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Historische -Zeitschrift 

Begründet von Heinrich v. Sybel 



Unter Mitwirkung von 

Paul Baiileu, Georg von Below, Otto Hintze, Otto Krauske, 
Max Lenz, Erich Marcks, Sigmund Riezler, Moriz Ritter 

herausgegeben von 

Friedrich Meinecke und Fritz Vigener 

Der ganzen Reihe lio. Band 
Dritte Folge — 19. Band 





1/ (jf^l 



München und Berlin 1916 
Druck und Verlag von R. Oldenbourg 



INHALT. 



Aufsätze. Seite 

Die Schlacht bei Carrhä. Von Francis Smith 237 

Kleopatra. Von Max L. Strack (f) 473 

Über die mittelalterliche Anschauung vom Recht. Von Fritz Kern. . . . 496 
Zur Verkehrsgeschichte Ost- und Nordeuropas im 8. bis 12. Jahrhundert. 

Von Richard Hennig 1 

Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. Von Karl Hampe 31 

Heinrich VIII. von England — Defensor Fidei. Von Karl Ben rat h . . . 263 
Die Soziallehren Melanchthons. Probevorlesung, gehalten am 29. Juli 1914 

von Walter Sohm (t) 64 

Das erste Auftreten Rußlands und der russischen Gefahr in der europäischen 

Politik. Von W. Platzhoff 77 

Germanischer und romanischer Geist im Wandel der deutschen Geschichts- 
auffassung. Von Friedrich Meinecke 516 

Das Verhalten der preußischen Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 

Von Ernst Müsebeck 278 

Probleme der Arndt-Biographie. Von Albrecht Dühr 537 

Miszelle. 

Die Wendeneinfälle der Jahre 1178, 1179, 1180 und die Herausforderung 
Heinrichs des Löwen zum Zweikampf durch Markgraf Dietrich von 
Landsberg. Von W. Biereye 311 



Literaturbericht. 



Seite 

Allgemeines: 

Geschichtsphilosophie 94. 324. 570ff. 

Staatslehre 99. 588 

Biographisches 582 ff. 

Geschichte der Nationalökonomie 594 
Religionsgeschichte .... 327. 598 

Kunstgeschichte 330 ff. 

Gesammelte Abhandlungen . 109 ff. 

Alte Geschichte: 

Sadduzäer 120 

Griechische Literatur 121 

Hellenistisch-römische Kultur . 337 

Cäsar 123 

Germanien 339. 601 

Christliche Antike 605 ff . 

Mittelalter: 

Papstgeschichte. . . .125.130.619 
Franz v. Assisi 616 



Seite 

Mystik 340 

Städtewesen 132 ff. 

Veit Arnpeck 342 

Die Neuen Zeitungen 345 

16. Jahrhundert: 

Reformationsgeschichte . . . 138 ff. 
Geschichtschreibung u. Literatur 

146. 620 ff. 
Deutsche Seegeschichte . . . .143 

Nuntiaturberichte 347 

17. — 18. Jahrhundert: 

Grönland- und Polarfahrten . . 350 
19. Jahrhundert: 

Deutscher Buchhandel (1805 bis 

1889) 627 

Europäische Geschichte 1815 bis 

1826 629 

Metternichs Orientpolitik . . . 346 



IV 



Inhalt. 



Seite 

1848 149. 357 ff. 633 

Bismarcks Eisenbahnpolitik . . 152 
Altgermanische Seegeschichte . . . 361 
Deutsche Kulturgeschichte .... 365 
Deutsche Rechts- und Verfassungs- 
geschichte 156 ff. 372 

Deutsche Landschaften: 

Oberschwaben 394 

Bayern 397 ff . 

Frankfurt 401 ff. 

Köln 407 

Essen 413 

Kursachsen 636 



Seite 

Herzogtum Sachsen 637 

Brandenburg 415 

Nordschleswig 162 

Danzig 416 

Marienburg 165 

Schlesien 166 ff. 

Österreich 170. 419. 639 ff. 

Dänemark 644 

Frankreich 173 ff. 423. 647 

England 179 ff. 

Italien 425 ff . 

Südamerika 189 

Ägypten 191 



Alphabetisches Verzeichnis der besprochenen 
Schriften. 

(Enthält auch die in den Aufsätzen und den Notizen und Nachrichten besprochenen 
selbständigen Schriften.) 

Seite 
Albrecht, Beiträge zur Geschichte 

der»; portugiesischen Historio- 
graphie des 16. Jahrhunderts . 682 
Aid heim, Auetores antiquissimi, 

hrsg. von Ehwald 443 

Allen, The Age of Erasmus ... 140 
Allgemeine Deutsche Biographie, 

56. Bd. Generalregister .... 582 
Alt haus, Zur Charakteristik der 

evangelischen Gebetsliteratur im 

Reformationsjahrhundert . . . 623 
Altmann, Ausgewählte Urkunden 

zur Brandenburgisch-preußischen 

Verfassungs- und Verwaltungs- 
geschichte. l.Bd. 2. Aufl. . . 436 

Anrieh, M. Bucer 680 

Archivalien zur neueren Geschichte 

Österreichs. I, 4 468 

Arnpeck, Sämtliche Chroniken. 

Hrsg. von Leidinger .... 342 
Aulard, Les grands orateurs de la 

Revolution. Mirabeau-Vergniand- 

Danton-Robespierre 688 

Babut, Saint Martin de Tours . 606 
Ballard, British Borough Charters 

1042—1216 179 

Ballard, The English borough in 

the twelfth Century 181 

Wilhelm Bauer, Die öffentliche 

Meinungjund ihre geschichtlichen 

Grundlagen 324 

Baumgarten, Poland, Wagner, 

Die hellenistisch-römische Kultur 337 
Bayne, Anglo-Roman Relations 

1558—1565 451 

Behrens, Das kriegerische Frank- 
reich 1915 691 

v. Below, Der deutsche Staat des 

Mittelalters. Ein Grundriß der 

deutschen Verfassungsgeschichte. 

1. Bd 372 

Benzerath, Die Kirchenpatrone 

der alten Diözese Lausanne im 

Mittelalter 692 

Bergsträsser s. Eigenbrodt. 
Besnier, Lexique de geographie 

ancienne 438 



Seite 

Bettelheim s. Biographisches 
Jahrbuch. 

Bibl, Die niederösterreichischen 
Stände im Vormärz 170 

Biographisches Jahrbuch und deut- 
scher Nekrolog. Hg. v. Bettel- 
heim. 15. Bd 583 

Birkenmaier, Die Krämer in Frei- 
burg i. Br. und Zürich bis zur 
Wende des 16. Jahrhunderts. . 226 

Bitterauf, Friedrich der Große. 
2. Aufl 686 

Bleich, Der Hof des Königs Fried- 
rich Wilhelm IL und des Königs 
Friedrich Wilhelm III 219 

Bock, Das Steintal im Elsaß . . 694 

Boguslawski, Beweise des Autoch- 
thonismus der Slaven in dem von 
ihnen im Mittelalter besetzten 
Gebiete 443 

Braun s. Schleiermacher. 

Briefwechsel zwischen Goethe und 
Johann Wolfgang Döbereiner 
(1810—1830), hrsg. von Schiff 689 

B rieger, Die Reformation. Ein 
Stück aus Deutschlands Welt- 
geschichte 141 

B rinn er, Die deutsche Grönland- 
fahrt 353 

Bücher, Die Berufe der Stadt 
Frankfurt a. M. im Mittelalter . 132 

Frankfurter Amtsurkunden. Hrsg. 
von Bücher 401 

Bücher, Das städtische Beamten- 
tum im Mittelalter 401 

Burck, Stand und Herkommen der 
Insassen einiger Klöster der 
mittelalterlichen Mark Meißen . 229 

Butler, The Treaty of Misr in Ta- 
bari 191 

Canfield, The early Persecutions 

of the Christians 441 

Canter s. Oldfather. 
Caron, Rapports des agents du mi- 
nistre de Pinterieur dans les de- 
partements (1793 — an II) . . . 457 
Cartulaire de l'Universite de Mont- 
pellier. II 173 



Inhalt. 



Seite 

Caspari, Die israelitischen Pro- 
pheten 438 

Cassagne, La vie politique de Fran- 
cis de Chateaubriand .... 647 

Castro s. Veröffentlichungen. 

Chartularium studii Bononiensis. . 425 

Clasen, Der Salutismus 327 

Clemen s. Myconius. 

Cramer, Römisch-germanische 

Studien 666 

Croce, Zur Theorie und Geschichte 
der Historiographie 570 

Fahrten und Forschungen der Hol- 
länder in den Polargebieten. Alt- 
holländische Berichte, übersetzt 
von Cronheim 353 

Daniel, Geschichte des Kriegs- 
wesens. 6 u. 7 222 

Dehio, Kunsthistorische Aufsätze 330 

Dette, Friedrich der Große und 
sein Heer 687 

Deutschmann, Zur Entstehung 
des Tiroler Bauernstandes im 
Mittelalter 640 

Diels, Antike Technik 662 

Dietze, Sir Thomas Gresham . . 451 

Dil Ion s. Pageant. 

Dobenecker, Margarete von Hohen- 
staufen, die Stammutter der 
Wettiner I (1236—1265) ... 208 

Dohn, Das Jahr 1848 im deutschen 
Drama und Epos 633 

Doren s. Salimbene. 

Domo, Der Fläming und die Herr- 
schaft Wiesenburg 695 

Dowrie, The development of Ban- 
king in Illinois 221 

Dunkmann, Metaphysik der Ge- 
schichte. Eine Studie zur Reli- 
gionsphilosophie 94 

Ehwald s. Aldhelm. 

Eigenbrodt, Meine Erinnerungen 
aus den Jahren 1848, 1849 und 
1850, hrsg. von Bergsträßer 360 

Wilhelm Erman, Jean Pierre Er- 
man (1735—1814) 218 

Ermisch, Zur Erinnerung an Georg 
Waitz 661 

E v e r s , Brandenburgisch-Preußische 
Geschichte bis auf die neueste 
Zeit. 2. Aufl 435 

Farrand, The Framing of the Con- 
stitution of the United States 220 

Fl einer, Die Staatsauffassung der 
Franzosen 436 

Gabriel, Die Theologie W.A.Tellers 456 

Gagliardi, Geschichte der schwei- 
zerischen Eidgenossenschaft bis 
zum Abschluß der mailändischen 
Kriege (1516). Darstellung und 
Quellenberichte 693 

Gatti e Pellati, Annuario biblio- 
grafico di Archeologia di Storia 
dell'Arte per l'ltalia. I u. II . 332 

Gesler, Der Bericht des Monachus 
Hamerslebiensis über die „Kai- 
serliche Kapelle" S. Simon und 
Juda in Goslar und die Beför- 
derung ihrer Mitglieder .... 445 

Geyer, Papst Klemens III. (1187 
bis 1191) 204 



Seite 

GideundRist, Geschichte der volks- 
wirtschaftlichen Lehrmeinungen. 
Herausg. von Oppenheimer, 
deutsch von Hörn 594 

Gillis, Gewährschaftszug und Lau- 
datio auctoris 156 

Glawe, Die Hellenisierung des Chri- 
stentums in der Geschichte der 
Theologie von Luther bis auf die 
Gegenwart 598 

Goebel, Der Kampf um die deutsche 
Kultur in Amerika 654 

Görland, Ethik als Kritik der 
Weltgeschichte 193 

Götz, Die religiöse Bewegung in der 
Oberpfalz von 1520—1560 . . 213 

Goldfriedrich, Geschichte des 
deutschen Buchhandels. 4. Bd. 627 

G r a b a u , Das evangelisch-lutherische 
Predigerministerium der Stadt 
Frankfurt a. M 405 

Graves, Quelques pieces relatives 
ä la vie de Louis I er , duc d'Or- 
leans et de Valentine Visconti, 
sa femme 448 

Groß, Beiträge zur städtischen Ver- 
mögensgeschichte des 14. und 
15. Jahrhunderts in Österreich . 467 

Großmann, Österreichs Handels- 
politik mit Bezug auf Galizien 
in der Reformperiode 1772—1790 419 

Grünberg, Der Ausgang der pom- 
merellischen Selbständigkeit . . 447 

G r ü n f e 1 d , Die leitenden sozial- und 
wirtschaftsphilosophischen Ideen 
in der deutschen Nationalöko- 
nomie 594 

Günter, Die römischen Krönungs- 
eide der deutschen Kaiser . .671 

Günter, Gerwig Blarer, Abt von 
Weingarten 1520—1567. 1. Bd. 
1518—1547 625 

Güterbock, Studien und Skizzen 
zum Englischen Strafprozeß des 
13. Jahrhunderts 184 

Häpke, Niederländische Akten und 
Urkunden zur Geschichte der 
Hanse und zur deutschen See- 
geschichte. l.Bd. 1531—1551 . 143 

Haig, A History of the general pro- 
perty tax in Illinois 689 

Halphen und Lot, Recueil des actes 
de Lothaire et de Louis V rois de 
France (954—987) 423 

Hansen, Hamburg und die zoll- 
politische Entwicklung Deutsch- 
lands im 19. Jahrhundert . . . 458 

Harms, Der Stadthaushalt Basels 
im ausgehenden Mittelalter. 
1. Abt., Bd. 2 u. 3 135 

Otto Harnack, Aufsätze und Vor- 
träge 109 

Haskins, Mediaeval versions of the 
Posterior Analytics 206 

Heigel, Politische Hauptströmun- 
gen in Europa im 19. Jahrhun- 
dert. 3. Aufl 688 

Julian Hirsch, Die Genesis des Ruh- 
mes. Ein Beitrag zur Methoden- 
lehre der Geschichte 193 



VI 



Inhalt. 



Seite 

Holmes, Cäsars Feldzüge in Gallien 
und Britannien. Übers, von 
Schott und Rosenberg . . . 123 

Holzknecht, Ursprung und Her- 
kunft der Reformideen Kaiser 
Josefs II. auf kirchlichem Ge- 
biete 642 

Hope s. Pageant. 

Hörn s. Gide. 

H ü b n e r , Der Fund im germanischen 
und älteren deutschen Recht. . 158 

Ingelmann, Ständische Elemente 
in der Volksvertretung nach den 
deutschen Verfassungsurkunden 
der Jahre 1806—1819 .... 458 

Israel, Der Feldzug von 1704 in 
Süddeutschland 217 

Jagow, Die Heringsfischerei an den 
Ostseeküsten im Mittelalter . . 675 

v. Janson, Moltke 661 

Jellinek, Allgemeine Staatslehre. 
3. Aufl 588 

JireCek, Staat und Gesellschaft im 
mittelalterlichen Serbien. III . 208 

Joel, Neue Weltkultur. Zehn 
deutsche Reden 193 

Memoire de Marie Caroline reine de 
Naples, publie par R. M. John- 
ston 427 

Jones, Catalogue of Parliamentary 
Papers 1901—1910 187 

Jordan, Die Entstehung der kon- 
servativen Partei und die preu- 
ßischenAgrarverhältnisse von 1848 357 

Jordanes, The Gothic History of -, 
by Mierow 670 

Jürgens, Zur Schleswig-Holsteini- 
schen Handelsgeschichte des 16. 
und 17. Jahrhunderts 696 

Keith, Commerciat Relations of 
England and Scottland 1603 — 
1707 684 

F. Kern, Quellen zur Geschichte der 
mittelalterlichen Geschichts- 
schreibung. 1 669 

Keussen, Topographie der Stadt 
Köln im Mittelalter 407 

Klinger s. Wundt. 

Knapp, Alt-Regensburgs Gerichts- 
verfassung, Strafverfahren und 
Strafrecht bis zur Carolina . . 397 

Knetsch, Des Hauses Hessen An- 
sprüche auf Brabant 695 

Krarup und Lindbaek, Acta Pon- 
tificum Danica. Bd. 4 — -6 . . . 644 

Krauter, Franz Freiherr von Otten- 
fels 356 

Krieg, Der Kampf der Bischöfe 
gegen die Archidiakone im Bis- 
tum Würzburg 226 

Krudewig, Übersicht über den 
Inhalt der kleineren Archive der 
Rheinprovinz. 4. Bd., 5. Heft . 695 

Kühn, Luther und der Wormser 
Reichstag 1521 680 

Kühn au, Schlesische Sagen. Bd. 1 
bis 4 166 

Kybal, Die Ordensregeln des hl. 
Franz von Assisi und die ur- 
sprüngliche Verfassung des Mi- 
noritenordens 616 



Seite 

Le Brethon s. Murat. 

Leidinger s. Arnpeck. 

Lerche, Die politische Bedeutung 
der Eheverbindungen in den 
bayerischen Herzogshäusern von 
Arnulf bis Heinrich den Löwen 
(907—1180) 673 

Lesueur s. Robespierre. 

Leszynsky, Die Sadduzäer . . . 120 

Leuze, Bibliographie der Württem- 
bergischen Geschichte .... 694 

v. d. Leyen, Die Eisenbahnpolitik 
des Fürsten Bismarck .... 152 

Libert, Das Problem der Geltung 581 

Lienau, Über Megalithgräber und 
sonstige Grabformen der Lüne- 
burger Gegend 665 

Lindbaek s. Krarup. 

Lombard, L'Abbe Du Bos, un ini- 
tiateur de la pensee moderne 
(1670—1742) 175 

— , La Correspondance de l'Abbe 
Dubos (1670—1742) 175 

Lot s. Halphen. 

Lucius, Pius II. und Ludwig XL 
von Frankreich 1461 — 62 . . . 619 

Lufft, Geschichte Südamerikas. . 189 

Luschin v. Ebengreuth, Hand- 
buch der österreichischen Reichs- 
geschichte. 2. Aufl. Bd. 1 . . . 639 

Mackeprang, Nordschleswig von 
1864—1911 162 

Maichle, Das Dekret „de editione 
et usu sacrorum librorum". Seine 
Entstehung und Erklärung . . 683 

Mann, Der Marschall Vauban und 
die Volkswirtschaftslehre des Ab- 
solutismus 594 

Mattingly, Outlines of ancient 
history from the earliest times to 
the fall of the Roman Empire in 
the west A. D. 476 438 

Melanges d'histoire offerts ä M. 
Charles Bemont par ses amis et 
ses eleves 113 

Meli und E. v. Müller, Steirische 
Taidinge (Nachträge) 641 

Mentz, Deutsche Geschichte im 
Zeitalter der Reformation, der 
Gegenreformation und des Drei- 
ßigjährigen Krieges, 1493—1648 138 

Mierow s. Jordanes. 

Mirot, Les d'Orgemont 212 

Morel-Fatio, Historiographie de 
Charles- Quint 620 

Morris, Bannockburn 447 

Mühlhäusser, Die Landschafts- 
schilderung in Briefen der ita- 
lienischen Frührenaissance . . 678 

E. v. Müller s. Meli. 

Karl Otto Müller s. Stadtrechte. 

Konrad Müller, Altgermanische 
Meeresherrschaft 361 

Murat, Lettres et documents pour 
servir ä l'histoire de Joachim 
Murat, avec une introduction et 
des notes par Le Brethon. T. 8 459 

Myconius, Reformationsgeschichte, 
hrsg. von O. Clemen 680 

Neckel, Die erste Entdeckung 
Amerikas im Jahre 1000 n.Chr. 444 



Inhalt. 



VII 



Seite 

Newton, The colonising activities 
of the English Puritans the last 
phase of the Elizabethan struggle 
with Spain 186 

Niedner, Die Entwicklung des städ- 
tischen Patronats in der Mark 
Brandenburg 415 

Nuntiaturberichte aus Deutschland 
nebst ergänzenden Aktenstücken. 
2. Abt. 1560—1572. 4. Bd. Nun- 
tius Delfino, bearb. von Stein- 
herz 347 

Oelmann,Die Keramik des Kastells 
Niederbieber 442 

Oldfather und Canter, The De- 
feat of Varus and the German 
Frontier Policy of Augustus . . 601 

Oppenheimer s. Gide. 

Pageant of the Birth, Life and 
Death of Richard Beauchamp 
Earl of Warwick K- G. (1389- 
1439) edited by Dillon and 
Hope, photo-engraved by Wal- 
ker 677 

Palmarocchi, L'abbazia di Monte- 
cassino e la conquista normanna 649 

Part seh, Papyrusforschung . . . 662 

v. Pastor, Die Stadt Rom zu Ende 
der Renaissance 683 

Pellati s. Gatti. 

Philippson, Über den Ursprung 
und die Einführung des allge- 
meinen gleichen Wahlrechts in 
Deutschland 149 

Pol and s. Baumgartner. 

Preuß, Lutherbildnisse 680 

Prou, Recueil desactesde Philippe I er 
roi de France (1059 — 1108) . . 423 

Prümers, Jüdische Messiasse nach 
Jesus Christus 194 

Puff, Die Finanzen Albrechts des 
Beherzten 637 

Ramsay, The Genesis of Lancaster 
or the Three Reigns of Edward II, 
Edward III and Richard II 1307 
— 1399 210 

Rankes Meisterwerke 659 

Reed, Church and State in Massa- 
chusetts 1691 — 1740 686 

Registres du Conseil de Geneve. 
Bd. 5 449 

Reuß s. Zetzner. 

Ribbeck, Geschichte der Stadt 
Essen. 1. Teil 413 

Riese, Das rheinische Germanien 
in den antiken Inschriften. . . 339 

Rist s. Gide. 

Robespierre, Oeuvres completes 
de-. 1. Teil, 2. Bd., bearb. von 
Lesueur 457 

Rößler, Kirchliche Aufklärung un- 
ter dem Speirer Fürstbischof 
August von Limburg-Stirum . 453 

Roloff, Von Jena bis zum Wiener 
Kongreß 220 

Rosenberg s. Holmes. 

Roth, Die Neuen Zeitungen in 
Deutschland im 15. und 16. Jahr- 
hundert 345 



Seite 

Rueß, Die rechtliche Stellung der 
päpstlichen Legaten bis Boni- 
faz VIII 125 

Salimbene von Parma, Chronik, 
deutsch von Doren. Bd. 1 . . 446 

v. Seal a, Das Griechentum in seiner 
geschichtlichen Entwicklung . . 662 

Dietrich Schäfer, Das deutsche 
Volk und der Osten 195 

v. Scharfenort, Kulturbilder aus 
der Vergangenheit des altpreußi- 
schen Heeres 453 

Schiaparelli, 1. Le carte del mo- 
nastero di S. Maria in Firenze 
(Badia). I 201 

Schiff s. Briefwechsel. 

Schilling, Naturrecht und Staat 
nach der Lehre der alten Kirche 99 

Schimberg, L'education morale 
dans les Colleges de la Compagnie 
des Jesus en France 214 

Schleiermachers Werke. Bd. 2, hrsg. 
von O. Braun 434 

J. J. H. Schmidt, Geschichte des 
Kgl. Progymnasiums Edenkoben 
in der Pfalz (1837—1912) ... 694 

Otto Eduard Schmidt, Kursäch- 
sische Streifzüge. 4. Bd.: Aus 
Osterland und Pleißner Land . 636 

A. Schneider, Die abendländische 
Spekulation des 12. Jahrhunderts 
in ihrem Verhältnis zur aristote- 
lischen und jüdisch-arabischen 
Philosophie 206 

Schober, Das Wahldekret vom 
Jahre 1059 130 

Schott s. Holmes. 

Schottenloher, Jakob Ziegler aus 
Landau an der Isar 146 

E. Schreiber, Die volkswirtschaft- 
lichen Anschauungen der Scho- 
lastik seit Thomas von Aquin . 594 

Schütz, Ciceros historische Kennt- 
nissc 441 

V. Schultze, Aftchristiiche Städte 
und Landschaften. I. Konstan- 
tinopel (324—450) 605 

Schumacher, Materialien zur Be- 
siedlungsgeschichte Deutschlands 442 

Sihler, C. Julius Cäsar, sein Leben 
nach den Quellen kritisch dar- 
gestellt 123 

Simson, Danziger Inventar 1531 
bis 1591 416 

Söhn, Geschichte des wirtschaft- 
lichen Lebens der Abtei Eberbach 
im Rheingau vornehmlich im 15. 
und 16. Jahrhundert 463 

Stadtrechte, oberschwäbische. I. Die 
älteren Stadtrechte von Leutkirch 
und Isny. Bearb. von Karl Otto 
Müller 394 

Stammler, Friedrich Arnold 

Klockenbring 454 

Steinhausen, Geschichte der deut- 
schen Kultur. 2. Aufl 365 

Steinherz s. Nuntiaturberichte. 

Stemplinger, Das Plagiat in der 
griechischen Literatur . . . .121 

Stern, Geschichte Europas seit den 
Verträgen von 1815 bis zum 



VIII 



Inhalt. 



Seite 
Frankfurter Frieden. 2. Aufl. 
Bd. 1 u. 2 629 

Strach, Der keltische und römische 
Einfluß auf den Städtebau im 
Elsaß 668 

Strecker, Die äußere Politik Al- 
brechts II. von Mecklenburg. . 448 

Strenger, Strabos Erdkunde von 
Libyen, hrsg. von Siegl. Heft 28 440 

Stroh, Das Verhältnis zwischen 
Frankreich und England in den 
Jahren 1801 — 1803 im Urteil der 
politischen Literatur Deutsch- 
lands 688 

Tenhaeff, Diplomatische Studien 
over Utrechtsche oorkonden der 
X tot XII eeuw 127 

Tenne, Kriegsschiffe zu den Zeiten 
der alten Griechen und Römer 663 

Theo bald, Die Einführung der Re- 
formation in der Grafschaft Or- 
tenburg. 1. Teil 215 

Thompson, The Illinois Whigs be- 
töre 1846 690 

Tilemann, Studien zur Individuali- 
tät des Franziskus von Assisi . 616 

Troeltsch, Augustin, die christliche 
Antike und das Mittelalter im 
Anschluß an die Schrift „De civi- 
tate Dei" 608 

Veröffentlichungen des Kultusmini- 
steriums der Republik Uruguay, 
bearbeitet von Castro .... 196 



Seite 

Vogts, Das Kölner Wohnhaus bis 
zum Anfang des 19. Jahrhunderts 230 

Wagner s. Baumgartner. 

Waldecker Chroniken 464 

Walker s. Pageant. 

Weise, Königtum und Bischofswahl 
im fränkischen und deutschen 
Reich vor dem Investiturstreit. 200 

Wentzcke, Justus Grüner, der Be- 
gründer der preußischen Herr- 
schaft im Bergischen Lande . 480 

Wopfner, Beiträge zur Geschichte 
der älteren Markgenossenschaft 199 

Wundt und Klinger, Karl Lam- 
precht 585 

Wutke, Aus der Vergangenheit des 
Schlesischen Berg- und Hütten- 
lebens 168 

Zetzner, Reiß-Journal und Glücks- 
und Unglücksfälle, hrsg. von 
Reuß 685 

Zielenziger, Die alten deutschen 
Kameralisten 594 

Zimmermann, Die päpstliche Le- 
gation in der ersten Hälfte des 
13. Jahrhunderts 125 

Ziesemer, Das Marienburger Kon- 
ventsbuch der Jahre 1399 — 1412 165 

Zoepf, Die Mystikerin Margaretha 
Ebner (ca. 1291—1351) .... 340 

Zwerger, Geschichte der realisti- 
schen Lehranstalten in Bayern. 398 



Notizen und Nachrichten. Seite 

Allgemeines 193. 433. 659 

Alte Geschichte 197. 438. 662 

Römisch-germanische Zeit und frühes Mittelalter bis 1250. . . . 199. 442. 665 

Späteres Mittelalter (1250—1500) 208. 447. 676 

Reformation und Gegenreformation (1500-1648) 213.450.679 

1648-1789 216. 453. 685 

Neuere Geschichte seit 1789 220. 457. 688 

Deutsche Landschaften 225. 462. 692 

Vermischtes 232. 469. 698 



Zur Verkehrsgesdiichte Ost- und Nord- 
europas im 8. bis 12. Jahrhundert. 



Von 
Richard Hennig. 



Aus Anlaß von Studien zur Geschichte des Verkehrs- 
wesens habe ich mich, zunächst für einen ganz anderen 
Zweck, veranlaßt gesehen, die mittelalterlichen Handels- 
und Verkehrsbeziehungen zwischen den Ostseestädten, Ost- 
europa, Byzanz und den arabischen Kalifenreichen in Vorder- 
asien einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, und es 
haben sich bei diesen Forschungen, die auch entlegenere 
Literatur, wie die mittelalterlichen arabischen Geographen, 
zu berücksichtigen genötigt war, so viele bedeutsame Ge- 
sichtspunkte und neuartige Zusammenhänge ergeben, daß 
die Ergebnisse bis zu einem gewissen Grade für den Fach- 
historiker bedeutsam sein dürften. 

Wie weit die Kenntnisse und die Beziehungen Vorder- 
asiens und Südosteuropas zu den Ostseeländern zurück- 
gehen, scheint sich einwandfrei nicht mehr feststellen lassen 
zu sollen. Die Frage, ob Phönizier jemals selbst zum Bern- 
steinland der Ostsee vorgedrungen sind, auf dem Dnjepr- 
Düna-Weg, ist umstritten. Während es einerseits auffällig 
ist, daß die altgriechischen und -römischen Geographen vom 
Dnjepr die berühmte Stromschnellenstrecke im Mittellauf 
anscheinend nicht mehr gekannt haben, treten die Assyrio- 
logen mit hoher Bestimmtheit dafür ein, daß bereits sehr 
frühzeitig, während der Blüte des Assyrerreiches, gelegent- 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 1 



2 Richard Hennig, 

liehe Handelsbeziehungen der Assyrer mit dem Ostseegebiet 
stattgefunden haben müssen. Diese Vermutung wurde be- 
reits am 9. Mai 1881 in einem Vortrag erörtert, den Oppert 
vor der „Societe Asiatique" hielt 1 ), und daß man sie in 
den Kreisen der Assyriologen auch heute noch teilt und mit 
aller Entschiedenheit vertritt, wurde mir erst vor kurzem 
durch Herrn Geh. Reg.-Rat Delitzsch brieflich bestätigt. 
Einer der Hauptbeweise für diese Ansicht ist eine aus der 
Zeit Sardanapals (930 — 905 v. Chr.) stammende assyrische 
Inschrift, die in der Übersetzung folgendermaßen lautet 2 ): 

,,In den Meeren der wechselnden Winde fischten ihre 
Kaufleute Perlen, in den Meeren, wo der Nordstern im 
Zenith steht, den gelben Bernstein." 

Daß der nordische Bernstein, dessen chemische Zu- 
sammensetzung ihn unverkennbar von dem im Süden hier 
und da zu findenden Bernstein unterscheidet, spätestens um 
die Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends den Weg ins 
Mittelmeergebiet und nach Vorderasien gefunden haben muß, 
ist durch die Funde von Bernsteinschmuck bei den Aus- 
grabungen in Mykenä und in Ägypten erwiesen. Much 
nimmt ohne Bedenken an, daß Ostsee-Bernstein lange vor 
dem 16. vorchristlichen Jahrnundert nach Griechenland 
kam, wo man gelegentlich bis zu 400 Bernsteinperlen in 
einem einzigen Grabe gefunden hat. 3 ) Mögen diese ehedem 
so sehr geschätzten Kostbarkeiten auch zumeist durch 
Tausch und Wiedertausch langsam in südliche Länder ge- 
langt und durch viele Hände gegangen sein, ehe sie an 
phönizische, assyrische oder etruskische Händler kamen, 
so scheint die mitgeteilte assyrische Inschrift dennoch zu 
beweisen, daß assyrische Kaufleute gelegentlich persön- 
lich zu dem Bernsteinmeer gelangt sind, ,,wo der Nord- 
stern im Zenith steht". Weilten aber Assyrer hier und da 
an der Ostsee, so wird auch kaum noch ein Zweifel dar- 
über bestehen können, daß die Phönizier ebenfalls den Weg 
dorthin gefunden haben, die ja in vieler Hinsicht, so z. B. 
auch im Handel mit dem Seidenlande China, die Erbschaft 



x ) Jules Oppert, L'ambre jaune chez les Assyriens. Paris 1880. 

2 ) Oppert S. 6. 

3 ) Matthaeus Much, Die Heimat der Indogermanen S. 143 u. 148. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 3 

der Assyrer übernommen haben. Die Unkenntnis der grie- 
chischen und römischen Geographen vom Dnjepr-Düna-Weg 
und die Tatsache, daß erst zur Zeit Kaiser Neros die erste 
römische Expedition zur Bernsteinküste des Samlands nach- 
weisbar ist, vermag gegen jene Annahme nichts zu be- 
weisen, denn die überraschenden Ergebnisse der prähistori- 
schen Forschung haben uns allzu oft erstaunliche Handels- 
beziehungen aufgedeckt, von denen in der Literatur nicht 
die leiseste Andeutung zu erkennen ist, und gewichtiger als 
das Schweigen der Schriftsteller fällt die Auffindung von 
Kaurimuscheln in einem vorhistorischen Grab bei Rügen- 
waldermünde und eines prächtigen phönizischen Opferwagens 
in der Nähe von Schwerin i. M. in die Wagschale. 

Ohne jedoch auf diese noch wenig geklärten Fragen, 
soweit sie sich auf das frühe Altertum beziehen, weiter ein- 
zugehen, kann als Einleitung für die nachstehenden Aus- 
führungen die Feststellung genügen, daß notwendig schon 
vor rd. 3000 Jahren in Osteuropa Handelswege bestanden 
haben müssen, die einen bescheidenen Warenaustausch zwi- 
schen dem Ostseegebiet und den östlichen Mittelmeerländern 
bzw. Vorderasien vermittelten. 

Als nun das Aufblühen von Byzanz und später der 
rasche, erstaunliche Aufstieg der arabischen Kalifenreiche 
im Zweistromland das südöstliche Europa und südwestliche 
Asien aufs neue zum Zentrum des Welthandels werden 
ließen, wurden auch die durch Osteuropa nach Norden füh- 
renden Verkehrswege wiederum aufgesucht und nun an- 
scheinend in einem ganz gewaltigen Umfang benutzt, so 
daß alles, was gleichzeitig in Westeuropa an Handel und 
Handelswegen vorhanden war, vollständig dagegen verblaßt. 
Es war jetzt nicht so sehr der bereits weniger als ehedem 
geschätzte Bernstein, der den osteuropäischen Verkehr be- 
dingte und ernährte, als der Pelzhandel, der nach dem 
Zeugnis Jornandes des Guten 1 ) spätestens im 6. nach- 
christlichen Jahrhundert schon einen recht bedeutenden Um- 

x ) Mommsens Ausgabe der Getica, S. 59; Paul Saweljew, Über 
den Handel der Wolgaischen Bulgaren im 9. und 10. Jahrhundert in 
Ermans Archiv für wissenschaftliche Kunde von Rußland 1848, 
Bd. 6, S. 91 ff. 

1* 



4 Richard Hennig, 

fang gehabt haben muß. Über diesen Pelzhandel und die 
Art, wie er getrieben wurde, unterrichten uns am gründlich- 
sten die arabischen Schriftsteller des Mittelalters. Bei ihnen 
trägt das Pelzland, das wir uns im hohen Norden Rußlands 
zu denken haben, den Namen Wisü. Der hauptsächlichste 
Umschlagplatz dieses Pelzhandels war die einst recht bedeu- 
tende Stadt Bulgar, die Hauptstadt des Chazarenreiches, das 
heutige kleine Dörfchen Bolgary am linken Ufer der Wolga, 
unterhalb der Kamamündung im Süden von Kasan genau 
auf dem 55. Breitengrad gelegen. Bulgar, dessen Blütezeit 
etwa ins 9. bis 14. Jahrhundert fiel, war eine Stadt von 
10000 Einwohnern, in der die verschiedensten Völker und 
Religionen beisammen wohnten. Von hier begannen Marco 
Polos Vater und Oheim im Jahre 1255 ihre erste große 
Reise, die sie nach dem mittelalterlichen China Kublai Khans 
führte. Die genaueste Kunde über Bulgar und den von dort 
ausgehenden Pelzhandel mit dem „Lande der Finsternis" 
Wisü, das noch 40 Tagereisen nördlich von Bulgar lag, geben 
uns bemerkenswerterweise die arabischen Geographen, ins- 
besondere Abulfeda und Ibn Batuta, beide im 14. Jahr- 
hundert lebend. Abu lfeda berichtet im Anfang des M.Jahr- 
hunderts folgendes über Bulgar 1 ): 

„Der König der Chazaren ist ein Jude. Er unterhält, 
wie man sagt, in seiner Umgebung 4000 Personen. Die Cha- 
zaren sind zum Teil Muselmänner, zum Teil Christen, ein 
großer Teil bleibt jüdisch. Es gibt auch Fetischanbeter." 

Bezeichnend für die weite nördliche Ausdehnung des 
Mohammedanismus und des arabischen Handelsverkehrs ist 
die Tatsache, daß in Bulgar eine bedeutende mohammeda- 
nische Gemeinde bestand. Der große arabische Reisende 
und Geograph Ibn Batuta, der auf seinen fast die ganze 
bekannte Welt umfassenden Reisen zwischen 1340 und 1350 
auch nach Bulgar kam, betont ausdrücklich 2 ): 

„Während wir unsere Mahlzeit einnahmen, rief man die 
Gläubigen zum Abendgebet." 



*) Abulfedas Geographie, übersetzt von M. Reinaud. Paris 1848. 
S. 302. 

2 ) Ausgabe Defremery und Sanguinetti, Bd. 2, S. 399. Paris 1854. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8.— 12. Jahrh. 5 

An derselben Stelle berichtet Ibn Batuta, er habe 
selber das Land Wisü besuchen wollen, und fährt dann 
fort: 

,,Ich verzichtete auf mein Vorhaben wegen der großen 
Schwierigkeit, die die Reise bot, und wegen des geringen 
Gewinnes, den sie versprach. Man reist nach dieser Gegend 
nur in kleinen Wagen, die von großen Hunden gezogen wer- 
den In dieser Wüste reisen nur reiche Kaufleute, 

von denen jeder etwa 100 Wagen hat, die mit Mundvorrat, 

Getränken und Holz beladen sind Die Leute, die 

sich nach diesem Ort begeben, wissen nicht, ob die, denen 
sie ihre Waren verkaufen und von denen sie einhandeln, 
Genien oder Menschen sind. Sie sehen niemals jemand." 

Die hier erwähnte Sitte des ,, stummen Handels" im 
Lande Wisü, über die Abulfeda noch Genaueres mitteilt 1 ), 
ist eine auf primitiver Kulturstufe häufig vorkommende 
Erscheinung, bei der sich Käufer und Verkäufer gegen- 
seitig, aus Besorgnis vor Feindseligkeiten, nicht zu Gesicht 
bekommen. Es kann jedoch an dieser Stelle auf die inter- 
essante, über fast die ganze Erde verbreitete Sitte nicht 
weiter eingegangen werden. 2 ) 

Einen ziemlich sicheren Anhalt, wo wir uns Wisü, das 
,,Land der Finsternis", zu denken haben, liefert uns der aus 
dem 9. Jahrhundert stammende, hochinteressante Bericht 
über die Nordlandsfahrt des Normannen Othere oder 
Ottar 3 ), der ums Jahr 870 das europäische Nordkap um- 
segelte und schließlich ins Weiße Meer und zur Dwina 
gelangte. Hier fand er in der Gegend des heutigen 
Archangelsk ein ,,sehr wohl angebautes Land", das nach 
seiner Angabe Bjarma hieß. Von diesem Lande Bjarma gibt 
Geijer eine Beschreibung, die kaum noch einem Zweifel 
Raum läßt, daß Bjarma(-Perm) mit dem arabischen Wisü 
identisch gewesen sein muß. Geijer sagt nämlich 4 ): 

x ) a. a. O. S. 284. 

2 ) Eine eingehende Untersuchung über die Verbreitung des 
„stummen Handels" habe ich in der Zeitschrift f. Handelswissen- 
schaft (Oktoberheft 1914) veröffentlicht. 

3 ) Jos. Bosworth, A description of Europe and the voyages of 
Ohtere and Wulfstan. London 1855. 

4 ) E. G. Geijer, Geschichte Schwedens. Hamburg 1832. S. 85. 



6 Richard Hennig, 

„Die Bjarmer waren ein finnisches Volk und, wie es 
scheint, gebildeter als ihre Stammverwandten. Die Be- 
schreibung ihres Landes zeugt von dessen Kultur und Acker- 
bau. Das alte Bjarmaland erstreckte sich von der Dwina 
bis zur Wolga und Kama und hatte eine ausgebreitete 
Handelsgemeinschaft. Bucharische Karawanen brachten 
Waren des Orients dahin. Eine Bjarmalandsfahrt wurde 
im Norden betrachtet als eine sonderlich bereichernde Unter- 
nehmung, zum Teil durch Handel (man tauschte sich Säbel, 
Biberfelle und Grauwerk), teils durch Plünderung; denn die 
Handelsreise war oft zugleich Wikingerfahrt." 

Der Pelzhandel in Wisü-Bjarma muß ein recht einträg- 
liches Geschäft gewesen sein; erzählt doch Ibn Batuta, daß 
zu seiner Zeit in Indien ein Hermelinfell mit 400 Denaren be- 
zahlt worden sei! 1 ) Der natürliche Weg von Bulgar wolgaab- 
wärts führte zum Kaspischen Meer und weiter nach Persien 
undTransoxanien, wo der Pelzhandel schon in sehr früher Zeit 
einen ziemlich großen Umfang gehabt haben muß. 2 ) Auch 
auf dem umgekehrten Wege müssen die Schätze des Ostens 
spätestens im 8. Jahrhundert nach Rußland und dem Ost- 
seegebiet gelangt sein. 3 ) Im südlichen Teil des Kaspischen 
Meeres war dabei der Haupthandelsplatz Djordjan, von 
wo vor allem nach Bagdad ein reger Handelsverkehr be- 
stand. An der Nordseite des Kaspischen Meeres war der 
Umschlagshafen Itil, das heutige Astrachan, an der Wolga- 
mündung. Von Itil nach Bulgar wurde selbstverständlich 
der Wolgaweg benutzt, und wie man von Bulgar zur Ost- 
see gelangte und umgekehrt, wird uns in überraschend klarer 
Weise durch Funde veranschaulicht, die die ehedem vom 
Handel benutzten Wege aufs deutlichste kennzeichnen. Die 
eine dieser Handelsstraßen lief, wie die Kartenskizzen der 
Fundorte 4 ) auf den ersten Blick erkennen lassen, von der 
oberen Wolga, eben aus der Gegend von Bulgar, ungefähr 



*) a. a. O. Bd. 2, S. 401. 

2 ) Georg Jacob, Der nordisch-baltische Handel der Araber im 
Mittelalter. Leipzig 1887. S. 49. 

3 ) Heinrich Storch, Historisch-statistisches Gemälde des russischen 
Reiches, Riga und Leipzig 1800, S. 48. 

4 ) Wandkarte der Fundplätze im Historischen Museum zu Moskau. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 7 

über Wladimir, die älteste Residenzstadt der russischen 
Herrscher, fast genau westwärts zur Düna und zur Ostsee- 
küste. Nach Rud. Viren ow 1 ) waren die wichtigsten Han- 
delswege: Perm — Jaroslaw — Wladimir — Nowgorod — Pskow 
(oder Wladimir — Witebsk) — Kurland und Kasan — Rjäsan — 
Tula — Smolensk — Mohilew — Minsk. 

Zur bedeutendsten Handelsstadt des westlichen Ruß- 
lands schwang sich dann schon ziemlich frühzeitig Now- 
gorod am Ilmen-See auf, das durch den Wolchow eine 
schiffbare Wasserverbindung zur Newa und somit zur Ost- 
see besaß. Als landinnerster Punkt Rußlands, der noch für 
die Ostseeschiffahrt verhältnismäßig leicht erreichbar war, 
gelangte Nowgorod rasch zu sehr hoher Bedeutung, da 
es sowohl für den von der Wolga wie den vom Dnjepr 
kommenden Handelsverkehr der Araber und Byzantiner als 
auch für den normannischen und wendischen Handel ein 
überaus wichtiger Umschlagplatz war. Nowgorod ist uns 
ja zumeist als östlichste Hansastadt bekannt, als eine hoch- 
wichtige Niederlassung der deutschen Hansa, die hier bis 
zu der rauhen Vertreibung der Deutschen durch Iwan III. 
am 5. November 1494 in Blüte stand. Die Hansa aber über- 
nahm in Nowgorod nur das Erbe des vor ihr bestehenden 
Ostseehandels der Wenden und Normannen, zu einer Zeit, 
da Nowgorod durch die Mongolenüberschwemmung Ruß- 
lands, durch die Vernichtung der arabischen Kalifate in 
Vorderasien und den Niedergang der Byzantinermacht 
schon längst seine Glanzzeit überschritten hatte, die unter 
dem Zeichen des stolzen „Wer kann wider Gott und Groß- 
Nowgorod?" stand. Die Stadt hatte für die Hansa wohl 
nur noch als Zentrum des Pelzhandels Bedeutung; die von 
ihr bis zum Bosporus und bis zum Tigris führenden Handels- 
wege waren seit dem 13. Jahrhundert völlig, größtenteils 
schon seit dem 11. Jahrhundert verödet. Das 10. Jahrhun- 
dert bereits sah den Höhepunkt dieses Verkehrs, der zeit- 
weise einen ganz gewaltigen Umfang gehabt haben muß, 
worauf in erster Linie die Riesenmengen von arabischen 

*) Rud. Virchow, Silberfunde im Norden und Osten Europas, 
in den Verhandl. der Anthropologischen Gesellschaft, Berlin 1878, 
S. 207. 



8 Richard Hennig, 

Münzen schließen lassen, die man in den verschiedensten 
Teilen des Ostseegebietes gefunden hat. Die Annahme, daß 
der arabisch-normannische Handelsverkehr über Nowgorod 
und andere Ostseeplätze hinweg sich nur über eine Reihe 
von Zwischenhändlern hinweg erstreckt und zu keiner un- 
mittelbaren Berührung geführt habe, ist keinesfalls zulässig. 
Die Normannen, die als Handelsvolk zeitweilig kaum minder 
groß denn als Seefahrer gewesen sein müssen, kannten nicht 
nur Nowgorod, das uns sogar in der Edda als „Holmgard" 
entgegentritt und das in der Hansenzeit später den Namen 
Naugart führte, sondern sie gelangten auch von dort handel- 
treibend nach Konstantinopel, zum Kaspischen Meer und 
selbst bis nach Bagdad. 

Nachfolgend seien einige Beweise hierfür erbracht. 
Wenn die Olaf Tryggvason-Saga der Edda zu berichten 
weiß, daß ums Jahr 1000 Gris Sämingsson bis Konstanti- 
nopel Handel getrieben habe, so könnte man hierin noch 
eine poetische Freiheit erblicken, der nur bedingt historische 
Beweiskraft zukommt, aber was die Saga behauptet, be- 
stätigen uns die Araber. Masudi meldet im 10. Jahrhundert 
von den Rüs, d. h. den Normannen 1 ): 

„Sie fahren auf ihren Handelsschiffen sowohl nach Spa- 
nien wie nach Rom, nach Konstantinopel und zu den Cha- 
zaren." 

Daß der Normannenverkehr nach Konstantinopel ganz 
oder doch sicher größtenteils durch Rußland hindurch statt- 
fand, geht nicht nur aus der gleichzeitigen Erwähnung der 
Chazaren hervor, d. h. der Bewohner der Gegend von Bul- 
gar, sondern noch deutlicher aus einer Bemerkung Ibrahim 
ibn Jaqubs, eines Zeitgenossen Masudis, über den gleich- 
zeitigen Handel der an der heutigen deutschen Ostseeküste 
ansässigen Slawenvölker 2 ): 

,,Es gelangen ihre Waren zu Wasser und zu Lande zu 
den Rüs und nach Konstantinopel." 



x ) Masudi-Ausgabe von Aloys Sprenger, Meadoxvs of gold and 
mines of gems. London 1841. Bd. 1, S. 417. 

2 ) Ibrahim-Ausgabe von Fr. Westberg in den Abhandlungen der 
Petersburger Akademie der Wissenschaften, 8. Serie, S. 32. Peters- 
burg 1898. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 9 

Daß der Verkehr sich durchs Land hindurch, unter 
möglichster Ausnutzung der Flußläufe abgespielt hat, be- 
richtet ebenfalls Adam von Bremen 1 ): 

,,Auch versichern ortskundige Leute, daß einige von 
Schweden auf dem Landwege bis nach Griechenland ge- 
langt seien. Aber die dazwischen wohnenden Barbaren- 
völker erschweren diese Reise; deshalb wird der Gefahr zu 
Schiffe getrotzt." 

Auch Geijer bestätigt uns 2 ), daß der skandinavische 
Verkehr mit Konstantinopel sich über Rußland abspielte, 
und als einwandfreiester Zeuge aus alter Zeit bemerkt der 
im 12. Jahrhundert lebende russische Chronist Nestor von 
Kiew, daß der Verkehr zwischen Byzanz und Skandinavien 
schon in sehr alte Zeit zurückgehe 3 ) und daß man aus 
Kiew (das mit Byzanz in regem Handelsverkehr stand), 
„auf der Düna zu den Warägern" 4 ) (Waräger = Normannen) 
gelangen könne. Er fügt ausdrücklich hinzu 5 ): 

„Den Dnjepr hinauf geht ein Schleppweg zur Lowat; 
auf dieser kommt man in den großen Ilmensee, aus dem 
der Wolchow strömt, der sich in einen großen See, Newo 
genannt, ergießt; dieser See fließt in das Warägermeer aus." 

Der Schiffsschleppweg, der sich vom Dnjepr in der 
Gegend Orscha-Witebsk zur Düna und, infolge der ver- 
kehrsansaugenden Kraft Nowgorods, über diesen Fluß hin- 
weg zur Lowat erstreckte, muß sehr stark benutzt worden 
sein. Die Geschichtschreiber, die die Verhältnisse nicht aus 
eigener Anschauung kannten und von dem die Flüsse tren- 
nenden Schleppweg nichts gehört haben mögen, scheinen 
dadurch zu der Annahme verleitet worden zu sein, daß sich 
ein ununterbrochener Wasserweg vom Schwarzen Meer bis zur 
Ostsee erstrecke. Wir begegnen dieser Ansicht sowohl bei 
arabischen wie westeuropäischen Zeitgenossen. So schreibt 
Masudi 6 ), beide Meere seien durch einen Fluß oder Kanal 

x ) M. Adami gesta Hammab. eccles. pont. IV, 19; Pertz, Monu- 
menta Germaniae historica, SS. VII, S. 374. 

2 ) E. G. Geijer, Geschichte Schwedens. Hamburg 1832. S. 39/40. 

3 ) Nestors Chronik, Ausgabe von Schlözer (1802). Bd. 2, S. 88. 

4 ) Bd. 2, S. 92. 
6 ) S. 88. 

6 ) a. a. O. Bd. 1, S. 417. 



10 Richard Hennig, 

miteinander verbunden, und derselbe Irrtum tritt uns in 
noch verschärfter Gestalt in späterer Zeit bei westeuropäi- 
schen Schriftstellern entgegen, bei Adam von Bremen 
(11. Jahrhundert) und bei Helmold (12. Jahrhundert). 
Während nämlich noch Karls des Großen Biographie Ein- 
hard nichts Genaueres über die Ostsee zu melden weiß und 
von ihr nur berichtet 1 ): 

„Ein Meerbusen von unbekannter Ausdehnung erstreckt 
sich vom westlichen Ozean gegen Osten, von einer Breite, 
die nirgends über 100000 Schritte hinausgeht und an vielen 
Stellen noch geringer ist", 

spricht Adam von Bremen von einem Zusammenhang 
der Ostsee mit dem Schwarzen Meer 2 ): 

„Jener Meerbusen wird von den Anwohnern der Bal- 
tische genannt, weil er sich nach Art eines Gürtels (baltei) 
in langem Zuge durch die scythischen Regionen bis nach 
Griechenland erstreckt", 

und Helmold erklärt ebenfalls 3 ), die Ostsee erstrecke sich 
„usque ad Graeciam", d. h. bis Byzanz. 

Am deutlichsten aber spricht sich von den westeuro- 
päischen Schriftstellern wieder Adam von Bremen im 
11. Jahrhundert über den von der Ostsee zum Dnjepr 
führenden Handelsweg aus, wenn er schreibt 4 ): 

„Von dieser Stadt (Jumne) weiterfahrend gelangt man 
am 14. Tag nach Ostrogard im Russenlande, dessen Haupt- 
stadt Chive ist." 

Unter Ostrogard, das nach Adam 5 ) von Dänemark aus 
bei günstigem Winde in einem halben Monat erreicht werden 
soll, kann man, wie aus den übrigen Darlegungen ganz deut- 
lich hervorgehen dürfte, kaum etwas anderes verstehen als 
Holmgart = Naugart = Nowgorod, während Chive zweifel- 
los Kiew ist, das übrigens auch in der nordischen Sage unter 



*) Einhard, Vita Caroli Magni, Kap. 12, in Pertz, Monumenta 
Germaniae historica, SS. Bd. 2, S. 449. 

2 ) a. a. O. IV, 10; bei Pertz, SS. Bd. 7, S. 372. 

3 ) Helmold, Chronica Slaworum I, 1; Monumenta, SS. XXI. 

4 ) a. a. O. II, 19 (S. 312/3). 
6 ) a. a. O. IV, 1 1 (S. 372). 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 1 1 

dem Namen Kiänugard, bei den Arabern (Abulfeda) hin- 
gegen als Kutabah erscheint. 

Daß die normannischen Handelsbeziehungen und ge- 
legentlich auch ihre Kriegszüge sich über Nowgorod, Kiew 
und Byzanz hinaus viel weiter nach Osten erstreckten, 
bestätigen uns außer der bereits angeführten Masudistelle, 
die des normannischen Handels mit Bulgar Erwähnung tut, 
verschiedene andere Tatsachen. Wir hören z. B. 1 ) von 
einem erfolgreichen Kriegs- und Raubzug, den Normannen 
im Jahre 944 im Westen des Kaspischen Meeres unter- 
nommen haben, und nicht nur gelegentlich drangen sie, um 
Beute zu machen, in diese fernen Gegenden vor, sondern 
auch als friedliche Händler gelangten sie dorthin und sogar 
noch sehr viel weiter südwärts vor. Das beste Zeugnis 
hierfür liefert uns der Araber Abulfeda, der von den Nor- 
mannen zu berichten weiß 2 ): 

„Sie befahren den Don, den Fluß der Slawen, und 
durchqueren das Land bei Khamlydj (Zarizyn), einer Haupt- 
stadt der Chazaren. Dann schiffen sie sich wieder ein auf 
dem Meer von Djordjan (Kaspisches Meer) und fahren zu 
einem Punkt der Küste, den sie in Aussicht genommen 
haben. Dies Meer hat 500 Parasangen im Durchmesser. 
Manchmal bringen sie ihre Waren, auf Rücken von Kamelen, 
von der Stadt Djordjan nach Bagdad. Hier dienen ihnen 
slawische Eunuchen als Dolmetscher." 

Ebenso aber müssen auch die Araber vom Zweistrom- 
lande aus den Weg nach der Ostsee gefunden haben — 
anders ist die geradezu unglaublich große Menge von ara- 
bischen Münzen des 8. bis 11. Jahrhunderts, die im Ostsee- 
gebiet in der Erde gefunden werden, völlig unbegreiflich. Als 
erste machten Aurivillius in Upsala 3 ) 1755 und Tychsen 
in Rostock 4 ) 1779 auf diese zahlreichen Münzfunde auf- 

x ) Masudi a. a. O. Bd. 1, S. 417—420. 

2 ) a. a. O. S. 115/6. 

3 ) Samuel Aurivillius, De numis arabicis in Sveogothia repertis 
in Nova acta regiae societatis scientiarium Upsaliensis Bd. 2, S. 78. 
Upsala 1755. 

4 ) Claus Gerhard Tychsen, Von den arabischen Altertümern in 
Mecklenburg und ihrem Entstehen in den Gelehrten Beiträgen zu 
den mecklenburg-schwerinschen Nachrichten, 1779. 



12 Richard Hennig, 

merksam. Es handelt sich dabei durchweg um Münzen, die 
in den Jahren 762 — 1013 geprägt wurden 1 ); von der Zeit 
nach 1013 scheint nirgends ein Geldstück aufgefunden 
worden zu sein. Prägungsorte der Münzen sind zumeist 
Bagdad, Balsora, Enderäbe, Kufa, Merw, Mohammedija, 
Nisabur, Samarkand, Schach am Jaxartes, Sermen Rai 
und Wasit. In Schweden kannte Tornberg schon 1857 
nicht weniger als 169 derartige Fundstätten 2 ), allein auf 
Gotland sind etwa 13000 arabische Münzen gefunden wor- 
den, und die Gesamtzahl der nach der Ostsee gewanderten 
arabischen Geldstücke muß, nach Jacobs Schätzung 3 ), in 
die Millionen gegangen sein. Selbst nach Westeuropa müssen 
die arabischen Münzen in nicht allzu kleiner Menge gelangt 
sein. Zwar hat man dort ähnliche Funde wie an der Ostsee 
nur vereinzelt gemacht (vielleicht sind die arabischen Silber- 
und Goldmünzen daselbst eingeschmolzen worden!) — aber 
eine sehr beredte Sprache spricht eine Mitteilung des im 
10. Jahrhundert lebenden Arabers Kazwini 4 ), der auf einer 
Deutschlandreise in Mainz (von ihm Magändja genannt) zu 
seiner Verwunderung Münzen aus Samarkand vorfand, die 
daselbst in Kurs (!) waren. Unter den im tieferen Binnen- 
land geglückten Funden arabischer Münzen ist der bedeu- 
tendste bei Groß- Jena an der Unstrut in einem Grabhügel ge- 
macht worden. 5 ) Auch umgekehrt fanden übrigens deutsche 
Münzen, besonders solche aus der Zeit Ludwigs des Frommen, 
vereinzelt einen Weg ostwärts bis nach Wladimir. 6 ) Aus 



x ) Hermann Frank, Die baltisch-arabischen Fundmünzen in den 
Mitteilungen aus der livländischen Geschichte, XVIII, S. 311 — 486. 
Riga 1908; Karl Lohmeyer, Geschichte von Ost- und Westpreußen, 
S. 11, Gotha 1908; Georg Haag in den Baltischen Studien, Bd. 31, 
S. 77. 

2 ) Karl Tornberg, Om de i Svensk jord funna österländska mynt 
in K. Witter h. Hist. Handl. Stockholm 1857. 

3 ) Georg Jacob, Der nordisch-baltische Handel der Araber im 
Mittelalter. Leipzig 1887. S. 53. 

4 ) Schriften der Petersburger Akademie der Wissenschaften, 
Serie 6, Bd. 2; übersetzt von Frähn. 

5 ) Verhandlungen des Thüringisch-Sächsischen Vereins für Er- 
forschung vaterländischer Altertümer 1821, S. 12. 

6 ) Jacob a. a. O. S. 27. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8.— 12. Jahrh. 13 

den Münzfunden allein könnte man zwar noch keinesfalls 
den Schluß ziehen, daß Araber aus Vorderasien selbst ins 
Ostseegebiet vorgedrungen sind, aber indirekt ist ein solcher 
Schluß kaum vermeidbar, wenn man bedenkt, daß auch 
Normannen hier und da in Bagdad waren, und wenn man 
berücksichtigt, was für gewaltige Summen gelegentlich auf 
der Wanderung begriffen waren. Hat man doch bei Now- 
gorod einen aus dem 10. Jahrhundert stammenden Schatz 
von nicht weniger als 7000 Goldzechinen auf einmal aus dem 
Erdreich zutage gefördert 1 ) — solche Summen können aber 
unmöglich ohne Überwachung und persönliche Anwesenheit 
von Arabern aus den Kalifenreichen zur Ostsee gelangt 
sein! So weit es sich übersehen läßt, weilten die arabischen 
Händler schon im 7. Jahrhundert im inneren Rußland 2 ); 
etwa am Ende des 8. Jahrhunderts müssen sie zur Ostsee 
selbst vorgedrungen sein. Was sie dorthin lockte, waren 
vor allem Pelzwerk und Bernstein. Die Pelzwaren waren 
ja allenthalben im Orient sehr hoch geschätzt, nicht zum 
wenigsten auch in Konstantinopel, dessen Händler freilich 
wohl zumeist nur im westlichen Rußland verkehrten. Wir 
hören nichts von byzantinischen Händlern in Bulgar, und 
wenn auch die Tatsache, daß Marco Polos Vater und Oheim 
sich auf ihrer ersten Chinareise von Konstantinopel nach 
Bulgar begaben, immerhin darauf schließen läßt, daß auch 
hier ein ständig benutzter Verkehrsweg bestand, so wäre 
es doch denkbar, daß dieser Handel zumeist von Arabern 
vermittelt wurde. Die Verkehrsstraße führte zweifellos vom 
Asowschen Meer den Don hinauf, dann auf dem uralten, 
schon von Diodor 3 ) erwähnten, kurzen Wolok (Schleppweg) 
in der Gegend von Zarizyn zur Wolga hinüber und auf 
diesem Strom aufwärts nach Bulgar oder abwärts zum 
Kaspischen Meer. Auch hier begegnen wir, wie für den 
Dnjepr-Düna-Weg bei den arabischen Geographen, die nur 
nach Hörensagen urteilten, der Vorstellung, daß Don und 
Wolga eine zusammenhängende Wasserstraße sei; Edrisi 



*) Oppert a. a. O. S. 104. 

2 ) Frähn, Bulletin scientifique, Teil 9, S. 301. 

3 ) Diodor IV, 56. 



14 Richard Hennig, 

z. B. stellt den Don als eine zweite Mündung der Wolga 
hin. 1 ) 

Der Grund, weshalb die bis zu den Jahren 1012/13 zahl- 
reich nach der Ostsee gelangten arabischen Münzen dann 
mit einem Schlage verschwinden, ist nicht ganz klar. Große 
kriegerische Störungen sind in jener Zeit anscheinend nicht 
erfolgt, die dafür verantwortlich gemacht werden könnten, 
und die Blüte der wendischen Ostseehandelsstädte war da- 
mals offenbar größer denn je zuvor. Ich möchte es nicht 
für unmöglich halten, daß der Grund der auffälligen Er- 
scheinung darin zu suchen ist, daß die Araber in der späteren 
Zeit dazu übergingen, die Waren, die sie aus Rußland und 
von der Ostsee holten, mit Waren statt mit Edelmetall zu 
bezahlen, denn man kann es als sicher betrachten, daß der 
stets große Bedarf Europas an den indischen und chinesi- 
schen Kostbarkeiten und den Produkten der „Gewürz- 
inseln" mit wachsender Kultur auch bei den Wenden und 
Normannen größer wurde. Schon im Gudrunlied sind an 
zwei Stellen 2 ) arabische Stoffe erwähnt, die ältere Edda 3 ) 
kennt seidene Windeln, die jüngere seidene Bänder, und da 
den Normannen damals die Seide nur durch Vermittlung 
der Araber oder Byzantiner zugeführt worden sein kann, 
liegt darin ein klarer Beweis für den frühzeitigen Seiden- 
handel durch Osteuropa hindurch. Auch Gold muß wohl 
auf diesem Wege in größeren Mengen nach dem Norden 
gelangt sein; es ist sonst kaum verständlich, woher die 
nordischen Völker die großen Massen von Gold bezogen 
haben sollen, die sie zu ihren zahllosen, kunstvollen Gold- 
arbeiten verwendet haben, insbesondere etwa zu dem aus 
dem 10. Jahrhundert stammenden, berühmten Goldschmuck 
von Hiddensee und den beiden großen Goldschalen des 
Fundes von Langendorf, die wir im Stralsunder Provinzial- 
museum bewundern können. Wenn wir ferner die zwei 
sonderbaren, von Arabern bezogenen Meßgewänder der Dan- 



*) Edrisis Geographie, übersetzt von Amedee Jaubert. Paris 
1840. Bd. 2, S. 332. 

! ) Strophe 1326 und 1616. 
3 ) Rigsmal 31. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 15 

ziger Marienkirche betrachten 1 ) oder die vor wenigen Jahren 
in Mora (Dalekarlien, Schweden) gemachten Funde kost- 
barer, mittelalterlicher Teppiche mit Stickereien zentral- 
asiatischer Herkunft 2 ) und so manches andere orientalische 
Erzeugnis, das im Ostseegebiet gefunden worden ist, so 
erhält man eine dunkle Vorstellung, was für zahlreiche, 
kostbare und gewichtige Schätze damals im Mittelalter 
durch das östliche Europa hindurchgewandert sein müssen. 

Nach den südlich von der Ostsee gelegenen Ländern, 
den wendischen Seehäfen und den deutschen Gebieten, 
kamen für die arabischen und byzantinischen Händler je- 
doch noch zwei oder drei andere Wege in Betracht außer 
den beiden, die über die Wolga und über Dnjepr-Düna- 
Lowat zur Ostsee führten (ersteres der Hauptweg der Ara- 
ber, letzteres der Byzantiner). Der eine folgte vom Schwar- 
zen Meer dem Dnjepr bis Kiew und wandte sich dann genau 
westwärts der Weichsel und der Krakauer Gegend zu; der 
zweite ging vom Dnjestr zur Weichsel und scheint gleich- 
falls sehr viel benutzt worden zu sein 3 ); der dritte hingegen 
ging vom Unterlauf der Donau aus, wo die Stadt Perejasla- 
wez ein wichtiger Knotenpunkt eines nach allen Richtungen 
ausstrahlenden Handels gewesen sein muß. Den deutlichsten 
Beleg hierfür liefert uns wieder der russische Chronist Ne- 
stor. Er berichtet uns 4 ), wie der große russische Eroberer 
Swjätoslaw (945 — 972), der im Jahre 968 Perejaslawez er- 
obert hatte, mit der Absicht umging, seine Residenz von 
Kiew nach Perejaslawez zu verlegen, und zu seiner Mutter 
sprach: 

,,Mir behagt es nicht, in Kiew zu sein, sondern ich will 
in Perejaslawez an der Donau leben, denn dies ist der Mittel- 
punkt meines Landes. Da fließt alles Gute zusammen, von 
den Griechen Gold, feine Zeuge, Wein und Früchte von 



x ) Joseph Karabacek, Die liturgischen Meßgewänder mit ara- 
bischen Inschriften aus der Marienkirche zu Danzig. Wien 1870. 

2 ) J. R. Martin in Stockholms Dagblad, Januar 1912. 

3 ) L. Giesebrecht, Wendische Geschichten. Berlin 1843. Bd. 1, 
S. 23. 

4 ) Nestors Chronik, Ausgabe Schlözer, Bd. 2, S. 88. 



16 Richard Hennig, 

allerlei Art, von den Böhmen und Ungarn Silber und Pferde, 
aus Rußland Pelzwerk, Wachs und Sklaven." 

Diesem wertvollen Einblick in die Richtung und den 
Umfang der frühmittelalterlichen Handelsbeziehungen Süd- 
osteuropas muß jedoch hinzugefügt werden, daß Kiew 
zweifellos ein wichtigerer Handelsplatz als Perejaslawez 
war oder mindestens nach Swjätoslaws Zeit wurde. Zweifel- 
los war Kiew die bekannteste Stadt Osteuropas nächst 
Byzanz. Nach allen Himmelsrichtungen unterhielt Kiew 
einen starken Verkehr: südwärts bot der Dnjepr eine treff- 
liche Handelsstraße nach Konstantinopel, nordwärts ver- 
mittelten Dnjepr und Lowat-Wolchow eine gute Verbindung 
mit Nowgorod, ostwärts wurde nach Itil und nach Meso- 
potamien ein guter Weg durch die Flüsse Desna, Don und 
Wolga geboten, und westwärts lief die wichtigste Straße 
durch die mährische Pforte 1 ) über Krakau nach Prag 
und Regensburg, die sämtlich als Handelsstädte eine zen- 
trale Stellung für weite Gebiete einnahmen. Wenn daher 
der Araber Ibn Khordadbeh angibt 2 ), es habe im Mittel- 
alter eine Handelsstraße bestanden, die sich von Deutsch- 
land bis nach China erstreckt habe, so darf man diese zu- 
nächst verblüffende und als ganz unglaubhaft erscheinende 
Meldung unbedenklich für bare Münze nehmen und unter- 
schreiben. Schon ums Jahr 900 erscheinen russische Kauf- 
leute, die auf der genannten Straße von Kiew her gekom- 
men waren, in Bayern, um Pferde und Sklaven zu kaufen. 3 ) 
Daß dieser frühe Handelsverkehr zwischen Rußland und 
Bayern sich recht rege gestaltet hat, beweist der Umstand, 
daß im Jahre 1068 Wechsler in Kiew Zahlungsanweisungen 
für Kaufleute in Regensburg ausstellten. 4 ) 

Alle die genannten wichtigsten Handelsplätze waren auch 
den arabischen Geographen gut bekannt. Krakau begegnet 
uns bei Edrisi 5 ) unter dem Namen Cracal, und das Prag des 



J ) Hugo Hassinger, Die mährische Pforte und ihre benachbarten 
Landschaften. Wien 1914. 

2 ) a. a. O. S. 51. 

3) Monum. Boicar. XXVIII, S. 203. 

*) Hormayer im Archiv für Geographie und Historie 1820, S. 623. 
s ) a. a. O. Bd. 2, S. 381. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8.— 12. Jahrh. 17 

10. Jahrhunderts schildert aus eigener Anschauung Ibrahim 
ben Ja'qüb, der im Jahre 965 von der Adria bis in die Nähe 
von Wismar reiste und der seine Erlebnisse in einer Art von 
Reisehandbuch 1 ) für die arabischen Kaufleute beschrieb. Er 
sagt über Prag: 

„Die Stadt Prag ist von Stein und Kalk gebaut; sie 
ist der größte Handelsplatz des slawischen Landes. Russen 2 ) 
und Slawen kommen mit ihren Waren von der Stadt Krakau 
dorthin, und Muselmänner, Juden und Türken kommen mit 
Waren und byzantinischen Mithqäls aus dem türkischen 
Gebiet und nehmen dafür Sklaven, Biberfelle und anderes 
Pelzwerk in Empfang." 

Außerdem bestand aber auch ein von Osten, d. h. 
sowohl vom Dnjepr wie vom Dnjestr kommender Handels- 
verkehr ins Odergebiet und darüber hinaus ins nördliche 
Deutschland. Über die Richtung dieses Verkehrs äußert 
sich, auf Grund der gemachten Funde, Rudolf Virchow 
folgendermaßen 3 ): 

„Allem Anschein nach erreichte die Handelsstraße die 
Oder in der Gegend von Frankfurt, ging am rechten Oderufer 
aufwärts (zweifellos Schreibfehler für: abwärts), überschritt 
den Fluß, ging in die Uckermark, nach Pommern, Mecklen- 
burg, Holstein, Schleswig, Jütland." 

Daß die Ostsee im größten Teil ihres Umfangs in das 
mittelalterliche Handelsleben vor der Hansazeit hinein- 
gezogen war, ist uns wohl bekannt; wir kennen auch eine 
Reihe von Namen damaliger Ostseehandelsstädte. Im übri- 
gen aber sind wir über diese wesentlich schlechter unter- 
richtet als über die osteuropäischen Handelsplätze desselben 
Zeitalters. Von mehr als einer mittelalterlichen Ostseestadt, 
die einst hohe Bedeutung gehabt haben muß, ist die Lage 
durchaus zweifelhaft; wir kennen von ihr nichts weiter als 
den Namen und bestenfalls noch die eine oder andere halb 
sagenhafte Überlieferung. Einige unter ihnen, die in der 

x ) Herausgegeben von Fr. Westberg. Petersburg 1898. 

2 ) Da hier die Russen neben den Slawen genannt sind, dürfte 
der Ausdruck „Russen" in seinem ursprünglichen Sinne (= Normannen) 
gebraucht sein. 

3 ) Verhandl. der Anthropolog. Gesellschaft 1878, S. 208. 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 2 



18 Richard Hennig, 

Hansazeit eine führende Stellung errangen, waren bereits 
im früheren Mittelalter zu einer beachtenswerten Blüte ge- 
langt, so Kolberg, das schon ums Jahr 1000 bestand und 
als wichtige Handelsstadt im 12. Jahrhundert mit Wollin und 
Gnesen durch Landstraßen verbunden war 1 ), ferner Danzig 
(Gyddanicz), Elbing, Wisby und vor allem Nowgorod. Die 
meisten aber sind zu der Zeit, da das Licht der Geschichte 
schärfer auf die Geschehnisse an und in der Ostsee fällt, 
schon versunken und großenteils spurlos verschwunden. 

In dem hochinteressanten Bericht, der uns über die ums 
Jahr 870 ausgeführten Reisen des englischen Kaufmanns 
Othere oder Ottar erhalten ist 2 ), finden wir zuerst eine 
solche Stadt erwähnt, über die sich nicht das geringste 
angeben läßt. Nach seiner Rückkehr vom Lande Bjarma 
trat Othere eine zweite Reise an, die ihn über ein wohl 
im mittleren Norwegen zu suchendes Land Haligoland nach 
einer Stadt Schiringsheal führte. Dieses Schiringsheal ist 
das erste geographische Rätsel unter den Ostseeplätzen. 
Bell 3 ) hat die Stadt mit Jumne, dem Urbild der Vineta- 
sage identifizieren wollen, jener merkwürdigen wendischen 
Handelsstadt, von der sogleich noch ausführlicher die Rede 
sein wird — doch schwebt diese Ansicht vollständig in 
der Luft. Der ziemlich klaren Beschreibung nach im Ur- 
bericht über Otheres zweite Reise 4 ) lag Schiringsheal im 
südlichen Norwegen, im Nordteil eines großen Meerbusens, 
also höchst wahrscheinlich am Golf von Christiania, nicht 
allzu weit von der heutigen norwegischen Hauptstadt 
entfernt. Auch Otheres Angabe, daß die Seereise von 
Schiringsheal nach Haddeby (bei Schleswig) fünf Tage ge- 
dauert habe, spricht für diese Annahme. 

Ein weiteres geographisches Rätsel bietet die schwedische 
Haupthandelsstadt Birca. Man hat sie, aus sprachlich- 
lautlichen Gründen, mit der kleinen Insel Björkö im Mälar- 

x ) Giesebrecht, Wendische Geschichten, Bd. 1, S. 29. 

2 ) Vgl. S. 5 Anm. 3. 

3 ) William Bell, Ein Versuch, den Ort Schiringsheal, der in dem 
Periplus von Othere und Wulfstan enthalten, . . . mit einer Stadt 
zu identifizieren, wo die vermeinte Vineta gelegen haben soll. Lon- 
don 1847. 

4 ) Bosworth a. a. O. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8.— 12. Jahrh. 19 

see identifizieren wollen; aber wie es stets äußerst gefährlich 
und bedenklich ist, geographisch zweifelhafte Fragen nach 
sprachlichen Gesichtspunkten lösen und Namen von Orten 
und Ländern unbekannter Lage in heutigen Ortsbezeich- 
nungen wiederfinden zu wollen, so ist auch jene willkür- 
liche Verlegung von Birca nach dem heutigen Björkö schwer- 
lich aufrechtzuerhalten. Schon Geijer betont 1 ), daß nach 
den vorliegenden Schilderungen Birca ein Ort gewesen sein 
müsse, „wo reiche Kaufleute, Überfluß an jeglichen Gütern 
und manche Schätze waren" und daß ,, diese Beschreibung 
der kleinen Insel Björkö im Mälarsee nicht angemessen ist". 
Dazu kommt, daß ohne zwingenden Grund eine Hafen- 
stadt sich in alter Zeit nie tiefer ins Land hinein begeben 
haben wird, als es das Bedürfnis nach einem sicheren Hafen 
unbedingt erforderte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen 
lagen die großen Handelsstädte des Altertums und Mittel- 
alters näher am Meer als heutzutage, und nur dort, wo ein 
besonders großes und wichtiges Hinterland in den Handels- 
bereich der Stadt einbezogen werden mußte, finden wir die 
Seehäfen tiefer landeinwärts an einen schiffbaren Fluß vor- 
geschoben, wie es bei Antiochia und Nowgorod besonders 
deutlich der Fall war. Wenn nun in unserem Zeitalter mit 
seinen stark gesteigerten Sicherheitsansprüchen Stockholm 
in seiner Lage vollkommen den Forderungen genügt, die 
an den ersten schwedischen Hafen gestellt werden müssen, 
so wäre es m. E. eine verkehrsgeographische und verkehrs- 
technische Ungeheuerlichkeit, wenn vor rd. 1000 Jahren 
der wichtigste schwedische Handelshafen zwar am selben 
Gewässer wie heute, aber wesentlich tiefer landeinwärts an- 
gelegt worden sein sollte. Aus verkehrsgeographischen oder, 
besser gesagt, verkehrstechnischen Gründen wird der Ver- 
such, Birca mit Björkö zu identifizieren, gegenstandslos 
bleiben müssen. Eine neue Hypothese über die Lage Bircas 
aufzustellen fühle ich mich freilich zunächst nicht veran- 
laßt; nur dem Grundgedanken sei Ausdruck gegeben, daß 
Birca unbedingt näher, als man bisher annimmt, dem schiff- 
baren Meer gelegen haben muß. 

x ) a. a. O. S. 72. 

2* 



20 Richard Hennig, 

An der heutigen deutschen Ostseeküste lagen noch drei 
wichtigere Handelsstädte, die heute verschwunden sind, 
wenn auch für zwei von ihnen die Lage mit großer Sicher- 
heit noch angegeben werden kann. Die wesentlichste von 
ihnen war Hedaby (Haddeby, Haedum), dessen Name 
sich in der Bezeichnung eines Vororts der Stadt Schleswig 
noch deutlich genug wiederspiegelt. Zweifellos ist die Stadt 
an der Stelle dieses Vororts, am Ende der Schlei auf der 
Südseite, zu suchen, während die Stadt Schleswig am Nord- 
ufer liegt. An zweiter Stelle verdient die Stadt Truso ge- 
nannt zu werden, die in der Nähe des heutigen Elbing ge- 
sucht werden muß und deren Name uns noch im nahe- 
gelegenen Drausensee entgegenklingt. Viel ist uns freilich 
weder über Hedaby noch über Truso gemeldet worden. 
Beide Städtenamen treten uns in der Reisebeschreibung 
des Wulfstan 1 ), zugleich mit dem Namen der Stadt Elbing, 
als Mittelpunkte eines Seeverkehrs entgegen. Wir erfahren 
dabei auch, daß die Seereise von Haddeby nach Truso 
sieben Tage währte. 

Um so umfassender ist dagegen die Literatur über die 
dritte und größte jener drei Städte, das geheimnisvolle Ur- 
bild der Vinetasage, die „schöne, alte Wunderstadt", den 
großen wendischen Seehafen Jumne. Daß Vineta selbst 
ein reiner Phantasiename ist, der durch eine irrige Lesart 
des aus Jumne latinisierten Wortes Jumneta entstanden ist, 
darf man seit Jahrzehnten als endgültig klargestellt an- 
sehen, daß weiterhin die Stadt Jumne irgendwie zusammen- 
hängt mit der in nordischen Überlieferungen genannten, vor 
allem in der Palnatokisage genannten Seeräuberfeste Joms- 
burg, die im Jahre 1043 vom Dänenkönig Magnus zerstört 
wurde, ist gleichfalls nicht mehr zu bezweifeln. Aber über 
die Lage der Burg und der Stadt sind die Akten noch 
ganz und gar nicht geschlossen. Jahrzehntelang betrachtete 
man es als eine ausgemachte Sache, daß Jumne identisch 
gewesen sei mit dem in den Missionsreisen Adalberts von 
Bremen (1124 — 1128) genannten, volkreichen Julin, dem 
heutigen Landstädtchen Wollin, am meerfernsten Punkte 



J ) Bosworth a. a. 0. (vgl. S. 5 Anm. 3). 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 21 

der gleichnamigen Insel und am Rande des Stettiner Haffs 
gelegen. Diese Meinung ist in den letzten Jahren zu wieder- 
holten Malen mit triftigen Gründen erschüttert worden, zu- 
nächst durch Konrad Müller 1 ), dem ich selbst nach ge- 
nauer Prüfung des Sachverhalts vom verkehrsgeographi- 
schen Standpunkt durchaus beistimmen mußte 2 ), neuer- 
dings auch durch J. F. Leutz-Spitta 3 ), der, von ganz 
anderen Gesichtspunkten und Beweisen ausgehend, zu dem 
gleichen Ergebnis kommt, daß die Identifizierung von Julin 
und Jumne unhaltbar sei. Da Jumne eine überaus wich- 
tige Stadt gewesen sein muß, sei das gesamte Beweismate- 
rial auch an dieser Stelle zusammenfassend betrachtet und 
manch neuer Gesichtspunkt beigesteuert, der zur Ergrün- 
dung des wahren Sachverhalts bedeutsam sein dürfte. 

Die Lösung der ganzen Vinetafrage scheint von ganz 
anderen Voraussetzungen aus in Angriff genommen werden 
zu müssen, als es ehedem in der Regel geschah. Die Beweise 
für und wider die Identität von Julin und Jumne stehen 
teilweise auf sehr schwachen Füßen und halten einer näheren 
verkehrsgeographischen Prüfung keinesfalls stand. Einer der 
meistzitierten Beweise dafür, daß Jumne und Julin zwei ver- 
schiedene Städte waren, kann hier gewissermaßen als Schul- 
beispiel für die Gegenstandslosigkeit solcher Belege betrachtet 
werden. Es wird nämlich gern auf die vom Jahre 1 158 stam- 
mende Urkunde über die Gründung von Neu-Lübeck hinge- 
wiesen, worin unter den von Heinrich dem Löwen ernannten 
21 Ratsmannen an erster Stelle genannt ist ,,Cort Strahle, 
van Wineta in Lübeck gekamen", während ein anderer Rats- 
mann und ebenso einer der neu ernannten Bürgermeister 
als aus Julin stammend bezeichnet werden. So erstaunlich 
diese Urkunde auf den ersten Blick anmutet, sie kann für 
die hier in Rede stehende Frage nicht das geringste beweisen. 
Die große Wendenstadt, deren Identität mit Julin nach- 
gewiesen oder widerlegt werden muß, hieß ja gar nicht 

x ) Konrad Müller, Das Rätsel von Vineta. Berlin 1909. 

2 ) Rieh. Hennig, Das Vineta-Problem im Lichte der Verkehrs- 
wissenschaft in der Sonntagsbeilage der Voss. Zeitung, 14. I. 1912. 

3 ) J. F. Leutz-Spitta, Das Geheimnis von Vineta, in den Bremer 
Nachrichten, 8. September 1914. 



22 Richard Hennig, 

Wineta sondern Jumne, und die aus Jumneta verderbte Form 
Vimneta läßt sich erst in den Helmold- Abschriften nach- 
weisen. Der in der Urkunde von 1158 genannte Ort Wineta 
kann also weder zu Julin noch zu Jumne nähere Bezie- 
hungen gehabt haben und war vielleicht identisch mit einem 
Ort in der Nähe von Hamburg, den eine Urkunde aus der 
Regierungszeit Kaiser Heinrichs IV. vom 17. Januar 1064 1 ) 
„locum Winethe in pago Lacne" nennt! Es liegt also auf 
der Hand, daß aus der Neu-Lübecker Urkunde von 1158 
gar keine Rückschlüsse irgendwelcher Art für die uns be- 
schäftigende Frage gezogen werden können. 

Daß die geheimnisvolle Stadt Jumne uns bei verschie- 
denen Völkern und in verschiedenen Zeitaltern unter wech- 
selnden Namen entgegentritt, wäre an sich freilich nicht 
weiter verwunderlich. Wir sehen ja auch, daß Holmgard, 
Ostrogard, Naugard und Nowgorod eine und dieselbe Stadt 
bezeichnen und ebenso Kiew, Chive, Kiänugard und Kuta- 
bah. So dürfen wir von vornherein nicht erwarten, daß 
das Jumne Adams von Bremen bei zeitgenössischen Schrift- 
stellern anderer Nationen mit einer gleichen oder auch 
nur ähnlichen Namenbezeichnung genannt wird. Der all- 
gemein geographische Gesichtspunkt darf hier allein ent- 
scheiden, nicht der philologische, der uns meist Klangspiele- 
reien statt zuverlässiger Tatsachen darbietet. In dieser Hin- 
sicht brauchten wir uns keinen Augenblick zu scheuen, die 
von Bell behauptete Identität von Schiringsheal und Jumne 
anzunehmen, sobald andere geographische oder historische 
Erwägungen diese Annahme rechtfertigen. Hierfür liegt zu- 
nächst freilich keinerlei Veranlassung vor. Wohl aber ist es 
überaus wahrscheinlich, daß in einer Stelle der Schriften des 
Arabers Ibrahim Ben Ja'qüb, der im 10. Jahrhundert, 
100 Jahre vor Adam von Bremen, lebte, eine nicht mit 
Namen genannte Hafenstadt mit dem Adamschen Jumne 
übereinstimmt, obwohl der Name des Volksstammes sich 
nicht mit den uns geläufigen Bezeichnungen deckt. Ibra- 
him ben Ja'qüb meldet nämlich 2 ): 



x ) MonumentaGermaniae historica, diplomataHenriciJV imperatoris. 
2 ) Ibrahim ben Ja'qüb, Ausgabe Fr. Westberg, S. 9. Petersburg 1898. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8.— 12. Jahrh. 23 

„Und im Westen von dieser Stadt ein Stamm von den 
Slawen, der das Volk Wlnane 1 ) heißt^ und er (wohnt) in 
Sümpfen, vom Land Msekkar (Polen) nach Westen und 
einen Teil des Nordens (d. h. westnordwestlich). Sie haben 
eine bedeutende Stadt am umringenden Meer, die 12 Tore 
und einen Hafen hat, und sie haben dort ausgezeichnete 
Hafenordnungen." 

Daß diese von Ibrahim ben Ja'qüb erwähnte Stadt un- 
gefähr dort gelegen haben muß, wo wir auch Jumne zu 
suchen haben, an der Odermündung, geht aus der Weg- 
richtung hervor, der der Verfasser bei seinem Besuch in 
Deutschland folgte. Er reiste nämlich von Prag über Dürren- 
berg, Nienburg, Kalbe und Magdeburg, das über Havel- 
berg, Malchow und Demmin mit der Odermündung ver- 
bunden war 2 ), nach der Wismarer Gegend hinauf, freilich 
ohne leider selbst ans Meer vorzudringen. Wie er jene selt- 
same Hafenstadt nicht aus eigenem Augenschein kannte, so 
vermag auch kein einziger anderer zeitgenössischer Schrift- 
steller, der Jumnes Erwähnung tut, aus eigener Kenntnis 
jenen wendischen Haupthandelsplatz zu schildern. Es ist 
dies bedauerlich, denn andernfalls wäre der historische Hin- 
tergrund des Vinetarätsels wohl längst gelöst. Wulfstans 
Ostseereise, von der wir oben hörten, erwähnt nur die Vor- 
beifahrt am „Weonodland" 3 ), am Land der Wenden, d. h. 
der mecklenburgischen und pommerschen Küste, ohne der 
Stadt Jumne oder der zweifellos damals, im 9. Jahrhundert, 
schon bestehenden Jomsburg Erwähnung zu tun. Jumnes 
Blütezeit fiel ja auch erst ins Ende des 11. Jahrhunderts. 

Wie die Dinge nun liegen, sind wir für die Lösung der 
Vineta-Jumne-Frage im vollen Umfang auf die Beschreibung 
des einzigen Zeitgenossen angewiesen, auf die berühmte, oft 
zitierte und doch auch nur aus dem Hörensagen schöpfende 
Stelle bei Adam von Bremen 4 ): 

x ) Andere Übersetzer lesen statt Wlnane Awbäbä oder Ubaba. 
Die Westbergsche Lesart dürfte durch den Wunsch, den Namen der 
Stadt an Wollin anklingen zu lassen, beeinflußt worden sein. 

2 ) Giesebrecht a.a.O. Bd. 1, S. 31; Goetze, Geschichte der 
Stadt Demmin S. 3. Demmin 1903. 

3 ) Bosworth a. a. O. (vgl. S. 5 Anm. 3), S. 18. 

*) Pertz, Monumenta Germaniae, SS. Bd. 7, S. 312. 



24 Richard Hennig, 

„Über die Leutizen hinaus, die mit anderem Namen 
Wilzen genannt werden, tritt uns der Oderfluß (Oddara) 
entgegen, der reichste Strom des Slawenlandes. An seinen 
Ufern, da, wo er die scythischen Gewässer bespült (Scythicas 
alluit paludes), bietet die sehr angesehene Stadt Jumne den 
ringsum wohnenden Barbaren und Griechen einen viel- 
besuchten Standort dar. Weil nun zum Preise dieser Stadt 
große und fast unglaubliche Dinge vorgebracht werden, so 
halte ich es für angebracht, hier einiges, das Erwähnung 
verdient, einzuschalten. Es ist in der Tat die größte von 
allen Städten, die Europa umschließt. In ihr wohnen Slawen 
und andere Nationen, Griechen und Barbaren. Denn auch 
den dort ankommenden Sachsen ist unter gleichem Rechte 
mit den übrigen zu wohnen gestattet, freilich nur, wenn sie 
ihr Christentum nicht öffentlich zur Schau tragen, solange 
sie sich daselbst aufhalten. Denn alle sind noch im Irrwahn 
heidnischer Abgötterei befangen. Übrigens wird in bezug 
auf Sitte und Gastfreiheit kein Volk zu finden sein, das 
sich ehrenwerter und diensteifriger bewiese. Jene Stadt, 
die an allen Waren des Nordens reich ist, besitzt alle mög- 
lichen Annehmlichkeiten und Seltenheiten. Dort findet sich 
der Vulkanstopf, den die Einwohner als byzantinisches Feuer 
bezeichnen, wie es auch Solinus erwähnt. 1 ) Dort zeigt sich 
Neptun von dreifacher Art, denn von drei Meeren wird jene 
Insel bespült, deren eines von ganz grünem Aussehen sein 
soll, das zweite von weißlichem; das dritte ist durch un- 
unterbrochene Stürme beständig in wutvoll brausender Be- 
wegung. — Von Jumne aus rudert man in kurzer Fahrt 
nach der Stadt Dymine (Demmin) hinüber, die an der 
Mündung des Flusses Peanis (Peene) gelegen ist." 

Diese hochbedeutsame Literaturstelle läßt nun leider 
die Frage offen, was man unter der „Oder"-Mündung zu 
verstehen hat, an der Jumne gelegen haben soll. Die Die- 
venow, der rechte Odermündungsarm, an dem Julin-Wollin 

x ) An anderer Stelle (Beiträge zur Geschichte der Technik und 
Industrie; Jahrbuch des Vereins deutscher Ingenieure, Bd. 6, S. 35: 
Beiträge zur älteren Geschichte der Leuchttürme) habe ich nach- 
gewiesen, daß hiermit zuverlässig nichts anderes gemeint sein kann 
als ein Leuchtturm oder eine Leuchtbake. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 25 

lag, war während Julins Blütezeit um 1170 für Seeschiffe 
nicht benutzbar, wie u. a. aus des Saxo Grammaticus Be- 
richt 1 ) über den Kriegszug des Dänenkönigs Waldemar 
gegen Julin hervorgeht, bei dem die durch die Dievenow 
in die See zurückstrebende dänische Flotte in der Mündung 
stecken blieb und in größte Gefahr kam, so daß sie nur 
ein vom Bischof Absalon von Roeskilde angeregter, gewalt- 
samer Durchbruch ins Stettiner Haff rettete; sie kann also 
unmöglich die von Adam erwähnte „Oder" gewesen sein. 
Ich selbst habe früher die Swine als die Adamsche Oder 
ansprechen zu müssen geglaubt 2 ), weil eben die Dievenow 
keinesfalls in Betracht kommt und die Peene als beson- 
derer Fluß von Adam angeführt wird. Doch scheint mir 
heut die Leutz-Spittasche Meinung zutreffender zu sein, 
daß die Adamsche Peene lediglich der Fluß bis zu seiner 
Mündung ins Haff war und daß der von uns heute als 
Peene bezeichnete Oderarm der ,,Oder" Adams entsprach. 
Zweifellos war die heutige Peenemündung ehedem, bevor 
die Swine durch die Anlage des Kaiserkanals reguliert und 
zum wichtigsten Oderarm gemacht wurde, der am besten 
schiffbare und wasserreichste Zugang vom Meer zur Oder, 
und Adams Angabe, daß Demmin an der „Mündung" der 
Peene gelegen habe, spricht allerdings stark dafür, daß die 
Peene ihren Namen nur bis zur Mündung ins Haff führte, 
das überdies vor 800 bis 1000 Jahren infolge zweifellos größe- 
ren Wasserreichtums der Gegend einen fördeähnlichen Aus- 
läufer westlich über Anklam hinaus entsandt haben mag. 

Entscheidend für die Lösung des Problems ist aber viel- 
leicht die nachfolgende Betrachtung, auf die bisher noch 
nicht mit genügendem Nachdruck hingewiesen worden ist. 
Adam von Bremen betont, daß die Oder, an deren Mündung 
Jumne lag, zwischen Leutizen und Pommern floß und daß 
anderseits die Peene den Grenzfluß zwischen der Diözese 
Hamburg und den Leutizen bilde. Er sagt nämlich 3 ): 



x ) Saxo Grammaticus, lib. XIV, 892, Monum. Germ, hist., SS. Bd. 29, 
S. 145: ostia cum quondam navigantibus pervia fuerint, nunc harenis obfusa. 
2 ) Prometheus Nr. 1174 vom 27. April 1912, S. 473. 
8 ) Adam IV, 13 (Pertz a. a. 0. S. 373). 



26 Richard Hennig, 

„Hier fangen die Grenzen der hamburgischen Parochie 
an, die sich durch die am Meer wohnenden slawischen Stämme 
in weiter Ausdehnung bis zum Peenefluß erstrecken: hier ist 
die Grenze unserer Diözese, von dort haben die Wilzen oder 
Leutizier ihre Sitze bis zum Oderfluß inne; jenseits der 
Oder aber wohnen, wie wir erfahren, die Pommern." 

Aus dieser Stelle geht allerdings mit unzweifelhafter 
Gewißheit hervor, daß Adam lediglich den Fluß bei Dem- 
min als Peene bezeichnet wissen wollte, die von uns Peene 
genannte Odermündung hingegen als Oder. 1 ) Denn dicht 
bei Demmin begann das Gebiet der Leutizen — das kündigt 
uns nicht nur der noch heute vorhandene Name Loitz einer 
wenige Kilometer flußabwärts von Demmin auf dem linken 
Ufer des Flusses gelegenen Ortschaft an, sondern auch die 
Tatsache, daß im Jahre 1128 von Demmin aus ein Kriegs- 
zug ins Land der Leutizen unternommen wurde, der am 
Morgen begann und am Abend desselben Tages beendet war 
und dessen Fortschritte vom Demminer Schloß aus beob- 
achtet werden konnten. 2 ) Anderseits gehörte aber die Insel 
Usedom bereits zum pommerschen Gebiet, wie vor allem dar- 
aus sicher hervorgeht, daß ebenfalls im Jahre 1128 der 
Pommerherzog Wartislaw einen Landtag in die Stadt Uz- 
noim (Usedom) zusammenrief. Der Grenzfluß zwischen 
Wilzen und Pommern kann demnach nur der heutige Peene- 
arm der Oder gewesen sein, und der Beweis dürfte so- 
mit erbracht sein, daß Adams Oddara kein anderer 
Fluß als dieser westlichste Mündungsarm gewesen 
ist! 

Die Lage von Awbäbä-Jumne-Vineta muß demnach, 
wenn man Adams Schilderung als zuverlässig ansieht (woran 
zu zweifeln keine Veranlassung vorliegt), nahederheutigen 
Peenemündung gesucht werden. Die äußerst klare Angabe 
Adams 3 ), die Oddara fließe „usque adjumnem, ubi Pomeranos 



x ) 100 Jahre nach Adam begegnet uns der Ausdruck Peene jedoch 
bereits im heutigen Sinne, denn Saxo Grammaticus XIV, 891 spricht 
ausdrücklich von Peene und Swine und von der Verriegelung der 
Peenemündung durch die Stadt Wolgast (Pertz, SS. Bd. 29, S. 145). 

2 ) Goetze, Geschichte der Stadt Demmin, S. 218. Demmin 1903. 

3 ) Adam II, 19 (Pertz a. a. O. S. 313). 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 27 

dividit a Wilzis", macht es unmöglich, Jumne mit dem heu- 
tigen Wollin zu identifizieren, denn die Gegend, wo der 
Fluß die Pommern von den Wilzen schied, lag eben viel 
weiter westlich. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, 
daß die untergegangene Stadt, die entweder im Dänenkriege 
des Jahres 1098 oder zwischen 1115 und 1120 zerstört worden 
sein mag, auf dem rechten Ufer der Peene lag, also im 
nordwestlichen Teil von Usedom, der einst eine viel größere 
Ausdehnung als heute gehabt haben muß. Schreibt doch 
z. B. Albr. G. Schwartz auf Grund seiner Studien 1 ): 

„Daß sich aber in unsern Gewässern zwischen Pommern 
und Rügen von alters verschiedene bewohnte Inseln und 
unter andren auch eine mit Namen Svolder befunden, das 
lernt man auch aus den nordischen Geschichtsbüchern, die 
erwähnte Überschwemmung (von 1304) an Zeit und Alter 
übertreffen. Überhaupt muß er in diesen Gegenden ehe- 
malen eine gantz andere Gestalt gehabt haben, so daß die 
beim Micrälius und andern unsern Skribenten aufbehaltene, 
alte Sage, als wenn in diesem großen Meerbusen zwischen 
dem pommerschen Lande Wusterhusen oder Westrose und 
dem rügenschen Mönckgut oder Redesvitz vor Zeiten noch 
ein großes und zusammenhängendes Land gewesen, nicht 
ohne Grund zu sein scheinet . . . Das Wasser hat in dieser 
Gegend sehr viel Ländereien verschluckt." 

Zwischen Usedom und der kleinen Insel Rüden, die der- 
einst weiter nördlich gelegen haben mag 2 ) und eine gedrun- 
genere Formals heute auch noch auf der aus dem 17. Jahr- 
hundert stammenden Merianschen Karte 3 ) aufweist, lag bis zum 
Anfang des 14. Jahrhunderts offenbar das einzige für Seeschiffe 
benutzbare Fahrwasser, das von der Peene und vom Greifs- 
walder Bodden in die Ostsee führte, denn es ist uns aus- 
drücklich überliefert, daß Greifswald vor der großen Aller- 
heiligensturmflut im Anfang des 14. Jahrhunderts (wahr- 

x ) Albr. Georg Schwartz, Kurtze Einleitung zur Geographie des 
Norderdeutschlands S. 221/2. Greifswald 1745. 

2 ) Gustav Krüger, Die Sturmfluten der Ostsee (Inaug.-Diss. 
Greifswald 1910), spricht auf S. 78 von der „allmählichen Verschiebung 
des Rudens gegen die Peenemündung". 

8 ) Matth. Merian, Topographia electoratus Brandenburgici et du- 
catus Pomeraniae, Karte zwischen S. 10 u. 11. 



28 Richard Hennig, 

scheinlich im Jahre 1304) nur südlich von Rüden und um 
den Gellen herum (Südspitze Hiddensees) eine schiffbare 
Verbindung mit der Ostsee gehabt habe. Man hat daraus 
den Schluß ziehen wollen, daß bis zum 14. Jahrhundert noch 
eine Landverbindung zwischen Rügen und Rüden einerseits, 
Rügen und Hiddensee anderseits bestand. Doch ist dieser 
Schluß nichts weniger als zwingend, und es ist sehr wohl 
möglich, daß durch die genannte Allerheiligenflut lediglich 
das vorher nur flache Fahrwasser zwischen den genannten 
Inseln so vertieft worden ist, daß nunmehr Schiffe daselbst 
verkehren konnten. Trifft diese Annahme zu und lag der- 
einst die ganze Hauptmündung des Peenestromes südlich 
der Insel Rüden (wo auch heute noch die größten Tiefen 
durch den Fluß bedingt werden), so mögen allerdings daselbst 
umfassende Umlagerungen des Landes vorgekommen sein, 
die eine beträchtliche Südwärtsverlagerung der Insel Rüden 
infolge von Verlandung und eine durchgreifende Umwandlung 
der Nordwestspitze von Usedom zur Folge hatten. Das 
eigenartige ,, Schilfmeer" am Peenemünder Haken, das sehr 
wenig vom sonstigen Ostseeküstencharakter an sich trägt, 
läßt ebenfalls darauf schließen, daß die Landfiguration hier 
erhebliche Umgestaltungen erfahren hat. 

Somit spricht nicht nur der sehr deutliche Hinweis 
Adams von Bremen auf die Grenze zwischen Leutizen und 
Pommern, sondern ebenso sehr die geographische Wahr- 
scheinlichkeit und die Erwägung, daß von den drei Oder- 
mündungen ehedem die Peene zweifellos der weitaus wich- 
tigste war 1 ), stark dafür, daß hier die Odermündungsstadt 
Jumne gelegen haben muß, von der uns Adam von Bremen 
so erstaunliche Dinge berichtet. Da keine Spur von Funda- 
menten auffindbar ist, bleibt natürlich nur die Annahme 
übrig, daß die Stadtstelle heute vom Meer völlig überflutet 
ist und daß Jumne in der jetzt verschwundenen Usedom- 
Nordwestspitze oder auf einer Insel davor lag. In der 

a ) Der Vorstoß der dänischen Flotte ins Haff im Jahre 1174, 
der zur Niederbrennung Julins führte, erfolgte nur deshalb durch die 
Swine, weil die Fahrbarkeit der Peene bei Wolgast künstlich bedeutend 
erschwert worden war — zweifellos bildete daher der Peenearm den 
üblichen Zugang zum Haff. 



Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas im 8. — 12. Jahrh. 29 

Volksüberlieferung, die mit so merkwürdiger Hartnäckig- 
keit die versunkene Stadt Vineta an der Stelle des dem 
Streckelberg bei Coserow vorgelagerten Granitriffs sucht 
und die die Einwohner des Dorfes Loddin noch heute 
einen Weg als ,, Landweg nach Vineta" bezeichnen läßt", 
steckt also wohl doch ein bescheidenes Körnchen histori- 
scher Wahrheit. Selbst wenn die hier gegebene Darlegung 
der Kritik keinen Angriffspunkt sollte bieten können, 
würde freilich das historische Jumne immer noch erheblich 
weit nordwestlich vom „Vinetariff" gelegen haben. Das 
Meer ist ja in den in Betracht kommenden Teilen überall 
ausnehmend flach und geht zwischen der Nordwestspitze 
Usedoms, der Südostspitze Rügens (Mönchgut) und der 
Greifswalder Oie nur in der schmalen Peeneströmung selbst 
über 6 m Tiefe, meist nicht über 3 — 4 m Tiefe hinaus. Die 
Wahrscheinlichkeit, daß hier erst in historischer Zeit er- 
trunkenes Land in größerem Umfang vorliegt, ist also 
recht groß. Schließt man sich aber der These an, daß 
Adams Oddara nur die heutige Peenemündung gewesen sein 
kann, so ist jede andere Schlußfolgerung, als daß Jumne 
anderswo als auf der verschwundenen Nordwestecke Use- 
doms gelegen haben könne, ausgeschlossen. In diesem Zu- 
sammenhang erscheint es doppelt beachtenswert, daß in 
einer Zeit, wo man vom Vinetaproblem der Gegenwart noch 
nichts ahnte, sowohl Matth. Merian x in seiner schon er- 
wähnten Pommern-Karte wie J. Jansonius in seinem zu 
Amsterdam im Jahre 1649 erschienenen Kartenwerk nicht 
nur das Mündungsgebiet der Peene noch ziemlich erheblich 
anders wiedergaben, als es heute aussieht, sondern auch 
einen Punkt im Meer unmittelbar vor der äußersten Nord- 
westspitze Usedoms als „Wineta empor ium olim celeberrimum 
aquarum aestu absorptum" bezeichneten. Die Wollintheorie 
ist ja übrigens einfach schon aus dem Grunde völlig 
unhaltbar, weil die der Mündung des Hauptstroms näher- 
gelegene Stadt Wolgast es selbstverständlich nie gestattet 
haben würde, daß der einträgliche Seehandel sich auf dem 
von ihr beherrschten Fluß und unter ihren Mauern vorbei 
sich einer weiter landeinwärts gelegenen Nebenbuhlerstadt 
zuwendete. Aus diesem Grunde möchte ich es auch nach- 



30 R. Hennig, Zur Verkehrsgeschichte Ost- u. Nordeuropas. 

drücklich bezweifeln, daß Julin-Wollin selbst in seiner Blüte- 
zeit, die nach Jumnes Zerstörung ums Jahr 1120 begonnen 
haben muß und bis 1174 reichte, jemals eine größere See- 
stadt gewesen sein kann, denn wir kommen nun einmal 
um die Tatsache nicht herum, daß grade in dieser Zeit, 
nach des Saxo einwandfreiem Zeugnis 1 ), die Peene den 
Hauptzugang zum Haff darstellte, während die Dievenow- 
Mündung für Schiffe unbenutzbar war. — 

Alles in allem genommen, ergibt sich uns ein Bild regen 
Handels- und Verkehrslebens im nichtchristlichen Europa 
des mittleren Mittelalters, ein Bild, das nicht unvorteilhaft 
absticht von den gleichzeitigen Zuständen in den meisten 
Teilen von West- und Südeuropa, die, von einigen bedeu- 
tenden Ausnahmen abgesehen (Byzanz, Venedig usw.) wäh- 
rend der in Frage kommenden Zeit vom 8. bis zum 12. Jahr- 
hundert von der Stagnation jedes großzügigen Handelsver- 
kehrs nicht allzu weit entfernt waren. Von Byzanz abge- 
sehen, beteiligte sich das christliche Europa auffällig wenig 
an den blühenden Handelsbeziehungen Nord- und Ost- 
europas in jenem Zeitalter. Die Straßen Regensburg — Prag 
— Krakau — Kiew und Magdeburg — Havelberg — Malchow — 
Demmin — Jumne stellten anscheinend noch die wichtigsten 
Adern dar, in denen damals das Handelsleben zwischen 
dem christlichen Europa und den nichtchristlichen Handels- 
völkern in Osteuropa und im Ostseegebiet pulsierte. 

*) Saxo Grammaticus, XIV, 891/2 (Pertz, SS. Bd. 29, S. 145). 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 1 ) 

Von 
Karl Hampe. 



Der feinsinnigste Beurteiler des Pfälzer Landes und 
seiner Bewohner W. H. Riehl hat in seinem nun vor mehr 
als 50 Jahren erschienenen Buche „Die Pfälzer" gesagt: „Für 
den echten, ungewaschenen, vorderpfälzischen Bauern gibt 
es nur zwei Perioden pfälzischer Geschichte: Römerzeit 
und Franzosenzeit. Hiermit ist die ganze Vergangenheit 

x ) Der hier gedruckte Aufsatz ist aus zwei Vorträgen erwachsen, 
die ich im November 1913 in den Volkshochschullehrerkursen zu 
Kaiserslautern gehalten habe. Er erhebt im allgemeinen nicht den 
Anspruch, neue Forschung zu bieten, sondern nur die zerstreuten Er- 
gebnisse der Einzelstudien zu einem möglichst anschaulichen Gesamt- 
bilde zusammenzufassen, das nach dem Stande der Lokalforschung 
vielfach nur skizzenhaft ausfallen konnte, das aber bislang noch gänz- 
lich fehlte und darum manchem doch vielleicht willkommen sein dürfte. 
Außer den älteren Werken von Häusser und Riehl gibt es eben für 
die Pfälzer Geschichte und Landeskunde nur wenig abgerundete Dar- 
stellungen, insbesondere für eine so weit zurückliegende Epoche wie 
die staufische, in der die spätere Kurpfalz erst im Entstehen war, 
und der Quellenstoff sehr dürftig und spröde ist. Ich unterlasse es, 
die lokalhistorischen und allgemeineren Schriften, die ich benutzt 
habe, einzeln aufzuzählen, möchte aber als besonders fruchtbar für 
meine Zwecke die sorgfältigen und ergiebigen Arbeiten von H. Schreib- 
müller hervorheben, namentlich sein Büchlein „Pfälzer Reichsmini- 
sterialen" (1911). Auch gedenke ich gern und dankbar der Anregung, 
die ich vor Jahren in einer Vorlesung meines Kollegen J. Wille über 
Pfälzische Geschichte empfangen habe. — Die Form des mündlichen 
Vortrags und die gelegentlich eingestreuten örtlichen Beziehungen 
wollte ich auch im Druck nicht wesentlich abändern. 



32 Karl Hampe, 

ausgesprochen. Was alt ist, das war „vor der Franzosen- 
zeit", was uralt, ,,zu Römerzeiten"." Ich weiß nicht, ob 
auch heute noch solche Vorstellungen herrschen; die Gebil- 
deten können sie schwerlich je geteilt haben, denn lebens- 
voller als die römischen Steine in den Museen reden doch 
fraglos zu uns die Denkmale der reichsten Bauperiode, die 
die Pfalz je gehabt hat: der deutschen Kaiserzeit des 11. 
bis 13. Jahrhunderts. Allenthalben, von den Bergkuppen 
herab und in den Städten und Ortschaften grüßen den 
Wanderer diese Zeugen einer ruhmvollen Vergangenheit, 
und liegt auch ihr Rumpf in Trümmern, so dürfen sie doch 
zum mindesten von uns den gleichen Anteil fordern, wie 
ihre rohen französischen Zerstörer, deren tiefgreifender 
Einfluß auf das Werden der modernen Pfalz damit gewiß 
nicht geleugnet werden soll. 

Täusche ich mich nicht, so hat sich auch trotz aller 
lärmenden Ablenkungen der Gegenwart das Interesse der 
Pfälzer in wachsendem Maße diesen fernen Zeiten zugewandt. 
Denkmalsschutz und Museen und eine gerade auch in Kaisers- 
lautern sehr lebendige lokalhistorische Forschung bezeugen 
das. Gleichwohl steht diese Forschung gerade hinsichtlich 
der Stauferzeit noch in den Anfängen, und es fehlt fast 
völlig — denn Häussers jetzt in Einzelheiten stark ver- 
altetes Werk hat seinen eigentlichen Wert erst für die spä- 
teren Jahrhunderte — an künstlerisch eindrucksvollen Zu- 
sammenfassungen, wie sie manche viel unbedeutendere 
Territorialgeschichte Deutschlands längst besitzt. Die Gründe 
sind nicht schwer zu erkennen: einmal hat die Pfalz im 
Mittelalter keine großzügige oder auch nur nachrichtenreiche 
Geschichtschreibung hervorgebracht. Wo sie aber fehlt, 
und keine Akten Ersatz bieten, da wird es immer unendlich 
schwer sein, aus dem Mosaik von tausend kleinen Zügen, 
die uns die zufällig und gerade hier recht lückenhaft über- 
lieferten Urkunden bewahrt haben, ein wirklich lebensvolles 
Gesamtbild zu gewinnen. Dann aber: eine festumgrenzte 
Pfälzer Territorialgeschichte hat es in der staufischen Epoche 
eben noch nicht gegeben! Die Entstehung eines Pfälzer 
Territoriums ist erst das Erzeugnis dieser Epoche. Sie 
beginnt mit der Reichsherrschaft in Rheinfranken und endet 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 33 

mit dem noch kleinen, aber entwicklungsfähigen Pfälzer 
Territorialfürstentum, im engeren Rahmen ein Spiegelbild 
der gesamtdeutschen Entwicklung jener Zeit! 

Und indem ich Sie einlade, mir im Geiste in jene fernen 
Tage mittelalterlichen Glanzes zu folgen, bitte ich Sie von 
vornherein, von mir nicht ein allzu tiefes Hinabsteigen in 
die Schächte lokalhistorischer Einzelforschung zu erwarten; 
das bleibe nach wie vor die Aufgabe der trefflichen Gelehrten, 
die da ebenso mühselig wie verdienstvoll den Abbau betreiben. 
Ich, der ich von außen her zu Ihnen komme, möchte vor 
allem zu schildern versuchen, wie sich die Reichsgeschichte 
in dieser Landschaft widergespiegelt hat, und auch nicht die 
heutige bayrische Pfalz allein in ihrem mehr zufälligen 
Umfang sei der Schauplatz, sondern die gesamten alten, 
auch rechtsrheinischen kurpfälzischen Gebiete und was sie 
umfaßten wollen wir überschauen, ohne es mit der Begren- 
zung im einzelnen so genau zu nehmen, wie das halbe Hundert 
kleiner Dynasten, die sich hier drängten und stießen, bis sie 
die große französische Revolution hinwegfegte. 

I. 

Reichsbesitz und Kaisergewalt also stehen am Anfang 
der Epoche; sie vor allem gaben diesen oberrheinischen 
Landen die politische Bedeutung, wie sie sich in dem Urteil 
des größten staufischen Geschichtschreibers Otto von Freising, 
daß hier die Hauptkraft des Reiches liege, ausspricht. Um 
solche Anhäufung königlichen Gutes zu verstehen, müßte 
man letzthin bis auf Chlodwigs Eroberung zurückgehen, 
die die Alamannen zugunsten der Franken und nicht zum 
wenigsten ihres Königs des Landes beraubt hatte. Immerhin 
waren seitdem von Merowingern, Karolingern und Ottonen 
die umfangreichsten Vergabungen an Kirchen erfolgt, und 
der politische Schwerpunkt des Reiches hatte sich zuletzt 
nach dem sächsischen Norden verschoben. Da war es für 
die pfälzischen Lande von höchster Bedeutung, daß mit 
Konrad II. 1024 ein Geschlecht auf den Thron kam, das 
eben in diesen rheinfränkischen Gebieten seine Hausgüter 
besaß. Indem die salischen Herrscher mit ihnen den Rest 
des alten Reichsbesitzes vereinten und zugleich auf das 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 3 



34 Karl Hampe, 

Reichskirchengut fest die Hand legten, wurde das Königtum 
in diesen Landen wieder zur einzig herrschenden Macht. 

Was das für die deutsche Zentralregierung bedeutete, 
weiß man erst zu würdigen, wenn man sich vergegenwärtigt, 
daß diese Gebiete an wirtschaftlicher Fülle und Mannig- 
faltigkeit fraglos obenan standen im Reiche. Von den 
Fischerdörfern am Rheinufer her gelangte man bald über 
mit Nadelholzwäldern bestandenen Sandboden in jenes alte 
Überschwemmungsgebiet des Stromes, in dem sich allmählich 
ein fetter Fruchtboden angesetzt hatte, der die oberrheinische 
Tiefebene zur gesegneten Kornkammer des Reiches und bei 
dem milden und feuchten Klima zum üppigen Obst- und 
Gemüseland machte. Daran schloß sich jener Hügelgürtel, 
der schon seit Römerzeiten unter den Strahlen einer süd- 
lichen Sonne dem Weinbau diente. Indem diese Landstriche 
einst im Vertrage von Verdun als die einzigen linksrheini- 
schen zum Ostreiche geschlagen waren, hatte man sich dort 
diese edlen Kulturen dauernd gesichert. Seitdem hatten sie 
sich noch weiter entwickelt und ausgedehnt. Das angrenzende 
Waldgebirge der Haardt mit dem Donnersberg und dem 
östlichen Hügelgelände des Westrich waren damals zwar 
wirtschaftlich noch wenig erschlossen, aber durch ihren Holz- 
reichtum wertvoll und als Jagdbezirk schon von dem Mero- 
winger Dagobert geschätzt. Und diese Fülle der Erzeugnisse 
gewann für die Zentralstelle erst dadurch ihre volle Bedeu- 
tung, daß die Lande nicht weltentlegen waren, sondern 
sich am Rheinstrom, der wichtigsten Verkehrsader Deutsch- 
lands, mit den großen Heerstraßen auf beiden Seiten, ent- 
lang zogen. Dadurch erhielten die Herrscher erst die rechte 
Möglichkeit, auf ihren unaufhörlichen Reisen durch das 
Reich immer wieder dies Gebiet zu berühren und in ihm 
Rast zu machen. 

Überdies begann sich auch der alte Rheinhandel, der 
Austausch oberländischer Erzeugnisse mit denen des Nordens, 
in der Salierzeit mehr und mehr zu steigern und wurde, als 
seit den Kreuzzügen der Levantehandel wesentlich über 
Italien gelenkt wurde und an Umfang wuchs, von dem 
über die Alpen zum Niederrhein gehenden Zweigarme dieses 
Stromes weiter angeschwellt. Das alles verstärkte und 






Die Pfälzer Lande in der Staulerzeit. 35 

vermannigfachte die Bedürfnisse, weitete den Gesichtskreis, 
hob die Kultur. In den alten keltisch-römischen Städten 
Speyer und Worms flutete neues Leben, das sie immer deut- 
licher aus der landwirtschaftlichen Umgebung heraushob. 
Beiderwärts hatte eine starke Judenschaft, die damals, vor 
den Kreuzzügen, noch allgemein in durchaus befriedigender 
sozialer Geltung stand, reichen Anteil an diesem Aufschwung 
des städtischen Handelsverkehrs; konnte doch ein Speyrer 
Bischof im Jahre 1084 öffentlich verkünden, „da er aus 
dem Orte eine Stadt machen wollte, habe er geglaubt, dessen 
Ehre tausendfach zu mehren, wenn er daselbst auch Juden 
versammele", und noch heute gemahnen uns das Speyrer 
Judenbad und die alte Wormser Synagoge aus Stauferzeit 
an die frühe Bedeutung dieser jüdischen Gemeinden. Es 
war zwar eine Überschätzung, wenn zum Jahre 1125 ein 
ausländischer Chronist Ordericus Vitalis Speyer als „Metro- 
pole Deutschlands" bezeichnete, aber schon hatten diese 
Städte doch als die ersten begonnen, auch ein politischer 
Faktor in den Geschicken des Reiches zu werden. 

Man kann die Geschichte der Salier nicht ganz von der 
ihrer staufischen Erben, die auf ihren Schultern standen, 
abtrennen, und eben die rheinfränkischen Lande sahen allen 
Glanz und alle Not der salischen Kaiser. Welche Summe 
zusammengefaßter Kraft spiegelt allein die gewaltige Kloster- 
ruine Limburg, die Familienstiftung Konrads IL, wieder! 
Und die Maße der andern auf ihn zurückgehenden kirchlichen 
Schöpfung, des Domes von Speyer, waren für jene Zeit 
noch unerhörter, wie dessen Formen vorbildlich wurden für 
nahezu die gesamten Kirchen der Pfalz in den beiden fol- 
genden Jahrhunderten. In die starken Mauern dieses Domes, 
die den wiederholten Brandstiftungen und Sprengversuchen 
der Franzosen trotz aller Verheerung zuletzt doch siegreich 
widerstanden haben, ist gleichsam die ganze Geschichte 
des salischen Geschlechts hineingebaut. Der Zufall hat 
gerade ihre Grabstätten dort besser bewahrt, als die der 
Staufer und ersten Habsburger; mit Ehrfurcht kann man 
seit wenigen Jahren nach der gut durchgeführten Wiederher- 
stellung die schlichten Steinsärge und die Reste von Waffen, 
Schmuck und Gewandung aus ihren Gräbern betrachten. 



36 Karl Hampe, 

Namentlich Heinrichs IV. schicksalvolles Leben ist in 
fast allen wichtigen Momenten mit den rheinfränkischen 
Landen verknüpft. Dorthin wandte er sich, als der vom 
Vater eingeleitete Versuch, in den sächsischen Harzgegenden 
den Schwerpunkt seiner Macht zu suchen, scheiterte und 
bei der Wormser Bürgerschaft fand er die erste tatkräftige 
Hilfe, die einen Umschwung zu seinen Gunsten einleitete. 
Und wieder in Worms nahm er allzu hitzig den ihm vom 
Papste aufgedrungenen Kampf um die Herrschaft über die 
deutsche Kirche auf. Bald sah ihn Speyer von allen ver- 
lassen; von hier aus trat er den demütigenden, aber doch 
rettenden Gang nach Canossa an, der ihm die Möglichkeit 
zu neuem Emporsteigen bot. Als er nach jahrelangen 
italienischen Kämpfen im Schmucke der Kaiserkrone nach 
Deutschland zurückkehrte, leitete er in denselben Rhein- 
landen jene große Friedensbewegung ein, die ihm das Herz 
des gemeinen Mannes gewann. Aber auch die letzten großen 
Enttäuschungen seines Lebens hatten hier ihren Schauplatz: 
nur wenig nördlich, in Burg Böckelheim an der Nahe, ward 
er der Gefangene seines treulosen Sohnes, in Ingelheim lag 
er vor ihm im Staube; noch ein letztes Emporraffen, dann 
zog er als Toter ein in den Speyrer Dom, dessen Bau er 
im wesentlichen vollendet hatte; in der noch ungeweihten 
St. Afrakapelle mußte der von der Kirche verfluchte Leib 
des Gebannten, von der Liebe der Speyrer Bürger gehegt, 
ruhen, bis sich ihm erst nach Jahren die Königsgruft öffnete. 

Unter seinem Sohne Heinrich V., der nach seinem Tode 
alsbald in die Bahnen der väterlichen Politik einlenkte, 
bereiteten sich, und zwar schon unter Mithilfe der jungen 
staufischen Familie, in den rheinfränkischen Landen jene 
Zustände vor, die dann die Grundlage der staufischen 
Machtstellung werden sollten. So zähe auch Heinrich IV. 
die Gerechtsame des Königtums dem Papsttum gegenüber 
verteidigt hatte, so war doch in die alte Verfügungsgewalt 
über die Reichskirchen, die als Eigenkirchen des Königs 
behandelt waren und ihm außer militärisch-finanzieller Bei- 
hilfe großenteils seine Beamtenschaft gestellt hatten, Bresche 
gelegt. Noch ließ das Wormser Konkordat von 1122 dem 
Königtum freilich Spielraum genug, sich in den Bistümern 






Die Piälzer Lande in der Stauferzeit. 37 

und Reichsabteien Geltung zu verschaffen und, wenn auch 
teilweise mit andern Mitteln, das frühere Verhältnis an- 
nähernd wiederherzustellen; aber die Wage des kaiserlich- 
kirchlichen Einflusses folgte hier künftig dem Drucke der 
Macht, und ebendeshalb bedurfte das Königtum weiterer 
Stützen seiner Herrschergewalt. 

Heinrich V. blieb auch darin der Politik des Vaters 
getreu, daß er die vorgeschrittenen Bürgerschaften der 
rheinfränkischen Bischofsstädte, insonderheit von Speyer 
und Worms, durch umfassende Privilegien dem Königtum 
verpflichtete, — es ist bekannt, wie die Speyrer Urkunde 
von 1111 in goldenen Buchstaben an der Front des Domes 
prangte. Diese Gewinnung der Bürger blieb wohl nicht ohne 
Einfluß auf die Haltung der bischöflichen Stadtherren, die 
während des folgenden Jahrhunderts zumeist treu und in 
wichtigen Ämtern auf der Seite ihrer kaiserlichen Herren 
verharrten. Aber Städte von dem Gewicht und der fort- 
geschrittenen Entwicklung dieser rheinfränkischen waren 
im damaligen Deutschland noch vereinzelt, und bei aller 
Wirtschafts- und Finanzbedeutung auch noch zu wenig 
wehrkräftig, als daß sie dem Königtum bereits eine starke 
Stütze hätten sein können. Müssen wir uns doch vorstellen, 
daß etwa Speyer, obwohl es damals verhältnismäßig sehr 
viel mehr galt, als heute, und obschon es erst in jüngster 
Zeit über den alten Mauernkreis hinausgewachsen ist, zu 
Beginn der staufischen Epoche höchstens ein Drittel seiner 
gegenwärtigen Einwohnerschaft zählte. 

Ausschlaggebend im Felde wurde immer ausschließlicher 
die Ritterschaft, und diese hatte sich in den fast fünfzig- 
jährigen inneren Kriegen, in denen beide Parteien auf zahl- 
reiche Vasallenschaft das äußerste Gewicht legen mußten, 
mächtig gemehrt, war an sozialem Ansehen weit über alle 
andern Klassen emporgestiegen und eben im Begriff, sich 
ständisch möglichst scharf von ihnen abzusondern; ihre 
allenthalben neuerrichteten Burgen wirkten als Sicherung 
und Bedrohung. Nun konnte sich das Königtum auf die 
obersten Schichten dieser ritterlichen Gesellschaft, das alte 
auf die Karolingerzeit zurückgehende höhere Beamtentum, 
schon längst nicht mehr unbedingt verlassen, seitdem die 



38 Karl Hampe, 

Erblichkeit der Lehen den Beamtencharakter zugunsten des 
Fürstentums getrübt hatte und die Sonderinteressen dieser 
werdenden Territorialherrschaften der Zentralstelle mannig- 
fach entgegenwirkten. Auch die Verläßlichkeit der freien 
Lehensträger war seit den Tagen Konrads IL in den langen, 
die Treuebegriffe unterwühlenden kirchlich-weltlichen Wirren 
merklich geschwunden; allzu oft hatte ein großer Teil von 
ihnen das Schwert auch gegen das Königtum gezogen. 

Um so wichtiger wurde es für dieses, seinen unmittel- 
baren Reichsbesitz auszubauen, ihn landesherrschaftlich zu 
entwickeln und durch ergebene Beamte straff zu verwalten. 
Und dazu bot sich ihm in dem emporstrebenden Stande 
seiner unfreien Dienstmannen ein unschätzbares Werkzeug, 
schlagfertig und tüchtig, eben durch ihre Unfreiheit, durch 
noch mangelnde oder beschränkte Erblichkeit ihrer Hofämter 
und Dienstgüter, durch Ein- und Absetzbarkeit zu einer wirk- 
lichen Beamtung geeignet und im Felde ebenso wie zu allen 
Staats- und Verwaltungsaufgaben verwendbar. Mit ihrer Hilfe 
wurde noch unter dem letzten Salier begonnen, den wert- 
vollsten Bezirk deutschen Königsgutes in der oberrheinischen 
Tiefebene und den angrenzenden Hügellanden allenthalben 
zu sichern und festzufügen durch Errichtung von Burgen 
und deren Behütung durch vorwiegend ministerialische 
Burgmannschaften. Der staufische Neffe des Kaisers, Herzog 
Friedrich IL von Schwaben, der Vater Barbarossas, erwarb 
sich darum die größten Verdienste. Er habe, sagt Otto 
von Freising, die ganze Landschaft von Basel bis Mainz 
allmählich unter sein Gebot gebracht. ,,Denn indem er 
dem Rheinlaufe folgte, erbaute er etwa an gutgewählter 
Stelle eine Burg, die das ganze umliegende Land beherrschte, 
dann ließ er sie, zog weiter und errichtete eine andere, so 
daß von ihm im Sprichwort gesagt wurde: Herzog Friedrich 
zieht am Schweif seines Rosses stets eine Burg hinter sich 
her." So wurde jener feste, vorwiegend linksrheinische 
Kern königlichen Gutes gerundet und gesichert, der zusam- 
men mit dem Reichsbesitz im östlichen Schwaben und 
Franken die eigentliche Grundlage der staufischen Herr- 
schaft in Deutschland werden sollte. 



Die Piälzer Lande in der Stauferzeit. 39 

II. 

Noch verging ein Menschenalter nach dem Tode Hein- 
richs V., ehe dieser Besitz für das deutsche Königtum recht 
fruchtbar wurde. Eben darum handelte es sich in dem neu 
ausbrechenden Bürgerkriege neben den kirchlichen Gegen- 
sätzen in erster Linie, ob mit dem salischen Hausgut auch 
der Reichsbesitz in diesen Gebieten an die staufischen Erben 
fallen solle; gerade wegen dieser drohenden Verbindung 
suchten die Gegner eines starken Königtums jene mit an- 
fänglichem Erfolge vom Throne abzudrängen; neben Nürn- 
berg tobte da namentlich um Speyer der Kampf. Erst als 
es dem Papsttum paßte, nach dem Tode Lothars die be- 
drohlich angewachsene Weifenmacht einzudämmen, erlangten 
die Staufer mit Konrad III. durch Überrumpelung der 
Gegner die Krone, aber so lange die lähmenden inneren 
Kämpfe fortdauerten, konnten sie nicht das nötige Gewicht 
in die Wagschale werfen, um die deutsche Kirche sich 
wieder dienstbar zu machen ; eher waren sie selbst ein Werk- 
zeug kirchlicher Interessen. Wieder ist es eine Szene im 
Speyrer Dom, die uns dies Verhältnis verdeutlicht: um 
Weihnachten 1146 erlag hier Konrad III. den hinreißenden 
geistlichen Angriffen Bernhards von Clairvaux auf sein 
Gewissen und gelobte wider seine bessere staatsmännische 
Einsicht die unselige Kreuzfahrt, von der er nach unend- 
lichen Verlusten krank in das zerrüttete Reich heimkehrte. 

Es ist bekannt, welchen Umschwung in kurzer Zeit der 
Regierungsantritt Friedrich Barbarossas herbeiführte, wie 
er Deutschland einte und befriedete, seinen unmittelbaren 
Herrschaftskreis, in dem die linksrheinischen Besitzungen 
des Speyer-, Worms- und Nahegaues dauernd verharrten, 
und wo Haus- und Reichsgut bald untrennbar miteinander 
verwuchsen, zielbewußt erweiterte, wie er mit dem Drucke 
dieser Macht ebenso energisch wie geschickt den deutschen 
Episkopat unter den Einfluß der Krone zurückgewann und 
diesen Einfluß trotz aller Kämpfe mit dem Papsttum bis 
an sein Ende behauptete. Diese großen Züge seiner Politik 
treten auch in dem Gebiet der heutigen Pfalz hervor. 

Hier führte er unmittelbar die Arbeit seines Vaters 
fort, indem er jenes Burgensystem weiter ausbaute und 



40 Karl Hampe, 

über die Haardtberge der Vorderpfalz hinaus ausdehnte 
bis in das Hügelland des Westrich, das damit zuerst in den 
Kreis der kaiserlichen Politik trat. Ein Gebiet, wie ge- 
schaffen für den Burgenbau! Erscheinen uns doch zahl- 
reiche Bergkuppen der Haardt auch ohne jede Mauerarbeit 
wie natürliche Burgen, und häufig konnten in geschickter 
und kühner Ausnutzung der vorhandenen Bodenbedingungen 
die natürlichen, gelegentlich wohl gar ausgehöhlten Fels- 
massen in den Befestigungsring gezogen werden. Die Mitte 
des 12. Jahrhunderts bezeichnet so den Beginn der weitaus 
großartigsten mittelalterlichen Bauperiode der linksrheini- 
schen Pfalz, zum mindesten ihres Berg- und Waldgebietes, 
das nun allerorten eifrig in Rodung genommen wurde. 

Wohl hat auch die Kirche ihren Teil an dieser Bau- 
entwicklung und Urbarmachung; der Zisterzienserorden 
drang auch hier in die einsamen Waldtäler, namentlich in 
der Umgebung von Kaiserslautern und den Tälern von 
Glan und Blies entstanden, wie am Rande der Haardt, 
reizvolle romanische Kirchen und Klöster, und die ganze 
staufische Epoche hindurch hielt man hier dem von Frank- 
reich aus andringenden gotischen Stile gegenüber an den 
überlieferten Bauformen fest, die man jetzt — das West- 
portal der Enkenbacher Kirche bietet dafür ein schönes 
Beispiel — mit dem froheren üppigeren Ornament des 
Übergangsstils schmückte. 

Charakteristischer aber für die Pfalz, reicher und be- 
deutender war doch der Profanbau ! Er würde freilich auf 
uns heute ungleich stärkeren Eindruck machen, wären nicht 
in den wahnsinnigen Verwüstungen, die das schwergeprüfte 
Land im 17. und 18. Jahrhundert erdulden mußte, ohne 
Ausnahme alle diese einst so glanzvollen Gebäude, sofern 
sie nicht gänzlich vom Erdboden getilgt wurden, in Trümmer 
zerfallen. Über hundert zumeist in staufische Zeit zurück- 
gehende Burgruinen — davon etwa der vierte Teil Reichs- 
burgen — weist noch jetzt die linksrheinische Pfalz auf, 
das macht ungefähr eine auf jede Quadratmeile. Welch 
getreuen Hintergrund staufischen Ritterlebens würden sie 
uns erschließen, stünde wenigstens ein Teil von ihnen noch 
in voller Erhaltung vor uns; aber die frühe Zerstörung 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 41 

hat zum mindesten das Gute gehabt, daß einzelne Archi- 
tekturteile, die ihr entgingen, nicht in späteren Umbauten 
verschwanden, sondern in ursprünglicher Reinheit erhalten 
sind und so auch hoffentlich künftigen Wiederherstellungs- 
bestrebungen, denen z. B. die alte Kästenburg (das Ham- 
bacher Schloß, die heutige Maxburg) zum Opfer gefallen ist, 
entrinnen werden. 

Der Name der im Norden unseres Gebietes gelegenen 
Burg Montfort mag uns darauf hinweisen, von wo zweifellos 
starke Anregungen für den plötzlichen Aufschwung des 
deutschen Befestigungswesens ausgingen; denn er wurde 
doch wohl nach dem Vorbilde der Deutschordensburg bei 
Akkon gewählt. Lassen sich auch nur wenige Pfälzer Ritter, 
wie die Bolander, als Teilnehmer an den Kreuzzügen mit 
Sicherheit nennen, so war deren Zahl fraglos größer, als 
sich zufällig nachweisen läßt; auch wurden die von andern 
auf diesem Gebiete gemachten Erfahrungen bald Gemein- 
gut, und der größte der Pfälzer Bauherren, Friedrich I. 
selbst, hat sicherlich auf dem zweiten Kreuzzuge nach- 
haltige Eindrücke in sich aufgenommen. Nur hier und da 
konnten an diesen ernsten und massigen Burgmauern heitere 
Zierformen und künstlerischer Schmuck verraten, wieviel 
auch in der Belebung der dekorativen Phantasie das Abend- 
land dem Orient verdankte. Anders, wo die Burgen zugleich 
der Beherbergung einer größeren festlichen Hofhaltung zu 
dienen hatten ; da zeigte sich der Einfluß der üppigen Schlösser- 
pracht des Ostens etwa in den marmornen Fußböden, den 
phantastischen Kapitalen der kostbaren, oft doppelt ge- 
stellten Säulen, den mannigfaltigeren freieren Formen der 
Fenster- und Portalwölbungen, den Arabesken der Kamin- 
stücke, der malerischen Anlage des Ganzen, den Gärten und 
Wildgehegen der Umgebung. 

Solch ein Schloß schuf sich Barbarossa gleich in den 
ersten Jahren seiner Herrschaft auf dem Boden alten karo- 
lingischen Reichsgutes in der neuen Pfalz zu Lautern, das 
danach später, zuerst 1237, Kaiserslautern genannt wurde. 
Sie war das Staunen der Zeitgenossen. „Mit nicht geringerem 
Aufwand," so berichtet Rahewin, der Fortsetzer Ottos von 
Freising, nachdem er von andern Schloßbauten Friedrichs 



Karl Hampe, 

gesprochen, „errichtete er zu Lautern eine Pfalz aus roten 
(Sand)steinen. Auf der einen Seite ließ er sie von einer 
gewaltigen Mauer umgeben, die andere Seite aber umspülte 
ein Fischweiher wie ein förmlicher See, der eine reizvolle 
Menge von Fischen und Wasservögeln barg, zum Genuß 
für Auge und Gaumen. Auch besitzt die Pfalz unmittelbar 
anstoßend einen Tiergarten mit einer großen Zahl von 
Hirschen und Rehen. Die königliche Pracht und unaus- 
sprechliche Fülle aller dieser Dinge lohnt wahrlich in hohem 
Maße die Besichtigung." Heute können wir von dieser im 
Spanischen Erbfolgekriege durch den kurpfälzischen Kom- 
mandanten vor der Übergabe an die Franzosen in die Luft 
gesprengten, später auch in ihren Resten abgetragenen und 
nahezu völlig verschwundenen Pfalz aus alten Zeichnungen 
und etwa dem Vergleich mit der Schloßruine von Gelnhausen 
nur noch eine schwache Vorstellung gewinnen. 

Lautern sollte nicht nur von Zeit zu Zeit der Bewirtung 
des Hofes dienen oder auch einen größeren Kreis von Fürsten 
zu wichtigen Beratungen in seinen Mauern versammeln, 
sondern es war zugleich dauernd ein wichtiger Festungs- 
und Verwaltungsmittelpunkt. Ein Kranz von Burgen um- 
gab es, deren Ritter hier wohl zur Burgmannschaft zählten. 
Der Schultheiß von Lautern stand an der Spitze eines Amts- 
bezirkes, im 13. Jahrhundert zeitweise gar der gesamten 
Prokuration der späteren Landvogtei des Speyergaues. 
Und dieser ganze wohlgefügte Reichsbesitz hatte seinen 
Wert nicht nur wirtschaftlich als wichtige Einnahmequelle, 
nicht nur militärisch-politisch als fester Machtkreis, sondern 
er lieferte auch überschüssige ritterliche Kräfte genug, die 
dem Kaiser bei seinen großen Unternehmungen im Süden 
als Krieger und Verwaltungsbeamte die wichtigsten Dienste 
leisteten. 

Dies ganze Räderwerk aber konnte doch auch hier, 
wie im übrigen Deutschland, ohne ernstliche Reibungen nur 
deshalb laufen, weil Friedrich wieder die deutsche Kirche 
auf seiner Seite hatte und über ihre Kräfte fast wie einstmals 
Ottonen und Salier verfügte. Waren doch manche jener in 
Reichsämtern verwendeten Ritter, wie die von Kästenburg 
und die von Dahn (Tanne), zugleich Dienstmannen des 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 43 

Bischofs von Speyer, oder wie die Hohenecker wenigstens 
ursprünglich aller Wahrscheinlichkeit nach solche des Bi- 
schofs von Worms. Das ging nur an, solange das Reich 
letzten Endes über die Kräfte der Bistümer verfügte, und 
jene Bischöfe, wie Konrad und Landolf von Speyer oder 
Lupoid von Worms, die eifrigsten Diener der staufischen 
Kaiser waren. 

Hatte sich das Leben der Salier in den rheinfränkischen 
Gebieten ausschließlich in der Rheinebene bewegt, so 
blieben diese üppigen Landstriche, vorgeschritten in der 
Kultur, an der Hauptheerstraße und nahe dem wichtigen, 
von Barbarossas Vater angelegten Verwaltungsmittelpunkte 
Hagenau im Elsaß, zwar auch von den staufischen Kaisern 
noch bevorzugt, aber das Burgengebiet der Haardt und des 
Westrich trat daneben jetzt bedeutsam hervor. Friedrich I. 
selbst verweilte wiederholt in seiner neuen Pfalz zu Lautern. 
Hier schöpfte er um Ostern 1158 gleichsam Atem, ehe er 
den entscheidenden Romzug antrat, der ihn auch in schwere 
Verwicklungen mit dem Papsttum stürzen mußte, und 
stärkte sich innerlich, indem er tiefreligiöse Männer von der 
Gerechtigkeit seines Vorhabens überzeugte. 

Immer mehr verschob sich der Schwerpunkt des Reiches 
nach dem Südwesten. Seit der Heirat Friedrichs mit Beatrix 
von Burgund (1156) grenzten dicht an den rheinfränkisch- 
elsässischen Reichsbesitz die ausgedehnten Erbgüter seiner 
Gemahlin mit ihren angeblich 5000 Rittern. Von da führte 
der Weg nach Piemont und der Lombardei; für die Ordnung, 
die Barbarossa in den dortigen Reichsgütern wie an der 
Rhone im großen durchführen wollte, mochte ihm die ober- 
rheinische Verwaltung als Muster vorschweben; hier wie 
dort sollte das gleiche Ziel einer straffen Beamtenverwaltung 
großenteils mit den gleichen Kräften erreicht werden. Die 
sich darob entspinnenden italienischen Kämpfe hielten den 
Kaiser lange den pfälzischen Gebieten fern. Als er im Spät- 
sommer 1174 abermals in Lautern weilte, war er wiederum 
zum Romzuge gerüstet, es galt eine letzte Kraftanstrengung 
zur Bewältigung der Lombarden; aber schon waren die 
Hoffnungen herabgestimmt, die Kriegslust in Deutschland 
lau, der mächtigste der Fürsten, Heinrich der Löwe, nicht 



44 Karl Hampe, 

zur Teilnahme zu bewegen. So sah sich Kaiser Friedrich 
bald nach der Niederlage von Legnano gezwungen, die 
Liquidation seiner italienischen Politik, wenigstens sofern 
sie sich gleichzeitig gegen Papst und Lombarden gerichtet 
hatte, zu vollziehen. 

Auf Pfälzer Boden, in Speyer, begann er dann 1178 
die Abrechnung mit dem weifischen Vetter und damit die 
Reihe seiner letzten großen Erfolge. In der gehobensten 
Stimmung sah er im Sommer 1184 seine Pfalz zu Lautern 
wieder; das geeinte Deutschland blickte bewundernd zu 
ihm auf, soeben hatte es den unerhörten Glanz des großen 
Mainzer Pfingstfestes geschaut. Und das Glück blieb ihm 
treu. Wieder in Lautern entschied er im Oktober 1186 die 
zwiespältige Trierer Bischofswahl, die den letzten Streit 
mit der römischen Kurie entfesselt hatte, nach seinem Willen, 
kurz bevor sich auf dem eindrucksvollen Reichstage von 
Gelnhausen noch einmal die Häupter der deutschen Kirche 
um ihn scharten und durch ihre einmütige Absage an den 
Papst seinen Sieg entschieden. 

Andersartig, aber ebenso charakteristisch waren die 
Erinnerungen, die man in Pfälzer Landen an Barbarossas 
hochgreifenden Sohn Heinrich VI. bewahren konnte. Speyer 
verdankt ihm die Anerkennung seines Stadtrates,— abgesehen 
von dem vorgeschobenen Flandern, die erste und vorbild- 
liche auf deutschem Boden. Vor allem aber knüpfen sich 
jene Erinnerungen an die Feste Trifels! 

Noch ragen auf drei wie in Reih und Glied geordneten 
Bergkuppen oberhalb Annweiler, das wenigstens etwas 
später mit ihr unter einem Burggrafen zu einem Amt ver- 
einigt war, die Ruinen der Dreifelsenburg: Trifels, Anebos 
und Scharf enberg empor; ein gütiges Geschick und die wie 
für die Ewigkeit gefügten herrlichen Buckelquadern haben 
uns wenigstens den wichtigsten Bau, den Hauptturm des 
Trifels mit der Kapelle der Reichsinsignien und dem kaiser- 
lichen Gemach darüber erhalten, wenn auch der ehemals 
anstoßende Palas zerstört ist. Ebendieser Bau muß etwa 
in der Zeit Heinrichs VI. errichtet sein, und gerade von den 
bezeichnenden Zügen der Politik dieses Kaisers, seiner 
Richtung auf eine alle Kräfte anspannende, sie vielleicht 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 45 

überspannende Weltherrschaft und von der verhängnis- 
vollen Verbindung mit dem fernen und fremden Sizilien 
weiß er uns zu erzählen. Denn hier saß 1193 der englische 
König Richard Löwenherz als Gefangener des Kaisers, 
nicht zwar verborgen und fast verschmachtend im finstern 
Turmverlies, wie man sich das nach der Sage von seinem 
Minstrel Blondel gern vorstellt, sondern tagsüber in voller 
Bewegungsfreiheit, die er mit seiner unbändigen Körper- 
kraft benutzte, um seine Wächter im Ringkampf niederzu- 
zwingen oder sie unter den Tisch zu trinken, wozu bei guten 
Pfälzern schon damals etwas gehören mochte. Aber die 
genial-rücksichtslose Art, wie der Kaiser die zufällige Ge- 
fangennahme des rückkehrenden Kreuzfahrers ausnutzte, 
um nicht nur die Reihen seiner an England gelehnten deut- 
schen Gegner zu sprengen und Beihilfe zur Eroberung 
Siziliens zu erlangen, sondern auch durch die erzwungene 
Lehnshuldigung des englischen Königs auf dem Wege zur 
Weltherrschaft einen mächtigen Schritt vorwärts zu tun, 
diese Art mußte doch auch den Keim zu erbitterter Gegen- 
wirkung pflanzen. 

Heinrich selbst freilich klomm nun um so rascher die 
kurze und steile Bahn seiner blendenden Erfolge empor. 
Im Frühjahr 1194 brach er vom Trifels aus mit seiner Ge- 
mahlin Konstanze zur Eroberung von deren Erbreich Sizi- 
lien auf, für Deutschland eine Unternehmung von zwei- 
schneidiger Bedeutung; denn ihr Erfolg mußte mit Not- 
wendigkeit den Schwerpunkt der kaiserlichen Universal- 
herrschaft nach dem Süden verschieben, und er bedingte 
zugleich die dauernde Todfeindschaft des umklammerten 
Papsttums. Alsbald bezeugten auf dem Trifels die gefan- 
genen sizilischen Großen, die sich gegen Heinrichs Thron 
und Leben verschworen hatten, daß das Land der deutschen 
Fremdherrschaft innerlichst widerstrebte, und die 150 Säumer, 
die den unerhört reichen Schatz der sizilischen Könige über 
die Alpen zum Trifels trugen und ihn seitdem zur Schatz- 
kammer des Reiches machten, brachten sie nicht gleichsam 
einen gleißenden Nibelungenhort, der dem Besitzer und seinem 
Reiche verhängnisvoll wurde, indem er ihm die Mittel zu 
einer immer weiter ausgreifenden Weltherrschaftspolitik bot? 



46 Karl Hampe, 

Die kurzen Jahre von Heinrichs VI. Regierung bildeten 
den Höhepunkt der europäischen Geltung Deutschlands, 
wie auch im engeren Rahmen den Höhepunkt der Reichs- 
waltung in den rheinfränkischen Gebieten. Mit seinem vor- 
zeitigen Tode begann hier wie dort der Niedergang. 

III. 

In den schweren Schicksalsjahren des staufisch-welfischen 
Thronstreites, die nun folgten, Zeiten, die über mehr als 
ein halbes Jahrtausend deutscher Geschichte entschieden, 
hielten die Pfälzer Lande treu zur staufischen Sache. Ein 
von dort stammender Ministeriale, der Reichstruchseß 
Markward von Annweiler, war es, der nun in Mittelitalien 
und Sizilien als Vollstrecker des letzten kaiserlichen Willens 
auftrat und für den unmündigen Erben Friedrich II. die 
Statthalterschaft des sizilischen Reiches beanspruchte. Er 
war der nächste Vertraute Heinrichs VI. gewesen, in seine 
geheimsten Pläne eingeweiht; er vor allem hatte ihm Si- 
zilien mit dem Schwert unterworfen und war dafür mit 
Freilassung und der Stellung eines Herzogs von Ravenna 
und Markgrafen von Ancona, im Königreich mit der Graf- 
schaft Abruzzo und der Mark Molise belohnt worden. Den 
sich der Scharfblick eines Heinrich VI. aus unfreiem Stande 
zum Haupthelfer erkor, den er mit Ehren überschüttete, 
dem er sterbend die wichtigen Verhandlungen mit dem 
Papst übertrug, der muß ein Mann von ganz ungewöhnlichen 
Gaben gewesen sein, ebenso umsichtig wie kühn zugreifend, 
als Feldherr und Diplomat ausgezeichnet, hart und rück- 
sichtslos, wie ihn Heinrich brauchte, und wie ihn die italie- 
nisch-sizilischen Verhältnisse forderten. Wir haben auch 
schwerlich Anlaß zu der oft geäußerten Annahme, der 
Kaiser habe sich in ihm doch am Ende getäuscht, er habe 
nach Heinrichs Tode gegen dessen Haus eine zweideutige 
oder gar offen treulose Rolle gespielt. Soweit die vielfach 
recht undurchsichtigen Quellenbelege noch einen Einblick 
gestatten, hat er ihm, wenn auch in scharfem Gegensatze 
zu der Kaiserin-Witwe und ihrer nationalsizilischen Richtung 
mindestens ideell die Treue gewahrt, indem er trotz der widrig- 
sten Verwicklungen unbeirrt an dem Hauptprogrammpunkte 



Die Piälzer Lande in der Stauferzeit. 47 

der Politik seines kaiserlichen Herrn, der Verbindung Sizi- 
liens mit dem Reiche, festhielt. Der verunglimpfende Haß 
der päpstlichen Partei, der ihn ebendeswegen mit voller 
Wucht traf, kann uns hier, wie so oft, nur als ein Befähi- 
gungsnachweis gelten und darf unser Urteil nicht bestimmen. 
Als auch er schon nach wenigen Jahren (1202) durch plötz- 
lichen Tod aus der letzthin wieder emporsteigenden Bahn 
seines Schaffens gerissen wurde, die ihn zur Beherrschung 
nahezu der ganzen Insel Sizilien und der Person des jungen 
Königs geführt hatte, da konnte wohl Papst Innozenz III. 1 ) 
mit dem Psalmisten frohlocken: „Ich habe gesehen, wie 
der Gottlose emporragte über die Zedern des Libanon. 
Ich ging vorbei : siehe da war er dahin I" Aber für die deutsche 
Herrschaft über Sizilien kam sein Ende einer neuen Kata- 
strophe gleich. 

Von der staufischen Reichsregierung in Deutschland 
war inzwischen seine Statthalterschaft über Sizilien durch- 
aus anerkannt und die Verbindung mit ihm aufrechterhalten 
worden. Sein Name begegnet mit voller Zustimmung in 
jenem aus Speyer datierten Schriftstück vom Mai 1199, in 
dem sich die überwiegende Mehrheit der geistlichen und 
weltlichen Fürsten des Reiches zusammenfand, um sich 
dem Papste gegenüber mit aller Entschiedenheit für den 
zum König erwählten Staufer Philipp, den jüngsten Bruder 
Heinrichs VI., und seinen getreuen sizilischen Statthalter 
Markward von Annweiler auszusprechen. 

In den deutschen Kämpfen der folgenden Jahre ist es 
dem weifischen Gegenkönig Otto IV. nur einmal, zu Anfang 
1201, gelungen, von Mainz her mitten im Winter über- 
raschend in das vorderpfälzische Gebiet vorzustoßen, König 
Philipp ums Haar in Speyer zu erwischen und, wie es scheint, 
gar den Reichsschatz in Trifels zu plündern; aber er dankte 
das doch nur einer schnellen Überrumpelung, und schon nach 
wenigen Wochen mußte er wieder zurückweichen. Der 
deutsche Südwesten bildete auch fernerhin das feste Boll- 
werk der staufischen Machtstellung, und nur mit dieser 

x ) Der päpstliche Biograph, dem Winkelmann, Otto IV. S. 53 
die Anwendung des Bibelwortes auf Markward zuweist, hat hier wie 
so oft nur eine Stelle des päpstlichen Registers (IX, 195) ausgeschrieben. 



48 Karl Hampe, 

sicheren Rückendeckung konnte Philipp, der allmählich in 
seine schwierige Stellung hineinwuchs, nach weiteren Kämpfen, 
als die Sache seines Gegners im Rückgang war, schrittweise 
rheinabwärts vordringen und seine Anerkennung in immer 
weiteren Kreisen durchsetzen. Wieder war es in Speyer, 
wo er im Jahre 1207 jene päpstlichen Friedensboten empfing, 
die ihren Herrn Innozenz III. nicht vor einer schweren diplo- 
matischen Niederlage bewahren konnten; an den Verhand- 
lungen war ein pfälzischer Reichsdienstmann, Eberhard 
von Lautern, der auch weiterhin in Italien als Verwaltungs- 
beamter wertvolle Dienste tat, hervorragend beteiligt. Als 
dann im folgenden Jahre Philipp zum neuen Verhängnis 
für Deutschland einer ruchlosen Mörderhand zum Opfer 
fiel, rettete sein Kanzler, der Speyrer Bischof Konrad von 
Scharfenberg aus Pfälzer Ministerialengeschlecht, der bei 
der Tat zugegen gewesen war, die Reichsinsignien eilends 
auf den Trifels, wie er auch später die Leiche seines Herrn 
der Speyrer Königsgruft zuführte. 

Die Haltung dieses Mannes ist nun auch für die wirren 
Schwankungen der folgenden Jahre, das von Walter von 
der Vogelweide gegeißelte „Dahin-Daher" der Fürsten, charak- 
teristisch. Er erkannte Otto IV. als Herrscher des geeinten 
Reiches an. Der Speyrer Bürgerschaft bestätigte dieser das 
alte Privileg Heinrichs V.; dort hielt er im Sommer 1209 
wichtige Vorbesprechungen für seine Romfahrt, die ihn 
bald genug mit dem Papste, seinem bisherigen Gönner, 
entzweien sollte. Noch hatte er freilich kurz zuvor, gebunden 
durch ältere Versprechungen, der Kurie jene verhängnisvolle 
Speyrer Urkunde ausgestellt, die deren territoriale Wünsche 
in Italien, den erweiterten Kirchenstaat und die Lösung 
Siziliens vom Reiche, zugestand und den Einfluß des König- 
tums auf die deutsche Kirche im wesentlichen preisgab. 
Dem Kanzler Konrad mochte nach seiner staufischen Ver- 
gangenheit die Mitwirkung an diesem Aktenstück nicht eben 
leicht geworden sein, er hat die Anerkennung des Weifen 
wohl überhaupt nur als eine Notsache betrachtet und sich 
von ihm abgewandt, sobald ihm der junge Staufer Friedrich 1 1. 
in Deutschland entgegentrat. Diesem sollte er dann bei 
seinem Emporkommen und auch später bei der diplomatisch 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 49 

glänzend durchgeführten Königswahl seines Sohnes Heinrich 
sehr wertvolle Dienste leisten. 

Das Verhalten des Scharfenbergers mag in diesen wirren- 
erfüllten Zeitläuften, moralisch betrachtet, nicht ohne Tadel 
gewesen sein. Nacheinander unter drei sich befehdenden 
Herrschern sich in der Kanzlerwürde zu behaupten, das 
konnte nicht wohl geschehen, ohne den Mantel jeweils 
einigermaßen nach dem Winde zu drehen, und der kluge 
und geschmeidige, aber auch ehrgeizige und großen Auf- 
wand liebende Mann hat seinen Vorteil dabei gebührend 
wahrzunehmen verstanden, so namentlich, indem er zu der 
Speyrer noch die Metzer Bischofswürde erwarb. Indessen 
Untreue gegen das Reich als solches kann man ihm nicht 
zum Vorwurf machen; sachlich teilte er den Wechsel seiner 
Haltung doch mit sehr vielen, denen insbesondere die Rück- 
kehr zum staufischen Hause selbst als ein Gebot der Treue 
erscheinen mochte. Und das gilt nicht zum wenigsten 
gerade für die Pfälzer Lande, in denen der junge Friedrich 
sogleich mühelos Anerkennung fand, und wo er in den 
nächsten Jahren — sei es in Speyer oder in Lautern — 
oftmals verweilte. Vielleicht auch erinnerten ihn eben diese 
Striche Deutschlands noch am ersten an das sonnige Sizilien, 
seine heißgeliebte Heimat. 

Als er sich so in kurzer Zeit mehr noch durch des Papstes 
Hilfe und die Wendung der allgemeineuropäischen Ge- 
schicke als aus eigner Kraft gegen den Weifen durchzusetzen 
vermocht hatte, da schienen nach allen Wirren und inneren 
Kämpfen die allgemeinen Reichsverhältnisse wie die be- 
sonderen der Pfälzer Lande zurückgeführt zu sein zu dem 
Ausgangspunkte beim Tode Heinrichs VI. Indessen eben in 
diesen beiden Jahrzehnten hatten sich die tiefgreifendsten, 
für das Kaisertum und seinen unmittelbaren Reichsbesitz 
verhängnisvollsten Wandlungen vollzogen. 

Das Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre 
des 13. Jahrhunderts war nicht mehr dasselbe wie unter 
Barbarossa und Heinrich VI. Einmal war die Grundlage 
des ganzen Systems: die Beherrschung der deutschen Kirche 
nun völlig erschüttert durch die Verzichtleistungen Ottos IV., 
die sein Nachfolger in der Egerer Goldbulle von 1213 not- 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 4 



50 Karl Hampe, 

gedrungen hatte bestätigen und nicht nur persönlich, son- 
dern auch reichsrechtlich hatte bekräftigen müssen. Konnten 
auch die Folgen durch kluge Zugeständnisse an den Epis- 
kopat eine Weile verschleiert werden, auf die Dauer verfing 
das nicht; das Rückgrat der deutschen Kirche gegenüber 
dem Papsttum war doch gebrochen, und bei den engen 
Beziehungen, die, wie wir sahen, gerade auch in den Pfälzer 
Landen zwischen der Reichsgutsverwaltung und den Bis- 
tümern von Speyer und Worms bestanden, mußte sich der 
Riß über kurz oder lang auch hier fühlbar machen. 

Sodann war in den opferheischenden Bürgerkriegen, 
in denen es für beide Parteien darauf angekommen war, 
den Umfang ihres kriegerischen Anhanges nach Möglichkeit 
zu vergrößern, das Gefüge des Reichsgutsbesitzes nicht un- 
versehrt geblieben. Nach einer vielbeachteten Nachricht 
der Ursperger Chronik war es namentlich König Philipp, 
„der um die für die Kämpfe nötige Ritterschaft besolden 
zu können, zuerst anfing, die Reichsgüter, die sein Vater 
Kaiser Friedrich weithin in Deutschland erworben hatte, 
zu zersplittern, so daß er freien Herren oder Ministerialen 
Dörfer oder Landgüter oder Kirchen verpfändete und sich 
nur die landesherrlichen Rechte und einige Marktplätze 
und Burgen vorbehielt". Abgesehen von der dauernden 
wirtschaftlichen Schwächung, die dadurch das Königtum 
gegen vorübergehende politisch-militärische Vorteile erlitt, 
wurde durch solche Maßnahmen auch die bereits im Zuge 
begriffene Entwicklung der Reichsdienstmannschaft zur 
Abstreifung ihrer unfreien Abhängigkeit und zum Eintritt 
in die Zahl freier Lehensträger befördert. Auch im Pfälzer 
Gebiet suchten nun die angesehensten Ministerialenge- 
schlechter, wie schon vorher etwa die an Lehensbesitz, Lehens- 
mannschaften und Burgen erstaunlich reichen, viele Grafen 
überragenden Bolander unweit des Donnersberges, durch 
Mehrung von Eigenbesitz und Lehen, durch Erblichmachung 
der Hofämter, durch Verschwägerung mit gräflichen Fa- 
milien emporzusteigen und womöglich die Fesseln der alten 
Dienstmannschaft abzustreifen. Damit aber verloren sie 
gerade das, was sie als Beamte des Reiches so brauchbar 
gemacht hatte. 



Die Piälzer Lande in der Stauferzeit. 51 

Dazu kam seit dem Jahre 1220 die Entfremdung Kaiser 
Friedrichs II. vom deutschen Boden und die damit ver- 
knüpfte Lockerung der persönlichen Beziehungen zum 
Herrscher. Die Reichsministerialität sah sich bald aus der 
italienischen Verwaltungstätigkeit zurückgedrängt, für die 
der Kaiser in zunehmendem Maße seine sizilischen Beamten 
verwendete. Deutschland unterstellte er zwar der Sonder- 
herrschaft seines jungen Sohnes Heinrich (VII.), griff aber 
vom Standpunkte seiner Universalpolitik beständig be- 
richtigend in dessen Maßnahmen ein. 

Man darf in der Empörung Heinrichs gegen seinen 
Vater, abgesehen von den persönlichen Antrieben, wohl 
eine gewisse Gegenwirkung des deutschen Königtums gegen 
die Abhängigkeit von der universalpolitischen Leitung des 
Kaisers erblicken. Das Pfälzer Gebiet war an dieser wich- 
tigen Auseinandersetzung innerlichst beteiligt und auch 
äußerlich durch neue Wirren in Mitleidenschaft gezogen. 
Zwar ist es nicht richtig, daß dabei, wie Nitzsch früher an- 
nahm, die Reichsministerialität eine maßgebende Rolle ge- 
spielt, wohl gar ihre Standesinteressen durch den jungen 
König gegen den Kaiser verfochten habe. Aber Heinrich (VII.) 
bewegte sich doch bis zuletzt wiederholt in diesen Landen, 
hielt noch 1234 auch zu Lautern einen reich besuchten Hof- 
tag, hatte bei seiner Auflehnung insbesondere die Bischöfe 
von Speyer und Worms auf seiner Seite, gewann durch den 
ersten auch die Stadt Speyer und suchte die Bürger von 
Worms, die einzigen in der ganzen Gegend, die ihm noch 
den Treueid mit Verschweigung ihrer Pflicht gegen den Kaiser, 
wie er ihn forderte, verweigerten, durch einen Heereszug 
unter dem Pfälzer Grafen Friedrich von Leiningen vergeblich 
zur Unterwerfung zu zwingen. Wenige Monate später wurde 
der unbesonnene junge König ebendort der Gefangene seines 
ihm an Macht und Ansehen unendlich überlegenen Vaters, 
um nach einer kurzen Haft auf der Burg Heidelberg den 
Rest seines Lebens hinter sizilischen Kerkermauern zu ver- 
bringen. 

Der Kaiser aber wandte bald nach seinem verheißungs- 
vollen Reformanlauf auf dem großen Mainzer Reichstage 
von 1235 den oberrheinischen Landen für immer den Rücken. 

4» 



52 Karl Hampe, 

Die universale Stellung, in die ihn Geburt und Schicksal 
nun einmal versetzt hatten, zwang ihn, einen etwaigen 
Wiederausbau der deutschen Königsmacht vor andern 
dringenderen Aufgaben in den Hintergrund zu schieben 
und dort der Fürstengewalt einstweilen die Zügel schießen 
zu lassen. Schon seit dem großen Fürstenprivileg von 1232 
war die zukünftige partikulare Entwicklung Deutschlands 
entschieden. Die Reichsgewalt war in der Ausübung ihrer 
allgemeinen Hoheitsrechte und in dem landesherrlichen 
Ausbau ihres unmittelbaren Besitzes vor der wachsenden 
Territorialgewalt der Fürsten einen bedeutsamen Schritt 
zurückgewichen, sie leistete ihnen auch sonst durch eine 
Fülle von Einzelmaßnahmen, die sie im Interesse der kaiser- 
lichen Universalpolitik bei guter Laune erhalten sollten, 
beständig Vorschub. Und schon begann sich eben am 
Oberrhein diejenige Territorialmacht auszudehnen und ab- 
zurunden, der hier die Zukunft gehörte. Um ihr Empor- 
kommen zu verstehen, müssen wir noch einmal in die Tage 
Friedrichs I. zurückgreifen. 

IV. 

Nicht die gesamten rheinfränkischen Besitzungen des 
salischen Erbes hatte Barbarossa, wenn er sie auch nach 
dem Zeugnis Ottos von Freising von seinem Vater über- 
kommen hatte, dauernd in seiner Hand behalten, sondern 
einen Teil davon zu beiden Seiten des Rheines hatte er 
seinem jüngeren Stiefbruder Konrad überlassen, der einer 
zweiten Ehe seines Vaters mit der Tochter eines Grafen von 
Saarbrücken entstammte. Ihn nun machte der Kaiser 
auch zum Nachfolger des von ihm wegen Friedensbruches 
1155 schwer bestraften Hermann von Stahleck in der Würde 
eines lothringischen Pfalzgrafen. Mit diesem Titel erscheint 
Konrad zuerst in einer Urkunde vom 18. Dezember 1155, 
über welche die Diplomatik noch das letzte Wort zu sprechen 
hat, während Hermann erst 1156 starb. Die Übertragung 
bedeutete keine Verletzung erblicher Ansprüche, da Her- 
mann kinderlos und überdies durch seine Gemahlin der 
Oheim des jungen Konrad war. Die Würde eines lothringi- 
schen Pfalzgrafen, bekanntlich eines jener vier provin- 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 53 

ziellen Pfalzgrafenämter, denen in den großen Stammes- 
herzogtümern die Wahrnehmung königlicher Rechte zustand, 
mochte früher zwar aus ihrer Beziehung zur alten Kaiser- 
residenz Aachen ein erhöhtes Ansehen schöpfen, hatte aber 
ihre Träger bisher doch kaum über die lokalen Aufgaben 
des lothringischen Herzogtums hinausgeführt. Erst indem 
sie jetzt dem Bruder des mächtigen Kaisers übertragen 
wurde, indem eben dieser seine rheinfränkischen Güter am 
Oberrhein, Gebiete des alten fränkischen Herzogtums Worms, 
mit ihr vereinigte und dort seinen Sitz wählte, entstand 
jenes Gebilde, das den Landen zu beiden Seiten des Stromes 
künftig den Namen und politischen Zusammenhalt geben 
sollte: die Pfalz bei Rhein. 1 ) 

Ich will ihrer ersten territorialen Entwicklung unter 
dem Staufer Konrad hier im einzelnen nicht nachgehen. 
Bei der Dürftigkeit zuverlässigen Quellenmaterials ist das 
eine dornige Aufgabe! Von den an sich schon spärlichen 
Angaben, die man etwa in Häußers Geschichte der rheini- 
schen Pfalz findet, wird man heute gar noch die meisten als 
auf unsicherer späterer Überlieferung beruhend in Zweifel 
ziehen müssen. Nicht einmal Konrads oft von romantischem 
Schimmer verklärte Hofhaltung auf der Burg Heidelberg 
läßt sich urkundlich festlegen, wenn sie auch damit noch 
nicht gerade bestritten zu werden braucht. Denn seine 
Beziehungen zum Kloster Schönau, wo er auch begraben 
liegt, und die rücksichtslose Ausnutzung seiner Vogteirechte 
gegenüber dem Kloster Lorsch beweisen immerhin, daß sich 
schon unter ihm in den Gebieten am unteren Neckar der 
Kern des künftigen Territoriums zu formen begann, wenn 
wir uns auch den Gesamtumfang seines Besitzes wohl noch 
nicht allzu ausgedehnt vorzustellen haben. Zunächst auch 
bedeuteten Entstehung und Wachstum desselben keinen 
Verlust für das Reich. Solange Amt und Besitz der staufi- 

*) Zu den Ausführungen von E. Rosenstock, Königshaus und 
Stämme in Deutschland, 1914, S. 326 ff., Stellung zu nehmen, ist 
hier nicht der Ort. Daß nicht die lothringische Pfalzgrafenwürde, 
sondern die rheinfränkische Herrschaft die Grundlage der bedeutenden 
verfassungsrechtlichen Entwicklung der Pfalz war, erscheint mir 
durchaus einleuchtend. 



54 Karl Hampe, 

sehen Familie verblieben, konnten sie ähnlich wie die nur 
zeitweilig vom König selbst verwalteten Sekundogenitur- 
herzogtümer Schwaben und Rotenburg zur Verstärkung 
der Gesamtmachtstellung des Hauses dienen, dessen Glieder 
sich gegenseitig stützten. 

Das wurde anders mit dem unter Heinrich VI. voll- 
zogenen Übergang an das weifische Haus. Bekanntlich war 
er das Ergebnis einer gegen den Willen des Kaisers geschlos- 
senen Liebesheirat von Konrads Tochter und Erbin Agnes 
mit Heinrich von Braunschweig, dem ältesten Sohne Hein- 
richs des Löwen. Wenn wir uns erinnern, wie hier der alte 
Zwist der Staufer und Weifen durch einen Ehebund zeit- 
weilig überbrückt wurde, um dann nach neuen Konflikten 
unter Friedrich II. durch die Erhebung eines Weifen zum 
Herzog von Braunschweig endgültig beigelegt zu werden, 
so sehen wir uns lebhaft an moderne Vorgänge zwischen dem 
Hohenzollernschen und Weifischen Hause gemahnt. Agnes 
brachte ihrem Gemahl nach dem Tode ihres Vaters 1195 
den größten Teil ihres Besitzes zu, und auch der Kaiser 
versagte ihm nicht die Belehnung mit dem nach der pfalz- 
gräflichen Würde benannten Fürstentum. Fast gleichzeitig 
folgte aber der Weife auch seinem Vater in den Braun- 
schweiger Landen und blieb so der rheinischen Pfalz im 
wesentlichen fremd, so daß die Schwankungen seines poli- 
tischen Verhaltens hier nicht im einzelnen verfolgt zu werden 
brauchen. Auch galt als die eigentliche Trägerin des Erb- 
rechtes dort nach wie vor seine staufische Gemahlin, und es 
war vielleicht von vornherein vorgesehen, daß einem Sohne 
aus dieser Ehe bei seiner Mündigkeit Amt und Besitz zu 
überlassen seien. Denn in der Tat trat der Pfalzgraf im 
Jahre 1212 beides an seinen Sohn, den jüngeren Heinrich, 
ab, und während er selbst in den Kämpfen jener Zeit im 
Norden seinen kaiserlichen Bruder Otto IV. unterstützte, 
erklärte sich der Sohn im Süden für den Staufer Friedrich II. 
Als der jüngere Heinrich schon nach zwei Jahren kinderlos 
starb und die Pfalz abermals neu zu vergeben war, da war 
die weifische Herrschaft in den Pfälzer Landen nur ein 
kurzes Nachspiel hinter der staufischen Epoche gewesen 
und hatte kaum tiefere Spuren hinterlassen. 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 55 

Von um so dauernderer Wirkung war die nun im Jahre 
1214 von Friedrich II. vollzogene Verleihung der Pfalz an 
das Haus Witteisbach. Wieder war ein Weib, eine Schwester 
des letzten weifischen Pfalzgrafen, die wie ihre Mutter 
Agnes hieß, Rechtsträgerin; sie wurde als Kind mit dem 
gleichfalls noch unmündigen Otto, dem Sohn des Bayern- 
herzogs, verlobt und brachte ihm ihren Erbbesitz zu. Sein 
Vater Herzog Ludwig I. wurde wohl nur als Vormund seines 
Sohnes einstweilen mit der Pfalz belehnt. So waren die 
Witteisbacher auch hier wie in Bayern die Erben des wei- 
fischen Hauses geworden; ebendeshalb glaubte wohl Fried- 
rich II. sich auf sie in seinem Kampfe gegen Otto IV. ver- 
lassen zu können, und er hat sich dabei auch nicht ver- 
rechnet. Trotz einiger Schwankungen, welche die dem Kaiser 
gewiß unbillig zugeschriebene Ermordung Herzog Ludwigs I. 
(1231) und gegen Ende der dreißiger Jahre die Machen- 
schaften des päpstlichen Agenten Albert Beham hervor- 
riefen, traten die Witteisbacher doch immer wieder auf die 
Seite der Staufer und knüpften noch in den Zeiten des 
wildesten Kampfes nach der feierlichen Absetzung des 
Kaisers in Lyon ungeachtet der päpstlichen Bannflüche zu 
ihnen die engsten verwandtschaftlichen Beziehungen durch 
die Vermählung von Herzog Ottos Tochter Elisabeth mit 
König Konrad IV. (1246). 

Diese vorwiegend durch die bayrischen Sonderinteressen 
bestimmte Politik können wir hier im einzelnen nicht näher 
verfolgen. Sicherlich aber gab eben diese dauernde Ver- 
einigung mit dem trotz mancher Abtrennungen noch immer 
starken bayrischen Herzogtum der Pfalz ein erhöhtes 
Gewicht und Ansehen und wirkte fördernd auf die weitere 
höchst bedeutende Entwicklung der pfälzischen Stellung 
im Reiche, die ihre Grundlage freilich in dem rheinfränkischen 
Fürstentum hatte, mit dem schon spätestens 1198 die Würde 
des Reichstruchsessen verbunden war. Alle jene bekannten 
Ehrenvorrechte und Machttitel, die ihm die spätmittelalter- 
liche Reichsverfassung zuwies: der Vorrang unter den welt- 
lichen Fürsten, das Kurrecht, auch der Anspruch auf Be- 
rufung der Kollegen zur Königswahl, das mit dem Herzog 
von Sachsen geteilte Vikariatsrecht bei Erledigung des 



56 Karl Hampe, 






Thrones, endlich gar ein Richteramt über den König bei 
Anklage der Fürsten — sie sind im weiteren Verlaufe des 
13. Jahrhunderts entwickelt worden und halfen der Pfalz 
eine Bedeutung zu verleihen, die sie rein territorial und auf 
sich gestellt nicht erlangt haben würde. 

Daß aber solch hohe Befugnisse nun nicht mehr im 
Dienste des Königtums verwandt wurden, daß der Pfalz- 
graf seinen früheren Amtscharakter mehr und mehr ab- 
streifte, um ganz einzutreten in die Reihe der fürstlichen 
Landesherren, dazu wirkte hinwiederum der Ausbau des 
Pfälzer Territoriums mit. Von einem solchen Ausbau kann 
recht eigentlich erst die Rede sein, seitdem die dauernde 
Herrschaft des wittelsbachischen Hauses derartigen Bestre- 
bungen Folgerichtigkeit und Bestand sicherte, und überdies 
die Zustände im Reiche und die Politik Kaiser Friedrichs II., 
wie wir sahen, eine solche Entwicklung ungemein begün- 
stigten. Auch für diese Zeit gestatten uns die Quellen noch 
nicht, den Fortgang der territorialen Ausdehnung im 
einzelnen mit Sicherheit zu verfolgen; die neuen Pfälzer 
Landesherren haben ähnliche Mittel angewandt, wie sie 
auch bei andern Fürsten üblich waren, außer Kauf und 
Tausch, Erbschaft und Heiratspolitik die allmähliche Ver- 
wandlung oder auch gewaltsame Umbildung von Lehen, 
Grafenrechten, Vogteibefugnissen, Pfandschaften u. dgl. in 
landesherrlichen Besitz. Immer deutlicher gruppierten sich 
nun die Pfälzer Lande um den Mittelpunkt Heidelberg, das 
seit 1196 öfter auch urkundlich zu belegen ist: oben an der 
Stelle der heutigen Molkenkur, den Paßweg vom Elsenzgau 
zum Klingenteich beherrschend, die alte Burg; weiter unten 
auf dem Jettenbühl, an der Stelle der heutigen Schloß- 
ruine vielleicht schon damals die alte Kapelle, von der, 
wie es scheint, eine Fenstergruppe bei den Bauarbeiten des 
Jahres 1897 wieder aufgedeckt wurde, um von den Archi- 
tekten für den Rest eines alten Schlosses gehalten zu werden; 
unten am Neckar der Burgflecken, der sich allmählich zur 
Stadt entwickelte. Beide, Burg und Flecken, waren ur- 
sprünglich Lehen des Wormser Bischofs und wurden als 
solche noch bis ins 18. Jahrhundert hin formell anerkannt, 
um tatsächlich doch alsbald fester Besitz des Pfalzgrafen 






Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 57 

zu werden. Während die beiden ersten Witteisbacher 
Ludwig I. und Otto II. sich noch ganz überwiegend als 
bayrische Herzoge fühlten, war ihr Nachfolger Ludwig II. 
(1253 — 1294), der in Heidelberg geboren war, mindestens 
ebenso sehr Pfalzgraf bei Rhein, und dazu mußte auch 
wesentlich beitragen, daß ihm seit der mit seinem Bruder 
vollzogenen Landesteilung von 1255 außer der gesamten 
Pfalz von dem Herzogtum nur noch Oberbayern zustand. 
Um so eifriger nutzte er die Zeit des Interregnums zur plan- 
mäßigen Erweiterung seines Gebiets zu beiden Seiten des 
Rheins. Als dann 1257 die Kurwürde erworben wurde, hatte 
die Pfalz zwar noch nicht ihren späteren Umfang erreicht, 
aber sie war doch in allem Wesentlichen bereits das Ge- 
bilde, das als Kurpfalz in den folgenden Jahrhunderten die 
deutsche Geschichte oftmals entscheidend mitbestimmt hat. 



V. 

Kehren wir noch einmal zu den letzten Zeiten der Staufer- 
herrschaft und den Schicksalen der linksrheinischen Reichs- 
gebiete zurück. Ihrer Bedeutung mußten natürlich dieselben 
politischen Wandlungen, welche das Wachstum der fürst- 
lichen Territorien so sehr begünstigten, in gleichem Maße 
Abbruch tun. Mit unmittelbarer Schärfe hatten sich ja die 
Fürstenprivilegien Friedrichs II. und das große Mainzer 
Landfriedensgesetz von 1235 gegen die königlichen Städte 
gewandt, ihrer ausgreifenden Entwicklung sollte damit ein 
Riegel vorgeschoben werden. Durchführbar war das freilich 
doch nur zum geringen Teil. Die wirtschaftliche Aufwärts- 
bewegung der Städte war vielfach mächtiger als diese poli- 
tischen Maßnahmen; auch haben sie trotz jener Preisgabe 
durch die Reichsgewalt in dem letzten großen Kampfe 
Friedrichs II. gegen das Papsttum in ihrem eigensten Interesse 
bis zuletzt treu zur staufischen Sache gestanden. Bei den 
rheinfränkischen Bischofstädten der oberrheinischen Ebene, 
bei Speyer und Worms, dürfte immerhin der Höhepunkt 
ihrer wirtschaftlichen und politischen Geltung mit dem Ende 
der Stauferzeit überschritten gewesen sein. Der Glanz 
kaiserlicher Hofhaltung, der neben manchen Lasten doch 



58 Karl Hampe, 

auch Einfluß und Vorteile gebracht hatte, ist ihnen so wie 
in den vergangenen beiden Jahrhunderten nie wiedergekehrt. 
Im Wettbewerb der emporwachsenden Landesherrschaften 
mehrten sich, von der Reichsgewalt nicht mehr zurück- 
gehalten, die Zollstellen am Rhein; der Kampf gegen sie 
erfüllte hier die nächsten Jahrzehnte. Zusammen mit der 
zunehmenden Rechtsunsicherheit, dem Raubritterunwesen 
und zahllosen andern Hemmnissen wirkten sie überaus 
störend auf den Handelsverkehr. Überdies stellte die glän- 
zendere Entwicklung anderer Städte, wie Köln und Frank- 
furt, und die sich allmählich vollziehende Verschiebung des 
deutschen Schwergewichts nach dem Osten die alten ober- 
rheinischen Bischofstädte gegen frühere Zeiten einigermaßen 
in den Schatten. 

Noch mehr als sie litt die rheinfränkische Reichsdienst- 
mannschaft unter dem Umschwung der Dinge. In den zwan- 
ziger und dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts ging ihre 
große Epoche, jene Zeit, in welcher sie in die Geschicke des 
Reiches höchst bedeutsam eingegriffen hat, zu Ende. Ich 
darf hier noch einmal zusammenfassend andeuten, worin 
die Eigenart ihrer Leistung bestand. 

Auch diese Ritter hatten sicherlich Teil an jener edlen 
und feinen Kultur der höfischen Gesellschaft, die damals 
die leidenschaftlichen Gemütsregungen und den wilden 
Tatendrang der germanischen Kraftnaturen zu Maß und 
Ordnung band, um den Überschuß ihres Empfindens und 
Wollens frei zu machen für Aufgaben einer höheren Gesit- 
tung und künstlerischen Gestaltung. Nach der Lage des Pfäl- 
zer Landes und bei der leichtbereiten Aufnahmefähigkeit, 
die seine Bewohner von je gezeigt, darf man annehmen, 
daß gerade von hier aus eine lebhafte Vermittlung fran- 
zösischer Umgangsformen und Sitten, französischer Ritter- 
künste und Trachten, französischen Minnedienstes und 
Schönheitsideals, französischer Sprache und Dichtung nach 
dem Innern Deutschlands stattfand, jene Vermittlung einer 
fortgeschritteneren Kultur, die damals wie stets in der Welt- 
geschichte den höchsten Zielen der Menschheit mehr gedient 
hat als eine starre völkische Abgeschlossenheit, und die 
auch der kraftvollen Eigenart der Aufnehmenden selten da 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 59 

geschadet hat, wo solche kraftvolle Eigenart überhaupt 
vorhanden war. 

Die feinsten Blüten der unter diesen Anregungen empor- 
wachsenden deutschen Laienkultur wird man freilich bei 
der pfälzischen Ritterschaft vergebens suchen. Mochten 
auch etwa die Reichsdienstmannen am Hofe den politischen 
Sprüchen Walters von der Vogelweide, der sich ja zeitweilig 
in ihren Kreisen bewegte, begierig und mit freudiger Zu- 
stimmung lauschen, sie selbst haben hierzulande an der 
glänzenden Dichtung jener Tage nur unerheblichen Anteil 
genommen. Außer dem einen Friedrich von Leiningen, der 
aber von gräflichem Geschlecht war, läßt sich mit voller 
Sicherheit aus dem Gebiete der heutigen Pfalz kein Minne- 
singer nachweisen. Man könnte zu der Annahme versucht 
sein, daß die mühevollen praktischen Aufgaben, die den 
Rittern hier oblagen, ihnen nur nicht die nötige Muße zu 
literarischer Betätigung gelassen hätten. Aber die Gründe 
werden tiefer liegen. Es ist doch wohl die Eigenart des 
salisch-fränkischen Stammes mit seinen römisch-keltischen 
Beimischungen, die hier neben Natur und Klima des Landes 
wirkte, und vielleicht ist es kein Zufall, daß man auf dem 
rechten Rheinufer, wo die alamannische Blutbeimischung 
immerhin stärker war, — auch abgesehen von unsicheren 
Zuweisungen — doch etwa in den Herren Konrad von 
Bickenbach, Bligger von Steinach und dem Tageliedsänger 
von Wiesloch schon ein wenig mehr Dichter jener Epoche 
aufzählen kann. Der Pfälzer ist zu allen Zeiten, soweit wir 
seinen Charakter zurückverfolgen können, diesseitsfreudig 
und zugreifend, auf das Praktische gerichtet, neuen Er- 
scheinungen gegenüber aufnahmefähig und raschgewandt, 
kirchlicher Herrschaft und Mystik aber abhold gewesen. 
Wenn Schiller einmal unmutig ausrief: ,,Euch Pfälzern 
klebt der Rebmost die Finger zusammen", so wurde der 
Idealist in ihm dem weltfreudig-tätigen Sinn der Bevöl- 
kerung kaum gerecht. Die bedeutenderen Männer, die die 
Pfalz hervorgebracht hat, sind zu allen Zeiten nahezu aus- 
schließlich dem praktischen Leben zugewandt gewesen. 

Eben diese Eigenschaften des Pfälzers waren es, deren 
die staufischen Herrscher für ihre Zwecke bedurften. Selbst 



60 Karl Hampe, 

bei den hervorragendsten unter den großen Reichsministe- 
rialen, sofern sie nicht, wie Konrad von Scharfenberg, die 
geistliche Laufbahn eingeschlagen hatten, wird man sich 
die Schulbildung nach heutigen Begriffen äußerst gering 
vorzustellen haben. Es ist in dieser Hinsicht doch sehr be- 
merkenswert, was der Biograph Papst Innozenz' III. (Gesta 
c. 8) von dem höchststehenden und mächtigsten unter ihnen 
berichtet. Als Markward von Annweiler nach Heinrichs VI. 
Tode mit der Kurie in Unterhandlungen steht, wird er auf 
einen schriftlich niedergelegten Eid hingewiesen, auf den er 
sich verpflichtet habe; er antwortet, er habe Schrift nicht 
gelernt („se non didicisse scripturam") und wisse daher auch 
nicht, was sein Notar geschrieben habe. Das sagt nicht einer, 
der ein beliebiges Reichsgut verwaltet, sondern der als Statt- 
halter Siziliens auftritt und über einen großen Teil Mittel- 
italiens gebietet! Wir müssen uns dabei nur vergegen- 
wärtigen, daß Lesen und Schreiben damals nicht zur gesell- 
schaftlichen Bildung des adligen Laienstandes gehörte, daß 
nicht jeder ,, Ritter so geleret was, daz er an den buochen 
las", daß das auch nicht für ein Erfordernis höherer poli- 
tischer Tätigkeit galt. Hier konnten Notare und Schreiber 
leicht aushelfen. Selbst die nötigsten Sprachkenntnisse für 
die Verwaltung im fremden Lande, wie das Lateinische und 
Italienische, mögen meist erst in der Praxis notdürftig 
erlernt sein, während das Französische allerdings gewöhn- 
lich zum Bestände der feineren gesellschaftlichen Erziehung 
gehörte. 

Erinnern wir uns aber, daß unter den deutschen Königen 
gerade diejenigen, die nicht durch eine sorgfältige literarische 
Erziehung für den Herrscherberuf vorgebildet, sondern mit 
der gewöhnlichen kriegerischen, richterlichen und gesell- 
schaftlichen Laienbildung ohne Federfuchserei und geist- 
liche Gelehrsamkeit aufgewachsen waren, ein Heinrich I., 
Konrad II. und Friedrich Barbarossa, als Politiker wahr- 
lich nicht am schlechtesten abgeschnitten haben! Von 
solcher Art waren auch jene Pfälzer Reichsministerialen. 
Klaren und festen Blickes, nicht angekränkelt von des Ge- 
dankens Blässe, aber doch auch durch weite Reisen und den 
bunten Wechsel ihrer schweren Aufgaben bäurischer Enge 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 61 

des Gesichtsfeldes völlig enthoben, so schauten sie trutzig 
in die Welt, die sie von Jugend auf stets nur in meisterndem 
Handeln, nie in gelehrter Muße kennen gelernt hatten. 
Eben deswegen waren Zuversicht, Nervenkraft und Ent- 
schlußfähigkeit gänzlich ungebrochen und auch den schwierig- 
sten und gefahrvollsten Forderungen gewachsen. 

Im Süden mögen die deutschen Reichsbeamten bei 
solcher Veranlagung nicht immer den Wünschen der feiner 
individualisierten städtischen Italiener entsprochen haben, 
sie ließen es an einfühlendem Verständnis für deren Wesen 
sicherlich oft fehlen und mochten gelegentlich bei verwickelten 
Fällen durch rücksichtsloses Durchgreifen Recht und Billig- 
keit verletzen. Die nationale Gegenwirkung ist dadurch 
dann vielleicht beschleunigt worden. Allein kommen mußte 
sie doch einmal, und für die tieferliegenden Schwächen und 
Unmöglichkeiten der Gesamtpolitik waren die ausführenden 
Werkzeuge nicht verantwortlich. Wenn es indessen galt, 
eine alte Kulturnation dauernd unter der Botmäßigkeit 
eines willenskräftigeren und geschlosseneren, aber ihr doch 
barbarisch erscheinenden Herrenvolkes zu halten, so war an 
eine freundliche innerliche Gewinnung schwerlich zu denken, 
und man hätte kaum zu sehr viel anderen Mitteln greifen 
können, wie man in Wirklichkeit angewandt hat. Unter 
diesem Gesichtspunkte waren die jahrzehntelangen Lei- 
stungen der Reichsministerialität in der Ausübung deutscher 
Herrschaft über Italien bedeutend genug, und nicht an 
ihrer Unfähigkeit, sondern neben den inneren Schwierig- 
keiten der Aufgabe an einem Zusammenwirken vieler un- 
günstiger Momente ist das System schließlich gescheitert. 

Wie hätten ihre im Ausland doppelt geschulten Kräfte 
weiterhin in Deutschland dem Königtum dienen können, 
wenn nicht auch hier, nach einer Epoche tüchtiger Verwal- 
tung des Reichsgutes unter den ersten Staufern, aus den 
Gründen, die wir schon kennen: dem Sinken der Reichs- 
gewalt in den Bürgerkriegen, der Entfremdung Friedrichs II. 
von Deutschland und seiner Begünstigung der fürstlichen 
Territorialpolitik, ein rascher Umschwung eingetreten wäre. 

Noch einmal mochten die Pfälzer Reichsdienstmannen 
neue Hoffnung schöpfen, als König Richard von Cornwall, 



62 Karl Hampe, 

der Schwager Kaiser Friedrichs II., in ihre Gegend kam, 
ihren Kreis um sich scharte und durch seine zweite in Kaisers- 
lautern festlich vollzogene Ehe mit Beatrix von Falkenburg 
im Jahre 1269 gar in verwandtschaftliche Beziehungen zu 
den Ministerialengeschlechtern der Bolander und Falken- 
steiner geriet. Noch immer war der Trifels die Stätte, an 
der die Reichsinsignien aufbewahrt wurden, und Papst 
Urban IV. hatte wenige Jahre zuvor Richard ausdrücklich 
darauf hingewiesen, es sei eine der ersten und wichtigsten 
Maßnahmen eines römischen Königs, sich des Trifels zu 
versichern. Jetzt überbrachte ihm der Truchseß Philipp 
von Falkenstein von dort die Reichsinsignien. Indes die 
Hoffnungen zerrannen. Richard verließ kurz darauf den 
deutschen Boden auf Nimmerwiederkehr, und wenn auch 
der nach seinem Tode neuerwählte König Rudolf von Habs- 
burg die Reste des Reichsgutes hier wie anderwärts fest- 
stellte und in der Landvogtei des Speyergaues zusammen- 
faßte, so war der Verfall der Pfälzer Reichsministerialität 
gleichwohl nicht mehr aufzuhalten. 

Um der Tatenlosigkeit und wirtschaftlichen Verarmung 
zu entgehen, stellten die tüchtigeren Elemente ihre erprobte 
Verwaltungskraft den ringsum wachsenden, auch in ihr 
Gebiet und ihre Burgen eindringenden Territorialstaaten, 
insbesondere der Kurpfalz, zur Verfügung und gingen wohl 
in deren Beamtenadel auf. Ein anderer Teil verwilderte, 
gestaltete seine Burgen zum Gemeinbesitz des ganzen Ge- 
schlechts, zu Ganerbenburgen, öffnete sie auch zur Ver- 
stärkung der Wehrkraft fremden Gemeinern und suchte in 
einem wilden Raubwesen Mehrung der Einkünfte und Be- 
friedigung des Tatendranges. Einzelne Burgen des Pfälzer 
Landes, wie etwa Montfort, gewannen als solche Raubnester 
vor allen andern einen übelberüchtigten Namen. Die Masse 
der Reichsritter aber, wirtschaftlich verarmt, der früheren 
großen Aufgaben beraubt und verfassungsmäßig ohne poli- 
tischen Einfluß auf die Geschicke Deutschlands, lebte als 
kleiner Adel des Landes noch jahrhundertelang kümmerlich 
dahin, unter Umständen selbst froh, in unbedeutenden 
kirchlichen Stellen einen Unterschlupf zu finden. Man weiß, 
wie Franz von Sickingen später noch einmal versuchte, ihr 



Die Pfälzer Lande in der Stauferzeit. 63 

Los zu wenden, aber auch, daß dieser Versuch scheitern 
mußte. 

Heute liegen die alten Zeiten und die alten Ziele uns 
fern. Kaum irgendwo im Reiche so stark wie in der Pfalz, 
wo der Adel seit der großen französischen Revolution völlig 
geschwunden ist, hat sich die soziale Schichtung des Volkes 
gegenüber mittelalterlichen Zuständen gewandelt. Ein ge- 
waltiger politischer und wirtschaftlicher Aufschwung hält 
die Blicke der Masse heute naturgemäß auf Gegenwart und 
Zukunft gerichtet. Gleichwohl hat es seine tiefe Berechtigung, 
daß nach der Erneuerung von Kaisertum und Reich, die uns 
jenen Aufschwung gebracht hat, wenigstens die Nachdenk- 
licheren unter uns, die es wissen, daß auch in der Gegen- 
wartsgeschichte eines Volkes jeder Moment letzten Endes 
durch seine gesamte Vergangenheit mitbestimmt wird, 
zurückschauen über die Zeiten der Zersplitterung, Ver- 
kümmerung und Verwüstung, zu den fernen Tagen eines 
glanzvollen Kaisertums, in denen die Pfalz im Brennpunkt 
des politischen Lebens stand, und große deutsche Aufgaben, 
oft von weltgeschichtlicher Bedeutung, durch pfälzische 
Männer gelöst wurden. 



Die Sozialtehren Melanchthons. 

Probevorlesung, gehalten am 29. Juli 1914 

von 

Walter Sohm 

(t 10. August 1914). 



Melanchthons Gesellschaftslehre geht aus von den Grund- 
fragen der Reformation, — sie steht in der Gefolgschaft Lu- 
thers. Von hier aus muß ihre Fragestellung begriffen werden. 
Im Mittelpunkte der Lehre Luthers steht das Prinzip von 
der reinen Innerlichkeit und Geistigkeit aller Religion. In 
diesem Prinzip ist eine Gesellschaftslehre begriffen, die für 
die mittelalterliche und abendländische Welt von unaus- 
meßlicher Bedeutung werden mußte. Denn mit diesem 
Prinzip der reinen Innerlichkeit ist unmittelbar der Sturz 
der Papstkirche gegeben. Das große Problem des deutschen 
Kaisertums, das Verhältnis von sacerdotium und Imperium, 
— die erregteste Frage deutscher Reichstagspolitik: die 
Stellung der Nation zu der verhaßten weltlichen Herrschaft 
Roms in Germanien ist im Grundsatz gelöst, ja innerlich 
nichtig geworden, denn Luther kennt von nun an aus reli- 
giöser Erfahrung heraus keine Kirche mit weltlicher Macht, 
keine Kirche mit einer Rechtsorganisation mehr an. Die 
Kirche der Gläubigen ist ihm unsichtbar, rein geistig 
geworden. Ihre Gewalt beruht allein in der freien Über- 
windung des Gemüts durch das gepredigte Wort, durch 
das Evangelium. 

An diesem Verschwinden der sichtbaren religiösen 
Kirche haftet das eigentliche soziologische Interesse Luthers. 



Die Soziallehren Melanchthons. 65 

Er steht in bewußter Kämpferstellung gegen die grandiose 
Gesellschaftslehre der Bulle unam sanctam, gegen die mittel- 
alterliche Vergangenheit. Aber mit diesem Interesse ist zu- 
gleich eine zukunftsvolle neue Bewertung des sozialen Le- 
bens gegeben: der Glaube, das religiöse Leben ist unab- 
hängig von jedem äußeren Werk. Der Christ darf sich jeg- 
licher sozialen Leistung unterziehen, ja es wird seine Pflicht, 
Gottes Werk zu wirken in der Welt. Mit Selbstverständ- 
lichkeit muß hier eine neue bürgerliche Freudigkeit, eine 
neue Wertung der Arbeit, des Berufes, der irdischen Auf- 
gaben überhaupt eintreten, die von allerhöchster Bedeutung 
für die Entwicklung des sozialen Lebens in den Ländern 
der neuen Lehre geworden ist. Luthers Erkenntnis von der 
geistigen Innerlichkeit der Religion löst die mittelalterliche 
Gesellschaftslehre von den beiden Schwertern auf. Von ihr 
strömen neue Kräfte aus auf das bürgerliche Leben der 
Neuzeit. 

Aber eins gilt es zu betonen: diese doppelte Wirkung 
Luthers steht in der historischen Entwicklung Luthers selbst 
und dann vor allem des Luthertums nicht so einfach und 
selbstverständlich da. Ja, ihr innerster Faktor, die Hin- 
gabe an die reine Innerlichkeit der Religion kann der Wert- 
schätzung des öffentlichen Lebens gefährlich werden. Es ist 
bekannt, wie noch Luther erst langsam aus einer gewissen 
Gleichgültigkeit gegen irdische Dinge sich hingewendet hat 
zu ihrer Bejahung, — wie schließlich auch alles irdische Tun 
für ihn eine jenseitige Abzweckung behalten hat, — wie 
das Luthertum überhaupt oft unbeholfen wie ein gutes 
großes Kind in den Händeln dieser Welt gewesen ist. 

Aber während Luther und seine echten Nachfolger teils 
widerwillig, teils aus einem praktischen und gesunden Wirk- 
lichkeitssinn heraus diese Wendung von der reinen Inner- 
lichkeit zum Irdischen vollzogen haben, geht gerade an 
diesem Punkte seine besonderen Wege Philipp Melan- 
chthon. Für ihn ist diese Wendung eine allmähliche und 
reife Entwicklung seiner Natur, — ist sie das langsame Sich- 
besinnen eines feinen wissenschaftlichen Geistes auf seine 
intellektuellen Pflichten und Fähigkeiten, — ist sie nicht 
nur das Hinneigen einer zaghaften, zarten Natur zu den 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 5 



66 Walter Sohm, 

handfesten Stützen der Vernunft und der Staatsallmacht, 
sondern auch die freudige Entdeckung eines tief sittlichen 
und pädagogischen Charakters, daß das Wesen dieser Welt 
moralisch und ethisch verwertet werden dürfe. Sie ist der 
feinste und geistigste Einfluß des Humanismus auf die Re- 
formation. So reifen bei Melanchthon Gedanken, die wohl 
schon in der Frühzeit unverbunden nebeneinanderstehen, 
allmählich zu einem sittlich-religiösen, christlichen System 
aus, — zu einem System, soweit ein solches nach dem Wesen 
des behandelten Stoffes möglich ist. Verträgt sich irgend- 
welches logisches und ethisches Systematisieren mit einer 
Glaubenslehre der reinen Innerlichkeit? Wir werden finden, 
daß die sich steigernde Einschätzung des sozialen Lebens 
bei Melanchthon Luthers Lehre vom freudigen Dienst des 
Gerechtfertigten in der Welt in eigentümlicher Weise durch- 
schneidet, und wir werden zugleich sehen, wie bei einer 
hohen Wertung der öffentlichen Zucht auch Luthers Begriff 
von der reinen Geistigkeit und Unsichtbarkeit der Kirche 
sich wieder wandelt in den der sichtbaren Kirche. Das 
Problem des Mittelalters, das Verhältnis einer sichtbaren 
Kirche zur weltlichen Gesellschaftsordnung taucht schließ- 
lich von neuem wieder auf. 

Es leuchtet ein, daß derartige Wandlungen zu Wider- 
sprüchen innerhalb einer systematischen Glaubenslehre, wie 
Melanchthon sie geben will, führen müssen, daß wir aus 
inneren Gründen keine bis aufs letzte klar und systema- 
tisch durchdachte Soziallehre bei Melanchthon treffen wer- 
den, daß wir aber gerade in allen Widersprüchen das Re- 
sultat eines schweren inneren Kampfes werden erblicken 
können, den hinter der hohen und schönen Stirn des schmalen 
Magisters Philipp Humanismus und Reformation miteinander 
führten. 

Kurz seien die drei Hauptbegriffe genannt, an deren 
Wandlung und verschiedenartiger Behandlung man wie an 
einem Gradmesser die Entwicklung Melanchthons verfolgen 
kann. Es sind die Begriffe der lex, des Magistrats (Obrig- 
keit) und der Kirche. Es erhellt: in der Stellung zu den 
leges muß sich das Verhältnis des Gläubigen zur sittlichen, 
d. h. zugleich zur sozialen Welt ausdrücken. Der Magi- 



Die Soziallehren Melanchthons. 67 

strat ist der gesetzliche Träger und Wahrer des öffentlichen 
sozialen Lebens. Die ecclesia ist jene Gemeinschaft der 
Gläubigen, die Luther durch die Lösung des religiösen Le- 
bens von jeglicher lex zur Unsichtbarkeit verflüchtigt hatte. 
Der Geschichte dieser drei Begriffe gehen wir bei Melan- 
chthon nach, wie sie sich innerhalb der etwa 20 Jahre 
von 1521 bis 1543 entwickelt hat. Anfang und Endpunkt 
dieser Entwicklung ist die erste und die dritte Bearbei- 
tung der loci communes, der Melanchthonschen Glaubens- 
lehre. 

Es ist bezeichnend, daß in der ersten Auflage der 
loci dem Begriff der ecclesia überhaupt noch kein besonderer 
Abschnitt gewidmet ist, daß innerhalb des Abschnittes de 
lege noch keine Beziehung zwischen dem Dekalog und den 
Gesetzen weltlicher Obrigkeit (des Magistrats) gefunden 
ist. Wohl erscheint der Dekalog als der Inbegriff der leges 
divinae morales. 1 ) Aber sein Wert wird allein in Hinsicht 
auf das rein geistige, religiöse Leben des Gläubigen ent- 
wickelt. Die Sittlichkeit des „Spiritualen", des Geistes- 
vollen ist die decalogi impletio. Dem geistigen Leben des 
Glaubens und seiner Macht, dem Evangelium, wendet Me- 
lanchthon Neigung und Arbeit völlig zu. Ihm ist es viel 
wichtiger, zu betonen, daß dies Evangelium von jeglicher 
lex befreie, als daß er an die Beziehungen der lex zum so- 
zialen Leben dächte. Auf die Schilderung der religiösen 
Erfahrung, der religiösen Lebendigkeit kommt es ihm an. 
Er muß deshalb bei der Darstellung des von der lex be- 
freiten Individuums, des „Geistesvollen", bleiben, — er 
findet nicht den Weg zu einem Gesellschaftsbegriff, der 
Kirche, — und er blickt von dieser inneren seligen Leben- 
digkeit des Spiritualen aus mit Verachtung auf die äußeren 
sozialen Ordnungen dieser Welt. Zwar ist ihm der Magi- 
strat schon jetzt positiv und sicher eine Ordnung Gottes. 
Aber auch hier führt er doch vor allem aus, daß es dem 
Gerechtfertigten, dem Christen, völlig gleichgültig sei, 
unter welchem irdischen Recht er lebe. Er vergißt auch 
nicht, trotz der Kürze des Textes hinzuzufügen, daß Gott 



*) Corpus Reformator um XXI, 120. 

5* 



68 Walter Sohm, 

mehr zu gehorchen sei als den Menschen. Ihm ist, wie er 
im gleichen Jahre an anderer Stelle 1 ) sagt, „Leben" nur 
„rechte Fromkeit". . . . „Äußerliche Ordnungen zer- 
gehen mit dem Fleisch und haben kein Leben." Ja, 1523 
heißt es 2 ): Wohl ist das ministerium evangelii plane 
spirituale, aber das corporate regimen ist nur eingerichtet: 
ad cohercenda corpora eorum, qui carent spiritu Dei. 
Breviter: iustitia mundi non est vita, sed mors et peccati 
poena. Vom glückseligen Gefühl des Reichtums aus, den 
der Gläubige im lebenspendenden Geist besaß, verachtet 
Melanchthon die Weltordnung. 

Aber es ist wichtig, daß die zitierten Worte zum letzten 
Mal 1525 in Melanchthons Werken erscheinen. Auf ihn 
und auf Luther haben sicherlich die sozialen Erfahrungen 
des Bauernkrieges ihre Wirkung ausgeübt. Es kann aller- 
dings nicht genug betont werden, daß diese Erfahrungen 
es bei Melanchthon wie Luther nicht vermocht haben, 
ihre reformatorische Grundlehre von der Innerlichkeit 
und Freiheit des religiösen Lebens aufzugeben oder auch nur 
zu ändern. Die Wandlung geschah bei beiden in ihrer 
Stellung zur Welt, nicht zum Glauben. Aber das ist doch 
wertvoll zu sehen, wie bei Luther diese Wendung sich aus- 
drückt in einem leidenschaftlichen Appell an die fürstliche 
Macht, bei Melanchthon sie hinführt zu einer wissenschaft- 
lich durchdachten Einschätzung des weltlichen, und vor 
allem des römischen Rechts. Der Humanist in ihm ist 
erwacht. 

Es handelt sich hier um die declamatio de legibus 
von 1525, dem Jahre des Bauernkrieges. Ihr Titel schon 
sagt, daß uns vor allem in ihr der Begriff der lex entgegen- 
treten wird. Aber es ist nicht etwa die lex des Dekalogs, 
von der Melanchthon hier wie etwa in den loci von 1521 
sprechen will, sondern ausdrücklich nimmt er sich vor, 
über das bestehende, das moderne Recht zu reden, und 
ausdrücklich wird wiederum abgelehnt, daß die lex mit dem 

x ) Unterschied zwischen weltlicher und christlicher Fromkeit. 
C. R. I, 525 f. 

2 ) Themata de duplici iustitia regimineque corporali et spirituali. 
C. R. XXI, 227 ff. 



Die Soziallehren Melanchthons. 69 

Evangelium, dem Christentum etwas zu tun habe. 1 ) Es 
läuft also die declamatio hinaus auf eine unbefangene Schilde- 
rung und Würdigung der irdischen Gesetze und auf eine 
entschiedene Schätzung der weltlichen Ordnungen. Jetzt 
fordert es nach Melanchthon die pietas, daß das mensch- 
liche Gesetz et diligenter cognoscatur et religiöse colatur et 
tractetur. 2 ) Es wird hervorgehoben, daß edle Geister sich 
gern den communibus moribus anpassen. Eine lebhafte 
Freude an vaterländischer Landschaft und Sitte taucht auf. 
Vor allem: die libertas und tranquillitas publica wird als 
Zweck des Gemeinwesens hingestellt. 

Man hört aus den Zeilen der declamatio heraus die 
Freude des Humanisten am römischen Recht, an der klassi- 
schen Vergangenheit. Der Humanist in Melanchthon ist 
es wiederum, der nun den kühnen Schritt vollzieht, die 
einmal gewonnene Einsicht vom Wert weltlicher Ordnung 
wissenschaftlich zu begründen und zugleich in Beziehung zu 
setzen mit den christlichen Lehren. Hier hilft ihm Aristoteles 
und vor allem Cicero. Er verband die Lehre des Aristoteles 
von den Prinzipien, welche die Erfahrungen zur Erkenntnis 
verknüpft, mit der Lehre Ciceros von dem natürlichen 
Licht, das durch unmittelbar dem Menschen gegebene 
Grundvorstellungen dem Menschen die Erkenntnis ermög- 
licht. 3 ) Und er ging nun daran, diese Lehre vom natürlichen 
Licht mit den Gedanken des Christentums zu interpretieren. 
Das geschah in der Ethik dadurch, daß der Ausdruck des 
natürlichen Sittengesetzes der Dekalog wurde. 4 ) 

Mit diesem Schritt hat der Humanist und Philosoph 
Melanchthon sich neben dem religiösen Genie Luthers be- 
hauptet. Von hier aus findet die konservative, aber rein 
religiös gestimmte Soziallehre Luthers einen wissenschaft- 
lichen Unterbau durch die gleiche Philosophie, die der 
Reformator wie den Teufel hassen konnte. Melanchthon 
hat sich aus dem bitteren Drängen seiner intellektuellen 

x ) C. R. XI, 67 f. 
2 ) C. R. XI, 71. 

8 ) W. Dilthey, Das natürliche System der Geisteswissenschaften 
im 17. Jahrhundert. Arch. f. Gesch. d. Philos. VI, 240 ff. 
4 ) a. a. O. 357. 



70 Walter Sohm, 

Natur heraus zu der Überzeugung durchgerungen, daß 
gerade bei der Innerlichkeit alles religiösen Lebens dem 
Christen auch frei stände, sich heidnischer Philosophie zu 
bedienen. Wir finden zunächst, wie mächtig diese neue 
Anschauung die Schätzung der weltlichen Ordnung bei 
Melanchthon gefördert hat. 

In den Kommentaren zur Politik des Aristote- 
les (1530/35) geht Melanchthon von dem Satz aus: ius 
naturae vere esse ius divinum, und kommt zu dem Schluß, 
daß alle bürgerliche Gesetzgebung, die rein natürlich ist, 
für göttliches Gesetz zu halten sei. 1 ) Jetzt wird mit Ari- 
stoteles jede societas aus der Anlage menschlicher Natur 
abgeleitet und begriffen. 2 ) Die Ehe wird in diesem Sinne 
notwendig zur prima societas. Von hier aus ergibt sich 
ebenso notwendig das Bild einer Gesellschaft, die auf der 
Annahme natürlicher, d. h. gottesgewollter Obrigkeiten und 
Abhängigkeiten aufgebaut ist. Die Naturgegebenheit und 
das 4. Gebot stützen für Melanchthon gleichzeitig die In- 
stitution der servitus und des imperium. 2 ) Auch dem gott- 
losen Magistrat ist als einer Ordnung Gottes zu gehorchen 4 ), 
der Tyrannenmord ist verboten 5 ), zugleich aber wird dem 
Bürger (gegen die evangelischen Schwärmer!) kraft gött- 
lichen und natürlichen Rechts Privateigentum zugestanden 6 ), 
— wird dem Fürsten die Beachtung der Gesetze und der 
Untertanenrechte kraft Naturrecht und Bibel zur Pflicht 
gemacht. 7 ) 

Diese fest in der Lehre vom natürlichen und göttlichen 
Sittengesetz gegründete Auffassung weltlicher Ordnung 
mündet nun ein in Melanchthons theologisches System. 
Die fern von seiner theologischen Entwicklung gereifte 
Soziallehre ergreift nun auch das Gebiet der religiösen Er- 
fahrung. Decalogus, lex und Magistrat sind in gegen- 
seitige Beziehung getreten. Das alles kann nicht ohne 

x ) C. /?. XVI, 424 u. 438. 

2 ) a. a. O. 446. 

3 ) a. a. O. 424. 
«) a. a. O. 449. 

6 ) a. a. O. 440. 

•) a. a. O. 429 ff. 

7 ) a. a. O. 443. 



Die Soziallehren Melanchthons. 71 

Wirkung bleiben auf die Lehre von der societas unter den 
Gläubigen, der Kirche und auf die Gewißheit von der 
reinen Geistigkeit alles religiösen Lebens. Diese Wirkung 
kennzeichnet sich in der 2. Bearbeitung der loci von 1535. 

Aber im gleichen Jahre und im gleichen Werk tritt 
noch eine neue Wendung der inneren Entwicklung bei 
Melanchthon in die Erscheinung, die wir gleich anfangs 
grundsätzlich hervorheben müssen. In ihr erst enthüllt sich 
das ganze und eigentliche Wesen seiner Natur, seines Humanis- 
mus und seiner sittlichen Neigung. Melanchthon wird zum 
Pädagogen. Er will erziehen. Er fordert — und das wird 
von nun an seine laute Losung — er fordert Disziplin 
und um derentwillen setzt er zugleich als sittlich not- 
wendig die Freiheit des menschlichen Willens in morali- 
schen Fragen und in der Sphäre des bürgerlichen Lebens 
voraus. Ein Schritt auf ethischem Gebiet, nicht minder wich- 
tig für seine Soziallehren, ja noch wichtiger als die christ- 
liche Begründung des Naturrechtes im Dekalog. Ein Schritt, 
der hier genau ebenso der lutherischen Lehre von der Un- 
freiheit des Willens widerspricht, wie dort der menschlichen 
Philosophie gegen Luthers Neigung ein Raum in der Christen- 
heit gestattet wurde. 

Melanchthon ist damit eingetreten in die Reife seines 
Lebens. Welche Soziallehren tragen seine loci jetzt (1535) vor? 

Schon das Inhaltsverzeichnis zeigt die entscheidende 
Wendung gegenüber 1521. In den großen Abschnitt über 
die lex sind zwei neue Paragraphen aufgenommen: Decalogus 
und de lege naturae. An die Überschrift des Artikels de 
magistratibus fügt sich jetzt der Zusatz: de dignitate rerum 
politicorum. Vor allem aber treten unter den neu hinzu- 
gefügten loci drei auf, die für uns von allergrößtem Inter- 
esse sind: de regno Christi, de ecclesia und de politica eccle- 
siastica. Das sind Sozialbegriffe, die den loci von 1521 völlig 
unbekannt waren. 

Wir wenden uns den einzelnen Begriffen zu, um zugleich 
aus den späteren Werken Melanchthons wichtige Zusätze 
und Nachträge am gegebenen Ort aufzuführen. 

Es ist selbstverständlich, daß jetzt der gleiche Zu- 
sammenhang zwischen lex divina, lex naturae und decalogus 



72 Walter Sohm, 

vorgetragen wird, wie wir ihn in den vorhergehenden Schriften 
Melanchthons kennen gelernt haben, — eine gewaltige Ände- 
rung gegenüber 1521, da der Dekalog nur abgehandelt wurde, 
um den sittlichen habitus des Gerechtfertigten, des „Spiri- 
tualen" zu schildern. Er ist jetzt nicht nur lex spiritualis 
(denn seine alte Stellung im Zusammenhange der Recht- 
fertigung aus Gnaden allein behält er wohl inne), sondern 
er ist jetzt auch lex naturalis 1 ) und hat das officium civile, 
daß er alle Menschen zur Disziplin erziehe. 2 ) Es kommt jetzt 
zu einem Lobpreis der staatlichen Ordnungen, wie wir sie 
bei Melanchthon bisher noch nicht gehört haben. Ausdrück- 
lich betont er, daß sie nicht als zulässiges Übel, sondern 
als positive Schöpfungen Gottes, als opera et beneficia Dei 
zu schätzen seien. 3 ) Jetzt ertönt das laute und volle Lob 
der Berufsarbeit, des bürgerlichen Regiments, des Kriegs- 
wesens, der Ehe, des rechtlichen Verkehrs, des Jugend- 
unterrichts. Sie alle sind für die Frommen: Gottesdienst. 4 ) 

Aber es ist zu bedenken, daß hinter diesen Auffassungen 
jetzt die Lehre vom freien Willen innerhalb der „äußerlichen", 
d. h. bürgerlichen Moral steht. Die lex hat nicht mehr nur 
eine Bedeutung für den religiosus, den „Geistesvollen", 
sie wird zugleich behandelt nach dem ihr eigenen sittlichen 
und „natürlichen" Wert. Hier muß nun Melanchthon 
scheiden lernen zwischen einer iustitia spiritualis und 
einer iustitia civilis. Neben die eine Sittlichkeit des 
Gerechtfertigten, die das Heilsgut des Evangeliums ist, 
tritt die Sittlichkeit des Bürgers. 5 ) 

Das ist gewiß eine zukunftsvolle Scheidung, aber so- 
lange, wie die Sittlichkeit des Gerechtfertigten und die des 
Bürgers sich im Dekalog begreift, zugleich eine Vermischung 
evangelischer und sozialer Gedanken von höchster Gefahr 
oder wenigstens Unklarheit. Wir treffen hier auf die erste 
innerlich notwendige Unzulänglichkeit des Melanchthonschen 

!) C. /?. XXI, 392. 
2 ) a. a. O. 405. 
8 ) a. a. O. 546. 
«) a. a. O. 549 ff., vgl. 396. 

5 ) Vgl. H. Maier, Melanchthon als Philosoph, Arch. f. Gesch. d. 
Philos. X, 472. 



Die Soziallehren Melanchthons. 73 

Sozialsystems. Das zeigt sich, sobald wir uns jetzt dem 
Gedanken der disciplina zuwenden. Der bürgerliche Magi- 
strat erscheint als Hüter der externa disciplina und er- 
hält als solcher das Recht, Wächter beider Tafeln des 
Dekalogs zu sein. 1 ) Ad hanc disciplinam hat Gott den 
Magistrat geordnet. 2 ) Das Hauptstück dieser, wohl ge- 
merkt: äußeren Disziplin ist die reverentia erga Deum, 
und in diesem Sinne wird der Magistrat ein membrum 
Ecclesiae. Auf eine Lehre von der Kirche läuft letzten 
Endes die Entwicklung der Melanchthonschen Sozialbe- 
griffe hinaus. So selbständig diese sich zu machen scheinen, 
sie bleiben letzten Endes der Sittenzucht wegen befangen 
in jenseitiger Abzweckung, tragen aber damit hinüber in 
das christliche System den ganzen Ballast antiker Philo- 
sophie. Selbst in die ecclesia muß auf diese Weise — un- 
klar genug — der Gedanke der Willensfreiheit eindringen. 

Hier triumphiert der christlich-humanistische Pädagoge 
Melanchthon. Seine Überzeugung von der Notwendigkeit 
und der Möglichkeit sittlicher Erziehung beeinflußt ihn bei 
der Ausgestaltung seines Kirchenbegriffs, sein Glaube 
an eine objektive Erkenntnismöglichkeit dank des lumen 
naturale tritt hinzu. 

Erinnern wir uns, daß Luthers Lehre von der reinen 
Innerlichkeit und Geistigkeit des religiösen Lebens den Be- 
griff der sichtbaren Kirche abgelehnt, den der unsichtbaren 
konstituiert hatte. Melanchthon war ihm gefolgt, — so weit 
gefolgt, daß seine ersten loci überhaupt nichts zu sagen 
wußten von einer ecclesia, in der die gläubigen Einzelnen 
ein Gemeinleben führen, — geschweige denn von einem 
Verhältnis des Magistrats zu einer ecclesia. Wie anders ist 
das jetzt geworden! Wohl ist der Gedanke des unmittel- 
baren, rein geistigen Wirkens Gottes unter seinen Gläubigen 
gewahrt geblieben. Aber dieser Gedanke liefert keinen 
Beitrag zu einer Ausgestaltung des Kirchenbegriffs. Er 
wird vielmehr aufgefangen in der Idee des regnum Christi 
und bleibt hier darauf beschränkt, die völlig geistige Wirkung 



*) C. R. XXI, 553. 
2 ) a. a. O. 405. 



74 Walter Sohm, 

Gottes auf die Seele zu schildern, — wird nicht irgendwie 
dahin entwickelt, daß dies regnum zugleich eine societas sei. 

Als societas tritt dagegen die ecclesia auf, die als ein 
gesonderter Begriff sich neben die Vorstellung des regnum 
Christi stellt. Und dieser Begriff der ecclesia ist seit 1535 
auf dem Wege, sich zur Idee der ecclesia visibilis zu ent- 
wickeln. Es sollten Zeiten kommen, da Melanchthon mit 
Leidenschaft gegen die Vorstellung der unsichtbaren Kirche 
kämpfte. Er definierte (1546): agnosci igitur ecclesia, 
exaudiri et cerni potest, quia genus doctrinae habet 
certum et ritus habet incurrentes in oculos. 1 ) So konnte 
nur der Humanist sprechen, dem das Gotteswort als solches 
objektiv erkennbar war, dank der , »natürlichen" Eigenart 
jeglicher (auch Gottes) Sprache überhaupt und dank der 
Fähigkeit des Menschen, das „Natürliche" zu erkennen. 
Und er definierte weiter: comprehendo in definitione ecclesiae 
et legem moralem, rede intellectam. 2 ) Da mußte es ihm fest- 
stehen, daß aus dem Gedanken der unsichtbaren Kirche 
„Anarchie" folge, während er doch anderseits überzeugt 
wäre: conservanda est . . . tvra^lu necessaria ecclesiae ad 
disciplinam et tranquillitatem. 3 ) Hier hören wir den 
Pädagogen, den praeceptor Germaniael Auch die ecclesia 
erhält eine politia, und in dieser politia ecclesiastica ist nicht 
anders als in der politia civilis die Erziehung zur sittlichen 
Disziplin Aufgabe der Herrschenden. 

Man darf sagen, daß mit der Ausbildung des Gedankens 
der ecclesia visibilis, die voll und fertig zum erstenmal 1543 
in der 3. Bearbeitung der loci auftritt, — mit dem Bemühen 
Melanchthons, die Obrigkeit als ein membrum dieser ecclesia 
hinzustellen, und mit seiner Erkenntnis, daß Kirchenordnung 
wie weltliche Ordnung zur Erziehung des Menschengeschlechts 
dienen sollen, daß in diesen Ideen die Soziallehren Melan- 

x ) Declamatio de discrimine ecclesiae Dei et imperii mundi C. R. 
XI, 760 f. 

2 ) Declamatio de ecclesia Christi. C. R. XII, 367. Vgl. weiterhin 
a. a. O. : Tarnen conspicitur ecclesia, ut honesta aristocratia, seu pius 
coetus docentium et discentium Christianam xmr;x T i aiv , Qui tametsi non 
iisdem parietibus inclusus est, sed dispersus, eandem tarnen verae doc- 
trinae et piae invocationis vocem sonat. 

») C. R. XXI, 555. 



Die Soziallehren Melanchthons. 75 

chthons ihren Abschluß gefunden haben. Man sieht, die 
sittigende Wirkung alles Gemeinwesens wird ihm schließlich 
zum Mittelpunkt des Interesses. Aber man muß zugleich be- 
tonen, daß der Begriff der ecclesia visibilis als der vera ecclesia, 
religiös gesehen, denkbar unglücklich und unklar ist. Nicht 
der Gedanke des unsichtbaren, rein innerlichen religiösen 
Lebens wird für sie konstituierend, sondern der nach Melan- 
chthons Meinung vernunftmäßig erkennbare Akt der objektiv 
reinen Wort- und Sakramentsverwaltung: der rationalistische 
Humanist behält das Wort. Wohl rettet sich noch aus 
echter religiöser Erkenntnis heraus in den Gedanken der 
ecclesia visibilis die Vorstellung hinüber, daß sie nicht ein 
äußerlich geschlossener Verband sei, sondern daß ihre Glieder, 
zerstreut seien in aller Welt wie etwa die Anhänger einer 
Schule. 1 ) Wie aber soll gerade dann Melanchthons Lieblings- 
gedanke einer durch ein Kirchengericht (Konsistorium) aus- 
geübten Kirchen diszipl in möglich werden? Auch der 
ethische, auf Pädagogik gerichtete Humanist muß um der 
Verfassung willen an einem unreligiösen äußeren Zusammen- 
schluß der , »sichtbaren" Kirche arbeiten. 

Aber diese theoretische und prinzipielle Unklarheit 
und Unzulänglichkeit eines objektiven und ethischen Kirchen- 
begriffs, wie Melanchthons Soziallehren ihn allmählich aus- 
bildeten, ist für Deutschland und alle Gebiete, in denen 
das Luthertum zur Herrschaft gekommen ist, praktisch 
von allergrößter sozialer Bedeutung geworden. Auf dem ge- 
schilderten Wege ist in der Doktrin Melanchthons das Luther- 
tum auf seine Weise dem christlichen Polizeistaat 
dienstbar geworden. Da wurde eine Lehre vorgetragen, 
die in ihrer beweisbaren Sicherheit und in ihrer konser- 
vativen Gesinnung jede geistige Schwärmerei, jeden geistigen 
oder sozialen Radikalismus unterband, — und die doch zu- 
gleich der nach Zucht verlangenden ecclesia nicht zu einer 
aus der religiösen Eigenart dieser ecclesia heraus geborenen 
Verfassung half, wie der Kalvinismus es tat. Wem anders 
konnte die Zucht denn zufallen als — der Obrigkeit? 
Melanchthon ist imstande, das ,, Konsistorium", d. h. die 

2 ) C. R. XII, 367. 



76 Walter Sohm, Die Soziallehren Melanchthons. 

neu geschaffene territoriale Zentralbehörde des Territoriums 
für das Kirchenwesen, zu identifizieren mit der ecclesia, die 
die Disziplin handhaben soll. 1 ) Er kann, wenn er vom 
magistratus politicus spricht, ausführlich hervorheben: nunc 
enim dico de gubernatione propria ecclesiae. 2 ) 

Es zeigt sich als Resultat: die allmählich fortschreitende 
Schätzung und Versittlichung des Staats- und des 
Kirchenbegriffs bei Melanchthon führt unmittelbar zu 
einer Dienstbarkeit der (wiederum sichtbar gewordenen) 
Kirche im werdenden Polizeistaat. In dieser Weise löst 
sich für Melanchthon die Frage des Mittelalters nach dem 
Verhältnis des sacerdotium und imperium, — der Staat 
ist der Sieger. Die Staatskirche im vollen Sinne des Worts 
wird begründet. Die Kirchenlehre Melanchthons mündet ein 
in jene moralisch-pädagogische Kultur, in der Kirche und 
Schule gemeinsam arbeiten an der Erziehung des christlichen 
Bürgers — und vor allem bei der ausgesprochenen Be- 
tonung der Disziplin und des Autoritätsbegriffes: an der 
Ausbildung des christlichen Beamten- und Militärstaates, 
— mündet ein in jene festgeschlossene, wohl enge, aber 
zugleich von Herzensfrömmigkeit getragene Staatsauffassung, 
die ihr Vorbild und ihren Grund findet in der christlichen 
Familie und Familienerziehung. Es ist kein Zufall, 
daß Hans Sachs sein christlich-pädagogisches Programm- 
stück — die köstliche comoedia von den ungleichen Kindern 
Evä — als die Übersetzung einer lateinischen Komödie 
Melanchthons ausgab. Nicht nur im Schulwesen, — auch 
für Familie und Staat und Kirche, für das gesamte 
soziale Leben Deutschlands ist der ethisierende Hu- 
manist Melanchthon praeceptor Germaniae geworden. 



x ) Vom Unterschied des Kirchenampts und weltlicher Obrigkeit 
(1559). C. /?. IX, 885: Und so die Kirch oder Consistorium still- 
schweiget, soll die weltliche christliche Obrigkeit in ihren Gebieten 
einen Synodum mit Rath gottfürchtiger, verständiger Personen halten. 
— De officiis magistratus (1559) C. R. IX, 1003: Sed si sunt pertinaces, 
iudicium Ecclesiae constituatur, in quo sententias dicant non solum 
doctores, sed etiam delecti ex aliis membris Ecclesiae, Magistratus et alii. 

*) Declamatio de legibus (1550). C. R. XI, 912. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der 
russischen Gefahr in der europäischen 

Politik. 



Von 

Walter Platzhoff. 



Von den heutigen europäischen Großmächten ist Ruß- 
land am spätesten in den Gesichtskreis des Abendlandes 
getreten. Es hat Jahrhunderte hindurch ein Sonderdasein 
geführt und war für Westeuropa eine terra incognita. Zu 
einer Zeit, wo neben Deutschland, Frankreich, England und 
Italien auch Spanien, Burgund, die Niederlande, Dänemark 
und Polen maßgebend in die Geschichte eingriffen, dachte 
kaum jemand daran, daß in dem östlichsten Slawenreich 
ein Mitbewerber um die Vorherrschaft in Europa heran- 
wachsen würde. Zu einem bestimmenden Faktor der euro- 
päischen Politik ist Rußland erst durch Peter den Großen 
erhoben worden, aber beschäftigt hat man sich mit ihm 
lange vorher. Bereits im ausgehenden 15. und im 16. Jahr- 
hundert hat der „Moskowiter" in der abendländischen Diplo- 
matie eine Rolle gespielt, und schon damals ist in Deutsch- 
land, wenn auch nur für eine kurze Frist und schnell wieder 
verfliegend, das Schreckgespenst einer russischen Gefahr 
aufgetaucht. 1 ) 

*) Eine erschöpfende Behandlung des Themas ist im Rahmen 
eines Aufsatzes und bei der weit zerstreuten Literatur nicht möglich. 
Die Studie will nur die wichtigsten Momente und besonders charak- 
teristische Äußerungen der Zeitgenossen bringen. — Zum Ganzen vgl. 



78 Walter Platzhoff, 

Im frühen Mittelalter war Rußland von dem übrigen 
Europa nicht ganz abgeschlossen gewesen. Wie die skandi- 
navischen Waräger den Grund zu dem Staate Ruriks gelegt 
hatten, so blieb er auch nachher mit dem Westen in Berüh- 
rung, die sich freilich im wesentlichen auf Heiraten zwi- 
schen den abendländischen Herrscherhäusern und russischen 
Dynastenfamilien beschränkte. Wie Kaiser Heinrich IV. 
war König Heinrich I. von Frankreich mit einer russischen 
Prinzessin vermählt; in unseren Tagen haben französische 
Historiker darin das erste Beispiel einer russisch-französi- 
schen Allianz erblicken wollen. 1 ) Aber mit der Mongolen- 
invasion im 13. Jahrhundert brachen diese nie sehr regen 
Beziehungen völlig ab. Rußland schien ganz zum asiati- 
schen Staatswesen zu werden und aus Europa ausgeschieden 
zu sein. Selbst so einschneidende Ereignisse wie die Ab- 
schüttelung des Tatarenjoches und die Reichseinigung durch 
den Moskauer Großfürsten Ivan III. machten hier kaum 
Eindruck. Schon über die geographische Lage des neuen 
Zarenreiches gab man sich ganz falschen Vorstellungen hin. 
In Sebastians Münsters Kosmographie vom Jahr 1550 ist 
„Moßcoviten" an der Ostsee zu finden, andere glaubten es 
östlich von der Stelle, wo Grönland mit Skandinavien zu- 
sammenhängen sollte. 

Das wurde anders, als im 16. Jahrhundert Rußland ge- 
wissermaßen neu entdeckt wurde. Den ersten Anlaß dazu 
boten die diplomatischen Beziehungen, die noch im 15. Jahr- 
hundert der Heilige Stuhl und die Habsburger mit dem 
Kreml anknüpften. Die Beseitigung der Mongolenherrschaft 
hatte in Rom den alten Traum einer kirchlichen Union mit 
dem Osten wieder aufleben lassen. Auf dem Konzil von 



die grundlegenden Darstellungen von Schiemann, Rußland, Polen und 
Livland bis ins 17. Jahrhundert, 2 Bde., Berlin 1886/87; Brückner, 
Geschichte Rußlands bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, 
Gotha 1896; Übersberger, Österreich und Rußland seit dem Ende des 
15. Jahrhunderts, Bd. 1, Wien und Leipzig 1906; Pierling, La Russie 
et le St. Siege, 2 Bde., Paris 1896/97, sowie die ältere Arbeit von Sugen- 
heim, Rußlands Einfluß auf und Beziehungen zu Deutschland, Bd. 1, 
Frankfurt a. M. 1856. 

*) Zum Beispiel Luchaire in Lavisse's Histoire de France 11, 2 
(Paris 1901), S. 166. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 79 

Florenz war 1439 der Metropolit Isidor von Kiew erschienen 
und hatte die Union angenommen. Obwohl er deswegen 
vom Großfürsten abgesetzt wurde, wollten die Päpste der 
ganz grundlosen Hoffnung auf eine Bekehrung des Mosko- 
witers zur römischen Kirche nicht entsagen; noch zu dem 
Trienter Konzil beabsichtigte Pius IV. den Zaren einzuladen. 
Anderseits schloß 1490/91 Maximilian I. mit Ivan III. ein 
1514 erneuertes Bündnis gegen die Jagellonen ab. Damit 
hatte sich der Zar „das Bürgerrecht" unter den europäi- 
schen Staaten erworben und trat in einen, wenn auch nur losen, 
diplomatischen Verkehr mit ihnen. Er benutzte ihn, um 
deutsche und italienische Künstler, Ingenieure, Handwerker 
und Bergleute als Lehrmeister in sein Land zu ziehen; be- 
sonders lag ihm daran, die kriegstechnischen Errungen- 
schaften des Abendlandes hier einzuführen. Andere West- 
europäer lockten Wissensdurst, Spekulation und Abenteuer- 
lust in das unbekannte Reich. 1520 wollte der Genueser 
Kaufmann Paolo Centurione, allerdings erfolglos, von Moskau 
die Landverbindung nach Indien erforschen, ein Menschen- 
alter später, 1553, fand der Engländer Richard Chancellor 
auf der Suche nach der nördlichen Durchfahrt nach China 
und Indien ganz unerwartet die Dwinamündung und damit 
den nördlichen Seeweg nach Rußland, auf dem sich nun 
ein steigender Handelsverkehr mit dem Inselreich ent- 
wickelte. 

So kamen immer mehr Westeuropäer nach Rußland, 
eine stattliche Zahl hat Adelung in seiner verdienstlichen 
Übersicht der Rußlandreisenden 1 ) zusammenstellen können. 
Viele von ihnen haben ihre Erlebnisse und Eindrücke auf- 
gezeichnet und veröffentlicht und dadurch weiteren Kreisen 
des Abendlandes zuerst nähere Nachrichten über die Lage 
und inneren Verhältnisse des Moskowiterstaates übermittelt. 
Der Wert dieser Berichte ist freilich ganz verschieden. 
Manche, zumal die nicht wenigen Abenteurer, nahmen es 
mit der Wahrheit nicht genau, gefielen sich in phantasti- 
schen Ausschmückungen und Fabeleien oder erzählten die 
ihnen selbst aufgebundenen Märchen kritiklos nach. Weitaus 



*) Bd. I. Petersburg und Leipzig 1846. 




80 Walter Platzhoff, 

den ersten Platz in dieser Literatur beanspruchen die vielge- 
lesenen „Rerum Moscoviticarum Commentarii" des Freiherrn 
Sigmund von Herberstein 1 ), der zweimal, 1517 und 1526/7, 
als österreichischer Gesandter in Moskau gewesen und von 
Ferdinand I. ausdrücklich angewiesen worden war, die Reli- 
gion, Sitten und Gebräuche des Volkes zu erkunden. In seinem 
auf eigenen Beobachtungen und glaubwürdigen Quellen be- 
ruhenden Werke hat er nicht nur dem Abendland, sondern 
auch den Russen selbst eine erste im großen und ganzen 
zuverlässige Darstellung der historisch-geographischen Ent- 
wicklung ihres Staates geliefert. 

Freilich blieb der Verkehr mit ihnen noch lange sehr 
einseitig. Moskowiter kamen höchst selten und fast nur im 
Auftrage ihres Herrn in den Westen, und wo sie erschienen, 
wurden sie weidlich angestaunt. Als sich 1576 auf dem 
Regensburger Reichstag eine Gesandtschaft des Zaren ein- 
fand, wurde über dieses außergewöhnliche Ereignis eine 
Reihe von Flugschriften verfaßt und ihr Aufzug zum Kaiser 
in einem Holzschnitt verewigt. 2 ) Die Verhandlungen mit 
den Halbasiaten waren meist recht schwierig, schon die 
Übersetzung ihrer russisch abgefaßten Instruktionen bereitete 
oft nicht geringe Verlegenheit. Und ihr Gebahren bestätigte 
vollauf die Schilderungen der Rußlandreisenden über die 
unglaubliche kulturelle Rückständigkeit dieses Volkes. Daß 
die Moskowiter mit den politischen Verhältnissen in Europa 
nur mangelhaft vertraut waren — 1582 hielt ein Gesandter 
des Zaren Venedig für eine päpstliche Provinz 3 ) — , war bei 
ihrer Weltabgeschiedenheit noch entschuldbar, aber ihre 
ausschweifende Liebe zum Becher, ihre Roheit und Gewalt- 
tätigkeit erregten überall begreifliches Befremden, und es 
ist nicht zu verwundern, daß das diplomatische Korps diesen 
Barbaren aus dem Wege ging. Als 1527 russische Gesandte 
an Karl V. nach Valladolid kamen, verkauften sie, wie der 

*) Über ihn Adelung, Sigmund Freiherr von Herberstein. St. Pe- 
tersburg 1818. Seine Kommentarien wie auch die übrigen Berichte 
über Rußland gesammelt in Historiae Ruthenicae scriptores exteri sae- 
culi XVI. ed. Starczewski I, II. Berlin und St. Petersburg 1841. 

2 ) Schiemann 1 1, zwischen S. 380 und 381, aber fälschlich zu 1580. 

3 ) Pierling, Bäthory et Possevino. Documents inidits sur les rap~ 
ports du St. Siege avec les Slaves. Paris 1887, S. 19. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 81 

polnische Vertreter schadenfroh meldet, zum Gespött der 
Spanier die mitgebrachten Zobelpelze und Walroßzähne auf 
eigene Rechnung und zu Schleuderpreisen 1 ), und 1582 scheute 
sich ein Botschafter des Zaren nicht, während der feierlichen 
Audienz beim Papst seinem Sekretär vor den Augen der 
erstaunten Kurie einen Faustschlag in den Rücken zu ver- 
setzen. 2 ) 

Ein solches Benehmen stand in einem seltsamen Kon- 
trast zu der Anmaßung der Gesandten und dem großen 
Wert, den sie auf das Zeremoniell legten. Das war ihnen 
von ihren Gebietern zur Pflicht gemacht worden, denn 
diese geschickten Diplomaten benutzten die Etikette und 
Rangfrage, um sich als gleichberechtigte Genossen der 
europäischen Großmächte zu erweisen und ihr Prestige 
höher erscheinen zu lassen, als es in Wirklichkeit war. 
Nicht nur aus Renommage, sondern auch aus schlauer 
Berechnung schlugen die Zaren den westlichen Fürsten 
gegenüber einen beispiellos hochmütigen und verächtlichen 
Ton an. Einem polnischen Gesandten erklärte Ivan IV. 
1573, daß er und der Sultan die adeligsten Fürsten Europas 
seien, sein Geschlecht gehe auf Caesar Augustus zurück 3 ); 
und dementsprechend verlangten 1570 seine Gesandten in 
England, daß die Antwort auf ihr Anbringen in russischer 
Sprache abgefaßt werde, da ihr Herr keine andere verstehe. 4 ) 
Und die Königin Elisabeth selbst wagte der Zar 1570 in 
einem offiziellen Schreiben ein „ganz ordinäres Mädchen" 
zu nennen und ihr vorzuhalten, daß sie nicht auf die Ehre 
ihrer Stellung achte, sondern neben sich andere Leute, 
noch dazu „gemeine Kaufleute" regieren lasse. 6 ) Eine 
solche Sprache war um so unerhörter, da Ivan um dieselbe 
Zeit dem Khan der Krim tributpflichtig wurde und bald 



x ) Acta Tomiciana IX, Nr. 252, S. 255. Vgl. auch die Beschrei- 
bung der russischen Gesandtschaft von 1576 in den Nuntiatur- Berichten 
aus Deutschland III, 2 (Berlin 1894), S. 176 f. 

2 ) Pierling, La Russie II, 204. 

*) Schiemann II, 347. 

*) Calendar of State Paper s. Foreign Series 1569/71. Nr. 894. 

5 ) Brückner S. 50. Im Calendar ist das Schreiben nicht abge- 
druckt ! 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 6 



82 Walter Platzhoff, 

darauf in Livland durch die Polen Niederlagen auf Nieder- 
lagen erlitt. 

Aber das Auftreten verfehlte seinen Zweck nicht. All- 
gemein wurde im Westen die Macht des Moskowiters über- 
schätzt. Sicherlich haben dazu auch die Berichte über Ruß- 
land beigetragen, welche die Allgewalt des Zaren in den 
stärksten Farben ausmalen. Herberstein meint, daß er an 
Machtvollkommenheit über seine Untertanen alle übrigen 
Monarchen der Welt übertreffe 1 ), und der Bischof von 
Lesina stellt ihn darum dem Sultan an die Seite. 2 ) Der 
Vertraute Stephan Bäthorys, Heidenstein, schreibt, es gebe 
in Ivans IV. Reich beinahe nur ein Gesetz, nämlich seinem 
Willen als einem Gesetz zu gehorchen 3 ), und dem Jesuiten 
Possevino erscheint er fast als der Herr der Güter, Leiber, 
Seelen und Gedanken seines Volkes. 4 ) Daß tatsächlich der 
zarische Absolutismus damals noch durch die Aristokratie 
der ehemals unabhängigen Bojaren beschränkt war, ent- 
ging den meisten Beobachtern oder wurde ihnen geschickt 
verborgen. Denn ganz geflissentlich wurden sie während 
ihres Aufenthaltes in Rußland genau überwacht und vom 
Verkehr mit den Eingeborenen möglichst abgeschlossen. 5 ) 

Ebenso hatte man von den gewiß großen militärischen 
Kräften des Moskowiterstaates eine übertriebene Auffassung, 
obgleich Herberstein deren Mängel und Schwächen hervor- 
gehoben hatte. Die Italiener fabelten davon, daß der Zar 
ohne Schwierigkeit 150000 Reiter, wenn nicht gar 200000 
oder 400000, und daneben noch 60000 Fußsoldaten auf- 
bringen könne. 6 ) Die Bedürfnislosigkeit, die Ausdauer und 



x ) a. a. O. I, S. 11. 

2 ) Zinkeisen, Der Westen und Osten im 3. Stadium der orien- 
talischen Frage (Historisches Taschenbuch 3. Folge, 9. Jahrgang) 
S. 486 ff. 

3 ) Hist. Ruthen. Script. II, 94 f. 

4 ) Ebenda 277. 

5 ) Possevino klagt 1582: „sono stato tenuto ... in tanta custodia, 
che non poteva uscire almeno per andar a pigliar pur una gucchia, 
stando piü di 6o persone alla mia custodia, sotto pretesto di honorarmi, 
ma la veritä era, che non volevano, ch'io parlasse, ne che mi fusse par- 
lato." Pierling, Bäthory et Possevino S. 146. 

6 ) In den unten S. 84 Anm. 5 angeführten Denkschriften. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 83 

angeblich gute Bewaffnung des Heeres sowie seine berüch- 
tigte grausame Kriegführung machten es noch gefürchteter. 
Der besondere Schrecken waren schon damals die Kosaken, 
nach Heidenstein die stärkste und tapferste russische Truppe, 
die sich als Privatinstitution zu freiwilligem Kriegsdienst 
zusammenfindet, um Raubzüge an den Grenzen zu unter- 
nehmen und das Gebiet der Nachbarn zu plündern. 1 ) 

Aus dieser Überschätzung der russischen Macht ist es 
zu erklären, daß man sie im Westen seit dem Ausgang des 
15. Jahrhunderts als ernstlichen Faktor in die europäische 
Politik oder wenigstens in diplomatische Pläne einstellte. 
Das Bündnis Maximilians I. mit dem Zaren entsprang zwar 
lediglich seinem Antagonismus zu den Jagelionen, und der 
Einfall Dietrich von Schönbergs, des Ratgebers des Hoch- 
meisters Albrecht von Preußen, auch den Moskowiter für 
die Kaiserwahl von 1519 in Bewegung zu setzen und eine 
russisch-französische Allianz zugunsten des Deutschen Or- 
dens zu erzielen 2 ), beweist nur den phantastischen Dilettan- 
tismus dieses Diplomaten. Aber immer wieder wurde in 
Europa der Gedanke erwogen, den Zaren als Sturmbock 
des Abendlandes gegen den Islam zu benutzen und ihn in 
die lange erstrebte, aber nie erreichte allgemeine Türken- 
liga einzubeziehen. Im Hinblick darauf hatte die Kurie 
1472 die Vermählung der byzantinischen Prinzessin Zoe mit 
Ivan III. vermittelt 3 ), woraus diesem bei dem Aussterben 
des Paläologenhauses ein Erbanspruch auf den griechischen 
Kaiserthron erwachsen konnte. Ein Jahr später machte ihn 
die Signorie von Venedig geflissentlich darauf aufmerksam. 4 ) 
Auch Kaiser Maximilian I. spielte in seinen Verhandlungen 
mit Moskau die osmanische Gefahr aus, zumal als er nach 
seiner Versöhnung mit den Jagellonen einen Ausgleich zwi- 
schen Polen und Rußland zustande zu bringen suchte. Er 
ist der erste in der Geschichte, der eine österreichisch-rus- 



x ) Hist. Ruthen. Script. II, 89. 

2 ) Joachim, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen 
Albrecht von Brandenburg IL (Publikationen aus den preuß. Staats- 
archiven Bd. 58, Leipzig 1894), S. 41 ff. u. 221 ; dazu Übersberger S. 161.. 

3 ) Pierling, La Russie I, S. 133 ff. 
«) Übersberger S. 113. 

6* 



84 Walter Platzhoff, 

sische Koalition gegen die Türken angeregt hat. Freilich 
erklärte nun auch der deutsche Reichstag, als Karl V. 1530 
von ihm die Türkenhilfe begehrte, die Vorbedingung einer 
erfolgreichen Expedition sei neben dem Frieden im Reich 
die Mitwirkung anderer christlicher Potentaten und ,,des 
Musquiters". 1 ) 1569/70 wies ein russischer Flüchtling, aller- 
dings aus sehr egoistischen Motiven, Maximilian II. darauf 
hin, daß durch den Zaren auch Persien gegen den Sultan 
mobil gemacht werden könne 2 ), und der Kaiser griff den 
Gedanken auf. Dem venetianischen Gesandten gegenüber 
bezeichnete er die Beteiligung dieser beiden Staaten als 
höchst wichtig, da man dann von mehreren Seiten in das 
Osmanenreich einfallen könne. 3 ) Selbst ein so nüchterner 
Kopf wie Paolo Sarpi riet später der Signorie, bei einem 
Türkenkrieg den Russen nicht außer acht zu lassen. 4 ) 

Besonders lebhaft wurde nach dem Seesieg von Lepanto 
die Frage in Italien erörtert, und zumal die nicht geringe 
Zahl der unberufenen Politiker ließ dabei ihrer Phantasie 
die Zügel bedenklich weit schießen. 5 ) Sie glaubten, der An- 
schluß des Moskowiters werde die Türkenliga unüberwind- 
lich machen, denn die christlichen Balkanvölker würden ihm 
wegen der Rassen- und Konfessionsverwandtschaft sofort 
zufallen, um die Ketten der türkischen Sklaverei abzustreifen. 
Auch der Ausdruck ,, Zarbefreier" kommt in diesem Zu- 
sammenhang schon jetzt vor. 6 ) Einige wollten wissen, daß 

*) Egelhaaf, Deutsche Geschichte im 16. Jahrhundert II (Stutt- 
gart 1892), S. 193. 

2 ) Übersberger S. 397 f. 

3 ) Turba, Venetianische Depeschen vom Kaiserhof III (Wien 
1896), 490 Anm. 2. 

4 ) Zinkeisen a. a. O. S. 490 und Anm. 121. 

5 ) Vgl. die Denkschrift des Bischofs von Fünfkirchen 1573 bei 
Katona, Historia critica regum Hungariae XXV (Buda 1793), S. 444 ff.; 
die Relation und Schreiben Soranzos von 1576 bei Alberi, Relazioni 
degli ambasciatori Veneti III, 2, S. 206 und Zinkeisen, Geschichte des 
osman. Reiches III (Gotha 1855), S. 529; ferner Lamansky, Secrets 
d'itat de Venise (St. Petersburg 1884), S. 380 Anm. 1 u. 2; Pierling, 
La Russie II, 330 ff. und die Denkschrift des Bischofs von Lesina 1594 
im Histor. Taschenbuch a. a. O. 486 ff. 

•) In dem Bericht des von Clemens VIII. 1594 nach Rußland 
entsandten Slawen Alexander Komulovic bei Pierling a. a. 0. II, 330 ff. 




Das erste Aultauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 85 

die Russen früher einmal Serbien und Bulgarien besessen 
und von Konstantinopel Tribut erhalten hätten, wodurch sie 
über einen weiteren Rechtstitel auf Byzanz verfügten. Auf 
dem Marsche dorthin würden sie kein Hindernis finden, die 
Tore von Stambul würden sich ihnen von selbst öffnen, und 
sollte wider Erwarten dennoch Widerstand geleistet werden, 
so würden eine dreitägige Belagerung und 50 Galeeren ge- 
nügen, ihn zu brechen. Man war also bereit, dem Zaren 
als Lohn für die Vertreibung der Osmanen aus Europa 
Konstantinopel zu überlassen. 1576 hat sogar ein kaiser- 
licher Gesandter, Hans Kobenzl, Ivan IV. dieses Angebot 
gemacht, und russische Forscher haben sich mit Vorliebe 
darauf berufen; aber wie von Übersberger festgestellt wor- 
den ist, hat er dabei auf eigene Faust und in Überschreitung 
seiner Instruktion gehandelt. 1 ) 

Die Gegner Habsburgs, die Franzosen, die damals noch 
gar keine Berührung mit dem Zarenreich hatten 2 ), sahen 
diese Bestrebungen wegen ihrer traditionellen Türkenfreund- 
schaft sehr ungern. Sie suchten die Pforte auch dadurch 
gegen Spanien aufzustacheln, daß sie Philipp II. beschul- 
digten, er habe als englischer König-Gemahl die Handels- 
beziehungen mit Rußland nur deshalb begünstigt, um dem 
Moskowiter unter diesem Deckmantel moderne Waffen, vor 
allem Artillerie, gegen den Sultan zu liefern. 3 ) Umgekehrt 
ermahnten der katholische König, die Kurie und Venedig 
die Österreicher immer wieder, die ihnen von Maximilian I. 
überkommenen und für die ganze Christenheit so wertvollen 
Beziehungen zum Zaren nicht zu vernachlässigen. 4 ) Bei den 
deutschen Protestanten galt der Moskowiter wegen seines 

x ) Übersberger 449. 

2 ) Rambaud, Recueil des Instructions donnees aux ambassadeurs 
de la France. Russie I (Paris 1890), S. VIII f. 

3 ) Charriere, Nigociations de la France dans le Levant II (Paris 
1850), S. 449 f., ein Schreiben des Bischofs von Dax, Mai 1558; die- 
selbe Klage der Livländer 1558 bei Schirren, Quellen zur Gesch. des 
Untergangs Livländ. Selbständigkeit I (Reval 1861), Nr. 38, S. 108. 

*) Instruktion Philipps II. an seinen Gesandten nach Wien 1590 
bei v. Bezold, Briefe des Pfalzgrafen Johann Casimir II (München 
1884), Nr. 350; Ermahnungen des Papstes: Nuntiaturberichte 111,2, 
S. 117 ff., 164 Anm. 2; der Signorie bei Lamansky S. 380 A. 2. 



86 Walter Platzhoif, 

vermeintlichen Vertrauensverhältnisses zu den Habsburgern 
und zum Papst schon „als Organon und rechtes Werkzeug" 
der katholischen Religion. 1 ) Bei seinem Einfall in Livland 
1558 tauchte das Gerücht auf, er werde von dem Spanier- 
könig unterstützt 2 ), und in Rom scheint man sich wirklich 
der Illusion hingegeben zu haben, Ivan habe den Krieg zur 
Ausrottung des livländischen Protestantismus unternom- 
men. 3 ) Anderseits befürchtete Possevino von der Einwan- 
derung evangelischer Kaufleute nach Rußland eine Störung 
seines Bekehrungswerkes 4 ), und ängstlich suchten die Nun- 
tien 1576 von einer geplanten Reichsgesandtschaft nach 
Moskau die Protestanten fernzuhalten. 5 ) 

Während so in Westeuropa über die Stellung und Ver- 
wendung Rußlands diskutiert und phantasiert wurde, trie- 
ben die Zaren, davon völlig unbeeinflußt, nur ihre eigene 
Politik. Sie waren nicht gesonnen, sich vom Abendland für 
dessen Zwecke einfangen und sich ihre Ziele vorschreiben zu 
lassen. Die Befürworter eines russischen Eingreifens gegen 
die Türken bedachten nicht, daß sich dies schon aus geo- 
graphischen Gründen verbot. Zwar hatte 1526 König Sigis- 
mund von Polen die kaiserlichen Gesandten auf die zwi- 
schen den russischen und türkischen Gebieten sich erstrek- 
kende Steppe hingewiesen 6 ), aber es war unbeachtet ge- 
blieben. Indes auch abgesehen davon, war der Moskowiter 
von einem Bruch mit der Türkei weit entfernt, neuere For- 
schungen haben dargetan, daß damals nicht einmal aus 
jener Heirat mit der Paläologentochter ein staatsrechtlicher 
Anspruch auf Byzanz gefolgert worden ist. 1 ) In richtiger 

x ) Schiemann II, 312; vgl. auch eine Zeitung von 1561 bei Kluck- 
hohn, Briefe Friedrichs des Frommen I (Braunschweig 1868), S. 211 
Anm. I. 

2 ) Droysen, Geschichte der preuß. Politik 11,2 (2. Aufl., Leipzig 
1870), S. 282. 

8 ) Das zeigt das Schreiben Ferdinands I. an seinen Orator in 
Rom, 14. Nov. 1560 bei Sickel, Zur Gesch. des Konzils von Trient 
(Wien 1870), S. 135 f. 

4 ) a. a. O. 281. 

6 ) Nuntiaturberichte 111,2, S. 127 f., 132. 

8 ) Übersberger 197 f., ebenso Bäthory 1581 vgl. Pierling, Bdthory 
S. 94. 

7 ) Übersberger S. 14 Anm. 2. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 87 

Würdigung ihrer Lage trachteten die Zaren vielmehr nach 
einem Bündnis mit der Pforte und wurden darin durch die 
abendländischen Schilderungen von der ungeheuren osma- 
nischen Macht noch bestärkt, während umgekehrt in der 
Türkei die Russen anscheinend zu hoch eingeschätzt worden 
sind. 1 ) Die schlauen moskowitischen Politiker benutzten die 
europäischen Lockungen ebenso wie die römischen Unions- 
wünsche nur als Köder, wenn sie die Mächte für ihre eigenen 
Zwecke brauchten, so als Ivan IV. 1580 in dem unglück- 
lichen Polenkrieg die Vermittlung von Kaiser und Papst zu 
erlangen suchte. Tatsächlich war seine Politik und sein 
Eroberungsdrang nach Westen und nicht nach Osten orien- 
tiert. 

Schon längst hatte der Kreml sein Augenmerk auf Liv- 
land, „dieses Schicksalsland des europäischen Ostens", ge- 
richtet, um sich hier den unentbehrlichen Zugang zum Meer 
und den bisher versperrten unmittelbaren Verkehr mit 
Westeuropa zu öffnen. Die Unterwerfung Nowgorods (1478), 
die Schließung des hansischen Kontors daselbst und die 
unaufhörlichen Vorstöße gegen die Ostseeküste hätten einen 
scharfen Beobachter über das wahre Ziel der moskowiti- 
schen Politik aufklären müssen. Da Livland staatsrechtlich 
ein Glied des Deutschen Reiches war, kündigte sich bereits 
damals die baltische Frage zwischen Rußland und Deutsch- 
land an. Aber die heraufziehende Gefahr wurde im Reiche 
zunächst nicht erkannt. Noch galt Polen, das eben jetzt 
den halbvernichteten Ordensstaat in Preußen gänzlich zu 
beseitigen suchte, als der bedrohlichere Gegner im Osten, 
zu seiner Niederringung wollte Maximilian I. vor seiner 
Familienverbindung mit den Jagelionen auch den Zaren 
benutzen. Da war Kurfürst Joachim I. von Brandenburg 
weitblickender, er lehnte 1514 den Eintritt in die vom 
Kaiser erstrebte nordische Allianz gegen Polen ab mit der 
Begründung: es sei leicht zu denken, wie gut er und andere 
umliegende Fürsten es haben würden, wenn der Russe seinen 
Willen erlange und Polen unter sich bringe; ein Bündnis 
mit dem Moskowiter sei ihm unangenehm und Polen viel- 

x ) Das geht aus den S. 84 Anm. 5 angeführten Denkschriften 
hervor und Pierling a. a. 0. S. 157 ff. 



88 Walter Platzhoff, 

leicht ein besserer Nachbar als dieser. 1 ) Auch am Kaiserhofe 
scheinen gelegentlich derartige Ahnungen aufgestiegen zu 
sein. Auf die Kunde von einem russischen Sieg über die 
Polen schrieb in demselben Jahr ein kaiserlicher Rat: „Wo 
dem also, ist mir leid um die Christenheit" 2 ) und, wie Diet- 
rich von Schönberg später in Moskau versicherte, hat auch 
Maximilian selbst den Hochmeister vor der russischen Macht 
gewarnt 3 ), aber wohl nur, um ihn vom Anschluß an sie 
abzuhalten. 

Bei der inneren Schwäche und Zerrüttung Livlands und 
seiner äußeren Isolierung war sein Schicksal vorauszusehen. 
Herberstein prophezeite schon 1525, daß es sich zwischen 
den überlegenen Nachbarn Polen und Rußland auf die Dauer 
nicht behaupten könne, sondern die Beute des einen oder 
anderen werden müsse. 4 ) Jedoch das Reich, dem dieser ferne 
Außenposten längst entfremdet war, blieb, zumal in den 
kampferfüllten Jahren der Reformationszeit, gegen alle seine 
Hilfsgesuche taub, obwohl ein Gesandter 1551 darauf hin- 
wies, daß der Moskowiter mit der Eroberung Livlands der 
Ostsee mächtig und desto schleuniger danach trachten werde, 
auch die anstoßenden Gebiete unter seinen Gehorsam zu 
bringen. 5 ) Eine erneute Bitte gab Ferdinand I. 1558 an 
Schweden weiter, mit der bezeichnenden Begründung, daß 
Kaiser und Reich zu entlegen seien. 6 ) Kurz zuvor war 
der lange gefürchtete Einbruch Ivans des Schrecklichen 
in Livland erfolgt. Sein Morden und Plündern, die bestia- 
lische Mißhandlung von Frauen und Kindern und die Ver- 
schleppung Wehrloser ins Innere Rußlands erinnerten die 



x ) Joachim I, S. 76 und Ulmann in den Forschungen zur deut- 
schen Geschichte XV III, S. 102. 

2 ) Ulmann S. 104. 

3 ) Sbornik 53 (Denkmäler der diplomat. Beziehungen des Mos- 
kauischen Staats mit dem deutschen Orden) S. 46, dazu Joachim I, 
S. 89; II, 13; Brückner S. 62. 

4 ) Miklosich und Fiedler, Slawische Bibliothek II (Wien 1858), 
Beil. II, S. 72. 

5 ) Wurm, Eine deutsche Kolonie und deren Abfall (Allgem. 
Zeitschr. f. Gesch. VI), S. 407. Vgl. auch Reimann, Das Verhalten 
des Reichs gegen Livland 1559/61 (Histor. Zeitschr. XXXV). 

8 ) Schirren I, Nr. 92, S. 254 ff. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 89 

Zeitgenossen an die berüchtigten Türkeneinfälle, uns heute 
gemahnen die Schilderungen an die russischen Greuel in 
Ostpreußen. Die Kunde davon hat im Reich doch Ein- 
druck gemacht, zum ersten Male erscheint die russische 
Gefahr am deutschen Horizont. Am klarsten hat sie einer 
der scharfblickendsten Politiker dieser Zeit, der Franzose 
Hubert Languet, erfaßt, er weissagte angesichts der rus- 
sischen Siege schon 1558: „Wenn Ein Reich in Europa 
wachsen muß, so wird es dieses sein." 1 ) Die allgemeine 
Stimmung gibt Herberstein mit den Worten wieder: „Der 
Moskowiter Name ist bei allen umliegenden Völkern, auch 
in Deutschland sehr erschrockenlich geworden, also daß 
man besorget, es werde uns Gott durch den Moskowiter, 
Türken oder andere große Monarchen ernstlich heim- 
suchen. .. ," 2 ) Ein französischer Diplomat, der damals in 
Deutschland weilte, um die Fürsten über den Raub von 
Metz, Toul und Verdun zu beruhigen, meldet nach Paris, 
man rede im Reich viel vom Moskowiter und fürchte ihn wie 
den Türken. Ihm und seiner Regierung war das Auftauchen 
des Zaren sehr willkommen, er hoffte, es werde die Auf- 
merksamkeit der Deutschen nach Osten ablenken. 3 ) 

Das war indessen nicht der Fall. Nachdem das Reich 
der Zertrümmerung des preußischen Ordensstaates tatenlos 
zugeschaut hatte, war nicht anzunehmen, daß es sich für 
die Rettung Livlands ernstlich rühren würde. Eine einheit- 
liche auswärtige Politik war ja schon längst durch den 
Partikularismus der Territorialfürsten und die vielen inneren 
Gegensätze unterbunden. Bei den östlichen Fürsten, Bran- 
denburg, Sachsen und Pommern, herrschte zwar lebhafte 
Besorgnis. Der Herzog Barnim der Ältere von Pommern 
glaubte schon sein eigenes Land von russischen „Bestellten" 
bereist 4 ), und Kurfürst August von Sachsen meinte 1559, 



J ) Waddington, De Huberti Langueti Vita (These, Paris 1888), 
S. 123. 

2 ) Deutsche Ausgabe der „Moskowitischen Chronika" (Frank- 
furt a. M. 1579), S. 26 a. 

8 ) Bericht des Erzbischofs von Vienne 1559 bei Vaissiere, Charles 
de Morulae (These, Paris 1896), S. 377 ff. 

4 ) Wurm a. a. 0. S. 429 f. 



90 Walter Platzhoff, 

die von Rußland drohende Gefahr sei eine allgemein euro- 
päische, die sich in Zukunft zu derselben Größe auswachsen 
würde wie die türkische. 1 ) Der Nuntius Delfino wiegte sich 
bereits in der Hoffnung, die Russenfurcht werde diesem Führer 
des deutschen Protestantismus die Anerkennung des Papst- 
tums erleichtern. 2 ) Noch schwärzer malte Kaiser Ferdinand 
die Lage in einem Schreiben nach Rom aus: Ivan werde sich 
nicht mit Livland und der Herrschaft über die Ostsee begnü- 
gen, sondern danach auch Deutschland, die Niederlande, Eng- 
land und das ganze Nordseegebiet angreifen, um hier Handel 
und Schiffahrt zu zerstören oder an sich zu reißen. 3 ) Er 
verfolgte freilich mit dieser pessimistischen Schilderung nur 
den Zweck, den Papst von der befürchteten Verleihung des 
Königstitels an den Zaren abzubringen. Im Westen des 
Reiches dagegen kümmerte man sich um diese Ereignisse 
kaum. Als auf dem Reichstag von 1559 die durch eine 
Gesandtschaft flehentlich erbetene Reichshilfe für Livland 
beraten wurde, erklärte das Kurfürst Friedrich der Fromme 
von der Pfalz für eine Einmischung in fremde Händel und 
protestierte gegen die Bezeichnung Ivans als Reichsfeind. 4 ) 
Jedoch auch die östlichen Fürsten wollten — von ver- 
schwindenden Ausnahmen abgesehen — ihren Worten keine 
Taten folgen lassen und sträubten sich wegen der „allzu- 
vielen Beschwerung" des Reiches gegen eine Waffenhilfe 
für die Livländer. Das klägliche Resultat langen Verhan- 
deins und Feilschens war der Beschluß, den Zaren durch 
Gesandte zum Frieden zu mahnen und den Angegriffenen 
eine völlig unzureichende Beisteuer zu leisten, aber beides 
blieb auf dem Papier. So erfüllte sich Livlands Geschick, 
Allerdings wurde ein Eingreifen des Reiches durch einen 
Umstand sehr erschwert: durch seine Ohnmacht zur See. 



2 ) Froebe, Kurfürst August von Sachsen und sein Verhältnis 
zu Dänemark (Diss. Leipzig 1912), S. 53 f., 93, 120; dazu v. Bezold 
I, S. 95, Anm. 2 die Äußerung Johann Casimirs über August: „qu'il 
a peur du Moscovite". 

2 ) Vgl. die Berichte Delfinos in den Nuntiaturberichten II, 1, 
S. 348 f. und bei Bucholtz, Geschichte der Regierung Kaiser Ferdi- 
nands I. Urkundenband (IX.) (Wien 1838), S. 675. 

8 ) Sickel a. a. O. S. 135 f. 

4 ) Kluckhohn I, S. 65, 186; II, 870; Froebe S. 53 f. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 91 

Dieser Mangel ist schon damals erkannt und hervorgehoben 
worden, von Maximilian II. und besonders von dem bizarr- 
sten und beweglichsten Kleinfürsten jener Tage, dem Pfalz- 
grafen Georg Hans von Veldenz. 1 ) Geradezu fieberhaft be- 
trieb er in diesen Jahren die Gründung einer deutschen 
Flotte, die auch gegen den Moskowiter verwandt werden 
sollte. Der im Kern sehr richtige, aber phantastisch aus- 
gestaltete Gedanke entsprang indes auch bei ihm nur dem 
Eigennutz, er selbst wollte als Admiral an die Spitze des 
Unternehmens treten. Jahrelang hat er die Fürsten und 
Reichstage mit seinem Plan bestürmt, aber sie wiesen ihn 
ab, sowohl aus Mißtrauen gegen den Unberechenbaren wie 
aus allgemeiner Indolenz. 

Der einzige Schritt, zu dem man sich aufraffte, war 
ein kaiserliches Mandat von 1560, das allen Reichsgliedern 
die Einfuhr von Proviant und Munition nach Rußland 
untersagte, um ein weiteres Anwachsen der zarischen Macht 
zu verhüten. Aber auch diese ohnehin bald wieder aufge- 
hobene Maßregel blieb so gut wie wirkungslos. Vor allem 
Lübeck, dessen Handel wesentlich auf der Narwafahrt be- 
ruhte, widersetzte sich. Auf dem Reichstag von Speier 1570 
erklärten die Vertreter der Hansestadt Polen und Däne- 
mark für größere Reichsfeinde als Rußland. 2 ) Sie beriefen 
sich darauf, daß der russische Handel den christlichen (sie!) 
Völkern nicht weniger förderlich sei als den Moskowitern 
und viele Menschen dadurch ihren alleinigen Unterhalt 
fänden. 3 ) Und auch das Argument war nicht ganz un- 
gerechtfertigt, daß ein solches Verbot leicht zur Bil- 
dung einer russischen Marine führen könnte; „und dieses 
Volk an die See zu gewöhnen, müsse man sich wohl vor- 

*) Eine dringend wünschenswerte Biographie des Pfalzgrafen 
fehlt, sogar in der Allgem. Deutschen Biographie. Einigen Ersatz bietet 
die Bonner Dissertation von Kunz, Die Politik des Pfalzgrafen Georg 
Hans von Veldenz. Bonn 1912. Über den Admiralsplan Höhlbaum in 
den Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln XVIII. 

2 ) Übersberger S. 366. Vgl. jetzt auch Dreyer, Die lübisch-liv- 
ländischen Beziehungen zur Zeit des Untergangs livländ. Selbständig- 
keit 1551—1563 (Veröffentl. zur Gesch. der Freien- und Hansestadt 
Lübeck I 2 , Lübeck 1912). 

3 ) Wurm S. 425. 




92 . Walter Platzhoff, 

sehen." In dieser Auffassung traf sich die Stadt mit ihrem 
Gegner Polen, dessen König damals nach Rom schrieb: ,, Zeigt 
man den Russen den Weg an die See, dann werden sie 
noch gefährlicher und schädlicher. 1 ) Aber anderseits war die 
Waffenlieferung nach Rußland doch eine sehr zweischnei- 
dige Maßnahme. Livländische Gefangene, die nach Moskau 
gebracht und dort mißhandelt wurden, mußten von einem 
zuschauenden Tataren hören, es geschähe ihnen nach Ver- 
dienst, denn sie selbst hätten dem Moskowiter die Rute in 
die Hand getan, mit der sie nun gestäupt würden. 2 ) Und 
die Zukunft hat dem Herzog von Alba recht gegeben, der 
1571 die deutschen Reichsstände vor der Ausfuhr von Ka- 
nonen und sonstigen Kriegsbedürfnissen nach Rußland 
warnte: denn wenn das Zarenreich sich die militärischen 
Hilfsmittel Europas aneigne, werde es sicherlich dereinst 
als ein furchtbarer Gegner nicht allein des Reiches, sondern 
des ganzen Abendlandes erstehen. 8 ) 

Die Prophezeiung hat sich freilich erst nach langer 
Zeit erfüllt. Wenige Jahre später brach sich des Zaren 
Glück. Stephan Bäthory gebot der russischen Expansion 
Einhalt, das eroberte Livland ging 1582 an Polen verloren, 
und die inneren Wirren nach dem Tode Ivans des Schreck- 
lichen (1584) lenkten Rußland wieder von Westen ab. Beim 
Erlöschen der Rurikdynastie konnte sogar der Gedanke laut 
werden, die Zarenkrone einem österreichischen Habsburger 
zu übertragen. Die Moskowiter verschwanden fast aus 
Europa. In dem „großen Plan" Sullys sollten diese wilden 
und rohen Barbaren ebenso wie die Türken aus der christ- 
lichen Staatengemeinschaft ausgeschlossen bleiben. Jedoch 
schon 1656 sprach ein französischer Diplomat wieder war- 
nend von der russischen Flut, die, wenn man sie nicht recht- 
zeitig eindämme, leicht Pommern überschwemmen könne 4 ), 
und fünf Dezennien darauf belehrte Peter der Große das 
staunende Europa, daß die russische Gefahr wirklich exi- 



x ) Brückner S. 80. 
2 ) Zitiert ebenda S. 61. 

z ) Janssen, Geschichte des deutschen Volkes IV. 15/16 (Frei- 
burg 1896), S. 313 Anm. 1. 

4 ) Auerbach, La France et le St. Empire. (Paris 1912), S. 58 f. 



Das erste Auftauchen Rußlands und der russ. Gefahr etc. 93 

stierte und die früher geäußerten Befürchtungen nicht grund- 
los gewesen waren. Von ihm mit den abendländischen Kultur- 
ergebnissen ausgerüstet, trat das Zarenreich mit einem 
Schritt in den Kreis der europäischen Großmächte und 
steckte sich nun selbst und im Gegensatz zum Westen 
und besonders zu den Habsburgern das Ziel, Konstantinopel 
zu erobern. Mit der Erwerbung nicht nur Livlands, sondern 
der gesamten baltischen Provinzen durchbrach Peter I. 
seinem Volk das so lange begehrte „Fenster nach Europa". 
Die Politik des dritten und vierten Ivan war jetzt durch- 
geführt, als Erbe Polens und Schwedens errang Rußland 
die Vorherrschaft im Nordosten Europas. Schon strebte es 
nach dem dominium maris baltici und streckte seine Hand 
auch nach der deutschen Küste, namentlich nach Pommern 
aus. Aber zum Heile Deutschlands war inzwischen im deut- 
schen Osten der brandenburgisch-preußische Königsstaat 
erwachsen, der den moskowitischen Gelüsten entgegentrat, 
zuerst die Oder-, dann die Weichselmündung für sich und 
Deutschland sicherte und schließlich nach der Reichsgrün- 
dung von 1871 den Russen die Ostseeherrschaft entwand. 



Literaturbericht. 



Metaphysik der Geschichte. Eine Studie zur Religionsphilosophie 
von K. Dunkmann. Leipzig, Deichert. 1914. 70 S. 1,80 M. 

Dunkmann sieht das Bedürfnis der Theologie nach philo- 
sophischer Unterbauung weder in der alten Naturmetaphysik 
noch in der gegenwärtig herrschenden neukantianischen „Meta- 
physik des sittlichen Apriori" befriedigt. Er holt sich statt 
dessen Rat bei der Geschichte. Bei Dilthey und Rickert findet 
er Ablehnung einer Geschichtsmetaphysik, aber doch bei beiden 
das Zugeständnis eines letzten und unauflösbaren metaphysischen 
Restes. Nun untersucht D. den Begriff der Geschichte selbständig 
auf seine metaphysischen Inhalte. Keine der üblichen Begriffs- 
bestimmungen der Geschichte genügt ihm. 1. die Definition 
des geschichtlichen Gegenstandes als des Individuellen ist zu 
leer und formalistisch; sie grenzt das wirklich Menschliche nicht 
vom Naturgegenstand ab. 2. Der „Wert"-Begriff ist weniger 
dürftig, aber hier fehlt die Abgrenzung des Menschlich-Geschicht- 
lichen vom organischen Leben überhaupt. Es bleibt dabei die 
Frage offen (S. 25): „Welches ist das spezifische Moment der 
Kultur? Welches ist der Mehrwert über den Wertbildungen des 
Tierlebens?" 3. Der Begriff des isolierten, erkennenden Sub- 
jekts, dem alles außer ihm Objekt oder Nicht- Ich ist, führt auch 
nicht zur Geschichte. Denn der Geschichte ist gerade „das 
Moment der Gemeinschaft oder des Zusammenhangs" wesentlich. 
Hier schaltet D. S. 27 ff. nicht recht organisch eine Abfertigung 
dessen ein, was er als Rationalismus und Materialismus bezeichnet. 
Ein erkenntnistheoretischer Subjektivismus, wie er ihn schildert, 
ist gewiß einseitig, führt aber mindestens leichter zum Idealismus 
als zum Materialismus hinüber. D. erkennt dies in gewisser 



Allgemeines. 95 

Weise selbst an, denn er geht nun auf Münsterbergs Geschichts- 
philosophie ein, deren Grundgedanken, daß das Bewußtsein sich 
dem Mitmenschen gegenüber anders verhalte als dem bloßen 
Objekt gegenüber, er sich zu eigen macht. Das Ich ist jetzt 
nicht mehr isoliert, es versteht im „anderen Ich" sich selbst. 
Freilich, wenn Münsterberg dabei keine Kausalverbindung zwi- 
schen dem Ich und dem „andern Ich" gelten läßt, so widerspricht 
dies der Erfahrung. Das Gebiet der Geschichte steht nicht außer- 
halb der Natur, wenn es auch nicht schlechthin Natur ist. D. 
wendet sich also nun zu seinem eigenen Geschichtsbegriff, der 
alle vorgenannten, zu engen Begriffsbestimmungen in sich ent- 
hält und sie erweitert. 

Mit dem nun Folgenden ist ein interessanter Vorstoß in das 
Gebiet der schwierigsten Grenzfragen zwischen Natur und Ge- 
schichte gewagt; seine Schwäche scheint mir ein mehrdeutiger 
und nicht ganz klarer Naturbegriff zu sein, dagegen ist das Wesen 
des Geschichtlichen scharf erfaßt. D. geht davon aus, daß das 
Bewußtsein, das der reinen Natur gegenübersteht, sich rein 
logisch und geschichtslos verhält, also ethisch und sozial indif- 
ferent ist. Es scheint hier mehr das Ideal der Naturwissenschaft 
als das wirkliche Naturdenken geschildert, das keineswegs rein 
logisch verläuft. D. würdigt weder das nur einmal, S. 26, flüchtig 
erwähnte „emotionale" Denken noch die zwischen Natur und 
Geschichte vermittelnde Sonderstellung des ästhetischen Gebiets. 
Wie dem sei, jedenfalls verläuft das Bewußtsein, das anderen 
Bewußtseinen gegenübersteht, also das Bewußtsein im sozialen, 
geschichtlichen Gefüge, „dualistisch". „Die Geschichte be- 
steht aus einem Zusammenhang homogener Größen, die zugleich 
als (natürliche) Individuen völlig inhomogen gegeneinander sind. 
Hier (d. h. als Naturbewußtseine) haben die , Monaden' tat- 
sächlich keine , Fenster'; aber anderseits sind sie als soziale 
Phänomene so gut wie nur Fenster oder Augen, die sich einander 
anblicken." Darum darf „die Geschichte weder rein individuell 
verstanden werden, wie Rickert wollte, noch darf sie rein natur- 
gesetzmäßig zusammenhängend betrachtet werden, wie etwa 
Lamprecht erstrebt, noch auch als eigentümlicher Wirkungs- 
zusammenhang eigentümlicher homogener Größen, wie Dilthey 
meinte. . . . Vielmehr gibt uns die Geschichte ja gerade dies 
enorme Problem auf, einerseits solche Zusammenhänge zu fassen 



96 Literaturbericht. 

und zu verstehen, wie sie nur zwischen homogenen Größen mög- 
lich sind, und wie sie nur von einem homogenen Geist aus begriffen 
werden können, anderseits doch auch den gewaltigen Einfluß 
der sog. , Natur' mit in Rechnung zu setzen, und das heißt nun 
nicht bloß, daß die Natur die , Basis' ist, auf der sich die Ge- 
schichte abspielt, sondern das will sagen, daß dieser Natur 
auch ein geistiges Moment entspricht, ein geistiger Charak- 
ter, der unaufhörlich die Zusammenhänge wieder auf- 
hebt, der als Prinzip der Isolierung oder Trennung 
sich erweist" (S. 36f.). 

Da wären wir also bei Grundbegriffen der scholastischen 
Geschichtsphilosophie: der Geist als das die Menschen Verbin- 
dende, die psychische Natur als das principium individuationis. 
D. würde sich leichter ausdrücken, wenn er auf dies Vorbild 
hinwiese. Aber er scheint sich dieser Quellen seiner eigenen 
Anschauung gar nicht bewußt zu sein, sonst könnte er nicht 
(S. 38) folgende rein augustinische Lehre als neu bezeichnen: 
„Das Individuationsprinzip . . . wird innerhalb der Geschichte zum 
auflösenden Prinzip und damit zum unethischen, zum Prinzip 
der Egoität .... Für den Historiker ist deshalb die Geschichte 
der Schauplatz von Gegensätzen und Kämpfen, die im Innersten 
ethischer Natur sind. Die . . . Geschichtsauffassung . . . muß be- 
griffsnotwendig stets mit dem Antagonismus von Gut und Böse 
rechnen ... Es ist dann eine ethische Geschichtsauffassung, wenn 
wir das Gute, welches die Geschichte zu realisieren strebt, in 
der Homogenität geistiger Beziehungen erkennen, dagegen das 
Böse in der Auflösung derselben Beziehungen durch die Egoität. 
Eine solche ethische Geschichtsauffassung hat aber weder Dilthey 
noch Rickert noch irgendein anderer erreicht" (S. 38). Der 
„andre", der die von D. wiederaufgenommene Geschichtsmeta- 
physik in Wahrheit begründet hat, ist diePatristik und Scholastik. 
Man vergleiche die Grundlehre der mittelalterlichen Geschichts- 
philosophie, die Lehre von den duo civitates, im Zusammenhang 
mit der augustinischen Güterlehre (s. meine „Mittelalterlichen 
Studien" 1, 69ff.). 

So bewegt sich denn auch D.s weiterer Gedankengang in 
altbekannten christlich-philosophischen Bahnen, obwohl der Ver- 
fasser diesen Zusammenhang offenbar nicht klar einsieht. Die 
Erneuerung gerade dieser Gedankengänge scheint innerhalb der 



Allgemeines. 97 

protestantischen Metaphysik der Gegenwart ein gewisses Novum 
zu bedeuten. „Der eigentümliche Dualismus der Geschichte", 
der Zwiespalt zwischen Geistigem und Natürlichem, durchzieht 
die Weltbegebenheiten wie das Einzelbewußtsein. Daraus ent- 
springt einerseits die Kompliziertheit der Geschichte, ihre ver- 
wirrende, scheinbar ziel- und zwecklose Vieldeutigkeit, die „Ir- 
rationalität, die in ihrer Duplizität besteht", anderseits ergibt 
sich daraus der stete innere Kampf in jeder Menschenseele, der 
Zwiespalt zwischen egoistischem und sozialem Verhalten. Von 
hier aus findet nun D. den Weg aus der Geschichtsphilosophie 
zur Religion. Denn jener „Mangel an innerer Einheit" im ge- 
schichtlichen Makrokosmus wie bei der Widerspiegelung im einzel- 
seelischen Mikrokosmus wird vom menschlichen Geistesleben 
selbst hinreißend empfunden, und das Bewußtsein dieser Dis- 
sonanz, die Sehnsucht nach Einheit und „Friede", nach Über- 
windung des Dualismus findet in den Vorgängen der Welt- 
geschichte einen gewaltigen Ausdruck: ja, die Weltgeschichte 
ist im wesentlichen die Äußerung dieses Suchens und Ringens. 
Wenn D. eine solche Ansicht der Geschichte in der modernen 
Geschichtsphilosophie nirgends ausgeprägt findet, so gilt hierfür 
dasselbe, was wir eben bemerkten: die auch noch im 19. Jahr- 
hundert so oft vertretene philosophia perennis der christlichen 
Geschichtsmetaphysik stellt den Überlieferungszusammenhang 
der D. sehen Thesen mit ältesten christlichen Spekulationen her. 
So ist denn auch die Lösung, die D. gibt, im besten Sinn eine 
scholastische Formel. 1 ) 

Sehr schön ist auf S. 40f. geschildert, wie der Mensch bald 
nach der Natur, bald nach dem Geiste lebt, wie aber die eigent- 
lichen Höhepunkte des Daseins die sind, wo beides als Stückwerk 
empfunden wird, die Hingabe an das Ich ebenso wie (in andrer 
Weise) die Hingabe an das Allgemeine. Das Bewußtsein dieses 
unauf hebbaren Zwiespaltes bildet eben die letzte erreichbare 
Einheit des Bewußtseins (S. 47 f.). Mit anderen Worten: die 
religiöse Erfahrung gründet sich auf das Bewußtsein des geistigen 
Zwiespalts. Der Zwiespalt ist zwar das letzte Wort der Welt- 
wirklichkeit, das Bewußtsein davon aber führt über die Welt- 



') Die Bemerkung auf S. 41 f. geht von ungenügender Kennt- 
nis der Scholastik wie Hegels aus. 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 7 



98 Literaturbericht. 

Wirklichkeit hinaus in eine übergeschichtliche Einheit; dies 
Bewußtsein ist das Erleben Gottes, die Transzendenz, die Meta- 
physik (S. 49f.). Ich darf hier nur in Kürze darauf hinweisen, 
daß auch diese Deduktion nicht so neu ist, wie D. annimmt. 
Allerdings liegt in der Auseinandersetzung dieser alten Gedanken 
mit den Thesen und Ausdrucksformen der modernen Philosophie 
vielleicht das bedeutendste Verdienst der D. sehen Schrift, die 
apologetisch ist, ohne diese Eigenschaft in den Vordergrund zu 
stellen. 

Über den weiteren Inhalt der Schrift können wir hier rasch 
hinweggehen, da er teils nur theologische Interessen berührt, 
wie die Auseinandersetzung mit Herrmann und Mandel, teils 
erkenntniskritischer Art ist, wobei die Beziehung des Natur- 
willens auf den Naturbegriff und ähnliche Fragen mehr gestreift 
als gelöst werden. Was man nach den verheißungsvollen An- 
fängen der Schrift erwartet: eine Erörterung darüber, wie der 
geschilderte Dualismus in der Einzelseele mit dem Dualismus 
in der Weltgeschichte zusammenhänge, welches die gemeinsame 
(religiöse) Wurzel der Entwicklung des Individuums und des 
Fortschritts der allgemeinen Geistesgeschichte, was der Urgrund 
aller positiven Werte der Geschichte sei usf., kurz, die ganze 
konkrete christliche Geschichtsphilosophie bleibt aus. Auch die 
Hoffnung, daß der Verfasser die Anwendung seiner abstrakten 
Geschichtsmetaphysik auf die Geschichte in einer späteren 
Schrift versuchen werde, wird mit ein paar Andeutungen zerstört. 
Was nutzt es aber, ,,den Gottesgedanken als in erster Linie ge- 
schichtlichen Begriff" (S. 59) zu proklamieren und dem religiösen 
Individualismus als notwendiges Gegenstück die soziale und ge- 
schichtliche Entfaltung der Religion ausdrücklich zur Seite zu 
setzen, wenn es schließlich doch abgelehnt wird, einen „Sinn der 
Weltgeschichte" 1 ) anzuerkennen? Gerade von den Voraussetz- 
ungen des Verfassers aus ist es unverständlich, wie er sich wirk- 
lich mit einem „metaphysisch Realen begnügen" kann (S. 69), 
das nicht auch eine empirische und darstellbare „Geschichte" 
haben soll. Vielleicht liegt dieser enttäuschende Schluß in einer 
diesbezüglichen Kargheit der Quellen unsres Autors. Als solche 



') Etwa in der Weise des Dunkmann gesinnungsverwandten 
R. Seeberg. 



Allgemeines. 99 

nennt er einmal selbst „die Grundgedanken der Reformation 
von Luther bis zur Konkordienformel" (S. 56) und gleich da- 
nach (S. 57) die Bibel. Wollte D. auch das dazwischen liegende 
Stück christlicher Geistesgeschichte gerade auf sein Problem hin 
durchforschen, so würde er nicht mehr so gering von Augustins 
(S. 68) und seiner Nachfolger Geschichtsmetaphysik denken. Auf 
die Gefahr hin, mich zu wiederholen, muß ich raten, das Ver- 
hältnis von Individuum, Geschichte und religiöser Erfahrung 
einmal statt nach der abgeschwächten Scholastik der Konkordien- 
formel (s. auch S. 68) nach dem System Dantes anzusehen: dort 
würde eine Reihe philosophischer Lösungen zu finden sein, 
nach denen D. selbst noch sucht, und es ist zweifellos, daß da- 
durch sein interessanter Neuaufbau einer christlich-gläubigen 
Geschichtsphilosophie gefördert würde. 

Frankfurt a. M. Fritz Kern. 

Naturrecht und Staat nach der Lehre der alten Kirche. Von 
Otto Schilling. Paderborn, Schöningh. 1914. VIII u. 239 S. 
(Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschalt im katho- 
lischen Deutschland, Sektion für Rechts- und Sozialwissen- 
schaft, 24. Heft.) 

Schilling, der Verfasser zweier sehr brauchbarer Arbeiten 
über „Reichtum und Eigentum in der altkirchlichen Literatur" 
1908 und über die „Staats- und Soziallehre des hl. Augustinus" 
1910 hat dieses neue Buch ausdrücklich zur Ergänzung und Berich- 
tigung der betreffenden Partien meiner „Soziallehren" geschrieben. 
Die Ergänzung besteht darin, daß gegenüber meiner nur ge- 
nerellen Darstellung des Lehrdurchschnittes hier die einzelnen 
Autoren bis zum Ende der christlichen Antike dargestellt werden. 
Es geschieht innerhalb eines rein theologischen und dogmen- 
geschichtlichen Horizontes an Stelle des sozial- und kultur- 
geschichtlichen, der für mich maßgebend war. Auch ist die 
Darstellung eine rein doxographische ohne Rücksicht auf die 
Gesamtpersönlichkeit der jene Lehrsätze vertretenden Autoren 
und ohne Aufsuchung einer Entwickelungslinie, die die verschie- 
denen Positionen verbindet. Wie weit sie erschöpfend ist, vermag 
ich nicht zu sagen; es ist vermutlich, wie ganz natürlich, viel 

kmit den Indices gearbeitet. Innerhalb dieser Grenzen ist die 
Arbeit vorzüglich, klug und klar im Urteil, umsichtig in der 



100 Literaturbericht. 

Darlegung. Die Berichtigung betrifft wesentlich meine kultur- 
und geistesgeschichtliche Deutung der Soziallehren der christ- 
lichen Antike. Ich hatte das „christliche Naturrecht" als eine 
Anpassung der groß und stark gewordenen Kirche an die inner- 
weltlichen, politischen und sozialen Werte betrachtet, die das 
an sich wesentlich überweltliche, spiritualistische und apolitische 
Christentum bei seinem Aufstieg in die Klassen von Bildung 
und Besitz durch Rezeption und Umbildung des stoischen Natur- 
rechts vollzog. Die Anpassung wurde möglich durch die Unter- 
scheidung eines absoluten und relativen Naturrechts, wobei das 
absolute mit dem goldenen Zeitalter, dem Paradies, dem Zustand 
ohne Zwang, Macht und Kampf, ohne das harte individualistische 
Eigentumsrecht, ohne Sklaverei, Ständetrennung und patria 
potestas entspricht, während das relative Naturrecht Staat, Macht, 
Zwang, formelles Recht, streng getrenntes und gesichertes 
Privateigentum, Sklaverei, Ständetrennung und patria potestas 
als Strafe und Heilmittel der Sünde anerkennt und daher mit 
einer relativen Christlichkeit sich begnügt, soweit nicht das Kloster 
wieder den Weg zur absoluten öffnet. Darin fand ich die schwan- 
kenden Aussagen über die sozialen Kulturwerte, ihre halbe An- 
erkennung und ihre halbe Verwerfung und die Macht des mönchi- 
schen Gedankens begründet. Auch behauptete ich mit A. J. 
Carlyle, daß dieser Unterscheidung bereits durch die römische Stoa 
mit einer analogen Trennung der das Ideal in sich tragenden 
Urzeit und der durch Machtgier und Pleonexie verderbten, aber 
vom staatlichen Recht vernünftig durchwalteten Folgezeit vor- 
gearbeitet gewesen sei. Das letztere erkennt auch Seh. in einer 
umsichtigen Darstellung der stoischen und juristischen Natur- 
rechtslehre an. Aber er will das christliche Naturrecht — weder 
im allgemeinen noch die besondere Unterscheidung eines ab- 
soluten und relativen Naturrechts — trotzdem nicht von der Stoa 
entlehnt wissen, sondern läßt es bereits von Jesus Mth. 7, 12 
und ausführlich von Paulus als wesentlichen Bestandteil des 
christlichen Ethos selbständig begründet werden, den dann die 
patristischen Autoren „nur allmählich entwickeln" unter mehr 
äußerlicher Benutzung des stoischen Naturrechts. Außerdem will 
er bei dieser angeblich organischen Stellung des Naturrechts inner- 
halb der christlichen Ethik nichts wissen von einer Spannung des 
innerweltlichen und politischen Naturrechts und der überweit- 



Allgemeines. 101 

liehen und apolitischen Christlichkeit. Er sucht die Bedeutung 
der auch von ihm anerkannten Scheidung eines absoluten und 
relativen, primären und sekundären Naturrechts abzuschwächen 
und will nichts von Schwankungen, von bloß halber Anerkennung 
und halber Verwerfung der sozialen Kulturwerte wissen. Die 
patristische Lehre sei im ganzen völlig harmonisch, bedeute eine 
volle und runde Billigung aller sozialen Kulturwerte als vom 
Christentum zentral anerkannter und den Aufstieg von der Natur 
zur Gnade vermittelnder. 

Warum mir nun aber die Hineindatierung des christlichen 
Naturrechts in die Predigt Jesu und Pauli so unberechtigt scheint 
wie etwa die der nizänischen Trinitätslehre, habe ich in meiner 
Anzeige der gleichen Schrift in der Theol. Lit.-Zeitung gezeigt. 
Es ist die übliche Vordatierung aller katholischen Dogmen. 
Warum ferner eine derartig harmonisierende Auffassung der Zu- 
sammengehörigkeit von Naturrecht und christlicher Jenseitigkeit 
der christlichen Antike nicht entspricht, sondern erst von der 
Thomistischen Scholastik geschaffen werden konnte, habe ich 
in meinen Soziallehren und noch genauer in meiner Schrift „Augu- 
stin, die christliche Antike und das Mittelalter" gezeigt. So sehr 
ich die Kongenialität der katholischen Forschung mit der alt- 
christlichen Literatur zu schätzen weiß, so bedenklich finde ich 
doch ihre thomistische Glättung und Harmonisierung, in der 
die eigentlichen Lebensprobleme der christlichen Antike verloren 
gehen. Wie sehr das bei Seh. der Fall ist, möge hier nur durch 
den Umstand erhärtet werden, daß in dem ganzen Buche von dem 
organischen Zusammenhang zwischen der Rezeption des Natur- 
rechts und der Kompensation dieser Verweltlichung durch das 
Mönchtum gar nicht die Rede ist. Das letztere liegt völlig außer- 
halb der Fragestellung des Buches. Da ist nicht viel zu disku- 
tieren. Im einzelnen gibt Seh. viele gute Beobachtungen, die 
vor allem die Ungleichartigkeit der einzelnen Autoren beleuchten, 
viel mehr, als ich es konnte. Aber im ganzen ist unser Gegen- 
satz eben der Unterschied des thomistischen Katholiken und des 
kultur- und geistesgeschichtlichen Forschers. 

Es ist hier kein Raum, über die Placita der sämtlichen ein- 
zelnen Autoren zu berichten, wie sie Seh. sehr lehrreich mitteilt. 
Es ist bis zu Laktanz in der Theol. Lit.-Ztg. geschehen. Hier 
möchte ich nur die nach-konstantinischen Autoren beleuchten, 



102 Literaturbericht. 

aus deren Darstellung man bei Seh. nicht recht klug wird, weil 
hier die bloße Doxographie wirklich wenig hilft. Was hier höchst 
bedeutsam hervortritt, ist der Unterschied der morgen- und 
der abendländischen Autoren trotz des gemeinsamen naturrecht- 
lichen Begriffsmaterials. 

Die Orientalen sind rein philosophisch, die Okzidentalen 
zugleich und mehr noch juristisch; die ersteren handeln vom stoi- 
schen sittlichen Naturgesetz im allgemeinen kosmopolitisch- 
abstrakten Sinn, die letzteren vom Naturrecht im konkreten 
politischen und sozialen Sinn. Und da den Orientalen die wahre 
Philosophie, die wahre Erkenntnis der Natur ganz von selbst 
zu Mönchtum und Askese wird, gelangen sie vom allgemeinen 
sittlichen Weltgesetz sofort zum Mönchtum, ohne sich bei dem 
konkreten Staate lange aufzuhalten. Darin ist dann nun be- 
gründet, daß ihr Naturrecht viel radikaler ist, Freiheit, Gleich- 
heit, Liebeskommunismus viel schärfer betont als das abend- 
ländische, und daß die Unterscheidung des relativen und absoluten 
Naturrechts für sie wohl auch vorhanden ist, aber eine viel ge- 
ringere praktische Bedeutung hat. Sie eilen vom Begriff des 
kosmopolitischen Weltgesetzes über Bienen und Ameisenstaaten 
zum Weltstaat der Gemeinschaft aller Guten, von da zum eigent- 
lichen Ideal der Gemeinschaft, dem Kloster. Den Staat oder 
die Universalmonarchie fassen sie wie die alten griechischen 
Stoiker ganz idealistisch als Ausdruck und Gegenbild der Welt- 
vernunft, ohne sich beim konkreten Staate aufzuhalten oder sein 
faktisches Verhältnis zu diesem Ideal zu untersuchen; nur ge- 
legentlich wird auch hier Macht, Recht und Zwang als Gegen- 
wirkung gegen die Sünde aufgefaßt. Das Privateigentum er- 
scheint als natürlich, aber als noch natürlicher die praktische 
Aufhebung durch den Liebeskommunismus, nur vereinzelt wird 
es dem relativen Naturrecht des Sündenstandes ausdrücklich 
zugeschrieben. Die Sklaverei erscheint als Abfall vom Natur- 
recht und nur in besonderen Fällen als relativ-rationell be- 
gründet. Der Zusammenhang von Staat, Privateigentum und 
Sklaverei ist nicht entfernt so stark betont wie im Okzident, 
da der Staat überhaupt viel geringere Rücksicht findet. Daher 
auch der viel radikalere Charakter der orientalischen prak- 
tischen Predigt, die gegen Unfreiheit und gegen Eigentum 
vorgeht, aber doch ohne gegen den Staat Revolution zu 



Allgemeines. 103 

machen, weil er in concreto nur als zu ertragende Macht und 
in abstracto nur als stoisches Idealbild in Betracht kommt. Daher 
auch der völlig mönchische Charakter der orientalischen Ethik, 
die die in der Welt lebenden Menschen überhaupt ohne Anwei- 
sung läßt. So erscheint die Sachlage bei Basilius und den Kappa- 
doziern. Etwas näher auf die praktischen Probleme des Welt- 
lebens gehen Chrysostomus und sein Schüler Theodoret ein, 
aber auch sie behaupten die orientalische, d. h. philosophisch- 
radikal-mönchische Sonderart. Sie lehren einen Urständ von 
engelhafter Geschlechtslosigkeit, an den sich überhaupt die 
Weltentwickelung nur als Abfall und Sünde anschließen läßt. 
Von da aus erscheint dann, wie Overbeck mit Recht hervorhob, 
Staat, Recht, Macht, Gewalt usw. als ein Werk der Sünde, be- 
gründet durch die Urfrevel des menschlichen Geschlechtes, und 
ebenso wird dadurch die Predigt praktisch radikal zur Predigt 
des Kommunismus, der Freiheit und Gleichheit, was praktisch 
natürlich nur im Kloster möglich ist. Aber freilich besteht da- 
neben die stoische Naturrechtslehre fort, die eine zur Vermehrung 
bestimmte Menschheit voraussetzt und eine staatliche Mensch- 
heitsgemeinschaft zum Ziel hat. Beide Gedanken sind nur durch 
den Hintergrund der Unterscheidung eines absoluten und rela- 
tiven Naturrechts vereinbar, der aber nirgends klar und streng 
gezeichnet wird. Es überwiegt die praktisch-mönchische Nutz- 
anwendung, ohne daß diese Rhetoriker nach ihrer Möglichkeit 
und Durchführbarkeit fragen. Diesen schlechthin mönchischen 
Charakter der orientalischen Ethik hat Holl in seinem vortreff- 
lichen Buch über „Enthusiasmus und Bußgewalt" deutlich her- 
vorgehoben. Den radikaleren Charakter der orientalischen 
Sozialethik hat auch Sommerlad verschiedentlich mit Recht an- 
gedeutet, ohne seinen Zusammenhang mit Mönchtum, Philo- 
sophie und hellenistisch-stoischem Geiste zu erkennen. Den mo- 
dernen orthodoxen Theologen und Geschichtsphilosophen ist diese 
Tatsache nicht entgangen; sie erklären nach Masaryk „Russische 
Geschichts- und Religionsphilosophie" den Sondercharakter der 
orthodoxen Ethik mit Recht aus der Abwesenheit des Natur- 
rechts, genauer gesagt des ausgeführten relativen Naturrechts, 
der die Abwesenheit auch eines rechtlich-rationellen Charakters der 
Kirchenorganisation selber entspreche und die in der Fortdauer des 
reinen alten, weltüberlegenen Christentums begründet sei. Man 



104 Literaturbericht. 

müßte freilich noch hinzufügen: der Fortdauer der griechisch- 
abstrakten und kosmopolitisch-individualistischen Stoa in ihrer 
Amalgamierung mit der christlichen Idee und dem Kloster. 
Die von den Russen so stark betonte Abwesenheit des römischen 
Elementes und Geistes bedeutet innerhalb all der gemeinsamen 
Formeln vom christlichen Naturrecht die Fortdauer der alten 
christlichen Überweltlichkeit und der reinen orientalischen Stoa. 
Wie weit dabei auch besondere politische und soziale praktische 
Verhältnisse des Morgenlandes zugrunde liegen, vermögen wir 
heute noch nicht zu sagen. Gewiß mit Recht sucht Sommerlad 
auch in dieser Richtung die erklärenden Gründe. 

Demgegenüber bedeutet das christliche Naturrecht des Abend- 
landes von Ambrosius und Augustin bis zu der Kodifikation des 
Isidor v. Sevilla die strengere Scheidung des absoluten und des 
relativen Naturrechts, die strengere Verweisung des radikalen 
Ideals in den Urständ und die striktere Entwickelung der zusam- 
mengehörenden Ordnung von Staat, Recht, Macht, Zwang, 
Privateigentum, Ständegliederung, Sklaverei aus dem relativen 
Naturrecht, die stärkere Schätzung und Beachtung dieses Spiel- 
raums des praktischen Handelns und eine zwar sehr ansehnliche, 
aber doch nicht alles absorbierende Stellung des Mönchtums. 
Es sind die römische Stoa, die römischen Juristen, die römische 
Staats-, Provinzial- und Munizipalverwaltung, die hier im Hinter- 
grunde stehen. Cicero und Seneca sind hier die Meister, dort 
Zeno, Chysipp und Piaton. Der Unterschied verrät sich nur in 
Nuancen der Theorie, aber diese Nuancen bedeuten den ganzen 
Gegensatz morgenländischer und abendländischer Entwickelung. 
Aus der ersten ergeben sich Dostojewski und Tolstoi, aus der 
zweiten der hl. Thomas und der moderne katholische Sozial- 
philosoph Pater Cathrein. 

An entscheidender Stelle steht hier der ehemalige römische 
Offizier und Verwaltungsbeamte Ambrosius, von dem Seh. 
mit Recht sagt: Er „hat sich ganz und gar in die Ideen der rö- 
mischen Sozialliteratur eingelebt; Cicero und Seneca sind seine 
Lehrmeister geworden; daneben kommt noch besonders der Ein- 
fluß des hl. Basilius (und des Mönchtums) mitunter zur Geltung. 
Er bemüht sich, den Geist des Rechtes im Geiste des Christen- 
tums zu erfassen und zu bestimmen" (S. 139). So entwickelt 
Ambrosius nach Cicero einen stark organologisch gefärbten Be- 



Allgemeines. 105 

griff des idealen oder absoluten Naturrechts: „Das unvergleich- 
liche Gebot der Nächstenliebe bildet die tiefere Grundlage und 
die neue Wurzel, so daß die großen stoischen Lehrer einheitlicher, 
licht- und kraftvoller und wie verjüngt vor uns stehen," d. h. 
Ambrosius setzt den Grundbegriff des gemeinsamen Nutzens und 
der jedem das Seine gebenden Gerechtigkeit in nächste Nähe 
zum christlichen Liebesgedanken und verschmelzt dadurch Recht 
und Sittlichkeit noch mehr als Cicero. Diesem Naturrecht muß 
das staatliche Recht entsprechen, wobei Ambrosius eine erheb- 
liche Übereinstimmung des Naturrechtes und des römischen 
Rechtes vorausgesetzt hat. Aus diesem Naturrecht folgt analog 
den Tierstaaten ein menschlicher Staat mit geordneter Herr- 
schaft. Diese Herrschaft ist freilich die natürliche Selbstregie- 
rung der Civitas libera in freiwilliger Aufstellung und Befolgung 
der Führerposten, ohne Sklaverei, ohne Privateigentum und ohne 
patria potestas. Cicero und Seneca, die Stoiker und Basilius haben 
hierzu die Gedanken gegeben, die Bibel die Beweisstellen und 
das Urbild Davids. Aber an Stelle dieses absoluten Naturrechts 
ist durch die Sünde das relative getreten mit Zwangs- und Macht- 
charakter der Herrschaft, Sklaverei und Privateigentum. Das 
ist eine Veranstaltung der Vorsehung, die damit poena et remedium 
peccati bewirkt. Solche Macht kann in gutem Sinne gebraucht 
werden, und Sklaverei wie Privateigentum können durch christ- 
lichen Geist gemildert werden. Auch das Verhältnis von Kirchen- 
und Staatsgewalt wird bereits prinzipiell erörtert, indem die 
Kirchengewalt in religiösen und ethischen Dingen schlechthin 
von der Staatsgewalt unabhängig ist als Gottes direkte Veranstal- 
tung, die der nur indirekten des Staates gegenübersteht. Noch 
stärkerins Juristische geht der sog. Ambrosiaster, der Naturrecht 
und Dekalog, römisches Recht und Moses eng zusammenbringt 
und die Autorität der kaiserlichen Macht innerhalb des relativen 
Naturrechts streng konstruiert, freilich den „Tyrannen" von 
dieser Anerkennung ausnehmend. Auf diesen und den orientali- 
schen Voraussetzungen erhebt sich Augustin, der die „Naturrechts- 
und Staatslehre zu einem gewissen vorläufigen Abschluß gebracht 
hat, der in der Folgezeit nicht überholt wurde" (S. 201). Hier 
findet Seh. alles geistvoll, tief durchdacht, genial, bleibende 
Wahrheit. Wie sehr aber tatsächlich seine Auffassung eine thomi- 
stische Glättung ist, glaube ich in meinem „Augustin usw." ge- 



106 Literaturbericht. 

zeigt zu haben. Zu bemerken ist gegenüber den Orientalen der 
viel realistischere Staatssinn, der viel geringere Radikalismus 
in Fragen der Freiheit, Gleichheit, Besitzgemeinschaft und Ehe. 
Eine Untersuchung verdiente die Frage, was Augustin von den 
Orientalen aufgenommen hat; es scheint mir an Einzelheiten 
der Theorie nicht wenig zu sein; der Geist ist allerdings ein ganz 
anderer. Den gleichen christlichen Ciceronianismus zeigt Cassiodor, 
nur wesentlich praktisch auf die Gegenwart gewendet und das 
Herrscherrecht betonend. Noch vollständiger folgt Gregor I. dem 
Augustinischen Vorbild, auch er mit stärkerer Betonung der 
Normalität der kaiserlichen Herrschaft. Von Hieronymus gibt 
Seh. außer gelegentlichen Bemerkungen keine Darstellung, übri- 
gens ohne ersichtlichen Grund. Den Abschluß bildet Isidor von 
Sevilla, der neben Cicero, Ambrosius, Augustin und Gregor 1. 
besonders auch die Juristen heranzieht. Dieser Kompilator und 
Lexikograph stellt den Durchschnitt des abendländischen christ- 
lichen Naturrechts fest mit der Unterscheidung des absoluten 
und relativen Naturrechts und dem sehr begreiflichen Interesse 
an der Gegenwartsaufgabe, das relative Naturrecht der gegebenen 
Staats-, Rechts- und Besitzordnung christlich zu temperieren. 
Hierbei hebt Seh. treffend die Unklarheiten und Widersprüche 
hervor, die solcher theologischer Kontamination- und Autori- 
tätensammlung aus heterogenen Quellen ganz natürlich eignen 
und die bei diesem geistlosen Sammler nur nackter sichtbar 
werden als bei seinen Vorgängern. Das ist dann das Kapital, 
mit dem die spätere mittelalterliche Naturrechtslehre ihren sehr 
viel geschlosseneren und umfassenderen Bau aufführt unter Aus- 
scheidung der leidenschaftlichen Spannungen und Widersprüche, 
die das christliche Naturrecht der christlichen Antike selbstver- 
ständlich angesichts der praktischen Lage noch nicht hatte über- 
winden können. Darüber sehe man den höchst lehrreichen 2. Band 
von A. J. Carlyle nach. 

Ein besonders bemerkenswerter Punkt ist die christliche 
Gleichheitsidee in ihren Verschmelzungen mit der stoischen. 
Gerade hierin ist Morgen- und Abendland sehr verschieden, 
indem das Morgenland hier viel philosophischer, abstrakter und 
mönchischer ist. Seh. gibt sich Mühe zu zeigen, daß die „Gleich- 
heit" überall organologisch mit Einschluß der natürlichen Unter- 
schiede verstanden sei. Doch auch das ist eine Glättung. In 



Allgemeines. 107 

Wahrheit ist hier der individualistische Atomismus der Spätantike 
und der aristotelische Organismusgedanke sowie der christliche 
Liebesgedanke nach I Cor. 12 sehr wechselnd und widerspruchs- 
voll durcheinandergeworfen, wie denn das patristische Natur- 
recht stets ein Nest von Widersprüchen ist. Doch würde das 
eine genaue Einzeluntersuchung erfordern, die überhaupt für den 
Begriff der sozialen Gleichheit uns noch fehlt. 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die unumgänglich aus 
alledem folgende Unterscheidung von Privatmoral und öffent- 
licher Moral, die von den meisten Historikern des christlichen 
Ethos gar nicht verstanden wird. Seh. S. 227f. hebt sie 
mit Recht hervor. Das Privatleben kann den Forderungen des 
absoluten Naturrechts und der damit identischen rein christ- 
lichen Ethik folgen, das öffentliche Leben und seine Institu- 
tionen sind nur auf dem Boden eines relativen Naturrechts und 
einer relativen Christlichkeit möglich. Es ist das später von 
Macchiavelli so scharf erkannte Problem, bei dem Macchiavelli 
sogar auch die relative Christlichkeit und Naturrechtlichkeit für 
die öffentlichen Institutionen leugnete als unmöglich und ihrem 
Wesen fremd. Bedeutsam ist gerade an diesem Punkte der 
Unterschied von Orient und Okzident. Der Orient denkt überhaupt 
wesentlich an Privatmoral und Mönchtum und läßt das öffent- 
liche Leben in einer ganz abstrakten dürftigen Beleuchtung durch 
das Ideal des vernünftigen Menschheitsstaates. Chrysostomus 
und Theodoret, die das Problem schärfer anpacken, sehen sich 
genötigt, den Zwangsstaat, die Sklaverei, das Privateigentum, 
die patria potestas der bestehenden Ordnung in einen engen 
Zusammenhang mit der Sünde zu bringen, und sehen darin nur 
aus Not ein unumgängliches relatives Naturrecht, dem sie die 
absoluten, sehr apolitischen Forderungen rhetorisch entgegen- 
setzen. Im Abendlande dagegen finden das Recht und mit ihm 
die öffentlichen Institutionen eine viel positivere Würdigung 
trotz der auch hier anerkannten Beziehung dieser Institutionen 
auf den Status peccati oder den Sündenstand. Hier scheidet 
sich daher auch deutlicher Privatmoral und öffentliche Moral; 
sie geht durch bis zu Luthers Unterscheidung einer Person- und 
Amtsmoral, die man nur von hier aus verstehen kann. 

Ein letzter Punkt ist Sch.s sonderbare Unterscheidung von 
relativem Naturrecht und relativem Vernunftrecht (S. 229). 



Literaturbericht. 

Es ist eine erst von Seh. „nur der Verdeutlichung und Über- 
sicht wegen gebildete besondere Kategorie". Diese Kategorie 
ist nun aber nicht ohne Tendenz. Denn „relatives Naturrecht" 
bedeutet die Herleitung der nur relativ unter der Bedingung des 
Sündenstandes vernünftigen und gottgemäßen Institutionen, also 
die Herleitung des Macht- und Zwangsstaates usw. vom Sünden- 
fall oder der durch die Erbsünde ein für allemal verderbten 
Natur. Das ist der Haupteindruck der Sache, natürlich vor 
allem da, wo überhaupt das Dogma der Erbsünde vorliegt. 
„Relatives Vernunftrecht" ist aber eine Begriffsbildung Sch.s 
und betrifft Erklärungen der patria potestas, des Eigentums- 
zwanges, der Sklaverei nicht aus der Erbsünde und gene- 
rellen Naturverderbung , sondern aus jedesmaliger neuer und 
persönlicher Sünde, wie das vor allem bei den Orientalen sich 
findet, die kein Erbsündendogma kennen und näher bei den 
Erklärungen dieser Erscheinungen durch die Stoa bleiben. Es 
hängt dies also in Wirklichkeit offensichtlich mit dem Maß der 
Anerkennung des Erbsündedogmas, mit der geringeren Verein- 
heitlichung der Theoreme und mit der loseren Kontamination 
so heterogener Erkenntnisquellen wie Stoa und Bibel, rationelle 
Erklärung und Mythos zusammen. Es ist eben deshalb auch 
die mildere, das Naturrecht nicht von der Ursünde, sondern 
von zweckmäßiger Gegenwirkung der Vernunft gegen die jedes- 
malige Lage herleitende Theorie, wie sie überwiegend im Orient 
vertreten wird, ohne daß dort freilich daraus ein positives Inter- 
esse am Staate erwüchse. Im Unterschiede davon hat das 
Abendland den Staat usw. von der Ursünde hergeleitet, aber 
als vorsehungsmäßige prinzipielle Gegenwirkung von welthisto- 
rischem Zusammenhang und eben deshalb ihm bei strengerer 
Beurteilung doch ein viel positiveres Interesse zugewendet. Es 
ist also im Grunde in sehr willkürlicher Terminologie nur wieder 
der Unterschied zwischen Orient und Okzident, der allerdings 
ein sehr feiner ist; von einer einfachen Herleitung des Staates 
und Rechtes aus der Sünde ist ja auch im Abendland nicht 
die Rede; verbreitete Behauptungen dieser Art sind ein Irrtum. 
Für Seh. aber ist diese Ungleichmäßigkeit der Theorien vor 
allem ein Mittel, den Satz von der Herleitung des Staates usw. 
aus der Erbsünde und dem Sündenfall zu bestreiten und eine 
staatsfreundliche und „freiheitliche Tendenz" der Kirchenväter 



Allgemeines. 109 

zu behaupten gegen Overbeck, Gierke und mich. Nun aber habe 
ich die Gierkesche Auffassung Augustins, von dem Gierke übri- 
gens allein handelt, bestritten; Seh. rechnet sie mir zu Unrecht 
zu. Overbeck bedarf allerdings gewisser Korrekturen, ist aber 
in der Hauptsache auf dem richtigen Wege und hat erleuchtend 
auf diesem Gebiete gewirkt; die Kategorie des „relativen Ver- 
nunft rechtes" setzt ihn nicht ins Unrecht. Meine eigene Auf- 
fassung aber steht der Sch.s sehr nahe bis auf die thomistische 
Glättung der, wie ich auch heute noch behaupten muß, sehr 
theologisch verworrenen und schwankenden Lehrsätze der Väter 
und bis auf die Beseitigung eines wesentlichen inneren Gegen- 
satzes zwischen den christlichen und den naturrechtlichen Ele- 
menten der Theorie. Seh. sieht in ihnen ,, einen imponierenden 
Gedankenbau, bei dem es sich um das eigentliche Kulturdogma 
der Kirche oder, wie wir ebensogut sagen können, um das christ- 
liche Kulturdogma handelt" (S. 239). Solche Bewunderung ist 
nun rein theologische Schätzung, die ich nicht mitmachen kann. 
Ich kann daher, bei allem Dank für diese Ergänzungen, nicht 
zugeben, daß meine „Konstruktion von dem Gedankenbau der 
Väter in erheblichem Maße differiere" (S. 238). 

Berlin. Troeltsch. 



Aufsätze und Vorträge von Otto Harnack. Tübingen, J. C. B. Mohr 
(Paul Siebeck). 1911. III u. 327 S. 

Seiner ersten Sammlung von „Essays und Studien", die 
1899 erschien, läßt Harnack eine neue Reihe von Aufsätzen 
folgen. Ausdrücklich wendet er sich diesmal an einen weiteren 
Kreis, betont den gemeinverständlichen Charakter des Buches 
und erklärt, Arbeiten, die nur für den Fachmann Interesse hätten, 
mit Absicht nicht aufgenommen zu haben. Die etwa 30 Nummern 
der Sammlung wahren den Umfang von kürzeren Vorträgen 
oder von Gelegenheitsartikeln. Über 20 Seiten geht keine hinaus, 
manche sind wesentlich kürzer. Eine größere Gruppe, zwölf 
Aufsätze, bewegt sich auf dem Lieblingsgebiet Harnacks, auf dem 
Feld der Goethe-Forschung. Und innerhalb dieses Umkreises 
erwägen die Studien „Goethe und die neuerschlossene griechische 
Plastik", „Goethe über künstlerische und mechanische Tätigkeit", 
„Römisches Deutschtum in der Goethezeit", aber auch „Goethe 



1 10 Literaturbericht. 

und die Renaissance" Fragen, mit deren Beantwortung Harnack 
in seinen größeren Arbeiten sich beschäftigt hatte. Vier Nummern 
sind Schiller gewidmet, zu dessen Biographen Harnack zählt. 
Dem deutschen Drama des 19. Jahrhunderts dient eine zusammen- 
fassende Betrachtung, dienen ferner Aufsätze über Grabbe und 
Hebbel. Hölderlin und Hardenberg, Heine und Mörike vertreten 
die Romantik. Dem Gelehrten, der einst Harnacks Stuttgarter 
Lehrstuhl innehatte, Friedrich Theodor Vischer, reiht sich in 
dieser Bildnisfolge Gervinus an. In die neueste Zeit führen Paul 
Heyse und Björnson. Grundsätzliche Fragen werfen die Auf- 
sätze über die Bedeutung des Zeitalters der Aufklärung für 
unsere Zeit und über die Verwendung historischer Stoffe in der 
Dichtung auf. Durchaus bewährt sich ein reiches Wissen und 
eine umfängliche Belesenheit. Überraschendes wird nicht vor- 
gebracht, wesentlich Neues hat Harnack nicht zu sagen, von 
keinem der Aufsätze wäre zu rühmen, daß er eine Persönlichkeit 
oder ein Problem in umwälzender Weise betrachte. Aber Be- 
kanntes gewinnt neue Gesichtspunkte, wird auch dem Kenner 
in beachtenswerter Form vorgelegt, sei's, daß — wie in dem 
Aufsatz über Hochgebirgs- und Meerespoesie bei Goethe — der 
Umfang des herangeholten Stoffes ins Gewicht fällt, sei's, daß 
Harnacks festbestimmte und festumgrenzte Weltanschauung zu 
Zustimmung oder Widerspruch reizt. Vielleicht schreibt Harnack 
einer festen Weltanschauung doch zu viel Wert, mindestens zu 
viel künstlerischen Wert zu. Klingt es nicht ein wenig überstreng, 
wenn er einmal erklärt (S. 253): „Einen schweren Mangel haben 
die neuesten Dramatiker mit ihrem Lehrer Ibsen gemein; einen 
Nachteil, für den sie freilich nicht verantwortlich sind, da er in 
dem gesamten Zeitgeist begründet liegt. Es ist der Mangel einer 
festen Weltanschauung und demgemäß die Unfähigkeit, auf die 
aufgeworfenen Lebensfragen eine klare und unzweideutige Ant- 
wort zu geben." Wohl redeten wir viel von „moderner Welt- 
anschauung", aber es bestünden nur wirr sich kreuzende Ge- 
dankenrichtungen, die sich gegenseitig widersprächen und auf- 
höben. Sollte das wirklich alles auch für Ibsen gelten? Und 
hätte Ibsen die tragischen Probleme, die er gefunden hat, so 
lebensecht und so wirksam in Kunstwerke umsetzen können, 
wenn er noch festere Weltanschauungsbegriffe besessen hätte? 
Dem jugendlichen Dichter der Räuber wiederum möchte ich 



Allgemeines. 111 

eine feste Weltanschauung nicht mit Harnack zumuten. Harnack 
selbst blickt freier und minder gebunden an feste Begriffe in 
die Welt, als es nach den angeführten Worten scheinen könnte. 
Eine Stelle des Aufsatzes über Heine sei in ihrem vollen Umfang 
abgedruckt, nicht nur weil sie von freierem Geiste zeugt, auch 
weil sie mir durchaus richtig erscheint: „Stünde Heine heute 
auf, er würde für seinen bittersten Spott überreichen Anlaß 
finden. Er würde das Pathos oder die Salbung, mit der wir 
Dinge behandeln, die wir doch eigentlich nur aus praktischen 
Erwägungen noch anerkennen, höchst lächerlich finden. Er 
würde die große Verschiedenheit, die so oft zwischen öffentlichen 
und privaten Äußerungen zu bemerken ist, als Thema seiner 
schärfsten, schneidendsten Satire benutzen. Er würde sich gewiß 
nicht sittlich über uns entrüsten; dazu war er ebensowenig ge- 
stimmt als berechtigt; aber er würde sich gern dessen rühmen, 
daß er sich zeitlebens ohne Heuchelschein in voller Nacktheit 
der Welt gezeigt habe. Mir scheint, hier würde die Partie gleich- 
stehen" (S. 234). 

Die genaue Sachkenntnis, die sich in den Studien über die 
Klassiker offenbart, steht dem Essayisten nicht auf allen Ge- 
bieten zu Gebote, die er durchwandert. Daß Ibsen von Dumas 
und Augier gelernt habe, sollte nach Ibsens unzweideutiger Ab- 
lehnung dieser Annahme nicht weiter behauptet werden. Wenn 
an gleicher Stelle (S. 252) von Sudermann gerühmt wird, er habe 
sich Ibsens meisterhafte Technik angeeignet, so brauche ich 
mich wohl nicht auf Kerr zu berufen, um den unüberbrückbaren 
Gegensatz der Technik Ibsens und der Technik Sudermanns 
zu betonen. Ganz unbegreiflich ist mir die Äußerung, Ludwig 
sei immer mehr und mehr geneigt gewesen, die dramatische 
Kunstform aufzulösen (S. 286); die Shakespearestudien beweisen 
das Gegenteil. Wenn Harnack hinzusetzt: „Er geriet in immer 
schärferen Gegensatz zu Schiller", so bedingt ein Gegensatz zu 
Schiller noch nicht den Verzicht auf strenge dramatische Kunst- 
form, nicht einmal die Ablehnung des Grundsatzes der Idealität 
der Bühne. Ausdrücklich spricht Ludwig einmal von der „Un- 
ruhe", die durch die „Naturtreue" auf der Bühne wachgerufen 
werden kann, und erklärt, Naturtreue „um der Poesie, der Haltung, 
des Genusses, des Gehaltes an Charakter, Plastik und Melodie 
des Gedankens willen" gern entbehren zu wollen (bei Stern V, 






112 Literaturbericht. 

520). Harnack aber behauptet: „Otto Ludwig wurde immer 
realistischer in seinem Schaffen." 

Wie hier die Dinge aus zu großer Ferne betrachtet sind, 
so beruht wohl auf einem Gedächtnisirrtum, was über Harden- 
bergs „Heinrich von Ofterdingen" (S. 227) gesagt wird: „Novalis' 
Hauptwerk konnte nicht zum klaren und festen Abschluß gelangen, 
es löst sich in ein gestaltloses, ungreifbares Allegorienspiel auf, 
in welchem die eine Hauptgestalt in verschiedenen Formen 
wiederkehrt, ohne daß wir erfahren, ob der Dichter uns an die 
Seelenwanderung glauben lassen will, oder ob er nur ein müßiges 
Spiel der Phantasie treibt." Darf man flüchtige Notizen 
einer Fortsetzung, deren Ausführung dem Dichter durch frühen 
Tod unmöglich gemacht wurde, in solcher Weise verwerten? 
Ist nicht vielmehr anzunehmen, daß die Fragen, wegen deren 
fehlender Beantwortung hier der „Ofterdingen" angeklagt wird, 
in der ausgeführten Dichtung ihre Antwort gefunden hätten? 
Daß Harnack, als er den Aufsatz schrieb, den Roman Harden- 
bergs seit langem nicht in der Hand gehabt und die Einzelheiten 
wie das Ganze nur noch in ganz verschwommener Erinnerung 
gesehen hat, geht aus dem bösen Fehlgriff hervor, der ihn auf 
der nächsten Seite eine Stelle der Skizze „Die Christenheit 
oder Europa" dem Roman zuweisen läßt, Worte nämlich, die 
aus Gründen geschichtlicher Chronologie niemals im „Ofter- 
dingen" stehen könnten, da sie von dem Jesuitenorden berichten. 
Endlich konnte Harnack nicht behaupten, daß Hardenberg in 
der Poesie nur ein Fühlen und Sehnen, nicht ein Können er- 
blickt habe, wenn er Klingsors bekannte Äußerungen über 
dichterisches Schaffen noch in Erinnerung hatte. 

Die Sprache Harnacks neigt zur Feierlichkeit. Da er über- 
dies kein Wortsparer ist, gerät er zuweilen in Gefahr, unnötige 
Formeln an falscher Stelle zu verwerten. „Betrachten wir," 
heißt es einmal (S. 251), „die eigentümliche und gewiß in ihrer 
Art meisterhafte Kunst des großen Norwegers mit kritischer 
Schärfe, so finden wir, daß sie in diametralem Gegensatz zu der 
Kunst Schillers steht, und gerade dadurch mag ihr ungeheurer 
Erfolg in Deutschland bedingt worden sein." Bedarf es wirk- 
lich kritischer Schärfe, um den Gegensatz zwischen Ibsen und 
Schiller zu verspüren? Oder geht dieser Gegensatz auch schon 
dem oberflächlichen Beobachter auf? Noch mehr: wer den star- 



Allgemeines. 113 

ken, leicht gewonnenen Eindruck der Gegensätzlichkeit Schillers 
und Ibsens mit kritischer Schärfe prüft, wird vielmehr zu Be- 
rührungspunkten beider gelangen. Auch Harnack erwähnt 
gleich darauf, daß Ibsens Technik mit der Technik des „König 
ödipus" übereintreffe. Nun aber brauche ich dem ausgezeichneten 
Kenner von Schillers Kunstlehre nicht zu sagen, daß auch die 
Meisterdramen Schillers dem Vorbild des „König ödipus" nach- 
streben. In der Neigung zu analytischer Tragik stehen Schiller 
und Ibsen auf einem und demselben Boden. Diese Ansicht ver- 
trat ich schon vor etwa zehn Jahren, ohne sie damals noch für 
etwas Neues zu halten. 1 ) 

Dresden. 0. Walzel. 

Me'langes d'histoire offerts ä M. Charles Bdtnont par ses amis et 
ses Kleves ä Voccasion de la vingt-cinquieme annde de son 
enseignement ä l'Iicole pratique des Hautes Etudes. Paris, 
Fdlix Alcan. 1913. 667 S. Mit einem Porträt Bämonts. 

Der vorliegende Band, der dem verdienten Erforscher der 
englischen mittelalterlichen Geschichte zur Feier seiner 25 jährigen 
Lehrertätigkeit an der Ecole des Hautes Etudes überreicht wurde, 
enthält 48 Beiträge in französischer, englischer und deutscher 
Sprache. Ungefähr ein Viertel davon behandeln Gegenstände 
der neueren Geschichte. Die folgende Übersicht über den Inhalt 
kann natürlich nur referierenden Charakter tragen. 

Die Beiträge sind, wie üblich, chronologisch angeordnet. Sie 
beginnen daher mit dem Aufsatz über das Ereignis, mit dem die 
Herrschaft der Angelsachsen in England ihren Anfang genommen 
haben soll. Ferdinand Lot sucht darin nachzuweisen, daß die 
Nachrichten über die Eroberung Britanniens durch Hengist und 
Horsa durchaus unzuverlässig und legendenhaft sind. Die „Hi- 
storia Brittonum" gebe keine selbständige Tradition wieder, son- 
dern stütze sich nur auf Beda, dessen Angaben über die Erobe- 
rung ohne historischen Wert seien. Auch dem Pathos von Gildas 
sei nichts zu entnehmen. Wir müßten uns damit abfinden, daß 
wir über die englische Geschichte in den Jahren 441 — 596 nichts 
wüßten („Hengist, Hors, Vortigern: la conquite de la Grande- 



*) Korrekturnote: Diese Anzeige war geschrieben und abge- 
geliefert, ehe Otto Harnack dahinging. 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 8 



114 Literaturbericht. 

Bretagne par les Saxons"). — F. Liebermann handelt in knapper, 
aber durchaus erschöpfender Weise über die Gesetze Ines' von 
Wessex. — Ph. Lauer sucht nachzuweisen, daß die Stelle in 
einem lateinischen Gedichte des Abtes Baudri de Bourgueil, die die 
Beschreibung einer Stickerei enthält, von der berühmten Tapis- 
serie von Bayeux inspiriert ist; trifft dies zu, so dürfte die Ent- 
stehung der Tapisserie nicht später als 1102, eventuell 1107, 
angesetzt werden. Der Passus des Gedichtes, der in Frage kommt, 
wird zum ersten Male nach dem Originale mitgeteilt („le poeme 
de Baudri de Bourgueil adresse" a Adele fille de Guillaume le Con- 
quirant et la date de la tapisserie de Bayeux"). — Ch. Petit-Dutaillis 
vertritt die Ansicht, daß das seit der normannischen Eroberung 
in England zu Recht bestehende System der „forestae" bereits 
vorher in der Normandie existierte und letzten Endes auf karo- 
lingische Einrichtungen zurückgeht („les origines franco-norman- 
des de la ,foreV anglaise"). — Charles H. Haskins druckt aus einer 
im British Museum befindlichen Handschrift des 14. Jahrhunderts 
zwei Aufzeichnungen über die Pflichten der Insassen des Manors 
Portswood bei Southampton ab. Die erste Aufzeichnung gibt 
die Leistungen an, die König Heinrich I. zu entrichten waren, 
bevor das Land in den Besitz des Dionysiusklosters zu Southamp- 
ton überging, die zweite setzt die Leistungen fest, die der Prior 
des Klosters zu fordern hatte („the manor of Portswood under 
Henry /"). — Jean Marx findet die Quelle einer Anekdote in 
Waces „Roman de Rou" (v. 1980ff.), die von dem Zusammen- 
treffen des Herzogs Richards II. von der Normandie mit einem 
lombardischen Schulmeister erzählt, in einem bisher ungedruck- 
ten und nun von ihm publizierten Einschiebsel in zwei Hand- 
schriften des Wilhelm von Jumieges („les sources d'un passage 
du Roman de Rou"). — H. Pirenne sucht zu erweisen, daß die 
Entstehung der Pariser Hanse nicht auf einen einmaligen Willens- 
akt zurückging und auch nicht durch ein bestimmtes historisches 
Faktum hervorgerufen wurde. Die Pariser Hanse habe vielmehr 
wie die gleichnamigen niederländischen und deutschen Verbin- 
dungen zuerst nur den allgemeinen Zweck verfolgt, die nach aus- 
wärts handeltreibenden Bürger zu organisieren; erst später habe 
sie sich mehr und mehr auf die Schiffahrt auf der Seine speziali- 
siert. Das Wort „Hanse" sei wahrscheinlich von Rouen her 
übernommen worden („a propos de la Hanse parisienne des mar- 



Allgemeines. 115 

chands de ieau"). — Rene Pourpardin publiziert aus einem 
Manuskript der Pariser Nationalbibliothek annalistische Notizen 
aus dem 11. und 12. Jahrhundert, die sich in einem Kalender 
des Klosters Tewkesbury in Gloucestershire finden („notes an- 
nalistiques de l'abbaye de Tewkesbury"). — Die sorgfältige Arbeit 
von Victor Mortet „Hugue de Fouilloi, Pierre le Chantre, Alexandre 
Neckam et les critiques dirigies au douzUme siede contre le luxe 
des constructions" gibt schon durch ihren Titel hinreichenden 
Aufschluß über ihren Inhalt; sie sucht die Polemik der Theo- 
logen gegen die üppigen Bauwerke der Zeit archäologisch aus- 
zunutzen. — M. Bouteron sucht nachzuweisen, daß ein „Willelmus 
Archiepiscopus", der in den „Gesta Henrici secundi" unter den 
gegen König Heinrich II. rebellierenden Baronen genannt wird, 
nicht ein Erzbischof war, sondern Wilhelm IV. Larcheveque 
(gest. 1182) („Willelmus Archiepiscopus [Ouillaume IV Larche- 
veque, seigneur de Parthenay"]). — Ch. Kohler weist nach, daß 
die noch in modernen Geschichtswerken weitergegebene Behaup- 
tung, Königin Eleonore habe durch launenhaftes Eingreifen eine 
schwere Niederlage des französischen Heeres auf dem zweiten 
Kreuzzuge verschuldet, auf eine Erfindung Maimbourgs (1675) 
zurückgeht, der eine Hypothese Scipion Dupleix' in eine geschicht- 
lich bezeugte Tatsache umwandelte („Invention moderne"). — 
Auch der Aufsatz Louis Halphens „les entrevues des rois Louis VII 
et Henri II durant l'exil de Thomas Becket en France" ist schon 
durch seinen Titel charakterisiert; Halphen gibt eine Liste der 
Zusammenkünfte auf Grund einer kritischen Übersicht über die 
Quellen. — Jean Barenne sucht zu erweisen, daß eine von ihm 
zum Abdruck gebrachte Bulle zugunsten der von der Abtei La 
Sauve in Bordeaux abhängigen Priorei Burwell in der Diözese 
Lincoln nicht im Original, sondern nur in einer sog. copie figuree 
vorliege („Une bulle suspecte concernant le priemt anglais de 
Burwell 1184"). — H. Francois Delaborde führt aus, daß die 
englischen Könige zwar vielleicht den französischen nachahmten, 
wenn sie behaupteten, Skrofeln durch Berührung heilen zu 
können, daß diese Sitte aber nichts mit ihren Prätensionen auf 
den französischen Thron zu tun hatte und mindestens zwei Jahr- 
hunderte älter ist als die Thronstreitigkeiten. Auch sei das Heil- 
verfahren nicht ganz dasselbe („Du toucher des ecrouelles par 
les rois d'Angleterre"). — Chr. Pfister weist darauf hin, wie man 

8* 



116 Literaturbericht. 

mit Hilfe verschiedener indirekter Quellen, vor allem auf Grund 
eines im 18. Jahrhundert angefertigten Katalogs, das seit der 
Revolution verlorene Chartular der Kirche Toul rekonstruieren 
könnte, und fügt ein Verzeichnis und Regesten der zum Teil 
unedierten Bullen aus den Jahren 1050 — 1198 bei; drei Bullen 
werden zum Abdruck gebracht („le bullaire de l'eglise de Toul"). 

— Antoine Thomas weist nach, daß eine bisher Graf Hugo von 
Angouleme zugeschriebene Urkunde in Wirklichkeit von Graf 
Ademar erlassen worden ist und vermutlich in die Jahre 1201/02 
zu setzen ist („Une Charte meconnue d'Adimar conte d' Angouleme"). 

— Elie Berger: „Association charitable fondee en Angleterre au 
milieu du treiziime siede" (es handelt sich um eine Bulle In- 
nocenz' IV. aus dem Jahre 1251, die einen Schutzverband gegen 
die Wucherer unter päpstliche Protektion nimmt). — J. A. Bru- 
tails, der „les expidients financiers de Gaillard de Lignan", eines 
südfranzösischen Ritters (gest. 1290), schildert, bringt interessante 
Beispiele dafür, wie Vorgänge des Feudalrechtes bloße Geld- 
geschäfte verhüllen konnten. — Eugene Deprez: „le tresor des 
Charles de Guyenne sous Edouard II". Dieser „tresor", ein Archiv- 
inventar, wurde 1320 auf Befehl König Eduards II. angelegt, 
damit das Material für die Rechtsstreitigkeiten mit Frankreich 
rasch zur Hand war. Einige sich hierauf beziehende Akten sowie 
ein Teil des Inventars werden zum Abdruck gebracht. — E. Ch. 
Rabut „une piice fausse dans un registre royal du XIII e siede". 
Es handelt sich um eine gefälschte Urkunde Ludwigs des Hl. 
von 1230 zugunsten des Bischofs von Maguelone, die nachträg- 
lich sogar im königlichen Chartular Aufnahme fand und deren 
Echtheit daher nie angezweifelt wurde. Die Urkunde wurde 
wahrscheinlich 1328 gefälscht, um bei einem Rechtsstreit ver- 
wendet zu werden. Mit dem Nachweis der Fälschung ist auch 
der Behauptung, in Montpellier seien bereits im Jahre 1230 
Doktoren der Rechte kreiert worden, der Boden entzogen. — 
H. Omont „Notice sur une chronique artisienne du debut du XIV e 
sUcle" (einige neue Notizen über die Zeit Philipps des Schönen 
und Ludwigs X.). — Henry Martin „David Aubert historien t 
son ricit de la bataille de Poitiers" (weist an diesem Beispiel die 
Wertlosigkeit der Kompilation Auberts in allen eigentlich histori- 
schen Partien nach). — Rod. Reuß, „la premiere invasion des 
,Anglais l en Alsace, ipisode de l'histoire du quatorzieme siede". 




Allgemeines. 117 

Es handelt sich um den Beutezug Arnauds de Cervole im Jahre 
1365. R. sucht zu erweisen, daß dieser Einfall im stillschweigen- 
den Einverständnis mit Karl IV. erfolgt sei, der sich auf diese 
Weise an der Stadt Straßburg habe rächen wollen. — Robert 
Latouche bringt Beiträge zum Kampfe zwischen England und 
Frankreich um die Guyenne („Saint- Antonin-de-Rouergue et la 
domination anglaise au XIV e siede [1358 — 1369]"). — Gabriel 
Loirette, „Arnaud Amanieu, sire d' Albret, et l'appel des seigneurs 
gascons en 1368" behandelt den Abfall dieses gaskognischen 
Magnaten von der englischen Sache und seinen Anschluß an die 
Partei Karls V. Betont werden besonders die finanziellen Mo- 
mente mit unedierten Dokumenten. — Robert Andre-Michel, 
„Anglais, bretons et routiers ä Carpentras sous Jean le Bon et 
Charles V", schildert auf Grund des im Archiv der Stadt erhal- 
tenen Materials die Beziehungen von Carpentras zu den Söldner- 
banden. — Ernest Lyon, „le pritendu coutumier du Poitou de 
l'epoque anglo-francaise dit de Pierre- Jean Mignot (1372)". Dieser 
„coutumier" soll während der französischen Revolution verschwun- 
den sein; wahrscheinlich hat er aber überhaupt nie existiert, 
d. h. es ist nicht nachzuweisen, daß die betreffende verlorene 
Handschrift mehr enthielt als einige Notizen über einzelne cou- 
tumes. — J. A. Twemlow, „The liturgical credentials of a forgotten 
english saint". Es handelt sich um den Augustiner Chorherrn 
Johann von Twenge, der 1401 von Bonifaz IX. heilig gesprochen 
wurde. Die Bollandisten räumten ihm keinen Platz in ihrem 
Kalender ein. Tw. weist nun nach, daß in den Häusern seines 
Ordens sein Gedächtnis im 15. Jahrhundert regelmäßig gefeiert 
wurde. — Leon Mirot, „les priliminaires de la prise d'armes de 
1411 et les lettres missives icrites aux Gantois". Die Schreiben, 
die damals von französischer Seite an die Flandrer gerichtet 
wurden, um sie bei der Armee des burgundischen Herzogs Johann 
ohne Furcht zurückzuhalten, sind mit Unrecht als gefälscht 
verdächtigt worden. Sie werden im Wortlaut mitgeteilt. — 
Clovis Brunei: die Stadt Amiens benutzte 1773 die Verhand- 
lungen, die zum Abschlüsse des Versailler Friedens führten, um 
von England die Zurückerstattung der städtischen Archivalien 
zu verlangen, die im 15. Jahrhundert geraubt worden sein sollten. 
Das Gesuch scheint keine Folgen gehabt zu haben; übrigens 
sind nie aus französischen Archiven Stücke nach England ver- 



118 Literaturbericht. 

schleppt worden („Pritendu transport en Angleterre des archives 
du bailliage d'Amiens au XV e sitae"). — F. Gebelin, „Un ricit 
de Ventrie de Dunois ä Bordeaux en 1451". Der Bericht ist in 
Tagebuchform gehalten; der Verfasser gehörte wahrscheinlich 
der Umgebung des Königs an. — A. Morel-Fatio publiziert das 
jetzt auf der Pariser Nationalbibliothek befindliche Schreiben, 
in dem Margarethe von York im Jahre 1493 bei den katholischen 
Königen um Unterstützung für Perkin Warbeck nachsuchte 
(„Marguerite d'York et Perkin Warbeck"). — Paul Marichal: 
„Ecossais en Barrois 1482" (es handelt sich um schottische Söldner 
in französischen Diensten). — Pierre Goutier publiziert Schrift- 
stücke, die den Zustand der Zisterzienserklöster in England, 
Schottland und Irland am Ende des 15. Jahrhunderts beleuchten; 
in England werden besonders die Übergriffe der weltlichen Macht 
beklagt („de l'itat des monasüres cisterciens anglais ä la fin du XV e 
siicle"). — R. B. Merriman untersucht, inwieweit die parlamen- 
tarischen Körperschaften in England, Frankreich und Spanien 
im späteren Mittelalter das Recht besaßen, daß bestehende Ge- 
setze nicht ohne ihre Einwilligung geändert werden durften; 
er warnt mit Recht davor, dieses Privileg mit dem Recht auf 
gesetzgeberisches Mitarbeiten durcheinanderzuwerfen. Die Parla- 
mente seien mehr als Hüter der hergebrachten Gerechtsame, 
denn als Teilhaber der gesetzgebenden Gewalt angesehen worden 
(„Control by national assemblies of the repeal of legislation in the 
later middle ages"). 

Mit dem folgenden Aufsatz beginnt die Serie der Aufsätze 
zur neueren Geschichte. H. P. Biggar handelt über „An english 
expedition to America in 152/', die Expedition John Ruts auf 
der „Mary Guildford" nach Labrador. — Paul Fredericq, „la 
fin de William Tindale bruli ä Vilvorde en 1536", bringt archi- 
valische Notizen bei, die für den Verlust der Prozeßakten einigen 
Ersatz leisten können. — Jean Regn£, „la sorcellerie en Vivarais 
et la ripression inquisitoriale ou siculiire du XV e au XV II e siede", 
bietet Auszüge aus Prozeßakten; er betont, daß die eigentliche 
Gerichtsbarkeit in den Hexenprozessen in den Händen der welt- 
lichen Richter lag und daß die Inquisition nur ausnahmsweise 
eingriff. — G. Constant, „la nonciature de Perpaglia aupres 
d' Elisabeth (1560)", weist ebenso wie C. G. Bayne in den gleich- 
zeitig erschienenen „Anglo-Roman Relations 1558 — 1565" darauf 



Allgemeines. 119 

hin, daß die Mission Perpaglias nicht an der Person des Ab- 
gesandten scheiterte, sondern an der Opposition Philipps II. 
Auch die als Beilage mitgeteilten Dokumente sind zum Teil 
auch bei Bayne gedruckt. — Der Aufsatz von Arnaud d'Estour- 
nelles de Constant, „Un appel de Francois d'Alencon ä la reine 
Elisabeth (25 octobre 1575)", ist von Interesse für die Kenntnis 
der Beziehungen der französischen Hugenotten zu England. — 
Roland G. Usher sucht zu erweisen, daß die in der englischen 
Geschichte des 17. Jahrhunderts häufig erwähnte Lehre vom 
göttlichen Recht der Bischöfe nicht schon 1589 von Dr. Ban- 
croft in einer Predigt formuliert wurde, also späteren Ursprungs 
ist, als gewöhnlich angenommen wird („The supposed origin of 
the doctrine of the divine right of bishops"). — Inna Lubimenko 
bringt drei Briefe der Königin Elisabeth aus den Jahren 1594 
bis 1603 an die russische Regierung zum Abdruck und fügt stati- 
stische Bemerkungen über die Korrespondenz zwischen dem eng- 
lischen und dem russischen Hofe in den Jahren 1554 — 1603 bei 
(„Trois lettres inidites d 'Elisabeth d'Angleterre ä la com de Russie"). 

— N. Jorga: „les premihes relations entre VAngleterre et les pays 
roumains du Danube (1427 — 1611)" (es handelt sich vor allem 
um Abenteurer und Prätendenten auf den wallachischen Thron, 
die sich an englische Diplomaten um Unterstützung wandten). 

— Vlastimil Kybal: „Henri IV et Jacques I er pendant l'affaire 
de Cleves et de Juliers en 1609 et 1610" (Auszug aus einem 1911 
erschienenen böhmisch geschriebenen Werke über „Heinrich IV. 
und Europa in den Jahren 1609 und 1610"). — Maurice Bernard, 
„Un manuscrit inidit du comte de Tillieres ä la Bibliotheque de 
l'Universiti" (es handelt sich um ein Memoire des Grafen von 
Tillieres, der mehrere Jahre hindurch französischer Gesandter 
in England gewesen war, über seinen Anteil an den Verhand- 
lungen zwischen England und Frankreich von der Heirat Karls I. 
an bis zum Frieden des Jahres 1629). — Paul Vaucher: „Une 
Convention franco-anglaise pour rigler le commerce et la navigation 
dans les Indes Occidentales 1737 — 1740" (es handelt sich um 
eine Konvention, die dem englischen Schleichhandel nach den 
französischen Antillen ein Ende machen sollte; die Verhandlungen 
darüber führten aber zu keinem Resultat). — Leon Jacob beschäf- 
tigt sich mit einer Episode des Kampfes Großbritanniens und 
Frankreichs um Kanada: „Un Journal inidit du siege de Louis- 



120 Literaturbericht. 

bourg (Ile du Cap Breton) en 1758". Das jetzt im französischen 
Kolonialarchiv aufbewahrte Journal ist allem Anschein nach 
von einem Offizier der Garnison verfaßt. — Roger Soltau: „Le 
Chevalier d'Eon et les relations diplomatiques de la France et de 
VAngleterre au lendemain du traiti de Paris (1763)" (es handelte 
sich bei diesen Verhandlungen vor allem um die Befestigung 
des Hafens von Dünkirchen. Eine Anzahl witziger und boshafter 
Bemerkungen des sog. „Chevalier d'Eon" über die politischen 
Zustände in England werden mitgeteilt). 

Die vorstehende Inhaltsübersicht dürfte gezeigt haben, daß 
in den „Melanges" die verschiedenartigsten Themen behandelt 
werden und daß einzelne Aufsätze auf eine größere Beachtung 
Anspruch erheben dürfen, als Miszellen im allgemeinen zuteil wird. 

Zürich. E. Fueter. 



Die Sadduzäer. Von R. Leszynsky. Berlin, Mayer & Müller. 1912. 
309 u. V S. 6 M. 

Die Sadduzäer sollen nach Leszynsky die Karaiten des Alter- 
tums gewesen sein (S. 14). Im Unterschied zu den Pharisäern, 
welche die schriftliche und mündliche Tora, d. h. die jüdische 
Bibel und die Tradition, gleichachteten, hielten die Sadduzäer 
nur an der schriftlichen Tora fest. Das ist aber im Wesen das 
Schriftprinzip der späteren Karaiten. 

Zum Nachweis seiner Auffassung über die Sadduzäer durch- 
mustert L. 1. die historischen und hebräischen Quellen: Jo- 
sephus, Mischna und Talmud, die von Schechter 1910 herausge- 
gebenen Fragmente einer sadduzäischen Schrift; 2. die alttesta- 
mentlichen Apokryphen und Pseudepigraphen : Jubiläen, Testa- 
mente der 12 Patriarchen, Henoch, Assumptio Mosis, Psalmen 
Salomos, 3. die Evangelien. 

In dem Streit zwischen Sadduzäern und Pharisäern hat 
allerdings die Stellung beider zur Schrift mitgesprochen. Ihre 
Stellung zur Schrift war aber von ihrer Stellung zur damaligen 
Kultur, d. i. dem durch Alexander in den Orient gedrungenen 
Hellenismus, abhängig. Die Sadduzäer befürworteten die An- 
passung an das Griechentum, für das auch die Regierenden in 
Israel eintraten. Die Pharisäer sahen das Heil für ihr Volk in 






Alte Geschichte. 121 

der Abwehr des Griechentums, und da ihnen für diese Zwecke 
das schriftliche Gesetz nicht ausreichte, haben sie es durch die 
mündliche Überlieferung ergänzt und sich in dieser Hilfe nicht 
geirrt. Das Festhalten an der Tora durch die Sadduzäer war 
eine Inkonsequenz; es war aber nötig, wenn die Sadduzäer ihre 
Stellung als Priester nicht darangeben wollten. 

Trotz ihrer Versteifung auf die Schrift haben aber die Saddu- 
zäer im Kampf mit den Pharisäern eine Reihe von Dogmen 
produziert, die selbst Neuerungen gegenüber der Schrift waren. 
In der Besprechung dieser Lehrdifferenzen sieht L. eine bisher 
von der Wissenschaft unterschätzte Aufgabe — er scheint sie 
aber selbst zu überschätzen. In der Ableitung der Jubiläen, der 
Testamente der 12 Patriarchen und der Himmelfahrt Mosis von 
Sadduzäern dürfte er keine glückliche Hand gehabt haben. 

Heidelberg. . Beer. 

Das Plagiat in der griechischen Literatur. Von E. Stemplinger. 
Leipzig, Teubner. 1912. 293 S. 10 M. 

Diese 0. Crusius gewidmete, von der Kgl. Bayer. Akademie 
preisgekrönte Arbeit enthält viel mehr, als ihr Titel angibt. Aus- 
gehend von den bekannten Stellen des Porphyrios und Clemens 
Alexandrinus über die Diebstähle in der antiken Literatur weist 
der Verfasser zunächst nach, daß für diese beiden Schriftsteller 
das Material schon in einer umfangreichen älteren, xXonui be- 
handelnden Literatur bereit lag. Diese Literatur war aus den 
verschiedensten Anlässen erwachsen und hatte mit Plagiat- 
beschuldigungen zunächst meist gar nichts zu tun. Das Auf- 
suchen von Parallelen bei der Schriftstellererklärung, die Schriften 
über die Erfinder und Erfindungen, die persönlicher Polemik 
entspringenden Plagiatvorwürfe, das in Scholien und Sammel- 
werken vereinigte Material und die pseudepigraphische Literatur 
bieten die Voraussetzungen für die Behauptungen der Autoren, 
aus denen Porphyrios und Clemens geschöpft haben, deren 
Angaben der Verfasser dann mit eingehender Kritik dem Leser 
vorführt. 

Ein zweiter Teil ist den „rhetorisch-ästhetischen Theorien 
über das Plagiat" und ein dritter der „literarischen Praxis des 
Altertums" gewidmet. Darin sind mit eindringlicher Gelehr- 




122 Literaturbericht. 

samkeit und gestützt auf reichhaltige Sammlungen alle die 
Fragen erörtert, die das Verhältnis des griechischen Schrift- 
stellers — Dichters wie Prosaikers — zu seinem Stoff, zu seinen 
Vorgängern, zu dem literarischen Genus betreffen; es wird ge- 
zeigt, welch weitreichenden Einfluß die Schulverhältnisse, die 
rhetorische Schulung, die bewußte Nachahmung stofflicher und 
stilistischer Art auf die Stoff- und Formübereinstimmungen 
in der griechischen Literatur geübt haben, die mit dem eigent- 
lichen Plagiat zwar gar nichts zu tun haben, aber späterhin 
für diesen Zweck ausgebeutet worden sind. Der Verfasser geht 
ferner der Praxis der Schriftsteller nach, wie sie sich in der Nen- 
nung des Verfassernamens, der Anführung von Zitaten, mit und 
ohne Nennung des Gewährsmannes, zeigt und behandelt die 
verschiedenen Formen freierer Umgestaltung von Vorbildern 
wie Übersetzungen, Paraphrasen, Exzerpte u. dgl.; endlich die 
Proömien, Epiloge, xönot und die unbewußten Entlehnungen. 
In allen diesen Abschnitten veranschaulicht und belebt der Ver- 
fasser seine Ausführungen durch Parallelen, die zeigen, wie in 
den modernen Literaturen der Begriff des literarischen Eigen- 
tums aufgefaßt erscheint. 

Das Studium dieses Buches, das den griechischen literarischen 
Brauch und Mißbrauch in so erschöpfender Weise behandelt 
und das antike Material in einer bisher noch nicht erreichten 
Vollständigkeit übersichtlich geordnet darbietet, muß dringend 
auch denen empfohlen werden, die es mit den Geschichtsquellen 
zu tun haben; sie werden daraus klarer als aus den Literatur- 
geschichten die allgemeinen Voraussetzungen kennen lernen, 
unter denen die Bücher entstanden sind, deren wir uns heute 
als historischer Quellen bedienen müssen und über deren lite- 
rarische Eigenart eben deshalb mitunter ebenso unzutreffende 
Vorstellungen umlaufen wie über das Plagiat im Altertum, wor- 
unter irrtümlich Erscheinungen zusammengefaßt werden, die an- 
sich ganz verschiedenen Ursprunges sind und die zum Teil mit 
dem modernen Plagiatsbegriff gar nichts gemein haben. 

Graz. Adolf Bauer. 



Alte Geschichte. 123 

C. Julius Cäsar, sein Leben nach den Quellen kritisch dargestellt 
von E. G. Sihler, Professor an der New York University. 
Deutsche vom Verfasser selbst besorgte, berichtigte und 
verbesserte Ausgabe. Leipzig, B. G. Teubner. 1912. 274 S. 
Brosch. 6 M., geb. 8 M. 

Cäsars Feldzüge in Gallien und Britannien. Von T. Rice Holmes. 
Übersetzung und Bearbeitung der Werke „Caesars conquest 
of Gaul" und „Ancient Britain and the invasions of Julius 
Caesar" von Wilhelm Schott, nach dessen Tode zu Ende 
geführt, durchgesehen und zum Druck befördert von Felix 
Rosenberg. Leipzig, Teubner. 1913. 299 S. Brosch. 9 M., 
geb. 10 M. 

Mit der Darbietung dieser beiden deutschen Bearbeitungen 
englischer Cäsarwerke hat sich der Verlag von B. G. Teubner 
ein großes Verdienst erworben. Die Absicht, die ausgezeichneten 
Forschungen von Holmes den deutschen Lehrern nahezubringen, 
wurde in trefflicher Weise erreicht. Der Zweck rechtfertigt, 
daß die beiden Originalschriften um mehr als die Hälfte gekürzt 
wurden. Zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Holmes 
genügt aber natürlich diese Bearbeitung nicht. 

Sihlers Buch war in Deutschland bislang viel weniger be- 
kannt. Nach dem Vorwort ist es aus einer 27 jährigen Beschäfti- 
gung mit Cäsar hervorgegangen. Jede Seite bezeugt, daß das 
keine Phrase ist. S. will Cäsar so darstellen, wie er in seiner 
Zeit und auf seine Zeitgenossen gewirkt hat, und es ist ihm zweifel- 
los gelungen. Der Bürger einer großen Republik, in der auch mit 
groben Mitteln gekämpft wird, bringt den römischen Verhält- 
nissen ein Verständnis entgegen, das in Deutschland selten ist. 
Mit der gleichen Nüchternheit steht er auch Cäsar selbst gegen- 
über. Seine Auffassung wird S. 167 kurz folgendermaßen aus- 
gedrückt: „Es ist klar, daß in Cäsar zwei Elemente stark waren. 
Einmal ein unergründlicher Ehrgeiz mit einem ganz abnormen 
Sinn für das Wirkliche und Gegebene; dann auch ein Vermögen 
zum Handeln, unbeirrt durch die Schablone des bloßen Doktrinärs, 
sondern in jeder neuen Lage von einer durchdringenden Ein- 
sicht in die Umstände bestimmt". S. wird dem Genialen in Cäsar 
durchaus gerecht, ohne es ins Übermenschliche zu steigern. Die 
Bedeutung des Buches liegt mehr im Urteil als in der Darstellung 
des Tatsächlichen. Diese tritt öfters gegenüber dem Räsonnement 



124 Literaturbericht. 

fast zu viel in den Hintergrund. So wird Cäsars letzte Frau 
Calpurnia nur beiläufig erwähnt. Wann und unter welchen Um- 
ständen diese Heirat zustande kam, hören wir nicht. Wer nach 
einem Repertorium über Cäsars Leben greifen will, wird durch 
dieses Buch enttäuscht werden. Auch zur Lektüre für das 
weitere Publikum eignet es sich nicht, da der Text beständig 
mit quellenkritischen Erörterungen durchsetzt ist. Dadurch, 
daß sich in dieser deutschen Ausgabe nur wenige Sätze finden 
dürften, wie sie ein Deutscher des Mutterlandes geschrieben hätte, 
wirkt es sehr originell. 

Freiburg. M. Geizer. 



Die rechtliche Stellung der päpstlichen Legaten bis Bonifaz VIII. 
Von K. Rueß. (13. Heft in der Sektion für Rechts- und 
Sozialwissenschaft der Görres- Gesellschaft.) Paderborn, 
Ferdinand Schöningh. 1912. XIV u. 252 S. 8 M. 

Die päpstliche Legation in der ersten Hallte des 13. Jahrhunderts. 
Von H. Zimmermann. (Desgleichen, 17. Heft.) Ebenda 1913. 
XV u. 348 S. 12 M. 

An der Vertiefung unserer Kenntnis von der Tätigkeit der 
päpstlichen Legaten ist in den letzten Jahren eifrig gearbeitet 
worden, auch die obengenannten Bücher legen dafür ein erfreu- 
liches Zeugnis ab. In klarer Darstellung geht Rueß der Ent- 
wicklung des päpstlichen Gesandtschaftswesens nach. Ein ge- 
waltiges Material war da zu verarbeiten, aber der Verfasser hat 
sich seiner Aufgabe nicht ohne Geschick entledigt. In der An- 
ordnung des Stoffes kann man ihm durchweg zustimmen, auch 
darin, daß er aus praktischen Gründen auf eine gesonderte Dar- 
stellung der Zeit nach Innozenz III. verzichtet und nur bei Gre- 
gor VII. einen Haupteinschnitt macht. Die Kapitel über die recht- 
liche Stellung, über das Apokrisiarienwesen und über die stän- 
digen Legaten in den päpstlichen Patrimonien heben das Wesent- 
liche gut hervor und sind als die gelungensten des ersten Teiles 
zu betrachten. Wenig Neues weiß der Verfasser über die Tätig- 
keit der päpstlichen Gesandten auf den allgemeinen Konzilien 
des Orients zu sagen, doch hält er sich von den Übertreibungen 
früherer Forscher frei. Wenn R. dann aber behauptet, daß die 
Legaten seit dem 9. Jahrhundert auf allen Partikularsynoden 



Mittelalter. 125 

den Vorsitz führten, so ist dies nicht durchweg richtig, wie For- 
schungen von Engelmann und Schumann jetzt ergeben haben. 
Zum Teil verfehlt ist auch die Anschauung über Arles bei der 
Darstellung des Vikariates. Nach den Synodalakten kann von 
einem ständigen Vorsitz des dortigen Erzbischofes auf den Synoden 
des 6. Jahrhunderts nicht geredet werden. Zu Orleans (28. Ok- 
tober 549) unterzeichnet an erster Stelle der Erzbischof von 
Lyon und erst dann Aurilian von Arles (vgl. M. G. Concilia I, 
108 f.), auch in Paris (11. September 573) war die Stellung zum 
mindesten umstritten. Zwar unterschreibt Sabaudus (nicht 
Vergilius!) in dem Briefe an König Sigebert vor Philipp von 
Vienne, aber in dem Schreiben an den Erzbischof von Reims ist 
die Reihenfolge umgekehrt! Nach diesen und anderen Zeug- 
nissen müssen wir vielmehr eine starke Rivalität der Metropoliten 
von Arles, Vienne und Lyon annehmen. Der zweite Teil beginnt 
mit einer orientierenden Zusammenfassung der Verwendung 
der Legaten. Schon hier fällt es auf, daß der Verfasser seine 
Belege hauptsächlich dem 13. Jahrhundert entnimmt, ich kann 
dies bei einer entwicklungsgeschichtlichen Darstellung nicht für 
glücklich halten, der Fehler liegt aber wohl mehr daran, daß die 
Aufarbeitung des Materials bis 1198 für Deutschland, wie sie auf 
Anregung Brackmanns von Engelmann, Schumann und Bach- 
mann begonnen wurde, noch nicht vollendet ist, für die andern 
Länder aber noch völlig im argen liegt. Den Kern dieses Teiles 
bildet der Abschnitt über die rechtliche Stellung. Hier werden 
die einzelnen Fakultäten sorgsam erörtert und auch über Amts- 
bezeichnungen und Ehrenrechte der Legaten erfahren wir Näheres. 
Es kann nicht die Aufgabe des Berichterstatters sein, sich mit 
allen Ergebnissen auseinanderzusetzen, so ist z. B. die Dreizahl 
bei der Aussendung der Legaten nicht so selten, wie R. annimmt, 
auch die Bezeichnung „legatus a latere" läßt sich noch bis ins 
13. Jahrhundert verschiedentlich für Nichtkardinäle nachweisen. 
Im ganzen aber sind die Grundlinien richtig gezogen. Mit einem 
Abschnitt über die ständigen Legaten und die angebliche Legation 
weltlicher Herrscher schließt das Buch. Die Bedenken, welche 
der Verfasser gegen Caspars Auffassung der Legatengewalt der 
sizilischen Herrscher vorbringt, scheinen mir ernster Beachtung 
wert. Wir werden doch wohl in dem Privileg Urbans II. legatum 
und nicht litteras zu ergänzen haben, die Urkunde Rogers vom 






126 Literaturbericht. 

6. Mai 1098 kann jedenfalls nicht zur Stütze von Caspars An- 
schauung herangezogen werden. 

Eine glückliche Ergänzung des R.schen Buches bietet Zim- 
mermanns Arbeit, indem die Übergangsepoche in der ersten 
Hälfte des 13. Jahrhunderts einer gesonderten Betrachtung 
unterzogen wird. Ich möchte hier gleich ein sachliches Be- 
denken gegen die Anlage des ersten Teiles vor bringen. Nach 
einer vorzüglichen Übersicht über die Legationstätigkeit vor 
1200 geht der Verfasser daran, Aufgabe, Anfang und Ende 
der einzelnen Legationen möglichst genau und erschöpfend zu 
behandeln. Das genügt meiner Ansicht nach nicht. Um einen 
Einblick in die Bedeutung des Instituts der Legaten zu erhalten, 
ist es unbedingt erforderlich, daß wir sie auf ihren Reisen be- 
gleiten und aus ihren Handlungen heraus eine Vorstellung von 
der Macht gewinnen, die in ihre Hände gelegt war. Ein Verweis 
auf die Regesta imperii hebt diesen Mangel nicht auf, denn ab- 
gesehen davon, daß hier nur das Material für Deutschland zu- 
sammengetragen ist, können sie uns nicht eine zusammenhängende 
quellenkritische Darstellung ersetzen. Dann wäre auch die 
Unlesbarkeit des ersten Teiles vermieden worden, welche Z. 
selbst als Mangel empfindet, denn ihn hebt auch nicht der Ab- 
schnitt über die Veranlassung der Legationen auf, der trotz des 
großen stilistischen Geschickes des Verfassers nur eine Zusammen- 
stellung von Tatsachen bildet. Auch bei der Betrachtung der 
Legationstätigkeit müssen wir zur gesonderten Behandlung der 
einzelnen Länder schreiten, wie darin die große Regestenausgabe 
der Papsturkunden durch die Göttinger Gesellschaft der Wissen- 
schaften vorangegangen ist. Nur so wird es möglich sein, die 
Masse des Materials genügend historisch zu verarbeiten. Abge- 
sehen von diesen sachlichen Bedenken bietet die gründliche und 
tiefschürfende Arbeit kaum zu Ausstellungen Anlaß. Die Ab- 
schnitte über die Einteilung der Legaten, das Offizium und die 
Prokuration dürfen als grundlegend angesehen werden und sind 
nur durch weitere Beispiele zu erhärten. Mit Interesse darf man 
den weiteren Arbeiten des Verfassers auf diesem Gebiete ent- 
gegensehen. Einige kleine Berichtigungen seien noch angefügt. 
Nach der Urkunde im Mecklenburgischen U. B. 10, 467 f., Nr. 7155, 
müssen wir eine Legation Guidos von S. Maria trans Tiberim 
für Deutschland vor 1201 annehmen. Das Zitat aus dem gleichen 



Mittelalter. 127 

U. B. auf S. 125, Nr. 1, ist unverständlich. Ferner irrt Z., wenn 
er Konrads von Marburg Auftreten als Kreuzprediger erst in 
das Jahr 1220 verlegt, denn Innozenz III. erwähnt seine Er- 
nennung schon in einer Urkunde vom 8. Januar 1216 (Potthast, 
Reg. Pont. Nr. 5048); auch Z.s Stellungnahme zu den Casparschen 
Resultaten über die Legation der sizilischen Herrscher scheint 
mir nicht richtig zu sein. Aber diese und ähnliche Fehler können 
die Verdienste des Buches nicht mindern. 

Marburg in Hessen. J. Bachmann. 

Diplomatische studiert over Utrechtsche oorkonden der X tot XII 
eeuw. Door N. B. Tenhaeff. (Bijdragen van het instituut 
voor middeleeuwsche geschiedenis der rijks-universiteit te 
Utrecht. Uitgegeven door Prof. Dr. 0. Oppermann. I.) Ut- 
recht, A. Oosthoek. 339 S. und 5 Lichtdrucktafeln. 

Wer für die Richtigkeit der Ansichten, die aus Anlaß der 
Kehr-Schäferschen Kontroverse kürzlich an dieser Stelle von 
Kern und Meinecke gegen eine Zentralisierung des hilfswissen- 
schaftlichen Betriebes geäußert wurden, nach einem guten Beleg 
suchen sollte, könnte ihn in dieser Erstlingsschrift finden, die, 
hervorgegangen aus dem Institut für mittelalterliche Geschichte, 
das 0. Oppermann nach deutschem Muster an der Universität 
Utrecht eingerichtet hat, in erfreulichster Weise zeigt, welch 
reife Frucht die an einer kleinen Hochschule mögliche intime 
Einwirkung des akademischen Lehrers auf einen begabten Schüler 
zu zeitigen vermag. Gründliche Kenntnis der Quellen sowohl 
wie der ausgedehnten Literatur, auch der deutschen, und eine 
sichere Handhabung des methodischen Rüstzeugs unserer fort- 
geschrittenen Urkundenkritik zeichnen das Buch aus, in dem 
der Verfasser in fünf selbständigen Abhandlungen insgesamt 
23 Urkunden von Utrechter, Deventer und Zütfener Kirchen 
aus den Jahren 940 — 1146 untersucht, um 15 unter ihnen als 
Fälschungen oder Verfälschungen zu erkennen, sich aber nicht 
bei dieser negativen Kritik begnügt, sondern sorgsam und scharf- 
sinnig dem Entstehungsprozeß der Falsa nachspürend von ihnen 
aus neues Licht auf verschiedene Phasen der älteren holländischen 
Geschichte fallen läßt. 

Die erste, in ihren Ergebnissen wichtigste Studie, die von 
der Urkunde Bischof Balderichs für den Dom zu Utrecht vom 



128 Literaturbericht. 

Jahre 943 ausgeht, ist der ungemein verwickelten Frage nach 
der ältesten Utrechter Domkirche gewidmet. Im frühen Mittel- 
alter wird in Utrecht als Bischofskathedrale nicht eine Kirche 
genannt, sondern es erscheinen nach und auch nebeneinander 
ihrer zwei, die St. Martinskirche und die St. Salvatorskirche, 
ein Dualismus, der in der deutschen Kirchengeschichte wohl 
ohne Seitenstück sein dürfte und einer befriedigenden Erklärung 
bisher gespottet hat. Der Verfasser bringt nach eindringender 
Prüfung der urkundlichen und chronikalischen Quellen, indem 
er für die früheste Zeit die von J. H. Gosses über das merowingisch- 
karolingische Utrecht gemachten Feststellungen sowie eine noch 
unveröffentlichte Untersuchung Oppermanns benutzt, die Lösung 
des Rätsels. Das merowingische Utrecht bestand aus einem der 
spätrömischen Zeit entstammenden Vicus (Oudwijk) auf der 
rechten Rheinseite und einer die Überfahrt schützenden links- 
rheinischen Burg. In jenem Vicus lag die älteste Kirche, eine 
fränkische Reichskirche, dem hl. Martin geweiht. Von ihr aus 
unternimmt Willibrord mit Unterstützung der weltlichen Macht 
seine erste Missionierung der Friesen, weiß aber später, in Rom 
zum Erzbischof der Friesen erhoben, sich von der Staatsgewalt 
zu emanzipieren und errichtet auf der linken Rheinseite bei der 
Burg als seine Kathedrale die Salvatorsabtei. Sein Nachfolger 
Bonifazius hingegen muß als Utrechter Reichsbischof wieder 
die Martinskirche zum Bischofsitz erwählen. Sie bleibt dies 
bis zum Eindringen der Normannen. Als Bischof Balderich um 
920 in das zerstörte Utrecht zurückkehrt, stellt er zuerst die 
Salvatorskirche her, die damit zur Kathedrale wird, später aber 
baut er auch die Martinskirche in Oudwijk wieder auf und ver- 
teilt das Domkapitel auf beide Kirchen, ein abnormer Zustand, 
der von kurzer Dauer war, denn von 948 an ist St. Martin wieder 
der alleinige Dom. Im Jahre 1007 fällt Utrecht einem nochmaligen 
Verwüstungszug der Normannen zum Opfer. Nunmehr wird 
der ungeschützte rechtsrheinische Vicus mit der alten Martins- 
kirche aufgegeben. Bischof Ansfrid stellt nur die Salvatorskirche 
wieder her. Sie ist nun für einige Jahre die Kathedrale, bis der 
Nachfolger Ansfrids, Adalbold, eine neue Martinskirche innerhalb 
der Burgmauern als den endgültigen Bischofssitz errichtet. 

In der zweiten Abhandlung unternimmt es der Verfasser, 
vier schon von S. Muller Fz. als Fälschungen gekennzeichnete, 



Mittelalter. 129 

inhaltlich disparate Urkunden für den Dom zu Utrecht (940 bis 
1146) in einen inneren Zusammenhang zu bringen, sie zu erklären 
und zu datieren, wie mir scheint, mit vollem Erfolg. Die Fäl- 
schungen sind gelegentlich der Vakanz des Utrechter Stuhles 
1249 — 1250 entstanden, um gegenüber dem päpstlichen Kandi- 
daten Heinrich von Vianden den kanonisch gewählten Gozwin 
von Randerode und weiterhin gegen die Eingriffe der Kurie das 
Wahlrecht der Kapitel vom Dom und von St. Salvator zu stützen. 
Diese Absichten ihrer Hersteller haben sie zwar nicht verwirk- 
lichen können, sie sind aber durch den geschickten Interpretator 
zu ergiebigen Quellen für die Erkenntnis der Entwicklung des 
Utrechter Wahlrechts geworden. — Die nächste Untersuchung 
erweist unter drei Utrechter Bischofsurkunden von 1040, 1093 
und 1129, welche die Schenkung der Kirche von Zwolle an das 
Lebuinstift in Deventer betreffen, die beiden ältesten als unecht. 
Über Zweck und Entstehungszeit der ersten Fälschung können 
nur Vermutungen geäußert werden, die von 1093 stammt aus 
dem 18. Jahrhundert als das recht plumpe Machwerk eines 
Deventer Historikers Dumbar. Sollte hier nicht, wie so oft bei 
unserem Bodmann, in der Zeugenreihe die Erklärung für die 
Tätigkeit des Fälschers zu suchen sein? — Bei der Prüfung des 
ältesten Urkundenbestandes der St. Paulusabtei in Utrecht 
(früher zu Hohorst bei Amersfoort), der Stiftungsurkunde Bischof 
Ansfrids von 1006, der Besitzbestätigung Kaiser Konrads II. 
von 1028 und der Besitzbestätigung Bischof Bernolds von 1050, 
bleibt als echt nur die Kaiserurkunde bestehen, die beiden Bischofs- 
urkunden sind Fälschungen, und zwar hat das unter Benutzung 
der Kaiserurkunde entstandene Spurium von 1050 der angeb- 
lichen Stiftungsurkunde als Vorlage gedient, wonach der in der 
Monumentenausgabe (Dipl. Konradi 1 1. 159, Nr. 1 14) angenommene 
Zusammenhang berichtigt werden muß. Die Urkunde Bernolds 
ist mutmaßlich im 12. Jahrhundert entstanden, während die 
Fälschung der Ansfridurkunde, die der Abtei über den Besitz- 
stand der kaiserlichen Bestätigung hinaus das Eigentum an vier 
in Südholland gelegenen Kirchen vindiziert, mit zwingenden 
Gründen mit den in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts 
von den holländischen Grafen unternommenen Einpolderungen 
südholländischer Gebiete in Verbindung gebracht wird. Sie 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 9 



130 Literaturbericht. 

sollte das Patronats- und Zehntrecht im Neuland der weltlichen 
Macht entwinden. 

In den „Zutfensche Falsa" wird der Komplex der acht 
ältesten, schon früher mehr oder weniger angezweifelten und in 
zwei Stücken als unecht erwiesenen Zütfener Urkunden (1059 
bis 1134), die sich mit Schenkungen an das dortige Stift und mit 
den Rechten des Ober- und Untervogts, des Propstes und seines 
Schultheißen befassen, einer nochmaligen eingehenden Prüfung 
unterzogen, bei der sich die diplomatische Kritik nicht mehr, 
wie bei den bisher untersuchten, nur abschriftlich erhaltenen 
Urkunden auf den formal-textlichen Befund zu beschränken 
braucht, da fünf der Urkunden in Originalen bzw. in angeblichen 
Originalen vorliegen. Gute Lichtdrucktafeln ermöglichen es 
dem Leser, die Schriftvergleichung nachzuprüfen. Bei fünf 
Urkunden wird Fälschung nachgewiesen, bei einer Verfälschung 
durch Interpolation. Die Aufklärung ihres sachlichen Zusammen- 
hangs weitet sich aus zu Studien über die Familie der ältesten 
Grafen von Zütfen, über die rechtliche Stellung der „Malmannen" 
und über die herzoglichen Rechte des Bischofs von Münster in 
Zütfen. Die Fälschungen sind hergestellt vor der Erhebung 
Zütfens zur Stadt (1190) im gräflich-städtischen Interesse. Ihr 
Zweck war Ausschaltung des Münsterischen Einflusses, Beschrän- 
kung der niedervogteilichen Gerechtsame und Überführung der 
minderfreien Malmannen aus dem Immunitätsverband in den 
Gerichtstand des gräflichen Gerichts. 

Gern sieht man nach dieser ungewöhnlich guten Erstlings- 
arbeit den von Tenhaeff in Aussicht gestellten Untersuchungen 
zur Rechtsgeschichte der Stadt Zütfen entgegen. 

Koblenz. Rieh. Knipping. 

Das Wahldekret vom Jahre 1059. Inauguraldissertation der philo- 
sophischen Fakultät zu Breslau von Gustav Schober. Bres- 
lau 1914. IV u. 79 S. 

Der Verfasser hat die Streitfragen, die sich an das Papst- 
wahldekret von 1059 knüpfen, auf Grund eingehender Kenntnis 
der Literatur von neuem durchmustert und hat kritisch abwägend 
versucht, aus den vielen verschiedenen Ansichten eine möglichst 
plausible Ansicht über Inhalt und Tragweite des Dekrets zu 
gewinnen: er stimmt denen bei, welche die sogenannte päpstliche 






Mittelalter. 131 

Fassung für die ursprüngliche und wesentlich echte Gestalt der 
Urkunde halten, und er definiert den Anteil an der Papstwahl, 
der dem Könige zuerkannt ist, als das Recht des Patriziats, das 
dem König vom Vater her zustehe und vom Papste Nikolaus 
durch ein urkundliches Privileg neuerdings bestätigt worden 
sei, indem er das Fehlen einer näheren Bestimmung über den 
Zeitpunkt, wann im Verlaufe der Wahlhandlung die königliche 
Einwirkung zu erfolgen hat, als absichtliche diplomatische Zwei- 
deutigkeit erklärt. Indes gehört m. E. das vorliegende Thema 
zu den viel und allseitig erörterten Problemen, die wirklich ge- 
fördert nur werden können, wenn neues Material herzugebracht 
wird, seien es direkt neue Quellen oder seien es indirekt neue 
Materialien zur Interpretation der bisher bekannten Quellen. 
Hier würde nur das letztere in Betracht kommen; es gibt in der 
Tat hier noch einige wichtige, bisher fast hartnäckig beiseite ge- 
lassene Hilfsmittel. Ich habe schon in dieser Zeitschrift Bd. 113, 
S. 345f. auf die bald nach 1080 erdichteten Privilegien Hadrians I. 
und Leos VIII. zugunsten königlichen Papstwahl- und Investitur- 
rechts hingewiesen, wo sich z. B. die Unterscheidung der „di- 
gnitas patriciatus" vom „jus et potestas eligendi pontificem et 
ordinandi apostolicam sedem" findet, die bei der Interpretation 
einer der Äußerungen des Petrus Damiani (vgl. Schober S. 53) 
heranzuziehen ist; in einer jener Urkunden ist auch von der 
„facultas reverentiae" die Rede mit Bezug auf die kirchenhoheit- 
lichen Rechte des Königs (vgl. Schober 1. c). Von größter Wichtig- 
keit ist ferner das Absageschreiben König Heinrichs an Gregor VII., 
worin der Patriziat o. Zw. als „hereditaria dignitas" bezeichnet 
ist und am Schlüsse vom Patriziat ausdrücklich gesprochen wird. 1 ) 
Die Ausdrücke, die bei der Papstwahl in Betracht kommen, 
wie eligere, ordinäre, consensus usw., sind mit Hinblick auf die 
entsprechenden Termini technici der Bischofswahlen sicherer 
zu bestimmen; die Bedeutung der einzelnen Wahlhandlungen 
ist durch die analogen Hergänge der damaligen Wahlen über- 
haupt zu erklären, und es ist so noch manches zu verwerten, 
um die Interpretation auf die breitere Basis des allgemeineren 
Sprachgebrauchs und der analogen Rechtsanschauungen zu stellen. 



*) Vgl. B. Kumsteller, Der Bruch zwischen Regnum und 
-Sacerdotium usw. Diss. Greifswald. 1912. S. 82 ff. 

9* 



132 Literaturbericht. 

Man kann auch so m. E. nur zum Teil sichere Resultate gewinnen; 
man muß sich entschließen, zum Teil bei einem Non liquet stehen 
zu bleiben, und muß scharf das Mögliche, Wahrscheinliche, Sichere 
voneinander scheiden, anstatt, wie Schober und manche der 
früheren Forscher, durchweg zu bestimmten Feststellungen ge- 
langen zu wollen. Mir scheint sicher nur festgestellt werden 
zu können, was die verschiedenen Autoren und ihre Parteien 
über Inhalt und Bedeutung des Dekrets gemeint haben, und man 
kann von da aus die uns erhaltenen Dekrettexte würdigen 1 ), 
ohne jedoch die Bedeutung der divergierenden Textstellen und 
die Fassung des ursprünglichen echten Textes mit Sicherheit 
eindeutig konstatieren zu können. 

Greifswald. E. Bernheim. 



Die Berufe der Stadt Frankfurt a. M. im Mittelalter. Von Karl 
Bücher. Des 30. Bandes der Abhandlungen der philologisch- 
historischen Klasse der Kgl. Sachs. Gesellschaft der Wissen- 
schaften Nr. 3. Leipzig, B. G. Teubner. 1914. 143 S. 

Die erfolgreichen Bemühungen, die Einwohnerzahl mittelalter- 
licher Städte zu ermitteln, nehmen mit C. Hegels Untersuchungen 
ihren Anfang. Wesentlich vertieft wurde weiterhin 2 ) das Problem 
durch K. Büchers „Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. und 
15. Jahrhundert", Bd. I (1886), indem mit diesem Werk den 
Studien die Richtung auf die Frage der sozialen Schichtung der 
Bevölkerung gegeben wurde. Die Städtegeschichte hat aus 
diesem auf gründlichste archivalische Arbeit gestützten, ge- 
dankenreichen Buch die mannigfachste Anregung gewonnen; 
insbesondere die Lehre von der mittelalterlichen Stadtwirtschaft 
erfuhr eine Bereicherung. Jetzt bietet B. eine Fortsetzung dieser 
Forschungen, wiederum mit fleißigster Ausschöpfung archi- 
valischer Quellen. Vor allem die Bedebücher, aber auch sonst 
Aufzeichnungen der mannigfaltigsten Art hat er herangezogen, 
um die Bezeichnungen der Berufe im mittelalterlichen Frankfurt 
festzustellen. Es ist ein Wörterbuch, was wir erhalten, mit einigen 



*) Es ist der kritische Standpunkt Jul. v. Pflugk-Harttungs r 
den ich soweit einnehme. 

') Zur Literatur vgl. H. Z. 61, S. 303 ff. 



Mittelalter. 133 

erläuternden Bemerkungen über das eingeschlagene Verfahren 
und die ganze Bedeutung der Sache. Niemand bisher hat für 
irgendeine Stadt einen so energischen Versuch gemacht, die reiche 
Gliederung der mittelalterlichen Berufe zu ermitteln. Es ergibt 
sich ein ganz außerordentlicher Reichtum von Berufsbezeich- 
nungen. Während B. im Jahre 1886 in seiner „Bevölkerung von 
Frankfurt a. M." 338 Berufsarten ermittelte und schon diese 
Zahl mit Recht als eine überraschend große bezeichnete, weist 
die jetzige alphabetische Zusammenstellung fast das Fünffache 
derselben auf. Es handelt sich hier um Berufsbezeichnungen der 
verschiedensten Art, nicht bloß solche der Gewerbe im engern 
Sinn. Aber erstaunlich bleibt die Zahl unter allen Umständen. 
Nun bietet B. immerhin bloß ein alphabetisches Register von 
Bezeichnungen der Berufe. Diese selbst brauchen sich mit den 
Bezeichnungen nicht zu decken. Es läßt sich nachweisen, daß 
dieselbe Sache durch eine Menge verschiedener Benennungen 
ausgedrückt wird (vgl. S. 19 Anm. 1). Verschiedene Seiten der 
Arbeit eines und desselben Berufs werden mit verschiedenen 
Namen bezeichnet; das eine Mal wird die eine, das andere Mal die 
andere mit der Benennung angedeutet. Es ist beachtenswert, 
daß im Laufe der Zeit die Zahl der Berufsbezeichnungen (nament- 
lich innerhalb des Gewerbes) nicht zu-, sondern abnimmt, während 
doch die Zahl der Berufe fortschreitend wächst. Die bunten 
Bezeichnungen desselben Gewerbes führten einen Kampf gegen 
einander, der mit dem Sieg einer oder einiger endete. Man braucht 
diesen Sieg nicht aus der „Verknöcherung der gewerblichen 
Organisation" zu erklären (vgl. Bücher S. 10), wenngleich die 
festere Durchbildung des Zunftwesens gewiß richtunggebend 
gewirkt hat. Man wird mithin die Zahl der Berufe beträchtlich 
geringer anzusetzen haben als die der Bezeichnungen. Immerhin 
bleibt jene auffallend groß, und B. hat recht, wenn er diese Tat- 
sache mit der mittelalterlichen Stadtwirtschaft in Zusammen- 
hang bringt, welche von dem Grundsatz beherrscht wurde, daß 
möglichst alle wirtschaftlichen Güter in der Stadt hergestellt 
oder zur Verfügung gestellt werden sollten und daß jeder bürger- 
liche Hausstand in der Berufstätigkeit seine Nahrung finde. 
Das werden auch diejenigen zugeben, die, wie Referent, das 
Wesen der mittelalterlichen Stadtwirtschaft etwas anders be- 
stimmen als B. 



134 Literaturbericht. 

S. 10 wendet sich B. gegen die Ansicht, daß es möglich sei, 
auf Grund der erhaltenen Zunfturkunden auch nur eine halb- 
wegs zutreffende Anschauung des städtischen Berufslebens zu 
gewinnen. Es ist völlig richtig, daß neben den Zunfturkunden 
und -akten alle andern Quellen, wie insbesondere die von B. so 
erfolgreich verwerteten Aufzeichnungen, heranzuziehen sind, und 
daß das gewerbliche Leben nicht bloß in der Form der Zunft 
pulsierte. Aber dieser Umstand wird doch heute wohl schon all- 
gemein anerkannt. Ich wenigstens habe mich dagegen nicht ver- 
schlossen, und in den Arbeiten über die Gewerbegeschichte 
mittelalterlicher Städte, die ich angeregt habe, werden regelmäßig 
die Berufe überhaupt, nicht bloß die zünftigen, festgestellt. Mehr 
wird es heute notwendig sein, vor einer noch immer begegnenden 
Unterschätzung der Zunftform zu warnen. Zu dem, was ich da- 
zu in meinen Anzeigen des Baseler Urkundenbuchs (H. Z. 109, 
S. 609) und der Frankfurter Zunfturkunden (H. Z. 114, S. 164ff.) 
gesagt habe, möchte ich hier noch eine Bemerkung hinzufügen. 
G. Aubin, Jahrbücher für Nationalökonomie 103, S. 530 meint, 
F. Bauer, Das Wollgewerbe von Eßlingen (S. 58 ff. und S. 80 ff.), 
habe nicht nachgewiesen, daß der Zunftzwang für den Gewand- 
schnitt bestehe, da ja eine bevorrechtete Klasse von Bürgern 
auch zum Gewandschnitt zugelassen war, ohne dem Zunftzwang 
unterworfen zu sein (s. darüber S. 59). Allein es besteht nun ein- 
mal die Tatsache, daß es in Eßlingen zünftige Gewandschneider 
gab. Wenn neben ihnen noch eine Gruppe von Bürgern zum 
Gewandschnitt zugelassen wird, so handelt es sich um die dem 
Mittelalter so geläufige Durchbrechung der Regel zugunsten eines 
engern privilegierten Kreises. Und die Freiheit des Verkaufs 
wird ja damit auch noch keineswegs gegeben, vielmehr wiederum 
einem kleinen Kreis allein das Vorrecht zuerkannt. Es ist nicht 
mehr, als daß gewissermaßen zwei zunftberechtigte Gruppen ge- 
schaffen werden. Im übrigen braucht ja keinem Kenner der Zunft- 
geschichte gesagt zu werden, daß die Vorrechte der Zünfte, wie 
die Autonomie und der Zunftzwang, nicht immer absolute Geltung 
gehabt haben, daß es Abstufungen solcher Vorrechte gegeben 
hat, die in der historischen Entwicklung, aber auch in andern 
Umständen begründet waren. 

Eine wertvolle Ergänzung zu B.s Ermittlungen hat, vor- 
zugsweise nach Kölner Material, Kuske in der Westdeutschen 



Mittelalter. 135 

Zeitschrift 1913 (Bd. 32), S. 473 ff. geliefert. Einige Berichtigungen 
bringt Bothe in der Deutschen Literaturzeitung 1914, Nr. 42 u. 
43, Sp. 2395 f. Vgl. auch die Anzeige des B.schen Buches von 
J. G. van Dillen in der Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirt- 
schaftsgeschichte, Jahrg. 1915. 

Freiburg i. Br. Q. v. Below. 

Der Stadthaushalt Basels im ausgehenden Mittelalter. Quellen 
und Studien zur Basler Finanzgeschichte. Mit Unterstützung 
der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel 
herausgegeben von Bernhard Harms. 1. Abt., Bd. 2 u. 3. 
Tübingen, H. Laupp. 1910 u. 1913. 503 u. 455 S. 

Den ersten Band dieser Veröffentlichung haben wir in H. Z. 
105, S. 593ff. angezeigt. Die Edition der vorliegenden beiden 
Bände ist, wie der Herausgeber in einer Vorbemerkung zu Bd. III 
mitteilt, „durch Beamte des Basler Staatsarchivs, hauptsäch- 
lich durch dessen Assistenten, Herrn Dr. Emil Dürr, besorgt 
worden". 

Der Veröffentlichung ist mehrfach lebhafte Anerkennung 
gespendet worden. So rühmt J. Cahn in der Deutschen Literatur- 
zeitung 1913, Sp. 117 als nachahmungswert die Anordnung, daß 
für jeden Posten eine eigene Druckzeile reserviert ist, während 
durch den Spaltendruck viel Raum gewonnen wird (ebenso Bothe, 
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 1912, S. 722). Ander- 
seits hat R. Leonhard in den Jahrbüchern f. Nationalökonomie 100, 
S. 106 f. folgenden Tadel ausgesprochen: „Es hätte wohl genügt, 
Proben vom Wortlaut und der Aufmachung der Rechnungen 
zu geben. Wer sich nicht selbst unmittelbar mit der Verarbeitung 
dieser ewig sich mit den gleichen Posten wiederholenden Stadt- 
rechnungen beschäftigen will, wird unmöglich Zeit und Geduld 
aufbringen, diesen dicken Band durchzuarbeiten, der bloßes 
Rohmaterial, aber noch kein genußreifes Endprodukt darstellt." 
Leonhard widerspricht der ,, Forderung Stiedas, daß die Rechnungen 
in der Originalsprache, und wenn möglich in ihrem ursprünglichen 
Umfang, veröffentlicht werden müßten". Unter Fachleuten kann 
natürlich kein Zweifel darüber bestehen, daß solche Äußerungen 
haltlos sind. 1 ) Leonhard sagt weiter: „Nachdem lange Zeit nur 

*) Von den Arbeiten, in denen neuerdings die Bedeutung 
der Stadtrechnungen erörtert worden ist, sei auf Hohlfeld, Stadt- 



136 Literaturbericht. 

die politische und ökonomische Staatengeschichte das Inter- 
esse der Wirtschaftshistoriker gefesselt hatte, wenden sich ihre 
Studien jetzt im verstärkten Maße der Stadtpolitik zu, und dies 
mit Recht." Indem ich es unterlasse, diesen Satz im einzelnen 
zu zergliedern, bemerke ich nur, daß man doch wahrlich nicht 
behaupten darf, daß die Studien der Wirtschaftshistoriker sich 
erst „jetzt" in verstärktem Maße der Stadtpolitik zuwenden. 
Diese Studien werden ja schon ziemlich lange betrieben; ins- 
besondere auch die Edition und die Verwertung der Stadtrech- 
nungen reichen schon weit zurück, und die Literatur der staat- 
lichen Wirtschaftsgeschichte dürfte kaum älter sein als die der 
städtischen. 

Doch genug von solchen Dingen. Einige Ausstellungen 
lassen sich an der vorliegenden Edition wohl machen. Einmal 
und vor allem hat man unterlassen, die Orthographie der alten 
Texte zu normalisieren. Es scheint ja gegenwärtig eine Tendenz 
zum unveränderten Abdruck hervorzutreten ; es war mir interessant, 
kürzlich in der Hist. Zeitschr. neben meiner Mahnung zur Norma- 
lisierung eine Mahnung zur buchstabengetreuen Wiedergabe der 
Akten zu finden (s. Bd. 114, S. 167 u. 177). Allein m. E. kann keine 
Ungewißheit darüber bestehen, was das richtige ist, zumal bei 
Akten, die namenlos sind oder deren Schreiber eine gleichgültige 
Person ist. Sodann sollten die römischen Ziffern in den Stadt- 
rechnungen durch arabische ersetzt werden. Auch K. Büchers 
Wunsch nach größerer Vorsicht in der Schreibung von Berufs- 
bezeichnungen (Zeitschrift f. d. gesamte Staatswissenschaft 1910, 
S. 778ff.) möchten wir uns anschließen; es besteht ja immer die 
Gefahr, daß eine Berufsbezeichnung, die ohne Artikel dem Vor- 
namen folgt, sofort als Familienname angesehen wird. Im übrigen 
aber darf die Publikation als ein Werk von Fleiß und Sorgfalt 
gelten. 

Der erste Band hat die Einnahmen gebracht. Die neuen 
Bände bringen die Ausgaben, und zwar Bd. 2 die von 1360 — 1490, 
Bd. 3 die von 1490—1535. Personen-, Orts-, Sachregister und 
Glossar sollen in einem besondern Band nachfolgen. Das wird 
freilich noch eine Hauptleistung bei der dieser Edition zu widmen- 



rechnungen als historische Quellen (Leipzig 1912) hingewiesen. 
Vgl. H. Z. 112, S. 434 f. 



Mittelalter. 137 

den geistigen Arbeit sein. So sehr wir die Mühen schätzen, die für 
die Herstellung einer zuverlässigen Abschrift und eine sorgfältige 
Korrektur aufzuwenden sind, eine schwierige Arbeit bleiben doch, 
wenn es sich nur um den Abdruck einer einzigen einfachen Hand- 
schrift handelt, keine Quellenfrage besteht und der Stoff nicht 
komprimiert zu werden braucht, die Register, zumal wenn sie 
den Kommentar ersetzen sollen. Man kann ja freilich hier über 
die Verteilung der Erläuterungen verschiedener Ansicht sei. 
Es ist verlangt worden (s. Bothe a. a. 0. S. 723), daß schwierigere 
Ausdrücke auf den einzelnen Seiten des Textes erklärt werden. 
Dem würde ich nicht beipflichten, da ja derselbe Ausdruck an 
verschiedenen Stellen wiederkehren kann. Nur wo ein Wort 
oder eine Mitteilung durch eine längere sachliche Erörterung zu 
erklären ist, sind Noten auf den Textseiten am Platz. Hier hätte 
der Bearbeiter dem Benutzer mehr entgegenkommen sollen und 
ebenso in der Kommentierung des Textes durch parallele Nach- 
richten aus andern Archivbeständen (wie man es in der Ausgabe 
der Kölner Stadtrechnungen findet). Da er jedoch derartiges 
nicht bietet, so steigert sich das noch, was wir von den Registern 
verlangen müssen. Nach der Angabe des Herausgebers wird das 
Personen- und Ortsregister „zugleich Materienregister und Glossar" 
sein. Diese Form halten wir nicht für zweckmäßig. Sachregister 
und Glossar fordern wir durchaus als selbständige Abteilungen, 
und das Sachregister würde aus den angegebenen Gründen be- 
sonders reich auszubauen sein. 

Über den Inhalt von Ausgaberechnungen braucht kein 
Wort verloren zu werden. Es gibt ja keine Dokumente, die um- 
fassender über die großartige Entwicklung der städtischen Ver- 
waltung des Mittelalters berichten, von allen Einzelheiten und 
Kleinigkeiten der innern Verwaltung bis zu beziehungsreichen 
Momenten der auswärtigen Politik (vgl. z. B. Bd. 3, S. 224 
Z. 12 ff. die Ausgaben für eine Gesandtschaft nach Rom), und bei 
einer Stadt wie Basel darf man sowieso etwas erwarten. Hoffen 
wir, daß bald ein befriedigendes Sachregister die Verwertung 
des gewaltigen Stoffs erleichtert, für dessen Zugänglichmachung 
wir der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel 
von neuem unsern Dank aussprechen. 

Freiburg i. B. G. v. Below. 




138 Literaturbericht. 



Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, der Gegen- 
reformation und des Dreißigjährigen Krieges, 1493 — 1648. 
Ein Handbuch für Studierende von Georg Mentz. Tübin- 
gen, J. C. B. Mohr. 1913. VIII u. 479 S. 7 M. 

An Handbüchern herrscht in unserer Wissenschaft heutzutage 
gewiß kein Mangel, aber gerade für die vielverschlungene und 
heißumstrittene deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation 
und Gegenreformation besaßen wir bisher nur kirchenhistorische, 
keine rein geschichtlichen Kompendien. Insofern füllt das vor- 
liegende Werk tatsächlich eine Lücke aus und wird von vielen 
dankbar begrüßt werden. In vorteilhafter Unterscheidung von 
dem bekannten Gebhardtschen Handbuch bietet es eine fort- 
laufende, lesbare Erzählung bei völligem Verzicht auf die dort 
überwuchernden Anmerkungen, nur ganz vereinzelt werden 
Kontroversen in Kleindruck erörtert. Die Darstellung beruht 
durchweg auf den neuesten Ergebnissen der Forschung, hebt 
überall das Wesentliche hervor und führt den Leser in alle wich- 
tigeren Streitfragen ein. Hierbei befleißigt sich Mentz, ohne 
seinen protestantischen Standpunkt zu verbergen, einer an- 
erkennenswerten Objektivität und einer großen Vorsicht, hin 
und wieder scheint er mir freilich mit dem häufigen „man mag", 
„wohl" und „vielleicht" des Guten etwas zu viel zu tun. Daß 
die politische Geschichte im Vordergrunde steht, wird man bei 
einem solchen Handbuche billigen, aber trotzdem eine weiter- 
gehende Berücksichtigung der kulturellen Entwicklung wünschen 
können. Da manche der bedeutsamsten Probleme dieser Epoche, 
wie vor allem die Entstehung der habsburgischen Hausmacht 
und die deutschen Verfassungskämpfe in ihren Anfängen in die 
Regierung Maximilians I. zurückreichen, zieht M. diese in den 
Rahmen seiner Darstellung ein und gliedert seinen Stoff in vier 
Kapitel: Die Zeit Maximilians I., die Reformation und die Zeit 
Karls V., das Zeitalter der Gegenreformation und der Dreißig- 
jährige Krieg. Jedes Kapitel wird mit einer knappen Übersicht 
und trefflichen Quellen- und Literaturangaben eingeleitet. 

Im einzelnen wird wohl jeder Kritiker an einer solchen Zu- 
sammenfassung etwas zu beanstanden haben, und es wäre klein- 
lich, mit dem Autor über jede Divergenz der Meinungen rechten 
zu wollen, aber einige Bedenken und Wünsche können doch nicht 
unterdrückt werden. Bei der Einsetzung des Reichskammerge- 



Reformation. 139 

richtes hätte die neue Theorie Smends über seinen Charakter 
schärfer hervorgehoben werden müssen. Die Behauptung, daß 
Joachim I. von Brandenburg nicht nach Machterweiterung ge- 
strebt habe, schießt über das Ziel hinaus, und der Kausal- 
zusammenhang zwischen seinem Wunsch, die Mark bei der Alten 
Kirche festzuhalten und der Landesteilung unter seine Söhne 
wird neuerdings stark bestritten. Den deutschen Humanismus 
als ein Produkt der Scholastik zu bezeichnen, dünkt mich trotz 
der Berührungen mit den Realisten reichlich kühn. Daß Karl V., 
wie Heidrich festgestellt hat, den entscheidenden Entschluß zum 
Krieg mit den Schmalkaldenern schon 1541 auf dem Regens- 
burger Reichstag gefaßt hat, wird nirgends klar gesagt. Kurfürst 
Moritz wird mit dem Urteil, er sei „an politischer Begabung 
und an der Fähigkeit, sein Handeln von ausschließlich politi- 
schen Erwägungen leiten zu lassen, allen (!) seinen Zeitgenossen 
überlegen" gewesen, ebenso stark überschätzt, wie sein Bruder 
August unterschätzt wird, den M. ganz zu Unrecht schwach nennt. 
Der spätere Gegensatz zwischen Kursachsen und Kurpfalz er- 
klärt sich nicht allein, wie es nach den Ausführungen auf S. 297 
den Anschein haben könnte, aus der geographischen Lage und 
der Verschiedenheit der Charaktere Augusts und Friedrichs 
des Frommen, sondern mindestens ebensosehr aus dem Gegen- 
satz der Bekenntnisse, des konservativen quietistischen Luther- 
tums und des aktionslustigen Kalvinismus. Die vorübergehende 
Freundschaft zwischen dem Albertiner und den Pfälzern ist, 
wie ich nachgewiesen zu haben glaube, nicht Ende 1571, sondern 
erst ein Jahr später ,,in die Brüche gegangen", und der Gedanke, 
konfessionelle Bündnisse abzuschließen, ist lange vor 1559/62, 
schon bald nach dem Ausbruch der kirchlichen Spaltung, er- 
wogen worden. In der Beurteilung des Grafen Adam Schwarzen- 
berg folgt M. zu sehr der Apologie von Meinardus, hierfür bringt 
das letzte Werk von R. Koser über die brandenburgisch- 
preußische Politik wichtiges neues Material und neue Gesichts- 
punkte. 

Diese und andere Ausstellungen tun indes der Brauchbar- 
keit des Handbuches keinen Eintrag. Den Studierenden, für 
die es ja in erster Linie bestimmt ist, kann es warm empfohlen 
werden. 

Bonn. Walter Platzhoff. 



Literaturbericht. 

The Age of Erasmus. By P. S. Allen. Oxford, Clarendon Pres 
1914. 302 S. 6 sh. 

Der Herausgeber der Erasmus-Korrespondenz veröffent- 
licht in diesem Buche Vorlesungen, von denen die zehn ersten 
an der Universität Oxford, und die letzte auf dem internationalen 
Historikerkongreß zu London 1913 gehalten wurden. Es ist be- 
greiflich, daß ein solch intimer Kenner des Humanistenfürsten 
und seiner Umwelt über eine ganze Fülle von teils ganz neuen 
teils wenig bekannten Details verfügt, aber auf das Ganze ge- 
sehen, enttäuscht sein Buch. Wenigstens den, der von den in 
Deutschland (Troeltsch u. a.) und der Schweiz (Wernle u. a.) 
herrschenden Problemstellungen aus an Erasmus herantritt, also 
etwa die Fragen nach der Soziologie der Renaissance, nach Nach- 
wirkung auf (kirchliche) Reformation, Täufertum und Katholi- 
zismus, nach Supranaturalismus und Rationalismus in seinem 
Denken, Kirchlichkeit und Unkirchlichkeit in seiner Kritik u. 
dgl. aufwirft. Von dem allen bietet Allen nichts, die Persön- 
lichkeit des Erasmus steht ganz im Hintergrund, und the age 
of Erasmus ist im wesentlichen das, was in unseren Einleitungen 
zur Reformationsgeschichte geboten zu werden pflegt, nur daß 
die demonstrierenden Exempel, Personen wie Sachen, irgendwie, 
näher oder ferner, zu Erasmus in Beziehung stehen. So be- 
richten die vier ersten Vorlesungen vom damaligen Bildungs- 
wesea an Universitäten, Schulen und klösterlichen Akademien, 
die Biographie von Wessel (dessen Vorname John S. 9 zu strei- 
chen ist), Rudolf Agricola, Alexander Hegius, Rudolf Langen, 
Johann Butzbach, Nikolaus Ellenbog; Aleander ist eingefloch- 
ten, wertvoll sind die allgemeinen Nachrichten über die da- 
maligen wissenschaftlichen Bildungsmittel für die einzelnen Fächer 
oder über den akademischen Disputationsbetrieb — hier findet 
man, obwohl sie nicht erwähnt werden, manchen Fingerzeig für 
die Quellen, aus denen Luther oder Zwingli schöpften. Ein 
Kapitel : Erasmus life-work handelt von wesentlich literargeschicht- 
lichem Gesichtspunkte aus von den Publikationen des Gelehrten; 
dabei macht A. im Vorbeigehen aufmerksam auf die heute der 
Stadtbibliothek in Schlettstadt gehörige Bücherei des Beatus 
Rhenanus: „it is a wonderful collection of about a thousand vo- 
lumes, some of them extremely rare . . . . but they have not yet come 
to their füll usefulness, for there is no adequate catalogue of them' 1 






16. Jahrhundert. 141 

(S. 157). Unter der Überschrift force and fraud wird die kirchen- 
politische Situation in den verschiedenen Ländern, zu denen 
Erasmus Beziehung hatte, und der Gebrauch der literarischen 
Maske, um die eigene Autorschaft zu verbergen (von Erasmus 
z. B. gegenüber dem Dialog Julius exclusus ausgeübt), klar ge- 
macht. Private Live and Manners schildert humorvoll an zahl- 
reichen Beispielen die Heiratslust der damaligen Zeit, das Frauen- 
studium, Konkubinenwirtschaft der Geistlichen und die Gesund- 
heit der Gattin ruinierende Kinderproduktion in Bürgerkreisen. 
Das Interesse des Erasmus ist ein ausschließlich gelehrtes ge- 
wesen, für Naturschönheiten, Topographie und Archäologie be- 
saß er kein Verständnis, im Gegensatz z. B. zu seinen Freun- 
den (vgl. das Kapitel: the point of view). Nach einem Überblick 
über die damaligen Wallfahrtsorte, die Bedeutung der Buch- 
druckerkunst und die spezifisch deutsche Renaissance berichtet 
ein Schlußkapitel über einen bisher unbekannten Besuch der 
böhmischen Brüder im Juni 1520 bei Erasmus in Antwerpen; 
wie so oft hat der vorsichtige Gelehrte sich um die Antwort 
an die Böhmen herumgedrückt. — S. 228 wird Nikolaus v. d. 
Flue irrtümlich zu Maria Einsiedeln in Beziehung gebracht. 
Zürich. W. Köhler. 

Die Reformation. Ein Stück aus Deutschlands Weltgeschichte. 
Von Theodor Brieger. Berlin, Ullstein & Co. 1914. XIV 
u. 396 S. 6 M. 

„Die moderne Zeit fängt mit Martin Luther an" — mit 
diesem wuchtigen Akzente setzt Briegers Reformationsgeschichte, 
ein erweiterter Abdruck der ersten Fassung, die im 4. Band 
der von J. v. Pflugk-Harttung herausgegebenen Weltgeschichte 
erschien, ein, und der Kundige weiß auch sofort, gegen wen 
dieser Akzent sich richtet. Aber sind Troeltsch und Brieger 
wirklich so weit auseinander? Ich glaube, daß Troeltsch, von 
Kleinigkeiten abgesehen, zu vorliegendem Werke durchaus sein 
Placet sprechen würde, und daß er darum doch seinen Aufriß 
in der „Kultur der Gegenwart" unverändert aufrecht erhält. 
Die ganze Differenz wurzelt in einem verschiedenartigen Stand- 
punktnehmen, ist also nur eine Verschiedenheit der Gesichts- 
punkte, nicht eine absolute, einander ausschließende Gegen- 
sätzlichkeit. Troeltsch stellt die Reformationsgeschichte ein als 



142 Literaturbericht. 

Teil in die gesamte Kultur- und Geistesgeschichte der Mensch- 
heit, innerhalb deren Religion und Kirche zwar ein gewichtiges, 
aber nicht das ausschließliche Wort sprechen, zumal der Seh- 
winkel, unter dem geschaut und die Entwicklung beobachtet 
wird, der derzeitige, von Religion und Kirche stark emanzipierte 
Stand der Kultur ist; mit anderen Worten er ist Kulturhistoriker, 
während B. der Kirchenhistoriker, dem sich alles um Religion 
und Kirche dreht, ist und sein will. Es leuchtet aber ohne wei- 
ters ein, daß eine so stark religiös und kirchlich, aber ganz und 
gar nicht kulturell orientierte Persönlichkeit wie Luther in bei- 
den Fällen eine ganz verschiedene Wertung erfahren muß. Für 
die Geschichte der Religion und Kirche bedeutet Luther einen 
Wendepunkt, für die Kulturgeschichte der Menschheit einen 
Durchgangspunkt; darauf kommt es an, und nun mag man 
wählen, welche Betrachtungsweise man vorziehen will, mir er- 
scheint es mit Troeltsch richtiger, die sog. Kirchengeschichte 
alten Stiles preiszugeben und die Geschichte des Christentums 
zu werten nach ihrer Bedeutung für die allgemeine Kulturent- 
wicklung der Menschheit; die Gesichtspunkte werden dann um- 
fassender und größer. 

Der ganze Unterschied der Betrachtungsweise tritt in B.s 
Werk deutlich zutage. Renaissance und Humanismus, überhaupt 
die ganzen Ansätze kultureller Neubildung seit etwa 1450 werden 
auf einigen wenigen Seiten abgemacht und sofort der Stoß Lu- 
thers gegen das Papsttum, der für den Kulturhistoriker nur ein 
Moment neben anderen ist, in den Vordergrund gerückt — für 
die Kirchengeschichte ist er ja allerdings entscheidend. Den 
großen Vorzug der Geschlossenheit hat diese kirchenhistorische 
Betrachtung, und es versteht sich ganz von selbst, daß ein solch 
feiner Kenner Luthers, des Ablaßwesens und der politischen 
Reformationsgeschichte wie B. nun ein wuchtiges, wohlabgerun- 
detes Ganzes zu schaffen weiß. Diese Reformationsgeschichte 
ist Darstellung und nicht Reflexion, sie erinnert in ihrer lapi- 
daren Einfachheit an Ranke und sollte den weitesten Leser- 
kreis finden. Daß B. seine vielumstrittene, zu Ranke bewußt 
zurücklenkende Auffassung des Speierer Reichstages von 1526 
hier vorträgt, wird man erwarten, ebenso daß Zwingiis poli- 
tischer Kampf um die Religion den Beifall des Lutheraners 
nicht findet. Aber B. findet doch warme Worte der Anerken- 



16. Jahrhundert. 143 

nung für „diesen Sohn eines urdeutschen Stammes, diesen Alle- 
mannen", er ist „der zweite große Vorkämpfer der modernen 
Zeit". Schade drum, daß mit Ritschi sein Tod als Sühne für 
eigene Schuld gefaßt und Harnacks Urteil über des Schweizers 
„unreinen Hände" in Marburg 1529 bestätigt wird. Das letz- 
tere ist um so weniger zu halten, als die Marburger Union, wie 
v. Schubert gezeigt hat, ja nicht an Luther, sondern an Zwingli 
gescheitert ist. 

Zürich. W. Köhler. 

Niederländische Akten und Urkunden zur Geschichte der Hanse 
und zur deutschen Seegeschichte. Herausgegeben vom 
Verein für Hansische Geschichte, bearbeitet von Rudolf 
Häpke. l.Bd.: 1531 — 1551. München und Leipzig, Duncker 
& Humblot. 1913. XVIII u. 684 S. 






Es ist für den Referenten eine besondere Freude, das vor- 
liegende Quellenwerk anzuzeigen, das sich nicht nur auszeichnet 
durch den großen und wichtigen neuen Quellenstoff, den es dar- 
bietet, sondern namentlich auch durch die sorgfältige und über das 
gewöhnliche Maß hinausgehende sachkundige Verarbeitung und 
Erschließung desselben, welche wir dem Bearbeiter verdanken. 
Es ist eine sehr verdienstvolle Anregung von Konst. Höhlbaum 
gewesen, die ursprünglichen enger begrenzten Ziele des hansischen 
Geschichtsvereins weiter zu stecken, als die Erreichung derselben 
durch die fleißigen Forscher, über welche der Verein seit seiner 
Gründung stets verfügt hat, fast schon vor Augen stand. Indem 
nun die Bestände ausländischer Archive, vorab der niederlän- 
dischen Staats- und Stadtarchive für das 16. Jahrhundert (nach 
1530) in Ergänzung der Inventare, von denen jetzt Köln und 
Danzig vorliegen, ausgeschöpft wurden, mußte gleichzeitig der 
rein hansische Charakter der bisherigen Publikationen verlassen 
werden; die deutsche Seegeschichte im allgemeinen mußte Be- 
rücksichtigung finden und in Folge der hier vorgeführten Quellen 
auch die niederländische See- und Handelsgeschichte, da auch, 
abgesehen von dem Kontor zu Brügge-Antwerpen, die Hanse- 
städte in Overyssel und Geldern an diesen beteiligt waren. So 
ist ein Quellenwerk entstanden, das die Hanse- Inventare nach 
der allgemein politischen Seite hin ergänzt und dessen Bedeutung 
für die Handels-, aber auch die politische Geschichte der Nieder- 



144 Literaturbericht. 

lande, Westdeutschlands und Dänemarks von wesentlichem 
Belang ist, zumal auch die wichtigen Berichte aus dem Wiener 
Archiv, die für die niederländische Politik Karls V. in Betracht 
kommen, aufgenommen sind. 

In der Einleitung spricht sich der Bearbeiter aus über die 
Gesichtspunkte, unter denen die Sammlung und Bearbeitung 
des Materials erfolgt ist, und über den Unterschied, den seine 
Publikation gegenüber den Hanse- Inventaren auszeichnet. Immer- 
hin erscheint es dem Referenten, daß es vielleicht für die Edition 
ersprießlicher gewesen wäre, noch weiter zu gehen und den rein 
chronologischen Rahmen zu verlassen unter Gruppierung der 
Aktenstücke nach gewissen Ereignissen und nach anderen ein- 
heitlichen Gesichtspunkten. Eine Inhaltsübersicht hätte die 
nötige Orientierung geben können. Gleich zu Anfang des Bandes 
stellen der Aufenthalt des vertriebenen Königs Christian von 
Dänemark in den Niederlanden und seine Bemühungen um die 
Flottenexpedition gegen seinen Gegner und Nachfolger König 
Friedrich I., die 1531 von Medemblik abging, ein solches Ereignis 
dar, in dessen Zusammenhang und Bedeutung der Benutzer 
mit einigen einleitenden Worten, die bei dem rein chronologischen 
Verfahren vermißt werden, hätte eingeführt werden können. 
Weitere sachliche Einheiten würden die Stücke bilden, die sich 
auf den Wollenweverschen Handel beziehen, die Akten über die 
Einrichtung der Residenz in Antwerpen. Ebenso hätten die 
Akten über die besonderen Tagungen der Overysselschen und 
Geldrischen Städte zusammengestellt werden können u. a. m. 

Aus der Fülle interessanten und wichtigen Stoffes, den diese 
Publikation bietet, seien hervorgehoben die zahlreichen Geheim- 
berichte und Denkschriften; S. 57 der Bericht des kaiserlichen 
Sekretärs über die Durchsicht der Packhäuser und Schiffe in 
Antwerpen behufs Arrestierung der wendischen Städte mit den 
wichtigen Auskünften über die Spezialitäten der Handelswaren, 
die Handelsbeziehungen usw.; die Berichte des Agenten Stephan 
Hopfensteiner (über seine Persönlichkeit vgl. auch S. 278 Anm.) 
an Granvella; z. B. S. 245 dessen Darlegungen über die politische 
Lage im Osten; S. 192 die Informationen des kaiserlichen Sekre- 
tärs Max Transilvan zur dänischen Königswahl ; S. 350 die In- 
struktion für genannte Kommissare zur Beschaffung von 80 bis 
100 holländischen Schiffen zur Fahrt ins Mittelmeer im kaiser- 






16. Jahrhundert. 145 

liehen Dienst; S. 361/2 das Anerbieten eines Wasserbaumeisters zur 
Vertiefung des Kampener Hafens; S. 421 der Friede zu Speier 
zwischen den Niederlanden und König Christian von Dänemark, 
bei dem die bedeutsamen handelspolitischen Bestimmungen her- 
vorgehoben werden; S. 481 die handelspolitischen Briefe aus 
Dänemark 1549 Juni; die Briefe von Karls V. Feldhauptmann 
Jost von Cruningen aus dem Lager von Bremen 1547; S. 524 
die Vernehmung des Geschwaderchefs der Portugal- und Biskaia- 
fahrer; S. 550 die dänischen Artikel, speziell über den hansischen 
Verkehr auf Falsterbo; S. 564 die Untersuchung über den wirt- 
schaftlichen Rückgang der Stadt Poperingen wegen Ausbleibens 
der hansischen Kaufleute (aus dem Archiv zu Lille); S. 587 
Handelsusancen zu Amsterdam 1557; wichtige Stücke über den 
Getreidehandel i. J. 1557 usw. Dieser knappste Auszug möge 
von dem reichen und vielseitigen Inhalt Kunde geben. 

Besonders möchte der Referent noch hervorheben die geradezu 
musterhafte und vorbildliche Verarbeitung der Stücke für die 
wissenschaftliche Benutzung: so z. B. S. 434 — 436 werden die 
Forderungen der Hansestädte, betr. die Residenz zu Antwerpen 
(65 Nrn.), in zweckmäßiger Weise durch Stichworte erledigt. 
S. 210 ist bemerkenswert die Aushebung des Tatsacheninhalts 
der Akten über eine Gesandtschaftsreise des Bischofs von Brixen; 
S. 218, 234 die Nachrichten über die beiden verunglückten Sen- 
dungen Dr. Joh. Tuchers nach Dänemark; S. 472 der gute Aus- 
zug aus dem Bericht des Sekretärs von Deventer. Leider sind 
die chiffrierten Stellen der Vorlagen zu unauffällig kenntlich 
gemacht; wie der Herausgeber bemerkt, waren sie im Manuskript 
für besonderen Druck gekennzeichnet worden. Dem Referenten 
würde es richtiger erschienen sein, wenn diese zu ihrer Zeit als 
besonders wichtig angesehenen Stellen durch Sperrdruck oder 
Kursiv sich von dem anderen Text abhöben. 

In der Inhaltsübersicht am Schlüsse des Bandes sind die 
Auszüge aus den Stadtrechnungen niederländischer Hansestädte 
1531 — 1557 sowie einige andere Stücke, die den Text abschließen, 
offenbar aus Versehen weggelassen, wodurch die Möglichkeit 
ihrer Benutzung ziemlich in Frage gestellt wird. 

Das Sachregister bildet leider nicht die starke Seite der 
Publikation. Die in ihm vorkommenden Sammelworte hätten 
im Anfange des Registers zusammengestellt werden müssen. 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 10 



146 Literaturbericht. 

Auch vermißt man die Einheitlichkeit in der Erläuterung der 
Ausdrücke; viele sind erklärt, während bei anderen die Er- 
klärungen fehlen, die sich leicht hätten geben lassen; einige sind 
nicht richtig erklärt. Namentlich wären Erläuterungen und Be- 
stimmungen von Maßen und Gewichten, von Münzen, von Fisch- 
arten usw. erwünscht; außer an der Sammelstelle wären die 
einzelnen Ausdrücke nochmals in der alphabetischen Folge auf- 
zuführen gewesen, wobei y und i zu vereinigen waren. Die Maß- 
bestimmung S. 146 1 Last ä 6 Pipen ä 3 Tonnen hätte im Register 
Aufnahme finden sollen. Die „gartenden" Knechte (nicht erklärt) 
ziehen auf Beute aus. Die heuden, hoeden S. 674 sind Waren- 
schiffe; die angeführte Erklärung von Roeding, wonach es nur 
für das Binnenland bestimmte Fahrzeuge seien, paßt nicht in 
den Zusammenhang. Mutsereeders (d. i. Mützenmacher) S. 105 
fehlen im Register. Kraier, nur als Schiffsart erklärt, sind kleine 
Kauffahrteischiffe. — Im Ortsregister wird Elsen gen. Nyestat 
mit Elsen im Kreise Grevenbroich erklärt; ich vermute eine 
Verderbnis im Texte; jedenfalls kann nicht das Dorf Elsen ge- 
meint sein, das mit der Hanse nichts zu tun hat; Nyestad ist 
jedenfalls Nieuwstad im holl. Limburg. Die Form Elseneur 
(= Helsingör) hätte besonders aufgeführt werden sollen. 

Köln. Herrn. Keussen. 

Jakob Ziegler aus Landau an der Isar. Ein Gelehrtenleben aus 
der Zeit des Humanismus und der Reformation. Mit sechs 
Federzeichungen Martin Richters, des Schreibgehilfen Zieg- 
lers. Von Dr. phil. Karl Schottenloher, Kustos der Kgl. 
Hof- und Staatsbibliothek in München. Münster i. W., 
Aschendorffsche Buchhandlung. 1910. (= Reformations- 
geschichtliche Studien und Texte. Herausg. von Dr. Joseph 
Greving, ord. Prof. a. d. Univ. Münster. Heft 8—10.) XVI 
u. 414 S. 

Es ist sehr erfreulich, daß wir jetzt endlich ein Buch über 
Jakob Ziegler bekommen haben, den unruhig-vielseitigen, grund- 
gelehrten und leidenschaftlichen Humanisten, Mathematiker, 
Geographen, Theologen, polemischen Reformationsschriftsteller. 
Hatte doch der Mangel gesicherter Kenntnis des Lebens und 
der Schriften des eigentümlichen Mannes uns nicht nur der vollen 
Würdigung dieses starken Temperamentes beraubt, sondern 



16. Jahrhundert. 147 

auch eine Reihe von Irrtümern in betreff seiner Mitwirkung 
an historischen Ereignissen sich einschleichen lassen. Wesentliche 
Verdienste hatte sich um ihn fast nur S. Günther erworben, 
der in verschiedenen Arbeiten (in: Forschungen zur Kultur- und 
Literaturgeschichte Bayerns IV u. V und Monumenta Germaniae 
Paedagogica III) die Erforschung des Lebens Zieglers gefördert 
und seine hervorragende Stellung in der Geschichte der Mathe- 
matik und der Geographie gewürdigt hat. Nunmehr macht 
Schottenloher, ein Schüler Riezlers, Ziegler zum Gegenstande 
einer eingehenden biographischen Darstellung, die den bayerischen 
Humanisten im Rahmen seiner Zeit, im Zusammenhang mit 
allen von ihm ergriffenen Tendenzen der Zeit und in seiner Wir- 
kung auf sie zeigen soll. 

Das vorliegende Werk ist das Ergebnis achtjähriger mühe- 
voller und äußerst sorgfältiger Studien. Lebens- und Entwick- 
lungsgang Zieglers sind jetzt klargestellt und von früheren Irr- 
tümern gereinigt; es ergibt sich ein großer Zuwachs neuen Wissens. 
Vor allem aber bereichert und vertieft S. unsere Kenntnis des 
Mannes und der Zeit durch sorgfältige Analysen, besonders der 
ungedruckten, aber doch nicht wirkungslos gebliebenen Schriften 
Zieglers, die für den oft alle Schranken der realen Möglichkeit 
überfliegenden patriotischen Reformeifer gewisser humanistischer 
Kreise in politicis et theologicis so bezeichnend sind. S. gibt 
sehr dankenswerte, ausführliche, vielleicht gelegentlich einmal 
zu ausführliche Inhaltsangaben nach den Handschriften der 
Hof- und Staatsbibliothek zu München, der Universitätsbibliothek 
in Erlangen, des Thomasarchivs in Straßburg und der Nürn- 
berger Stadtbibliothek. 1 ) Sie liefern das hauptsächliche Material 
der instruktiven Hauptkapitel des Buches, des siebenten („Zieg- 
lers Streitschriften gegen Rom und Kaiser Karl V. Seine Um- 
sturzgedanken") und des achten („Zieglers Pläne zu einer Neu- 
gestaltung Deutschlands und der Christenheit"). Sprechende 
Illustrationen zu Zieglers Reformplänen und -tendenzen stellen 
die im Anhang reproduzierten Zeichnungen Martin Richters dar, 
echte Allegorien des 16. Jahrhunderts. 



') Ein „Anhang" bringt ein äußerst sorgfältiges „Verzeichnis 
•der Werke, Briefe und Widmungen Zieglers mit vier vollständigen 
Briefen". 

10* 



148 Literaturbericht. 

Mit kaum ermüdbarer Geduld gibt der Verfasser die ein- 
zelnen Punkte der Reformforderungen und Klagen Zieglers 
wieder, und eine ausgebreitete Gelehrsamkeit und Belesenheit 
setzt ihn in den Stand, die oft weitführenden Anspielungen und 
entlegenen Beziehungen aufzuzeigen. Unter der Fülle des ein- 
zelnen leidet hier und da die Klarheit der Profilierung. Die Ent- 
wicklung Zieglers, gewiß im ganzen richtig gesehen, könnte noch 
eindrucksvoller herauskommen; auch vermißt man ungern, 
etwa am Schluß, eine zusammenfassende Charakteristik, eine 
wirkliche Erklärung des Mannes: die Elemente dazu liefert ja 
die Arbeit in anerkennenswertester Weise selbst. Die Entwick- 
lung von dem wütenden Bekämpfer der böhm.'schen Brüder 
zum Anhänger der deutschen Reformation, der radikalste eigene 
Ideen hervorbringt, hätte vielleicht mehr und tiefer erklärt 
werden können. Daß der Anblick des päpstlichen Rom auch bei 
diesem Deutschen mindestens viel zur Entscheidung beitrug, 
ist S. nicht entgangen; mir scheint, dies hätte noch mehr heraus- 
gearbeitet werden müssen; hier liegt doch wohl der Angelpunkt 
der Entwicklung. Sehr plausibel begründet der Verfasser die 
nachmalige zweite Sinnesänderung seines Helden, der, aus Italien 
nach Deutschland zurückkehrend, sich seine Enttäuschung durch 
die Reformation nicht verhehlen kann, und, nach seinem un- 
vermeidlichen Zusammenstoß mit den Straßburger Prädikanten, 
sich von den bereits konfessionell Gebundenen abwendet. Der 
hochfliegende Schwärmer, der ehrliche Ideologe findet diesseits 
der Alpen etwas ganz anderes, als er sich erträumt hat: und so 
nimmt der alte Celtesschüler und Erasmianer die typische Wen- 
dung des Crotus Rubeanus. Er wird Theologieprofessor in Wien^ 
aber der völlig zweifelsfreie Anschluß an das Altkirchliche gelingt 
auch ihm nicht mehr. Er stirbt (1549) am Hofe des den streng 
kirchlichen Kreisen verdächtigen Bischofs Wolfgang von Salm 
in Passau; seine Schriften kommen auf den Index. 

Seinen hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen widmet 
S. ein eingehendes (Schluß-) Kapitel, in besonnener Würdigung. 
Hier, auf dem ruhig-neutralen Felde mathematischer, astro- 
nomischer, geographischer Wissenschaft liegt die sachliche Be- 
deutung des leidenschaftlichen Bayern; hier hat er fortgewirkt. 

Wien. Walther Brecht. 




19. Jahrhundert. 149 

Über den Ursprung und die Einführung des allgemeinen gleichen 
Wahlrechts in Deutschland mit besonderer Berücksichti- 
gung der Wahlen zum Frankfurter Parlament im Großher- 
zogtum Baden. Von Dr. Johanna Philippson. Berlin und 
Leipzig, Dr. Walter Rothschild. 1913. (Abhandlungen zur 
mittleren und neueren Geschichte, herausg. von Georg 
v. Below, Heinr. Finke, Friedr. Meinecke. Heft 52.) 76 S. 

Die Verfasserin hat, von Friedrich Meinecke angeregt, in 
ihrer Arbeit untersucht, welche Stellung die vormärzlichen 
Publizisten zur Frage des demokratischen Wahlrechts einge- 
nommen und inwieweit sie zu seiner Verbreitung beigetragen 
haben; ferner, da von einem Einfluß der Publizistik nicht die 
Rede sein kann, welche Momente in der Tat die Einführung des 
allgemeinen und gleichen Wahlrechts bewirkten; und endlich 
wie das Wahlgesetz im Vorparlament zustande kam und wie es 
in der Praxis zur Ausübung gelangte. Als Beobachtungsfeld 
hierfür hat die Verfasserin das Großherzogtum Baden gewählt. 

Als Grundlagen der Arbeit haben außer den bekannten 
wissenschaftlichen Veröffentlichungen Zeitschriften und Zeitungen 
gedient — wie die Allgemeinen politischen Annalen, die Deutsche 
Vierteljahrsschrift, Struves Deutscher Zuschauer, die Rheinische 
Zeitung, die Oberrheinische Zeitung, die Freiburger Zeitung, die 
Seeblätter; dann für die Organisationsversuche durch Vereine 
und die Wahlen für die Nationalversammlung Akten aus dem 
Karlsruher Ministerium des Innern. 

Die Ergebnisse der klar und nüchtern durchgeführten Unter- 
suchung sind die folgenden. Die Führer des vormärzlichen Libe- 
ralismus sprechen sich durchweg für eine Beschränkung des 
Wahlrechts aus; so z. B. Fries, der nur Familienväter von bürger- 
licher Wohlhabenheit heranziehen will, und für das aktive Wahl- 
recht höchstens eine allmähliche Zulassung der unteren Stände 
befürwortet. Ebenso ist für Rotteck das Grundvermögen in 
erster Linie, dann überhaupt der Besitz die Voraussetzung zur 
Stimmfähigkeit. Später, durch die Julimonarchie belehrt, 
bekämpft er hohe Zensuswahlen; aber die ganz Besitzlosen zuzu- 
lassen, erscheint ihm undenkbar. Um dem Proletariat, das 
die allgemeine Wehrpflicht tragen muß, doch auch eine Ent- 
schädigung durch Rechte zu geben, empfiehlt er bezeichnender- 
weise ein Referendum in gewissen Fragen. Das passive Wahl- 



150 Literaturbericht. 

recht will er aber in keiner Weise beschränken. Nur für Ge- 
meindewahlen erscheint ihm das allgemeine Wahlrecht nützlich. 
Die Verfasserin bekämpft auf Grund dieser Ausführungen mit 
Recht Treitschkes Auffassung des Rotteckischen Liberalismus. 

Ebenso werden als Gegner des allgemeinen Stimmrechts 
nachgewiesen: Sylvester Jordan, Welcker, der zunächst Wahl 
nach Berufsständen, dann aber, freier, gleiches Wahlrecht aller 
wirtschaftlich Selbständigen verlangt, Pfizer, der mit seinem 
viel ausgeprägteren reiferen Staatsgefühl die Bildung als Voraus- 
setzung politischer Betätigung fordert, Friedrich von Gagern, 
Dahlmann, dem es vor allem auf die bürgerliche Solidität an- 
kommt, wie sie sich in sichern Einkünften und amtlicher Stel- 
lung ausdrückt, Hansemann, der rheinische Kaufmann, der 
wieder, mehr unter französischem Einfluß, erhebliches Ver- 
mögen für ausschlaggebend ansieht, Mevissen und Camphausen, 
die beide nur gezwungen und wider innere Überzeugung im 
Revolutionsjahr für das allgemeine gleiche Wahlrecht eintreten. 

Im Gegensatz nun zu diesen Vertretern des Liberalismus 
stehen die bürgerlichen Radikalen, die vielmehr von der Tradition 
von 1789 und der in der Gegenwart sich vollziehenden sozialen 
Zerklüftung beeinflußt sind. Sie fordern natürlich die Gleich- 
berechtigung aller Bürger und deshalb das allgemeine gleiche 
Wahlrecht. So schon August Ertlen, dann Gustav v. Struve 
in seinen „Grundzügen der Staatswissenschaft"; Julius Fröbel 
denkt sogar, eine interessante Tatsache, an ein allgemeines Welt- 
bürgerrecht, das auch Fremde und Frauen auszuüben hätten; 
so daß also jeder in jeder politischen Gemeinschaft der Erde, 
wo er sich aufhält, Staatsbürger wäre; Edgar Bauer macht dann 
schon den bezeichnenden Sprung vom allgemeinen gleichen Wahl- 
recht, das ja doch schließlich nur einer Summe von einzelnen 
zum Wort verhilft, zum Volksreferendum, das allein eine Willens- 
erklärung der Gesamtheit darzustellen vermag. 

Die Verfasserin kommt danach zu dem Ergebnis, daß das 
allgemeine gleiche Wahlrecht sich nur bei wenigen radikalen 
Theoretikern findet und daß deshalb die Einführung nicht auf die 
Tätigkeit der vormärzlichen Publizisten zurückzuführen sei. 
Ich kann einen Zweifel nicht unterdrücken, nämlich den, ob hier 
nicht die übliche Überschätzung des gemäßigten, historischen 
Liberalismus vorliegt — eine Überschätzung nicht seiner geistigen 



19. Jahrhundert. 151 

Bedeutung, sondern seines tatsächlichen Einflusses. Ob nicht 
die Ausbreitung der radikalen Anschauungen seit der Julirevo- 
lution in dem sich allmählich zersetzenden Kleinbürgertum viel 
weiter ging, als man annimmt? Ob nicht die Anschauungen 
des historischen Liberalismus sich im wesentlichen auf den Kreis 
von glänzenden Führernamen beschränkte, während die Kreise 
des mittleren und höheren Bürgertums, an die er sich wandte, 
politisch noch recht indifferent waren? So daß also dadurch, 
daß man eine große Anzahl liberaler Gegner des allgemeinen 
gleichen Wahlrechts und eine kleine Zahl Anhänger aneinander- 
reiht, über die tatsächliche Verbreitung des Gedankens noch wenig 
gesagt wäre. 

Es bedürfte hierzu natürlich näherer Untersuchung. Jeden- 
falls: das allgemeine gleiche Wahlrecht wird im Februar und März 
1848 „plötzlich" überall gefordert und es setzt sich durch. Basser- 
mann, Gagern stellen ihre bekannten Anträge; in Preußen werden 
— sehr zweideutig — „Urwahlen" versprochen. Der Gedanke 
einer Wahl durch Ständekammern taucht auf. Aber die Ge- 
mäßigten sind gar nicht in erster Linie so sehr besorgt um die 
Wahlrechtsfrage; die Bundesverfassungsfrage ist ihnen das Wich- 
tigste. Die radikale Partei aber bekümmert sich vor allem 
um ein Wahlrecht auf möglichst demokratischer Grundlage. 

Das Vorparlament hat dann über die wichtigsten Probleme 
des Wahlrechts entscheidende Beschlüsse gefaßt. Es setzt das 
Verhältnis zwischen Abgeordnetenzahl und Volkszahl fest, 
wobei auch den Kleinstaaten mit weniger als 50 000 Einwohnern 
ein Vertreter zugestanden wird; Wahlrecht wird jedem voll- 
jährigen selbständigen Staatsangehörigen erteilt; der Wahl- 
modus wird jedem einzelnen Staate überlassen. 

Die Folge davon ist, daß die Wahlen sich in der verschieden- 
sten Weise vollzogen haben. Die Tatsache, daß die Mitglieder der 
Paulskirche nicht nach einem einheitlichen Wahlgesetz gewählt 
worden sind, ist wohl noch wenig beachtet worden. Es ist ein 
Verdienst der Verfasserin, darauf hingewiesen zu haben. In 
Hannover und Württemberg zum Beispiel schloß man Arbeiter 
und Dienstboten aus, in Sachsen das Hausgesinde; am meisten 
wurde die „Selbständigkeit" als einschränkendes Prinzip in 
Bayern durchgeführt. Nur solche wurden hier als aktiv wahl- 
berechtigt zugelassen, die eine direkte Steuer bezahlten. Ebenso 



152 Literaturbericht. 

verschieden ist die Handhabung des Wahlmodus: nur in ganz 
wenigen Staaten ist direkt gewählt worden. 

Die Betätigung der Wahl schildert dann die Verfasserin in 
Baden, das ja durch seine entwickelten politischen Verhältnisse 
sich nicht nur aus persönlichen Gründen als das Musterland 
empfahl. Interessant ist dabei besonders, was über die Vereins- 
organisation durch Hecker, Struve und Blind, sowie über die 
Gestaltung der öffentlichen Meinung gesagt wird. Überall sehen 
wir ein starkes Überwiegen des Radikalismus, von Anfang an. 
Es ist eben die eigentlich bekannte und populäre Richtung. Eine 
Menge frühparlamentarische Seltsamkeiten sind auch in Baden 
zu konstatieren; so wird häufig mehr nach Persönlichkeiten als 
nach Parteien gewählt. 

Johanna Philippson hat durchweg fleißig und sauber ge- 
arbeitet: ihr Prüfen und Denken wird von größeren allgemeinen 
Gesichtspunkten beherrscht. 

Freiburg i. B. Veit Valentin. 

Die Eisenbahnpolitik des Fürsten Bismarck. Von Alfred von der 
Leyen. Berlin, Springer. 1914. XII u. 256 S. 

Es ist ein reizvolles Stück deutscher Geschichte, das der 
verdiente Verfasser vor unseren Augen entrollt. Man muß ihm 
dankbar sein, daß er seine Muße nach einer arbeit- und erfolg- 
reichen vieljährigen amtlichen Tätigkeit dazu benutzt hat, um 
in einem Brennpunkte die weit auseinandergehenden Fäden 
Bismarckscher Eisenbahnpolitik zu sammeln. Voll Bewunderung 
erkennt man immer aufs neue, wie der große Staatsmann nicht 
nur ein unerreichter Meister der auswärtigen Politik war, sondern 
wie sein eminent praktischer Blick ihn früh erkennen ließ, welch 
wichtiges Werkzeug nationaler Macht- und Einheitspolitik in 
unsern Eisenbahnen gegeben war. 

In dem I. „einzelne Eisenbahnangelegenheiten von 1847 bis 
zum Deutsch-Französischen Kriege" behandelnden Abschnitte 
interessiert namentlich ein Bericht des Bundestagsgesandten 
v. Bismarck vom 4. Mai 1858, der beweist, daß der preußische 
Bundestagsgesandte damals — es handelt sich um den Bau 
der Kehler Rheinbrücke — ein besseres Verständnis für die Be- 
deutung von Mannheim als Handelsplatz hatte als der badische 
Minister (S. 9). 






19. Jahrhundert. 153 

Erst die Verfassung des Norddeutschen Bundes gab v. Bis- 
marck die Möglichkeit, selbst von leitender Stelle aus kraftvoll 
in das Getriebe deutscher Eisenbahnpolitik einzugreifen. 

Der VII. Abschnitt der Reichsverfassung über das Eisen- 
bahnwesen (Art. 41 ff.), über ctessen Entstehung wir kurz unter- 
richtet werden, veranlaßt den Kanzler in zwei Schreiben von 
1869 und 1870 (Anlagen 8 und 9) den preußischen Handelsminister 
darauf hinzuweisen, diese Artikel 42 bis 45 für die Entwicklung 
des Eisenbahnverkehrs in höherem Maße als bisher zu verwerten. 
Als Staatsmann kommt es v. Bismarck darauf an, „die natio- 
nalen Sympathien für die Bundesinstitutionen zu kräftigen". 
Mit seinem scharfen Blick für das Reale erkennt er, daß jede 
Befriedigung berechtigter Wünsche des Publikums, jede Abstel- 
lung allgemein empfundener Mißstände im Bahnbetrieb und jede 
Erleichterung des Verkehrs von der Gesamtheit der Bevölkerung 
täglich und unmittelbar empfunden und dem Bunde gedankt 
werde. 

Wie die Errichtung des Reichs-Eisenbahnamts, einer Reichs- 
behörde zur Beaufsichtigung des Eisenbahnwesens, von v. Bis- 
marck trotz aller Widerstände durchgesetzt wurde, erzählt der 
3. Abschnitt. 

Nicht zum Ziele führten dagegen die Versuche zur Schaf- 
fung eines Reichseisenbahngesetzes. Sowohl über den 1. Ent- 
wurf (1873) wie über den 2. (1874 — Maybach) war ein Einver- 
ständnis der Bundesregierungen nicht zu erzielen. 

Frühe schon hatte Fürst v. Bismarck sein Interesse den 
Eisenbahntarifen zugewandt, deren grundlegende Wichtigkeit für 
unser Wirtschaftsleben er verständnisvoll erkannt hat. Er er- 
blickte in ihnen ein geeignetes Werkzeug zur fördernden Ein- 
wirkung auf Handel, Industrie und besonders auf die Land- 
wirtschaft, und erweist sich als entschiedener Gegner der sog. 
Differentialtarife. Charakteristisch ist ein im Auftrag des Kanz- 
lers von Lothar Bucher an den Präsidenten des Reichseisenbahn- 
amtes (18. November 1873) gerichtetes Schreiben (Anlage 23), 
in dem der Kanzler den Plan einer Tariferhöhung ablehnt. Von 
Preußen mit seinen brillanten Finanzen, so ließ er erklären, 
dürfe ein solcher Antrag nicht ausgehen. Keinenfalls würde er auf 
eine Erhöhung der Tarife eingehen für Lebensbedürfnisse, welche 



Literaturbericht. 

zum täglichen Leben des gemeinen Mannes gehören. Der vom 
Reich unternommene Versuch einer Tarifreform scheiterte. Da- 
gegen brachten die Verhandlungen der Eisenbahnen unterein- 
ander einen einheitlichen deutschen Gütertarif, mit dem der 
Bundesrat sich einverstanden erklärt hatte. Dieser Reformtarif 
(1877) blieb seitdem in Geltung. 

Mit tief eindringendem Verständnis hatte v. Bismarck so- 
fort richtig erkannt, daß der Erfolg der von ihm eingeleiteten 
Schutzpolitik nur gesichert sei, wenn die Eisenbahnen gehindert 
würden, durch Ermäßigung der Einfuhrfrachtsätze (um den 
Betrag der Zollsätze) die wirtschaftlichen Folgen der Zölle abzu- 
schwächen oder zu beseitigen. Überraschend trat deshalb der 
Reichskanzler im Bundesrat (7. Februar 1879) mit dem Antrage 
einer gesetzlichen Reglung der Tarife hervor. Der Verfasser 
entwirft ein interessantes Bild der Geschichte dieses Projektes, 
in dem Bismarcks Gegnerschaft gegen Differentialtarife und 
die Opposition der Mittelstaaten gegen die Bismarcksche Eisen- 
bahnpolitik scharf beleuchtet wird. In der Vertretung des Planes 
eines Reichseisenbahntarifgesetzes kommt Bismarcks Unmut 
über die Differentialtarife und seine Mißstimmung gegen die 
Privatbahnen zu charakteristischem, prägnanten Ausdruck 
(S. 83 ff.). 

Wenn Bismarck sein Projekt nicht durchsetzte, so lag 
nach der Meinung des Verfassers der Grund hierfür in erster 
Linie darin, daß er den Widerstand der mittelstaatlichen Re- 
gierungen nicht gewaltsam durch eine Majorisierung im Bundes- 
rate brechen wollte. Außerdem glaubte er durch sein Reichs- 
eisenbahnprojekt die Einheitlichkeit des deutschen Eisenbahn- 
wesens zu erzielen. 

Ein Gedanke von solch tiefeingreifender wirtschaftlicher 
Tragweite mußte, bevor er die gesetzgebenden Faktoren beschäf- 
tigte, in der Öffentlichkeit erörtert werden. Der Verfasser, da- 
mals Syndikus der Bremer Handelskammer, hatte, von Maybach 
eingeweiht, sich zum Herold dieses großzügigen Planes gemacht, 
und in drei Aufsätzen der Weserzeitung (Oktober 1875) unter 
der Überschrift „Über den gegenwärtigen Stand und die Ziele 
der Reformgesetzgebung im Eisenbahnwesen" das Publikum mit 
dem Plane der Erwerbung der wichtigsten Eisenbahnen vertraut 
gemacht. 



19. Jahrhundert. 155 

In einer klassischen Denkschrift (8. Januar 1876), die v. Bis- 
marck als Präsident des preußischen Staatsministeriums (An- 
lage 30) über die Abtretung der preußischen Staatsbahnen an 
das Reich vorlegt, werden meisterhaft die Gesichtspunkte aus- 
einandergesetzt, die auf diesem Wege die Eisenbahnen zu einer 
wahrhaft nationalen Verkehrsanstalt erheben würden. Wie der 
Gesetzentwurf über die Übertragung der preußischen Eisenbahnen 
auf das Reich im Staatsministerium und im Landtag Annahme 
fand, wird eingehend geschildert. Im Reiche aber stellten sich 
die deutschen Mittelstaaten Bayern, Sachsen und Württemberg, 
und zwar sowohl die Regierungen wie die Mehrheiten der Volks- 
vertretungen, dem Reichseisenbahngedanken feindlich gegen- 
über. 

Die Presse und Flugschriften bearbeiteten die öffentliche 
Meinung für und gegen den Reichseisenbahngedanken. 

In einer von Sachkundigen als vortrefflich gerühmten (im 
September 1876) anonym erschienenen Schrift („Zehn Jahre 
preußisch-deutscher Eisenbahnpolitik") wurde diese in ihrem ge- 
schichtlichen Zusammenhange dargestellt, und die Gründe für 
und gegen den Übergang der Eisenbahnen auf das Reich im 
Sinne des Gesetzes vom 4. Juni 1876 erörtert; von der Leyen 
bekennt sich jetzt zur Verfasserschaft dieser jedes amtlichen 
Charakters entbehrenden Schrift. 

Die Unmöglichkeit der Durchführung des Reichseisenbahn- 
projekts, das nicht nur an dem Widerstände der Mittelstaaten 
sondern auch an den Schwierigkeiten, eine Einigung zwischen 
Preußen und dem Reich über den Kaufpreis zu erzielen, schei- 
terte, war dann für Bismarck bestimmend, die große Eisen- 
bahnverstaatlichungsaktion in Preußen in Angriff zu nehmen. 
In Maybach, der seit 1. April 1878 das Handelsministerium 
übernommen, war der geniale Mitarbeiter gewonnen, dem das 
großartige Werk der Durchführung des Staatsbahnsystems in 
Preußen, das der 8. Abschnitt erzählt, in glänzender Weise ge- 
lungen ist. Das war der Weg, den Fürst Bismarck nach dem Schei- 
tern des Reichseisenbahnprojekts beschritt, um das Ziel einer 
nationaldeutschen Eisenbahnpolitik zu erreichen. In dem letz- 
ten Abschnitt „Rückblick und Ausblick" werden die Haupt- 
stadien der v. Bismarckschen Eisenbahnpolitik kritisch gewür- 
digt und gezeigt, wie die deutschnationale Richtung, die der 




156 Literaturbericht. 



große Kanzler der Eisenbahnpolitik gegeben, ihr auch nach 
seinem Abgang erhalten geblieben ist. 

Ein sehr wertvolles Material zur Bismarckschen Eisen- 
bahnpolitik, das dem Verfasser infolge seiner amtlichen Tätig- 
keit schon, bevor es zum Teil von Poschinger veröffentlicht 
ward, vorgelegen, wird im 2. Teil des Buches veröffentlicht. Es 
enthält amtliche Schreiben und prächtige Reden des Kanzlers, 
die einen nicht uninteressanten Einblick gewähren in die amt- 
lichen Reibungen, die auch einem Bismarck nicht erspart 
blieben. 

An der höchst lehrreichen, von warmer Liebe zur Sache 
und von tiefem Verständnis für die weittragende nationale Be- 
deutung des Eisenbahnwesens zeugenden Darstellung wird nie- 
mand vorübergehen können, der die innere Entwicklungsgeschichte 
des Reiches verstehen will. Zeigt sie doch, wie der große Staats- 
mann mit seinem nie versagenden Verständnisse für die Forde- 
rungen des praktischen Lebens gewisse Schäden unserer Eisen- 
bahnentwicklung wahrnahm, die Wichtigkeit dieses Verkehrs- 
instituts im Dienste nationaler Wohlfahrt erkannte und mit 
gewohnter Energie durch seine heute allgemein anerkannte 
Eisenbahnverstaatlichung die Grundlagen unserer heutigen ein- 
heitlichen Verkehrspolitik gelegt hat. 

Jena. Eduard Rosenthal. 

Gewährschaftszug und Laudatio auctoris. Von Dr. Fritz Gillis. 
Mit einem sprachwissenschaftlichen Beitrag von Professor 
Dr. Th e o d o r S i e b s. (Untersuchungen zur Deutschen 
Staats- und Rechtsgeschichte, herausg. von Otto v. Gierke. 
Heft 118.) Breslau, M. und H. Marcus. 1913. VIII u. 106 S. 

Nach heutigem deutschen Rechte kann, wer als Besitzer 
einer Sache beklagt wird und seinen Besitz von einem Dritten 
ableitet, diesem Dritten den Streit verkünden, sofern der Dritte 
ihm für den Besitz Gewähr zu leisten hat. Diese Streitverkündung 
erhält unter Umständen eine weitergehende Bedeutung, indem 
der Beklagte den Dritten dem Kläger benennen kann mit der 
Wirkung, daß der Dritte unter Entlassung des Beklagten an 
dessen Stelle den Prozeß übernimmt (Zivilprozeßordnung §§ 72, 
76). Die Benennung des Dritten bezeichnet man in der Wissen- 
schaft als nominatio oder laudatio auctoris. 






Deutsche Rechtsgeschichte. 157 

Über den geschichtlichen Ursprung der laudatio auctoris 
besteht Streit. Nach der einen, wohl herrschenden Ansicht liegt 
er im römischen Rechte, nach der anderen im germanischen. 
Zutreffend erachtet der Verfasser die zweite Meinung als bis- 
her nicht hinreichend begründet. Wenn er (S. 4) betont, daß 
nach Wiedings Nachweis die für die Herleitung aus dem römi- 
schen Recht in Anspruch genommene Stelle 1. 2 C. 3, 19 mit 
der modernen laudatio auctoris nichts zu tun habe, und daß 
zuerst Schultze (gemeint ist August Siegmund Schultze) 
positiv auf den Gewährzug des deutschen Rechtes hingedeutet 
habe, so hätte es sich gehört, nicht nur (Anm. 2, 3) die in Be- 
tracht kommenden — umfangreichen — Werke der beiden Schrift- 
steller (Der Justinianeische Libellprozeß; Privatrecht und Prozeß 
in ihrer Wechselbeziehung — nicht wie der Verfasser schreibt: 
„in ihren Wechselbeziehungen") sondern auch betreffenden Seiten 
anzuführen. Später (S. 66) werden zwar (Anm. 2) S. 628 ff. des 
Wiedingschen Buches zitiert, ist aber lediglich von „Schultze" 
die Rede — nicht einmal das Buch wird hier genannt (siehe 
in diesem S. 572). Auch das entspricht übrigens nicht dem 
Brauche, daß zwei wiederholt genannte Schriftsteller gleichen 
Familiennamens nur mit diesem zitiert werden; es hätte stets 
klargemacht werden müssen, ob August Siegmund Schultze 
oder Alfred Schultze gemeint ist. Hält der Verfasser etwa 
beide für identisch? 

Der Verfasser ist der Ansicht, die laudatio auctoris unseres 
geltenden Rechtes sei der Zielpunkt, in den eine historische 
Reihe einmünde, die ihren Ursprung im germanischen Anefangs- 
verfahren habe (so formuliert S. 98). 

Zuvörderst wird in einer Einleitung (S. 1 — 16) die „gedank- 
liche Verknüpfung" zwischen gewere (vestitura) und Gewähr- 
schaft behauptet — Besitzübergabe sei Besitzsicherung, und 
die sprachliche Beziehung zwischen gewere und Gewährschaft 
erwogen (der auch der sprachwissenschaftliche Anhang von 
Siebs gewidmet ist) — der Verfasser hält einen Entwickelungs- 
zusammenhang zwischen beiden Wörtern für möglich, ohne diesen 
aber mit Sicherheit annehmen zu wollen. 

In den beiden ersten Teilen der Schrift sucht der Verfasser 
sodann nachzuweisen, daß der Zug auf den Gewähren, „in seiner 
Entwickelung als historische Einheit erfaßt", in der Mannigfaltig- 




158 Literaturbericht. 

keit seiner Elemente den ausgeprägten Hang trage, auf das eine 
Ziel, die prozessuale Ablösung des Beklagten (Wechsel in der 
Beklagtenrolle), abgestellt zu sein (S. 4), und zwar behandelt 
der erste Teil (S. 17 — 30) „das rechtliche Motiv" der Gewähr- 
schaft (Nachweis des Bruches der gewere, Anefangsverfahren — 
ein Institut, das in der jüngsten Zeit wiederholt in der Literatur 
erörtert worden ist, ohne daß man sich über alle wichtigen Punkte 
geeinigt hat: der Verfasser schließt sich im allgemeinen Herbert 
Meyer an, dem er sein Buch gewidmet hat), während der zweite 
Teil (S. 31 — 64) die prozessuale Ausgestaltung des Gev/ährzuges 
bis zu den Rechtsbüchern schildert. 

In dem dritten Teile (S. 65 — 99) wird endlich dargestellt 
,,das Zusammenwirken der nominatio domini des römischen 
Rechts und des Gewährzuges des germanischen Rechts zur 
modernen laudatio auctoris". Das Ergebnis ist: die laudatio 
auctoris des modernen Rechtes sei eine „vormengite sache", 
eine Bildung frühzeitiger Rezeption (S. 4). Diesem Ergebnis wird 
beizupflichten sein. 

Der Leser wird des Verfassers Ausführungen gern folgen: 
sie sind sicher auf den Quellen fundiert, in dem Aufbau über- 
sichtlich, in der Argumentation scharfsinnig und vorsichtig, in 
der Darstellung klar, in der Form gewandt, wenn auch nicht 
verschwiegen werden darf, daß den Verfasser sein Streben nach 
flottem Stil nicht gerade selten zu Mißgriffen verleitet hat: 
Wörter wie Bestrittenheit, Begründetheit sind mindestens ge- 
schmacklos; Wörter wie ists, sagts, gibts gibt es nicht; der 
Satz: „Ich glaube, für die Volksrechte sollte man nicht nach 
Einzelbelegen suchen und auf die alles stützen" (S. 40) enthält 
in dem Gebrauche des Wortes die einen Fehler; mit dem Satze: 
„Wenn jetzt Quellenbelege das erweisen sollen, so mögen sie 
so angeordnet werden, daß ihre Aufeinanderfolge zugleich eine 
gewisse Auseinanderfolge bekundet" (S. 56) und manch anderen 
„geistreichen" Aussprüchen ist nichts gesagt. 

Halle a. d. S. Paul Rehme. 

Der Fund im germanischen und älteren deutschen Recht. Von 
Johannes Hübner. Heidelberg, C. Winter. 1914. 193 S. 

Zweck dieser Arbeit ist die Darstellung des Fundrechts seit 
den ältesten Zeiten bis zum Ende des Mittelalters. Nur kurz 



Deutsche Rechtsgeschichte. 159 

wird zum Schlüsse auf neuzeitliche Kodifikationen hingewiesen. 
Mit Recht hat daher der Verfasser auch die nordgermanischen 
Rechte in den Kreis der Betrachtung einbezogen und diese mit 
den angelsächsischen im 2. Teil, die „Quellen der fränkischen 
Periode" in einem 1., die „des späteren mittelalterlichen deut- 
schen Rechts" in einem 3. Teil behandelt. Für diese Ausdehnung 
des Quellengebietes verdient der Verfasser Lob, und ich möchte 
dies um so mehr aussprechen, als die Arbeit sonst zu manchen 
Beanstandungen nötigt. 

Am besten gelungen ist der 3. Teil, in dem eine große Anzahl 
von Quellenstellen, insbesondere auch aus Weistümern, zur Ver- 
arbeitung kam. Die Art der Verarbeitung zeigt offen die Hand 
des Anfängers; doch wäre es paradox, dies einer Erstlingsarbeit 
zum Vorwurf zu machen. Ein eigenartiges Versehen S. 108 sei 
jedoch erwähnt. Verfasser bezieht sich hier auf Tit. 61 § 2 des 
Westerlauwerschen Landrechts, gibt aber in der Anmerkung und 
im Text eine Stelle der Jurisprudentia Frisica. 

Im 1. Teil stört die ungenügende Kenntnis der Quelleneditio- 
nen, die Lex Salica wird in der Ausgabe von Clement benutzt, 
der Edictus nach Walter, ebenso die Lex Burgundionum ; für die 
Kapitularien verwendet Verfasser die Folioausgabe der Monu- 
menta, für die Leges Visigothorum wiederum Walter. Dazwischen 
taucht allerdings gelegentlich ein Zitat des Edictus nach Bluhme 
auf (übrigens unerwähnt im Quellenverzeichnis) oder aus Zeu- 
mers (älterer) Oktavausgabe der Lex Visig. Daß die Lex Salica 
„um 500 n. Chr." entstand, ist doch kaum zutreffend. Aus 
Lex Fris. Add. 7, und zwar aus den Worten „pro fürte weregil- 
dum" schließt Verfasser, daß „nur ein- nicht zweifacher Ersatz!" 
zu geben sei. Dies unter Berufung auf Brunner Rg. II 650 
Anm. 108 (nicht 8!), wo aber der an sich richtige Schluß aus 
anderen Worten gezogen wird, nämlich solchen, die den vom 
Verfasser zitierten vorausgehen. 

Immerhin handelt es sich bei diesen Ausstellungen nur um 
Einzelheiten, während die Gesamtdarstellung nicht unbrauchbar 
ist. Ganz anders im 2. Teil, der aus manchen Gründen zu schärf- 
stem Widerspruch zwingt. So ungern ich gerade einer Anfänger- 
arbeit gegenüber ein scharfes Urteil ausspreche, so sehr halte 
ich es für Pflicht, solcher Arbeitsmethode entgegenzutreten. 




160 Literaturbericht. 

Der Verfasser hat von den nordgermanischen Quellen 
ihren Editionen überhaupt keine wissenschaftlich beachtens- 
werten Kenntnisse. Zwar wird S. 9ff. ein Überblick über die 
skandinavischen Quellen gegeben. Aber nicht nur ist das Gebotene 
fast wörtlich abgeschrieben, sondern auch an den Stellen eigener 
Arbeit fehlerhaft. Daß Verfasser die 1904 erschienene Ausgabe 
des Jönsbök nicht kennt, sei nur erwähnt. Er scheint aber auch 
nicht zu wissen, daß Vestgötalag zwei Redaktionen hat, zitiert 
daher ohne Bedenken zwei Abschnitte aus Redaktion I, einen 
dritten aus Redaktion II. Von Magnus Erikssons Landrecht 
erfährt man, daß seine Entstehungszeit unbestimmt, während 
doch feststeht, daß es einem Herrentag zu Örebro im März 1347 
vorgelegt und von da ab rezipiert wurde; nicht besser geht es 
einigen anderen Rechten. Die Grägäs bekommt man gelegent- 
lich in der längst veralteten Ausgabe von Schlegel vorgesetzt, 
obwohl das Quellenverzeichnis, im Einklang mit dem Literatur- 
verzeichnis bei v. Amira Obl.-R. II, nur jenes Autors Commenlatio 
zur Grägäs, nicht aber die zitierte Ausgabe kennt. Für das scho- 
nische Recht muß gar die Edition von Hadorph (1676) ausreichen, 
da Kolderup-Rosenvinge, unseres Verfassers Quelle, eine neuere 
aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht haben konnte (S. 61). 
Das Stadtrecht von Visby III wird dafür S. 90 in der neuschwe- 
dischen Übersetzung von Schlyter zitiert. Auch die Vigagluma 
muß mit einer alten Edition zufrieden sein. 

Der Verfasser ist aber auch der Sprache seiner Texte nie 
mächtig. Daher findet man S. 60 Anm. 7 zum Beleg für eine 
Vorschrift des Walrechts angegeben: NGL IV p. 229 „Vm skilnat 
Mona 11 . Daß in dieser Stelle „über die Ehescheidung" nichts 
über den Walfund steht, nimmt nicht wunder. Das Zitat stammt 
aus v. Amira Obl.-R. II 933 Anm. 2; Verfasser hat nur über- 
sehen, daß dort zitiert ist Jb. LI. 6 — er hat statt cap. 6 des 
Landsleiebolk das cap. 6 des Arvebolk herausgefunden. So kommt 
es auch oft vor, daß Verfasser als Beleg Quellenstellen in den 
Text einrückt, die keineswegs sagen, was sie sollen; z. B. erfahren 
wir S. 77, daß, wem ein fremdes Pferd zuläuft, dieses im dritten 
Gehöft einstellen muß, und die Leute, die er darum bittet, sich 
nicht weigern dürfen. Dann folgt: „So: Gr. I b.64ff.: „Vm hross 
reihir": „. . . Ef fleire menn riba hrosse manz eba raüa ^eir fleire 
vm hross reiUna eba huegi er \mr fara meü \>vi vm III. böe eba 



Deutsche Rechtsgeschichte. 161 

\ar reifr dbrar er scog gang varhar " Diese Stelle handelt 

also nur vom Raubritt. Das Zitat stammt nun wieder aus v. Amira 
Obl.-R. und ist richtig; Verfasser hat nur aus der S. 64 einen 
falschen Abschnitt herausgenommen. Den Höhepunkt bildet 
aber S. 70f. Da erhält man zunächst eine deutsche Übersetzung 
einer Grägässtelle, dann — durch Doppelpunkte angeschlossen — 
den isländischen Text. Eine Anmerkung dazu lautet: „Über- 
setzung von mir (Cf. Schlegels lateinische Übersetzung)." Leider 
stimmt die Übersetzung des Verfassers nicht zum Original. Dieses 
ist der von Finsen edierten Konungsbök entnommen, während 
die Übersetzung des Verfassers nur eine Übertragung der von 
Th. Sveinbjörnsson (nicht, wie Verfasser meint, Schlegel) ge- 
gebenen lateinischen, sehr freien und zum Teil irrigen Über- 
setzung ist, wobei allerdings auch die lateinischen Kenntnisse 
des Verfassers zu wünschen übrig lassen. 

Daß unter solchen Umständen ähnliche Vorkommnisse häufig 
und die Druckfehler in skandinavischen Stellen zahlreich, ist 
klar. Man versteht aber auch, daß der ganze 2. Teil, abgesehen 
von einigen Sätzen, mit geringen Veränderungen aus v. Amira 
Obl.-R., Kolderup-Rosenvinge, dänische Rechtsgeschichte, und 
Liebermann, Gesetze der Angelsachsen II, abgeschrieben ist. 
Verfasser hat nur aneinandergereiht, was er dort fand. Daran 
ändert nichts der Umstand, daß er gelegentlich das eine oder 
andere Wort ändert oder die bei v. Amira in Anmerkung stehen- 
den Zitate in den Text einfügt. Die Reihenfolge der Sätze, die 
wesentlichen Teile der Fassung sind nicht Erzeugnis des Verfas- 
sers. Gelegentliche Hinweise auf v. Amira und Liebermann sowie 
eine in einer Anmerkung stehende Generalklausel, daß Verfasser 
deren Werke zugrunde lege, können nicht entschuldigen, daß 
Verfasser sich den Anschein gibt, auf dem Gebiete des nord- 
germanischen Rechts zu arbeiten, während er eine fremde Arbeit 
reproduziert. 

Höchst eigenartig wirken bei all dem Angriffe gegenüber 
anderen Autoren. S. 84 wird in Anm. 6 v. Amira ein Druckfehler 
vorgeworfen (S. 250 statt 520); die Korrektur war für den Ver- 
fasser nicht schwer, da er bei v. Amira selbst S. 506 die richtige 
Seitenzahl fand. S. 73 wird gegen Brunner polemisiert, der aus 
Leges Henr. 13, 5 geschlossen haben soll, es habe bei den Angel- 
sachsen Unterschlagung privaten Fundgutes nicht als Dieb- 
Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 11 



Jteraturbericht. 

stahl gegolten. Merkwürdigerweise ist diese Stelle bei Brunner 
RG. II 650 überhaupt nicht erwähnt. Aber Liebermann, Ge- 
setze II 418 ist der Schluß aus Leges Henr. gezogen und dort 
ist Brunner zitiert; aber gerade dafür, daß auch solche Unter- 
schlagung „bei anderen Germanen" Diebstahl. Verfasser hat 
also Liebermanns Zitat mißverstanden und gegen eine Auf- 
fassung sich gewendet, die der Angegriffene nie geäußert hatte. 
S. 57 bemerkt Verfasser zu Liebermanns Mitteilung, daß das 
Strandrecht in England schon 666 geübt worden sei, er finde 
„im Original, p. 643 rechts oben . . . allerdings als Datum den 
24. April 709 (?)". Er hat nicht gemerkt, daß dieses von ihm 
so vorwurfsvoll erwähnte Datum der Todestag des Bischof Wil- 
frid ist, während dessen Schiffbruch „allerdings" 666 stattfand. 

Hätte Verfasser verzichtet, seine Arbeit in ein Quellengebiet 
zu führen, in dem er sich nicht einmal an der Hand Dritter zurecht- 
finden kann, wäre sein Arbeitsergebnis wohl erfreulicher geworden. 

Berlin-Charlottenburg. v. Schwerin. 

Nordschleswig von 1864—1911. Von M. Mackeprang. Jena, Die- 
derichs. 1912. 254 S. 

Dies Buch ist die Übersetzung eines im Jahr 1910 unter 
dem Titel: Nordslesvig in dänischer Sprache erschienenen. 
Größere Änderungen, in Gestalt von Kürzungen, zeigt nur das 
Kapitel „Konfliktszeit", das den Zwiespalt in der dänischen 
Partei in den 80 er Jahren behandelt. 

Als Hauptaufgabe seines Buchs bezeichnet der Verfasser 
die Darstellung der nationalen Entwicklung und im besondern 
die Geschichte der dänischen Nordschleswiger seit der Trennung 
von Dänemark. Da die „nationale Entwicklung" sich erst nach 
1878, überwiegend sogar erst nach 1890 vollzogen hat, darf man 
erwarten, daß auf diese Zeit das Hauptgewicht der Darstellung 
gelegt ist. Man wird aber enttäuscht, denn dem nur 15jährigen 
Zeitraum von 1864 bis 1878, der für die Ausbildung der dänischen 
Organisationen in Nordschleswig weitaus am wenigsten ins 
Gewicht fällt, sind 2 / 5 der ganzen bis 1911 reichenden Darstellung 
gewidmet. Der Rest entfällt auf den mehr als doppelt so großen 
Zeitraum seit 1878, der mit der Auseinandersetzung innerhalb 
der dänischen Partei beginnt und dann, besonders seit 1890, 
in systematisch immer erweiterter Arbeit die konsequente und 



Deutsche Landschaften. 163 

zielbewußte Organisierung des nordschleswiger Dänentums in 
politischer, sprachlich-kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht 
und seiner Verbindungen mit Dänemark überhaupt erst gebracht 
hat. 

Eine überraschende Ungleichmäßigkeit, die aber verständ- 
lich wird dadurch, daß Mackeprang eine bestimmte Absicht mit 
dem Buche verfolgt. Er spricht natürlich vom Sprachverein, 
Wählerverein und Schulverein, aber der Leser erhält kein deut- 
liches Bild von ihrem systematischen Ausbau und Zusammen- 
arbeiten. Von der systematischen sozialen und ökonomischen 
Mobilisierung des Dänentums während der letzten 1 — 2 Jahr- 
zehnte, von den dänischen Sparkassen, Banken, Kreditinstituten 
in Nordschleswig, ihrer Tätigkeit und ihrer engen Verquickung 
mit der Parteipolitik, namentlich unter den Wirkungen des 
Optantenkindervertrags von 1907 und des Reichsvereinsgesetzes 
von 1908, sagt er dagegen so gut wie gar nichts. Und auch die 
mannigfachen engen Verbindungen, die das dänische Gemein- 
wesen in Nordschleswig mit Dänemark verknüpfen, vor allem die 
südjütischen Vereine, die Volkshochschulen und die grundt- 
vigianische Freigemeindebewegung Dänemarks, — diese andere 
für das Verständnis des nordschleswiger Dänentums und seiner 
nationalpolitischen Entwicklung wichtigste Seite — läßt er in 
vorsichtiger Dunkelheit. Die Absicht, die er damit verfolgt, 
ist, kurz gesagt, die, daß die deutsche Öffentlichkeit über den 
wahren Charakter, die Ziele und die Wirkungen des Treibens der 
Dänen in der Nordmark irre geführt werden soll. Alles, was die 
Dänen in Nordschleswig treiben, soll als harmlos und berechtigt 
erscheinen. 1 ) 

M. will sein Buch aufgefaßt und gewertet sehen als eine 
möglichst objektive historische Darstellung. Das ist es jedoch, 
soweit es sich um die eine Seite, die nationalpolitische Entwick- 
Jung des Dänentums in Nordschleswig handelt, wie ich soeben dar- 
gelegt habe, durchaus nicht. Das ist es jedoch ebensowenig, 
soweit es sich mit der andern Seite, der preußischen Verwaltung 
und ihren Maßnahmen, beschäftigt. 

*) Über den Ausbau und die Organisation des Dänentums 
in Nordschleswig und seine Verbindungen mit Dänemark vgl. 
-meine Ausführungen in der Zeitschrift für schleswig-holstei- 
nische Geschichte Bd. 43: Nordschleswig seit 1864, S. 372— 395. 

11* 



Literaturbericht. 

Ganz gewiß ist das häufige Schwanken zwischen Nach- 
giebigkeit und Strenge der Wertschätzung der preußischen Politik 
und der Befestigung der preußischen Herrschaft in der Bevöl- 
kerung Nordschleswigs nicht zuträglich gewesen. Und Mißgriffe 
im einzelnen sind von der Verwaltung nicht selten begangen 
worden. Das hervorzuheben und zu kritisieren war das gute 
Recht M.s. Aber er macht nicht e i n mal den Versuch, sich in 
den Standpunkt, die Motive, das politische Interesse des preu- 
ßischen Staats hineinzudenken. Und ebensowenig wirft er je 
die Frage auf, ob die Dänischgesinnten durch die Art ihres Ver- 
haltens nicht die Maßregeln der Behörden oft erst erzwungen 
haben. Sein für ihn sehr bequemes Urteilsschema ist eben vorne- 
weg fertig: Was der preußische Staat tut, ist unrecht und ent- 
springt aus niedrigen Motiven, was der dänische Nordschleswiger 
tut, ist recht und wird getragen von den höchsten Idealen. Nach 
diesem Rezept verfährt er bei der ermüdenden Aufzählung seiner 
Beispiele. Und wenn er sie nicht direkt tendenziös entstellt, 
— und das tut er wahrscheinlich häufiger, als ich durch etliche 
Stichproben habe feststellen können 1 ), — so mischt er wenigstens 
seiner Darstellung derselben geschickt eine Verdächtigung und 
Herabsetzung des Gegners und seiner Motive bei. Bei einem 
Historiker ein überraschendes Verfahren, das mit Geschichts- 
fälschung eine verzweifelte Ähnlichkeit hat. Aber der Ton in 
seinen Darstellungen klingt merkwürdig bekannt, er ist ledig- 
lich das Echo der dänisch-nordschleswigschen Preßbericht- 
erstattung. M. hat es sich auch hiermit leicht gemacht. Denn 
seine Quellen sind (vgl. das Vorwort seines Buches) außer Kor- 
respondenzen dänischer Führer in Nordscnleswig nur dänisch- 
nordschleswigsche Zeitungen. Von deutscher Seite hat er nur 
die schleswigsche Grenzpost für die neueste Zeit benutzt. Von 
einer Kontrollierung seiner Quellen durch Vergleich mit den 
gegnerischen hat er abgesehen. Bei einem Historiker gewiß 
ebenfalls ein überraschendes und nicht zu rechtfertigendes Ver- 
fahren. 

So stellt sich denn im ganzen sein Buch dar als eine Tendenz- 
schrift unerfreulichster Art. Sie beabsichtigt unter der Maske 
der Sachlichkeit die öffentliche Meinung in Deutschland, die sie 

') Beispiele dafür vgl. Zeitschrift für schleswig-holsteinische 
Geschichte Bd. 43, S. 400 ff. 



Deutsche Landschaften. 165 

außerdem gegen die preußische Regierung ausspielen möchte 
(vgl. das Vorwort seines Buches), irrezuführen. Vor der Benutzung 
des Buches als Nachschlage- und Informationswerk über die 
Geschichte Nordschleswigs seit 1864 muß dringend gewarnt 
werden. 1 ) 

Münster i. W. Daenell. 

Das Marienburger Konventsbuch der Jahre 1399—1412. Mit Unter- 
stützung des Vereins für die Herstellung und Ausschmückung 
der Marienburg herausgegeben von Dr. Walther Ziesemer. 
Mit zwei Schriftproben und einer Karte der Marienburger 
Komturei. Danzig, Kafemann. 1913. XIX u. 380 S. 2 Taf. 

Die Veröffentlichung oder Bearbeitung zahlreicher mittel- 
alterlicher Rechnungen deutscher Städte hat über die städtische 
Wirtschaft und Verwaltung jener Zeit und nebenher über die 
verschiedensten Gebiete menschlicher Betätigung reichen Auf- 
schluß gewährt. Über die Finanzwirtschaft deutscher Landes- 
herrschaften im Mittelalter sind wir dagegen weit weniger unter- 
richtet. Unter ihnen nimmt der Staat des Deutschen Ordens 
in vielfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. In ihm gab es 
weder Beden, noch die sonst übliche landesherrliche Pfand- und 
Borgwirtschaft. Auch für das Lehnswesen war im Ordensstaat 
kein Raum. Hier finden wir schon früh eine in fast modernem 
Sinn einheitlich und straff geordnete staatliche Finanzverwaltung 
mit genauer Buch- und Rechnungsführung. 

Von den erhaltenen Rechnungsbüchern des Ordenshaupt- 
hauses Marienburg liegen bereits mehrere in wortgetreuer Wieder- 
gabe vor und haben nicht nur der Wissenschaft mannigfache 
Dienste geleistet, sondern auch wesentlich dazu beigetragen, daß 
die von Geheimrat Steinbrecht geleitete Wiederherstellung der 
Hauptburg des Ordens sich auf sichere Quellen der Vergangen- 
heit zu stützen vermochte. Bereits 1896 konnte Joachim, dank 
der Förderung des für Westpreußen unvergeßlichen Oberpräsi- 
denten v. Goßler, das Marienburger Treßlerbuch herausgeben, 
das Hauptbuch über Einnahmen und Ausgaben der Ordens- 
staatskasse für die Jahre 1399 — 1409. Die Veröffentlichung der 

*) Erfreulicherweise ist die Darstellung reizlos, unübersicht- 
lich und schleppend und die Übersetzung reich an Danismen und 
selbst von groben Sprachschnitzern nicht frei. 



.lteräturberlcht. 

Rechnungsbücher des Marienburger Konvents aus dem Anfang 
des 15. Jahrhunderts hat sich Ziesemer zur Aufgabe gesetzt. 
1911 erschien das Ausgabebuch des Hauskomturs für die Jahre 
1410 — 1420, dem sich nunmehr das Konventsbuch der Jahre 
1399 — 1412 anschließt. Es handelt sich bei letzterem, das im 
Kgl. Staatsarchiv zu Danzig aufbewahrt wird, um Einnahme- 
und Ausgaberechnungen. 

Die Einnahmen bestehen in der Hauptsache in Zinsabgaben 
der Komtureidörfer. Über diese Zinse besitzen wir bereits zu- 
verlässige Kenntnis aus dem, ebenfalls von Z. im Jahre 1910 
herausgegebenen Zinsbuch des Hauses Marienburg, das die Zins- 
verpflichtungen aufführt und als Voranschlag der Einnahmen 
dienen konnte. Sehr deutlich erkennt man aus den Rechnungen 
der letzten Jahre des Konventsbuches den gewaltigen Schaden, 
den die Komturei infolge der Niederlage bei Tannenberg zu er- 
leiden hatte. Während die Jahreseinnahme von 1399 bis 1410 
stets mehr als 8000 Mark betrug, belief sie sich 141 1 nur auf 
2033 und 1412 auf wenig über 4000 Mark. Die Ausgaben be- 
ziehen sich im wesentlichen auf Materialeinkäufe. Sie sind in 
verschiedenster Hinsicht äußerst lehrreich. Ihre Verwertung ist 
beträchtlich erleichtert durch die vortrefflichen Personen- und 
Orts- sowie Wort- und Sachregister, die freilich nur den Text, 
nicht auch die Einleitung und die am Schluß angefügten An- 
merkungen umfassen. Besonders hingewiesen sei noch auf die 
von Provinzialkonservator Schmid im Maßstab 1 : 300000 an- 
gefertigte nützliche Karte des Marienburger Gebiets um 1410. 
Sie war bereits dem Ausgabebuch des Hauskomturs beigegeben, 
ist aber nun durch Einfügung aller vorkommenden Ortsnamen 
erheblich verbessert. 

Düsseldorf. - M. Foltz f. 

Schlesische Sagen. Von Richard Kühnau. I. Spuk- und Gespen- 
stersagen. II. Eiben-, Dämonen- und Teufelsagen. III. Zau- 
ber-, Wunder- und Schatzsagen. IV. Register zu Bd. I — III. 
XXXVIII, 618 S.; XXXII, 745 S.; XLVIII, 778 S.; 222 S. 
Leipzig, B. G. Teubner. 1910, 11, 13. 

Schlesien ist in seinen volkstümlichen Überlieferungen eines 
der besterforschten Länder unseres Vaterlandes. Es hat das 
Glück gehabt, auf dem germanistischen Lehrstuhl seiner Landes- 



Deutsche Landschaften. 167 

Universität in Karl Weinhold, Friedrich Vogt und jetzt Theodor 
Siebs Männer besessen zu haben und zu besitzen, die der heimi- 
schen Überlieferung lebhaften Anteil schenkten; seine Gesell- 
schaft für Volkskunde ist einer der ersten derartigen Vereine 
jn Deutschland gewesen und hat in ihren „Mitteilungen" in 
Sammlungen und Arbeiten Beträchtliches geleistet; in dem großen 
Sammelwerke „Schlesiens volkstümliche Überlieferungen", das 
seinerzeit F. Vogt mit den prächtigen schlesischen Weihnachts- 
spielen aufs glücklichste eröffnete, ist nun ein schlesisches Sagen- 
buch in vier umfangreichen Bänden erschienen. 

Die Bedeutung des Werkes liegt in der umfassenden Ver- 
einigung des Stoffes. Mit großem Fleiße hat Kühnau aus älteren 
Sammlungen sowohl als aus gelegentlichen Mitteilungen in Büchern 
und Zeitschriften seine Sagen zusammengetragen und so, was 
hundertfältig zerstreut und oft schwer zugänglich war, zu be- 
quemer Benutzung bereitgestellt; daneben bieten besonders die 
späteren Bände manche ungedruckte Überlieferung, die vom 
Herausgeber selbst aufgespürt oder ihm mitgeteilt wurde. Sein 
Gebiet hat K. sich örtlich derart abgegrenzt, daß er nur für 
das mittlere Schlesien unter Ausschluß der Lausitz und der 
polnischen Gebiete, aber einschließlich des österreichischen 
Schlesiens und des Braunauer Ländchens, Vollständigkeit er- 
strebte. 

Die immer schwierige Anordnung hat der Herausgeber tun- 
lichst im Anschluß an das treffliche obersächsische Sagenbuch 
von Meiche gewählt, nur daß die Seelensagen im einzelnen nicht 
nach dem Inhalt, sondern nach der Anknüpfung an bestimmte 
Arten von örtlichkeiten gesondert sind, so daß also Grab- und 
Kirchhofsspuk, Spuk an Mord-, Rieht- und Unglücksstätten, 
Haus- und Kirchenspuk, Ruinensagen, Weg- und Wanderspuk 
usw. unterschieden wird. Ohne Kompromisse geht es auch so 
nicht ab, das „Register" sorgt für die Sicherheit des Auffin- 
dens. Geschichtliche Sagen im engeren Sinne sind nicht auf- 
genommen. 

Jede Sage ist mit genauer Quellenangabe versehen, so daß 
ihre etwaige Uraufzeichnung leicht nachzuprüfen ist. Es war 
aber ohnehin Grundsatz des Herausgebers, sich möglichst eng 
an seine Quellen anzuschließen und nur den allzu großen Um- 
fang, besonders der „romantischen Sagen", zu kürzen. Er hätte 



.iteraturbericht. 

dabei u. E. ruhig weiter gehen und manche wässerige Breite, 
aus der nichts Volksmäßiges zu fischen ist, entschiedener ein- 
dämmen dürfen. Zu bedauern bleibt, daß K. Sagen, die ihm 
mundartlich überliefert waren, ins Hochdeutsche übersetzt hat. 
Den wissenschaftlichen Benutzer hat er damit ohne Not geärgert 
und geschädigt; die laienhaften Liebhaber der Sammlung werden 
sich aber gewiß überwiegend in der Heimat der Sagen finden 
und nun den trauteren Klang ihrer Mundart besonders ungern 
entbehren. 

Die Benutzung des umfangreichen Werkes mit seinen 2169 
Sagen erleichtert wesentlich der sehr sorgfältig gearbeitete Re- 
gisterband mit seiner Bibliographie, einem Orts-, Personen- und 
sehr eingehendem Sachverzeichnis. Im übrigen hat sich der 
Herausgeber ganz auf die Sammeltätigkeit beschränkt. Der 
Schlesier wie der Sagenforscher wird bedauern, daß nicht eine 
zusammenfassende Würdigung des Sagenschatzes versucht, seine 
Eigentümlichkeit anderen deutschen Landschaften gegenüber be- 
stimmt und abgegrenzt wird, vielleicht auch daß zu wenig 
zur Erklärung der Sagen, zur Schilderung ihrer mythischen, ge- 
schichtlichen, natürlichen Voraussetzungen getan ist; denn die 
jedem Bande vorgesetzten Bemerkungen geben kaum mehr als 
ein in Sätzen ausgeführtes Inhaltsverzeichnis. Der Herausgeber 
konnte diese Arbeit von sich ablehnen, aber daß wir gar nichts 
über die Biologie der schlesischen Sage erfahren, gar nichts 
darüber hören, wer denn ihr Träger sei, wem und von wem, 
wo und wie sie erzählt wird, das ist ein sehr bedauerlicher Mangel, 
den das Buch freilich mit der weit überwiegenden Zahl unserer 
Sagensammlungen teilt. 

Frankfurt a. M. Friedrich Panzer. 



Aus der Vergangenheit des Schlesischen Berg- und Hüttenlebens. 
Ein Beitrag zur Preußischen Verwaltungs- und Wirtschafts- 
geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Von K. Wutke. 
(Bd. 5 der Festschrift zum 12. Allgemeinen Deutschen Berg- 
mannstage in Breslau 1913: Der Bergbau im Osten des 
Königreichs Preußen.) Breslau 1913. VII u. 774 S. 

Da die Gefahr besteht, daß dieser geschichtlichen Studien 
gewidmete Band eines sich sonst mit geologischen und technischen 



Deutsche Landschaften. 169 

Fragen beschäftigenden mehrbändigen Werkes der Aufmerk- 
samkeit der Fachgenossen entgeht, so möchte ich mit beson- 
derem Nachdruck auf ihn hinweisen und betonen, daß er über 
das im Titel gegebene Thema hinaus manchen für die allgemeine 
preußische Geschichte wichtigen Beitrag enthält. In jahrzehnte- 
langen Studien, durch zahlreiche Arbeiten über die Salzversor- 
gung Schlesiens, die Oderschiffahrt, das schlesische Bergbau- 
und Hüttenwesen vor 1740, die Entwicklung des schlesischen 
Bergregals, über die Geschichte der größten schlesischen Berg- 
werksgesellschaft, der Georg von Giesches Erben, hat sich Wutke 
tiefgründige Kenntnisse der bergmännischen Verwaltung und der 
Betriebsverhältnisse früherer Zeiten erworben; was bei wirt- 
schaftsgeschichtlichen Arbeiten so selten beisammen zu finden 
ist, historische Schulung und technische Vorkenntnisse, sie sind 
hier vereint. Dadurch allein war W. imstande, in verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit die ihm gestellte Aufgabe zu bewältigen. Als 
Friedrich dem Großen eine Ergänzung der schlesischen Berg- 
ordnung vorgelegt wurde, wies er sie mit den Worten zurück: 
„Sprechen Sie mihr deutsch; ich verstee nicht ein wohrt von 
erschrotung und dergleichen Narrteien"; diese in der Fach- 
sprache der Bergleute liegende Schwierigkeit einer auch für 
Laienkreise genießbaren Darstellung ist hier glücklich überwunden 
worden. Die Auflösung des Textes in eine Reihe von Essays 
bringt wohl manche Wiederholungen mit sich, erleichtert aber 
die Bewältigung des spröden Stoffes und ermöglichte eine Er- 
gänzung der 13 von W. herstammenden Aufsätze durch zwei 
von Bergassessor Forneberg und Berghauptmann Schmeißer 
verfaßte Artikel. 

Neben Schilderungen der Entwicklung der Bergbehörden 
und des Bergbaus von den Tagen Friedrichs des Großen bis zur 
Gegenwart gibt W. Biographien des Freiherrn von Heinitz und 
des Grafen Reden, der beiden Minister, die von 1777 — 1807 das 
preußische Bergbau- und Hüttenwesen leiteten; W. hat die von 
ihm gefundene Korrespondenz zwischen Reden und dem Frei- 
herrn vom Stein hier nur gelegentlich und bruchstückweise ver- 
öffentlichen können; eine umfassende Publikation dieses wich- 
tigen Briefwechsels ist geplant. Wir erhalten ferner für die Tage 
Friedrichs des Großen und seiner beiden Nachfolger höchst lehr- 
reiche Einblicke, wie sie derart in der bisherigen Literatur fehlen, 






170 Literaturbericht. 

in die Geschäftsführung, die Stärke persönlicher Reibungen und 
die Gegensätze zwischen den verschiedenen Verwaltungszweigen 
unter dem absoluten Regiment, namentlich in den beiden Auf- 
sätzen: „Reden und Krusemark. Oberbergamtsdirektor und 
Oberbergrat. Ein Dienstverhältnis." und „Karl Friedrich August 
von Boscamp. Ein Lebensbild." Für die Geschichte Alexander 
v. Humboldts, Theodor Körners, des späteren preußischen Polizei- 
ministers v. Schuckmann fällt mancherlei ab. Ich verweise end- 
lich noch auf die beiden Aufsätze „Das Verhalten der Berg- 
behörden während des Krieges 1806/07" und „Der Anteil der 
schlesischen Berg- und Hüttenleute am Befreiungskriege". 

Dieser Band besitzt noch einen selbständig erschienenen, 
von Kern, Forneberg und Wutke bearbeiteten Anhang: „Das 
Goldene Buch von Tarnowitz (Fremdenbuch der Friedrichs- 
grube von 1788 ab). Ehrentafel. Verzeichnis der freiwilligen 
Beiträge der Berg- und Hüttenleute 1813/14 nebst Begleit- 
briefen." 

Breslau. Ziekursch. 

Die niederösterreichischen Stände im Vormärz. Ein Beitrag zur 
Vorgeschichte der Revolution des Jahres 1848. Von Viktor 
Bibl. Wien, Gerlach & Wiedling. 1911. XII u. 338 S. 

In den letzten Jahren des Metternichschen Österreichs 
nahmen die Landstände, nachdem „sie sich bisher durch Jahr- 
hunderte jedem Fortschritt hartnäckig entgegengestemmt", 
einen Anlauf, als wirklich politische Körperschaften, ja als Volks- 
vertretung aufzutreten, und von der Regierung weitgehende, 
gründliche, wenn auch keineswegs radikale Reformen zu fordern. 
Dieser Umschwung wurde bisher fast ausschließlich durch den 
Fortschritt der Ideen, durch den Zeitgeist erklärt. Nun hat sich 
Bibl, der sich schon um die niederösterreichische Verfassungs- 
geschichte große Verdienste erworben hat, die Frage gestellt, 
ob denn für die ständische Bewegung in Niederösterreich diese 
Erklärung die einzige oder auch nur die beste sei. Als Ergebnis 
seiner Studien kann er feststellen, daß die veränderte Haltung 
der Stände vor allem eine Folge der Verschlimmerung ihrer 
wirtschaftlichen Lage war: denn eine Fortdauer des alten Systems 
hätte sie unbedingt dem wirtschaftlichen Ruin preisgegeben; 
nicht mehr um Vorrechte ging es ihnen, sondern direkt ums 



Österreich. 171 

Leben. So bereichert vorliegendes Buch die wirtschaftliche 
Geschichte des Vormärz mit einem neuen, unerwarteten Kapitel; 
dem Kapitel vom Elend nicht mehr der Bauern und Arbeiter, 
sondern der Herren: es zeigt, wie das alte System sogar für die- 
jenigen, die es angeblich begünstigte, schließlich verderblich, 
ja tödlich geworden war. 

Seit den großen Reformen Maria Theresias und Josefs II. 
wurde dem Schutze der bäuerlichen Untertanen erhöhte Bedeu- 
tung beigemessen: den Kreisämtern, denen die Kontrolle der 
gutsobrigkeitlichen Verwaltung oblag, wurde fast amtlich die 
„hohe und schöne" Rolle zugewiesen, „Schutzwehre wider die 
Anmassungen der Obrigkeiten gegen die Untertanen zu sein" 
(S. 68). Drückte sich in dieser Auffassung die löbliche Bauern- 
und Volksfreundlichkeit des josefinischen Systems aus, so 
trat in der Praxis ein anderes, weitaus unedleres Motiv hinzu, 
und zwar der Neid und Argwohn der Bureaukratie gegen den 
privilegierten Stand des Adels. Die Bureaukratie, in ihrem Ideal 
absolutistischer Gleichmacherei, nahm gern jede Gelegenheit 
wahr, bei Streitigkeiten zwischen Herrschaft und Untertanen 
gegen erstere zu entscheiden, selbst in Fällen, wo die Weigerung 
der Bauern offensichtlich mutwillig und gesetzwidrig war. Ebenso 
eifrig als in der Schmälerung der Rechte der Obrigkeiten war sie 
im Bestreben, ihnen immer wachsende Lasten aufzubürden, 
zuerst an Steuern, die manchmal mehr als den Ertrag der Ur- 
barialgaben betrugen, wie im S. 84 angegebenen Fall, dann auch 
an allerlei Leistungen, für Wege, Arreste, Polizei- und Justiz- 
dienst. Sie schien es sich vorgenommen zu haben, vom ganzen 
Untertanenverhältnis nur mehr das Odium bestehen zu lassen, 
das es auf die Gutsherren warf. Diese Taktik fügt sich ja ganz 
gut in das berüchtigte System des divide et impera ein, womit 
die vormärzliche Regierungsweisheit wähnte, das morsche Ge- 
bäude des absolutistischen Polizeistaates stützen zu können. 

Im Jahre 1835 rafften sich die Stände zum ersten ent- 
schiedenen Protest auf. Sie faßten den Beschluß, „die in der 
Landesverfassung begründeten Rechte der Dominien energischer 
zu wahren, und alle Verstöße dagegen zu sammeln"; sie machten 
positive Reformvorschläge in bezug auf die Polizeiverwaltung 
und ließen auch schon, wenn auch noch ganz leise, den Ruf nach 
Erweiterung ihrer Stellung in der Gesetzgebung ertönen. Von 



172 Literaturbericht. 

da an wuchsen mit jeder Session ihre Ansprüche: 1843 entdeckten 
sie „ihren Beruf als Vertreter der Landesinteressen", bekannten 
sich also zum verpönten Repräsentativsystem; 1845 traten sie 
für Erweiterung der Rechte der städtischen und ländlichen Be- 
völkerung und für Reform des Unterrichtswesens ein; 1847 
verlangten sie eine gerechtere, stärkere Heranziehung des Finanz- 
und Industriekapitals zur Steuerleistung. Die Bureaukratie 
warf ihnen „Opposition und Streben nach einer unsicheren 
Popularität" (S. 229) vor und ließ später ihre Führer polizeilich 
bewachen. Wollten die Stände einmal, in Ausübung ihres alt- 
herkömmlichen Rechtes, dem Kaiser für die Herabsetzung der 
Militärdienstzeit persönlich danken, so wurden sie von der an- 
gesuchten Audienz „dispensiert" (S. 246); als sie aber etwas 
später zwei Petitionen zu überreichen wünschten, wurde ihr 
Gesuch um eine Audienz abgewiesen, weil notwendig „die Tat- 
sache des (der Deputation) zuteil gewordenen a. h. Empfanges 
eine weitere Verbreitung erlangt und dadurch den von derselben 
zu überreichenden Vorstellungen die öffentliche Aufmerksam- 
keit zugewendet und ein größeres Gewicht beigelegt würde, als 
sie wirklich verdienen" (S. 264). Noch in der zwölften Stunde 
dachte die Regierung mit den alten Mitteln des Hinziehens, 
Erwägungen, Einvernahmen, Konferenzen u. dgl. auszukommen. 
Gewiß hätte auch eine andere Taktik die Revolution nicht auf- 
gehalten: ob sie aber so ausgebrochen wäre, wie es am 13. März 
geschah, ob daher auch die nachfolgenden Ereignisse ganz so 
verlaufen wären, wie sie verliefen, darauf muß die Antwort 
weniger bestimmt lauten. 

Als ein wertvoller Beitrag zur genaueren und tieferen Er- 
fassung des sozialen Untergrundes der Revolution, zur Kenn- 
zeichnung des verknöcherten vormärzlichen Regierungssystems 
und zur Aufdeckung der Zusammenhänge der materiellen, gei- 
stigen und politischen Entwicklung, die mit elementarer Gewalt 
zu einer gründlichen und durchgreifenden Änderung des un- 
haltbar gewordenen Bestehenden, also zur Revolution drängten, 
ist vorliegende Arbeit zu begrüßen. Das erschöpfenden Quellen- 
studien entnommene, geschickt verwendete Tatsachenmaterial 
läßt die Schlüsse wie von selbst sich ergeben. Ist in gewissen 
Abschnitten die Darstellung etwas weniger durchsichtig und 
gewandt, so kommt das mehr auf das Konto der Kompliziert- 



Frankreich. 173 

heit der hier behandelten Urbarialverhältnisse. Im ganzen ist 
also B.s Buch eine achtungswerte historische Leistung und 
bietet uns eine schätzbare und willkommene Bereicherung 
unserer Kenntnis einer interessanten und folgenschweren Epoche 
der Geschichte Österreichs. 

Paris. L. Eisenmann. 

Cartulaire de l' Universite' de Montpellier publid sous les auspices 
du conseil de Vuniversitd de Montpellier. Tome IL Mont- 
pellier, impr. Lauriol. CLVIII u. 930 S. 4° nebst 4 Lichtdruck- 
tafeln (Schriftproben). 

Die medizinische Schule zu Montpellier genoß schon im 
12. Jahrhundert großes Ansehen und wird 1220 in den Statuten, 
die sie vom Kardinal Konrad empfing, als universitas medi- 
corum tarn doctorum, quam discipulorum bezeichnet. Sie stand 
unter einem cancellarius universitatis scolarium, den der Bischof 
unter Beiziehung dreier Magister bestellte. Daneben gab es 
frühzeitig auch eine Juristenschule zu Montpellier, an welcher u. a. 
der im Jahre 1192 verstorbene Glossator Placentinus lehrte, die 
aber dann verfiel und erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts 
wieder zu Blüte gelangte. Die Juristenschule schloß sich jedoch 
in ihren Einrichtungen an Bologna als Vorbild an und hatte 
als Rektor zu ihrem Haupt einen Scholaren, der jährlich aus 
einer der drei Nationen gewählt wurde. Es gab demnach zu 
Montpellier nicht eine einheitliche Hochschule, sondern mehrere 
selbständige Universitäten nebeneinander, die überdies in den 
Grundzügen ihrer Verfassung wesentliche Unterschiede auf- 
wiesen. 

Diese Tatsachen muß man sich gegenwärtig halten, um den 
Arbeitsplan des zur Besprechung stehenden Urkundenwerkes zu 
würdigen. Dasselbe erstreckt sich nicht auf den gesamten Hoch- 
schulunterricht der zu Montpellier erteilt wurde, sondern berück- 
sichtigt nur die Universität der Mediziner. 

Der erste Band des Cartulaire, mir leider unzugänglich, 
erschien schon 1890, er brachte den Abdruck der wichtigsten 
Universitätsurkunden und Akten bis zum Jahre 1400, soweit 
sie damals bekannt waren, denn das Universitätsarchiv befand 
sich in greulicher Unordnung. Da überdies Ergänzungen in aus- 
wärtigen Archiven zu suchen waren, so unterblieb die Fort- 



.iteraturbericht. 

Setzung bis zum Jahre 1903. Damals beschloß die medizinische 
Fakultät eine gründliche Neuordnung ihres Archivs und über- 
trug diese Arbeit dem Prof. Joseph Calmette, der sie in fünf 
Jahren durchführte. Das Ergebnis seiner Bemühungen wurde 
nun als 2. Band des Cartulaire mit dem Untertitel veröffentlicht: 
Inventaires des archives anciennes de la Faculte de Medecine et 
suppUment au Tome 1 du cartulaire de l'universite de Montpellier 
(u8i — 1400). Avec une introduction par Josephe Calmette archi- 
viste-paleographe, Professeur ä l'universite de Toulouse. Außer 
einer großen Einleitung, in welcher sowohl die Geschichte des 
Archivs als die Grundsätze für die Neuordnung und in Kürze 
der Inhalt der neugebildeten Akten- und Urkundengruppen 
behandelt werden, bringt der zur Besprechung stehende Band 
auf S. 1 — 208 zunächst den Abdruck des Archivinventars vom 
Jahre 1583. Dies galt die längste Zeit für verloren, bis es Cal- 
mette aus dem Staube wieder zutage förderte. Die Veröffent- 
lichung ist erwünscht, weil die ziemlich ausführlichen Inhalts- 
angaben, die es darbietet, für verlorene Aktenstücke den Wert 
einer Quelle besitzen. Aufbewahrt wurde damals das Archiv 
in 15 Säcken (Karnieren), die Aktenstücke wurden durch die 
Nummer des Sackes und Buchstaben bezeichnet. — Von S. 209 
bis 849 folgt der Neuordnung durch Calmette entsprechend das 
Inventaire numerique des archives anciennes de la facultt de mi- 
decine conforme au classement arrete en igo8. Calmette teilte den 
Stoff bis zum Jahre 1808 in 16 Fachgruppen, die er mit den 
Buchstaben A — S bezeichnete, nur die Gruppe S hat bunteren 
Inhalt, da in ihr alle Registerbücher (Statuten, Vorlesungs- 
verzeichnisse, Matrikeln usw.) vereinigt wurden. Die Ordnung 
innerhalb der Gruppen erfolgte, tunlichst nach der Zeitfolge, 
durch fortlaufende Ziffern. Eine vergleichende Zusammen- 
stellung der Inventarbezeichnungen von 1583 und 1908 auf 
S. CXLVIIff. ermöglicht die Auffindung der Aktenstücke auch 
nach ihrer früheren Bezeichnung. Die dritte Abteilung des Bandes, 
S. 851—869, bietet den Abdruck von 18 Stücken aus den Jahren 
1279/80 bis 1396 als Ergänzung zum 1. Bande des Cartulaire. 
Einzelne Textabdrücke werden als Proben auch in der Einleitung 
geboten, so S. XL IV ff., CXIV ff. usw. Ein alphabetisches 
Personen- und Ortsregister auf S. 871—922 und eine Inhalts- 
übersicht bilden den Schluß dieses Bandes. Als Fortsetzung ist 




Frankreich. 175 

ein dritter Band des Werkes für die Urkunden und Akten des 
15. Jahrhunderts in Aussicht genommen. 

Graz. Luschin v. Ebengreuth. 

L 'Abbe 1 Du Bos, un initiateur de la pense'e moderne (1670 — 1742). 
Par A. Lombard. Paris, Hachette. 1913. VIII u. 614 S. 

La Correspondance de l'Abbe' Dubos (1670—1742). Par A. Lom- 
bard. Paris, Hachette. 1913. 90 S. 

Beim ersten Blick auf den stattlichen Großoktavband 
fürchtet man wohl, der bekannte furor biographicus habe sich 
hier die Zügel schießen lassen. Wer Lombard bis zum Ende 
folgt, wird finden, daß es sich hier nicht um die Ausgrabung 
eines unbedeutenden Mannes handelt. Und auch wer sein 18. Jahr- 
hundert gut kennt, wird sehen, daß die staunenswerte Belesen- 
heit und Sachkunde des Verfassers dem Bild dieser Zeit über- 
raschend neue Lichter aufgesetzt hat. Die Erkenntnisse, mit 
denen er uns bereichert, beziehen sich vor allem auf die Bio- 
graphie und Bibliographie des Helden, auf die Geschichte der 
ästhetischen Theorien — Lombards Dubos ist der erste ent- 
scheidende Fortschritt über das grundlegende Werk H. v. Steins 
„Die Entstehung der neueren Ästhetik" (1886) — und auf die 
Geschichte der Geschichtschreibung. Wir müssen uns hier auf 
Punkt 2 und 3 beschränken. 

Das ästhetische Hauptwerk des Abbe Dubos „Les reflexions 
critiques sur la poisie et sur la peinture" 1719 enthält eine Psy- 
chologie des ästhetischen Gefühls und eine Untersuchung der 
das künstlerische Schaffen bestimmenden Ursachen. Es wurzelt 
in der Gedankenwelt der Querelle des Anciens et des Modernes, 
deren geistesgeschichtliche Bedeutung immer höher eingeschätzt 
wird. Es ist eine Reaktion gegen den Kartesianismus, den beide 
streitenden Richtungen vertreten — die „Modernen" sogar noch 
extremer als die Anhänger der Alten — und dem Dubois Sen- 
sualismus erstmals entgegentritt. Er tut das in folgenden Sätzen: 
Die Funktion der Kunst ist, daß sie uns den Genuß der Leiden- 
schaft gewährt, ohne die das Leben schal ist, und uns doch frei 
hält von den Unzuträglichkeiten, mit denen den wirklich Lebenden 
wirkliche Leidenschaft verkettet. Die Dichtung ist kein bloßes 
Anhängsel der intellektualistischen Beredsamkeit, sie hat ihre 
eigene Grundlage in der Sinnlichkeit: dies der wahre Sinn des 



sraturbericht. 

alten von Dubos wieder aufgenommenen Satzes Ut pictura 
poesis. Denn Dubos hat den Mißbrauch der Allegorie in der 
Malerei und der Schilderung in der Dichtung in ganz ähnlicher 
Weise wie Lessing bekämpft und die Grenzen beider Künste 
ganz so wie Lessing gezogen. Da die ästhetische Lust emotionalen 
Charakter hat, so ist es das Gefühl, eine Art sechsten Sinnes 
(und nicht die raison), das maßgebend ist für den Genießenden 
wie für den Urteilenden, und daher hat in letzter Linie das Urteil 
des Publikums recht gegen die Entscheidungen der Kenner. 
Die Gemeinsamkeit des ästhetischen Fühlens ist gewährleistet 
durch eine weitgehende Gleichheit der gemeinmenschlichen 
Struktur, aus der sich etwas wie ästhetische Gesetze ableiten 
läßt. Zu der Querelle entscheidet sich daher Dubos, obwohl ganz 
frei vom Kult der Tradition, für die Alten mit der durchaus 
empiristischen Begründung: Ein Kunstwerk, das allen Jahr- 
hunderten und allen Völkern gefallen hat, ist wert, daß es gefällt. 
Zur Erklärung des Erscheinens des Genies und der klassischen 
Jahrhunderte bedient sich Dubos der Klimatheorie; aus klima- 
tischen Veränderungen sucht er die Phasen der Kultur zu be- 
greifen. Dubos, einer der ersten Franzosen, die sich als Welt- 
bürger fühlen, und der erste vielleicht, der das Relative, das 
National-Differenzierte an den Geschmacksurteilen erkannt hat, 
ist der Schöpfer einer internationalen Ästhetik. Mit ihm erhebt 
sich nach der religiösen eine literarische Toleranz. Daß trotz 
der Ursprünglichkeit und Neuheit seiner Sätze Dubos in Frank- 
reich nicht so hoch geschätzt wurde als er verdiente, erklärt sich 
aus der nachlässigen Form seines Werks. Er stammt geistig 
aus der Welt der Gelehrten, von denen er den schlechten Stil 
und den Mangel an Kompositionskraft geerbt hat. Einfluß hat 
er trotzdem gehabt: den kartesianischen Intellektualisten hat 
er den Todesstreich versetzt. Er wurde viel benützt und noch 
mehr ausgeschrieben, vom Chevalier de Jaucourt und der 
Enzyklopädie sogar in schamloser Weise. Gegen Ende des Jahr- 
hunderts ist er vergessen; zugleich aber sind seine Gedanken 
Gemeinbesitz geworden. 

Noch größer als in Frankreich ist die Wirkung der Reflexions 
in Deutschland. Das Studium dieser Einwirkung führt L. zur 
folgenden überraschenden These: Der französische Einfluß hat 
auch noch die Generation der Männer beherrscht, die als die Be 



Frankreich. 177 

freier vom fremden Joch gepriesen werden. Man rühmt es Bod- 
mer, Breitinger, Lessing nach, den engen Dogmatismus Boileaus 
zertrümmert und den deutschen Geist d. h. das Gefühl, die 
Phantasie, die Begeisterung entbunden zu haben. In Wahrheit 
war, in der Praxis wenigstens, das Gefühl ebenso ein französischer 
Einfuhrartikel, wie einst die klassische Vernunft, und es waren 
nur andere Franzosen, welche die Züricher und die Berliner den 
Boileau und den Corneille entgegengestellt haben. — Mit diesen 
durch reichliche Quellenbelege gestützten Sätzen werden sich 
unsere Literarhistoriker ernstlich auseinanderzusetzen haben. 
Mit seiner Histoire critique de l'etablissement de la monarchie 
francaise dans les Gaules 1734 ist Dubos der Gründer der roma- 
nistischen Schule, d. h. derjenigen Richtung, welche dem römi- 
schen Element in der Bildung des alten Frankreich den über- 
ragenden Einfluß zuschreibt. Er nimmt damit Stellung in einer 
zu seiner Zeit und schon vorher lange verhandelten Streitfrage, 
in der keineswegs bloß historische Erwägungen objektiver Art 
maßgebend sind, sondern auch praktische Tendenzen und Leiden- 
schaften. Seit dem Wiedererstehen der königlichen Macht suchen 
die den Feudalrechten feindlich gesinnten Legisten im römischen 
Recht die Rechtfertigung der souveränen Gewalt. Boulain- 
villiers* der Mann der aristokratischen Reaktion, schreibt vom 
Standpunkt des Adels aus und sucht die Rolle der Könige der 
ersten Rasse herabzudrücken. Chlodwig ist ihm nur der Feld- 
herr eines Heeres von freien und gleichen Franken, die den unter- 
worfenen Galliern gegenüberstehen wie Herren den Sklaven. 
Dubos, Bourgeois von Abstammung und Temperament, ist ein 
Feind der Vorrechte und der Ungleichheit und Verteidiger des 
königlichen Absolutismus. Der geschichtliche Gedanke, mit 
dem er das „germanistische" System aus den Angeln hebt, ist 
die Leugnung der „Eroberung" und damit eines Bruchs und einer 
Kluft zwischen der alten römischen und der neuen mittelalter- 
lichen Welt. Die Franken sind in Gallien eingedrungen nicht als 
brutale Eroberer, sondern als Bundesgenossen Roms, die den 
Bewohnern des Landes nichts genommen haben, als Träger 
römischer Würden, als Rechtsnachfolger der Kaiser. Als Herr 
der römischen Miliz, dem der Kaiser Anastasius das Konsulat 
übertragen hatte, war Chlodwig im vollkommen rechtmäßigen 
Besitz der bürgerlichen Gewalt in Gallien. Dubos treibt diese 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 12 



178 Literaturbericht. 

Betrachtung so weit, daß er in diesen Vorgängen fast gar nichts 
Kriegerisches mehr sehen will, sondern lauter Rechtsverschie- 
bungen und diplomatische Transaktionen, daß er die anarchischen 
Zustände des zerfallenden Reichs umdichtet in eine regelrechte 
Sukzession rechtlicher Organisationen. „Die Barbaren des 
5. Jahrhunderts erscheinen fast wie Leute, die um den grünen 
Tisch eines europäischen Kongresses herumsitzen." Man sieht, 
was diese geschichtliche These politisch zu bedeuten hat: die 
Franken waren nach Dubos wie die Römer Untertanen absoluter 
Könige, nicht frei, nicht Herren der Gallier, allen Steuern pflichtig. 
Nicht im Anfang der französischen Geschichte steht eine Usur- 
pation; von einer solchen kann man erst reden, als die Herzoge 
und Grafen sich der Rechte des Königs und der Nation bemäch- 
tigen, sich als erbliche seigneurs einrichten in ihren benefices 
militaires und so durch Willkür und Anmaßung die römischen 
Gesetze umstürzen. Als die Valois den Absolutismus wieder- 
herstellen, haben sie nur das alte Recht, das Fundamentalgesetz 
des französischen Reiches wieder aufgerichtet. Das ist, sagt 
L., das Ideal eines Bourgeois von 1730, der keinen Anteil an der 
Regierung begehrt, der sich die absolute Herrschaft gerne ge- 
fallen läßt, aber keine Klasse über der seinigen dulden will. Hat 
diese Tendenz Dubos zu manchen verfehlten und -unhalt- 
baren Aufstellungen verleitet, so bleibt ihm doch das geschicht- 
liche Verdienst, daß e r zu allererst eine Anschauung vermittelte 
von der Kontinuität im Übergang von der alten Welt zur Feudal- 
welt. 

Eine Nachgeschichte des Werks zeigt, warum — von den 
gelehrten Kreisen in Frankreich und besonders in Deutschland 
abgesehen — das 18. Jahrhundert dem Dubosschen Werke 
nicht volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Schuld daran war 
die glänzende und geistreiche, im einzelnen oft treffende, dem 
Ganzen doch nicht gerecht werdendende Kritik Montesquieus, 
der in den betreffenden Partien seines Esprit des Lois sich von 
seinen Adelsvorurteilen leiten läßt und darum den schon er- 
schütterten Thesen Boulainvilliers zu Hilfe kommt, obwohl er 
tatsächlich mehr von Dubos gelernt hat, als er Wort haben will. 
Noch mehr ist schuld Mably und die der geschichtlichen For- 
schung überhaupt ungünstige Rousseausche demokratische Strö- 
mung. Mably, der Boulainvilliers ins Republikanische übersetzt, 



England. 179 

macht aus den Germanen freie Demokraten, welche die von den 
Römern versklavten Gallier nicht unterjochen, sondern zur 
Freiheit aufrufen und in die Handhabung republikanischer Ein- 
richtungen einführen. Mit Sieybs und der Revolution treten 
wir in die Zeit ein, da die politischen Parteien es verschmähen, 
ihre Rechtstitel in der Vergangenheit zu suchen. Sieyes läßt 
Boulainvilliers Sätze geschichtlich gelten, um sie agitatorisch 
gegen die alten „Eroberer" auszubeuten: Le tiers deviendra 
noble en conquirant ä son tour. Der Fortschrittsgedanke ent- 
wöhnt weiterhin von der alten Idee eines idealen Urstaats und 
verführt dazu, die Vergangenheit als Folie für die lichte Gegen- 
wart und noch lichtere Zukunft möglichst schwarz zu malen. 
Eine Auferstehung erlebt Dubos im 19. Jahrhundert im Werk 
von Fustel de Coulanges (Institutions politiques de l'ancienne 
France 1875). Fustel muß sich geradezu gegen den Verdacht 
wehren, ein Plagiat an Dubos begangen zu haben. Davon kann 
keine Rede sein; die merkwürdigen Anklänge an Dubos in Fustels 
erster Auflage erklären sich aus der Sache selbst. Zu dieser Zeit 
kannte Fustel seinen Vorgänger noch nicht, dem aber trotzdem 
die Ehre gebührt, der eigentliche Vater der romanistischen These 
zu sein. 

Es mag sein, daß L. in der Conclusion, welche das Attribut 
begründen soll, das den Untertitel seines Werks bildet, etwas 
zu weit geht. In der Einzelwissenschaft, in der Dubos groß ist, 
haben Aufklärung und modernes Denken ihr Werkzeug; ihre 
Grundlage ist eine Philosophie, die Philosophie der theoretischen 
und praktischen Autonomie der menschlichen Vernunft. Hier 
aber kommt Dubos keine führende Rolle zu. Sein etwas zu 
hochgegriffenes Werturteil dürfen wir aber wohl der Entdecker- 
freude des Verfassers zugute halten; denn er hat vieles und 
Wertvolles entdeckt. 

Stuttgart. Paul Sakmann. 

.British Borough Charters 1042—1216. By Adolphus Ballard. 
Cambridge. 1913. Text mit Appendix und Index 266 S. 
Einleitung 147 S. 

Der Verfasser, als town clerk von Woodstock mit den prak- 
tischen Geschäften einer Stadtverwaltung vertraut und durch 
Domesday-Untersuchungen bekannt, unternimmt die Aufgabe, 

12* 



180 Literaturbericht. 

das zerstreut vorhandene, gedruckte und ungedruckte Urkunden- 
material zum Studium der Entwicklung städtischer Gemein- 
wesen im anglonormannischen Lehnsstaat, zugleich aber auch 
in Schottland, Wales und Irland in einem Bande übersichtlich 
zusammenzustellen; diese löst er in überraschend praktischer 
Weise. Ausgehend von einer Zerlegung des Inhalts eines jeden 
charter in fünf Teile, nämlich die Anrede, die Übertragung von 
Rechten, die Volumus-Klausel, welche die Anerkennung dieser 
Rechte befiehlt, die Droh- oder Verbotsklausel, welche die An- 
fechtung derselben untersagt, und endlich die Datierung bzw. 
Beglaubigung der Urkunde durch Nennung von Zeugen, kommt 
er zu dem Ergebnis, daß eigentlich nur der zweite dieser Teile 
wesentlich sei, daß also für den beabsichtigten Zweck der Abdruck 
der zweiten Teile aller borough charters, unter Fortfall des übrigen 
Textes, genüge. Den so verbleibenden gewaltigen Inhalt von 
330 Urkunden verteilt er nun nach bestimmten Gesichtspunkten 
in acht Gruppen, die folgende Gebiete umfassen: 1. die Bildung 
neuer boroughs durch Ausscheidung gewisser Ortschaften aus 
dem Verbände der Graf- und Hundertschaften; 2. das Bürger- 
lehn (burgage tenure), d. h. Lehnsbesitz lediglich gegen eine feste 
jährliche Geldabgabe, mit dem Recht des Verkaufs und der 
Vererbung; 3. schrittweise Ablösung der mannigfachen Feudal- 
abhängigkeiten, 4. borough franchise, Bedingungen der persön- 
lichen Mitgliedschaft zu einem borough; 5. Einsetzung eines 
Stadtgerichtes, unter mehr oder weniger vollständiger Exemtion 
von anderweitiger Jurisdiktion; Verfahren, Strafen, Pfändung; 
6. gewerbliche Vorrechte, Monopole, Handwerks- und Kauf- 
mannsgilden, Märkte, Zölle; 7. Stadtfinanzen, Einnahmequellen, 
Übernahme der firma burgi in Selbstpacht; 8. städtische Beamte. 
Innerhalb jeder dieser Gruppen sind nun die betreffenden Ab- 
schnitte aus den Texten der borough charters chronologisch (teil- 
weise auch nach innerer Abhängigkeit) geordnet, im lateinischen 
Original sowie in durchgängiger englischer Übersetzung auf- 
geführt. Eine tabellarische Übersicht nach Stadtgemeinden er- 
möglicht die Zusammenstellung aller auf dieselbe Urkunde be- 
züglichen Abschnitte und damit eines in der Hauptsache fast 
genauen Textes jedes charter. 

Diesem Hauptteil des Buches geht eine ausführliche, ent- 
sprechend gegliederte Einleitung voran, die kritische und er- 




England. 181 

läuternde Anmerkungen enthält und die aus dem Vergleich der 
sehr verschiedenartigen Bestimmungen sich erhebenden Fragen 
erörtert. Sie enthält überdies noch drei Aufsätze, deren letzter 
Parallelen mit der Stadtentwicklung anderer Länder zieht; die 
beiden andern erörtern zwei sehr wichtige Grundfragen, nämlich 
die nach dem Begriff eines borough und die nach der Anerkennung 
eines solchen als einer, von der bloßen Zusammenfassung einer 
Anzahl von burgesses verschiedenen, juristischen Person. Der 
Verfasser bezeichnet als die beiden wesentlichen Eigenschaften 
eines borough das Bürgerlehn aller Mitglieder und das Stadt- 
gericht. Die Umwandlung einer bloßen Vielheit individueller 
Rechtsträger zu einer Korporation ist seiner Meinung nach ganz 
allmählich vor sich gegangen, und zwar unter Anlehnung an den 
borough court als festen Kern, also nicht, wie anderweitig an- 
genommen wird, an die Kaufmannsgilden. 

Das Buch wird sich gewiß für alle, die vergleichende Studien 
über die Anfänge der für England so bedeutungsvollen Selbst- 
verwaltung machen, als schätzbares und bequemes Hilfsmittel 
erweisen, auch kann es jungen Historikern zur Einführung in 
die Sprache und den Stil der Urkunden aus jener Zeit empfohlen 
werden. 

Groß-Lichterfelde. Parow. 

The English borough in the twelfth Century; being two lectures 
delivered in the Examination schools Oxford on 22. and 
29. October 1913. By Adolphus Ballard, Town clerk of 
Woodstock. Cambridge, University Press. 1914. VI u. 88 S. 

Aus seinen größeren stadtgeschichtlichen Werken Domesday 
boroughs und British borough charters 1042 — 1216, die durch Stoff- 
sammlung und sachliche Anordnung für die Statistik der Tat- 
sachen hohen Wert besitzen, versucht Ballard hier kurz das 
Ergebnis für die Verfassungsentwicklung zu ziehen. Er betitelt 
die erste Vorlesung „Bürger und Stadtherr", die zweite „Stadt 
und Hundred", behandelt aber eine viel reichere Fülle von Ein- 
zelheiten, als unter jene zwei Verhältnisse zu fassen wären: 
zum Auffinden verhilft ein guter Index. Auch über späteres 
Mittelalter, besonders den Einfluß der Regierungsaufnahme von 
1316, finden sich wertvolle Bemerkungen; die Frühzeit vor dem 
11. Jahrhundert dagegen ist weniger selbständig durchforscht; 



182 Literaturbericht. 

glücklich scheint mir die Verbindung der Wiederbesiedelung 
mancher seit 450 verödeten Römerstadt mit der Bekehrung 
seit 600. Während Französisches bisweilen verglichen wird, 
bleibt Deutschland und dessen Literatur unbeachtet. Die bezeich- 
nenden Merkmale der Verfassung sind scharf, auch durch Zahlen 
und sogar Tabellen gegliedert. Ein System oder eine Rechts- 
geschichte oder gar die Einordnung in einen kulturphilosophischen 
Rahmen wird jedoch nicht gewagt, und alles Sitten- und Sozial- 
geschichtliche bewußt ausgeschieden. Trotz gedrängter Kürze bei 
bunter Mannigfaltigkeit verschiedenen Stoffes spricht dieser 
Redner klar, genau und leicht; bisweilen verrät er liebenswürdigen 
Humor. 

Der Bürger scheidet sich vom Bauern, nach der Darstellung 
des Verfassers, indem er dem Herrn zinst (nicht front), persönlich 
freizügig auch über Grundbesitz in der Stadt frei verfügt, unter 
dem Stadtgericht, das dem ländlichen Hundred entspreche, von 
letzterem getrennt steht, Handelsmonopol in der Stadt und Han- 
delsvorrecht über des Königs ganzes Reich hin besitzt und die 
Stadtbefestigung unterhält. Der Stadtherr zog größeren Vorteil 
von der Stadt als vom Dorfe, weil sie einmalig für den Freibrief, 
oftmals, bei Besteuerung, dauernd aus Bodenrente für Häuser, 
aus Gerichtsertrag und Zoll mehr zahlte, auch seiner Domäne 
oder Burg Waren und Lebensmittel lieferte. Endlich bildet 
die Stadt im Gegensatz zum Dorfe eine Körperschaft 

Daß nicht alle diese Merkmale jeder Stadt, ja sogar daß 
alle zusammen vielleicht keiner einzigen, eignen und auf manches 
Dorf doch auch einige zutreffen, bemerkt Verfasser selbst. Mit 
anderen Worten, eine juristische Begriffsbestimmung läßt sich 
für frühes Mittelalter nicht geben, nur eine Anzahl zumeist ge- 
meinsamer Merkmale aufweisen. Wertvoll als Einwände gegen 
voreilige Verallgemeinerung sind die Bemerkungen, daß im 
Domesday die Körperschaftsbildung sich noch kaum ausdrückt, 
und manche Bürgerschaft, die erst lange nachher korporiert 
ward, bereits im 12. Jahrhundert Land besaß, siegelte, Zoll nahm 
und vor Gericht als Person auftrat, daß anderseits manches Dorf 
selbst als Ganzes, statt der Grundlast der einzelnen Einwohner, 
eine feste Pauschalsumme der Herrschaft aufbrachte nach Art 
des später firma burgi genannten Vorrechts. Zwei Merkmale nur 
gelten nach dem Verfasser für jede englische Stadt 12. Jahrhun- 



e 




England. 183 

derts: Grundbesitz nach burgagium- Recht und ein Gericht über 
alle Einwohner. Trifft letzteres genau zu? Heinrichs I. Frei- 
brief für London beläßt doch die privaten Gerichtsbarkeiten inner- 
halb der Stadt! — Im Domesdaybuche zählt Verfasser 46 Städte, 
die außerhalb eines Hundred lagen; zu dieser Klasse gehörten 
viele alte Römerstädte wahrscheinlich schon, als das Hundred 
eingeführt ward; die neuerdings wieder aufgewärmte Phantasie, 
römische Einrichtungen hätten z. B. in London fortgelebt, lehnt 
Verfasser aber mit Recht ab. Im 12. Jahrhundert stieg eine 
Stadt zum Hundredrang durch Exemtion der Bürger aus der 
Gerichtsfolge oder durch ausdrücklichen Freibrief des Königs, 
während nicht auch ein vom Baron zum über burgus verbriefter 
Ort dies Vorrecht erwarb. Manche Stadt aber lag mit Land- 
gütern zusammen im Hundred, manche war sogar nur ein Manor- 
teil, durch die feudale Herrschaft vom ländlichen Reste abgeson- 
dert, weil mit Burgagium und Gericht bewidmet. Daß manches 
Stadthaus Oxfords die staatliche Verteidigungspflicht je für das 
Landgut draußen in der Grafschaft, dem es zugehörte, durch 
Festungserhaltung abtrug, bewegt den Verfasser, an Maitlands 
Garnison-Theorie festzuhalten und sie in einem Anhang zu ver- 
fechten, wenn er auch gesteht, daß seine Freibriefsammlung 
auf die Wehrpflicht kein Licht wirft. — Der technische Name 
Liber burgus schloß nicht notwendig Kaufgilde oder Selbstpacht 
der von den Bürgern der Krone geschuldeten Leistungen ein, 
sondern scheint durch Johanns Kanzlisten nur erfunden zur 
Ersparung einer wortreichen Beschreibung aller Merkmale eines 
burgus. 

Mit Recht erblickt Verfasser in dem Stadtgericht einen Keim 
politischer Einigung, insofern es Grundstücke unter verschie- 
denen Eigentümern und Bürger unter verschiedenen Herrschaften 
umschloß. Allein eine Kausalverbindung zwischen heterogeneity 
(Maitlands Wort für „Herrschaft über die Stadt in nicht einer 
Hand") und Exemtion aus dem Hundred scheint mir nicht er- 
wiesen. Und trotz der unfeudalen Innerverfassung konnte die 
durch Herzog, Grafen, Prälaten und Baron gegründete Stadt 
zur Zersplitterung des Staats in feudale Territorien beitragen: 
blieb letztere England erspart, so lag das an außerstädtischen 
Ursachen. — Besonders berücksichtigt werden der Dritte Pfennig, 
die Münzprägstätte, die unmittelbare Entrichtung der Staats- 



Literaturbericht. 

Steuer durch die Bürger allein, also außerhalb der Grafschaft, 
wie sie Verfasser für 1130 bei 32, für 1176 bei 64 Städten nach- 
weist, und die Stellung der Rügegeschworenen: gewiß alles 
Momente, die zusammen zur Scheidung vom Dorfe beitrugen. 

Im einzelnen ließe sich manches nachtragen oder bessern. 
Das Wergeid als das Maximum des Strafgelds, das übrigens 
auf dem Festlande Parallelen findet, geht zurück auf Edgars 
Recht, wie denn angelsächsische Einrichtungen gerade im Stadt- 
recht länger als im Gemeinrecht fortlebten. — Das Manorgericht 
12. Jahrhunderts kann sicher belegt werden. — Nicht höher 
hinauf läßt sich „Stadtluft macht frei" nachweisen. — Londons 
Ausnahmestellung, von Stubbs und Round richtig betont, leugnet 
Verfasser, gestützt auf Ähnlichkeiten mit anderen Städten, als 
besäße es lediglich mehr Einwohner und die zur Stadtfreiheit 
auch anderwärts führenden Merkmale nur früher oder vollstän- 
diger als jene. Allein London führt eine Grafschaft, vielleicht 
seit yEthelstan, seit welchem es in einer machtvollen Schutzgilde 
organisiert ist, beeinflußt 1014 — 1215 Königswahl und Reichs- 
regierung mächtig, fühlt sich als Residenz und Mittelpunkt für 
den englischen Staat, das Großbritannische Reich und den Aus- 
landhandel und erstrebt mit deutlichem Erfolge die Stellung 
sowohl einer nordfranzösischen Kommune wie eines englischen 
Magnaten: keine Stadt steht London auch nur annähernd gleich. 

Berlin. F. Liebermann. 

Studien und Skizzen zum Englischen Strafprozeß des 13. Jahr- 
hunderts. Von Dr. Carl Güterbock, Professor der Rechte 
zu Königsberg [f]. Berlin, Guttentag. 1914. 88 S. 

Vor mehr als einem halben Jahrhundert schenkte Güterbock 
der Rechtsgeschichte Englands eine höchst wichtige Forschung: 
,,Bracton und Rom. Recht". Hieran anknüpfend erscheint nun, 
ohne Vorwort oder Namen des Herausgebers, als letzter Gruß 
eine Sammlung von zehn Abschnitten über Kronprozeß, Reise- 
richter, Rüge- und Urteilsjury, private Kriminalklage und Zwei- 
kampf, Probator regis (einen geständigen Verbrecher, der dem 
Galgen entging, wenn er als Kämpe Übeltäter überführte), Peine 
forte (die Marter gegen solche Verklagte, die dem Geschworenen- 
spruch sich zu unterwerfen weigerten), Handhaftigkeit und 
Beneficium cleri (Stellung des strafrechtlich beklagten Geist- 



England. 185 

liehen nur unter das Kirchengericht). Da die Sammlung noch 
Maitlands Gloucester-Protokolle, aber nicht mehr „Bracton's 
Notebook", geschweige die seit 30 Jahren reiche Literatur zur 
Geschichte Englischen Rechts im Mittelalter, benutzt, so scheint 
sie um 1885 verfaßt. Damals konnte sie der Germanistischen 
Rechtsgeschichte viele treffend ausgewählte Belege und manchen 
geistvollen Gedanken beisteuern. Heute, angesichts der „Hist. 
of Engl, law" von Pollock and Maitland, der Seiden society, 
vieler anderer Urkundenbücher und mancher Monographie über 
jene Periode, dürfte sie, dank gefälliger, leichter Darstellung und 
geschicktem Herausgreifen des Interessanten, namentlich den 
deutschen Lesern willkommen sein, die die Ausführlichkeit jener 
Werke oder ihr fremder Stil abschreckt. Für den verdienten 
Gelehrten bleibt das Heft ein würdiges Denkmal. Feinsinnig 
und klar systematisierte er fast nur aus den drei großen Rechts- 
büchern des 13. Jahrhunderts und einem nur kleinen Urkunden- 
stoff das juristisch Erhebliche. Obwohl er selten über Glanvilla 
hinauf oder in die Zeit nach Edward I. blickte, verstand er doch 
die Einzelheiten dem historischen Rahmen einzuordnen; manches 
verglich er auch lichtvoll mit dem Festlande, wie z. B. jene Peine 
forte mit der Tortur. Recht oft stimmt er zu Pollock-Maitland: 
so über die Richterwillkür von 1219, über die erst spätere Tren- 
nung des Personals zwischen Urteils- und Rügejury; ja, zum 
Verluste des Klerusvorrechts wählt schon er dasselbe Beispiel 
des „bigamus". 

Zu bessern wäre etwa die Zusammensetzung der Urteilsjury; 
beeinflußte der Kanonist die Rügejury, so wollte umgekehrt 
Heinrich II. dem geistlichen Gericht das Nachbarzeugnis auf- 
drängen. Auch bei Forstfrevel eximierte Beneficium cleri nicht. 
Schon in Heinrichs Anfängen bestand der Probator regis (Hughes 
Dial. scacc. 217). Der saceber, Vertreter des Klageanspruchs, 
wird von Steenstrup (Danelag 329f.) aus dem Norden hergeleitet; 
vgl. beer his mal „brachte seine Sache" in Ann. Anglosax. 1052. 
Die burglary darf nicht der Heimsuchung gleich stehen. Zu 
utfangthief vgl. meine Gesetze der Agsachs. II, 524. 

Gewiß wird auch der Forscher einige wissenschaftlich neue 
Vermutungen oder Fragestellungen zu vermerken finden. Wenn 
Bracton starken Verdacht mit Handhaftigkeit gleichsetzt, so 
mochte ihn ein Glossator anregen. Und mit Recht grübelt Ver- 




186 Literaturbericht. 



fasser, wie es die eingeschworenen Nachbarn fertig brachten, 
über geheime Vergiftung ein Urteil zu fällen. 

Berlin. F. Liebermann 



. 



The colonising activities of the English Puritans the last pha 
of the Elizabethan struggle with Spain. By Arthur Per- 
civül Newton. Yale historical publications. Miscellany I. 
Newhaven, Yale University Press. London, Humphrey, Mil- 
ford. Oxford, University Press. 1914. XII u. 344 S. 10sh.6d. 

In diesem gründlichen, durchaus auf den besten Quellen 
fußenden Buche behandelt Newton eine fast vergessene und doch 
wichtige Episode aus den Anfängen der englischen Kolonial- 
geschichte, das Unternehmen der Providence Company. Die 
Gesellschaft wurde 1630 von einer Reihe hervorragender Puri- 
taner begründet, mit der Absicht, einige kleine westindische 
Inseln, St. Catalina (oder Providence), St. Andreas (oder Hen- 
rietta), beide unweit der Moskitoküste, sowie Tortuga (oder Asso- 
ciation) im Nordwesten von Haiti zu kolonisieren. Die Gründer 
gedachten hier puritanische Siedlungskolonien anzulegen, aber 
das Milieu war in Westindien doch ein ganz anderes als in Neu- 
england, und die Inseln entwickelten sich mehr und mehr zu 
Stützpunkten für den gegen die Spanier in Westindien geführten 
Raubkrieg. Die Spanier setzten sich zur Wehr, überfielen 1635 
Tortuga und Henrietta und eroberten 1641 auch Providence, 
das ihren Angriffen zuerst tapfer widerstanden hatte. Tortuga 
(Association) fiel 1640 in die Gewalt der Franzosen, und wurde 
die Keimzelle ihrer später so blühenden Kolonie St. Domingo. 

Diese Episode, die N. ausführlich erzählt, und die so voll- 
ständig vergessen war, daß in der Literatur Providence-St. Cata- 
lina häufig mit der Bahamainsel Providence verwechselt wurde, 
ist in mehrfacher Hinsicht historisch von Bedeutung gewesen: 
In erster Linie natürlich für die englische Kolonialge- 
schichte; die Erzählung der Schicksale der Providence 
Company bringt Licht in das Dunkel, das vielfach noch über 
den Anfängen der englischen Kolonisation in Westindien lagert. 
Viele Fäden führen aber auch von Providence nach Neuengland, 
Virginia und Bermuda. Andere Fäden aber verbinden diese 
puritanische Gründung mit den Kämpfen, die sich in England 
in dieser Epoche abgespielt haben. Und so wirft diese kolonial- 



England. 187 

politische Episode auch manches Schlaglicht auf die innere 
Geschichte Englands in diesem Zeitraum; die Leiter der 
Gesellschaft nahmen zum Teil führende Stellungen in der puri- 
tanischen Opposition gegen Karl I. ein, und die Sitzungen ihres 
Rates wurden geradezu zu Parteikonventikeln der Parlaments- 
partei. Schließlich sind die Bestrebungen der Providence Com- 
pany auch für die auswärtige Politik Englands im 
17. Jahrhundert von einiger Tragweite gewesen; die Gesellschaft 
setzte die anti-spanische Tradition der englischen Politik fort, 
und bildete so das Verbindungsglied zwischen der auf die Be- 
kämpfung Spaniens gerichteten Politik Elisabeths und den sich 
in gleicher Richtung bewegenden Plänen Cromwells. So gibt 
das lehrreiche Buch N.s Aufschluß über manche noch wenig 
bekannte Vorgänge der inneren und äußeren Geschichte Englands 
und viele Anregungen zu weiterer Forschung. 

Göttingen. Paul Darmstädter. 



Catalogue of Parliamentary Paper s 1807—1900 with a few of earlier 
date. Herausgegeben von Hilda Vernon Jones. London, 
o. J. VIII u. 317 S. 4°. 

Catalogue of Parliamentary Papers 1901 — 1910. Being a Supple- 
ment k> catalogue of Parliamentary papers 1801 — 1900. Her- 
ausgegeben von Hilda Vernon Jones. London [1912]. 81 S. 4°. 

Wer bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten auf die Be- 
nutzung von Parlamentspapieren angewiesen ist, wird diese 
beiden Publikationen freudig begrüßen. Gewiß, die amtlichen 
Blau-, Gelb- und ähnliche Bücher sind eine nur mit großer Vor- 
sicht und starker Kritik zu benutzende Quelle: wer ihnen 
blindlings folgen, wer auf ihre Mitteilungen allein eine Dar- 
stellung gründen wollte, würde in den meisten Fällen zu recht 
schiefen und falschen Ergebnissen gelangen. Aber soviel man 
auch über derartige in ganz bestimmter Absicht, zu ganz be- 
stimmten Zwecken vorbereitete Publikationen sich ereifern mag 
— ich erinnere nur an Bismarcks politisch, nicht wissenschaftlich 
orientierte sarkastische Bemerkung, daß er auf Wunsch den 
Abgeordneten etwas Unschuldiges zusammenstellen könne — , 
für den neueren Historiker sind sie nicht zu entbehren. Es war 
deshalb ein glücklicher Gedanke, wenigstens einen Teil, und zwar 



Literaturbericht. 






den wichtigsten Teil dieser amtlichen Publikationen der breiteren 
Forschung zugänglicher zu machen, als es bisher der Fall war. 
Darüber kann kein Zweifel bestehen, daß das Geburtsland des 
Parlamentarismus dieses Instrument am frühesten und um- 
fassendsten ausgebildet hat, zunächst freilich nicht zur Auf- 
klärung des ganzen Volkes über die Tätigkeit von Parlament 
und Regierung, sondern lediglich zur Belehrung der Volksvertreter 
selbst; wenn auch Parlamentspapiere in öffentlichen Bibliotheken 
eingesehen werden konnten, so ist der Verkauf derselben an jeder- 
mann doch erst in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts auf 
eine Anregung des englischen Publizisten John Bowring hin 
freigegeben worden, und zwar wurde der Preis so niedrig wie 
möglich, ein Geringes über den Papierwert, festgesetzt. 

Selbstverständlich ist in diesen beiden Publikationen nur 
ein kleiner Teil der ungeheuren Masse englischer Parlaments- 
papiere verzeichnet, im wesentlichen die rein historischen Doku- 
mente, allerdings in weitester Ausdehnung begriffen, so daß 
auch Konsulatsberichte über handelspolitische Verhältnisse, 
statistische Nachrichten, aber auch innere Zustände, um nur 
einiges herauszugreifen, Erziehungswesen, Medizinalwesen, Uni- 
versitäten, Heer und Flotte, Berücksichtigung finden. 

Leider äußert sich die recht knapp gehaltene Einleitung 
gar nicht über die bei der Veröffentlichung beobachteten Grund- 
sätze; nur in wenigen Worten, aber keineswegs erschöpfend, 
verbreitet sie sich über die Entstehung der Parlamentspapiere, 
vornehmlich nur über die Bestrebungen, sie der Allgemeinheit 
zugänglich zu machen; insbesondere ist nicht mitgeteilt, inwie- 
weit und nach welchen Prinzipien die Auswahl getroffen worden ist. 

Soweit ich habe nachprüfen können, ist das Verzeichnis 
der rein historischen Blaubücher, der Mitteilungen über amtliche 
diplomatische Verhandlungen, vollständig; bequemer als früher 
ist damit dem Forscher die Möglichkeit gegeben, sich über diese 
bisher so stark und über Gebühr oft zum Schaden der Wissen- 
schaft vernachlässigten Hilfsmittel zu orientieren. Es wäre zu 
wünschen, daß dieses gute Beispiel auch in allen anderen Ländern 
Nachahmung fände, so daß wir in nicht zu ferner Zeit ein voll- 
ständiges Verzeichnis sämtlicher amtlichen Publikationen über 
historisch-diplomatische Parlamentspapiere in Händen hätten. 
Das so dankenswerte englische Vorbild möge den übrigen Par- 



Südamerika. 189 

lamenten ein Ansporn sein, recht bald dem gegebenen Beispiel 
zu folgen. Vielleicht unterzieht sich der nächste internationale 
Historikerkongreß in St. Petersburg dieser lohnenden Aufgabe, 
vorausgesetzt, daß man überhaupt jemals wieder den Mut ge- 
winnt, zu einer derartigen Tagung zusammenzutreten, um über 
die völkerverbindende Kraft unserer Wissenschaft in großen 
Worten zu reden. 

Halle a. S. Adolf Hasenclever. 



Geschichte Südamerikas. Von Dr. H. Lufft. 2 Bde. Sammlung 
Göschen. Nr. 632, 672. Berlin und Leipzig, Göschen. 1912, 
1913. 136 u. 140 S. 

In zwei Bändchen der Sammlung Göschen gibt Lufft eine 
Geschichte Südamerikas; der erste Band enthält das spanische, 
der zweite das portugiesische Südamerika, d. h. lediglich Brasilien. 
Zu bedauern ist, daß er sich so eng an den herkömmlichen geo- 
graphischen Begriff gehalten und die mittelamerikanischen Re- 
publiken und Mexiko nicht mit einbezogen hat. Die Arbeit ent- 
behrt damit der Vollständigkeit, denn in ihrem Ursprung, den 
Grundlagen ihrer Kultur und der Art ihrer Entwicklung sind diese 
den speziell südamerikanischen Staaten spanischer Herkunft 
gleich. Die schematische Stoffverteilung hat zu ungleichmäßiger 
Behandlung der beiden Gruppen geführt. Mit Brasilien beschäf- 
tigt er sich erheblich ausführlicher. So dankenswert jedes nähere 
Eingehen an sich ist, so erweckt dieses doch leicht die unrichtige 
Vorstellung, daß Brasilien für die allgemeine Entwicklung mehr 
bedeutet als die spanischen Republiken. Das ist aber keineswegs 
der Fall und wird es auch in der Zukunft nicht sein. Der größere 
Teil seines riesigen Raumes liegt in den Tropen und ist dadurch 
zur Einseitigkeit in seiner Entwicklung verurteilt, während 
Argentinien, Uruguay und Chile die Gunst ihrer Lage in der 
gemäßigten Zone in mannigfaltiger Weise nutzen können. Auch 
kommerziell, in seiner Bedeutung für den Welthandel, reicht 
Brasilien noch nicht einmal an das eine Argentinien heran. Der 
Außenhandel Brasiliens betrug z. B. 1909 rund 2050 Mill. M., 
der Argentiniens aber schon rund 3000, und vollends der aller 
im ersten Band behandelten spanisch-südamerikanischen Staaten 
rund 5000 Mill. M., während der der mittelamerikanischen Re- 



190 Literaturbericht. 

publiken und Mexikos im selben Jahre rund 2100 betrug. Die 
zufällige räumliche Größe Brasiliens durfte also für die Art seiner 
Behandlung so wenig entscheidend sein, wie der Umstand, daß 
er über Brasilien ersichtlich besser Bescheid weiß als über die 
anderen Länder. Hiermit hängt es auch zusammen, daß er sich 
über Brasiliens Gegenwartsaufgaben in einem besonderen Schluß- 
kapitel des Bandes eingehender ausläßt, während er der modernen 
Probleme der spanischen Staaten höchstens hier und da einmal 
und unvollständig gedenkt. 

Von diesem Schlußkapitel des zweiten Bandes abgesehen, 
ist die Disposition in beiden die gleiche: 1. Politische Geographie; 
2. Kulturgrundlagen; 3. Geschichtliche Entwicklung seit dem 
19. Jahrhundert. 

Der Schwierigkeiten, mit denen jede knappe Zusammen- 
fassung großer und mannigfaltiger Stoffgebiete zu kämpfen hat, 
ist der Verfasser nicht selten in glücklicher Weise Herr geworden, 
indem er mit wenigen scharfen Strichen treffend charakterisiert, 
z. B. den Unterschied der spanischen und portugiesischen Ko- 
lonisation, die Psyche der spanischen Konquistadoren, die ko- 
loniale Entfaltung Brasiliens, die Bestrebungen Pedros II. u. a. m. 
Oft aber gibt er auch kein richtiges Bild, manchmal bleibt er 
überhaupt unverständlich (Band 1, S. 35, 44 ff.). Recht schwach 
sind seine Ausführungen über die europäischen Kulturgrundlagen 
der spanischen Kolonisation, unklar die über die kolonialen Ver- 
waltungsbehörden Spaniens, übertrieben die hohe Begeisterung 
für die Indianerschutztätigkeit der Kirche. Nützlich wären ge- 
legentliche Hinweise gewesen, daß bei Einführung vieler Neue- 
rungen auf den verschiedenen Gebieten des Staats- und Volks- 
lebens im 19. Jahrhundert die nordamerikanische Union das Vor- 
bild gewesen ist. Wertvoll wäre es gewesen, wenn statt unzusam- 
menhängender gelegentlicher Hinweise auf moderne wirtschaft- 
liche Machtbestrebungen der Union (S. 107 Eccuador, S. 111 
Venezuela, S. 115 Argentinien) die Bestrebungen der Union in 
Südamerika in eins erfaßt und dargelegt worden wären. Denn 
sie sind — oder sollten doch sein — für uns Europäer so ziemlich 
das Interessanteste, was die Entwicklung der letzten Jahrzehnte 
im lateinischen Amerika von Mexiko bis Kap Hörn gebracht hat. 

Das Werkchen ist ein erster Versuch knappester Zusammen- 
fassung des Wesentlichen, in manchem gelungen und nützlich, 



Ägypten. 191 

in anderm mangelhaft. Für eine etwaige Neuauflage würde es 
einer gründlichen Revision und teilweisen Umarbeitung bedürfen. 
.Münster i. W. Daenell. 

The Treaty of Misr in Tabari. An Essay in Historical Criticism 
by A. J. Butler, D. Litt. Oxford at the Clarendon Press. 
1913. 87 S. 

Dr. Butler, der sich durch seine beiden Bücher „The Churches 
and Monasteries of Egypt" und „The Arab Conquest of Egypt" 
um die Erforschung des mittelalterlichen Ägypten sehr verdient 
gemacht hat, unterzieht in dieser Studie den Vertrag, durch den 
die ägyptische Hauptstadt (Misr) den arabischen Eroberern 
ausgeliefert wurde, einer eingehenden Untersuchung. Die Unter- 
suchung stützt sich zunächst auf das von dem großen arabischen 
Chronisten Tabari überlieferte Material, zieht dann aber auch 
alle anderen in Betracht kommenden Quellen heran, arabische, 
koptische, griechische und die nur in äthiopischer Übersetzung 
erhaltene Chronik des koptischen Bischofs Johannes von Nikiu. 
Es kommt ihm hauptsächlich darauf an, seine eigenen früher 
vorgetragenen Ergebnisse zu vertiefen und sie gegen seine Kri- 
tiker, hauptsächlich gegen Dr. Stanley Lane-Poole, zu verteidigen. 

Zuerst gibt der Verfasser in Übersetzung die verschiedenen 
Traditionen über die Eroberung Ägyptens nach Tabari. Dann 
behandelt er den „Vertrag von Misr", und zwar: I. Zeit und 
Ort; II. Die vertragschließenden Parteien; III. Die Bedeutung 
des Vertrages; IV. Die Authentizität; V. Die Identität des Mu- 
qauqis. Auf Einzelheiten kann hier nicht eingegangen werden. 
Die Ausführungen des Verfassers sind überall klar und sicher; 
seine Ergebnisse sind im allgemeinen durchaus überzeugend. 
Was er über die Echtheit des Vertrages sagt, ist sehr einleuchtend; 
er verkennt nicht, daß eine echte Vorlage zugrunde gelegen haben 
mag, nimmt aber spätere Zusätze und Veränderungen an. Die 
Frage nach dem Muqauqis ist eine alte Streitfrage. Die Araber 
nannten so aller Wahrscheinlichkeit nach den romäischen Statt- 
halter von Ägypten; zum mindesten muß es ein sehr hoher Be- 
amter gewesen sein. Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, 
daß für die Zeit der Eroberung Ägyptens al-Muqauqis identisch 
sei mit Cyrus, dem Patriarchen von Alexandria, der zugleich 
vom Kaiser zum Finanzverwalter und Generalgouverneur von 



192 



Literaturbericht. 



Ägypten (also eine Art Fürstbischof) eingesetzt war. Die Gründe, 
die er dafür anführt, sind schwerwiegend; und wie mir scheint 
ist die von ihm vorgeschlagene Identifizierung ziemlich sicher. 
Damit ist natürlich noch nichts gesagt über den Muqauqis, der 
zur Zeit Mohammeds in Ägypten regierte. Es ist wahrscheinlich, 
daß die Araber den Namen oder Titel falsch angewendet und 
mißverstanden haben, gerade so wie sie z. B. alle persischen 
Könige akäsira (Plural von Kisrä, d. i. Chosroes) nannten. 

Auf die Transskription arabischer Namen und auf den 
Druck in arabischen Typen hätte etwas mehr Sorgfalt verwendet 
werden können. Ich habe mir eine ganze Anzahl Druckfehler 
und Inkonsequenzen notiert. Bei den Namen Ali b. Sahl und 
Umm Dunain stehen falsche Formen nicht nur im Texte, sondern 
auch im Index. Auch Abu Maryam und Abu Maryäm sind nicht 
klar auseinandergehalten. Der letztere Name wird nur als Bei- 
name des Bischofs überliefert. Die Entstehung dieser Namen 
verdiente einmal genauer untersucht zu werden. Bischof und 
Katholikos können nicht „Vater der Maria" genannt werden; 
außerdem war es bei den Kopten nicht Gebrauch, nach den Kin- 
dern zu benennen. Vielleicht liegt irgendein „typischer Beiname" 
zugrunde. 

Göttingen. E. Littmann. 



Notizen und Nachrichten. 

Die Herren Verfasser ersuchen wir, Sonderabzüge ihrer 
in Zeitschriften erschienenen Aufsätze, welche sie an dieser 
Stelle berücksichtigt wünschen, uns freundlichst einzusenden. 

Die Redaktion. 

Allgemeines. 

Ein anregendes, sympathisches Buch ist Julian Hirschs „Die 
Genesis des Ruhmes. Ein Beitrag zur Methodenlehre der Geschichte" 
(Leipzig, Barth, 1914. XV, 285. 6,60 M.). Es zergliedert das Zu- 
sammenwirken individueller Leistung oder Bedeutung mit den psy- 
chischen und sozialen Neigungen und Bedürfnissen der Menge und 
gewinnt in dem geschichtsmethodischen Schlußabschnitt wertvolle 
Folgerungen für die kritische und darstellende Arbeit des Biographen, 
der jenen „ruhmerzeugenden Faktoren" Rechenschaft zu tragen hat, 
um die wirkliche Gestalt des Helden („Biographik") von seiner Ruhmes- 
erscheinung („Phänographik") zu trennen. Kern. 

Hinsichtlich des neuen Werkes von A. Görland, Ethik als 
Kritik der Weltgeschichte (Leipzig, Teubner, 1914. Wissenschaft und 
Hypothese, Bd. 19. XI, 404. Geb. 7,50 M.) kann hier nur so viel be- 
merkt werden, daß darin nirgends von Weltgeschichte im üblichen 
Sinn die Rede ist. Das Werk wäre passender als Versuch einer reinen 
Soziologie bezeichnet worden. Kern. 

Karl Joel, Neue Weltkultur. Zehn deutsche Reden. (Heraus- 
gegeben von Axel Ripke. Leipzig, Kurt Wolff Verlag. 1915. 90 S.) 
Unter den Versuchen, in dem europäischen Krieg tiefere Gegensätze 
als solche der Wirtschafts- und der politischen Interessen aufzudecken, 
nimmt Joels deutsche Rede einen hervorragenden Platz ein. Sie ent- 
wickelt mit dem Feingefühl und der bewundernswerten Sprachkunst, 
die in allen Arbeiten des Verfassers hervortreten, nacheinander die 
Wesenszüge der russischen, der französischen, der englischen und der 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 13 



194 Notizen und Nachrichten. 

deutschen Kultur; als Grundgesetz dieser letzteren möchte er das von 
innen heraus organisierende Prinzip, das allmählich alle Gebiete des 
Lebens ergreift, erweisen. Und sicher ist ihm, daß in der deutschen 
Seele, die die Welt nicht in barbarischer Dissonanz zerreißen will, 
vielmehr ein Überdeutsches, ein Menschheitliches lebt: „das unend- 
liche Aufstreben zum heiligen Reiche lebendiger Ordnung in freier 
Organisierung, die Symphonie der Lebenskräfte im Bundeschor der 
Völker, die neue Weltkultur der Harmonie". 

Max Frischeisen-Köhler. 

Georg Jäger-Königsberg, Der marxistische Neukritizismus 
(Schmollers Jahrbuch Bd. 49, Heft 1, S. 375—422) knüpft an die 
Schriften von Max Adler (Marxistische Probleme 1913) und Karl 
Vorländer (Kant und Marx 1911) an, welche unternehmen, Kant und 
Marx zu versöhnen und auszugleichen. Das Ergebnis der eindringenden 
und lehrreichen Kritik ist, daß es keinen Übergang von Kant zu Marx 
gibt, bei dem das Wesen der Kantischen Erkenntniskritik, Sittlich- 
keit und Staatslehre erhalten bleibt, wie es auch keinen Übergang 
von Marx zu Kant gibt, ohne daß das Wesen des Marxismus zerstört 
würde. Max Frischeisen-Köhler. 

Eduard Spranger findet in einer anregenden Studie über „Karl 
Lamprechts Geschichtsauffassung" (Sonntagsbeilage Nr. 23 zur Vos- 
sischen Zeitung Nr. 284, 6. Juni 1915), für die er auch einige an ihn 
gerichtete programmatische Briefe Lamprechts aus dem Januar und 
Februar 1915 verwerten konnte, daß das entscheidende Kennzeichen 
der Betrachtungsweise Lamprechts in der ästhetischen Einfühlung und 
der wissenschaftlichen Phantasie zu suchen sei. Wenn Spranger dabei 
die „aufbauende Phantasie" Lamprechts vielleicht zu hoch einschätzt, 
indem er sie „von einem sehr glücklichen historischen Anschauungs- 
und Einfühlungsvermögen" geleitet glaubt, so erkennt er doch sehr 
nachdrücklich an, daß diese Phantasie nicht nur in bedenklicher Weise 
die methodische Besinnung im einzelnen überwog, sondern vor allem 
auch darin in die Irre ging, daß sie in den künstlerischen Ausdrucks- 
formen einer Zeit den Maßstab für die ganze seelische Verfassung der 
Zeit gefunden zu haben meinte. 

Jüdische Messiasse nach Jesus Christus von W. Prümers (Hö- 
here Staatsschule in Cuxhaven, Beilage zum Jahresbericht Ostern 
1914. Progr.-Nr. 1049. Cuxhaven 1914. Gedruckt bei Rauschen- 
plat & Sohn. 54 S.). Der Verfasser führt in dankenswerter Weise 
die jüdischen Nationalhelden vor, in denen seit der Zerstörung Jeru- 
salems durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. der alttestamentliche 
Messiasgedanke emporflammte. Die Materialien sind, wie der Verfasser 
S. 9 selbst angibt, zumeist aus dem bekannten Werk von Graetz, 



Allgemeines. 195 

Geschichte der Juden Bd. 5 ff. genommen. Sie werden leider nur 
lose, chronologisch aneinandergereiht. Am ausführlichsten ist Sabbati 
Zewi 1626 — 1706 (S. 32 — 45) besprochen. Im allgemeinen überwiegt 
die biographische Schilderung. Als Ausläufer oder Nebentriebe werden 
der moderne Chassidismus und der Zionismus wenigstens kurz ge- 
streift. Daß der Messiasglaube die Hoffnung des Judentums auf Welt- 
herrschaft bedeute und sich darin eine Verwandtschaft mit den An- 
sprüchen des Oberhauptes der römischen Kirche zeigt, wird so gut 
wie nicht erkannt. Der Standpunkt des Verfassers wird damit ge- 
kennzeichnet, daß nur Jesus der rechte Messias der Juden ist (S. 54). 
Heidelberg. Beer. 

Einen kräftig zusammenfassenden Überblick über „Das deutsche 
Heerwesen in alter und neuer Zeit" veröffentlicht G. v. Below in 
<ler Internationalen Monatsschrift 9, 5. 

Der am 6. Februar 1915 gehaltene Vortrag Dietrich Schäfers 
,,Das deutsche Volk und der Osten" (Vorträge der Gehe-Stiftung 
zu Dresden, Bd. VII, Heft 3. Leipzig u. Dresden, Teubner. 1915. 
43 S. 1 M.) ist durchaus von wissenschaftlichem Geiste erfüllt und 
bietet auch den Fachgenossen, die die früheren Arbeiten Schäfers 
über die Geschichte des Deutschtums im Osten kennen, reiche An- 
regung. Der Verfasser scheint uns hier seine Kraft der Anschau- 
ung und Darstellung in ganz besonders glücklicher Weise entfaltet 
zu haben. Die großen politischen Fragen der Gegenwart werden 
erst auf den letzten Seiten berührt. 

Die von Alfred Hettner herausgegebene Geographische Zeit- 
schrift (Leipzig, Teubner) hat namentlich seit dem Ausbruch des 
Weltkrieges zahlreiche Abhandlungen gebracht, die in ihrer Verbin- 
dung geographischer, politischer und historischer Betrachtung die 
Aufmerksamkeit unserer Leser beanspruchen dürfen. Wir beschränken 
uns darauf, hier die prächtigen Studien von J. Partsch über den 
polnischen und den karpathischen Kriegsschauplatz — Jahrgang 20 
(1914), Heft 11 und 12; Jahrgang 21 (1915), Heft 4 — und die 
Skizze von N. Krebs, Serbien und der serbische Kriegsschauplatz 
(20, Heft 12) zu nennen. 

Wir haben an dieser Stelle (Bd. 113, S. 173) auf das vor andert- 
halb Jahren ins Leben gerufene „Bulletin de l' Institut pour l'itude de 
VEurope sud-orientale" hingewiesen. Es ist unsere Pflicht, festzustellen, 
daß dieses für wissenschaftliche Besprechungen bestimmte kleine 
Blatt, das jetzt fast ausschließlich von N. Jorga versorgt wird, seit 
Monaten mehr und mehr in der einseitigen Vertretung Österreich- 
feindlicher politischer Gedanken sein Ziel erblickt. 

13* 



1% Notizen und Nachrichten. 

Von erheblich größerer Bedeutung für den Nationalökonomen 
als für den Historiker ist eine Anzahl Veröffentlichungen des Kultus- 
ministeriums der Republik Uruguay, bearbeitet von Juan Jose Castro 
und vorgelegt dem Kongreß in der 1. Hälfte seiner 19. Legislatur- 
periode. Es genügt deshalb, sie hier aufzuführen: 1. Puerto de Monte- 
video, Bände 1 — 3, 6 (Montevideo 1897, 98), über den Hafenbau bei 
der Stadt und die damit zusammenhängenden Maßnahmen gesetz- 
geberischen, technischen und rechtlichen Charakters. 2. Censo general, 
Bd. 11 (das. 97), nicht die Volkszählung selbst, sondern ihre tech- 
nische Vorbereitung. 3. Catastro geometrico, Bd. 10 (das. 97), enthält 
die Vorbereitungen für die Ausführung der Landesvermessung für das 
Jahr 1895. 4. Memoria del Ministro de Fomento anos 1895/96 gibt 
Nachweise über Verkauf und Verpachtung von Nationalländereien und 
über verschiedene öffentliche Institute. 5. Treatise on the South-Ame- 
rican Railways (das. 93), eine Studie über die Eisenbahnen in den 
südamerikanischen Staaten (Ecuador, Columbia, Venezuela fehlen, 
die derzeit noch kaum welche hatten) und über die großen internatio- 
nalen Verkehrslinien des Erdteils nebst Karte. Daenell. 

Aus den Mitteilungen des K- K- Archivrates 1,2 erwähnen wir 
an dieser Stelle die lehrreiche Übersicht über Geschichte, Bestände 
und wissenschaftliche Erforschung des historischen Archivs der Stadt 
Krakau von K. Kaczmarczyk, den Bericht über archivalische Ver- 
hältnisse und Bestrebungen im italienischen Tirol von Fr. Schneller, 
ferner die Zusammenstellungen von H. Reutter über Südmährische 
Archive und die kurzen Bemerkungen von K. Kovac über Bücher 
und Bibliotheken in Ragusa vom 15. bis 17. Jahrhundert. 

Neue Bücher: Forschungen und Versuche zur Geschichte des 
Mittelalters und der Neuzeit. Festschrift, Dietrich Schäfer zum sieb- 
zigsten Geburtstag dargebracht von seinen Schülern. (Jena, Fischer. 
20 M.) — Studl di storia e di critica, dedicati a Pio Carlo Falletti, 
celebrandosi il XL anno del suo insegnamento. (Bologna, Zanichelli. 
20 L.) — Mertens, Historisch-politisches ABC-Buch. 2. vermehrte 
und verbesserte Auflage. (Berlin, Weidmann. 3,40 M.) — Crosa, 
II principio della sovranitä popolare dal medioevo alla rivoluzione 
francese. (Torino, fratelli Bocca. 8 L.) — Pfannkuche, Staat und 
Kirche in ihrem gegenseitigen Verhältnis seit der Reformation. 
(Leipzig, Teubner. 1 M.) — Kottek, Geschichte der Juden. (Frank- 
furt a. M., Jüdisch-literar. Gesellschaft. 3 M.) — Pernice, Origine ed 
evoluzione storica delle nazioni balcaniche. (Milano, Hoepli. 6,50 L.) 
— Breßlau, Handbuch der Urkundenlehre für Deutschland und 
Italien. II. Bd., 1. Abtig., 2. Aufl. (Leipzig, Veit & Co. 11 M.) — 
Piper, Abriß der Burgenkunde. 3., verbess. Aufl. (Leipzig, Göschen. 
90 Pfg.) 



Alte Geschichte. 197 

Alte Geschichte. 

In der Orientalistischen Literaturzeitung 1915, 6/7 veröffentlicht 
A. Poe bei: Eine altbabylonische Abschrift der Gesetzessammlung 
Hammurabis aus Nippur, wodurch wir erfreulicherweise Gesetze 
kennen lernen, welche in die große Lücke des Textes auf der Stele 
im Louvre fallen, und G. Hüsing: Kroisos (555 — 541) versucht die 
Regierungszeit des lydischen Königs auf die angegebenen Jahre fest- 
zulegen. Weiter handelt G. Hüsing über Saduattes, den er gern aus 
der Liste der lydischen Könige streichen möchte, was doch sehr be- 
denklich ist, da der Name sowohl in dem Verzeichnis des Herodot 
wie in dem des Africanus steht. 

Die Neuen Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte 
und deutsche Literatur und für Pädagogik 8, 4 — 6 bringen folgende 
beachtens- und lesenswerte Aufsätze: A. Rosenberg: Perikles und 
die Parteien in Athen; M. Dibelius: Die Christianisierung einer helle- 
nistischen Formel; Joh. Dräseke: Arethas von Cäsarea; A. Stein: 
Tacitus als Geschichtsquelle und E. Howald über die Weltanschau- 
ung Senecas. 

Fr. Rühl behandelt im Rheinischen Museum für Philologie 
70, 2 die griechischen Briefe des Brutus, für deren Echtheit er mit 
guten Gründen eintritt. 

Im Hermes, 50, 2/3 ist vor allem die gründliche und durch um- 
fassendste Benutzung des weitschichtigen und für die meisten sehr 
entlegenen Materials ausgezeichnete Arbeit von E. v. Stern: Die 
politische und soziale Struktur der Griechenkolonien am Nordufer 
des Schwarzmeergebietes zu nennen. Weiter gehören hierher E. Lattes: 
Per l'interpretazione del testo etrusco di Agram III; A. Schulten: 
Ein keltiberischer Städtebund, Chr. Blinkenberg: Rhodische Ur- 
völker; K. J. Beloch: Polybios' Quellen im dritten Buch; M. Gei- 
zer: Die Nobilität der Kaiserzeit; A. Rosenberg: Zu den altlatini- 
schen Priestertümern ; E. v. Stern: Ptolemaios „der Sohn". nTOAE- 
MA10S BASIAEÜ2 AT21MAXOT und HTOAEMAJOS AT21MAXOT. 

Die Wiener Studien 36 (1914) bringen folgende hierher gehörige 
Arbeiten: J. Mesk: Die römische Gründungssage und Naevius; Fr. 
Blumenthal: Die Autobiographie des Augustus III.; R. Koller: 
Geographica in Cäsars Bellum Gallicum (zu A. Klotz' Cäsarstudien); 
A. Kappelmacher: Zur Lebensgeschichte des Jordanis; E. Stein: 
Der Verzicht der Galla Placidia auf die Präfektur Illyricum; St. 
Brassloff: Beiträge zum römischen Staatsrecht. IV.: Fürstensouve- 
ränität und Volkssouveränität in den Justinianischen Rechtsbüchern. 

Konrad Lehmann handelt über das Schlachtfeld am Trasimeni- 
schen See, wobei er Kromayers Aufstellungen bekämpft, im Sokrates3,3. 



198 Notizen und Nachrichten. 

Aus dem Jahrbuch des Kais. Deutschen Archäolog. Instituts 
30, 1 heben wir hervor Fr. Drexel: Über den Silberkessel von Gunde- 
strup, der bei den Kelten der unteren Donau um die Zeit Mithradates- 
Eupators entstand; J. Sund wall: Die kretische Linearschrift, und 
Eck. Unger: Die Dariusstele am Tearos mit Nachschrift von F. H. 
Weißbach, welcher Ungers Nachweis für durchaus gelungen er- 
klärt. 

Die Mitteilungen des Kais. Deutschen Archäolog. Instituts, 
Athenische Abteilung 39 bringen viele wichtige und lehrreiche Auf- 
sätze. Wir heben daraus hervor: W. Dörpfeld: Die Ausgrabungen 
auf Korfu im Frühjahr 1914; Fr. Eichler: 2r^a und uvü^a in älteren 
griechischen Grabinschriften; D. Fimmen: Eine neue attische Ar- 
chontatsliste; Fr. Stählin: Die Grenzen von Meliteia, Pereia, Peu- 
mata und Chalai; E. Weigand: Neue Untersuchungen über das Gol- 
dene Tor in Konstantinopel; A. Wilhelm: Pergamena; Berichtigungen 
(zu griechischen Inschriften) und Bürgerrechtsverleihungen der Athener. 

In den Mitteilungen des Kais. Deutschen Archäolog. Instituts, 
Römische Abteilung 29,3/4 finden sich zwei wichtige Arbeiten: A. 
W. Byvanck: Aus Bruttium, und H. Nachod: Gräber in Canosa. 

Aus der Rivista di filologia e di istruzione classica 43, 2 kommen 
für uns in Betracht folgende Auf sätze : E. Ciaceri: La leggenda di Neleo 
fondatore di Mileto und A. Olivetti: Osservazioni sui capitoli 45 — 53 
del libro II di Zosimo e sulla loro probabile fönte. 

Das neueste Heft der XoxaioXoytxr] 'Eyrifisgis 1914, 3/4 enthält 
den Ausgrabungsbericht über das Odeon des Perikles von P. 
Kastriotes (wobei auch sehr interessante Inschriften zutage traten) 
und folgende Veröffentlichungen von Inschriften: Ä. Arbanitopullos 
aus Thessalien; A. Keramopullos: Baurechnungen vom Parthenon; 
E. Petrulakis aus dem kretischen Genna und aus Eleutherna; D. 
Euaggelides aus Epirus; weiter handeln A. Arbanitopullos: 4r t ur r 
TQias Tlayaaai über die Frage des alten Demetrias, dessen Aufdeckung 
ihm verdankt wird, und K. Maltezos: 2vfinlr\^(oxmai xQovokoyixal 
/isXexai über chronologische Fragen der athenischen Enneakaidekae- 
teris und des Archon Archippos. 

In der Römischen Quartalschrift 29, 1 findet sich wieder der 
höchst brauchbare Anzeiger für christliche Archäologie (Nr. 38) von 
J. P. Kirsch und weiter schätzbare Arbeiten von F. Savio: S. Edisto 
od Oreste e compagni martiri di Lamento und von R. Styger: Die 
neuere Erforschung der altchristlichen Basiliken Roms und deren 
Wiederherstellung. 

Aus der Neuen kirchlichen Zeitschrift 26, 5 notieren wir Ed. 
Koenig: Die Elephantine-Gemeinde und der Monotheismus. 



Frühes Mittelalter. 199 

In der Theologischen Quartalschrift 96, 4 und 97, 1 finden sich 
Aufsätze von K. Bihlmeyer: Die „syrischen" Kaiser Karakalla, Ela- 
gabal, Severus Alexander und das Christentum; J. B. Sägmüller: 
Ein Aktenstück zur Militärseelsorge aus der Mitte des 6. Jahrhunderts, 
der klar und gut den bei Gratian erhaltenen Brief des Papstes Pela- 
gius (556 — 561) an den Bischof Laurentius von Centumcellae (= Civita 
vechia) behandelt, und A. Eberharter: Betrieben die Patriarchen 
Abraham, Isaak und Jakob auch Ackerbau? 

Neue Bücher: Pais, Storia critica di Roma durante i primi cinque 
secoli. Vol. IL (Roma, Loescher e C. 16 L.) — Varese, Ricerche di 
storia militare dell'antichitä. Parte I. (Roma e Cartagine), fasc. i. 
(Palermo, Reber. 8,50 L.) — Veith, Die Feldzüge des C. Julius Cäsar 
Octavianus in Illyrien in den Jahren 35 — 33 v. Chr. (Wien, Holder. 
9,35 M.) 

Römisch-germanische Zeit und frühes Mittelalter bis 1250. 

Das Römisch-germanische Korrespondenzblatt 7, Nr. 6 enthält 
Bemerkungen von F. Koepp über die geplante große Publikation 
der Trierer Denkmäler (ausgehend von Bd. 4 u. 5 des Recueil gineral 
von EspeYandieu) und von S. Loeschke über die Muschelverzierung 
in den Barbara-Thermen zu Trier. Ebenda 8, 1 behandelt letzterer 
die Applikenform einer Planetenvase im Prov.-Museum zu Trier; 
P. Reinecke macht Mitteilungen über eine befestigte jungneolithische 
Siedelung bei Altheim (B.-A. Landshut, Niederbayern). 

Hermann Wopfners „Beiträge zur Geschichte der älteren 
Markgenossenschaft" (Sonderabdruck aus den „Mitteilungen des In- 
stituts für österr. Geschichtsforschung" 33,4 u. 34,1. Innsbruck, 
Wagner. 1912. 96 S.) enthalten zuerst eine übersichtliche Zusammen- 
stellung der auf die ältere Markgenossenschaft bezüglichen Theorien. 
Dann (S. 39 — 54) werden die wirtschaftlichen Grundlagen der Mark- 
genossenschaft in der germanischen Urzeit behandelt. Wopfner meint, 
daß auch schon in dieser Zeit eine Ordnung der Weidenutzung er- 
forderlich war, denn das eigentliche Ackerland und Wiesenland sei 
sehr knapp gewesen. Im weiteren Abschnitt hat Verfasser haupt- 
sächlich gegen Dopschs Buch, Die Wirtschaftsentwicklung der Karo- 
lingerzeit, 1. Teil (1912), Stellung genommen. Dopsch bezweifelt das 
Bestehen großer Markgenossenschaften ganzer Gaue oder Zenten in 
der Karolingerzeit (a. a. O. S. 333ff.), und er spricht auch den vicini 
den Charakter von Markgenossen ab (a. a. O. S. 347 ff.). Wopfner weist 
gegenüber Dopsch treffend auf das Bestehen markgenossenschaftlicher 
Verbände „wenigstens in der Form der Dorfmarkgenossenschaft" hin 
(S. 77ff.). Um dieselbe Zeit habe ich (Savignyzeitschr. f. Rechtsgesch, 



200 Notizen und Nachrichten. 

germ. Abt. 1912, S. 539 ff., spez. S. 542) zum Teil an der Hand der 
gleichen Urkunden auf das Bestehen organisierter Dorf- oder Hof- 
genossenschaften für die fränkische Zeit aufmerksam gemacht (vgl. 
z. B. die St. Galler Formel: Zeumer, S. 387, Nr. 16). | 

Lausanne. K. Haff.'ü^ 

Georg Weises erweiterte Gießener Dissertation über König- 
tum und Bischofswahl im fränkischen und deutschen 
Reich vor dem Investiturstreit (Berlin, Weidmann, 1912) 
schlägt einen Mittelweg zwischen den beiden entgegengesetzten Me- 
thoden ein, auf die ihr Gegenstand früher, entweder im ganz allge- 
meinen Rahmen der Kirchenverfassungsgeschichte oder vom Stand- 
punkte einzelner Bistümer und Domkapitel, zumeist behandelt wor- 
den ist. Sie betrachtet die Gesamtheit der deutschen (im Überblick 
eines Sonderkapitels sogar der französischen) Kirchenprovinzen in 
einem sehr großen Zeitraum, aber sie ist deswegen doch bestrebt, in 
größerem Maße als bisher an der Hand lokaler Nachrichten auch 
Sonderentwicklungen zu beobachten und zu klassifizieren. Ihr sicheres 
Hauptergebnis scheint mir die Kontinuität der kanonisch-römischen 
Rechtsform bei den Bischofswahlen der fränkischen Reiche. Sie ist 
hier infolge des Eindringens germanischer staatskirchlicher Rechts- 
gedanken nicht nur nie verschwunden, sondern die sorgfältig und mit 
Recht überwiegend im Wortlaut zusammengestellten Quellenzeugnisse 
lassen keinen Zweifel, daß sie sich aus dem germanischen Formen- 
schatz sogar noch verstärkt hat (vgl. die Handschuhinvestitur Mein- 
werks von Paderborn, S. 122, Anm. 3, oder die immer wiederkehrende 
Zweiheit von Wahlvorschlag und Zuruf). Eine ganz andere Frage ist 
die nicht selten mit dieser unrichtig zusammengeworfene nach Um- 
fang und Ursachen des Wechsels sachlicher Machtverteilung unter 
der stetigen Form. Und da vermag doch die scharfsinnige Kritik des 
Verfassers nicht ganz davon zu überzeugen, daß die Unterschiede der 
königlichen Wahlleitung und -beeinflussung auf den zwischen den 
freien vorbonifatischen und den späteren, dem König nach Eigen- 
kirchenrecht zugehörigen Bistümern zurückgehen. Das nach Weise 
den letzten eigentümliche „ScheinwahP'-Verfahren (S. 101, Anm. 5, 
103, Anm. 2) kommt unzählige Male ebenso bei den ersten vor. Ob 
die Wahlprivilegien den Stand der vorherigen Berechtigung immer 
getreu spiegeln , muß angesichts der vielen Schwierigkeiten einer 
solchen Annahme mindestens fraglich bleiben. Die dringendste Auf- 
gabe wäre m. E. nun die Untersuchung der typischen sozialgeschicht- 
lichen Faktoren, die sowohl Wahl als Investitur wechselnd zu Werk- 
zeugen feindlicher Macht- und Rechtsinteressen machten. 

Freiburg i. Br. C. Brinkmann. 



Frühes Mittelalter. 201 

R. Istituto di studi superiori pratici e di perfezionamento in Fi- 
renze. Fonti di storia Fiorentina n. i. Le carte del monastero di S. Maria 
in Firenze (Badia). Vol. I. Edito da L Schiaparelli con la collabo- 
razione di F. Baldasseroni e di R. Ciasca. Roma, Loescher e Co. (W. 
Regenberg). 1913. XI u. 353 S. 15 Lire. — Mit einem Geleitwort 
von Pasquale Villari, dem ehrwürdigen Altmeister unter Italiens Ge- 
schichtsforschern, tritt, wie einst die Regesta chartarum Italiae, so nun 
eine neue Serie von Urkundenpublikationen ins Leben, nicht ohne das 
von Villari mit Recht betonte Verdienst des Verlags, der etwa gleich- 
zeitig zu seinen früheren Sammlungen, besonders den Fonti und 
den Regesta chartarum Italiae, außerdem noch das Corpus statutorum 
Italiae aufnahm. Während im allgemeinen die Archive von Toscana 
durch die Regesta chartarum Italiae bekannt gemacht werden, haben 
die italienischen Gelehrten in berechtigter Würdigung der Archivalien 
aus Florenz selbst deren vollständigen Druck geplant: bis zu welchem 
Zeitpunkt, wird nicht mitgeteilt; mit den von der historischen Depu- 
tation von Toskana schon teilweise veröffentlichten Dokumenten zur 
Verfassungsgeschichte der Arnostadt zusammen soll die neue Publika- 
tion mit der Zeit einen Codex diplomaticus von Florenz bilden. Der 
wichtige Fonds der von Markgraf Hugos Mutter Gräfin Willa gegrün- 
deten Badia, des Florentiner Königsklosters, ist eine treffliche Eröff- 
nung der Florentiner Geschichtsquellen; er enthält in 147 Nummern 
die Urkunden bis 1100. Mit gewohnter kritischer Meisterschaft hat 
Schiaparelli die Texte bearbeitet (vgl. die Vorbemerkung zu n. 8 über 
die von Galletti und Davidsohn mißverstandene Schenkung von Luco 
durch Markgraf Hugo, die der Notar nach einer verlorenen, die Ver- 
leihung von Vicchio enthaltenden gearbeitet hat). Bibliographie und 
kritischer Apparat sind gleichmäßig sorgfältig. Von historischem Wert 
ist auch die Feststellung, daß in n. 38 — 39 und anderen Urkunden 
S. Martino di Firenze ursprünglich als Eigentum von S. Fedele di 
Strumi bezeichnet ist; die Parteiungen in der Stadt während des 
Investiturstreites brachten es später mit sich, daß die Mönche der 
Badia S. Martino erhielten und den Namen ihres Klosters statt Strumi 
in die Gruppe einsetzten. Die Einleitung ist knapp, leider hinderten 
auch äußere Gründe, Abhängigkeiten des Formulars typographisch 
kenntlich zu machen; eine Untersuchung über das Formular der Flo- 
rentiner Privaturkunde, die Schiaparelli in Aussicht stellt und in der 
hoffentlich auch die chronologischen Bräuche Berücksichtigung finden, 
wird zweifellos mehr als Ersatz bieten. Sachliche Noten fehlen; zum 
Ersatz dienen die, wo es notwendig ist, eingehenden Vorbemerkungen. 
P. X nota 3 lies Ashburnham, statt Asburnham; p. 93 war kenntlich 
zu machen, daß die Unterschrift des Schreibers zwei Hexameter bildet. 
Der nächste Band soll den wichtigen Bulletone des Erzbischöflichen 






202 Notizen und Nachrichten. 

Archivs bringen; das Kapitelarchiv, die Fonds S. Pier Maggiore und 
Passignano werden dann folgen. Der Schlußband der Badia wird die 
Register und Deperdita enthalten. Dem Florentiner Institut gebührt 
für das nützliche Unternehmen unser Dank in gleicher Weise wie dem 
trefflichen Editor, ebenso dem Verleger für die würdige Ausstattung. 

Fedor Schneider. 
Im Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichts- 
kunde 40, 1 führt E. Seckel in seinen Studien zu Benedictus Levita 
VIII (Studie VIII, Teil II) die Untersuchung über die Quellen des 
dritten Buches fort. B. Krusch, Die neueste Wendung im Genoveva- 
streit, I. Teil, beginnt eine scharfe Auseinandersetzung mit den Ein- 
wendungen gegen seinen Nachweis der späten Fabrikation der Vita 
Genovefae im 8. Jahrhundert und gegen seine Ausgabe in SS. rer. Merov. 
III, namentlich mit Gottfried Kurth. Der unserer Wissenschaft zu 
früh durch den Heldentod entrissene G. Schwartz weist die längere 
Vita Bononii (f 1026 als Abt von Locedio in der Diözese Vercelli), die 
unter dem Namen eines Ratbert geht und neuerdings wieder ver- 
teidigt wurde, als Fälschung ihres ersten Herausgebers, des Camal- 
dulenserabtes Guido Grandi, nach, dem er vermutungsweise auch die 
Fabrikation der stark verdächtigen Grabschrift des Eremiten Johannes 
Vincencius in S. Ambrogio (an der Dora Riparia) zuweist. Zweck der 
Fälschungen war, beide als Schüler des hl. Romuald zu belegen. Als 
Beilage werden die Urkunden des tuscischen Markgrafen Hugo des 
Großen für San Michele di Marturi besprochen und die vom 10. August 
998 abgedruckt. 

In den Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichts- 
forschung 35,3 teilt M. Stimming aus einer Abschrift Bodmanns 
zwei Mainzer Gerichtsurkunden von 816 und 869 (vielmehr 870, Mai 30) 
mit, in denen er Machwerke dieses bekannten Fälschers sieht. Doch 
ist das letzte Wort hier wohl noch nicht gesprochen. Zu der Datie- 
rung des zweiten Stücks (anno Christo propitio XXX. regnante domno 
nostro Hludouuico imperatqre, von Ludwig dem Deutschen) ver- 
gleiche die Annahme des Kaisertitels durch Karl den Kahlen nach der 
Besetzung Lothringens (Ann. Fuld. 869). — Ebendort gibt C. Scham- 
bach einzelne Beiträge zu den Regesten Christians von Mainz, des 
Kanzlers Friedrichs I. A. H. 

Band 17 der Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven 
und Bibliotheken enthält Analecta Toscana von F. Schneider(l. Reichs- 
sachen aus S. Salvatore di Montonniata, 991, 1046, 1200, 1220, 1228, 
1240—1250; 2. die Kaiserurkunden für S. Frediano in Lucca, 1123, 
1126, 1147, 1186, bisher ungedruckt, mit Bemerkungen zum Itinerar 
K. Lothars 1126; 3. die Minuten von S. Antimo, aus der päpstlichen 



Frühes Mittelalter. 203 

Kanzlei, vielleicht unter Alexander III.; 4. der Einsiedler Galgan von 
Chiusdino und die Anfänge von S. Galgano, bei dessen Kanonisierung 
ein Mitwirken des Kardinals Konrad von Witteisbach und Kaiser 
Friedrichs I. bei seinem Aufenthalt in Siena 1185 vermutet wird); 
Th. Hirschfeld teilt Genuesische Dokumente zur Geschichte Roms 
und des Papsttums im 13. Jahrhundert (von der Zeit Alexanders IV. 
an) nebst Erläuterungen mit. 

Im Zentralblatt für Bibliothekswesen 32, 3 beschäftigt sich M. 
Perlbach eingehend und umsichtig mit dem Brief der Herzogin Ma- 
thilde von Oberlothringen, der Schwester der Kaiserin Gisela, an König 
Miseko II. von Polen, der als Widmung einer jetzt verschwundenen 
Handschrift des Pseudo-Alkuinischen Liber officiorum, quem Roma- 
num ordinem vocant aus Neuzelle vorangestellt war. Er berichtigt in 
erwünschter Weise den Text und weist die Passio Sebastiani des Am- 
brosius als Vorlage zweier Hauptstellen nach. Er bestreitet dann die 
Berechtigung, diesen Brief politisch für die Verbindung der inneren 
Opposition mit dem äußeren Landesfeind auszudeuten, und vermutet 
als Diktator Mathildens Sohn, den königlichen Kaplan und späteren 
Kanzler Bruno, als Zeit Weihnachten 1025. Den Krieg zwischen 
Deutschland und Polen habe der Kaiser 1029, nicht Miseko schon 
1028 eröffnet. Das darf genauere Prüfung beanspruchen; anderes aber 
ist recht wenig überzeugend oder ganz unsicher; die Vermutung, Brief 
und Buch seien nie in die Hände Misekos gelangt, entbehrt der Unter- 
lage. 

Die Arbeit von AI. Colombo, Le origini del comune di Vige- 
vano e i suoi diplomi imperiali, im Archivio storico Lombardo, Ser. V, 
anno 41, fasc. 4, arbeitet nicht eigentlich mit den Mitteln der mo- 
dernen Diplomatik und zieht von der neueren deutschen Literatur 
nur einiges Wenige heran. Sie ist aber wichtig wegen des verbesserten 
Textes, den sie von den Urkunden Heinrichs IV., Friedrichs I. (für 
die Biffignandi, aber wohl sicher Fälschung), Friedrichs II. (Reg. imp. 
V, 1133, aber zum 21. Mai 1220, nicht zum 21. Dez. 1219, und 1195), 
Heinrichs VII. und Ludwigs des Bayern bringt; danach ist die erste 
(Stumpf 2653) nicht zu Ende Oktober 1064, sondern zu 1065, und 
zwar des Itinerars wegen wohl zwischen 6. und 27. September, weniger 
wahrscheinlich zwischen 27. September und 5. Oktober zu stellen, 
und belegte die bisher unbekannte Anwesenheit des Königs in Magde- 
burg auch in diesem Jahre. A. H. 

In der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, N. F. 30, 2 
handelt der vor einigen Monaten verstorbene, um die oberrheinische 
Geschichte vielfach verdiente H. Flamm über den Titel „Herzog 
von Zähringen". Er vermutet dabei, daß die Entstehung der Mark- 



204 Notizen und Nachrichten. 

grafschaft Baden aus altem Nellenburgischen Gebiet mit einer Erb- 
auseinandersetzung zwischen den beiden zähringischen Linien zu- 
sammenhängt, die wieder mit dem Verzicht auf das Herzogtum Schwa- 
ben 1098 in Verbindung stehen mag. In der Beziehung nach der Burg 
Zähringen den bewußten Ausdruck einer bestimmten Politik zu finden, 
ist wohl reichlich gewagt. 

Aus dem Münchener Museum für Philologie des Mittelalters und 
der Renaissance, II. Bd., 3. Heft, ist die Übersetzung des Tegern- 
seer Spiels vom deutschen Kaisertum und vom Antichrist durch F. 
Vetter hervorzuheben, die das Interesse und die Freude an diesem 
lebensvollen und bezeichnenden Erzeugnis aus der Glanzzeit des deut- 
schen Mittelalters gewiß weiter beleben und erhalten wird. Die ein- 
leitenden Bemerkungen bieten wohl kaum Neues, abgesehen von den 
Einwendungen gegen Wilhelm Meyers Behandlung der Rhythmik, 
die freilich schwerlich ohne Widerspruch bleiben werden. 

An der Arbeit von Joh. Geyer, Papst Klemens III. (1187 bis 
1191), Bonn 1914 (Jenaer historische Arbeiten 7. Bonn, Marcus u. 
Weber. 68 S.) ist die Verwertung der durch Kehr und seine Mitarbeiter 
Wiederhold und Brackmann zutage geförderten Urkunden hervorzu- 
heben, die. S. 42 — 64 übersichtlich zusammengestellt werden. Wenn 
Haller neulich bemerkt hat, daß Klemens III. „persönlich so unbe- 
kannt sei wie kein andrer Papst dieser Zeit", so hat Geyers Arbeit 
daran nichts geändert. 

J. Haller beginnt in den Mitteilungen des Instituts für öster- 
reichische Geschichtsforschung 35, 3 großzügige und gehaltvolle Stu- 
dien über „Heinrich VI. und die römische Kirche", in denen er zu- 
nächst den Veroneser Kongreß von 1184 und die sizilische Heirat 
Heinrichs VI. behandelt. Die scharf geschliffenen Sätze des Verfas- 
sers, der sich besonders mit Scheffer-Boichorst auseinandersetzt, sind 
wohl geeignet, Eindruck zu machen, dürften aber schließlich nicht 
in dem Umfang zu gesicherter neuer Erkenntnis werden, wie es seine 
Kunst der Darstellung zuerst glauben machen möchte. Der Gegen- 
satz zu der älteren Auffassung ist nicht immer so durchgreifend, wie 
Haller ihn empfindet. Er läßt seine Stellung zu sehr durch den Wider- 
spruch bestimmen, als daß seine Lösung schlechthin befriedigen könnte. 
Er deckt die Schwächen der landläufigen Darstellung auf, entgeht 
aber nicht ganz der Versuchung, schon deswegen das Gegenteil als 
wahrscheinlich oder „fast bewiesen" anzusprechen, wo, recht besehen, 
für keins von beiden Zeugnisse vorliegen. Daß er für die Veroneser 
Tagung, die ich nicht gerade einen „europäischen Kongreß" nennen 
würde, den Trierer Wahlstreit ganz zurücktreten läßt, ist den Quellen 
gegenüber mindestens bedenklich; ein wirklicher „Erfolg" derselben 



Frühes Mittelalter. 205 

ist nicht nachgewiesen; denn das, worin Haller ihr Hauptergebnis 
sieht, eine Einigung über das Mathildische Gut, ist doch nichts als 
eine Vermutung ohne jede quellenmäßige Unterlage, die ich wenig- 
stens mir nicht zu eigen machen möchte. Noch radikaler ist die 
Umwertung aller Werte bei der sizilischen Heirat Heinrichs VI. In 
der Tat wird man mit Haller auf das Zeugnis Peters von Eboli grö- 
ßeres Gewicht legen müssen, wenn es auch nicht schlechthin über 
jedem Bedenken steht. Danach ist die staufische Werbung in Sizi- 
lien nicht im Gegensatz zu, sondern in engster Fühlung mit und 
durch Vermittlung von Papst Lucius III. erfolgt. Die Verlobung 
kann also eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Kaiser 
und Papst nicht hervorgerufen oder beschleunigt haben. Ob freilich 
andere an der Kurie, und z. B. der Nachfolger Urban III., den Vor- 
gang für gleich unbedenklich hielten wie Lucius, ist wohl mehr als 
zweifelhaft. Denn ausschalten darf man den Gesichtspunkt der 
Erbfolge bei dieser Verbindung doch nicht, wenn er auch nicht der 
einzige und vielleicht nicht der vornehmste gewesen ist. Daß die nahe 
Möglichkeit des Aussterbens der Dynastie bestand, kann man weder 
in Deutschland noch in Palermo oder an der Kurie übersehen haben, 
ohne daß man sie für unabwendbar zu halten oder in päpstlichen und 
sizilischen Kreisen gern ins Auge zu fassen brauchte. Hallers Nein 
auf die Frage, ob bei der Verlobung der Prinzessin und ihrem Ver- 
lobten noch einmal ausdrücklich die Nachfolge versprochen wurde, 
ist meines Erachtens ein arger Fehlgriff. Heinrich VI. wenigstens hat es 
1189 sofort aufs bestimmteste behauptet, und Hallers Beurteilung der 
Quellen greift hier nicht durch. Im allgemeinen liegt es gerade umge- 
kehrt, als Haller meint. Eine Reihe an sich vollwichtiger und unab- 
hängiger Zeugnisse verbürgen die Zusicherung der Eventualerbfolge 
bei der Heirat (Hisi. Rom. pont. aus Zwetl, Gislebert von Mons, Otto von 
St. Blasien, bei dessen Beurteilung Haller sich durch den Petitdruck 
meiner Ausgabe gründlich hat irreführen lassen, Robert von Auxerre, 
Richard von S. Germano), die offenbar ähnlich urkundlich niedergelegt 
wurde, wie 1188 bei der kastilischen Verlobung Konrads von Roten- 
burg. Dagegen ist nirgends etwas davon überliefert, daß der Tod 
Heinrichs von Capua 1172 eine Erbhuldigung an Konstanze ver- 
anlaßt habe. Auch die Gesta Henrici II. wissen davon nichts. Es 
widerspricht allen Grundsätzen einer gesunden Quellenkritik, wenn 
Haller auf ihrer unbestimmten und nicht widerspruchslosen Angabe, 
ungefähr 15 Jahre vor seinem Tode habe Wilhelm II. seine Tante 
zur Erbin eingesetzt, so weitgreifende Vermutungen aufbaut. Mir 
scheint, die Tendenz des Engländers, den deutschen Erbanspruch 
durch dieses Zurückschieben möglichst zu entwerten, ebenso hand- 
greiflich wie seine Unwissenheit. Das semel bei Peter von Eboli, Vers 43, 



206 Notizen und Nachrichten. 






macht keine Schwierigkeit, weil es nur im Gegensatz zu einer etwaigen 
Wiederholung der Zusage durch den König auf dem Totenbette gedacht 
zu werden braucht, wie sie nach seinem und anderer Zeugnis nicht 
erfolgt ist. Hier und sonst bleiben noch Zweifel und Fragen genug. 
Immer aber müssen wir dankbar den sehr fördernden Anstoß be- 
grüßen, den diese tiefgrabende Studie, wo nicht zur Beseitigung, so 
doch zur Vertiefung oder mehr oder weniger erheblichen Modifizierung 
altgewohnter Vorstellungen gibt. A. Hofmeister. 

Der Aufsatz von H. Stindt, Zur Beurteilung Heinrichs VI., 
Deutsche Geschichtsblätter 15 (1914), Heft 11/12 stellt neuere Urteile 
über den Kaiser zusammen und sucht ihn, ohne sonderlich tief ein- 
zudringen, gegen alle Vorwürfe zu verteidigen. Auf die Quellen greift 
er nicht selbständig zurück. 

Ch. H. Haskins, Mediaeval versions of the Posterior Analytics, 
in den Harvard Studies in Classical Philology 25 (1914), liefert wich- 
tige Bausteine zur Geschichte der lateinischen Aristoteles-Überset- 
zungen. Es wird dabei recht deutlich, wie unendlich viel für dieses 
Hauptstück der Geschichte der Wissenschaften im Abendlande noch 
zu tun ist, wie gerade die Grundlagen hier völlig aus dem Rohmaterial 
der Handschriften neu gelegt werden müssen. Auch Haskins stellt 
eigentlich mehr die Fragen, als daß er sie schon jetzt zu lösen ver- 
möchte. Ob die Übersetzung des Jakob von Venedig von 1128, für 
den Haskins ein wichtiges neues Zeugnis beibringt, ob die des Boe- 
thius, deren Erhaltung bis ins eigentliche Mittelalter doch noch frag- 
lich bleibt, ob eine andere der vier, ja vielleicht fünf oder sechs Über- 
setzungen, die Haskins allein für das 12. Jahrhundert nebeneinander 
nachweist, die Grundlage des am Ende des Mittelalters humanistisch 
überarbeiteten und so in die Drucke übergegangenen Textes bildete, 
darüber läßt sich einstweilen noch nichts ausmachen. — Auf die mannig- 
fachen mittelbaren Quellen, aus denen das Mittelalter bis in die 2. Hälfte 
des 12. Jahrhunderts auch die materiell-philosophischen Lehren des 
Aristoteles sich zu eigen machte, ehe ihr die einschlägigen nichtlogi- 
schen Schriften unmittelbar in Übersetzungen vorlagen, weist A. 
Schneider knapp und klar in einer nützlichen Zusammenfassung 
hin, die freilich nur gedrucktes Material verwertet (Die abendländische 
Spekulation des 12. Jahrhunderts in ihrem Verhältnis zur aristoteli- 
schen und jüdisch-arabischen Philosophie. Münster i. W. 1915. Bei- 
träge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters, herausgegeben 
von Cl. Bäumker, XVII, 4). 

In den Hansischen Geschichtsblättern 1914, 1. Heft, erweist D. 
Schäfer, „Zur Schlacht von Bornhöved" die junge Überlieferung 
von der Gefangennahme Bischof Tuvos von Ripen als zuverlässig. 



Frühes Mittelalter. 207 

Die germanistische Untersuchung von H. Ballschmiede, Die 
Sächsische Weltchronik, Niederdeutsches Jahrbuch 40, S. 81 ff. (auch 
Berliner Dissertation 1914), die nicht nur von Sorgfalt und Scharf- 
sinn, sondern auch von der Gabe knapper, klarer Darstellung und 
guter Methode zeugt, verdient von historischer Seite volle Beachtung. 
Während seit Weilands grundlegender Ausgabe die drei Fassungen 
A, B, C alle ein und demselben Verfasser beigelegt wurden, erkennt 
Ballschmiede in B und C fremde Überarbeitungen, von denen nach 
Inhalt und Tendenz B nach Bremen, C nach dem Michaeliskloster in 
Lüneburg weist; C sei im besonderen für die weifische Herzogin Helene, 
die Mutter und Vormünderin Ottos des Kindes, berechnet gewesen. 
Gegenüber den gewichtigen und nachdrücklich vorgetragenen Grün- 
den Ballschmiedes dürfte es nicht leicht sein, die alte Ansicht wieder 
zum Siege zu führen. In dem Verfasser der Rezension A, die nach dem 
östlichen Niedersachsen zu führen scheint, sieht Ballschmiede den 
Verfasser des Sachsenspiegels, Eike von Repgow. für den Zeumer vor 
einiger Zeit wieder eingetreten war. Aber hier hat Ballschmiede den 
Beweis nicht erbracht. Denn seine Annahme, die „Predigt" c. 76 mit 
dem vielerörterten „we geistliken lüde", das gegen Eike spricht, sei 
interpoliert, findet weder in der Überlieferung noch in sachlichen 
Gründen eine genügende Stütze; die Benützung des nach Roethes 
Nachweis in der Reimvorrede zum Sachsenspiegel verwerteten Lehr- 
gedichts Wernhers von Elmendorf auch in der Reimvorrede zur Chronik 
wird durch Ballschmiede doch nicht gesichert, und allein für sich reichen 
die sprachlichen Gründe, die Ballschmiede mit Geschick zur Sonde- 
rung der Verfasser von A, B und C verwendet, zum Nachweis der 
Identität nicht aus. Diese bleibt bestenfalls ganz zweifelhaft. Man 
wird vielmehr sehr ernsthaft wieder damit rechnen müssen, daß in 
Vers 89 seiner Reimvorrede („daz ist des van Repegouwe rat") sich der 
Chronist nicht selber nennt, sondern auf einen andern verweist, eben 
auf Eike, dessen Reimvorrede zum Sachsenspiegel sicher auf die der 
Chronik eingewirkt hat. Für eine ursprünglich hochdeutsche Abfas- 
sung von A, die Ballschmiede für möglich hält, ist doch kaum ein 
rechter Anhalt vorhanden, wenn auch betont werden kann, daß für 
die Urform kein reiner niederdeutscher Dialekt, sondern eine etwas aus- 
geglichene Mischsprache anzunehmen ist, die einerseits bis zu dem unver- 
kennbaren Niederdeutsch von C fortgebildet, anderseits aber auch viel- 
fältig in ausgesprochenes Hochdeutsch umgesetzt wurde. A. Hofmeister. 

Im Archivio della societä Romana di storia patria 3y, fasc. i — 2, 
S. 139 — 266 setzt G. Marchetti-Longhi die Beschreibung der Tätig- 
keit des Legaten Gregor von Montelongo (1238 — 1251) für die Zeit 
von der Wahl Innozenz' IV. bis zur Niederlage Friedrichs II. vor 
Parma, 1243—1248, fort. 



208 Notizen und Nachrichten. 

O. Dobenecker, „Margarete von Hohenstaufen, die Stamm- 
mutter der Wettiner I (1236 — 1265)", Beilage zum Jahresbericht des 
Großh. Gymnasiums zu Jena 1915, bringt, überall aus dem Vollen 
schöpfend, eine wesentliche Vertiefung unserer Kenntnis von den 
verwickelten Ereignissen, in denen sich die Wettiner bis 1265 den 
Besitz Thüringens mit Eisenach und der Wartburg sicherten und 
zugleich die Hand auf das Pleißenland mit Altenburg als Pfand für 
die nie gezahlte Mitgift Margaretens legten. Über diese selber ist die 
Überlieferung leider sehr schweigsam. 

Die akademische Rede von A. Cartellieri, Deutschland und 
Frankreich im Wandel der Jahrhunderte, Jena 1914, gibt eine kurze, 
allzu kurze Übersicht über die Beziehungen der beiden Nachbar- 
länder. Die Rede ist am 20. Juni 1914, also vor Kriegsausbruch, ge- 
halten. Die Anmerkungen geben, besonders für die Neuzeit nützliche, 
Hinweise zur ersten Einführung in die massenhafte Literatur. A. H. 

Neue Bücher: Kybal, Die Ordensregeln des heiligen Franz von 
Assisi und die ursprüngliche Verfassung des Minoritenordens. (Leipzig, 
Teubner. 6 M.) — Regesto di Tommaso decano, o cartolario del con- 
vento cassinese (1178 — 1280). (Roma, tip. Pontificia neW istituto Rio IX.) 
— Forst-Battaglia, Vom Herrenstande. Rechts- und stände- 
geschichtliche Untersuchungen als Ergänzung zu den genealogischen 
Tabellen zur Geschichte des Mittelalters. II. Heft. (Leipzig, Degener. 
5 M.) — Zycha, Über den Ursprung der Städte in Böhmen und die 
Städtepolitik der Premysliden. (Prag, Calve. 4 M.) 

Späteres Mittelalter (1250—1500). 

Im 58. Bd. der Denkschriften der Kais. Akademie der Wissen- 
schaften in Wien bringt Constantin Jirecek den dritten Teil seiner 
in diesen Blättern wiederholt lobend erwähnten Arbeit „Staat und 
Gesellschaft im mittelalterlichen Serbien. Studien zur Kulturgeschichte 
des 13. bis 15. Jahrhunderts (Wien 1914. In Kommission bei Alfred 
Holder). Die einzelnen Kapitel dieses Teiles behandeln auf streng 
quellenmäßiger Grundlage und unter Benutzung einer reichhaltigen 
Literatur die Bauten, Volkstrachten, die Nahrungsmittel und Getränke, 
dann das geistige und gesellschaftliche Leben im mittelalterlichen Ser- 
bien. Beachtenswert sind vor allem die Ausführungen über die ser- 
bische Sprache in ihrer historischen Entwicklung, über die Schrift 
und ihre Abarten, die serbische Literatur, die altserbische Kirche 
und ihren Einfluß und über die Patarener. Ein vierter Teil wird den 
Schluß der Abhandlung mit der Darstellung der Verhältnisse während 
der serbisch-türkischen Kämpfe in der Zeit von 1371 bis 1459 nebst 
Beilagen und Register enthalten. J. Loserth. 




Späteres Mittelalter. 209 

Wegen der allgemeinen Ausblicke, die sich bei der Lektüre der 
Arbeit eröffnen, sei auf die Ausführungen von B. Haendcke im Reper- 
torium für Kunstwissenschaft 38, 1 u. 2 hingewiesen, in denen die 
auf Jakob Burckhardts Werken über die Kunst und Kultur der Re- 
naissancezeit fußenden Anschauungen über den italienischen Einfluß 
auf die Kunst der anderen Länder einer eingehenden Nachprüfung 
auf ihre Richtigkeit unterzogen werden. Haendcke kommt zu dem 
Ergebnis, daß „Italien weder im 13. noch im 14. oder im 15. Jahr- 
hundert zu seiner künstlerischen Größe emporgewachsen wäre, wenn 
nicht nächst der eigenen Begabung letzten Endes Frankreich, die 
Niederlande und Deutschland die besten Fundamente geboten hätten". 
Ist somit für die Zeit von 1250 — 1500 die Entwicklung der italieni- 
schen Kunst in ihrer Gesamtheit ohne diesen nordischen Einfluß gar 
nicht zu verstehen, so ist anderseits der Einfluß der italienischen 
Malerei auf die französisch-niederländisch-deutsche im Zeitraum von 
1350 — 1400 viel geringer zu schätzen, als dies gemeinhin geschehen ist. 

Beiträge zur Geschichte König Manfreds veröffentlicht R. Da- 
vidsohn in den Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven 
und Bibliotheken 17, 1. Ihr Inhalt geht aus den Überschriften her- 
vor: 1. Toskanische Beamte des Königs in der Ausübung von Reichs- 
rechten; 2. Bericht des Seneser Notars Baldus von der Kurie (mit 
berechtigter Abwehr gegen die Behauptungen von F. Schneider, der 
das Schreiben vom 21. August 1262 ein Jahr hinausgeschoben und 
an diese seine Datierung unhaltbare Folgerungen von einer Wieder- 
aufnahme der Verhandlungen zwischen Manfred und Urban IV. ge- 
knüpft hatte); 3. Absicht Manfreds, durch Heirat eine Verwandtschaft 
mit Karl von Anjou herzustellen (Hinweis auf eine Bemerkung bei 
Benvenuto Rambaldi von Imola (um 1380) mit den Belegen, daß die 
äußeren Möglichkeiten für solche Pläne jedenfalls bestanden hätten). 

In den Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte Tirols und 
Vorarlbergs 1915, 1 bringt R. Heuberger ein bisher unbekanntes 
Schreiben König Adolfs vom 2. September 1296 an Bischof Landolf 
von Brixen zum Abdruck, das sich auf dessen Streitigkeiten mit den 
Herzögen von Kärnten bezieht und die Schwäche des Königtums 
deutlich hervortreten läßt. 

A. Anzilotti veröffentlicht in den Studi storici 22, 1 einen Auf- 
satz: Per la storia delle signorie e del diritto pubblico Italiano del ri- 
nascimento, in dem die Ergebnisse der neueren hierher gehörenden Ar- 
beiten vorgeführt werden. 

Der anregende Vortrag, den J. Lulves auf dem Wiener Histo- 
rikertag gehalten hat, ist jetzt in den Mitteilungen des Instituts für 
österreichische Geschichtsforschung 35,3 erschienen. Der Zusammen- 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 14 



210 Notizen und Nachrichten. 

Schluß der Kardinäle zu einer festgefügten Körperschaft — wenn wir 
seine Ausführungen kurz skizzieren dürfen — ist vollendet, seit ihnen 
durch Alexander III. das alleinige Papstwahlrecht gesichert ist; in der 
Folgezeit mehren sich bei stetig steigendem Einfluß die Bestrebungen, 
angeblichen Rechten des Kardinalats auf die Leitung der Kirche zum 
Siege zu verhelfen. Sie erfahren eine wesentliche Unterstützung, seit 
mit der Verlegung der Kurie nach Avignon das französische Kollegium 
einen starken Rückhalt beim Landeskönig gewann, so daß es schon 
1352 durch die Forderung einer Wahlkapitulation einen neuen Vor- 
stoß gegen das Papsttum sich zutraute, der freilich des Erfolges er- 
mangeln sollte. Und wieder ein Vierteljahrhundert später halten sich 
die Kardinäle für stark genug, in offenen Gegensatz zum Papsttum 
zu treten, indem sie die Wahl Urbans VI. für ungültig erklären (der 
Ausdruck „Absetzung" sollte auf jeden Fall vermieden werden) und 
in der nun ausbrechenden Spaltung die Rolle des Richters über dem 
Papsttum in Anspruch nehmen. Hiermit nicht durchdringend wissen 
sie immerhin auf dem die kirchliche Einheit wiederherstellenden Konzil 
zu Konstanz die Reform zu vereiteln und ihr Papstwahlrecht sich 
endgültig zu sichern, im übrigen aber ist ihren Machtgelüsten nun 
mit dem Erstarken des Papsttums eine Schranke gesetzt, die auch 
durch die 2% Jahrhunderte hindurch sich fortsetzenden Wahlkapitu- 
lationen nicht durchbrochen werden konnte. Gegen Ende des 16. Jahr- 
hunderts erhält das an Zahl erheblich vermehrte Kollegium durch- 
aus den Charakter einer dem Papst und der Kirche dienenden Be- 
hörde. 

In der gleichen Zeitschrift 35,4 handelt Otto H. Stowasser 
über die österreichischen Kanzleibücher vornehmlich des 14. Jahr- 
hunderts und das Aufkommen der Kanzleivermerke. Die Entwick- 
lung verläuft in der Weise, daß man von Sonderregistern zu allgemeinen 
übergeht (unter Albrecht III., 1365 — 1395) und dann unter Friedrich V. 
(III.) bei weiterer Verzweigung der Registerführung wieder weitere 
Sonderregister vom allgemeinen abtrennt. Die Kanzleivermerke be- 
ginnen, soweit sich übersehen läßt, mit dem Jahr 1347, sie werden 
eingehend untersucht und für die Zeit bis 1358 sämtlich verzeichnet. 
Dabei ergibt sich im Gegensatz zu der sämtliche Kanzleivermerke der 
österreichischen Landesfürsten auf den Fertigungsbefehl beziehenden 
Meinung v. Wretschkos (Das österreichische Marschallamt im Mittel- 
alter), daß die Vermerke sich auf Beurkundungs-, Fertigungs- und 
Siegelbefehle beziehen können. — Wir erwähnen aus dem Heft weiter 
noch die Mitteilung einer im Mai 1450 eingereichten Supplik Thomas 
Ebendorf ers durch Fr. Martin. 

The Genesis of Lancaster or the Three Reigns of Edward II, Ed- 
ward III, and Richard II 1307 — 1399. By Sir James H. Ramsay 







Späteres Mittelalter. 211 

of Bamjf LL. D., Litt. D. With Maps and Illustrations. 2 Bände Ox- 
ford Clarendon Press 1913, 495 und 446 S. (The Scholar' s History of 
England V und VI.) — Der greise Verfasser hat mit vorliegendem 
Buche seine gelehrte Geschichte des mittelalterlichen Englands von 
den ältesten Zeiten bis zum Aufkommen der Tudors, die er 1892 mit 
dem bekannten Buche „Lancaster and York" eröffnete, zu Ende ge- 
bracht und die Lücke, die bisher immer noch zwischen seinem ersten 
Werke und den späteren bestand, glücklich ausgefüllt. Die Arbeit 
ist nicht leicht zu beurteilen. Sie ist, wie das Alter des Verfassers 
erwarten läßt, das Werk einer früheren Generation. Sie kann als 
Quellenrepertorium, als Nachschlagewerk in der Art der Jahrbücher 
der deutschen Geschichte, nützliche Dienste leisten; aber vom Stand- 
punkt der modernen Kritik aus wären viele Einwendungen zu machen. 
Der Verfasser, der sich mit der Geschichte des königlichen Finanz- 
wesens in besonderen Publikationen befaßt hat, hat zwar nicht er- 
zählende Quellen in großem Umfange benutzt; aber die Angaben, 
die er diesen entnimmt, werden einer Erzählung eingefügt, die im 
großen und ganzen eben doch noch durch die Auffassung der Chroniken, 
und zwar späterer sowohl wie zeitgenössischer bestimmt ist. Eine 
Ausnahme macht nur seine ebenso berechtigte wie scharfe Polemik 
gegen die phantastischen Heereszahlen der mittelalterlichen Quellen. 
Legendarische Anekdoten verschmäht er sogar dann nicht, wenn sie 
erst durch späte Quellen bezeugt sind. Versuche selbständiger Cha- 
rakteristik sind sehr selten; Ramsay begnügt sich meist damit, ent- 
weder eine oft unzuverlässige Quellenstelle zu transkribieren oder das 
Urteil einer modernen Autorität zu zitieren, wobei er Stubbs noch 
durchaus kanonische Geltung beilegt. Mit dieser Methode steht auch 
die Gruppierung des Stoffes im Einklang; wie in den früheren Bänden 
werden vorzugsweise militärische und politische Begebenheiten behan- 
delt, und zwar fast durchweg in chronologischer Folge. Leider kann 
in einer Beziehung das vorliegende Buch nicht einmal als zuver- 
lässiges Nachschlagewerk gelten. Die Quellen selbst dürften voll- 
ständig herangezogen sein und auch die neuere englische Literatur 
ist fleißig verwertet. Dagegen sind ausländische und speziell deutsche 
Monographien nur in ganz unzureichendem Maße berücksichtigt. Zu 
den Schlachtenschilderungen in Delbrücks „Geschichte der Kriegs- 
kunst" nimmt Ramsay nirgends Stellung. Ebensowenig lassen seine 
wirtschaftsgeschichtlichen Bemerkungen erkennen, daß er Gustav 
Steffens „Geschichte der englischen Lohnarbeiter" je in den Händen 
gehabt hat. Der von Ayala gefälschte Briefwechsel zwischen Heinrich 
Trastamara und dem Schwarzen Prinzen wird I, 474f , unbedenklich 
noch als echt benutzt. Wenn das Buch als Teil der „Scholar's History 
of England" erschienen ist, so wird man dies damit begründen können, 

14* 






212 Notizen und Nachrichten. 

daß die Angaben im Text sorgfältig belegt sind und der Text dem 
Unterhaltungsbedürfnis des Lesers keine Konzessionen macht; eine 
kritisch gelehrte Geschichte Englands im 14. Jahrhundert wird aber 
nicht eigentlich geboten. Gern wird man dagegen dem Verfasser zu- 
stimmen, wenn er in der Vorrede erklärt, daß der große Zeitraum, 
den er bearbeitete, ihn davor bewahrt habe, nach Spezialistenart 
einzelne Ereignisse in ihrer Bedeutung zu überschätzen. 

Zürich. Fueter. 

L. Mi rot, Les d'Orgemont. Leur origine, leur fortune. Le Boi- 
teux d'Orgemont. Une grande famille Parlementaire aux XIV e et XV e 
siecles. Paris, Champion 1913. III u. 320 S. — In dem 18. Bande 
der so hübsch ausgestatteten Bibliothtque du quinzieme siede faßt 
Mirot die früher im Moyen-Age erschienenen Aufsätze zusammen 
und fügt einige bemerkenswerte Aktenstücke hinzu. Mit Interesse 
verfolgt man die rastlose Tätigkeit des Kanzlers König Karls V., 
Peter von Orgemont, und seiner betriebsamen Söhne, Geld und 
Gut anzuhäufen, Ämter zu ergattern, und hört man von den Um- 
trieben, welche den Kanonikus von Notre-Dame um Amt und Frei- 
heit brachten. Die Prozeßakten zeigen das geschickte Vorgehen des 
Herzogs Johann ohne Furcht, der nach dem Sturz der Cabochiens 
immer wieder versuchte, sich durch List der Hauptstadt zu bemäch- 
tigen. Aus ehrlicher Begeisterung schloß sich Nikolaus von Orgemont 
wahrlich dem Burgunder nicht an; das beweist sein freimütiges Urteil 
über dessen Gebahren. Aber trotz aller Bedenken erschien ihm wohl 
das Regiment des Prinzen von Geblüt erträglicher und begründeter 
als die Willkürherrschaft, welche sich der rauhere Armagnac mit seinen 
zügellosen Gascognern in der anspruchsvollen Hauptstadt anmaßte. 

Heidelberg. Otto Cartellieri. 

W. Wostry druckt und erläutert in den Mitteilungen des Ver- 
eines für Geschichte der Deutschen in Böhmen 1915, 3 u. 4 ein deutsch- 
feindliches Pamphlet aus Böhmen, das — in drei Überlieferungen er- 
halten — bisher kaum beachtet worden ist. Im zweiten Viertel etwa 
des 14. Jahrhunderts entstanden, will es die Böhmen auf die Gefahr 
aufmerksam machen, die dem Lande durch einen König aus deut- 
schem Stamm erwachsen seien und wieder erwachsen könnten; der 
Verfasser hat sich im Dunkeln gehalten: aus dem Zusammenhang 
geht nur hervor, daß er mit städtischen Verhältnissen gut vertraut 
gewesen ist. 

In den Mitteilungen des K. K. Archivrates 1, 2 handelt B. Ham- 
mer 1 über die Bibliothek des Wiener Klerikers Otto Gnemhertl (|1349), 
die seit etwa 1320 nach und nach der Stiftsbibliothek zu Zwettl über- 
wiesen ist, woselbst sich der größte Teil der vorwiegend theologischen 
Handschriften noch heute befindet. 



Reformation und Gegenreformation. 213 

Eine sehr erwünschte Ergänzung zu der aufschlußreichen Arbeit 
von G. Livi: Dali' archivio dl Francesco Datini mercante Pratese (vgl. 
H. Z. 106,661) liefert jetzt S. Nicastro, indem er das Repertorium 
der in der Hauptsache von den sechziger Jahren des 14. Jahrhunderts 
bis ins zweite Jahrzehnt des folgenden reichenden Archivbestände 
veröffentlicht. Auch diesmal sind einige Schriftproben beigegeben 
(Gli archivi della storia d'Italia 9). 

Der Anfang einer Arbeit von K. Dieterle über die Stellung 
Neapels und der großen italienischen Kommunen zum Konstanzer 
Konzil, die auch ungedrucktes Material aus der Sammlung von H. 
Finke verwerten konnte, ist in der Römischen Quartalschrift für 
christliche Altertumskunde und für Kirchengeschichte 29, 1 erschienen. 
Nach einleitenden Bemerkungen über die Politik während der großen 
Kirchenspaltung ist zunächst die Haltung, die Neapel unter Johanna II. 
dem Konzil gegenüber einnahm, behandelt. 

In der Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unter- 
richts 5, 1 stellt L. Bertalot zusammen, was ihm nach emsigen Nach- 
forschungen in zahlreichen Bibliotheken über humanistische Vor- 
lesungsanzeigen (intimationes) in Deutschland für das 15. Jahrhundert 
bekannt geworden ist. U. a. werden Ankündigungen von Peter Luder, 
Jakob Publicius, Samuel Karoch und Martin Brenninger mitgeteilt 
und besprochen. 

N. Hilling beginnt im Archiv für katholisches Kirchenrecht 
1915, 1 u. 2 mit dem Abdruck von Regesten über römische Rotaprozesse 
aus den sächsischen Bistümern von 1464 — 1513. Zunächst werden 
die Diözesen Halberstadt und Münster behandelt. 

Neue Bücher: / Capitolari delle arti veneziane sottoposte alla 
Giustizia e poi alla Giustizia Vecchia dalle origini al 1330, a cura di 
G. Monticolo e E. Besta. Vol. III. (Roma, tip. del Senato. 14 L.) 
— W. v. Hofmann, Forschungen zur Geschichte der kurialen Be- 
hörden vom Schisma bis zur Reformation. 2 Bde. (Rom, Loescher 
& Co. 24 M.) — Karl Heinr. Schäfer, Deutsche Ritter und Edel- 
knechte in Italien. 3. Buch. (Paderborn, Schöningh. 18 M.) — Ne- 
crloogi e libri affini della provincia romana, per cura di P. Egidi. 
Vol. II. (Roma, tip. del Senato. 32 L.) — Woodward, Cesare Borgia, 
a biography. (New York, Dutton. 3,50 Doli.) 

Reformation und Gegenreformation (1500 — 1648). 

Die auf umfangreichen archivalischen Forschungen beruhende 
Arbeit von Joh. Bapt. Götz (Die religiöse Bewegung in der Ober- 
pfalz von 1520—1560 (Freiburg i. Br., Herder. 1914), XVI u. 208 S.) 
hat nur lokal- oder -territorialgeschichtliche Bedeutung, und auch 



214 Notizen und Nachrichten. 

unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, gibt sie kein in sich abge- 
schlossenes und abgerundetes Bild: denn die offizielle Einführung 
der Reformation während der kurzen Regierung des Lutheraners 
Ottheinrich bildet nicht den Abschluß der voraufgegangenen wirren- 
reichen Periode oberpfälzischer Geschichte, sondern nur eine Fort- 
setzung, ja in vielen Punkten eine Steigerung der bisher schon ge- 
nügend verworrenen Verhältnisse. Vom territorialgeschichtlichen 
Standpunkt aus ist Götz' gewissenhafte Studie eine große Bereiche- 
rung unseres Wissens: ohne daß der Verfasser jemals seinen katholi- 
schen Standpunkt verleugnet, gibt er uns in häufiger, jedoch stets 
maßvoller Polemik gegen den Protestanten Lippert ein getreues Bild 
der unklaren Verhältnisse dieses auch in der Folgezeit durch den 
konfessionellen Hader tief unglücklichen Ländchens. Das Ergebnis 
ist, daß die Zustände um 1550 noch genau so traurig sind wie hundert 
Jahre zuvor, ein getreues Spiegelbild der unbestimmten und zwei- 
deutigen Haltung, welche der Landesherr, Friedrich von der Pfalz, 
gegenüber der großen Frage des Jahrhunderts stets eingenommen 
hatte. 

Halle a. S. Adolf Hasenclever. 

Im Histor. Jahrbuch der Görresgesellschaft 36, 1 veröffentlicht 
J. Schlecht eine Abhandlung über „Dr. Johann Ecks Anfänge", die 
mehr durch ihre genaue quellenmäßige Darstellung als durch tieferes 
Eindringen in die geistigen Gegensätze ausgezeichnet ist. Von den 
vier aus Münchener und Eichstätter Handschriften abgedruckten 
Beilagen betreffen drei die Bologneser Disputation Ecks über die 
Erlaubtheit des Zinsnehmens (1515). — Über den durch das Über- 
greifen des spanisch-niederländischen Kampfes auf das niederrhei- 
nische Gebiet veranlaßten Frankfurter Deputationstag von 1590 
bringt die breite Untersuchung von Josef Schweizer (ebenda S. 37 
bis 79; S. 80 — 104 Aktenstücke) in Einzelheiten manche neue Auf- 
schlüsse. 

Das Buch von Andr6 Schimberg: L'iducation morale dans les 
Colleges de la Compagnie de Jisus en France (XV, 592 S. Paris 1913. 
Honore Champion. 8 Fr.) kann mit den bekannten „Forschungen zur 
Geschichte der Gesellschaft Jesu" von H. Stoeckius verglichen werden. 
Wie bei diesem handelt es sich um minutiöse Einzelforschung, nur 
daß Stoeckius bisher noch nicht über äußere Einrichtung, Leben und 
Treiben in den Studienhäusern hinausgekommen ist, während Schim- 
berg sich die Erforschung der Unterrichtsmethode zum Zweck setzt, 
an der Hand der Geschichte der Kollegien in Frankreich bis zur Auf- 
hebung des Ordens. Unter Ludwig XIV. ist der Höhepunkt für die 
Gesellschaft Jesu erreicht. Nach einer kurzen Einleitung über den 
allgemeinen Bildungsgang und die allgemeinen philosophisch-theologi- 






Reformation und Gegenreformation. 215 

sehen Grundlagen des Jesuitismus in ihrer scharfen Abhebung vom 
Jansenismus handelt Verfasser von den klassischen Studien innerhalb 
der Jesuitenschulen: das Lateinische gilt als langue vivante, le fran- 
cais est la langue de l'he're'sie. Wir hören von den Lehrbüchern der 
Geschichte, die gebraucht wurden (S. 162), nicht minder von den Exer- 
zitien und erbaulichen Kongregationen; als religiöses Unterrichtsbuch 
diente der kleine Katechismus des Canisius. Sehr energisch, nach 
bestimmtem Schema, wird natürlich die Willensdressur in Förderung 
der Tugend und Bezwingung der Laster gepflegt. Intoleranz, die Ver- 
fasser nicht ganz leugnen kann, soll mehr einer courtisanerie indigne 
als einer intolirance doctrinale zur Last fallen; grundsätzlich hätten 
die Jesuiten neue Methoden zur Bekämpfung der Häresie vertreten, 
methodes de joutes thiologiques et de controverses savantes, und damit 
wären sie am besten für die Aufnahme der modernen Toleranzideen 
befähigt gewesen. Das wird man schwerlich überzeugend finden, aber 
auch die Bedeutung derartig apologetisch-katholischer Werke nicht 
gerade im Urteil suchen, ihr Wert liegt in der Materialsammlung. 
Interessant ist die Anpassungsfähigkeit des Jesuitenordens in der 
Einführung des Balletts in den Jugendunterricht im 17. Jahrhundert. 
Nous ne voyons pas, que les Jteuites aient hesite ä se conformer aux 
goüts du jour. Procedant en tout avec methode, ils soumirent les ballets 
ä des regles fixes et pr&cises; als poesie muette wurden sie gerechtfertigt, 
und das Kopfschütteln der alten Patres war vergeblich. An dem Er- 
gebnis von Schimberg, daß die Jesuiten tüchtige Schulen besessen 
haben und gute Pädagogen gewesen sind, kann man schwerlich zwei- 
feln; es würde nur noch genauerer Untersuchungen bedürfen, ob 
nicht auch in Frankreich, wie das für Deutschland Merkle nachwies, 
im Aufklärungszeitalter die Jesuitenschulen rückständig waren. Die 
sog. Ehrentafeln, wie Schimberg sie vorführt, von ehemaligen Jesuiten- 
schülern beweisen nicht allzuviel; denn bei manchen dieser Geistes- 
helden, wie Descartes z. B., weiß man nicht, ob sie dank oder trotz 
der jesuitischen Bildung das geworden sind, was sie zu Bahnbrechern 
machte. W. Köhler. 

Unter den evangelischen bayerischen Adligen, die im Kampfe 
gegen Herzog Albrecht V. dem Evangelium in Bayern die Bahn zu 
brechen suchten und dann verdächtigt wurden, eine Verschwörung 
gegen ihren Landesherrn angezettelt zu haben, ragt Graf Joachim 
von Ortenburg hervor. Um der immer wieder auftauchenden und 
hartnäckig sich behauptenden Legende von der „Adelsverschwörung" 
den Boden zu entziehen, veröffentlichten Leonhard Theo bald und 
Walter Goetz das gesamte einschlägige Aktenmaterial (Beiträge zur 
Gesch. Herzog Albrechts V. und der sog. Adelsverschwörung von 
1563, Leipzig 1913). Theobald gab dann außerdem noch auf Grund 



216 Notizen und Nachrichten. 

der Sammlung eine Darstellung des wirklichen Verlaufs der Dinge 
in den Beiträgen zur bayerischen Kirchengeschichte 20, 28 — 73. Jetzt 
hat er unter Heranziehung neuen Materials und weiter ausholend mit 
größter Genauigkeit durch alle Phasen hindurch den Konflikt des 
Grafen Joachim mit dem Herzog und die Einführung der Reformation 
durch den Grafen in seinem Ländchen dargestellt (Die Einführung 
der Reformation in der Grafschaft Ortenburg. I. Teil. Beiträge zur 
Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance, herausgegeben 
von Walter Goetz, Bd. 17. Leipzig- Berlin, Teubner. 1914. 136 S.). 
Wenn auch damit die erste Bresche in das Bollwerk des Katholizis- 
mus in Bayern geschlagen worden ist (S. 40), so steht doch die akten- 
mäßige Ausführlichkeit in keinem Verhältnis zu der Bedeutung des 
Gegenstandes. Auch scheint mir die Schrift nicht recht in die Samm- 
lung, in der sie erschienen ist, hineinzupassen. 0. Clemen. 

Die Vorbereitung und den Verlauf des siegreichen Reiter- 
gefechts, das die Kaiserlichen am 22. Juni 1593 dem türkischen Be- 
lagerungsheere Hassan Paschas bei Sissek lieferten, untersucht Alfred 
H. Loebl unter Heranziehung und kritischer Erörterung ungedruckter 
Quellen (Mitteil, des Instituts f. österr. Geschichtsforschung, 9. Er- 
gänzungsband, 3. Heft, S. 767—787). 

Unter dem Titel „Eindrücke vom Kurfürstentag zu Regensburg 
1630" teilt H. Wäschke in den Deutschen Geschichtsblättern 16, 4 
und 5 Auszüge aus dem Tagebuch Christians II. von Anhalt mit; der 
Abschluß der jetzt bis zum 12. August führenden Veröffentlichung 
steht noch aus. 

Neue Bücher: Gust. Wolf, Quellenkunde der deutschen Refor- 
mationsgeschichte. 1. Bd. (Gotha, Perthes. 16 M.) — Dho de, Luther 
und die deutsche Kultur. (München, Müller. 1,20 M.) — Garrelts, 
Johannes Ligarius. Sein Leben und seine Bedeutung für das Luther- 
tum Ostfrieslands und der Niederlande. (Emden, Schwalbe. 3 M.) — 
Redlich, Jülich-bergische Kirchenpolitik am Ausgange des Mittel- 
alters und in der Reformationszeit. 2. Bd.: Visitationsprotokolle und 
Berichte. II. Teil. (Bonn, Hanstein. 19 M.) — A. P. Newton, The 
colonizing aäivities of the english Puritans; Ine last phase of the Eliza- 
bethan struggle with Spain. (New Haven, Yale Univ. 2,50 Doli.) 

1648—1789. 

Im Histor. Jahrbuch 35, 4. Heft beendet A. Dürrwächter 
seine auf archivalischem Material beruhende Untersuchung „Zur 
bayerischen Geschichte unter Ferdinand Maria und Max Emanuel." 
Er findet, daß die so verschiedenartige Politik dieser beiden Kur- 
fürsten, die eine friedlich und zurückhaltend, die andere ehrgeizig 



1648—1789. 217 

und kriegerisch, doch nicht allein dem Naturell dieser Herrscher, 
sondern ebenso sehr den Stimmungen und Wünschen ihrer Unter- 
tanen entsprungen sei. 

Eine kritische Studie von Rud. Israel über den Feldzug von 
1704 in Süddeutschland (Berlin, Ebering. 1913. 102 S.) setzt sich 
mit den älteren Darstellungen, besonders den vom k. k. Kriegsarchiv 
herausgegebenen Feldzügen des Prinzen Eugen auseinander. Der 
Verfasser sucht im einzelnen nachzuweisen, daß vor allem das öster- 
reichische Generalstabswerk den Unterschied zwischen Niederwerfungs- 
und Manövrierstrategie nicht erkannt habe und deshalb zu falschen 
Urteilen gelangt sei. Wenn er aber in dem Schreiben Marlboroughs 
vom 10. August 1704 ( — „Wir werden jede halbgünstige Gelegenheit 
mit Freuden ergreifen; und der mißliche Stand unserer Angelegenheiten 
erheischt auch wirklich einen so kraftvollen, um nicht zu sagen ver- 
zweifelten Ausweg" — ) einen besonders überzeugenden Beweis dafür 
findet, daß man in damaliger Zeit eine Waffenentscheidung „nur dann 
glaubte rechtfertigen zu können, wenn alle anderen Mittel versagt 
hatten, um dem Feind den Frieden abzuzwingen" (S. 77), so liegt 
hierin sowohl als Auslegung jener Briefstelle wie als allgemeine Be- 
trachtung unseres Erachtens eine gewisse Übertreibung. Wie über- 
haupt die anerkannte Richtigkeit der Delbrückschen Unterscheidung 
jener beiden strategischen Systeme durch allzu einseitige Auslegung 
nur beeinträchtigt werden kann. Gerade Marlborough, Prinz Eugen, 
in seinen besseren Tagen auch Ludwig Wilhelm von Baden, haben 
doch auch oft genug bewiesen, daß sie sich nicht scheuten, dem Geg- 
ner auf den Leib zu rücken und alles an alles zu setzten, und gerade 
die strategische Situation des Feldzuges von 1704 war wie nur irgend- 
eine des ganzen Krieges von Anfang an auf eine große Schlachtenent- 
scheidung angelegt. Als sich dann aber die Unsicherheit des Erfolges 
auf der einen Seite herausstellte, auf der anderen die Möglichkeit, 
Max Emanuel durch Verhandlungen herüberzuziehen, war es doch 
nur natürlich, daß man auch diplomatische Mittel spielen ließ. Zumal 
sich hier Koalitionsheere gegenüberstanden, in deren Aktionen auch 
sonst kriegerische Gesichtspunkte nicht immer die allein ausschlag- 
gebenden zu sein pflegen. Hinsichtlich der Unterhandlungen Max 
Emanuels urteilt der Verfasser: „ob und wie weit es dem Kurfürsten 
wirklich jemals ernst gewesen ist, läßt sich nicht feststellen" (S. 54). 
Anders Riezler (Gesch. Baierns VII, 1913, S. 607): „Zweifellos hat 
der Kurfürst in diesen Wochen aufs neue einen Parteiwechsel ernst- 
lich erwogen und würde ihn vollzogen haben, wenn ihm der Kaiser 
mehr geboten hätte." Dieselbe Ansicht hat Referent schon in seiner 
Habilitationsschrift (Die preußische Mediation zwischen Bayern und 
Österreich 1897) vertreten. G. F. Preuß f. 



218 Notizen und Nachrichten. 

Jean Pierre Erman (1735 — 1814). Ein Lebensbild aus der Ber- 
liner Französischen Kolonie. Von Wilhelm Erman. VIII u. 122 S. 
Berlin, E. S. Mittler & Sohn. 1914. — Auf Grund von Familienpapie- 
ren zeichnet W. Erman, der Direktor der Bonner Universitätsbiblio- 
thek, mit sicherer, umsichtiger Kritik der Überlieferung das Lebens- 
bild seines Urgroßvaters, der in sechzigjähriger Amtstätigkeit als 
Schulmann und Prediger, als Direktor des Französischen Gymnasiums 
und Oberkonsistorialrat, als gefeierter Redner und fruchtbarer Schrift- 
steller großen Einfluß in Berlin ausgeübt und namentlich in der Fran- 
zösischen Kolonie eine führende Stellung eingenommen hat. Auch 
über diese beiden Kreise hinaus kann das hübsch geschriebene, lesens- 
werte Buch ein allgemeineres Interesse in Anspruch nehmen. Namentlich 
in zwei Punkten: als Beitrag zu der neuerdings viel erörterten Frage 
der Einwanderung in Preußen während der Regierung Friedrich Wil- 
helms I. und durch die urkundliche Aufklärung über Ermans Vertei- 
digung der Königin Luise gegen Napoleons Schmähungen. J. P. Er- 
man betrachtete sich, wie er Napoleon erklärte, als „descendant des 
anciens refugies". Der Urenkel aber beweist, daß seine männlichen 
Vorfahren keineswegs zu den aus Frankreich geflüchteten Hugenotten 
gehörten, sondern Schweizer deutscher Abstammung waren. Es ist 
ihm gelungen, die Geschichte seiner Familie rückwärts bis ins 15. Jahr- 
hundert nach Schaffhausen, Mülhausen und Genf zu verfolgen. Der 
ursprüngliche Name Ermatinger änderte sich allmählich in Ermen- 
dinger, Ermend, zuletzt in Erman. Erst Jean Pierres Großvater ist 
1721 nach Berlin gekommen und hat sich hier der Kolonie angeschlos- 
sen. Über die lange, eingehende Unterredung, mit der Napoleon am 
28. Oktober 1806 beim Empfang der Berliner Geistlichen den greisen 
Erman auszeichnete, waren wir bisher nur durch die sehr widerspruchs- 
volle, dramatisch zugespitzte mündliche Überlieferung unterrichtet. 
Der Verfasser gibt die von ihm aufgefundene eigenhändige Aufzeich- 
nung Ermans. Aus dieser ersieht man, daß seine Erwiderung in durch- 
aus maßvoller, höflicher Form gehalten war. Offenbar hat Napoleon 
sie nicht übel genommen, er hat die Unterhaltung weiter geführt, 
sie auf andere politische Fragen und auf kirchliche Dinge ausgedehnt. 
Nachher soll er allerdings gescherzt haben: „J'ai rencontre un de vos 
pretres, qui m'a dit mes verites." Paul Goldschmidt. 

Im Hist. Jahrb. 35, 4 bringt H. Schotte seine Untersuchung 
„Zur Geschichte des Emser Kongresses" zum Abschluß. Er sieht 
mancherlei Gründe für das Scheitern der Reformbewegung: den 
Irrtum, zu glauben, daß Rom sich den Forderungen der deutschen 
Hierarchie unterwerfen werde, vor allem den Umstand, daß jene 
Forderungen mehr den rationalistischen Ideen der Zeit als dem 
religiösen Bedürfnisse entstammten, endlich auch die partikularistischen 



1648—1789. 219 

Tendenzen in den einzelnen deutschen Landesteilen. So ward „die 
Emser Tragikomödie zum lever du rideau der Säkularisation." IV. M. 

Erich Bleich, Der Hof des Königs Friedrich Wilhelm II. und 
des Königs Friedrich Wilhelm III. (Gesch. d. Preuß. Hofes, heraus- 
gegeben von G. Schuster, Bd. III, Teil 1. Berlin, Vossische Buch- 
handlung. 1914. XVIII u. 280 S.) — In der Besprechung des zu- 
erst erschienenen Teiles dieses Sammelwerkes, in dem Fr. Arnheim 
den Hof Friedrichs des Großen als Kronprinzen behandelt (H. Z. 
Bd. 112, S. 367 f.), gab ich der Hoffnung Ausdruck, daß die Schilde- 
rung des höfischen Getriebes unter dem zweiten und dritten Friedrich 
Wilhelm als vollgültiger Ersatz für die diesen beiden Herrschern so 
leicht nicht zuteil werdenden Biographien dienen könnte; heute 
muß ich gestehen, daß meine Erwartung durch den vorliegenden Band 
enttäuscht wurde. Nicht daß es sich um ein schlechtes, flüchtiges 
Machwerk handelte; der Verfasser hat sich zweifelsohne redlich be- 
müht, alles gedruckte und oft entlegenes Material zu sammeln, vielerlei 
Nachrichten aus den Akten des Charlottenburger Hausarchives zu- 
sammenzutragen und den Stoff zuverlässig und übersichtlich zu ver- 
arbeiten. Wer sich über Einzelheiten aus dem Hofleben, der Erziehung 
und der Kronprinzenzeit des zweiten und dritten Friedrich Wilhelm 
unterrichten will, kann hier viel lernen, es ist aber dem Verfasser 
nicht gelungen, mit der Fülle von Bausteinen einen einheitlichen Bau 
aufzuführen, uns eine lebendige, künstlerisch gestaltete Anschauung 
von dem Milieu zu geben, in dem beide Herrscher sich bewegten, von 
dem Zusammenhang der kulturellen Strömungen der Zeit mit dem 
Hofleben, von der Wechselwirkung zwischen dem Herrscher und 
seiner Umgebung. Dieser Mangel erklärt sich wohl in der Haupt- 
sache aus dem eigenartigen Standpunkt des Verfassers; zu seiner 
Charakteristik ein Zitat: „So waren die viel angefeindeten Erlasse, 
das Religions- und das Zensuredikt (Wöllners), auch nur eine Art 
praktischer Durchführung jenes Kernwortes Friedrich Wilhelms I. : 
Nicht räsonnieren! Denn was wollten sie schließlich anderes, als jenes 
überflüssige, glaubens- und gewissenlose Gerede über religiöse wie 
über sittliche Gegenstände beschränken und es unmöglich machen, 
sofern es von Geistlichen ausging, die durch ihren Eid auf das Be- 
kenntnis verpflichtet waren" (S. 75). — Wer die Dinge derart zu be- 
schönigen sucht, raubt sich und seinen Lesern die Möglichkeit des 
Verständnisses historischer Vorgänge; wer in jenen Erlassen das Wieder- 
aufleben einer altpreußischen Tradition sieht, von der also Friedrich 
der Große zum Schaden seines Staates abgewichen sein müßte, ver- 
kennt die Entwicklungsbedingungen Preußens. Diesem Verfahren 
entspricht es auch, um nur noch zwei Beispiele zu nennen, daß der 
Verfasser kein Wort über die eigenartigen Beziehungen der Königin 



220 Notizen und Nachrichten. 

Luise zum Zaren Alexander im Beginn des 19. Jahrhunderts (S. 215) 
verliert, ebensowenig (S. 267) über die peinlichen Begleiterscheinungen 
der Zusammenkunft in Kaiisch im Jahre 1835. In den Erläuterungen 
am Schluß des Bandes werden für den Hof Friedrich Wilhelms III. 
weder die Memoiren Boyens noch die Lebensbeschreibung des Herrn 
von der Marwitz erwähnt, im Text wird von ihrem Inhalt kaum ein- 
mal Gebrauch gemacht. Ich denke, diese Angaben werden genügen; 
man braucht nur Bailleus Luisenbiographie neben dieser Schrift zu 
lesen, um zu erkennen, was aus dem Stoff hätte gemacht werden 
können. 

Breslau. Ziekursch. 

Max Farrand, der verdienstvolle Herausgeber des wichtigen 
Quellenwerkes der „Records of the Feder al Convention 11 hat in einem 
kleinen Buche {„The Framing of the Constitution of the United States". 
Newhaven Yale University Press, London Henry Frowde, Oxford 
University Press XI, 281 S. 2 Doli.) eine klare, übersichtliche Dar- 
stellung der Vorgänge in der Versammlung gegeben, die die noch 
heute geltende Verfassung der Vereinigten Staaten geschaffen hat. 
Farrand schildert die Umstände, die zur Berufung der Versammlung 
geführt haben, ihre Zusammensetzung, den Charakter ihrer Mitglieder 
und hebt aus ihren Debatten und Beschlüssen das Wesentliche hervor. 
Er widerlegt manche ältere Meinung, er zeigt z. B., daß die Sklaverei- 
frage in den Debatten der Konvention nicht die Bedeutung gehabt 
hat, die man ihr später hat zuschreiben wollen. Er weist auch mit 
Recht darauf hin, daß es praktische, erfahrene Männer waren, die die 
Verfassung von 1787 geschaffen haben, und daß ihr Werk auch dem- 
entsprechend ausgefallen sei. Eine eingehendere Erörterung der Quellen 
der amerikanischen Verfassung und der geistesgeschichtlichen Zusam- 
menhänge, in denen sie steht, wäre freilich eine erwünschte Zugabe 
zu dem sonst trefflichen Werke gewesen. P. Darmstädter. 

Neue Bücher: Dette, Friedrich der Große und sein Heer. (Göt- 
tingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 2,80 M.) — Holzknecht, Ur- 
sprung und Herkunft der Reformideen Kaiser Josefs II. auf kirch- 
lichem Gebiete. (Innsbruck, Wagner. 5 M.) 

Neuere Geschichte seiri789. 

G. Roloff, Von Jena bis zum Wiener Kongreß (Leipzig, Teub- 
ner. 1914. IV u. 114 S.: Aus Natur und Geisteswelt 465) bietet einen 
brauchbaren Überblick, in dem der Nachdruck auf der Darstellung 
der inneren Verhältnisse Preußens liegt. Man wird diese nicht ohne 
Beifall lesen. Indessen fällt bei der Darlegung der Ursachen des Zu- 
sammenbruchs und der Erhebung zweierlei auf: Roloff schildert fast 



Neuere Geschichte. 221 

ausschließlich die Einrichtungen des alten Staates und dann die Re- 
formen, ohne auf die in den herrschenden Ideen und in ihrer Über- 
windung liegenden Ursachen der Katastrophe Preußens und seiner 
Wiederaufrichtung einzugehen, die nach meiner Ansicht durchaus die 
entscheidenden sind; er verkennt zweitens die allerwichtigste der 
Reformabsichten Steins, nämlich die, wonach die Kraft des Staates 
und der Regierung zu verstärken war — eine Absicht, die Roloff 
(S. 83) fälschlich nur den Reformmännern der Rheinbundstaaten zu- 
schreibt. — S. 77 Z. 5 v. u. lies „rührig" statt ruhig. — S. 94 Abs. 2 
ist nicht alles in Ordnung. Wenn z. B. „nach menschlichem Ermessen 
Rußland (1812) geschlagen werden mußte", so durfte Roloff nicht 
drei Zeilen vorher schreiben, daß „es kein Zweifel sei, daß die Politik 
der preußischen Patrioten, betrachtet nach den Umständen, wie sie 
den Zeitgenossen erscheinen mußten, die richtige war"! Auch ist es 
falsch, daß Preußens Kräfte 1812 bedeutend stärker waren als 1813. 
Derartige Bedenken gegen Roloffs Darstellung ließen sich noch er- 
heblich vermehren. Wahl. 

George William Dowrie, The development of Banking in Illi- 
nois (University of Illinois studies in the social sciences II no. 4). Uni- 
versity of Illinois Urbana 1913. 181 S. Preis 90 cents. — George Wil- 
liam Dowrie gibt in dieser Abhandlung eine Geschichte des Bank- 
wesens im Staate Illinois von 1817 — 1863; er berichtet von allen mög- 
lichen Experimenten, wilden Spekulationen, schweren Krisen und un- 
vermeidlichen Zusammenbrüchen. Die Schrift ist von Interesse für 
die Wirtschaftsgeschichte des amerikanischen Westens. P. D. 

Jugendbriefe des Herzogs Ernst von Coburg-Gotha über 
Belgien (von einem Besuch bei Leopold I. 1836) hat P. v. Ebart 
in der Deutschen Revue (Maiheft 1915) abgedruckt. 

H. v. Langermanns Aufsatz „Über Abrüstung und Völker- 
friedenskongreß 1848 in der Paulskirche" (Deutsche Revue, August) 
beschäftigt sich mit dem Antrag von A. Rüge auf einen Völkerkongreß 
zum Zweck einer allgemeinen europäischen Entwaffnung, für den, 
freilich vergeblich, besonders Karl Vogt und Robert Blum eintraten, 
den namentlich Bassermann und Beckerath bekämpften. 

Einen wertvollen Beitrag zur deutschen Politik Preußens, seines 
Verhältnisses zu Rußland und der Einwirkung dieser Macht auf die 
deutsche Krise liefern die von Martin Conrad gut kommentierten 
Aufzeichnungen des damaligen Majors v. Schlegell (f 1860 als 
Generalmajor) über zwei Reisen nach Rußland an den Zarenhof im 
Jahre 1850: die erste im Sommer in Begleitung des Prinzen Friedrich 
Karl, die zweite, weit wichtigere, im November in diplomatischer Mis- 
sion, um die Unterstützung Nikolaus' I. für Friedrich Wilhelm IV. bei 



222 Notizen und Nachrichten. 

der Auseinandersetzung mit Österreich zu gewinnen. Ein kurzes 
Schlußwort des Herausgebers sucht die Bedeutung der Tagebuchauf- 
zeichnungen für die neuerdings mehrfach erörterten Probleme her- 
auszuheben (Deutsche Revue, Januar bis April 1915). Urteile v. Schle- 
gells über die russische Armee 1850 finden sich im Augustheft der- 
selben Zeitschrift. 

Nur kurz kann auf die inhaltreiche Zusammenstellung hingewie- 
sen werden, die N. Rjasanoff über die Stellung von Marx und En- 
gels zur Polenfrage seit 1848 gegeben hat: Grünbergs Archiv f. d. 
Gesch. des Sozialismus 6, 1 ; daselbst 5, 3 hat F. Schillmann Briefe 
aus dem Nachlaß von Gustav Schönberg herausgegeben, die den 
„Streit um das Erbe Lassalles", in wenig erquicklichem Lichte natür- 
lich, zeigen; ebenda auch ein Aufsatz von M. Nettlau über Bakunin 
und die russische revolutionäre Bewegung 1868 — 1873. 

Ein Memoirenfragment Miquels: Gedanken über die deutsche 
Einheitsbewegung der fünfziger Jahre bis zur Begründung des National- 
vereins bietet F. Thimme (Deutsche Revue, Februar 1915). 

Die der Sammlung Göschen angehörige „Geschichte des Kriegs- 
wesens", deren 5. Teil, Bd. 110, S. 204f. angezeigt worden ist, hat 
Emil Daniels im 6. und 7. Teil (Nr. 670 und 671) mit dem Unter- 
titel: Das Kriegswesen der Neuzeit 4 und 5 wohl zum Abschluß ge- 
bracht. Diese beiden Bändchen geben in unvermittelter Nebeneinander- 
stellung summarische, auch im einzelnen in recht ungleicher Ausführ- 
lichkeit gehaltene Überblicke über den militärischen Verlauf des Krim- 
kriegs, des Kriegs von 1859 (hier mit dem Zusatz: österreichische Stoß- 
taktik und preußische Kompagniekolonnen), des nordamerikanischen 
Sezessionskriegs (Zusatz „Die Raids"), der Kriege von 1864, 1866 
(Zusatz: Die preußischen Heeresreformen vor und nach dem Kriege), 
der Kriege 1870/71, 1877/78 (NB.! hier fehlt der asiatische Kriegs- 
schauplatz ganz), des Burenkriegs 1899/1901 (Zusatz: Die Buren- 
taktik), des russisch-japanischen Krieges 1904/05. Die übrigen Kriege 
des 19. Jahrhunderts und des letzten Jahrzehnts scheint Daniels 
demnach nicht zum „großen Kriege" zu zählen, obschon sie — man 
denke nur an die Kolonialkriege der Franzosen, die Kämpfe Englands 
in Indien, in Ägypten und im Sudan — für das Verständnis des neu- 
zeitlichen Kriegswesens sicherlich unentbehrlich sind. Aber der Be- 
griff des „Kriegswesens" ist überhaupt in einer für die hier behandelte 
Periode m. E. unzulässigen Enge gefaßt. Von den Operationen zur 
See (auch z. B. beim russisch-japanischen Kriege) ist ganz abgesehen. 
Was Daniels bietet, enthält sicherlich viel Belehrendes und oft tref- 
fende Kritik. Um so mehr ist zu bedauern, daß auf Zusammenhang 
von Volkskraft und Heerwesen, Einfluß fremder Kriege und Fecht- 



Neuere Geschichte. 223 

weise, Entwicklung politischer Reife, Einwirkung geographischer Ver- 
hältnisse, Zusammenhang von nationaler Art, Organisation und Heeres- 
unterhalt usw. nur in einzelnen Fällen oder gar nicht eingegangen ist. 
Im übrigen würde bei einer neuen Auflage außer der Berücksichtigung 
solcher Desiderien auch eine etwas größere Sorgfalt der Ausdrucks- 
weise dem Werke nützlich sein. Ganz besonders auffällig ist die be- 
reits Bd. 110, S. 205 hervorgehobene Einseitigkeit des Literaturver- 
zeichnisses: diesmal sind außer dem Generalstabswerk über die Er- 
fahrungen des Burenkriegs und dem Buche des Generals von Freytag- 
Loringhoven über Kriegführung auf der Grundlage des Sezessions- 
kriegs nur Aufsätze von E. Daniels, fünfzehn an der Zahl, namhaft 
gemacht. Sollte es für den, dem es um eingehendere Belehrung zu 
tun ist, keine geeigneteren Hilfsmittel geben? K. Jacob. 

Leutnantsbriefe eines Oheims aus dem Feldzuge von 1859 hat 
Th. v. Sosnosky publiziert (Deutsche Revue, August). 

Die beiden von Aage Friis besorgten Veröffentlichungen: 
Chr. E. Reich's Dagbog fra 1864 (Danske Magazin, 6. Raekke, 2. Bind, 
S. 151 — 181) und N. C. David 's Optegnelser om Aarene 1863 — 1865 
(Dansk Historisk Tidsskrift, 8. Raekke, 5. Bind, S. 45—99) sind Bei- 
träge zur Geschichte Dänemarks in bedeutungsvollen Jahren und 
deshalb auch für uns von Belang. Die Aufzeichnungen Davids sind 
beträchtlich wertvoller; die ersten beiden Teile sind in unmittelbarem 
Anschluß an die Vorgänge nach dem Thronwechsel verfaßt (im De- 
zember 1863), während der große Hauptteil erst aus der Erinnerung 
des mehr als Achtzigjährigen zehn Jahre nach den Ereignissen nieder- 
geschrieben ist und die Spuren davon nicht verleugnet. Gleichwohl 
enthalten seine Aufzeichnungen auch hier wertvolle Beiträge zur 
Geschichte Christians IX. in seinen ersten Regierungsjahren, an denen 
die Geschichtsforschung nicht vorübergehen darf. Während David 
Finanzminister im Ministerium Bluhme war (11. Juli 1864 bis 6. No- 
vember 1865), gehörte Reich der letzten Zeit des diesem voraufgehen- 
den Ministeriums Monrad als Kriegsminister an (vom 18. Mai bis 
11. Juli 1864). Seine Aufzeichnungen sind lediglich tagebuchmäßig 
und umfassen außer seiner kurzen Ministerzeit seine militärische Tätig- 
keit in Fredericia vom 23. Februar bis zu seiner Berufung ins Mini- 
sterium. Dinge von größerer Bedeutung finden sich in seinen Auf- 
zeichnungen nicht, gelegentlich einige kleinere interessante Einzelzüge 
zum militärischen und politischen Bilde jener Kriegsmonate. 

Münster i. W. Daenell. 

Zur Geschichte des Krieges von 1864 ist auf die von Strobl 
von Ravelsberg mitgeteilte Korrespondenz des österreichischen 
Generals von Gablenz zu verweisen (Deutsche Revue, August). 



224 Notizen und Nachrichten. 

Sehr wichtig sind die zwei großen Briefe Bismarcks an Rech- 
berg vom September 1864 (dazu Rechbergs Antworten) über das Ver- 
hältnis der preußischen und österreichischen Politik am Bunde, die 
Gabriele Gräfin Rechberg in der österreichischen Rundschau (1. Juni 
1915) veröffentlicht. 

Auszüge aus Briefen des Fürsten Karl Anton v. Hohenzollern 
an den Historiker und langjährigen Generalkonsul F. v. Bamberg und 
an den bekannten Diplomaten, Gelehrten und Publizisten F. H. 
Geffken aus den Jahren 1871 — 1884 hat K. Th. Zingeler im August- 
heft der Deutschen Revue mitgeteilt; hervorzuheben sind des Fürsten 
Bemerkungen über den Umschwung von 1879, die elsässischen Ver- 
hältnisse und Person und Ernennung Manteuffels zum Statthalter, 

Der Aufsatz von H. v. Nostitz-Rieneck über Bismarck und 
das Dreikaiserbündnis 1875 — 1878 behandelt vornehmlich die viel- 
erörterte Kriegsgefahr vom Frühjahr 1875 (Stimmen aus Maria Laach, 
Juni 1915). 

Aus der Deutschen Revue seien folgende Aufsätze von J. Lulves 
notiert: „Die Abtretung Nizzas und Savoyens an Frankreich" (Dez. 
1914), „Auf welche Weise machte sich Frankreich zum Herrn von 
Tunis?" (Februar 1915), „In welcher Weise hat sich Englands Freund- 
schaft für Italien geäußert?" (März), „Frankreichs Widerstand gegen 
die letzten Einheitsbestrebungen der Italiener" (April). 

Interessante Beiträge zur inneren Entwicklung Frankreichs 
1870 — 1877 bieten die von D. v. Stockert-Meynert herausgegebenen 
Briefe des Professors H. Montucci von der Militärschule St. Cyr 
(Deutsche Revue, Februar und März 1915). 

Eine Übersicht über „Frankreichs koloniale Entwicklung unter 
der dritten Republik" bietet G. K. Anton im Juniheft der Internat. 
Monatschrift 1915. 

W. Windelband hat aus einem Brief von Herbert Bismarck 
an Rottenburg vom November 1888 eine Stelle mitgeteilt, die eine 
Äußerung von Peter Schuvalow bietet: Österreichs Lebensinteresse 
ist es, den russischen Einfluß von den Balkanstaaten fernzuhalten 
(Deutsche Revue, April 1915). 

Höchst interessante Briefe eines einst angesehenen französischen 
Staatsmanns (? Barthel6my St. Hilaire) über Frankreich und die euro- 
päische Lage der neunziger Jahre verdanken wir gleichfalls W. Win- 
delband (Deutsche Revue, Mai 1915). 

Eine umfangreiche und inhaltreiche Schilderung über Deutsch- 
lands Stellung zur Balkanfrage im Wandel der Jahrhunderte, vor- 
nehmlich aber in den letzten Jahrzehnten von F. Rachfahl findet 
sich im Weltwirtschaftlichen Archiv V, 1 u. 2. 



Deutsche Landschaften. 225 

„Englands Bemühungen um die Gewinnung amerikanischer 
Freundschaft" als „einen Beitrag zur diplomatischen Geschichte der 
jüngsten Zeit" schildert mit lebhafter Kritik zum Teil aus eigenen 
beruflichen Erfahrungen Frhr. v. Hengelmüller (Deutsche Revue, 
Februar und März 1915). 

Im Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiter- 
bewegung 6, 1 beginnt C. Grünberg mit einer Bibliographie über 
das Verhältnis der Sozialdemokratie in den verschiedenen Ländern 
zum Weltkrieg (Titel: Die Internationale und der Weltkrieg). 

Neue Bücher: Joach. Kühn, Wie Lüttich dem Reiche verloren 
ging. Ein Rückblick auf die Reichsexekution von 1790/91. (Berlin, 
Stilke. 2 M.) — Reidelbach, König Max I. Joseph. 1806—1825. 
(München, Kellerer. 1 M.) — Christian Meyer, Zur Erhebung Deutsch- 
lands 1813—1814. (München, Foth Nachf. 2 M.) — Joh. Bapt.v. Weiß, 
Weltgeschichte, fortgesetzt von Rieh. v. Kralik. 23. Bd. Allgemeine 
Geschichte der neuesten Zeit von 1815 bis zur Gegenwart. 1. Bd. 
1815—1835. (Graz, Styria. 9,20 M.) — Rönsch, Belle Alliance. (Leip- 
zig, Koehler. 2M.) — Herberger, Die Stellung der preuß. Konservativen 
zur sozialen Frage 1848 — 1862. (Leipzig, Fock. 2 M.) — Fester, 
Die Genesis der Emser Depesche. (Berlin, Gebr. Paetel. 4 M.) — 
Otto Baumgarten, Bismarcks Glaube. (Tübingen, Mohr. 2,80 M.) 

— Erinnerungen an Bismarck. Aufzeichnungen von Mitarbeitern und 
Freunden des Fürsten, mit einem Anhang von Dokumenten und Briefen. 
In Verbindung mit A. v. Brauer gesammelt von Erich Marcks und 
Karl Alex. v. Müller. (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt. 8 M.) 

— Heimol t, Bismarck, der eiserne Kanzler. (Leipzig, Meulenhoff. 
1,90 M.) — Li man, Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote. 
(Stuttgart, Strecker & Schröder. 14 M.) — Valentin, Bismarck und 
seine Zeit. (Leipzig, Teubner. 1 M.) — Barzilai, Dalla triplice alle- 
anza al conflitto europeo. (Roma, tip. ed. Nationale. 3,50 L.) — Ce- 
sari, Questioni del vicino Oriente. (Cittä di Castello, tip. Unione arti 
grafiche. 2,50 L.) — Junker, Dokumente zur Geschichte des europäi- 
schen Krieges 1914/15. 1. Bd. (Wien, Perles. 4,50 M.) 

Deutsche Landschaften. 

Im Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Ge- 
schichts- u. Altertumsvereine 1915, Nr. 5/6 veröffentlicht Victor Loewe 
eine nützliche Übersicht über die Bibliographien zur deutschen Ter- 
ritorialgeschichte. 

Zwei Beiträge zur Geschichte der Stadt Laufenburg seien erwähnt: 
F. Wernli behandelt sie in der Zeit von ihrem Übergang an Öster- 
reich 1386 bis zum Schwabenkrieg 1499 in dem Taschenbuch der Histo- 
Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 15 






226 Notizen und Nachrichten. 

rischen Gesellschaft des Kantons Aargau, 1912, und E. S. Welti ver- 
öffentlicht allerlei Akten aus den Jahren 1453 — 1570 im Anzeiger für 
Schweizerische Geschichte 1915, 1. 

Den 50. Band der Beiträge zur Landes- und Volkskunde von 
Elsaß-Lothringen bildet die Arbeit von J. H. König: Die katholi- 
schen Körperschaften des Unterelsasses vor und während der großen 
Revolution. 

Die grundherrlich-bäuerlichen Verhältnisse im nördlichen Baden, 
dargestellt an der Geschichte des ehemals Reichsritterschaftlich von 
Gemmingischen Gebiets hinter dem Hagenschieß vom 15. bis zum 
Ende des 18. Jahrhunderts, macht H. Völter zum Gegenstand einer 
Dissertation, die in den Neuen Heidelberger Jahrbüchern 19, 1 er- 
schienen ist. 

Die Württembergischen Jahrbücher für Statistik und Landes- 
kunde 1914,2 bringen den zweiten Teil der Arbeit von G. Bossert: 
Zur Geschichte Stuttgarts in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
und die Zusammenstellung der württembergischen Literatur von den 
Jahren 1912 und 1913 durch F. Gaub. 

Die Freiburger Dissertation A. Birkenmaiers („Die Krämer 
in Freiburg i. Br. und Zürich bis zur Wende des 16. Jahrhunderts" 
1913) stellt nach dem Muster der Eckertschen Arbeit Material aus 
den genannten beiden Städten zusammen, das den Kramhandel ins- 
besondere in seiner späteren Ausgestaltung zum Teil recht anschau- 
lich beleuchtet, ohne daß freilich neue Gesichtspunkte dabei zur Gel- 
tung kämen. Ein ergänzender Aufsatz desselben Verfassers („Die 
fremden Krämer zu Freiburg i. Br. und Zürich im Mittelalter bis zum 
Ausgang des 16. Jahrhunderts", Zeitschr. f. Geschichtsk. v. Freiburg 
29, 1913) liefert in engem Rahmen einen Beitrag zur Geschichte des 
Kampfes gegen die fremden Krämer, über die Südwestdeutschland im 
16. Jahrhundert so lebhaft zu klagen hatte. P. Sander. 

Schillers journalistische Tätigkeit an den „Nachrichten zum 
Nuzen und Vergnügen" schildert H. Müller in den württembergi- 
schen Viertel jahrsheften für Landesgeschichte, N. F. 24, 1. 

Julius Krieg, Der Kampf der Bischöfe gegen die Archidiakone 
im Bistum Würzburg. Unter Benützung ungedruckter Urkunden und 
Akten (Kirchenrechtliche Abhandlungen, herausgegeben von Ulrich 
Stutz, Heft 82), Stuttgart, Enke, 1914. — Von den Ergebnissen dieser 
gründlichen und gediegenen Arbeit, die einen in dieser Zeitschrift 
(Bd. 113, S. 135) ausgesprochenen Wunsch rasch erfüllt hat, erscheinen 
zwei besonders beachtenswert: 1. Im Laufe des Kampfes zwischen 
Episkopat und Archidiakonat, der in der ersten Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts einsetzt, entzogen die Würzburger Bischöfe den Archidia- 






Deutsche Landschaften. 227 

konen allmählich den größten Teil der Verwaltung ihrer Bezirke (An- 
stellung der Geistlichen, Gesetzgebungsrecht, Konsensrecht) sowie 
ihrer richterlichen Befugnisse (sowohl in Strafsachen wie in Zivil- 
sachen, vor allem die Disziplinargerichtsbarkeit über den Klerus seit 
Johann II. 1411 — 1440), so daß den Archidiakonen als bescheidener 
Rest am Ausgange des Mittelalters nur die Anstellung der Geist- 
lichen für gewisse Kurat- und Inkuratbenefizien und das Send- 
recht blieb. Für Würzburg gilt also nicht, was Hilling (Die Halber- 
städter Archidiakonate S. 140ff.) für Halberstadt nachweisen zu kön- 
nen glaubt, daß von einem Rückgang der archidiakonalen Macht im 
Mittelalter nichts zu merken sei. 2. Die Wahlkapitulationen, durch 
die sich die Archidiakone gegen die Bischöfe zu schützen suchten, 
haben nur dann gewirkt, wenn diese ihre Forderungen spezialisierten 
(S. 175). Im allgemeinen aber nützten sie so wenig und hatten so 
geringe praktische Bedeutung, daß sie die alten Forderungen der 
Archidiakone selbst dann noch mitschleppten (bis ins 17. Jahrhundert, 
vgl. S. 202f.), als die Archidiakonatseinteilung der Würzburger Diö- 
zese längst beseitigt war. (!) Man sieht daraus, wie vorsichtig man 
diese Wahlkapitulationen als Quellen für die Beurteilung der Archi- 
diakonatsgeschichte verwerten muß. Wer sich ihnen allzusehr an- 
vertraut, kommt sicher zu falschen Resultaten. Übersichtliche Ta- 
bellen und ein reiches, im Anhange gedrucktes urkundliches Material 
erhöhen den Wert dieser Arbeit und helfen ihren Ergebnissen eine 
dauernde Beachtung in der Debatte über die Bedeutung der deut- 
schen Archidiakonate sichern. 

Königsberg i. Pr. A. Brackmann. 

Ein Tagebuch aus den Jahren 1769 — 1782, verfaßt von dem um 
die pfälzische Kartographie hochverdienten Ingenieurmajor Ferdi- 
nand Denis, veröffentlicht J. Walter in den Mannheimer Geschichts- 
blättern, Mai- und Juniheft. 

Eine Übersicht über die wissenschaftliche Tätigkeit der Geschichts- 
vereine am Niederrhein in den Jahren seit 1910 gibt O. R. Redlich 
in dem Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Ge- 
schichts- und Altertumsvereine, März- und Aprilheft. 

Beiträge zur Geschichte der Reichsstadt Aachen unter Karl V., 
vor allem in Hinweis auf die Krönung Karls im Jahre 1520 und die 
Ferdinands im Jahre 1531 liefert F. Classen in der Zeitschrift des 
Aachener Geschichtsvereins, 31. M. Müller gibt ein Register der 
Bände 16—30. 

Im Jahrbuch des Vereins für die evangelische Kirchengeschichte 
Westfalens 16 (1914/15; Gütersloh, C. Bertelsmann) gibt Rothert 
unter Heranziehung aller erreichbaren Quellen eine kritische Ent- 

15* 






228 Notizen und Nachrichten. 

stehungs- und Organisationsgeschichte des St. Patroklusstifts zu Soest, 
sodann behandelt er die Stiftsschule in sehr weitgehender Art, wo- 
bei besonders noch die Bautätigkeit der Schule ins Auge gefaßt wird; 
einer Abhandlung über den Gottesdienst im Münster ist eine Unter- 
suchung des Verhältnisses des Stiftspropstes als Kölner Archidiakon 
und dessen Tätigkeit in einem abschließenden Kapitel beigefügt. Der- 
selbe Verfasser veröffentlicht den Briefwechsel, der im Jahre 1830 
zwischen dem Prediger Bäumer zu Bodelschwingh und dem Minister 
von Stein wegen Errichtung eines Predigerseminars zu Soest statt- 
gefunden hat. Der Veröffentlichung von Sendgerichtsprotokollen des 
16. Jahrhunderts aus den Gemeinden Ende, Herdecke, Volmarstein und 
Wengern schickt Schüßler eine kurze Vorrede über die geistliche 
Gerichtsbarkeit dieser Gegend voraus. Rotscheid gibt Notizen be- 
kannt, die der Weseler Pastor Anton von Dorth auf seiner Reise zur 
märkischen Synode in Camen im Jahre 1687 aufgezeichnet hat und 
die von neuem den Beweis geben, wie feinsinnig dieser Sammler histo- 
rischer Merkwürdigkeiten zu beobachten pflegte. Dann folgt etwas 
abschweifend das skizzierte Material zur Geschichte der Bielefelder 
lutherischen Konferenzen vom Jahre 1877 bis 1913, gesammelt von 
Hartmann; in dankenswerter Weise wird diese Zusammenstellung 
einstens eine eingehendere Geschichte ermöglichen und erleichtern. 
Eickhoff legt in ziemlicher Ausführlichkeit zunächst die Geschichte 
der ältesten Mindener, des ältesten Ravensbergischen und der beiden 
ältesten Herfordischen Gesangbücher dar, geht dann in kritischer 
Beurteilung auf das Werden dieser Liederbücher ein und gibt zur 
Probe dem Leser eine Anzahl Lieder in Text und Komposition wieder. 
Mit Heinrich von Tongern, genannt Slachtscaep, befaßt sich Bock- 
mühl. Er veröffentlicht von ihm einen Brief an Bucer, ein Send- 
schreiben über die Abendmahlsfrage an Slachtscaeps Anhänger in 
Süsteren und 33 Trostbriefe an diese Gemeinde. Den Abschluß des 
Bandes bilden die Veröffentlichungen (Fortsetzung) der amtlichen 
Erkundigungen aus dem Jahre 1664 bis 1667 über das religiöse Leben 
der westfälischen Gemeinden Langendrer, Crangen, Wethmar, Harpen, 
Werne, Eickel in der Bochumer Gegend. R. A. Keller. 

Zwanzig Briefe des Herforder Fraterherrn Jakob Montanus an 
Willibald Pirckheimer veröffentlicht Kl. Löffler in der Zeitschrift 
für vaterländische Geschichte und Altertumskunde, herausgegeben 
von dem Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens 72, 1. 
M. Geisberg gibt eine Übersicht über die Geschichte der Gold- 
schmiedezunft in Münster i. W., A. v. Danckelman untersucht den 
Ursprung der Familie Danckelman. 

Das 26. Heft der Neuen Beiträge zur Geschichte des deutschen 
Altertums, herausgegeben von dem hennebergischen altertumsforschen- 



Deutsche Landschaften. 229 

den Verein zu Meiningen, enthält eine Arbeit von J. Meisenzahl 
über Gründung und Bedeutung des Prämonstratenserklosters Vessra 
vom 12. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts. 

„Stand und Herkommen der Insassen einiger Klöster der mittel- 
alterlichen Mark Meißen" untersucht in Übertragung der bekannten 
Schulteschen Fragestellung auf das ostdeutsche Kolonialland die Leip- 
ziger Dissertation von Gerhardt Burck (Meißen, Klinkicht. 1913). 
Die für Goseck, Pegau und Petersberg bei Halle auch aus bekannten 
Chroniken, für einige weiter östlich in und bei Meißen und Freiberg 
gelegene Konvente aus Urkunden gesammelten Zeugnisse ergeben, daß 
hier anstatt der ständischen eher soziale und wirtschaftliche Momente 
den Ausschlag bei der Rekrutierung der Ordensmitglieder oder, sozio- 
logisch ausgedrückt, der klösterlichen Versorgung der Bevölkerung 
gaben. Eine Parallele zu der Bedeutung der Edelfreien für die alt- 
deutschen Klöster vor der Reform scheint nur die der Reichsmini- 
sterialen in Pegau zu bilden. Sonst vollzieht sich nach einer ersten 
Zeit notwendig weitherziger Aufnahmepolitik zu Germanisierungs- 
zwecken die allmähliche Auslese überwiegend nach geographischen 
Bezirken oder Besitzkriterien, deren Verbindung miteinander schließ- 
lich bei völligem Ausschluß der Bauernklasse auf ein in schwankenden 
Verhältnissen gemischtes bürgerlich-kleinadeliges Milieu hinausläuft. 

C. Brinkmann. 

Über die Entwicklung und Organisation des Salzverkehrs von 
Lüneburg nach Lübeck im 16. und 17. Jahrhundert berichtet B. 
Hagedorn in der Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte 
und Altertumskunde 17, 1. In demselben Heft arbeitet J. Rörig 
über Lübeck und den Ursprung der Ratsverfassung. 

Aus der Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische 
Geschichte, Bd. 44, sei hervorgehoben die Darstellung der Politik 
Englands in der schleswig-holsteinischen Frage von 1861 bis Anfang 
Januar 1864 durch F. Cierpinski. Anna-Marie Freiin von Lilien- 
cron behandelt die Beziehungen des Deutschen Reiches zu Däne- 
mark im 10. Jahrhundert, K. C. Rockstroh die Ereignisse und Ver- 
hältnisse in den Herzogtümern Schleswig und Holstein während der 
Invasion des Tettenbornschen Korps 1813 — 1814. 

Aus den Beiträgen zur Geschichte der Stadt Rostock 9, 1915 
erregt die eingehende Schilderung des Aufenthaltes des Schillschen 
Korps in Rostock 1809 von Ludwig Krause allgemeineres Interesse; 
auch die Untersuchung von E. Dragendorff über eine wichtige Ro- 
stocker Chronik von 1529 — 1583 verdient Beachtung; als ihr Verfasser 
erweist sich der Buchbindermeister Dietrich vom Lohn, während ihre 
Fortsetzung von 1583 — 1625 aus der Feder von Vicke Schorler stammt. 

15** 



230 Notizen und Nachrichten. 

Die Baltischen Studien, N. F. Bd. 17 sind Professor Lemcke ge- 
widmet zu seinem 40jährigen Jubiläum als Vorsitzender der Gesell- 
schaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde. Der Band 
enthält folgende Abhandlungen: B. Szczeponik untersucht die Stel- 
lung des Herzogs Ernst Bogislav von Croy, des letzten Bischofs von 
Cammin und des letzten Sprosses vom pommerschen Greifenstamm, 
im Streite Schwedens und Brandenburgs um das Bistum. 0. Blümcke 
behandelt den Rat und die Ratslinie von Stettin. O. Altenburg 
veröffentlicht eine Reihe privater und amtlicher Berichte über Stettin 
im Jahre 1813. P. v. Niessen gibt eine Darstellung der staatsrecht- 
lichen Verhältnisse Pommerns in den Jahren 1180 — 1214. 

Die Bedeutung des Amtes des ostpreußischen General-Land- 
schafts-Syndikus behandelt R. Leweck in der Altpreußischen Monat- 
schrift 52, 1. (Die ostpreußischen General-Landschaf ts-Syndici im 
Lichte der Geschichte der ostpreußischen Landschaft 1788 — 1914.) 

Eine Illustration für die Opferwilligkeit der preußischen Be- 
völkerung im Jahre 1813 gibt die Liste der freiwilligen Gaben aus 
Stadt und Kreis Cottbus zur Ausstattung der Kriegsfreiwilligen, die 
Kochendörffer in den Niederlausitzer Mitteilungen 12,5 — 8 ver- 
öffentlicht. An derselben Stelle findet sich der Niederlausitzer Lite- 
raturbericht vom 1. Juli 1910 bis 30. Juni 1913, zusammengestellt 
von H. Jentsch und M. Kutter. 

Im Archiv für Geschichte und Landeskunde Vorarlbergs, 10, 2 — 4 
macht Rudolf v. Scala Mitteilungen über die Geschichte der Stadt 
Bregenz zur Römerzeit (Aus Brigantiums Frühzeit). A. Helbok 
geht Spuren longobardisierender Kunst in Vorarlberg nach und J. 
Zösmair behandelt das Urbar des Reichsguts in Churrätien aus der 
Zeit Ottos I, dessen Abfassungszeit er zwischen 939 und 948 verlegt. 
In dem 1. Heft des 11. Jahrgangs schildert Ferdinand Hirn die Volks- 
stimmung in Vorarlberg und die Versuche, einen Aufstand hervor- 
zurufen zugunsten des Rückfalles an Österreich im Frühjahr 1813 
(Vorarlberg vor dem Heimfalle an Österreich). 

Das Kölner Wohnhaus bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts 
von Hans Vogts (Köln, Kölner Verlagsanstalt und Druckerei, A.-G. 
1914. VIII, 516). — In meiner Topographie der Stadt Köln im 
Mittelalter ist aus dem Bedürfnis heraus, eine notwendige Erläuterung 
zu dem Hauptteile des Werkes zu geben, das ältere Kölner Wohnhaus 
nach den archivalischen und literarischen Quellen geschildert. Diese 
Darstellung und ihre Quellennachweise bilden die Voraussetzung und 
die Grundlage für das ausgezeichnete Werk von Vogts, der seinerseits 
nicht nur durch die zeitliche Erstreckung bis zum Anfang des 19. Jahr- 
hunderts, sondern auch durch völlig neue Ausführungen über den Bau- 



Deutsche Landschaften. 231 

betrieb und die Bauformen inhaltlich das Thema beträchtlich erweitert 
hat. Bei dem Verfasser, der bereits 1910 eine gute Studie über 
das Mainzer Wohnhaus und noch neuerdings einen Aufsatz über alte 
Wohnungskunst in Mülheim am Rhein (Mitteilungen des Rhein. Ver. 
für Denkmalpflege und Heimatschutz, 8. Jahrg., Heft 2, S. 145ff.) 
veröffentlicht hat, verbinden sich literarische und archivalische Stu- 
dien mit den technischen Kenntnissen des Architekten und Kunst- 
historikers, um ein ausnehmend tüchtiges Werk zu schaffen. Nach 
einem kurzen Rückblick auf die Häuser im römischen Köln stellt der 
Verfasser die Entwicklung des mittelalterlichen Wohnhauses aus dem 
Einraum dar, der in zwei Typen sich weiter ausgestaltet: in den Höfen 
und in den Reihenhäusern. Grundrißbildung und Anlage bei beiden 
Arten werden vom Verfasser genau untersucht, weiterhin Aufbau und 
Baumaterial, sowie der Ausbau. In dem 2. Teil, dem verschiedene 
wichtige Beilagen beigegeben sind, wird der Baubetrieb behandelt. 
Der 3. Teil ist der Entwicklung der Bauformen gewidmet; ihm seien 
die kunstgeschichtlich interessanten Nachrichten entnommen, daß das 
erste völlig im Renaissancestil gebaute Kölner Haus des 1537/39 ge- 
baute Faßbinderhaus im Filzengraben ist, daß das vlämische Barock 
zuerst 1657/58 in der jetzt abgebrochenen Domdechanei auftritt, das 
italienische Barock in dem Nesselroder Hof 1727/29, während die 
zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts eine größere Anzahl von Palais- 
bauten in ausgeprägtem Rokokostil gebracht hat. Auf weitere Einzel- 
heiten einzugehen ist hier nicht der Ort. Die gründliche Arbeit des 
Verfassers, der sich selbst nicht genug tun kann, zeigt sich in der 
großen Zahl von Ergänzungen (zum Teil auch Berichtigungen), welche 
er während der Drucklegung gewonnen und zugefügt hat. Dem wissen- 
schaftlich völlig auf der Höhe stehenden Werke, das in Druck und 
Papier reich ausgestattet, sowie mit 160 Abbildungen erläutert und 
geschmückt ist, kommt angesichts der überaus schnellen Umwand- 
lung des alten Kölner Stadtbildes in der Jetztzeit ein ganz besonderes 
Verdienst zu. Keussen. 

Neue Bücher: Sammlung schweizerischer Rechtsquellen. XV I.Ab- 
teilung: Die Rechtsquellen des Kantons Argau. 1. Teil. V. Bd. Das 
Stadtrecht von Zofingen. Bearbeitet und herausgegeben von Walth. 
Merz. (Aarau, Sauerländer & Co. 14 M.) — Bruggaier, Die Wahl- 
kapitulationen der Bischöfe und Reichsfürsten von Eichstätt 1259 
bis 1790. (Freiburg i. B., Herder. 3 M.) — Elsässische Urkunden, vor- 
nehmlich des 13. Jahrhunderts, herausgegeben von Hessel. (Straß- 
burg, Trübner. 4,50 M.) — Süß, Geschichte der Reformation in der 
Herrsch. Rappoltstein. 1. Teil. (Zabern, Fuchs. 2 M.) — Jos. Herrn. 
König, Die katholischen Körperschaften des Unterelsasses vor und 
während der großen Revolution. (Straßburg, Heitz. 8 M.) — Frdr. 



232 Notizen und Nachrichten. 

Bauer, Reformation und Gegenreformation in der früheren nassau- 
badischen Herrschaft Lahr-Mahlberg. (Lahr, Schauenburg. 4,50 M.) 

— Fabricius, Die Herrschaften des unteren Nahegebietes. (Bonn, 
Behrendt. 21 M.) — Ribbeck, Geschichte der Stadt Essen. 1. Teil. 
(Essen, Baedeker. 5 M.) — Roebers, Die Errichtung der westfäli- 
schen Provinzialstände und der erste westfälische Provinziallandtag. 
(Münster, Aschendorff. 3 M.) — Meininghaus, Die Grafen von 
Dortmund. 2. veränd. u. verm. Aufl. (Dortmund, Ruhfus. 4 M.) — 
Siedel, Untersuchungen über die Entwicklung der Landeshoheit und 
der Landesgrenze des ehemaligen Fürstbistums Verden. (Göttingen, 
Vandenhoeck & Ruprecht. 5 M.) — Siebeck, Die landständische 
Verfassung Hessens im 16. Jahrhundert. (Cassel, Dufayel. 3,60 M.) 

— Geyer, Politische Parteien und Verfassungskämpfe in Sachsen 
von der Märzrevolution bis zum Ausbruch des Maiaufstandes 1848 
bis 1849. (Leipzig, Leipziger Buchdruckerei. 3 M.) 

Vermischtes. 

Die Historische Kommission für die Provinz Sachsen 
und das Herzogtum Anhalt, deren Vorstand zu Kosen am 8. 
und 9. Mai 1915 tagte, berichtet u. a. folgendes: Das „Urkundenbuch 
des Klosters Pforte" (II. 2) von Prof. Böhme in Weimar ist ausgegeben 
worden. In Druck befinden sich: die „Paurgedinge nebst anderen 
Quellen der Stadtverfassung von Quedlinburg" (Lorenz), das „Ur- 
kundenbuch des Mansf eider Saigerhandels" (Möllenberg) und das 
„Urkundenbuch des Stiftes Naumburg" (Rosenfeld). Israel, „Ur- 
kundenbuch des Erzbistums Magdeburg" und Heine, „Kirchenvisi- 
tationsprotokolle von Anhalt" sollen in diesem Jahre zum Abschluß 
kommen. Von den geschichtlichen Karten ist die zum Kreise Worbis 
fertig, aber noch nicht ausgegeben, da der Text zu den Bau- und 
Kunstdenkmälern des Kreises noch nicht gedruckt ist, ebenso die 
Karte zum Kreise Stendal. Die Karte des Kreises Quedlinburg ist 
im Druck, in Arbeit die zum Kreise Neuhaldensleben. Die Karte zu 
den Wüstungen der Kreise Bitterfeld und Delitzsch ist fertig. Der 
Text dazu ist gedruckt. Der Zahnsche Text zu den Wüstungen der 
Kreise Jerichow I und II ist weiter bearbeitet und verbessert worden, 
so daß der Druck im Herbst beginnen kann. Die Grundkarte Wolfen- 
büttel/Goslar ist im Druck, die Grundkarte Oschersleben/Halberstadt 
beim Lithographen. 

Das Schweizerische Wirtschafts-Archiv in Basel, das jetzt 
als H. Bächtolds Nachfolger E. Dürr leitet, legt (April 1915) seinen 
5. Bericht (1914) vor. Wir erwähnen, daß im vergangenen Jahre ein 
312 Seiten starker Katalog der Bestände des Archivs erschienen ist. 



Vermischtes. 233 

Den Mitteilungen der Württembergischen Kommission für 
Landesgeschichte, die ihre 24. Sitzung zu Stuttgart am 21. April 
1915 abgehalten hat, entnehmen wir folgendes über den Stand der 
Arbeiten: Im Rechnungsjahr 1914 sind erschienen: Württembergische 
Viertel jahrshefte für Landesgeschichte, 23. Jahrg.; H. Günter, Ger- 
wig Blarer, Briefe und Akten I (= Geschichtsquellen 16); K. 
Müller, Oberschwäbische Stadtrechte I (= Geschichtsquellen 18) 
Mehring, Badenfahrt (= Darstellungen aus der württ. Gesch. 13) 
Albrecht, Die Triaspolitik des Freiherrn v. Wangenheim (= Darst 
14); Hagen, Das Territorium der Grafschaft Hohenberg (= Darst 
15); Thieß, Die Stellung der Schwaben zu Goethe (= Darst. 16) 
Im Druck befinden sich: Binder-Ebner, Münz- und Medaillen- 
kunde 11,2; v. Rauch, Heilbrunner Urkundenbuch III; Heyd- 
Leuze, Bibliographie der württ. Geschichte IV, 2; v. Adam, Land- 
tagsakten 11,3; Geschichte des humanistischen Schulwesens; Wint- 
terlin, Ländliche Rechtsquellen II. 

Die rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät der Univer- 
sität Halle hat früher einen Preis von 1000 M. für die beste Be- 
arbeitung des Themas „Das Recht der deutschen Kaufmanns- 
gilden" ausgeschrieben. Mit Rücksicht auf den Krieg ist nun- 
mehr die Frist für die Einlieferung der Abhandlungen bis zum 
1. Oktober 1916 erstreckt worden. 

Am 30. März 1915 ist Ludwig Cardauns, 34jährig, im Priester- 
walde gefallen. Ihn wie manch andern hat der Tod fürs Vaterland 
der Wissenschaft entrissen, unmittelbar ehe auf die Zeit des Sam- 
meins und Werdens die Zeit des Erntens und des Seins gefolgt wäre. 
Der größte Teil seiner Lebensarbeit hat im Dienste wissenschaftlicher 
Organisation gestanden: wir danken ihm in drei sorgfältig edierten 
Bänden den Abschluß der ersten Serie der Nuntiaturberichte aus 
Deutschland. Er hat sein Editionswerk auch nach der theologischen 
Seite ergänzt durch eine Sammlung „Zur Geschichte der kirchlichen 
Unions- und Reformbestrebungen von 1538 — 1542". In einer Reihe 
von Einzeluntersuchungen hat er außerdem seine Funde und For- 
schungen, in deren Mittelpunkt Karl V. steht, ausgiebig verarbeitet. 
Jede künftige Darstellung des Jahrzehntes 1535 — 1544 wird seine 
stets gewissenhafte und sachliche Arbeit dankbar nutzen. Neigung 
und Begabung wiesen Cardauns indessen von monographischem und 
editorischem Schaffen zu höher gesteckten Zielen. Seine vielzitierte 
Erstlingsschrift, die durch v. Bezold angeregte Doktorarbeit „Die 
Lehre vom Widerstandsrecht des Volkes gegen die rechtmäßige Obrig- 
keit im Luthertum und im Calvinismus" (1903) und ebenso seine 
unvollendeten letzten Pläne zur Geschichte des Febronius und der 



234 Notizen und Nachrichten. 

Febronianischen Bewegung berühren beide das Grenzgebiet von Staat 
und Kirche, der beiden großen Mächte, deren Kampf ihn in jeder 
seiner Erscheinungsformen gefesselt hat. Auf diesem Gebiete würde 
er wohl sein Reifstes und Persönlichstes haben leisten können. Durch 
Jugendeindrücke und Familientradition eng mit dem Katholizismus 
verbunden, ging doch sein männlich selbständiger Geist keinem der 
Probleme aus dem Wege, die im Kampf um Weltanschauung und 
Bildung des politischen Urteils Lösung fordern. Tiefes Wahrheits- 
und Gerechtigkeitsstreben war der Kern seines Wesens, das ernsten 
Sinn glücklich mit einem fröhlichen Herzen verband. Die große 
Gegenwart hat einen ganzen Mann in ihm gefunden: „Wir werden 
aushalten, solange die Nerven standhalten, bis zum Sieg oder zum 
Ende." 

Kiel. A. 0. Meyer. 

Am 24. April fand bei einem Sturmangriff vor Ypern der Privat- 
dozent der Geschichte an der Universität Göttingen Dr. Hans Niese im 
Alter von 33 Jahren als Kriegsfreiwilliger den Heldentod. Schüler 
von v. d. Ropp und Breßlau, promovierte er 1904 mit seinem 1905 
im Druck erschienenen Werke über „Die Verwaltung des Reichs- 
gutes im 13. Jahrhundert", einem wertvollen Beitrag zur deutschen 
Verfassungsgeschichte, und trat gleichzeitig als Hilfsarbeiter in das 
Kgl. Preuß. Historische Institut zu Rom ein, dem er zwei Jahre, bis 
zum Herbst 1906, angehörte. Schon damals machte er den Eindruck 
einer vollkommen abgeschlossenen wissenschaftlichen Persönlichkeit; 
seine streng methodische Begabung und Schulung befähigte ihn, unter 
Paul Kehrs Leitung in den Archivarbeiten in Toscana, Apulien, Sar- 
dinien und Corsica sofort selbständig und erfolgreich Fuß zu fassen; 
die Anregungen, die er empfing, blieben für sein Schaffen richtung- 
gebend. In den „Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven 
und Bibliotheken" erschien 1905 sein umsichtiger Aufsatz „Zur Ge- 
schichte des deutschen Soldrittertums in Italien", 1906 und 1907 ver- 
öffentlichte er ebenda „Normannische und staufische Urkunden aus 
Apulien", deren Kommentar in erster Linie der unteritalischen Stadt- 
verfassung dient. Der Zauber Italiens wirkte auch auf seine durchaus 
nicht enthusiastische Natur; nach Deutschland zurückgekehrt, faßte 
er den Plan zu einer größeren Darstellung der Verwaltungstätigkeit 
Friedrichs II. in seinem sizilischen Reich. Den Unterbau schuf er sich 
mit seiner 1910 gleichzeitig mit seiner Habilitation erschienenen „Ge- 
setzgebung der normannischen Dynastie im Regnum Siciliae", indem 
er mit gründlicher Gelehrsamkeit den anglonormannischen Charakter 
des Erbreiches Friedrichs erwies. Ein glänzendes, auf reichem Quellen- 
studium sicher aufgebautes Kulturbild gab seine in dieser Zeitschrift 
Bd. 108 erschienene Studie „Zur Geschichte des geistigen Lebens am 



Vermischtes. 235 

Hofe Friedrichs II." Zwei Archivreisen führten ihn nach Italien zu- 
rück; die reichen Ergebnisse sollten in dem Hauptwerk verwertet 
werden, denn seine Arbeitsweise vermied es, sich zu verzetteln. So 
verwertete er seine Archivbeute nur in zwei in den Nachr. der Kgl. 
Ges. der Wiss. zu Göttingen, Phil.-hist. Kl. 1912, erschienenen ver- 
fassungsgeschichtlichen Beiträgen „Das Bistum Catania und die sizi- 
Iischen Hohenstaufen" und „Materialien zur Geschichte Kaiser Fried- 
richs II." Seine wenigen Rezensionen sind von programmatischer Be- 
deutung; für ihn besonders charakteristisch wegen seiner mutigen 
Auseinandersetzung mit den meisten Hauptproblemen der mittel- 
alterlichen Verfassungsentwicklung Italiens ist die von Ernst Mayer, 
Italienische Verfassungsgeschichte von der Gotenzeit bis zur Zunft- 
herrschaft, in der Zeitschrift der Savigny-Stifung Bd. 32, German. 
Abt. Ebenda Bd. 34 und in dieser Zeitschrift Bd. 114 kehrte er zu 
seinen Erstlingsarbeiten, auf das Feld der deutschen Verfassungs- 
geschichte zurück und griff in die Kontroverse zwischen Güterbock 
und Haller über den Prozeß Heinrichs des Löwen ein. — Wir be- 
klagen in dem uns so früh Entrissenen einen ungewöhnlich gereiften 
und energischen Forscher, der nur den kleinsten Teil seiner Pläne 
ausführen konnte und dessen Leistung doch den Vergleich auch mit 
bedeutenden Gelehrten nicht zu scheuen hat. Fedor Schneider. 

In Bödigheim bei Buchen (Baden) starb am 27. April 1915 im 
Alter von 81 Jahren der evangelische Pfarrer a. D. Dr. h. c. Heinrich 
Hagenmeyer. Geboren am 25. April 1834 auf dem zum Amt Sins- 
heim gehörigen Eulenhof als Sohn eines Bezirksförsters, war er von 
1846 — 1851 auf dem Salon bei Ludwigsburg Zögling der von den 
Brüdern Paulus geleiteten Erziehungsanstalt, besuchte von 1851 bis 
1852 das Lyzeum in Mannheim und studierte von 1852 — 1856 Theo- 
logie. Nach bestandener Prüfung wurde er als Vikar im Dienste der 
badischen Landeskirche verwendet und 1859 zum Pfarrer ernannt. 
Im Jahre 1884 erhielt er die Pfarrei Ziegelhausen bei Heidelberg, 
trat 1901 in den Ruhestand und verzog nach Bödigheim. Neben treuer 
Erfüllung seines Berufes hatte sich bei Hagenmeyer frühzeitig der 
Drang nach wissenschaftlicher Betätigung geregt. Zuerst war es die 
Astronomie, der er großes Interesse entgegenbrachte, dann aber fes- 
selte ihn die Geschichte des ersten Kreuzzuges so sehr, daß er sein 
ganzes Leben ihrer Forschung widmete und die vollständigste Biblio- 
thek zusammenbrachte. 1877 trat er mit seinem ersten Werke „Ekke- 
hardi Uraugiensis abbatis Hierosolymitana" hervor, 1879 folgte sein 
Buch über Peter den Eremiten, 1889/90 veröffentlichte er „Anonymi 
gesta Francorum et aliorum Hierosolymitanorum" , 1896 „Galterii Can- 
cellarii Bella Antiochena" , 1901 „Epistulae et cartae ad primum bellum 
sacrum speäantes", 1902 „Histoire de la premiere croisade", 1913 das 



236 Notizen und Nachrichten. 

monumentale Werk „Fulcheri Carnotensis Historia Hierosolymitana". 
In Anerkennung seiner Verdienste war ihm 1898 von der philosophi- 
schen Fakultät der Universität Heidelberg der Ehrendoktor verliehen 
worden. Schlicht und einfach ist Hagenmeyer seinen Weg durchs 
Leben gegangen, eine echte Gelehrtennatur, die im stillen Studier- 
zimmer ganz der Wissenschaft sich ergab und in der Arbeit selbst 
ihre volle Befriedigung fand. 

Karlsruhe. Oskar Herrigel. 

Prof. Friedrich Kurze vom Luisengymnasium in Berlin ist am 
9. Juni als Major der Landwehr gefallen. Wir erinnern hier an seine 
Ausgaben einzelner Quellen für die Schulausgaben der Monumenta 
Germaniae und seine zahlreichen Untersuchungen über karolingische 
Annalenwerke. 

Am 11. August ist im Bade Kissingen Heinrich Brunner 
gestorben. Seiner österreichischen Heimat (geb. 21. Juni 1840 zu 
Wels) dauernd zugetan, ist er doch ganz zum Reichsdeutschen ge- 
worden, seit er 1872 von Prag nach Straßburg, 1873 nach Berlin über- 
gesiedelt war. Als Forscher und Lehrer hat Brunner sich schon im 
frühen Mannesalter den ersten Platz unter den Rechtshistorikern im 
neuen Reich errungen. Seine hellsehende, tiefdringende und gestaltungs- 
frohe Forscherkraft erfaßte große Erscheinungen und Gedanken des 
deutschen, französischen und englischen mittelalterlichen Rechts mit 
fast gleichmäßig wundervollem Erfolge; die höchste Liebe und die 
stärkste Gedankenarbeit hat er freilich dem germanisch -deutschen 
Rechtsleben gewidmet. Seine großangelegte Darstellung der Deut- 
schen Rechtsgeschichte ist so, wie sie vorliegt, nicht nur eine 
selbständig zusammenfassende, sondern auch in dem Verständnis 
der allgemeinen wie in der Behandlung der besonderen Fragen 
weiterführende und darum dauernd weiterwirkende Arbeit. Daß 
sie Stückwerk geblieben ist, bedeutet einen Verlust für die Wissen- 
schaft, den die anregenden „Grundzüge der deutschen Rechts- 
geschichte" uns gewiß nicht leichter machen. 

Einen warmen und inhaltvollen Nachruf auf Wilhelm Wie- 
gand (vgl. Hist. Zs. 114, 698) veröffentlicht Hans Kaiser in der 
Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins N. F. 30, 3. Ein Verzeichnis der 
Arbeiten Wiegands ist beigegeben. — Der Persönlichkeit und Wirk- 
samkeit K. Th. Heigels (vgl. 114, 696) hat K. A. v. Müller eine 
schöne Skizze (Neue Freie Presse vom 24. April, Morgenblatt) und 
eine anmutige Charakteristik (Südd. Monatshefte, Juni) gewidmet. 



Die Schlacht bei Carrhä. 



Von 

Francis Smith. 



Das römische Volk errang in den schweren Jahren des 
Hannibalischen Krieges eine dominierende Stellung im Bereich 
des Mittelmeeres. Nachdem die Großmacht Karthago aus- 
gespielt hatte, war ein Staatswesen, das sich als ebenbürtige 
Macht neben Rom hätte behaupten können, nicht mehr vor- 
handen. Mazedonien, Syrien, Pontus und Armenien erlagen 
den römischen Waffen. Die alte Bürgermiliz änderte schon 
während des zweiten Punischen Krieges ihren Charakter und 
wurde im Laufe der Zeit zu einem reinen Berufsheere, dem 
die verfeinerte Taktik eine solche Überlegenheit über jeden 
Gegner verschaffte, daß sogar bei den gefährlichsten Waffen- 
gängen an dem schließlichen Siege der Legionen kaum zu 
zweifeln war, mochten auch durch den Unverstand der Führer 
oder andere ungünstige Umstände dann und wann schmerz- 
liche Rückschläge eintreten. 

M. Licinius Crassus, der Triumvir, hatte die glänzenden 
orientalischen Heerfahrten des Pompejus erlebt und gesehen, 
wie Cäsar in Gallien ein zukunftsreiches Kolonialland gewann 
und ein dem Feldherrn auf Gedeih und Verderb ergebenes 
Heer schuf. Der reiche Bankherr mochte sich an den ge- 
schäftlichen Erfolgen nicht genügen lassen, er sah sich als 
Politiker und Soldat verdunkelt und sann deshalb auf eine 
militärische Großtat, die ihm den Anspruch auf die erste 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3, Folge 19. Bd. 16 



238 Francis Smith, 

Stelle im Staate geben mußte. Das Reich des großen Alexan- 
der gehörte bereits zu einem guten Teile den Römern, aber 
in Mesopotamien und im Iran geboten noch die Arsaciden, 
es galt daher, das mazedonische Erbe den Parthern zu ent- 
reißen. Im Jahre 54 v. Chr. begann der Krieg, und schon im 
nächsten Jahre fiel die Entscheidung. Crassus wurde mit 
seinen Legionen bei Carrhä vernichtet. Es war die schlimmste 
Niederlage, die die Römer seit dem Tage von Cannä er- 
litten hatten. Der römische Prokonsul war kein inkompe- 
tenter Führer, und er befehligte ein Heer, das wohl zu einem 
Teile aus zwangsweise eingestellten Rekruten bestand, dem 
aber die Erinnerung an zahllose Siege doch wieder Zuversicht 
einflößen mußte. Wie ist es dazu gekommen, daß Crassus 
unterlag? War das Heerwesen der Gegner dem römischen 
innerlich überlegen? Mit nichten. Es ist zur Genüge be- 
kannt, daß die militärische Kraft der Parther nicht auf der 
Ausbildung fester taktischer Körper, sondern auf der Tüch- 
tigkeit des einzelnen Kriegers beruhte und nur dort mit Er- 
folg eingesetzt werden konnte, wo ihre zahlreichen berittenen 
Bogenschützen Gelegenheit fanden, die Vorzüge ihrer Waffe 
geltend zu machen. Die Parther wurden in der Folge von 
den Römern mehrfach besiegt; Trajan, Avidius Cassius 
und Septimius Severus sind bis zur feindlichen Haupt- 
stadt Ktesiphon gelangt. Die Heerscharen der Arsaciden 
befolgten nur die uralten taktischen Grundsätze der asiati- 
schen Steppenvölker. Stießen sie mit einer gutgeführten 
Infanterie zusammen, so konnten sie im Streite Mann gegen 
Mann auf keinen Erfolg rechnen, vielmehr mußten sie ihre 
Hoffnung darauf setzen, daß es ihnen gelingen werde, ihre 
todbringenden Geschosse aus der Ferne zu versenden, dem 
Nahkampf durch verstellte Rückzüge auszuweichen und dem 
Gegner solange zuzusetzen, bis er nach schweren Verlusten 
sich aufzulösen begann und für den Gnadenstoß reif wurde. 1 ) 
Die Parther waren keineswegs unbesieglich, ebensowenig 
wie die Perser oder, viele Jahrhunderte später, die Magyaren. 
Es kam für die Römer nur darauf an, Landschaften zu meiden, 
in denen der Bogenreiter für seine Künste ein günstiges Ge- 



x ) Vgl. Delbrück, Geschichte der Kriegskunst III, S. 299. 



Die Schlacht bei Carrhä. 239 

lande fand, oder im Falle, daß man erobernd die Parther 
in ihren Steppen aufsuchen wollte, die Infanterie durch statt- 
liche Mengen von Reitern und Leichtbewaffneten zu ver- 
stärken, um den Gegner jeweils so lange in Schach halten 
zu können, bis eine Stadt erreicht wurde oder ein befestigtes 
Lager die Truppen aufnahm. Unter keinen Umständen durfte 
die Reiterei zersplittert oder durch voreilige Einzelaktionen 
aufs Spiel gesetzt werden. So mußte man verfahren, von 
Etappe zu Etappe, bis der Feind seinen moralischen Halt 
verlor. Gelingt der Nachweis, daß Crassus in dieser Be- 
ziehung Fehler begangen hat, dann hört Carrhä auf, wie ein 
dem kriegsgeschichtlichen Kausalnexus entrücktes Ereignis 
anzumuten. 

Im Jahre 54 v. Chr. machte der Triumvir als syrischer 
Statthalter seinen ersten Einfall in Mesopotamien. Er 
überschritt den Euphrat, wahrscheinlich bei Zeugma, zog 
nach Reglings Annahme zuerst auf Carrhä zu, ließ dort eine 
Besatzung und marschierte dann den Beiich abwärts. Bei 
Ichnä schlug er den persischen Satrapen Silaces. Die Römer 
gelangten bis Nicephorium, kehrten dann, den Euphrat auf- 
wärts rückend, nach Syrien zurück und bezogen die Winter- 
quartiere. Crassus sicherte die neugewonnene Landschaft 
durch Besatzungen, 7000 Mann zu Fuß und 1000 Berittene. 1 ) 

Man weiß, daß der römische Feldherr auf große Er- 
oberungen sann. Bei seinem Zuge durch Westmesopotamien 
ist er keinem nachdrücklichen Widerstände begegnet, offenbar 
hatten die Parther noch keine größeren Truppenmengen 
versammelt. Man wird fragen, weswegen Crassus die Gunst 
der Umstände nicht besser nutzte, warum er nicht entweder 
den Euphrat entlang nach Babylonien vorgestoßen ist oder 
versucht hat, auf einem west-östlichen Wege, etwa über 
Nisibis oder Amida den Tigris zu erreichen. Unsere Quellen- 
schriftsteller, Plutarch und Dio Cassius, zeihen den General 
einer schweren Unterlassungssünde 2 ), wir werden uns aber 
hüten müssen, ihren Wahrspruch unbesehen hinzunehmen, 
da Livius, dem beide an dieser Stelle wahrscheinlich gefolgt 



a ) Plutarch, Crassus 17. 

2 ) Plutarch, Crassus 17. — Dio 40, 13. 

16* 



240 Francis Smith, 

sind, angesichts der Katastrophe von Carrhä cum ira et 
studio geurteilt haben mag. 1 ) Manfrin glaubt, Crassus' 
Verhalten könne dadurch hinreichend erklärt werden, daß 
er Bundesgenossen werben und jenseits des Euphrat eine 
gesicherte Operationsbasis für den nächstjährigen Feldzug 
vorbereiten mußte. 2 ) Dagegen meint Ferrero, Crassus habe 
beabsichtigt, die Parther zu einem Vormarsch an die syrischen 
Grenzen zu verlocken, um die entscheidende Schlacht in der 
Nähe seiner Operationsbasis schlagen zu können. Zum 
wenigsten dieser Plan sei ihm geglückt. 3 ) Schließlich behaup- 
tet Regling, der erste Feldzug habe nur einem aufklärenden 
Zwecke dienen können. Es kam darauf an, die Soldaten an 
das Klima und die Kampfweise des Feindes zu gewöhnen, 
die einheimischen Fürsten der Sache Roms zu gewinnen und 
für den nächsten Feldzug sich eine Rückendeckung zu schaf- 
fen. Vor dem Herbst hätten die Römer Babylon nicht er- 
reichen können, und je mehr sie sich den arsacidischen 
Kernlanden genähert hätten, desto geringer wäre die Aus- 
sicht gewesen, auf einen ungerüsteten Gegner zu treffen. 
Anderseits bot die Winterruhe die Möglichkeit, durch Aus- 
hebungen jene Lücken im römischen Heere zu füllen, die 
durch das Zurücklassen von Besatzungen in Westmesopo- 
tamien entstanden waren. 4 ) 

Mir scheint, daß diese Rechtfertigungsversuche doch nicht 
ganz zum Ziele führen. Durch die Okkupation Osrhoenes 
war nicht allzuviel gewonnen, und durch die notwendige 
Sicherung des neugewonnenen Landes wurden wertvolle 
Kräfte gefesselt. Die von Crassus getroffenen Maßnahmen 
entsprechen, so wie sie von Manfrin und Regling gedeutet 
werden, mehr einem Unternehmen mit beschränktem stra- 
tegischen Ziel als einem großzügigen Eroberungsplane. 
Die übertriebene Sorge um eine gesicherte Rückzugsstraße 
und die aus ihr resultierende Zersplitterung der Streitkräfte 
wäre das Kennzeichen eines Manöverstrategen und nicht eines 
Mannes, der das Partherreich zertrümmern wollte. Man wird 



x ) Regling, De belli Parthici Crassiani fontibus p. 15 u. 28. 

2 ) La cavalleria dei Parthi p. 70—72. 

3 ) Größe und Niedergang Roms II, S. 109, 110. 

4 ) Regling, Crassus' Partherkrieg, Klio VII, S. 368. 



Die Schlacht bei Carrhä. 241 

deshalb wohl annehmen dürfen, daß Crassus beabsichtigte, 
einen Teil der mesopotamischen Garnisonen bei der auf das 
nächste Jahr verschobenen Offensive im Vormarsche an 
sich zu ziehen. Der von Ferrero dem römischen Feldherrn 
untergeschobene Plan, die Parther zu einem Kampf in der an 
Syrien stoßenden Landschaft zu veranlassen, ist wenig ein- 
leuchtend. Denn es versteht sich doch von selbst, daß das 
parthische Reiterheer einem Gegner, dessen Marschgeschwin- 
digkeit durch große Infanteriemassen bestimmt war, sich 
nach Belieben entziehen konnte. Crassus war der Angreifer 
und mußte den Parthern, falls sie ihm nicht an den Grenzen 
standhalten wollten, bis in das Herz ihrer Monarchie folgen. 
Der Prokonsul konnte nur dann auf einen Entscheidungs- 
kampf in den Vorlanden seiner Provinz zählen, wenn der 
Gegner sich zu diesem stark genug fühlte. Er mußte also, 
statt entschlossen zuzugreifen, den Parthern die Zeit zu um- 
fassenden Rüstungen lassen. 

Es gibt vielleicht eine andere Möglichkeit, Crassus zu 
entlasten. Plutarch berichtet, daß im Jahre 53 die römische 
Reiterei nach der Überschreitung des Euphrat 4000 Mann 
zählte. 1 ) Der Imperator wird damit gerechnet haben, we- 
nigstens einen Teil der im Vorjahre zum Schutze West- 
mesopotamiens zurückgelassenen Berittenen als Verstär- 
kung benutzen zu können. Selbst wenn dieses gelang, war 
er dem Gegner in der für den Orient bedeutungsvollsten Waffe 
kaum gewachsen. Es ist ausgeschlossen, daß Crassus im 
voraufgehenden Sommer auch nur 4000 Reiter zur Verfügung 
gehabt hat. Erst in den Winterquartieren stieß sein Sohn 
mit 1000 auserwählten gallischen Reitern zu ihm. 2 ) Außerdem 
mußten ihm Fürsten und Völker des Ostens Zuzug leisten, 
sie wurden aber auffallenderweise gegen Geldzahlungen 
von dieser Pflicht entbunden. 3 ) Regling meint, die Aus- 
hebungen seien bestimmt gewesen, die durch die Okkupation 
Osrhoenes entstandenen Lücken des Feldheeres auszufüllen. 
Aus der Darstellung der Ereignisse des Jahres 53 ergibt sich, 
wie ich noch näher auszuführen haben werde, daß Crassus 

*) Crassus, 20. 

2 ) Plutarch, Crassus 17. 

3 ) Plutarch, Crassus 17. 



242 Francis Smith, 

in der Schlacht von Carrhä höchstens über 56 Kohorten ver- 
fügte, während seine 7 Legionen 70 Kohorten gezählt haben 
müßten. Der erste Feldzug wird keine sehr erheblichen 
Opfer gekostet haben, der Ausfall von 14 Kohorten erklärt 
sich daher aus der Zurücklassung von Garnisonen in Meso- 
potamien. Crassus hat im Winter offenbar keine neuen 
Legionen aufgestellt und sich bestenfalls darauf beschränkt, 
die Effektivstärke der einzelnen Kohorten zu erhöhen. 
Wenn wir erwägen, daß die Stärke der Orientalen mit nichten 
in dem schweren Fußvolk bestand, so drängt sich die Ver- 
mutung auf, daß die neuen Aufgebote der Römer im wesent- 
lichen aus Reitern und Leichtbewaffneten bestanden und 
der Ersatz für die Legionen, weil er minderwertig oder 
unter den gegebenen Umständen überflüssig war, gegen eine 
Geldentschädigung zum Teil verabschiedet wurde. Von den 
Bundesgenossen sind uns nur die bekannt, die Rom nachmals 
die Treue gebrochen haben, der Araber Alchandonius und 
der König von Edessa, Abgarus II Ariamnes. Regling 
macht es wahrscheinlich, daß etwa 1900 Reiter von den 4000, 
die Crassus im Jahre 53 über den Euphrat begleiteten, aus 
der syrischen Provinz und den Nachbarlanden stammten 
und z. T. erst während des Winters zur Heeresfolge ver- 
pflichtet wurden. 1 ) Ziehen wir von den 4000 Reitern des 
Carrhäer Feldzuges die 1000 Gallier des jüngeren Crassus 
und an frischen Zuzügen Einheimischer weitere 1000 Mann 
ab, so ergeben sich unter Einrechnung der im Jahre 54 
auf die mesopotamischen Garnisonen verteilten Berittenen 
etwa 3000 Mann als die ursprünglich verfügbare römische 
Kavalleriemasse. Mich will bedünken, daß aus diesen Ver- 
hältnissen die auffällige Zurückhaltung des Crassus während 
seines ersten Feldzuges erklärt werden darf. Er empfand, 
wie unzureichend seine Reiterei war, und beschloß deshalb, 
Verstärkungen, namentlich den Sohn, abzuwarten und in- 
zwischen die Legionen, damit sie nicht in Trägheit verfielen, 
nach Möglichkeit zu beschäftigen. 

Der Imperator rechnete mit einer bedeutenden Unter- 
stützung des Königs Artavasdes von Armenien. Der be- 



l ) Regung, Klio VII, S. 373. 



Die Schlacht bei Carrhä. 243 

freundete Fürst soll mit 6000 Reitern im Winterlager des 
Crassus erschienen sein und ihm für den Fall, daß die Römer 
durch Armenien gegen die Parther vorgingen, weitere 10000 
Panzerreiter und 30000 Mann Fußvolk versprochen haben. 
Als Crassus die nördliche Marschroute ablehnte, verließen 
ihn die Armenier. 1 ) Die mitgeteilten Zahlen sind phantastisch. 
16000 Reiter sind, selbst an modernen Verhältnissen gemessen, 
eine gewaltige Streitmacht. Wie viel mehr im Altertum! 
Alexander d. Gr. brach mit einem Heere von 37000 Mann, 
unter denen sich nur 5000 Reiter befanden, zur Eroberung 
Asiens auf, und es ist ihm gelungen, das Perserreich zu zer- 
trümmern, trotzdem seine Kavallerie auch in der entschei- 
denden Schlacht von Gaugamela nicht stärker als 7000 Mann 
war. 2 ) In den Diadochenkriegen verfügen die Generale nur 
ausnahmsweise über mehr als 10000 Reiter. 3 ) Es scheint 
ausgeschlossen, daß das dürftige armenische Bergland im- 
stande war, 16000 Berittene aufzubringen. Von den 30000 
Fußknechten wird man am besten vollkommen schweigen. 
Die Nachricht Plutarchs, daß sich Artavasdes zu einer per- 
sönlichen Unterredung bei Crassus einfand, mag zutreffen, 
desto weniger Glauben verdient aber die Behauptung, der 
Fürst habe eine Leibwache von mehreren tausend Mann 
nach Syrien geführt. Da Artavasdes entschlossen war, 
nach Armenien zurückzukehren, ist es einfach unerfindlich, 
warum er sich von einer so großen Reitermasse begleiten 
lassen sollte. Wären 6000 Armenier in Syrien erschienen 
und dann wieder abgezogen, dann hätten die Römer auf eine 
Unterstützung durch Artavasdes nicht weiter rechnen dürfen; 
Crassus hoffte aber auf den Beistand des Armeniers noch 
bei Eröffnung des Feldzuges im Schicksalsjahre 53. 4 ) 

Ende April überschritt Crassus bei Zeugma den Euphrat. 5 ) 
Er verfügte über 7 Legionen, etwa 4000 Reiter und die gleiche 

x ) Plutarch, Crassus 19. 

2 ) Delbrück a. a. O. I 2 , S. 176. 

3 ) Delbrück I 2 , S. 234. 

4 ) Jenseits des Euphrat empfing Crassus die Kunde, daß König 
Orodes den Artavasdes angegriffen und es diesem unmöglich gemacht 
habe, das versprochene Hilfskontingent den Römern zuzuschicken; 
Plutarch 1. c. 22. 

5 ) Regung, Klio VII, S. 374. 



244 Francis Smith, 

Zahl Leichtbewaffneter. 1 ) Sein Marschziel soll Seleucia ge- 
wesen sein 2 ), es ist deshalb anzunehmen, daß er den Euphrat 
abwärts ziehen wollte. Viele moderne Forscher sind zwar der 
Ansicht, daß die Römer sofort eine östliche oder südöst- 
liche Richtung einschlugen, Regling hat aber darauf auf- 
merksam gemacht, daß sich Crassus nach Plutarchs ausdrück- 
lichem Zeugnis zunächst an das Ostufer des Euphrat hielt. 
So sei er bis über Oscherije hinaus gelangt und habe sich dann 
erst zum Linksabmarsch entschlossen. 3 ) 

Es erhebt sich die Frage, weswegen Crassus von seinem 
ersten Vorhaben abließ. Wahrscheinlich sind den Römern 
der Umfang der parthischen Rüstungen und der parthische 
Kriegsplan bis zum Augenblick des Linksabmarsches nicht 
einmal in großen Zügen bekannt geworden, namentlich der 
Entschluß des Großkönigs, seine Truppen zu teilen, an der 
Spitze des einen Heeres persönlich in Armenien einzubrechen 
und das dem Surenas unterstellte zweite Heer gegen Crassus 
kämpfen zu lassen. Plutarch berichtet, römische Kund- 
schafter hätten gemeldet, daß aus vielen Pferdespuren 
auf ein im Rückzug befindliches Reiterheer geschlossen wer- 
den könne. Trotzdem sei der Quaestor Cassius der Ansicht 
gewesen, der Prokonsul solle in einer der besetzten Städte 
sichere Nachrichten abwarten, zum mindesten aber beim 
Vormarsch sich an den Euphratlauf halten. Der tückische 
Ariamnes habe nun dem Crassus zum Linksmarsch geraten, 
um den Surenas und seinen Unterfeldherrn Silaces zu stellen, 
ehe König Orodes seine gesamte Macht vereinigen könne. 
Ariamnes handelte angeblich im Auftrage der Parther, die 
den römischen Feldherrn vom Fluß und dem Hügellande 
fortlocken und womöglich in der wüsten Ebene umzingeln 
wollten. Crassus sei in die Falle gegangen und dem Ariamnes 
auf einem äußerst beschwerlichen Wüstenwege gefolgt. 
Unterdessen trafen Gesandte des Artavasdes mit der Nach- 
richt ein, ihr Heer könne die Römer nicht unterstützen, 
da er im eigenen Lande vom König Orodes bedrängt werde. 4 ) 



x ) Plutarch I. c. 20. 

2 ) Dio 40, 20. 

3 ) Vgl. Regling, Klio VII, S. 376. 
*) Plutarch 1. c. 20—22. 



Die Schlacht bei Carrhä. 245 

Die griechisch-römische Überlieferung ist darin einig, 
daß die Hauptschuld am unglücklichen Ausgang des Parther- 
krieges den König Abgarus II. Ariamnes von Osrhoene, trifft. 
Ich sehe keine Veranlassung, den Abfall des Fürsten kurz 
vor der Schlacht zu bezweifeln. Damit ist aber noch nicht 
gesagt, daß Abgar durch einen schlimmen Ratschlag Crassus 
in sein Verderben lockte, vielmehr scheint mir die Flucht des 
Osrhoeners den Quellschriftstellern einen Vorwand gegeben 
zu haben, den Barbaren höchst abscheulicher Dinge zu be- 
zichtigen. Der Wüstenmarsch unmittelbar vor der Schlacht 
war kurz. 1 ) Er hat die Römer gewiß mitgenommen, aber 
auch auf dem Wege den Euphrat entlang hätten sie unter den 
klimatischen Einflüssen gelitten, und zudem ist die entschei- 
dende Schlacht keineswegs infolge der Ermattung der Truppen 
verloren gegangen. Die Parther sollen den Kampf in der 
Ebene gewünscht haben, und soviel ist gewiß, daß ein Ge- 
birgsland ihnen hinderlich gewesen wäre. Der Freiherr von 
Oppenheim, der oberhalb Meskene das linke Euphratufer 
betrat und eine Strecke aufwärts verfolgte, nennt das durch- 
gezogene Gebiet ausnehmend fruchtbar. 2 ) Ob die das Flußtal 
von Zeugma bis Meskene umsäumenden Höhenzüge eine 
Verwendung der parthischen Reiterei wirklich ausschlössen, 
muß ich, da mir die Gegend nicht durch Augenschein be- 
kannt ist, dahingestellt sein lassen. Wenn der Talweg bei 
Meskene für einen Überfall nicht in Betracht kommen sollte, 
so wäre vielleicht in der Gegend westlich von Nicephorium 
eine für die iranischen Bogner günstige Örtlichkeit zu finden 
gewesen. Übrigens möchte ich nicht unerwähnt lassen, 
daß am Schlachttage die Hügel und das Gehölz zur Rechten 
des Beiich den Aufmarsch der Parther nicht etwa behinderten, 
sondern erleichterten. 3 ) Darf man es bei dieser Sachlage für 
ausgemacht halten, daß die Parther aus den angeblichen 

x ) Das Gebiet zwischen Euphrat und Beiich hat im allgemeinen 
Steppencharakter, wie mir ein Kenner des Landes berichtet. Nach 
den Beobachtungen Sachaus muß man freilich annehmen, daß west- 
lich vom Beiich ein — wenn auch schmaler — Wüstengürtel vorhan- 
den ist; vgl. Regling, Küo I, S. 468, 469 u. VII, S. 380. 

2 ) Zeitschrift d. Gesellschaft f. Erdkunde zu Berlin, XXXVI 
(1901), S. 82. 

3 ) Dio 40, 21. 



246 Francis Smith, 

Machenschaften Abgars einen entscheidenden Gewinn zogen ? 
Ich vermag nicht, meine Zweifel zu unterdrücken. Die Gründe, 
die der Verräter bei Crassus für einen Linksmarsch geltend 
gemacht haben soll, hätten den Prokonsul schwerlich über- 
zeugt: Der Surenas befinde sich mit großer Beute im Rück- 
zuge, und es sei zu besorgen, daß Orodes seine Heerscharen 
konzentriere. 1 ) Nun hatte Crassus, als er aus den Winter- 
quartieren aufbrach, bereits die Meldung erhaben, daß die 
mesopotamischen Garnisonen, unter denen wir namentlich 
die am Beiich verstehen müssen, von den Parthern bedrängt 
würden. 2 ) Die detachierten Truppen, besonders die Reiter, 
waren für eine großzügige Offensive kaum zu entbehren. Da 
der Imperator trotzdem nicht sogleich zum Beiich vorrückte, 
sondern zunächst dem Euphratlauf folgte, kann er nicht gut 
der Meinung gewesen sein, daß die gesamte oder auch nur 
eine sehr bedeutende Streitmacht der Parther in seiner linken 
Flanke stehe. Er mochte hoffen, daß ein armenisches Hilfs- 
korps genügen werde, die festen Plätze am Beiich zu ent- 
setzen, daß es sich mit den dort zurückgelassenen römischen 
Truppen vereinigen und ihn dann etwa bei Nicephorium 
treffen werde. Wenn ihm in der Folge Abgarus vorstellte, 
der Surenas ziehe sich zurück und könne womöglich den An- 
schluß an König Orodes gewinnen, so brachte er eigentlich 
nur Dinge vor, mit deren Eintreten Crassus schon vor dem 
Euphratübergang gerechnet haben muß und die ihn doch nicht 
daran gehindert haben, zunächst Babylonien als Marschziel 
ins Auge zu fassen. 

Weit mehr ins Gewicht fiel die Unglücksbotschaft, 
die von König Artavasdes eintraf. Crassus durfte nicht länger 
hoffen, daß ihn bei einem Vormarsch in südöstlicher Richtung 
ein armenisches Reiterkorps unterstützen werde. Angesichts 
der Schwäche der römischen Reiterei war dieser Ausfall sehr 
empfindlich, um so mehr als der Surenas die Belichfesten 
blockiert hielt und nunmehr jede Aussicht geschwunden war, 
daß die dort liegenden römischen Mannschaften am Euphrat 
den Anschluß an das Hauptheer gewannen. Wollte Crassus 
diese Truppen an sich ziehen, so mußte er sogleich den 

!) Plutarch L c 21. 
2 ) Plutarch 1. c. 18. 



Die Schlacht bei Carrhä. 247 

Linksabmarsch zum Beiich anordnen, falls er ihn etwa noch 
nicht begonnen hatte. Plutarch behauptet keineswegs aus- 
drücklich, daß die armenischen Gesandten erst in der Wüste 
bei dem römischen Feldherrn anlangten. 1 ) Erwägen wir nun, 
wie unwahrscheinlich es ist, daß die Römer auf Anstiften 
Abgars die Richtung zum Beiich einschlugen, so wird man 
zugeben, die Botschaft des Artavasdes könne den Entschluß 
zur Linksschwenkung bei Crassus gezeitigt haben. 

Regling hat nachgewiesen, daß Crassus, sobald er den 
Beiich zwischen Carrhä und Ichnä erreicht hatte, nach 
Süden abbog. 2 ) Die von Regling beigebrachte Erklärung 
dieser Maßnahme scheint mir jedoch einigen Zweifeln Raum 
zu geben. Es ist richtig, daß der Feind südlich von dem 
Punkte stand, an dem die Römer den Fluß erreichten. 
Dieser Umstand genügt vollauf, um die Rechtsschwenkung 
der Römer zu erklären, Regling glaubt aber noch einen zweiten 
Grund gefunden zu haben. Crassus soll willens gewesen sein, 
den Beiich entlang zum Euphrat vorzudringen und dann den 
Marsch nach Babylonien wieder aufzunehmen. In den Quellen 
findet sich kein ausdrückliches Zeugnis für diese Ansicht. 
Falls Crassus in der bevorstehenden Schlacht Sieger blieb, 
so war seine nächste Aufgabe, die römischen Garnison- 
truppen, soweit diese noch nicht zu der prokonsularischen 
Streitmacht gestossen waren, heranzuziehen. Er konnte 
alsdann entweder über Nicephorium gegen Seleucia und 
Ktesiphon ziehen, oder er konnte den Beiich überschreiten, 
um im Tigrisgebiet dem Artavasdes die Hand zu bieten. 
Was Crassus gegebenenfalls getan haben würde, ist nicht 
mit Sicherheit zu sagen; die Aussicht, seine Kavallerie durch 
armenischen Zuzug zu verstärken, spricht jedoch für den 
zweiten Weg. 

Die Schlacht bei Carrhä wurde am 6. jul. Mai geschlagen. 
An diesem Tage näherte sich das römische Heer nach einem 
beschwerlichen Wüstenmarsche dem fruchtbaren Belichtale. 
Der treulose Abgar von Edessa hielt es nunmehr für geraten, 
sich von den Römern zu trennen. Unter dem Vorgeben, 

1 ) CraSSUS 22, 2: snel 8e xai *A(naovä<jdov tov ^Aqfieviov itaqr^aav 
ayye/.oi. 

2 ) Klio VII, S. 381 u. 384. 



248 Francis Smith, 

er wolle die Parther in Verwirrung setzen, machte er sich aus 
dem Staube. 1 ) Die Vermutung liegt nahe, daß durch seinen 
Abfall die Zahl von 4000 römischen Reitern sich um ein be- 
trächtliches verminderte, es ist aber immerhin möglich, daß 
Abgar erst nach dem Euphratübergang zu Crassus gestoßen 
ist und seine Leute in die genannte Zahl nicht eingerechnet 
sind. Die römische Reiterei zog an der Spitze, das Fußvolk 
folgte in beschleunigtem Marsche. Noch bevor man den Be- 
iich erreichte, trafen die vom Feldherrn ausgesandten Kund- 
schafter mit der Meldung ein, daß der Feind ihnen schwere 
Verluste beigebracht habe und nunmehr seine zahlreichen 
Scharen im Anzüge seien. 

Als Crassus dieses vernahm, soll er, wie Plutarch erzählt, 
hintereinander zwei Manöver ausgeführt haben, die für die 
Erkenntnis des Schlachtverlaufes von der größten Wichtig- 
keit sind. Zunächst mußte sich das Heer in einer dünnen 
Linie soweit als möglich in der Ebene ausbreiten, um eine 
Umzingelung zu verhüten; die Reiterei kam auf die Flügel. 
Hernach änderte Crassus seinen Plan, zog dieTruppen wieder 
zusammen und formierte ein Viereck, das nach allen Richtun- 
gen Front machte oder machen konnte {af.upiaTOf.iov nliv&iov). 
Die Seiten dieses Karrees bestanden aus je 12 Kohorten, 
und neben jeder Kohorte marschierte ein Reitergeschwader 
auf. Plutarch teilt des weiteren mit, daß Cassius und der 
jüngere Crassus mit der Führung der Flügel betraut wurden, 
während der Oberfeldherr im Zentrum Aufstellung nahm. 
In der geschilderten Formation gelangte man an den Beiich, 
und hier rieten die meisten Offiziere, man solle ein Lager auf- 
schlagen und erst am nächsten Tage, nachdem man Genaueres 
erfahren habe, den Marsch fortsetzen. Crassus gönnte aber 
den Soldaten nur eine kurze Rast, um in Reih und Glied 
ein notdürftiges Mahl einzunehmen, und führte sie dann 
in schnellem Tempo vor, bis man des Feindes ansichtig 
wurde. 2 ) 

Diese Schilderung der dem Kampfe unmittelbar vorauf- 
gehenden Ereignisse ist zum Unglück, so wie sie vorliegt, 

x ) Plutarch I. c. 22. Abweichende Darstellung bei Dio 40, 21 u. 
23. Sie verdient keinen Glauben; Regling, Klio VII, S. 380, A. 7. 
2 ) Plutarch 1. c. 23. 



Die Schlacht bei Carrhä. 249 

nicht zu gebrauchen. Sie strotzt von Widersprüchen und 
unmöglichen Angaben. Trotzdem lohnt sich der Versuch, 
das von einer plumpen Hand arg entstellte Bild von der 
Übermalung nach Möglichkeit zu befreien. 

Am Beiich sollen viele Offiziere geraten haben, ein Lager 
aufzuschlagen und genauere Nachrichten vom Feinde ein- 
zuziehen. Da das Aufschlagen eines großen Lagers mehrere 
Stunden in Anspruch nahm und da ein feindlicher Angriff 
während des Schanzens Verlegenheiten bereiten konnte, 
so werden die Römer bei ihrem Eintreffen am Beiich schwer- 
lich geglaubt haben, daß die Parther in allernächster Nähe 
seien. Daraus ist zu schließen, daß der von Crassus nach der 
Rückkehr seiner Kundschafter angeordnete Aufmarsch in 
breiter Front und die spätere Bildung eines Vierecks keines- 
wegs bestimmt waren, das Heer zu sofortigem Gefecht 
bereitzustellen, vielmehr handelte es sich um Änderungen der 
Marschformation. Die Römer zogen wahrscheinlich in ein- 
facher Zenturienkolonne mit vereinigtem Gepäck durch die 
Wüste 1 ), die Reiterei bildete den Vortrab, dann folgte das 
Gros der Legionen, auf dieses der gesamte Troß und den Be- 
schluß bildete ein Nachtrab. Der Aufmarsch aus einer tiefen 
Zenturienkolonne in eine langgestreckte Linie kann von einem 
größeren Heere nur nach Ablauf mehrerer Stunden voll- 
endet werden. Es ist deshalb die Frage, ob Crassus nach 
Vollendung dieses Manövers noch die Zeit gefunden hat, 
am Morgen, denn am Nachmittage fand die Schlacht statt, 
und vor dem Eintreffen am Beiich die in breiter Front auf- 
marschierten Truppen zu einem agmen quadratum zusammen- 
zufassen. Plutarch ist der Ansicht, daß sein aus Fußvolk 
und Reiterei kunstvoll kombiniertes Viereck tatsächlich 
noch im Vormarsch gebildet worden ist, läßt sich aber da- 
durch nicht abhalten, hernach von zwei Flügeln zu sprechen. 
Selbst ein sich vorbewegendes Karree hat, streng genommen, 
keine Flügel, und wollten wir auch diesen Ausdruck hinneh- 
men, so müßten wir uns doch daran stoßen, daß Plutarch 
nur drei Abteilungsführer, Cassius und die beiden Crassus, 



x ) Vgl. Rüstow, Heerwesen und Kriegführung C. Julius Cäsars, 
2. Aufl., S. 99. 



250 Francis Smith, 

und nicht vier, für jede Seite des Vierecks einen, nennt. 
Noch befremdlicher ist die Behauptung, daß jenes ungefüge 
Karree nach der Rast am Beiich in schnellem Tempo dem 
Feinde entgegengerückt sei. Die stärkste Rechtfertigung 
finden unsere Bedenken, durch einen entscheidenden Vor- 
gang in der nachfolgenden Schlacht. Der jüngere Crassus, 
dessen Flügel bereits im Rücken bedroht ist, erhält den Be- 
fehl, er solle sich durch einen Angriff Luft schaffen und stürmt 
mit 1300 Reitern, 500 Bogenschützen und den nächststehen- 
den 8 Kohorten gegen die Parther vor. 1 ) Wäre das Viereck 
vollendet gewesen, so hätte diese Bewegung die ganze Auf- 
stellung zerrissen. Namentlich ist die Motivierung des An- 
griffs insofern verfehlt, als die Seiten eines Karrees, das nach 
rechts und links, nach vorn und hinten Front macht, nicht 
im Rücken gefaßt werden können. 1300 Reiter bildeten den 
dritten und nicht den vierten Teil der gesamten Kavallerie- 
masse und entsprachen offenbar der Kommandoverteilung. 
Wenn der jüngere Crassus 1300 Reiter führte, so verfügten 
sein Vater und Cassius nach aller Wahrscheinlichkeit jeder 
über annähernd die gleiche Anzahl Berittener. 

Die notwendige Schlußfolgerung liegt auf der Hand. 
Im Augenblick des Zusammenstoßes war das Heer, vom Nach- 
trab abgesehen, in drei aus Kavallerie und Fußvolk zusam- 
mengesetzte Hauptgruppen geteilt. Das Viereck hatte man 
noch nicht zustande gebracht. Dieses Viereck soll aus 
4X12 Kohorten bestanden haben. Da der jüngere Crassus 
mit allen ihm folgenden Truppen zugrunde ging, versteht 
es sich von selbst, daß seine 8 Kohorten nicht in dem großen 
Karree aufmarschieren konnten und den 48 Kohorten, 
aus denen es gebildet wurde, nicht beigezählt werden dürfen. 

Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich ein wert- 
voller Anhaltspunkt für die Feststellung der römischen Heeres- 
stärke. Crassus verfügte am Beiich neben 4000 Reitern und 
4000 Leichtbewaffneten über 48 + 8 = 56 Kohorten oder 
7 Legionen. Eine normale Legion hat 10 Kohorten, die des 

*) Plutarch 1. C. 25: Kodaaos rftvfiei xal oxoneiv exelevep dyyilon 
jie/i%fjas Tiobs top vlbv, oticus nooafiX^ai ßiaasrai roli ivaviiois Tiolv rj xv- 
xkeod'TJva.t. fiäXiara ydo exeivcp 7iooai7ti7irov xal TteoUnnevov ro Tiegas &» 
xarä vcuxov yepijaofispoi. 



Die Schlacht bei Carrhä. 251 

Crassus zählten nur 8. Der Ausfall von 14 Kohorten erklärt 
sich aus der vorjährigen Abzweigung von 7000 Mann. Die 
in Mesopotamien zurückgelassenen Bataillone waren also 
500 Mann stark, und die bei Carrhä fechtenden werden an- 
nähernd die gleiche Kopfzahl gehabt haben. Das für die 
Schlacht verfügbare schwere Fußvolk bezifferte sich mithin 
auf 56 X 500 = 28000 Legionare. Rechnen wir die Reiter 
und die Leichten hinzu, so erhalten wir eine Gesamtmacht 
von 36000 Kombattanten. Außerdem muß dem Heere ein 
bedeutender Troß gefolgt sein. Die Stärke der Berittenen 
verhielt sich zu der des Fußvolks wie 1:8. Eine keineswegs 
günstige Relation. 1 ) 

Regling hat nachgewiesen, daß der jüngere Crassus den 
rechten Flügel führte. Da nämlich die Römer am Beiich 
eine Rechtsschwenkung ausführten und dem Feinde nach 
Süden entgegenrückten, bot der Fluß ihrer linken Flanke eine 
gewisse Seitendeckung. Die Parther mußten versuchen, 
nach Westen ausgreifend den Gegner zu umfassen. Ihr erster 
Stoß traf den Sohn des Prokonsuls, mithin hat dieser auf dem 
rechten Flügel befehligt. Das Kommando war ihm über- 
tragen worden, noch bevor man den Beiich erreichte. Dort 
mußte die Marschrichtung geändert werden. Ein Viereck 
(agmen quadratum) hätte einfach rechtsum gemacht, und dabei 
wären die Abteilungen, die bisher in der rechten Flanke den 
Troß deckten, zu Frontabteilungen geworden. Der jüngere 
Crassus konnte also unmöglich einen ,, Flügel" des Karrees 
sowohl vor dem Eintreffen am Beiich als nach der Richtungs- 
änderung führen. Dieses Argument steht mit den Aussagen 
Plutarchs im Widerspruch, die Schwierigkeiten verschwinden 
aber, sobald man den Gedanken fahren läßt, daß die Römer 
vor der Schlacht ein Viereck zustande brachten. 



a ) Im Vorjahre hat Crassus sieben vollzählige Legionen von 
5000 Mann, insgesamt 35000 Legionare, daneben, wie wir sahen, etwa 
3000 Reiter ins Feld geführt. Da ein Teil der 4000 Leichten des Jah- 
res 53 wahrscheinlich erst im Winter für den römischen Dienst ge- 
wonnen wurde, so muß ihre Zahl im Jahre 54 um ein beträchtliches 
geringer gewesen sein. So mag das römische Heer im ersten Feld- 
zuge auf praeter propter 40000 Mann sich belaufen haben. Die Stärke- 
relation der Reiterei zum Fußvolk war noch ungünstiger als im zweiten 
Feldzug, nämlich 1 : 12. 



252 Francis Smith, 

Ich stelle mir vor, der römische Anmarsch sei etwa fol- 
gendermaßen bewerkstelligt worden. Als Crassus am Morgen 
die Meldung erhielt, der Feind sei im Anzüge, entschloß er 
sich, eine langgestreckte Linie zu bilden. Zu diesem Behufe 
zog er aus dem Gros nach rechts und links Flügelkolonnen 
heraus, die Cassius und dem jüngeren Crassus unterstellt 
wurden. Zwei Dritteile des Vortrabs, insgesamt 2600 Reiter 
wurden auf die Flügel beordert, der Rest mußte vor der Front 
aufklären. Während der Troß und der als Reserve gedachte 
Nachtrab möglichst aufschlössen, vollzogen die drei Ko- 
lonnen des Gros — jede für sich — den Aufmarsch zur Linie. 
Es ist möglich, daß dieses zeitraubende Manöver nicht ganz 
zu Ende geführt worden ist. Crassus änderte nämlich seinen 
Plan und befahl, ein Karree zu formieren. Das vor dem Troß 
marschierende Zentrum, die beiden Flügel und der Nachtrab 
sollten je eine Seite des Vierecks einnehmen. Inzwischen 
hatte man sich dem Beiich genähert, und das ganze Heer 
mußte nach rechts abbiegen. Vielleicht ist es eben dieser 
Umstand gewesen, der Crassus zur zweiten Änderung der 
Marschformation bestimmte. Die am weitesten nach Süden 
hinausgeschobene rechte Flügelgruppe blieb stehen und 
übernahm die Sicherung gegen den Feind, alle anderen Trup- 
pen rückten weiter gegen den Fluß vor, um etwas später die 
Front zu ändern und sich zur Linken des jungen Crassus auf- 
zubauen. Noch ehe dieses Manöver durchgeführt und ein 
Viereck gebildet worden war, gab Crassus dem rechten Flügel, 
auf dem die kurze Mittagsrast zur Speisung der Mannschaften 
verwandt worden war, Befehl, schleunigst vorzurücken. 
Er bot dadurch den Parthern Gelegenheit zu einer Umfassung 
oder Umzingelung der exponierten rechten Heeresgruppe. 

Von Crassus' Gegner, dem Surenas, bemerkt Plutarch, 
daß ihn 1000 Panzerreiter (Kataphrakten) und noch mehr 
Leichtbewaffnete zu Pferde auf seinen Zügen begleiteten 
und daß er alles in allem über 1000 berittene Dienstleute 
verfügte. 1 ) Insofern unser Gewährsmann das gewöhnliche 
Gefolge des Surenas im Auge hat, verdienen seine Angaben 
keinen größeren Glauben als so viele andere übertriebene 
Schätzungen orientalischer Aufgebote. Da aber die Stärke 

x ) Crassus 21. 






Die Schlacht bei Carrhä. 253 

der bei Carrhä fechtenden Parther nicht überliefert ist, 
könnte man versucht sein, die soeben mitgeteilten Zahlen 
auf die ganze dem Crassus entgegenrückende arsacidische 
Streitmacht zu beziehen. Wir wissen, daß der Surenas nur 
Berittene ins Feld führte, wissen, daß sich in seinem Heere 
neben den Bogenschützen auch Lanzenreiter befanden. 1 ) 
Die Möglichkeit, daß eine Vorlage Plutarchs die genannten 
Zahlen von dem gegen die Römer ausgesandten Parther- 
heere verstanden sehen wollte, ist nur sehr gering, man wird 
aber zugeben müssen, daß der Surenas mit einer geringeren 
Streitmacht gegen Crassus wenig hätte ausrichten können. 
Verfügte doch der Prokonsul über 4000 Reiter und 4000 
Leichte, unter denen sich zahlreiche Bogner befanden. 2 ) 
Der Surenas hielt seine Streitkräfte möglichst lange 
in dem hügeligen und mit Bäumen bewachsenen Gelände ver- 
borgen. 3 ) Das Schlachtfeld ist etwa 30 bis 35 km südlich 
von Carrhä zu suchen. 4 ) Die Berichte Plutarchs und Dios 
über die erste Phase des Gefechts weichen in wesentlichen 
Stücken voneinander ab. Nach Plutarch demaskierte der 
Parther seine Stellung noch vor dem Zusammenstoß. Er 
gedachte, mit seinen Panzerreitern die römische Vorhut 
über den Haufen zu rennen, stand aber von seinem Vorhaben 
ab, als er die feste Haltung des feindlichen Vierecks gewahrte. 6 ) 
Das wird dahin zu verstehen sein, daß der Surenas erwartete, 
über nichtsahnende Marschkolonnen herfallen zu können, 
und, da er sich hierin getäuscht sah, von einem Nahkampf 
vorläufig absah. 6 ) Der römische rechte Flügel war gefechts- 



x ) Die Lanzenreiter von den leichten Bogenreitern deutlich unter- 
schieden bei Plutarch I. c. 27 und Dio 40, 15 u. 22. 

2 ) Dem jungen Crassus folgten 500 Bogenschützen; Plutarch 
1. c. 25. — Ferrero 1. c. II, S. 115 gibt den Römern auch Schleuderer. 
Es ist nicht bezeugt, aber sehr wohl möglich, daß im Heere des Pro- 
konsuls auch diese Waffe vertreten war, jedenfalls erwies sie sich 
nicht so nützlich wie — nach der Aussage Dios 49. 20 — bei Gindarus 
(38 v. Chr.). 

3 ) Dio 40, 21. 

4 ) Regling, Klio VII, S. 382. 

5 ) Plutarch 1. c. 24. 

6 ) Kai nqcTxov uev Sievoovvzo rdis xovrols eiae/.avvovrse cd&siy xai 
ha'Zeod'cu xovs TiQoxäxrovs' cos de kcbqcov xo re ßä&os tov avvaonto [tov xai 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 17 



254 Francis Smith, 

bereit und deckte die zu seiner Linken aufmarschierenden 
Truppen gegen einen Angriff von Süden. Der Oberbefehls- 
haber der Parther ließ nunmehr seine Reiter ausschwärmen 
und die ihm entgegengesandten Leichtbewaffneten durch 
Pfeilschüsse zurückscheuchen. Die Römer sollen alsbald in 
Bedrängnis geraten sein. Als die Feinde den Flügel des 
jungen Crassus zu umfassen suchten, gab der Prokonsul 
seinem Sohne den Befehl zum Angriff. Da der Feldherr 
die Bildung eines Vierecks angeordnet hatte, war er m. E. 
auf eine Umzingelung gefaßt. Wenn er trotzdem eine größere 
Heeresgruppe, damit sie nicht im Rücken angegriffen werde, 
gegen die Parther vorschickte, so ergibt sich auch daraus, 
daß der römische Aufmarsch noch nicht beendet war. Crassus 
mag gefürchtet haben, daß der Gegner, seinen rechten Flügel 
umfassend, nicht nur diesen, sondern auch die anderen gerade 
einschwenkenden Abteilungen von hinten anfallen und alles 
in Verwirrung setzen werde.— Dio (XL21) faßt sich viel kürzer 
als Plutarch. Den anrückenden Römern zeigt sich anfänglich 
nur ein unansehnlicher parthischer Heerhaufen. Der jüngere 
Crassus läßt sich durch die trügerische Hoffnung auf einen 
leichten Erfolg verlocken, mit der Kavallerie zum Angriff 
vorzustürmen. Die fliehenden Parther ziehen ihn hinter sich 
her, bis er vom Gros weit abgekommen ist. Die römische 
Abteilung wird umzingelt und vernichtet. Mit Recht hat 
Manfrin bemerkt, daß die Nachricht vom eigenmächtigen 
Angriff des jüngeren Crassus keinen Glauben verdient. 1 ) 
Sie widerstreitet der Darstellung Plutarchs und ist mit dem, 
was wir von der römischen Disziplin wissen, unvereinbar. 
Allerdings läßt uns Dio erkennen, daß die jener Aktion des 
rechten Flügels voraufgehenden Plänkeleien nicht der von 



iwv avSqtov ro juovi/uoi' xal TrapeoTrixbg, avtjyov oniaco xrX. Ferrero 

(II, S. 115) und Regling (KHo VII, S. 383) sprechen von einem ver- 
geblichen Angriff der parthischen Lanzenträger. Es ist sehr unwahr- 
scheinlich, daß die Panzerreiter sich unterfangen haben, auf kampf- 
bereites und noch nicht erschüttertes römisches Fußvolk einzustürmen, 
und zudem geht aus dem griechischen Wortlaut keineswegs hervor, 
daß — nach Plutarchs Dafürhalten — der Angrif tatsächlich ausge- 
führt worden ist. Es fällt ins Gewicht, daß Dio 40, 21 den jüngeren 
Crassus und nicht die Parther die Schlacht eröffnen läßt. 
x ) La cavallerie dei Parthi p. 84. 



Die Schlacht bei Carrhä. 255 

Plutarch beliebten krassen Ausschmückung wert gewesen 
sind, aber alles in allem genommen, ist dessen Bericht doch 
noch weit gehaltvoller als der dionische und unentbehrlich 
für eine notdürftige Veranschaulichung der Schlacht. 

Der jüngere Crassus jagte, wie Plutarch erzählt, hinter 
den Feinden her, bis er alle Fühlung mit der römischen Haupt- 
masse verloren hatte. Die fliehenden Parther machten jetzt 
kehrt, umstellten den unbedachten General und überschütte- 
ten ihn mit ihren Geschossen. Crassus sah die Gefahr und 
versuchte, sich zum Gros durchzuschlagen. Inzwischen hatten 
ihm aber die Kataphrakten den Rückzug abgeschnitten, 
an ihrem Widerstände brach sich der Angriff der gallischen 
Reiter. Crassus zog sich mit der Kavallerie auf sein Fußvolk 
zurück und ward trotz tapferster Gegenwehr überwältigt. 1 ) 
Die Parther hatten einen großen Erfolg errungen: 1300 
Reiter, 500 Bogner und 4000 Legionare, fast ein Sechstel 
des römischen Heeres war infolge eines mißglückten takti- 
schen Manövers getötet oder gefangen. 

Während der Surenas die parthischen Reitermassen 
möglichst gegen den vordringenden rechten Flügel des 
Feindes konzentrierte, gewann der Prokonsul Zeit zur Voll- 
endung seines Aufmarsches. Er zog seine Truppen an dem 
Abhänge eines Höhenzuges zusammen und erwartete die 
Rückkehr seines Sohnes. Von dem rechten Flügel war nichts 
mehr zu sehen, aber nach einiger Zeit traf die Nachricht ein, 
daß er in schlimmster Not sei. 2 ) Crassus mußte bis zu diesem 
Augenblick an der Westfront oder irgendeiner anderen Seite 
des Vierecks eine Lücke lassen, in die seine detachierten 
Truppen bei ihrer Rückkunft einrücken konnten. Als die 
Unglücksbotschaft eintraf, war es freilich geboten, die Lücke 
zu schließen und verschiedene Truppenteile den Platz wech- 
seln zu lassen. Plutarch hat diesen Umstand nicht beachtet, 
aber aus seiner Darstellung erhellt zum wenigsten, daß kost- 
bare Zeit verloren gegangen ist. Crassus habe geschwankt, 
ob er alles aufs Spiel setzen und dem Sohne zu Hilfe eilen 
sollte oder nicht. Als er sich endlich dazu anschickte, nahten 



a ) Plutarch 1. c. 25. 
2 ) Plutarch 1. c. 26. 

17* 



256 Francis Smith, 

bereits die siegreichen Parther. Die Nachricht ist offen- 
sichtlich gefärbt. Es handelte sich für den Prokonsul nicht 
nur um das Schicksal des Sohnes, sondern auch um das seines 
rechten Flügels, um Sein und Nichtsein von 6000 Mann. 
Wir dürfen nicht bezweifeln, daß Crassus auf den ersten Not- 
schrei hin unverweilt Beistand geleistet hätte, sofern die 
Truppen marschbereit gewesen wären. Das von Plutarch 
an falscher Stelle erwähnte Karree, das an jeder Seite nur 
zwölf Kohorten nebst den ihnen beigegebenen Reitergeschwa- 
dern Raum gewährte, ist m. E. nicht eher gebildet worden, 
als bis ungünstige Nachrichten vom abgezweigten Flügel 
einliefen und es galt, in geschlossener Formation Hilfe zu 
bringen. 

Die Quellen bieten keinen Anhalt dafür, daß die römische 
Hauptmacht in dem nun folgenden Entscheidungskampf 
aus natürlichen Terrainhindernissen Vorteil zog. Nur soviel 
ist sicher, daß die Parther außerstande waren, die römische 
Verteidigungsmasse zu sprengen. Was uns Plutarch und Dio 
im einzelnen über die Angriffe der Kataphrakten und Bogen- 
reiter mitteilen, ist leider höchst verworren; für die taktischen 
Manöver der Römer zeigen sie nicht das geringste Interesse. 
Man vernimmt nichts von der Wirksamkeit oder Nutzlosig- 
keit des Pilums, und vergebens sucht man nach Auskunft, 
wie sich die Crassus noch verbliebenen 2700 Reiter und 3500 
Leichtbewaffneten verhalten haben. Manfrin bemerkt, daß 
die Partherpfeile die römischen Schutzrüstungen nicht durch- 
dringen konnten, und nach Delbrücks Ansicht können 
Bogenreiter einer geschlossenen Infanterie wenig anhaben. 1 ) 
Im Nahkampfe waren die Legionare, wie die Kriegsgeschichte 
lehrt, jedem Gegner gewachsen und sogar überlegen. Trotz- 
dem müssen die Römer schwere Verluste erlitten haben,, 
denn sonst wäre die auf dem Rückzug einreißende Demorali- 
sation kaum zu erklären. Hier liegt ein Rätsel vor, um dessen 
Lösung man sich immer wieder bemühen muß. Manfrin 
glaubt, aus einer Diostelle (XL 22,2) die Erklärung gewinnen 
zu können. Dieser Gewährsmann berichtet, das römische 



x ) La cavalleria dei Parthi p. 78f. ; Geschichte der Kriegskunst 
I 2 , S. 465. 






Die Schlacht bei Carrhä. 257 

Fußvolk habe sich nach dem Untergang des jungen Crassus 
nicht zur Flucht gewandt, sondern sei mit den Parthern hand- 
gemein geworden. Freilich hätten die Legionare nichts aus- 
gerichtet. ,,Denn drängten sie sich mit den Schildern an- 
einander, um sich durch ihre dichte Aufstellung gegen die 
feindlichen Geschoße zu schützen, so fielen die Lanzenreiter 
sie mit Gewalt an, warfen sie nieder oder zerstreuten sie zum 
wenigsten; traten sie aber auseinander, um dem auszuweichen, 
so wurden sie von den Pfeilen getroffen." 1 ) Manfrin hält 
sich nicht ängstlich an den griechischen Text, sondern bietet 
eine freie Übersetzung 2 ), die ich auf deutsch wiedergebe: 
„Die römische Infanterie ergriff keineswegs die Flucht, 
sondern kämpfte mutig gegen die Parther — wenn sie ein 
Schildkrötendach bildete, um sich gegen die Wurfgeschosse 
des Feindes zu schützen, so zersprengte sie die schwere Ka- 
vallerie, und wenn sich das erste Glied erhob, um die unge- 
stümen Reiter abzuwehren, so war es den Partherpfeilen 
ausgesetzt." Dio hat andernorts die testudo (xehüvij) genau 
beschrieben 3 ), es ist aber die Frage, ob er in dem von Manfrin 
ausgezogenen Kapitel gleichfalls von jener taktischen Auf- 
stellung spricht. Jedenfalls ist von einem Schildkrötendach 
nicht ausdrücklich die Rede, und das niederknieende und sich 
wieder erhebende erste Glied des Fußvolkes ist vom italieni- 
schen Forscher frei erfunden. Manfrin entwirft des weiteren 
ein merkwürdiges Kampfbild. 4 ) Die Kataphrakten reiten 
gegen die Kohorten an. Die parthischen Schützen halten 
sich hinter den Panzerreitern und schießen im Bogen über 
ihre Köpfe hinweg, d. h. indirekt auf die dichtgedrängten 
Feinde. Ihre Pfeile treffen nicht auf die Schilde, sondern auf 



x ) Ehe yao avvaaniaai iyvmaav [die Römer] as xal rfj Ttvxvörrjri 
T^s rci^ecos atpiov ta ToJ-ev/tara. avzcöv ixcpevt-oftevoi, tiqogtivjitovtss ocpioiv 
01 xovxoy öqoi qv/ut] tovs (<iev xaxißaXXov, tovs Ss TiävTcos yovv eaxeSavw- 
oav eire xal Siaaralsv, oticus tovto ys ixxXivoiev, £to£evovto. 

2 ) Non per questo, la fanteria romana si diede alla fuga, ma com- 
batte valorosamente contro i Parthi . . . perd se essa formava una testug- 
gine onde mettersi al coperto dei dardi nemici, la cavalleria grave la 
sbaragliava, e se per paralizzarre la furia la prima fila si alzava per 
combatterla, restava esposta alle saette dei Parthi (p. 78). 

3 ) Dio 49, 30. 

4 ) La cavalleria dei Parthi p. 80 f. 



258 Francis Smith, 

ungeschützte Körperteile, sie dringen zwischen Brust und 
Panzer, sie durchbohren auch die Füße. Alsbald sind die 
Legionare gezwungen, die Schilde emporzuhalten und eine 
testudo zu bilden, dadurch geben sie sich aber dem Angriffe 
der Kataphrakten preis. Ich glaube, daß dieses Gemälde 
nur geteilten Beifall verdient. Die Kataphrakten werden zwar 
von Plutarch ytgöraxToi genannt 1 ), es will mir aber durchaus 
nicht einleuchten, daß die parthischen Bogner über ihre 
Köpfe hinwegschossen. Die Zahl der schweren Reiter ist 
wohl beträchtlich gewesen, da sie die vom jungen Crassus 
geführten Gallier mit blutigen Köpfen zurückzuweisen ver- 
mochten, aber schwerlich wird man sich vorstellen dürfen, 
daß die Kataphrakten das römische Karree in dichter Kette 
wie mit einem eisernen Gürtel umspannten und den Bognern 
gewissermaßen die Aussicht versperrten. Solange die Panzer- 
reiter den Feind noch nicht erreicht hatten, konnten die 
Schützen aus einer seitlichen Stellung 2 ) die Römer weit 
besser unter Feuer nehmen als aus einer rückwärtigen, und, 
wenn sie in diesem Sinne verfuhren, brauchten sie außerdem 
nicht zu besorgen, daß die eigenen Leute getroffen würden. 
Waren aber die Kataphrakten mit dem römischen Fußvolk 
erst einmal aneinander geraten, so mußte das Schießen 
selbstverständlich gänzlich eingestellt werden. Trotz dieser 
Ausstellung will ich zugeben, daß Manfrins Hypothese 
einen brauchbaren Kern enthält. Angesichts der hier und 
dort auftauchenden Panzerreiter durften die römischen 
Glieder und Rotten nicht ungestraft geschlossen werden und 
noch viel weniger durfte das erste Glied niederknien. Der 
einzelne Mann mußte im Gebrauch seiner Waffen unbehin- 
dert bleiben. Für eine regelrechte testudo, wie sie etwa die 
Legionare auf dem Exerzierplatz bildeten, war kein Platz. 
Hätten sich nun die parthischen Bogenreiter auf den Kern- 
schuß beschränkt, so würden sie wenig ausgerichtet haben, 
indem sie aber ihre Pfeile teils im Kernschuß, teils im Bogen- 
schuß entsandten, mochten sie dem Gegner erheblichen Scha- 

x ) Crassus 27. 

2 ) Vgl, Plutarch 1. C. 27: ol fiev oixsjai xai nekdrcu nlayiot, neqt- 
s/Mvvovree eröt-evov, avzoi Se rols xovrols ol nootaxroi -^qoifievoi. awi- 
aisXXov eis oXiyov rois 'Pco/uaiovs- 




Die Schlacht bei Carrhä. 259 

den zufügen, da dieser nicht mehr wußte, wie er sich zu 
schützen habe und namentlich an den Ecken des Karrees 
schräg in den Nacken und Rücken getroffen werden konnte. 

Es scheint, daß die Römer von den Parthern umzin- 
gelt wurden. Wir erfahren, daß einzelne Abteilungen aus 
dem Karree hinausstürmten, aber von den Lanzenträgern 
zersprengt wurden. 1 ) Die Reste der römischen Kavallerie 
und die mit Fernwaffen ausgerüsteten Leichten genügten 
zwar nicht, den Gegner zu verscheuchen, ermöglichten aber 
den römischen Kohorten, ihre Stellung zu behaupten. Als 
der Tag zurüste ging, ließen die Parther vom Kampfe ab 
und zogen sich zurück. Es ist kindisch, wenn Dio behauptet, 
ihre Lanzen hätten sich verbogen und seien zerbrochen, 
ihre Bogensehnen wären gerissen und ihre Schwerter seien 
stumpf geworden. 2 ) Der Surenas zog ab, da seine Leute 
in der Dunkelheit mit den Fernwaffen nichts ausrichten 
konnten. 

Die Römer traten während der Nacht den Rückzug an. 
Nachdem sie einen großen Teil ihrer Kavallerie eingebüßt 
hatten, wäre an eine Fortsetzung der Offensive selbst dann 
nicht zu denken gewesen, wenn ihr Fußvolk intakt geblieben 
wäre. Man weiß nicht, ob sie ihren ganzen Troß mitführten 
oder z. T. opferten. Plutarch erwähnt ein römisches Lager 3 ), 
von dem wir nicht sagen können, wann es geschlagen worden 
ist. In diesem Lager sollen die Parther bei Tagesanbruch 
4000 Mann niedergemacht haben. Es handelt sich offenbar 
um die von Crassus zurückgelassenen Maroden und Ver- 
wundeten 4 ); wieviele von diesen tatsächlich getötet und wie- 
viele gefangen worden sind, muß dahingestellt bleiben. 
Zu Beginn der Schlacht war der römische rechte Flügel 
vernichtet worden, 6000 Mann, dazu kamen die beträcht- 
lichen Verluste der zweiten Kampfphase. Crassus mag ins- 
gesamt an Toten und Verwundeten wohl 10000 Mann auf 
der Walstatt zurückgelassen haben. Kein Wunder, daß die 
Manneszucht des so sehr geschwächten Heeres auf dem nächt- 

x ) Plutarch 1. c. 27. 

2 ) Dio 40, 24. 

3 ) Crassus 28. 

4 ) Vgl. Plutarch 1. c. 27 und Dio 40, 25. 



260 Francis Smith, 

liehen Marsche nach Carrhä sich lockerte. Einige Truppen- 
teile waren erst vor wenigen Monaten ausgehoben worden 
und besaßen nicht die Widerstandsfähigkeit altgedienter 
Mannschaften. Am bedenklichsten war die Unbotmäßigkeit 
der höheren Offiziere. Den Meinungsverschiedenheiten, 
die sich vor der Schlacht im Hauptquartier gezeigt haben 
sollen, ist keine große Bedeutung beizulegen, aber wenn 
nun auf dem Rückzuge Ignatius im Dunkel der Nacht mit 
300 Reitern davonjagte und sich über Zeugma in Sicherheit 
brachte, so war das der Anfang vom Ende. 1 ) Crassus erreichte 
zwar am Vormittage des 7. jul. Mai 2 ) das mit einer römischen 
Garnison belegte Carrhä, sammelte aber daselbst nicht mehr 
als zwei Dritteile seines Heeres, da, um das Unglück voll 
zu machen, der Legat Varguntinus den Weg verfehlt hatte 
und mit vier Kohorten vom Gegner aufgerieben wurde. 3 ) 
Mit Recht betont Regling, daß der Prokonsul in Carrhä 
nicht bleiben durfte, da er dort vom Surenas eingeschlossen 
worden wäre, kein Entsatz zu erhoffen war und die Stadt 
einem zahlreichen Heere den notwendigen Unterhalt nicht 
zu bieten hatte. 4 ) Den Römern war nur eine kurze Rast 
vergönnt. Auf dem Weitermarsche trat die Katastrophe 
ein. Crassus dürfte mit Rücksicht auf sein von Reiterei ent- 
blößtes Fußvolk den nächsten Weg nach Syrien über Zeugma 
nicht wählen, da er in der Ebene von den Parthern in eine 
neue Schlacht verwickelt werden konnte. Er mußte viel- 
mehr möglichst schnell das Gebirge zu erreichen suchen. 
Wenn der Weg nach Zeugma am Euphrat bedenklich schien 
und ein Marsch über Edessa nach Samosata wegen der feind- 
lichen Haltung Abgars nicht in Betracht kam, so war es 
geraten, zunächst in nördlicher Richtung zu ziehen, dann 
aber durch Kommagene nach Cilicien oder Syrien abzu- 
biegen. 5 ) Über die einzuschlagende Rückzugsstraße scheinen 



x ) Plutarch 1. c. 27. 

2 ) Regling, Klio VII, S. 387 u. 389. 

3 ) Plutarch 1. c. 28; Orosius VI, 13, 3. 

4 ) Küo VII, S. 387. 

5 ) Der Rückzug ging über den Köprü Dar, Regling, Küo VII, 
S. 388. Die Vermutung Reglings, daß Crassus über Amida am Tigris 
nach Armenien weiterziehen wollte, scheint mir verfehlt. — Die rö- 



Die Schlacht bei Carrhä. 261 

im römischen Hauptquartier Zwistigkeiten ausgebrochen zu 
sein. Der Quaestor Cassius Longinus trennte sich mit 500 
Reitern von dem Oberfeldherrn und eilte, nur auf seine eigene 
Rettung bedacht, auf dem kürzesten Wege nach Syrien. 1 ) 
Plutarch behauptet allerdings, ein gewisser Andromachus, 
der dem Heere als Wegweiser diente, habe Verrat gesponnen. 
Bei einigen Römern erregte sein Benehmen Argwohn, und 
und sie wollten deshalb dem Crassus nicht länger folgen. 
Ich nehme Anstand, dieser typischen Verrätergeschichte zu 
glauben. So viel scheint mir gewiß zu sein, daß Cassius durch 
seine Trennung vom Prokonsul die Demoralisation der 
Truppen beschleunigte. Die Römer waren in der Nacht auf- 
gebrochen. Sie erreichten zwar bei Tagesanbruch das Ge- 
birge, aber nicht geschlossen, sondern in einzelne Abtei- 
lungen aufgelöst. Die Parther waren auf ihren Fersen. 
Vielleicht wäre der Rückzug trotzdem geglückt, wenn Crassus 
mit Entschlossenheit seinen Vorsatz durchgeführt hätte. 
Statt dessen ließ er sich auf Unterhandlungen mit dem 
Surenas ein und wurde bei der Zusammenkunft erschlagen. 
Ob der Prokonsul einem heimtückischen Anschlag zum 
Opfer fiel oder ob seine mißtrauischen Begleiter ohne Not 
zu den Waffen griffen, wird sich nicht mit Sicherheit ent- 
scheiden lassen. 2 ) Genug, es kam zu einem Handgemenge, 
in dem Crassus sein Leben ließ. 2 ) Die ihres Führers beraubten 
römischen Streitkräfte verloren, wie es scheint, allen Zu- 
sammenhalt. Immerhin müssen starke Abteilungen nach 
Syrien entkommen sein, denn aus den Geretteten wurden 
nachmals zwei Legionen formiert. 3 ) Die Römer büßten nach 
Plutarch alles in allem 20000 Mann an Toten und 10000 
an Gefangenen ein. 4 ) Wahrscheinlich sind Kombattanten 



mische Operationsbasis war Syrien, und dort mußten die geschwächten 
Legionen retabliert werden. 

x ) Plutarch 1. c. 29; Dio 40, 25. Ferrero 1. c. II, S. 119fg., be- 
hauptet, ohne einen Beweis beizubringen, daß Cassius mit Einver- 
ständnis des Prokonsuls sich vom Heer getrennt habe. 

2 ) Delbrück 1. c. I 2 , S. 466. 

8 ) Plutarch 1. c. 31; Dio 40, 27; Livius, per. 106. 

4 ) Appian, bell. civ. II, 49. Derselbe Autor spricht bell. civ. II, 18 
von etwa 10000 Entkommenen. 

5 ) Crassus 31. 



262 



Francis Smith, Die Schlacht bei Carrhä. 



gemeint. Da die mesopotamischen Garnisonen nach der 
Niederlage am Beiich den Parthern preisgegeben waren, 
mögen diese Verlustziffern annähernd der Wahrheit ent- 
sprechen. 1 ) 

!) Regling (Klio VII, S. 372, A. 3) meint, die 8000 Mann römi- 
scher Besatzung seien in den Gesamtverlust nicht einbegriffen. Nach 
meiner Berechnung fochten 36000 Römer bei Carrhä. Betrug der 
Verlust des Feldheeres allein 30000 Mann, so konnten nur 6000 nach 
Syrien entkommen, und diese hätten für zwei Legionen nicht aus- 
gereicht. Entfallen aber auf das Feldheer nicht mehr als 22000 an 
Toten und Gefangenen, so steigt die Zahl der Geretteten auf 14000. 



Heinrich VIII. von England - Defensor Fidei, 



Von 

Karl Benrath. 



Das Streben des Königs Heinrich VIII. nach einem ihm 
vom Papste zu verleihenden Titel, der ihm auch schließlich 
zuteil wurde, erscheint bei oberflächlicher Kenntnis der 
Verhältnisse als lediglich veranlaßt durch literarische oder 
speziell theologische Eitelkeit eines Autors. Wenn aber des 
Königs Wunsch kurz vor dem Tode Leos X. erfüllt und dann 
die Verleihung des Titels durch Clemens VII. bestätigt worden 
ist, so reicht die Frage der Verleihung doch um Jahre zurück 
und hat einen greifbaren politischen Ausgangspunkt wie auch 
eine noch weiter reichende Geschichte. 

Bekanntlich trugen die Könige von Frankreich von 
alters her, und seit Papst Paul II. durch besondere Verleihung, 
einen auszeichnenden Beinamen kirchlicher Herkunft: sie 
werden die ,,allerchristlichsten Könige" genannt. Als nun 
Ludwig XII., welcher dem antirömischen Konzil zu Pisa 
1511 beitrat, deshalb in kirchliche Zensuren geriet und ihm 
der Titel aberkannt wurde, sah Papst Julius II. sich bewogen, 
denselben auf den englischen König zu übertragen, dessen 
Vorfahren lange Zeit hindurch bedeutende Teile Frankreichs 
im Besitz gehabt hatten und der immer noch Herr von 
Calais und dem umliegenden Gebiete war. Damit kam er 
dem Wunsche des Königs Heinrich Vi IL entgegen, zu der 
Bezeichnung „König von England und Frankreich", die er 
trug, nun auch den üblichen kirchlichen Titel der französi- 
schen Herrscher zu erhalten. Freilich erteilte Julius IL den 



264 Karl Benrath, 

Titel nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß die Sache 
geheim bleiben solle, bis der König dem Papste weiter- 
reichende Dienste geleistet habe. Nach dem Siege bei Guine- 
gate 1513, den er freilich nicht herbeigeführt hatte, verlangte 
Heinrich die Bekanntgebung der Übertragung — aber Leo X., 
welcher inzwischen den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte, 
verweigerte dies und hielt die Sache offen. Das fünfte La- 
terankonzil löste in seiner achten Sitzung am 18. Dezember 
1513 den französischen König von den Zensuren und gab ihm 
den Titel zurück. Heinrich mußte sich mit der Übersendung 
des geweihten Hutes und Degens begnügen. 1 ) 

Auf englischer Seite begegnet dann die Titelfrage von 
neuem im Jahre 1515 gelegentlich der Ernennung Wolseys 
zum Kardinal. Wolsey schrieb unter dem 10. September 
an den Inhaber der reichen Pfründe Worcester, Silvestro 
de' Gigli, der sich bereits um die Verleihung eines kirchlichen 
Titels an Heinrich VIII. bei der Kurie bemüht hatte. Er 
dankt dem Bischof und streicht des Königs angebliche Be- 
reitschaft heraus, „Gut und Leben für des Papstes Ehre und 
Sicherheit einzusetzen". Der König, fährt er fort, habe auch 
schon den gewünschten Waffenstillstand in Sachen des 
venetianischen Krieges unterzeichnet — nun sei es wohl an 
der Zeit, ihm einen ehrenvollen Titel zukommen zu lassen. 
„Das wird dem Papste nichts kosten, ihm aber ein dauerndes 
Gedenken stiften." 2 ) Auf dieses Schreiben antwortete der 
Bischof: er habe sich beim Papste mit allem Nachdruck 
dafür verwendet, daß dem Könige ein Titel, etwa „Protektor", 
zugeeignet werden möchte — aber es habe sich ergeben, daß 
dieser Titel dem Kaiser gehöre; auch den Titel „Verteidiger" 
könne er nicht bekommen, weil Julius II. ihn den Schweizern 
gegeben habe. Einige schlugen nun vor, ihn den „apostoli- 
schen König", andere, ihn den „orthodoxen König" zu nennen, 
aber keine dieser Bezeichnungen habe den Beifall des Papstes 
gefunden. 3 ) Kurz, die Angelegenheit rückte nicht weiter, 
und nachdem im Jahre 1516 Leo X. ein Konkordat mit 
Franz I. von Frankreich geschlossen hatte, welches die alten 

x ) Das Aktenstück der Zuweisung bei Rymer, Foedera XIII, 393» 

2 ) Calendar of State Papers, Henry VIII., P. I, n. 894. 

3 ) Ebd. n. 967. 






Heinrich VIII. von England — Defensor Fidei. 265 

Bestrebungen der Kurie erfüllte, indem es den letzten Rest 
gallikanischer Selbständigkeit in der französischen Kirche 
beseitigte, war die Verleihung einer die Prärogative der 
französischen Könige in Frage stellenden Bezeichnung an 
einen andern Herrscher ausgeschlossen. So ist denn auch 
für mehrere Jahre in der zwischen Rom und London gehenden 
Korrespondenz keine Rede mehr davon. 

Da bot nun dem Könige eine ganz neue Kombination 
geeigneten Anlaß, auf die Sache zurückzukommen — die 
Abfassung der Streitschrift gegen Luthers „Von dem baby- 
lonischen Gefängknuß der Kirche" und die zur protestanti- 
schen Bewegung in England zu nehmende Stellung. Für die 
Titulaturfrage ist es gleichgültig, ob der König und in welchem 
Umfange er sich der Beihilfe anderer bei der Herstellung seiner 
Schrift bedient hat — in Rom ist man sehr im Zweifel über 
seine Autorschaft gewesen; daß aber der König selbst und 
Wolsey von Anfang an beides, Abfassung der „Assertio 
septem Sacramentorum" und erneutes Begehren eines kirch- 
lichen Titels, in Beziehung gebracht haben, ist wohl sicher. 

Während die Schrift ihrem Abschluß zugeführt wurde, 
schickte Wolsey am 27. Februar 1521 den Dekan der könig- 
lichen Kapelle, Doktor John Clerk, als Geschäftsträger nach 
Rom. Ehe Clerk noch die Stadt erreichte, langte am englischen 
Hofe ein Breve Leos X. an, welches Maßnahmen zur Unter- 
drückung der Ketzerei in England forderte. 1 ) Dann folgte 
alsbald ein zweites unter dem 17. April an den Kardinal 
Wolsey über die zu veranlassende Verbrennung von Schriften 
Luthers; Wolsey und andere näher bezeichnete Gelehrte 
erhalten die Erlaubnis, die Schriften behufs Bekämpfung zu 
lesen — eine Freiheit, die der König und andere sich aller- 
dings längst genommen hatten. 2 ) 

Unter dem 21. Mai 1521 kündigte der König seine Schrift 
dem Papst an. In einem von Greenwich datierten Schreiben 

*) R. Pace an Wolsey, 16. April 1521. Er hat dem Könige ein 
Breve des Papstes überbracht, während der König schon beschäftigt 
ist, „to take upon him the defence of Christ's Church with his pen . . . 
and that he will make an end of his book within a few days" (Calendar 
of State Papers, Henry VI IL, P. III, 1 n. 1233). 

2 ) Calendar of St. P., Henry VIII., P. III, n. 1224; vgl. ebd. 
n. 1197 u. 1210. 



266 Karl Benrath, 

sagt er: er biete darin „die Erstlinge seiner Erkenntnis 
und seines geringen Wissens" dar. 1 ) Davon, daß er etwa auf 
Grund dieser Darbietung den Dank des Papstes in Gestalt 
eines neuen Titels beanspruche, ist allerdings keine Rede. 
Jedoch kommt ein Anklang an den später verliehenen Titel 
vor, indem der König das folgende ausführt. Er habe, da 
nichts in höherem Maße zur Pflicht eines christlichen Fürsten 
gehöre, als die christliche Religion gegen ihre Feinde zu 
schützen, sich bemüht, die lutherische Ketzerei auszurotten, 
sobald ihm Nachricht darüber gekommen sei. Das Gift habe 
sich jedoch schon so weit verbreitet, daß es einem einzigen 
Angriff nicht weichen werde. Deshalb habe er die Theologen 
seines Reiches darauf hingewiesen, aber auch den Kaiser 
und die Kurfürsten aufgefordert, diesen pestilenzialischen 
Buben (pestilent fellow), da er zu Gott nicht zurückkehren 
wolle, auszutilgen und seine Schriften zu vernichten. Er habe 
aber auch für recht erachtet, noch weiter seinen Eifer für den 
Glauben schriftlich zu bezeugen, damit jeder sehe, daß er 
bereit sei, die Kirche zu verteidigen, nicht allein mit 
den Waffen, sondern auch mit den ihm zu Gebote stehenden 
geistigen Mitteln. . . . 

Wenige Tage ehe der König dieses Schreiben an den Papst 
sandte, war in der Paulskirche in London eine Verdammung 
Luthers in feierlicher Form vor sich gegangen. In Gegenwart 
des päpstlichen Legaten, des Kardinals Ghinucci und der 
sämtlichen beim Hofe amtierenden Gesandten sowie zahl- 
reicher Bischöfe, hatte der Bischof Fisher von Rochester 
in zweistündiger Rede Luthers Ketzereien dargelegt. Im 
Anschluß daran hatte der Kardinal Wolsey die Verdammung 
Luthers verkündigt; dann waren Schriften des Ketzers ver- 
brannt worden. 2 ) Der „Sermon" Fishers wurde von Richard 
Pace ins Lateinische übersetzt und mehrfach gedruckt. 3 ) 



x ) Ebd. n. 1297. 

2 ) So berichtet der Sekretär des venetianischen Gesandten in 
London, Lodovico Spinelli, seinem Bruder, der in gleicher Stellung sich 
am französischen Hofe befand (Cal. of State Paper s, Venetian 1520 — 1526, 
n. 213f. Über die Repression lutherischer Schriften vgl. Reusch, In- 
dex I, S. 87 ff. 

3 ) Cal. of State Papers Henry VIII., P. III, n. 1273. 






Heinrich VIII. von England — Defensor Fidei. 267 

So kam die Titelfrage wieder in Fluß. Am 7. Juni be- 
schäftigte das Kardinalkonsistorium sich mit ihr. Campeggi, 
der eifrig bemüht war, sich den König und Wolsey zu ver- 
pflichten, um die Pfründe des jüngst verstorbenen Bischofs 
von Worcester zu erhalten, schreibt an Wolsey unter dem 
8. Juni, es sei beschlossen worden, dem Könige in Anerken- 
nung seiner Frömmigkeit im Widerstände gegen die Verbrei- 
tung der Ketzerei einen ehrenvollen Namen oder Titel zu 
erteilen — ,,aber die Angelegenheit wurde angesichts ihrer 
Wichtigkeit noch aufgeschoben; jedoch freut sich hier jeder, 
der davon hört". 1 ) 

Inzwischen ging Heinrichs Buch in Druck. In lateini- 
scher Sprache unter dem Titel „Assertio Septem Sacramen- 
torum adversus Martinum Lutherum edita ab invictissimo 
Angliae et Franciae rege et domino Hiberniae Henrico ejus 
nomine octavo" wurde es in London von Pynson gedruckt. 2 ) 
Unter dem 25. August 1521 schreibt Wolsey an Clerk in 
Rom: . . . Die Schrift des Königs sei nun fertig; Clerk soll 
bei der Überweisung den Beschluß des Königs, die Ketzerei 
mit Gewalt auszurotten, kund tun. Er soll dem Papste zu- 
nächst privatim ein Exemplar übergeben, in Goldlederband 
und mit zwei eigenhändigen Zeilen vom Könige versehen. 
Erklärt der Papst sich einverstanden, so soll Clerk dann das 
Buch im Konsistorium überreichen, so daß es dadurch eine 
päpstliche Sanktion erhalte. Im ganzen sollen an Clerk 
28 Abdrücke gesandt werden. Wenn die beabsichtigte förm- 
liche Überweisung gestattet wird, so soll Clerk sich einfinden 
mit einer passenden Rede, „indem ihr euch dem anschließt, 
was der König (an den Papst) geschrieben und als Vorwort 
dem Buche beigefügt hat". Beifügen könne Clerk, was ihm 
geeignet scheine, um den König als den rechten Verteidiger 
des katholischen Glaubens erscheinen zu lassen — eine 



x ) Campeggi an Wolsey, 8. Juni 1521 Cal. of St. P. Henry VIII., 
n. 1335; ders. an den König, ebd. n. 1336. 

2 ) Luther- Exhibition 1883, p. 13. Ein vom Könige beigesetztes 
Distichon lautet folgendermaßen: 

Anglorum rex Heinricus, Leo Decime, mittit 
Hoc opus et Fidei testem et amicitiae. 



'arl Benrath, 

Anerkennung, die er um den apostolischen Stuhl ehrlich ver- 
dient habe. 1 ) 

Man sieht, worauf Wolsey hinaus will. Seit Jahren hat 
er darauf hingearbeitet, daß der erwünschte Titel endlich 
verliehen werde — jetzt knüpft er wieder an, wo sein Schrei- 
ben an Gigli vom 22. Mai 1516 die Frage belassen hatte, 
wenn es dort heißt: der König ist unzufrieden, daß er noch 
nichts über den Titel Defensor Fidei gehört hat. 2 ) 

Die Überreichung der Schrift hat in der gewünschten 
Weise stattgefunden — zuerst an den Papst, dann an das 
Konsistorium. Das offizielle Protokoll besagt folgendes: 
Der Papst saß da mit allen Kardinälen, 25 an der Zahl. 
Der englische Gesandte befand sich kniend gegenüber und 
überreichte im Namen seines Königs eine Schrift, verfaßt 
vom Könige und dessen Räten {compositum tarn a rege quam 
a suis regiis consiliaribus). . . . Als nun der Gesandte sich 
eingehend über die Lehre Luthers ausgesprochen hatte, 
erwiderte der Papst kurz, er nehme die Schrift an als ein Ge- 
schenk nicht aus des Königs, sondern aus Gottes Hand. 
Dabei äußerte er nicht nur Lob, sondern Bewunderung des 
Königs und dankte Gott mit den Kardinälen für ein so gutes 
Werk — er werde dafür dem Könige dankbar sein. Die 
Schrift nahm er dann mit großer Befriedigung entgegen 
und gab sie weiter zur Aufbewahrung. 3 ) 

Weit Genaueres liefern die von Clerk an Wolsey gerichte- 
ten Korrespondenzen, die uns auch betreffs der Überreichung 
der Schrift an den Papst Mitteilung machen. 4 ) Clerk hat am 
14. September zwei Exemplare davon, eines in Goldleder, 
das Leo X. gefiel, überbracht. Der Papst hat es sofort ge- 
öffnet und ohne Unterbrechung fünf Seiten der Einleitung 
gelesen. An Stellen, die ihm besonders gefielen — und das 
schien jede zweite Zeile der Fall — gab er jedesmal ein Zeichen 
davon, entweder durch Nicken oder durch ein Wort, so daß 
man sah, er hatte großes Vergnügen daran. Seine Heiligkeit 



x ) Cal. of St. P. Henry VI IL, P. III, n. 1574. 
2 ) Ebd. P. I, n. 1928. 

8 ) Lämmer, Analecta Romana (1861) S. 148. 
4 ) Calendar of St. P. Henry VIII. , 3, 2 n. 1574; 1592; 1654 
1656; 1659; 1740; 1895. 






Heinrich VIII. von England — Defensor Fidei. 269 

sagte, „er hätte nicht gedacht, daß eine solche Schrift vom 
Könige verfaßt sein könne, der doch so viele andere not- 
wendige Arbeiten habe, während andere, die ihr ganzes 
Leben mit solchen Studien verbringen, nicht imstande wären, 
Derartiges zu leisten". Clerk wünschte, daß der Papst auch 
die vom Könige auf ihn gemachten und von diesem eigen- 
händig an den Schluß gesetzten Verse kennen lernen möchte, 
und da sie mit feiner Feder geschrieben waren, der Papst 
aber an starker Kurzsichtigkeit leide, so bot Clerk sich an, 
.Sr. Heiligkeit die Zeilen vorzulesen. Aber der Papst nahm 
ihm ärgerlich das Buch aus der Hand und las die Zeilen drei- 
mal durch. Er erklärte sich mit der Überreichung im Kon- 
sistorium einverstanden und wünschte, daß fünf oder sechs 
Abdrücke an Kardinäle verteilt, andere den Fürsten der 
Christenheit zugestellt würden. Mit der Erteilung eines 
Titels an den König erklärte er sich nun einverstanden. 

Dem Schreiben Clerks vom 14. September ist noch ein 
Nachtrag beigefügt vom folgenden Tage. Der Papst hat den 
Gesandten wieder empfangen und ihm gesagt, er habe das 
Buch fast ganz durchgelesen. „Es gefällt ihm, er lobt es 
,supersidera i . li Undwie er, so urteilen alle, die es gelesen haben. 
Als Clerk fragte, ob er Antwort und Dank vermitteln solle, 
antwortete der Papst, das werde er selber tun und eine Bulle 
über den Titel beifügen, nachdem Clerk ihm die Schrift 
im Konsistorium überreicht haben würde. Clerk erklärte 
sich bereit, binnen 14 Tagen die dazu erforderliche Rede 
vorzubereiten. 

Einige Tage später schreibt Campeggio an Wolsey; 
er ist entzückt von dem „aureus libellus" des Königs. „Alle, 
die das Buch gesehen haben, stimmen überein, daß, obwohl 
so viele den Gegenstand behandelt haben, keine bessere Ent- 
gegnung hätte erfolgen können: der König scheint mehr 
von himmlischem als von menschlichem Geiste inspiriert 
gewesen zu sein — wir können ihn nach alledem die ,Luther- 
geißel' nennen." Da wäre ja noch ein Titel für den König 
gegeben gewesen. 

Als Clerk seine Rede fertig hatte, bat er, daß die Über- 
reichung der Schrift in einem öffentlichen Konsistorium er- 
folgen möchte. Aber der Papst lehnte das ab: die lutherischen 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 18 






270 Karl Benrath, 

Ideen gingen so sehr durch die Köpfe der Menge, daß er 
fürchte, weitere Streitverhandlungen zu erregen. Er ver- 
sprach jedoch, alles zu tun, um seine Billigung der Schrift 
öffentlich bekannt zu geben und forderte von Clerk Mit- 
teilung seiner Rede, um seine Antwort derselben anzupassen. 1 ) 

Eine detaillierte Schilderung über den im Konsistorium 
am 2. Oktober vor sich gegangenen Akt wird von Clerk an 
Wolsey unter dem 10. Oktober gegeben. 

Der Zeremonienmeister hatte Clerk angewiesen, daß er 
während der ganzen Rede knieend zu verharren habe. Das 
machte ihn bestürzt, weil er nicht sicher war, seine volle 
Ruhe und Geistesgegenwart in der Lage zu behalten. Der 
Papst saß majestätisch da auf einem Thron, drei Stufen über 
dem Boden unter dem Thronhimmel. Vor ihm in weitem 
Bogen auf Stühlen die Bischöfe im Konsistorialgewand, ihrer 
zwanzig. Nachdem Clerk dem Papste die Füße geküßt, 
griff dieser ihn, als er auf die ihm angewiesene Stelle zurück- 
kehren wollte, bei der Schulter und ließ ihn erst die eine, 
dann die andere Wange küssen — darauf hielt Clerk knieend, 
einen Schemel vor sich, die Rede. Dann überreichte er das 
Buch und empfing den Dank des Papstes lateinisch. Einige 
Tage nachher (5. Oktober) befand Clerk sich wieder beim 
Papste, der ihm über seine Rede Anerkennendes sagte. 
Da äußerte Clerk im Namen des Kardinals Wolsey die Bitte, 
das Konsistorium möge über die Schrift durch ein formelles 
Dekret seine Billigung aussprechen. Es scheint, daß nun end- 
lich der Papst die Zusicherung gab, daß dem Könige ein ent- 
sprechender Titel zugeteilt werden solle. Denn nun heißt 
es in dem Schreiben vom 16. Oktober bestimmt: „Im nächsten 
Konsistorium wird der König die ihm zuerkannten Titel 
erhalten und seine Bulle wird expediert." In der Tat ist 
unter dem 11. Oktober die Bulle ausgefertigt worden, welche 
dem Könige den Titel „Defensor Fidei" verleiht. In der 
üblichen Phraseologie wird ausgeführt: Der Papst wolle den 
König ,propter excelsa et immortalia ejus ergo nos . . . opera 
et gesta condignis et immortalibus praeconiis et laudibus efferre 

J ) Aus Armellinis Bemerkung S. 127 seiner Ausgabe von Paris 
de Grassis Diarium (1884) geht hervor, daß die Handschrift der Rede 
sich noch in der Vatikanischen Sammlung befindet. 






Heinrich VIII. von England — Defensor Fidei. 271 

et ea sibi concedere propter quae invigilare debeat a grege do- 
minico lupos arcere et putrida membra quae mysticum Christi 
corpus inficiunt, ferro et materiali gladio abscindere et nu- 
tantium corda fidelium in fidei soliditate confirmare'. Da nun 
kürzlich Clerk eine Schrift des Königs gegen Luthers Ketzerei 
überreicht und zugleich die Bereitwilligkeit des Königs 
ausgesprochen habe, alle Ketzer zu verfolgen, und da der 
Papst die bewunderungswürdige Schrift genau gelesen habe 
(ejus libri admirabilem quandam et coelestis gratiae rore consper- 
sam doctrinam diligenter accurateque inspeximus), so bestimme 
er, damit auch Gegenwart und Nachwelt erkenne, wie an- 
genehm ihm das Geschenk sei, das folgende: „Wir, die wahren 
Nachfolger Petri, verleihen nach reiflicher Beratung mit 
unsern Brüdern und auf Grund einstimmigen Beschlusses 
Deiner Majestät den Titel »Verteidiger des Glaubens'. 
Als unsterbliches Monument Deines Ruhmes sollst du ihn 
Deinen männlichen Nachkommen hinterlassen und ihnen den 
Weg zeigen, auf dem sie zu gleicher Auszeichnung gelangen 
werden." 27 Kardinäle haben die Bulle unterzeichnet. 1 ) 

Noch ehe die Bulle von Rom abging, richtete Leo X. 
unter dem 4. November 1521 ein Breve an den König, er- 
wähnte die Überreichung der Schrift durch Clerk und sprach 
dem Könige (,0, fidei Defensor V) seinen Dank aus. 2 ) Es war 
das letzte Schreiben, welches im Auftrag des Papstes an 
Heinrich ging — am 1. Dezember desselben Jahres ereilte 
Leo X. nach kurzer Krankheit der Tod. „Die feierliche Über- 
reichung Deiner Schrift", so lautet es, „durch Clerk im Kon- 
sistorium hat uns mit größter Freude erfüllt. Wenn es stets 
für Fürsten eine Ehre ist, für die Verteidigung des apostoli- 
schen Stuhles die Waffen zu ergreifen, vie viel mehr die des 
Geistes! Beides ist bei Dir vereint — sollen wir nun mehr 
Deine Frömmigkeit oder Deine Gelehrsamkeit preisen? 
Deine Liebe, Dein Wohlwollen gegen uns, die Wucht, Ord- 
nung und Redegewalt Deiner Schrift ist so groß, daß es klar 
ist, der heilige Geist habe Dir zur Seite gestanden; in allen 
Ausführungen ist sie voll von treffendem Urteil, von Weis- 

•) Rymer, Foedera et Acta publica, XIII, 756. 
a ) Cal. of State Papers, Henry VIII., 3, 2 n. 1740. Der Wort- 
laut bei Rymer, Foedera et Ada XIII, 758. 

18* 



272 Karl Benrath, 






heit und Frömmigkeit — wo Du belehrst, zeigt sich Liebe, 
wo Du verwahrst, Milde, wo Du zurückweisest, Wahrheit . . ." 
Unter diesen durch ihre rhetorischen Floskeln kaum erträg- 
lichen Ausführungen steht der Name des feinsinnigen Sadolet 
als des päpstlichen Sekretärs. 

Noch ehe die Bulle selbst in England angelangt war, 
sorgte Wolsey dafür, daß der Erfolg seiner Bemühungen, 
die Verleihung des Titels an den König, als ein Bedeutendes 
kund getan werde. So ließ er durch den Sekretär des Königs 
Richard Pace ein Schreiben darüber allen am Hofe befind- 
lichen Edelleuten und Räten mitteilen — was diesen, wie 
Pace ihm schreibt 1 ), ,,zu großer Freude und Stärkung ge- 
reichte". ,, Ich bin überaus froh", fährt Pace fort, ,,daß 
durch Gottes Hilfe und Ihre Weisheit er den ausgezeichnetsten 
Titel erhalten hat, den er bekommen konnte. Wie sehr er 
darüber erfreut ist und über Ihren Brief, werden Sie aus der 
Antwort ersehen, welche ich auf seinen Befehl habe abgehen 
lassen." Diesem „in Eile" verfaßten Bescheid 2 ) läßt Pace 
am gleichen Tage ein eingehenderes Schreiben an Wolsey 
folgen. Da heißt es: „Der König hat Ew. Gnaden beide Briefe, 
einen englischen und einen lateinischen, erhalten, auch zwei 
Briefe von Campeggio und den Auszug aus den Briefen des 
Dekans (Clerk). Der König hat Ihre beiden Briefe Wort für 
Wort selbst gelesen. Er entnimmt denselben die große Ehre 
und den Ruhm, den er durch sein Buch gegen die verab- 
scheuungswürdigen Ketzereien Martin Luthers errungen hat, 
und daß es Sr. Heiligkeit dem Papste gefallen hat, im Blick 
auf das katholische Werk ihm den ausgezeichneten Titel 
eines Verteidigers des Glaubens zu verleihen, zu seinem eigenen 
und all seiner Nachfolger ewigem Ruhme. Er setzte hinzu, 
daß, wenn auch Gott ihm eine gewisse Einsicht verliehen habe, 
er doch nie es unternommen haben würde, gegen die Irr- 
tümer und Ketzereien Luthers zu schreiben, wenn nicht 
Ew. Gnaden ihn dazu veranlaßt hätten. So müßten Ew. 
Gnaden teilhaben an den Ehren, welche aus dem Akte her- 
vorgingen . ." Wiederholt läßt der König ihm Dank sagen. 



1 ) Cal. of St. P. ebd. n. 1771 (11. November 1521). 

2 ) Cal. of St. P. Henry VIII., 3, 1, n. 1771, 1772. 



Heinrich VIII. von England — Defensor Fidei. 273 

Die Spur, welche die Titelaffäre in der Korrespondenz 
des Königs und seiner Räte hinterlassen hat, hat damit 
vorläufig ihr Ende erreicht. Nur von Seiten des englischen 
Geschäftsträgers in Rom wird noch einmal im Dezember 
1521 auf die Angelegenheit zurückgegriffen. 2 ) Clerk hat von 
Wolsey für seine Bemühungen Dank geerntet. Er lehnt den 
ab — der Erfolg seiner guten Dienste, die er dem Könige ge- 
leistet habe, bleibe immer noch hinter dem, was seine Pflicht 
sei, zurück, gereiche ihm aber zu Lob und Trost. Dem Wohl- 
wollen des Kardinals verdanke er ja seine Stellung und das 
günstige Urteil des Königs — beides hoffe er zeitlebens zu 
behalten. 

„Die Bulle über den neuen Titel des Königs", fährt er 
fort, „ist bereits in entsprechender Form festgestellt, wie dies 
aus der Abschrift ersehen wird, die ich jüngst übersandt 
habe. Gleicherweise ist, wie man mir gezeigt hat, die Bulle 
über die Bestätigung und Approbation der Schrift des Königs 
ausgestellt und in der Hand des Kardinals de' Medici. Ich 
sagte ihm letzter Tage, es würde am besten sein, wenn er 
selber, zum Papste gewählt, die beiden Schriftstücke ab- 
senden lassen könnte. Er sagte aber, er werde nicht verfehlen, 
sie zu senden; sie würden schon abgeschickt worden sein, 
wenn nicht ein Umstand sich ergeben hätte, betreffs gewisser 
Ausdrücke über den König und sein Buch, wie man diese 
noch rühmender hervorheben könne. Ich wies den Kardinal 
darauf hin, welche Verdienste Ew. Gnaden um den hl. Stuhl 
durch die neuen Vereinbarungen mit dem Kaiser sich er- 
rungen hätten, und daß der König eben um des Papstes 
willen in das Bündnis mit dem Kaiser eingetreten sei." 

Aus den Äußerungen des Kardinals de'Medici ersieht man, 
daß die Sache noch nicht formell geregelt war. Offenbar ist 
der Text der Schriftstücke, den Rymers Sammlung bietet, 
ein „apokrypher", d. h. er ist nicht in der üblichen Art an 
die englische Adresse gelangt, obwohl er wörtlich mit dem 
übereinstimmt, was in dem päpstlichen Sekretariat fest- 
gestellt worden war. Man hielt im letzten Augenblick mit 
der Absendung in üblicher Form zurück, weil doch infolge 

*) Ebd. n. 1895. 



274 Karl Benrath, 

des Todes Leos X. ein Wechsel auf dem päpstlichen Stuhle 
bevorstand, bei dem man nicht vorgreifen mochte. 

So kommt es, daß noch eine letzte Etappe in der Titel- 
verleihungsfrage zurückzulegen blieb. Wenn Clerk dem 
Staatssekretär des verstorbenen Papstes die obige Andeutung 
machte, „es würde am besten sein, wenn er selber, zum Papste 
gewählt, die beiden Schriftstücke absenden ließe", so sollte 
das von Bedeutung werden. Allerdings fiel die nächste Papst- 
wahl nicht nach Wunsch der Partei der Medici aus. Es 
wurde vielmehr der Kardinal von Tortosa als Hadrian VI. 
gewählt. 

Dieser Papst hat offenbar die Titelzuweisung an den 
König als perfekt angesehen, mochte auch die Absendung 
der Bulle in der üblichen authentischen Form durch den Tod 
Leos X. gestört worden sein. In der Korrespondenz mit 
England hat Hadrian zweimal des Titels Erwähnung ge- 
tan, abgesehen davon, daß die direkten Schreiben an den 
König natürlich den Titel aufwiesen. In einem Schreiben des 
Papstes an Wolsey heißt es, Heinrich sollte in Gemäßheit 
seines Titels „Verteidiger des Glaubens" gegenüber den Ge- 
fahren der Zeit handeln, die noch schlimmer seien als die 
Glaubenstrennung, die er fast ganz beseitigt habe. Der erste 
Schritt müßte in der Gestaltung eines allgemeinen Friedens 
bestehen, der am besten in Rom geschlossen werden könne. 
Zunächst solle Heinrich einen Waffenstillstand (mit Frank- 
reich) abschließen lassen. Wolle er das nicht, so soll Wolsey 
ihm sagen, die Christenheit verdiene es nicht um ihn, in 
so übler Zeit von ihm verlassen zu werden, und daß er, 
Hadrian, ebenso große Rücksicht beanspruchen könne, wie 
sein Vorgänger Leo X. 1 ) Unter dem 1. Mai 1523 schrieb 
der Papst dann direkt an den König; er bittet ihn, dem vor- 
geschlagenen dreijährigen Waffenstillstand beizustimmen — 
dazu sollte ihn der ehemalige Titel drängen, der ihm zugeteilt 
worden sei. 2 ) Heinrich willigte im Laufe des folgenden Monats 
in eine Abmachung mit Venedig und Beendigung des Krieges, 
an dem er als Verbündeter des Kaisers teilhatte, ein. Ob 



*) Cal. of State Papers, Henry VIII., P. 111,2, n. 2849. Datum 
des Schreibens ungewiß. 

2 ) Cal. of State Papers, Henry VIII., P. III, 2, n. 2996. 



Heinrich VIII. von England — Delensor Fidei. 275 

das mit Rücksicht auf die Pflichten geschah, welche der 
Titel ihm auferlegen sollte, ist allerdings zweifelhaft. 

Hadrians Nachfolger, Papst Clemens VII., der als Kar- 
dinal dem Könige wegen der Zuweisung der reichen bischöf- 
lichen Pfründe von Worcester verpflichtet war, hat noch 
einmal die Titelzuweisung offiziell behandelt, und zwar in 
Form einer Bestätigung, die er in feierlicher Form (auro 
bullatä) dem Könige zugehen ließ. 1 ) Das Aktenstück datiert 
vom 5. März 1524 und führt aus: Heinrich habe nicht bloß 
durch einzelne Taten, sondern immer seine Waffenmacht, 
wie auch die ihn auszeichnende Einsicht dazu verwendet, 
Gott und die Religion zu schützen; durch sein Werk gegen 
die Ketzerei Luthers von wundersamer Gelehrsamkeit 
und Beredsamkeit sei er zum Verteidiger und sozusagen 
zu einem Patron des heiligen Glaubens geworden. Deshalb 
habe der Vorgänger des Papstes und das damalige Kardinals- 
kollegium ihm den Namen Defensor Fidei — einen Titel, 
der nicht in Menschenlob, sondern in einer göttlichen Aner- 
kennung seinen Ausgangspunkt gefunden habe, erteilt. 

Das erkenne Clemens als ein gerechtes und weises Vor- 
gehen an. Denn er blicke auf des Königs Gerechtigkeit, Mäßi- 
gung und Weisheit, seine Frömmigkeit und kindliche Stel- 
lung zur Kirche, auf die Tugenden, welche durch himmlische 
Werke ihn zu einer Höhe des Ruhmes geführt haben, von 
der andere Fürsten nur die unteren Stufen zu erreichen im- 
stande seien. Der Papst ergeht sich dann im besonderen 
über das Buch, welches „dictante Spiritu Sancto" so reich an 
Licht geworden sei; er bestätige und stelle auch seinerseits 
den Titel dem Könige fest als einen ewig geltenden. Zum 
Schlüsse richtet Clemens zu Gott das Gebet, daß er ihn segne 
und ihm gewähre, daß diese neben seinen übrigen Titeln 
höchste Zierde eines Defensor Fidei ihn in den Himmel 
und an den Ort der ewigen Seligkeit geleiten möge. 

Diesen phrasenhaften Deklamationen über den Titel 
folgten in der Korrespondenz des Papstes mit dem Könige 
noch zwei Äußerungen, die wesentlich nüchterner sind, 
obgleich oder weil sie in eine Zeit fallen, in welcher infolge der 



x ) Rymer, Foedera XIV, 13. 



276 Karl Benrath, 

Ehescheidungsaffäre das gegenseitige Verhältnis geradezu 
in das Gegenteil des früheren umgewandelt worden war. 
Die erste Erwähnung fällt mitten in eine der schon scharf 
zugespitzten Noten des Jahres 1530 und erfolgte von Bo- 
logna aus, wo der Papst die Kaiserkrönung an Karl V. 
vollzogen hatte. Er lobt den König wegen seiner fortgesetzt 
abwehrenden Stellung gegen die Ketzerei in England — 
dadurch bestätige er seinen Namen eines Verteidigers des 
Glaubens — , und meint, daß ein Teil des Lobes über die der 
rechten Stelle erwiesene Ehre auch auf ihn überströme, 
da er ja als Mitglied der Kardinalkongregation seinerzeit 
mit für die Übertragung des Titels gestimmt habe. 1 ) Und 
in einem weiteren Schreiben verlangt er direkt, der König 
solle seines Titels eingedenk sein und sich desselben würdig 
erweisen. 2 ) Clemens VII. hat unter dem 4. Juli 1533 in der 
Bulle, welche Heinrichs Ehe mit Anna Boleyn als nichtig 
erklärte, auch die Androhung des Bannes vollzogen, noch 
nicht den Bann ausgesprochen, der ja von selber den Wegfall 
aller „Privilegien" seitens des Papstes an den König, also 
auch den Wegfall des verliehenen Titels zur Folge haben 
mußte. Eine abermalige Androhung ist dann am 23. März 
1534 erfolgt. Endlich hat Papst Paul III. unter dem 
29. August 1535 die Bannandrohung seines Vorgängers 
als suspendiert erklärt, bis er sie am 17. Dezember 1538 
in eine Bannerklärung umwandelte. Die Kündigung des 
Titels ist dabei in folgender Weise ausgesprochen: Der König 
habe zwar von Leo X. den Titel ,Defensor FideV erhalten; 
da er aber vom rechten Glauben und vom apostolischen 
Pfade abgewichen sei und sich den Urteilsspruch der Aus- 
stoßung und Verdammung zugezogen habe, so habe er sich 
dadurch der Herrschaft über England sowie der königlichen 
Würde und des Vorrechtes des genannten Titels unwürdig 
gemacht. Damit ist auf Seiten der römischen Kirche die 
Titelfrage erledigt. Pallavicini sagt abschließend dazu: 
„Einige Jahre lang hat der Titel den König geschmückt, 

x ) Vgl. Ehses, Rom. Dokumente zur Geschichte der Eheschei- 
dung Heinrichs VIII. (Quellen und Forschungen . . . herausgegeben 
von der Görres-Gesellschaft 1893, S. 141.) 

2 ) Ebd. S. 230ff. 



Heinrich VIII. von England — Defensor Fidei. 277 

dann hat der König dauernde Schande auf sich gehäuft, 
indem er den Titel in schändlicher Weise verletzt hat." 1 ) 
Den einst mit Mühe errungenen Titel hat aber der König 
sich nicht nehmen lassen. In allen Erlassen bedient er sich 
dessen weiterhin, und durch Parlamentsbeschluß hat er ihn 
auch für seine Nachkommen feststellen lassen, so daß heute 
noch die englischen Herrscher ihn tragen. 2 ) 

x ) Pallavicini, Hist. Concilii Trid. 

2 ) Statutes at Large, London 1796, II, p. 350: An act for the rati- 
fication of the Kings Majestics Stile. 



Das Verhalten der preußischen Regierung 
im Fichteschen Atheismusstreit. 



Von 

Ernst Müsebeck. 



Schon im Jahre 1862 teilte Adolf Trendelenburg in 
seinem Vortrage „Zur Erinnerung an Johann Gottlieb Fichte" 
die Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III. vom 25. März 
1799 mit, die an das auswärtige und geistliche Departement 
wegen des Antrages der sächsischen Regierung gegen den 
Jenenser Philosophen erlassen wurde. In ihr heißt es aus- 
drücklich, daß dem Dresdener Geheimen Conseil die sehr ein- 
leuchtend entwickelten Beweggründe der Vota ausführlich 
entwickelt werden sollten, welche die sachverständigen Mit- 
glieder des Oberkonsistoriums abgegeben hätten. Man wollte 
alle Mißverständnisse vermeiden. Diese Gutachten der Mit- 
glieder des Oberkonsistoriums waren bisher unbekannt. 1 ) 
Sie wurden vor kurzem aufgefunden. Erst an ihrer Hand, 
sowie unter Verwertung der bisher noch unbenutzten Akten 
des auswärtigen und des geistlichen Departements lassen 
sich das Verhalten der preußischen Regierung, ihre innere 
Stellungnahme und die Gründe zu ihrer ablehnenden Ant- 
wort in vollem Umfange würdigen. 2 ) 

x ) So noch Fritz Medicus in seiner vortrefflichen Biographie 
„Fichtes Leben", Leipzig 1914, auf die in diesem Aufsatze vielfach 
Bezug genommen wird. 

2 ) Sie liegen im Geh. Staatsarchiv, Berlin, Rep. 9, F. 2.a. 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 279 

Am 29. Oktober 1798 hatte das Dresdener Oberkon- 
sistorium bei dem Kurfürsten Friedrich August den ersten 
Schritt getan, der ein Vorgehen der fürstlich sächsischen 
Höfe gegen die auf ihrer Universität Jena gelehrten gefähr- 
lichen Grundsätze im Hinblick auf den Aufsatz Forbergs, 
eines Schülers Fichtes, im „Philosophischen Journal" ein- 
leiten sollte. Sonst würde man sich genötigt sehen, den Be- 
such der Akademie vom Kurfürstentum Sachsen aus zu 
untersagen. Auch wurde dem Ermessen des Kurfürsten an- 
heimgestellt, „mit der königlich preußischen Regierung 
einer so wichtigen Sache wegen in Kommunikation zu treten 
und dadurch dem um sich greifenden Unglauben desto 
nachdrücklicher Grenzen zu setzen". Der Entscheid des 
Kurfürsten erfolgte am 2. Dezember. Nicht nur die Erhalter- 
staaten der Universität Jena und die preußische Regierung, 
sondern auch die braunschweig-wolfenbüttelsche sollten an- 
gehalten werden, gegen den Forbergschen und den Fichte- 
schen Aufsatz Stellung zu nehmen. Es handelte sich um jene 
Erörterungen, die der Meister als Ergänzung und zum Teil 
als Widerlegung des skeptischen Atheismus seines Schülers 
in demselben Hefte veröffentlicht hatte. Das Schreiben der 
sächsischen Wirklichen Geheimen Räte an das preußische 
Ministerium ging am 18. Dezember ab. In beiden Aufsätzen, 
so hieß es, seien solche Grundsätze erörtert, „die mit der 
christlichen, ja selbst mit der natürlichen Religion unver- 
träglich sind und offenbar auf Verbreitung des Atheismus 
abzielen". Eine Reihe von Beweisstellen aus beiden Abhand- 
lungen wurde beigelegt. 1 ) Die Dresdener Räte betonten, 
daß die sächsischen Herzoge als nutritores der Universität 
Jena ersucht seien, die Verfasser zur Verantwortung zu ziehen 
und nach Befinden zu bestrafen; daß die akademischen 
Lehrer im eigenen Lande nachdrücklich ermahnt seien, 
„damit sie ihren gerechten Abscheu gegen die Verbreitung 
so verderblicher Grundsätze in öffentlichen Schriften und 
Vorlesungen zu erkennen geben sollten". Sie hielten sich 
für überzeugt, „daß dero erleuchteten Einsicht die Not- 

*) Zuerst kenntlich gemacht bei J. H. Fichte, Johann Gottlieb 
Fichtes Leben und literarischer Briefwechsel, Bd. 2, Sulzbach 1831 in 
Wiederabdruck des ganzen Aufsatzes, S. 107 ff., abgedruckt Anlage 1. 



280 Ernst Müsebeck, 

wendigkeit nicht entgehen werde, in dasigen Landen und 
besonders auf den Universitäten Halle und Frankfurt a. d. 0. 
die erforderlichen Maßregeln gegen solcherlei gemeinschäd- 
liche Grundsätze zu nehmen". 

Das preußische Ministerium befolgte von Anfang an 
den Grundsatz, nur nach sorgsamster Prüfung in der heiklen 
Frage Stellung zu nehmen. Das auswärtige Departement 
übersandte eine Abschrift der sächsischen Note am 22. Januar 
1799 dem Departement der geistlichen Angelegenheiten. 
Sein Chef, der Wirkliche Geheime Staats- und Justizminister 
v. Massow, verfügte nun seinerseits am 30. Januar, daß sämt- 
liche geistlichen Räte des Oberkonsistoriums ihre Vota in 
der Sache abgeben sollten. 1 ) 

Das Gutachten des jüngsten Mitgliedes, des Oberkon- 
sistorialrates Andr. Jak. Hecker, des Sohnes des bekannten 
Gründers der Realschule, beschränkte sich im wesentlichen 
auf die äußerliche, formale Seite, die durch das Zensuredikt 
vom 19. Dezember 1788 gegeben war. Seinen Vorschriften 
gemäß ist es ihm unzweifelhaft, daß er sich für verpflichtet 
halten müßte, dem sächsischen Antrage zuzustimmen. Allein 
folgende Gründe sprachen dagegen, das öffentliche Verbot 
des Verkaufes des Journals anzuraten. Einmal sind die 
Auszüge zu unvollständig, als daß man aus ihnen sehen 
könne, ob die Untersuchung der Wahrheit „auf eine anstän- 
dige, ernsthafte und bescheidene oder auf die entgegenge- 
setzte Art" geschehen sei. Weiter kann das nur für phi- 
losophisch-gebildete Leser berechnete Journal für breitere 
Kreise nicht gefährlich werden „in moralischer oder bürger- 
licher Hinsicht", und nur den Umlauf solcher Schriften will 
das Zensuredikt verhüten. Das Verbot würde erst die nach- 
teilige Folge haben, die Aufmerksamkeit des Publikums auf 
die Schrift zu lenken. So begnügte sich Hecker mit dem 
Antrage, daß die wegen der Aufsätze etwa erforderlichen 
und vorgeschlagenen Verfügungen an die Universitäten er- 
lassen würden. 

Das bedeutendste und inhaltreichste der abgegebenen 
Gutachten ist das zweite. Sein Verfasser ist der Oberkon- 



x ) Sie finden sich dem vollen Wortlaut nach in den Anlagen 2 — 5. 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 281 

sistorialrat Zöllner, Propst an St. Nicolai, bekannt durch 
seine Reisebeschreibungen, sowie seine Arbeiten auf dem Ge- 
biete der Schule und der Volksbildung. Schon die Frage, 
von der er ausgeht, ist ein Beweis, daß es ihm in erster Linie 
nicht um ein formal-kirchenbehördliches Urteil, sondern um 
eine innere Stellungnahme zu den in der Abhandlung auf- 
geworfenen Problemen zu tun ist. Zöllner fragt zunächst, 
ob die beiden Aufsätze wirklich so gemeinschädlich seien, 
als es die sächsische Regierung hinstelle. Ihm ist der Glaube 
an Gott eine dem Verstände und dem Herzen unwidersteh- 
lich sich aufdrängende Tatsache. Nur in Augenblicken des 
Grübelns kann er „durch Räsonnement bei ernsthaft den- 
kenden Menschen" erschüttert werden. Aber solche Ge- 
dankengänge sind dem Verfasser etwas Unnatürliches. Der 
,, bloße schlichte Verstand" wird sie wieder auflösen. Be- 
zeichnend für die rationalistische Auffassung Zöllners ist 
sein Vergleich: Wie das Verlangen nach Essen bei der großen, 
gesunden Mehrzahl der Menschen mächtiger ist als das Ver- 
langen nach Fasten bei einzelnen Schwärmern, so ist „das 
Bedürfnis an Gott zu glauben für den menschlichen Verstand 
und für das menschliche Herz ebenso dringend als das Ver- 
langen nach Speise und Trank". Das lehrt auch die Geschichte 
jeder Zeit, denn alle Gottesleugner haben immer nur geringen 
Anklang gefunden. So droht von dieser Seite keine Gefahr. 
Beide Aufsätze sind überdies in einer Sprache geschrieben, 
die wenig Leser anziehen, und voll von Mißverständnissen, 
die der geübte bald erkennen wird. Dazu kommt: der Fichte- 
sche Aufsatz hat eine Seite, die bei einer gerechten Beur- 
teilung nicht übersehen werden darf. Er vertritt die Idee, 
daß die Heiligkeit des Sittengesetzes unter allen menschlichen 
Vorstellungen die unerschütterlichste sei. Zöllner hält es 
für einen Mißgriff der Fichteschen Philosophie, daß sie, 
um dieses zu beweisen, alle anderen Bedürfnisse des mensch- 
lichen Gemütes aus dem Auge verliere, aber, so fährt er fort, 
„für die Ruhe und Sicherheit der Staaten und für die Ord- 
nung in den Privatverhältnissen wird dadurch sicherlich 
keine Gefahr bereitet"; im Gegenteil, die Fichtesche Idee 
kann in der Tat eine mächtige Stütze der Religiosität werden, 
denn wer nur ein recht lebendiges Gefühl für Sittlichkeit 



282 Ernst Müsebeck, 

hat, der wird auch bald den Übergang zum Glauben an ein 
höchstes Wesen finden, das auch in der Sinnenwelt waltet; 
er wird von der moralischen Weltordnung zu einer morali- 
schen Weltregierung und von dieser zur Vorstellung eines 
Gottes fortschreiten, der allein unfehlbar Glückseligkeit 
und Tugend miteinander verknüpfen kann, weil er in der 
physischen wie in der moralischen Welt gleich unumschränkt 
gebietet." So steht es für den Verfasser dieses Gutachtens 
fest, daß die beiden Aufsätze nicht so allgemeinschädlich 
sind. Aber selbst wenn dem so wäre, würde die Konfiskation 
und das Verbot der Schrift keine zweckmäßige Maßregel 
sein. Bücherverbote und Konfiskationen seien nur dann 
ratsam, wenn eine Schrift nach Form und Inhalt dazu an- 
getan ist, verderbliche Ideen in das große Publikum zu brin- 
gen. Beides trifft hier nicht zu. Überdies stelle man den 
Glauben an Gott durch ein solches Verfahren in kein vor- 
teilhaftes Licht, wenn gerade dieser für die Menschheit so 
wichtige Gegenstand der freien Forschung entzogen würde. 
Der Hauptschade eines solchen Verbotes bleibe es schließ- 
lich, daß auf eine davon betroffene Schrift kein Gelehrter 
antworten, sie nicht widerlegen wolle. Was gibt es nun, 
so fragt Zöllner schließlich, für zweckmäßige Maßregeln 
gegen diese Aufsätze? — Wäre Fichte, so antwortet er, 
nicht mit Strafe bedroht, ,,so würde in unserem Lande die 
natürlichste Maßregel, philosophische Erörterung der strei- 
tigen Fragen, von selbst erfolgen". Bevor nun die sächsischen 
Herzöge als die nutritores der Universität Jena nicht Stellung 
genommen haben, soll Preußen die Sache auf sich beruhen 
lassen und durch Mitteilung der Gründe des diesseitigen Ver- 
fahrens an das kursächsische Ministerium den Versuch ma- 
chen, ob nicht die Aufhebung des ergangenen Verbotes be- 
wirkt und so die ganze Angelegenheit „wieder ins rechte 
Gleise gebracht werden könnte". Trotzdem auch Zöllner 
es für angebracht hält, daß die Professoren jetzt ein besonders 
weises Benehmen nötig hätten, „um durch ihre philoso- 
phischen Vorträge den Geist ihrer Zuhörer zu bilden und 
zugleich die Idee von dem überschwenglichen Werte der 
transzendenten Spekulationen zu verhüten", widerrät er doch 
den Vorschlag seines Kollegen Hecker, weil bis jetzt noch 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 283 

keiner Ursache für den Erlaß einer besonderen Anweisung 
gegeben habe. 

Weit schärfer lautet das Urteil von Sack, dem ehe- 
maligen Erzieher des Königs. Beide Aufsätze enthalten nach 
seiner Meinung Äußerungen, die, wenn man nicht mit Worten 
spielen wolle, „ohne Ungerechtigkeit atheistisch und alles, 
was bisher Religion geheißen hat, umstürzend nennen kann". 
Die Apologie Fichtes habe in ihm diesen Eindruck nur noch 
verschärft. 1 ) Eine atheistische Philosophie aber hält er für 
die „unvernünftigste und mit allen Begriffen des gesunden 
Menschenverstandes und den Bedürfnissen der moralischen 
Natur des Menschen am meisten streitend", zugleich „für 
die heilloseste und verderblichste". Ihre Vertreter vermag 
er deshalb auch nicht „für unschädliche Wahrheitsforscher 
oder gar für achtungswerte Beförderer wichtiger Unter- 
suchungen" anzuerkennen. Trotzdem schloß sich Sack 
dem Votum Zöllners an, weil fast niemand die Aufsätze 
lesen, weil Gegenschriften nur auf diesem Wege möglich 
würden, und weil die Regierung vor allem erst gegen die 
grob materialistischen Schriften Front machen solle. Auch 
er vertritt die Meinung, daß die Konfiskation nur günstige 
Folgen für die Abhandlungen geben werde, während sie bei 
ruhiger Duldung in die Dunkelheit versänken, „welche die 
Fichtesche Philosophie umgibt". 

Das vierte Gutachten stammte aus der Feder des 
Oberkonsistorialrates Teller. Es hält sich in voller Zustim- 
mung zu dem Sackschen Votum, ohne weitere Begründung. 
Überdies schien es ihm von der sächsischen Regierung 
„etwas zu vorschreibend" zu sein, bestimmen zu wollen, 
was die hiesige zu tun habe. Gelegentlich sei es ange- 
bracht, für die Professoren theologischer und philosophischer 
Wissenschaften auf den preußischen Universitäten im all- 
gemeinen eine derartige Verfügung zu treffen. — 

Nach dieser Stellungnahme der geistlichen Mitglieder 
konnte der Bericht des Oberkonsistoriums an das Departe- 
ment der auswärtigen Angelegenheiten nicht zweifelhaft 



*) Es handelt sich um Fichtes „Appellation gegen die Anklage 
des Atheismus" 1799, die soeben erschienen war. 



284 Ernst Müsebeck, 

sein. Es verhielt sich ablehnend gegen den Antrag der sächsi- 
schen Regierung, legte im einzelnen die Gründe dar, wie sie 
Zöllner und Sack entwickelt hatten. Aber wie der Bericht 
vom 11. Februar (konz. von Hecker, mit geringen Änderungen 
Massows) bereits in seinem Eingange hervorhob, daß die 
in den Aufsätzen gewagten Behauptungen die höchste Miß- 
billigung verdienten und daß solchen, das Wesen der Re- 
ligion zerstörenden Schriften in Preußen das imprimatur 
nicht hätte erteilt werden können, so fehlte in seinem wei- 
teren Wortlaute jeder Hinweis auf die positiven Elemente 
in dem Fichteschen Aufsatze, die Zöllner kräftig betont hatte. 
Die Formulierung des Oberkonsistorialberichtes bedeutete 
einen Sieg der schärferen Tonart Sacks. Es waren reine 
Zweckmäßigkeitsgründe, welche die Behörde zur Ablehnung 
des Antrages der sächsischen Regierung bewogen. Darum 
sollten sie auch der sächsischen Regierung mitgeteilt werden. 
In Berlin wollte man nicht dem Vorwurfe sich aussetzen, 
als sei man gleichgültig gegen die Verbreitung solcher ge- 
fährlichen Lehren. Dem Departement der auswärtigen An- 
gelegenheiten (Finkenstein, Alvensleben, Haugwitz) genügte 
jedoch eine solche rein ablehnende Haltung nicht (Schreiben 
vom 23. Februar, konz. Alvensleben). Es kam über das einmal 
erlassene Verbot der Schrift in Kursachsen nicht hinweg. 
Zeitungen und Journale hatten bereits die öffentliche Mei- 
nung auf die nahende Entscheidung der preußischen Re- 
gierung hingewiesen. Gerüchte liefen um, daß sie den sächsi- 
schen Antrag ablehnen werde. Die Anschauung des Ober- 
konsistoriums wurde „auf eine unrichtige Art" mitgeteilt. 1 ) 
Das auswärtige Departement besorgte, daß die heimlichen 
und öffentlichen Feinde aller Religion und aller monarchi- 
schen Staatsverfassungen in Deutschland die gänzliche Ab- 
lehnung als eine Schwäche der preußischen Regierung, 
als ein Vergessen ihrer Würde und ihres Ansehens, als eine 
erste und immer zunehmende Trennung von den übrigen 
protestantischen Ländern in Grundsätzen auslegen würden, 
„über die doch nur eine echte Meinung statthaben" könne. 



x ) Die Berliner Zeitungen erwähnen nichts Derartiges; welche ge- 
meint sind, ließ sich aus den Akten nicht feststellen. 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 285 

Und es besorgte weiter, daß Preußen inZukunft eineZufluchts- 
stätte für solche Leute und ihre Schriften abgeben würde. 
So schlugen die drei Minister Finkenstein, Alvensleben 
und Haugwitz vor, das erste Heft des philosophischen Jour- 
nals, das die beiden Aufsätze von Fichte und Forberg ent- 
hielt, zu verbieten und zu konfiszieren, dagegen die Fort- 
setzung der Zeitschrift frei zu lassen, auch keine besondere 
Vorschrift für die Universitäten und Schulen zu treffen. 
Ein gemeinsamer Immediatbericht sollte, falls das Oberkon- 
sistorium dem Antrage widerspräche, nach dem Schreiben 
vom 23. Februar alsdann die Angelegenheit dem Könige zur 
Entscheidung vorlegen. Die kirchliche Behörde blieb fest 
(4. März), denn, so sagte sie mit Recht, wolle man auf die 
womöglich falsche Beurteilung der preußischen Maßregel 
sehen, „so würden die Grundsätze der Preßfreiheit, Zensur 
und Toleranz sehr bald in ihrer Festigkeit erschüttert und 
wir in die Notwendigkeit versetzt werden, selbige den Rück- 
sichten auf hierüber abweichende Systeme anderer Höfe 
aufzuopfern". 

So blieb der Entscheid dem Könige und seinem Kabinett. 
Am 18. März erfolgten die Immediateingabe beider Be- 
hörden, des Departements der auswärtigen Angelegenheiten 
und der geistlichen Geschäfte, die ihre Anschauungen neben- 
einander stellte. Die bekannte Kabinettsorder vom 25. März 1 ) 
billigte die Gründe der kirchlichen Behörde. Das Konzept 
ist nicht erhalten. Doch aus der Zurücksendung der Auszüge 
aus den beiden Aufsätzen mit einem persönlichen Schreiben 
des Geh. Kabinettsrates Beyme darf wohl geschlossen werden, 
daß er der Verfasser der Order gewesen ist. Die Antwort auf 
die sächsische Note erfolgte am 16. April in durchaus ab- 
lehnendem Sinne. 2 ) 

x ) Zuletzt mitgeteilt bei Medicus a. a. O. S. 90 Anm. 

2 ) So heißt es: „Se. Kgl. Majestät wünschten hiernach, daß über 
das mehrbewegte Journal überall kein Verbot verhängt sein möchte, 
oder daß wenigstens Se. Churf. Durchl. zu Sachsen, von dem Treffen- 
den Se. Majestät Gründe eben so überzeugt, als Sie es von der Reinheit 
dero Absicht gewiß sind, zu dem Entschlüsse bewogen würden, das 
schon erlassene Verbot Ihrerseits wieder aufzuheben. Sollte aber eine 
solche Aufhebung auch nicht erfolgen, sollten selbst mehrere, ja alle 
deutschen Regierungen dem dortseitigen Beispiele folgen, so finden 
Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 19 




286 Ernst Müsebeck, 

Ein kleines Nachspiel schloß sich alsbald an. Als die 
beiden Departements an dem gleichen Tage über die Ant- 
wort auf die sächsische Note in ihrer Immediateingabe Be- 
richt erstatteten, sahen sie sich genötigt, mitzuteilen, daß 
ein Berliner Buchhändler ein Inserat wegen der Käuflich- 
keit des Journals in die Zeitungen der Hauptstadt einrücken 
lassen wolle. Ein solches Verlangen überschritt denn doch 
die Grenze des Erlaubten auch für das Oberkonsistorium. 
Beide Behörden sprachen sich entschieden gegen die Billi- 
gung aus. Sie wiesen auf einen soeben im Moniteur er- 
schienenen Hamburger Bericht hin, nach dem das philo- 
sophische Journal und sein Herausgeber Fichte zu der For- 
derung sich verstiegen hätten, das Wort „Religion" aus allen 
Sprachen zu tilgen. Die sächsische Regierung hätte die 
Zeitschrift verboten, die hannoversche Regierung und der 
Herzog von Braunschweig wären diesem Vorgehen gefolgt, 
und nun habe Fichte alle deutsche Universitäten aufgefor- 
dert, gegen diese Beschränkung der Denkfreiheit Stellung 
zu nehmen. 1 ) Die Kabinettsorder vom 15. Mai entschied 
in dem beantragten Sinne. 

Fichte hat an einen ähnlichen Schritt nicht gedacht. 
Mit der Annahme seines Entlassungsgesuches, die anscheinend 
unter dem starken Einflüsse Goethes zustandekam, am 
29. März durch die Weimarer Regierung, hatte sich sein Ge- 
schick entschieden. Seines Bleibens war in Jena nicht länger. 
Ein Plan, in Rudolstadt zunächst ein Asyl zu finden, schei- 
terte. Wohl beschäftigte schon in jenen Wochen den Heimat- 
losen der Gedanke, sich nach Preußen zu wenden. Aber noch 
am 22. Mai war ihm ein solches Vorhaben höchst unsym- 
pathisch. Der bevollmächtigte Minister Preußens am kur- 
kölnischen Hofe, v. Dohm, den Fichte soeben in Jena kennen 
gelernt hatte, ließ ihm dann die private Aufforderung zu- 
kommen, nach Berlin zu gehen. Bereits am 3. Juli langte 



Se. Kgl. Maj. doch nach genauester Erwägung aller Umstände darin 
keinen wesentlichen Grund die Befolgung Ihrer Grundsätze zu hem- 
men, nichts was die ursprüngliche Lage der Sache ändern könnte." 
x ) Le Moniteur Nr. 166, 16 ventöse an j. Der Hamburger Bericht 
le i 6r ventöse, er fügt noch hinzu: „Dejä differentes universites se sont 
assemblees et le combat s'engage serieusement." 



Verhalten d. preuß. Regieruug im Fichteschen Atheismusstreit. 287 

Fichte in der preußischen Hauptstadt an, um dort bald 
ständigen Aufenthalt zu nehmen, nachdem der König sich 
für die Bewilligung ausgesprochen hatte. Damit hatte sich 
wiederum das Geschick eines Großen im Reiche der Geister 
mit dem allgemeinen Schicksal des Landes verflochten, 
von dem die politische Wiedergeburt Deutschlands ausgehen 
sollte. 

Versuchen wir es nun, nach der Feststellung des äußeren 
Tatbestandes das Verhalten der preußischen Regierung 
in dem Fichteschen Atheismusstreit ideengeschichtlich mit 
dem inneren Charakter jener Zeit zu verbinden. 

Alle Stimmen, die über die Angelegenheit zu entscheiden 
hatten, gehören dem Bereiche der zur Neige gehenden Auf- 
klärung an. Die verschiedenartige Begründung der pro- 
testantischen Kirchenformen in England und Deutschland 
hatte während der Herrschaft des Rationalismus dem Be- 
griffe der Gewissensfreiheit in beiden Ländern einen ver- 
schiedenen Inhalt gegeben. Für einen Denker wie Locke 
bedeutete Gewissensfreiheit Freiheit der Kirche vom Staate, 
d. h. die Möglichkeit zur Bildung von Freikirchen, denen sich 
der einzelne zwar nach seiner Wahl anschließen konnte, 
deren Form und Inhalt er sich aber dann bis zu seinem Aus- 
tritt zu unterwerfen hatte. Pufendorf dagegen forderte die 
Unterordnung der Kirche unter den Staat aus dem Begriffe 
seiner vollkommenen Souveränität, statuierte jedoch eine 
völlige Toleranz der einzelnen Bekenntnisse durch die welt- 
liche Macht und ebenso der religiösen Überzeugung der 
einzelnen innerhalb ihrer Kirche. Trotz dieser scharfen 
Abweichungen voneinander kamen beide in einem Punkte 
überein: um des Staatszweckes willen sprachen sie sich — 
ebenso wie auch Voltaire 1 ) — gegen die Toleranz und Duld- 
barkeit des Atheismus aus. Die Grundsätze Pufendorfs 
beherrschten im friederizianischen Preußen das Verhält- 
nis zwischen Staat und Kirche. Ihren rechtlichen Nieder- 
schlag fanden sie im preußischen Landrecht. Es betonte aus- 
drücklich, daß die Gerechtsame des Landesherrn über die 

x ) Vgl. E. Fueter, Geschichte der neueren Historiographie, Mün- 
chen-Berlin 1911, S. 352. 

19* 




288 Ernst Müsebeck, 

Kirche und die Gerechtsame der Mitglieder, d. h. der Ge- 
sellschafter einer Kirchengemeinde unter sich festgesetzt 
sein sollten, daß jedem Einwohner im Staate eine vollkom- 
mene Glaubens- und Gewissensfreiheit gestattet werden 
müsse. Nicht ganz klar war die Stellung des Landrechtes 
zum Atheismus. Bei aller Garantie für die Gewissensfreiheit 
ist das eine festzuhalten : Jede Kirchengesellschaft war ver- 
pflichtet, ihren Mitgliedern „Ehrfurcht gegen die Gottheit 
einzuflößen". Religionsgrundsätze, welche dieser Forde- 
rung entgegen handelten, durften im Staate nicht gelehrt, 
weder mündlich noch in Volksschriften ausgebreitet werden. 
Dem Staate, und nur ihm, kam das Recht zu, dergleichen 
Grundsätze nach angestellter Prüfung zu verwerfen und deren 
Ausbreitung zu untersagen. 1 ) Die Paragraphen, die über die 
Religions- und Kirchensachen handelten, wurden noch 
während der Regierungszeit Friedrichs des Großen verfaßt. 
Einen Rückschlag gegen diese naturrechtlichen Theorien 
über das Verhältnis zwischen Staat und Kirche bedeutete 
das Wöllnersche Religionsedikt vom 9. Juli 1788 mit den 
sich anschließenden Verordnungen, zu denen auch das von 
Hecker herangezogene Zensuredikt vom 19. Dezember 
gehört. Nach Wöllners Auffassung hatte der Staat nicht nur 
für die salus publica zu sorgen, sondern überdies für das 
„wahre Christentum", wie es längst erwiesen sei. Hielt nach 
der naturrechtlichen Anschauung der Wille der Gesellschafter 
die Kirche zusammen, so nach den Grundsätzen Wöllners 
die Konfession. Sein Staatsbegriff und sein Kirchenbegriff 
entsprachen der vorrationalistischen Auffassung, der Auf- 
fassung der Reformationszeit mit jener durch die Eigenart 
des preußischen Staates gegebenen, jetzt unwesentlichen 
Änderung, daß in ihm mehrere Konfessionen gleichberechtigt 
nebeneinander standen. Wöllners Reaktionsmaßregeln fanden 
scharfen Widerspruch. Der Justizminister Carmer setzte 
es durch, daß das Religionsedikt nur „ein kirchliches Polizei- 
gesetz" (Kabinettsorder vom 10. Dezember), also von den 
Landesgesetzen unterschieden sein sollte, gewissermaßen 
eine Instruktion für das geistliche Departement und die 



x ) Preußisches Landrecht Teil II, Titel 11, § 13—15. 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 2S9 

Prediger; eine Anschauung, die freilich von seinem Urheber 
und auch wohl vom Könige nicht geteilt wurde. Ebenso 
sprachen sich das lutherische Oberkonsistorium und das 
reformierte Kirchendirektorium entschieden gegen das Re- 
ligionsedikt aus.. Von den geistlichen Mitgliedern des Ober- 
konsistoriums, die jetzt ihr Votum in der Fichteschen An- 
gelegenheit abgaben, gehörten Sack und Teller ihm schon 
damals an. Sie erhoben offen ihre Bedenken gegen das Edikt. 
Es blieb eine Episode in der preußischen Kirchengeschichte. 
Die beiden Kabinettsordern vom 12. Januar und 11. März 
1798 beseitigten seinen Inhalt und seinen Urheber. 1 ) 

Noch war kein Jahr seit dem Sturze Wöllners vergangen, 
da stand der Fichtesche Atheismusstreit zur Verhandlung vor 
dem preußischen Ministerium. Das Verfahren in dieser Frage 
entsprach den Maßnahmen in Sachen des Zensuredikts. Die 
naturrechtlichen Tendenzen, wie die Regierung Friedrichs 
des Großen sie verwirklicht, das preußische Landrecht 
kodifiziert hatte, waren wiederhergestellt. Am schärfsten 
brachte den Grundsatz der völligen Unterwerfung der kirch- 
lichen Angelegenheiten und der Gewissensfreiheit der ein- 
zelnen unter die Staatsraison ganz in friederizianischem 
und Pufendorfschem Geiste das Departement der auswär- 
tigen Angelegenheiten zum Ausdruck. Das Problem, wie 
das religiöse Bewußtsein des einzelnen und der fürsorgliche 
Machtwille des Staates miteinander zu vereinbaren seien, 
wurde von seinen Mitgliedern gar nicht aufgeworfen; es 
gab nur restlose Unterordnung des einen unter den anderen. 
Ja in ihrem Berichte an das Oberkonsistorium klang, offenbar 
als eine Folge der französischen Revolution und der Fichte- 
schen Schrift für die Bewegung 2 ), deutlich die Auffassung 
durch, daß die öffentlichen Feinde aller Religion zugleich 
die Feinde aller moralischen, aller auf echte Grundsätze aufge- 



*) Vgl. Erich Foerster, Die Entstehung der preußischen Landes- 
kirche Bd. 1, Tübingen 1905, Kapitel 1; daselbst S. 62ff. werden das 
Promemoria Sacks und die Eingabe Spaldings, Dieterichs, Büschings 
und Tellers im Auszuge mitgeteilt. Sack, der beiden Kollegien ange- 
hörte, unterschrieb auch die zweite Eingabe. 

2 ) Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die 
französische Revolution, anonym erschienen 1793. 






290 Ernst Müsebeck, 

bauten, d.h. monarchisch-absolutistischen Staatsverfassungen 
seien. Darin liegt zugleich ein Hinweis, daß diese enge Ver- 
bindung der religiösen Gedankenwelt mit der monarchischen 
Staatsidee durchaus nicht immer ein Zeichen der Abhängig- 
keit von der späteren christlich-germanischen Auffassung 
zu sein braucht, sie konnte ihre Wurzel auch in der Staats- 
form des Absolutismus finden. Tiefgreifend ist der Unter- 
schied zwischen beiden in der Art der Begründung: die Ver- 
treter der Aufklärung gingen von der allumfassenden Staats- 
idee, die Anhänger eines christlich-germanischen Staats- 
gedankens von dem religiösen Prinzip aus. Die Furcht, daß 
Preußen der Sammelpunkt jener Religionsleugner, wie sie 
etwa in Frankreich aufgetreten waren, für Deutschland ab- 
geben könne, war der letzte Grund des gegen den Bericht 
des geistlichen Departements ablehnenden Verhaltens der 
weltlichen Behörde. Irgendein Fortschritt in der Behand- 
lung der Fragen, wie sich Staat und Kirche, Staat und per- 
sönliche Überzeugung zueinander stellen sollten, über die 
Doktrin des Absolutismus hinaus, trat bei ihr nicht zutage. 
Den König und das Kabinett mochte zu ihrer ablehnenden 
Haltung gegenüber dem Vorschlage des auswärtigen De- 
partements der Wunsch bestimmen, deutlich in einem Einzel- 
falle zu kennzeichnen, daß die neue Regierung die reaktionäre 
Bahn Wöllners verlassen habe. 

Wie steht es nun bei den Mitgliedern des Oberkonsi- 
storiums? — Um ihre Haltung kritisch zu würdigen, ist es 
notwendig, einen Blick auf das Problem zu werfen, das Fichte 
mit seiner Schrift zu lösen suchte. In den beiden Gutachten 
Zöllners und Sacks tritt der einseitige Charakter des Gottes- 
begriffes, den die Aufklärung allmählich gewonnen hatte, 
deutlich hervor. Es ist der Gott des natürlichen Menschen- 
verstandes. Er erscheint als die höchste Personifizierung des 
Gedankens. Religion war für sie der logisch bewiesene 
„Glaube an einen verständigen Weltregierer", ohne den die 
eudämonistische Selbstsicherheit, wie sie bei Sack, und die 
ein wenig sentimentale Vielbeweglichkeit eines gemütvollen 
Herzens, wie sie bei Zöllner zum Ausdruck kommt, keine 
Garantie ihrer Gewißheit besaßen. War solche Religions- 
und Gottesauffassung wirklich das Resultat alles dessen, 




Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 291 

was bisher Religion und Gott geheißen hatte, dann verdiente 
Fichtes Schrift allerdings das Prädikat , »atheistisch". Sie 
war ja der schärfste Protest gegen die einseitige Form, mit 
welcher der Rationalismus das Leben zu meistern suchte: 
gegen die durch natürliche Einzelwahrnehmung und mora- 
lische Einzelerfahrung gewonnene, daher unverbindliche An- 
schauung der menschlichen Persönlichkeit, die sie aber trotz- 
dem infolge des Besitzes des allgemeingültigen Erkenntnis- 
mittels, des natürlichen Verstandes, als das Maß des Zeit- 
lichen und Ewigen betrachtete. Der Aufklärung war das 
Ursprüngliche, das Gegebene die Tatsache. Von ihr aus ent- 
stand die Reflexion des Ichs auf das Vorhandene. Kant über- 
wand diese rein induktive, verstandesmäßige Begründung 
des ganzen persönlichen Bewußtseinsinhaltes, die sich auf 
den Gottesgedanken ausdehnte. Er sah, um dessen absolute 
Gültigkeit zu gewinnen, in Gott die in der Unendlichkeit 
sich herstellende Harmonie von Natur und Sittlichkeit. 
Der Mensch schafft sich von sich aus die absolut gültige Ethik 
und das allgemeingültige Wesen Gottes. Beide sind im Grunde 
eins, das eine Realisierung, das andere letzte Realität. So 
gewann der Königsberger Meister einen anderen Ausgangs- 
punkt als die Aufklärung. Nicht von den Dingen, die außer- 
halb des Menschen liegen, sondern von dem mit sich selbst 
identischen Selbstbewußtsein aus untersuchte er die Bedin- 
gungen des Erkennens und fand so die apriorischen Prin- 
zipien. Aber dieses Selbstbewußtsein des Ichs blieb doch 
eine Tatsache, über die Kant nicht hinweggelangte. Fichtes 
allzeit schaffender Geist drängte über dieses Sein, über diese 
feststehende Sache hinaus, ihn dürstete danach, Kants 
Postulat Gottes aus der Transzendenz zum immanenten 
Prinzip jedes einzelnen selbst zu gestalten, von dem Sein 
zum Handeln vorzudringen. So entstand zunächst die Los- 
lösung des reinen Ichs, d. h. des geistigen Schöpfungsaktes 
des auf das absolute Gute gerichteten, von dem Erfahrungs- 
bewußtsein gänzlich unabhängigen Ichs von dem empirischen, 
so entstand weiter die Lostrennung Gottes, d. h. des ordnen- 
den, sittlichen Geistes in seiner einheitlichen Totalität, der 
sittlichen Weltordnung, von dem Objekte des Ordnens, 
der Welt, und so entstand schließlich die innere Verbindung 



292 Ernst Müsebeck, 

zwischen dem reinen Ich und dieser moralischen Weltord- 
nung, indem es sich als das handelnde Subjekt dieser all- 
umfassenden sittlichen Idee erlebte, die Welt dagegen als 
das versinnlichte Material der Pflicht des einzelnen erfaßte, 
die im übrigen, wie auch das empirische Ich als Bilder, nicht 
als Wirklichkeit geschaut wurden. Nur so kann sie nach Fichte 
der Mensch infolge der sittlichen Notwendigkeit sehen, der 
allein er sich als ein freies Wesen beugt: die Sinnenwelt ist 
wirklich nur als eine Offenbarung für unsere Pflicht. Jener 
moralischen Weltordnung, die in und durch sich selbst 
lebendig ist und wirkt, liegt kein besonderes Wesen als Ur- 
sache zugrunde, sie ist selbst Gott, ohne besondere indivi- 
duelle Wesenheit. Aufgabe des Menschen bleibt es, die ewigen 
Zwecke dieser moralischen Weltordnung selbsttätig als Tat- 
handlung zu seinem eigenen Zwecke zu machen und so Anteil 
an dem schaffenden Wirken Gottes zu gewinnen. Nicht als 
ob er einen Erfolg der Pflicht hervorsuchen und berechnen 
wollte, bevor er handelt! Solche verstandesmäßige Klug- 
heit und Pflicht — damit wandte sich Fichte scharf gegen 
die Auffassung des Rationalismus — wäre Atheismus, 
weil sich der Mensch alsdann über den Willen Gottes erheben, 
sich selbst zum Gott machen würde. Nur die Gewißheit, 
der freudige Glaube, soll ihn bewegen, daß jede wahrhaft 
gute Handlung gelingen muß, weil sie sich in Übereinstim- 
mung mit der sittlichen Weltordnung weiß, selbst einen 
Teil von ihr, d. h. von Gott, bildet. 

Schon im Jahre 1790 schrieb Fichte seiner Braut: 
,,Ich habe eine edlere Moral angenommen, und, anstatt 
mich mit Dingen außer mir zu beschäftigen, mich mehr mit 
mir selbst beschäftigt." Damit kennzeichnete er scharf 
den Gegensatz, der zwischen der rationalistischen und der 
idealistischen Welt- und Gottesauffassung herrscht. Der 
methodische Ort, von dem beide ausgehen, ist verschiedener 
Art. Bei der Aufklärung ist es die Welt, das Objekt; bei dem 
Idealismus der Mensch, das Ich, in Fichte gesteigert zu der 
Idee des Menschen, jenem allzeit geistig werdenden und 
schaffenden Ich, demgegenüber das empirische völlig ver- 
schwindet. Dort der Mensch ein Komplex äußerer Erfah- 
rungstatsachen, in dessen Reich er immer mehr hineinzuziehen 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 293 

sucht, um sie mit seinem Verstände einheitlich zu gestalten, 
hier der Mensch der innerlichste Grund der eigenen Schöpfer- 
kraft, die sich in die Unendlichkeit der Aufgaben hinein er- 
weitert, über sich hinausstrebt, ohne diese Selbstoffenbarung 
nicht bestehen kann. Dort die Welt ein bereits vorhandenes 
Mittel, das eigene Ich zu bereichern, hier eine Schöpfung der 
Persönlichkeit, ein Bild des Eigenlebens, das der Mensch 
aus innerer Notwendigkeit heraus formt. Dort Gott ein 
personifizierter, supranaturalistischer, über der Welt thro- 
nender Gedanke, den Menschen näher gebracht und unent- 
behrlich gemacht durch logische Beweise, hier der allzeit 
schaffende, im Menschen selbst wirksame, ihm immanent 
werdende, von keinem Verstände zu erfassende, sondern nur 
durch den sittlichen Willen zu schauende unendliche Geist, 
der ursprüngliche Grund alles schöpferisch-tätigen Lebens- 
dranges. Teller und Sack standen diesem Fichteschen Gottes- 
begriffe, der so ganz des Greifbaren und Rationellen entbehrte, 
dem die anthropomorphe Form der Verpersönlichung fehlte, 
gänzlich ablehnend und hilflos gegenüber. Aber den Abstand 
der rationalistischen Auffassung von der Fichteschen er- 
messen wir erst in seiner ganzen Größe, wenn das Gutachten 
Zöllners hinzugezogen wird. Zöllner allein versuchte von 
allen diesen hochgebildeten Theologen der Berliner Auf- 
klärung, dem neuen Lebensimpulse, den Fichtes Schrift 
brachte, gerecht zu werden. Er wies darauf hin, wie die 
Heiligkeit des Sittengesetzes, die der Philosoph so einseitig 
und scharf in seinem Aufsatze betone, seine ,, Hauptidee", 
„eine mächtige Stütze der Religiosität und eine innig wir- 
kende Aufforderung zu derselben" werden könne. Für ihn 
war es etwas Äußerliches, etwas, das erst an dem Menschen 
durch die Wahrnehmung herangebracht werden mußte 
und als solches Ehrfurcht erwecken sollte. Schlimmer konnte 
das Wesen des Fichteschen Geistes und, fügen wir hinzu, des 
Geistes des deutschen Idealismus nicht mißverstanden wer- 
den, als wenn sein Gegner in dem Orte, wo überhaupt erst, 
ja, wo allein Religion entstehen konnte, eine äußerliche Stütze 
des Gottesgedankens fand. — 

Doch versuchen wir noch einmal von dieser Einzeltat- 
sache aus vorzuschreiten zu dem Gesamtbilde jener Zeit. 



294 Ernst Müsebeck, 

Die Geschichtsschreibung der letzten Jahrzehnte hat mit 
aller Energie auf die hohe Bedeutung der Aufklärung für 
den Fortschritt unseres politischen, geistigen und wirtschaft- 
lichen Lebens sowie seiner Erkenntnis hingewiesen, sie hat 
die Zusammenhänge der Kultur des Rationalismus mit der 
des klassischen Idealismus aufgedeckt. Theologen und 
Historiker bemühen sich, gleichsam die Pässe aufzufinden, 
die allmählich von der einen zu der anderen hinüberführen, 
jene schroffen Felswände zu umgehen, die frühere Geschlech- 
ter zwischen beiden Welten aufgerichtet hatten. Die Auf- 
klärung versuchte, eine innere Verbindung zwischen den 
supranaturalistischen, religiös und politisch in die Form des 
Territoriums gefaßten Elementen der christlichen Offenba- 
rung und den immanenten, kosmopolitischen Humanitäts- 
idealen der Renaissance herzustellen. Das ist auch das 
letzte Problem des klassischen Idealismus, vielleicht unserer 
ganzen modernen Geisteskultur, sobald sie die Wahrheits- 
momente der mechanistisch - naturwissenschaftlich orien- 
tierten Weltauffassung anerkannt, ihre Einseitigkeit dagegen 
überwunden hat. Insofern jener Verschmelzungsprozeß 
immer von neuem durch die einzelnen Individuen und durch 
alle sozialen Gemeinschaften vollzogen werden muß, bildet 
die Aufklärung eine noch jetzt nicht beseitigte Grundlage 
der Gegenwart. Aber bleibt sie es ebenso, wenn wir die 
Mittel ansehen, mit denen sie das Problem zu bewältigen 
suchte, oder offenbaren sich da nicht Grenzlinien, die sie 
scharf bereits von dem klassischen Idealismus scheiden? — 
Infolge des schon gekennzeichneten Ausgangspunktes stellte 
für die Vertreter der Aufklärung die Geschichte einen sich 
immer mehr vergrößernden Komplex empirischer Tatsachen 
dar, den sie je nach ihrem Standpunkte zu erklären, für die 
Gegenwart nutzbar zu machen, einen Stoff, den sie durch 
kritische Beobachtungen und subjektive Eindrücke sich ein- 
zugliedern suchten. Die Aufklärung fand den immanenten 
Wert alles Geschehens zuletzt nicht in ihm und durch ihn 
selbst, sondern in der normierenden Tätigkeit des subjektiven 
Verstandes, und sie wurde von ihr für eine objektive, in 
den Dingen liegende Immanenz angesehen. So sehr sich die 
deutschen Aufklärungstheologen der letzten Jahrzehnte des 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 295 

18. Jahrhunderts gegen eine prinzipielle Anerkennung des 
Deismus sträubten, als das Wesentliche des Christentums 
galten ihnen schließlich doch nur die Grundsätze, die mit der 
natürlichen, verstandesmäßig bestimmten Religion überein- 
stimmten. Ein Typus für diese Haltung ist Friedrich Nicolai. 1 ) 
Sie meisterten von sich aus nicht nur die geschichtlichen 
Erscheinungsformen der Religion, sondern das Wesen der 
Religion selbst. Gegen solche Irreligiosität wandten sich 
Schleiermachers Reden über die Religion, die ja in diesem 
Jahre, 1799, erschienen — ihre Bekenner waren für ihn die 
„Verächter" des religiösen Lebens — ganz ähnlich wie für 
Fichte. Und bedeutete es nicht eine diesem Beispiel adäquate 
Gleichsetzung der subjektiven und objektiven Immanenz 
auf juridisch-politischem Gebiete, wenn Friedrich der Große 
in seinem politischen Testamente 1752 sagte, er habe dem 
Großkanzler Cocceji seine Absicht mitgeteilt, die Gesetze 
umzugestalten und an ihre Stelle nur solche zu setzen, die 
in der natürlichen Gerechtigkeit begründet seien? 2 ) In dieser 
einseitigen Lösung des Problems, die in den Gutachten der 
Sack, Teller und Zöllner deutlich durchklingt, liegt die prin- 
zipielle Schwäche des rationalistischen Intellektualismus, 
die wohl durch den Genius der Großen ausgeglichen, aber 
nicht aufgehoben werden konnte. Aus ihr entsprang jene 
,, passive Gerechtigkeit, Moralität und Religiosität, die Alten- 
stein in seiner Denkschrift vom September 1807 als die 
schwersten Mängel des alten Systems bezeichnete. Sie per- 
sönlich wendend, nannte sie Stein kurz vor dem Zusammen- 
bruche Preußens „Leerheit, Trägheit und einen Mangel 
an Erhabenheit und Größe in den Gesinnungen". 3 ) Dem- 
gegenüber der Idealismus Fichtes, beseelt von der höchsten 
Aktivität des sittlichen Willens. Er steigt bis zu jener 
Himmelshöhe, wo sich dem reinen Ich die ganze Geschichte 



*) Das gibt auch Karl Aner, Der Aufklärer Friedrich Nicolai, 
Gießen 1912, S. 79 zu. 

2 ) Acta borussica IX S. 327. 

8 ) 6. Okt. 1806 in Bemerkungen zu einem Aufsatze Altensteins 
über die Verfassungsänderung in Preußen. Sie zielten auf den König, 
dem A. unter anderen eine „sehr richtige Urteilskraft" nachgerühmt 
hatte. 



296 Ernst Müsebeck, 

als eine Verwirklichung jenes Willens offenbart, wo dieses 
Ich sie selbst von sich aus setzt, ja ganz neu zu gestalten ver- 
mag. Auch hier eine durchaus einseitige Auffassung der 
Geschichte, wie bei der Aufklärung. Aber ihre Immanenz 
ruht nicht mehr in der normierenden, gleichsetzenden Tätig- 
keit des Verstandes, sondern sie wirkt in der schaffenden 
Kraft, in der Willensbetätigung aller einzelnen Menschen, 
aller reinen Ichs, sie ist ganz Idee, sie ist das konkrete Leben 
der Vernunft. Aus den Tat Sachen werden Tat handlungen, 
gewiß einseitig bestimmte, aber in den Grund des genetischen 
Wachsens hineingestellte. Damit vertieft sich der Begriff 
der Geschichte. Die Aufklärung führt zu jener Anschauung 
der Geschichte, die den Menschen als ein Objekt ansieht, 
deren wissenschaftliche Erfassung als Geschichtsschreibung 
ihn in seinen philosophischen Zusammenhängen mit dem 
Ganzen zu verstehen sucht. Den Idealismus trägt jene An- 
schauung der Geschichte, die den Menschen als ein Subjekt 
wertet, deren wissenschaftliche Erfassung als Geschichts- 
schreibung also über jene Kombination hinaus ihn als von 
sich bestimmte Eigentümlichkeit anzuschauen wagt. Dort 
einseitige Betonung der geschichtlichen Notwendigkeit, der 
gesetzmäßigen Unfreiheit; hier der außergeschichtlichen Un- 
bestimmtheit, der persönlichen Freiheit. Dort scharfe Her- 
vorkehrung der tatsächlichen Erscheinung, des faktischen 
Erfolges; hier der wahrhaft wirklichen, hinter der Erschei- 
nung liegenden Idee, der vor den Zusammenhängen des 
objektiven Daseins gefaßten Absicht der sittlich handeln- 
den Persönlichkeit. Das sind doch Erkenntnisse über das 
Wesen des Menschen selbst und der Geschichte, die erst der 
klassische Idealismus und die Frühromantik fassen konnten. 
Die Vertreter der Aufklärung, die Sack und Teller, Zöllner 
und Nicolai waren sich dieses Gegensatzes in der ganzen 
Weltauffassung wohl bewußt. Aus ihm nur können die ver- 
nichtende Kritik, der Zorn und die bittere Satire verstanden 
werden, mit welchen ein Goethe und Schiller, ein Fichte und 
Schleiermacher die aufgeklärten Geister des 18. Jahrhunderts 
bedachten. Die moderne Geschichtsforschung hat sich beide 
Methoden und beide Anschauungen zu eigen gemacht. 
Aufgabe der Historie ist es gewiß, die Kausalzusammen- 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 297 

hänge aufzudecken, die von einer großen Kulturform zu 
der anderen hinüberleiten. Aber sie soll auch ihres Amtes 
walten in der Ermittelung der Gegensätze, die zwischen 
ihnen liegen. Sonst erscheint die Notwendigkeit, d. h. der 
Begriff der Entwicklung restlos als das allein herrschende 
Gesetz der Geschichte, der Begriff der Freiheit wird ausge- 
schaltet. Friedrich Wilhelm III. dachte geschichtlicher als 
seine politischen und kirchlichen Ratgeber, wenn er bald' 
nach jenen Vorfällen entschied: ,, Ist Fichte ein so ruhiger 
Bürger, als aus allem hervorgeht, und so entfernt von gefähr- 
lichen Verbindungen, so kann ihm der Aufenthalt in meinen 
Staaten ruhig gestattet werden. Ist es wahr, daß er mit dem 
lieben Gott in Feindseligkeiten begriffen ist, so mag das der 
liebe Gott mit ihm abmachen, mir tut das nichts." 1 ) Die 
Aufnahme des Philosophen in Berlin scheint doch schließlich 
das persönliche Werk des Monarchen gewesen zu sein. 



Beilagen. 

1. Verzeichnis der angeschuldigten Stellen aus der Abhandlung 

von Fichte. 

S. 13. 2 ) Unsre Welt ist das versinnlichte Materiale unsrer 
Pflicht; dies ist das eigentliche Reelle in den Dingen, der wahre 
Grundstoff aller Erscheinung. Der Zwang, mit welchem der 
Glaube an die Realität desselben sich uns aufdringt, ist ein mo- 
ralischer Zwang; der einzige, welcher für das freie Wesen möglich 
ist. Niemand kann ohne Vernichtung seine moralische Bestim- 
mung so weit aufgeben, daß sie ihn nicht wenigstens noch in 
diesen Schranken für die künftige höhere Veredlung aufbewahre. 
— So, als das Resultat einer moralischen Weltordnung ange- 
sehen, kann man das Prinzip dieses Glaubens an die Realität der 
Sinneswelt gar wohl Offenbarung nennen. Unsere Pflicht ist's, 
die in ihr sich offenbaret. Dies ist der wahre Glaube; diese mo- 
ralische Ordnung ist das Göttliche, das wir annehmen. 



*) Fichte, Leben und Briefwechsel I, S. 391 ; der Vermittler war 
offenbar der Kabinettsrat Beyme, ebendaselbst S. 378. 
2 ) Nach den Seiten des Originals. 



298 Ernst Müsebeck, 

S. 14. Der wahre Atheismus, der eigentliche Unglaube und 
Gottlosigkeit, besteht darin, daß man über die Folgen seiner Hand- 
lungen klügelt, der Stimme seines Gewissens nicht eher gehorchen 
will, bis man den guten Erfolg vorherzusehen glaubt, so seinen 
eigenen Rat über den Rat Gottes erhebt, und sich selbst zum Gotte 
macht. Wer Böses tun will, damit Gutes daraus komme, ist ein 
Gottloser. In einer moralischen Weltregierung kann aus dem 
Bösen nie Gutes folgen, und so gewiß du an die erstere glaubst, 
ist es dir unmöglich, das letztere zu denken. — Du darfst nicht 
lügen, und wenn die Welt darüber in Trümmern zerfallen sollte. 
Aber dies ist nur eine Redensart; wenn du im Ernste glauben 
dürftest, daß sie zerfallen würde, so wäre wenigstens dein Wesen 
schlechthin widersprechend und sich selbst vernichtend. Aber dies 
glaubst du eben nicht, noch kannst, noch darfst du es glauben; 
du weißt, daß in dem Plane ihrer Erhaltung sicherlich nicht auf 
eine Lüge gerechnet ist. 

S. 15. Der eben abgeleitete Glaube ist aber auch der Glaube 
ganz und vollständig. Jene lebendige und wirkende moralische 
Ordnung ist selbst Gott; wir bedürfen keines anderen Gottes, 
und können keinen anderen fassen. Es liegt kein Grund in der 
Vernunft, aus jener moralischen Weltordnung herauszugehen 
und vermittelst eines Schlusses vom Begründeten auf den Grund 
noch ein besonderes Wesen als die Ursache desselben anzunehmen ; 
der ursprüngliche Verstand macht sonach diesen Schluß sicher 
nicht und kennt kein solches besonderes Wesen; eine nur sich 
selbst mißverstehende Philosophie macht ihn. 

S. 16. Denn wenn man euch nun auch erlauben wollte, 
jenen Schluß zu machen und vermittelst desselben ein besonderes 
Wesen als die Ursache jener moralischen Weltordnung anzunehmen, 
was habt ihr denn nun eigentlich angenommen? Dieses Wesen 
soll von euch und der Welt unterschieden sein, es soll in der letz- 
teren nach Begriffen wirken, es soll sonach der Begriffe fähig 
sein, Persönlichkeit haben und Bewußtsein. 

S. 17. Es ist daher ein Mißverständnis, zu sagen, es sei zweifel- 
haft, ob ein Gott sei oder nicht. Es ist gar nicht zweifelhaft, 
sondern das Gewisseste was es gibt, ja der Grund aller anderen 
Gewißheit, das einzige absolut Gültige Objektive, daß es eine mo- 
ralische Weltordnung gibt, daß jedem vernünftigen Individuum 
seine bestimmte Stelle in dieser Ordnung angewiesen und auf seine 
Arbeit gerechnet ist; daß jedes seiner Schicksale, inwiefern es 
nicht etwa durch sein eigenes Betragen verursacht ist, Resultat 
ist von diesem Plane, daß ohne ihn kein Haar fällt von seinem 
Haupte und in seiner Wirkungssphäre kein Sperling vom Dache; 



Verhalten d.preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 299 

daß jede wahrhaft gute Handlung gelingt, jede böse sicher miß- 
lingt, und daß denen, die nur das Gute recht lieben, alle Dinge 
zum besten dienen müssen. Es kann ebensowenig von der anderen 
Seite dem, der nur einen Augenblick nachdenken und das Re- 
sultat dieses Nachdenkens sich redlich gestehen will, zweifelhaft 
bleiben, daß der Begriff von Gott als einer besonderen Substanz 
unmöglich und widersprechend ist; und es ist erlaubt, dies auf- 
richtig zu sagen und das Schulgeschwätz niederzuschlagen, 
damit die wahre Religion des freudigen Rechttuns sich erhebe. 



2. Gutachten des Oberconsistorialrates Andr. Jak. Hecker, 
31. Januar 1799. 

Das Censur-Edict für die königl. preußischen Staaten d. d. 
Berlin, den 19. Dezember 1788 enthält folgende Vorschriften, 
die auf den vorliegenden Fall anwendbar sind: 

§ II. Die Absicht der Censur ist keineswegs, eine an- 
ständige, ernsthafte und bescheidene Untersuchung 
der Wahrheit zu hindern, sondern nur vornemlich dem- 
jenigen zu steuern, was wider die allgemeinen Grund- 
sätze der Religion, wider den Staat und sowohl moralischer 
als bürgerlicher Ordnung entgegen ist, u. s. w. 

§ III. Die zur Censur verordneten Behörden (in An- 
sehung theologischer und philosophischer Schriften nach § III 
die Consistorien) sind berechtigt, sobald sie von Büchern, 
deren Debit in hiesigen Landen nach den Grundsätzen § II 
unzulässig ist, es mögen nun solche inn- oder außerhalb 
Landes gedruckt sein, auf eine oder die andere Art Kenntnis 
erlangen, den ferneren Verkauf derselben durch ein an alle 
Buchhändler erlassenes Circulare zu untersagen u. s. w. 

Es ist nach diesen Vorschriften keinem Zweifel unterworfen, 
daß dem Ober-Consistorium die Beurteilung zukomme, ob das 
philosophische Journal der Professoren Fichte und Niethammer 
sich dazu qualifizire, daß der Verkauf desselben in den preußi- 
schen Landen untersagt werden könne und müsse. 

Der beiliegende Auszug aus dem Journal enthält offenbar 
solche Behauptungen, die nach § II des Censur-Edicts den Debit 
dieser Schrift unzulässig machen. 

Ich würde mich daher, dem genannten Edicte gemäß, für 
verpflichtet halten, dem Antrage E. H. churfürstl. sächsischen 
Staats-Ministeriums beizustimmen, wenn nicht nachstehende, 
meinem Bedüncken nach nicht unerhebliche Gründe wenigstens 



300 Ernst Müsebeck, 

das öffentliche Verbot des Verkaufs des Journals zu wider- 
raten schienen. 

1. Der uns mitgeteilte Auszug ist zu unvollständig, um nach 
demselben beurtheilen zu können, ob in der Schrift selbst die Unter- 
suchung der Wahrheit auf eine anständige, ernsthafte und be- 
scheidene oder auf die entgegengesetzte Art geschehen sei, welches 
doch nach §11 des Censur-Edicts das Urteil der Censur-Behörde 
bestimmen soll. 

2. Die Absicht der Verordnungen des Censur-Edicts ist un- 
streitig die, zu verhüten, daß solche Schriften in den Umlauf 
kommen, die dem Publikum in moralischer oder bürgerlicher 
Hinsicht gefährlich werden können. Das philosophische Journal 
ist für Philosophen bestimmt, welche imstande sind zu prüfen; 
und diese werden, wenn die im Auszuge bloß hingeworfenen Be- 
hauptungen ebenso in der Schrift selbst ohne nähere Bestim- 
mungen und Beweise vorgetragen sein sollten, sich durch dasselbe 
nicht irre führen lassen. Für Nichtphilosophen hat der 
Inhalt und die Einkleidung des Journals zu wenig Interesse, 
als daß es von denselben beachtet und gelesen werden sollte. 
Dagegen aber wird das Verbot desselben die nachteilige 
Folge haben, daß dadurch die Aufmerksamkeit desjenigen 
Publikums, dem die Lesung dieser Schrift vielleicht gefährlich 
werden könnte, auf dieselbe hingeleitet werden, und daß das- 
selbe eben deshalb, weil die Schrift verboten worden, die in der- 
selben geäußerten Grundsätze für neu, wichtig und unwiderlegbar 
halten wird. 

Ich würde also, um von der Anzeige E. H. churfürstl. sächsi- 
schen Staats-Ministeriums einen zweckmäßigen Gebrauch zu 
machen, bloß darauf antragen, daß die der genannten Schrift 
wegen etwa erforderlichen und vorgeschlagenen Verfügungen 
an die Universitäten erlassen werden. 

3. Gutachten des Oberconsistorialrates Joh. Friedr. Zöllner, 
3. Februar 1799. 

Dem vorstehenden Voto habe ich in der Hauptsache wenig 
beizufügen; wenn ich also meine Meinung noch etwas umständ- 
licher entwickele, so geschieht es bloß, weil gewiß die Aufmerk- 
samkeit eines großen Teils des literarischen Publicums auf die 
Schritte gerichtet ist, die der preußische Hof in dieser Angelegen- 
heit thun wird. 

Um die Frage, welche Maßregeln gegen das philosophische 
Journal von Fichte und Niethammer zu ergreifen sein 




Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 301 

möchten, vollständig zu beantworten, sind meines Bedünckens 
folgende drei Fragen zu erörtern: 

1. Ist dies Journal, und namentlich das erste Stück, von 
welchem die Rede ist, so gemeinschädlich, als es vorgestellt wird ? 

2. Ist Confiscation und Verbot solcher Schriften eine zweck- 
mäßige Maßregel gegen dieselben? 

3. Welche anderen Maßregeln möchten dagegen zu ergreifen 
sein? 

Zuerst also: ist das erwähnte Journalstück so ge- 
meinschädlich wie es vorgestellt wird? 

Der Glaube an Gott liegt so tief in jedem Gemüte, dringt 
sich dem Verstände und dem Herzen so unwiderstehlich auf, 
und ist an so viele Vorstellungsreihen geknüpft, daß er weder durch 
irgendeine einzelne Schrift verdrängt noch überhaupt durch 
Räsonnement bei ernsthaft denkenden Menschen anders als 
höchstens in Augenblicken des Grübelns erschüttert werden kann. 
Es läßt sich zwar begreifen, wie ein speculierender Kopf sich in 
eine Reihe von Ideen hineindenken kann, in welcher endlich ihm 
der Unerforschliche auch undenkbar scheint, oder wie er 
sich in ein Gewebe von abstracten Vorstellungen verstricken kann, 
durch die er endlich von dem hinweg gerissen wird, was sich ihm 
bei tausend anderen Betrachtungen als ungezweifelt dargestellt 
hatte. Aber eben darum, weil dies immer nur ein unnatürlicher 
Ideengang sein kann, in welchem gewisse Vorstellungen ganz anders 
verknüpft werden, als sie in dem blassen, schlichten Verstände 
verknüpft sind, eben darum kann es nur äußerst wenige Köpfe 
geben, die dafür zu gewinnen wären. Es hat Schwärmer gegeben, 
die sich überredet haben, daß es etwas sehr verdienstliches sei, 
viele Tage hintereinander zu fasten. Sie haben wohl hie und da 
einen Schüler gefunden; aber nie hat sich ihre Lehre weit ver- 
breiten können; denn der Hunger, der bei gesunden Menschen 
mächtiger ist als alle Grübelei und alle Erhitzung der Einbildungs- 
kraft, blieb ihr unbestechlicher Gegner. Und fürwahr, das Be- 
dürfnis an Gott zu glauben, ist für den menschlichen Verstand 
und für das menschliche Herz ebenso dringend als das Verlangen 
nach Speise und Trank! Dies lehrt auch die Geschichte der 
Philosophie unwidersprechlich. Es hat in allen Zeitaltern Gottes- 
leugner gegeben. Aber was haben sie für Anhang gefunden? — 
Und man überrede sich nicht, daß sie nur deswegen so einzeln 
standen, weil sie und ihre Meinung unterdrückt wurden. Dies 
Unterdrücken geschah in der Regel so, daß gerade dadurch überall 
bekannt ward, was der Verurteilte gelehrt habe. Auch sind die 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 20 



302 Ernst Müsebeck, 

Schriften der berühmtesten Gottesleugner nicht vertilgt, und die 
Hauptideen, von welchen sie ausgingen, sind jedem, der die Ge- 
schichte der Philosophie und Religion studiert hat, bekannt. 
Aber wen irren sie? 

Hierzu kommt, daß der Fichtesche Aufsatz im Philo- 
sophischen Journal in einer Sprache geschrieben ist, die nicht 
nur nichts Anlockendes hat, sondern auch das Verstehen seiner 
eigentlichen Meinung äußerst erschwert, so daß das große Publi- 
kum vom Lesen desselben zurückgeschreckt und die Möglichkeit 
einer weitverbreiteten Sensation aufgehoben wird. Für ungeübte 
Köpfe ist da nirgends ein Reiz, der sie vermögen könnte, sich in 
so kalte und dunkle Regionen zu wagen; und der geübte Denker 
wird bald durch die Mißverständnisse zurückgestoßen, die er in 
diesem Räsonnement unmöglich übersehen kann. Dies letztere 
ist noch mehr der Fall in dem Forbergischen Aufsatze, der 
sich, wenn er ja Leser finden sollte, schwerlich auch nur einen ein- 
zigen Anhänger versprechen kann. 

Überdies hat der Fichtesche Aufsatz eine Seite, die man 
nicht übersehen darf, ohne ungerecht zu sein. Fichte nämlich 
hat die Idee, daß die Heiligkeit des Sittengesetzes unter allen 
menschlichen Vorstellungen die evidenteste, die unerschütterlichste 
sei. Und um davon zu überzeugen, und dies recht andringend zu 
machen, bietet er alles auf, was irgendeine Gewalt über Verstand 
und Herz zu üben vermag. Daß er darüber andere, ebenso drin- 
gende Bedürfnisse des menschlichen Gemütes aus dem Auge ver- 
liert, daß er sich gegen diese sogar auflehnen zu müssen glaubt, 
um für jenes Eine desto mehr und desto freieres Feld zu gewinnen, 
dies ist ein Mißgriff, der seine Philosophie drückt. Aber für die 
Ruhe und Sicherheit der Staaten und für die Ordnung in den 
Privatverhältnissen wird dadurch sicherlich keine Gefahr bereitet; 
vielmehr kann für jeden, der sich nicht durch ein ausschließliches 
Anschauen des einen Gesichtspunktes alle übrigen aus dem Auge 
gerückt hat (wie es wohl nur bei wenigen seiner Leser der Fall 
sein durfte), auch diese Hauptidee des Prof. Fichte in der Tat 
eine mächtige Stütze der Religiosität und eine innig wirkende 
Aufforderung zu derselben werden. Denn wer nur erst mit einer 
recht lebendigen Ehrfurcht für Sittlichkeit durchdrungen ist, 
wer es nur erst recht überzeugend wahrgenommen hat, daß im 
Menschen sich alles vereinigt, ihm Moralität heilig zu machen, 
und daß jede leise Ahnung des Gefühls wie jede deutlich entwickelte 
Betrachtung des Verstandes darin zusammentrifft, für den wird 
der Übergang zum Glauben an ein höchstes Wesen, das auch in 
der Sinnenwelt waltet, und zu seiner Verehrung wie zur Hoff- 






Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 303 

nung auf dasselbe, nicht nur bald ein großes Bedürfnis, sondern 
auch leicht werden. 

Möge immerhin Fichte auf dem halben Wege stille stehen 
und vielleicht sogar vor dem Weitergehen warnen, der gesunde 
Verstand, der nicht für ein systematisches Ideengewebe mit 
Enthusiasmus eingenommen ist, wird weder durch den Scharf- 
sinn noch durch die Beredsamkeit seines Führers zurückgehalten 
werden, dem unwiderstehlichen Rufe zu folgen, den er in seinem 
ganzen Innern vernimmt, und den jener selbst aufs neue in ihm 
laut werden ließ; er wird von der moralischen Weltordnung zu 
einer moralischen Weltregierung und von dieser zur Vorstellung 
eines Gottes fortschreiten, der allein unfehlbar Glückseligkeit und 
Tugend miteinander verknüpfen kann, weil er in der physischen 
wie in der moralischen Welt gleich unumschränkt gebietet. Je 
gewaltiger Fichte die innigsten Empfindungen des Herzens 
aufregt, und je weniger er Beruhigung gewährt, desto weniger wird 
es dem philosophischen Gottesverehrer Mühe kosten, den Fichte- 
schen Schüler auf den Punkt zu stellen, wo ihm die Religion ebenso 
in unserem ganzen Innersten begründet als segensvoll erscheint. 
Ja die wenigen ausgenommen, die sich in Fichtes Ideengang 
und Sprache hineinstudiert haben, möchten wohl die Leser in 
dem gerügten Aufsatze so vielen Widerspruch und so viel Unver- 
ständliches finden, daß sie es aufgeben, ganz in sein Gedanken- 
system einzudringen und sich lieber an die verständlichsten 
und mit ihren sonstigen Vorstellungen übereinstimmenden Stellen 
halten, wie etwa die fürwahr nicht atheistische (S. 17): „Es ist 
daher ein Mißverständnis, zu sagen, es sei zweifelhaft, ob ein Gott 
sei oder nicht. Es ist gar nicht zweifelhaft, sondern das Gewisseste 
was es gibt, ja der Grund aller anderen Gewißheit, das einzige 
absolut gültige objektive, daß es eine moralische Weltordnung 
gibt, daß jedem vernünftigen Individuum seine bestimmte Stelle 
in dieser Ordnung angewiesen und auf seine Arbeit gerechnet ist, 
daß jedes seiner Schicksale, inwiefern es nicht etwa durch sein 
eigenes Betragen verursacht ist, Resultat ist von diesem Plane, 
daß ohne ihr kein Haar fällt von seinem Haupte, und in seiner 
Wirkungssphäre kein Sperling von Dache, daß jede wahrhaft gute 
Handlung gelingt, jede böse sicher mißlingt, und daß denen, die 
nur das Gute recht lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen." 

Es sei indessen, daß man diese letztere Ansicht nicht hoch 
genug in Anschlag brächte, daß man die Gefahr der Ausbreitung 
selbst atheistischer Ideen für weit größer hielte, als ich sie mir 
denken kann, und daß man besorgte, die Fichtesche und Forberg- 
sche Abhandlung könnte einen nachteiligen Eindruck machen, 

20* 



304 Ernst Müsebeck, 

so halte ich doch, zweitens, die Konfiskation und das 
Verbot dieser Schrift für keine zweckmäßige Maßregel. 

Bücherverbote und Konfiskationen können immer nur da 
ratsam sein, wo eine Schrift nach Form und Inhalt angethan ist, 
verderbliche Ideen ins große Publikum, unter den großen Haufen 
zu bringen. Wird eine solche Schrift, die für den großen Haufen 
hauptsächlich durch ihre Form etwas Anlockendes hat, und 
von der eben deswegen zu erwarten ist, daß sie viele Leser finden 
und Eindruck auf sie machen werde, wie etwa Obscönitäten, 
Aufhetzung gegen Regierungsmaßregeln in unruhigen Zeiten, 
mutwillige Verspottung heiliger Dinge u. s. w., — wird eine solche 
Schrift verboten und konfisciert, so erreicht man wenigstens den 
Zweck, daß sie in wenigere Hände kommt und also geringeren 
Schaden stiftet, weil höchstens der Inhalt von Mund zu Munde 
fortgepflanzt werden kann, aber nicht die Einkleidung, die doch 
eigentlich die Einbildungskraft erhitzt und die Gemüter in Gä- 
rung bringt. Dies ist aber nicht der Fall bei einem Buche, das, 
wie das philosophische Journal, überall nur auf wenige Leser 
rechnen kann und sicherlich, wenn nicht die Lesewelt gleichsam 
gezwungen wird, aufmerksam darauf zu sein, von niemanden als 
von prüfenden Denkern durch und durch gelesen und nach seinem 
ganzen Inhalte erwogen wird. Hunderte, die nach diesem Buche 
niemals gefragt, und andere Hunderte, die es gleichgültig aus der 
Hand gelegt haben würden, wenn sie auf die ersten Seiten zufällig 
einen Blick geworfen hätten, werden begierig, es zu erhalten, 
sobald von einem Verbote die Rede ist. Sie dünken sich etwas 
damit, einem anderen ins Ohr sagen zu können: „ich habe es ge- 
lesen; ich besitze es." Die wenigen Exemplare, die der Konfis- 
kation entgangen sind, werden als eine Seltenheit mühsam auf- 
gesucht, gehen von einer Hand in die andere und werden mit ver- 
schlingender Begierde studiert. Da man einmal weiß, es solle 
Gift darin sein, so findet man dies Gift überall, man unterhält 
sich davon in Gesprächen und pflanzt Stellen, über die man viel- 
leicht sonst gedankenlos hinweg gelesen hätte, von Mund zu Munde, 
vielleicht mit Zusätzen und Vergrößerungen fort. Man hat Bei- 
spiele genug in der Literaturgeschichte, daß Bücher, denen durch 
Konfiskation und Verbrennen eine Wichtigkeit war beigelegt 
worden, mit teurem Gelde bezahlt und mit großer Emsigkeit ab- 
geschrieben wurden, unterdessen kein Mensch andere ähnlichen 
Inhalts las, die in allen Buchläden verkauft wurden. 

Und gerade bei Schriften, wie das philosophische Journal, 
thut das Verbot und die Konfiskation noch obenein von einer 
anderen Seite vielfachen Schaden. 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 305 

Wenn es nun durch das öffentliche Verbot verlautbaret, 
daß eine atheistische Schrift erschienen sei, so wird überall 
davon geredet; und der große Haufe glaubt, die Gründe, welche 
die Schrift vortragen, müssen gar erheblich sein, weil man sie 
nicht widerlegt, sondern ihr Bekanntwerden verhütet. Ja selbst 
die, welche sich mit dem Studium der Philosophie beschäftigen, 
geraten wohl auf den Gedanken, daß etwas Unwiderlegliches 
müsse vorgetragen sein, zumal da der Verfasser sich den Namen 
eines der scharfsinnigsten Philosophen erworben hat. Anstatt 
also den Glauben durch das Verbot vor Angriffen zu bewahren, 
wird er gerade durch dasselbe erschüttert; und bei Personen, 
denen ihre Überzeugungen wahrhaft teuer sind, wird eine Ängst- 
lichkeit erregt, die für sie desto peinigender wird, da sie sich eine 
Gefahr vorstellen, über deren Größe und Nähe sie nicht urteilen 
können. Und in der Tat, der Glaube an Gott wird dadurch in kein 
vorteilhaftes Licht gestellt! Warum soll denn gerade dieser für die 
Menschheit so wichtige Gegenstand nicht zur gründlichsten Un- 
tersuchung gezogen und von allen Seiten beleuchtet werden? 
Wahrlich, so mißlich steht es ja doch nicht mit den Gründen 
unserer Überzeugung, daß wir, wie eine Partei, die einen ungün- 
stigen Ausgang ihres Prozesses fürchtet, Aktenstücke zur Seite 
schaffen müßten. Die Wahrheit hat immer durch den scharf- 
sinnigen Zweifel gewonnen, und würde es auch hier, wenn die 
Philosophen durch ruhige Beleuchtung der Fichteschen Ar- 
gumente ihr einen neuen Triumph verschafften. 

Wird aber die Schrift verboten und dem Verfasser sogar 
Strafe gedroht, so bleibt bloß der nachteilige Eindruck, den 
das Verlautbaren eines neuen Angriffs der Wahrheit macht, und 
für die Überzeugung selbst geht aller zu erwartende Gewinn 
verloren. Denn gegen eine verbotene Schrift — und dies ist 
ein Hauptschade eines solchen Verbotes — läßt sich nicht 
schreiben, weil selbst dann, wenn sie irgendeinem Gelehrten zum 
Behuf der Widerlegung ausgehändigt würde, dieser doch den 
Argwohn nicht verhüten könnte, daß er die Gründe des Gegners 
nicht in ihrer ganzen Stärke vorgetragen habe. Und wer, der 
Achtung für sich selbst hat, wird einen Wehrlosen mit bewaffneter 
Hand bekämpfen, d. i. mit anderen Worten, öffentlich gegen einen 
Schriftsteller auftreten, der sich nicht ebenso öffentlich vertei- 
digen darf? Oder wenn ein Gelehrter diese Rücksicht auf sich 
selbst der guten Sache aufopfern wollte, würde die Achtung für 
die heiligste Wahrheit ihm erlauben, wenigstens bei einem Teile 
des Publikums den Verdacht zu erregen, daß ihre Verteidigung 
bloß eine Frucht des ergangenen Befehles sei, und daß die vor- 




306 Ernst Müsebeck, 

gebrachten Argumente nur darum so unangefochten bleiben, 
weil den Gegengründen Konfiskation und Verbot im Voraus gewiß 
ist? Wer wird endlich gegen die Schrift eines verfolgten, mit 
Strafe bedrohten Mannes auftreten wollen? Muß man nicht fürch- 
ten, daß man durch eine Widerlegung sein Verdammungsurteil 
befördern helfe? Wem fällt nicht die Feder aus der Hand, wer 
fühlt nicht wenigstens seinen Geistesschwung gelähmt, wenn er, 
mitten in seinen Spekulationen, an bürgerliche Folgen gedenkt, 
und neben den richtenden Forschern auch den richtenden welt- 
lichen Arm erblickt? Ich gestehe, daß ich selbst mit einer Schrift 
über die Fichteschen Ideen von einer moralischen Weltordnung 
umging; aber seitdem ich höre, daß von Bestrafung des Verfassers 
die Rede ist, glaube ich meine Gedanken wenigstens so lange 
zurückhalten zu müssen, bis die Sache wieder vor den einzigen 
Richterstuhl gekommen ist, wohin sie gehört, wo nur von Wahr- 
heit, von Bündigkeit der Gründe und von Folgen im Reiche der 
Ideen, aber nicht von Schreckensmitteln, durch die niemals eine 
Überzeugung hervorgebracht oder befestigt wird, die Rede ist. 
Mit mir in einem gleichen Falle befindet sich einer der berühmtesten 
Philosophen Deutschlands, der seine schon zum Druck fertige 
Abhandlung bis zu eben diesem Zeitpunkte zurückzulegen für 
eine Pflicht hält, die zarteres Gefühl und Achtung für die Unter- 
suchung der Wahrheit ihm auflegt. 

Wenn dann also Konfiskation und Verbot des Fichteschen 
Journals keine zweckmäßigen Maßregeln sind, was möchte es 
drittens für andere geben? Wäre der Professor Fichte nicht 
mit Strafe bedroht, so würde in unserem Lande, wofern, wie ich 
hoffe, kein Verbot erfolgt, die natürlichste Maßregel: philoso- 
phische Erörterung der streitigen Fragen von selbst er- 
folgen. Da aber diese, wie eben gezeigt worden ist, nun nicht eher 
eintreten möchte, als bis die -durchlauchtigen nutritores der 
Universität Jena Ihre Maßregeln genommen haben, so scheint 
mir das zuträglichste, die Sache auf sich beruhen zu lassen, und 
durch Mitteilung der Gründe des diesseitigen Verfahrens an das 
chursächsische Ministerium den Versuch zu machen, ob nicht 
die Aufhebung des ergangenen Verbotes bewirkt und so die 
ganze Angelegenheit wieder ins rechte Gleise gebracht werden 
könnte. 

Mein Herr Vorgänger ist zwar der Meinung, daß vielleicht 
an die Universitäten eine sich auf diese Sache beziehende Ver- 
fügung könnte erlassen werden; und das chursächsische Mini- 
sterium hält in seinem Anschreiben dergleichen sonderlich für 
die Universitäten Halle und Frankfurt (vermutlich, weil diese 



Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 307 

so nahe bei sächsischen Provinzen liegen) nötig. Ich glaube auch, 
daß bei dem jetzigen Zustande der Philosophie die Professoren 
auf den Universitäten ein besonders weises Benehmen nötig 
haben, um durch ihre philosophischen Vorträge den 
Geist ihrer Zuhörer zu bilden und zugleich die Idee 
von dem überschwenglichen Werte der transcendenten 
Spekulationen zu verhüten. Aber bis jetzt hat auf den preußi- 
schen Universitäten noch kein Professor Ursache gegeben, zu 
glauben, daß eine besondere Anweisung deshalb nötig sei. Ohnehin 
wird auch hiervon am besten die Rede in der Verordnung sein 
können, welche über das Studieren der Theologie an die Uni- 
versitäten wird erlassen werden. 



4. Gutachten des Hofpredigers und Kirchenrates 
Friedr. Sam. Gottfr. Sack, 5. Februar 1799. 

Die Aufsätze in dem von den Herren Fichte und Niethammer 
herausgegebenen Journale, welche die Konfiskation dieser Schrift 
in Kursachsen veranlaßt haben, enthalten nach meiner Einsicht 
ganz offenbar Äußerungen und Vorstellungsarten, die man, 
wenn anders nicht mit Worten gespielt wird, ohne Ungerechtig- 
keit atheistisch und alles, was bisher Religion geheißen 
hat, umstürzend nennen kann. So erscheint es mir wenigstens, 
und die Art, wie Herr Fichte sich von diesem Vorwurfe in der von 
ihm herausgegebenen Apologie zu befreien und durch den gemeinen 
Kunstgriff des Retorquirens seinerseits diejenigen des Atheismus, 
des Götzendienstes und der Immoralität zu beschuldigen ge- 
sucht hat, die nicht sein Raisonnement für Wahrheit erkennen, 
ist eben nicht dazu geeignet, sich mit seiner Philosophie und deren 
Tendenz zu versöhnen. Aller Stärke und Wärme ungeachtet, 
mit der er Moralität als das Heiligste und Unumstößlichste in 
der menschlichen Natur darstellt, wird er niemanden, der sich 
nicht durch Worte täuschen läßt und sich deutliche Begriffe von 
Theismus und Atheismus gemacht hat, überzeugen oder nur 
einen Augenblick überreden, daß sein Glaube an eine sogenannte 
moralische Weltordnung Religion oder Glaube an einen ver- 
ständigen Weltregierer genannt werden könne. Es bedarf meinem 
Bedünken nach keiner Erörterung, ob eine Schrift, in der ein sich 
selbst bewußtes höchstes Wesen für eine nicht denkbare Chimäre 
und alle Verehrung desselben für Unvernunft und Aberglauben 
erklärt wird, eine atheistische Schrift sei; und würde es uner- 
klärbar sein, wie die Verfasser der beiden Aufsätze noch von 



308 Ernst Müsebeck, 



''b'iiriir- 



Gott und von Religion reden könnten, wenn in der merkwür- 
digen Äußerung des Herrn Forberg, daß es ratsam sein dürfte, 
diese Wörter noch vor der Hand beizubehalten, ihnen aber andere 
Begriffe unterzuschieben, sich nicht eine Auflösung dieses Rätsels 
fände; eine Schlauigkeit, die mit den sonst so strengen Forderungen 
dieser Philosophie unvereinbar und ein Opfer ist, das der Klug- 
heit auf Kosten der Aufrichtigkeit gebracht wird. 

Dies ist mein Urteil von dem Geiste der beiden Aufsätze, 
von welchen die Rede ist. Ebenso unverholen bekenne ich, 
daß ich eine atheistische Philosophie, auf welchen noch so tief- 
sinnigen Spekulationen sie auch beruhen mag, nicht allein für 
die unvernünftigste und mit allen Begriffen des gesunden Menschen- 
verstandes und den Bedürfnissen der moralischen Natur des 
Menschen am meisten streitenden halte, sondern sie auch für die 
heilloseste und verderblichste ansehe; daher ich diejenigen, 
die sie zu verbreiten suchen, nie für unschädliche Wahrheit- 
forscher oder gar für achtungswerte Beförderer wichtiger Unter- 
suchungen erkennen kann. Als sehr schädlich erscheinen mir 
vielmehr alle Bemühungen, die dahin abzwecken, den leider all- 
gemein genug verbreiteten praktischen Atheismus durch öffent- 
liche Anpreisung des theoretischen noch so viel freieren Eingang 
zu verschaffen. 

Dem ohngeachtet pflichte ich dem vorstehenden Voto darin 
bei, daß ich die beiden verrufenen Aufsätze nicht für gemein- 
schädlich halte; 1. weil sie ohne das davon gemachte Aufsehen 
fast von niemandem, den sie hätten irre führen können, gelesen 
worden sein würden, alle diejenigen aber, für welche Abstraktionen 
und darauf gegründete Paradoxien dieser Art noch einiges In- 
teresse haben, durch sie in dem Entschlüsse, an den Grenzen des 
menschlichen Wissens bescheiden still zu stehen, noch so viel 
mehr würden befestiget worden sein; 2. weil durch sie hin und 
wieder neue siegreiche Verteidigungen einer anderen helleren und 
wohlthätigeren Philosophie veranlaßt worden sein würden; daher 
ich es auch sehr bedauern würde, wenn Herr Zöllner und der 
Philosoph, dessen er erwähnt, sich durch die Lage der Sache ab- 
halten ließen, das, was sie zur Widerlegung dieser sophistischen 
Gaukeleien herauszugeben gesonnen waren, dem Publikum mit- 
zuteilen. 

Demjenigen, was in dem vorstehenden Voto von den sehr 
nachteiligen Folgen des Konfiscirens und Verbietens solcher 
Schriften, die nun einmal durch den Druck bekannt geworden 
sind und in vielen hundert Exemplaren existieren, so einleuchtend 
und gründlich gesagt worden, weiß ich nichts Erhebliches hinzu 






Verhalten d. preuß. Regierung im Fichteschen Atheismusstreit. 309 

zufügen; und stimme demselben völlig bei. Man giebt offenbar 
dadurch Büchern dieser Art eine Wichtigkeit, die sie nicht haben, 
und befördert den Schaden, den man zu verhüten willens ist. 
Anders würde ich vielleicht urteilen, und als Censor unsern Ge- 
setzen nach auch urteilen müssen, wenn von Erteilung des Impri- 
matur die Rede wäre. Aber Schriften, die bereits im Publikum 
sind, verbieten, heißt diese Schriften bekannt machen und ihnen 
so viel mehr Leser verschaffen. Gewiß würden diese anstößigen 
Aufsätze in sehr kurzer Zeit, wie so manche andere derselben Art, 
gänzlich vergessen und in die Dunkelheit, welche die Fichtesche 
Philosophie umgibt, versunken sein; sie erregen aber jetzt eine 
Aufmerksamkeit, deren sie an sich selbst nicht wert sind, und 
überdem bei den Verfassern den erhitzenden Gedanken, als ob 
sie sehr furchtbare Männer und dabei Märtyrer der Wahrheit 
und Freimütigkeit wären. 

Hierzu kommt noch, daß ein Konfiscieren von spekulativen 
Untersuchungen und Behauptungen, wie verderblich auch das 
Resultat dieser Untersuchungen sein mag, in einem seltsamen und 
widersinnigen Kontraste mit der Gleichgültigkeit steht, die gegen 
andere offenbar sittenverderbliche und zu einer weit schädlicheren 
praktischen Gottlosigkeit geradezu hinführende Schriften be- 
wiesen wird. Es liegen ja in allen Buchläden Bücher genug, 
die dem Rechtsgefühl und der Tugend Hohn sprechen, die das 
Laster mit den gefälligsten Farben schildern, die, indem sie der 
Sinnlichkeit und dem niederträchtigsten Egoismus Vorschub 
tun, die Kraft zum Gutsein in dem Menschen selbst lähmen, 
und die Quelle aller Moralität vergiften. Unverboten bleiben 
Schriften, die die heiligsten Wahrheiten und ehrwürdigsten Ge- 
mütsakten mit dem mutwilligsten Spott behandeln, und Vor- 
stellungen, welche bei vielen Tausend Menschen mit ihrer Beruhi- 
gung und Religiosität zusammenhängen, mit dem unreinsten 
Witze besudeln. Diese und alle, die einen Glauben befördern, 
der zwischen Frömmigkeit und Unsittlichkeit einen schänd- 
lichen und unnatürlichen Bund stiftet, sollte man wegschaffen 
und sie womöglich den Händen der Jugend und des lesesüchtigen 
großen Publikums zu entreißen suchen. Dann erst würde das 
Konfiscieren solcher Schriften, in denen bloß irrige Theorieen ent- 
halten sind, die aber übrigens auf Recht und Pflicht als auf die 
höchste Würde der menschlichen Natur mit großem und immer 
schätzbarem Ernste dringen, konsequent sein. 

So kann ich daher das Verbot des nun berüchtigt gewordenen 
philosophischen Journals weder für eine notwendige noch für eine 
weise Maßregel halten, und stimme gleichfalls dahin: 



310 Ernst Müsebeck, Verhalten der preuß. Regierung etc. 



daß es am besten sei, der Sache nicht durch Einstimmung 
in die kursächsischen Verfügungen ein noch so viel größeres 
Gewicht zu geben, und das, was bloß Gegenstand eines vor- 
übergehenden Schulgezänks und Wortstreites ist, nicht zur 
Sache der Regierung und des Publikums zu machen. 
Jedoch wünsche ich, daß bei Ablehnung des kursächsischen 
Antrages die Gründe dieser Ablehnung mitangeführt werden, 
damit die Art des hiesigen Verfahrens nicht als Gleichgültigkeit 
in Ansehung der Verbreitung solcher Lehren, die das Wesen der 
Religion selbst zerstören, gemißdeutet werde. 



5. Gutachten des Oberconsistorialrates WHh. Abrah. Teller, 
6. Februar 1799. 






Ich stimme diesem letzteren Voto in allem bei, nicht zu ge- 
denken, daß es mir auch etwas zu vorschreibend von der sächsi- 
schen Regierung scheint, was für die hiesige zu thun sei. 

Indes könnte man wohl außerdem einmal gelegentlich 
an die Professoren theologischer und philosophischer Wissen- 
schaften auf den preußischen Universitäten im allgemeinen 
etwas auch deshalb verfügen. 



Miszelle. 

Die Wendeneinfälle der Jahre 1178, 1179, 1180 

und die Herausforderung Heinrichs des Löwen 

zum Zweikampf durch Markgraf Dietrich von 

Landsberg. 

Von 
W. Biereye. 

In den zahlreichen Abhandlungen, die sich in jüngster Zeit 
mit dem Prozeß Heinrichs des Löwen beschäftigten 1 ), ist eine 
Episode, die angeblichen drei Wendeneinfälle von 1178 — 1180 
und die damit zusammenhängende Herausforderung des Mark- 
grafen Dietrich von Landsberg an Heinrich den Löwen zum Zwei- 
kampf, etwas nebenbei behandelt worden. Da in dem Bericht der 
Geinhäuser Urkunde diese Herausforderung gar nicht erwähnt 
worden ist, glaubte man, daß sie nur von untergeordneter Be- 
deutung gewesen sein könne. Es ist aber noch eine andere Er- 
klärung für das Schweigen der Urkunde über diese Begebenheit 
möglich: die Herausforderung erfolgte überhaupt erst auf oder 



x ) Güterbock: Der Prozeß Heinrichs des Löwen, Berlin 1909; über 
die frühere Literatur am besten ebendaselbst S. 3; Haller: Der Sturz 
Heinrichs des Löwen, im Archiv f. Urkundenforschung, Bd. 3, S. 294 
bis 450; Hampe: Heinrichs des Löwen Sturz in politisch-historischer 
Beurteilung, in H. Z. 109, S. 49— 82; H. Niese: Zum Prozeß Hein- 
richs des Löwen, in Zeitschr. f. Rechtsgeschichte, XXXIV, Germ. 
Abt. S. 195 — 258, und von demselben Verfasser: Der Sturz Heinrichs 
des Löwen, in H. Z. 112, S. 548—561. 



312 



W. Biereye, 



nach dem Würzburger Reichstag und fand ihre Entscheidung 
auf dem Reichstag in Regensburg am 29. Juni 1180. 

Die Herausforderung war nach Angabe aller zeitgenössischen 
Quellen, die von ihr berichten, die Folge eines Wendeneinfalls. 
Da die Quellen aber von mehreren Heereszügen melden, muß 
zunächst die Frage entschieden werden, welcher Zug gemeint ist. 
Über Siaveneinfälle berichten: Arnold von Lübeck, die Pegauer 
Annalen und die Lauterberger Chronik. Zunächst seien hier die 
Angaben des Lauterberger Chronisten zu 1179 und 1180 und die 
des Pegauer Annalisten zum Jahre 1180 im Wortlaut neben- 
einander gestellt: 

Chron. Montis Sereni 
1180 3 ): 

Quod factum (dieHilfs- 
verweigerung von Chia- 
venna) imperatoris ei 
odium acquisivit, et 
utrum iuste an iniuste 
lector iudicet. Preter hoc 
autem inductu eius 
Sclavi provinciam Tide- 
rici marchionis ingressi 
usque Lubin omnia 
vastaverunt. Quidam 

vero ministerialium 
eius ad resistendum 
collecti a Slavis fugati, 
nonnulli capti, plures 
eciam occisi sunt. Inter 
quos et Tidericus de 
Beierstorp occisus 13 
Kai. Octobrisin Sereno 
Monte sepultus est. 

Ein Zusammenhang zwischen der Nachricht der Lauterberger 
Chronik zu 1179 und derjenigen der Pegauer Jahrbücher zu 1180 
ist deutlich erkennbar an der beiden gemeinsamen eigentümlichen 
Benennung: Slaven, (nämlich) Liutizen und Pomeranen, und der 
Angabe, daß der Einfall auf Veranlassung Heinrichs des Löwen 

!) M. H. G., SS. XXIII, S. 157 l8 ff. 

2 ) M. H. G., SS. XVI, S. 263 unten. 

3 ) M. H. G., SS. XXIII, S. 157 unten. 



Chron. Mont. Sereni 
1179 1 ): 

Sclavi Lithewicen 
et Pomerani voca- 
cione ducis Heinrici 
provinciam Juterbock 
invaserunt, ipsaque Vü- 
stata et multis inter- 
feäis plures captivos 
viros et feminas abdu- 
xerunt. Abbas eciam 
monasterii, quodCinna 
dicitur, qui et primus 
fuit, tunc interfectus 
est. 



Ann. Pegav. 
1180 2 ): 
Item Heinrici du- 
cis instinctu Slavi, 
Liwitici et Pome- 
rani regionem Lusiz 
trans Albiam depopu- 
lantur; multi capti et 
occisi sunt ab ipsis 
et cum praeda redie- 
runt. 



Die Wendeneinfälle der Jahre 1178—1180 etc. 313 

erfolgt sei. Schon Opel 1 ) hat nachgewiesen, daß die erst nach 
1225 2 ) entstandene Lauterberger Chronik die Pegauer Annalen 
als Vorlage benutzt und oft ausgeschrieben hat. Hinsichtlich der 
Wendeneinfälle in das Gebiet östlich der mittleren Elbe bringt 
sie aber einzelne Nachrichten, die aus anderer Quelle stammen 
müssen: den Tod des Abtes Ritzo von Zinna zum Jahre 1179 
und das Datum des Sterbetages des Ritters Dietrich von Beiers- 
dorf, der auf dem Petersberg beigesetzt worden ist. Wie offenbar 
die zweite Angabe den Totenbüchern des Klosters entnommen 
sein muß, wird man auch die erste auf gleichzeitige Aufzeichnungen 
der Lauterberger Mönche mit einiger Wahrscheinlichkeit zurück- 
führen können. Wir hätten hier demnach zwei gleichzeitige An- 
gaben aus unmittelbarer Nähe des Schauplatzes, die vor allen 
anderen Beachtung verdienen. Ein Unterschied besteht zwischen 
beiden Berichten allerdings hinsichtlich des Schauplatzes der Be- 
gebenheiten. Die Lauterberger Chronik nennt zum Jahre 1179 
Jüterbock und Zinna, zum Jahre 1180 Lübben, der Pegauer Anna- 
list mehr allgemein: die Lausitzer Gegend jenseits der Elbe, 
die aber unmittelbar an das Land Jüterbock angrenzt. Die Diffe- 
renz zwischen beiden Angaben ist also nur sehr gering und ließe 
sich allenfalls durch die geographische Lage der Entstehungs- 
orte unserer Nachrichten erklären. 

Eigentümlich ist nun der Umstand, daß die Pegauer Annalen 
von dem Slaveneinfall von 1179 nichts wissen, daß anderseits 
aber der Lauterberger Chronist hierüber so bestimmte Nachrichten 
hatte, daß er ein Abweichen von denselben trotz der Angabe seiner 
Pegauer Vorlage nicht für statthaft hielt, sondern diese nur zur 
weiteren Ausschmückung der Nachrichten zum Jahre 1179 
verwandte. Man wird demgegenüber einwenden, daß doch auch 
die Lauterberger Chronik zum Jahre 1180 von einem Wenden- 
einfall berichtet, dem Dietrich von Beiersdorf bei Lübben zum 
Opfer fiel. 

Schon Cohn 3 ) hat die Angaben der Lauterberger Chronik 
zum Jahre 1180 aus Gründen, die später angeführt werden sollen, 

x ) Opel: Das Chronikon Montis Sereni, Halle 1859, S. 53ff., und 
Hahn: Die Söhne Albrechts des Bären (Jahresbericht d. Luisenstädti- 
schen Realschule in Berlin) 1869, S. 15, Anm. 6 u. 7. 

2 ) Haller a. a. 0. S. 321 ; Güterbock a. a. O. S. 17. 

*) Forsch, z. deutschen Geschichte I, S. 331 f., Anm. 11. 






314 W. Biereye, 

in das Jahr 1178 verlegt. Der Zusammenhang im Bericht zum 
Jahre 1180 ist hier folgender: Im Anschluß an die Schilderung des 
Würzburger Reichstages werden noch einmal die Gründe wieder- 
holt, die zum Sturz des Herzogs geführt hätten; zunächst die 
vergebliche Demütigung des Kaisers vor seinem Vasallen, die 
hier nach Partenkirchen verlegt ist, dann aber auch der Zorn des 
Markgrafen Dietrich über die Verheerungen der Lausitz und den 
Tod seines Ministerialen Dietrich von Beiersdorf, der in Lauter- 
berg begraben lag. Die Zusammenkunft von Chiavenna — hier 
von Partenkirchen — erfolgte sicher im Jahre 1176, gehört also 
eigentlich nicht in den Bericht über die Ereignisse des Jahres 
1180; man wird also auch den Slaveneinfall in die Lausitz, bei 
dem Dietrich von Beiersdorf fiel, nicht unbedingt in das Jahr 1180 
verlegen müssen, wenn andere Berichte dem entgegen stehen. 
Während bei den Aufzeichnungen über den Tod des Abtes Ritzo 
von Zinna anscheinend das Jahr angegeben war, wußte man in 
Lauterberg hinsichtlich des Beiersdorfers nur das Datum des 
Todestages, aber nicht das Jahr. Wollte man die Nachricht der 
Lauterberger Chronik auf das Jahr 1180 beziehen, so dürfte man 
sie doch nicht mit derjenigen des Pegauer Annalisten zusammen- 
werfen, da jene das genaue Datum 19. 9. gibt, diese aber den 
Slaveneinfall in die Zeit vor dem Regensburger Reichstag vom 
24. 6. 1180 verlegt. Es würden sich dann für das Jahr 1180 zwei 
Slaveneinfälle ergeben, von denen die Pegauer Annalen wiederum 
nur den ersten kennen. Wir hätten also drei Einfälle, die alle 
ganz ähnlich verlaufen, aber sonderbarerweise trotz der sonstigen 
Ausführlichkeit der beiden hier behandelten Quellen nur durch 
je eine Quelle belegt werden können. Immerhin läßt sich eine 
Erklärung dafür geben, weshalb der Lauterberger Chronist den 
Tod Dietrichs von Beiersdorf gerade unter die Angaben zum 
Jahre 1180 einreihte. Für das Jahr 1179 standen ihm gute Auf- 
zeichnungen seines Klosters zur Verfügung, nicht aber zum Jahre 
1 180. Da seine Vorlage, die Pegauer Annalen, aber zu diesem Jahre 
von einem Slaveneinfall berichteten, glaubte er diese Angabe auch 
übernehmen zu müssen, und verband jetzt mit ihr die Nachricht 
über den Tod des am 19. 9. gefallenen Dietrich von Beiersdorf, 
die er sonst nicht recht unterzubringen wußte. So scheint die 
Nachricht der Lauterberger Chronik über einen Slaveneinfall 
1180 erst durch Einwirkung der Pegauer Annalen entstanden zu 






Die Wendeneinfälle der Jahre 1178—1180 etc. 315 

sein. Man wird also den Wendenzug der Lauterberger Chronik 
zum Jahre 1180 auf ein anderes Jahr verlegen müssen 1 ); einen 
Fingerzeig gibt die Erzählung von der durch ihn verursachten 
Herausforderung Dietrichs von Landsberg an Heinrich den 
Löwen. 

Die Herausforderung erfolgte nach Angabe Arnolds 2 ) am 24.6. 
1179 auf dem Reichstage zu Magdeburg. Ist diese Angabe Ar- 
nolds richtig, so muß man mit Cohn 3 ) den zweiten zum Jahr 1180 
berichteten Slaveneinfall in das Jahr 1178 verlegen, da Dietrich 
von Beiersdorf an einem 19. 9. gefallen ist. 

Pegauer Annalen, Lauterberger Chronik, Arnold 2 ), Sächsische 
Weltchronik 4 ) stimmen alle darin überein, daß der Einfall der 
Slaven in die Lausitz auf Veranlassung Heinrichs des Löwen 
erfolgt sei. Läßt man diese Nachricht, die bei aller Verschieden- 
heit der sonstigen Angaben mit seltener Einstimmigkeit gegeben 
ist, gelten, so ergibt sich fofort eine ernste Schwierigkeit. Als 
frühestens im August 1178 5 ) Bischof Ulrich von Halberstadt 
aus der Verbannung in seine Diözese zurückkehrte, lag Heinrich 
noch vor Demmin, das er zusammen mit Otto I. von Brandenburg 
belagerte. 6 ) Und da sollen die Pommern, die soeben noch vom 
Herzog so schwer bedrängt worden waren, kaum einen Monat 
darauf am 19. 9. schon in der Gegend von Lübben als seine Bundes- 
genossen den Sieg über die Mannen des Landsbergers erfochten 
haben ? Der Herzog mußte ferner doch geradezu mit Verblendung 
geschlagen sein, wenn er angesichts der Gefahr, die von Halber- 
stadt und Köln her gegen ihn aufzog, sich durch diesen Slaven- 
einfall in die Lausitz und in Magdeburger Gebiet neue Feinde 
schuf und gute Freunde wie den Magdeburger Erzbischof ver- 
bitterte. Ganz anders lag die Sache für Heinrich im September 
des Jahres 1179. Der Reichstag von Kayna, Mitte August 1179, 
hatte gegen den Herzog entschieden; die norddeutschen Fürsten, 
darunter auch der Magdeburger, schickten sich an, gegen ihn mit 
Waffengewalt vorzugehen. Zu verlieren hatte er jetzt nichts mehr, 

*) Darüber s. u. S. 319. 

») Arnold II, 10, ed. in us. schol. S. 48 7 f. 

3 ) Vgl. S. 313 Anm. 3. 

4 ) M. H. G., Deutsche Chroniken II, S. 230. 
6 ) Arnold 11,3, ed. in us. schol. S. 39 82 — 40 9 . 
6 ) Arnold 11,4, ed. in us. schol. S. 40 10 ff. 



Jiereye, 

wenn er sich mit den Slaven verband, wohl gewann er aber da- 
durch einen wertvollen Bundesgenossen, der einen Teil der feind- 
lichen Kräfte im Osten von ihm abzog. Für das Jahr 1179 wären 
alle Vorbedingungen für unsere Nachrichten gegeben — , wenn nicht 
Arnold ausdrücklich die Forderung Dietrichs von Landsberg 
auf den Reichstag zu Magdeburg verlegt hätte. 

So viele gute Nachrichten wir auch sonst dem Lübecker 
Abt verdanken, so vorsichtig muß man bei Benutzung nicht ander- 
weit verbürgter Angaben sein, die doch zum größten Teil spätere 
mündliche Berichte von Teilnehmern an den Ereignissen zur 
Grundlage haben. Und wie leicht konnte bei den zahlreichen 
Reichstagen der Jahre 1179 und 1180 hier ein Irrtum unterlaufen. 

Zwei Beobachtungen müssen zunächst Bedenken gegen 
Arnolds Glaubwürdigkeit erwecken: 1. das Stillschweigen, mit 
dem die Geinhäuser Urkunde diese Herausforderung völlig über- 
geht, 2. der Umstand, daß Arnold selbst, der doch gerade den fol- 
genden Reichstag zu Goslar — oder besser zu Kayna 1 ) — recht 
ausführlich schildert, gar nicht mehr von der Herausforderung 
spricht, die doch als wichtiges Prozeßmittel von nicht geringem 
Belang sein konnte. 

Von der coniuratio contra imperatorem, die nach der Lauter- 
berger Chronik, von der traditio contra imperium facta, die nach 
Arnold dem Herzog vom Landsberger Markgrafen zum Vorwurf 
gemacht sein soll, ist in der Geinhäuser Urkunde nirgends die 
Rede 2 ); wohl aber finden sich ganz ähnliche Angaben im Bericht 
des Pröpsten Magnus von Reichersperg zum Reichstag von 
Regensburg. Über die Vorgänge, die sich in Regensburg ab- 
spielten, sind wir außerordentlich schlecht unterrichtet; die 
Pegauer und die Reichersperger Annalen sind die einzigen Quellen, 
die uns zu Gebote stehen. Es ist daher verständlich, daß das 
Interesse für diesen Reichstag unter den Geschichtsschreibern 
verhältnismäßig gering ist. Güterbock 8 ), der sich eingehender 



x ) Arnold II, 10, ed. in us. schol. S. 48 äW - 30 . 

2 ) Auch Haller hat m. E. bei Auslegung des Textes der Geln- 
häuser Urk. zu wenig den Konjunktiv absentasset und misisset be- 
achtet, die nur von citatus, nicht von iudicatus est abhängig sein können; 
dann ist aber ganz klar, daß in dem reatus maiestatis nur das drei- 
malige Ausbleiben vor dem Lehnsgericht gemeint sein kann. 

8 ) A. a. O. S. 179 ff. 






Die Wendeneinfälle der Jahre 1178—1180 etc. 



317 



mit ihm beschäftigte, war ganz von der Ansicht durchdrungen, 
daß er eine letzte Etappe in dem Prozeß gebildet habe, der in 
Worms am 13. 1. 1179 seinen Anfang nahm. Haller hat mit guten 
Gründen diese Anschauung widerlegt. Für ihn ist der Prozeß 
Heinrichs des Löwen mit dem Würzburger Urteil erledigt. Welchen 
Wert haben dann noch Anklagen gegen den Herzog auf dem Re- 
gensburger Reichstag und die bei dieser Gelegenheit wieder er- 
wähnte sententia principum? „Vom Reichersperger Chronisten 
habe schon Weiland richtig gesagt, daß er auf die Regensburger 
Verhandlungen alles Frühere zusammenziehe." 1 ) 

Eine Vergleichung der Angaben des Reichersperger Anna- 
listen über die Klagen, die in Regensburg gegen den Herzog 
vorgebracht sind, mit den Gründen, die nach der Geinhäuser 
Urkunde zur Verurteilung des Löwen in Würzburg führten, 
zeigt doch einen erheblichen Unterschied. Der Einfachheit halber 
seien schon hier die Berichte des Pröpsten Magnus, Arnolds 
von Lübeck und der Lauterberger Chronik gegenüber gestellt: 



Chron. Mont. Ser. 
1180. M. H. G. 

SS. XXIII, 157 u. 
.... occisi sunt, inter 
quos et Tidericus de 
Beiersdorp . . . Huius 
itaque vulneris dolore 

marchio stimulatus 
ducem, tamquam qui 
contra imperatorem 
coniurasset, ad du- 
ellum coram impera- 
torem saepius provo- 
cabat, sed ille, male sibi 
conscius, imperatoris 
praesentiam declina- 
bat. 



Annal. Reichersp. 1180: 
M. G. SS. XVII, 506. 

Ibi (in Regensburg) in 
presentia curiae impera- 
tor publice questus est de 
duce Bawariae et Saxo- 
niae . . . ., quod vide- 
licet iam multo tem- 
pore et regni et vitae 
ipsius imperatoris 

insidiator fuerit. 

Principes quoque 
Saxoniae multas gra- 
ves querimonias ad- 
versus eundem ducem 
ibi deposuerunt. Tunc 
ex communi sententia 
principum adiudicatum 
est eum debere removeri, 
quandoquidem ad iustam 
responsionem vocatus 
non venerit. 



Arnold. 11,10. 
Schulausg. 48 2 f. 
curiam indixit in Mag- 
deburg, ubi Tidericus 
marchio de Landesberg 
duellum contra eum ex- 
petiit, imponens ei 
quasdam traditiones 
contra imperium f ac- 
ta s. Verius tarnen prop- 
ter indignationem id 
fadum fuisse creditur, 
quia Sclavi exciti a duce 
omnem terram illius, 
que Lusize dicitur, ir- 
recuperabiliter vastave- 
rant. 



x ) A.a.O. S. 416 ff. 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 



21 



318 W. Biereye, 



„ 



Die Geinhäuser Urkunde gab als Schuld Heinrichs an: 
multiplex contemptus imperatori exhibitus ac precipue evidens 
reatus maiestatis, sub feodali iure legitimo trino edicto ad nostram 
citatus audientiam, eo quod se absentasset nee aliquem pro se 
misisset responsalem. 1 ) Die Anklage, die nach den Reichers- 
perger Annalen in Regensburg gegen den Herzog erhoben worden 
ist, lautete aber ganz anders: quod videlicet iam multo tempore 
et regni et vitae ipsius imperatoris insidiator fuerit. Betrachtet 
man die Angaben der Reichersperger Annalen ganz vorurteilslos 
für sich allein, so muß man zu dem Schluß kommen, daß hier noch 
neue Anklagen gegen den schon in Würzburg Geächteten vorge- 
bracht worden sind. 

Ganz ähnlich wie die Anklage, die in Regensburg nach Magnus 
von Reicherspergs Angabe Barbarossa selbst gegen den Löwen 
erhebt, lauten auch die Beschuldigungen, zu deren Beweis 
Dietrich von Landsberg 2 ) das Gottesurteil im Zweikampf ent- 
scheiden lassen will. Alle drei Quellen entbehren, vielleicht nicht 
ohne Grund, irgendwelcher Erläuterung über die Tatsachen, 
die dieser neuen Anklage zugrunde geigen haben sollen. In einem 
ganz eigentümlichen Lichte erscheinen diese Anklänge aber, 
wenn auf dem Regensburger Reichstag, an dem doch das bayerische 
Herzogtum wieder vergeben wurde, gerade sächsische Fürsten 
sich mit „vielen schweren Klagen" gegen den Herzog ein- 
finden. Die Vermutung läßt sich kaum abweisen, daß zwischen 
der Anklage des Kaisers und der vorgegebenen Begründung 
für die Forderung Dietrichs von Landsberg enge Beziehungen 
bestehen. Nach Angabe der Lauterberger Chronik und Arnolds 
hat Markgraf Dietrich die Anklage erhoben, Magnus von Reichers- 
perg nennt als Kläger auf dem Regensburger Reichstag den Kaiser. 
Aber auch diese Verschiedenheit in den Angaben läßt sich mit 
einiger Wahrscheinlichkeit erklären. Dietrich von Landsberg 
war in Gelnhausen 3 ) zugegen, als die berühmte Verleihungs- 
urkunde über das westliche Sachsen an Philipp von Köln ausge- 
stellt wurde, und hat sie als Zeuge mit unterzeichnet. Allem 
Anschein nach hat schon hier der Markgraf die Beschuldigungen 

!) Vgl. Haller a. a. O. S. 449, Z. 2ff. 

2 ) Allerdings tritt das eine Mal der Kaiser selbst, nach der Lauter- 
berger Chronik und Arnold nur der Markgraf als Kläger auf. 

3 ) Vgl. den Abdruck der Urk. bei Haller a. a. O. S. 450, Z. 1( 



Die Wendeneinfälle der Jahre 1178—1180 etc. 319 

gegen den Herzog erhoben, die sich bei dessen hartnäckiger 
Weigerung 1 ), vor dem kaiserlichen Gericht zur Austragung des 
angebotenen Zweikampfes zu erscheinen, der Kaiser als erwiesen 
zu eigen machte. 2 ) 

Haben diese Erwägungen einigen Anspruch auf Wahrschein- 
lichkeit, dann wird man auch den Todestag des Ministerialen Diet- 
rich von Beiersdorf auf den 19.9.1179 ansetzen müssen, in welche 
Zeit er ja auch nach den Angaben der Lauterberger Chronik von 

1179 und der allgemeinen Lage um diese Zeit am besten passen 
würde. Die Bedenken, die Arnolds Angabe hervorrufen mußte, 
daß Dietrich von Landsberg schon in Magdeburg als Kläger 
aufgetreten sei, verlieren noch mehr an Wert durch den Umstand, 
daß Arnold weder den Reichstag von Gelnhausen noch den von 
Regensburg kennt, also den Markgrafen seine Anklagen gar nicht 
auf diesen Reichstagen vorbringen lassen konnte. 

Es ergibt sich demnach aus den bisherigen Erwägungen 
folgendes: die Herausforderung des Markgrafen Dietrich von 
Landsberg an den Herzog scheint erst nach der Ächtung Hein- 
richs in Würzburg erfolgt zu sein ; dann muß auch der Tod Diet- 
richs von Beiersdorf in das Jahr 1179 fallen; die Nachricht der 
Lauterberger Chronik über einen Wendeneinfall zum Jahre 1180 
gehört in Wahrheit schon in den Bericht des Jahres 1179. 

Dies Ergebnis ist aber auch von Wichtigkeit für die Beur- 
teilung des Wendeneinfalls, den die Pegauer Annalen zum Jahre 

1180 melden, während die Lauterberger Chronik ganz über ihn 
schweigt. Bezeichnend ist die Art der Einreihung des Berichtes 
unter die übrigen Angaben der Pegauer Annalen zum Jahre 1180; 
er findet sich unmittelbar vor den Angaben über den Regens- 
burger Reichstag, auf dem die sächsischen Fürsten schwere Klagen 
gegen den Herzog vorbrachten und eine sententia principum 
gefaßt wurde, auf dem aller Wahrscheinlichkeit nach gerade der 
Wendeneinfall von 1179 einen wichtigen Verhandlungsgegenstand 
ausmachte. Eigentümlich ist der Anfang der Stelle über den 
Wendeneinfall in den Pegauer Annalen: „Item" = „ebenfalls 

*) Chron. Mont. Sev. 1180: ad duellum coram imperatore sae- 
pius provocabat. 

2 ) Über die weiteren Folgerungen dieses Ergebnisses und über 
die übrigen Vorgänge auf dem Regensburger Reichstage wird noch 
an anderer Stelle gesprochen werden. 

21* 



320 W. Biereye, 

auf Anstiften des Herzogs Heinrich verwüsteten Slaven .... 
das Land Lausitz jenseits der Elbe," nachdem vorher von der 
Verwüstung Thüringens durch den geächteten Herzog nach dem 
Treffen von Weißensee die Rede gewesen ist. Fast klingt es so, 
als wäre hier nicht eine äußerlich chronologische Aneinander- 
reihung der Ereignisse gegeben, wie sie sonst in den Pegauer 
Annalen in diesen Jahren üblich ist, sondern als ob hier als an 
passendster Stelle ein Ereignis eingefügt worden ist, das auf dem 
darauffolgenden Reichstage zusammen mit der Verwüstung 
Thüringens durch Herzog Heinrich die neue sententia principum 
in Regensburg veranlaßt hat, das der Annalist sonst aber chrono- 
logisch nicht unterzubringen wußte. 

Da die Pegauer Annalen des gut bezeugten Slaveneinfalls 
in die Lausitz 1 179 keine Erwähnung tun, der von ihnen zum Jahre 
1 180 angeführte aber sonst nirgends erwähnt wird, da sie ihn ferner 
unmittelbar vor dem Regensburger Tag in ihren Bericht über 
das Jahr 1180 einfügen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach der 
Einfall vom Jahre 1179 eine wichtige Rolle spielte, wird man 
den Slaveneinfall der Pegauer Annalen zum Jahre 1180 streichen 
und ihn für gleichbedeutend mit demjenigen der Lauterberger 
Chronik von 1179 ansehen müssen. 

Es bleibt noch einzugehen auf die Äußerung der Kölner 
Königschronik zum Jahre 1179, derzufolge auf dem Reichstage 
zu Magdeburg „fraus eius (ducis) et perfidia primum imperatori 
detecta est". 1 ) Anscheinend bestätigt sie die Angabe Arnolds, 
und dennoch wird sie nicht als entscheidend gelten können. 
Schon Waitz hat in der Einleitung zu seiner Ausgabe der Kölner 
Königschronik bemerkt, daß in der 1. Fortsetzung von 1175 ab 
„errores abundant", daß Ereignisse schon zum Jahre 1181 und 1182 
genannt werden, die erst 1185 eingetreten sind, daß er über die 
Verbannung Heinrichs des Löwen „minus accurate" berichtet. 2 ) 
Auch an der oben angeführten Stelle scheint ein solcher „error" 
vorzuliegen. Der Chronist fährt nämlich fort: „Bald darauf 
(auf den Magdeburger Reichstag) ist eine Heerfahrt nach Sachsen 
vom Kaiser und den Fürsten gelobt worden." 3 ) Von einer Be- 

x ) Chron. Reg. Col., ed. in us. schol., S. 130 9 f. 
2 ) Chron. Reg. Col., ed. in us. schol., S. XII oben. 
8 ) Chron. Reg. Col., ed. in us. schol., S. 130 10 f.: Nee multo post 
expedicio in Saxoniam ab imperatore et prineipibus collaudatur. 







Die Wendeneinfälle der Jahre 1178—1180 etc. 321 

teiligung des Kaisers an den Kämpfen gegen den Herzog in der 
zweiten Hälfte des Jahres 1179 spricht aber keine Quelle, die 
Pegauer Jahrbücher 1 ) melden ausdrücklich, daß der Aufruf des 
Kaisers zur Reichsheerfahrt erst 1180 erfolgt ist, und zwar gerade 
im Anschluß an den Reichstag von Regensburg vom 24. 6. 1180, 
der dem Kölner Chronisten unbekannt geblieben ist. Selbst wenn 
man diesem Umstand keinen allzugroßen Wert beilegt, bleibt 
immerhin unsere Nachricht dunkel genug. Worin bestand die 
fraus und die perfidia, was bedeutet das primum ? Klingt es nicht 
fast, als sollte man noch ein secundum erwarten? Widerspricht 
nicht der erste Teil der Angaben des Kölner Chronisten zum 
Magdeburger Reichstag: „Über den Herzog von Sachsen ist 
dort von fast allen Fürsten Klage geführt, der, schon ein Jahr 
lang zum Verhör gerufen, zu kommen sich weigerte oder 
fürchtete" 2 ), der folgenden Angabe, daß die Klage schon in Magde- 
burg vorgebracht sei? Selbst wenn man den ersten Gerichtstag 
schon auf den Speyrer Hof tag vom 11. November 1178 3 ) verlegen 
wollte, könnte sich das per annum ad audientiam vocatus erst auf 
die Zeit nach dem 11. 11. beziehen, also frühestens auf den Würz- 
burger Reichstag vom Januar 1180. In Würzburg würde dann 
aber auch erst die fraus des Herzogs entdeckt worden sein. Auf 
diesen Reichstag allein geht der Bericht der Kölner Königs- 
chronik, wenn sie auch fälschlich Magdeburg nennt. 4 ) Damit 
würde diese Stütze für die Angabe Arnolds sich als wenig haltbar 
erwiesen haben. 

Auch die Annalen von St. Georgen im Schwarzwald, die 
übrigens die Anklage wegen coniuratio adversus Imperator im 

2 ) M. H. G., SS. XVI, 263 30 ff. 

2 ) Chron. Reg. Col., ed. in us. schol., S. 130 6 ff.: Curia apud Ma- 
gedeburg satis celebris. Querimonia omnium pene principum ibi habita 
est de duce Saxonum, qui iam per annum ad audientiam vocatus venire 
aut noluit aut timuit, ibique fraus eius . . . detecta est. 

3 ) Vgl. Güterbock S. 158. 

4 ) Güterbock a. a. O. S. 157 gibt selbst zu, daß die Worte: iam 
per annum — timuit auf den Würzburger Tag zu beziehen sind; dann 
darf er aber logisch nicht mehr die Behauptung aufstellen (S. 91): 
„es läßt sich aber hiermit (den Angaben der Annalen von St. Georgen 
und Arnolds) auch die Darstellung des Cölner Chronisten wohl ver- 
einigen, daß in Magdeburg, wo bereits der Gerichtstermin stattfand, 
der Verrat des Herzogs erst aufgedeckt wurde". 



322 



W. Biereye, 



nicht auf den Magdeburger, sondern schon auf den Wormser 
Tag vom 13. 1. 1179 legen 1 ), können kaum ernstlich als Gegen- 
beweis herangezogen werden, da sie von dem ganzen Prozeß 
Heinrichs des Löwen nur diese eine Tatsache melden, die den An- 
gaben der Geinhäuser Urkunde als des wichtigsten Dokuments 
hinsichtlich der Anklagen gegen den Herzog bis zum Würzburger 
Reichstag widerspricht. 

Auf Grund der bisherigen Erörterung glaube ich folgenden 
Hergang der Ereignisse annehmen zu müssen. Der Tag von Kayna, 
Mitte August 1179, hatte, wenn auch noch nicht formell, so doch 
tatsächlich das Schicksal des Löwen besiegelt. Um sich wenigstens 
zu Beginn des unausbleiblichen Kampfes möglichst bedeutende 
Vorteile zu verschaffen, hat Heinrich kein Bedenken getragen, 
die ihm befreundeten Pommernherzöge auf seine Widersacher los- 
zulassen, während er selbst zum Schlage gegen Ulrich von Halber- 
stadt ausholte. Mitte September waren die Pommern und Liutizen 
auf ihrem Vorstoß in die Lausitz bis nach Lübben gekommen, 
wo ihnen eine schnell zusammengeraffte Schar von Ministerialen 
des Markgrafen Dietrich von Meißen entgegentrat. Am 19. Sep- 
tember kam es zum Kampf, bei dem Dietrich von Beiersdorf fiel, 
und der mit der Niederlage der Markgräflichen endigte. Nachdem 
die Lausitz von den Slaven ausgeplündert war, wandten sie sich 
nach Westen in Magdeburger Gebiet. Die Sächsische Welt- 
chronik 2 ) gibt an, daß Jüterbogk am selben Tage wie Calbe, 
am 6. II. 3 ), in Flammen aufgegangen sei. Der Winter bot den 
weiteren Plünderungszügen Einhalt. Nach Zerstörung von Jüter- 
bogk und Zinna, bei welcher Gelegenheit der erste Abt des Klosters, 
Rizo 4 ), den Martyrertod erlitt, zogen die Pommern mit reicher 
Beute und vielen Gefangenen wieder in ihre Heimat zurück. 

Der Verwüstungszug der Slaven hatte für den Herzog aber 
die Todfeindschaft des Markgrafen Dietrich von Landsberg zur 
Folge, der nicht zögerte, Heinrich angeblich wegen Verschwörung 
gegen den Kaiser, in Wahrheit aber wegen der Verheerungen, 

x ) M. H. G., SS. XVII, S. 296: cesar post natale domini curiam 
Wormatie constituit, ubi Heinricus dux Saxonie de coniuratione ad- 
versus cesarem accusatus est. 

2 ) M. H. G., Deutsche Chroniken II, S. 231. 

s) Ann. Pegav: M. G. H., SS. XVI, 263 13 f. 

*) Über den Namen vgl. Riedel, Cod. diplom. I, S. 297. 



Die Wendeneinfälle der Jahre 1178—1180 etc. 323 

denen seine Lande zum Opfer gefallen waren, zum Gottesurteil 
des Zweikampfes herauszufordern. Diese Forderung scheint erst 
auf dem Reichstag zu Würzburg, an dem auch Markgraf Dietrich 
erschienen war, ergangen zu sein. Über die Einzelheiten lassen 
uns die Quellen fast ganz im Stich; die Lauterberger Chronik gibt 
aber an, daß die Herausforderung zum Gottesurteil mehrmals 
vor dem Kaiser erfolgt ist. Da der Herzog sich dem Markgrafen 
nicht stellte, mußte nach mittelalterlichem Urteil die Anklage 
als erwiesen gelten. Auf dem Regensburger Reichstag am 24. 6. 
1180 wurde daher ein neues Urteil gegen Heinrich ex sententia 
principum gefällt wegen Nachstellung gegen Herrschaft und Person 
des Kaisers, und der Herzog in die Oberacht getan. 1 ) 



*) Eine andere Erklärung scheint mir für den Ausdruck der 
Reichersperger Jahrbücher zu 1180 M. H. G., SS. XVII, 506: ex com- 
muni sententia principum adiudicatum est, eum debere removeri, 
kaum möglich. Eigentlich konnte die Oberacht ja erst „nach Jahr 
und Tag" (Haller a. a. O. S. 413ff.), das wäre hier im Januar 1181, 
eingetreten sein. „Wenn der Kaiser sich über diese Bestimmung hin- 
wegsetzen durfte, so würde das beweisen, daß hier eine Schuld vorlag, 
der gegenüber alle mildernden Bräuche wegfielen" (Haller a. a. O. 
S. 414); und diese Schuld war eben: Verschwörung gegen die Person 
und Herrschaft des Kaisers. 



Literaturbericht. 



)ie öffentliche Meinung und ihre geschichtlichen Grundlagen. 
Ein Versuch von Wilhelm Bauer. Tübingen, Mohr (Siebeck). 
1914. VII u. 335 S. 

Das Wort „öffentliche Meinung" ist mit vielem anderen aus 
dem revolutionären Frankreich zu uns gekommen. Dorthin paßt 
es ausgezeichnet: eine Meinung, opinion, als Macht im öffentlichen 
Leben, mit allem dem Subjektiven und Vorlauten, nicht not- 
wendig tief und solid Begründeten, was man in dem Worte aus- 
gedrückt finden kann, und diese Meinung als Lebensäußerung 
einer Masse, wobei der einzelne sich daran begeistern kann, 
daß er mit dem Meinen und Wollen in so großer Gesellschaft ist! 
etwa wie es Thiers 1834 bei seiner Aufnahme in die Akademie 
francaise geschildert hat: eine Nation von 32 Millionen (die hohe 
Zahl gehört auch dazu) ist im selben Augenblick vom selben Ge- 
danken und Willen ergriffen und „marschiert" im Gleichschritt 
zum gleichen Ziel! Wenn die Meinung „öffentlich" genannt 
wird, so bedeutet das, im Gegensatz zu „privat", zweierlei: 
einmal, daß es die Meinung eines Publikums — ganz in unserem 
Sinne des Wortes — und dessen gemeinsame Meinung, communis 
opinio, ist, und dann, daß sie sich im öffentlichen Leben geltend 
macht. Die eigentliche Heimat des Wortes in dieser Bedeutung 
ist schon früher in dem England des 17. Jahrhunderts gesucht 
worden (Franz von Holtzendorff, Wesen und Wert der öffentlichen 
Meinung, 1879, S. 41); Bauer hat zur Geschichte des Wortes 
noch mehr beigebracht; wahrscheinlich bleibt, daß die Franzosen 
auch hier in den Engländern des Revolutionsjahrhunderts ihre 
Vorbilder haben. Eigentlich hochgebracht hat den Begriff, das 






Allgemeines. 325 

Wort und die Sache die französische Revolution, voran Necker in 
seinen Schriften und noch mehr durch seine erbärmliche Haltung, 
wonach die öffentliche Meinung die Macht ist, nach der man sich 
zu richten hat (B. S. 17 — 19). Auch bei uns ist dann die 
öffentliche Meinung auf einen hohen Thron gesetzt, dazu aber sehr 
bezeichnend zugerichtet worden: nach Bluntschli gehört zu einer 
richtigen öffentlichen Meinung nur, was auf freiem Denken und 
Urteil beruht, wie solches in einem freien Volksleben gedeiht!! 

Der Begriff ist von jeher in einer bequemen Unbestimmtheit 
bei uns verwendet worden. B. weist (S. VI u. 66) sehr richtig 
darauf hin, daß er in letzter Zeit besonders gern den Titel für 
Anfängerarbeiten bot, ohne daß sich die Verfasser darüber ganz 
klar wurden, was eigentlich darunter zu verstehen sei. Wie das 
gelegentlich wirkte, habe ich einmal an einem Beispiel gezeigt 
(Archiv für Kulturgeschichte 10, 127f.). Gewöhnlich, wenn das 
Thema gestellt wird, die öffentliche Meinung über einen Gegen- 
stand zu untersuchen, ist darunter keineswegs verstanden, daß 
aus den meistens ziemlich verschiedenen Ansichten eine Ge- 
meinansicht herausgerechnet, und untersucht werde, wie diese 
sich gebildet habe und wirke; sondern es wird gewünscht, daß 
die verschiedenen Ansichten überhaupt erforscht werden, und 
wenn auch auf die, die zu großer Verbreitung und Macht kommen, 
besonders Wert gelegt wird, so ist doch nicht weniger an die An- 
sichten einer Minderheit oder einzelner hochstehender Geister 
gedacht. Man sagt dann etwa, die öffentliche Meinung sei ge- 
spalten. Es fragt sich nur, ob es noch ratsam ist, das Ganze mit 
„öffentlicher Meinung" zu überschreiben. Das Richtige ist gewiß, 
den bequemen Ausdruck nur in dem Sinne zu gebrauchen, der ihm 
innewohnt, und damit in seine Sphäre zu verweisen. 

B. faßt unter dem Begriff alles, was in den Ansichten, 
Stimmungen, Forderungen, dem Geschmack des einzelnen einer 
größeren Gemeinschaft angehört, und im besonderen das, was 
beim einzelnen eben aus dem Zusammenleben stammt. Er macht 
sehr darauf aufmerksam, daß auch der vornehmste und selbstän- 
digste Geist dem Einfluß der Gemeinschaft unterworfen ist, 
daß jeder bald mehr als einzelner, bald mehr als Glied einer 
Gesellschaft denkt, fühlt und handelt. Er ist ein anderer, wenn 
er in einer Menge aufgeht. Umgekehrt schaffen die einzelnen 
daran, das Gemeinsame zu erzeugen, mit größerem oder geringerem 



326 Literaturbericht. 






Anteil, und immer nur durch einzelne als Medium kann das 
Gemeinsame zur Geltung kommen; genau genommen, erschließen 
wir es ja nur. (Daß der einzelne in früheren Zeiten in der Gemein- 
schaft „untergegangen" sei, S. 148, ist eine wohlbekannte, aber 
unvorsichtige Behauptung.) Der Verfasser weist in diesem ganzen 
Zusammenhang auf die Vorstellungen vom Volksgeist hin, und 
man kann daran erinnern, daß mancher Demokrat (Uhland!) 
sich die öffentliche Meinung zum Volksgeist als dem Schöpfer des 
Rechts, der Sitte, der Kunst usw. veredelte; die Vorstellung 
vom Volksgeist war eine kräftige Stütze der deutschen Demo- 
kratie. B. rechnet übrigens zu seiner öffentlichen Meinung 
schließlich jede Mode, alle hergebrachte Gewohnheit. 

Indem er sich vom Begriff zur Sache wendet, was den Haupt- 
inhalt des Buches ausmacht, gibt er zunächst einen Überblick 
darüber, wie in alten und neuen Zeiten „öffentliche Meinung" 
sich geltend gemacht hat und beachtet worden ist, wie man auf 
Sie, auf die Ansicht der Mitmenschen, zu wirken gesucht hat. 
Dabei greift er sehr weit aus; von überall her, mit einer groß- 
artigen Belesenheit, trägt er Beispiele herbei und kommt auf eine 
Menge interessanter Dinge: daß Walther von der Vogelweide 
vorgeworfen wurde, er habe mit seinem Spruch vom wälschen 
Schrein Tausende betört, daß Kaiser Maximilian I. es besser 
als andere Herrscher vor und nach ihm verstanden habe, die 
Schriftsteller für sich arbeiten zu lassen; die Verherrlichung von 
Mäzenen durch Dichter, absichtsvolle Autobiographien, Briefe 
als Mittel, um auf die Öffentlichkeit zu wirken, alles tritt in den 
Kreis der Betrachtung. Er widmet dann den besonderen „Aus- 
drucksmitteln" der öffentlichen Meinung — was zugleich Mittel 
zur Erzeugung öffentlicher Meinung sind — besondere Abschnitte; 
er gibt eine Übersicht über die Geschichte der Flugschrift, spricht 
vom Zeitungswesen, wobei er freilich nur eine Auswahl von dem 
geben kann, was Fachdarstellungen bieten. Er hat treffliche Ur- 
teile über Wert und Unwert öffentlicher Meinung und z. B. über 
die Preßfreiheit, unter der die Zeitungen wieder von anderen 
Mächten abhängig sind. In dem kurzen Schlußkapitel: „Die Tat 
als Ausdrucksmittel der öffentlichen Meinung", nimmt er sich 
nach seiner eigenen Angabe vor, zu schildern, wie die Tat Einfluß 
auf die Meinung gewinnt, und spricht von der Tat, mit der eine 
Überzeugung bekräftigt wird, aber auch von dem Werte, de 



' 



Allgemeines. 327 

Meinungen und Worte in der Welt des Handelns (im Kriege!) 
haben, von dem Einfluß, den die Politiker als Handelnde der 
Meinung einräumen; daß der große Staatsmann stärker ist als 
die öffentliche Meinung, bildet das Schlußwort. Dieses Kapitel 
ist das stärkste Beispiel einmal dafür, daß auch viel Überflüssiges 
in dem Buche gesagt wird, dann dafür, daß es dem Buche und der 
Darstellung zum Teil an Ordnung und Klarheit fehlt. Auch der 
Titel ist nicht klar; er könnte aus zweien zusammengezogen sein: 
1. Der Begriff „öffentliche Meinung" und die geschichtlichen 
Grundlagen, auf denen er erwachsen ist; 2. öffentliche Meinung 
als Sache, als geschichtliche Erscheinung. Der Verfasser sagt 
übrigens selber, daß er das Buch als unfertig empfinde, und spricht 
bescheiden über seinen „Versuch", an den er eine große und tüch- 
tige Arbeit gewendet hat. Er verwahrt sich: über manches, 
was er behauptet hat, sei er nun, wo das Buch in die Öffentlichkeit 
gehe, bereits hinausgewachsen. Er fühlt wohl auch, daß eine 
grundsätzliche Erörterung über den Gegenstand, so förderlich 
die seine vielfach ist, erst dann ihre Aufgabe löst, wenn sie sich 
gründet auf eine in langen Jahren geübte, eindringende Beobach- 
tung, wie nur ein vielerfahrener Historiker sie hat. Daß es er- 
wünscht ist, wenn Bildung und Wirkung von Gemeinansichten 
usw., namentlich Massensuggestionen, zum Gegenstand genauer 
Beobachtungen gemacht werden, ist gewiß. 

Tübingen. • Adolf Rapp. 

Der Salutismus. Von P. A. Clasen. XX u. 330 S. Jena, Diede- 
richs. 1914. 4,50 M. (Schriften zur Soziologie der Kul- 
tur. II.) 

Das Buch ist die erste wirklich wissenschaftliche Darstellung 
der bedeutenden religiösen und sozialen Erscheinung der Heils- 
armee, auf sorgfältigsten Studien und persönlicher Kenntnis 
beruhend. Sie ist sehr zutreffend in die allgemeine Geschichte 
des modernen Christentums und der heutigen Gesellschaft ein- 
gezeichnet, wobei vor allem die englische Gesellschaft in Heimat 
und Kolonien in Betracht kommt. Der Verfasser rechnet 
den Salutismus mit vollem Recht dem asketischen Protestan- 
tismus zu und betont ausdrücklich den asketischen Charakter, 
die Ablehnung von Theater, weltlicher Kunst und Wissenschaft, 
den Antialkoholismus und sonstige Entsagungen und Verleug- 



328 



Literaturbericht. 



nungen, die Arbeitsaskese, ferner den Armuts- und Gelübde- 
charakter der leitenden Persönlichkeiten, die Martyrien usw. 
Es ist die volle Analogie zu den katholischen Orden und bedeutet 
wie der gesamte asketische Protestantismus des Sektentypus 
eine ernstliche Inangriffnahme der sozialen Aufgaben im Sinne 
der Karität. Vom katholischen Ordenswesen aber unterscheidet 
sich die Heilsarmee durch den protestantischen, innerweltlichen 
Charakter ihrer Askese, der die Geretteten durchaus in das freie 
offene Welt- und Wirtschaftsleben verpflanzt und keine Ver- 
schiedenheit der Anforderungen an gewöhnliche Christen und 
Asketen kennt, sondern die Anforderungen als gleich und uni- 
versal denkt. Mit alledem wurzelt die Heilsarmee im Methodis- 
mus und weiter zurück im Puritanismus und Calvinismus. Aber 
von den puritanischen Sektenbildungen unterscheidet sie sich 
wieder durch die Beseitigung der demokratischen Organisation, 
die sie durch eine den katholischen Orden analoge autokratische 
Herrschaft des Generals ersetzt und die allein imstande ist, auf 
die untersten sozialen Schichten zu wirken und überdies eine über 
die Welt erstreckte Gemeinschaft dieser Art zusammenzuhalten. 
Hieraus erklärt sich m. E. die militärische Organisation und 
Terminologie der Heilsarmee, die der Verfasser nicht genügend 
erleuchtet, wenn er nur an alte Neigungen der Christen zur Militia 
Christi erinnert. Die Organisation der Heilsarmee ist nicht die 
demokratische der Sekten, sondern die monarchische der Orden; 
wiederum ebenso ihre Askese nicht die außerweltliche der Orden, 
sondern die innerweltliche der Sekten. Dann aber war in der Tat 
die weltliche Analogie des Militärs der richtige Ausweg, bei dem 
das Katholisieren vermieden und doch die ordensartige Geschlos- 
senheit behauptet werden konnte. Zugleich war aber damit die 
richtige Stellung zu den Kirchen gefunden, denen die Heilsarmee 
interkonfessionell und duldsam gegenübersteht, denen sie allen 
ihre befruchtenden Kräfte zuführt und aus denen sie die Leute 
nicht zu einer neuen Kirchenbildung herauszieht. Sie selbst ist 
keine Kirche, sondern verhält sich zu den Kirchen wie ein riesiger 
Rettungs-Orden, der wesentlich aus Offizieren besteht und nur 
diejenigen speziell an sich zieht, die nicht bei einem kirchlichen 
Verband befriedigt sind. Das Hervortreten dieser neuen Organi- 
sation findet der Verfasser in einer neuen Aufreizung des methodi- 
stischen Heiligungsgedankens durch die dem modernen englischen 






Allgemeines. 329 

Kapitalismus folgenden sozialen Begleiterscheinungen begründet. 
Von da aus erklärt sich dann auch die ganz moderne Einstellung 
des Ordens oder der Armee auf die moderne soziale Arbeit und 
den Großbetrieb. Auch die am meisten bekannten Äußerlich- 
keiten der Heilsarmee erklären sich von hier aus sehr wohl; sie 
sind auf die Psychologie der untersten Massen zugeschnitten 
und rechtfertigen sich durch ihren Erfolg. So englisch nun aber 
auch die Heilsarmee in ihren Anfängen und in ihrem ganzen 
Geiste ist, so hat doch der Universalismus und die Internatio- 
nalität des Christentums sie zu einer Weltmacht entwickelt, 
die alle christlichen Gebiete in Angriff nimmt und auch nicht- 
christliche Gebiete bearbeitet. Auch damit spielt sie innerhalb 
des Sektentums eine Sonderrolle, die durch den monarchischen 
Charakter ermöglicht ist. Sie bleibt nicht wie die demokratische 
Sekte zur Kleinheit verdammt. Sie stützt sich dabei freilich vor 
allem auf die Weltstellung des englischen Reiches und der Angel- 
sachsen. Auf nichtenglischem Gebiete muß eben deshalb mit Vor- 
sicht vorgegangen werden und die nationale Besonderheit geschont 
werden. Am schwierigsten sind die Festsetzungen begreiflicher- 
weise auf katholischem Gebiete. So ist die Heilsarmee weit über 
den Rahmen einer dem englischen Sektentum entsprungenen 
methodistisch-bekehrenden und zugleich sozial-karitativen Grün- 
dung hinausgewachsen; aber eben damit stößt sie auch auf die 
Probleme des christlichen Internationalismus gegenüber dem 
Nationalismus, des Sektentypus gegenüber den Kirchen, des eng- 
lischen Geistes gegenüber dem nicht-englischen. Auch die Schwie- 
rigkeit aller asketischen Bewegungen, daß sie im Sieg und Glück 
erlahmen, besteht für sie, was der Verfasser richtig hervorhebt. 
Ihre soziale Leistung ist enorm, wie in ausführlichen Nachweisen 
gezeigt wird, aber sie ist dem Wesen der Sache nach karitativ 
und kann nur Probleme lösen, die der Karität zu lösen möglich 
sind. Daraus ergeben sich nach der sozialen Seite hin die Rei- 
bungen oder auch Berührungen mit der staatlichen Sozialpolitik 
und vor allem mit den politischen, gewerkschaftlichen und soziali- 
stischen Reformbewegungen. Nach seinen beiden Seiten hin, nach 
der allgemein religionsgeschichtlichen und nach der allgemein so- 
zialgeschichtlichen, wäre das Thema noch eindringenderer Behand- 
lung fähig gewesen. Doch ist die Hauptsache die eingehende 
Darstellung selbst, die sehr lehrreich ist und der ich in der Ge- 



330 



Literaturbericht. 



samtauffassung durchaus zustimme. Treffend sind die mehrfachen 
Andeutungen des Verfassers, daß man sich Durchsetzung und 
Wirkungsweise des Urchristentums im römischen Reiche in 
vieler Hinsicht ähnlich wird zu denken haben, und daß hierbei 
der Zusammenhang von Christentum und römischem Reich 
ähnlich gewesen sein möge wie heute der zwischen Heilsarmee 
und englischer Weltmacht. Da man dem Urchristentum nicht 
mehr mit der Statistik zu Leibe gehen kann, wird ihm gegenüber 
eine ähnliche Erfassung, wie sie hier der Heilsarmee zuteil wird, 
niemals möglich sein. Der Vergleich ist aber auch nach einer 
anderen Seite hin für die Heilsarmee richtig. Das Urchristentum 
wurde zur Kirche und dadurch zur dauernden Macht. Ähnlich 
ist es dann auch dem Methodismus gegangen, der heute verkirch- 
licht ist. Auch für die Heilsarmee wird die Notwendigkeit be- 
stehen, zur Kirche zu werden oder das Schicksal aller Orden 
und Sekten zu erleiden, daß sie aus Askese und Martyrium auf- 
blühen und dann fortwährenden Reformen und Spaltungen ver- 
fallen. Vorläufig ist es doch wesentlich die Dynastie Booth, die 
alles zusammenhält. 

Heidelberg. Troeltsch. 



Kunsthistorische Aufsätze. Von Georg Dehio. München und 
Berlin, Oldenbourg. 1914. 303 S. 

Den Lesern der Historischen Zeitschrift diese klar und schön 
geschriebenen, an glücklich geprägten Wendungen und Sätzen 
reichen gesammelten Aufsätze des Straßburger Vertreters der 
Kunstgeschichte rühmen wollen, hieße fast, den Lesern zu nahe 
treten. Denn ein Teil dieser Aufsätze, wie der einschneidende 
über deutsche Kunstgeschichte und deutsche Geschichte, wie der 
andere über die Kunst im Elsaß, sind in den Spalten der Histo- 
rischen Zeitschrift zuerst gedruckt worden. Diese und weitere 
über die Kunst des Mittelalters, über unteritalische Kunst in 
der Zeit Kaiser Friedrichs IL, über Denkmalpflege, über den 
Bildhauer Hans Backofen, über die Camposantogemälde von Pisa 
als Quelle der Anregung für die Schlußszene des zweiten Teiles 
Faust von Goethe, sind seit ihrem Erscheinen dermaßen gewür- 
digt worden, daß sie in bleibenden Besitz unserer Erkenntnis 
übergegangen sind. Besonders der historisch-künstlerische Charak- 



l 



Allgemeines. 331 

ter des 15. Jahrhunderts in seiner Zwischenstellung zwischen 
Mittelalter und Renaissance, in seinem Verhältnis zum Barock 
hat den Verfasser zu immer neuen Formulierungen gelockt, 
und da es sich um Ansichten, die aus langem wissenschaftlichen 
Beobachten und Nachdenken stammen, handelt, wird man sie 
mit gebührender Aufmerksamkeit zur Kenntnis und Überlegung 
nehmen. Niemand wird erwarten, daß ein Rezensent an dieser 
Stelle seine Fragenzeichen setze und etwa abweichende Meinungen 
geltend mache. Hier ziemen nur Worte des Dankes für die zu 
bequemem Benutzen zusammengereihten Gaben des verehrten 
Mannes, dessen Bild durch diese Parerga manch neuen Zug dar- 
bietet. 

Eine Anzahl Bildtafeln begleiten und erläutern den Text. 
Die Druckausstattung, die der geschätzte Verlag mitgegeben hat, 
weist eine Neuigkeit auf, die dem kunstgewohnten Auge auffällt. 
Jeder einzelne Aufsatz hat seine Überschrift auf besonderem 
Blatt und in eine Rahmenleiste gefaßt, so daß statt des einen 
Titelblattes ungefähr zwanzig Titelblätter vorkommen. Ich 
finde, daß die gute Überlieferung und der Sinn des Titel- 
blattes durch diese Konkurrenz beeinträchtigt wird. Schließ- 
lich, da nun doch Formfragen berührt worden sind, eine An- 
merkung zu dem Aufsatz über Buchstabenreform in der Renais- 
sance. Der Verfasser spricht von der „fatalen Doppelwährung der 
deutschen Schrift", die „wir Deutschen sobald noch nicht über- 
wunden haben werden". Die Histor. Zeitschrift hat, wie jeder 
weiß, seit Jahren die Antiqua angenommen und damit Professor 
Dehios Beifall für sich. Ich habe für meine Person jenen Buch- 
stabenwechsel der H. Z. beklagt und stehe nicht an, der Be- 
merkung S. 199 des gegenwärtigen Bandes von Dehio und ihrem 
Vorwurf, daß unser viellesendes Geschlecht der Schönheits- 
frage der Schrift so wenig Teilnahme zeige, entgegenzuhalten, 
daß ich eben vom Standpunkt der Schönheit die Fraktur- 
schrift, die sog. gotische, vorziehe, von anderen Gründen hier 
nicht zu sprechen. Für mein Auge haben die leeren Höhlen der 
Antiquabuchstaben C D L U etwas gähnend Löcheriges und 
machen das Zeilen- und Satzbild ausdruckslos, wo die Fraktur 
überall Leben, Fülle und Ausdruck sprüht. 

Heidelberg. Carl Neumann. 



332 Literaturbericht. 

Fr. Gatti e Fr. Pellati, Annuario bibliografico di Archeologia 
e di Storia dell'Arte per Vltalia. Anno I — 1911 (1913). XXI, 
195 S. 10 frs. Anno II — 1912 (1913). XX, 296 S. Roma, 
E. Loescher <g Co. (Regenberg). 

In nationaler selbstgewählter Beschränkung will sich diese 
neueste bibliographische Kompilation möglichst ausschließlich 
auf das politisch heute Italien und seine Kolonien genannte 
Gebiet erstrecken, über dieses in fortlaufenden Jahresbänden 
aber auch alles bringen, was von wissenschaftlichen und nicht- 
wissenschaftlichen Federn über die Kunst in diesen Gebieten 
geschrieben wird: von den prähistorischen Höhlen an bis zu den 
allermodernsten Kubisten und Divisionisten. Wenn ich auch nur 
als Archäologe ein Urteil hier abzugeben habe, so glaube ich doch 
auch unsere kunstgeschichtliche Literatur soweit zu kennen, 
daß ich sagen darf: wie gut, daß wir nicht allein auf diesen neuen 
Versuch angewiesen sind ! Für das, was hier wirklich zu erfahren 
wichtig ist, besitzen wir doch schon bessere Hilfsmittel. 

Das Unternehmen macht den Eindruck, als wäre es heraus- 
gewachsen mehr aus dem drängenden Bureaubedürfnis einer 
Zentralverwaltung als aus den abwägenden Überlegungen eines 
wissenschaftlichen Geistes. Die beiden Verfasser sind Mitglieder 
der Generaldirektion der Altertümer und Schönen Künste, welche 
dem italienischen Unterrichtsministerium in Rom angegliedert 
ist, Es ist einleuchtend, daß gerade für eine solche Organisation 
die Notwendigkeit eines derartigen Repertoriums um so fühl- 
barer werden mußte, je mehr die Hochflut publizistischer Er- 
scheinungen über alle möglichen Kunstdenkmäler Italiens stieg. 
Aus solchen, vor allem der Verwaltung und Denkmalspflege 
dienenden Zwecken, würde sich auch die Einbeziehung der sehr 
zahlreichen, mehr oder weniger populären Artikel der gesamten 
größeren italienischen Tagespresse erklären, dazu der entlegensten 
Provinzialliteratur wie auch der hauptsächlichsten belletristi- 
schen Zeitschriften des internationalen Auslandes. Wissenschaft- 
lich ist das kein Gewinn, eher eine Entwertung. Auch die Über- 
sichtlichkeit und Brauchbarkeit des Nachschlagewerkes hat durch 
den angehängten Ballast des Unwichtigen nur eingebüßt. 

Wenn in einem großen Bibliotheksapparat für den Hand- 
gebrauch die gesamte Literatur nach Autoren verzettelt wird, 
so ist das ein erster Schritt, um eine gewisse Ordnung und Über- 




Allgemeines. 333 

sieht zu gewinnen. Wenn aber bei einer für den Druck und die weite 
Öffentlichkeit bestimmten Bibliographie darüber kaum hinaus- 
gegangen wird, so bedeutet das zum mindesten einen Mangel an 
organisatorischer Kraft in der Durchdringung der Materie. Milder 
kann ich es nicht bezeichnen, wenn von den beiden Möglichkeiten 
den Riesenstoff zu gliedern, die bequemere, primitivere, für den 
allgemeinen Gebrauch weitaus ungünstigere gewählt worden ist: 
die der Aufreihung nach alphabetisch geordneten Verfassern. 
Es ist wirklich so, als wären die im Vorwort zum 1. Bande er- 
wähnten handschriftlichen Zettel, Kataloge der Bibliothek der 
genannten Generaldirektion und des Prähistorischen Museums 
zu Rom, mit ihren Beständen von 1911, so wie sie eben waren, 
als Grundstock übernommen worden. Für die große Allgemeinheit 
muß das alphabetische Einteilungsprinzip als durchaus verfehlt 
und eine starke Zumutung bezeichnet werden. Denn was heißt 
dies alphabetisch geordnete Autorenrepertorium anderes als 
fordern, daß man die Skribenten, auch die der ganzen ephemeren 
Journalistik Italiens, genauer kenne, denn die Kunstdenkmäler, 
über die sie schreiben! Denn nur dann könnte man sich in dieser 
Zusammenstellung rasch zurecht finden. Statt daß das sachliche 
Moment den Ausschlag gegeben hätte und nicht das persönliche, 
das hier aufs fatalste im Vordergrund steht. 

Es ist, als wäre das Buch grundsätzlich darauf hin angelegt, 
von hinten her gebraucht zu werden statt wie andere von vorne. 
Will man z. B. wissen, was im Jahre 1912 in Zeitschriften über das 
Theodorichgrabmal zu Ravenna erschienen ist, so muß man zuerst 
hinten im Sachindex unter „Ravenna" nachsehen und findet da 
zwei Ziffern, die auf zwei Nummern im großen Autorenreper- 
torium. in der Mitte verweisen. Für jeden dieser Aufsätze muß 
man nun aber weiter eine neue Ziffer nachschlagen, um ganz 
vorne in der ersten Journalliste zu erfahren, in welchen Zeit- 
schriften die betreffenden Aufsätze erschienen sind. Erst nach 
sechsmaligem Nachschlagen also weiß man Bescheid. Am Schlüsse 
folgt aber wie ein Versöhnungsversuch wirklich noch ein „indice 
per materie". Es ist wenigstens ein Anlauf zum Wichtigeren und 
Besseren, aber auch nicht mehr: eine Mischung von Sach-, Orts- 
und Personenindex, durcheinandergewürfelt wieder nach alpha- 
betischem Prinzip, das selbst die Detailgruppierungen unter den 
einzelnen Stichworten wieder beherrscht und zwar ohne Aus- 
Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 22 



334 



Literaturbericht. 



nähme auch da, wo eine naheliegende, sachlich oder zeitlich 
geordnete Reihenfolge übersichtlicher gewesen wäre. Durch diesen 
starren Schematismus des Alphabets stark beeinträchtigt, er- 
mangelt dieser Sachindex auch sonst des eigenen Wertes, da er 
die Literatur nicht selbst gibt, sondern nur durch knappe Ziffern 
auf das große Autorenverzeichnis zurückweist. 

Etwas zunächst ganz Unbegreifliches steht aber gleich vorne 
eingangs der Bibliographie: eine Titelliste der sämtlichen Zeit- 
schriften und Zeitungen, denen die im folgenden nach Autoren 
verzettelten Aufsätze entnommen sind, „in ordine progressivo"; 
d. h. die Titel der gesamten Journale sind genau so kunterbunt 
nacheinander abgedruckt, wie diese in dem den Verfassern offenbar 
zur Verfügung stehenden Apparate allmählich zusammengekom- 
men, ganz zufällig nacheinander eingelaufen waren. Abgesehen 
von einer kleinen, ausnahmsweise einmal — alphabetisch wieder 
— geordneten Gruppe (erst im letzten Zuwachs, den der 2. Band 
unter Nr. 469 — 536 verzeichnet) ist hier alles eine wirre, jeden 
Einteilungsprinzipes bare Masse. Diese in ihrer Aufreihung 
also völlig willkürliche Liste hat nun aber die für die ganze 
Bibliographie entscheidenden Numerierungszahlen bekommen, 
auf sie allein wird im Hauptteil zurückverwiesen. Dieser wieder 
ebenso primitive wie bequeme Praxis erklärt sich nur im Sinne 
eines einfachen Notbehelfes. In der sicheren Voraussicht nämlich, 
daß der ursprüngliche Bestand der Journale im Lauf der Jahre 
noch beträchtlich wachsen werde — der 2. Band hat die 378 
Nummern von 1911 in der Tat schon auf 538 vermehrt — , hat 
man von der Grundlage einer alphabetisch oder sachlich geordneten 
Zeitschriftenliste als zu variabel von vornherein abgesehen und 
nur zur ergänzenden Übersicht dieser konfusen Liste dann doch 
noch eine streng alphabetisch geordnete eben derselben Zeit- 
schriftentitel folgen lassen, welcher ein selbständiger Wert aber 
wieder fehlt, da sie in der in Klammern beigefügten Bezifferung 
der ersten Liste durchgehends untergeordnet ist. 

Es soll nicht verkannt werden, daß die Verfasser bemüht 
waren, im 2. Bande außer der Vermehrung — der Hauptteil 
ist von 3722 auf 5354 Titel, der Sachindex von 24 auf 41 Seiten 
angewachsen — auch eine Verbesserung zu bieten. Vorwort und 
Titel des Jahrganges 1912 heben dies selbst mit rühmendem 
Nachdruck hervor, besonders für den durch genauere Detail- 




Allgemeines. 335 

lierung in der Tat reicher gegliederten „indice per materie". 
Die besten und übersichtlichsten Rubriken stehen hier unter 
den Ortsnamen; die schwächsten Partien sind immer noch die 
wichtigen, unter sachlichen Stichworten gruppierten Materien. 
Eine gewisse Verbesserung im 2. Bande ist ohne weiteres ersicht- 
lich, wenn man folgende Rubriken mit den entsprechenden des 
I. Bandes zu vergleichen sich die Mühe nimmt: Antichitä, 
Archeologia, Arte, Epigrafia, Libia (sehr ausgedehnt, dagegen ganz 
kümmerlich und an zwei knappen Stellen verzettelt Eritrea), 
Numismatica, Preistoria, Rilievi, Roma, Scavi e Scoperte, Terra- 
cotte, Tombe (fehlte noch in Band 1), Topografia, Wie (Romane), 
Ville. Die zweifelhafte große Rubrik „Anonimo" des 1. Bandes 
ist im zweiten ganz verschwunden. Dafür gibt es Willkürlich- 
keiten und Unverständlichkeiten noch in Menge. Die Zusammen- 
stellung z. B. der für 1912 unter „Antichitä", ohne besonderen 
Zusatz, herausgegriffenen drei Nummern ist geradezu grotesk. Die 
dritte dieser Nummern (4857, ein Aufsatz über Napoli Greca) 
steht überdies auch dort, wo man sie wirklich allein auch suchen 
wird, unter „Napoli". Die unter den Stichworten ohne detaillie- 
renden Zusatz zunächst angeführten Arbeiten allgemeinerer Art 
scheinen überhaupt in Konflikt zu geraten mit den unter demselben 
Stichwort weiter unten in einer detaillierten Unterschrift folgen- 
den Nummern. Da hätte viel reinlicher unterschieden werden 
müssen. So hat das Stichwort Epigrafia eine Unterabteilung 
Epigrafia latina. Die Zifferzitate für E. Diehls Inscriptiones 
latinae (1403) und Ruggieros Dizionario epigrafico di antichitä 
romane (4328) stehen aber nicht, wie man erwarten sollte, unter 
der lateinischen Unterabteilung, sondern unter der allgemeinen 
Hauptrubrik; Oleotts Thesaurus linguae latinae epigraphicae 
(Nr. 3520) dagegen an beiden Stellen, statt nur an der zweiten. 
Der Begriff Iconografia ist sehr weit gefaßt: er enthält alles 
Figürliche, was Malerei und Plastik überhaupt darzustellen ver- 
mögen — wieder natürlich in alphabetischer Reihenfolge, folg- 
lich der Bedeutung nach in buntestem Reigen. Ich greife wörtlich 
heraus: Adorazione del Bambino, Alessandro Magno, Amore, 
Amorini, Angeli, Animali, Annunciazione, Apollo, Apocalisse, 
Atargatis, Athena, Bambini, Barbar o (Daniele), Barberini (Car- 
dinale) etc. Die beiden zuletzt genannten Zitate beziehen sich 
auf von P. Veronese und Maratta herrührende Porträts, die dann 

22* 



336 Literaturbericht. 

unter „Ritratti" bei den Namen der Künstler noch einmal auf- 
geführt sind. — Die Rubrik „Religione" fehlt für 1912 ganz. Was 
von ihr nicht bei der Iconografia untergebracht ist, findet man 
unter dem wieder sehr gedehnt gefaßten Begriff Mitologia, oft 
mit willkürlicher Auseinanderreißung des Zusammengehörigen. 
So steht, wie wir eben sahen, Apollo und Athena unter Icono- 
grafia, ebenso Nettuno und Venere. Dagegen Diana, Cerere, 
Giove und Hephaestos unter „Mitologia"; Ifigenia, Leda, Minos, 
Omfale, Psiche unter Iconografia; Arianne, Cirene, Dioscuri 
dagegen wieder unter Mitologia. Die Dea Roma mit ein und dem- 
selben Zitat erscheint dafür in beiden Rubriken. Endlich beher- 
bergt die Mitologia auch die „oracoli, superstitio" und sogar die 
„religione preistorica u . Wer aber wird unter Italia den dort zitierten 
Katalog der griechischen und etruskischen Vasen des Britischen 
Museums von Walters suchen?! (angeführt unter der aus dieser 
einzigen Nummer bestehenden Unterabteilung „Vasi italici"; 
weil nämlich der 2. Teil im 1. Band dieses Kataloges den Unter- 
titel führt „Cypriote, Italian and Etruscan pottery"l) oder den un- 
mittelbar darauf aus gleichen Gründen, aber als eine neue Unter- 
abteilung („vasi itali-greci") angeführten Katalog von Leroux 
der griechischen und italisch-griechischen Vasen des Museums 
in Madrid?! Die Rubrizierung der später selbständig folgenden 
Vasi dagegen liest sich wie ein Hohn auf die wirklich ordnende 
Vernunft oder — den Schematismus der alphabetischen Reihung. 
Die kleine Abteilung ist buchstäblich wie folgt aufgereiht: Vasi 
antichi, byzantini, cretesi, greci et etruschi, moderni, preistorici, 
romani. Dabei stehen zwei Arbeiten über die bekannte Steatit- 
vase aus Knossos mit dem Marsch der Schnitter statt unter 
Vasi cretesi unter Vari antichi, und zwar nur darum, weil aus 
den Titeln der beiden Aufsätze die kretische Herkunft nicht ohne 
weiteres ersichtlich ist. So etwas ist nur möglich bei einer ganz 
äußerlichen und oberflächlichen Arbeitsweise, die sich darauf 
beschränkt, die Literatur nach ihren Titeln zu lesen, ohne ihren 
Inhalt zu kennen. Nur so ist es auch verständlich, wenn R. Del- 
brücks „Antike Porträts" zwar im Autorenrepertorium stehen 
(1377), im Sachindex dagegen völlig fehlen. Offenbar darum, 
weil das italienische Stichwort Ritratti im Titel des deutschen 
Buches nicht vorkommt! Und das ist keineswegs ein vereinzelter 
Fall. Die ganze Grundlage selbst des „indice per materie" ist 




Alte Geschichte. 337 

also morsch und unzuverlässig. Auch an entstellenden Flüchtig- 
keiten anderer Art fehlt es nicht. So fällt es auf, wenn bei einem 
so wichtigen Buch wie W. Helbigs, Führer durch die öffentlichen 
Antikensammlungen Roms, für die 3. Auflage (Nr. 2246) nicht 
einmal die drei Verfasser dieser wichtigen Neubearbeitung (Ame- 
lung, Reisch u. Weege) genannt und in salopper, unvollständiger 
Weise nur diejenigen Sammlungen aufgeführt werden, deren 
Antiken der 1. Band beschreibt, während doch beide Bände ge- 
nannt werden. 

Kurz, dies „Annuario" ist auch in seinem zweiten Bande 
noch ziemlich weit von der Erfüllung der Hoffnung entfernt, 
welche die Vorrede seines ersten Bandes als Ziel aufstellt: ein 
„strumento dl lavoro veramente utile e quasi indispensabile" 
zu werden. Wenn nicht noch ganz andere Gründlichkeit und 
Sorgfalt an diese Arbeit gewendet wird, wenn es nicht gelingt, 
der unheilvollen alphabetischen Reihung als oberstem Eintei- 
lungsprinzip zu entsagen, wenn nicht die beiden Hauptteile 
dieser Bibliographie ihre beiderseitigen Rollen — nach durch- 
greifender Umgestaltung — geradezu miteinander vertauschen, 
so daß eine ähnliche Übersichtlichkeit entstehen kann wie bei der 
Bibliographie unseres k. deutschen archäologischen Jahrbuches 
oder unserer bekannten bei Reisland in Leipzig erscheinenden 
„Bibliotheca philologica classica" — , wenn das alles nicht ge- 
schieht, wird die Publikation auch in ihrem weiteren Verlauf für 
uns sehr wohl entbehrlich sein. 

Freiburg i. Br. H. Thiersch. 



Die hellenistisch-römische Kultur. Dargestellt von Fritz Bauni- 
garten, Franz Poland, Richard Wagner. Mit 440 Abbil- 
dungen im Text, 5 bunten, 6 einfarbigen Tafeln, 4 Karten 
und Plänen. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner. 1913. 674 S. 
Geb. 12,50 M. 

Ihrem im Verlaufe weniger Jahre schon in 3. Auflage er- 
schienenen Buche über die hellenische Kultur setzen die drei Ver- 
fasser, von denen leider Baumgarten uns inzwischen durch den 
Tod entrissen worden, ein Werk über die hellenistisch-römische 
Kultur zur Seite. Seine Ausstattung in Druck, Beigabe von Ab- 
bildungen und Karten ist von der gleichen Pracht wie das vorige 



338 Literaturbericht. 

Mal. Aber auch die wissenschaftliche Leistung ist von derselben 
gründlichen Gediegenheit. Die Darsteller stehen durchwegs 
auf dem Boden der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis 
und verstehen es, darüber dem Laien lebensvolle Auskunft zu 
geben. So ist das Buch völlig durchdrungen von dem Gedanken, 
daß die römische Kultur nichts anderes ist als eine besondere 
Form der hellenistischen. Es ist wohl das erstemal, daß diese 
wichtige Wahrheit in einem auf breite populäre Wirkung berech- 
neten Buche so eindringlich, ausführlich und überzeugend aus- 
einandergesetzt wird. Darin liegt die große Bedeutung des Werkes, 
und das gibt uns auch den Maßstab für die Würdigung der ge- 
leisteten Arbeit. 

Wagners Behandlung der Literaturgeschichte ist das Beste, 
was Schüler und Laien über dieses Thema lesen können. W. hat 
die seltene Gabe, mit kräftigen Strichen lebendige Vorstellungen 
von dem weiten Gebiet der gesamten Literatur dieses Zeitraumes 
vermitteln zu können. Baumgartens Kunstgeschichte, verbunden 
mit genauer Erläuterung sämtlicher Illustrationen, bildet die 
beste Vorbereitung für eine Reise nach dem Süden. Besonders 
schwierig war Polands Aufgabe, dem das zufiel, was die Philo- 
logen als „Altertümer" bezeichnen: Staat, öffentliches und häus- 
liches Leben, Religion und Bildungswesen. Es war dafür einerseits 
das mannigfachste Einzelwissen erforderlich, anderseits liegen 
teilweise, besonders für die hellenistische Zeit, noch keine zusam- 
menfassenden wissenschaftlichen Darstellungen vor. So ist nicht 
zu verwundern, daß in diesen Abschnitten noch allerhand nach- 
zubessern ist: So sollte in der ersten Partie der Ptolemäerstaat 
in Ägypten weniger als typische hellenistische Form der Monarchie 
verwendet werden. S. 77 sollte klarer ausgeführt werden, daß 
der ganze ägyptische Boden Eigentum des Königs war, daß darum 
jeder Grundbesitz eigentlich Pacht war, wofür „Zinse" zu ent- 
richten waren. Ähnlich steht es mit der Industrie (S. 41). Der 
König reißt nicht „allen industriellen Gewinn zum Schaden der 
Untertanen an sich", sondern er ist von Haus aus der einzige 
Industrielle. S. 84: Die Apotheose Lebender beginnt nicht erst 
mit Alexander dem Großen. S. 246: Der römische filius familias 
kann Rechtsgeschäfte abschließen. S. 253—278: Marius hat kein 
Söldnerheer geschaffen. Die allgemeine Wehrpflicht und Aus- 
hebung bestand weiter. Nur wurden in erster Linie die sich frei 



.,. 



Alte Geschichte. 339 

willig Meldenden eingestellt. S. 254 — 266 werden coloniae La- 
tinae und Romanae nicht genügend geschieden. S. 255 wird die 
Nobilität irrig definiert. S. 256 werden die römischen Volksver- 
sammlungen mangelhaft erklärt. S. 395: Die kaiserlichen Be- 
amten sind nicht sämtlich Ritter — die legati pro praetore! S. 397: 
illustris ist nicht Rangtitel des Ritters. S. 402: Helvetia und 
Augusta Rauricorum gehörten zur Belgica. S. 404: In Pannonien 
standen nicht 12Legionen. S.410: Die iuridici sind nicht die Nach- 
folger der correctores, und was für Italien gilt, sollte nicht allge- 
mein vom Reich gesagt werden. Zum Schlüsse wiederhole ich, 
es möchten diese Ausstellungen nicht den Eindruck erwecken, 
als ob Polands Beitrag an Gediegenheit hinter den anderen zurück- 
stehe. Das Gesamturteil muß überall gleich lauten. 

Greifswald. Matthias Geizer. 



Das rheinische Germanien in den antiken Inschriften. Von Alex- 
ander Riese. Leipzig, B. G. Teubner. 1914. XIII u. 479 S. 
Geb. 20 M. 

Dem 1892 erschienenen geschätzten Werke „Das rheinische 
Germanien in der antiken Literatur" stellt Riese nach 22 Jahren 
die langversprochene Ergänzung zur Seite, eine Sammlung aller 
für die Geschichte und Kulturgeschichte des deutschen Reichs- 
gebietes und der Schweiz, soweit sie einst römisch waren, wichtigen 
Inschriften. Die Einteilung ist folgende: I. Kaiserinschriften 
(d. h. solche, in denen ein Kaiser erwähnt wird), II, Provinzial- 
verwaltung, III. Heer (nach Truppenkörpern), IV. Geographisches 
(politische und soziale Institutionen nach Verwaltungsbezirken), 
V. Votivinschriften (Religionsgeschichte), VI. Grabinschriften, 
VII. Kleine Inschriften aus dem Privatleben. Durch ein reich- 
haltiges allgemeines Register und durch Verweisungen innerhalb 
der Kapitel ist dafür gesorgt, daß das Zusammengehörige leicht 
gefunden werden kann. Leider ist die Beigabe einer Konkordanz 
mit den Nummern des Corpus Inscript. Lat., der Brambachschen, 
Dessauschen Sammlungen etc. versäumt worden. Als Vorbild 
hätten Dittenbergers Werke dienen können. Die Mühe wäre für 
den Herausgeber gering gewesen und hätte die Brauchbarkeit des 
Buches beträchtlich erhöht. Denn der Wert einer solchen hand- 
lichen Sammlung besteht zu einem großen Stück darin, daß der 



340 Literaturbericht. 

Gelehrte, der das Corpus nicht besitzt, zu Hause die Quellen- 
zitate nachprüfen kann. Eine dem wissenschaftlichen Benutzer 
fatale Sache ist auch R.s Gepflogenheit „unwichtige Worte" 
(S. V) wegzulassen. Seine Nummern 50 und 51 z. B. sind so ganz 
wertlos geworden, indem die Handhaben für die Datierung und 
die Würdigung der Verhältnisse fehlen. Ganz unverständlich ist 
mir, warum die Ergänzungen nur durch kursiven Druck und nicht, 
wie sonst allgemein üblich, durch Einklammerung kenntlich ge- 
macht wurden. Das Verfahren dient weder den Augen des Lesers 
noch ist es zeitersparend. Diese äußerlichen Mängel sind desto 
mehr zu beklagen, als das gediegene und lehrreiche Werk, in 
dem so viele entsagungsvolle Arbeit steckt, im übrigen den wärm- 
sten Dank verdient. 

Greifswald. M. Geizer. 



Die Mystikerin Margaretha Ebner (ca. 1291 — 1351). Von Ludwig 
Zoepf. (Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters 
und der Renaissance, herausg. von Walter Goetz. Bd. 17.) 
Leipzig, Teubner. 1914. IX u. 177 S. 6 M. 

Der Verfasser, schon durch seine Arbeit über die Heilige 
leben im 10. Jahrhundert vorteilhaft bekannt, hat hier unte 
nommen, das Innenleben derjenigen Mystikerin des 14. Jahr- 
hunderts, für die uns wohl das brauchbarste Material vorliegt, 
in seinem ganzen Umfange zu entfalten und gegen den Hinter- 
grund ihrer Zeit zu stellen. Er ist dazu wohl mit veranlaßt wor- 
den durch die Versuche, die Ebner einerseits als der Heiligspre- 
chung würdig zu erweisen, anderseits sie als einen hervorragend 
geeigneten Beweis für die Freudsche Psychoanalyse zu verwerten. 
Zoepf selbst hält zwischen beiden Anschauungen die Mitte und 
hat mit umfassender Kenntnis, liebevoller Vertiefung und wohl- 
tuender Wärme die Seelenzustände seiner Heldin als ebenso- 
wenig unnatürlich wie übernatürlich zu erweisen gesucht. Ins- 
besondere verdient das unseren Dank, was er gegen die Ver- 
irrungen der Freudschen Schule sagt, die ja schon mit ihrer 
Beurteilung Zinzendorfs einen durchaus unzulässigen Einbruch 
in das Gebiet der geschichtlichen Forschung versucht hat. Doch 
kann ich nicht verhehlen, daß mir eben durch diese stille und 
offene Polemik, die Z.s ganze Arbeit durchzieht, die eigentlic 



:. 



Mittelalter. 341 

historische Fragestellung einigermaßen verschoben erscheint. Für 
diese kommt es, wie mich dünkt, ebensowenig darauf an, ob 
die mystischen Zustände der Ebner und ihre Äußerungen auf 
irgendeine überirdische Einwirkung zurückgeführt werden müs- 
sen oder durch verdrängte Erotik erklärt werden können. Das 
eine überlassen wir der Theologie, das andere der Medizin. Für 
uns handelt es sich darum, einerseits die Individualität der 
Ebner zu bestimmen, das ist möglich durch Vergleich mit ihren 
Zeitgenossinnen, besonders mit ihrer Namensverwandten Chri- 
stina Ebner, und anderseits festzustellen, inwieweit sie etwa als 
Zeugin für den Fortschritt der ganzen mystischen Bewegung in 
Deutschland angesprochen werden kann. Für beide Fragen fin- 
det sich bei Z. reiches Material, aber es ist naturgemäß zerstreut. 
Insbesondere treten bei dem zweiten Punkte die von Hauck so 
einleuchtend formulierten Fragen, inwieweit die neue Theologie 
und die neue Predigt steigernd auf das mystische Leben der 
Nonnen gewirkt haben, nicht so beherrschend hervor, als ich es 
gewünscht hätte. Wir möchten z. B. gerne wissen, wieweit die 
von Z. fein betonten Dinge, das Miterleben des Kirchenjahrs, 
der häufigere Gebrauch der Eucharistie, die besondere Anteil- 
nahme an den armen Seelen, der Glaube an die Kompensation 
der ihnen auferlegten Strafen durch eigenes Leiden eben mit 
jenen Faktoren im Zusammenhang stehen, ebenso ob die von Z. 
sehr richtig hervorgehobene starke Innerlichkeit der seelischen 
Erlebnisse Margarethas mehr individuell, d. h. aus ihrem offen- 
baren Mangel an Fähigkeit zu plastischen Vorstellungen zu er- 
klären ist oder in den Zug der allgemeinen Entwicklung gehört, 
den Hauck an der Ersetzung des Wunders durch die Vision glän- 
zend gezeigt hat. Doch, glaube ich, ist es ein nicht geringes 
Verdienst der Arbeit, daß sie zu solchen weiteren Fragen anregt, 
auch so gute Bemerkungen wie die über den möglichen Zusammen- 
hang des Hexenwahns mit' der mystischen Bewegung verdienen 
weiter verfolgt zu werden. 

München. Paul Joachimsen. 






342 Literaturbericht. 






Veit Arnpeck, Sämtliche Chroniken. Herausgegeben von 
Georg Leidinger. (Quellen und Erörterungen zur bayeri- 
schen und deutschen Geschichte, N. F. 3. Bd. Herausg. 
durch die Histor. Kommission bei der Kgl. Bayer. Akad. 
d. Wiss.) München, W. Riegersche Univ.-Buchhandlung. 
1915. CXXXV u. 1014 S. 

Durch seine Ausgabe des Andreas von Regensburg, durch 
seine Arbeit „Über die Schriften des bayerischen Chronisten Veit 
Arnpeck" (1893) und die fruchtbare Untersuchung über eine 
Sammlung von Gründungsgeschichten bayerischer Klöster (im 
Neuen Archiv 24) war Georg Leidinger für die Ausgabe Arnpecks 
als der geeignetste und in seltener Weise ausgerüstete Gelehrte 
erwiesen. Seine Leistung darf denn auch als musterhaft bezeich- 
net werden. Gewidmet ist der Band "Karl Theodor v. Heigel, 
der die Ausgaben der bayerischen Chronisten des 15. Jahrhun- 
derts in den Publikationen der Münchener Historischen Kom- 
mission angeregt und in die Wege geleitet hat und sich noch 
kurz vor seinem Tode an diesem Werke seines Schülers erfreuen 
durfte. 

Arnpecks Geburt fällt ungefähr in die zweite Hälfte der 
dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts. Da er in den Matrikel- 
büchern der Universität Wien dreimal mit dem Beisatz de Frei- 
sing verzeichnet ist, läßt sich kaum bezweifeln, daß sein Geburts- 
ort Freising war. Neben dem ältesten Geschichtschreiber und 
Schriftsteller des bayerischen Stammes, Bischof Arbeo, und neben 
dem größten, dem Babenberger Bischof Otto, kann sich also das 
mittelalterliche Freising, wenn wir auch an den Bischof Grafen 
Albert von Hohenberg denken, eines vierten namhaften Ge- 
schichtschreibers rühmen. Nachdem Arnpeck die Schule in Am- 
berg besucht und 1454 — 1457 an der Hochschule Wien studiert 
hatte, treffen wir ihn um 1465 als Kaplan an der Georgskirche 
in Amberg. Von der zweiten Hälfte der sechziger Jahre an war 
er bis zu seinem Tode hauptsächlich an der Martinskirche zu 
Landshut tätig, hatte aber daneben zeitweise auch Pfründen zu 
St. Andre in Freising und zu St. Jobst in Landshut inne. Allem 
Anschein nach hat ihn die Pest des Jahres 1495 hingerafft. Auf 
die Feststellung dieser einfachen Lebensverhältnisse folgt in 
L.s Ausgabe die kritische Untersuchung der Werke, dann eine 
Würdigung der Leistung, endlich die Texte der vier Chroniken. 



Mittelalter. 343 

Das Schwergewicht der Arbeit liegt in der Lieferung möglichst 
reiner Texte und in der Feststellung der benutzten Quellen, und 
in beiden Richtungen hat sich L.s Sorgfalt und Gelehrsamkeit 
glänzend bewährt. Das Hauptwerk, die Chronica Baioariorum, 
vom Herausgeber mit Recht als die wichtigste bayerische Landes- 
geschichte des Mittelalters bezeichnet, ist gleich dem Chronicon 
Austriacum in dem eigenhändigen Original des Verfassers, im 
Cod. lat. Monac. 2230 erhalten. Von den wechselvollen Schick- 
salen der Handschrift, deren Verlust noch im 19. Jahrhundert 
drohend nahe stand, sei nur erwähnt, daß sie sich auch in den 
Händen Aventins befand. Die Randnoten, mit denen dieser 
Humanist sie versehen hat, werden von L. abgedruckt und bieten 
manche interessante, für Aventin bezeichnende Bemerkungen. 
Nachdem schon 1711 Leibniz im 3. Band seiner Scriptor. Brunsvic. 
Auszüge aus der Chronica Baioar. mitgeteilt hatte, wurde das 
Werk 1721 von Bernhard Pez, der den Autor mit dem Prior 
Veit von Ebersberg verwechselte, im 3. Bd. seines Thesaurus ver- 
öffentlicht, während Hieron. Pez im selben Jahre das Chron. 
Austriacum edierte. Der größte Teil der Chronica dürfte 1493 
ausgearbeitet sein, doch erfuhr das Werk noch bis 1. August 
1495 Zusätze, Einschiebungen und Abänderungen. Als Quellen 
der Chronik vermag L. nicht weniger als 69 Schriften nachzu- 
weisen. Hervorgehoben sei eine bisher unbekannte Chronik 
lokalen Charakters, die wahrscheinlich um 1440 im Rattenberger 
Augustinerkloster verfaßt wurde. Als eine Tiroler Quelle (so 
S. LXII) sollte sie nicht bezeichnet werden, da Rattenberg mehr 
als sechzig Jahre nach dieser Abfassungszeit noch bayerisch war. 
Auch die bayerische Chronik in deutscher Sprache war schon 
früher (1827) veröffentlicht, aber, wie L. urteilt, „in jeder Hin- 
sicht jämmerlich". Ein Bruchstück hatte Westenrieder 1789 im 
2. Bd. seiner „Beyträge" als Esaias Wipachers Chronik heraus- 
gegeben; Wipacher war aber nur der Kopist oder der Besitzer 
der Handschrift. Die Streitfrage, ob Arnpeck wirklich auch der 
Verfasser dieser deutschen Chronik war, ist nun durch L. end- 
gültig entschieden. Daß Aventin und Rader Arnpecks Autor- 
schaft annahmen, ist noch nicht beweisend, um so überzeugen- 
der aber wirkt L.s scharfsinniger Nachweis, daß sich an vielen 
Stellen Erweiterungen des deutschen Chroniktextes aus solchen 
Quellen finden, welche eben in dem umgebenden lateinischen 



344 Literaturbericht. 



. 



Texte verwertet worden sind. Der Verfasser des lateinischen 
Textes muß also auch den deutschen bearbeitet haben, denn 
kein anderer als er konnte wissen, welche Quellen an jenen 
Stellen benutzt waren, und konnte gerade an jenen Stellen eine 
Erweiterung aus der im lateinischen Text benutzten Quelle 
bringen. Beide Chroniken, die lateinische und die deutsche, 
sind in der, Hauptsache nebeneinander ausgearbeitet worden, 
die deutsche wahrscheinlich für den Druck und für Ausstattung 
mit Holzschnitten bestimmt, ein aus dem Volke für das Volk 
geschriebenes Werk, ein beachtenswertes Denkmal der in Bayern 
entstandenen deutschen Literatur und in sprachlicher Beziehung 
zu den hervorragendsten mittelalterlichen Denkmälern der baye- 
rischen Mundart zählend. Für die Fortsetzung der Chronik ist 
schon aus dem Grunde ein anderer Verfasser als Arnpeck anzu- 
nehmen, weil sie elf Jahre über dessen Tod hinausreicht. Der 
Verfasser dürfte in Landshut gelebt haben. Unbedeutender als 
die beiden Hauptwerke Arnpecks sind die zwei folgenden: das 
Chronicon Austriacum, „das für uns eigentlich nur da Wert hat, 
wo wir seine Quellen nicht besitzen", und der Liber de gestis 
episcoporum Frising., eine gelungene Zusammenstellung des Wis- 
senswertesten über die lange Reihe der Bischöfe, besonders vom 
Ende des 14. Jahrhunderts an. Für die älteren Teile dieser 
Schrift bot das Freisinger Traditionsbuch die Grundlage. Unter 
Widerlegung der von Waitz erhobenen Einwände nimmt L. auch 
an, daß die Fortsetzung des Freisinger Traditionsbuches in der 
Wolfenbütteler Handschrift von Arnpeck rührt. Bei dem Libellus 
de fundationibus monasteriorum in Bavaria endlich handelt es 
sich nach L.s Annahme in der Hauptsache nur um eine Ab- 
schrift der „Fundationes" von 1388, über welche L. im Neuen 
Archiv, Bd. 24 eine eigene Untersuchung veröffentlichte. Arn- 
peck mag ihnen einzelne dort fehlende Gründungsgeschichten 
und andere Stücke hinzugefügt haben. 

In seiner Würdigung des Autors läßt L. wohlwollende Milde 
walten, ohne dadurch zu einer Überschätzung verführt zu werden. 
Er erkennt an, daß Arnpeck in der Hauptsache gleich den mei- 
sten mittelalterlichen Historikern ein Kompilator war, daß er 
nur in seltenen Fällen Mitteilungen seiner Gewährsmänner einer 
kritischen Prüfung unterzieht, daß seine Versuche, verwirrte 
Fäden zu lösen, in der Regel die Verwirrung nur steigern. Sehr 



15.— 16. Jahrhundert. 345 

bezeichnend urteilte Aventin, daß Arnpeck fünf Bücher von dem 
Herkommen der Bayern „zusammengeklaubt" habe. Politische 
Ereignisse erscheinen bei ihm nur im Spiegel der öffentlichen 
Meinung, und da er selbst dem Getriebe der hohen Politik fern- 
stand, auch keine Bekanntschaften mit hochgestellten Personen 
hatte, wie sie seinem Vorgänger Andreas von Regensburg zugute 
kamen, sind seine Berichte durch die engen gesellschaftlichen 
Grenzen beschränkt, in denen sein Leben sich bewegte. Im 
Gegensatz zu der bayerischen Landesgeschichtschreibung, die vor 
und nach ihm bis in die neuere Zeit fast durchweg offiziösen 
Charakter trug, entbehren seine Werke völlig dieser Eigenschaft. 
Er stand zu keinem Fürstenhofe in einem Verhältnis. Und wäh- 
rend er schon manche Zeitgenossen hatte, bei denen sich der 
Flügelschlag eines neuen Zeitalters regt, hat er von dem Hauche 
des neuen humanistischen Geistes noch recht wenig verspürt und 
erscheint als ein echt mittelalterlicher Chronist. Immerhin ver- 
raten seine selbständigen Mitteilungen einen nüchternen Kopf 
von historischem Sinn und nie kann man ihm absichtliche Unter- 
drückung oder Entstellung von Tatsachen vorwerfen. 

Den Schluß des Bandes bilden ein sorgfältig gearbeitetes 
Glossar, ein Orts- und Personenverzeichnis. In diesem wird wohl 
mancher Benutzer die Ortsbestimmungen etwas ausgedehnter 
wünschen. Bei Harthausen z. B. wäre der Zusatz angezeigt: 
jetzt Menterschwaige, im Münchener Burgfrieden. In der Mün- 
chener Gegend liegt ein anderes Harthausen, bei Zorneding, das 
seinen Namen bis heute bewahrt hat, an das daher ein der Sache 
ferner stehender Leser eher denken wird als an den richtigen 
Ort. Daß sich bei dem bis zur Unhandlichkeit angeschwollenen 
Umfang des Bandes eine Teilung in zwei Halbbände empfohlen 
hätte, wird dem Herausgeber selbst nicht entgangen sein. 

München. S. Riezler. 



Die Neuen Zeitungen in Deutschland im 15. und 16. Jahrhundert. 
Von Paul Roth. (Preisschriften gekrönt und herausgegeben 
von der Fürstlich Jablonowskischen Gesellschaft zu Leipzig. 
Nr. 43.) Leipzig, Teubner. 1914. 86 S. 4°. 5 M. 

Roth hat in der vorliegenden Schrift eine Preisaufgabe der 
Jablonowskischen Gesellschaft gelöst, welche eine Untersuchung 



Literaturbericht. 



über die Neuen Zeitungen in Deutschland bis zum Erscheinen 
der ersten gedruckten Wochenzeitungen verlangte. Er bestimmt 
dabei zunächst den Begriff der Neuen Zeitung und gibt eine 
Übersicht über das vorhandene Material, dann erörtert er Quellen, 
Verfasser und Herausgeber der Neuen Zeitungen, bespricht ihr 
Verhältnis zu den historischen Volksliedern und wendet sich 
dann zu den Fragen, die den Druck und die Drucker der Neuen 
Zeitungen, Absatz, Vertrieb usw. betreffen. Eine Würdigung 
der Bedeutung der Neuen Zeitungen bildet den Schluß. 

Die Arbeit beruht auf einem umfänglichen Material, das 
der Verfasser selbst auf den Hauptbibliotheken Deutschlands 
eingesehen hat oder hat erheben lassen. Ebenso ist die reiche 
Literatur, zumal die wichtigen Stoffsammlungen, die das Archiv 
für die Geschichte des deutschen Buchhandels bietet, sorgfältig 
verwertet. — Den Hauptmangel der Arbeit hat bereits Martin 
Spahn in seiner auch sonst aufschlußreichen Besprechung (Dtsche. 
Literaturzeitung 1914, Nr. 29 und 30) hervorgehoben. Er liegt 
darin, daß Roth den Begriff der Neuen Zeitung nicht scharf 
genug gegen verwandte Erscheinungen, besonders gegen die 
Flugschrift und das historische Volkslied, abgegrenzt hat. Spahn 
weist darauf hin, daß hier die Begriffe der Aktualität und Publi- 
zität schärfer hätten gefaßt werden müssen. Ich möchte noch 
einen Schritt weiter gehen und meine, daß alle Erzeugnisse aus- 
zuscheiden gewesen wären, deren Hauptzweck Verordnung oder 
Überredung ist. Dann fallen zunächst einmal alle Ausschreiben, 
Plakate usw. fort, es läßt sich aber auch die Zeitung einiger- 
maßen reinlich von der Flugschrift und dem „reinen" Volks- 
lied scheiden. Roth hat zu all dem Ansätze gemacht, dann aber 
in seinem Beweismaterial diese Grenzen doch wieder beständig 
verwischt. Darunter leidet natürlich auch die Schlüssigkeit all 
seiner weiteren Ausführungen. So ist z. B. von vornherein nicht 
einzusehen, daß die Zensur Neue Zeitungen und Flugschriften 
gleichmäßig hätte treffen sollen. In der Tat läßt sich aus R. 
auch kein einziges Beispiel für die Zensurierung einer echten 
Neuen Zeitung entnehmen. Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß 
Buchdrucker oder Buchführer, die den Flugschriftenvertrieb im 
Sinne polemischer Agitation trieben, nun gleichzeitig den Ver- 
trieb echter Zeitungen zu ihrer Spezialität machen. Das gilt 
z. B. für den von R. herausgehobenen Hans Sporer. 




16. Jahrhundert. 347 

Was so an R.s Arbeit methodisch betrachtet als ein Mangel 
bezeichnet werden müßte, wird aber nach anderer Richtung ein 
Vorzug. Er breitet ein kulturhistorisch ebenso reichhaltiges wie 
interessantes Material vor uns aus und gibt uns wertvolle Bei- 
träge zur Geschichte der öffentlichen Interessen und der öffent- 
lichen Meinung in der Reformationszeit. 

München. Paul Joachimsen. 

Nuntiaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Akten- 
stücken. 2. Abteilung: 1560—1572. 4. Bd.: Nuntius Delfino. 
Im Auftrage der Historischen Kommission der Kaiserlichen 
Akademie der Wissenschaften bearbeitet von S. Steinherz. 
Wien, Alfr. Holder. 1914. CXXV u. 552 S. 

Die in dem vorliegenden Band der zweiten Reihe der Nun- 
tiaturberichte abgedruckten Akten stehen mit denen der früheren 
Jahre im engsten Zusammenhang und sind von Ferdinand I., 
Maximilian II., Pius IV. und dessen Neffen Kardinal Borromeo, 
von dem Vertreter des Kaisers in Rom, Prospero d'Arco, dem 
Nuntius in Wien Zaccaria Delfino, außerdem auch noch von 
den außerordentlichen Gesandten am kaiserlichen Hof Carlo 
Visconti, Leonardo Marini und Pietro Guicciardini ausgegangen. 
Ihr großer Wert für die Geschichte des Reiches innerhalb der 
Jahre 1564/65 wird in der mit der größten Genauigkeit und 
Sachlichkeit geschriebenen Einleitung (S. IX — CXXV) erwiesen. 
Diese verbreitet sich in zwei Abschnitten über die Überlieferung 
der Akten und das Verhältnis des Nuntius Delfino zu Maximilian 1 1. 
Über beide Punkte erhalten wir hier eingehende Belehrung. 
Was zunächst das Aktenmaterial betrifft, ist es sehr zersplittert. 
Borromeo hatte nämlich nach dem Tode Pius' IV. Amtspapiere 
und Akten, die ihm als Kardinalnepoten und Minister zugekommen 
waren, an sich genommen; von diesen ist bis auf einen kleinen, 
von Gregor XIII., Paul V. und noch später geretteten und dem 
vatikanischen Archiv einverleibten Teil das meiste verloren 
gegangen, manches nach Simancas gekommen. Verhältnismäßig 
viel ist noch von der Korrespondenz Delfinos mit Borromeo 
erhalten : die Weisungen fast vollständig, die Berichte zum großen 
Teil. Einen gewissen Ersatz für das Verlorene bietet die Kor- 
respondenz Delfinos mit Cosimo und Francesco Medici; denn, 
wie man den Akten entnimmt, war Delfino 1564/65 nicht bloß 



348 Literaturbericht. 



. 



als päpstlicher Nuntius am kaiserlichen Hofe tätig, sondern 
wirkte auch, ohne daß man bei der Kurie hiervon Kenntnis 
hatte, in Wien als Agent des Hauses Medici, das eine Familien- 
verbindung mit Habsburg anstrebte und erlangte, wie auch eine 
Rangserhöhung (den Titel König von Toskana, Erzherzog, Groß- 
herzog) zu erreichen suchte. So kommt es, daß Delfino amtliche 
Depeschen, die er als Nuntius nach Rom zu senden hatte, selbst 
Dinge vertraulicher Natur, dann auch regelmäßig „Awist", 
Berichte über Tagesereignisse usw. nach Florenz sendet, wofür 
er von dort aus durch Geld und kräftige Unterstützung in seinen 
persönlichen Angelegenheiten reich entlohnt wird. Begreiflicher- 
weise sind es die kirchlichen Fragen der Zeit, die in den Akten 
den breitesten Raum einnehmen. Sie zeigen zunächst, daß 
Maximilian II. in seinen ersten Regierungsjahren Neuerungen 
auf kirchlichem Gebiet aus dem Weg ging; aber es sind doch 
nicht allein die kirchlichen Angelegenheiten, die zur Sprache 
kommen; sie berichten über alle Vorgänge am kaiserlichen Hofe, 
über Ereignisse der großen Politik, bringen z. B. Nachrichten 
über die Fortschritte der Krankheit Ferdinands I., über Heirats- 
angelegenheiten im kaiserlichen Hause, über den Krieg mit Za- 
polya und die Rüstungen zum Türkenkrieg. In den kirchlichen 
Fragen knüpft Maximilian II. an die entsprechenden Arbeiten 
seines Vaters an. Hatte Ferdinand I. beim Papste den Laienkelch 
durchgesetzt, so suchte Maximilian II. auch noch die Zulassung 
der Priesterehe, wenigstens in den österreichischen Ländern, 
zu erreichen. In den Verhandlungen darüber spielt Delfino jene 
eigentümliche, eben nicht schöne Rolle, die schon den Zeitgenossen 
nicht ganz entgangen, aber erst jetzt durch die vorliegenden 
Akten vollständig aufgeklärt ist und die auch über die Beziehungen 
des Nuntius zu Maximilian viel Licht verbreiten. Man ersieht, 
daß Delfino seine Beförderung zum Kardinal einzig der nach- 
drücklichen Unterstützung des Kaisers dankt, unter dessen 
Zwang sie der Papst widerwillig vollzog. Man ersieht dann auch, 
daß der Nuntius in seinen Berichten über den Kaiser zu dessen 
Gunsten Dinge sagt, die der Wahrheit nicht entsprechen oder 
die Kurie enttäuschen. Für die Verhandlungen im Streit des 
Papstes mit Spanien, für die über das Unternehmen Pius' IV. 
gegen die Protestanten, bei welchem der Papst den Kurfürsten 
August von Sachsen, Friedrich von der Pfalz oder Christoph 






16. Jahrhundert. 349 

von Württemberg für den Katholizismus mit Hilfe Maximilians 
zu gewinnen glaubt und daher auch Zugeständnisse in bezug auf 
die Priesterehe in Aussicht stellt, finden sich in diesen Akten 
sehr merkwürdige Berichte, nach denen man Maximilian „für 
einen unbedingten Katholiken halten könnte, der mithelfen will, 
protestantische Fürsten zu bekehren". Und nach diesen Be- 
richten schätzt der Papst den Kaiser ein, — nur daß sie gleich- 
falls Unwahres behaupten und den Papst täuschen. Die wahre 
Gesinnung des Kaisers war eine andere und seine Pläne andere, 
als man nach den Berichten des Nuntius annehmen müßte. 
Hierüber verbreitet sich die Einleitung des Herausgebers in 
wünschenswerter Breite unter Vorführung der entsprechenden 
Beweise, und so scheint uns die Charakteristik Maximilians, 
wie sie S. XLIII gegeben ist, die richtige zu sein. Von diesen 
Beweisen, die der Kurie volle und erwünschte Aufklärung über 
die wahre Gesinnung des Kaisers gegeben hätten, findet sich in 
Delfinos Berichten kein Wort; und doch war ihm diese Gesinnung 
besser als anderen bekannt. Wenn er über den Kaiser einmal 
Unangenehmes zu berichten hat, gibt er der Sache entweder 
eine Deutung ins Harmlose oder er sagt wohl die Wahrheit, 
aber nicht die ganze, verspricht anderseits namens der Kurie, 
was sie nicht halten wird, oder schreibt Konzepte der Briefe, 
die Maximilian nach Rom sendet — eine Liebedienerei gegen 
diesen und eine Treulosigkeit gegen den Papst. Während dieser 
z. B. in der Frage der Priesterehe nicht gedrängt sein will, weil 
er nicht gesonnen ist, sie jemals zu bewilligen, drängt der Nuntius 
in seinem für den Kaiser verfaßten Konzept auf die Lösung der 
Frage. Aus dem Gesagten erhellt einerseits die Wichtigkeit 
der hier mitgeteilten Akten, anderseits der Wert des ihnen in 
der Einleitung beigegebenen Kommentars; das letztere ersieht 
man auch aus den kritischen Bemerkungen über den Sturz des 
Nuntius, über dessen Haltung schließlich auch Maximilian nicht 
mehr im Zweifel war. Wir müssen uns hier mit diesen wenigen 
Bemerkungen begnügen. Was die Ausgabe der Akten selbst 
betrifft, ist sie, soweit man sehen kann, eine durchaus sorgfältige. 
Außer der zusammenfassenden Darstellung in der Einleitung ist 
den einzelnen Berichten meist ein längerer Kommentar angefügt, 
der über etwa fehlende Beilagen zu ihnen Meldung tut, dunklere 
Stellen erklärt oder vorkommende Irrtümer berichtigt. Aus- 
Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 23 






350 



Literaturbericht. 



Stellungen zu den Texten und dem ihnen beigegebenen Kommen- 
tar sind nur wenige zu machen: S. 1 wird man Adi statt Alli 
zu lesen haben, S. 19 erectam statt evectam, S. 24 wäre zu Ferrär 
und Ferräresisch in einer Note anzufügen gewesen, daß in deut- 
schen Schriften österreichisch-steirischer Provenienz ä nicht 
wie ae, sondern wie offenes a zu lesen ist. Mehrmals (S. XCIX 
CV, CXII, CXIV) wird Pernstain, dann wieder (S. 409) Pern- 
stein gedruckt. Das Wort angenommen (se acceptasse) ist doch 
nicht so undeutlich, wie der Herausgeber (S. CXI) meint. Das 
Register ist mit großer Genauigkeit zusammengestellt und berück- 
sichtigt den Inhalt der Akten ebenso wie Persönlichkeiten und 
Orte. 

Graz. J. Loserth. 



Die deutsche Grönlandfahrt. Von Ludwig Brinner. (Abhand- 
lungen zur Verkehrs- und Seegeschichte, herausgegeben 
von Dietrich Schäfer. Bd. 7.) Berlin, Karl Curtius. 1913. 
XXIV u. 540 S. 

Fahrten und Forschungen der Holländer in den Polargebieten. 
Altholländische Berichte zur Geographie, Kultur- und Wirt- 
schaftskunde der nördlichen Meere. Übersetzt von P. Cron- 
heim, mit einem Vorwort von H. Blink (Haag). (Quellen 
und Forschungen zur Erd- und Kulturkunde, herausgegeben 
von R. Stube. Bd. 7.) Leipzig, Otto Wigand. 1913. X u. 
248 S. 

Die Geschichte des Walfischfangs hat in Deutschland, seit- 
dem Moritz Lindeman 1869 sein Buch über die „Arktische Fi- 
scherei der deutschen Seestädte" herausgab, 43 Jahre lang keinen 
Bearbeiter mehr gefunden. Wer sich in diesen interessanten 
Stoff vertiefen wollte, mußte zu Lindemans Werk greifen oder 
zu ausländischen Darstellungen, wie A. Beaujons Overzicht der 
Geschiedenis van de Nederlandsche Zeevisscherijen (1885), M. Cou- 
way's, No man's land, a History of Spitzbergen (1906) seine Zu- 
flucht nehmen. Das wachsende Interesse für die historische 
Entwicklung des deutschen Seehandels und der deutschen Schiff- 
fahrt ließ in den Kreisen der hansischen Forschung zuerst den 
Wunsch nach einer Neubearbeitung der mit Belegen nicht ver- 
sehenen Schrift von Lindeman wach werden, und Dietrich 
Schäfer war es, der einem seiner Schüler die Anregung gab, d< 



17.— 18. Jahrhundert. 351 

in den Archiven deutscher Seestädte ruhende Grönlandmaterial 
einer erneuten Durchsicht zu unterziehen. Hatte doch Lindeman 
nur einen Teil der vorhandenen Akten für seine Arbeit benutzt. 

So entstand auf breitester archivalischer Grundlage Brinners 
Buch über die deutsche Grönlandfahrt, wofür die Archive zu 
Hamburg, Bremen, Emden und Schleswig die wichtigsten Unter- 
lagen lieferten. Da der Umfang des Manuskripts den Rahmen 
der Abhandlungen zur Verkehrs- und Seegeschichte erheblich 
überschritt, wurde nach bewährtem Muster ein Abschnitt des 
Gesamtwerks in den Hansischen Geschichtsblättern (Jahrgang 
1912, S. 321 ff.) veröffentlicht. Das separierte Kapitel enthält 
die Einleitung zum Ganzen, in der Br. unter dem Titel „Die Er- 
schließung des Nordens für den Walfischfang" die bekannte 
Tatsache erläutert, daß in früheren Zeiten Walfänger und Robben- 
schläger aller Nationen mit dem Worte „Grönland" das Fischerei- 
gebiet von Spitzbergen und Jan Mayen bezeichneten, daß „Grön- 
landfahrt" nichts anderes als Fahrt nach Spitzbergen bedeutete. 

In lebendiger Darstellung führt uns dann der erste Teil 
des Buches in den Betrieb der Eismeerfischerei ein. Schon am 
Ausgang der dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts verscheuchte 
die rücksichtslose Jagd den Wal aus den Baien von Spitzbergen. 
Das Tier nahm seine Zuflucht ins Polareis und zwang den Grön- 
landfahrer, ihm dorthin zu folgen. Ganz vorzüglich ist dem 
Verfasser die Beschreibung des harten Kampfes der Walfisch- 
jäger gegen die Unbilden der Witterung und die Tücken des 
Eises gelungen, und farbenreich weiß er den nicht selten gefahr- 
vollen Fang der Wale sowie die Gewinnung von Speck und 
Barten dem Leser zu schildern. Solange sich der Walfisch im 
Nördlichen Eismeer in großen Mengen zeigte, schenkte der See- 
mann den übrigen tierischen Bewohnern des hohen Nordens 
kaum Beachtung. Erst die Rückwirkung der erbarmungslosen 
Ausrottung des Wales führte im 18. Jahrhundert zur energischen 
Aufnahme des bis dahin mit Geringschätzung angesehenen 
Robbenschlags, während die nicht ungefährliche Walroßjagd 
niemals zu größerer Bedeutung gelangte. 

Die Besatzung der Grönlandfahrzeuge, über deren Bau, 
Raumverhältnisse und Verproviantierungsart uns die Quellen 
gut unterrichten, bestand vornehmlich aus den Bewohnern der 
nordfriesischen Inseln und Halligen. Diese wetterfesten Seeleute 

23* 






352 Literaturbericht. 

dienten nicht nur auf deutschen Schiffen, sie stellten auch auf 
holländischen und dänischen Grönlandseglern das Hauptmann- 
schaftskontingent. Ohne ihre Hilfe hätten die freien Niederlande 
niemals die Vormachtstellung in der Eismeerfischerei erreichen 
und behaupten können. Wir wissen nicht genau, wann die Nord- 
friesen, die gelegentlich von Engländern und sogar von Spaniern 
angeworben wurden, an die Stelle der Basken, der alten Lehr- 
meister des Walfangs getreten sind. Br. nimmt das Jahr 1634 
als Ausgangspunkt an, und zwar aus glaubhaft klingenden 
Gründen. Damals untersagte die französische Regierung bas- 
kischen Fischern, in den Dienst holländischer Grönlandreeder 
überzugehen. Außerdem zerstörte im gleichen Jahre die Flut 
vom 10. Oktober die nordfriesische Küste und nötigte die Insel- 
bewohner, von nun an den Lebensunterhalt ganz auf dem Meere 
zu suchen. Föhr wurde im 17. Jahrhundert die eigentliche 
Heimat der deutschen Grönlandfahrer, aber auch Sylt, Amrum, 
Rom, Hooge und Nordmarsch sowie das ostfriesische Borkum 
sandten fast ihre gesamte männliche Bevölkerung ins Polareis. 
„Jedes Alter war dabei vertreten," schreibt Br., „Knaben von 
zehn und Greise von achtzig Jahren, nur die ganz Schwachen 
und Siechen blieben zurück." Neben den Friesen finden wir 
in den Schiffsrollen Namen von Leuten, die aus dem Stedinger- 
land, von der Unterweser und den Eibmarschen stammten, 
während das Binnenland vor allem durch Westfalen vertreten war. 
Nach einer ansprechenden Schilderung des Lebens an Bord, 
nach flüchtiger Skizzierung des grönländischen Rechts und des 
Charakters der Grönlandreederei geht der Verfasser im zweiten 
Teil seiner Arbeit zu einer ausführlichen Darlegung der Rolle 
über, die Hamburg als Führerin der deutschen Seestädte vom 
17. bis 19. Jahrhundert in der Grönlandfahrt gespielt hat. Dieser 
Abschnitt bildet den Kern des ganzen Buches. Es wurde den 
Hamburgern nicht leicht, Anteil am Walfang zu gewinnen. Als 
1642 das Privileg von Hollands Nordischer Kompagnie erlosch 
und die Spitzbergenfahrt freigegeben ward, stand Hamburg 
ohnmächtig seinem schlimmsten Feinde, König Christian IV. 
von Dänemark, gegenüber, der die Souveränität über das nörd- 
liche Fischereigebiet beanspruchte. Nur mit dänischer Erlaubnis 
konnten Hamburgs erste Grönlandreeder, der Niederländer 
Johann Been und seine Kompagnie, 1644 ein Schiff ins Eismeer 




17.— 18. Jahrhundert. 353 

senden. Alsbald begannen auch andere Bürger der Stadt, sich an 
den gewinnbringenden Fahrten zu beteiligen, und rasch wuchs 
Hamburgs Grönlandflotte an. Schon 1669 besaß die Stadt 
37 Walfänger. Nach Ausweis der Statistik wurden gewaltige 
Mengen an Fischen erbeutet, bis dann die Schikanen des 1670 
zum dänischen König ernannten Friedrichs V. schwere Zeiten 
für das blühende Hamburger Grönlandgewerbe herbeiführten. 
Gegen Ausgang des 17. Jahrhunderts zeigten sich schon die 
Wirkungen des schonungslos betriebenen Fangs. Man hatte die 
großen schweren Walfische fast vollkommen ausgerottet, und 
der Mangel an Beute nötigte die Eismeerfischer nach anderen 
Jagdgebieten Umschau zu halten und im Robbenspeck nach 
einem Ersatzmittel zu suchen. Von 1719 ab erschienen hollän- 
dische und deutsche Grönlandfahrer regelmäßig in der Davis- 
straße, aber trotz verschiedener recht guter Fangjahre sollte der 
Betrieb im 18. Jahrhundert nicht mehr zu seiner einstigen Blüte 
gelangen. Holländer und Deutsche wurden von den Briten über- 
holt, deren Bedeutung in der Grönlandfahrt seit 1750 von Jahr 
zu Jahr stieg und die im Zeitalter Napoleons rücksichtslos die 
maritime Machtstellung gegenüber den zu französischen Muni- 
zipalstädten herabgesunkenen deutschen und holländischen Häfen 
ausnutzten. 1815 nehmen die Hamburger die Fahrt noch einmal 
wieder auf. Aber sie fristete ein kümmerliches Dasein und kam 
nach wechselvollen Schicksalen 1861 zu völligem Stillstand. 

Br. bespricht dann den Kampf der Hamburgischen Grön- 
landfahrer um die Abgaben, weiter stellt er aus den Quellen zu- 
sammen, was sich darin über die Konvoyierung der Walfänger, 
über die Reedereien, Kommandeure und Besatzungen, über die 
Fahrzeuge selbst und die Hamburgische Tranbrennerei findet. 
Den Schluß des Buches bilden knapp gehaltene Schilderungen 
der Teilnahme von Bremen, Lübeck und Emden am Grönland- 
fang sowie Hinweise auf die Tätigkeit Altonas, Glückstadts, 
Collmars, der schleswig-holsteinischen, der hannoverschen Hafen- 
plätze und Oldenburgs. Der Verfasser konnte sich in den letzten 
Kapiteln viel kürzer fassen, weil der Betrieb ja überall der gleiche 
und das Wesentliche bereits bei Hamburg zur Sprache gekom- 
men war. 

Überschaut man die Arbeit als Gesamtleistung, so wäre es 
unrecht, Br.s Fleiß, seine Gründlichkeit, sein Streben nach ob- 



354 Literaturbericht. 

jektiver Behandlung des Themas und die klare Disposition nicht 
rückhaltlos anzuerkennen. Durch die sorgfältigen Untersuchungen 
sind unsere bisherigen Kenntnisse über die Grönlandfahrt erheb- 
lich gefördert worden, und der Verfasser hat die nicht leichte 
Aufgabe, ein einigermaßen geschlossenes Bild der Eismeer- 
fischerei Deutschlands in vergangenen Zeiten zu geben, mit 
Geschick gelöst. Daß hin und wieder anfechtbare Behauptungen 
aufgestellt werden, daß kleine Irrtümer mit untergelaufen sind, 
ist bei derartigen, größtenteils aus den Akten herausgearbeiteten 
Darstellungen unvermeidlich. Monieren möchte ich nur zweierlei. 
Der Wert des Buches hätte m. E. beträchtlich gesteigert werden 
können, wenn die Forschungsergebnisse knapper zusammen- 
gefaßt wären. Vor allem in dem Abschnitt „Hamburg" macht 
sich eine erschreckende Breite geltend, die bei der Lektüre harte 
Anforderungen an die Aufmerksamkeit stellt. Br.s Gründlichkeit 
in Ehren, aber hier geschieht doch des Guten zuviel! Das Buch 
leidet überhaupt an einem Überfluß von Zitaten, an langatmigen 
Wiederholungen längstbekannter Dinge, und manchmal hat man 
das Gefühl, als schütte der Autor seinen ganzen Zettelkasten 
erbarmungslos über den unglücklichen Leser aus. 

Sodann wäre es m. E. besser gewesen, wenn Br. die in den 
Text eingestreuten statistischen Nachweise am Schluß seines 
Buches in handlichen Tabellen zusammengefügt hätte, auf die 
ja bei jeder Gelegenheit Bezug genommen werden konnte. So 
stört die Häufung von Zahlen die Darstellung, und man erhält 
bei der Unsicherheit des Ziffernmaterials doch kein wirklich 
übersichtliches Bild von der Auf- und Abbewegung. Es ist mir 
ferner aufgefallen, daß der Verfasser seiner Statistik nicht kritisch 
genug gegenübersteht. Mit welcher Vorsicht gerade diese Angaben 
behandelt werden müssen, wurde mir klar, als ich vor Jahren 
die in holländischen Archiven und Bibliotheken vorhandenen, 
aus Grönlandreederkreisen stammenden Walfängerstatistiken ex- 
zerpierte, um sie für eine größere — allerdings noch nicht ver- 
öffentlichte — Untersuchung über die Entwicklung von Hollands 
arktischer Fischerei zu verwerten. Da zeigte es sich, daß, sobald 
die meist sorgfältig gebuchten Fangergebnisse eines Jahres aus 
mehreren Registern zugleich nachzuweisen waren, starke Ab- 
weichungen in den Notierungen für ein und denselben Ort auf- 
traten. Immer wieder wurde man vor die schwere Frage gestellt, 






17.— 18. Jahrhundert. 355 

welche Zahlenreihe ist nun die richtige? Dazu kam die über- 
raschende Entdeckung, daß sogar in den als absolut zuverlässig 
geltenden Listen des Holländers Gerret van Sante (1669 — 1823), 
dessen Resultate Br. unbedenklich übernommen hat, Unstimmig- 
keiten herrschen. Die Schlußziffern in van Santes Übersichten 
über die Gesamtergebnisse der holländischen Grönlandfahrten 
sind nicht die Endsummen der von ihm ebenfalls notierten Einzel- 
fänge, was sie doch eigentlich sein sollten. Wir haben es bei 
van Sante in den ersten 50 Jahren des 18. Jahrhunderts zweifellos 
mit zwei verschiedenen Aufstellungen zu tun. Die Addition der 
unter den Namen der Kommandeure verzeichneten Einzelerträge 
ergab fast regelmäßig andere Resultate, als van Santes Gesamt- 
listen anzeigen. In den 60er und 70er Jahren gleichen sich dann 
die Summen mehr und mehr aus, um gegen Ausgang des 18. Sä- 
kulums genau übereinzustimmen. Ich vermute, daß van Sante, 
der von 1760 ab als Makler in den „Veilboeken" von Westzaandam 
— sie werden im Reichsarchiv zu Haarlem bewahrt — auftritt, 
sich für die Anfangsperiode seiner Nachweise auf alte, von anderer 
Hand gefertigte Listen stützen mußte und zu besseren Ergeb- 
nissen erst gelangte, als er eigene Register anlegen konnte. Dies 
Beispiel soll nur zeigen, wie behutsam der Forscher mit Wal- 
fischstatistiken aus früheren Zeiten umzugehen hat. Trotz 
gelegentlich geäußerter Zweifel ist Br. zu gläubig an die Zahlen 
herangetreten. Er nimmt seine Ziffern bald aus dieser, bald aus 
jener Statistik, ohne den Abweichungen die gebührende Beach- 
tung zu schenken 

Das zweite, den holländischen Walfang behandelnde Werk 
ist die wohlgelungene Übertragung eines wichtigen, aber völlig 
in Vergessenheit geratenen Buches, das den Titel „De Walvisch- 
vangst met veele byzonderheden" führt und 1784 anonym in Amster- 
dam und Harlingen erschienen ist. Wenn Blink in seinem Vor- 
wort bemerkt, die Schrift sei 1791 veröffentlicht und von De Jong, 
Kobel und Salieth bearbeitet worden, so hat ihm jedenfalls eine 
spätere Ausgabe des Werkes vorgelegen. Diese Beschreibung der 
arktischen Fischerei gehört neben Zagdregers „Bloeiende op- 
komst der alonde en hedendaagsche Groenlandsche Vischery" (Am- 
sterdam 1720) zu den Hauptquellen der holländischen Grönland- 
fahrten im 17. und 18. Jahrhundert und gibt uns vorzügliche 
Einblicke in den Fangbetrieb der Wale, Walrosse und Robben, 



356 Literaturbericht. 






in die Bewegungen des Eises und die klimatischen Verhältnisse, 
in die Lage und Beschaffenheit der das Eismeer umgebenden 
Länder und Inselgruppen. Von hohem Wert sind vor allem die 
Schilderungen der Grönländer und ihrer Kultur. Wenn Bl. in 
der Vorrede sagt, die Nordische Kompagnie habe in der Geschichte 
des holländischen Walfangs eine Hauptrolle gespielt, so kann 
das leicht zu einer falschen Vorstellung Veranlassung geben. 
Nicht zur Zeit der Kompagnie, sondern erst nach dem Erlöschen 
ihres Monopols im Jahre 1642 entfaltete sich die Grönlandfahrt 
der freien Niederlande, an der Nordhollands Städte und Dörfer 
den Löwenanteil hatten, zu ihrer eigentlichen Blüte. 

Heidelberg. Hermann Wätjen. 

Franz Freiherr von Ottenfels. Beiträge zur Politik Metternichs 
im griechischen Freiheitskampfe 1822 — 1832. Nach unge- 
druckten Quellen dargestellt von Josef Krauter. Salzburg, 
Anton Pustet. 1913. VII u. 310 S. 6 M. 

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Darstellung von 
Ottenfels' Botschaftertätigkeit in Konstantinopel während der 
Jahre 1822 — 1832, mithin, wie auch der Untertitel bereits an- 
deutet, während der entscheidenden Epoche des griechischen 
Unabhängigkeitskampfes. Wenn der Verfasser trotz der mannig- 
fachen Veröffentlichungen über diesen Gegenstand hier noch 
Neues zu bringen vermag, so liegt das an der Herbeischaffung 
von bisher unbekannten, in Privatbesitz befindlichen ungedruck- 
ten Quellen, von Briefen des Publizisten Gentz an Ottenfels, 
die demnächst gesondert veröffentlicht werden sollen, sowie von 
handschriftlichen Erinnerungen des Internuntius, niedergeschrie- 
ben im Ruhestand auf Grund eines gleichzeitig geführten Tage- 
buchs sowie unter eifriger Hinzuziehung der im Wiener Auswärtigen 
Amt niedergelegten Gesandtschaftsberichte. Die der Forschung 
jederzeit zugänglichen Akten des Wiener Staatsarchivs hat der 
Verfasser für seine Arbeit nicht benutzt. 

Ottenfels' Rolle in Konstantinopel war eine äußerst undank- 
bare. Er hatte die fehlerhafte, auf veralteten, zum Teil über- 
lebten Grundsätzen beruhende orientalische Politik Metternichs zu 
vertreten, und er hatte sich immer wieder bei der Hohen Pforte 
für Rußlands Forderungen einzusetzen, desselben Rußland, das 
Ottenfels mit stärkstem Mißtrauen verfolgte, das — ohne daß man 



19. Jahrhundert. 357 

in Wien diesen Grundzug seiner Politik durchschaut hätte — bis 
zum Kriege vom Jahre 1828 bewußt auf einen Bruch mit der 
Türkei losgesteuert hat. Große, weithin sichtbare Erfolge waren 
für Ottenfels nicht zu erzielen, sein unleugbares diplomatisches 
Geschick hatte sich immer aufs neue in Vermittlungskünsten zu 
erschöpfen, bei denen nach Lage der politischen Verhältnisse in 
den allermeisten Fällen der Hohen Pforte demütigende Nach- 
giebigkeit gegenüber der anmaßenden Haltung des Zarenreiches 
zugemutet werden mußte. Wenn Ottenfels gleichwohl zehn Jahre 
hindurch auf diesem gefährlichen Boden seine und seines Staates 
Stellung ohne Einbuße an seiner Ehre zu wahren gewußt hat, so 
verdankte er das nicht zuletzt seiner während eines früheren Auf- 
enthaltes in Konstantinopel erworbenen, auf umfassender Kennt- 
nis der orientalischen Sprachen beruhenden Vertrautheit mit den 
türkischen Sitten und Gebräuchen. 

Wie erwähnt, gibt der Verfasser seiner Arbeit den Unter- 
titel „Beiträge zur Politik Metternichs im griechischen Freiheits- 
kampfe 1822 — 1832": dadurch mag die wenig ansprechende Art 
der Darstellung ihre Erklärung finden. Eine auf Durchforschung 
der Quellen beruhende Biographie des Internuntius ist das Buch 
nicht, sondern eine Aneinanderreihung von Auszügen aus den 
Briefen von Gentz und Metternich und aus den Lebenserinne- 
rungen von 0.; trotzdem der Verfasser in Klosterneuburg lebt, 
hat er es nicht für nötig befunden, die in Wien ruhenden offiziellen 
Gesandtschaftsberichte des Internuntius einzusehen. Der ver- 
bindende Text beruht auf den allgemein bekannten Werken zur 
Zeitgeschichte von Prokesch, Schiemann und Molden: mithin eine 
Arbeit, welche ihre Bedeutung lediglich erlangt durch die zahl- 
reich eingeflochtenen Aktenauszüge, die jedoch bedeutend an 
Wert verlieren, ja vielleicht in ihren wesentlichsten Teilen ent- 
behrlich werden wird, sobald die Hauptquelle, der angekündigte 
Briefwechsel zwischen Gentz und Ottenfels, gedruckt vorliegt. 

Halle a. S. Adolf Hasenclever. 

Die Entstehung der konservativen Partei und die preußischen 
Agrarverhältnisse von 1848. Von Erich Jordan. München 
und Leipzig, Duncker & Humblot. 1914. V u. 370 S. 

Der Verfasser unternimmt den wichtigen und dankens- 
werten Nachweis, in wie engem Zusammenhang nicht nur der all- 




358 Literaturbericht. 

gemeine revolutionäre Kampf sondern auch die besondere anti- 
revolutionäre Parteibildung in Preußen mit der Entwicklung 
seiner landwirtschaftlichen Verfassung gestanden haben. Er 
tut das nicht in strenger sozialgeschichtlicher Schlußfolge, son- 
dern in einer einigermaßen losen Reihe von Zustandsschilderungen 
und Vorgangserzählungen, die von der Bauernbefreiung über die 
Krisis der letzten vierziger Jahre zu dem Kampf zwischen den 
liberalen Ministerien und den Konservativen bis zum November 
1848 führen. So lange Nationalökonomen und Wirtschafts- 
historiker so wenig als bisher für ein allgemeineres historisches 
Publikum schreiben, können sie für ein solches Entgegenkommen 
nur dankbar sein und dürfen sich kaum beklagen, wenn es im 
einzelnen nicht überall die wünschenswerte begriffliche Fertig- 
keit aufweist und ganze Teile, wie das fünfte Buch, mit dem 
(mehr als additiv verstandenen) Thema kaum noch zusammen- 
hängen. 

Gerade in den wirtschaftlichen Kapiteln herrscht die alte 
historiographische Technik der Zusammenstellung von weit- 
reichenden Quellenexzerpten durchaus über das Bedürfnis nach 
systematischen Standpunkten, die Statistiken erst lesbar und 
Berichte erst wertbar machen. Namentlich hat der enge Anschluß 
an Knapp in manchem Punkt übersehen lassen, wie weit die 
Forschung des letzten Menschenalters davon abgekommen ist, 
die Reform noch in demselben Sinn wie er für die entscheidende 
Epoche der deutschen Agrargeschichte zu halten. So ist es heute 
weder mehr angängig, die technische Umwälzung des Betriebes 
als erst durch die Reformgesetzgebung „ermöglicht" (S. 10) 
anzusehen, noch die Meinung zu vertreten, daß zur Zeit der Bauern- 
befreiung „Tagelöhner kaum eine Rolle gespielt haben können" 
(S. 58). Auch die Beschreibung der verwaltungsrechtlichen Ver- 
hältnisse geht selten in die Tiefe, weniger wegen des interpro- 
vinzialen Durchschnitts als einer offenbaren Zurücksetzung 
des rechtlichen Maßstabes gegen den so viel unsichereren der 
lebendigen Tatsächlichkeit. Daß gerade deshalb viele Beziehungen 
der agrarischen Klassenschichtung mit schlagender Überzeugungs- 
kraft herauskommen, darf anderseits nicht ohne Anerkennung 
bleiben. Ein großer Vorteil in dieser Hinsicht ist m. E. die Her- 
anziehung der „Schlesischen Milliarde" Wilhelm Wolffs, dessen 
Denkmal auf dem Widmungsblatt des ersten Bandes von Karl 



19. Jahrhundert. 359 

Marx' Kapital seine agrargeschichtlichen Nachrichten nicht davor 
bewahrt hat in fast völlige Vergessenheit zu geraten. 

Selbst das schwierige Hauptthema der Arbeit, den Streit 
von Liberalismus und Konservatismus, hat sich J. dadurch noch 
verdunkelt, daß je nach dem augenblicklichen Aufenthalt seiner 
Darstellung seine Beurteilung von Recht und Verdienst sich durch 
den Eindruck einer der beiden Seiten mehr als den der anderen 
bestimmen läßt, statt einzusehen, wie auf beiden Ideal und In- 
teresse gleich unlöslich verbunden waren. Während in dem dog- 
mengeschichtlichen Kapitel beim Liberalismus diese beiden 
Pole wenigstens (nicht ganz geschickt) als zwei „Richtungen" 
unterschieden werden, erscheint nachher die liberale Agrarpolitik 
in der Verkörperung durch die Denkschriften des Ministeriums 
Camphausen und die Gesetzesvorlagen des Ministeriums Auers- 
wald (bis auf die nicht ganz verständliche „Anmerkung" S. 172) 
überwiegend als uneigennütziges de republica meritum. Ferner: 
Wenn besonders seit Mahls Buch über den zweiten Vereinigten 
Landtag bekannt ist, in wie hohem Grad die Märzrevolution 
auch eine ländlich-agrarische war, verdient deshalb die Berufung 
der Konservativen auf das Landvolk eine Lüge zu heißen? Trotz 
aller bewußten und unbewußten Unwahrheit und Heuchelei, 
die ausführliche Zusammenstellungen über die konservative 
Werbung auf dem Lande außer Zweifel setzen, war doch die ein- 
fache tragische Realität der Dinge so: Auch auf dem Lande 
kämpfte der Liberalismus größtenteils gestützt auf die Macht 
einer Klasse (der Landarbeiter), der er theoretisch und praktisch 
gleichwenig zu geben hatte, auch und besonders auf dem Lande 
mit seiner ausschließlich patriarchalischen, großgutsherrlichen 
Verwaltung entfremdete er sich daher in der angegriffenen 
Phalanx des Besitzes auch den Mittelstand (der Groß- und Mittel- 
bauern), den gerade seine Reformgesetzgebung (viel mehr als das 
bei J. deutlich wird) auf Kosten des Landproletariats bereichert 
hatte und noch mehr bereichern wollte. Aber wiederum: Auch 
eine Vereinfachung wie die, mit der J. in den symbolischen Per- 
sönlichkeiten Ludwig Gerlachs und Bülow-Cummerows den 
rechtlich-pietistischen und den opportunistisch-materialistischen 
Flügel der Konservativen einander gegenüberstellt, trifft den 
Parallelismus des Politischen und Wirtschaftlichen nicht richtig. 
Schon der (hier sonst vielfach mit Glück angerufene) Fontane 



360 Literaturbericht. 



:. 



hat in „Vor dem Sturm" sehr schön geschildert, eine wie ehr- 
liche soziale Entwicklung den preußischen Adel der Bülowschen 
Richtung zum Führer eines neuen kapitalistischen Zeitalters 
in der Landwirtschaft werden ließ; seine äußersten Nachfolger 
waren die agrarischen Liberalen der Konfliktszeit. 

Die äußere Gestalt des Buches ist leider wenig sorgfältig, 
voll von störenden Druckfehlern (wie S. 170, Z. 19 v. o. Ver- 
sicherten für Verpflichteten), Flüchtigkeiten (wie die Wieder- 
holung einer Statistik S. 62 u. 66, das Erscheinen Christians IX. 
von Dänemark S. 153, Alvenslebens „stets ängstliche und schwache 
Pläne" S. 334 und „entschlossener, rücksichtsloser Rat" S. 335) 
und besonders Entstellungen von Autornamen (Heisich, Tisch- 
hauser, Hüttermann). Diese hängen mit der wenig nachahmens- 
würdigen Gewohnheit zusammen, Zitate in äußerster Abkürzung 
zu geben. Die Nachprüfung wird dadurch sehr erschwert auf 
einem Gebiet, wo Dahlmann-Waitz meist versagen muß. 

Freiburg i. Br. Carl Brinkmann. 

Reinhard Karl Theodor Eigenbrodt, Meine Erinnerungen aus den 
Jahren 1848, 1849 und 1850. Mit einer biographischen Ein- 
leitung herausgegeben von Ludwig Bergsträßer. (Quel- 
len und Forschungen zur Hessischen Geschichte. Heraus- 
gegeben von der Historischen Kommission für das Groß- 
herzogtum Hessen. II.) Darmstadt, Großh. Hessischer 
Staatsverlag. 1914. IV, 58* u. 374 S. 

Eigenbrodt ist 1848 mit Heinrich von Gagern in das hessische 
Märzministerium gekommen, dann, als die Zentralgewalt in Frank- 
furt begründet war, hessischer Bevollmächtigter in Frankfurt 
geworden. Die Bedeutung seiner Erinnerungen, die er in er- 
zwungenen Ruhejahren seit 1852 niederschrieb, liegt haupt- 
sächlich gerade darin, daß sie die erste größere Publikation aus 
dem Kreise der Bevollmächtigten sind, den wir nun anschaulicher 
kennen lernen. Diese Regierungsvertreter, meistens natürlich 
gut liberal, hatten sich darüber zu beklagen, daß das Reichs- 
ministerium sie abseits stehen ließ, sogar gewöhnlich beim Ver- 
kehr mit Regierungen und Landesbehörden überging. Die meisten 
gerieten alsbald in eine ablehnende, gereizte Stimmung gegen die 
Paulskirche, in der mehrere von ihnen (Welcker!) als Abgeordnete 
saßen. Unter Gagern als Reichsminister wurde das Verhältnis 



Altgermanische Seegeschichte. 361 

besser; die Bevollmächtigten wurden bekanntlich für die Sache 
der Kaiserpartei herangezogen; sie bekamen aber namentlich 
durch Camphausen Bedeutung. Darüber bringt unsere Publi- 
kation willkommene Angaben, besonders aus einem amtlichen 
Bericht Eigenbrodts. Sehr erwünscht sind auch die Mitteilungen 
über die Tätigkeit der Reichsministerien. 

Für die hessische Politik bieten die Aufzeichnungen viel; 
Bergsträßer wird sie dafür noch verwerten. Im übrigen findet, 
wer sich mit den Frankfurter Vorgängen genauer befaßt hat, 
unter vielem Entbehrlichen und nicht Fördernden manche be- 
achtenswerte Einzelheit. Mit dem März 1849 brechen die Er- 
innerungen unvollendet ab. Eigenbrodt selbst ist eine echte 
Gestalt aus der damaligen politischen Bewegung: von Anfang 
an deutsch mit Entschiedenheit; auf der Universität gehörte er 
zu den Gießener Schwarzen; dann ward er Rechtsanwalt und Ab- 
geordneter, ein fester, strenger Charakter; befreundet mit Heinrich 
von Gagern, aber lange nicht so wie dieser zu Zugeständnissen 
nach links hin und zu schwungvoller Einbildung geneigt, eine 
ganz anders schwere Natur. Gagern hat die Erinnerungen ge- 
lesen und mit Bleistiftbemerkungen versehen, die wir in den Fuß- 
noten finden. Das gibt der Publikation noch eine weitere Bedeu- 
tung; Meinecke hat für die neue Auflage von „Weltbürgertum 
und Nationalstaat" bereits Nutzen daraus gezogen. Bergsträßer 
hat an der Publikation eine erhebliche Arbeit geleistet. Er schickt 
eine biographische Einleitung voraus, druckt außer den Erinne- 
rungen noch einige Stücke ab und gibt eine große Zahl will- 
kommener Anmerkungen, meistens Personalien. 

Tübingen. Adolf Rapp. 

Altgermanische Meeresherrschaft. Von Dr. Konrad Müller. Mit 
13 Bildtafeln und 2 Karten. Gotha, Fr. A. Perthes A.-G. 
1914. XII u. 486 S. 

Dieses Buch in einer wissenschaftlichen Zeitschrift anzu- 
zeigen, ist nicht ganz leicht. Man würde ihm nicht gerecht wer- 
den, wollte man einen rein fachwissenschaftlichen Maßstab an- 
legen. Denn es strebt gerade über die abgegrenzten Gattungen 
der Fachwissenschaften hinaus und wendet sich außerdem weniger 
an die Gelehrten als an einen weiten Kreis von Lesern, nämlich 
an alle, die in dem Drängen Deutschlands nach dem Weltmeer 



362 



Literaturbericht. 



mehr als eine bloß wirtschaftliche Erscheinung sehen und die 
vor allem davon mehr als bloß wirtschaftliche Folgen erhoffen. 
Der Zweck des Buches ist es, diesen die historische, volkskund- 
liche, mythologische und ästhetische Grundlage zu einer Ver- 
tiefung und schärferen Erfassung ihres Glaubens zu bieten. Es 
will damit zugleich dem Gedanken der deutschen Ausbreitung 
über See im weiteren, völkisch-politischen Sinne neue Freunde 
erwecken. An drei Darstellungen fehlte es nach Ansicht des Ver- 
fassers bisher, die dieser Aufgabe zu dienen hätten: an einem 
historischen Abriß der ältesten germanischen Seeherrschaften bis 
zur Hanse, an einer wissenschaftlichen Seemythologie und end- 
lich an einer Ästhetik des Meeres und einer umfassenden Samm- 
lung der herrlichen deutschen Meerespoesie. Seine Absicht war, 
wie er in der Vorrede mitteilt, ursprünglich eine Sammlung der 
deutschen Seepoesie von den Anfängen bis zur Gegenwart zu 
veröffentlichen. Als sich aber herausstellte, daß der Stoff sich 
fast ins Uferlose dehne und nur in einer Reihe von Sonderbänden 
bewältigt werden könne, entschloß er sich, vorerst den begrenzten 
Abschnitt der altgermanischen Zeit zu behandeln. Das Mytho- 
logisch-Literarische steht denn auch in dem Buche im Vorder- 
grunde, dazwischen aber schiebt sich eine Fülle geschichtlicher, 
historisch -geographischer und technischer Erörterungen. Ein 
kurzer Überblick über den Inhalt mag das näher erläutern: Der 

1. Teil, der die Urzeit und die prähistorischen Spuren nordischer 
Schiffahrt behandelt, schließt mit einer feinempfundenen Kenn- 
zeichnung des Einflusses der Nordmeere auf ihre Anwohner. Der 

2. Teil „Seemythische Niederschläge" faßt alles zusammen, was 
in dem ungeheuren Gebiet germanischen Volksglaubens auf die 
Einwirkung der Meereswelt zurückgeführt werden kann. Dann 
folgen der 3. Teil „Geschichtliche Anfänge (die Entdeckung der 
Nord- und Ostsee für die antike Welt und die ersten Berührungen 
der Seegermanen mit Rom), der 4. Teil „Völkerwanderung zur 
See" (Germanische Mittelmeervölker), der 5. behandelt „Ost- 
und Nordsee im Frühmittelalter", der 6. die Wikingerzeit, und 
den Beschluß macht ein 7. Abschnitt über „Seeheldentum in 
der Dichtung". Die Anordnung, auf den ersten Blick etwas 
bunt, ist doch insofern gerechtfertigt, als dem historischen das 
Mythologische, als wesentlich auf uralte vorhistorische Zeiten 
zurückgehend vorangestellt ist, obwohl natürlich viele Anschau- 



Altgermanische Seegeschichte. 363 

ungen und Ausdrucksformen späterer Herkunft hineinspielen. 
Daß der Verfasser den Abschnitt über Seeheldentum in der 
Dichtung, das sich inhaltlich mit dem mythologischen Teil be- 
rührt, an den Schluß stellte, hat wohl darin seinen Grund, daß 
er diese Dichtung als den literarischen Niederschlag der unmittel- 
bar vorher in ihrer geschichtlichen Entwicklung dargestellten 
Wikingerzeit von der älteren mythischen Dichtung trennen 
wollte. Eher könnte man beanstanden, daß der Abschnitt über 
Ost- und Nordsee im Frühmittelalter, der zeitlich in der Haupt- 
sache hinter die Wikingerzeit gehört, vor dieser behandelt ist. 

Ein reicher und mannigfaltiger Stoff ist, wie man sieht, in 
dem Werk zusammengetragen. Der Verfasser hat die einschlä- 
gige Literatur in weitem Umfang herangezogen (wovon auch der 
Hauptquellennachweis am Schluß Zeugnis ablegt) und sie mit 
verständigem Urteil benutzt. Eigentlich „Neues", d. h. die Auf- 
deckung oder neue Auffassung von Einzelheiten darf der Fach- 
gelehrte weniger erwarten, wenigstens in den geschichtlichen 
Teilen; in den mythologisch-literarischen halte ich mich zu 
einem Urteil darüber nicht berufen. Immerhin trägt er z. B. 
bei Erörterung der Jumne-Julin-Vineta-Frage neue Anschau- 
ungen vor, die er bereits früher in einer Sonderschrift behandelt 
hat (vgl. auch Hennig in der H. Z. Bd. 115, S. 21). Ich stimme 
ihm hier in den Hauptpunkten bei, ebenso in seiner Verteidigung 
der normannischen Amerika-Entdeckung gegen F. Nansen. Auf 
weitere Einzelheiten kritisch einzugehen, hat an dieser Stelle 
wenig Zweck. Ich verweise auf den ersten Band meiner Ge- 
schichte der deutschen Seeschiffahrt, der sich in der (viel kürze- 
ren) Behandlung des Stoffes namentlich dadurch von Müllers 
Buch unterscheidet, daß ich mich bemüht habe, den geschicht- 
lichen Kern der Geschehnisse rein herauszuschälen, während M. 
die geschichtliche und mythisch-sagenhafte Überlieferung, wie es 
der ganzen Anlage seines Buches entspricht, weniger scharf son- 
dert. Für den nicht kritisch geschulten Leser hat das seine Ge- 
fahren, und vielleicht hätte der Verfasser gut getan, an manchen 
Stellen, z. B. bei Behandlung der Geschichte der Jomswikinger 
(man vergleiche die neuere Kritik von L. Weibull), sich noch 
vorsichtiger zu äußern. 

Aber man würde, wie gesagt, dem Buche unrecht tun, wenn 
man darin nur historische Belehrungen im engeren Sinne suchen 



364 



Literaturbericht. 



wollte. Das Neue und Fruchtbare, das es bietet, liegt darin, 
daß es zum erstenmal einen Gesamtüberblick über die Rolle 
gibt, die Meer und Schiffahrt in der äußeren Geschichte sowohl 
wie im geistigen Leben unserer germanischen Vorfahren gespielt 
haben. Da eröffnet sich ein überraschender und erhabener Aus- 
blick. Daß die Germanen, darunter auch erhebliche Teile der 
auf deutschem Boden ansässigen, in erster Linie ein Seevolk 
waren, diese Erkenntnis war doch lange nicht so verbreitet, wie 
sie es von Rechts wegen hätte sein müssen. Die Romantik und 
die aus ihr hervorgegangene deutsche Philologie sind eben zu 
einer Zeit groß geworden, als Seewesen und Meeresherrschaft 
völlig außerhalb des Gesichtskreises der meisten gebildeten Deut- 
schen lagen — trotz E. M. Arndt und trotz der 1848er Flotten- 
bewegung. 

Es ist ein Verdienst M.s, diese Unterlassungssünde gut- 
gemacht zu haben, und die deutsche Philologie oder sagen wir 
lieber im weiteren Sinne: die deutsche Volkskunde kann 
daraus reiche Anregung schöpfen. Denn die Volkskunde sollte 
doch eigentlich das im Mittelpunkt der Geisteswissenschaften 
stehende Lehrgebiet sein, von dem das schöne vom Verfasser 
angeführte Wort W. v. Giesebrechts gilt: „in der Wissenschaft 
von der vaterländischen Vergangenheit ruht ein grundsätzlicher 
innerer Wert; sie ist nicht allein dem Ariadneknäuel zu ver- 
gleichen, das uns durch die dunklen Irrgänge der Zeiten zu dem 
Eingang zurückführt, durch den unsere Vorfahren einst in die 
Geschichte eintraten, sondern ebensosehr der Fackel, die unseren 
Pfad erhellt und vorwärts wie rückwärts ihre Strahlen werfend 
dem Ausgang zulenkt." Gerade heute, wo das deutsche Volk 
vor der Schicksalsfrage steht, ob es wieder vom Weltmeer auf 
das Binnenland zurückgedrängt werden oder von erweiterter fest- 
ländischer Standfläche um so kräftiger auf den Ozean hinaus- 
streben soll, ist dieser Rück- und Ausblick zeitgemäß. Daß das 
Buch fast auf jeder Seite ein feines dichterisches Empfinden verrät, 
daß seine klare und maßvolle Sprache auch den Ansprüchen 
unseres jetzt wieder geschärften Sprachgefühls genugtut, wird 
hoffentlich nicht weniger dazu beitragen, ihm Freunde und Leser 
zuzuführen. 

Berlin-Friedenau. Walther Vogel. 



Deutsche Kulturgeschichte. 365 

Geschichte der deutschen Kultur. Von Prof. Dr. Georg Stein- 
hausen, Bibliotheksdirektor in Cassel. 2., neubearbeitete 
und vermehrte Auflage. 1. Bd., XII u. 428 S., 86 Abbildun- 
gen u. 10 Tafeln. 2. Bd., VIII u. 536 S., 127 Abb. u. 12 Tafeln. 
Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut. 1913. 

Dies Buch, von Anfang an eine große Leistung, ist mit der 
2. Auflage an Tüchtigkeit wie an Umfang (964 S. gegen 747) 
gewachsen. Sehr vieles im einzelnen ist verbessert, manche Ab- 
schnitte sind neu ausgearbeitet worden. Voran geht nun der 
Kulturgeschichte (und zwar jedem Band für die Zeit, die er um- 
faßt) eine Geschichte der deutschen Landschaft, der Änderungen, 
die durch die Kultur in die Landschaft gekommen sind, wobei 
Dinge, wie die Pflege der Forsten, z. B. das Vordringen des Nadel- 
holzes auf Kosten des Laubwaldes, zur Sprache kommen. Im 
großen ist das Buch das gleiche geblieben. 

An den Besprechungen der 1. Auflage hat der Verfasser 
allgemein etwas vermißt: es sei nicht hervorgehoben worden, 
daß sein Buch „auch insofern mit dem Begriff der Kulturge- 
schichte Ernst gemacht hat, als es die politische Geschichte als 
solche beiseite läßt und wirklich einmal , nichtpolitische Geschichte' 
gibt". Damit sind oft erörterte Fragen berührt, die nicht immer 
von neuem durchgesprochen werden können, hier aber auch nicht 
umgangen werden sollen. Das Buch gibt in der Tat, wie eigent- 
lich schon im Titel steht, keine „Deutsche Geschichte", sondern 
„Geschichte der deutschen Kultur". Unter „Deutscher Geschichte" 
versteht jedermann vor allem die Taten und Schicksale der 
Deutschen in ihrer staatlichen Gemeinschaft; damit steht das 
Geistesleben, die Zustände der Gesellschaft, der Wirtschaft usw., 
die gesamte Kultur, in untrennbarer Wechselwirkung; wie tief 
und breit aber auf die Kultur die „Deutsche Geschichte" eingeht 
und eingehen soll, ist noch die Frage. Steinhausen hat nun die 
Erkenntnis, daß es nicht glücken könne, wenn man die politi- 
schen Handlungen und die Volksgeschicke von der Völker- 
wanderung bis zur Gegenwart erzählen und daneben und dazwi- 
schen die Entwickelung der Kultur darstellen wolle; er gibt 
allein die Entwicklung der Kultur. Was er darunter versteht, 
hat er öfters bezeichnet, und sein Buch läßt keinen Zweifel dar- 
über. Es ist nicht: Religionsgeschichte + Kunstgeschichte 
■+ Wirtschaftsgeschichte usf., was ein Unding wäre, sondern es 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 24 




366 Literaturbericht. 



ist neben und über allen Sondergebieten die Geschichte der in 
ihnen sich äußernden Kultur als eines Ganzen. Man wird uns 
und dem Verfasser den nutzlosen Versuch einer kahlen Begriffs- 
bestimmung und Umschreibung dieses Wortes erlassen. Das 
Wort ist nun einmal nicht zu entbehren, ist auch sehr viel edler 
als das französisch-englische civilisation. Früher haben manche, 
die mit „Kulturgeschichte" gegen die „politische Geschichte" 
anrückten, darunter besonders eine Geschichte des alltäglichen 
Lebens verstanden. Vor allem gegen den Geist, der darin bekundet 
wurde, hat Dietrich Schäfer seine Rede über „das eigentliche 
Arbeitsgebiet der Geschichte" gehalten. Bei S. nun hat Speise 
und Wohnung usf. nur eine untergeordnete Bedeutung. Er will 
wohl eine „Geschichte des deutschen Lebens" geben, aber worauf 
es ihm hauptsächlich ankommt, das sagt z. B. sein Ausspruch, 
er denke sich unter deutscher Kulturgeschichte eine „Geschichte 
des deutschen Wesens" und möchte sie am liebsten auch so nennen. 
Es springt in die Augen, wie S. mit Gustav Freytag verwandt ist. 
Anders ausgedrückt, soll das Buch eine Geschichte „des deutschen 
Menschen" geben, womit auch angedeutet ist, daß weniger an die 
Gemeinschaft als an den einzelnen, nämlich den „typischen" 
einzelnen, gedacht wird. Das gehört zu den Überlieferungen 
der Kulturgeschichte von ihrem Ursprungszeitalter her, dem 
18. Jahrhundert. S. verwendet übrigens den Ausdruck sonderbar 
kühn: indem er von der germanischen Zeit der Völkerwanderung 
und des fränkischen Reiches auf die Zeit des ostfränkischen Son- 
derreiches übergeht, überschreibt er: „Das Hervortreten des 
deutschen Menschen" und meint doch dabei einfach, daß jetzt 
die Entwicklung auf dem Boden des Sonderreiches vor sich gehe, 
auf dem wir zu „Deutschen" geworden sind. Später spricht er 
wiederholt vom „Niedergang des deutschen Menschen" im 
16. Jahrhundert. Das überrascht, weil die Darstellung gerade im 
Verallgemeinern vorsichtig ist. Sie meint auch, um das hier gleich 
anzufügen, entfernt nicht, Zeitalter des „Seelenlebens" zu finden, 
geschweige denn solche, die gesetzmäßig ablaufen. Es sei daran 
erinnert, wie sich S. mit Lamprecht auseinandergesetzt hat, 
z. B. im Archiv für Kulturgeschichte 1905, S. 66 ff. An der 
— ismen-Sucht hat S. gar keinen Anteil. Es ist z. B. unverfäng- 
lich, wenn er (II, 418) in der Not um den Ausdruck den Begriff 
Subjektivismus scheinbar wie bei Lamprecht — im Unterschied 



Deutsche Kulturgeschichte. 367 

zu Individualismus! — übernimmt; Lamprecht hätte wohl ge- 
sagt, er unterscheide nicht genügend. Dagegen bemerke man, 
wie er über das Verhältnis des Mittelalters und der Renaissance 
zum „Individualismus" spricht (II, 194 ff. u. 418). Beachtens- 
wert ist auch, im Zusammenhang damit, die Einteilung des Stoffes: 
ohne irgendein Schema werden zwölf Epochen der Kulturent- 
wicklung unterschieden und in den Überschriften nach einem 
wesentlichen Merkmal, das ganz verschiedener Art sein kann, 
bezeichnet. Die Epochen sind nicht nach Jahrhunderten oder 
Jahrzehnten abgegrenzt, da es sich meistens um Entwicklungen 
handelt, die sich nicht einfach ablösen; ungefähre Zeitangabe bei- 
zufügen, wäre trotzdem nützlich. Diese Einteilung nun ist für 
die Kulturentwicklung eine durchaus sachliche; die Epochen decken 
sich aber nur zum Teil mit solchen der „politischen" Geschichte. 
Daß die „Kulturgeschichte" sich von den Historikern ver- 
nachlässigt und abgesperrt fand, war bekanntlich ein Grund für 
einen unfreundlichen Gegensatz zur „politischen Geschichte", 
der dem Gesichtskreis nicht dienlich war. Es kam darin oft 
schon ein Gegensatz der Welt- und Lebensanschauung zum Aus- 
druck. S. war auch an dem Streite beteiligt. Er hat zwar durch- 
aus nicht die demokratischen Neigungen, denen andere dabei 
folgten, und vollends nicht materialistische; ganz besonders 
fern liegt es ihm z. B. auch, die Wichtigkeit von technischen 
Erfindungen zu überschätzen; wohl aber hat er die Stim- 
mung, die sich lieber mit dem nach innen gekehrten und 
friedlich arbeitenden Dasein, als mit dem nach außen Gewalt 
übenden, beschäftigt, und er sagt, daß sein Buch an der inner- 
lichen Wiedergeburt in unserem äußerlichen Zeitalter mithelfen 
möchte. Bei dieser Gesinnung ist nur zu verlangen, daß die Welt 
des Staates und der nach außen wirkenden Gewalt in ihrer Be- 
deutung für die Kultur erkannt werde. Überdies sind die politi- 
schen Ereignisse ja selbst Kulturäußerungen. Wenn man in dem, 
was die Vertreter der Kulturgeschichte politische Geschichte 
nennen, „äußere Personen- und Ereignisgeschichte" im Gegensatz 
zur inneren Wesensgeschichte sieht, wie S. es früher bezeichnet 
hat, so bedeutet das eine bedenkliche Unterschätzung; das Buch 
selbst zeigt mehr Verständnis. Was den Staat an sich betrifft, 
so ist natürlich zu fordern, daß er ganz wesentlich zur „Kultur" 
gerechnet werde. Das ist auch bei S. so; aber die ihm gebührende 

24* 



368 Literaturbericht. 

Bedeutung hat er nicht, und in der Behandlung der staatlich 
Verhältnisse liegt nicht die Stärke des Buches. 

In den verschiedenen Kulturgebieten, Staat, Wirtschaft, 
Kunst usf., deren Eigengeschichte von besonderen Berufswissen- 
schaften behandelt wird, hat die Kulturgeschichte, wie S. sie 
faßt, das aufzusuchen, was für das Leben im großen wichtig 
und für seine Zeit und das eigene Volk charakteristisch, als We- 
sensäußerung, erscheint. Besonders müssen die Einwirkungen 
eines Gebietes auf andere, z. B. der Religion auf das Wirtschafts- 
leben oder die Kunst oder den Staat, beobachtet werden. Eine 
Wissenschaft für sich kann damit Kulturgeschichte gerade nicht 
sein, vielmehr gemeinsames Ziel für die Fachwissenschaften, 
die ja selbst in ihrem Sonderinteresse immer auch den Blick auf 
das Ganze und das innerste alles Lebens haben müssen. Man 
darf daran erinnern, daß S.s „Archiv für Kulturgeschichte", 
besonders nach dem neuen Programm, gerade solchem Zusammen- 
wirken der Fachmänner dienen sollte. Es mögen darunter auch 
solche sein, die sich mit der Tracht oder der Wohnweise beschäf- 
tigen; unter keinen Umständen aber möge man Gebiete, die nicht 
von einer Fachwissenschaft in Beschlag genommen sind und für 
die es keine Lehrstühle gibt, zusammengescharrt einer Wissen- 
schaft der „Kulturgeschichte", etwa Kulturgeschichte im engeren 
Sinne, zuweisen wollen. 

Wenn nun Kulturgeschichte in keinem Sinne eine Sonder- 
wissenschaft ist, so schließt das nicht aus, daß einer es wagen kann, 
eine Kulturgeschichte zu schreiben, etwa abgegrenzt auf eine 
bestimmte Zeit oder ein Volk. Sie wird immer ungleichmäßig 
ausfallen; ihr gesundes Rückgrat muß sie durch die besonderen 
Studien ihres Verfassers und durch den entschiedenen Zug aufs 
Ganze bekommen. S. hat nun Quellenstudien in Fülle gerade 
über zentrale Dinge seiner Kulturgeschichte gemacht. In der 
Fachliteratur hat er weite Umschau gehalten und seine Darstel- 
lung gerade auf die besten Arbeiten gegründet; dies hat von der 
ersten Auflage schon Georg von Below gerühmt. S. nennt oft 
die Autoren, denen er folgt. Vielleicht weist er es in einer künf- 
tigen Auflage auch nicht mehr zurück, in einem Anhang solche 
Einzelarbeiten, die in seinem Sinne besonders fördern, anzu- 
geben; Zweck eines solchen Buches muß ja gerade sein, ernst- 
hafte Leser zu genauerer Beschäftigung anzuregen. Das Buch 



Deutsche Kulturgeschichte. 369 

hat durchaus die Art eines gewissenhaften gelehrten Werkes. 
öfter weist es auch auf ungelöste Fragen hin. Da, wo der Verfasser 
mit minderer Freude schwierige Dinge erörtert, ist auch die Sprache 
oft schulmeisterlich, doch nicht mehr, als man es bei vielen Deut- 
schen gewohnt ist. Wo der Verfasser ganz in seinem Felde ist, 
schreibt er frisch, anschaulich, anmutig. Die Anschaulichkeit 
fördern auch die oft gerühmten, von S. selbst ausgesuchten, 
vielen Bilder. Noch mag gesagt werden, daß die schlichte 
Sachlichkeit und ein gesundes, charaktervolles Empfinden eine 
besondere Freude an dem Buche erweckt. Es ist überhaupt ein 
guter Ausdruck deutscher Art, wie wir sie hochhalten, und das 
gehört zu einer deutschen Kulturgeschichte. 

Als Georg von Below die erste Auflage besprach (H. Z. 99, 
143ff.), nahm er sich die verfassungsgeschichtlichen Abschnitte 
vor und kam zu dem Schlüsse, daß auch dieses Buch, gerade weil 
es ein besonders tüchtiges Buch sei, nur die Unmöglichkeit einer 
solchen zusammenfassenden Darstellung beweise. Auch in der 
zweiten Auflage gehören diese Abschnitte, die fürs Mittelalter 
eben auch besonders schwierig sind, nicht zum Besten. Die Rechts- 
verhältnisse sind nicht scharf genug bezeichnet und erfaßt, 
z. B. die verschiedenen Rechtssphären, denen der mittelalter- 
liche Mensch zugleich angehört, besonders das Hofrecht, die 
rechtliche Stellung der Ortsgemeinde; so steht es dann auch mit 
den Begriffen „frei" und „unfrei". Die Wirtschaftsverfassung des 
Mittelalters wird denen, die nicht schon Studien darüber ge- 
macht haben, nicht deutlich genug werden. Daß der Verfasser 
kein Bild vom Gerichtswesen des Mittelalters gibt, ist über- 
raschend. Eingehend spricht er von der Entstehung des Städte- 
wesens. 

Doch der Hauptwert des Buches liegt in seinen geistesge- 
schichtlichen Abschnitten. Da für Deutschland bis ins 18. Jahr- 
hundert hinein geradezu das erste Thema ist: wie wir aufgenom- 
men und entwickelt haben, was von außen zu uns kam, so wendet 
auch S. dahin seine besondere Aufmerksamkeit. Lamprechts 
Unwille darüber war seinerzeit bezeichnend; umgekehrt ist diese 
Seite des Buches mit Recht als besonders verdienstlich anerkannt 
worden. Die Einwirkungen Frankreichs und des Orients sind 
achtsam verfolgt. Der wichtigste Gegensatz, unter dem das 
Mittelalter lebte, stellt sich für S. dar als der Gegensatz des weit- 



370 Literaturbericht.! 

liehen germanischen Menschen gegen den romanischen Kirc 
gedanken; er betont bei der Mönchsbewegung des 11. und 12. Jahr- 
hunderts den „romanischen" Charakter, bei der Kreuzzugs- 
bewegung ebenfalls; durch die Predigt Bernhards von Clairvaux 
wurde Deutschland, wo die große Mehrzahl von der ganzen 
kirchlichen Weltanschauung nichts wissen wollte, für den romani- 
schen Kirchengedanken gefangen. Mit dem Ritter, der seit dem 

12. Jahrhundert neben dem Geistlichen als eine Art von Neben- 
buhler aufkommt, siegt die Frau Welt, aber nur wieder in einer 
Welle romanischer Kultur. Es ist nun keineswegs so, als ob S. 
das reiche Leben einförmig unter diesen Gegensatz zwänge; 
er betont auch wiederholt, daß im mittelalterlichen Frankreich 
viel vom germanischen Element selbst steckte. Es ist fast über- 
raschend, daß dies vorsichtige Buch sich auf den etwas schlüpf- 
rigen Boden dieser Unterscheidungen überhaupt begibt. Man 
wird bei ihnen schließlich von der Geschichte weg in die Anthro- 
pologie hineingeführt. Vor dieser machen viele ein Kreuz; wir 
werden uns aber doch mit ihren Fragen stärker beschäftigen müssen, 
und wäre es nur, um bis zur klaren Erkenntnis der Fragstellung 
durchzudringen. Wenn damit bisher viel Dilettantenwesen ge- 
trieben wurde, so wird das dadurch nicht besser, daß wir selbst, 
indem wir es abweisen, in unklaren Vorstellungen bleiben. Denn 
ganz frei von diesen Dingen können wir uns doch nicht halten. 
Wir gehen z. B. mit dem Begriff einer slawischen Rasse um und 
müssen doch wissen, daß es nur eine slawische Sprachgemein- 
schaft, bis zu einem gewissen Maße ja wohl auch Kulturgemein- 
schaft, gibt, deren Elemente von der allerverschiedensten Ab- 
stammung und Art sind. S. sagt (I, 121), die Slawen seien den 
Deutschen von jeher sehr ähnlich gewesen. Was für eine slawische 
Art ist wohl gemeint, und worin besteht die Ähnlichkeit? Ebenso 
ist es viel zu allgemein, wenn er (II, 220) „Slawen" und „Romanen" 
anthropologisch zu den Germanen in Gegensatz bringt. Und wer 
von „romanischer" Art spricht, müßte genauer bezeichnen, was 
er darunter versteht. 

Hervorgehoben und schön dargestellt ist, wie seit dem 

13. Jahrhundert, zugleich mit dem Erstarken des bürgerlichen und 
bäuerlichen Elements, die deutsche Welt volkstümlicher wird 
(von den Staufern zu Rudolf von Habsburg, I, 383!). S. versteht 
dies als eine Reaktion gegen die französische Mode in der ritter 






Deutsche Kulturgeschichte. 371 

lich-höfischen Kultur. Er sieht die Kulturgeschichte sehr wesent- 
lich unter der Wirkung von Reaktionen, wie er das im Archiv 
für Kulturgeschichte 1906, S. 94f., für Deutschland bezeichnet 
hat. Warum übrigens die höfische Kultur in Deutschland mit- 
samt der lebensvollen Dichtung, in der so viel Volkstümliches war, 
in der Zeit aufkommenden Landesherrentums ohne Weiter- 
entwicklung verblühte, scheint eine ungelöste Frage zu sein. 
Weder der wirtschaftliche Niedergang des Rittertums (den S. 
in einer künftigen Auflage vielleicht anschaulicher darstellen kann), 
noch das Aufhören der glänzenden kriegerischen Aufgaben der 
Stauferzeit scheint eine Erklärung dafür zu geben. 

Zu wenig würdigt S. nach meiner Überzeugung die Frucht- 
barkeit des religiösen Lebens, wie denn die Gesinnung des Buches 
sehr ausgeprägt weltlich ist. Das gilt gegenüber der mittelalter- 
lichen Theologie, auch den deutschen Mystikern (hier ist Meister 
Eckart wiederholt herausgehoben), später gegenüber dem Luther- 
tum, dem Pietismus, der Wichtigkeit des evangelischen Pfarr- 
hauses, aber auch der Wichtigkeit des Katholizismus im 19. Jahr- 
hundert. Nachdrücklich sagt S., daß er eine große Zeitenscheide 
nicht mit der Reformation, die gegen die Renaissance das Mittel- 
alter neu belebte, sondern erst mit dem Eindringen eines wahr- 
haft neuen und freien Geistes im Laufe des 17. Jahrhunderts 
ansetzen könne. Bezeichnend ist, daß das Reformationszeit- 
alter die Überschrift bekommen hat : „Zeitalter des Zwiespaltes . . ." ; 
doch wird für das „Sinken der kulturellen Kräfte", das dem fol- 
genden Abschnitt die Überschrift gibt, ausdrücklich gesagt, 
daß nicht in der Reformation die Schuld zu suchen sei. Mit gutem 
Grund wohl ist hervorgehoben, daß an dem Niedergang, so weit 
er da war, etwas sehr Grobes, nämlich die „Völlerei" der Zeit, 
eine schwere Schuld haben muß. Die Bewegungen, die in der 
deutschen Reformationszeit zusammenlaufen, sind in ihrem ver- 
schiedenen Wesen und ihren Beziehungen zu einem, wie mir 
scheint, treffenden Gesamtbilde vorgeführt. Im Zusammenhang 
mit dem Humanismus ist, wie ich glaube, besonders verdienst- 
lich über die Tätigkeit der Kanzleien und über die Förderung des 
nationalen Geistes gesprochen. Zum Feinsten gehört, wie der Ver- 
fasser das Verhältnis der Frauen zur Kultur beobachtet. 

Darüber, daß seit dem 16. Jahrhundert der Schwerpunkt 
in Deutschland nach Norden und Osten rückt, finden sich (be- 



372 Literaturbericht. 






sonders II, 309) sehr treffende Bemerkungen. Man könnte die 
Sache wohl noch weiter führen, das entschieden norddeutsche 
Gepräge der bürgerlichen Aufklärung sowohl in der Berliner als 
in der Leipziger Weise, deren Gegensatz S. hervorhebt, aber auch 
die wesentlich norddeutsche Weise der „Empfindungs"-Kultur 
(Klopstock und Hainbund) und der Romantik betonen. Nord- 
deutsch und protestantisch, mitsamt der Verwandschaft mit Eng- 
land, gehören dabei bedeutsam zusammen. Eine große Lücke hat 
S.s Darstellung für die letzten Jahrhunderte: das Österreichertum 
fehlt geradezu. Aus Friedjungs jüngstem Bande (Österreich 
von 1848 — 1860, II, 1) wären wichtige Hinweise zu gewinnen. 
Von hier aus ergäbe sich auch eine größere Aufmerksamkeit 
auf den Katholizismus, der das naturwüchsige Volkstum hegt 
und pflegt. Die Musik ist bei S. ebenfalls etwas kurz behandelt. 

Indem die Darstellung in die Revolutionszeit und ins 19. Jahr- 
hundert eintritt, erwartet der Historiker ein stärkeres Eingehen 
auf die politischen Bewegungen. Wie der einzelne und das Geistes- 
leben zum Staate steht und wie das Staatsleben (Preußen!) 
den Bürger erzieht und die Kultur bestimmt, ist seit dem 18. Jahr- 
hundert immer mehr ein wichtiges Thema. S.s Darstellung wird 
allerdings für das 19. Jahrhundert auffallend summarisch. Das 
hat seinen Grund vielleicht hauptsächlich darin, daß das neue 
Zeitalter „äußerlich-materieller Kultur" auf eine entschiedene 
Abneigung bei ihm stößt. Natürlich ist es auch eine fast über- 
menschliche Aufgabe, die außerordentliche Fülle der Erscheinun- 
gen bei der wachsenden Spezialisierung aller Dinge noch zu be- 
herrschen. Vielleicht wird der Verfasser in einer künftigen Auf- 
lage ausführlicher; auch mag die Kriegsgegenwart, auf die sich 
beim Lesen der Schlußzeilen die Gedanken richten, den Verfasser 
zu erneuter Teilnahme an dem Leben der letztvergangenen Ge- 
nerationen anregen. Schon zwischen der ersten und zweiten Auf- 
lage hat er Zeichen der Zeit gefunden, die ihn zugänglicher machten. 

Tübingen. Adolf Rapp. 

Der deutsche Staat des Mittelalters. Ein Grundriß der deutschen 
Verfassungsgeschichte. Von G. von Below. l.Bd. : Die all- 
gemeinen Fragen. Leipzig, Quelle* Meyer. 1914. XXu.387S. 

Der Verfasser löst mit diesem Richard Schröder gewidmeten 
Buche ein vor mehr als einem Vierteljahrhundert gegebene 






Deutsche Verfassungsgeschichte. 373 

Versprechen ein, „den Nachweis für den staatlichen Charakter 
der deutschen Verfassung des Mittelalters zu erbringen". Die 
Fülle seiner höchst ertragreichen verfassungsgeschichtlichen 
Untersuchungen waren von dem Gedanken beherrscht, „den 
Staat des Mittelalters als Staat, die mittelalterliche Verfassung 
als staatliche Verfassung zu erweisen und abzugrenzen". 

So hat sich v. B. in langer erfolgreicher Forscherarbeit viele 
der Bausteine selbst herbeigeschafft und bearbeitet, um diesen 
Grundriß der deutschen Verfassungsgeschichte auf einer neuen 
Grundlage aufzuführen. 

Im ersten Teil (S. 1 — 111) behandelt der Verfasser die Lite- 
raturgeschichte des Problems, und zwar im 1. Kap. die allgemeinen 
Schilderungen des mittelalterlichen Staates. Er hat wohl selbst 
das Gefühl gehabt, daß dieser ausführliche literaturgeschichtliche 
Bericht sich nicht so ganz in den Rahmen des Werks einfüge, 
und er sucht ihn zu entschuldigen. Ich muß gestehen, daß auch 
ich nach dem Studium dieses 1. Teils ihn in seiner Ausführlich- 
keit hier als störend empfinde. Nicht, daß ich diese kritischen 
Darlegungen des gelehrten Verfassers überhaupt missen möchte. 
Als besondere Abhandlung, vielleicht etwas weniger polemisch 
gestaltet, würde gewiß jeder solche lehrreichen Auseinander- 
setzungen sehr schätzen. Mir würde an dieser Stelle eine die 
Grundzüge der literargeschichtlichen Bewegung des Problems 
straff zusammenfassende Einleitung wirkungsvoller erscheinen. 

Der literargeschichtliche Teil beginnt mit C. L. v. Hallers 
„Restauration der Staatswissenschaft", der Wert und Begriff 
des Patrimonialstaates geprägt hat. Die Polemik gegen Haller 
bildet den Grund- und Eckstein des Buches v. B.s. Aus allen 
Darlegungen ertönt der Kampfruf gegen die Hallersche Theorie, 
die die normale Verfassung des Mittelalters auf private Be- 
ziehungen und als an das Grundeigentum gefesselt darstellt. 
Dieser patrimonialen Staatsauffassung gegenüber bezeichnet v. B. 
als die Aufgabe, die er sich in seinem Werke gestellt, „das mittel- 
alterliche Staatsrecht als öffentliches Recht und zugleich die 
Besonderheit des mittelalterlichen öffentlichen Rechts darzu- 
legen." Der Verfasser betont aber selbst, daß die allgemeine 
Theorie Hallers in ihrem vollen Umfang nur sehr wenig Anklang, 
Grundgedanken aus seinem System indessen weite Verbreitung 
gefunden haben. Ich glaube, daß v. B. den Einfluß H.s auf die 



374 Literaturbericht. 

Auffassung der mittelalterlichen deutschen Verfassung 
überschätzt. 

Hübner hat (Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechts- 
geschichte, Germanistische Abteilung XXXV, S. 486 f.) schon 
mit Recht darauf hingewiesen, daß unser ganzes rechtsgeschicht- 
liches Schrifttum von Eichhorn bis zur Gegenwart keine Spuren 
einer tieferen Beeinflussung durch Haller aufweise. Die tief- 
greifende Verschiedenheit in der Auffassung Hallers und Eich- 
horns hat v. B. (S. 12) selbst hervorgehoben und betont, daß 
das patrimoniale Element bei Eichhorn eine untergeordnetere 
Stellung eingenommen habe. Gerade J. F. v. Schulte, auf den 
sich v. B. beruft, spricht nicht für seine These. Der Aufsatz 
v. Schultes „Der Feudalstaat und der moderne Staat", aus dem 
v. B. (S. 103 f.) einen ausführlichen Auszug gibt, ist von Fach- 
genossen wenig beachtet in seinen „Lebenserinnerungen" 3. Bd. 
Essays (Gießen 1909), abgedruckt, aber in Schultes stark ver- 
breitetem „Lehrbuch der deutschen Reichs- und Rechtsge- 
schichte" (6. Aufl., 1892) wird von der Patrimonialität nur 
ganz nebenbei (S. 214) gesprochen. Wenn, wie im 1. Kapitel 
dargelegt wird, Hegel, Dahlmann, Max Duncker, Mohl und 
Bluntschli sich unter dem Einflüsse Hallers befunden haben, so 
muß man Hübner beipflichten, daß alle diese Schriftsteller doch 
eigentlich nicht als Historiker des Mittelalters gelten können, 
während allerdings Leo, Stahl, Waitz und Gierke als solche in 
Betracht kommen. Und wenn man nach den Büchern fragt, 
aus denen die Menschen vergangener Jahrzehnte sich über den 
Gegensatz der alten und der neueren Verfassung unterrichtet 
haben (v. B. in Vierteljahrschrift für Sozial- u. Wirtschafts- 
geschichte 1915, Bd. 13, S. 226), so wird man allerdings außer auf 
Eichhorn auch auf die Werke dieser zuletzt genannten Gelehrten 
stoßen. In dieser Besprechung betont v. B., daß in der historischen 
Auffassung Hallers Gegner ohne Zweifel mehr von ihm als die- 
jenigen, die sich politisch zu ihm weniger ablehnend verhalten, 
übernehmen. Da v. B. in seinem Buche mehrfach die politische 
Gesinnung der Autoren streift, so möchte ich die Bemerkung 
einflechten, daß die wissenschaftliche Auffassung eines Schrift- 
stellers doch in der Regel nicht durch das subjektive Moment 
seines politischen Urteils beeinflußt oder getrübt sein wird. 
Die Stellung, die jemand zu den politischen Fragen der Gegen 






Deutsche Verfassungsgeschichte. 375 

wart einnimmt, wird doch nicht durch seine geschichtliche Auf- 
fassung vom Staate und staatlichen Einrichtungen irgendeiner 
Periode der Vergangenheit bestimmt. Diese kann für seine poli- 
tische Gesamtauffassung vielleicht mit ins Gewicht fallen neben 
all den andern Momenten, die das Urteil über die Staatspraxis 
der Gegenwart beeinflussen, aber sie werden nicht einen aus- 
schlaggebenden Faktor für diese bilden. 

Von den allgemeinen Schilderungen scheidet v. B. die mono- 
graphische Literatur, deren Darstellung das 2. Kapitel gewidmet 
ist. Diese Sonderung veranlaßt den Verfasser, den 1. Band von 
Gierke, Das deutsche Genossenschaftsrecht im 1. Kap., den 
2. Band desselben Werks unter der monographischen Literatur 
zu besprechen. Die Arbeiten von Rogge, Wilda, P. Roth, Sohm, 
Waitz und Gierke und dann die städtegeschichtliche Literatur 
wird eingehend kritisch gewürdigt, ebenso der Aufschwung der 
wirtschaftsgeschichtlichen Literatur seit 1878/79 (bes. Nitzsch, 
Inama-Sternegg, Heusler, Lamprecht). Man wird freudig mit 
v. B. in der Anerkennung dieser wirtschaftsgeschichtlichen Li- 
teratur, in der er eine außerordentliche Bereicherung unserer 
Anschauungen erblickt, übereinstimmen. Welche hervorragende 
Förderung nicht nur die deutsche Wirtschaftsgeschichte, sondern 
auch die Verfassungsgeschichte durch die zahlreichen Unter- 
suchungen v. B.s erfahren hat, die, seit 1885 einsetzend, besonders 
einer Bekämpfung der hofrechtlichen Theorie gewidmet waren, 
wird einem aus der objektiven Darstellung dieses Kapitels wieder 
aufs neue zum Bewußtsein gebracht. Dieses Kapitel schließt 
mit einem längeren Zitat aus Gierkes Deutschem Privatrecht. 
Ich halte, wie sich noch zeigen wird, den Standpunkt Gierkes 
(S. 99 f.) für richtig, daß die Germanen ursprünglich nur die 
Einheit alles Rechtes sahen und jede begriffliche Sonderung von 
Privatrecht und öffentlichem Recht versäumten, daß das öffent- 
liche Recht mit privatrechtlichen Elementen vermischt ge- 
blieben sei. 

Das letzte (3.) Kapitel des ersten Teils beschließt den lite- 
rarischen Überblick mit einer Erörterung der neuesten zusammen- 
fassenden Darstellung des älteren deutschen Rechts (Brunner, 
Hübner, R. Schröder und scharf ablehnend Sanders, Feudal- 
staat und bürgerliche Verfassung). 



376 



Literaturbericht. 



Zum Schlüsse betont der Verfasser den Wert der Unter- 
scheidung zwischen öffentlichem und Privatrecht im Mittelalter 
zum Zweck der Feststellung, „wie sich das Recht vergangener 
Zeiten zu dem der Gegenwart verhält". Es gilt hier, was Gierke 
in einer Rezension des Sanderschen Buches (Savigny-Zeitschrift, 
German. Abt., Bd. 28, S. 619) treffend ausgeführt, nachdem er 
die Scheidung des Gegensatzes von öffentlichem und Privatrecht 
erst als Folge der Entwicklung des Staatsbegriffs festgestellt hat: 
„Wir können überhaupt das Wesen der alten Rechtsinstitute 
gar nicht voll verständlich machen, ohne das in ihnen obwaltende 
Mischungsverhältnis von dem, was uns heute als öffentliches 
oder privates Recht gilt, zu ermitteln und ihren in diesem Sinn 
„überwiegend" öffentlich-rechtlichen oder privatrechtlichen Cha- 
rakter festzustellen." 

Die systematische Darstellung leitet v. B. ein mit einer 
grundsätzlichen Erörterung über die wirtschaftlichen Voraus- 
setzungen der deutschen Verfassung des Mittelalters. Man wird 
die These des Verfassers, daß sich nirgends in der Geschichte 
nachweisen lasse, daß eine bestimmte Gestaltung der wirtschaft- 
lichen Verhältnisse mit Notwendigkeit einen bestimmten, genau 
entsprechenden Charakter der Verfassung hervorbringe (S. 115), 
vorbehaltlos gutheißen, v. B. nimmt selbstverständlich auch in 
diesem Buche aufs neue Stellung gegen diejenigen, „die von 
einer extremen grundherrlichen Theorie aus die mittelalterliche 
Verfassung konstruieren wollen". Der Verfasser steigt in die 
Urzeit hinab und vertritt die Anschauung von dem Überwiegen 
der Gemeinfreien unter den Germanen gegenüber der von Wittich, 
G. F. Knapp und Hildebrand für die Urzeit erneuerten grund- 
herrlichen Theorie. Für das spätere Mittelalter weist er auf die 
wenig strengen Verhältnisse beim abhängigen Besitz hin, auf 
die freien und unfreien Leiheformen, auf die dinglich Unfreien, 
die Hörigen im Gegensatz zu den persönlich Unfreien, den Leib- 
eigenen, und auf das Nebeneinander von rechtlicher Unfreiheit 
und wirtschaftlicher Bewegungsfreiheit, die die abhängigen Leute 
nicht als Knechte erscheinen läßt. Die in der Literatur nicht 
beachtete Tatsache der freien Arbeit im Mittelalter (abgesehen 
von den Städten) wird gebührend hervorgehoben. 

Zum eigentlichen Thema wendet sich das den Hauptteil 
des Buches umfassende 5. Kapitel mit der Überschrift „Die 



Deutsche Verfassungsgeschichte. 377 

Verfassung des Reiches", beginnend mit dem Reichsgebiet und 
seinen Teilen. Die Terminologie „Reich" und die als synonym 
angewandten regnum und Imperium (terra), die jeden Anklang 
an eine der Grundherrschaft entsprechende private Einrichtung 
vermissen lassen, wird besprochen. Selbstverständlich hat der 
Titel Sacrum Romanum Imperium, der den Einfluß römischer 
und kirchlicher Gedanken und rein politischer Erwägungen zeigt, 
keinerlei privatrechtliches Element. Das Wort terra, das seit 
dem 13. Jahrhundert zur technischen Bezeichnung des Terri- 
toriums des Landesherrn wird, wird später auch für Landschaft 
gebraucht (S. 133). Da es sich bei diesen Bezeichnungen selbst 
nach den Bemerkungen des Verfassers nicht um feste eindeutige 
termini technici handelt, würde ich doch Bedenken tragen, sie 
als Beweisgrund gegen das Vorhandensein von privatrechtlichen 
Beziehungen zu verwenden. 

Die Einteilung des fränkischen Reichs in Grafschaften be- 
kundet einen großen Fortschritt in der Richtung einer staat- 
lichen Organisation, denn in den Grafen haben wir das Vorbild 
des modernen staatlichen Beamten. Die Kreiseinteilung des 
Reichs veranschaulicht dem Verfasser den Sieg des staatlichen 
Gedankens, denn das technische Verwaltungswort Kreis habe 
von der Bedeutung Grenze seinen Ausgang genommen. 

Für das Thema des Buchs ist von besonderer Wichtigkeit 
der die Herrscher behandelnde § 2. Sehr richtig faßt v. B. bei 
einer terminologischen Betrachtung des Worts König und anderer 
Bezeichnungen des Herrschers rex et dominus als tautologische 
Wendungen auf, wie sie die mittelalterliche Urkundensprache 
liebte. Er weist darauf hin, daß der Ausdruck König während 
des ganzen Mittelalters nur auf den Vorsteher des ganzen Staats- 
verbands angewandt worden. Aus Bezeichnungen und Emblemen 
wird die einzigartige Stellung des Herrschers überzeugend ge- 
folgert. Und wenn es in der Arenga einer Königsurkunde (144) 
heißt: „constat nos divina dispensante gratia ceteris mortalibus 
supereminere", so ist darin die Vorstellung von einer qualitativ 
und quantitativ hoch gesteigerten, alle weit überragenden Macht- 
stellung des Königs zum Ausdruck gebracht. Auch die Auf- 
fassung des fränkischen Rechts von der Unanfechtbarkeit der 
Königsurkunde, die nach Brunner allein den Charakter der 
wahren öffentlichen Urkunde besitze, konnte hervorgehoben 



/ 



378 Literaturbericht. 

werden wie der Begriff eines besonderen Verbrechens gegen 
Majestät des Königs. 

Die Anschauung von der besonderen Stellung des Königtums 
durch römische und kirchliche Einflüsse gesteigert, ist, wie schon 
die Untersuchungen Brunners und v. Amiras ergeben haben, in 
ihren Grundlagen germanisch, und es ist durchaus zutreffend, 
wenn v. B. feststellt, daß der Satz von dem staatlichen Charakter 
der mittelalterlichen Verfassung nicht erschüttert würde durch 
den Nachweis des römischen oder kirchlichen Ursprungs ihrer 
Grundlagen. Daß man von einem wirklichen Staatsrecht der 
fränkischen Monarchie sprechen und daß deren staatlicher Cha- 
rakter nicht bestritten werden kann, dürfte namentlich durch 
eine Betrachtung des fränkischen Beamtentums erhellen. In 
dem Grafenamt finden wir, wie schon betont wurde, das rein 
staatliche Element unseres modernen Beamtentums wieder. 
Zweifel können überhaupt erst auftauchen für die nachfrän- 
kische Periode des deutschen Mittelalters und höchstens für die 
ausgehende fränkische Zeit, für das Zeitalter des Feudalismus. 
Für die Erkenntnis der Einzigartigkeit der Stellung des Königs 
ist der Begriff der Regalien und ihre Anwendung von Wichtig- 
keit, denen der Verfasser eine gründliche Untersuchung widmet. 
„Auf dem ronkalischen Reichstag ist der Begriff der Regalien, 
derjenigen Rechte, die dem König als solchem und ordnungs- 
mäßig nur ihm zustehen, festgestellt worden. Und diese sind 
durchweg solche, die wir heute als öffentliche ansehen (148)." 
Dieser Punkt scheint mir ausschlaggebend zu sein. Gewiß 
folgt aus der Tatsache, daß wir diese Rechte heute als öffent- 
liche ansehen (nachdem die Regalien eine lange Geschichte 
durchgemacht und ihre privatrechtlichen Bestandteile abgelöst 
haben) nicht, daß sie auch bereits im Mittelalter öffentliche 
Rechte im modernen Sinne waren. Dieser Einwurf Hübners 
(a. a. 0. S. 494) würde begründet sein, wenn man nachweisen 
könnte, daß diese Rechte des Königs als Ausfluß seines Herr- 
schaftsrechts über den Grund und Boden zu betrachten sind. 
Indem Hübner selbst zugesteht, daß bei vielen Regalien der 
öffentlichrechtliche Charakter überwogen hat, scheint er mir 
die Auffassung v. B.s zu bestätigen. Denn dem Mittelalter fehlte 
eben die scharfe Begriffsbestimmung, jene Sondierung zwischen 
öffentlichem und Privatrecht, die erst das Ergebnis der Ent- 



Deutsche Verfassungsgeschichte. 379 

wicklung der letzten Jahrhunderte ist. Wir dürfen nie außer 
acht lassen, daß in vielen mittelalterlichen Einrichtungen, ich 
will nur an das Kammergut erinnern, privatrechtliche und öffent- 
lichrechtliche Elemente im Gemenge lagen, deren reinliche 
Scheidung trotz vielfacher Bemühungen noch heute nicht in allen 
deutschen Staaten gelungen ist. 

v. B. hat mit tiefer Einsicht in die geschichtliche Entwick- 
lung die Regalien im Sinne der finanziellen Berechtigungen des 
Herrschers gefaßt und gezeigt, wie in den Urkunden „die Rechte, 
die wir als öffentliche bezeichnen, durchaus in den Vordergrund 
gestellt, wenn nicht allein gemeint" (151) und gezeigt, daß im 
Laufe der Zeit es üblich wurde, das Wort Regalien für die Rechte, 
mit denen die weltlichen Landesherren belehnt wurden, ebenfalls 
zu gebrauchen. Vorsichtig betont der Verfasser: „Immerhin 
bleibt anzuerkennen, daß man in der älteren Zeit bei dem Wort 
Regalien den Gedanken an den Grundbesitz nicht ausgeschlossen 
hat." Mit dieser Fassung bringt er zum Ausdruck, daß eben die 
durchgreifende, alle Bedenken lösende Scheidung zwischen 
öffentlichem Recht und Privatrecht im Sinne der modernen 
Rechtsterminologie für das Mittelalter ohne Gewaltsamkeit 
nicht anwendbar ist. v. B. hat in anderm Zusammenhange (276) 
bemerkt, daß ein Teil der Regalien in private Hände gekommen 
sei, daß diese aber auch nach ihrem Übergang an Private ihren 
staatlichen Charakter insofern nicht verloren hätten, als bei ihnen 
der öffentliche Zweck des Regals nie ganz vergessen worden ist. 
Den Einwand Hübners (a. a. 0. S. 495), daß bei dem Jagdregal 
in sehr vielen Fällen jedenfalls das private Interesse des Jagd- 
berechtigten maßgebend gewesen, hat v. B. (V. J. Sehr. f. So- 
zialwiss. 1915, Bd. 13, S. 227) für nicht stichhaltig erklärt, da 
das Jagdregal nicht zu den alten königlichen Regalien gehöre, 
sondern als jüngere Bildung des 14. Jahrhunderts nur als landes- 
herrliches Regal in Betracht komme. Im übrigen halte ich aber 
doch Hübners Einwand nach dieser Richtung für berechtigt, 
denn ich bin der Meinung, daß man von den Münz- und Zoll- 
rechten, die in private Hand gekommen, nicht behaupten kann, 
daß der öffentliche Zweck des Regals nie ganz vergessen worden 
sei. Es zeigt sich eben doch auch hier wieder, daß der Maßstab 
des reinen Staatsgedankens, wie ihn erst das 19. Jahrhundert 
zur vollen Ausbildung gebracht hat, nicht vorbehaltlos an Ein- 



380 Literaturbericht. 

richtungen des Mittelalters angelegt werden darf und daß das 
Problem „der deutsche Staat des Mittelalters" nur historisch, 
vielleicht mehr negativ gefaßt werden muß, indem man die 
Institutionen als vorwiegend aus dem Rahmen des Privatrechts 
herausgewachsen zeigt. Man wird auch der französischen Mon- 
archie des 18. Jahrhunderts trotz der Steuerpächter den Staats- 
charakter nicht absprechen wollen. 

Das Ergebnis der Untersuchungen des § 2, daß das Mittel- 
alter dem König eine besondere Stellung zuerkenne und den 
König nicht einfach nach Analogie des Grundherrn auffasse, 
ist überzeugend. 

Bei Betrachtung des Königs und der Reichspersönlichkeit 
wendet sich der Verfasser (§ 3) der Urzeit zu mit ihrer Scheidung 
in Republiken und Monarchien. Der König wird als Beauftragter 
der Volksgemeinde charakterisiert. Die Umwandlung der Ver- 
fassung, die wesentlich auf den Herrschaftsbeziehungen des 
Königs beruht, zeigt die Begründung der starken fränkischen 
Monarchie. Der fränkische König ist in die Rechte der alten 
Landesgemeinden eingetreten und hat sich noch mehr Befug- 
hisse beigelegt, als dieser besessen hatte. Da auf lange hinaus 
der deutsche König des Mittelalters diese Stellung des fränkischen 
Königs gehabt, tritt der Verfasser an dieser Stelle in die Erör- 
terung der staatsrechtlichen Grundprobleme ein. In erster Linie 
polemisiert er gegen Gierke, der das staatliche Moment auf die 
genossenschaftliche Verfassung beschränkt und ein staatliches 
Untertanenverhältnis in der fränkischen Zeit leugnet. In dieser 
Auffassung (positiv) Anerkennung des Untertanenverhältnisses 
in der fränkischen Zeit und (negativ) Nichtbeschränkung des 
Staates auf Genossenschaften dürfte der Verfasser kaum starkem 
Widerspruch begegnen. 

Eingehend beschäftigt sich v. B. mit der epochemachenden 
Rezension Albrechts (Göttinger G.-Anz. 1837) über Mauren- 
brecher, in der dieser die Lehre vom Staat als juristischer Person 
begründet hat. Die Behauptung des Verfassers, daß bei Albrecht 
„unter dem Vorurteil des modernen Staatsbegriffs die Würdi- 
gung der alten Verfassung zu kurz kommt", ist mir nicht ein- 
leuchtend. Der Ausdruck Vorurteil kann zu Mißverständnissen 
Anlaß geben. Warum es für die ältere Zeit auch bei den freiesten 
Interpretationen nicht gut möglich sein sollte, den Herrscher 




Deutsche Verfassungsgeschichte. 381 

als Organ des Staates aufzufassen, vermag ich nicht einzusehen. 
Die Ansicht Zorns, „der Monarch ist nach preußisch-deutschem 
Staatsrecht jedenfalls nicht , Organ' des Staates", auf die sich 
v. B. beruft, hat in der modernen Staatsrechtswissenschaft 
keinen Beifall gefunden. Zorn stimmt der Kritik der Seydel- 
Bornhakschen Theorie „der Monarch ist der Staat" völlig zu 
(169), fährt dann aber fort: „Aber dennoch muß zwischen der 
einzigartigen, tatsächlich über dem Recht stehenden Stellung 
des Monarchen, wie sie auf der brandenburgisch-preußischen 
Grundlage das deutsche Staatsrecht und nur das deutsche 
Staatsrecht von den geltenden Rechten ausgebildet hat, und der 
Organstellung der Behörden eine scharfe staatsrechtliche Unter- 
scheidung gemacht werden." Diese Unterscheidung hat aber 
die Staatsrechtswissenschaft gemacht, indem sie von der un- 
mittelbaren Organstellung des Herrschers (kraft eigenen Rechts) 
die mittelbare Organstellung (auf einem Auftrag des unmittel- 
baren Organs beruhende) scheidet. Man wird es begreifen, daß 
die Lehre Zorns (169) von der „tatsächlich über dem Rechte 
stehenden Stellung des Monarchen" nicht auf Billigung rechnen 
konnte; sie bewegt sich jenseits der Grenzen der Rechtswissen- 
schaft. 

Am Schlüsse derselben Anmerkung (171) führt v. B. selbst 
den Ausspruch Otto Mayers an: „Fürst und Volksvertretung 
haben Rechtsschranken, nicht dem Staate gegenüber, sondern 
untereinander." Wenn Rechtsschranken den Herrscher ein- 
engen, dann steht er eben nicht über dem Recht. 

Einverstanden bin ich mit v. B. darin, daß der Monarch 
der Träger der Staatsgewalt ist. Ich glaube, daß er auch den 
Herrscher als Organ des Staates anerkennen könnte, wenn er 
im Sinne Rehms, den er anführt, Träger und Ausüber der Staats- 
gewalt, beide zusammen als Staatsorgan auffassen würde. 

Nicht befreunden kann ich mich mit der Staatsdefinition 
des Verfassers: „Wir fassen den Staat als eine Anstalt auf, welche 
Zwecken gewidmet, die ein höheres, allgemeines Gesamtinteresse 
bilden" (174). Diese Begriffsbestimmung kann in ihrer All- 
gemeinheit nicht befriedigen. Sie bedeutet keinen Fortschritt 
gegenüber heute anerkannten Begriffsbestimmungen des Staates. 
Vor allem vermag ich den Staat nicht als Anstalt aufzufassen. 
Man kann, wie G. Jellinek (Allg. Staatslehre, 3. Aufl., 1914, 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 25 



382 Literaturbericht. 






S. 166) richtig ausgeführt hat, „auf Grund unserer heutigen 
Erkenntnis wohl mit Gierke im Staate oder in seinen Teilen 
einzelne anstaltliche Elemente finden, nicht aber einen ganzen 
Staat der Kategorie der Anstalt unterordnen". Denn die Grund- 
lagen Volk, Gebiet und oberste Gewalt werden heute ziemlich 
allgemein als notwendige Elemente des Staatsbegriffs in der 
Literatur angesehen. Ich bin allerdings der Meinung, daß auch die 
Erreichung von Gesamtzwecken durch das auf einem bestimmten 
Gebiete unter einer höchsten Gewalt organisierte Volk zum Kri- 
terium des Staates gerechnet werden darf. v. B. betrachtet 
dann noch „die Unmöglichkeit der vollständigen Reduzierung 
der Gemeinschaftsbeziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse 
innerhalb des Verbandes auf private Berechtigungen und Pflich- 
ten" neben dem Gemeinschaftszweck als greifbare Kriterien des 
Staates. Daß man in dieser Nichtreduzierbarkeit ein greifbares 
Kriterium gewonnen hat, glaube ich nicht. 

Der Verfasser verwahrt sich dagegen, daß es sich um einen 
Wortstreit handele bei seinem Eintreten für die Anwendung des 
terminus Staat auf die mittelalterliche Verfassung. „Es ist die 
Einschätzung großer Stücke der mittelalterlichen Kultur, die 
hier zur Diskussion steht" (175). Ihm ist es darum zu tun, gegen- 
über vielerlei Entstellungen ein recht erfreuliches Bild vom Mittel- 
alter zu entwerfen. Er glaubt eine solche Rechtfertigung am 
besten zu liefern durch den Nachweis, daß das Mittelalter der 
Ordnung fähig; daß es den staatlichen Rahmen kannte und staat- 
liche Einrichtungen ausbildete und von ihnen Gebrauch machte. 
Hier scheint mir der Verfasser seine Anforderungen doch etwas 
niedrig zu spannen, daß es den staatlichen Rahmen kannte, 
wird doch ernsthaft nicht bestritten werden können. Und wenn 
das Mittelalter der Ordnung fähig, so scheint mir damit recht 
wenig zur Charakterisierung gesagt zu sein. Daß in manchen 
Epochen des Mittelalters aber doch auch eine heillose Unordnung 
geherrscht, wird ein so hervorragender Kenner mittelalterlicher 
Geschichte nicht in Abrede stellen. 

Man könnte versucht sein, Wahlkönigtum und Erbkönigtum 
als Zeichen öffentlichrechtlicher und privatrechtlicher Ausgestal- 
tung der Verfassung zu betrachten, wird aber doch dem Verfasser 
zugeben, daß die Verhältnisse nicht so einfach liegen, daß für 
die Ordnung der Sukzession und die Teilungen die im private 



Deutsche Verfassungsgeschichte. 383 

Erbrecht geltenden Grundsätze maßgebend gewesen. Bedenkt 
man, daß mit dem Erbrecht der Karolinger von Anfang an 
ein Wahlrecht des Volkes, insbesondere der Großen, an der 
Besetzung des Thrones konkurrierte (Brunner, D. R. Gesch. II, 
S. 29), so sieht man, wie vorsichtig man in der Charakterisie- 
rung des Thronerbrechts sein muß. 

Für die Auffassung des staatlichen Charakters des Mittel- 
alters ist die Erscheinung, auf die Waitz aufmerksam gemacht, 
von Bedeutung, daß man etwa seit dem 9. Jahrhundert das 
Reich und den König unterschieden hat. v. B. betont mit Recht, 
daß der Formel „Kaiser und Reich" in den einzelnen Jahrhunder- 
ten verschiedene Vorstellungen zugrunde lagen. 

Die Aufeinanderfolge verschiedener Dynastien ließ nament- 
lich durch die Streitigkeiten über das Reichsgut (res publica) 
dieses namentlich gegenüber dem königlichen Privatvermögen 
(res privatä) den Unterschied zwischen der dauernden Institution 
des Reichs gegenüber den wechselnden Königsgeschlechtern 
scharf hervortreten. Seit dem 15. Jahrhundert stellten Kaiser 
und Stände zusammen das Subjekt der Reichsgewalt dar, und 
von dieser Zeit gilt die Gierkesche Deutung der Formel „Kaiser 
und Reich". Gut weist v. B. darauf hin, daß schon das schwan- 
kende Verhältnis zwischen König und Ständen die Meinung 
von einem von den jeweiligen Trägern unabhängigen Rechts- 
subjekt hervorgerufen hat. 

Als ein Kriterium des Staatsbegriffs betrachtet der Verfasser, 
wie oben schon dargelegt wurde, einen Gemeinschaftszweck. 

In der fränkischen Zeit wird die utilitas regni in mannig- 
fachen Wendungen wie in der nachkarolingischen Zeit immer 
wieder die Pflicht des Herrschers, den Nutzen des Reichs wahr- 
zunehmen, als Richtpunkt der Tätigkeit des Königs ebenso wie 
die für das Mittelalter charakteristische Verbindung von kirch- 
lichen und staatlichen Zwecken hervorgehoben. Seit der Ver- 
bindung des Königtums mit der Kaiserwürde wird die Erfüllung 
kirchlicher Aufgaben noch mehr als Pflicht des Staates betont. 

Zum Schlüsse wird der mittelalterliche Staat in sehr inter- 
essanter Weise als Rechtsstaat in seinen verschiedenen Bedeu- 
tungen erörtert (über die verschiedenen Vorstellungen vom 
Rechtsstaate vgl. R. Schmidt, Allg. Staatslehre, 1901, I, S. 182f.) 
und darauf aufmerksam gemacht, daß Sohm den alten Staat, 

25* 



384 Literaturbericht. 

der keine andere Aufgabe als die Realisierung des Rechts kennt, 
doch denselben zu enge faßt, da die fränkische Monarchie zweifel- 
los auch die Förderung kirchlich-religiöser Angelegenheiten und 
Sicherung des Landes als ihre Aufgabe betrachtet hat. Viel zu 
weit geht der Verfasser in Lobpreisung des Mittelalters, wenn er 
(205) sagt: „So ist ja in der Tat der Rechtsschutz innerhalb der 
öffentlich-rechtlichen Beziehungen im deutschen Mittelalter wohl 
stärker als zu irgendeiner andern Zeit und bei irgendeinem 
andern Volke bis an die neuesten Zeiten heran." Schon das von 
ihm angeführte Beispiel, daß Steuerstreitigkeiten durch das 
ordentliche Gericht entschieden wurden, kann als allgemein- 
gültig nicht anerkannt werden. Ich will hier nur auf das Bei- 
spiel Bayerns verweisen (vgl. E. Rosenthal, Gesch. d. Gerichts- 
wesens u. d. Verw.-Org. Bayerns 1889, I, S. 407). Nicht das 
Mittelalter, sondern die dem Mittelalter folgenden Jahrhunderte 
haben in Deutschland erst die Keime eines Rechtsschutzes auf 
dem Gebiete des öffentlichen Rechts zur Entfaltung gebracht 
(die Reichsgerichte, die seit dem 16. Jahrhundert geschaffenen 
Landeskollegialbehörden). 

Indem v. B. sich gegen die Auffassung wendet, daß die 
Grundlage der Verfassung des Reichs privatrechtlichen Charakter 
gehabt habe — daß eine solche Auffassung viele Anhänger ge- 
habt, wird nicht behauptet — , bezeichnet er es zutreffend 
als eines der sichersten Ergebnisse der rechtsgeschichtlichen 
Forschung, daß mindestens bis zum Ausgang der fränkischen 
Zeit die Grundlage des Reichs nicht privatrechtlicher, sondern 
öffentlich-rechtlicher Natur gewesen ist. 

Im § 5 behandelt der Verfasser den Untertanenverband 
und die Natur staatlicher Herrschaft. Er beginnt seine Aus- 
führungen wieder mit einer Ablehnung des Hallerschen Patri- 
monialstaates, der ja eben auf privatrechtlichen Beziehungen, 
und nur auf solchen beruht habe. Es wird dann nochmals auf 
den starken Einfluß Hallers auf die staatsrechtliche Literatur 
hingewiesen. Übrigens betont der Verfasser selbst, daß Mauren- 
brecher nicht schlechthin Hallers Anhänger gewesen sei. Bei 
der Bezugnahme auf G. Jellinek hätte daran erinnert wer- 
den können, daß dieser Schriftsteller (a. a. 0. S. 207) in schärf- 
ster Polemik gegen Haller erklärt, daß „die Patrimonialtheorie 
als staatliche Rechtfertigungslehre eingehender Widerlegung 



Deutsche Verfassungsgeschichte. 385 

nicht mehr bedürftig" sei. Der Kampf gegen die Patrimonial- ( . 
theorie als solche wird ergebnislos verlaufen, solange man nicht 
auf die „verschiedenen Abstufungen", die einzelnen Ausgestal- \J 
tungen (Konstruktionen) des Patrimonialstaates eingeht, um sein j 
Nichtvorhandensein zu beweisen. / 

Der Verfasser bespricht sodann den Treueid, der als eine 
Bekräftigung des öffentlich-rechtlichen Untertanenverhältnisses 
erscheint, mit dem der Genuß des Königsfriedens und des Königs- 
schutzes gegeben ist (216). Gewürdigt wird im Anschluß an den 
Untertaneneid die Bedeutung des königlichen Gnadenrechtes, 
dessen Weiterentwicklung K. Beyerle aus dem Verband der Ge- 
folgschaft ableitet, eine Meinung, die der Verfasser nicht teilt. 

In dem Gefolgschaftswesen erblickt auch er eine Abweichung 
von der Grundlage der Verfassung. Er warnt vor einer Über- 
schätzung und verweist in diesem Zusammenhange auf das 
Verhältnis des Beamteneides zu den Untertanenpflichten im 
Territorialstaatsdienst. Daß ebenso wie der Beamte auch der i 
Gefolgsmann nur dem Oberhaupt des Staates besondere Treue 
und Gehorsam schuldig sein soll, leuchtet nicht ein, denn im alt- 
germanischen Staate können auch die principes ein Gefolge 
haben. Dann wird auch diesem besondere Treue geschuldet. 
Es kann überhaupt für diese demokratische Verfassungsperiode 
von einem Oberhaupt des Staates nicht gut gesprochen werden. 
Abgelehnt wird die Sybelsche Theorie des Geschlechterstaates 
und daran erinnert, daß auch die herrschende Meinung den 
gentilizischen Charakter der Hundertschaft nicht anerkenne. 
Mit dem ealdorman der Angelsachsen findet sich der Verfasser 
folgendermaßen ab. Die alten Germanen und so viele andere 
Völker, meint er (227), dürften in derselben Lage gewesen sein 
wie Gerber und Laband, die für das Verhältnis der Staatsgewalt 
zum Staatsbürger die Analogie nicht im Sachenrecht, sondern 
im Familienrecht suchten. „Um der Hallerschen Verfassungs- 
konstruktion und der rein sachenrechtlichen Darstellung des 
Staatsrechts zu entgehen, retteten sie sich wie Gerber und La- 
band zur Analogie aus dem Familienrecht und wählten von daher 
manche Bezeichnung für die Gemeinschafts- und Abhängigkeits- 
beziehungen." Solche Versuche bewußter Analogiebildung 
möchte ich ablehnen, und ich stimme Hübner (S. 499) bei, der 
eine freie und bewußte Wahl von Ausdrücken für die Fürsten und 



J 



386 Literaturbericht. 






Führer des Volks im Altertum für unsern Anschauungen über 
solche Bildungen widersprechend erklärt. 

Der letzte inhaltreiche § 6 (S. 231—369) ist einer Erörterung 
der wichtigsten Probleme, der des Wesens und der Ursachen des 
Feudalismus gewidmet. Einleitungsweise untersucht hier v. B. 
die Fortdauer des allgemeinen Untertanenverbandes. Eine all- 
gemeine Vereidigung der Untertanen hat in der nachkarolin- 
gischen Zeit nicht stattgefunden. Nur die Großen des Reichs 
hätten damals dem König den Eid geleistet. Einen starken 
Schritt zur Feudalisierung der Verfassung bedeute das Auf- 
kommen des neuen Reichsfürstenstandes, der als Lehensadel 
den Lehenseid leiste. Aber auch für diese Periode des Reichs- 
fürstenstandes bestreitet v. B. den Übergang des Untertanen 
Verbandes in den Lehensverband. Denn auch die nichtfürstlichen 
Landesherren und die Städte, die auch dem Reiche Untertanen ent- 
zogen, hätten keine lehensrechtliche Stellung gehabt und auch in 
den fürstlichen Gebieten leiste der höhere Richter bis ins 13. Jahr- 
hundert dem König den Beamteneid (Bannleihe) und lasse die 
hohe Gerichtsbarkeit als königliche Gerichtsbarkeit erscheinen. 
Der Verfasser legt Gewicht darauf, anstatt von einer „Auflösung" 
nur von einer „Durchbrechung" des Reichsuntertanenverbandes 
zu sprechen. Ich vermag dem keine Bedeutung zuzumessen, 
denn der Verfasser stellt selbst fest, daß das unmittelbar könig- 
liche Gebiet von höchst bescheidener Natur war. Sodann ist die 
Reichsunmittelbarkeit der Landesherrn, auf die sich der Ver- 
fasser beruft, doch etwas spezifisch anderes und nicht eine Fort- 
setzung des alten Untertanenverhältnisses. Wenn nun andere 
Instanzen, die Hoheitsrechte in ihre Hand gebracht haben, 
dem Reiche den größten Teil seiner Untertanen abnehmen, so 
darf man das wohl, „wie die vulgäre Lehre will", als Auflösung 
des Untertanenverbandes bezeichnen. K. v. Amira (Grundr. des 
german. Rechts, 3. Aufl., S. 155 f.), auf den der Verfasser Bezug 
nimmt, charakterisiert diesen Zustand treffend mit den Worten: 
„An Gerichts-, Heer- und Finanzgewalten entstehen wegen ihrer 
Nutzbarkeit erbliche Privatrechte des geistlichen und weltlichen 
Adels. Hierdurch werden die seiner Herrschaft unterworfenen 
Leute der unmittelbaren Reichsuntertänigkeit entzogen („media- 
tisiert"), während der staatsrechtliche Verband zwischen dem 
König und dem herrschenden Adel seinen praktischen Wer 






Deutsche Verfassungsgeschichte. 387 

einbüßt und durch den privatrechtlichen der Vasallität ersetzt 
wird." 

Der Verfasser wendet sich sodann der Frage zu: Durch 
wen erfolgt die Durchbrechung des Reichsuntertanenverbandes. 
Er bringt hier eine äußerst gehaltvolle Untersuchung über das 
Wesen des Feudalismus (243 — 327), als dessen Kern er eben die 
Durchbrechung des Untertanenverbandes betrachtet, v. B. be- 
tont, wie nur mit dem Erwerb von öffentlichen Gerichtsbezirken 
Untertanen erworben werden und daß bloß ein Wechsel in der 
Herrschaft über den öffentlichen Gerichtsbezirk und der Unter- 
tanen stattgefunden hat. Mit der Feststellung des Verfassers 
(244): „Öffentliche Gerichtsbezirke und mit ihnen die Herrschaft 
über die Untertanen sind nun aus der Hand des Königs in größter 
Zahl in andere Hände, oft, wie wir unbedenklich sagen dürfen, 
in private Hände übergegangen", ist zugegeben, daß der mittel- 
alterliche Staat eben doch im Gegensatze zum modernen so stark 
mit privatrechtlichen Elementen durchsetzt war, daß man diesen | 
mittelalterlichen Staat, mag man ihn Patrimonialstaat oder 
sonstwie nennen, eben scharf unterscheiden muß von dem Ge- 
meinschaftsgebilde, das wir heute Staat nennen. Gewiß, darin 
pflichte ich v. B. bei, dieser Übergang der öffentlichen Gerichts- 
bezirke genügt nicht, um von einer Staatlosigkeit der mittel- 
alterlichen Verfassung zu sprechen. Wenn v. B. hier das Ergebnis 
der noch in Aussicht stehenden Untersuchung über den Ursprung 
der landesherrlichen Gewalt vorausnehmend zu dem richtigen 
Schlüsse gelangt: „sie bildet sich durch den Erwerb und die 
Verselbständigung öffentlicher Gerichtsbezirke", so bietet er uns t/ 
einen Fingerzeig zur Lösung des schwierigen Problems. In der 
Zeit bis zur Ausbildung der Landeshoheit, als dem Reiche die 
Gerichte verloren gingen, als eine neue Staatsgewalt sich noch 
nicht entwickelt hatte, da war eben der Staatscharakter durch 
das Aufkommen der Privatherrschaften derart erschüttert, daß 
man in dieser Periode den Staat anders charakterisieren muß 
als in andern Perioden. Man kann also nur differenzieren und 
nicht für alle Epochen des Mittelalters den gleichen festen Charak- 
ter des Staates als vorhanden annehmen. 

Denn die Veräußerlichkeit von Hoheitsrechten in den For- 
men des Immobilienverkehrs erweckt doch, wie der Verfasser 
zugibt, den Anschein, daß der Staat nach Analogie des Grund- 



388 Literaturbericht. 



r Hpr i 



eigentums behandelt wurde. Freilich gibt der Verfasser der 
Meinung Ausdruck, daß der staatliche Charakter an den ver- 
äußerten Rechten haften geblieben sei. Es hat etwas Bestechen- 
des, wenn der Verfasser ausführt, daß der veräußerte öffentliche 
Gerichtsbezirk demjenigen, der ihn erhielt, eine staatliche Stel- 
lung, eine Standeserhöhung verliehen habe. Ich vermag aber 
nicht zuzugeben, daß der Erwerber eines öffentlichen Gerichts- 
bezirks dem Reiche gegenüber nicht mehr als Privater in Betracht 
komme. Denn wenn auch, wie mit v. B. anzunehmen ist, in dem 
Besitz öffentlicher Gerichtsbezirke der Ausgangspunkt für die 
Entwicklung der landesherrlichen Gewalt gelegen, so war der 
Erwerber eines öffentlichen Gerichtsbezirks doch nicht nur in 
dem Augenblicke des Verlustes durch das Reich diesem gegen- 
über Privater, denn die Entstehung der Landeshoheit schloß 
sich nicht unmittelbar an diesen Verlust an. Und für den ganzen 
Zeitraum bis zu dieser Entstehung der landesherrlichen Gewalt 
läßt sich nicht behaupten, daß ein Hoheitsrecht vom Reich auf 
einen andern Träger öffentlicher Rechte übergegangen sei. 

Als Faktoren, durch die öffentliche Rechte dem Reiche 
entzogen werden, führt der Verfasser an Lehenswesen, Immunität 
und Einung. 

Die Grafenämter verlieren durch das Lehenswesen ihren 
Amtscharakter, sie werden erbliche Lehen. Seit dem 13. Jahr- 
hundert wird die Verleihung von Hoheitsrechten durch die Ver- 
pfändung ersetzt. Der Verfasser will aber den durch Belehnung 
oder Verpfändung gewonnenen Besitz nicht als einen „patri- 
monialen", jedenfalls nicht im Hallerschen Sinne bezeichnen. 
Sollte es sich hier nicht nur um einen Wortstreit handeln? Ich 
neige dem Standpunkte v. Amiras zu (a. a. 0. 164), dem ein 
nur durch Lehensvertrag begründetes Besitzrecht an Staats- 
hoheitsrechten als patrimonial erscheint. 

Neben dem Lehenswesen hat die Immunität dem Reiche 
viele Gerichtsbezirke und dadurch Untertanen entzogen. Auch 
die Immunität trat vielfach in der Weise mit dem Lehenswesen 
in Verbindung, daß der Vogt sein Vogtamt zum Lehen machte. 

Als ein dritter Faktor, der dem Reiche öffentliche Gerichts- 
bezirke entzog, kommt das Einigungswesen in Betracht, v. B. 
polemisiert gegen die Auffassung Gierkes, der das Feudalsystem 
durch die freie Einung brechen läßt. Diese Einungen (Gilden, 



Deutsche Verfassungsgeschichte. 389 

Zünfte, Ritterbünde usw.), die nach Gierke den Feudalismus 
zerstören, betrachtet v. B. als ein wesentliches Stück des Feudal- 
staates. Mich haben die interessanten Darlegungen des Ver- 
fassers nicht von der Unrichtigkeit der Gierkeschen Auffassung 
überzeugen können. 

Wenn v. B. anerkennt, daß Herrschaftsrechte und freie 
Einung an sich Gegensätze sind, so ist es m. E. nur ein anderer 
Sinn, den v. B. dem Wort „Feudalstaat" unterlegt, der ihn zu 
einer Ablehnung der Gierkeschen Auffassung bringt, v. B. schreibt 
(262): „Aber zum größten Teil fällt das, was in der Form der 
freien Einung erstrebt und erreicht ist, fällt namentlich auch 
diese Form selbst doch in den Bereich derjenigen historischen 
Erscheinungen, die wir als Feudalismus zusammenfassen." Wird 
hier „Feudalismus" nicht im Sinne von Mittelalter gebraucht? 
(S. 271 gebraucht der Verfasser die beiden Worte als identisch.) 

Denn zwischen den Bildungen, die auf dem Herrschafts- 
prinzip aufgebaut sind und jenen, für die der Freiheitsgedanke 
den bestimmenden Ausgangspunkt bildet, ist doch eine scharfe 
Grenzlinie zu ziehen. 

Wenn der Verfasser von der Zunft, für Gierke das klassische 
Beispiel der Einung, betont, sie habe danach gestrebt, ihre Mit- 
glieder möglichst nach allen Seiten hin in ihren Kreis zu ziehen, 
von andern Schranken und Verbänden zu lösen und wenn er 
darin einen allgemeinen Zug des Feudalismus erkennt, so ist darauf 
zu entgegnen : Si duo faciunt idem, non est idem. Es bleibt doch ein 
bedeutsamer Unterschied, ob eine freie Genossenschaft oder ob 
der Grundherr gegenüber dem ihn umgebenden staatlichen Ver- 
band so handelt. Die Wirkung ist nicht einmal negativ die gleiche. 
Denn die Gegenstände der Zunftgerichtsbarkeit, z. B. erlangen 
überhaupt erst infolge der Errichtung der Zunft eine Bedeutung, 
während positiv die Zunft in. den Organismus der Stadt einge- 
gliedert wird. Der Grundherr dagegen mit seinen öffentlichen 
Befugnissen, wie Patrimonialgerichtsbarkeit, gutsherrliche Polizei, 
ragt als ein Fremdkörper in das Gebäude des Staates hinein. 
In den italienischen Städten handelt es sich allerdings bei den 
Streitigkeiten um die Zunftgerichtsbarkeit um einen einfachen 
Kampf um die Macht (vgl. R. Schmidt, Die Richtervereine, 
1911, S. 16 ff., 18). Für Deutschland nimmt v. B. selbst einen 
gleichen Machtkampf nicht an. Auch die Umgestaltung der Stadt- 



390 Literaturbericht. 






Verfassung nach dem Siege der Handwerker über die Patrizier 
fasse ich anders auf. Ich erblicke in dieser nicht eine Aufsaugung 
der öffentlich-rechtlichen Verhältnisse durch die Zünfte, sondern 
nur eine Reform der Stadtverfassung, eine neue Form, in der 
den Zünftlern eine ihrer durch den Ausgang der Kämpfe fest- 
gestellten Macht entsprechende Beteiligung am Stadtregiment 
eingeräumt wird. Und dort, wo die Stadt jetzt nicht mehr in 
Stadtviertel, sondern in Zünfte zerfiel, kann man wohl nicht da- 
von sprechen, daß die Einung den öffentlich-rechtlichen Verband 
geradezu konsumiert habe. Die Zunft selbst ist aber öffentlich- 
rechtlicher Verband. Sodann wird die Zunft, indem Nichthand- 
werker in die Zunft eintreten müssen, zu einem Glied der städti- 
schen Organisation. Auch die vom Verfasser angeführte Bön- 
hasenjagd dürfte doch nur als eine Übertragung stadtobrigkeit- 
licher Befugnisse zu betrachten sein. 

Da der Verfasser die Würdigung der Bedeutung des Städte- 
wesens späterer Erörterung vorbehält, verweist er auch auf 
eine dann folgende Erörterung der Mittel und Wege, durch die 
die Städte an der Überwindung des Feudalismus gearbeitet 
haben. Nach einer Schilderung der Städtebündnisse, der bundes- 
herrlichen Bündnisse und der Einungen der Ritter kommt v. B. 
zu dem Ergebnisse, daß Gierke die Verbreitung der mittelalter- 
lichen Einungen überschätzt habe. 

Eine Reihe feinsinniger Bemerkungen finden wir besonders 
in den Darlegungen über die Feudalverfassung (Ungleichheit 
der Rechte und Pflichten der Untertanen im Zusammenhang 
mit der Veräußerung staatlicher Rechte, über die ständische 
Teilung des wirtschaftlichen Daseins usf.). 

Die Bekämpfung der Auffassung von der Ungeschiedenheit, 
der Vermischung des öffentlichen und des privaten Rechts im 
Mittelalter, als deren Hauptvertreter der Verfasser Gierke anführt, 
erscheint mir nicht überzeugend. Da er auf die noch ausstehende 
Darstellung der Territorialverfassung verweist, dürfte sich dann 
Gelegenheit zu einer eingehenden Erörterung finden. Hier 
möchte ich nur bemerken, daß doch wohl nicht allgemein der 
Erwerb eines öffentlichen Gerichtsbezirks eine Standeserhöhung 
nach sich zog, die Hauptsache ist, daß Hoheitsrechte in den 
Privatrechtsverkehr gekommen und daß Hoheitsrechte gleich 
wie andere Rechtsobjekte unterschiedslos veräußert wurden. 



Deutsche Verfassungsgeschichte. 391 

v. B. sagt (292): „Nirgends ist die Vorstellung erloschen, daß 
das Amt um der staatlichen Zwecke da sei. Diese Vorstellung 
wird nur umrahmt von privatrechtlichen Ranken." Das ist doch 
nur ein anderer Ausdruck für die Vermischung öffentlicher und 
privater Rechte. Denn es kommt eben auf die Art und die Dich- 
tigkeit der Umrahmung an. So dürfte unsere Meinungsver- 
schiedenheit gar keine grundsätzliche sein, wie ja v. B. (297) 
auch von einer mittelalterlichen Vermischung öffentlicher und 
privater Rechte spricht. Auch darin ist v. B. beizupflichten, 
daß der alte Staat sein Dasein keineswegs mit der Veräußerung 
von öffentlichen Rechten beginne. Wenn der Verfasser betont, 
daß erst die Not der politischen Verhältnisse den Staat gezwungen 
habe, manches und nur nach und nach abzugeben, was er an 
sich gerne behalten hätte, so wird nur versucht, eine Erklärung 
für die Veräußerung öffentlicher Rechte zu geben. Das Miß-j 
geschick, zu Veräußerungen schreiten zu müssen, hat, wie der 
Verfasser meint, die Folge gehabt, daß die amtsrechtliche An- 
schauung vielfach von privatrechtlichen Vorstellungen über- 
wuchert wird. 

Gegen Gierkes Auffassung, daß das mittelalterliche Privat- 
recht durch öffentlich-rechtliche Beziehungen gebunden blieb, 
wendet v. B. (293) ein, daß eine soziale Bindung des Eigentums 
in erster Linie doch nur im Interesse der Familie und der Mark- 
genossenschaft vorhanden war, dies aber nicht sowohl eine Bin- 
dung im Interesse der Allgemeinheit, als vielmehr eines engeren 
Kreises gewesen sei. Bezüglich der Familie mag der Einwand 
zutreffen, keinesfalls aber bezüglich der Markgenossenschaft, 
denn das war eine Bindung im Interesse der Allgemeinheit. 

Daß die Vorstellung vom Amt auch bei dem veräußerten 
Amt haften geblieben, wie der Verfasser meint, kann ich in dieser 
Allgemeinheit nicht zugeben. Übrigens betont der Verfasser 
selbst (294) diesen Gedanken einschränkend, man könnte unter 
Hinweis darauf, daß das Amt in andere Hand komme und von 
dieser als nutzbares Recht gewertet werde, den wahren Amts- 
begriff als verdunkelt ansehen. 

Die Charakterisierung des mittelalterlichen Amtes und der 
mittelalterlichen Beamten durch den Verfasser ist zu sehr beherrscht 
von der einseitigen Überschätzung der Vortrefflichkeit mittel- 
alterlicher Einrichtungen. Für seine Auffassung, „daß das Be- 



\J 



392 Literaturbericht. 






' 



wußtsein von der verpflichtenden Natur des Amts im Mittel 
alter im wesentlichen ebenso bestanden hat wie heute", wird e 
wohl nicht viele Anhänger gewinnen. 

Bei einer Untersuchung der allgemeinen Motive des Er- 
werbs öffentlicher Rechte glaubt der Verfasser, daß nicht bloß 
die Nutzbarkeit als Motiv wirksam gewesen sei. Im wesent- 
lichen dürfte aber doch in dieser Nutzbarkeit das Haupt- 
motiv zu erblicken sein. Mir scheint, daß v. Amiras (155) 
Formulierung: „An Gerichts-, Heer- und Finanzgewalten ent- 
stehen wegen ihrer Nutzbarkeit erbliche Privatrechte des 
geistlichen und weltlichen Adels" das Richtige trifft. Indem 
v. B. wiederholt das Wesen des Feudalismus überwiegend in der 
Veräußerung von Hoheitsrechten erblickt, betont er den Gegen- 
satz zur Auffassung Hallers von der patrimonialen Natur der 
alten Verfassung. Verstehe man unter patrimonialen Rechten 
solche (312), die am Grundbesitz haften, so seien die Patrimonial- \ 
gerichtsbarkeit, die grundherrliche Polizeigewalt und das Eigen- 
kirchenrecht die einzigen Beispiele einer patrimonialen Ver- 
fassung. Scharf hebt v. B. hervor, „wenigstens soweit die Reichs- 
verfassung in Frage kommt". Und in dieser Beschränkung 
halte ich die Auffassung v. B.s für zutreffend. Er kann hier mit 
Recht auf seine Erörterungen über königliche Gewalt, Reichs- 
verband und seine Bezirke, insbesondere die Gerichtsbezirke, 
verweisen. Er bestreitet nicht die tatsächliche Bedeutung des 
Grundbesitzes, lehnt es aber ab, in ihm die Grundlage der Ver- 
fassung zu sehen. 

Wenn der Verfasser Gierkes Meinung bekämpft, daß mit 
der Entwicklung der Staatsidee die Scheidung öffentlicher und 
privater Rechte am Boden ermöglicht war, mit dem Hinweis, 
daß eine Vermischung öffentlicher und privater Rechte am 
Boden nie schlechthin vorhanden und die Existenz einer Staats- 
idee schon für die frühe deutsche Geschichte wahrzunehmen sei, 
so kann ich mich diesem Widerspruch nicht anschließen. Man 
kann von einer Staatsidee wohl in der Karolingischen Zeit, nicht 
aber in allen folgenden Epochen des Mittelalters sprechen. 
Für ebenso unzutreffend wie Hallers Leugnung eines jeden 
öffentlichen Rechts hält v. B. auch die feinere Form der These, 
daß die öffentliche Gewalt aus einem „Büschel von Hoheits- 
rechten in der Hand des Fürsten bestand" (Fleiner). v. B. hebt 



Deutsche Verfassungsgeschichte. 393 

selbst hervor, daß man wohl nur die aufkommende Landeshoheit 
im Auge gehabt, wenn man die Staatsgewalt in einzelne Teile 
von Hoheitsrechten aufgelöst sein läßt. Für diese läßt sich doch 
wohl nicht bestreiten, daß sie allmählich aus einzelnen Rechten 
zusammengewachsen, auf verschiedenen Rechtstiteln beruhte 
und erst nach und nach zu einer einheitlichen Staatsgewalt ge- 
worden ist. „Der Komplex ihrer (der Landesherrlichkeit) herzog- 
lichen, gräflichen, lehensherrlichen Immunitäts-, grund- oder 
dienstherrlichen und vogteilichen Rechte und der auf sie über- 
gegangenen königlichen Regalien bildete sich zum allgemeinen 
Begriff der Staatsgewalt aus" Brunner (Grundz. d. d. RGesch. 

4. Aufl., S. 132) und R. Schröder (Lehrb. d. d. RGesch., 5. Aufl., 

5. 601) hat wohl keine andere Auffassung, wenn er bei Schil- 
derung der Entwicklung der Landeshoheit sagt: „Die Zahl der 
in den einzelnen Händen vereinigten Rechte war sehr ungleich- 
artig." Für das Reich nimmt v. B. das Wesen einer allgemeinen 
Staatsgewalt von Anfang als vorhanden an mit dem Hinweise, 
daß der König von jeher als solcher Dingpflicht, landrechtlichen 
Heeresdienst und Polizeidienst von den Untertanen gefordert 
habe. Hier wird aber m. E. die historische Entwicklung nicht 
genügend beachtet. Was für das Reich Karls d. Gr. galt, war 
für die deutschen Könige im späteren Mittelalter nicht in An- 
spruch genommen worden. 

Als Hauptergebnis stellt der Verfasser (319) fest, daß die- 
jenigen Momente der alten Verfassung, die man tatsächlich als 
patrimonial ansprechen könnte, doch viel zu gering seien, um die 
Bezeichnung des mittelalterlichen Staates als eines Patrimonial- 
staates zu rechtfertigen. Ebenso wird die Bezeichnung des mittel- 
alterlichen Reichs als Lehenstaat abgelehnt, dagegen Feudal- 
staat als angemessener terminus vorgeschlagen. 

Nach einer Charakterisierung des mittelalterlichen Reichs 
als einer besonderen Kategorie des Bundesstaates werden im 
letzten Abschnitt die Ursachen des Feudalismus in anregender 
Gedankenentwicklung erörtert. Bei aller Anerkennung der 
Wechselwirkung von Wirtschaft und Recht wird treffend gegen 
eine Erklärung der deutschen Verfassung lediglich aus den wirt- 
schaftlichen Verhältnissen Stellung genommen, insbesondere gegen 
die oben schon erwähnte Auffassung, daß bestimmte wirtschaftliche 
Zustände zu einer bestimmten Gestaltung der Verfassung führen 






Literaturbericht. 

müssen. So darf der Feudalstaat nicht als ein bei allen Völkern 
unter gegebenen wirtschaftlichen Verhältnissen vorkommende Ver- 
fassungsform betrachtet werden. Auch die These vom germani- 
schen Ursprung der Feudalverfassung wird abgelehnt. Die Selb- 
ständigkeit der lokalen Gewalten wird mit der weiten Ausdehnung 
des Reichs in Zusammenhang gebracht und richtig der Einfluß 
der an maßgebender Stelle stehenden Persönlichkeit auf die 
staatliche Entwicklung geschildert und von den letzten Karo- 
lingern die als Feudalstaat bezeichnete Verfassung datiert. 

Die Erörterung über die Dynastien und die Persönlichkeit 
des Herrschers führt den Verfasser zu einer sehr ansprechenden, 
eindringlichen Schilderung der durch die Verbindung des deut- 
schen Königtums mit Italien und dem Papsttum geschaffenen 
politischen Verhältnisse. In der Verurteilung dieser universa- 
listischen Kaiserpolitik nimmt er in der berühmten Kontroverse 
als Anhänger H. v. Sybels gegen Ficker Stellung, auch hier 
selbständig alle Momente kritisch prüfend. 

Zu einem abschließenden Urteile über v. B.s Werk wird man 
erst nach Erscheinen des 2. Bandes gelangen können. Aber 
schon heute kann man trotz starker Bedenken im einzelnen den 
vorliegenden 1. Band als eine sehr wertvolle Bereicherung der 
Kenntnis der deutsch-mittelalterlichen Verfassungsgeschichte an- 
erkennen. Wenn ein so scharfsinniger und kenntnisreicher 
Historiker wie Georg v. Below, dem unsere Wissenschaft so 
viele bahnbrechende Leistungen dankt, die Summe seiner Einzel- 
untersuchungen ziehend, zu einer Gesamtdarstellung schreitet, 
wird auch für diejenigen, die mit einzelnen und auch wichtigen 
Ausführungen nicht übereinstimmen, eine solche Fülle von An- 
regung geboten, daß man mit Spannung der Vollendung des 
Werkes entgegensieht. 

Jena. Eduard Rosenthal. 



Oberschwäbische Stadtrechte. I. Die älteren Stadtrechte von 
Leutkirch und Isny. Bearbeitet von Dr. Karl Otto Müller. 
(Württembergische Geschichtsquellen, herausgegeben von 
der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte. 
18. Bd.) Stuttgart, W. Kohlhammer. 1914. VIII u. 317 S. 

Mit der Stadtrechtsforschung hatte eine Zeitlang die Stadt- 
rechtsedition nicht gleichen Schritt gehalten. Dafür nahmen aber 




Deutsche Landschaften. 395 

um die Jahrhundertswende zwei großangelegte Unternehmen 
ihren Anfang: die badische historische Kommission begann mit 
der Herausgabe der oberrheinischen, die historische Kommission 
der Provinz Westfalen mit der Herausgabe der westfälischen 
Stadtrechte. 

Nunmehr tritt auch die württembergische Kommission für 
Landesgeschichte mit der Veröffentlichung der oberschwäbischen 
Stadtrechte auf den Plan, nachdem sie bereits 1905 eine ein- 
zelne Quelle dieser Art, das Rote Buch von Ulm, herausgegeben 
hatte (Württembergische Geschichtsquellen Bd. 8). Das Unter- 
nehmen ist freilich nur auf zwei Bände berechnet, da nur eine 
geringe Zahl jener Quellen aus der Zeit vor 1500 überliefert ist: 
dem vorliegenden Bande mit den Rechten von Leutkirch und 
Isny (von denen das zweite durch einzelne veröffentlichte Aus- 
züge, das erste nicht einmal teilweise bekannt geworden war) 
soll ein Band mit Ravensburger Quellen folgen. Die Verluste 
sind recht bedauerlich. Die Hoffnung Müllers (S. V), daß die 
Publikation der Ulmer, Leutkircher, Isnyer und Ravensburger 
Rechte „ein hinreichendes Bild der Rechtsentwicklung in Ober- 
schwaben in der Zeit vom 13. — 15. Jahrhundert geben" wird, 
ist trügerisch. Denn es handelt sich in ihnen ja lediglich um 
das Recht von vier Städten, und von den Rechtsaufzeichnungen 
sind jedenfalls die Leutkircher und Isnyer ziemlich kümmerliche 
Leistungen, indem sie für das Privat- und das Prozeßrecht nur 
sehr wenig bieten, im übrigen allerdings durchaus der Edition 
wert sind. Vielleicht lassen sich von den zahllosen Lücken manche 
aus Urkundenmaterial ergänzen. 

Einigermaßen entschädigt für das Fehlende werden wir da- 
durch, daß wir in dem vorliegenden Werke eine ausgezeichnete 
Edition zweier Stadtrechte erhalten haben, der hoffentlich die 
erwähnte noch ausstehende gleichkommen wird. 

Das Werk zerfällt nach einer Einleitung (S. lf.) in zwei 
streng voneinander getrennte Teile: „Das ältere Recht der Reichs- 
stadt Leutkirch" (S. 3—128), „Das ältere Recht der Reichsstadt 
Isny" (S. 129—285). Den Texten sind „Vorbemerkungen" voran- 
geschickt, in denen die Beziehungen beider Rechte zu ihrer 
Mutterrechtsstadt Lindau besprochen und sodann die Hand- 
schriften mit mustergültiger Genauigkeit beschrieben werden. 



396 



Literaturbericht. 



Das Leutkircher Recht ist in zwei, das Isnyer in einer Hand- 
schrift überliefert. Von den Leutkircher Handschriften enthält 
die ältere das wohl 1382 abgefaßte Stadtrecht mit nicht wenigen 
zerstreuten Nachträgen, die bis 1406 reichen, die jüngere eine 
höchstwahrscheinlich 1403 niedergeschriebene Neuredaktion mit 
Nachträgen bis 1508. Zur Edition ist jene gelangt; die Varianten 
und die neuen Artikel dieser sind jedoch aufgenommen. Die 
Isnyer Handschrift hat einen wesentlich anderen Charakter; sie 
ist ein Stadtbuch, das zur fortlaufenden Eintragung der erlas- 
senen Satzungen, daneben aber auch zur Aufzeichnung über 
Akte der städtischen Verwaltung und über begangene Verbrechen 
diente — sie umfaßt die Zeit von 1396 — 1490. 

Die Textgestaltung ist (bis auf einen nachher zu rügenden 
Mangel) sehr zweckmäßig. Die beiden Handschriften sind voll- 
ständig abgedruckt — mit Einschluß der Isnyer Eintragungen, 
die keine Statuten enthalten. Die Reihenfolge, in der die Ein- 
tragungen in den Handschriften stehen, ist streng gewahrt — 
trotz der oft vorkommenden Durchbrechung der zeitlichen Ord- 
nung. Auf Kenntlichmachung des Wechsels der Hände und der 
Nachträge sowie auf möglichst genaue Bestimmung der Zeit 
der Niederschrift der einzelnen Artikel ist Wert gelegt worden. 
Offensichtlich war M. bestrebt, ein tunlichst getreues Bild der 
Handschriften zu bieten, und in dieser Hinsicht könnte sich ihn 
mancher Editor zum Muster nehmen. 

Mit der Art, wie die Varianten der jüngeren Leutkircher 
Handschrift wiedergegeben sind, vermag ich mich jedoch nicht 
einverstanden zu erklären. Sie werden unter dem Text eines 
jeden Artikels ohne jegliches Verweisungszeichen (Notenziffer, 
Zeilenziffer) mitgeteilt. Da die Artikel nicht selten recht um- 
fangreich sind, ist das Studium der Varianten, dem man sich ja 
nicht entziehen darf, eine wenig angenehme und unnötig zeit- 
raubende Arbeit; dazu sind Zweifel, wohin eine Variante gehört, 
nicht ausgeschlossen. Ich glaube, im Sinne vieler zu handeln, 
wenn ich gegen ein derartiges Editionsverfahren mit allem Nach- 
druck protestiere. 

Vollkommen zu billigen ist, daß M. von der Anführung ähn- 
licher Stellen anderer Stadtrechte Abstand genommen hat („die 
Aufsuchung solcher Stellen ist Sache des Benutzers, nicht des 
Herausgebers", S. VI), und daß er sich auf eine Betrachtung 



! 



Deutsche Landschaften. 397 

oder auch nur Skizzierung des Inhaltes der beiden Rechte nicht 
eingelassen hat — allerdings hätte der Charakter der Isnyer 
Handschrift besser, als es geschehen ist (S. 132 f.), präzisiert wer- 
den sollen. 

Dem Brauche folgend hat M. ein Orts- und Personenregister, 
ein Sachregister und ein Glossar (alle drei gemeinschaftlich zu 
beiden Rechten) beigefügt. Was solche „Sachregister" angeht, 
so können sie nie vollständig sein; sie haben immer ein mehr 
oder minder subjektives Gepräge (ich z. B. hätte in das vor- 
liegende Register manche weiteren Wörter aufgenommen). Ein 
Vorwurf soll M. daraus nicht gemacht werden. Welchen Zweck 
haben eigentlich solche „Sachregister"? Doch wohl nur den, 
dem flüchtigen Arbeiter die gelegentliche Heranziehung der 
Quelle zu erleichtern. Der sorgsame Forscher kann nicht umhin, 
die ganze Quelle von Anfang bis zu Ende zu studieren, und so 
häufig geschieht es, daß das, was für ihn gerade am wertvollsten 
ist, in dem Register nicht auftritt. Flüchtige Arbeit bringt uns 
nicht weiter. Könnten sich also nicht die Herausgeber von Quellen 
die Mühe sparen, Sachregister zusammenzustellen, um nicht zur 
Förderung des Dilettantismus beizutragen? 

Halle a. d. S. Paul Rehme. 

Alt-Regensburgs Gerichtsverfassung, Strafverfahren und Straf- 
recht bis zur Carolina. Nach urkundlichen Quellen dar- 
gestellt von Dr. Hermann Knapp. Berlin, J. Guttentag. 
1914. VIII u. 275 S. 

Das Werk zerfällt in drei Hauptteile. In dem ersten werden 
— getrennt voneinander — „Stadt- und Gerichtsverfassung" be- 
handelt (S. 5 — 74, nicht nur, wie es in dem Titel heißt, die Ge- 
richtsverfassung), in dem zweiten „das Strafverfahren" (S. 75 bis 
130), in dem dritten „das Strafrecht" (S. 131 — 268; gemeint ist 
•das materielle Strafrecht). Besser wäre das materielle Strafrecht 
dem Strafprozeßrechte vorangestellt worden. 

Nach Umfang und Inhalt liegt der Schwerpunkt des Werkes 
in dem dritten Hauptteile. Das materielle Strafrecht ist bisher 
in der Literatur von allen Zweigen des mittelalterlichen deut- 
schen Rechtes am seltensten behandelt worden. Will man zur 
weiteren Aufhellung desselben beitragen, so wird man gut tun, 
wie hinsichtlich der anderen Rechtszweige zu verfahren, d. h. 

Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 26 



398 Literaturbericht. 






zunächst eine größere Zahl von Partikularrechten zu unter- 
suchen, und auch hier wird man der Urkundenforschung nicht 
entraten können. So war es ein guter Gedanke des Verfassers, 
der sich auf diesem Gebiete bereits betätigt hatte, sein Augen- 
merk auf Regensburg zu richten, für das sich ihm reiches un- 
gedrucktes Urkundenmaterial darbot. Leider ist von Durchdrin- 
gung und wahrhaft wissenschaftlicher Verarbeitung des Stoffes 
nichts zu merken. Im Grunde liegt nichts anderes als eine einiger- 
maßen übersichtliche Zusammenstellung von Notizen vor. 

Noch weniger geglückt sind der erste und der zweite Haupt- 
teil: von der Verfassung und dem Strafverfahren gewinnt man 
überhaupt kein klares Bild. 

Behandelt man das Recht einer einzelnen Stadt, so hat 
man dasselbe dem weiten Rahmen des deutschen Rechtes schlecht- 
hin einzugliedern. Es ist dabei nicht nötig, fort und fort auf 
andere Partikularrechte bezugzunehmen; im allgemeinen wird 
die entsprechende Problemstellung genügen, zu der man freilich 
nur durch Studium der umfassenden Literatur zu gelangen ver- 
mag. Der Verfasser behandelt Regensburg, als ob „es ein völlig 
isoliertes Dasein geführt hätte. Zumal die jüngere stadtverfas- 
sungsgeschichtliche Literatur mit den vielen wichtigen neu 
aufgetauchten, der Beantwortung harrenden Fragen scheint im 
großen und ganzen spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. 

Wenn wir hinzufügen, daß die Form der Darstellung im 
höchsten Grade nachlässig ist, so kann das Urteil über das Werk 
im ganzen nur lauten: eine wenig erfreuliche Leistung. Von 
höherem Wert ist es nur im Hinblick auf die zahlreichen aus 
Archivalien mitgeteilten Einzelheiten, und insoweit ist es wohl- 
geeignet, späteren Arbeiten gute Dienste zu leisten. 

Halle a. d. S. Paul Rehme. 

Geschichte der realistischen Lehranstalten in Bayern. Von Dr.. 
Franz Zwerger, Professor in München. {Monumenta Ger- 
maniae paedagogica, begründet von Karl Kehrbach. Bd. 53.) 
Berlin, Weidmannsche Buchhandlung. 1914. XX u. 463 S. 

Ein auf gründlichen Archivstudien und vollständiger Be- 
herrschung der Literatur beruhendes Werk, das sich als will- 
kommene Ergänzung an das verdienstliche Buch von Lurz: 
Mittelschulgeschichtliche Dokumente Altbayerns, anreiht, mi 






Deutsche Landschaften. 399 

manchen bisher fortgepflanzten Irrtümern aufräumt und ein 
bedeutsames Kapitel des Unterrichtswesens historisch in helles 
Licht rückt. Gegenüber dem Titel weist die Darstellung zeit- 
lich und örtlich Beschränkungen auf. Daß sie schon beim Jahre 
1816 abbricht (eine gedrängte Übersicht über die weitere Ent- 
wicklung bis 1907 bietet die Einleitung), wird mit der allgemeinen 
Gepflogenheit des Kehrbachschen Sammelwerkes begründet, der 
Verfasser muß jedoch selbst anerkennen, daß damit gerade der 
wichtigste Teil seines Stoffes ausgefallen sei. Vielleicht, meint 
er, werde sich ihm an anderem Orte Gelegenheit bieten, darauf 
näher einzugehen, örtlich verzichtet die Darstellung auf die 
Hereinziehung der Realschulen in der Rheinpfalz, da deren Ge- 
schichte schon von Reissinger im 47. und 49. Bande des Sammel- 
werkes behandelt wurde. Das Schulwesen anderer neubayerischer 
Gebiete, von Nürnberg, Augsburg, Bamberg wird im Anhang 
(8. Abschnitt) besprochen, das würzburgische nur in einer An- 
merkung S. 194f. in bezug auf den Anteil der drei letzten Fürst- 
bischöfe an der Förderung der Volksbildung im allgemeinen ge- 
streift. Mit Recht sucht der Verfasser seine Aufgabe nicht in 
eingehenden Anstaltsgeschichten, sondern in Heraushebung der 
Hauptmomente der Entwicklung. In den Noten sind mehrfach 
dankenswerte biographische Skizzen von Männern beigegeben, 
die für die Pädagogik und die Entwicklung des Realschulwesens 
in Bayern wichtig sind. Unter diesen Männern verdiente auch 
der Bauernsohn Simon Rottmanner (1740 — 1813) genannt zu 
werden, der auf die Errichtung einer Forstakademie drang und 
Mathematik, Physik, Botanik, Zoologie, Chemie als unentbehrliche 
Grundlagen für den forstlichen Unterricht bezeichnete. Durch 
die Münchener Rektoratsrede von Max Endres von 1908 ist 
dieser verdiente erste bayerische Forstschriftsteller der drohenden 
Vergessenheit entrissen worden. 

Ein Verzeichnis von Lehrbüchern trägt zur Vervollständi- 
gung des schulgeschichtlichen Bildes bei. Mit Interesse verfolgt 
man des Verfassers Beobachtung, daß zwischen dem Süden und 
Norden Deutschlands doch schon eher, als bisher meist angenom- 
men wurde, eine gewisse geistige Gemeinschaft und Zusammen- 
gehörigkeit sich anbahnte. Durch den Tegernseer Benediktiner, 
dann Geistlichen Rat und Schulkommissär Heinrich Braun, der 
mit den Schuleinrichtungen von ganz Deutschland und der 

26* 



400 Literaturbericht. 

Schweiz vertraut war, eingeleitet, wurde sie durch die Aufklärer, 
mehrfach aber auch durch Klöster und Weltklerus gefördert. 
Das Hauptverdienst an der Einführung sog. norddeutscher Lehr- 
bücher aber gebührt dem Oberstudienrat Joseph Wismayr, ge- 
boren in Freising 1767, dessen Lehrplan von 1804 sich übrigens 
als unhaltbar erwies. Als Mittelpunkt der realistischen Bestre- 
bungen in Bayern erscheint die junge Akademie der Wissen- 
schaften, als ihre rührigsten und einflußreichsten Vorkämpfer 
dürfen Ickstatt und Heinrich Braun gerühmt werden. Während 
Ickstatts Lehrplan 1774 von der Schulkommission aus rein sach- 
lichen Erwägungen abgelehnt wurde, setzte sich der Lehrplan 
Heinrich Brauns durch, der nun sein eifriges Wirken für Er- 
richtung von Realschulen mit Erfolg gekrönt sah. Ickstatt ur- 
teilte nach einer Prüfung neidlos: wenn man mit dem Unter- 
richt so fortfahre, werde Bayern binnen zwanzig Jahren in neuer 
Gestalt erstehen. Der Ingolstädter Gymnasialprofessor Neu- 
hauser wies auf Klopstock, Hagedorn, Geliert und andere Nord- 
deutsche als „Zierden Deutschlands, die uns zeigten, welch einer 
Majestät, Feinheit, Zierlichkeit unsere vaterländische Sprache 
fähig sei." Unter dem Ministerium Montgelas machte sich der 
Minister Graf Topor-Morowitzky trotz seiner polnischen Ab- 
stammung verdient durch das große Gewicht, das er gerade auf 
die Pflege der deutschen Sprache in den Schulen legte. 1807 
wurde der württembergische Pfarrerssohn Friedrich Immanuel 
Niethammer, um den sich in Jena Schiller und Goethe angenom- 
men hatten, als Zentralschulrat nach München berufen. Er hat 
durch seine Zweiteilung des höheren Unterrichts bei gemeinsamer 
Unterstufe den bayerischen Mittelschulen den Stempel seines 
Geistes aufgeprägt. Am 3. November 1808 wurde sein „Norma- 
tiv" eingeführt, ein Lehrplan, in dem man große Ähnlichkeit mit 
der modernen Reformschule gefunden hat. Unter entsprechender 
Beachtung des Realschulprinzips war darin eine Art Mittelstel- 
lung zwischen Humanismus und Realismus angebahnt. Die viel- 
besprochenen Angriffe gegen die berufenen Norddeutschen und 
Protestanten wirkten auch auf die Schuleinrichtungen. Als das 
Werk eines Berufenen wie aus inneren Gründen bildete das 
„Normativ" einen Hauptangriffspunkt für die nativistisch-kon- 
fessionelle Opposition. Auch Westenrieder bekämpfte den Ver- 
such, die positive Religion „durch nordische Surrogate wie die 



Deutsche Landschaften. 401 

Moral" zu ersetzen. Auf die größte Schwierigkeit stießen die 
neugegründeten realistischen Lehranstalten in der ungünstigen 
Finanzlage des Staates. So kam es schon am 24. August 1816 
zur Auflösung der Realanstalten. Die kümmerlichen „höheren 
Bürgerschulen", die an ihre Stelle traten, konnten keinen Ersatz 
gewähren. Die beiden letzten Abschnitte des trefflichen Werkes 
handeln von der Münchener Feiertagsschule, von dem Hervor- 
treten neuer Bildungswerte für Gewerbe und Kunst, von dem 
Klosterseminar Polling mit seinen zahlreichen technischen Bil- 
dungsmitteln, besonders einem physikalischen Kabinett, das 
dank der Tätigkeit Amorts zu den Merkwürdigkeiten des Landes 
gerechnet werden durfte, endlich von der in jüngster Zeit mehr- 
fach besprochenen Ritterakademie des Klosters Ettal, wo schon 
manche Vorboten eines realistischen Unterrichts erschienen, der 
einzigen Anstalt der Zeit, die einem ausgiebigen Unterricht in 
der Erdkunde das Wort redete. Den Schluß bildet ein sehr 
dankenswertes Orts-, Personen- und Sachregister. 

München. S. Riezler. 

Frankfurter Amtsurkunden. Herausgegeben und eingeleitet von 
Karl Bücher. Frankfurt a. M., J. Bär & Co. 1915. 73 u. 
458 S. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission 
der Stadt Frankfurt a. M. VI : Frankfurter Amts- und Zunft- 
urkunden. 2. Teil.) 

Das städtische Beamtentum im Mittelalter. Von Karl Bücher. 
Vorträge der Gehe-Stiftung zu Dresden, 7. Bd. 1915, Heft 1. 
Leipzig und Dresden, B. G. Teubner. 1915. 22 S. 

In Bd. 114, S. 163ff. habe ich die Edition der Frankfurter 
Zunfturkunden angezeigt, die den ersten Teil der vorliegenden 
Veröffentlichung bilden. Jetzt haben wir uns mit dem zweiten 
Teil zu beschäftigen. Wer bei dem Titel Amtsurkunden an den 
synonymen Gebrauch von Amt und Zunft denkt und Quellen zur 
Gewerbegeschichte, etwa einer besonderen Kategorie von Zünften, 
erwartet, der wird überrascht sein, hier eine wesentlich verfas- 
sungs- und verwaltungsgeschichtliche, nur zum Teil gewerbe- 
geschichtliche Publikation zu finden. Wir erhalten nämlich eine 
regelrechte Zusammenstellung von Urkunden und Aktenstücken 
über das gesamte Ämterwesen der Stadt. Wir wollen darum den 
Editionsplan und insbesondere auch die Vereinigung der Quellen 



402 Literaturbericht. 

der Zunftgeschichte mit denen der Ämterverfassung nicht tadeln. 
Denn wie den Zünften nicht die Anschauung fehlt, daß sie ein 
Amt im Dienst der Allgemeinheit verwalten, so reicht anderseits 
manches aus der Zunftverfassung auch in das eigentliche Ämter- 
wesen des Mittelalters hinein. Und es ist ferner ganz gewiß 
lohnend, einmal die gesamten Ämter einer Stadt mit allen ihren 
Kategorien und Abarten sich vorzuführen. Freilich entbehrt 
dieser Stoff der Einheitlichkeit. Wir erhalten in dem vorliegen- 
den Band Aufzeichnungen über das Schultheißenamt ebenso wie 
über die Unterkäufer und Weinschröter und rein privatrechtliche 
Verträge mit einzelnen Gewerbetreibenden. Man kann sich des 
Eindrucks nicht ganz erwehren, daß, wenn einmal wichtige ver- 
fassungsgeschichtliche Stücke aufgenommen wurden, die Konse- 
quenz verlangt hätte, wohl auch noch weiter zu gehen. Erhalten 
wir vieles über das Schultheißenamt und einiges über Ratsein- 
richtungen, so könnten wir uns auch einen vollständigen Kodex 
der Ratsverfassung wünschen. Wir wollen uns mit diesen An- 
deutungen über die Frage der sachlichen Vollständigkeit der 
Publikation B.s begnügen 1 ), aber noch die Frage aufwerfen, ob 
es richtig war, wesentlich nur Aktenstücke bis zum Jahr 1500 
aufzunehmen. Es ist schon oft hervorgehoben, wie die städte- 
geschichtlichen Quellen des 16. Jahrhunderts bei Anwendung der 
nötigen Vorsicht zur Rekonstruktion der Verhältnisse des Mittel- 
alters dienen können. Bei den Frankfurter „Zunfturkunden" ist 
man mit Recht stark über das Mittelalter hinausgegangen. 

Diese Bedenken mag man wohl gegen die allgemeine Anlage 
der Edition geltend machen. Im übrigen aber ist sie mit größtem 
Dank aufzunehmen, wegen des reichen Quellenstoffes wie wegen 
der Darstellung, die B. den abgedruckten Urkunden und Akten- 
stücken vorausschickt. Die Materien, für die uns die Quellen- 
stücke mitgeteilt werden, sind folgende: Reichsgericht (Schult- 
heißenamt), Oberste Stadtverwaltung (Bürgermeister-, Reit- 
meister-, Stadtschreiberamt usw.), Bauwesen, öffentliche Ge- 
sundheitspflege, Kriegswesen, Land- und Forstwirtschaft, städ- 



x ) Erinnert aber sei daran, daß wir nicht nur aus der vor- 
liegenden Edition uns über das Schultheißenamt unterrichten 
dürfen. Vgl. z. B. die Nachrichten des Frankfurter Urkunden- 
buchs. 



; 



Deutsche Landschaften. 403 

tische Gewerbebetriebe, Zöllner, Wächter und Pförtner, Unter- 
käufer, Messer, Wieger, Träger und Fuhrleute, Weinhandel und 
Weinschank, Markt- und Sicherheitspolizei, Verwaltung der 
Dörfer und Schlösser. Im allgemeinen stellen die eigentlichen 
Dienstbriefe das jüngere Material dar, während für eine voraus- 
gehende Zeit mehr allgemeine städtische Bestimmungen und 
Aufzeichnungen finanziellen Charakters die Quellen sind, die uns 
über die Ämterverhältnisse unterrichten. Die Unterkäufer lie- 
fern mit den ihnen verwandten Messern das stärkste Material, 
und gerade auch dieses ist sehr willkommen. Aus P. Rehmes 
kürzlich erschienener Geschichte des Handelsrechts mag man sich 
darüber unterrichten, welche bedeutsamen Probleme die Ge- 
schichte des mittelalterlichen Unterkäuferwesens bietet. An 
mehreren Stellen bedarf, wie schon angedeutet, das mitgeteilte 
Material der Ergänzung. Unter „öffentliche Gesundheitspflege" 
ist z. B. eine Dienstanweisung des Brotbesehers mitgeteilt 
(S. 126 f.). Natürlich haben wir hierzu den gesamten gewerbe- 
geschichtlichen Stoff über die Warenschau hinzuzunehmen. Im 
einzelnen erfährt man aus den abgedruckten Urkunden viel 
Bemerkenswertes. Ich notiere aus der Dienstanweisung der 
Stadtboten (S. 82 f.), daß ihnen eingeschärft wird, für Privat- 
personen nur mit besonderer Erlaubnis des Bürgermeisteramtes 
tätig zu sein. Aus der Fassung des Eidbuches B (S. 83 Anm. 1) 
sieht man, daß der Fall, daß ein Bote für Privatpersonen eine 
Botschaft übernahm, offenbar nicht selten war. So haben wir 
denn bei den Stadtboten schon die Erscheinung, die später bei 
der Taxisschen Post den Übergang von der Post im Dienst des 
Staates zur allgemeinen Post herbeiführte. 

Die einleitende Darstellung des Frankfurter Ämterwesens ist 
reich an fruchtbaren Beobachtungen und feinsinnigen Formulie- 
rungen. B. konstatiert auch nach seinem Material, daß die alte 
Stadt vor allem eine wehrhafte Stadt war (vgl. H. Z. 75, S. 429f.), 
und daß demgemäß von den einzelnen Zweigen der Verwaltung 
diejenigen am stärksten hervortreten, die zur Aufrechterhaltung 
der städtischen Machtstellung dienen (Einl. S. 29). Trefflich wird 
geschildert, wie der gesamte Warenverkehr vom Erscheinen des 
Verkäufers in der Stadt bis zum Eingang der Kaufgegenstände 
in die Wirtschaft des Erwerbers amtlicher Regelung unterworfen 
ist (S. 37). Namentlich aber verweilt die Einleitung bei dem 



404 Literaturbericht. 






Wesen und den Eigentümlichkeiten des Amtes der mittelalter- 
lichen Stadt und bei dem Besoldungswesen. Mit vollem Recht 
betont B., daß das mittelalterliche Amt dem privaten Vermögens- 
verkehr unterworfen ist. Doch geht er in der Schilderung der 
privaten Beziehungen desselben zu weit. Es trifft doch nicht zu, 
was er S. 38 sagt: „Immer tritt es den Zeitgenossen als selb- 
ständiges, dingliches Gebilde, nicht als ein Glied einer Gesamt- 
tätigkeit entgegen, die das Gemeinwesen zum Besten seiner An- 
gehörigen zu entfalten hat." Gerade die wertvollen hier mit- 
geteilten Aktenstücke lehren uns, daß das Mittelalter bemerkens- 
werte Unterscheidungen gemacht hat und die Verpflichtung 
gegenüber der Allgemeinheit keineswegs ignoriert. In Nr. 48 
(S. 97 f.) begegnet uns z. B. ein einfacher privatrechtlicher Ver- 
trag mit zwei Ziegelbrennern, in dem der Hinweis auf die Pflicht 
gegenüber der Allgemeinheit fehlt. Dagegen in Nr. 47 (S. 95 f.),. 
in der Dienstanweisung für den städtischen Bauknecht, finde ich 
es klar ausgesprochen, daß der Beamte eine allgemeine Ver- 
pflichtung gegenüber der Stadtgemeinde hat, daß das Amt sich 
eingliedert als ein Glied einer Gesamttätigkeit zum Besten der 
Angehörigen des Gemeinwesens (vgl. auch Nr. 50 S. 100 und 
mehrfach). Hiernach sind auch die Bemerkungen in der Ein- 
leitung S. 53 bei der Erwähnung der Ämterverpachtung einzu- 
schränken. 

Der Vortrag, den B. über „das städtische Beamtentum im 
Mittelalter" in der Gehe-Stiftung gehalten hat, ist keineswegs 
eine bloße Wiederholung dessen, was er in der Einleitung seiner 
großen Publikation gesagt hat. Vielmehr sind hier die einzelnen 
charakteristischen Züge des alten Beamtentums gleichmäßig zu 
einem zusammenfassenden Bild vereinigt. Allen, die sich von 
einem kundigen Führer über diese Dinge unterrichten lassen 
wollen, sei dieser Vortrag aufs beste empfohlen. Wir setzen ein 
hübsch formuliertes Urteil her (S. 15): „In der mittelalterlichen 
Stadtwirtschaft gehört das Beamtentum finanziell nicht auf die 
Passivseite, sondern unter die Aktiven. Es verursacht nicht nur 
keine Kosten, sondern bringt sogar noch etwas ein. . . . Der Be- 
amte ist von denen zu bezahlen, die seine Tätigkeit in Anspruch 
nehmen, und das Gemeinwesen hat nur dafür zu sorgen, daß er 
da sei und gegen bestimmten Entgelt dem, der ihn braucht, zu 
Diensten stehe." Freilich sind auch diese Sätze in mancher Hin- 



Deutsche Landschaften. 405 

sieht einzuschränken. Eine Einschränkung liegt z. B. in dem, 
was B. selbst (S. 18) schon erwähnt, daß die Stadt fast alle Be- 
amten jährlich einmal neu zu kleiden hatte. 

Mag man indessen an der Schilderung, die B. in der Ein- 
leitung zu seiner Edition und in seinem Vortrag gibt, einiges 
auszustellen haben, unter allen Umständen bleibt ihm das Ver- 
dienst, einen schönen Beitrag zur allgemeinen Geschichte des 
Beamtentums geliefert zu haben. 

Um noch auf die äußere Einrichtung der Edition zurück- 
zukommen, so wäre die Beisetzung von Paragraphen bei den 
längeren Aktenstücken (s. z. B. Nr. 176, 185 und oft) und von 
Inhaltsregesten (nach der Paragrapheneinteilung) wünschenswert 
gewesen. Gelegentlich setzt B. Paragraphen; vielleicht nur da, 
wo die Vorlage sie hat? Das wäre doch inkonsequent. Auch 
die Aufnahme der Stücknummern in die Kolumnenüberschriften 
ist zu empfehlen. 

Der Band wird abgeschlossen mit einem Orts- und Per- 
sonenregister, einem Sachregister, einer Zeittafel der Urkunden 
und einem Verzeichnis der Frankfurter Masse. Das Sachregister 
legt von dem Interesse und dem Verständnis für die Realien, die 
Bücher auszeichnen, Zeugnis ab und ist für die Geschichte des 
Rechts, der Wirtschaft und der Technik sehr ergiebig. 1 ) Wir 
billigen es auch, daß dies Sachregister unsere heutigen Aus- 
drücke zugrunde legt. Aber daneben wäre ein Glossar am Platz 
gewesen. 

Freiburg i. B. G. v. Below. 

Das evangelisch-lutherische Predigerministerium der Stadt Frank- 
furt a. M. Bearbeitet und im Auftrage des ev.-luth. Pre- 
digerministeriums herausgegeben von Richard Grabau, Geh. 
Justizrat und Landgerichtsdirektor. Frankfurt a. M., Kessel- 
ring. 647 S. 8,50 M. 

Eine Veröffentlichung, die neben kirchenrechtlichem und 
kirchengeschichtlichem Stoff auch eine reiche Ernte für die 
Kultur- und Sittengeschichte der letzten vier Jahrhunderte 
bietet und nicht bloß lokalgeschichtlichen Wert hat. Der ver- 

x ) Es sei hierbei auch auf Büchers Schrift „Die Berufe der 
Stadt Frankfurt a. M. im Mittelalter" hingewiesen. S. darüber 
unsere Anzeige in H. Z. 115, S. 132 ff. 



406 Literaturbericht. 

diente Verfasser, ein hervorragender Jurist und bis zu seinem 
Tode im Jahre 1914 Vorsitzender der Frankfurter evangeli- 
schen Synoden, gibt hier mit unermüdlichem Fleiße und juristi- 
scher Genauigkeit eine wertvolle Geschichte des evangelisch- 
lutherischen Predigerministeriums zu Frankfurt, und zwar der- 
art, daß er in sachlicher Ordnung und chronologischer Reihen- 
folge eine Fülle von Urkunden, die teils dem Archiv, den Proto- 
kollen und dem Urkundenbuch des Predigerministeriums selbst, 
teils andern entsprechenden Frankfurter Quellen entstammen 
und meist noch nicht veröffentlicht waren, vollständig oder im 
Auszug zusammenstellt und durch knappen, erläuternden Text 
zugleich verbindet und verständlich macht. So behandelt er die 
Entstehung, Mitgliedschaft und Verfassung des Predigermini- 
steriums, seine Stellung im 19. und 20. Jahrhundert und seinen 
Geschäftskreis in bezug auf kirchliche Verfassung, Kultus, Amts- 
handlungen, Unterricht, Lehre, Kirchenpolizei, Pfarrstellen, 
Kirchenzucht, Ehesachen, Stiftungen; ein besonderer Abschnitt 
ist der Geschichte des Seniorats gewidmet. Willkommene Bei- 
gaben sind die zwölf ausgezeichneten Abbildungen und das 
Verzeichnis sämtlicher Mitglieder des Predigerministeriums. Der 
Kulturhistoriker wird sich an manchen charakteristischen, inter- 
essanten und amüsanten Einzelheiten erfreuen. Daß die einzelnen 
Zeiten und einzelne Persönlichkeiten in ihrer Eigenart hervor- 
treten, ist natürlich: Spener z. B., der Vater des Pietismus, füllt 
die Zeit seines Seniorats (1666 — 1686) mit immer wiederholten, 
umständlichen, aber ziemlich nutzlosen, Zucht und Sitte betref- 
fenden Beschwerden, deren Erfolglosigkeit ihn schließlich bewegt, 
Frankfurt zu verlassen. In der Geschichte des Predigerministe- 
riums spiegelt sich aber überhaupt die ganze Kirchengeschichte 
Frankfurts seit der Reformation und besonders das Verhältnis 
von Staat und Kirche wieder. Das Predigerministerium — die 
aus sämtlichen Stadtpfarrern gebildete Körperschaft — hat nach 
der Reformation zunächst auf die Entscheidungen des Rates 
bezüglich des öffentlichen und kirchlichen Lebens ziemlichen Ein- 
fluß gehabt, bis nach und nach zuerst das Sentenamt und das 
Scholarchat, später das 1728 begründete Konsistorium, dann der 
Gemeindevorstand (1820) und endlich die neue Kirchengemeinde- 
und Synodalordnung (1900) seine Befugnisse und seinen Einfluß 
immer mehr beschränkt haben. Heutzutage ist es nur eine mit 



Deutsche Landschaften. 407 

juristischer Persönlichkeit ausgestattete Privatkorporation, deren 
Geschäftskreis die Beratung pfarramtlicher Fragen und Inter- 
essen, die Ausstellung von Gutachten und die Verwaltung ver- 
schiedener Kassen, Legate und Stipendien umfaßt. — Das mit 
eindringender Sachkenntnis verfaßte Werk sei den Forschern 
auf kultur- und kirchengeschichtlichem Gebiet auf das wärmste 
empfohlen. 

Frankfurt a. M. D. Bornemann. 

Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Von Hermann Keussen. 
2 Bde. Gekrönte Preisschrift. Bonn, P. Hansteins Verlag. 
1910. XXVIII, 209, 457, 496 S. Preisschriften der Mevissen- 
Stiftung gekrönt und herausgegeben von der Gesellschaft 
für rheinische Geschichtskunde, II. 

Unsere Wissenschaft verdankt dem Fortschritt der Einzel- 
forschung Erkenntnisse von außerordentlichem Wert. Aber 
nicht immer werden diese Detailuntersuchungen mit der Ruhe 
betrieben, die nun einmal die Voraussetzung dafür ist, daß sie 
zu vollem Erfolg führen. Man sieht wohl die Notwendigkeit ein, 
aufs einzelne einzugehen. Indessen man möchte gern von den 
mühsamen Studien bald wieder loskommen. Doch gibt es unserer 
unruhigen Zeit zum Trotz auch Werke, die das Produkt liebe- 
vollster Vertiefung in einen einzelnen Gegenstand, ungeteilter 
Hingabe an ihn sind. Wenn irgendeine Veröffentlichung der 
letzten Jahrzehnte dieses Lob verdient, so dürfte es der vor- 
liegenden Arbeit Keussens zuzuerkennen sein. Ein riesenhaftes 
Material ist verarbeitet, das von vornherein nur der verwerten 
konnte, der entschlossen war, sich ihm ganz hinzugeben. Un- 
zählige Beziehungen waren zu verfolgen. Jede einzelne Beobach- 
tung ruht auf umfassender Überlegung. Dabei und wohl gerade 
eben deshalb ist den großen Fragen, zu denen das Thema hin- 
führt, in vollem Maß Rechnung getragen. 

Es gab Vorarbeiten für eine historische Topographie von 
Köln: vor allem ist die um die Mitte des 19. Jahrhunderts verfaßte 
handschriftliche Topographie von P. Fuchs zu nennen. Allein 
diese nutzt gerade die Hauptquellen für die ältere Kölner Topo- 
graphie, die Schreinskarten und -bücher, noch nicht aus, und 
deren Durchforschung verursacht die vornehmste Arbeit. Denn 
wenn die Schreinskarten gedruckt vorliegen, so ist dies ein recht 



408 Literaturbericht. 






umfängliches Material, und die ungedruckten Schreinsbücher 
stellen noch unvergleichlich viel größere Anforderungen an den 
Bearbeiter. Darüber hinaus aber hat K. auch mit der Durchsicht 
der andern Akten der städtischen Verwaltung nicht gekargt. 

Die Anlage des Werks ist so, daß „Darstellung" und „Be- 
schreibung" unterschieden werden. In jener bietet ein „allge- 
meiner Teil" eine Verfassungsgeschichte der Stadt Köln im be- 
sondern Hinblick auf die Gemeindeverbände. Der Inhalt des 
„speziellen Teils" wird am besten angedeutet, indem wir die 
Kapitelüberschriften hierhersetzen: Das Wohnhaus; die Höfe; 
die Teile des Hauses; Zubehör des Hauses; private Verkaufs- 
stellen; gewerbliche Häuser und Betriebe (hier namentlich auch 
über die Einrichtungen der Weberindustrie); öffentliche Ge- 
bäude (hier neben Rathaus, Gerichtsgebäuden, Zunfthäusern usw. 
auch über Gebäude der Universität und der niedern Schulen, 
sowie ein wertvolles Verzeichnis der zahlreichen und mannig- 
fachen kirchlichen Gebäude); Straßen, Plätze und Märkte (da- 
selbst zugleich das Problem der Straßenbenennung erörtert); 
die Wasserversorgung; Brände; die Befestigungsanlagen im 
Mittelalter (von der römischen Stadtmauer an); die Einteilungen 
des Stadtgebiets (Gerichts- und Schreinsbezirke, Pfarreintei- 
lung usw.). In dem zuletzt genannten Kapitel wird auch der 
Versuch gemacht, die Zahl der Häuser der Stadt zu bestimmen. 
Die Natur der Quellen gestattet jedoch nicht, hier ein zuver- 
lässiges Urteil abzugeben. Noch weniger ist es möglich, die Be- 
völkerungszahl des mittelalterlichen Köln zu bestimmen. Wäh- 
rend diese Stadt in anderer Beziehung über so ergiebige Quellen 
verfügt, versagt sie hier ganz. Der Versuch von Banck, für das 
letzte Drittel des 16. Jahrhunderts die Bevölkerung von Köln 
zu ermitteln (37 000 Einwohner), ruht auch auf weniger sichern 
Grundlagen, als K. anzunehmen scheint. 

Es bedarf keiner näheren Darlegung, nach wie mannigfachen 
Richtungen hin diese Kapitel, über deren Inhalt ich hier An- 
deutungen gegeben habe, Aufklärung gewähren. Nehmen wir 
allein aus dem Kapitel über das Wohnhaus den Abschnitt heraus, 
der über Teilung und Vereinigung handelt. Hier werden wir 
über das Verhältnis von Haus und Wohnung unterrichtet. In 
einem Teil der Häuser liegt die Mehrzahl der Wohnungen, die das 
Gebäude enthält, nebeneinander, in einem andern nach Stock- 



Deutsche Landschaften. 409 

werken übereinander. In diesen Fragen, wie in denen des Ver- 
mietens von Teilen des Hauses und des Stockwerkseigentums 
gibt es in den deutschen Landschaften bekanntlich beträchtliche 
Verschiedenheiten. Rechtsgeschichtlich interessant ist es, daß 
in Köln ein Stockwerkeigentum sich schon im 12. Jahrhundert 
findet; stark verbreitet aber war es hier kaum. Vgl. zu diesen 
Verhältnissen auch das Referat von K. in der H. Z. 114, S. 122 
über Cuvelliers brabantische Publikation. Und wie bei solchen 
Anlässen, so bringen wir überall reichen Ertrag von der Lektüre 
heim. K.s Mitteilungen ermöglichen die Zeichnung eines so 
anschaulichen Bildes, wie es Beyerle, Ztschr. der Savigny-Stif- 
tung, Germ. Abt., Jahrg. 1910, S. 37 von dem alten Köln entwirft. 

Der „Darstellung" ist ein besonderes Register (Namen- und 
Sachregister zusammen) beigegeben, natürlich eine reiche Fund- 
grube für jeden, der nach Realien sucht. 

Die „Beschreibung" legt die Schreinsbezirke zugrunde. 
Innerhalb derselben sind die Straßen in alphabetischer Folge 
(unter Zugrundelegung der modernen Namen) aufgeführt. Be- 
greiflicherweise machte die Einordnung mancher Nachrichten 
Schwierigkeiten, die sich nicht immer heben ließen. 

Die „Beschreibung" hat einmal den Wert, daß man sich 
straßenweise über das, was von Gebäuden vorhanden war, und 
über ihre Besitzer unterrichten und die ev. Identität alter und 
neuer Baulichkeiten oder Hausstätten ermitteln kann. Sodann 
häuft sie einen Stoff an, der seinen vollen Nutzen erst durch 
umfassende Register erhält. Für die unendliche Mühe, sie aus- 
gearbeitet zu haben, sind wir K. zu ganz besonderem Dank ver- 
pflichtet. Diese Register umfassen annähernd 160 Seiten großen 
Quartformats. Erwähnt mag noch werden, daß K. der Beschrei- 
bung der Straßen ein Verzeichnis der Kölner Flurnamen an- 
gehängt hat. 

Eine ganz besonders wertvolle Gabe sind die beigefügten 
prächtigen Karten. Teils erläutern sie die Entwicklung der 
Stadt im allgemeinen, teils sind sie den einzelnen Stadtvierteln 
gewidmet. Mit wahrem Behagen vertieft man sich z. B. in die 
kartographische Darstellung des Marktviertels (Bd. 1, bei S. 156*). 
Die größern Karten sind in einer Mappe beigegeben. 

Wie Köln, so haben in jüngster Zeit auch andere Städte 
Darstellungen ihrer historischen Topographie erhalten. Nament- 



410 Literaturbericht. 

lieh ist hier Konstanz zu nennen (s. H. Z. 99, 597 ff. und 103, 
592 ff.). Das Konstanzer „Häuserbuch" enthält insofern mehr 
als K.s Werk, als dort mehr Themata abgehandelt worden sind 
(es sei namentlich an Beyerles Rechtsgeschichte des Konstanzer 
Gundbesitzes erinnert). Allein dies war nur deshalb möglich, 
weil bei der geringeren Bedeutung der Stadt das Quellenmaterial 
bescheidener ist. Dagegen Köln hat einen so reichen Stoff, daß 
die Erledigung aller hier in Betracht kommenden Fragen auf 
eine Mehrzahl von Werken verteilt werden muß. Die Grundlage 
aber hat jedenfalls K. geschaffen. 

K.s Veröffentlichung wird begleitet von inhaltreichen Zeit- 
schriftenabhandlungen, in denen er manches eingehender dar- 
legt, was er hier in knapperer Form vorträgt. Insbesondere sind 
es die verfassungsgeschichtlichen Fragen, die er darin erörtert. 
An sie und sein großes Werk knüpft sich nun schon eine Kontro- 
versliteratur über die ältere Kölner Stadtverfassung (s. z. B. 
Beyerle, Ztschr. der Savigny-Stiftung Bd. 31; Seeliger, West- 
deutsche Ztschr. Bd. 30). Der Versuchung, hier in sie einzutreten, 
widerstehe ich, um nicht das vorauszunehmen, was ich dem- 
nächst an anderer Stelle zu sagen gedenke. Ich möchte nur, 
wenigstens mit ein paar Worten, die Richtung andeuten, die K.s 
Arbeitsweise charakterisiert: er gehört zu denen, die, wie Riet- 
schel, die topographische Forschung für die verfassungsgeschicht- 
liche verwerten; aber er geht hier seinen eigenen Weg; die Sonder- 
stellung Kölns ließ es nicht zu, daß er etwa sich des Schemas 
eines andern bediente. Ein leitender Gedanke ist der, daß das 
Aufkommen der städtischen Behörden mit der Erweiterung des 
Stadtgebiets zusammenhängt (vgl. auch H. Z. 105, 690). ^ Wie 
man bereits in der Geschichte der Pfarreinteilung derartige 
Beobachtungen machen kann (s. K. I; S. 3*), so ist insbesondere 
das Aufkommen zunächst der Richerzeche als eines neuen Kom- 
munalorgans und dann das des Stadtrats durch vorausgegangene 
Stadterweiterungen bedingt. Dieser Gedanke ist durchaus 
fruchtbar und nach K.s Vorgang auch für andere Städte in Er- 
wägung gezogen worden (vgl. Schranil, Stadtverfassung nach 



*) Ich hatte, wie Keussen selbst I, S. 68* erinnert, schon in 
meiner Entstehung der deutschen Stadtgemeinde S. 47 auf diesen 
Zusammenhang hingewiesen. 




Deutsche Landschaften. 411 

Magdeburger Recht, S. 55 u. 197). Nun kann man freilich ver- 
schiedener Ansicht darüber sein, in welchem Moment die Stadt- 
erweiterung die angedeutete Wirkung äußert: vielleicht erfolgen 
beide gleichzeitig; vielleicht aber führen auch erst die Erfah- 
rungen, die man mehr oder weniger längere Zeit nach der Stadt- 
erweiterung macht, zur Schaffung einer neuen Behörde. Nach 
dem Quellenbefund scheint mir K. die Existenz der Richerzeche 
doch zu früh anzusetzen. An anderer Stelle 1 ) bespreche ich die 
Möglichkeiten, wie man sich in den aufkommenden Städten be- 
holfen hat, ehe man einen formellen Gemeindeausschuß besaß. 
Zu den wertvollen Resultaten topographisch-verfassungs- 
geschichtlicher Natur, zu denen K. gelangt, gehört auch der 
Nachweis, daß Köln eine Allmende gehabt hat. Die dagegen 
von einer Seite vorgebrachten Bedenken scheinen mir auf Hyper- 
kritik zu beruhen. K. hat eben wegen jenes Nachweises, aber 
nicht bloß deshalb recht, wenn er die Entstehung der Stadt- 
gemeinde Köln mit Hilfe der Landgemeindetheorie erklärt. 
Man mache sich doch klar, daß man zu keiner Zeit ohne einen 
Gemeindeverband auszukommen vermochte. Die Beziehungen, 
in denen die Bewohner des Ortes Köln etwa vom 6. bis 11. Jahr- 
hundert lebten, erschöpften sich doch nicht in den Pflichten 
gegenüber der Gerichts- und Grundherrschaft. Die Fragen der 
Weidenutzung, der Wegeordnung werden ja überall in Deutsch- 
land und so auch namentlich in den rheinischen Gegenden in 
dem Rahmen der Gemeinde geregelt, sei es der Markgenossen- 
schaft oder der Ortsgemeinde. 2 ) Sollen diese Aufgaben plötzlich, 
etwa kurz vor der Bildung einer Stadtverfassung, vom Gerichts- 
verband übernommen worden sein? Das ist schon deshalb 
ausgeschlossen, weil die Stadtverfassung sich gerade in den 
rheinischen Bischofsstädten wie Köln allmählich gebildet hat. 



') Jahrbücher für Nationalökonomie Bd. 105. Über die Gilde- 
frage s. ebenda, ferner meine Abhandlung: Stadtgemeinde, Land- 
gemeinde und Gilde, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschafts- 
geschichte, Jahrg. 1909, S. 411 ff.; Jahrg. 1914, S. 7. 

s ) Seeliger, Westd. Zeitschr. 30, S. 480 erkennt an, daß es im 
alten Köln eine Ebertrift, eine Schafweide gegeben habe. Aber 
er meint, man wisse nicht, wem sie gehört haben. Wie entschei- 
den wir uns denn im Zweifelsfall? Vgl. übrigens auch L. M. 
Hartmann, Geschichte Italiens III, 2, S. 185. 



412 



Literaturbericht. 



Wenn uns entgegengehalten wird (Seeliger, Westdeutsche Ztschr 
30, S. 502), daß die Funktionen der städtischen Organe des 
12. Jahrhunderts „mit den Aufgaben ländlicher Gemeinden 
gar nichts gemein haben, durchaus den neuen Gemeinbedürf- 
nissen entsprungen sind, die das ganz anders geartete, wirtschaft- 
liche und politische Leben der Stadt geschaffen hatte", so trägt 
dieser Einwand den Aussagen der Quellen nicht Rechnung. 
Wir wissen ja z. B. aus der berühmten Zunfturkunde von 1149, 
daß die Verhältnisse der großen Plätze der Stadt unter Mit- 
wirkung der Gemeindebehörden geordnet werden: wie im Dorf 
die Gemeinde über den Dorfanger und den Platz vor der Dorf- 
linde gebietet, so in der Stadt die Gemeinde über die freien Plätze, 
die dem sich entwickelnden städtischen Verkehr dienen. Und 
wie steht es mit den Gemeindeversammlungen? Sie begegnen 
uns in Dorf und Stadt übereinstimmend ohne Rücksicht auf die 
Gerichtspflicht. Wenn Gerichtsbezirke in Köln eingemeindet 
werden, so bleiben sie als solche bestehen; aber unabhängig 
davon sind die neuen Gemeindemitglieder verpflichtet, die 
städtische Gemeindeversammlung (Burding, Morgensprache) zu 
besuchen. Die Stadt kann das Recht, zur Gemeindeversamm- 
lung zu gebieten, nur von der Landgemeinde geerbt haben. Es 
ist nun einmal nicht so (wie Seeliger a. a. 0. S. 503 meint), daß 
das städtische Wesen lediglich auf Gerichts- und Marktherrschaft 
beruht. 1 ) Im übrigen sollte man doch nicht mehr gegen die 
Landgemeindetheorie einwenden, daß sich mit dem Aufkommen 
der Städte neue Bedürfnisse ergeben. Das hat ja niemand in 
Abrede gestellt. Die Landgemeinde will nur erklären, in welchem 
Rahmen sich die Stadtgemeinde entfaltet, die dann ihren Auf- 
gabenkreis den neuen Bedürfnissen entsprechend fortschreitend 
erweitert. 



l ) Seeliger S. 478 bezeichnet meine Behauptung, daß er die 
Existenz einer alten Ortsgemeinde Köln allen Ernstes leugne, als 
unzutreffend. Er bestreite nicht die Möglichkeit ihres Daseins. 
Das mag richtig sein. Aber — und das ist doch hier das Entschei- 
dende — er bestreitet jede Bedeutung einer alten Ortsgemeinde 
Köln für die aufkommende Stadt. Wo bleibt denn die alte Orts- 
gemeinde? Die Stadt Köln hat sich doch, wie schon bemerkt, 
allmählich entwickelt. 



Deutsche Landschaften. 413 

Zum Schluß hebe ich noch eine von K. gemachte topo- 
graphische Feststellung, die zugleich allgemein geschichtlich 
bedeutsam ist, hervor (vgl. hierzu auch Rehme, Ztschr. der 
Savigny-Stiftung, Bd. 32, S. 577). Er weist (unter Ablehnung 
der Behauptungen Hönigers) nach, daß für die Judengemeinde 
in historischer Zeit von vornherein ein Ghetto bestand. Dieser 
Nachweis stimmt mit dem überein, was von anderer Seite neuer- 
dings über die allgemeine Stellung der Juden in jenen Jahr- 
hunderten ermittelt worden ist (vgl. B. Hahn, Der Geldhandel 
der deutschen Juden im Mittelalter, Vierteljahrschrift für Sozial- 
und Wirtschaftsgesch., Jahrg. 1913, S. 214 ff.). 1 ) 

Freiburg i. B. G. v. Below. 

Geschichte der Stadt Essen. Von Konrad Ribbeck. Herausge- 
gegeben von der Stadt Essen auf Grund einer Stiftung des 
Herrn Alb. von Waldthausen. 1. Teil. Mit einer Wappen- 
tafel, einer Ansicht der Stadt Essen und einem Plan der 
Stadt. Essen, G. D. Baedeker. 1915. VI u. 505 S. 

Der vorliegende 1. Band der Geschichte der Stadt Essen, 
welcher nur das Mittelalter behandelt, umfaßt nicht weniger 
wie 505 Seiten. Wenn man vom Verfasser erfährt, daß Essen um 
1380 nur ca. 600 — 650 steuerpflichtige Haushaltungen und schät- 
zungsweise 3000 Einwohner umfaßte, deren Zahl sich bis zum 
Ende des Mittelalters nur wenig verändert haben wird, so erscheint 
die Darstellung der Geschichte eines so kleinen Gemeinwesens, 
dessen älteste Urkunde zudem erst aus der Zeit um 1244 stammt, 
etwas reichlich eingehend. Zeigt doch auch die älteste Stadt- 
rechnung vom Jahre 1350 recht kleine Verhältnisse im Gegensatz 
zu den Nachbarstädten Dortmund, Duisburg und Wesel. Ihr 
Charakter als Landstadt tritt noch zu Schluß des 14. Jahrhunderts 
so stark hervor, daß damals ein Drittel der steuerpflichtigen 
Bürger Landwirtschaft betrieb. Trotzdem hat die Geschichte 
der Stadt ein weit über das Lokale hinausreichendes Interesse 
durch die Einbeziehung der Geschichte der berühmten Essener 
Abtei, der Stiftung Altfrids aus dem 9. Jahrhundert. Die Geschichte 
von Stadt und Abtei sind eng ineinander verschlungen, vielfach 



*) Vgl. noch K.s Anzeige von H. Vogts, Das Kölner Wohn- 
haus bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts (1914), H. Z. 1 15, S. 230 f. 
Historische Zeitschrift (115. Bd.) 3. Folge 19. Bd. 27 



414 Literaturbericht. 

auch durch Gegnerschaft, indem die Stadt im 15. Jahrhundert 
den Anspruch auf Reichsunmittelbarkeit erhob. 

Die Darstellung als solche verdient das höchste Lob. Rib- 
becks Geschichte von Essen gehört zu den besten Ortsgeschichten, 
die wir aus dem Rheinlande besitzen; sie ist vorbildlich für andere 
Stadtgeschichten einmal durch die ausgezeichnete wissenschaft- 
liche Grundlage, dann auch durch die Fähigkeit des Verfassers, 
seine Ergebnisse dem Verständnis weiter gebildeter Kreise nahe- 
zubringen. So werden die kirchlichen und wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse des Stiftes und dessen zahlreiche eigenartige Gebräuche 
gut erklärt. Über manche Dinge versteht der Verfasser geschickt 
Aufklärung zu verschaffen durch den Hinweis auf andere Städte, 
bei den sehr lückenhaft erhaltenen Urkunden ein notwendiges 
und, wenn mit der entsprechenden Vorsicht angewandt, auch un- 
bedenkliches Verfahren. Besonders bemerkenswert ist das er- 
folgreiche Bestreben, aus sonst unbeachteten und spröden Quellen 
Aufschlüsse über die ältere Geschichte der Stadt zu gewinnen. 
In dieser Richtung bewegen sich die Betrachtungen über die 
Personennamen mit vielen verständigen Bemerkungen (S. 230) 
sowie die Schlüsse, die der Verfasser aus den Steuerrechnungen 
auf die soziale Schichtung der Bürgerschaft zieht. Recht inter- 
essant ist die Darstellung von Handel und Gewerbe, wobei beson- 
ders hervorgehoben werden müssen die mehrfachen Versuche der 
Stadt, neue Gewerbe (Färberei, Scherenschmiede, Harnischmacher) 
einzuführen unter teilweiser Monopolisierung; seit 1470 wird die 
Büchsenmacherei betrieben, unzweifelhaft mit städtischer Unter- 
stützung. Es ist wohl kaum ein Punkt aus dem städtischen 
Leben zu nennen, den der Verfasser nicht mit Umsicht aus den 
Quellen verarbeitet hätte. Der Rezensent vermißt nur zur Cha- 
rakterisierung des geistigen Strebens in der kleinen Stadt eine 
Übersicht über die aus Essen stammenden Studenten, die sich 
auf Grund der zahlreichen veröffentlichten Universitätsmatrikeln 
unschwer hätten herstellen lassen. In Köln z. B. waren während 
der ersten 76 Jahre der Universität 56 Studierende aus Essen 
in die Matrikel eingetragen; ein Teil von ihnen ist späterhin 
wieder in der Vaterstadt in hervorragender Stellung anzutreffen. 

Irrtümer sind dem Rezensenten nur vereinzelt aufgestoßen; 
sie liegen zumeist auf sprachlichem Gebiet, so S. 223 die Er- 
klärung von Darenkasten (nach Holzpflöcken, die in das Sitz- 







Deutsche Landschaften. 415 

blatt eingeschlagen waren und wie Dornen wirkten!); es ist viel- 
mehr die vielenorts vorkommende Torenkiste, eine Irrenzelle. 
Buntmaker sind keine Färber, sondern Kürschner, den Kölner 
Buntwörtern entsprechend; Schilder sind Schildmacher, nicht 
Schildmaler. Die silberne Büchse des Stadtboten ist kein Hin- 
weis auf den Gewehrhandel (S. 432), sondern diente zur Auf- 
bewahrung der Briefe. 

Zu bedauern ist, daß keine Belege beigegeben sind. Wollte 
der Verfasser sie nicht unter dem Texte bringen, so hätte er sie 
am Schlüsse des Buches zusammenstellen können. Diesen Mangel 
teilt das Buch mit Kentenichs soeben erschienener Geschichte 
von Trier; nur bringt letztere eingehende Register, die wir bei 
R. ebenfalls vermissen. 

Köln. Herrn. Keussen. 

Die Entwicklung des städtischen Patronats in der Mark Branden- 
burg. Ein Beitrag zur Geschichte der kirchlichen Lokal- 
verwaltung von Johannes Niedner. (= Kirchenrechtliche 
Abhandlungen, herausg. von Ulrich Stutz. 73. u. 74. Heft.) 
Stuttgart, Ferd. Enke. 1911. VI u. 286 S. 10 M. 

Aus den Patronatsverhältnissen sich ergebende Rechts- 
fragen greifen oft und bedeutsam in das Leben der politischen Ge- 
meinden, der großen wie der kleinen, ein, und ihre Entwicklung 
macht nicht selten Schwierigkeiten, da sich zeigt, daß die tat- 
sächliche Übung außerordentlich verschiedenartig ist und sich 
oft weder den Grundsätzen des kanonischen noch des geltenden 
staatlichen Verwaltungsrechtes — des Allgemeinen Landrechtes 
also in der Mark Brandenburg, anpaßt. Von wie allgemeiner und 
weitgehender finanzieller Bedeutung diese Fragen werden können, 
hat erst vor wenigen Jahren der Prozeß der Stadt Berlin über die 
Kirchenbaulust an den Berliner Kirchen gezeigt. Gerade dieser 
Rechtsstreit war der Anlaß, daß sich auch die wissenschaftliche 
Forschung den Fragen, denen das vorliegende Buch gewidmet 
ist, zuwandte und sein Verfasser jetzt, nachdem von anderen und 
ihm selbst eine Reihe von Vorarbeiten erschienen sind, versucht, 
den Stoff zusammenzufassen. — In fünf Abschnitte ist das Buch 
gegliedert: Die städtische Kirchenverwaltung zur Reformations- 
zeit. — Die Visitationsordnung von 1573. — Die Rechtslage im 
17. und 18. Jahrhundert. — Der Einfluß des Allgemeinen Land- 

27* 



416 Literaturbericht. 

rechts. — Die Entwicklung im 19. Jahrhundert. Das Haupt- 
gewicht liegt auf dem zweiten Abschnitte, weil eben die Visi- 
tations- und Konsistorialordnung von 1573 versuchte, auf Grund 
des bestehenden Gebrauches ein festes Landeskirchenrecht zu 
schaffen. Wie dies damals kodifizierte Recht in den folgenden 
Jahrhunderten nie aufgehoben, aber den wechselnden Verhält- 
nissen und den örtlichen Bedingungen entsprechend abgewandelt 
worden ist, stellen, soweit es sich um die Patronatsverhältnisse 
in den Städten der Mark Brandenburg handelt, die folgenden 
Kapitel dar. Die Hauptschwierigkeit ergab sich hierbei dadurch, 
daß die ursprünglich bestehende Einheit zwischen Kirchenge- 
meinde und Ortsgemeinde durch die Bildung besonderer refor- 
mierter und katholischer Kirchengemeinden durchbrochen wurde. 
Greifswald. F. Curschmann. 

Danziger Inventar 1531 — 1591. Von Paul Simson. Mit einem 
Aktenanhang. (Inventare Hansischer Archive des 16. Jahr- 
hunderts, herausg. vom Verein für Hansische Geschichte. 
3. Bd.: Danzig.) München und Leipzig, Duncker <6 Hum- 
blot. 1913. XX u. 1052 S. 

Der Gedanke, die hansischen Publikationen von 1531 an in 
der Form der Archivinventare fortzuführen, geht von Konstantin 
Höhlbaum aus, der selbst mit den beiden Bänden des Kölner In- 
ventars die Reihe eröffnete. Höhlbaum war der Meinung, daß 
im Stadtarchiv von Köln, das den Nachlaß des hansischen Syn- 
dikus Suderman bewahrt, die gemeinhansische Überlieferung des 
16. Jahrhunderts am besten und vollständigsten erhalten wäre. 
So sollte das Kölner Inventar den Grundstock bilden, der durch 
die folgenden Bände nur ergänzt zu werden brauchte. Die hansi- 
schen Bestände des Danziger Archives stehen aber hinter denen 
des Kölner an Reichhaltigkeit keineswegs zurück. Gegenüber 
den 6647 Nummern des Kölner Inventars weist der vorliegende 
Band 10 429 auf, von denen nur 357 den kleineren preußischen 
Archiven, alle anderen dem Danziger entstammen. 609 Stücke, 
darunter allerdings die wichtigsten, so ziemlich sämtliche Rezesse, 
sind in beiden Inventaren verzeichnet. 

Wenn es auch oft nötig sein wird, für nähere Forschungen 
auf das Aktenmaterial zurückzugreifen, so erhält man doch 
einen klaren Überblick über die Stellung Danzigs in der Hanse 



Deutsche Landschaften. 417 

und über die Grundlinien und Orientierungspunkte seiner Politik. 
Die Ostseeverhältnisse bilden das Leitmotiv des diplomatischen 
Verkehrs, anfangs die Verwicklungen der Wullenweverzeit mit 
ihrem Interessengegensatz zwischen Lübeck und Danzig, später- 
hin die livländischen Wirren und ihre Gefolgeerscheinungen, 
der nordische Siebenjährige Krieg und der Kampf um den russi- 
schen Verkehr, speziell um die Narwafahrt. Man lernt hier be- 
greifen, weshalb trotz der allgemeinen Zunahme des Ostsee- 
verkehrs im 16. Jahrhundert der Eigenhandel der Städte zurück- 
ging, auch die unheilvolle Rolle, die Friedrich II. von Dänemark 
dabei gespielt hat, der mit seinen Zollerpressungen, Arresten und 
Verkehrsverboten im Sunde, die bald diese, bald jene Hanse- 
stadt trafen, das Seine getan hat, um deren Handel und Wohl- 
stand zu untergraben. Niederländer und Engländer, die nächsten 
Konkurrenten, sind mit dergleichen Maßnahmen ziemlich ganz 
verschont geblieben. Danzig ist besonders schwer durch einen 
Arrest geschädigt worden, der im Juni 1570 wegen der Zufuhr 
nach Schweden und wegen der Räubereien der königlich polnischen 
Auslieger über seine Schiffahrt im Sunde verhängt wurde. Erst 
nach drei Jahren ,im September 1573, erwirkte man gegen Zahlung 
von 100 000 Talern die Losgabe der festgehaltenen Kauffahrer 
und Zusicherung ungestörten Verkehrs. Durch Repressalien 
ist späterhin der Seehandel der Stadt noch wiederholt beunruhigt 
worden. Im Hintergrunde sieht man, wie bald diese, bald jene 
Hansestadt, Hamburg, Lübeck, Rostock, ähnliche Vergewalti- 
gungen zu erdulden hatte. Dabei lag kein System in der Politik 
des Dänenkönigs. Sie hing wohl mit dem Anspruch auf das 
Dominium Maris Baltici zusammen, war aber im Grunde nur ein 
Ausfluß launenhaften Machtbewußtseins. 

Zu den Ostseefragen tritt als zweites großes Thema der Streit 
der Hanse mit den Engländern. Während im Kölner Inventar 
der Kampf gegen die Merchant Adventurers das Feld beherrschte, 
wenden sich Danzigs Interessen mehr gegen die 1579 zur Mono- 
polisierung des englischen Ostseehandels gegründete Baltische 
Kompanie, die in Elbing ihre Niederlassung errichtet hatte. 
Die gleiche Rolle, wie im Reich der Kaiser, spielte hier der polni- 
sche König, der den Städten selbständige Maßnahmen nicht ge- 
stattete und sie so nötigte, an seinem Hof gegen die fremden 
Eindringlinge und ihre Beschützer zu prozessieren. Wenn auch 



418 Literaturbericht. 






die polnischen Würdenträger moralisch höher standen als die 
Räte Rudolfs II., so war doch der Unverstand und die Teilnahm- 
losigkeit in Warschau nicht geringer als in Prag und die Mahnung 
Danzigs (Nr. 9027), der König möge sich das Verhalten des 
Ordens in früherer Zeit zum Muster nehmen, nur zu berechtigt. 

Das Inventar verzeichnet viel handelsgeschichtliches Material 
Es sei hier besonders auf die wertvollen Nachrichten über den 
Binnenhandel hingewiesen, der sich im allgemeinen viel mehr 
als der Seeverkehr dem Nachweis zu entziehen pflegt. So lernt 
man die Danziger als regelmäßige Besucher der Leipziger Messe 
kennen, wohin sie in langer Überlandfahrt auf verschiedenen 
Straßen durch die Neumark oder über Posen gelangten. Im Ver- 
kehr mit Nürnberg konkurrierte mit den Landwegen die Seeroute 
bis Lübeck, von wo die Güter über Ortlenburg-Lüneburg weiter- 
gingen. Man sieht, wie von Danzig aus die über See eingebrachten 
Waren in das weite polnische und schlesische Hinterland wan- 
derten. Interessant sind auch die vereinzelten Fälle, wo Kauf- 
leute des Binnenlandes am Seeverkehr teilnahmen, so auch 
Bürger der märkischen Hauptstadt in nicht geringem Umfang. 
1564 wurden acht holländische Schiffe, die von einem Berliner 
in Hamburg mit Salz nach Narwa befrachtet waren, von polni- 
schen Ausliegern nach Danzig aufgebracht (4541, 4548, 4652). 
Zehn Jahre später ist einem anderen Berliner ein größerer Trans- 
port wertvoller Pelzwaren, an dem auch der Bürgermeister 
Hieronymus Tempelhof interessiert war, auf der Heimfahrt von 
Narwa durch Revaler genommen und nach Danzig geführt worden 
(6787, 6943, 7408). 

Über das bisher noch völlig ungeklärte Verhältnis zwischen 
Danzig und Amsterdam gibt der Band belangreiche Aufschlüsse, 
ferner mancherlei Nachrichten über die hansische Handelspolitik 
im allgemeinen, speziell zur Erkenntnis der Bedeutung des In- 
stituts der Frachtherren für die Beherrschung des Seeverkehrs. 
1568 bezifferten die Danziger Schiffer und Reeder die Kauffahrtei- 
schiffe der Stadt auf 42 Segler, darunter 23 von über 100 Lasten 
Tragfähigkeit. 

Das sind nur einige Einzelheiten aus der erdrückenden Fülle 
und Vielseitigkeit des Materials. Es ist anzuerkennen, daß der 
Herausgeber im allgemeinen sich nicht so knapp gefaßt hat wie 
Höhlbaum im Kölner Inventar, sondern mehr den Wünschen 



Österreich. 419 

späterer Benutzer Rechnung getragen hat. Es hätte sich wohl 
empfohlen, die ergänzenden Nachweise aus gedruckten Quellen, 
namentlich aus solchen, die niemand umgehen kann, der sich mit 
den Dingen näher beschäftigen will, z. B. aus den Calendars of 
State Papers und den Arts of the Privy Council für die englischen 
und aus den Regesta diplomatica historia Danicae u. a. für die 
nordischen Verhältnisse, zugunsten der Mitteilungen aus dem 
Danziger Aktenmaterial stark einzuschränken. 

Lübeck. B. Hagedorn^. 

Österreichs Handelspolitik mit Bezug auf Galizien in der Reform- 
periode 1772 — 1790. Von Henryk Großmann. („Studien" 
10. Heft.) Wien, Karl Konegen. 1914. XVIII u. 510 S. 

Das Werk ist eine reife Leistung, ausgezeichnet durch sicheres 
Urteil, Gründlichkeit der archivalischen Forschung, in deren 
Wiedergabe nur gelegentlich des Guten zu viel getan ist, und 
durch kritische Heranziehung der ganzen polnischen Literatur. 
Zweifellos zurzeit die beste und wertvollste der von Karl Grün- 
berg herausgegebenen „Studien zur Sozial-, Wirtschafts- und 
Verwaltungsgeschichte". Die Bedeutung des Buches ist größer, 
als sein Titel auf den ersten Blick vermuten läßt; es ist ein wich- 
tiger Beitrag zur Beurteilung der theresianisch-josefinischen Wirt- 
schaftspolitik überhaupt, Josefs II. im besonderen. Und es ist 
ein tapferes Buch: denn es tritt scharf und mit voller Überlegen- 
heit der herrschenden Auffassung der polnischen Geschichtschrei- 
bung entgegen und darf als eine durchaus gelungene „Rettung" 
bezeichnet werden ohne den üblen Beigeschmack, der dieser 
Bezeichnung gewöhnlich innewohnt. Es galt wirklicheine Legende 
zu vernichten, die Anschauung, daß Österreich unter Maria 
Theresia und Josef Galizien nur als Kolonie behandelt, das Land 
ausgenutzt und schwer geschädigt habe. Die theresianisch- 
josefinische Wirtschaftspolitik wird Schritt für Schritt seit der 
Besitznahme des Landes als eine durchaus wohlwollende, tief- 
blickende und fruchtbare erwiesen, auf den polnischen Adel aber 
fallen mit Recht die schwersten Schatten. 

Schon bei der provisorischen Gestaltung des Zollsystems 
nach der Okkupation ist die Tatsache bemerkenswert, daß 
Galizien nicht in das erbländische Prohibitivsystem einbezogen 
wurde, sondern eine Sonderstellung behielt, die seinen Transit- 



420 Literaturbericht. 

handel vor dem Verderben bewahrte, während doch das Inl 
esse der alten Erblande den gegenteiligen Schritt verlangt 
hätte. 1774 kam es dann zur Reform des alten polnischen 
Zollwesens, wobei die hohen Ausfuhrzölle zugunsten der gali- 
zischen Produktion aufgehoben, die Transitzölle außer ordent- 
lich verringert, für fremde Einfuhrwaren der verhältnismäßig 
niedrige Konsumozoll beibehalten und für die deutsch-erblän- 
dischen Waren dieser Einfuhrzoll bedeutend herabgesetzt wurde; 
auch hier also die möglichste Rücksichtnahme auf die beson- 
deren Bedürfnisse Galiziens, keineswegs eine einseitige Aus- 
nutzung des Landes zugunsten der älteren Erblande. Brody 
wurde 1773 zur privilegierten Freihandelsstadt erklärt, damit 
ihm die Spedition und Ausfuhr von Leipzig, Frankfurt und Breslau 
durch Galizien nach dem Osten erhalten bleibe, obwohl Galizien 
nunmehr von der Republik Polen getrennt war und Preußen 
diesen Transit bekämpfte. Die Erblande blieben dem galizischen 
Export regelmäßig versperrt, auch als 1775 die bekannte Tarif- 
reform für die böhmischen und deutschen Erblande durchgeführt 
wurde; dem beiderseitigen Austausche sollte hingegen die Schaf- 
fung der Jägerndorfer Kompanie und Messe und der Freimesse 
von Teschen dienen, welch letztere bis 1784 bestand und angesichts 
der Weichselsperre Preußens den polnischen Export in die öster- 
reichischen Länder und bis nach Triest lenken sollte. Die An- 
näherung an die Erblande erfuhr alsbald eine weitere Verstärkung 
durch neuerliche Herabsetzung des Konsumozolls, da es sich 
darum handelte, die galizischen Rohprodukte für Altösterreich 
zu gewinnen. 

Galizien war ein agrarisches Land, als es an Österreich 
kam, sein natürlicher Ausweg die Weichsel mit Danzig als 
Ausfuhrhafen. Österreich bemühte sich, gänzliche Handels- 
freiheit in Polen für sein neues Kronland zu erreichen; es ist 
nun klar erwiesen, daß Preußen die Ursache war, wenn der Han- 
delsvertrag mit Polen 1775 diesen Bestrebungen nicht voll ent- 
sprach; denn Preußens Interesse war es, seine schlesische Indu- 
strie mit allen Mitteln zu fördern und Polen in der alten wirt- 
schaftlichen Schwäche und Indolenz zu erhalten, den polnischen 
Außenhandel nur über seine Gebiete ziehen zu lassen. Immer- 
hin war der Vertrag für Polen wie für Galizien günstig, und na- 
mentlich in der Frage des Exports galizischen Salzes errang 



Österreich. 421 

Kaunitz einen unzweifelhaften Erfolg über Friedrich d. Gr.; der 
Weichselverkehr wurde zwischen Österreich und Polen doch für 
frei erklärt, und tatsächlich war der Erfolg nicht gering. Die 
Einfuhr aus Galizien nach den Erblanden und Ungarn wurde 
um 1776 und 1778 auf den gleich niederen Zoll wie für polnische 
Waren gesetzt, so daß Galizien die Vorteile der Sonderstellung 
behielt und doch auf die erbländischen Märkte günstig exportieren 
konnte; derart wurde ihm Ersatz für die verlorene wirtschaft- 
liche Einheit mit der Republik geschaffen. Es ist nur dem polni- 
schen Adel zuzuschreiben, daß die Bestrebungen, den galizischen 
Viehexport von Preußisch-Schlesien abzuziehen und nach Öster- 
reich, speziell nach Wien, zu lenken, nicht glückten; der Adel 
konnte sich den neuen Verhältnissen nicht anpassen, er hatte 
schon längst seinen Getreideexport zum größten Teile verloren, 
nun ging er mehr und mehr zur Schnapsbrennerei als wesent- 
lichster Erwerbsquelle über. Immer wieder stellte sich Preußen 
wie ein Riegel den österreichischen Versuchen entgegen, einen 
Ausweg für seinen Handel nach dem Norden zu finden: auf 
der Elbe, der Weser wie auf der Weichsel. Diese Darlegungen 
G.s über die preußischen Hemmungen des Weichselhandels, 
wenngleich sie gelegentlich zu scharf zugespitzt sind, gehören 
zum allgemein Wichtigsten seines Werkes. Die Abschließung 
Galiziens vom Meere und von Danzig bedeutete für seine Land- 
wirtschaft und seine Leinenindustrie ein schweres Verderben; 
und als Österreich notgedrungen, da die Zollbedrückungen Preu- 
ßens trotz allen Verhandlungen nicht zu beseitigen waren, 
1785 — 1790 wieder zum scharfen Verbotsystem gegen Preußen 
vorging, litt der galizische Export nach Norden noch mehr. 
Josef II. sah sich durch Preußens Unerbittlichkeit gezwungen, 
für Galizien anstatt des Weges nach Danzig neue Wege über 
Polen und Litauen sowie nach Triest und an das Schwarze 
Meer zu suchen und überdies das Land durch künstliche Schöp- 
fung einer heimischen Industrie zu entschädigen. 

In seinen Hinweisen auf die wirtschaftliche Seite der bayeri- 
schen Erwerbspläne und der russischen Politik Josefs dürfte Gr. 
wohl etwas zu weit gehen; aber jedenfalls veranlaßte den Kaiser 
die preußische Gegnerschaft gegen die Freiheit des Zuganges nach 
Danzig, die bisherige Zolltrennung Galiziens von den Erblanden 
1784 aufzuheben und Galiziens Industrialisierung in Angriff zu 



422 



Literaturbericht. 



nehmen. Mancher ungerechte Vorwurf gegen den Kaiser wirc 
da widerlegt, so die Erzählungen von der Überspannung des 
Schutzzollsystems, von der Stempelung galizischer Waren in 
Wien u. a. Die Teschener Messen hatten nun keinen Zweck 
mehr, Brodys Stellung aber blieb erhalten, da es im Osten ebenso 
wie Triest im Süden für die erbländische Industrie die Ausbruchs- 
pforte sein sollte. Der Weg von Galizien nach Triest war nunmehr 
frei und der Verkehr nahm trotz der großen inneren Hinder- 
nisse einen bemerkenswerten Aufschwung. Seit der Besetzung 
der Krim durch Katharina II. gelang es auch, von der Moldau 
günstigere Bedingungen für den Durchzugshandel nach der Krim 
und nach der Türkei zu erreichen, während die Bemühungen der 
Dnjestrregulierung wenig Erfolg zeitigten. All diesem rastlosen 
Arbeiten war es zu danken, daß unter den schwierigsten Ver- 
hältnissen der galizische Transit und Export, wie ziffernmäßig 
erwiesen wird, doch allmählich stieg. 

So wird man denn dem günstigen Urteile Gr.s über die 
theresianisch-josefinische Wirtschaftspolitik durchaus zustimmen 
dürfen; sie hat es verstanden, Galizien aus einem verkom- 
menen agrarischen Lande mit verrosteter gutsherrschaftlicher 
Wirtschaftsorganisation, mit einem völlig verfallenen Städte- 
wesen, das so gut wie keine Industrie hatte, das aus seinem 
natürlichen wirtschaftsgeographischen Verbände herausgerissen 
und in einen neuen, ihm fremden eingefügt worden war, zu 
einem, wenn auch bescheidenen Faktor modernen Wirtschafts- 
lebens zu machen. Ich möchte zum Schluß noch auf die 
"sehr glückliche Kritik G.s an der angeblichen revolutionären 
Stimmung des Landes beim Tode des Kaisers hinweisen sowie 
auf die Lichter, die auf den Kaiser selbst fallen: man wird sich 
hüten müssen, Josef weiterhin einfach als Doktrinär zu be- 
zeichnen, der die tatsächlichen Verhältnisse nicht achtete, oder 
ihn schlechthin als Anhänger des Protektions- und Prohibitions- 
systems sowie als Zentralisator und Germanisator um jeden Preis 
anzusehen; man wird ihm vielmehr gerade für wirtschaftliche 
Verhältnisse einen scharfen Blick und eine außerordentliche An- 
passungsfähigkeit an die Änderungen der Situation zusprechen 
dürfen, wie er denn selbst einmal schrieb, „daß theoretische 
Ratstischsätze nicht für den Handel, besonders Fremder, wirken". 
Es ist aber auch klar, wieviel noch nach Mitrofanows Werk, 



Frankreich. 423 

das mit so großen Ansprüchen in die Welt trat, für die Erkenntnis 
und Würdigung Josefs II. zu tun ist. 

Graz. Heinrich Ritter von Srbik. 



Charles et diplömes relatifs ä l'histoire de France publies par les 
soins de l'Acade'mie des inscriptions et belles-lettres : 

(1). Recueil des actes de Philippe I er roi de France (1059 — 1108) 
public' par M. Prou. Paris, C. KUncksieck. 1908. 4°. CCL 
u. 567 S., 8 Tafeln. 

(2). Recueil des actes de Lothaire et de Louis V rois de France 
(954—987) publid par M. Louis Halphen avec la colla- 
boration de M. Ferdinand Lot. Eb. 1908. 4°. LVI u. 231 S., 
2 Tafeln. 

Die vorliegende Sammlung, deren erste Bände ich hier 
verspätet zur Anzeige bringe, nachdem sie längst im Gebrauche 
erprobt sind, stellt ein willkommenes französisches Gegenstück 
dar zu der Abteilung Diplomata der Monumenta Germaniae 
historica und zu Schiaparellis Diplomi dei re d'Italia in den Fonti 
per la Storia d'Italia. Der unterdessen verstorbene H. d'Arbois 
de Jubainville, der nach dem Tode von A. Giry die Ausgabe ge- 
leitet hat, unterrichtet in einer kurzen Einleitung zu dem Bande 
von Prou über die Vorgeschichte des Unternehmens, dessen An- 
fänge bis tief ins 18. Jahrhundert zurückgehen, bis zu dem Plane, 
Regesten aller die Geschichte Frankreichs betreffenden Urkunden 
und nach dieser Vorarbeit die Urkunden selbst als einheitliche 
Masse zu veröffentlichen. Die Regesten und die Urkundenausgabe 
sind von Brequigny begonnen worden; aber die Unzweckmäßig- 
keit einer so umfassenden Sammlung, die Vorzüge der „spezial- 
diplomatischen" Arbeit sind in Frankreich wie nach Boehmers 
Vorgang in Deutschland erkannt worden. Der Plan des neuen 
Unternehmens, wie er 1894 aufgestellt wurde, verzichtet denn 
auch von vornherein darauf, alle Urkunden jeglicher Herkunft in 
eine einzige, zeitlich geordnete Reihe zu bringen, trennt vielmehr 
die Urkunden der verschiedenen Aussteller voneinander, indem 
vier Abteilungen ins Auge gefaßt sind: Urkunden der Könige 
von Frankreich und Burgund, der geistlichen Würdenträger, 
der großen weltlichen Lehensträger, sonstige Urkunden. Die erste 
Abteilung soll mit Karl dem Kahlen (840) beginnen, indem die 



424 Literaturbericht. 






Zeit des Karolingischen Gesamtreiches den Deutschen Diplo- 
mata überlassen ist, nur daß die Urkunden der Aquitanischen 
Karolinger von 814 an in den Bereich der französischen Ausgabe 
gezogen sind; als Endgrenze ist zunächst der Tod Philipps II. 
August (1223) gesetzt. Unterdessen ist auch die dritte Abteilung 
mit der letzten großen Arbeit von L. Delisle eröffnet worden, 
mit seiner Einleitung zu den sich auf Frankreich beziehenden 
Urkunden Heinrichs II. von England und der Normandie (1909), 
deren Ausgabe selbst er noch vorbereiten, aber nicht mehr zum 
Abschluß bringen konnte. Was nun die beiden oben verzeich- 
neten, zuerst erschienenen Bände angeht, so sind sie mit lebhaftem 
Danke zu begrüßen. Zwar ist die Menge der hier zum erstenmal 
mitgeteilten Stücke nicht besonders groß, nur bei Prou ist die 
Zahl erheblich (21 unter 178 Nummern); aber viele Urkunden lagen 
nur in schwer erreichbaren Drucken vor, oft war der Text nur in 
ungenügender Weise bekannt, während Prou und Halphen, 
der Vorarbeiten von Lot benutzen und auch weiterhin sich seiner 
Unterstützung erfreuen konnte, bemüht gewesen sind, alle hand- 
schriftlichen Grundlagen bis zu den jüngsten Abschriften hin 
heranzuziehen und die neueren Errungenschaften der Urkunden- 
lehre und der Ausgabetechnik zur Geltung zu bringen. Die Aus- 
gabe stellt so einen gewaltigen Fortschritt dar, wenn man auch 
mit W. Erben (in seiner ausführlichen, gehaltvollen Besprechung 
in den Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichts- 
forschung XXX, 1909, S. 167 ff.) mitunter strengere Durchfüh- 
rung der Schriftvergleichung und deutlichere Mitteilung ihrer 
Ergebnisse wünschen möchte. Im Gegensatz zu den kurzen Ein- 
leitungen der Diplomata ist jedem Bande eine ausführliche Dar- 
legung des Urkundenwesens der betreffenden Gruppe voraus- 
geschickt; entsprechend der bedeutenderen Zahl der Urkunden 
Philipps und der sich aus ihrer Art ergebenden größeren Mannig- 
faltigkeit der Probleme ist die Einleitung von P. besonders um- 
fangreich geworden. Die zu unterscheidenden Urkundenarten, 
äußere und innere Merkmale, die Geschichte der Kanzlei und 
ihr Anteil an der Beurkundung, der Umfang der Empfänger- 
ausfertigungen werden hier wie dort erörtert; P. untersucht in 
einem besonderen Abschnitt auch die Epochen von Philipps 
Leben und stellt aus Anlaß der Zeugenlisten die Namen der hohen 
Hofbeamten zusammen. Die Ausstattung der Bände ist vor- 



Italien. 425 

trefflich; beigefügte Tafeln enthalten ausgezeichnete Nachbil- 
dungen der königlichen Monogramme und Siegel, wie man sie 
zu den auch sonst bescheidener ausgestatteten Urkundenbänden 
der Monumenta Germaniae aus anderen Veröffentlichungen er- 
gänzen muß. Von den Registern sind die ebenfalls dort fehlenden 
Verzeichnisse der Arengenanfänge für manche Zwecke nützlich. 
Im einzelnen unterscheiden sich Anordnung und Druckgestaltung 
in mancherlei Dingen von dem deutschen Vorgänger, indem jedoch 
dessen Art trotz des geringeren Raumverbrauches im ganzen 
praktischer und übersichtlicher erscheint, was bereits Erben 
a. a. 0. S. 159 ff. genauer dargelegt hat, so daß ich auf seine Aus- 
führungen verweisen kann. Daß hier und da auch ohnedies 
ein Fortschritt über die neue Ausgabe hinaus möglich sein wird, 
ist selbstverständlich; die Herausgeber haben selbst schon Nach- 
träge und Verbesserungen beifügen können, zu denen die Be- 
merkungen von Tangl im Neuen Archiv XXXIV (1909), S. 272 
hinzukommen. Zu Prou S. L, Anm. 6, vgl. jetzt P. Gautier, 
Le Moyen Age XXII (1909), S. 225 bis 285; derselbe hat auch 
das Original von Halphen Nr. 14 aufgefunden und ebd. XXV 
(1912), S. 86 bis 88 veröffentlicht. Die Arenga von Pfou Nr. 18 
geht auf eine Urkunde für Fleury vom Jahre 963 und mittelbar 
auf die Gesta Dagoberti I. zurück, wie ich im Neuen Archiv XXVII 
(1902), S. 354ff. bemerkt habe. Die von Halphen in Nr. 44 
als vermutlich späterer Zusatz eingeklammerten Worte habe ich 
ebd. XXXIII (1908), S. 761, Anm. 3, durch die Annahme un- 
geschickter Benutzung der Vorurkunde erklärt. 

Bonn. Wilhelm Levison. 



Chartularium studii Bononiensis. Documenti per la storia dell'uni- 
versitä dl Bologna dalle orlglnl fino al secolo XV. Bologna 
1913. 8 u. 388 S. 20 Lire. 

Eine im Jahre 1907 aus Anlaß einer Universitätsfeier be- 
gründete Vereinigung von Geschichtsfreunden hatte 1909 den 
ersten Band eines Urkundenbuchs der Universität erscheinen 
lassen, den ich im 106. Bande dieser Zeitschrift S. 176 ff. an- 
gezeigt habe. Seither hat dieser Verein durch königliches Dekret 
für das angesammelte Vermögen die Rechte einer Stiftung er- 
halten und dem Stiftungszweck entsprechend 1913 einen zweiten 



426 



Literaturbericht. 



Band des Chartulariums herausgegeben. Der Arbeitsplan des 
ersten Bandes, der die Veröffentlichung der Urkunden nach 
Archivgruppen vorsieht, wurde beibehalten. Von den 311 teils 
wörtlich teils im Auszug wiedergegebenen Stücken aus den 
Jahren 1104 — 1500 entfallen 171 auf das Archiv des Frauenklo- 
sters s. Agnes zu Bologna, das Dr. Alban Sorbelli bearbeitet 
hat. Dem gleichen Gelehrten verdanken wir die Herausgabe 
der Akten des Bologneser Kardinallegaten Ludwig Fieschi aus 
den Jahren 1412/13, während P. Serafino Gaddoni Nachrichten 
aus dem Archiv der kleinen Gemeinde Dozza nächst Imola bei- 
bringt, die ehedem zum Herrschaftsgebiet von Bologna gehört 
hatte. Den Beschluß bilden an hundert durch Dr. F. Baldasseroni 
gearbeitete Auszüge aus den Registern des Papstes Gregor XI. 

Die größte Ausbeute für die innere Geschichte der Universi- 
tät Bologna bieten die Aktenstücke der 2. und 4. Abteilung. 
Sie zeigen einerseits das Eingreifen des Kardinallegaten ins 
Universitätsleben, anderseits die Fürsorge des Papstes Gregor XI. 
für das von ihm zu Bologna errichtete Collegium Gregorianum. 

Im einzelnen erwähne ich aus der Aktengruppe des Frauen- 
klosters von s. Agnes eine Anzahl von Rechtsgutachten und 
Nachrichten über die Familie Gosia, welcher Martinus, einer der 
vier berühmten Doktoren, angehörte. Unter den Verfügungen 
des Kardinallegaten Fieschi die Erlaubnisscheine zur Ausfuhr 
von Büchern (n. 516, 518, 520, 522/3, 527/8, 537/8), die uns durch 
Aufzählung der Werke einen Einblick in das gelehrte Rüstzeug 
der Scholaren ermöglichen, z. B. des Henricus de Piro d. Ä., der 
später als Rechtslehrer und Rat der Stadt Köln tätig war. Der 
S. 226, n. 543 genannte Hermannus ex comitibus de Sicilia, 
electus Frisiniensis ist jedoch kein Italiener, sondern des Grafen 
Hermann von Cilli legitimierter Sohn gleichen Namens, der in 
den Jahren 1412 — 1421 Bischof zu Freising war. Daß dem Re- 
gistratur ein comes de Sicilia näher lag als ein comes de Cilia, 
ist nicht verwunderlich. Den Beschluß des Bandes machen ein 
chronologisches Verzeichnis der abgedruckten Aktenstücke, ein 
Verzeichnis der Notare und ein alphabetisches Namen- und 
Sachregister. Die Ausstattung ist sorgfältig. 

Graz. Luschin v. Ebengreuth. 






Italien. 427 

Memoire de Marie Caroline reine de Naples, intitule de la re'vo- 
lution du royaume de Sicile par un tdmoin oculaire, publid 
pour la premiere fois par R. M. Johnston, de l'universitd 
de Cambridge, professeur adjoint ä l'universite" Harvard. 
(Harvard historical studies XVI.) Cambridge, University. 
1912. XVII u. 340 S. 

Eine Handschrift der Nationalbibliothek in Neapel wird hier 
zum erstenmal veröffentlicht, samt den urkundlichen Belegstücken, 
die dem Original beigegeben sind. Sie ist als eine Denk- und 
Streitschrift der Königin Maria Karolina von Neapel erkannt 
worden, kurzgesagt ein leidenschaftlicher Anklageakt gegen den 
Lord William Bentinck, der die Königin 1813 aus Sizilien aus- 
gewiesen hat. Auffällig ist, daß von diesem umfangreichen Schrift- 
stück, trotzdem der Streithandel zwischen Lord William und der 
Königin längst bekannt ist und mehrere Briefsammlungen der 
Königin veröffentlicht sind, bisher keine Spur sich gezeigt hat. " 
Helfert, der eine Denkschrift der Königin an den Kaiser Franz 
vom Februar 1814 erwähnt, weiß nichts von ihr. Dennoch ist 
an der Urheberschaft der Königin nicht zu zweifeln. Man muß 
annehmen, daß sie, seitdem ihr Krieg mit dem Vertreter der 
englischen Regierung eine ernstere Gestalt gewann, tägliche Auf- 
zeichnungen machte oder durch ihren Sekretär machen ließ. 
Sie hat auch gegen Bentinck selbst kein Hehl daraus gemacht, 
daß sie ihn dereinst vor der Öffentlichkeit belangen werde. Diese 
Aufzeichnungen sind ungemein weitschweifig, zuweilen „etwas 
wirr", wie nach einem Ausdruck Helferts alle Schriftstücke aus 
der letzten Zeit Maria Karolinas, mitunter kommen auch Lücken 
vor, aber im ganzen geben sie ein deutliches Bild der Ereignisse, 
die zum Teil ein dramatisches Interesse haben, und enthalten eine 
Menge neuer Details, das dann in den kritischen Anmerkungen 
des Herausgebers an Berichten englischer Herkunft kontrolliert 
wird, nicht bloß an den längst gedruckten diplomatischen Kor- 
respondenzen, sondern auch an ungedrucktem Material, das teils 
dem in Welbeck Castle aufbewahrten Tagebuch Bentincks, teils 
seinen Schreiben an das Auswärtige Amt entnommen ist. 

Die Lage der verwahrlosten Insel war, als Lord Bentinck 
im Juli 1811 auf Sizilien erschien, die unerfreulichste. Mißgünstig 
sah man in Palermo auf die neapolitanischen Räte, mit denen 
der Hof sich umgab. Der Finanznot zu steuern, hatte die Re- 



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Literaturbericht. 



gierung zu willkürlichen Steuermaßregeln gegriffen, die in dem 
verarmten Lande schwer empfunden wurden und gegen die eine 
Anzahl einflußreicher sizilischer Barone, die Faktion, die Aristide, 
wie die Königin sie nannte, offenen Protest erhob. Den Eng- 
ländern, denen die Insel ein wichtiger Posten für die Behauptung 
ihrer Macht im Mittelmeer war, mußte die um sich greifende Un- 
zufriedenheit um so unerwünschter sein, als sie Verschwörungen 
auf die Spur kamen, die gegen sie selbst gerichtet waren. In 
dieser Krisis sollte Lord William energisch eingreifen, und er 
tat es, nachdem er sich noch einmal persönlich in London hatte 
Vollmacht erteilen lassen: er verband sich mit den mißvergnügten 
Baronen und ließ durch ein ad hoc zusammengesetztes Parla- 
ment eine der englischen nachgebildete Verfassung einführen, 
von der er sich allen Ernstes versprach, daß sie Sizilien in ein 
glückliches Land umschaffen werde. Um den Einfluß der Königin 
auszuschalten, veranlaßte er, daß der König von der Regierung 
zurücktrat und sie dem Erbprinzen, der sich gefügiger zeigte, 
als seinem alter ego überwies, während die Königin, die längst 
von ihrer Anglomanie zurückgekommen war, genötigt wurde, 
ihren Aufenthalt außerhalb Palermos, fern vom Sitz der Re- 
gierung zu nehmen. Zu der „Faktion" der Barone hielt auch der 
Schwiegersohn des Königspaares, der Herzog Ludwig Philipp 
von Orleans, der damals am palermitanischen Hof eine zwei- 
deutige Rolle spielte. Der Schwester Marie Antoniettes war er 
schon als Sohn des Egalite verdächtig. Jetzt trug er sich mit 
ehrgeizigen Absichten auf den spanischen Thron. Lord Ben- 
tinck, der Herzog von Orleans und das Haupt der Barone, Fürst 
Belmonte, bildeten ein Triumvirat, gegen das die Königin in 
ihrer Denkschrift die schärfsten Pfeile richtete. Auf die Faktion 
war sie fast ebenso erbost als auf Bentinck. Sie nennt ihn zuweilen 
geradezu das Sprachrohr der Aristide, den Mannequin der Faktion. 
Gegen die Person Bentincks hatte sie von Anfang an einen leiden- 
schaftlichen Haß, und in dem Kampf gegen ihn erwies sie sich 
als eine zähe, erfinderische, unerbittliche Gegnerin. Unerschöpf- 
lich ist sie in den Kosenamen, die sie ihm gibt: grossier caporal, 
Satrap, Vandale, britischer Tiger, ärger als Napoleon, grausamer 
als Robespierre. Englische Beurteiler haben sein Benehmen 
korrekt, gerecht, taktvoll, sogar geduldig gefunden. In öster- 
reichischen Gesandtschaftsberichten erscheint er als herrisch, 






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hochfahrend, ein Grobian. Tatsache ist, daß er von den Voll- 
machten, die er sich hatte erteilen lassen, rücksichtslosen Ge- 
brauch machte und damit den Verdacht erweckte, daß England 
es auf dauernden Besitz der Insel abgesehen habe. Er nahm 
den Oberbefehl über die gesamte Streitmacht in Sizilien an sich, 
auch über die einheimische, setzte Minister ab und ein, mischte 
sich selbst in die Ernennung der Hofbeamten, schickte Anhänger 
des Hofs in die Verbannung, verlangte Teilnahme an den Be- 
ratungen des Staatsrats, nahm die neue Verfassung unter seinen 
Schutz, cette sublime Constitution Wilhelmine, wie die Königin 
spottete, und die der König dadurch ad absurdum zu führen suchte, 
daß er erklärte, sie annehmen zu wollen unter der Bedingung, 
daß sie in allen ihren Bestimmungen genau so sei wie die englische. 
Kurz, er schaltete tatsächlich als Herr und Gebieter auf der 
Insel und verstieg sich bis zu der Drohung, selbst die Zügel der 
Regierung zu ergreifen und sie en depot für die königliche Familie 
zu behalten. Dabei waren seine Forderungen von starken Pres- 
sionsmitteln begleitet; er scheute sich nicht, den Aufenthalt 
von König und Königin mit englischen Truppen zu umstellen, 
und, was noch empfindlicher war, er sperrte die Subsidien, die 
dem Hof unentbehrlich waren. Und schließlich hat er die Kö- 
nigin mit Gewalt aus der Insel entfernen lassen. 

Welches waren die Beschwerden Lord Williams gegen Maria 
Karolina? Sie waren zum Teil ganz allgemeiner Art: die Königin 
handle gegen die englischen Interessen, ihre Anwesenheit hemme 
jeden Fortschritt, verhindere die Funktion der neuen Verfas- 
sung usw. Die Hauptbeschuldigung aber war die, daß sie einen 
geheimen Briefwechsel mit Napoleon und mit Murat unterhalte 
zum Zweck, einerseits ein Arrangement wegen der Krone Neapels 
zustande zu bringen, anderseits sich die Engländer vom Halse 
zu schaffen. Auch stand sie im Verd