nach Posen zurückgekehrt, von deutschen Landwehrleuten unter- 
wegs mehrfach verhöhnt, reiste er auf Drängen des Generals 
V. Colomb sofort nach Berlin zurück. Sein Nachfolger als Kom- 
missar, nicht mehr zur Reorganisation, sondern zur Herstellung 
der Ruhe, General v. Pfuel, verkündete von neuem das Stand- 
recht und Hess den Feldzug der Truppen gegen die Empörer- 
haufen beginnen. Das dritte Kapitel dieses Abschnittes erzählt, 
wie nun endlich Ordnung allmählich eintrat nach Besiegung der 
Insurgenten und Gefangennahme Mieroslawskis, wie aber auch in 



140 



der Zeit der Untersuchung die angeklagten Polen durch Be- 
schwerden und Verleumdungen gegen die treugebliebenen deutschen 
Beamten agitierten. Auch der Czarnikauer Landrat blieb nicht 
verschont und hatte sogar einen tätlichen Angriff und Bedrohung 
in seinem Hause zu erdulden. 

Das zweite der oben genannten Bücher ist ein erweiterter Ab- 
druck einer 1898 im Graudenzer Geselligen erschienenen Aufsatz- 
reihe. Das Material ist hier nicht so verarbeitet wie in dem vorher- 
besprochenen Buche Junkers, sondern es ist mehr eine geschickte 
Verknijpfung von oft wörtlich wiedergegebenen Quellenauszügen. 
Die benutzten Unterlagen sind daher leicht zu erkennen. Be- 
sonders ist hier das Junkersche Buch zu nennen, aus dem die 
Verschwörung, der Ausbruch der Revolution und die Czarnikauer 
Vorgänge am 24. und 25. März 1848 entnommen sind, dann 
die Manifeste der westpreussischen und Bromberger deutschen 
Einwohnerschaften, sowie Artikel des ,, Geselligen" aus dem 
Jahre 1848. Die Darstellung der kriegerischen Vorgänge be- 
ruht vornehmlich auf dem Werke Knorrs ,,Die polnischen Auf- 
stände." Auf den Inhalt braucht in Hinblick auf das eben 
besprochene Buch Junkers v. Ober-Conreuth wohl nicht ein- 
gegangen zu werden. 

Der Verfasser der dritten Schrift, Major Kunz, hat sich durch 
die 1890 erschienene mit grosser Anerkennung aufgenommene 
Bearbeitung eines verwandten Themas (der russisch - polnische 
Revolutionskrieg von 1830) schon bekannt gemacht. Seine 
sehr klare und durchsichtige Darstellung gibt nach Art der 
Generalstabswerke die einzelnen Truppenbewegungen, Gefechte 
u. s. w. sehr eingehend wieder, die kleinsten Truppenverbände, 
Gefechtsbilder von kürzester Dauer und auf beschränktestem 
Raum werden berücksichtigt. Aber im Gegensatz zu den General- 
stabswerken über 1866 und 1870, die grundsätzlich dies ver- 
meiden, bietet der Verfasser hier stets eine Kritik und Analyse 
der Vorgänge. Die Darstellung erweckt den Eindruck der Zu- 
verlässigkeit und zeigt Sicherheit in der Würdigung des Wertes 
der einzelnen Quellen. Diese sind in erster Linie die Akten 
des Kriegsarchivs im Gr. Generalstabe, vor allem die amtlichen 
Gefechtsberichte, Tagebücher der grösseren und kleineren Truppen- 
verbände; die bisher erschienene deutsche Literatur wird be- 
rücksichtigt, namentlich die Erinnerungen von Offizieren, vor- 
nehmlich die vorzüglichen Denkwürdigkeiten des Generals 
v. Brandt, daneben einzelne Regimentsgeschichten. Um kurz auf 
den Inhalt einzugehen, so charakterisiert der Verfasser in der 
Einleitung und den ersten drei Kapiteln die früheren polnischen 
Aufstandsversuche, den Zustand Posens im März 1848, die da- 
maligen leitenden Persönlichkeiten, die Reorganisationskommission, 
4as Nationalkomitee, das Anwachsen der bewaffneten Insurgenten- 



141 



häufen bis auf 18 000 Mann, die bei Schroda General v. Colomb 
gerade im Begriff ist auseinanderzutreiben, als ihm Willisen mit 
einem Verbot und dem Abschluss der Konvention von Jaroslawiec 
in den Arm fällt. Das 4. Kapitel schildert dann die von den 
Truppen des V. Korps unter Oberst von Heister gelieferten Ge- 
fechte bei Gostyn, Grätz und Koschmin, das 5. die Tätigkeit der 
IV. Division unter dem General v. Wedel mit dem auf Willisens 
Befehl abgebrochenen siegreichen Gefecht bei Tremessen, das 
6. Kapitel die Teilnahme von Truppen des schlesischen Armee- 
korps unter Oberstleutnant v. Bonin an den Treffen von Adelnau, 
Gr. Topola und Raschkow. Das 7. Kapitel erzählt die Schlacht 
von Xions, ein ebenso mustergiltig vorbereitetes wie durchgeführtes 
Gefecht des Obersten v. Brandt. Das 8., umfangreichste Kapitel, 
ist dem durch die Kopflosigkeit und ungeschickte Anordnung 
des Generals v. Blumen für die preussischen Truppen verlust- 
reichen Gefechte von Miloslaw mit seiner bekannten sehr ver- 
unglückten Kürassierattacke gewidmet. Die drei letzten Kapitel 
beschäftigen sich mit den Operationen Brandts und Wedels, Kampf 
bei Sokolowo mit der entscheidenden Verfolgung und Gefangen- 
nahme Mieroslawskis, den letzten Zuckungen der Empörung und 
dem letzten Gefecht bei Buk. Das Schlusskapitel bietet einen 
Gesamtrückblick und würdigt die Leistungen der preussischen 
und der Insurgententruppen, denen letzteren eine gewisse 
Tapferkeit nicht abgesprochen wird, denen aber doch die ge- 
schulten Preussen in der Ausdauer, namentlich in den Gewalt- 
märschen sehr überlegen waren. Sechs in Steindruck hergestellte 
Kartenbeilagen im Anhang erleichtern in sehr dankenswerter 
Weise das Verständnis für die Kämpfe bei Adelnau, Raschkow, 
Xions, Miloslaw und Sokolowo. 



Literarische Mitteilungen. 

stumpfe E., »Polenfrage und Ansiedelungskommission.* 
Berlin 1902. Dietrich Reimer. 

In den ersten 25 Seiten beschäftigt sich Stumpfe mit der 
polnischen Frage, indem er die polnischen Parzellierungsbanken, 
den Gewinn und Verlust für die deutsche Hand und den Fort- 
schritt des Polentums berührt. „Durch den blossen Besitztitel 
allein gewinnt man ein Land nicht, man gewinnt es nur durch 
die Menschen, welche es bewohnen und bebauen." (S. 13). 

Nachdem dann Stumpfe versichert hat, dass die Kolonien 
der Königlichen Ansiedelungskommission mit sehr wenig Aus- 
nahmen als unbedingt „geglückt" bezeichnet werden müssen,. 



142 



dass sie das vollkommenste darstellen, was es auf dem Gebiete 
der Innern Kolonisation gibt (S. 30), beschäftigt er sich nur noch 
damit, die Ansiedelungskommission zu kritisieren. Er besorgt dies 
so gründlich, dass man am Schlüsse des Buches garnicht mehr 
das Bewusstsein hat, dass am Anfange die Ansiedelungskommission 
gelobt wurde. Das Material zu seiner Kritik hat Stumpfe mit 
emsigem Fleisse aus den Berichten der Ansiedelungskommission 
zusammengetragen. 

Stumpfe wendet sich zuerst gegen die Stellenauslegung und 
-abgebung. Die Stellen würden zu gross ausgelegt. Die Statistik 
lehre, dass nicht Stellen von 10 — 20 ha, sondern von 5 — 10 ha 
am meisten begehrt seien. Die Ansiedelungskommission schrecke 
durch die grossen Auslagen Bewerber ab, da so zu grosse An- 
sprüche an die Mittel der Ansiedler gestellt würden. Sie Ver- 
stösse so gegen den ersten Grundsatz kaufmännisch geschäft- 
licher Tätigkeit. (S. 44—52). Die Besiedelung sei bei grösseren 
Stellen auch eine unvollkommene Germanisierung, da solche 
Stellen Arbeiter gebrauchten, die gewöhnlich Polen wären, wie die 
Ansiedelung Lulkau beweise. (S. 54). Die Ansiedelung vergäbe 
auch die Stellen nicht so gross, wie sie sie auslege, weil sie wohl 
solche Bewerber nicht erhielte. Dann fordert der Verfasser mehr 
Handwerker, Arbeiter und Pachtstellen. (S. 72—80). Ferner 
müssten mehr Katholiken angesetzt werden, man möge den deutschen 
Protestanten nicht allein die Last des Kampfes gegen die Polen 
auferlegen. Nur seien die katholischen Gemeinden in die West- 
kreise zu legen, wo schon alte deutsche katholische Gemeinden 
sich befänden. Auch sei die Ansiedelung von Schweden, Esthen 
und Letten zu wünschen, die dem Deutschtum nur förderlich sein 
könnten. Auf den S. 102 — 128 wird die Organisation der An- 
siedelungskommission besprochen und dabei eine längere Dauer 
der Oberbeamten bei der Ansiedelungskommission gewünscht. 
Die zwischenzeitliche Verwaltung sei zu teuer und damit die 
Rentabilität zu gering, was durch die Berechnung nur eines Teils 
der Ansiedlergüter bewiesen werden soll. Die Ansiedelungs- 
kommission möge ferner mehr selbst Gehöfte bauen und dies 
nicht den Ansiedlern überlassen, da sich viele Bewerber, oder 
noch mehr deren Frauen vor dem Aufbau scheuen, deshalb über- 
haupt sich hier nicht niederliessen. Auf dem Gebiete des Ge- 
nossenschaftswesen könnte noch mehr geschehen. Den Ansiedlern, 
die ihre Stellen anderen verkaufen, müsste es gestattet sein, 
sich wieder anzukaufen. Das Umtaufen der Ansiedelungsgüter 
müsse vor der Besiedelung geschehen, da manche Kauflustige 
sich durch die unverständlichen Namen abschrecken Hessen, und 
zwar seien alte westliche Dorfnamen zu bevorzugen. Die Werbe- 
tätigkeit müsse weit reger und emsiger werden. Auch müsse die 
Ankaufspolitik geändert werden, man dürfe den Stier nicht bei den 



^ 



143 



Hörnern fassen, d. h. nicht in rein polnischen Kreisen, sondern 
mehr in den deutschen Grenzkreisen ankaufen. 

Dem Buche sind beigegeben Tabellen und eine Übersichts- 
karte über das Nationalverhältnis sowie über die Verteilung der 
neuen Kolonien. Diese Ansiedelungskarte macht insofern einen 
eigentümlichen Eindruck, als sehr viele Städte polnisch be- 
zeichnet sind, denen die deutsche Übersetzung oft nicht einmal 
beigegeben ist. Für diese Arbeit haben solch polnische Orts- 
bezeichnungen doch gar keinen Zweck. 

Einige Forderungen, die Stumpfe aufstellt, sind berechtigt. 
Mehrere davon waren freilich schon erfüllt, ehe sein Buch erschien. 
Ein Buch aber, das nur kritisiert, ist immer unvollkommen, zu- 
mal wenn es heisst, das Kritisierte ist vorzüglich. Es wäre mit 
Freude zu begrüssen gewesen, wenn Stumpfe ein Buch geschrieben 
hätte, das die Ansiedelungskommission voll und ganz behandelt, 
denn das Buch von Schurey kann nicht allen Anforderungen 
genügen. Hätte Stumpfe die Ansiedelungskommission nach jeder 
Richtung hin bearbeitet, so würde sein Buch nicht so einseitig 
und unzutreffend ausgefallen sein. Gerade in dem Punkte, wo- 
rauf Stumpfe viel Gewicht zu legen scheint, die Ansiedelungs- 
kommission solle mehr kaufmännisch sein und Stellen von 5 — 10 ha 
hauptsächlich auslegen, muss ihm widersprochen werden. Denn er 
hat hier wie an anderen Stellen die Sachsengänger völlig unbeachtet 
gelassen, die die starke Vermehrung der Betriebe von 5 — 10 ha ver- 
ursachen. Und das kann niemand wünschen, dass die Ansiedelungs- 
kommission Existenzen schafft, die als Sachsengänger ihren Unterhalt 
gewinnen müssen. Der Bedarf an polnischen Arbeitern bei diesen ist 
nicht so gross, wie Stumpfe befürchtet, denn die polnischen Bewohner in 
Lulkau sind nicht, wie er annimmt, alle Landarbeiter, sondern grössten- 
teils Mieter, die ihren Unterhalt in dem nahen Thorn suchen und 
die durch den deutschen Verkehr nur gewinnen können. Mit grossem 
Arbeitsaufwand weist Stumpfe nach, dass die Ansiedelungskom- 
mission die Stellen anders auslegt, als sie sie vergibt. Obwohl er 
iordert, dass diese Behörde kaufmännisch sein soll, erkennt er nicht, 
dass das kaufmännisch ist, indem die Ansiedelungskommission, 
die ihre Käufer doch noch nicht vorher kennt, aus einer grossen Stelle 
leicht zwei kleine und nicht aus einer kleinen, wenn die Nachbar- 
stellen zum Teil schon vergeben sind, eine grosse machen kann. 

Auf alles einzugehen, dem widersprochen werden möchte, 
würde zu weit führen, nur einiges sei noch erwähnt. Es ist 
schwer, katholische Deutsche anzusetzen, wenn sie nicht kommen 
wollen. Auch wäre solange nichts gewonnen, sie in den Westkreisen 
anzusiedeln, solange die deutschen Katholiken unter ihren polnischen 
Pröpsten noch nicht national empfinden; dagegen belehren in rein 
polnischen Gegenden diese deutschen Katholiken die Polen, dass 



144 



Polnisch und Katholisch nicht dasselbe ist. Die Furcht, dass sie in 
polnischen Gegenden wie einst die Bamberger verpolonisieren, ist 
so lange grundlos, so lange sie nicht, wie früher die Bamberger, 
polnische Lehrer erhalten. 

Die Rentabilität der Ansiedlungen lässt sich nicht so leicht be- 
rechnen, wie Stumpfe annimmt; er beachtet zu wenig die grossen 
Werte, die die Ansiedelungskommission durch Anlage von Wegen 
und Chausseen, Umflutgräben, Entwässerung von Sümpfen und 
Morästen u. s. w. schafft, wodurch sich die Kapital- und Steuerkraft 
in mancher Gegend bedeutend gehoben hat. 

Zum Schluss sei nur noch die Ankaufspolitik erwähnt. Es 
macht sich auf einer Sprachenkarte wunderschön, an polnischen 
Rändern die Ansiedler anzusetzen und dann so allmählich gegen 
die Ostgrenze vorzurücken. In Wirklichkeit wird aber übersehen, 
dass nicht alle Rittergüter und vor allem nicht die polnischen Land- 
gemeinden aufzukaufen sind. Von ihnen aus würde die bewegliche 
polnische Arbeiterschaft sich weiter ausdehnen. Auch trägt jede 
Eisenbahnlinie dazu bei, den „Wall" zu durchbrechen, indem sie 
den polnischen Arbeitern erleichtert, auch westlich des ,, Walles" 
Arbeit zu suchen. Diese Kartenpolitiker übersehen auch, dass 
jene Kreise den weniger ertragreichen Boden in der Provinz haben, 
auf dem sich schwer Sachsen und Niedersachsen ansiedeln würden,, 
und dass ferner die Fürsorge für die Ansiedler die in jenen Kreisen 
alt eingesessene deutsche Bauernschaft mobilisieren kann. Die ein- 
heimischen Bauern werden verkaufen und verlangen, auch als An- 
siedler angesehen zu werden, um die Vorteile sich anzueignen,, 
die die Ansiedelungskommission gewährt. 

Leo Wegener. 



Historische Abteilung der Deutsciien Gesellscliaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 8. September 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant 
,Wilhelma% Wilhelmstrasse 7, 

Monatssitzung. 

Tagesordnung: Geheimer Regierungs- und Schulrat Skladny ,Aus der 
Franzosenzeit in der Provinz Posen." 

Sonntag, den 13. September 1903. 
Sommerausflug nach IWeseritz und Paradies. 

Näheres vgl. Seite 4 des Umschlages. 

Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg, 
Druck der Hofbuchdnickerei W. Decker & Co., Posen. 




HISTORISCHE 
MONfSTSBLäTTER 

für die Provinz Posen 




Jahrgang IV Posen, Oktober 1903 



Mr. 10 




Rum ml er E., Der Liber ben£ficiorum des Johannes a Lasco, S. 145. 
Kohte J., Die Provinz Posen in der deutschen Kunstgeschichte, S. 155. 
Literarische Mitteilungen S. 158. — Bekanntmachung S. 160. 



Der liber beneficiorum des Johannes a Lasco. 

von 
E. Rummler. 



er Verfasser des liber beneficiorum ist der Gnesener 
Erzbischof Johannes Laski. 

Geboren 1456 und durch wissenschaftliche Studien 
zum Kleriker vorgebildet, erstieg er verhältnismässig 
rasch die einzelnen Stufen der Hierarchie und wurde 1511 Erz- 
bischof von Gnesen. Als solcher erwarb er für sich und seine 
Nachfolger auf dem erzbischöflichen Stuhle die Würde eines 
legatus natus. Er Hess zwei verschiedene Sammlungen von Statuten 
für sein Bistum veranstalten, und seiner Anregung ist auch der 
vorliegende liber beneficiorum zu verdanken. Johannes Laski, 
oder wie er sich in lateinischer Sprache nennt, Johannes a Lasco 
starb 1531 zu Kaiisch. 

Der Inhalt des Werkes wird durchaus bestimmt durch den 
Zweck, den der Erzbischof bei seiner Abfassung im Auge hatte. 
Er wollte der Zentralverwaltung der Erzdiözese in Gnesen eine 
genaue Übersicht über alle Archidiakonate und die ihnen unter- 
stellten Dekanate bezw. Pfarrkirchen nach der persönlichen, 
materiellen und wo es möglich war, auch historischen Seite hin 
verschaffen. Daher enthält dieses kirchliche Inventarienbuch, das 
in einer durch Lukowski und Korytkowski besorgten Ausgabe seit 
dem Jahre 1881 in zwei starken Bänden gedruckt vorliegt, eine 
Aufzählung aller Pfarreien mit Angabe der jeweiligen Pröpste 

10 



146 



samt der ihnen beigeordneten Vikare, Mansionare u. s. w., dazu 
ein genaues Verzeichnis der zu jeder Pfarrei gehörigen Grund- 
stücke, Häuser, Äcker, Wiesen, Waldungen, Mühlen, Scheunen, 
Pachthöfe, Gerechtigkeiten nebst den daraus erwachsenden Er- 
trägnissen. 

Meist findet sich auch eine Notiz über den Bauzustand der 
Kirche und der Pfarrhäuser sowie über den Zustand der zur 
Propstei gehörigen Äcker u. s. w. 

Wenn nun auch das ganze Verzeichnis offenbar nach einem 
von der Zentralbehörde ausgearbeitetem Schema aufgestellt worden 
ist, so zeigt doch die Anlage der Listen in den sechs Archi- 
diakonaten: Gnesen, Uniejow, Kurzelow, Kaiisch, Wielun und 
Lenczyc-Lowicz einige allerdings den Charakter des Ganzen nicht 
beeinflussende Besonderheiten. Wie es scheint, sind durch 
Vermittelung der Archidiakonate die Aufnahmen in den einzelnen 
Propsteien gemacht, den Archidiakonen zugesendet, von diesen 
einheitlich zusammengestellt und endlich der Kurie in Gnesen 
übermittelt worden. Eine nochmalige Überarbeitung in der Zentrale 
erscheint angesichts der erwähnten redaktionellen Verschieden- 
heiten nicht mehr stattgefunden zu haben. Die Grundlage der 
Aufnahmen bildeten, soweit sie vorhanden waren, Stiftungsbriefe 
und Privilegien der einzelnen Kirchen, die entweder im Wortlaut 
wiedergegeben sind, oder auf die sich der Pfarrer nur beruft. 
Doch ist diese Bezugnahme auf aktenmässiges Material verhältnis- 
mässig selten, wie das ja auch besonders bei den ältesten 
Kirchen natürlich ist, deren Gründung in eine Zeit hineinreicht, 
die überhaupt noch nicht das Urkundenwesen kannte. Bisweilen 
werden — das ist bei sämtlichen Kirchen des Archidiakonats 
Wielun vermerkt — von der zu diesem Zwecke den Sprengel be- 
reisenden Kommission ausser dem Pfarrer die Kirchenältesten 
herangezogen und nach ihren Angaben die einzelnen Besitzstücke 
der Kirche nebst ihren Erträgen in die Liste eingetragen. Mehr- 
fach beruft sich die Kommission — die allerdings nirgends er- 
wähnt, deren Mitwirkung aber schon aus der gleichmässigen Be- 
handlung des statistischen Materials unzweifelhaft ist, — auf die 
Aussagen der ältesten Leute des Kirchspiels. 

Vielfach ist der kirchliche Besitzstand unsicher, häufig 
findet sich z. B. die Bemerkung, dass der Pfarrer einer Kirche 
wegen des Dezems mit einem benachbarten Pfarrer oder Abte einen 
Prozess führe, der dem bischöflichen Gerichtshofe in Gnesen zur 
Entscheidung vorliege. 

Vielfach hat die Kirche auch über Verlust an liegenden 
Gründen zu klagen. Bald werden benachbarte Edelleute des 
Raubes an kirchlichem Gute beschuldigt, bald wird der Verlust 
der Nachlässigkeit der gegenwärtigen oder eines früheren Pfarrers 



147 



zugeschrieben. Leider findet sich auch die Bemerkung, dass der 
Pfarrer ein Stück des Pfarrgutes verkauft und das Geld zu seinem 
Nutzen verwendet habe. 

Überaus zahlreich sind die Klagen der Kommissionen über 
schlechten Zustand des Pfarrgutes. Die Gebäude des Pfarrhofes 
sind oft ganz oder zum Teil verfallen, und die Äcker liegen 
unbebaut da, ja, in nicht wenigen Fällen wird bemerkt, auf einigen 
Stücken des zur Propstei gehörigen Feldes sei Wald aufgesprossen. 

Mit diesen Angaben tritt der Inhalt des liber beneficiorum 
schon aus dem Rahmen einer rein kirchlichen Zwecken dienenden 
statistischen Tabelle heraus und gewinnt für uns historische Be- 
deutung. Eine solche haben ferner die Angaben über das Ver- 
hältnis der Pfarrkirche zu der Filiale, der Patronatsverhältnisse, 
des Gründungsjahres sowie des Stifters: alles Dinge, die, so sehr 
sie auch kirchlichen Interessen dienen, doch auch geschichtlich 
von Bedeutung sind. Nicht minder wichtig ist die bei jeder 
Propstei sich wiederholende Angabe der oft sehr zahlreichen 
Dörfer des Kirchspiels mit Aufzählung der von den Bauern oder 
auch dem Gutsherrn zu entrichtenden Leistungen an Dezem, 
Kollende, Missaliengeldern, Lein- und Hanfzins. Und diese Auf- 
zählung gibt uns weiterhin ein Bild der einzelnen Pfarrsprengel, 
das von ihrem heutigen Zustande oft nicht unwesentlich abweicht 
und in Zukunft bei der weiter fortschreitenden Tätigkeit der 
Ansiedelungs-Kommission noch mehr als heut abweichen wird. 
Dabei will ich bemerken, dass die Erzdiözese Gnesen heut nur 
noch den kleineren Teil ihres ehemaligen Besitzstandes umfasst, 
denn in altpolnischer Zeit gehörten zu ihr auch die durch die 
politischen Verhältnisse abgetrennten Archidiakonate Uniejow, 
Kurzelow, Kaiisch, Wielun und Lowicz-Lenczyc, die heut in 
Russisch-Polen liegen. 

Dann gewährt sie uns einen Einblick einerseits in die 
materielle Stellung der Pfarrer , andrerseits aber auch in die 
nicht unbedeutende Belastung der Bauern mit kirchlichen Abgaben, 
^uf die ich noch zurückkommen werde. 

Verspricht ein eingehendes Studium des liber beneficiorum 
schon nach dieser Seite hin wertvolle Aufschlüsse, so dürfte sich 
die Betrachtung der in Johannes a Lasco Buche enthaltenen 
Orts- und Flurnamen noch ertragsreicher gestalten. Durch 
Vergleichung mit Ortsverzeichnissen unseres Jahrhunderts lässt 
sich nämlich mehrfach eine Verschiebung der Siedelungs- und 
Verwaltungsverhältnisse erkennen und auf eben solche Verände- 
rungen weisen in dem liber beneficiorum ziemlich häufig auf- 
tauchende Namen von Flurstücken hin, die in den meisten 
Fällen einstmals Eigentum und Wohnstätte selbständiger Gemeinden 
waren, die aber im 16. Jahrhundert schon eingegangen oder mit 

10* 



148 



andern verschmolzen worden sind. Sicher reichen diese Flur- 
namen in entfernte Jahrhunderte hinauf und erlauben uns so 
einen Einblick in recht alte, vielleicht ursprüngliche Siedelungs- 
verhältnisse. 

Und die Namen selbst, die bei Johannes a Lasco häufig 
in älteren Formen erscheinen, geben dem Sprachforscher Gelegen- 
heit, auf nationale, soziale, wirtschaftliche und rein geographische 
Verhältnisse in altpolnischer Zeit aufmerksam zu machen. Welche 
Bedeutung die Ortsnamenforschung für die ältere deutsche 
Geschichte hat, ist jedermann bekannt. Daher wäre es an der 
Zeit, dass nun auch deutsche Forscher, die freilich mit der 
Kenntnis des heutigen und auch des alten Polnischen ausgerüstet 
sein müssten, sich der Ortsnamenforschung unsrer Provinz widmeten^ 
Natürlich dürfte man sich nicht auf unser Buch beschränken^ 
sondern müsste vor allem die gedruckten und ungedrucktea 
Urkunden zu Hülfe ziehen. Es ist eigentlich merkwürdig, dass 
eine solche Arbeit für unsere Provinz noch nicht existiert, 
während in den Nachbarländern Schlesien, der Lausitz, Sachsen,. 
Brandenburg auf diesem Gebiete schon viel geleistet worden ist. 

Es ist ja wohl ein grosses polnisches Ortsnamenlexikon 
vorhanden, oder noch im Erscheinen begriffen, das dürfte uns 
Deutsche aber nicht hindern, auch unsererseits diesen Zweig der 
Wissenschaft zu pflegen. 

Ich greife aus der Fülle der Ortsnamen einige heraus,, 
die besonders lehrreich sind. 

Zunächst findet sich mehrfach der Name Ujazd oder auch 
Wiazd, der in Schlesien heut in der Form Ujest und Oyas er- 
scheint. Aus zahlreichen schlesischen und böhmischen Quellen 
wissen wir, dass ujazd, was so viel wie Umritt bedeutet, der 
Ausdruck für die Abgrenzung eines Stücken Landes war, das 
einem Ansiedler unter gewissen Bedingungen überlassen wurde. 

Auf Ansiedelung eines bisher unbebauten Stück Landes 
deutet auch der in sehr verschiedenen Formen auftretende Orts- 
name Ligota hin, der in Schlesien überaus häufig als Ellguth 
auftritt. Im liber beneficiorum erscheinen drei Dörfer dieses Namens 
in den Formen Lgotha und Huta. 

Bei Lgotha und Ujazd handelt es sich, wie Schulte 1891 in 
der Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Altertum Schlesiens 
dargelegt hat, um Ansiedelung sla vi scher Bauern, denen eine 
gewisse Freiheit von Abgaben bewilligt wurde, und es ist dabei 
vielleicht nicht ohne Bedeutung, dass sich Dörfer der ersten 
Namenform in den östlichen Teilen des Bistums finden, etwas 
entfernt von den Einflüssen deutscher Einwanderer Nicht zu 
übersehen ist, dass das Huta Wiskicka genannte Dorf erst 1470^ 
angelegt worden ist. 



149 



Der Ortsname Ujazd tritt in der Nähe von Gnesen und 
Exin, aber auch weit davon entfernt im Distrikt Rawa auf. 

Viel häufiger als Lgotha und Ujazd findet sich der Orts- 
name Wola. Er bedeutet soviel wie Freiheit, d. h. von Lasten 
und Abgaben. Das Wort Wola kommt nur selten für sich allein 
vor, sondern steht meist in Verbindung mit einem von einem 
Orts- oder Personennamen abgeleiteten Adjective z. B. Wola 
Kadlubska, Wola Biskupska, Wola Kamienna etc. 

Aus der Namensform ersehen wir, dass wir hier grund- 
herrliche Dörfer vor uns haben, deren Eigentümer gegen Ver- 
sprechung manchmal recht ausgedehnter Freiheiten Kolonisten an- 
setzten, um das bis dahin unbebaute Land nutzbar zu machen. 

Die Zahl der Wola genannten Dörfer ist sehr gross; am 
häufigsten kommen sie vor im Archidiakonat Lenczyc-Lowicz, wenn 
sie auch anderwärts nicht fehlen. 

Auch die Wola ist eine in slavischen Rechtsformen sich 
vollziehende innere Kolonisation, die von der Ansetzung von 
Bauern zu deutschem Recht scharf geschieden werden muss. 
Wie im besonderen die Stellung der Bauern eine Wola gewesen 
ist, muss Spezialuntersuchungen vorbehalten bleiben. Mit 
Hülfe solcher Spezialuntersuchungen wird sich vielleicht Ge- 
naueres über die Zeit solcher kolonisatorischer Bestrebungen 
erforschen lassen. Vielleicht fällt dabei auch ein Licht auf den 
Umstand, dass sich die als Wola bezeichneten Orte vornehmlich 
im Lenczycer Archidiakonat finden. Haben hier die Grundherren 
nur selten die mit der Erteilung des deutschen Rechts verbundene 
Befreiung von öffentlichen Lasten des polnischen Rechts erhalten? 
Erschwerte die grössere Entfernung von Deutschland den Zuzug 
deutscher Kolonisten? Waren vielleicht mit der Ansetzung von 
Bauern zu deutschem Rechte Übelstände verbunden, die dem ein- 
iachen Edelmanne eine Besiedelung seines Waldbodens zu pol- 
nischem Recht wünschenswert erscheinen Hessen? Oder machte 
ihnen die Kirche mit Forderung von Naturalzehnt Schwierigkeiten ? 
Alle diese Fragen könnten vielleicht durch Spezialuntersuchungen 
gelöst werden, zu denen der liber beneficiorum Gelegenheit und 
Anlass gibt. 

Wie im Gegensatze zu den in der Wola angesiedelten Bauern 
polnischen Rechts die zu deutschem Recht sitzenden Bauern 
gestellt sind, ist auch auf Grund des Studiums des liber beneficiorum 
nicht leicht zu sagen. Es haben sich die Verhältnisse dieser Be- 
völkerungsklasse, wie ich seiner Zeit aus den Akten des Gnesener 
und Posener Domkapitels nachgewiesen habe, seit dem 14. Jahr- 
hundert stark verschoben und sind im allgemeinen schlechter ge- 
worden. Doch will ich nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, dass 
sich im liber beneficiorum mehrfach der Ausdruck findet: Der 



150 



Schulze zehntel nach Ausweis seines Privilegs. Das lässt un- 
zweifelhaft darauf schliessen, dass doch nicht so ganz allgemein, wie 
es wohl behauptet worden ist, und wie ich selbst geglaubt habe, jedes 
Privilegium der zu deutschem Recht angesiedelten Schulzen und 
Bauern mit Füssen getreten worden ist. Es muss, wenn vielleicht 
auch nur hier und da, Leute gegeben haben, die sich einer 
besseren Stellung erfreuten. 

Eine Hauptrolle bei der Ansiedelung deutscher Kolonisten 
spielte der Dezem. In den guten Zeiten der deutschen Einwan- 
derung ging der Kolonist niemals auf Naturalzehnt ein, sondern 
verpflichtete sich nur zu Geldzehnt oder bequemte sich höchstens, 
Malterzehnt zu zahlen. 

Nun findet sich aber im liber beneficiorum eine grosse Anzahl 
von Dörfern, die einen Schulzen, mithin deutsche Dorfverfassung 
haben und die doch fast alle Naturalzehnt entrichten. Ausser 
einem sogleich zu berührenden Grunde rührt das vielleicht daher, 
dass wir es hier zwar mit einer deutschrechtlichen Dorfverfassung 
zu tun haben, die der Edelmann eingeführt hat, um grössere 
Erträge aus seinem Grund und Boden zu erzielen, dass aber von 
deutschen Bauern gar keine Rede ist, sondern von Polen, welche sich 
eben von ihrem Grundherrn — wie wir auch sonst sehen — allerlei 
Lasten aufbürden Hessen, die ein national-deutscher Bauer nie 
übernommen hätte. Daher bequemten sich solche Leute ohne 
Zweifel auch ohne viele Gegenrede zu der Entrichtung vonr 
Naturalzehnt, auf den die Kirche überhaupt grosses Gewicht 
gelegt zu haben scheint. 

Auch auf einen anderen Grund für die allmählich immer weiter 
greifende Herrschaft des Naturalzehnten auch bei Bauern deutschen 
Rechts weist uns eine Notiz vom Jahre 1433 hin. 

Im Fundationsbriefe des Domkapitels in Lowicz spricht der 
Erzbischof davon, dass in den zum Unterhalte der Lowiczer 
Domherren zehntenden Dörfern der Malterzehnt abgeschafft und 
durch den Feldzehnt ersetzt worden sei, weil die Erhebung des 
Malterzehnten grosse Schwierigkeiten mache und oft zur Verhän- 
gung kirchlicher Strafen geführt habe. Ja, er sei Veranlassung 
gewesen, dass oft die Bauern weggelaufen und ihre Güter somit 
ertraglos geworden seien. 

Warum macht denn die Erhebung des auf einen Malter 
Getreide fixierten Zehnten so grosse Schwierigkeiten? Das führt 
uns auf eine andere Tatsache, für die ein jedes Blatt in den 
Aufzeichnungen des Johannes a Lasco den Beweis liefert. 

Es ist erschrecklich, was für ein trauriges Bild von dem 
Zustande des Landes wir aus dem liber beneficiorum gewinnen» 
Und was das Merkwürdigste ist: dies Elend, auf das ich sogleich 
zu sprechen komme, herrscht in einer Zeit inneren und äusseren 



151 



Friedens. Denn grade im 16. Jahrhundert hat Polen seine Glanz- 
zeit, die durch die Kriege mit dem längst geschwächten Orden 
überhaupt nur wenig gestört wurde, vor allem aber können 
die hier in Frage kommenden Landschaften Polens nur in geringem 
Grade durch sie geschädigt v/orden sein. 

In einer unabsehbaren Reihe von Eintragungen wird, wie 
schon im Eingange bemerkt, Klage darüber geführt, dass der 
Pfarrer wegen Rückganges der Einkünfte keinen Vikar halten 
könne. Die Pfarrgrundstücke sind häufig in einem überaus trau- 
rigen Zustande, die Wohnhäuser halb verfallen. Wer mag da 
schuld sein? Liegt hier einfach Nachlässigkeit des Pfarrers vor, 
oder fehlt es ihm eben an Mitteln, um die nötigen Reparaturen 
vornehmen zu lassen. Hier und da liegen Pfarräcker wüst da, 
mehrfach wird bemerkt, es sei Busch auf den Propsteifeldern oder 
der Pfarrwiese aufgesprosst. Wenn sich auch einmal die Bemer- 
kung findet, der Pfarrer sei ein alter schwacher und indolenter 
Mann, so ist das doch sicher eine Ausnahme, und es hängt die 
Sache unzweifelhaft mit dem Gesamtzustand des Landes zu- 
sammen. 

Nach ungefährer Schätzung wird bei etwa dem dritten Teile 
der Propsteien bemerkt, dass einzelne Hufen oder dass dies oder 
jenes Dorf gänzlich wüst liegen. Eine Unzahl von Höfen steht 
leer, ganze Dörfer sind verlassen und werden im besten Falle 
von den Bauern der Nachbardörfer bebaut. Was ist der Grund 
für diese auffällige Erscheinung der Verödung eines durchaus auf 
Ackerbau angewiesenen Landes mitten in einer langen Periode 
tiefsten Friedens? Wenn auch sicher durch später anzustellende 
Spezialuntersuchungen manches Neue zu Tage treten dürfte, was 
meine Ausführungen berichtigen und ergänzen wird, so werfen 
doch vielleicht die nachstehenden Angaben des liber beneficiorum 
schon jetzt auf die Verhältnisse im 16. Jahrhundert genügendes 
Licht. Da haben zunächst Edelleute Bauern gelegt, ihre Güter 
an sich gezogen und bebauen sie nun mit ihren eigenen unfreien 
Arbeitskräften. Meist wird das aus reiner Habsucht erfolgt 
sein, doch wird auch einmal bemerkt, der Edelmann habe Bauern- 
güter eingezogen, um seine Kinder unterzubringen. Des weiteren 
wird über Gewalttätigkeiten bischöflicher Amtsleute geklagt. In 
anderen Fällen wird wieder geklagt, dass manche Edelleute 
ihre Untertanen dermassen plagen, dass sie ihren Pflichten gegen 
die Kirche nicht nachzukommen vermögen. Einmal kommt es 
sogar vor, dass ein Edelmann als Pfandinhaber eines erz- 
bischöflichen Gutes seine Bauern in der Absicht schindet, um 
das Dorf wüst zu legen, wie wenigstens die Domherren glauben. 
Vielleicht hegte er die weitere Absicht, auf diese Weise billig 
in den Besitz des Dorfes zu kommen. Wieder in einem 



152 



anderen Falle wird der Rückgang der bäuerlichen Bevölkerung 
auf die schweren Anforderungen zurückgeführt, die die Lieferung 
von Lebensmitteln zur Verproviantierung der benachbarten Festung 
Kaiisch an die Bauern stellte. Aus vielen anderen Quellen, z. B. 
aus den Akten des Gnesener Domkapitels, wissen wir, dass der 
Bauer im 15. Jahrhundert tatsächlich schlecht stand. Wenn aber 
hier die doch vom Kapitel schon aus eigenem Interesse einiger- 
massen geschützten Bauern von den bischöflichen Verwaltern viel 
zu leiden hatten, so wird das auf den Gütern des Adels nicht 
besser gewesen sein, der durch die im 16. Jahrhundert allgemein 
einsetzende Preissteigerung infolge der Geldwirtschaft bei dem 
Verharren auf dem Standpunkte der Naturalwirtschaft wie überall, 
so auch in Polen in eine üble wirtschaftliche Lage geriet. Zur 
schwierigen Lage des Bauernstandes tragen auch die kirchlichen 
Lasten bei : einmal durch ihre Höhe und Vervielfältigung — denn 
neben dem Feldzehnten musste noch Leinzins gezahlt werden, falls 
der Pfarrer sich sein Dezemgetreide selbst einfuhr, ferner die 
sogenannte Kolende und endlich das Messkorn — das andere 
Mal durch die oft angewandte Härte bei der Einziehung des 
Dezems, die sich natürHch noch steigerte, wenn der Dezem an 
einen benachbarten Edelmann verpachtet war, der nun rücksichtslos 
sein Recht geltend machte. Daher entzogen sich viele Bauern 
dem Drucke durch die Flucht. Je mehr Bauern aber entliefen, 
um so schwieriger wurde die Lage der Zurückbleibenden, denn 
sie wurden häufig gezwungen, die verlassenen Äcker mit zu be- 
bauen. Das lässt sich wenigstens aus direkten Angaben des liber 
beneficiorum sowie auch daraus schliessen, dass die Kommission, 
die die Propsteien behufs Aufnahme aller wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse bereiste, hier und da den Dezem der ausdrücklich als 
unbewohnt bezeichneten Dörfer mit in Anschlag brachte. Die auf 
solche Weise zu immer neuen Leistungen herangezogenen Bauern 
sind nun in den wenigsten Fällen wirkliche Leibeigene, die zwar 
mehrfach in unserem Buche erwähnt, immer aber von den nur zu 
grundherrlichen Leistungen verpflichteten Bauern unterschieden 
werden, sondern meist Leute des letztgenannten Standes. Diesem 
Drucke sich zu entziehen, gab es kein anderes Mittel als die 
Flucht, gegen die allerdings immer wiederholte Reichstags- 
beschlüsse eifrig anzukämpfen suchten. 

Aus derartigen Bauern, die mit oder ohne Einverständnis 
des Grundherrn lieber ihre Erbgüter aufgaben, als sich dem stetig 
wachsenden Drucke ihrer Grundherren unterwarfen, mag wohl 
die Mehrzahl der Leute hervorgegangen sein, die sich bereit finden 
Hessen, geistliche Güter als Pächter zu bewirtschaften. Sehr zahl- 
reich sind die in die Aufnahmeprotokolle aufgenommenen Ver- 
träge der Pröpste mit Gutspächtern, und sie müssen im allge- 



153 



meinen als günstig für die letzteren bezeichnet werden. Denn 
meist fordert der Propst für die Hufe Pachtland V2 Mark und 
neben geringfügigen Lieferungen an Hühnern und Eiern wöchent- 
lich einen Tag Fronarbeit auf dem Propsteigute. Hier und da, 
aber im allgemeinen selten, findet sich eine Verpachtung auf 
einen Bruchteil, zum Beispiel auf V4 des Ernteertrages. — 
Bisweilen treten auch höhere Anforderungen der Pröpste auf, aber 
gerade dort findet sich die Bemerkung, dass ein Teil der Pacht- 
bauern weggelaufen ist und dass der Pfarrer sich nun gezwungen 
gesehen habe, den Acker zu viel günstigeren Bedingungen zu 
verpachten. 

Die bis ins Einzelne gehende Aufzählung der zu einer 
Propstei gehörigen Grundstücke lässt nun weiterhin zweierlei 
erkennen. Zunächst ist es möglich, eine Scheidung der Pfarren 
nach der Quelle ihres Einkommens zu machen. Die einen Pfarrer 
leben nämlich in erster Linie vom Dezem und sonstigen kirch- 
lichen Abgaben, die andern sind im wesentlichen auf den Ertrag 
ihrer Grundstücke angewiesen. Selbstverständlich lässt sich eine 
völlige Scheidung beider Arten nicht durchführen, denn Nutzung 
von Grundstücken und Bezug von Dezem kommt sowohl hier 
wie da vor; aber das eine oder andere überwiegt allemal. Da 
nun von anderer Seite längst die Bemerkung gemacht ist, dass 
gerade die ältesten Pfarreien auf Dezem gegründet sind, dass 
dagegen in späterer Zeit eine Ausstattung der Pfarren mit Dienst- 
land erfolgte , so wäre damit die Möglichkeit gegeben , die 
ältesten Siedelungsverhältnisse mit Hülfe des liber beneficiorum 
klar zu erkennen, denn die ältesten Pfarrkirchen sind doch ohne 
Zweifel an den Hauptorten der einzelnen Gaue, die ja zugleich 
die politischen Mittelpunkte der Gaugemeinde bildeten, entstanden. 
So Hesse sich mit Hülfe der ältesten kirchlichen Einteilung die 
älteste Gaueinteilung rekonstruieren. Jedenfalls verschafft uns eine 
Untersuchung dieser Frage ein Bild der ältesten Verbreitung des 
Christentums in Polen. Zieht man die vielen urkundlich beglau- 
bigten Kirchengründungen im 15. Jahrhundert, die der liber 
beneficiorum erwähnt, in Rechnung, so kann sich zunächst nur 
eine dünne Schicht christlicher Bevölkerung mit verhältnismässig 
wenigen Kirchen als Stützpunkten über das Land verbreitet haben. 

Auf den Zeitpunkt der Kirchspielgründung wirft auch die 
Lage der Pfarräcker einiges Licht. Liegen sie nämlich im Ge- 
menge mit den Bauernäckern, so ist die Kirche sicher alt, liegen 
aber die Pfarräcker ganz für sich, sind sie auf Dorfanger oder 
auf abgeteilten Stücken Dominialland gelegen, so ist das Kirch- 
spiel wahrscheinlich eine neue Gründung, die erst nach Separa- 
tion von Gemeinde- und Dominialland zur Zeit der Aufnahme 
erfolgt ist. 



154 



Und wie die Ausstattung der Propsteien mit Dieristland 
oder Dezem wichtige historische Aufschlüsse gibt, so der Dezem 
selbst. Er wird bisweilen in Geld entrichtet, und da findet sich 
denn, dass die einzelnen Bauern von der Hufe keineswegs immer 
denselben Geldzehnt zu entrichten haben. Das lässt den Schluss 
zu, dass die Erträge der Landwirtschaft verschieden waren. Ob 
das in den Bodenverhältnissen oder in lokalen Preisdifferenzen 
begründet ist, dürfte eine Spezialuntersuchung mit Heranziehung 
geologischer Karten klar legen. 

Das herrschende Wirtschaftssystem ist die Dreifelder-Wirt- 
schaft, bei der die Fluren für Winterfrucht, Sommergetreide und 
Brachfeld meist hintereinander angeordnet sind, so dass das letzte 
Drittel oft an den Wald grenzt und bei der Nachlässigkeit der 
Bauern bisweilen von aufspriessendem Gebüsch besetzt ist. Neben 
diesen Grundzügen der Flurverfassung zeigt uns der liber bene- 
ficiorum vielfach auch die Lage der verschiedenen Gewanne, die 
ihrerseits wiederum die obengenannten Dreifelder enthalten. 

Zahlreiche Angaben des Buches lassen uns ferner die ver- 
schiedenen Masseinheiten des 16. Jahrhunderts erkennen: mansi,, 
lanei, stadia, virgae, sulci etc. ziehen an uns vorüber. Hier und 
da bringt das Buch Preisangaben; so wird z. B. eine Hufe auf 
36 Mark taxiert, und ein Scheffel Weizen hat nach der Schätzung 
der mit der Aufnahme betrauten Kommission einen Wert vorr 
1 Groschen. Das ermöglicht uns wieder einen Schluss auf die 
Höhe gewisser kirchlicher Abgaben, denn wenn wir hören, dass 
der Besitzer eines Häuschens in der Stadt oder auch auf dem 
Dorfe 1 Groschen, also den Wert von 1 Scheffel Getreide an 
Kolende zu entrichten hat, so gewinnen wir den Eindruck, als 
ob die kirchlichen Abgaben nicht unbedeutend gewesen seien. 

Endlich gewinnt man aus dem Studium des Buches einen 
Einblick in den mittelalterlichen Geldverkehr. Die Altäre der 
städtischen Kirchen sind nämlich oft auf Kapitalien gestiftet, die 
nutzbar angelegt sind. Da die Kirche die Forderung von Zinsen 
nicht erlaubte, so bediente man sich der Form des Rentenkaufes> 
um Kapitalien zinsbar anzulegen. Die Höhe dieser leicht ver- 
hüllten Zinsforderung bewegt sich im allgemeinen um 10% herum. 

Mannigfaltig ist, wie wir sehen, der Inhalt des Buches, und 
nicht unbedeutend sind die Anregungen, die der liber beneficiorum. 
zu weiteren Studien besonders auf dem Gebiete der wirtschaft- 
lichen Lage Polens zu Beginn der Neuzeit bietet. Mehrfach sind 
seine Angaben auch schon zur Entscheidung von Prozessen ver- 
wertet worden. Um so bedauerlicher ist es, dass meines Wissens 
bisher noch niemand eine rationelle Durchforschung des Buches 
unternommen hat. Dass dies bald geschieht, ist bei der Bedeu- 



155 



tung seines Inhalts höchst wünschenswert. Hoffen wir, dass sich 
bald ein Forscher findet, der geeignet ist, die reichen im liber 
beneficiorum verborgenen Schätze zu heben. 




Die Provinz Posen in der deutsolien Kunstyesoiiioiite. 

Von 
J. Kohte. 

eit alter Zeit wurde das Gebiet der heutigen Provinz 
Posen auf das innigste von deutscher Kultur berührt. 
'^^^=^ Zu Polen gehörig, erstreckte es sich keilförmig in 
deutsche Lande hinein, Preussen und Pommern von Schlesien 
trennend und das Stammland des preussischen Staates, die Mark 
Brandenburg, berührend. So entspannen sich lebhafte Be- 
ziehungen, welche naturgemäss von der deutschen Bevölkerung 
des Landes am meisten gepflegt wurden, und das Posener Land 
nahm an der Entv/icklung der deutschen Kunstgeschichte einen 
nicht geringen Anteil, dessen Bedeutung wir an den Denkmälern 
ermessen können. 

Die ältesten Kirchenbauten, welche in der Provinz Posen 
erhalten sind, in Kruschwitz, Strelno, Mogilno, Inowrazlaw,. 
Koscielec, Giecz und Lubin, vom Ausgange des 12. oder vom 
Anfange des 13. Jahrhunderts, stehen mit den gleichzeitigen 
Bauwerken der Mark Brandenburg und ihrer Nachbargebiete in 
so innigem Schulzusammenhange, dass man glauben möchte, 
zwischen hier und dort hätten keine staatlichen Grenzen bestanden. 
Die meisten romanischen Kirchen der Provinz Posen sind aus 
Granitquadern errichtet, manche auch aus gebrannten Ziegeln, und 
sie schliessen sich in ihrer Anlage und Durchbildung, den Ab- 
messungen der Ziegel und der Behandlung des Mauerwerks den 
märkischen Bauten an ; nur wird alles einfacher und derber. Nicht 
immer begnügte man sich mit jenen spröden Baustoffen, sondern 
verschaffte sich zu bevorzugten Bauteilen den leichter zu be- 
arbeitenden Sandstein, vermutlich aus den Bergen Schlesiens oder 
der Lausitz, und damit äussert sich der Einfluss der thüringisch- 
sächsischen Bauschule wie in Schlesien so auch in Posen. Die 
fünf Absiden der Ostansicht der Kirche in Kruschwitz muten an 
wie ein Nachklang der reichen Anlagen der Abteikirchen von 
Paulinzelle und Königslutter. Die Bildwerke in Strelno scheinen 
aus derselben Werkstatt hervorgegangen zu sein wie die des 
Vincenz-Klosters in Breslau. Dagegen weist die Rundkirche des 
hl. Prokopius in Strelno auf einen Zusammenhang mit der böh- 
mischen Baukunst. Die Erztür des Gnesener Domes mag das 



156 



Werk niedersächsischer Künstler sein ; die prächtigen Gold- 
:schmiedegeräte der Abtei Tremessen wurden gewiss aus Süd- 
deutschland bezogen, während von den beiden Messbüchern des 
Gnesener Domes das eine vermutlich in den Rheinlanden, das 
andere in Böhmen entstanden ist. 

Das erste Beispiel des gotischen Ziegelbaues ist die Kirche 
des hart an der brandenburgischen Grenze gelegenen Zisterzienser- 
Klosters Paradies, einer Gründung von Lehnin. Den Eindruck 
der kraftvoll-ernsten Ziegelbauten des Deutschen Ordens spiegeln 
einige Dorfkirchen wieder, wie die in Gluschin und Alt-Gostyn. 
Auf Beziehungen zu Westpreussen deutet die häufige Verwendung 
von Kunststein als Ersatz des natürlichen Steins zu Masswerken 
und Kämpfern, wie im Dome und den Kirchen der Stadt Gnesen 
und der Fronleichnams-Kirche in Posen. Die Zisterzienser- 
Kirche in Krone an der Brahe, landschaftlich zu Pommerellen 
gehörig, entstand in Gemeinschaft mit der Klosterkirche 
in Pelplin. Aber noch grösseren Einfluss übte doch die 
brandenburgisch-mittelpommersche Bauschule, besonders als sich 
im 15. und 16. Jahrhundert die Bautätigkeit im Posener Lande 
erheblich steigerte. Der Verzicht auf die Benutzung oder Nach- 
bildung des Werksteins stellt die Posener spätgotischen Bau- 
werke den brandenburgischen sehr nahe, nicht minder die hallen- 
artige Gestalt der meisten Stadtkirchen und die nüchternen 
Chorumgänge der Dome in Gnesen und Posen. Recht ausge- 
sprochen tragen das Gepräge der märkischen Schule die Marien- 
Kirche auf dem Domplatze in Posen und die Pfarrkirche in 
Kurnik, die sich beide als verkleinerte Nachbildungen der schönen 
Katharinen-Kirche in Brandenburg darstellen und mit ihr zu einer 
Gruppe eigenartiger Bauwerke der Marken und Mittelpommerns 
gehören; zu beachten ist, dass die in Posen und Kurnik ver- 
wendeten Formziegel an der Pfarrkirche in Samter wiederkehren 
und sich bis Stettin hin nachweisen lassen. Wenn nun auch der 
Bau der Posener Marien-Kirche von einem auswärtigen Architekten 
geleitet wurde, so verfügte man im Lande selbst während des 
Zeitalters der Spätgotik über einen hinreichenden Stamm von 
Werkleuten, welche man mit den zahlreichen Aufgaben in Dorf 
und Stadt betrauen konnte, und welche für ihr Teil die aus den 
Nachbargebieten empfangenen Anregungen zu verarbeiten ver- 
standen. Bis zum Schlüsse des 16. Jahrhunderts dauerte die 
Nachblute der gotischen Ziegelbaukunst im Posener Lande, und 
als eigenartige Leistungen derselben sind die Giebel der Katharinen- 
Kirche und der Psalterie in Posen sowie der Kirchen in Brom- 
berg, Gembitz, Kahme und Meseritz zu betrachten. 

Was zur Ausschmückung und Ausstattung der Kirchen an 
Werken der Bildnerei, der Malerei und des Kunstgewerbes beschafft 



157 



wurde, stand unter dem Einflüsse Nürnbergs oder wurde unmittel- 
bar von dorther geliefert. Mehrere vorzügliche Messinggrabplatten 
dürfen wir ohne Bedenken auf die Hütte Peter Vischers zurück- 
führen. Die Marmorgrabplatte des Erzbischofs Ole^nicki (f 1493) 
im Gnesener Dom ist durch die Marke als ein Werk des Veit 
Stoss beglaubigt, der sie während seines Aufenthaltes in Krakau 
anfertigte. Seiner Kunstweise steht der geschnitzte Hochaltar 
der Pfarrkirche in Koschmin sehr nahe. Das Werk eines tüchtigen 
Malers der fränkischen Schule ist der Hochaltar von 1521 in der 
Kirche in Samter. Ist sonst die Herkunft der einzelnen 
Kunstgegenstände nicht näher bekannt, so können wir am 
Schlüsse des Mittelalters auf dem Gebiete der Goldschmiede- 
kunst auch einheimische Meister nachweisen, wie Jakob Barth 
und Peter Gelhor von Posen, welche die Reliquiare des hl. Adalbert 
im Gnesener Dome und der Tremessener Abtei anfertigten. Die 
deutschen Inschriften spätgotischer Glocken liefern endlich einen 
weiteren Beitrag dafür, dass während des Mittelalters im Posener 
Lande Kunst und Gewerbe von deutschen Meistern geleitet, ja. 
vielleicht von ihnen auschliesslich geübt wurden. 

Im 16. Jahrhundert wurde den Deutschen ein scharfer 
Wettbewerb bereitet von selten der zuwandernden Italiener, so 
dass von nun an zwei Strömungen neben einander durch das 
Land gingen, die deutsche und die italienische. Da grosse Auf- 
gaben, das Rathaus der Stadt Posen und die Kirchenbauten der 
Gegenreformation, italienischen Architekten zufielen, so gelangte 
die deutsche Auffassung des Stiles der Wiedergeburt nur zu 
geringer Bedeutung. Von Schlesien her eingeführt, entfaltete sie 
sich erst im 17. Jahrhundert in Anschluss an Westpreussen; Bei- 
spiele dieser Bauweise sind der Westgiebel des Gnesener Domes 
und die Kirchen in Smoguletz und Runowo. An den Grabdenk- 
mälern schieden sich ebenfalls die deutsche und die italienische 
Art; jene hielt an der mittelalterlichen Auffassung fest. Völlig 
deutsches Gepräge aber bewahrte auch damals das Handwerk. 
Erasmus Kamyn, den wir aus seinen Veröffentlichungen als einen 
hervorragenden Posener Goldschmied kennen, schloss sich wäh- 
rend seines langen Lebens, obwohl er sich der polnischen Sprache 
bediente, doch den von Nürnberg ausgehenden Stilrichtungen auf 
das innigste an. 

Im Barockstile vollzog sich ein gewisser Ausgleich zwischen 
deutscher und italienischer Kunst; aus dieser Zeit stammen die 
anmutigen geschweiften und durchbrochenen Turmhauben, die ein 
Merkmal der posenschen Landschaft sind, stammen ferner die 
meisten Holzkirchen, welche, weil sie lange an der Überlieferung 
festhielten, dem Forscher manchen lehrreichen Wink geben. Die 
Kirchen der evangelischen Gemeinden der Provinz, besonders die 



158 



Kreuz-Kirchen in Lissa und Posen, entstanden in Wechselwirkung 
mit den gleichzeitigen Bestrebungen in Deutschland, eine zweck- 
mässige Gestalt für das protestantische Kirchengebäude zu ge- 
winnen. Der innere Ausbau der katholischen und der evangeli- 
schen Kirchen trägt stets deutsches Gepräge, mögen die Künstler 
deutscher oder polnischer Abstammung gewesen sein. 

Sehr wertvoll für die Frage des deutschen Ursprungs sind 
die Goldschmiedearbeiten und Gusswaren, namentlich die Glocken 
des 17. und 18. Jahrhunderts, weil sie vermöge ihrer Stempel 
und Inschriften Aufschlüsse über die Person ihrer Verfertiger 
geben oder deren Namen selbst mitteilen. Die besseren Stücke 
wurden aus deutschen Werkstätten bezogen, aus Thorn und 
Danzig, aus Breslau, Glogau, Züllichau, Frankfurt, Berlin und 
Stettin, sehr viele Stücke auch aus Nürnberg und Augsburg. 
Von geringerer künstlerischer Bedeutung, aber doch wichtig, weil 
auf heimatlichen Boden entstanden, sind diejenigen Arbeiten, 
welche aus den Werkstätten in Posen, Lissa und Fraustadt hervor- 
gingen. Eine lange Reihe von Kunsthandwerkern ist uns aus den 
Gegenständen selbst und in Übereinstimmung mit diesen aus 
den Archivalien der Innungen und der evangelischen Kirchen 
überliefert; fast ausschliesslich sind es deutsche Namen. Erst 
die tief einschneidende Umgestaltung der wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse im 19. Jahrhundert machte der selbständigen Tätigkeit 
im Lande ein Ende. 

Jede künstlerische Bewegung, die vom mittleren und nord- 
östlichen Deutschland ausging, griff auch auf das Gebiet der 
Provinz Posen hinüber, und wollte die deutsche kunstgeschicht- 
liche Forschung nicht der Äusserungen deutscher Kunst auf 
vormals polnischen Boden gedenken, so würde sie auf ein gutes 
-Stück Arbeit des eigenen Volkstums verzichten. 



Literarische Mitteilungen. 

Grüner, J., das Schulwesen des Netzedistrikts zur Zeit Friedrichs 
des Grossen (1772—86). Ein Beitrag zur Schul- und Kulturgeschichte des 
18. Jahrhunderts. Breslau 1903. 8" XII + 135 S. 

Die Geschichte des Schulwesens in der Provinz Posen harrt 
noch der Bearbeitung. Um so willkommener ist jeder Versuch, 
der diese Lücke, wenn auch nur zum teil, zu beseitigen geeignet 
ist. Zu diesen Büchern gehört das vorHegende. Nach einer 
längern der politischen und kirchlichen Einteilung des Netze- 
distrikts gewidmeten Einleitung legt der Verfasser dar, wie das 
Unterrichtswesen in diesem Gebiete 1772 selbst beschaffen war 
und geht hierbei auf alle Fragen der innern und äussern Schul- 



159 



angelegenheiten ein unter Berücksichtigung der niederen und der 
höheren Anstalten. Mit erhöhtem Interesse folgt der Leser den 
Ausführungen des zweiten Teils, der die Entwicklung des Schul- 
wesens im Netzedistrikt während der letzten 14 Regierungsjahre 
Friedrichs d. G. schildert. Besonders wichtig und zutreffend sind 
die Hinweise auf die Verdienste, die der grosse König sich um 
diesen Zweig geistigen Lebens in unserer Provinz erworben hat, 
und die so oft unterschätzt und verkannt worden sind. Hierher 
gehört vornehmlich das Kapitel über die Besetzung von Lehrer- 
stellen mit Kriegs-Invaliden, eine Einrichtung, die hier in 
beherzigenswerter Weise vom Standpunkt der Notwendigkeit und 
Zweckmässigkeit beleuchtet wird. Das Buch, welches mit Be- 
nutzung eines reichen Quellenmaterials entstanden ist, erscheint 
sonach als eine erwünschte Bereicherung unsrer Kenntnisse über 
die Kulturverhältnisse der Provinz Posen. 

Indessen darf nicht verschwiegen werden, dass dem Werk 
manche Mängel anhaften, die sich vielleicht noch beseitigen oder 
mildern lassen. So scheint die Beurteilung, die der Verfasser an 
den einschlägigen Arbeiten Beheim-Schwarzbachs übt, eine wenig 
billige. Beh.-Schw. wollte nichts, als den Zustand dieses Landes- 
teils in einem bestimmten eng begrenzten Zeitraum darstellen. 
Herr Grüner dagegen nimmt zu einer Widerlegung Nachrichten 
aus früheren Zeitabschnitten zu Hilfe. Diese Polemik hätte auch 
mit Rücksicht darauf, dass das Buch Seminar-Zöglingen als Lehr- 
buch dienen soll, unterbleiben müssen. Zu bedauern ist ferner, 
dass der Stil nicht die gefälligen Formen wahrt, welche ein 
Buch erst zu einem recht lesenswerten erheben, ja dass Verstösse 
gegen den Geist der Sprache vorkommen, die von Wustmann mit 
Recht zu den bedenklichen gezählt werden. Endlich ist es 
unabweissbar, dass die ungezählte Menge von geradezu sinn- 
«törenden Gedankenstrichen aus^dem Buche entfernt wird. A. Skladny. 

Wandkarte der Provinz Posen im Massstab 1 : 200 000. Vierte, voll- 
ständig neu bearbeitete Auflage. Verlag von L. Türk's Buchhandlung 
(Johannes Gusmann) in Posen. 1902. Unaufgezogen in 4 Blättern 8 M., 
aufgezogen auf Leinwand mit Stäben 15 M. 

Die allbekannte Türk'sche Karte unserer Provinz ist vor 
einiger Zeit in vierter Auflage erschienen. Bei einer Karte kann 
das viel und wenig bedeuten. Hier haben wir es nicht mit einem 
berichtigten Abdruck der alten Steine zu tun, sondern mit einer 
völligen Neuzeichnung und Neuätzung. Die technische Herstel- 
lung ist diesmal in der Lithographischen Anstalt von W. Decker &. Co. 
in Posen in neunfachem Farbendruck erfolgt. Es erfreut zu sehen, 
dass eine heimische Anstalt technisch so Mustergültiges geleistet hat. 

Die Tendenz und der Charakter der Karte ist im wesent- 
lichen erhalten geblieben. Sie will zugleich den Schulen wie den 



160 



Behörden und Privaten dienen. Da geht es nicht ohne Kompro- 
misse ab. Die Schule verlangt leere, anschauliche Kartenbilder^ 
der Privatmann wünscht eine Spezialkarte mit möglichst vielen 
Einzelheiten. 

Die Provinz ist durch einen graugrünen Flächenton und 
kräftiges Grenzkolorit aus den sie umgrenzenden Gebietsteilen 
herausgehoben worden — beinahe zu sehr. Die Grenze der 
Regierungsbezirke hebt sich stark ab, die Kreisgrenzen sind deut- 
lieh gegeben. Aber ausserhalb der Provinz sind nicht einmal die 
Reichsgrenzen angedeutet. Für den Schulgebrauch sind auch die 
Grenzen zwischen Schlesien, Brandenburg wichtig. Als östlicher 
Nachbar ist das Russische Reich zu bezeichnen. 

Die orographische Darstellung des Geländes ist der schwächste 
Teil der Karte. Die nicht unbeträchtlichen Höhenunterschiede 
sind nicht anschaulich gemacht, wohl aber eine Menge von 
Höhenzahlen eingetragen, meist von trigonometrischen Punkten^ 
von Seen und Gewässern. Worauf sich die Zahl bezieht, müsste 
durch einen beigesetzten Punkt bezeichnet werden. Eine grosse 
Zahl dieser Angaben ist überflüssig. 

Die Stärke der Karte beruht auf der Wiedergabe der Ort- 
schaften, Wege, Bahnen. Hier sind alle Veränderungen sorgfältig 
einzutragen versucht, wie neue Voll- und Kleinbahnen, Ansiede- 
lungen, Umbenennungen. Die Bezeichnung der Schulorte ist eine 
Besonderheit der Karte, die man auch auf den Generalstabkarten 
vergeblich suchen würde. Von den Ortschaften ist Posen gegen 
Bromberg allzu bevorzugt. Das Häusermeer der Provinzialhaupt- 
stadt dehnt sich bis zur Ringchausee aus, die Bewohnerzahl 
müsste sich dazu erst versechsfachen. Eine Karte soll immer 
nur das Vorhandene geben, niemals Zukunftsphantasien. 

Die Karte zeigt gegen die frühere Auflage mannigfache 
Fortschritte; wir wollen hoffen, dass eine neue Auflage des be- 
währten V/erkes sie noch stärker verjüngt. Fr. Behrens. 



Historisciie Abteilung der Oeutsctien Geseilscliaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 13. Oktober 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant 
„Wilhelma", Wilhelmstrasse 7, 

Enonatssitzung. 

Tagesordnung: Oberlehrer Dr. P e i s e r , ein Drama Voltaire's über 
die polnische Verfassung. 

Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 

MOMniS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang IV 



Posen. November 1Q03 



Mr. 11 




Simon, K-, Ein Grabmalstypus im Posener Dome und seine geschichtliche 
Stellung S. 161. — Literarische Mitteilungen S. 167. — Schottmüller, K-, 
Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiet der Posener Provinzial- 
geschichte 1902 S. 169. — Nachrichten S. 175. — Geschäftliches S. 176. — 
Bekanntmachung S. 176. 

Ein Grabmalstypus im Posener Dome 
und seine geschichtliche Stellung. 

Von 
K. Simon. 

nter den Grabmälern im Posener Dome lassen sich 
ganz scharf zwei Typen unterscheiden. Die einen 
sind, wenn ich sie so nennen darf, „Plattengrabmäler** 
d. h. einfache Platten mit einer Darstellung in Relief 
oder vertieft, als Typus seit dem 1 1 . Jahrhundert in Deutschland 
eingebürgert (Grabplatte Rudolfs von Schwaben im Chor des 
Merseburger Domes). Schon seit dem 13. Jahrhundert hält aber 
bei reicher ausgestatteten Anlagen der Sarkophag seinen Einzug, 
auf dem die Gestalt des Verstorbenen ruht. Fast immer aber 
ist es in diesem Falle ein Freigrab, etwa im Chor oder an einer 
sonst hervorragenden Stelle der Kirche aufgestellt. In Italien ist 
das Sarkophaggrabmal von früh an üblich, aber nicht als Frei- 
grab, sondern als Wandgrab, als ein Aufbau, der sich irgendwie 
an die Wand anlehnt, sei es auf einem selbständigen Unterbau, 
sei es auf Konsolen über dem Erdboden. 

Dieser Typus des Wandgrabes ist nun der zweite, der hier 
im Posener Dome begegnet. Bei diesem Wandgrab gab es eine 
Schwierigkeit. Mit Sockel und Sarkophag erreichte es meist 
eine solche Höhe, dass die Figur des darauf liegenden Ver- 
storbenen schlecht oder gar nicht zu sehen war. Von den 

11 



162 



Oräbern, die etwa erst in einem gewissen Abstand über dem 
Erdboden angebracht waren, ganz zu schweigen. Und damit 
war den Herren, zu deren Verherrlichung die Denkmäler gesetzt 
wurden, natürHch nicht gedient. Auch eine Wendung des 
Kopfes half nicht immer. Um diesem Übelstand abzuhelfen, sah 
man sich dann oft gezwungen, die obere Platte, auf der der 
Verstorbene aufgebahrt war, schräg zu stellen, so dass er besser 
zu sehen war. Je höher der Standort desto schräger die Platte, 
so dass manchmal ein gewisser komischer Eindruck des Herunter- 
lutschens entsteht. 

Unterdessen kam man seit dem Anfang des 16. Jahr- 
hunderts auf eine andere Lösung. Der nach aussen gekehrte 
Arm wurde aufgestützt, etwa noch auf ein hohes Kissen gesetzt, 
der Oberkörper halb auf- und nach aussen gerichtet. Damit er- 
reichte man gute Sichtbarkeit und einen Schein des Lebens, dem 
freilich auf der anderen Seite eine Einbusse an Würde und 
Monumentalität gegenüberstand. 

Die frühesten bedeutenden Denkmäler dieser Art, vielleicht 
beeinflusst von etruskischen Sarkophagen, sind die Prälatengrab- 
mäler des Girolamo Basso und Ascanio Sforza im Chor von 
S. Maria del Popolo in Rom, 1505 und 1507 von Andrea 
Sansovino errichtet. Auch die Papststatue von Maso di Bosco 
auf Michelangelos Grabmal Julius' II. gehört diesem Typus an. 

Der Typus des aufgestützten Armes wandert über die 
Alpen, gelangt besonders in den Niederlanden zu reicher Ent- 
faltung und ist auch an den Grabmälern im Dome zu Posen 
vertreten^). 

Das wichtigste Denkmal dafür ist das Wandgrab der 
Familie Görka in der Kreuzkapelle. Die toskanische Säulen- 
Ordnung wird von zwei Halbsäulen und zwei Pfeilern getragen; 
im Mittelfelde übereinander die schlafenden Gestalten des Grafen 
Andreas I. Görka (f 1551) und seiner Gattin Barbara; in den 
Seitennischen Vater und Oheim des Grafen, unten das Sockel- 
relief mit knieenden Familienangehörigen. Die Verstorbenen 
haben beide dieselbe Stellung; sie liegen von rechts nach links, 
der linke Ellenbogen ist aufgestützt, die rechte Hand auf das 
Knie des angezogenen rechten Beines gelegt. Der Graf setzt 
ausserdem den rechten Fuss über den linken. Daneben steht 
-der Helm. Als Verfertiger des datierten Werkes (1574) nennt 
sich in einer Inschrift Hieronymus Canavesi, wohnhaft in Krakau. 

Ob das Görka-Grabmal das früheste dieser Art im Posener 
Dome ist, steht indes nicht fest; vielleicht ist noch früher das 
des Bischofs Benedikt II. Izbienski (f 1553). Aber auch das 



i) Vgl. das Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Prov. Posen Bd. II. 



163 



kann ja erst geraume Zeit nach seinem Tode fertig gestellt worden 
sein. Der Bischof ruht unter einem umrahmten Bogen auf einem 
Sarkophage, dessen Deckel schräg nach vorn geneigt ist. Der 
Oberkörper stützt sich auf die im Winkel gestellten Arme, das 
Haupt ruht auf einem Kissen. Das rechte Bein ist angezogen, 
auf dem Knie ruht die rechte Hand mit einem Buch. Die Orna- 
mentik steht unter oberitalienischem Einfluss, kommt aber unter 
der Tünche nicht genügend zur Geltung. Der Künstler ist ein 
Einheimischer, Johannes Michalowicz aus Urz^dow bei Lublin. 
Jedenfalls fand Canavesi mit seinem Görka-Grabmal Anklang; 
denn 1577 führte er im Auftrage des Domkapitels in ganz ähn- 
licher Weise das des Bischofs Adam I. Konarski (f 1564) aus. 
Auch hier ein quadrierter Unterbau, der Sockel mit Inschrift; 
unter einem von einer toskanischen Ordnung umschlossenen Rund- 
bogen der Sarkophag, auf dessen schräger Platte der Bischof im 
Ornat liegt. Das Haupt ruht auf dem aufgestützten Arme, die 
Linke liegt leicht auf dem linken Oberschenkel auf und hält ein 
Büchlein. 

Merkwürdig ist die Grabplatte eines unbekannten vollbär- 
tigen Domherrn aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 
Hier ist ein Maximum an Verdrehung geleistet; der Oberkörper 
ist ganz herumgeworfen, das Haupt mit dem Barett ruht in der 
aufgestützten Hand. Damit ist das Motiv des aufgestützten Arms, 
das seinen Ursprung und guten Sinn beim Sarkophag-Grabmal 
hat, auf das Plattengrabmal übertragen, wie es dann öfter vor- 
kommt. Dem Ende des Jahrhunderts gehört das Grabmal des 
Bischofs Lukas Koscielecki an (f 1597). Unter einem von zwei 
kapitellosen Pfeilern getragenem Gebälk ruht die gleichfalls ganz 
nach vorn herumgeworfene Gestalt des Bischofs im Ornat. Die 
linke Hand ist auf ein Buch gestützt, die rechte hält den Krumm- 
stab; die Füsse ruhen auf einem Bänkchen. Der Aufsatz ent- 
hält die kniende Figur des Bischofs und den segnenden Christus, 
an den Seiten Heiligenfiguren. 

Die Platte des Domherrn Prawdzewski (f 1600) enthält die 
in reiche Gewänder gehüllte Figur des Verstorbenen in starkem 
Hochrelief; der linke Arm ist auf ein Buch gestützt, das rechte 
Bein angezogen. 

Das letzte Beispiel dieses Liegetypus bietet endlich das 
anspruchsvolle Denkmal des Bischofs Adam Nowodworski (t 1634) 
nach der Inschrift 1635 errichtet. Die Platte ist schräg nach vorn 
geneigt; der Bischof stützt das Haupt in den selbst aufgestützten 
rechten Arm; die Linke mit einem Buch ruht auf dem Unterleib, 
beide Knie sind angezogen. 

Handelt es sich um die geschichtliche Stellung dieser Denk- 
mäler, so schweift der Blick unwillkürlich von Posen nach Gnesen 

11* 



164 



hinüber. Und hier ist der Typus eben so früh, möglicherweise 
noch früher vertreten als in Posen. Schwerlich ist er schon be- 
kannt um 1537, in welchem Jahre Erzbischof Andreas II. Krzycki 
starb. Zwar ist die Grabplatte mit dem Verstorbenen schräg empor 
gerichtet, aber es fehlt das charakteristische Aufstützen des Armes. 

Anders bei dem Wandgrab des Erzbischofs Johannes VII. 
Latalski (t 1540). Zwischen zwei zierlichen Pilastern die fast 
senkrechte Platte, auf der der Erzbischof liegt; der rechte Arm 
stützt das Haupt, während die Linke den Krummstab fasst. Die 
Beine gehen in leichtem Schwung nach oben. Ähnlich ist das 
Grabmal des Erzbischofs Nikolaus III. Dzierzgowski (f 1559),. 
gemäss der Inschrift noch bei seinen Lebzeiten 1554 errichtet. 
Zwischen korinthischen Pilastern auf schräg gestellter Platte die 
Figur des Verstorbenen, nach vorn herausgedreht; den Kopf stützt 
der rechte Arm, dem selbst wieder ein Buch als Stütze dient. 

Roher ist das Denkmal für den Domherrn Adalbert Bru- 
dzynski, f 1601, nach seinem Tode errichtet. Die kurze, ge- 
drungene Figur ist auf der senkrecht gestellten Platte ganz heraus- 
gedreht; auf dem aufgestützten linken Arm ruht das Haupt, 
während die Rechte auf dem angezogenen Knie ein Buch hält. 

Bleiben wir im heutigen Deutschland, so scheint früher noch 
als in Gnesen das Motiv in Schlesien aufzutreten, das ja in leb- 
haften Beziehungen zu Italien stand. Das früheste Denkmal, das 
hier in Betracht kommt, ist das des Bischofs Johann V. Turzo 
(t 1520), das aber erst 1537 in der von ihm gestifteten Kapelle 
errichtet wurde. Der Oberkörper ist halb aufgerichtet, der rechte 
Arm ist auf ein Kissen aufgestützt und stützt selbst wieder das 
Haupt; die Beine sind angezogen. Die linke Hand greift nach 
vorn herüber und fasst den Krummstab. (Lutsch, Bilderwerk 
schles. Kunstdenkm. Tafel 226. 1). 

Ähnlich in der Haltung ist das 1534 — 39 gearbeitete Grabmal 
des Dr. Heinrich Rybisch (t 1544), nur dass das eine Bein über 
das andere geschlagen ist (Lutsch, Taf. 80. 4). 

Demselben Typus gehört das Denkmal des 1562 gestor- 
benen Bischofs Balthasar von Promnitz in der Pfarrkirche zu 
Neisse an (Lutsch, Taf. 111). Neu ist die Platte auf Kragsteinen 
bei den Denkmälern des Bischofs Caspar von Logau (t 1574) in 
der Pfarrkirche zu Neisse, wo wieder das Hinübergreifen der 
Hand gegeben wird (Lutsch, Taf. 113), und des Bischofs 
Johann VI. von Sitsch (f 1608) ebenda, beide auch durch son- 
stige Eigentümlichkeiten interessant. 

Scheint sich der in Rede stehende Grabmalstypus ausser 
einigen direkt von den Niederlanden her importierten Exemplaren 
sonst in Deutschland nicht weiter zu finden, so ist dies in dem 
ehemaligen Polen in erheblichem Masse der Fall. 



161 



Vielleicht das früheste Denkmal dieser Art ist das der 
Brüder Tarnowski in der Kathedrale zu Tarnow (y 1511 und 
1515). Die beiden hochgestellten Platten stehen neben einander; 
beide Dargestellte stützen den rechten Arm auf und schlagen das 
linke Bein über das rechte. Auf Wandkonsolen ruht in derselben 
Kirche das Denkmal der Barbara Tarnowska geb. Tenczyhska 
(t 1521). Das Haupt ruht in der aufgestützten rechten Hand, 
ohne dass der Oberkörper sich aufrichtete. Über ihr befinden 
sich drei Wappen mit Rundmedaillons. 

Im Krakauer Dom, der reich mit Grabmälern ausgestattet 
ist, scheint das früheste Beispiel des Typus das Grabmal des 
Bischofs Peter Tomicki zu sein, Unterkanzlers Sigismund I., ge- 
storben 1535. Auch hier ist die ein Buch haltende linke Hand 
nach vorn herübergelegt. In der Rückwand ein viereckiges 
Relief: Madonna mit Engeln, von dem hl. Petrus und dem 
Bischof verehrt. 

Das Grabmal des 1540 gestorbenen Bischofs Andreas 
Zebrzydowski ist vielleicht erst längere Zeit nach seinem Tode 
errichtet worden. Der rechte Arm ist auf ein Kissen aufgestützt, 
das linke Bein angezogen, auf dem die Linke mit einem Buch 
aufliegt. Zu den Seiten der einrahmenden Säulen kleine Nischen 
mit Statuen. 

Vor allem kommt aber hier in Betracht das Grabmal der 
Könige Sigismund I. (f 1548) und Sigismund August (f 1572) 
in der jagellonischen Kapelle des Krakauer Domes, diesem 1520 
von Sigismund errichteten Kleinod cisalpiner Rennaissance. Das 
Grabmal steht dem Altar gegenüber und ist leider in seiner An- 
ordnung später verändert worden; um für das Grabmal Sigismund 
Augusts Platz zu bekommen, hat man unter der ursprünglich 
einzigen Nische eine zweite gebrochen und den Sarg Sigismund I. 
gehoben. Die beiden Könige ruhen auf freistehendem Sarkophag, 
und bei beiden ist die Anordnung die gleiche. Beide sind ge- 
wappnet, die Krone auf dem Haupte, das auf einem Kissen ruht; 
sie stützen den rechten Arm auf, haben in den Händen Reichs- 
apfel und Szepter und setzen das linke Bein über das rechte. 
Über dem Sarkophag im Tympanon der Rückwand ein Rund- 
medaillon mit dem Adler, bei Sigismund Maria mit dem Kinde. 

Interessant ist, dass die Übereinanderordnung zweier Figuren 
hier nur als Notbehelf auftritt, während das Grabmal der Familie 
Görka in Posen schon ursprünglich so konzipiert ist. 

Einfacher ist in derselben Kapelle das Denkmal der Anna 
Jagiellonica. Über niedrigem kastenartigen Aufbau die hoch 
gestellte Platte, die die Verstorbene in ganzer Figur zeigt, auch 
sie mit Krone, Szepter und Schwert, den rechten Arm aufgestützt, 
unter dem Haupte zwei Kissen. 



166 



Reicher entwickelt ist auch das Grabmal für den Kastellan 
von Krakau, Laurentius Spytek Jordan von Melsztyn (f 1568) 
und seine Familie in St. Katharina in Krakau. Der rechte, auf 
einem Buch aufliegende Arm stützt das Haupt. Daneben steht 
der Helm. Unter diesem Mittelfelde eine Reliefdarstellung mit 
den knieenden Mitgliedern der Familie. 

Die Beispiele unsres Typus folgen sich jetzt rascher. Von 
1572 stammt das Denkmal des Bischofs Philipp Padniewski, 
gestützt von drei als Hermen gestalteten Konsolen, das Haupt auf 
dem aufgestützten Arm; die nach vorn herübergelegte Linke hält 
ein Buch. Das linke Knie ist angezogen. 

Auch das Grabmal des 1578 gestorbenen Pfarrers Martin 
Lyczko aus Ryglice in der erwähnten Kirche zu Tarnow gehört 
hierher. Die Gestalt ist ganz nach vorn herumgeworfen; auf 
dem aufgestützten linken Arm ruht das Haupt; die Rechte hält 
ein kleines Buch. 

Das jüngste bedeutendere Grabmal dieser Art im Krakauer 
Dom ist das des Königs Stephan Batory (f 1586), im Auftrag 
der Königin-Witwe Anna errichtet von Santi Gucci, einem in 
Krakau ansässigen Florentiner Bildhauer. Links und rechts vom 
Mittelfelde in je einer Nische eine Tugendfigur. Im Mittelfeld 
selbst der König im Ornat mit Krone und Krönungsmantel, ohne 
Sarkophag, den rechten Arm aufgestützt, den Oberkörper halb 
erhoben, das linke Bein angezogen; in der Linken den Reichs- 
apfel, in der Rechten das Szepter. 

Nähere gemeinsame Züge ausser der Ähnlichkeit des Liege- 
typus lassen sich in Posen kaum feststellen. 

Sowohl das Überschlagen des einen Beines über das 
andere, wie das Sockelrelief beim Görka-Grabmal bleiben ver- 
einzelt. Die Beigabe des Helms verbot sich bei den anderen, 
Geistlichen geltenden Denkmälern von selbst. Dagegen findet 
sich die auf das Knie gelegte Hand auch bei dem Jzbieriski'schen 
und Konarski'schen, das Anziehen der Beine ausserdem auch bei 
dem Prawdzewski'schen und dem Nowodworski'schen Grabmal. 

Auch zu Gnesen findet sich keine nähere Beziehung be- 
züglich der komplizierteren Motive, wenn man nicht das 
Brudzyriski'sche Grabmal heranziehen will, wo der Dargestellte 
die ein Buch haltende Hand auf das Knie legt. 

Auch nach Schlesien weisen kaum Beziehungen herüber; 
das Übereinanderschlagen der Beine findet sich nur bei dem 
Dr. Rybisch. Ein anderes Motiv dagegen verbindet Schlesien 
näher mit den nichtpreussischen Anteilen Polens. 

Die Bischöfe Turzo und Logau legen nämHch die Hand der 
dem Beschauer abgewandten Seite nach vorn herüber, ein Motiv, 
das einmal grösseren Bewegungsreichtum bringt und darum eine 



167 



gewisse Eindringlichkeit besitzt. Es findet sich schon früh bei 
dem Tomicki'schen, dann bei dem Padniewski'schen Denkmal. 

Hier finden sich auch naturgemäss die meisten Beziehungen 
zu Posen. Das Übereinanderschlagen der Beine ganz früh bei 
den Brüdern Tarnowski in Tarnow, dann bei den beiden Königen 
in der jagellonischen Kapelle in Krakau. Das auf das angezogene 
Knie gelegte Buch findet sich beim Zebrzydowski'schen Grab- 
mal. Das des Lauentius St. Spytek weisst interessante Be- 
ziehungen zum Posener Görka-Grabmal auf. Einmal findet sich 
der neben den Verstorbenen gestellte Helm, dann aber vor allem 
das Sockelrelief mit der Darstellung der Familienangehörigen, 
wohl ein von Deutschland her eingedrungenes Motiv. Da 
Spytek 1568 gestorben ist, darf sein Denkm.al wohl die Priorität 
vor dem Görka'schen in Anspruch nehmen. Das gilt wohl auch 
für das Königsgrabmal in der jagelionischen Kapelle mit den 
beiden übereinandergestellten Sarkophagen. War das aber dort 
ein Kompromiss, so ist das Görka-Grabmal von vornherein so 
konzipiert und konsequent monumental entwickelt. Unten der 
quadrierte Sockel mit dem Relief; die beiden Sarkophage der 
toskanischen Säulenordnung eingefügt, zu den Seiten die Nischen, 
oben der Aufbau. Es scheint das reichste Denkmal des ehe- 
maligen Polens zu sein. Ob sich unter den erwähnten Grab- 
malern Werke desselben Canavesi als Vorstufen dazu finden, lässt 
sich ohne ihre persönliche Kenntnis nicht ohne weiteres sagen; 
wahrscheinlich ist es ja an sich. Eine weitere, eindringende 
Untersuchung über das Grabmal hätte sich mit den übrigen 
Elementen des Aufbaus und mit der Ornamentik zu befassen. 

Hier sollte nur einmal dem Typus des Liegens nach- 
gegangen werden. 



Literarische Mitteilungen. 

Von Boguslawski A., 85 Jahre preussischer Regierungs- 
politik in Posen und Westpreussen von 1815—1900. Berlin 1901. 
Gofe und Tetzlaff. 

Auf knapp 100 Seiten schildert der Verfasser die politischen 
Ereignisse unserer Provinz und das Verhalten der Regierung 
ihnen gegenüber. Dem Entgegenkommen nach 1815 folgte die 
energische zielbewusste Ostmarkenpolitik unter Flottwell ; die 
Gründung der Volksschulen , Ausbau des Wegenetzes, Aufkauf 
der polnischen Güter und Verkauf derselben an Deutsche. 
Diesem Aufschwung des Deutschtums folgte eine versöhnliche 
Politik gegen die Polen und deren Dank durch den Aufstand 



168 



von 1848 und 1863. Zugleich damit aber fand ein wirtschaft- 
licher Aufschwung der Polen statt, namentlich die Bildung eines 
Mittelstandes. Der Verfasser geht dann näher auf die Poloni- 
sierung der deutschen Katholiken, namentlich der Bromberger 
ein, und schildert die Schulverhältnisse in den Bromberger 
Dörfern, besonders in Rataje. 

Dem scharfen Vorgehen Bismarcks folgte dann das Ein- 
lenken nach Beendigung des Kulturkampfes und damit natürlich 
eine Wiederholung der polnischen Ansprüche, denen dann als 
Erwiderung der Regierung das Ansiedelungsgesetz folgte. 

Eine scharfe Kritik übt der Verfasser an den Schwankungen 
bezüglich der Bestimmungen im Schulwesen. 

Der Ära Bismarcks folgte die Zeit Caprivis, die Zurück- 
drängung des Deutschtums, die Angriffe gegen die Krieger- 
vereine, das Verhalten des Erzbischofs in der Wahlangelegenheit 
des Propstes von Kresinski, und der aufsteigenden Gefahr gegen- 
über die Gründung des Ostmarkenvereins. 

Ganz kurz geht der Verfasser auf die polnische Propaganda 
in Schlesien und unter den Masuren und Kassuben ein, ebenso 
gedenkt er mit wenigen Worten der polnischen Einwanderung 
aus Russland und Galizien und der „Sachsengängerei" der 
preusischen Polen. 

Nach einer interessanten Statistik über den Zuwachs der 
Polen in den Posener Städten, zuletzt noch ein Rückblick über 
die Geschichte Polens und einige Betrachtungen über die Gesichts- 
punkte, unter welchen ein Kampf des Deutschtums gegen die an- 
drängenden Polen Aussicht auf Erfolg haben könnte, Regierungs- 
mittel, kirchhche Politik, Heeresverwaltungsmassregeln, einige 
Worte für und wider die Entfestigung Posens und zum Schluss 
der Wunsch einer stetigen Regierungspolitik. G. Kupke. 

D^bkowski,?., O potwierdzeniu umöw pod groz^ lajania 
w prawie polskiem sredniowiecznem. 

Über die Bestätigung (Bestärkung) der Verträge unter der 
Drohung des Scheltens im polnischen mittelalterlichen Recht. 

Eine ganz ausgezeichnete Schrift, die über diesen, sonst 
sehr massig behandelten Punkt des Vertragsrechts Alles enthält, 
mit der grössten Mühe und Sorgfalt zusammengetragen, was man 
über ihn sagen kann. 

Zöpfl, Deutsche Rechtsgeschichte (Bd. III S. 317) sagt: 
„Seit dem XIII. Jahrhundert kam zur Bestärkung der Verträge 
auch die Versicherung auf Ehrenwort, das Versprechen der Er- 
füllung einer Verbindlichkeit bei Verlust der Ehre, in Gebrauch, 
wodurch man sich, im Falle der Nichterfüllung, der Beschimpfung 



169 



des Schelmenscheltens aussetzte/ d. h. für „ehrlos und achtlos" 
geschimpft zu werden, ohne Genugtuung dafür zu verlangen. 

Verfasser behandelt in 7 Abschnitten : 1. Die Literatur und die 
Quellen. 2. Die Ausdrucksweise. 3. Die Personen des Rechtsver- 
hältnisses. 4. Verträge über das Recht zu schelten und Verträge, 
die verstärkt sind mit dem Recht zu schelten. 5. Ausführung des 
Rechts zu schelten, nämlich die Form — die Zeit — der Ort — 
der Inhalt und die Folgen. 6. Das Recht zu schelten als Mittel 
zur Bestärkung der Verträge. 7. Angaben aus der Geschichte 
der Einrichtung. 

Besonders der 6. Abschnitt ist von Interesse, weil er auf 
den kulturgeschichtlichen Hintergrund des Rechtsinstituts hinweist, 
nämlich die Schwäche der Staatsverwaltungen und die damit 
gegebene Schwierigkeit, geschlossene Verträge, im Falle der 
Weigerung der Erfüllung, zur Durchführung zu bringen, haupt- 
sächlich, wenn der Schuldner schwer zu erreichen oder schwer 
zu zwingen war. Ganz ähnlich wie auch jetzt Gläubiger gewisse 
Schuldforderungen, die der Staat für nichtig erklärt, z. B, Dahr- 
iehnsforderungen gegen Subalternoffiziere in Preussen, gegen 
Minderjährige, sich mit Ehrenwortsverpfändungen verbindlich bez. 
durchführbar zu gestalten suchen. 

Es wäre wünschenswert, wenn für das deutsche Recht eine 
ähnliche Arbeit geschrieben würde. R. Bartolomäus. 



Übersieht der Erscheinungen auf dem Gebiet 
der Posener Provinzialgesehiehte. 

1902. 

Zusammengestellt 

von 

K. Schottmüller. 



Das Jahr des Erscheinens ist nur angegeben, wenn es nicht 1902, 
das Format, wenn es nicht Oktav ist. Z = Zeitschrift, ohne weitere Hin- 
zufügung: Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen. 
M = Historische Monatsblätter für die Provinz Posen. 
V. Below G., Die polnische Frage in Preussen in den Jahren 1828 — 34. 

Briefe des Generals von Wrangel. Deutsche Revue 27. III. S. 318 

bis 334. IV. S. 211—224. 
B e r g e r H., Gedanken eines Deutsch-Österreichers über Deutschland und 

die Polenfrage. Berlin. Walther. 31 S. 8». 50 Pf. 
Brandt G., Die Pest der Jahre 1707— 1713 in der heutigen Provinz 

Posen, nebst gelegentlichen Rückblicken auf frühere Pestepidemieen 

in dieser Gegend. Z. XVII. S. 301—328. 
T) r s.. Der Charakter der Posener Landschaft. M. III. S. 33—39. 



170 



Brandt G., Die Aufführung der Bach'schen Johannes-Passion in der 

Kreuzl<:irche und die Musikpflege in Posen. M. III. 69 — 73. 
B r u n n e r H., Die Universität Posen und die Polenfrage. Deutsche 

Monatsschrift, hrsg. von Lohmeyer. II. S. 388—396. 
B u g i e 1 , Polnische Sagen aus der Provinz Posen. Globus Bd. 83, 

S. 127—130. 
Busse C., Die Eroberung von Posen. Persönliches und Unpersönliches. 

Der Türmer. IV. S. 392—401. 
Ca r J., Zur Geschichte des Hochschul-Gedankens in der Provinz Posen. 

Z. XVII. S. 1—21. 
Drs., Ein Wojewode von Posen über die Juden. M. III. S. 125 — 130. 
Ein Centrumsmann über die Polenfrage. Alldeutsche Blätter. 

S. 121—122. 

Bespricht die von dem Grafen Hoensbroech am 20. März 1902 im 

preussischen Herrenhaus geübte Kritik an der Haltung der polnisch- 
katholischen Geistlichkeit. 
Chlapowski Fr., Zycie i prace ks. Jözefa Rogalinskiego, cz§sc 

pierwsza. (Odbitka z Rocznika Towarz. przyjaciöl nauk Poznariskiego.) 

Poznan. Dziennik Pozn. 70 S. z 5 rycinami. 

Leben und Werke des Geistlichen Joseph Rogalinski. Teil I. Ab- 
druck aus dem Jahrbuch der Posener Gesellschaft der Freunde der 

Wissenschaft. 
Chronik des Posener Provinzial-Sängerbundes verfasst zur 50jährigen 

Jubelfeier. Posen. 47 S. 
Dalton, H. Daniel Ernst Jablonski. Eine preussische Hofprediger- 
gestalt in Berlin vor 200 Jahren. Berlin 1903. 495 S. 
D § b i c k i L., S. p. X. Kardynal Ledochowski. Kuryer Poznariski 1903. 

No. 353—355. 
Duzynski, Z dziejöw Opalenicy. (1401—1901.) Poznan. 139 S. 

Aus der Geschichte Opalenitzas. 
Eisner O., Posen. Über Land und Meer. S. 968—70. 
E r z e p k i B., Dwie przemowy slubne ks. J. Rogalinskiego. Przegl^d 

koscielny. Augustheft S. 212—219. 304—306. 

Zwei Traureden des Geistlichen J. Rogalinski. 
F a b r i c i u s W., Etwas von den Bücherschätzen der Kaiser Wilhelm- 

Bibhothek. M. III. 198—207. 
Focke R., Die Aufgaben und Ziele der Kaiser Wilhelm-Bibliothek zu 

Posen. M. III 180—191. 
Friedensburg F., Der Münzfund von Posen. M. III. S 1 — 8. 
G i n s c h e 1 E., Die Kunstpflege und das Theater in Bromberg. M. IIL 

S. 97—108. 
Haegermann, Entschwundene Industriezweige der Provinz Posen. 

Vortrag im Posener Bezirksverein des Vereins Deutscher Ingenieure^ 

gehalten am 1. XII. 1902. 15 S. 
Hager O., Gunzelin von Meissen und Boleslaw Chrobri von Polen. 

Deutscher Herold. S. 172—173. 

Untersucht das verv/andschaftliche Verhältnis beider Fürsten als 

Stiefbrüder. 
Hegel Clara, Das Flottwell'sche Elternhaus. Aus eigenen Erlebnissen 

und Briefen dargestellt. Als Msc. gedruckt. (1897) 222 S. 

Behandelt auf S. 63—94 die Posener Zeit des Oberpräsidenten Flottwell. 
Heinemann O., Die Plünderung der evangelischen Kirche in Posen. 

(1710). M. III. S. 55—57. H 

Hensel, Vorgeschichtliches aus unserer Gegend. Vortrag gehalten im 

Preussischen Beamtenverein zu Meseritz. Sonntagsblatt zum Mese- 

ritzer Kreis- und Wochenblatt No. 23—27. 



171 



Historische Monatsblätter für die Provinz Posen. Herausgegeben von Dr. 
Adolf Warschauer Jahrg. 3 Beilage zu Jahrg. 17 der Zeitschrift der 
Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen und der Historischen 
Gesellschaft für den Netzedistrikt zu Bromberg. 220 S. 

In welcher Kirche Lissa's hat Arnos Comenius gewirkt? Lissaer Tage- 
blatt No. 27. Beilage. 

Jolowicz J., Paul Heyse's Jugendfreund Bernhard Endrulat. M.III. 317—22. 

Die KaiserWilhelm-Bibliothek in Posen. M. III. Heft 12. 

Kassel, Hebung des Proletariats durch die Volksschule unter besonderer 
Berücksichtigung der Verhältnisse Posens. Vortrag. Veröffent- 
lichungen des Vereins zur Fürsorge für kranke Arbeiter zu Posen. 
Heft 3. Posen. 16 S. 

K^trzynski St., O zaginionem zywocie sw. Wojciecha. 

Anzeiger der Krakauer Akademie der Wissenschaften. S. 44 — 48. 
Über die verlorengegangene Lebensbeschreibung des hlg. Adalbert. 

D r s., O palliuszu biskupöw polskich XI. wieku. Rozprawy akademii 
umiej^tnosci krakowskiego wydzialu historyczno-filozoficznego 
serya II. Tom XVIII. S. 200—251. 
Über das Pallium polnischer Bischöfe im 11. Jahrh. 

Kirchenkalender der evangelischen reformierten Johannisgemeinde zu 
Lissa in Posen auf das Jahr 1902. Lissa. 30 S. 
Enthält auf S. 24 — 26 „das älteste Kirchenprivilegium der Ge- 
meinde" vom Jahr 1580 in deutscher Übersetzung nach dem 
polnischen Original des Erbherrn von Lissa Rafael Leszczynski. 

K 1 e i n w ä c h t e r H., Max Reichard. M. III. S. 82—86. 

K n o p O., Der Überweg von der Stadt Rogasen nach dem Woytost. 
Beilage zum Programm des Kgl. Gymnasiums zu Rogasen. Ro- 
gasen 1902. 40. 19 S. 

K h t e J., Die mittelalterlichen Wandmalereien in der Kirche zu Gostyn. 
M. III. S. 92—94. 

D r s., Der Wiederaufbau der S. Marien-Kirche in Inowrazlaw. M. III. 
S. 161—164. 

V. K o s c i e 1 s k i O., Entwurf zu einer Geschichte der Familie der 
v. Koscielski. Als Manuskript gedruckt. Stargard i. P. Kurz an- 
gezeigt Deutscher Herold S. 144. 

K r e m m e r M., Die geologische Literatur über Posen. M. III. S. 108 — 111. 

Drs., Zur Kartographie von Posen. Pos. Tagebl. vom 15. JuH 1902. 

K r y s i a k F., Offener Brief eines Polen an die irregeleitete öffentliche 
Meinung in Deutschland. Der Bericht des Oberpräsidenten v. Bitter 
im Lichte der Verhältnisse Posens. Dziennik Poznanski. 46 S. 

Kusztelan, O organizacyi i rozwoju Spölek polskich pod panowaniem 
pruskiem. Kuryer Poznanski 1903 Nr. 339. 
Organisation und Entwickelung der polnischen Genossenschaften 
unter preussischer Herrschaft. 

Kutrzeba St., S^dy ziemskie i grodzkie w wiekach srednich. IX — X. 
Wojewödztwa poznaiiskie i kaliskie. XL Ziemia wschowska. Roz- 
prawy akademii umjej^tnosci. Wydzial historyczno-filozoficzny. 
Serya IL Tom XVII. Krakau S. 333—386. 

Behandelt die Land- und Grodgerichte im Mittelalter. IX — X. Die 
Woiwodschaften Posen und Kaiisch. XL Das Land Fraustadt. 

K w e s t y a polska w oswietleniu profesora Delbrücka i dra Stumpfego. 
Kuryer Poznariski No 309. 

Die polnische Frage in der Beleuchtung des Professor Delbrück 
und Dr. Stumpfe. 

V. L., Die Grundbesitzverhältnisse in der Provinz Posen. Deutsches 
Adelsblatt S. 365—368, 381—384, 398—401, 414—415, 435—436. 



172 



L a m p e 1, Heimatkunde des Kreises Inowrazlaw. Lissa. Ebbeke 20 S. 
Landsberger J., Ordnung des Schuldenwesens der jüdischen Ge- 
meinde zu Posen in den Jahren 1774—1780. M. III. S. 38—45. 
L i e p e, Die Spinne. Roman aus den Kämpfen des Polentums wider das 

Deutschtum in der deutschen Ostmark. Berhn, Zillessen. 

Bespr. in den Alldeutschen Blättern S. 343 und der Ostmark VII. 

S. 56, 51. 
.Majestätsbeleidigungen. Randglossen zu der von Sr. Majestät 

Kaiser Wilhelm am 4. September 1902 im Ständehause zu Posen 

gehaltenen Ansprache. Wien und Leipzig. Comm. Verl. Eisenstein. 

32 S. 80. 70 Heller. 
M i n d e - P o u e t G., Kunstpflege in Posen. Warnungen und Vorschläge. 

Z. XVII. S. 23—99. 
Mühmelt, Heimatskunde des Kreises Meseritz Lissa. Ebbeke. 20 S. 
Napoleon I. w Poznaniu w 1812 r. Kuryer Poznahski 1903. No. 411. 

Napoleon I. in Posen im Jahre 1812. 
Nesemann F., Die Lissaer Tuchschererinnung. Z. XVII. S. 101 — 168 

und 245—300. 
OlszewskiW., Obrazek historyczny miasta Dolska. Z 8 rycinami 

Poznan 164 S. 

Historisches Bild der Stadt Dolzig. Mit 8 Illustrationen. 
Otto B., Polen und Deutsche. Ein Mahnwort an die Deutsche Jugend. 

Hauslehrer-Schriften 2. Leipzig. 63 S. Besprochen von P. S. in den 

Alldeutschen Blättern S. 343. 
P a a I z o w , Zur Polenfrage. Der Gebrauch der polnischen Sprache in 

politischen Versammlungen. Die polnischen Postadressen. Zwei 

Rechtsgutachten. Berlin. Liebmann. 84 S. 

Besprochen. Alldeutsche Blätter S. 215. Liter. Zentralblatt S. 1464. 
P. S., Bedenkliche Wege der Preussischen Polenpolitik. Alldeutsche 

Blätter S. 361—364. 
P. S., Polenfrage und auswärtige Politik. Alldeutsche Blätter S. 299—210. 
P a w 1 i k S., Pruskie izby rolnicze z szczegölnem uwzgl^dnieniem kosztöw 

i zakresu dzialania izby rolniczej w Poznaniu. Lemberg 80. 16 S. 

Die preussischen Landwirtschaftskammern mit besonderer Berück- 
sichtigung der Kosten und der Grenzen der Wirksamkeit der 

Landwirtschaftskammer zu Posen. Lemberg. 
Pfuhl F., Die Berücksichtigung der Naturwissenschaft seitens des Pro- 

vinzial-Museums. M. III. S. 156—159. 
Pick A., Napoleon in Meseritz. Vortrag im Preussischen Beamtenverein. 

Beilage zum Meseritzer Kreis- und Wochenblatt No. 106. 
P i e k s i h s k i Fr., Wybör zapisek s^dowych grodzkich i ziemskich 

wielkopolskich z XV. wieku. Tom I. zeszyt I (1400—1410. (Studya, 

rozprawy i materyaly z dziedziny historyi polskiej i prawa pol- 

skiego. Tom VI. Zeszyt I. Krakow. 414 S. 

Auswahl grosspolnischer Grod- und Landgerichtseintragungen aus 

dem XV. Jahrhundert I. 1. (1400—1410). 
Posen er Festschmuck (bei Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals). 

Zentralblatt der Bauverwaltung. S. 455. 
Posener Hauskalender für Stadt und Land. Berlin. 58 S. 
Poznanczyk, Stosunki polityczne w Poznariskiem. Biblioteka Warszawska I. 

S. 30—45. 

Die Politischen Verhältnisse im Posenschen. 
R a d o m s k i , Förderung der Wohnungshygiene in Posen. Vortrag. Ver- 
öffentlichung des Vereins zur Fürsorge für kranke Arbeiter zu Posen. 

Heft 1. Posen 1901. 11 S. 



173 



R a d m s k i , Die Provinzial-Taubstummenanstalt in Posen. Zum 25jähr, 

Jubiläum ihres Bestehens als selbständiges Institut. Posen. 1899. 11 S. 
Radziwillowie. Dziennik Poznanski Nr. 189. 

Erzählt nach einem in einer Berliner Zeitung erschienenen Aufsatze 

die Beziehungen der Familie Radziwill zu den Hohenzollern. 
R a k w s k i K-, Wychodztwo polskie w Niemczech. Biblioteka War- 

szawska. Tom IV. S. 66—92., 438—457. 

Die polnische Emigration in Deutschland. 

Ober-Konsistorialrat D. Reichard f. Posener Hauskalender für Stadt 

und Land. S. 51—53. 
R c z n i k i Towarzystwa przyjaciöl nauk Poznariskiego. Tom XXVIII 

Poznan. Nakladem Towarzystwa przyjaciöt nauk Poznariskiego. 320 S. 

Jahrbücher der Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften. 
R o e r e n H., Zur Polenfrage. (Frankfurter Zeitgemässe Broschüren N. F. 

Bd. XXII. Heft 1/2). Hamm. 62 S. 
Rüther, Napoleon I. und die Polen in den Jahren 1806 und 1807. 

Hamburg. 1901. 1902. 
S^downictwo polskie w obec czarownic. Acta miasta Fordon wedtug 

wyci^göw R. Bartolomäusa. Kuryer Poznariski No. 107, 109, 113. 

117, 119. 

Polnische Gerichtsbarkeit bezüglich der Hexen. — Akten der Stadt 

Fordon nach den Auszügen von R. Bartolomäus in Z. XVI. S. 189 bis 

230. 
Schlager H., Die polnische Gefahr. Berlin. Schildberger. 29 S. 
Schmidt E., Aus Brombergs Vorzeit. I. Die Burg Bydgoszcz-Bromberg. 

Festgabe der „Ostdeutschen Presse" aus Anlass ihres 25 jährigen 

Bestehens. Bromberg. 173 S. 
D r s., Zur Erinnerung an Martin Meyer. M. III. S. 22 — 25. 
Schottmüller K-, Ein Lissaer Hexenprozess von 1740. M. IIL 

S. 65—69. 
D r s., Der Gr. Kurfürst als Besitzer von Posen. Ostmark. VII. S. 79 — 80. 
D r s.. Der Gr. Kurfürst in Bromberg. Posener Hauskalender für Stadt 

und Land. S. 54, 55. 
D r s., Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiet der Posener Pro- 

vinzialgeschichte 1901. M. III. S. 134—139. 
Schulz F., Volkssagen aus der Provinz Posen. M. III. S. 73 — 76. 
Schwartz Fr., Das Posener Land in vorgeschichtlicher Zeit. M. III. 

S. 113—125. 
Sembratowicz R., Polonia irredenta. Frankfurt a. M. 157 S. 
Sienkiewicz, Z pami^tnika poznariskiego nauczyciela. Nowela (Biblio- 

teczka dla wszystkich). Krakow. Gebethner. 32 S. 20 Heller. 

Aus den Erinnerungen eines Posener Lehrers. Novelle. 
S m o 1 k a St., Die Ruthenen und ihre Gönner in Berlin. Besprochen in 

den Grenzboten I. S. 57 — 62. Wien und Leipzig. 

Entgegnung auf die Bemerkungen des Abg. Sattler im Deutschen 

Reichstag am 10. Dezember 1901 über die polnische „Fürsorge" 

für die ruthenischen Schulverhältnisse. 
Stumpfe, Polenfrage und Ansiedelungskommission. Berlin. Reimer. 

262 S. 1. Kte. 

Besprochen in den Alldeutschen Blättern S. 405 und M. IV. 

S. 141—144. 
S z p i t a 1 dzieci^cy pod wezwaniem sw. lozefa w Poznaniu (1877 — 1902). 

Dziennik Poznariski 1902. No 188. 

Das St. Josephs-Kinder-Krankenhaus in Posen. 
T k a r z W., Z dziejow sprawy zydowskiej na Ksi^stwa WarszawskiegCK 

Kwart. bist. XVI S. 262—78. 



174 



Aus der Geschichte der Judenfrage im Herzogtum Warschau. 
Behandelt die Anfänge der Massregeln zur Emanzipation der Juden 
während der Zeit des Herzogtums Warschau. 

Trzcinski T., Czy istnialo biskupstwo kruszwickie ? Przegl^d Koscielny. 
S. 1—11, 341—352. 
Behandelt die Frage, ob ein Bistum Kruschwitz bestanden hat. 

U n g e r, Die städtische Sparkasse zu Posen 1827 — 1902. Posen 63 S. 

Wag n e r und Vossberg, Polenstimmen. Eine Sammlung von 
Äusserungen der polnischen Presse. Berlin. 237 u. 90 S. 

Warminski, Z dziejow dyecezyi poznahskiej. I. Mnich Samuel a Se- 
klucyan. Przeglqd Koscielny. S. 231—254, 321—340. 
Aus der Geschichte der Posener Diözese I. Samuel und Seclucian. 

Warschauer A., Die städtischen Archive in der Provinz Posen. 
Leipzig 1901. 80 XL n. 323 S. 

Besprochen von Z. C. im Dziennik Poznahski Nr. 77 und im 
Kwartalnik histor. XVII. S. 72—75 v. Adam Chmiel. 

D r s. Aus der Zeit des Schwedenschreckens. M. III. S. 86 — 93. 

D r s., Die Eröffnung der Kaiser- Wilhelm-Bibliothek zu Posen. M. III. 
S. 177—180. 

Wehrmann M., Die Fraustädter Verhandlung 1512. M. III. S. 
49—55. 

W e n d 1 a n d, Slaven und Deutsche in der preussischen Ostmark von 
1890—1900. Alldeutsche Blätter S. 438—440. 

V/enzel B., Die Landesbibliothek zu Posen 1894—1902. M. III. 
S. 191—198. 

W e r n i c k e, Über Volksernährung mit besonderer Berücksichtigung der 
Posener Verhältnisse. Veröffentlichungen des Vereins zur Fürsorge 
für kranke Arbeiter zu Posen. Heft 2. Posen. 24 S. 

W'otschkeTh., Andreas Samuel und Johann Seklucyan, die beiden 
ersten Prediger des Evangeliums in Posen. Ein Beitrag zur 
polnischen Reformationsgeschichte. Z. 169 — 244. 

Wreschener Schulprozess vor der II. Strafkammer des Königl. Land- 
gerichts zu Gnesen. Posen. Dziennik Poznahski. 173 S. 

Zakrzewski St., O bulli dla arcybiskupstwa gniezniehskiego z r. 1136. 
Die älteste Bulle für das Erzbistum Gnesen. Besprochen im An- 
zeiger der Krakauer Akademie der Wissenschaften 1901. S. 147 — 152. 

Z e i d 1 e r G., Der Bau der Kaiser-Wilhelm-Bibliothek. M. III. S. 207. 

D r s., Neubau der Kaiser- Wilhelm-Bibliotkek in Posen. Mit 4 Abbildungen. 
Zentralblatt der Bauverwaltung. S. 518—521. 

Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen. Zu- 
gleich Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt 
zu Bromberg. Herausgegeben von R. Prümers. Jg. 17. 328 S. 

Z Ksi^zki Stanistawa Kozmiana. Kuryer Poznahski 1903 Nr. 295, 297, 
298, 301. 

Aus dem Buche Stanislaus Kozmians (behandelt Bismarcks Polen- 
politik). 

2ychlinski T., Zlota Ksi§ga szlachty polskiej. Rocznik XXIV zlozony 
z trzech cz§sci, zyciorysu ks. arcybiskupa Zaleskiego i Wywodu z 32 
przodköw po mieczu i po kqdzieli Zbigniewa i Ludwika Gorzenskich- 
Ostrorogöw, oraz ozdobiony portretem ks. arcybiskupa Zaleskiego. 
Poznan nakL autora. 8«. 230 Seiten. 
Goldnes Buch des polnischen Adels. 



175 

Nachrichten, 



1. Seit längerer Zeit bin ich mit der Sammlung der provin- 
ziellen Funde aus der römischen Epoche beschäftigt d. h. der 
Funde, die in unserer Provinz gemacht werden und etwa aus dem 
1. Jahrhundert vor Christi Geburt bis zum 5. Jahrhundert nach 
Christistammen. Gefässeund Geräte, Lanzenspitzen, Fibeln, Schmuck- 
stücke, Kämme, Perlen und vor allem auch römische Münzen kommen 
in Betracht. Da Nachrichten über solche Funde, die verhältnis- 
mässig häufig sind, selten in die Zeitungen und noch seltener in 
wissenschaftliche Zeitschriften gelangen, so bin ich für jede Nach- 
richt über solche Stücke mit Angabe des Ortes, wo sie gefunden 
sind, dankbar. Auch in der Provinz gefundene griechische und 
l)yzantinische Münzen werde ich mit Dank verzeichnen. 

Fredrich. 

2. Über die Polen im Deutschen Reich veröffentlichte 
Dr. J. Zemmrich im „Globus" vom 8. Oktober 1903 (B. 84, 
S. 213 ff.) einen mit zwei Karten als Sonderbeilage ausgestatteten, 
bemerkenswerten Aufsatz. Auf Grund der jetzt gedruckten Er- 
gebnisse der Volkszählung von 1900 über die Muttersprache gibt 
die erste Karte die Verbreitung der Polen im Deutschen Reich 
in 6 Farbentönen abgestuft. Auch die in West- und Mittel- 
deutschland verbreiteten Minderheiten unter drei und unter zehn 
Prozent heben sich deutlich heraus. Die Grundlage bildet in 
Preussen die Verteilung in den Kreisen, denn leider ist die in 
den einzelnen Gemeinden nicht veröffentlicht worden. Die zweite, 
noch interessantere Karte zeigt die relative Zu- und Abnahme der 
Polen in Preussen seit 1890 farbig in 6 Stufen dargestellt. Der 
Text enthält eine umfassende Erläuterung der Verhältnisse der 
Zweisprachigen, der Verteilung der Polen in den einzelnen Landes- 
teilen, der Verschiebungen in dem letzten Jahrzehnt durch Binnen- 
wanderung und Kolonisation. Behrens. 

3. Der vierte Tag für Denkmalspflege fand am 25. und 
26. September in Erfurt statt. Einen eingehenden Bericht über 
seine interessanten Verhandlungen gibt J. Kohte in der Zeitschrift 
„Die Denkmalpflege" V S. 105 — 108. Für unsere Provinz sind 
von besonderer Wichtigkeit die Mitteilungen des Konservators 
Hager aus München über die Erhaltung von Wandmalereien. 
Dem Kohteschen Bericht über diesen Vortrag entnehmen wir die 
folgenden Sätze: „Um die Tünche von alten Malereien abzulösen, 
bedient man sich am besten eines abgestumpften Stosseisens; 
dagegen empfiehlt es sich nicht, die Tünche mit Kleister zu 
überstreichen und mit Leinwand zu bekleben. Die Arbeit gelingt 
leicht, wenn der Malgrund glatt ist, etwa mit der Eisenkelle ge- 



176 



bügelt, wie man bis zum fünfzehnten Jahrhundert zu tun pflegte ;. 
erschwert wird die Aufgabe, wenn die Mauer feucht ist. Werden 
die alten Malereien v/iederhergestellt, so soll man wenigstens 
einen Teil unberührt lassen ; keinesfalls darf es Zweck der Wieder- 
herstellung sein, den alten Malereien ein neues Aussehen zu 
geben." 



Geschäftliches. 

Deutsche Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 
zu Bromberg. 

Abteilung für Geschichte. 

Bericht über die Monatsversammlung am 22. Oktober 1903^ 

Abends 8V4 Uhr im Civilkasino. 

Der Vorsitzende, Herr Landesgerichtspräsident Riek begrüsste an 
dem ersten Versammlungsabend des Winters die sehr zahlreich er- 
schienenen Mitglieder. Herr Oberlehrer Dr. Schmidt machte kwrze Mit- 
teilungen über die Tätigkeit des Vorstandes im vergangenen Sommer und 
über die für den Winter in Aussicht genommenen Veranstaltungen der 
Gesellschaft. Den Vortrag des Abends hielt Herr Gymnasiallehrer Koch 
über den Staatsvertrag vom Jahre 1657 zwischen dem Grossen Kur- 
fürsten und dem Könige Johann Kasimir von Polen. Da auf diesem 
Vortrag sich die Souveränität Preussens gründet, so regte Sr. Excellenz 
der Herr Generalleutnant Linde an, an der Stelle, wo die beiden 
Monarchen damals zusammentrafen, einen Gedenkstein zu errichten. 
Eine zu diesem Zweck sofort veranstaltete Sammlung ergab 60 M. 
Herr Oberlehrer Dr. E. Schmidt machte dann noch Mitteilungen über 
das damalige Aussehen Brombergs, über die Örtlichkeiten, wo sich 
die einzelnen Handlungen abgespielt und v/o die Fürstlichkeiten ge- 
wohnt hatten. 

I. A. Schulz, Kgl. Forstmeister. Schriftführer. 



Historische Abteilung der Deutsclien Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 10. November 1903, Abends 8V2 Uhr, im Restau- 
rant ,Wilhelma", Wilhelmstrasse 7, 

HIonatssitzung. 

Tagesordnung: 1. Geh. Archivrat Professor Dr. Prümers: Be- 
richt über die General- Versammlung der Geschichts- und Altertumsvereine 
zu Erfurt. 

2. Dr. Laubert: Zur Geschichte des preussischen Militärs in der 
Provinz Posen nach 1815. 

Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





lilSTORISCME 
MOHATSBLflTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang IV Posen, Dezember 1903 



Nr. 12 



Wotschke Th., Der Versuch, der Posener Pfarrschule von Maria 
Magdalena 1549 einen evangelischen Lehrer zu geben S. 177. — Klein- 
wächter H., Polnische Sprichwörter aus der Provinz Posen S. 188. — 
Literarische Mitteilungen S. 185.— Nachrichten S. 188.— Geschäftiches S.191. 
— Bekanntmachung S. 192. 

Der Versuch, 

der Posener Pfarrschule von Maria Magdalena 1549 

einen evangelischen Lehrer zu geben. 

Von 
Th. Wotschke. 

n den dreissiger und vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts 
war unter dem Rektorate des Paul Ogonek und Paul aus 
Rawa die Pfarrschule so zurückgegangen, dass sie für die 
Kinder der besseren Familien als Bildungsstätte kaum 
noch in Betracht kommen konnte. Viele Bürger, besonders die 
deutschen, ich nenne nur den Ratsherrn Friedrich Schmalz, sahen 
sich gezwungen, ihre Söhne nach Breslau zu geben. Um diesem 
Übelstande abzuhelfen, beschlossen 1549 der Rat und die Ge- 
meinde, die Schule neu zu organisieren und eine tüchtige Lehr- 
kraft in das Rektorat zu berufen. Der evangelische Bürgermeister 
Andreas Lipczinski^) dachte mit einigen Ratmannen an einen 
evangelischen Lehrer und sprach hiervon zum Generalstarosten 
und Kastellan Andreas Gorka. Als Anfang Juni 1549 der 
Königsberger Professor Friedrich Staphylus auf der Reise nach 

1) Andreas Lipczinski hat Sommersemester 1534 die Leipziger 
Universität besucht, auch in Wittenberg zu Luthers und Melanchthons 
Füssen studiert, allerdings ohne sich immatrikulieren zu lassen, da könig- 
liche Edikte das Studium in der Ketzerstadt verboten. 

12 



178 



Deutschland in Posen weilte^) und dem Grafen Gorka seinen 
Besuch machte, bat dieser wie auch Lipczinski, in ihrem Namen 
Melanchthon zu bitten, ihnen einen bewährten Lehrer nach Posen 
zu senden. Staphylus empfahl ihnen seinen Schüler Gregorius 
Pauli aus Brzeziny im Palatinat Lenschitz, der, wie die Statuten 
der Pfarrschule für den Rektor vorschrieben 2), in Krakau auf der 
Landesuniversität promoviert war und seit 1547 auf der Königs- 
berger Akademie weiter studiert hatte, versprach aber auch, 
Melanchthon die Bitte der Posener vorzutragen und ihre Briefe 
ihm einzuhändigen. Da sein Reiseplan ihn erst anfangs Sep- 
tember nach Wittenberg führte und er dann erst mit seinem 
alten Lehrer sprechen konnte, blieben die Posener lange ohne 
Nachricht und beschlossen endlich, Gregorius Pauli zu berufen, 
um so mehr, da dieser wegen seiner Promotion in Krakau eher 
gegen den Verdacht der Irrlehre geschützt zu sein schien. Lip- 
czinski trat mit ihm in Verhandlungen, und auch der Rat sandte 
ihm folgendes Schreiben. „An den würdigen Gregorius Sagroblini 
aus Brzeziny, Magister der freien Künste, unsern teuren Freund. 
Heil und Segen zuvor. Der fürsichtige Andreas Lipczinski, unser 
erster Bürgermeister, hat Euer Hochwürden Gelehrsamkeit und 
Sittenreinheit uns empfohlen und uns eröffnet, dass er Euer Hoch- 
würden zum Rektor der Schule an unserer Pfarrkirche Maria 
Magdalena berufen habe. Da dies unseren Wünschen entspricht, 
billigen wir es nicht nur, sondern bekräftigen es auch durch 
dieses Schreiben. Wir bitten Euer Hochwürden, zur Eröffnung 
des Schulunterrichts recht bald zu kommen. Sogleich nach der 
Ankunft wollen wir mit Euer Hochwürden über Gehalt und Rang 
verhandeln und in die rechte Stellung einzusetzen suchen. 
Sie mögen sich wohl befinden und recht bald, wir bitten darum 
nachdrücklich, zu uns kommen. Posen, den 2. August 1549"^). 

Wegen der Pest, die in Königsberg wütete, gab Gregorius 
Pauli gern sein Studium auf und leistete mit Freuden dem Rufe Folge. 
Er war ein Anhänger der Wittenberger Reformation, aber unter 
der Stunde seiner Abreise fiel ihm Calvins Buch v/ider das 
Interim in die Hände und führte ihn den Schweizer Theologen 



1) Der Empfehlungsbrief des Herzog Albrecht für ihn an Gorka 
ist Königsberg, den 28. Mai datiert. „Cum venerandus et eximius magister 
Fridericus Staphilus fideliter nobis dilectus hinc in Germaniam proficis- 
ceretur, committere non potuimus, quin pro singulari, qua erga ipsum 
ferimur, dementia Magn^e Vrae diligenter commendaremus. Quem nostro 
nomine commendatum ut habere dignetur, etiam atque etiam petimus". 
Königsberger Staatsarchiv. 

2) Paul von Rawa hatte 1536 in Krakau studiert. 

3) Aus dem Posener Staatsarchiv. 



179 



zu^). Bald erwarb er sich in Posen bei den Bürgern Liebe und 
Anerkennung, aber durch sein schroffes Auftreten wider die 
herrschende Kirche machte er sich bei der Geistlichkeit verdächtig. 
Als sie von seinem Studium in Königsberg vernahm, veranlasste 
sie den Probst Jacob Vedelicius Quittenberg, an den Bischof sich zu 
wenden, damit dieser die Entlassung des Lehrers von der Stadt fordere. 
Näher unterrichtet hierüber folgender Brief des Rats an den 
Bischof. „Überbracht ist uns das Schreiben, durch welches Eure 
bischöfliche Gnaden uns zu mahnen geruhen, über den Rektor 
der Schule von Maria Magdalena Auskunft zu geben, ob er aus 
Königsberg berufen sei, ferner dass er der Prüfung der von E. G. 
bezeichneten Doktoren sich unterwerfe. Da wir E. G. als unseres 
Bischofs und hochverehrten Hirten Mandate über alles wert zu halten 
pflegen, sind wir höchst verwundert, wegen des Rektors ver- 
dächtigt zu werden. Aus Königsberg soll er berufen und geholt 
worden sein. Aber Königsberg ist weit entfernt, hat andere 
Sprache, andere Sitten als wir. Diesen ganzen Sommer herrschte 
dort die Pest so stark, dass wir nicht einmal daran gedacht 
haben würden, einen von dort zu berufen, vielmehr durch harte 
Edikte untersagt haben, wegen der Pestgefahr Reisende von dort 
in die Häuser aufzunehmen. Eure bischöfliche Gnaden haben also 
Iceinen Grund zur Annahme, er sei aus Königsberg berufen. 
Aber da unserer Pfarrschule seit einer Reihe von Jahren ein 
tüchtiger Rektor fehlte, schauten wir wie schon unsere Amts- 
vorgänger nach dem Dienste und der Arbeit eines frommen 
christlichen Mannes aus, gewillt, ihm eine Besoldung zu gewähren, 
damit er die Jugend zur Ehre Gottes und zum Nutzen des 
Staates unterrichte. Denn diese Schulstelle besitzt kein Vermögen 
oder sonst feste jährliche Einkünfte. Nach so langem Warten 
schien es uns eines so bedeutenden Ortes unwürdig und für die 
Jugend verderblich, länger zu zögern. Angenehm ist uns deshalb 
der ob seiner Bildung und guten Sitten verehrungswürdige Gregor 
aus Brzeziny, ein Magister der freien Künste, von Geburt ein 
Pole. Von der hochbewährten Krakauer Akademie hat er den 
Grad eines Magisters erhalten''^). Ihm haben wir nach der Ge- 

1) Vergl. seinen Brief an Calvin vom L Oktober 1560. Opera Cal- 
vini XVIII, 3255. „Quum essem diluvio Antichristi abreptus in Montem 

regium Prussiae abii Quum vero istinc post biennium disce- 

derem, iam ascendens currum incidi in libellum tuum contra Interim 
adultero-germanum scriptum, ex quo in eodem itinere ita accensus ardebam, 
ut nihil errorum Antichristi me non videre intelligerem. Paulo post 
etiam alia tua opuscula nactus (also in Posen) in flammam erupi. Postremo 
a papistis ob professionem evangelii e schola Posnaniensi, quae est metro- 
polis Maioris Poloniae, pulsus Vitembergam ad Philippum diverti". 

2) Unter dem Jahre 1534 finden wir im Album studiosorum Uni- 
versitatis Cracoviensis S. 271 verzeichnet: Gregorius Pauli de Barczino 
dioec. Wladislaviensis. Ich vermute, dass dies unser Gregorius Pauli ist 
und Breczino gelesen werden muss. 



180 



pflogenheit unserer Amtsvorgänger die Leitung der Schule über- 
tragen und glauben, dass er dank seines Charakters und seiner 
wissenschaftlichen Bildung sein Amt voll ausfüllen werde. Von 
unseren Vorfahren haben wir es übernommen, dass seit alter Zeit 
bis zur Gegenwart der Posener Rat nach seinem freien Ermessen 
den Schulrektor eingesetzt hat, ohne die Bestätigung des Pfarrers 
oder sonst jemandes einzuholen. Zu Euer bischöflichen Gnaden 
hegen wir die feste Hoffnung, dass Sie uns unser Recht, welches 
wir uns bis zur Stunde unverkürzt bewahrt haben, ungeschmälert 
lassen werden. Da Gregor von Polens berühmter Universität und 
keiner ausländischen geprüft und promoviert worden ist und die 
würdigen Väter des Krakauer Collegs über ihn ihr bedeutungs- 
volles Urteil abgegeben haben, so werden E. G., wie wir ver- 
trauen, nichts wider ihn haben. Bisher ist es keinem Krakauer 
Magister widerfahren, dass er von anderen verhört wurde, auch 
von uns nicht, die wir gern E. G. dienen und wie treue Schafe 
ihrem Hirten so E. G. in allen Stücken gehorchen. Dieses neue 
bis dahin unerhörte Joch geruhe Sie nicht unserem Diener auf- 
zulegen, Ihrem Wohlwollen und Schutze empfehlen wir uns und 
unsere ergebensten Dienste. Glück und Gesundheit erflehen wir 
für E. G. von Gott dem Höchsten und Besten. Posen, den ^11. Ok- 
tober 1549"!). 

Einige Monate gelang es wirklich der Stadt, Gregorius Pauli 
in seinem Rektoramte zu schützen. Um ihm ein gesichertes. 
Einkommen zu verschaffen, beschloss der Rat in Übereinstimmung 
mit der Gemeinde, dass fortan von jeder Ware, die auf der Stadt- 
wage gewogen würde, ein Heller für jeden Stein von Käufer und 
Verkäufer zum Besten des Rektors erhoben v/ürde. Am 10. Ja- 
nuar 1550 bat der Rat den Krakauer Bischof und Vizekanzler, 
die Genehmigung dieser Abgabe beim Könige befürworten zu 
wollen. Aber in den Sommermonaten musste Gregorius den 
Anfeindungen der Geistlichkeit weichen und Posen verlassen. 
Er ging nach Wittenberg zu Melanchthon. Januar 1553 finden 
wir ihn in seiner Vaterstadt, in den folgenden Jahren inmitten 
der kleinpolnischen reformierten Gemeinden, und 1562 ging er zu 
den Antitrinitariern über. 

Im September erhielt Melanchthon von Staphylus, der selbst 
noch nicht wusste, dass das Rektorat an der Pfarrschule bereits 
besetzt sei, die Bitte der Posener und ihre Briefe übermittelt. 
Am 27. September schreibt er an 2) seinen Schüler Petrus Vincen- 
tius aus Breslau, der schon an der Greifswalder Universität gelehrt 
hatte, mit ciceronianischer Beredsamkeit glänzte und in der Eleganz 
seiner lateinischen Verse kaum dem Sabinus nachstand und der 



1) Aus dem Königl. Staatsarchiv in Posen. 

2) Vergl. Corpus ReformatorumVII,No. 4601,4605, 4674,4720 und 4734. 



181 



damals an der Schule in Lübeck tätig war: „Posen sucht einen 
des Griechischen und Lateinischen kundigen und in der Beredsam- 
keit tüchtigen Mann, der dort die Studien leiten soll. Kirchliche 
Dienste liegen ihm nicht ob. Gehst du dorthin, so wirst du ein 
^hohes Gehalt erhalten". Auf seine Zusage erwiderte er ihm 
am 5. Februar 1550, er würde ihm die Briefe der Posener senden 
und glaube, dass sie ihm bei seiner Tüchtigkeit gern jährlich 
200 ungarische Goldgulden zahlen würden. Am 17. Februar 
schreibt er an Staphylus nach Königsberg und bittet ihn, wegen 
Vincentius mit dem Rate zu verhandeln. Da er keine Antwort 
erhält, will er am 17. Mai selbst an seine Freunde^) in Posen 
schreiben. Noch am 5. Juni, da er Vincentius einen Brief nach 
Lübeck sendet, hat er keine Nachricht aus Posen, aber bald darauf 
muss Gregorius Pauli in Wittenberg eingetroffen sein und ihm 
von den Kämpfen zwischen Rat und Bischof in Posen unterrichtet 
haben. Jetzt nach des Gregorius Pauli Abgange Vincentius als 
Rektor einzusetzen, war unmöglich, denn der Probst im Bunde 
mit dem Bischöfe wusste wirklich dem Rat sein altes Recht zu 
verkürzen und es durchzusetzen, dass er fortan für jeden Rektor 
^n der Pfarrschule die Bestätigung von dem Probste einzuholen 
hatte. 



Polnische Sprichwörter aus der Provinz Posen. 

Von 

H. Kleinwächter. 

Vorbemerkung der Redaktion: Der Verfasser dieser Arbeit, der 
Superintendent Heinrich Kleinwächter, einer unserer treuesten Mitarbeiter, 
ist uns durch einen plötzlichen Tod am 22. November d. J. entrissen 
worden. Wir übergeben diese letzte Frucht seiner fleissigen Feder, die 
so vielfach unserer heimatlichen Geschichte sich gewidmet hatte, der 
Öffentlichkeit und hoffen, in einer unserer nächsten Nummern ein Bild 
seines Lebens und Wirkens von berufener Seite bringen zu können. 



urch Freundeshand wurde ich auf das in den Jahren 
1889 bis 1894 in Warschau erschienene zweibändige 
Werk von Samuel Adalberg, Liber Proverbiorum Polo- 
nicorum, aufmerksam gemacht. Dasselbe enthält unter 
den Tausenden von Sprichwörtern, welche uns ferner liegen, auch 
eine Anzahl solcher, die dem Gebiete und Leben unserer Provinz 
entnommen sind und darum ein gewisses örtliches Interesse in 
Anspruch nehmen dürften, wenn sie sich auch ausschliesslich 
auf unsere Mitbewohner polnischer Zunge, nicht auf unsere an- 




i) Leider nennt Melanchthon keinen Namen. 



182 



gestammten Provinzialen beziehen, zudem im Laufe der Zeit 
teils unverständlich teils bedeutungslos geworden sind. Demselben 
verehrten Freunde verdanke ich auch die Sammlung sowie die 
Übersetzung der kurzen Sentenzen und einiger beigefügter Er- 
klärungen des polnischen Originals in unsere Muttersprache, in 
welcher sie allerdings dadurch manches an ihrem Reiz verlieren,, 
dass in ihr die Reime und sonstigen Assonanzen sich nicht 
wiedergeben lassen. 

Man könnte diese Erzeugnisse des Volkswitzes, wenn es 
anders solche sind, da sie im Hinblick auf ihre Wertung grösseren 
Grundbesitzes und gesellschaftlicher Bildung, höheren Gesellschafts- 
kreisen entsprungen zu sein scheinen, nach den verschiedenen 
Örtlichkeiten und Landstrichen ordnen, wie es sich teilweise von 
selbst ergeben wird, doch erscheint es besser, eine stoffliche 
Anordnung zu treffen. 

Bekanntlich ist die Bodenbeschaffenheit in unserer Provinz, 
von verschiedener Güte; es wechseln sandige unfruchtbare Strecken 
mit Ackerflächen und Weideplätzen ersten Ranges. Dieser Ver- 
schiedenheit geben zwei Sprichwörter Ausdruck. „Kiekrz für 
Pfeffer, Starzyno für Wein" heisst es von zwei dicht bei einander 
gelegenen Gütern im Kreise Posen- West. Weniger scharf tritt 
der Gegensatz hervor in „Sekt für den Herrn bei Kosten,, 
Ungarwein für den Edelmann bei Exin". Oder sollen beidemal 
Vorzüge, nur mit Abstufung, gepriesen werden ? Deutlicher zeichnet 
die Verschiedenheit der Vorzüge zweier Gegenden die Redensart 
„Der Kujawier geht mit Brot einen Stock suchen, der Paluke 
mit einem Stocke nach Brot". In Kujawien ist nämlich — so 
erklärt Adalberg selbst — nur guter fruchtbarer Boden, doch gibt 
es wenig Holz; die Palukei nennt das Volk das Land 
zwischen Netze und Welna, also die Kreise Wongrowitz, Mogilno, 
Schubin und teilweise Gnesen ; auch hier war guter Boden, doch 
ist auch viel Wald vorhanden, früher wenigstens war es so. 

Kujawien ist wohl noch heute, was die Ertragsfähigkeit des 
Bodens anlangt, die Perle der Provinz. Davon weiss der Volks- 
mund nicht genug zu rühmen, wenn es heisst: „Wer Borzejowice, 
Polanowice, Markowice sein eigen nennt, kann zum Könige 
Freund sagen ^)" oder ähnlich „Wer Markowice, Polanowice^ 
Jakschice, Bozejewice sein eigen nennt, kann den König von 
Polen amice nennen. 

Auch der Kostener Kreis zeichnet sich durch grosse Frucht- 
barkeit aus, denn es heisst: „Der Herr von Tuzwice (?) und Gol^bina 
darf schon alten Wein trinken". Ganz allgemein wird dann diese 



1) Kto ma Borzejowice, Polanowice, Markowice, ten moze krölowi 
möwic amice. 



183 



wiesenreiche, jetzt durch den Kanal auch für Getreide- 
bau fruchtbar gemachte Gegend so gepriesen: „An der Obra ist 
gut wohnen^)" oder „Wer an der Obra wohnt, melkt eine gute 
Kuh^ 

Und im Kreise Samter gibt es wenigstens zwei Orte, wo 
gut wohnen ist, zumal wenn sie in einer Hand vereinigt wären, 
denn dann würde es sich erfüllen : „Wer gleichzeitig Kzienzyn 
und Gai besässe, hätte schon ein Paradies auf Erden" ^). 

Solchem unschätzbaren Reichtum gegenüber wird auch die 
Armut und Dürftigkiet mancher Bewohner sprüchwörtlich zum 
Spott gemacht. Da ist es aber, was auf den ersten Blick auf- 
fallen würde, gerade jener gesegnete Landstrich Kujawien, dessen 
Bewohner herhalten müssen. Es ist das nur aus dem grossen 
wirtschaftlichen Abstände erklärlich, der zwischen Bauer und Edel- 
mann in alter Zeit bestand, so dass dieser im Reichtum schwelgte, 
jener in drückender Armut sein Leben fristen musste. Dahin 
zielen die drei ziemlich gleichlautenden Sentenzen: „Ein Löffel 
Butter und Buttermilch, das ist die ganze Aussteuer der Kujawierin" ^) 
— „Vier Pferde, ein Fuder Heu ist des Kujawiers Aussteuer; eine 
Schüssel Klösse, eine Kanne Buttermilch ist die Aussteuer der 
Kujawierin" — «Vier Käse, eine Kanne Buttermilch, das 
ist die ganze Aussteuer der Kujawierin; vier Pferde, ein 
Fuderchen Heu, das ist das ganze Vermögen des Kujawiers." 
Und doch heisst es von diesem Landstrich „Kein Kujawien ohne 
Mutterboden ". 

Gehen wir zur Charakterisierung der Bewohner über, so 
hören wir: „In Posen sind die Leute ernst, in Lemberg beredt, 
in Krakau leutselig." Ob es heute noch auf unsere Metropole 
passt, mag der Leser selbst entscheiden. „Er steht wie der 
heilige Johannes am Strande der Warthe", so sagte man von 
einem Menschen, der scheu in demütiger Stellung sich befand, 
wie jene bekannten Standbilder des Brückenheiligen Johannes 
von Nepomuk an Flüssen und Wassern, hauptsächlich an der Warthe. 

Kujawien muss noch einmal herhalten. Hier mag es 
Leute groben Schlages gegeben haben. Wenn man sagte: „Po 
Kujawsku", so meinte man damit „radaumässig", und Na Kujawy 
psie Kujawy hiess so viel als „nun aber raus". Dahin deutet 
wohl auch der Satz „Er lebt auf Kujawische Art", denn man 
erklärte es so: „Da, wo Du Dein Testament fertig zurücklassen 
musst, wenn Du zu einem Gastmahl fährst." Völlerei und 
Rauferei reichen ja häufig einander die Hand. 



1) Kto przy Obrze, ma si§ dobrze. 

^ Ktoby mögl miec razem Ksi^czyn i Gaj, to miatby na ziemi raj. 

^ Caly posag Kujawianki: }y2ka masla i maslanki. 



184 



Unter den Orten, deren Bewohner als Zielpunkt des Spottes 
dienen, ragt Moschin hervor. Was muss nicht dieses unschuldige 
Städtlein leiden, das uns so freundlich begrüsst, wenn wir uns 
aufmachen, die Schönheiten des Gorkasees und seine Umgebung 
zu gemessen! Es war wohl vor Zeiten dort ein lustig Leben, 
denn „Wer nach Moschin kommt, tanzt im Flur", sei es, dass 
er es nicht erwarten konnte oder dass er keinen besseren Raum 
dazu fand. Denn das Leben galt dort als überaus kleinstädtisch. 
Ging einer nicht nach der Mode oder zog er sich unpassend an, 
so hiess es; „Er ist ausgeputzt wie der Dandy von Moschin." 
Radebrechte er dazu französisch, so rief man aus: „Ein Moschiner 
Franzose!" Der Bildungsgrad muss aber dort sehr leicht zu er- 
ringen gewesen sein, so dass einem trägen Schüler von seinem 
Lehrer der Rat gegeben werden konnte: „Geh' auf die Akademie 
in Moschin." Wie nahe lag doch einst das Gute! Den Vorzug, 
durch geschmackvolle Bekleidungsweise zu glänzen, kann übrigens 
unserem geliebten Moschin ein Dorf zwischen Wilkowo und 
Mielzyn namens Gorzykowo streitig machen, denn man sagte: 
„Chic wie aus Gorzykowo." Und es ist doch dort das reine 
Hinterland. 

Noch andere Orte müssen schamrot werden, wenn sie 
z. B. hören „Eine Ordnung wie in Osiek." Als einst an diesem 
im Kreise Adelnau gelegenen Dorfe ein Feuer ausbrach, beeilten 
sich die Bewohner, einen Brunnen zu graben, obgleich dicht da- 
bei ein Flüsschen sich befand. Also unsere richtigen provin- 
zialen Schildbürger! „Er rennt wie ein Pleschener Schuster zum 
Jahrmarkt." War das säumig oder eilig? Vielleicht wissen es 
uns die jetzigen Zunftgenossen dortselbst zu sagen. In Samter 
aber müssen die Leute vor Zeiten keine Ohren gehabt haben, 
denn es hiess „Taub wie in Samter." „Zu Schmiegel ist beim 
Würfeln auf die Drei ein Pferd gewonnen worden, aber der 
Bauer wurde gehenkt." Wie gewonnen, so zerronnen; das 
Nähere ist nicht bekannt. Dunkel ist endlich auch der Sinn der 
Redewendung: „Die Not ist nach Schwersenz gekommen." 
Man nimmt an, dass das Sprichwort eine Not hinstellt, von 
welcher die Bewohner plötzlich betroffen worden sind, nachdem 
sie vorher in glücklichen Verhältnissen gelebt hatten. Eine 
historische Unterlage fehlt ^). 



1) Sollte das Sprichwort erst dem Ende des 18. Jahrhunderts ent- 
stammen, so Hesse es sich sehr gut aus dem Vermögensverfall des Posener 
Banquiers Johann Klug erklären, der im Jahre 1791 die Stadt durch Kauf 
in seinen Besitz gebracht hatte und die evangelischen Bewohner bei 
ihrem Kirchbau durch namhafte Mittel unterstützte, dessen Nachfolger 
Alexander von Bojanewski aber nicht so freigebig war. Werner 
(Geschichte der evangelischen Parochien S. 382) schreibt darüber: »Klug 



185 



Diese Mitteilungen sind niemandem zu Liebe, niemandem 
zu Leide gemacht. Preussens Zepter hat wohl auch hier 
manches geändert, manches gebessert. Sind jene Sprichwörter 
auch aus einer anderen Volksseele als der unsrigen hervor- 
gegangen, so wird ihre Kenntnis doch dazu dienen, unser 
Interesse an dem Boden zu steigern, den wir als den unsrigen 
betrachten und besitzen, lieben und hochhalten. 



Literarische Mitteilungen. 

Lange G., Volksschule und Deutschtum in der Ostmark. 
Bielefeld 1903. (IX. Band der pägagogischen Abhandlungen S. 41—62). 8^. 

Der Verfasser ist vermöge seines Amtes in der Lage, den 
Widerstreit der Nationalitäten, wie er sich hier ausgebildet hat, 
zu beobachten. Das Ergebnis seiner Beobachtungen, soweit sie 
die Schule angehen, bringt er zum Teil in dieser Schrift zum Aus- 
druck, deren Inhalt hier angedeutet werden soll. 

Der Volkschule ist unter anderen Aufgaben auch die zu- 
gefallen, deutsche Sprache und deutsche Gesinnung bei der heran- 
wachsenden Jugend zu verbreiten. Die Arbeit der hierzu 
Berufenen wird in den östlichen Provinzen in hohem Grade 
beeinträchtigt durch den jährlich wiederkehrenden ungeheuren 
Zuzug polnischer Familien aus Russland; durch den Widerstand, 
welchen die polnische Presse und die geistlichen Berater des 
polnischen Volkes gegen die Tätigkeit der Schule bei den Eltern 
zu unterhalten und zu schüren nicht aufhören; durch die Schul- 
kinder selbst, die zu ähnlichem Widerstreben von den Angehörigen 
aufgemuntert werden; durch den Beichtunterricht, der systematisch 
in polnischer Sprache erteilt wird und das in der Schule mühsam 
Erreichte zu vernichten bestrebt ist; durch die Überfüllung der 
Schulen. Zur Beseitigung der zuletzt erwähnten Schwierigkeiten 
hält der Verfasser unter andern auch die Zusammenlegung der 
getrennt neben einander stehenden konfessionellen Schulen zu 
paritätischen Anstalten für unabweisbar. In diesem recht be- 
achtenswerten Teil des Aufsatzes wird die Notwendigkeit der 



verwarf die Absicht der Gemeinde, eine kleine hölzerne Kirche zu er- 
bauen (wie sie vom Zimmermeister Franke ausser dem Holze für 5000 fl., 
30 Tonnen Bier und 9 Ellen gutes Tuch veranschlagt war) und bewog 
dieselbe, indem er ihr die bedeutendsten Unterstützungen und Bau- 
materialien zusicherte, im Jahre 1792 den Grundstein zu einem grossen, 
massiven, mit Hallen versehenen Gotteshause zu legen. Langsam war 
i dieser Bau bis zum Jahre 1799 so weit gediehen, dass er sich einige Fuss 
über der Erde erhob, als Klug plötzlich fallierte." 



186 



paritätischen Schule in unserer Provinz aus religiösen, nationalen^ 
ethischen und finanziellen Gründen betont. Die Überfüllungs- 
frage ist jedoch nicht zu lösen, wenn nicht auch dem Lehrermangel 
gesteuert wird. Die hiermit in Zusammenhang stehende Er- 
höhung der Schullasten fällt nicht empfindlich ins Gewicht,, 
wenn das Missverhältnis zwischen den Leistungen der Land- 
gemeinden und Gutsbezirke durch ein Gesetz über die Schul- 
unterhaltungspflicht geregelt wird. A. Skladny. 

Wegener L., Der wirtschaftliche Kampf der Deutschen 
mit den Polen um die Provinz Posen. Eine Studie. Posen 
Joseph Jolowicz, 1903. 

Die neuere preussische Polenpolitik hat den Anlass zu 
einer von Jahr zu Jahr immer mächtiger anschwellenden Literatur 
über die Polenfrage gegeben, — die freilich, wie es bei solch 
„aktueller" Literatur zu geschehen pflegt, mehr in die Breite 
als in die Tiefe geht. Den meisten Schriften auf diesem Gebiete 
merkt man nur zu sehr an, dass bei ihrer Abfassung Absicht 
und Tendenz vorgewaltet hat, und nicht Objektivität und 
Studium. Eine rühmliche Ausnahme von dieser herkömmlichen 
Polenliteratur macht das vorliegende Buch Wegeners, das von 
gründlicher Durchdringung des Stoffes Zeugnis ablegt und im 
ganzen als eine statistisch-wissenschaftliche Behandlung der wirt- 
schaftlichen Seite der Posener Polenfrage betrachtet werden muss. 
In seinen Ergebnissen sagt es dem genauen Kenner der Posener 
Verhältnisse nichts Neues, wohl aber stellt es unser ganzes 
Wissen vom wirtschaftlichen Nationalitätenkampfe in der Provinz 
Posen auf eine neue und exakte Grundlage. Diese Ergebnisse 
zeigen nun so recht klar, weshalb die aktive staatliche Germani- 
sierungspolitik bisher nicht durchgreifende Resultate hat erzielen 
können: weil nämlich die natürliche wirtschaftliche Entwickelung 
überall, auf dem Lande wie in der Stadt, auf den grossen 
Gütern wie auf den Bauernparzellen, im Handel wie im Hand- 
werk, im städtischen wie ländlichen Proletariat, das Polentum 
ganz entschieden begünstigt. Der landwirtschaftliche Gross- 
grundbesitz wirkt in jeder seiner Formen, sei's als Fideikommiss,, 
sei's als Domäne, sei's als freies Privateigentum polen- 
fördernd, weil das wirtschaftliche Interesse der Gutsbesitzer den 
billigeren und anspruchsloseren polnischen Arbeiter bevorzugen 
muss. So wird der deutsche Arbeiterstamm eingeschränkt, 
während die Zahl der polnischen Saisonarbeiter zunimmt. Eben- 
so kommt die neue, auf Parzellierung der Güter gerichtete 
Tendenz hauptsächlich den Polen zu Gute, weil der anspruchs- 
lose Pole auf einer Scholle auskommt, die für die Bedürfnisse 
des höher kultivierten Deutschen viel zu klein ist. Die Folge 
davon ist, dass von 1871 — 1895 die Deutschen in den Guts- 



187 



bezirken um 10 7o ^t), die Polen um 14^2% zu, in den 
Landgemeinden die Deutschen um 3 ^/q ab, die Polen um 
14 % zugenommen haben. 

Da wenigstens soweit Massenbewegungen in Frage kommen, 
die Städter nie aufs Land, sondern die Landbewohner stets in 
die Städte ziehen, so entscheidet endgiltig das platte Land über 
die Nationalität. Noch andere Tendenzen wirken in der gleichen 
Richtung. Da eine selbständige Industrie im Posenschen nicht 
aufkommen kann, so ziehen die wohlhabenden Deutschen (und 
namentlich auch die Juden) aus den. Städten ab, um sich in 
Berlin oder noch weiter westwärts anzusiedeln. Der deutsche 
Mittelstand wiederum entbehrt jeglicher Fühlung mit den oberen 
Schichten, die fast ohne Ausnahme nur vorübergehend in der 
Provinz ansässig sind, und ist ausserdem in sich nach Konfessionen 
und Berufen gespalten. So geht er zurück, und seine tüchtigsten 
Elemente, die sich durch den Nationalitätenhader ökonomisch 
beengt fühlen, wandern ebenfalls ab. Der Pole dagegen, der 
als Sachsengänger abgewandert ist, kehrt zurück, um sich mit 
seinen Ersparnissen eine Bodenparzelle zu kaufen. Der polnische 
Handwerker und Händler kann sich leichter halten wie der 
deutsche, einmal weil er von der polnischen Kundschaft weit 
besser unterstützt wird als der deutsche Produzent von den Ab- 
nehmern seiner Nationalität, und dann, weil der Pole mit einem 
Minimum auskommt. Hierzu kommen noch die vorzüglichen 
Kredit- und genossenschaftlichen Organisationen der Polen in 
Stadt und Land, denen die Deutschen nur die viel Ärgernis 
erregenden Raiffeisen-Organisationen an die Seite stellen können. 
Schliesslich konstatiert noch Wegener, dass auch manche deutschen 
Handwerker entweder wegen der geringen Aussicht ihres Gewerbes, 
auf eine sichere Zukunft gar keine oder nur polnische Lehrlinge 
erhalten oder dass sie einen polnischen Lehrling bevorzugen, weil 
er anspruchsloser ist. 

Alle diese Ausführungen werden nun bis in die Details 
hinein mit sehr genauen und — soweit das Material dazu über- 
haupt vorhanden war — erschöpfenden Zahlennachweises belegt,, 
die von dem Fleiss und der GründHchkeit des Autors zeugen. 

Das Einzige, was ich an der ausgezeichneten Leistung 
Wegeners vermisse, ist der Nachweis, weshalb die Ansiedlungs- 
kommission nicht fähig gewesen ist, jenen das Polentum fördernden 
Tendenzen wirksamer entgegenzuarbeiten. 

G. Adler. 



Nachrichten. 



1. Die Kgl. Akademie zu Posen wurde am 4. November 
mit einer würdigen Feier im Lichthofe des Kaiser Friedrich- 
Museums eröffnet. Ein Bericht über die Feier mit wörtlicher 
Wiedergabe aller gehaltenen Reden ist im Verlage von Merzbach 
erschienen. Im Namen der Deutschen Gesellschaft begrüsste der 
Vorsitzende der Gesellschaft, der Herr Oberpräsident von Waldow, 
das neue Institut. Herr Archivdirektor Professor Dr. Prümers, 
der im Auftrage der vier wissenschaftlichen Institute in der 
Stadt Posen seinen Glückwunsch abstattete, wies in seiner An- 
sprache auf das Zusammenwirken des Staatsarchivs mit der 
Historischen Gesellschaft hin, dem eine von Freund wie Feind 
anerkannte Blüte heimatlicher Geschichtsforschung in der Provinz 
Posen zu danken sei. Erfreulicherweise ist in dem Lehrplan des 
ersten Semesters die Geschichte ausreichend mit 5 Docenten besetzt 
worden. 

2. Aus dem Kaiser Friedrich-Museum zu Posen. Die 
Einrichtungs- und Aufstellungsarbeiten im Kaiser 
Friedrich-Museum, dessen Eröffnung für den Februar 1904 
geplant ist, nehmen rüstigen Fortgang, zumal seitdem die Provinz 
neuerdings weitere ausserordentliche Mittel für die Herrichtung 
und Ergänzung der Sammlungen zur Verfügung gestellt hat. - 

Der kunstwissenschaftlichen Bibliothek und Vor- 
bildersammlung, die sich bereits in den unzulänglichen 
Räumen der ehemaligen Landesbibliothek eines lebhaften Zu- 
spruches zu erfreuen hatte, hat die Museumsleitung besondere 
Sorgfalt angedeihen lassen, um durch ihre möglichst vielseitige 
Ausgestaltung dieser Abteilung, der ein behaglicher Lesesaal für 
etwa 40 Personen im Neubau eingeräumt wurde, auch fernerhin 
die Gunst der bildungseifrigen Besucher zu sichern. Die Zahl der 
Kunstzeitschriften wurde vermehrt, die Sammlung der Photo- 
graphieen durch Überweisungen aus dem Kupferstichkabinet der 
K. Museen zu Berlin erheblich vervollständigt, die chromo- 
lithographischen Reproduktionen älterer Gemälde, welche die 
Arundel-Society seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
herausgibt, gelang es in einem selten vollständigen Exemplar 
der Vorbildersammlung einzuverleiben. Durch eine erlesene 
Kollektion von Holzschnitten nach Adolf Menzel ist die graphische 
Kunst des neunzehnten Jahrhunderts in einem ihrer Hauptmeister 
vertreten. 

Die naturwissenschaftliche Abteilung, die zum 
grössten Teile neu geschaffen werden musste, aber sich der 
werktätigen Beihilfe einheimischer und auswärtiger Kräfte zu er- 



189 



freuen hatte, wird, wenn die Aufstellung vollendet ist, einen lehr- 
reichen ÜberbHck über die Flora, Fauna und die Mineralien der 
Provinz ermöglichen. Die Ordnung der Sammlung hat Herr 
Professor Dr. Pfuhl unter Mitwirkung des Herrn Sanitätsrats 
Dr. Schönke übernommen. 

Die vorgeschichtlichen Altertümer sind durch glück- 
liche Ausgrabungen und Überweisungen älterer Funde aus der 
Provinz neuerdings nicht unerheblich vermehrt worden. Ihre 
übersichtliche Aufstellung ist insbesondere dem Eifer des Herrn 
Dr. Erich Schmidt-Bromberg zu danken, der seine unermüd- 
liche Arbeitskraft und seine umfassende Kenntnis der provinziellen 
Vorgeschichte in uneigennützigster Weise der Verwaltung des 
Museums zur Verfügung stellte. Der jüngst erfolgten Über- 
weisung einer kleineren Privatsammlung des Herrn Professor 
Knoop-Rogasen, sowie der Bemühungen des Herrn Landesbau- 
inspektors Freystedt-Rogasen um die Vermehrung der Be- 
stände sei gleichfalls dankbar gedacht. 

Die Sammlung der Gipsabgüsse wird demnächst 
durch umfängliche Sendungen aus Berlin, London, Rom, Florenz 
und Neapel in der Weise vervollständigt werden, dass sie die 
Geschichte der Bildnerei in ihren Hauptepochen durch einzelne 
künstlerisch hervorragende und geschmackbildende Meisterwerke 
veranschaulicht. 

Die Aufstellung der Gräflich Raczynski'schen Ge- 
mälde-Sammlung, die auf lange Zeit den eigentlichen Kern 
unserer Kunstsammlung bilden wird, ist vollendet. Ihre 190 Bilder 
— darunter unanfechtbare Meisterwerke von Borgognone, Francia, 
Mazzolini, Garnfalo, Massys, Zurbaran, Canaletto, Snyders und 
eine glänzende Reihe historisch-klangvoller Namen des 19. Jahr- 
hunderts, wie Cornelius, Overbeck, Steinle, Schnorr, Führich, 
Schwind, Kaulbach, Blechen, Lessing, Achenbach, Menzel,, 
Böcklin, Delaroche, Scheffer, Poittevin, Charlet, Bonington u. s. w. 
werden in den Posener freundlichen Oberlichtsälen des Museums 
weit besser zur Geltung kommen als in den Räumen der Berliner 
National-Galerie, in der sie seit dem Jahre 1883 notdürftige 
Unterkunft gefunden hatten. Der sonstige Bestand an Gemälden 
im Kaiser Friedrich-Museum setzt sich zumeist aus Leihgaben 
der Kgl. National-Galerie zusammen und ist in dem nördlichen 
Trakt des Obergeschosses in drei Sälen untergebracht. Unter 
den neuen Erwerbungen, die einen erfreulichen Ansatz zur not- 
wendigen Weiterentwickelung dieser Abteilung erkennen lassen^ 
sei ein weibliches Bildnis des bekannten temperamentvollen 
spanischen Malers Jgnacio Zuloaga, eine der Stndt über- 
wiesene Zuwendung des Herrn Gustav Kronthal in BerHn,, 



190 



:"SOwie eine auf der letzten Berliner Kunstausteilung erworbene 
stimmungsvolle Flusslandschaft von Heinrich Hermanns- 
Düsseldorf besonders erwähnt. Weitere Ankäufe aus den 
-Zinsen der städtischen Gustav -Kronthalstiftung sind in Aussicht 
genommen. 

Die kulturgeschichtliche Abteilung des Museums be- 
steht vorwiegend aus Überweisungen der Historischen Gesellschaft, 
die schon in dem früheren Provinzial-Museum ausgestellt waren. 
Einige Innungsaltertümer und Erzeugnisse des einheimischen 
Kunstgewerbes konnten im letzten Jahre hinzu erworben werden. 
Für die Münzsammlung ist dem Museum von Freunden der 
Sache eine vollständige Reihe polnischer Münzen in Aussicht 
gestellt worden. 

Die kunstgewerbliche Sammlung war fast ganz neu 
anzulegen. Trotz der dankenswerten Unterstützung, die die 
Staatsregierung auch diesem Teil der Sammlungen durch Über- 
weisung einer Auswahl aus den Beständen des Kgl. Kunst- 
gewerbe-Museums zu Berlin angedeihen Hess, eröffnet sich hier 
der Leitung des Kaiser Friedrich-Museums für die Zukunft ein 
weites, wenn auch nicht immer leicht zu beackerndes Feld werben- 
der Tätigkeit, bevor die beiden grossen Säle, die diesem Zweck 
im östlichen Hauptbau eingeräumt sind, sich mit vollwertigen, 
museumsreifen Stücken des Kunstgewerbes alter und neuer Zeit 
werden füllen lassen. Insbesondere wird bei der Grossräumigkeit 
dieser Säle, die leider eine intime Ausgestaltung erschwert, der 
Nachdruck auf Stücke grösseren Umfangs zu legen sein, die den 
hohen weissen Wandflächen den Eindruck des Unwohnlichen 
und Kalten nehmen. Ein reichgeschnitzter Alt-Danziger Schrank 
des 18. Jahrhunderts konnte nebst anderen kleineren Möbeln 
aus den ordentlichen Mitteln dieses Etatsjahres erworben werden, 
viele andere empfindliche Lücken werden sich erst allmählich 
-ausfüllen lassen. Die keramische Sammlung wurde durch eine 
kleine Kollektion von Erzeugnissen modernen Kunstfleisses, 
sowie durch Ankauf einiger wertvoller Stücke Altmeissner 
Porzellans unlängst bereichert. Moderne Bucheinbände und eine 
Auswahl von alten Stoffmustern in Kopien, die den Grundstock 
einer Textilsammlung bilden soll, wurden ebenfalls neu an- 
geschafft. Dem Wohlwollen eines Posener Gönners verdankt 
das Museum einige Stickereien orientalischer Herkunft. Auch 
sonst fehlt es nicht an glücklichen Anzeichen für die erwachende 
Teilnahme an den Bestrebungen des Museums. So hat ein be- 
kannter Berliner Kunstfreund unlängst einen wertvollen Teil seiner 
mit ungewöhnlichem Geschmack und reichen Mitteln zusammen- 
gebrachten Privatsammlung dem Museum zu überweisen sich er- 
boten. Man darf hoffen, dass solche von echtem Gemeinsinn 



191 



zeugende Tat in einer Stadt nicht ohne Nachfrage bleiben wird, 
deren polnischer Bevölkerung ein stattliches Museum aus privaten 
Mitteln zusammenzubringen bereits seit längerer Zeit gelungen 
ist. Überdies aber wird es dauernder Anspannung öffentlicher 
Mittel bedürfen, um die verheissungsvollen Keime einer provin- 
ziellen Kunstsammlung, wie sie bisher vorhanden sind, zu einer 
Blüte zu entwickeln, deren fruchtbringender Genuss erst kommen- 
den Generationen verständnisvollen Dank für die hier geleistete 
Kulturarbeit abnötigen wird. 



Geschäftliches 

der „Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen." 

Chronik. 

Sitzung vom 12. Mai 1903. Geh. Archivrat Dr. Prümers hielt 
einen Vortrag über den Brand von Posen am 15. April 1803 und den 
infolge dessen aufgestellten neuen Bebauungsplan des abgebrannten Ge- 
ländes, sowie der Neustadt, der von dem energischen und zielbewussten 
Vorgehen der preussischen Behörde Zeugnis ablegt. Der Vortrag selbst 
wird voraussichtlich später in Verbindung mit anderem Material über die 
Stadt Posen in südpreussischer Zeit gedruckt werden. 

Sitzung vom 8. September 1903. Geh. Regierungsrat Skladny 
gab in seinem Vortrage „Aus der Franzosenzeit in der Provinz Posen" 
eine Zusammenstellung und Besprechung der von Napoleon an seine 
Generale verschenkten Güter in der Provinz Posen, eine sehr interessante 
Parallele zu dem Schwarzen Buch. Der Vortrag wird im 19. Jahrgange 
dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangen. 

Die Junisitzung war wegen der vorgeschrittenen Jahreszeit aus- 
gefallen, und dafür wurde der Sommerausflug geplant, der diesmal 
Meseritz und Paradies zum Ziele hatte; besondere Umstände machten 
aber ein Hinausschieben auf den September notwendig. Mehr als 70 Teil- 
nehmer hatten sich hierzu eingefunden. Schon in den Frühstunden des 
13. September wurde die Eisenbahnfahrt von Posen aus angetreten. Bei 
einem gemeinsamen Frühstück in Meseritz sprach Oberlehrer Dr. Pick in 
längerer Rede über die „Geschichte und Altertümer der Stadt Meseritz", 
während Baurat Wilcke die Führung und Erklärung bei Besichtigung der 
dortigen Schlossruine übernahm. Eine grosse Anzahl Wagen beförderte 
darauf die Teilnehmer nach Paradies, woselbst unter Führung des 
Seminardirektors Hoffmann das Kloster mit seiner Kirche einer eingehenden 
Besichtigung unterzogen wurde. Nach der Rückkunft nach Meseritz fand 
noch eine zwanglose Zusammenkunft im Schützengarten statt, worauf die 
Eisenbahn über Bentschen erst gegen Mitternacht die Posener nach der 
Provinzial-Hauptstadt zurückbrachte. 

Der Ausflug wurde auch diesmal wieder allseitig als überaus 
lohnend bezeichnet, und Damen sowohl wie Herren sprachen sich sehr 
anerkennend über die gebotenen geistigen wie leiblichen Genüsse aus. 

Dienstag, den 13. Oktober 1903. Geh. Archivrat Dr. Prüm ers be- 
richtet zunächst über den eben besprochenen Ausflug und gab sodann 



192 



Dr. G. Peiser das Wort zu seinem Vortrage „Ein Voltairisches Drama 
über die polnische Verfassung", der in dieser Zeitschrift abgedruckt 
werden wird. Zum Schluss der Sitzung sprach noch Superintendent 
Kleinwächter über „Eine Sammlung polnischer Sprichwörter aus der 
Provinz Posen". — Keiner von den Anwesenden, die mit grossem Interesse 
den Ausführungen des Redners folgten, konnte ahnen, dass dieser schon 
am 22. November jählings vom Tode hingerafft werden würde. Unsere 
Gesellschaft verliert in dem Hingeschiedenen ein Mitglied des Vor- 
standes, stets bereit, für ihr Wohl zu raten und einzutreten, einen Mit- 
arbeiter, der nie versagte, wenn er um Übernahme einer Arbeit für 
unsere Sitzungen oder für unsere Veröffentlichungen angegangen wurde. 
Es ist ein recht schwerer Verlust, der uns betroffen hat, und nicht leicht 
wird es sein, zur Ausfüllung der entstandenen Lücke eine gleiche Kraft 
zu finden. 

Sitzung vom 10. November 1903. Geh. Archivrat Dr. Prümers 
berichtete über die General-Versammlung des Gesamtvereins der deutschen 
Geschichts- und Altertumsvereine am 27. — 30. September 1903 zu Erfurt 
und über das 50jährige Jubiläum des Vereins für die Geschichte der 
Stadt Nürnberg, an welchen beiden Veranstaltungen er im Auftrage 
unserer Gesellschaft teilgenommen hatte. Die Verhandlungen der General- 
versammlung werden in dem Korrespondenzblatt des Gesamtvereins ver- 
öffentlicht und können daher hier übergangen werden. 

Sehr viel neues und wichtiges Material brachten Dr. Lauberts 
„Beiträge zur Geschichte des preussischen Militärs in der Provinz Posen 
aus der Zeit nach 1815". Besonders hervorgehoben wurden die Schwierig- 
keiten, die der preussischen Militärverwaltung in Bezug auf die Heran- 
ziehung ehemals polnischer Offiziere erwuchsen. Nur wenige wagten 
es, in preussische Dienste zu treten. 

R. Prümers. 



Historische Abteilung der Deutsclien Geseilscliaft für Kunst und Wissenscliaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 15. Dezember 1903, Abends 8V2Uhr, im Terassen> 
saal des Apollotheaters zu Posen. 

Monatssitzung. 

Tagesordnung: Feier zur Erinnerung an die Gründung 
der Stadt Posen vor 650 Jahren. 

1. Vortrag des Geheimen Archivrats Professor Dr. Prümers. 

2. Geselliges Beisammensein. 



Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg.. 
Druck der Hofb"chdruckerei W. Decker & Co., Posen. 



't) e^ 



Historische^ 
^ Monatsblätter 

für die Provinz Posen. 



Herausgegeben 



von 



Dr. Adolf Warschauer, 



Fünfter Jahrgang. 



Beilage zu Jahrgang XIX der Zeitschrift der Historischen 

Gesellschaft für die Provinz Posen und der Historischen 

Gesellschaft für den Netzedistrikt. 



Posen. 

Eigentum der Historischen Gesellschaft. 
1904. 



Inhalt. 



Abhandlungen. 

Seite. 

Behrens F., Ein nationales Kartenwerk 1 

Haupt G., Begründung und erste Geschichte des Kaiser Friedrich- 
Museums in Posen 164 

Kaemmerer L., Das Gebäude des Kaiser Friedrich-Museums 172 
Knoop O., Beiträge zur Volkskunde der Provinz Posen. I. II. 38 u. 124 
Koerth A., Allerlei Volksglauben aus dem plattdeutschen Teile 

unserer Provinz 149 

Sprachliche Eigenarten des Posener Plattdeutsch . . 65 
Laubert M., Die Anstellung des Generals von Kosinski in der 

preussischen Armee 1817 191 

Eine Alarmierung der Posener Garnison im Jahre 1816 88 
„ Ein Beitrag zur Kolonisationsgeschichte der Provinz 

Posen 127 

Levinson A., Posener Miscellen aus Nuntiaturberichten über den 

ersten nordischen Krieg 187 

Lewin L., Ein grosspolnischer Bericht aus der Zeit des ersten 

Schwedenkrieges 33 

Minde-Pouet G., Clara Viebigs Ostmarkenroman 113 

Peiser G., Ein Drama Voltaires über die polnische Verfassung . 49 

Prümers R., Das Einhorn vor dem Posener Rat 73 

Schmidt E,, Eine nächtliche Ruhestörung im alten Bromberg (1730) 13 
Schottmüller K., Die Eröffnung des Kaiser Friedrich-Museums 

zu Posen 161 

„ Die Mansfelder im Kloster zu Lubin .... 97 
Simon K-, Aus dem Briefwechsel zwischen dem Grafen Athanasius 

Raczynski und Wilhelm von Kaulbach 174 

Warschauer A., Ein hundert Jahre altes humoristisches Gedicht 

über Posen 24 

Wilcke M., Das prähistorische Gräberfeld bei Morakowo, Kreis 

Wongrowitz 21 

Wotschke Th., Ein Gnesener Arzt des sechzehnten Jahrhunderts 104 

Ein Friedenskongress zu Posen 145 

„ „ Francesco Stancaros erster Aufenthalt in Posen . 81 

„ „ Meinrich Kleinwächter. Ein Nachruf l7 



Besprochene Bücher und Abhandlungen in alphabetischer 

Reihenfolge. 

Buchner O., Aus Peter Vi- 
schers Werkstatt. Weimar, 
Repertorium für Kunstwissen- 
schaft Bd. XXVII, S. 142. 
(J Kohte) 143 

B u g i e 1 V., Un celebre medecin 
polonais au XVI e siecle Jo- 
seph Strutius (1510—1568). 
Contribution ä l'histoire de 
la Medicine ä l'epoque de la 
Renaissance, Paris 1901, G. 
Steinheil. (F. Rosenbaum) . 29 



Bugiel W., Polnische Sagen 
aus der Provinz Posen. Glo- 
bus Bd. 83 No.8 S. 127— 130. 
(O. Knoop) 107 

Dann B., VeitStoss und seine 
Schule in Deutschland, Polen 
und Ungarn. Leipzig, Verlag 
von Karl W. Hiersemann 
1903. (J. Kohte) 105 

Flach J., Polska w niemieckiej 
literaturze pi^knej dawniej 
i dzisiaj. (Aus dem Juniheft 



der Biblioteka Warszawska 
1903. S. 532—564). (A. 
Skladny) 77 

Hein K-, Die Sakramentslehre 
des Johannes aLasco. Berlin, 
Schwetzke und Sohn 1904. 
(Th. Wotschke) 159 

Karbowiak A., Dzieje wy- 
chowania i szköi w Polsce 
w wiekach srednich. I. II. 
Petersburg 1898, 1904. (A. 
Skladny) 109 

Kietz G. M., Ceterum censeo. 
Zur Einführung in die Polen- 
frage. Leipzig 1902. Hi- 
storisch-politischer Verlag. 
(L. Wegener) 143 

V, Kitzmann-Cadow R. A., 
Ursprung, Folge, Verwandt- 
schaft der Familie Kitzmann 
bis zum Ausgange des Jahres 
1900. J. O. Druck von Emil 
Soyka. Breslau. (E. Schmidt) 43 

Langhans B., Karte der Tä- 
tigkeit der Ansiedelungskom- 
mission für die Provinzen 
Westpreussen und Posen 
1886—1902. 5. Auflage. 
Gotha, Justus Perthes. (Fr. 
Behrens) 46 

Lewin L., Aus der Vergan- 
genheit der jüdischen Ge- 
meinde zu Pinne. Pinne 1903. 
Druck und Verlag N. Gun- 
dermann. (J. Feilchenfeldt) . 44 



Monumenta historica dioe- 
ceseos Wladislaviensis XXII. 
Wladislaviae 1903. (St. Cho- 
dyriski). (R. Prümers) ... 92 

Roeren H., Zur Polenfrage. 
Hamm i. W. 1902. (A. 
Skladny) 156 

Rüther, Napoleon I und die 
Polen. I. 1806 und 1807. 
II. 1807—1812. Beilage zum 
9. und 10. Jahresbericht der 
Realschule in Eimsbüttel zu 
Hamburg. Hamburg 1901 
und 1902. (K. Schottmüller) 75 

Schmidt E., Aus Brombergs 
Vorzeit L Die Burg Bj^d- 
goszcz — Bromberg. Grün- 
auersche Buchdruckerei Otto 
Grunwald. Bromberg 1902. 
(K. Schottmüller) 141 

^migielski W., Wspomnienia 
z Kulturkampfu 1875—1878. 
Gnesen bei Lange 1900. 
(J. LQgowski) 31 

Viebig C., Das schlafende 
Heer. Berlin, Egon Fleische! 
&Co. 1904. (G. Minde-Pouet) 118 

Werner F., Heimatluft. Ro- 
man aus der Ostmark. 
Berlin. D. Dreyer & Co. 
(E. Schmidt) 139 

W. K., Russlands Industrie und 
Handel. Aus dem Russischen 
von E. Davidsohn. Leipzig, 
Wigand 1901. (K. Schott- 
müller) 93 



Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der Posener Provinzial- 
geschichte. 1903. Zusammengestellt von K. Schottmüller . . 



133 



Nachrichten S. 47, 79, 111, 144. 184. 



Geschäftliches. 
Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Jahresbericht über das Geschäftsjahr 1903. S. 62. 



Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt zu Bromberg. 

Sitzungsbericht S. 48, 202. Jahresbericht über das Geschäfts- 
jahr 1903. S. 94. 




MISTORISCIiE 
MOM ATS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 




Jahrgang V Posen, Januar 1904 



Nr. 1 



Behrens F., Ein neues nationales Kartenwerk S. 1. — Schmidt E. 
Eine nächtliche Ruhestörung im alten Bromberg (1730) S. 13. — Bekannt- 
machung S. 16. 



Ein neues nationales Kartenw^erk. 

Von 
F. Behrens. 

n diesen Blättern ist bislang das neue grosse nationale Karten- 
werk, das sich jetzt auch über unsere Provinz erstreckt, 
noch nicht behandelt worden, obwohl es die allergrösste 
Wertschätzung und Verbreitung verdient : die „Topographische 
Übersichtskarte des Deutschen Reiches im Massstabe 
1:200000, bearbeitet von der Kartographischen Abteilung der 
Königlich Preussischen Landesaufnahme." Obgleich die ersten 
Blätter, die Lothringen und das untere Elsass darstellten, schon 
im Dezember 1899 ausgegeben wurden, sind auch engere Fach- 
kreise oft in Unkenntnis über den Stand des Unternehmens, 
geblieben; denn die amtlichen VeröffentHchungen über neu 
erschienene Blätter erfolgen im Reichsanzeiger und im Militär- 
Wochenblatt. Die Fachzeitschriften bringen selten eine Notiz,, 
wohl weil ihnen soviel anderes Material zuströmt, während die 
Behörde ihnen keine Rezensionsexemplare zusenden kann, wie ein 
Erwerbsunternehmer. Das ist im Interesse der Verbreitung der 
grossartigen staatlichen Kartenwerke bedauerlich. Um so mehr 
erwächst für alle, die durch Beruf oder Neigung sich mit Karto- 
graphie beschäftigen, die Pflicht, auf solche dem grossem Publikum 
verborgenen Schätze hinzuweisen. Da die Darstellung unserer 
Provinz in dem neuem Kartenwerke jüngst zu einem gewissen 
Abschluss gekommen ist, erscheint der Zeitpunkt für eine Ein- 

1 



führung, mit besonderer Berücksichtigung des Kartenbildes unserer 
Heimat, nicht unangebracht. 

Allbekannt sind die beiden älteren Kartenwerke des General- 
stabes, die Messtischblätter im Massstabe 1 : 25 000 und die 
Karte des Deutschen Reiches in 1 : 100 000, gewöhnlich General- 
stabskarte genannt. 

Welchen Zweck verfolgt daneben das neue Kartenwerk? 
Von den Messtischblättern sind, um das ganze Deutsche Reich 
darzustellen, ungefähr 6000 Blatt nötig, von der Reichskarte 775 
Blatt. Welche Mühen, Kosten und welchen Zeitaufwand erfordert 
da nicht das Studium auch nur eines beschränkten Gebietes! Ein 
Blatt der neuen Topographischen Karte giebt nun das von 30 
Messtischblättern oder von 4 Generalstabskarten dargestellte Gebiet 
in einem einzigen Blatte wieder und gewährt so leicht eine 
Übersicht über grössere Flächen. Deswegen haben sowohl 
Frankreich als auch Österreich-Ungarn Übersishtskarten in dem- 
selben Massstabe herausgegeben. 

Allerdings hatten auch wir in Preussen schon früher eine 
Übersichtskarte in 1 : 200000, die sogenannte Reymannsche. 
Ihre Anfänge fallen in die Zeit der Freiheitskriege. Sie ist, da 
sie als Spezialkarte bearbeitet ist, zu überfüllt und in ihrer An- 
lage veraltet. Sie soll durch die neue Karte ersetzt werden. 

Diese nun ist ein Markstein in der Entwickelung unseres 
nationalen Kartenwesens; sie ist technisch und inhaltlich eine ganz 
hervorragende einheitliche Leistung aus einem Guss. Sie wird 
gearbeitet nach den Entwürfen des 1899 verstorbenen Geheimen 
Kriegsrats Dr. Johann Kaupert, der den Historikern durch die 
Aufnahme von Olympia, den Atlas von Athen, Karten von Attika, 
auf Veranlassung von Ernst Curtius unternommene mustergültige 
Werke, vertraut ist. Der Entwurf ist die Frucht eines reichen 
Menschenlebens, durchdacht auch im kleinsten. Nach mehrjähriger 
Vorbereitung begann die Herausgabe Ende 1899. Das ganze 
Werk soll 196 Blatt umfassen und um 1914 fertig vorliegen. 

Schon vom rein technischen Gesichtspunkt aus betrachtet, ist 
die Karte eine Musterleistung. Sie ist für Farbendruck berechnet, 
und zwar wird sie in mehrfachem Kupferbuntdruck hergestellt. Für 
je ein Blatt werden drei Platten in Kupfer gestochen, die dann nach- 
einander und übereinander in schwarzer, blauer, brauner Farbe ab- 
gedruckt werden. Da das Papier beim Kupferdruck gefeuchtet 
werden muss und es sich dadurch ungleichmässig ausdehnt, 
ist ein genaues Passen der drei Drucke schwer zu erreichen. Aber 
bei unserer Karte sind alle technischen Schwierigkeiten überwunden 
worden. Das Blatt Strassburg in Elsass, eines der ersten Probe- 
blätter, zeigte noch Orte, bei denen der durchfliessende Bach 
im Ortsumriss unterbrochen war, damit die blaue Linie nicht durch 



Verschiebung an unrichtige Stelle gerate. Die jüngeren Blätter, 
die unsere Provinz darstellen, aber rechnen nicht mehr mit solchen 
unfreiwilligen Verschiebungen. Der Farbendruck erleichtert nicht 
allein die Lesbarkeit sehr, er ermöglicht auch eine Korrektur der 
Schwarzplatte, ohne dass die Geländeplatte geändert werden müsste. 
Es können auch für statistische oder irgendwelche wissenschaftlichen 
Zwecke die Platten einzeln oder in beliebiger Zusammenstellung 
gedruckt werden; so würde für historische Grundkarten der Zu- 
sammendruck der Blau- und Braunplatte die ausgezeichnetste Unter- 
lage bieten. 

Der Kupferstich ist, obwohl sehr teuer, gewählt, weil nur 
bei diesem Vervielfältigungsverfahren die Platten leicht korrigiert 
werden können. Berichtigungen oder vielmehr Nachträge wird 
vor allem die Schwarzplatte erfordern, die das gesamte Lage- 
und Grundrissnetz und die Namen enthält, die Ergebnisse der 
Arbeit und des Willens der Menschen in Bezug auf die Umgestal- 
tung der Erdoberfläche, weniger die Blaudruckplatte mit dem 
Gewässernetz und kaum die Braundruckplatte, die die Gelände- 
formen darstellt. Ausserdem wird noch das Kolorit der Grenzen 
und Talsohlen durch Schablonen mit der Hand ausgeführt. 

Herausgegeben sind bis jetzt von der Karte schon 67 Blätter, 
sodass die Vollendung des Kartenwerkes früher als 1914 erhofft 
werden kann. Der grössere Teil derselben umfasst die Westgrenze 
des Reiches von Bentheim an der holländischen bis Lindau an 
der österreichischen Grenze. In den beiden letzten Jahren sind 
an der Ostgrenze die Provinzen Schlesien und Posen südlich 
des 53. Breitenparallels erschienen, 1903 sind die ersten Blätter 
der Provinz Pommern herausgekommen. 

Jedes Blatt ist im Buchhandel einzeln für den Preis von 
1,50 Ji zu haben. 

Wie das unentgeltlich abgegebene Übersichtsblatt zeigt, sind 
von unserer Provinz erschienen die Blätter: 79 Schwerin a. d. W., 
80 Czarnikau, 81 Gnesen, 92 Züllichau, 93 Posen, 94 Wreschen, 
105 Glogau, 106 Lissa, 107 Krotoschin, 120 Oels. Jedes Blatt 
umfasst einen Flächenraum von 1 Längen- und V2 Breitengrad. 
Die Projektion ist so gewählt, dass die ganze Karte — ungleich 
der Polyederprojektion der beiden anderen Kartenwerke — aus 
den anstossenden Einzelblättern zusammengesetzt werden kann. 
Sehr kleine Stücke der Provinz entfallen noch auf die Blätter 
76 Küstrin und 91 Frankfurt a. O. Bislang noch nicht erschienen 
ist das Grenzblatt 82 Argenau und die des Netzedistriktes nörd- 
lich des 53. Breitenparallels, weil hier neuere Messtischaufnahmen 
noch fehlen. 

Da jedes Kartenblatt die Hälfte eines Gradtrapezes gibt, 
ist das auf einem Blatt dargestellte Gelände in der geographischen 



Breite der Stadt Posen etwa 69 km breit und 56 km hoch, 
das Kartenbild in der Verkleinerung 1 : 200000 daher 341/2X28 cm 
gross. Der Umfang entspricht dem von 4 Blättern der Reichskarte 
in 1 : 100 000; am oberen Rande jedes Blattes der Topographi- 
schen Übersichtskarte sind in einem Schema die entsprechenden 
Blätter der Reichskarte benannt und beziffert. 

Die Grundrissbezeichnungen (Signaturen) sind auf dem 
Blatte : Zeichenerklärung erläutert, ausserdem werden die wichtig- 
sten von ihnen auf jedem einzelnen Kartenblatte am unteren 
Rande erklärt. Sie schliessen sich an die der Reichskarte und 
Messtischblätter an, zeigen aber eine Fortentwicklung, indem ihre 
Formen noch mehr vereinfacht sind. Einige geschickt gewählte 
sind hinzugekommen. So ist es möglich geworden, den wesent- 
lichen Inhalt der Reichskarte trotz der viermal kleineren zur 
Verfügung stehenden Fläche wiederzugeben und ein Kartenbild 
herzustellen, dass grosszügig, klar, deutlich, nicht überfüllt erscheint, 
dennoch aber nichts Wesentliches weglässt. Alle Bezeichnungen 
sind zart gehalten. Wenn man den ganzen Reichtum der Karte 
an Einzelheiten ausnutzen will, empfiehlt sich der Gebrauch eines 
Vergrösserungsglases. 

Was die Karte alles enthält, zeigt ein Überblick über die 
verwendeten Zeichen. 

Von den Wegen sind die wichtigsten die Spurwege der 
Eisenbahnen; die 53 000 km, die im Deutschen Reiche in 
den letzten 60 Jahren gebaut worden sind, nehmen auf unserer 
Karte eine Länge von 265 Metern ein. Die Fortschritte der Kultur 
zeigen sich darin, dass die Reichskarte vor 30 Jahren, als der 
Plan für sie aufgestellt wurde, nur einfach Eisenbahnen und 
Pferdebahnen unterschied, während die neue Karte Haupt- und 
Nebenbahnen verschieden zeichnet, je nach dem sie ein- oder 
zweigleisig gebaut sind, und davon die normal- oder schmal- 
spurigen Klein- und Strassenbahnen abtrennt. Dabei ist es noch 
möglich gewesen, Bahnhöfe, Haltestellen, Tunnel, Bahnkreuzungen, 
Wegekreuzungen zu bezeichnen und die Wegekreuzungen als 
Wegunterführung, Planübergang, Wegüberführungen zu unter- 
scheiden. Sämtliche Bahnen sind aufgenommen, nicht nur das 
weitmaschige Netz unserer Provinz, sondern auch das äusserst 
dichte der modernen Industrielandschaft der Hüttenreviere von 
Oberschlesien und Westfalen. Innerhalb der Städte dagegen sind 
die Strassenbahnen nicht gezeichnet; ihr Netz wiederzugeben erlaubt 
der Massstab nicht mehr. Ihr Vorhandensein ist heute als selbst- 
verständlich anzunehmen, ebenso wie das von Fabriken und Wirts- 
häusern, die die Karte auch nur ausserhalb der grösseren Orte gibt. 

Von Wegen erscheinen auf der Karte 5 Abstufungen, Durch 
feinere und stärkere Doppellinien werden die Arten der Kunst^ 



Strassen bezeichnet, unterschieden als Chausseeen, gebaute, ge- 
besserte Wege. Dazu treten die wichtigsten Verbindungs- und 
vereinzelte Fusswege. Von beiden kann nur eine Auswahl auf- 
genommen werden. Das erfordert viel Überlegung und karto- 
graphisches Geschick. Man muss anerkennen, dass die Aufgabe 
vortrefflich gelöst ist. So ist auf dem Blatte Posen die Verbin- 
dung von Janikowo mit Gruszczyn wegen ihrer Wichtigkeit z. T. 
als Fussweg aufgenommen ; Blatt 132 (Hirschberg) dagegen zeigt 
im Riesengebirge eine ganze Reihe von wichtigen Fusswegen. 

Die Wege beanspruchen auf der Karte einen viel grösseren 
Platz, wie in Wirklichkeit. Eine Chaussee wird, damit sie deutlich 
sichtbar ist, auffallend breiter gezeichnet als es ihr in Wirklich- 
keit zukommt; ein Fussweg scheint, wenn er nur mit Vio ^^ breiter 
Linie gestrichelt dargestellt wird, in der Natur 20 m breit zu sein. 
Die Wege machen sich also im eigentlichsten Wortsinne auf jeder 
Karte breit und verschieben so manches im Grundriss des Karten- 
bildes, dass keineswegs einer Photographie aus dem Luftballon 
gleichen kann. 

Hier zeigt zumal unsere Flachlandschaft vor allem das 
Gepräge, das ihr die verschiedenen Vegetationsformen auf- 
drücken. Die wechselnde Bedeckung mit Wald, Wiese, Heide, 
Moor charakterisiert das wechselnde Landschaftsbild stärker als 
geringe Bodenerhebungen. Unsere Karte gibt uns noch eine 
vollständige Übersicht des Pflanzenkleides, abgesehen von klein- 
sten Flächen. Durch von der Schwarzplatte gedruckte Zeichen 
werden die verschiedenen Bewachsungen wiedergegeben. So drängt 
sich keine Vegetationsform vor, das Ackedand ist weiss gelassen, 
alle anderen Vegetationstypen überziehen, von weiten gesehen, 
die Kartenfläche nur mit einem zartem Grau, das viel harmo- 
nischer wirkt als der grüne Waldaufdruck der französischen und 
österreichischen Karten. Den Wald als Nadel- und Laubwald zu 
trennen, darauf hat man in weiser Selbstbeschränkung verzichtet, 
da schon die Originalaufnahmen von Nachbarstaaten davon ab- 
sehen. Auch war im anstossenden Schweizergebiet nicht einmal 
möglich, die Wiesen zu bezeichnen, weil sogar der hochberühmte 
Siegfriedatlas sie nicht enthält. Wir finden also dargestellt den 
Wald mit den Schneisen und Gestellen, Heide, Obstpflanzungen, 
trockene und nasse Wiesen, Bruch, Moor, Torfstiche, Weinberge, 
Hopfenpflanzungen und Parkanlagen. 

Die Grenzen sind in dreifacher Abstufung bis herunter 
zu den Kreisgrenzen gegeben. Nur die Reichs- und Landesgrenzen 
werden farbig angelegt. Alle übrigen sind schwarz gehalten und 
ordnen sich überall dem Kartenbild unter; wo eine Grenze einem 
Grundrissgegenstande folgt, wird sie nur mit feinsten Linien be- 
zeichnet — ein nachahmenswertes Vorbild. Die Gemeindegrenzen, 



die der Historiker gern entnehmen möchte, aufzunehmen, erlaubt 
der Massstab nicht mehr. 

Die Schwarzplatte gibt ferner in Grundrissbezeichnungen 
die menschlichen Siedelungen und Bauten — jede Art das 
Aussehen des Bodens verändernden Menschenwerkes. Ausserhalb 
der städtischen und ländlichen Ortschaften, die neben der Grund- 
rissbezeichnung auch die Beifügung ihres Namens erfordern, sind 
in mehr freier Lage eine Menge von menschlichen Einzelbauten 
an und für sich und auch für die Orientierung im Gelände wichtig 
und werden daher in unsere Karte aufgenommen. Manche 
Stadt unserer Provinz kennzeichnen noch heute die sie 
umrahmenden Windmühlen von weitem, wenn auch aus wirtschaft- 
lichen Ursachen ihre Zahl schon zurückgegangen ist. Bei Städten 
wie Fraustadt mit 37, Rawitsch mit 41 und Schmiegel mit 
46 Windmühlen, das dadurch jeden Ort im ganzen Reiche über- 
trifft, kann die Karte nicht jede einzelne geben, sondern die Fülle 
durch Aufnahme etwa der Hälfte derselben nur andeuten. 
Hammerwerke, bei uns fast nur Wassermühlen, begleiten die Bäche. 
Die Wälder bergen einsame Forsthäuser, auf der Karte durch das 
Sinnbild eines Geweihs bezeichnet, auch immermehr verschwindende 
Teeröfen. Bodenschätze werden in Bergwerken, Torfstichen, Stein- 
brüchen, Ziegeleien, Kalköfen gewonnen oder verarbeitet. Die Karte 
gibt ihre Lage nicht nur durch Signaturen an, sondern hebt wichtige 
noch durch Beischrift hervor, wie den „Kalkbruch" von Krotoschin 
bei Bartschin. Neu ist in unserem Kartenwerke das Sinnbild für 
die schon genannten Ziegeleien, dann das für einzeln stehende 
Wirtshäuser oder Krüge und die wirtschaftlich bedeutungsvolle 
Bezeichnung von Fabriken. „Hervorragende" menschliche Bauten 
sind Warten oder Aussichtstürme, Schlösser und Schlossruinen, 
Kirchen und Kapellen; einzeln stehende für die Orientierung 
wichtige Bäume, wie wir sie auch in unserer Provinz öfter finden, 
sind durch ein Laubbaumzeichen angedeutet. Unscheinbarer sind 
die Einfriedigungen von Feldern durch Wälle oder Hecken (Knicks), 
wie bei Neutomischel, und die alten Schanzen und Ringwälle, die die 
Karte grundrissähnlich aufzeichnet, Friedhöfe und die trigonome- 
trischen Punkte. Von diesen sollen die der ersten und zweiten 
Ordnung angedeutet werden. Im Auslande sind auch Festungs- 
umwallungen, Forts und Batterien gezeichnet; im Inlande ist 
nichts davon aufgenommen. Die französischen Karten sind nicht 
so zurückhaltend, sie geben Namen und Lage der Befestigungen 
an — beides wird ja auch bei uns nicht geheim gehalten, und 
mehr als ihre Lage anzudeuten und sie zu benennen, gestattet 
auch der Massstab nicht. 

Die grösste Wichtigkeit von allem Menschenwerk auf der 
Karte haben die Grundrissbezeichnungen der Ortschaften. Unsere 



Provinz umfasst etwa 8950 Wohnplätze, davon 5200 selbständige 
Gemeinden. Jeder Wohnplatz ist daher von dem benachbarten 
durchschnittlich nur 1,8 km entfernt, auf der Karte nur 9 mm. 
Für die Beurteilung des neuen Kartenwerkes ist es wichtig zu 
wissen, dass die Wohnplätze — auch in den Gebieten grösster 
Siedelungsdiclite — sämtlich grundrissähnlich aufgenommen, dass 
die Gemeinden sämtlich benannt worden sind, während auch noch 
viele Gemeindeteile mit ihrer Sonderbenennung versehen werden 
konnten. Z. B. sind der Schilling, der zur Landgemeinde Winiary, 
ferner Topole und Weissberg, die zur Landgemeinde Kommen- 
derie gehören, auch mit ihrem Namen bezeichnet. Eine höchst 
zweckentsprechende einfache Neuerung kennzeichnet selbständige 
Gemeinden durch Einfügung eines Ortsringels und stehende Schrift, 
Teile von selbständigen Gemeinden erhalten schräge Schriftzeichen, 
mögen es grosse Vorstädte oder winzige Einzelsiedelungen sein. 
So ist der bedeutungsvolle Unterschied zwischen einem Wohn- 
platz und einer politischen Gemeinde aufs glücklichste zum 
Ausdruck gebracht. 

Jeder der 8950 Wohnplätze unserer Provinz enthält im 
Durchschnitt 20 Wohnhäuser. Unsere Karte vermag diese nicht 
grundrissgerecht wie ein Plan wiederzugeben; sie versucht nur 
die Ortschaften grundrissähnlich und charakteristisch zu zeichnen. 
Strassenzüge, Häuser und Häuserblocks, Kirchen, Gartenland setzen 
die einzelnen Ortsgrundrisse zusammen. Vor allen müssen die 
die Ortschaften durchziehenden Verkehrsstrassen so hervorgehoben 
werden, dass man nicht nur den Eingang in eine Ortschaft erkennt, 
sondern sich auch wieder herausfindet. Wer zum erstenmal an 
der Hand des Kartenblattes Posen die Stadt Moschin auf dem 
Wege nach Ludwigshöhe durchwandert, ersieht unzweifelhaft,, 
obwohl der Ortsumriss nur 3 mm Durchmesser zeigt, dass er auf 
dem Marktplatz nicht weiter nördlich gehen darf, sondern scharf 
im rechten Winkel nach Westen umbiegen muss. Diese charak- 
terisierende Hervorhebung des Wesentlichen im Ortsumriss lassen 
leider die meisten privaten Touristenkarten vermissen, obwohl sie 
für Wanderer und Radfahrer unbedingt nötig ist. Daneben sind 
auch noch die geschichtlich erwachsenen typischen Siedelungs- 
formen des Haufen-, Rund-, Strassen-, Reihen- und Marschendorfes 
zu erkennen, wenn auch bei den grossen deutschen Strassen- 
dörfern der Kolonisationszeit, wie sie die Gegend um Paradies und 
das Bartschgebiet aufweist, das Zeichen für die Kirche manchmal 
nicht auf die breite Dorfstrasse, sondern der Lesbarkeit halber 
daneben gesetzt worden ist. Auch der Grundriss der Städte lässt 
zuweilen eine typische Form ihres Kernes erkennen, man vergleiche 
z. B. Schroda, das noch die Erinnerung an seine alte Befestigung 
im Umriss und die normale Anlage der mittelalterlichen, ost- 



8 



deutschen Stadt im Grundriss zeigt, andererseits Rawitsch mit 
seinem seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland beliebt gewordenen 
Schachbrettmustern und seiner geräumigen Anlage und Mogilno, 
das seinen Ursprung aus einem Strassendorfe in seinem Grundriss 
nicht verleugnen kann, obwohl die Umwandlung schon vor 1400 
erfolgte. 

Die Benennung der Ortschaften unserer 'Provinz ist die 
amtliche, wie sie das Gemeindelexikon von 1898 verzeichnet. 
Doch sind auch alle Neubennenungen und Umdeutschungen bis 
zum Datum der am unteren Kartenrande vermerkten Herausgabe 
aufgenommen. Einzelne Blätter der Messtischblätter und der 
Reichskarte hatten früher Ortsnamen mit polnischer Schreibung 
phonetisch in deutscher Aussprache wiederzugeben versucht; 
jetzt ist einheitlich das amtliche Schriftbild gewählt. Jenseits 
der Reichsgrenze dagegen sind die russischen Namen in 
polnischer Transkription gegeben (nur ^ und ^ werden mit „on" 
und „en" umschrieben), nicht im deutschen Lautbilde. Das 
verdient volle Anerkennung. Abkürzungen von Ortsnamen werden, 
da sie zu Verwechslungen Anlass geben können, vermieden. 

Trotz der Fülle der aufgenommenen Namen erscheint das 
Kartenbild nicht überladen und unklar; denn die Schrift ist, 
obwohl kleinere Formen als bei den grösseren Kartenwerken 
gewählt wurden, elegant, klar und deutlich. Sie erdrückt keines- 
wegs, wie die der österreichischen Generalkarte das Kartenbild. 
Die vollendete Schönheit ihrer sehr leserlichen Typen kommt 
uns erst zum vollen Bewusstsein, wenn wir den aufgedruckten 
Stempel der Plankammer mit dem Verkaufspreise betrachten, 
dessen wuchtige Schriftformen so wenig mit denen des Karten- 
werkes harmonieren. In diesen sind die Schriftgrössen nach der 
Bedeutung der dargestellten Gegenstände sehr geschickt abgestuft. 
Wie die Zeichenerklärung im einzelnen erläutert, sind für Ansiede- 
lungen allein je nach der Bedeutung 10 Schriftgrössen gewählt. 

Alle Gewässer sind, um Verwechslungen zu vermeiden, 
mit rückwärtsliegender Schrift benannt. Die Gewässer selber werden 
in Blau von einer besonderen Platte gedruckt. Die Darstellung 
des Gewässernetzes in seinen wesentlichen Zügen in übersicht- 
licher Form ist eine sehr schwere kartographische und wissen- 
schaftliche Leistung. Es ist unmöglich, auf einer Karte in 1:200000 
jede auf den Messtischblättern verzeichnete Wasserader aufzu- 
nehmen. Ein enges Geflecht von Wasserfäden würde dann auch 
wasserarme Gebiete überziehen, denn schon die Messtischbätter 
müssen alle kleineren Rinnsale bedeutend überhalten, d. h. breiter 
als in Wirklichkeit zeichnen. Daher ist eine GeneraHsierung nötig, 
also eine wissenschaftliche Verarbeitung der einzelnen Kleinformen, 
die nicht allein auf Grund der Originalaufnahmen erfolgen kann. 



Die grossen vom Hochwasserausschuss bearbeiteten Stromwerke, 
wie der „Oderstrom" haben hier das wichtigste Material geliefert. 
Noch ein zweiter Umstand kommt hier in Betracht. Der Laie 
glaubt fordern zu dürfen, dass eine Karte einen Bach, Graben, 
Teich gerade in der Wasserfülle zeichnet, in der er ihn zufällig 
antrifft ; er lässt ganz ausser acht, dass das Element des Wassers, 
wenn auch nicht so beweglich wie die auf den Karten nicht dar- 
gestellte Luft, doch eines der beweglichsten ist. Die Karte kann 
weder die winterliche Schneedecke, noch den höchsten oder den 
niedrigsten Stand der Gewässer geben, sondern nur einen mittleren. 
Sie gibt vor allem Sommerbilder. Diese sind nicht in jedem 
Jahre gleich. Wechselvoll und veränderlich durchrieselt und durchrinnt 
das feuchte Element die Erde. Klimaschwankungen machen sich 
nicht allein in dem Vorrücken oder Zurückgehen der Gletscher 
bemerkbar, sondern auch in dem Verschwinden von Teichen und 
Sümpfen und ihrem Wiedererscheinen, wie in unserer Provinz der 
sogenannten Blotten. Daher ist es verständlich, wenn anstossende 
Messtischblätter, die in verschiedenen Jahren aufgenommen wurden, 
Bäche ähnlichen Charakters verschieden wasserreich zeichnen. 
In unserem Kartenwerk musste nun ein einheitliches Bild des 
Gewässernetzes gegeben werden, eine schwere Aufgabe, die aber 
ernst in Angriff genommen und meistens glücklich gelöst ist. 

Die periodischen Teiche, die das Bartschgebiet vielfach 
aufweist, sind in ihrer Zwitterstellung, Wechsel von landwirt- 
schaftlicher und Wassernutzung, gut wiedergegeben. 

Die Binnenseeen, auch die grössten, entbehren einer 
Darstellung ihres Bodenreliefs durch Tiefenlinien. Während 
süddeutsche Staaten die Bodengestaltung der Seebecken auf 
ihren Aufnahmeblättern darstellen, ist bei uns die Seeenforschung 
noch ganz dem wissenschaftlichen Eifer von Privatleuten über- 
lassen. Es könnten wohl da die Ergebnisse der Seeentiefenmes- 
sungen übernommen werden, wo solche einwandfrei vorliegen; 
und wenn der Verlauf der Tiefenlinien auf Karten im Massstabe 
1 : 25 000 auch wohl oft der Genauigkeit entbehren mag, in der 
Generalisierung und achtfachen Verkleinerung unserer Karte 
kommen kleine Abweichungen kaum mehr zum Ausdruck. 

Durch die Häufung von Zwergformen von Seen, der Solle 
oder Pfuhle, eigenartiger Schmelzwasserbildungen der Eiszeit, 
zeigen Teile der Krotoschin-Koschminer Hochfläche ein ganz 
eigenartiges Geländebild. So erscheint z. B. das Messtischblatt 
Bosatschin von Tausenden blauer Punkte siebartig durchlöchert. 
Unsere Karte lässt alle diese Kleinformen einfach weg, weil 
der einzelne Pfuhl in dem Massstabe 1 : 200 000 kaum noch zu 
erkennen wäre, aber damit entfällt auch die Charakterisierung 
des ganzen Geländebildes. Eine zarte schematische Blaupunktierung, 



10 



ähnlich wie auf der österreichischen Generalkarte gleichen Mass- 
stabes, würde sie noch andeuten. Vielleicht könnte man auch 
eine andere Führung der Wasserstriche verwenden. 

Als eine sehr glückliche Neuerung ist die Darstellung der 
Talsohlen durch einen grünen Flächenton zu begrüssen. So 
erscheint auf der Karte ausser der mittleren Uferlinie eines 
Gewässers auch die zugehörige ebene Aue, die das normale 
Überschwemmungsgebiet umfasst. Das Blatt Posen zeigt z. B. 
das weite ebene Flusstal der Warthe um Schrimm und unterhalb 
auf Moschin zu, ferner die Einschnürung von Niwka- Unterberg 
aufs sinnfälligste. Gewissermassen ist neben dem gewöhnlichen 
Flussbild der Warthe mit seinen hier zahlreichen Altwasserarmen 
noch ein charakteristisches Überschwemmungsbild gegeben. 

Stehende Gewässer sind durch westöstlich laufende Schraf- 
fierung von flies senden, die gleichlaufend mit den Uferlinien 
schraffiert werden, unterschieden. Als Grenze des Meeres wird 
nicht die Uferlinie des mittleren Meeresspiegels, die m Linie, 
sondern die Grenze des normalen Hochwassers gegeben. Die 
Tiefen des Meeresbodens, die in unserer Karte durch die 6 und 
10 m Tiefenlinien nach den Seekarten verdeutlicht sind — warum 
nicht auch durch die wichtige 20 m Isobathe? — rechnen be- 
kanntlich vom Niedrigwasser ab, sodass im Nordseegebiete die 
Watten als Zwischenglied gezeichnet werden. Im Meere werden 
Leuchtschiffe, Tonnen, Baken in Blau durch Zeichen angedeutet, 
am Ufer Leuchttürme und Molen in Schwarz. Während der 
Meeresspiegel dem Schiffer nach allen Richtungen freie Fahrt 
verstattet, hemmen auf dem Festlande die Gewässer den Fuss 
des Wanderers oder das rollende Wagenrad. Wenn ein Bach oder 
ein See — z. B. der Kletzkoer — durch eine Furt überschritten 
werden kann, deutet das die Karte an. Die Brücken über Bäche 
und Flüsse werden an den einfachen Verbindungswegen einge- 
tragen, bei den gebauten Kunstwegen sind sie ein selbstverständ- 
licher Teil der Strasse und werden daher weggelassen. Dagegen 
finden wir über die gewaltigen Ströme drei verschiedene Arten 
von Fähren, auch Schiffbrücken und die Wunderwerke moderner 
Technik, die grossen Eisenbahn- und Strassenbrücken, grundriss- 
ähnlich bezeichnet. Von künstlichen V/asseradern erscheinen 
wichtigere Gräben und die Kanäle mit ihren Schleusen und 
Wehren in Blau, Deiche und Dämme werden sinngemäss in 
SchVv'arz, Dünen in Braun gezeichnet. 

Die Darstellung der Geländeformen ist der Braundruck- 
platte vorbehalten. Nur die Felsenbildungen des Mittel- und 
Hochgebirges sind durch ein Symbol in Schwarz wiedergegeben, 
während doch sonst durchgehend der schwarzen Platte die Dar- 
stellung jeglichen Menschenwerkes zugefallen ist. Die Wiedergabe 



11 



des Geländes muss, um körperliche Bodenformen auf einer zwei- 
dimensionalen Fläche anzudeuten, zu besonderen Mitteln greifen, 
Höhenfarben, Schraffen, Schichtlinien, die alle das Gemeinsame 
haben, dass ihnen ungleich den Symbolen der schwarzen und blauen 
Platte,^ in Wirklichkeit kein Objekt entspricht. Ein Weg wird auf der 
Karte als schwarze, ein Bach als blaue Linie angedeutet, sie existieren 
selber wirklich ; eine braune Schraffe oder Höhenlinie soll Gefälle- und 
Höllenverhältnisse versinnbildlichen, sie selber ist in Wirklichkeit aber 
nicht vorhanden. Daher ist die Verwendung einer besonderen Farbe, 
wie leuchtendem Braun, für die Geländeformen gegenüber dem 
Schwarz der älteren Ausgabe der Reichskarte ein grosser Fortschritt. 
Der grüne Ten der Talsohlen ist dazu koloristisch ausgezeichnet 
abgestimmt, er macht das Bild ruhig und erleichtert dem Auge 
den Überblick. Wie deutlich tritt nicht auf Bl. 105 der Beginn 
des Glogau(-Baruther) Urstromtales hervor! 

Die Wahl von Schraffen oder auch von lichterer Schumme- 
rung hätte das Kartenbild sehr verdunkelt, man wäre daher 
gezwungen gewesen, den reichen Inhalt der Schwarz- und Blauplatte 
zu beschränken. Auch hätte man die gesamte Grundrissdarstellung 
in Schwarz dann „aussparen", d. h. die Schraffierung da, wo sie 
mit der Zeichnung der Schwarzplatte zusammenstiess, wegfallen 
lassen müssen. Man ist daher dazu übergegangen, wie in den 
Messtischblättern, Schichtenlinien zu verwenden. Da sie in Braun 
gedruckt werden, kann man sie ohne Unterbrechung über jeden 
Grundrissgegenstand hinwegführen und z. B. auch die Höhenlage 
von verschiedenen Stadtteilen deutlich zeigen. Das Blatt 81 
lässt so, was weder die Messtischblätter, und noch weniger die 
Karte des Deutschen Reiches andeuten konnten, klar erkennen, 
wie die Altstadt von Gnesen auf einer Hochfläche liegt und sich 
ungefähr 20 m über die sie westlich und nördlich umlagernden 
Seen erhebt. Bei der Festungsstadt Posen setzen die Schichten- 
linien über dem Grundrisse aus. 

Dadurch dass eine im Verhältnis zum Massstabe geringe 
Schichthöhe, 20 m in steiler geböschtem, 10 m in flachem Ge- 
lände, gewählt wurde, ist im Mittelgebirge auch ein anschauliches 
Formenbild entstanden; man betrachte z. B. die charakteristische 
Erscheinung des südlichen Schwarzwaldes auf Bl. 185 Freiburg 
im Breisgau und vergleiche es mit einer Schraffen- und einer 
geologischen Karte. Dass bei steileren Neigungen nur die stärker 
gehaltenen 100 m Linien deutlich hervortreten, die Zwischen- 
linien nur mit der Lupe abgezählt werden können und rein als 
Horizontalschraffen wirken, ist kein Nachteil. Es verdient die 
grösste Anerkennung, dass die Kartographische Abteilung der 
Landesaufnahme der Versuchung widerstanden hat, durch Hinzu- 
fügung von Schummerung ein für Laien bestechenderes Bild auf 



12 



Kosten der Deutlichkeit des übrigen Karteninhaltes zu geben. Die 
Kartenbenutzer müssen freilich sich in die Art der Geländedar- 
stellung erst einleben; aber ist das nicht bei jedem Neuen der Fall? 

Im eigentlichen Flachlande wird durch die Höhenlinien 
zwar kein so anschauliches Bild der einzelnen Oberflächenstücke 
geschaffen, wie im Hügelland oder im Mittelgebirge; aber unsere 
Karte gibt da ein viel lesbareres und übersichtlicheres Bild als die 
ins einzelne gehende einfarbige Darstellung der Messtischblätter 
und immer noch eine bessere Übersicht als das Auge in dem 
schwer überschaubarem Flachlande selber. Gerade die Darstellung 
durch Höhenlinien bewahrt uns Flachlandsbewohner davor, das 
orographische Bild der Erhebungen unserer Provinz zu unnatür- 
licher Bedeutung zu steigern. 

Die Höhenschichtenlinien unserer Karte sind nicht etwa eine 
photographische Verkleinerung des Linienverlaufs der Messtisch- 
blätter, sondern sie sind ebenso wie der übrige Karteninhalt 
geistig verarbeitet und dann generalisiert, Zusammengehöriges 
ist zusammengefasst, Unwichtiges weggelassen, ein übersichtliches 
Bild ist geschaffen. Das Flachland stellt da dem Kartographen 
zum Teil schwerere Aufgaben als das Gebirge. So ist ein Stück 
Grundmoränenlandschaft mit ihrem regellosen Gewirr von steil- 
geböschten Kleinformen, von Rücken, Kuppen, Schluchten durch 
Höhenlinien allein nicht darzustellen, wenn die Höhenunterschiede 
nicht wenigstens dem Zwischenräume der Schichtlinien, also 10 m, 
gleichkommen. Das Gleiche gilt von den Dünenkämmen der Sand- 
gebiete. Unsere Karte versucht da mit Bergstrichen nachzuhelfen; 
dadurch drängen sich aber wieder niedrigere und kleinere Formen 
über Gebühr hervor und schädigen die Plastik der grossen ; denn 
auch die niedrigste Kuppe kann man nur mit wenigstens sechs 
Schraffen darstellen, die einer Fläche von etwa 100 m Durch- 
messer in der Natur entsprechen. Ganz die Kleinformen wegzu- 
lassen, geht auch nicht an. Eine Punktierung in Braun als 
Signatur würde wohl Abhilfe schaffen. 

Um die Werte der Höhen ablesen zu können, sind den 
Schichtenlinien ab und an die zugehörigen Höhenzahlen einge- 
schrieben. Bemerkenswerte Tiefen- uud Höhenpunkte sind mit 
einem Punkt in Braun und der auf volle Meter abgerundeten 
Höhenzahl bezeichnet. Neben den Höhen der Seenspiegel sind 
die Talsohlen ausgiebig damit bedacht. Den grösseren Flüssen 
sind auch ab und zu die Mittelwasserstände eingeschrieben. Die 
Höhenschichten ermöglichen ja ausserdem auch die Höhe jedes 
zwischen zwei Linien gelegenen Punktes zu schätzen. 

Einer so grossartigen Leistung, wie unserer Karte, gegen- 
überwäre es ungerecht, einzelne Versehen, wie sie jedem Menschen- 
werke anhaften, hier splitterrichtend aufzuzählen. 



13 



Ein giosses Kartenwerk enthält eine wissenschaüliche Leistung, 
die nur einem umfangreichen mit vereinten Kräften geschaffenen 
gelehrten Druckwerke vergleichbar ist. In der topographischen 
Übersichtskarte des Deutschen Reiches ist eine Arbeit enthalten, 
die allein etwa 200 Topographen je 30 Jahre mit der Uraufnahme 
beschäftigen würde ; dazu kommt noch die Arbeit der Bearbeitung, 
Redaktion und Zeichnung, die in der verhältnismässig kurzen 
Zeit von 15 Jahren, die sicher eingehalten werden wird, durch 
eine Reihe von Kartographen, die ebensowenig wie bis vor kurzem 
die Topographen genannt werden, zu Ende geführt werden soll. 
Wir werden dann aber auch ein nationales Kartenwerk frohen 
Herzens unser eigen nennen können, das mehrere Menschenalter 
fest in seinen Fundamenten stehen wird. 



Eine nächtliche Ruhestörung im alten Bromberg 0730). 

Von 
E. Schmidt. 

m Anfange des 18. Jahrhunderts lebte zu Bromberg ein sehr 
geachteter Bürger, Namens Adam Froszek. Schon sein Vater 
Jacob hatte wiederholt städtische Ehrenämter bekleidet und 
in seiner Stellung als Bürgermeister sich durch rücksichtsloses 
Einschreiten gegen Übeltäter hervorgetan^). Der Sohn folgte den. 
Spuren des Vaters ; wiederholt begegnet er uns als Bürgermeister 
oder Vorsitzender des Stadtgerichts (viceadvocatus) ; er galt als reich, 
tatkräftig und redegewandt (dives, potens opere et sermone). Dabei 
war er ein treuer Sohn seiner Kirche und namentlich den Bernhardiner- 
mönchen am Orte in ehrfurchtsvoller Freundschaft ergeben. Er stand 
ihnen als Klostersyndikus nahe und hatte in dieser Eigenschaft alle 
weltlichen Angelegenheiten des Klosters zu ordnen, die einlaufenden 
Gelder und sonstigen Spenden zu verwalten, überhaupt die Interessen 
seiner geistlichen Freunde nach aussen hin zu vertreten''^). So pflicht- 
getreu er dieser Aufgabe nachkam, so mutig zeigte er sich auch, 
wenn es galt, als städtischer Würdenträger seine Mitbürger gegen die 
Gewalttaten der adligen Landsleute, die hinter der Maske könig- 
licher Beamter ihren Eigennutz zu befriedigen suchten, zu schützen^). 
So hatte er in der Stadt eine solche Stellung gewonnen, dass 
ihn der zeitgenössische Chronist*) als Oberhaupt und ersten 
Mann Brombergs bezeichnen konnte. 

1) Siehe Jahrb. d. Hist. Gesellsch. f. d. Netzedistrikt 1888 S. 37. 

3) Wie kräftig er dies tat, lehrt ein Beispiel, das die Bromberger 
Grodakten (Rel. Bidg. 1727/30) enthalten. 

3) Namentlich im Jahre 1730. Siehe Rel. Bidg. zu diesem Jahre. 

*) Der Bernhardinerchronist, dem wir auch alle Einzelheiten über 
die nun dargestellten Ereignisse entnehmen, zum Jahre 1730. 



14 



Dieser ausgezeichnete Mann wurde am 15. Dezember 1730 
Abends zwischen 9 und 10 Uhr durch jähen Tod aus dem Leben 
gerissen, ohne eine letztwiUige Bestimmung über seine Beer- 
digung und sein stattHches Vermögen zu hinterlassen. Nun sprach 
die fromme Gepflogenheit dafür, dass die sterblichen Überreste 
Froszeks im Bernhardinerkloster, dessen Syndikus er gewesen war, 
beigesetzt würden; aber die Erben und Verwandten des Ver- 
storbenen entschieden sich vielmehr für die katholische Pfarr- 
kirche. 

Darüber entstand im Kloster grosse Aufregung; die Mönche 
bestimmten ihren Oberen, den stellvertretenden Guardian, P. Au- 
gustin von Kobylin^), er solle beim geistlichen Amt in Bromberg oder 
besser noch gleich beim Bischof von Leslau ^) Beschwerde gegen 
diese Massnahme der Froszekschen Erben einlegen. Der Obere 
antwortete aber mit überlegenem Lächeln: „Das wird alles so 
geschehen, wie ich will; ich weiss, was ich tun werde; ich werde 
mir schon zu raten wissen.'' Er hatte schon einen Plan gefasst, 
freilich einen so abenteuerlichen, ja unverständigen, wie er nur 
in dem Kopfe eines von der Welt ganz abgewandten Menschen- 
kindes entstehen konnte : er wollte den Leichnam nächtlicher Weile 
rauben und nach der Bernhardinerkirche bringen lassen. 

Am Nachmittag des 20. Dezember glaubte P. Augustin den 
Zeitpunkt gekommen, um sein Vorhaben in die Wege zu leiten; 
er rief die Klosterknechte zusammen — auch ein Paar fremde 
Frauenzimmer (extraneis aliquibus foeminei sexus) hatten sich an- 
geschlossen — und teilte ihnen seine Absicht mit; zur Nachtzeit 
solle die Tat geschehen. Aber die glücklichen Inhaber des 
Leichnams waren auf der Hut und trafen ihre Gegenmassregeln; 
sie verstärkten die Bewachung ihres kostbaren Besitzes, indem 
sie „alte Kerle und Weiber vom Lande" (rusticos avos aviasque) 
als Sukkurs herbeiriefen und das Froszeksche Haus verrammelten. 

Früh brach die Dunkelheit herein — wir sind in der Zeit 
der kürzesten Tage; — aber der vorsichtige Guardian wartete 
noch bis Mitternacht, ehe er an die Ausführung seines Planes 
ging. Endlich schlug die Klosterglocke 12 Uhr; jetzt zog die 
aus Mönchen und Laien gemischte Schar in geheimnisvoller 
Weise (modo furtivo) aus dem Konventsgebäude heraus; ein 
Karren wurde zur Bergung und Fortschaffung des seltsamen 
Siegespreises mitgeführt. Vorsichtig schlichen sie durch die 
Strassen der Stadt; ohne belästigt oder angehalten zu werden, 
gelangten sie bis zu dem Hause, in dem der Tote lag. 



1) Der eigentliche Guardian, P. Simon Dobrzynski, lag damals 
in Posen krank. 

2) Wloclawek Russ. Polen, zu welchem Sprengel (Kujawien) auch 
Bromberg gehörte. 



15 



Der Plan war, den Angriff auf das Haus von der Hinter- 
seite zu unternehmen; in der Tat drangen die Angreifer in den 
Hof ein. Hier begannen sie nun, die Hintertüren aufzubrechen, 
die Fenster einzuschlagen und auszuheben (per fractas posteriores 
fores... ac excusas vel exdemptas fenestras) und in das Haus 
selbst einzusteigen. Doch hier stiessen sie auf unverhofften 
Widerstand; ein Hagel von Hieben ergoss sich plötzlich über 
ihre Köpfe und Rücken: es waren „die alten Kerle vom Lande," 
die mit ihren Knitteln getreulich ihres Wächteramtes walteten. 
Aber auch die Angreifer waren nicht träge und bezahlten mit 
gleicher Münze (percussi repercutiebant). Stöcke und Schädel 
krachten, Wut- und Wehgeschrei kreischender Weiber füllte die 
Luft: empört über die Ruhestörung mischten sich die Nachbarn 
ein (f actus clamor, ex clamore tumultus); kurz, es entwickelte 
sich eine Scene, von der der Schluss des zweiten Aktes in 
Wagners Meistersingern einen ungefähren Begriff geben mag. 
Das ganze schauerlich-grotteske Nachtbild aber beleuchtete der 
Zeuge so vieler menschlicher Torheit, der ruhig lächelnde Voll- 
mond, still am Firmamente seines Weges ziehend ^). 

Der Lärm und die Spannung hatten ihren Höhepunkt er- 
reicht; die Angreifer waren im Vorteil, schon bekamen einige 
von ihnen den Leichnam zu fassen; da trat ein Ereigniss ein, 
welches der Handlung einen plötzlichen Stillstand gebot und 
den im Weichen begriffenen Schützern des Leichnams zum über- 
raschenden Siege verhalf: nicht der gewalttätige Eingriff eines 
deus ex machina, sondern ein innerer Vorgang in der Seele des 
Haupthelden dieser Tragikomödie, des Guardians P. Augustin. 
Von wütend kämpfenden Männern und Weibern umtobt, über- 
mannt von dem ringsum entfesselten Höllenlärm, brach sein 
künstlicher Heldenmut zusammen (tumultus, cuius horrore per- 
territus factus); blitzartig wurde ihm die ganze Unüberlegtheit, 
ja Lächerlichkeit seiner Handlungsweise klar. Nur ein Gedanke 
beherrschte ihn noch: schnell zurück in die Sicherheit und den 
Frieden hinter den Klostermauern! Er befahl, schleunigst mit 
dem Wagen nach Hause zu fahren; die Genossen hiess er den 
Leichnam ruhig liegen zu lassen und sich zu flüchten; er 
selbst ergriff im Zustande vollständigster Verwirrung Hals über 
Kopf das Hasenpanier (ipse confusibiliter fugiens)... Einige 
folgten ihm, andere setzten, für das Unternehmen begeistert, den 
Kampf fort, aber der Führung beraubt, unterlagen sie und 
mussten sich wie Diebe und Gauner (uti praedones et nebulones) 
von den jubilierenden Gegnern festnehmen lassen. Da man sie 
kannte, entliess man sie bald. Mit Tränen der Wut im Auge 

1) Ostern 1730 fiel auf den 9. April; nach meiner Berechnung 
muss also Mitte Dezember Vollmond gewesen sein. 



16 



(lamentantes lachrymabiliter) kehrten sie zum Kloster zurück^ 
ihre Meinungen über das verfehlte Unternehmen austauschend.. 
Alle waren sich darüber einig, dass die ganze Schuld an dem 
unglücklichen Ausgange des Unternehmens der mangelhaften Füh- 
rung des Guardians beizumessen sei; ohne ihn hätten sie 
sicher ihre Absicht erreicht (si sine duce tali fuissent, certissime 
corpus per tot mala abduxissent). Noch lange spazierten die 
Helden des Abenteuers mit den Erinnerungszeichen an jene 
Nacht auf ihren Gesichtern umher (postea signati incedebant)'; 
der Gegenstand ihres leidenschaftlichen Begehrens aber, der Leichnam 
Froszeks, wurde in der katholischen Pfarrkirche beigesetzt! 

Kurze Zeit darauf wurde P. Augustin — wahrscheinlich 
infolge dieses Vorfalls — von der geistlichen Oberbehörde sei- 
nes Amtes als vertretender Guardian des Klosters enthoben ; für 
ihn wurde P. Felician Chwalewicz, der bisher dem Schwetzer 
Convent angehört hatte, nach Bromberg berufen. 

Und der Beweggrund für die unser modernes Empfinden 
so befremdende Handlungsweise P. Augustins? Wenn er dem 
Freunde und Wohltäter seines Klosters, der diesem im Leben so 
nahe gestanden hatte, nun auch nach dem Tode seine letzte 
Ruhestätte dort verschaffen wollte, so wird die innere Berechtigung 
dieses Wunsches anzuerkennen sein. Wichtiger aber war für 
den Guardian wohl die Erwägung, dass mit der Bestattung 
Froszeks viele andere Vorteile für die Mönche verbunden waren ; 
das Lesen der Seelenmessen, der Gesang am Grabe und in der 
Kirche, das Läuten der Glocken an bestimmten Tagen hätten 
ihnen khngenden Lohn eingebracht, dessen sie dringend be- 
durften, um ihr Leben zu fristen. Denn das Betteln, wodurch 
sie sich nach der Ordensregel ihren Unterhalt verschaffen sollten,, 
brachte nichts ein in einer Landschaft, die durch den langen 
nordischen Krieg und durch innere Wirren selbst bettelarm ge- 
worden war. Wenn also auch von diesem Gesichtspunkt das 
Bestreben der Mönche, in den Besitz des Leichnams zu ge- 
langen, erklärlich ist, so hat doch die Art und Weise, in 
der P. Augustin diese Absicht durchzuführen versucht hat, ihm den 
nicht unverdienten Spott und Hohn der Bromberger eingetragen .. 



Historische Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 
Dienstag, den 12. Januar 1904, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant 
„Wilhelma«, Wilhelmstr. 7 

Monatssiizung. 
Tagesordnung: Vorlegung und Erläuterung wichtiger Neu- 
erscheinungen auf dem Gebiete der Posener Landesgeschichte. 

Redaktion: Dr. A. Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro^ 

vinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg.. 

Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 
MOMPiTS BLATTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang V Posen, Februar 1904 



rir. 2 




Wotschke Th., Heinrich Kleinwächter. Ein Nachruf. S. 17. — 
Wilcke M., Das prähistorische Gräberfeld bei Morakowo, Kreis Won- 
growitz S. 21. — Warschauer A. , Ein hundert Jahre altes 
humoristisches Gedicht über Posen S. 24. — Literarische Mitteilungen 
S. 29. — Bekanntmachung S. 32. 



Heinrich Kleinwächter. 

Ein Nachruf. 

Von 

Th. Wotschke. 

m 22. November 1903 verschied in Posen der Pfarrer 
der evangelisch-lutherischen Gemeinde, Superintendent 
Heinrich Kleinwächter, ein treues Mitglied der Historischen 
Gesellschaft, zu deren Vorstande er mehrere Jahre gehörte. Sein 
Gedächtnis hier festzuhalten und sein Bild in diesen Blättern für 
einen grösseren Kreis zu zeichnen, zwingt uns nicht nur seine 
Stellung an der Spitze der evangelisch-lutherischen Gemeinden 
unserer Provinz und seine tätige Mitarbeit an dem Aufbau und 
der Förderung unserer Historischen Gesellschaft, sondern vor allem 
die Bedeutung, die ihm für die geschichtliche, besonders kirchen- 
geschichtliche Forschung in unserer Provinz zukommt. 

Heinrich Kleinwächter ist am 29. März 1840 geboren. Er 
entstammte einer alten angesehenen Kaufmannsfamilie in Breslau, 
deren Glieder durch viele Generationen hohe städtische Ehren- 
ämter bekleidet haben. Sein Vater war der hochgeachtete Kauf- 
mann Eduard Kleinwächter, seine Mutter Caroline Therese geb. 
Pfitzmaier. Der glaubensernste Scheibel war ein Verwandter der 
Familie, und das Confessor- und Märtyrertum, in das eine un- 
glückselige Kirchenpolitik ihn und seine Freunde hineindrängte, 
machte auf die ihm Nahestehenden einen solchen Eindruck, dass 



18 



Frau Therese Kleinwächter nach dem frühzeitigen Tode ihres 
Gatten der lutherischen Freikirche sich anschloss. In der Schule 
der lutherischen Gemeinde Breslaus erhielt ihr Sohn Heinrich den 
ersten Unterricht, später besuchte er das Elisabethgymnasium, das 
er September 1859 mit dem Zeugnis der Reife verliess. Der religiös 
angeregte Kreis, in dem der Knabe aufgewachsen war, hatte sein 
Herz dem Ewigen zugewandt, als selbstverständlich empfand es 
der Jüngling, Theologie zu studieren. Er besuchte die Universi- 
täten Leipzig und Erlangen, wo die ersten Gelehrten des kon- 
fessionellen Luthertums, ein August Kahnis und Franz Delitzsch, 
ein Gottfried Thomasius und Theodosius Harnack, seine Lehrer 
waren. Herbst 1863 bestand er das erste theologische Examen, 
und bald darauf ward er, noch nicht 24 Jahre alt, vom Kirchen- 
kollegium nach Posen gesandt und mit der Verwaltung der 
evangelisch - lutherischen Pfarre, die durch die Berufung Böh- 
ringers nach Breslau erledigt war, beauftragt. Am 1. Advents- 
sonntage predigte er zum ersten Male der Gemeinde, einige 
Wochen später, am 3. Januar des folgenden Jahres, wurde er 
ordiniert und definitiv als Hilfsprediger für Posen berufen. 

Nicht leicht war es für den jungen Pastor, hier als Nach- 
folger eines Mannes zu wirken, dem die Gabe des Worts in 
reichem Masse zu teil geworden war und der in seltener Weise 
die Liebe der ganzen Gemeinde sich zu erwerben gewusst hatte, 
aber seine treue gewissenhafte Arbeit, die Liebe, die er allen 
entgegenbrachte, sein stets hilfbereites Wesen eroberten ihm 
gleichfalls binnen kurzem die Herzen. Als er 1865 sein zweites 
theologisches Examen mit dem Prädikate vorzüglich bestanden 
hatte, war es der Gemeinde eine Freude, ihn zu ihrem Pfarrer 
wählen zu können. Vier Jahrzehnte hat er ihr in reichem Segen 
gedient und an ihrem äusseren und inneren Aufbau gearbeitet. 
In treuer Tätigkeit ist sein Leben still und gleichmässig dahin- 
geflossen. Nach dem Tode des Superintendenten Kornmann 
erhielt er 1875 von dem Breslauer Kirchenkollegium die Super- 
intendentur über die evangelisch-lutherischen Gemeinden der Diözese 
Posen übertragen. So sehr ihn das Vertrauen seiner vorgesetzten 
Behörde ehrte, noch eine grössere Freude -war es ihm, als er 
nach langem Harren und mühevoller Arbeit 1886 mit seiner Ge- 
meinde sich in der Gartenstrasse ein Gotteshaus bauen konnte. 
Am 25. November 1900 durfte er sein 25 jähriges Super- 
intendenten-Jubiläum begehen, und der rege Anteil, den seine 
Gemeinde, seine Diözesanen und der Kreis seiner Freunde an 
dieser Feier nahmen, zeigte recht deutHch, welcher Liebe und 
Wertschätzung sich Kleinwächter bei allen, die ihn näher kannten, 
erfreute. Schon 1892 hatte ein früher Tod ihm seine innig- 
geliebte Gattin, die Tochter des Institutsleiters und Kirchen- 



19 



Vorstehers Below, entrissen, und da seine beiden Söhne der 
Beruf aus dem Vaterhause herausführte, ward es in den letzten 
Jahren stille um ihn, aber vereinsamen Hess ihn, abgesehen von 
seinem Amte, sein reges geistiges Interesse nicht. Als eins der 
treusten Mitglieder der Historischen Gesellschaft fehlte er selten 
an ihren Sitzungsabenden, und wie er all den verschiedenen Vor- 
trägen mit gleicher Aufmerksamkeit folgte und für alle Gebiete 
wissenschaftlicher Forschung einen offenen Sinn zeigte, so tat er 
auch gern den Schatz seines Wissens auf und berichtete von 
den Ergebnissen seiner historischen Arbeit. Noch sechs Wochen 
vor seinem Tode, am 13. Oktober, sprach er vor einem auf- 
merksam lauschenden Kreise über polnische Sprichwörter. Den 
iMitarbeitern an der Historischen Zeitschrift und diesen Monats- 
blättern war er ohne Unterschied der Konfession ein lieber ge- 
schätzter Freund, dessen verständnisvolles Urteil stets gern gehört 
wurde; mit seiner Gemeinde trauerten sie alle, als die Kunde 
von seinem Heimgange sie traf. Am 22. November, dem letzten Sonn- 
tage des Kirchenjahres, hatte er noch in voller Frische gepredigt 
und Kinderlehre gehalten, da traf ihn am Ende des Gottesdienstes 
unter dem Schlussgesang der Gemeinde in der Sakristei ein 
Herzschlag. Unter allgemeiner Beteiligung wurden am 25. No- 
vember nach einer Trauerfeier in der Kirche seine irdischen Reste 
auf dem alten St. Paulikirchhof vor dem Rittertore beigesetzt^). 
Kleinwächter hat viele Jahre hindurch in unserer Zeitschrift 
die neuen Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Posener und 
polnischen Kirchengeschichte besprochen 2), und alle seine Re- 
zensionen zeugen von einer gründlichen Beherrschung des Stoffes 
und einem wohlwollenden, nur nach sachlichen Gründen abwägenden 
Urteil. Er kannte die Sprödigkeit des Stoffes, die Mängel, 
Fehler und Lücken der Vorarbeiten, die Schwierigkeit, des zer- 
streuten Quellenmaterials habhaft zu werden, und hat deshalb 
selbst schwache Arbeiten, wenn nur ein redlicher Wille aus ihnen 
sprach, nachsichtig beurteilt^). Über jede Veröffentlichung hat 
er sich gefreut und die Verdienste anderer auf dem ihm eigenen 
Forschungsgebiet ohne jede Schmälerung und Zurückhaltung an- 



1) Einen ausführlichen Bericht des Begräbnisses bietet nach dem 
Posener Tageblatt das Kirchenblatt für die evangelisch-lutherischen Ge- 
meinden in Preussen 1903, Nr. 49, S. 773 f. Die bei der Trauerfeier in 
dem Gotteshause vom Kirchenrat Froböss aus Breslau gehaltene Leichen- 
predigt sowie die Ansprache des Pastors Seidel aus Neutomischel sind 
bei Edm. Pullardy in Sagan im Druck erschienen. 

2) Vergl. Z. H. G. Pos. VI 8. 453. IX S. 203 — 208, 437 — 439, 
X S. 158-165, XIII S. 89—94, 217—230, XIV S. 177—182. Historische 
Monatsblätter I, S. 12, 69, 158 f., 185—188, II S. 27, 154—156, 171 f., 
III 8.57— 60, 79f., 131—134, IV 8. 93 und sonst. 

3) Vergl. Histor. Monatsblätter III, 57—60. 

2* 



20 



erkannt. Rezensionen sind naturgemäss nur vorübergehend von? 
Wert, auch die Kleinwächters teilen dies Los, aber von bleibender 
Bedeutung sind die Arbeiten, in denen er die Ergebnisse seiner 
eigenen wissenschaftlichen Forschung niederlegte, sie sind eine 
wesentliche Förderung unserer Kenntnis imd haben unser Wissen 
nach vielen Seiten bereichert. Kleinwächter ist nicht in den. 
Fehler aller anderen deutschen Bearbeiter der polnischen Re- 
formationsgeschichte in dem letzten Jahrhundert gefallen, hat sich, 
nicht begnügt, die einst wertvollen, aber kurzen und lückenhaften 
und heute nicht mehr genügenden Arbeiten eines Wengierski^ 
Lubieniecki, Friese und Lukaszewicz auszuschreiben und aus 
diesen vier Büchern ein neues zusammenzustellen, in dem alle 
Fehler und Mängel der Grundschriften wiederkehren, sondern er 
ist zu den Quellen herabgestiegen und hat aus urkundlichem 
Material geschöpft. So lange die Einzelforschung den ge- 
schichtlichen Stoff nicht veröffentlicht, geprüft und gesichtet und 
in die vielen dunklen Einzelfragen Licht gebracht hat, ist es 
unmöglich, eine den Anforderungen genügende Geschichte der 
evangelischen Kirche im ehemaligen Polen zu schreiben. In 
richtiger Erkenntnis hiervon hat sich Kleinwächter der Einzel- 
forschung zugewandt und mit solchem Fleisse und Erfolge, dass- 
für jedes Zeitalter wichtige Arbeiten aus seiner Feder vorliegen. 
In das 16. Jahrhundert versetzen uns seine Studien „Paulus 
Gericius, deutscher Prediger Augsburgischer Confession in Posen" ^> 
und der kurze, aber dankenswerte Beitrag „Zum Lebensgang und 
zur Charakteristik Erasmus Gliczners"^)^ in das folgende Jahr- 
hundert führen uns die Abhandlungen „Das älteste protestantische 
Kirchenbuch der Stadt Posen" ^), „Die evangelisch - lutherische 
Gemeinde in Posen im 17. und 18. Jahrhundert"*) und „Aus 
einer Wollsteiner Kirchenchronik" ^). Die Geschichtsforschung der 
letzten polnischen Jahre und der südpreussischen Zeit wird be- 
reichert durch die Veröffentlichung „Eine Konsistorialordnung. 
aus dem Jahre 1776"^) und durch das wertvolle Kapitel „Kirchen- 
wesen" in der Publikation „Das Jahr 1793, Urkunden und Akten- 
stucke zur Organisation Südpreussens""^). In die Gegenwart ver- 
setzt uns der Nachruf „Max Reichard" ^). Ausserdem verdanken 
wir dem fleissigen Arbeiter noch die Abhandlung „Inschrift einer 



1) Z. H. G. V S. 219—244. 

2) XIII S. 73—76. 

3) IX S. 105—128. 

4) XII S. 249-270. 

5) Histor. Monatsblätter IV S. 65—74. 

6) Z. H. 0. XVI S. 55-66. 

7) Das Jahr 1793. Posen 1895 S. 641—688. 

8) Histor. Monatsblätter III S. 81—86. 



21 



Posener Messingtaufschüssel'' ^) und den Aufsatz „Polnische Sprich- 
wörter aus der Provinz Posen" ''^). Kein Forscher auf dem Gebiete 
■der evangelischen Kirchengeschichte Polens kann an diesen Ver- 
öffentlichungen vorübergehen, vor allem wird der künftige Ge- 
schichtsschreiber der evangelischen Gemeinde Posens in ihnen die 
l)rauchbarsten Vorarbeiten finden. Um ihren Wert zu erkennen, 
brauchen wir sie nur mit den geschichtlichen Nachrichten über die 
Dissidenten in Posen von Lukaszewicz zu vergleichen, und dazu 
konnte Kleinwächter nicht wie dieser aus einem reichen kirchlichen 
Archive schöpfen, sondern musste aus weitschichtigen Quellen, 
<jrod-, Stadt- und Kirchenbüchern, alten seltenen Drucken und 
vergessenen Schriften sich das Material mühsam zusammentragen. 
Ein Bedauern kann ich zum Schluss nicht unterlassen aus- 
^zusprechen. Kleinwächter hat weitgehende Studien auch auf dem 
<jebiete der Liturgik getrieben, er selbst pflegte sich lieber einen 
Liturgiker denn einen Historiker zu nennen, aber von diesen 
Forschungen hat er nichts veröffentlicht, hier auch so wenig unsere 
Provinz sein Arbeitsfeld sein lassen, dass er es nur einmal ganz 
gelegentlich betrat^). Wir möchten wohl wünschen, dass seine 
kundige Hand das Dunkel über die gottesdienstlichen Ordnungen 
unserer evangelischen Kirche in früheren Jahrhunderten gelichtet 
Chatte. Ich bat ihn vor einem Jahre etwa, hier mit der wissen- 
vschaftlichen Forschung einzusetzen und über die ersten lutherischen 
Kirchenordnungen in Polen uns eine Abhandlung zu schenken, 
^nd er war nicht abgeneigt, dies noch gänzlich unbebaute Gebiet 
:;zu bearbeiten, nun ist der Tod dazwischen getreten. Gewiss, 
ivären ihm noch einige Jahre beschieden gewesen, manchen 
weiteren Beitrag würde er der kirchengeschichtlichen Arbeit ge- 
liefert haben, aber auch so können wir nur mit Dank auf dieses 
Leben blicken, das die Mussestunden des Amtes so treu aus- 
.^nutzt hat. 

las prähistorische Gräberfeld bei Moralcowo, Kr. Wongrowitz. 

Von 
M. Wilcke. 




achdem ich zufälliger Weise in Erfahrung gebracht 
hatte, dass vor einigen Jahren Urnen auf dem An- 
siedelungsgute Morakowo (18 km nordöstlich von 
Wongrowitz, seitlich der Wongrowitz — Exiner Strasse gelegen) 
;^efunden worden waren, begab ich mich am 20. Oktober vo- 

1) Z. H. G. XII 323—336. 

2) Histor. Monatsblätter IV S. 181—185. 

5) Vergl. den kurzen Artikel Missale prohibitum Z. H. G. IV S. 102f. 



22 



rigen Jahres von hier aus dorthin, um Näheres über den Fund 
zu erfahren und in der Hoffnung, vielleicht auf einem Acker 
in der Nähe von der Fundstelle noch andere prähistorische Gräber 
entdecken zu können. Der fiskalische Gutsverwalter, Herr Rittmeister 
Gabriel, den ich dieserhalb aufsuchte, bestätigte mir die Richtig- 
keit des Gerüchtes und teilte mir mit, dass die besagten Urnen vor 
2 — 3 Jahren in Kistengräbern entdeckt und von einem Herrn aus 
Berlin ausgegraben und einem Berliner Museum überwiesen worden 
seien. — Auf dem Wege nach jener Gräberstätte begriffen, die 
mir zu zeigen Herr Rittmeister Gabriel in der liebenswürdigsten 
Weise sofort bereit war, hatte ich nun das Glück, gerade 
dazu zu kommen, wie ein Ansiedler auf seinem kürzlich erst 
übernommenen, etwa 1 km westlich vom Rittergut Morakowo auf 
einem sanft ansteigenden, massigen Höhenrücken gelegenen Acker 
.grosse Steine herausnahm. Ich erkannte sofort, dass diese Steine 
prähistorischen Gräbern angehörten. 

Als ich mich dem Orte näherte, bemerkte ich, dass der 
Besitzer eben dabei war, die letzten Seitensteine eines vor- 
geschichtlichen Grabes aus dem Boden zu heben, während die 
übrigen schon auf einen Haufen zusammengeworfen neben dem 
Grabe lagen. Letzteres hatte die Gestalt eines Kreises, bezw. 
regulären Polygons und zeigte etwas über 1 m Durchmesser. 
Umgrenzt war es von etwa 10 ca. '^j^ m hohen, verhältnismässig 
schmalen, plattenähnlichen Steinen, die auf die Spitze gestellt 
worden waren, sodass einer den andern mit der Seitenkante 
berührte und alle zusammen eine mantelähnliche Fläche bildeten. 
Der Boden des Grabes bestand aus einem Pflaster von dicht 
nebeneinander gelegten kleineren und grösseren Steinen, welche 
auf dem gewachsenen Kiesboden auflagen. Ausserdem sollte 
nach Darstellung des Besitzers auch die Decke dieses kreisrunden 
Grabes — die, als ich dazu kam, bereits entfernt war — aus 
einem ebensolchen Steinpflaster bestanden haben. Zwischen der 
Decke und dem Boden hatten mehrere schwarzgebrannte Urnen 
gestanden, nämlich 2 Knochenurnen, von denen ich noch dea 
untern Teil mit einigen Knochenresten eben stehen sah — und 
einige Beigefässe. 4 Scherben von dem Boden eines Beigefässes 
zeigten bei näherer Untersuchung eigenartige, der Keilstrich- 
Ornamentik der Steinzeit verwandte Linienführung. Dieselbe 
besteht aus 4 vom oberen Rande nach dem Boden laufenden 
und in dessen Mitte sich rechtwinkelig schneidenden Bändern^ 
die aus 2 bezw. 3 Linien von übereinanderliegenden kurzen und 
tiefen Keilstrichen zusammengesetzt sind. Die Keilstriche sind 
von rechts nach links — teils horizontal, teils mehr schräg^ 
laufend — geführt und mit einem in eine scharfe Spitze 
endigenden harten Gegenstande (wohl aus Knochen) in das weiche 



23 



Gefäss halb eingedrückt, halb gestochen. Das Gefäss war, wie 
alle andern, schwarz gebrannt. — Von den kleinen Beigefässen 
war glücklicherweise wenigstens eins ziemlich gut erhalten 
geblieben; dasselbe zeichnet sich durch einen Fuss aus und 
trägt am scharfkantigen Bauche, da wo derselbe in den Hals 
übergeht, Verzierungen, die aus mehreren durch Zwischenräume 
getrennten Gruppen von 5 bis 8 kleinen parallelen, von oben 
nach unten laufenden Strichen bestehen. Diese Zwischenräume 
aber sind ebenfalls von 5 bis 8 wagrecht laufenden parallelen 
Linien ausgefüllt. Es hat eine Höhe von 5 cm ; der Durchmesser 
des oberen Randes beträgt 3^/^ cm, der des Fusses über 2^/^ cm, 
der des Bauches fast 5 cm. ^ — ■ Von einem anderen etwas grösserem 
Beigefäss war leider nur der Fussteil erhalten geblieben. Auf 
der einen Knochenurne in demselben Grabe hatte eine I2V2 cm 
lange, dem Schwanenhals-Typus sich nähernde Bronzenadel gelegen. 

Ausser diesem soeben beschriebenen Grabe, zu dessen Auf- 
deckung ich gerade dazu kam, hatte der Ansiedler unmittelbar 
vorher schon mehrere ganz gleiche — es waren ca. 6 — aufgegraben, 
deren Inhalt aber, da es ihm lediglich auf Gewinnung der Steine 
ankam, gänzlich zerstört, mit alleiniger Ausnahme von zwei 
durchbohrten Steinbeilen, die er beide auf dem Boden eines 
ebenso gestalteten Grabes gefunden und aufgehoben hatte. Dieses 
letztere Grab lag allein und von den andern etwa 20 m entfernt 
und war zuerst vor allen aufgefunden und entfernt worden. 
Nach der Beschreibung des Mannes hatte es dieselbe Steinsetzung 
wie die andern gehabt — über die Gestalt und Farbe der Urnen 
war nichts mehr zu erfahren; jedenfalls hatte aber auch dieses 
Grab kein Scelett, sondern ebenfalls Knochenurnen enthalten. 

Nachdem ich noch erfolglos mit der Sonde nach neuen 
Steinsetzungen gesucht hatte, machte ich mit dem Besitzer aus, 
dass er, falls er wieder auf Steine stiesse, dieselben ruhig so 
liegen lasse, ohne das Grab aufzudecken und trat dann, nachdem 
ich noch alle gefundenen Objekte erworben hatte, den Heimweg an. 

Drei Tage später erhielt ich die Nachricht, dass wieder Stein- 
gräber aufgefunden seien. Ich begab mich sofort per Rad an 
Ort und Stelle. Diese neuen Gräber waren aber leider nicht mehr 
solche der soeben beschriebenen Art, wie sie auch von diesen 
etwa 30 m entfernt lagen, sondern waren gewöhnliche Flach- 
gräber mit Steinpflasterung als Decke, wie sie an vielen Orten 
der Provinz vorkommen. Zwei von denselben deckte ich auf. 
Sie enthielten je 2 Knochenurnen, die mit je 2 übereinander- 
liegenden Schalen zugedeckt waren, und dicht daneben verschiedene 
Beigefässe, wie Schalen mit und ohne Henkel, Henkeltöpfe und 
grössere und kleinere henkellose Gefässe. Die Ornamentik der 
amphora- ähnlichen Knochenurnen war die bekannte Strich- 



24 



Ornamentik der Gefässe hiesiger Gegend aus besagten Flach- 
gräbern. Der Besitzer hat dann inzwischen noch gegen 20 bis 30 
Urnen, die mehr oder weniger beschädigt sind, selbst ausgegraben. 
Somit bezeichnet das prähistorische Gräberfeld von Morakowo 
eine Begräbnisstätte, die nach Ausweis der Gräber und Funde 
mehrere Jahrhunderte hindurch als solche benutzt gewesen sein 
muss und zwar bereits von Menschen, die noch der eigentlichen 
Bronzezeit angehörten, bis sie dann schliesslich auch dem Menschen 
der Hallstätter Kultur-Epoche zur Bestattung seiner Toten diente. 
Demnach ist dieselbe als eine der älteren prähistorischen Kulturstätten 
aus der näheren Umgegend von Wongrovvitz zu bezeichnen. 



Ein hundert Jahre altes humoristisches Gedicht 
über Posen. 

Von 
A. Warschauer. 

n einer wissenschaftlichen Zeitschrift, die in den Jahren 
1802 — 06 unter dem Titel „Südpreussische Monatsschrift" 
in dem Verlage von Decker zu Posen erschienen ist, und 
den ersten literarisch bisher noch nicht gewürdigten Versuch der 
Deutschen in Stadt und Provinz Posen, sich ein eigenes Organ 
für ihr geistiges Leben zu schaffen, darstellt, ist im Juli 1803 
(Jahrgang III Stück 2 Nr. 12) das unten folgende Gedicht über 
die Stadt Posen erschienen. 

Zum Verständnis des Gedichtes sollen folgende Bemerkungen 
über seine Entstehung dienen. 

Der „Freund Rivera", an den das Gedicht gerichtet ist, ist 
der bekannte Oberaccise- und Zollrat Hans von Held, der in der 
Zeit des Erscheinens unseres Gedichtes als Gefangener in der 
Festung Colberg sass. Er war in Posen in den Beamtenkreisen 
wohl bekannt, da er gleich nach der Organisation der Provinz 
bei der Accise- und Zolldirektion in Posen angestellt worden war, 
und hatte sich dort durch seinen Geist und sein poetisches Talent 
viele Freunde erworben. Eine Strafversetzung, die über ihn 
wegen eines als unehrerbietig ausgelegten Gedichtes zu Königs 
Geburtstag^) verhängt worden war, entführte ihn allerdings schon 
Ende 1797 nach Brandenburg, aber da seine Familie in Posen 



1) Siehe hierüber, wie über Hans von Held überhaupt Varnhagen 
von Ense, Biographische Denkmäler Bd. VII. S. 166 ff. und Grünhagen L., 
Zerboni und Held in ihren Konflikten mit der Staatsgewalt 1796—1802. 
Berlin 1897. 



^ 



25 



blieb und er ausserdem mit seinen alten Freunden in der Provinz, 
vornehmlich mit Zerboni weiter in ununterbrochenem Verkehr stand, 
so erhielt sich sein Andenken in Posen lebendig, besonders da 
er auch seiner eigenartigen Natur entsprechend dafür sorgte, dass 
alle Welt sich mit ihm und seinem Schicksale beschäftigte. Im 
Anfang des Jahres 1801 gab er das bekannte sog. Schwarze Buch 
heraus, in dem er mit unerhörter Heftigkeit und Schärfe die 
einflussreichsten Persönlichkeiten der damaligen Staatsverwaltung 
angriff. Die Folge war, dass er zur Amtsentsetzung und 18 
monatlicher Festungshaft in Colberg verurteilt wurde. 

Ebenso wie in Berlin nahm man auch in Posen an dem 
Geschick des Gefangenen allgemeinen Anteil, da er besonders auch in 
den Kreisen der Beamten als Märtyrer freier und unabhängiger Über- 
zeugung galt. Es war deshalb natürlich, dass ein jedes Lebens- 
zeichen von ihm aus der Festung begierig aufgenommen wurde 
und den Gegenstand für das allgemeine Gespräch bildete. 
Hans von Held versäumte denn auch nicht seine unfreiwillige 
Müsse zu einer ausgebreiteten literarischen Tätigkeit zu benutzen, 
die übrigens in keiner Weise zeigte, dass die Festungshaft ihn 
eingeschüchtert hatte. 

Seit dem Anfang des Jahres 1803 erschien zu Berlin im 
Verlage von Johann Wilhelm Schmidt eine Zeitschrift unter dem 
Titel: Feuerbrände für Deutschland oder: Annalen der Tugenden 
und der Laster, der Grösse und der Niedrigkeit, des Edelmuts 
und der Schurkerei unsres Zeitalters, nebst einer Gallerie grosser 
Tugendhelden und verwerflicher Bösewichter erster Grösse. 
Herausgegeben von X. Y. Z. Der anonyme Herausgeber war der 
Kriegsrat von Colin in Berlin, es ist aber zweifellos, dass Held 
ebenfalls an der Herausgabe beteiligt war. Im dritten Heft begleitete 
er einen Aufsatz über den nachteiligen Einfluss der Jagd auf den 
Landbau mit einem „Nachtrag des Herausgebers", den er mit v. H. 
unterzeichnete. Auch trägt der Marquis Posa-Ton der ganzen Zeit- 
schrift, die übrigens die Verhältnisse Südpreussens in hervorragender 
Weise berücksichtigte, die unverfälschte Färbung seines Charakters. 

In dem ersten Hefte S. 71 — 75 dieser Zeitschrift veröffentlichte 
Held unter dem Pseudonym Rivera ein Gedicht mit der Überschrift 

„H P und C g" (d.i. Hinterpommern u. Colberg) 

in 12 sechszeiligen Strophen, die in Inhalt und Form das 
Goethesche Lied „Kennst du das Land, wo die Citronen blühn'' 
parodierten. Die erste Stropfe lautete: 

Kennst du das Land, wo nur Kartoffeln blühn, 

Im dünnen Laub Abreschen rötlich glühn, 

Ein rauher Wind vom grauen Himmel weht, 

Am öden Meer die Krähe einsam geht? 

In dieses Land, in weite Ferne hin, 

Musst' ich, geführt von einem Wächter, ziehn. 



28 



In diesem Tone schildert er dann weiter das Volk, ,,wo 
Dummheit frech sich spreizt, und sich die Nas' mit Fingern 
schmierig schneuzt", die Dörfer, die Stadt Colberg selbst ,,die 
sich, im Zorn, der Staat zum Kehrichloch schon längst erkoren 
hat", das gesellschaftliche Leben, das Missvergnügen des in diese 
Einöde verbannten Militärs, den elenden Handelsverkehr des 
Hafens, die nach seiner Ansicht völlig unfruchtbare Idee, dort 
ein Seebad gleich dem in Dobberan anzulegen und alle andern 
negativen Vorzüge seiner Gefängnisstätte, die er als ,,[preussi]sche 
Botanybay" brandmarkte. 

In Südpreussen muss das Gedicht schnell bekannt geworden 
sein, da schon einige Wochen später die unten folgende Nach- 
ahmung in der erwähnten ,,Südpreussischen Monatsschrift" erschien. 
Das Gedicht schliesst sich nicht nur in der Form und im 
Gedankengang, sondern stellenweise sogar wörtlich an das 
Heldsche Gedicht an, setzt aber an die Stelle von Hinterpommern 
und Colberg Südpreussen und Posen und biegt auch die Tendenz 
vollkommen um, da es an die Stelle der Invektive das Lob setzt. 
Und gerade dies ist das kulturhistorisch Interessante an dem 
Gedichte. Es ist ein Beweis mehr dafür, dass sich die preussischen 
Eroberer in dem neu gewonnenen Lande wohl befanden und mit 
der eingesessenen Bevölkerung, deren liebenswürdige Naturanlage 
sie vollauf würdigten, in Frieden und Eintracht lebten. Es ist 
daran zu erinnern, dass sich in jener Zeit der nationale Gegensatz 
zwischen Deutschen und Polen noch nicht entwickelt hatte. In 
Folge hiervon erkannte der Pole der niederen Stände die väter- 
liche Fürsorge der preussischen Regierung für sein Wohl willig 
an, und sogar der Edelmann und der Geistliche empfanden ein 
gewisses Behagen, aus den unruhigen, Leben und Eigentum 
bedrohenden Wirren der letzten polnischen Zeiten in die gesicherten 
staatlichen Verhältnisse, wie derpreussische aufgeklärte Absolutismus 
sie bot, gekommen zu sein. Eine ergötzliche Schilderung dieses 
gesellschaftlichen Lebens, in dem der Verkehr der preussischen 
Beamten mit den vornehmen Polen sehr rege war und in manchen 
Trinkgelagen die Deutschen mit den katholischen Geistlichen sich 
massen, hat der Dichter J. L. Schwarz, der zur südpreussischen 
Zeit als Richter in Posen lebte, in seinem Buche ,,Aus den 
Memoiren eines südpreussischen Beamten" gegeben. (Vgl. hierüber 
Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen. 
Bd. X. S. 364—67). 

So ist der sympathische Ton vollkommen erklärlich, den der 
Verfasser des folgenden Gedichtes für die polnische Bevölkerung, 
sowohl den Bauer als den Edelmann, findet. Angenehm berührt 
auch die fast enthusiastische Vorliebe für die Stadt Posen das 
,, kleine Berlin", ihr Äusseres, ihre GeselHgkeit, die Freundlichkeit 



der Behörden, die Gleichberechtigung aller Stände und die Zufrieden- 
heit des Militärs. Die kameradschaftliche Gesinnung, mit der der Ver- 
fasser den unglücklichen Freund zum Schluss nach Posen einladet, 
mag ihm ebenso zur Ehre angerechnet werden, als es die Milde 
des Censors, der hiervon keinen Anstoss nahm, kennzeichnet. 

Der Name des Verfassers ist leider nicht zu ermitteln gewesen. 

Die Ortsdatierung ch zeigt, dass der Verfasser, als er das 

Gedicht schrieb, nicht in Posen lebte. Aber das Gedicht selbst 
zeigt, dass er die Stadt nicht nur kannte, sondern gewiss dort 
auch längere Zeit gelebt hat. Da das Gedicht Ende Juli abgefasst 
worden ist, so mag der Dichter damals vielleicht zum Sommer- 
aufenthalt nur vorübergehend ausserhalb Posens geweilt haben. 

Soweit das Gedicht noch weiterer Erläuterungen bedürftig 
erschien, sind diese als Anmerkungen zugefügt worden. 

S — p und P — n ^) an Freund Rivera. 

(Zu Pap. 71 des ersten Heftes der Feuerbrände für Deutschland.) 

Kennst du das Land, wo auch Kartoffeln blühn 
Im grünen Wald Erdbeeren röthlich glühn, 
Ein sanfter Wind die volle Ähre weht, 
Wild aller Art in grossen Heerden steht? 
In dieses Land, wo ich so glücklich bin, 
Zog dich einst Brod und Ehrenstelle hin. 

Kennst du das Volk, wo Frohsinn flott' sich spreizt, 
Sich auch die Nas' mit Fingern häufig schnauzt, 
Gastfreundschaft mehr, als man in Deutschland übt, 
Den schmutz'gen Witz und Selbstsucht Niemand liebt, 
Kennst du sie nicht, die guten Menschen hier? 
Sie bükken sich, ja bis zur Erde schier. 

Kennst du das Dorf? fast jedes ist ja so. 
Kein Schornstein fehlt, die Dächer sind von Stroh, 
Doch Schindeln hat das Wohnhaus seines Herrn, 
Dort fahr' ich vor, man sieht mich herzlich gern, 
Die Wirthin selbst kommt, führet mich hinein. 
Er trinkt mir zu vom besten Ungarwein. 

Kennst du die Stadt, die nur aus Lieb der Staat 
Zum Lieblingsplatz sich auserkoren hat? 
Man bauet dort viel Häuser gross und klein, 
Massiv und schön in langen graden Reih'n, 
Hier wohnt ein ausgesuchtes Allerlei, 
Hier ist kein sches Botanibay. 

Kennst du die Strass', wo rechts nur Häuser stehn-); 
Wo Grazien schockweis' spazieren gehn, 
Kastanien- und Pappelbäume blühn. 
Dem Wanderer zum Schutz, roth, weiss und grün? 
Punsch, Kuchen, Eis, Musik und gutes Bier, 
Kannst du für Geld beständig haben hier. 



^) Südpreussen und Posen. 

2) Die Wilhelmstrasse, die zu jener Zeit erst angelegt wurde. 



28 



Kennst du das freundschaftliche Kränzchen nichts), 
Wo man von Amtsgeschäften wenig spricht: 
Wo man vergnügt den hellen Becherklang 
Verbindet mit dem schönsten Rundgesang, 
Wo man den Stolz verbannet und verhasst, 
Den fremden Freund recht gerne sieht als Gast? 

Kennst du den Freund, den Chef der Polizei 2)? 
Er treibt's nicht nach der alten Litanei, 
Das Brod, das Bier, das Fleisch ist gut und fett, 
Die Strassen sind gefegt, ganz rein und nett, 
Christ, Grieche»), Jud', ein Jeder schätzt ihn sehr 
Man wünschet sich auch keinen Anderen her. 

Du kennst den mfssvergnügten Musquetier *) : 
Das Gegenstück siehst du tagtäglich hier. 
Der Chef^), kurzum das ganze Regiment, 
Stand' gerne hier bis an sein seel'ges End': 
Mag nicht vertauschen seine Garnison, 
Drum läuft auch selten Einer hier davon. 

Kennst du den grossen Gasthof^ hier nicht auch? 
Klein ist der Wirth^), doch hat er einen Bauch, 
. In seinem Hof brüss't stolz ein Pfauhahn sich, 
Der schrei't, wenn's regnen will, gar fürchterlich 
Und, was mir sonst an diesem Wirth missfällt, 
Ist, dass er sich zwei Bullenbeisser hält. 

Sieh' Bruder hier, dies ist kein Gothenland, 
Du kennst es ja, hier ehrt man jeden Stand, 
Komm zu uns her, du dem man Alles nahm. 
Rieht' auf dein Haupt, verscheuche deinen Gram. 
O! könntest du auf immer zu uns ziehn. 
Du fändest hier gewiss ein klein Berlin^). 

ch Ausgangs July 1803. -' • 



1) Offenbar die Ressource im Klug'schen Garten. Vgl. Schwärzt, 
Aus den Memoiren eines südpreussischen Beamten. S. 297. 

2) Es ist wohl der Polizeidirektor Bredow gemeint. 

3) Es befand sich damals in Posen eine nicht unbedeutende grie- 
chische Kolonie, deren Mitglieder meistenteils einen schwunghaften Wein- 
handel betrieben. 

*) In dem Heldschen Gedichte hiess es : 

Kennst du den missvergnügten Musquetier? 
Sein Island selbst bedauert er noch hier. 

5) Generalmajor Wilhelm von Zastrow. 

6) Hotel de Saxe auf der Breslauerstrasse, damals der vornehmste 
Gasthof Poserrs. 

^ Stegelin. 

8) Der Schluss des Heldschen Gedichtes lautete: 

Der Kranich zieht; O könnt ich mit ihm ziehn 
Gen Süden! — Schnell flüg' ich dann nach Berlin. 



29^ 

Literarische Mitteilungen. 



Bugiel V., Un cel^bre medecin polonais au XVIe siöcle 
Joseph Struthius (1510—1568), Contribution ä l'histoire de la 
Medicine ä r^poque de la Renaissance, Paris 1901, G. Steinheil. 

Diese Monographie verdient in doppelter Hinsicht Beachtung. 
Einmal als ein Beitrag zur Geschichte der Medizin, indem sie 
die fachliterarische und Lehrtätigkeit des bedeutenden polnischen 
Arztes Joseph Stru§ eingehend würdigt, besonders seinem bahn- 
brechenden Hauptwerke über die Lehre von den Pulsen, seiner 
Ars sphygmica die ihr gebührende Stellung in der Entwickelung 
der medizinischen Wissenschaft und der ärztlichen Kunst zuweist, 
und sodann als ein Kulturbild der gelehrten Berufskreise im 
Renaissancezeitalter. Durch die biographischen Kapitel, speziell 
durch diejenigen, welche das Kindes- und Jünglingsalter des 
Struthius sowie seine letzten Lebensjahre behandeln, steht die 
besproche Schrift in engem Zusammenhang mit unserer Provinzial- 
geschichte. Die Daten sind mit grossem Fleiss und grosser 
Sorgfalt aus einer umfangreichen Literatur, worin sie zerstreut 
sind, zusammengetragen. 

Joseph Struthius, wie sein nach der Sitte jener Zeit latini- 
sierter Familiennamen lautet, wurde zu Posen im Jahre 1510 
geboren. Er stammt aus einer jener angesehenen bürgerlichen 
Familien, welche um jene Zeit namentlich in den Städten des 
Königreichs Polen ein blühendes Erwerbsleben und weitreichende 
Handelsverbindungen mit fast allen europäischen Ländern unter- 
hielten. Sein Vater Nikolaus Strus war ein wohlhabender 
Kammfabrikant, der seinen drei Söhnen Balthasar, Joseph und 
Martin eine für jene Zeit gute höhere Bildung verschaffen konnte. 
Der älteste erlangte den Grad eines magister philosophiae und 
starb als Rektor der St. Magdalenen-Schule zu Posen, aus welcher 
später das heutige gleichnamige Gymnasium hervorgegangen ist, 
und als Pfarrer der Kirche gleichen Namens. Der jüngste Sohn 
Martin erhielt zwar eine gute Schulbildung, setzte aber dann das 
väterliche Geschäft fort. 

Der berühmteste der drei Brüder Struthius wurde der mittlere, 
Joseph. Dieser erhielt seinen ersten Unterricht in dem Lubranski- 
schen Gymnasium zu Posen. Dort war sein Lehrer im Lateinischen 
Thomas Bedermann, ein Schüler des Krakauer Gelehrten Johann 
von Stobnica. Nach Absolvierung des Gymnasiums bezog er 
die damals blühende Universität Krakau, um Medizin zu studieren. 
Im Jahre 1505 war durch eine Stiftung des Mathias von Miechow 
die Errichtung eines zweiten ordentlichen Lehrstuhls an der 
Krakauer medizinischen Fakultät ermöglicht worden. Den beiden 
ordentlichen Professoren standen noch mehrere ausserordentliche 



30 



zur Seite. Der medizinische Lehrkörper der Universität war also 
für jene Periode ausreichend entwickelt, wenn man bedenkt, dass 
selbst an der damals vorbildlichen Fakultät zu Padua nur vier 
ordentliche Professoren Medizin lehrten. Medizinische Doktor- 
promotionen fanden in Krakau zuerst 1527 statt. Vorher mussten 
die Studierenden der Medizin zur Erlangung des Doktorgrades 
von Krakau nach Padua gehen, wie es 1506 noch Kopernikus 
tun musste. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Struthius schon 
den ersten drei Promotionsakten am 28. Februar 1527 in Krakau 
beigewohnt hat. Er wurde nämlich 1529, wie urkundlich fest- 
steht, Baccalaureus liberalium artium und 1531 Magister. Nach 
dem Universitätsstatut von 1525 musste er vor der Baccalaureats- 
prüfung zwei Jahre Medizin und Philosophie studiert haben, also 
schon 1527 dorthin gekommen sein. Er trieb in Krakau Griechisch 
bei Georg Liban, Mathematik und Philosophie bei Valentin 
Morawski, Medizin bei Cyprian von Lowicz. Letzterem widmete 
er 1529 sein elegisches Gedicht De medicae artis excellentia. 
Durch Lowicz kam Struthius auch in Beziehungen zu dem sehr 
gelehrten und kunstsinnigen Kanonikus von Gnesen und von Lenschitz, 
Johann Laski, und zu dessen Oheim, Johann Erzbischof von 
Gnesen. Eine Anzahl lateinischer Gedichte und Prosaschriften 
aus jener Periode zeigen in ihrem Stil die hervorragende schrift- 
stellerische Begabung des Mediziners Struthius. Besonders sein 
Kommentar zu Lucians Astrologie in der Übersetzung des Erasmus 
von Rotterdam zeigt eine eminente Belesenheit des jungen 
21jährigen Autors in der gesamten klassischen griechischen und 
lateinischen Literatur, sowie in derjenigen der späteren Perioden 
bis auf seine Zeit. 

Im Jahre 1532 ging Struthius nach Padua. Dort wendet er 
sich seinen speziellen medizinischen Fachstudien ausschliesslich zu. 
Er treibt daneben als Hilfsfächer Physik und Astrologie. Dort 
wird er auch promoviert und 1535 zum Professor ernannt. In 
diese Periode bis 1545 fällt die höchste Blüte seiner wissen- 
schaftlichen Tätigkeit als Universitätslehrer in Gemeinschaft und 
im Verkehr mit den ersten medizinischen Autoritäten seiner Zeit, 
sowie die Herausgabe seines berühmten Werkes De arte sphygmica. 
Aus Anlass des Letzteren geriet er dann in wissenschaftliche 
Streitigkeiten mit seinen engeren Fachgenossen, die ihn zur Nieder- 
legung seiner Professur und zur Rückkehr nach Polen veranlassten. 

In Posen nahm er dann wieder seinen Wohnsitz, hochverehrt 
von seinen Mitbürgern. Der polnische Generalstarost Andreas von 
Gorka ernannte ihn zu seinem Leibarzt. Später wurde er an den 
polnischen Königshof nach Krakau berufen, um die kranke Tochter 
Königs Sigismund L, Isabella, die Gemahlin des ungarischen Königs 
Johann Zapolya, zu heilen. Als deren Leibarzt ging er mit nach 



31 



der ungarischen Hauptstadt. Der türkische Sultan SoHman IL 
berief später, als er schwer krank darniederlag, den berühmten 
polnischen Arzt von Buda nach Konstantinopel. Nachdem der 
Sultan genesen war, kehrte Struthius, welcher das Angebot, der 
Leibarzt des Padischah zu werden, ausgeschlagen hatte, fürstlicli 
belohnt in seine polnische Heimat zurück. Kurz darauf lud ihn 
der König von Spanien, Philipp IL, ein, an sein Hoflager nach 
Madrid zu kommen, aber er musste diese Ehre ablehnen, weil 
der Bruder Isabellas von Ungarn, der junge polnische König 
Sigismund August ihn inzwischen zu seinem Arzte ernannt hatte. 
Seitdem ist Struthius bis zu seinem Tode in Polen geblieben. 
Struthius war zweimal verheiratet. Seine beiden Gattinnen 
stammten aus seiner Geburtsstadt Posen. Die erste, die ebenso 
reiche, wie schöne und gebildete Polyxenia Ungar, aus einer 
Posener Bürgerfamilie, starb bald nach ihrer Verheiratung, die 
zweite entstammte den gleichen Kreisen und hiess mit ihrem 
Mädchennamen Katharina Storch. Die Familiennamen beider 
weisen auf eine deutsche Abstammung hin. Struthius ist kinderlos 
gestorben, die Akten eines Erbschaftsstreites um seinen Nachlass 
zwischen seiner Witwe und den drei Töchtern seines Bruders 
sind noch vorhanden. Von seinen früheren Freunden blieb ihm 
nur der Kanonikus Laski von Gnesen im späteren Alter erhalten. 
Seine reichhaltige Bibliothek wurde nach seinem Tode in alle 
Winde zerstreut. Auch dem öffentlichen Leben seiner Vaterstadt 
Posen hat sich Struthius nach seiner endgültigen Rückkehr dorthin 
nicht entzogen. Trotzdem seine Zeit als vielbeschäftigter Arzt 
sehr in Anspruch genommen war, bekleidete er das Amt eines 
Senators und wurde dann 1557 von seinen Mitbürgern zum 
Bürgermeister von Posen gewählt. Er starb hochverehrt im Jahre 
1568 als ein Opfer der Pest, welche damals in der Stadt Posen 
allein 6000 Opfer gefordert hat, nachdem er schon früher einmal 
als königlich polnischer Leibarzt von einem Anfall der tückischen 
Krankheit genesen war. Sein Grabmal mit lateinischer Inschrift 
war noch vor etwas über hundert Jahren in der Posener Kathedrale 
vorhanden, jetzt ist es verschwunden. F. Rosenbaum. 

Smigielski W., Wspomnienia z Kulturkampfu 1875 — 1870. 
(Erinnerungen aus dem Kulturkampf) Gnesen bei Lange, 190. 

Im Februar 1874 wurde der damahge Erzbischof von Gnesen 
und Posen Graf Ledochowski in das Gefängnis nach Ostrowo ab- 
geführt und bald darauf vom Staate seine Absetzung als Erz- 
bischof ausgesprochen. Die Folge davon war, dass die Neu- 
besetzung aller erledigten Pfarrstellen in der bisherigen Form 
vom Staate inhibiert wurde. Auch das Priesterseminar in Posen 
wurde geschlossen, aber das praktische geistliche Seminar in 



32 



Gnesen blieb bestehen, in ihm erhielt der Verfasser der oben 
benannten Schrift seine endgültige Vorbildung und darauf in Prag 
die Priesterweihe. 

Für den Fall seiner Einkerkerung hatte der Erzbischof 
mehreren Geistlichen die stellvertretende Verwaltung der Diözese 
übertragen, da auch diese jedoch die verwaisten Pfarreien ohne staat- 
liche Genehmigung nicht besetzen durften, schickten sie in dieselben 
heimliche Seelsorger, die sogenannten Missionare. Unserem Ver- 
fasser wurde auf diese Weise die Seelsorge in der Pfarrei Kotlow 
mit der Filialkirche in Chynowo bei Mixstadt übertragen. 

Die Erzählung, wie er in diesem ausgedehnten, zwischen 
grösseren Waldflächen sich hinziehenden Pfarrsprengel drei Jahre 
lang die täglichen und wöchentlichen Andachten abgehalten, 
Sakramente gespendet, die Kinder zur ersten hl. Kommunion 
vorbereitet und durch seine Gewandtheit und Geistesgegenwart 
den auf ihn patrouillierenden Sicherheitsbeamten öfters ein Schnipp- 
chen geschlagen hat, bildet den Hauptinhalt des Schriftchens. 

Diese Vorgänge sind ihrer Zeit in der ganzen Presse der 
Provinz und darüber hinaus besprochen worden, hier haben wir 
gleichsam die authentische Darstellung des damals Berichteten. 

Im Juli 1878 gelang es dem Gendarmen von Mixstadt, 
den Missionar zu arretieren, und der Gerichtshof von Kempen 
verurteilte ihn zu 2 Jahren Gefängnis, diese Strafe wurde von 
der zweiten Instanz in Posen auf 200 Gefängnistage herabgesetzt. 

Hiermit endigt die eigentliche Erzählung des Verfassers, 
nur kurz wird dann noch hinzugefügt, dass er sich auch nach 
der Entlassung aus dem Gefängnis noch 2 Jahre in Kotlow als 
Missionar aufhielt, ohne von den Sicherheitsorganen sonderlich 
behindert zu werden, da der Kulturkampf damals allmählich einem 
friedlichen Einvernehmen zwischen Kirche und Staat Platz machte. 

J. L^gowski. 



Historische Aliteiiung der Deutsclien Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 9. Februar 1904, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant 
,Wilhelma-, Wilhelmstr. 7 

OrdentSiche Generalversammlung. 

Tagesordnung: I.Jahres- und Kassen-Bericht. 2. Änderung 
des Vertrages mit der Provinzial-Verwaltung. 3. Wahl von Vorstands- 
mitglieder. 4. Wahl von drei Kassenrevisoren. 5. Vortrag des Herrn 
Dr. Bloch: Aus dem Leben des Posener Polizeipräsidenten Joseph 
von Minutoli. 

Redaktion: Dr. A. Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro-^ 

vinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg, 

Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 
MONATS BLATTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang V 



Posen, März 1904 Nr. 3 



Lewin L. , Ein grosspolnischer Bericht aus der Zeit des ersten 
Schwedenkrieges S. 33. — Knoop O., Beiträge zur Volkskunde der 
Provinz Posen S. 38. — Literarische Mitteilungen S. 43. — Nachrichten 
S. 47. — Geschäftliches S. 48. — Bekanntmachung S. 48. 

Ein grosspolnischer Bericht aus der 
Zeit des ersten Schw^edenkrieges. 

Von 
L. Lewin. 

er vorliegende aus dem Hebräischen übersetzte Bericht ist 
einem im Anfange defekten Kalendarium ^) entnommen. 
Der Schreiber und Verfasser Juda, Sohn des gelehrten 
Efrajim Chajim, aus Schneidemühl, teilt dort ausserdem noch in 
besonderen Bemerkungen einiges aus seinem Leben mit. Ihnen 
ist folgendes zu entnehmen. Sein Vater wird 1650 als noch 
lebend und 1663 als verstorben bezeichnet. Einer der Schneide- 
mühler Märtyrer, die am 24. und 25. April 1656 fielen, war er 
nicht. Juda war 1643 und 1645 in Schneidemühl und sodann 
in Lublin. Am 7. Tebeth (Dezember- Januar) 1648/49 war er in 
Kozienica (russ. Gouv. Radom), wo er bei einem nächtlichen 
Überfalle der Soldaten des polnischen Königs im Hause des 
Abram Zippors verwundet wurde. In der Not tat er Gott ein 
Gelübde und erfüllte es, als er genesen war. Den Märtyrern 
des Kosakenkrieges von 1648/49 widmete er eine hebräische 
Elegie^), deren Melodie diejenige des Liedes „Tag meiner Bürde "^ 




1) Die Abschrift verdanke ich H. Prof. Dr. Berliner zu Berlin, der 
mir mitteilte, dass anscheinend in jener Zeit mehrfach solche Kaiendarien 
angelegt worden sind; ein solcher aus Zempelburg vom Jahre 1703 
befindet sich in seinem Besitze. 

2) Ebenfalls im Besitze des H. Prof. Dr. Berliner. 

3 



34 



war, und die den Refrain „Und häufte bei der Tochter Jehudas 
Betrübnis und Wehklagen" (Klagel. 2, 5) und das Akrostichon 
„Der Tag der Not kam über uns" enthielt. Der Bericht über 
seine ferneren Schicksale in Grosspolen und Schlesien setzt mit 
dem Jahre 1654 ein. Juda starb am 28. Tamus (Juli-August) 
1693, seine Frau Matrona, Tochter des gelehrten Chajim, am 
17. Nissan (April) 1680 und seine Tochter Bina in Glogau 1664. 
Sein Sohn Chajim wird am 5. Tischri (September) 1667 erwähnt 
und ist wohl derselbe Chajim aus Schwerin a. W., der dort von 
einer Sonnenfinsternis in Landsberg a. W. aus dem Jahre 1701 
Nachricht gibt. Eine Einzeichnung aus dem Frühling 1661 
stammt von Ezechiel, dem Sohne des Märtyrers Isaak aus 
Schneidemühl. Der letztere ist der sechste in der Reihe der 
Blutzeugen von 1656, die das Memorbuch der Gemeinde Schneide- 
mühl aufzählt. 

Die Übersetzung ist möglichst wortgetreu. 
„....Als wir in dem Dorfe Pozrowe^) wohnten, dachten wir 
in Frieden zu leben. Gottes Zorn traf uns aber, und meine 
älteste Tochter Jitta s. A. wurde krank. Sie starb später hier in 
Glogau am Montag, den 7. Cheschwan^). Sie erkrankte in der 
Mitte des Monats Elul (August-September) 1654 an der Pest und 
hatte eine sehr grosse Beule. An dem Neujahrstage (September) 
jenes Jahres Hess man mich nicht unter die Menschen gehen, 
und man wollte mit mir nicht in Berührung kommen. Zu jener 
Zeit erwartete meine Frau ihre Niederkunft, aber keine Hebamme 
wollte wegen der verpesteten Luft zu uns kommen. Gott sandte 
uns Frau Bona aus der jüdischen Gemeinde Wronke, die unter 
so schweren Bedingungen kam, dass sie hier garnicht auf- 
gezeichnet werden können. Eine Tochter wurde uns geboren, 
die wir Glücke nannten nach den Worten der heiligen Schriit:^) 
Das Glück ist gekommen. Die Seuche wurde immer schlimmer, 
sodass wir gezwungen wurden, uns von dort zu flüchten. Man 
konnte in dieser Gegend nicht bleiben, weil sie unter den Christen» 
immer stärker wurde. Im Monate Cheschwan flüchteten wir uns 
nach dem Dorfe Lubowo^) in die Wälder. Dort waren wir, ein 
jeder unter seiner Eiche, beinahe sechs Wochen zerstreut. Als 
die Christen, die uns über die Warthe gesetzt hatten, nach Hause 
kamen, erfasste sie sofort die Seuche, an der sie starben. Wir 
weideten — eine Herde Gottes^) — auf dem Felde; niemand 



1) Pozarowo, westlich von Wronke. P. wird nicht im Berichte, 
sondern in einer besonderen Einzeichnung genannt. 
'^) Oktober-November. Ohne Jahreszahl. 
^) 1. Buch Mosis 30, 11. 

*) Am rechten Ufer der Warthe, unterh. Wronke. 
••) Nach Psalm 100, 3. 



35 



erkrankte. Unser Grundherr wunderte sich sehr darüber, hatte 
uns in Verdacht und sagte, dass man es unmöglich glauben 
könne, da die beiden Fährmänner gestorben seien. In jenem 
Dorfe wohnten wir bis zum 15. Schebat (Januar-Februar). In 
jenem Winter herrschte grosse Kälte, und man bemerkte, dass 
in früheren Jahren eine solche nicht gewesen war. Als wir 
(sodann) in Wronke wohnten, begannen die grossen Kriegswirren, 
die täglich stärker wurden. Die Schweden kamen ins Land Polen, 
in das Grenzgebiet Schneidemühls, und rückten mit schwerem 
Kriegsvolke an. Zwischen den 17. Tamus und dem 9. Ab 
(August) — alte Unglückstage ^) — 1655 sahen wir uns zur Flucht 
genötigt und zerstreuten uns. Wir flohen nach Grätz. Als wir 
dorthin kamen, konnten wir uns durch das Judenviertel keinen 
Weg bahnen. Dieses war voll von Wagen, die zur Flucht nach 
Schlesien bereit gehalten wurden. Die Wagen waren übervoll 
beladen, und grössere und kleinere Kinder sassen auf ihnen. 
Alle zogen von dort gemeinschaftlich ab. Wir blieben im Hause 
meines Oheims Salman, weil wir nur bis Grätz einen Wagen 
hatten. Kein Fuhrmann war vorhanden, der uns hätte weiter 
bringen können. Als wir dort ungefähr eine Woche waren, 
kam eine Friedensbotschaft, die besagte, dass der Schwedenkönig 
über die Länder Polens herrschen werde. In diesem Jahre hatte 
das Land Ruhe. Ein Teil der Leute kehrte in die Heimat zurück. 
Zu jener Zeit sagte ich mir: „Was liegt daran, ob ich hier oder 
in Wronke bin? Dort ist nicht mein Haus. Das ist kein rechter 
Frieden. Wer weiss, was der Tag noch gebiert'^) und was am 
Ende sein wird?" Ich blieb im Hause meines Oheims in Grätz 
von der Zeit zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Ab 1655 
bis nach dem Passah 1656. Aber einigemale kam über uns 
der Schrecken seitens der Kriegsleute. Damals wurde die Macht 
der Schweden in Polen immer schwächer. Die Angst vor den 
Polen befiel sie. Sie begannen aus dieser Gegend zu entweichen. 
Jeder, der sie traf, tötete sie; (es war) eine Niederlage unserer 
Feinde. Inzwischen war ein neuer König erstanden^), der neues 
Unglück brachte. Um unserer grossen Sünden willen regten sich 
die Leiden über dem Gottesvolke, dem heiligen Israel, und da 
einmal der Vernichtung freie Bahn gegeben war, machte sie 
keinen Unterschied zwischen gut und böse. Sie töteten jeden, 
den sie trafen, und erschlugen in schweren Todesarten. Das 
war nach Passah 1656. Die Israeliten flohen vor dem gewalt- 



1) Am ersteren Eroberung Jerusalems, am letzteren Zerstörung des 
Tempels. 

2) Spr. Sal. 27, 1. 

3) Johann Kasimir von Polen 1648—68. 

3- 



36 



tätigen Schwerte in alle Länder, zerstreut und zersprengt^). Gott 
behüte uns, den übrig gebliebenen Rest! Damals entflohen wir 
aus Grätz. Als wir mit grosser Mühe uns fortbewegten und 
ausserhalb der Stadt bereit waren, auf Wagen nach dem Lande 
Schlesien zu ziehen, da kam ein Befehl vom Schlosse, vom 
Fürsten, dass kein Mensch die Stadt verlassen solle. Wer es 
sich beikommen lasse von dort fortzuziehen, verliere das Nieder- 
lassungsrecht. Ein Mittelsmann kam zu uns und sagte: ,, Kehre 
nach dem Orte um, in welchem du gewohnt hast'', indem er 
viel Zudringlichkeit, Bitten und Verdächtigungen anwandte. Ich 
erwiderte ihm, dass ich nicht aus diesem Orte sei, sondern aus 
der Fremde. Nachdem ich zu ihm geredet hatte und in ihn 
gedrungen war, ging er von mir. Wir zogen die gange Nacht 
hindurch in Furcht vor Gott und Angst vor den Mutwilligen, die 
sich dort zu Hunderten in der Stadt Priment^) angesammelt 
hatten. Zur Zeit der Morgenwache, als wir in das Dorf Wirzum^) 
kamen, brach unser Wagen. Wir befanden uns in der Mitte des 
Dorfes. Die Leute dort waren alle brav. Grosse Angst befiel 
uns; denn ich war allein geblieben. Ich gab ihnen Arbeitslohn, 
und sie stellten den Wagen wieder auf seine Räder. Das erschien 
uns als ein grosses Wunder vom Himmel, denn alle Wagen, die 
hinter uns fuhren, wurden von den Männern des genannten Ortes 
beraubt. Sie behandelten (die Reisenden) sehr gewalttätig und- 
schlugen sie. Aus ihrer Gewalt gab es keine Rettung, sodass Angst 
vor ihnen die Juden befiel . . . Durch Gottes ...*), der mich bis. 
hierher leitete. Wir schlugen unsere Zelte im Dorfe Lippen^) 
auf. Dort befanden sich gegen 24 jüdische FamiUenhäupter aus 
Grätz. Ich litt damals Mangel an allem und war sehr arm, 
nachdem wir, wie zu früherer Zeit, durch die oben erwähnte Pest 
in die Enge getrieben worden waren. Die Reise verringert drei 
Dinge^). Wir hatten keinerlei Subsistenzmittel, aber die Be- 
friedigung über die Rettung Israels war gross. Gott sei Dank! 
Ich war dort Beamter für den (durch) Gott (geretteten) Rest und 
den Rest der Gemeinde. Meine Entlohnung bestand in nur 
18 Groschen (wöchentlich) ausser dem Schlachtgelde. Ich war 
Lehrer der Kinder. Aber von all' dem genannten Beamtentume 
hatte ich kein Brot für mich und mein Haus, da ich zu verschämt 
war, um zwei oder dreimal in Geldangelegenheiten jemanden 



1) Näheres darüber s. ZHGPo s XVI 80 ff. 

2) Im Kreise Bomst. 

3) Widzim (Alt- und Neu-W.) nordwestlich von Priment. 

4) Unleserlich. 

5) Nördlich von Carolath. 

6) Geld, guten Namen und Fruchtbarkeit; vgl. den Pentateuch- 
kommentar von Raschi zu 1. Buch Mos. 12, 2. 



37 



anzusprechen. Gott ist mein Zeuge, als das Fest der Gesetzgebung^) 
1656 kam, war nichts vorhanden, um auch dem Körper Festes- 
freude zu bereiten. Da erweckte Gott im Himmel den Geist 
des grossen Fürsten Schönaich '•^j und sprach zu mir: ,,Was tust 
du hier? Erhebe dich und gib dieses Amt auf!" Ich wurde 
an den Hof zur Fürstin gerufen. Er gab mir zur Arbeit die 
dörflichen Gebilde und Blumen und sonstige Behälter (?) ohne 
Mass, täglichen Unterhalt meinem Hause. Die Bezahlung war 
sehr gut. Das übrig bleibende konnte ich verkaufen. So will 
ich denn Lob und Dank deinem Namen geben, o Gott! Wie 
schön ist unser Anteil und wie lieblich unser Los ! AU' das war 
meine Arbeit auf dem Schlosse in Carolath^) beinahe ein und 
einviertel Jahr, bis die Frau des Fürsten Schönaich starb. Dann 
zog ich nach dem etwa eine halbe Meile entfernten Beuthen. 
Dort wohnten wir in fremdem Lande am Orte der Ruhe, und 
dort blieben wir, einer nach dem andern, und die Zahl der 
jüdischen Familienhäupter vermehrte sich auf beinahe 50, alles 
achtbare Männer. Dort wohnten wir 1658 und 1659 in Ruhe, 
Sicherheit, Frieden und Wohlfahrt. So leite Gott uns in Ewigkeit! 
Im Jahre 1659 zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Ab, als 
wir in Beuthen wohnten, zog der Heerführer Susa'^) gegen die 
grosse Stadt Stettin. Dort war die grosse Landstrasse, auch alle 
seine Heeresmassen, gegen 20000 Mann. Angst vor ihnen befiel 
uns. Wir wollten dort wegen Ausschreitungen nicht wohnen, 
gingen fort und zogen nach Glogau, um beim Landesfürsten und 
beim Heerführer uns um die Erlaubnis zu bemühen, ausserhalb 
der Stadt wohnen zu dürfen. Wir waren gezwungen, mit uns 
als Hüter des Weges einen der Kriegsleute zu nehmen, die dort 
in Beuthen zum Schutze der Stadt waren. Er aber war uns ein Zer- 
störer (aus) der Stadt, denn auf dem ganzen Wege beraubte er 
uns, tat uns Gewalt an und schlug uns. Wir wohnten in der 
genannten Gemeinde von jener Zeit an bis heute, das vierte 
Jahr, und Erleichterung und Errettung (ward uns). Noch am 
heutigen Tage wohnen wir mit Hilfe des Himmels bei den 
Männern der jüdischen Gemeinde; alle sind sie achtbare Männer 
und alle tun sie mir gutes; sie sind wohltätige Männer, in ge- 
lehrter Versammlung bewandert in der heiligen Schrift, in der über- 
lieferten Lehre und in rechtlichen Entscheidungen. Heute Montag, 
während der Perikope, (die die Worte enthält:) ,,Der Herr streitet 



^) 6. und 7. Siwan (Mai-Juni). 

-) Georg von Schönaich war damals Herr von Carolath und 
Beuthen. 

3) Marktflecken am rechten Ufer der Oder, gegenüber von Beuthen 
im Kr. Freistadt, Reg.-Bez. Liegnitz. 

^) de Souches. 



38 



für Euch, und ihr sollt schweigen^)" 1663. Juda, Sohn des R. 
Efrajim Chajim s. A. aus Schneidemühl, jetzt hier in Glogau in 
Schlesien, einen Tag vor dem Aderlasse, der mir zur vollkommenen 
Heilung sein möge". . . /'^) 



Beiträge zur Volkskunde der Provinz Posen. 

Von 
O. I^noop. 

I. Waldgeister. 

I.*) 

Vor Sokolowo befindet sich ein Wald, in dem es spuken 
soll. In einer Nacht fuhr ein Bauer von einem Vergnügen nach 
Hause. Als er an den Wald herankam, sah er auf dem Wege 
einen Ochsen Hegen, der brüllte und wälzte sich herum. Da 
wurden die Pferde wild und liefen quer feldein, um aus dem 
Bereiche des Bösen zu kommen. 

II. 

An der Chaussee von Gembitz nach Mogilno befand sich 
früher ein Wald. Dort pflügte einmal ein Bauer auf dem Felde, 
und ihm brach der Schwengel. Ärgerlich warf er ihn fort und 
stiess dabei die Worte aus: „Geh' zum Teufel!" Nach einigen 
Tagen war der Mann nach Mogilno zum Ablass gefahren. Er 
fand einige gute Freunde, und so machte er sich erst spät auf 
den Heimweg. Als er an das Wäldchen gekommen war, rauschte 
etwas in den Büschen, und heraus trat ein schwarzer Mann, der 
Leibhaftige. Er zeigte dem Bauern den zerbrochenen Schwengel 
und fragte ihn, ob er denselben kenne; er fügte hinzu, dass er 
dabei sei, sich mit ihm zu schlagen. Da bekam der Mann Angst 
und fing ein Gebet an, und der Leibhaftige musste sich zurück- 
ziehen. 

III. 

Ein Lehrer aus Chojna ging in einer Nacht durch den 
Wald bei Schmogelsdorf. Wiederholt hatte er den Wunsch ge- 
äussert, er möchte einmal einen Geist sehen. Als er nun im 



1) 2. Buch Mos. 14, 14. 

2) Am Schlüsse die Mitteilung, dass auch der Glogauer Rabbiner 
R. Jacob ihm gutes erwiesen habe. 

■•) Die Sagen wurden mir mitgeteilt durch Herrn Lehrer A. Szul- 
czewski in Brudzyn. 



39 



Walde dahin schritt, bemerkte er plötzlich eine schwarze Gestalt 
in seiner Nähe. Er glaubte, ein Freund wolle ihm einen Streich 
spielen und ihn in Schrecken versetzen. So ging er in den 
grössten Schmutz hinein. Aber die Gestalt ging immer einige 
Schritte vor ihm, und zwar ebenfalls im Schmutz. Den Tritt 
derselben hörte er jedoch nicht. Endlich wurde ihm die Sache 
zu bunt. Er blieb stehen, die Gestalt ebenfalls. Da streckte 
er seinen Regenschirm vor sich, als ob er damit schiessen wollte, 
und rief: „Jetzt stehe, oder ich schiesse". Da lachte die Gestalt 
hell auf und verschwand auf der Stelle. Im Walde aber entstand 
ein grosser Wind, so dass der Lehrer froh war, als er das freie 
Feld erreicht hatte. 

IV. 

In dem Wäldchen, das bei Janowitz gelegen ist und zum 
Gute Brudzyn gehört, treibt sich ein schwarzer Mann von mächtiger 
Gestalt herum, den viele gesehen haben wollen. So hat er 
öfters Wilddiebe davongejagt, und auch der Förster erzählt, dass 
er, wenn es im Walde dunkelte, jenen schwarzen Mann habe 
durch den Wald schreiten sehen. Nach dem Glauben der Leute 
soll es der Teufel sein, der sich auf dem Gutshofe von Brudzyn 
als lahmer Hase zeigt. 

Das erwähnte Wäldchen stösst im Osten an die Felder des 
Gutes Wloszczanowo. Hierhin geht das Wild, das sich sonst im 
Walde aufhält, grasen. Vor einigen Jahren kam immer ein 
stattlicher Rehbock heraus. Der Gärtner bekam den Auftrag, 
denselben zu schiessen. Er nahm seine Flinte und einen kleinen 
Schemel mit sich, um auf dem Anstand zu sitzen. Er suchte 
sich eine günstige Stelle am Waldesrande aus. Ein Steinhaufe, 
der noch jetzt da liegt, verdeckte ihn. Da es noch sehr zeitig 
war, setzte sich der Gärtner auf seinen Schemel, stellte die Flinte 
zwischen die Kniee, rauchte sich seine Pfeife an und wartete der 
Dinge, die da kommen sollten. Am Waldesrande führt von 
Brudzyn nach Janowitz ein Steig, den die Leute öfters benutzen. 
So beachtete der Gärtner auch den schwarzgekleideten Mann 
nicht weiter, der auf dem Steige gegangen kam, bis er vor ihm 
stand. Den Gärtner überlief es jetzt eiskalt, denn einen 
mächtigeren Kerl hatte er noch nie gesehen. Der Mann fragte 
ihn: „Hast Du Deine Pfeife schon ausgeraucht?" Dann setzte 
er seinen Mund an den Lauf der Flinte und pfiff hinein, dass 
sich die Bäume im Walde nur so bogen. Vor Schreck stiess 
der Gärtner mit dem Fuss an den gespannten Hahn der Flinte, 
und die Flinte ging los, und der ganze Schuss ging dem 
Fremden in den Mund. Der aber spuckte die ganze Schrot- 
ladung auf den Gärtner und stand grinsend vor demselben. Da 



40 



ergriff der Gärtner Pfeife und Flinte und lief, den Schemel 
zurücklassend, von dannen. Und seit der Zeit war er nicht mehr 
zu bewegen, auf die Jagd zu gehen. 



Die hier mitgeteilten vier Volkserzählüngen erscheinen bei 
oberflächlichem Lesen zunächst als wertlose Spukgeschichten, wie 
solche zu Hunderten im Volke herumgehen, und doch reichen 
sie, was ihren Inhalt anlangt, in ein hohes Altertum hinauf, in 
eine Zeit, wo der Glaube an Waldgeister noch im Volke lebendig 
war, in die Zeit slavischen Heidentums. Man sieht leicht, dass 
dreierlei den mitgeteilten Sagen gemeinsam ist: ein Wald, ein 
Mann und ein gespenstisches Wesen, der Teufel. In den drei 
letzten Stücken erscheint der Teufel, wie auch sonst vielfach, als 
schwarz gekleideter Mann, als schwarze Gestalt; doch auch der 
brüllende und sich wälzende Ochse ist, wie auch die Leute 
selbst noch sagen, der Böse. Als Ochse zeigt sich der Teufel 
öfter; in der Gestalt eines Bullen bewacht er nach einer kaschu- 
bischen Sage einen Schatz, s. meine hinterpom. Sagen, S. 67; 
vgl. S. 73. 

Es ist bekannt, dass in der Zeit des Christentums nicht 
nur in der deutschen, sondern auch in der polnischen Sage der 
Teufel an die Stelle von alten heidnischen Gottheiten getreten 
ist. In unseren Sagen vertritt er zweifellos den Waldgott. Den 
heidnischen Slaven war, wie auch den Germanen, der Baum kein 
totes Wesen; der Baum hat — und Überreste dieses Glaubens 
haben sich im Aberglauben, in den Gebräuchen und Sagen des 
polnischen Volkes noch zahlreich erhalten — seine Seele, ist 
der Sitz einer in ihm wohnenden Gottheit, die ihm Leben ver- 
leiht, die ihn schützt und den Frevler bestraft. Aus Kruschwitz 
wurde mir folgende Mitteilung gemacht: „Trotzdem in dem be- 
nachbarten Russisch-Polen fast auf jedem Gehöft ein oder mehrere 
wilde Birnbäume stehen, kann sich doch der gewöhnliche Bauer 
nicht entschliessen, einen davon, selbst gegen hohe Bezahlung, 
umzuhauen. Er glaubt nämlich, dass ihm dann seine beste Kuh 
im Stalle krepieren wird." Es ist eben der vertriebene Baum- 
geist, der den Frevler in dieser Weise bestraft. Und so hat 
denn auch der Wald seine Waldgeister und hat seinen Waldgott, 
wie auch nach verwandtem russischem Volksglauben ein Herr 
an der Spitze sämtlicher Waldgeister steht. 

Neben dem Waldgott steht naturgemäss die Waldgöttin als 
Herrin und Schützerin des Waldes. Auch sie ist vielfach dem 
Teufel gewichen. Als weisse Dame erscheint sie in einer schönen, 
mehrfach altertümliche Züge aufweisenden Sage aus Jablonowo, 
Kr. Kolmar, die A. Korytowski im Hausfreund, Tägliche Unter- 



41 



haltungsbeilage zur Ostdeutschen Rundschau, Jahrg. 1896, 
Nr. 133, veröffentlich^ hat. Ihrer Wichtigkeit wegen lassen wir 
die Sage hier unverkürzt folgen. 

,,Eine Perle unseres Ostens ist die Herrschaft Jablonowo, 
reich an fruchtbaren Äckern, ertragreichen Wiesen und herrlichem 
Walde. Zahlreiches Hoch- und Niederwild findet in den überall 
sorglich angelegten Horsten sicheren Schutz. Wald und Wild 
erfreuen sich aber noch eines besonderen Schutzes: des der 
weissen Dame. Der Volksmund erzählt sich darüber Folgendes: 
Zwei Besitzersöhne aus der Umgegend waren um Mitternacht 
ausgefahren, um sich eine Fuhre Holz aus dem Jablonowoer 
Walde zu holen. Kaum hatten sie einige ,, Ricker'' herunter- 
gelassen, als flammender Lichtschein den Wald erhellte und eine 
weiss^ gekleidete Dame mit wallendem Schleier auf milchweissem 
Schimmel durch den Wald jagte, wobei ein wilder Sturm die 
Baumwipfel durchsauste und kläffendes Hundegebell die Luft 
erfüllte. Von Entsetzen erfasst, eilten die sonst gar nicht 
ängstlichen jungen Leute zu ihrem Gespanne, Hessen alles ira 
Stiche und langten mit zitternden und schaumbedeckten Pferden 
auf ihrem Gehöfte an. 

Seit der Zeit wagte es niemand, den Wald zur Nachtzeit 
mit Pferden zu besuchen, um so weniger, als auch dem alten 
Förster die weisse Dame im Walde erschien und ihn wegen der 
fehlenden Hölzer zur Rede geteilt haben soll. Auch wenn der- 
selbe von nun an sein Haus nicht verlassen hatte, wusste er, 
wann und wo Holz gestohlen worden war, und er wurde unwill- 
kürlich von unsichtbarer Hand auf das Gehöft des betreffenden 
Entwenders geführt. Im Volke herrschte sogar die Meinung, der 
Alte stehe mit dem Bösen in Verbindung. 

Kreuzwege haben der Sage nach stets ihr GefährUches, und 
das musste auch ein Gärtner aus dem nächstgelegenen Dorfe 
erfahren. Ein leidenschaftlicher Jäger, hatte er sich zur 
Nachtzeit auf den Anstand begeben und dazu den Kreuzweg 
östlich von einem herrlichen Buchenwalde gewählt. Etwa 
50 Schritte davon stand eine steinalte, weitverzweigte Grenz- 
eiche, während eben so weit in entgegengesetzter Richtung sich 
der Kiebitzbruch befand. Um Mitternacht nun sah der Gärtner 
mehrere Rudel Hirsche und Rehe aus dem Buchwalde hervor- 
jagen, dahinter die weisse Dame hoch zu Ross mit fliegendem 
Schleier. Reiter und Läufer folgten in wildem Jagen. Mehr tot 
als lebendig sah er die ganze Jagd an sich vorbeisausen, doch 
gelang es ihm, einem der letzten Läufer ein Stück vom — wie 
das Volk erzählt — Zeuge abzureissen. Trotz der Finsternis 
glänzte das Stück in seinen Händen und war schwer wie eitel 
Gold. Zugleich aber fuhren Blitz- und Donnerschläge in die 



42 



Eiche und den Kiebitzbruch, dass Sphtter und Wasser ihn 
umspritzten. Dann war alles verschwunden. Seinen Schatz fest- 
haltend, eilte der Gärtner heimwärts und verschluss ihn in die 
Lade. Als er aber am andern Morgen seiner Frau das ihm 
zuteil gewordene Glück mitteilte und ihr den Schatz zeigen 
wollte, fand er in der Truhe nur ein Stück — Eichenrinde. Die 
ihren Wildstand schützende Herrin hatte es ihm für immer ver- 
leidet, auf den Anstand zu gehen." 

Wie in dieser Sage, so sind auch in unserm vierten Stück 
die mythologischen Beziehungen noch ziemlich klar. Der 
schwarze Mann, der sich schon durch seine riesige Gestalt und 
seine Unverletzbarkeit als dämonisches Wesen kennzeichnet, jagt 
die Wilddiebe davon wie die Jablonowoer Waldfrau, schützt 
also seinen Wald vor Baumfrevlern. Ein Waldfrevler ist aber 
auch der Gärtner : er ist willens, ein der Gottheit des Waldes 
gehöriges Tier niederzuschiessen. Das giebt die Gottheit nicht 
zu. Die vom Teufel, wie auch im deutschen Märchen, für eine 
Tabakspfeife angesehene Flinte ist eine spätere schwankhafte 
Zuthat; alt aber ist der Zug, dass die Bäume des Waldes sich 
biegen bei dem Pfeifen oder Blasen des Waldgottes. 
f; In der dritten Sage von dem Lehrer — späterer Zusatz — 
aus Chojna haben wir es mit einem Spötter zu tun. Der Mann 
will gern einen Geist sehen; er hat das oft spöttisch geäussert. 
Und nun erscheint ihm im Walde der Teufel, der Geist des 
Waldes, der sein dämonisches Wesen einerseits, wie in der 
vierten Sage, durch das Hervorrufen eines gewaltigen Windes, 
andererseits durch ein lautes, helles Lachen kundgiebt. Helles, 
höhnisches Gelächter lassen in zahlreichen polnischen Sagen die 
Geister, besonders die Wassergeister, hören. 

So wird nun auch unsere zv/eite Sage klar. Der Bauer 
hat den Schwengel zerbrochen ; ärgerlich hat er die Stücke fort- 
geworfen und dabei die Worte gesprochen: ,,Geh zum Teufel!" 
Er hat den Teufel gerufen, nun tritt dieser dem vom Ablass 
Heimkehrenden entgegen, den zerbrochenen Schwengel in der 
Hand haltend, und will sich mit dem Manne schlagen. Warum 
schlagen? Bios, weil er den Teufel gerufen hat? Nein, sondern 
weil der Bauer ohne Schwengel nicht weiterpflügen konnte, hat 
er im Walde einen starken Ast abgebrochen oder ein Bäumchen 
abgehauen und sich daraus einen neuen Schwengel gemacht. 
Er hat also einen Waldfrevel begangen, und den will der Wald- 
geist rächen. Und so ist es zweifellos auch in der ersten Sage 
ein Baumfrevel, den der Waldgott hindern oder den er bestrafen 
will. Die Sage hat hier das Motiv seines Erscheinens vergessen, 
während es in der zweiten wenn auch unklar angedeutet ist. 



43 

Literarische Mitteilungen 



Ursprung, Folge, Verwandtschaft der Familie Kitzmann. 
Zusammengestellt durch Richard Alfons Johann Edwin 
(v. Kitzmann- Cadow) bis zum Ausgange des Jahres 1900. 
O. J. Druck von Emil Soyka, Breslau. 138 S. 

Der Verfasser hat seinem Werke die Worte aus Goethes 
Iphigenie: „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt u. s. f." 
als Motto vorangesetzt und sich der schönen Aufgabe unterzogen,, 
„den Sinn zu fördern, der sich des Zusammenhangs in der 
Familie bewusst ist, das Gedächtnis an die Vorfahren mit Pietät 
pflegt und auch das Andenken der jetzt Lebenden bei den Nach- 
kommen zu erhalten sucht". Ein Unternehmen, das gewiss 
warme Anerkennung verdient. Das Buch wendet sich nicht an 
die grosse Öffentlichkeit, sondern ist zunächst nur für die Familie 
bestimmt, in der es „als ein Erbstück von Geschlecht zu Geschlecht 
erhalten und fortgesetzt werden soll". Wenn wir das Buch trotz- 
dem an dieser Stelle besprechen, so geschieht das, weil es auch 
für die Geschichte unserer Provinz, insbesondere der deutschen. 
Bodenbesitzbewegung im 18. und 19. Jahrhundert manches nicht 
unwichtige Material beibringt. An einem typischen Beispiele 
wird uns das Werden und Wachsen einer deutschen Grossgrund- 
besitzerfamilie auf slavischem Kolonialboden vorgeführt. 

Aus einem angesehenen, zu Fritzlar in Hessen ansässigen 
Bürgerhause, dessen Mitglieder sich bis ins 13. Jahrhundert 
zurückverfolgen lassen, herstammend, wanderte bald nach 1772. 
Carl Ludwig Kitzmann in unser Land ein, um als Königlich 
preussischer Domäneninspektor tätig zu sein. 1793 v/urde er 
nach dem neuerworbenen Südpreussen versetzt und kaufte sich 
dort das Erbschulzengut zu Radom, Kreis Obornik. Sein Sohn 
Christoph ging 1790 den Ehebund mit Anna Elisabeth, der 
Tochter des Herrn v. Cadoff auf Jerzykowo, Kreis Schroda ein, 
was 1886 zur Nobilitierung der Familie unter dem Namen 
„Kitzmann genannt von Cadow" führte. Der Besitz des Hauses 
mehrte sich; schon im 18. Jahrhundert kam Gr. Kolata Kreis 
Schroda hinzu, 1825 Szczeglin Kreis Mogilno, 1827—^1881 eine 
grosse Anzahl meist im Gouvernement Kaiisch gelegener Güter. 
So ist denn in der Entwicklung des Kitzmannschen Hauses ein 
gewisser Zug nach dem Osten nicht zu verkennen, sodass zur 
Zeit fast der ganze Güterbesitz der Familie jenseits der russischen 
Grenze liegt; ein Spross des Hauses ist Rechtsanwalt in Warschau. 
Dass dabei für den deutschen Kulturträger die Gefahr vorliegt, 
inmitten der rein polnischen Umgebung Schaden an seiner 
Nationalität zu erleiden, geht aus manchen Einzelheiten hervor^ 



44 



z. B. aus den Unterschriften auf dem Kaufkontrakt von 1841 
(S. 77): Severyan und Jozefa Mitelszedt (::=: Mittelstadt). 

Der Verfasser hat für seine Aufzeichnungen im Wesentlichen 
die annalistische Form gewählt, indem alle wichtigeren Ereignisse 
von 1297 — 1900 unter den zugehörigen Jahren verrnerkt sind. 
Natürlich werden die Mitteilungen irnmer genauer, jemehr sie 
sich der Gegenwart nähern. Zum Schluss berichtet der Verfasser 
über seinen eigenen Lebensgang, wobei manche kulturgeschichtlich 
nicht uninteressante Streiflichter auf das Gutsbesitzerleben in 
Kussisch-Polen fallen. Im übrigen sei noch erwähnt, dass nicht 
nur über das Haus Kitzmann, sondern auch über die mit ihm 
verschwägerten Grossgrundbesitzerfamilien Nehring, Mittelstadt, 
Kunkel in dankenswerter Weise nähere Mitteilungen gemacht 
werden. 

Das Buch ist gut ausgestattet; eine grössere Anzahl von 
Bildern, Porträts, Wappen, Siegel, Faksimilia von Urkunderi, 
Örtlichkeiten darstellend, belebt den Text. E. Schmidt. 

Lewin L., Aus der Vergangenheit der jüdischen Ge- 
meinde zu Pinne. Pinne 1903, Druck und Verlag N. Gun- 
dermann. 24 S. 

Zum ersten Male werden Pinner Juden 1553 im Privileg 
der dortigen Kürschnerinnung erwähnt. — 1686 erscheint die 
Gemeinde Pinne als Schuldnerin des Pfarrers resp. der Parochial- 
kirche zu Brody, wie aus den Gemeindeakten zu ersehen ist, 
die eine Copie der betreffenden Grodverhandlung enthalten. — 

Kurz nach 1736 entsteht ein Synagogenbuch zum Gebrauch 
bei Seelengedenkfeiern, welches sich im Besitze der 1786 be- 
gründeten heiligen Bruderschaft befindet. Es erfährt im Laufe der 
Zeit Zusätze und dient dem Verfasser als Quelle für Personalien. 
1748 kommt eine zweite Schuld der Judengemeinde vor, an den 
dortigen Probst zahlbar. 

Weitläufig behandelt Verfasser die Geschichte einer miss- 
glückten Ehescheidung, die sich zwischen 1764 und 1776 haupt- 
sächlich vor dem Lissaer Rabbinat abspielt. Die Frau ist aus 
Lissa nach Pinne verheiratet, ihr Mann, Jacob Pinner, lässt sich 
zuerst auf die Scheidung ein, ficht aber hinterher die Gültigkeit 
der Urkunde an, indem er vorgibt, Jacob Kaphahn aus Przemysl 
zu sein. Diese Ehewirren will Verfasser demnächst in seiner 
Geschichte der Juden in Lissa veröffentlichen, dort wird man 
wohl auch genauere Quellenangaben finden. 1777 findet sich 
ein günstiger Bescheid des Erbherrn auf Schloss Pinne an di« 
jüdischen Schneider, die bald eine eigene Innung gründen und 
^uch fremde Juden in dieselbe aufnehmen dürfen. 



45 



Aus dem Jahre 1789 teilt Verfasser ein Privilegium des 
Erbgrafen mit, zu Gunsten der Judengemeinde erlassen. Unter 
den 35 Punkten des Privilegs ist No. 5 hervorzuheben, wonach 
koscher Fleisch nur gegen eine jährliche Steuer und nur auf der 
Judenstrasse verkauft werden durfte, welche Einschränkung weder 
für Gewürz- und Schnittwaren noch im Lederhandel (No. 3 u. 4) 
galt. No. 16 betrifft die Abschliessung der Judengasse durch 
Querdrähte, die nach dem jüdischen Gesetze den Zweck haben^ 
die Einheitlichkeit der Strasse zu symbolisieren und am Sabbat 
das Bewegen von Gegenständen hinaus und hinein innerhalb des 
so abgeschlossenen Raumes zu ermöglichen. Neuerdings werden 
diese „Schnuren" von der Kreispolizei hie und da als verkehrs- 
störend angesehen. — Rücksicht auf die kirchlichen Einrichtungen 
wird in No. 29, 30, 32, 33 gefordert. 

1772 wird als dritter Gläubiger der Gemeinde das katholische 
Hospital zu Pinne erwähnt. 

Über die Lage der Gemeinde in südpreussischer Zeit gibt 
Verfasser auf Grund archivalischer Forschungen interessante Auf- 
schlüsse. 

Aus napoleonischer Zeit findet sich in dem obenerwähnten 
Synagogenbuch ein Gebet für das Wohl der Regierung Napoleons 
und des neugeeinten Polens; Verf. musste das Blatt erst sorg- 
fältig ablösen, mit welchem das Gebet, offenbar nach 1815 bei 
Eintritt der neuen Verhältnisse, zugeklebt worden war. Im Anhang 
gibt Verf. das hebräische Gebet im Wortlaut wieder. Es scheint 
aus dem Französischen übersetzt zu sein, wie aus der Überschrift 
und aus manchen unhebräischen Wendungen hervorgeht. 

Über die Entwickelung der Gemeinde vor und nach 1848 
erfahren wir verschiedene Einzelheiten, so den Bau der Synagoge 
1826, die Gründung einer jüdischen Schule 1835, Wiederaufbau 
des abgebrannten Hospitals 1836, demgegenüber die Schuldennot 
der Gemeinde, welche 1836 aufs höchste gestiegen war, dann 
aber im Laufe von 16 Jahren durch Druck von oben gänzlich 
beseitigt wurde. 

Seit 1848 scheint ein Rückgang in der Mitgliederzahl der 
Gemeinde, die bis dahin immer im Wachsen war, eingetreten 
zu sein. 

Die zweite Hälfte der Schrift handelt von den Rabbinern der 
Gemeinde und den Gelehrten, die aus ihrer Mitte hervor- 
gegangen sind. 1832 entsteht ein Streit in der Gemeinde über 
die Wahl eines Rabbiners, in welchem keine Einigung erzielt 
wurde. 

1834 wird Arje Loeb Landsberg gewählt. Genaueres über 
ihn hat Verf. aus der Selbstbiographie von Landsbergs Vater 



46 



entnominen; merkwürdigerweise fehlt in dieser Biographie die 
Erwähnung der Wirksamkeit L's in Pinne. Verf. gibt hier noch 
die Akten der jüdischen Gemeinde und das Korrespondenzjournal 
der Verwaltungsbeamten als Quellen an, der vermisste Nachweis 
muss sich also dort finden. In Zülz, wo L. später wirkte, erhielt 
er den Besuch seines inzwischen verwitweten Vaters, der in der 
Selbstbiographie den stattlichen Empfang seitens der Zülzer Ge- 
meinde beschreibt. Drei Meilen hinter Neisse, bei Steinau 
harrten seiner mit ihren Prachtkutschen Vorsteher und Honoratioren 
der Gemeinde Zülz, die ihn im grossem Aufzuge in das Städtchen 
geleiteten, bis vor die Tore der Synagoge. Die ganze Be- 
völkerung war auf den Beinen. Das Gotteshaus, das eine endlose 
Menschenmenge fasste, war prächtig dekoriert und illuminiert 

(HD^^* ^jD "IS^n S. 15). 

Dieser Empfang des Vaters zeugt von der hohen Verehrung, 
die der Sohn in seiner Gemeinde genoss. Das Geburtsjahr L's 
gibt Verf. nur annähernd, „um 1799". Wir wissen, dass die 
Eltern 1798 heirateten (a. a. O. S. 7), dass R. Moses Landsberg 
(der hochverehrte Dajan der Posener Gemeinde, der diesen Beruf 
wie verschiedene seiner Vorfahren ehrenamtlich übte) der Erst- 
geborene in dieser Ehe war. 

1840 — 52 fungierte in Pinne Jos. Heim. Caro, der in den 
neunziger Jahren als Rabbiner zu Leslau starb (sein Sohn 
ist Jacob Caro, Professor für Geschichte in Breslau). 

Von Gelehrten, die aus Pinne stammen, erwähnt Verfasser 
Dr. Bernhard Beer, den Herausgeber der Buxtorfschen Konkordanz 
(nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gelehrten, der in 
Dresden 1801 geboren, 1861 gestorben ist, und dem Zach. 
Frankel in seiner Monatsschrift von 1862 ein überaus ehrendes 
Denkmal gesetzt). 

Schliesslich finden sich u. a. noch interessante Mitteilungen 
über Leben und Werke des unruhigen Dr. Ephraim Moses Pinner. 

Die Schrift enthält manches Neue und dürfte die Leser 
fesseln. J. Feilchenfeld. ^ 

Langhans F., Karte der Tätigkeit der Ansiedelungs- 
kommission für die Provinzen Westpreussen und Posen 
1886—1902. 5. Auflage. Gotha, Justus Perthes. 

Im Jahrgang I (1900) dieser Blätter haben wir die zweite 
Auflage der Langhans'scheri Nationalitätenkarte von Westpreussen 
und Posen ausführlich angezeigt und empfohlen. Unlängst 
ist die 5. Auflage erschienen , die sorgfältig berichtigt und 
erweitert ist. Der Absatz zeigt, wie stark das Bedürfnis nach 
einer solchen Darstellung der Verteilung der Nationalitäten ist. 



47 



Doch soll nicht verschwiegen werden, dass die Karte auch von 
solchen viel gekauft wird, die eine handliche, moderne, zuver- 
lässige Übersichtskarte der Provinz wünschen. Das ist für die 
Karte ein hohes Lob, dass sie trotz des Fehlens des Geländes 
und trotzdem die ganze Situation mit dem Gewässernetz nur 
schwarz gedruckt ist, auch Anforderungen genüge bietet, für die 
sie eigentlich nicht bestimmt ist. Es erscheint uns wünschens- 
wert, dass der Verlag uns aus der Vogel'schen Reichskarte in 
1 : 500000 eine Provinzkarte zusammenstellt. Für einen grösseren 
Kreis ist die von Kupfer gedruckte Vogel'sche Karte zu teuer. 
Der Umdruck und Zusammendruck würde eine billigere Übersichts- 
karte unserer Provinz ermöglichen, nach der vielfach verlangt 
wird. Fr. Behrens. 



Nachrichten 



Von einem Ungenannten erhalten wir die folgende Zuschrift, 
deren Inhalt recht wohl Beachtung verdient: 

Die Historische Gesellschaft, die doch sonst Veranlassung 
nimmt, interessante Bauwerke der Nachwelt zu erhalten, sei darauf 
aufmerksam gemacht, dass das Wildator zu denjenigen Festungs- 
werken gehört, die wohl wert sind, der künftigen Generation 
erhalten zu werden. Beide Fassaden sind in formvollendeter 
Weise in Stein hergestellt, wie selten ein Festungstor. Nach 
50 Jahren wird man sich kaum einen Begriff machen können, 
wie ein Festungstor der alten Festung Posen ausgesehen ha-t; 
schon dieses rechtfertigt seine Erhaltung. Wenn auf den bedeu- 
tenden Verkehr gerade durch dieses Tor hingewiesen wird, so 
lässt es sich doch einrichten, dass das Tor als Durchgangstor 
erhalten bleibt; wenn von beiden Seiten die Wälle abgetragen 
werden, wird dem Verkehrsbedürfnis vollständig genügt. 

Auch in Stettin hat man derartige Tore stehen lassen, sogar 
noch mit Anlagen umgeben, und mit Stolz blickt heute noch 
jeder Bürger auf die Tore der alten Festung. 

In Nürnberg stehen Festungswerke noch aus dem Mittelalter. 

Ist derarl!!ges nicht auch in Posen möglich? 

Dies zu beachten möchte ich dem löbl. Vorstande empfehlen. 

Hochachtend 

Ein Historiker. 



48 

Geschäftliches. 

Abteilung für Geschichte der Deutschen Gesellschaft für 
Kunst und Wissenschaft zu Bromberg. 

(Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt.) 

In der Monatsversammlung am 11. Februar sprach Herr Kreisschul- 
nspektor Kempf aus Labischin über seine Reise im gelobten Lande von 
Haifor nach dem See Genezareth. Herr Hauptmann a. D. Timm machte 
Mitteilungen über die Tscherkessen, die in den 50 er Jahren des vorigen 
Jahrhunderts aus Polen nach Preussen übergetreten waren und sich ihrer 
Entwaffnung in Inowraziaw durch die Flucht zu entziehen suchten. Erst 
nachdem es auf beiden Seiten Tote und Verwundete gegeben hatte, wurden 
sie überwältigt und in das Gefängnis zu Bromberg abgeführt. Hier 
wurden sie wegen Aufruhrs und Widerstandes gegen die Staatsgewalt 
zu 2 Jahren Festung verurteilt. Die Strafe verbüssten sie in Weichsel- 
münde. Nachdem sie hier weit über die festgesetzte Zeit hinaus sich aufge- 
halten hatten, wurden sie nach Frankreich entlassen, wo sie wahrscheinlich 
in dem Krimkriege Kriegsdienste gegen Russland genommen haben. 

I.A. Schulz, Kgl. Forstmeister. 
Schriftführer. 

Das Stiftungsfest wurde in der Monatsversammlung am 20. Januar 
in den Räumen des Zivilkasinos gefeiert. Den Vortrag des Abends hielt 
vor einer zahlreichen Zuhörerschaft Herr Chefredakteur Go Hasch über 
Bromberg vor 50 Jahren, worin er ein fesselndes Bild des äusseren Zu- 
standes der Stadt und des Lebens und Treibens, von Handel und Wandel 
in ihr zu damaliger Zeit gab. 

An den Vortrag schloss sich ein Festessen an, an dem etwa 40 
Herren teilnahmen und das gewürzt durch Reden und den Gesang heiterer, 
meist auf die Ortsgeschichte bezüglicher Lieder, die Teilnehmer bis zu 
später Stunde zusammenhielt. 

I.A. Schulz, Kgl. Forstmeister. 
Schriftführer. 



Mistorisclie Abteilung der Deutschen Geseiischaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 8. März 1904, Abends 8Vo Uhr, im Restaurant 
,Wilhelma«, Wilhelmstr. 7 

Ausserordentliche Generalversammlung. 

Tagesordnung: 1. Wahl von drei Vorstandsmitgliedern der 
Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft. 2. Oberlehrer 
Dr. Fredrich: Römische Funde in der Provinz Posen. 3. Dr. Laubert: 
Zur Geschichte der Posener Theaterzensur. 

Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft för die Pro- 

rinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 

Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 
MOnniS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang V Posen, Hpril 1904 



Nr. 4 




Peiser G., Ein Drama Voltaires über die polnische Verfassung S. 49. — 
Geschäftliches S. 62. — Bekanntmachung S. 64. 

Ein Drama Voltaires über die polnische Verfassung. 

Von 
G. Peiser. 

och war Polen ungeteilt. Aber schon ballten sich 
dunkle Wolken am Horizont zusammen, und jedem 
Einsichtigen war es klar, dass binnen kurzem die 
Katastrophe hereinbrechen musste. In dieser letzten freien Stunde^ 
die Polen noch blieb, haben die beiden Männer, welche an der 
Umbildung der politischen Ideen ihres Zeitalters den grössten Anteil 
hatten, ihre Stimme erhoben, um Heilmittel für den dahinsiechenden 
polnischen Staatskörper zu empfehlen. Fast gleichzeitig haben 
Rousseau und Voltaire ihre Gedanken über die polnische Verfassung 
und Vorschläge zu deren Reform vorgetragen, der Philosoph von 
Genf in seiner berühmten Abhandlung: Consid^rations sur le 
gouvernement de Pologne^), der Poet Voltaire in einer Dichtung, 
die um ihrer sonderbaren Einkleidung willen weit weniger Be- 
achtung gefunden hat, als sie verdient: in seinem Drama ,,Les 
lois de Minos."^) 

Die Anregung zu seiner Dichtung verdankt Voltaire einem 
Werke Friedrichs des Grossen.^) Am 18. November 1771 über- 

1) Considerations sur le gouvernement de Pologne et sur sa refor- 
mation projetee. En avril 1772. Vgl. Roepell: J. J. Rousseaus Betrach- 
tungen über die polnische Verfassung (Z. d. hist. Ges. f. d. Provinz Posen. 
III S. 129 ff.) 

2) Oeuvres compl^tes de Voltaire (Paris, Garnier Fr^res 1877) 
Bd. VII S. 175—236. 

3) Voltaire an Friedrich den Grossen 8. Dezember 1772 und 19. März 
1773: Oeuvres de Fred^ric le Grand (1850) Bd. XXIII S. 260 und 275. 

4 



50 



sandte ihm der König die beiden ersten Gesänge seines burlesken 
Heldengedichtes ,,La guerre des Confederes." ^) Mit funken- 
sprühendem Witz, aber zugleich mit starker Subjektivität — sie 
erklärt sich aus der politischen Stellung Preussens zu Russland 
im Herbste 1771''^) — ist hier der Bürgerkrieg der Konföderation 
von Bar geschildert. Am 24. Februar 1768 hatte der polnische 
Reichstag unter russischem Zwange die Gleichberechtigung der 
Dissidenten, d. h. der Protestanten, Reformierten und nichtunierten 
Griechen, mit den römischen Katholiken verkündigt. Die Männer, 
welche sich wenige Tage darauf in Bar konföderierten, schrieben 
die Wiederherstellung der Vorrechte der katholischen Kirche auf 
ihre Fahne; ihr Endziel aber war die Befreiung des Landes von 
den Russen und die Vertreibung des der Nation aufgedrungenen 
Königs Stanislaus August Poniatowski. In Friedrichs Werk tritt 
die nationale Seite dieser Erhebung nicht hervor ; die Triebfeder 
des Aufstandes, unter dem Polen unsäglich litt, ist ihm lediglich 
religiöser Fanatismus. Die polnischen Führer werden als zelotische 
Priester, als hochmütige, aber unfähige Palatine oder als feige 
Bandenführer gezeichnet; sie scheinen ihm höchstens des Aus- 
pfeifens wert. 

Für die Übertreibung, die darin lag, hatte Voltaire kein 
Auge; er nennt Friedrichs Werk ein philosophisches Gedicht, in 
dem die wahrsten Dinge von der Welt in scherzhafter Form ge- 
sagt seien. ^) In dem Urteil über die Konföderierten stimmte et 
mit dem Könige um so mehr zusammen, als gerade in jenen 
Tagen die Kunde von dem Attentat auf den von ihm hochver- 
ehrten König Stanislaus August Europa durchfuhr. Am Abend 
des 3. November 1771 war er von Verschworenen überfallen und 
aus Warschau herausgeschleppt worden ; nur wie durch ein Wunder 
hatte er sich wieder von ihnen freimachen können. Man erzählte 
sich.; (wenn auch mit Unrecht), der Rädelsführer habe vor der Tat 
in der Kirche zu Czenstochau das Abendmahl genommen und 
einen Eid geleistet, den König zu töten. 

Voltaire fand nicht Worte genug, seinen Abscheu über das 
Attentat auszudrücken.*) Er fasste den Gedanken, Stanislaus 
August gleichsam litterarisch zu Hilfe zu kommen, ein Stück 



1) Oeuvres XIV, 213—271 ; der Begleitbrief an Voltaire Oeuvres 
XXIII, 230. 

2) Vgl. meine Schrift über: Friedrich des Grossen burleskes Helden- 
gedicht „La guerre des confederes." (Z. d. hist. Ges. f. d. Provinz Posen 
1903 S. 161 ff.) Die Abhandlung ist auch als Sonderausgabe erschienen. 

3) Voltaire an Friedrich den Grossen 8. Dezember 1772 (Oeuvres 
XXIII, 260). 

4) Vgl. u. A. die Verse in : Jean, qui rit et qui pleure. IX. S. 557. 

On me parle souvent du Nord ensanglante, 
D'un roi sage et dement chez lui persecute, 



51 



,,für den König von Polen" zu schreiben, um ihm an einem 
Beispiel zu zeigen, wie er sich die Beseitigung der polnischen 
Schwierigkeiten dachte.^) 

Es mutet uns heute fremdartig an, dass er dazu einen 
antiken Stoff wählte: einen Konflikt des mythischen Königs 
Teucer von Kreta mit seinem übermächtigen Adel und der von 
dem Hohepriester Pharis fanatisierten Menge. Aber das Gewand, 
das die alten Helden tragen, ist so durchsichtig, dass man leicht 
unter ihm die modernen Menschen erkennt. „König Teucer", 
scherzte Voltaire selbst einmal von den Hauptpersonen seines 
Dramas, „ist der Milchbruder des Königs Stanislaus Poniatowski; 
Stanislaus wird sicherlich endigen wie Teucer, und Pharis, der 
Bischof von Krakau" — er und der Bischof von Kiew waren die 
Führer der geistlichen Opposition gegen den König — „wird 
übel davonkommen"^). 

Es entging Voltaire freilich nicht, dass sein Drama auch 
einigermassen auf die Lage in Schweden passte, wo die könig- 
liche Gewalt ebenfalls durch den regierenden Adel zum blossen 
Schein herabgedrückt war. „Die Konföderierten von Kreta", schreibt 
er gelegentlich an Friedrich den Grossen, „gleichen den Konfö- 
derierten in Schweden 3)." Aber in der Hauptsache war sein Werk 
doch auf die polnischen Verhältnisse gemünzt. ,, König Teucer", 
wiederholt er, „ist König Stanislaus August Poniatowski, der Hohe- 
priester Pharis der Bischof von Krakau und" — setzt er diesmal 
hinzu — ,,der Tempel zu Gortyna könnte für die Kirche Unserer 
lieben Frau von Czenstochau gelten*)". Auch den Aberglauben 
wollte der Grossmeister der Aufklärung in seinem Drama wieder 
einmal treffen: ,,Man muss", schreibt er, ,, niemals den grossen 
Zwek aus dem Auge verlieren, ihn verhasst zu machen ^)." 

Die Dichtung ist das Werk weniger Tage. Am 18. De- 
zember 1771, unter dem frischen Eindruck der Nachrichten aus 
Polen, wurde sie begonnen, am 12. Januar 1772 war sie bereits 
vollendet^). Seine endgültige Fassung hat das Werk aber erst viel 



Qui dans sa royale demeure 
N'a pu trouver sa surete, 

Que ses propres sujets poursuivent ä toute heure ; 
Je pleure. 

1) Voltaire an den Grafen d'Argental 18. Juli 1772 (Band 48 S. 129). 
An den Herzog von Richelieu 25. Mai 1772 (S. 101). 

2) An d'Argental 3. April 1772 (S. 60). 

3) An Friedrich den Grossen 8. Dezember 1772 (Oeuvres de Fr, le 
Gr. XXIII S. 260). 

4) An Richelieu 8. Juni 1772. (Bd. 48 S. 110). 

5) An Saint-Lambert 1. September 1773. (Bd. 48 S. 447). 

6) An den Grafen d'Argental 19. Januar 1772 (Bd. 48 S. 10). 
Damit steht es nicht in Widerspruch, wenn er in der Widmung 
seines Werkes dem Herzog von Richelieu schreibt, es sei in kaum acht 



52 



später erhalten; während des ganzen Jahres 1772 hat Voltaire 
daran gefeilt. Er Hess sich dabei, wie auch sonst vielfach, von 
den Ratschlägen zweier literarischer Freunde leiten, des Grafen 
d'Argental und des Marquis de Thibouville, ,, seiner Engel" oder 
,,der Herren vom Comite", wie er sie scherzhaft nannte.^) Der 
Dichter hoffte, sein Drama durch Vermittelung des Herzogs von 
Richelieu, seines alten Gönners, in Paris zur Aufführung zu 
bringen. Er hielt es deshalb für geraten, wie er auch sonst öfter 
tat, unter fremder Flagge zu segeln. ,,Ich bin dann im Stande*' — 
sagt er einmal — ,,mit meiner gewohnten Ehrlichkeit jede Autor- 
schaft abzuleugnen." Diesmal bezeichnete er sein Werk als die 
Erstlingsarbeit eines Advokaten Duroncel, der niemals existiert 
hat^). Wenn man freilich auch nur den leisesten Verdacht hätte, wer 
dieser Duroncel sei, sagte er besorgt, so würde das Stück sicher- 
lich von der Armee seiner literarischen und persönlichen Wider- 
sacher mit lautem Hailoh ausgepfiffen werden^). Aber das Ge- 
heimniss Hess sich auf die Dauer nicht wahren. Durch die In- 
diskretion des Schauspielers Lekain Hei das Werk dem Pariser 
Buchhändler Valade in die Hände, der es im Januar 1773 unter 
Nennung des wirklichen Verfassers herausgab.*) Voltaire war 
ausser sich vor Entrüstung, aber es blieb ihm nichts übrig, als 
sein Stück vom Pariser Theater zurückzuziehen. Wenige Wochen 
darauf (Ende März)^) Hess er zu Genf bei Gabriel Gramer eine 
rechtmässige Ausgabe erscheinen; sie unterscheidet sich von der 
Pariser dadurch, dass Voltaire ihr Anmerkungen hinzugefügt hat> 
welche auch über seine Stellung zu wichtigen polnischen Fragen 
interessante Aufschlüsse geben. 

Der Tempelbezirk zu Gortyna, der alten Hauptstadt Kretas^ 
ist der Schauplatz, auf den uns der Dichter führt. In der Vor- 
halle erblicken wir den König Teucer in eifrigem Gespräch mit 
seinem Vertrauten Diktimes. Gleich die ersten Worte, die Teucer 
in den Mund gelegt werden, lassen die Beziehung auf Polen 
deutlich erkennen: er klagt, dass der Adel des Reiches sich die 



Tagen entstanden. (Epitre dedicatoire a Monseigneur le duc de Richelieu 
VII S. 167). Man brauche, sagt Voltaire selbst einmal, 14 Tage um das 
zu verbessern, was in 8 Tagen entstanden sei. (An d'Argental 3. Juni 1772. 
Band 48 S. 107). 

1) An d'Argental 27. November 1772 (Bd. 48 S. 229). 3. April 1772 
(ibid. 8. 60). 

2) An den Grafen d'Argental 19. Januar und 5. Februar 1772 (Bd. 4a 
S. 10 und 21 f.) an Vasselier 2. März und 1. August 1772 (S.36 und 145). 

3) An d'Argental 3. April 1772 (S. 60). 

4) An d'Alembert und Marmontel 1. Februar 1773 (S. 295 und 296); 
an Imbert 5. Februar (S. 299) ; an den Grafen Rochefort 3. März (S. 322 f.). 
Vagniere, Voltaires Sekretär, an Valade 14. März S. 324. 

5) An d'Alembert 27. März 1773 (S. 329); an Marmontel 29. März 177a 
(S. 333). 



53 



Regierung anmasse und seinen Despotismus als Landesrecht be- 
zeichne; „sie lassen immer die Gesetze reden, um als Tyrannen 
zu handeln." König Minos, auf dessen Anordnungen seine Grossen 
sich beriefen, habe selbst unumschränkt geherrscht, seinen Nach- 
folgern jedoch nur eine ,, glänzende Knechtschaft' ' hinterlassen, 
,,den Namen Majestät, den Schein der Macht, aber keine 
Autorität." Auch Kreta hat sich aus einer Erbmonarchie allmählich 
in ein Wahlreich verwandelt, das sich — wie Polen — mit dem 
Namen der Republik schmückt. Teucer erblickt darin den Grund- 
fehler des politischen Systems: seitdem die Erblichkeit der Krone 
aufgehört habe, seien die Grossen, eifersüchtig auf ihre Macht, 
bestrebt, den Königen soviel wie möglich entgegenzuarbeiten; 
„sie haben Könige nur gewählt, um sie zu beschimpfen." 

Diese beiden Gewalten stossen nun zusammen, da der 
König — wie in Polen — den religiösen Fanatismus des Volkes 
gegen sich entfesselt. Er beabsichtigt, die junge Kriegsgefangene 
Asteria dem Opfertode zu entreissen, für den sie bestimmt ist. 
Vergebens warnt ihn der Freund, dem er sich eröffnet, und macht 
ihn auf die Gefahren aufmerksam, die seinen Thron umlauern. 
Er erinnert ihn an das Schicksal seines Vorgängers Idomeneus. 
«Ich liebte ihn; er starb in der Verbannung" — wohl eine An- 
spielung auf den Exkönig Stanislaus Leszczynski, zu dem Voltaire 
bekanntlich in freundschaftlichen Beziehungen stand. Was habe 
Idomeneus nicht alles getan, um Kreta zu gefallen ; seinen eigenen 
Sohn habe er geopfert. Aber wie sei es möglich, die unruhige 
Raserei dieses unbeständigen, wetterwendischen Volkes zu bändigen, 
das dem Meere gleiche, das seine Küsten bespüle. 

Doch der König, dem schon längst der Aberglaube seines 
Volkes verhasst ist, verharrt bei seinem Entschlüsse. „Diese 
Krieger, die im Morden verhärtet sind, zittern vor einem Kalchas. 
Wohl hat Griechenland Helden, aber sie sind ungerecht, grausam, 
unbarmherzig im Verbrechen und feige an den Altären. Auch 
ich fürchte die Götter; aber ich würde glauben, sie zu beschimpfen, 
wenn ich ihnen solche Opfer darbrächte." Noch hofft der Ver- 
traute, dass Asteria gerettet werden könne, ohne dass es ihret- 
wegen zum Konflikt komme. Gesandte der Cydonier, des feind- 
lichen Volkes, dem Asteria entstammt, sind unterwegs, um über 
den Loskauf der Gefangenen und den Frieden zu unterhandeln. 
Von der Berührung mit diesem einfachen, aber edlen, tapferen 
und grossmütigen Naturvolke, das den Norden der Insel bewohnt — 
zu ihrer Schilderung hat der enthusiastische Verehrer Katharinas 
auch den Russen einige Züge entlehnt — erwartet Diktimes einen 
günstigen Einfluss auf die zu sehr verfeinerten Sitten seiner Lands- 
leute. Wie sehr auch Teucer die Cydonier hasst — seine Familie 
hat im Kriege mit ihnen den Tod gefunden — so will er ihre 



54 



Gesandten doch empfangen. „Die Archonten und ich werden 
ihnen, unsern alten Gesetzen gemäss, Audienz gewähren." 

In langem Zuge erscheinen nun die Grossen des Landes, 
Priester und Archonten, an ihrer Spitze der Hohepriester Pharis. 
Seine Ansprache an die Versammlung, welche im Tempel Platz 
nimmt, ist ein kleines Kunstwerk, das darum nicht an Reiz ver- 
liert, weil es vielleicht ein Gegenstück zu der Rede ist, welche 
Friedrich der Grosse im ersten Gesänge seines Konföderations- 
krieges dem Bischof von Kiew in den Mund gelegt hat.^) 

Schon die Begrüssung ist sehr charakteristisch. Zuerst 
richtet er das Wort an die Priester, „die Organe der Gesetze 
Jupiters, die Vertrauten der Götter." Dann begrüsst er kurz den 
König, mit viel grösserer Wärme die tapferen Archonten, „die in 
den Krieg ziehen unter den heiligen Fahnen des gewaltigen 
Donnerers." Er erinnert die Kreter an die Feindschaft, die seit 
Jahrhunderten zwischen ihnen und den Cydoniern herrsche, und 
den König, um jedes Mitgefühl in ihm zu ersticken, an die 
Gattin, die Tochter, die einst in ihrem von den Feinden in Brand 
gesteckten Hause einen schrecklichen Tod gefunden haben. „Rotte 
dieses unheiHge Volk aus, grosser Gott!" schliesst er seine Rede. 
„Mag das unedle Blut einer Sklavin auch nur geringen Wert für 
den beleidigten Himmel haben, es ist immerhin ein Tribut, der 
meinem Tempel dargebracht wird, und die schuldige Erde bedarf 
eines Exempels." 

Aber der König nimmt den Kampf auf. „Sind uns die 
Götter gnädiger — erwidert er — seit Minos, der erhabene 
Gründer unsrer Republik, solche Opfer angeordnet hat? Haben 
wir seitdem mehr Staaten, mehr Schätze, mehr Freunde? Lasst 
uns dem Herrn der Götter ein anderes Opfer darbringen! Ver- 
dienen wir seine Wohltaten, aber durch unseren Mut! Rächen 
wir uns, kämpfen wir, mag Jupiter unsere Streiche unterstützen, 
und ihr, Priester der Götter, betet für uns!" — „Unsere Gebete", 
entgegnet Pharis, „sind unnütz, wenn die, denen sie gelten, 
hochmütig und verstockten Herzens sind. Das Gesetz spricht; 
das genügt. Du bist nur sein erstes Werkzeug, sein erster Unter- 
tan. Jupiter herrscht über uns; es kommt dir nicht zu, über 
ihn zu urteilen. Trage das Joch der Götter, deren Dolmetsch 
ich bin!" 

Einer der Archonten, Meriones, sucht zu vermitteln. Er 
ist der Typus jener, ohne Zweifel nicht geringen Zahl polnischer 
Herren, die zugleich dem Könige und der Republik dienen zu 
können meinten. Er beschwört den König, sich nicht gegen das 
alte Gesetz aufzulehnen. „Das Volk braucht Blut; du kennst es» 



1) Oeuvres XIV S. 223. 



55 



Schone seine Missbräuche, und seien sie auch noch so unsinnig ! 
Das Gesetz, das dich empört, ist vielleicht ungerecht, aber in 
Kreta ist es heilig. Denke daran, dass deine Macht ihre Grenzen 
hat, und beuge dich dem Vorurteil!" Aber Teucers Entschluss ist 
gefasst; er stellt sich Pharis entgegen, der Asteria zum Altar 
führen will. In diesem Augenblicke wird die Ankunft der 
cydonischeu Friedensgesandten gemeldet, und trotz des Wider- 
spruches des Pharis befiehlt Teucer, die Vollziehung des Opfers 
aufzuschieben, bis man die Gesandten gehört habe, und Asteria 
in ihren Turm zurückzuführen. Die Scene ist wie eine Sitzung 
des polnischen Reichstages gedacht, wo ja eine einzige wider- 
sprechende Stimme genügte, um einen Beschluss aufzuhalten. 
„Die Beratung ist zerrissen (le conseil est rompu), wendet 
sich Teucer an die Versammlung (auch dieser Ausdruck ist der 
Sprache des polnischen Reichstages entlehnt). ,,Geht, tadelt den 
König, aber liebet das Vaterland und, vor allem, wenn ihr die 
Götter fürchtet, lernet von einem Monarchen, sie besser zu kennen!'' 

Teucers Opposition gegen den Aberglauben, seine offenbare 
Unzufriedenheit mit dem Regiment des Adels erzeugen eine 
dumpfe Gährung im Volke, und Pharis, dessen Stimme im Senat 
allmächtig ist, weiss die Erregung geschickt zu schüren. Der 
König schildert dem Freunde seine Lage mit ganz ähnlichen 
Worten, wie Friedrich der Grosse in seinem Epos die Poniatowskis 
im Frühjahr 1768. „Mein Volk hört nur auf die Stimme der Em- 
pörung.Dieser hochmütige Senat erklärt sich gegen mich. Man nimmt 
die Miene des unversönlichen Glaubenseifers an, welchen immer 
die Bösewichte zu besitzen sich den Anschein geben. Ich höre 
meine Gegner in unheilvoller Geschäftigkeit rufen: Religion, 
Vaterland!" 

Was der Vertraute in dieser Krisis seinem königlichen 
Herrn vorzuschlagen wagt, ist das, was Stanislaus August von 
Polen im Frühjahr 1768 zu tun sich genötigt sah: er rät ihm, 
sich an die Nachbarn zu wenden. Mit Hilfe der Cydonier solle 
er die Macht der Grossen brechen und sie unter seine königliche 
Autorität beugen.^) „Dein Vorschlag", erwidert Teucer, „öffnet dem 
Bürgerkrieg die Pforte. Soll ich", fragt er schmerzlich, „den 
Staat zu Grunde richten, um besser zu regieren?" 

Noch einmal versucht Meriones, den drohenden Sturm zu be- 
schwören. Er will gewissermassen als Neutraler gelten, der sich 



1) A. II. Sc. II: J'oserais proposer, dans ces extr^mit^s, 
De vous faire un appui des memes revolt^s 

Des mSmes habitants de l'äpre Cydonie 

On verrait tous ces grands si puissants, si jaloux, 

De votre autorit^ qu'ils osent m^connaitre, 

Porter le joug paisible, et cherir un bon maitre . . 



56 



keiner der beiden Parteien sklavisch anschliesse. Aber wer 
vermöge etwas gegenüber dem Einfluss des Pharis? Er ent- 
wirft von dessen Macht ein Bild, wie es vortrefflich auf Bischof 
Soltyk von Krakau passt. Bekanntlich ist die Gleichberechtigung 
der Dissidenten im polnischen Reichstage erst durchgedrungen, 
nachdem Soltyk in der Nacht des 13. Oktober 1767 durch 
den russischen Gesandten verhaftet und aus Warschau weg- 
geführt worden war. Er habe, sagt Meriones, eine gewalttätige 
Anhängerschaft für sich, und seine Worte seien von grösstem 
Einfluss auf die leichtbewegliche Menge, deren Eifer er zu er- 
regen oder zu beschwichtigen vermöge. Er rät dem König zur 
Nachgiebigkeit. Als dieser ihn zurückweisst, wird Meriones' 
Sprache drohender. Er giebt dem Könige zu bedenken, welche 
Machtbefugnis dem kretischen Adel durch das liberum veto zu- 
stehe. — Denn der Vergleich mit Polen wäre nicht vollständig, 
wenn nicht auch dieser Missbrauch sich in Kreta fände. ,, Jeder 
Edle auf dieser Insel", sagt Meriones stolz, „hat das unbestrittene 
Recht, sich mit einem Worte jeder Neuerung zu widersetzen. 
Unsere Gewalt bildet so das Gegengewicht gegen die deine. 
Wir sind alle untereinander gleich und einer hält den anderen 
im Zaum.^) 

Teucer: Ich weiss es! Jeder Edle ist abwechselnd ein 
Tyrann. 

Meriones: Unsere Liebe zur Freiheit verdammst du? 

Teucer: Sie hat immer die Sklaverei der Gesamtheit her- 
beigeführt. 

Meriones : Keiner von uns vermag etwas, wenn ihm e i n e^ 
Stimme fehlt. 

Teucer: Die ewige Zwietracht ist das Gesetz der Kreter. 

Meriones: Du hast es gebilligt, Herr, als man dich wählte." 

Es ist das ein Hinweis auf die pacta conventa, die ein 
polnischer König vor der Thronbesteigung beschwören musste. 

Nicht mit Unrecht erwidert Teucer = Poniatowski, er habe 
es schon damals getadelt, und verabscheue es jetzt. Tatsächlich 
haben die Bestrebungen der Familie Czartoryski, das liberum veto 
zu beseitigen, bereits auf dem Konvokations-Reichstage vom 
7. Mai 1764, wo Poniatowskis Wahl beschlossen wurde, zu einem 
sehr bemerkenswerten Vorstoss geführt. 2) 

1) Akt. II Scene IV. 

Marione: Tout noble dans notre ile, a le droit respecte, 
De s'opposer d'un mot ä toute nouveaute. 

Teucer: Quel droit! 

Marione: Notre pouvoir balance ainsi le votre; 

Chacun de nos egaux est un frein Tun ä l'autre. 

2) S. u. A. Roepell, Das Interregnum. Wahl und Krönung von 
Stanislaus August Poniatowski. Z. d. hist. Ges. f. d. Pr. Posen VII S. 30 ff. 



57 



„Sei gewiss", fährt Teucer fort, „dass dieses Gesetz einst 
das Verderben des Staates sein wird." — ,,Bislier'', entgegnet 
Meriones, ,,war es seine Stütze.'' Er rät dem Könige, ,,den Geist 
der Republik'' besser zu Rate zu zielien. ,,Die Republik", er- 
widert Teucer scharf, ,,hat bisher nur zu sehr den Geist anarchischer 
Zügellosigkeit zu Rate gezogen." Der König und der Archont 
scheiden als Gegner. 

Der dritte Akt bringt eine neue Verwickelung. Erst jetzt 
erfährt Datames, der junge Führer der cy donischen Gesandtschaft, 
welches Schicksal Asteria, seiner Verlobten, harrt. In wilder Ver- 
zweiflung stürzt er sich auf die Soldaten des Königs, die, wie 
er glaubt, sie zur Opferstätte führen, während sie in Wahrheit 
den Auftrag haben, sie in Sicherheit zu bringen. Gegen den 
König selbst, der auf den Schauplatz des Kampfes eilt, erhebt 
er den Arm. Aber er wird entwaffnet und gefangen genommen. 
Seine Schuld ist um so grösser, da der Angriff noch innerhalb 
des heiligen Tempelbezirks stattgefunden hat. Das empörte Volk 
schreit nach Rache; der Senat versammelt sich, um über 
Datames zu richten. Sein und Asterias Schicksal scheint besiegelt, 
und auch Teucer glaubt jetzt nichts mehr daran ändern zu 
können. Aber er will nicht Zeuge ihres Unterganges sein; er 
will in das Gewühl der Schlachten, zu seinem Heere zurückkehren. 
„Ich habe nur eine Stimme im Senat, aber ich herrsche in der 
Armee." Wie beneidet er die Könige, deren Wille unumschränkt 
ist! „Nichts kann eure wohltätige Hand fesseln. Ihr braucht nur 
zu sprechen, und die Welt ist zufrieden." 

Die Auskunft Azemons, des greisen Vaters der Asteria, (im 
4. Akte) schafft jedoch eine völlig veränderte Lage. Er bestätigt 
die Vermutung, welche durch die Sympathie, die Teucer immer 
wieder zu Asteria hinzieht, schon früher in dem Leser erweckt 
worden ist. Asteria ist die totgeglaubte Tochter des Königs. 
Azemon hat sie einst dem Tode entrissen und als sein eigenes 
Kind aufgezogen, ohne ihr ihre wirkliche Herkunft zu verraten. 
Teucer stürzt fort, um seine Tochter zu retten. Er erbricht die 
Pforte des Tempels, wo Asteria bereits knieend den Todesstreich 
erwartet, entreisst sie den Händen des Pharis und stürzt den 
Altar Jupiters um. Dann eilt er fort, um auch Datames zu be- 
freien. 

Der fünfte Akt bringt die Entscheidung. Der König hat 
seine Getreuen um sich versammelt; die Cydonier haben sich 
ihm angeschlossen. Aber auch Pharis bewaffnet seine Anhänger, 
und Meriones stellt sich an ihre Spitze. Er sagt dem Könige 
feierlich dem Gehorsam auf. „Wenn es sich um deine Rechte 
handelte, würde ich willig Gut und Blut für dich hingeben. Aber 
wenn du deine Stellung missbrauchst, um die Gesetze der Nation 



58 



mit Füssen zu treten, verteidige ich sie mit meinem Leben. Du 
bist entschlossen, eine unumschränte Gewalt aufzurichten, die 
Diener der Götter, die Grossen und mich unter deinem Willen 
zu beugen. Du wagst es, dich der Hilfe der elenden Cydonier 
zu bedienen, um uns zu unterjochen. Aber mit welchem grossen 
Namen man dich auch nennt, wisse, dass der ganze Staat über 
einen Einzelnen den Sieg davonträgt. " — „Der ganze Staat", lautet 
Teucers stolze Antwort, „ist in mir.^)" 

Die Nachricht, dass der Sieg sich auf Teucers Seite ge- 
wandt habe, bringt denen, die im Tempel ängstUch des Aus- 
gangs harren, Datames: Meriones vom Könige selbst zu Boden 
gestreckt, ist gefangen, Pharis, dem Schwerte des Datames er- 
legen. „Erschrocken" berichtet er weiter, „kehrt jetzt das Volk 
zum Gehorsam zurück und räumt dem Könige eine höchste Ge- 
walt ein." 2). Der erste Gebrauch, den Teucer davon macht, ist, dass 
er den Jupitertempel durch Feuer zu zerstören befiehlt. Dann 
regelt er selbst die Nachfolge, indem er seine Tochter und Da- 
tames zu Erben der Krone ernennt. Den Adel lässt er in 
seinen Ehrenstellungen, aber er soll fortan dem Könige Untertan 
sein. „Priester, Edle und Volk" — mit diesem Wunsche Teucers 
schliesst das Drama — „mildert eure Sitten und dienet in Zukunft 
Gott in einem würdigeren Tempel!" 

Es ist hier nicht der Ort, auf die Schwächen der drama- 
tischen Kunst Voltaires hinzuweisen. Dass es den „Gesetzendes 
Minos" an der recht vis tragica^) mangele, hat Voltaire später 
selbst unumwunden zugestanden. Den Personen, Meriones und 
Pharis allenfalls ausgenommen, fehlt es an wirklichem Leben; 
sie sind nur geschaffen, um gewisse Voltairesche Ideeen in schönen, 
wohllautenden Versen vorzutragen. Und als wenn das Drama 
selbst ihm nicht genug Gelegenheit dazu geboten hätte, hat 
Voltaire, wie wir wissen, in den Anmerkungen seine Stellung 
zu einigen Fragen, die in dem Stück berührt werden, noch aus- 
führlicher erörtert. Sie sind besonders darum von Interesse, weil 
sie dem Werke erst hinzugefügt sind, nachdem die drei Nach- 
barmächte bereits zur Teilung Polens geschritten waren. 



1) Akt V. Szene I. S. 226. 
Merione: 

Mais, de quelque ^grand nom qu'en ces lieux on vous nomme, 

Sachez que tout l'Etat Temporte sur un homme. 

Teucer: 

Tout r Etat est dans moi .... 

2) Le peuple 

Eperdu, constern^', rentre dans son devoir, 
Abandonne ä son prince un supr€me pouvoir. 
(S. 232) 

3) *An Saint-Lambert. 1. September 1773. Bd. 48 S. 447. 



59 



Die eine Anmerkung handelt von dem liberum veto. 

„Dieses teure und verhängnisvolle Recht" — sagt Voltaire 
— „hat viel mehr Unglück hervorgebracht als verhindert. Eine 
solche Waffe, in die Hände jedes Mitgliedes einer Versammlung 
gelegt, kann eine ganze Republik zu Grunde richten. Wie 
konnte man übereinkommen, dass ein Betrunkener genüge, um 
die Beratungen von sechs- oder siebentausend Weisen (voraus- 
gesetzt, dass es so viele gibt) aufzuhalten!" Er beruft sich auf 
das Zeugnis des Königs Stanislaus Leszczynski, welcher oft 
gegen das liberum veto und die Anarchie, deren Folgen er vor- 
ausgesehen, geschrieben habe und citiert eine Stelle aus dessen 
berühmter, im Jahre 1733 erschienener Abhandlung „Glos wolny": 
„Die Zeit wird für uns kommen, wo wir einigen grossen Er- 
oberern zur Beute fallen werden. Vielleicht werden sich unsere 
mächtigen Nachbaren einigen, um unsere Staaten zu teilen." — 
„Diese Prophezeiung", fährt Voltaire fort, „hat sich soeben erfüllt. 
Die Teilung Polens ist die Strafe für die abscheuliche Anarchie, 
der ein weiser, menschenfreundlicher, aufgeklärter und fried- 
liebender König mitten in seiner Hauptstadt beinahe zum Opfer 
gefallen wäre. Es bleibt ihm ein Königreich, das grösser ist 
als Frankreich und noch eines Tages wieder aufblühen kann, 
wenn man dort die Anarchie zu vernichten vermag, wie man sie 
soeben in Schweden vernichtet hat, und wenn die Freiheit dort 
zugleich mit der königlichen Macht bestehen kann^)." 

Eine zweite Anmerkung legt Voltaires Auffassung von der 
königlichen Gewalt dar; sie ist um so wichtiger, weil in dem 
Drama selbst, wie wir sahen, die Übertragung der höchsten Autorität 
an Teucer mit einem einzigen knappen Satze abgetan wird. 

Nach Teucers Ausspruch: „Der ganze Staat ist in mir" 
müsste man meinen, Voltaires Ideal sei der Absolutismus Lud- 
wigs XIV, dessen Zeitalter er ja in einem seiner glänzendsten 
Werke gefeiert hat. Die Anmerkung zeigt jedoch, dass es viel- 
mehr der aufgeklärt.e Despotismus Friedrichs des Grossen ist, 
den er für die beste Staatsform hält. 

„Unter dem Begriff der höchsten Gewalt," sagt er, „ist jene 
vernünftige Autorität zu verstehen, welche sich auf die Gesetze 
gründet und durch sie gemildert wird. Diese gerechte und ge- 
mässigte Autorität vermag nicht Leben und Freiheit eines Bürgers 
der Niederträchtigkeit eines Schmeichlers zu opfern. Sie unter- 
wirft sich selbst der Gerechtigkeit, verbindet das Interesse des 



1) II lui reste un royaume plus grand que la France, et qui 
pourra devenir un jour florissant, si on peut y detruire 1' anarchie comme 
eile vient d' ^tre de+ruite dans la Su^de, et si la libert^ peut y subsister 
avec la royaute. S. 202. 

A. 1.) 



60 



Staates unauflöslich mit dem des Thrones und macht aus einem 
Königreich eine grosse Familie, die von einem Vater regiert 
wird. Wer dem Begriff der Monarchie eine andere Deutung 
gäbe, würde sich gegen die ganze Menschheit versündigen." 
„Diese Anmerkung", sagte Voltaire, „wird man mir in Paris nicht 
nachdrucken." 

Fassen wir nunmehr die Vorschläge, welche Voltaire dem 
König von Polen macht, kurz zusammen! Sie laufen, um es 
mit einem 'Wort zu sagen, auf die Empfehlung eines Staats- 
streiches hinaus. Mit Hilfe der Armee und der russischen Nach- 
barn soll der König die Macht des Adels brechen und ihn auf 
blosse Ehrenvorrechte beschränken. Das Wahlkönigtum und das 
liberum veto sollen beseitigt werden. „Es ist der Zweck dieses 
Dramas" — fügt Voltaire in einer besondern Anmerkung hinzu 
— „zu beweisen, dass man ein Gesetz abschaffen muss, wenn 
es ungerecht ist." Der aufgeklärte Despotismus, der so zur Re- 
gierung käme, soll dann in Polen die religiöse Toleranz durch- 
führen, d. h. die Gleichberechtigung der Dissidenten, der Vol- 
taire schon früher in einer besondern Schrift das Wort geredet 
hatte 1). 

Mit Enthusiasmus begrüsste er daher die Staatsumwälzung, 
durch welche König Gustav III. von Schweden auf die Armee 
gestüzt, am 19. August 1772 seinem Adel die Herrschaft ent- 
riss. In dieser Revolution von oben sah er für Schweden das 
verwirklicht, was er für Polen erstrebte. „Es war der König von 
Polen" — schrieb er an d' Alembert^) — „welcher die Rolle 
Teucers spielen sollte, und nun ist es der König von Schweden, 
der sie wirklich gespielt hat." 

Wie sehr weichen von diesen Ideen die Reformvorschläge 
ab, zu denen Rousseau in seinen Considerations gelangt ist! 
Wäre es nicht gewiss, dass beide Schriften unabhängig von 
einander entstanden sind — die Consideratios sind im April 
1772 geschrieben, als Voltaire sein Drama .zwar vollendet, aber 
noch nicht veröffentlicht hatte, und erst 1782 im Drucke er- 
schienen — man wäre versucht, an einen bewussten Gegensatz 
zu glauben. So scharf ist der Widerstreit, zu dem eine diametral 
entgegengesetzte Weltanschauung beide auch in dieser Einzel- 
frage geführt hat. Schreibt Voltaire für den König von Polen, 
so wendet sich Rousseau an die Adresse der Konföderierten. 
Rät Voltaire zu einem Bruch der bestehenden Verfassung, zur 
Einführung eines gemässigten Absolutismus, so ermahnt Rousseau 
die Polen, auf die Erhaltung und Erweiterung ihrer politischen 

1) Essai Historique et Critique sur les Dissensions Des Eglises de 
Pologne. (Band 26 S. 451—468). 

2) 13. November 1773. Band 48 S. 218. 



61 



Freiheit bedacht zu sein. Die königliche Gewalt, so schattenhaft 
sie geworden war, will er noch mehr eingeschränkt wissen. Das 
Wahlkönigtum soll nicht nur beibehalten, sondern noch dadurch ge- 
sichert werden, dass die Söhne eines Königs gesetzlich von der 
Nachfolge überhaupt ausgeschlossen werden. Einem Staatsstreich 
will er dadurch vorbeugen, dass dem König das Recht genommen 
wird, die Minister, insbesondere aber den Grossgeneral zu er- 
nennen. Selbst das liberum veto des polnischen Adels findet 
Gnade vor den Augen des Philosophen ; er preisst es als den Ga- 
ranten der Freiheit. Seine Änderungsvorschläge bezwecken nur 
die Anwendung dieses Rechtes einzuschränken und mit gewissen 
Kautelen zu umgeben^). 

Nur in einem Punkte berühren sich die Anschauungen 
beider, und zwar gerade da, wo man es am wenigsten erwarten 
sollte. 

Voltaire hält, wie wir sahen, auch nach der Teilung ein 
Wiederaufblühen des übrigen polnischen Staatskörpers für durch- 
aus möglich; Rousseau geht noch weiter, er erblickt in der Ver- 
kleinerung des Reiches geradezu die Voraussetzung für jede Re- 
form. „Es ist erstaunUch, wunderbar," sagt er, „dass die unge- 
heure Ausdehnung Polens nicht schon hundertmal die Wirkung 
gehabt hat, eure Regierung in Despotismus zu verwandeln, die 
Seelen der Polen zu entarten und die ganze Masse der Nation zu ver- 
derben. Die erste Reform, deren ihr bedürft, wird sich auf den 
Umfang eures Reiches richten müssen. Fangt damit an, eure 
Grenzen zu verengern, wenn ihr eure Verfassung verbessern wollt! 
Vielleicht denken eure Nachbaren daran, euch diesen Dienst zu 
leisten. Das wäre freilich ein grosses Unglück für die abge- 
rissenen Glieder, aber eine grosse Wohltat für den Kern der 
Nation " . 

Beiden, den Philosophen wie dem Poeten ist es entgangen^ 
dass der in dem Erfolge der ersten Teilung liegende Anreiz mit 
Naturnotwendigkeit zu weiterer Zerstückelung und schliesslich zu 
völliger Aufsaugung Polens durch die Nachbarmächte führen 
musste. Dieses Schicksal hat auch die berühmte Verfassungs- 
änderung vom 3. Mai 1791, die sich durchaus in der Richtung 
der Voltaireschen Vorschläge bewegte, nicht mehr abwenden 
können. 



1) Chap. IX: Causes particulieres de 1' anarchie S. 386 ff. 
Vgl. Röpell: a. a. O. S. 136 und 138 ffg. 



62 

Geschäftliches. 



Jahresbericht der „Historischen Gesellschaft für die 

Provinz Posen" (Historischen Abteilung der Deutschen 

Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft zu Posen) 

über das Geschäftsjahr 1903. 

Die MitgHederanzahl betrug am Tage unserer letzten ordentlichen 
Generalversammlung 1226. Der durch Ausscheiden, Tod und Streichung 
wegen Nichtzahlung der Beiträge entstandene Abgang von MitgHedem 
wurde durch den Neuzutritt mehr wie überboten, so dass die Gesamtzahl 
der Mitglieder jetzt 1252, also 26 mehr als im Vorjahr beträgt. 

Von diesen Mitgliedern gehören 428 der Stadt Posen, 824 der 
Provinz an. Den grössten Zuzug erhielt die Gesellschaft aus den Mittel- 
städten der Provinz. So zählt unsere Sektion in Krotoschin jetzt 117 
Mitglieder, in Ostrowo 68 und selbst in dem kleinen Pleschen 57 Mit- 
glieder. Es ist dies daher zu erklären, dass die der Deutschen Gesellschaft 
in der Provinz beitretenden Mitglieder unserer Abteilung wegen der von 
ihr gelieferten Druckschriften den anderen Abteilungen, die ihre Wirk- 
samkeit fast nur auf die Stadt Posen beschränken, vorziehen. 

Wie bereits in unserem letzten Jahresbericht dargestellt worden ist, 
hat sich durch die starke Steigung der Mitgliederzahl seit unserem An- 
schluss an die Deutsche Gesellschaft die Notwendigkeit herausgestellt, 
die auf Grund unseres früheren geringeren Mitgliederbestandes berechnete 
Quote, die wir aus der Kasse der Deutschen Gesellschaft als Ersatz der 
früheren Mitgliederbeiträge beziehen, entsprechend zu erhöhen. Die hier- 
über mit der Deutschen Gesellschaft geführten Verhandlungen sind von 
Erfolg begleitet gewesen, und es ist zu erwarten, dass die in den nächsten 
Tagen stattfindende Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft 
die hierüber getroffenen Abmachungen bestätigen wird. Für das Berichts- 
jahr, für das diese Abmachungen noch nicht gelten werden, haben wir 
einen Zuschuss von 1000 M. bei dem Vorstand der Deutschen Gesell- 
schaft beantragt, aber noch nicht bewilligt erhalten. 

Aus dem Vorstand schieden in der letzten Generalversammlung 
durch satzungsmässige Auslosung die Herren Gymnasialdirektor Dr. Friebe, 
Geheimer Regierungsrat Skladny und Archivrat Dr. Warschauer aus, wurden 
jedoch durch dieselbe Generalversammlung wiedergewählt. Durch den 
Tod verloren wir Herrn Superintendenten Kleinwächter, der seitdem 
10. Dezember 1901 unserem Vorstande angehört hat. Seine Verdienste 
um unsere Gesellschaft und die Kirchengeschichte unserer Provinz sind in 
einem Lebensbild in Nr. 2 des 5. Jahrgangs unserer Historischen Monats- 
blätter gewürdigt worden. 

Zu Geschäftsführern wurden neu ernannt für die Sektion 
Inowrazlaw Herr Amtsgerichtsrat Holzmann, für Schwerin Herr Kreis- 
schulinspektor Kremer und für Tremessen Herr Gymnasialdirektor 
Dr. Klinke. Herrn Gymnasialdirektor a. D. He id rieh, der unsere 
Sektion Nakel viele Jahre geleitet hat, haben wir nach seiner Übersiedelung 
nach Berlin zum korrespondierenden Mitglied ernannt. 

Der wissenschaftliche Tauschverkehr wurde wie im Vorjahre 
mit 192 Vereinen, Akademien u. s. w. gepflogen. Die Schriften von 156 
dieser Vereinigungen wurden der Kaiser Wilhelm-Bibliothek dem ab- 
geschlossenen Vertrage entsprechend, überwiesen. 



63 



Bei der Generalversammlung des Gesamtvereins der Deutschen 
Geschichts- und Altertumsvereine, die vom 27. — 30. September in Erfurt 
stattfand, waren wir durch unseren Vorsitzenden, den Archivdirektor 
Professor Dr. Prümers vertreten. Zwei Vereinigungen, mit denen wir in 
besonders enger Verbindung stehen, haben wir zu feierlichen Anlässen 
durch Abordnungen unsere Glückwünsche abstatten lassen : es war dies 
der Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg, der am 1. und 2. Oktober 
das Fest seines 25 jährigen Bestehens feierte, und die Schlesische Ge- 
sellschaft für vaterländische Kultur zu Breslau, die am 17. Dezember ihre 
Jahrhundertfeier beging. In Nürnberg, wo die Feier im Anschluss an die 
Generalversammlung des Gesamtvereins stattfand, waren wir durch unsern 
Herrn Vorsitzenden, in Breslau durch ebendenselben und den Bericht- 
erstatter vertreten. Mit der Historischen Abteilung der Deutschen Gesell- 
schaft für Kunst und Wissenschaft zu Bromberg, der früheren Historischen 
Gesellschaft für den Netzedistrikt, wurde die literarische Vereinigung, 
wonach die dortigen Mitglieder die Monatsblätter und die Zeitschrift in 
gleicher Weise wie die unsrigen erhalten, fortgesetzt. Um diese im 
wissenschaftlichen Interesse wertvolle Vereinigung auch für die Zukunft 
aufrecht zu erhalten, haben wir in Rücksicht auf die ungünstige finanzielle 
Lage der Bromberger Gesellschaft uns bereit erklärt, vom Jahre 1904 an die 
an uns zu zahlende Quote für jedes Bromberger Mitghed von 4 auf 3V2 
Mark herabzusetzen. Endlich mag noch zur Vervollständigung der Ge- 
schichte unserer Beziehungen nach Aussen erwähnt werden, dass wir uns 
auf eine an uns ergangene Auffordung an der Feuerwehrausstellung in 
London April 1903 durch Einsendung eines seltenen Buches unserer Bi- 
bliothek: Theatrum machinarum generale 1724 beteiligt haben. 

An wissenschaftlichen Veröffentlichungen haben 
wir den 18. Jahrgang unserer Zeitschrift und den 4. Jahrgang der Histo- 
rischen Monatsblätter herausgegeben. Von den in der Zeitschrift ver- 
öffentlichten Arbeiten ist die des Herrn Dr. C. Brandenburger, Das 
Hauländerdorf Goldau in Posen, ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte 
Grosspolens im 18. Jahrhundert, zugleich als Heidelberger Doktordissertation 
und die Arbeit des Herrn Oberlehrers Dr. P e i s e r. Über Friedrich des 
Grossen burleskes Heldengedicht: La guerre des confederes, als Sonder- 
abdruck im Verlage von J. Jolowicz erschienen. Hervorgehoben seien 
die in den beiden letzten Jahrgängen der Zeitschrift und der Monats- 
blätter veröffentlichten kirchengeschichtlichen Studien des Pastors Herrn 
D r. W o t s c h k e zu Santomischel, die als Vorarbeiten zu einer von dem 
Verfasser zu erwartenden, auf umfassenden Quellenstudien beruhenden Ge- 
schichte der Reformation in Grosspolen zu betrachten sind. Als Sonder- 
abdruck sollen auch die in dem Berichtsjahr in den Monatsblättern be- 
gonnenen „Historischen Beiträge zur Wiederherstellung des Posener Rat- 
hauses" erscheinen. Von den grossen Sonderpublikationen, die in unserem 
Auftrage vorbereitet werden, ist leider noch keine in druckfertigem Manu- 
skript eingeliefert worden, so dass wir günstigsten Falls für das Ende des 
laufenden Jahres das Erscheinen des nächsten Bandes erwarten dürfen. 
Die Herausgabe der sogenannten Grundkarten unserer Provinz haben wir 
in dem Berichtsjahre dadurch gefördert, dass wir die Herstellung eines 
Übersichtsblatts der ganzen Provinz im Verhältniss von 1: 500 000 vor- 
bereitet haben. Das Blatt soll nach den besten Grundlagen nur die na- 
türliche Gestaltung des Landes, besonders das Wassernetz wiedergeben 
und zur Einzeichnung historisch-geographischer Forschungsergebnisse 
dienen. Die Anfertigung der Vorlage, die zur mechanischen Verviel- 
fältigung gelangen soll, hat in dankenswerter Weise Herr Gustav Roth 
zu Posen übernommen. 



64 



Der Vertrieb unserer Veröffentlichungen ist ein erfreulicher, Zeit- 
schrift und Monatsblätter erscheinen in der Auflage von 1900 Exem- 
plaren und von diesen bleiben nur recht wenige auf Lager, so dass in 
nächster Zeit wohl wieder eine Erhöhung der Auflageziffer erfolgen wird. 
In der Stadt Posen selbst und an allen denjenigen Orten der Provinz, 
wo die Historische Gesellschaft keine Geschäftsführer hat, werden die 
Zeitschrift und die Monatsblätter durch die Post im Zeitungsvertrieb be- 
fördert. Doch erfolgt die Anmeldung eines jeden Mitgliedes 
bei der Post nur einmal bei Beginn des Jahres. Ver- 
zieht ein Mitglied im Laufe des Jahres, so muss es, wenn 
es die Publikationen weiter beziehen will, die Anmeldung 
bei der Post selbst veranlassen. Wir machen hierauf auch 
an dieser Stelle noch besonders aufmerksam. Die Verbreitung 
unserer Sonderpublikation „Das Jahr 1793. Urkunden von Aktenstücken 
zur Geschichte der Organisation Südpreussens" ist dadurch gefördert 
worden, dass eine Anzahl von Gymnasien und Lehrerseminare der Pro- 
vinz das Werk als Prämie verteilt hat. Für die zu diesem Zweck be- 
zogenen Exemplare ist der Ankaufspreis von uns heruntergesetzt worden. 

Die Zahl der in Posen abgehaltenen Sitzungen betrug 9. Die De- 
zembersitzung wurde zur Erinnerung an die vor 650 Jahren, im Jahre 
1253 erfolgte Gründung der deutschen Kolonialstadt Posen auf dem west- 
lichen Wartheufer als Festsitzung im Saale des Apollotheaters abgehalten. 
In der Provinz fanden Sitzungen unserer Abteilung in Rücksicht auf die 
von der Deutschen Gesellschaft veranstalteten heimatsgeschichtlichen Vor- 
träge nicht statt. Solche heimatsgeschichtlichen Vorträge wurden in den 
Berichtsjahren gehalten in Grätz, Inowrazlaw, Schmiegel, Mogilno, Kempen 
und Kolmar. Der Somm erausflug fand am Sonntag, den 13. Sep- 
tember nach Meseritz zur Besichtigung der dortigen Schlossruine und 
Paradies zum Besuch der ehemaligen Cistercienserabtei statt. 

Der Verwalter unserer Sammlungen, Herr Geheimer Regie- 
rungs- und Schulrat S k 1 a d n y berichtet, dass sich die Bibliothek um 423 
Druckschriften vermehrt hat, so dass sie jetzt aus 3228 Werken in etwa 
9600 Bänden besteht. 

Der Vorstand, 
i. A. Warschauer. 



HIstoriSGlie Abteilung der Deutschen Geseilschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

Dienstag, den 12. April 1904, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant 
.Wilhelma«, Wilhelmstr. 7 

Monatssitzung. 

Tagesordnung: Vortrag des Herrn Professor Dr. Collmann: 
Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt von Posen nach Kosten. 



Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg» 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 




HISTORISCHE 
MONATS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 




Jahrgang V Posen, Mai 1904 



Nr. 5 




Koerth A., Sprachliche Eigenarten des Posener Plattdeutsch S. 65. — 
Prümers R., Das Einhorn vor dem Posener Rat S. 73. — Literarische 
Mitteilungen S. 75. — Nachrichten S. 79. — Bekanntmachung S. 80. 



Sprachliohe Eigenarten des Posener Plattdeutsch"). 

Von 
A. Koerth. 

I. 

ei der Lektüre von Fritz Reuters Werken habe ich oft 
versucht, manche besonders schöne Stellen in „mein geliebtes 
Deutsch" d.h. in unser Posener Plattdeutsch zu übersetzen. 
Und gerade durch diese Versuche ist mir manche Eigenart unseres 
heimischen Dialektes so recht zum Bewusstsein gekommen. Zeigte 
sich auch gar manche Übereinstimmung, wurde mir auch manches 
anheimelnde Wort wieder ins Gedächtnis zurückgerufen, für das 
wir im Hochdeutschen keine Analogie haben, so fehlte es aber 
auch nicht an auseinandergehenden Verschiedenheiten, so fand 
sich auch wieder in unserm Platt manche abweichende Wendung, 
manches, was wir ungefähr auch so sagen, doch mit ein „bisschen 
andern Worten". 

Vor allem auffallend sind da gleich in unserm Dialekt viele 
Endsilben der Wörter. So haben alle Dingwörter, die im Hoch- 
deutschen auf en oder chen endigen, nur ein kurzes offenes o, 
z. B. Haken-Hauko, Laden-Lodo, Rücken-Röggo ; Bäumchen- 
Bömko. Es ist das wohl noch die althochdeutsche Endung, die 
sich nur noch in alten Eigennamen findet: Hugo, Otto, Bruno, 
und die der Sprache damals einen grösseren Wohlklang gab. 



^•) Die Schreibweise der Wörter des Dialekts ist der Einfachheit 
wegen hier rein phonetisch. 



66 



Ähnlich ist es bei vielen Zeitwörtern auf en, ern, sen, sehen, 
zen und ein ; z. B. fischen-fischo, küssen-pusso ; steinern-steenero, 
klimpern-klimpero; brausen-bruso ; klatschen-klatscho ; grunzen- 
krunzo; schütteln-schüddalo, betteln-bettalo. Auch bei den Fremd- 
wörtern auf eien und ieren hat unser Dialekt diese Endsilbe an- 
gehängt: prophezeien-prophezeio ; regieren-regeiro^), spazieren- 
spazeiro. Bei dem Eigenschaftswort golden steht hinter dem o 
noch ein n, also goldon, während die übrigen Eigenschaftswörter 
mit en nur o haben. 

Eine andere althochdeutsche Endung, die sich auch nur 
noch in Eigennamen zu uns in unser heutiges Hochdeutsch her- 
übergerettet hat, findet sich noch häufig in unserm Plattdeutsch; 
es ist dies die Endung a in den Namen Emma, Bertha, Gisela. 
Sie tritt auf in den Dingwörtern, die im Hochdeutschen auf el 
und sei endigen, soweit sie dem Platt eigen sind: Hobel-Höwa, 
Wurf el-Würfa ; Häcksel-Häcksa, Deichsel-Dissta, Wechsel-Wechsa. 
Die Mehrzahl dieser Wörter wird im Plattdeutschen besonders 
gebildet, während im Hochdeutschen die Wörter meist unverändert 
bleiben, so heissen die Würfel-Würfalo, die Wechsel-Wechsalo. 
Eigenartig klingt die Mehrzahl von Rätsel-Räusako^). 

Bei der Endsilbe er verschwindet das r: Bauer-Bue; die 
Endung fällt meist auch weg: Sorge-Sorg; Freude-Fröd. Ab- 
weichung zeigen Gemeinde-Gemeon und Gebäude-Gebüggon. 
Die Silben heit, keit und schaft haben in unserm Dialekt keine 
Analogien, auch Wörter mit ung und tum kommen kaum als 
solche vor. Für Kleidung sagt man Kleidosch und für Stallung 
Stjahling. 

Manche Wörter auf bar haben im Platt baue: dankbar- 
dankbaue, ehrbar-ehebaue, offenbar-aupobaue. 

Bei der Vorsilbe ver kommt das r in Wegfall, so dass es 
heisst veschwinno-verschwinden, vereikono-verrechnen. Die Silbe 
zer fehlt wohl überhaupt; für sie setzt man hier meist intweig: 
entzweizerhauen-intweighoggo, zerstampfen-intweigstampo. Für 
zerreissen sagt man aber oft auch statt intweigrieto kurz trieto. 

Die Silbe o und on tritt auch in solchen Wörtern auf, d|e 
im Hochdeutschen einsilbig sind: Schwein-Schwieo, Stein-Steo, 
mein-mio, dein-dio. Auch die Endung a kommt bei sonst ein- 
silbigen Wörtern vor, die auf 1 endigen: Kell-Kiea, weil-wiea. 

Eine andere Eigenart in unserem Dialekt ist der grössere 
Reichtum an Vokalen; wenn auch nicht neue auftreten, so findet 
man doch einige Übergangsstufen zwischen den bekannten Vokalen 
als selbständige Vokale auftreten. So haben z. B. viele Wörter, 



1) bei ei werden e und i gesprochen, also nicht ei. 

2) k ist weich. 



67 



die im Hochdeutschen ein langes u haben, im Plattdeutsch ein 
offenes o, das in ein u übergeht: Buch-Bouk, Schuh-Schouh, 
Fuss-Fout, tun-doud, zu-tou. In der Mehrzahl dieser Dingwörter 
wird aus ü öü: Bücher-Böük, Füsse-Föüt, Tücher-D öüke ; aber 
auch ein u wird manchmal zu öü: suchen-söüko. 

Ferner tritt hier auch ei als Vokal auf für ganz verschiedene 
hochdeutsche Vokale, so für langes e: See-Sei^ weh-wei, mehr- 
meie, den-dei; auch für ä: schräg-schreich ; oder auch für ei: 
weich-weik, Zeichen-Teiko, nein-nei. Charakteristisch wird der 
Diphtomp eu in unserm Dialekt gesprochen, es wird das e und 
u mehr auseinandergehalten, so erkennt man an der Aussprache 
dieses Vokals gleich den von Hause aus plattdeutsch Redenden. 

Von den Mitlauten fehlt fast gänzlich das z, sowohl im 
Anlaut als auch im Auslaut, wie auch in der Verbindung mit w. 
Im Anlaut steht meist t und auch im Auslaut. Ausnahmen sind 
diejenigen Fremdwörter, die wegen des öfteren neueren Gebrauchs 
auch in diesem Dialekt Aufnahme gefunden haben und nur wenig 
verändert sind, z. B. Zentner-Cintne. So aber heisst es Toll-ZoU, 
Zaum-Tohm, zwei-twei, zwanzig-twinch ; schwarz-schwaat, Schürze- 
Schöt, Herz-Hat. 

Die letzten Beispiele zeigen schon, dass dieser Dialekt eine 
Abneigung hat gegen Häufung von Konsonanten im Auslaut. 
Vielleicht mag hierfür mit verantwortlich gemacht werden können 
der Hang zur Bequemlichkeit und zum Kraftersparen; denn dieses 
Wegfallen eines von den auslautenden Konsonanten findet sich 
auch bei anderen Gruppen: stark-staak, Karte-Kauet, Birke-Baak. 
Bei leichter und bequemer sprechbaren Verbindungen freilich 
Iritt diese Erscheinung nicht ein: lang-lang, bunt-bunt. 

Im Anlaut ist nun aber wieder eigentümlich, dass in vielen 
Wörtern hinter die Anfangskonsonanten ein j tritt. Mjaasch- 
Mensch, schuja-schön, Brjall-Brille, Sjoll-Schwelle, Sjonn-Sonne. 

Manche dieser letzten Wörter verschwinden jetzt schon 
immer mehr und werden meist durch die betreffenden hoch- 
deutschen Ausdrücke ersetzt, wie denn überhaupt eine grosse Zahl 
der hochdeutschen Wörter schon Aufnahme gefunden haben, so 
dass die „Jungen" oft gar nicht mehr die Bezeichnungen des 
Dialekts kennen. Man sagt schon fast durchweg Fenste-Fenster 
statt Fjaste. Und so gibt es noch eine Reihe von eigenartigen 
Ausdrücken, die man nur noch voxi einem Alten zu hören bekommt. 
Der sagt nicht Kapitaue-Kapital, sondern Höftstoua. Dieses Höft, 
dessen Bedeutung mir nicht bekannt ist, findet sich wieder in 
Höftvei-Vieh. Das wird auch Queik oder Quick genannt. Die 
Holzeimer, wie sie noch zum Melken und Wasserholen benutzt 
werden, heissen Pjoll ; der Brunnen wird Pütt genannt. Die 
Färse heisst Stak und die gemästeten Schafe werden Bracko genannt. 

5* 



68 



Unter den Namen für Tiere und Pflanzen der Heimat sind 
auch manche seltsam, wenn schon gesagt werden muss, dass 
unsere plattdeutschen Landbewohner gerade nicht zu grosses In- 
teresse zeigen für das in der Natur, was nicht handgreiflichen 
Nutzen gewährt. Der Storch wird von den Alten noch Knepponä 
genannt; der Marder heisst Mjalling, die Blutegel, die immer 
noch bei ihnen in hohem Ansehen stehen, heissen Jallo. Den 
Pfau nennt man Pochaluo; diesen Ehrentitel erhalten auch die 
Frauen, die sich gern putzen. Dem Pirol schreibt man die Gabe 
zu, Veränderung des Wetters anzeigen zu können, daher mag 
auch sein Name stammen : Wädewauon - Wetterfahne. Die 
Elster kündigt durch ihr Geschrei einen Gast an und heisst Heiste; 
nach ihr nennt man die Hühneraugen auch Heistogo. 

Noch einige seltsame Wörter mögen hier Platz finden. 
Die Ärmel werden Moggo genannt; das Gehirn heisst Brächa; 
die Grossmutter wird oft Gröisch genannt; Geschwisterkinder, 
also Kousinen und Kousin, heissen Büakokinne. Für Hochzeit 
sagt man Kost, freilich hört man schon mehr das dem Hoch- 
deutschen nachgebildete Hochtiet^); in Brutma-Bräutigam erkennt 
man noch viel besser die alte Bedeutung dieses Wortes, es heisst 
nämlich genau übersetzt Brautmann. — Für Appetit sagt man 
wohl Hoch 2) und für Verlangenhaben sick kahno oder auch Jibba 
hebbo; ablocken heisst hier afhiggo. Wer viel redet ohne 
Zusammenhang, von dem heisst es, er brasat oder jabbet oder 
auch räutat; für erschrecken sagt man oefeihet und wer sehr 
ängstlich ist, von dem sagt man, er ist reistlich. Für in früheren 
Zeiten hat man das eine Wort rei. 

Die Ernte wird Öchst genannt, ernten heisst darum öchsto, 
doch sagt man auch für geerntet haben buewakt. Das Erntefest 
heisst Pümpek. Das ist eines von den Wörtern, die der Dialekt 
aus dem Polnischen übernommen und mehr oder weniger ver- 
ändert hat. Dem Einfluss dieser Sprache verdankt er auch wohl 
jene oben erwähnte Verbindung der Anfangskonsonanten mit einem 
j (ie). So nennt der Plattdeutsche „die Unaussprechlichen" auch 
noch derb Potko (portki) und die hohen Holzschuhe, wie sie die 
Arbeiter wohl im Winter tragen, heissen auch Pjäronnek, während 
man sie in mehr deutschen Gegenden, z. B. in der Hopfengegend, 
bezeichnend „Rundrimmer" nennt, weil sie ringsum Leder haben. 
Die Arbeitsleute auf den Gütern werden oft Kumurnecks genannt, 
wenn gleich das Plattdeutsche für sie die seltsame Bezeichnung 
Husjanno hat. Die Abgaben nennt unser Bauer stets bezeichnend 
Utgowo (Ausgaben). Die Deutsch-Katholiken nennt das Volk 
merkwürdigerweise Jeiafout (Gelbfuss). 

1) o ist kurz und offen. 

2) ö ist lang und offen. 



69 



Nun mögen noch einige plattdeutsche Ortsnamen Platz 
finden, um zu zeigen, wie diese Mundart sich die ursprünglich 
polnischen Namen mundgerecht gemacht hat. Es sind das Orts- 
namen aus der Umgegend von Rogasen, das in Platt Rogoso 
heisst. Das kleine Nachbarstädtchen Ritschenwalde nennt man 
mehr anklingend an das polnische Original RisvoU; Wongrowitz 
heisst Vumross, Czarnikau Zanko^), Obornik Obonik. Und noch 
einige Dorfnamen: Owietschek-Wobjesko, Wellna-Fjollo (Füllen), 
Boruchowo-Borkow, Ninino-Ninko. Auch leben noch manche alte, 
heute nicht mehr amtliche Ortsnamen im Volke weiter und 
werden von den Alten noch lieber gebraucht, als die „niggmoudscho"- 
neumodischen. Man hört noch immer für Jakubowo ModdehoUnä 
(Modderhauland), für Wladischin Woltmahollnä (Woltmannhauland), 
für die Ausgebauten von Gosciejewo (jetzt Bülowtal) Paddobrouk 
(Froschwald?) und das gleichnamige Hauland heisst noch 
KotorkohoUnä. Selten aber ist es noch, dass jemand für Seefelde 
Schaupskopp (Schafskopf) sagt. 

IL 

Durchforschen wir nun noch unsern Dialekt nach dem, 
worin sich das Fühlen und Denken des Volkes am unmittel- 
barsten ausspricht: werfen wir noch einen Blick auf Poesie und 
Sprichwörter in dem Posener Plattdeutsch. Es scheint schon 
von Haus aus gerade nicht besonders für die erstere anbaufähig; 
vielleicht liegt das in dem verhältnismässig geringen Wortschatz 
und dann auch in der Eigenart der Endungen begründet. Viel- 
leicht hängt das auch mit dem ganzen Charakter dieses Menschen- 
schlages zusammen, der durch die Ungunst der Verhältnisse auf 
das nüchtern Praktische gerichtet worden ist. Darum findet man 
auch selten einen poetischen Versuch in diesem Dialekt, geschweige 
ganze Lieder. Die alten Leute erzählen wohl, dass früher im 
Winter beim Spinnen gern gesungen wurde, doch waren es 
meist hochdeutsche Lieder ; nur die Rätsel, die man sich gern 
aufgab, waren plattdeutsch. Doch hielt man diesen Zeitvertreib 
für sündhaft und erzählt sich noch heute, wie die diesem Zeit- 
vertreib Huldigenden bestraft oder doch durch Gespenster ge- 
ängstigt wurden. Nur schüchterne Versuche zu reimen, leben 
in Sprichwörtern, Kinderreimen und in Texten zu Tänzen in dem 
Volke fort, die keineswegs originell sind. Die Kinder spötteln 
wohl über den, der unter ihnen Paul heisst: 
„Pachaluo, grieb da Tuo, 
Sett em nedde, grieb em wedde. 



1) k ganz weich. 



70 



Arger geht es dem Hans: 

Haas, Kraas, krus, 
Mett da dicko Lus. 

Wenn der Vater am Feierabend seinen Jüngsten auf den Knieen 
schaukelt, dann singt er wohl: 

„Hopp, hopp no Poso, 

Do piepo dei Hoso; 

Do rummat dei Bück, 

Do geht dat so schmuck. 

Und wenn zwei Freunde lustig aus dem Wirtshause kommen, 
dann sprechen sie ihre seligsten Gedanken auch wohl noch aus 
mit dem Muttermund. Da hört man noch hie und da: 

Brudo Micha, ho 

Speia mie ma so; 

Waro beed inno Kallo kruppo, 

Waro dem Kröüche allo Brannwjo uttsuppo. 

Von den Texten zu den Tänzen sind einige nicht gut wieder- 
gebbar wegen der recht urwüchsigen Sprache. — • Einem Walzer 
hat man folgendes kleines Gesetz untergelegt : 

Döi Wind dei wacht, Der Wind der weht, 

Döi Hohne kracht, Der Hahn der kräht, 

Mion Mutte hett mi Potko näht. Meine Mutter hat mir Hosen 

[genäht. 

Ein „Schottischer" lockt: 

Friedricke, kumm, Friedricke kumm, 

Nu geiht dei Schott'sch jo ganz links um. 

Ergiebiger als für Reim und Gedichte ist unser Dialekt für 
denjenigen, der gern hört die „Weisheit auf der Gasse", die 
Sprichwörter, oder wie unsere Landleute sagen, das, „wat 
dei olle Lühd ümme sädo" (was die alten Leute immer sagten). 
Davon lebt heute noch manch gutes, kräftiges Wort unter 
unsern plattdeutschen Landleuten fort und wird sehr gern und 
oft zitiert, haben sie es doch von den Alten geerbt als teures 
Vermächtnis. 

Wie sie ja auch hoch in Ehren halten, was noch von den 
Eltern, von „da Ollo", stammt, so suchen sie auch diese Spruch- 
weisheit den Jungen früh und tief einzuprägen zur Mahnung 
und zur Beherzigung; denn was die Alten aus ihrer langen 
Erfahrung als allgemeingiltig hinstellen, das gilt auch. 

Bezeichnend ist es, dass die meisten Sprichwörter und 
sprichwörtlichen Redensarten meist an das Leben und an Be- 
obachtungen aus der Natur anknüpfen. Es legt Zeugnis ab für 



71 



das eigenartige, innige Verhältnis des Landmannes zu dieser 
grossen Lehrmeisterin. 

Nur das Wort der Alten gilt etwas; darum sagt man: 
„Wenn a oll Hund basst, da mutt ma rute kieko; bim jungo 
kann ma douho, wat ma wei." (Wenn ein alter Hund bellt, 
dann muss man heraussehen; beim jungen kann man tun, was 
man will.) Aber die Alten halten sich auch für die Arbeitsamsten 
und Stärksten: „A oll Paiet treggt ümme no am meisto" sagen 
sie lachend, wenn die Jungen schon schlapp sind. (Ein altes 
Pferd zieht immer noch am meisten.) 

Deshalb wird es einem rechten Bauern auch stets schwer, 
seine Wirtschaft zu übergeben, das Regiment dem Sohne zu 
übergeben, oder wie sie es bezeichnend nennen: „Dei Schweip 
utt da Hinno tou gäwo," (die Peitsche aus den Händen zu geben) 
und sich in die Leibgedingstube, „dei Knurrstuw" zurückzuziehen. 
Es ist nicht nur das Gefühl des Überflüssigseins und die Furcht, 
dass man em öwerall no da Ogo stöuto wat, (man ihm überall 
nach den Augen stossen wird, d. h. ihn fühlen lassen, dass er 
lästig ist) oder „em imme akiegt, a dei Heiste datt krank Fako" 
(ihn immer ansieht, wie die Elster das kranke Ferkel), sondern 
doch vor allem die Besorgnis, dass die Jungen nicht so gut 
wirtschaften werden. Denn, so hört man oft sagen: „datt is do 
no alles Kaawefleisch " , (das ist doch noch alles Kälberfleisch) 
und nur zu leicht können sie so leichtsinnig wirtschaften, „datt 
sei hinnom Stoffe speialo", (dass sie hinter dem Geigensteg 
spielen) oder „datt dei Ell linge wat, as dei Kroom" (dass die 
Elle länger wird als der Kram). Wie man es sehr gern sieht, 
wenn die Kinder von Jugend an sich recht verständig und klug 
zeigen, so mag man es aber nicht leiden, dass sie sich „neecho- 
kloug" (neunklug) stets in das Gespräch der Erwachsenen 
mischen, was freilich infolge des innigen Zusammenwohnens nur 
zu häufig vorkommt. Da helfen meist die recht derben und 
komischen Abfertigungen mit alten Worten nicht viel. Da muss 
der altkluge Junge sich sagen lassen: „Du musst rädo, wenn 
dei Peireus jist," (du musst reden, wenn der Regenwurm rennt) 
oder „du weitst feia, watt Honch in da Teiebütt nütt is** (du 
weisst viel, was der Honig in der Teerbutte nützlich ist) oder 
man fragt ihn: „Gifft dion Näs ok dava Accis?" (gibt deine 
Nase auch davon Accise?) Das sind alles Worte, die für die 
Jugend rätseldunkel bleiben, die sie aber bald behält und dann 
auch unter einander anwendet, was sich dann meist sehr drollig 
anhört. Bis zur Einsegnung sind sie nach dem seltsamen Ver- 
gleich nur „a Dunk Hackheed" (ein Bündel Werg) und werden 
mit ihr erst ein Mensch. 



72 



Oft haben die Mütter ihre liebe Not mit ihren Lieblingen, 
weil sie nicht essen wollen, „watt dei KalP) gifft" (was die 
Kelle gibt). Von solchen „weiklicho und gnissigo" Kindern 
sagt man wohl: „dei sinn ok ma tou da weiko^) Botte u tumm 
haro Keis" (die sind auch nur zur weichen Butter und zum 
harten Käse). Freilich kennt man ein probates Mittel, sie von 
dieser „Weichlickheit" zu kurieren; wenn sie „mett lango Tähno" 
(mit langen Zähnen) an den Tisch kommen, d. h. keine Lust 
zum Essen zeigen, da müssen sie hungern, und wenn sie nachher 
über Hunger klagen, „da mutt ma sei mett da Näs upp da 
Discheck stouto**, (da muss man sie mit der Nase auf die Tisch- 
kante stossen). Mancher Vater freilich versteht darin keinen 
Spass: „Wenn dei Baue ok no so brummt, daso mutt hei do" 
heisst es hier ebenso kurz wie beim Arbeiten, (wenn der Bär 
auch noch so brummt, tanzen muss er doch) sonst schlägt er, 
„datt du denko schasst, Pingsto u Pauscho ist tauglick" (dass 
du denken sollst, Pfingsten und Peter-Paul (?) ist zugleich). 
Sehr leicht kann das dem Jungen passieren, wenn er „mett sine 
Sacho ümgeiht, as dei Paup mett dem Sunndag" (wenn er mit 
seinen Sachen umgeht, wie der Priester mit dem Sonntag). 

Besonders mag man es nicht leiden, wenn die Jungen die 
Alten zum Narren haben und sich über sie lustig machen, oder 
wie es in unserm Platt heisst: „wenn sei dei Lühd ümme so 
doch dei Tähno trecko" und „dei ando Lühd ümme tumm 
Hottapeiert hebbo" (wenn sie die Leute immer so durch die Zähne 
ziehen, und die andern Leute immer zum Hottelpferd haben). 

Selbstverständlich kommt in unserm Dialekt auch eine 
grosse Anzahl Sprichwörter vor, die das Hochdeutsche auch hat. 
Manche von ihnen sind aber doch ein wenig verändert. So sagt 
man nicht: „Jedem Narr gefällt seine Kappe", sondern: „Jeide 
Haar lowt sion Küa, u wenn sei ok neeche Krümmingo hett** 
(jeder Hirte lobt seine Keule, und wenn sie auch neun Krümmungen 
hat). Oder es heisst: „Jeide Scheipe lowt sion Woll" (jeder 
Schäfer lobt seine Wolle). Die mehr auf das Praktische gerichtete 
Denkweise unserer Landbevölkerung verrät es auch, wenn sie 
statt: „Hunde, die viel bellen, beissen nicht", sagt: „Köüch, dei 
veia brjollo, gäwo nei ümme dei meist Melk" (Kühe, die viel 
brüllen, geben nicht immer die meiste Milch). Das bekannte 
Wort vom Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt, hat unser 
Dialekt noch erweitert, vielleicht aus Lust am Reime, oder etwa, 
um die Vererbungstheorie, die dem Volksbewusstsein ja durchaus 
nicht so fremd ist, zu bekräftigen. Es heisst: „Dei Aepa föllt 



1) K ist weich. 

2) K ist weich. 



73 



nei wiet vam Stamm; as dei Bouck, so datt Lamm" (der Apfel 
fällt nicht weit vom Stamm; wie der Bock, so das Lamm). 

Der Freude am Reim verdankt auch wohl das Sprüchlein 
seine Entstehung, das man öfters von alten Frauen hört, denen 
die niggmud'sch Auet, (neumodesche Art), zu waschen nicht gefällt: 

,, Husch upp da Tuo, 

Ist nei Witt, so ist do bruo/' 

(Husch auf den Zaun, 

Ist's nicht weiss, so ist's doch braun.) 

Wenn die Sonne am Wintertage hell scheint, dann sagen die 
Alten: „Dei Sjonn schiont, ebbe dei KülH) griont." 

So mag noch manches alte Wort, manches Wort der Alten, 
in das sie die erfahrene Wahrheit niederlegten, in der Umgangs- 
sprache fortleben. Leider verschwinden auch sie immer mehr, 
wie ja der Dialekt immer mehr verdrängt wird, der doch auch, 
um mit einem Worte des Altmeisters Goethe zu reden, „das 
Element ist, aus dem die Seele des Volkes Atem schöpft", und 
darum verdient, beachtet und durchforscht zu werden. Dazu 
sollte diese bescheidene Skizze beitragen und anregen. 



Das Einhorn vor dem Posener Rat. 

Von 
R. Prümers. 




er hat nicht schon vom Einhorn gehört oder gelesen, 
jenem unbändigen Fabelwesen, welches mit seiner 
gefährlichen Waffe, dem geraden Hörn mitten auf 
der Stirn, den tapfersten Rittern wie den kindlichen Bewunderern 
ihrer Heldentaten manche sorgenvolle Stunde bereitete! 

Jetzt wissen wir ja, dass es ein solches Untier nie gegeben, 
dass vielmehr wahrscheinlich der Stosszahn des Narwal die Ver- 
anlassung zu den Fabeln gewesen ist. Unsere Vorfahren waren 
aber von der Existenz des Einhorns völlig überzeugt, ebenso wie 
von der heilkräftigen Wirkung des Hornes, wenn im Falle einer 
Vergiftung dem Kranken eine kleine Menge Pulver, das von 
jenem abgeschabt war, gegeben wurde. 

So ist es erklärlich, dass sich Bürgermeister und Rat von 
Posen ganz amtlich mit einem Antrage befassten, der an sie ge- 



4) K weich. 



74 



richtet wurde, die Echtheit eines solchen Hornes zu beglaubigen. 
Vorsicht hierbei kann man ihnen nicht absprechen. Sie beauf- 
tragen 2 Apotheker, in Gegenwart von 3 Doktoren und 2 Schöffen 
die Sache zu untersuchen. Wie diese Untersuchung verlief, 
darüber gibt am besten eine lateinische Eintragung Auskunft, die 
sich in einem Posener Stadtbuche ^) verzeichnet findet. Sie lautet 
in Übersetzung also: 

Das Einhorn Wolff Fulders. Wenn auch von alten und 
bewährten medizinischen Autoren nichts über die Kraft und den 
Gebrauch des Hornes vom Einhorn und die Art, es zu erkennen, 
schriftlich überliefert ist, so muss man doch bei den neuen 
heutzutage sich mehrenden Proben glauben, dass ihm eine nicht 
zu verachtende Kraft innewohne. 

Als daher der achtbare Danziger Bürger Wolfgang Fulder 
ein grosses Hörn von ungewöhnlicher Form, welches nach seiner 
Überzeugung das eines Einhorns war, uns dem Bürgermeister 
und Ratmannen der Stadt Posen vorgelegt und zur Prüfung durch 
die Posener Apotheker, in Gegenwart von drei hochberühmten 
Doktoren der Medizin und zwei Gerichtsschöffen zwecks Er- 
langung eines Zeugnisses, übergeben hatte, haben diese Schöffen 
vor uns, die wir in vollem Gericht sassen, die Sache, sowie sie 
sich in ihrer Gegenwart und vor ihren sichtlichen Augen ab- 
gespielt, getreulich vorgetragen. 

Die Apotheker Benedikt und Stanislaus nämlich haben in 
Gegenwart von drei hochberühmten Herren Doktoren der Medizin, 
die amtlich zu ihnen abgeordnet waren, von gleicher Menge und 
Gewicht zwei jungen Tauben, und zwar der einzelnen Taube je 
ein Skrupel pulverisierten natürlichen Arsenik (arsenicum citrinum) 
gegeben. Und damit die Kraft des von Wolf gang hergebrachten 
Einhorns erkannt werden könnte, haben sie eine doppelte Menge 
eben dieses Einhorns, also zwei Skrupel, der einen Taube gegeben 
und sie in getreuen Verwahrsam der Schöffen gegeben. Diese 
aber haben nach Sitte und Gewohnheit des Gerichtes zu sicherer 
und unbezweifelter Glaubwürdigkeit beide Tauben in einen Käfig 
mit Seidenschnur und Siegeln einen vollen Tag genommen, je- 
doch mit bestimmten Zeichen und Merkmalen, damit die eine 
von der anderen unterscliieden werden könnte. Nachdem nun ein 
voller Tag verflossen war, und man die Tür geöffnet und die 
Siegel abgenommen hatte, haben sie die Taube, der Einhorn 
nicht gegeben war, tot gefunden, die andere Taube aber, der zur 
Probe zwei Skrupel Einhorn gegeben waren, lebendig und 
erhalten. 



i) Acta consularia Posnaniensia 1535—39 Bl. 64. 



/o 



Nachdem darauf der Hals beider Tauben aufgeschnitten 
worden, ist es gewiss, dass die ganze Menge des gegebenen 
Arseniks im Halse der toten gefunden wurde, die lebende Taube 
aber den Arsenik ausgebrochen hatte. 

Eine Bekundung des Experimentes mit diesem Einhorn,, 
welches in Gegenwart von drei hochberühmten Herren Doktoren 
der Medizin in unserer Stadt und von zwei Gerichtsschöffen ge- 
macht und uns in sitzendem Rate durch eben diese Schöffen er- 
klärt worden ist, hat Wolfgang Fulder sowohl durch unsere 
Stadtbücher als auch durch unser Stadtsiegel zu bezeugen 
gebeten. Da es aber unzweifelhaft ist, dass dieses und nicht 
ein anderes Hörn es gewesen, welches der Taube eingegeben 
war, so haben wir unsere Urkunde, mit unserem Siegel be- 
kräftigt, ebendiesem Hörn zur Beglaubigung und Bekräftigung an- 
hängen lassen. 

Geschehen am Donnerstag, den 16. November 1536. 

Man sieht, welche Sicherheitsmassregeln getroffen waren,, 
um einer Täuschung vorzubeugen, und wir dürfen auch nicht an 
der Erzählung irgend welche Zweifel hegen. Und doch täuschten 
sich der wohlweise Bürgermeister und Rat, wenn sie dem Ein- 
horn geheimnissvolle, übernatürliche Kräfte zuschreiben. Das 
Einhorn besteht nämlich aus kohlensaurem Ammoniak, dem 
sogenannten Hirschhornsalz, und das ist — ein Brechmittel. 



Literarische Mitteilungen. 



Rüther, Napoleon I. und die Polen (I. 1806 und 1807, IL 
1807—1812.) Beilage zum 9. und 10. Jahresbericht der Real- 
schule in Eimsbüttel zu Hamburg. Hamburg 1901 und 1902 4 o. 
(25 und 30 S.). 

Vielleicht hätte diese Schrift auch den Titel führen können: 
„Polen in der Politik Napoleons I. und Alexander I.**, denn die 
Haltung des Franzosenkaisers gegenüber den Polen erscheint 
doch ganz überwiegend bestimmt durch die Politik gegenüber 
Russland. Recht geschickt und überzeugend weist der Verfasser 
nach, dass eine wirklich ernsthafte Absicht zur Wiederherstellung 
des alten Polens Napoleon nie gehegt hat, ja sich sogar durch 
einen Vertrag mit Russland ausdrücklich zur NichtWiederherstellung 
verpflichten wollte, und die Nährung der polnischen Hoffnungen 
durch unverbindliche Redewendungen eben vor allem darauf ab- 
zielte, die Hilfsmittel Polens für den Krieg 1807 und 1812 
gegen Russland möglichst ausgiebig, eventuell bis zur völligen 



76 



Erschöpfung des Landes rücksichtslos auszunutzen. Der Nach- 
weis wird um so wirkungsvoller, als der Verfasser — was viel- 
leicht manche als etwas einseitige Quellenbenutzung bemängeln 
werden — ganz überwiegend sich auf französisches Quellen- 
material stützt, das allerdings nicht archivalischer Natur, sondern 
meist seit längerer Zeit gedruckt vorliegt. Voran steht als 
wichtigste Quelle da natürlich die ungeheure ^Correspondence 
de Napoleon", die die amtlichen und privaten Äusserungen des 
Kaisers in grosser Anzahl wiedergibt; an sie schliesst sich die 
Davousts, der als zeitweiliger Oberbefehlshaber in Polen hier 
von grosser Bedeutung ist, ferner die Denkwürdigkeiten Talley- 
rands, Bourienne, Remusat; de Prad's Geschichte der Warschauer 
Gesandtschaft und aus der neueren Literatur das vorzügliche 
Werk Vandals : Napoleon et Alexandre I. Als polnisches Quellen- 
werk ist Angebergs Recueil des Traites etc. concernant la Pologne 
und Czartoryskis und Oginskis Memoiren benutzt. Dem stehen 
als Quellen von russischer Seite eigentlich nur Martens Recueil 
des Traites und die im „Sbornik" gedruckte Abhandlung 
Tratchewskys „Verhandlungen Russlands mit Frankreich in der 
Epoche Napoleons I." gegenüber. 

Der erste Teil von Rüthers Arbeit, Napoleon in den Jahren 
1806 und 1807, bespricht einleitend die in den Jahren vor 1806 
von Napoleon und von Russland ausgehenden Ideen zur Ge- 
winnung Polens, vor allem Czartoryskis 1805 dem Czaren vor- 
gelegten Plan, unter Annektierung der polnischen Provinzen 
Preussens, Polen unter russischem Scepter wieder herzustellen. 
Wie Napoleon die nach dem Tage von Jena sofort eintretende 
polnische Insurrektion gegen Preussen für seine Zwecke gefördert 
und Truppen und Hilfsmittel für die Fortsetzung des Kampfes 
gegen die Russen und Preussen immer mehr verlangte, ohne be- 
stimmte Aussichten auf Erfüllung der polnischen Wünsche zu 
gewähren, wie nicht einmal die Polen zum Tilsiter Friedens- 
kongress selber zugelassen, sondern das französischerseits als 
Schutzstaat gegen Russland begründete Herzogtum Warschau 
als eine mehr als klägliche Abschlagszahlung hinnehmen mussten, 
bildet den Inhalt des ersten Teils der Schrift. Der zweite, der 
die Jahre 1807 — 12 umfasst, zerfällt in 2 Abschnitte: „Die 
Weiterentwicklung des Herzogtums Warschau" und „der Krieg 
von 1812". Aus dem angeblich selbständigen neuen Staat zieht 
Napoleon auch nach dem Frieden seine Truppen gar nicht heraus, 
um von hier aus Russland und Österreich um so besser über- 
wachen zu können, und so wächst das Misstrauen Alexanders, 
der eine Wiederherstellung Polens durch Napoleon und zugleich 
damit eine Losreissung seiner polnischen Provinzen fürchtet; im 
Kriege von 1809 gegen Österreich zeigt er sich zweideutig un- 



77 



entschlossen, statt sich rasch Galizien zu sichern; die Vergrösse- 
rung des Herzogtums Warschau macht ihn immer misstrauischer 
gegen Napoleon, der schliesslich auf Alexanders Weigerung zur 
Durchführung des Kontinentalsystems schon 1810 den Bruch 
unvermeidlich sieht und rüstet. Wie 1806/7 so wird 1812 
Polen wieder die Operationsbasis Napoleons gegen Russland; die 
Entsendung des de Pradt nach Warschau und neue Verheissungen 
durch ihn auf dem Konföderationsreichstage rufen Begeisterung 
und Hilfsbereitschaft bei den Polen wiederum hervor, aber der 
Bitte einer Anerkennung des Königreichs Polen weicht Napoleon 
jetzt ebenso wie früher aus, denn dies müsse von der „inneren 
Kraft und Leistungsfähigkeit der Polen in diesem Kampfe" ab- 
hängen; die Zurückhaltung der Polen in Lithauen und das 
Scheitern des ganzen Feldzuges machte den Kaiser um so 
weniger jetzt geneigt zu irgend welchen positiven Zugeständ- 
nissen ; dass dies als politischer Fehler sich schwer gerächt, hebt 
der Verfasser hervor, denn die Ablehnung der polnischen 
Wünsche in Wilna rief grosse Verstimmung allgemein hervor 
und beraubte die Franzosen bei dem Rückzuge im Winter 1812 
der tatkräftigen polnischen Hilfe gegen die in Polen ein- 
fallenden Russen. Die im Heere des Kaisers befindlichen 
polnischen Truppen blieben aber bis ganz zuletzt treu und 
Hessen sich auch durch Alexanders Proklamationen nicht zum 
Abfall verleiten. Ohne ihre Dienste durch Napoleon jemals 
ernsthaft belohnt zu sehen, haben die Polen doch den Kaiser,, 
der sie aufs rücksichtsloseste politisch und militärisch ausnutzte,^ 
bisher stets vergöttert. K. Schottmüller. 

Flach J., Polska w niemieckiej literaturze pi^knej 
dawniej i dzisiaj. 

Flach J., Polen in der deutschen schönen Literatur einst 
und jetzt (aus dem Juniheft der Biblioteka Warszawska 1903»^ 
S. 532—564). 

Der Verfasser beabsichtigt nicht nur zu zeigen, in welchem 
Umfange die deutsche Literatur sich mit polnischen Angelegen- 
heiten beschäftigt hat, sondern auch nachzuweisen, dass die 
Stellung, welche die deutschen Schriftsteller den Polen gegen- 
über einnehmen, zumeist mit den politischen Verhältnissen in 
engem Zusammenhang steht. Hieraus sucht er die Zuneigung 
oder Abneigung, den Scherz und Spott, der in diesen Schrift- 
werken zum Ausdruck gelangt, zu erklären. Und hierbei findet 
er, dass oft der Schriftsteller sich von der öffentlichen Meinung 
mehr als billig beherrschen lässt, dass aber andrerseits diese 
durch die Literatur in nicht geringem Grade beeinflusst wird. 
Dieser wichtige in den Beziehungen zwischen Deutschen und 
Polen beachtenswerte Umstand war es auch, der dem Verfasser 



2U dem Aufsatz besonders Veranlassung gegeben hat. Als Vor- 
arbeit ähnlicher Art fand er R. A. Arnolds Geschichte der 
deutschen Polenliteratur von den Anfängen bis 1800 vor. Auch 
Dr. Flach beginnt des Zusammenhangs wegen mit den Anfängen, 
die bis zur Zeit Boleslaus III zurückreichen, geht' dann auf die 
Spottliteratur über, welche die Flucht Heinrichs von Valois be- 
gleitet, um sodann die panegirischen Schriften des 16. und 
17. Jahrhunderts zu erwähnen, die sich, sowie die meisten 
literarischen Erscheinungen der späteren Zeit, durch eine be- 
klagenswerte Unkenntnis der polnischen Verhältnisse auszeichnen. 
Wiens Befreiung mit Sobieskis Hilfe gab den deutschen Federn 
viel Beschäftigung. Doch während diese Tat anfangs Preislieder 
auf Polen hervorruft, lässt die Begeisterung allmählig nach und 
geht schliessHch in Spott über. Als die Sachsen den polnischen 
Thron bestiegen, erschienen zahlreiche höfische Gedichte auf die 
Selbstverleugnung und Aufopferung dieser Könige, welche sich 
herabgelassen hatten, über ein solches Land zu herrschen. An 
der Spitze dieser Sänger steht Gottsched. Von ähnlicher Ge- 
sinnung zeugen die literarischen Erzeugnisse, die sich mit der 
Konföderation von Bar und mit dem Überfall auf den König 
Stanislaus August beschäftigen. Ein neuer Zeitabschnitt beginnt 
scheinbar für die deutsche Polenliteratur mit der Teilung Polens. 
Sie ist zunächst sentimentaler Natur: Mosen, Werner, Holtei, 
Grillparzer, Heine. Dieses Gefühl ist aber kein natürliches: es 
offenbart einen theatralischen Charakter, schwindet deshalb nach 
und nach, ja geht sogar wie bei Heine, Laube in das Gegenteil 
über. Später wird der politische Hintergrund bei Seite geschoben, 
dafür werden die verschiedenen Volksschichten der Polen in ihrem 
gesellschaftlichen und Seelenleben zum Gegenstand der Darstellung 
gewählt. Es macht sich die Absicht geltend, in den Leserkreisen 
Abneigung gegen das Polentum hervorzurufen. G. Freitag be- 
ginnt hier den Reigen. Er zeigt sich wenigstens als deutscher 
Patriot und wahrer Dichter. Das kann von der grossen Schar 
seiner Nachfolger nicht gesagt werden, von dem hasssprühenden 
Sacher Masoch, dem gegenüber K. E. Franzos ein wahrer Muster- 
knabe genannt werden muss, von N. v. Eschstruth, die mit frauen- 
haftem Mangel an Logik Sympathie und Antipathie gegen die 
Polen mit einander mengt, von G. Samarow, Th. Fontane. 
Andere Schriftsteller derselben Richtung zeichnen zwar nicht 
polnisches Leben in ihren Dichtungen, aber offenbaren ihren 
Widerwillen gegen das Polentum wenigstens dadurch, dass sie 
den verworfensten Charakteren ihrer Schöpfungen polnische oder 
polnisch klingende Namen geben, wie G. Hauptmann, Sudermann, 
vor allen Halbe. Besonders abfällig urteilt der Verfasser über 
^ einen gewissen" P. O. Höcker, den er als handwerksmässigen 



79 



Spekulanten bezeichnet. Einen Lichtblick in der Polenliteratur 
gewähren die neuesten Erzeugnisse deutscher Muse, soweit sie 
nicht, wie der Verfasser hervorhebt, innerhalb der schwarz-gelben 
Grenzpfähle entstanden sind. Anerkennend weist er auf die 
letzten Werke von Klara Viebig und Fr. Skowronnek hin, die es 
verstanden haben, in die Seele des polnischen Bauern zu blicken 
und deren Empfindungen einfach und rührend zu schildern. 

A. Skladny. 



Nachrichten. 



1. Im vergangenen Wintersemester hat die Deutsche Ge- 
sellschaft für Kunst und Wissenschaft ihre Tätigkeit in der Stadt 
Posen im Interesse der neu gegründeten Akademie etwas einge- 
schränkt. Es wurden an 14 Abenden Vorträge gehalten. Den 
Ausführungen des Herrn Professor Golther über Wagners Wirken 
in Bayreuth und seine dramatischen Dichtungen folgte der Vortrag 
des Herrn Prof. Dr. Harnack über „Das Vater Unser". Von den 
Herren der Akademie hatten sich die Herren Professoren Schwering, 
Wiedenfeld und Kühnemann bereit erklärt, für uns zu wirken. 
Schwering schilderte das Leben Frentzens, Wiedenfeld sprach 
über die wirtschaftlichen Monopole in den Vereinigten Staaten 
von Amerika, während Kühnemann die 100 jährigen Todestage 
von Herder und Kant Anlass zum Rückblick auf die Tätigkeit 
dieser beiden Geistesheroen gaben. Zwei Professoren der tech- 
nischen Hochschule von Charlottenburg, die Herren Meyer und 
Miethe sprachen über das gotische Haus, den italienischen 
Renaissancepalast und die neuen mechanischen Reproduktions- 
verfahren. Der grösste Kenner der griechischen Dichtkunst, Geh. 
Regierungsrat v. Wilamowitz-Möllendorff trug griechische Balladen 
und Idyllen vor und schliesslich erörterte Herr Oberstleutnant 
Klussmann die Verwertung der neueren naturwissenschaftlichen 
Forschungen für die Kriegskunst. Daneben wurden, wie in den 
irüheren Jahren, an Sonntags Nachmittagen öffentliche volkstümliche 
Vorträge von hiesigen Herren gehalten. Dieselben umfassten 
das Gebiet der Nationalökonomie, Geschichte, Naturwissenschaften, 
Rechts- und Staatswissenschaften und Schule. 

Die Darbietungen in der Provinz mussten in Folge davon, 
dass neue Zweigvereine, wie Koschmin und Pleschen, sich 
bildeten, und dass den Zweiggesellschaften mehr Vorträge ge- 
währt wurden, einen grösseren Umfang annehmen. 

Für den Oktober war es gelungen, drei sehr bekannte 
Berliner Künstler für eine Konzerttournee zu gewinnen, die in 
Schneidemühl, Inowrazlaw, Gnesen, Krotoschin, Ostrowo, Rawitsch, 



80 



Kosten, Fraustadt und Meseritz stattfand. Herr Professor Amberg 
hielt im November 16, Herr Wempe Anfang Dezember 4 grosse 
Experimental-Vorträge. 

Von den hiesigen Herren hatten Mitglieder der Akademie, der 
höheren Schulen, des hygienischen Instituts und des Staatsarchivs 
sich erboten, Vorträge zu halten. Solche fanden statt in 
Adelnau, Birnbaum, Filehne, Fraustadt, Gnesen, Grätz, Inowrazlaw, 
Jarotschin, Kempen, Kolmar, Koschmin, Kosten, Krotoschin, Lissa, 
Meseritz, Mogilno, Nakel, Neutomischel, Ostrowo, Pleschen, 
Rawitsch, Samter, Schneidemühl, Schönlanke, Schrimm, Schwerin, 
Strelno, Tremessen, Wongrowitz und Wreschen. G. Kupke. 

2. Seit dem 7. Dezember 1903 ist an dem Posener 
Kaiser Friedrich-Museum Herr Dr. Georg Haupt als 
Direktorial-Assistent tätig. Über seinen bisherigen Lebenslauf 
erfahren wir das folgende: Georg Haupt wurde geboren am 
24. Dezember 1870 in Treptow a./H. und ist evang. Konfes- 
sion. Er studierte in Halle und Göttingen vorwiegend Alter- 
tumswissenschaft und Geschichte, promovierte in Halle 1895 
mit einer Arbeit Commentationes archaeologicae ad Aeschylum 
und bestand dort 1896 das Staatsexamen. Seine Laufbahn im 
Museumsdienst begann er als Volontär am Kgl. Kunstgev^erbe- 
Museum zu Berlin, war dann vom 1. April 1897 — 1. April 1898 
als Assistent, dann weiter bis 31. Dezember 1900 als Direktor 
am Thaulow- Museum in Kiel tätig (Provinzial- Museum für 
Schleswig- Holstein), arbeitete ein halbes Jahr am Buchgewerbe- 
Museum in Leipzig und trat am 15. Juli 1901 als Assistent 
am Grossh. hessischen Museum zu Darmstadt in hessischen 
Staatsdienst, von wo er nach Posen berufen wurde. 

3. Unter den von der Jagiellonischen Bibliothek zu Krakau 
in den letzten Jahren angekauften Handschriften befindet sich 
auch eine Geschichte des Posener Jesuitenkollegiums (Collegii 
Poznaniensis soc. Jesu historia (1669 — 1685) aus dem 17. Jahr- 
hundert, von 33 verschiedenen Händen geschrieben. 



HistoriscIiB Abteiluno der DeutSGiien Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 
Dienstag, den 10. Mai 1904, Abends 8V2 Uhr, im Restaurant 
„Wilhelma", Wilhelmstr. 7 

Monatssitzung. 

Tagesordnung: 1. Direktorialassistent Dr. Haupt: Neue Aus- 
grabungen in Iwno, Bomblin und Ludom. 2. Archivrat Professor 
Dr. Warschauer: Das Posener Wohnhaus des Baumeisters Giovanne 
Battista di Quadro. 

Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 
Druck der Hof buchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 
MOnniS BLATTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang V Posen, Juni 1904 Nr. 6 




Wotschke Lic. Dr., Francesco Stancaros erster Aufenthalt in Posen. S. 81. — 
Laubert M., Eine Alarmierung der Posener Garnison im Jahre 1816. S. 88. — 
Literarische Mitteilungen S. 92. - Geschäftliches S. 94. _ Bekanntmachung S. 96. 



Francesco Stancaros erster Aufenthalt in Posen. 

Von 
Lic. Dr. Wotschke. 

ach seiner Flucht aus dem bischöflichen Kerker zu Li- 
powitz (Lipowiec), drei Meilen von Krakau, hatte Fran- 
cesco Stancaro bei Nikolaus Olesnicki in Pinczow ein 
Unterkommen gefunden und dort die Abschaffung der Messe und 
der katholischen Riten beim Gottesdienste erwirkt. Als Olesnicki 
deshalb von den Bischöfen beim Könige Sigismund August ver- 
klagt wurde, erhielt er von diesem im Dezember 1550 den Be- 
fehl, den ketzerischen Italiener sofort zu entlassen und die Neu- 
erungen im Gottesdienst abzustellen. Stancaro flüchtete nach 
Posen zum Grafen Andreas Gorka, Polens mächtigstem evan- 
gehschen Magnaten, dem er bereits im September 1549 durch 
die Königin Isabella von Ungarn empfohlen war. Er über- 
reichte dem Grafen seine ochrift „Canones reformationis eccle- 
siarum Polonicarum " , die er im Gefängnis zu Lipowitz nieder- 
geschrieben, bei seinem unsteten Leben aber erst 1552 in 
Frankfurt a/d. Oder drucken lassen konnte^), und eine Bitt- 



1) F. Stancarus: Canones reformationis ecelesiarum Polonicarum^ 
Excudebat Johannes Eichorn. Francofordii ad Viadrum 1552. S. 34 b^ 
„Non aliis sed mihi vincto Jesu Christi, qui in horas expecto, ut ex* 
hisce carceribus eductus cum adversariis meis congrediar, scribo. Et cum 
libros hie mecum non habeam, cui etiam novum testamentum petenti de- 
negarunt, quae mihi Spiritus sanctus in mentem reduxit deliniabo, quo ad 
congressum sim magis paratus*. 

6 



82 



Schrift^) „Supplicatio ad illustrem dominum comitem a Gorka", 
in der er für den Augenblick um Unterkommen und Ver- 
sorgung, für die Folgezeit um Empfehlung an den Herzog 
von Preussen bat. Mit der ihm für bedrängte Glaubens- 
brüder eigenen Opferwilligkeit nahm Gorka den flüchtigen 
Italiener auf und gewährte ihm in seinem Palaste einen 
Unterschlupf. Aber so geheim hielt er die Anwesenheit 
des Verfolgten, dass nur seine vertrautesten Diener darum 
wussten. Seit einem Jahre, da der Papst in Briefen an den 
König Sigismund August Gorkas, des Ketzers, Haupt gefordert 



^) Die Nachrichten, die Stancaro in dieser Bittschrift über sein 
Leben gibt, teile ich mit, da sie unsere Kenntnis über ihn wesentlich 
bereichern. „Ego Mantuae, ubi natus sum, Pataviam profectus, ibi bonas 
literas publice docui ac profitebar, ubi tandem per summum dei bene- 
ficium ad cognicionem sineerioris doctrinae perveni ac Antichristum Ro- 
manum cum suis administris detestari coepi et libellos aliquot edidi 
lingua Italica, in quibus summam doctrinae christianae comprehendi 
abususque perstrinxi et laxavi, quod etiam ubi res et tempus flagitabant, 
et ubi adversarii verae doctrinae urgebant, publica et ingenua confessione 
comprobavi, neque id impune tuli. Nam primum Mantuae in patria mea, 
deinde Venetiis diuturnis ac ferme octo mensium carceribus mandatus 
fui, unde mirabilibus modis et stupendis mediis liberatus Augustam 
me recepi atque ab amplissimo senatu Augustano stipendiis honestis 
ad docendum invitatus Hebraicas et Graecas literas publice profitebar. 
Postea vero Ratisbonae cum collocutoribus ab imperatoria maiestate 
ad disputandum de religione designatis interfui et illis, quibus deman- 
data cura verae doctrinae tuendae fuit, me adiunxeram. Quae res 
cum ad ceteras meas liberiores de sinceriore cultu nominis dei disputa- 
tiones accessisset, tantum mihi odium apud maiestatem imperatoriam et 
apud omnes adversarios verae doctrinae conciliavit, ut etiam vitae meae 
insidiarentur et necem mihi minarentur. Cumqne et apud imperatoriam 
maiestatem et apud adversarios nihil scriptis, quae tunc edideram, 
profecissem, imitatus exempla Christi et multorum sanctorum, inde ut 
vitae et saluti meae consuleretur, in Transylvaniam me contuli dedique 
operam, ut isthic homines veram pietatem asserti a tyrannide Antichristi 
imbiberent, sed neque ibi propter monachum Hungariae Thesaurarium 
tutus esse potui, qui propterea quod reformare ecclesias in quibusdam 
urbibus coeperam extremum malum mihi minatus est. Quapropter in Po- 
loniam Cracoviam adiutus literis commendaticiis reginae Hungariae ad 
regem Poloniae ac ad Vram Ultem et alios regni proceres profectus eram, 
ubi ab episcopo Cracoviensi Samuele humanissime fui acceptus, qui etiam 
me amplis pensionibus auxit et provinciam publice docendi demandavit. 
Sed diabolus, qui semper mordet calcanea Meschiae, obstitit, quominus 
per me in iuventute Polona vera pietas altius radices ageret. Nam cum 
literas hebraicas in frequentissimo et celeberrimo auditorio docerem et 
quosdam abusus per occasionem reprehenderem veneraüonemque divorum 
tanquam supervacaneam et idolomaniam redolentem perstringerem, ad- 
versarii verae doctrinae et totus coetus sc. sacri ordinis scribae, pha- 
risaei et Caiaphae in me capitale odium conceperunt et suis dolis ac 
insidiosis machinationibus perfecerunt, ut et Samuel me in numero hae- 
reticorum haberet, qui mandavit suis administris, ut me in arcem quan- 
dam frustra publicam disputationem flagitantem abducerent". 



83 



hatte, schwebte über ihm das Schwert des Henkers, und er 
musste deshalb alles zu vermeiden suchen, was den Zorn 
des Königs erregen konnte. Deshalb hatte er auch nicht gewagt, 
das Edikt, das Sigismund August am 12. Dezember des ver- 
gangenen Jahres gegen die Evangelischen erlassen hatte, zu 
ignorieren, sondern es veröffentlicht, sogar in Posen an die Stadttore 
anheften lassen. Aus diesem Grunde hätte er auch eine bal- 
dige Weiterreise des Stancaro nicht ungern gesehen, und am 
26. Januar 1551 schrieb er seinem herzoglichen Freunde nach 
Königsberg unter Beilegung der Bittschrift Stancaros: 

„Derart ist die Unbill der Zeiten und das Wüten des 
Teufels und seiner Kinder gegen die Glieder Christi, dass ich 
viele Eurer Erlauchtesten Hoheit empfehlen muss. Wer in diesem 
Falle eine Unterstützung, eine Zufluchts- und Bergestätte von 
E. E. H. begehrt, werden E. H. leicht aus der beiliegenden Schrift, 
welche er mir überreichte, ersehen. Ich empfehle ihn E. H. 
und bitte, ihn, den fast der ganze Erdkreis geächtet, zu versor- 
gen. Er verdient es, dass ein christlicher und frommer Fürst 
sich seiner annimmt und seiner Arbeit sich bedient. Denn er 
ist von ausgezeichneter Tüchtigkeit, Charakterfestigkeit und wunder- 
barer Gelehrsamkeit, ein gründlicher Kenner der hebräischen, 
griechischen und lateinischen Sprache. Ich hege die zuver- 
sichtliche Hoffnung, E. E. H. werden meiner Empfehlung und 
seinen Bitten Gehör schenken." 

Unter dem 14. Februar antwortet ihm der Herzogt), indem 
er ihm zugleich Bernstein als Geschenk übersendet: „Das Schrei- 
ben Eurer Grossmächtigkeit, in welchem Sie uns Francesco Stan- 
caro, der ob des Bekenntnisses des Evangeliums Christi fliehen 
musste, empfehlen, sowie sein eigenes Bittgesuch haben wir ge- 
lesen und bedauern seine traurige Lage. So angenehm ist es 
uns, die brüderliche Freundschaft, in der wir zu E. Grossm., die 
wir lieben und mit angeborenem Wohlwollen umfassen, stehen, 
weit kund werden zu lassen, dass wir wünschten, häufiger Ge- 



1) Wie dem Könige Sigismund August und polnischen Edelleuten 
war Stancaro dem Herzoge schon durch die Königin von Ungarn empfohlen. 
Am 15. September 1549 schrieb sie aus Stuhlweissenburg nach Königs- 
berg: »Doctor Fr. Stancarus quemadmodum et nostra propria experientia 
cognoscitur et aliorum fide dignorum testimonio nobis commendatus ex- 
stitit, vir pius et trium linguarum, Latinae, Graecae et Hebraicae professor, 
aliquanto ante diverterat ad has partes regni nostri Transilvaniensis, ubi 
dum certas ob causas commode persistere non posset, constituit in Po- 
loniam et ad 111. D. V. commigrare. Eum igitur propter singulares vir- 
tutes et multijugam et veram eruditionem ipsius 111. D. V. praecipue 
commendamus optamusque, ut quoties opem atque auxilium ejusdem re- 
quisierit, nostra contemplatione et respectu eum una cum uxore et liberis 
iuvare, promovere, tueri et defendere faventer velit" u. s. w. 

6* 



84 



legenheit zu haben, E. Grossm. wie einem Bruder zu dienen. 
Den Bitten jenes Mannes, der im Vertrauen auf unsere Freund- 
schaft schrieb, willfahren wir mit Freuden. Wenn er mit 
dem Range und Gehalte eines Professors an unserer Akademie 
zufrieden ist, stellen wir ihm anheim, zu uns zu kommen. Sehen 
wir, dass seine Tätigkeit besseren Lohn erheischt, so wollen wir 
in Anbetracht dessen und mit Rücksicht auf E. Grossm. 
Empfehlung mit unserer Gnade und unserem Wohlwollen gegen 
ihn nicht zurückhalten. Gern sind wir nämlich E. Grossm. will- 
fährig und unterstützen Unglückliche, soweit es die Verhältnisse 
gestatten." 

Die Reise Stancaros nach Königsberg verzögerte sich bis 
in die ersten Tage des April hinein^), da er seine Gattin in 
Posen erwartetete, die infolge des tiefen Schnees und der grossen 
Überschwemmungen, die im März und April 1551 ganz Gross- 
polen heimsuchten 2), viel später, als er gehofft hatte, bei ihm 
eintraf. Am 12. April schreibt deshalb Gorka an den Herzog 



1) Doch scheint er bald nach dem 6. April von Posen aufgebro- 
chen zu sein, denn unter diesem Datum schreibt Aurifaber aus Posen: „Ich 
habe keines vleisses gesparet, das ich d. Franciscum Stancarum hab 
mocht anreden, aber biss anhero nicht müglich, dieweil das königliche 
mandat wider die haereticos vberal in Grosspolen publiciert worden. 
Wird sunder zweiffei vom herren von Posen heimlich vorhalten vnd 
gehen vorsichtiglich mit allem thun vmb, auff das sie ihn nicht verratten, 
habe aber vor denen, mit denen ich dauon vertraulich geredt, verstanden, 
das er kürzlich nach Konigsperg in E. F. G. dinst auff sein wird. Das 
ich alhie hab melden wollen, auf das E. F. G. sich wusst darnach zu 
richten vnd dem Stancaro die conditionem freiheten". 

2) Vergl. Warschauer: Chronik der Stadtschreiber von Posen Z. H. G. 
Pos. II, 401. Andreas Aurifaber, Herzog Albrechts Leibarzt, der in jenen 
Tagen durch Posen reiste, schreibt unter dem 6. April seinem herzoglichen 
Herrn von der Überschwemmung: .Bin den 5. Aprilis alhieher gen Posen 
kommen, dem lieben gott danksagend, der alle gefahr der Wasser gnedigst 
abgewendet. Hab nicht bald ein grösser iamer erfahren oder gesehen 
grosses wassers halben, als hie zu Posen, do es wol tausend menschen 
beschedigt, die heusser eingewaschen vnd niedergeworfen, viel guts weg 
gefuret vnd erseuffet, ia auch am thome grosse stücke mauer eingefellet^ 
alle brücken weggefuret, fast alle mülen vorderbet vnd eingeworfen. Es 
ist grausamer zugangen, als ichs schreiben kan oder schir zu glauben 
stehet. Auff dem margt zu Posen hat man Pferde geschwemt vnd mit 
kanen gefaren, alle kirchen sind voller wasser gestanden vnd also die 
papistischen spectacula verhindert, sonder zweiffei die armen leutt zu 
warnen, vnd wil nicht zweiffein, es werde ein ander hefftiger straff vol- 
gen, Gott sei inen barmherzig vnd gebe inen rechtschaffene erkentnuss.. 
Ich bin, got lob, wiewol mit furcht wol vberkommen, es fielen mir 2 
wagenpferde aus den kanen, sonder sie worden ohne Verletzung gerettet. 

Allhierher (Posen) sind innerhalb acht tagen etlich geselschafter 
ankommen von Leipzig, die zefgen vor eine warheit an* ... . Es folgt der 
Bericht über einen glücklichen Ausfall der Magdeburger gegen das Be- 
lagerungsheer unter Moritz von Sachsen. 



85 



Albrecht: „Da Eure Erlauchteste Hoheit in der ihr angeborenen 
und bei allen Guten hoch gepriesenen Frömmigkeit so huldreich 
sich erwiesen, werden Sie von unserm Herrn Jesu Christi hierfür 
reiche Belohnungen erhalten. Hat er doch gesagt: Wer dieser 
geringsten einen mit einem Becher kalten Wassers tränkt in eines 
Jüngers Namen, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben ^). Dass 
Stancaro hier länger zu verweilen gezwungen ist, liegt an seiner 
Gattin, welche wegen der Beschwerlichkeit der Reise und der 
Überschwemmung nicht zu ihm kommen konnte. Sobald sie aber 
hier eingetroffen sein wird und eine Reisegelegenheit sich bietet, 
wird er an E. E. H. von mir abgeordert werden, damit er sein 
neues Amt antrete. Ich empfehle ihn E. E. H. immer wieder 
und bitte, seiner Heimsuchungen, seiner Leiden, seiner Drangsale 
zu gedenken und ihn wert zu halten, da er ob des Bekenntnisses 
des Evangeliums und der wahren Lehre nicht allein in die 
grössten Lebensgefahren gekommen ist, harte Verfolgungen und 
schwere Anfechtungen erfahren hat, sondern auch in die bitterste 
Armut geraten ist und sein ganzes Vermögen verloren hat. Wenn 
E. E. H. sich seiner nicht in ihrer ausserordentlichen Güte an- 
genommen hätten, so wäre es um ihn geschehen und er müsste 
vielleicht des elendesten Todes, des Hungertodes, sterben. E. E. H. 
lassen ihr Wohlwollen einem Dankbaren zu teil werden, dessen 
Trefflichkeit, Bildung, Frömmigkeit und Unglück es mit vollem 
Rechte verdienen. In seiner Beschützung, Unterstützung und 
Förderung werden E. E. H. als ein wahrer Fürst und Vater 
der Kirche sich erweisen und zu ihren anderen herrlichen auf 
dem ganzen christlichen Erdenrund bekannten Taten eine neue 
preiswürdige hinzufügen. Von Gott dem Vater unseres Herrn 
und Mittlers Jesu Christi werden Sie in Zeit und Ewigkeit Beloh- 
nungen empfangen, wie sie nach der heiligen Schrift die erhalten 
sollen, welche der ob des Bekenntnisses der Wahrheit Geächteten 
sich annehmen. 

Unser Doktor Stancaro hat seine Bibliothek bei dem edlen 
Herrn Nikolaus Olesnicki im Pinczower Schloss unweit Krakau 
zurückgelassen. Nicht mit Unrecht quält und beunruhigt ihn dies, 
da er nach ihrem Verluste sein Amt nicht würde ausfüllen kön- 
nen. Ich selbst würde für ihre Herführung sorgen und keine 
Kosten scheuen, wenn mich nicht die vielen Gefahren zurück- 
schreckten, welche der Bibliothek von den Gegnern der wahren 
Lehre oder sonstwie unterwegs zustossen können. Auch E. E. H. 
würden deshalb vielleicht den Verhältnissen entsprechender han- 
deln, wenn sie einem der Krakauer Bürger, welche E. E. H. 



1) Matth. 10, 42. 



86 



Geschäfte besorgen, vornehmlich dem Johann Wunsam auftragen 
würden, sie unter E. E. H. Namen nach Königsberg zu senden". 

Schon am 24. April antwortet Herzog Albrecht dem 
Generalstarosten durch ein Schreiben, welches sein Rat Melchior 
von Lehndorf nach Posen trug. Am 22. sei Stancaro mit seiner 
Gattin wohlbehalten in Königsberg eingetroffen ^j. „An Johann 
Wunsam haben wir geschrieben, dass er nach seiner Geschick- 
lichkeit unter allen Vorsichtsmassregeln die Bibliothek still und 
ohne Aufsehen unter Angabe anderer Waren und Güter zu uns 
nach Preussen schaffe. Wir zweifeln nicht, dass er den Auftrag 
nach seiner Dienstbeflissenheit gut und sorgfältig ausführen wird. 
Falls Eure Grossm. mit allem einverstanden ist, ersuchen wir 
freundschaftHch, den Brief durch einen sicheren Boten nach 
Krakau zu senden, und falls Sie einen Weg kennt, auf dem die 
Bibliothek sicherer befördert werden kann, denselben zugleich an- 
zugeben. Wir legen eine Bekundung des Stancaro bei, in der 
er den Verkauf seiner Bibliothek an uns bescheinigt und deshalb 
Herrn Olesnicki bittet, sie in seinem Namen Joh. Wunsam zu 
übergeben, da so die Überführung der Bücher zweifellos leichter 
und sicherer zu ermöglichen sein wird." 

An den Krakauer Kaufmann hatte der Herzog schreiben 
lassen: „Ersamer lieber besonder. Wir wollenn euch gnediger 
meynung nicht verhalthenn, das wir mitt d. Francisco Stancaro, 
welcher seyner lehr vnnd professionn halbenn daselbst verwiesenn 
wordenn, vmb seyne bibliotheca vnnd lieberey handelnn habenn 
lassenn, vns auch mitt jme darumb verglichen vnd geburender 
weyse betzalett. Dieweil dann bemelthe seyne lieberey auff dem 
schlösse Pintzow bei dem ernuhesten hernn Nickel Olessnitzki 
sein soll, so ist vnser gnediges begeren, ir wollett mit guttem 
rathe, doch inn allem geheimb nach ewer bescheidenheitt dahin 
trachtenn, damit ir dieselbenn bücher vnd was daneben vor- 
handenn, welch alles in vier Kastenn sein soll, inn ewer 
gewarsam bekhommett, vns alsdann ferner solche 4 Kastenn wol 
verwarett, damit inen vom regen vnd vngewitter kein schaden zu 
bescharenn, alhier nach Konigspergk entweder zu wasser oder 
gewisse führe, wie ir es vor das beste ansehett, bestellen, auch 
eine person, alles vff vnsernn vncostenn, die dabey bleibett vnd 
darauff achtung gebe, dazu verordnen. Daneben schicken wir auch 



1) Am 27. Mai schreibt der Herzog an die Königin Isabelia von 
Ungarn: ,Cum S. R. V. Mtas nobis Optimum virum Fr. Stancarum 
propter professionem evangelicam exulem non ita pridem literis suis 
commendasset, moti et S. R. V. Mtis intercessione et ipsius boni quoque 
viri exhaustis miseriis, liberum ei fecimus, ut se huc ad nos reciperet, cui 
quidquid gratiae nomine S. R. Mtis exhibere poterimus, nihil desiderari 
sinemus". 



87 



einen brieff von bemelthem Stancaro, dardurch der Hauptmann zu 
Pintzow euch jn deme glauben geben vnd die bücher unuer- 
hinderlichen folgen wird lassen. Daran thutt ir uns zu gefallen, 
inn gnaden hinwidder zu erkhennen. Dat. Neuhaus, den 
26. Aprilis 1551". 

Hierauf antwortete Joh. Wunsam: „Durchlauchtigster fürst 
vnd gnedigster herr. Wie mir E. F. D. beffollen hatt, die 
Kastenn, so der Doktor Stankarus off Pintzoff nach ime vorlassenn 
hatt, nach Kunspergk tzu vorschaffenn, so geruh E. G. gnedig- 
lich tzu vernemenn, das ich ein furmann mit namen Simon Much 
von Squirnouitz ^) dortzu vordingt habe, der selb soll die funff 
kastenn gen Kunspergk stellen. Der liebe gott vorley sein 
genade, das ers wol vberantuortte, so ist sein lonn vonn einem 
grossenn Stain, das ist 34 ffunden, acht polnische groschen. 
Was nu die 5 kastenn wiegen werdenn, das beffel im E. F. D. 
zu zalenn, vnd so er sulche kastenn wol antuortenn wirt, so hab 
ich im zwen oder drei scheffel habern vor seinen fleis zugesagt, 
darbey ist mein vntertenige bitt, so er was off leder oder andere 
notturft würde auslegenn, E. F. D. wolt ims zalenn lassenn. . . . 
Dat. Kraka den 17. iunij 1551 E. F. D. vnterteniger vnd ganz 
wilHger Diner hans Wunsam". Bereits am 7. Juli 1551 konnte 
der Herzog ihm zur Antwort schreiben lassen, dass die Bücher 
gut nach Königsberg gekommen seien. 

Über den Aufenthalt Stancaros in Posen während der ersten 
Monate des Jahres 1551 und über die Vermittlung Gorkas bei 
seiner Berufung nach Königsberg war bis dahin nichts bekannt^). 
Wir bewundern Herzog Albrechts liebenswürdiges, gütiges Ent- 
gegenkommen gegenüber dem Italiener, und um so schwärzer er- 
scheint nach den mitgeteilten Briefen dessen undankbares, 
hässliches Verhalten gegenüber dem, der ihm wie allen um des 
Glaubens willen Verfolgten ein Vater und Schutzherr war. Von 
allen Gestalten der polnischen Reformationsgeschichte ist die 
dieses Italieners die am wenigsten sympathische. Noch bemerke 
ich, dass der mitgeteilte Aufenthalt Stancaros in Posen nicht zu 
verwechseln ist mit seinem zweiten im Jahre 1553. Nach 
seinem fluchtähnlichen Aufbruch von Frankfurt a. d. Oder im 
Februar dieses Jahres reiste er über Bentschen, wo er den 
Grundherrn Abraham Zbanski, mit dem gemeinsame Freundschaft 



1) Heut ist der deutsche Stadtname ganz vom polnischen 
Skierniewice verdrängt. 

2) Hosius schreibt am 22. April 1551 an Cromer: „Stancarus, ubi 
locorum sit, e scheda Polonica, quam mitto, cognosces", aber das Blatt 
haben die Herausgeber der Briefe des ermländischen Bischofs nicht mehr 
finden und zum Abdruck bringen können. 



88 



zu dem Baseler Professor Celio Secondo Curione ihn verband^), 
besuchte, nach Posen und von hier nach Scharfenort zum Grafen 
Jakob Ostrorog. 



Eine Alarmierung der Posener Garnison im Mai 1816. 

Von 
M. Laubert. 




hne den geringsten Widerstand zu finden, war ein De- 
tachement unter Generalleutnant von Thümen im 
Mai 1815 in die an Preussen gefallenen Teile des 
Herzogtums Warschau eingerückt. So klein die Streitmacht war, 
welche infolge des französischen Krieges nach Osten hatte ge- 
worfen werden können, so musste doch der Plan einer bewaffneten 
Erhebung in dem von eigenen Truppen gänzlich entblössten 
Lande jedem denkenden Menschen, zumal nach der endgültigen 
Besiegung Napoleons, gänzlich fern liegen. Die Stimmung im 
Volke war zwar keine der Regierung günstige; namentlich die 
Rekrutenaushebung und die Einführung des Landwehrsystems 
erregten viel böses Blut, doch dachte niemand daran, dass die 
Abneigung der polnischen Einwohner sich bis zu offener Wider- 
setzlichkeit steigern könnte. 

Von um so grösserer Aufregung mussten daher die Ein- 
wohner Posens ergriffen werden, als sie plötzlich am 30. April 1816 
aus geheimnisvollen Vorgängen in den Mauern ihrer Stadt auf 
gänzlich unerwartete Ereignisse glaubten schliessen zu dürfen. 

Die Posten waren verdoppelt und mit scharfen Patronen 
versehen, Gendarmen durchzogen die Strassen, und Militär- 
patrouillen durchstreiften die Umgegend. In der Nacht zum 
1. Mai wurde die Garnison alarmiert und in Wilda zusammen- 



1) Nach seinem Studium in Wittenberg, wo er Februar 1544 sich 
hatte immatrikulieren lassen, war Abraham Zbanski im Sommer 1551 nach 
Basel gegangen. Hier eröffnet er mit seinem Famulus Stanislaus Grosch 
die Reihe der polnischen Studenten in der Mitte des Reformationsjahr- 
hunderts. Ausser ihm besuchten diese Schweizer Hochschule aus unserer 
Provinz noch 1558 Johann Lasicki, der spätere Geschichtsschreiber der 
böhmischen Brüder, und Stanislaus Lipnicki, 1563 die Söhne des Schar- 
fenorter Grafen Wenzel und Johannes Ostrorog. Von der Verehrung und 
Liebe, in der diese beiden Brüder an ihrem Baseler Lehrer Castellio 
hingen, zeugt noch heute im Baseler Dom das schöne Epitaph, das sie 
in Verbindung mit ihren Landsleuten Georg Niemsta und Stanislaus 
Starzechowski, die gleich ihnen in Basel studierten, diesem unerschrockenen 
Vorkämpfer für Glaubensfreiheit 1564 errichteten. 



89 



gezogen. Gegen Mittag fuhr man 2 Geschütze am Dom auf, 
versah sie mit Munition und Hess sie unter starker miHtärischer 
Bedeckung stehen; am Nachmittag wiederholte sich das gleiche 
Schauspiel auf dem Exercierplatz ; dort wurden 6 Kanonen und 
2 Haubitzen aufgestellt und schussfertig gemacht. 

Am 2. Mai Hess dann Thümen den Oberpräsidenten durch 
Kriegskommissar Holderegger auffordern, sogleich einen vier- 
wöchentlichen eisernen Bestand zur Verpflegung des in der 
Provinz befindlichen Militärs herbeizuschaffen und zur Disposiüon 
des Generals zu stellen. Die schriftliche Requisition folgte am 
Nachmittag mit der Begründung, Thümen könne Veranlassung 
finden, in oder bei Posen unerwartet Truppen zusammenzuziehen. 
Zerboni erwiderte hierauf, ohne höhere Autorisation könne er den 
eisernen Bestand nicht anlegen, oder man müsse ihm positive 
Tatsachen mitteilen, die ihn zu den nötigen Massregeln auf 
eigene Verantwortung veranlassen könnten. Sehr bald stimmte 
Thümen seine Tonart stark herab und antwortete am 5. Mai „in 
einer Art, die einige Verlegenheit ausdrückt und keines Kom- 
mentars bedarf" ^). Er sprach nicht mehr von eisernem Bestand, 
sondern nur von kurrentem Bedarf auf einen Monat, nachdem je- 
doch Zerboni schon erklärt hatte, es müsse ein solcher für den 
doppelten Zeitraum kontraktmässig in den Magazinen liegen, 
widrigenfalls man die Lieferanten zur Erfüllung ihrer Verbindlich- 
keiten anhalten werde. 

Eine Verständigung der Polizeibehörden oder selbst nur 
Zerbonis hinsichtlich aller dieser wunderlichen Vorgänge war 
nicht erfolgt. Am 3. Mai erging dafür von selten des komman- 
dierenden Generals die rätselhafte Aufforderung an den Posener 
Polizeidirektor Hassforth, da in der Stacft aUerlei müssiges 
Geschwätz und lächerliche Gerüchte über bevorstehende Krawalle 
und Komplotte verbreitet seien, so möge er durch seine Beamten 
auf die Kolporteure derartiger Redereien fahnden und sie zur 
Untersuchung ziehen lassen, um so die Quelle der ausgesprengten 
Nachrichten zu ermitteln 2). 

Der Versuch Thümens, durch diese Weisung die Verant- 
antwortlichkeit für sein eigenes Verhalten von sich abzuschieben, 
misslang, wenigstens gegenüber den Eingeweihten, vollständig, 
denn da Hassforth unter dem Publikum nicht das leiseste Anzeichen 
irgend einer Aufregung oder Vorbereitung auf ungewöhnliche 
Ereignisse bemerkt hatte, durchschaute er richtig das Bestreben 



1) Zerboni an Hardenberg 12. Mai, eigenh. Konz nach den Be- 
richten eines Polizeikommissars und des Polizeidirektors Hassforth an 
Zerboni 12. Mai. Staatsarchiv Posen, Oberpräsidialakten IV F. 1. 

2) 1. c. 



90 



des Generals, Ursache und Wirkung umzudrehen und die Tat- 
sache zu verdunkeln, dass erst die militärischen Massnahmen die 
Bevölkerung auf allerlei Vermutungen und Kombinationen ge- 
führt hatte. Daher fürchtete der Polizeidirektor durch strenge 
Befolgung des erhaltenen Befehls das Übel noch zu vermehren 
und ersuchte Zerboni um Belehrung. Dieser gab ihm auf, dem 
Wunsche des Generals mit Behutsamkeit und mehr zum Schein 
zu entsprechen und niemanden wegen seiner Äusserungen zur 
Untersuchung zu ziehen oder gar zu verhaften. „Aufs strengste 
untersagte ich ihm, die Ordre, in der wir uns geradehin selbst 
das Urtheil sprechen. Jemanden mitzutheilen", berichtete Zerboni 
dem Staatskanzler. 

Auf jede angängige Weise Hess der Oberpräsident aus- 
streuen, es habe sich bei dem ganzen Vorfall um militärische, 
durch die preussische Taktik gebotene Übungen gehandelt, die 
sich noch öfter wiederholen würden. Es gelang auch, die Be- 
völkerung zu beruhigen, doch kam den Beamten manchesmal der 
Ausspruch zu Ohren, „dass der ganze Allarm nur veranstaltet 
worden sey, um die Treue der Einwohner verdächtig zu machen 
und ihnen bey Sr. Majestät schädlich zu werden". Auch fürchtete 
der Oberpräsident unliebsames Aufsehen in Warschau, welches 
Preussens vielfachen und bitteren Feinden daselbst Ursache zu 
neuen Verleumdungen geben werde. Im allgemeinen äusserte 
er: „Mein Misstrauen gegen die hiesigen Einwohner ist noch bis 
jetzt unbesiegbar, aber doch verbürge ich jede Revolution, bis 
wir Krieg haben und der Feind sich den Grenzen der hiesigen 
Provinz nähert. 

Eine glückliche Leitung der hiesigen Angelegenheiten 
erfordert eine vollständige von keinen Vorurtheilen verdunkelte 
Kenntniss der polnischen Nazion, viel Kälte bey beständiger ge- 
spannter Aufmerksamkeit und einen würdevollen festen Gang." 

Bei Abfassung des an Hardenberg gehenden Berichtes, am 
12. Mai, waren zwar die militärischen Sicherheitsmassregeln noch 
nicht beseitigt, noch immer beherrschten die Geschütze die fried- 
liche Stadt, aber niemand hegte mehr Zweifel daran, dass es 
sich nur um ein aus Anstandsrücksichten gebotenes Scheinmanöver 
handelte, welches die Blamage Thümens und des in seinem 
Auftrage handelnden Kommandanten von Wilamowitz bemän- 
teln sollte. 

Und des Rätsels Lösung für den mysteriösen Vorfall, der 
dem Staatskanzler wichtig genug erschien, um durch ein per 
Estafefte gesendeten Erlass vom 10. Mai darüber schleunigen Bericht 
vom Oberpräsidenten einzufordern? In den letzten Apriltagen 
war ein in Kurnik mit Anfertigung der Stammrollen und Aus- 
hebung der Landwehr beschäftigter Hauptmann unfreiwilliger 



91 



Zeuge eines von mehreren Polen geführten Gesprächs gewesen, 
in dem die Worte fielen: „w dzieri pierwszego Maja idziemy na 
Prussuköw," am 1. Mai gehen wir gegen die Preussen; nach 
des Oberpräsidenten Vermutung wohl eine fälschliche Unter- 
schiebung statt „do Prussuköw", zu den Preussen, d. h. werden 
wir bei der Landwehr eingestellt. 

Dieser Vorfall war zur Kenntnis Thümens gelangt und 
hatte für ihn genügt, ohne weitere Nachforschungen und ohne 
Rücksicht auf die entstehenden Folgen sofort blindlings alle 
Vorkehrungen zur Abwehr eines entstehenden Angriffs zu treffen. 
Mag Zerbonis Erklärung des Missverständnisses richtig sein 
oder nicht, jedenfalls hat das Ereignis neben seiner komischen 
auch eine ernste Seite; es bietet ein grelles Beispiel dafür, wie 
leicht das ungeschickte, übereilte und für die wahre Sachlage 
verständnislose Vorgehen der Militärbehörden eine tiefgehende 
und nachhaltige Erregung in einer unsicheren Provinz hervor- 
rufen kann, und wie gerade in Posen sorgsame und ruhige 
Überlegung bei Ergreifung aller Sicherheitsmassregeln notwendig 
war, falls die Regierung sich nicht selbst kompromittieren und 
allen beschwichtigenden Versicherungen zum Trotz tiefes Miss- 
trauen säen wollte. 

Hiervon abgesehen war indessen Thümens Vorgehen auch 
rein sachlich durchaus nicht korrekt und führte zu einer scharfen 
Darlegung des Verhältnisses, welches die Oberpräsidenten als 
die Spitze der Zivilverwaltung zu den kommandierenden 
Generälen einnehmen sollten. „Mit Recht", gab Hardenberg zu, 
hatte Zerboni in einem an den Polizeiminister Fürsten 
Wittgenstein gerichteten Schreiben über das einseitige Verfahren 
Thümens Beschwerde geführt. Der Staatskanzler monierte 
nur, dass der Oberpräsident ihm gegenüber hinsichtlich des 
Vorfalles Stillschweigen bewahrt habe, denn auf dem ihm 
— Hardenberg — vom König zugewiesenen Posten sei es un- 
umgänglich notwendig, dass er sofort ausführliche Kenntnis er- 
halte von allen Vorkommnissen, die in die innere Verwaltung 
wesentlich eingriffen und die äussere kompromittieren konnten. 
Weiter aber wird ausgeführt: „Das einseitige Vorschreiten des 
commandirenden Herren Generals in Angelegenheiten, welche die 
äusseren Verhältnisse berühren und die Civil-Verwaltung betreffen, 
ist der ausdrücklich ausgesprochenen Absicht Sr. Majestät 
schlechterdings entgegen. 

Diese ist: dass die commandirenden Herren Generale sich 
jedesmal über solche Angelegenheiten mit den Herren Ober- 
Präsidenten berathen und nur nach gemeinschaftlichen Beschlüssen 
handeln. Die Herren Ob. -Präsidenten treten demnach in dieser 
Beziehung offenbar in die Verhältnisse der ehemaligen Civil- 



92 



Gouverneurs, und es darf nichts, was das allgemeine Interesse 
der Provinz betrifft, ohne ihre ausdrückliche Zustimmung in 
Ausführung gebracht werden. 

Es ist der unabänderliche Wille Sr. Majestät des Königs, 
dass die Administration nach diesen Grundsätzen geleitet werde 
und mithin nötig, dass Ew. Hochwohlgebohren mich durch 
detaillierte Berichte über dergleichen Gegenstände in den Fall 
setzen, zu beurtheilen: ob hierunter nach der Bestimmung 
Sr. Majestät verfahren wird, oder ob irgend eine Zurechtweisung 
dabei eintreten müsse, die ich alsdann nach der mir erteilten 
Instruction sogleich veranlassen werde ^)." 



Literarische Mitteilungen. 



Monumenta historica dioeceseos Wladislaviensis. XXII. 
Wladislaviae 1903. (St. Chodynski). 

Das Material zu diesem gegen 200 Oktavseiten umfassenden 
Bändchen bringt aus einem Volumen des Wtoctaweker Domarchivs 
auf S. 3 — 156, die Visitationen des Landdekanats Brze^c, des 
Dekanats Raci^z, S. 157 — 202 die Mängel und Abweichungen, 
welche der Bischof von Wtoclawek, Hieronymus Rozdrajewski, 
nach diesen Visitationen vermerkt hat, und seine Anordnungen 
zu ihrer Abhülfe. 

Bezeichnend sind die Klagen über die haeretici, die Ketzer, 
z. B. (S. 137) bei dem Dorfe Piotrkowo: „Von den Parochianen 
sind viele von der Ketzerei angesteckt, die meisten Katholiken 

aber verleugnen den Glauben durch ihre Taten und Sitten 

Sie vernachlässigen den Gebrauch der Sakramente, seit vielen 
Jahren gehen sie nicht mehr zur Beichte. Das niedere Volk 
folgt dem Beispiele der Vornehmen. Nirgends habe ich das 
Sakrament der letzten Ölung in Gebrauch gefunden. Eheverbote 
werden niemals gemäss Gesetz und Gewohnheit der Kirche 
beachtet. Überall ist eine böse Sitte eingewurzelt "^ oder bei 
dem Dorfe Oströw (S. 147): „Die Parochianen sind ähnlich denen 
der anderen Parochien, Verächter des göttlichen Willens, Spötter 
der Heiligen, Zehntenräuber.** 

Die evangelische Bewegung muss auch hier einen grossen 
Umfang angenommen haben, das sieht man aus den vorsichtigen, 
milden Massregeln, welche der Bischof vorschlägt. Schärfere 
würden sich damals wohl kaum haben durchführen lassen. -Es 



*) Hardenb. an Zerb. 10. Mai, 1. c. 



93 



ist eine günstige Gelegenheit zu ergreifen, um die Parochianen 
jener Kirche zu einem häufigen Gebrauch der Sakramente, die 
sie bisher vernachlässigt haben, durch einen beim Volke beliebten 
Prediger zu veranlassen. Die Grundherren Piotrowski sind nach 
Wtoclawek einzuladen und ihnen vorzustellen, dass sie für diese 
Parochie Sorge tragen und ihres Seelenheils eingedenk seien.** 
(S. 194). 

Von besonderer Bedeutung für unser Arbeitsgebiet sind die 
Nachrichten über das Dekanat Inowrazlaw (S. 196), aber auch in 
dem Dekanat Raci^z finden wir uns angehende Orte — wir nennen 
nur einige, wie Grabie, Chlewisk, Kruschwitz, Slawsk, Polanowice^ 
Ludzisko, Strelno — , ebenso noch zerstreut an anderen Stellen 
des Buches, für dessen Veröffentlichung wir dem Herausgeber 
zu Dank verpflichtet sind. R. Prümers. 

W. K. Russlands Industrie und Handel. Aus dem 
Russischen von E. Davidson, Leipzig. Wigand 190L 
8. (IV, 183. S.) 

Die vorliegende kleine Schrift über die russischen 
Gewerbe- und Handelsverhältnisse ist eine zusammenfassende 
Wiedergabe der betreffenden Stellen aus dem unserm „Meyer" 
oder „ Brockhaus " entsprechenden russischen Konversations-Lexikon 
von Efron und Brockhaus, wovon der als Übersetzer sehr rühm- 
lich bekannte Davidson eine deutsche Ausgabe besorgt hat, die 
in Anbetracht der engeren deutsch-russischen Handelsverhältnisse 
deutschen Lesern nicht unwillkommen sein wird. Wie das 
Efron-Brockhaus-Wörterbuch in seinen meisten Teilen mit amt- 
lichen Materialien gearbeitet ist, so haben dem Verfasser dieser 
Artikel wohl auch Angaben aus Ministerialberichten zur Ver- 
fügung gestanden, und es gewinnt das Buch damit einen gewissen 
offiziösen Charakter, der vielleicht in einzelnen Punkten den 
Leser zu gewisser Zurückhaltung nötigt, und der sich auch in 
der Form in der trocknen, lediglich berichtenden, kaum jemals 
kritisierenden Darstellung ausprägt. Bedauern muss man, dass 
dem Text gar keinerlei Citate oder Noten beigegeben sind, um 
zu erkennen, auf welchen Grundlagen die historisch-statistischen 
Berechnungen, namentlich über die Produktions- und Ausfuhr- 
mengen in früheren Jahrhunderten, gewonnen sind. Es hängt 
dies Fehlen wohl mit der ursprünglichen Bestimmung der Arbeit 
für das «Wörterbuch* zusammen. Im ganzen erscheint die Dar- 
stellung namentlich in ihrem historischen Teile, soweit sie sich 
mit Arbeiten wie Miljukows Skizzen zur russischen Kultur- 
geschichte oder Schulze-Gaevernitz' Volkswirtschaftlichen Studien 
aus Russland vergleichen Hess, als zuverlässig. Die geschicht- 
liche Einleitung gibt auf 25 Seiten einen kurzen Überblick über 



94 



die Gewerbeentwicklung seit dem 17. Jahrhundert, die ursprüng- 
lich nur Verwertung von Waldprodukten ist, bis unter Peter dem 
Grossen dann, namentlich zu militärischen Zwecken, Gründungen 
nach westeuropäischem Muster erfolgen, die von den Nachfolgern, 
besonders Katharina II, weiter ausgestaltet werden. Bis in die 
Mitte des 19. Jahrhunderts, bis zu den Reformen Alexanders II 
bilden die Arbeitskräfte in den gutsherrlichen und staatlichen 
Fabriken nicht Handwerker oder gelernte Arbeiter nach west- 
europäischer Art, sondern die Bauern, aus denen schliesslich in 
Entwicklung der unfreien zur freien Arbeit ein Fabrikanten- 
und ein Arbeiterstand hervorgeht. In der Übersicht über die 
einzelnen fabrikmässigen Industriezweige betrachtet der Verfasser 
zuerst die Bearbeitung der Faserstoffe, unter denen Russlands 
heute bedeutendstes Gewerbe die Baumwollindustrie obenan steht. 
In der Nahrungsmittelproduktion haben besonders die Spiritus- 
und die Zuckerfabrikation grosse Bedeutung erlangt. Unter den 
von Tieren stammenden Produkten und deren Verarbeitung ist 
die seit lange in Russland berühmte Lederindustrie hervorzu- 
heben. Unter den Bergwerks- und Metallgewerben hat ja die 
Eisen- und Maschinenindustrie seit dem Finanzminister Witte eine 
ausserordentliche aber wohl etwas überhastete Förderung er- 
fahren. Unter den keramischen Produkten scheinen Ziegel- und 
Zementgewinnung ziemlich erfolgreich zu sein. Der Haus- 
industrie und ihren einzelnen Produktionszweigen, sowie dem 
russischen Innen- und Aussenhandel sind die letzten kurzen 
Kapitel gewidmet. K. Schottmüller. 



Geschäftliches. 

Jahresbericht der Abteilung für Geschichte der Deutschen 
Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft zu Bromberg 

(Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt) 
über das Geschäftsjahr 1903. 

Die Hauptversammlung für das Geschäftsjahr 1902 fand am 
22. Mai 1903 statt. In ihr wurde der bisherige Vorstand einstimmig 
wiedergewählt, und zwar gemäss den in derselben Sitzung angenommenen 
Satzungen auf 3 Jahre. Er ergänzte sich durch die Zuwahl der anderen, 
bisher ihm angehörenden Herren und im Laufe des Jahres noch durch 
die des Herrn Oberlehrers Dr. Stoltenburg. 

Die Geschäfte der Abteilung wurden von dem Vorstande in der 
bisherigen Weise geführt. Er trat zu diesem Zweck in 10 Sitzungen zu- 
sammen. Wie im vorigen Jahre die Überführung der Historischen Ge- 
sellschaft für den Netzedistrikt in eine Abteilung der Deutschen Gesell- 
schaft für Kunst und Wissenschaft die Hauptarbeit des Vorstandes 
bildete, so nahm in dem Geschäftsjahre 1903 die Übergabe unserer 
Bücher an die Bücherei der Stadt Bromberg einen grossen Teil seiner 



95 



Beratungen in Anspruch. Diese führten dazu, dass die Bücher nunmehr der 
Stadt übergeben worden sind, und dass über diese Übergabe mit der Stadt ein 
Vertrag abgeschlossen worden ist, dessen Hauptpunlite folgende sind : 
Die Bücher bleiben Eigentum der Abteilung; der Magistrat lässt die un- 
gebundenen Bücher auf Kosten der Abteilung binden; für die Verwaltung 
der Bücherei werden der Stadt jährlich 50 M. gezahlt, welche Summe bei 
wesentHcher Vermehrung der Bücher nach beiderseitigem Übereinkommen 
erhöht werden kann; der Vertrag wird auf 5 Jahre geschlossen und gilt 
als um 5 Jahre verlängert, wenn er nicht 6 Monate vor Ablauf von einer 
Seite gekündigt worden ist; Bücher, die nicht im Verzeichnis stehen, 
werden ebenso wie die Regale zu freiem Eigentum der Stadt übergeben. 

Mit den Büchern zugleich ist auch die ethnographische Sammlung 
aus den Kellern des Gymnasiums in die Räume der Stadtbibliothek über- 
geführt worden, wo sie Dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen des 
Herrn Stadtbibliothekars vorläufig aufgestellt worden ist. 

Die Unterbringung der geschichtlichen Sammlung bereitet nach 
wie vor dem Vorstande die grösste Sorge. Bei der stetigen und sonst 
ja sehr erfreulichen Vermehrung der Sammlung erweisen sich die für sie 
zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten immer mehr als unzulängHch, 
und die Gegenstände leiden vielfach durch das enge Zusammenstehen. 
Auf der anderen Seite reichen die für die Feuerwehr in der Nonnenkirche 
verfügbaren Räume immer weniger aus, so dass doch der Augenblick, wo 
die Wehr ein anderes Heim erhalten muss und uns die ganze Nonnen- 
kirche für unsere Sammlungen übergeben werden kann, in greifbarere 
Nähe gerückt erscheint. Einige Jahre können allerdings noch immer dar- 
über vergehen. Ein Teil der eisernen Sammlungsgegenstände ist durch die 
Verwaltung des römisch-germanischen Zentralmuseums zu Mainz nach 
einem eigenen Verfahren behandelt worden, wodurch sie, die gerade so 
sehr dem Verfall ausgesetzt sind, erhalten bleiben sollen. Kosten sind 
dadurch nicht entstanden, da sich ein grosser Teil der Gegenstände zur 
Nachbildung für das Museum eignete. Vermehrt wurden die Sammlungen 
durch verschiedene Zuwendungen. So schenkte Herr Landesbauinspektor 
Ziemski 2 Urnen, Herr Rechtsanwalt Koppen 1 Steinhammer, Herr 
v. Kitzmann-Zadow verschiedene Gegenstände, Herr Gemeindevorsteher 
Rogalla in Schleusenau 2 sehr schön erhaltene, breite bronzene Armbänder, 
Herr Hauptmann a. D. Timm 1 bronzenen Armring, endlich Herr Gast- 
wirt Woythaler verschiedene alte Besitztümer von Innungen. Für die 
Bücherei schenkte Herr Gymnasialdirektor a. D. Menk verschiedene 
Bücher, Herr Lehrer Klemm seine Geschichte des Czarnikauer Männer- 
gesangvereins. Während der Sommermonate 1903 sind die Sammlungen 
wieder von 11 — 1 Uhr geöffnet gewesen und von 256 zahlenden Personen 
besucht worden. 

Ausgrabungen sind im Jahre 1903 nicht gemacht worden. Dagegen 
fand am 3. Mai 1903 seitens mehrerer Mitglieder des Vorstandes eine Be- 
sichtigung und Aufnahme der Burgruine Venetia bei Znin statt. Die dabei 
gemachten photographischen Aufnahmen sind den Sammlungen einverleibt 
worden. 

Mitglieder hatte die Abteilung bei der vorigen Hauptvervammlung 
292, jetzt 274, dazu 1 Ehrenvorsitzenden und 5 Ehrenmitglieder. Der 
Rückgang der Mitgliederzahl ist fast ausschlieslich durch das Wegziehen 
der Mitglieder von Bromberg verursacht. Durch den Tod verloren wir 
kein Mitglied. 

Die Einnahmen betrugen im Jahre 1903 1598,34 M., die Ausgaben 
1333,56 M., sodass ein Bestand von 264,78 M. verblieben ist. Eine Erhöhung 
der Leistung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft für 
unsere Abteilung war nicht zu erreichen. 



96 



Der zwischen der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen 
und uns unter dem 18. August 1899 abgeschlossenen Vertrag ist bis zum 
Ablauf des Jahres 1904 verlängert worden, nachdem der Herr Minister uns 
für das Jahr 1904 wieder einen Zuschuss von 400 M. bewilligt hat. Auch 
hier war eine uns dringend nötige Erhöhung des Zuschusses nicht zu 
erreichen. Dagegen erklärte sich der Vorstand der Historischen Gesellschaft 
für die Provinz Posen in entgegenkommendster Weise damit einverstanden, 
dass der Beitrag für jedes an unsere Mitglieder zu liefernde Heft der 
Monatsblätter auf 3,50 M. herabgesetzt werde. 

Die monatlichen Versammlungen wurden in der bisherigen Weise 
abgehalten und waren meist gut besucht. In einer solchen am 23. Ok- 
tober 1903 sprach Herr Gymnasiallehrer Koch über die Zusammenkunft 
des Grossen Kurfürsten mit dem König Johann Kasimir von Polen im 
Jahre 1657 zu Bromberg. Mit der Versammlung am 20. Januar, in der 
Herr Hauptschriftleiter Gollasch über Bromberg vor 50 Jahren sprach, 
wurde die Feier des Stiftungsfestes verbunden. Am 11. Februar hielt Herr 
Kreisschulinspektor Kempf aus Labischin einen Vortrag über seine Reise 
im gelobten Lande von Haifa nach dem See Genezareth und Herr Haupt- 
mann a. d. Timm über die Anfangs der fünfziger Jahre des vorigen 
Jahrhunderts in Bromberg erfolgte Verurteilung von 5 Tscherkessen. 
Endlich sprach am 11, März Herr Rabbiner Dr. Walter über die Verfassung 
der Synagogengemeinden in Preussen. 

Auf Veranlassung der Abteilung wurden von der Deutschen Gesell- 
schaft für Kunst und Wissenschaft zwei Vorträge veranstaltet; am 16. 
November sprach Herr Archivrat Dr. Warschauer über Episoden aus der 
Kolonisationstätigkeit Friedrichs des Grossen im Netzedistrikt, am 12. März 
Herr Oberlehrer Dr. Fredrich aus Posen über das Thema : Aus der Heimat 
Homers. Der erste Vortrag wurde von der Kasse der Abteilung, der 
zweite von der der Deutschen Gesellschaft bezahlt. 

Am 4. Oktober nahm der Schriftführer im Auftrage des Vorstandes 
an der Feier der Einweihung des neuen Bromberger Schützenhauses teil. Zu 
der Feier des fünzigjährigen Bestehens des Koppernikusvereins zu Thorn am 
18. und 19. Februar entsandte der Vorstand den Archivar und den Schrift- 
führer, die dem befreundeten Vereine die Glückwünsche der Abteilung zu 
seinem Ehrentage überbrachten. 

Bromberg, den 1. Mai 1904. 

I. A. Schulz, Kgl. Forstmeister. 
Schriftführer. 



HistorisGlie Abteilung der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 

1. Dienstag, den 14. Juni 1904, Nachmittags 5 Uhr, Besichtigung 
des Kaiser Friedrich-Museums zu Posen. 

2. Sonntag, den 19. Juni 1904, Ausflug nach Inowrazlaw und 
Kruschwitz. Siehe die letzte Seite des Umschlags. 



Redaktion : Dr. A. Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Broinbei;g. 
Druck der Hofbuch druckerei W Decker & Co., Posen. 




^ lilSTORISCME 
MOttHTS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang V Posen, Juli 1904 



Nr. 7 




Schottmüller K., Die Mansfelder im Kloster zu Lubin. S. 97. — 
Wotschke Th., Ein Gnesener Arzt des sechszehnten Jahrhunderts. 
S. 104. — Literarische Mitteilungen S. 105. — Nachrichten. S. 111. 



Die Mansfelder im Kloster zu Lubin. 

Eine Episode aus dem 30 jährigen Kriege. 

Von 

K. Schottmüller. 

er von der Station Kosten der Posen -Breslauer Eisen- 
bahn die Kleinbahn weiter nach Gostyn benutzt, 
kommt nach 23 km Fahrt an dem Dorfe Lubin 
vorbei, das mitten zwischen Sümpfen und Teichen im Flussgebiete 
der Obra liegt, heut nur ein schlichtes Dorf, einst aber eines der 
ältesten und reichsten Klöster des Landes. Dieses Klosters Ent- 
stehung reicht bis in das 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
zurück. Als Gründer gilt Graf Michael Skarbek auf Gora, der 
Brüder von dem Orden des Heiligen Benedikt aus dem fernen 
Frankreich berief. Über die Zeit der Berufung und die Herkunft 
schwanken die Ansichten. Szczygielski ^) gibt das Jahr 1176 an 
und nennt das altberühmte Cluny in der Bourgogne als Heimat 
der ersten Lubiner Benediktiner; die neueren Untersuchungen 
K^trzynskis ^) machen aber wahrscheinlich, dass jene Mönche aus 
der Diöcese Lüttich und zwar vermutlich aus dem Kloster Gembloux 
nach dem Jahre 1048 nach Polen kamen. Das von seinem Stifter 
Graf Skarbek wohlhabend ausgestattete Kloster wurde durch weitere 
Zuweisungen und Schenkungen schliessHch eines der reichsten, 



1) Siehe Slownik geograficzny Bd. V. 415. 

2) Monumenta Poloniae historica V. 596. ff. 



Q9 



hatte es doch nicht weniger als folgende Dörfer und Güter in 
seinem Besitz: Lubin, Cichowo, Seebrück, Biezyn, Lagowo, Dalewo, 
Wyrzeka, Neuhof, Gierlachowo, Szczodrocliowo, Jerka, Luschkowo, 
Swinice, Wlawie, Garby ^), Gorka, Targowitz, Stankowo, Zbenchy, 
Stenzyca, Neu-Ossowo, Zelazno, Wieschkowo, Gnewen; dazu noch 
die Städtchen Kriewen und Schwetzkau. Wie in allen Benediktiner- 
klöstern wurde auch in Lubin von den fleissigen und gebildeten 
Mönchen die Wissenschaft gepflegt, wie es scheint auch die Kunst; 
soll doch gegen Ende des XVI. Jahrhunderts beim Kloster eine 
Musikschule bestanden haben, geleitet von einem Franzosen Lambert, 
nach dessen Berufung an den russischen Zarenhof sie einging. 
Um so mehr und nachhaltiger fand aber die Wissenschaft eifrige 
Pflege, denn eine grosse reichhaltige Bibliothek wurde von den 
Benediktinern im Laufe der Zeit zusammengebracht; aus ihr haben 
die Zatuskis eine Menge wichtiger Werke entnommen und ihrer 
Sammlung einverleibt, viele Handschriften sind in der Zeit 
des Herzogtums Warschau dem Kloster entfremdet v/orden 2). Der 
kleine Rest geschriebener Bücher gelangte bei der Aufhebung 
des Klosters 1835 in den Besitz der preussisclien Regierung und be- 
findet sich heute im Königlichen Staatsarchive zu Posen. Unter 
ihnen ist auch die Klosterchronik, der der unten w^iedergegebene 
Bericht über die Klosterplünderung durch die Mansfeldischen 
Schaaren 1627 entnommen ist. Die Chronik führt den Titel: 
„Antiquitatum monasterii Lubinensis O. S. B. (ordinis Sancti 
Benedicti) libri duo" und erzählt die Geschichte des Klosters 
von der Gründung an bis etwa zum Jahre 1630. Ausser dem 
Original im Posener Staatsarchiv existiert noch eine Abschrift in 
der Bibliothek des Grafen Victor Baworowski in Lemberg^). Der 
Verfasser der Chronik ist der Lubiner Benediktinermönch Bartho- 
lomäus von Kriewen, benannt nach dem nur 5 km vom Kloster 
entfernten Städtchen im Kostener Kreise. Jener Bartholomäus 
legte im Jahre 1608 im Kloster das Mönchsgelübde ab, beschäftigte 
sich auf der Lubranskischen Akademie zu Posen und unter Leitung 
der Jesuiten mit humanistischen und theologischen Studien und 
wurde im Jahre 1628 zum Subprior des Klosters Pinczöw*) 
bestimmt, 1642 zum Prior des Lubiner Klosters erwählt. Drei 
Jahre darauf wurde ihm die Pfarre in dem Lubiner Klosterdorfe 
Dalewo übertragen; er kehrte aber später wieder in das Kloster 
zurück und versah die Aufsicht über die Novizen und Professen 
bis zu seinem Tode am 28. Oktober 1669.^) 

■i) Kr. Schroda. Alle andern im Kr. Kosten. 

2) Slownik geograficzny V. 416. 

3) Monumenta Poloniae V. 587. 

*) Im russischen Gouvernement Kielce. 

5) Diese Nachrichten sind einer von andrer Hand auf dem ersten 
Blatt der Chronik gemachten Eintragung entnommen. 



I 



99 



Eine der ausführlichsten Erzählungen am Schlüsse der 
Chronik betrifft die unten mitgeteilte Episode des Mansfeldischen 
Überfalls, die der Verfasser als Zeitgenosse, vielleicht als Augen- 
zeuge sogar miterlebt hat und deren Wiedergabe wohl nicht unwill- 
kommen ist, zumal sie die sehr knappen Angaben der weiter 
unten zitierten Chronik des Piasecki eingehend ergänzt. Ist doch 
jene Episode eine der wenigen Gelegenheiten, wo das sonst von 
diesem Kriege verschonte Posener Land die Schrecken des für das 
geplagte Nachbarland Schlesien furchtbaren 30jährigen Krieges zu 
empfinden bekam. Der Gang der Ereignisse, in deren Zusammenhang 
jene Lubiner Vorgänge hineingehören, war ungefähr folgender. In der 
Schlacht an der Dessauer Eibbrücke am 25. April 1626 hatte Graf Ernst 
von Mansfeld gegen Tilly beinahe zwei Drittel seiner Armee ein- 
gebüsst und die Gefahr des wachsenden kaiserlichen Übergewichts, 
■die durch den Vormarsch der zwei kaiserlichen Heere Wallensteins 
und Tillys zu einer ständigen für Norddeutschland werden konnte, 
legte den besiegten Verbündeten, d. h. dem Dänenkönig, Mans- 
feld und dem Herzog Johann Ernst von Weimar den Gedanken 
nahe, durch eine Diversion gegen des siegreichen Kaisers Erb- 
lande Wallenstein von Norddeutschland wieder abzuziehen, und 
den Siebenbürgener Grossfürsten Bethlen Gabor gegen Oesterreich 
in Bewegung zu setzen. Nach raschen Eilmärschen standen die 
Mansfelder Mitte Sommers desselben Jahres an der Grenze 
Schlesiens, im Oktober in Ungarn. Aber, da auch Ende des 
Jahres noch der Siebenbürgener unentschlossen zögerte, der Herzog 
von Weimar starb und Mansfeld das Heer verliess, zogen die 
Scharen Anfang des Jahres 1627 wieder nach Schlesien zurück; 
doch hier wurden sie von Wallenstein, der ihnen durch Mähren 
und Ungarn gefolgt war, in wenigen Monaten wieder hinaus- 
tnanövriert.i) Eins jener mansfeldischen Korps, das sich alle 
Strassen in Schlesien von den Kaiserlichen verlegt sah, trat über 
die polnische Grenze, um durch die Kostener Gegend nach der 
Neumark zu marschieren und hat bei dieser Gelegenheit das 
Kloster Lubin plündernd heimgesucht. Der Führer jener Schar 
war Wolf Heinrich von Baudissin, ein junger dänischer Oberst, 
damals erst dreissigjährig, der sich später mehrfach als tüchtiger 
Kriegsmann bewährt hat, im Jahre 1631 als schwedischer 
Generalleutnant bei Werben gegen die Kaiserlichen focht, 1633 
als Feldmarschall der schwedischen Armee Norddeutschlands die 
Spanier bei Nymwegen schlug. Er hat sein Leben als sächsischer 
Gesandter in Kopenhagen 1646 beschlossen.^) 

Damals in den Julitagen 1627 war die Gelegenheit für 
keckes Zugreifen dem jungen Oberst günstig. Von einer 

1) Grünhagen, Geschichte Schlesiens II 205—213. 
^ Allgemeine deutsche Biographie II 136. 

7* 



100 



Menge der polnischen Edelhöfe waren die adligen Gutsherrn 
abwesend, um an den vom Posener Generalstarosten Czarnkowski 
veranstalteten Gerichtstagen in der Landeshauptstadt teilzunehmen. 
Die Kunde von den Gewalttätigkeiten und Plünderungen der 
heranziehenden Reiterschar drang rasch nach Posen und veranlasste 
am 25. Juli den dort weilenden Verwalter der Abtei, Albert 
Miaskowski, zu der Weisung an den Lubiner Prior, die Kostbar- 
keiten möglichst rasch aus dem Kloster zu führen und in Sicher- 
heit zu bringen. Man glaubte im Kloster offenbar noch nicht 
an die Nähe der Gefahr, der Prior nahm die Meldung des Boten 
mit Lachen auf, unterliess es, die Schützengilde des dem Konvente 
gehörigen Städtchens Schwetzkau aufzubieten ; auch die Tore der 
Abtei Hess er unbewacht, da er an diesem Tage, der sein 
Namenstag war, Gäste zu traktieren beabsichtigte. Als aber nach 
Mitternacht der Ortspfarrer die Anwesenheit der Plünderer, die 
ihm bereits die Pferde aus dem Stalle gestohlen hätten, in der 
nächsten Umgegend als zweifellos meldete, drang der Prior 
erschreckt in den Pater Pförtner, ob auch das Kirchengerät in 
Sicherheit sei. Die selbstsichere Haltung dieses Klosterbruders^ 
dessen mangelnder Vorsorge später der Verlust vieler Kloster- 
schätze und die Ausraubung des Konvents zur Last gelegt wurde,, 
teilten die anderen Mönche durchaus nicht und haben in der 
kurzen Zeit noch rasch einzelne Stücke vom Altar wie Kreuze,. 
Rauchfässer u. s. w. einzeln ins Freie gebracht und in den 
dichtstehenden Kornfeldern verborgen ; die Sakristei hielt 
der Pater Pförtner für wohl genug verwahrt, um die dortigen Kost- 
barkeiten von dort zu flüchten ; einem der Mönche gelang es 
noch rasch einen Kasten mit silbernen Löffeln hinauszuschleppen 
und im Brennesselgestrüpp zu verstecken, wo man ihn nach dem 
Abzug der Feinde unversehrt vorfand. Kaum hatten sich die 
Mönche nach verschiedenen Richtungen zerstreut und teils draussen,, 
teils oben im Turm verborgen, als die wilde Soldatenschar mühelos 
die Klosterpforte sprengte und in dem Innern der Abtei auf der 
Suche nach Beute sich verteilend, aus den Ställen die Pferde, 
aus den Schlafgemächern Kleidungsstücke raubte ; aber man hoffte 
auf noch wertvollere Beute, Kirchengeräte und Schmuck aus 
Edelmetall, und suchte von der Zehntausend-Jungfrauenkapelle 
her in die Sakristei als die Schatzkammer einzudringen. Ein 
unterwegs draussen aufgegriffener Vikar der Dorfpfarrkirche sollte 
die notwendigen Schlüssel beschaffen, entwischte aber, nachdem 
er durch ein falsches Schlüsselbund — es waren die Schlüssel 
der Vorratskammern — die Plünderer getäuscht hatte. Ein Balken 
ward nun als Mauerbrecher herangeholt, unter seinen wuchtigen 
Stössen sprang die Eisenpforte auf und der grosse Vorrat an 
goldenem und silbernem Kirchengerät, an kostbaren Messgewändern 



101 



und Bestände an Bargeld wurden hastig geraubt. Mit Entrüstung 
hebt der Chronist hervor, dass sogar das Sakramentshäuschen 
erbrochen und der Hostienbehälter auf den Altarstufen zertreten 
wurde. Die in den Turm geflüchteten Ordensbrüder gewahrten 
entsetzt, wie die wilde Soldateska, ihres so reichen Raubes froh, 
vor dem Abzüge noch übermütige Kurzweil trieb. Ein Teil der 
Landsknechte zog sich die Messgewänder an, ein anderer hing 
die Chorröcke den Pferden über; wo man habgierig um die 
Beute stritt, wurden zur gleichmässigeren Teilung silberne Kreuze 
und Reliquienschreine zerbrochen und zerschnitten. Dann zog 
man ab. Betrübt fügt der Chronist hinzu: „Was der Eifer des 
Abts und der Mönche für den Kirchenschatz in vielen Jahren 
zusammengebracht, ging binnen einer Stunde durch den Unge- 
horsam eines vermessenen Bruders (des Pförtners) verloren." 
Der Schaden ist später auf 30 000 polnische Gulden geschätzt 
worden. Auch der abwesende Verwalter der Abtei hatte grosse 
Verluste, da ihm Pferde, Kleider und Geld fortgeführt wurden. 
Die Pfarrkirche, deren Gerät die Mansfelder in das Kloster ge- 
flüchtet wähnten, blieb unangetastet ; dagegen wurden die Rirche 
in Dalewo, das Vorwerk Neuhof und benachbarte Dörfer, ja auch 
das Kloster Paradies heimgesucht. Aber das Verhängnis ereilte 
doch die gottlosen Plünderer; als sie von den Tag und Nacht 
fortgesetzten Raubzügen ermattet und grösstenteils auch trunken 
auf den Feldern vereinzelt rasteten, wurden sie von dem sich 
zusammenrottenden Landvolke überfallen und im Schlafe fast 
wehrlos erschlagen, vornehmlich in der Gegend von Filehne und 
Bentschen, wie das Gerücht meldete. Der Rest entkam nach 
der Neumark, unter ihnen ihr Führer Oberst Baudissin, der im 
folgenden Jahre bei Osterode vom polnischen General Koniecpolski 
besiegt, verwundet in Gefangenschaft fiel, nach einem missglückten 
Fluchtversuch aus Warschau in strengerer Haft auf der Burg 
Rawa sass und erst 1629 beim Friedensschluss zwischen Polen 
und Schweden seine Freilassung erlangte. Den schweren Schaden, 
den Kloster Lubin durch die Mansfeldische Plünderung erlitten, 
suchte zwölf Jahre später 1639 der neue Abt Mathias Tytlewski 
zu lindern und schenkte dem Kloster zur Deckung der Kosten 
für neue Kirchengeräthe das Dorf Szczodrochowo. Trotzdem 
waren wohl aber die Spuren des Mansfeldischen Raubzuges nicht 
so rasch verwischt, über den wir jetzt den lateinischen Original- 
bericht des Chronisten folgen lassen: 

Anno 1627. Turma equitum numerosa, per Ernestum Co-- 
tnitem de Mansveld regi Daniae cum duce Baudis, in subsidium 
missa, quod per Silesiam licentiose grassaretur, a Cesarianis inde 
pulsa Majorem Poloniam per tractum Costensem irrupit et ingen- 
fibus affecit damnis obvias nobilium domos, monasteria, pagos 



102 



eorumque ecclesias per vim invadens ac depraedans. Refert id 
in Chronicis suis Piasecius ^) illis verbis: In Silesia haerebant 
copiae a Mansveldio sub nomine Dani Regis introductae et Im- 
perialibus (tota hyeme vicinas eorum stationes excursionibus di- 
vexando) aliquid damni dederant, sed eo conversus Walnstenius 
primo vere postquam Tropaviam et Kozle oppida intercepisset, 
omnia alia in illis partibus occupata loca Danicos relinquere, in- 
deque migrare coegit. Baudisius eorum ductor praecipuus fuit^ 
qui omnia itinera in Silesia a Walnstenio clausa sibi fuisse videns 
per Poloniam Koscianensi tractu eruperat in Marchiam plurimis. 
Polonorum nobilium domibus et in itinere diviti peculio spoliatis. 
Hucusque Piasecius. Oppidis tamen ac civitatibus ab iis vulgi 
tumultu veritis de industria parsum est. Captarunt occasionem 
commodam, dum plurimi nobilium domibus absentes Posnaniam 
iudiciorum causa, quae tunc Czarnkovius Generalis dabat, concesse- 
rant. Die S. Jacobi ^) advolante Posnaniam latrocinii eorum fama 
magna celeritate, arendarius abbatiae Albertus Miaskowski famulum 
cum literis Posnania ad priorem conventus nostri ablegat, clades,. 
ecclesiis Silesiae proximis ab iis illatas, commemorans, simulque 
suadens, ut si salvum vellet, thesaurum templi quam primum 
extra monasterium, evehi curaret. At prior consilium risu accepit^ 
nee sagittarios Swieciechovia^) vi aliquo modo propulsanda, ad- 
vocavit, sed neque portae abbatiali custodes adhibuit natalis sui 
die (Christophoro nomen erat) hospitibus tractandis intentus. 
Post mediam noctum F. pater Stephanus parochus, adesse iam 
praedatores, per pagum grassari, sibique ab illis equos ex stabulo 
raptos significat. Perculsus eo nuntio prior tum demum a patre 
custode exigit: num bene supellectili ecclesiastiae prospexerit. 
Porro ille securum esse iubet asserens tuto loco eam sua opera 
asservatam. Sed fratres non ignari certae haereticorum praedae 
fuisse in sacrario relictam ferventius urgebant (cum jam aliter non 
liceret), partiretur eam in diversos, daret singulis fratribus calices 
singulos, uni crucem, thuribulum alteri, reliqua caeteris. Quicquid 
acciperent, indemme futurum: abdituros se extra septa monasterii 
inter fruges necdum tunc demessas alios alia loca hostibus inac- 
cessa petituros; cito enim colluviem illam abscessuram sperabant 
quam praedae duntaxat idque obiter et in transitu rapiendae, in- 
hiasse didicerant. At pater custos, obstinata pertinacia, forte 
quod foribus sacrarii bene observatis, plus nimio fideret, a priore 



1) Chronica gestorum in Europa singularium a Paulo P i a s e c i o » 
episcopo Praemisliensi acurate ac fideliter conscripta ad annum Christi 
MDCXLVIII. Cracoviae. S. 397. 

2) d. i. 25. Juli. 
S) Schwetzkau, im Kr. Lissa. 



I 



103 



licet iussus, parere renuit. Saniori consilio, tunc, unus ex patribus 
thecam cochlearibus argenteis plenam, cum ad manum nihil aliud 
haberet, in sacrario rapuit, et inter Urticas projecit, quam post 
aliquot horas ex fuga revertens, salvam et integram reperit. 
Primo mane, praedatores, comperto, neminem esse intra claustrum, 
qui insultum eorum reprimeret, sumptis animis, portaque abbatiali 
nullo negotio laxata, monasterium fratribus iam in varia loca di- 
lapsis turmatim invadunt. Mox sacrilegium inter se partiti pars 
eorum in stabulam, caeteri in dormitorium fratrum, illud equis, 
cellas vestibus ac potioribus rebus spoliantes. Alii, ecclesiasticae 
supellectilis avidi per sacellum undecim virginum milium ad 
sacrarium ruunt, sed eos fortiter obfirmatae fores gradum sistere 
cogunt. Nacti tunc unum ex nostris ecclesiae parrochialis vi- 
carium hunc equo alligant et ad monasterium non tarn ductum 
quam tractum minis intentatis cellam prioris intrare clavesque 
sacrarii dari sibi iubent. Repertam illic clavium ex uno nexu 
pendentium fascem tradidit iisdem statimque conspectui eorum 
prudens se subduxit. Sed cum Ulis fores recludere frustra ten- 
tassent, (neque enim sacrarii sed variarum monasterii officinarum 
claues erant) vi fortunam experiri conantur. Tignum cancellis 
tigneis adiacentem tumultuarie arripiunt, quo arietis vice, fores 
sacrarii validis ictibus tam diu quatiunt usque dum expugnant. 
Ferreo dein ostio facile superato, interius aditum occupant et 
quidquid ibidem supellectilis sacrae in auro et argento ac pre- 
tiosis apparamentis tum et communis aerarii pecuniis reconditum 
inveniunt, avara rapiunt manu. Neque hoc fecisse content! etiam 
nefarii tabernaculum templi pixide spoliant excusso supra gradus 
altaris pedibusque proculcato sanctissimae eucharistiae sacramento. 
Moniti ac dolentes spectabant, qui se turri concluserant fratres, 
dum patrato scelere in reditu ante portam abbatialem de spoliis 
laeti quidam eorum seipsos sacris casulis inducerent, alii pretiosis 
cappis equos vestirent; alii cruces argenteas, lipsanothecas, in 
frustra inter se partienda, secarent. Atque ita, quem a multis 
retroactis annis abbatum et fratrum industria paraverat, ecclesiae 
thesaurum una hora, protervi unius fratris inobedientia perdidit. 
Damnum triginta florenorum millibus prudentum iudicio fuit 
aestimatum. Sed et arendarius tunc absens grandem in equis 
vestibus pecuniis etc. iacturam accepit. Parrochialem ecclesiam 
reliquerunt intactam omnia ipsius in nostra asservata rati. Pari 
rapacitate in ecclesiam Daleviensem, praedium Nowydwor^) et alios 
circumjectos pagos et post in monasterium Paradisiense de- 
saeviunt. Nee tamen paenam sacrilegii evasere. Plurimi namque 
eorum ex itinere nocte dieque cum rapinis continato insomnes, 



1) Das dicht bei Lubin belegene Dorf Neuhof. 



104 



alii ob nimiam temulentiam equis subsistere non valentes et 
iisdem decidentes cogebantur se per Silvas et campos ponere in 
somnnm reclines. In quos cum nostri, (et vel ipsa rustica plebs) 
casu offenderent, passim caedebant sopitos, praedas, quibus se ex 
latrociniis oneraverant opimas ex iis agentes. Sed et circa Wie- 
lenium^) et Zb^szynam^) insignem eos cladem a nostris accepisse 
fama ferebat. Pars reliqua, quae pernici fuga periculum evaserat, 
extra regnum, Marchiam versus dilapsa est. Ductor quoque 
eorum Bandiss, qui se tunc incolumem servavit, sequenti anno 1628 
in Prussia Succi belluum gerens a Duce Koniecpolscio^) apud 
Ostrodam oppidum praelio fusus ipseque saucius captus Varsa- 
viam ablegatur incarcerandus. Sed inde beneficio noctis fuga 
elapsus post in itinere reprehensus et ad arcem Rawensem*) 
ductus arctiori ibidem custodiae mancipatus fuit. Tandem rex 
induciis anno sequenti 1629 cum Sueco pactis liberum dimitti 
jussit, cum prius Reipublicae nostrae ad servitia militaria fidem 
suam obligasset. 




Ein Gnesener Arzt des sechszehnten Jahrhunderts. 

Von 
Th. Wotschke. 

s ist bekannt, welch hervorragende Ärzte Posen in der 
P)P'^ Mitte des sechszehnten Jahrhunderts in Joseph Strus, 
^<r?^^ Stanislaus Niger und Stephan Mikan gehabt hat, ver- 
gessen dagegen, in keiner Nachricht über unsere Provinz auch 
nur erwähnt, dass in derselben Zeit auch in Gnesen ein namhafter 
und weithin begehrter Arzt, Hans Böhm, gewirkt hat. Einen 
Brief Herzog Albrechts von Preussen an ihn sowie seine Antwort 
auf das herzogliche Schreiben teile ich im Folgenden mit. 

Ann Hans Bhem, ein arzt in Gnisen. Vnnsern grus zuuorn. 
Ersamer lieber besonder. Wir sein durch den ernuhesten vnnsern 
lieben getreuen Wolffen von Kreitzen ^) bericht worden, wie jr 
aus Verleihung Gottes gnad gewuchs, alte schaden, desgleichen 
fluess jnn schenkein vnd anders mit getrenken allein zuuortreiben 



1) Filehne. 

2) Bentschen. 

3) Stanislaus Koniecpolski, Kastellan von Krakau, Krongrosshetmann, 
berühmter polnischer Feldherr aus dem ersten schwedisch-polnischen Kriege, 
geb. 1591, gest. 1646. 

^) Rawa in der alten Woiwodschaft Masovien, heut im russischen 
Oouvernement Petrikan. 

^) Ein Bruder des preussischen Kanzlers Johann von Kreytzen. 



105 



vnd zu heilen, dass es nit mher widerkomme, erfarenheit haben 
solt, dessgleichen dass jr, wenn wir eur person begerten vnd zu 
vnnss erfordern wurden, euch wilHgHchen gebrauchen zu lassen. 
Dieweile aber zwei personen von vnnsern reihen vnd vnder- 
thanen, daran vnss nicht wenig gelegen, mit gewuchssen behafft, 
den wir gern geraten und geholfen sehen, wo jr nun vermittelst 
gotUcher hilff etwass auszurichten vnd jnen zu helffen verhoffet 
vnd getrauet. So ist vnnser gnedigs begeren, jr v/ollet euch zu 
vnns hieher nach Konigspergk zu verfugen nicht beschworen 
lassen, die gewuchs zu beseen vnd als dan nach gehaptem rathe 
dass eurige darbei thun. Dagegen sollt jr vngezweiffelt sein, euch 
soll vor eure reise, muhe, arbeit vnd vleis dankbarHch gelonth 
werden vnd sein es daneben jr gnaden zu erkennen geneiggt. 
Dat. Konigspergk den 5. martii anno 1541. 

Laus deo. 1541 den 17. maeyo aus Gnysen. Meyn wylligen 
gehorsam dynst myt Erbytung. Groesmechtyger fürst vnd her. 
Ich fuge E. f. g. zu wyssen, das mich E. f. g. schreyben wortten 
ist als dato 8 maeyo, zu wellychen ich vornommen vnd vor- 
standen habe, das E. f. g. begerent ist, das ich mych wolt ken 
Kynsperg fynden lassen, in wellychen ich mych wyl wyllyk 
finden vnd gebrauchen lassen vnd auf fynxten al hy by E. f. g. 
mych fynden lassen. Ich wer lang auf gewest, wenn mye dye 
kranken nyt vorhyndert heften, so ich vnter bänden gehabt hab 
vnd wye mych E. f. g. schreyben werden ist, hab ich kaeynen 
kranken mer wyllen annemen, sonder ich sey für zw E. f. g. 
gewest. Hymyt ich E. f. g. dem allmechtigen god beuele. 
Hans Behem E. f. g. wyllyger dyner bey tag vnd nacht. 



Literarische Mitteilungen. 



Daun B., Veit Stoss und seine Schule in Deutschland, 
Polen und Ungarn. Leipzig, Verlag von Karl W. Hiersemann 1903. 
«0. 187 Seiten mit 89 Tonätzungen. Preis 12 Mark. 

Erfreulich ist, dass die deutsche Kunstwissenschaft den 
Denkmälern der Provinz Posen in neuester Zeit lebhafter ihre 
Aufmerksamkeit zuwendet, als es vordem geschehen ist. Nachdem 
L. Justi 1901 die auf die Vischersche Hütte zurückzuführenden 
Messinggrabplatten im Zusammenhange mit den ihnen verwandten 
Platten betrachtet hatte (vgl. Monatsblätter II, S. 157), hat jetzt 
Berthold Daun eine Schrift erscheinen lassen, die eine Reihe 
bisher minder gewürdigter Arbeiten des Veit Stoss und seiner 
Schule behandelt, darunter mehrere Denkmäler im Posener Lande, 



106 



eine Schrift, die einer grösseren, dem ganzem Lebenswerke des 
Künstlers gewidmeten Veröffentlichung vorausgehen soll. 

Daun stellt diejenigen Arbeiten zusammen, welche Veit 
Stoss während seines Aufenthalts in Krakau schuf, und welche 
durch Urkunde, Inschrift oder Meisterzeichen als seine Schöpfun- 
gen beglaubigt sind : den 1477 begonnenen Schnitzaltar der Marien- 
kirche in Krakau, das 1492 gefertigte Marmorgrab des Königs 
Kasimir Jagello im Dome zu Krakau und die Marmorplatte des 
1493 gestorbenen Erzbischofs Sbigneus Olesnicki im Dome zu 
Gnesen. Auf Grund dieser drei Arbeiten versucht Daun die 
Marmorplatte eines unbekannten Erzbischofs vom Wappen Poraj 
im Gnesener Dome als Werk des Veit Stoss zu erweisen. Im 
Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Posen Bd. IV 
S. 112 hatte ich ausgesprochen, dass die Platte auf Erzbischof 
Johannes V. Gruszczynski f 1473 oder auf Andreas I. Bory- 
szewski f 1510 zu beziehen sei. Daun macht es nun wahr- 
scheinlich, dass der erstere von beiden, Erzbischof Gruszczynski, 
dargestellt sei, der im Alter von 68 Jahren starb. Einen Mann 
dieses Alters gibt die Platte in der Tat; das Gesicht scheint 
nach einer Totenmaske gebildet. Erzbischof Boryszewski, der 
ein Alter von 78 Jahren erlangte, kann daneben weniger in 
Betracht kommen. Daun vermutet weiter, dass König Kasimir 
selbst, dessen treuer Anhänger Gruszczynski war, das Grabmal 
durch Veit Stoss hätte ausführen lassen ; das Werk sei bald nach 
1477 zu setzen und mithin als die erste grosse Arbeit des 
Künstlers in Krakau zu betrachten, die alle Vorzüge und Schwä- 
chen, desselben an sich trage, leidenschaftlichen Ausdruck und 
harte Naturtreue. 

Im Verzeichnis der Kunstdenkmäler, insbesondere im 
Künstler-Verzeichnis Bd. I S. 122 hatte ich als Urheber der 
Platte einen bedeutenden Bildhauer aus der Umgebung des Veit 
Stoss angenommen. Sie diesem selbst zuzuweisen, hatte ich 
Bedenken getragen; denn so hoch man auch die Platte schätzen 
mag, so reicht sie doch an die vornehme Auffassung und klas- 
sische Vollendung der durch das Meisterzeichen beglaubigten 
Platte des Erzbischofs Olesnicki nicht heran. Maryan Sokolowski 
hat 1898 (Sprawozdania Bd. VI S. 153) die Vermutung aus- 
gesprochen, dass Stoss das Modell der Platte gefertigt, die Aus- 
führung in Marmor einem anderen überlassen habe. Mit triftigem 
Grunde weist Daun diese Auffassung zurück und nimmt für 
Stoss sowohl den Entwurf als auch die Ausführung seiner Werke ^ 
in Anspruch. Das Ergebnis der eingehenden, vor den Denk- 
mälern selbst angestellten Forschungen Dauns ist als eine wert- 
volle Bereicherung unserer Kenntnis der Kunstwerke des Posener 
Landes zu schätzen. Freilich dürfen wir nicht vergessen, dass 



107 



ein viel beschäftigter und eigenwilliger Künstler wie Veit Stoss 
sich in seinen Arbeiten gewiss nicht immer gleich blieb, dass 
er zahlreiche Mitarbeiter heranziehen musste. Ohne dass ich zu 
dem Verfasser in Gegensatz treten möchte, kann ich doch nicht 
umhin, daran zu erinnern, dass irgend welche urkundlichen Be- 
läge für seine Annahme nicht vorhanden sind, und dass damit 
die Zuweisung der genannten Platte an Veit Stoss doch leider 
nur eine Hypothese bleibt, die keineswegs so ausreichend be- 
gründet erscheint, v/ie die Zuweisung der bekannten Messing- 
grabplatten an Peter Vischer und seine Söhne. 

Von beiden Platten des Gnesener Domes gibt Dann in 
seinem Buche Abbildungen. 

Er betrachtet ferner das den Tod Maria darstellende Schnitz- 
werk des Hochaltares der katholischen Pfarrkirche in Koschmin 
(Verzeichnis der Kunstdenkmäler Bd. I S. 73 und Bd. III S. 317); 
auch er erkennt, wie ich bereits aussprach, manche Beziehungen 
zur Schule des Veit Stoss, der aber mit seiner Person an dem 
Werke nicht beteiligt war, und ähnliche Beziehungen möchte der 
Verfasser, vielleicht etwas weit gehend, ebenfalls voraussetzen 
in dem schönen Flügelaltare sowie in den Reliefen des Hoch- 
altares der katholischen Pfarrkirche in Kosten. Ganz frei von 
Stossschem Einflüsse sei dagegen die Schnitztafel der Adalbert- 
Kirche in Posen. 

Möchte das Beispiel Dauns dazu anregen, dass auch andere 
deutsche Gelehrte die Kunstdenkmäler der Provinz Posen in 
den Kreis ihrer Studien einziehen. J. Kohte. 

Bugiel W., Polnische Sagen aus der Provinz Posen. 
Globus Bd. 83 Nr. 8, S. 127—130. 

Die Redaktion des „Dziennik Poznaiiski" hat i. J. 1901 
den ersten Band eines Verzeichnisses polnischer Flurnamen 
(Wielkopolskie nazwy polne) erscheinen lassen, ein Werk, das 
abgesehen von seiner sprachlichen Bedeutung auch in folkloristischer 
Beziehung von Interesse ist, da es eine grosse Zahl von alten 
Volksüberlieferungen enthält, die in kurzer und knapper Form 
wiedergegeben sind. In der richtigen Erkenntnis, das die ge- 
brachten Volkssagen dort für den deutschen Volksforscher un- 
zugänglich oder gar verloren sind, hat Herr Dr. Bugiel in Paris 
das Sagenmaterial zusammengestellt, nach bestimmten Gesichts- 
punkten geordnet und im Globus, Illustrierte Zeitschrift für Länder- 
und Völkerkunde, Band 83, Nr. 8 S. 127—130, in deutscher 
Sprache veröffentlicht. 

Es ist wahr, was Herr Dr. Bugiel bemerkt, dass die Provinz 
Posen bisher von polnischen Folkloristen weniger als andere Teile 
des einstigen polnischen Reiches berücksichtigt und untersucht 



108 



worden ist, Und doch fliesst auch hier der Stoff in fast un- 
endlicher Fülle. Der Volksforscher, vornehmlich der polnische, 
l)raucht nur zuzugreifen; jedes polnische Dorf wird ihm jetzt noch 
reiche Ausbeute liefern. Für den Deutschen ist das Sammeln 
wesentlich schwieriger, und so ist denn auch von deutscher Seite 
seit dem Erscheinen meines Posener Sagenbuches, das trotz seines 
Umfanges nur ein Bruchstück ist, nichts geschehen; nur gelegentlich 
sind in Zeitungen und Zeitschriften einige Sagen veröffentlicht 
worden, und im „Rogasener Familienblatt" habe ich eine ganze 
Reihe von allerhand Mitteilungen aus der Volkskunde der Provinz 
Posen gebracht, die in ihrer Gesamtheit nicht ohne Wert sind. 
Auch harrt eine interessante und inhaltreiche Sammlung kujawischer 
Sagen noch der Herausgabe. 

So sind denn, wie jedes Werk, das Beiträge zur Posener 
Volkskunde bringt, auch die Sagen aus der Provinz Posen von 
Dr. Bugiel mit Freuden zu begrüssen. Leider sind sie an einer 
wenig geeigneten Stelle veröffentlicht; die Weinhold'sche Zeit- 
schrift für Volkskunde wäre der passende Ort für die kleine 
Sammlung gewesen. Der Verfasser gibt zunächst die sich an 
Seeen und Teiche knüpfenden Sagen, die, wie schon mein Sagen- 
buch zeigt, in der Provinz ausserordentlich zahlreich sind. Unter 
ihnen befindet sich auch eine Sage von Wassernixen, die viele 
Leute in die Wellen des Plutaseees verlockt haben. Zu der Sage 
von den riesigen Hechten vgl. Sagenbuch S. 47. Die Hechte 
sind hier als dämonische Wesen, wahrscheinlich als alte Wasser- 
gottheiten zu betrachten. Das Gegenstück zu der Sage von der 
„schwimmenden Insel" dürften die Sagen von „wandelnden Teichen" 
l)ilden, von denen ich eine in der Fussnote mitteile.^) Auch die 
Sagen von Heilkraft besitzenden Quellen sind zahlreich, vergl. 
Sagenbuch S. 34 ff. und Rog. Familienblatt III S. 16, 36 und 
IV S. 4. Über die Hölle und das Verschliessen von Quellen 
durch eine Tür s. Sagenbuch S. 36 und 38. Die Deutung, dass 
■das Versenken einer eisernen Tür auf die dunklen Mächte im 
Schoss der Erde hinziele, ist zweifellos richtig. Die Irrlichter 



^) Von dem Gute Brudzyn bei Janowitz führt ein. schmaler Fuss- 
weg nach Wybranowo. Links vor diesem befindet sich ein kleiner kessei- 
förmiger Teich, der dem Gute Brudzyn sonst zum Waschen der Schafe 
vor der Schur dient. Dieser Teich soll die Eigenschaft besitzen, dass er 
in manchen Nächten den Leuten den Weg verlegt. Dabei dehnt er sich 
so aus, dass er die Grösse eines Seees bekommt. Der Wanderer kann 
dann nicht durchkommen, auch wenn er die Felder passieren wollte, denn 
der gespenstische Teich versperrt ihm den Weg immer weiter. So wird 
erzählt, dass schon viele Leute stundenlang in der Nacht umhergingen, 
ohne einen Durchgang zu erblicken. Zu einer bestimmten Stunde, 
drei Uhr nach Mitternacht, verschwindet das Wasser auf einmal, und man 
findet den Teich wieder an seiner alten Stelle. 



109 



möchte ich nicht zu den „spukenden Geistern" rechnen, eben so 
wenig den Teufel, der im allgemeinen an Stelle alter heidnischer 
Gottheiten getreten ist. Allerdings ist er oft auch blosse Spuk- 
gestalt ohne Bedeutung. Als Schatzwächter, wie er oft erscheint, 
ist er dämonische Gestalt. Die Zahl der Hexensagen ist auffallend 
gering. Über Reisiganhäufungen in der Provinz s. Sagenbuch 243 f. ; 
der Brauch ist wohl ursprünglich nicht polnisch. In dem Namen 
des Sargberges bei Mechlin (poln. Trumna-göra) eine Reminiscenz 
an das deutsche Märchen von Schneewittchen zu finden, halte ich 
für ausgeschlossen, trotzdem dort „ein gläserner Sarg zwischen 
den Bäumen gehangen haben" soll. Der Berg hat seinen Namen 
offenbar von der äusseren Form erhalten. Weit verbreitet sind 
in der Provinz Sagen vom h. Adalbert, vergl. mein Sagenbuch 
und Rog. Fam. III S. 2 f. Herr Dr. Bugiel fügt diesen einige 
hinzu. In Rakujady zeigt man einen Stein, der des HeiHgen 
Fussstapfen trägt; in den See bei Swiqta warf er die Standbilder 
der örtlichen Götter, ebenso in den Betscher See. Über die Linde 
von Betsche bringt mein Sagenbuch S. 41 eine andere Sage. 
Interessant ist auch der Leszekberg bei Marcinkowo, dessen Namen 
mit dem alten polnischen Heerführer Leszek in Verbindung 
gebracht wird. Es folgen dann Sagen, die sich auf örtliche 
Ereignisse beziehen; ihre Zahl kann sehr vermehrt werden» 
Recht hübsch ist die schwankhafte Erzählung von der Entstehung 
des Namens des Dorfes Chudopsice d. i. Dürrhund. Den Schluss 
der Sammlung bilden zwei religiöse Sagen: das Marienbild zu 
Mörka und eine Erzählung von der h. Katharina. 

So bildet die Veröffentlichung des Herrn Dr. Bugiel, wenn 
sie auch nicht viel Neues bietet, doch immerhin einen erfreulichen 
Beitrag zur Volkskunde der Provinz Posen und ergänzt die in 
meinem Sagenbuch gebrachten Stoffe in vielen Punkten. Za 
wünschen ist nur, dass sich auch deutsche Männer, die dazu in 
der Lage sind, eifriger als bisher an dem Werke des Sammeins 
beteiligen und dass, etwa wie in unserer Nachbarprovinz Schlesien^ 
eine Zentralstelle geschaffen wird, welche die gesammelten volks- 
tümlichen Materialien in Empfang nimmt, verarbeitet und ver- 
öffentlicht. Die Begründung eines Vereins für Volkskunde sollte 
auch für die Provinz Posen in Erwägung gezogen werden. An 
Stoff fehlt es nicht. O. Knoop. 

Karbowiak A., Dzieje wychowania i szköi w Polsce 
w wiekach srednich. I. II. Petersburg 1898, 1904. 

Karbowiak A., das Erziehungs- und Schulwesen in 
Polen während des Mittelalters. I. von 966 bis 1363. Peters- 
burg 1898. 80 VIII 339. II. von 1364 bis 1432. Petersburg 1904. 
80 VIII 490. 

Der Verfasser ist ein hervorragender Forscher auf dem 
Gebiet des Schulwesens in den einst polnischen Ländern. Eine 



110 



grosse Zahl von Werken historisch-pädagogischer Natur, die zum 
Teil in Krakauer und Lemberger polnischen Zeitschriften, zum 
Teil als selbständige Werke erschienen sind, entstammen seiner 
Feder. Vor seinen andern pädagogischen Monographieen zeichnet 
sich die vorliegende Arbeit als ein Versuch aus, das gesamte 
Schulwesen im ehemaligen Polen ausführlich darzustellen. 

Die beiden Bände behandeln die Zeit von der Mitte des 
10. Jahrhunderts bis 1432, also das Mittelalter. Diesen Abschnitt 
von 5 Jahrhunderten zerlegt der Verfasser in 3 Perioden. Die 
erste umfasst die Zeit der Domschulen bis 1214, d. h. bis zu 
dem Jahre, in welchem das 4. Laterankonzil anordnete, neben 
den Domschulen auch Parochialschulen einzurichten. Die zweite 
Periode reicht bis 1364, dem Jahre der Gründung der Jagellonischen 
Universität in Krakau. Die letzte schliesst mit dem Anbruch der 
Morgenröte humanistischer Studien im Abendlande. 

Über die erste Periode Hess sich wenig tatsächliches sagen, 
da sie nur schwache Spuren von dem Vorhandensein der Dom- 
schulen, z. B. in Posen und Gnesen, hinterlassen hat. Der Ver- 
fasser bemüht sich nachzuweisen, dass in diesem Zeitraum das 
Unterrichtswesen und die Bildung in Polen gleichen Schritt mit 
den analogen Erscheinungen des Westens hielt. Er glaubt dies 
auch daraus schliessen zu können, dass 1027 den erzbischöflichen 
Stuhl zu Gnesen ein Pole, Bossuta, bestiegen hat. Das beweist, 
meint er (S. 16), dass die Polen damals an Gelehrsamkeit und 
Bedeutung den Ausländern keineswegs nachstanden. Diese Be- 
hauptung ist gleichwertig einer andern (S. 37), der zufolge in 
dieser Periode es schon Klosterschulen in Polen gegeben habe, 
weil ja die Klöster auch den Zweck hatten, die Jugend zu unter- 
richten und Novizen heranzubilden. Im allgemeinen beruht das, 
was über das Schulwesen dieses Zeitabschnittes gesagt wird, auf 
der Voraussetzung, dass die verwandten Verhältnisse des Westens 
auch für Polen Geltung haben. 

Eine sorgfältige Durchforschung der Quellen machte es dem 
Verfasser möglich, für die zweite Periode viel schätzenswerten 
Stoff zu sammeln und zu verwerten. So konnte er abgesehen 
von dem übrigen zu Polen gehörenden Gebiete nachweisen, dass 
die Domschulen zu Posen und Gnesen in erweiterter Gestalt 
weiter bestanden, dass in Kruschwitz eine sog. Kollegiatschule 
entstanden war, dass in Lekno, Posen, Tremessen Klosterschulen 
eingerichtet waren. Allerdings hält er von den Klosterschulen 
jener Zeit nicht viel, doch nur aus dem Grunde, weil sie die 
nationale Erziehung zu sehr in den Hintergrund treten Hessen. 
Auch Parochialschulen entstanden schon damals. Innerhalb unserer 
Provinz werden solche zu Fraustadt, Gostyn, Kosten, Posen und 
Pudewitz aufgezählt. Für Fraustadt und Kosten konnte Dr. Karbowiak 



111 



jedoch keinen andern Gewährsmann nennen, als den nicht immer 
zuverlässigen Lukaszewicz. 

Diese beiden Perioden sind in dem ersten Bande des vor- 
liegenden Werkes behandelt. Der Verfasser begnügte sich hierbei 
nicht damit, festzustellen, wann und wo Schulen in Polen zu 
finden sind; er legt auch deren äussere und innere Verhältnisse 
dar. Ihre Eigenart, der Lehrplan, die Unterrichtsmethode, die 
Sprache des Unterrichts, die Lehr- und Lernmittel, Schulbücher, 
die Pflichten und Rechte der Lehrer, die Verhältnisse der Schüler, 
die Beziehungen der Schulen zur Kirche, zum Staat und zur 
Gemeinde finden eine eingehende Würdigung. Aber auch hier 
glaubt der Verfasser sich ermächtigt, in den Schulen Polens die 
Zustände des Westens voraussetzen zu dürfen, besonders da er 
als polnische Schulen alle diejenigen in Anspruch nimmt, welche 
er in den Provinzen Schlesien, Brandenburg und Pommern vorfand. 

Der 2. Band des Werkes umfasst die dritte von 1364 
bis 1432 reichende Periode. Ohne die Dom- und Trivialschulen 
zu vernachlässigen, widmet der Verfasser den grössten Raum des 
Bandes der Universität in Krakau, die seit einem halben Menschen- 
alter der bevorzugte Gegenstand seiner Studien und schriftstellerischen 
Tätigkeit ist. Auch das vorliegende Werk gibt Zeugnis von der 
Liebe, welche bei der Behandlung aller Einzelheiten dieser Hoch- 
schule hervorleuchtet. 

Zur bequemen Benutzung des reichen Inhalts dieser Arbeit 
hat Dr. Karbowiak sie mit einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis 
und mit einem Namen- und Sachregister versehen. Ihren Wert 
hat er durch genaue Angaben der zahlreichen Quellenschriften 
erhöht. A. Skladny. 



Nachrichten. 



1. Der Kamin im alten Stadtwagegebäude in 
Posen. Den interessanten Sandsteinkamin indem abgebrochenen 
Stadtwagegebäude zu Posen hat Franz Schwartz in Bd. VI der 
Zeitschrift der Historischen Gesellschaft in einem Aufsatz über 
das Gebäude selbst (S. 108f) bereits erwähnt. Der Kamin, 
Eigentum der Stadt, kam mit den Sammlungen der Historischen 
Gesellschaft in das Kaiser Friedrich-Museum und ist neuerdings 
in der der Kulturgeschichte der Provinz gewidmeten Abteilung des 
Museums aufgestellt worden. Dabei wurde der sehr dick auf- 
getragene Ölfarbenanstrich entfernt, so dass die plastischen Ver- 
zierungen bei weitem deutlicher und klarer herauskommen. Zu- 
gleich fand sich am oberen Teile mit Farbe geschrieben die 
Jahreszahl 1541, so dass die Entstehungszeit des Kamins — ab- 
gesehen von dem auf dieselbe Zeit weisenden kunsthistorischen 



112 



Befunde — hinlänglich gesichert ist. Für das Wagegebäude 
selbst ergibt sich wohl daraus, dass auch nach dem Umbau von 
1533 und 1534 noch erheblichere Arbeiten an dem Gebäude vor- 
genommen wurden, deren Schluss dann vielleicht die innere 
Ausgestaltung mit dem Kamin als einem Hauptstück bildete. 

K. Simon. 

2. Über Sigmund von Herberstein, der durch seine Ge- 
sandtschaftsreisen in Polen und Russland im Anfange des 
16. Jahrhunderts und seine hieran sich anschliessende literarische 
Tätigkeit berühmt geworden ist, veröffentlicht A. Schlossar einen 
Aufsatz mit interessanten Abbildungen in der „Zeitschrift für 
Bücherfreunde." VIII. Jahrgang Heft 1 S. 10—27. Besonders 
berücksichtigt ist Herbersteins Hauptwerk: Moscovia. 

3. Mäuse machen. In dem für die Volkskunde der 
Provinz Posen wichtigen Aufsatz von R. Bartolomäus, Ein 
Fordoner Gerichtsbuch, in der Zeitschrift der Hist. Gesellschaft 
für die Provinz Posen, Jahrg. XVI, lesen wir (S. 219): „Eine 
(der Hexerei angeklagte) Frau bekennt, dass sie ihre achtjährige 
Tochter, die beim Gänsehüten eingeschlafen wäre, so dass 
Gänse verloren gegangen, gelehrt habe, aus Eichenblättern 
„Mäuse" zu machen, also ein Kinderspiel; das Gericht stellt 
Teufelskunst fest." Das Fordoner Gerichtsbuch enthält Verhand- 
lungen aus den Jahren 1675—1747. 

Der Herr Verfasser irrt, wenn er das Mäusemachen für 
ein Kinderspiel ausgibt. Es gibt zwar ein solches, indem man 
aus einem Taschentuch eine Maus macht und diese auf der Hand 
laufen lässt, aber das oder ein ähnliches Spiel ist hier nicht ge- 
meint. Eine kujawische Sage erzählt: „Es soll früher Leute 
gegeben haben, welche Mäuse machen konnten. Sie nahmen 
ein Weidenblatt, steckten es in den Busen, nahmen es alsdann 
in die rechte, hierauf in die linke Hand, hauchten dreimal dar- 
auf, und eine Maus entstand aus dem Blatte. Einem Bauern, 
welcher von Kruschwitz nach Bromberg Getreide fahren wollte 
und in Inowrazlaw ausruhte, Hessen einige Bummler solche 
Mäuse zwischen die Säcke. Als er in Bromberg nachsah, 
bemerkte er erst den Schaden, denn die Säcke waren durch- 
löchert und zur Hälfte geleert." Das Mäusemachen ist in der 
Tat Hexenkunst, und der Glaube ist, wie die Fordoner Akten 
beweisen, auch in unserer Provinz alt. O. Knoop. 



Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen GeseUschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 
Druck der Hofbuchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 




HISTORISCHE 
MOnnTSBLfiTTER 

für die Provinz Posen 




Jahrgang V Posen, Rugust/September 1904 Nr. 8/9 



Minde-Pouet G., Clara Viebigs Ostmarkenroman S. 118. — Knoop G., 
Beiträge zur Volkskunde der Provinz Posen II S. 124. — Laubert M., Ein 
Beitrag zur Kolonisationsgeschichte der Provinz Posen S, 127. — Schott- 
müller K., Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiet der Posener 
Provinzialgeschichte 1903 S. 133. — Literarische Mitteilungen S. 139. — 
Nachrichten S. 144. — Bekanntmachung S. 144. 



Clara Viebigs Ostmarkenroman. 

Von 
G. Minde-Pouet. 




lara Viebig hatte in ihrer „Wacht am Rhein" das Vor- 
dringen des preussischen Geistes an die Rheinufer 
und seine Verschmelzung mit dem rheinischen Volks- 
geiste dargestellt. Gleichsam ein Gegenstück liefernd, unternimmt 
sie nun in ihrem jüngsten Romane „Das schlafende Heer" (Berlin, 
Egon Fleischel & Co., 1904), den deutsch-polnischen Nationaü- 
tätenkampf in unserer Ostmark zu schildern. Ausserordentlich 
geschickt und kunstvoll hat sie den schwierigen Steif angefasst 
und uns ein Werk gegeben, das aufrichtige Anerkennung verdient. 
Kein Zufall hat ihr das Thema zugeführt. Ein Ostmarken- 
roman war über kurz oder lang zu erwarten. Die Provinz Posen 
ist berühmt geworden, und alles, was sich hier ereignet, wird in 
den Zeitungen gewissenhaft gebucht, leider oft weniger gewissen- 
haft kritisiert. Alle Welt spricht von Posen, wo sich immer 
Neues zuträgt. Der zähe Kampf, den in scheinbarem Frieden 
Germanentum und Slaventum hier ausfechten, dieser Kampf, der 
das unerschöpfliche Thema der Parlamentsdebatten bildet, hat seit 
langem auch die Gemüter ausserhalb der Provinz ergriffen und 
sonst harmlose, friedliche Menschen zu lebhaft gestikulierenden 
Politikern gemacht. Stellt doch die Bekämpfung der Polengefahr 
jetzt eine der grössten Aufgaben der gegenwärtigen Politik dar! 



114 



Auf solchem Boden erwachsen nicht nur dem Politiker ernste 
und lockende Aufgaben, hier blüht auch dem Dichter der Lorbeer. 
So hat denn auch schon mancher neuere Schriftsteller dieser 
deutsch-polnischen Fehde den Stoff zu einem Roman oder einer 
Novelle entnommen. Aber allen diesen Versuchen, die übrigens 
viel zahlreicher sind, als allgemein bekannt ist, fehlt entweder 
jede künstlerische Bedeutung, so dass man sie mit Recht über- 
sehen kann, oder es sind wertlose, von einseitigem Parteistand- 
punkte geschriebene Tendenzstücke. Karl Busse, der seine Er- 
zählungen wiederholt und in letzter Zeit mit Vorliebe in seiner 
Heimatprovinz Posen angesiedelt hat, kommt über Episoden nicht 
hinaus. Es genügt nicht, einmal über den alten Markt von Posen 
oder unter die polnische Landbevölkerung gegangen zu sein, um 
die Verhältnisse kennen gelernt zu haben. Und was dann unter 
dem Eindrucke des oberflächlich Geschauten eilfertig nieder- 
geschrieben und als Kulturskizze oder Kulturroman aus dem Osten 
in die Welt geschickt wird, ist noch lange kein Dichtwerk, das 
uns interessieren könnte. Nur wer von höherer Warte mit 
Dichterauge diesem Ringen zweier Nationen zuschaut, wer den 
Geist lebendig werden lassen kann, der beide Gegner beseelt, 
wird ein Kunstwerk schaffen können. 

Clara Viebig hat es vermocht. Sie ist eine Dichterin, und 
sie kennt die Provinz, die wohl als ihre zweite Heimat gelten 
darf. Gerade die ländlichen Verhältnisse des Warthegebietes sind 
ihr, wie wir aus früheren Erzählungen wissen, vertraut, und vom 
Warthestrom stammt das Dienstmädchen Mine in ihrem Roman 
«Das tägliche Brot". Mit offenem Ohre hat sie allem gelauscht, 
was über die hiesigen Zustände laut wurde. Ihr neuer Roman 
bietet viele Beispiele, dass sie die provinzielle Literatur ein- 
gehend verfolgt und sogar Quellenstudien gemacht hat. Die zahl- 
losen Sagen, die sie sehr geschickt in den Roman hineingear- 
beitet hat, die Personifikation der Irrlichter als Hexen, der 
Glaube an die Mora, die Märchen von den heilkräftigen Quellen, 
den Hausgeistern und den Gespenstern des Feldes, die Hoch- 
zeits- und Weihnachtsgebräuche, die Beschwörungsformeln gegen 
Fieber und Wunden : all' das entnahm sie, zum Teil wörtlich, der 
Sammlung provinzieller Sagen von Knoop. Dieses Buch lieferte 
ihr auch einen Teil der Personen- und Ortsnamen, die äusserst 
treffend und charakteristisch gewählt sind, und hier fand sie auch 
die mannigfachen Überlieferungen der alten Sage von dem 
schlummernden Polenheere, die ihr den Titel für ihren Roman 
gab und von Franz Stassen als Motiv für seine sehr wirkungs- 
volle Einbandzeichnung verwendet wurde. 

Unter den Berghängen des Lysa Göra, tief unter der 
Ackerkrume, schläft ein ganzes grosses polnisches Heer. Das 



115 



schläft nicht im Frieden ; denn hier ist mit Blut gedüngt. Zwi- 
schen diesen Feldern waren vor kaum einem halben Jahrhundert 
die Sensenmänner gezogen mit dem weissen Adler auf rotem 
Grunde, diese Saaten hatte preussische Infanterie zerstampft, die 
polnischen Empörer waren hier zusammengeschossen worden. 
Diese Erde konnte noch nicht ruhig sein, dieses Land konnte 
noch nicht vergessen haben. Diese Helden da unten sind nicht 
tot, sie schlafen nur, voll gerüstet, um heraufsteigen zu können 
zu Polens Befreiung, sobald der erste Kommandoruf ertönt. Noch 
ist die Zeit nicht da. Aber der alte polnische Schäfer Dudek, 
der täglich auf dem Berge seine Herde hütet, in dessen Jugend 
noch alle in der Sprache redeten, die Gott der Herr spricht und 
in der die heihge 'Mutter zum Sohne spricht, hat das erste 
Zeichen bereits vernommen, — und als er den Baron von Do- 
leschal, den Vertreter und Vorkämpfer des Deutschtums, mit 
zerschmettertem Haupte auf dem Gipfel des Lysa Gora findet, 
ruft er aus: „Feinde Polens müssen alle verderben. Dieser starb, 
und andere werden ihm folgen. Jahre sind gekommen und ge- 
gangen, wir haben Sommer und Winter gezählet, immer in Trauer, 
immer in Sehnen, immer in Hoffen, aber jetzt hat Polen genug 
geschlafen, jetzt steht es auf!" 

Dieser rachewütige Schäfer, der geheime Wissenschaft hat 
und sieht, was anderen verborgen ist, der Mittel gegen die 
fallende Sucht und den Weichselzopf kennt und Hilfe gegen den 
bösen Blick schafft, der überall hetzend umherschleicht, ist ein 
prächtiger Typus fanatischer Dorfpolen, das Glanzstück der hier 
geübten Massenpsychologie. Die Handlung tritt ganz hinter der 
Milieuschilderung und der Charakterisierung der deutschen und 
polnischen Typen zurück, die hier in den Ortschaften um den 
Lysa Göra einen wütenden Kampf kämpfen; denn Typen wollte 
die Verfasserin vor uns hinstellen, und Typen hat sie hingestellt, 
und dem Kundigen ist die Kreisstadt nicht fremd, in der der 
Dom mit seinen uralten, wie von Cyklopen gebauten Mauern auf 
den Markt herunter sieht, neben sich das Palais des Kirchen- 
fürsten und das Priesterseminar, und er kann nicht nur für das 
tragische Geschick des Barons von Doleschal, sondern noch für 
manche andere Gestalt die Urbilder nennen. Wir bewundern, 
wie Vergangenes und Gegenwärtiges, Wahrheit und Dichtung 
zu einem so harmonisch Ganzen zusammengeschlossen werden 
konnten. 

Eintöniges, flaches Land mit meilenweiten Kornfeldern und 
dunkelscholligen Äckern, in deren fettem Boden die Zuckerrübe 
wächst; darüber verstreut die Herrenhöfe, die ewig gleichen Ge- 
höfte der Ansiedlungskommission ohne Baum und Strauch, die 
niedriegen, aus Lehm zusammengepatzten Hütten der Komorniks 

8* 



116 



und durch dieses staubige Grün der Rüben und das staubige 
Gelb der Weizenfluren die schattenlosen Chausseen : das ist 
die Landschaft; und als Staffage untersetzte muskulöse Männer- 
gestalten, denen man es ansieht, dass sie arbeiten können, die 
aber der Deutsche doch nicht in Arbeit nehmen soll, und neben 
ihnen, die gleiche schwere Arbeit verrichtend, die Weiber, überm 
offenen Hemd nur einen kurzen Kattunrock, mit der Nase den 
Erdboden berührend, das Hinterteil in die Luft gereckt, ein Volk,, 
heute tobsüchtig, morgen voller Zärtlichkeit und übermorgen 
wieder zerstörungswütig. 

Sie stehen im Lohn der hier ansässigen Gutsbesitzer. Da 
ist zunächst der Pole Aleksander von Garczyriski auf Chwali- 
borzyce. Eingekeilt zwischen deutschen Besitzern kann er nicht 
mehr exclusiv bleiben ; denn die Plebs rückt einem immer näher 
auf den Hals, Leute, die kaum zehn Hektar ihr eigen nannten,, 
erheben jetzt den Anspruch, als Besitzer gegrüsst zu werden. 
Gegen diese unerträglichen Zustände gibt es nur ein Mittel : 
Verkauf an die Ansiedlungskommission, das gibt auch Gelegen- 
heit, sich mit einem Rucke glänzend zu rangieren. Und gerade 
hierzu ist der Verkehr mit den Deutschen nicht zu umgehen. 
Die Herren müssen ja doch eingeladen werden zu Jagden und 
Diners, der alte Ungarwein muss fliessen, und die schöne Gattin 
muss ihn kredenzen. Bei solch einem Festgelage ist die Gattin 
nicht zu entbehren ; sonst kümmert sich der Herr von Garczyiiski 
nicht allzu viel um sie. Wenn sie plötzlich nach dem Mahle 
erkrankt, so ruft er wohl eiligst den Arzt, aber mehr kann er nicht 
tun; hält er doch gerade die Bank, ohne ihn würde das Spiel 
stocken ; das verbietet die Gastfreundschaft, die erste Tugend der 
Polen. Da hat doch die schöne Jadwiga mehr Rasse: die 
Männer sind feige, kein Wort Deutsch dürften sie reden. Die 
Deutschen müssen aus dem Lande gedrängt werden oder zu 
den Füssen der Polinnen liegen. Und lächelnd tritt sie vor den 
Spiegel. Ja, die Zukunft Polens ist in der Mütter Hand gegeben. 
Dieses Kokettieren und Hetzen ist noch das einzige, was das Leben 
in dieser Einöde angenehm macht. Ehe sie einschläft, muss ihr 
eine alte Dienerin die Waden und den Rücken kitzeln, und hier- 
für genügt kein hölzerner Kratzer, die alte Hand, so rauh wie 
ein Reibeisen, tut's besser; und wenn sie krank ist, muss die 
Zofe beten. Und eine polnische Zofe wie die Stasia schickt sich 
in alles. Das ist zwar ein leichtsinniges, verdorbenes Geschöpf, 
die nach den Festen der Herrschaft eigene Gelage für die Diener- 
schaft in Scene setzt und den jungen Sohn verführt, aber doch 
höchst brauchbar; denn nicht jede plappert so schön. Der 
Förster dieser Herrschaft, ein Urdeutscher von Geburt, mit langem 
wallenden Bart und dem eisernen Kreuz geschmückt, mit dem 



117 



schönen deutschen Namen Fröhlich, heisst jetzt natürHch FreH- 
kowski. So nennt man ihn im polnischen Hause, und weil er 
müde geworden ist, immerfort zu widersprechen, hat er diesen 
Namen beibehalten. Er passt auch besser zu dem des polnischen 
Inspektors Szulc. Ja, der, das ist ein Kerl; der weiss das Volk 
zu nehmen : ordentlich mit der Ledergeknoteten eins übergezogen 
— wo's trifft, da triffts, — aber hernach auch einen Schnaps. 
Ein Kerl mit einem allerliebsten Schnurrbärtchen, elegant wie ein 
Kavallerieoffizier. Als er fortgejagt wird, besinnt sich auch der 
deutsche Nachbar Kestner keinen Augenblick, ihn für sich in 
Dienst zu nehmen; denn sein deutscher Inspektor, der gute alte 
Hoppe, war viel zu human. Und die junge Tochter Kornelia, 
«in lüsternes Ding, träumt denn auch gleich von dem schneidi- 
gen neuen Inspektor, der in den enganliegenden gelben Reit- 
hosen so famose Beine hat. Sie ist die echte Tochter ihres 
Vaters, der den Typus jener gesinnungstüchtigen Deutschen 
darstellt, wie sie so zahlreich hier zu finden sind. 

Dieser Kestner auf Przyborowo ist ein geschworener Feind 
des H-K-T- Vereins, gegen den er die Faust in der Tasche ballt. 
Alle Welt stossen diese Leute vor den Kopf, die hier die Vor- 
sehung spielen wollen. Hier haben Deutsche und Polen zusam- 
men auf einer Schulbank gesessen, hier können wir keine Hetzer 
gebrauchen. Wozu denn immer dieser Trara mit Sedan! Und 
warum keine Wanderarbeiter mehr aus Russisch-Polen annehmen, 
die doch dreimal so viel arbeiten, als die Deutschen, und keine 
Sonntagsruhe beanspruchen ! Mögen die Hakatisten bleiben, wo der 
Pfeffer wächst! Deutsch! Deutsch! Als ob nicht der Szulc zehn- 
mal besser mit Land und Leuten Bescheid wüsste, als irgend ein 
Deutscher. Er spricht denn auch lieber erst gar nicht Deutsch 
mit den Arbeitern, das erschwert nur den Verkehr; und wo seine 
Sprachkenntnisse nicht ausreichen, hilft die Frau nach. Frauen 
gewöhnen sich ja alle hier viel schneller an das Polnische! 
Auch für ihn gibt es nur einen Ausweg aus diesen Missständen : 
verkaufen. Daher klagt er ohne Unterlass, obwohl keins der 
Güter ringsum mit dem seinigen wetteifern kann. Aber das darf 
man nicht aufkommen lassen, deshalb wird auch das Geld an 
den Sohn, den Rittmeister in Berlin, nicht von der nächsten 
Poststation, sondern von Posen aus geschickt. Man wird gar 
zu leicht überschätzt! Das Günstigste wäre natürlich, an die 
Ansiedlungskommission zu verkaufen, aber wieder stehen da die 
Hakatisten im Wege, die nur wollen, dass den Polen die Güter 
abgekauft werden und die Deutschen im Lande bleiben. Nur 
deutsche Besitzer! Als ob das Land dadurch deutsch würde! 
\ Freilich, dass es nicht deutsch werde, dafür arbeitet rastlos 

f lind zielbewusst die Geistlichkeit, nicht jene Geistlichkeit, die der 



118 



alte, dem Bauernstande entstammende Probst Stachowiak, einer 
jener gastfreundlichen, stets mit bestem Ungarwein aufwartenden 
Posenschen Pröbste, darstellt, sondern die Geistlichkeit, die hier 
der junge Vikar Görka verkörpert, der Erbe jenes uralten Na- 
mens, dessen Vikarzeit bei diesem tatenlosen Probst natürlich 
nur eine Übergangszeit ist, der Jüngling mit den zarten Frauen- 
händen, auf den man schon im Seminar besondere Hoffnungen 
gesetzt hatte: das ist der Typus des alles verhetzenden pol- 
nischen Clerus, für den die Deutschen Wanzen sind, welche die 
alten polnischen Edelsitze überkriechen. Wohl packt ihn oft die 
Wut, wenn der „Widersacher" versucht, die deutsche Lehrsprache 
zur Herrschaft zu bringen, und er vermag dann nicht gelassen, 
wie sein Probst, zu sagen: „lass sie schreiben, man tut doch, 
was man will!" Dann schäumt er über und wettert gegen die 
Behörden, die über Geweihte des Herrn hinweg zu verfügen sich 
erkühnen. Aber er ist zu klug, um laut zu protestieren ; er weiss, 
dass hier Ruhe und Besonnenheit notwendig sind, und nur aus- 
harrende Wühlarbeit zum Ziele führt. Deshalb predigt er lieber 
im geheimen und benutzt die vom Trunk erregten Gemüter, um 
zu hetzen: „Man bedroht Euern Glauben, Eure Kinder sollen 
nicht mehr polnisch sprechen. Hofft auf das schlafende Heer. 
Nicht aus dem Lysa Göra wird es erstehen, Ihr seid selbst das 
Heer! Steht auf und rüstet Euch! Haltet den Glauben fest, 
die stärkste Waffe zu Polens Befreiung! Nur polnisches Gebet 
dringt zu Gottes Ohr! Wer dies vergässe, dem müsste ich die 
Segnungen der Kirche verweigern!" Und so erreicht er, dass 
die bezechte Horde zu einem Überfall des deutschen Besitzers 
auszieht, dem Lehrer die Fenster zertrümmert und in das Kaiser- 
bild an der Wand einen polnischen Knippek stösst. Den Deutsch- 
Katholischen tritt er anders gegenüber. Er buhlt um ihr Ver- 
trauen und gewinnt aller Vertrauen, in erster Linie das der 
Frauen. „Der Herr Vikar hat es gesagt, es muss ja wol das 
Rechte sein." Sein Einfluss reicht weit, und wo Gefahr im 
Verzuge ist, arbeitet er schnell, schneller als der Herr Landrat. 
Der ist eine nachsichtige, duldsame Natur. Wenn er bei 
Herrn v. Garczyriski zu einem Jagddiner eingeladen ist, so 
bringt er selbstverständlich einen schwungvollen Toast auf den 
starken Schirmherrn unserer Ostmark aus, aber seine Taktik ist 
doch: „entgegenkommen, so weit als möglich"; „nur nicht alles 
zu persönlich und zu warm nehmen", „man käme ja sonst vor 
Ärger um bei diesen Verhältnissen". Und da der Landrat zu- 
fällig mit dem Schulinspektor Dzieciuchowicz ganz gut steht, da 
ist ja wohl zu hoffen, dass der die Klagen der Deutschen 
wegen des mangelnden Deutschs beim Unterricht nicht gar zu 
übel aufnehmen wird, wofern sie ihm schonend gesteckt werden. 



119 



nur schonend, mit der Faust ist da nichts zu machen ! Bei 
dieser Politik hat natürlich der arme gehetzte Lehrer Ruda 
Recht zu klagen: „Spreche ich deutsch, kommen mir die Mütter 
in die Klasse, schreien sie mir nach auf der Strasse, und die 
Väter rempeln mich an . . . spreche ich aber polnisch, so 
schlägt der grosse Ansiedler Lärm und droht mich zu verhauen", 
und die Furcht, seine staatliche Anstellung zu verlieren, vermag 
nur der immer Rat und Hand bietende Vikar zu zerstreuen, der 
nicht glaubt, dass der Herr Kreisschulinspektor so wenig Einsicht 
haben sollte, und natürlich verspricht, das seinige zu tun! — ■ 

Dieses Land, das noch in manchen anderen Typen des 
Volkes in seiner Masse charakterisiert wird, soll germanisiert 
werden; dieser polnische Landadel, dieses polnische Volk mit 
dem glühenden Rachedurst des Schäfers Dudek im Herzen soll, 
der verhetzenden Kirche zum Trotz, für das Deutschtum 
gewonnen werden. Der Träger des Germanisierungsgedankens 
in diesem stockpolnischen Stück Land ist der Baron von 
Doleschal, und als geeignetstes Mittel zur Germanisierung gilt 
die Besiedlung mit deutschen Bauern. Das Schicksal einer 
solchen Ansiedlersfamilie und der heilige Kampf, den der Baron 
von Doleschal gegen polnisches Wesen und polnische Tücke 
führt, bilden, wenn man will, die Handlung des Romans. 

Peter Bräuer, ein stattlicher Mann in den Fünfzigern, 
deutsch-katholisch, ist von dem blühenden Rheinufer mit seiner 
Familie hierher gezogen. Er war nicht ohne Vermögen, aber 
für den Rhein war es zu klein, da sind ihrer zu viele, die Geld 
haben. Darum entschloss er sich, so schwer es ihm auch wurde, 
die Heimat zu verlassen und sich im Posenschen anzusiedeln. 
Die grossen Vergünstigungen, die allen deutschen Ansiedlern 
hier in den Zeitungen verheissen wurden, hatten ihn gelockt. 
Und er, der hoffte, hier in kürzerer Zeit Mittel zu gewinnen, 
die ihm einen ruhigen Lebensabend sicherten, muss gewahr 
werden, dass er zusetzt, anstatt zu gewinnen. Darum ist er ans 
Ende der Welt gewandert ! Er verkauft wieder und zieht an den 
Rhein zurück, durch Staub und Dürre, durch die er vor drei Jahren 
eingezogen war. Nur drei Jahre hat er hier verbracht, aber sie 
zählen doppelt an Erfahrung und Leid. So denken sie alle, die 
hierher kommen : das Land ausnutzen und dann in die Städte 
ziehen. So denken ja die Polen selber. Nein, so einer, der 
aus einer Gegend kommt, die wie ein Garten ist, kann sich nicht 
wohl fühlen hier zwischen den Feldern und auf einer Scholle, 
die, mit Blut gedüngt, jetzt mit liebender Hingabe beackert sein 
will. Er wird immer ein Fremder bleiben gegenüber einem 
Geschlecht, das diese Erde sein eigen nennt. Trefflich und nur 
allzu wahr entwickelt die Verfasserin, wie diese FamiHe, die sicü 



120 



zuerst rühmt: „katholisch sind wir, aber polnisch sind wir 
darum doch nicht," allmählich ins Polnische hinübergleitet. Mit 
echter deutscher Nachgiebigkeit nimmt die Frau die fremden 
Sitten an und wohnt dem polnischen Gottesdienste bei ; hat doch 
der Vikar tröstend gesagt, sie möge sich nur Mühe geben, zu 
folgen, wenn sie auch nicht alles versteht, zum Segen gereicht 
es ihr doch. Das Mädchen geht natürlich zum Vikar in den 
Religionsunterricht; es ist ja, wie er sagt, ganz gleich, ob man 
die Gebete Gottes polnisch oder deutsch hört, das Kind hat ja 
auch in dem ständigen Verkehr mit Polen schon ganz leidlich 
polnisch gelernt, und man kann doch unmöglich vom Vikar 
verlangen, dass er um eines einzigen Kindes willen den Unterricht 
noch einmal deutsch wiederholt! Der älteste Sohn, ein ehe- 
maliger strammer Kürassier, schmilzt vor der koketten Zofe 
Stasia, die ihn bald eingefangen hat, hin und übersetzt unter 
ihrer Anleitung seine Liebesworte ins Polnische. Die unselige 
Ehe wird geschlossen, die Traurede wird polnisch gehalten, und 
polnisch wird das Haus. Er erhält das für deutsche Ansiedler 
und Arbeiter gegründete Wirtshaus. Aber von den paar Deutschen 
kann der Krug nicht bestehen, der ja nebenbei für polnische 
Wühler willkommene Arbeit bietet. Polnisch wird der Trunk 
begehrt, polnisch wird er kredenzt und polnisch angekreidet. 
Der Sohn erkennt, die Seele seiner Frau gehört nicht ihm, er 
wird von ihr betrogen, er ist nur ein Geduldeter im Hause und 
macht seinem Leben freiwillig ein Ende. Bodenfremd verlässt 
die Familie dieses Land, das ihnen so viel Enttäuschung ge- 
bracht hat. Konnte ihr doch selbst der Baron v. Doleschal, der 
Träger des Deutschtums, keine Stütze sein! Ist er doch selbst 
elendiglich den polnischen Hetzereien erlegen! 

Dieser Herr v. Doleschal, ehemals Rittmeister bei den 
Garde-Kürassieren, dessen Grossvater und Vater schon hier auf 
Deutschau gesessen haben, ist ein unverbesserlicher Schwärmer 
und Optimist. Je einsamer er sich inmitten der polnischen Be- 
völkerung fühlt, um so fester klammert er sich an sein Deutsch- 
tum. Deutsch bleiben und andere deutsch machen, dünkt ihm 
ein Ziel, aus allen Kräften zu erstreben. So hält er denn am 
Erntefest und Sedantage seinen Arbeitern eine Rede, dass sie 
den Wohlstand, das Behagen, die menschenwürdige Wohnung, 
die Schulen für die Kinder dem Deutschtum verdanken, dass sie 
zwar polnische Namen tragen, aber im Herzen deutsch sein 
und bleiben müssen; und in seiner Begeisterung, umjauchzt von 
den hellen Stimmen seiner Knaben, merkt er nicht, will er nicht 
merken, dass das Hurra auf den deutschen Kaiser matt zu Boden 
fällt und in den hintersten Kreisen verstohlen ein „Es lebe 
Polen!" erklingt. Kaffee und Kuchen, Wurst und Bier lässt er 



121 



ihnen reichen, am Erntefest, das der Pole ohne Krakowiak und 
Schnaps sich gar nicht denken kann. Nein, den Schnaps darf 
man ihnen nicht versagen. Darum ziehen sie in den Krug des 
Dorfes, wo es Schnaps genug gibt, um sich zu bezechen — , 
und am nächsten Morgen liegt die schwarz-weiss-rote Fahne auf 
dem Lysa Göra umgestürzt. Das vermag aber seinen Idealismus 
nicht abzuschwächen, er gliche ja sonst jenen Männern vom 
Schlage Kestners, die sich mit ihrer erbärmlichen Krämerpolitik 
eine Stütze der Ostmark zu nennen wagen. Und eines Tages 
schleudert er diesem wankelmütigen Nachbar seine ganze Ver- 
achtung ins Gesicht und macht sich einen neuen Gegner, einen 
neuen; denn sein ärgster Feind ist der Vikar, der klug und 
schonungslos dem deutschen Träumer überall ein Bein stellt und 
ihn in allen seinen Unternehmungen zu Falle bringt. Als der 
Baron auf einer Jagd eine alte Vettel, das Gespött des Dorfes,, 
angeschossen hat, bringt der Vikar den Vorfall in die Zeitungen 
und hetzt, bis er dieser Trunkenboldin eine Rente auf Lebens- 
zeit erwirkt hat. Als der Baron Anzeige erstattet hat, dass in 
der Schule polnisch unterrichtet wird, klebt man ihm Schmäh- 
zettel an die Scheunentore und überschüttet ihn mit Schmäh- 
briefen. Sein Stolz verhindert ihn, gegen seine Feinde vorzu- 
gehen. Erfüllt ihn doch die eben zugezogene Ansiedlersfamilie 
mit neuer Hoffnung, dass sie hier, wenn sie das Land lieben 
lernte und sich festsetzte, wenn auch der Sohn hier eine Familie 
gründete, eine Pflegestätte deutschen Wesens entstehen lassen 
könnte. Aber auch diese Hoffnung wird getäuscht; denn er 
kann es nicht hindern, dass der Sohn die Polin heiratet, und 
noch ehe er Einspruch erheben konnte, ist dieser zum Pächter 
des deutschen Kruges eingesetzt worden. Der Vikar, der ja 
wusste, welch' neuer Streich hier gegen das Deutschtum zu 
führen war, war ihm zuvorgekommen, und Doleschal hat nun auch 
das Vertrauen der Ansiedler verloren, die auf seine Unterstützung 
gerechnet hatten. Die Deutschen grüssen ihn kühl, die Polen 
werfen ihm Steine nach. Aber das Deutschtum behält für ihn 
seine überzeugende Kraft, und in dieser Gewissheit weicht jede 
Zagheit von ihm. Er fasst den Entschluss, gestützt auf 
seine enge Verbindung mit der Regierung, als Vertreter seines 
Kreises zu kandidieren. Er kehrt aus Berlin, wo er seine Kan- 
didatur bei massgebenden Personen empfohlen hatte, zurück, 
ahnt nicht, dass in der Zwischenzeit sein Haus von bezechtem 
polnischem Gesindel gestürmt worden ist — , und ein neuer 
Zwischenfall schlägt zu seinem Unheil aus. Er überrascht die 
Tochter Kestners auf einem unschicklichen Ausritt mit dem 
Inspektor Szulc, fühlt sich als Nachbar und Standesgenosse ver- 
pflichtet, dem Vater Mitteilung davon zu machen, und erntet als 



122 



Lohn für seine loyale Absicht, dass er als Angeber und Friedens- 
störer aus dem Haus gewiesen wird. Da erkennt er zum ersten 
Male ernstlich die Fruchtlosigkeit seines Ringens, erkennt die 
Gleichgiltigkeit, die ihn überall umgibt, und ist es müde, immer 
allein die Stösse zu parieren, die dem Deutschtum versetzt 
werden. Und doch noch einmal beseelt ihn der Glaube an die gute 
Sache mit frischem Mut. Aber das Unheil ist nicht mehr abzu- 
Avenden. Nachdem er vor einem immer mehr und mehr zusammen- 
schmelzenden und immer drohender und drohender grollenden 
Häuflein Zuhörer von Polen seine Kandidatenrede gehalten hat 
tmd in der Nacht den Heimweg antritt, wird er überfallen, vom 
Pferde gezerrt und misshandelt! Die für seine Wahl auffordern- 
den Plakate werden heruntergerissen und durch bereit gehaltene, 
für Herrn v. Garczyiiski werbende ersetzt, und Polenlieder tönen 
durch die ganze Nacht. Auch diesmal lassen ihn Stolz und 
$cham über den Vorfall schweigen; sein Pferd habe gescheut 
und ihn abgeworfen, so erklärt er den Seinen, nachdem er sich 
ins Haus geschleppt hat; und der Überfall bleibt unbekannt. 
Aber dennoch ist er geächtet. Seine letzten Taten haben das 
Fass zum Überlaufen gebracht: er hat die Tochter beim Vater 
z\^ verklatschen gesucht und das infolge der ihm gewordenen 
brüsken Abweisung unabweisbare Duell feige umgangen, und er 
hat durch seinen Versuch zu kandidieren bewiesen, dass ihm die 
Liebe zur Provinz, das Zusammengehörigkeitsgefühl fehle; denn 
er musste wissen, dass ein deutscher Kandidat nicht siegen 
kann und eine deutsche Kandidatur die Polen reizt und reizen 
muss! Doleschal kennt diese wahren, diese blöden Gründe für 
seine Ächtung nicht, er führt die Zurückhaltung aller, das 
scheue Ausweichen auf den Schimpf zurück, der ihm wider- 
fahren ist, man hat ihn ja geschlagen und bespieen, er erkennt, 
dass er seine Ehre verloren hat, und jagt sich eine Kugel in 
den Kopf. 

Hoffnungslos und sorgenvoll klingt das Buch aus: oben 
auf dem Lysa Göra der Baron von Doleschal mit zerschmettertem 
Schädel, neben ihm triumphierend der fanatische Schäfer; unten 
auf der Chaussee zwei Gefährte, das eine die Britschka, die die 
deutsche Ansiedlersfamilie dem unseHgen Land entführt, das 
andere das elegante Gespann der Garczyriskis, die zum Bahnhof 
rollen ; denn Herr v. Garczyriski sitzt im Reichstag und sein Gut 
wird parzelliert. Nur der Kirchturm ragt gleich schwarz, wie 
immer, empor, und schwarz auch, wie ein Schatten, steht der 
Vikar vor der Tür seiner Probstei. 

Was soll werden ? fragen wir. Da zeigt uns die Verfasserin 
ein Symbol der Hoffnung. Doleschal ist gefallen, aber fünf 
blühende Knaben hat er in der Obhut der Gattin zurückgelassen; 



123 



die eilen der Mutter durch die dichten Kornfelder entgegen: 
„Da lächelte die Witwe Hanns -Martin von Doleschals, und in- 
mitten ihrer jungen Schar ging sie durch reifende Ähren der 
Ernte entgegen." Die treffliche Gattin Doleschals wird allein 
zurückbleiben, sie wird diesen Platz nicht verlassen. Ein ein- 
zelner Mann konnte das grosse Werk nicht vollenden. Er war 
nur ein Wegbereiter, eines der Opfer, deren dieses Land so viele 
foxder-t. Da muss schon ein Heer auferstehen, wie das polnische 
Volk sich eins erhofft aus dem Schosse des Lysa Göra. Dann 
wird sie den Knaben sagen vom Vater, vom deutschen Land, 
von der Pflicht, die jedem von ihnen obliegt, und die sie schon 
als Kinder begreifen lernen müssen. Hier im Lande werden sie 
aufwachsen, hier im Lande werden ihre Hände arbeiten lernen, 
damit sie kräftig werden, wie die des Volkes, und festzuhalten 
vermögen, was ihnen anvertraut worden ist! — 

Es wäre nicht schwer, dem Romane hier und da Über- 
treibungen und Unmöglichkeiten nachzuweisen. Brutalitäten, wie 
sie das polnische Gesindel gegen Doleschal und sein Haus er- 
sinnt, kommen nicht mehr vor. Dagegen gibt es wirksame 
Mittel, die das feige Pack fürchtet. Das Kokettieren der Regie- 
rung mit dem polnischen Landadel, das freundschaftliche Ein- 
vernehmen zwischen Ansiedlungskommission und Polen, ein Land- 
rat, der als Gast eines polnischen Hauses zwischen Eis und Käse 
von Deutschtum schwatzt, das gehört der Vergangenheit an. 
Und ein Kreisschulinspektor, der Dzieciuchowicz heisst und dem 
der Landrat Klagen wegen mangelnden Deutschs im Unterrichte 
schonend beibringen müsste, ist. Gottlob!, seit langem vollends 
eine Unmöglichkeit. Aber all' das tastet den Wert des Buches 
nicht an. Was tut es, dass hier bisweilen Verhältnisse als noch 
bestehend geschildert werden, die jetzt nur noch historisch re- 
gistriert sind! Viel wichtiger ist, dass Typen wie die Garczyriskis, 
der Förster Frelikowski, der Inspektor Szulc, die AnsiedlerfamiUe 
Bräuer und in erster Linie der Vikar Görka und die Familie 
Kestner so meisterhaft gezeichnet worden sind. Angesichts der 
Gestalt dieses Kestners, dieses sogenannten Deutschen, wird es 
einem klar, welche Verdienste sich der vielgeschmähte H-K-T- 
Verein erwirbt, wenn er solche Geister aus ihrer Dumpfheit und 
Borniertheit aufrüttelt, jene Krämerseelen, die sich um eine Hand- 
voll Wolle streiten, derweil der Wolf in ihre Hürden bricht. Ein 
Buch, wie das vorliegende, wird ja nicht nur auf seine litera- 
rische Bedeutung, sondern auch auf seine politische Tendenz hin 
kritisiert, und jeder Leser erwartet womöglich, dass sein partei- 
politischer Standpunkt hier vertreten wird, und lächelt überlegen 
oder schimpft auch grob, wenn einmal eine Tendenz herauslugt, 
die ihm nicht passt. Es hat denn auch nicht an Kritiken ge- 



124 



fehlt, die die wahre Tendenz des Buches zu finden sich bemüht 
haben. Bei der ganzen Art, wie Clara Viebig ihren Stoff ver- 
arbeitet hat, mussten in diesem Falle die widersprechendsten 
Deutungen zu Tage treten, und die Figur Doleschals, des Mannes 
ohne Wirklichkeitssinn, der sich den Verhältnissen nicht ein- 
fügen kann, ist am heftigsten umstritten worden. An Stelle 
dieses idealistischen Träumers verlangt man eine Kraftnatur ä la 
Bismarck. Einverstanden! Aber wo sind diese Bismarcknaturen 
zu finden? Doleschals dagegen findet man hier eine schwere 
Menge. 

Wenn auch am Schlüsse des Buches so etwas wie Tendenz 
hervorleuchtet, so hat sich Clara Viebig doch der grössten 
Objektivität befleissigt, und das gibt ihrem Roman seine Be- 
deutung. Nicht auf das Einzelschicksal Doleschals oder der 
deutschen Ansiedler kommt es an: der Kampf der Polen gegen 
die Deutschen, jener Kampf, den hinter den Koulissen Geist- 
lichkeit, Presse, Banken, Schule, Ansiedlungskommission aus- 
fechten, der ist der Held des Romans, und hier zeigt sich recht 
deutlich, wie viel schwerer es die Verfasserin gehabt hat, uns 
diesen Kampf vorzuführen, als seinerzeit Gustav Freytag, der 
in seiner Polenepisode in „Soll und Haben" nur auf den letzten 
Aufstand der Sensenmänner mit seinen abenteuerlichen, roman- 
tischen Ereignissen hinzuweisen brauchte. Das Buch will keine 
Lösung geben, sondern nur schildern, das örtliche und zeitliche 
Empfinden in diesem polnischen Winkel festhalten und uns alle 
durch ein Dichtwerk für eine Frage begeistern, deren Lösung, wie 
es schon oben hiess, als eine der grössten Aufgaben der gegen- 
wärtigen Politik bezeichnet worden ist. Deshalb verdient dieser 
Roman, wie wenige, den Namen: kulturgeschichtlich. Mit ihm 
hat die viel gescholtene und viel bewunderte Heimatkunst einen 
neuen Triumpf errungen. Hier ist wirklich ein Stück Erde ge- 
sehen und im Dichtwerk festgehalten worden. 



Beiträge zur Volkskunde der Provinz Posen. 

Von 
O. K n o o p. 



II. Kirchliche Sagen. 
L Die Glocken der Kirche zu Gembitz. 

Die Kirche zu Gembitz soll nach einigen von den Engeln, 
nach anderen von den Kreuzfahrern erbaut worden sein. Zu diesem 
letzten Glauben scheint der Umstand Veranlassung gegeben zu 
haben, dass das Dach der Kirche mit einem Kreuz geziert ist. 



125 



Diese Kirche soll früher einen ungewöhnlich hohen Turm gehabt 
haben. In demselben hingen drei Glocken, von denen die eine 
l)esonders gross war. Als die Schweden im Lande hausten, 
gelüstete es sie, die Glocken herunterzunehmen, doch wollte 
es ihnen auf keine Weise gelingen. Da schössen sie mit Ka- 
nonen nach dem Turm. Der Turm fiel um und erreichte mit 
seiner Spitze die etwa 100 Schritt entfernte Netze. Dabei zer- 
sprang die grosse Glocke in Stücke, und alles fiel in den Fluss. 
Nur ein Stück der grossen Glocke fiel abseits in eine Torfgrube. 
Es wurde später aufgefunden, und aus ihm sollen die jetzt noch 
in der Kirche befindlichen drei Glocken gegossen worden sein. 

2. Die Kirche zu Kruschwitz. 

Zu Kruschwitz steht am Ufer des Goplosees die katholische 
Kirche. Sie ist aus Quadersteinen erbaut. Den Bau sollen Heilige 
begonnen haben. Es gab nämlich in Kruschwitz zu heidnischer 
Zeit schon viele Christen, aber noch kein Gotteshaus. Da kamen 
die Heiligen vom Himmel herunter und begannen die Kirche zu 
bauen. Einige setzten die Steine aufeinander, andere brachten 
Mörtel herbei, noch andere bearbeiteten das Holz. Die Roh- 
materialien aber bewegten sich selbst herbei. Sie kamen an den 
Goplosee, und das Wasser beförderte sie bis an die Stelle, wo 
die Kirche gebaut wurde. So ging der Bau schnell vonstatten, 
und nur eine Nacht war noch nötig, um die Kirche ganz fertig 
zu stellen. Nun wohnte am Ufer des Seees eine alte Frau. Das 
Gerassel der schwimmenden Steine und das Brausen des Seees 
erweckte sie aus dem Schlafe. Sie stand auf, ging vor das Haus 
und fluchte dem Werke. Da wurde alles still. Die Steine und 
Balken fielen in den See, und die Heiligen mussten weinend 
das fast vollendete Werk verlassen. Zum Andenken daran hat 
jnan später die Gestalten der Heiligen aus Goldblech verfertigt 
und am Hauptaltare in der Kirche aufgestellt. Als aber die 
Schweden ins Land kamen, nahmen sie dieselben mit. Infolge 
des Fluches der Frau hat man lange, lange Jahre auf die Voll- 
endung der Kirche warten müssen. 

Die Kirche zu Kruschwitz soll auch die Fähigkeit haben, 
sich auszudehnen. Namentlich findet dies statt zur Zeit des 
Ablasses, wenn viele Menschen den Gottesdienst besuchen. An- 
fangs wollte man nicht daran glauben. Da Hess ein Graf die 
Kirche mit einer starken Kette umspannen. Zur Zeit des Ablasses 
^ber sprang die Kette und fiel in den Goplosee. 

3. Das Kreuz zu Pakosch. 

Von einem goldenen Kreuz in der Kirche zu Pakosch, in 
■dem ein Partikelchen vom Kreuze Christi befestigt sein soll, 



126 



erzählt das Volk Folgendes: Ein Graf machte einst eine Wall- 
fahrt nach dem gelobten Lande. In Jerusalem wurde er zum 
Kusse des Kreuzes Christi zugelassen. Dabei biss e; ein ziem- 
liches Stück von dem Kreuze ab, um es in seine Heimat zu 
bringen. Doch zu früh bemerkten die Wächter den Raub und 
nahmen Nachsuchungen vor. Der Graf erfuhr davon und ver- 
steckte schnell das Kreuzesstück in der Mähne seines Pferdes. 
Dort wurde es nicht gesucht. Als der Graf wieder nach Hause 
zurückgekehrt war und mit dem Kreuzesstück an die Stelle kam, 
wo sich in der Kirche zu Pakosch jetzt die Grabeskapelle des 
Kreuzganges oder Kalvarienweges befindet, da blieb das Pferd 
stehen und wollte nicht weiter. Der Graf erbaute hierauf die 
Kirche und den Kreuzgang und schenkte das Kreuzesstück, in 
Gold eingefasst, dem Kreuzgange, und dort soll es sich noch 
heute befinden. 

4. Die wandernde Marienstatue zu Gross-Slawsk. 

Eine Familie in Gross-Slawsk besitzt eine Statue aus Holz^ 
die Mutter Gottes darstellend. Sie hat sich vom Vater auf den 
Sohn vererbt. An diese Statue knüpft sich folgende Erzählung: 
Zu der Zeit, als die Schweden im Lande hausten, kamen sie 
auch nach Gross-Slawsk. Da sie Ketzer waren, achteten sie die 
Kirche nicht, sondern beraubten sie; das Minderwertige warfen 
sie hinaus oder verbrannten es. Dieses Schicksal sollte auch 
eine auf dem Hauptaltar stehende Marienstatue treffen. Ein i 
Schwede nahm dieselbe vom Altar, hieb ihr die Arme ab und \ 
wollte sie ins Feuer werfen. Allein ein Bauer aus dem Dorfe | 
bat den Schweden, ihm die Figur zu schenken. Der Schwede^ 
der bei dem Bauern im Quartier lag, gab sie ihm. Die Statue 
wurde nun wieder zusammengesetzt und von dem Besitzer hoch 
in Ehren gehalten. Nach Jahren rissen in der. Familie, in Folge 
von Trunksucht, Zank und Streit ein. Da war auf einmal die 
Statue verschwunden, und man fand sie am Heiligenstock in der 
Mitte des Dorfes stehen. Sie würde nach Hause getragen, allein 
bald war sie wieder verschwunden, und so geschah es zum 
dritten Mal. Da bekehrten sich die Leute und lebten enthaltsam^ • 
und die Statue ist in der Familie geblieben bis auf den heuti- 
ge" Tag. 

5. Das Marienbild zu Kirchen-Dombröwka. 

In Kirchen-Dombröwka (Kr. Obornik) befindet sich im 
Hauptaltar der Kirche ein Marienbild, dessen Wunder und Gnaden ^ 
dem Volke weit bekannt sind und zu dem an den Ablasstagen 
Tausende von Menschen zusammenströmen. Man erzählt über _, 
dieses Bild Folgendes: Einst weidete ein frommer Kuhhirt am 



127 



Fusse einer alten Eiche, als er plötzlich bemerkte, dass die 
Rinder auf die Kniee sanl<en und dass zwei Pilger, die dort gerade 
vorübergingen, ebenfalls hinknieten und betend zur Eiche empor- 
schauten. Unwillkührlich blickte er nach oben, und sofort sank 
auch er auf die Kniee nieder. Er sah nämlich eine himmlische 
Erscheinung in den Zweigen der Eiche, die Jungfrau Maria. 
Auch zwei Mädchen, die vom Felde nach Hause gingen, sahen 
sie von weitem. Zum Andenken an dieses Wunder wurde ein 
Bild, welches die Begebenheit darstellt, in der Kirche am Haupt- 
altar befestigt. Die Eiche aber wurde fast ganz zerstört, denn 
jeder wollte ein Stückchen davon haben. Noch jetzt sieht man 
am Wege nach Pawlowo einen mächtigen Eichenstamm stehen, 
der seiner Zweige ganz beraubt ist. An den Ablasstagen kom- 
men viele an den Baum heran und beissen mit den Zähnen 
hinein oder schneiden mit dem Messer ein Stückchen Holz ab, 
da sie der Meinung sind, dass dies ein Heilmittel gegen Zahn- 
schmerzen und sonstige Krankheiten sei. 

6. Die Kapelle zu Smogulec. 

Unweit Smogulec, einem Dorfe in der Nähe von Gollantsch 
liegt auf einer kleinen Anhöhe eine Kapelle, die durch ihre reiche 
Ausstattung viele Besucher anzieht. In der Kapelle befindet 
sich das Erbbegräbnis einer in der Nähe wohnenden gräflichen 
Familie. Unter anderen liegt dort auch eine Komtesse aus diesem 
Hause, die in der Blüte ihrer Jahre an gebrochenem Herzen ge- 
storben ist. In einem Glassarge liegend, ist sie der Anziehungs- 
punkt vieler Besucher. Wenn sich nun an diesem Sarge eine 
unverheiratete weibliche und männliche Person treffen, so sollen, 
nach alter Überlieferung, diese beiden Personen nach kurzer Zeit 
eine eheliche Verbindung eingehen. " 



Ein Beitrag zur Kolonisationsgescliichte der Provinz Posen. 

Von 
M. L a u b e r t. 




ZJJ 



er heute zielbewusst und in grossem Massstabe von 
der Regierung verfolgte Plan einer Besiedlung der 
vom Slaventum bedrohten Ostmark mit deutschen Ko- 
lonisten unter Verdrängung des polnischen Grundbesitzes, ist in 
der Geschichte der Provinz Posen keine neue Erscheinung, son- 
dern taucht seit dem ersten Anfall des Landes an die preussische 
Monarchie, sobald die politische Lage oder irgend welche gün- 
stigen Umstände eine Verwirklichung desselben besonders nahe 



128 



legten, zu wiederholten Malen in verschiedenartiger Gestalt bei 
den Erörterungen unserer Staatsmänner auf. 

Ein solcher niemals praktisch durchgeführter und daher völlig 
unbekannt gebliebener Anlauf zur Realisierung des Projektes fällt 
in das Jahr 1818. 

Damals machte Russlands langjähriger Vertreter am Berliner 
JHofe, Alopeus in Warschau dem Oberpräsidenten Zerboni di 
Sposetti vertraulich davon Mitteilung, das3 die Regierung des 
Königreichs Polen den Wunsch hege, ihren sujets mixtes, d. h. 
den zu ihr im Untertanenverhältnis stehenden, aber gleichzeitig 
auch noch im Grossherzogtum Posen ansässigen Grundbesitzern 
den Verkauf ihrer daselbst gelegenen Güter zu erleichtern. Die 
Entschädigung der Inhaber sollte in polnischen Domänen erfol- 
gen, die abgetretenen Besitzungen aber an den preussischen Staat 
übergehen und ihr Preis bei denjenigen Summen in Anrechnung 
gebracht werden, welche nach dem zwischen Russland und 
Preussen in Hinsicht auf das ehemalige Herzogtum Warschau 
abgeschlossenen Wiener Traktat vom 3. Mai 1815 Polen an 
seinen westlichen Nachbar zu zahlen verpflichtet war. ^) 

Als sujets mixtes, welche gewillt seien, auf derartige 
Tauschprojekte einzugehen, bezeichnete Alopeus den früheren 
polnischen Divisionsgeneral von D^browski, den Besitzer von 
Winnagöra, und die Obermarschallin des Palastes, Frau von Broniec, 
die Herrin auf Popowo und Lagiewniki. Den Wert ihrer Lati- 
fundien gaben die Eigentümer auf 3 000 000, bezw. 1 300 000 
Floren an. ^) 

Die Gründe, welche die königlich-polnische Regierung zu 
einer Beförderung der beabsichtigten Güterveräusserungen bewogen, 
sind unschwer zu erraten. Abgesehen davon, dass aus den un- 
unterbrochenen Domicilveränderungen und der zwitterhaften Lage 
der sujets mixtes den Verwaltungsbehörden nicht unbedeutende 
Schwierigkeiten erwuchsen, musste es im Interesse jedes Gouver- 
nements liegen, derartige Individuen unlösbar an die eigene 
Interessensphäre zu fesseln, zumal die über die Wahl des Unter- 
tanenverbandes anfänglich abgegebenen Erklärungen nach dem 
Wiener Traktat 8 Jahre hindurch widerruflich blieben (Art. 12). 
Ausserdem verfolgte Russland das Bestreben, seine ehemals 
polnischen Gebietsteile nach Möglichkeit gegen alle von Westen 



^) Das Material zu obiger Darstellung ist den Akten des Mini- 
steriums des Schatzes, im Berliner Staatsarchiv entnommen. (R. 134, 
Tit. XIV. Sekt. 1 Nr. 12). 

2) Im ganzen 4 609 580 polnische Gulden, in jährlichen Termin- 
raten bis 1823 fällig, für den Erwerb von Biafystock und wegen der 
alten Schulden des Königs von Polen und der Republik Polen (Artikel 32/5). 

3) Alopeus an Zerb. 8. Mai. Auszug. 



129 



herüberdringenden Einflüsse zu isolieren, um sie desto fester mit 
den übrigen Provinzen des Zarenreiches zu verschmelzen. Dieser 
Tendenz wirkten die auch jenseits der Grenze ansässigen Unter- 
tanen geradezu entgegen, da sie die natürlichen Träger der 
zwischen Polen und Preussen sich entwickelnden Beziehungen 
waren. 

Nach einer vorläufigen Information meldete Zerboni unter 
den 17. Mai dem Fürsten Hardenberg nähere Details über das 
der preussischen Regierung zugemutete Kaufprojekt nnd am 
25. Juni sandte er dem Staatskanzler die Übersetzung eines von 
der Woiwodschaftskommission in Masovier an die Bezirkskom- 
mandanten erlassenen Zirkulars, wodurch ihnen befohlen wurde, 
innerhalb des betreffenden Distriktes die Eigentümer gemischten 
Besitzes auf ihre Geneigtheit zum Verkauf der im Grossherzog- 
ium Posen gelegenen Güter hin zu sondieren und die Beschaffen- 
heit der letzteren zu ermitteln. ^) 

Was die beiden zunächst in Frage kommenden Spezialfälle 
anlangte, so äusserte sich der Oberpräsident für seine Person 
hinsichtlich Winnagöras in durchaus zustimmender Weise. Die 
Oüter hatten ehemals das Domänenamt Schroda gebildet und 
waren unter der Regierung des Herzogtums Warschau dem Ge- 
neral D^browski geschenkt worden, der sie schuldenfrei und 
in wirtschaftlich gutem Zustande erhalten hatte, so dass sie ohne 
Schwierigkeit in ihr früheres Verhältnis würden zurückkehren 
können. Wenn sich der gegenwärtige Besitzer also eine Ab- 
schätzung nach den bei der Domänenveranschlagung in Preussen 
vorgeschriebenen Grundsätzen gefallen Hess, so erschien es an- 
gebracht, auf das Geschäft einzugehen. Zerboni erhoffte davon 
einen dreifachen Vorteil: 

1. Da die polnische Regierung so überaus schwer sich zu 
Zahlungen bequemte, war es ratsam ihr die Mittel hierfür 
möglichst zu erleichtern. 

2. In politischer Hinsicht konnte es der Regierung nur an- 
genehm sein, einen Mann mit seinen Besitzungen aus der Provinz 
Posen zu entfernen, von dem sich nach seiner ganzen Vergan- 
genheit niemals eine aufrichtige Hinneigung zu Preussen er- 
warten Hess. ^) 

3. Zerboni hoffte, dass der Rückkauf der dem General ge- 
schenkten Domänen den üblen Eindruck mildern werde, der im 
Grossherzogtum durch die beabsichtigte Entschädigung des 
Fürsten von Thurn und Taxis für seine im Rheinland aufgegebenen 



1) Erlass v. 11. Juni, gez. v. Präsidenten v. Rembielinski. 

2) Im Jahre 1806 hatte der General als einer der ersten die Fahne 
des Aufruhrs erhoben und seine Landsleute zum Abfall von Preussen 
ermahnt. 

9 



130 



Revenuen durch die Domänen Krotoschin und Adelnau entstan- 
den war. ^) 

Allerdings sollte ausserdem der polnischen Regierung nur 
gestattet werden, durch Überlassung der Güter eine in weiterer 
Aussicht stehende, nicht aber eine laufende Zahlung an Preussen. 
zu begleichen. 

Bedenklicher erschien die Annahme von Popowo und 
Lagiewniki, denn diese Besitzungen standen zwar auch wirt- 
schaftlich auf der Höhe, waren aber gleichzeitig mit beträcht- 
lichen Schulden belastet. 

Von den preussischen Ministerien kam in der Frage zu- 
nächst dasjenige der auswärtigen Angelegenheiten zu Worte. 
Da nach den Andeutungen von Alopeus seine Regierung auf die 
Durchführung ihrer Absichten besonderen Wert legte, so beeilte 
sich dasselbe natürlich, seine Billigung der angeregten Vor- 
schläge zu erklären und sah in dieser Zustimmung eine er- 
wünschte Gelegenheit, die Dienstfertigkeit Preussens gegenüber 
den von Russland gehegten Wünschen zu betätigen und sich da- 
durch die Geneigtheit Alexander's und seiner Ratgeber zu er- 
halten. 2) Auch in Betreff aller noch folgenden Anträge der 
gleichen Art war man „im voraus der Meinung, dass auf selbige 
nach Möglichkeit einzugehen sein werde", indem, wenn wir auf 
kontraktmässiger Leistung der uns aus polnischen Kassen zu- 
kommenden Zahlungen bestehen, „es dagegen auch billig und 
den freundschaftlichen Verhältnissen zwischen den interessirenden 
Höfen angemessen ist, die Mittel der Zahlung, so weit es ohne erheb- 
lichen diesseitigen Nachtheil geschehen kann, überall zu erleichtern." 

Zu einem völlig entgegengesetzten Resultat führten die 
das pekuniäre Interesse in den Vordergrund stellenden Er- 
wägungen des Finanzministeriums. Dieses erklärte alle beab- 
sichtigten Güterankäufe der fraglichen Art in staatswirtschaftlicher 
und finanzieller Hinsicht für sehr nachteilig, umsomehr als dabei 
der Preis von Russland festgesetzt werden dürfte, und der 
Staat wohl an der Verminderung, keines Falles aber an der 
Vermehrung der grossen Masse seiner Domänen ein Interesse 
habe und, so wurde erläuternd hinzugefügt, „gerade im Gross- 
herzogthum Posen würde diese Vermehrung am aller unräthlichsten 
seyn, weil der Staat sie, wenn es nicht mit Schaden geschehen 
soll, nicht wieder verkaufen kann."^) 

1) Für die Aufgabe des Postregals. - - 

2) Schreiben v. 7. Juli an die Ministerien der Finanzen und des 
Schatzes, welche ihre Meinung vom Standpunkt des Domäneninteresses 
und des Staatskreditwesens aus abgeben sollten. „Es ist unverkennbar, 
dass der proponirte Ankauf in politischer und staatspoliceilicher. Hinsicht 
sehr empfehlenswert ist , . ." ' , > 

3) Votum 15. Juli von Geh. Oberregierungsrat v. Minuth. 



131 



Im gleichen Sinne äusserte sich das Ministerium des 
Schatzes und für das Staats-Kreditwesen. ^) Namentlich die ihm 
anvertraute Schuldenregulierung musste wesentlich gehemmt 
werden, wenn man statt der erhofften Zahlung in disponiblen 
Mitteln Grundstücke anzunehmen gezwungen war, über deren 
Wert nicht sofort und mittelst Verkauf nicht ohne Verlust ver- 
fügt werden konnte. Ganz besonders nachteilig hätte dieses 
Manöver auf die geregelte Abwicklung des staatlichen Kredit- 
wesens gewirkt, sobald stark verschuldete Güter wie die der 
Frau von Broniec in Zahlung gegeben wurden. Die . beiden 
Ministerien der Finanzen und des Schatzes vereinigten skh also 
von ihrem Standpunkt aus in dem Wunsche nach einer Ab- 
lehnung des in Aussicht genommenen Zahlungsverfahrens und 
konnten nur darüber die Entscheidung anheim stellen, ob nicht 
dessenungeachtet Rücksichten auf die Beziehungen zu Russland 
die Annahme fordern oder solche auf die von Polen zu leistenden 
Zahlungen dieselbe wenigstens rätlich machen könnten. 

Für diese Fälle tauchte innerhalb des Schatzministeriums 
alsbald ein neuer Gesichtspunkt auf, der unter Umständen 
geeignet erschien, die unvermeidlichen Nachteile zu vermindern. 
Es wurde in Erwägung gezogen, dass die von Zerboni über 
D^browski getanen Äusserungen sich wohl auf viele der 
polnischen Gutsbesitzer anwenden Hessen, es also „vortheilhaft 
sein möchte, solche Güter, die man in Zahlung nehmen muss,. 
ganz oder in kleinere Besitzungen zertheilt, Deutschen zu über- 
lassen, und auf diesem Wege dahin mitzuwirken, * dass der 
Grundbesitz im Grossherzogthum Posen immer mehr auf Deutsche 
übergehe. " ^) 

Die Wichtigkeit der hier zur Sprache gebrachten Be- 
strebungen wurde vom Finanzminister vollkommen gewürdigt. 
Dieser war „ebenfalls der Meinung, dass es sehr wichtig und 
nützlich sey, die Ansiedelung von Deutschen im Grossherzog- 
thum Posen so viel als möglich zu befördern." Andererseits 
betonte er, dass die Kosten solcher immer nur durch „künst- 
liche Mittel" zu bewirkenden Ansiedelungen selbst dann noch 
sehr hoch seien, wenn der Staat den Wert der den Kolonisten 
zu überlassenden Grundstücke nicht in Betracht zog. Zudem 
war der Erfolg nach den bereits wiederholt gemachten Erfahrungen 
ein gänzlich ungewisser. Daher schien „wenigstens jetzt noch 
nicht der rechte Zeitpunkt" gekommen zu sein, um „die sehr 
bedeutenden Fonds, welche dergleichen Ansiedelungen erfordern, 
dringenden Staats-Bedürfnissen zu entziehen, und zu jenem. 



1) Votum 27. Juli gez. Friese. 
'4 Votum vom 4. August. 

9* 



132 



Zweck zu verwenden, zumal davon nirgend bemerkbare und 
politisch nützliche Resultate doch so schnell nicht zu er- 
warten sind." 

„Wie schwierig es ist in einer ganzen beträchtlichen 
Provinz die eigentlichen Einwohner und ihre Sprache durch 
fremde Ansiedler zu verdrängen um dadurch und durch andere 
Mittel eine andere Landes-Sprache einzuführen (worauf es hier 
hauptsächlich ankömmt) davon giebt ein Theil Westpreussen's 
jden nächsten Beweis; andere noch viel wichtigere und allgemein 
bekannte Beispiele nicht zu erwähnen." i) 

Diese Einwendungen wurden auch von Friese als so durch- 
schlagend anerkannt, dass er ohne weiteres sein flüchtig ge- 
-äussertes Kolonisationsprojekt aufgab und in einem gemeinschaft- 
lich mit Klewiz erstatteten Bericht an das Ministerium der aus- 
wärtigen Angelegenheiten, ohne auf jenen Plan zurückzukommen, 
nur die Gründe zusammenfasste, welche den ablehnenden Stand- 
punkt der Ministerien der Finanzen und des Schatzes gegenüber 
-den Kaufprojekten der polnischen Regierung motivierten.^) Ob 
eine Befürwortung derselben von Seiten der genannten 
Ministerien zu einem greifbaren Resultat geführt hätte, lässt sich 
schwer entscheiden. Angesichts der negativen Haltung von 
Klewiz und Friese zerschlugen sich die angeknüpften Unter- 
handlungen jedenfalls, zumal D^browski inzwischen, am 6. Juni, 
gestorben war und seine Erben, z. T. preussische Untertanen, 
an dem in erster Linie wohl in Frage kommenden Verkauf von 
Winnagöra kein Interesse haben konnten.^) 



1) Klewiz an das Schatzministerium 12. August. 

2) Konz. v. 29. Aug. Der vom Ministerium der auswärtigen An- 
gelegenheiten „im voraus" geäusserten Meinung, „dass auf diese Anträge 
nach Möglichkeit einzugehen sei", konnten Finanz- und Schatzministerien 
im Interesse der Domänenverwaltung und Staatsschuldenregulierung nicht 
■beitreten, sondern mussten „dringend wünschen, dass solche Vorschläge 
gänzlich abgelehnt werden können." 

3) Die persönlichen Verhältnisse der D^browski'schen Erben sind 
ausführlich erörtert in den Akten R. 134. XLII Sekt. 4. Nr. 9. — Wegen 
Entrichtung der Preussen zustehenden 4 609 580 Gulden wurden, da der 
^Schuldner die ersten Zahlungstermine unter allerlei nichtigen Vorwänden 

hatte verstreichen lassen, durch Rother und den Geheimrat Jordan vom 
Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten mit der russischen Gesand- 
schaft in Berlin Unterhandlungen angeknüpft und hierbei ein anderer vom 
Könige genehmigter Zahlungsmodus vereinbart. An Stelle der Termin- 
-zahlungen wurde danach die ganze Schuld auf einmal in Inskriptionen 
(630 0(X) Silberrubel) auf die neue damalige russiche Anleihe getilgt und 
von Seiten Preussen's hierfür ein angemessener Nachlass gawährt (Jordan- 
Rother an Hardenb. 27. Okt. 1818 Abschr.; Hardenb. an den Schatzmin. 
Grafen Lottum 19. Jan. 1819, Immediatber. von Hardenb. und Lottum. 
14. Febr. Konz.; Kabinetsordre von Hardenb. 29. Apr. R. 134. Tit. XXXIX. 
J^r. 1. Vol. IV). 



133 



Der Plan einer Erwerbung polnischen Grundbesitzes durch 
den Staat zwecks Besiedelung mit Gutsbesitzern und bäuerlicherr 
Einsassen deutscher Abkunft war damit endgiltig im Schosse 
der Ministerien begraben: die Unsicherheit des Erfolges und 
finanzielle Bedenken hatten sich — begreiflich genug bei Preussen*s 
damaliger Lage — als überwiegend herausgestellt. Der Ära- 
Flottwell's und der Gegenwart war es vorbehalten, nach einer 
innerlichen Erstarkung der Monarchie, ihn zu neuem Leben zu 
erwecken. Beide Male freilich blieb der Regierung die Erfahrung 
nicht erspart, dass, wie es Klewiz angedeutet hatte, dieser Weg. 
zum Erfolg stets ein unsicherer und dornenvoller ist. 



Übersieht der Erscheinungen auf dem Gebiet 
der Posener Provinzialgesehichte. 

1903. 

Zusammengestellt 

von 

K, Schottmüller. 



Das Jahr des Erscheinens ist nur angegeben, wenn es nicht 1903^ 
das Format, wenn es nicht Oktav ist. Z = Zeitschrift, ohne weitere Hin- 
zufügung: Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Poserf. 
M = Historische Monatsblätter für die Provinz Posen. 
Akta Tomiciana Tom. XI. aa. D. MDXXIX. Poznaniae 1901. 355 S. Gr. 4. 

Besprochen M. IV. S. 57 — 59 von Warschauer, 
Askenazy S., Sto lat zarz^du w Krolestwie Polskiem 1800—1900. Lwöw 
Altenberg. 96 S. 

Hundert Jahre Verwaltung im Königreich Polen 1800—1900. Im. 
ersten Kapitel behandelt der Verfasser die .preussische Zeit" als 
Jene Gebiete unter der Bezeichnung „Süd- und Neu-Ostpreussen. 
dem preusischen Staate angehörten. 
Bamberger M. L., Zwei jüdische Märtyrer. Jeschurun. Organ für die 
geistigen und sozialen Interessen des Judentums. 1901. S. 34—36. 
Betrifft den 1736 verübten Justizmord an zwei Posener Juden, dem 
Prediger (Darschan) Rabbi Arjeh Lob und dem Syndikus (Schtadlan) 
Rabbi Jakob ben Pinhas, die des Mordes eines Posener Knaben 
beziehtet waren und deren Unschuld fünf Jahre später sich ergab- 
Beiträge zur Geschichte von Rogasen. Rogasener Familienblatt VI. S. 5—6. 
Abdruck einiger kleiner Aktenstücke betreffend die Weinabrücke ia 
Rogasen. 
Benemann, Denkschrift zum 25jährigen Bestehen des Dampf-Kessel- 
Überwachungs-Vereins für die Provinz Posen 1878 — 1903. Posen. 36S. 
Bickerich W., Franz Nesemann. M. IV. S. 25—28. 
Bloch Ph. Der Streit um den Moreh des Maimonides in der Gemeinde 
Posen um die Mitte des 16. Jahrhunderts nebst Mitteilungen und 
Aktenstücken zur ältesten Zeit des Posener Rabbinats. S. A. aus; 
der Monatschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. 
Pressburg, 43 S. 



134 



Ders. Die Kolonisationsbestrebungen des Salomo Eiger, Oberrabbiners 

von Poseii. Jeschurun. Organ für die geistigen und sozialen 

Interessen des Judentums. 1901. S. 5—8, 43—44, 75—79,104—108. 
Brandenburger C, Das Hauländerdorf Goldau bei Posen. Ein Beitrag 

^ur Wirtschaftsgeschichte Gross-Polens im 18. Jahrhundert. Z. XVIII. 

S. 1—49. 
Bugiel, Polnische Sagen aus der Provinz Posen. Globus Bd. 83. No. 8. 
Ders. Niedrukowane pami^tniki szweda o pobycie Karola XII w Polsce. 

Dziennik Poznariski No. 126, 143. 

Ungedruckte Erinnerungen eines Schweden an den Aufenthalt 

Karl XII in Polen. Auch der Aufenthalt in Rawitsch wird erwähnt. 

S. 127—130. 
Dalton H., Daniel Ernst Jablonski, eine preussische Hofpredigergestalt 

in Berlin vor 200 Jahren. Berlin XV, 495 S. 

Besprochen M. IV. S. 93—94 und Forschungen zur branden- 

burgischen und preussischen Geschichte XVI. S. 628—631. Von 

Stolze. 
Duzynski, Z dziejöw Opalenicy (1401 — 1901) Poznan. 139 S. 

Aus der Ge'schichte Opalenitzas. 
Eccardt, Siehe Festschrift des Gymnasiums zu Rawitsch. 
Eichner M., Zur Geschichte des Schulwesens in Fraustadt im 19. Jahr- 
hundert. Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Kgl. Gymnasiums 

in Fraustadt. Beilage zum Programm. Fraustadt. 72 S. 
Feier zur Erinnerung an die Gründung der Stadt Posen. Pos. Tagebl. No. 589. 
Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens des Kgl. Gymnasiums 

zu Rawitsch. Rawitsch: 66 S. 

Inhalt: 1. Geschichte der Anstalt. Von dem Direktor Dr. Ernst 

Naumann. 2. Der Lehrkörper. Von Oberlehrer Arthur Kirsten. 

3. Die Abiturienten. Von Oberlehrer Eccardt. 
Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens des K. Realgymnasiums 

in Bromberg 1901. Bromberg 1901. 4^. 
Fischer, Der Polen- Auf stand von 1848. Erinnerungen aus Posen und 

Westpreussen 1899 51 S. 

Besprochen M. IV. S. 136 — 141 von Schottmüller. 
Freystedt, Die vorgeschichtlichen Funde in Buschdorf (Kreis Obornik). 

Rogasener Familienblatt. Jg. VII. S. 29—32. 
Friebe, Geschichte des Kgl. Berger-Oberrealschule zu Posen während 

ihres 50jährigen Bestehens. Posen. 93 S. 4^. 
Friedensburg F., Die polnischen Münzen Heinrichs III. und IV. von 

Glogau. M. IV. 49—55. 
Gapczynski. Dzwony w Wielkiem Ksi^stwie Poznanskiem. Przeglqd 
; koscielny 1902. I. S. 452—462. II. 45—53, 204-211, 448-456. 
. Die Glocken im Grossherzogtum Posen. 
Glowacki M., La Situation dans le Grand-Duche de Posen. 

. Bulletin Polonais Jahrg. 27. Juliheft. No. 180. 
Grottke-Tremessen. LändHch-Kujawisches aus den Jahren 1857 — 1867. 

Bfomberg 96 S. 
Grüner J., Das Schulwesen des Netzedistrikts zur Zeit Friedrichs des 
, Grossen (1772—1786). Breslau XII. 135. 
*: Besprochen von Skladny M. IV. S. 158. 
Gumplowicz M., Zrodla Balduina Gallusa. Frzewodnik naukowy i 

literacki XXXI. S. 663, 746, 825, 919. 

Die Quellen des Balduin Gallus. 
liae germann, Entschwundene Industriezweige der Provinz Posen 
. Vortrag gehalten im Posener Bezirksverein des Vereins Deutscher 

Ingenieure. 15 S. 



135: 



Hecker, Kulturelle Aufgaben der Schule in den Ostmarken. Ostdeutsche 

Monatshefte für Erziehung und Unterricht, herausgegeben von 

Bode. Bd. I. Heft 10. S. 425—433. 
Heppner und Herzberg. Jüdische Gemeindebilder aus der Provinz 

Posen. Jeschurun, Organ für die geistigen und sozialen Interessen 

des Judentums. Posen Jg. 1901. S. 1115 ff., 1153 ff., 1295 ff., 

1320 ff., 1352 ff., Jahrg. 1902. S. 78 ff., 107 ff., 126 ff., 371 ff., 

410 ff., 513 ff., 545 ff. 

Besprochen M. IV. S. 74—76. Von Lewin. 
Herr E., Neue Bahnen der Polenpolitik. Skizze einer zu schaffenden 

Polengesetzgebung. Berlin. IV. 88 S. 
Herzberg J., Geschichte der Juden in Bromberg. Frankfurt a. M. 102 S. 

Besprochen von Lewin. M. IV. S. 74 — 76. 
Historische Monatsblätter für die Provinz Posen. Herausgegeben von 

Dr. Adolf Warschauer. Jahrg. 4. Beilage zu Jahrgang 18 der 

Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen und 

der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt zu Bromberg. 

Posen. 192 S. 
Hoffmann V., Geschichte des Grenadier-Regiments Graf Kleist von 

Nollendorf (1. Westpreussischen) Nr. 6. IL Abschnitt. Vom 

Jahr 1857—1903. M. 8 Bildern, 5 farbige Fahnentafeln und 

8 Karten in Steindruck. Berlin. Mittler. XII. 407 S. 
Jakubowski, Die Holzberechtigung der Bürger Rogasens in dem 

Wäldchen Olszyna. Rogasener Familienblatt Jg. VI. S. 17 bis 

18, 22—27. 
Inowrazlaw, Festbeilage zum 5. Städtetag der Provinz Posen in 

Inowrazlaw. Ostdeutsche Rundschau No. 232. 
Junker von Oberkonreuth, Im Polen- Auf rühr 1846 — 1848. Aus den 

Papieren eines Landrates. Gotha 1899. 271 S. 

Besprochen M. IV. S. 136—141. Von Schottmüller. 
Kaemmerer, Bericht des Provinzialkonservators für die Provinz Posen 

über die Etatsjahre 1899 bis 1902. Posen. 4. 
Karbowiak S., Szkola pruska w ziemiach polskich. Muzeum. 

Januar- und Februarheft. Die preussische Schule in den polnischen 

Landesteilen 

Besprochen: Biblioteka Warszawska IIL S. 598—600. 
Karwowski, Miasto Jarocin i jego dziedzice. Poznan 162 S. (Odbitek 

z Roczn. Tow. Przyj. nauk poznaiiskiego tom XXIX.) 

Die Stadt Jarotschin und ihre Grundherren. 
Kietz, Ceterum censeo. Zur Einführung in die Polenfrage. Leipzig 79 S. 
Kirsten A., Siehe Festschrift des Gymnasiums zu Rawitsch. 
Kl ein wacht er, H., Polnische Sprichwörter aus der Provinz Posen. 

M. IV. S. 181—185. 
Ders. Aus einer Wollsteiner Kirchenchronik. M. IV. S. 65 — 74. 
Klemm, Festschrift zum 25jährigen Bestehen des Männergesangvereins 

zu Czarnikau. Czarnikau 39 S. 
Knoop, O., Beiträge zur Volkskunde der Provinz Posen. Rogasener 

Familienblatt VI S. 9—11, 21, 19—32, 33-^5, 37—39. Jahrg. VIL 

1—2, 37—40. 
Kohte J., Die Denkmalpflege der Provinz Posen während der letzten 

Jahre. M. IV. S. 17—24, 33—37. 
Ders. Der mittelalterlichie Stadtplan von Gnesen. M. IV. S. 55 — 57. 
Ders. Die Provinz Posen zu der deutschen Kunstgeschichte. M. IV. 

S. 155-158. 
Kreisständehaus in Krotoschin. Centralblatt der Bauverwaltung. 

S. 232—233. 



136 



KremmerM., Etwas von der Posener Landschaft. 1. Der „Grenzwächter* 

und die südposensche Endmoräne. 2. Die Moschiner Schweiz. 

Ev. Volkskalender. S. 53—59. 
Kunz, Die kriegerischen Ereignisse im Grossherzogtum Posen im Aprit 

und Mai 1848. Berlin 1899. 

Besprochen M. IV. 136—141. Von Schottmüller. 
Die Kunst in Posen. Posener Zeit- und Streitfragen I. Posen, Kapela 

8 S. Betrifft das Posener Theater. 
Kurth, Die Ostmark Posen und ihre Bedeutung für Preussen, Deutsch- 
land. Berlin. Soose & Tetzlaff 32 S. 

Besprochen. Ostmark S. 91. 
Kwestya polska na Kongresie pokojowym we Wiedniu. Kuryer 

Poznanski No. 208. 

Die polnische Frage auf dem Wiener Friedenskongress. 
Landsberger, J., Förderung der Emancipation der südpreussischen 

Juden durch die Regierung. M. IV. 87—93. 
Lange G., Volksschule und Deutschtum in der Ostmark (Pädagogische 

Abhandlungen N. F. Bd. IX. Heft 3.) Bielefeld S. 41—62. 

Besprochen M. IV. S. 185-186. Von Skladny. 
Lewin, Aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde zu Pinne. 

Pinne 1903. 24 S. 
Marchlewski, Stosunki spoteczno-ekonomiczne w ziemiach polskich. 

zaboru pruskiego. Lwöw 389 S. 

Die sozial-wirtschaftlichen Verhältnisse in den polnischen Landen 

preussischen Anteils. 
M arte 11 C, Beiträge zur Geschichte der Gerichts-Organisation für die 

Provinz Posen. Z. XVIII. S. 51—86. 
Massow V. W., Die Polennot im deutschen Osten. Studien zur Polen- 
frage. Berlin. Duncker. 429 S. 
Meyer C., Studien zur Verwaltungsgeschichte der 1793 und 179& 

von Preussen erworbenen polnischen Provinzen. Berliner Disser- 
tation. 1902. 40 S. 
Michalowski, Nal^cz Szamotulski. Poznan. 40 S. 
Monumenta medii aevi res gestas Poloniae illustrantia Tom XVI. 

Acta capitulorum nee non iudiciorum ecclesiasticorum selecta edidit 

Ulanowski. Volumen II Acta iudiciorum ecclesiasticorum dioecesum. 

Gneznensis et Poznaniensis (1403—1530). Krakow 4«. XII., 953 S. 
Olszewski, Obrazek historyczny miasta Dolska. Poznan. 1902. 164 S. 

Historisches Bild der Stadt Dolzig. 
Napieralski A., Der „Katolik" und das schlesische Centrum von 1889^ 

bis 1903. 

Bespr. Kuryer Poznariski No. 271—280. 
Naumann E., Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens des. 

Kgl. Gymnasiums zu Rawitsch. Rawitsch. 66 S. 
Nehring L., Landeskunde der Prov. Posen. Breslau. 8 S. 1 Karte. 
Die neue evangelische Kirche in Lettberg Kr. Gnesen. 

Centralblatt der Bauverwaltung S. 361 
Das neue Gymnasium in Posen W. (Jersitz) (Auguste Victoria G)rmna- 

sium). 

Centralblatt der Bauverwaltung S. 633—635. 
Neue Zuwendung für das Kaiser Friedrich-Museum in Posen. 

Rogasener Familienblatt. Jg. VIL 8. 33—34. 

Betrifft den Urnenfund beim Dorfe Josephsthal Kr. Wongrowitz. 
Nochmal Deutsch oder Polnisch. Eine Volkstimme aus der Ostmark. 

Mahnruf an alle, welche deutsch bleiben wollen. Berlin-Leipzig» 

45 S. 



I 



137 



Perdelwitz, Aus Schmiegeis Vergangenheit. 

Kreisblatt des Kreises Schmiegel 1903. No. 82 und 83. 
Perkowski, Geschichte des Niederschlesischen Train-Bataillons No. 5. 

Mit Abbildungen. Berlin. 50 S. 
P eis er, G., Über Friedrichs des Grossen burleskes Heldengedicht. 

„La guerre des Confederes." 

Z. XVIII. S. 161—212. 
Petersen Landrat, Der Planmässige Domänenankauf in den Provinzen 

Westpreussen und Posen. Studie zu dem Gesetz, betreffend Mass- 
nahmen zur Stärkung des Deutschtums in den Provinzen West- 
preussen und Posen vom 1. Juli 1902 (G. S. 234). 

Preussische Jahrbücher. Band 111. S. 502—518. 
Pfuhl F., Einige Mitteilungen über die Pilze unserer Provinz Eine Skizze. 

Z. XVIII. S. 145—160. 
Piekosiriski, Studia, rozprawy i materialy z dziedziny historyi i prawa 

polskiego. Tom VI. 1. Wybor zapisek s^dowych grodzkich i ziem- 

skich wielkopolskich z XV wieku. Krakow 1902. XII, 414 S. 

Studien, Abhandlungen, Materialien aus der Heimatsgeschichte und 

dem polnischen Recht. Auswahl grosspolnischen Grod- und Land- 
gerichtseintragungen aus dem XV. Jrht. 
P olacy i zydzi w Prusach. Dziennik Poznariski. No. 8. 

Polen und Juden in Preussen. Briefe aus Warschau. 
Zur polnischen Frage. Von einem Westpreussen. Deutschland. S. 570 bis 

593. 709—732. 
Polska partya socyalistyczna. 

Kuryer Poznariski. No. 147—150. 153—166. 

Die polnische sociahstische Partei. 
Posen er Volkssagen. Rogasener Familienblatt VI. S. 22—24, 27—28. 

VII. 21—22, 34—36. 
Poznariczyk, Nowe prqdy polskie i antypolskie pod rz^dem pruskim. 

Biblioteka Warszawska. I. S. 1—13. 

Neue polnische und antipolnische Strömungen unter der preussischen 

Regierung. 

Besprochen von Skladny. M. IV. S. 76—78. 
Przewodnik po Poznaniu i okolicy z illustracyami i planem miasta. Poznan. 

94 S. 

Führer durch Posen und Umgegend mit Abbildungen und einem 

Plan der Stadt. 
Reichard, Oberkonsistorialrat D. Max Reichard. Ev. Volkskalender. 

S. 20—24. 
Koczniki Towarzystwa przyjaciöt nauk poznariskiego Tom XXIX. 1902. 

Poznan. 301 S. 

Jahrbücher der Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften. Bd. 29. 

1902. Posen. 301 S. Vgl. Karwowski, Szembek. 
3^ogasener Familenblatt. Beilage zum Rogasener Wochenblatt hrsg. von 

Prof. Knoop. Jg. 6 und 7. Rogasen 1902 und 1903. 40 und 44 S. 

Vgl. Freystadt, Knoop, Szulczewski. 
JRuch ekonomiczno-spoteczny w Wielkopolsce. Ruch chrzescijarisko- 

spoleczny. Jg. II. No. 4. 

Die wirtschaftlich-sociale Bewegung in der Prov. Posen. 
Rummler, E., Der Liber beneficiorum des Johannes a Lasco. M. IV. S. 

145 bis 155. 
Rychlicki, Regen und Gewitterverhältnisse von Wongrowitz. Beilage 

zum Programm des Gymnasium zu Wongrowitz 1903. 12 5.4^. 
S chlager H., Die polnische Gefahr. Berlin. 29 S. 
-Schmidt E., Über den Heringshandel in Grosspolen. M. IV. S. 1 — 9. 



138 



Schottmüller, K., Die neueste deutsche Litteratur über den Posener Auf- 
stand von 1848. M. IV. 136—141. 

Seibt, Die Wartheschiffahrt. S. A. aus dem Jahrbuch für Verwaltung^ 
Gesetzgebung und Volkswirtschaft hrsg. von Schmoller. 100 S. 

Sienkiewicz H., Z pami^tnika poznaiiskiego nauczyciela. Warszawa. 
32 S. Aus den Erinnerungen eines Posener Lehrers. 

Simon K., Ein Grabmalstypus im Posener Dom und seine geschicht- 
liche Stellung. M. IV. S. 161—167. 

Skladny, A., Das Jahr 1848 in der Auffassung polnischer Geschichts- 
schreibung. M. IV. S. 97—109. 

Smolenski W., Rz^dy pruskie na ziemiach polskich (1793 — 1807) 
Ksiqzki dla wszystkich. Warszawa 1903. 70 S. 
Preussische Behörden in polnischen Landen. 1793—1807. „Bücher 
für Alle." 

Socyalizm w Poznariskiem i w Galicyi. 

Kuryer Poznahski No. 143, 144, 145. 
Der Socialismus in Posen und Galizien. 

Sokolnicki, Kierunki polityczne w Niemczech. 
Biblioteka Warszawska III. S. 420—437. 
Politische Richtungen in Deutschland. 

Specht, Die neue evangelische Kirche in Obornik. Ev. Volkskalender.- 
S. 60-63. 

Der Städtetag der Provinz Posen und seine bisherige Thätigkeit. Ost- 
deutsche Rundschau No. 232. 

Stumpfe, Polenfrage und Ansiedlungskommission. Berlin 1902. 
Besprochen : M. IV. S. 141 — 144 von Wegener. 

Szembek Jadwiga, Sprawozdanie z poszukiwari archeologicznych odby- 
tych ostatniemi latami w Siemianicach. (Powiat K^piriski). Roczniki 
towarzystwa przyjaciöt nauk Poznanskiego. Tom XXIX, 1902. 
S. 52—77. 

Bericht über die vorgeschichtlichen Nachforschungen in den letzten 
Jahren in Siemianice Kr. Kempen. Jahrbücher der Gesellschaft der 
Freunde der Wissenschaften in Posen. Band 29. 1902. S. 52 — 77. 
Mit Abbildungen. 

Szöldrski Joh. Graf, Die landwirtschaftliche Entwicklung der Provinz 
„Grossherzogtum Posen" von 1772 — 1900 mit besonderer Berück- 
sichtigung der Regulierungsgesetzgebung. (Münch. Diss.) Posen. 
Dziennik. 191 S. 

Szulczewski, Beiträge zur Volkskunde der Provinz Posen. Rogasener 
Familienblatt. VII. S. 13—15. 17—20. 25—27. 
Volkssagen aus Kujavien. 

Szuman H., Rys historyczny pocz^tköw i zawi^zku parlamentaryzmu 
polskiego w Prusiech (posw. kolegom z sejmu pruskiego i parla- 
mentu niemieckiego). Poznan. 72 S. 

Geschichtlicher Abriss des Beginns und der Entwicklung des pol- 
nischen Parlamentarismus in Preussen. Gev/idmet den Kollegen 
aus dem preussischen Landtag und deutschen F^eichstag. 

Tr^mpczynski W., Konfraternia Kupiecka w Poznaniu. Wskazöwka dla 
badaczy dziejöw handlu i przemyslu polskiego. 
Die Kaufmannsgilde in Posen. Fingerzeig für Erforschung der 
polnischen Handels- und Gewerbegeschichte. 
In dem Jahresbericht des polnischen , Vereins christllicher Kauf- 
leute zu Posen" S. 24—102. 

Auf S. 39—102 sind die Privilegien der Alten Posener Kaufmanns- 
Innung — leider nicht fehlerfrei — abgedruckt. 



139 



Trampe L., Zur preussisch-polnischen Sprachenfrage. Grenzboten 1903. 

IV. S. 77—88, 160—171, 214—225. 
Ulanowski, Acta iudiciorum ecclesiasticorum dioecesum Gneznensis et 

Poznaniensis (1403 — 1530). Monumenta medii aevi res gestas 

Poloniae illustrantia Tom XVII. Acta capitulorum necnon iudiciorum 

ecclesiasticorum selecta edidit. Vol. II. 
W trzydziest^ rocznic^ 1873—1903. Wspomnienie z czasöw walki 

kulturnej. 

Kuryer Poznariski No. 230. 

Am dreissigsten Jahresfeste 1873 — 1903. Erinnerungen aus den 

Kulturkampfzeiten. 
Viczur, Aufgaben der Ostmarken. Berlin. 55 S. 
Warminski. Z dziejöw dyecezyi poznanskiej I. Samuel a Seklucyan. 

Przeglqd koscielny III. S. 1—22, 161—169, 241—253, 3'21— 339, 

401—416. IV. 161-189, 241—255, 401—423. 
Warschauer A., Historische Beiträge zur Wiederherstellung des Posener 

Rathauses. M. IV. S. 81—87, 113—125. 
Ders. Die Entstehung des komunalen Lebens in der Stadt Inowrazlaw. 

Ostdeutsche Rundschau No. 232. 
We gener L., Der wirtschaftliche Kampf der Deutschen mit den Polen 

um die Prov. Posen. Posen 208 S. und 100 S. statist. Tabellen. 

Besprochen: M. IV. S. 186 — 187 von Adler und Jahrbuch für Gesetz- 
gebung Verwaltung und Volkswirtschaft. 1903. IV. 379—388 von 

Wiese. 
Wilcke, Alte Thorfahrt in Althöfchen. Die Denkmalpflege. S. 30—31. 
Wotschke Th., Francesco Lismanino. Z. XVIIl. 213—232. 

— Der Versuch der Posener Pfarrschule von Maria Magdalena 1549 
einen evangelischen Lehrer zu geben. M. IV. S. 177—181. 

— Eustachius Trepka. Ein Prediger des Evangeliums in Posen. Z. XVIII. 
86—144. 

— Posener Studenten in Leipzig bis 1560. M. IV. S. 129—136. 

— Herzog Albrecht von Preussen und Posener Kaufleute. M. IV. 
37—42. 

ZakrzewskiSt., O bulli dla arcybiskupstwa gniezniehskiego z r. 1136. 

Besprochen: Anzeiger der Krakauer Akademie der Wissenschaft. 

1902. S. 147—152. 
Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen. Zugleich 

Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt zu 

Bromberg. Herausgegeben von R. Prümers. Jg. 18. 332 S. 
Ze mm rieh. Die Polen im Deutschen Reich. Globus. Bd. 34. No. 14. 

Besprochen: Przewodnik bibliograficzny. S. 257. 
Die Zerstörung Lissas im April 1656, erzählt von Comenius (übersetzt 

aus dem lateinischen). 

Jahrbüchlein der ev. reform. Johannis-Gemeinde zu Lissa. S. 20 — 47, 

Übersetzung der von Nesemann herausgegebenen Schrift des 

Comenius: Excidium Lesnae. 



Literarische Mitteilungen. 

Werner F., Heimatluft. Roman aus der Ostmark. Berlin, 
D. Dreyer & Co. 199 S. Preis 0,50 Mark. 

Das Werk trägt den Titel „Heimatluft" und spielt in der 
Ostmark; wir entnehmen daraus das Recht zu einer Besprechung; 
an dieser Stelle. Schon nach dem Titel durfte man erwarten, m 



140 



die besondere Eigenart unseres Posener Landes oder wenigstens 
eines Teils von ihm eingeführt, mit einem Ausschnitt aus dem 
Leben und Treiben seiner Bewohner bekannt gemacht zu werden ; 
diese Erwartung ist — wie wir gleich vorausschicken wollen — 
.auf das Glücklichste erfüllt worden. 

Der Vorwurf, der dem Buche zu Grunde liegt, ist nicht 
neu: es handelt sich um die Gesundung von körperlichen und 
seelischen Leiden durch die Rückkehr nach der Heimat, der 
€wig kraftspendenden Mutter Erde, der Stätte der ersten glück- 
lichsten Lebensjahre. Aber die Einkleidung dieses Grund- 
gedankens in unsere örtlichen Verhältnisse verleiht ihm einen 
besonderen Reiz. 

Für die Erzählung ist die Form von Briefen gewählt, die 
der Held, Wilhelm Martin, an einen Freund in Berlin schreibt. 
Wilhelm ist der Sohn eines Lehrers, im Netzebruch (gewisse 
Andeutungen des Verfassers führen in die Nähe von Samotschin) ; 
vom Vater für denselben Beruf bestimmt, wird er durch einen 
unliebsamen Vorfall im Seminar, wo er für das Lehramt vor- 
bereitet wird, veranlasst, seinem Zuge in die Ferne zu folgen 
und aus der Anstalt sich heimlich zu entfernen. Mit dem Vater 
zerfallen, wird er weit herum, sogar über das Weltmeer nach 
Amerika getrieben — wir erfahren dies Alles aus gelegentlichen 
Bemerkungen — , um endlich wieder in Deutschland als Schrift- 
steller Unterhalt und Anerkennung zu finden. Nach langen 
Jahren kehrt Wilhelm nach dem Heimatsdorf e zurück; er sucht 
Erholung von körperlichen Leiden und seelischer Verstimmung; 
auch will er nach Erinnerungen an seinen Vater und nach seiner 
Jugendgespielin Marie Förster forschen. Er findet gastfreundliche 
Aufnahme bei einem ehemaligen Schulgenossen, dem Bauern 
Ferdinand Prahl, und erlangt hier inmitten der altvertrauten 
ländlichen Umgebung die frühere Gesundheit an Leib und Seele 
wieder; er erfährt, dass der Vater vor seinem Hinscheiden ihm 
verziehen hat; es gelingt ihm auch, die nie ganz vergessene 
<jeliebte wieder zu finden: nach guter alter Sitte schliesst die 
Erzählung mit einer Hochzeit. 

Dieser schlichte Stoff wird in leicht flüssiger, anmutiger 
Schreibart vorgetragen, das Ganze durchweht ein milder, wohl- 
tuender Humor, der von Anfang an den Leser gleich ahnen 
lässt, dass er es nicht mit einer tragischen Entwicklung der 
Handlung zu tun haben wird. Es gründet sich dieser Humor 
aber auf scharfer, lebenswahrer Erfassung der Personen und 
Verhältnisse unserer engeren Heimat, köstliche, gut beobachtete 
Szenen aus dem Volksleben werden uns vorgeführt, so der 
Schweinehandel auf dem Bauernhof und in der Schenke; echte, 
Jiach dem Leben gezeichnete Gestalten, wie der Bauer Prahl 



141 



mit seiner rundlichen Ehehälfte, der Viehhändler Thiel, der Hirte 
Lohmfried, treten vor uns hin. Und was ganz besonders er- 
freulich an dieser literarischen Leistung ist: eine warme Liebe 
zur Heimat, zu ihrer Eigenart in Landschaft und Bevölkerung 
spricht aus jeder Seite, ein Anzeichen dafür, dass auch in 
unserm Posener Lande sich jene Anhänglichkeit an die heimische 
Scholle zu entwickeln beginnt, welche die erste Vorbedingung 
für die Erhaltung des eigenen Volkstums hierzulande ist. Und 
wenn, wie wir hören, der Verfasser des Buches ein Lehrer ist,, 
so ist es mit doppelter Freude zu begrüssen, dass er sich in, 
einer Stellung befindet, wo er in der Lage ist, die Empfindungen, 
und Anschauungen, die in ihm selbst leben, auch in die Jugend^ 
liehen Seelen seiner Schüler zu pflanzen. 

Der Preis des Buches (siehe oben!) ist so erstaunlich 
billig, dass es für den Freund der ostmärkischen Heimat über- 
haupt keine Entschuldigung gibt, wenn er das Buch nicht besitzt., 

E. Schmidt. 

Schmidt, E., Aus Brombergs Vorzeit. I. Die Burg Bydgoszcz- 
Bromberg. Festgabe den Abnehmern der Zeitung „Ostdeutsche Presse", aus 
Anlass ihres 25 jährigen Bestehens gewidmet vom Verlage: Gruenauersche 
Buchdruckerei Otto Grunwald. Bromberg (1902). 73 S., 4 Bilder. 

Man muss der „Ostdeutschen Presse" Anerkennung und 
lebhaften Dank zollen, einerseits dass sie als Jubelgabe die 
Darstellung der engeren Heimatsgeschichte ins Auge fasste und 
andererseits für diese dankbare Aufgabe E. Schmidt gewann, der 
den Lesern dieser Monatsblätter als Mitarbeiter lange bekannt^ 
auch durch seine Veröffentlichungen der Bromberger Bernardiner- 
chronik und Arbeiten in der Bromberger Zeitschrift, sowie durch 
die jahrelangen Studien zu seiner bald erscheinenden Geschichte 
des Deutschtums in der Provinz Posen als ganz besonders für 
jene Aufgabe geeignet gelten muss. 

In 11 Kapiteln schildert der Verfasser die Schicksale der 
alten Burg Bydgoszcz in Bromberg vom 13. Jahrhundert bis zu 
ihrer Zerstörung durch die Schweden 1657, und über diese Zeit 
hinaus führt er uns auch die kriegsgeschichtlichen Vorgänge, von 
denen die Stadt Bromberg mitberührt ward, bis zum Ende des 
19. Jahrhunderts vor. Die Darstellung dem Zwecke der Fest- 
schrift entsprechend, ist allgemein verständlich und für einen 
grösseren, nicht bloss gelehrten Leserkreis bestimmt, beruht aber 
durchweg auf streng wissenschaftlicher Grundlage; die für die 
vorgeschichtliche Zeit benutzten Quellen waren die zahlreichen 
im Bromberger Historischen Vereins-Museum aufbewahrten prä- 
historischen Funde von Stein-, Bronce- und Tongeräten; sonst 
sind für die Schilderung die gedruckten Quellen und Literatur- 
werke herangezogen und stets kritisch verwertet, auch für den 



142 



fachmännischen Kenner öfters in den Fussnoten besonders kenntHch 
gemacht; und schliessHch ist wohl auch, namentHch in den 
späteren Zeiten des Verfassers reichliche noch ungedruckte 
archivalische Ausbeute hin und wieder verwendet worden. 

Im ersten Kapitel, das von der ersten historischen Erwähnung 
des Namens Bydgoszcz und seiner Erklärung handelt, gibt der 
Verfasser die bisherigen Hypothesen über die Namensentstehung 
und dann eine eigene uns recht wohl einleuchtende Erklärung, die 
den Stadtnamen von einem damals gebräuchlichen Personennamen 
Bedigostius herleitet. Im IL III. und IV. Kapitel, die die Zeit der 
Burgwälle, die Kämpfe der polnischen Plasten mit den Pommern- 
fürsten und die Zeit der kujawischen Herzöge uns vorführen, 
hat der Verfasser mit grossem Geschick versucht an der Hand 
von historischen Quellenstellen und kulturgeschichtlichen Funden 
uns die Szenen aus jenen Perioden zu zeichnen, die bei streng 
historischer Treue durch eine glücklich ergänzende Phantasie uns 
das damalige Kulturleben im alten Bromberg so plastisch und 
anschaulich schildern, dass der Leser sich an die Bilder deutschen 
Kulturlebens in Gustav Freytags Ahnen voll ähnlich plastischer 
Darstellung erinnert fühlt. An die Erzählung der auch für die 
Bromberger Burg bedeutungsvollen Kämpfe König Wladislaw 
Lokieteks mit dem Deutschorden schliesst im VI. und VII. Kapitel 
sich die Jagellonenzeit an, in der die Burg Bydgoszcz Sitz der 
Bromberger Starosten war, unter denen namentlich die Koscielskis 
hervorragen. Im Burggarten ist damals, 1480, das Bernardiner- 
Kloster errichtet worden, dessen Chronik von Schmidt heraus- 
gegeben eine wichtige auch in dieser vorliegenden Schrift öfters 
benutzte Quelle für die Bromberger Geschichte im 17. und 18. 
Jahrhundert ist. Das der Schwedenzeit gewidmete Kapitel VIII 
berichtet uns von der endgiltigen Zerstörung der alten Burg 1657, 
von der Bromberger Zusammenkunft des Grossen Kurfürsten mit 
dem Polenkönig Johann Casimir und von dem -Überfall der Stadt 
durch die Schweden 1658 (nach den von Schwartz in der Zeit- 
schrift der Hist. Ges. Bd. VI gemachten Angaben). Das folgende 
IX. Kapitel behandelt die Kriege des 18. Jahrhunderts, d. h. den 
polnischen Erbfolgekrieg, wo sächsische, und den siebenjährigen 
Krieg, wo preussische Truppen Bromberg besetzten, und bespricht 
Brenkenhofs Kulturarbeit in dem 1772 preussisch gewordenen 
Netzedistrikt, einer Zeit, in der die alte Burgruine die Steine für 
die neue Husarenkaserne lieferte. Nach einer Schilderung von 
Brombergs Schicksalen im polnischen Aufstand von 1794 erzählt 
der Verfasser im X. Kapitel von der Franzosenzeit von 1807 — 15, 
im XL, letzten Kapitel vom Ende der Burg und ihrer Besingung 
in Dichtung und Sage. Vier beigegebene Bilder veranschaulichen 
den Zustand der Burgruine seit dem Jahre 1657. K. Schottmüller. 



143 



Kietz G. M., Ceterum censeo. Zur Einführung in die 
Polenfrage. Leipzig 1902. Historisch-Politischer Verlag. 78 S. 1 Mk. 

Der Verfasser will in 78 Seiten die Polenfrage von ihren 
Anfängen an unter beständiger Prüfung ihrer Bedeutung für die 
Gegenwart behandeln, um allen denen die Augen zu öffnen, die 
an eine grosspolnische Agitation nicht glauben. Darnach ist es 
natürlich, dass die ganze polnische Geschichte in telegraphischer 
kürze erledigt wird. Auf den ersten 15 Seiten, die überschrieben 
sind, „die Geschichte ist das Weltgericht", werden die Wahlkönige 
und die unter ihnen entstandene Misswirtschaft behandelt. 

Das zweite Kapitel: „Die Zeit der Revolutionen und der 
Polenschwärmerei", zeigt die Belesenheit des Verfassers; indem 
er hier von den verschiedenen deutschen Schriftstellern, die den 
Polen geneigt waren, z. B. von Seume, Hauff, Lenau, Moser, 
Platen Äusserungen wiedergibt. Er erwähnt ferner das Wort 
Napoleons I. an Narbonne: Täuschen Sie sich nicht, die Wieder- 
auferstehung eines halb republikanischen Polen wäre eine ganz andere 
Verlegenheit für Europa als es dessen Fortbestand gewesen sein 
würde. Dann werden die Revolutionen von 1830 und 1848 erörtert. 

Das dritte Kapitel S. 43 — 53 soll den polnischen Klerus 
und die Revolution von 1861 — 64 in Russland schildern. Das 
Thorner Blutgericht und die Behandlung, welche Nichkatholiken 
im alten Polen zu erfahren hatten, werden gestreift, dann bemerkt, 
wie Napoleon I. mit der Geistlichkeit umzugehen pflegte, nachher 
wird kurz der Aufstand von 1863 berührt. 

Im vierten Kapitel S. 54 — 72 beschäftigt sich der Ver- 
fasser mit der Polenpolitik der preussischen Staats-Regierung seit 
1870. Bismarcks Reden und seine Gedanken und Erinnerungen 
werden verwandt. Auf die eigenen Vorschläge und Anschau- 
ungen des Verfassers einzugehen, ist hier nicht der Platz. Als 
charakteristisches Merkmal sei nur erwähnt, dass der Verfasser, 
der als Leiter einer Zeitung längere Zeit in Danzig gelebt hat, An- 
siedelungskommission und Generalkommission nicht unterscheiden 
kann. Er paukt auf der Ansiedelungskommission und deren Beamte 
herum, während er tatsächlich die Generalkommission meint. 
Wenn das schon einem Ostmärker passiert, was soll man dann 
vom einem Westelbier verlangen dürfen? L. Wegen er. 

„Aus Peter Vischers Werkstatt" benennt sich ein 
Aufsatz, welcher aus dem Nachlass Otto Buchners in Weimar 
im Repertorium für Kunstwissenschaft Bd. XXVII S. 142 mit- 
geteilt wird und die Messinggrabplatten der Vischerschen Hütte 
bis zum zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts in übersicht- 
licher Zusammenstellung behandelt. So sehr auch die Berück- 
sichtigung der Platten aus dem Gebiete der Provinz Posen er- 
freut, so wäre, um das kunstwissenschaftliche Urteil nicht zu 



144 



verwirren, es doch erwünscht gewesen, dass der Herausgeber 
sich darüber geäussert hätte, wann der Aufsatz niedergeschrieben 
wurde, und ob der Verfasser die von ihm genannten Platten 
aus dem Augenschein kannte. Wenigstens scheint er die 
Posener Platten nur auf Grund der Veröffentlichungen der Zeit- 
schrift unserer Gesellschaft beurteilt zu haben, des Aufsatzes 
von Bergau Bd. II S. 177 und meines 1892 gehaltenen Vortrags 
Bd. VII S. 485. Die Platte des Woiwoden Lukas Gorka im 
Dome zu Posen wird unmittelbar den Platten in Fürstenwalde 
und Breslau angeschlossen, weil auf allen „die Köpfe in flachem 
Relief" hergestellt seien; nun treten aber auf den letzteren 
Platten die Köpfe in derber Weise, fast knopfartig aus der 
Fläche heraus, während der Kopf des Lukas Gorka wie auf einer 
Münze modelliert ist. Neben die Platten des Hochmeisters 
Friedrich und der Herzogin Sidonie, beide t 1510, im Dome 
zu Meissen wird die des Woiwoden Andreas Szamotulski f 1511 
in der Pfarrkirche zu Samter gestellt, obwohl diese eine erheb- 
lich freiere und um mehrere Jahre jüngere Auffassung bekundet. 
Für die Zeitstellung der Platten dürfen die Todesjahre der Ver- 
storbenen nur bedingungsweise massgebend sein. Es ist wohl 
nicht überflüssig daran zu erinnern, dass die Messingplatte 
über dem Grabe des Nikolaus Tomicki t 1478 in der Kirche 
zu Tomice, Kreis Posen-West, auf deren Abbildung ich im Ver~ 
zeichniss der Kunstdenkmäler wegen der Schwierigkeiten und 
der Kosten zu meinem Bedauern verzichten musste, inschrift- 
lich 1524, d. h. erst 46 Jahre nach dem Tode des Verstorbenen 
hergestellt wurde. J. Kohte. 



Nachrichten. 



Die Hauptversammlung des Gesamtvereins der 
deutschen Geschichts- und Altertumsvereine findet vom 
8. bis 11. August in Danzig statt. Zur Teilnahme sind die Mit- 
glieder der Historischen Gesellschaft berechtigt. Einen Auszug des 
Programms veröffentlichen wir auf dem Umschlag dieses Heftes.. 



Historische Abteilung der Deutsclien Gesollscliaft für Kunst und Wissenscliaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 
Dienstag, den 13. September 1904, Abends 8V2 Uhr, im^ 
Restaurant „Wilhelma", Wilhelmstr. 7 

BVIonatssitzung. 

Tagesordnung: Bericht über die Generalversammlung der 
Geschichts- und Altertumsvereine zu Danzig vom 8. — 11. August 1904. 

Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen. — Verlag der Historischen Gesellschaft für die Pro- 
vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Bromberg. 
Druck der Hof buchdruckerei W. Decker & Co., Posen. 




HISTORISCHE 
MOriPiTS BLATTER 

für die Provinz Posen 




Jahrgang V Posen, Oktober 1904 Mr. 10 



Wotschke Th., Ein Friedenskongress zu Posen S. 145. — Koerth A., 
Allerlei Volksglauben aus dem plattdeutschen Teile unserer Provinz S. 149. 
Literarische Mitteilungen S. 156. — Bekanntmachung S. 160. 



Ein Friedenskongress zu Posen. 

Von 
Th. Wotschke. 




eitdem auf Mohacz blutiger Walstatt der jugendliche 
König Ludwig am 28. August 1526 den Heldentod 
gestorben, zerfleischten Krieg, Aufruhr und Verwüstung 
das unglückliche Ungarn. In heissen Kämpfen stritten der 
Wojwode von Siebenbürgen Johann Zapolya und Kaiser Karls V. 
Bruder Ferdinand von Österreich um die Stephanskrone, und um 
das Elend voll zu machen, überflutete der Türke Jahr für Jahr 
das arme Land mit seinen wilden Horden. Bis unter die Mauern 
Wiens pflanzte er 1529 den Halbmond auf. Die Gefahr, die der 
ganzen Christenheit durch den mächtigen Soliman drohte, be- 
stimmte die Diplomaten den Versuch zu wagen, die unglücklichen 
Kämpfe in Ungarn beizulegen und Frieden zwischen den beiden 
Kronprätendenten zu stiften. Sigismund L von Polen und Herzog 
Georg von Sachsen boten Anfang des Jahres 1530 ihre Ver- 
mittlung an und fanden bei Zapolya wie Ferdinand Entgegen- 
l^ommen, beide erklärten sich bereit, Gesandte zu Friedens- 
verhandlungen zu schicken. Als Ort derselben wurde nach 
anfänglichem Schwanken Posen bestimmt. 

Etwa Mitte Oktober^) traten hier die Diplomaten zusammen. 
Der polnische König hatte zu Friedensvermittlern seinen Kanzler 



1) Es ist unrichtig, wenn Fessler in seiner Geschichte Ungarns 
.(Leipzig 1874) III S. 445 die Bevollmächtigten erst im November zusammen- 
treten lässt. Am 2L Oktober schreibt der polnische Kanzler Schidlowitz 

10 



146 



Christoph von Schidlowitz und die Bischöfe Johann Latalski von 
Posen und den bel^annten Andreas Krzycki^) von Plock ernannt^ 
ausserdem beteiHgten sich an den Verhandlungen von polnischen 
Magnaten der Generalstarost von Grosspolen Lucas Görka und 
der Graf Johann von Tarnow. Georg der Bärtige hatte aus 
Dresden seinen Kanzler Simon Pistoris und den Meissener Bi- 
schof Johann von Schleinitz, Herzog Albrecht aus Königsberg 
seinen Geschäftsträger Felix von Alten geschickt. Die Bevoll- 
mächtigten König Ferdinands waren der Bischof von Breslau 
Jakob von Salza sowie die Räte Sigmund Dietrichstein, Albert 
Pernstein, Johann Pflug, Sigmund Heberstein und Beatus Wid- 
mann. Der Wojwode von Siebenbürgen Hess sich vertreten 
durch seinen Kanzler Stephan Verböczy, den Erzbischof von 
Kalocza, Franz Frangepan, Franz Homannay und den Bischof 
von Vesprim Johann Laski, den späteren Reformator. Die Ver- 
handlungen hatten schon begonnen, als am 21. Oktober noch 
dessen ältester Bruder Hieronymus Laski, einer der eifrigsten 
Parteigänger Zapolyas, in Posen eintraf. 

Die Augen von ganz Europa waren auf Grosspolens Haupt- 
stadt gerichtet'^). Neben dem Augsburger Reichstage hielt nichts 
in jenem Jahre die Gemüter so in Spannung als die Posener 
Verhandlungen, hing es doch von ihnen ab, ob Kaiser Karl V. 
freie Hand gegen die Evangelischen bekommen und seinen Reichs- 
tagsabschied vom 22. September würde aufrecht erhalten können l 
Deutlich empfand man es aller Orten im Reiche, dass hier über 
Deutschlands Geschick im nächsten Jahrzehnt entschieden würde. 

Schroff machten beide Parteien ihre Forderungen geltend^ 
und die Bemühungen der Vermittler vermochten nicht ein gegen- 
seitiges Entgegenkommen zu erzielen. Besonders die Bevoll- 
mächtigten Zapolyas waren zu keinem wirklichen Verzicht bereit^). 

aus Posen an Herzog Albrecht „quoniam sumus adhuc in medio consul- 
tationum promoventes modis omnibus pacem apud utriusque regis oratores 
hie praesentes, ideo placuit retinere adhuc d. Foelicem, ut absoluto con- 
ventu possim per illum Viam lUmam Dnem cle omnibus certiorem facere. 
Magno adiumento nobis sunt in hac causa pacis oratores illustrissimi ducis 
Georgii Misnensis, quorum unus est episcopus Misnensis, alter cancellarius 
ducalis doctor Simon Pistoris, sed partes maxime inter se differunt, uterque 
rex regnum vult obtinere. Magnificus d. Hieronymus a Lasco hodie 
huc veniet, quem sui collegae cum magno desiderio expectant." 

1) Krzycki, der bekanntlich 1536 den Gnesener erzbischöflichen 
Stuhl bestieg, war ein Kind unserer Provinz; 1483 war er im Fraustädter 
Kreise geboren. 

2) Schidlowitz schreibt unter dem 23. Oktober aus Posen dem. 
Herzoge: „ut totus orbis ita, ni fallor, Illma Dtio Vra erexit aures et 
aperuit oculos in hunc conventum Poznaniensem." 

3) „Hi", berichtet Schidlowitz, „dicunt, quod si per decennium 
tractare hie debeamus, nunquam persuadere pote rimus, ut Joannes regno 
cedat.« 



147 



In Hinblick auf die machtvolle Unterstützung, die der Moslem 
ihrem Herrn gewährte, in Erwägung, dass nach dem Augsburger 
Reichstage Kaiser Karl seinem Bruder keine Unterstützung würde 
zu teil werden lassen können, meinten sie die grössten Opfer 
von dem Gegner ertrotzen zu können. Sie forderten also nichts 
Geringeres, als dass Ferdinand auf Ungarn verzichte und mit 
dem Rechte der Nachfolge, falls Zapolya ohne männliche Erben 
stürbe, sich begnüge. Ihr Anerbieten dagegen, zu Ferdinands 
Gunsten alle Ansprüche der ungarischen Krone auf Mähren und 
Schlesien aufgeben zu wollen, sagte nicht viel, da Zapolya 
in diesen Provinzen ohne jeden Anhang war. Der Nachdruck, 
mit dem besonders die Laski betonten, dass ein anderer Friede 
ihres Herrn mit Ferdinand schon mit Rücksicht auf den Türken 
nicht möglich wäre, da Soliman den Habsburger nimmer als 
König von Ungarn anerkennen würde^), bestimmte die polnischen 
Vermittler, im Ganzen dem Vorschlage zuzustimmen. Um ihn 
der Gegenpartei aber annehmbarer zu machen, fügten sie die 
Klausel hinzu, Ferdinand möge den Teil Ungarns, den er gegen- 
wärtig besitze, so lange behalten, bis Johann eine grössere 
Geldsumme gezahlt habe. Ferdinand dachte aber nicht daran, 
Ungarn aufzugeben, eine so weitgehende Vollmacht hatten seine 
Gesandten auch nicht erhalten, und so war ein Friede nicht zu 
erzielen. Die polnischen Vermittler mussten zufrieden sein, beide 
Parteien wenigstens auf einen einjährigen Waffenstillstand einigen 
zu können. Um die Zustimmung ihrer Herren einzuholen und 
dieselbe dem König Sigismund in Petrikau zwecks Ratifizierung 
des Waffenstillstandes zu überreichen, verliessen nach dem 
10. November die Gesandten Posens Mauern. König Ferdinands 
Räte hatten in den letzten Tagen mit dem Kanzler Schidlowitz 
noch über die Aussichten einer ehelichen Verbindung zwischen 
dem polnischen Thronfolger und Elisabeth von Österreich ver- 
handelt^). 



^) Grosses Aufsehen machte im Verlauf der Verhandlungen ein 
Schreiben Solimans an den polnischen König, das Drohungen gegen 
Ferdinand wie das ganze Abendland enthielt. Eine Abschrift desselben 
legte Schidlowitz seinem Briefe vom 29. Oktober nach Königsberg bei. 

2) Posen, den 11. November schreibt Schidlowitz: „Egimus hie 
duplex negotium, unum pacis et concordiae, alterum connubiorum inter 
serenissimum dominum Sigismundum Augustum et serenissimam filiam 
natu maiorem d. regis Ferdinandi. In superiori causa quantum laboris 
et diligentiae per me alioqui non integra valetudine existentem adhibitum 
est, id d. Felix JUmae j^ni yiae dicet, et post tot et tarn magnos 
labores res alio deduci non potuit nisi ad inducias unius anni". Wieder 
Kanzler ferner aus Petrikau unter dem 14. Dezember nach Königsberg 
berichtet, konnte der Waffenstillstand nicht ratifiziert werden, weil 
kein Abgeordneter Johanns mit dem versiegelten Vertragsbrief bei dem 
polnischen Könige erschien. Vergl. auch den Bericht des bayrischen 

10* 



148 



Es ist selbstverständlich, dass die vielen fremden Diplo- 
maten mit ihrem Gefolge und ihren zahlreichen Dienern in den 
vier Wochen, da sie in Posen weilten, das städtische Leben 
beherrschten. Boten kamen und gingen an die verschiedensten 
Höfe, die Kaufherren benutzten die Gelegenheit mittelst der 
Gesandten neue Handelsverbindungen - anzuknüpfen, neue Frei- 
heiten und Gerechtsame sich zu erwirken. In dem Palaste des 
Bischofs, den Herbergen der polnischen Magnaten und fremden 
Gesandten folgte ein rauschendes Fest dem anderen. Auch im 
Schlosse des Generalstarosten herrschte fröhliches Treiben. Wohl 
hatte Görka in eben diesen Tagen, am Sonntag, den 15. Oktober seine 
Gattin durch den Tod verloren, aber mit einem glänzenden, 
prunkvollen Begräbnis, das die Fremden mit Staunen betrachteten 
und von dessen Pracht sie in der Heimat noch lange erzählten^), 
meinte er seiner Trauer genug getan zu haben. Als ihm seine 
Schwiegertochter gleich darauf ein Enkeltöchterchen schenkte, 
feierte er dessen Geburt und zugleich die Hochzeit seiner 
Tochter Katharina am Mittwoch, den 9. November in einem glän- 
zenden Feste, zu dem sämtliche Diplomaten und die ersten Fa- 
milien des grosspolnischen Adels geladen waren. Über die 
Trauer und Freude, die in jenen Tagen durch sein Haus gingen, 
berichtet er selbst unter dem 12. November seinem herzoglichen 
Gönner nach Königsberg : „Non dubito ad aures lU"'^^ V^'' 
Cels"^^ pervenisse, praesertim quomodo coniunx mea dominica die 
ante festum Lucae Evangelistae extremum vitae diem obierit. 
Nunc vero scire velit, quod et nurus mea me femina nepte, filium 
vero meum nata primogenita locupletavit, cuius diem natalem, 
filiae vero meae Catharinae nuptialem, quam domino Odrowasce 
matrimonio copulavi, die Mercurii praeterita tot clarissimorum 
virorum, quorum hie fuit conventio, invitatione celebravi unoque 
mense et carae coniugis funus extuli et neptis natalem eundem- 
que nuptialem filiae diem egi". 



Sekretärs Michael Kresdorfer „des frids vnd anstands halben zu Possna 
beschlossen" in den Quellen zur bayrischen und deutschen Geschichte. 
München 1857. Bd. IV. S. 105. 

1) Durch die sächsischen Gesandten hat vermutlich Johann Coch- 
läus davon gehört. Im Jahre 1534 widmete er dem Grafen das 
Schriftchen: „Confutaüo abbreviata adversus Didymum Faventinum 
Philippi Melanchthonis olim scripta nunc primum edita" und in der Zu- 
eignung vom 14. August preist er des Grafen „singularis et eximia 
pietas, cuius praeclarum specimen ante annos quinque publice ostendisti 
in obitu tuae coniugis, in cuius funere adeo magnificam exhibuisti in 
sacerdotes et monachos aliosque pauperes eleemosynarum iargitatem ac 
tam splendidum funebris pompae decorem, ut nihil possit dici vel magni- 
ficentius vel magis pium". 



149 



Allerlei Volksglauben 
aus dem plattdeutschen Teile unserer Provinz. 

Von 
A. Koerth. 

n meinem jetzigen Wirkungskreise, unserer Hopfengegend, 
SKj sah ich hin und wieder nach Weihnachten die Obst- 
^ bäume mit Strohseilen umbunden. Das erinnert mich 
dann stets an meine Jugendzeit auf einem Dorfe der platt- 
deutschen Gegend unserer Provinz bei Rogasen, wo ich das- 
selbe manchmal beobachten konnte. Freilich wurden da nicht 
alle Bäume „gebunden", und dann geschah es auch nicht zu 
demselben Zweck, wie hier. Man erzählte mir hier nämlich, dass 
es ein alter Glaube sei (mancher nannte das freilich schon einen 
alten dummen Aberglauben), wenn die Obstbäume am Christ- 
abende, nach der Christpredigt, so gebunden würden, dann 
trügen sie in dem kommenden Sommer sehr reichlich Früchte. 
Manche nahmen dazu das Stroh, das die Ehre gehabt hat, der 
frisch gekochten Wurst bei dem Schlachtfest als Ruhelager ge- 
dient zu haben. Das soll dann ganz besonders gut wirken. 
Bei uns wusste man von diesem guten Mittel zur Beförderung 
des Fruchtreichtums nichts. Aber sonst schrieb man einem 
solchen Sirohseil an dem Obstbaum doch auch eine m.erk- 
würdige Wunderkraft zu. Wenn nämlich jemand vom Fieber 
schlimm geplagt wurde, das im Plattdeutschen den es trefflich 
charakterisierenden Namen „Frost" führt, dann musste es von 
einem andern „angebunden" werden, und es verlies ihn. Zu 
diesem Zwecke band man genau bei Sonnenaufgang ein Stroh- 
seil um einen Baum und sprach dabei eine Beschwörungsformel, 
die lautete: „Goudo Morcho, du Olle! Ick bring die ano 
Wahmo und Kollo; Da Wahmo (Kollo) schasst du behollo." 
(Guten Morgen du Alter! Ich bring Dir einen Warmen und 
Kalten ; den Warmen (Kalten) sollst du behalten). Zum Schluss 
wurde der Name des dreieinigen Gottes angerufen. Half es nicht 
beim ersten Male, dann wurde das Anbinden wiederholt. 

Nicht minder wunderbar suchte man den Kopfschmerzen 
beizukommen. Als Ursache für dieselben sah man, wenn man 
sich sonst keiner anderen bewust war, das „Verrufen" (Verrupo) 
an. Das war nämlich eine Kunst der Hexen, an die man wohl 
noch heute mehr glaubt, als man denken sollte. Dieses Ver- 
rufen sollte meist gebannt werden können durch datt Verrupe- 
wut (Verrufwasser). In ein Trinkgefäss voll Wasser wurden 
abwechselnd glühende Holzskohltückchen und Stücken von recht 
harter Brotrinde geworfen ; nach jedem Einwurf wurde das Zeichen, 



150 



des Kreuzes gemacht und leise gesprochen: Im Namen des 
Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes. Je mehr Kohlen- 
stückchen zu Boden gesunken waren, (upp da Grund günge, as 
grot Steene), desto stärker war das Verrufen und desto mehr von 
dieser seltsamen Medizin musste der Patient trinken. Auch hier- 
bei wurde die Kur bei dem erstmaligen Fehlschlagen wieder- 
holt bis die Kopfschmerzen vergingen. Vielleicht dürfte man 
hier den etwaigen Erfolg dem Wasser an sich zuschreiben und 
so würden diese Heilerfolge nur eine Bestätigung der Devise 
des Naturheilverfahrens sein: Wasser tuts freiHch. 

Der böswilligen Einwirkung der Hexen schrieb man die 
verschiedensten Krankheiten zu. Besonders waren es die Frauen, 
die sich so leicht behext fühlten, aber auch schon den Kindern 
widerfuhr das Unglück. V/enn man es noch nicht wusste, so 
sagte das die kluge Frau, bei der stets Rat geholt wurde. Das 
kommt ja auch noch heute in manchen Gegenden häufig vor, und 
staunenswert, ja vielleicht auch beachtenswert sind die Offen- 
barungen, die solche klugen Frauen gemacht haben, nicht minder 
die Heilerfolge, oft dort, wo die Kunst der Äerzte schon versagt 
hatte. ' Am meisten Aufsehen erregte es natürlich, wenn diese 
weise Frau gleich sagen konnte, unter welchen näheren Um- 
ständen der Kranke behext worden wäre. Das kann die wissen, 
denn ein Düwa secht a datt (denn ein Teufel sagt ihr das), 
ebenso v/ie ja auch die Kunst des Hexens eine ganz besondere 
Gabe des Teufels ist. Freilich glaubt man auch, sie vererbe sich 
oder könne absichtlich vererbt werden ; das bezeugt das gangbare 
Sprichwort: „Mutte dan Hex, Dochte dan Hex" (Mutter eine Hexe, 
Tochter eine Hexe). 

Auf mancherlei Weise kann das Behexen geschehen; schon 
durch einen bösen Blick; aber auch ein recht freundlicher, wie 
„söüt Melk" (süsse Milch) kann oft dieselbe Wirkung haben; 
besonders ängstlich vermeidet man es, bei einer als Hexe ver- 
schrieenen Frau irgend etwas zu geniessen. Fürchtete man aber, 
sie durch Abschlagen des Gebotenen zu beleidigen und ihren 
Zorn zu erregen, so suchten sich alte Leute dadurch zu schützen, 
dass sie ganz heimlich vor dem Genuss des Dargereichten 
beteten: „Jap leiw Gott, Herr Jesu Christ! Düwa, fühe rute 
wöhei du weist." („Hilf lieber Gott, Herr Jesu Christ! Teufel, 
fahr' heraus! wohin du willst"). Davon wussten sie auch zu er- 
zählen zur Bekräftigung: Ein Hexenmeister wollte einst einem 
guten Nachbar auch etwas antun. Da nötigte er ihn freundlich 
zu sich in die Stube und bot ihm hier einen Schnaps an. Der 
Nachbar wollte ihn nicht trinken, aber weil jener ganz böse tat, 
da er ihn verachtete, so nahm er ihn an, betete aber vorher das 
bewusste Sprüchlein. Kaum hatte er die letzten Worte gesagt, 



151 



da fiel der Boden des Glases klirrend auf die Diele, woher der 
andere Teil des Glases ganz unversehrt in seiner Hand war. 
Der Teufel, den er ihm eingeben wollte, hatte den Boden her- 
ausgedrückt um zu fliehen, da er den Namen des Herrn nicht 
hören kann. — Ähnlich kann man auch jede andere Gabe un- 
schädlich machen, sagten die Alten. 

Doch auch ohne solche handgreiflichen und essbaren 
Medien konnte man behext und eine Wohnung des Teufels 
werden. So soll einst eine kluge Frau von einem Besessenen 
gesagt haben, in ihn seien drei Teufel gefahren in Gestalt dreier 
Mücken, die er an einem Sommerabend zufällig verschluckt hätte. 
Das letztere stimmte auch nach dessen Aussage und nach 
einigem Nachdenken fand man dann auch heraus, dass sich seit 
jener Zeit die Krankheit bei ihm gezeigt habe. Diesen Teufel 
durch Beelzebub auszutreiben, war dann die Aufgabe solcher 
klugen Frauen und zwar durch Beten und segnen. Manchmal soll 
■es nicht gelungen sein, weil ihr Geist nicht stark genug war, und 
weil sich der Kranke zu ungeduldig gebärdete, eben eine Folge 
des in ihm hausenden Teufels. Es ist dabei oft zu recht auf- 
regenden Szenen gekommen, wenn der Teufel des Kranken 
stärker war, und alles Beten, Segnen und Beschwören ihn nicht 
vertreiben wollte, da nahm die Wunderfrau wohl schliesslich den 
Besen und trieb — alle hinaus. 

Seltsam bleibt es immer, wie genau diese Frau die näheren 
Umstände beschreiben konnte, unter denen das Behexen und 
Antun vor sich gegangen ist: Da ist es geschehen auf einem 
grünen Rasen am Kreuzweg, v/o das Kind gern spielte und wo 
die bewusste gefährliche Person täglich vorbeikam und stets 
recht freundlich gesprochen habe. Die Folge war, dass das 
arme Kind bald abmagerte, stets Kopfschmerzen hatte und dann 
zur Besserung, zur Hebung des bösen Blickes, „Klattero** 
(Weichselzöpfe) tragen muss, nach dem Rate der klugen Frau; 
d. h. die Haare durften nicht gekämmt werden und so gab es 
^Klattero." — Ein andermal ist es wieder ein Mann gewesen, 
der auf offener Strasse einer Frau mit der Faust gedroht habe 
und es ihr so stark angetan habe, dass dieser Bann erst ge- 
hoben werden konnte, wenn die arme Frau siebenmal „Klafteren" ge- 
tragen hat. Meist wurde dieser seltsame Kopfputz ein ganzes Jahr 
getragen, dann in einer Neumondnacht abgeschnitten und ver- 
graben. Merkwürdigerweise waren es stets die doch sonst eitlen 
Frauen, die sich bereitwilligst „Klaftern" wachsen Hessen, wenn es die 
kluge Frau gesagt hatte. Sie fielen bei ihnen garnicht so auf, da die 
Haare ja meist mit einem kleinem Tuche bedeckt werden. 

Ja, oft weiss die kluge Frau auch den Namen der Hexe 
oder des Hexenmeisters, sagt ihn aber in der Regel nicht. 



152 



sondern begnügt sich mit hinreichenden Andeutungen. Die alten 
Frauen wussten zu erzählen: Einmal habe eine solche weise 
Frau einem Manne, den sie gerade segnete, gesagt: da fährt 
derselbe vorbei, der es Ihnen angetan hat. Sogleich sei dieser 
durch das Fenster gesprungen, habe das Fensterkreuz herausgerissen? 
und sei hinter dem hergelaufen, um sich augenblickHch an ihm zu 
rächen. Der aber habe, von seinem Teufel gewarnt, ohne sich 
umgesehen zu haben, plötzlich auf die Pferde losgeschlagen, so- 
dass sein Verfolger ihn nicht einholen konnte. Doch soll das- 
schon ziemlich lange hergewesen sein ; man wusste auch nicht 
mehr recht, wer das erzählt habe, und so fing man stets an: 
Jangout vetjallt imme! (Jener gute erzählte immer). 

Über die Heilerfolge solcher Frauen wurden und werden 
ja auch wohl noch heute Wunderdinge erzählt. Sie beruhen nicht 
blos auf dem Segnen und Beten, sondern auch allerlei Tropfen^ 
Salben und Kräuter finden Verwendung, die sie aus der Apotheke 
verschrieben. Wegleugnen lassen sie sich auch nicht so> 
schlechthin. Interessant wäre es immer, zu erforschen, wieweit 
dabei z. B. Suggestion u. a. in Betracht kommen kann. 

Aber nicht blos den Menschen können die Hexen Böses 
antun, sondern auch dem lieben Vieh den Kühen, Schweinen 
und Pferden. Besonders gefährlich ist nach dem Glauben der 
Alten da die Wallpurgisnacht, oder wie sie im Plattdeutschen 
heisst, „Wollboocho", wenn die Hexen auf den Besen nach 
dem „Blocksbaach" (Blocksberg) reiten und dort mit dem Teufel 
ein wildes Bachanal abhalten. Um die Ställe in dieser Nacht vor 
solchem unliebsamen Besuch zu feien, wurden die Stallthüren 
mit einem grossen schwarzen Kreuz mittelst einer Holzkohle 
geziert, damit die Hexen ja nicht dem Vieh einen Schaber- 
nack spielen. 

Ganz besonders haben die Kühe unter ihnen zu leiden. 
Sie können es nämlich fertig bringen, dass die Kühe ihrer 
lieben Nachbarn keine Milch geben, dafür geben dann die ihrigen 
umsomehr. 

Auch dafür wussten die alten Grossmütter manche Beleg- 
geschichte. Die Hexen konnten sich, so berichteten sie mit be- 
redten Zungen, in Tiere verwandeln: Katzen, Hasen, Schweine, 
doch sei stets etwas, was ein solches Tier von den anderen dieser 
Art unterscheide, meist habe es nur drei Beine. In dieser Ge- 
stalt schlichen sie sich meist in der Gespensterstunde, aber oft 
auch am hellen lichten Tage zu den Tieren und täten es ihnen, 
an. Aber auch zu jeder andern Zeit machten sie die unheil- 
bringende Visite beim lieben Vieh. So erzählte man sich: An 
einem Abend wollte eine Frau zum Melken gehen. Da hörte 
sie aus dem Kuhstall im geliebten Platt dies Verschen: 



153 



„Stripp, strapp, stroll, 
Giff da Mutte PjoU voll." 
Nichts Gutes ahnend machte sie leise die Stalltür auf und griff 
nach der Gabel, da kam ihr auch schon der dreibeinige Hase: 
entgegengelaufen und lachend rannte er vom Hofe. Die Gabel, 
die ihm von der erzürnten Frau nachgeworfen wurde, traf ihn; 
leider nicht mehr. 

Darin hatte jener Mann mehr Glück, der am hellen Mittage 
in seinem Kuhstall eine fremde Sau antraf. Er wusste gleich, 
wer das war, ergriff auch die Gabel, rannte der eilig fliehenden 
nach und stach sie tot. Bald nacher kam sein Nachbar zu ihm: 
und sagte ihm, seine Frau sei plötzlich gestorben. Sie habe 
sich über Mittag nur aufs Bett gelegt und jetzt sei sie tot. Als- 
man sie genauer untersuchte, hatte sie auf dem Rücken ein Loch., 
Der Nachbar hatte in der Sau also auch sie totgestochen. Das 
selbst schien vielen von den gläubigen Alten etwas zu stark, und 
man setzte deshalb stets hinzu: Datt iss a lang hä (Das ist 
schon lange her). 

Doch nicht nur mit Hexen und Hexenmeistern schliesst der 
Teufel einen Bund, und verleiht ihnen diese Gabe, sondern auch.- 
mit anderen Staubgeborenen und unter anderen Bedingungen und 
zu anderen Zwecken. Verständlich ist es, dass er meist dazu, 
kommt, seinen Freunden Geld zu bringen. Seltsamerweise 
glaubte man das von den meisten von jenen verstorbenen Leuten, 
meist Gutsbesitzern, die Freimaurer waren. Denen trägt er es 
in rabenfinsteren Nächten durch den Schornstein zu ; er nimmt 
dann stets die Gestalt eines feurigen Drachen an und zieht so 
durch die Lüfte. In solchen Nächten soll er es auch lieben, sie 
abzuholen, wenn ihre Zeit um ist. Meist geschieht dabei etwas. 
Wunderbares. 

Aber auch in recht unscheinbarer Gestalt sucht er sicli 
manchmal erst irgend wo einzuschmeicheln ; dafür wusste man: 
folgende, wircklich passierte Geschichte : Zu einer Bauersfrau, 
kam an einem regnerischen Abende ein kleines schwarzes; 
Hühnchen ängstlich schreiend. Sie Hess es in die Stube; dort, 
suchte es sich ein warmes Plätzchen auf dem Herd, denn es- 
war ganz durchnässt. Am nächsten Morgen lag vor ihm auf 
dem Herde — ein Häufchen Roggen, der Frau fiel es auf; doch 
glaubte sie, es habe die Körner aus der Schüssel genommen, die 
sie mit Roggenkörnern auf die warme Platte gestellt hatte, um: 
sie am nächsten Morgen zu rösten und unter die Kaffeebohnert 
zu mischen. Sie Hess das Hühnchen hinaus, damit es dahin gehen- 
sollte, wohin es gehörte ; aber am Abend stellte es sich wieder 
ein, suchte wieder seinen Platz auf und am nächsten Morgen lag ein- 
noch grösseres Roggenhäufchen vor ihm. Jetzt wusste die Frau,, 



154 



dass dies der Teufel sei, der sich bei ihr auf diese Weise ein- 
schmeicheln wollte. Sie zeigte aber wenig Neigung, einen Packl: 
mit ihm zu schliessen, nahm das Küchlein, trug es von dem 
Hofe auf die Strasse und sagte: Ich will mit dir nichts zu tun 
haben. Sie machte noch das Zeichen des Kreuzes hinter ihm. 
Da lief das Hühnchen schnell in ein Getreidefeld, aus dem dann 
ein teufliches Lachen ertönte. 

Und so wusste man sich noch manches von dem Teufel 
•ZU erzählen, wie er sich Mühe gibt, eine Seele zu gewinnen. 
Da erscheint er ganz so, wie ihn Goethe im Faust zeichnet, als 
-edler Junker mit dem Pferdefuss, tanzt mit einer Dorfschönen, 
die als leidenschaftliche Tänzerin erklärt hat, sie müsse tanzen 
und sei es auch mit dem Bösen und fliegt dann mit ihr durchs 
Fenster davon. Wenn ein heftiger Sturm tobte, dann sagten die 
Alten, es wird sich wohl einer aufgehängt haben; nun schickt 
der Teufel den Sturm, damit er nicht mehr loskommen soll; der 
weht solange bis die arme Seele in der Hölle ist. 

Doch nun noch einiges über anderen harmloseren alten 
Glauben aus dieser Gegend! Bleiben wir bei den Toten. Wenn 
jemand bald sterben wird, dann meldet er sich bei Verwandten 
und Bekannten an durch ein seltsames unerklärliches Geräusch. 
Sobald einer gestorben war, wurde die Uhr angehalten. Wenn 
der Sarg hinaus getragen worden war, drehte man gleich die 
Stühle um, auf denen er gestanden, damit der Tote nicht wieder 
komme. Von dem Grabe etwas abgepflückt ist nicht gut, denn 
•dann wird man bei Nacht durch den Toten beunruhigt. 

Selstverständlich wollten die Alten auch gern die Zeit 
wissen, wann sie sterben würden. In der Neujahrsnacht, wenn 
man aufwacht, schlug man im Gesangbuch aufs Geratewohl ein 
Lied auf. Aus dem Inhalte glaubt man dann erkennen zu können, 
ob man das Jahr noch durchleben wird, und was sonst das Jahr 
bringen würde. Bei der Trauung schauten Braut und Bräutigam 
nach dem brennenden Lichte auf dem Altar. Wenn sie gleich- 
massig abbrannten, so wussten sie, dass sie kurz hintereinander 
sterben würden. Auf wessen Seite das Licht früher verbrenne, 
der stirbt früher. 

Den ersten Geburtstag des Kindes hielt man für besonders 
geeignet, sein Schicksal und seine Neigungen zu erkunden. Man 
setzte es zu dem Zwecke auf den Tisch und legte allerlei 
herum: ein Häufchen Sand, einen Taler, einen Spiegel, ein Stück 
Brot, ein Buch u. a. m. Aus dem, wonach es zuerst griff, zog 
man dann Schlüsse für seine Zukunft. Griff es z. B. nach dem 
Buch, meist Bibel oder Gesangbuch, dann v/ird es gut lernen; 
"wühlten die kleinen Händchen im Sandhäufchen, so ist das ein 
Zeichen, dass es nicht alt werden wird. 



155 



Doch auch die nächste Zukunft wusste man durch allerlei 
Zeichen zu erforschen, was sie bringen würde. Hörte die auf- 
räumende Hausfrau am Sonnabend vor der Tür eine Elster, Heiste 
genannt, schreien, dann wusste sie, dass der Sonntag ihr einen 
lieben Gast bringen würde. Verirrte sich einmal eine Schwalbe 
auf ihrer Jagd nach Mücken durch das Fenster ins Zimmer, so 
war man gefasst auf einen Brief. Doch kam beides meist selten 
vor, weil man es nicht liebt, die Fenster zu öffnen und weil 
man nicht schreibselige Freunde und Verwandte draussen hatte. 

Ein eigenartiges Jucken in der Hand brachte den Alten 
die wundersüsse Mär, dass sie bald Geld bekommen v/ürden; 
dagegen warnte eine unerklärliche gelbe Färbung des Fingers, 
denn dann stand dem Betreffenden grosser Ärger bevor. Ein 
hartnäckiges Aufstossen, bezeichnend „Schluckupp" genannt, 
meldete, dass jemand in der Ferne an den so Geplagten liebend 
dachte, und nun galt es, zu erraten, wer es sei, um endlich Ruhe 
zu haben vor diesem lästigen Gebreste. — ■ Das Schmerzen des 
Hühnerauges, meist „Heisteoch" (Elsterauge) genannt, verkündete 
Veränderung der Witterung. Auch die Träume, diese „Wunder- 
blicke in die verschleierte Zukunft," lassen das Wetter voraus er- 
kennen. Wenn man von einem Toten träumt, so zeigt das Regen- 
wetter an. Wenn der Hofhund in hellen Nächten den Mond an- 
bellt, oder heult, weil er vielleicht „Lieb im Leibe" hat, und da- 
bei die Schnauze zur Erde kehrt, dann verkündigt er, dass in 
dem Gehöfte bald jemand sterben wird. Sieht er aber nach oben, 
dann kann man sicher sein, dass es in nächster Zeit irgendv/o 
im Dorfe brennen wird. Die alten Leute wissen zu erzählen, 
dass es früher Menschen gegeben hat, die eine Feuersbrunst 
durch das „Besprechen" löschen konnten. Die mussten sich aber 
in das Wasser retten, weil ihnen das Feuer nachfolgt. So er- 
zählt man es sich von einer grossen Feuersbrunst in Rogasen, 
in alter Zeit, wo der „Besprecher" schnell in den See geritten sei. 

Wenn die Alten die Kinder auf der Dorfstrasse beim 
Spielen traurig eigene Weisen singen hörten, dann sagten sie : 
„Del singo eeno wäh" (die singen einen zu Grabe, d. h. es 
wird bald jemand im Dorfe sterben). 

So lebt wohl noch manch „alter Glaube" in der platt- 
deutschen Bevölkerung unserer Provinz; manches von dem hier 
-Aufgeführten ist freilich schon von den Jungen vergessen oder 
wird als dummer Aberglaube verlacht. Manches gehört der Ver- 
.gangenheit an, ist „historisch" geworden und darum dürfte es 
ein Plätzchen in unsern „Historischen Blättern" finden. 



156 

Literarische Mitteilungen 



a) R o e r e n , H. Zur Polenfrage. Hamm i. W. 1902. 80. 63 S. 

b) Eine Beurteilung dieser Schrift im Aprilheft der BibHoteka War- 
szawska von A. R. 1903, Seite 181—185. 

c) Zur polnischen Frage. Von einem Westpreussen ( Deutschland r 
Monatschrift für die gesamte Kultur; herausg. v. Graf v. Hoensbroech^ 
Berlin 1903. No. 5, S. 570—593, No. 6, S. 709—732.) 

Die preussische Verwaltung hat nach des Verfassers Ansicht 
in den östlichen Provinzen dadurch, dass sie der polnisch 
sprechenden Bevölkerung eine staatsrechtliche Gleichstellung mit 
den Angehörigen deutscher Nationalität vorenthält, einen heftigen 
und gefährlichen Kampf nationaler und konfessioneller Gegensätze 
hervorgerufen. Vor allem haben hierzu die Versuche geführt, 
im katholischen Religions-Unterricht der Volksschule die pol- 
nische Sprache zu beseitigen und an ihre Stelle die deutsche zu 
setzen. Roeren hält dies vom pädagogischen, religiösen und 
politischen Standpunkt aus für verkehrt und weist die Folgen 
dieser Massregeln an der Wreschner Angelegenheit nach. 

Als ein zweites Symptom der verderblichen Polenpolitik 
wird der Gym.nasiasten-Prozess herangezogen, der vor 2 Jahren 
in Thorn zum Austrag gelangt ist. So überflüssig nach der 
Meinung des Verfassers die Einleitung dieses Verfahrens war, 
so verhängnisvoll denkt er sich die Folgen, die er in der Form 
des folgenden Dilemma zum Ausdruck bringt. Vielleicht finden 
wir im J. 1910 oder 1915 eine Reihe der verurteilten jungen 
Leute als Führer der polnischen Nationalbewegung wieder. „Da 
seht ihr, wie recht man hatte, sie 1901 als Staatsfeinde zu be- 
handeln" werden dann die Hakatisten sagen. „Da seht ihr, wie 
unrecht man hatte, die jungen Leute 1901 so zu behandeln, dass 
sie Staatsfeinde werden mussten" werden andere Leute meinen. 

Während die erwähnten Massregeln direkt auf das Zurück- 
drängen der polnischen Sprache gerichtet sind, soll durch das 
Ansiedelungsgesetz, das seit 1886 fast eine halbe Milliarde der 
Ansiedelungs-Kommission zur Verfügung gestellt hat, das Polen- 
tum auf wirtschaftlichem Gebiet niedergehalten werden. Abge- 
sehen davon, dass nach Roeren ein solches Vorgehen als eine 
Härte angesehen werden muss, die mit § 4 der Verfassung und 
mit dem Gesetz vom 1. XI. 1867 über die Freizügigkeit in 
gradem Widerspruch steht, hat es das Gegenteil dessen, was 
beabsichtigt worden ist, gezeitigt. Entfernt davon das Polentum 
zurückzudrängen, hat die Ausführung des Gesetzes nur zur 
Stärkung der Energie und zu einem festen Zusammenschluss 
der Polen auf wirtschaftlichem Gebiet, zur Bildung verschiedener 
Banken, landwirtschaftlicher und andrer Vereine geführt und zur 



157 



schnellen Hebung des polnischen Mittelstandes beigetragen; und 
dieser wird den deutschen Mittelstand in kurzem beseitigen. Im 
übrigen handelt es sich für den Verfasser hierbei weniger um 
die Besiedlung der zweisprachigen Landesgebiete, als um ihre 
Protestantisierung. 

Endlich werden noch verschiedene Erscheinungen auf diesem 
Gebiete aufgezählt, die zwar von untergeordneter Bedeutung 
sind, aber keineswegs zur Hebung des Deutschtums, sondern 
zur Förderung des Strebertums und auf der andern Seite zur 
Kränkung der polnischen Bevölkerung beitragen. Dazu zählt 
Roeren die an Lehrer gewährten Remunerationen für erfolgreiche 
Betreibung der deutschen Sprache im Unterricht, die Auflösung 
polnischer Versammlungen, die sich trotz der am 26. Sep- 
tember 1876 getroffenen Entscheidung des Oberverwaltungsge- 
richts immer von neuem wiederholt, die erschwerte Beförderung 
von Briefen und Postsendungen, den Kampf gegen die 
polnischen Namen auf Firmenschildern, das Verbot der Erteilung 
polnischen Sprachunterrichts und ähnliches. 

Alle diese Mittel, so fährt Roeren fort, haben die Polen 
nur ärgern, reizen und dem deutschen Wesen entfremden können. 
Doch noch mehr; sie haben besonders mit Rücksicht auf das 
Gebahren der Hakatisten eine Annäherung der slavischen Stämme 
unter einander zuwege gebracht, die in ihren Folgen verhäng- 
nisvoll werden kann. Diese Verwickelungen und Schwierigkeiten 
entstammen der grundfalschen Ansicht, dass beim Vorgehen 
gegen die geistigen und wirtschaftlichen Bestrebungen der pol- 
nischen Bevölkerung auch Mittel als erlaubt gelten, die sich mit 
den Grundsätzen staatsbürgerlicher Parität nicht vereinigen lassen. 

Im Schlusskapitel kommt der Verfasser noch einmal auf 
die Behauptung zurück, dass es sich in diesem Kampfe dem 
Namen nach um die Germanisierung, in der Wirklichkeit aber 
um die Protestantisierung der Ostprovinzen handle und sucht 
seine Behauptung durch zahlreiche Beispiele zu erweisen. — 

Es ist erklärlich, dass die Schrift des Abgeordneten von 
Roeren bei den Polen selbst Beifall gefunden hat. Sie ist im 
Aprilheft 1903 der Biblioteka Warszawska S. 181— 185 be- 
sprochen worden. Der Verfasser, der sich mit A. R. unter- 
zeichnet, begnügt sich im Allgemeinen den Inhalt der deutschen 
Broschüre in kurzen Worten zusammen zu fassen. Nur am 
Schluss gibt er seiner eignen Meinung dahin Ausdruck, dass 
Roeren in überzeugender Weise nachgewiesen hat, mit welchen 
Schwierigkeiten die polnische Bevölkerung in Preussen kämpfen 
muss, und wie sie auf dem Boden des Rechts beharrend ihren 
Glauben, ihre Sprache und ihr Heim zu verteidigen bestrebt ist. 
Ein solches Anerkenntnis aus deutschem Munde muss bei den 



158 



Polen die Hoffnung auf den Sieg der guten Sache aufrecht- 
erhalten. — 

Von einem entgegengesetzten Standpunkt beleuchtet der 
Verfasser des Artikels in der Monatschrift Deutschland die pol- 
nische Frage. In der Einleitung zeigt er, dass die Wohltaten, 
welche den Polen seit ihrer Zugehörigkeit zu Preussen durch 
mannigfache Einrichtungen zuteil geworden sind, lange Zeit das 
eigentliche Volk zur dankbaren Anerkennung verpflichtet und 
bis zum J. 1848 darin erhalten haben. Dieses Gefühl zu unter- 
drücken ist die eifrigste Tätigkeit der polnischen Geistlichkeit,, 
die hierbei eine Unterstützung in dem Glaubenseifer der polnisch 
sprechenden Katholiken findet. Ihnen sucht sie zum Bewusstsein 
zu bringen, dass katholisch und polnisch unzertrennlich, ja eins,, 
dass die polnische Sprache die heilige Sprache sei, und dass 
alk, die deutsch sprechen, also auch die evangelischen. Feinde 
der Polen, mithin Feinde der Kirche seien. Die Folge einer so 
aufreizenden Arbeit war die Polonisierung ganzer ursprünglich 
deutscher Gemeinden vor den Toren der Stadt, vor den Augen 
der Regierung. Die Geistlichkeit aber sorgt dafür, dass ihre 
Bemühungen durch die gesamte polnische Bevölkerung selbst in. 
den verschiedenartigen Vereinen gefördert werden, an deren 
Spitze ja gewöhnlich die Geistlichen stehen. Als ein weiterer 
gefährlicher Faktor für Zwecke der Polonisierung wird der Mar- 
cinkowski'sche Verein erwähnt, der seine Truppen, die mit Ver-^ 
einsmitteln ausgestatteten und ausgebildeten Handwerker, Ärzte„ 
Advokaten überall dorthin entsendet, wo das deutsche Element 
zurückgedrängt werden soll, in und ausser der Provinz. Das 
grösste Bedenken aber muss es erregen, dass die Polen preus-^ 
sischen Anteils eine gewisse Neigung zu Russland zu bekunden 
beginnen; nicht als ob sie in Russland aufzugehen beabsich- 
tigten, sondern um einen Konflikt zwischen diesem Reich und 
Deutschland zu fördern und dann, wenn dieses Werk gelungen 
ist, dass vereinsamte Russland zu einer Neubildung eines pol- 
nischen Staates zu zwingen. 

Zu den hiergegen zu ergreifenden Abwehrmitteln zählt der 
ungenannte Verfasser zunächst die Ansiedlung deutscher Bauern^ 
aber eine Ansiedelung, die nachdrücklicher vor sich gehen muss, 
als sie bisher durch die Kommission ausgeübt worden. In den 
Städten ist die Kräftigung des Deutschtums durch die Förderung 
idealer Einrichtungen zu erreichen. Aber auch unter den Be- 
amten, die hier wirken sollen, muss die sorgfältigste Auswahl 
getroffen werden. Freilich ist es dann nötig Vorkehrungen 
dafür zu treffen, dass in den Städten des Ostens deutsche Fa- 
milien in Folge zu grossen Steuerdrucks nicht zur Abwanderung 
gezwungen werden. Ein anderes Mittel, die polnische Gefahr 
zu beschwören ist dem Verfasser die bedingungslose Einführung 



159 



der Konfessionsschule. Die Nachteile, welche die paritätische 
Schule dem Deutschtum bringen soll, sind durch nicht glücklich' 
gewählte Beispiele aus Westpreussen erläutert. Sodann müssen- 
den Katholiken deutscher Sprache die kirchlichen Amtshandlungen 
in dieser Sprache gesichert werden: nur so kann ' den Polen: 
das Gefühl des Gegensatzes zwischen katholisch und deutsch 
genommen und ihr Widerstreben gegen die Zugehörigkeit zum 
deutschen Reich beseitigt werden. Neben diesen grösseren 
Mitteln ist aber auch die Anwendung der kleineren nicht ausser 
Acht zu lassen. Hierher gehört das Verbot der polnischen 
Sprache in den Versammlungen, die bessere Besoldung der 
Lehrer, die Beseitigung der Überfüllung in den Schulen und die 
Belehrung der Kinder über die unhaltbaren Zustände im alten 
polnischen Reiche. A. Skladny. 

Hein K., Die Sakramentslehre des Johannes a Lasco. Berlin, 
Schwetzke und Sohn 1904. 188 S. Preis 5 Mark. 

Seinen alten Ruhm, neben der Vorbereitung für das prak- 
tische Amt die Studien zu pflegen und eine ausgezeichnete 
Bildungsstätte wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens zu sein,., 
hat das Wittenberger Predigerseminar auch in den letzten Jahren 
gewahrt. Die vorliegende Arbeit eines jungen Theologen ent- 
standen in den Wittenberger Mussestunden ist hierfür ein schöner 
Beweis. Die Verehrung, welche Laski unter den reformierten 
Gemeinden Westdeutschlands infolge seines nachhaltigen Einflusses 
auf ihre Kirchenordnung und -Verfassung geniesst (ist doch bis 
zum 1. April 1888 noch sein Katechismus in Embden gebraucht 
worden) hat den Verfasser gelockt, sich näher mit dem berühmten 
Polen zu beschäftigen und seine Sakram.entslehre, um welche 
sich Laskis ganze wissenschaftliche Arbeit konzentriert, in ihrer 
Eigenart zu untersuchen und darzustellen. Die Abhandlung ghedert 
sich in vier Abschnitte, die theologischen Anfänge Laskis in den 
Jahren 1543 — 44, seine theologische Entwickelung unter dem 
Einflüsse des Verkehrs mit Butzer und Calvin in den Jahren 
1544 — 46, seine Sakramentslehre in den Jahren 1550 — 54,. 
das Einmünden der Laskischen Abendmahlslehre in die Calvinische. 
Der Verfasser zeigt in eingehender, allseitig gut orientierter 
Darstellung, wie Laski am Anfang seiner theologischen Entwicklung 
von humanistischen Gedanken geleitet war und deshalb unter den 
Reformatoren zuerst Zwingli am nächsten stand, aber auch schon 
in dieser Zeit, in den Jahren 1543 — 1544, unter dem Einflüsse 
Butzers und Calvins seine Anschauungen in einigen Punkten 
über die spezifisch humanistischen Ideen hinausgeführt und re- 
ligiös vertieft hat. In den folgenden Jahren schreitet diese Ent- 
wicklung fort, weiter und reicher lässt sich unser Pole von dem 
Genfer Reformator befruchten, schrittweise giebt er seine anfängliche 
Position auf, die humanistischen und zwinglischen Gedanken. 



160 



treten zurück, verschwinden zuletzt ganz. Hatte Laski zu Anfang 
der fünfziger Jahre sich nur noch gegen die Calvinische Abend- 
^mahlsmystik gesträubt und das Mysterium des Herrenmahles in 
der Übermittlung der durch Christus erworbenen Heilsgüter er- 
blickt, so giebt er schhesslich auch diese Ansicht auf und be- 
kennt anlässlich der Stuttgarter Verhandlungen, dass Christus 
-selbst, nicht nur die durch ihn erworbene Gnade das Heilsgut 
•des Abendmahls sei. Die Ausführungen stützen sich auf die 
bekannten, von Kuyper herausgegebenen Schriften Laskis, neue 
Quellen, ich denke besonders* an das für die polnische Re- 
formationsgeschichte wichtige, jetzt leider verschollene längere 
Pinczower Bekenntnis vom Jahre 1559, gleichsam Laskis litte- 
rarisches Vermächtnis, das für den Abschluss seiner theologischen 
Entwicklung von hoher Bedeutung wäre, hat der Verfasser leider 
nicht erschliessen können. 

In vielen Punkten bekämpft und berichtigt H. die Aus- 
führungen Kruskas (Johannes a Lasco und der Sakramentsstreit. 
Leipzig 1901), aber eine direkte Auseinandersetzung mit ihm und der 
von ihm gegebenen Charakteristik unseres Polen, die allerdings auch 
ausserhalb des Rahmens der rein dogmengeschichtlichen Arbeit liegt, 
erhalten wir nicht. Nach wie vor schwankt Laskis Charakterbild in 
der Geschichte, auf der einen Seite das glänzende Bild, das Dalton 
und der Franzose Pascal; in ihren Biographien gezeichnet haben, 
auf der anderen Seite die so ganz andere Wertung durch 
Kruska und Kawerau in seiner Kirchengeschichte. Gewiss haben die 
beiden ersten in Laski einseitig eine Lichtgestalt gesehen, aber 
zweifellos sind auch die beiden letzten unserem Polen nicht gerecht 
geworden. Von hohem Werte ist hier die Erkenntnis, die wir H. ver- 
danken und die einen Ausgleich des Urteils anbahnen wird, dass Laski 
sich fortgehend theologisch entwickelt und religiös vertieft hat ; sie 
zeigt einmal, dass unser Pole gegen fremde Ansichten sich nicht 
schroff und eigensinnig verschloss, zum anderen, weshalb er meinte 
hoffen zu können, eine Verständigung zu erzielen und die ver- 
schiedenen Parteien zu einigen. Sein Unionseifer hat freilich mehr 
geschadet, als genützt, aber unlauterer Herrschsucht ist er nicht 
entsprungen. ^ ^^ ^ Th. Wotschke. 

Historische Abteilung der Oeutschen Geseilschaft für Kunst und Wissenschaft 

Historische Gesellschaft für die Provinz Posen. 
Dienstag, den 11. Oktober 1904, Abends 8V2 Uhr, im Re- 
^staurant „Wilhelma", Wilhelmstr. 7 

Monaissitzung. 

Tagesordnung: Herr Dr. Haupt, Direktorialassistent am 
Kaiser Friedrich-Museum: Wie das Kaiser Friedrich-Museum zu 
■Posen entstanden ist. 

Redaktion: Dr. A.Warschauer, Posen. — Verla? der Historischen Gesellschaft für die Pro- 

-vinz Posen zu Posen und der Historischen Gesellschaft für den Netze-Distrikt zu Broniberg. 

Druck der Hofbuchdruckerei V/. Decker & Co., Posen. 





HISTORISCHE 
MONATS BLÄTTER 

für die Provinz Posen 



Jahrgang V Posen, Movember 1904 



Nr. 11 



Schottmüller K., Die Eröffnung des Kaiser Friedrich-Museums zu Posen 
S. 161. — Haupt G., Begründung und erste Geschichte des Museums 
S. 164. — Kaemmerer L., Das Gebäude des Kaiser Friedrich-Museums 
in Posen S. 172. — Simon K-, Aus dem Briefwechsel zwischen dem Grafen 
Athanasius Raczynski und Wilhelm von Kaulbach S. 174. — Nachrichten 
S. 184. Bekanntmachung S. 186. 



Eröffnung des Kaiser Friedrich-Museums zu Posen. 




m Mittwoch, den 5. Oktober fast genau 10 Jahre nach 
Eröffnung des alten Posener Provinzial-Museums ist auf 
derselben Stelle der prunkvolle Bau des Kaiser Friedrich- 
Museums mit seinen Sammlungen feierlich eröffnet und seiner 
Bestimmung übergeben worden, die jüngste der Bildungsstätten, 
die in dem Hygienischen Institut, in der Kaiser Wilhelm-Bibliothek 
und der Kgl. Akademie durch die Fürsorge der preussischen 
Staatsregierung der Stadt Posen und unserer ostmärkischen 
Heimatsprovinz geschenkt worden sind. 

In Gegenwart der höchsten Beamten der Provinz und vor 
ungefähr 200 geladenen Gästen, die sich in dem grossen mit 
Pflanzengrün geschmückten Lichthofe versammelt hatten, fand mittags 
12 Uhr die festliche Weihe dieses Hauses statt, dessen Samm- 
lungen nicht verstandesmässig wie das gehörte oder gelesene 
Wort in Akademie und Bibliothek, sondern ganz unmittelbar 
durch direkte Anschauung, besonders der Kunst, dem Besucher, 
nicht bloss Bildung, sondern auch die Freude am Edlen und 
Schönen näher bringen wollen. Die Teilnahme der Minister an 
dem Festakte, so wie sie die Eröffnung der Kaiser Wilhelm- 
Bibliothek und der Königlichen Akademie feierlicher und offizieller 
einst gestaltet, hatte sich infolge der fast gleichzeitigen Ein- 

11 



162 



weihungsfeier der Danziger Technischen Hochschule nicht er- 
möglichen lassen. Die Festhandlung erhielt dadurch mehr den 
Charakter einer provinziellen, so zu sagen internen Feier. Die 
wundervolle Musik eines unsichtbaren Orchesters grüsste die 
Festteilnehmer, eingangs mit Beethovens „Weihe des Hauses" 
und am Schluss mit Glucks Iphigenienouvertüre; und diese 
Harmonien berührten den Hörer fast wie ein Hauch aus der 
Geisterwelt, wie ein Gruss aus dem Reich des Idealen und der 
Kunst, von der einer der Festredner gesagt, dass sie und die 
ihr geweihten Räume nicht der „dumpfen Begehrlichkeit der 
Menge", sondern „den Besten" zugeeignet seien, die in ernstestem 
innerstem Streben und mit wahrhafter Begeisterung der Kunst- 
freude sich hingeben. Die begrüssenden Ansprachen des Land- 
tagsmarschalls Freiherrn von Wilamowitz-Moellendorff und des 
Oberpräsidenten von Waldow, die die Museumserrichtung als ein 
Glied in der Kette staatlicher Massnahmen zur Fürsorge für die 
Ostmark kennzeichneten, sind ja durch die Tageszeitungen meist 
wörtlich wiedergegeben worden und ebenso die Reden des 
Landeshauptmanns Dr. v. Dziembowski und des Museumsdirektors 
Professor Kaemmerer, die über die Geschichte und die neuen 
Aufgaben der jungen Anstalt sich ausliessen. An die Eröffnungs- 
feier schloss sich ein Rundgang durch die einzelnen Sammlungen, 
deren Schönheit und praktische Aufstellung ebenso freudige An- 
erkennung fand wie die zum Einweihungstage veranstaltete 
Sonderausstellung von Gegenständen der Kleinkunst, des Kunst- 
gewerbes, der Möbel- und Wohnungskunst nach Entwürfen 
Hubers und v. Hornsteins. 

Diesem ersten Teil der Feier vor einer grösseren Öffent- 
lichkeit folgte nachmittags um 3 Uhr ein Festmahl für einen 
engeren Kreis im Saale des Hotel de Rome. Der Dank für das, 
was an Bewilligung von Geldmitteln, an vollbrachter Arbeit, an 
reichen Zuwendungen seitens der verschiedenen Behörden, 
Körperschaften oder Privatpersonen geleistet war, fand ebenso 
wie alle Wünsche für Gedeihen und Förderung der neuen 
Anstalt Ausdruck in einer Anzahl von Trinksprüchen : Der Kaiser- 
toast des Landtagsmarschalls Freiherrn v. Wilamowitz-Moellendorff, 
der sozusagen als Wirt bei diesem Provinzialständischen Feste 
die Gäste bewillkommnete, wies auf die Beziehungen des ver- 
ewigten Kaiser Friedrich hin, die er als kommandierender General der 
Pommerschen Nachbarprovinz zu unserer Posener Heimat ge- 
wonnen. Der Oberpräsident v. Waldow weihte sein Glas der 
Provinz Posen, mit dem Wunsch, dass die neue von den 
Provinzialständen übernommene Bildungsstätte die Liebe zur 
heimischen Scholle, das Heimatsgefühl im ostmärkischen Lande 
stärken möge. Nach dem Trinkspruch des Landeshauptmanns 



163 



auf Blühen und Gedeihen des Museums sprach der Vorsitzende 
des Provinzialausschusses v. Günther in seinem Toast dem 
Ministerialdirektor und Oberbaudirektor Hinkeldeyn für die ihm 
verdankten Pläne und Entwürfe des neuen Bauwerks warme An- 
erkennung aus. Dieser verlas in seiner Erwiderung die draht- 
lichen Glückwünsche des Ministers v. Budde und widmete der 
Stadt Posen sehr anerkennende Worte. Nachdem der Bürger- 
meister Künzer auch der Museumsleitung und in deren Namen 
Professor Kaemmerer der Spender und Gönner des Museums ge- 
dacht, feierte noch der Provinziallandtagsabgeordnete Mathias- 
Meseritz den Landeshauptmann v. Dziembowski. 

Schon am Tage der Eröffnung gab die neue Bildungsstätte 
ihre Besuchszeiten und Besuchsordnung bekannt, die von sehr 
liberalen Grundsätzen aus „jedem anständig gekleideten Besucher" 
die Besichtigung der Sammlungen rückhaltlos gestattet. Ein 
Studiensaal mit einer sehr stattlichen und kostbaren Bibliothek, 
Sammlung von Galeriewerken, Photographien u. s. w. vermag 
dem Freunde eindringenderer Kunstbeschäftigung reichen Stoff 
und Arbeitsgelegenheit zu bieten. 

Welch wichtige Stellung in dem Geistesleben der Stadt 
Posen die neue Bildungsanstalt neben den älteren Schwestern 
Bibliothek und Akademie einnehmen wird, das bewies zur 
Genüge die lebhafte drängende Erwartung und Sehnsucht, mit 
der man in den letzten Monaten der endlichen Eröffnung des 
Museums entgegengesehen hatte. Dem Drange nach vertiefter 
Bildung, nach eigner Veredlung durch das Anschauen des 
Schönen wird die neue Anstalt in reichem Masse Rechnung 
tragen können: man denke an die von der Staatsverwaltung 
überwiesenen Schätze der Gräflich Raczynskischen Galerie, an die 
Gemälde der National-Galerie, die vorzüglichen Abgüsse nach 
Bildwerken des griechischen Altertums, des deutschen Mittel- 
alters und der italienischen Renaissance! Aber auch was die 
deutschen wissenschaftlichen Gesellschaften der Provinz, — lange 
Jahre die einzigen Träger deutschen wissenschaftlichen Geistes 
hier — in jahrzehntlanger eifriger Sammelarbeit an Denkmälern 
des Naturlebens und der Vor- und Kulturgeschichte als Grund- 
stock des Museums zusammengebracht haben, sei unvergessen! 
Möge des Himmels Segen auf dieser Schöpfung dauernd ruhen, 
dass sie unsern Landsleuten das Zusammengehörigkeitsgefühl mit 
dem altdeutschen Kulturboden und zugleich aber auch die Liebe 
und Freude an der heimischen Scholle, kurz das ostmärkische 
Heimatsgefühl steigere! ^^ SchottmüUer. 



11' 




164 



Begründung und erste Geschichte des Museums. 

Von 
G. Haupt. 

jer Wunsch nach Begründung eines Provinzial-Museums 
in Posen reicht zurück bis in die fünfziger Jahre des 
vorigen Jahrhunderts. Fast in allen preussischen 
Provinzen war zunächst für die Zwecke der Altertumsforschung, 
dann für allgemeine künstlerische Interessen ein Mittelpunkt ge- 
schaffen; sie alle ausser Westpreussen besassen ausserdem den 
Vorteil einer Landesuniversität oder einer Hochschule und öffent- 
licher Bibliotheken. Die geringere Förderung geistigen Lebens 
in Posen wurde vielfach mit Unwillen empfunden. Zwei Um- 
stände haben wohl vor allem dazu beigetragen, dass die Be- 
gründung eines Museums noch Jahrzehnte lang verzögert wurde. 
Einmal die Hoffnung auf Erlangung einer Universität in Posen, 
durch die andere Pläne immer wieder in den Hintergrund gedrängt 
wurden; und dann das Fehlen einer selbständigen Provinzial- 
Verwaltung. Durch das Dotationsgesetz von 1875 war die Ver- 
antwortung für die Pflege von Wissenschaft und Kunst innerhalb 
der einzelnen Provinzen den Provinzial -Verbänden zugefallen. 
Fast alle grösseren preussischen Museen ausserhalb der Reichs- 
hauptstadt verdanken ihre Entstehung oder ihre heutige Organi- 
sation der Initiative provinzieller Vertretung, und der Ausnahme- 
zustand, der die Verhältnisse in der Provinz Posen bestimmte 
und ihr jetzt in so reichem Masse die Unterstützung der Re- 
gierung eingetragen hat, hat der Begründung eines Provinzial- 
Museums zunächst hindernd im Weg gestanden. 

Im Jahre 1889 erhielt die Provinz Posen das Recht der 
Selbstverwaltung und bald darauf wurde auch die Begründung 
des Museums in die Wege geleitet. Schon im Jahre 1892 trat 
der Provinzial-Ausschuss mit der Regierung in Verhandlung, um 
das ehemalige Gebäude des General-Kommandos am Wilhelms- 
platz zum Gebrauch für Zwecke von Kunst und Wissenschaft zu 
erwerben. Das Haus war baufällig und für repräsentative Zwecke 
nicht geeignet. Aber es bot in einer Reihe kleinerer Räume ein 
günstiges Provisorium zur Unterbringung einer entstehenden 
Sammlung und war durch seine Lage an verkehrsreichster Stelle 
für die Einrichtung eines Museums ganz hervorragend geeignet. 
Für die weitere Entwicklung des Museums war es von der glück- 
lichsten Bedeutung, dass die Provinzial-Verwaltung damals 
im' rechten Augenblick zugrif, um sich diesen günstigen Platz 
zu sichern. Am 8. März 1893 wurde der Ankauf des Grund- 
stückes und der Gebäude zum Preis von 278,000 Mark vom 



165 



Provinzial-Landtag genehmigt, und gleichzeitig wurde der 
Provinzial-Ausschuss ermächtigt, zur Verwertung des Gebäudes 
im Dienst von Kunst und Wissenschaft geeignete Schritte zu tun. 

Die Erwerbung des alten General-Kommandos erfolgte in 
der ausgesprochenen Absicht, die Räume zur Einrichtung einer 
Landesbibliothek und eines Museums zu verwenden. Gleich- 
wohl ist in dem Beschluss des Provinzial-Landtages von dieser 
Bestimmung mit keinem Wort die Rede. Es blieb dem Aus- 
schuss überlassen, eine geeignete Verwendung des Gebäudes 
ausfindig zu machen. Und in der Tat war der Landtag kaum 
in der Lage, ohne sehr wesentliche pekuniäre Opfer die Begrün- 
dung eines Museums zu beschliessen. Irgendwelche Bestände 
an Kunstwerken oder Altertümern, über die er hätte verfügen 
können, waren nicht vorhanden. Auch fehlte es an Kreismuseen 
oder städtischen Sammlungen, wie sie in anderen Provinzen zum 
Teil in grosser Anzahl vorhanden sind, und die den Grundstock 
für ein Provinzial-Museum hätten abgeben können. So war die 
Begründung eines Museums im wesentlichen abhängig von dem 
Entgegenkommen, das der Plan der Provinzial-Verwaltung bei 
Privatsammlern und wissenschaftlichen Vereinen in der Provinz 
finden würde. 

An bedeutenden Privatsammlungen ist die Provinz nicht 
arm, wenn auch der wertvolle Kunstbesitz, den polnische 
Magnaten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erworben haben, 
wenig bekannt ist. Aber die Hoffnung, den reichen Schatz an 
alten Elfenbeinen und Emailen, an Holzskulpturen und aus- 
gesuchter Keramik, der sich in den Sammlungen des Fürsten 
Czartoryski und anderer birgt, einmal in einem deutschen 
Provinzialmuseum wiederzufinden, — diese Hoffnung wird wohl 
ein schöner Traum bleiben. Auf dem Gebiet heimischer Alter- 
tumskunde hatten vor allem zwei deutsche Gelehrte in privater 
Sammlerthätigkeit wertvollen und bedeutenden Besitz erworben: 
Dr. Wilhelm Schwartz, der von 1872—1882 als Direktor des 
Friedrich Wilhelm -Gymnasiums in Posen für die Erforschung 
heimischer Vorzeit tätig war, durch Ausgrabungen und durch 
zahlreiche wissenschaftliche Publikationen das Interesse an der 
prähistorischen Arbeit in der Provinz gefördert und eine 
umfangreiche Sammlung vorzeitlicher Funde aus der Provinz 
zusammengebracht hatte, — und Rudolf Virchow, der den 
prähistorischen Verhältnissen Posens ein besonderes Interesse ent- 
gegenbrachte und mehrfach seine Ferien benutzte, um Ausgrabungen 
auf unserem Boden zu veranstalten. Aber beide Sammlungen sind 
inzwischen in den Besitz der Königl. Museen zu Berlin übergangen. 

So war die Provinzial-Verwaltung darauf angewiesen, bei 
der Begründung eines eigenen Museums an den Sammlungen 



166 



wissenschaftlicher Vereine ihren Rückhalt zu suchen. Und damit 
war von vornherein gegeben, dass der Schwerpunkt des Museums 
nicht auf künstlerischem Gebiet, sondern in der Darstellung der 
heimischen Altertumskunde liegen würde. Zwar stellte auch der 
Kunstverein für die Provinz Posen bereitwillig seinen Besitz an 
Gemälden, graphischen Arbeiten und Reproduktionen zur Ver- 
fügung. Jedoch konnte diese Überweisung von 3 Ölbildern 
und einer kleinen Sammlung von Kupferstichen und Photo- 
graphieen immerhin nur als ein sehr bescheidener Anfang gelten. 
Wichtiger war es, dass auch die naturwissenschaftliche Gesell- 
schaft in Posen ihre bedeutenden Bestände zur Begründung eines 
Museums hergab, darunter das v/ertvoUe und nahezu vollständige 
Herbarium der Provinz Posen, das auf die Sammlungen von 
Georg Ritschi zurückgeht und diesem Teil des Museums zur 
Benutzung für Schulen und für wissenschaftliche Forschung von 
vornherein einen beträchtlichen Wert gab. Entscheidend für die 
Begründung des Museums war aber die Frage, wie sich die 
historischen Gesellschaften der Provinz zu dem Antrag auf Über- 
lassung ihrer Sammlungen verhalten würden. 

Drei wissenschaftliche Vereine in der Provinz hatten sich 
die Erforschung der heimischen Vorzeit angelegen sein lassen. 
Zunächst die polnische Gesellschaft der Freunde der Wissen- 
schaften, Towarzystwo Przyjaciol Nauk. Im Jahre 1857 begründet, 
hatte sie als erste wissenschaftliche Organisation der Provinz 
bereits während eines Menschenalters im Dienst archäologischer 
Forschung gearbeitet und ein eigenes Museum eröffnet. Die 
Gemälde-Sammlungen, die ihr im Laufe der Zeit aus Privatbesitz 
zufielen, enthalten wenig, was für ein öffentliches Museum von 
Wert ist; um so wertvoller ist ihre archäologische Abteilung. 
Von den reichen Schätzen, die bisher aus dem Boden der 
Provinz gehoben werden konnten, ist ein guter Teil in diesem 
Museum geborgen, und die wissenschaftliche Forschung hat 
in dieser Sammlung während mehrerer Jahrzehnte eine v/esentliche 
Stütze gefunden. In jeder Beziehung wäre es wünschenswert 
gev/esen, hätte ihre Vereinigung mit dem Provinzialmuseum sich 
ermöglichen lassen. Nicht nur das Museum, sondern auch die 
schwer zugängliche Sammlung der polnischen Gesellschaft hätte 
von dieser Vereinigung Nutzen gezogen. Aber die von der 
Provinzialverwaltung eingeleiteten Verhandlungen scheiterten an 
der Schwierigkeit, die durch die vielfachen Reservatrechte an der 
grossenteils aus Leihgaben bestehenden Sammlung entstanden. 
Resultatlos blieben auch die Verhandlungen, die mit der Historischen 
Gesellschaft für den Netzedistrikt geführt wurden. Seit 10 Jahren 
hatte diese durch eigene Ausgrabungen unter sachkundiger 
Leitung in Bromberg eine vortreffliche Sammlung heimischer 



167 



Funde begründet. Statutarische Bestimmungen machten jedoch 
ihre Vereinigung mit dem Provinzialmuseum unmöglich. So boten 
trotz des mannigfachen vorhandenen Materials die Sammlungen 
der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen den einzigen 
Rückhalt. Die Begründung eines Provinzial-Museums war im 
wesentlichen identisch mit der Übernahme dieser Bestände durch 
die Provinzial-Verwaltung. Seit dem Jahr ihrer Gründung, also 
seit 7 Jahren, hatte die Historische Gesellschaft mit regem Eifer 
lund unter Aufwendung erheblicher Mittel gesammelt, zunächst in 
archäologischer Richtung, dann im Anschluss an die historische 
Ausstellung in Posen im September 1898 auch auf dem Gebiet 
heimischer Kulturgeschichte. Die Sammlungen enthielten ins- 
gesamt etwa 3000 Objekte, und die archäologische Abteilung um- 
iasste Ausgrabungen aus dem ganzen Gebiet der Provinz, darunter 
die umfangreichen und wertvollen Funde von Jankowo und 
Kazmierz. Und diese Sammlungen waren von vornherein in 
dem Gedanken an ein zukünftiges Provinzial-Museum entstanden. 
In dem damaligen Vorsitzenden der Gesellschaft, dem Oberpräsi- 
denten Freiherrn v. Wilamowitz-Möllendorff , hatte auch das Museums- 
projekt seinen eifrigsten Förderer besessen. So führten die Ver- 
handlungen zu baldigem Abschluss. Am 13. Februar 1894 
wurde der Vertrag unterzeichnet, durch den die Sammlungen der 
Historischen Gesellschaft unter Wahrung des Eigentumsrechts in 
die Verwaltung der Provinz übergingen. Wenige Tage später 
"wurde der Archivassistent Dr. Franz Schwartz zum kommissarischen 
Vorsteher des Museums und der Landesbibliothek berufen. Im 
Oktober 1894 konnten beide neubegründete Institute dem 
öffenflichen Verkehr übergeben werden, und seit dem 1. April 
1895 erscheint das Museum in der Reihe der etatsmässigen An- 
stalten der Provinz. 

Es ist nicht zu verkennen, dass die Begründung des 
Museums in mancher Beziehung unter ausserordentlich günstigen 
Auspizien erfolgt ist. Die Sicherung eines Terrains, wie es unter 
den vorliegenden Verhältnissen nicht günstiger gefunden werden 
Jcann, war eine glückliche Massnahme von weittragender Be- 
deutung, und die Übernahme der Sammlungen der Historischen 
Oesellschaft hat eine weitere Zersplitterung der Kräfte verhindert, 
wie sie in manchen preussischen Provinzen in verhängnisvoller 
Weise sich geltend macht. Aber es fehlte auch nicht an Schatten- 
seiten in der Organisation des neuen Museums. Die Verwaltung 
wurde mit der der neu begründeten Landesbibliothek in einer 
Hand vereinigt, und es war selbstverständlich, dass die Interessen 
des Museums dabei zu kurz kommen mussten. Die Fülle 
dringendster täglicher Arbeit, die mit der Organisation einer aus 
den verschiedensten Beständen zusammengeschweissten Bibliothek 



168 



verbunden war, konnte ihrem Leiter unmöglich die Freiheit und 
Beweglichkeit lassen, die für eine fruchtbare Tätigkeit im Museums- 
dienst unerlässlich ist. Schon die Wahrnehmung der dringendsten 
archäologischen Interessen, die Ausgrabungen und die Bereisung 
der Provinz erforderte eine ständige Bereitschaft und eine Freiheit 
persönlicher Initiative, die mit der Gebundenheit täglicher Ver- 
waltungsarbeit nicht vereinbar waren. Die Erfüllung weiterer Auf- 
gaben, eine gesunde Organisation des Museums, das zunächst 
doch nur durch die Vereinigung von drei ganz verschiedenen 
Vereinssammlungen geschaffen war, die Entfaltung einer Tätigkeit^ 
die seinem Ziel gerecht wurde, ein Mittelpunkt geistigen Lebens 
in der Provinz zu werden, war bei den vorliegenden Verhältnissen 
völlig ausgeschlossen. Die erste Organisation des Museums 
trug in hohem Masse den Charakter eines Provisoriums, und es 
ist das Verdienst des ersten Vorstehers, Dr. Schwartz, dass er 
durch persönliche Aufopferung und Hingabe eine völlige Stagnation 
der neuen Anstalt vermieden hat. Durch den Eifer seiner Amts- 
führung und durch manche Massnahmen, wie die Einrichtung eines 
Lesezimmers für kunsthistorische Werke und Zeitschriften, hat er 
trotz der engen Verhältnisse das Interesse weiterer Kreise für das 
Museum wachgehalten. Auch für die Einrichtung einer Gemälde- 
Galerie hat er den Grund gelegt. Seiner Initiative ist es zu 
danken, dass im Jahre 1898 die Direktion der KönigHchen 
Museen in Berlin 14 Gemälde und 3 Skulpturen aus den Depot- 
beständen der National-Galerie nach Posen überwies. Ein früher 
Tod nach langwieriger Krankheit hat seiner Tätigkeit am 19. Juli 
1901 ein vorzeitiges Ende gesetzt, gerade zu der Zeit, als für 
die Entwicklung des Museums neue Aussichten eröffnet wurden. 
Das wachsende Interesse für die Geschicke der Ostmark 
lenkte immer von neuem die Aufmerksamkeit auf die schweren 
Nachteile, die durch die lange Vernachlässigung kultureller Auf- 
gaben in der Provinz Posen erwachsen waren. So entschloss 
sich endlich die Staatsregierung zu Massnahmen im grossen Stil^ 
um durch Gründung und Förderung wissenschaftlicher und 
populär-wissenschaftlicher Institute alte Versäumnisse einzuholen. 
Am 25. Februar 1899 gelangte die Vorlage über den Neubau 
der Kaiser Wilhelm-Bibliothek und des Provinzial-Museums im 
Haus der Abgeordneten zur Beratung, und entsprechend dem 
Antrag der Regierung wurden 875 000 Mark für den Bau des 
Museums und 25000 Mark für die Ergänzung seiner Samm- 
lungen bewilligt. Wenige Wochen später, am 29. April 1899^ 
wurde das alte Museum geschlossen und mit der Magazinierung 
der Sammlungen in einem Mietshaus begonnen, damit durch 
Abbruch des ersten Heims für den Neubau Platz geschaffea 
werde. 



169 



Der Vertrag über die Errichtung des neuen Museums, dem 
durch Allerhöchsten Erlass vom 2. November 1902 der Name 
Kaiser Friedrich-Museum beigelegt wurde, hat folgenden Wortlaut: 

§ 1. Fiskus wird auf dem in der Stadt Posen, Ecke der 
Neuen- und Wilhelmstrasse gelegenen, dem Provinzialverbande 
gehörigen Grundstücke aus Staatsmitteln einen Neubau für das 
Provinzialmuseum errichten und diesen mit entsprechendem 
Inventar dem Provinzialverbande übereignen. Der Provinzial- 
verband verpflichtet sich, das Gebäude ohne Zustimmung der 
Staatsregierung zu keinem anderen Zwecke als für das Provinzial- 
museum zu benutzen, für dieses aber dauernd zu erhalten. 

§ 2. Die Staatsregierung wird bemüht sein, das Museum 
nach Fertigstellung des Neubaues nach Möglichkeit erstmalig 
durch leihweise oder eigentümliche Überlassung von vorhandenen 
fiskalischen Kunstgegenständen auszustatten und ausserdem dem 
Provinzialverbande bei der Übergabe des neuen Gebäudes ein- 
malig den Betrag von 25 000 Mark zur Ergänzung des Grund- 
stocks der Sammlungen überweisen. Die aus diesem Betrage 
angeschafften Sammlungsgegenstände werden Eigentum des 
Provinzialverbandes. 

§ 3. Wenn der Provinzialverband im Einvernehmen mit 
der Vertretung des gräflich Raczynski'schen Fideikommisses die 
Überführung der Raczynski'schen Gemäldegalerie von Berlin in 
das Provinzialmuseum beantragen sollte, wird die Staatsregierung 
die Genehmigung dieses Antrages in wohlwollende Erwägung nehmen. 

§ 4. Das Museum ist dem Publikum unentgeltlich offen 
zu halten und zwar an den Sonntagen sowie an fünf Wochen- 
tagen täglich wenigstens vier Stunden. Für gedruckte Kataloge 
imd für Führer ist Sorge zu tragen. 

§ 5. Die Verwaltung und Unterhaltung des Museums 
tmd des Gebäudes geschieht auf Kosten des Provinzialverbandes 
durch den Provinzialausschuss nach einer vom Provinziallandtage 
und vom Herrn Unterrichtsminister zu genehmigenden Dienst- 
vorschrift. Zu Neuanschaffungen sind jährlich im Durchschnitt 
mindestens 10000 Mark zu verwenden und in den Etat des 
Museums übertragbar einzustellen. 

§ 6. Zu den Kosten der Unterhaltung wird der Fiskus 
dem Provinzialverbande jährlich einen Zuschuss von 5000 Mark 
-zur Verfügung stellen, über dessen bestimmungsgemässe Ver- 
wendung den Ministern der Finanzen und der geistlichen etc. 
Angelegenheiten durch Vorlegung der Abrechnungen über die 
geleisteten Ausgaben in summarischer Form Rechnung zu legen ist. 

§ 7. Die Stadtgemeinde Posen wird in derselben Weise 
zu den Unterhaltungskosten des Museums einen jährlichen Zu- 
schuss von 5000 Mark an den Provinzialverband leisten. 



170 



§ 8. Der vorliegende Vertrag tritt erst mit Bewilligung 
der erforderlichen Mittel durch den Staatshaushalts-Etat und nach 
seiner Genehmigung durch den Provinziallandtag der Provinz 
Posen und durch die städtischen Körperschaften der Stadt Posen; 
in Kraft. 

Die Reorganisation des alten Provinzial-Museums, die auf 
Grundlage dieses Vertrages vollzogen wurde, musste einer völligen 
Neuschöpfung der Sammlungen nahezu gleichkommen. In den. 
fünf Jahren, während deren das Museum geschlossen blieb, haben 
seine Bestände denn auch eine durchgreifende Neugestaltung er- 
fahren. Die kulturgeschichtliche und prähistorische Abteilung^ 
die den Kern des alten Provinzialmuseums bildeten, sind von 
dieser Reorganisation am wenigsten betroffen. Ausser der regel» 
massigen Erweiterung dieser Sammlungen durch Ausgrabungen 
und Ankäufe ist ihre Anlage und ihr Wert im wesentlichen der 
gleiche geblieben. Auch die naturwissenschaftliche Abteilung^ 
die ihre Arbeit nach wie vor auf das Gebiet heimischer Natur- 
kunde beschränken wird, ist nur durch regelmässige Anschaffungen 
aus laufenden Fonds in allerdings reichem Masse vermehrt worden. 
Aber die dominierende Stellung, die innerhalb der jetzigen Samm- 
lungen der Kunst zugefallen ist, hat den Charakter des Museums 
völlig geändert. Die Gemäldegalerie wurde durch eigene Er-^ 
Werbungen, Leihgaben und Geschenke wesentlich bereichert. 
Mit Unterstützung der Königlichen Museen zu Berlin wurde eine 
kunstgewerblieh'e Sammlung begründet, die durch wertvolle Ge» 
schenke in kurzer Zeit zu einer brauchbaren Grundlage aus- 
gestaltet werden konnte. Durch laufende Mittel und durch die 
einmalige Bewilligung der Regierung zur Ergänzung der Samm- 
lungen wurde die Beschaffung von Gipsabgüssen nach Werken 
antiker und christlicher Plastik ermöglicht. Die Vorbildersamm- 
lung und Bibliothek wurde auf rund 10000 Blätter und 4000 
Bände gebracht. Von entscheidender Bedeutung wurde aber die 
Übernahme der Galerie Raczynski. Athanasius Graf Raczynski^ 
geboren in Posen am 2. Mai 1788, zwischen 1830 und 1852 
Königlich Preussischer Gesandter in Kopenhagen, Lissabon und 
Madrid, hatte als warmer Freund bildender Kunst und als fein- 
sinnig wissenschaftlich gebildeter Sammler in langjährigem Fleiss 
eine Galerie alter und neuer Kunstwerke zusammengebracht, die 
zu den vornehmsten Sammlungen zählt, die um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts auf deutschem Boden entstanden sind. 
Auf Grund eines Vertrages mit der Königlichen Regierung hatte 
er seinen Besitz an Kunstwerken sowie seine Fachbibliothek dem 
Fideikommis der Gräflich Raczynski'schen Familie einverleibt 
und in Berlin zum Besten der damals kunstarmen Hauptstadt in 
eigenem Gebäude am Königsplatz der öffentlichen Benutzung zu- 



171 



gänglich gemacht. Als im Jahre 1882 das von dem Raczynski- 
schen Palais besetzte Grundstück für die Errichtung des Reichs- 
tagsgebäudes bestimmt wurde, übernahm der preussische Staat 
durch besonderen Vertrag die Verwahrung und Verwaltung der 
Kunstsammlungen, und die Galerie Raczynski wurde als ge- 
schlossene Sammlung in besonderen Räumen der Königlichen 
Nationalgalerie in Berlin angegliedert. Dem Entgegenkommen 
des derzeitigen Fideikommisbesitzers, des Grafen Sigismund 
Raczynski auf Obersitzko-Augustusburg, sowie der Königlichen 
Staatsregierung ist es zu verdanken, dass im Jahre 1903 
unter Kündigung des zv/ischen der Königlichen Regierung und 
dem Fideikommisbesitzer geschlossenen Vertrages das Kaiser 
Friedrich -Museum mit der Verwahrung und Verwaltung der 
Galerie beauftragt v/erden konnte. Durch diese Überweisung 
erhielt das Museum einen Fond von Werken guter Kunst, der 
nicht nur für seinen gegenwärtigen Bestand, sondern auch für die 
weitere Entwicklung entscheidend werden musste. Wenn es dem 
Kaiser Friedrich-Museum gelingt, die Klippe zu meiden, die für 
jedes Provinzialmuseum in der zu geringen Anforderung an das 
künstlerische Niveau seiner Sammlungen gegeben ist, so wird der 
Überweisung der Galerie Raczynski daran ein wesentliches Ver- 
dienst gebühren. 

Es war ein Wagnis, auf breiter Grundlage ein Museum zu 
errichten, für dessen Einrichtung am Tag der Grundsteinlegung 
erst sehr geringe Bestände gesichert waren. Soll der monumentale 
Bau, den die Regierung geschaffen hat, v/irklich zu einem frucht- 
baren Mittelpunkt künstlerischen Lebens in der Provinz werden, 
so darf die dauernde Mitwirkung derer nicht ausbleiben, die 
an solchem Leben teilzunehmen berufen sind. Das Museum 
hat während des ersten Jahrzehnts seines Bestehens vielfach 
und in grossartiger Weise Förderung durch die Regierung, 
durch die Provinzialverwaltung und von privater Seite erfahren. 
Aber es ist nicht erlaubt, die Aufgabe, die Regierung und 
Provinz sich gestellt haben, schon jetzt als gelöst zu bezeichnen. 
Die Verwaltung des Kaiser Friedrich-Museums wird noch lange 
Zeit eine offene Hand haben müssen, nicht nur zum Geben, 
sondern auch zum Empfangen, damit es wird, was es werden 
soll : eine Stätte der Anregung, des Genusses und der Erhebung, 
und eine Macht, die sich in dem geistigen Leben der Ostmark 
mit stiller Eindringlichkeit geltend macht. 



172 . 

Das Gebäude des Kaiser Friedrich-Museums in Posen. 




as am 5. Oktober 1904 der Oeffentlichkeit übergebene 
Kaiser Friedrich-Museum zu Posen ist in den 
Jahren 1900 bis 1903 nach Entwürfen des Ministerial- 
Direktors Karl Hinckeldeyn in Berlin durch die Königliche 
Preussische Staatsregierung erbaut und dem Provinzialverbande 
Posen übereignet worden. Die Bearbeitung der Einzelheiten 
und Leitung der Ausführung war dem Regierungsbaumeister 
Reinhold Ahrns übertragen unter der geschäftlichen Oberleitung 
des Regierungs- und Baurats Weber und des Baurats Hirt. 

Der in den Formen der Hochrenaissance aufgeführte Bau 
erhebt sich an der Ecke der Wilhelm- und Neuenstrasse mit der 
Hauptfront nach dem Wilhelmsplatz, auf derselben Stelle, auf der 
das alte Generalkommando, die erste Heimstätte des Provinzial- 
museums und der Landesbibliothek, gestanden hatte. 

Die Westfront in Wünschelburger Sandstein ist in ihrem 
Mittelteil durch den Haupteingang und ein Giebeldreieck mit 
Bildhauerarbeit von Stephan Walter — einer Darstellung der 
drei bildenden Künste — betont. Das Erdgeschoss in Quader- 
verband mit tiefen Horizontalfugen wird durch rundbogig ge- 
schlossene Fensteröffnungen, der glatte gefugte Oberbau durch 
gradlinig geschlossene Fenster und dazwischen gestellte Halb- 
säulen gegliedert. Ueber den Fenstern des Obergeschosses sind 
die Medaillonbildnisse von Meistern deutscher Kunst aller Zeiten 
in Glasmosaik ausgeführt. Das Walmdach des Vorderbaus ist mit 
Mönch- und Nonnenziegeln eingedeckt, deren kräftiges Rot einen 
wirksamen Farbengegensatz zu der gelben Sandsteinfront bildet. 

Die südliche Seitenfront nach der Neuenstrasse zeigt 
zwei vorspringende Eckrisalite von der gleichen Anordnung wie 
die Hauptfront und dazwischen eingespannt eine durch Fenster- 
öffnungen geghederte Längswand. Zwischen den Fensteröffnungen 
des Obergeschosses sind Glasmosaiken mit allegorischen Dar- 
stellungen der verschiedenen Zweige des Kunsthandwerks 
nach Entwürfen des Malers Hans Koberstein eingelassen. 
Das nach Osten abfallende Terrain bot überdies Gelegenheit zur 
Anlage eines Sockelgeschosses im östHchen Teil des Ge- 
bäudes. 

Die Ostfront — nach der Museumstrasse gelegen — ist 
in Putzbau, die Gesimse und Gliederungen in Warthauer Sand- 
stein ausgeführt. Den mittleren Teil der oberen Wandfläche füllt 
eine Sgraffittomalerei von Hans Koberstein mit einer Darstel- 
lung der drei Naturreiche. 



173 



Die in Backsteinrohbau ausgeführte Nordseite wird durch 
einen schmalen Hof vom Nachbargrundstück getrennt. 

Betritt man das Gebäude durch seinen Haupteingang von 
-der Wilhelmstrasse, so gelangt man zunächst in eine zu ebener 
Erde gelegene Vorhalle, die mit den Standbildern der beiden 
preussischen Könige geschmückt ist, unter deren Regierung der 
Netzedistrikt und Südpreussen dem preussischen Staatsgebiet 
einverleibt wurden: Friedrich IL und Friedrich Wilhelm IL 
Es sind die von Sr. Majestät dem Kaiser dem Museum ge- 
schenkten Originalmodelle zu den in der Siegesallee zu Berlin 
ausgeführten Herrscherstatuen von Joseph Uphues und Adolf 
Brütt. Eine siebenstufige Treppe führt von hierin den grössten 
Innenraum des Museums, einen in seinen Abmessungen be- 
sonders glücklich angelegten und eindrucksvollen Oberlichthof 
von etwa 30 m Tiefe und 15 m Breite. Im Osten wird dieser 
durch zwei Geschosse gehende Raum abgeschlossen durch eine 
monumentale Freitreppe, die zu dem Obergeschoss emporführt. 
Die Lünetten der beiden Schmalwände sind mit farbigen 
Kartons von Hans Ko berstein geschmückt, die die Götterwelt 
des Olymp und der Edda schildern. Den Abschluss des 
Wandsockels an den Längsseiten des Lichthofs bildet ein in 
Stuck modellierter Puttenfries von Eduard Albrecht mit Dar- 
stellung der verschiedenen kunstgewerblichen Techniken. In den 
Ecken des Raums sind auf Konsolen vier weibliche Büsten von 
demselben Bildhauer angebracht, die die vier Kunstzeitalter — 
Aegypten, Antike, Gothik und Renaissance — versinnlichen. 

In diesem Oberlichthof soll künftighin eine Auswahl 
grösserer Gipsabgüsse Aufstellung finden. 

Unter dem Freitreppenpodest öffnet sich der Zugang zu 
den im Osttrakt des Gebäudes aufgestellten prähistorischen 
Sammlungen, eine Tür der südlichen Längswand führt in die 
Sammlung der Gipsabgüsse, ihr gegenüber eine zweite in 
den dem Schulmuseum des Posener Lehrervereins ein- 
geräumten Saal. 

Im vorderen Teil des Erdgeschosses liegen die Ver- 
waltungsräume, das Bibliotheks- und Studienzimmer. Im 
<)stlichen Sockelgeschoss, zu dem zwei Treppen unter dem 
Freitreppenpodest hinabführen, sind die naturwissenschaft- 
lichen Sammlungen des Museums untergebracht. 

Den nach dem Wilhelmsplatz zu belegenen Teil des Ober- 
geschosses füllen die kulturgeschichtlichen und kunst- 
gewerblichen Sammlungen des Museums, südlich schliessen 
sich daran drei Oberlichtsäle und drei Seitenlichtkabinette mit den 
Gemälden der gräflich Raczynskischen Galerie, nördlich 



174 



drei Oberlichtsäle, in denen die Gemäldesammlung des 
Kaiser Friedrich-Museums untergebracht ist. 

Der östliche Frontbau des Obergeschosses ist in 
drei Räume gegliedert: Ein nördlich gelegener Eckraum enthält 
die Kartons von Friedrich Geselschap für Wandmalereien 
im Königlichen Zeughaus zu Berlin, der Oberlichtsaal in der 
Mitte ist wechselnden Ausstellungen bestimmt, während sich nach 
Süden der Vortrags saal des Museums anschliesst. 

Diese kurze Schilderung des neuen Gebäudes und seiner 
Räumlichkeiten lässt erkennen, dass Dank der Fürsorge des 
Staats der Kunstpflege in der Provinzialhauptstadt eine würdige 
Stätte bereitet ist, und damit ein langgehegter Wunsch der kunst- 
freundlichen Bevölkerung endlich seine Erfüllung gefunden hat. 

_^__^_^___ L- Kaemmerer. 

Aus dem Briefwechsel zwischen dem 
Grafen Athanasius Raczynsici und Wilhelm von Kaulbach. 

Von 
K. Simon. 

on den zahlreichen Künstlern, denen Athanasius Graf 
^ Raczynski lebendige Förderung zuteil werden liess^ 
scheint ihm kaum einer so nahe gestanden, kaum einer 
ihm ein so persönliches, menschliches Interesse eingeflösst zu 
haben, wie Wilhelm von Kaulbach. Der wohl ziemlich voll- 
ständig erhaltene Briefwechsel gibt davon interessante Zeugnisse, 
die heute, wo die Sammlungen des Grafen seit kurzem in Posen 
allgemein zugänglich sind und wo Kaulbach's anlässlich seines 
100. Geburtstages (15. Oktober) eingehender gedacht ist, auf 
doppelte Beachtung rechnen dürfen. 

Der grösste Teil der Briefe (von denen die des Grafen im 
Concept, die Kaulbachs im Original, zuweilen von seiner Frau 
Josefine geschrieben, vorliegen*), fällt in die Zeit, wo der Künstler 
an der Hunnenschlacht für den Grafen arbeitete. Es ist dies der 
kolossale Karton, der jetzt im Museum in der kulturgeschicht- 
lichen Abteilung als dem einzigen dafür ausreichenden Raum 
untergebracht ist. Die Idee, diesen Gegenstand für ein Gemälde 
zu verwerten, stammt von Leo von Klenze, dem berühmten Bau-- 
meister König Ludwig I. von Bayern, der sie in einer für jene 
litterarisch interessierte Zeit bezeichnenden Weise Kaulbach „ab- 




*) Nach dem im Besitze des Gräflich Raczynski'schen Familien- 
fideikommisses befindlichen, im Kaiser Friedrich -Museum aufbewahrten. 
Briefwechsel. 



175 



trat" und sie bei ihm zur Ausführung bestellte. „Indessen konnte- 
er sich nicht entschliessen, diesen Gegenstand in einem Oel- 
gemälde von kleinem Massstab auszuführen'' ; Graf Raczynski sah 
die Skizze bei ihm und bestellte das Bild in grossem Massstabe, 
worauf Klenze auf seine Bestellung liebenswürdiger Weise ver- 
zichtete. In dem Vertrag (20. Juni 1835) verpflichtet sich Kaul- 
bach, das Bild in höchstens drei Jahren fertig zu machen und 
bis zu seiner Vollendung keine andere Arbeit zu übernehmen. 
Als Preis für das vollendete Gemälde wurden 4500 Rthl. festgesetzt.. 

Inzwischen war er auch mit kleineren Skizzen für den 
Grafen beschäftigt, Illustrationen für dessen Geschichte der neueren: 
deutschen Kunst. Zwei von ihnen (jetzt Nr. 132 und 133 der 
Gemäldesammlung) begleitet er mit längeren Erläuterungen 
(12. Nov. 1836): „Das Fries stellt vor, wie die Harmonie, die 
aus den sonnigten Tag hervorgegangen ist, von den Ungeheuern 
der Nacht, die wieder von Genien gebendigt werden, an- 
gefochten wird . . . 

Was die andere Skizze vorstellt ist Ihnen schon bekannt:. 
Die Poesie oder auch Venus Urania, kurz die Beförderung alles. 
Hohen und Schönen in Kunst und Wissenschaft, sitzt in der Mitte 
und umschlingt mit ihren Armen die beyden andern Figuren,, 
diese erkennt man an ihren Attributen: Zwey Genien, die Material 
herbeischaffen. Im Vorgefühl meines künftigen Ruhmes habe ich 
unwillkührlich mein Bildniss hingemacht . . . Bey diesem Ge- 
danken bekam mein Gesicht einen behaglichen freudestrahlend ver- 
klärten Ausdruck, v/elcher auf dies Bildniss überging, aber diese: 
Apotheose wird Ihnen Herr Graf etwas zu voreilig bedünken. 

Im Vorgefühl dieses Tadels habe ich noch einen Felsblock, 
beygelegt, aus dessen harter Schale ein anderer süsser Kern, ein 
anderes Früchtchen herausgemeisselt werden kann. Diese Gruppe 
lässt aber noch andere Auslegungen zu, z. B. die Bildhauerei 
wendet ihren Kopf fragend zur mittleren Figur hin, ob sie den 
grinsenden Kobold mit dem Hammer den gottlosen Mund zu- 
siegeln soll oder ihm auch eines auf die hochmüthige Nase: 
geben usw . . . 

Die Portrait von Kornelius und Schadow werden Sie auch 
bald erhalten; ich bitte mir nur ein Portrait von Schinkel aus,, 
wenn Sie eines besitzen." 

Aus derselben Zeit, wo der Graf im Interesse der Vollenduug^ 
seines Werkes sich monatelang in München aufhielt und bei 
Kaulbach wohnte, stammt auch seine höchst lebendige Porträt- 
zeichnung von Kaulbach (Nr. 129 der Gemäldegallerie). 

Graf Raczynski an Kaulbach: 

„Ich habe mein theuerster Herr Kaulbach Ihren Brief vom^ 
13. Nov. nicht früher beantworten können, weil ich dem Allen. 



176 



inachkommen wollte ... Ich finde die Composition, die Sie mir 
gütigst übersandt, allerliebst und wünsche mir gewiss keine 
andere. Mit der Fahrpost überschicke ich Ihnen die Pause wie 
.auch eine Zeichnung nach einer kleinen Gipsstatue von Schinkel, 
hiebst einem lithographiertem Portrait mit, welches sprechend 
-ähnlich ist. Ich wünsche recht sehr, dass nichts von demselben 
versteckt bleibt und dass er die vorderste Stelle einnimmt. Schon 
die Grösse seines Talents und sein grosses künstlerisches Wirken 
verdienen es, aber seine Bescheidenheit und seine edle Seele 
lassen es besonders wünschenswerth erscheinen. Schreiben Sie 
mir doch recht bald, wie Sie mit der Farbenskizze der Hunnen 
•zufrieden sind und ob Sie mit dem grossen Bilde schon den An- 
fang gemacht. Wenn ich doch recht bald nach München hinüber- 
fliegen und Sie nur ein Stündchen an dem Bilde mahlend sehen 
könnte, aber es ist noch zu früh und von den todten Hunnen ist 
wohl Keiner noch nicht auferstanden . . . 

Ihrer liebenswürdigen Frau Gemahlin bitte ich mich zu 
Füssen zu legen und mich auch bei Ihrem Frl. Tochter nicht zu 
vergessen. Solche Hühner wie bei Ihnen gegessen werden, 
gibt es hier gar nicht. Mein ästetisches Maul läuft mir über, 
wenn ich daran denke. Nicht wahr? wenn ich nach München 
^zurückkehre, nehmen Sie mich in Kost? Ich thue Gleiches, 
wenn Sie mich mit Ihren übermüthigen Hunnen hier besuchen 
•werden, was in Qualität abgehen wird, soll in Quantität ersetzt 
werden. Wissen Sie wohl, dass ich jeden Tag von Ihnen 
spreche, zuweilen von Ihnen träume und beinahe immer recht 
ireundlich an Sie denke. 

Wie steht es mit Ihrer Liebe für die Akademie und die 
Professoren? Lassen Sie dieses Gefühl nicht in eine Abgötterei 
ausarten: Ihre Demuth ist dessen fähig, Sie wissen wie es denen 
gegangen ist, die ein goldenes ... ich weiss nicht was . . . 
angebetet haben; von Schlangen wurden sie angefallen. 

Nochmals danke ich Ihnen recht herzlich für die schöne 
Compostition und da Sie nun einmal Generosität gegen mich ausüben 
wollen, so schicken Sie mir doch das Fehlende, damit ich Vor- 
i^ehrungen zur bestmöglichsten Ausführung derselben treffen kann.*' 

Der Auftrag des Grafen ermöglichte Kaulbach einen erst- 
maligen längeren Aufenthalt in Italien. Mit Bezug darauf 
schreibt Josephine Kaulbach: „Zu gern möchte ich Ihnen münd- 
lich sagen, Herr Graf, von welch grossem Nutzen meinem lieben 
-Mann dieser Ausflug nach Italien war, jetzt erst, glaube ich, wird 
er im Stande seyn, etwas ganz grosses und herrliches zu leisten.** 

Hatte Kaulbach zwar schon einiges in München gemalt: 
Das Deckengemälde im Odeon (Apollo und die Musen), das 
Ooethezimmer im Königsbau, so erhielt er doch Ruf erst durch 



177 



den Auftrag der Hunnenschlacht. Ruf und — Neider, die- 
seinem Unternehmen Hindernisse in den Weg zu legen suchten.. 
Für den kolossalen Karton, für den bei ihm selbst kein Platz 
war, war ihm ein Raum in der Akademie versprochen worden.. 
Bitter beklagt er sich darüber, mit welchen „erbärmlichen 
Gründen" ihm seine Bitte abgeschlagen worden sei. „Jetzt 
bleibt mir nichts weiter übrig als unten beim Bildhauer Low zu 
bleiben . . . und danke unserm Herrn Gott, dass ich (trotz der 
grossen Kälte, die beim Bildhauer Low ist) nicht auf der 
Akademie zwischen den Philistern sitze ... Ich bin in 
meinem ganzen Leben noch nicht so glücklich gewesen wie jetzt 
an meinem Bilde ; ein Seelenfriede, eine Ruhe zieht in mich ein^ 
wie ich es nie empfunden habe. Denn was ich mache, wird gut, 
denn unser Herr Gott hat mir die Kraft dazu gegeben. 

Und Ihnen, bester Herr Graf, habe ich alles diess zu 
danken, tausendfachen Dank für diese mir ruhmbringende Arbeit.*' 

Der nächste Brief beschäftigt sich zunächst wieder mit den 
Porträts von Cornelius, Schadow usw., die Kaulbach nicht ge- 
lungen zu sein scheinen: „Die Figuren sind nicht genug im 
Styl gehalten, sind zu genreartig aufgefasst, aber die Ursache 
dieser misslungenen Apotheosirung ist, glaube ich die, dass ich 
zwey von diesen Herren zu gut [Cornelius und Wilhelm von 
Schadow], und die zwey Andern [Thorwaldsen und Schinkel],- 
fast gar nicht kenne. ... 

Ich habe auf dem grossen Bilde fast die ganze untere 
Gruppe fertig untertuscht . . . Tag und Nacht denke ich an 
mein Bild, aber nicht blos denken, sondern ich arbeite von 
morgen bis zum Abend fleissig daran. Ich werde von vielen^ 
Künstlern beneidet wegen des schönen Auftrages, ja ich bin 
Ihnen Herr Graf ewig ewig! dankbar, gebe nur Gott, dass ich's 
zu Ihrer Zufriedenheit vollenden werde. . . . 

Herr von Klenze hat mich schon öfters besucht, und seine Freude 
über die Arbeit geäussert, Kornelius und seine Professoren besuchten 
uns auch schon öfters, haben aber nichts von Bedeutung gesagt. 

Vor einer Woche kommen die Professoren der Akademie 
zu mir, und bothen mir den Frieden an, ich war denn auch so 
gütig und nahm ihn an. Mit vielen höflichen artigen Redereien^ 
wobei Schnorr alles mögliche leistete, wurde mir die Ursache 
dieser plötzlichen Sinnesänderung kund gethan: Es wäre eine 
Schmach, wenn die Akademie länger mit einem Künstler wie 
ich noch diese Zwistigkeiten fortbestehen Hesse. Die Herren 
haben allerdings recht, sie hätten aber ja schon früher dafür 
thun können, und nicht erst jetzt, da sie sehen, dass mein Bild^ 
obgleich sie mich vieles unangenehme durch die Verweigerung; 
eines bequemen Lokals erdulden Hessen, doch gut wird." 

12 



178 



Bezeichnend für die vornehme Gesinnung des Grafen ist 
:seine Antwort (31. Jan. 1836): 

„Ich bin empört über die Art [ursprünglich: Miserabilität], 
wie man gegen Sie verfährt. Ich will es gar nicht zulassen, 
dass Cornelius, Schlotthauer und die Akademie Ihren Aufschwung 
hemmen möchten. Ein solches niederträchtiges Verfahren von 
Vorstehern der Kunst gegen das Gedeihen derselben halte ich 
für unmöglich und setze es nicht einen Augenblick voraus. 
Mich wundert nur, dass man Ihrer Hunnenschlacht nicht genug 
Wichtigkeit beilegt, um die Schwierigkeiten, welche sich bei der 
Einräumung eines Lokals für Sie in den Weg legen, auf alle 
mögliche Weise zu beseitigen." 

Auf einer Frühjahrsreise 1836 besuchte der Graf Kaulbach 
und er hat „die Hunnen mit soviel Freude und Bewunderung 
wieder gesehen als wenn er sie noch gar nicht gekannt hätte.'' 

Über den Fortgang der Arbeit erstattet Kaulbach hie und 
da Bericht; wenn auch nicht oft. ,,Ich bin der miserableste 
Briefschreiber unter der Sonne ; wenn der Sinn eines Wortes statt 
mit Buchstaben sich deutlich mit Figürchens aussprechen Hess, 
würde es schon besser gehen." 

Zuletzt werden die Nachrichten so spärlich, und der Graf 
hört so unzweideutige Gerüchte, Kaulbach arbeite an dem Bilde 
gar nicht, dass er sich veranlasst sieht, sich zuerst an ihn selbst 
um Aufklärung, dann an einflussreiche Freunde zu wenden, um 
durch sie Kaulbach zu einem stetigeren Arbeiten zu veranlassen, 
bei allem Verständnis für die Eigenart des Künstlers. „Bei der 
Genialität, welche dem Kaulbach so eigenthümlich ist, begreife 
ich, dass Alles, was ins Recht, ins praktische Leben, in 
soziale Verbindlichkeiten hineingreift, ihm einigermassen fremd 
ist . . . Er lebt seinen künstlerischen und sonstigen Aufregungen 
und denkt meiner nicht, der es doch so freundhch mit ihm meint 
und seit unserer ersten Bekanntschaft immer mit ihm gemeint hat." 

Kaulbach's Verteidigung schiebt alles auf Verläumder. 
,, Diese verfluchten Verläumder; man lässt mir hier in München 
keine Ruh. Was ich Ihnen zu danken habe und was ich Ihnen 
für Ihr in jeder Hinsicht nicht nur grossmüthiges, sondern selbst 
freundschaftliches Benehmen gegen mich schuldig bin, habe ich 
nie vergessen und werde es nie vergessen. Euer Hochwohl- 
. geboren ist der Begründer meiner jetzigen Existenz. Sie waren 
in der dunklen Nacht, die mich umgab, mir ein leuchtender 
Engel, denn meine Feinde hatten schon dafür gesorgt, dass kein 
einziger leuchtender Strahl fürstlicher Gunst auf mich herabfiel; 
auf welche beschränkte Weise hätte ich mein Künstlerleben führen 
müssen, wenn Sie mich nicht durch den grossen Auftrag und 
•überhaupt gütig und wohlwollend auf mich eingewirkt hätten." 



179 



Schliesslich muss er aber doch gestehen, dass er statt der 
ausbedungenen zwei Sommer deren vier brauchen wird — er hatte 
rzuerst den Plan gehabt -»die Untertuschung für sich zu behalten 
und für den Grafen ein neues Bild zu beginnen — und bietet 
dem Grafen, falls er nicht so lange warten will, die vollendete 
Untertuschung an, während er zum Ersatz für die fehlende farbige 
Ausführung für ihn ein anderes Gemälde ausführen will. 

Raczynski antwortet energisch und doch freundlich (6. Juni 
1837): ,,Es sind keine Gerüchte, theuerster Herr Kaulbach, auf 
die sich meine Besorgnisse in Hinsicht des Bildes gründen. Ich 
glaube, Sie haben mich als einen Mann kennen gelernt, der einer 
selbständigen Ansicht fähig ist und da ich einen Monat in München 
zugebracht, so habe ich mich auch nicht auf Gerüchte zu be- 
schränken gehabt, sondern den Stand der Dinge selbst be- 
urtheilen können.'* 

Er macht nun selbst den Vorschlag, dass ihm Kaulbach die 
vollendete Untertuschung, so wie sie ist, schickt, wobei er das 
Finanzielle in ausserordentHch vornehmer Weise regelt, und fährt fort : 

,,Sie haben mir immer gesagt, theuerster Herr Kaulbach, 
dass Sie mir Ihre ganze Zeit in diesen drei Jahren aufopfern 
wollen; ich habe es immer abgelehnt und freue mich, wenn die 
Hunnen nebenbei Ihnen Früchte tragen, aber ich verdiene wohl, 
dass Sie mich nicht ganz unberücksichtigt lassen. Ich bitte Sie, 
theuerster Herr Kaulbach, in diesem Briefe nichts anderes zu 
suchen und zu finden, nur die grosse Bewunderung und Liebe, 
welche mir Ihr Talent einflösst, und der sehr natürliche Wunsch, 
mir Freude und Genuss von einer Sache zu verschaffen, die mir 
rechtlich und billig zukommt. Dass ich lieber das Bild unvol- 
lendet zu haben wünsche, als noch vier Jahre darauf zu warten, 
das können Sie für gewiss annehmen, und zwar, weil schon vier 
Jahre an sich eine lange Zeit ausmachen, die mir niemand garan- 
tieren und ersetzen kann, und zweitens weil mir niemand die 
Erfüllung des zweiten Versprechens verbürgt. 

Ich hatte und habe noch Projekte für Sie, die Ihnen Nutzen 
l)ringen würden, und ich glaube viel Nutzen. Ich spreche sie 
nicht aus, weil ich für nichts und wieder nichts keine Verbind- 
lichkeiten auf mich laden will, aber Sie kennen mich genug und 
glauben gewiss, dass wenn Sie mich nicht gar zu sehr rück- 
sichtlos behandeln, ich meine grösste Freude darin finden werde, 
die Liebe und Hochachtung zu bewähren, welche Sie mir seit 
-dem ersten Augenblick unserer Bekanntschaft eingeflösst haben 
und die tief in meine Seele eingegraben sind." 

Als Ölgemälde zum Ersatz für die Hunnen hatte Kaulbach 
m die Zerstörung Jerusalems gedacht, ein Thema, das die 
Prinzessin Radziwill ihm vorgeschlagen hatte. Darauf antwortet 

12* 



180 



der Graf: „Ich gestehe, dass ich mich nicht entschhessen kann^ 
dieses letzte Sujet zu einem Oelgemälde zu bestimmen. Es ist 
ein so compHzirter Gegenstand, nicht 'anders verständlich nur 
wenn er explizirt wird. Genug, es mag ihn ein anderer als 
Gemälde zu haben wünschen; ich thue es nun einmal nicht, aber 
die Löwenjagd [von der Raczynski eine Zeichnung gesehen hattej 
als Gemälde kann etwas ganz Vorzügliches werden und auch 
meine Hunnen, weil bei diesen mehr Einheit vorhanden ist als 
bei dem Jerusalem, obgleich auch die Hunnen nach meinem Da- 
fürhalten für Frescomalerei weit mehr geeignet sind als für 
Ölmalerei." 

Der folgende Brief Kaulbachs scheint nicht erhalten zu 
sein ; wohl aber die Antwort des Grafen : 

„Mein theuerster Herr Kaulbach! 

Ich kann Ihnen nicht in Worten ausdrücken, wie tief mkh 
die edlen Gesinnungen ergriffen haben, die sich in Ihrem Briefe 
aussprechen. Es soll Ihr Schaden nicht sein. Was ich einmal 
gesagt habe, steht fest, und ich nehme nicht nur mein Wort 
nicht zurück, sondern ich muss Sie bitten mir die Erfüllung 
meines Versprechens zu gestatten. Sie handeln edel, lassen Sie 
mich wenigstens gerecht sein und meinem Worte treu bleiben. . . 
Mit den herzlichsten Wünschen für Ihr und Ihrer lieben Familie 
Glück und Wohlergehen verbleibe ich 

Ihr Freund A. Raczynski." 

Kaulbach an Raczynski. 20. Aug. 1837. 

„. . . Das grosse Bild würde ich eher übersendet haben,, 
wenn der König Ludwig nicht hätte sagen lassen, er wünsche 
die Hunnen vor ihrer Abreise noch einmahl zu sehen, vor 
einigen Tagen erschien nun die ganze Königliche Familie, um 
dem König Attila die Abschiedsvisite zu machen, und nun wird 
das Bild in einigen Wochen bei Euer Hochwohlgeboren eintreffen. 

Was die Löwenjacht betrifft, so kann ich Ew. Hochwohl- 
geboren so grossmüthiges Anerbieten nicht annehmen, indem 
solches noch zu weit zurück ist, und jetzt schon einen Theil der 
Bezahlung annehmen zu können, und ist das Bild einst fertig, 
so werde ich es mir zur Ehre rechnen, wenn Sie solches als ein 
Andenken annehmen möchten, indem die vielen Beweise Ihrer 
Gewogenheit mich zu möglichster Dankbarkeit verpflichten.*' 
Zum Schluss spricht er noch die Überzeugung aus, dass die 
Hunnen gemalt werden müssen; „ich bin es der Kunst und Ihnen^ 
Herr Graf, schuldig. 

Ew. Hochwohlgeboren dankbar ergebenster Diener 

W. Kaulbach." 

In seiner Antwort (19. Sept. 1837) ist Raczynski mit dem 
Vorschlage einverstanden; es ist aber immer bei der Unter^ 



181 



tuschung geblieben. Als das Bild nun bei ihm in Berlin ein- 
getroffen ist, schreibt er mit dem schönen Enthusiasmus, der 
nur das eine geliebte Werk vor sich sieht, ohne historisch- 
objektiven Vergleich mit anderen Schöpfungen, und der einem 
Kunstfreund so notwendig ist: „Mein theuerster Herr Kaulbach. 
Ich befinde mich nun seit einigen Tagen in dem Besitz Ihrer 
vortrefflichen Geisterschlacht. Es ist nach meiner Ansicht das 
vollkommenste Werk unserer Zeit und selbst aller Zeiten. Wenn 
auch wenige die Courage haben, sich so positiv auszusprechen 
und die meisten zurückhaltend sind, wenn sie die Gefahr ahnen, 
sich zu compromittiren, so ist doch die Begeisterung allgemein. 
Bis jetzt haben Wach, Schorn, Bendemann, Magnus das Bild 
gesehen und ihre Begeisterung spricht sich unverholen aus. 
Von Neid ist gar keine Rede; nicht das geringste Symptom 
dieses traurigen Gefühls lässt sich bis jetzt blicken. 

Ich bleibe bei dem, was ich früher empfunden: . Attila 
dürfte grösser sein, der fliehende Römer müsste zurück und im 
Schatten gehalten werden. Der Priester, welcher getragen wird, 
wird auch im Schatten gehalten werden. Diese Bemerkungen 
ändern mein allgemeines Urtheil nicht: es ist das grösste und 
schönste, was die Kunst aufzuv/eisen hat. 

Ich glaube nicht, dass Sie sich je wieder daran machen, 
aber wenn Sie Lust dazu haben sollten, so biete ich Ihnen die 
Hand dazu. . . . Gott erhalte Sie und die Ihrigen. Nehmen 
Sie nochmals meinen Dank und die Versicherung meiner Bewun- 
derung und meiner Freundschaft." 

Erneute Dankbarkeit Kaulbachs spricht aus einem Briefe 
vom 18. Mai 1840. 

Kaulbach an Raczynski. 

„ ... Sie hoher Herr waren ja der erste, welcher mein 
ernstes Streben und Ringen in der Kunst erkannte; mit Ihrem 
scharfen Blick durchschauten Sie, wozu in der Kunst ich be- 
fähigt bin. Durch Ihre grossartige Bestellung wurde ich in den 
Stand gesetzt in der Kunst eine Laufbahn zu betreten, wonach 
ich mich seit Jahren sehnte. 

Ich habe nie mehr eine Arbeit in dieser Zeit gemacht, 
wo ich mit so ganzer Seele dabei war, als wie bey dieser und 
ich glaube es wird auch nicht mehr geschehen als bis ich an 
ein ähnliches, nähmlich an die Zerstörung von Jerusalem komme, wo 
der Gegenstand und die Grösse der Hunnenschlacht gleichkommt. 

Ich sehne mich sehr mit Ihnen wieder einmahl mündlich 
besprechen zu können, um Ihre Meynung über das eine oder 
das andere im Gebiete der Kunst zu hören. Diess ist ja nicht 
im Bereich der Unmöglichkeit, dass Sie wieder einmahl nach 
München kommen, nicht ich allein wünsche es, sondern es ist 
der allgemeine ausgesprochene Wunsch." 



182 



Den feinen Diplomaten zeigt der folgende Brief. 

Raczynski an Kaulbach. 10. Juni 1840. 

„ . . . Dass Sie an mich lange nicht geschrieben haben, 
bedarf keiner Entschuldigung: Weiss ich ja doch, wie Sie es 
mit mir meinen und dass Sie sich in gewöhnliche Formen und 
Gebräuche nicht einzwängen lassen. 

Wie gern möchte ich hier Ihre Zerstörung von Jerusalem 
in einem öffentlichen Institute aufgestellt sehen! Ich würde sie 
gern selbst besitzen, aber ich müsste dazu ein Haus bauen. 

Ich werde der hiesigen Akademie davon Nachricht er- 
theilen: es würde für diese eine würdige und nützliche 
Acquisition sein. Auch schon als Speculation wäre so eine Be- 
stellung für einen Gemäldehändler zu empfehlen. 

Ich wünschte, dass das Ausland Ihnen diese Bestellung 
machte, und dadurch der Wunsch bei uns geweckt würde, diese 
Schöpfung sich nicht entreissen zu lassen. Ich schreibe heut des- 
wegen nach England, nach Paris, an unsere Akademie und an 
den Vorsteher unseres Museums, und behalte Abschrift von allen 
diesen Briefen, um mich zu seiner Zeit vor Ihnen legitimieren 
zu können. 

Nun von etwas Anderen, und zwar mit der Überzeugung, 
dass Sie weder das thun werden, worum ich bitte, noch 
antworten werden. Das thut nichts, denn ich schwärme für Sie. 

Schicken Sie mir doch die Farbenskizze der Hunnen für 
300 Rthlr. oder eine Ihrer Studien aus Italien nach der Natur, 
in Öl für den Preis, welchen Sie bestimmen werden. 

Das war bestimmt kurz und bündig. Nun lassen Sie 
mich mit der Versicherung meiner grössten Bewunderung und 
meiner unwandelbaren Freundschaft schliessen." 

Diesmal hatte sich der Graf aber doch getäuscht, denn 
„schon" nach fünf Jahren schickte ihm Kaulbach den Hirten- 
knaben, eins der liebenswürdigsten Werke Kaulbach's (Nr. 104 
der Gemäldesammlung). 

Schon vorher hatte dieser ihm einen öffentlichen Beweis 
seiner Freundschaft gegeben dadurch, dass er ihm den zweiten Band 
seiner Geschichte der neueren deutschen Kunst gewidmet hatte. 

Raczynski an Kaulbach 26. Dezember 1839. 

„Mein theuerster Herr Kaulbach, sehen Sie es nicht als ein 
Zeichen des Uebermuthes an, dass ich Ihnen meinen 2. Band 
gewidmet habe; ich habe damit meine Bewunderung für Ihr 
Talent und meine freundschaftlichen Gesinnungen gegen Sie be- 
kunden wollen. Ich bitte, kleben Sie diesen Brief in das 
Exemplar hinein, damit einst, wenn wir nicht mehr leben, man 
wisse, welchen Werth ich auf die Fortsetzung Ihres Wohlwollens 
setze; damit man wisse, dass ich Sie gekannt, geliebt. Meine 



lös 



Eigenliebe, ausgedehnt übers Grab, werden Sie mir doch wohl 
nachsehen. Leben Sie glücklich mit den Ihrigen und behalten 
Sie mich in Ihrem gütigen Andenken." 

'Für Kaulbach folgt dann die grosse Berliner Zeit, wo er 
(seit 1847) die bekannten Bilder im Treppenhause des Neuen 
Museums schuf. 

Lange Zeit schweigt der Briefwechsel; aus dem Jahre 1850 
stammt die Gestalt der „Sage" (Nr. 92 der Gemäldesammlung). 
Sodann scheint Raczynski dem Künstler ein historisches Thema, 
vielleicht aus der polnischen Geschichte, vorgeschlagen zu haben, 
das Kaulbach freudig ergreift, blos über das „nordöstliche Costüm 
der damaligen Zeit" ist er nicht recht im Klaren. (12. Okt. 1857). 

1864 hatte Kaulbach bei einer kürzeren Anwesenheit in 
Berlin, wie schon früher längere Zeiten hindurch, bei dem Grafen 
gewohnt, während dieser schon seine Badereise angetreten hatte. 
Kaulbach dankt ihm in herzlichen Worten, spricht über seine Bilder 
im Treppenhaus und fährt fort (17. Juli 1864): „Es ist nicht 
unmöglich, dass Sie . . . in der Betonung, Farbe, in dem Aus- 
druck manches tadelnswerth finden. Ich kenne Ihren feinen Kunst- 
geschmack und wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie mir 
Ihre Wahrnehmungen offen mittheilen wollten, damit ich bei 
meinem nächsten Aufenthalte in Berlin an dem Bilde die nöthigen 
Änderungen vornehmen könnte , . . Nehmen Sie doch in der 
Kunstwelt eine eigenthümliche, mir höchst wohlthätige Stellung 
ein. Sie geniessen und loben das Schöne, wo Sie es auch finden 
mögen, während die meisten Künstler und Kunstfreunde blos 
dasjenige lieben und hochschätzen, was sie entweder als Eigenthum 
besitzen oder selbst gemacht haben. 

Ich verbleibe mit wärmster Verehrung und Dankbarkeit 
Ihr aufrichtig ergebener 

W. Kaulbach.« 

Raczynski an Kaulbach (21. Juli 1864): 

„Mein verehrter und theurer Herr Director. Wie können 
Sie Ihr Wohnen bei mir nur so schief auffassen? Wie ich das 
verstehe, werden Sie aus folgender Aufschrift ersehen: 

Hier hat Wilhelm v. Kaulbach während des Entstehens 
seiner grossen Werke im Treppenhause des neuen Museums 
(1854 — 1864) zu meiner grossen Freude und Ehre gewohnt. 

A. Raczynski. 

Dies wird nun auf einer Marmorplatte eingegraben und 
eingemauert. " 

Am 7. April 1 874 starb Kaulbach, wovon der Graf durch Depesche 
benachrichtigt wurde. Am 9. April schrieb er an Frau von Kaulbach : 

„Gnädigste Frau, 
die unerwartete Nachricht von dem Tode Ihres theufen Gatten, 



184 



meines so hochverehrten Freundes, hat mich auf das Tiefste be- 
rührt. Ich theile mit Ihnen den Schmerz über diesen herben 
Verlust. Sie verlieren den theuren Gatten, die Kunst ihren 
Meister und ich einen mir stets wohlwollenden Freund und 
Gönner. Doch seine Werke leben fort und sein Name wird für 
immer der Nachwelt erhalten bleiben. Gestatten Sie, gnädigste 
Frau, den Ausdruck meines herzlichsten Beileids in der persön- 
lichen hohen Verehrung, womit ich verbleibe Ihr treu ergebener 

A. Raczynski." 

Vier Monate später folgte der Graf dem Künstler nach. 

Aus dem ganzen Briefwechsel leuchtet die ganze vornehme, 
wahrhaft liebenswerte Persönlichkeit des gräflichen Mäcens hervor, 
die nur die innigste Verehrung und Hochachtung erwecken kann. 
Seine begeisterte opferwillige Liebe zur Kunst, sein verständnis- 
volles Eingehen auf alles, sein feines Urteil über Persönlichkeiten 
und Dinge, das Gefühl, dass er, der Mäcen, doch schliesslich der 
Empfangende ist, dem der Künstler als „Gönner" gegenübersteht, 
während er auf der anderen Seite aber auch von dem durchdrungen 
ist und auf dem besteht, was er vom Künstler zu verlangen 
berechtigt ist: eine solche überaus seltene Mischung von Eigen- 
schaften, bei der Charakter, Verstand und die Kräfte des Gemütes 
sich in harmonischem Gleichmas die Wage halten, macht die 
Erscheinung des Grafen in jeder Hinsicht ungemein sympathisch. 

Würde sein Beispiel Nacheiferung zu erwecken im Stande sein, 
so wäre das zur Eröffnung des neuen Kaiser Friedrich -Museums 
für die Provinz und das Museum selbst das schönste Geschenk 
und zugleich ein kleiner Zoll der Dankbarkeit gegen den edlen 
Mann, dem wir uns alle ohne Ausnahme verpflichtet fühlen müssen. 



Nachrichten, 



1. Für den Besuch des Kaiser Friedrich-Museums in 
Posen sind die nachfolgenden allgemeinen Bestimmungen 
festgesetzt worden. 

Die Sammlungen des Kaiser Friedrich-Museums sind bis 
auf weiteres geöffnet: 

Wochentags (ausser Montags) von 10 — 2 Uhr, 
Sonntags von 12 — 3 Uhr. 

Geschlossen sind die Sammlungen an allen Montagen, am 
Neujahrstag, Charfreitag, Himmelfahrtstag, Busstag und den ersten 
Feiertagen der hohen Feste; an deren zweiten Feiertagen sind 
sie zu denselben Stunden geöffnet wie an den Sonntagen. 



185 



Das Studienzimmer ist mit Ausnahme der Sonn- und Feier- 
tage täglich wäiirend der Besuchsstunden der Sammlungen ge- 
öffnet; ausserdem 

Mittwoch -j 

Donnerstag ! 7 — 9 Uhr abends. i 

Freitag ) 

Der Eintritt ist allen anständig gekleideten Erwachsenen 
gestattet, Kindern unter 10 Jahren nur in Begleitung Erwachsener. 
Schirme und Stöcke, sowie Havelocks sind in der Garderobe 
abzugeben. 

Für Zeichnen, Photographieren und Copieren in den Samm- 
lungsräumen bedarf es der Erlaubnis des Direktors. 

2. Gleichzeitig mit der Eröffnung des Kaiser Friedrich- 
Museums ist ein Führer durch die Sammlungen erschienen, der 
über den Inhalt und die räumliche Anordnung der Sammlungen 
in knapper, gemeinfasslicher Form unterrichtet und die für das 
Verständnis notwendigen Erläuterungen der einzelnen Abteilungen 
und Hauptstücke gibt. Der Preis des Führers, der durch das 
Bureau des Museums zu beziehen ist, beträgt 20 Pf. 

3. In dem Ausstellungssaal des Kaiser Friedrich- 
Museums wurde durch den Kunstverein vom 5. August bis zum 
1. September eine Sonderausstellung von Werken des Malers 
Carl Max Rebel veranstaltet. Aus Anlass der Eröffnung des 
Museums arrangierte die Verwaltung eine kunstgewerbliche Aus- 
stellung, in der hauptsächlich der Nachlass des früh verstorbenen 
Darmstädter Künstlers Patriz Huber vertreten ist. Die Ausstellung, 
die bis Ende November geöffnet bleibt, enthält ferner ausgeführte 
Zimmereinrichtungen nach Entwürfen von Anton Huber und 
Balthasar von Hornstein, Möbel von Olbrich, Plaketten und 
Bronzeplastik von Bosselt, ausgev/ählte Radierungen von Klingen 
und andere Arbeiten. 

4. Ein geräumiger Saal de