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Full text of "Historische Zeitschrift"

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AT THE 



UNTVERSITY OF 
TORONTO PRESS 



Historische Zeitschrift 

Begründet von Heinrich v. Sybel 

Unter Mitwirkung von 

Paul Bailleu, Georg von Below, Otto Hintze, Otto Krauske, 
Max Lenz, Eridi Marcks, Sigmund Riezler, Moriz Ritter 

herausgegeben von 

Friedridi Meinecke und Fritz Vigener 

Der ganzen Reihe 120. Band 
Dritte Folge — 24. Band 




München und Berlin 1919 
Druck und Verlag von R. Oldcnbourg 

Reprinted with the permission of R. Oldenbourg Verlag 

JOHNSON REPRINT CORPORATION JOHNSON REPRINT COMPANY LTD. 

1 1 1 Fifth Avenue, New York, N.Y. 10003 Berkeley Square House, London, W. 1 



Bd. \w 



SEP 4 lyöb 



First reprinting, 1968, Johnson Reprint Corporation 
Printed in the United States of America 



INHALT. 



AufsätZQ. Seite 

Über den Begriff einer historischen Dialektik. 3. Der Marxismus. Von Ernst 

Troeltsch 393 

Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. Ein methodischer 

Versuch von Eugen Täubler 189 

Recht und Verfassung im Mittelalter. Von Fritz Kern 1 

Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. Von Manfred 

Stimming 210 

Renaissance als Stilbegriff. Dem Andenken Jakob Burckhardts von Werner 

Weisbach 250 

Das politische Testament Karls V. von 1555. Von E. W. Mayer .... 452 

Die Entstehung von Sturdzas „Etat actuel de l'AUemagne". Ein Beitrag 
zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen von Carl Brink- 
mann 80 



Literaturbericht. 



Seite 

Allgemeines: 

Geschichtsphilosophie 103. 281 ff. 495 

Deutschtum 291 ff. 

Biographisches 295 ff. 

Alte Geschichte 104 

Mittelalter 109ff. 300ff. . 

16. Jahrhundert 118.310 

18. Jahrhundert 121.313 

19. Jahrhundert: 

Wiener Kongreß 501 

Schulwesen 314 

Biographisches 499 

Katholizismus ...... 124. 318 

20. Jahrhundert 320 



Seite 

Rechtsgeschichte 129. 321 ff. 

Wirtschaftsgeschichte . . 328 ff. 505 

Kirchengeschichte 507 ff. 

Deutsche Landschaften: 

Baden 511 

Baiern 515 

Rheinland 519 

Hessen 522 

Salzburg 132 

Steiermark 524 

England 336. 525 

Italien 527 

Rußland 340ff. 

Heeresgeschichte 346 



Alphabetisches Verzeichnis der besprochenen 
Schriften. 

(Enthält auch die in den Aufsätzen und den Notizen und Nachrichten besprochenen 
selbständigen Schriften.) 



Seite 
Adam von Bremen, Hamburg. Kir- 
chengeschichte. 3. Aufl., herausg. 

von B. Schmeidler 543 

V. Albert und v. Alten s. Hand- 
buch. 



Seite 

Anrieh, Hagios Nikolaos. Der hei- 
lige Nikolaos in der griechischen 
Kirche. Bd. 2 507 

— s. Ficker. 

Baldasseroni s. Schiaparelli. 



IV 



Inhalt. 



Seite 

P.Barth, Geschichte der Erziehung. 
2; Auflage 534 

Adolf Bauer, Vom Judentum zum 
Christentum 354 

A. E. Berger s. Luther. 

Bertalot s. Dante. 

Carl Bertuchs Tagebuch vom Wie- 
ner Kongreß. Herausg. von H. 
V. Egloffstein 501 

Bettelheim s. Jahrbuch. 

Bibl s. Korrespondenzen. 

Hessische Biographien. Herausg. von 
H. Haupt. Bd. 1, Lief. 4. . . 180 

Birt, Aus dem Leben der Antike 540 

Blüchers Briefe, ausgewählt und 
erläutert von Stümcke. ... 169 

Braune, Edmund Burke in Deutsch- 
land 495 

Briefe an und von Johann George 
Scheffner. Herausg. v.Warda. 
Bd. 1 167 

Buzzi s. Federici. 

Charmatz, Minister Freiherr von 
Brück, der Vorkämpfer Mittel- 
europas 499 

Augsburger Chroniken. 7. Bd. 
Bearbeitet von Friedrich Roth 370 

de C16ry, Les id6es politiques de 
Fr6d6ric de Gentz 556 

Cohn s. Philo. 

Corray, Tapfer und treu .... 384 

de Crignis-Mentelberg, Herzogin 
Renata von Lothringen .... 552 

D a n t i s Alagherii de Monarchia libri 
in rec. Bertalot 152 

Dante Alighieri, La Divina Com- 
media. Herausg. von Olschki 151 

Denzinger, Enchiridion symbolo- 
rum. 12. Aufl 136 

Dopsch, Wirtschaftsentwicklung d. 
Karolingerzeit, vornehmlich in 
Deutschland. Bd. 2 109 

— , Wirtschaftliche und soziale 
Grundlagen der europäischen 
Kulturentwicklung aus der Zeit 
von Cäsar bis auf Karl d.Gr. Bd.l 328 

Dunning, The British Empire and 
the United States 525 

V. Egloffstein s. Bertuch. 

Ehrle, Neu-Deutschland und der 
Vatikan 177 

Eickholt, Roms letzte Tage unter 
der Tiara 172 

Erben, Die Berichte der erzählen- 
den Quellen über die Schlacht 
bei Mühldorf 153 

Unsere religiösen Erzieher. 2. Aufl. 136 

Espitalier, Vers Brumaire. Bona- 
parte ä Paris. 5. XII. 1797—4. 
V. 1798 168 

Federici e Buzzi, Regesto della 
chiesa di Ravenna. I u. II . . 527 

Fichtes Schrift, Machiavellii. Her- 
ausgegeben von Hofmiller. . 170 

— ,Machiavell. Herausg. v. Schulz 169 

Ficker und Anrieh, Zwei Straß- 
burger Reden zur Reformations- 
jubelfeier 160 



Seite 

Fiebiger und L. Schmidt, In- 
schriftensammlung zur Geschichte 
der Ostgermanen 143 

Hans Foerster, Die Abkürzungen 
in den Kölner Handschriften der 
Karolingerzeit 300 

Forst-Battaglia, Vom Herren- 
stande. Heft 1 361 

Frey, Die österreichischen Alpen- 
straßen in früheren Jahrhunder- 
ten 571 

Gentz, Vorwort zu den Fragmenten 
aus der neuesten Geschichte des 
politischen Gleichgewichts in 
Europa. Herausg. von Guglia 375 

Glitsch, DeralamannischeZentenar 
und sein Gericht 541 

Gmür, Schweizerische Bauernmar- 
ken und Holzurkunden .... 120 

Leopold Carl.Goetz, Deutsch-rus- 
sische Handelsverträge des Mit- 
telalters 307 

Grabowsky, Wege ins neue 

Deutschland 562 

Graf, Altbayrische Frühgotik . . 179 

Guglia, Maria Theresia 121 

— s. Gentz. 

Guidi e Parenti, Regesto del 
capitolo di Lucca. I u. II . . 527 

Guthe, Luther und die Bibelfor- 
schung der Gegenwart .... 15Ö 

Häpke, Die Regierung Karls V. 
und der europäische Norden. .' 118 

Haller, Die Ursachen der Reforma- 
tion 157 

Hamacher, Die Beurteilung der 
Franzosen in den deutschen 
Zeitungen und in der deutschen 
Publizistik während der drei 
schlesischen Kriege 555 

Handbuch für Heer und Flotte. Her- 
ausgegeben von V. Alten, fort- 
geführt von v. Albert. 6. Bd. 34« 

Die Handschriften des Finanz- 
archivs zu Warschau zur Ge- 
schichte der Ostprovinzen des 
preußischen Staates 182 

Hartig, Die Gründung der Mün- 
chener Hofbibliothek durch Al- 
brecht V. und Johann Jakob 
Fugger 515 

F. Härtung, Österreich-Ungarn als 
Verfassungsstaat 350 

Hashagen, Geschichte der Familie 
Hoesch. 2. Bd 519 

Haupt s. Biographien. 

Hauthaler s. Urkundenbuch. 

Heck, Pfleghafte und Grafschafts- 
bauern in Ostfalen 545 

Heckrodt, Die Kanones von Sar- 
dika aus der Kirchengeschichte 
erläutert 141 

Hegel, Die Vernunft in der Ge- 
schichte. Herausg. von Lasso n 103 

Magdalene Herrmann, Niklas Vogt, 
ein Historiker der Mainzer Univer- 
sität aus der 2. Hälfte des 18. 

Jahrhunderts 555 

Hessel, Elsässische Urkunden vor- 
nehmlich des 13. Jahrhunderts 361 



Inhalt. 



Seite 

Hettner, Rußland 343 

Hobohm, Hans Delbrück der Sieb- 
zigjährige 350 

Karl Hoff mann, Das Ende des 
kolonialpolitischen Zeitalters . . 561 

— , Der kleineuropäische Gedanke . 561 

V. Hoffmeister, Durch Armenien, 
eine Wanderung, und der Zug 
Xenophons bis zum Schwarzen 
Meere «104 

Hofmiller s. Fichte. 

Holl, Die Bedeutung der großen 
Kriege für das religiöse und kirch- 
liche Leben innerhalb des deut- 
schen Protestantismus 137 

— , Was verstand Luther unter Reli- 
gion? 158 

Hoppe, Markgraf Konrad von Mei- 
ßen, der Reichsfürst und der Grün- 
der des wettinischen Staates. . 360 

Imendörffer, Die Verteidigung 
Wiens im Jahre 1683 .... 373 

Biographisches Jahrbuch und 
Deutscher Nekrolog. Herausg. 
von Bettelheim. 18. Bd. . . 295 

Japikse, Waardeering van Johan 
de Witt 554 

Jordan, Die öffentliche Meinung 
in Sachsen 1864—1866 .... 559 

Junghanns, Zur Geschichte der 
englischen Kirchenpoiitik von 
1399—1413 548 

Kahler, Beiträge zu W. v. Hum- 
boldts Entwurf einer ständischen 
Verfassung für Preußen vom 
Jahre 1819 377 

Kaerst, Das geschichtliche Wesen 
und Recht der deutschen natio- 
nalen Idee 291 

Kahn, Die Stadtansicht von Würz- 
burg im Wechsel der Jahrhun- 
derte 387 

Keiper, Chr. Dettweiler, ein tap- 
ferer Pfälzer in französischen 
Kriegsdiensten 375 

Kiesel, Petershüttly . Ein Friedens- 
ziel in den Vogesen 385 

Kißling, Kardinal Francisco Xi- 
menes 156 

Kleinberg, Denken und Fühlen im 
Vormärz 557 

— , Die Zensur im Vormärz , . . 557 

H. Knapp, Das Rechtsbuch Rup- 
rechts von Freising 503 

Knetsch, Das Haus Brabant . . 522 

Knoke, Niederdeutsches Schul- 
wesen zur Zeit der französisch- 
westfälischen Herrschaft 1803 
—1813 314 

Knüttel, Catalogus van de pam- 
fletten — Verzameling berustende 
in de koniklijke bibliothek . . 138 

Köhler s. Lamprecht 321 

Koehne, Gewerberechtliches in 
deutschen Rechtssprichwörtern . 321 

Koeniger, Grundriß einer Ge- 
schichte des katholischen Kir- 
chenrechts 350 

Kötzschke, Die Urbare der Abtei 
Werden a. d. Ruhr. Bd. 2 . . . 505 



Seite 
Koppers, Die ethnologische Wirt- 
schaftsforschung . . 533 

Korrespondenzen österreichischer 
Herrscher. Die Korrespondenz 
Maximilians II. l.Bd. Herausg. 

von Bibl 310 

Kotzebu e. Das merkwürdigste 

Jahr meines Lebens 557 

Kraus, Husitstvi v literature, zej- 

m6na nemecke 548 

Krüger, Der Genius Luthers . . 157 
J. Kühn, Das Bauerngut der alten 

Grundherrschaft 334 

Kunzer, Bulgarien 536 

Kutschbach, Die Serben im Bal- 
kankrieg 1912 — 1913 und im 
Kriege gegen Bulgarien .... 536 

Lamprecht, Rektoratserinnerun- 
gen. Herausg. von Köhler . . 298 

Lasson s. Hegel. 

Leibniz, Der allerchristüchste 
Kriegsgott (Mars christianissi- 
mus). Übersetzt und eingeleitet 
von Paul Ritter 373 

Lehmann, Das Prinzip der Wahl- 
kreiseinteilung und seine Ent- 
stehung in Frankreich .... 556 

Lenel, Badens Rechtsverwaltung 
und Rechtsverfassung unter 
Markgraf Karl Friedrich 1738 
—1803 511 

Lenz, Die Bedeutung der deutschen 
Geschichtschreibung seit den Be- 
freiungskriegen für die nationale 
Erziehung 171 

Linneborn, Die kirchliche Baulast 
im ehemaligen Fürstbistum Pa- 
derborn 568 

V. Löwe, Das neue Rußland und 
seine sittlichen Kräfte .... 383 

Loserth, Die protestantischen Schu- 
len der Steiermark im 16. Jahr- 
hundert 524 

Luhe s. Mandt. 

Lüttich, Ungarnzüge in Europa 
im 10. Jahrhundert 116 

Luschin v. Ebengreuth, Die 
Münze nach Wesen, Gebrauch 
und Bedeutung 138 

Luthers Werke. Herausg. von A. E. 
Berger 367 

Mandt, Ein deutscher Arzt am 
Hofe Kaiser Nikolaus I. von 
Rußland. Herausg. von Veron. 
Luhe 340 

Marbe, Die Siedlungen des Kaiser- 
stuhlgebirges 567 

Marcks, Männer und Zeiten. 5.Auf- 
lage 532 

Martin s. Urkundenbuch. 

Matthaei, Deutsche Baukunst im 

Mittelalter. 4. Aufl 547 

— , Deutsche Baukunst in der Re- 
naissance- und Barockzeit bis 
zum Ausgang des 18. Jahrhun- 
derts. 2. Aufl 546 

Meister, Richtlinien für das Stu- 
dium der Geschichte des Mittel- 
alters und der Neuzeit .... 135 



VI 



Inhalt. 



Seite 

Merle, Die Geschichte der Städte 
Byzantion und Kalchedon . . . 139 

Meumann, Zeitfragen deutscher 
Nationalerziehung 293 

A. O. Meyer, Deutschland und 
Schleswig-Holstein vor der Er- 
hebung 379 

E. Meyer, Das britische Welt- 
reich 336 

Michael, Englands Friedens- 
schlüsse 373 

Melden, Alois Graf Aehrenthal. 
Sechs Jahre äußere Politik 
Österreich-Ungarns 320 

A. V. Müller, Luther und Tauler 
auf ihren theologischen Zu- 
sammenhang neu untersucht . 367 

K. Müller, Die großen Gedanken 
der Reformation und die Gegen-' 
wart 159 

Württembergischer Nekrolog 1913 
—1915 386 

Niemeyer, Die völkerrechtlichen 
Grundlagen des Weltkrieges. 
Bd. 2 563 

Öliger, Documenta inedita ad 
historiam fraticellorum spec- 
tantia 154 

Olschki s. Dante. 

Oncken, Das alte und das neue 
Mitteleuropa 381 

— , Über die Zusammenhänge zwi- 
schen innerer und äußerer Po- 
litik 563 

Otto, Herodes 538 

Pagliai, Regesto di Coltibuono . 527 

Parenti s. Guidi. 

Passow, Kapitalismus 534 

V. Peez, Die Landsverleger-Com- 
pagnia zu Wienn 554 

Philippi, Luther und die alte 
Kirche 158 

▼. Philippovich, Das Leben und 
Wirken eines österreichischen 
Offiziers 535 

Philo. 6. Bd. Herausg. von Cohn 
und Wendland 540 

Purlitz, Der Europäische Krieg . 177 

Rade, Luthers Rechtfertigungs- 
glaube 159 

Ranke, Die großen Mächte. Hersg. 
von Rud. Schulze 136 

Regesta Chartarum Italiae. Bd. 4 
bis 9 527 

Die preußischen Registraturen in 
den polnischen Staatsarchiven . 183 

A. Reimann, Deutsche Geschichte 
im Zeitalter der Reformation 366 

Reutter, Das Siedlungswesen der 
Deutschen in Mähren und Schle- 
sien bis zum 14. Jahrhundert . 371 

Ritschi, Reformation und evange- 
lische Union 157 

Ritter s. Leibniz. 

Friedr. Roth s. Chroniken. 

V. Rümelin, Geistiges Leben in 
Württemberg unter der Regie- 
rung König Wilhelms II. . . . 386 

Ruof, Dr. Johann Wilhelm von 
Archenholtz 313 



Seite 

Salomon, Die neuen Parteipro- 
gramme 177 

Schambach, Noch einmal die 
Geinhäuser Urkunde und der 
Prozeß Heinrichs des Löwen. . 545 

Scheffner s. Briefe. 

Schiaparelli e Baldasseroni, 
Regesto di Camaldoli II. . . . 527 

Schmeidler s. Adam. 

Eberhard Schmidt, Entwicklung 
und Vollzug der Freiheitsstrafe 
in Brandenburg-Preußen bis 
zum Ausgang des 18. Jahrhun- 
derts 326 

L. Schmidt s. Fiebiger. 

Hellmuth Schmidt-Breitung, 
Weltgeschichte der neuesten 
Zeit 1902—1918 382 

Fedor Schneider, Regestum Se- 
nense I 527 

O. Scholz, Die Hegesippus-Ambro- 
sius-Frage 142 

Schragmüller, Borerund Balierer 386 

Schranil, Stadtverfassung nach 
Magdeburger Recht: Magdeburg 
und Halle 324 

Hans Schulz s. Fichte. 

Rud. Schulze s. Ranke. 

Schumpeter, Zur Soziologie der 
Imperialismen 563 

Schwab n. Die Beziehungen der 
katholischen Rheinlande und 
Belgiens in den Jahren 1830 bis 
1840 124 

V. Schwerin, Deutsche Rechts- 
geschichte (mit Ausschluß der 
Verfassungsgeschichte). 2. Aufl. 535 

Schwinkowski, Das Geld- und 
Münzwesen Sachsens 568 

Hohenzollern-Jahrbuch. 20. Jahr- 
gang. Herausg. von P. Seidel 351 

W. V. Seidlitz, Kulturkrieg. . . 382 

Sieger, Der österreichische Staats- 
gedanke und seine geographi- 
schen Grundlagen 350 

Simon, L'ordre des P6nitentes de 
Ste. Marie-Madeleine en Alle- 

^ magne au Xllle siecle .... 362 

SiSic, Geschichte der Kroaten . . 143 

Slawitschek, Werdegang der öster- 
reichischen Verfassung .... 558 

Sommerlad, Die alte und die neue 
Kontinentalsperre 376 

Spengler, Der Untergang des 
Abendlandes. Umrisse einer Mor- 
phologie der Weltgeschichte. 
1. Bd 281 

Spranger, Das preußische Ministe- 
rium der geistlichen und Unter- 
richtsangelegenheiten 137 

Strupp, Unser Recht auf Elsaß- 
Lothringen 178 

Eugen Stamm, Konstantin Frantz 
und Bismarck 380 

Staude, Dorpat und Rostock . . 183 

Steig, Clemens Brentano und die 
Brüder Grimm 317 

Steinert, Wartburgfest 558 

Sten Konow, Indien 352 



Inhalt. 



Vll 



Seite 

E. V. Stern, Die russische Agrar- 
frage und die russische Revolu- 
tion 383 

Stoeckius, Untersuchungen zur 
Geschichte des Noviziates in der 
Gesellschaft Jesu 553 

Störmann, Studien zur Geschichte 
des Königreichs Mallorka . . . 547 

Stümcke s. Blücher. 

Teuf fei, Individuelle Persönlich- 
keitsschilderung in den deutschen 
Geschichtswerken des 10. und 
11. Jahrhunderts 305 

Theloe, Die Ketzerverfolgungen im 
11. und 12. Jahrhundert ... 509 

Thomsen, Das Alte Testament. 
Seine Entstehung und seine Ge- 
schichte 538 

Salzburger Urkundenbuch II (790 
— 1199). Bearb. von Hauthaler 
und Martin 132 

Veress, Fontes rerum Hungarica- 
rum. 3. Bd 552 

Völker, Luthers Anteil an der 
Grundlegung der neueren deut- 
schen Kultur 160 

Karl Voigt, Die karolingische Klo- 
sterpolitik und der Niedergang 
des westfränkischen Königtums 303 

Wähle, Feldzugserinnerungen römi- 
scher Kameraden 539 

Wal zel, Deutsche Romantik. 4. Auf- 
lage 349 

Warda s. Briefe. 



Seite 

Wegener, Diederich Ernst Bühring 
und sein Plan einer Generalland- 
schaftskasse 167 

A.Weiß, Das Werden unserer Volks- 
schule 388 

J.Weiß, Römerzeit und Völkerwan- 
derung auf österreichischem Bo- 
den 571 

v. Weissembach, Quellensamm- 
lung zur Geschichte des Mittel- 
alters und der Neuzeit. 1. Bd. 356 

Joh. Wen dl and, Reformation und 
deutscher Idealismus 550 

Wendland s. Philo. 

Wendorf, Die Fraktion des Zen- 
trums im Preußischen Abgeord- 
netenhause 1859—1867 .... 318 

Wentzcke, Was ist Elsaß-Lothrin- 
gen dem Reich? 565 

Werner, Die neuen theologischen 
Enzyklopädien 535 

Wutte, Die Entstehung der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie 571 

Zahn, Kultur- und Arrondierungs- 
wesen des Kraichgauer Niede- 
rungsgebietes 386 

Zibermayr, Die Legation des Kar- 
dinals Nikolaus Cusanus und die 
Ordensreform in der Kirchenpro- 
•vinz Salzburg 364 

Zoepfl, Johannes Altenstaig, ein 
Gelehrtenleben aus der Zeit des 
Humanismus und der Reforma- 
tion 366 

Ulrich Zwingli 551 



Notizen und Nachrichten. 

(Die Namen der ständigen Mitarbeiter^sind in Klammern hinzugefügt.) 

Seite 

Allgemeines (Frischeisen-Köhler) 135.348.532 

Alte Geschichte (Brand is) 139. 353. 538 

Römisch-germanische Zeit und frühes Mittelalter bis 1250 (Hof- 
meister) 142. 355. 541 

Späteres Mittelalter (Kaiser) 151. 362. 547 

Reformation und Gegenreformation (Köhler) 157. 366. 550 

Zeitalter des Absolutismus (Michael) 165.373.554 

Neuere Geschichte von 1789 bis 1871 (bis 1815 Kahler, nach 

1815 Jacob) 168. 374. 556 

Neueste Geschichte seit 1871 (Hashagcn) 178. 381. 561 

Deutsche Landschaften (Windel band) 178. 384. 567 

Vermischtes 184. 389. 571 



Redit und Verfassung im Mittelalter. 



Von 

Fritz Kern, 



Inhalt: Vorbemerkung. — I. Recht. 1. Das Recht ist alt. — 
2, Das Recht ist gut. — 3. Das gute alte Recht ist ungesetzt 
und ungeschrieben. — 4. Altes Recht bricht jüngeres Recht. — 
5. Rechtserneuerung ist Wiederherstellung guten alten Rechts. 
— 6. Rechtsanschauung und Rechtsleben. — II. Verfassung. 
1. Grundsatz der Rechtsschranken (der Herrscher ist an das 
Recht gebunden). — 2. Grundsatz der Volksvertretung (Kon- 
senspflicht des Herrschers). — 3. Grundsatz der Verantwort- 
lichkeit (das Widerstandsrecht). — 4.. Übergänge. — 5. Zeit- 
liches und begriffliches Mittelalter. 

Es sind nicht die „Realien" sondern die „Ideen" des mittelalter- 
lichen Rechts- und Verfassungslebens, die auf den folgenden Seiten 
zur Darstellung gelangen: allerdings auch nicht die abstrakten Theo- 
rien mittelalterlicher Gelehrter, sondern die Anschauungen, wie sie 
bewußt und unbewußt, ausgesprochen und unausgesprochen dem breiten 
Rechts- und Verfassungsleben jenes großen vergangenen Zeitalters 
zugrunde lagen. Die Wechselwirkung von Rechtsanschauung und 
Rechtsleben wird uns stets vor Augen bleiben; aber zunächst soll 
doch die Anschauung als solche verständlich werden. Die Darstellung 
geht nach geistesgeschichtlicher oder weltanschauungsgeschichtlicher 
Methode vor. Sie sucht demgemäß die Geschichtsquellen nicht wie einen 
Steinbruch zu benutzen, sondern wie eine geologische Formation zu 
studieren. Während der Rechtshistoriker z. B. unbefangen von einem 
fränkischen „Privatrecht" oder „staatsrechtlichen Normen" der 
anglonormannischen Zeit sprechen und die „Realien" unter diesen 
Stichworten ordnen darf, müssen wir feststellen, daß das Mittelalter 
gar kein „Privatrecht" als solches und auch nicht unsern Begriff des 
„Staates" kennt. Wer aus klassischen Werken wie Brunners Rechts- 
geschichte die Rechtsanschauungen der betreffenden Zeit kennen 
lernen oder rekonstruieren wollte (wofür selbstverständlich eine solche 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 1 



2 Fritz Kern, 

Realiengeschichte gar nicht geschrieben ist): der würde zu einer wun* 
derlich unzeitgemäßen Vorstellung gelangen. Theoretisch wird das 
jedermann ablehnen; praktisch aber wird in großen und kleinen 
Dingen sehr oft so verfahren, weil eben die Realien gut und leicht 
erreichbar dargestellt sind, die Ideen mit vereinzelten Ausnahmen bis- 
lang nicht. 

Die geistesgeschichtliche Methode erschöpft sich aber selbst- 
verständlich auch nicht in der Aufzählung der Wörter oder Begriffe, 
welche das betreffende Zeitalter im Munde geführt hat. Damit 
würde einmal die bewertende Anknüpfung und Einreihung in unsere 
eigene Begriffswelt versäumt, die mittelalterliche Anschauung bliebe 
unverständlich. Zweitens aber würde dieselbe durch solche Wort- 
und Begriffsphilologie auch in sich selbst nicht zutreffend erfaßt: 
denn das Beste und Tiefste, worauf ein Zeitalter fußt, kann es selber 
meist nur ungeschickt oder gar nicht aussprechen. i) Erst in der Abend- 
dämmerung beginnt die Eule der Minerva ihren Flug. So müssen 
wir denn, indem wir es vermeiden, die Begriffe unserer Zeit kritiklos 
und anachronistisch ins Mittelalter zurückzutragen, anderseits doch 
mit den Worten unserer Zeit die mittelalterlichen Anschauungen zu 
umschreiben suchen. Wir vergegenwärtigen uns aus Reden und Taten 
des Mittelalters dessen von dem unserigen gänzlich verschiedenen Rechts- 
begriff : dann aber fassen wir ihn in eine Sprache, die den Heutigen ver- 
traut ist. Die Geistesgeschichte macht den Dolmetscher zwischen einst 
und jetzt, und diese hermeneutische Aufgabe bedingt eine Methode^ 
die, nachdem sie bei der Philologie wie bei der Rechtsgeschichte in 
die Schule ging, doch keines von beiden, sondern ein eigenes zwischen 
beiden ist. 

Diese Vorbemerkungen würden für die folgenden anspruchslosen 
Beobachtungen fast zu schwer auftreten, wenn es nicht nötig wäre, 
Realienforschern gegenüber auf die Wahl des Standpunktes aufmerk- 



1) Hierfür vgl. F. Fleiner, Politik als Wissenschaft, Zürich 1917^ 
S. 8: „Die leitenden Ideen einer Zeitepoche bleiben häufig den Zeit- 
genossen verborgen. . . Das 15. Jahrhundert ist erfüllt von den Ein- 
griffen der staatlichen Obrigkeiten in die Angelegenheiten der Kirche. 
Ich brauche nur an die Kirchenpolitik Waldmanns oder an das Rechts- 
sprichwort zu erinnern von dem Herzog von Cleve qui papa est in suis. 
ierris. Die Kompetenz zu solchen Eingriffen hat im 16. Jahrhundert 
den weltlichen Obrigkeiten die juristische Rechtfertigung zur Kirchen- 
reform . . . geliefert. Worin liegt ihre Begründung? In einem von den 
Quellen des 15. Jahrhunderts stillschweigend vorausgesetzten Rechts- 
grundsatz, demzufolge der Staat als vicarius ecclesiae vor Gott ver- 
pflichtet ist, den Glauben zu schirmen, wenn das geistliche Schwert 
lässig bleibt. Ein Rechtsgrundsatz ersten Ranges, den keine Ur- 
kunde ausspricht, sondern den wir allein aus seiner Anwendung 
in einer großen Zahl von Einzelfällen erkennen." — VgU 
auch MSt. 1, 482, 1. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 3 

sam zu machen, um Erwartungen zu vermeiden, die hier nicht befrie- 
digt werden könnten, und um eine Art der Auseinandersetzung zu 
erbitten, welche den beiderseitigen Standpunkt zu klären vermöchte, 
statt ihn zu vermengen. 

I. Recht.i) 

Für uns hat das Recht, damit es gelte, nur eine einzige 
Eigenschaft nötig: die unmittelbare oder mittelbare Ein- 
setzung durch den Staat. Dem mittelalterlichen Recht da- 
gegen sind zwei andere Eigenschaften anstatt dieser einen 
wesentlich: es ist „altes" Recht und es ist „gutes" Recht. 
Dagegen kann es das Merkmal der Einsetzung durch den 
Staat entbehren. Ohne jene zwei Eigenschaften des Alters 
und des Gutseins, die, wie wir sehen werden, merkwürdiger- 
weise eigentlich nur für eine einzige und einheitliche Eigen- 
schaft gehalten wurden, ist Recht kein Recht, selbst wenn 
es vom Machthaber in aller Form eingesetzt sein sollte. 

1. Das Recht ist alt. 
Für subjektive Rechte, insbesondere für Besitzrechte, 
ist das Alter zu allen Zeiten von Bedeutung und kann unter 
Umständen rechtsbegründende Kraft haben (Ersitzung). 
Für die Gültigkeit des objektiven Rechtes dagegen bedeutet 
unter der Herrschaft des heutigen Gesetzesrechtes Alter 
schlechterdings nichts. Für uns ist das Recht vom Tage seiner 
Einführung bis zu dem seiner Abschaffung weder alt noch 
jung, sondern schlechthin gegenwärtig. Im Mittelalter war 
das anders: gerade für das objektive Recht galt das Alter 
als wichtigste Grundeigenschaft. Das Recht war ja Ge- 
wohnheit. Das unvordenkliche Herkommen, erwiesen durch 
die Erinnerung der ältesten und glaubwürdigsten Leute; 
die leges patrum, unter Umständen, aber nicht notwendig, 
bezeugt auch durch äußere Gedächtnishilfen, wie Urkunden, 
Landmarken, Rechtsbücher oder sonst eine die Lebenszeit 



^) Belege und nähere Ausführungen für alles Folgende siehe in 
meinen „Mittelalterlichen Studien" Bd. 1 (Leipzig 1914), 286 ff., 456 ff. 
(abgekürzt angeführt MSt.). Mein Aufsatz „Über die mittelalterliche 
Anschauung vom Recht" in der H. Z. Bd. 115 ist in die folgenden Aus- 
führungen hineingearbeitet und damit überholt. 

1* 



4 Fritz Kern, 

der Menschengeschlechter überdauernde Sache: das ist das 
objektive Recht. Und für ein in Frage stehendes subjektives 
Recht war seine Zugehörigkeit zum Väterbrauch ungefähr 
dasselbe, was heute der Nachweis sein würde, daß dasselbe 
aus einem gültigen Staatsgesetz erfließe. 

Freilich, damit Recht Recht sei, muß es nicht nur alt, 
sondern auch „gut" sein. Die Streitfrage moderner Juristen, 
ob das hohe Alter die verbindliche Kraft des Gewx)hnheits- 
rechtes erzeuge oder nur erkennen lasse?, ist für das mittel- 
alterliche Vorstellungsvermögen gegenstandslos. Denn das 
Alter an sich erzeugt noch kein Recht, und am Alter allein 
kann man es auch nicht erkennen. Vielmehr sind „hundert 
Jahre Unrecht noch keine Stunde Recht", und Eike von 
Repgow betont z. B., daß die Unfreiheit nur von Zwang 
und unrechter Gewalt herstamme, freilich von alters her 
Gewohnheit sei, weshalb man sie nun „für Recht haben wiir*.^) 
Aber sie ist nur eine „unrechte Gewohnheit". Das Vorhanden- 
sein unrechter oder „böser" Gewohnheit von so langer Zeit 
her zeigt, daß Gewohnheit oder Alter allein das Recht nicht 
macht oder erkennen läßt.^) Bei Eike ist die Unfreiheit 
ein später, wenn auch schon lange eingeführter Mißbrauch 
gegenüber der allgemeinen Freiheit, die herrschte, „als man 
das Recht zu allererst setzte". 3) Vor dem hundertjährigen 
Mißbrauch war eben ein tausendjähriges Recht oder viel- 
leicht sogar ein ewiges, unverjährbares. Mit dem Unverjähr- 
barkeitsgedanken bricht kirchlicher Ideenschwung in die 
germanische Anschauung vom Recht: das paradiesische 
Naturrecht des goldenen Zeitalters stempelt letzten Endes 



1) Ssp. Ldr. 3, 42, 6. Der Paragraph fehlt in der Quedlinb. Hand- 
schrift. 

2) Schon hier erhellt, wie wenig der moderne Begriff des Gewohn- 
heitsrechts den mittelalterlichen Begriff vom Recht erschöpft oder 
auch nur deckt. Im folgenden wird das noch mehr hervortreten. Trotz- 
dem werden wir der Kürze halber das Wort Gewohnheitsrecht als Ge- 
gensatz zum gesetzten Recht beibehalten, wenn wir uns nur bewußt 
bleiben, daß es nur ein Stichwort, keine Wiedergabe der wesentlichen 
Begriffsmerkmale der mittelalterlichen Rechtsvorstellung bildet. 

») Ebenda 3, 42, 3. Vgl. Schw. Sp. 44, und für die unrechte Ge- 
wohnheit i. allg. S. Brie, pie Lehre vom Gewohnheitsrecht 1 (Breslau 
1899), 222f., 236ff. 247. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 5 

alle auf Ungleichheit der Menschen beruhende Rechtsord- 
nung als Unrecht ab. Wird in diesem Beispiel die volks- 
tümliche mittelalterliche Rechtsweltanschauung (mit der 
wir uns in dieser Studie allein befassen) auch durch die ge- 
lehrte Rechtsphilosophie gestreift, so ist doch dieser unbeug- 
same Trotz des Rechts gegen die Zeit und was sie bringt, 
ein Eckstein des mittelalterlichen Rechtsdenkens überhaupt. 

Nicht der Staat, sondern „Gott ist der Anfang alles 
Rechts". Das Recht ist ein Stück der Weltordnung ^ es ist 
unerschütterlich. Es kann gebeugt, gefälscht werden, aber 
dann stellt es sich selbst wieder her und zerschmettert zu- 
letzt doch den Missetäter, der es antastete. Hat irgendwer, 
ein Volksgenosse oder gar die Obrigkeit, ein „Recht" ge- 
schaffen, welches einem guten alten Herkommen wider- 
spricht, und dieses Herkommen wird zweifelsfrei, etwa 
durch Aussage bejahrter Zeugen oder durch Vorbringen einer 
Königsurkunde, erwiesen, so war jenes neugeschaffene 
Recht kein Recht, sondern Unrecht, nicht usus, sondern 
abusus, und es ist Pflicht jedes Rechtsgenossen, der Obrig- 
keit wie des gemeinen Mannes, das verdunkelte gute alte 
Recht wiederherzustellen. Der gemeine Mann ebenso wie 
die Obrigkeit ist dem Recht verpflichtet und berufen, an 
seiner Wiederaufrichtung teilzunehmen. Gegenüber der 
Heiligkeit des Rechtes, zu seiner Bewahrung sind Obrigkeit 
und Untertanen (Staatsgewalt und Private) ganz gleich 
befugt. Hieraus folgt für die Verfassung Ungemeines, wie 
wir sehen werden. Es wird sich dann auch zeigen, daß 
Begriffe von so großem Umfang, aber wenig bestimmtem 
Inhalt, wie der mittelalterliche Begriff vom Recht, im prak- 
tischen Leben viel Verwirrung stiften. 

Beleuchten wir aber zunächst noch weiter die eigen- 
tümlichen Folgen, die sich aus der notwendigen Eigenschaft 
des Rechts als eines alten ergeben. 

Wo ein neuer Rechtsfall auftaucht, für welches kein 
geltendes Recht angeführt werden kann, da wird von den 
Rechtsgenossen bzw. den Urteilern neues Recht mit dem 
Bewußtsein geschaffen, daß es wiederum altes gutes Recht 
sei, zwar kein ausdrücklich überkommenes, aber ein still- 
schweigend vorhandenes. Sie „setzen" das Recht darum nicht, 



6 Fritz Kern, 

sondern sie „finden" es. Das Einzelurteil im Gericht, das 
wir als besondere Folgerung aus feststehenden allgemeinen 
Rechtsnormen auffassen, unterscheidet sich für den mittel- 
alterlichen Denkbrauch in nichts von der Gesetzgebung 
der Rechtsgemeinde: beidemal wird ein zwar verstecktes, 
aber doch schon vorhandenes Recht gefunden, nicht ge- 
schaffen. Die „erste Anwendung eines Rechtssatzes" be- 
zeichnet sich im Mittelalter niemals als solche.^) Das Recht 
ist alt; neues Recht ist ein Widerspruch 2); denn entweder 
erfließt es ausdrücklich oder stillschweigend aus dem alten 
oder es steht diesem entgegen, dann ist es eben Unrecht. 
Der Grundgedanke bleibt unangetastet, daß das alte Recht 
wirklich und das wirkliche Recht alt sei. 

Sonach ist also Rechtsneuerung im Mittelalter über- 
haupt nicht möglich? Der Weltanschauung nach nicht. 
Jede Rechtsneuerung und Reform wird aufgefaßt als Wie- 
derherstellung gekränkten guten alten Rechts. 3) 

Hier müssen wir nun die zweite Eigenschaft des Rechts 
ins Auge fassen, die für das Mittelalter mit der ersten eng- 
verschwistert, fast zusammenfallend ist: 

2. Das Recht ist gut. 

Die Philologen streiten noch, ob das altgermanische 
Wort für Recht, I, mit aequus oder mit aevus, mit „billig" 
oder mit „Ewigkeit" zusammenhänge. Für die mittelalter- 
liche Auffassung würde beides fast dasselbe sein: denn was 
von Ewigkeit her bestand, ist billig, und was billig ist, muß 
sich irgendwie auf ewige Ordnungen zurückbeziehen. Das 
alte Recht ist vernünftig, und das vernünftige Recht ist alt. 

Dennoch würde man aus sachlichen Gründen der Be- 
griffs Verbindung i mit aequus den Vorrang geben müssen. 
Ist es doch die grundlegende Eigentümlichkeit mittelalter- 
lichen Rechtsdenkens (ohne deren Kenntnis sich der Hi- 
storiker in lauter Fehlschlüssen bewegen müßte), daß es 
zwischen Recht, Billigkeit, Staatsräson und Sittlichkeit 

1) Vgl. Brie a. a. O. 231, 27. 

2) Pollock und Maitland, History of English Law 1, 12; Brie 
a. a. O. 228, 16. 

») Vgl. unten S.24ff. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 7 

nicht unterscheidet. Wo wir dem Recht, der Politik und dem 
Gewissen drei getrennte Altäre errichtet haben und jeder 
dieser Ideen als einer souveränen Gottheit opfern, da sitzt 
für den mittelalterlichen Menschen die eine Frau Justitia 
auf dem Thron, über sich nur Gott und den Glauben, neben 
sich nichts, und zu ihren Füßen kniend Obrigkeit und Unter- 
tanen, Fürst und Volk (wir würden sagen Staatsgewalt und 
Private), über welche sie in ewiger, unverbrüchlicher Gleich- 
heit Schwert und Wage hält. Ihr gegenüber aber, feindlich 
anrennend und die Knienden aufhetzend, die höllische 
Schattengestalt des Unrechts. 

Daß die an der Stoa gebildete Rechtsphilosophie der 
Kirchenväter, welche das sittlich-rechtliche Mischgebiet 
des Naturrechts überlieferte, beim Mittelalter so viel Anklang 
fand, das hat seinen Grund darin, daß das Denken des Mittel- 
alters noch nicht zu jener Sonjderung von Rechts- und 
Sittlichkeitssphäre vorgedrungen war, welche in der Neu- 
zeit rechtsphilosophisch bis zu der Fichteschen (dialektischen) 
Entgegensetzung von Recht und Sittlichkeit vertieft 
worden ist. 

Während aber die Gelehrten des Mittelalters gerade 
an dem Gegensatz der antiken Ideen und des lebendigen 
Gewohnheitsrechts ihrer Umwelt, sowie am Römischen Recht 
dazu geschult wurden, allmählich den Begriff des positiven 
Rechts als Gegensatz- und Ergänzungsbegriff zum Natur- 
recht herauszuarbeiten, hat das volksmäßige Rechts- 
bewußtsein nichts von dieser Unterscheidung geahnt und 
in gewaltiger, ungebrochener Einfachheit das Recht als etwas 
großartig Ganzes und Eines gesehen, das Recht gleich der 
Gerechtigkeit schlechthin als Gottes Dienerin, die „Jeg- 
Hchem das Seine gibt*'. Mit diesem Bewußtsein, das dem 
breiten lebendigen Recht des Mittelalters zugrundelag, 
haben wir es hier allein zu tun, nicht mit der Begriffsarbeit 
der Scholastiker und Juristen und was aus ihr folgte. Darum 
haben wir die einfache Tatsache festzustellen, daß dem mittel- 
alterlichen Denkbrauch, der die Handhabung des unge- 
lehrten Rechts bestimmt hat, die Unterscheidung von posi- 
tivem und idealem Rechte fehlt. Recht ist das Rechte, 
das Richtige, das Redliche, das Vernünftige. Das göttliche, 



i Fritz Kern, 

das natürliche, das moralische Recht ist nicht über, neben 
oder außerhalb des positiven Rechts, sondern „das Recht" 
ist göttlich, natürlich, moralisch und positiv zugleich, wenn 
wir überhaupt diese spaltenden Begriffe von außen daran 
herantragen dürfen, an dieses einfache, allumfassende 
„Recht". 

„Recht und redlich", „/us/e et rationabiliter'* ist eine 
der beliebtesten Wort-Ehen in der mittelalterlichen Rechts- 
sprache, gemäß der Einerleiheit von „positivem" und „mo- 
ralischem" Recht.i) Für uns ist das wirkliche geltende 
oder positive Recht etwas nicht Unmoralisches, aber Amora- 
lisches, das seine Herkunft nicht aus Gewissen, Gott, Natur, 
Idealen, Ideen, Billigkeit o. dgl., sondern einfach aus dem 
Willen des Staates und seine Sanktion in der Zwangsgewalt 
des Staates hat. Dafür ist eben — um hier den zartempfin- 
denden Nichtjuristen zu beruhigen — für uns der Staat 
etwas Heiligeres als für den mittelalterlichen Menschen. 
Wenigstens der Staat, den wir anerkennen und lieben kön- 
nen, der ein Teil unserer selbst und unsere geistige Heimat 
ist. Verneinen wir ein, z. B. durch Fremdherrschaft oder 
Pöbelherrschaft aufgezwungenes Recht, so werden wir eben 
revolutionär gegen den Staat ganz im mittelalterlichen Sinn 
des noch zu besprechenden Widerstandsrechtes. Mit dieser 
außerjuristischen Abschweifung wollte' ich nur eriäutern, 
daß selbstverständlich auch für uns Recht und Staat in 
überrechtlichen und überstaatlichen Empfindungen wurzeln. 
Aber wir vermögen zu sondern, wir sehen auch im ver- 
haßten Recht des verhaßtesten Staates vollgültiges positives 
Recht bis zu dem Tag, da wir beide zugleich durch Revo- 
lution zerbrechen können. Das Recht ist für uns Erben der 
juristisch-scholastischen Begriffsarbeit erst das Zweite, der 
Staat das Erste. Dem Mittelalter war das Recht Selbstzweck, 
weil unter Recht zugleich das sittliche Empfinden, die geistige 
Grundlage der ganzen Menschheitsordnungen, das Gute 
schlechthin mitgedacht wird, also auch die selbstverständ- 
liche Grundlage des Staates. Für das Mittelalter ist deshalb 



^) F. Frensdorft, Recht und Rede. Histor. Aufs. G. Waitz, 
gewidmet (Hann. 1886), 433ff. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 9 

das Recht das Erste, der Staat erst das Zweite. Der Staat 
ist hier nur das Mittel zur Verwirklichung des Rechts; sein 
Dasein leitet sich ab aus dem Dasein des über ihm stehenden 
Rechts. Das Recht ist vor dem Staat, der Staat für das 
Recht und durch das Recht, nicht das Recht durch den 
Staat.i) 

Für uns hat das „moralische", natürliche", „ideale" 
Recht seinen Standort zunächst gar nicht innerhalb der 
Rechtssphäre. Nur wo das positive Recht ausdrücklich 
das sittliche Empfinden hereinruft in seinen Kreis, wird es 
zu einem Glied der Rechtswelt, bestimmt, als dienende 
Stütze am Bau des positiven Rechtes mitzutragen. Nur 
wo das positive, vom Staat gesetzte Recht im Bewußtsein 
einer Lücke seines eigenen Baues, in welchem es die Wirk- 
lichkeit des Lebens fangen und fassen soll, zur Schließung 
dieser Lücke die Billigkeit, das Ermessen (das sittliche 
Urteil) des Richters oder Beamten aufbietet oder dem Staats- 
oberhaupt die Milderung des strikten Rechts durch das 
Walten der Gnade einräumt, dort, und nur dort tritt bei 



1) Es könnte hier einem Leser einfallen, die Unterordnung des 
mittelalterlichen Staates unter das Recht gegen die wahre Staats- 
natur des mittelalterlichen Staates auszuspielen. Nichts wäre falscher 
als das. Wer die hier vorliegende Studie zu Ende gelesen hat, wird davor 
bewahrt sein, den mittelalterlichen Staat in ein System von Privat- 
rechten oder Privat vertragen aufzulösen; er wird überhaupt mit der 
Entgegensetzung von Privat- und Staatsrecht im Mittelalter vor- 
sichtig werden. Die wahre Staatsnatur des mittelalterlichen Staates 
ist von G. V. Below, Der deutsche Staat des Mittelalters 1 (Leipzig 
1914), wie man meinen sollte, endgültig nachgewiesen worden. Aller- 
dings hat die Unterordnung des Staats unter das Recht, und zwar 
unter das so vieldeutig schillernde „Recht" im Sinne des mittelalter- 
lichen Begriffs, auch für Gestalt und Schicksale des Staates die größten 
Wirkungen gehabt, wie dies in einer Studie über „Mittelalterliche Po- 
litik" des näheren gezeigt werden soll. Aber so verschieden an Zweck- 
setzung und Gebarung auch der mittelalterliche Staat vom heutigen 
war und so sehr auch der Begriff Staat, wie wir ihn kennen, damals in 
Gemenge mit anderen Begriffen liegt (entsprechend der Gemengelage 
des Rechtsbegriffs), so ist er doch, sobald man die Realien und nicht 
die Ideen des Mittelalters anschaut, zweifellos Staat im vollen Sinne 
unseres heutigen Begriffs. Man vgl. die einleitende Bemerkung über 
die Methode der Geistesgeschichte in ihrem Unterschied zur rechts- 
geschichtlichen Methode. 



10 Fritz Kern, 

uns das moralische „Recht" aus dem inneren Waltekreis 
des Gewissens aufs Forum hinaus, eingeführt, befugt, um- 
grenzt und überwacht durch das positive Recht. Das po- 
sitive Recht macht das moralische auf diese Weise zu seinem 
eigenen Bestandteil, so daß auch nunmehr noch der Form 
nach im Staate nur ein einziges Recht gilt, das positive, 
und kein anderes außer ihm.^) Dieses positive Recht aber 
kann der Staat nach der heute herrschenden Staats- und 
Rechtsidee jederzeit beliebig abändern. Der Staat ist der 
Souverän ; er bestimmt also sogar, inwieweit das moralisch 
„Rechte" Recht sein soll. 

Es gibt nach der modernen Auffassung nur einen Weg, 
Avie das ideale Recht, Antigones Gesetze der Götter, recht- 
mäßig (verfassungsmäßig) Herr werden könne über das po- 
sitive Recht, die Gesetze des Staates: durch die staatliche 
Setzung neuen positiven Rechts. Das geschieht, wenn sich 
der Staat überzeugt, daß bisher außerrechtliche, moralische 
Empfindungen einen Umbau des geltenden Rechts emp- 

^) Einen Überblick über die ins moderne bürgerliche Recht 
hereingerufenen moralischen Bestandteile bietet O. v. Gierke, Recht 
und Sittlichkeit, Logos 6 (1917), 211 ff. Wenn aber Gierke 251 ff. 
<fen Gegensatz von striktem und billigem Recht hierbei ausscheiden 
will, so scheint er mir dabei den Standpunkt etwas zu verschieben. 
Gewiß ist Billigkeitsrecht auch vollgültiges Recht, aber das sind „sitt- 
liche Pflichten" usf. auch, insoweit sie durch das positive Recht und 
■für dasselbe erheblich gemacht worden sind. Es bestehen natür- 
lich Gradunterschiede. Aber grundsätzlich gilt: alle „moralischen" 
Bestandteile des systematischen positiven Rechts sind Recht, insoweit 
sie abgestempelt sind durch den gesetzgeberischen Akt, und nur in- 
soweit. Das gilt auch für Billigkeit, Zweck usf. Das Billigkeitsrecht 
ändert gemäß dem allgemeineren Wandel der Rechtsvorstellung seinen 
Standort: im mittelalterlichen Recht, das aus Herkommen und Rechts- 
gefühl geschöpft wird, entsteht das Billigkeitsrecht aus Rechtsgefühl 
und Ge\yohnheit eines besonderen Richters, der kraft besonderen 
Herkommens (z. B. weil er König ist) nicht nach den Normen gleich- 
zeitiger anderer Gerichte zu richten hat und dessen (außerordentliche) 
Gepflogenheit dann den Zeitgenossen gerechter (biegsamer, indivi- 
dualisierender) als jene anderen (ordentlichen) Normen vorkommt 
und darum als billig bezeichnet wird. Im heutigen Recht dagegen 
laufen nicht striktes und billiges Recht im Wettbewerb nebeneinander 
her, sondern das Billigkeitsrecht hat formal seine ihm bestimmt zu- 
gewiesene Stelle innerhalb des einen, der Idee nach lückenlos geschlosse- 
nen Satzungsrechts. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. It 

fehlen. Dann setzt sich aber nicht einfach das moralische 
Recht an die Stelle des positiven; aus dem außerrechtlichen 
Gebiet der moralischen Überzeugungen tritt nichs von sich 
aus in das Haus des Rechts hinüber. Sondern der Staat 
formt sein positives Recht um, was er jederzeit beliebig 
und souverän kann. 

Inwieweit auch in diesem modernen Rechtsbild Fik- 
tionen stecken, erörtern wir nicht; es ist uns genug, daß die 
Vorstellung einheitlich und ein geschlossenes Begriffsgebäude 
ist, bezogen auf die Souveränetät des Staates und die alleinige 
Geltung des vom Staat erflossenen, d. h. positiven Rechts. 

Völlig entgegengesetzt ist die Vorstellung des Mittel- 
alters. Das Recht ist hier souverän, und nicht der Staat, d. h. 
das Gemeinwesen, die Obrigkeit, der Fürst oder wie die mittel- 
alterlichen Begriffe sonst lauten, welche wir in diesem Zu- 
sammenhang dem Recht gegenüberstellen. Der Staat kann 
das Recht nicht ändern. Er würde damit etwas begehen 
wie Muttermord. Diese gewaltige Tatsache der mittelalter- 
lichen Gedankenwelt werden wir im nächsten Abschnitt 
in ihren Folgen für das Rechtsleben zu betrachten beginnen; 
hier soll nur noch einmal der Grund dieser Überordnung 
des Rechts über den Staat verdeutlicht werden. Er liegt 
in der Nichtunterscheidung von idealem und positivem Recht. 
Ein Recht, das gleich ist mit dem Guten an sich, ist selbst- 
verständlich vor und über dem Staat. Die mittelalterliche 
Welt schwillt über von begrifflicher Ehrfurcht für die Heilig- 
keit des Rechts: natürlich, denn es ist nicht das nüchterne, 
trockene, bewegliche, technische, vom Staat abhängige 
positive Recht von heutzutage: es trägt in unklarer Ver- 
mengung die Heiligkeit des moralischen Gesetzes in sich. 
Der Leser wird sich vermutlich rasch überzeugen, daß die Ab- 
spaltung des Rechts von der Moral nicht nur ein technischer 
Fortschritt und eine gesunde Ernüchterung war, welche die 
Neuzeit heraufführte, sondern daß auch die tatsächliche 
Heiligkeit des Rechts dadurch nur gewonnen hat, so wie auf 
anderem Gebiet z. B. der kalte moderne Gesetzes gehor- 
sam mehr ist als die farbig warme, vieldeutige mittelalter- 
liche Untertanen treue. Aus der schwerlastenden Erhaben- 
heit des mittelalterlichen Rechtsbegriffs werden wir also 



12 Fritz Kern, 

nicht folgern, daß auch in Wirklichkeit das Recht besonders 
heilig geachtet war. Wir wollen hier überhaupt nicht kultur- 
geschichtlich den Wert und Einfluß des hochgespannten 
mittelalterlichen Rechtsbegriffs auf das Leben zu schildern 
versuchen, weder seine schöpferische, kulturbringende und 
vergeistigende Kraft noch auch seine unheilvolle Gestal- 
tungsgabe für unklare Zuständigkeiten wie für Heuchelei; 
wir begnügen uns mit der einfachen Feststellung praktischer 
Unhandlichkeit eines so vielsinnig bepackten und undeut- 
lichen Begriffs, und wollen im übrigen zunächst nichts, 
als diesen Begriff selber darstellen und deutlich machen. 

Die Sprache hütet oft die Begriffswelt eines entschwun- 
denen Zeitalters und überliefert sie in ihrer veralteten Logik 
künftigen Geschlechtern. Wir haben in unserer altertüm- 
Hchen Sprache auch noch ein Denkmal für diese einstmalige 
Einerleiheit von Recht und Moral; wir können das was 
„recht*' ist, von dem was „Recht*' ist, nur durch das Gewalt- 
mittel der Rechtschreibung unterscheiden. i) 

Es ist nun verständlich, in welchem Sinn dem Recht 
für die mittelalterliche Auffassung das Merkmal des Gut- 
seins unerläßlich ist, und wir wenden uns somit einem dritten 
Satze zu: 

3. Das gute alte Recht ist ungesetzt und unge- 
schrieben. 
Wir sind jetzt imstande, besser zu verstehen, warum das 
alte Recht und das gute Recht verschwistert sind und so- 
zusagen zusammenfallen. Das moderne Recht ist immer 
irgendwie vom Staat gesetzt. Das mittelalterliche Recht 
ist einfach; der mittelalterliche Denkbrauch empfindet es 
nicht als menschlich gesetzt, sondern es ist schlechthin 
ein Teil des Guten, Gerechten, das immer ist, so wie das 
Böse (nach dem kirchenväterisch-mittelalterlichen Begriffs- 

^) Wo aber diese versagt, wie z. B. in dem Wort „Rechtschrei- 
bung" selber, da können wir aus dem Begriff die alte Unklarheit nicht 
einmal sprachlich beseitigen. Verpflichtet die „Rechtschreibung" 
rechtlich oder nur sittlich-sittenhaft zu ihrer Befolgung? Die Doppel- 
deutbarkeit der Wortverbindungen mit „Recht" bleibt also be- 
stehen. 



Recht und Verfassung im Mittelalter, 13 

realismus) niemals etwas ist als nur die Privation des 
Guten, die Verneinung des Seienden schlechtweg, also in 
Wirklichkeit nichts.^) Wir haben oben gesagt, das moderne 
Recht sei gegenwärtiges Recht vom Tag der Setzung ab bis 
zum Tag der Aufhebung; vorher war es künftiges Recht, 
nachher wird es veraltetes Recht sein, beidemal also nicht 
wirkliches Recht. Das moderne positive Recht hat weder 
vor seiner Setzung, noch während seiner Gültigkeit noch nach 
seiner Aufhebung jemals die Eigenschaften, alt oder gut zu 
sein. Das mittelalterliche Recht dagegen, das die Termine 
der Setzung und der Außerkraftsetzung nicht kennt, ist 
nicht sowohl gegenwärtig als zeitlos. Nur gutes Recht ist 
wirklich, einerlei ob der menschliche Gesetzgeber und Richter 
es erkennt oder verkennt, d. h. nach unseren Begriffen, 
einerlei ob es positives oder „nur" ideales Recht sei. Das 
Verhalten des Gesetzgebers und Richters zum Recht ist nur 
ein Schatten, der über es dahinhuscht: er kann es verdunkeln, 
aber nicht beseitigen, denn das Recht ist wirklich, die etwaige 
Verdunkelung durch das ,, rechtswidrige'* positive Recht 
oder durch Vergessen ist ein wesenloses Nichts, eben ein 
Schatten, der über ein in sich bestehendes körperhaftes 
Ding hinweggleitet. Das echte gute Recht besteht auch in 



1) Das Gute ist, das Schiechte ist nicht; das Sein hat Grade, 
und der höchste Grad des Seins fällt zusammen mit dem höchsten 
Grad des Guten. Dieser neuplatonische Bestandteil mittelalterlicher 
Wissenschaft durchdringt auch außerhalb der eigentlichen Wissen- 
schaft die bewußte oder unbewußte mittelalterliche Weltanschauung. 
Ja, er ist eines der Hauptkennzeichen moralisierter Weltanschauung 
überhaupt. Besonders bedeutsam aber erscheint diese Grundform 
mittelalterli<:her Anschauungsweise bei dem Grundsatz des seienden 
guten Rechts. 

Daß das Recht nicht gesetzt, sondern gefunden wird, hat im kirch- 
lichen Recht darin seine Parallele, daß das Recht aus Offenbarungs- 
tatsachen erfließt, die vom Gesetzgeber nur in ihren Folgerungen zu 
entwickeln sind und durch ihren göttlichen Ursprung über dem welt- 
lichen Recht stehen. 

Auch des Gottesurteils ist hier zu gedenken. Das Recht ist die 
heilige Gerechtigkeit, die in den sapientes unter den Menschen wieder- 
klingt. Zuweilen aber ist es unmöglich oder unschicklich, daß Menschen 
es finden; dann muß Gott selbst es offenbaren. Vgl. z.B. Widukind 
2. 10. 



14 Fritz Kern, 

der Zeit seiner Verdunkelung unverbrüchlich fort. Es ist 
gegenüber der Verdunkelung „alt"; ob man sagt: das gute 
Recht oder das alte Recht ist gänzlich gleichbedeutend. 

Wenn das Recht aber nicht an einer Setzung kenntlich, 
wenn es ferner nicht am bloßen Alter erkennbar ist, weil 
es auch altes Unrecht gibt, sondern es vor allem gut, folglich 
auch alt sein muß: woran erkennt man es dann mit Bestimmt- 
heit? Wo wird das Recht gefunden? 

Es wird gefunden einmal dort, wo alles Moralische seinen 
Sitz hat, im Gewissen, und zwar, da das Recht die einer 
Volksgesamtheit gemeinsamen Gebiete des Rechten umfaßt, 
im Gesamtgewissen des Volks, im Rechtsgefühl der Volks- 
gemeinde oder ihrer Vertrauensmänner, der erlesenen Schöf- 
fen. Nicht irgendein gelehrtes Wissen oder ein Buch ist 
ihnen vonnöten, sondern nur, daß sie das „normale" Rechts- 
gefühl der Gesamtheit besitzen, daß sie sapientes, prud'- 
hommes, Biedermänner seien. 

Das Recht wird aber zweitens gefunden in alten Über- 
lieferungen. Alles gute und echte Recht war nach der all- 
gemeinen Überzeugung schon irgendwie in dem legendären 
Recht eines sagenhaften Gesetzgebers, eines ehemaligen,, 
besonders starken und weisen Königs enthalten. 

Wir bemerken also einen zwiefachen Fundort des R'ichts. 
Es wäre reizvoll, rechtsphilosophisch der Zweihei* dieser 
Brennpunkte nachzugehen, in denen sich Rechtsgefühl und 
Herkommen wechselseitig ineinander projizieren. Das Mittel- 
alter denkt aber gar nicht über das Problem dieser Zweiheit 
nach, es nimmt sie naiv als gegeben. Es rätselt nicht über 
den „Volksgeist", sondern ist überzeugt, daß in der Brust 
der Schöffen und in den alten Überlieferungen ein und das- 
selbe lebt, daß die Schöffen aus der Erinnerung ,, finden"^ 
was die Alten schufen, also nach wahren guten Überliefe- 
rungen zeugen, und daß grundsätzlich diese Überliefe- 
rungen trotz aller etwaiger Verdunkelungen unvergänglich 
leben. Durch dies Ineinanderfließen von Rechtsgefühl und 
Überlieferung wird eben das alte Recht und das gute Recht 
zum einen guten, alten Recht. 

In der Anknüpfung des Rechts an einen mythischen 
Gesetzgeber liegt scheinbar ein Widerspruch zu unserem 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 1{^ 

Satz von der Ungesetztheit und Ungeschriebenheit des Rechts. 
Aber doch nur scheinbar. Denn jener Gesetzgeber wird 
weniger als ein willkürlicher Gesetzmacher, denn als eine 
besonders kräftige und deutliche Enthüllung des Wahren, 
und Guten aufgefaßt. Gott ist der einzige Gesetzgeber im 
vollen und wahren Sinne des Worts. Bei den Sagenherr- 
schern der Vorzeit offenbart sich sozusagen das Recht; 
auch sie schaffen es nicht, aber sie bringen es an den Tag 
und pflanzen seine Herrschaft unter den Menschen auf. 
Auch sie sind, wie alle Staatsgewalt, unter, nicht über dem 
Recht. Aber als eine Art von Propheten oder Heroen rücken 
sie allerdings über Menschenmaß hinaus in die Nähe gött- 
licher Wirkungskräfte; sie können wohl dann auch als. 
Schopf er des Rechts selber verehrt werden, sobald sie über- 
menschliche Kräfte haben. Unserer Behauptung, daß das 
Recht nicht von Menschenwitz oder Menschenwille gesetzt 
sei, widerspricht das nicht, bekräftigt sie vielmehr. 

Auch geschrieben ist dies Recht des mythischen Gesetz- 
gebers nicht. Es ist überaus dehnbar und unbestimmt: 
alles Gute hat darin Platz, alles Schlechte ist eine spätere 
Abweichung und Verderbnis, die wieder abgestellt werden 
sollte. 

Allerdings hat man auch im Mittelalter Rechtssätze 
aufgezeichnet. Es gibt kein geschriebenes, aber aufgeschrie- 
benes Recht. Dieser Umstand erfordert sorgfältige Er- 
wägung. Wir stehen hier an der geschichtlichen Naht zwi- 
schen Gewohnheits- und Satzungsrecht. 

Zunächst wird hie und da als Gedächtnisstütze für 
Zweifelsfälle, um die Überlieferung stet und eindeutig zu 
halten, ein oder das andere Stück Rechts aufgezeichnet. 
Der Träger eines subjektiven Rechts, wie wir es nennen^ 
läßt mit publica fides des Herrschers oder eines Notars sein 
Recht beurkunden. Die Gesamtheit des Volkes schreibt 
einige Sätze ihrer Rechtswelt feierlich und authentisch nieder^ 
so daß der Wortlaut den Nachkommen erhalten bleibt. 
Oder ein einzelner Privater, wie wir es nennen, verbucht 
ohne Auftrag, nur aus dem Gewissen eines „Schöffen" 
heraus, was er vom objektiven Recht kennt, wie wir sagen 
würden, oder was er als gutes altes Recht weiß, wie man im 



16 Fritz Kern, 

mittelalterlichen Sinne sagen würde. Dies sind die drei 
Formen der Rechtsaufzeichnung, die das Mittelalter kennt, 
die Urkunde, das Volks recht (bzw. das authentische 
Recht irgendeiner Gesamtheit) und das Rechtsbuch, 
drei Rechtsquellen verschiedenen Rangs, aber für die mittel- 
alterliche Bewertung selbst nicht von so großen Unterschie- 
den, wie es uns scheinen müßte. 

Alle diese drei aufgeschriebenen Rechtsausschnitte haben 
nämlich neben oder über sich noch das lebende Rechts- 
gefühl bzw. mündlich überlieferte Recht, das allein die 
Ganzheit des Rechts darstellt. Jenes aufgeschriebene 
Recht ist kein Satzungsrecht (mit Ausnahme der vertrag- 
lichen subjektiven Rechte, die natürlich auch im Mittel- 
alter aus dem Willen der Kontrahenten gesetzt sind), son- 
dern einfach aufgeschriebenes Gewohnheitsrecht, wie wir 
es nennen; immer bleibt es nur ein Bruchstück von jener 
Ganzheit, die einzig und allein in der Brust der Rechts- 
gemeinde lebt.^) I 

Dem entgegengesetzt ist der moderne Zustand des 
Satzungsrechts, das seinem Wesen nach geschriebenes 
Recht sein muß. 2) Denn es besitzt die Ganzheit des Rechts 
in dem wörtlich fixierten Gebot der Autorität. Es ist ein 



^) Im aufgeschriebenen mittelalterlichen Recht finden sich denn 
auch oft Ausdrücke und Bestimmungen, die nicht das Vollgewicht haben, 
wie jedes Wort aus einem Kodex, so z. B. von vornherein unlebendige 
Bestimmungen, drakonische, niemals angewandte Strafen, sogar scherz- 
hafte Einfälle und theoretische Arabesken. Rechtsschreiber des Mittel- 
alters durften sich solche Launen leisten, da ja das Rechtsleben an ihre 
Sätze nicht strikt gebunden ist und nur das wirklich Lebendige aus 
ihnen festhält und anwendet. So konnte der Rechtsschreiber auch ge- 
radezu unanwendbare und nie angewandte Sätze niederschreiben, 
ohne das Vertrauen des Volks zu verscherzen, wenn nur seine phantasie- 
voll, theoretisch oder symbolisch aufgestutzten Sätze durch ihren tie- 
feren Sinn als Maximen, dem allgemeinen Rechtsbewußtsein gefielen. 

2) Dem Geschriebensein verwandt erschiene auf den ersten Blick 
buchstäbliches Memorieren des Rechts durch alle zur Rechtsanwendung 
Befugten, etwa in der Art, wie die Veden überliefert worden sind. 
Aber auch wo im Mittelalter das Recht buchstäblich memoriert wird 
(vgl. unten S. 29), ist es natürlich nur bruchstückweise aufgeschrie- 
benem Gewohnheitsrecht und nicht dem als Totalität geschriebenen 
Satzungsrecht gleichzuachten. 



Recht und Verfassung im Mittelalter, 17 

Kodex, der den Anspruch auf systematische Vollständigkeit 
erhebt und folglich für alles, was nun außer diesen fixierten 
Sätzen noch Recht sein soll, die formale, technische For- 
derung erhebt, irgendwie aus dem Ergebnis jenes Kodifi- 
kationsaktes ableitbar zu sein. Auch die lebendige Fort- 
bildung des Rechts aus dem Rechtsgefühl, etwa bei uns die 
Rechtssprechung des Reichsgerichts, ist formal und technisch 
nur insoweit möglich, als die Verfassung bzw. das kodifi- 
zierte Recht eine Behörde einsetzt, der in gewissen Grenzen 
die Rechtsfortbildung, als Lebensfunktion des kodifizierten 
Rechts übertragen ist, und alle Rechtsfortbildung erscheint 
hier nur als Erläuterung, Anwendung, Individualisierung des 
als Ganzheit und als allumfassend geltenden Satzungsrechts. i) 
Der Gegensatz zwischen Herkommensrecht und ge- 
setztem Recht läßt sich also kurz so zusammendrängen, 
daß die Ganzheit des Rechts hier in einem Kodex (= ge- 
schriebenemRecht), dort in schwebendem Rechtsgefühl 
liegt. Aufgeschriebenes Gewohnheitsrecht ist darum immer 
nur Bruchstück. Die Nutzanwendung dieses Satzes werden 
wir sogleich im mittelalterlichen Rechtsleben beobachten. 

4. Altes Recht bricht jüngeres Recht. 

Bei uns bricht selbstverständlich neueres positives 
Recht das ältere. Das ist ja der Sinn und Zweck seiner 
Setzung überhaupt. Es wäre ein Hohn, wollte das ältere, 
mit der Heiligkeit größeren Gutseins umkleidet, Lebens- 
ansprüche gegen das jüngere geltend machen. Der mittel- 
alterliche Grundsatz wäre für uns ebenso unsinnig, wie wenn 
mein Urahn mich beerben wollte. Für die mittelalterliche 
Vorstellung aber paßt ein ganz anderes Gleichnis: wenn altes 
Recht jüngeres bricht, so weicht ein junger Fant dem ehr- 
würdigen Greis aus dem Wege, oder, noch genauer: der Ein- 
dringling weicht, wenn der rechtmäßige Besitzer heimkehrt. 

Es kann ja auch im modernen Rechtswesen vorkommen, 
daß das jüngere Recht einen Rechtsirrtum enthält: dann 
wird eben ein neues (drittes) positives Recht geschaffen, 
welches zu dem ersten zurückkehrt. Aber in allen drei Zu- 



1) Vgl. oben S. 9 f. 
Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 



18 Fritz Kern, 

ständen ist dann das gültige Recht dasjenige, welches der 
Staat zu der betreffenden Zeit gesetzt hat. Nach mittel- 
alterlicher Vorstellung besteht das erste Recht einfach 
auch während des zweiten Zustandes verdunkelt fort und 
stellt im dritten Zustand sich selber wieder her. 

Was heißt überhaupt älteres Recht? Unter der Herr- 
schaft ungeschriebenen Herkommens ist das Alter zumeist 
nicht in der Art festzustellen, wie bei kodifiziertem, da- 
tiertem Satzungsrecht. Das „alte" Recht ist hier mehr eine 
Qualitätsbezeichnung als eine genaue Zeitfeststellung. Das 
Recht, welches man für das bessere hält, wird man bis zum 
Beweis des Gegenteils auch immer für das ältere erklären. 
Im übrigen liegen die Fälle sehr mannigfaltig, wovon schon 
oben ein Beispiel aus dem Sachsenspiegel gegeben worden 
ist.^) Ein andermal wird man das Recht eines soeben ge- 
storbenen unbeliebten Herrschers in Gegensatz bringen zu 
dem idealen Recht des mythischen Gesetzgebers, wird jenes 
als neues, schlechtes Recht widerrufen und das Recht des 
mythischen Gesetzgebers wiederherstellen, das indes viel- 
leicht doch auch einigen zu achtenden Rechtsneuerungen 
widersprechen würde, so daß man dann auch das mythische 
Gesetzgeberrecht als vielleicht teilweise verderbt überlie- 
fert und verbesserungsfähig hinstellt: kurz, man hilft sich, 
wie man kann, um ohne Verletzung der Rechtstheorie doch 
dem praktischen Bedürfnis des Augenblicks zu dienen. 2) 
Jedenfalls wird man dem Recht, das man haben will, stets 
möglichst die Eigenschaft ehrwürdigen Alters zusprechen. 3) 



1) Siehe S. 4. 

2) In diesem Sirin erklärt Heinrich I. von England 1100 (W. 
Stubbs, Select Charters of English constitutional history, 8. Aufl., 1900, 
S. lOOf.): Omnes malas consuetudines quibus regnum Angliae iniuste 
opprimebatur, inde aufero . . . Legem Edwardi regis vobis reddo cum 
Ulis emendationibus, quibus pater meus eam emendavit consilio baronum 
suorum. Das Recht Eduards des Bekenners, d. h. die guten Gewohn- 
heiten der angelsächsischen Zeit, sollen wiederhergestellt werden mit 
Ausnahme der guten, d. h. von den Volksvertretern gutgeheißenen 
normannischen Abänderungen oder „Verbesserungen". Über das Ein- 
treten der Volksvertretung als Quelle des Rechtsgefühls vgl. unten 
S. 52 ff. und zu dem angeführten Beispiel MSt. 1, 468. 

») Darüber vgl. den nächsten Abschnitt. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 19 

Besonders leicht konnte man die heikle Theorie von dem 
alten Recht, welches das neue bricht, mit den auch im Mittel- 
alter nach neuem Recht verlangenden praktischen Verhält- 
nissen dann in Einklang setzen, wenn weder das ,,alte** 
noch das ,,neue" Recht bestimmt datiert waren. Es^ab indes 
auch schwierigere Fälle; auch ihrer wurde die Praxis Herr, 
die sich niemals von einer Theorie endgültig in Fesseln 
schlagen läßt. 

Im Jahr 819 entdeckten die Franken einen Widerspruch 
zwischen einem gewohnheitsrechtlichen Ehebrauch und dem, 
was die Lex Salica darüber bestimmte. Mußte man nun 
nicht den lebendigen Brauch als eine schlechte Neuerung 
gegenüber dem ausdrücklichen Zeugnis des ehrwürdigen 
Volksrechtes, welches das alte Väterrecht sei, verwerfen und 
rückgängig machen? Die Franken bestimmen einfach, der 
Ehebrauch solle so gehandhabt werden, „wie es bis jetzt 
die Altvordern gehalten haben*', und „nicht so, wie in der 
Lex Salica geschrieben steht**. 

Man könnte vielleicht denken, hier läge die Rechts- 
regel zugrunde, daß Gewohnheitsrecht Gesetzesrecht breche. 
Aber nichts wäre falscher als diese Auslegung. Jener Rechts- 
grundsatz ist bezeichnend für das Zeitalter, welches zwischen 
dem reinen mittelalterlichen Gewohnheitsrecht und dem 
reinen modernen Gesetzesrecht geschichtlich und logisch 
in der Mitte steht. In der Moderne ist dieser Satz unsinnig, 
da das Gewohnheitsrecht theoretisch zum Bestandteil und 
dienenden Glied des Gesetzesrechts geworden ist und nur 
innerhalb des von diesem gezogenen Rahmens waltet.^) 
Für das Mittelalter ist diese Rechtsregel überhaupt unvor- 
stellbar, da ja Gesetzesrecht nichts ist als aufgeschriebenes 
Gewohnheitsrecht. Jene Rechtsregel ist dagegen unent- 
behrlich geworden für das gelehrte romanistische Pandekten- 
recht, welches ein totes, wiederausgegrabenes Gesetzesrecht 
cum gram salis auf eine veränderte Gegenwart wieder anzu- 
wenden hatte. Für das Mittelalter dagegen ist, wie ge- 
sagt, „Gesetzesrecht" nichts als Gewohnheitsrecht, aufge- 
zeichnet, damit seine an sich stets vorhandene unbegrenzte 



1) Vgl. oben S. 10. 

2* 



20 Fritz Kern, 

Geltung vor dem Vergessenwerden gesichert sei. Eine 
diesem „Gesetzesrecht", d. h. fixiertem ÜberHeferungsrecht, 
widerstrebende neue Gewohnheit ist also Mißbrauch, Un- 
recht. 

Wenn dem aber so ist, mußten sich dann nicht die Fran- 
ken des Jahres 819 dem wider ihre Gewohnheit zeugenden 
Buchstaben der Lex Salica unterwerfen? Nein, denn sie 
empfanden hier keinen feindlichen Gegensatz zwischen 
freiem „modernem** Rechtsgefühl und aufgeschriebenem 
„altem" Gewohnheitsrecht: vielmehr, auch hier brach gutes 
altes Recht schlechtes neues. Wie wurde das dargestellt? 
Nun, sehr einfach. Ein in lebendiger Überlieferung bewußt 
gegenwärtiger Altvordernbrauch siegte über ein aufgeschrie- 
benes totes Latein, über einen Schriftsatz, der für die Auf- 
fassung der Franken von 819 weiß Gott wie in die Lex Salica 
hineingekommen war, vielleicht durch einen Schreibfehler 
oder eine Einschaltung oder möglicherweise auch durch eine 
,, unrechte" Gewohnheit der Lex Salica-Verfasser, die ja 
auch irren können, soweit ihnen nicht göttliche Eingebung 
die Feder führt. Man sieht hier, wie sich die Praxis zu helfen 
wußte, ohne die Theorie zu verletzen. 

Schwieriger aber war dies, wo das aufgeschriebene Recht 
einen authentischeren Charakter trägt, als dies bei einem 
Volksrecht der Fall ist, also bei der Herrscherurkunde. 
Hier wird in der Tat die Theorie zuweilen doch auch Herr 
über die Praxis. 

Es war unmöglich, eine aus dem Nichts plötzlich auf- 
tauchende alte Königsurkunde beiseite zu setzen, wenn man 
sie für echt halten mußte. Mochte sie auch in den jetzigen 
Rechtsverhältnissen daliegen wie ein erratischer Block 
und bereits altbestehende Rechtszustände umstoßen: sie 
war und blieb Recht, und brach alle jüngeren Herrscherurkun- 
den, die nicht ausdrücklich jene ältere ausnahmen. Was 
haben z. B. mittelalterliche Fürsten von König Pipin ange- 
fangen nicht alles verfügt und verschenkt, im Glauben, 
gutes, altes Recht wiederherstellen zu müssen, wenn man 
ihnen ein Stück wie die Konstantinische Schenkung vor 
Augen hielt! 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 21 

Man muß hier unterscheiden zwischen Rechtsbestim- 
mungen, welche den Zustand Einzelner im Volke, z. B. 
das Besitzrecht an einem Acker, und solchen, welche den 
Zustand Aller oder doch generell Vieler betrafen, z. B. Erb- 
rechtsbestimmungen oder Leistungen an den Herrscher. 
Bei Fällen der ersten Art kann der Rechtszustand vertrag- 
lich geändert werden, bei Fällen der zweiten Art wird er der 
Theorie nach nicht geändert, in Wirklichkeit aber befindet 
die Volksgesamtheit^) jederzeit frei, was rechtens sei. Herr- 
scherurkunden, die im Rechtsleben herangezogen werden, 
sind fast immer derart, daß eine interessierte Partei sie vor- 
bringt. Da bricht nun die ältere Herrscherurkunde die 
jüngere, wenn aus der jüngeren nicht ausdrückhch hervor- 
geht, daß sie in Kenntnis jener älteren erlassen ist. Das 
hängt mit der schlechten Aufbewahrung der Urkunden zu- 
sammen: der Herrscher urkundet zwar mit publica fides, 
aber lange nicht so zuverlässig wie ein modernes Grund- 
buch: es ist verhältnismäßig leicht, von ihm eine Urkunde 
unter ungenügender, parteiischer Kenntnis der Tatsachen 
zu erschleichen. 2) Wird deshalb ein Rechtsverhältnis durch 
Vertrag geändert, so muß sich die interessierte Partei für den 
Fall, daß über den früheren Rechtszustand eine Königs- 
urkunde bestand (und wer wollte mit Sicherheit wissen, 
ob sie nicht bestand und irgendwoher auftauchte?), sichern, 
indem sie eine Königsurkunde erwirkte, welche etwa ent- 
gegenstehende ^ältere Urkunden ausdrücklich widerrief. 
Auch dann lag es nicht so, daß man nun unbedingte Gewähr 
dafür hatte, daß der Herrscher in voller doppelseitiger 
Kenntnis des Tatbestandes urkundete; auch jetzt noch können 
für die Rechtsgültigkeit des durch eine ältere Urkunde be- 
zeugten Zustandes gegenüber dem durch die jüngere Ur- 
kunde bezeugten unter Umständen Gründe angeführt wer- 
den. Hoffnungsloser aber wird die Sache für die jüngere Ur- 
kunde, wenn sie es versäumt, ältere Urkunden zu wider- 
rufen, und am hoffnungslosesten steht das neue Recht dann 
da, wenn die tatsächliche jüngere Rechtslage überhaupt 
keinen urkundHchen Rückhalt aufweisen kann und ihr auf 

1) Vgl. unten S. 52 ff. 

2) Vgl. unten S. 32 ff. 



22 Fritz Kern, 

einmal ein ehrwürdiges Herrscherpergament einen anderen, 
älteren Rechtszustand, der denn der eigentlich sein sollende 
ist, gebieterisch entgegenstreckt. Im Zusammenstoß einer 
älteren mit einer jüngeren Urkunde aber gilt der Satz: 
ut praecepta facta, quae anteriora essent, firmiora et stabiliora 
essent,^) 

In diesen Verhältnissen berühren wir eine der Haupt- 
krankheitsquellen des mittelalterlichen Rechtslebens, seiner 
großen Unsicherheit, des Herumtappens im Nebel, sobald 
eine alte Urkunde auftaucht, oft zur Wut, Verachtung und 
zum deutlich ausgesprochenem Argwohn der damit Über- 
fallenen Gegenpartei 2); hier berühren wir auch schon das 
Gebiet der mittelalterlichen Fälscherindustrie. Wobei wir 
jetzt ohne weiteres einsehen, daß dieses Gewerbe nicht 
nur um deswillen möglichst alte Herrscher für seine Mach- 
werke wählt, weil deren Urkunden sich der Nachprüfung 
leichter entziehen, sondern vor allem um deswillen, weil 
eine Urkunde um so kräftiger und vor Entwertung sicherer 
ist, je älter sie sich gibt. So geht der Fälscher bis zu Kon- 
stantin und Cäsar zurück. 

Wir unterschieden vorhin der praktischen Deutlichkeit 
(nicht um irgendeines begrifflichen Grundes) willen zwischen 
Urkunden, die nur Sonderrechte, und solchen, die auch all- 
gemeines Recht betreffen. Diese Unterscheidung müssen 
wir nun wieder zuschütten, denn sie ist gänzlich unmittel- 
alterlich. Nicht nur unterscheidet das Mittelalter nicht 
zwischen objektivem Recht und subjektivem Recht. 3) Nicht 
nur ist ihm jeder Stein des Rechtsgefüges, des objektiven 
Rechts als Gefüge aller subjektiven Rechte, nach seiner 
edlen, idealen Grundauffassung gleich heilig und wert, das 
Äckerlein irgendeines Hörigen wie der Grenzstein des Reichs, 
die Gefälle eines Burgmanns wie die Gerichtsverfassung des 
Volkes. Sondern, um bei unserer Frage zu bleiben, die 
„Privaten*' (wie wir sagen würden) lassen sich mit Vorliebe 

1) Vgl. Breßlau, Urkundenlehre P (1912), 6451. 

2) Lebhafte Äußerungen ebenda 651 f. Auf die hiermit ange- 
schnittene Frage der Beweiskraft von Privaturkunden einzugehen, 
erlaubt die Allgemeinheit unseres Gedankenganges nicht. 

3) Siehe S. 31. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 23 

gerade auch solche Rechte verbriefen, die einen allgemeinen 
Charakter an sich tragen, die wir als öffentlich-rechtliche 
bezeichnen würden. i) 

Taucht nun eine solche Urkunde auf, echt oder gefälscht, 
welche dem tatsächlichen öffentlich-rechtlichen (wie wir 
sagen würden) Zustand des Zeitalters widerspricht, in wel- 
chem sie auftaucht, so entsteht die schwierige Frage: kann 
man sie wegen dieses Widerspruchs zu offenkundig tatsäch- 
lichen Zuständen als Fälschung abtun? Oder kann man die 
Wiedereinführung des Zustandes der Urkunde beschränken 
auf den Urkundenvorweiser selbst, ohne die allgemeinen 
Zustände wieder zurückzuschrauben? Oder müßte man 
eigentlich allgemein zurückreformieren? Hier, bei Gegen- 
ständen von allgemeinerem Belang, entschieden natürlich 
vielfach Gesichtspunkte der Politik, Macht und Opportunität 
darüber, wie man sich zu der Urkunde stellte. 2) Ich erinnere 
nur an das Privilegium Majas des Herzogs von Österreich. 
Aber der allgemeine Grundsatz, von dem wir ausgegangen 
sind, daß älteres Recht jüngeres bricht, wurde dabei niemals 
bestritten, und er konnte ja auch so wenig abgeleugnet 
werden wie der Satz, daß das Gute gut und das Schlechte 
schlecht sei.^) Hieraus folgt nun ein weiterer Satz: 



1) Vgl. unten S. 39 f. 

*) Über Kompromißversuche zwischen altem und neuem Recht 
vgl. unten S. 41. 

3) Ohne auf das Kirchenrecht näher einzugehen, sei doch so viel 
bemerkt, daß es durch seine Natur den allgemeinen Grundsatz be- 
stätigt, daß altes Recht das jüngere bricht. Vgl. MSt. 1, 292, 272. 
Denn das allerälteste Recht ist auch das gottnächste, stärkste Recht. 
Nach der Offenbarung in den Evangelien folgen in absteigender Kraft 
die weiteren Rechtsquellen: Apostel, vier alte Konzilien, jüngere Kon- 
zilien, endlich die Dekretalen usf. In c. 21, C. 25 qu. 2 stellt Gratian 
in Erörterung eines Wortes des P. Pelagius I. fest, daß der Papst ein 
von einem seiner Vorgänger erteiltes Privileg nur pietatis vel necessi' 
tatis intuitu abändern könne. Im übrigen aber wächst gerade aus 
den Machtbefugnissen, die das Kirchenrecht dem Papst zuerteilt, 
auch der jüngere Zustand heraus, daß neues Recht altes bricht. Vgl. 
A. Hofmeister in Festschrift für Dietrich Schäfer (1915) 119, 1. 

In MSt. 1, 289ff. und H. Z. 115, 507 f. hatte ich mit einigen Worten 
auch die Rolle des Kirchenrechtes gestreift, ohne aber diese schwierige 
Frage auch nur im entferntesten lösen zu wollen. Hier möchte ich mich 



24 Fritz Kern, 



5. Rechtsneuerung ist Wiederherstellung guten 
alten Rechts. 

Sehen wir einen Augenblick auf die mittelalterliche 
Weltanschauung als Ganzes. Sie kennt nicht die Denkform 
der Entwicklung, des Wachsens und sich selber Emporbauens, 
sie betrachtet die menschlichen Vorgänge nicht biologisch 
(trotz dem aus der Antike geerbten, aber rein morphologisch 
erstarrten Organismusvergleich d.es Gesellschaftskörpers). Sie 
kennt ein ruhendes, gradweis abgestuftes^) Sein. Das zeitlos 
Starre, Apriorische der Ethik, nicht das Werden, sondern 
das Soll beherrscht ihre Anschauung von menschlichen 
Dingen. Diese Grundform des gebildeten Denkens im Mittel- 
alter verbindet sich leicht der germanischen volkstümlichen 
Gewohnheit, das Recht als alt und bleibend, als ruhend und 
in seiner Ruhe zu schützend anzunehmen. Germanische Volks- 
überlieferung und kirchlich-ethische Bildung vereinigen sich, 
um einen beharrenden, rein verteidigungshaften, nicht voran- 
treibenden, sondern in die Unveränderlichkeit des Zeit- 
losen zurückgezogenen Rechtsbegriff zu schaffen. 

Das Leben aber schafft auch im Mittelalter täglich Neues ; 
nur muß es dies Neuschaffen vor seinem eigenen theoreti- 
schen Gewissen mit dem beharrenden Rechtsbegriff in Ord- 
nung und Gleichklang bringen. Änderung und Erneuerung 
des Rechts ist möglich, ja geboten, sobald sie Wiederher- 
stellung ist, bzw. als solche sich gibt: Kein Umsturz, keine 
Entwicklung, aber fortwährende Enthüllung, Klärung, Rei- 



zurückhalten in der Hoffnung auf Unterstützung von berufenerer 
Seite. Das mittelalterliche Bewußtsein unterscheidet ja das Kirchenrecht, 
wie auch das Lehnsrecht usw. lange nicht mit so bestimmter Abgrenzung 
vom allgemeinen Recht, wie dies die spätere Jurisprudenz tut. Der 
Rechtsbegriff des Mittelalters ist ein viel einheitlicherer als man gewöhn- 
lich annimmt. Anderseits aber sprengt gerade das Kirchenrecht ma- 
teriell den mittelalterlichen Rechtsbegriff durch seine antiken Bestand- 
teile, seinen Offenbarungscharakter, seine Kirchenverfassung. Diese 
Verwandtschaft wie diese Gegensätzlichkeit des Kirchenrechts zu dem 
allgemeinen mittelalterlichen Rechtsbegriff kann nur ein Fachgelehrter 
zutreffend darstellen. Auch die Auffassung bei A. J. Carlyle, Mediaeval 
political theory ist noch recht lückenhaft. 
1) Vgl. oben S. 12f. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 25 

nigung des wahren guten Rechts, das ewig im Kampf liegt 
mit Unrecht, Trübung, Mißverstand und Vergessen. i) 

Wenn ein Recht zweifelhaft geworden ist, so sagen die 
zum Weistum aufgeforderten Weisen nicht, was als Recht 
gesetzt werden soll. Sondern sie finden in ihrem Wissen 
und Gewissen, was rechtens gewesen ist und folglich zu recht 
besteht. Sie können sich darin täuschen: ihr Rechtsbewußt- 
sein kann tatsächlich ein Recht finden, das noch nie bestan- 
den hat. Ja, sie können vielleicht selbst ein Bewußtsein davon 
haben, daß sie eine Neuerung vollziehen. Aber sie sagen es 
nicht. Sie können es nicht sagen, daß sie neues Recht schaf- 
fen, so wenig wie etwa ein moderner Gesetzgeber sagen 
darf, daß er aus selbstsüchtiger Willkür, Klassengeist o. dgl. 
Recht setze. Denn wenn auch das Mittelalter in Wirklich- 
keit jeden Tag neues Recht schafft, so darf es doch unter 
dem Zwang seiner Begriffswelt nichts anderes dafür aussagen, 
als daß das vernünftige, billige Recht auch das alte ist. Die 
„erste Anwendung eines Rechtssatzes'* bezeichnet sich 
darum, wie wir sahen, im Mittelalter niemals als solche.^) 
Zwar haben mittelalterliche Gesetzgeber häufig ausdrück- 
lich, um mit Saxo Grammaticus zu reden, „ruchlose Gesetze 
abgeschafft und heilsame gegeben". Dann ersetzten sie 
aber für ihre Anschauung nicht positives Recht durch anderes 
positives, sondern sie leiteten die Ströme des echten Rechts 
wieder zurück in das zeitweilig vom Unrecht versumpfte 
Bett. Der bezeichnende Ausdruck für mittelalterliche 
Rechtsform ist legem emendare, das Recht von seinen Ver- 
unstaltungen befreien. Man stellt Recht und Gesetz wieder 
her, wie sie in den guten Tagen König Erichs (in Schweden), 
Eduards des Bekenners (bei den Anglonormanen), Karls 
des Großen (bei Deutschen und Franzosen) oder sonst eines 
mythischen Gesetzgebers gewesen waren. 3) 

fi) Weder Evolution, noch Revolution, sondern Reformation. 
2) Vgl. oben S. 5 f. 

3) Indem für das Reichsrecht der fromme Kaiser Justinian diese 
Stellung überkommt, mündet das mittelalterliche Recht, zuerst das 
(damit neuerstehende) Staatsrecht in das römische ein. Hier stößt man 
auf die Erscheinung, daß das Römische Recht, welches zusammen mit 
dem Kirchenrecht allmählich den mittelalterlichen Rechtsbegriff 
sprengt, doch zunächst unter dessen Schutz und Hülle, sozusagen naiv, 
rezipiert wurde, ja überhaupt nicht anders rezipiert werden konnte. 



26 Fritz Kern, 

Häufiger als im (wie wir es nennen) Privatrecht gab es 
freilich in den öffentlichen Angelegenheiten Rechtsfälle, 
für welche der Natur der Sache nach ältere Rechte weder 
angeführt noch vorausgesetzt werden konnten. Aber auch 
da kommt es vor dem Zeitalter der Rezeption kaum vor, 
daß die Urteiler offen sagen, sie hätten beim Fehlen vor- 
handener Rechtsregeln nach ihrem arbitrium entschieden. 
Eine so unmittelalterliche Formel weist auf das Bestehen 
einer gewissen gelehrten Jurisprudenz hin.^) Allerdings gab 
es gewisse Fälle einer, auch von dem mittelalterlichen Rechts- 
begriff geduldeten Rechtsneuschöpfung: der Herrscher kann 
Privilegien frei erteilen, wenn dadurch niemand Unrecht 
geschieht. Er kann z. B. von dem Seinigen schenken, so- 
weit dadurch nicht die Gesamtheit Schaden erleidet. Das 
(objektive) Recht wird aufgefaßt wie ein riesiger Knäuel 
untereinander verknüpfter (subjektiver) Berechtigungen. 
Keine Berechtigung darf außer durch freien Vertrag oder 
Rechtsverwirkung beseitigt werden. Aber wo Leerräume 
zwischen den Berechtigungen liegen, da darf der freie Wille 
eingreifen und neue Fäden knüpfen. Diese Selbstverständ- 
lichkeit durchbricht aber nicht die allgemeine Regel, daß 
wo ein Recht streitig ist, der gute alte Brauch und nicht die 
setzende Willkür Lebender maßgebend sein soll. Mit dem 
Grundgedanken der Wiederherstellung des guten alten Rechts 
gewann im allgemeinen die mittelalterliche Gesellschaft 
schon die für ihre Bedürfnisse genügende Freiheit, das be- 
stehende Recht nach ihrem jeweiligen Rechtsgefühl elastisch 
fortzubilden. Man reformierte, indem man der Theorie 
nach zurückreformierte, und hatte darin freie Hand, soweit 
nur eben nicht beurkundete subjektive Rechte und Privi- 
legien ein Rührmichnichtan wurden und starr die Entwick- 
lung des objektiven Rechts hemmten. 2) 



1) Vgl. Brie a. a. O. 263; für die langobardische Jurisprudenz 
264, 29. 

2) Nur mit einem Wort sei daran erinnert, wie sehr z. B. vom Kir- 
chenrecht aus der Begriff der Reformatio ecclesiae, d. h. ihre Reinigung 
und Zurückbildung auf den idealen Urständ, diese Denkgepflogenheiten 
stützt, ebenso von der Philosophie her der Gedanke des paradiesischen 
Naturrechts, wovon wir ja oben S,4f. ein Beispiel hatten. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 27 

6. Rechtsanschauung und Rechtsleben 
in ihrem wechselseitigen Verhältnis haben wir schon oben, 
z. B. in dem Abschnitt über das alte Recht, welches das 
jüngere bricht, beobachten müssen. Wir dürfen nicht daran 
denken, dies überwältigend große und schwierige Gebiet her 
wirklich zu durchmessen. Nur ein paar vorläufige Wahr- 
nehmungen seien noch angefügt. 

Wäre das mittelalterliche Volksrecht auch nur in einiger- 
maßen nennenswerter Vollständigkeit aufgeschrieben, auf- 
bewahrt, nachgeschlagen und seine Aufzeichnung als echt 
anerkannt worden i), so hätte sich nach dem, was wir gesehen 
haben, der freie Fluß der gewohnheitlichen Rechtsentwick- 
lung in ein starres und ultrareaktionäres Beharren verwandeln 
müssen. Denn die Bestimmung König Pipins für Italien, 
einmal urkundlich erlassenes Recht dürfe nicht mehr durch 
Gewohnheit überwuchert werden^), gilt, obwohl sonst nicht 
so ausdrücklich festgesetzt, dennoch theoretisch für alles 
aufgezeichnete Volks- oder Königsrecht. Freilich wäre das 
Gewohnheitsrecht durchweg aufgezeichnet und nach dem 
aufgezeichneten Buchstaben beherzigt worden, dann hätte 
es sich durch die vollkommene Erstarrung, die ihm gefolgt 
wäre, selber ad absurdum geführt: oder anders ausgedrückt, 
das Gewohnheitsrecht hätte dann wie Satzungsrecht be- 
handelt, sich in solches auch begrifflich verwandeln müssen. 
Man hätte dann notgedrungen zu dem Rechtsbegriff des 
kodifizierten Rechts übergehen müssen, das durch jüngeres 
kodifiziertes Recht aufgehoben wird. Für diesen Rechts- 
begriff lag aber kein Bedürfnis vor, auch dort nicht, wo das 
Volksrecht aufgezeichnet wurde. Denn immer weiß das auf- 
geschriebene mittelalterliche Recht sich selbst nur als Aus- 
schnitt aus dem allumfassenden Meer des Gewohnheitsrechts, 
als Bruchstück, nicht als lückenlose Kodifikation. Die Ge- 
setze, Kapitularien usf. weisen regelmäßig auf das unge- 
schriebene Gewohnheitsrecht als das maßgeblich zu befol- 
gende hin. Im Notfall aber, wie wir sahen, konnte man 
immer die Gültigkeit, d. h. Echtheit des aufgeschriebenen 

1) Zu letzterem Punkte vgl. oben S. 20. 

2) Brie a. a. O. 255ff. Man vergleiche damit den entgegenge- 
setzten Grundsatz, der oben S. 19 erwähnt wurde. 



2S Fntz Kern, 

Rechts anzweifeln, ja sogar die des beurkundeten Rechts in 
sehr vielen Fällen; denn diese Aufschriebe und auch die 
Beurkundungen waren kein unwegdeutbarer Kodex, son- 
dern blieben bei der Art ihrer Aufzeichnung und Aufbe- 
wahrung den mannigfachsten Anfechtungen ausgesetzt. 
Dies alles haben wir oben schon erörtert. 

Das mittelalterliche Recht zeigt theoretisch absolute 
Beharrung, praktisch gemildert durch Vergeßlichkeit. Man 
konnte, wenn ein „altes'' Recht wohlbezeugt in den Gerichts- 
ring trat, doch fast immer annehmen, daß es, falls es dem 
Rechtsgefühl der Urteiler widersprach, auch irgendwie 
verfälscht, erschlichen, unzuverlässig und unvollkommen 
überliefert sei. Und da die mittelalterliche Rechtspraxis 
nicht wie das heutige Zivilrecht seinen Spruch absichtlich 
mit Beschränkung auf das von den Parteien beigebrachte 
Material fällt, sondern das wahre gute objektive Recht sucht, 
so kann durch jenes (dank der mittelalterlichen Unordnung 
nur zu wohl begründete) Mißtrauen gegen alles bezeugte 
alte Recht, soweit es dem Rechtsgefühl widerspricht, das 
urteilbestimmende Rechtsgefühl doch im ganzen beweglich 
bleiben. So wußte sich auch im Mittelalter das Leben von 
der Herrschaft des Buchstaben zu befreien und diesen für 
tot zu erklären. Das blinde Veto des aufgeschriebenen Rechts 
gegenüber dem lebendigen Fluß des nur gedächtnismäßig 
überlieferten Gewohnheitsrechts taucht immer nur verein- 
zelt auf, wo etwa eine vergessene alte Urkunde hervorge- 
zogen wird, der man nicht zu widersprechen wagt; dann 
allerdings konnte die Entwicklung des Rechts unter Um- 
ständen rücksichtslos auf einen früheren Zustand zurück- 
geschraubt werden, da ja das alte Recht das jüngere bricht. 

Wir sondern hier wieder aus praktischen Gründen 
(das Mittelalter sondert theoretisch nicht) die Fortbildung 
des objektiven Rechts und die Behandlung der subjektiven 
Rechte. Für das Gefundenwerden (oder Sichselberfinden) des 
objektiven Rechts ist die bezeichnende Form des Mittelalters 
das abstrakte Urteil des Weistums. Es wird häufig ohne 
eigentliche geschichtlichen oder urkundlichen Nachfor- 
schungen aus dem Gedächtnis und Rechtsgefühl Rechts- 
erfahrener und Vertrauenswürdiger geschöpft. Es bildet 



I 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 29 

leicht das Recht unbewußt oder doch unausgesprochen 
weiter, insofern die Schöffen tatsächHch oft mehr nach ihrer 
ratio als nach einem vielleicht veralteten oder vergessenen 
Herkommen urteilten. Wo das Weistum o. dgl. dagegen auf- 
geschrieben wurde und unvergessen blieb, da konnte es wohl 
das Recht starrer binden, länger in altertümlichem Gang er- 
halten, als modernes kodifiziertes Recht. Denn zum Unter- 
schied von letzterem konnte es niemals und durch nichts 
förmlich aufgehoben werden. Veraltetes Satzungsrecht wird 
ohne Zögern durch neue Satzung ersetzt, wenn nur wirklich 
der Gesetzgeber von seiner Veraltung überzeugt ist. Das 
Mittelalter hatte diesen Weg nicht, ererbtes, überständiges 
Recht los zu werden. Es kann nicht rufen: 

„Der Wald ist alt, man muß ihn nächstens fällen 
Und neuen pflanzen an die alten Stellen." 

Aber es hatte dafür den glücklichen Leichtsinn in der 
Bewahrung, Überlieferung und Bewertung aufgeschriebener 
Rechtssätze, und vermochte ein nicht mehr in die Zeit pas- 
sendes Recht für die Praxis damit häufig unschädHch zu 
machen. 

Rechtsneuerung und Rechtsbeharrung können beide 
nützlich und schädlich sein; auch im Mittelalter gewahren 
wir praktisch den ewigen Kampf beider Grundstrebungen 
miteinander. Dazu aber kommt hier hineinverflochten ein 
zweites Ringen, um das wir Heutigen uns unter der Herr- 
schaft des wohlgepflegten Satzungsrechtes nicht mehr sorgen 
brauchen: das Ringen um die Rechtsbeständigkeit, um die 
zusammenhängende Überlieferung, die Kontinuität des 
Rechts. Je mehr der Rechtskreis hinauswächst über die 
Nachbar- und Dorfgemeinde, desto weniger kann man sich 
eben auf das bloße Gedächtnis verlassen. In Skandinavien 
(nur dort) bestand der Brauch, das Recht in gemessenen 
Zeiträumen mündlich vorzutragen, damit es sich fixiere. 
Ähnlichen Dienst leisteten Aufzeichnungen kundiger Schöffen, 
Niederschriften, die in Hand und Herz zu halten den Rechts- 
männern freilich niemals zur Pflicht hat gemacht werden 
können, die sich aber durch Zuverlässigkeit und Reichhaltig- 
keit, ja vergleichsweise durch eine gewisse Systematik und 
Vollständigkeit zum Massengebrauch empfahlen. Es ist 



30 Fritz Kern, 

bekannt, wie die Rechtsbücher des hohen und späteren Mittel- 
alters einen solchen Dienst erfüllten. Auch diese privaten 
Aufzeichnungen des Gewohnheitsrechts konnten beim Mangel 
eines kodifizierten Rechts maßgebend, gesetzbuchartig und 
nicht nur rechtsbewahrend, sondern, den Zeitgenossen un- 
bewußt oder doch unausgesprochen, auch rechtsfortbildend 
wirken. Dank dem Ansehen ihrer Verfasser wurden solche 
Rechtsbücher als getreue Aufbewahrungsstätten des guten 
alten Rechts angesehen, ebenso wie ja auch die geschrie- 
benen Gesetze der Könige und Völker begrifflich nur Bekräf- 
tigungen, nicht Schöpfungen des Rechts sind. 

Nun ist aber die Hauptsache zu bedenken. Für uns 
würde ein solches Bemühen um Rechtsbeständigkeit in jedem 
Falle etwas schlechthin Löbliches und Nützliches bedeuten. 
Es würde dem Streit um Rechtsneuerung oder Rechtsbe- 
harrung in nichts vorgreifen, in diesem Streit neutral beiden 
Grundstrebungen nur den zuverlässigen Stoff dessen, was ist, 
übermitteln, ohne darüber zu befinden, was nun etwa sein 
und werden soll. Der mittelalterliche Rechtsgedanke aber 
setzt ja das Recht, das ist, gleich mit dem Recht, das sein 
soll. Jedes Bemühen um Rechtsbeständigkeit ist also im 
Mittelalter zugleich schon eine Parteinahme für Rechts- 
beharrung^), und, wie ja nun klar ist, würde eine lückenlose 
Rechtsbeständigkeit auch eine vollkommene Abriegelung 
gegen Rechtsneuerung bedeuten. Darum ist jene Lässigkeit 
der Bewahrung, die immer wieder die Anstrengungen um voll- 
kommene Rechtsbeständigkeit gleichmütig vernichtet, auch 
ein wohltätiges Übel, eine notwendige Luftschleuse für Rechts- 
fortbildung. Diese Lässigkeit geht auch ruhig über Ge- 
schriebenes hinweg; Artikel von Rechtsbüchern werden 
vergessen, Gesetzesbestimmungen, wie die aus der Lex 
Salica, werden verworfen, Urkunden für unecht oder durch 
ausdrückliche spätere Urkunde abgeschafft erklärt, wenn 
die Entwicklung sich nicht anders Luft zu machen weiß. 

Es wäre nun mit die herrlichste Aufgabe mittelalter- 
licher Rechtsgeschichte, das Spiel dieser Gegensätze in der 



1) Soweit nicht der Rechtsaufzeichner, wie Eike, vielfach eigene, 
d. h. neue Gedanken als geltendes Gewohnheitsrecht mitüberliefert. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 31 

Entwicklung der Rechtswirklichkeit zu beachten, aufzu- 
zeigen, wie der beharrende Rechtsgedanke, die biegsame 
Mündlichkeit des Gewohnheitsrechts, die Anläufe zur Rechts- 
fixierung und die unbehilfliche Rechtstechnik ineinander- 
wirken, fördernd oder schädlich, und wie aus alledem eine 
bestimmte Reihe mittelalterlicher Eigentümlichkeiten im 
konkreten Recht erwächst, neben den anderen Reihen von 
Besonderheiten, welche aus Wirtschaft, Gesellschaft, Sitte, 
Glauben und Politik des Mittelalters zu erklären sind. 

So viel vom objektiven Recht. Auf dem Gebiet der sub- 
jektiven Rechte aber drückt sich die geschilderte mittelalter- 
liche Zusammenknüpfung von Theorie und Praxis zunächst 
aus in einer hervorstechenden Rechtsunsicherheit, welche, 
trotz vielen Bequemlichkeiten im einzelnen, doch den Über- 
gang zur modernen Rechtstheorie als einen entscheidenden 
Fortschritt empfinden läßt. 

Nicht als ob die Rechte der ,, Privaten" irgendwie ge- 
ringeren Ranges gewesen wären, verglichen mit der öffent- 
lichen Rechtsordnung. Im Gegenteil, die Nichtunterschei- 
dung von objektivem und subjektivem, von öffentlichem 
und privatem Recht^) umkleidete auch den geringsten Rechts- 
anspruch eines Einzelnen mit der ganzen Heiligkeit der unver- 
brüchlichen Gesamtrechtsordnung, aus der kein Steinchen 
losgebröckelt werden kann, ohne daß das Ganze wanke. 
Die ethische Grundstimmung des Mittelalters verschmäht 
politische Wichtigkeitserwägungen und nimmt Recht und 
Unrecht immer gleich ernst, wie groß oder klein ihr Gegen- 
stand. Also die Theorie des Rechts mußte die subjektiven 
Rechte sicherer stellen als irgendeine andere Rechtstheorie, 
z. B. als die moderne, in der öffentliches Recht das private 
Recht bricht. 2) Aber es ist hier wie so oft mit dem Mittel- 
alter: sein idealer Flug scheitert an der Unzulänglichkeit 
der technischen Zurüstungen. Auch die theoretisch so felsen- 
feste Rechtssicherheit, unerschütterlich für Groß und Klein, 
unterschiedslos für Staatsgewalt oder Private, stellt sich 
in der Praxis beim Mangel an Rechtsbeständigkeit weit 
anders dar. 

1) Vgl. oben S. 22 und unten S. 39 f. 

*) Das nähere hierüber im Abschnitt von der Verfassung. 



32 Fritz Kern, 

Auch hier wie beim objektiven Recht entscheidet prak- 
tisch die SpärHchkeit und Unsystematik der Aufzeichnung, 
der Mangel geordneter und vollständiger Gesetzbücher, 
das Fehlen registrierter Urkunden und Erlasse, das Nicht- 
vorhandensein gelehrter Richter und Gesetzgeber, die un- 
gleichmäßige Kenntnis und zweifelnde Benutzung des einmal 
aufgeschriebenen Rechts durch die Nachfahren. Auch hier 
steht das subjektive Recht am festesten im räumlich eng- 
begrenzten Nachbarkreis, in zeitlich naheliegenden Abstän- 
den der rechtserheblichen Ereignisse. Schwieriger wurde die 
Bewahrung subjektiver Rechte über Raum und Zeit hinweg. 
Nur die Interessenten selbst, die Träger subjektiver Rechte, 
kümmerten sich innerhalb ihres engen Gesichtsfeldes um 
die Rechtsbeständigkeit; nur sie taten etwas dafür, natürlich 
in einseitiger, die Rechtssicherheit mit der einen Hand 
stützender, mit der anderen Hand umbiegender Parteilich- 
keit; nur sie legten Archive der Urkundentitel ihrer sub- 
jektiven Rechte an, zu deren Nachprüfung überparteiliche 
Archive mit öffentlichem Geschäftskreis meistenorts man- 
gelten. Die ausgleichende Rechtsbewahrung des Staats 
wird auch vom mittelalterlichen Herrscher mit lauten Tönen 
gefordert; die Scholastiker preisen die justitia distribativa 
des Herrschers: aber praktisch hatte er keine Hilfsmittel und 
Handhaben, um unparteiisch und genau festzustellen, was 
,, jedem das Seine'' sei. Praktisch war er auf die immer der 
Parteilichkeit verdächtige justitia commutativa der Privaten 
angewiesen. Die gebildetsten, technisch bestgerüsteten Pri- 
vaten waren stets die geistlichen Anstalten, die Kirchen und 
Klöster: die hatten Archive, Urkundenregister usf., sie haben 
für das dem Zeitalter höchsterreichbare Maß von Rechts- 
sicherheit gesorgt. Aber sie haben zugleich bei der Dürftig- 
keit der Urkundenkritik, der technischen Hilflosigkeit der 
öffentlichen Behörden auch erfundene Rechte am häufigsten 
und am leichtesten erschlichen, indem sie z. B. Rechtsakte 
früherer Herrscher fälschten. Die Versuchung der Rechts- 
fälschung war aber nicht nur deshalb so groß, weil eine 
Nachprüfung meist ausgeschlossen, dem kühnen Dieb also 
der Erfolg so gut wie sicher war. Wir müssen der pia fraus 
des Mittelalters eben aus der mangelnden Rechtsbeständig- 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 33 

keit heraus noch einen gewissen Milderungsgrund zuge- 
stehen. Ich bin überzeugt, wenn es sich auch mangels Fäl- 
scherkonfessionen des Mittelalters schwer quellenmäßig be- 
legen läßt, daß manch ein für sein Kloster Urkunden kompo- 
nierendes Mönchlein, von Fälscherheiligen wie Pseudo-Isidor 
ganz abgesehen, in seinem Maulwurfsbau sich den Himmel 
verdient hat. War es denn nicht sozusagen aus Vernunft, 
Rechtsgefühl, leisen oder lauten Überlieferungen usw. klar 
und einleuchtend, daß jener Acker nicht dem bösen Vogt 
gehören kann, da er doch so geschnitten ist, daß er zu dem 
anstoßenden Klostergut ursprünglich gehört haben muß. 
Ist nicht klar, daß Konstantin, als er nach Neurom ging, 
in Altrom den Papst zum Erben einsetzen mußte? Ist 
nicht die Kirchenverfassung des 9. Jahrhunderts ein uner- 
träglich verunstaltetes Ding, gegenüber der reineren Form, 
wie sie in der alten Kirche bestanden haben muß? Gewiß, 
über all das fehlen schriftliche Belege, das hundertjährige 
Unrecht hat sich breit gemacht und kann von dem älteren 
und unveraltenden Recht erfolgreich nur noch angegriffen 
und vertrieben werden, wenn dies alte, wahre Recht Zeug- 
nisse für sich ins Feld führen kann. Ist es aber nun nicht der 
reine Zufall, ob solche Zeugnisse noch da sind oder nicht? 
Können sie nicht beim Normannenbrand vor hundert Jahren 
zugrunde gegangen sein? Kann nicht Leichtsinn irgend- 
eines Vorfahren ihre Ausstellung oder ihre Aufbewahrung 
vernachlässigt haben? Kann nicht schließlich ein 
älterer, vom Glück begünstigter Fälscher der Ge- 
genpartei durch sein Werk das Recht verdrängt 
und das Unrecht triumphierend gemacht haben? 
So hilft man nun der Wahrheit und dem Recht durch eine 
neue Fälschung zum Sieg. Man korrigiert den Zufall der 
Rechtsüberlieferung, schafft wahre Rechtsbeständigkeit; in- 
dem man die Zeugnisse herstellt, stellt man das Recht selbst 
wieder her. So arbeiten in verborgener Minierarbeit und doch 
mit beiderseits bestem Gewissen zwei Heere geschickter 
Fälscherparteien gegeneinander, sie flicken die Löcher der 
Überlieferung in der allein rechtswirksamen Weise. Sie 
reden nicht über ihr Tun und doch ist ihr Gewissen gut, 
wie dasjenige der Northcliffe-Agenten, wenn sie zum Nutzen 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 3 



94 Fritz Kern, 

ihres Volkes unterirdische Bestechungsgänge in die öffent- 
liehe Meinung graben: beidemal der Natur der Sache nach 
geheime, aber beidemal auch selbstverständliche und be- 
rechtigte Tätigkeiten. Wenn Pseudo-Isidor das Kirchenrecht 
wieder herstellte, wie es hat sein müssen, und wenn jener 
Acker für das Kloster zurückbewiesen war, dann durfte sich 
der geschickte Urkundenstratege freuen als über einen un- 
blutigen, wahrhaft rechtlichen Sieg, und man darf vermuten, 
daß ihm die Absolution nicht schwer gemacht worden ist. 
Die Rechtsunbeständigkeit des Mittelalters war ein zu be- 
quemer und verführerischer Antrieb zum Fälschen. 

Soviel über die zu vermutende Seelenkunde der mittel- 
alteriichen Fälscher, die man ohne anschauliche Kenntnis 
des mittelalterlichen Rechtsbegriffs nicht verstehen kann. 
Die ganze vorstehende Abhandlung dient in gewisser Weise 
zurErklärung der massenhaften Fälscherei ; als advocatus dia- 
boli beweist sie, weshalb das Wasser, mit dem die Kirche 
kochte, nicht immer rein sein konnte. Damit soll natür- 
lich nicht geleugnet werden, daß auch das Mittelalter selbst 
dies Mittel als ein fragwürdiges und bedenkliches emp- 
fand. Nur wo der Zweck ein guter, ja heiliger, auch über- 
persönlicher war, wo ein verbreitetes Rechtsgefühl Zustände 
als einst wirklich vorhandene so annahm, wie man sie dann 
fälschenderweise wieder in die Welt setzte, nur dort konnte 
die Selbstrechtfertigung im obigen Sinne wirken. 

Neben den Fälschungen sind es besonders die massen- 
haften Urkundenbestätigungen des Mittelalters, deren 
Hypertrophie eine gewisse Störung des Rechtskreislaufs 
verrät. 

Man sucht die Sitte der Bestätigungen daraus zu er- 
klären, daß das Mittelalter im allgemeinen keine überper- 
sönliche Staatsgewalt gekannt und deshalb auf die persön- 
liche Bindung jedes neuen Herrschers so großes Gewicht ge- 
legt habe.i) Wir werden aber im Abschnitt über die Ver- 
fassung sehen, daß der jeweilige Herrscher zwar nicht im 
Namen einer überpersönlichen Staatsgewalt, wohl aber im 

^) So z. B. A. Hofmeister in der Festschrift für D. Schäfer, Jena 
1915, S. 79f. Vgl. auch S. 74, 1. So wie Hofmeister die Bestäti- 
gungssitte darstellt, ist die Erklärung nicht falsch, nur unvollständig. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 35 

Namen der Rechtsgemeinschaft und des überpersönlichen, 
unvergänglichen Rechtes urkundet. Aus allgemeinen Ver- 
fassungsanschauungen ist darum die Bestätigungssitte nicht 
ohne weiteres ableitbar; wir müssen zu ihrer Erklärung 
mehr ins Praktische, einfach Technische des mittelalterlichen 
Rechtsganges hinabsteigen. 

Jeder Herrscher war an sich, der Verfassung nach, 
an seine eigenen früheren Herrscherhandlungen, sowie an die 
rechtmäßigen Regierungsakte aller seiner Vorgänger gebun- 
den. Hätte der mittelalterliche Staat ein gutes behördliches 
Urkundenregister gehabt, mit Löschung der getilgten und 
immerwährender Schauhaltung aller noch gültigen Urkun- 
den, dann hätte das Mittelalter nicht eine einzige Bestätigung 
gebraucht. Diese sind einfach technische Behelfe für Rechts- 
beständigkeit, Vorsichts-, wenn man will, Angsterzeugnisse, 
gegen die Rechtsunsicherheit. Wenn man ein verbrieftes 
subjektives Recht besaß, so lebte man immer in der Erwar- 
tung, daß der Gegeninteressent plötzlich mit einem das 
Gegenteil bekundenden Herrscherdiplom anrückte. Zwar 
war die ältere Urkunde besser, wenn nicht die jüngere Ur- 
kunde ausdrückUch die ältere ausnahm. Aber wie leicht- 
fertig wurde doch oft in mittelalterlichen Herrscherkanzleien 
nach Gunst oder in flüchtiger Kenntnis der Sachlage entschie- 
den^): Die Rechtsprechung war materiell mangelhaft, die 

^) Eine kontradiktorische Verhandlung bei der Bestätigung 
alter Urkunden war nicht vorgeschrieben, sondern nur freigestellt. 
Die päpstliche Kanzlei marschiert hier an der Spitze der Sorgfalt 
und vergleichsweisen Rechtssicherheit, wie auch in der Pflege der Re- 
gister. Absolute Rechtsbeständigkeit darf man aber auch bei ihr noch 
nicht voraussetzen. Vgl. Breßlau, Urkundenlehre 2, P, 30 f. Der höhere 
Kredit und Kursstand päpstlicher Privilegien infolge dieser vergleichs- 
weise besseren Ordnung in der Kanzlei ist ein Bestandteil der Über- 
legenheit päpstlicher Politik. Bei strittigen Fällen fand allerdings 
die Urkundenbestätigung auch im weltlichen Staat wohl durch ein 
ordentliches Gerichtsverfahren statt. Breßlau a. a. O. 74f. Aber ab- 
gesehen davon, daß dies keine Regel war, krankte auch das Gerichts- 
verfahren an demselben entscheidenden Mangel einer absoluten öffent- 
lichen Evidenzhaltung der mit publica fides ausgestellten alten Ur- 
kunden. Eine besonders starke Gefährdung der Parteigegner durch 
Urkundenbestätigungen mußte dort eintreten, wo (Breßlau ebenda) 
dem Empfänger der Bestätigung noch außerdem ein besonderer Akt 
erneuerter Besitzeinweisung zuteil wurde. 

3* 



36 Fritz Kern, 

Urkundenausfertigung ein Teil dieser mangelhaften Recht- 
sprechung; bei aller Erhabenheit des Rechtsbegriffs war 
die Technik schwach. Man mußte also jeden Augenblick 
gewärtigen, daß die gute alte Herrscherurkunde, die man 
für sein subjektives Recht besaß, vom Gegeninteressenten 
durch eine neuerdings gut- oder schlechtgläubig erschlichene, 
formell einwandsfreie, vielleicht sogar die ausdrückliche 
Widerrufung jener eigenen Urkunde enthaltende Herrscher- 
verbriefung überrannt wurde. Wer bürgte dafür, daß nicht 
in jedem Augenblick die Gegenpartei ein altes Diplom „fand", 
welches dann der augenblicklich regierende Herrscher gut- 
gläubig vidimierte?^) Kurz, in diesem Dorngestrüpp mög- 
licher Gefährde im Rechtswirrwarr des Mittelalters gab es 
nur ein verhältnismäßig sicheres Auskunftsmittel: man 
beeilte sich von dem neuen Herrscher eine Bestätigung der 
eigenen subjektiven Rechte zu erwirken. Dann war man für 
dessen Lebenszeit gegen unerwünschte Zwischenfälle verhält- 
nismäßig gesichert. Er hatte sich persönlich gebunden, und 
würde diese Bindung nicht so leicht widerrufen können. Ge- 
sichert hatte man sich nicht gegen eine (der Verfassung wider- 
sprechende) materielle Willkür des Herrschers, Akte seiner 
Vorgänger nach Belieben zu widerrufen; aber gegen sein 
praktisches Unvermögen, den wirklichen Stand des Rechts, 
den zu schützen er berufen und verpflichtet war, überall 
einwandfrei zu erkennen; gesichert hatte man sich gegen 
den so leicht zu befürchtenden Hereinfall des Herrschers 
auf ihm vorgetragene, von ihm nicht wirklich nachprüfbare 
Beweismittel der Gegenpartei. Auch war es wertvoll, neben 
alten Urkunden, welche das ehrwürdige Alter und damit 
die steigende Güte des betreffenden Rechtes verbürgten, 
auch junge Urkunden für dasselbe Recht zu besitzen. 
Gegen alte Urkunden hatte nämlich die Bestätigungsbe- 



1) Es war wieder der päpstlichen Kanzlei vorbehalten, in Fällen, 
denen sie selbst nicht traute, ihrem Vidimus die dispositive Rechts- 
kraft vorzuenthalten (Breßlau a. a. O. 31, 2), ein bezeichnendes Über- 
gangsverfahren zur „Sanierung" der bereits als überlebt empfundenen 
mittelalterlichen Sitte, solche nur beim Empfänger überlieferte Ur- 
kunden zu bestätigen, einer Sitte von der man sich ganz noch nicht 
lossagen kann, da die behördlichen Register nicht genügen. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 37 

hörde ein berechtigtes Mißtrauen, weil die Prüfung ihrer 
Echtheit so viel schwieriger war (Breßlau a. a. 0. 30), und 
vielleicht noch mehr, weil die Rechtsverhältnisse jener alten 
Zeit doch gar zu vielen Verschiebungen in der Zwischenzeit 
ausgesetzt sein konnten, die eine einfache Bestätigung be- 
denklich machten, wenn die Kanzlei es genau nahm.i) Die 
Parteien hatten also allen Anlaß, die Kette der Bestätigungs- 
urkunden durch alle Herrscher hindurch nicht abreißen zu 
lassen. Man ließ gern einen Herrscher seine eigenen Ur- 
kunden selber nochmals bestätigen, z. B. den deutschen 
König, nachdem er Kaiser geworden war, nicht etwa deshalb, 
weil er mit der Kaiserkrönung eine neue staatsrechtliche 
Persönlichkeit an- und die alte ausgezogen hätte und für 
seine früheren Herrscherhandlungen nicht mehr aufkommen 
brauchte; sondern einfach deshalb, weil die Staatskanzlei 
oft in der größten Hilflosigkeit war, festzustellen, ob eine 
bestimmte Urkunde wirklich von ihr ausgegangen sei oder 
nicht, selbst wenn es sich dabei um den noch lebenden 
Herrscher handelt e^); und so konnte es unter Umstän- 
den peinlich sein, wenn man nur eine Urkunde des Königs 
Heinrich im Schreine hatte, während die Gegenpartei eine 
solche des Kaisers Heinrich aufwies. Doppelt genäht hielt 
besser. 

So erklärt sich die Sitte der Bestätigungen aus dem unge- 
heuren prozessualischen Wert der Herrscherurkunde, 
innerhalb der fließenden Nebel mündlichen Gewohnheits- 
rechts sozusagen des einzigen festen Pfeilers der Rechtsüber- 
lief erung^), in Verbindung mit dem technisch hilflosen 
Zustand der Aufbewahrung dieser Hauptbeweismittel nur 
bei den Parteien. Die Kanzleigebühr, die man für die immer 
wiederholten Bestätigungen erlegte, waren Versicherungs- 



^) Bez. des Auskunftsmittels der Kanzlei, in bedenklichen Fällen 
ir zu transsumieren, nicht eine neue dispositive Urkunde auszufer- 
tigen, vgl. oben S. 36 Anm. 1. 

2) Anschaulich bei Breßlau, Urkundenlehre P (1912), 644, 5. 

^) Für die riesige, Urkundenfälscher geradezu privilegierende 
prozessuale Vorzugsstellung des Urkundenbesitzers vgl. die ungelenk 
frühmittelalterliche Bestimmung der Lex Ribuaria 60, 6, die den eine 
Königsurkunde erfolglos Anfechtenden mit dem Leben bestraft. Breßlau 
a. a. 0. 643f. 



38 Fritz Kern, 

Prämien nicht gegen eine staatsrechtliche Gefährdung der 
eigenen Privatrechte (eine solche Gefährdung etwa durch 
Herrscherwechsel bestand, wie bemerkt, verfassungsrecht- 
lich nicht), wohl aber gegen eine rechtstechnische Ge- 
fährdung; nicht gegen rechtlichen Absolutismus des Herr- 
schers gegenüber früheren Regierungshandlungen, sondern 
gegen die Anarchie seiner Kanzlei. 

Wie die Herrscher selbst, und zwar in großen staats- 
rechtlichen Fragen, unter dem technischen Unvermögen, 
die Rechtsbeständigkeit zu sichern, und den daraus folgenden 
schwankenden Zuständen litten, davon wäre an anderem 
Ort zu erzählen. Diese Rechtsunbeständigkeit ist strecken- 
weise so groß, daß man zuweilen gemeint hat, dem mittel- 
alterlichen öffentlichen Leben den Rechtscharakter über- 
haupt absprechen und darin nur ein Chaos der Machtkämpfe 
sehen zu dürfen: in diesem mittelalterlichen Leben, dessen 
eigene Anschauungswelt nicht nur das Recht, sondern 
sogar die Politik so ehern in dem ewigen Grund der Moral 
zu verankern strebt, wie kein Zeitalter vor oder nach ihm! 
Das praktisch Entscheidende ist auch hier das technische 
Unvermögen, die Idee in die Wirklichkeit überzuführen, 
weshalb eben die Neuzeit, trotzdem sie dem Recht nicht mehr 
solche theoretische Heiligkeit zuspricht, in all ihrer Nüch- 
ternheit doch dem Recht eine viel größere praktische Er- 
habenheit durch wirksamere Beständigkeit zu sichern wußte.^) 
Wenn ein Barbarossa vom Papst zu Stallknechtsdiensten 
aufgefordert wird, gewiß eine Frage hohen Belanges für das 
Verhältnis von Papst- und Kaisertum, welche Hilfsmittel 
hat er, um die Berechtigung dieses Verlangens nachzuprüfen 
bzw. im Fürstengericht nachprüfen zu lassen? Die zufällige 
mündliche Überlieferung, das Gedächtnis seiner Romzugs- 
gesellen an frühere Kaiserfahrten, und zweitens Urkunden, 



1) Hier wären Fragen zu erörtern, wie die, warum einschneidende 
Gesetze und Verträge des mittelalterlichen Lebens, wie das Wormser 
Konkordat oder die Goldene Bulle, so wenig befolgt worden sind; 
weshalb bei derlei Vorkommnissen immer nur die Interessenten auf 
Befolgung und Erinnerung dringen, aber die Gegeninteressenten keinem 
allgemeinen Zwang dazu unterliegen usf. Doch wird dies besser einer 
Studie über mittelalterliche Politik vorbehalten. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 39 

die der Papst, also der Gegeninteressent, ihm vorwies.^) 
Begreiflich, daß der Fürst sich sträubte und gegen die Zu- 
verlässigkeit dieses „Rechtes" auch dann noch sich innerlich 
gesträubt haben mag^), wenn er aus politischen Gründen 
sich ihm unterwarf. 

Den Schaden, den in diesem Falle ein Herrscher in seinen 
subjektiven Rechten erlitt, weil er den Urkunden der Gegen- 
partei keine Urkunden entgegenzustellen hatte, erlitten 
Untertanen noch viel leichter. 

Je umsichtiger darum ein mittelalterlicher Rechts- 
träger war, desto mehr hielt er nicht nur auf Bestätigungen, 
sondern überhaupt auf einen möglichst vollständigen Ur- 
kundenschatz. Man ließ sich vorsichtshalber mögHchst 
alle seine Rechte verbriefen, nicht nur singulare, sondern 
auch generelle und solche, die wir als von öffentlichrecht- 
licher Natur bezeichnen. Ich führe hier die trefflichen Worte 
Steinackers an, die an wenig zugänglichem Orte gedruckt 
sind^): „Die Fähigkeit des römischen oder modernen Gesetzes, 
dem Einzelnen das subjektive Recht, das ihm nach der ob- 
jektiven Rechtsanordnung zustand, auch unmittelbar zu 
sichern und zu verschaffen, fehlt dem Recht der ständischen 
Zeit; und eben darum richtete sich damals die Aufzeichnung 
des Rechtes so selten auf das objektive Recht und schon 
gar nicht auf eine vollständige und systematische Kodifi- 
zierung des objektiven Rechts, sondern zumeist auf die 
Festlegung der subjektiven Rechte der einzelnen Personen. 
Mit anderen Worten: sie nimmt überwiegend die Form des 
,, Privilegs" an. Der Einzelne läßt sich sein subjektives 



1) MSt. 1, 470. Wiesen beide Parteien Urkunden vor, konnte der 
politische Streit sich entscheidungslos fortsetzen (Arnold von Lübeck 
zu 1184). 

2) Für das Mißtrauen gegen Urkunden vgl. oben S. 22. 

3) H. Steinacker, Über die Entstehung der beiden Fassungen 
des österreichischen Landrechtes, Jahrbuch des Vereins für Landes- 
kunde von Niederösterreich 1916/17, Wien 1917, S. 261. Die Ab- 
handlung, deren konkretes Ergebnis ich im übrigen zu beurteilen nicht 
in der Lage bin, stützt sich für die allgemeinen Erwägungen z. T. auf 
meine Ausführungen in H. Z. 115 und bestrebt sich, meine grundsätz- 
liche Auffassung methodisch bei der Lösung eines Einzelproblems 
2u verwerten. Vgl. S. 241 ff., 261 f. 



40 Fritz Kern, 

Recht unmittelbar von den Trägern der öffentlichen Gewalt 
urkundlich verbürgen, und zwar nicht nur Vorrechte, 
die andere Standes- und Rechtsgenossen nicht besitzen, 
die also Ausnahmen von der allgemeinen Rechtsordnung, 
„Privilegien" im eigentlichen Sinn des Wortes bilden, son- 
dern auch Berechtigungen, die er auch ohne ausdrückliche 
Privilegierung und Beurkundung beanspruchen durfte, weil 
sie, wie die Urkunden selbst oft unmittelbar sagen, gewohn- 
heitsmäßig kraft allgemeingültiger Rechtsanschauungen allen 
Mitgliedern eines bestimmten Kreises, etwa allen Grund- 
herren, allen Bürgern usw., zustehen. Und solche Urkunden 
erwirbt der Einzelne für sich ganz ohne Rücksicht darauf, 
ob und wie der betreffende allgemeine Grundsatz, kraft 
dessen unter vielen anderen auch ihm jene Berechtigung 
zustehen würde, als solcher aufgezeichnet war. In der Tat, 
diese Form des Privilegs, die Beurkundung der subjektiven 
Rechte einer bestimmten Person, boten dieser verhältnis- 
mäßig noch am meisten Sicherheit. Denn die mittelalter- 
lichen Aufzeichnungen der objektiven Rechtsordnung wur- 
den immer wieder von gewohnheitsrechtlichen Bildungen 
überwuchert, zersetzt, ausgeschaltet.** 

Wieweit wir in kleinen Einzelheiten den Ausdruck anders 
schattieren würden als Steinacker, geht aus den früheren 
Darlegungen hervor. In allem Wesentlichen aber geben diese 
Ausführungen Steinackers den Grund und die Eigenart 
mittelalterlicher Privilegienjagd unübertrefflich an. 

Es konnte also vorkommen, daß ein Einzelner, der sich 
ein generelles Recht seines Standes verbriefen läßt, nach 
Ablauf einer Zeit, während welcher jenes Recht als generelles 
verschwand und neuen gewohnheitsrechtlichen Zuständen 
Platz machte, nunmehr kraft der Urkunde dieses Recht 
als singuläres Privileg trotzdem weitergenoß. 

Es wäre nun noch der Übergang von der mittelalter- 
lichen zur modernen Rechtsanschauung, vom Gewohn- 
heits- zum Satzungsrecht darzustellen, doch müssen wir 
dies berufenerer Hand überlassen und wagen nur vorläufige 
Bemerkungen. 

Einen besonders großen Anteil an der Entstehung des 
modernen Rechtsbegriffs möchtenVir der oben dargestellten 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 41 

und auch von den Zeitgenossen empfundenen technischen 
Unvollkommenheit der mittelalterlichen Rechtspraxis zu- 
sprechen. Aus der Praxis heraus mußte z. B. auch das Be- 
wußtsein aufsteigen, daß neues Recht altes breche.^) 
Schon das ribuarische Gesetz (60, 7) sucht einen naiven Ver- 
legenheitsausgleich zwischen dem Grundsatz vom guten alten 
Recht und dem Rechte „das mit uns geboren": beim Zu- 
sammenstoß zweier Königsurkunden solle der umstrittene 
Gegenstand geteilt werden, und zwar so, daß der Besitzer 
der älteren 2/3, der der jüngeren Urkunde V3 des Streitgegen- 
standes erhalte. Tatsächlich bricht ja auch im Mittelalter 
fortwährend junges Recht das alte, nur daß dies nicht aus- 
gesprochen und begrifflich klar werden kann. Erst im 
Satzungsrecht gilt dann grundsätzlich die jüngste Satzung, 
wie beim Gewohnheitsrecht das älteste Herkommen. Da- 
mit aber der Grundsatz vom kräftigeren neuen Recht durch- 
dringen könne, muß erst das Satzungsrecht mit dem Anspruch 
der Ganzheit (Totalität) auftreten, dergestalt, daß es für 
den Kreis der betreffenden Satzung oder Kodifikation alles 
ältere Recht lösche oder zudecke. 

Ein Übergang vom grundsätzlichen Gewohnheitsrecht 
zum grundsätzlichen Satzungsrecht vollzog sich jedenfalls 
durch das gelehrte Recht. Das Römische Recht spielt dabei 
seine Rolle. Es wird vom Gewohnheitsrecht arglos wie ein 
Stück seiner selbst aufgenommen, und sprengt dann als 
treibender Kern die immer schwächer werdende Schale des 
Gewohnheitsrechts. 2) Das Corpus Juris ist eine Sammlung 
von Bruchstücken, keine Ganzheit von Satzungen. Aber 
als totes Recht, nicht lebendes Herkommen, zwingt es zu 
systematischer Durchdringung und zur Findung von Grund- 
sätzen. Diese Grundsätze bzw. die wissenschaftliche Opera- 
tion, die zu ihnen führt, macht das System des Römischen 
Rechts zu einer Ganzheit, und gibt der Jurisprudenz ihre 
Natur als Auslegekunst einer allumfassenden Satzung. Wie 
aber das Pandektenrecht eine Ganzheit für das bürgerliche 
Recht wird, so vollzieht die Wissenschaft, und auf ihren 
Spuren auch die Kodifikation, dieselbe Totalisierung der 

1) Vgl. auch oben 8.24 f. 
*) Vgl. oben S. 25 Anm. 3. 



42 Fritz Kern, 

Bruchstücke auch für Strafrecht, Prozeßrecht, Staatsrecht usf. 
Ist diese moderne Ganzheit des gesetzten Rechts nicht minder 
eine Fiktion, wie die mittelalterliche Anschauung vom Recht, 
so hat sie doch entscheidende technische Vorzüge und ist 
bei der heutigen Größe der Rechtsgemeinschaften schlechter- 
dings unentbehrlich; das Gewohnheitsrecht paßt nur für 
Nachbarrecht. Die technischen Fortschritte aber, nicht die 
ideellen, sind es, die den modernen Rechtsbegriff über den 
mittelalterlichen stellen. Jedenfalls können wir geschicht- 
lich diese fortwährende Überführung von örtlich begrenztem 
und bruchstückhaftem Gewohnheitsrecht in allumfassendes 
Satzungsrecht beobachten. Das Recht wird dabei zugleich 
flüssiger und bestimmter, sowie sicherer. Es wird ein bes- 
seres Verkehrsmittel: das Gewohnheitsrecht war zu unbe- 
weglich und, wo es, seiner eigenen Idee zum Trotz, sich be- 
wegte, da war es zu fraglich und schwankend, niemals über 
große Räume und Zeiten hinweg zu gebrauchen. 

Die neue Auffassung, daß das Recht lückenlos im 
Kodex stehe, erwuchs aus dem allmählich sich durchsetzen- 
den Bedürfnis, die privaten, zufälligen, lückenhaften Rechts- 
niederschriften irgendwie authentisch zu fixieren. i) Tat aber 
die Wissenschaft oder der Staat dem Rechtsleben diesen 
Gefallen, dann mußte es schließlich zu der Ganzheit der 
Niederschriften und zu der Fiktion von der Lückenlosigkeit 
des positiven Rechtes kommen. Denn die als unfehlbar 
befragte Autorität der Wissenschaft oder des Gesetzbuchs 
antwortet auch dann, wenn sie schweigt. So ist der Staat, 
seit er überhaupt als solcher Recht schreibt, ebenso wie 
seine Vorgängerin hierin, die Wissenschaft, gezwungen, 
der Idee nach auch lückenlos zu schreiben und alles im 
Rechtsgefühl schwebende Recht in gesetztes Recht zu ver- 

1) Nicht nur das tote Recht des Corpus juris, sondern auch das 
lebende Gewohnheitsrecht des Mittelalters hat die Entstehung der 
Rechtswissenschaft ganz anders angeregt als es ein bereits beste- 
hendes totales geschriebenes Recht vermocht hätte. Verleitet dieses 
einfach zur mechanischen Tradierung der Paragraphen, so mußten jene 
zerstückelten Trümmer und fragwürdigen Bruchstücke der Überlie- 
ferung zur Schöpfung einer gedanklichen Totalität, d. h. zu wissen- 
schaftlicher Findung von Grundsätzen anregen. So z. B. bei der Ent- 
stehung der englischen Jurisprudenz. 



i 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 43 

wandeln. Die natürliche Ganzheit des Rechtsbewußt- 
seins wird dabei umgegossen in die künstliche Ganzheit 
eines Rechtssystems, vermöge der Grundsätze, die die 
Wissenschaft einführt, welche die Brücke schlagen zwischen 
Kodex und Rechtsgewissen. 

Diese Bemerkungen sind, wie gesagt, unzulänglich und 
verlangen nach einer Ersetzung durch kundigere Hand. 

Nur darauf sei zuletzt noch der Blick gelenkt, wie sich 
die mittelalterliche Rechtsanschauung gegen die moderne 
wehrt und ihr nur zögernd die Alleinherrschaft überläßt. 
Für das naive Empfinden, in welchem ein Stück Mittelalter 
fortlebt, ist es eine unheimliche Sache, daß alles Recht in 
Büchern stehe und nicht dort, wo Gott das Recht hervor- 
wachsen ließ, im Gewissen und der gemeinen Meinung, in 
der Gewohnheit und dem gesunden Menschenverstand. 
Das positive geschriebene Recht bringt die Rechtsgelehrten, 
die vom Volk abgesonderten Studierten mit sich und um- 
gekehrt. Obwohl in Wahrheit das Satzungsrecht genauer 
und bestimmter arbeitet, wird für den Ungelehrten nun 
immer unsicherer, was Recht sei. Er kann es nicht mehr 
überschauen und fühlt sich den Juristen, den „Rechtsver- 
drehern" und Advokaten mit nicht geringerem Mißtrauen aus- 
geliefert als Ärzten und Apothekern. Die Krankheiten sind 
nun einmal von Gott gesandt, aber diese unverständlichen 
Gesetze scheinen willkürlich von Menschen gemacht, ja 
sogar von dem alten Heidenvolk übernommen, wieder aus- 
gegraben zu Bologna, in Hörsälen und Folianten. Der alte 
Bauer glaubt recht zu tun, wenn er seinem Sohn, dem Stu- 
denten, der in den Ferien das Corpus Juris mitbringt, wenig- 
stens die Glossen ringsherum wegschneidet. 

Oft erweist das positive, kodifizierte Recht sich in der 
Tat auch schwerfälliger und unbehilflicher als das Gewohn- 
heitsrecht. Dieses gleitet über veraltende Rechte still hinweg; 
sie sinken in Vergessen und sterben geräuschlos wie von selber 
weg; und das Recht selbst bleibt jung, immer unter der 
Anschauung, daß es das alte sei, doch in Wirklichkeit ist 
es ein unaufhörliches lebendiges Zusammenwachsen neuen 
Rechts mit altem, ein frisches Hervorquellen zeitgemäßen 
Rechts aus der Zeugungsstätte des Unterbewußtseins, meist 



44 Fritz Kern, 

nicht allzusehr abgezäunt durch starre Schranken aufge- 
schriebenen urkundlichen Rechts. Das Satzungsrecht da- 
gegen kann vom Buchstaben nicht los, solange nicht ein neuer 
Buchstabe den alten getötet hat, habe gleich das Leben den 
alten Buchstaben längst zum Tode verurteilt: der tote Buch- 
stabe behält vorerst über das Leben Gewalt. Das Gewohn- 
heitsrecht gleicht dem wuchernden Urwald, der, nie gefällt, 
seinen äußeren Umriß kaum leise wandelnd, sich stets ver- 
jüngt und in hundert Jahren ein anderer wird, obwohl er 
von außen derselbe „alte** Wald bleibt, wobei das langsame 
Wachsen auch ein unmerkliches Modern anderer Teile be- 
dingt. Das positive geschriebene Recht dagegen gleicht in 
seiner Verjüngung ruckweise einsetzenden Erdrevolutionen; 
wenn Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden ist, so be- 
darf es einer einmaligen bewußten Abänderung, bis zu der 
hin kein allmähliches Absterben des Alten erlaubt wird. 
Das naive volkstümliche Bewußtsein aber erhebt dort, wo 
ein Zustand seinem Rechtsgefühl widerspricht, noch heute 
die echt mittelalterliche Frage, warum denn, was recht sei, 
nicht auch Recht sein solle, heute, sofort und ohne alle Ver- 
schleppung, Umständlichkeiten und unverständliche büro- 
kratisch-juristische Bedenken. Der mittelalterliche Rechts- 
begriff ist warmblütig, unklar, verworren und unpraktisch, 
technisch unhandlich, aber schöpferisch, von einer nicht zu 
übertreffenden Erhabenheit und Tröstlichkeit der Idee; zu 
ihm kehren die Menschen besonders gern dann zurück, 
wenn sich ungeschriebene Urrechte der menschlichen Brust 
empören gegen die kalte Herzlosigkeit, wie es ihnen dünkt, 
geschriebener Satzung (im verführerischen Urrecht der Re- 
volution z. B.). Doch das werden wir näher sehen, wenn 
wir uns nun dem zweiten Teil unserer Untersuchung, dem 
Staatsrecht im engeren Sinne, zuwenden. 



II. Verfassung. 

Unter „Verfassung" begreifen wir Moderne denjenigen 
Teil der allgemeinen Rechtsordnung eines Staates, welcher 
die Zusammensetzung der Staatsgewalt sowie die wechsel- 
seitigen Beziehungen zwischen Staatsgewalt und Unter- 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 45 

tanen regelt. Gibt es in diesem Sinn im Mittelalter eine Ver- 
fassung? Daß das Wort „Verfassung" modern ist, bedarf 
ja keiner Darlegung.^) Wie aber verhält es sich mit der 
Sache selbst? 

Das Mittelalter kennt die Herrschaft der Volkssouveräni- 
tätslehre nicht. 2) Der Herrscher ist keinen Menschen Untertan. 
Aber er ist dem Recht Untertan. Daß dies souveräne Recht, 
dem auch der Herrscher untersteht, kein geschriebenes 
Recht ist, versteht sich nach dem Vorausgesagten von selbst. 
Nicht einer bestimmten Verfassungsurkunde, sondern dem 
Recht überhaupt, in seiner ganzen Weiträumigkeit, All- 
gewalt und fließender, fast grenzenloser Unbestimmtheit 
ist der Herrscher unterworfen, durch dieses Recht beschränkt, 
an dieses Recht gebunden. Technisch wird diese Bindung, 
das ahnen wir nun schon aus der Allgemeinheit des Rechts- 
begriffes, vermutlich sehr unvollkommen und unfest sein. 
Aber dem Gedanken und der Forderung nach läßt sich eine 
vollständigere Bindung des Herrschers, eine Bindung ans 
Recht bis zu dem Grad, welcher die Politik knebelt und die 
Staatsräson ausschließt, gar nicht denken. Wir gewinnen 
damit für das Mittelalter sofort den 

1. Grundsatz der Rechtsschranke. 
(Der Herrscher ist an das Recht gebunden.) 

Man kann für diese Bindung des mittelalterlichen 
Herrschers ans Recht drei Quellen namhaft machen, die 
germanische, schon von Tacitus bezeugte Gewohnheit, das 
stoische, durch die Kirchenväter überlieferte Naturrecht und 
den christlichen Gedanken, daß jede Regierung Gottes 
Stellvertreterin und Vollzugsorgan sei.^) Das Recht steht 
über allen Menschen, auch über dem Herrscher: 
Nieman ist so here, so daz reht zware. 



1) Vgl. R. Schmidt, Vorgeschichte der geschriebenen Verfassungen, 
[eipzig 1916, S. 89ff. 

2) Für alles folgende finden sich die Quellenbelege, auch ohne daß 
darauf ausdrücklich verwiesen wird, in meinen MSt. 1, 142ff., sowie den 
entsprechenden Anhängen. 

^) Wenn man die Entstehung des Verfassungsgedankens bis ins 
letzte verfolgt, so stößt man außer auf die germanische Rechtsgebunden- 



46 Fritz Kern, 

Der Herrscher steht unter dem Recht: freiUch denkt 
das Volk und die Kirche dabei an verschiedenes Recht. 
Aber einig sind Volk und Kirche darin, daß es kein beson- 
deres Staatsrecht gibt, sondern daß der Herrscher unter dem 
Recht als solchem steht. Das objektive Recht umfaßt als 
solches sämtliche subjektiven Rechte sämtlicher Volks- 
genossen, oder vielmehr es besteht überhaupt aus ihnen. 
Auch das Recht, kraft welchem der Herrscher regiert, ist 
nichts Besonderes, nichts hiervon Verschiedenes. Der Re- 
gent hat sein subjektives Recht auf Herrschaft, wie der 
letzte Hörige sein Recht auf Bearbeitung der Scholle. Diese 
Einheit und Unteilbarkeit aller (subjektiven) Rechte in 
dem (objektiven) Recht ist der entscheidende Bestandteil 
des mittelalterlichen Verfassungsgedankens, wie wir später 
bei der Erörterung der Grundrechte sehen werden. Hier 
haben wir nun vorerst besonders die Seite ins Auge zu fassen, 
daß es kein besonderes Staatsrecht, keine Unterscheidung 
von Staatsrecht und Privatrecht gibt. Wer die Einheit des 
subjektiven und objektiven, sowie des privaten und des 
öffentlichen Rechts im Mittelalter nicht beachtet, wird nie- 
mals verstehen können, was mittelalterliche Verfassung ist, 
oder wie sie sich zu moderner Verfassung verhält. 

Bei uns ist das Recht teilweise eine unselbständige Funk- 
tion der Politik. Der Staat setzt als Recht, was er für sein 
Leben braucht, und dieses Staatsrecht bricht die privaten 
Rechte. Wir söhnen uns damit aus, wenn wir in diesem pö- 
belt des Herrschers, den germanischen Schutz der Untertanenrechte, 
auch auf die kirchliche Versittlichung der Herrscherpflicht. Aber die 
Vertreter der Kirche, z. B. die Fürstenspiegelverfasser, reden theore- 
tisch doch immer nur von den inneren Schranken des Herrschers, wie 
schon Plutarch, von dem Gesetz in seinem Gewissen; alles was sie sagen,, 
kann auch der absolute Monarch des 18. Jahrhunderts, der der erste 
Diener seines Staates sein will, unterschreiben. Insofern hat die kirch- 
liche Lehre nirgends nachweislich die germanische Verfassungsgebun- 
denheit des Herrschers gestärkt. In den einzelnen Fragen hat ja sogar 
das Kirchen recht den Herrscher vielfach von der Rücksicht auf das 
Volks recht entbunden. Aber bei alledem bleibt es doch wahr, daß 
auch die Kirche unausgesetzt den Herrscher an eine Seite der ihm 
gezogenen Schranken erinnert, und das nicht nur mit Worten, sondern 
auch fühlbar mit Taten, wo er nämlich gegen die eigene Macht der Kirche 
anstößt. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 47 

litischen Recht, dem Staatsrecht, die Willkür vermieden 
und das Notwendige befolgt sehen. Und als Bürgschaft 
hierfür fordern wir, daß das Staatsrecht nicht von einem Ein«- 
zelnen nach Laune und Willkür, sondern von der Vertretung 
der Gesamtheit geschaffen werde. Das Mittelalter aber, 
mit seinem rein bewahrenden, erhaltenden Rechtsbegriff, 
mit seiner Ablehnung der Politik, seiner Verschmelzung von 
Moral und Recht, von idealem und positivem Recht kana 
überhaupt kein Staatsrecht kennen, welches die privaten 
Rechte verändert oder bricht. Die Rechtsgebundenheit des 
selbstregierenden mittelalterlichen Fürsten oder Verwesers 
ist dem Gedanken nach noch viel größer als in der Moderne 
selbst beim verfassungsbeschränktesten Monarchen oder Prä- 
sidenten. Denn dieser kann doch mit den übrigen Ver- 
fassungsorganen zusammen neues Recht setzen: der mittel- 
alterliche Herrscher aber ist dazu da, das gute alte Recht in 
dem vollen, schweren Wortsinn, den wir kennen, anzuwen- 
den und zu schützen. Für den Dienst am guten alten Recht 
ist er eingesetzt : das ist seine justitia, und aus der Bewahrung 
der subjektiven Rechte eines Jeden, des suum cuique, erfließt 
die pax, der innere Rechtsfriede, der das vornehmste, ja 
beinahe ausschließliche Ziel der inneren Herrschaft ist. .In 
dieser Rechtsbewahrung im weitesten und konservativsten 
Sinn empfängt der Herrscher auch die Sicherung seiner 
eigenen Herrschaft: denn das heilig bewahrte Recht aller 
Volksgenossen, bis hinab zu jener Scholle des letzten Hörigen^ 
bewahrt auch ihm selbst das Recht auf die Krone. 

Bei seiner Thronbesteigung legt der mittelalterliche 
Herrscher das Gelübde aufs Recht ab, er verpflichtet sich 
persönlich auf das Recht. In diesen Throngelübden liegt 
der Anfang zum modernen Verfassungseid. Wenn man die 
Vorgeschichte der Verfassungen schreiben will, wird man diese 
Selbstbindung des mittelalterlichen Herrschers zum Aus- 
gangspunkt nehmen müssen: es ist die ausdrückliche 
Bindung der Staatsgewalt an das über ihr stehende Recht. 

Nun empfing allerdings die mittelalterliche Bildung mit 
den überlieferten Resten antiker Kultur auch einzelne Sätze 
und Schlagworte, die aus dem völlig entgegengesetzten Den- 
ken des römisch-kaiserlichen Absolutismus stammten. Aber 



48 Fritz Kern, 

die mittelalterliche Wissenschaft wandte hier dasselbe Ver- 
fahren an, das sie auch sonst zur Verfügung hatte, um un- 
verdauliche Brocken antiker Überlieferung zu neutrali- 
sieren. Sie machte den princeps legibus absolutus durch Aus- 
legungskünste unschädlich. Die als eine Art von Rechts- 
sprichwörtern aus der Antike entlehnten Sätze, welche von 
«iner über, nicht unter dem Recht stehenden Staatsgewalt 
Zeugnis ablegten, wurden so lange tunlichst ins Moralische 
umgedeutet, bis in ihnen das Recht doch die Oberhand über den 
Träger der Staatsgewalt zu behalten schien. Der rex wird 
^Is animata lex bezeichnet, das heißt nicht: des Herrschers 
Belieben ist Gesetz, sondern der Herrscher hat das Gesetz 
in seinen Willen aufgenommen. Auch im Kirchenrecht be- 
deutet die Formel, daß der Papst alles Recht im Schreine 
seiner Brust trage, nicht absolutistische Willkür, sondern 
die Rechtsvermutung für päpstliche Erlasse, daß sie in Kennt- 
nis und im Einklang des älteren Kirchenrechts erflossen 
seien. Ganz allgemein darf man die römisch-rechtlichen und 
die absolutistisch klingenden Formeln nicht zu ernsthaft 
nehmen, zumal da, wie wir im Abschnitt über die Konsens- 
pflicht des Herrschers sehen werden, ein uns absolutistisch 
berührendes Vorgehen des Herrschers das Mittelalter nicht 
notwendig absolutistisch anmutet: das hängt mit der mangel- 
haften Technik der Volksvertretung zusammen. Freilich, 
€s kommt später ein Zeitalter, das mit den absolutistischen 
Formeln auch den absolutistischen Geist einführt: aber das 
ist dann eben das Ende des mittelalterlichen Staats- und 
Rechtsbegriffs. 1) 

Die Nichtunterscheidung von idealem und positivem 
Recht, die wir kennen, bot dem Mittelalter die Handhabe, 
um einer allzu starren Fesselung an überkommenes Recht 
zu entgehen. Konnte das Überkommene nicht ein Miß- 
brauch sein? Besonders die Kirche lockert hier die Ver- 
pflichtung der Staatsgewalt auf das Volks recht. Wohl steht 
auch für sie die Regierung unter dem Recht, aber doch nur 
gnadenweise unter dem von der Staatsgewalt selbst ge- 

^) Ganz verkehrt ist es, wenn E. Mayer, Ital. Verfassungsgesch. 
2, 208, den consensus (s. unten S. 52 ff.) auf Grund absolutistischer 
Theorien und des Corpus juris unter Barbarossa aufhören lassen will. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 49 

setzten Recht. Der Herrscher gilt ihr als zur Billigkeit ver- 
pflichtet: das ist das ,, Recht**, dem er unbedingt untersteht. 
Folglich, wo das strikte Recht etwas Unbilliges enthält, ist 
es eben nicht ,, recht", die Obrigkeit nicht zu seiner Erhal- 
tung, sondern zu seiner Beseitigung verpflichtet. i) 

Die Meinung, die Erlasse mittelalterlicher Herrscher 
hätten nur für deren jeweilige eigene Regierungszeit gegolten, 
ist so unsinnig wie nur denkbar. Als unrechtmäßig erkannte 
Herrscherhandlungen werden widerrufen, wie alt oder wie 
jung sie sein mögen. Für recht anerkannte dagegen haben 
Rechtskraft ganz unabhängig von Thronwechsel, ja, um so 
heiligere Kraft, je älter sie sind. 

Hier beginnt in der Regel die Verlegenheit des modernen 
Historikers, der nicht vom mittelalterlichen Rechtsbegrif 
ausgeht, über die Sonderbarkeiten der mittelalterlichen 
Verfassungsgeschichte. Man findet, daß das Mittelalter gar 
keine eigentliche staatliche Gesetzgebung kennt. Die Ver- 
fügungen oder Gesetze der Staatsgewalt wollen nur das gel- 
tende Volks- oder Gewohnheitsrecht wiederherstellen und 
durchführen. 2) Das Recht führt sein souveränes Eigenleben. 
Der Staat greift darin nicht ein. Er schützt nur sein Dasein 
von außen her, wo es nötig wird. Ganze Jahrhunderte kommen 
aus ohne die leisesten Ansätze einer Gesetzgebungs- oder 
Verordnungstätigkeit in unserem Sinne. Der mittelalter- 
liche Rechtsbegriff enthält die Erklärung dieser Erscheinung. 
In ihm aber liegt auch schon die Frage der Grund- oder 
Menschenrechte beschlossen. Fassen vv^ir mit Rücksicht hier- 
auf noch einmal das Gesagte zusanmien. 

Es gibt kein Staatsrecht. Das objektive Recht ist nichts 
als die Summe oder das Geflecht aller subjektiven Rechte 
der Volksgenossen. Das Recht ist vor und über dem Staat. 
Die ganze Auffassung vom Staat oder der Obrigkeit hängt 
davon ab: der Staat ist sozusagen der Leidtragende beim 
mittelalterlichen Rechtsbegriff. Denn, daß der Herrscher 
nicht vor, sondern unter dem Recht ist, darin jedem Ein- 

^) Das Kirchenrecht ist hier vorbildlich. Der Papst ist den 
Kanones enthoben, aber der aeqiiitas unterworfen, Carlyle 2, 172f. 

2) Vgl. z. B. R. Holtzmann, Französ. VerfassuHgsgesch. (München 
1910) 131 über die Ordonnanzen. 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 4 



50 Fritz Kern, 

zelnen im Volke gleich und nur im Gegensatz zu den anderen 
Einzelnen er verantwortlich für die Rechte Aller und für 
alle Rechte allein haftbar: das klingt dem Gedanken nach 
wunderschön und scheint die Rechte der Einzelnen sicherer 
zu verankern als irgendeine andere Verfassungskonstruktion» 
Es ist nur wieder die technische Ausführung, die mangel- 
haft ist und die es bewirkt, daß die Vorzüge des Systems, 
der Schutz der Privatrechte, in der Wirklichkeit weniger 
hervortreten als seine Mängel, nämlich die verhängnisvolle 
Knebelung der Staatsgewalt. Denn da der einzige Zweck 
des Staates ist (germanisch), das vorhandene Recht oder die 
vorhandenen Rechte zu beschirmen, bzw. (kirchlich) die gött- 
lichen Gebote auszuführen, so ist es dem Staat verwehrt, 
eigenen Staatsnotwendigkeiten nachzuleben und das Recht 
der Gesamtheit wie der Einzelnen nach diesen Notwendig- 
keiten (vermöge des modernen Begriffes vom Staatsrecht) 
umzuformen. Der mittelalterliche Staat ist als bloße Rechts- 
bewahranstalt nicht befugt, in die Privatrechte zum Nutzen 
der Allgemeinheit einzugreifen. Nur Rechtlosen, z. B. den 
im Kriege Unterworfenen oder den für friedlos Erklärten 
gegenüber darf einseitig etwas bestimmt werden. Sonst 
aber sind alle Privatrechte Einzelner dem Staat gegen- 
über, wie ein späterer Naturrechtler sagen würde, Grund- 
rechte, d. h. sie dürfen samt und sonders nicht durch ein- 
seitig gesetztes neues Recht verdrängt werden. Den Volks- 
genossen hat die Regierung alle subjektiven Rechte zu er- 
halten, denn aus deren Summe besteht ja das ganze objek- 
tive Recht, deren Teilglied auch die Obrigkeit, der Staat 
selber ist. Der Staat hat kein Recht sui generis für sich, 
keinen Nenner, durch welchen er jene Summe privater 
Rechte dividieren dürfte. Er kann z. B. keine Steuern er- 
heben; denn Steuer ist für die mittelalterliche Auffassung 
eine Vermögensbeschlagnahmung. Diesen Eingriff in das 
Privateigentum kann der Staat also nur im freiwilligen 
Einverständnis aller Betroffenen (oder mindestens ihrer 
Vertreter) vollziehen. Darum ist die mittelalterliche Steuer 
„Bitte" (Bede). Nur wo eine Abgabe schon herkömmlich ist,, 
hat der Staat bzw. der Herrscher auch seinerseits ein sub- 
jektives Anrecht darauf. Die Vermögensrechte jedes ein- 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 51 

zelnen Volksgenossen sind ein absolut heiliger Bestandteil 
der ganzen absolut heiligen Rechtsordnung: die Vermögens- 
rechte der Privaten wie des Staates. Maßstab für beides ist 
das gute alte Recht. 

An diesem Steuerbeispiel erkennen wir klar, warum das 
Mittelalter keine einzelnen Grundrechte der Untertanen 
absondern kann, aber auch nicht braucht. Denn alle sub- 
jektiven Rechte sind eben, wie wir sagen würden, verfassungs- 
mäßig geschützt, unantastbar umhegt durch das Recht an 
sich. Abgesonderte Grundrechte gewinnen erst dann einen 
Sinn, wenn sich ein besonderes Staatsrecht ausgebildet haben 
wird, das dann im allgemeinen den Privatrechten souverän 
gegenübersteht. Erst aus der Tätigkeit des absolutisti- 
schen Staates, welcher auf den mittelalterlichen und stän- 
dischen Staat folgt und rücksichtslos in die Privatrechte ein- 
greift, verstehen wir das Verlangen nach verfassungsumhegten 
Grund- oder Menschenrechten, d. h. nach der Anerkennung 
gewisser Schranken der Staatssouveränetät beim Eingriff 
in das Privatrecht, i) Für das Mittelalter liegt ein solches Be- 
dürfnis nach begrifflicher Aussonderung von Grundrechten 
nicht vor, wie aus dem Vorhergehenden klar geworden 
sein dürfte. Man versteht nun auch, warum bei der mittel- 
alterlichen Nichtunterscheidung von Staats- und Privat- 
recht (ferner von Recht und Moral, positivem und idealem 
Recht) theoretisch nur der Staat, nicht der Privatmann der 
Leidtragende war. Die Staatsräson litt Not, die Politik. 
In Wirklichkeit litt freilich auch der Einzelne unter der 
Sache. Aber zunächst wurde doch der Staat in der Idee 
geknebelt, und das wirkte aufs tiefste auch ins wirkliche 
Leben zurück. 

Die technische Mangelhaftigkeit der mittelalterlichen 
Verfassung bei allem idealen Schwung kann erst in den näch- 
sten Abschnitten besprochen werden, wenn wir der Volks- 



^) Es bleibe außer Betracht, daß bei der technischen Natur des 
modernen Rechts diese begrifflich über dem Staatsrecht stehenden 
Grundrechte formell auch nur als Bestandteil des Staatsrechts selbst, 
unter ihm, auftreten können. Es wiederholt sich hier, was oben be- 
treffs der Stellung des idealen Rechts im modernen Rechtsbegriff 
ausgeführt worden ist. S. oben S. 9 f. 

4* 



52 Fritz Kern, 

Vertretung und den Sanktionen der Verfassung nähertreten. 
Hier, wo wir zunächst nur den Verfassungsgrundsatz für 
sich betrachten, fiel uns überhaupt erst ein Ansatz zur tech- 
nischen Ausführung auf: das Throngelübde des Herrschers. 
Wie wenig das in der Tat eine Bürgschaft für die Vollziehung 
der mittelalterlichen Verfassungsidee (die in ihrem buchstäb- 
lichen Umfang überhaupt nicht vollziehbar war) bot, das 
liegt auf der Hand. 

Woran erkannte man denn nun aber, ob der Herrscher 
mit dem Recht im Einklang blieb, ob er, wie wir sagen würden, 
verfassungsmäßig sich verhielt oder nicht? Bei dem unge- 
schriebenen, flüssigen guten alten Recht war dies unendlich 
schwieriger festzustellen als bei modernem geschriebenem 
Verfassungsrecht. Es gab eben letzten Ortes nur Eine Ent- 
scheidungsstelle: das Rechtsgefühl der Gesamtlieit. Damit 
kommen wir zum 

2. Grundsatz der Volksvertretung. 
(Konsenspflicht des Herrschers.) 

Die monarchische Ordnung des niiitelalterlichen Staates 
kann in unserem Zusammenhang als etwas rein Tatsächliclies 
hingenommen werden, obwohl auch sie ideelle Wurfein 
und Begründungen hat.^) Auch bei republikanischen Ein- 
richtungen verhält sich der mittelalterliche Staat in den grund- 
legenden Verfassungsgedanken nicht anders als bei der 
Monarchie; da Vorsteher und Genossenschaft verfassungs- 
mäßig in einem ganz analogen Verhältnis stehen, wie Herr- 
scher und Volk.2) Yiein tatsächlich gegeben nehmen wir ferner 



1) über das monarchische F'rinzip vgl. MSt. 1, 149ff. 

2) Man kann nicht von mittelaltcriicher Verfassung handeln, 
ohne der ihr unvermeidlichen Einrichtung des Interregnums zu ge- 
denken. Es entsteht aus der monarchischen Staatsform einerseits, 
dem Mangel einer von der Verfassung vorgeschriebenen festen Thron- 
folgeordnung anderseits. Nur durch die Vv'^ahl des Nachfolgers bei 
Lebzeiten des Vorgängers konnte man der Unbequemlichkeit des 
Interregnums entgehen. Vgl. im allgemeinen MSt. 1,461 ff. Hierzu 
noch folgende Bemerkungen. Das Interregnum gilt als Unglück: 
wenn die Tätigkeit des Monarchen in der Aufrechterlialtung von Recht 
und Frieden besteht, so muß beim Fehlen des Monarchen notwendig 
Unfriede und Unrecht überwuchern. Wäre dem nicht so, dann brauchte 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 53 

hier die Vertretung der Gesamtheit durch die meliores 
et maiGres, obwohl auch hierfür ideelle Wurzeln nachgewiesen 
werden könnten. Nach dieser vorläufigen doppelten Ent- 
lastung unseres Gedankengangs (wir fragen nicht nach Un- 
terschieden zwischen Monarchen und Genossenschaftsvor- 
stehern, fragen nicht nach den Regeln, wie das Volk sich ver- 
treten läßt) können wir unmittelbar an die Hauptfrage heran- 
treten: ist der Herrscher an die Zustimmung des Volkes ge- 
bunden? Worin ist er gebunden, worin ist er frei? 

Daß der mittelalterliche Herrscher materiell nicht abso- 
lut ist, haben v/ir zur Genüge gesehen. Er ist an das Recht 
gebunden. Aber formell erscheint der mittelalterliche Herr- 
scher uns praktisch absolut: denn er ist nicht verpflichtet, 
diesen von ihm erforderten Einklang mit dem Keucht auf 
irgendeinem formvorgeschriebenen Weg zu trrciclien. Der 
Einklang des Herrschers mit dem Recht vollzieht sich in 
der Regel völlig formlos. Im Zweifel allerdings zeigt sich 
sein Einklang mit dem Recht an der Zustimmung der Volks- 
gesamtheit bzw. ihrer Vertreter. Aber es gibt keine bindende 
Regel dafür, in welchen Fällen diese Zustimmung eingeholt 
werden müßte. In gewöhnlichen Zeiten besteht für alle 
Handlungen des Herrschers die Rechtsvermutung, daß sie 
stillschweigend oder ausdrücklich im Einklang mit dem 
Recht und dem Rechtsgefühl der Gesamtheit geschehen 
seien. 

Um dies verständlich zu machen, dazu müssen wir an 
die eigentümlich unbestimmte und unbegriffliche Gemein- 
schaftlichkeit erinnern, in welcher Herrscher und Untertanen- 
schar im Mittelalter zusammen den Staat oder das Volk 
bilden. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Herrscher und 



man ja den Herrscher nicht. Dies ganz schematisch bei Wipo, der ja 
überhaupt für die Verhältnisse der Thronerlangung einer der typischsten 
Schilderer des Mittelalters ist (Wipo, S.-A. der MG., 3. Aufl. 1915, 
S. 9, Kap. 1). Zum rex justus gehört aber auch eine idonea electio. 
Diese herbeizuführen, ist der einzige von Gott gewollte Inhalt des In- 
terregnums. Die Wahl erfolgt nicht durch Mehrheitsbeschlüsse. Der 
Zufall soll aus ihr möglichst ausgeschaltet sein: sie hat sich als göttlich 
inspiriert darzustellen, darum auch einhellig. So umgeht wenigstens 
die Theorie die Klippe der fehlenden festen Wahlkörper und Wahl- 
regeln. 



54 Fritz Kern, 

Volk etwa im Sinne der Volkssouveränitätslehre oder der 
Lehre vom Herrschaftsvertrag. 

Was der Herrscher tut, tut er im Namen, im Sinne, 
nach dem Willen des Volks; er redet als der Mund des Volks.^) 
Herrscher und Volk hängen gemeinsam im Recht, sie fin- 
den und bewahren es gemeinsam. Bis zum Beweis des Gegen- 
teils ist alles, was vom Herrscher ausgeht, Recht in demselben 
Sinne wie wenn es vom Volk, von der Gesamtheit ausge- 
gangen wäre. Der Herrscher könnte bis zum Beweis des 
Gegenteils als der ständige Vertreter des Volks bzw. seines 
Rechts bezeichnet werden. Darum sind die Bestimmungen 
darüber, wie sich der Herrscher der Übereinstimmung mit 
der Gesamtheit und damit seines eigenen Einklangs mit 
dem Recht versichert, so überaus verschwommen und unent- 
wickelt. 

Es gibt drei Stufen der Anteilnahme der Gesamtheit 
(d. h. ihrer Vertreter, der maiores et meliores usf.) an den 
Handlungen der Staatsgewalt. Die erste Stufe ist die schwei- 
gende Zustimmung: hier handelt der Herrscher formell 
allein, wenn man so will absolutistisch (der Form, nicht der 
Sache nach). Die zweite Stufe ist beratende Zustimmung, 
die dritte Stufe gerichtsförmlicher Urteilsspruch. Das 
eigentümlich Mittelalterliche ist nun, daß für die Anwendung 
dieser drei Stufen keine festen Regeln bestehen und daß sie 
alle drei zu (unterschiedslos) gleich rechtsgültigen Staats- 
handlungen führen können. 

Unter der heutigen Herrschaft eines verselbständigten 
Staatsrechts und eines geschriebenen Rechts unterscheiden 
wir peinlich zwischen jenen drei Stufen der Volksmitwir- 
kung und haben für jede von ihnen ihren Umkreis festgelegt. 
Es ist genau bestimmt, welche Rechtsangelegenheiten in 
Gerichtsform erledigt werden, und diese Gerichtsvorgänge 
sind der persönlichen Einwirkung des Herrschers bzw. der 



^) Man kann sich das allgemeine Verhältnis von Herrscher 
und Volk in der mittelalterlichen Verfassung veranschaulichen durch 
das gleichzeitige Verhältnis von Richter und urteilsfindender Ge- 
meinde im germanischen Gericht, ohne aber die Analogie auf die Spitze 
zu treiben. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 55 

Regierung im Verfassungsstaat entzogen. Es ist genau fest- 
gelegt, in welchen Angelegenheiten die Regierung nicht ohne 
den Rat der Volksvertretung handeln darf, und diese Kon- 
senspflicht ist bis zu einem unerläßlichen Beschlußfassungs- 
recht der Volksvertretung im Verfassungsstaat gesteigert. 
Es ist endlich genau festgelegt, welches der Umkrejs der 
freien Verordnungsgewalt der Regierung ist, für welche also 
die schweigende Zustimmung der Gesamtheit mittels der 
Verfassungsurkunde ein für allemal durch Satzungsrecht 
erteilt ist. Nichts von allem dem ist im mittelalterlichen 
Staat umschrieben und festgelegt. 

Es steht dem mittelalterlichen Herrscher, vorausgesetzt, 
daß er mit dem Recht im Einklang bleibt, vollkommen frei, 
welchen der drei Wege er für die Erledigung eines Geschäftes 
einschlagen will. Ob er mit persönlicher Verfügung oder 
nach Anhörung, etwa auch unter Mitbeurkundung von Rat- 
gebern, d. h. Vertretern der Gesamtheit, oder endlich durch 
Erwirkung eines Hofgerichtsurteils oder Fürstenspruchs die 
Angelegenheit regeln will, ist ihm völlig freigestellt. Ver- 
fügt er allein und rein persönlich, aber im Einklang mit 
dem Recht, dann besteht seine Verfügung zu Recht und der 
durch Nichtauflehnung erteilte stillschweigende Konsens der 
Gesamtheit ist völlig ausreichend. Anderseits aber kann es 
auch vorkommen, daß der Rat bzw. die Volksvertretung, 
ja selbst das feierlichste Gericht einen Fehlspruch tut: 
dann muß die widerrechtliche Entscheidung, trotzdem sie 
im ausdrücklichen Einklang von Herrscher und Volk 
erfolgt ist, widerrufen werden. Die Form, in der eine staat- 
liche Maßnahme geschieht, ist dem Mittelalter einerlei, 
wenn sie nur inhaltlich mit dem Recht in Übereinstimmung 
steht. 

Immerhin haben sich gewisse Konsensgepflogenheiten 
herausgebildet. Bevor wir jedoch auf sie eingehen, müssen 
wir des Gegensatzes von Volksrecht und Königsrecht ge- 
denken. Diese umstrittene Frage löst sich von dem jetzt 
gewonnenen Standort aus von selbst. In der Rechtswirk- 
lichkeit haben wir bestimmt zu scheiden zwischen volks- 
rechtlichen und königsrechtlichen, volksgerichtlichen tmd 
königsgerichtlichen Normen, z. B. in der fränkischen Zeit. 



56 Fritz Kern, 

Aber das Zeitalter selbst, seine Theorie, hat den Unterschied 
nicht gekannt und nicht kennen können. Denn ob die Volks- 
gerichte und das Königsgericht auch nach verschiedenen 
Grundsätzen entschieden, es war doch beides einerlei Recht, 
das Recht. Was der König mit der ausdrücklichen oder 
stillschweigenden Billigung der Gesamtheit setzt, ist Recht; 
insoweit es mit dem Rechtsgefühl der Gesamtheit überein- 
stimmt, ist es selbst ein Teil des guten alten Brauches, 
auch wenn es ganz neu ist. Königsrecht gilt als Volksrecht 
und Volksrecht wird auch vom König ausdrücklich als für 
ihn rechtsverbindlich und als Schranke für seine Verfügungs- 
gewalt anerkannt. 1) 

Wenn also der moderne Realienforscher Königs- (oder 
Amts)recht und Volksrecht aus [ulen Gründen unterscheidet, 
so muß er sich doch hüten, cicLcn Begriffsgegensatz in die 
mittelalterlichen Anschauungen selbst hineinzusehen. Das 
Volksrecht im mittelalterlichen Sinn ist das von Fürst und 
Volk gemeinsam anerkannte aufgezeichnete oder nicht 
aufgezeichnete Recht, zu dem auch die rein persönlichen 
Handlungen des Königs gehören, soweit das Volk ihre Rechts- 
kraft anerkennt. Das Recht des Königs, Urkunden auszu- 
stellen, im Krieg zu befehlen, seine Banngewalt u. dgl. ist 
ein Stück Volksrechtes selbst und findet seine Schranke 
durchweg an dem vorgefundenen objektiven Recht, gleich 
der Summe subjektiver Rechte aller Volksgenossen. Daß der 
theoretisch ganz ans überlieferte Recht gebundene mittel- 
alterliche Herrscher und das ebenso gebundene Volk praktisch 
trotzdem in Gesetzen und Urkunden willkürlich und schein- 
bar absolutistisch die Gesetze und Urkunden früherer Zeit 
überspringen konnten, dieser grelle Widerspruch erklärt 
sich eben aus den oben zur Genüge erläuterten technischen 
Unvollkommenheiten in der Überlieferung und Festlegung 
des Rechts. Theoretisch band jeder rechtmäßige Herrscher- 
akt wie jedes wohlerworbene Recht die Nachfolger und die 
ganze nachlebende Volksgesamtheit. Praktisch wußte m.an 
sehr schlecht für die Rechtsbeständigkeit zu sorgen, und die 



1) Z. B. von Chlotachar II. in einem Königsgesetz. MSt. 1^ 
485, 493f. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 57 

Erfordernisse der Politik, für die im Rahmen der Rechts- 
und Verfassungstheorie des Mittelalters ein Raum überhaupt 
nicht vorgesehen war, brechen sich wilde Bahn. Sie konn- 
ten es, ohne die so feingewobene Theorie selbst zu verletzen, 
da die Rechtspraxis weitmaschig genug war. Dieser 
Widerspruch von Theorie und Praxis aber hat mit 
der Frage der Konsensgebundenheit oder persön- 
lichen Verfügungsgew^alt des Herrschers (der Re- 
gierung) unmittelbar nichts zu tun. Praktische Will- 
kür bei theoretischer Gebundenheit wird von der Volks- 
gesamtheit ganz ebenso verbrochen, wie vom Herrscher. 
Denn sie ist ja ganz ebenso theoretisch rechtsgebunden wie 
er. Tatsächlich kehrt man sich eben an wirklich überlebte, 
wenn auch dem Begriff des Gewohnheitsrechts gemäß nie- 
mals abgeschaffte, ja nicht abschaffbare Rechte keinen Deut 
mehr, wenn man nicht, etwa infolge auftauchender Ur- 
kunden, sich darum kümmern mußte. 

Hier ist nun aber doch ein Unterschied auch für das 
mittelalterliche Denken zwischen der Rechtsgebundenheit 
des Volks und der des Herrschers zu bemerken. 

Wenn die Gesamtheit sich zum Recht in Widerspruch 
setzte, so hatte das nichts zu besagen, wenn nur das Rechts- 
gefühl der Gesamtheit oder ihres ausschlaggebenden Teiles 
mit sich selber einig blieb. Anders, wenn sich der Herrscher 
als ein Einzelner mit einem beachtbaren Teil der öffentlichen 
Meinung in Widerspruch setzte. Dann war er sehr stark 
gefährdet, einmal wegen des tatsächlichen Aufbaus miittel- 
alterlicher Staatsmacht oder -Ohnmacht, worüber in einer 
Abhandlung über mittelalterliche Politik mehr zu sagen 
wäre, und anderseits wegen der auch theoretisch so starken 
Verantwortlichkeit des Herrschers für seine Handlungen, 
wovon wir im nächsten Abschnitt sprechen werden. 

Darum sichert sich der Herrscher vielfach gegen etwa 
zu gewärtigenden Widerspruch, indem er von vornherein 
die Zustimmung der Gesamtheit bzw. ihrer Vertreter einholt 
und beurkunden läßt. Auf die nähere Geschichte dieser 
Konsensgepflogenheiten des Mittelalters hier einzugehen, 
besteht kein Anlaß. Das Entscheidende bleibt immer, daß 
es dem Herrscher freistand, ob er diese Sicherung einschalten 



58 Fritz Kern, 

wollte oder nicht, und daß auch ohne die vorher nachgesuchte 
oder beurkundete Zustimmung (der bloße „Rat" gilt auch 
als solche) rechtsgültige Verfügungen des Herrschers zustande 
kommen konnten. 

Niemals aber konnte die Gesamtheit, bzw. wer sie ver- 
trat, und natürlich auch nicht der Herrscher, einseitig über 
die wohlerworbenen Rechte anderer Volksgenossen ver- 
fügen. An diesem Punkt wird die Bindung des mittelalter- 
lichen Staates an das Recht besonders klar, eine Bindung, 
die etwas unendlich viel Grundsätzlicheres an sich hat, 
als irgendeine Bindung eines Staatsorgans innerhalb des 
modernen Verfassungsstaats. Bei uns ist die Staatsgewalt 
souverän. Nur eine gewisse letzte Sphäre privater Rechte 
oder Freiheiten soll naturrechtlich auch heute dem Zugriff 
des absolut souveränen Staates entzogen sein: dies eben ist 
der Sinn der sog. Menschen- oder Grundrechte, die selbst- 
verständlich erst unter der Herrschaft eines souveränen 
Staatsbegriffs aufgebracht werden konnten (und auch da 
zweifelhaft bleiben; denn, gesetzt den Fall, die Mehrheit 
in einem modernen Staat beschlösse die Aufhebung der 
Menschenrechte, wer wollte auf dem Boden des modernen 
Staatsrechts dann noch ihre fortdauernde Gültigkeit be- 
haupten? Indes: der Sinn der Menschenrechte ist eben, 
daß nach der Naturveranlagung der Menschen sich niemals 
€ine Mehrheit zur Aufhebung gerade dieser Bestimmungen 
würde finden lassen). Im Mittelalter nun hat jedes wohl- 
erworbene Recht, auch das Recht auf einen jährlichen Zins 
in Gestalt eines Huhnes, ungefähr dieselbe Heiligkeit, wie 
in gewissen modernen Verfassungen die Menschenrechte. 
Es gibt nur den freiwilligen Verzicht des Berechtigten und 
nichts anderes, was dieses Recht auf rechtlichem Weg be- 
seitigen kann; keine Herrscherverfügung vermag das, und 
wenn sie sich auch auf das breiteste Votum einer Volks- 
vertretung stützte; gegen den Willen des Berechtigten kann 
kein gültiger Staatsakt zustande kommen. 

Bei strenger Auslegung (die allerdings dem von ihr Ge- 
brauchmachenden persönlich übel bekommen konnte) war 
es so einem Einzelnen möglich, die Bildung eines Staats- 
willens gänzlich zu lähmen, denn auch die Erhaltung des 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 59 

bestehenden Staatszustandes bis in kleine Einzelheiten hin 
ist für diese mittelalterliche Auffassung letzthin ein Bestand- 
teil der subjektiven Rechte jedes beliebigen Volksgenossen. 
Der Staat, der bis zuletzt an diesem echt mittelalterlichen 
Grundsatz festgehalten hat, wenigstens für seine adeligen 
Volksgenossen, und darum an einerii auf die Spitze getrie- 
benen liberum veto zugrunde ging, ist Polen. Aber auch bei 
den Germanen gibt es verwandte Ansätze. Ein Beispiel 
möge dies erläutern. 

König Chlodowech wünschte aus einer Kriegsbeute 
über den ihm rechtlich zustehenden Anteil hinaus eine kost- 
bare Vase zu erhalten, um sie einer Kirche zu stiften. Alle 
stimmen zu, nur ein Neider aus dem Volk widerspricht in 
einer den König beleidigenden Weise und schlägt mit der 
Axt auf die Vase. Er bleibt straflos, denn er erhärtet in 
dieser Auflehnung gegen den allgemeinen Willen nichts als 
sein unzerstörbares subjektives Anrecht auf das objektive 
Recht der einmal festgesetzten Beuteteilung, die auch durch 
Mehrheitsbeschlüsse nicht über den Kopf eines Einzelnen 
hinweg verändert werden darf. Zwar rächt sich der König 
ein Jahr später in einer Art von spiegelnder Rache^), durch 
ähnlich rigoristische Übertreibung eines anderen Teiles der 
objektiven Rechtsordnung, nämlich seiner militärischen 
Kommandogewalt. Aber daß er sich rächen muß, bei gün- 
stig scheinender Gelegenheit, und nicht strafen kann, 
zeigt eben, daß der Franke auf gutem Grund stand, als er 
leugnete, daß ein Recht, an welchem alle teilhaben, anders 
als durch einhelligen Beschluß Aller geändert werden könne. 
Er zog sich zwar durch die formalistische Übertreibung 
seines Rechtes Rache zu, aber er war formal im Recht 
auch gegen die Gewalt der Mehrheit: denn sein Recht auf 
Wahrung der Beuteordnung konnte ihm durch keinen Mehr- 
heitsbeschluß entzogen werden, weil es kein Staatsrecht gab, 
welches private Rechte hätte brechen dürfen. 

Hier haben wir also einen Fall des später zu besprechen- 
den Widerstandsrechtes, der sich nicht sowohl gegen den 
König als gegen das ganze Volk, ausgenommen einen Volks- 



1) Die Axt war nicht die gleiche (gegen MSt. 1, 322, 323). 



60 Fritz Kern, 

genossen, richtet. Solange auch nur ein einziger Volks^ 
genösse auf ein subjektives wohlerworbenes Recht nicht 
freiwillig verzichtet, kann der Staat das objektive Recht, 
in welchem jenes subjektive Recht steckt, durch keinen 
Beschluß abändern. Wir sehen hier die theoretischen 
Schranken nicht nur des Herrschers, sondern auch des Volkes 
selbst gegenüber dem Recht. Der Einzelne ist aus dem Recht 
unvertreiblich: es gibt keine Majorisierung. Fiat justitia, 
pereat mundus. Der politisch-staatsrechtliche Gesichts- 
punkt wird von der gewaltig einheitlichen mittelalterlichen 
Denkweise vollständig verdrängt. 

Wir haben hier zweierlei gelernt: einmal, daß der Herr- 
scher z. B. Steuern (vgl. oben S. 50) nur ausschreiben konnte 
nach gütlicher Verständigung mit der Volksgesamtheit, 
und zweitens, daß diese Verständigung der Theorie nach 
wenigstens das Wesen eines Verhandeins mit jedem Einzelnen, 
ob er gutwillig zahlen wollte, trug. Der Fürst konnte im Mittel- 
alter noch nicht schreiben, wie Friedrich Wilhelm I. an 
seinen Nachfolger betreffs der Stände: „Accordiren sie de 
bonne grace, gut. Machen sie Difficultät, so hat euch Gott ja 
Suverein gemachet." Solche Andeutung wäre im Mittel- 
alter fast als Gotteslästerung herausgekommen. Auch der 
Besitzstand, sowie der Rechtsstand des Reiches oder der 
Volksgesamtheit gilt als ein Recht, das der König nicht ein- 
seitig schmälern darf. So gibt es eine Reihe von Fällen, 
wo der Herrscher von vornherein nicht einseitig verfügen 
darf, sondern auf eine gütliche Verständigung mit der Ge- 
samtheit angewiesen ist, der Theorie nach. In der Praxis 
war es freilich nicht immer ganz einfach, diese Fälle eindeutig 
zu bestimmen, und noch weniger leicht war es, einen mächtigen 
Fürsten handgreiflich davon zu überzeugen, worin er etwa 
seine Konsenspflicht verletzt habe. Die Macht entschied 
auch hier. Wer die Macht hatte, dessen Auffassung bestimmte, 
was Recht sei. Doch auch diese Ketzerei hätte das Mittel- 
alter niemals aussprechen, ein solch nichtswürdiges Stück 
der Wirklichkeit niemals beim Namen nennen dürfen. 

Damit aber sind wir schon hinübergeglitten zum 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 61 

3. Grundsatz der Verantwortlichkeit. 
(Das Widerstandsrecht.) 

Der Einzelne schützt das Recht gegen jedermann, 
auch gegen die Staatsgewalt. Jeder Einzelne ist hierzu be- 
rufen, berechtigt, ja verpflichtet. Das ist der Sinn des Wi- 
derstandsrechts, über das ich an anderem Ort so ausgiebig 
gehandelt habe, daß ich mich hier kurz fassen darf.^) Das 
Widerstandsrecht ist aber nur die begrifflich und technisch 
unbeliilfliclie mittelalterliche Ausführungsform für einen 
viel allgemeineren Grundsatz, für den sich nachmals auch 
technisch geeignetere Verwirklichungen fanden als das 
(für unser Auge revolutionäre) Recht des Widerstandes. 
Dieser Grundsatz ist der der Verantvv'ortlichkeit der Re- 
gierung oder der Staatsgewalt, mittelalterlich gesprochen des 
Herrschers und seiner Räte. 2) Da die Regierung eingesetzt 
ist zum Schutze des Rechts, so verliert sie durcli den Bruch 
des Rechts ihre eigene Befugnis. // n'est mie seignor de faire 
fort. Der Herrscher, der das objektive Recht verletzt, zer- 
stört auch zugleich sein eigenes subjektives Herrschaftsrecht, 
das der objektiven Rechtsordnung als ein untrennbarer 
Bestandteil angehört. Rex eris, si rede egerls. Oder: recte 
faciendo regis nomen tenetur, peccando amittitur. Die- Nicht- 
unterscheidung von idealem und positivem Recht macht 
auch diese Herrschaftsverwirkung zu einem halb rechtlichen, 
halb morahsch-innerlichen Vorgang. Ipso facto verliert der 
Herrscher durch einen Rechtsbruch sein Herrschaftsrecht. 
Er setzt sich selber ab. Der Spruch der Gesamtheit, der 
formlose Abfall Einzelner, die Wahl eines neuen Königs 
(Gegenkönigs): all das, und was sonst bei den unzähligen 
Fällen der Anwendung mittelalterlichen Widerstandsrechtes 
begegnet, hat alles eigentlich nur noch deklaratorische Be- 
deutung, während die Herrschaftsverwirkung durch Selbst- 



V 



1) MSt. 1. 

2) Der Ratgeber des Fürsten erscheint im Mittelalter in schil- 
lernder Doppcleigenschaft als Volksvertreter gegen den Herrscher 
und als mitverantwortlicher Korregent gegenüber dem Volk, was ja 
auch die Nachfolger des unbestimmten mittelalterlichen consilium, 
die spätmittelalterüchen Stände, noch übernommen haben. 



62 Fritz Kern, 

absetzung konstitutiv schon im Augenblick der fürstlichen 
Rechtsüberschreitung vollzogen ist. 

Wir treten hier nicht in die Betrachtung des praktischen 
Verfassungslebens ein: diese Widerstandstheorie selbst, die 
reifste Frucht des mittelalterlichen Rechts- und Staats- 
begriffs, birgt die praktische Anarchie unter ihrer Schale. 

Bedarf diese Theorie des Vertragsbegriffs? Nicht unbe- 
dingt. Wer subjektive Rechte anderer verletzt, der setzt 
sich selber außerhalb der Rechtsordnung und verliert seiner- 
seits den Anspruch auf den Schutz seiner subjektiven Rechte. 
Dem Träger der Staatsgewalt geht es dabei mangels eines 
eigenen Staatsrechts nicht anders wie dem geringsten Volks- 
genossen, und der Senator, den der Kaiser willkürlich ab- 
setzt, antwortet in der mittelalterlichen Rechtsanekdote 
dem Kaiser: ,,Wenn du mich nicht mehr als Senator be- 
trachtest, betrachte ich dich nicht mehr als Kaiser." Der 
rechtmäßig eingesetzte Herrscher hat ein Anrecht auf die 
Herrschaft, wie der Bauer auf den ererbten Hof; ebenso 
heilig ist sein Anspruch, aber ebensowenig unverwirkbar. 
Es ist ein (wir würden sagen „privates") Recht wie jedes 
andere.^) Dem Herrscher muß man gehorchen, dem Ty- 
rannen nicht. 2) Im Augenblick aber, wo der Herrscher die 
Anrechte anderer Volksgenossen einseitig ändert, wandelt 
er sich selbst freiwillig von einem rex in einen tyrannus 
um und verliert sein Anrecht auf Gehorsam in demselben 
Augenblick, ohne daß es dazu noch ein rechtsförmliches 
Verfahren seitens der Gesamtheit brauchte. 

Wie man sieht, bedarf es der Einführung des Ver- 
tragsbegriffes nicht, um das Widerstandsrecht zu erklären. 3) 
Volles Verständnis des mittelalterlichen Rechtsbegriffs 
sichert überhaupt gegen eine Überschätzung der rechts- 



1) Das Mittelalter selbst kennt selbstverständlich kein privates 
Recht, weil der es setzende Gegensatz des souveränen Staatsrechts 
gegenüber dem Privatrecht fehlt. 

*) Die ethisch-soteriologisch gerichtete Kirche läßt es nicht ein- 
mal dabei bewenden, daß dem Tyannen nicht gehorcht werden braucht 
Ihr zufolge darf man ihm gar nicht gehorchen. 

*) Näheres in MSt. I. Ich freue mich, hier völlig mit R. Schmidt^ 
Vorgeschichte der geschr. Verf. 156, 3, übereinzustimmen. 



Recht und Verfassung im Mittelalten 6$ 

theoretischen Bedeutung des Vertragsbegriffs. Immerhin 
wird auf die eben geschilderten Verhältnisse vom späteren 
Mittelalter auch das privatrechtliche Symbol des Herrschafts- 
„Vertrages" angewendet, nachdem man es in der antiken 
Literatur gefunden hatte. Altgermanisch ist dieser Vertrags- 
gedanke nicht, aber für das gelehrte Denken bietet er sich 
als passendstes Gleichnis, um die wechselseitige Verpflich- 
tung von Herrscher und Volk auf das über beiden thronende 
Recht zu veranschaulichen. Germanisch ist nicht der Ver- 
tragsgedanke, sondern der Begriff der wechselseitigen Treue^ 
deren Schnittpunkt im objektiven Recht liegt. Durch Treue 
ist die Staatsgewalt dem Volk verpflichtet, wie dieses jener. 
In der Wirklichkeit aber kam die germanische Verwirkung; 
des Treuanspruches seitens des selber Treubrüchigen auf 
eines hinaus mit der kirchlichen Lehre vom tyrannus^ 
der sich selber absetzt, und mit der naturrechtlichen Kon- 
struktion von der Auflösung des Herrschaftsvertrags durch- 
Rechtsverletzung des Herrschers. 

Um das mittelalterliche Widerstandsrecht ganz zu ver- 
stehen, müssen wir es hier noch abgrenzen gegen das moderne 
Notrecht der Revolution. Auch wir werden unter Umstän- 
den es billigen, wenn sich irgendein „Naturrecht" „elementar**" 
gegen ein noch so formell unanfechtbares Staatsrecht empört. 
Denn das Recht (worunter wir nur noch positives Recht 
verstehen) ist für uns nichts in sich Letztes und Alleiniges: 
es wird, wie von der Staatsräson oder Politik einerseits, so 
von der Sittlichkeit anderseits begrenzt, überwacht und 
unter Umständen zertrümmert. Solch einen Einbruch 
rechtsfremder, aber politisch oder sittlich begründeter 
Materie in den Kreis des Rechts anerkennen wir unter Um- 
ständen in dem (nicht Recht, aber) Notrecht des Umsturzes. 
Das mittelalterliche Widerstandsrecht aber ist kein Revo- 
lutionsrecht, sondern einer der klarsten Bestandteile des Ver- 
fassungsrechtes selbst: eine wahre verfassungsrechtliche 
Auflehnungsbefugnis des Untertans. Die Erklärung hierfür 
liegt nicht sowohl in der Nichtunterscheidung von Staats- 
recht und Privatrecht, als vielmehr in der Gleichsetzung von 
idealem und positivem Recht. Jene für uns außerrecht- 
liche Macht der Sittlichkeit (Politik oder Staatsräsoa 



64 Fritz Kern, 

wird im Mittelalter überhaupt nicht anerkannt) steckt eben 
im mittelalterlichen Rechtsbegriff selber drin. 

Da das Recht Recht schlankweg, nicht positives Recht 
war, machte es für seinen Gehalt und seine Gültigkeit nichts 
aus, ob die Staatsgewalt es kannte und anerkannte. Um so 
schlimmer für die Staatsgewalt, wenn sie das Recht ver- 
kannte! Es mochte also der Fall eintreten (und ist oft ein- 
getreten), daß ein einzelner Volksgenosse das Recht erkannte 
oder zu erkennen glaubte, während die Staatsgewalt es an- 
geblich oder in Wahrheit verkannte. Da aber die Staatsge- 
walt nur ist durch und für das Recht und nur Obrigkeit ist, 
insofern sie das Recht spendet und verwaltet, so hört die 
Obrigkeit, die sich an das Unrecht gebunden hat, auf, Obrig- 
keit zu sein, für den Mann, der sich an das Recht gebunden 
weiß. Das Recht ist der Souverän, und jene Obrigkeit Ty- 
rannei, d.h. nichtig. Der Einzelne kämpft dann mit Fug und 
Recht gegen den angemaßten Träger der Staatsgewalt, 
der zu dem betreffenden besonderen Unrecht noch das all- 
gemeine fügt, sich widerrechtlich als Obrigkeit aufzuführen, 
während doch der aufhört rex zu sein, der das Recht (rectum) 
nicht achtet. 1) 

1) In vielem ähnelt der mittelalterliche Herrscher nach der Auf- 
fassung der Zeit dem Abt. Dieser rein zu sittlicher Erziehung seiner 
Brüder eingesetzte Vater ist Vorbild auch des Verhältnisses weltlicher 
Herrscher zu ihren Untertanen, so wie das Kloster das ideale Vorbild 
der menschlichen Gesellschaft überhaupt sein soll. Näher ist hierauf 
nicht einzugehen; es gehört in die Geschichte der mittelalterlichen 
Politik. Ich erwähne es hier nur, um des einen Umstandes willen, 
daß der Abt trotz seinen typisch mittelalterlichen diskretionären Herr- 
scherbefugnissen, trotz der Unbestimmtheit seiner Konsenspflichten usf., 
doch in einem mehr der modernen verfassungsbeschränkten Regierung 
als dem mittelalterlichen weltlichen Herrscher ähnelt: er hat eine 
geschriebene Verfassung, die Regel, über sich. Mit den entsprechen- 
den Einschränkungen gilt ähnliches überhaupt von der geistlichen 
Obrigkeit des Mittelalters. 

In allem übrigen aber ist nach der Regel Benedikts der Abt das 
Vorbild mittelalterlichen Herrschertums selbst, das monarchisch, 
nichtabsolutistisch, aber ohne bestimmte Bindungen ist (mit Aus- 
nahme eben der „Regel" als geschriebenen Rechts, an das der Abt 
gebunden ist; aber die Regel läßt sehr vieles unbestimmt!). Der Abt 
soll in wichtigen Dingen die Gesamtheit der Mönche, in unwichtigeren 
die Seniores hören. Er selbst aber bestimmt, was wichtig und was 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 65 

4. Übergänge. 

Die nachmittelalterliche Verfassungsentwicklung hat 
das hier gezeichnete Bild allmählich in allen seinen Einzel- 
heiten verwischt. Vor allem hat der moderne Rechtsbegriff, 
indem er das positive, das kodifizierte und das Staatsrecht 
herausarbeitete, die Pfeiler des mittelalterlichen Gedanken- 
gebäudes selbst zum Einsturz gebracht. 

Noch bevor dies eintrat, hat das Spätmittelalter inner- 
halb des alten Rechtsbegriffes selbst einige technische Neue- 
rungen vollzogen, durch die verbesserten bzw. geregelteren 
Konsensgepflogenheiten des Ständestaats. 

Der Ständestaat bewahrt (im Gegensatz zum landes- 
fürstlichen Absolutismus) den Grundzug des mittelalter- 
lichen Verfassungsgedankens und verschärft ihn sogar noch: 
nämlich den Schutz der Individualrechte und die Schwächung, 
Bindung und Beschränkung der Staatsgewalt. Der im Früh- 
mittelalter noch schwankende Kreis der konsensberechtigten 
Personen wird abgegrenzt, der im Frühmittelalter noch 
fließende Rahmen der konsenspflichtigen Herrscherver- 
fügungen wird abgesteckt. Das wirkliche Volk tritt in seiner 
Bedeutung freilich zurück, je mehr die Volksvertreter, 
die Stände sich abzirkeln und damit auch zu einer Art von 
Volk in oder über dem Volke, zu einer Art von Nebenstaats- 
gewalt oder Korregenten werden. Auch das Widerstands- 
recht, das dem Ständestaat infolge der unverrückt beibe- 
haltenen mittelalterlichen Grundzüge noch unentbehrHch 
ist, wird auf die Stände eingeschränkt und damit mehr und 
mehr von einer fallweise repressiven zu einer ständig präven- 
tiven Verfassungseinrichtung, die zu den modernen Formen 
der Regierungsverantwortlichkeit, der parlamentarischen 
Verantwortlichkeit hinüberleitet. In dieser Festlegung so- 
wohl des Personenkreises wie der Geschäftsbefugnisse der 
Volksvertretung vollzieht der Ständestaat entscheidende 
Klärungen, zu denen noch als weitere technische Verbesse- 
rung die Einführung des Mehrheitsgrundsatzes innerhalb 
der Volksvertretung kommen konnte. 

weniger wichtig ist; ebenso wer senior sei und wieviele seniores er hören 
will. Endlich soll er diese Ratgeber nur hören, entscheiden und Beschluß 
fassen soll er monarchisch-allein. 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 5 



66 Fritz Kerrt, 

Das, was das Mittelalter nicht fertiggebracht hatte 
und worauf es doch für eine praktisch gedeihliche Arbeit 
der Staatsmaschinerie ankommt, die klare Abgrenzung der 
Organe und ihrer Zuständigkeiten, das wird jetzt einiger- 
maßen erreicht. Die wohltätige Fiktion kommt auf, daß 
der Wille der einzelnen Volksgenossen für sie selbst rechts- 
verbindlich ausgedrückt und zusammengefaßt wird durch 
den Willen der Mehrheit der Volksvertreter. Der Herrscher 
aber weiß jetzt genau, für welche Angelegenheiten er die Zu- 
stimmung ganz bestimmter Persönlichkeiten einholen muß. 

Diese Fortschritte des Ständestaats konnte das Mittel- 
alter sozusagen noch aus seinem eigenen Geiste heraus an- 
bahnen. Der Ständestaat ist Geist von seinem Geist: das 
beweist er auch in der immer noch weiter getriebenen Kne- 
belung der Staatsgewalt, dem Vordrängen der privatrecht- 
lichen und privatwirtschaftlichen Gesichtspunkte. Infolge- 
dessen konnte auch der moderne Staat nicht geradlinig aus 
dem Ständestaat herauswachsen, sondern es mußte erst die 
Staatsvernunft und Staatsnotwendigkeit sich gewaltsam 
Bahn erzwingen durch den Durchbruch des absolutistischen 
Fürstenrechtes, ausgehend von einem wurzelhaft unmittel- 
alterlichen und gegenmittelalterlichen Staats- und Rechts- 
begriff, Der Gedanke der Verfassung war im Mittelalter 
infolge des moraldurchtränkten mittelalterlichen Rechts- 
begriffs zu Staats- und machtfeindlich. Der rauhe Rück- 
schlag des absolutistischen Fürstenstaats bringt den Ver- 
fassungsgedanken völlig unter die kräftigen Klauen der 
Politik, der Staatsvernunft. Und dann erst, als sich Privat- 
recht und Moral unter der Hülle des Naturrechts wieder 
dem nunmehr machtgesättigten Leviathan- Staat nähern, 
entsteht nach langen Verfassungskämpfen aus dem billigen 
Ausgleich zwischen Macht (Staatsrecht) und „Recht" (Natur- 
und Privatrecht) der moderne Verfassungsstaat. 

Man kann von einem „ewigen Mittelalter" sprechen, 
das auch in der Neuzeit fortlebe. In einem doppelten Sinn 
möchte ich hier diesen Ausdruck zugeben: einmal, indem 
die Neuzeit mittelalterliche Grundgedanken in völliger tech- 
nischer Umarbeitung beibehält und manchmal besser zum 
Ziele führt als das Mittelalter selbst es vermochte. Und so- 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 67 

dann : indem die verwickelte Technik des modernen Kultur- 
lebens einen Zwiespalt aufreißt zwischen der gelehrt-gebil- 
deten Kultur und dem volkstümlichen Denken, das viel- 
fach bei mittelalterlichen oder halbmittelalterlichen Denk- 
bräuchen stehen bleibt, die zu ihrer Zeit noch eine unge- 
brochene Einheit zwischen Gebildeten und Ungebildeten dar- 
stellten. Diese beiden Gesichtspunkte des Fortlebens des 
Mittelalterlichen sollen hier fi|r das Verfassungsgebiet einer 
nach dem andern erwähnt werden. Ich bemerke aber, daß 
in diesem Zusammenhang, wie in unserer ganzen Studie 
„Mittelalter** im rein zeitlichen Sinn, für die Kultur des 
Jahrtausends von 500 bis 1500 gesetzt ist. Daß dies nicht 
mit begrifflichem Mittelalter zusammenfällt, soll nachher 
noch erörtert werden. 

Betrachten wir die Erfüllung mittelalterlicher Zielgedan- 
ken durch moderne Verfassungen. Es bedarf gar keiner langen 
Beweisführung, um zu zeigen, daß die Grundgedanken des 
modernen Verfassungsstaates: Rechtsgebundenheit der Re- 
gierung, Mitwirkung der Volksvertretung, Verantwortlich- 
keit der Regierung genau die Grundlinien auch der mittel- 
alterlichen Verfassung sind. Außerordentlich groß aber 
sind die technischen Veränderungen, durch welche die Neu- 
zeit diesen übereinstimmenden Endzweck der Verfassung 
scheinbar umständlicher, in Wahrheit sicherer und reibungs- 
loser erreicht. 

Die moderne Staatsgewalt ist nicht mehr an „das Recht", 
sondern an positives Recht, an eine geschriebene Verfassung 
gebunden. Moderne Verfassungen enthalten zwei gänzlich 
verschiedene Bestandteile: naturrechtlich beeinflußte Grund- 
oder Menschenrechte auf der einen, rein technische Bestim- 
mungen auf der anderen Seite. Zu der ersten Reihe würde 
z. B. auch die Trennung der Gewalten zu zählen sein, zu 
der zweiten die Einzelbestimmungen über das Zustande- 
kommen der Volksvertretung, Wahlgesetze usf.^) Aber beide 



1) Soll der Begriff der Grund- oder Menschenrechte überhaupt 
einen guten Sinn behalten, so scheint mir nötig, daß nur naturrecht- 
liche Bestimmungen darunter verstanden werden. R. Schmidt beginnt 
abweichend hiervon seine „Vorgeschichte der geschriebenen Verfas- 
sungen" auf S. 81 damit, daß er alle diejenigen Verfassungsbestimmun» 

5* 



tS Fritz Kern, 

Reihen von Bestimmungen erscheinen äußerlich als posi- 
tives Recht. Jedes einzelne Organ des Staates, auch die 
Regierung, steht unter diesem positiven Recht, aber die 
Staatsgewalt als Ganzes steht darüber. Sie, nicht das po- 
sitive Recht, ist souverän. Während also die Regierung 
in ähnlicher Weise ans Recht, wenn auch an ein anderes 
Recht, gebunden ist, wie der mittelalterliche Herrscher, 
ist doch die moderne Staatsgewalt als Ganzes an kein 
Recht gebunden, sondern steht darüber. Der Herrscher- 
oder Regierungswillkür sind Schranken gezogen, aber nicht 
mehr wie im Mittelalter auch dem Staatsermessen, der 
Staats Vernunft. 

Ob die Staatsgewalt das Recht beobachtete oder ver- 
letzte, konnte im Mittelalter bei der Vieldeutigkeit des 
Rechtsbegriffs einerseits, der mangelhaften Rechtsbestän- 
digkeit anderseits fast in jedem einzelnen Fall strittig blei- 
ben. Heute ist es sehr leicht festzustellen, ob irgendein Staats- 
organ in Einklang mit dem Recht blieb oder nicht: diese 
leichte Erkennbarkeit teilt die moderne geschriebene Ver- 
fassung mit dem geschriebenen Recht überhaupt, dessen 
Krone sie ist. Gesetzt also auch, es gäbe heute noch ein 
Widerstandsrecht des Einzelnen, so würden doch die Fälle 
seines Eintretens heute unendlich viel einwandfreier festzu- 
stellen sein als unter der Herrschaft des mittelalterlichen 
Rechtsbegriffs, und schon damit wäre für die Erhaltung 
der Staatsmacht und Rechtssicherheit Entscheidendes ge- 
wonnen. Aber es bedarf des Widerstandsrechtes gar nicht 
mehr. Denn die moderne geschriebene Verfassung verzahnt 



gen, welche das Verhältnis von Staat und Individuum berühren, als 
Menschenrechte bezeichnet, also auch so rein technische und positiv- 
rechtliche Einzelheiten, wie die Festsetzung des Wahl- oder Militär- 
alters u. dgl. Auf der anderen Seite würden auch die wichtigsten Fest- 
setzungen über die Organe der Staatsgewalt hiernach nicht unter 
die Grundrechte fallen. Schutz des privaten Vermögens, der persön- 
lichen Freiheit und des Lebens sind gewiß Menschenrechte. Aber ge- 
hört hierzu nicht auch mein Menschenrecht auf Trennung der Justiz 
von der Verwaltung? Die naturrechtliche Hoheit und damit die Ge- 
burtsurkunde der Menschenrechte scheint mir bei der Schmidtschen 
Auslegung verloren gegangen, und der Begriff einerseits zu eng, ander- 
seits zu weit gefaßt. 



i 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 69 

die wechselseitigen Befugnisse der Staatsorgane so unter- 
einander, daß ein seine Zuständigkeit überschreitendes Organ 
wie von selbst durch eintretende Sicherungen gehemmt und 
unschädlich gemacht wird. Freilich nicht unbedingt gilt 
das: immer entscheidet zuletzt auch hier die Macht. Ver- 
fassungsbrüche sind möglich, Staatsstreich und Umsturz. 
Aber das sind außerrechtliche Vorgänge. Innerhalb von Recht 
und Verfassung selbst ist das repressive Recht des Wider- 
standes durch präventive gegenseitige Überwachungsmaß- 
nahmen der Staatsglieder ersetzt worden. Die Geschichte 
der Anarchie im Mittelalter zeigt, welch segensreiche Ent- 
deckung die Wiederausgrabung des Begriffs „positives 
Recht" und die Scheidung von Staats- und Privatrecht 
gewesen ist; sie war manches Bataillon Soldaten wert. Im 
Mittelalter durfte und mußte, um zu wissen, was Recht 
sei, jeder das eigene Rechtsgefühl befragen. Wenn heute eine 
Minderheit ihr von der Gewalt des Bestehenden abweichendes 
Rechtsgefühl durchsetzen will, so muß sie streben, zur Mehr- 
heit zu werden und den Willen der Staatsorgane zu be- 
stimmen, welche festsetzen, was Recht sein soll. Im Mittel- 
alter war das kein anerkannter Weg: denn das Recht wurde 
nicht von Staatsorganen gemacht, am wenigsten von Mehr- 
heiten, sondern es war vor allen Staatsorganen und un- 
geachtet aller Mehrheitsbeschlüsse. Wohl fragte der Fürst, 
um zu wissen, was Recht sei, wenn er wollte, auserlesene 
Männer, die dann gewissermaßen als Vertreter der Gesamt- 
heit galten. Aber ob er sie fragen wollte, wen er fragen 
wollte, ob er sich an ihre Antwort kehren wollte, stand bei 
ihm. Was aber die Meinungsbildung der Volksvertreter 
anlangt, so bestand die moderne staatsrechtliche Fiktion 
noch nicht (vielmehr sie kam eben erst im Kirchenrecht auf), 
daß der Vertreterwille den Willen der Vertretenen, der Mehr- 
heitswille den Minderheitswillen tötet, so daß aus ihm ein 
Gesamtwille wird, der alle bindet. Da man nun im Mittel- 
alter Minderheits- oder Individualanschauungen über das, 
was Rechtens sei, nicht positivrechtlich vernichten konnte, 
weil es kein positives Recht gab, und da auch die Herstel- 
lung der theoretisch geforderten Einstimmigkeit praktisch 
nicht einmal auf dem Weg des Niedersäbeins, wie im polni- 



90 Fritz Kern, 

sehen Reichstag, für die zahllosen Fälle des Rechtslebens 
in Betracht kam^), so konnte man Minderheiten und Einzelne 
niemals daran hindern, zu glauben und zu erklären, ihre 
Kenntnis und Überzeugung vom Recht sei die echte, die der 
herrschenden Partei aber Rechtsverdrehung. Und da nun 
das Recht damals durch sich selber war und nicht durch 
Satzung des Staates, so hatte jeder Volksgenosse das Recht, 
wo nicht die Pflicht, Recht zu verteidigen gegen Unrecht, 
und zum Michael Kohlhaas zu werden: er schützt das Recht, 
an das jeder gebunden ist, gegen das Unrecht, an welches 
sich die Staatsgewalt gebunden hat, ohne daß sie damit 
die einzelnen Volksgenossen gleichfalls dem Teufel ver- 
pflichten konnte. 

Es liegt eben alles in der Nichtunterscheidung des 
idealen und des positiven Rechtes: sie bestimmt das von 
unserem modernen Leben so abweichende Verhalten des Ein- 
zelnen zu Recht, Gesetzgeber und Staatsgewalt. Wenn heute 
jemand ein positives Recht schilt, so kann er seine verfassungs- 
mäßige Ersetzung durch das ihm vorschwebende ideale 
Recht nur erreichen durch Umstimmung des Gesetzgebers, 
der dann das geforderte ideale Recht in positives verwandelt. 
Wenn aber im Mittelalter jemand ein Unrecht (und jede 
„Ungerechtigkeit" ist damals gleichbedeutend mit „Unrecht- 
mäßigkeit", ja „Gewalt"^) im Verhalten der Staatsgewalt 
entdeckte, so durfte er erklären, das Recht sei durch Gewalt 
unterdrückt: nicht neues Recht brauche erlassen werden, 
sondern einfach das Nichtrecht sei zugunsten des bedrängten, 
aber allein seienden Rechts wieder aufzuheben; das verlange 
er, Michael Kohlhaas, und werde nötigenfalls den Staat 
dazu zwingen, Gewalt wider Gewalt setzend. 

Wir brauchen, wo wir die Gerechtigkeit gekränkt sehen, 
glücklicherweise nicht mehr gleich „Gewalt'* zu rufen. 
Begriffliche Verfeinerungen und technische Verbesserungen 
haben den Zweck der mittelalterlichen Verfassung innerhalb 
jies modernen Verfassungsstaats zu einer ruhiger und sicherer 
arbeitenden Erfüllung gebracht, ohne ihn irgendwie zu ver- 

1) Vgl. MSt. 1, 461. 

2) Vgl. auch MSt. 1, 313, 307, zum Sprachgebrauch von vis. 
Daß ius und iustitia wechselsweise gebraucht werden, ist bekannt. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 71 

flüchtigen. Aber unsere letzten Bemerkungen haben doch 
auch schon auf jene zweite Seite des „ewigen Mittelalters*' 
hinübergeführt, die oben bezeichnet wurde als das Festhalten 
volkstümlicher Anschauungsweise an mittelalterlichen Denk- 
bräuchen auch innerhalb der Moderne, die eben durch ihren 
verwickeiteren Aufbau eine Spaltung zwischen gebildetem 
und ungebildetem Denken erzeugen mußte. Wir haben das 
schon oben am Ende unserer Ausführungen über das Recht 
im allgemeinen betont, und müssen es hier nun für die Ver- 
fassung wiederholen. 

Dem naiven Volksempfinden wurde und wird es immer 
schwer, einzusehen, daß etwas, was es für recht hält, dennoch 
nicht Recht sein solle. Denn zu allen Zeiten empfängt der 
Staat sein Daseinsrecht daraus, daß sein Walten dem Rechts- 
gefühl entspreche: nicht immer aber sind Staatsnotwendig- 
keiten ohne weiteres verständlich. Der Weg der gesetzmäßi- 
gen Reform ist lang und für Minderheiten zudem meist hoff- 
nungslos verschlossen. Wie segensreich und notwendig 
die technischen Hemmungen, das langsame und verwickelte 
Räderwerk des modernen Staats- und Rechtslebens ist, 
das überblickt der gemeine Mann nicht. Er ahnt es vielleicht 
dunkel, aber Michael Kohlhaas ist seinem rechtstrotzigen 
Empfinden jedenfalls lieber. Freilich, die starken Staats- 
gewalten der Neuzeit haben mit ihrem positiven, geschrie- 
benen Recht und zumal Staatsrecht die Völker erzogen. Das 
Murren des Volks blieb jetzt im allgemeinen davor bewahrt, 
Widerstandsrecht wie in alter Zeit und so sich selber furcht- 
bar zu werden. Ausgenommen bei unterdrückten Völkern, die 
unter volksfremden Staatsgewalten seufzen und denen des- 
halb das Widerstandsrecht auch heute als eines der ewigen, 
in den Sternen geschriebenen Rechte gelten muß^), ist es 

^) Man vergleiche z. B. folgende, beliebig herausgegriffene Mel- 
dung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" von 1918: 

Die irischen Bischöfe und die Dienstpflicht. 
Haag, den 27. April. (Privattelegramm.) Der „Telegraaf" 
läßt sich aus London melden: „Der eigenartige Standpunkt, den die 
katholische Priesterschaft Irlands zu der Dienstpflicht eingenommen 
hat, wird durch die Erklärung Foleys, des Bischofs von Kildare, be- 
leuchtet. Einem Bericht zufolge, den die „Times" aus Dublin erhielt. 



72 Fritz Kern, 

erloschen. Das ewig junge Verlangen nach einem idealen 
Recht weiß heute, was es im Mittelalter noch nicht wissen 
konnte: daß der Umbau des Rechts sich, wenn auch unter 
Widersprüchen und Verzögerungen, doch gewisser durch ein 
absolut bindendes positives Recht, Mehrheitsbeschlüsse und 
Kodifikationen erzielen läßt als durch den Glauben an ein 
durch sich selbst seiendes Recht mit dem Rechtszug an die 
Souveränetät des Einzelgewissens, welches befugt ist, jenes 
Recht wiederherzustellen, wenn es gekränkt wurde, und die 
Staatsgewalt abzulehnen, welche es kränkte. 

Völker, die staatlich gut erzogen sind und die Staats- 
räson in den Willen der Einzelnen aufgenommen haben, 
wie Franzosen und Engländer, töten sich nicht mehr so 
leicht selbst durch Revolution wie mittelalterlich unpolitische 
Völker in der Art der Deutschen oder Russen. 

Freilich in einem Punkt wird es dem Privaten, dem 
Untertan theoretisch nie wieder so wohl werden, wie im Mittel- 
alter. Nie wieder wird das geringste seiner subjektiven 
Rechte so heilig und unverbrüchlich werden wie das Grund- 
gesetz des Staates, ja der Menschheit selbst! Aber dieser 
schrankenlose Schutz des Privatrechts in der Theorie war 
doch in der Praxis eher bedenklich, nicht nur für den Staat, 
der, im Schlinggewächs überwuchernder Privatrechte ver- 
strickt, keinen staatsnotwendigen Schritt tun konnte, 
ohne das Recht zu übertreten^), sondern auch für den Privat- 
mann oder Volksgenossen selbst. Denn wo mangels feinerer 
begrifflicher Unterscheidungen das Kleinste dem Größten 



hat der genannte Bischof in einer Rede in der Kathedrale von Carlow 
gesagt, daß die Bischöfe der Meinung seien, das Dienstpflichtgesetz 
sei kein Gesetz. Es liege außerhalb der Befugnisse der Regierung, 
weil es einen Versuch darstellt, eine unerträgliche Last auf das Gewissen 
des Volkes zu bürden. Darum ist ein Widerstand des Volkes gegen dieses 
sog. Gesetz rechtmäßig und darum können alle Mittel angewandt wer- 
den, die mit dem göttlichen Gesetz in Übereinstimmung stehen. Diese 
These, so sagt die „Times", ruft zu einem öffentlichen Widerstand 
gegen ein regulär vom Parlament angenommenes Gesetz auf. Es ist 
klar, daß die katholische Kirche hier ein sehr gefährliches Spiel spielt, 
denn der alte Religionsstreit wird dadurch wieder wachgerufen." 

*) Hierüber künftig in einer Studie über mittelalterliche Po- 
litik. Vorläufig vergleiche MSt. 1, 308ff. 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 7S 

gleichgeachtet wird, da ist die Gefahr nahe, daß auch das 
Große kleingeachtet werde. In der Nichtunterscheidung 
des idealen und des positiven Rechtes lag vielfach Gefährde 
sowohl für den Privatmann wie für die Staatsgewalt. Wenn 
z. B. ein Fürst einem Untertan freies Geleit zum Konzil 
zusagte, auf welchem dann durch die Stimme des Heiligen 
Geistes jener als Ketzer anerkannt wird, so verliert der Ge- 
leitsbrief ipso facto seine Gültigkeit, da jedes Recht und 
jeder Staatsakt hinwegfällt, wenn sie dem Glauben schaden 
(Hus). Gewiß, heute ist der Untertan bei keinem seiner 
Privatrechte mehr ganz sicher, daß nicht der souveräne Staat 
in seinen bitteren Staatsnotwendigkeiten und seiner uner- 
sättlichen Machtgier sie ihm kürze. Nur zwei Sicherungen 
sieht der Private heute, und diese beiden müssen ihm ge- 
nügen. Das eine ist die Gewißheit, daß bestimmte Gebote 
der Sittlichkeit so feststehen, daß sie auch durch keine 
wie immer geartete Staatsnotwendigkeit angegriffen werden 
können. Das andere ist die Teilnahme einer Volksvertretung 
an der Staatsgewalt, wodurch die Sicherung jener sittlichen 
Forderungen gegen Launen Einzelner verbürgt erscheint, 
welche Mängel auch immer diese Volksvertretung sonst 
haben möge. Ob aber jene sittlichen Forderungen ganz oder 
teilweise in die geschriebene Verfassungsurkunde aufge- 
nommen sind, als Grundrechte u. dgl., ist höchst gleichgültig 
und für das Wesen des modernen Verfassungsstaates von fast 
gar keiner Bedeutung. Denn ihre Unverbrüchlichkeit liegt 
ja keineswegs in ihrer Aufnahme in das positive Staats- 
recht, welches im Gegenteil formal als positives Recht gerade 
das Merkmal der leichten Abänderungsfähigkeit trägt, son- 
dern darin, daß sie ein ideales Recht darstellen, welches allen 
Volksgenossen oder doch der überwältigenden Mehrheit 
dauernd teuer und heilig ist, sowie darin, daß der moderne 
Verfassungsstaat die Staatsorgane so gegeneinander ordnet, 
daß keines von ihnen ungestraft diese sittliche Gemeinüber- 
zeugung verletzen kann. Daß man die Grundrechte (d. h. 
einen kleinen Ausschnitt jener sittlichen Grundforderungen) 
im 18./19. Jahrhundert da und dort in die geschriebenen 
Verfassungen aufnahm, ist nicht aus dem Geist des modernen 
Verfassungsstaats zu erklären, sondern aus einem Stück 



74 Fritz Kern, 

„ewigen Mittelalters", hineingeworfen in die Kämpfe mit 
dem absoluten Staat, unter einer Wesensverkennung des 
geschriebenen Rechts, wofür eben die Haltung des Natur- 
rechts zwischen Mittelalter und Moderne bezeichnend ist. 

Doch hierauf soll nicht näher eingegangen werden. 
Es genüge uns, nach den Verwandtschaftsbanden zwischen 
mittelalterlicher und moderner Verfassungsidee auch ihre 
Verschiedenheiten erwähnt zu haben. Die straffe Vollzie- 
hungsgewalt des modernen Staats prägte den Völkern ein, 
daß auch eine „ungerechte" Obrigkeit nicht aufhöre Obrig- 
keit zu sein, und ein schlechtes positives Recht noch immer 
Recht bleibe. Der mittelalterliche Rechtsbegriff ging unter 
durch das gelehrte, geschriebene Recht und die Erstarkung 
der Staatsgewalt. Der vieldeutige Rechtsbegriff des Mittel- 
alters, dunkel und reich in seiner unklaren Tiefe, ausreichend 
in altertümlich engen und begrenzten Lebensverhältnissen, 
wo jeder jeden kannte und den ganzen Umkreis der für ihn 
wesentlichen Rechtsordnungen überschaute, dieser einfache 
und doch so unergründlich strudelnde Rechtsbegriff war 
eines der wesentlichen Hindernisse für den Aufbau kräftiger 
Staatsordnungen: er paßte für Markgenossen, aber nicht für 
Monarchien. 

Anhang. 
Die entscheidende Wendung der ganzen begrifflichen Entwick- 
lung trat ein, als die spätmittelalterliche Rechtsphilosophie es lernte, 
zwischen positivem und Naturrecht zu unterscheiden. Fortan ist die 
Staatsgewalt über dem positiven und unter dem natürlichen Recht. 
Also nicht mehr jedes unbedeutendste individuelle Privatrecht, sondern 
nur noch die großen Grundsätze des Naturrechts sind dem Zugriff 
des Staates entzogen. Das Programm des Schutzes der Individual- 
rechte gegen den Staat wird damit kleiner, aber auch gewichtiger. 
Gleichzeitig setzt sich freilich der absolutistische Leviathan-Staat über 
alle Individualrechte hinweg. In seiner Bekämpfung gewinnt die 
Theorie der Naturrechtler den Wert einer praktisch wirksamen Waffe 
und hilft den Verfassungskampf entscheiden. Das Naturrecht und seine 
Grund- oder Menschenrechte stehen also mitten inne zwischen dem 
mittelalterlichen und dem modernen Verfassungszustand, welch letz- 
terer der Staatsgewalt dieselbe absolute Souveränetät auch gegenüber 
den Privatrechten gibt, wie sie der absolutistische Fürstenstaat besaß, 
aber durch die Zusammensetzung der Staatsgewalt Bürgschaften dafür 
schafft, daß die sittlichen Forderungen (= iVlenschenrechte) nicht über- 
schritten werden. Diese Bürgschaften sind der Schwerpunkt der 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 75 

Verfassungen, die, wie jedes moderne Recht, geschriebenes Recht sind, 
wenigstens auf dem Festland. Die Verkündigung von Menschen- 
rechten aber ohne jene geschriebenen oder ungeschriebenen Bürg- 
schaften, ist erst ein Programm, eine Vorstufe, eine Forderung. Die 
proklamierten Menschenrechte wollen darum gewürdigt werden als 
Kampf erzeugnis einer ganz bestimmten geschichtlichen Lage. Man 
erweist ihnen zuviel Ehre, wenn man in ihnen selbst eine Bürgschaft 
des Verfassungslebens sehen will. Denn entweder sind sie sehr allge- 
mein gefaßt, und dann auch nichtssagend, oder sehr speziell, und dann 
übertritt der souveräne Staat sie jeden Tag. Dem ausgebauten Verfas- 
sungsstaat liegt an den Grundrechten wenig. Die Menschen wollen so 
regiert werden, daß sie selbst einsehen, es sei gerecht und vernünftig. 
Nach welchen Grundsätzen dies konkrete Gefühl ihnen erwachse, 
kümmert sie weniger. Im 18. Jahrhundert aber, als die Menschheit dem 
Fürstenabsolutismus entrinnen wollte, hatte das Aussprechen gewisser 
Formeln, die das Recht der Privaten gegen den Staat betonten, um so 
mehr Gewicht, je weniger noch Bürgschaften dafür bestanden, und im 
Aussprechen dieser Formeln ruhte deshalb das politische Lebensglück 
dieser Geschlechter zum großen Teile, so wie umgekehrt unter der la- 
stenden Herrschaft des mittelalterlichen Moralcan/s der Fürstenspiegel 
Machiavelli es für seine geschichtliche Aufgabe halten mußte, das un- 
verjährbare, aber vom Mittelalter verkannte Eigenrecht der Politik 
zu betonen. 

Das Mittelalter hatte einzig das Eigenrecht der Seele und ihres 
Erlösungswillens verkündigt, dem Staat nur den Zweck, dabei mitzu- 
helfen, zuerteilt und die Politik als solche überhaupt verneint. Der 
moderne Staat ging im Rückschlag gegen das Mittelalter zunächst 
rücksichtslos auf Macht aus: das ist der absolutistisch-zentralistische 
Staatstypus, für den Machiavelli oder Hobbes bezeichnend sind. Dann 
aber kommt der absolute Staat auf dem Umweg der Machtpolitik 
doch auch zu einer neuen Wohlfahrtspolitik, da es als unerläßliches 
Mittel der Machtpolitik erkannt wird, auch den Einzelnen zu fördern 
und zu bilden. So erwächst die Wohlfahrtspolitik des aufgeklärten Ab- 
solutismus nicht wie die mittelalterliche aus Erlösungs-, sondern aus 
Machtzwecken. Es ist Beglückungs-, nicht Erlösungspolitik. Der 
Fortschritt vom brutalen, machtzusammenfassenden Ur-Absolutismus 
zum aufgeklärten Absolutismus führt dann in derselben Linie der 
Befriedigung des Individuums weiter zum Verfassungsstaat mit Men- 
schenrechten, in deren Besitz sich der Einzelne „fühlen" darf. Aber 
auch der moderne Verfassungsstaat zielt auf Macht, und das ist sein 
grundlegender Unterschied von der mittelalterlichen Rechts- und 
Staatstheorie. 

In seinem Buch über „die Vorgeschichte der geschriebenen Ver- 
fassungen" (Leipzig 1916) hat R. Schmidt den Grundrechten eine 
Darstellung angedeihen lassen, welche durch die obige Darstellung 
in wesentlichen Punkten zurechtgerückt erscheint. Schmidts Haupt- 
gedanke, daß die Aufnahme der Grundrechte in die geschriebenen 
Verfassungen nur formell etwas Neues sei, „die universalhistorisch 



76 Fritz Kern, 

epochemachende Tat" aber, nämlich die materielle Auffindung der 
Grundrechte, „dem Zeitalter zum Ruhm angerechnet werden müsse, 
das die schwierige Beziehung zwischen Staatsform und Einzelsphäre, 
das Aufeinanderangewiesensein von Staatsgewalt und Untertan unter 
der Autorität der Rechtsordnung zu entdecken und bewußt formuliert 
zum Gemeingut des staatsrechtlichen Denkens zu machen verstand", 
dieser sein Hauptgedanke führt Schmidt selbstverständlich zur 
scholastischen Rechtsphilosophie. Er unterschätzt aber deren Ab- 
hängigkeit von dem allgemeinen mittelalterlichen Rechts- und Ver- 
fassungsgedanken. Die mittelalterlichen Theoretiker verlangen, mit 
dem Schlüssel der wirklichen Verfassungsverhältnisse ihrer Zeit ge* 
lesen zu werden, wie dies z. B. K- Wolzendorff in seinem Buch über 
„Staatsrecht und Naturrecht in der Lehre vom Widerstandsrecht..." 
(Breslau 1916) tut, indem er die Widerstandslehre z. B. noch der 
Monarchomachen abgezogen zeigt vom Staatsrecht des Ständestaats. 
Eine Vorgeschichte der geschriebenen Verfassungen aus einigen Lese- 
früchten aus Thomas, Marsilius und Bartolus aufbauen zu wollen, 
heißt soviel, wie einen antiken Tempel aus einer Säulenbasis, einer 
halben Metope und einem Akroterion zu rekonstruieren, . . während 
doch der Tempel selbst unversehrt vor aller Augen daneben steht. 
Allerdings wäre so viel zu sagen gewesen, daß die Rechtsphilosophie 
der Hochscholastik dank ihrer antiken Quellen zur Unterscheidung 
von natürlichem und positivem Recht vordringt und damit die Mög- 
lichkeit schafft, Grundrechte und positiv-subjektive Rechte der Pri- 
vaten zu trennen. Die bei den Scholastikern naturrechtlich geheiligten 
Privatrechte sind dann freilich wieder im wesentlichen dieselben, für 
welche auch die frühmittelalterliche Verfassung ein Konsensrecht der 
Beteiligten ausgebildet hatte. Daß das naturrechtliche System des 
Mittelalters und des Nachmittelalters solche geheiligten Privatrechte 
enthielt, war natürlich altbekannt. Es sind nur noch keine kodi- 
fizierten Grundrechte, und diese Kodifizierung ist und bleibt das 
Werk der amerikanischen und der französischen Verfassungsurkunden, 
Alles Wesentliche ist in den wenigen Sätzen O. Gierkes, Althusius 
(1913) 265 f., 346, 381, gesagt. Für das Moment der geschriebenen 
Verfassung, daß sich die jeweiligen Organe der Staatsgewalt ausdrück- 
lich auf sie verpflichten, Hegt die „Vorgeschichte" in den mittel- 
alterlichen Throngelübden. Das Stärkste an geschichtlicher Verzer- 
rung findet sich bei Schmidt in dem „Die Umbildung der kano- 
nistischen Rechtsgedanken in die Prinzipien des weltlichen Territorial- 
staatsrechts (!)" überschriebenen Kapitel, worin (S. 138) „Marsilius 
die von Thomas geschaffenen (!) Schutzmaßregeln gegen ungerechte 
Regierungsakte von den klerikalen Beisätzen des Scholastikers reinigt". 

5. Zeitliches und begriffliches Mittelalter. 

Die Geistesgeschichte unterscheidet den mittelalterlichen 
Kulturtypus vom früh- wie vom spätzeitlichen Typus. Das 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 77 

Kennzeichen des Mittelalterlichen ist für sie der Erlösungs- 
gedanke, und damit der folgerichtig aus Einem Punkt ent- 
wickelte Versuch, die Materie hinwegzuvergeistigen. 

Die vorstehende Untersuchung bildet eine Warnung für 
Geistesgeschichtler, zu einheitlich konstruieren und etiket- 
tieren zu wollen. Denn Vieles von dem, was wir darstellten, 
ja das Meiste ist ein wesentlich frühzeitliches Anschauungs- 
gewebe. 

Gewiß fanden wir namentlich überall dort, wo die Kirche 
sich fühlbar machte, begrifflich mittelalterliche Elemente 
eingesprengt. Aber daneben ragen andere, völlig unsoterio- 
logische, gegen den mittelalterlichen Grundgedanken gleich- 
gültige Elemente. Nicht alle, die mittelalterlich scheinen, 
sind es wirklich. Die Gemengelage des Rechts mit dem 
Guten z. B. ist trotz dem ethischen Beigeschmack nicht 
mittelalterlich, sondern typisch frühzeitlich. 

Der begriffliche Leitgedanke des Mittelalters, die Er- 
lösung vom Materiellen, hat sich auf dem Rechtsgebiet 
keineswegs rein durchgesetzt. Am reinsten natürlich in der 
wirklichkeitsferneren Buchspekulation der mittelalterlichen 
Theologen, die sich mit Rechtsphilosophie beschäftigen. 
Aber kaum in den Werken rechtskundiger Schöffen, ob- 
wohl sie gute Christen waren. Das Rechtsgebiet liegt eben 
dem Zentralgebiet des mittelalterlichen Fühlens vergleichs- 
weise ferne und läßt sich immer nur gradweise spirituali- 
sieren. Diese Grade sind freilich verschieden hoch. Wir 
streiften mannigfach den Einschlag des kirchlichen Gedan- 
kens: ihn vollständig nachzuweisen würde das Ziel einer 
schönen Sonderuntersuchung sein. Nur nebenbei sei er- 
wähnt, daß die rechtlichen, wirtschaftlichen und gesell- 
schaftlichen Zustände und Anschauungen der christlich-ger- 
manischen Epoche von 500 bis 1500, obwohl in sich keines- 
wegs rein vergeistigt oder auch nur annähernd vergeistig- 
bar, doch von den Theologen bis zu einem hohen Grad in 
den Dienst des mittelalterlichen Leitgedankens eingespannt 
worden sind. Man braucht nur an Thomas denken. 

Diese Affinität frühzeitlicher Zustände mit mittelalter- 
licher Denkweise, ebenso beider Gegensätzlichkeit kann hier 
aber nur gestreift, nicht entwickelt werden. Die mittel- 



78 Fritz Kern, 

alterliche Weltanschauung ist nicht nur einheitlicher, son- 
dern auch intensiver als die andern. Die Frühzeit denkt 
naiver, die Spätzeit blasierter über den Wert einer logischen 
Geschlossenheit des Weltbildes* Infolgedessen hat das Früh- 
zeitliche (und Spätzeitliche) unter sich weniger zwingenden 
Zusammenhang als das Mittelalterliche. 

Will man für das Gebiet der Rechtsanschauungen das 
leitende Merkmal der drei typischen Epochen angeben, sa 
würde für die Frühzeit die Vorherrschaft des Gewohnheits- 
rechts, für das Mittelalter die Einspannung des Rechts in 
die pädagogische Heilsanstalt, für die Spätzeit die Techni- 
sierung des Rechts als geschriebenes und staatliches Recht 
und seine Verselbständigung gegenüber dem Herkommen 
und dem Guten zu nennen sein. Die Antike der Mittel- 
meerkultur durchlebte einen Kreislauf von Frühzeit, Mittel- 
alter und Spätzeit, der in Vielem Ähnlichkeit mit dem Ver- 
lauf der drei Phasen in der christlich-germanischen Welt 
hat, wenn diese Analogie auch nicht übertrieben werden 
darf. Die antike Frühzeit wie die Frühzeit anderer Kultur- 
kreise weist mit dem von uns geschilderten Typus des ger- 
manischen Gewohnheitrechts Ähnlichkeiten auf. Das antike 
Mittelalter formt ethisch-religiöse Erlösungsgedanken, die 
innerhalb der Rechtsanschauung vor allem in Gestalt der 
stoischen Philosophie sich auf das christliche Mittelalter ver- 
erben. 

Es ist hierbei zu beachten, daß sich die Kulturzeitalter 
nicht reinlich ablösen, sondern übereinanderschieben und 
daß in jedem Mittelalter viel Frühzeit, in jeder Spätzeit 
Frühzeitliches und Mittelalterliches aus demselben Kultur- 
kreis sowie vielfach auch die Überlieferungen einer älteren, 
abgelaufenen Kulturfolge fortleben. 

Die Geistesgeschichte wird, wenn sie vom „ewigen 
Mittelalter" spricht, darunter den fortwirkenden Einfluß 
des Erlösungsgedankens verstehen, nicht, wie wir es oben 
taten, das Fortleben des frühzeitlich-mittelalterlichen Ge- 
spinstes von Anschauungen der christHch-germanischen 
Epoche von 500 bis 1500. 

Aber ist es dann nicht richtiger, den Doppelsinn von 
„Mittelalter'' durch neue Wortbezeichnungen auszuschalten 



Recht und Verfassung im Mittelalter. 79 

und das zeitliche Mittelalter (die Epoche von 500 bis 1500) 
und das begriffliche Mittelalter (Erlösungskulturen) unmiß- 
verständlich voneinander zu unterscheiden? 

Die Frage ragt über unsere Untersuchung weit hinaus^ 
Jedenfalls ist die Epoche von 500 bis 1500 in den Geistes- 
gebieten, die von ihr selbst als die vornehmsten empfunden 
werden, und überhaupt in ihrer Rangordnung der Werte 
völlig soteriologisch. Darum kann sie apotiori als Mittel-^ 
alter schlechthin bezeichnet werden. Sie hat eben durch 
ihren Charakter dem „begrifflichen Mittelalter" zu seiner 
wissenschaftlichen Prägung verholten und ist noch heute 
für die Abendländer das bei weitem wichtigste Anschau- 
ungsgebiet für Erlösungskultur« In dem Doppelsinn von 
„Mittelalter" liegt also etwas logisch Störendes, aber an- 
schauungsmäßig Gesundes. Die Sprache, die als sinnliches^ 
Wesen langsamer wird und wechselt als wissenschaftliche 
Logik, verteidigt ihr gegenüber durch ihre beharrliche Hem- 
mung reinlicher terminologischer Scheidungen die geistig- 
geschichtlichen Anschauungszusammenhänge, die zuweilen 
gehaltvoller sind als logische Schemate. 

Alles hier Angedeutete wird erst dann klar heraus- 
treten, wenn einmal ein Kundiger in dem zeitlichen Mittel- 
alter der christlich-germanischen Epoche die frühzeitlichen 
Elemente und die soteriologischen gesondert sowie in ihrer 
Durchdringung dargestellt, ein anderer aber vielleicht die 
Methode gefunden haben wird, das dem Begriff nach 
mittelalterliche Recht, d. h. das Recht unter der Herr- 
schaft des Erlösungsgedankens, aus den verschiedenen Kul- 
turkreisen zu sammeln und zu vergleichen. 



Die Entstehung von Sturdzas 
„Etat actuel de l'AlIemagne^^ 

Ein Beitrag zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen 

von 
Carl Brinkmann. 



Zweimal, am Anfang und am Ende des 19. Jahrhunderts, 
hat die eigentümliche Mittelstellung des modernen Rußland 
zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher Kultur es mit 
sich gebracht, daß gerade hier, am Schauplatz der trieb- 
haftesten innen- und außenpolitischen Leidenschaften, gegen- 
über dem neuzeitlichen Grundsatz nationaler Machtentfal- 
tung die Idee der internationalen politischen Norm zu vor- 
bildlicher Verkörperung gelangte. Sowohl die Politik, die 
sich 1899 von der modernen pazifistischen Bewegung zur 
ersten diplomatischen Anregung der Haager Friedenskon- 
ferenzen bestimmen ließ, als diejenige, die aus dem Kampf 
gegen Napoleon den damaligen Kosmopolitismus zu dem 
Völkerbund der Heiligen Allianz ableitete, stellen sich zwei- 
fellos zunächst unwillkürlich von der Seite des Doppelspiels, 
der bewußten Ausnutzung ideeller Strömungen zu ganz 
realpolitischen Zwecken dar. Aber wie man auch über das 
historisch noch unzugängliche Ereignis von 1899 denken 
möge, die russische Politik der Allianzzeit dürfte nachgerade 
eine breitere, vor allem auch sozialgeschichtliche Betrach- 
tung zulassen und erfordern. 

Neben den Völkern West- und Mitteleuropas, die im 
Gefolge der Französischen Revolution große bürgerliche Be- 



Die Entstehung von Sturdzas ȧtat actuel de l'Allemagne". 81 

wegungeti zur Erneuerung ihrer Rechts- und Staatsverfas- 
sungen entwickelten, erschien und erscheint mit einem ge- 
wissen Recht die russische Monarchie als eine politische 
Größe, deren innere Einheitlichkeit ihr allein schon ein erheb- 
liches Übergewicht über jene Mitbewerber sicherte. Indes 
dabei wird leicht vergessen, daß gerade auch die Verflech- 
tung in die ,, europäischen** Entwicklungen, unorganisch und 
unstet wie sie von jeher Rußlands Schicksal gewesen war, 
damals wie vor- und nachher die Züge des Revolutionszeit- 
alters teils zwar abgeschwächt, teils aber desto gesammelter 
und bewußter widerspiegelte. So wenig der Stammbaum 
der russischen Aufklärung auf den zwei Augen der Katharina 
stand, würde man die Regierung Alexanders I. aus weiter 
nichts als seinen Anlagen und westlichen Bildungseinflüssen 
verstehen. Beide waren gesteigerte Vertreter eines kultu- 
rellen und politischen Typus, der in Rußland vielleicht nur 
je schwächer an Zahl desto stärker an Eigenschaften auch 
den Absolutismus zum gesellschaftlichen Problem machte. 

Sieht man so das Rußland von vor 100 Jahren nicht als 
reinen Gegensatz zu, sondern als Grenzfall in der Reihe der 
europäischen Staaten, so öffnet sich auf der andern Seite 
auch der Blick für sein eigentümliches Verhältnis zu Deutsch- 
land innerhalb dieser Reihe. Befreundet und verfeindet zu- 
gleich, wie stets der nächste Lehrmeister und Vermittler der 
Gesittung, stand Deutschland nicht bloß geographisch, son- 
dern geistig zwischen Rußland und dem Westeuropa, das 
gerade um die Zeit der ersten russischen Kulturdämmerung 
die Führung der europäischen Gesellschaftsentwicklung über- 
nommen hatte. Das bedeutete für die deutsch-russischen 
Beziehungen des Revolutionszeitalters eine Art von Brüder- 
lichkeit, die sich sachlich in manchen Übereinstimmungen 
der sozialen und konstitutionellen Machtverhältnisse, per- 
sönlich in der engen Gemeinschaft des deutschen und russi- 
schen Konservatismus einer- und Liberalismus anderseits 
fast bis vor die Tore des Weltkriegs entfaltet und erhalten hat. 

Die besondere Prägung dieser großen historischen Linien 
während der Jahrzehnte der Napoleonischen Kriege und 
der Restauration besteht nun darin, daß diese Zeit auch hier 
im Drang der politischen und gesellschaftlichen Verschie- 

Historische Zeitschrift (120. BcL) 3. Folge 24. Bd. 6 



82 Carl Brinkmann, 

bungen die späteren und auch wohl früheren Gegensätze 
des europäischen Geistes- und Staatslebens, Klassizismus 
und Romantik, Weltbürgertum und Nationalismus in den 
verschiedensten Klarheitsgraden miteinander verwirrt, ver- 
knotet oder wahrhaft vermählt. Und durch Zusammen- 
drängung in Zeit und Persönlichkeiten noch verwickelter ist 
der Anteil Rußlands an dieser Epoche. Der rätselhaft 
schillernde Charakter Alexanders I. ist lediglich das sicht- 
barste Symptom davon, daß seine Zeit die ganze zerspren- 
gende Keimfülle aller nachherigen europäischen und russi- 
schen Gesinnungen und Strebungen in einem Schoß zu hegen 
hatte. Man überlege, daß der junge Kaiser, der wenige Jahre 
nach Friedrich Wilhelm III. oder Max Joseph seine revo- 
lutionären Mächten auch äußerlich ungleich tiefer verpflich- 
tete Regierung antrat, neben den staatlichen Reformauf- 
gaben jener deutschen Herrscher auch die noch schwerere 
und gefährlichere antrat, die geistigen Besitztümer der 
europäischen Aufklärung ernsthafter als das Rokoko seiner 
Großmutter seinem Lande einzuverleiben. Wie es sachlich 
merkwürdig ist, in dieser alexandrinischen Rezeption Rüst- 
zeug, wenn nicht Rohstoff aller russischen Denkerschulen, 
der Westler und Volkstümler, Marxisten und Heroisten, 
vorgebildet zu finden, so liegt eine ganz persönliche Tragik 
in der Art, wie auch der Zar als Treibhausgärtner, als Urheber 
z. B. der Übersetzungsflut der Jahrhundertwende^), als 
Anbeter dann des französischen Geistes zu Beginn der so 
verhängnisvollen Okkupation von 1815 — 1818 mit eigener 
Hand die Waffen bereiten hilft, die sich noch zu seinen 
Lebzeiten deutlich genug gegen die absolutistische Form 
seiner Gaben kehren sollten. 

Freilich war gerade dieser Absolutismus noch viel 
weniger als der der Aufklärung der bloße theoretische Aus- 
druck der hergebrachten Staatsgewalt, sondern zugleich 
neben der an England geschulten organischen Staatstheorie 
eine zweite, mächtige und selbständige Gegenwirkung des 
europäischen Denkens gegen die Spannungen des revolu- 
tionären Rationalismus. Nichts ist bezeichnender für die ge- 



1) Pypin, Istoriceskija ocerki* 110 f. (Minzes 105 f.). 



Die Entstehung von Sturdzas „l^tat actuel de rAllemagne*. 83 

schilderte Interessengemeinschaft Deutschlands und Ruß- 
lands, als daß sich diese monarchische, religiöse Fassung 
des politischen Traditionalismus dort in Franz Baader ihren 
ersten bedeutenden Verkünder auf den Grundlagen der 
klassischen Philosophie und des Katholizismus, hier in 
Alexander I. ihren ersten Anwender auf dem Gebiet des 
Selbstherrschertums und der orthodoxen Kirche schuf. Das 
seltsame Vexierspiel, daß nun die Russen in Alexanders 
Innenpolitik den deutschen Neuerer, die Deutschen in seiner 
Außenpolitik den asiatischen Despoten zu sehen glaubten, 
war deshalb eine in der Tat naheliegende Täuschung durch 
einseitige Anschauung: Das natürliche Übergewicht der 
Theorie in Deutschland, der Praxis in Rußland verschleierte, 
daß in beiden Ländern nicht ganz ungleich aufgebaute 
Gesellschaften um dasselbe geistige und politische Problem 
beschäftigt waren. 

Erst diese allgemeinen Erwägungen können die Gestalt 
des Mannes lebendig machen, der inmitten des alexandri- 
nischen, des ewig russischen Gegensatzes fremder oder fremd- 
bestimmter Bildungskräfte und einheimischer Trägheits- 
massen fast allein ein früher und etwas blasser Vorläufer 
des vergeistigten russischen Nationalismus ist: Wie andert- 
halb Jahrhunderte früher der große slawische Erwecker 
Krizanic aus der ethnischen, kam der ungarisch-walachische 
Bojari) Alexander Demetrius Sturdza aus der kirchlichen 
Diaspora nach dem russischen Mutterland mit allem sehn- 
süchtig leidenschaftlichen Idealismus solcher Abstammung. 
Der europäischen Öffentlichkeit wurde er nach Vollendung 
seines deutschen Hochschulstudiums zuerst durch ein Buch 
bekannt, das, am Mittelpunkt des deutschen Klassizismus 
erschienen und in der Form deutlich von ihm beeinflußt, 
die Urchristlichkeit, Staatsfreundlichkeit und Duldsamkeit 
der griechischen Kirche dem Westen rühmte — die litera- 
rische Begleitung von Alexanders I. damaliger Wendung 
gegen die Propaganda der Jesuiten in Rußland.^) Weniger 



^) Nach der Nouv. biogr. gin. 4^, 529 stammt die Familie von 
den als Teilhaber der Fugger bekannten Turzo. 

*) Considirations sur la doctrine et l'esprit de VEglise Orthodoxe 
(Weimar 1816), besonders S. 183 ff. Zitiert werden von Zeitgenossen 

6* 



84 Carl Brinkmann, 

bekannt war, daß er schon im Vorjahr für den Kaiser die 
Urkunde des Völkerbundes entworfen hatte, in dem die 
christHchen Monarchen aller Bekenntnisse den religiösen 
Absolutismus zum weltpolitischen Gesetz zu erheben ver- 
suchten: der Heiligen Allianz.^) Auch bei jener ,, Feindes- 
liebe** Alexanders zu Frankreich hatte Sturdzas Mystik im 
Verein mit der deutschen mitgewirkt: Die Bekanntschaft 
des Kaisers mit Juliane v. Krüdener wurde durch Sturdzas 
Schwester Roxandra, die Hofdame der Kaiserin Elisabeth 
und Freundin Jung-Stillings, vermittelt.^) 

Hier ist jene Verflechtung der russischen und europä- 
ischen Idealismen, von der ich sprach, mit Händen zugreifen: 
Während ein, zwei Jahrzehnte später Caadaev wesentlich 
auch aus der katholischen Romantik Frankreichs die nega- 
tive Haltung gegen das eigene Volks- und Kirchentum ab- 
leitet und der russischen Intelligenz hinterläßt, ist in der 
Allianzzeit auch der religiöse Widerspruch gegen den Westen 
und die Revolution weltbürgerlich, nicht schon national 
unterschieden. Und ebenso nach innen: Die Hochflut des 
russischen Nationalismus 1812 war doch lange nicht stark 
genug gewesen, das Gefühl der Einheit zwischen dem pa- 
triarchalischen Fortschritt der Regierung und dem auto- 
nomen der führenden Gesellschaftsschichten völlig zu zer- 
reißen; eben in die Jahre 1813" — 1818, als auch Slurdza mit 
pädagogischen Entwürfen beschäftigt erscheint^), fallen 
Alexanders 1. Bestrebungen zur Einführung der englischen 
und schweizerischen Lehrmethoden von Lancaster-Bell und 



nur Herders Ideen (S. 9) und Baaders unten (S. 86) genannte Schrift 
(S. 16). 

i) Öilder, Aleksandr Pervyj 3, 3, 44. Bei Eylert, Friedrich 
Wilhelm III. 2,2,249 bezeichnet Alexander 1. den König nicht, wie 
Gagern, Mein Anteil 5, 1,422 f. will, als Verfasser des Textes, sondern 
nur als Anreger des Gedankens. Ebenso irrig die Auffassung Alex- 
anders als Verfasser bei Metternich, Nachgel. Pap. 1, 215 und Muhlen- 
beck, Sainte-AUiance 245. Gegen die Krüdener als Verfasserin : Cape- 
figue, La baronne de K. 98, 108. 

') S. Sturdzas Biographie seiner Schwester Souvenirs et portraits 
{Oeuvres posthumes 3, Paris 1859) 49 f. Vgl. Baur A. D. B. 17, 205. 

*) Unten S. 97, Souvenirs et portraits 8 f. 



Die Entstehung von Sturdzas „iStat actuel de rAlIemagne". 85 

Pestalozzi-Fellenberg im russischen Volk und sogar Heer^), 
der erste russische Tugendbund von 1816 aber war noch viel 
mehr, als seine deutschen Paten und Vorbilder^) eine bis in 
die Kreise der Regierung reichende Organisation zu ihrer 
Unterstützung und erst in zweiter Reihe zu ihrer Bekämp- 
fung. Die endgültige Trennung der amtlichen Reaktion und 
der populären Opposition erfolgte in Rußland wie in Deutsch- 
land, und dort eher noch später und zögernder als hier, erst 
im Zuge der großen europäischen Ereignisse des dritten 
Jahrzehnts: Des ehemaligen Reformators Novosil'cov bru- 
tales Vorgehen gegen die polnischen Universitäten, gleich- 
sam die Mittelglieder zwischen den gefürchteten deutschen 
und den noch sehr harmlosen russischen^), gehört bereits zu 
der Atmosphäre der werdenden Dezemberrevolution von 
1825. Sturdza selbst ist noch 1835 in seinen ,,Notions sur 
la Russie'' für die Aufhebung der Leibeigenschaft eingetreten.*) 
Das bisher Gesagte wird genügen, um gegen die land- 
läufige, obwohl bereits zeitgenössische Auffassung bedenk- 
lich zu machen, als handle es sich bei Sturdzas drittem und 
bekanntestem Hervortreten in die politische Literatur, der 
Denkschrift für den Aachener Kongreß über den gegen- 
wärtigen Zustand Deutschlands, lediglich um die bestellte 
Arbeit eines sachunverständigen Angebers. Weder die Zeit 
noch der Mann war danach angetan und so einfach zu 
nehmen. Um jedoch an die Stelle falscher oder leerer Vor- 
stellungen die Anschauung zu setzen, muß die Art und die 
äußere Entstehung der Schrift näher beleuchtet werden. 



1) Pypin 333 ff. (Minzes 472 ff.) Nur mit diesem Vorbehalt gilt 
m. E. das von Schiemann, Alexander I. 4I6f. über Alexanders „neue 
Gesinnung" Gesagte. 

2) Daß neben der Erinnerung an den Königsberger Tugendbund 
auch der lebendige Verkehr mit den deutschen Geheimbünden nach 
1815 (vgl. über sie jetzt Ulmann H. Z. 95, 435 ff. und Meinecke, 
Quell, u. Darst. z. Gesch. d. Burschensch. 1, 1 ff.) entscheidend war, 
macht die Darstellung bei Pypin 371 (Minzes 527), obwohl er diese 
Bünde nicht kennt, doch unzweifelhaft. 

^) Vgl. meinen Aufsatz über Joachim Lelewel Internationale 
Monatsschrift 1918, Sept. 

*) Oeuvres posthumes 2 (Paris 1858), 108. S. auch seinen warmen 
Nachruf für Stein (vgl. unten S. 90 Anm. 1) Souvenirs et portraits 206 ff. 



86 Carl Brinkmann, 

So fern davon, die berühmte Anklage der deutschen 
Universitäten bloß äußerlich zu verbrämen, stellt ihre ge- 
schichtsphilosophische Einleitung erst den zu ihrem Ver- 
ständnis unentbehrlichen Rahmen auf. Es ist die keines- 
wegs unklare, sondern sehr bestimmt formulierte Stimmung 
der Heiligen Allianz, die als Idee der übernationalen politi- 
schen Organisation zugleich Antrieb und Berechtigung zur 
Kritik fremdvölkischer Einrichtungen gibt. Ein großes 
gemeinsames Schicksal, die revolutionäre Erschütterung und 
wirtschaftlich-soziale Auflösung, droht den alten Staats- 
ordnungen Europas. Es erinnert ganz unmittelbar an die 
frühen soziologischen Beobachtungen der deutschen Philo- 
sophie, etwa eines Jakob Friedrich Fries (des Wartburg- 
redners!) und besonders Franz Baaders^), wenn mit eigen- 
artiger Mischung von Naivetät und Scharfblick die Ver- 
drängung und Verschiebung der einzelnen, der Klassen und 
der Autoritäten von ihren alten Plätzen in der Gesellschaft 
(das sei der wahre Grund des falschen Scheins einer Bevöl- 
kerungsvermehrung!) als erste Ursache der fein erfühlten 
Unruhe Europas bezeichnet wird (S. 24 n., 29 ff.).^) Nur 
in christlichen Staatsordnungen liegt die Rettung vor dem 
Untergang. Zugespitzt, aber im Grunde wahr und tief, wird 
bemerkt, daß nur zwei gläubige Völker wie das spanische 
und das russische auch tatsächlich das Joch des Napoleo- 
nischen Universaldespotismus brechen konnten (S. 21); 
überall betont ja die Lehre des Legitimismus die Beschrän- 
kung der Monarchie wie des Völkerbundes durch das gött- 
liche Recht. Und von da aus wendet sich nun die Betrach- 
tung der besonderen Lage Deutschlands zu. Hier hat die 
Revolution die alte Staatsform des Reichs bereits zertrüm- 
mert, und die neue „Kollektivautorität" des Bundes droht 



1) Vgl. etwa des ersten Bekehret Euch (1814, Neuausg. von 
H. Mühlestein, München 1915), des zweiten Über das durch die fran- 
zösische Revolution herbeigeführte Bedürfnis einer neuen und inni- 
geren Verbindung der Religion mit der Politik (1815, auch im schlechten 
Neudruck der Sozietätsphilosophie von 1837, Hellerau 1917). 

2) Ich zitiere die französische Veröffentlichung, Paris November 
1818. Auf dem Aachener Kongreß war ein Privatdruck in 50 Exem- 
plaren umgelaufen. Biogr. Univ. 40, 287. 



» 



Die Entstehung von Sturdzas „ßtat actuel de TAllemagne*. 87 



die Teilstaaten nach innen und außen widerstandsunfähig 
zu lassen (S. 24, 30 n.). Damit ist dem europäischen Völker- 
bund eine natürliche Schützeraufgabe, aber auch zugleich 
ein Vorbild im kleineren Maßstab erwachsen. Denn, heißt 
es mit äußerst treffender Empfindung für die Verwandt- 
schaft des nationalen und des übernationalen Staaten- 
bundes: „Cest sur les auspices de ce systime tutelaire que 
VAlkmagne a regu son nouveau pacte jeder al . . . (cette loi 
fondamentale) represente en raccourci ce grand pacte politique 
qui associe entre eux les divers memhres de la famille euro- 
p^enne'' (S. 22). Gewiß lag es dem wachsenden deutschen 
Volksbewußtsein hier sehr nahe, wie das Weimarer „Oppo- 
sitionsblatt" 3) sich für die aufgedrungene Bevormundung 
zu bedanken und dahinter nur die Furcht des Reaktionärs 
vor den europäischen Wirkungen einer freien deutschen 
Staatsentwicklung zu wittern. Für das historische Urteil 
über Sturdzas guten Glauben ist es indes wohl kaum 
nötig, darauf zu verweisen, wieviel näher seine Einschätzung 
der gesamtdeutschen Staatsform gerade bei beginnender 
einzelstaatlicher Reaktion leider den politischen Tatsachen 
(und übrigens doch auch der Einschätzung von Deutschlands 
eigenen weltbürgerlichen Staatsmännern um 1815) kam. 

Auch in den sachlichen Anregungen der Denkschrift, 
der deutschen Hochschul- und Preßreform, braucht man das 
religiös-politische Glaubensbekenntnis des Verfassers nicht 
zu teilen, um ihm wiederum zuzugeben: Bei der unabseh- 
lichen Wichtigkeit von Unterricht und Presse für die Volks- 
erziehung bildete die ungeheure Steigerung und schon rein 
zahlenmäßige Vervielfachung der deutschen literarischen 
und Universitätsbildung in dem damaligen politischen 
Schwebezustand eine Frage von größtem Ernst, und diese 
Frage mußte nach allem oben Berührten, das dennoch 
hierbei ganz vergessen zu werden pflegt, in Sturdza nicht 
bloß den Europäer, sondern unmittelbar den russischen 



1) In dem in seinem Verlage herausgegebenen Examen critique 
du mimoire sur Vetat prisent de VAÜemagne (1819) S. 86. Dazu ver- 
dient angemerkt zu werden, daß der frühere Leiter des Oppositions- 
blattes, der Ausländer F. L. Lindner, seine Stellung wegen eines puoli- 
zistischen Streichs gegen Kotzebue (1817) verloren hatte (u.S. 101 n.3). 



S8 Carl Brinkmann, 

Sozialpädagogen selbst beschäftigen, der ohne besondere 
Prophetie die eigene nationale Entwicklung noch auf lange 
hinaus auch auf diesem Gebiete durch die Einrichtungen 
des vermittelnden Nachbarvolks bestimmt sehen konnte. 
Es ist manchmal, als hätte sein geistiges Auge durch die 
deutschen Burschenschafter hindurch bereits die revolu- 
tionäre russische Studentenschaft des späten 19. Jahrhun- 
derts vorausgeschaut. Dieser Interessengemeinschaft ent- 
sprechend fehlt es weder seinen Anklagen noch seinen Bes- 
serungsvorschlägen neben einem gewissen weltfremden Radi- 
kalismus, der indessen ja auch den politisch ganz entgegen- 
gesetzten Gedankengängen des Zeitalters durchweg eignet, 
an bisweilen überraschendem Scharfblick. Neben der Unter- 
drückung des vermeintlichen. Schadens steht ihm auch 
pädagogisch stets die positive Aufgabe der Schaffung einer 
monarchischen Staatserziehung, für die er unbefangen genug 
ist ein Muster in den Demokratien des Altertums, eine 
Warnung in der moralischen Laxheit des aufgeklärten 
Polizeistaats anzuerkennen (S. 37, 41, 52). Sowohl die 
gesellschaftliche wie die wissenschaftliche Verfassung der 
deutschen Universitäten, von denen er mit Recht die poli- 
tisch bedeutsamste, die periodische Presse (S. 56), völlig 
abhängig glaubt, erfahren manche kaum unberechtigte 
Kritik.^) Der sozial beherrschende Zug ist im System der 
allgemeinen ständischen Gärung der Andrang aller Klassen 
zu den Hochschulen: „tout aspire ä äudier en Allemagne"' 
(S. 38). Um diese Hochkonjunktur meint Sturdza unter 
den Anstalten und ihren Staatsregierungen einen grob 
wirtschaftlichen Wettbewerb wahrzunehmen, in dem die 
bedenklichen akademischen Freiheiten des Lehrens und 



1) Es gibt doch zu denken, daß auch ein Mann wie Gneisenau 
(am 8. Jan. 1813 von London Pertz 2, 483) an seine Frau schreibt: 
„Möchtest Du ihn (den Sohn August) wchl dieses Vorteils (des Stu- 
diums in Genf) entbehren lassen, besonders da die in Geneve herrschende 
Reinheit der Sitten für die seinigen daselbst weniger befürchten läßt 
als sonst irgendwo, besonders auf unseren deutschen Erziehungs- 
anstalten, sowohl Gymnasien als Universitäten." Vgl. auch die Äuße- 
rungen des klassischen russischen Aufklärers Admiral Mordvinov gegen 
die deutsche Studentenfreiheit bei Bilbassov, Ardiv Mordvinovych 4^ 
XLVII und 428 "f. 



Die Entstehung von Sturdzas »fitat actuel de l'Allemagne". 89 

Lernens die Rolle der lockenden Bedingungen zu spielen 
neigen (S. 40, 47). Und noch deutlicher ist der richtige 
Kern in der Schilderung der Wissenschaftsentwicklung, deren 
ungehemmter Individualismus die Theologie zum Ratio- 
nalismus, die Medizin (man denke an Schelling, Eschen- 
mayer, Windischmann) zur Psychologie, die Jurisprudenz 
(fast eine Divination des Allianzgründers!) zur Lehre vom 
Recht des Stärkeren mache (S. 42 f.). 

Soweit wird der Meinung des Kritikers ein nicht un- 
edler und dazu in sich folgerichtiger Idealismus schwer ab- 
zusprechen sein. Aber mit der Zweideutigkeit und Un- 
fruchtbarkeit der Heiligen Allianz ist auch er behaftet. 
Das zeigt auch hier die politische Praxis und Therapie in 
fast tragischer Weise. Gerade das Schöpferische der mon- 
archischen Staatsphilosophie findet in Sturdzas Programm 
keine selbständige Gestaltung und verdorrt in einem Sche- 
matismus rein negativer Maßregeln: Beschränkung der Preß- 
freiheit durch Bundesgesetz, Aufhebung der akademischen 
Privilegien, vor allem der Sondergerichtsbarkeit^), Ein- 
führung strenger Fachkurse und Sittenzeugnisse, Trennung 
des Studiums von In- und Ausländern (ein frommer Wunsch, 
der abermals viel spätere Erscheinungen wie die auslän- 
dischen Studienanstalten oder die Studentenüberwachung 
der russischen Unterrichtsverwaltung fast verblüffend anti- 
zipiert), Unterordnung des Vorschlagsrechts der Fakultäten 
unter die Ernennung durch die Regierungsbehörden (S. 58, 
44 ff.). Was hier nicht der Rüstkammer des alten Polizei- 
staates entstammt, gehört wider Willen einem politischen 
Luftkreis an, von dem sich Sturdza im Grundsatz durch 
Welten für getrennt hielt: Schon der Weimarer Rezensent 
konnte schadenfroh feststellen 2), daß er im Drange des 
frommen Reformeifers ahnungslos die Unterrichtspolitik des 
Erzfeindes Napoleon übernehme. Die Ähnlichkeit geht in 
der Tat bis an die Grenze der unbewußt noch möglichen 

^) Gerade diese hatte selbst der Kgl. westfälische Göttinger 
Professor C. Viliers in seinem berühmten Coup d'oeil sur les univer^ 
sitis de VAllemagne protestante (Cassel 1808) S. 63ff. besonders ge- 
rechtfertigt. 

2) Examen critique S. 41 ff. 



^ Carl Brinkmann, 

Nachahmung: Das yjnstitut national Germanique'' (diese 
„geistige Turnanstalt", wie ein anderer deutscher Beurteiler, 
€S ist heute schwer zu sagen, ob unbefangen oder mit dann 
sehr boshaftem Witz, sich ausdrückte^)), worin Sturdza das 
deutsche Bildungswesen nach sehr unbestimmtem Plan 
gleichsam zusammenfassen und sozialisieren wollte (S. 47, 
62), ist der unverkennbare Abkomme der Krönung des 
Napoleonischen Unterrichtssystems, des Institut de France, 
Noch eine andere Schwäche der Denkschrift darf schließ- 
lich nicht unerwähnt bleiben. Ich habe bisher absichtlich 
das zeitgenössische und das danach ausgerichtete geschicht- 
liche Urteil nach der Seite des Günstigen und Bedeutenden 
zu ergänzen versucht. Um so schärfer muß hervorgehoben 
werden, was anderseits die mitlebenden Gegner, namentlich 
die deutschen, zweifellos als das Widerwärtigste an der 
Arbeit empfunden haben: Es ist ein kaum faßbares, gleich 
einem Geruch auch dem Ausdruck der bezeichneten guten 
und klugen Gedanken anhaftendes Element von Verzerrung, 
Hinterhältigkeit, Gereiztheit und Persönlichkeit, das mit 
der Stellung und Vergangenheit des Verfassers zu verein- 
baren, wenigstens nach den hier zusammengestellten Nach- 
richten schwer fällt. Daran hauptsächlich knüpft vielleicht 
schon der Verdacht der Zeitgenossen, billig jedenfalls der 
der Forschung, daß hier eine Spur auf geheimnisvolle fremde 
Beeinflussung und Anstiftung des Autors führe. Die neben 
Breslau und Göttingen als Veranstalter des Wartburgfest 
besonders (S. 27) gebrandmarkten Jenaer Burschenschafter, 
die im März 1819 durch Heinrich von Gagern eine Beschwerde 
darüber beim Senat einreichten^), werden Sturdza als Freund 

1) In der deutschen Übersetzung der Denkschrift (Frankfurt, 
Andrea, 1819) S. 49. Der unparteiische Verfasser steht anscheinend 
<S. 24, 32) Hans v. Gagern nahe. Vgl. Steins Briefe an diesen 
Frankfurt, 18. Dez. 1818 und 2. Jan. 1819 Mein Anteil an der Politik 
4, 68 f.: „Man schimpft über Stourza, über die Anmaßung eines 
Fremdlings, uns zurechtweisen zu wollen. Da unsere Pamphletisten 
aber doch über alle europäische Angelegenheiten entscheiden und 
aburteilen, warum soll es Stourza nicht erlaubt sein, ein Wort zu 
sprechen." „Allerdings weiß der Fremdling, was er tut, man hätte 
ihn daher mit Gründen und nicht mit Spott widerlegen sollen, der 
alle Teilnehmer erbittert." 

2) Wentzckein Quell, u. Darst. z. Gesch. d. Burschenschaft 1, 168. 



il 



Die Entstehung von Sturdzas „iStat actuel de rAllemagne*. 91 

Kotzebues, der seine Betrachtungen über die Orthodoxe 
Kirche noch soeben (1817 bei Brockhaus) deutsch heraus- 
gegeben hatte, Schwager des weimarischen Außenministers 
Edling und Schwiegersohn Hufelands^) in erster Reihe mit 
den seit Maria Paulowna zwischen Weimar und Petersburg 
spielenden höfischen Intrigen zusammengebracht haben. 
Einen anderen Fingerzeig wagte der Hamburger Deutsche 
Beobachter (Nr. 724) vom 9. April 1819, den Gentz darauf- 
hin sofort aufgeregt an Metternich übermittelte^), im An- 
schluß an den thüringischen Vorfall: ,,Aus Weimar vorn 
8. März heißt es: ,Man sagt hier, daß unser Großherzog den 
Staatsrat Schweitzer^) in Angelegenheit des russischen 
Staatsrats v. Sturdza nach Jena geschickt und durch eine 
Vorladung der Burschenschaft durch den Akademischen 
Senat einige sehr laute und bestimmte Ausbrüche des Un- 
willens gegen des besagten Staatsrats ungünstige Urteile 
über die deutschen Universitäten, die er in seiner Denk- 
schrift über den gegenwärtigen Zustand Deutschlands aus- 
gesprochen hat, zu beschwichtigen und in ihre Schranken 
zurückzuführen gewußt habe. Wie verlautet, hat Herr 
V. Sturdza selbst über den Ursprung jener Denkschrift 
an das großherzogliche Staatsministerium sehr bestimmte 
Erklärungen mitgeteilt, daß sie aus Papieren und Memoiren 
geflossen, welche ein großer Deutscher Hof einem 
zweiten nicht Deutschen beim Kongreß in Aachen 
unterlegte, wobei kein Verdacht entstehen konnte, daß 
die Verfasser jener Aktenstücke der wahren Lage der Dinge 
unkundig seyen'.*' 

Fast klingt in dem mit Hardenbergs Vertrautem Benzen- 
berg so eng verbundenen hanseatischen Organ*) die Zusam- 



1) Wittichen-Salzer, Gentz 3,1,397. Rühl, Staegemann 2,357. 

2) Wittichen-Salzer 3, 1, 384. Wenn das Datum 8. April stimmt, 
muß ein durch die Zensur oder sonst beschaffter Korrekturbogen 
beigelegen haben. Da er den Herausgebern nicht mehr vorlag, gebe 
ich die angezogene Stelle aus dem (einzigen nachweisbaren) Exemplar 
der Universitätsbibliothek Halle oben voll wieder. 

^) Über ihn als Freund der Burschenschaft (nicht „Burschen- 
schafter") s. Petersdorff, Motz 2, 162. 
*) Heyderhoff, Benzenberg 72 ff. 



92 Carl Brinkmann, 

menstellung der beiden Nachrichten wie ein absichtlicher 
Vergleich des liberalen Weimarischen mit dem deutlich genug 
bezeichneten Wiener Hof. Jedenfalls ist auch Preußen 
von der um Sturdzas Denkschrift ausgebreiteten Geheimnis- 
krämerei nicht unberührt geblieben: Im Augenbhck, da im 
Schoß der preußischen Regierung der Streit um die Erfül- 
lung des Verfassungsversprechens der Entscheidung nahte 
und die Gründung der Bonner Universität die sich messen- 
den Parteien auch auf pädagogischem Gebiet in Spannung 
hielt^), geriet der preußische Legationsrat Scholl in den 
von Sturdza und der russischen Regierung geteilten Ver- 
dacht, die erste Veröffentlichung des Mimoire in Paris ver- 
anlaßt zu haben. Scholl war der ehemalige Besitzer der 
Verlagsfirma, der sog. Librairie grecgue-latine-allemande, die 
er zwar 1814 beim Eintritt in den preußischen Dienst ver- 
kauft hatte, der er aber noch immer nachweislich nahestand. *> 
Nach seiner eigenen, später an Hardenberg gerichteten und 
von diesem Nesselrode übergebenen Verteidigung kam er 
in Aachen bei einem ungenannten Freund, also außeramt- 
lich, in den Besitz des amtlichen Drucks des M^moirCr 
schickte es als aeinen eigenen Überzeugungen entsprechend 
an einen royalistischen Freund in Paris, von dem es dann 
durch Vermittelung von Deputierten dieser Parteirichtung 
seinen Weg in die Öffentlichkeit nahm.^) Selbst wenn maa 
Scholl seine Unschuld an diesem letzten glaubt, so sieht 
man jedenfalls hier noch eine neue Spielart der europäischen 
Reaktion in die Sache verflochten. Daß ihr Eingreifen 
Sturdza und Rußland so schwer bloßstellte, konnte aber 
leicht Hardenberg, dessen sehr kühle Beziehungen zu Scholl 



1) Sturdza S. 63 n. setzt eigne Hoffnungen auf die neue Hoch- 
schule (dagegen s. unten S. 99); vgl. jetzt allgemein Haake in Forsch. 
z. Brand. -Preuß. Gesch. 30, 337 und Platzhoff in Die Rheinprovinz 
1815—1915 2, 109 f. 

2) Die dem Exemplar der Kgl. Bibliothek in Berlin beigebun- 
denen Bücheranzeigen umfassen mehrere Werke von ihm. „Ändert 
agent dela police frangaise" nennt ihn Pozzo di Borgo an Lieven 
20. Sept. 1817 Corr. avec Nesselrode 2, 211. 

3) Geh. St.-A. A. A. II Rep. 4 Polizei Nr. 24 vol. 2: 16. (nicht 
wie bei Stern, Gesch. Europas P, 478 Anm.: 10.) Okt. 1820. 



Die Entstehung von Sturdzas »6tat actuel de rAllemagne". 93 

unbekannt waren, den Argwohn einer Verschwörung zum 
Schaden Rußlands eintragen,^) 

In alle diese Verhältnisse bringt neues Licht ein 
Schriftstück, das sich unter den Akten der damaligen preu- 
ßischen Staatsverwaltung an ziemlich verstecktem Ort er- 
halten hat. Neben den durch die Missionen versehenen, 
eigentlich politischen Beziehungen zwischen Preußen, und 
Rußland lief in den Jahren zwischen der Heiligen Allianz 
und dem Aachener Kongreß eine sehr wichtige handels- 
politische Verhandlung. Die Wiener Verträge vom 5. Mai 
1815 zwischen Rußland und Preußen-Österreich hatten dem 
neubegründeten Königreich Kongreßpolen als Patengeschenk 
das Recht des freien Handels innerhalb der Grenzen des 
ungeteilten Polens von 1772 mitgegeben. Dies den drei 
Teilungsmächten im Grunde gleich lästige Privileg, das, 
Aveniger bekannt, doch zu den typischsten politischen Schöp- 
fungen der Kongreß- und Allianzzeit und ihrer internationa- 
listischen Denkweise gehört, konnte, wie begreiflich, erst in 
äußerst langwierigen und verwickelten Verhandlungen^) zwi- 
schen jenen Mächten auch nur einigermaßen in die Wirk- 
lichkeit umgesetzt werden. Das Ergebnis dieser Verhand- 
lungen auf preußisch-russischer Seite war die wenigstens 
vorübergehende Durchbrechung des russischen Schutzzoll- 
systems im Handelsvertrag vom 19. Dezember 1818. Ent- 
scheidendes Verdienst um den Abschluß gebührt dem preu- 
ßischen Sonderbevollmächtigten in Petersburg, Regierungs- 
rat Karl Wilhelm Salomon Semler vom Finanzministerium. 
Das Wenige, was wir über das Vor- und Nachleben dieses 
Beamten wissen, ist doch gerade in dem gegenwärtigen 
Zusammenhang überaus bezeichnend. Als Sohn eines Re- 
gierungsrats in Halle und Enkel des berühmten Theologen 

1) So erklärt sich der gereizte Ton des von Alopeus an Bern- 
storff vertraulich mitgeteilten Erlasses von Nesselrode u. S. 95 Anm. 2. 
Daß die Ernennung Schölls ins Oberzensurkollegium 1819 Hardenberg 
aufgedrungen war, will Dorow, Erlebtes 2, 107 wissen. 

2) Vgl. darüber bis zum Erscheinen der von mir vorbereiteten 
Publikation der Preußischen Staatsarchive über die Preußische Han- 
delspolitik vor dem Zollverein, wenn auch mit Vorsicht, Treitschke, 
D.O. 1,660 f. und 3, 474; Bernhardi, Gesch. Rußlands 3, 622 ff., 
Zimmermann, Preuß. Handelspol. 13 ff., 59 tf. 



94 Carl Brinkmann, 

Johann Salomon Semler 1788 geboren, stand er von Haus 
aus in den Überlieferungen der geistigen und politischen 
Aufklärung, in deren Nachblüte während der preußischen 
Reformzeit er dann, schon seit 1815 an der russischen Ver- 
handlung maßgebend beteiligt, früh eine glänzende Lauf- 
bahn versprochen haben muß. Unglücklich für ihn fiel 
jedoch sein Petersburger Erfolg gerade mit dem Beginn der 
Reaktion zusammen. Das erlaubt wenigstens eine Ver- 
mutung über sein alsbaldiges Verschwinden aus den Vorder- 
gründen des Staatslebens. Schon einige Jahre vor seinem 
1838 in Berlin erfolgten Tode nahm er den Abschied als 
Geh. Oberfinanzrat, um sich seinem hauptsächlichen Privat- 
interesse, der Förderung religiöser und pädagogischer, z. B. 
temperenzlerischer Vereine und Bestrebungen ungestörter 
zu widmen.^) Man sieht: ein echter Mann seiner Zeit und 
höchstens durch das rationalistische Vorzeichen von den 
sie beherrschenden ähnlichen Bewegungen der Romantik 
abgerückt. Seine Kommissionsberichte 1817 — 1819 an das 
Ministerium des Auswärtigen sind neben den gleichfalls bis 
jetzt unveröffentlichten Depeschen des Petersburger Ge- 
sandten, Generalleutnants v. Schöler, mit dem er bei 
sehr verschiedener politischer Gesinnung auf dem besten 
Fuß zu stehen wußte, trotz ihres fachlichen Gegenstandes 
eine ausgezeichnete allgemeine Quelle für die der näheren 
Erforschung noch dringend bedürftigen damaligen Be- 
ziehungen zwischen der preußischen und der russischen 
Politik. Darunter ist auch der unten (S. 97 ff.) abgedruckte^ 
seinem Verfasser selbst offenbar als eine Art Wagnis aus 
Herzensbedürfnis bewußte Sonderbericht über die Sturdzasche 
Denkschrift, der sich wie eine letzte halb verzweifelte Mah- 
nung vom Ausland her der drohenden Ebbe der preußischen 
Reform in den Weg zu werfen versucht. 

Er ist natürlich weit davon entfernt, eine erschöpfende 
authentische Darstellung vom Ursprung des Memoire zu 
bieten. Muß schon sein einnehmend warmer und offener, 

1) Neuer Nekrolog der Deutschen 16,2 (1840), 1132. Als eifri- 
gen Sammler der zeitgenössischen philosophischen und staatswissen- 
schaftlichen Literatur zeigt ihn der in der Kgl. Bibliothek Berlin be- 
wahrte Auktionskatalog seiner Bibliothek (Berlin 1839). 



Die Entstehung von Sturdzas »fitat actuel de rAllemagne*. 95 

aber unverhüllt Partei nehmender Ton vorsichtig stimmen, 
so fallen auch im einzelnen kleine (in meinen Anmerkungen 
näher bezeichnete) Ungenauigkeiten in ihm auf. In der 
Hauptsache aber kann keine Frage sein, daß er den bisher 
weitaus klarsten EinbUck in die Sturdzaepisode überhaupt 
gewährt. Namentlich ein Umstand geht, wie ich meine, 
daraus mit zwingender Deutlichkeit hervor: Die Unruhe der 
öffentlichen Meinung in Deutschland über das plötzliche 
Auftreten des exotischen Kritikers war nur zu berechtigt, 
denn die letzten Urheber dieses Auftretens saßen nirgend 
anders als — im deutschen Volke selbst. Und zwar zunächst 
noch zugespitzter: Als unmittelbare Quelle jener gehässigen 
Kleinlichkeit, die wie das Flüstern eines Souffleurs durch 
Sturdzas idealistische Gedanken klingt, zumal wo von den 
deutschen Hochschulen die Rede ist, erscheint wieder, wie 
in Preußen 1815 Schmalz, ein deutscher Universitätsprofessor, 
der bekannte Anatom Justus Christian Loder, der, schon 
früh durch den Glanz von Kotzebues Laufbahn verlockt^), 
damals auf dem Gipfel seiner eigenen als Generalarzt des 
Feldzugs von 1812 und Mitglied höchster medizinischer und 
sogar legislativer Behörden des russischen Reichs angelangt 
war. Aber während er durchaus nur selber geschoben, be- 
stellter Gutachter und höchstens allgemein der Vertreter der 
rückschrittlichen Minderheit innerhalb des deutschrussischen 
Beamtentums bleibt, wird nicht minder überzeugend der 
leitende Geist der ganzen Aktion aufgewiesen, wo der Schrift- 
wechsel Capodistrias mit der Wiener Staatskanzlei und 
ihrem auswärtigen Dienst über das Wartburgfest erwähnt 
wird: Der indiskrete „Beobachter'* (oben S. 91) war nicht 
so schlecht unterrichtet; derselbe Metternich, der nach dem 
Ausbruch des Skandals Wert darauf legte, Alexander I. als 
Auftraggeber Sturdzas darzustellen 2), hatte zwar nicht in 



1) Waitz- Schmidt, Karoline 2, 110; die (auch sonst reichlich 
an ihm geübte) Bosheit der Jenaer Romantiker und der offizielle 
Lebenslauf A. D. B. 19, 75 ff. ergänzen einander vortrefflich. 

*) An Kaiser Franz 1. 27. April 1819 Stern, Gesch. Europas 
P, 478. Österreich als Anstifter der Aachner Aktion vermutet übri- 
gens schon Ilse, Geschichte der polit. Untersuchungen 1 f. Auch 
Nesselrode schreibt in dem Stern P, 478 Anm. erwähnten Erlaß an 



% Carl Brinkmann, 

Aacfien, doch früher die Mine gelegt, die ihm nun so un- 
zeitig und eigenmächtig aufgeflogen war. 

Denn wenn es außer dem bekannten Liberalismus Capo- 
distrias und der hier einleitend geschilderten ganzen Lage 
der damaligen russischen Regierung noch eines Beweises 
dafür bedarf, daß Sturdza in Aachen nicht etwa als Teil- 
nehmer in eine Verschwörung der gesamten europäischen 
Reaktion zur Besiegung des „preußischen Jakobinertums" 
eingriff, so zeigt die Korrespondenz Gentzens mit Metter- 
nich und Adam Müller schlagend die Zusammenhanglosig- 
keit zwischen dem österreichischen Druck auf Berlin, der ja 
ebenfalls von zwei in Aachen überreichten Denkschriften 
Metternichs ausging, und der parallelen russischen Politik. 
Nicht nur Enttäuschung über Alexanders mangelndes Ver- 
ständnis wird hier ausgesprochen, sondern im Rückblick 
auf die erste geheime Zirkulation von Sturdzas Denkschrift 
geradezu bedauert, daß man ihr seinerzeit nicht mehr Auf- 
merksamkeit geschenkt habe: „Aber wer konnte damals 
voraussehen, daß diese Schrift so wichtig werden würde."*) 

Wie so oft ergibt also die Forschung Unordnung und 
„Zufall", wo Zeitgenossen Absicht und Plan vorausgesetzt 
hatten. Die in Aachen verpaßte, von Rußland mindestens 
möglicherweise auch nicht gesuchte Gelegenheit einer Ver- 
ständigung mit Österreich über bereits zusammen Erwogenes 
verkehrte sich infolge des Bekanntwerdens des Memoire 
in ein verlegenes Hin- und Herwälzen der Verantwortung. 
Allein daß der Hauptschuldige vor der Öffentlichkeit es nicht 
auch in Wirklichkeit war, kann heute nicht mehr bezweifelt 
werden. Es gibt doch zu denken, daß Semlers Klage, die 
deutschen Sympathien wendeten sich jetzt erst von Ruß- 
land ab (u. S. 99), schon in der polemischen Literatur über 

Chanikov vom 5./17. März 1819 (nicht 1817), übrigens einem Rund- 
erlaß an sämtliche russ. Gesandtschaften zum Schutze Sturdzas: „Les 
cours de Vienne et de Berlin avaient elles-memes cru devoir adresser 
ä la nötre des Communications au sujet de ces iv^nements (des Wart- 
burgfests).*' Geh. St.-A. A. A. 11 Rep. 4 Polizei Nr. 24 vol. 1. 

1) An Metternich 8. April, dazu an und von Adam Müller 
15. März und 3. April 1819 Wittichen-Salzer 3, 1, 384, 361, 399. 
Auch Scholl maß nach seiner oben S. 92 erwähnten Verteidigung 
<lem Mimoire auf dem Kongreß gar keine politische Bedeiitung bei. 



Die Entstehung von Sturdzas »6tat actuel de TAllemagne". 97 

Sturdza fast wörtlich wiederkehrt.^) Gewiß urteilt Treitschke 
mehr im Vorübergehen und auf Grund seiner allgemeinen 
politischen Ansicht von der Heilsamkeit der verleumdeten 
russischen, der Schädlichkeit der gepriesenen österreichischen 
Nachbarschaft für Deutschland, wenn er (DG. 2, 486) schreibt: 
„Seitdem wähnten die Studenten allesamt, daß die deutsche 
Reaktion von Petersburg ausgehe . . . Der Verdacht der 
jungen Leute entbehrte jedes Grundes." Und gewiß ist das 
auch nicht die volle Wahrheit. Aber es kommt ihr auf alle 
Fälle näher als die Rolle, die gerade die Sturdzaepisode in 
der fortan wachsenden Entfremdung des deutschen Volkes 
vom russischen Staat hat spielen müssen. 

Bericht des Regierungsrats Semler an die 2. Sektion des 
Ministeriums des Auswärtigen in Berlin. 

19. ,^ ^ Geh. Staatsarchiv Berlin A.A. II 

St. Petersburg 3j- Januar 1819. p^p g Yiumnd 10 vol. 4 

Das Mimoire sur Vitat actuel de VAÜemagne hat in so 
vielen Beziehungen die Aufmerksamkeit draußen teils er- 
regt, teils vermehrt, daß es Einer Hochlöblichen Section 
vielleicht nicht unangenehm sein möchte, auch über den 
Eindruck, den es hier gemacht hat. Einiges aus dem Stand- 
punkte eines unbefangenen Privatmannes zu vernehmen. 
Ohnehin fühle ich mich, da mir die erwähnte Schrift nur 
nach Auszügen daraus schon beachtenswert genug schien, 
einer von ihrem Verfasser hauptsächlich herrührenden Ge- 
neralinstruction für einen Teil des öffentlichen Unterrichts 
im Russischen Reiche zu erwähnen (Bericht vom 19ten 
vorigen Monats und Jahres) und diese Instruction in einer 
Übersetzung unter dem 26ten vorigen Monats und Jahres 
nachfolgen zu lassen^), — gegenwärtig, nachdem ich das 
Schriftchen ganz gelesen habe, besonders veranlaßt, auf 
beide Berichte zurückzukommen, und zwar aus dem Grunde, 
weil die von mir eingereichte Übersetzung in diesem Augen- 

^) In der Gegenschrift des Leipziger Philosophen W. C. Krug, 
Auch eine Darstellung über den Zustand von Deutschland (Leipzig 
1819) S. 42. 

*) Nicht mehr bei den Akten. 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd 7 



98 Carl Brinkmann, 

blick nach Deutschland geschickt und mit einem kurzen, 
aber bedeutenden Vorworte durch die allgemeine Zeitung 
bekannt gemacht wird.^) Ich möchte nämlich nicht gerne 
dafür angesehen werden, als sei diese Bekanntwerdung durch 
mich veranlaßt; nicht etwa, daß ich die ihr zum Grunde 
liegende Absicht tadelnswert fände, welche im Gegenteil 
ich zu billigen mich gedrungen fühle, sondern weil ich auch 
nicht entfernt in den Schein einer Unschicklichkeit gegen 
Eine Hochlöbliche Section geraten mag und es nach meinem 
Gefühl mindestens eine solche sein würde, einen höhern Orts 
einmal vorgelegten Aufsatz nachher ohne Vorwissen auf dem 
bemerkten Wege zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. 

Ein Österreichischer Diplomatiker, der hiesige Geschäfts- 
träger Graf Thurn, — ein höchst ausgezeichneter Offizier, 
von dem auch die interessanten Mitteilungen über das 
Russische Militair und das Armee-Colonisationswesen in der 
Österreichischen Militair-Zeitschrift^) herrühren — hat diese 
Bekanntwerdung — für sich — veranlaßt. Die Übersetzung 
wird in einigen Stellen verbessert erscheinen und wahrschein- 
lich auch die besseren Köpfe in Deutschland ungleich mehr, 
als das Memoire selbst, darauf zurückzukommen einladen. 

Unter dem Russischen Publicum, das mehr als Zeitungen 
liest, — und ein solches giebt es hier nicht allein unter den 
Gelehrten, besonders den Deutschen und den Beamteten, 
son(;iern vorzüglich auch unter dem zahlreichen General- 
stabe — , hat Sturdzas Werk, so weit meine und anderer 
Beobachtungen reichen, entschieden einen widrigen Effect 
gemacht. Die Gesellschaft der Kreise, welche überhaupt 
durch Dinge der Art bewegt werden, beschäftigt sich fort- 
dauernd mit diesem Gegenstande auf eine hier ganz unge- 
wöhnliche Weise, und hin und wieder hat man sich mit 
einer Dreistigkeit darüber ausgelassen, welche so zu be- 

1) Nr. 30 u. 33 Wittichen 3, 1, 361. 

*) Die anonyme „Darstellung der Streitkräfte Rußlands während 
der Kriege von 1812 — 1815 und ihrer bisherigen Reduktion" in der 
Osterreichischen Militairischen Zeitschrift 4 (1818), 208 — 231 behan- 
delt die Militärkolonien kurz S. 224 f. Stern, Gesch. Europas 3,21 
n. 1 erwähnt eine Denkschrift des Grafen Heinrich Bombelles (s. u. 
S. 100 n. 2) darüber. Vgl. auch Schiemann, Alexander I. 450 ff. 



Die Entstehung von Sturdzas „ttat actuel de rAIleraagne". 99 

merken auch diejenigen bisher kaum Gelegenheit gehabt 
haben wollen, die ungleich mehr als ich in der Gesellschaft 
sich befinden. Geborne Russen haben unverholen ihr Be- 
dauern geäußert, daß des Kaisers Majestät, dem dieses 
Erzeugnis doch gewiß vorher mehr als bekannt gewesen sei, 
sich unfehlbar um einen großen Teil der Liebe und des Ver- 
trauens des deutschen Volkes bringe und dessen Blicke 
nun vollends von Rußland abwende, und es ist Tatsache, 
daß, als die dortige Vossische Zeitung der Sturdzaschen 
Schrift ausführlich und, wie man bemerken wollte, billigend 
erwähnte^), ich mit Fragen gleichsam bestürmt wurde, ob 
es denn wohl möglich sei, daß die Ideen des Herrn v. Stourdza 
Eingang in Berlin gewinnen könnten. Bei dieser und so 
mancher andern Gelegenheit, ich darf wohl sagen, bei der 
neuesten pohtischen Emancipation von Frankreich ist mir 
das Vertrauen gar erhebend gewesen, womit hier so viele 
Männer von Gediegenheit — ich will nur einen nennen, 
aber er zählt für viele, den General-Lieutenant Klinger^) — 
auf Preußens Regierung schauen und fest daran glauben, 
daß sie die freisinnigen Ideen ernsthaft pflegen und besonnen 
darzustellen bemüht [sein], überall aber an Deutschland nie 
und unter keinen Umständen verzweifeln werde. Als ob der 
Gedanke eines gemeinschaftlichen Gesamtvaterlandes erst 
außerhalb desselben Stärke bekäme, habe ich keinen Deut- 
schen in der Gesellschaft hier getroffen, der sich wie so viele 
wahrheitliebende Eingeborne (die einem Karamsin den Beruf 
eines Historikers des Russischen Volks nicht zugestehen) 3) 
nicht mit Innigkeit gefreut hätte, als die Zeitungen so volle 
Bürgschaft in der Stiftung und Ankündigung der neuen 
Hochschule am Rhein trostreich verkündeten. — Russische 
Beamtete, die in hohen Ämtern stehen, z. B. ein Wirklicher 



1) Die Anzeige der Vossischen Zeitung Stück 153 f. vom 22. 
und 24. Dezember 1818 ist fast ausschließlich Referat und wendet 
sich nur anfangs gegen die Nationalzeitung der Deutschen, die Sturdzas 
Urteil über Deutschland im vorhinein die Zuständigkeit bestritten 
hatte. Vgl. Steins Urteil oben S. 90 Anm. 1. 

2) Der Dichter Friedrich Maximilian KUnger, schon, seit 1780 
am russischen Hof. 

•) S. z. B. Turgenev, La Russie I, 462 ff. 

7* 



ICO Carl Brinkmann, 

Etatsrat v. Turgeneff^), einer der ersten im Ministerium des 
öffentlichen Unterrichts, haben laut und unzweideutig ihre 
Mißbilligung über die Darstellung des Herrn v. Stourdza 
zu erkennen gegeben. — 

Wie wehe es aber auch tut, so erfordert eine treue Er- 
zählung, bei diesem Anlasse eines deutschen Gelehrten zu 
erwähnen, der auf Stourdzas Ansichten bedeutend gewirkt 
und schon im Winter vorigen Jahres, durch den Minister 
Fürsten Gallizin aufgefordert, eine Darstellung des deut- 
schen Universitätswesens berichtlich geliefert hat; eines 
deutschen Gelehrten, der selbst viele Jahre hindurch deut- 
scher Lehrer in Jena und Halle gewesen und bei dem nach 
seinen frühern Verhältnissen eine genaue Kenntnis des 
deutschen Universitätswesens vorausgesetzt werden konnte; 
es ist dies der Wirkliche Etatsrat v. Loder zu Moskau. Als 
nämlich im Winter 1817 von Wien aus offizielle Darstel- 
lungen der Vorgänge auf der Wartburg zu Moskau einliefen; 
als diese Darstellungen der gewandten Feder des Grafen 
Capodistrias zu Antworten Veranlassung gaben, die Graf 
Mombelles^) so gut als den Inhalt jener Darstellungen ver- 
antworten mag, richtete sich die Aufmerksamkeit hier 
schärfer auf die deutschen Universitäten, und der Minister^) 
Fürst Gallizin trug Herrn v. Loder, bei dem man Kenntnis 
der Sache überhaupt, des Weimarschen Landes und vieler 
dortigen Beamteten insbesondere voraussetzte, auf, seine 
Äußerungen über die Vorgänge mit einem Urteile über den 
Unterricht auf Universitäten überhaupt und ihre Verfas- 
sungen abzugeben. Die große Eitelkeit des Herrn v. Loder 
fand sich dadurch nicht wenig geschmeichelt, und er über- 
gab jene Darstellung, über deren unwürdigen Inhalt ich aus 

*) Der große Politiker Nikolaj Ivanovic Turgenev (s. vor. Anm.); 
vgl. Stern, Gesch. Europas 3, 25, Schiemann, Alexander I. 475 ff. 

*) Zweifellos phonetische Verschreibung für Bombelies, entweder 
Graf Heinrich, Thurns Legationssekretär in Petersburg, Wittichen- 
Salzer 3, 2, 282 n. 1 und oben S. 98 n. 2, oder wahrscheinlicher 
Graf Ludwig, 1817 — 20 österreichischer Gesandter in Dresden (und 
damit an den thüringischen Höfen), Wittichen-Salzer 3, 1, 37 n. 2, 
auch Mitglied der Christlich-deutschen Tischgesellschaft 1811 Steig, 
Kleists Beriiner Kämpfe 622, 65a 

^) Der Unterrichtsminister. Vgl. über ihn Schiemann 415 f. 



Die Entstehung von Sturdzas „Etat actuel de rAUcmagne*. 101 

den besten Quellen unterrichtet worden bin. Herr v. Stourdza, 
im frühen Alter dem frischen Leben schon halb entfremdet, 
ist dadurch sehr influenzirt worden, so wie sein tief religiöses 
Gemüt ihn früher schon drängte, die Sache des Glaubens 
und besonders der griechischen Kirche, gewiß glücklicher, 
obgleich nicht minder einseitig, zur Sprache zu bringen.*) — 
Von der Aufmerksamkeit übrigens, welche von Seiten 
der hiesigen Regierung der Flut von Tagesschriften und 
Zeitungen, welche Deutschland erzeugt, gewidmet wird, 
erlaube ich mir zum Schlüsse etwas beizubringen. Es sind 
bei der besondern Canzlei des Polizeiministerii (so heißt die 
Behörde, welche das, was von der geheimen Polizei noch 
übrig geblieben, verwaltet und wie das gesamte Polizei- 
ministerium nächstens eine totale Umgestaltung erfahren 
wird2), mehrere Beamtete, und darunter einige von aus- 
gezeichnetem Kopfe, besonders dafür angestellt, alle diese 
Schriften zu lesen und nach gewissen Regeln zu excerpiren, 
aus welchen Excerpten hiernächst an die Person des Re- 
genten Zusammenstellungen gemacht werden. 3) Ich habe 
mehrere Monate hindurch Bücher und Tagesschriften aus 
dieser Quelle zu erhalten gewußt und aus den darin zum 
Excerpiren angestrichenen Stellen oft selbst beurteilen 
können, wie mißlich und wie ganz irreleitend diese Art der 
Beobachtung des öffentlichen Lebens in einem so viel schrei- 
benden Lande als Deutschland werden kann und wie oft 
sie dies beinah notwendig werden muß. Diese Einrichtung 
und ähnliche Arbeiten, welche das Russische Ministerium 
von seinen diplomatischen und Civilbeamteten draußen 
machen läßt, müssen erklären, wie ganz falsch oft die An- 
sichten der obersten Personen über die Stimmung und Vor- 
gänge in Deutschland und den einzelnen deutschen Staaten 
sein müssen, und schon aus diesem einzigen Grunde bin ich 
geneigt, die Idee, eine Preußische Staatszeitung dorten 

1) Vgl. oben S. 83. 

*) Vgl. über diese Reform Schiemann, Alexander I. 362 ff. 

') Vgl. über die Entdeckung eines solchen „Bulletins" Kotze* 
bues durch F. L. Lindner und Luden Dezember 1817 H. Ehrentreich 
in Quell, u. Darst. z. Gesch. d. Burschenschaft 4, 89 f. und E. Fehre, 
Balt. Monatsschr. 42, 549 ff. 



102 C Brinkmann, Entstehung von Sturdzas „ßtat a. de TAUA 

erscheinen zu lassen^), für eine der glücklichsten und ihre 
consequente Ausführung ganz geeignet zu halten, den gerade 
bei nicht selbst lesenden Personen recht möglichen schäd- 
lichen Effect haltungsloser Darstellungen, Auszüge und 
Bulletins, so weit sie Preußen berühren, bedeutend zu 
schwächen. 

Eine Hochlöbliche Section bitte ich ganz gehorsamst, 
diese anspruchslosen Bemerkungen mit nachsichtsvoller Güte 
aufzunehmen. 



1) Vgl. über sie Rühl, Staegemann 3, XV ff. 



Literaturberidit 



! Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Die Vernunft in der Geschichte. 
Einleitung in die Philosophie der Weltgeschichte. Auf 
Grund des aufbehaltenen handschriftlichen Materials neu 
herausgegeben von Georg Lassen, Pastor an St. Bartholo- 
mäus, Berlin. Leipzig, Felix Meiner. 1917. (Philos. Bibl. 
171a.) Xu. 264 S. 5,50 M., geb. 7 M. 

Die Einleitung in die Philosophie der Geschichte ist vielleicht 
die geeignetste Einführung in Hegels Philosophie überhaupt, 
wenigstens für den, dem es mehr auf Hegels Weltanschauung, 
Grundwertungen, Denkart als auf den systematischen Zusammen- 
hang, die Methode, die logischen Theorien ankommt. Sie ist 
bekanntlich nicht von Hegel selbst, sondern zuerst von Eduard 
Gans, dann mit Hilfe reicheren Materials vermehrt von Karl 
Hegel herausgegeben worden. Für die Einleitung lag außer den 
Kollegheften eine Ausarbeitung des Philosophen zugrunde. Aber 
diese ist von den Herausgebern recht willkürlich behandelt 
worden, und ihr Text macht nirgends kenntlich, wo die Hand- 
schrift aus den Kollegheften ergänzt und unterbrochen wird. 
Es kam Gans und Hegel dem Sohne eben darauf an, ein lesbares 
Buch zusammenzustellen, und diese für die erste Ausgabe be- 
rechtigte Absicht mag ihre Willkür entschuldigen. Dem neuen 
Herausgeber aber lag es ob, das ursprüngliche Wort überall herzu- 
stellen, außerdem standen ihm Kolleghefte zur Verfügung, die 
seine Vorgänger nicht benutzen konnten. Auch den Kolleg-Nach- 
schriften gegenüber wahrte er im Gegensatze zu jenen den Grund- 
satz vollständiger Wiedergabe. Hegels Handschrift ist durch 
größeren Druck hervorgehoben, kann also vom Leser ausgesondert 
werden. Wenn es vielleicht vorzuziehen gewesen wäre, sie für 
«ich im Zusammenhange abzudrucken und dann das Kolleg- 



104 Literaturbericht. 

heft folgen zu lassen, so hielt den Herausgeber wohl die begreif, 
liehe Scheu vor Wiederholungen davon ab. Jedenfalls besitzen 
wir nun einen treuen und inhaltlich vollständigen Abdruck 
dieses vielleicht wichtigsten Versuches einer Geschichtsphilosophie. 
Wievieles dadurch neu gewonnen ist, kann man z. B. erkennen, 
wenn man die Ausführungen über den Volksgeist S. 36f. 42f. 93. 

105 mit den entsprechenden Stellen der 2. Auflage, S. 62 und 
64 — 66, vergleicht. So schulden wir Georg Lasson für seine 
hingebende treue Arbeit unsern Dank und bedauern mit ihm, 
daß er nur spärliche Mußestunden ihr widmen kann. Es ist ein 
schwere Anklage gegen die Verantwortlichen, wenn Lasson (VIII) 
sagen muß*: „Es gibt im Preußischen Staat anscheinend keinen 
Weg, um Arbeiten zu fördern, wie sie der Herausgeber im Dienste 
der Wissenschaft leistet." 

Freiburg i. Br. Jonas Cohn. 

(1) „Durch Armenien eine Wanderung und** (2) „Der Zug Xeno- 
phons bis zum Schwarzen Meere, eine militär-geographische 
Studie«. Von E. v. Hoffmeister, Generalleutnant z. D. Mit 
5 Vollbildern, 96 Abbildungen meist nach Originalaufnah- 
men des Verfassers, 2 Kartenskizzen Im Text sowie 2 Kar- 
tenbeilagen. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner. I91I. 

Das äußerst anziehend und frisch geschriebene Buch des 
bekannten Verfassers zerfällt in zwei getrennte Teile. Die 
lebensvollen Reiseschilderungen des ersten (S. 1-— 168) sind mit 
wohlgelungenen, trotz kleinen Maßstabes sehr deutlichen Illu- 
strationen (meist Landschaften und Typen) versehen. Da die 
bereisten Gebiete während des gegenwärtigen Krieges ein be- 
sonderes Interesse beanspruchen, so wird sich diese durch ver- 
schiedene widrige Umstände verspätete Besprechung vielleicht 
auch jetzt noch rechtfertigen lassen. Von besonderem Werte 
sind einerseits die Abschnitte, in denen der Militärschriftsteller 
speziell zu Worte kommt, anderseits die Schilderung von Gegen- 
den, die von den letzten Reisenden, die umfangreiche Berichte 
über Armenien veröffentlicht hatten, — Lynch und dem Refe- 
renten — nicht berührt worden waren. 

Dem kundigen Militärschriftsteller folgen wir bei der Schi^ 
derung der Operationen und Kämpfe bei Kars im Russisch^ 
Türkischen Kriege. Sie gipfelten in der Schlacht am Aladja- 



Alte Geschichte. 105 

Dagh, wo trotz heldenmütiger Verteidigung Muchtar Pascha von 
den Russen vernichtend geschlagen wurde. (Abschn. IV, S. 41 
bis 59.) Neuerdings nicht Geschildertes bringen besonders die 
Strecken (Baiburt^Gümüschchaneh — Djivizlik (S. 134 — 144) 
und das Höhlenkloste rSumela. Dieses erinnert in seiner Anlage 
an das auf russischem Gebiete belegene georgische Höhlenkloster 
Wardzie, das zuletzt genau von Lynch geschildert worden ist 
(vgl. Ref., Armenien einst und jetzt, Bd. 1, 1910, S. 89 ff.). Der 
Abschnitt V, „Die Ruinenstadt Ani", bildet eine erfreuliche 
Ergänzung zu der eingehenden Behandlung dieser geschichtlich 
und kunsthistorisch so bedeutsamen Stätte bei Lynch. 

Was den Weg Xenophons angeht, so „darf sich der Ver- 
fasser zu denjenigen Forschern rechnen, die dem Zug der Zehn- 
tausend am weitesten gefolgt sind". Es fehlen „ihm aus eigener 
Anschauung nur die Anfangsstrecken des Vormarsches und von 
dem Rückzuge das Stück von Mosul bis zur Ebene von Pasin". 
Denn auf seiner ersten Reise Kairo — Bagdad — Konstantinopel 
war er, nachdem er den Euphrat von Damaskus her erreicht^ 
den Spuren Xenophons auf dem jenseitigen Ufer über 600 km 
weit gefolgt, hatte oberhalb der Stätte von Kunaxa den Strom 
überschritten und war dem Zuge der Zehntausend bis Mosul 
(Ninive-Mespila) gefolgt. Die im vorliegenden Buche beschrie- 
bene Reise galt der Erforschung des Stückes von der Pasin- 
ebene bis zum Meere. Gerade das dem Verfasser persönlich un- 
bekannt gebliebene Gebiet aber ist vom Referenten und seinem 
Reisegefährten auf der deutschen Expedition nach Armenien 
zum großen Teile bereist worden, so daß überhaupt nur das 
Stück von der Abbiegung vom Tigris oberhalb Djezireh bis zur 
Durchgangsstelle durch den Kentrites, d. h. der Marsch durch 
das Rarducheniand , in neuerer Zeit nicht speziell verfolgt 
worden ist. 

Die Darstellung, der eine Einleitung über die Veranlassung 
und die Gesamtumstände des Kyros-Zuges vorausgeht, zerfällt 
in drei Abschnitte, l. Der Aufmarsch von Sardes bis Issos. 
II. Der Vormarsch von Issos nach Babylonien bis zur Schlacht 
bei Kunaxa. III. Der Rückzug aus Babylonien und zwar bis 
a) zu den kurdischen Bergen, b) in die Ebene Pasin, c) zum 
Schwarzen Meere. Nur zu dem den Referenten aus obigem 
Grunde besonders angehenden Abschnitt III mögen einige Be» 



1D6 Literaturbericht. 

merkungen folgen. Die Namen Larissa und Mespila für Kalach 
(heute Nimrud) und Ninive stammen, wie Referent gezeigt hat, 
aus dem Aramäischen; sie bezeichnen die beiden Ruinenstätten 
als die oben (lä-resä), gelegene und die untere (meSpilä), was 
freilich nicht, wie Referent früher versehentlich geäußert hatte, 
der wechselseitigen Lage am oder zum Tigris entspricht. Eher 
wird in Betracht kommen, daß für die Ruinen von Kalach der 
große auch von Xenophon (Anab, 111,4, 9 als eine Stein- 
pyramide) beschriebene Turm charakteristisch ist (Referent, 
Armenien einst und jetzt Bd. 2, S. 251 Abbildung), während 
Niniveh aus zwei durch den Chausser getrennten Teilen be- 
steht, von denen der südlichere Nebi Jünus erheblich höher 
Hegt als der umfangreichere nördlichere Kojundjyk (Armenien 
Bd. 2, S. 230/1 Abb.), welch letzterer daher mit einem auch im 
Assyrischen nachweisbaren Worte muspalu als die „untere Stadt*' 
bezeichnet werden konnte. Diese Ausdrücke hörten und miß- 
verstanden die Griechen von ihren Führern, — das Aramäische 
war bekanntlich damals im persischen Reiche die gangbare Ver- 
kehrssprache. Zu archäologischen Forschungen blieb den Griechen 
Iceine Zeit. Immerhin bleibt es „wunderbar", daß der Name 
Ninive, der „doch einer ganzen Welt bekannt" war, schon da- 
mals, zwei Jahrhunderte nach der Zerstörung, so ganz verschol- 
len war. 

Die Stelle des Durchgangs durch den Kentrites hat sich 
an der Hand von Xenophons Schilderungen an Ort und Stelle 
genau bestimmen lassen, wie ausführlich vom Referenten, „Ar- 
menien einst und jetzt" Bd. 1, Kap. 11, dargelegt. Sie liegt 
etwas oberhalb von Till, wo sie schon Shiel und Karbe ge- 
sucht hatten, genauer beim Dorfe Mutyt, alle Einzelheiten von 
Xenophons Schilderungen beider Ufer finden sich dort wieder. 
Hoffmeister nennt das genannte Buch des Referenten auch unter 
seinen Quellen. Gleichwohl verfällt er in den Fehler, die Zehn- 
tausend den Kentrites zu weit oberhalb überschreiten und dann 
von Söört nach Bitlis gelangen zu lassen. Dabei wären sie aber 
durch gebirgiges Gelände gekommen, während Xenophon aus- 
drücklich nur von flachem Lande und sanften Anhöhen spricht, 
und ferner ist die Vorstellung, daß die Strecke Söört— Bitlis eine 
für Heeresmassen passierbare Straße darstelle, zwar weit ver- 
breitet, aber darum nicht minder irrtümlich. 



Alte Geschichte. 107 

Der Verfasser wendet sich (S. 237) gegen die vormals herr- 
schende Vorstellung, als habe Xenophon vom Teleboas (Kara-su) 
aus nach Überschreitung des Euphrat (== Muradsu) und über 
drei Pässe (darunter den fast unübersteiglichen über den Bingöl- 
dagh) die Richtung gerade auf Hassankalah in der Ebene von 
Pasin genommen. Er glaubt vielmehr, daß die Griechen aus 
der Gegend von Musch am Euphrat aufwärts ,,und seinen Quellen 
zu" eine nordöstliche Richtung einschlugen, bei Karakilissa die 
uralte Straße gewannen, die aus dem Tale des östlichen Euphrat, 
des Murad-su, nach dem des Araxes führt und auf dieser in die 
Ebene Pasin gelangten. Damit trifft nun v. H., was ihm ent- 
gangen ist, in allem Wesentlichen mit den Ermittlungen meines 
Reisegefährten (Zeitschr. f. Ethnologie 31 [1899], S. 257 f.; Verh. 
Berl. Anthrop. Ges. 1899, S. 661 ff.) überein. Also liegen zwei 
voneinander unabhängige Urteile über diesen wichtigen Punkt 
vor, und die Aufstellungen, zu denen Belck während unserer 
Expedition gelangt war, sind bestätigt. Als Kuriosum sei er- 
wähnt, daß Boucher, U Anabase de Xenophon 1913, gleich- 
falls eine westliche Ausbiegung in Betracht zieht, aber dabei 
viel zu weit ausgreift, indem er die Zehntausend von den Quellen 
des Murad-su bei Karakilissa in südöstlicher Richtung rückwärts 
ziehen und den Riesenumweg über die persisch-türkischen Grenz- 
gebirge nach Chol, dann über den Araxes nach Djulfa, von da 
über Eriwan und Dilidjan nach Kars machen und weiter nach 
Hassankalah gelangen läßt. Dadurch hätten sich die Griechen 
in einem ganz unzulässigen und zielwidrigen Maße von der für 
ihren Rückzug gebotenen Hauptrichtung entfernt. 

Aus der Gegend von Karakilissa gelangten die Griechen in 
zehn Tagemärschen an den Phasisfluß, der ein Plethron breit 
war. Xenophon versteht unter Phasis, wie der Verfasser gleich 
Anderen sicher mit Recht annimmt, nicht den Rhion, sondern 
den Araxes, den die Griechen von Karakilissa her bei Köpri-köi 
erreichten, der strategisch wichtigen Kreuzung der Straßen, die 
das obere Tal des Murad-su mit dem des Araxes verbinden, und 
weiter derer, die über Sarykamysch nach Kars und über Olty 
ins obere Djoroktal führen. Bei Köpri-köi hat auch einer der 
ersten Kämpfe zwischen Russen und Türken im gegenwärtigen 
Kriege stattgefunden. 



108 Literaturbericht 

Von Kars herkommend, traf hier der Verfasser auf den 
von ihm für richtig gehaltenen Weg der Griechen. Die im ersten 
Teil des Buches geschilderte Reise ermöglichte es ihm, Schritt 
für Schritt mit ihnen bis zum Schwarzen Meer weiter zu wan- 
dern und seine Leser daran teilnehmen zu lassen. 

Für die früher herrschende Ansicht über diesen letzten 
Teil des Rückmarsches war der Gedanke maßgebend, daß die 
Griechen von Süden her über den Bingöl-dagh nach Hassankalah 
gelangten und nun in nördlicher Hauptrichtung weiterzogen. 
„Um die Anzahl der Marschtage, die Entfernungen und die 
mutmaßlichen Wohnsitze der namhaft gemachten Völkerschaften 
einigermaßen zusammenzubringen", ergab sich dann der Umweg 
Hassankalah — Oltital — ^Ardahan (an der oberen Kura), von da 
in schwierigstem Gebirgsgelände westwärts nach dem Harpasos 
(Djoroksu) und nun, „an diesem nördlich entlang zum nahen 
Meere, wiederum südwestlich fast 200 km weit nach Gymnias 
(Baiburt)" und weiter auf Saumpfaden nach Trapezunt. Daß 
ein solcher Zickzackkurs ausgeschlossen sei, daß vielmehr die 
Griechen, nachdem sie die durch die Geländeverhältnisse ge- 
botene nordöstliche Abweichung biS zu den Quellen des Muradsu 
überwunden hatten, nunmehr bestrebt sein mußten, die nord- 
westliche Hauptrichtung festzuhalten, liegt auf der Hand (vgl. 
Zeitschr. /. Ethnologie a. a. 0.). So ist auch der Verfasser der 
Überzeugung, daß die Griechen eine viel einfachereund kürzere 
Route genommen haben: Köpriköi — Hassankalah, dann „über 
die Ebene von Erzerum nordwärts nach dem Tale des Har^ 
pasos (Chorok-su), dieses aufwärts bis Gymnias (Baiburt)** 
und von dort in fruchtbaren, meist breiten Tälern über den 
Ziganapaß im Techesgebirge (Thalatta, Thalatta!) nach Tra- 
pezüs. Er weist die Übereinstimmung mit Xenophons Schilde- 
rungen treffend nach: seine Darlegungen bestätigen aufs neue^ 
daß die Entscheidung zwischen mehreren, theoretisch anschei- 
nend möglichen Routen nur im Gelände an der Hand des Autors^ 
dessen Weg man bestimmen will, erfolgen kann. So wählt v. H, 
unter den drei Verbindungen zwischen Erzerum und Baiburt — - 
1. der Karawanenstraße über den Kop-dagh (die seinerzeit wi^ 
später der Verfasser, so auch Referent — in umgekehrter Rich- 
tung — zurückgelegt hat), 2. der über den „Jehen" (Referent 
hörte Jedjan) -dagh und 3. der über Ispir — die letztere, die 



Mittelalter. 109 

zwar länger ist, aber über einen wesentlich niedrigeren Paß mit 
günstigeren Schneeverhältnissen führt. 

In diesem letzten Hauptabschnitt trifft nun auch Boucher 
in der Hauptsache mit v. H. zusammen: auch für Boucher sind 
die Hauptstationen: Erzerum, Baiburt und ein Paß über das 
Ziganagebirge. Wenn auch in Einzelheiten, z. B. betreffs der 
Strecke Baiburt — Erzerum, Abweichungen bestehen, so kann 
somit auch dieser letzte Teil von Xenophons Route als neuer- 
lich von mehreren Forschern in wesentlicher Übereinstimmung 
festgelegt gelten. 

Dem Verfasser gebührt wie für seine anziehenden und lehr- 
reichen Reiseschilderungen, so für seine erfolgreichen Bemühungen 
um die Aufhellung der historisch-geographischen Probleme, die 
der Rückzug der Griechen durch das armenische Bergland bis 
zum Schwarzen Meere bietet, allseitiger lebhafter Dank. 

Innsbruck. C. F. Lehmann- Haupt 

Die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit, vornehmlich in 
Deutschland. Von Alfons Dopsdi. 2. Teil. Weimar, Her- 
mann Böhlaus Nach!. 1913. VIII u. 364 S. 

Der 2. Band, mit dem Dopsch noch vor dem Kriege sein 
Buch abgeschlossen hat, bringt gegenüber den überwiegend 
kritischen Auseinandersetzungen des ein Jahr früher erschienenen 
1. Teiles (vgl. Herzberg-Fränkel : H. Z. 112 [1914], 159 ff.), wie 
sie auch hier durchaus nicht fehlen, wesentlicher aufbauende 
Arbeit. Ist die Anschauung von der alles beherrschenden 
Bedeutung der Großgrundherrschaften als unzutreffend erwie- 
sen, wie das offenbar der Fall ist, und dürfen mithin die 
Sozial- und Verkehrsgeschichte neben der Agrargeschichte eine 
selbständigere Stellung beanspruchen, als man ihnen bisher 
einräumte, so entwiift D_. nun in den sieben großen Abschnitten 
(§§8—14) über „die soziale Entwicklung", „die Grundherrlich- 
keit (Immunität und Vogtei)", „das Gewerbe", „Handel und 
Verkehr", „die Geldwirtschaft", „das Münzwesen" und „die 
Regalien" ein von dem üblichen stark abweichendes Bild des 
ständischen und wirtschaftlichen Lebens der Karolingerzeit und 
ihrer staatlichen Entwicklung, soweit diese bedingt oder bedin- 
gend unmittelbar mit den hier berührten Erscheinungen ver- 
knüpft ist. 



1 10 Literaturbericht. 

Sind die Ausführungen über die soziale Entwicklung (§ 8) 
noch überwiegend eine kritische Auseinandersetzung nicht nur 
wie das ganze Buch, mit von Inama-Sternegg, sondern auch 
namentlich mit Hecks entschieden abgelehnten Ständetheorien, 
so tritt im folgenden das Positive immer mehrinden Vordergrund. 
Am wenigsten auf eigener Forschung fußt wohl der übrigens- 
inhaltreiche Abschnitt über Handel und Verkehr (§11); hier 
wird auch statt auf die ursprünglichen Quellenbelege oft auf 
mehr oder weniger zusammenfassende Darstellungen, darunter 
einen zwar anregenden, aber im einzelnen nicht unbedingt zu- 
verlässigen Aufsatz von A. Bugge, verwiesen. Die §§ 12 und 13 
über die Geldwirtschaft und das Münzwesen suchen, so vieles We- 
sentliche auch gerade hier unsicher bleiben muß, feste Richt- 
wege durch das schier undurchdringliche Gestrüpp der Hypo- 
thesen und Konstruktionen auf dem Gebiete der merowingisch- 
karolingischen Geld- und Münzgeschichte zu hauen. Die Aus- 
führungen über den älteren leichten und den jüngeren, vielleicht 
schon seit Anfang des 7. Jahrhunderts vorhandenen schwereren 
Denar, von denen D. den ersten mit dem viel umstrittenen Denar 
der Lex Salica in Beziehung setzt, dürfen bei den Erörterungen 
über die Lex Salica ernste Beachtung beanspruchen. Gegenwärtig 
besonders interessant sind die Versuche staatlicherseits, durch 
Festsetzung von Höchstpreisen u. dgl. die Konsumenten vor einer 
monopolistischen Preistreiberei des nach D. schon damals vorhan- 
und nicht, wie Sombart will, erst am Ausgang des Mittelalters 
denenen tstandenen Kapitalismus zu schützen. Knapp, aber ein- 
drucksvoll ist der letzte, Abschnitt über die Regalien, aus dem 
besonders der Nachweis regelmäßiger direkter Staatssteuern 
hervorgehoben sei. Er beleuchtet die ganze Wirtschaftspolitik 
der Karolinger neu: „Sie teilten in immer reicherem Maße von 
ihren Krongütern Schenkungen aus, . . . waren aber dem- 
gegenüber noch auffallend sparsam in der Erteilung von Re- 
gaüen." „Die herrschende Lehre, als ob Karl der Große den 
Schwerpunkt seiner Finanzwirtschaft auf die Domänen ver- 
legt habe, ist unhaltbar. Ganz im Gegenteile mußten diese zahl- 
reichen Regalien jetzt schon viel reichere Einnahmen ergeben, als 
die in schlechtem Zustande befindlichen und wenig verläßlichen 
Krongutsverwaltungen." 



Mittelalter. 111 

„Die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit", so schließt 
D., „baute auf anderen Grundlagen auf, als die Forschung 
bisher angenommen hatte." „Die Vorstellung, als ob Träger 
dieser Wirtschaft zunächst noch eine große Masse gleichberech- 
tigter und gleichbegüterter Vollfreier gewesen sei, . . . muß als 
kulturhistorischer Anachronismus bezeichnet werden." Durch 
Jahrhunderte waren bereits neue Fermente wirtschaftlicher 
und geistiger Entwicklung am Werke, jene Einheiten der Urzeit 
und deren Gleichheit umzuschaffen. Kleines freies Grund- 
eigentum war zwar ohne Zweifel nach wie vor nicht wenig vor- 
handen, aber „sicherlich hat die Karolingerzeit die Weiterbil- 
dung der großen Grundherrschaften ebenso gefördert wie die 
Merowingerzeit zuvor". „Die Bedeutung der längst vorhandenen 
Grundherrschaften" möchte D. freilich „nicht in einer groß- 
zügigen und planmäßigen wirtschaftlichen Aktivität erblicken. . ., 
sondern eher glauben, daß deren reicher Bestand es immer zahl- 
reicheren Bevölkerungselementen außerhalb ermöglichte, daran 
Anteil zu gewinnen, wirtschaftlich zu erstarken und sich schließ- 
lich teilweise auch zu verselbständigen". Die Anschauung, als 
ob sich das gesamte wirtschaftliche Leben innerhalb dieser Groß- 
grundherrschaften und unter ihrem beherrschenden Einfluß 
vollzogen habe, ist durchaus abzulehnen. Von einer „geschlosse- 
nen Hauswirtschaft" kann nicht entfernt die Rede sein. Die 
Verkehrswirtschaft war auch in Deutschland schon sehr beträcht- 
Hch entwickelt. „Die sogenannte Völkerwanderung hat auch die 
spätrömische Verkehrswirtschaft keineswegs ganz verschüttet^ 
so daß die Franken jetzt sich zu deren Errungenschaften von 
urzeitlichen Zuständen aus erst von neuem hätten mühsam 
durchringen müssen." Wird man D. hierin gerne zustimmen^ 
so geht er doch viel zu weit, wenn er die ununterbrochene le- 
bendige Fortbildung ganz „ohne Kulturzäsur" von der Spät- 
! antike in das deutsche Mittelalter hineinführen läßt. Zu der Fülle 
j von wirtschaftlichen Wechselbeziehungen, die auf dem platten 
I Lande einen lebhaften Verkehr erzeugten, trat, so fährt D. fort, 
; eine stattliche Anzahl von Städten und Märkten, die die An- 
* schauung von einem rein landwirtschaftlichen Kulturprofil der 
Karolingerzeit unmöglich machen. „Die gewerbliche Produktion 
! war damals nicht bloß Hauswerk und Lohnwerk, sondern auch 



1 12 Literaturbericht. 

schon Preiswerk" und stellenweise schon auf die Ausfuhr gerichtet. 
Handel und Verkehr ist auch im Innern Deutschlands, das keines- 
wegs zum größten Teil „als ein allseitig meist umgangenes Zwi- 
schenland wenig vom großen Verkehre berührt, dalag", nicht so 
gering und bedeutungslos gewesen, wie man bisher annahm. 
„Die wirtschaftlichen Depressionen in den Zeiten der großen 
Völkerwanderungen waren . . . längst überwunden, der Impe- 
rialismus Karls des Großen hatte auch ihn zu internationaler Be- 
deutung entwickelt." Allüberall bemerken wir daher auch schon 
deutliche Anzeichen der Geldwirtschaft. „Das Geld ist nicht nur 
Wertmesser für Zahlungen und Leistungen in natura, sondern 
selbst Zahlungsmittel." Die überwiegende Silberprägung, die 
Verstärkung des Münzfußes, die Vermehrung des Feingehaltes 
und die Erhöhung des Gewichtes sind Maßnahmen der „tüchtig- 
sten Verwaltungstalente unter den Karolingern", um bei dem großen 
Geldbedarf und der internationalen Ausbreitung des Handels 
schwere wirtschaftliche Schädigung durch das stete Herab- 
sinken des Münzfußes und die fortwährende Verschlechterung 
des Feingehaltes gegen Ende der Merowingerzeit zu verhüten. 
„Diese Maßnahmen waren tatsächlich von gutem Erfolg begleitet"; 
sie haben der politischen Eroberung die wirtschaftliche der weiten 
neugewonnenen Gebiete folgen lassen. „Die Ausbildung der 
Regalität", die beim Münzwesen hervortritt, ist auch in den 
andern Zweigen der Finanzverwaltung zu verfolgen; sie ist eine 
der wesentlichen Grundlagen des karolingischen Staates. Aber 
mit dem Verfall des Einheitsstaates und dem Niedergang der 
königlichen Gewalt gewinnt alsbald die erstarkende Macht der 
Großen, der Bischöfe wie des weltlichen Adels, daran Anteil, 
und dieser Wandel beginnt nicht erst im 10. Jahrhundert, son- 
dern bereits in der Karolingerzeit selbst schon im neunten, ja 
man kann sagen stellenweise bald nach dem Tode Karls des 
Großen." Eine besondere Bedeutung in diesem Vorgang der 
„Entstaatlichung" mißt D. der Ausbildung bei, die die Immuni- 
tät im 9. Jahrhundert erfuhr. Damit „wurde jene bedeutsame 
Entwicklung der Gerichtsverfassung eröffnet, die dann nach 
100 Jahren bereits das Recht der Bischöfe, aber auch das welt- 
licher Dynasten an die Stelle des königlichen treten ließ". So 
kamen die Erfolge der wirtschafts- und sozialpolitischen Be- 
mühungen der ersten Karolinger nicht so sehr der Zentralgewalt^ 



Mittelalter. 1 13 

als vielmehr den Bischöfen und dem Herzogtum zugute, und 
„langsam aber sicher sollzog sich auf tausend kleinen, vielfach 
unscheinbaren Pfaden das große Werk der inneren Kolonisation, 
das nimmermehr von einem einzigen Mittelpunkte aus verwirk- 
licht werden konnte." 

Abgeschlossen ist das reiche und anschauliche . Bild, das 
hier entworfen wird, wie D. selbst bemerkt, noch nicht. Es wird 
noch mancher Ergänzung fähig sein und wird gewiß in manchem 
Urteil, wie in mancher tatsächlichen Angabe der Einschränkung 
oder der Abänderung bedürfen. So scheint D. in dem Abschnitt 
über Handel und Verkehr, in dem ich einige Stichproben gemacht 
habe, S. 183/84 Schleswig und Hedeby für zwei ganz verschiedene 
Orte zu halten, während es sich doch mindestens, wenn auch 
nicht genau um den gleichen Platz, um ein und dieselbe Verkehrs- 
stätte handelte. — S. 184 Z. 8 lies „Biörkö im Mälar'* statt 
„B. in Mälaren" (en ist der schwedische bestimmte Artikel). 

— S. 187: für den friesischen Schiffsverkehr auf der Leine bis 
Ezle im Jahre 815 ist die eigentliche Quelle die von Bertram 
1897 herausgegebene Fundatio ecclesie Hildensemensis, die der 
von D. zitierte Ann. Saxo ausschreibt. Die Tatsache braucht 
in keiner Weise bezweifelt zu werden. Erschienen doch z. B. 
schon 789 friesische Hilfstruppen zu Schiff auf der Havel, um 
Karls des Großen Feldzug gegen die Wilzen zu unterstützen, 
Ann. regni Franc, ed. Kurze S. 85 (vgl. W. Vogel, Gesch. d. deut- 
schen Seeschiffahrt I (1915) 89, Waitz Dt.VG. IV^ 631). Bereits 
748 mögen sie sich in ähnlicher Weise an dem Feldzug Pipins 
gegen die Sachsen beteiligt haben; denn daß die Frigiones bei 
Fredeg. cont. c. 31 (117) (vgl. H. Z. 118, S. 208 A. 1) auf wirkliche 
friesische Hilfstruppea beim fränkischen Heere zu deuten sind, 
ist mir jetzt mit Bezug auf denselben Fall 789 und dann 791 im 
Feldzuge gegen die Avaren (vgl. Abel-Simson, Jb. Karls des 
Großen II 16ff.) nicht zweifelhaft. — S. 189 fehlt es in der Schil- 
derung der großen Handelsstraße „von der Maas, Dinant über 
Lüttich, Huy und Heristal, Aachen, Düren zum Rheine" etwas 
an geographischer Anschauung; Huy war vor Lüttich zu nennen. 

— Über sächsische Kaufleute außerhalb der Reichsgrenzen 
im Norden und Nordosten (S. 188f.) gibt es eigentlich kaum 
ein sicheres Zeugnis vor dem ostfränkisch-dänischen Handels- 
vertrag von 873 {Ann. Fuld. ed. Kurze S. 78). Welcher Natio- 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 8 



114 Literaturbericht 

nalität die Kaufleute waren, durch die der Dänenkönig Gott« 
fried 809 zu Verhandlungen einladen ließ (an den Verhandlungen 
selber nahmen sie natürlich nicht teil), wissen wir nicht; daß sie 
„aus Sachsen nach Friesland reisten", sagen weder die Ann, 
r. Franc. S. 128, die D. S. 188 anführt, noch Regina S. 68. — 
Die „Wein- und Salzfuhren gingen" vermutlich nicht „von Frei- 
sing und Tegernsee nach Bozen bzw. Hall" (S. 92), sondern in 
umgekehrter Richtung. — S. 200: Für einen Verkehr von Arles 
„mit den handelstüchtigen Arabern" ist wenigstens aus Ann, 
Bertin. 859 und 869 nichts zu entnehmen. Zu 859 spricht diese 
Quelle nur von den Normannen, die sich bei ihrem Raubzug 
ins Mittelmeer auf der Camargue niederlassen, und 869 (S. 106 
ed. Waitz), wo es sich wirklich um die Sarazenen handelt, ist 
doch kaum von friedUchem Handelsverkehr die Rede. — S. 202: 
Ober Ortona als etwaigen Handelsplatz ist aus Ann. regni Franc, 
802 nichts zu entnehmen. — S. 206: Es ist kein stichhaltiger 
Grund dafür abzusehen, daß von der Aufzählung zahlreicher 
und verschiedener Arten von Zollabgaben in den Zollbefreiungs- 
privilegien „vieles formelhaft und zum Teil auch aus älterer, be- 
sonders der Römerzeit übernommenen" (gemeint ist doch wohl 
„zu Unrecht weiterbeibehalten") sein soll. Brunner äußert 
an der angeführten Stelle (RG. U 238f.) nichts derartiges. — 
So mag auch anderes und wohl auch Wesentlicheres sich bei 
näherer Prüfung als nicht stichhaltig erweisen. Die anfangs blen- 
denden Ausführungen über die Entstehung und Bestimmung 
des Capitulare de villis in der aquitanischen Königszeit Ludwigs 
des Frommen, die mit im Mittelpunkt des 1. Bandes stehen und 
auch im 2. des öfteren herangezogen werden, scheinen z. B. 
schließlich doch nicht durchzugreifen (vgl. besonders G. Baist, 
Zur Interpretation der Brevium exempla und des Capitulare de 
villis, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 
XU, 1914). 

Trotzdem kann es kaum einem Zweifel unterHegen, daß D.^ 
im ganzen genommen, ein richtigeres Bild der karoHngischen 
Wirtschaftsentwicklung gezeichnet hat, als, vornehmlich unter 
dem Einfluß von v. Inama-Sternegg, bisher im allgemeinen 
herrschte. Altbekannte Quellenstellen von höchster Wichtigkeit 
sind hier in neue und originelle Beleuchtung gerückt und wohl 
mehr als einmal einem besseren Verständnis erschlossen; manch 



Mittelalter. 115 

weitere Zeugnisse sind hier überhaupt zum erstenmal ver- 
wertet. Die methodischen Darlegungen über die Verwertung 
und die Tragweite des urkundlichen Materials, vor allem der 
Traditionen und der Urbarien liefern einen wertvollen Bei- 
trag zur Quellenkritik; sie haben über den Gegenstand des vor- 
liegenden Buches hinaus allgemeine Bedeutung. D. hat in 
seinem Buche die fruchtbaren Beobachtungen und Ansätze, die 
sich in der neueren Forschung namentlich v. Belows, aber auch 
Keutgens, Hecks und mancher anderer fanden, zusammenzufassen 
und zu einem neuen eindrucksvollen und, was mehr ist, in 
höherem Maße geschichtlichen Bilde zu entwickeln vermocht. 
Auch wenn sich nicht in allen Punkten ein so radikaler Um- 
sturz der üblichen Anschauungen durchsetzt, hat D. mit seinen 
Untersuchungen, die jedes einzelne Zeugnis in seinen Besonder- 
heiten würdigen und sich von Deduktionen aus gewissen von 
vornherein feststehenden allgemeinen Sätzen fernhalten wollen, 
zweifellos manche sichereren Grundlagen für die künftige For- 
schung gelegt. 

Die mittelalterliche Geschichtswissenschaft hat durch dieses 
Buch gezeigt, daß sie den Blick für die großen Zusammenhänge 
und das warme reiche Leben der geschichtlichen Entwicklung 
nicht verloren hat und trotz oder gerade wegen ihrer lange vor- 
wiegend quellenkritisch gerichteten Schulung ihren Platz neben 
scheinbar mehr „zeitgemäßen** Schwesterwissenschaften voll zu 
behaupten vermag. Das Buch von D. ist, auch wo es Wider- 
spruch erweckt, eines der lehrreichsten Bücher zur mittelalter- 
lichen Geschichte, die in neuerer Zeit erschienen sind, und dabei 
trotz so eines durchaus nicht nachahmenswerten Stiles stets 
fesselnd. 

Es ist sehr zu wünschen, daß auch die Entwicklung der eigent- 
lichen deutschen Kaiserzeit und des späteren Mittelalters bald 
eine ähnlich fruchtbare Behandlung erfährt. 

Daß keinerlei alphabetische Register und keinerlei Verzeich- 
nis der erläuterten Quellenstellen beigegeben sind, wird jeder 
Benutzer schmerzlich bedauern. 

Berlin-Steglitz. Adolf Hofmeister. 



8* 



116 Literaturbericht. 

Ungarnzüge in Europa im 10. Jahrhundert. Von Rudolf Lütticfa. 
Berlin, Emil Ehering. 1910. (Historische Studien, veröffent- 
licht von E. Ehering. Heft 84.) 174 S. 

Der Verfasser gibt zunächst (S. 12 — 31) einen Überblick 
über die Schicksale der Ungarn im Orient, d. h. in den Steppen 
des südlichen Rußlands unter den Völkern des Schwarzen Meer- 
Kreises bis 896, gegen den allerdings von der Spezialforschung 
Einwendungen erhoben worden sind, und stellt dann nach einer 
kurzen Beschreibung des Staats- und Kriegswesens und der 
Sitten und Gebräuche der Ungarn (S. 32 — 40) an der Hand der 
Quellen ihre Züge durch Deutschland und Frankreich 900 — 954 
(S. 41— 101) und in ItaUen (899—954, S. 114— 142) zusammen. 
Dabei wird „Bayerns innere und äußere Politik zur Zeit der 
Ungarnzüge** gesondert besprochen (S. 102 — 113) und am Schluß 
kurz über „das byzantinische Reich und die Ungarneinfälle** 
bis 961 (S. 143 — 149) und ausführlich über „die Ungarnschlacht 
von 955 und ihre Folgen** (S. 150—170) gehandelt. Bei der 
letzteren, zu der jetzt neben der Abhandlung von A. Schröder 
im Archiv für die Geschichte des Hochstifts Augsburg I auch die 
Ausführungen von K. Uhlirz zu der vorliegenden Schrift (Histori- 
sche Vierteljahrschrift XV) zu vergleichen sind, folgt Lüttich 
der Ansicht Schäfers „mit Hinzufügung einiger neuer Beweis- 
punkte**. Obwohl es sich im wesentlichen nur um eine Zusammen- 
fassung bekannter Vorgänge handelt und der Verfasser die magy- 
arische Literatur zum größten Teil nicht heranziehen konnte, ist 
die knapp und übersichtlich abgefaßte Arbeit als ein nützliches 
und, dank dem alphabetischen Register, auch bequemes Hilfsmittel 
zu begrüßen. Leider hat L. darauf verzichtet, seine Erzäh- 
lung durch Beigabe einer Karte mit Angabe aller von den Ungarn 
nachweislich heimgesuchten Orte anschaulicher zu gestalten. 
Unbedingt vollständig ist seine Zusammenstellung allerdings 
nicht, weder was die Sammlung der Quellenstellen zu den einzelnen 
Ereignissen, noch was diese selber betrifft. Es fehlt z. B. die 
Zerstörung der hennegauischen Klöster Hasnon und Soignies 
durch die Huni, von der Gislebert Chron. Hanon. c. 4 und 13 
(S. 27 und 38 der Ausgabe von Arndt) berichtet; Vanderkindere 
denkt dabei an den Zug von 954, und in der Tat sind die Ungarn 
919 und 937 kaum so weit nach Norden vorgedrungen. In der 
selbständigen Kritik der Überlieferung hätte sich wiederholt 



Mittelalter. 117 

erheblich weiter kommen lassen. Davon, daß 915 die Ungarn 
„sich die Böhmen als Bundesgenossen mitbrachten" (S. 63), 
sagt Adam I 54 (52 in der neuen Ausgabe von Schmeidler) ebenso 
wenig wie von einem angeblichen Vordringen bis Bremen in dem- 
selben Jahre. Adam spricht hier vielmehr lediglich allgemein 
von den Heimsuchungen, denen Sachsen „in diebus illis'\ d. h. 
in der Zeit Erzbischof Hogers (909—915 oder 917?) ausgesetzt 
war, „cum hinc Dani et SclavU inde Behemi et Ungri laniarent 
ecclesias. Tunc*\ so fährt er fort „.parrochia Hammaburgensis a 
Sclavis et Bremensis üngromm impetu demolita esV\ und „in- 
zwischen" (interea) stirbt Hoger. Mit dieser Verwüstung des 
Bremer Sprengeis ist offenbar derselbe Einfall gemeint, den Adam 
I, 55 (53 Schmeidler) ausführlicher unter der kurzen Regierung 
Erzbischof Reginwards (915 — 916 bei Adam, richtiger vielleicht 
915 oder 917? — 918 oder 919?) erzählt und der am ersten wohl 
mit dem Bericht der Corveier Annalen zu 919, nicht zu 915 oder 
906, zu verbinden ist. Wenn 917 die Ungarn nach der Chron. 
S. Medardi Suess. über den Rhein ylusque Burgundiam" vor- 
dringen, so ist damit wohl eher das westfränkische Herzogtum 
Burgund als das „burgundische Reich" (S. 68) gemeint. Die 
Ungarn, die 935 in Burgund auftauchen, sind vielleicht nicht durch 
Süddeutschland (S. 85ff.), sondern durch Oberitalien dorthin 
gelangt. Auf Kämpfe mit den Arabern gerade in diesem Jahr 
kann aus der „Sage" bei Ekkehard, Casus S.Galli, MG. SS. H, HO, 
um so weniger geschlossen werden, als Ekkehard den burgundischen 
König Konrad nennt, der erst seit 937, und tatsächlich erst seit 
etwa 942, regierte. Grundfalsch, wie allerdings fast immer, ist 
das Verhältnis Herzog Arnulfs von Bayern zu König Konrad I. 
und zu den Ungarn dargestellt (S. 106f.). Arnulf wurde nicht 
schon 914 zur Flucht zu den Ungarn genötigt und erhob dann 
916 — 917 zurückgekehrt die Waffen von neuem gegen den 
König, sondern seine Flucht fand erst 916, als Konrad Regens- 
burg einnahm, statt ; sie gab vermutlich die Veranlassung zu dem 
Ungarneinfall von 917. Die Rückkehr des Herzogs erfolgte 
erst nach dem Tode des Königs. Denn die bayerisch-österreichische 
Annalistik (Ann. S. Rudb. Salisburg. und Auct. Garst.) schöpft 
nur, wie ich in meinem Buch über die hl. Lanze (1908) S. 12 
A. 4 gezeigt habe, aus der Chronik Ottos von Freising, der seiner- 
seits Liudprands Ant. II, 19 ausschreibt. Sie hat ihr Jahr 914 



118 Literaturbericht. 

willkürlich aus Ottos falscher Chronologie errechnet, der C/ir, VI, 16 
zunächst die Wahl Konrads I. zu 913, dann „anno regni sui /®" 
die Niederlage der Ungarn am Inn (913) und unmittelbar daran 
anschließend (Porro A. Baioariamm dux usw.) Arnulfs Empörung 
und Flucht erzählt. Wenig eindringend und sachkundig sind die 
italienischen Ereignisse behandelt. Ohne stichhaltigen Grund 
wird das Erscheinen der Ungarn an der Ostgrenze Italiens 898 
bezweifelt (S. 118). Aquileja, Verona, Pavia sind nicht 899 
ihnen „zum Opfer gefallen" (S. 119), sondern Liudprand Ant. 11,9 
sagt ausdrücklich, daß sie an diesen befestigten Städten vorüber- 
zogen {pertranseunt). Markgraf Adalbert II. von Tuscien starb 
nicht 917, sondern wahrscheinlich 915, sicher vor 8. Dez. 915, 
vgl. meine Untersuchungen über „Markgrafen und Markgraf- 
schaften im Italischen Königreich", MJÖG. VII. Ergbd. (1906), 
400 und neuerdings F. Schneider, Die Reichsverwaltung in Toskana 
I, 333 A. 2. Ganz irre geht die Darstellung eines Ungarnzuges 
bis vor Rom (S. 133 ff.), der auf die ungenügende Autorität des 
späten Romuald von Sal^rno hin zu 926 gesetzt wird, aber wohl 
am ersten zu 928 zu ziehen ist. Nicht Alberich von Spoleto, 
wie Martinus Polonus im 13. Jahrhundert infolge eines Miß- 
verständnisses schreibt, sondern Peter, der Bruder des Papstes 
Johann X., wie die Quelle Martins, Benedikt von S. Andrea 
am Soracte c. 29 (vgl. Liudprand Ant. III, 43), berichtet, war es, 
der damals die Ungarn rief und dafür dann von den Römern 
erschlagen wurde, vgl. meine Ausführungen MJÖG. VII. Ergbd., 
S.402f. und 418 A. 1. 

Berlin. Adolf Hofmeister. 



Die Regierung Karls V. und der europäische Norden. Von Rudolf 
Häpke. (Veröffentlichungen zur Geschichte der Freien und 
Hansestadt Lübeck, herausg. vom Staatsarchiv zu Lübeck.) 
Lübeck, Max Schmidt. 1914. XVI u. 386 S. 

Häpkes Buch gehört eng zusammen mit seiner im Auftrag 
des Vereins für Hansische Geschichte durchgeführten Edition 
der „Niederländischen Akten und Urkunden zur Geschichte der 
Hanse und zur deutschen Seegeschichte", Bd. I, 1531 — 1557, er- 
schienen 1913. Demgemäß bilden den einen selbständigen Pol 
der Darstellung die handeis- und speziell die seegeschichtlichen 



r 



16. Jahrhundert 119 



Vorgänge. Da Häpke lange im Brüsseler Staatsarchiv arbeitete, 
d. h. besonders in den Quellen derjenigen Gebiete zu Hause ist, 
die zur Zeit Karls V. Mittel- und Knotenpunkt des Seeverkehrs 
waren und die Fäden zweier Zeitalter zusammenfaßten, gelingen 
seiner Fähigkeit zu besonnenem Aufsuchen großer Linien auch 
auf diesem Gebiet Ergebnisse allgemeiner Bedeutung. Aber manch- 
mal quellen die speziell seegeschichtlichen Interessen doch über; 
in vielen Einzelheiten, besonders der eingehenden Darstellung 
der Konvoifahrten nach Spanien und Portugal seit 1552, am 
merkbarsten aber in dem umfangreichen einleitenden Abschnitt, 
der den Leser gleich am Anfang durch eine Reihe von systemati- 
schen Monographien über Seefahrt und Seehandel, Seefischerei, 
Kapital und Geldbesitz, Handelspolitik, Seekriegswesen führt. 
Das Buch hätte gewonnen, wenn aus diesem Bündel das unmittelbar 
der Einführung dienende herausgelöst und zu einer Einheit, die 
etwa auch die unerörtert bleibenden inneren Verhältnisse Skan- 
dinaviens und der Hansestädte hineingezogen hätte, gegliedert, 
das Überschüssige aber in Anhänge verwiesen worden wäre, wo 
Ausführungen wie über Seefischerei, Kapital und Geldbesitz, 
Seekriegswesen auch ganz anders materialreich hätten auftreten 
können. 

Der zweite Pol neben dem see- und handelsgeschichtlichen 
ist, gemäß den im Gegenstand begründeten Traditionen des 
Hansischen Geschichtsvereins und speziell der Schule Dietrich 
Schäfers, das Interesse an den politischen Ereignissen und Kon- 
stellationen, die Häpke ebenfalls geschickt und wohlorientiert in 
die großen Linien der Weltreichspolitik Karls V. hineinstellt. 
Wie sehr das politische Interesse (neben dem seegeschichtlichen) 
das Auswahlprinzip für die Behandlung auch des wirtschaftlichen 
Prozesses bildet, zeigte schon das gänzliche Überwiegen der 
diplomatischen Korrespondenzen in jener Edition, während im 
Brüsseler Staatsarchiv noch gewaltige, auch für den Landhandel 
wichtige, ergänzende statistische Quellen vorhanden sind, die 
ich vom Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Grundlagen des 
Reiches Karls V. aus dort untersuchte. 

Die „Regierung Karls V." in Häpkes Titel bedeutet ganz 
wesentlich die niederländische Regierung, deren Kanzleipapiere 
das Brüsseler Staatsarchiv verwahrt. Die Regierung unter 
Ferdinand in Deutschland spielt nur ganz gelegentlich hinein, 



120 Literaturbericht. 

und auch der kaiserliche Hof selbst bleibt im Hintergrund, so 
sehr Häpke durchgehend aufzeigt, wie vielfach Karls dynastische 
und Reichspolitik in Konflikte geriet mit den spezifisch nieder- 
ländischen, auf ungestörten Handelsverkehr angewiesenen Inter- 
essen, welche meist die Haltung der Regentin Maria und ihrer 
nebengeordneten Räte bestimmten. So gibt das Buch zugleich 
einen Beitrag zu der sich allmählich durchsetzenden gerechteren 
Würdigung der Auseinandersetzung zwischen Fürsten und Stän- 
den. Eine nähere Verfolgung der verschieden orientierten Stre- 
bungen der einzelnen Provinzen und ihrer leitenden Männer, 
wie ich sie für die Frühzeit Karls V. in den Niederlanden ver- 
suchte, wäre möglich gewesen; doch hatte das Gemeinstaats- 
bewußtsein in dem Menschenalter von der Zeit der Chi^vres und 
Berghes bis zu der Zeit Marias, die Häpke vorzüglich behandelt,, 
große Fortschritte gemacht, und der Verfasser konzentriert sein 
Interesse nur auf die nördlichen Gebiete, besonders die auf- 
steigenden und speziell mit den Hansen in Beziehungen stehenden 
Provinzen Holland und Seeland. 

Ist das nördliche Burgund durchgehend der eine Brenn- 
punkt des Interesses, so ist der andere zunächst das den Sund 
beherrschende Dänemark, besonders solange der vertriebene 
Christian II. auf Grund seiner habsburgischen Heirat wieder und 
wieder einen Stützpunkt in den widerstrebenden Niederlanden 
suchte. Nordwestdeutschland rückt in den Mittelpunkt der 
Darstellung seit der Zeit des Klevischen und besonders für die 
Periode des Schmalkaldischen Krieges, dessen Höhepunkt in 
Niedersachsen, die Bremen befreiende Schlacht bei Drakenburg^ 
Häpke besonders ausführlich und mit von Heimatsliebe be- 
schwingter Feder schildert. Immer aber behält er die Fäden 
zu den zahlreichen andern mit spielenden Parteien in der Hand 
und zeigt insbesondere die Machtverschiebungen zwischen Lü- 
beck, Hamburg, Bremen, Emden auf. 

Wichtiger als einige Anlagen zur Schlacht bei Drakenburg, 
1547, und zu den Seekriegsplänen Moritzens, 1552, wäre ein 
Register oder wenigstens ein ausführliches Inhaltsverzeichnis 
gewesen, das die zwar in gutem Stil geschriebenen, aber weit- 
läufig dahegenden, zu wenig mit Rekapitulationen durchsetzten 
und vielfach mehr mit den Kennern sich unterhaltenden Aus- 
führungen für allgemeine Benutzung besser erschließen würde. 



18. Jahrhundert. 121 

Doch mußte der größere Teil des Buches gedruckt werden, als 
der Verfasser schon im Felde stand. 

Berlin. Andreas Walther. 

Maria Theresia. Ihr Leben und ihre Regierung. Von Eugen 
Guglia. München und Berlin, R. Oldenbourg. 1917. 2 Bde. 
VII u. 388; 418 S. 

Am 13. Mai 1917 wurde zum zweiten Male das Jahrhundert 
voll, daß Maria Theresia das Licht der Welt erblickte. Mitten 
in den Stürmen und Sorgen des Weltkrieges ging dieser Tag 
fast unbemerkt vorüber. Kaum daß in den Schulen die Jugend 
an ihn erinnert wurde. Doch welch besseren Trost gibt es in 
sorgenschwerer Zeit, als sich in die Vergangenheit zu versenken 
und aus ihr zu entnehmen, wie der Staat auch vorher schon aus 
schwerer Gefahr gerettet worden ist. Gerettet worden durch die 
Tatkraft einer Frau, die an den Staat glaubte und durch ihre 
felsenfeste Überzeugung und den Liebreiz ihrer Erscheinung 
ihre Beamte und Untertanen zu ähnlichem Glauben bekehrte. 
Gleich ihrem ersten Sohne lebt Maria Theresia noch heute in 
der Erinnerung des Volkes. Gilt dieser als der Volkskaiser, als 
der Beglücker seiner Untertanen, besonders der Armen und 
Bedrückten und als der Verfechter einer freieren Lebensanschauung 
gegenüber den Mächten des Mittelalters, so jene als die Vertreterin 
des alten, guten, so mächtigen und angesehenen Österreichs,, 
jenes Österreichs, das im Glänze der römischen Kaiserkrone die 
erste Rolle in Mitteleuropa spielte, jener Zeit, die jedem Öster- 
reicher wie ein schöner, längst entschwundener Traum erscheint. 

So war es denn ein guter Gedanke, die zweite Jahrhundert- 
wende mit einer Lebensbeschreibung Maria Theresias zu feiern. 
Ist auch im Kriegsgetümmel der Erfolg des Buches vielleicht 
hinter den Erwartungen geblieben, so wird man in kommenden 
Friedensjahren sicher darauf zurückgreifen. Der Verfasser hat 
auf dem Gebiete der Biographie sein Bestes geleistet, und sa 
lag die Arbeit in bewährten Händen. Unleugbar kommt sie einem 
Bedürfnis entgegen. Maria Theresia hat zwar schon Biographen 
gefunden. Vortrefflich ist das Buch von Adam Wolf „Österreich 
unter Maria Theresia", aber es ist längst vergriffen und liegt 
über 60 Jahre zurück. Das große Werk von Arneth, in seiner 
Art ein klassisches Buch, war viel zu umfangreich, um in die 



122 Literaturbericht 

breite Öffentlichkeit zu dringen. In seinen späteren Bänden 
mehr auch eine Sammlung von Stoff als eine Verarbeitung zu 
abgerundetem Bilde, mehr eine Familien- als eine Staatsgeschichte 
und vor allem nur in österreichischer Beleuchtung aufgenommen, 
so daß dem Bilde das Körperliche fehlt. Denn die Darstellung 
Arneths beruhte im wesentlichen auf den Akten des Haus-, Hof- 
und Staatsarchives. Arneth war auch nicht eigentlich Fachmann. 
Ein hochbegabter Mann und feiner politischer Kopf war er von 
der Verwaltung in die Geschichtschreibung durch Neigung und 
Stellung geraten ohne die fachliche Vorbildung in strenger Schule 
sich angeeignet zu haben. Den Politiker der liberalen Ära hat 
der Vorwurf angezogen, und der Politiker spricht fast aus jeder 
Seite des Buches, gewiß nicht zum Nachteil desselben, wenn 
auch für unseren Geschmack manchmal zu laut. Seit Arneth 
ist viel neues Material dazu gekommen, die Tagebücher Kheven- 
hüllers mit den lehrreichen Anmerkungen von Schlitter, ver- 
schiedene Korrespondenzen, die Arbeiten von Grünberg und 
Meli über die Bauernbefreiung und andere. Auch der große 
Gegner Maria Theresias, Friedrich II., hat seitdem einen neuen 
hervorragenden Biographen gefunden, und zahlreiche Arbeiten 
beschäftigten sich mit der Politik der europäischen Mächte. 

Der Verfasser dieser neuesten Biographie will nicht eine 
Geschichte des österreichischen Staates in der Zeit Maria Theresias, 
€r will eine Lebensgeschichte der großen Kaiserin geben. Daher 
steht das Persönliche durchaus im Vordergrund. Die äußere 
und innere Politik wird nur insoweit dargestellt, als die Kaiserin 
daran Anteil hatte, und so tritt namentlich die Kriegführung 
zurück. Allerdings verzichtet der Verfasser nirgends darauf, 
das Bild der Kaiserin zu zeichnen, und da Maria Theresia fast in 
allen Regierungsangelegenheiten entscheidend eingriff, so wird 
uns zugleich ein guter Teil der Staatsgeschichte vorgeführt. 
Der Verfasser begnügt sich im ganzen, die Quellenveröffentlichun- 
gen und die Literatur auszuschöpfen. Nur ab und zu greift er 
nach ungedruckten Archivalien. Mit Recht; denn anders Heß 
sich die Aufgabe in wenigen Jahren nicht lösen. Viel Unbekanntes, 
das geeignet wäre, neue Lichter zum Bilde Maria Theresias beizu- 
tragen, dürfte überhaupt kaum mehr vorhanden sein. Denn, 
wie der Verfasser mit Recht bemerkt, seine Heldin gibt der For- 
schung keine Rätsel zu lösen. Klar ist die Entwicklung dieser 



18. Jahrhundert. 123 

Frau vorgezeichnet. Das, was sie von Friedrich II. scheidet, 
ist doch der Mangel an tieferer Bildung. Beide hochbegabte 
Persönlichkeiten, aber in Anlage und Entwicklung auseinander- 
gehend, Maria Theresia wie ein Naturlaut, kraft ihres scharfen 
Verstandes zumeist instinktiv das Richtige treffend, voll Tempe- 
rament und Tatkraft, dabei kindlich fromm und gläubig, gläubig 
auch an die Gerechtigkeit ihrer Sache, der König von Preußen, 
ein Philosoph im Besitze der Bildung seiner Zeit, an Tatkraft 
der Kaiserin gleich, ein Diplomat, der unter Umständen auch 
vor zweifelhaften Mitteln nicht zurückschreckt, ein Zweifler 
ohne den kindlichen kirchlichen Glauben, nur von dem Gefühl 
der Verantwortung gegenüber dem Staat beherrscht. Es war das 
Verhängnis Deutschlands, daß sich die beiden Persönlichkeiten 
gegenüberstanden und sich aneinander rieben. Doch hat sich 
in dieser Reibung ihre Größe vielleicht erst recht entwickelt. 
Ohne Mollwitz wäre Maria Theresia zuletzt doch die Kaiserin 
geblieben, die sich im wesentlichen auf die Repräsentation und 
die Familie zurückzog. 

Das Schwergewicht des Buches liegt vielleicht im ersten 
Band. Den Erbfolgekrieg bezeichnet der Verfasser als die Helden- 
zeit der Kaiserin. Mit vollem Rechte. Hier ist überall Maria 
Theresia die treibende Kraft. Angegriffen von halb Europa 
wehrt sie ihr Erbe wie eine Löwin. Der Siebenjährige Krieg 
ist nicht minder ihr Krieg gewesen. Denn daß Maria Thesesia 
den Verlust Schlesiens nicht verschmerzen konnte und daß sie 
trachtete, es mit Gewalt wieder zu gewinnen, darüber ist wohl 
heute kein Zweifel mehr. Schon aus religiösen Beweggründen, 
da sie fürchtete, für das Seelenheil ihrer ehemaligen schlesischen 
Untertanen, das ihr unter einer protestantischen Herrschaft 
gefährdet schien, die Verantwortung vor Gott übernehmen zu 
müssen. Dieser Revanchekrieg erreichte allerdings sein Ziel so 
wenig wie die meisten andern. Unter allen Kriegen gleicht er 
am meisten dem jetzigen, ein Weltkrieg wie dieser aus Revanche- 
gelüsten und kolonialen Streitigkeiten erwachsen, eröffnet durch 
den Einbruch in ein neutrales Land, das des Einverständnisses 
mit dem Gegner beziehtet wird. 

Die innere Verwaltung des Staates, in den Hauptzügen eben- 
falls bekannt, wird noch in dem einen oder anderen Punkte der 
Aufhellung bedürfen. Bietet so der Verfasser im großen und 



124 Litcraturbericht 

ganzen auf dem Gebiete der Politik in angenehmer Darstellung 
Bekanntes, so wird man gerne seinen Ausführungen über das 
gesellige Leben der Kaiserin und ihre Beziehungen zu Kunst 
und Literatur folgen. 

Wien. Voltelini. 

Die Beziehungen der katholischen Rheinlande und Belgiens in den 
Jahren 1830—1840. Von Dr. phil. Lukas Sdrwahn. (Straß- 
burger Beiträge zur neueren Geschichte, herausg. von Prof. 
Dr. Martin Spahn, Straßburg.) Straßburg i. E., Herdersche 
Buchhandlung. 1914. XX u. 208 S. 4,80 M. 

Paul Vogel hat 1913 in seinen Beiträgen zur Geschichte des 
Kölner Kirchenstreits Einzelheiten dieses Kampfes nach den 
Akten und Flugschriften genauer behandelt, insbesondere die 
klerikale Kleinarbeit auf ihren verborgenen Wegen zu verfolgen 
gesucht. Den Anteil des belgischen Klerikalismus an dem Kölner 
Ereignis, an seiner Vorgeschichte und seinen nächsten Nach- 
wirkungen im Rheinlande, die persönliche und sachliche Ver- 
bindung zwischen rheinischem und belgischem Katholizismus 
untersucht die vorliegende inhaltsvolle Schrift. Schwahn hat die 
Akten des Geh. Staatsarchivs in Berlin und des belgischen Mini- 
steriums des Äußern benutzt, er hat überdies etwa 40 deutsche 
und belgische Zeitungen und Zeitschriften (wenn auch nicht 
immer für den ganzen im Titel bezeichneten Zeitraum!) und 
gegen 100 Flugschriften durchgearbeitet (nützliche Übersicht 
S. VII ff.), auch die neuere Forschung sorgsam, manchmal sogar 
allzu umständlich berücksichtigt. Zu bedeutendem Ertrage führt 
das Buch freilich nicht. Wenn man beim Lesen diesen Ein- 
druck gewinnt, so liegt das gewiß zum Teil daran, daß der 
Betrachtungsweise des Verfassers, was sich sogleich, doch nicht 
allein, in der Einleitung zeigt, der große Zug fehlt. Aber zuletzt 
dürfte dieses bescheidene Ergebnis doch der unmittelbare Aus- 
druck der geschichtlichen Wirklichkeit sein. 

Eine starke, selbständig bestimmende Einwirkung des bel- 
gischen Klerikalismus auf den rheinischen ist nicht nachweisbar. 
Das scheint mir die auf den fleißig zusammengetragenen Stoff- 
massen ruhende Untersuchung der Einzelfragen noch deutlicher 
zu zeigen, als der Verfasser selbst bemerkt (doch vgl. S. 67). 
Der belgische Katholizismus hat mehr durch sein Dasein, durch 



19. Jahrhundert. 125 

seine kraftvolle Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit als durch 
selbsteigene Betreibung seiner Gedanken in den Rheinlanden 
gewirkt, weniger als Herd einer von sich aus über die Grenzen 
greifenden Agitation, sondern mehr als ein von außen her ge- 
suchtes Vorbild; nicht das ist das Hervorstechende, daß die 
Belgier ihre kirchenpolitischen Gedanken in der benachbarten 
preußischen Provinz zu verbreiten gesucht hätten — obwohl 
auch das natürlich nicht unterblieben ist — , sondern vielmehr 
das, daß einzelne Führer des rheinischen Katholizismus bei dem 
freien und politisch starken belgischen Katholizismus Rückhalt 
und Förderung suchten und sich bemühten, die eigenen Wünsche 
durch belgische Blätter vertreten zu lassen. Längst vor dem 
Kölner Ereignis, schon alsbald nach der Revolution von 1830, 
läßt sich die Tätigkeit rheinischer Ultramontaner nachweisen; 
insbesondere zwei preußische Denkschriften vom Februar 1838, 
die der Verfasser im Wortlaut mitteilt (S. 175 ff.; vgl. S. 18 ff.), 
nennen zahlreiche Namen. Das Bodenständige des rheinischen 
Klerikalismus müßte freilich noch genauer betrachtet werden, 
die deutsche Vorgeschichte des Kölner Ereignisses bedarf noch 
der Aufhellung. Jedenfalls haben Ultramontane der Rheinlande 
offenbar mehr nach dem belgischen Ideal gestrebt, als daß die 
Belgier es ihnen hätten aufdrängen wollen. An belgischer Pro- 
paganda fehlte es gewiß nicht. Preußenfeindliche politische Ge- 
danken wurden durch die republikanischen Demokraten ver- 
treten; sowohl der zu Frankreich neigende de Potter wie der 
eine unmittelbare Verbindung mit Frankreich abweisende Adolf 
Bartels dachten an belgisch-rheinischen Zusammenschluß. Preu- 
ßische Gesandtschaftsberichte gewähren einzelne Einblicke in 
diese nicht eben bedeutenden belgischen Versuche, den Abfall 
der Rheinlande zu betreiben. Für die große klerikale Partei — 
von der sich die namentlich durch das Journal des Flandres ver- 
tretenen klerikalen Demokraten abgesondert hielten — war nicht 
die politische, sondern die kirchenpolitische Verbindung mit den 
Rheinlanden die nächste Aufgabe. Ihrem Führer, dem Lütticher 
Bischof van Bommel, schrieb man in Berlin wie in Belgien starken 
Einfluß auf die Parteizeitung Le Courier de la Meuse zu. Seh. 
hat den Courier erst von 1834 an benutzen können. Von dieser 
Zeit bis 1837 aber wurde der Kampf gegen die preußische Kirchen- 
politik lediglich in dem neu gegründeten Journal historique et 



126 Literaturbericht 

littiraire de LUge geführt. Diöse Monatschrift beanspruchte 
nach dem Ausbruch des Kölner Kirchenstreites das Verdienst, 
wichtige Vorarbeit geleistet zu haben. Sie hatte sich gegen den 
Hermesianismus und mit besonderer Schärfe gegen das preußische 
Verfahren in der Frage der gemischten Ehen gewandt. Im Rhein- 
land wurde die Zeitschrift stark gelesen; daß der regierungsfreund- 
liche Kölner Kapitularvikar Hüsgen sie im Dezember 1835 verbot, 
wirkte bei den rheinischen Klerikalen eher wie eine Empfehlung. 
Auf die naheliegende Frage nach dem rheinländischen Ur- 
sprung einzelner Aufsätze des Journal läßt sich eine sichere Ant- 
wort nicht geben. Aber es ist klar, daß manche Mitteilungen 
(z. B. die schon in früheren Darstellungen verwerteten über die 
Geheime Instruktion) nur aus den Kreisen des rheinischen Klerus 
stammen können. Dazu halte man, daß Alberts, der in Sittard 
Flugschriften druckte (nicht im Auftrage der belgischen Kleri- 
kalen!) und sie im Rheinland vertrieb, mindestens einen Teil 
seiner Unterlagen aus Rheinpreußen unmittelbar bezog und daß 
auch van Bommel mindestens 1837 von Köln aus auf dem Lau- 
fenden gehalten wurde. So wird man — was ohnedies naheliegt 
— aus den belgischen klerikalen Schlachtrufen gegen die preu- 
ßische Regierung vor allem eben den Klang rheinischer Stimmen 
heraushören müssen. Der Verfasser hätte nachdrücklicher her- 
vorheben sollen, daß das, was er im 2. Kapitel beibringt, nicht 
einfach als Beweis einer selbständigen, lediglich aus belgisch- 
katholischen Erwägungen entspringenden Bekämpfung der preu- 
ßischen Kirchenpolitik gelten darf. Aus den im 3. Kapitel zu- 
sammengetragenen Zeugnissen tritt die bodenständige klerikale 
Arbeit in den Rheinlanden deutlicher hervor. Neben den längst 
bekannten Männern, wie Laurent und Moeller, in denen sich 
Rheinisches und Belgisches unmittelbar vereinigte, wie Binterim 
und Windischmann, zeigen sich andere — Weltpriester, Ordens- 
leute, Laien — als wirksame Träger der rheinisch-belgischen 
Geistesverbindung; ihre Namen sind zumeist durch jene beiden 
preußischen Denkschriften überliefert. Die Leitung des Journal 
betont schon 1835, sie sei ständig darauf bedacht, auch unter den 
ihr bekannten zuverlässigen Geistlichen im Ausland Mitarbeiter 
zu gewinnen; daß man dabei insbesondere an rheinländische 
Klerikale zu denken hat und daß darunter Männer voll eigener 
Initiative waren, ist zum Überfluß besonders bezeugt (vgl. S. 67). 



19. Jahrhundert. 127 

Wenn eine unmittelbare Verbindung Drostes mit den belgischen 
Klerikalen nach seiner Erhebung zum Erzbischof sich nicht 
nachweisen läßt, so ist doch zu beachten, daß er durch seine 
geistlichen Untergebenen, insbesondere seinen Hofkaplan und 
Geheimschreiber Michelis, diese Beziehungen auf besser gesicher- 
ten Wegen pflegen konnte als im unmittelbaren Briefwechsel 
(vgl. S. 75 f. und namentlich 79 ff.). Der Erzbischof ist aber 
auch hier so verfahren wie bei dem Versuche seines Hofkaplans, 
„einige Jesuiten hereinzuschmuggeln"; er „gibt zu allem seinen 
Segen, tut aber einstweilen bei allem noch die Augen zu, so daß 
die Unternehmung nur eine Privatunternehmung ist" (Michelis 
an Binterim, 2. Mai 1837). Ich will nebenbei bemerken, daß die 
nach Ausbruch des Kölner Kirchenstreits beschlagnahmten 
Briefe u. a. von Gutzkow nicht nur in der „Roten Mütze", die S» 
in seiner Übersicht der Flugschriften allein (Nr. 102) nennt, 
sondern auch in den gleichfalls 1838 veröffentlichten „Streif- 
zügen in der Kölner Sache" (Werke, 1. Serie, Bd. 10, S. 62 f., 
vgl. 67) verwertet sind; selbst in Gutzkows unerträglich breitem, 
aber zeitgeschichtlich nicht wertlosem Roman „Der Zauberer 
von Rom" sind (Band 2, 1858, S. 238 f.) der sog. Schnüffelbrief 
und der soeben erwähnte Jesuitenbrief im Wortlaute heran- 
gezogen. 

Aus S.s Darstellung ist wiederum deutlich zu erkennen, daß 
die gegen die preußische Regierung gerichtete klerikale Bewegung 
in den Rheinlanden schon vor dem Kölner Ereignis sich ent- 
faltete; und wenn der preußische Geschäftsträger in Belgien, Graf 
Galen, kurz vor dem Zusammenstoß erklärt, die Maßnahmen 
gegen den belgischen Klerus seien durch „die von Belgien fort- 
während ausgehenden Versuche zur Aufwiegelung der katholi- 
schen Untertanen in der Rheinprovinz" vollkommen gerecht- 
fertigt, so dürfen auch hier die rheinischen Wurzeln des kirchen- 
politischen Inhalts dieser Versuche nicht übersehen werden. 
Daß ein wichtiger Aufsatz des Journal vom Mai 1837 durch 
Michelis gespeist worden ist, steht fest (S. 83 Anm. 2, vgl. S. 103); 
auch in den mißbilligenden Äußerungen, die das Journal vorher 
über Klemens August gebracht hatte, mögen übrigens rhein- 
ländische Stimmen stecken, wie denn die Klerikalen außerhalb 
der engsten Umgebung des Erzbischofs über seine wahre Gesin- 
nung zunächst nicht leicht ins Klare kommen konnten. Seit dem 



128 Literaturbericht 

Ausbruch des offenen Kampfes wurden dem Journal Aktenstücke 
und Nachrichten aus Köln zugeschoben, brachte zugleich der 
Courier de la Meuse unermüdlich seine heftigen Angriffe auf 
Preußen, an denen rheinländische GeistUche entscheidenden An- 
teil hatten (vgl. S. 111 f.)- Daß dem plötzlich gegen die preu- 
ßische Regierung auftretenden Conservateur beige gleichfalls An- 
regungen aus dem Rheinland zugegangen sind, wird dadurch, 
daß das Blatt selbst sie nur für die ..affaires politiques'' ausdrück- 
lich zu bestreiten wagt (S. 117), geradezu bewiesen. In den Rhein- 
landen selbst fehlte es nicht an geistlichen Heißspornen, die die 
Regierung zu gewaltsamem Vorgehen zu reizen suchten (S. 119 f.). 
Wie weit die Absichten einzelner gingen, wie stark sie der Ge- 
danke an die Möglichkeit offenen Widerstands beschäftigte, das 
läßt sich nicht erkennen; belastende Briefe sind offenbar großen- 
teils vernichtet worden, belastete Persönlichkeiten aber ver- 
suchten es nach Kräften mit der Ableugnung — freilich in den 
kirchenpolitischen Angelegenheiten nicht immer mit Erfolg, 
denn mindestens Michelis und Binterim können der Unwahrheit 
überführt werden (vgl. S. 3 f., 88 f., 121), was für die persönliche 
Beurteilung und sachliche Kritik gleich wichtig ist (vgl. auch 130 
Anm. 3). Auch das bleibt ungewiß, ob die nach der Verhaftung 
des Erzbischofs nachweisbare belgische Agitation, die in der 
Stille an eine Revolutionierung der Rheinlande dachte, von 
rheinischen Klerikalen gefördert worden ist. Jedenfalls muß 
man mit dem Verfasser feststellen, daß von einer ernsthaften 
revolutionären Bewegung in den Rheinlanden sich nicht die 
geringsten Spuren nachweisen lassen. Ober den durch das Kölner 
Ereignis angeregten belgischen Pressekampf gegen Preußen gibt 
S. (S. 143 ff.) einige Mitteilungen. Bartels betrieb, wie S. (155 ff.) 
zeigt, seinen alten Gedanken eines belgisch-rheinländischen Zu- 
sammenschlusses von neuem und glaubte ihn im November 1838 
gar der Verwirklichung nahe; die klerikale Partei Belgiens aber 
lehnte ihn jetzt wie früher ab. 

S.s fleißige Schrift, deren Benutzung leider weder durch eine 
eingehende Inhaltsübersicht noch durch ein Register erleichtert 
wird, ist in der Darstellung nicht immer glücklich; schon der 
Titel verrät nicht eben starkes Sprachgefühl. Störend wirken die 
durch manchen Druckfehler entstellten französischen Auszüge 
mitten in der deutschen Erzählung. Vor allem aber vermißt man 



Rechtsgeschichte. 129 

das kräftige Herausarbeiten der leitenden Gedanken, besonders 
auch in dem überaus dürftigen Schlußabschnitt. Offenbar hat 
der eifrige Verfasser beim Kriegsbeginn nicht mehr Zeit und Ruhe 
zu einer letzten Überarbeitung gefunden. Er ist dann alsbald 
im Kampfe fürs Vaterland gefallen. Seine hinterlassenen Unter- 
suchungen über die Beziehungen des rheinischen Katholizismus 
zu dem übrigen katholischen Deutschland und zu Frankreich 
(vgl. das Vorwort vom 5. August 1914 und S. 175 Anm. 1) sind 
zwar nicht abgeschlossen, scheinen aber umfassend und wertvoll 
zu sein; vielleicht wird der Herausgeber der ,, Straßburger Bei- 
träge**, der die vorliegende Arbeit angeregt hat, auch diese Stu- 
dien bald der Forschung zugänglich machen können. 

Gießen. F. Vigener. 

Schweizerische Bauernmarken und Holzurkunden. Von Max 
Gmür. (Abhandlungen zum schweizerischen Recht, her- 
ausgegeben von Max Gmür. 77. Heft.) Mit 33 Tafeln. Bern, 
Stämpfli. 1917. 100 S. 

Dies Buch geht nicht nur den Juristen, sondern ganz be- 
sonders auch den Historiker, in erster Reihe den Diplomatiker und 
Sozialhistoriker an. Die Bücher von Michelsen (1853) und Homeyer 
(1870) über die Hausmarken gehörten noch zu der vorkritischen 
Periode deutscher Rechtsgeschichte, die dennoch an Systematik 
des Blicks der Folgezeit so vielfach überlegen war. Hier hat 
also Gmür weit zurückgehen müssen. Seine anschheßende Be- 
handlung der Holzurkunden bricht vollends Neuland. Sie baut sich 
wesentlich auf einer von ihm selbst angelegten Sammlung von 
Originalen auf, von denen der Anhang zahlreiche in vortreff- 
hchen Lichtbildern zeigt. 

Die Darstellung des Berner Zivilisten sieht die Dinge gewisser- 
maßen umgekehrt wie der Historiker, von ihrem modernen Ent- 
wicklungsende aus. Sie beginnt mit dem Markenrecht, das ja 
außerhalb der ländlichen Rechtsverhältnisse ein völlig lebendiger 
Zweig der gegenwärtigen Jurisprudenz ist, und schreitet dann 
erst zu seinem hauptsächüchen mittelalterlichen Substrat, dem 
rechtlich heute sehr seltenen Kerbholz im weitesten Sinn, vor. 
Gerade hier würde der Historiker einsetzen und an der Hand der 
einzigen eindringenden Untersuchung neuerer Zeit, dem (G. leider 
unbekannten) Aufsatz Michael Tangls über Urkunde und Symbol 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 9 



130 Literaturbericht. 

(Festschrift für Heinrich Brunner, Weimar 1910, S. 761— 775> 
das Wesen des Kerbholzes als volksrechtlichen Symbols im Gegen- 
satz zur römisch-rechtlichen Urkunde zu begreifen suchen. Von 
den durch Tangl kritisch untersuchten Fällen der Befestigung 
einer festuca oder eines Messers an der Urkunde (vgl. dazu noch 
Grimm, Rechtsaltert. 1*, 170 Anm. 2 sowie für England F. Wiß- 
mann, Arch. f. Urkundenforschung 3 [191 1], 263f.) führt ein stetiger 
Zusammenhang zu dem selbständigen Investitursymbol des 
Stabes oder Messers (zu den leider undatierten Beispielen Wiß- 
manns a. a. 0. 263 vgl. jetzt auch die sehr hübschen und frühen 
bei H. W. C. Davis, Regesta Regum Anglo-Normannorum [Ox. 1913J 
nr. 1 [1066], 29 [1069] und 378 [1096]); namentlich wenn das 
Holz nicht schon als Messergriff oder irgendwie sonst gestaltet 
ist, liegt es nahe seinen Symbolch.arakter durch Marken- oder 
Schriftzeichen zu betonen: Einer der von den Maurinern (Nouveau 
Traiti 4, 469; vgl. Tangl a. a. 0. 767) beschriebenen Fälle davon, 
ein Entschädigungsversprechen König Ludwigs VII. für Notre 
Dame in Paris, kommt dann auch der Rechtsbedeutung nach 
ganz auf die Hauptfunktion des Kerbholzes als „Geständnis- 
urkunde" (Gmür 149) hinaus — man sieht die beiden Seiten 
volksrechtlicher Symbolik, die Feierlichkeit und den praktischen 
Realismus, gleichsam sinnlich sich zusammenschließen, 

Je mehr nun im öffentlichen Recht und nach dessen Vorbild 
im herrschaftlichen (geistlichen, grundherrlichen, städtischen) 
Privatrecht die römisch-rechtlichen Urkundenformen die Symbole 
verdrängen, ein desto zäheres Leben führen diese in den wirt- 
schaftlich und gesellschaftlich stabileren Kreisen des ländlichen 
genossenschaftlichen Rechts. Während die Verbindung von 
Holzurkunde und bäuerlicher Kultur zu auffällig ist, um über- 
sahen zu werden, nimmt es eigentlich wunder, daß abgesehen 
von gelegentlichen Ansätzen (z. B. Gmür 71) der Begriff des 
Genossenschaftsrechts in der neueren einschlägigen Literatur 
verhältnismäßig so wenig herangezogen worden ist. Er ver- 
diente m. E. im Mittelpunkt der ganzen Symbolforschung zu 
stehn, und in ihm liegt vor allem auch die tiefere Begründung 
der Einheit von Rechtssymbol und Marke: Die Marke, das durch 
die äußere Gestalt nicht oder kaum erklärte Konventional- 
zeichen ist noch viel mehr als das sich vielfach selbst erklärende 
Symbol die Sprache engster, in ihrem ganzen geistigen Daseia 



Rechtsgeschichte. 13t 

verwandter Gruppen, nicht nur weil sie außerhalb solcher nicht 
mehr verstanden wird, sondern auch weil die Vermehrung ihrer 
Zeichen über enge Grenzen hinaus den Vorsprung vor der ge- 
sprochenen und geschriebenen Sprache wieder aufhöbe. 

Zu unmittelbarer Veranschaulichung gelangt diese Abhängig- 
keit der einzelnen Marke von einer Gesamtheit ähnlicher z. B. in 
den sog. Loshölzern und Einlegetesseln, deren Gesamtheit sozu- 
sagen ein Spiel mit fester Zahl von Einheiten bildet (Gmür 72ff., 
122f. und Tafel XIII, XXVIII), oder noch besser in den Kehr- 
und Gemeindetesseln, wo ein einziger Holzkörper das Verzeichnis 
dersämthchen Einzelmarken trägt (Gmür 83 ff. und Tafel XVIII). 

Wie Amira (Zeitschr. der Savigny-Stiftung 38, 447) die 
Schweizer Mitteilungen G.s besonders für Skandinavien ergänzt 
hat (vgl. auch das von G. nicht angeführte steirische Holzmarken- 
verzeichnis des 18. Jahrhunderts, Ost. Weist. 6, 717 ff.), möchte 
ich mir erlauben auf die Erhaltung des Symbol- und Marken- 
wesens in dem so konservativen englischen Recht mit einem 
Wort einzugehen. Bekannt ist zunächst der bis in die Neu- 
zeit beibehaltene Gebrauch der Kerbhölzer (tallies) im Rech- 
nungswesen der Zentralbehörde, des Exchequer, als scheinbarer 
Widerspruch zu dem vorhin Ausgeführten vielleicht erklär- 
bar durch die starre Form der Abrechnung mit dem festen 
Kreis der ländlichen Grafschaftsbeamten. (Sehr häufigen grund- 
herrlichen Gebrauch der Kerbholzrechnung zeigen z. B. auch 
meine Bad. Weist. 1, 1, 59 n. 1, 61 n. 2, 70 § 24, 225 § 7, 336 § 13; 
die kerfer des Holzgedingweistums von Wevelinghoven 1500, 
Weist, der Rheinprov. 2, 1, 249f., 255, sei es daß sie von Baum- 
zeichen [Aubin 249 n. 5] oder Rechnungshölzern genannt sind, 
bezeugen in beiden Fällen Markenrecht.) Weniger bekannt ist, 
daß in einem der gebräuchhchsten englischen Worte für „Be- 
zeichnung", „bezeichnen", earmark, noch heute das Andenken 
des häufigsten mittelalterlichen Viehzeichens, des Kerbens der 
Ohren, fortlebt; die frühesten Belege des neuenglischen Aus- 
drucks (16. Jahrhundert vgl. Bradley in Murrays Dict. s. v.) 
reichen über die Jahrhunderte die Hand der mearc, mit der in 
den Gesetzen der Angelsachsen (Dunsaete 1, um 935? Lieber- 
mann 1, 374, dazu 2, 310, 583) auch bei unterbrochener Spur- 
folge Eigentum an Vieh bewiesen wird. Und was die Marken- 
verwendung bei Land- und Flurteilung in der Art der oberdeutschen 

9* 



132 Literaturbericht. 

Loshölzer und niederdeutschen Kaveln betrifft (Gmür 73), macht 
mich Felix Liebermann freundlichst auf eine merkwürdige Mit- 
teilung (G. L. Gomme, The village Community [London 1890] 165) 
über die Flurteilung des Manors Aston (Oxfordshire) aufmerksam: 
Die Gemeinweide zerfiel in 16 (im Lauf der Zeit vielfach unter- 
geteilte) gleiche Anteile, deren Marken aus wagerechten Parallel- 
schichten in der Zahl ihrer Reihenfolge bestanden, und nach 
diesen Marken (also doch wohl auf Loshölzern) wurde die nur 
vier Anteile zählende Wiese jährlich verlost; im Nachbarmanor 
Bampton begegnen als Losmarken außer einer komplizierteren 
Strichfigur („zwei Striche rechts und einer darüber") auch bild- 
lichere: ,, Bratpfanne", „Krähenfuß", „Bogen". 

Diese wenigen Bemerkungen geben vielleicht besser als ein 
ausführliches Referat eine Vorstellung von dem Reichtum an 
Nachrichten und Anregungen, den G.s Buch enthält. Ihnen 
auch im Gebiet des so wenig erforschten deutschen Rechts der 
neueren Jahrhunderte zu folgen, würde eine ebenso wichtige als 
dankbare Aufgabe sein. 

Berlin. Carl Brinkmann. 

Salzburger Urkundenbuch IL Band. Urkunden von 790—1199. Ge- 
sammelt und bearbeitet von Abt Willibald Hauthaler 0. S. B. 
und Franz Martin. Mit Unterstützung des k. k. Ministeriums 
für Kultus und Unterricht und der Kais. Akademie der 
Wissenschaften in Wien herausgegeben von der Gesellschaft 
für Salzburger Landeskunde. Salzburg 1916. XXVII u. 756 S., 
A 1—23 S., 10 Tafeln Siegelabbildungen. Preis 24 K. 

Zum Gedächtnis der 100jährigen Vereinigung Salzburgs mit 
Österreich ist dieser stattliche 2. Band^) erschienen, welcher die 
vollständig gedruckten Urkunden aus den Jahren 790 — 1199 
enthält, soweit sie das einstige Hochstift oder das heutige Kronland 
betreffen oder von den Salzburger Erzbischöfen ausgestellt sind, 
während ein 3. Band die Urkunden von 1200—1246 mit Registern 
bringen soll und die Veröffentlichung der Briefe und Akten- 
stücke einem 4. Bande vorbehalten ist. Dagegen wurde von einer 
auszugsweisen oder regestenweisen Wiedergabe von Urkunden 



^) Vgl. die Anzeige des 1. Bandes von Karl Uhlirz in dieser 
Zeitschrift (107 3. F. 11), 230. 



Deutsche Landschaften. 133 

als selbständige Nummern Abstand genommen, ebenso von der 
Anführung jener Urkunden, worin die Erzbischöfe als Zeugen 
oder Intervenienten vorkommen, weil seit 1866 schon das v. Meil- 
lersche Regestenwerk (1106 — 1246) im Drucke vorHegt. Freilich 
fallen dabei die urkundlichen Erwähnungen der Salzburger Dom- 
pröpste, Äbte und sonstigen geistlichen und weltlichen Würden- 
träger, sofern sie nicht in Gesellschaft der Erzbischöfe auftreten, 
unter den Tisch. 

Im Anhang 1 folgen auszugsweise die päpstlichen Kom- 
missorien, im Anhang 2 das Verzeichnis der verlorenen Urkunden. 
Daran schließen sich in Anhang 3 die Konkordanzen zum diplo- 
matischen Anhang von Kleimayrns Juvavia und zu v. Meillers 
Regesten. Nach einem kurzen Abschnitt, der Ergänzungen und 
Berichtigungen zum Urkundenbuche bringt, folgen zehn Tafeln 
mit photographischen Abbildungen von 21 erzbischöflichen 
Siegeln und zwei des Domkapitels, alle in Naturgröße. 

Den Beschluß bildet der Neuabdruck der wichtigen Breves 
Notitiae (c. 790) nach einer neu aufgefundenen Admonter Hand- 
schrift vor 1200 in der Bibliothek der gräfl. Kuenburgschen 
Fideikommißherrschaft Jungwoschitz in Böhmen, nachdem der 
Abdruck im 1. Band nach fehlerhaften Handschriften aus dem 
Schlüsse des 13. Jahrhunderts und 15. Jahrhunderts nicht mehr 
genügte. 

Die musterhafte Urkundenausgabe erfolgte ganz nach dem 
von Sickel geschaffenen Vorbild in der Diplomata-Abteilung der 
Monumenta Germaniae. Soweit es möglich war, sind die einzelnen 
Verfasser und Schreiber der Urkunden genau geschieden und 
sofern ihre Namen nicht bekannt sind, was meist der Fall ist, 
durch Siglen gekennzeichnet. Dazu hat Franz Martin eine 
treffliche Vorarbeit: „Über das Urkundenwesen der Erzbischöfe, 
1106 — 1246" im Q.Ergänzungsbande der Mitteilungen des In- 
stitutes f. österr. Geschichtsforschung, S. 559 — 765, geliefert. 

Mit Rücksicht darauf, daß schon in der Juvavia und in den 
Monumenta Boica, ferner in den neuzeitlichen Urkundenbüchern 
von Oberösterreich, Steiermark und Kärnten viel Salzburger Stoff 
zum Abdruck gelangt ist, konnte verhältnismäßig nicht viel 
Neues geboten werden. Von den 533 Urkunden sind nur 26 ganz 
unbekannt, während 36 bisher nur auszugsweise veröffentlicht 
waren. Aber es bleibt ein nicht zu unterschätzender Vorteil, 



134 Literaturbericht. 

daß nun auf einmal die gesamten salzburgischen Urkunden- 
schätze zu übersehen sind, welche man früher aus verschiedenen 
Büchern zusammensuchen mußte — noch dazu streng geschieden, 
was echt und was falsch ist. Freilich haben da namentlich die 
Monumenta ducatus Carinthiae, Bd. 1 — 4, hinsichtlich der zahl- 
reichen Kärntner, namentlich Gurker Fälschungen reiche Vor- 
arbeiten geboten, deren Ergebnissen die Salzburger Bearbeiter 
einwandfrei gefolgt sind. 

Es fragt sich nur, ob die Herausgeber recht getan haben, 
daß sie Fälschungen — „angebliche Originale" von ihnen ge- 
nannt — nicht aufnahmen, welche keinen noch erkennbaren 
echten Kern enthalten, mögen sie immerhin auf den Namen 
eines salzburgischen Erzbischofes lauten. Denn diese Fälschungen 
sind doch für die Zeit, in der sie entstanden sind, Quellen ersten 
Ranges. 

Schließlich sei bezügüch der Siegelabbildungen 1, 2 und 4, 
von denen nur gesagt ist, daß sie nach Gipsabgüssen in den Samm- 
lungen des Geschichtsvereines in Klagenfurt gemacht sind, er- 
gänzt, daß 1, das Siegel Erzbischofs Friedrich (958 — 991) auf 
n. 47, 2 das Hartwichs (991—1023) auf n. 61 und 4 das Gebhards 
(1060—1088) auf n. HO aufgedrückt ist. Das Siegel Hartwichs, 
auch abgebildet von Richter in Mitteilungen d. Zentralkommission 
f. Kunst- u. historische Denkmale N. F. 8, CXXI, ist aber eine 
Fälschung, Nachbildung eines echten Siegels, was wohl im Text 
zu n. 61 S. 113, nicht aber in den Erläuterungen zu Siegeltafel 1 
erwähnt ist. Das einzige echte Siegel dieses Erzbischofs finden 
wir auf n. 65 aufgedrückt, von dem sich bis heute ein ziemlich 
großes Bruchstück erhalten hat. 

Klagenfurt. August v. Jaksch. 



1 



Notizen und Nadiriditen. 



Die Herren Verfasser ersuchen wir, Sonderabzüge ihrer 
in Zeitschriften erschienenen Aufsätze, die sie an dieser Stelle 
berücksichtigt wünschen, uns freundlichst einzusenden. 

Die Redaktion. 

Allgemeines. 

Unter dem Titel Jahresberichte der deutschen Geschichte 
bereiten Archivrat Dr. Loewe und Privatdozent Dr. Stimming in 
Breslau eine jährlich wiederkehrende Veröffentlichung vor, welche 
die wissenschaftliche Literatur je eines Jahres in sachlichen Referaten 
und in systematischer Anordnung des Stoffes vorführen will. Die 
einzelne Erscheinung soll möglichst in den historiographischen Zu- 
sammenhang eingefügt werden, um den allgemeinen Fortschritt der 
Forschung deutlich hervortreten zu lassen. Im Vordergrund wird 
die politische, die Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsge- 
schichte stehen, aber auch die Grenzgebiete werden berücksichtigt 
werden. Genaue bibliographische Hinweise sollen auch die nicht be- 
prochenen Schriften berücksichtigen. Demnächst soll der Jahrgang 
1918 erscheinen. Der Jahresbericht (etwa 12 Bogen) erscheint im 
Verlage von Priebatschs Buchhandlung in Breslau, Ring Nr. 58, an 
die auch die Überweisung von Besprechungsexemplaren, namentlich 
kleineren Schriften, Sonderabdrucken und Dissertationen, erbeten wird. 

Die „Richtlinien für das Studium der Geschichte des Mittel- 
alters und der Neuzeit" von AI. Meister (Münster i. W., Borgmeyer 
Ä Co. 1916. 44 S. 1 M.) enthalten allerlei Ratschläge und nützliche 
Winke. Aber Meister hat sich, offenbar in der Besorgnis, dem An» 
iänger zuviel zuzumuten, eine Zurückhaltung auferlegt, die nun frei- 
lich diese Richtlinien etwas dünn hat werden lassen. Die ziemlich 



136 Notizen und Nachrichten. 

kärgliche Literaturauswahl bringt neben vielem Guten einigen Ballast, 
läßt aber wichtige Werke (z. B. Haucks Kirchengeschichte, überhaupt 
die kirchengeschichtlichen und kirchenrechtlichen Darstellungen) bei- 
seite. Neben kleinen Flüchtigkeiten stören etliche ungenaue oder 
veraltete Angaben in dem Literaturverzeichnis (z. B. S. 31 f. Ritter, 
Koser, Sybel; S. 37 Zeumer, Altmann; S. 40 Marcks, Meinecke, Fried- 
jung; S. 42 Jahresberichte der Geschichtswissenschaft). F. V. 

„Die großen Mächte" von Ranke sind jetzt auch als Nr. 5975 
von Reclams Universal-Bibliothek abgedruckt; die biographische Ein- 
leitung von Dr. Rudolf Schulze bleibt beim Äußerlichen stehen. 

Auf die 1913 veröffentlichte 12. Auflage von H. Denzingers 
Enchiridion symbolorum definitionum et dedarationum de rebus fidei 
et morum (Freiburg, Herder. XXVII u. 656 S. 6,60 M., geb. 8 M.) 
sei hier nachträglich kurz hingewiesen, da die von dem jetzigen Her- 
ausgeber C. Bannwart zuerst im Jahre 1908 veranstaltete Neu- 
bearbeitung in dieser Zeitschrift noch nicht erwähnt worden ist. 
Die jedem Kirchenhistoriker vertraute wertvolle Sammlung der kirch- 
lichen Glaubensentscheidungen setzt mit den verschiedenen Überliefe- 
rungen des Apostolikums ein und schließt mit dem Modernisteneid 
von 1910. Sie ist durch ein alphabetisches Namen- und Sachverzeichnis 
und einen Index systematicus rerum, quae cum dogmate cohaerent (darin 
die für den Historiker besonders wichtigen, übersichtlich gegliederten 
Abschnitte Ecclesia und Romanus Pontifex!) für den Handgebrauch 
bequem zugerichtet. 

Durch die gediegenen Beiträge eines erlesenen Stabes von Mit- 
arbeitern, die der hochverdiente Herausgeber der „Zeitschrift für 
Kirchengeschichte" B. Beß unter seiner Fahne gesammelt hat, wird 
das für weitere Kreise bestimmte, vornehm ausgestattete Sammel- 
werk „Unsere religiösen Erzieher, Eine Geschichte des Christentums 
in Lebensbildern" (2. Aufl. Leipzig, Quelle & Meyer) auch für den 
gelehrten Leser und weit über das Gedächtnisjahr der Reformation 
hinaus seinen Wert behalten. Wie der Untertitel „Von Luther bis 
Bismarck" andeutet, ist der nationale Gedanke entschieden, wenn 
auch mit weiser Zurückhaltung betont. Neben den feinsinnigen Auf- 
sätzen von L. Zscharnack über die Religion unserer Klassiker und 
dem von W. Herrmann über die erziehliche Kraft der Religion, dem 
kraftvollen Bilde der religiösen Persönlichkeit Bismarcks von O. Baum- 
garten sind für den Historiker vor. allem die aus gründlichster Ver- 
trautheit mit dem Stoff und schöpferischem Einleben in die geschicht- 
liche Umgebung erwachsenen Lebensbilder Zwingiis (von W. Köhler) 
und Calvins (von B. Beß) hervorzuheben, die sich zu einer Schweize- 
rischen Reformationsgeschichte von eigenartigem Reiz ergänzen. Die 



Allgemeines. 137 

Schilderung der religiösen Eigenart Luthers durch Th. Kolde ist 
schon 1908 erschienen und in geschichtlicher Hinsicht durch ein dem 
seitherigen Fortschritt der Luther-Forschung gewidmetes Nachwort 
des Herausgebers ergänzt worden. Die Führer des Pietismus, Spener, 
Francke und Zinzendorf, wurden von O. Uttendörfer, Schleier«^ 
macher von dem verstorbenen O. Kirn und in neuer Bearbeitung 
von H. Mulert, Wichern von F. Mahling in ebenso gründlicher wie 
anziehender Weise behandelt. P. Kalkoff. 

Zu den allerwertvollsten wissenschaftlichen Früchten der Kriegs- 
jähre gehört die Schrift Karl Ho 11s „Die Bedeutung der großen Kriege 
für das religiöse und kirchliche Leben innerhalb des deutschen Prote- 
stantismus" (Tübingen, Mohr. 1917. 129 S.). Sie ist ausgezeichnet 
durch tiefe Kenntnis der Quellen, darunter sehr entlegener und bisher 
kaum beachteter Schriften, scharfe Prüfung der Gedankengänge, 
kraftvollen konstruktiven Aufbau der großen durchgehenden Rich- 
tungen und hohe Prägnanz der Darstellung. Unsere Anschauung vom 
geistigen Leben Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Kriege wird 
sehr bereichert. Eine so starke Persönlichkeit wie der Rostocker Theo- 
loge Großgebauer wird fortan nicht mehr übersehen werden und das 
landläufige Urteil über die Erstarrung der lutherischen Orthodoxie 
nicht mehr wiederholt werden dürfen. Auch in ihren Kreisen reifte 
„ein gesteigertes Selbständigkeitsbewußtsein des Einzelnen" heran, das 
den geistigen Aufschwung des 18. Jahrhunderts mit vorbereiten half. 
— Der zweite Teil der Schrift behandelt die religiöse Wirkung des 
Zeitalters der Befreiungskriege. Stark betont wird, wie der Glaube 
der Aufklärung an den „guten Menschen" erschüttert wurde durch 
die Wucht der Erlebnisse, wie aber zugleich die während des 18. Jahr- 
hunderts überwiegend einheitliche Frömmigkeit des Volkes durch den 
Neuaufschwung des Glaubenslebens im Kriege einen tiefen Riß er- 
hielt, der sich dann auf das politische und gesellschaftliche Gebiet in 
den Parteiungen der Rechten und Linken fortpflanzte. Die Urteile 
des der positiven Richtung zuneigenden Verfassers werden auch den 
Andersdenkenden anregen und innerlich beschäftigen. „Die Kriege'% 
so schließt er, „haben die bestehenden theologischen Gegensätze nie 
aufgehoben, sondern eher vertieft und zu den vorhandenen neue hinzu- 
gefügt. Das war nicht in jeder Hinsicht ein Schade." M. 

Als Sonderabdruck aus dem Novemberheft der Internationalen 
Monatschrift 1917 sind die Gedenkworte, die Ed. Spranger dem preußi- 
schen Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten bei 
Gelegenheit seiner Jahrhundertfeier am 3. November 1917 widmete, 
erschienen. Spranger war der Berufenste, um in einem trotz seiner 
Kürze überaus gehaltvollen Rückblick das Werden und die Wand- 



138 Notizen und Nachrichten. 

lungen des Ministeriums in einer zusammenfassenden Rückschau zu 
umschreiben. Sind auch jetzt noch nicht die Alcten erschlossen, welche 
dessen Entwicklung erst im einzelnen zu verfolgen gestatten, so dürfte 
Sprangers Abhandlung, die sie in der bei dem Verfasser bekannten 
weitblickenden Art in den allgemeinen Gang der Dinge einordnet, 
überall die entscheidenden Gesichtspunkte herausgehoben haben, die 
■für die weitere Forschung maßgebend sind. Es ist, zumal da jetzt 
die Veränderung aller politischen Verhältnisse die mit Wilhelm v. Hum- 
boldt beginnende Epoche der preußischen Unterrichtsverwaltung wohl 
endgültig abgeschlossen hat, zu erwarten, daß das Material für eine 
umfassendere geschichtliche Darstellung und Würdigung zugängig 
werden wird. F.-K. 

R. Passow, Die grundherrschaftlichen Wirtschaftsverhältnisse 
in der Lehre von den Wirtschaftssystemen (Jahrb. f. Nationalökonomie 
112 (1919), 1 — 14) gibt kritische Bemerkungen zur wirtschaftsgeschicht- 
lichen Begriffsbildung. Er wendet sich insbesondere gegen die Auf- 
fassung, die bei der Gegenüberstellung von „Eigenwirtschaft" und 
„Tauschwirtschaft" stehen bleibt, und stellt als Gegensatz zur Eigen- 
wirtschaft den Begriff „Bezugswirtschaft" auf als „Bezeichnung für 
alle Arten individualistischer Wirtschaftssysteme, in denen neben 
€igenwirtschaftlicher Gütergewinnung ... in großem Umfange Güter 
und Dienste aus fremden Wirtschaftseinheiten . . . bezogen werden". 

Aus dem Bändchen 91 der Sammlung „Aus Natur und Geistes- 
welt", in welchem A. Luschin von Ebengreuth 1906 „Die Münze 
als historisches Denkmal sowie ihre Bedeutung im Rechts- und Wirt- 
schaftsleben" mit der nur ihm eignenden Sachkunde behandelt hatte, 
soll jetzt in der zweiten Auflage ein kleiner, für die weitesten Kreise 
der Geschichtsfreunde bestimmter Grundriß der Münzkunde wer- 
den, als dessen erster Teil die im ganzen verkürzte, in einigen Punkten 
aber auch bereicherte und um ein kurzes Kapitel über „Münzfunde" 
vermehrte Luschinsche Arbeit vorliegt: „Die Münze nach Wesen, 
Gebrauch und Bedeutung". Leipzig, Teubner 1918. 102 S. Den 
speziellen Teil dürfen wir von Prof. Buchenau in München bald er- 
warten. E. S. 

W. P. C. Knüttels Verzeichnis der Sammlung der kleinen 
Schriften, die sich im Besitze der königlichen Bibliothek im Haag 
befinden, hat mit dem Erscheinen des 7. und 8. Teils einen vorläufigen 
Abschluß erhalten (W. P. C. Knüttel, Catalogus van de pamf leiten- 
Verzameling berustende in de koniklijke bibliotheek. Deel y und 8. 's Gra- 
venhage. Algemeen landsdrukkerij. 1916. 351 u. 262 S.). Der 7. Teil 
<über den vorhergehenden vgl. H. Z. 92 [1904], 552) enthält die Num- 
mern 26291 bis 29764, die den Jahren 1831—1853 angehören, Teil 8 



Alte Geschichte. 139 

bringt reichhaltige Nachträge, die sich auf die Zeit von 1507 — 1830 
verteilen. Erläuternde Anmerkungen und Verfasserverzeichnisse er- 
höhen den Wert des wichtigen bibliographischen Hilfsmittels, das 
freilich erst durch Beifügung eines Sachregisters der Benutzung in 
wünschenswerter Weise erschlossen werden würde. H. Haupt. 

Neue Bücher: Pohlig, Eiszeit und Urgeschichte des Menschen. 
3. Aufl. (Leipzig, Quelle & Meyer. 1,50 M.) — Troeltsch, Die Be- 
deutung der Geschichte für die Weltanschauung. (Berlin, Mittler & 
Sohn. 1,80 M.) — Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Um- 
risse einer Morphologie der Weltgeschichte. Bd. I. (Wien, Brau- 
müller. 20 M.) — Frdr. v. Bezold, Aus Mittelalter und Renaissance. 
Kulturgeschichtliche Studien. (München, Oldenbourg. 18 M.) — 
Heyer, Der Machiavellismus. (Berlin, Dümmler. 3,50 M.) — Sper- 
ling, Studien zur Geschichte der Kaiserkrönung und -Weihe. (Stutt- 
gart, Violet. 1,50 M.) — Ger des, Geschichte des deutschen Bauern- 
standes. 2., verbesserte Aufl. (Leipzig, Teubner. 2 M.) — Luschin 
V. Ebengreuth, Grundriß der österreichischen Reichsgeschichte. 
2. verbesserte und erweiterte Auflage. (Bamberg, Buchner. 11 M.) 
— Blesch, Frankreichs Streben nach dem Rhein. Elsaß-Lothringen 
in der französischen und deutschen Politik seit dem 16. Jahrhundert. 
<Basel, Finckh. 2 M.) — Festschrift zur Gedenkfeier des 50jährigen 
Bestehens des histor. Vereins Brandenburg, hrsg. von Otto Tschirch. 
(Brandenburg, Histor. Verein. 7 M.) — Gustav Wolf, Dietrich Schäfer 
und Hans Delbrück. Nationale Ziele der deutschen Geschichtschreibung 
seit der französischen Revolution. (Gotha, Perthes. 4 M.) 

Alte Geschichte. 

In der Zeitschrift für ägyptische Sprache 55 zeigt H. Schäfer: 
Die angeblichen Kanopenbildnisse König Amenophis IV. schlagend, 
daß die in Frage kommenden Krugköpfe des Amenophis Gemahlin, 
Nefretete, nicht dem König selbst eignen. Ebendort veröffentlicht 
derselbe Gelehrte einen Aufsatz, der äußerst förderlich ist: Altes und 
Neues zur Kunst und Religion von Teil el-Amarna. Zu beachten ist 
auch G. Möllers Aufsatz: Mhbr Meyaßagog wegen der guten Zu- 
sammenstellung von Zeugnissen über das Volk der Msydßaqoi. 

Wichtig und ergebnisreich ist der Aufsatz A. Debrunners: Die 
Besiedlung des alten Griechenland im Lichte der Sprachforschung in 
Neuen Jahrbb. f. d. klassische Altertum, 1918, 10. 

Die Geschichte der Städte Byzantion und Kalchedon von ihrer 
Gründung bis zum Eingreifen der Römer in die Verhältnisse des Ostens 
von Heinrich Merle. Dissertation Kiel 1916. 96 S. — Diese Arbeit 



140 Notizen und Nachrichten. 

ist noch aus der Schule Stracks hervorgegangen und macht diesem 
trefflichen Lehrer alle Ehre durch ihren gediegenen Fleiß. Zu einer 
eigentlichen Geschichtschreibung ist allerdings das Quellenmaterial 
zu dürftig. Besonders dankenswert sind da die Zusammenstellungen 
am Schluß über den Handel von Byzantion, die Verfassung von Byzanz 
und Kalchedon, die Prosopographie und die Regesten (S. 63 ff.). S. 50 
lehnt Merle die Zugehörigkeit Byzantions zu dem von Philipp von 
Makedonien gegründeten hellenischen Bund ab. Die Tatsache, daß 
die von Alexander befreiten Griechenstaaten Kleinasiens dem Bunde 
beizutreten hatten (Dittenberger syll.'"* 283), widerspricht dem. Avxo- 
voftia und üevd'sQia waren durch die Bundesverfassung gewährleistet 
(Ps. Demosth. 17, 8). Darum schlägt Merles Hinweis auf die Auto- 
nomie von Byzanz nicht durch. S. 65 und 71 wird mit gewisser Ver- 
wunderung die antike Überlieferung (Athen. 6, 271 b) erwähnt, wonach 
die Byzantier auf ihrem Territorium Bauern hatten, deren Stellung 
derjenigen der spartanischen Heloten verglichen wird. Derartige 
Hörige sind im Kolonialgebiet des Ostens und Westens eine verbreitete 
Erscheinung (syll. 279, 5. 282, 15. or. gr. 11, 6). Af. Geizer. 

Aus dem Rheinischen Museum 74, 1/2 kommen für uns hier 
in Betracht: E. Bickel: Beiträge zur römischen Religionsgeschichte. 
2. Zum Cybelekult; L. Weniger: Vom Ursprung der olympischen 
Spiele; B. A. Müller: Zum Ninosroman, worin viel für das Heerwesen 
Wissenswertes sich findet. 

Im Philologus 74,3/4 setzt P. Lehmann seine höchst dankens- 
werten Cassiorstudien fort, und dann veröffentlicht W. So 1 tau: Die 
echten Kaiserbiographien. Der Weg zur Lösung des Problems der 
Scriptores Historiae Augustae. 

Aus dem Hermes 53, H. 4 führen wir an: A. Stein: Ser. Sul- 
picius Similis, der vom Zenturio zum Vizekönig von Ägypten auf- 
stieg. 

In den Wiener Studien 40, 1 finden sich Arbeiten von E. Groag: 
Studien zur Kaisergeschichte. I. Das Pontifikalkolleg unter Trajan. 
2. Die Kaiserrede des Pseudo-Aristides; A. Steinwenter: Ein Re- 
skript der Kaiser Severus und Caracalla über die Privilegien des Col- 
legium centonariorum in Solva; A. Gaheis: Brancatelli, der Epigra- 
phiker von Amelia, ein Fälscher? 

Aus der Numismatischen Zeitschrift 51 (= N. F. 11), 1 — 3 sind 
zu nennen: B. Fi low: Hermesstatue auf einer Münze von Pautalia; 
O. Voetter: Die Kupferprägung der Diokletianischen Tetrarchie; 
W. Kubitschek: Ein Fund byzantinischer Münzen; Eine Inschrift 
des Speichers von Andriake (Lykien); Zum Denarfund aus Nord- 
bulgarien; N. A. Muschmow: Münzfunde aus Bulgarien; M. v. Bahr- 



Alte Geschichte. 141 

feldt: Nachträge und Berichtigungen zur Münzkunde der Römischen 
Republik. 

Im Jahrbuch des K. D. archäologischen Instituts 33, 1/2 be- 
richtet A. Schulten über ein römisches Lager aus dem Sertoriani- 
schen Kriege, das er in Spanien auf den wüsten Flächen Extrema- 
duras — an der alten Römerstraße, die von Emirita Augusta (Merida) 
über Castra Caecilia nach Vicus Caecilius und weiter nach Asturica 
Augusta (Astorga) und Caesarea Augusta (Zaragoza) führte — fand 
und ausgrub. 

Im Archäologischen Anzeiger 1918, 1/2 veröffentlicht G. Kaza- 
row einen mit vielen Abbildungen ausgestatteten, auf eigenen For- 
schungen und Funden beruhenden Aufsatz: Zur Archäologie Thra- 
kiens. 

In den Sitzungsberichten der preuß. Akademie 1918, 43/44 ist 
A. V. Harnacks Abhandlung:. „Zur Geschichte der Anfänge der 
inneren Organisation der stadtrömischen Kirche" abgedruckt. 

Es sei kurz hingewiesen auf den Aufsatz von F. Schneder- 
mann: Zum Erweise geschichtlicher Treue bei den Evangelisten in 
Neue kirchl. Zeitschrift 1918, 12. 

Einen lehrreichen Aufsatz veröffentlicht P. Corssen: Paulus 
und Porphyrios. 1. 1. Kor. 13, 13 im Sokrates, 7, 1/2. 

Ella Heckrodt, Die Kanones von Sardika aus der Kirchen- 
geschichte erläutert. Bonn, A. Marcus und E. Weber. 1917. (Jenaer 
Hist. Arbeiten 8.) Xu. 128 S. — Die Verfasserin will untersuchen, 
„ob sich die Kanones in die kirchengeschichtlichen Bewegungen des 
4. Jahrhunderts einfügen". Diese Frage wird in nüchterner, quellen- 
mäßiger Einzelerörterung durchweg bejaht. Den größten Umfang und 
das größte Interesse beansprucht die Behandlung der „Translations**- 
(S. 4 — 42) und besonders der „Appellations"-Kanones (S. 42—97). 
Bei den letzteren wird ausführlich die allmähliche Entwicklung römi- 
scher Primatansprüche und -Rechte bis ins 5. Jahrhundert verfolgt: 
Die schließlichen „Errungenschaften gehen, wenn sie auch ihre Ansätze 
in früherer Zeit haben, doch weit über die Beschlüsse von Sardika 
hinaus. Es zeigt sich auch hier, daß die sardizensischen Kanones 
durchaus in die bedeutsame Entwicklungsperiode des römischen Pri- 
mats hineinpassen, der sie die Überlieferung zuschreibt." Bei der 
Erörterung der Teilnahme der Nachbarbischöfe an der Bischofswahl 
(S. 114 ff.) wäre der Unterschied zwischen Wahl und Weihe schärfer 
zu beachten gewesen. Auf neuere Literatur wird verhältnismäßig 
spärlich Bezug genommen; zu Abschnitt II hätte z. B. L. Ober, Die 
Translation der Bischöfe im Altertum, Archiv f. kath. Kirchenrecht 
28, 209 ff. angeführt werden können. A. Hofmeister. 



142 Notizen und Nachrichten. 

Als Verfasser des unter dem Namen des Hegesippus gehenden 
lateinischen Geschichtswerks über den jüdischen Krieg hat eine Reihe 
von Forschern Ambrosius von Mailand vermutet. Dieser Annahme 
hat sich u. a. auch Vinc. Ussari angeschlossen, dem die Wiener Aka- 
demie eine neue Ausgabe des „Hegesippus" übertragen hatte. Otto 
Scholz hatte bereits 1909 in einer im 8. Bande von Sdraleks kirchen- 
geschichtlichen Abhandlungen erschienenen Untersuchung jene Hypo- 
these bekämpft und sich für die Verfasserschaft des jüdischen Kon- 
vertiten Isaac, des sog. Ambrosiaster, ausgesprochen (vgl. meine Be- 
sprechung in H. Z. 109 [3. Folge Bd. 13], S. 389). Ein zweiter, durch 
einige wenige belangreiche Zusätze erweiterter Abdruck dieser Unter- 
suchung ist dann 1913 unter dem Titel „Die Hegesippus-Ambrosius- 
Frage" als Breslauer theologische Dissertation erschienen (58 S.), 
die im gleichen Jahre auch als wissenschaftliche Beilage zum Jahres- 
berichte der Oberrealschule zu Königshütte in unveränderter Form 
Verwendung gefunden hat (Königshütte, Druck von Max Gärtner. 
1913. 58 S. Programm 1913, Nr. 329). Herman Haupt. 

Neue Bücher: Radermacher, Probleme der Kriegszeit im 
Altertum. (Wien, Holder. 1,40 M.) — v. Lichtenberg, Die ägäische 
Kultur. 2., verbesserte Auflage. (Leipzig, Quelle & Meyer. 1,50 M.) 
— Ed. Schwartz, Das Geschichtswerk des Thukydides. (Bonn, 
Cohen. 15 M.) — Pais, Dalle guerre puniche a Cesare Augusto. 2 voll. 
(Roma, Nardecchia. 30 L.) — Eduard Meyer, Cäsars Monarchie und 
das Prinzipat des Pompejus. (Stuttgart, Cotta. 24 M.) — Dopsch, 
Wirtschaftliche und soziale Grundlagen der europäischen Kulturent- 
wicklung aus der Zeit von Cäsar bis auf Karl den Großen. I. Teil. 
(Wien, Seidel & Sohn. 27 M.) 

Römisch-germanische Zeit und frühes Mittelalter bis 1250. 

Aus dem 1. und 2. Heft des 10. Bandes des „Mannus", das als 
Festschrift zu Gustaf Kossinnas 60. Geburtstag ausgestaltet ist und 
ein für die Zeit vor 1919 vollständiges Verzeichnis seiner Arbeiten 
enthält, seien hier folgende Aufsätze verzeichnet: O. A Imgren, Zur 
Rugierfrage und Verwandtes, der u. a. wieder die Frage aufwirft, ob 
nicht doch der Name der Insel Rügen nicht slawisch sei, sondern mit 
den Rugiern zusammenhänge; H. Mötefindt, Die Entstehung des 
Wagens und des Wagenrades, die er auf das Scheibenrad und den 
Karren zurückführt und in Norditalien (daneben vielleicht unabhängig 
in Babylonien und Assyrien) suchen möchte; O. Montelius, Die 
Vorfahren der Germanen, der jetzt in diesen die ersten Bewohner 
Schwedens und der anderen skandinavischen Länder nach der Eiszeit 
(vor ungefähr 15000 Jahren) sieht, es aber abweist, auch die Heimat 



Frühes Mittelalter. US 

der Indogermanen überhaupt in den Ländern der Ostsee zu suchen; 
G. Wilke, Die Zahl Dreizehn im Glauben der Indogermanen. 

„Inschriftensammlung zur Geschichte der Ostgermanen" von 
Otto Fi e biger und Ludwig Schmidt (kais. Akad. d. Wiss. in Wien, 
Philos.-hist. Ki. Denkschriften, 60. Bd., 3. Abhandl). Wien, A. Holder 
in Komm. 1917. VIII u. 1/4 S. gr.-4o. 16 M. — Die Sammlung setzt 
um 200 V. Chr. mit dem beim Herannahen der Skiren und „Galater** 
gefaßten Volksbeschluß von Olbia ein und reicht im allgemeinen bis 
zum Todesjahre Justinians (565), über das sie nur vereinzelt hinaus- 
greift. Die Inschriften sind nach den Voiksstämmen geordnet: Skiren, 
Bastarnen, Wandalen, Burgunder, Goten, Gepiden, Heruler, worauf 
dann noch Stücke folgen, die nur im allgemeinen den Ostgermanen 
zugeschrieben werden können, und schließlich solche, wo die Zuteilung 
an Ostgermanen oder Westgermanen nicht entschieden werden kann. 
Auch sonst bleibt noch manches unsicher: auf den einen „Egnatius 
Lugius" von Narbonne (Nr. 16) hin den Stamm der Lugier (vor den 
Wandalen) einzureihen, erscheint mir mindestens bedenklich. Die An- 
gaben über Datierung (oder Unmöglichkeit einer solchen) fehlen zu- 
weilen ohne ersichtlichen Grund. — Unter den 334 Nummern findet 
sich nichts Überraschendes, aber die Sammlung des sehr zerstreuten 
Materials ist zweifellos ein Verdienst, das von Germanisten und Histo- 
rikern dankbar anerkannt werden wird. Daß die Herausgeber uns 
nicht mit langen etymologischen Erörterungen plagen, ist nur erwünscht; 
die Literatur haben sie vollständig (allzu vollständig: denn es ist viel 
wertloses Zeug darunter) aufgeführt, und hier und da hat der kundige 
Rud. Much eine eigene Bemerkung beigesteuert. Es wäre sehr erfreu- 
lich, wenn die Westgermanen bald folgen möchten! E. Schröder. 

Im Verlag von L. Hartmanns akademischer Buchhandlung in 
Agram ist der erste (bis 1102 reichende) Teil einer Geschichte der 
Kroaten von Ferdinand v. Sisic (mit 3 Karten. 1917. XIV und 
407 S.) in deutscher Sprache erschienen, die auf besondere Beachtung 
rechnen darf. Der Verfasser schildert in einer Einleitung den Schau- 
platz Her kroatischen Geschichte, die prähistorische Zeit, das illyrische 
und römische Zeitalter, die Tage der Völkerwanderung und geht hier- 
auf auf die Periodisierung der kroatischen Geschichte ein, für welche 
die Jahre 1102, 1526 und 1790 die im Gegenstand selbst begründetem 
Einschnitte geben. Der vorliegende Band behandelt in 15 (bis zur 
Krönung König Kolomans zum König von Kroatien und Dalmatien 
reichenden) Abschnitten, die nicht alle von gleichem Umfange und 
Werte sind, seinen Gegenstand in gut übersichtlicher Weise. Man 
entnimmt einem Vergleich mit des Verfassers wertvollem Enchiridion 
historiae Croaticae, daß Sisiö seinen Gegenstand streng kritisch be- 
handelt und auf seinen wahren Gehalt hin verwertet. Von den Zitaten 



144 Notizen und Nachrichten. 

regen viele zur Lesung der Quellen selbst an. An einer größeren Zahl 
von Stellen waren Fragen zu erledigen, über die noch jetzt Streit der 
Meinungen unter den Historikern herrscht, wie über die Grenzen 
zwischen den eingewanderten Magyaren und den Kroaten oder über 
die bulgarisch-byzantinischen Beziehungen, über die kirchlichen Ver- 
hältnisse, die Zugehörigkeit Bosniens zu Kroatien usw. Ausführlich 
wird an den passenden Stellen die Frage der slawischen Liturgie be- 
handelt. Wir wollen auf die Erörterung des bekannten, von verschie- 
denen Historikern ganz verschieden gedeuteten, weil dunkel gehal- 
tenen Angebotes Gregors VH. an den Dänenkönig Sven Estridson, 
^,ihm bzw. seinem Hause ein nicht weit vom Meer abliegendes reiches 
Gebiet, das feige Ketzer innehaben, zuzuwenden", noch besonders 
hinweisen. Damit ist Kroatien gemeint. Für die Zeit des Investitur- 
streites und den Ausgang des nationalen Königtums bringt das Buch 
«ingehende und sichere Angaben. 

Graz. J. Loserth. 

Konrad Müller, „Ulfilas Ende" in der Zeitschrift für deutsches 
Altertum, Bd. 55, will in dem Sterbebericht lesen ad disputationem 
habendam contra Apollinaristas (was schon Waitz erwogen, aber 
abgewiesen hatte); als Todesjahr Ulfilas kommt nach ihm mit F. Vogt 
einzig 382 (nicht 383) in Frage, wozu die anderen überlieferten Lebens- 
daten Ulfilas aufs beste stimmen. 

In der Zeitschrift für deutsches Altertum Bd. 55 bespricht Th. 
V. Grien berger „Ostgermanische Flußnamen bei Jordanes" (Scar- 
niunga, Aqua nigra, lacus Pelsois, Nedao, Bolia, Auha, Gilpil, Grisia, 
Miliare, Marisia, Flutausis). — J. Schwietering tritt für den christ- 
lichen Ursprung des ersten Merseburger Spruches ein. — Die Wen- 
dung „Nu zuo des der neve si!" (Meier Helmbrecht, Ottokars Reim- 
chronik), „die nur fürs oberdeutsche Österreich belegt" ist und „zu- 
dem verhältnismäßig junge Anschauungen und Zustände voraussetzt", 
wird von L. Pfannmüller auf die Entsippung zurückgeführt. — 
Rudolf Much erklärt den inschriftlich aus den unteren Rheinl^nden 
überlieferten Namen einer germanischen Göttin Vagdavercustis als 
wagda-werkustiz = virtas militaris. — E. Schröder („Otfrid beim 
Abschluß seines Werkes") sieht in den Versen I 1,31 ff. eine Anspie- 
lung auf die Anerkennung der slawischen Kirchensprache durch Ha- 
drian II. im Frühjahr 868 und wertet das als Beleg für die Annahme 
von der damals erfolgten Abfassung des Werkes. — L6on Polak legt 
einen II. sagengeschichtlichen Teil von „Untersuchungen über die 
Sage vom Burgundenuntergang" vor. 

Die Abhandlung über „Althochdeutsch und Angelsächsisch", 
die W. Braune in den „Beiträgen zur Gesch. d. dt. Sprache u. Lite» 



Frühes Mittelalter. 145 

ratur" 43 (1918), 361—445 veröffentlicht, darf auch von dem Histo- 
riker nicht übersehen werden. Die Untersuchung des christlichen 
Wortschatzes der ahd. Sprache führt den Verfasser dazu, eine von 
England aus durch die angelsächsische Kirchensprache beeinflußte 
jüngere Schicht (Fulda!) von der älteren, süddeutsch-rheinischen zu 
scheiden. Bei einzelnen Begriffen haben die in Süddeutschland kirch- 
lich umgeprägten vorchristlichen Ausdrücke die entsprechenden angel- 
sächsisch-fränkischen Worte verdrängt, bei anderen (wie „heilig") ist 
umgekehrt der angelsächsische Sprachgebrauch durch die Missionare 
des 8. Jahrhunderts nach Deutschland übertragen worden und dort 
zur Alleinherrschaft gelangt. Die christliche Umprägung der heid- 
nischen Festnamen „Ostern*' und „Jul" schreibt Braune in eingehen- 
der Begründung der englischen Kirche zu. Er lehnt damit für „Ostern" 
Kluges Herleitung aus dem Gotischen ab. Auch „Kirche" sei nicht 
durch gotische Vermittlung zu den übrigen Germanen gekommen, 
vielmehr müsse mit Stutz die Heimat des deutschen und des eng- 
lischen Wortes für Kirche am Rhein (4. Jahrhundert) gesucht werden; 
gleiches gelte für „Bischof", und das germanische Wort „Heide" 
sei zuerst von den Angelsachsen nach 600 für gentilis, ethnicus, paganus 
gebraucht worden". Zum Schlüsse sucht Braune, vielfach an A. Doves 
Untersuchungen anknüpfend, auch für theotiscus die Herkunft aus 
England zu erweisen. J. Grimms Annahme eines gemeingermanischen 
*^iudiska verwirft Braune; von dem nur einmal belegten got. ^iudiskö 
müsse ahd. diutisc, ags. ^eodisc „seiner Entstehung nach vollständig 
getrennt werden". Eine ausreichende Begründung wird man hier ver- 
missen. Für die Bezeichnung der deutschen Sprache als theotisca 
sucht Braune, einer Vermutung Doves folgend, in der Umgebung des 
Bonifatius die Heimat. Er verwirft dabei Doves Annahme, daß der 
Name für die deutsche Gemeinsprache „zunächst in deutscher Zunge" 
ausgebildet worden sei; man müsse „von einem deutschen thiudisc 
als Grundlage" völlig absehen und die Einführung der Bezeichnung 
theodisca lingua in Deutschland dem Bonifatius zuschreiben. Die Be- 
merkungen über das älteste Zeugnis für theodisce (S. 442f.) seien be- 
sonders hervorgehoben. Aber die ganze Untersuchung ladet Historiker 
und Germanisten zu erneuter Beschäftigung mit diesen Fragen ein. 

F. V. 
In einer eingehenden Besprechung von Caspars Buch „Pippin 
und die römische Kirche" (Götting. Gel. Anzeigen 1918, 401 — 425) 
kommt A. Brackmann wie Caspar zu dem Ergebnis, daß die Ur- 
kunde von Kiersy als Garantievertrag aufzufassen sei, hält aber gegen- 
über Caspars Ablehnung an der Anschauung W. Sickels fest, daß die 
Urkunde in der Form der römischen und nicht der fränkischen Ver- 
iragsurkunde abgefaßt worden sei. Pippins politische Haltung und 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 10 



146 Notizen und Nachrichten. 

Fähigkeiten möchte Brackmann günstiger beurteilt wissen, als es 
durch Caspar geschehen ist. 

Im Archiv für slawische Philologie Bd. 37, 1. u. 2. Heft prüft 
L. Stein berger („Wandalen = Wenden") die angeblichen Belege 
für die Gleichsetzung der Vandalen und Wenden (mit eigenen Beob- 
achtungen für die von ihm vor 805 datierten Wessobrunner Glossen); 
als ältester bleibt das Glossar Salomos (II. oder III.) von Konstanz 
bestehen. 

„Ein mittelirisches Lobgedicht auf die Ui Erhart von Ulster**- 
und ihren König Aedmar Domnaill (993 — 1004) hat Kuno Meyer 
in den Sitzungsberichten der preußischen Akademie der Wissenschaften 
(Berlin 1919, 5) mit Übersetzung herausgegeben. 

Der Aufsatz von Emil Gold mann, „Tertia manus und Inter- 
tiation im Spurfolge- und Anefangsverfahren des fränkischen Rechtes. 
Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Fahrnisprozesses" in der 
Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanist. Abt. 
Bd. 39 tritt unter eingehender Erörterung der einschlägigen Stelle der 
Lex Salica für die Sequestrationstheorie ein. — Aus demselben Bande 
seien ferner die „Studien zur Geschichte des deutschen Arrestprozesses, 
Der Fremdenarrest" von Hans Planitz und die Bemerkungen über 
„Das älteste Breisacher Stadtrecht" von F. Beyerle hervorgehoben.. 

Die „Beiträge zur Geschichte der Predigt und des religiösen 
Volksunterrichts im Elsaß während des Mittelalters" von L. Pfleger 
im Historischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft Bd. 38, 4. Heft 
gehen besonders ausführlich auf die merowingisch-karolingische Zeit 
und die Missionspredigt ein (namentlich auf Cod. Weissenburg. 75 in 
Wolfenbüttel); daneben besprechen sie „Die Predigt gegen den Islam'*^ 
und „Zeugnisse und Nachrichten für die Predigttätigkeit in elsässischen 
Städten vom 13. bis 15. Jahrhundert". 

In „Westfalen, Mitteilungen des Vereins für Geschichte und 
Altertumskunde Westfalens und des Landesmuseums der Provinz 
Westfalen", 9. Jahrg., Heft 2 u. 3 (1918) gibt Klemens Löff 1er einen 
Überblick über „Die Anfänge des Christentums im späteren Bistum 
Münster"; bei Markloh, dem Ort der alten sächsischen Landesver- 
sammlung, denkt er in erster Linie an Lohe bei Nienburg am linken 
Weserufer. 

Im 2. Teil seiner „Fuldensia" handelt Edmund E. Stengel im 
Archiv für Urkundenforschung Bd. 7 eindringend und sorgsam „über 
die karolingischen Kartulare des Klosters Fulda", indem er in großen 
Zügen die Gliederung sowohl der erhaltenen Kartulare wie der Kar- 
tularauszüge Eberhards aufzeigt. Wenn wirklich für die geplante 
Neuausgabe des Codex Laureshamensis die Absicht besteht, unter Auf- 



I 



Frühes Mittelalter. 147 

lösung von dessen geographischer Gliederung „ein auf der chronologi- 
schen Reihenfolge aufgebautes modernes Urkundenbuch herzustellen**, 
so halten wir das für recht bedenklich, weil dann doch die alten Drucke 
daneben stets unentbehrlich bleiben würden. 

Im Historischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft Bd. 38, 4. Heft 
sucht F.J.Bendel (,, Studien zur ältesten Geschichte der Abtei Fulda") 
mit ganz wilden, methodisch unzulässigen Vermutungen die bisherige 
Wertung von Eigils Vita Sturmi zu erschüttern, die nach ihm sogar 
ein Werk Otlohs aus dem 11. Jahrhundert sein könnte (!!); er be- 
streitet auch, ohne zu tiberzeugen, die Entstehung der sog. Chartula 
s. Bonifatii oder Fuldaer Grenzbeschreibung noch im 9. Jahrhundert. 

A. H. 

Alphons Dopsch, „Das Capitulare de Villis, die Brevium Exempla 
und der Bauplan von St. Gallen" (dazu ein Nächtrag: „Nochmals der 
Bauplan von St. Gallen" mit Stellungnahme zu Hugo Grafs kunst- 
geschichtlicher Erklärung) verteidigt in der Vierteljahrschrift für 
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Bd. 13 namentlich gegen Baist seine 
Verweisung des Cap. de villis in die aquitanische Königszeit Ludwigs 
des Frommen und seine Darlegungen über die Brevium exempla; den 
Bauplan von St. Gallen möchte er mit der großen Klosterreform Lud- 
wigs des Frommen von 816 — 817 und damit ebenfalls mit südfranzö- 
sischen Einflüssen in Verbindung setzen. — Ebendort behandelt Mar- 
garete Merores „Die venezianischen Salinen der älteren Zeit in ihrer 
wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung" (etwa vom 10. bis zum 
Ende des 12. Jahrhunderts). Frhr. H. v. Minnigerode polemisiert 
in „Bemerkungen zu den Kölner Burggrafenfälschungen" gegen die 
Kritik der Untersuchung Beyerles durch Luise von Winterfeld. Ernst 
Mayer, „Zum frühmittelalterlichen Münzwesen und der angeblichen 
karolingischen Bußreduktion" will „eine neue und dabei überaus ein- 
fache Lösung" vorlegen, „nach der es möglich sein wird, von einer 
fast vollständigen Stabilität der Münz- und Wertverhältnisse aus- 
zugehen". Er sucht von den angelsächsischen Münzverhältnissen aus 
„ein entscheidendes Licht" auf das fränkische Münzwesen fallen zu 
lassen, nimmt für die karolingische Zeit eine Goldsilberrelation von 
1 : 12 an, leugnet eine Reduktion der Bußsätze und „die angebliche 
Schöpfung eines eigenen karolingischen Pfundes", während man viel- 
mehr zu keiner Zeit vom römischen Pfund abgewichen sei; nur seien 
in der Tat in der Zeit Pippins und Karls des Großen die Denare all- 
mählich wieder etwas schwerer ausgeprägt worden. 

In einem weiteren „Beitrag zur Entstehung der sog. Formular- 
sammlung von St. Denis" („Zum Briefwechsel Einhards und des hl. 
Ansegis von Fontanelle [St. Wandrille]", in der Historischen Viertel- 

10* 



148 Notizen und Nachrichten. 

Jahrschrift XVIII, 1916/18, 4. Heft) behandelt M. Buchner mit 
ebensowenig Erfolg, wie früher andere Stücke derselben Sammlung 
(vgl. H. Z. 114, S. 667; 117, S. 349 u. 524; 119, S. 327) die Nr. 17, 
die er ohne durchgreifende Gründe als Brief des Abts Ansegis von 
Fontanella (822 — 833) an Einhard ansieht. Selbst wenn man die zu- 
nächst ansprechende, aber keineswegs notwendige Beziehung des 
Schreibers zu Fontaneila annimmt — daneben kommt z. B. Jumi^ges 
in Betracht — , zwingt nichts, gerade an Ansegis zu denken. 

Die Arbeit von Artur Schönegger S. J. über „Die kirchen- 
politische Bedeutung des Constitutum Constantini im früheren Mittel- 
alter (bis zum Decretum Gratiani)" in der Zeitschrift für katholische 
Theologie Bd. 42 (1918) will mit allzu weitgehender Skepsis nach- 
weisen, daß „der falschen Urkunde für die kirchenpolitische Ent- 
wicklung des frühen Mittelalters nicht die Bedeutung zukommt, die 
ihr von der Forschung in traditioneller Weise beigelegt wurde"; auch 
ohne sie „würde die kirchenpolitische Entwicklung den Lauf genommen 
haben, wie er uns in dieser Periode vor Augen tritt". Erst Leo IX. 
habe sie „bestimmt und zielbewußt" zu praktischen Zwecken heran- 
gezogen, und erst die Aufnahme in das Decr. Grat, als Palea (D. 96 
c. 14) habe ihr Ansehen gefestigt und ihr autoritativen Einfluß ver- 
schafft. 

Aus der Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 
Bd. 14 (1918) sind an dieser Stelle folgende Arbeiten zu verzeichnen: 
Philipp Heck weist „Die Ministerialentheorie der Schöffenbaren" zu- 
rück, die vielmehr im Sachsenspiegel durchaus als Freie gedacht seien; 
der Ausdruck „schöffenbarfrei" komme in dieser Form bei Eike nicht 
vor. Robert Endres behandelt fördernd, aber etwas knapp und fast 
rein wirtschaftsgeschichtlich „Das Kirchengut im Bistum Lucca vom 
8. bis 10. Jahrhundert" (zu den Quellen ist nachzutragen der 1910 
erschienene 1. Band des Regesto del Capitolo di Lucca von P. Guidi 
und O. Parenti). — Ernst Mayer, „Zur Hundertschaft und Zehnt- 
schaft", polemisiert gegen Claudius Frhrn. v. Schwerin, und Fedor 
Schneider knüpft an den 4. Band von L. M. Hartmanns Geschichte 
Italiens im Mittelalter einzelne Ausführungen „Zur Geschichte der 
Ottonen", in denen er besonders gegenüber Hartmann die Umwand- 
lung des Urteils über Otto III. und seine Regierung auf Grund der 
Forschungen von Halphen und Bloch zum Ausdruck bringt. 

„Fünf unbekannte Urkunden Heinrichs III. und IV.", betr. 
Landschenkungen an königliche Ministerialen, hat Hans Pregler aus 
einem Kopialbuch des Klosters Michaelsberg bei Bamberg in der 
Archivalischen Zeitschrift 3. F., 1. Bd. veröffentlicht; für das Itinerar 
Heinrichs IV. wichtig ist die letzte, vom 18. Juli 1068, Botfeld. 



Frühes Mittelalter. 149 

In der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 
39, kanonist. Abt. 8 untersucht W. Levison „eine angebliche Urkunde 
Papst Gelasius' II. für die Regularkanoniker" (1118 — 19), die er wegen 
der Beziehungen ihrer Grußformel zu der Schrift Letberts von St. 
Ruf US bei Avignon (f 1110 oder Uli) zum Preise des Augustiner- 
ordens als eine freilich unerklärbare Fälschung betrachtet. Auch auf 
die Abhandlung von R. Kost 1er, „Consuetudo legitime prescripta. 
Ein Beitrag zur Lehre vom Gewohnheitsrecht und vom Privileg" 
(ebendort) ist hier hinzuweisen. 

Auf die „Kunstgeschichtlichen Untersuchungen über die Eulalios- 
Frage und den Mosaikschmuck der Apostelkirche zu Konstantinopel" 
von Nikos A. Bees im Repertorium für Kunstwissenschaft Bd. 39 
und 40 sei hier besonders wegen darin enthaltener Untersuchungen 
zur Genealogie des byzantinischen Kaiserhauses der Komnenen auf- 
merksam gemacht. 

Der Versuch von L. Rieß, seine Aufstellungen über „Die treuen 
Weiber von Weinsberg** zu verteidigen (Histor. Vierteljahrschrift 18, 
1916/18. 4. Heft), wird von R. Holtzmann (ebenda, vgl. H. Z. 117, 
S. 525) entscheidend zurückgewiesen. 

„Ein neuer Versuch zur Erklärung des Carmen V. (Nocte qua- 
dam usw.) des Archipoeten" von K. Schambach in den Annalen 
des histor. Vereins für den Niederrhein 102 (1918) nimmt, Schmeid- 
lers Darlegungen weiterführend, an, daß dieses Gedicht am 18. Nov. 
1164 auf dem Hof tage zu Bamberg in Gegenwart Reinaids von Köln 
und des Pfalzgrafen vorgetragen worden sei. — Zu Archipoeta VII, 11 
schlägt M. H. Jellinek in der Zeitschrift für deutsches Altertum 
Bd. 55 die Lesung at Yrus statt atyrus vor. 

„Die Neuordnung des Reichsfürstenstandes und der Prozeß 
Heinrichs des Löwen" wird aufs neue von Richard Mo eller in der 
Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germ. Abt. 39 
(1918) behandelt. Während ihm in der einleuchtend begründeten Ab- 
lehnung der Fehrschen Unterscheidung eines doppelten Fürstenbegriffes 
im Sachsenspiegel durchaus zuzustimmen ist, bleibt es bei dem Ver- 
such, die reichsrechtliche Schaffung des jüngeren Reichsfürstenstandes 
anläßlich des Prozesses Heinrichs des Löwen durch ein sowohl zeitlich 
und örtlich, wie inhaltlich ganz fest bestimmtes Weistum (zu Kaina 
August 1179) genau festzulegen, doch bei öfter gewiß diskutablen 
Vermutungen. Im übrigen finden sich recht gute Beobachtungen; 
daß die Übergangszeit in der Entwicklung vom älteren zum jüngeren 
Reichsfürstenstand im wesentlichen vor, nicht nach 1180 lag, ist zweifel- 
los richtig. Aber der Hallersche Text der Geinhäuser Urkunde, den 



150 Notizen und Nachrichten. 

Moeller zugrundelegt, ist wohl noch nicht der endgültige (vgl. H. Z. 
118, S. 156), und in der Quellenkritik möchte ich Moeller, der Arnold 
und mit Recht auch den Ursperger Chronisten nachdrücklich heranzieht, 
nicht immer folgen. Zu Kaina kam nach ihm nur das landrechtliche 
Verfahren zum Abschluß, in dem iehnrechtlichen, dessen erste beiden 
Termine mit dem des landrechtlichen zusammenfielen, wurde der 
Spruch erst zu Würzburg gefällt; in ersterem waren Fürsten und 
Standesgenossen (d. h. Edelfreie, nobiles), in letzterem nur Fürsten 
die Urteilen Daß dem Herzog sein AUod nicht entzogen sei und die 
Pegauer Annalen (mit denen andere Quellen übereinstimmen) in diesem 
Punkte irren, ist nicht zutreffend; nur durch die Gnade des Kaisers 
erhielt ja Heinrich zu Erfurt 1181 sein Eigengut Braunschweig und 
Lüneburg zurück (Ann. S. Petri Erphesf. mai. S. 66f.). A. H. 

„Die Entstehung der Vita Engelberti des Cäsarius von Heister- 
bach" schildert J. Greven in den Annalen des histor. Vereins für 
den Niederrhein 102 (1918) auf Grund der neuen Ausgabe von A. 
Poncelet in den Acta Sanäorum Bolland. Nov. T. III; er zeigt, daß 
diese ursprünglich als 4. und 5. Buch der Libri VIII miraculorum ge- 
dacht war, kurz vor der Vollendung aber im Auftrage des Erzbischofs 
Heinrich von Köln zu einem selbständigen dreiteiligen Werke um- 
gestaltet wurde. Dieses liegt handschriftlich in zwei Fassungen vor, 
von denen die zweite, kürzende, wohl sicher später als Cäsarius ist. 
Die Äußerung des Cäsarius über Engelberts Tod Hom. III S. 90, 91 
ist spätestens im Dezember 1225, nicht, wie Poncelet will, erst im 
September 1226 geschrieben. 

Die Abhandlung Eduard Eichmanns über „Die Stellung Eikes 
von Repgau zu Kirche und Kurie" im Historischen Jahrbuch der 
Görres- Gesellschaft Bd. 38, 4. Heft, die ihre Schlüsse auch durch 
die vermeintlich von dem gleichen Verfasser herrührende Säch- 
sische Weltchronik und die unbewiesene Annahme von einem späteren 
Eintritt Eikes in den geistlichen Stand stützen möchte, wendet 
sich gegen die Meinung, daß Eikes Gesinnung irgendwie eine anti- 
kuriale oder gar antikirchliche Spitze zeige. Eichmann sucht seine 
Auffassung des mit rechte im Ssp. III 54, 3 = iudicio zu verteidigen, 
hält dabei aber die verschiedenen Fassungen der Sächsischen Welt- 
chronik nicht genügend auseinander; er will aus der in keinem Falle 
mit Eike zusammenhängenden Fassung C eine Stütze für seine Deutung 
gewinnen. Für Eikes Stellung zum Wormser Konkordat ist auf Fest- 
schrift für Dietrich Schäfer (Jena 1915) S. 112 ff. zu verweisen. Auch 
Ssp. III 2 von den Pfaffen und Juden, welche Waffen führen und 
nicht geschoren sind nach ihrem Rechte, steht nach Eichmann in 
vollem Einklang mit dem kanonischen Recht seiner Zeit. A. H. 



Späteres Mittelalter. 151 

In „Studien zu den deutschen Münznamen" in der Zeitschrift 
für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermani- 
schen Sprachen Bd. 48 spricht Edward Schröder über Scherf, Pfen- 
ning, Schilling, Schatz. 

Neue Bücher: Forrer, Das röm. Zabern Tres Tabernae. (Stutt- 
gart, Kohlhammer. 12 M.) — Ludw. Schmidt, Geschichte der deut* 
sehen Stämme bis zum Ausgange der Völkerwanderung. 2. Abt., 
2. Buch (Schluß) u. 3. Buch. (Berlin, Weidmann. 12 M.) — Peitz, 
Über Diurnus. Beiträge zur Kenntnis der ältesten päpstlichen Kanzlei 
vor Gregor dem Großen. I. (Wien, Holder. 5,80 M.) — Busseil, 
Religioüs thought and heresy in the Middle Ages. (London, Scott.) 

Späteres Mittelalter (1250—1500). 

In den Franziskanischen Studien 1918, Oktober vertritt T. Den- 
kinger eine neue Hypothese über die Abfassungszeit der den Zeit- 
geist geißelnden Histoire de Fauvain, die bisher nach 1314 angesetzt 
wurde; er weist auf die Zeit des letzten Kreuzzugs (1270) hin, — 
Jak. Feldkamp stellt im gleichen Heft zusammen, was sich über 
Albrecht von Beichlingen, den Sproß des bekannten Geschlechts, 
als Weihbischof von Erfurt (etwa 1335—1371) ermitteln läßt. 

K. Helm erinnert in Braunes „Beiträgen zur Geschichte der 
deutschen Sprache und Literatur" 43 (1918), Heft 2, S. 341 ff. daran, 
daß Hugo von Langenstein in seiner 1293 vollendeten Martina die 
Legenda aurea des Jacobus a Voragine benutzt hat, und setzt danach 
die Entstehung der Legende in das Ende der achtziger Jahre. Dieses 
Ergebnis stützt (ebenda Heft 3 S. 549) Ph. Strauch durch erneuten 
Hinweis auf eine Stelle des zwischen 1287 und 1291 gedichteten „Wil- 
helm von Wenden" Ulrichs von Eschenbach, der gleichfalls die Legenda 
aurea verwertet hat. 

Dante Alighieri, La Divina Commedia. Vollständiger Text, 
mit Erläuterungen, Grammatik, Glossar und sieben Tafeln hrsg. von 
Dr. Leonardo Olschki, a. o. Professor an der Universität Heidelberg. 
(Heidelberg, Groos. 1918. XVIII u. 640 S. Auf Dünndruckpapier, 
biegsam kartoniert 12 M.). — Die Divina Commedia pflegt bei uns 
in der Bearbeitung von E. Moore {Tutte le apere di Dante Alighieri, 
terza ediz. Oxford 1904), in dem Textabdruck der Bibliotheca Romana 
oder auch in der etwas umständlich kommentierten Ausgabe von 
Scartazzini benutzt zu werden. Olschkis hübscher, handlicher Band 
ist in erster Linie für Studenten der romanischen Philologie bestimmt, 
wird aber gefade wegen der philologischen Zutaten auch dem Histo- 
riker willkommen sein. Das Glossar hat sich bei wiederholtem Nach- 
schlagen bewährt; daß es dem Anfänger stark entgegenkommt, wird 



152 Notizen und Nachrichten. 

man kaunl bemängeln dürfen, obwohl andererseits nicht alle der Schrift- 
sprache fremden Worte (z. B. Inf. 3, 109 bragia = brace) aufgenom- 
men worden sind. Der Anhang bringt eine kleine Grammatik der 
Sprache Dantes (mit einem besonderen Register) und einen Abriß 
der Metrik. Das Namenregister enthält viele nützliche und einige 
überflüssige Erläuterungen. Dem Texte, der erheblich schöner ge- 
druckt ist als in den anderen Handausgaben, sind Stichworte am 
Rande, deutsche Inhaltsübersichten und Anmerkungen in klarer, nicht 
zu kleiner Fraktur beigegeben. Bei den Erläuterungen hat der Heraus- 
geber sich vor allem durch pädagogische Erwägungen bestimmen lassen, 
die Ihn leider auch von eingehender Auseinandersetzung mit der 
Danteliteratur abhielten. Eine Aufzählung der großen Darstellungen und 
der wichtigsten neueren Untersuchungen über Dante wäre neben den 
bibliographischen Bemerkungen S. IX f. willkommen gewesen, obwohl 
die Auswahl gewiß nicht jeden hätte befriedigen können. Einige Be- 
richtigungen veröffentlicht soeben A. Bassermann in der Deutschen 
Literaturzeitung vom 5. April 1919. F. V. 

Dantis Alagherii- de Monarchia libri III rec. Ludovicus ßertalot. 
Friedrichsdorf in monte Tauno apud Francofurtum apud editorem 
1918. 111p. (Vom Herausgeber für 2 M. zu beziehen, bei 6 und mehr 
Exemplaren 1,60 M.) — Eine neue handliche, schön gedruckte Sonder- 
ausgabe von Dantes Monarchie, die sich durch reichliche Handschriften- 
benutzung empfiehlt (12 statt der 7 von Witte 1874 benutzten), wird 
sicherlich vielen willkommen sein, um so mehr als nicht nur die für 
1921 bevorstehende Erinnerungsfeier von Dantes Todesjahr, mehr noch 
die Beziehungen der Schrift zu den heutigen Gedanken des Welt- 
friedens und Völkerbundes auffordern, sie in seminaristischen Übungen 
zu behandeln. Wenn der von Bertalot zuerst verwendete codex Bini 
(über den er anderwärts Mitteilungen machen wird) für de Mon. nicht 
gleich wertvolles Material bietet, wie die Kritiker der 1917 voran- 
gegangenen Ausgabe von de vulgari eloquentia nachrühmen konnten, 
so kommt doch dies Heft einem Bedürfnis entgegen, da Wittes Aus- 
gabe längst vergriffen ist und eine Sonderausgabe aus Moores Gesamt- 
ausgabe, die 1916, eingeleitet von einer längeren deutschfeindlichen 
Abhandlung Reades über Dantes politische Theorie, in Oxford er- 
scnien, mit ihren winzigen Buchstaben, bei dem Mangel jeden hand- 
schriftlichen und sachlichen Apparats und hohem Preise in Deutsch- 
land nicht Verbreitung finden dürfte. Bertalot bietet dankenswerte 
Parallelzitate aus Aristoteles und den Scholastikern. K. Wenck. 

Emil Dürr veröffentlicht im Anzeiger für Schweizerische Ge- 
schichte 48, 3 einen gedankenreichen Aufsatz über die Bedeutung der 
Schlacht von Morgarten (15. November 1315), die einen schon lange 



Späteres Mittelalter. 153 

bestehenden heimlichen Gegensatz zwischen üri, Schwyz und Unter- 
waiden einer- und Habsburg-Österreich anderseits zum Ausbruch ge» 
bracht und einen fast zweihundertjährigen Kampf zwischen den Eid- 
genossen und den Habsburgern entfesselt hat. Wir umschreiben seinen 
Hauptinhalt am besten mit des Verfassers eigenen Worten: „In der 
Schlacht ... hat es sich ... für Uri darum gehandelt, seine Reichs- 
freiheit zu verteidigen, für Schwyz, sie zu behaupten, und Unterwaiden 
hat sich im Kampf gegen das damals über den Brünig einbrechende 
österreichische Heer seine junge Reichsunmittelbarkeit gerettet.** 
Weiter: „Die Schlacht . . . steht am Anfang jener großen Auseinander- 
setzung zwischen dem aufkommenden Landesfürstentum und den 
Kommunen, den Reichsstädten und Reichsgemeinden. Indem der 
Bund von 1315 verbot, daß sich eines der drei Länder ohne Zustim- 
mung der anderen beherre, war der Wille ausgesprochen, ein Landes- 
fürstentum auf waldstättischem Boden fernzuhalten und ihr öffent- 
liches Leben, ihre Gemeinden mit dem Grundsatz freier Selbstbestim- 
mung im Rahmen der Reichsfreiheit aufzubauen." Der feudalen Ge- 
walt „stellte sich die freie Einigung freier Gemeinden, das genossen- 
schaftlich organisierte Staatsgebilde, entgegen, in seinem Schutz be- 
haupteten sich die eidgenössischen ländlichen Demokratien und die 
ihnen später sich anschließenden städtischen Republiken . . . Mit 
dem Kampf um die werdende Staatsform verband sich untrennbar 
der Gegensatz der Stände, die soziale Frage jener Zeit. Und die hieß: 
Minderung oder Mehrung der Gemeindefreiheit, ja Behauptung oder 
Untergang der gemeinfreien Schichten und besonders des gemeinfreien 
Bauerntums." Die Feindschaft gegen Österreich hat sich im Lauf 
der Zeit zur Reichsfeindschaft ausgewachsen und zur Trennung vom 
Reich geführt, da Reich und Haus Habsburg in der Vorstellung der 
Eidgenossenschaft sich identifizierten. „So haben sie sich zufrieden 
gegeben mit der Gemeinfreiheit, Unabhängigkeit und Eigenherrlichkeit." 
Eine eingehende, zu Buchform angewachsene Untersuchung von 
Wilh. Erben hat im Archiv f. österr. Geschichte 105, 2 (Wien, Holder, 
1918) die Berichte der erzählenden Quellen über die Schlacht bei 
Mühldorf zusammengestellt und kritisch gewertet; weitere Auseinander- 
setzungen über die in Betracht kommenden Urkunden und geschicht- 
lichen Aufzeichnungen und eine geschichtliche und topographische Be- 
trachtung des Schlachtfeldes sollen folgen. In der vorliegenden Arbeit 
sind besprochen: 1. die gleichzeitigen Nachrichten, 2. jüngere Darstel- 
I lungen aus den beteiligten Ländern, 3. fernerstehende Berichte, 4. ab- 
j geleitete Darstellungen aus Böhmen und Bayern, 5. abgeleitete öster- 
I reichische Darstellungen. Die betreffenden Stellen der in den drei 
t ersten Abschritten geprüften Quellen, die sich als nicht abgeleitet 
) erwiesen haben, werden im Abdruck wiedergegeben. Als Hauptergebnis 



154 Notizen und Nachrichten. 

der methodisch in hohem Grade beachtenswerten Arbeit ist festzuhalten, 
daß der Wert der erzählenden Quellen recht gering ist — nicht einmal 
die äußeren Vorgänge des Tages können ihnen mit Sicherheit ent- 
nommen werden — und daß nur wenige als vollglaubwürdig angesehen 
werden können. Mit dichterischer Ausschmückung, Zutaten, die der 
Anschaulichkeit und dem Verständnis dienen sollen, auch mit der 
Möglichkeit der Vermengung verschiedener verwandten Kriegsereig- 
nisse bei den breiter erzählenden Quellen muß gerechnet werden. 

H. Kaiser. 

Für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung im Mittel- 
alter ist eine Untersuchung von Cornelius Schröder zu beachten, 
die den Nachweis unternimmt, daß der Minorit Nikolaus Cranc, der 
um 1350 als einer der ersten den Versuch gemacht hat, biblische Bücher 
ins Deutsche zu übersetzen, als Verfasser der in einer Prachthand- 
schrift des Königsberger Staatsarchivs überlieferten Übertragung der 
Apostelgeschichte nicht in Frage kommen könne (Franziskanische Stu- 
dien 1918, Oktober). Wenn man somit im Ordenslande schon sehr früh 
um die Verdeutschung heiliger Schriften sich bemüht hat, so darf 
daraus wohl auf ein starkes Bedürfnis nach deutschen Bibeln geschlossen 
werden, das die vom Süden und Westen gekommenen Ansiedler zu 
befriedigen suchten. 

Aus der Zeitschrift der Savigny-Zeitschrift für Rechtsgeschichte 
39, German. Abt. erwähnen wir den Anfang einer längeren Abhand- 
lung von Fr. Koväts über Preßburger Grundbuchführung und Liegen- 
schaftsrecht im späteren Mittelalter und die Mitteilungen von Guido 
Kisch über sehr beachtenswerte Schöffenspruchsammlungen, die in 
einer Handschrift der Görlitzer Ratsbibliothek enthalten sind. — Im 
gleichen Jahrgang der Zeitschrift, Kanonist. Abt. 8 finden sich in 
Miszellenform gekleidete Bemerkungen zu Emil Göllers Repertorium 
Germanicum von A. Werminghoff und Zusammenstellungen von 
Joh. Dorn, aus denen hervorgeht, daß auch die Einrichtung der Ober- 
höfe in das mittelalterliche Kirchenrecht übergegangen ist. 

Paul Karge erbringt in der Altpreußischen Monatsschrift 55, 
1 — 4 den Nachweis, daß der Gesandtschaftsbericht des obersten Or- 
densspittlers Grafen Konrad von Kyburg vom Jahre 1397, der in 
der neueren polnischen Literatur zur Geschichte Litauens und Wilnas 
vielfach als Quelle herangezogen ist, eine polnische Fälschung darstellt, 
die offenbar aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts stammt. 

In den Bänden 3 — 6 (1910 — 1913) des „Archivum Franciscanum 
historicum'* hatte der gelehrte Minorite P. Livarius Öliger eine Reihe 
von Quellenstücken zur Geschichte der italienischen Fraticellen-Sekte 
aus dem 14. und 15. Jahrhundert erstmals veröffentlicht. Die Zu- 



Späteres Mittelalter. 155 

sammenfassung dieser zum Teil höchst bedeutungsvollen urkundlichen 
Mitteilungen in einem besonderen Bande (Documenta inedita ad histo- 
riam fraticellorum spectantia. Quaracchi 1913. 208 S.) ist dankbar 
zu begrüßen. H. Haupt. 

In den Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benedik- 
tinerordens und seiner Zweige 1918,1 — 2 handelt J. Zibermayer 
kurz über die Reform von Melk, die 1418 auf Anregung Herzog Al- 
brechts von Österreich durch deutsche, von Subiaco gekommene Bene- 
diktinermönche vor sich gegangen ist. Die Visitation durch Nikolaus 
von Cues (1451) zeigt die Melker Bewegung, die sich nicht auf kirch- 
liche Wirkung beschränkt, sondern auch wirtschaftliche und wissen- 
schaftliche Hebung der Ordensniederlassungen bezweckt hat, auf dem 
Höhepunkt; von da an ist es wieder abwärts gegangen. 

Im Historischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft 38,4 macht 
Georg Hofmann auf eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte 
deutsche Ordensregel der Dominikanerinnen aufmerksam, die 1434 
zu Nürnberg geschrieben ist und jetzt in der Bibliothek des Priester- 
seminars zu Bamberg bewahrt wird. 

Die Annalen des Histor. Vereins für den Niederrhein H. 100 
bringen einen den Vorläufer einer größeren Arbeit darstellenden Auf- 
satz von F. Schröder über den einem kleveschen Ministerialengeschlecht 
entsprossenen Humanisten Arnold Heymerick (f 1490), der in seiner 
Jugend von den Brüdern vom gemeinsamen Leben nachhaltig beein- 
flußt, in den dreißiger Jahren beim Konzil in Basel sich aufgehalten, 
dann dem Dienst der Kurie sich gewidmet und — fast ein Menschen- 
alter von der Heimat entfernt — mit dem Humanismus in steter Be- 
rührung gestanden hat. Die Verbindung mit der Kurie hat auch später 
angehalten, da ihn während der Soester Fehde eine wichtige diploma- 
tische Mission nach Rom geführt hat; nach 1460 hat er dann offenbar 
der Politik gänzlich den Rücken gewandt. Für seine geistige Entwick- 
lung sind die in Holland und Italien empfangenen Eindrücke von 
maßgebendem Einfluß gewesen, die mehrfach sich findenden Anklänge 
an Schriften Papst Pius* II. sind bei einem Familiären dieses Papstes 
sicher kein bloßer Zufall. — Im Heft 102 teilt der Verfasser den Bericht 
Heymericks über seine Reise über den Großen St. Bernhard (1460) 
mit; es handelt sich um eine im wesentlichen didaktische Absichten 
verfolgende Schrift an den Xantener Stiftsschüler Peter von Coblenz 
(De successu Romani itineris). 

Wilh. Oehl beschließt in der Zeitschrift für Schweizerische Kir- 
chengeschichte 11,4 seine Mitteilungen über Bruder Klaus und die 
deutsche Mystik mit dem Ergebnis, daß derselbe sich, was Gebets- 
und Visionsleben sowie Askese anlangt, durchaus in die allgemeine 



156 Notizen und Nachrichten. 

Bewegung der deutschen Mystik einfügt und auch als Politiker mit 
den hervorragenderen Mystikern des Mittelalters in einer Reihe steht. 

Joseph Fischer entwirft in den Stimmen der Zeit 1918, Novbr» 
ein Lebensbild von Hieronymus Münzer aus Feldkirch, der im Namen 
Maximilians I. 1493 an Johann II. von Portugal ein Schreiben ge- 
richtet hat mit der Aufforderung, Ostasien (Kathay) auf dem West- 
wege aufzusuchen, und den von ihm verfaßten Abschnitten der Schedei- 
schen Chronik die bemerkenswerte Karte Deutschlands hinzugefügt 
hat. — Aus dem gleichen Heft sei noch die Arbeit über den Spiritualen- 
führer Petrus Johannis Olivi und seine Bedeutung für das mittelalter- 
liche Geistesleben von B. Jansen kurz erwähnt. 

Der „Beifried" („Monatsschrift für Gegenwart und Geschichte 
der belgischen Lande") 3. Jahrg., 6. Heft (Dezember 1918) bringt 
einen anregenden kleinen Aufsatz von Rudolf Häpke über „Die Be- 
deutung der flandrischen Wirtschaftsgeschichte". Neben der wirt- 
schafts- und handelsgeschichtlichen Stellung Flanderns, 'besonders im 
späteren Mittelalter, wird auch sein Platz in der allgemeinen Politik 
und im Geistesleben angedeutet. 

In dem hübsch ausgestatteten Werke: „Dinant. Eine Denk- 
schrift bearbeitet im Auftrage Sr. Exzellenz des Generalgouverneurs 
in Belgien Generalobersten Freiherrn von Bissing im Jahre 1916. 
München 1918" S. 19—32, veröffentlicht Otto Cartellieri eine 
übersichtliche Darstellung „Zur Geschichte Dinants"; die Zeit vor 
und nach dem 15. Jahrhundert ist nur kurz berührt. 

Als 1. Band einer Sammlung: „Lebensbilder aus dem Orden des 
hl. Franziskus" hat Johannes B. Kißling das Leben des „Kardinal 
Francisco Ximenes de Cisneros (1436 — 1517), Erzbischof von Toledo, 
Spaniens katholischer Reformator" (Münster, Aschendorff, 1917, X 
u. 83 S. 4 M.) aufs neue geschrieben. Unzweifelhaft das Beste an dem 
Buch sind die zahlreichen mit Geschick und Geschmack ausgesuchten, 
in glänzender Ausstattung wiedergegebenen, meist freilich aus anderen 
Veröffentlichungen bereits bekannten Bilder. Die wissenschaftliche 
Leistung des Verfassers ist gering: es wird uns vornehmlich eine poli- 
tische Geschichte Spaniens zu Lebzeiten des Ximenes an der Hand 
der bekannten Werke von Hefele, Ranke, Baumgarten und Häbler 
geboten; das rein Biographische, der Versuch, das Werk des Ximenes 
psychologisch zu erklären, tritt ganz zurück, ja man gewinnt den 
Eindruck, als ob der Verfasser überhaupt kein inneres Verhältnis zu 
seinem Helden zu gewinnen vermocht, als ob er nicht aus For- 
schertrieb, sondern nur auf höheren Befehl diese Arbeit übernommen 
habe; auf jeden Fall ist es ihm nicht gelungen, seine Leser irgendwie 
auch nur für die Persönlichkeit des Ximenes zu erwärmen. Eine Be- 



Reformation und Gegenreformation (1500 — 1648). 157 

reicherung der Wissenschaft vermögen wir in dieser Studie nicht zu 
erblicken; wenn die Arbeit lediglich als Erbauungsbuch für die An- 
hänger des hl. Franciscus gedacht war, so dürfte sie ihren Zweck er- 
füllen. 

Halle a. S. Adolf Hasenclever. 

Neue Bücher: Des Eneas Silvius Piccolomini Briefwechsel. 
Hrsg. V. Rud. Wolkan. III. Abt.: Briefe als Bischof von Siena. 1. Bd. 
(Wien, Holder. 25 M.) 

Reformation und Gegenreformation (1500—1648). 

Aus der Zahl der akademischen Festreden zum Reformations- 
jubiläum seien noch folgende kurz erwähnt: O. Ritschi sprach in 
Bonn, an der „ersten ev. theol. Fakultät, die von vornherein die ev. 
Union als den kirchlichen Rechtsboden ihrer amtlichen Wirksamkeit 
voraussetzt," über „Reformation und evangelische Union" (27 S., 
Bonn, Marcus & Weber, 1917, 1 M.), die Eigenart der beiden Konfes- 
sionen, lutherischer und reformierter Protestantismus, in ihren Führern 
kurz würdigend, und betonend, daß der deutsche Calvinismus zum 
Unterschied vom englisch-amerikanischen die schroffe Prädestinations- 
lehre von vornherein durch den Bundesgedanken (Föderaltheologie) 
milderte. G. Krüger in Gießen rückte unter dem Titel „Der Genius 
Luthers" das Wort Döllingers von 1872: „Hätte es keinen Luther 
gegeben, Deutschland wäre doch nicht katholisch geblieben" unter 
die kritische Lupe und verneint es um der Genialität der Persönlichkeit 
willen (19 S., Tübingen, J. C. B. Mohr, 1917, 1,20 M.). Im württem- 
bergischen Goethebund in Stuttgart sprach Joh. Haller über „Die 
Ursachen der Reformation." Sie werden gefunden im Schwinden des 
Glaubens an die Kirche, deren ganze Erscheinungsform, einer viel 
früheren Zeit entstammend, dem neuen, höher gespannten religiösen 
Bedürfnis der Welt nicht mehr genügt, Überwindung der theologisch- 
kirchlichen Bildung des Mittelalters durch die profane, kritisch-ratio- 
nalistische Bildung des Humanismus, in der die Laienkreise die Füh- 
rung haben, endlich Unterwerfung der Kirche unter die Herrschaft 
der Staatsgewalt. In gewählter Sprache, illustriert durch zahlreiche 
Beispiele, werden diese drei Faktoren herausgearbeitet. Dabei wolle 
man die an den Schluß gestellten Anmerkungen nicht übersehen; 
sie enthalten u. a. eine etwas gar knappe Auseinandersetzung mit 
Troeltsch, dessen „glänzendes Paradoxon höchstens einen gewissen 
heuristischen Wert haben mag", eine sehr feine Beobachtung über den 
Unterschied zwischen restitutio Christianismi und renascens Christia- 
nismus, die der Nachprüfung wert wäre, und eine Ablehnung von 
H. Böhmers Zurückführung der letzten Ursache der Reformation auf 



158 Notizen und Nachrichten. 

Luthers reformatorisches Erlebnis. Es kommt Haller darauf an, zu 
zeigen, warum der Funke Luthers zündete, während er vorher so und 
so oft nicht zündete trotz Gleichheit der Gedanken („das allermeiste,, 
was Luther sagte und forderte, ja, eigentlich alles, war schon vor ihm 
gesagt und gefordert", S. 3), daher denn auch die Reformation von 
1520 (an den christlichen Adel) datiert wird. Damit entsteht eine ge- 
wisse Gefahr, die Originalität der Persönlichkeit zu unterschätzen^ 
der Haller zwar sofort vorbeugt (S. 30 f., 43 f.), bei der aber doch die 
Bedeutung gerade der Rechtfertigungslehre nicht zu ihrem vollen 
Rechte kommt (doch vgl. S. 43 unten). Sie ist doch der Zentralpunkt 
und auch Ausgangspunkt für alles Weitere gewesen und anders orien- 
tiert als bei Faber Stapulensis; die Formel allein tut es da nicht. (44 S., 
Tübingen, J. C. B. Mohr, 1917, 1,20 M.) In der Hinsicht bietet eine 
glückliche Ergänzung die Berliner Rede von K- Holl: „Was verstand 
Luther unter Religion?" (ebenda, 38 S., 1,20 M.). Von dem Hinter- 
grunde einer feinen Skizzierung der in Scholastik, Mystik, Renaissance 
sich manifestierenden mittelalterlichen Frömmigkeit hebt sich eine 
bis wirklich an das Geheimnis der Religion Luthers rührende psycho- 
logische Analyse des inneren Werdens des Reformators. Der Gottes- 
begriff wird in den Mittelpunkt gerückt und aus seiner kraftvollen 
Lebendigkeit die Wandlung aller Vorstellungen über Religion begriffen 
(scharfe Trennung zwischen Religion und natürlichem Lebenstrieb, 
Abgrenzung von der Mystik, Entstehung eines neuen Ichgefühls, Ab- 
leitung der Ethik aus dem Zielgedanken des Reiches Gottes, Kirchen- 
begriff, Abhebung des christlichen Gemeinschaftsgedankens vom Staat, 
der anderseits die Lebensbedingungen für die Möglichkeit des Reiches 
Gottes schafft). Die an den Leser hohe Anforderungen stellende, ihn 
dann aber auch vollauf befriedigende Rede klingt aus in den gerade 
jetzt sehr zeitgemäßen, treffenden Gedanken, daß Luthers Religion 
nicht spezifisch deutsche Religion ist, vielmehr den Menschen als 
Menschen ergreift. — Bei dem Vortrage von F. Philippi in Münster: 
„Luther und die alte Kirche" hat man den deutlichen Eindruck, daß 
dem Verfasser sein Thema nicht „liegt", wie denn schon im Vorworte 
gesagt wird, daß wesentlich im Anschluß an H. Böhmer und Th. Kolde 
gearbeitet wurde. Das wäre ja gewiß an sich kein Schaden, wenn 
nur die eingangs aufgestellte Grundabsicht, zu zeigen, daß es sich bei 
Luther „nicht um einen vollständigen Bruch mit der Vergangenheit 
und der Überlieferung der alten Kirche handelt, sondern nur um eine 
starke Betonung und selbständige Weiterbildung von in der Christen- 
heit seit lange wirksamen Strömungen und Bewegungen, so daß eine 
Verständigung der Bekenntnisse auf Grundlage der allen gemeinsamen 
Anschauungen und gemeinsamen Bestrebungen sehr wohl angängig 
erscheint", wirklich scharf herausgearbeitet wäre. Statt dessen wird 



Reformation und Gegenreformation (1500 — 1648). 159 

uns nur gesagt, daß Luther „sich mehr gegen das Wie als gegen das 
Was*' bei seinem Gegensatze gegen die alte Kirche wandte. Soll das 
Was die gemeinsame Basis sein, so kann sie doch höchstens ganz for- 
mal sein; denn Luthers Neufassung des Wie gestaltete tatsächlich 
auch das Was um, wie das ja gar nicht anders geht. Philipp! sucht als 
Brücke zwischen Luther und dem Mittelalter vorab die Mystik zu 
werten, deren Bedeutung S. 20 aber gewaltig überschätzt ist (gerade 
Boehmer hatte hier vor Überschätzung gewarnt). Ebensowenig glück- 
lich ist die Ausspielung des „germanisierenden" Begriffes vom Vater- 
gotte bei Luther gegen den romanisierenden Prädestinationsgott bei 
Calvin, da bekanntlich Luther diesen trotz Philippi nicht nur kennt, 
sondern auch „in sein System aufnimmt," wenn man diesen Ausdruck 
einmal gelten lassen will. Daß Grisar „nicht mehr aus der Rolle des 
wissenschaftlichen Betrachters und Bearbeiters herausfällt", kann 
man, vorab nach Scheels Untersuchungen, nicht mehr sagen. (Münster^ 
Coppenrath, 23 S., 1 M.) — Rade sprach auf der Gießener theologischen 
Konferenz über „Luthers Rechtfertigungsglaube, seine Bedeutung 
für die 95 Thesen und für uns" (32 S., Tübingen, Mohr, 0,80 M.). Der 
viel angefochtene Begriff der Rechtfertigung wird nach seinem negativ- 
polemischen Wert (Beseitigung des Verdienstgedankens) wie nach 
seiner positiven Eigenart mit der Aufgipfelung der „Freiheit eines 
Christenmenschen" fein herausgearbeitet und als Voraussetzung der 
95 Thesen gewürdigt, — K- Müller in Tübingen wählte sich das Thema: 
„Die großen Gedanken der Reformation und die Gegenwart" (24 S.,. 
Tübingen, Mohr, 0,60 M.) und rückte energisch, sich darin mit Rade 
berührend, den Rechtfertigungsgedanken in den Mittelpunkt. „Das 
Letzte und Tiefste bei Luther war das Ringen um die persönliche 
Heilsgewißheit, d. h. um den gnädigen Gott gewesen." Die Religion 
wurde aus der Sphäre des Rechts heraus ganz in die Innerlichkeit des 
persönlichsten Lebens gelegt. Das wirkte dann umgestaltend nach 
allen Seiten. — H. Guthe in Leipzig sprach vor dem Zweigverein des 
Ev. Bundes in Löbau über „Luther und die Bibelforschung der Gegen- 
wart" (41 S., Tübingen, Mohr, 1,35 M.) und konfrontierte in offener 
Ehrlichkeit die moderne Bibelforschung mit Luthers Standpunkt, 
seinen bekannten freien und seinen ebenso bekannten konservativen 
Anschauungen. Man muß darauf verzichten, einen einheitlichen 
Standpunkt bei Luther anzunehmen, er denkt vielmehr teils mittel- 
alterlich, teils als Anheber einer neuen Zeit. Als letzterer verrät er 
Verwandtschaft mit der Forschung der Gegenwart, vorab in seiner 
Forderung der Sprachenkenntnis zum Verständnis der Bibel. Er hat 
auch den Unterschied zwischen A. und N. T. und dann doch wieder 
den Zusammenhang beider Testamente empfunden und im einzelnen 
manches fein beobachtet. Seine bekannte Kritik ist eine religiöse. 



160 Notizen und Nachrichten. 

nicht eine historisch-wissenschaftliche, und trifft den Inhalt der betr. 
Schriften, nicht die Frage der Entstehung u. dgl., die war für Luther 
unwesentlich. Die Sicherheit des Glaubens gab ihm Kraft und Recht 
freier Prüfung. Bei dem mit manchen Belegstellen ausgestatteten 
lehrreichen Vortrage ist nur zu bedauern, daß nach der Erlanger Aus- 
gabe, sogar der ersten Auflage, zitiert wird. — In Straßburg haben 
J. Ficker und G. Anrieh gesprochen, jener über Luther 1517, nament- 
lich die Hebräerbriefvorlesung heranziehend und kunstgeschichtliches 
Material nutzend, in den beigefügten Anmerkungen wertvollste Belege 
bietend, dieser die Gesamtgeschichte der Straßburger Reformation in 
Kennzeichnung der politischen und sozialen Verhältnisse, der führenden 
Persönlichkeiten, namentlich Bucers, der Originalität und Fernwirkung 
vorführend. (Zwei Straßburger Reden zur Reformationsjubelfeier, 
Leipzig, R. Haupt, 1918, 2,40 M.) W. Köhler. 

Die sehr lesenswerten knappen Ausführungen von Peter Ras- 
sow: „Luthers deutsche Kraft" (Preuß. Jahrbücher 174) rücken ener- 
gisch in den Vordergrund, daß Luthers Werk, die Befreiung der christ- 
lichen Religion aus der Umklammerung menschlicher Einrichtungen, 
dieses sein Ureigenstes, mit dem Deutschtum direkt nichts zu tun hat. 
Er hat bei drei Entscheidungen, in Worms, bei der Kirchenorganisa- 
tion, in Marburg (wo aber Rassow Zwingli nicht „einen flachen Ratio- 
nalisten" hätte nennen sollen) bewußt den nationalen Gedanken in 
die zweite Linie gestellt, um der Religion der Menschheit allein zu 
dienen. Ganz ähnlich stand es bei Friedrich dem Großen, Goethe, 
Schiller, Humboldt, Kant, Fichte, Hegel, Bismarck. „Nichts falscher, 
als zu sagen, Luther habe gleichsam aus nationalem Impuls die deutsche 
Form des Christentums geschaffen. Nein, er hat wohl dem Christen- 
tum eine neue Gestalt gegeben, aber nicht eine deutsche, sondern 
€ine einfachere befreite. Und durch diese Tat hat er zugleich in der 
Schatzkammer der deutschen Nation die schönsten Kleinodien nieder- 
gelegt." 

Die mit reichlichen Literaturnachweisen ausgestattete Rede des 
Wiener Privatdozenten K. Völker: „Martin Luthers Anteil an der 
Grundlegung der neueren deutschen Kultur" (Bielitz, W. Fröhlich. 
39 S.) geht aus von der am Ausgang des 18. Jahrhunderts gegenüber 
der Französierung einsetzenden deutschen Kulturerhebung und sucht 
die aus Zitaten der damaligen führenden Geister belegte Mitschwingung 
der Gedanken Luthers zu bestimmen als Einfluß seiner Persönlichkeit 
auf die Kulturwerte des Staates, der Familie, Schule, Wissenschaft, 
Sprache und Kunst. 

Die Thd. Zahn zum 80. Geburtstag gewidmete Studie von W. 
^ngelhardt über „Luther als Lehrer" (Neue kirchl. Zeitschr. 29, 



Reformation und Gegenreformation (1500—1648). 161 

H. 10) fußt hauptsächlich auf den Vorlesungen über den Römerbrief- 
kommentar, stellt u. a. die sehr anfechtbare These auf, die sog. Scho- 
llen seien nach der Vorlesung aus Entwurfszetteln ins Reine geschrieben 
worden. — O. Brenner handelt ebenda in Fortsetzung seiner Auf- 
sätze „Zur Geschichte von Luthers Bibelübersetzung" über die Reihen- 
folge der Bibeldrucke. — In Heft 11 derselben Zeitschrift stellt E. 
Körner hübsch die Urteile über Luther aus dem Munde seines Schü- 
lers Erasmus Alber zusammen. Stein lein handelt über Luthers 
Stimme und sein Verständnis für die Stimme; Luther verfügte bis 
an sein Lebensende über eine klare ausreichende Stimme, dank einem 
Verständnis für Wesen und Bedeutung der Stimme überhaupt. 

Lesenswert ist der Aufsatz von A. E. Harvey: Martin Luther 
in the Estimate of modern historians {American Journal of theology 22), 
nur dadurch etwas beeinträchtigt, daß der Weltkrieg die Kenntnis- 
nahme neuester Literatur verhindert hat. Verfasser unterscheidet, 
von Ranke als der klassischen Grundlage ausgehend, einen supranatura- 
listischen Typus (William Robertson) und den an Carlyle entzündeten 
Typ des Kultus des großen Mannes (Treitschke, aber auch, nur vice 
versa, Denifle-Weiß oder Janssen); daran schließt sich die psycho- 
logische Auffassung (Köstlin, Mac Giffert, Grisar). Zur in Lamprecht 
repräsentierten materialistisch-evolutionistischen Auffassung leiten 
Kolde und Berger hinüber, die konservative bzw. liberale Darstellung 
zeigen Kahnis, Kliefoth bzw. F. Chr. Baur und Heinr. Lang; es folgen 
Ritschi und Harnack, endlich als Reaktion gegen die Modernisierung 
Luthers Troeltsch. 

Unter dem Titel „Luther im Spiegel seiner Jahrhundertfeier" 
referiert H. Grisar in den „Stimmen der Zeit" (Bd. 96, H. 1) über 
"die wichtigste protestantische Reformationsliteratur. Die Tendenz 
seiner Ausführungen geht auf den Nachweis der „Zerfahrenheit der 
Feiernden". Der wirkliche Luther sei nicht zu Wort gekommen u. dgl. 
Das ist richtig, wenn der wirkliche Luther der Grisarsche sein soll, 
was offenbar Grisar meint. Hier ist die Diskussion zwecklos, die Ver- 
ständigung aussichtslos. — Genau mit derselben Tendenz, boshafte 
Seitenhiebe auf ihm mißliebige Autoren und Richtungen nicht sparend, 
referiert Grisar in der Zeitschrift für kathol. Theologie 1918, H. 3 u. 4 
über „die Literatur des Lutherjubiläums 1917". Zu loben ist die Zu- 
sammenstellung der einzelnen Schriften und Aufsätze. W. K. 

Unter dem Titel „Wert und Bedeutung der Bibel 1546" führt 
O. Reichert den Nachweis, daß diese Ausgabe, nicht die von 1545, 
die letzte Gestalt des von Luther selbst geschaffenen und gewünschten 
Bibeltextes, zumal im Neuen Testament bietet. (Theol. Studien und 
Kritiken 1918, H. 2.) — K. Knoke beschreibt ebenda „Zur Geschichte 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3» Folge 24. Bd. 1 1 



162 Notizen und Nachrichten. 

der evangelischen Gesangbücher bis zu Luthers Tode" Liedersamm- 
lungen mit der Bezeichnung Enchiridion an der Spitze ihres TiteK 
blattes, die ihr Dasein lediglich buchhändlerischem Unternehmungs- 
geist verdanken. — G. Kawerau bringt ebenda Nachträge „zu Lu- 
thers Briefwechsel". 

Im „Archiv für Reformationsgeschichte" Bd. 15 setzt W. Mat- 
thi essen die Veröffentlichung theologischer Abhandlungen des Theo- 
phrast von Hohenheim fort und bietet als Nr. 6 den ethisch sehr inter- 
essanten über de fionestis utrisque divitiis, als Nr. 7 den religiös ebenso 
wertvollen Über de remissione peccatorum, als Nr. 8 den über de potentia 
et potentiae gratia dei, als Nr. 9 den Traktat in principio und als Nr. 10 
den über de resurrectione et corporum glorificatione. Manche Gedanken 
klingen ganz reformatorisch. P. Kalkoff behandelt den Dompropst 
von Hildesheim, Livin von Veitheim, einen gefährlichen Pfründenjäger 
und Gegner der Reformation in Norddeutschland. Th. Wotschke 
beendet seine auf Dresdener und Hamburger Akten aufgebaute Studie 
über die unitarische Propaganda an der Universität Wittenberg am 
Anfang des 17. Jahrhunderts und die orthodoxen Gegenmaßnahmen 
der dortigen Professoren. 1621 haben die letzten unitarischen Stu- 
denten Wittenberg verlassen, die meisten Unitarier gingen nunmehr 
nach Leiden. A. Nutzhorn beschreibt ein wenig umständlich ein 
Tafelbüchlein aus der Reformationszeit 1555, doch zeigt O. Al- 
brecht richtig, daß es sich nicht um ein Tafelbüchlein, sondern um 
Makulatur- oder Probedruckbogen eines Schulbuches handelt. G. 
Boss er t gibt biographische Notizen zu dem von Luther empfohlenen 
Pfarrer Theobald Diedelhuber. J. Kvacala beendet seine Studie 
über W. Posteil, zeigt seine Wirksamkeit in Wien, bespricht seine 
Schriften, wie die Apologie Serviti (deren Originalhandschrift Kvacala 
gefunden und in besonderem Buche „Postelliana", Dorpat 1915, mit- 
geteilt hat), seinen Brief an Schwenckfeld und Melanchthon, den 
Inquisitionsprozeß gegen ihn und seine schließliche Hinwendung zum 
Katholizismus. Die Wirkungen Posteils auf Bodin, Herbert v. Cher- 
burg, Jak. Böhme u. a. werden leider nur angedeutet. Durch seine 
Anschauung von der Einheit des menschlichen Geschlechtes unter 
allen Religionen hat Postell jedenfalls der Idee der sog. natürlichen 
Religion vorgearbeitet. R. Stölzle analysiert die 1568 bei Samuel 
Emmel zu Straßburg erschienene Schrift des Joh. Friedrich Coelestin: 
„Von Schulen". 

Über die Echtheit der bekannten Totenmaske Luthers in der 
Marienbibliothek zu Halle a. S. streiten in „Religiöse Kunst" Bd. 15 
F. Loofs und Brathe, dieser für, jener gegen sie. Die Überlieferung, 
nach der bei der Durchführung der Leiche durch Halle auf dem Wege 
von Eisleben nach Wittenberg die Maske angefertigt sein soll, reicht. 



Reformation und Gegenreformation (1500 — 1648). 163 

nur bis 1742 zurück. Die Totenmaske findet sich abgebildet in dem 
soeben in 2. Auflage erschienenen Buche von H. Preuß: Lutherbild- 
nisse (Leipzig, Voigtländer. 64 S. 1 M.). 

Die Abhandlung von P. Schweizer: „Ein Vorschlag zur Ver- 
söhnung in einem Streit unserer Theologen betr. Zwingli und Luther" 
(Schweiz, theol. Zeitschr. Bd. 35) bietet über das Persönliche hinaus- 
gehend, abgesehen von dem Irrtum, die von Luther angebotene Kom- 
promißformel sei völlig katholisch gewesen und habe die Transsub- 
stantiation involviert, einige beachtenswerte Richtpunkte zum Ver- 
ständnis des Marburger Religionsgespräches. 

In der Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte Bd. 12, H. 1 
handelt A. Scheiwiler über Fürstabt Joachim von St. Gallen (Joa- 
chim Opser 1577 — 94, enthält zwei wertvolle Berichte über die Bar- 
tholomäusnacht), O. Ringholz über: Die ehemaligen protestantischen 
Pfarreien des Stiftes Einsiedeln (Geschichte der im Laufe der Refor- 
mation protestantisch gewordenen Einsiedlerpfarreien, interessante 
Erörterungen der Rechtsverhältnisse). 

Im Februarheft 1919 der „Internationalen Monatschrift" ver- 
öffentlicht W. Köhler seine (erweiterte) Festrede bei der Zwingli- 
Säkularfeier der Universität Zürich. Im Rahmen einer Entwicklungs- 
geschichte des schweizerischen Reformators wird seine religiöse Eigen- 
art in der Verbindung von Christentum und Antike bestimmt und in 
ihren Einzelwirkungen aufgezeigt. Zwingli suchte den Ausgleich von 
Glauben und Wissen, im Abendmahlstreit die reine Geistigkeit und 
war fähig, die supranaturale Exklusivität des kirchlichen Christentums 
zu durchbrechen. 

Die Arbeit von Frieda Gallati über „Eidgenössische Politik zur 
Zeit des Dreißigjährigen Krieges handelt vorab von der Stellung Zürichs, 
insbesondere des Antistes Breitinger. Das Ergebnis ist dieses, daß die 
evangelischen Städte 1628 — 30 keine aggressiven Tendenzen hatten, 
daß ferner das angeblich von Breitinger betriebene Bündnis mit Gustav 
Adolf in Widerspruch gegen die offizielle zürcherische Politik nicht 
existiert, Breitinger vielmehr als Reformierter keine Sympathie für 
den lutherischen Schweden empfand. Verfasser gewisser in seinem 
Nachlaß befindlicher Aufsätze in gegenteiligem Sinne ist nicht der 
Antistes, vielmehr ein abenteuerlicher Pfälzer Publizist Joh. Philipp 
Spieß (Jahrb. f. Schweiz. Gesch. Bd. 43). 

H. de Vries: Les lois somptuaires de la Republique de Gentve 
au XV I^ siede (Anzeiger f. Schweiz. Gesch. 1918 Nr. 4) berichtigt 
Gabriel {Histoire de VEglise de Gen^ve) durch den Nachweis, daß von 
derartigen Gesetzen nicht schon 1541, sondern erst 1558 die Rede 
sein könne. 



164 Notizen und Nachrichten. 

1893 hatte de Ruble unter dem Titel „Mimoires de Jeanne (VAl- 
bret** ein Dokument veröffentlicht, das für die Religionskriege Frank- 
reichs sehr wichtig sein würde, falls es echt wäre. P. von Dyke unter- 
zieht es in Revue histor. Bd. 129 einer eingehenden Kritik, stellt die 
Unmöglichkeit der Autorschaft Jeanne d'Albrets fest, ferner überhaupt 
die historische Wertlosigkeit; es handelt sich um ein Pamphlet. 

Bulletin de la Societe de Vhistoire du protestantisme frangais Bd. 67 
enthält folgende Aufsätze: M. Godet: Les protestants ä Abbeville au 
debut des guerres de religion (1560 — 72); Liste des Abbevillois suspects 
de calvinisme entre 1560 et 1572. J. Pannier: Anciens lieux de culte 
Protestant autour de Soissons. G. de Pourtal^s: Odet de la Noue (Ver- 
fasser der von Napoleon /. als la „Bible du Soldat" gewerteten „Discours 
politiques et militaires"). H. Aubert: Une lettre inidite de Calvin ä 
Farel (15. Juli 1544, sachlich unwichtig). E. Rodocanachi: Uatti- 
tude des autorites civiles et religieuses ä Vegard de la Reformation en 
Piimont au XV P stiele (Referat über G. Jalla: Storia della Riforma 
in Piemonte 1914, Mitteilung über Drucke der Werke des Faber Sta- 
pulensis in Turin, Porträt der Margarete von Navarra). N. Weiß: 
Louis de Berquin, son premier ^procts et sa ritractation d'aprts quelques 
documents inedits (1523, Mitteilung eines Briefes der Pariser theol. 
Fakultät an den Bischof von Troyes in Sachen Berquins). 

Anknüpfend bei der stattlichen, in Berlin (Münzkabinett) und 
London (Sammlung Oppenheimer) vorhandenen Medaille des Bamberger 
Domherrn Willibald von Redwitz sucht Gg. Habich durch Vergleich 
mit ähnlichen Porträtstücken u. a. eines Melanchthonbildes den Würz- 
burger Bildhauer Peter Dell den Älteren als Verfasser festzustellen 
(Jahrb. der Kgl. preuß. Kunstsammlungen Bd. 39, H. 3). 

Kulturhistorisch interessant ist der Aufsatz von O. Ringholz 
über „Kriegswallfahrten zu U. L. F. von Einsiedeln in alter und neuer 
Zeit"; er behandelt insbesondere die Zeit des Dreißigjährigen Krieges 
und teilt u. a. mit, daß 1639 in Einsiedeln geheime Waffenstillstands- 
verhandlungen zwischen Bayern und Frankreich gepflogen wurden 
(Hist.-pol. Blätter Bd. 162, H. 9/10). 

Über die „Stimmung katholischer Bauern im Stift Hildesheim 
zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges" unterrichtet J. H. Gebauer 
an der Hand eines Protokolls aus dem Ratschlagbuch in Zeitschr. f. 
Kirchengesch. 37, H. 3/4. — Ebenda macht O. Giemen Mitteilungen 
über die ältesten lettischen Katechismen seit 1586. 

In Württemberg hat sich ein Verein für württembergische Kirchen- 
geschichte gebildet, der die rühmlichst bekannten „Blätter für würt- 
tembergische Kirchengeschichte" herausgeben soll (Jahresbeitrag 4 M., 
Anmeldung bei Stadtpfarrer Dr. Rauscher in Tuttlingen). Der Jahr- 



Zeitalter des Absolutismus (1648—1789). M 

gang 1918 enthält folgende Aufsätze: A. Reutschler: Einführung 
der Reformation in der Herrschaft Limpurg; Chr. Kolb: Das Stift 
in Stuttgart während der Okkupation durch die Jesuiten 1634 — 1648. 

Sehr eingehend und grtindlich ist die Studie von E. Kochs 
über „die Anfänge der ostfriesischen Reformation" (Jahrb. der Gesellsch. 
f. Kunst u. vaterl. Altertümer zu Emden XIX). Nach einem Über- 
blick über die Quellen wird die politische Lage Ostfrieslands am Vor- 
abend der Reformation sowie das kirchliche Leben geschildert. Mit 
dem Grafen Edgard setzt die Reformation ein, das Religionsgespräch 
zu Oldersum 1526 bedeutet einen Höhepunkt; dann wendet sich Kochs 
dem religiösen Gehalt der ostfriesischen Reformation zu, gibt eine 
sehr interessante Schilderung des Abendmahlstreites und endet mit 
der Darstellung der Wirkung der Reformation auf das Volksleben 
und gegenreformatorischen Bestrebungen (Erasmus). Die Abhandlung 
ist noch nicht abgeschlossen. 

K. Gauß bringt im „Basler Jahrbuch 1919" seine Arbeit über 
„Die Gegenreformation im baslerisch-bischöflichen Laufen" zum Ab- 
schluß. . Sie ist wesentlich das Werk der Jesuiten unter Oberleitung 
des Bischofs Jakob Christoph Blarer gewesen, welch letzterer von Gauß 
eingehend charakterisiert wird. Laufen kam erst 1815 an die Eid- 
genossenschaft, und blieb katholisch. 

Neue Bücher: Huldrych Zwingiis Briefe. Übers, von Oskar 
Farner. Bd. I. 1512—1523. (Zürich, Rascher & Co. 9 M.) — August 
Lang, Reformation und Gegenwart. (Detmold, Meyer. 6 M.) — 
Luthervorträge. Zum 400. Jahrestage der Reformation geh. in 
Greifswald von Eduard Frhr. v. d. Goltz, Johs. Haußleiter, Johs. 
Luther, Frdr. Wiegand, Rud. Ewald Zingel. (Berlin, Siegismund. 
2,50 M.) — Berger, Martin Luther in kulturgeschichtlicher Darstel- 
lung. 2. Teil, 2. Hälfte. (Berlin, E. Hofmann <S Co. 18,50 M.) — 
B ichler, Luther in Vergangenheit und Gegenwart. (Regensburg, 
Pustet. 3 M.) 

Zeitalter des Absolutismus (1648—1789). 

In einer gründlichen Untersuchung, die sich auf fleißiger Be- 
nutzung gedruckter Literatur wie auch archivalischer Quellen — 
Berlin und Wolfenbüttel — aufbaut, behandelt E. Frhr. v. Dan ekel - 
man „Die Friedenspolitik Wilhelms III. von England und Friedrichs IIL 
von Brandenburg in den Jahren 1694 — 1697" (Forschungen z. brand. 
u. preuß. Gesch. 31, 1). Indem er dem Gange der Friedensverhand- 
lungen folgt, die endlich auf dem Rijswijker Kongresse zum Abschlüsse 
kamen, gibt er einen Beitrag zur Geschichte des Friedens von Rijs- 
wijk, eine Ergänzung der vorhandenen Werke von Klopp, Neuhaus, 



166 Notizen und Nachrichten. 

Legruelle, Schulte, G. Koch u. a. m. Er betrachtet die Ereignisse be- 
sonders in ihrer Wirkung auf den brandenburgischen Staat und ver- 
mag hier manches Neue zu bieten. Dabei ist er allerdings von ein- 
seitiger Betrachtungsweise nicht frei. Ich möchte den Wert der Arbeit 
überhaupt mehr in den aus den Akten geschöpften Einzelheiten, in 
der Bereicherung unserer Detailkenntnis erblicken, als in den histo- 
rischen Schlüssen des Verfassers. Um nur den wichtigsten Punkt zu 
erwähnen, so wird er mit seinem ungünstigen Urteil über Wilhelm III., 
das er feierlich, mit Berufung auf Legrelle, demjenigen Rankes ent- 
gegenstellt, schwerlich durchdringen. Aus diplomatischem Detail läßt 
sich die Bedeutung einer Persönlichkeit wie die des Oraniers nicht 
erschließen. Mag sein, daß Kurfürst Friedrich Grund hatte, enttäuscht 
zu sein, aber darum bleibt Wilhelm III. doch der große europäische 
Politiker, der einen Damm aufrichtete gegen das Vordringen Frank- 
reichs unter Ludwig XIV. Was ferner die Religion betrifft, so hatten 
freilich auf der Fahne seines Schiffes 1688 über dem altoranischen 
Wahlspruch die Worte gestanden: pro religione protestante, pro libero 
parlamento (bei Danckelman S. 34 ungenau zitiert). Aber das galt 
doch nur für England, wo es auch gewißlich zur Wahrheit wurde. 
Der Vorwurf, daß Wilhelm dem Protestantismus in der Weit ein ge- 
gebenes Wort nicht gehalten habe, trifft nicht zu. Und vollends die 
Behauptung, daß es in der Zeit des Rijswijker Friedens für den König 
von England „heiligste Pflicht" gewesen wäre, für die deutschen 
Protestanten, „sei es von neuem mit dem Schwerte, einzutreten" 
(S. 64), kann uns nur ein Lächeln abnötigen. Endlich noch eine Kleinig- 
keit. Der Verfasser behauptet, Wilhelm III. habe 1696 „in so überaus 
unhöflicher Weise" die Hand der Tochter des Kurfürsten ausgeschlagen. 
Das ist nicht richtig. Nichts Derartiges ergibt sich aus der Schilderung 
in dem Buche von G. Koch (das ich selbst veröffentlicht habe). Der 
nicht sehr glückliche, wohl von brandenburgischer Seite vorgeschlagene 
Plan, den englischen König mit der 30 Jahre jüngeren Prinzessin Luise 
zu veriiiählen, ist nach der Zusammenkunft zu Kleve, wir wissen 
nicht warum und von wem, einfach aufgegeben worden. 

W. Michael. 

In den Forschungen zur brand. u. preuß. Gesch. 31, 1 wird aus 
dem Nachlasse von W. v. Sommerfeld das Fragment einer Studie 
über „die philosophische Entwicklung des Kronprinzen Friedrich" 
veröffentlicht. Es umfaßt die Jahre 1734 — 36 und gehört zu den 
umfassenden Vorarbeiten des Verfassers zu einer Untersuchung des 
„Antimachiavell". 

O. Herrmann veröffentlicht eine Relation des Prinzen Ferdi- 
nand von Preußen über den Feldzug vom Jahre 1757 (Forsch, zur 
brand. u. preuß. Gesch. 31, 1). Sie ist französisch geschrieben und, 



Zeitalter des Absolutismus (1648—1789). 167 

Avie der Herausgeber nachweist, in der Zeit zwischen 1799 und 1802 
verfaßt. Das ist freilich ein sehr später Termin, der keinen günstigen 
Schluß auf den Queilenwert des Berichtes zulassen würde. Doch soll 
dieser nicht nur auf persönlichen Erinnerungen, sondern auch auf 
gleichzeitigen Aufzeichnungen beruhen. Und auch wenn man seinen 
Inhalt mit dem vergleicht, was wir heute über die Ereignisse wissen, 
muß man zu einem recht günstigen Urteil über die Glaubwürdigkeit 
gelangen. Die interessanteste Stelle der Relation ist diejenige, in der 
der Prinz als Ohrenzeuge die Ansprache Friedrichs des Großen an seine 
Offiziere vor der Schlacht bei Leuthen wiedergibt. Einen authentischen 
Wortlaut erhalten wir freilich auch diesesmal nicht, da der Prinz fran- 
zösisch schreibt, die Rede des Königs aber in deutscher Sprache ge- 
halten wurde. W. M. 

Ed. Wegen er, Archivar der preußischen Zentral-Bodenkredit- 
Aktiengesellschaft, veröffentlicht unter dem Titel „Diederich Ernst 
Bühring und sein Plan einer Generallandschaftskasse" einen „Beitrag 
zur Vorgeschichte der preußischen Landschaften" (Berlin, Dümmler. 
1918. IV u. 63 S.). Er will die wenig bekannte Angelegenheit in ihrer 
Bedeutung für jene Zeit darstellen. Dabei haben ihm das Geheime 
Staatsarchiv und das Breslauer Archiv zwar für die Geschichte des 
Bühringschen Projekts kein Material geliefert, wohl aber manchen 
Anhalt für das Leben und Wirken des Mannes. Ein erfolgreicher Kauf- 
mann und Fabrikant hat Bühring zur Darlegung seines Planes am 
23. Februar 1767 eine Eingabe an den König gerichtet, die aber sehr 
rasch, schon unter dem 31. März desselben Jahres, abschlägig be- 
schieden wurde. Doch macht der Verfasser es wahrscheinlich, daß der 
Minister v. Carmer, der zwei Jahre später den ersten Anstoß zur Grün- 
dung des schlesischen Kreditsystems gab, den Plan Bührings benutzt 
hat, während anderseits dieser sowohl durch die Organisation des 
überseeischen Bodenkredits der damaligen Niederlande als auch durch 
die Formen des Realkredits in seiner Vaterstadt Bremen beeinflußt 
worden war. W. M. 

Die Altpreuß. Monatschrift 55, 1. bis 4. Heft bringt die Fort- 
setzung der Abhandlung von V. Urbanek über „Friedrich den Großen 
und Polen nach der Konvention vom 5. August 1772" (vgl. H. Z. 
119, 353). Sie führt die Erzählung diesesmal bis in die Zeit des pol- 
nischen Reichstages von 1773. 

In der Reihe der Veröffentlichungen des Vereins für die Ge- 
schichte von Ost- und Westpreußen erscheinen jetzt „Briefe an und 
von Johann George Scheffner, herausgegeben von Arthur War da" 
(München und Leipzig, Duncker & Humblot). Der erste Band (in 
zwei Teilen 1916 und 1918. 528 S.) enthält in alphabetischer Reihen- 



168 Notizen und Nachrichten. 

folge den Briefwechsel Litt. A bis K aus den Jahren 1758 — 1820. Unter 
den Korrespondenten erscheinen Frau v. Berg-Haeseler, die Freundin 
der Königin Luise, Beyme, Borowski, der Prinzenerzieher Delbrück,. 
Alexander von Dohna, Dorow, Gneisenau J. G. Hamann, Herder (aus 
seiner Rigaer Zeit), v. Hippel, Prinz Hermann zu Hohenzollern-Hechingea 
u. a. Der Inhalt der Briefe ist im allgemeinen weniger politisch als 
literargeschichtlich bedeutsam; wird doch Scheffner von A. v. Bogus- 
lawski als „Königsbergs Quintilian und Horaz" bezeichnet. Doch fehlt 
es auch nicht an stimmungsvollen Briefen aus der Franzosenzeit und 
charakteristischen Äußerungen über König Friedrich Wilhelm HL 
und Königin Luise. — Das Fehlen jeder erläuternden Anmerkung,, 
die ebenso wie Einleitung und Register auf einen späteren Teil ver- 
sprochen werden, wird von vielen Lesern gewiß recht ungern bemerkt 
werden. P. B. 

Neue Bücher: Böhling, Gräfin Maria Aurora v. Königsmark. 
(Dresden, Minden. 2,25 M.) 

Neuere Geschichte von 1789 bis 1871. 

Die Studie von Albert Espitalier: „Vers Brumaire. Bonaparte 
ä Paris. 5. XII. lygy — 4. V. lygS. D'aprhs des documents inidits**^ 
(Paris 1914. 302 S.) versucht Napoleons Haltung während dieser 
wichtigen Epoche seines Lebens, über die A. Fournier: „Napoleon I.** 
Bd. P (1904) S. 304 eine genauere Untersuchung vermißte, im ein- 
zelnen klarzulegen. Das Ergebnis ist, daß das damals ins Auge ge« 
faßte Unternehmen gegen England nur ein Scheinmanöver war, daß. 
Talleyrand als der eigentliche geistige Urheber der Unternehmung in 
den Orient anzusehen ist (das aufschlußreiche Buch von Frangois. 
Charles- Roux „Les origines de Vexpidition d*Egypte'\ Paris 1910, 
vgl. die Anzeige von G. Roloff in dieser Zeitschrift Bd. 107 (1911), 
S. 443, scheint der Verfasser nicht zu kennen), daß Bonaparte auf 
den Plaa erst einging, als sein Versuch, mit Barias' Hilfe Mitglied des 
Direktoriums zu werden, an dessen ablehnender Haltung gescheitert 
war (iber Bonapartes und Talleyrands Rolle in der Vorgeschichte 
der Unternehmung vgl. meine „Geschichte Ägyptens im 19. Jahr- 
hundert", Halle 1917, S. 271), und daß die Direktoren keine Ein- 
wendungen erhoben, weil sie den ihnen lästigen General los werden 
wollten ; wie weit diese letztere Behauptung richtig ist, läßt sich schwer 
erweisen, denn gerade hier müssen wir uns nicht so sehr auf amt- 
liches zeitgenössisches Material als auf später niedergeschriebene Me- 
moiren mit all ihrem absichtlichen und unabsichtlichen Klatsch stützen. 
Das Neue an dieser Studie ist — und dieser Beweis scheint mir ge- 
glückt zu sein — , daß Bonaparte keineswegs in großer Bejgeiste- 



Neuere Geschichte von 1789—1871. 169 

rung in den Orient gezogen ist, weil er hoffte, sich dort ein großes 
Reich erobern zu können, sondern daß er diesen Zug als ein notwen- 
diges Übel betrachtet hat, um nicht als unbeschäftigter General seine 
Popularität bei den Franzosen einzubüßen; hat es schließlich doch 
einer ernsten Mahnung von seiten des Direktoriums durch Barras 
bedurft, um ihn nach dem durch Bernadottes diplomatisches Unge- 
schick hervorgerufenen Zwischenfall in Wien, der für wenige Tage 
den Bruch mit Österreich, d. h. den Festlandkrieg, in nahe Aussicht 
stellte, zur Abreise zu bewegen. Auch jetzt rechnete Napoleon nur 
mit einer Abwesenheit von wenigen Monaten; erst die Folgen des 
Tages von Abukir haben ihn für IV2 Jahre im Orient festgehalten. 
— Ein recht interessantes Licht auf seine geheimsten Zukunftspläne 
wirft sein überaus kluges Verhalten am 21. Januar 1798, bei der Feier 
des Todestages Ludwigs XVI.: um den gefährlichen General bei Roya- 
listen und Gemäßigten heillos bloßzustellen, hatte das Direktorium 
seine offizielle Teilnahme gefordert; Bonaparte nahm teil, aber nicht 
als siegreicher General, der aller Augen auf sich lenken mußte, sondern 
als einfacher Bürger, in seiner Eigenschaft als Mitglied des Instituts. 
Halle a. S. Adolf Hasenclever. 

Gebauer behandelt in einem wertvollen, manche neue Auf- 
schlüsse bietenden Aufsatz ausführlich die „Vorgeschichte der ersten 
Einverleibung Hildesheims in Preußen (1798—1802)". Es gab in 
Hildesheim eine preußische und eine hannoversche Partei, aber in 
einem war man einig, nämlich in der Abneigung gegen den Gedanken, 
durch eine Zuteilung an Kurköln die bisherige geistliche Herrschaft 
lediglich gegen eine andere einzutauschen (Forsch, z. brandenburg. u. 
preuß. Gesch. 31, 1), W. 

Blüchers Briefe, ausgewählt und erläutert von Dr. Heinrich 
Stümcke (Reclams Universalbibliothek Nr. 5964. 112 S.). — Die 
Auswahl ist geschickt und die Erläuterungen auch für weitere Kreise 
völlig ausreichend. Wahl. 

Joh. Gottlieb Fichte, Machiavell, nebst einem Briefe Carls v. 
Clausewitz an Fichte, kritische Ausgabe von Hans Schulz, Leipzig,, 
Verlag von Felix Meier, 1918, XXII u. 65 S. — Es war ein guter 
Gedanke, Fichtes Machiavell-Aufsatz neu herauszugeben; denn je 
mehr diese herrliche Arbeit gelesen wird, desto besser. Gewiß ent- 
hält sie nur einige Anfangsgründe der Politik; gerade deswegen aber 
ist sie beim deutschen Volke immer zeitgemäß. — Schulz druckt zum 
erstenmal wieder den Urtext vollständig ab, in dem der Machiavell 
1807 in der Zeitschrift „Vesta" erschien. Im kritischen Apparat gibt 
er die Varianten an, die der zweite Druck, der in Fouqu^s „Musen'* 
1813, bietet. Sie sind im allgemeinen nicht erheblich; vielfach han- 



170 Notizen und Nachrichten. 

delt es sich bei ihnen nur um stilistische Verbesserungen, gelegentlich 
auch um die Einschränkung eines viel zu weit gehenden Urteils (z. B. 
S. 10). Erheblich sind dagegen die Änderungen (Auslassungen!) auf 
S. 16, 23, 52 — 56. Ich vermute, daß Fichte selbst die neue Redak- 
tion besorgt hat, während Schulz die Frage offen läßt. Ganz abzu- 
lehnen ist seine offenbar auf einem reinen Versehen beruhende An- 
nahme, daß die „Herrschaft Frankreichs" zu den größeren Ände- 
rungen genötigt habe. Das betr. Heft der „Musen" erschien tief im 
Jahre 1813! Vielmehr sind sicher die Auslassungen auf S. 23 und 
52 — 56 vorgenommen worden, weil diese Stellen nicht geeignet gewesen 
waren, die Kampfstimmung der Freiheitskrieger zu fördern. Die 
Auslassung auf S. 16 aber beruht auf der Korrektur, die Clausewitz 
an einer falschen Auffassung Fichtes — über den Reichtum der fran- 
zösischen Heere an Artillerie — in dem Brief an Fichte vom Jahre 
1809 vorgenommen hatte, den Schulz im Anhang abdruckt (S. 60). 
Besonders gerade wegen dieser Verbesserung nach einem Privatbrief 
ist anzunehmen, daß Fichte selbst für die Änderungen im zweiten 
Druck seiner Arbeit verantwortlich ist. Wahl. 

In Reclams Universalbibliothek (Nr. 5928) ist Fichtes Schrift 
unter dem Titel „Inwiefern Machiavellis Politik auch noch auf unsere 
Zeiten Anwendung habe" schon im Sommer 1917 von Jos. Hof- 
miller veröffentlicht worden. Diese volkstümliche Ausgabe mit kurzer 
Einleitung liegt jetzt in 2. Auflage vor. 

Im vorigen Hefte ist in der Notiz über Roloffs Aufsatz S. 536 
Z. 10 V. u. statt „Fälschung" „Plagiat" (s. Roloff S. 213) zu lesen-; 
denn das von Hoffmann mitgeteilte Memoire Leibnizens ist nur die 
französische Übersetzung des von Guhrauer (s. Leibnitz I, Anm.S. 18.) 
herausgegebenen Epistola ad Regem Franciae de expeditione Aegyptiaca. 
(Leibnitz' Werke ed. Klopp II, 78—92). 

Der Abdruck der Kreuz- und Querzüge von A. L. Fr. Schau- 
mann (s. zuletzt 119, 354) ist im Januar- und Februarheft der Deutsch. 
Rundschau 1919 mit der erneuten Teilnahme an der englischen Ex- 
pedition nach Portugal, April 1809, wieder aufgenommen: Reise, 
Landung, erste Kämpfe, Eroberung von Oporto, Abmarsch nach 
Spanien. 

Aus Eichhorns Nachlaß (s. zuletzt 119,354) hat W. Windel- 
band Briefe an Gneisenau 1809 — 1818 abgedruckt, mit manchen 
wertvollen Einzelheiten über die Pläne der Patrioten aus der Zeit 
der Reform, der Erhebung und der Verfassungskämpfe nach 1815. 
Hingewiesen sei auf den Brief vom 31. März 1815 über Schmalz und 
den Justizrat Hoffmann von Rödelheim (Dtsch. Revue, Januar — März 
1919). 



A 



Neuere Geschichte von 1789—1871. 171 

Die Bedeutung der deutschen Geschichtschreibung seit den Be- 
freiungskriegen für die nationale Erziehung von Max Lenz (Geschicht- 
liche Abende im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, 9. Heft, 
Berlin, E. S. Mittler & Sohn. 1918. 27 S.). — Der Vortrag bietet 
einen mit feinen und treffenden, aber meist allzu knappen Bemer- 
kungen über eine große Zahl von deutschen Historikern des 19. Jahr- 
hunderts ausgestatteten Überblick, um dann, nach gerechter Abwägung, 
wie es sich gebührt, Ranke die Palme zuzusprechen. Auch dieser 
schöne Vortrag zeigt nur zu deutlich (s. z. B. S. 5), daß wir vor dem 
Zusammenbruch in einer Traumwelt gelebt haben: der erzieherische 
Einfluß unserer Geschichtschreibung und gerade auch der Rankes 
ist, zum Verderben unseres Volkes, auf eine überaus kleine Oberschicht 
beschränkt geblieben. Wahl. 

Zwei Berichte, die Varnhagen v. Ense über die Ermordung 
Kotzebues dem König aus Karlsruhe am 24. und 25. März 1819 ein- 
sandte, veröffentlicht Paul Bai Heu in der Unterhaltungsbeilage der 
Täglichen Rundschau vom 22. März 1919. 

Gegenüber den von D. Anguial erhobenen Einwürfen (s. 119, 
355) bezüglich der Beurteilung der Ernennung Batthianys zum unga- 
rischen Ministerpräsidenten am 17. März 1848 und der „Erschleichung" 
des Handschreibens gegen Jellacic durch Batthiany am 10. Juni hat 
H. Friedjung (in der österr. Rundschau 1918, Bd. 54, 73ff.) seine 
Darstellung aufrecht erhalten. D. Anguial seinerseits bleibt in einer 
erneuten Replik („Monarchie" 1918, auf S. 14) bei seiner Auffassung. 
Er will bei der Ernennung Batthianys, für deren Legalität er eine 
mündliche, sonst nirgends beglaubigte Ermächtigung durch den Herr- 
scher geltend macht, höchstens „einen Formfehler von untergeordneter 
Bedeutung" gelten lassen: es dürften die Ernennung Batthyanys und 
die Entsendung der Ministerialkommission nicht als revolutionäre, 
eher als gegenrevolutionäre (!) Akte bezeichnet werden. Auch be- 
streitet Anguial nach wie vor freilich in sehr gewundener Argumen- 
tation, daß für das Handschreiben vom 10. Juni der Ausdruck „er- 
schlichen" „zulässig" sei. 

Einige hübsche Jugendbriefe von Kurd von Schlözer (s. 117, 
176) brachte die Deutsche Revue, März 1919: über den Septemberauf- 
stand in Frankfurt vom 18. und 24. September und über die Bewegung 
in Berlin vom 10. November und 4. Dezember 1848. 

Briefe des Präsidenten Lette, des bekannten liberalen Politikers 
und Begründers des Lettevereins, aus dem Frankfurter Parlament 
an Ignaz von Olfers vom 15. Oktober 1848 bis 9. Februar 1849 hat 
L. Bergsträßer im Februarheft der Deutsch. Rundschau mitgeteilt. 
Erwähnenswert ist besonders der Novemberbrief über die Mission 



172 Notizen und Nachrichten. 

von Rodbertus und Schulze-Delitzsch nach Frankfurt (S. 177 ist wohl 
zweimal Schulze statt Schmidt zu lesen) und über Bassermanns Mission 
nach Berlin. 

H. Schütter macht in der österr. Rundschau 1919,2 kurze 
Mitteilungen aus den Akten der Ministerialkonferenzen über die Hal- 
tung der österreichischen Regierung gegenüber der polnischen Revo- 
lution und der Diplomatie der Westmächte vom März bis November 
1863. Sie zeigen, daß man in Wien wohl erkannte, welche Gefahren 
die von den Westmächten, insbesondere von Napoleon III. angeregte 
Wiederherstellung Polens für die Habsburgische Monarchie, speziell 
für die Behauptung Galiziens, heraufbeschwören würde, daß aber die 
Wiener Politik sich aus schwankenden Erwägungen zu aktiver Tätig- 
keit nicht zu erheben vermochte und daß dabei das durch die Bundes- 
reformfrage verstärkte Mißtrauen gegen Preußen lähmend einwirkte. 

Inhaltreiche, mit Apologetik und Polemik reichlich durchsetzte 
Mitteilungen über die ministerielle Tätigkeit des Grafen Richard 
Belcredi und Österreichs innerstaatliche und auf den Krieg bezüg- 
liche Politik vor und nach der Entscheidung von 1866, u. a. über die 
beim Ausgleich mit Ungarn auftretenden Gegensätze und die Rollen 
der maßgebenden Personen hat H. Traub aus den Belcredischen 
Familienpapieren in „Österreich" I, 4 veröffentlicht. 

Im Märzheft der Deutschen Revue druckt W. Schüßler Teile 
aus den Tagebüchern des hessischen Ministers Frhr. R. v. Dalwigk. 
zu Lichtenfels aus den Jahren 1866 bis 1871 ab, die demnächst in 
Buchform erscheinen sollen. 

Roms letzte Tage unter der Tiara. Erinnerungen eines römischen 
Kanoniers aus den Jahren 1866 bis 1870. Von Klemens August Eick- 
holt, päpstlichem Offizier a. D. Mit 8 Bildern. Freiburg, Herder 
[1917]. VIII u. 320 S. 3,50 M. — Das hübsch ausgestattete Büchlein 
ist nach Inhalt und Darstellung so gehalten, daß man es sich gern in 
den Händen der Familie und der nächsten Freunde des greisen Ver- 
fassers denkt. Für die Wissenschaft bietet es nichts außer einigen 
Mitteilungen über römisches Leben und vereinzelten kleinen Beob- 
achtungen. Nützlich sind manche Nachrichten über das päpstliche 
Heer, namentlich über den inneren Dienst, auch etwa über die geist- 
lichen Exerzitien (S. 194f.), endlich über die Verteidigung Roms im 
September 1870 (S. 266 ff. bei Porta S. Giovanni am 20. September);, 
ein Verzeichnis der bei der Einnahme Roms verwundeten und gefal- 
lenen päpstlichen Soldaten, Offiziere und Ärzte ist beigegeben. Von 
Einzelheiten sind nennenswert: S. 140f. schüchterne Bemerkungen über 
Kanoniker im Kirchenstaat; S. 204f. über die Landbevölkerung; 250f. 
und 261 über die Römer; über Pius IX. S. 160 und 289 (seine „herr-^ 



1 



Neueste Geschichte seit 1871. 173 

liehe, klangvolle Stimme"); zu dem Tod des Kardinals Franchi 181 
^Anm. 2); S. 221 ff. über das „widerliche Gespenst" des Chauvinismus 
in Marseille im Juli und August 1870 (S. 233 f. über einen Ausbruch 
tierischer Wut des französischen Pöbels ; auch 237ff .). An der streng 
kirchlichen, papsttreuen Gesinnung Eickholts würde gewiß auch dann 
niemand gezweifelt haben, wenn sie etwas weniger aufdringlich her- 
vorträte. Der Verfasser, der sich als päpstlicher Soldat in Wort und 
Tat etwas eilfertig zeigt, ist noch jetzt in seinem Urteil einseitig und 
heftig, besonders wenn er auf das Königreich Italien zu sprechen kommt. 
Der Spott über Bixio (1866) S. 280 bekundet mehr Vorurteil als Sach- 
kenntnis. F. Vigener. 

Neue Bücher: Bitterauf, Geschichte der französischen Revo- 
lution. 2. Aufl. (Leipzig, Teubner. 2 M.) — Hub. Klein, Napoleon I. 
und die Presse. Napoleons Kampf gegen die Presse 1799 — 1805. (Bonn, 
Behrendt. 2 M.) — Hansen, Preußen und Rheinland von 1815 bis 
1915. (Bonn, Marcus & Weber. 9 M.) — Leitzmann, Wilhelm v. 
Humboldt. (Halle, Niemeyer. 3,50 M.) — Charmatz, Geschichte 
der auswärtigen Politik Österreichs im 19. Jahrhundert. 2., veränd. 
Auflage. 2 Bde. (Leipzig, Teubner. Je 2 M.) — Charmatz, Öster- 
reichs innere Geschichte von 1848 — 1895. 3., veränderte Auflage. 
2 Bde. (Leipzig, Teubner. Je 2 M.) — O. Weber, 1848. 3. Aufl. 
{Leipzig, Teubner. 2 M.) 

Neueste Geschichte seit 1871.i) 

Von höchstem Interesse sind die auf Bismarcks Sturz bezüg- 
lichen Korrespondenzen, die H. Schütter in der österr. Revue 1919,3 
aus dem Wiener Archiv mitgeteilt hat. Am 22. März 1890 hat Franz 
Joseph in einem von Kalnoky entworfenen Schreiben an Bismarck 
sein aufrichtiges Bedauern über dessen Abgang und seine dankbare 
Anerkennung für die Freundschaft und die Allianz mit der Habsburger 
Monarchie ausgesprochen (I). In seiner Antwort vom 26. März (II) 
betont Bismarck die Stärkung des monarchischen Gedankens in Preußen 
und im übrigen Deutschland seit seinem Amtsantritt; daß er nicht 
freiwillig seinen Posten verlassen, hebt er zweimal nachdrücklich her- 
vor. Man möchte vermuten, daß die Kenntnis dieses Schriftwechsels 
Kaiser Wilhelm veranlaßt hat, am 3. April in einem umfangreichen 
(7^ Druckseiten), anscheinend eigenhändigen und selbstverfaßten 
Briefe (III) „einen vertraulichen Überblick zu geben über die Ent- 
wicklung und das schließliche Eintreten des Rücktritts des Fürsten 
von Bismarck". Es ist natürlich ganz subjektive Darstellung in der 



^) Wo nichts anderes angegeben, ist das Erscheinungsjahr 1918. 



174 Notizen und Nachrichten. 

temperamentvollen Art des jungen Kaisers, völlig unter dem Eindruck 
der Krise und der Katastrophe. Bemerkenswert ist es, daß Wilhelm 
hier — wohl in bewußter Absicht — Meinungsverschiedenheit mit 
Bismarck auf dem Gebiete der auswärtigen Politik entschieden be- 
streitet und nur „rein innere, meist taktische Gesichtspunkte" gelten 
lassen will: zunächst beim großen Bergarbeiterstreik von 1889 (was 
schon Marcks, Otto von Bismarck 1915, 220 f. angedeutet hat); dann 
den Arbeiterschutz; Bismarcks Intrigen gegen die von Wilhelm ge- 
wünschte internationale Konferenz (auch hier die Rolle des schweize- 
zischen Gesandten Roth, wie sie Hohenlohe II 468 vom Kaiser im 
Juni 1890 vernommen hat), die Erneuerung des Sozialistengesetzes 
(die Kartellparteien hätten von Bismarck nur die Zusage verlangt, 
das Fallenlassen des Ausweisungsparagraphen „in Erwägung zu ziehen"); 
überhaupt die Frage einer vom Kaiser abgelehnten, von Bismarck ge- 
wünschten kraftvollen, wenn nötig gewaltsamen Unterdrückungspolitik 
gegen die Sozialdemokratie; die Kabinettsordre von 1852; die Audienz 
Windthorsts. Von der Einbringung einer neuen Militärvorlage mit 
ihren möglichen politischen Konsequenzen und von den von Delbrück 
behaupteten Wahlrechtsänderungs- und Staatstreichplänen ist nicht 
die Rede. Entscheidend aber für die Notwendigkeit der Trennung 
(zunächst in allmählichem, von Bismarck selbst gewünschtem Aus- 
scheiden), dann der in schroffem Zerwürfnis erfolgten Entlassung ist 
nach Wilhelms Darstellung die krankhafte Gereiztheit, das brüskie- 
rende, unehrerbietige und intrigierende Auftreten Bismarcks geworden, 
als der Kaiser erkannte, daß „der Dämon der Herrschaft den hehren, 
großen Mann erfaßte, und daß er jede Gelegenheit zum Kampf gegen 
seinen Kaiser benützte." „Da riß mir die Geduld; mein alter hohen- 
zollerscher Familienstolz bäumte sich auf, jetzt galt es, den alten 
Trotzkopf zum Gehorsam zu zwingen oder die Trennung herbeizufüh- 
ren." — Bemerkenswert ist des Kaisers Mitteilung, daß er nach dem 
Tode Kaiser Wilhelms I. sich allein für Bismarck in die Bresche ge- 
schlagen und dadurch den Zorn des sterbenden Vaters und den un- 
auslöschlichen Haß der Mutter auf sich gezogen habe. — Es folgt die 
Antwort Franz Josephs vom 12. April, ein kurzer Dank Wilhelms 
vom 14. April (IV u. V). — Bekannt ist ja Caprivis Uriasbrief vom 
9. Juni 1892 an den Prinzen Reuß. Jetzt sehen wir (mit der zusagen- 
den Antwort Franz Josephs vom 15. Juni), daß am 12. Juni 1892 
Wilhelm selbst dem österreichischen Kaiser die Bitte vorträgt, den 
„ungehorsamen Untertan" (vgl. Friedrich Wilhelm III. an Stein, 
Lehmann, Stein I, 451), der „in der perfidesten Manier in seiner Presse 
und der fremder Länder gegen mich, Caprivi, meine Minister usw. 
Krieg geführt" und „unter ungezogenster Ignorierung meines Hofes 
sich nach Dresden und Wien begibt, um dort den alten treuen Mann 



Neueste Geschichte seit 1871. 175 

herauszubeißen", nicht zu empfangen, ehe er nicht peccavi gesagt. — 
Diese Veröffentlichung, besonders der mit erstaunlicher Deutlichkeit 
auch in den Einzelheiten über Bismarck und die Minister geschrie- 
bene Brief vom 3. April, der hoffentlich ausführliche Mitteilungen von 
Bismarckscher Seite veranlassen wird, wird wohl zu erneuter Erörte- 
rung über das vielumstrittene Problem von Bismarcks Sturz führen. 

K. J. 

The Official Index of the Times (jährlich vier Bände), der sich 
auch auf Leit-, Spezialartikel und Besprechungen erstreckt, ist ein. 
vorzügliches Hilfsmittel zum Studium der neuesten Geschichte, über 
deren Quellen H. Hall in der Contemporary Review 113 eine Ab- 
handlung veröffentlicht. 

Zur deutschen Kriegsliteratur äußern sich ebenda Th. F. A. 
Smith, ferner W. Epstein im Hibbert Journal 14, 1915, W. Goetz 
in der Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung 1916 und Drey- 
haus in den Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen 
Geschichte 30/1, 1917/8. 

Lehrreich und dankenswert ist die in der Neuen Zeit 11 von 
E. Dähn gegebene Übersicht über „das Archiv der sozialdemokra- 
tischen Partei Deutschlands, seine Geschichte und Sammlungen"» 
Dagegen kann man sich mit der für das Berichtsgebiet häufig in Be- 
tracht kommenden, bis 1918 einschließlich vorliegenden Biblio- 
graphie der Sozialwissenschaften und der Bibliographie der 
einheimischen und fremden Zeitschriften- bzw. Zeitungsliteratur weder 
technisch noch sachlich ganz einverstanden erklären. 

Zwei Akademiereden von 1915/16, die J. Bryce unter der Über- 
schrift: Reflexions d'un Historien sur la guerre in den Januarheften 
der Revue de Paris und außerdem in den Essays and adresses in 
war Urne veröffentlicht, sind nicht sehr ergiebig und halten sich im 
allgemeinen an der Oberfläche. Dagegen verdienen H. Grubers Dar- 
legungen: „Das lateinische Kultundeal, die Freimaurerei und der 
Ententefrieden" (Deutsche Rundschau 45) wegen des Hinweises auf 
anglo-italienische geschichtliche Zusammenhänge Beachtung. Mit der 
Theorie der öffentlichen Meinung befaßt sich F. Tön nies in Schmollers 
Jahrbuch 40. 

Der mit Fragen der diplomatischen Vorgeschichte des Krieges 
neuerdings wieder stark beschäftigte E. Daudet widmet der inter- 
nationalen Krise von 1875 in der Revue des Deux Mondes (1915, April 
15) eine Untersuchung. Auch Bismarcks Rückversicherungsvertrag 
von 1887 gibt immer wieder zu förderlichen geschichtlichen Betrach- 
tungen Anlaß, wie M. v. Hagen s Artikel im Neuen Deutschland 7 
erkennen läßt. Nicht minder fordert die Politik der Nachfolger Bis- 



176 Notizen und Nachrichten. 

marcks zu nachprüfender Betrachtung heraus, zumal da Bülows 
Deutsche Politik dafür einen kräftigen Anstoß gegeben hat. Hier 
seien einige Besprechungen des Werkes nachgetragen: Cromer, 
Spectator 1914, Febr. 14, J. de Wlassics, Revue de Hongrie 15, und 
<j. Kaufmann, Internationale Monatschrift 9 (1915), E. H. Moorhouse, 
Londoner Outlook 38, H. Oncken, Deutsche Politik 1, M. Spahn, 
Hochland 13, G. v. Schmoller, Jahrbuch 40, E. Bernstein, Neue Zeit 
34, n, M. Schippel, Sozialistische Monatshefte II und Wittschewsky, 
Grenzboten 75 (1916), auch H. Welschinger, Revue des Deux Mondes 
1917, Mai 1. Hierher gehören auch die durch die Burtzeff-Enthüllun- 
gen angeregten Aufsätze über den Vertrag von Björkö von 1905 aus 
der Feder von A. Nekludow, ebenda März 1, und von M. Bompard, 
Revue de Paris, Mai 1915. Zur Polemik zwischen Delbrück und 
Haller äußert sich Spectator, Neue Zeit 35, II (1917). 

Von den zahlreichen Nachrufen auf Kaiser Franz Joseph sind 
die von R. Pinon, Revue des Deux Mondes VI, 37, und von L. Eisen- 
mann, Revue de Paris 24, I (1917) beachtenswert. 

Aus derselben Zeitschrift 25, III sei der gut geschriebene, über- 
sichtliche Beitrag von J. Duhem, La question serbe et les origines de 
la guerre hervorgehoben. Über den Titel hinausgehend, gewährt er 
einen trefflichen Einblick in die (feindliche) Anschauung über die 
österreichisch-ungarische Balkanpolitik und ihr Verhältnis zur Vor- 
geschichte des Krieges. Sofern sie Eisenbahnpolitik ist, hat sie auf 
französischer Seite öfters besondere Aufmerksamkeit gefunden. Be- 
zeichnend dafür ist R. Gonnard, Uexpansion austro-hongroise et 
les nouvelles lignes croato-dalmates. Die Arbeit dieses in austro-balka- 
nischen Fragen bewanderten Lyoner Professors ist in der Revue Poli- 
tique et Parlamentair e 79 (1914) erschienen und noch vor dem Kriege 
verfaßt. Aus der Kriegszeit stammt J. Thureau, Les chemins de 
fer balkaniques et leur röte dans les origines de la guerre (ebd. 86, 1916), 
die den interessanten Gegenstand in noch weiterem Rahmen behandelt. 

Die sich noch immer vermehrenden Arbeiten über die diploma- 
tischen Kämpfe vor Kriegsausbruch werden besonders auf feindlicher 
Seite gepflegt. Ein Beispiel bietet die kritische, recht tendenziöse 
Studie des auf diesem Gebiete auch sonst eifrig tätigen A. Gauvain, 
Mitarbeiters am Journal des Dibats, über die Anfang 1919 auch in 
Deutschland erschienenen Enthüllungen Lichnowskys, Mühions und 
des im Herbst 1917 herausgegebenen Griechischen Weißbuchs (Revue 
de Paris 25, III). Anderseits hat die Schmähschrift faccuse, als deren 
Verfasser sich Ende 1918 R. Grelling bekannt hat, mehrfach auch 
auf neutraler Seite begründeten Widerspruch erfahren, so bei dem 
Arzte E. von Dieren, Gedanken eines Holländers über den Welt- 
krieg (1916). 



Neueste GeßChichte seit 1871. 177 

Im Archiv für Straf recht hat Pharos das auch gesondert er- 
schienene Protokoll des Prozesses gegen die Attentäter von Sarajewo 
herausgegeben. J. Hashagen. 

Der „Deutsche Geschichtskalender", von Fr. Purlitz bearbeitet, 
hat sich zu einem unentbehrlichen, überaus stoffreichen zeitgeschicht- 
lichen Hilfsmittel für die Geschichte des Weltkrieges entwickelt. Als 
Sonderausgabe unter dem Titel „Der Europäische Krieg" umfaßt er 
jetzt schon 53 bis zum Dezember 1918 reichende Lieferungen (Verlag 
von F. Meiner, Leipzig). Darunter befinden sich Sonderhefte über 
den Frieden von Brest-Litowsk, den Waffenstillstand und die deut- 
sche Revolution. Man wird mit Ergriffenheit, diese letzten Hefte 
durchsehend, noch einmal die furchtbaren Tage unseres plötz- 
lichen Zusammenbruches durchleben. Dabei wird man freilich auch 
einen Mangel in der Anlage des Sammelwerkes gewahr, der sich aus 
seiner raschen Herstellung erklärt und ganz wohl nicht beseitigt wer- 
den, aber doch durch eine umsichtige Redaktion gemildert wer- 
den kann. Nebeneinander stehen nämlich jetzt die kurzen Tatsachen- 
vermerke und eine Fülle von Preßstimmen des In- und Auslandes 
über die Ereignisse, in denen in oft versteckter Weise auch kausal 
wichtige, ja unentbehrliche Mitteilungen enthalten sind, die der Her- 
ausgeber eigentlich an hervorragender Stelle, unmittelbar den Haupt- 
tatsachen angefügt, bringen müßte. Wer könnte, wenn er nur diesen 
Geschichtskalender liest, ahnen, aus welchen Beweggründen unser 
Waffenstillstandsangebot vom 5. Oktober entsprang. Die damaligen 
Urteile der rechtsstehenden Blätter, die der Geschichtskalender ihnen 
unmittelbar anreiht, würden ihm ein völlig falsches Bild der Situation 
vorspiegeln. Viele Seiten später (S. 132) erfährt man dann erst, daß 
die Tägl. Rundschau die Verantwortung für das unglückliche Waffen- 
stillstandsangebot in erster Reihe Ludendorff zurechnet. Der Heraus- 
geber des Geschichtskalenders hat nun zwar nicht die Pflicht, zu 
untersuchen, inwieweit solche Behauptungen zutreffen, aber er müßte 
dem künftigen Forscher wenigstens dadurch vorarbeiten, daß er sie 
an hervorragender Stelle bucht und mit den schon erreichbaren Zeug- 
nissen belegt. M. 
\ In den Annalen für Soziale Politik und Gesetzgebung 6, 3/4 
I hat H. Oncken über die inneren Ursachen der Revolution von 1918 
I gehandelt. 

! In einem Heftchen der Sammlung „Die neue Zeit. Schriften 

I zur Neugestaltung Deutschlands" sind durch Felix Salomon „Die 
j neuen Parteiprogramme mit den letzten der alten Parteien zusammen- 
gestellt" (Leipzig und Berlin, Teubner. 1919. IV u. 688. 1,50 M.). 
Franz Ehrle S. J. „Neu-Deutschland und der Vatikan. Er- 
wägungen über Artikel 3 des Entwurfes der neuen Reichsverfassung" 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 12 



178 Notizen und Nachrichten. 

(Flugschriften der „Stimmen der Zeit", 2. Heft. Freiburg i. Br., Her- 
der. 1919. 18 S. 60 Pf.) tritt für eine gegenseitige Vertretung des 
Reiches und der Kurie ein. Er führt auch geschichtliche Erwägungen 
ins Feld. 

Neue Bücher: Fried jung, Das Zeitalter des Imperialismus 
1884—1914. 1. Bd. (Berlin, Neufeld & Henius. 20 M.) — Sauer- 
beck, Die Großmachtspolitik der letzten zehn Friedensjahre im Licht 
der belgischen Diplomatie. (Basel, Finckh. 6 M.) — Hammann, 
Zur Vorgeschichte des Weltkrieges. (Berlin, Hobbing. 4,50 M.) — 
Platykas, La Grtce pendant la guerre de igi4 — igi8. (Bern, Wyß.) 
— Reinke, Politische Lehren des großen Krieges. (Berlin, Mittler 
& Sohn. 3,80 M.) — L6vay, Logik des Weltkrieges. (Wien, Brau- 
müller. 4 M.) — Löwe, Das neue Rußland und seine sittlichen Kräfte. 
(Halle, Niemeyer. 5,30 M.) 



Deutsche Landschaften. 

Neue historische Literatur über die deutsche und italienische 
Schweiz stellt C. Brun zusammen im Anzeiger für Schweizerische 
Geschichte 1918, 3. 

Aus dem Sammelwerk, das Karl Strupp als Werbeschrift unter 
dem absonderiichen Titel „Unser Recht auf Elsaß-Lothringen" (München 
und Leipzig, Duncker und Humblot. 1918) herausgegeben hat, darf 
hier der Beitrag Karl Stählins: Politische und kulturelle Geschichte 
Elsaß- Lothringens, rühmlich hervorgehoben werden. Mit Fug und 
Recht werden kritische Streitfragen umgangen; um so anregender 
ist der Versuch, die Geschichte beider Länder, Elsaß und Lothringens, 
die bekanntlich vor 1870 weit weniger als die meisten anderen deut- 
schen Stämme gemeinsam hatten, im großen Rahmen der europäischen 
Kultur und Politik in enge Beziehungen zu setzen. Leider endet die 
Darstellung mit der Einverleibung des Reichslandes ins Neue Reich; 
ihre Fortsetzung erst bis in die Kriegsjahre hinein kann die große 
Frage nach der „Schuld" lösen, die der kleine deutsche Bundesstaat 
mit der Angliederung von Volksgenossen auf sich lud, die in der 
politischen Luft des nationalen Einheitstaates zu leben gewöhnt 
waren und jetzt in einen Partikularismus hineingespannt wurden, 
den sie längst überwunden hatten. Hier gilt es, uns und den 
kommenden Geschlechtern ein neues „Recht" auf das ehemalige 
„Reichsland" zu erwerben, und hier muß auch die Geschichtschrei- 
bung einsetzen zur rückhaltlosen nationalen Selbstkritik. 

P. Wentzcke, 



i 



Deutsche Landschaften. 179 

An Hand von aus der Heidenzeit noch erhaltenen Gräbern und 
Steinen erzählt C. Matthis in seiner Schrift: Wasgowiana, Straßburg, 
Heitz, 1918, 47 S., allerlei Sagen des nördlichen Wasgaus. 

Den Inhalt des Visitationsprotokolls betreffs des Klosters Trochtel- 
fingen vom Jahre 1661 analysiert Friedrich Eisele in den Mitteilungen 
des Vereins für Geschichte und Altertumskunde in Hohenzollern 
Bd. 51. Aus dem fürstl. Hohenzollernschen Hausarchiv veröffentlicht 
Hebeisen das Fragment einer unbekannten Handschrift über die 
Königskrönung Maximilians I. im Jahre 1486 und den Brief eines 
Augenzeugen über den Zustand des französischen Heeres beim Durch- 
marsch durch Vilsingen, als es sich 1799 nach der Schlacht bei Stockach 
vor Erzherzog Karl zurückziehen mußte. 

Eine Reihe von wertvollen Aufsätzen sind aus dem Oberbayri- 
schen Archiv für vaterländische Geschichte Bd. 61 zu erwähnen: Ph. 
Wehner: Die burschenschaftliche Bewegung an der Universität Lands- 
hut-München 1815 — 1833; besonders geht der Verfasser auf die De- 
zemberunruhen von 1830 ein, als deren Kern er einen Studentenulk 
bezeichnet, der sich nur infolge des ungeeigneten Vorgehens der Polizei 
und der Militärorgane zu öffentlicher Ruhestörung ausgewachsen habe. 
Auf Grund des Briefwechsels des kurbayrischen Ministers Grafen Maxi- 
milian von Berchem mit seinem ältesten Sohn schildert August Rosen- 
lehne r das bayrische Leben in den Jahren 1759 — 1776. Die Artikel, 
die Joseph und Guido Görres für die Allgemeine Zeitung geliefert 
haben, stellt Karl Alexander v. Müller zusammen. Franz Feld- 
meier beweist, daß das angeblich kurbayrische Manifest von 1704, 
wie schon Heigel behauptet hatte, nicht als Kundgebung der bayri- 
schen Regierung angesprochen werden darf. Kurfürst Max Emanuel 
hat nicht das geringste mit dieser „Rechtfertigungsschrift" zu tun. 
Ihr Verfasser ist der französische Abb6 Dubos, und veranlaßt ist sie 
von einem der Hauptagitatoren der französischen Partei im Reich, 
dem kurkölnischen Oberstkanzler Karg von Bebenburg, der durch 
diese angeblich amtlich bayrische Kundgebung den Riß zwischen Max 
Emanuel und dem Kaiser noch vertiefen und auf diese Weise den 
Kurfürst ganz ohne allen Rückhalt in die Arme Ludwigs XIV. treiben 
wollte. Georg Buchner untersucht die Ortsnamen des Karwendel- 
gebiets, und schließlich enthält der Band noch den Schluß der an 
dieser Stelle schon erwähnten Arbeit von Artur Kleinschmidt über 
Karl Vn. und Hessen. 

Ein Gesamtbild der Zeit des Eindringens der gotischen Formen 
in die altbayrische Baugeschichte aus dem leider sehr lückenhaften 
und brüchigen Material herauszuarbeiten, ist die Absicht des Werkes 
von Hermann Graf: Altbayrische Frühgotik, München, Piper. 1918. 

12* 



180 Notizen und Nachrichten, 

151 S. und 17 Tafeln. Der Verfasser weist zunächst den französischen 
Einfluß in der spätromanischen Epoche und das Auftauchen frühgoti- 
scher Einzeiformen im Rahmen noch romanischer Bauten nach. Als 
die eigentlichen Träger der aus Frankreich übernommenen Frühgotik 
bezeichnet er die Meister der Regensburger Bauhütte. Neben ihnen 
steht die Münchener Bauschule, die die einheimische Tradition aus 
dem Backsteingebiet fortführt. 

Eine Würzburger Dissertation von J. Rottenkolber schildert 
die Wirksamkeit des Kemptner Fürstabts Heinrich von Ulm (1607 
— 1616); sie ist erschienen im Allgäuer Geschichtsfreund 1918. 

Die nur einjährige Wirksamkeit der Friedrichsakademie zu Bay- 
reuth 1742 — 1743 untersucht K. W. Aign im Archiv für Geschichts- 
und Altertumskunde von Oberfranken 27, 1. Gegründet ist sie 1742 
von Markgraf Friedrich, dem Gemahl von Friedrich des Großen Schwe- 
ster Wilhelmine; aber aus finanziellen und anderen Schwierigkeiten 
wurde sie bereits am 13. April 1743 nach Erlangen verlegt. 

Aus dem Archiv für Kulturgeschichte Bd. 14, Heft 1 u. 2: Erich 
Frhr. v. Guttenberg beleuchtet durch Beispiele, die er dem Gutten- 
bergschen Familienarchiv entnimmt, das Leben fränkischer Edelfrauen 
im 16. Jahrhundert; als ihr Lebensprinzip bezeichnet er „die bewußte 
Beschränkung auf ein Wirkungsgebiet, das ihre Kräfte und Anlagen 
zu umspannen vermochten". Richard Weyl beginnt mit der Schil- 
derung eines Vierteljahrtausends Kieler Gelehrtenlebens aus Anlaß des 
250jährigen Jubiläums der Universität Kiel. Als Ergänzung zu Kerns 
Sammlung deutscher Hofordnungen veröffentlicht Felix Pischel die 
Hof Ordnung vom 19. September 1573, die Kurfürst August von Sachsen 
für den Aufenthalt seines Mündels, des elfjährigen Herzogs Friedrich 
Wilhelm in Jena erlassen hat. 

Sechs Briefe der Pfalzgräfin Elisabeth, Äbtissin von Herford, 
an ihren Bruder, den Kurfürsten Carl Ludwig von der Pfalz, ver- 
öffentlicht Anna Wen dl and in der Zeitschrift für die Geschichte des 
Oberrheins, N. F. 34, 1 mit einer etwas reichlich gefühlvollen Würdi- 
gung; sie stammen alle aus dem Jahre 1650 und betreffen den Plan 
der Heirat von Elisabeths Schwester Henriette Maria mit Sigmund 
Räköczy. Karl Baas schildert die Maßnahmen zur öffentlichen Ge- 
sundheitspflege in Elsaß-Lothringen von der Römerzeit mit ihren 
Bauten von Wasserleitungen usw. bis zum Ausgang des Mittelalters. 
Das Heft enthält schließlich den Schluß der Arbeit von K. Vierneisel 
über Neutralitätspolitik unter Markgraf Karl Wilhelm von Baden- 
Durlach. 

Hessische Biographien (hrsg. von Herman Haupt) Bd. 1, Lief. 4 
(S. 385 bis 520. Darmstadt, Großh. hess. Staatsverlag. 1918). — 



Deutsche Landschaften. 181 

Männer von überragender Bedeutung sind in dieser Lieferung, die den 
ersten Band der hessischen Biographien zu Ende führt, nicht behandelt. 
Das meiste Interesse wird der Historiker dem Leutnant Wilhelm 
Schulz entgegenbringen, der in der Revolution von 1848 eine gewisse 
Rolle spielte, und dem Fürsten Ludwig zu Solms-Lich, für dessen 
Biographie hier freilich kaum mehr als der äußere Rahmen mitgeteilt 
wird. Das Fürstenhaus ist vertreten durch den Prinzen Heinrich von 
Hessen, der 1866 auf preußischer Seite focht, im Gegensatz zu seinem 
doch nicht weniger preußenfreundlichen Bruder Ludwig, dem späteren 
Großherzog, sowie durch den Prinzen Friedrich, den Helden der 
Idylle, die den Darmstädtern durch Pasques „Es steht ein Baum 
im Odenwald" lieb geworden ist. Daneben haben eine stattliche Zahl 
von Frauen Arbeiten aus den verschiedensten Lebenskreisen ohne 
Übertreibung und lauten Lokalpatriotismus, ihre ansprechende Würdi- 
gung gefunden, der Physiker Buff, die protestantischen Theologen 
Rinß und Schmidt, der katholische Theologe Humann, der Jurist 
Löhr, der Schulmann Bone u.a. (Vgl. H. Z. Bd. 113, S. 624 ff.) 

E. Vogt f. 
Im Dezember 1578 ließ Herzog Julius von Braunschweig trotz 
eifrig evangelischer Gesinnung, um seinem Hause den Besitz gewisser 
geistlicher Güter zu sichern, seinem ältesten Sohn die kirchliche Weihe, 
seinen beiden jüngeren die Tonsur erteilen. Diese Handlung erregte 
den lebhaftesten Widerspruch der Braunschweiger Geistlichkeit, worauf 
der Herzog mit der Amtsentlassung des Professors Thimoteus Kirchner, 
des ersten Geistlichen der Universität Helmstadt, antwortete. Trotz 
einer Eingabe der gesamten Professorenschaft der Universität hielt 
der Herzog diese Verfügung aufrecht. Im Braunschweigischen Magazin, 
April 1918, teilt Paul Zimmermann den Wortlaut dieser bisher un- 
gedruckten Eingabe mit. 

Die Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Altertums- 
kunde, Heft 51 bringt eine Arbeit von H. Denker über den Wald- 
besitz des Klosters Neuwerk im Oberharz und von M. v. Bahrfeldt 
über die letzten Münzprägungen der Grafen von Regenstein 1596 
bis 1599. 

Den Verlauf und örtlichen Schauplatz der Niederlage der Kaiser- 
lichen in der Nähe von Liegnitz am 13. Mai 1634 untersucht Arnold 
zum Winkel in den Mitteilungen des Geschichts- und Altertums- 
vereins zu Liegnitz, Heft 6; er veröffentlicht eine Anzahl amtlicher 
und privater Schlachtberichte. Das Leben des Landeshauptmanns des 
Fürstentums Liegnitz, David von Schweinitz (1600 — 1667) schildert 
Konrad Klose. Einen wichtigen Beitrag zur Reformationsgeschichte 
liefert die Studie von J. Bah low: Die Reformation in Liegnitz; sie 

12** 



182 Notizen und Nachrichten. 

beruht auf guter Literaturkenntnis und auf dem Studium der ein- 
schlägigen Akten, von denen die wichtigsten im Anhang abgedruckt 
werden. 

Die Fortsetzung der an dieser Stelle schon erwähnten Arbeit 
von Waldemar Giese: Die JVlark Landsberg bis zu ihrem Übergang 
an die brandenburgischen Askanier im Jahre 1291 erscheint in der 
Thüringisch-sächsischen Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 
8, 2. Im Anhang wird ein Verzeichnis der zur Grafschaft Wettin bei 
ihrem Verkauf an den Erzbischof von Magdeburg 1248 gehörigen Ort> 
schatten mitgeteilt. In einem historischen Exkurs beschäftigt sich 
der Verfasser mit der Gründungsurkunde des Ciarenklosters zu Weißen- 
fels vom 6. September 1284. 

„Die Archivverwaltung bei dem Kaiserlich deutschen General- 
gouvernement zu Warschau", die im Herbst 1915 unter Leitung des 
Danziger Archivdirektors Geh. Archivrat Dr. Warschauer eingerichtet 
wurde, erhielt die Aufgabe zugewiesen, gemäß den Bestimmungen der 
Haager Landkriegsordnung die beim deutschen Einzug meist hüterlos 
zurückgelassenen Archive zu schützen und zugleich den dort vorhan- 
denen Quellenstoff zur Geschichte Ostdeutschlands zu erforschen und 
wissenschaftlich nutzbar zu machen. In Warschau selbst wurden nicht 
weniger als sieben Archive — darunter die der Finanzen und der in- 
neren Verwaltung — nebst verschiedenen Geschäftsregistraturen der 
Archivverwaltung unterstellt; darüber hinaus aber dehnte diese ihre 
Tätigkeit aus auf andere Städte des besetzten Gebietes, auf Privat- 
sammlungen, Kirchen- und Gemeindearchive usw. Daß dabei ein außer- 
ordentlich reiches Quellenmaterial zur deutschen und besonders zur 
preußischen Geschichte im Osten zutage gefördert werden müßte, ist 
bei der jahrhundertelangen Verbindung j^ener Landesteile mit Polen 
selbstverständlich. Eine besondere Aufmerksamkeit wurde dabei den 
Archivalien preußischen Ursprungs zugewandt, die nach dem Tilsiter 
Frieden an das Herzogtum Warschau ausgeliefert und nach dem 
Wiener Kongreß großenteils nicht zurückgegeben sind. Mit wie schönem 
Erfolge die Archivverwaltung dort gearbeitet hat, sieht man jetzt aus 
zwei Veröffentlichungen, die in der deutschen Staatsdruckerei in War- 
schau gedruckt sind. Der erste Band (Eigentum des Kaiserlich deut- 
schen Generalgouvernements. 1917. XL IX u. 190 S.) behandelt „Die 
Handschriften des Finanzarchivs zu Warschau zur Geschichte der 
Ostprovinzen des preußischen Staates". Nach einer Einleitung über 
die Einrichtung der deutschen Archivverwaltung in Warschau und 
des polnischen Archivwesens sowie über die bei dieser Veröffentlichung 
maßgebenden Gesichtspunkte werden von sachkundigen Händen und 
mit größter Sorgfalt nicht wenige^ als 330 Handschriften in vier 



Deutsche Landschaften. I8S 

Gruppen (Steuerbücher, Zollrechnungen, Lustrationen und Inventare 
und Sammelbände) verzeichnet und beschrieben und damit für Ge- 
schichte deutscher Städte und deutscher Familien, für Verkehrs- und 
Wirtschaftsgeschichte des Ostens, für Baugeschichte — auch der Marien- 
burg — usw. Quellen von höchstem Werte erschlossen, die sich der 
deutschen Forschung bisher entzogen hatten. Ein Ortsregister erleich» 
tert die Benutzung. — Von der zweiten Veröffentlichung „Die preußi- 
schen Registraturen in den polnischen Staatsarchiven" liegt bisher 
nur der er.te Teil vor (1918, VII u. 153 S.). Unter dem Titel: Die 
Gcc^cnichte der preußischen Registraturen" berichtet er die Ausliefe- 
rung i reußischer Akten an das Herzogtum Warschau nach dem Til- 
siter Frieden, deren Schicksale in polnischer Hand und die höchst 
unvollständige Rückgabe nach 1815. In aktenmäßiger, streng sach- 
licher Darstellung, die man doch nicht ohne innerste Anteilnahme 
lesen kann, wird hier gezeigt, wie nach 1807 die gewalttätige Ein- 
mischung der Franzosen, die in die Archive selbst eindrangen, und 
nach dem Wiener Kongreß die Nachlässigkeit preußischer Vertreter 
die preußischen Archivbestände auf das schwerste geschädigt haben. 
— Das zweite Heft dieser Veröffentlichung soll die „vorgefundenen 
Bestände der preußischen Zentralregistraturen, ein drittes die in den 
jetzt polnischen Bezirken selbst entstandenen Landesregistraturen, 
auch die schlesischen Registraturen beleuchten, sowie die Quellen- 
nachweisungen und Register für das ganze Werk geben". P. B. 

Einen kurzen Überblick über den Kampf der Universität Dorpat 
gegen die Russifizierung und über die speziellen Beziehungen zwischen, 
den Universitäten Dorpat-Rostockgibt Otto Staude in seiner Rostocker 
Rektoratsrede: Dorpat und Rostock. Rostock 1918, 16 S. 

Kulturhistorisches Interesse bietet der Artikel über Sitten und 
Gebräuche im großen Walsertale von Ignaz Konzett in der Viertel- 
jahrschrift für Geschichte und Landeskunde Vorarlbergs, 1918, Heft 3 
und 4; besonders ausführlich geht er ein auf die Gebräuche bei Ge- 
burt, Taufe, Hochzeit und Tod. 

Neue Bücher: Steck und Tob 1er, Aktensammlung zur Geschichte 
der Berner Reformation 1521—1532. Lieferg. 1. 2. (Bern, K- J. Wyß 
Erben. 5 M.) — Thdr. Pestalozzi, Die Gegner Zwingiis am Groß- 
münsterstift in Zürich. (Zürich, Gebr. Leemann & Co. 4,50 M.) — 
Urkundenbuch der Abtei Sankt Gallen. VI. Teil, Lief erg. 2 (1448 — 
1453), bearb. v. Traügott Schieß. (St. Gallen, Fehr. 28 M.) — Hor- 
ning, Der Humanist Dr. Nikolaus Gerbel, Förderer luther. Reforma- 
tion in Straßburg (1485—1560). (Straßburg, Heitz. 3 M.) — Soll- 
eder, Urkundenbuch der Stadt Straubing. 1. Bd. (Straubing, Hiscor. 
Verein für Straubing und Umgebung. 20 M.) — Karl Wagner, Regi- 



184 Notizen und Nachrichten. 

ster zur Matrikel der Universität Eriangen 1743—1843. (München, 
Duncker & Humblot. 28 M.) — Thürauf, Die öffentliche Meinung 
Im Fürstentum Ansbach-Bayreuth zur Zeit der französischen Revolu- 
tion und der Freiheitskriege. (München, Beck. 6 M.) — Goldschmit, 
Geschichte der badischen Verfassungsurkunde 1818 — 1918. (Karlsruhe, 
Braun. 6 M.) — Schwemer, Geschichte der freien Stadt Frankfurt 
a. M. (1814—1866). 3. Bd., 2. Tl. (Frankfurt, Baer & Co. 7,50 M.) 

Vermischtes. 

Historische Kommission für Hessen und Waldeck. Seit 
dem letzten Jahresbericht (Juli 1914) wurden ausgegeben: 1. Urkund- 
liche 'Quellen zur hessischen Reformationsgeschichte. Einleitung: Terri- 
torium und Reformation in der hessischen Geschichte 1526 — 1555 von 
Walter Sohm (1913). 2. Hessisches Klosterbuch von Wilhelm Dersch 
<1915). 3. Klosterarchive. 1. Bd.: Die Klöster der Landschaft an der 
Werra. Regesten und Urkunden, bearbeitet von Albert Huyskens 
(1916). 4. Quellen zur Rechtsgeschichte der hessischen Städte. 1. Bd.: 
Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt Marburg. 1. Bd. bearbeitet 
von Friedrich Küch (1918). Die Regesten Ludwigs I. (Armbrust) 
liegen seit Herbst 1916 druckfertig vor. Von der „Behördenorganisa- 
tion" hat Gundlach den 1. Band ganz und den 2. nahezu abge- 
schlossen. Von den Quellen zur Rechts- und Verfassungsgeschichte 
der hessischen Städte hat Küch das Manuskript für den 2. Band 
Marburg abgeschlossen und Vorarbeiten für andere Städte erledigt. 
Von der^Ropp vollendete die archivalischen Vorarbeiten für den 
ökonomischen Staat Landgraf Wilhelms IV. Reimer gedenkt die 
Arbeit des Ortslexikons binnen wenigen Monaten abzuschließen. 

Die Historische Kommission für die Provinz Westfalen 
hat, wie wir A. Meisters Bericht über die 22. Jahresversammlung 
entnehmen, im Jahre 1917 veröffentlicht: Inventare der nichtstaat- 
lichen Archive Bd. 3, H. 3 (Kreis Lüdinghausen); Mindener Geschichts- 
quellen Bd. 1: Die Bischofschrpniken des Mittelalters, hrsg. von Kl. 
Löffler. — Das Register zum 7. Band des Westfälischen Urkunden- 
buchs ist im Druck fast abgeschlossen. Für die Inventare der nicht- 
staatlichen Archive hat Archivar H. Müller das Inventar des Hauses 
Hülshof bearbeitet, Schmitz-Kallenberg einen Teil des gräfl. Galen- 
schen Archivs und einige kleinere Archive des Stadtkreises Münster; 
das Inventar für den Kreis Paderborn (Linneborn) ist im Druck. 
Von den darstellenden Geschichtsquellen sind durch Löffler der 
2. Band der Mindener Geschichtsquellen (Tribbes Beschreibung von 
Stift und Stadt Minden) außer der Einleitung und die Chronik von 
Frenswegen druckfertig vorgelegt. Die von Didier vorbereitete Aus- 



Vermischte». 185 

gäbe des Briefwechsels des Fürsten Karl Theodor Otto von Salm- 
Salm will man für die Veröffentlichungen der Kommission zu gewinnen 
suchen. Ein von Meister vorgelegtes Schema der Bearbeitung des 
westfälischen Adelslexikons wurde gebilligt. 

Aus dem Bericht der Kommission für neuere Geschichte 
Österreichs über das Jahr 1917/18 erwähnen wir folgendes: Von 
dem 2. Bande der Familienkorrespondenz Ferdinands I. (W. Bauer) 
steht nur die Bearbeitung der Briefe von 1530 und 1531 noch aus. 
Bibl hat den 2. Band der Familienkorrespondenz Maximilians II. 
(August 1566 bis Ende 1567) druckfertig vorgelegt. Die Arbeiten für 
den 3. Band (1568—1569) sind so gut wie beendet. 

Preisaufgabe der Samsonstiftung bei der Kgl. Bayrischen 
Akademie der Wissenschaften im Jahre 1918: „Die Bestattungssitten 
der ältesten Zeit im Bereich der antiken Kultur sollen auf Grund einer 
möglichst vollständigen kritischen Sammlung der Funde und Fund- 
berichte so dargestellt werden, daß sich Schlüsse auf die Vorstellungen 
vom Weiterleben des Toten und auf die Verpflichtungen, für das Wohl- 
ergehen des Toten zu sorgen, ergeben, welche aus diesen Vorstellungen 
für die Überlebenden erwuchsen. Als zeitliche Grenze dieser ältesten 
Zeit wird zweckmäßigerweise die Epoche des geometrischen Stils 
(diese noch einbezogen) anzunehmen sein. Eine räumliche Beschrän- 
kung auf den Osten oder den Westen der antiken Welt ist gestattet." 
Bearbeitungszeit 3 Jahre (nach Beendigung des Krieges). Preis 3000 M. 

Preisaufgaben der Teylerschen Theologischen Gesell- 
schaft zu Haarlem. 1. Zur Beantwortung vor 1. Januar 1920: „Die 
Gesellschaft verlangt eine Entwicklungsgeschichte der , Bewußtseins- 
oder Erfahrungstheologie* seit Schleiermacher." 2. Zur Beantwortung 
vor 1. Januar 1921: Eine Abhandlung über den Platz der Sünde im 
religiösen Leben der Menschen nach moderner Auffassung. — Preis 
Goldene Medaille oder 400 fl. Von den Bestimmungen der Gesellschaft 
seien die folgenden, da sie sonstigen Gepflogenheiten widersprechen, 
einmal im Wortlaut mitgeteilt: „Alle eingesandten Antworten fallen 
der Gesellschaft als Eigentum anheim, welche die gekrönten, mit oder 
ohne Übersetzung, unter ihre Werke aufnimmt, so daß die Verfasser 
sie nicht ohne Erlaubnis der Stiftung herausgeben dürfen. Auch be- 
hält die Gesellschaft sich vor, von den nicht mit dem Preis 
gekrönten nach Gutfinden Gebrauch zu machen, mit oder 
ohne Vermeldung des Namens der Verfasser, doch im ersteren Falle 
nicht ohne ihre Bewilligung." Einsendung (mit Kennwort) an: „Fun- 
datiehuis van wijlen den Heer P. Teyler van der Hülst, te Haarlem." 

Ibero-amerikanischer Studienpreis, anläßlich der drei- 
hundertsten Wiederkehr des Todestages von Cervantes begründet für 



186 Notizen und Nachrichten. 

deutsche Doktordissertationen, Habilitationsschriften und wissen- 
schaftliche Erstlingsveröffentlichungen. Erster Preis: 1000 M. und 
die Ibero-amerikanische Medaille für wissenschaftliche Studien. Der 
Gegenstand einer an dem Wettbewerb teilnehmenden Arbeit muß ganz, 
oder vorwiegend der Pyrenäenhalbinsel, dem spanischen Amerika oder 
Brasilien angehören. Nur eine 1918 im Druck erschienene wissen-^ 
schaftliche Arbeit, deren Verfasser deutscher Staatsangehörigkeit ist 
oder, von Deutschen abstammend, in einem ibero-amerikanischen 
Lande geboren, wurde, wird zum Wettbewerb zugelassen. Sie ist ia 
fünf Exemplaren, unter Beifügung der Adresse des Verfassers, seines 
Studienlaufes und des Staatsangehörigkeitsnachweises bis zum 1. Juli 
1919 dem Wissenschaftlichen Rat des Ibero-amerikanischen Instituts, 
Hamburg 36, zur Verfügung zu stellen. 

Aus der Totenliste des Jahres 1917 seien nachgetragen : W. Meyer 
aus Speyer (geb. 1845), der Meister der lateinischen Philologie des 
Mittelalters, t 9. März; der Jesuitenpater Emil Michael (geb. 1852 
in Reichenbach, f 12. März), bekannt durch sein tendenziöses Buch 
über Döllinger und seine „Geschichte des deutschen Volkes seit dem 
13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters" (6 Bde. 1897 — 
1917), die in manchem Kleinen verdienstlich, doch nicht nur äußer- 
lich ein Janssen für das Mittelalter ist; Eugen v. Philippovich 
(geb. 1858 in Wien, f 4. Juni), von dessen Werken neben dem 
„Grundriß der politischen Ökonomie" namentlich die kleine Schrift 
„Die Entwicklung der wirtschaftspolitischen Ideen im 19. Jahrhun- 
dert" (1910) bei uns Historikern Beachtung gefunden hat; der Stutt- 
garter Archivar Adolf Pischek (geb. 1875 in Stuttgart, gefallen in 
Flandern am 8. Juni), der mit seiner ungewöhnlich reifen Dissertation 
über „Die Vogtgerichtsbarkeit süddeutscher Klöster" (1907) der kirch- 
lichen Verfassungsgeschichte eine stark nachwirkende Anregung gegeben 
hat; der Senior unter den geistigen Führern des Ältkatholizismus Johan- 
nes Friedrich (geb. 1836 zu Poxdorf in Oberfranken, fia Juli), der 
seiner Döllinger-Biographie durch den Stoffreichtum, seiner Geschichte 
des vatikanischen Konzils durch eine zwar nicht unparteiische, aber 
eindringliche Behandlung einzelner Gedankenreihen bleibenden Wert 
zu verleihen wußte; Moriz Hoernes (geb. 1851 in Wien, f im Juli), der 
Verfasser zahlreicher Einzeluntersuchungen und mehrerer zusammen- 
fassender Darstellungen über die Urgeschichte; Heinrich Boos in 
Basel (geb. 1851 in Kannstatt, f im Juli), der sich durch seine Quellen- 
veröffentlichungen zur Baseler und zur Wormser Geschichte verdient 
gemacht hat und durch die namentlich wegen der kraftvollen Zeich- 
nungen Joseph Sattlers geschätzte „Geschichte der rheinischen Städte- 
kultur" auch weiteren Kreisen bekannt geworden ist; Otto Kaemmel 
(geb. 1843 in Zittau, f im September), dessen Forschungen der deut- 



J 



Vermischteft. 187 

sehen Besiedelung des Ostens, der sächsischen Geschichte, dem Un- 
terichtswesen und der Geschichte Bismarcks galten, der aber auch 
durch seine anspruchslos-hübscnen Bücher über Italien und nament- 
Jich seine gut angelegten und gut lesbaren Darstellungen der deut- 
schen und der allgemeinen neueren Geschichte eine bei uns Deut- 
schen noch viel zu wenig geübte Befähigung zu volkstümlicher Ver- 
wertung wissenschaftlicher Arbeit gezeigt hat; Adolf Wagner (geb. 
1835 in Erlangen, f 8. November, der unserem Arbeitsgebiete nicht 
^anz so nahe stand wie der wenige Monate vor ihm verstorbene 
Gustav Schmoller (vgl. H. Z. 118, S. 477 ff.), aber mit seinen theo- 
retischen Schriften und seinen finanzgeschichtlichen Forschungen 
auch für die Geschichtswissenschaft große Bedeutung gewonnen hat; 
Pasquale Villari (geb. 1827 in Neapel, f 6. Dezember), der aus- 
gezeichnete italienische Geschichtschreiber, der namentlich durch seine 
Werke über Savonarola und Machiavelli auch die von ihm hoch ge- 
schätzte deutsche Wissenschaft vielfach anzuregen vermochte. 

Am 7. Januar 1918 starb Hugo Laemmer in Breslau (geb. 1835 
in AUenstein), der sich als junger Berliner Privatdozent von der evan- 
gelischen Theologie zum Katholizismus hinwandte und dann, seit 
1859 Priester und Dr. theol., mehr als ein halbes Jahrhundert lang 
seine Arbeitskraft der Geschichte der katholischen Kirche, zumal der 
Geschichte ihres Rechtes und ihrer Theologie widmete. 

Am 7. Januar 1918 starb Julius Wellhausen in Göttingen 
(geb. 1844 in Hameln), der hervorragende Kenner des Alten und Neuen 
Testaments, der israelitischen und der arabischen Geschichte; seine 
glänzenden Bücher „Prolegomena zur Geschichte Israels" (zuerst als 
„Geschichte Israels 1. Bd." 1878), „Israelitische und jüdische Geschichte'* 
(zuerst 1894) und seine bedeutenden Untersuchungen über die Araber 
stellen ihn in die vorderste Reihe der Geschichtsforscher des ausgehen- 
den 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Wir verweisen auf den 
wundervollen Nachruf von Eduard Schwartz in den Geschäftlichen 
Mitteilungen der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften (1918) 
S. 43—73. 

Theobald Ziegler, geb. 1846 in Göppingen, bis 1911 Professor 
in Straßburg, ist im September 1918 gestorben. Von seinen Werken be- 
rühren uns am nächsten seine gewandte, halb populäre Geschichte 
der Pädagogik, sein umfängliches Buch „Die geistigen und sozialen 
Strömungen des 19. Jahrhunderts" — das leider manchmal zu stark 
von Tagesstimmungen ergriffen ist und sich gelegentlich zu sehr dem 
Ton der Tagesschriftstellerei nähert, als daß es der großen Aufgabe 
ganz hätte gerecht werden können — , endlich das mit Wärme geschrie- 
bene Werk über David Friedrich Strauß. 



188 Notizen und Nachrichten. 

Am 2. Dezember 1918 starb der Geh. Oberkonsistorialrat und 
Probst Gustav Kawerau in Berlin (geb. 1847 zu Bunzlau). Wir er- 
innern an seine Arbeiten zur Reformationsgeschichte, insbesondere 
die Neubearbeitung der Lutherbiographie Köstlins, den 3. Band der 
Möllerschen Kirchengeschichte und an seine bedeutenden Verdienste 
um die Weimarer Lutherausgabe. 

Im Januar 1919 starb der Wiener Professor der alten Geschichte 
Adolf Bauer (geb. 1855 in Prag). Es sei hier namentlich seiner Ar- 
beiten zur Geschichte der antiken Geschichtschreibung, sowie seiner 
Untersuchungen und zusammenfassenden Darstellungen über die Ent- 
stehung der christlichen Weltchronistik gedacht. 

Dem österreichischen Geschichtsforscher Josef von Zahn, der 
vornehmlich auf dem Gebiete der steiermärkischen Geschichte gearbeitet 
hat, widmete A. von Jaksch in den Mitteilungen des Instituts für 
österreichische Geschichte 37 (1916), 534 — 539 einen Nachruf. 

Über den 1915 verstorbenen F. L. Baumann (vgl. U.Z. 115, 
4, 71) handelten ausführlich: Riedner in den Dtsch. Geschichtsblättern 
17 (1916), S. 29—47 und Tumbült in der Zeitschrift für Geschichte 
des Oberrheins, N. F. 31 (1916), 116 — 129 (mit einem Verzeichnis der 
Arbeiten Baumanns); Edward Schröders Gedächtnisrede auf Wilhelm 
Meyer ist in den Nachrichten der Götting. Gesellsch. d. Wissensch. 
1917, Geschäftl. Mitteil. S. 76—84 abgedruckt. 

Einen kurzen Nachruf auf den durch seine Arbeiten zur badi- 
schen und preußischen Verfassungsgeschichte bekannten Göttinger 
Privatdozenten Paul Lenel (geb. 1884 in Kiel, gefallen in Frank- 
reich 1. Okt. 1918) veröffentlicht C. Brinkmann in der Zeitschrift der 
Savignystiftung, Germanist. Abteilung 39 (1918), 378 f. 



Beriditigung. 

Im vorigen Bande ist S. 473 Z. 30 „h^c" statt „ec" zu lesen, 
S. 476 Anm. 1 „Angelo in", S. 477 Z. 161 „petere". 



Ein methodischer Versuch 
von 

Eugen Täubler. 



I. 



^Römisches Staatsrecht und römische 
H Verfassungsgeschichte. 

römischen Behandlung stehen geblieben im Ämterrecht. — Ursachen 
dessen. — Anschauungen über das Wesen des Staats. — Konsequenzen 
für die Konstruktion des Staatsrechts: Funktionen und Organe. — 
Bürgerschaft und Magistrat. 

Die Römer kannten den Begriff des Staatsrechts in 
unserem Sinne nicht. Sie unterschieden öffentliches und 
privates Recht nach der bekannten Definition Ulpians 
(D. 1, 1, 1, 2): quod ad statum rei Romanae spectat . . quod 
ad singulorum utilitatem und sahen den Sachbereich des 
öffentlichen Rechts in sacris, in sacerdotibus, inmagistratibus.^) 
Diese Dreiteilung enthält eine Ungleichmäßigkeit. Neben 
der Parallele von Priesterschaften und Ämtern fehlt auf der 
staatlichen Seite das den heiligen Dingen Entsprechende. 
Es müßte lauten: in rebus publicis und müßte all das ent- 
halten, was über das Ämterrecht hinaus von den staat- 
lichen Dingen rechtlich erfaßbar ist: die Organisation und 
Zuständigkeit der nichtmagistratischen Organe (des Senats 
und der Volksversammlung), die Funktionen des Staats, 

^) Die Bezeichnungen, ihren Inhalt und ihren Geltungsbereich 
entwickelt E. Ehrlich, Beiträge zur Theorie der Rechtsquellen, 1902, 
S. 159 ff. 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 13 



190 Eugen Täubler, 

seine Eigenrechte und die rechtlichen Gegenseitigkeits- 
Verhältnisse des Staats und der Einzelnen. Aber diese Teile 
fehlen doch nur scheinbar. Sie sind in Wirklichkeit im Ämter- 
recht enthalten, sind in dieses über die Notbrücke einbezogen 
worden, daß die nichtmagistratischen Organe nur zusammen 
mit den magistratischen handlungsfähig und die abgestuften 
Bürgerrechte die Voraussetzungen beider waren. Wie es 
zu dieser Einbeziehung kam, erklärt sich zunächst daraus, 
daß die Entwicklung des römischen Rechts aus der Praxis 
der verschiedenen magistratischen bzw. priesterlichen Be- 
fugnisse erfolgte. An diese hielt sich dann auch die Rechts- 
wissenschaft, soweit sie nicht zu begrifflich-systematischer 
Bearbeitung gelangte; und dies war nur auf dem Gebiete 
des Privatrechts der Fall. 

Andere Ursachen kamen hinzu. Ich deute nur an, daß 
es nicht die Pontifices und die Fachjuristen, sondern die 
Antiquare waren, die das Staatsrecht behandelten, daß auch 
bei uns das Staatsrecht viel später als das Privat- und Straf- 
recht zu begrifflicher Durchbildung gelangte, daß in der 
Blütezeit der römischen Rechtswissenschaft die abgestor- 
benen Verhältnisse der Republik dem juristischen Denken 
entrückt waren, schließlich, daß das Wesen des Staats 
den Römern begrifflich nur mangelhaft zu Bewußtsein 
kam. 

Während heute als Resultat einer späten Erkenntnis 
fast allgemein die Anschauung herrscht, daß zu den Wesens- 
bestandteilen eines Staats ein Land, Menschen und eine der 
Idee nach unabhängige Willensorganisation gehören, be- 
schränkten die Römer, wie die Griechen, den Staatsbegriff 
auf ein Element, das Volk. Die beiden anderen Elemente 
wurden nur als Zubehör der Bürgerschaft empfunden, 
das Land als Besitz, die Herrschaft als gewillkürte Ordnung. 
Dieser Staatsbegriff war in unserem Sinne nur ein Gesell- 
schaftsbegriff. So erscheint er auch in der philosophischen 
Terminologie der Griechen und Römer und als solchen 
hat ihn nicht einmal das Staatsrecht des Principats über- 
wunden: der Princeps galt nicht als unmittelbarer Träger 
der Herrschaft, sondern lege de imperio als rechtlicher Ver- 
treter der souveränen Gesamteinheit des Volks. 



Römisches Staatsrecht ond römische Verfassungsgeschichte. 191 

Diese Verschiedenheit zwischen der modernen und der 
antiken Begriffsbestimmung des Staates hat Konsequenzen 
in der Konstruktion des Staatsrechts. 

Erscheint die Staatsgewalt als selbständiger Wesensteil, 
so drängt die staatsrechtliche Konstruktion ebenso wie wohl 
immer auch die geschichtliche Entwicklung von selbst zu 
einer Einteilung nach dem Maß größtmöglicher Ausschließ- 
lichkeit der Unterteile, d. h. zunächst in die bekannte 
Teilung von Gesetzgebung, Justiz und allgemeiner Ver- 
waltung und weiterhin in die einzelnen Tätigkeitsbereiche; 
das sind die Funktionen des Staats. Neben ihnen stehen 
in einer gesonderten Reihe die beschließenden und ausfüh- 
renden Organe. 

In einem Staatswesen, in dem alle Herrschgewalt nur 
ein Ausdruck des Volkswillens ist, könnte das natürlich 
ebenso der Fall sein. Aber die Verschiedenheit bezeichnet 
zugleich eine Verschiedenheit der geschichtlichen Entwick- 
lungsstufen und die Funktionenteilung einen sehr hohen 
Grad der Staatsentwicklung. Sie ist erst ein Erzeugnis 
des 18. Jahrhunderts, wenn Aristoteles ihr auch begrifflich 
schon nahe kam. Rom zeigt die Konsequenz der anderen 
Voraussetzung. In Rom ist die Befehlsgewalt ungeteilt 
auf die Konsuln übergegangen, und abgesehen von dem ganz 
aus der Reihe heraustretenden Tribunat sind alle anderen 
ordentlichen Ämter Abspaltungen dieses einen, sie der Idee 
nach immer in sich vereinigenden Amts. Auf diesem Wege 
konnte es zu einer klaren Teilung der Funktionen nicht kom- 
men. Wenn auch die Gesetzgebung bestimmt gesondert 
war und im Bereich der Stadt seit Schaffung der Prätur 
auch die Justiz sich immer deutlicher sonderte, so zeigen 
doch nicht nur die außerordentlichen Magistraturen, son- 
dern auch der Imperienträger außerhalb des Pomerium 
I und die Koerzitionsgewalt im ganzen, alle anderen Funk- 
tionen im einzelnen, daß ihre Teilung nur eine unvollkommene 
Folgeerscheinung der Ämterabspaltung war. 
i Zu den Tatsachen, daß die Römer den Begriff einer 

! von der Bürgerschaft gesonderten Staatsgewalt nicht kann- 
j ten und daß die Staatsfunktionen ihnen völlig hinter der 
I Ämterorganisation zurücktraten, kommt das Verhältnis 

i 13* 



192 Eugen Täubler, 

von Magistrat und Volk hinzu. Rechtlich war der Magi- 
strat nur der Beauftragte des Volks. Da das Volk aber ohne 
ihn nicht handlungsfähig, jeder Volksbeschluß zugleich 
magistratisches Edikt war und die Initiative ausschließlich 
bei dem Magistrat lag, so hat dies als Letztes und Augen- 
fälligstes bewirkt, daß sich den Römern der Begriff des 
Staatsrechts nicht zur Selbständigkeit entwickelte, sondern 
völlig im Banne des Ämterrechts blieb. 

IL 

Das Neue in Mommsens Staatsrecht: der Name, die Begriffe, 
Trennung der magistratischen und der nichtmagistratischen Organe. 

— Gebundenheit an das Ämterrecht. — Dessen Überwindung im Ab- 
riß: am Anfang über die Bürgerschaft und das Reich; Trennung 
der Funktionen von den Organen. — Unmöglichkeit genauer Scheidung. 

— Staatsrecht und Staatsverwaltung, Verwaltungsrecht und Verwal- 
tungsgeschichte. — Für Mommsen ist der Staat wesentlich ein Rechts- 
organismus. — Wie weit kann im Staatsrecht das Wesen des Staats 
zum Ausdruck kommen ? — Der Blick von innen. — Staatsrechtliche 
Schranken in Mommsens Behandlung der Staatsformen. — Wie weit 
kann die Verwaltungsgeschichte das Wesen des Staats erfassen? — 
Allgemeine Geschichte und Verfassungsgeschichte. 

Schon der Ausdruck „Römisches Staatsrecht" bedeutet 
deshalb bei Mommsen ein neues Programm. Aber die alte 
Form wurde durch die Ausführung nicht überwunden. 
Mommsen hat die nichtmagistratischen Organe, Volksver- 
sammlung und Senat, aus der Systematik der Magistrate 
herausgelöst und die allen Ämtern zugrunde liegenden Rechte 
begrifflich zusammengefaßt, als Grundlegung einer „be- 
grifflich geschlossenen und auf konsequent durchgeführten 
Grundgedanken wie auf festen Pfeilern ruhenden Dar- 
legung, die das Wesen wie jedes Rechtssystems so auch des 
Systems des römischen Staatsrechts" ist.^) Mommsen 
hat damit im Staatsrecht, wie später auch im Strafrecht, 
das geleistet, was das Altertum nur auf dem Gebiete des 
Privatrechts hervorgebracht hatte: die begrifflich-syste- 
matische Bearbeitung. — Aber über den altrömischen Ge- 
sichtspunkt des Ämterrechts führte das nicht wesentlich 
hinaus: da die Darstellung nicht von der Bürgerschaft, son- 

1) Römisches Staatsrecht I, Vorwort zur 1. Auflage. 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. 193 

dern von der Magistratur ausgeht, scheinen Bürgerschaft 
und Senat, zumal die Initiative für beide bei dem Magistrat 
lag, beinahe aus dem Ämterwesen herauszuwachsen, und was 
innerhalb der Bürgerschaft gelegentlich darüber hinausführt, 
läßt sich, streng genommen, durch die Systematik des Staats- 
rechts nicht mehr rechtfertigen. 

Sechs Jahre nach der Vollendung des Staatsrechts, 
22 Jahre nach dem Abschluß des ersten Bandes, faßte 
Mommsen das Ganze noch einmal in ganz neuer Gliederung 
in einem Abriß zusammen. Er ließ sich nun durch die über- 
ragende Bedeutung der Magistratur nicht mehr an einer 
freieren Auffassung des Staatswesens hindern. Im ersten 
Staatsrecht hatte er alle Fragen, welche die Entstehung 
und Gliederung der Bürgerschaft, die nichtbürgerlichen 
Reichsangehörigen, die Verbündeten, die Beziehungen zum 
Ausland, das Städtewesen und das Reich als Gebiet betreffen, 
in Verbindung mit den Fragen über Organisation und Funk- 
tion der Bürgerschaft unter dem überdies völlig unzuläng- 
lichen Titel „Die Bürgerschaft*' an der Stelle behandelt, 
an die allein die letzten Fragen gehören, i) Im Abriß löste 
er die erste Gruppe aus der Unselbständigkeit, in die sie 
im Rahmen des Volks als Organ der Staatstätigkeit hinein- 
gezwungen war, und stellte sie unter dem Titel „Die Bürger- 
schaft und das Reich" an den Anfang. Ebenso verfuhr er 
mit den Gebieten der Staatstätigkeit. Im ersten Staats- 
recht führten sie kein eigenes Leben, sondern waren uiiter 
die Befugnisse der Organe, sowohl der Magistrate als auch 
der Volksversammlungen und des Senats, aufgeteilt, und 
da nicht einmal innerhalb der Magistrate eine Scheidung 
der Tätigkeitsgebiete durchgeführt war, mußten sie völlig 
zerrissen werden. Im Abriß sind die Organe und die Funk- 
tionen selbständig nebeneinander behandelt, und so wird 
neben der Materialisierung des Staats im Bilde seiner Or- 
gane seine seelische Erscheinung im Bilde der Funktionen 
sichtbar. 

Restlos durchführen läßt sich die Teilung allerdings 
nicht, namentlich nicht für den Senat, bei dem der Fall 



1) 3. Band, 1. Abteilung. 



194 Eugen Täubler, 

SO liegt, daß nicht die geschichtlich schwankenden Äuße- 
rungen seiner Tätigkeit aus normierten Befugnissen, sondern 
die Befugnisse gewohnheitsrechtlich aus den usurpierten 
Betätigungen abzuleiten sind. Die Unmöglichkeit, die Kate- 
gorien sauber gegeneinander abzugrenzen, greift aber viel 
weiter, sie erstreckt sich auf die ganze Grenzlinie von Willens- 
festsetzung und Willensbetätigung, von Staatsrecht und 
Staatsverwaltung. Ideell ist die Verwaltung nur die An- 
wendung des Staatsrechts. Tatsächlich geht sie aber weit 
über den Kreis dessen hinaus, was sich rechtlich vorher- 
bestimmen läßt und schafft aus sich heraus neues Recht. 
Wie die Responsa der Rechtsgelehrten und die prätorischen 
Edikte auf dem Gebiete des Privatrechts, so muß im Staats- 
recht die Befehlsgewalt der Magistrate und die Geltung des 
senatorischen Rats rechtverändernd und rechtschaffend ge- 
wirkt haben. Der letzte Ausdruck dessen ist die Gesetzes- 
kraft der kaiserlichen Konstitutionen, allgemeiner angesehen: 
die Überwindung des Volks durch die Magistratur im Prin- 
zipat, die Verdrängung des Staatsrechts durch das kaiser- 
liche Verwaltungsrecht. 

Eine Unterscheidung dieser beiden, wie sie sich erst 
seit den letzten Jahrzehnten im modernen Recht durch- 
setzt, kann im römischen Recht allerdings nicht versucht 
werden. Alles was in der Staatstätigkeit rechtlich erfaßbar ist, 
muß in das Staatsrecht hineingezogen werden. Da dies 
aber nur für einen Teil der Verwaltungstätigkeit möglich 
ist und die Funktion in der Einheit des Rechtlichen und 
Tatsächlichen besteht, so ist damit gegeben, daß sich die 
Staatsfunktionen rechtlich nicht völlig darstellen lassen. 
Neben das Staatsrecht muß, ohne daß Wiederholungen 
sich vermeiden ließen, die „materiell geordnete Darlegung" 
d. h. die Staatsverwaltung treten, nicht als Verwaltungsrecht, 
sondern als Verwaltungsgeschichte. 

So hatte Mommsen es sich gedacht i), als er die Insti- 
tutionen des römischen Staates aus der lebendigen Anschauung 
des gesamten Organismus heraus zur Darstellung brachte 
und die der ergänzenden Staatsverwaltung vorbehaltenen 

^) Er sprach sich darüber im Vorwort zur 2. Auflage des 1. Ban- 
des aus. 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. 195 

Funktionen dabei nur soweit berücksichtigte, als es nötig 
Mrar, um die Tätigkeit des Organs zur Anschauung zu bringen. 
Aber der Rechtsorganismus sollte mehr zum Ausdruck bringen 
als sich selbst; Mommsen glaubte, mit ihm seine Ansichten 
„über das römische Staatswesen"^) dargelegt zu haben. 

War diese Hoffnung erlaubt? Ist das Staatsrecht 
imstande, in sich das Wesen des Staates, mehr als das recht- 
liche Wesen des Staats, zum Ausdruck zu bringen? Momm- 
sen hat das Staatsrecht nicht innerhalb des Zusammenhangs 
einer umfassenderen Anschauung vom Wesen des römischen 
Staats abgegrenzt und mit keinem Wort eine über das Recht- 
liche hinausgehende Wesensbestimmung angedeutet. Nimmt 
man den politischen Anschauungskreis hinzu, aus dem er 
herauswuchs, so wird man wohl annehmen dürfen, daß die 
Lebenserscheinung des Staates sich ihm ihrer Struktur nach 
wesentlich als ein Rechtsorganismus darstellte. Der Staat 
als Erscheinung blieb ihm an seine Ordnungen gebunden. 
Seine Wesensbestimmung, die er weder begrifflich noch in 
umschreibender Zusammenfassung versuchte, hätte ihn nicht 
über die Grenzen des Staatsrechtlichen hinausgeführt. 

Das ist nun die Frage: wie weit ist das Staatsrecht 
imstande, das Wesen des Staats in sich zum Ausdruck zu 
bringen? Das römische Staatsrecht wird dazu in höherem 
Grade als irgend ein anderes fähig sein. Die Allmacht des 
Rechtsgedankens durchdringt in Rom den Staat nicht we- 
niger als die bürgerlichen Verhältnisse. Der römische Genius 
offenbart sich in beiden in der Sprache des Rechts, in einer 
begrifflichen Geschlossenheit, die in der Tat „auf konse- 
quent durchgeführten Grundgedanken wie auf festen Pfeilern" 
zu ruhen scheint. Der Strahlungsbereich der Rechtsord- 
nungen ist unbegrenzt; alle Bestandteile und alle Tätigkeits- 
bereiche des Staats werden von ihm durchdrungen: die 
territoriale Schichtung des Reichs ist ebenso wie die natio- 
nale, die gesellschaftliche und die wirtschaftliche des Volks 
rechtlich determiniert, ja sogar das freie Spiel der Politik 
ist nach innen und nach außen durch Voraussetzungen 
und Formen rechtlich gebunden. So stark sich danach der 

^) Vorwort zur 3. Auflage des 1. Bandes. 



196 Eugen Täublerj 

Staat als Ganzes in seinen Rechtsordnungen spiegelt: diese 
können sein Wesen doch nur soweit wiederspiegeln, als es 
ihrer eigenen rechtlich gebundenen Wesenheit erfaßbar ist. 
Der Staat als zusammengesetzter Gebiets- und Volkskörper 
und als Machtorganisation, die nicht nur rechtlich mit ihren 
Ordnungen, sondern auch handelnd mit den Tendenzen 
und Systemen ihrer inneren und äußeren Politik in einer 
gewissen Geschlossenheit zur Erscheinung kommt — das 
ist eine Anschauung, die über die Grenzen des Staatsrecht- 
lichen weit hinausführt. In der geschichtlich umkleideten 
Begriffswelt des Staatsrechts wird der Staat nur mechanisch, 
nicht auch substanziell, morphologisch und dynamisch 
sichtbar, und ferner erscheint er als ein sich nach den Ge- 
setzen einer inneren Systematik ganz aus sich selbst ent- 
faltendes Eigengebilde, während eine umfassendere An- 
schauung nicht verkennen wird, daß auch die politische 
Umwelt auf seine äußere und innere Gestaltung eingewirkt 
hat. 

Das sei hier zunächst nur ganz im allgemeinen zur Be- 
gründung einer über das Staatsrechtliche hinausgehenden 
Auffassung vom Wesen des Staats angedeutet. 

Das Staatsrecht selbst wird von diesen Bemerkungen 
nicht berührt, und die Einschränkung dessen, was es im 
Verhältnis zum ganzen Staatswesen zum Ausdruck bringt, 
soll auch keineswegs bedeuten, daß es nur die eigene Welt 
der Begriffe und ihrer geschichtlichen Wirklichkeitsformen 
zum Ausdruck zu bringen vermöchte. Jedem Staatsrecht 
wohnt eine Anschauung vom Wesen des Staats inne. Jedes 
geschichtliche Staatsrecht ist ebenso sehr Geschichte wie 
System. Aber es ist immer nur der Blick von innen, der 
sich von ihm aus erschließt, und auch dieser streift nur von 
fern die politischen und gesellschaftlich-wirtschaftlichen 
Inhalte, die Aristoteles und sein Erneuerer Röscher in den 
Schematismus ihrer Kategorien zu bannen versuchten. 
Der Staat, der in Mommsens Darstellung sich in seinen 
Ordnungen offenbart, ist nicht die den weiteren Rahmen 
unseres Staatsbegriffs ausfüllende geschichtliche Erschei- 
nung, sondern das nur die Bürgerschaft subjektivierende 
gemeine Wesen, die res publica. So hochbedeutsam es ist, 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. 197 

daß Mommsens Staatsrecht auf diese Weise, gebunden an 
die alten Anschauungen von Staat und Ämterrecht, gewisser- 
maßen zu einer antiken Quelle wird, uns gewissermaßen 
die wiedergefundenen Institutionen des römischen Staats 
so gibt, wie sie ein juris publici peritus von seinem Geiste, 
mit dem Rom nicht gesegnet war, hätte geben können, so 
nötig ist es anderseits, sich der Schranken, die im Prinzip 
liegen, bewußt zu werden. Aus dem staatsrechtlichen Prinzip 
heraus ist es zu verstehen, daß der Prinzipat in seiner Dar- 
stellung weniger als Staatsform, denn als Magistratur er- 
scheint und daß ihm über dem Neuen in den Institutionen 
Diokletians die entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhänge 
zwischen Prinzipat und Dominat verborgen blieben. Wie 
der Prinzipat erscheint auch das Königtum, losgelöst aus 
seinem natürlichen Zusammenhange mit dem Stamm- und 
Geschlechterstaat, nur als Magistratur, und selbst innerhalb 
der Republik, in welcher der Organismus der Institutionen 
noch am ehesten imstande ist, eine gewisse Anschauung 
vom Wesen des Staats zu vermitteln, macht die systematische 
Zergliederung des Staatsrechts es unmöglich, die politischen 
Kräfteverschiebungen in ihrer Bedeutung für den inneren 
Wandel des Staatsganzen zur Anschauung zu bringen. 

Die Verwaltungsgeschichte sollte nach Mommsens An- 
sicht den Rahmen des Staatsrechtlichen nur ausfüllen, 
nicht erweitern. Sie hat mehr getan, besonders da, wo es 
sich um Zusammenhänge mit Hellenistischem handelt und 
wo die Verwaltungstätigkeit über den staatsrechtlichen 
Rahmen hinauswuchs, i) Aber sie ist zu sehr an die einzel- 
nen Gebiete der Staatstätigkeit und an das Innere des Staats- 
lebens gebunden und auch nach dieser Seite zu wenig fähig, 
die Wirkung der politischen Bewegungen auf die Gestaltung 
des Staats zu erfassen, um imstande zu sein, eine einheit- 
liche Anschauung vom ganzen Staatswesen zu schaffen. 
Staatsrecht und Staatsverwaltung, getrennt oder verbun- 
den: der auf die Erfassung der Wesenheit des Staatsganzen 
gerichtete Blick muß über beide hinausstreben. 

1) Ich hebe hervor 0. Hirschfeld, Die kaiserlichen Verwaltungs- 
beamten bis auf Diokletian und U. Wilcken, Griechische Ostraka 
aus Ägypten und Nubien. 



198 Eugen Täubler, 

Es ist unnötig, zu fragen, ob es ratsam sei, ihn dann 
auf die allgemeine Darstellung von Volk und Staat hinzu- 
lenken oder für ihn noch ein geschichtliches Sondergebiet 
abzustecken. 

Die Frage ist bereits durch Aristoteles beantwortet 
worden. Auch für den, der nicht in seinen Kategorien lan- 
den will, ist es der von ihm eröffnete Weg verfassungs- 
geschichtlicher Betrachtung, auf dem eine Anschauung 
vom Wesen eines Staats gesucht werden muß. 

HI. 

Die verschiedenen Anschauungsweisen des Staats. — Die An- 
schauungseinheit. — Die Abgrenzung des Staats durch das herrschaft- 
liche Prinzip. — Der sozialpolitische Charakter der Kategorien des 
Aristoteles; die griechischen Stadtstaaten. — Das Problem einer 
römischen Territorialverfassung. — Das Ineinanderwirken der sozialen 
und der territorialen Bedingungen und Erscheinungen des Staatslebens. 
— Die politischen Ideen im Verfassungsleben. — Der Staat als über- 
nationales Gebilde. — Die vergleichende Verfassungsgeschichte. — 
Verfassungstypen. — Entwicklungsstufen der römischen Verfassungs- 
^eschichte. — Der römische GeschlecTiterstaat und die Ämterent- 
wicklung. — Verfassung im engeren und weiteren Sinne. 

Im Staatsrecht ist die konzentrierteste und abstrakteste, 
in der allgemeinen, beschreibenden Geschichte die am weite- 
sten aufgelöste und am stärksten an den Stoff gebundene 
Betrachtung des Staats enthalten. In der Mitte stehen an- 
dere Anschauungsweisen, die auch auf den Staat als Ganzes 
gerichtet sein können, ihn aber doch immer nur von einer 
Seite aus betrachten: als gesellschaftlichen Organismus, 
als Wirtschaftsorganisation, als Verwaltungskörperschaft, 
als biogeographische Einheit, als politisch handelnde Per- 
sönlichkeit, als Kulturinstrument. Was schafft aus den 
Einzelheiten die Einheit? Wie kommen wir zu einer in 
sich geschlossenen Anschauung von der geschichtlichen 
Wesenheit eines Staats? Ganz gewiß weder durch enzy- 
klopädische Zusammenfassung noch durch geschichtliche 
Umkleidung einer Begriffsbestimmung. Vielmehr handelt 
€S sich m. E. um eine durch den Erkenntniszweck bestimmte 
Anschauungseinheit, die in jedem Teile das Ganze sucht 
und ihn nur soweit ans Licht hebt, als er der Vorstellung 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassangsgeschichte. 199 

des Ganzen dient; nicht um ein System und Begriffe, son- 
dern um eine Parallele zu dem, was Dilthey in der Erfassung 
des Menschen als beschreibende und zergliedernde Psycho- 
logie bestimmt hat: darum, die Persönlichkeit eines Staats 
in seiner Struktur und seinen Lebensäußerungen beschreibend 
zu erfassen, einen gegebenen Staat mit dem Denkmittel 
des Historikers, der anschauenden Erkenntnis, als Lebens- 
«rscheinung zu verstehen. Der Vergleich hat seine Schwächen ; 
ich will den Staat nicht als eine Persönlichkeit, ebenso wenig 
wie als einen Organismus, bezeichnen. Ich sehe in ihm ledig- 
lich eine psychologische Erfahrungstatsache, die sichtbare 
Wirkungen zu einer ursächlichen Einheit zusammenfaßt. 
Tatsächlich sind auch die Ursachen nur bis in die Elemente 
verfolgbar, diese lassen aber schon in der vielfältigen Paralleli- 
tät ihrer Entwicklung und in ihrem Ineinanderspielen auf 
Schritt und Tritt die ideelle Einheit empfinden. 

Die Herauslösung dieser Einheit aus den mannig- 
fachen Anschauungsmöglichkeiten bedarf, um nicht im 
Unbestimmten zu zerfließen, eines leitenden Prinzips, und 
das ergibt sich, wenn wir die Begriffseinheit Staat nach ihren 
Elementen umschreiben : als ein der Idee nach unabhängiges, 
Land und Menschen umspannendes Machtgebilde. Diese 
Gliederung macht deutlich, daß es das herrschaftliche Prinzip 
ist, unter dem und in dessen Grenzen sich die verschiedenen 
Anschauungsweisen zu einer inneren Einheit zusammen- 
finden. Wirtschaft, Recht, Religion — das sind Lebens- 
sphären für sich, die mit dem Staate nur in einem Wechsel- 
verhältnis der Beeinflussung stehen. Das Verhältnis ist 
aber herrschaftlicher Art: mag der Staat im Einzelfall 
der Gebende oder der Nehmende sein, mag z. B. die staat- 
liche Notwendigkeit eine Klassenbildung bewirken oder 
umgekehrt eine soziale Entwicklung sich in staatliche Folgen 
umsetzen — immer erscheint nach vollendeter Entwicklung 
der Staat als der überlegene Teil, als derjenige, der die 
anderen Lebenssphären mit seinem Herrscherwillen durch- 
dringt. 

In den Kategorien des Aristoteles erscheint der Staat, 
ohne tiefere Untersuchung des Wechselverhältnisses, fast 
ausschließlich als Ausdruck wirtschaftlich-gesellschaftlicher 



200 Eugen Täubler, 

Zustände^); das Urkönigtum soll einer ursprünglichen Besitz- 
gleichheit und Gemeinfreiheit entsprechen, Aristokratie und 
Oligarchie entsprechen dem Gegensatz von vollberechtigten 
Besitzenden und minderberechtigten Besitzlosen, Tyrannis 
undältere Demokratie sind Ausdrücke des Versuchs, auf dem 
Boden eines Mittelstands zu einem politischen Ausgleich zu 
kommen. Die Entwicklungsreihe entspricht den Verhältnissen 
des griechischen Stadtstaats, und die Ausschließlichkeit wirt- 
schaftlich-gesellschaftlicher und politisch-formaler Gesichts- 
punkte reicht im ganzen hin, um den an den Mauerring 
gebundenen Staat zu kennzeichnen. Innerhalb des Mauer- 
rings vollzog sich auch in Rom die Entwicklung in diesen 
Stufen, aber Rom war anders als irgend eine griechische 
Stadt von allem Anfang an nicht nur tatsächlich, sondern 
auch verfassungsmäßig von außen gebunden. Die älteste 
Stufe der Staatsentwicklung, die Stammherrschaft und ihre 
Zersplitterung in Gauherrschaften, kann bei dem unent- 
wickelten Charakter ihrer staatlichen Wesenheit und un- 
serer mangelnden Kenntnis in Griechenland wie in Italien 
nur als Vorstufe verfassungsgeschichtlicher Betrachtung 
angesehen werden. Während dann aber in Griechenland 
das Territorium entweder, wie in Attika, zum Weichbild 
einer Stadt, oder, wie der Boden der Perioiken in der 
Argolis und in Lakonien, unterworfenes Land wurde, oder, 
wie in Boiotien, einen Städtebund trug, der so lose war, 
daß die territoriale Verfassung des Einzelstaats ebenso- 
wenig wie die administrative von ihm berührt wurde, wäh- 
rend in Griechenland auch das Verhältnis der Kolonie zur 
Mutterctadt trotz der korinthischen Epidemiurgen und 
ähnlicher Erscheinungen nicht zu einer territorialen Verbin- 
dung führte und des attischen Reiches Herrlichkeit dahin- 
sank, bevor sie noch die Reife einer ausgebildeten Staats- 
form gewonnen hatte, stand Rom, solange die Geschichte 
der Stadt zurückreicht, mit Latium in einem territorial- 
politischen Zusammenhang, der nicht nur tatsächlich, son- 
dern, ohne daß man die Fiktion eines latinischen Bundes 
heranzuziehen braucht, auch verfassungsmäßig, z. B. mit 



1) Vgl. 0. Hintze, Histor. und polit. Aufsätze, 4. Band, S. 50ff. 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. 201 

den politischen Folgen der Verkehrsgemeinschaft, Form 
und Wesen des Staats beeinflußt hat. Zu den sozialen und 
machtpolitischen Bedingtheiten und Erscheinungsformen 
des Staatslebens treten in Rom, unvergleichlich entschei- 
dender als in irgend einem anderen Staate bis auf den heu- 
tigen Tag, die territorialpolitischen hinzu: deshalb stärker, 
weil das römische Reich wie kein anderes ein zusammen- 
gesetztes Gebilde mit abgestuften Territorialrechten war. 
Nur das british empire ist von fern vergleichbar, aber auch 
nur dem Reich der Kaiserzeit. Die verfassungsgeschichtliche 
Wirkung territorialpolitischer Kräfte ist, soweit sie sich 
auf italischem Boden vollzog, völlig einzigartig. In der Ent- 
wicklung, die aus Italien und den Provinzen die Einheit 
des Dominats schuf, sind diese Kräfte zwar in größerem Aus- 
maß, aber in geringerer Innerlichkeit wirksam gewesen, 
als in den Jahrhunderten, in denen in der vielfältigsten 
Wechselwirkung und in Verknüpfung mit weltgeschichtlichen 
Gegenwirkungen die Masse der italischen Territorien sich 
mit dem Recht und der Macht des römischen Namens er- 
füllte. 

Es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, auf das 
Problem einer römischen Territorialverfassung näher ein- 
zugehen. Schon die kleinen Anfänge zeigen deutlich, worauf 
es ankommt. Wenn Rom Gabii zerstört, sein Gebiet in- 
korporiert, seine Bewohner nach Rom verpflanzt, so ändert 
sich formal im Aufbau des römischen Staates nichts. Wenn 
Rom aber eine Bürgerkolonie nach Ostia deduziert, den 
Tuskulanern das Halbbürgerrecht mit, den Caeriten ohne 
Selbstverwaltung gibt, so ändert sich der Aufbau des Staats 
insofern, als Rom nun aufhört, eine Einheit zu sein. Das 
Problem vervielfältigt und vertieft sich nicht nur durch das 
Hinzukommen neuer Kategorien, sondern durch die Gebiets- 
erweiterung an sich: je mehr Territorien hinzutreten und 
je mannigfacher sie rechtlich gestellt sind, um so mehr ver- 
ändert sich das Wesen des Staats, auch wenn die rechtlichen 
Kategorien seiner Elemente, seine Ämterorganisation, seine 
nationale Zusammensetzung, seine soziale Schichtung die- 
selben bleiben. Aber gerade dies war in Rom so wenig wie in 
irgend einem anderen entwicklungsfähigen Staate der Fall. 



202 Eugen Täubler, 

Die äußere Staatsverfassung durchdringt sich mit der inneren. 
Zwischen beiden waltet ein Zusammenhang und eine Wechsel- 
wirkung. Das tritt besonders in der Wehrverfassung zu 
Tage, die, stärker von außen als von innen bedingt, diese 
Bedingtheit weit über den eigenen Kreis hinaus auf den 
ganzen inneren Aufbau des Staats wirken läßt. ^) So schafft 
ein Netz innerer Beziehungen die Einheit der sozialpoli- 
tischen und der territorialpolitischen Erscheinungen des 
Staatslebens. Sie geben sich dem Auge zunächst als ein 
Gefüge von Strukturverhältnissen. Da ihr Ineinanderwirken 
aber nicht mechanischer Art ist, sondern ein gestaltender 
Wille durch sie hindurchgeht, so kann die Wesenheit des 
Staats nicht nur in den an ein Element oder an eine Einrich- 
tung gebundenen Beziehungen erkannt, sondern muß auch 
nach dem Geist der Verwaltung und den Inhalten der inneren 
und äußeren Politik bestimmt werden. Die Auswahl hängt 
von der Wertung ab. Es kann sich natürlich nicht um die 
Entwicklung der einzelnen politischen Handlungen, sondern 
nur um die leitenden politischen Ideen und Tendenzen 
handeln, die über lange Räume hinweg in dem natürlichen 
Sich-Ausleben und Ableben aller geschichtlichen Erschei- 
nungen aus diesen herauswachsen, sie in Bewegung setzen 
und in neue Lebensformen überleiten. Mit dem Gegensatz, 
einer agrarischen, auf die Vermehrung von Bauernhufen 
gerichteten, auf Italien beschränkten und einer kapitalisti- 
schen, über Italien hinauswachsenden Politik verband sich 
nicht nur ein Gegensatz in der Bevorzugung der Tribus und 
der Centurien, sondern die Entwicklung drängte aus dem 
alten, bäuerlich-aristokratischen Ämterstaat nach griechi- 
schem Muster in die Richtung einer die hauptstädtische 
Masse einem Demagogen in die Hände spielenden Demo- 
kratie. 2) Die Entwicklung, die mit dem Censor von 310 
begann, vollendete sich in Caesar, in einer immer breiteren, 
tieferen und verschlungeneren Wechselwirkung völkischer^ 
gesellschaftlich-wirtschaftlicher und weltpolitischer Span- 

^) O. Hintze, Staatsverfassung und Heeresverfassung. 1906 (Neue 
Zeit- und Streitfragen, her. von der Gehe-Stiftung zu Dresden. 3. Jahrg., 
4. Heft). 

2) Ed. Meyer, Weltgeschichte und Weltkrieg S. 46 ff. 






Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. 20S 

nungen. Der Wandel der Regierungsform kündete sich schon 
seit den Gracchen stückweis an. Aber das war nur die ad- 
ministrative Ausprägung einer Entwicklung, die den Staat 
als Lebenserscheinung von früher her und in allen seinen 
Teilen durchdrang und schichtweise veränderte. 

Wenn man in den Verfassungsgebilden nur Institutionen 
und nicht Erscheinungen einer von politischen Ideen gelenk- 
ten, als Einheit zu betrachtenden Staatswesenheit sieht, 
wird man, um noch einen Fall zu geben, z. B. die provinziale 
Sonderstellung Achajas nicht in ihrem Kern erfassen können. 
Die administrativ nicht zu voller Durchführung gekommene,, 
in den Gegensätzen von griechischer Stadtfreiheit und make- 
donischem Militärkommando zwitterhaft hin- und herschwan- 
kende Provinz war staatsrechtlich, wie in anderer Weise 
auch Ägypten, eine Anomalie. Geht man ihren Wurzeln 
nach, so erklärt sich die administrative Unvollkommenheit 
aus dem Zwang einer politischen Idee: der von Persien 
über Makedonien auf Rom fortwirkenden Idee des Schutzes 
der hellenischen Freiheit, i) Unter dem Zeichen dieses 
Programms wuchs Rom nicht nur tatsächlich, sondern auch 
verfassungsmäßig in das Erbe der hellenistischen Staaten- 
welt hinein; auch die nationale Romantik Octavians hat 
die in Caesars Geist zur Vollendung gekommenen Ideen 
und Formen hellenistischer Großstaatsbildung nicht ganz 
auszuschalten vermocht 2), und ihnen gehörte die Zukunft. 
Die Aufgabe bestand in einer Reichsgestaltung, die über 
eine lose Vielheit von Herrschaften und Abhängigkeiten 
hinauswuchs. Die nationale, römisch-italische Entwicklung 
blieb dieser Aufgabe fern; die Ideen und Kräfte, die in ihr 
wirksam wurden, wuchsen von außen in den Staat hinein. 
Ich deute dies nur an, um zu dem Schluß zu kommen, daß 
die Entwicklung der politischen Ideen ebenso wie die Be- 
obachtung der territorialpolitischen Bedingungen und Be- 
ziehungen zu einer Anschauung vom Staate führt, die ihn, 
im Gegensatz zu allen nur auf den gesellschaftlichen und 

^) E. Täubler, Imperium Romanum. Studien zur Entwicklungs- 
geschichte des röm. Reichs. I. S. 432 ff. 

2) Ed. Meyer, Kaiser Augustus (Hist. Zeitschrift Bd. 91, N. F. 55, 
1903, S. 385ff. = Kleine Schriften S. 443 ff.). 



204 Eugen Täubler, 

nationalen Grundlagen erwachsenden Anschauungen, als 
ein übernationales Gebilde erscheinen läßt. 

Das Staatsrecht sieht den Staat von innen; die Ver- 
fassungsgeschichte ist auf die universalgeschichtliche An- 
schauung eingestellt. So hat 0. Hintze sie für den Kreis der 
romanisch-germanischen Völker begründet i), und überall, 
wo es im Volkstum oder in geschichtlichen Beziehungen 
begründet ist, die Entwicklung mehrerer Staaten unter dem 
Gesichtswinkel einer höheren geschichtlichen Einheit zu 
betrachten, wird der Vergleich ein unentbehrliches Er- 
kenntnismittel verfassungsgeschichtlicher Beobachtung sein, 
ja man wird, mit größerer Vorsicht, bestimmte Erscheinungs- 
formen der Staatsbildung auch noch über die Kreise der ge- 
schichtlichen Einheiten hinaus miteinander in Vergleich 
bringen dürfen. Denn bei aller Freiheit individueller Ge- 
staltung hat das Gemeinschaftsleben auf der Grundlage 
einer gewissen Gleichheit in den wirtschaftlichen und gesell- 
schaftlichen Voraussetzungen stufenweise in gleichartigen 
Erscheinungen Gestalt gewonnen, und die vergleichende 
Beobachtung dieser typischen Verfassungsformen, die man 
wohl als das oberste Prinzip verfassungsgeschichtlicher 
Studien bezeichnen kann, wird auch für die Erkenntnis 
der verfassungsgeschichtlichen Entwicklung eines einzel- 
nen Staates immer von Bedeutung sein. Aristoteles, der die 
spartanische Verfassung mit der kretischen und der kartha- 
gischen verglich, hat dabei mit je einem Beispiel gezeigt, 
wie man es machen und, ohne daß er auch dies beabsich- 
tigte, wie man es nicht machen soll. 

Wenn das Prinzip vergleichender Betrachtung typischer 
Verfassungsformen einleuchtend ist, so muß ihm gegenüber 
doch die große Schwierigkeit hervorgehoben werden, die 
Veränderungen eines Staatswesens periodisch zu gliedern 
und in geschlossene Ausdrucksformen zu bringen. Darin 
liegt etwas Gewaltsames; aber damit steht die Verfassungs- 
geschichte nicht allein. Jede Periodisierung unterbricht 
Zusammenhänge und schichtet das zeitlich und sachlich 
Entfernte a uf einen Höhepunkt hin zusammen; und unsere 

^) Ich weise hier nur auf die Antrittsrede in der Berliner Akademie 
der Wissenschaften hin, Sitzungsberichte 1914, S. 744ff. 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschfchte. 205 

geschichtliche Anschauung baut sich keineswegs aus den 
singulären Erscheinungen, wie aus wilder Wurzel, auf, 
sondern paßt diese gewissen Kategorien des geschichtlichen 
Sehens, ihren Grundzügen nach festen Vorstellungsformen, 
an. Die Verfassungsgeschichte, die nicht System, aber doch 
auch nicht erzählende Geschichte ist, muß darin weiter 
als jede andere geschichtliche Anschauungsweise gehen. 
Das ist ihre besondere Gefahr, aber auch ihr besonderer 
Vorzug: denn sie erscheint dadurch als die schärfste Ausprä- 
gung aller auf das Ganze von Volk und Staat gerichteten 
Betrachtungsweisen. 

Für die römische Geschichte steht die Gliederung in 
Königszeit, Republik, Prinzipat und Dominat fest. Diese 
Gliederung folgt dem Prinzip der Herrschaftsform und ist 
deshalb auch für die Verfassungsgeschichte brauchbar, 
deren Aufgabe es aber ist, das, was sich in den vier Bezeich- 
nungen über die Herrschaftsform hinaus an Vorstellungen 
über die Substanz, die Morphologie, die Dynamik des Staats- 
wesens verbirgt, diese Elemente, für die die Herrschafts- 
form nur der organisatorische Ausdruck ist, zu greifbarer 
Vorstellung zu bringen. In welchem Maße die Abwandlungen 
innerhalb der Perioden und innerhalb der einzelnen Elemente 
auf das Ganze wirken, hat z. B. selbst innerhalb des so 
einförmig erscheinenden Prinzipats der ersten 150 Jahre 
die Verwaltungsgeschichte gezeigt.^) Ich kann hier höch- 
stens für die erste Periode wagen, eine speziellere Andeutung 
zu geben, um zugleich abschließend den Unterschied zwi- 
schen der staatsrechtlichen und der verfassungsgeschicht- 
lichen Anschauungsweise an einem besonderen Fall schärfer 
als bisher hervortreten zu lassen. 

Während das Königtum im Staatsrecht wesentlich als 
Magistratur erscheint, ist es für eine umfassendere Anschauung 
nur der Exponent einer Staatsform, die territorial durch die 
Auflösung der Stammeinheit in Gauherrschaften, sozial durch 
das Auseinandertreten von Patriziern und Plebejern ge- 
kennzeichnet wird. In Griechenland sehen wir, wie das 
Königtum innerlich durch das Aufsteigen der Geschlechter 

^) Vgl. bes. das zusammenfassende Schlußkapitel in 0. Hirsch- 
ields S. 197 zitiertem Buche. 

Historische ZeitschrUt (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 14 



206 Eugen Täubler, 

abgebaut wird. In Rom sind diese frühen Zeiten für uns 
verloren, und außerdem ist der Versuch eines Schlusses 
von dem Späteren auf das Frühere auch noch dadurch er- 
schwert, daß der Zusammenhang durch die tarquinische 
Fremdherrschaft unterbrochen ist. Aber eins können wir 
auch in Rom erkennen, daß nämlich die Ämterbildung 
bereits in die Königszeit zurückreicht. Wie ist sie zu be- 
urteilen? Wir stehen vor der Wahl eines Vergleichs mit 
dem deutschen Fürstenstaat, in dem die Ämter sich aus dem 
Hofgesinde entwickelten, oder mit dem griechischen Stamm- 
staat, in dem sie die Abschichtung der Königsmacht durch 
die Vertreter der Geschlechter zum Ausdruck bringen. Die 
Wahl kann nicht zweifelhaft sein, zumal auch die patres 
nicht mehr ein königliches consilium, sondern ein Geschlech- 
terrat sind. Aus diesem Anschauungskreis eines sich im 
Geschlechterstaat abbauenden Königtums gehe ich an die 
Frage der Entstehung des Konsulats heran. Das Staatsrecht 
konstruiert eine Verdoppelung des Königtums nach seinem 
Sturze. Die Verfassungsgeschichte kann nicht so mechanisch 
verfahren; sie hat den heranwachsenden Geschlechter- 
staat und die sich in ihm vollziehende Auflösung des König- 
tums in den Adelsämtern vor Augen und muß nach der Paral- 
lele des Ephorats und wohl auch der athenischen Polema- 
chie die Vermutung wagen, daß die Konsuln bzw. Praetoren, 
wie wohl auch die vier Tribunen der Stadtquartiere ^), in die 
Königszeit zurückreichen. 2) 

Auch wenn diese Vermutung nicht gebilligt werden 
sollte, scheint sie mir ihrem Prinzip nach geeignet, an dem 
Verhältnis des Ganzen der Staatsverfassung zu einem Giiede 
die Verschiedenheit der Voraussetzungen und des Wesens 

1) Ed. Meyer, Der Ursprung des Tribunals und die Gemeinde 
der vier Tribus (Hermes XXX 1895 S. 1 ff = Kleine Schriften S. 353 ff.). 

*) Erst nachdem ich dies niedergeschrieben hatte, werde ich 
durch Rosenbergs Referat in Bursians Jahresbericht über die Fort- 
schritte der klass. Altertumswiss. 1918, Bd. 176, S. 207 darauf auf- 
merksam, daß diese Vermutung bereits von G. de Sanctis in seiner 
Storia dei Romani (11907, 8.403 f.) geäußert wurde; ich möchte die 
Überemstimmung nicht als Bestätigung, aber als Bekräftigung gelten 
lassen. Rosenberg a. a. O. : „eine Gedankenreihe, die zumindest Be- 
achtung verdient". 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. 2Ö7 

staatsrechtlicher und verfassungsgeschichtlicher Anschauung 
deutlich zu machen. Das Staatsrecht ist ein System; es 
findet seine Einheit in Begriffen und Kategorien. Die Ent- 
wicklung der Verfassung ist Geschichte; ihre Einheit ruht 
in der lebendigen Wesenheit des Staats. 

In meinen Ausführungen fehlt eine Begründung dafür, 
daß ich die Vorstellung von der Wesenheit eines Staats mit 
seiner Verfassung gleichstelle. Der Ausdruck Verfassung 
bezeichnet in der modernen Staatslehre in viel engerem 
Sinn als Teil des Staatsrechts nur die auf die Grundgesetze 
aufgebauten Staatseinrichtungen. Aber es wird für den 
Gebrauch im weiteren Sinne genügen, auf Aristoteles und 
die allgemeine vergleichende Verfassungsgeschichte hin- 
zuweisen. 



Anlage. 

Als von Mommsens Römischem Staatsrecht der erste Band 
und die erste Hälfte des zweiten erschienen waren, führte Jacob 
Bernays das Werk in der Deutschen Rundschau (II 1875, S. 54 
bis 68 = Gesammelte Abhandlungen II S. 255 — 275) mit einem 
Aufsatz über die Behandlung des römischen Staatsrechts bis auf 
Theodor Mommsen in ausgezeichneter Weise einem weiteren 
Kreise vor. Wie Mommsen selbst seine antiquarischen Vor- 
gänger nur einer stummen Widerlegung für wert erachtet hatte 
(Vorwort des ersten Bandes, S. IX), so unterdrückte auch Bernays 
die Namen der „zahllosen Verfertiger von mageren Oktavbänden 
oder ungeschlachten Folianten und Quartanten, welche in älterer 
Zeit neben anderen auch die sog. staatlichen Antiquitäten zu 
Häuf getragen haben" und würdigte als Vorgänger Mommsens 
nur zwei der Erwähnung, den Modenesen Carolus Sigonius mit 
seinem Hauptwerk De antiquo iure avium Romanorum (1560) 
und den in Holland ansäßigen Franzosen Louis de Beaufort, 
j der auf sein Jugendwerk De Vincertitude de cinq premiers sikles 
I de Vhistoire Romaine (1738) im Alter (1766) noch eine Verfassungs- 
geschichte in zwei Quartbänden folgen ließ, mit dem belangreichen 
I Titel: La republique Romaine, ou plan general de fanden gou- 
1 vernement de Rome oü Von diveloppe les differents ressorts de ce 
; Gouvernement, Vinfluence qu'y avoit la Räigion; la Souveraineti 
I de la Peuple et la maniire dont il Vexergoit; quelle äait l'autoriti 
du Sinat et celle des Magistrats, Vadministration de la Justice, 

14* 



\ 



208 Eugen Täubler, 

les Prärogatives du Citoyen Romain et les diffirentes conditions 
des Sujets de ce vaste empire. Sigonius hatte sein Werk mit der 
Definition des Bürgerrechts begonnen und aus ihr alle staats- 
rechtlichen Elemente entwickelt. Es ist der staatsrechtliche 
Gedanke, der ihm in seiner Einheitlichkeit und Verzweigtheit 
zum ersten Male bewußt wurde. Beaufort wollte ihn in seiner 
allgemeineren, geschichtlichen Bedingtheit aufzeigen: es ist der 
verfassungsgeschichtliche Gedanke, der ihn leitet. Daß Macchia- 
velli einige Jahrzehnte vor Sigonius schrieb, ist für dessen Werk 
ohne Bedeutung geblieben; auf Beaufort scheint aber Montes- 
quieu ebenso eingewirkt zu haben, wie Beaufort selbst mit dem 
Gedanken von der Beeinflussung der Verfassung durch die Religion 
auf Fustel de Coulanges. 

Einen guten Oberblick über die Behandlung der römischen 
Staatsaltertümer von Niebuhr an, mit Versuchen, die anti- 
quarische, staatsrechtliche und die sog. verfassungsgeschichtliche 
Anschauungsweise gegeneinander abzugrenzen, gibt Herzog, 
Geschichte und System der römischen Staatsverfassung (I. II, 
1. 2, 1884—1891, darin I, S. I— L). Die Verschiedenheit der 
Arbeitsweisen äußert sich nach ihm darin, daß die antiquarische 
„die Institutionen nebeneinander stellt, ohne sie in ein inneres 
Verhältnis zueinander zu setzen" (S. XI 11^)), während die staats- 
rechtliche „die Einrichtungen des römischen Staats als ein ge- 
schlossenes Ganze darzustellen und die einzelnen Institute als 
die Glieder eines solchen Organismus zu erfassen" sucht 
(S. XXXIV). Damit steht Mommsen allein. Die Versuche, 
über die Äußerlichkeit einer rein antiquarischen Methode hinauszu- 
kommen, führten sonst nur zu einer gewissen geschichtlichen 
Systematik, die nur bei Rubino die Tiefe staatsrechtlicher und 
verfassungsgeschichtlicher Anschauung gewann (Untersuchungen 
über römische Verfassung und Geschichte. I. Ober den Entwick- 
lungsgang der römischen Verfassung bis zum Höhepunkte der 
Republik. 1839. Ober seine Methode die Vorrede und Herzog, 
S. XIIIss.). Hier findet sich der Grundsatz: „die staatsrecht- 
lichen Begriffe der Römer auf ihrem eigenen Boden zu gewinnen 
und auf ihm allein die Fortbildung derselben zu verfolgen." 
Damit sprach er das aus, was erst Mommsen zur Erfüllung brachte. 

*) Eine andere Charakteristik lautet, daß sie „sich in bewußter 
Absicht darauf beschränkt, sorgsam zu registrieren und in chrono- 
logischer bzw. systematischer Ordnung vorzuführen, was die Über- 
lieferung von einzelnen Äußerungen der Staatsgewalt meldet (K. J. 
Neumann über L. Langes Römische Alterthümer in Bursians Bio- 
graph. Jahrb. 1865, 8.50 f.). 



Römisches Staatsrecht und römische Verfassungsgeschichte. 209 

Ihm selbst mußten schon die Voraussetzungen über die Quellen 
unmöglich machen, den Grundsatz entscheidend durchzuführen, 
ebenso außerdem der Mangel rechtlich-begrifflicher Systematik 
und eines ausreichenden Oberblicks über das Ganze der Ent- 
wicklung. 

Wie Mommsens neue Art auf diejenigen wirkte, welche 
glaubten, die Antiquitäten mittels eines geschichtlichen Rahmens 
in Verfassungsgeschichte umwandeln zu können, zeigt L. Langes 
Rezension des ersten Bandes von Mommsens Staatsrecht (Kleine 
Schriften auf dem Gebiete der klassischen Altertumswissenschaft I, 
S. 154 ff.). 

Was Herzog sich unter verfassungsgeschichtlicher Arbeits- 
weise dachte, sollte sein eigenes Werk zeigen. Es zeigt aber nur, 
daß er die Antiquitäten etwas stärker geschichtlich umkleidete 
und gliederte, ohne im entferntesten auch nur an die staats- 
rechtliche Behandlungsweise heranzukommen, geschweige denn, 
über sie hinauszuwachsen. Noch unzulänglicher blieb Madwigs 
Verfassung und Verwaltung des römischen Reichs (I. II 1881. 
1882). Die jüngsten Leistungen auf diesem Gebiete führten nicht 
weiter; weder Nieses Staat und Gesellschaft der Römer noch 
Wengers Verfassung und Verwaltung des europäischen Altertums 
(beide in der Kultur der Gegenwart) kamen über knappe geschicht- 
liche Abrisse hinaus. K. J. Neumann läßt zwar in seinen Römi- 
schen Staatsaltertümern (in Gercke-Nordens Einleitung in die 
Altertumswissenschaft) die Verschiedenheit des Staatsrechtlichen 
und des Verfassungsgeschichtlichen einmal anklingen (S. 473), 
seine in der Anlage wenig durchdachte Darstellung gibt aber nur 
einen dürftigen staatsrechtlichen Abriß. 

Die in die Rechtsgeschichten und Institutionen aufgenom- 
menen Darstellungen des Staatsrechts haben keine eigene Be- 
deutung; mit Recht sprach schon Herzog (S. XXXVIII) nur 
von einer gewissen Erweiterung des spezifisch juristischen Stand- 
punkts der Verfasser im Gegensatz zu dem vollständigen In- 
einanderaufgehen der juristischen Anschauungsweise in die 
historisch-philologische bei Mommsen. 

Die Förderung lag in einzelnen Untersuchungen, in der Ver- 
waltungsgeschichte und in der an Eduard Meyers Namen ge- 
knüpften Durchsetzung universalgeschichtlicher und vergleichen- 
der Anschauungsweise. 



Kaiser Priedridi IL und der Abfall 
der deutsdien Pursten. 

Von 
Manfred Stimming. 



Seit der Gründung des Deutschen Reiches hat es keinen 
König gegeben, der nicht seine Kräfte mit einzelnen oder 
mehreren unbotmäßigen Kronvasallen und Fürsten hätte 
messen müssen. Die Kämpfe zwischen der Krone und den 
aufrührerischen Großen waren jedoch nach Wesen und Be- 
deutung keineswegs zu allen Zeiten gleichartig. In der älte- 
ren Zeit trugen die Rebellionen in der Regel einen rein per- 
sönlichen Charakter. Man muß sich, um sie richtig zu ver- 
stehen, die mittelalterlich-germanischen Anschauungen vom 
Staate vor Augen halten. Der Staat galt als eine Art von 
stillschweigendem Vertrage, der beiden Vertragschließenden, 
dem Herrscher wie den Beherrschten, gewisse Pflichten auf- 
erlegte, denen sich keiner von beiden entziehen durfte. Einem 
pflichtvergessenen König durften nach der Rechtsüberzeu- 
gung des Mittelalters die Untertanen mit Gewalt begegnen; 
gegen ungerechte oder vermeintlich widerrechtliche Maßregeln 
galt bewaffneter Widerstand für erlaubt.^) Wenn auch das 
Widerstandsrecht im früheren Mittelalter vielfach mißbraucht 
worden ist, so waren doch die Auflehnungen der Großen 
niemals im revolutionären Sinne gegen die königliche Ge- 
walt als solche gerichtet; sie hatten nicht das Ziel, die Macht 
des Königtums zugunsten der Fürsten dauernd zu schwächen. 

^) F. Kern, Gottesgnadentum und Widerstandsrecht im früheren 
Mittelalter (1915) S. 167 u. 183ff. 



J 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 211 

Das änderte sich, als sich die Fürsten zu Territorial- 
herren entwickelten. Aus Grafschaften, Grafschaftstrüm- 
mern, Vogteien, Grundherrschaften und anderen öffentlichen 
und privaten Rechten begannen sich im Laufe der Zeit 
Territorien herauszubilden. Ihre zerstreuten und verschieden- 
artigen Besitzungen zu vergrößern, abzurunden und fest 
zusammenzuschließen, war seit dem 12. Jahrhundert das 
Hauptbestreben der Fürsten. Maßgebend für die fürstliche 
Territorialpolitik war in erster Linie der Wunsch nach Stei- 
gerung der Einnahmen und Vermehrung der Machtmittel. 
Die Schaffung größerer geschlossener Gerichtsherrschaften 
und zusammenhängender Domänenkomplexe verbürgte eine 
bessere Rentabilität, eine bequemere Verwaltung und leich- 
tere Sicherung der Besitzungen. Die Burgen, welche die 
Fürsten in großer Zahl während des 12. Jahrhunderts er- 
bauten oder in ihre Hand brachten, und die Ministerialen, 
die sie in steigendem Maße in der Verwaltung ihrer Be- 
sitzungen verwandten, bildeten die festen Klammern der 
entstehenden Territorien. 

Je mehr sich nun die locker organisierten, anfangs vor- 
nehmlich durch das Lehnsband zusammengehaltenen Für- 
stentümer zu territorialen Herrschaften ausgestalteten, je 
enger die Fürsten mit ihren Herrschaftsgebieten verwuchsen, 
um so stärker traten die Bestrebungen in den Vordergrund, 
die Macht des Königs in den fürstlichen Besitzungen aus- 
zuschalten und die Leistungen an das Reich nach Möglich- 
keit zu beschränken. Schon im 12. Jahrhundert führte die 
dynastische und territoriale Interessenpolitik der Fürsten 
hier und da zu heftigen Zusammenstößen mit der Reichs- 
gewalt; zu einer wirklichen Gefahr für die Machtstellung 
des Königtums wurde sie jedoch erst im 13. Jahrhundert. 

Solange nämlich die Krone noch über bedeutende 
Massen von Reichsgut verfügte, solange sie durch Beherr- 
schung der Reichskirche eine unerschöpfliche Quelle finan- 
zieller und militärischer Machtmittel besaß, konnte ihr ein 
einzelner Fürst oder auch eine Koalition mehrerer kaum 
gefährlich werden. Auch war die Territorialpolitik der 
Reichsgewalt nicht überall schädlich. Soweit es sichoim 
die geistlichen Fürsten handelte, war das Anwachsen und 



212 Manfred Stimming, 

der festere Zusammenschluß der Besitzungen sogar von er- 
heblichem Vorteil für das Königtum. Die dadurch gesteigerte 
Leistungsfähigkeit der Bistümer und Reichsabteien kam in- 
direkt der Stärkung der Königsmacht zugute, solange die 
Abhängigkeit der Reichskirche aufrechterhalten wurde. 

Die Herrschaft über die Kirche ging jedoch zu Beginn 
des 13. Jahrhunderts verloren, indem Otto IV. im Jahre 
1209 und nach ihm Friedrich II. im Jahre 1213 gegenüber 
der Kurie durch Anerkennung der uneingeschränkten Frei- 
heit der Kapitelwahlen stillschweigend auf die alten Königs- 
rechte des Wormser Konkordates verzichteten und auch 
das Spolien- und das Regalienrecht preisgaben, Zugeständ- 
nisse von einschneidender Bedeutung, die um so schwerer 
ins Gewicht fielen, als um dieselbe Zeit auch ein erheb- 
licher Teil des Königsgutes der Krone entfremdet wurde. 
Friedrich II. konnte für seine Person diese Einbußen noch 
zur Not verschmerzen, da er für die Machtmittel, die er in 
Deutschland vermissen mußte, in seinem sizilianischen Erb- 
reiche einen reichlichen Ersatz fand. Aber für das deutsche 
Königtum als solches war der Schaden unberechenbar und 
nicht wieder gutzumachen. 

Die Zugeständnisse der beiden Kaiser waren dazu be- 
stimmt, der Befreiung der Kirche von der weltlichen Ge- 
walt zu dienen; sie kamen aber in erster Linie den welt- 
lichen Machtbestrebungen der geistlichen Fürsten zugute. 
Daß jene das Privileg von 1213 in diesem Sinne auffaßten, 
geht deutlich daraus hervor, daß die deutschen Bischöfe 
und Reichsäbte sich die königlichen Versprechungen noch- 
mals im Jahre 1220 in der Confoederatio cum principibus 
ecclesiasticis zusammen mit anderen materiellen Zugeständ- 
nissen, die ihrer Territorialpolitik Vorschub leisten sollten, 
bestätigen ließen. i) 

Die Confoederatio bildete eine weitere wichtige Etappe 
auf dem Entwicklungswege der geistlichen Fürstentümer. 
Durch sie wurden die letzten Reste des Eigenkirchenrechtes 
beseitigt. In der bisher vom Könige geübten Praxis, auf 
dem Grund und Boden der Bistümer und Reichsabteien 



1) Mon. Germ. Constitut II (1896) p. 89. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 213 

Burgen zu bauen und Kirchenlehen für sich in Anspruch 
zu nehmen, waren noch die letzten Nachwirkungen des alten 
Eigentumsrechts am Reichskirchengut verspürbar gewesen. 
Nunmehr wurde beides untersagt. Damit hatten die geist- 
lichen Fürsten den Vorsprung, den ihnen ihre weltlichen 
Standesgenossen bis dahin voraus hatten, eingeholt. In 
der Stellung zur Reichsgewalt gab es künftig keinen Unter- 
schied mehr zwischen weltlichen und geistlichen Fürsten- 
tümern. 1) 

Friedrich II. zerschnitt das enge Band, das so lange 
Krone und Reichskirche vereinigt hatte. Nachdem die 
letzten Reste des ehemaligen Beamtencharakters der Bi- 
schöfe abgestreift waren, hielt ein neuer Geist in den deut- 
schen Episkopat seinen Einzug. Die geistlichen Fürsten 
stellten in Zukunft ihre Territorialpolitik allen anderen Auf- 
gaben voran. Wohl gab es auch später noch Vertreter des 
Episkopates, die ihre landesfürstlichen Aufgaben mit den 
Pflichten gegenüber dem Reiche wohl zu vereinigen ver- 
standen — man braucht sich nur an Engelbert von Köln 
oder Eberhard von Salzburg zu erinnern — , aber die Zahl 
dieser Männer war doch nur eine sehr geringe. 

Weltliche und geistliche Fürsten fühlten sich seit dem 
13. Jahrhundert in erster Linie als Territorialherren und 
wandten ihre Kräfte hauptsächlich dem Ausbau ihrer Terri- 
torien zu, die damals von geschlossenen Gebieten noch weit 
entfernt waren. Das gilt sowohl für die weltlichen wie für 
die geistlichen Herrschaften. Im allgemeinen zeichneten sich 
allerdings die Besitzungen der Laienfürsten durch größere 
Geschlossenheit aus. Ihr Hauptfundament bildeten in der 
Regel eine oder mehrere Grafschaften, die sich vom Vater 
auf den Sohn vererbten, und in denen meist auch die Fami- 
liengüter lagen. Jedoch waren fast alle alten Grafschafts- 
sprengel durch Teilung und durch eingestreute kirchliche 
Immunitäten in mannigfacher Weise zerstückelt und durch- 
löchert. Dazu hatten die weltlichen Fürsten als Lehen, 
durch Erbschaft, Kauf oder auf andere Weise auch zahl- 
reiche zerstreute und entlegene Hoheitsrechte und Besit- 

^) Stimming, Die Entstehung des weltlichen Territoriums des 
Erzbistums Mainz (1915) S. 90. 



214 Manfred Stimming, 

Zungen gewonnen, so daß zur Schaffung von geschlossenen 
Herrschaftsgebieten noch viel zu tun übrig blieb. Noch weit 
ungünstiger war es mit den geistlichen Herrschaften bestellt. 
Da die Kirchen ihre Güter durch zahlreiche einzelne Schen- 
kungen von Königen und Privatpersonen erworben hatten, 
so lagen die Besitzungen meist über weite Gebiete zerstreut 
und entbehrten jeglicher territorialen Geschlossenheit. 

Indem nun die weltlichen und geistlichen Fürsten wett- 
eifernd ihre Besitzungen abzurunden und zusammenzuschlie- 
ßen suchten, gerieten sie sich häufig ins Gehege, zumal in 
Süd- und Westdeutschland, wo zahlreiche größere und klei- 
nere, weltliche und geistliche Herrschaften in buntem Ge- 
menge durcheinanderlagen. Eine besondere Rolle spielten 
bei den Reibungen zwischen den weltlichen und geistlichen 
Fürsten die Kirchenlehen. Bekanntlich durften die Bischöfe 
nach kanonischen Vorschriften die Blutgerichtsbarkeit nicht 
selbst ausüben. Sie waren daher gezwungen, ihre wichtig- 
sten Hoheitsrechte, die Grafschaften und Vogteien über das 
kirchliche Grundeigentum, zu Lehen auszugeben; und zwar 
waren sie dabei nach dem Gewohnheitsrechte des früheren 
Mittelalters auf Personen edelfreien Standes beschränkt. 
So kam ein großer Teil der kirchlichen Gerichtsherrschaften 
in den erblichen Lehnsbesitz der weltlichen Fürsten, welche 
diese Besitzungen den Kirchen gänzlich zu entziehen und 
2u ihren entstehenden Territorien zu schlagen trachteten. 
Die geistlichen Fürsten dagegen nahmen jede Gelegenheit 
wahr, um die Grafschaften und Vogteien wieder in den un- 
mittelbaren Besitz ihrer Kirchen zu bringen und sie, nach- 
dem das Gerichtsmonopol der Edelfreien beseitigt war, durch 
Ministeriale oder Beamte verwalten zu lassen. 

Trotz der starken Gegensätze zwischen den weltlichen 
und geistlichen Fürsten hatte sich doch gegenüber der Krone 
eine Interessengemeinschaft herausgebildet. Bischöfe und 
Laienfürsten waren in gleicher Weise daran interessiert, die 
Zentralgewalt zu schwächen, um dadurch ihre Unabhängig- 
keit zu sichern und für eine ungehinderte Territorialpolitik 
freie Bahn zu schaffen. Im Jahre 1231 traten sie der Krone 
zum ersten Male in geschlossener Phalanx gegenüber und 
erzwangen die Erfüllung ihrer Forderungen, welche die 



Kaiser Friedrich H. und der Abfall der deutschen Fürsten. 215 

Reichsregierung durch das Statutum in favorem principum 
verbriefte. Das Neue und Bedeutungsvolle dieser Vorgänge 
liegt darin, daß sich die Fürsten als eine Einheit zu fühlen 
begannen und durch gemeinsames Vorgehen ihre Selbstän- 
digkeitsbestrebungen und ihre territoriale Interessenpolitik zu 
fördern suchten, Ziele, denen sie bis dahin nur einzeln oder 
gruppenweise nachgegangen waren. 

Die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts brachten 
eine starke Machtverschiebung zwischen Reichsgewalt und 
Fürstentum. Während die Landeshoheit der Fürsten ent- 
scheidende Fortschritte machte, büßte die Krone einen guten 
Teil ihrer materiellen und ideellen Machtmittel ein. In dem 
Kampfe zwischen den Weifen und Hohenstaufen um die 
Krone sahen sich die Gegenkönige genötigt, einen bedeuten- 
den Teil des verfügbaren Reichsgutes zu verwenden, um 
Anhänger zu gewinnen. Dadurch wurden große Lücken in 
das unter Friedrich I. und Heinrich VI. ansehnlich ver- 
mehrte Reichsgut gerissen, während den territorialen Be- 
strebungen der Fürsten mächtig Vorschub geleistet wurde. 
Aber die Verschwendung des Reichsgutes hatte noch eine 
andere bedenkliche Folge. Die Fürsten lernten die Notlage 
des Königtums auszunutzen; sie gewöhnten sich daran, ihre 
Leistungen für das Reich nicht als eine PfUcht anzusehen, 
sondern als eine Hilfe, die einer Gegenleistung bedürfte. 
Friedrich II. war gezwungen, dieser Auffassung Rechnung 
zu tragen und auch später immer wieder aufs neue die 
Fürsten mit Schenkungen und Zugeständnissen zu bedenken, 
um sie sich geneigt zu erhalten oder um etwas Besonderes 
von ihnen zu erreichen. Daß diese Politik keineswegs dazu 
angetan war, das Ansehen des Königtums und des Reiches 
zu heben, liegt auf der Hand. Die Fürsten begannen immer 
mehr den verfallenden Bau des Reiches als einen Steinbruch 
zu betrachten, aus dem sie mit oder ohne Erlaubnis des 
Königs und Herrn Stein für Stein herausbrachen, um diese 
in die entstehenden Gebäude ihrer Territorien einzufügen. 

Die Gleichgültigkeit der Fürsten gegen Kaiser und Reich 
wurde auch dadurch gefördert, daß Friedrich II. den Sitz 
seiner Herrschaft und den Schwerpunkt des Reiches nach 
Süditalien verlegte. Der Hof des Königs war in Deutsch- 



216 Manfred Stitnming, 

land stets der lebendige Mittelpunkt des Reiches gewesen. 
Während der König durch das Land zog, gingen die Großen 
des Reiches bei ihm aus und ein: sie nahmen an den Fest- 
lichkeiten des Hofes teil, sie waren die Berater des Herr- 
schers bei allen wichtigen Reichsangelegenheiten und wurden 
zu politischen und diplomatischen Missionen verwandt. Die 
gewohnte Leistung der pflichtmäßigen Hof- und Heerfahrt, 
der persönliche Umgang mit dem Könige, der ständige An- 
teil an den Regierungsgeschäften, alles dies hielt das Inter- 
esse der Fürsten an dem Reiche wach, brachte in ihnen 
den Gedanken zu lebendigem Bewußtsein, daß es über ihren 
fürstlichen Herrschaften noch etwas Höheres, alle Verbin- 
dendes gäbe, und knüpfte das Band zwischen dem König 
und den Großen des Reiches enger. Gar manche Unstim- 
migkeit und mancher drohende Konflikt wurde durch un- 
mittelbare Verständigung zwischen Herrscher und Vasallen 
geregelt und geordnet. Wie stark das persönliche Moment 
selbst noch in der Zeit Friedrichs II. wirkte, trat nach dem 
Abfalle Heinrichs VII. deutlich hervor. Nicht einmal eines 
Heeres bedurfte es; das persönliche Erscheinen des Kaisers 
genügte, um die Ruhe und Ordnung im Reiche, die bereits 
empfindlich gestört waren, wieder herzustellen. 

Friedrich IL, ein Kind des sonnigen Südens, stand dem 
Reiche ganz anders gegenüber als seine Ahnen und Vor- 
gänger, die Deutschland als ihre Heimat und die feste Grund- 
lage ihrer Macht und die übrigen Gebiete des Imperiums 
nur als Nebenländer betrachtet hatten. Italien und Deutsch- 
land galten ihm als gleichgestellte Glieder des umfassenden 
Universalreiches. Der riesige Umfang der beherrschten Län- 
der mit ihren gewaltigen Entfernungen machte es bei den 
damaligen mangelhaften Verkehrsmitteln unmöglich, das 
Ganze persönlich und unmittelbar zu regieren. Friedrich 
hatte zwischen dem Norden und dem Süden zu wählen. 
Es kann kaum wundernehmen, daß er sich für das König- 
reich Sizilien entschied, das er als seine eigentliche Heimat 
ansah. Nicht nur sein Herz zog ihn dorthin; hier fand er 
auch das, was ihm in Deutschland fehlte: eine Hausmacht, 
ein einheitlich organisiertes und reiches Land mit einer 
starken königlichen Zentralgewalt. 



I 



Kaiser Friedrich IL und der Abfall der deutschen Fürsten. 217 



Deutschland stand dem Kaiser erst in zweiter Linie. 
Er hat keinen Versuch gemacht, hier etwas Neues, Durch- 
greifendes zu schaffen. Er fand sich mit dem bestehenden 
Zustande der Dezentralisation ab und gab den Wünschen 
der fürstlichen Territorialpolitik auf der ganzen Linie nach. 
So hatte es Friedrich während des ersten Aufenthaltes in 
Deutschland in den Jahren 1212—1220 gehalten; auch 1235 
war sein ganzes Streben darauf gerichtet, das gute Ver- 
hältnis zu den Fürsten aufrechtzuerhalten und, wo es ge- 
stört war, wiederherzustellen, um sich so die finanziellen 
und militärischen Hilfsquellen Deutschlands offenzuhalten 
und sich die Hände freizumachen für die Aufgaben, die 
damals im Vordergrunde seines Interesses standen. 

Über das Ziel seiner Politik hat sich Friedrich im Jahre 
1236 in dem bekannten Brief an den Bischof von Como 
ausgesprochen: die Lombardei, die auf allen Seiten von 
kaiserlichen Machtgebieten umgeben sei, sollte zur Unter- 
werfung unter den kaiserlichen Willen gebracht und wieder 
eng mit dem Imperium vereinigt werden, i) Wollte der Kaiser 
die südlichen und nördlichen Länder des Reiches zu einer 
festen Einheit bringen, so war es in der Tat notwendig, 
den hemmenden Wall der lombardischen Unabhängigkeit 
zu beseitigen. 

Die Kurie dagegen hatte der Vereinigung von Deutsch- 
land und Sizilien von Anfang an mit allen Mitteln entgegen- 
gearbeitet. Die Unterwerfung von Norditalien hätte vollends 
das Patrimonium Petri hoffnungslos zwischen zwei gewaltige 
kaiserliche Machtgebiete eingekeilt. Das konnte und wollte 
Gregor IX. nicht zulassen. Als der Sieg des Kaisers in 
gefahrdrohende Nähe rückte, fiel der Papst Friedrich in 
den Arm und schleuderte am 20. März 1239 den Bann gegen 
den Kaiser. Die geistlichen Waffen konnten jedoch nur durch 
die Hilfe des weltlichen Armes wirksam werden. So trat 
denn Gregor nicht nur mit den Lombarden in enge Fühlung, 

^) Huillard-Br^holles, Historia diplomatica Friderici II Bd. IV, 
S. 49: „ut Sic illud Halte medium nostris undique viribus circumdatum 
ad nostre serenitatis obsequia et ad imperii redeat unitatem. Daß die 
Lombardei, nicht Mittelitalien gemeint sei, geht aus dem Zusammen- 
hang hervor. 



218 Manfred Stimming) 

sondern suchte auch mit den deutschen Fürsten anzuknüpfen, 
um sie gegen den Kaiser aufzuwiegeln. 

In Deutschland waren durch die Maßnahmen Friedrichs 
in den Jahren 1235 und 1236 Ruhe und Ordnung wieder 
hergestellt. Auf dem Tage von Wien wurde der neunjährige 
Kaisersohn Konrad zum deutschen Könige gewählt; neben 
ihn wurde der Erzbischof Siegfried von Mainz als Reichs- 
verweser gestellt. Die Ernennung eines neuen Reichsproku- 
rators war nur von geringer praktischer Bedeutung; sie ge- 
schah wohl hauptsächlich, um dem Herkommen zu genügen. 
Jedenfalls hat Siegfried auf die Regierung des Reiches keinen 
nennenswerten Einfluß gehabt. Die ganze Schwäche seiner 
Stellung trat zutage, als er für den 14. März des Jahres 1238 
einen Reichstag nach Erfurt berief. Nur zwei Fürsten lei- 
steten seiner Einladung Folge, i) Den eigentlichen Sitz der 
Reichsregierung bildete der Hof Konrads IV. Der König 
selbst war freilich infolge seines jugendlichen Alters noch 
nicht imstande, die Zügel der Regierung zu führen. Aber 
Friedrich hatte ihm eine Anzahl erprobter Männer beigegeben, 
in deren Händen die Erziehung des jungen Herrschers und 
die Leitung des Reiches lag. Es waren dem Kaiser ergebene 
Persönlichkeiten wie Gottfried von Hohenlohe und andere, 
die keineswegs zu den Großen des Reiches gehörten. 2) Es 
ist klar, daß diese Reichsräte lediglich ausführende Organe 
des kaiserlichen Willens waren. Auf diese Weise war Fried- 
rich der eigentliche Regent von Deutschland geblieben. Vor- 
kommnisse, wie sie unter der Regierung Heinrichs VIL 
stattgefunden hatten, waren damit so gut wie ausgeschlossen. 
Eine Stärkung der Zentralgewalt war freilich durch die 
Einsetzung der neuen Reichsregierung nicht erfolgt. Wenn 
in den folgenden Jahren die Ruhe im Reiche leidlich er- 
halten blieb, so lag das vornehmlich daran, daß Friedrich 
die Fürsten mit Privilegien übersättigt hatte. Das hielt eine 
Zeitlang vor. 



*) Annales Erphordenses fratrum praedicatorum. Monumenta Er- 
phesfurt ed. Holder-Egger (1899) p. 94. 

2) K. Weller, Geschichte des Hauses Hohenlohe Bd. I (1904), 
S. 80. — K. Weller, Gottfried von Hohenlohe. Württembergische 
Vierteljahrschrift für Landesgeschichte NF. Bd. V (1896), S. 223, 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 219 

Nur im Südosten war an dem Körper des Reiches nach 
dem Weggange Friedrichs eine offene Wunde zurückgeblieben. 
Dem Kaiser war es nicht gelungen, den Herzog Friedrich 
von Österreich und Steiermark völlig unschädlich zu machen. 
Der geächtete Babenberger trat in Verbindung mit den 
beiden mächtigsten Fürsten im Südosten des Reiches, dem 
Könige von Böhmen und dem Herzoge von Bayern. Diese 
beiden waren unzufrieden, weil sie sich Hoffnungen auf Teile 
der eingezogenen Herzogtümer gemacht hatten und sich be- 
trogen fühlten, als der Kaiser Österreich und Steiermark für 
das Reich verwalten ließ. Bei dem Bayernherzog kam außer- 
dem eine persönliche Feindschaft zu dem Reichsverweser, 
dem Mainzer Erzbischof, hinzu, dem er die Reichsabtei 
Lorsch streitig zu machen suchte. ^) Herzog Friedrich von 
Österreich versprach dem Böhmenkönig die Abtretungen be- 
trächtlicher Grenzgebiete 2) und gelangte tatsächlich mit 
Hilfe seiner beiden Verbündeten wieder in den Besitz seiner 
Herzogtümer. Durch den Passauer Bund vom 7. März 1239 
schlössen sich die Fürsten von Böhmen, Bayern und Öster- 
reich eng aneinander an.^) 

So war eine nicht unbedeutende Fürstenopposition im 
Südosten des Reiches entstanden. Sie bot dem Papste die 
erwünschte Gelegenheit, die Hebel seiner Politik hier mit 
Erfolg gegen den Kaiser einzusetzen. Als päpstlicher Agent 
wirkte für die Sache der Kirche der Passauer Archidiakon 
Albert, dessen teilweise erhaltene Briefbücher eine unschätz- 
bare Quelle für die Verhältnisse in Deutschland um das 
Jahr 1240 sind.*) Albert, welcher der kirchlichen Sache 
zweifellos aus ehrlicher Überzeugung diente und wegen 
seiner Tätigkeit mancherlei Unbilden zu erdulden hatte^), 
zeichnete sich mehr durch Eifer als durch diplomatisches 

1) Regesten der Pfalzgrafen ed. Koch und Wille Bd. I (1884) 
n« 429ff. 

2) Heiligenkreuzer Fortsetzung der Melker Annalen. Mon. Germ, 
SS IX, p. 639. 

*) Constantin Höfler, Albert von Beham. Bibliothek des lite- 
rarischen Vereins in Stuttgart Bd. XVI (1847), S. 4. 

*) Herausgegeben von C. Hofier; vgl. die vorige Anm. 
*) Höfler S. 30 u. 32. — Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands 
d. IV*, S. 829. 



i 



220 Manfred Stimming, 

Geschick aus. Anfangs war freilich sein Vorgehen nicht 
ohne Erfolg. Das Passauer Dreifürstenbündnis war vor- 
nehmlich sein Werk. Es kam in der Folge alles darauf an, 
für die päpstliche Partei unter den deutschen Fürsten neuen 
Anhang zu gewinnen und ihr durch die Wahl eines Gegen- 
königs einen Führer zu geben. Die darauf gerichteten Be- 
strebungen Alberts endeten freilich mit einem vollen Miß- 
erfolge. Die feindliche Haltung des Herzogs von Bayern 
bewirkte, daß die bayerischen Bischöfe, die in ihrer Terri- 
torialpolitik die natürlichen Gegner des Herzogs waren, sich 
um so fester an den Kaiser anschlössen. Nicht mehr Glück 
hatte Albert bei den übrigen Fürsten des Reiches. Auf dem 
Reichstage, den König Konrad und der Reichsprokurator 
am 1. Juni 1239 in Eger abhielten, wurden die bisher noch 
unsicheren Fürsten, der Markgraf von Meißen und der Land- 
graf von Thüringen, der durch die Heirat einer Tochter des 
geächteten Babenbergers in einen gewissen Gegensatz zur 
Reichsregierung getreten war, vollends für die staufische 
Sache gewonnen.^) Man versteht, daß unter diesen Um- 
ständen weder der Prinz Abel von Dänemark, noch der 
Herzog Otto von Braunschweig, noch auch Robert, der 
Bruder des französischen Königs, das Danaergeschenk der 
ihnen angebotenen deutschen Königskrone annehmen woll- 
ten. 2) Die nach Lebus und Bautzen angesagten Wahltage 
kamen nicht zustande. Schließlich fiel auch die Fürsten- 
koalition im Südosten des Reiches auseinander: der König 
von Böhmen und der Herzog von Österreich zogen es vor, 
ihren Frieden mit dem Kaiser zu machen.^) Der Herzog 
von Bayern war völlig isoliert. Je mehr die päpstliche Sache 
zurückging, mit um so schärferen Mitteln ging der Archi- 
diakon Albert vor. Gregor IX. hatte ihm Auftrag und Voll- 
macht gegeben, alle Anhänger und Begünstiger des Kaisers 
zu bannen.*) Hiervon machte Albert ausgiebigen Gebrauch. 



1) Höfler S. 5. — Annales Erphord. Mon. Erph. p. 96, deren 
Berichte in einigen Punkten von den Angaben Alberts abweichen. 

*) Chronicon Alberichs von Trois-Fontaines. Mon, Germ. SS. 
XX IM, p. 949. 

8) 1240 vor März 23: Höfler S. 10 u. 14. 

*) Höfler S. 6. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 221 

Seine Massenexkommunikationen blieben jedoch wirkungslos 
und stifteten mehr Schaden als Nutzen. Besonders die baye- 
rischen Bischöfe wurden nur in ihrem Widerstände bestärkt. 
Sie leisteten den Anordnungen des Legaten keine Folge und 
kümmerten sich nicht um seine Vorladungen. Der Bischof 
Siegfried von Regensburg machte sich öffentlich über Albert 
lustig und gab ihm zu verstehen, daß er seine Vollmacht 
für gefälscht halte. Der Erzbischof von Salzburg und der 
Bischof von Brixen sperrten den Boten Alberts, die zum 
Papste gingen, den Weg. Eberhard von Salzburg scheute 
sich nicht, ein an ihn gesandtes päpstliches Schreiben mit 
Füßen zu treten, i) Der Bischof von Freising beantwortete 
die Ladung des päpstlichen Delegatrichters, des Straßburger 
Bischofs, mit den kecken Worten, der Papst habe in Deutsch- 
land überhaupt nichts zu schaffen (nil iuris in Alemannia 
habere).^) Irgendwelche kirchlichen Motive suchen wir bei den 
Anhängern und Gegnern des Papstes vergebens. Auch für 
die Haltung Ottos von Bayern waren ausschließlich terri- 
torialpolitische Gesichtspunkte maßgebend. Er benutzte den 
päpstlichen Legaten als Werkzeug der bayerischen Politik. 
Die Exkommunikationen Alberts ergingen vornehmlich gegen 
diejenigen Fürsten, die Widersacher und Rivalen des baye- 
rischen Herzogs waren: gegen die bayerischen Bischöfe, den 
Erzbischof von Mainz, den Herzog von Österreich, den Land- 
grafen von Thüringen und andere. 3) Als dann Herzog Otto 
seine Isolierung gefährlich zu werden drohte, begann er sich 
der kaiserlichen Partei zu nähern, indem er sich zunächst 
mit den Bischöfen von Freising und Passau aussöhnte.*) 

Der Versuch zur Bildung einer päpstlichen Partei in 
Deutschland war völlig gescheitert. Wohl war es der Kurie 
gelungen, unter Ausnutzung der persönlichen und terri- 



1) Höfler S. 12, 16, 19 u. 28. 

2) Höfler S. 5. 

3) Ratzinger, Albert d. Böhme. Historisch-politische Blätter 
Bd. 64 (1869), S. 209. Um die Exkommunikation des thüringischen 
Landgrafen hatte der Herzog von Bayern besonders gebeten: Höfler 
S. 6 u. 11. 

*) Höfler S. 4. 
Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 1 5 



222 Manfred Stimming, 

torialen Gegensätze unter den deutschen Fürsten eine An- 
zahl von Anhängern zu gewinnen; sie aber dauernd zu- 
sammenzuhalten oder gar ihnen das Übergewicht zu ver- 
schaffen, dazu reichten die Mittel, deren Gregor IX. sich 
bediente, nicht aus. Die geistlichen Waffen erwiesen sich 
als stumpf und wirkungslos; nur an wenigen Stellen wurde 
die Exkommunikation des Kaisers verkündet. Nicht einmal 
ein päpstlich gesinnter Fürst wie der Erzbischof von Bremen 
wagte es zu tun, da er für seine Stellung fürchtete, i) Nach 
wie vor leisteten die weltlichen und geistlichen Fürsten und 
die Städte dem Kaiser bewaffneten Zuzug in die Lombardei. 
Ja, die kaiserliche Sache gestaltete sich so günstig, daß es 
Friedrich gelang, auf dem Egerer Fürstentage durch dorthin 
gesandte Boten die anwesenden Großen von der Ungerech- 
tigkeit des päpstlichen Vorgehens zu überzeugen und ihnen 
die eidliche Verpflichtung abzunehmen, den Versuch einer 
Versöhnung zwischen Papst und Kaiser zu machen. Freilich 
darf man aus der Vermittlungsaktion keine zu weit gehen- 
den Schlüsse auf die reichstreue Gesinnung der Fürsten 
ziehen. Sie handelten nicht aus eigener Initiative, sondern 
fügten sich dem Drängen des Kaisers, weil sie selbst ein 
Interesse daran hatten, den Frieden und den damaligen Zu- 
stand des Reiches aufrechtzuerhalten. Immerhin ging im 
Jahre 1240 nicht nur eine Abordnung der deutschen Fürsten 
unter der Führung des Deutschmeisters Konrad von Thü- 
ringen nach Rom, um den Papst zum Frieden zu bewegen, 
sondern der persönliche Versöhnungsversuch wurde noch 
durch zahlreiche schriftliche Kundgebungen unterstützt. 
Ficker hat nachgewiesen, daß auch diese Vermittlungs- 
schreiben dem besonderen Betreiben König Konrads und 
der Reichsregierung ihre Entstehung verdankten. 2) Die in 
den Briefen genannten Daten und Ausstellungsorte stimmen 
mit dem Itinerar des jungen Königs überein, der im Früh- 
jahre des Jahres 1240 vom Niederrhein über Lüttich, Köln 
und Mainz nach Würzburg reiste, überall die Fürsten an 

1) Höfler S. 12. 

2) J. Ficker, Erörterungen zur Reichsgeschichte des 13. Jahrhun- 
derts. Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. 
Bd. III (1882), S. 337. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 223 

den Hof lud und sie veranlaßte, brieflich beim Papst zu 
intervenieren. 

Der Vermittlungsversuch war wohl von dem Kaiser als 
eine grandiose Kundgebung gedacht, durch welche die Für- 
sten — ähnlich etwa wie in dem Manifeste Reinaids von 
Dassel auf dem Reichstage zu Besangon im Jahre 1157 — 
in einmütiger Entschlossenheit die ungerechten Übergriffe 
der Kurie zurückweisen und den Papst zum Nachgeben 
zwingen sollten. Daraus ist allerdings nichts geworden. Nur 
durch lebhaftes Drängen und beträchtliche Zugeständnisse 
erreichte es die Reichsregierung, daß wenigstens eine größere 
Anzahl von Fürsten sich, einzeln oder zu Gruppen vereinigt, 
an die Kurie wandte. 

Auch die Formulierung der fürstlichen Vermittlungs- 
schreiben entsprach keineswegs überall den Wünschen der 
Reichsregierung. Am nachdrücklichsten traten die weltlichen 
Fürsten am Niederrhein für die Sache des Kaisers ein, jedoch 
nicht ohne daß sich König Konrad in den Lütticher Ver- 
handlungen dafür zu erheblichen Zugeständnissen bequemen 
mußte. Er ging mit den Fürsten ein enges Bündnis ein und ver- 
sprach ihnen, Beistand gegen jeden Angreifer zu leisten und 
keinen Frieden ohne sie mit dem Papst zu schließen; außer- 
dem entband er sie im Namen seines Vaters von der Pflicht 
der Heeresfolge nach Italien. i) Man sieht: die Reichsregie- 
rung trat den Fürsten gegenüber nicht als gehorsamheischen- 
der Staatsgewalt auf, sondern verhandelte mit ihnen auf 
diplomatischem Wege wie mit gleichgestellten Mächten. Mit 
ähnlicher Entschiedenheit wie die niederrheinischen Großen 
schrieben auch — wie es scheint ohne besondere Zugeständ- 
nisse — der Landgraf von Thüringen und einige andere 
Fürsten an den Papst. Dagegen vermochte Konrad die 
Lütticher Fassung bei der Mehrzahl der geistlichen Fürsten 
nicht durchzusetzen, da die führende Persönlichkeit, der Erz- 
bischof Konrad von Köln, bereits stark zur päpstlichen Seite 
neigte. Das Schreiben der Bischöfe, die sich gemeinschaft- 
lich mit dem Kölner Erzbischof an den Papst wandten, war 

1) Huillard-Br^holles V, p. 1116. — Vgl. Ficker a.a.O. 111, 
S. 341 und Böhmer, Regesta imperii Bd. 5 (1882). Bearb. v. J. Ficker 
n« 4414. 

15* 



224 Manfred Stimming, 

bedeutend zurückhaltender und ließ die Möglichkeit des 
Übertritts auf die kirchliche Seite offen. Vorsichtig war 
auch die Kundgebung Erzbischof Siegfrieds von Mainz ge- 
halten, i) 

Unter diesen Umständen konnte der Vermittlungsver- 
such kaum den erwünschten Eindruck auf den Papst machen. 
Es fehlte die nachdrückliche Entschlossenheit und die Ein- 
mütigkeit, wodurch allein ein Erfolg hätte erzielt werden 
können. Aus der Verschiedenheit der Formulierung leuchtet 
deutlich der innere Zwiespalt der deutschen Fürsten hervor. 
Die Bischöfe ließen in ihrem Schreiben durchblicken, daß 
sie sich auf die Seite des Papstes stellen würden, wenn der 
Vermittlungsversuch vergeblich sein würde. So mußte die 
vom Kaiser veranlaßte und ohne inneren Anteil von den 
Fürsten unternommene Aktion scheitern. Sie ist tatsächlich 
ohne Ergebnis geblieben. 

Indessen ging die päpstliche Agitation in Deutschland 
weiter und machte einige Fortschritte. Der König von Böh- 
men hatte sich niemals völlig der kaiserlichen Sache an- 
geschlossen; seit dem Jahre 1240 begann er sich wieder der 
päpstlichen Partei zu nähern. Für seine Haltung war der 
Umstand bestimmend, daß der Herzog von Österreich, der 
seit 1239 ein treuer Anhänger des Kaisers war, die 1238 
versprochenen Gebietsabtretungen nicht ausgeführt hatte. 
Darüber kam es zwischen beiden Fürsten zum Kriege, der 
bis 1241 dauerte. 2) Der Archidiakon Albert bemühte sich 
auf das eifrigste, den König von Ungarn für die Sache der 
Kirche zu gewinnen und einen neuen kaiserfeindlichen Für- 
stenbund zwischen Bayern, Ungarn und Böhmen zu stiften. 
Er wurde dabei von dem Herzoge von Bayern unterstützt. 3) 

Da machte ein unvorhergesehenes Ereignis alle Pläne 
zunichte. Die drohende Gefahr des Mongolensturmes ver- 
anlaßte den König Bela IV. von Ungarn, sich dem Kaiser 
in die Arme zu werfen: er trug ihm im Mai des Jahres 1241 
sein Land zu Lehen auf, um dafür Hilfe gegen die Barbaren 

1) HuiIIard-Br6hoIles Bd. 5, p. 985 ff. 

*) Heiligenkreuzer Fortsetzung der iVlelker Annalen. Mon. Germ. 
SS, Bd. 9, p. 640. 

») Höfler S. 27 u. 28. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 225 

zu erhalten, i) Ebenso wandte sich der König von Böhmen 
hilfesuchend an König Konrad. 2) Auch im Reiche hörten 
unter dem Drucke der drohenden Gefahr alle Sonderbestre- 
bungen auf. Der Herzog von Bayern söhnte sich im Mai 
des Jahres 1241 wieder mit dem Kaiser aus.^) Damals hätte 
Friedrich das Kaisertum wohl aufs neue zu Ansehen und 
Macht bringen können, wenn er die Kräfte und Bestrebungen, 
die sich im ganzen Reiche für die gemeinsame Sache regten, 
zusammengefaßt hätte und an der Spitze der vereinigten 
deutschen Fürsten den Feinden des Reiches und der abend- 
ländischen Kultur entgegengetreten wäre. Wahrlich, eine 
kaiserliche Aufgabe! Aber Friedrich blieb in Italien. Er 
glaubte damals dicht am Ziele seiner italienischen Pläne zu 
sein und hätte nach seiner Ansicht durch seinen Weggang 
alles aufs Spiel gesetzt. Um eben diese Zeit, im Juni 1241, 
unternahm er eine Heerfahrt gegen den Kirchenstaat, durch 
welche der Papst bezwungen und die staufische Herrschaft 
in Mittelitalien aufgerichtet werden sollte.*) Die deutschen 
Angelegenheiten mußten hinter diesen Unternehmungen zu- 
rückstehen. Friedrich überließ die Abwehr der Mongolen 
der Reichsregierung, die zu wenig Macht und Ansehen be- 
saß, um etwas Durchgreifendes zu unternehmen, geschweige 
denn die Situation zur Stärkung der Zentralgewalt aus- 
zunutzen.^) 

Die Mongolengefahr verschwand ebenso schnell als sie 
gekommen war, ohne eine nachhaltige Wirkung auf die 
deutschen Verhältnisse ausgeübt zu haben. Zwar mit der 
Fürstenkoalition im Südosten war es ein für allemal vorbei. 
Der König von Böhmen hatte in den folgenden Jahren genug 
zu tun, um die Wunden, die der Mongoleneinfall seinem 
Lande geschlagen hatte, zu heilen. Statt dessen aber ent- 
stand in Westdeutschland ein neuer Mittelpunkt reichsfeind- 
licher Bestrebungen. Schon im Jahre 1240 meldete der 
Archidiakon Albert frohlockend nach Rom: ,Jam episcopos 



^) Regesta Habsburgica ed. H. Steinacker Bd. 1 n^ 184. 

2) Codex diplomaticus Moraviae ed. Boczek Bd. 3 (1841) r\^ 23. 

^) Regesten der Ffalzgrafen n® 466. 

*) Reg. Imp. V, 2 n« 3207 u. 3211. 

*) Huillard-Br^holles V, p. 1145. 



226 Manfred Stimming, 

I 

I 

incipere ruminare tarn circa Rhenum et alibV'.^) Zu den in ' 
ihrer Treue wankenden Bischöfen, die Albert im Auge hatte, ^ 
gehörte gewiß in erster Linie der Kölner Erzbischof Konrad 1! 
von Hochstaden, der bereits bei dem fürstlichen Vermitt- 
lungsversuch eine zweideutige Rolle gespielt hatte. Er wurde 
in den folgenden Jahren die Seele der kaiserfeindlichen Partei 
in Deutschland. 

Es kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß für die 
Parteinahme Konrads in erster Linie die Gesichtspunkte der 
Territorialpolitik maßgebend waren. Während seines mehr 
als 20 jährigen Episkopates hatte der Erzbischof unablässig 
und mit dem größten Erfolge an der Vermehrung und der Ab- 
rundung der Kölner Besitzungen gearbeitet. 2) Dies brachte ihn 
in feindlichen Gegensatz zu den benachbarten niederrheini- 
schen Fürsten, die wetteifernd mit dem Erzbischof Territorial- 
politik trieben. Seit der Wahl Konrads im April des Jahres 1 238 
verging kein Jahr ohne größere Kämpfe am Niederrhein: 
1238 finden wir den Kölner in eine Fehde mit dem Pfalzgrafen 
um die Burg Thuron an der Mosel verwickelt^) ; 1239 kämpfte 
er gegen den Grafen von Sayn*), die Herzöge von Brabant 
und Limburg^), die Grafen von Berg und Jülich«); und 
auch in den folgenden Jahren dauerten die Kämpfe an. 
Nicht ganz mit Unrecht nennt ein Kölner Bischofskatalog 
des 13. Jahrhunderts Konrad einen „v/r furiosus et belli- 
cosüs'',"*) In der Regel stand der Erzbischof allein gegen 
einzelne oder mehrere niederrheinische Fürsten. Diese aber 
hielten enge Fühlung mit der Reichsregierung, und wurden 
von König Konrad stark begünstigt, s) Unter solchen Um- 



1) Höfler S. 15. 

2) H. Cardauns, Konrad von Hochstaden, Erzbischof von Köln 
(1880) S. 51ff. 

3) Regesten der Erzbischöfe von Köln ed. Knipping Bd. 3 (1909) 
n» 923. 

*) ib. n« 934. 

^) ib. n» 981—86. 

•) ib. n» 947/48, 951, 959 u. 964. 

') Mon. Germ. SS Bd. 24, p. 353. 

■) Conradus rex . . ., qui etiam fovit partes laicorum adver sus 
Coloniensem electum: Gesta Trevirorum. Continuatio IV zu 1239. Mon. 
Germ. SS. Bd. 24, p. 403. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 227 

ständen mußte der Kölner Erzbischof jede Umwälzung in 
Deutschland begrüßen, da sie ihm Befreiung von der Um- 
klammerung durch seine Gegner versprach. Er entschloß 
sich daher schon bald nach der Verkündigung des Bannes 
gegen den Kaiser, auf die Seite der Kirche zu treten. An einen 
offenen Abfall freilich konnte er damals wegen seiner iso- 
lierten und bedrohten Lage nicht denken. Er hielt sich zu- 
nächst abwartend zurück, weil er einen Kampf scheute, in dem 
er der Übermacht der Reichsregierung und seiner nieder- 
rheinischen Widersacher preisgegeben worden wäre. Im April 
oder Mai des Jahres 1239 reiste er heimlich nach Rom.^) 
Was dort zwischen dem Papste und ihm abgemacht wurde, 
ist nicht bekannt. Wir wissen nur, daß er dem kaiserlichen 
Elekten von Lüttich abschwor, und daß er sich seither in 
hervorragendem Maße der Gunst der Kurie erfreute, die ihn 
mit Privilegien und Gnadenbezeugungen überschüttete. 2) In 
den folgenden zwei Jahren verhielt sich Konrad ruhig; ja 
er nahm sogar zum Scheine an dem fürstlichen Vermittlungs- 
versuche teil. Die Reichsregierung war sich der Gefahren, 
die ihr von dem Kölner Erzbischof drohten, wohl bewußt: 
sie ließ nach der Verkündigung des Bannes gegen den Kaiser 
den Verkehr zwischen der Kurie und dem Niederrhein mit 
besonderer Sorgfalt überwachen und suchte die territorialen 
Widersacher des Erzbischofs durch Privilegien und Gunst- 
bezeugungen enger an sich zu fesseln. 3) 

Erst als Konrad von Hochstaden in der Person des 
Erzbischofs Siegfried von Mainz einen mächtigen Verbün- 
deten fand, entschloß er sich zum offenen Abfall. Der 
Mainzer Erzbischof galt anfangs als eine der festesten Stützen 
des staufischen Kaisertums; sonst hätte ihn Friedrich IL 
wohl kaum zum Reichsprokurator bestellt. Noch bei dem 
fürstlichen Vermittlungsversuch im Jahre 1240 war seine 
Haltung durchaus loyal. Allerdings stand er seit 1239 in 
näheren Beziehungen zu dem Erzbischof von Köln. Als er 

1) Kölner Reg. III, n» 936. 

*) Privilegien von 1239, Mai 9, 10, 24, 28 usw. Köln. Reg. 
ni, n« 940ff. 

') Gesta Trevirorum, Continuatio IV. Mon, Germ, SS. Bd. 24, 
p. 403. 



228 Manfred Stimming, 

nämlich am 6. Juni dieses Jahres ein Bündnis mit dem 
Herzog von Braunschweig abschloß, verpflichtete er sich 
diesem zur Hilfe gegen jedermann außer gegen das Reich 
und Köln.i) w^g den Mainzer Erzbischof an die Seite seines 
niederrheinischen Amtsgenossen führte, war wohl vornehm- 
lich die Gegnerschaft des Herzogs Otto von Bayern. Seit 
Jahren führten Bayern und Mainz einen erbitterten Streit 
um die Abtei Lorsch. Als die Aussöhnung zwischen dem 
Kaiser und dem Bayernherzog zustande kam, begann Erz- 
bischof Siegfried wohl für seine Lorscher Besitzungen zu 
fürchten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dem Herzog 
Otto bei seinem Parteiwechsel von der Reichsregierung be- 
stimmte Versprechungen auf die alte Reichsabtei gemacht 
wurden. 2) Jedenfalls unternahm König Konrad, als es zum 
Bruch mit Mainz gekommen war, wohl zugunsten des baye- 
rischen Herzogs einen Feldzug gegen das Gebiet von Lorsch, 
jedoch ohne einen größeren Erfolg zu erzielen. 3) Wie dem 
auch sei; Tatsache ist, daß es Erzbischof Konrad gelang, 
den Mainzer Erzbischof völlig für seine Pläne zu gewinnen. 
Am 10. November 1241 schlössen beide Fürsten ein enges 
Bündnis, das seine Spitze gegen das Reich richtete.*) Nun- 
mehr hatte Konrad das, was er brauchte: er sah einen 
mächtigen Verbündeten an seiner Seite; und das gab ihm 
die erwünschte Freiheit des Handelns. Der offene Abfall 
von der kaiserlichen Sache ließ denn auch nicht lange auf 
sich warten. Die beiden Erzbischöfe verkündeten die Ex- 
kommunikation des Kaisers und fielen im September des 
Jahres 1241 raubend, sengend und mordend in die Besit- 
zungen des Reiches in der Wetterau ein.*) Daß die beiden 

1) Kölner Regesten III, n» 946. 

*) Daß es zu bestimmten Abmachungen kam, geht aus einem 
Briefe Friedrichs II. hervor (Winkelmann, Ada imperii inedita I (1880)^ 
n® 362). Ich nehme an, daß dabei auch die Lorscher Frage eine Rolle 
spielte. 

8) Annales Wormat. zu 1243. Mon. Germ. SS. Bd. 17, p. 48. 

*) Lacomblet, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins 
Bd. 3 (1846), n« 257. 

*) Gesta Trevirorum. Mon. Germ. SS. XXIV, p. 404. — Annales 
sandi Rudberti Salisburgenses. Mon. Germ. SS. IX, p. 787. — Chri- 
stiani über de calamitate ecdesiae Moguntinae. Mon. Germ. SS. XXV, 
247.— Kölner Regesten III, n« 1033. 



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Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 229 

Fürsten lediglich im egoistischen Interesse und keineswegs 
aus kirchlicher Devotion handelten, geht mit Sicherheit aus 
der Tatsache hervor, daß sie die Feindseligkeiten eröffneten, 
als Papst Gregor IX. bereits gestorben war (am 22. August), 
Wäre es ihnen um die Sache der Kirche zu tun gewesen, 
so hätten sie die Wahl und Stellungnahme des neuen Papstes 
abwarten müssen. Aber der Friede zwischen Kaiser und 
Kurie war gerade dasjenige, was sie zu vermeiden wünschten. 
So eröffneten sie, der Entscheidung der Kirche vorgreifend, 
den Kampf. 

tDie Reichsregierung traf der Abfall nicht unvorbereitet, 
eit langem stand sie in enger Fühlung mit den niederrheini- 
schen Fürsten. Schon 1240 hatte König Konrad sich be- 
müht, die Stadt Köln durch Begünstigungen für sich zu 
gewinnen; diese Versuche wurden im folgenden Jahre von 
den Verbündeten der Reichsregierung wieder aufgenommen. i) 
Der gefährlichste Gegner war zweifellos der Erzbischof von 
Köln. Nicht ohne Grund berichten die Gesta Trevirorum von 
ihm, daß er „quasi capitaneus Imperium impugnaviV ^) König 
Konrad entfaltete im Herbst des Jahres 1241 eine fieber- 
hafte Tätigkeit, um den Kölner Erzbischof im Schach zu 
halten. Die Reichsburgen am Niederrhein wurden in Ver- 
teidigungszustand gesetzt; die befreundeten Fürsten gegen 
den Kölner aufgeboten.^) Am 1. Dezember ging die Reichs- 
regierung ein enges Bündnis mit dem Herzog Wilhelm von 
Jülich und der Reichsstadt Aachen ein. 

In dem ausbrechenden Kriege zwischen Köln und Jülich 
geriet Erzbischof Konrad im Februar des Jahres 1242 in 
der Schlacht von Lechenich in die Gefangenschaft seiner 
Gegner.*) Ein glücklicher Zufall hatte der staufischen Partei 
ihren gefährlichsten Widersacher in die Hände gespielt. Die 
Reichsregierung setzte sofort alle Hebel in Bewegung, um 



1) Lacomblet II, n» 247. — Kölner Regesten III, n« 1044. 

2) Mon. Germ. SS. Bd. 24, p. 405. 

3) Huillard-Br^holles VI, p. 818. Urkundenbuch der Mittelrhei- 
nischen Territorien Bd. 3 (1874), n*' 720 u. 746. — Lacomblet II, 
n** 258. — Vgl. J. Ficker in den Sitzungsberichten der kaiserl. Aka- 
demie der Wissenschaften in Wien Bd. 69/70 (1872), S. 356. 

«) Kölner Regesten HI, n» 1046—50. 



230 Manfred Stimming, 

die Auslieferung des Gefangenen zu erlangen und den glän- 
zenden Fang im Interesse des Reiches auszunutzen. Der 
Mainzer Domkustos Graf Friedrich von Eberstein, einer der 
eifrigsten staufischen Parteigänger, begab sich im Auftrage 
König Konrads an den Niederrhein, um den Grafen von 
Jülich zu veranlassen, den Kölner Erzbischof unter keinen 
Umständen frei zu lassen, sondern ihn in sicherem Gewahr- 
sam zu halten. 1) Dann eilte König Konrad selbst herbei, 
um die Auslieferung des Gefangenen zu betreiben. Von 
Speyer, wo er im Februar weilte, reiste Konrad über Trier 
nach Aachen, wo die Verhandlungen Mitte März stattfanden. 
Obwohl der König eine bedeutende Summe Geldes bot, 
konnte er doch die Auslieferung nicht durchsetzen. 2) So 
gering war die Macht der Reichsregierung! Nur soviel ver- 
mochte Konrad zu erreichen, daß Wilhelm von Jülich sich 
eidlich verpflichtete, den Erzbischof als Gefangenen des 
Reiches anzusehen und in Haft zu behalten. Nicht einmal 
dieses Zugeständnis machte der Graf umsonst, sondern ließ 
sich dafür die Reichsstadt Düren verpfänden.^) Graf Wil- 
helm hielt den Kölner dreiviertel Jahre lang in Gewahr- 
sam. Dann aber brach er sein eidliches Versprechen und 
ließ den Gefangenen im November des Jahres 1242 frei, 
nachdem er sich eine Anzahl persönlicher Zusicherungen 
hatte machen lassen.*) Lediglich zu seinem privaten Vorteile 
nutzte er die Gefangennahme des Reichsfeindes aus. Seine 
Haltung war wie die der meisten damaligen Fürsten aus- 
schließlich von dynastischen und territorialen Gesichts- 
punkten bestimmt. So trug er kein Bedenken, durch die 
Freilasoung des Gefangenen Kaiser und Reich schweren 
Schaden zuzufügen, um seinem persönlichen Vorteil zu 

^) In einer ungedruckten Urkunde Erzbischof Siegfrieds von 
Mainz von 1242 August 23 (München, Reichsarchiv, Mainz Erzstift 
fasc. 260) heißt es: ... eundo in legatione regis ad principes inferiores 
et eos ad obsequium regis inducendo, inflammando comitem Juliacensem, 
ut archiepiscopum Coloniensem pro negocio ecclesie captum non solum 
non dimitteret, sei fortius compediret. 

2) Gesta Trevirorum. Continuatio V. Mon. Germ. SS. Bd. 24, p. 405. 

') Ficker in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie Bd. 69/70 
(1872), S. 93. — Reg. Imp. V, 2, n« 4452 b. 

*) Lacomblet II, n« 270. — Kölner Regesten III, n» 1056. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 231 

dienen. Man versteht, wie schwer unter diesen Umständen 
die Aufgaben der Reichsregierung waren. Nur unter bestän- 
digen Opfern an Rechten und Besitzungen vermochte sie 
ihre Anhänger bei der Stange zu halten und mußte trotz- 
dem gewärtig sein, daß diese abfielen, wenn durch Übertritt 
auf die Gegenseite größerer Vorteil lockte. 

König Konrad mußte im März des Jahres 1242 unver- 
richteter Sache Aachen den Rücken kehren. Er suchte 
wenigstens seine Anwesenheit im Westen des Reiches dazu 
auszunutzen, um überall Anhänger zu werben und neue 
Stützen für die staufische Sache zu gewinnen. Dabei wurde er 
von dem Mainzer Domkustos Friedrich tatkräftig unter- 
stützt; diesem gelang es, den Grafen von Nassau auf die 
kaiseriiche Seite zu ziehen. i) In Trier setzte König Konrad 
nach dem Tode Erzbischof Dietrichs den Propst von St. 
Paul, einen Grafen Rudolf von Saarbrücken, ein und be- 
lehnte ihn mit den Regalien. Der staufische Erzbischof 
vermochte sich jedoch trotz der Unterstützung durch den 
Herzog von Lothringen und die Grafen von Sayn und 
Luxemburg auf die Dauer nicht gegen den Erwählten des 
Domkapitels, den Dompropst Arnold von Isenburg, zu be- 
haupten. 2) Von Trier reiste der König nach Mainz weiter. 
Eine bisher unbeachtete Urkunde des Münchener Reichs- 
archivs wirft ein helles Licht auf die damaligen Vorgänge 
in der rheinischen Bischofsstadt. 2) Mainz hatte im Kampfe 
der Reichsregierung mit ihrem Landesherren, dem Erzbischof, 
noch nicht Partei ergriffen. Wiederum eilte der rührige 
Domkustos Friedrich seinem Herrn voraus. Er erwirkte für 
den König Einlaß in die Stadt, nachdem die Bürgerschaft 
die geforderte Zusicherung erhalten hatte, daß gegen den 
Klerus keine Gewalt angewendet werden dürfte. Konrad 
versammelte die Mainzer Geistlichkeit um sich und suchte 



(tu 



) Ungedruckte Urkunde von 1242: comitem etiam de Nassowe 
{tunc fidelem nostrum) per multa mendacia et promissa a nostro (idest: 
chiepiscopi Moguntini) et ecclesie servicio revocando, sicut publice se 
ctavit. 

2) Gesta Trevirorum. Contin. V. Mon. Germ. SS. Bd. 24, p. 405 

Iu. 406. 
V •) Vgl. S. 230 Anm. K 
I 



232 Manfred Stimming, 

sie in Güte zum Abfall von dem Erzbischof zu bewegen. 
Diese weigerte sich jedoch standhaft, etwas gegen ihr kirch- 
liches Oberhaupt zu unternehmen, obwohl der Domkustos 
Friedrich seine ganze Beredsamkeit aufbot, um sie für die 
staufische Sache zu gewinnen. Ebensowenig zeigte sie frei- 
lich eine reichsfeindliche Gesinnung. Und so machte denn 
Konrad Miene, ihr unbedenklich den erbetenen Königs- 
schutz zu verleihen. Da aber sprang der Domkustos erregt 
auf und rief, das dürfe er nicht tun ; denn unter dem Klerus 
befänden sich viele geheime Feinde des Reiches. Er fürchtete 
eine Annäherung zwischen dem Könige und dem Mainzer 
Erzbischof und suchte eine solche unter allen Umständen 
zu hintertreiben. Darum erklärte er unzweideutig, daß er 
sofort zur Gegenpartei übertreten würde, falls es zu einer 
Aussöhnung zwischen dem Kaiser und Erzbischof Siegfried 
kommen sollte.^) Auch bei diesem treuesten Parteigänger 
der Hohenstaufen waren es lediglich persönliche Motive, der 
glühende Haß gegen seinen kirchlichen Oberen und der 
Wunsch, diesem zu schaden, die ihn bestimmten, seine Kräfte 
der Reichsregierung zur Verfügung zu stellen. 

Trotz aller Bemühungen gelang es dem Könige nicht, 
der beiden aufständischen Erzbischöfe Herr zu werden. Der 
Abfall fraß langsam weiter. Vornehmlich waren es die Suf- 



1) Ungedruckte Urkunde von 1242: In reditu regis de inferiori- 
bus partibus eum prevenit cum litteris suis et nuntiis in civitaiem no- 
stram Maguntinam et per multas trufas et mendacia in civitaiem no- 
stram dicto regi contra nos impetravit ingressum. Vobis (sc. clericis 
Magunt.) quoque in unum publice convocatis presente rege vos sollicita- 
vit attente, ut a nostra (sc. archiepiscopi Magunt.) obedientia recedentes 
regi et patri suo contra nos velletis assister e, quod tamen saniori usi 
consilio vestri gratia facere recusastis. Et nisi sollicitudo ä fidelitas 
civium Maguntin. ex pacta speciali obtinuisset a rege, quod nullam 
violentiam faceret clero nostro, vos ad recedendum a nobis et ecclesia, 
quantum in ipso fuisset, manu violenta instigante custode procul dubio 
compulisset. Preterea cum universitas vestra defensionem postulasset a 
rege et ipse vellet armuere votis vestris, surrexit infamis in publicum 
dicens: hoc facere non debere, quia multi ex vobis faverent nobis ä dido 
negocio et essent regis et patris sui clandestini inimici; palamque fuit 
temere protestatus, quod, quamdiu essemus f antares ecclesie, ipse a rege 
et patre suo nollet aliquaienus declinare; et si nos eis adherere vellemus, 
ipse statim in partem contrariam se transferret 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 233 

fragane von Köln und Mainz, die in der folgenden Zeit dem 
Beispiele ihrer Metropoliten folgten und zur antistaufischen 
Partei übertraten. Auch die reichstreue Fürstengruppe am 
Niederrhein fiel auseinander: dort dauerten in den nächsten 
Jahren die lokalen Fehden und Kämpfe mit wechselnder 
Parteikonstellation an.^) 

Dagegen fand die kaiserliche Sache eine feste Stütze 
an denjenigen Fürsten, die früher ihre schärfsten Gegner 
gewesen waren. Der König von Böhmen stellte im Früh- 
jahr 1242 ein Heer gegen den Erzbischof von Mainz ins 
Feld. 2) Der treueste und zuverlässigste Anhänger der Hohen- 
staufen aber war seit dem Jahre 1241 der Herzog Otto von 
Bayern. Die Verlobung König Konrads mit Ottos Tochter 
Elisabeth im Jahre 1243 und die 1246 erfolgte Vermählung 
knüpften das Band zwischen den Witteisbachern und Hohen- 
staufen nur noch fester. Freilich dürfen wir bei dem Bayern- 
herzog ebensowenig wie bei den anderen Anhängern des 
Kaisers auf eine besonders reichstreue Gesinnung schließen. 
Man braucht sich nur an das eine Gespräch zu erinnern, 
welches Otto mit dem Archidiakonen Albert geführt hatte, 
als er noch auf der Seite der Kirche stand. Albert meinte 
einmal: da die deutschen Wahlfürsten versäumt hätten, 
einen neuen König zu wählen, so könnte sich die Kirche 
einen Franzosen oder einen Lombarden oder irgendeinen 
anderen zum Vogt nehmen und so das Reich auf andere 
Nationen übergehen lassen. Darauf erwiderte der Herzog: 
wenn es doch der Papst schon getan hätte; er wolle in 
diesem Falle gerne für sich und seine Erben auf seine beiden 
Wahlstimmen, die bayerische und die pfälzische, verzichten 
und darüber der Kirche eine feierliche Verbrief ung ausstellen. 3) 
So geringschätzig dachte dieser Fürst über die Würde und 
die Rechte des Reiches. In der Tat ließ sich Herzog Otto 
nur von persönlichen und partikularistischen Beweggründen 
leiten. Nur da griff er in den Kampf zwischen dem Reich 
und der Kirche handelnd ein, wo seine territorialen Inter* 



1) Lacomblet II, n« 278 u. 282. — Mittelrhein. Urkundenbuch 
III, n0 778. 

«) Höfler S. 31. 
«) ib. S. 16. 



234 Manfred Stimming, 

essen in Frage kamen. An der Seite der Hohenstaufen glaubte 
er seine Pläne zur Vermehrung seines Länderbesitzes am* 
besten fördern zu können. Er hoffte, mit Hilfe des Kaisers J 
seinen Mainzer Rivalen im Kampfe um die Reichsabtei 
Lorsch aus dem Felde zu schlagen und das Herzogtum 
Österreich nach dem Tode des Babenbergers Friedrich, der 
keine Erben besaß, mit Bayern zu vereinigen.^) Blieben auch 
die Hoffnungen auf Lorsch und Österreich unerfüllt, so ver- 
dankte doch Otto andere bedeutende Erwerbungen wie die 
der Grafschaften Wasserburg und Kirchberg und die mera- 
nische Erbschaft seinem engen Anschluß an die staufische 
Sache. 

In Mitteldeutschland war der mächtigste Fürst der 
Landgraf Heinrich Raspe von Thüringen, der seit der Ex- 
kommunikation des Kaisers eine schwankende Haltung ein- 
genommen hatte. 2) Deshalb glaubte der Archidiakon Albert 
leichtes Spiel zu haben, jenen für die Sache der Kirche zu 
gewinnen. Darin sah er sich freilich getäuscht, denn Heinrich 
war nicht geneigt, solange die Reichsregierung das Über- 
gewicht hatte, seine Stellung durch Anschluß an die Gegner 
zu gefährden. 1240 schloß er sich sogar mit aller Entschie- 
denheit dem fürstlichen Vermittlungsversuch an und verfiel 
deshalb der Exkommunikation durch den Passauer Archi- 
diakonen. Eine der hervorstechendsten Charaktereigen- 
schaften des Landgrafen war sein Ehrgeiz.^) Auf diesen 
spekulierte der Kaiser wohl in erster Linie, als er Heinrich 
im Frühjahre 1242 anstelle des abgefallenen Mainzer Erz- 
bischofs zum Reichsprokurator machte, um so den mäch- 
tigen Fürsten dauernd an die Sache des Reiches zu fesseln. 
Der feindliche Gegensatz zu der Mainzer Kirche, deren Vor- 
steher von alters her Widersacher der landgräflichen Terri- 
torialpolitik in Thüringen und Hessen waren, mag außerdem 

1) A. Schreiber, Otto der Erlauchte, Pfalzgraf bei Rhein und 
Herzog von Bayern (1861), S. 20. — S. Riezler, Geschichte Bayerns 
II (1880), S. 88. — A. Lindemann, Die Ermordung Herzog Ludwigs 
von Bayern und die päpstliche Agitation in Deutschland. Rostock. 
Diss. 1894, S. 65. 

2) A. Rübesamen, Landgraf Heinrich Raspe von Thüringen. Halle,. 
Diss. 1885, S. 30. — R. Maisch, Heinrich Raspe (1911), S. 34 ff. 

3) K. Wenck, Heinrich Raspe. Die Wartburg (1907), S. 215. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 235 

Heinrich Raspe mitbestimmt haben, offen und ohne Vor- 
behalt in das kaiserliche Lager überzutreten. Die Ernennung 
des neuen Reichsprokurators war lediglich ein politischer 
Schachzug des Kaisers. Tatsächlichen Einfluß auf die Reichs- 
regierung hat der Landgraf nicht gewonnen. Die Leitung 
des Reiches lag nach wie vor in den Händen König Konrads 
und seiner Räte, die ihre Weisungen von Friedrich aus 
Italien erhielten. Auch an der Bekämpfung der Reichs- 
feinde hat sich Heinrich nicht aktiv beteiligt. Als die kirch- 
liche Partei in Deutschland erstarkte, war er vorsichtig genug,, 
den Reichsverwesertitel abzulegen. i) 

Der Abfall der Erzbischöfe von Köln und Mainz hatte 
die Gesamtlage in Deutschland nicht wesentlich geändert. 
Die meisten deutschen Fürsten, die nicht unmittelbar von 
den Kämpfen berührt wurden, sahen dem Streite teilnahms- 
los zu und gingen ihren territorialen Interessen nach. Da 
indessen die Reichsregierung der Insurrektion nicht Herr 
zu werden vermochte, so blieb die Situation bedrohlich. 

Eine völlige Änderung der Verhältnisse trat ein, als 
Innozenz IV. den Stuhl des heiligen Petrus bestieg und nach 
vergeblichen Ausgleichsversuchen den Kampf gegen das 
staufische Kaiserhaus mit aller Kraft wieder aufnahm. Aus 
politischen Machtfragen entbrannte der Streit zwischen 
Kaisertum und Papsttum aufs neue. In den kirchlichen 
Streitpunkten hatte Friedrich auf der ganzen Linie nach- 
gegeben; dagegen konnte und wollte er nicht auf seine 
Herrschaftsansprüche in Nord- und Mittelitalien verzichten. 
Das Papsttum aber mußte sich um jeden Preis von der 
drohenden Erdrückung durch die staufische Macht befreien, 
wenn es die Freiheit des Handelns wiedergewinnen wollte. 
Es waren unvereinbare Gegensätze, die in den hochge- 
schrobenen Machtansprüchen und in dem rivalisierenden 
Universalismus von Kaisertum und Papsttum begründet 
lagen: sie konnten nur durch einen Kampf auf Tod und 
Leben entschieden werden. 



1) Seit Juli 1243 nannte er sich nicht mehr so: Dobenecker, 
Regesta Thuringiae -IM (1904), n« 1094. — Im Dezember 1243 wird 
der König von Böhmen einmal „sacri per Germaniam imperii procu- 
raior" genannt: Codex Moraviae III, p. 33. 



236 Manfred Stimming, 

Dieser Kampf, der auf beiden Seiten mit der größten 
Erbitterung und mit allen zu Gebote stehenden geistigen 
und materiellen Machtmitteln geführt wurde, umspannte 
die ganze christliche Welt. Innozenz IV. war seinen Vor- 
gängern nicht nur an Großzügigkeit, sondern auch an 
Skrupellosigkeit weit überlegen: er wandte das gesamte 
furchtbare geistige Rüstzeug der Kirche gegen den Kaiser 
auf und suchte das ganze Abendland wider ihn aufzu- 
wiegeln. Indem er die Exkommunikation und die Abset- 
zung Friedrichs durch ein allgemeines Konzil aussprechen 
ließ, nahm er seinem Vorgehen den Charakter einer aus 
persönlicher Feindschaft ergriffenen Maßregel und erzielte 
eine um so größere Wirksamkeit. Er wandte sich an 
die Herrscher von Frankreich und England, um ihren Bei- 
stand zur Vernichtung des Kaisers zu gewinnen. Er suchte 
überall in den Ländern des Imperiums den Boden der 
staufischen Herrschaft zu unterwühlen. 

Mit besonderer Virtuosität wußte Innozenz die öffent- 
liehe Meinung für sich zu gewinnen und der Förderung 
seiner Pläne dienstbar zu machen. Er trug Sorge, daß die 
Anklagen gegen den Kaiser und das Urteil des Lyoner 
Konzils überall verbreitet wurden. Vortrefflich kam ihm 
hierbei der alle Länder umspannende, hierarchisch geglie- 
derte Bau der Kirche zustatten. Von der Kurie aus ge- 
langten die päpstlichen Anklagen an die Erzbischöfe und 
Bischöfe und wurden von ihnen an die unteren Organe 
bis zu den niedrigsten Stufen der Hierarchie weitergegeben. 
Weltgeistliche und Mönche sorgten dafür, daß die An- 
schuldigungen gegen den Kaiser und die über ihn ver- 
hängten Strafen überall in allen Gesellschaftsklassen der 
abendländischen Laienwelt bekannt gemacht und verbreitet 
wurden. Wo sich die oberen Instanzen der Hierarchie ver- 
sagten, da setzten andere Kräfte ein: Dominikaner und 
Franziskaner durchzogen als Wanderprediger im speziellen 
Auftrage des Papstes die Länder; sie verkündeten überall 
das Urteil gegen den Kaiser und wirkten erfolgreich für 
die päpstliche Sache. ^) Dieser Organisation hatte Fried- 

*) Chron. S. Pari Erphord. Monumenta Erphesfurt. p. 239. — 
Vgl. A. Lindemann, Die Ermordung Herzog Ludwigs von Bayern, 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 237 

rieh II. etwas Ebenbürtiges nicht entgegenzusetzen. Der 
Kaiser suchte den päpstlichen Treibereien auf diplomati- 
schem Wege und durch Rundschreiben, die er zu seiner 
Verteidigung ausgehen ließ, entgegenzuarbeiten. Am eng- 
lischen und französischen Hofe war sein Vorgehen mit Er- 
folg gekrönt. Aber die öffentliche Meinung vermochte er 
doch nur wenig zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Hier 
behauptete die Kirche das Feld. In zahlreichen zeitgenös- 
sischen Chroniken und Geschichtswerken lesen wir von der 
Exkommunikation des Kaisers, von seinen angebHchen Ver- 
brechen und Missetaten, welche die Kirche ihm vorwarf 
und geflissentlich verbreitete; aber von den Gegenwirkun- 
gen Friedrichs finden wir kaum irgendwo eine Spur. Sie 
gelangten entweder nicht bis zu den geistlichen Chronisten 
und Geschichtsschreibern oder blieben doch ohne Eindruck. 
Vor allem war der Kaiser gegenüber der Maulwurfsarbeit 
der päpstlichen Wanderprediger machtlos; über ihre ver- 
derbliche Tätigkeit hat er sich bitter beklagt.^) In seinem 
sizilianischen Königreiche freilich war es ihm möglich, die 
Bettelmönche durch ein Machtgebot auszuweisen 2); in 
Deutschland aber war etwas Derartiges ausgeschlossen. 3) 
Hier standen für die päpstlichen Einflüsse alle Wege offen. 
In dem gewaltigen Endkampf zwischen Imperium und 
Sacerdotium war zwar Italien der Hauptkampfplatz, für die 
Entscheidung aber war vor allem die Stellungnahme 
Deutschlands von hervorragender Bedeutung. Der Kaiser 
zog aus seinen Ländern nördlich der Alpen Jahr für Jahr 
ansehnliche militärische und finanzielle Kräfte und Hilfs- 



S. 76ff. J. Zorn, Umfang und Organisation des päpstlichen Eingrei- 
fens in Deutschland (1238—1250). Programm Baden bei Wien 1909, 
S. 9. Hauck, Kirchengesch. IV*, S. 865ff. 

^) . . . vitam nostram reprobam predicando multifariam deprave- 
runt nos et iura nostra minor averunt, quod simus iam ad nihilum redacti. 
Iselinus, Petrus de Vinea II (1740), p. 220. 

^) Jastrow und Winter, Deutsche Geschichte im Zeitalter der 
Hohenstaufen II (1901), S. 479. 

^) Hier konnte der Kaiser höchstens auf diplomatischem Wege 
bei den einzelnen Fürsten der päpstlichen Agitation entgegenwirken, 
wie er es gegen Albert Beheim bereits 1240 am bayerischen Hofe ver- 
sucht hatte: Höfler S. 26. 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd 16 



238 Manfred Stimming^ 

mittel, die bei den Kämpfen in der Lombardei schwer in 
die Wagschale fielen. Gelang es dem Papst, diese Mittel 
zu sperren und die Herrschaft Friedrichs in Deutschland 
zu stürzen, so war das Hauptziel der kirchlichen Politik, 
die Trennung von Sizilien und Deutschland erreicht. Fried- 
rich wäre vom weitgebietenden Weltkaiser zum Herrscher 
eines Mittelstaates herabgedrückt und der Kirche kein ge- 
fährlicher und unüberwindlicher Gegner mehr gewesen. 
Innozenz IV. hat die Bedeutung Deutschlands für den 
Entscheidungskampf und die günstigen Aussichten für ein 
erfolgreiches Eingreifen nördlich der Alpen von vornherein 
durchschaut und seine ganze Kraft darauf konzentriert, 
dem Kaiser Deutschland zu entreißen. i) Als der Papst sich 
entschloß, die Hohenstaufen nördlich der Alpen anzugreifen, 
standen die drei rheinischen Erzbischöfe bereits im Kampfe 
mit der Reichsgewalt. Aber die Insurrektion ging kaum 
über den Charakter einer lokalen Empörung hinaus. Erst 
Innozenz war es, der sie durch zielbewußte Förderung und 
durch Organisation der kaiserfeindlichen Kräfte zu einer 
wirklichen großen Gefahr für das staufische Kaisertum 
machte. Schon wenige Monate nach seiner Stuhlbesteigung 
trat er mit den Häuptern der antistaufischen Partei in 
Fühlung: Erzbischof Siegfried von Mainz erhielt bereits im 
August des Jahres 1243 die Würde und Vollmachten eines 
päpstlichen Legaten 2); am 19. Dezember und an den fol- 
genden Tagen wurden dem Erzbischof von Köln eine An- 
zahl Privilegien verliehen. 3) Die Vergünstigungen, die der 
Papst in den ersten Monaten des folgenden Jahres den 
rheinischen Erzbischöfen zuteil werden ließ, trugen bereits 
deutlich eine antistaufische Tendenz. Am 22. Januar belegte 
Innozenz .die Bischöfe von Augsburg und Worms und 
mehrere Äbte, die im Bunde mit König Konrad in das 
Gebiet des Mainzer Erzbischofs eingedrungen waren, mit 
dem Bann.*) Am 5. Mai verlieh er den Erzbischöfen von 

1) Bei weitem die meisten päpstlichen Anordnungen und Schreiben 
in den Jahren 1245 und 1246 beziehen sich auf Deutschland. 

2) Mon. Germ. Epistolae pontificum saec. XIII Bd. 2, n^ 9. 

3) Kölner Regesten Bd. 3, n» 1107ff. 

*) Mon. Germ. Epistolae pontificum saec. XIII Bd. 2, n® 49. 



t 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 239 

Köln und Mainz das Recht, in ihren Kirchenprovinzen 
eine hohe Steuer von allem kirchlichen Einkommen zu er- 
heben.i) Q^g bedeutete eine erhebliche finanzielle Stärkung 
der aufständischen Fürsten, die Friedrich mit Recht zu 
hintertreiben suchte.^) Die Beziehungen zwischen der Kurie 
und der deutschen Opposition waren also bereits angebahnt, 
bevor der endgültige Bruch zwischen Kaiser und Papst er- 
folgte. Als dann Innozenz aus Italien geflohen war, trat 
er offen mit den Rebellen in Verbindung: er lud die Erz- 
bischöfe von Köln und Mainz zu sich nach Lyon und faßte 
dort mit ihnen im März oder April des Jahres 1245 die 
für das Vorgehen in Deutschland entscheidenden Be- 
schlüsse.^) Dürfen wir den Wormser Annalen trauen, so 
wurde damals bereits, also vor der Absetzung des Kaisers 
durch das Konzil, die Wahl eines Gegenkönigs in Deutsch- 
land verabredet.^) 

Nachdem das Urteil des Lyoner Konzils verkündet war, 
setzte die päpstliche Agitation in Deutschland mit Macht 
ein; sie begann jedoch erst sehr allmählich zu wirken. 
Hatte Gregor IX. durch scharfe Maßregeln sein Ziel zu er- 
reichen gesucht, so trat Innozenz umgekehrt vorsichtig 
und diplomatisch auf und hatte damit weit größere Er- 
folge. Nicht durch die Zugkraft der großen kirchlichen 
Ideen, sondern durch kluge individuelle Behandlung brachte 
der Papst einen Fürst nach dem andern zum Abfall. Er 
rechnete mehr mit dem Egoismus als mit den edleren 
Eigenschaften der Menschen.^) Seine Freunde und An- 
hänger suchte er durch Privilegien enger an sich zu fesseln. 
Schwankende und Gleichgültige durch lockende Verspre- 
chungen und Vergünstigungen zu gewinnen. So bedachte 

1) Mon. Germ. Ep. pont Bd. 2, n^ 65 u. 66. — Kölner Regesten 
Bd. 3, n® 1139. — Chronica s. Petri Erph. moderna. Mon. Erphesfurt. 
p. 238. — Menconis Wrumens, chronicon. Mon. Germ. SS. XXIII, 
p. 537. Die Suffragane sträubten sich jedoch zu zahlen. 

2) Huillard-Breholles Bd. 5, p. 1131. 

^) Am Konzil selbst nahmen sie nicht teil: E. Fink, Siegfried III. 
von Eppenstein, Erzbischof von Mainz. Rostock, Diss. 1892, S. 117ff. 

*) Mon. Germ. SS. Bd. 17, p. 49. 

^) C. Rodenberg, Innozenz IV. und Sizilien, 1892, S. 6. — Hauck, 
Kirchengesch. Bd. 4*, S. 878. 

10* 



240 Manfred Stimming, 

er in entgegenkommender Weise geistliche Schützlinge der 
Fürsten mit Provisionen und gestattete ihnen die Häufung 
von Pfründen. 1) Bei der Zulassung von unkanonischen 
Ehen zeigte er sich weitherzig: in den Jahren 1244 bis 1245 
erteilte der Papst in nicht weniger als 11 Fällen deutschen 
Fürsten Ehedispense.^) Vor allem aber sparte er nicht mit 
Geld, um seine Pläne zu fördern. Innozenz hatte richtig 
erkannt, daß bei den deutschen Fürsten damals die Terri- 
torialpolitik im Vordergrunde des Interesses stand. Heirat, 
Kauf und Krieg, der ebenfalls Geld kostete, bildeten die 
wichtigsten Mittel zur Erwerbung neuer Besitzungen. In- 
dem der Papst der Heiratspolitik Hindernisse aus dem 
Wege räumte und den finanziellen Bedürfnissen Rechnung 
trug, leistete er den territorialen Bestrebungen der Fürsten 
Vorschub und konnte hierbei am ehesten auf Gegendienste 
rechnen. 

Friedrich suchte den schädlichen Einflüssen des Papstes 
in Deutschland nach Kräften entgegenzuwirken. Während 
das Konzil in Lyon tagte, versammelte der Kaiser in Verona 
König Konrad und die treu gebliebenen deutschen Fürsten 
um sich, um die Richthnien für die Politik der Reichs- 
regierung festzulegen. 3) Auch Friedrich sparte nicht mit 
Zugeständnissen und Vergünstigungen, um seine Anhänger 
fester an sich zu fesseln.*) Freilich hätte man erwarten 
sollen, daß der Kaiser, als sich die Verhältnisse in Deutsch- 
land immer drohender gestalteten, wie im Jahre 1235 über 
die Alpen eilen würde, um durch das Gewicht seiner Per- 
sönlichkeit die Lage wieder herzustellen. Vor der Wahl des 
Gegenkönigs hätte sein persönliches Eingreifen wohl noch 
von entscheidender Bedeutung sein können. Aber wir hören 
nicht einmal von der Absicht des Kaisers, nach Deutsch- 
land zu gehen, sei es, daß er die Gefahren des päpstlichen 
Eingreifens unterschätzte, sei es, daß er sich nicht ohne 



1) Mon. Germ. Ep. pont, Bd. 2 n» 149, 194, 195 u. n« 141, 143, 
144 150 154 185 186. 

2) ib. n«'55, 56, 67, 68, 71, 72, 73, 107, 118, 121, 132. 
') Reg. Imp. V n» 3478 b. 

*) So wurde in Verona dem Herzog von Österreich die Erhebung 
seines Landes zum Königreich in Aussicht gestellt. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 241 

Schaden für seine Stellung aus Italien entfernen zu dürfen 
glaubte. 1) Erst im Jahre 1247 faßte der Kaiser den Ent- 
schluß, nach Norden zu reisen, um, wie er dem Kapitaneus 
des Königreiches Sizilien schrieb, den Aufstand, der durch 
die Bosheit einiger Ungetreuer hervorgerufen sei, heilsam 
zu unterdrücken. 2) Als er bereits bis Turin gekommen war, 
zwang ihn der Abfall von Parma zur Umkehr. Die mili- 
tärischen und politischen Mißerfolge hielten ihn weiter in 
Italien fest. 

Die ganze Schwere der deutschen Aufgaben lastete seit 
dem Jahre 1245 auf den Schultern des jungen Königs Kon- 
rad. Dieser war nicht imstande, den weiteren Rück- 
gang der staufischen Sache in Deutschland aufzuhalten. 
Der Papst und seine Anhänger zeigten sich in jeder Weise 
überlegen. Besonders in West- und Mitteldeutschland fielen 
ihnen immer größere Erfolge zu. Dagegen blieben die nord- 
deutschen Fürsten, welche durch die Bekämpfung des stau- 
fischen Kaisertums keinerlei Gewinn zu erwarten hatten, 
die Herzöge von Sachsen und Braunschweig, die Mark- 
grafen von Brandenburg und Meißen, der Erzbischof von 
Magdeburg und andere, neutral und hielten den Verkehr 
sowohl mit der Kurie wie mit dem Kaiserhofe aufrecht.^) 
Ja es fehlte sogar nicht an einzelnen Stimmen unter den 
deutschen Fürsten, welche die Absetzung des rechtmäßig 
gewählten Königs durch den Papst offen mißbilligten und 
darin einen Eingriff in die Reichsrechte sahen.*) Aber ihre 
Zahl war doch nur gering im Verhältnis zu denen, welche 
den Kampf zwischen Kaiser und Papst nur unter dem Ge- 
; Sichtspunkte ihrer persönlichen Interessen betrachten und 
ausnutzten. 



1) Die Nachricht des Matthäus Parisiensis von der angeblichen 
Reise des Kaisers nach Deutschland (Mon. Germ. SS. XXVIII, 219 
u. 244) wird mit Recht allgemein als unglaubwürdig abgelehnt. 

2) Iselinus, Petrus de Vinea I, p. 344, n** 49. — Winkelmann, 
Acta imperii I, p. 362. — Regesta Imperii V, n^ 3608 u. 3634. 

■) Rodenberg, Innozenz IV. und das Königreich Sizilien, S. 29. 

*) Qua sententia (sc. concilii Lyonensis) per mundum volante qui- 
dam principum cum multis aliis reclamabant dicentes: ad papam non 
pertinere imperatorem eis vel instituere vel destituere, sed electum a prin- 
cipibus coronare. — Annales Stadenses. Mon. Germ. SS. Bd. 16, p. 369. 



242 Manfred Stimming, 

Die päpstliche Partei in Deutschland stand auf schwa- 
chen Füßen, solange sie nicht durch die Erhebung eines 
Gegenkönigs einen festen Mittelpunkt erhielt. Einen solchen 
zu bestellen, wandte Innozenz alsbald lebhafte Bemühungen 
auf. Seine Blicke lenkten sich auf den thüringischen Land- 
grafen, der einer der mächtigsten Fürsten in Deutschland 
war, und der ihm wegen seiner kirchlichen Devotion und 
seines Ehrgeizes die geeignete Persönlichkeit zu sein schien. 
Noch ehe das Konzil zu Lyon sein Urteil gesprochen hatte, 
verließ Heinrich Raspe die staufische Sache. i) Die drei 
Privilegien, die ihm Innozenz am 12. und 13. April 1244 
verlieh, lassen über seinen Parteiwechsel keinen Zweifel. 2) 
Aus den drei genannten Urkunden geht mit Deutlichkeit 
hervor, daß bei den Verhandlungen mit dem Papst 
wiederum die Frage der Territorialpolitik im Vordergrund 
stand. Die Machtstellung Heinrich Raspes beruhte zum 
guten Teil auf den Grafschaften Hessen, Schönstedt und 
Mittelhausen und anderen Besitzungen, die er von der 
Mainzer Kirche zu Lehen trug. 3) Indem der Papst ihm 
den ungestörten Besitz seiner Kirchenlehen versprach, 
stellte er ihn gegen befürchtete oder vielleicht bereits er- 
hobene Ansprüche des Erzbischofs von Mainz auf den 
thüringischen Territorialbesitz sicher. Im August des Jahres 
1245 begab sich der päpstliche Legat Philipp von Ferrara 
an den Hof des Landgrafen, um das Nötige für die Königs- 
wahl vorzubereiten.*) Es gingen freilich noch Monate ins 
Land, bevor es dem Papst gelang, durch Befehle und Er- 
mahnungen und nicht zum wenigsten auch durch reichliche 
Geldgeschenke die Erhebung Heinrich Raspes durchzu- 
setzen.5) Die Wahl zu Veitshöchheim fand unter den 

1) Regesta Imperii V, n'' 4865 b. 

2) Mon. Germ. Ep. pont. Bd. 2, n^ 55, 57, 58. 

3) Stimming a. a. O. S. 119ff. 

*) Kölner Regesten Bd. 3, n« 1210. 

*) Daß der Papst der Urheber der Wahl war, berichten fast alle 
Quellen: Annales sancti Justini Patavenses. Mon. Germ. SS. Bd. 19, 
p. 159; Annales sancti Rutberti Salisburg. Mon. Germ. SS. Bd. 9, 
p. 789; Matthaeus Parisiensis. ib. Bd. 28, p. 279; Gesta Trevirorum. 
ib. Bd. 24, p. 411; Annales Erphord. fratrum praedicatorum. Mon. 
Erphesfurt. p. 100. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 243 

Augen des päpstlichen Legaten am 22. Mai 1246 statt; an 
ihr nahmen neben einer Anzahl hessischer und thüringischer 
Grafen nur einige geistliche Fürsten teil. Aber die kirch- 
lichen Mittel arbeiteten weiter, um dem Gegenkönig neue 
Anhänger zu gewinnen und ihm das Übergewicht über seinen 
Gegner zu verschaffen. Innozenz unterstützte seinen Schütz- 
ling mit bedeutenden Geldmitteln^), er ließ unter Verheißung 
weitgehender Indulgenzien das Kreuz gegen den Kaiser pre- 
digen und gewann ihm auf diese Weise zahlreiche bewaffnete 
Helfer, 2) Der Legat Philipp von Ferrara wurde mit um- 
fassender Vollmacht ausgestattet und erhielt die Weisung, 
mit aller Macht für die Anerkennung Heinrich Raspes zu 
wirken. 3) Außerdem wandte sich der Papst persönlich an 
die angesehensten Reichsfürsten.*) Mit Exkommunikationen 
war Innozenz sparsam, denn er wollte die Hohenstaufen 
isolieren, aber nicht, wie es durch das schroffe Vorgehen. 
Gregors IX. geschehen war, die Fürsten auf die Seite des 
Gegners treiben. Nur eine Anzahl geistlicher Fürsten, die 
trotz des ausdrücklichen päpstlichen Befehls auf dem Frank- 
furter Reichstage nicht erschienen waren, verfielen dem 
Banne und der Suspension durch den päpstlichen Legaten.^) 
Innerhalb der Kirche hielt Innozenz IV. gleich seinem großen 
Vorgänger Innozenz III. den päpstlichen Absolutismus im 
vollen Umfange aufrecht und duldete keinen Widerspruch. 
So wenig er gegen die weltlichen Machtbestrebungen der 
Bischöfe einzuwenden hatte, so hielt er doch streng darauf, 
daß diese sich als Beamte und Diener der Kirche fühlten, 
die in kirchlichen Dingen ihrem Oberhaupte unbedingten 



^) W. Wattenbach, Erfurter Urkunden. Neues Archiv Bd. 1 
<1876), S. 197; Siegfried von Balnhausen. Mon. Germ. SS» Bd. 25, 
p. 707. — Vgl. Regesta imperii V, n'>4865d und O. Lorenz, Deutsche 
Geschichte im 13. u. 14. Jahrhundert Bd. 1 (1863), S. 43. 

2) Mon. Germ. Ep. pont. Bd. 2, n« 199. — Annales sancti Rut- 
berti Salisburgensis. Mon. Germ. SS. Bd. 9, p. 789. Vgl. A. Gottlob, 
Die päpstlichen Kreuzzugssteuern im 13. Jahrhundert (1892), S. 76ff. 

3) O. W. Ganz, Philipp Fontana im Dienste der Kurie. Heidel- 
berger Diss. 1910 S. 13. 

*) Mon, Germ. Ep. pont. Bd. 2, n» 167, 189, 204, 205—207. 
^) Reg. Imp. V, n° 4869 a. Vgl. Hauck, Kirchengesch. Bd. 4*, 
S. 867. 



244 Manfred Stimming, 

Gehorsam zu leisten hatten. Gegenüber den geistlichen 
Fürsten standen dem Papste auch weit wirkungsvollere 
Pressionsmittel zur Verfügung als bei deren weltlichen Stan- 
desgenossen. Während die Stellung der erblichen Fürsten 
durch die geistlichen Kampfmittel der Kurie kaum ernstlich 
gefährdet werden konnte, waren die Bischöfe weniger gün- 
stig daran. Der Exkommunikation und Suspension pflegte 
bei hartnäckigem Ungehorsam die Provision eines Gegen- 
bischofs zu folgen. Da einerseits die geistlichen Fürsten 
nicht mehr wie früher einen starken Rückhalt in der Reichs- 
regierung fanden, und andererseits in dem Domkapitel und 
Diözesanklerus in der Regel eine starke Gegenpartei vor- 
handen war, die nur auf die Gelegenheit wartete, das Ober- 
wasser zu gewinnen, so erwuchsen den Bischöfen aus ihrem 
Ungehorsam gegen die Kurie schwere Gefahren für ihre 
Würde. Die Furcht für ihre Stellung trieb sie vornehmlich 
auf die Seite der Kirche. 

So kam es, daß der Abfall unter dem Klerus immer 
weitere Dimensionen annahm. Von den fränkischen und 
bayerischen Bischöfen, die bisher treu zum Reiche gehalten 
hatten, verließ einer nach dem anderen die staufische Partei: 
so der Bischof von Freising im August 1245^), im Oktober 
der Bischof von Bamberg, der erst wenige Jahre zuvor 
durch ein Machtgebot Friedrichs am kaiserlichen Hofe in 
Italien gewählt war^), im November der kaiserliche Kanzler 
Konrad von Regensburg, im Dezember der Bischof Lan- 
dulf von Worms^); und viele andere folgten nach. Auch 
unter den weltlichen Fürsten begannen sich die Reihen der 
staufischen Parteigänger zu lichten. So fiel, um nur einige 
der mächtigsten zu nennen, im Jahre 1246 der Herzog von 
Meran von Friedrich ab*); und im folgenden Jahre ging 
der Herzog Matthias von Lothringen, ein alter Anhänger 
der Hohens taufen, zu den Gegnern über.«) Die weltlichen 

1) Huillard-Br^holles VI, p. 337. 

2) O. Kreuzer, Heinrich von Bilversheim, Bischof von Bamberg. 
Bamberger Programm 1906/1909 S. 58. 

3) Mon. Germ. Ep. pont. Bd. 2, n^ 144. 

*) F. Stein, Geschichte von Franken I (1885), S. 270. 
*) Br. Gumlich, Beziehungen der Herzöge von Lothringen zum 
Deutschen Reiche im 13. Jahrhundert. Halle, Diss. 1898, S. 36. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 245 

I Territorien am Niederrhein, die so lange Zeit der feste Rück- 
I halt der Reichsregierung gewesen waren, wurden zum Mittel- 
j punkt der antistaufischen Bestrebungen: von dort ging der 
I zweite Gegenkönig, Wilhelm von Holland, hervor. Selbst 
! in Schwaben, der alten und festen Grundlage der staufi- 
schen Macht, errang die kirchliche Partei bedeutende Er- 
folge: eine erhebliche Anzahl weltlicher und geistlicher 
Großer, wie die Äbte von Reichenau und Kempten, die 
Grafen von Württemberg, Dillingen, Freiburg, Kiburg und 
andere, ließen sich für den Gegenkönig gewinnen.^) 

In den Jahren nach der Wahl Heinrich Raspes war 
die Situation in Deutschland die, daß fast der gesamte 
Episkopat, der früher stets die festeste Stütze des König- 
tums gewesen war, im feindlichen Lager stand. Auch von 
den weltlichen Fürsten hielt eine bedeutende Anzahl zur 
kirchlichen Partei. Auf staufischer Seite verblieben nur 
einige Laienfürsten und wenige Bischöfe im Süden und 
Südosten des Reiches. Die Unterstützung, die König Kon- 
rad von seinen fürstlichen Anhängern genoß, war jedoch 
verhältnismäßig gering. Er war im wesentlichen auf die 
Machtmittel des hohenstaufischen Hausgutes und die Reichs- 
städte, welche nach dem Abfalle der Fürsten die natür- 
lichen Verbündeten des Königs waren, angewiesen. Konrad 
wäre wohl kaum imstande gewesen, der Übermacht seiner 
Gegner zu widerstehen, wenn ihm diese geschlossen gegen- 
übergetreten wären. Davon aber war nicht die Rede. 
Heinrich Raspe blieb an Macht und Ansehen weit hinter 
dem Hohenstaufen zurück. Ein guter Teil der Fürsten 
stand überhaupt gleichgültig beiseite. Andere wie der Her- 
zog von Lothringen ergriffen zwar die Partei der Kirche, 
hielten sich aber trotzdem von jeder aktiven Anteilnahme 
an den Kämpfen fern.^) Nichts wäre verkehrter als anzu- 
nehmen, daß Deutschland damals in zwei feindliche Lager 
gespalten gewesen sei, daß auf dieser Seite für die große 
Idee des Kaisertums, auf jener für die der Kirche das 



^) K. Weller, König Konrad IV. und Schwaben. Vierteljahrshefte 
für württembergische Landesgeschichte NF. Bd. 6 (1897), S. 12Ü. 
2) Gumlich, Beziehungen der Herzöge von Lothringen S. 36. 



246 Manfred Stimming, 2*. 

11 

Schwert geführt worden wäre. Von höheren Zielen und i 
dem Wirken großer Ideen ist bei der damaUgen Generation 
der deutschen Territorialfürsten wenig zu verspüren. Wie 
die Anhänger der kirchlichen Partei ihren Sonderinteressen 
nachgingen und, wo diese im Widerstreite standen, sich 
untereinander befehdeten, so trugen auch die staufischen 
Parteigänger kein Bedenken, sich gegenseitig zu bekämpfen 
und, wo es ihnen zweckmäßig erschien, mit einzelnen Mit- 
gliedern der Gegenpartei zu paktieren. Die Fürsten hatten 
kein Interesse daran, ihre Kräfte aufzuwenden, um den 
einen der Gegenkönige zu vernichten und den anderen gar 
zu mächtig werden zu lassen. Sie zogen aus dem Gleich- 
gewicht der Kräfte den größten Vorteil. Unter diesen Um- 
ständen gelang es weder dem Papst, die staufische Herr- 
schaft in Deutschland völlig zu stürzen, noch auch ver- 
mochte König Konrad, seiner Gegner Herr zu werden. 
Aber der größere Gewinn erwuchs aus dieser Lage doch 
der Kirche. Durch das bellum omnium contra omnes wurden 
die Kräfte, welche dem Kaiser früher nach der Lombardei 
zugeströmt waren, in Deutschland gebunden. Friedrich 
hatte in den letzten Jahren seiner Regierung schwer zu 
ringen, um sich in Norditalien zu behaupten. 

So endete die Politik, die Friedrich II. seit seinem 
ersten Erscheinen in Deutschland in beharrlicher Konse- 
quenz gegenüber den Fürsten verfolgt hatte, mit einem 
vollkommenen Mißerfolg. Man möchte jedoch bezweifeln, 
daß Friedrich die Ordnung der deutschen Verhältnisse, wie 
er sie vorgenommen hatte, als eine endgültige- betrachtet 
habe; man darf vielmehr annehmen, daß es ihm nur darauf 
angekommen sei, zunächst einen einigermaßen haltbaren 
Zustand zu schaffen, um die Hände für andere wichtigere 
Aufgaben frei zu bekommen. Italien stand stets im Vorder- 
grund seiner Interessen. Zwischen den ersten und zweiten 
Aufenthalt des Kaisers in Deutschland fällt die Reorgani- 
sation des sizilianischen Königreiches. Die Worte und Maß- 
regeln des Kaisers lassen keinen Zweifel darüber bestehen, 
daß es seine Absicht war, das sizilianische Verwaltungs- 
system auf ganz Italien auszudehnen. Soweit seine Macht 
reichte, hatte Friedrich in den Jahren 1236 bis 1241 ein ab- 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 247 

solutistisches Beamtenregiment aufgerichtet. i) Nach den 
Erfolgen in der Lombardei fing er damit an, die Verhält- 
nisse Norditaliens nach sizilianischem Vorbilde zu ordnen. 
Er begann mit der Einsetzung von Kapitänen in den Städten. 
Seit 1237 folgte die planmäßige Einrichtung von General- 
vikariaten in ganz Italien. 1239 war das ganze Land in 
eine größere Anzahl von umfassenden Amtsbezirken einge- 
teilt, in denen Generalkapitäne ihres Amtes walteten. 2) 

Das östliche Oberitalien bildete ein Generalvikariat, 
für welches die Trevisaner Mark die Grundlage hergab. 
Hierzu gehörte auch das Bistum Trient, das zum Deut- 
schen Reich gerechnet wurde. So war bereits im Jahre 1239 
ein Stück von Deutschland in den Kreis der italieni- 
schen Neugestaltungen mit hineingezogen. 3) Man darf wohl 
daraus schließen, daß Friedrich nicht gesonnen war. mit 
seinen Neuerungen an der Grenze des Deutschen Reiches 
Halt zu machen. Er ging mit seinem Reformwerk offenbar 
systematisch, von Süden nach Norden fortschreitend, vor, 
um nacheinander alle Länder des Imperiums fest in die 
Hand zu bekommen. Hätte der Kaiser den Widerstand der 
lombardischen Städte gebrochen und damit sein Ziel in 
Norditalien erreicht, so wäre die Bahn für die Neuordnung 
der deutschen Verhältnisse frei gewesen. 

Freilich besitzen wir nicht die geringsten Nachrichten 
darüber, ob der Kaiser bestimmte Pläne für Deutschland 
gehabt hat, und welcher Art sie gewesen sein könnten. 
Nach den Worten, die Friedrich im Jahre 1236 an den Bi- 
schof von Como richtete, zu urteilen, scheint es sogar, als 
habe er die Grundlagen seiner Herrschaft für ausreichend 
und seine Stellung für hinlänglich gesichert gehalten.*) 
Selbst wenn man annimmt, daß dieses damals seine An- 
sicht war, so müssen ihn doch später die Ereignisse in 
Deutschland eines besseren belehrt haben. Es ist kaum zu 



^) K. Hampe, Deutsche Kaisergeschichte in der Zeit der Salier 
und Stauten, 3. Aufl. (1916), S. 259. 

^) J. Ficker, Forschungen zur Reichs- und Rechtsgeschichte Ita- 
liens II (1869), S. 496 ff. 

») ib. II p. 507f. 

*) Vgl. p. 12, Note 1. 



248 Manfred Stimming, 

glauben, daß die bitteren Erfahrungen, die der Kaiser in 
den letzten Jahren seiner Regierung machen mußte, spur- 
los an ihm vorübergegangen seien, daß Friedrich nicht nach 
neuen Mitteln und Wegen gesucht habe, um seine Herr- 
schaft in Deutschland auf festere Füße zu stellen. In der 
Tat griff der Kaiser noch in den letzten Jahren seiner Re- 
gierung zu Maßregeln, wie sie zuvor weder von ihm noch 
von einem seiner Vorgänger angewandt worden waren. 
Hampe macht darauf aufmerksam, daß Friedrich nach dem 
Tode des letzten Babenbergers die erledigten Herzogtümer 
Österreich und Steiermark nicht wieder als Lehen ausgab. 
Er griff damit auf einen Versuch zurück,den er schon einmal 
nach der Ächtung Herzog Friedrichs im Jahre 1236 gemacht, 
aber aus politischen Gründen wieder aufgegeben hatte. 
Diesmal schlug der Kaiser einen neuen Weg ein: er ließ 
die heimgefallenen Länder nach sizilianischem Vorbilde durch 
Generalkapitäne verwalten. i) 

Es ist kaum anzunehmen, daß es der Plan Kaiser 
Friedrichs gewesen sei, das System der Beamtenverwaltung 
allmählich auf ganz Deutschland auszudehnen. Ein solches 
Beginnen wäre bei den damaligen politischen Verhältnissen 
ohne jede Aussicht auf Erfolg gewesen. Offenbar war es 
die Absicht des Kaisers, an der Ostgrenze des Reiches ein 
großes der Krone unmittelbar unterworfenes Gebiet zu 
schaffen. Er knüpfte damit an die Politik seines Großvaters 
Friedrich Barbarossa an, der mit dem Herzogtum Schwaben 
etwas Ähnliches im Auge gehabt hatte 2), und war zugleich 
ein Vorläufer der Hausmachtspolitik der spätmittelalterlichen 
Könige. Daß Friedrich H. gerade Österreich und Steiermark 
als Königsland ausersah, macht seinem politischen Scharf- 
blicke Ehre. Die Herzogtümer lagen dem nord-ostitalieni- 
schen Herrschaftsgebiet des Kaisers am nächsten und bil- 
deten zusammen mit den Herzogtümern Bayern und Kärn- 
ten, den Bistümern Trient, Brixen und anderen Territorien, 
deren Inhaber dem Kaiser bis zum Tode treu blieben, ein 
bedeutendes, fest zusammenhängendes staufisches Macht- 



^) Hampe a. a. O. p. 272. 
*) Stimming a. a. 0. p. 84. 



Kaiser Friedrich II. und der Abfall der deutschen Fürsten. 249 

gebiet. Von allen deutschen Territorien waren die süd-öst- 
lichen, aus alten Markgrafschaften erwachsenen Herzogtümer 
die geschlossensten ; die Landeshoheit war in ihnen am wei- 
testen fortgeschritten. Hier schufen im späteren Mittelalter 
die Habsburger ihre Hausmacht, welche sie in den Stand 
setzte, die politische Leitung des zerrissenen und ausein- 
anderstrebenden Reiches zu übernehmen. Zur Überwindung 
des fürstlichen Partikularismus war es damals freilich zu 
spät. Im 13. Jahrhundert hätte der Verfall des Reiches 
vielleicht noch aufgehalten werden können, wenn nämlich 
die von Friedrich vorgezeichnete Politik konsequent weiter 
verfolgt worden wäre. Die südostdeutschen Herzogtümer 
hätten, ähnlich wie das Herzogtum Francien in dem be- 
nachbarten Frankreich, der Grundstock und der Ausgangs- 
punkt für die Schaffung eines größeren und geschlossenen 
Königslandes und dieses anstelle der verlorenen Herrschaft 
über die Reichskirche zu einer neuen starken Stütze und 
Machtgrundlage des Königtums werden können. Verschie- 
dene ungünstige Faktoren wirkten zusammen, um dies zu 
verhindern. Friedrich selbst war nicht mehr imstande, die 
Geschicke Deutschlands in neue Bahnen hinüberzuleiten. Er 
blieb bis zu seinem Tode in Italien gefesselt und mußte 
den Dingen nördlich der Alpen ihren Lauf lassen. Nach 
dem Sturze des staufischen Hauses aber, in der Zeit des 
Interregnums, gehörte das Feld vollends dem deutschen 
Territorialfürstentum. Jener Geist des dynastischen Parti- 
kularismus, der vornehmlich in der ersten Hälfte des 13. 
Jahrhunderts groß geworden war, behauptete dauernd seine 
Herrschaft über Deutschlands Fürsten und führte das Reich 
unaufhaltsam dem weiteren Verfalle entgegen. 



Renaissance als Stilbegriff. 

Dem Andenken Jakob Burckhardts 



von 
Werner Weisbach. 



Der 100. Geburtstag Jakob Burckhardts i) hat von neuem 
die Aufmerksamkeit auf ein Problem gerichtet, das mit 
seinem Namen aufs engste verknüpft ist: das Problem der 
Renaissance. In zweien seiner Hauptwerke, dem „Cicerone" 
und der „Kultur der Renaissance in Italien", hat er die 
italienische Renaissance als Stilepoche und als Kultur- 
epoche zu schildern unternommen und damit einen nach- 
haltigen Einfluß auf die historische Begriffsbildung aus- 
geübt. Im Rückblick auf die Zeit der Konzeption dieser 
Werke schrieb Burckhardt in einem Brief an seinen Freund 
und Gesinnungsgenossen, den Architekturforscher Hein- 
rich V. Geymüller (29. 1. 1881): „Ich muß recht bei mir 
selber lachen, wenn ich bedenke, durch welche Reihe von 
Zufällen ich zur Abfassung des Cicerone kam, und welche 
eigentümliche Konstellation zugunsten der Renaissance da- 
mals, 1853 — 1855, am Himmel muß gewaltet haben." 

Das 19. Jahrhundert, das nicht zu Unrecht das histo- 
rische genannt wird, hat den gesamten geschichtlichen 
Stoff nach einer systematischen Erschließung und Erfor- 
schung der Quellen durch eine neue Periodisierung zu glie- 
dern gesucht. Nachdem durch die Romantik das vorher 



*) Das Manuskript wurde der Redaktion Juni 1918 eingereicht. 



Renaissance als Stilbegriff. 251 

wenig beachtete und mißachtete Mittelalter an das Licht 
geführt und in die geschichtliche Betrachtung einbezogen 
worden war, ließ man diesem eine Epoche folgen, die als 
die Renaissance bezeichnet wurde. Jede solche Periodi- 
sierung hat ihre Bedeutung und ihre Anerkenntnis nur in 
bezug auf den Standpunkt, den die Gegenwart einnimmt, 
und als Ausdruck für die Vorstellung, die diese sich von der 
Vergangenheit macht. Sie ist abhängig von den Wertungen,, 
die ein betrachtendes Subjekt anstellt. Als geistiges Produkt 
hat sie nur in einer idealen Sphäre Geltung. Es hieße einem 
falschen Begriffsrealismus verfallen, wollte man sie als 
etwas ein- für allemal Feststehendes und wie eine objektive 
Gegebenheit Unberührbares nehmen. In dem Bilde, das 
sich eine Zeit oder ein Individuum von der Vergangenheit 
entwirft, kommt zugleich ein Gegenwartsgefühl, eine be« 
stimmte geistige Disposition zum Ausdruck. 

Die neue Methode, die das 19. Jahrhundert bei der 
Ordnung und Gliederung des historischen Stoffes anwandte, 
ist die entwicklungsgeschichtliche. Dabei sind für die ver- 
schiedenen Gebiete, die der Erkenntnis geöffnet werden, 
sollen, Politik, Kultur, Wirtschaft, Kunst usw., immanente, 
in dem Wesen der einzelnen Materien liegende und aus 
ihm abzuleitende Entwicklungsfaktoren in Anschlag zu 
bringen. Der reflektierende und konstruierende Geist scheidet 
und wertet, um Entwicklungsprinzipien herauszustellen, 
die gleichsam als Leitmotiv bei der Durchführung der Perio- 
disierung dienen. Je nach der Wahl der angewandten Prin- 
zipien und dem ihnen zuerkannten Bedeutungswert gestaltet 
sich die historische Einteilung. Die Kriterien, ob eine Grup- 
pierung standhält, schöpft der nachprüfende Geist daraus, 
ob das was als die treibende Kraft der Entwicklung und 
als Zielstrebigkeit angesehen wird, sich durch die geschicht- 
lichen Bedingungen und Gegebenheiten als gerechtfertigt 
erweist. Immer wieder werden Korrekturen an den Periodi- 
sierungen im großen und kleinen vorgenommen, je nach- 
dem das Material durch neues Quellenstudium erweitert 
und vertieft und neue Gesichtspunkte für die Art der Ein- 
teilung gewonnen werden. So ist augenblicklich die Frage 



252 Werner Weisbach, 

im Fluß, an welchem Zeitpunkt man den Anfang der Neu- 
zeit ansetzen soll, ob mit dem Beginn der Reformation 
oder erst am Ende der Religionskriege. Auch dem Renais- 
sancebegriff wurden — zum Teil im Zusammenhang damit, 
— nachdem er in die historische Periodisierung eingeführt 
worden war, verschiedene Bestimmungen und Auslegungen 
zuteil, die, namentlich wenn man bedenkt, daß das historische 
Bewußtsein für die Epoche noch nicht sehr weit zurückreicht, 
recht beträchtlich voneinander abweichen. 

Es war bekanntlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, 
■daß aus dem geschichtlichen Verlauf zwischen Mittelalter 
und Neuzeit eine Epoche herausgeschält und unter der Be- 
zeichnung Renaissance zusammengefaßt wurde. Michelet 
gab dem im Jahre 1855 erschienenen 9. Bande seiner ,,Histoire 
de France'\ der das 16. Jahrhundert behandelt, den Titel: 
La Renaissance, Die entscheidende Wirkung für die Fixie- 
rung und Charakterisierung der Epoche ging aber von Jakob 
Burckhardts „Kultur der Renaissance" (1860) aus. Das Wort 
^yrenaissance'' war in Frankreich längst in Gebrauch und 
kam in verschiedenen Verbindungen vor: Renaissance des 
arts oder renaissance des lettres. So begann, an die fran- 
zösische Tradition anknüpfend, Michelet die Einleitung eines 
9. Bandes: „Uaimable mot de Renaissance ne rappeile aux 
ümis du beau que Uavdnement d'un art nouveau et le libre essor 
de la fantaisie. Pour rerudit, c'est la renovation des etudes de 
Vantiquite; pour les legistes, le jour qui commence ä luire sur 
le discordant chaos de nos vieilles coutumes/' Diesen ein- 
zelnen Anwendungen des Wortes gegenüber will Michelet 
den Begriff Renaissance zu einer großen, Frankreich sowohl 
wie Italien umfassenden geschichtlichen Epoche ausweiten. 
Als wesentliches neues Entwicklungsmoment dieser Epoche 
bezeichnet er: y,La decouverte du monde, la decouverte de 
r komme/' Dieses Charakteristikum wird von Burckhardt 
wörtlich übernommen; er überschreibt den vierten Ab- 
schnitt seines Werkes: „Die Entdeckung der Welt und des 
Menschen." Und in den Vorbemerkungen zu dem dritten 
Abschnitt, in dem er „die Wiederentdeckung des Altertums" 
behandelt, läßt er sich nachdrücklich dahin aus, daß nicht 
in ihr allein das Prinzip für die gestaltende Entwicklung 



i 



Renaissance als Stilbegriff. 253 

der Epoche zu suchen sei; sondern daß „ihr enges Bündnis 
mit dem neben ihr vorhandenen italienischen Volksgeist 
die abendländische Welt bezwungen hat**. Burckhardts 
Tat war es, daß er die Kultur, die er unter dem Namen 
Renaissance begriff, in ihren italienischen Ursprüngen unter- 
suchte, daß er Eigenschaften, die sich aus den geschichtlichen 
Bedingungen Italiens heraus entwickelten, als Träger dieser 
Kultur nachwies. Ihre Keime verfolgte er zum Teil bis 
weit ins Mittelalter zurück, z. B. für die Ausbildung des 
neuen Staatsbegriffs bis auf den Hohenstaufenkaiser Fried- 
rich 1 1. Im allgemeinen umfaßt die von ihm charakterisierte 
Epoche die Zeit von Dante bis Michelangelo. 

Der Umfang der für die Kultur der Renaissance ange- 
setzten Periode deckt sich nun aber nicht mit dem Zeitraum, 
den der Kunsthistoriker Burckhardt in seinem „Cicerone" 
der Kunst der Renaissance zugewiesen hat. Hier ist die 
in den ersten Teil jener Kulturepoche fallende Kunst in die 
gotische Stilperiode einbezogen, während er die Renaissance 
in der Kunst mit dem Quattrocento beginnen läßt. 

Burckhardt hat, wie das bei einer Entdeckung zu ge- 
schehen pflegt, in seiner Schilderung das Neue, Moderne, 
das er an der von ihm bearbeiteten Epoche gefunden zu 
haben glaubte, besonders ausgemalt und dem Mittelalter 
gegenüber in ein helles Licht gerückt. Das Aufleben der 
Antike war, wenn auch nicht als einziges Moment, so doch 
als wesentlicher die Entwicklung lenkender Faktor für die 
Charakterisierung der Epoche von ihm hingestellt worden. 
Gleichzeitig ging man auch von anderer Seite daran, sich 
über den besonderen Einfluß der Antike auf das Geistesleben 
dieser Zeit Rechenschaft zu geben. Das geschah z. B. in 
grundlegender Weise durch das bekannte, ein Jahr vor der 
„Kultur der Renaissance" erschienene Buch von Georg 
Voigt: „Die Wiederbelebung des klassischen Altertums und 
das 1. Jahrhundert des Humanismus" (1859), dessen Titel 
noch eine deutsche Umschreibung des Wortes Renaissance 
gibt, wie es bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts üblich 
war; — der Begriff der Wiederbelebung hier auf eine ganz 
bestimmte Erscheinung bezogen: die Antike. Es wurde denn 
auch vielfach Renaissance einfach als Wiedergeburt der 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 17 



254 Wemer Weisbach, 

Antike verstanden, indem man den in dem Wort liegenden 
Begriff der Auferstehung nur mit dem Altertum in Verbin- 
dung brachte. 

Der neue Renaissancebegriff wurde zunächst mit Be- 
geisterung aufgenommen, befruchtete Wissenschaft und 
Literatur, ging in vielfältige Handbücher über und wurde 
durch mannigfache Bearbeitungen und Verwässerungen dem 
Allgemeinbewußtsein zugeführt. Nach geraumer Zeit be- 
gann man jedoch an seinen Grundfesten zu rütteln und unter- 
zog ihn von verschiedenen Seiten einer Revision. Die Kritik 
richtete sich hauptsächlich gegen folgende Punkte: gegen 
die Überschätzung einer Beeinflussung durch die Antike, 
gegen die Unterschätzung der in der geschilderten Epoche 
sich noch auswirkenden mittelalterlichen Elemente, gegen 
die Annahme, daß Italien der Ursprung und wesentlichste 
Träger der Entwicklung der sogenannten Renaissance sei. 

In seinem Buche: ,, Franz von Assisi und die Anfänge 
der Renaissance'' läßt Thode die neue Kultur von einer gei- 
stigen Bewegung ausgehen, die ihren Ursprung in der Glau- 
bensinbrunst und dem mystischen Naturgefühl des hl. 
Franziskus habe. Er betrachtet den Zeitraum vom 12. bis 
zum 16. Jahrhundert, von Franz bis Michelangelo, als eine 
einheitliche Periode, . indem er die mystische Phantasie 
des Mittelalters als das maßgebende Entwicklungsmoment 
für die Renaissance ansetzt, während Humanismus und 
Aufnahme der Antike keine so wesentliche Umwälzung 
hervorgerufen hätten. Auch die Kunstepoche, die den 
Namen Renaissance zu tragen habe, müsse man mit der 
Verherrlichung des hl. Franz durch die bildenden Künste 
beginnen lassen. Diese Ideen werden von Thode weiterhin 
in der Einleitung zum zweiten Band seines Michelangelo, 
die die Überschrift: „Die Renaissance*' führt, vertreten 
(1903). Auch Karl Neumann ist in seinem auf dem deutschen 
Historikertag gehaltenen Vortrag: „Byzantinische Kultur 
und Renaissance-Kultur" (Stuttgart 1903) von der Theorie 
des Einflusses der Antike abgerückt und beruft sich dagegen 
auf „die mittelalterliche christliche Erziehung und das so- 
genannte Barbarentum als die Lebenskräfte der herkömm- 
lich so bezeichneten Renaissance." Daneben will er den neuen 



Renaissance als Stilbegriff. 255 

Realismus, der ebenso im Norden wie im Süden der Alpen 
und unabhängig von der Antike aufgekommen sei, als aus- 
schlaggebende Potenz gewertet wissen. Thode, Neumann 
und ihre Gefolgschaft lassen also den Beginn der Kultur 
und der Kunst der Renaissance zusammenfallen und er- 
klären aus mittelalterlich-geistigen und christlichen Strö- 
mungen heraus die Wendung zu einer neuen Gedanken- 
und Formenwelt. 

So wurde der Renaissancebegriff bald nach seiner Ein- 
führung in die geschichtliche Periodisierung höchst labil. 
Historiker und Kunsthistoriker gaben ihm je nach der Stel- 
lung, die sie zu den wesentlichen Problemen einnahmen, 
einen verschiedenen Sinn und Umfang. Innerhalb der all- 
gemeinen Unsicherheit machte sich Adolph Philippi in seinem 
Buche: „Der Begriff der Renaissance** (Leipzig 1912) an 
die Aufgabe, eine Übersicht über die abweichenden Auf- 
fassungen und über die Entwicklung des Begriffs zu bieten. 

Bei der Nachprüfung der durch Burckhardt und seine 
Anhänger vertretenen Thesen kam man zweifellos zu wert- 
vollen Beobachtungen, die das Bild der Renaissance in ge- 
wissen Zügen veränderten und bereicherten. Vor allem 
wurde darüber Klarheit verbreitet, daß gewisse durchaus 
mittelalterliche Erscheinungen als modern für das Kultur- 
zeitalter der Renaissance in Anspruch genommen worden 
waren. Die Korrekturen schössen aber in den meisten Fällen 
weit über das Ziel. Gewiß war stellenweise der Anschluß 
an die Antike in der fraglichen Epoche zu einseitig heraus- 
geholt worden und demgegenüber wurde dann die Mitwir- 
kung mittelalterlicher Elemente und ihr Aufgehen in der 
neuen Kultur richtiggestellt. Man übersah anfangs über 
heidnischen Neigungen, die sich an dem Kultus des Altertums 
nährten, die Äußerungen katholischer und mystischer Fröm- 
migkeit, die, wenn auch nicht so stark hervortretend, für 
die Struktur des geistigen Gesamtlebens doch höchst be- 
achtenswert sind. Man wurde sich klar über die Durchsetzung 
der neuen Kultur mit ritterlich-höfischen und burgundisch- 
französischen Motiven, mit verschiedenen auf das Mittel- 
alter zurückgehenden schwärmerischen und erotischen Stim- 
mungsmomenten. Durch gewisse romantische Züge war das 

17* 



256 Werner Weisbach, 

Bild der Renaissance zu ergänzen, i) Zieht man aber auch 
das alles in Betracht, so wird man zu dem Schluß geführt, 
daß die Epoche, die unter den alle diese Symptome umfassen- 
den Kulturbegriff fällt, ihre zeugenden Säfte aus Italien 
entnimmt und mit dem 14. Jahrhundert anhebt. 

Mögen auch gewisse Entwicklungsmomente im Norden 
und im Süden die gleichen sein, die eigentümliche Durch- 
dringung des italienischen Geistes mit dem antiken Bil- 
dungsstoff, so daß daraus etwas Neues und Modernes er- 
wächst, die daraus entwickelte Humanitas als Grundlage 
eines neuen Lebensgefühls und Bewußtsein einer neuen 
Lebensbestimmung, das gibt dem geistigen Phänomen, 
das uns als Renaissance entgegentritt und das sich rasch 
über die ganze zivilisierte Welt ausdehnte, doch erst seine 
besondere Prägung. Abgesehen davon, daß sich aus unzäh- 
ligen Beispielen erweisen läßt, daß die Zeit selbst, in der die 
Kultur blühte, das, was als eigentlich modern empfunden 
wurde, dort sah, wo ein mehr oder weniger deutliches Mit- 
schwingen antiker Anklänge herausgefühlt wurde, können 
auch wir Rückschauende nicht umhin, die Rezeption des 
Altertums als einen wesentlichen Entwicklungsfaktor an- 
zuerkennen. Wenn man dem entgegenhält, daß während 
des ganzen Mittelalters die Antike nicht aus dem Gesichts- 
kreis der europäischen Welt getreten ist, so ist der Nach- 
druck vielmehr darauf zu legen, daß im Mittelalter sich die 
antiken Erinnerungen mehr unter der Oberfläche fort- 
spinnen, dem spezifisch mittelalterlichen Empfinden völlig 
angeglichen und unterworfen werden und nur wenig in 
das Bewußtsein einer größeren Allgemeinheit treten. Seit 
dem Erscheinen des Humanismus aber wird die Antike 
ein konstruktives Element für den Aufbau einer geistigen 
und formalen Anschauung, mit dem in ganz zielbewußter 
Weise operiert wird. Sie wird ein allgemeines Ideal, Gegen- 
stand einer phantastischen Sehnsucht und Quelle für eine 



^) Vgl. Weisbach, Francesco Pesellino und die Romantik der 
Renaissance, Berlin 1901. — Petrarca und die bildende Kunst, Re- 
pertor. für Kunstwiss. XXVI, 1903, S. 265. — Botticellis „Primavera" 
und die antikisierende Romantik, Jahrb. d. Kgl. Preuß. KunstsammL 
XXIX, 1908, S. 5ff. 



Renaissance als Stilbegriff. 257 

vernunftgemäße Erkenntnis. Man bildet an ihr Maßstäbe 
für Denken, Dichten, Bilden und Leben. Dazu kommt, daß 
für den italienischen Humanismus die Erweckung des Alter- 
tums zugleich eine Anknüpfung an eine eigene große Ver- 
gangenheit bedeutete, deren Höhepunkt in dem alten Rom 
lag. Das Zurückgreifen auf die Antike und das Selbstgefühl 
des nationalen Geistes stand in Wechselwirkung. Der Ein- 
schnitt liegt zwischen Dante und Petrarca. Neigt sich Dantes 
Weltanschauung und Ausdrucksweise noch nach der mittel- 
alterlichen, christlich-symbolischen, scholastischen und my- 
stischen Seite, so daß die antiken Bestandteile nur als In- 
gredienz erscheinen, so tritt in Petrarca — bei allem Mittel- 
alterlich-Romantischen und Troubadourmäßigen in einem 
Teil seines Dichtens und Empfindens — schon deutlich das 
neue Ideal heraus, das ihm aus seiner Vorstellung von der 
Antike aufsteigt und dessen Verwirklichung er das größte 
Maß seiner Kraft widmet. Der Grundstein der Renaissance 
scheint gelegt, wenn er in seinem Brief an Colonna das Alter- 
tum als das Reich seiner Sehnsucht zeichnet und dem eige- 
nen elenden Jahrhundert entgegenhält, wenn er bekennt: 
„daß ich mir selber schreibe und beim Schreiben begierig 
mit unseren Ahnen verkehre auf die einzig mögliche Art, 
und die, mit denen mich ein übles Gestirn zu leben zwingt, 
mehr als gern vergesse. Und darin brauche ich alle meine 
Kräfte, daß ich die fliehe, jenen nachfolge. Denn wie der 
Anblick dieser mich schwer bedrückt, so erheben mich jener 
Andenken, großherzige Taten und hehre Namen unglaublich 
und ohnmaßen angenehm. Wenn alle dieses Gefühl kannten, 
würde es viele zum Staunen zwingen, was das ist, das mich 
so viel lieber mit Toten als mit Lebenden unterhalten läßt. 
Denen könnte zur Antwort dienen, daß jene leben, die wacker 
und ruhmreich ihre Tage beschlossen haben. i) 

Man muß sich denken, daß das, was von der Epoche, 
die wir Renaissance nennen, als das ihr Zeitgemäße und der 
Vergangenheit gegenüber Moderne empfunden wurde, ein 
für uns nicht weiter definierbares Etwas war, das gleichsam 



W ^) Vgl. Borinski, Die Antike in Poetik und Kunsttheorie, Leip. 
zig 1914, S. 104. 



258 Werner Weisbach, 

in und über den Dingen schwebte und alle geistigen Äuße- 
rungen infiltrierte. Wer die 90 er Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts jung durchlebt hat, mag sich zurückrufen, wie man 
auf die damalige „moderne" Literatur und Kunst sozusagen 
instinktmäßig reagierte, ohne sich in jedem Fall gleich über 
das Besondere und Neuartige begrifflich klar werden zu 
können. Und wenn Lorenzo de'Medici seine antikischen 
Trionfi durch die Straßen von Florenz führte, in denen er 
sein und seiner Zeit Ideal bildlich-anschaulich verwirklichte, 
so sog das ganze dem Schaugepränge zueilende und zujubelnde 
Volk etwas von dem ihm entströmenden Hauche ein.^) 

In dem als Renaissance zu bezeichnenden kulturellen 
Komplex muß also das humanistische Element — wie man 
es nun einmal nennen mag — als das eigentlich fundamentale 
und formierende angesprochen werden. Alle bisherigen 
Versuche, etwas anderes an seine Stelle zu setzen, dürfen 
doch wohl als mißglückt bezeichnet werden. Mit seinem an- 
tiken Einschlag hat sich das national-italienische Phänomen 
zu seiner welthistorischen Aufgabe ausgewachsen und fand 
überall offene Türen, da es einem Zeitbedürfnis entgegen- 
kam. Der Humanismus hat Waffen geschmiedet sowohl 
für die Reformation wie für die Gegenreformation. Die 
Renaissance, eine ursprünglich italienische Schöpfung, 
wurde ein internationales Bindeglied für alle nationalen 
Kulturen. Durch den Humanismus des 14. und 15. Jahr- 
hunderts wurden die Sinne gebildet und empfänglich ge- 
macht für das was als ein moderner Zeitgeist allenthalben 
seine Flügel regte. In seinem anmaßenden Selbstgefühl 
hat dieser Humanismus dann auch die Theorie aufgestellt, 
nach der die Periode zwischen dem Fall des antiken Rom und 
seinem eigenen Aufkommen als eine „barbarische*' und 
„gotische** der Geringschätzung preisgegeben wurde. 

Man hat nun aber kürzlich gemeint^): der humanistische 
Geist habe nur in einer aristokratischen Minorität Fuß ge- 
faßt und könne deshalb nicht zu einem allgemeinen kultur- 

1) Ausführlicheres darüber in meinem Buche: Trionfi. Berlin, 
Grote. 1919. 

2) Carl Neumann, Gedanken über Jakob Burckhardt, Deutsche 
Rundschau, Mai 1918, S. 241 ff. 



Renaissance^ als Stilbegriff. 259 

bildenden Faktor erhoben werden. Schon der Ausdruck 
„aristokratische Minorität" ist hier irreführend. Die Hu- 
manisten setzten sich aus den verschiedensten Kreisen bis 
zu den niederen Volksschichten zusammen und wirkten 
nach unten wie nach oben. (Eine Folge des Humanismus 
war ja auch, daß im 16. Jahrhundert bürgerliche Laien in 
allen Ländern an den Höfen als Beamte eintraten.) Wenn 
sie sich selbst, nachdem sie es zu etwas gebracht hatten, 
in eine geistige Aristokratie einordneten, so besagt das doch 
nichts gegen die allseitigen Einflüsse, die von ihnen ausgingen. 
Der Humanismus beherrschte nicht nur die Fürstensitze 
und eroberte sich die Kirche — das geistige Fluidum, das durch 
ihn erzeugt wurde, sickerte überallhin durch; es berührte 
die Künstler und die Handwerker, die für alle Kreise ar- 
beiteten. 
y^k Man hat sich in letzter Zeit nun aber auch die Frage 
'^^orgelegt, wie sich die in dem Begriff Renaissance liegende 
Wortbedeutung zu der ihm zugeschriebenen Sachbedeutung 
verhält, ferner in welcher Beziehung der so bezeichnete 
Kulturbegriff zu dem Kunst- oder Stilbegriff steht — dem 
letzteren Problem gilt ja unsere besondere Aufmerksamkeit. 
Da die beiden Punkte in engem Zusammenhang miteinander 
stehen, so wollen wir zunächst kurz die Wort- und Begriffs- 
geschichte bis in ihre Ursprünge zurückverfolgen, indem wir 
hon Bekanntes durch neue Belege ergänzen. 

Das heute allgemein gebrauchte französische Wort 
Renaissance ist eine Übersetzung des italienischen rinascita, 
das Vasari in seiner pragmatischen Konstruktion einer Ge- 
schichte der bildenden Kunst auf diese anwandte. Infolge 
der hohen Geltung und weiten Verbreitung von Vasaris 
Viten hat der Begriff rinascita in der ihm hier zugewiesenen 
Bedeutung auf lange hinaus allenthalben die Anschauung 
bestimmt. Das religiöse Bild der Wiedergeburt, dessen Be- 
deutungswandel Burdach 1) von dem Mittelalter her nach- 
gegangen ist, wurde von Vasari auf eine künstlerische Er- 
scheinung seines Vaterlandes übertragen. Im letzten Ab- 

^) Sinn und Ursprung der Worte Renaissance und Reformation. 
Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften 1910, 
XXX iL 



260 Werner Weisbach, 

schnitt der Einleitung zu seinen Künstlerbiographien ent- 
schuldigt er sich, daß er sich vielleicht zu lange bei den 
Anfängen (bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts) aufgehalten 
habe. Es sei geschehen, um zu zeigen, wie die Kunst von der 
hohen Stufe, die sie zur Zeit der Antike einnahm, in tiefen 
Verfäll geraten sei. Wie der menschliche Körper so habe 
Kunst ihre Geburt, ihr Wachsen, Altern und Tod. Er habe 
es getan, damit die Künstler „potranno ora piü facilmente 
conoscere il progresso della sua rinascita, e di quella stessa 
perfezione dove ella i risalita ne' tempi nostrV\ Und dann geht 
er zu Cimabue und den Meistern der zweiten Hälfte des 
13. Jahrhunderts über. Gemeint ist hier, wie sich aus dem 
Zusammenhang ergibt, der nationale Aufschwung der italie- 
nischen Kunst, nachdem sie das byzantinische Joch, die 
maniera greca, abgeschüttelt. In der nationalen Erhebung, 
die Italien von dem, was als fremd und gegensätzlich empfun- 
den wird, befreit, sieht Vasari einen neuen Anfang. 

Rinascita ist nun aber bei ihm nicht ein Begriff, durch 
den eine bestimmte Erscheinung in eindeutiger Weise um- 
schrieben wird. Er hat schon die ihm als die national italie- 
nisch geltende Kunst von Cimabue und Giotto bis auf seine 
Tage in verschiedene Abteilungen zerlegt. Indem er sein 
großes biographisches Werk in drei Abschnitte teilt, gliedert 
er es nach drei Perioden, die etwa unseren heutigen Begriffen 
des Trecento, der Frührenaissance und der Hochrenaissance 
entsprechen. Er beschließt den ersten Teil seiner Biogra- 
phien mit dem Leben des Lorenzo di Bicci, ,,weil er der letzte 
von den Meistern war, der in der alten Manier Giottos malte**. 
Und dann erzählt er im zweiten Teil von der Arbeit Masolinos 
in der Brancacci-Kapelle, daß sie so hoch geschätzt wurde 
wegen ihrer Neuheit, wegen der Beobachtung von vielem, 
das gänzlich außerhalb der Manier Giottos lag. Masaccio 
ist für ihn der Begründer einer neuen Kunst, weil er in ein 
anderes Verhältnis zur Natur trat: „Er räumte gänzlich auf 
mit der Manier Giottos in den Köpfen, Gewandungen, 
Baulichkeiten, im Nackten, im Kolorit und in den Verkür- 
zungen, schuf das alles neu und führte jene „maniera mo- 
der na'* ein, welcher von damals bis heute alle unsere Künst- 
ler folgten." Ja, er rühmt sogar von ihm: „So modern war 



i 



Renaissance als Stilbegriff. 26| 

er den anderen gegenüber in Linienführung und Malweise, 
daß seine Werke sicherlich den Vergleich mit jeder heutigen 
modernen Arbeit in Zeichnung und Kolorit aushalten." 
Und wieder taucht das Wort rinascita auf. Am Schluß 
der Einleitung zum zweiten Teile der Viten wird von Ma- 
saccio rühmend hervorgehoben, daß ihm die Malerei ihre 
„nuöva rinascita'* verdanke. 

Eine präzise Begriffsbildung darf man bei Vasari nicht 
suchen. Ebenso wie rinascita finden wir auch den Begriff 
maniera moderna in wechselnder Bedeutung. i) Er versteht 
darunter einmal die auch von seiner Zeit noch gegenüber 
dem Trecento als modern empfundene Kunst, deren Beginn 
er etwa um 1400 ansetzt, und dann die Kunst seiner eigenen 
Epoche, die den von der Hochrenaissance aufgestellten 
Idealen folgt und besonders in Michelangelo ihren Heros 
sieht, die terza maniera in seiner Einteilung, die er in beson- 
derem Sinne „/a moderna** nennen will. 

Die ganze national-italienische Entwicklung, der das 
Byzantinische und das Gotische, die maniera greca und die 
maniera tedesca oder gotica, entgegengesetzt wird, sucht 
Vasari nun aber in einen gewissen Zusammenhang mit dem 
Einfluß der Antike zu bringen. Er sieht einen Hauptgrund 
dafür, daß diese Entwicklung überhaupt zustande kam, 
für den Aufschwung der italienischen Kunst nach 1250, darin, 
daß die Künstler dazu übergingen, die Antiken nachzuahmen. 
Von Niccolö Pisano an beobachtet er ein Zurückgreifen auf 
die Antike. Brunelleschi ist ihm der große Bahnbrecher, 
weil, er in der Architektur die maniera tedesca überwunden 
und durch Anschluß an das Altertum einen neuen Stil ins 
Leben gerufen habe. Die Grundidee ist die humanistische^ 
daß sich die italienische Kunst durch Anknüpfung an ihre 
eigene antike Vergangenheit erneuert hat. 

Dem Trecento steht Vasari schon sehr fremd gegenüber. 
Er kann natürlich nicht zu seinem vollen Verständnis ge- 
langen, wenn er einerseits seine gotische Architektur ver- 

1) über die Verwendung des Begriffs „modern" in der italienischen 
Quellenliteratur vgl. Julius v. Schlosser, Materialien zur Quellen- 
kunde der Kunstgeschichte. Sitzungsberichte der Wiener Akademie 
der Wissenschaften, Heft 1, 1914, S. 98; Heft 2, 1915, S. 13, 38. 



262 Werner Weisbach, 

urteilt und anderseits in Malerei und Plastik die Anfänge 
der nationalen Entwicklung sehen will. Aber für die Unter- 
scheidung quattrocentistischer und cinquecentistischer Kunst 
hat er schon recht wesentliche Merkmale aufgestellt. 

Die eine in Vasaris Begriff der rinascita liegende Vor- 
stellung von dem Erwachen der national-italienischen Kunst 
ist lange vor ihm verbreitet und lebt schon in dem Bewußt- 
sein des Trecento. Boccaccio, den Sinn von Dantes „5fr7 
nuovo'' auf die bildende Kunst übertragend, sagt von Giotto, 
er habe die Kunst wieder dem Lichte zurückgegeben, i) 
Ghiberti braucht dafür in seinen Kommentarien das Bild 
des Aufstiegs. In dem ersten Abschnitt des zweiten Kommen- 
tars schreibt er: Cominciö Carte della pittura a sormontare 
in Etruria — und zwar durch die Geburt Giottos. Während 
Cimabue nur ganz kurz als Lehrer Giottos erwähnt wird, 
heißt es von diesem : Arrechö Varte nuova, lasciö la rogeza de' 
Oreci; sormontö excellentissimamente in Etruria. Giotto 
ist hier also der Schöpfer der neuen Kunst, der den Byzan- 
tinismus überwindet. Ghiberti fühlt sich selbst noch ganz 
innerhalb der Tradition der Kunstrichtung stehend, die ihren 
Aufschwung mit Giotto genommen hat. Er gibt in dem zwei- 
ten Kommentar einen Abriß der Künstlergeschichte des 
Trecento, der mit seiner Selbstbiographie endigt. 

Der Einfluß der Antike als Ursache und Begleiterschei- 
nung für die Ausbildung des neuen Stils kommt hier noch 
gar nicht zur Sprache. Durch die humanistische Literatur 
ist das im Laufe des 15. Jahrhunderts immer mehr in den 
Vordergrund gerückt worden. Vasari hat dann die allgemein 
aufgenommene Formel dafür geprägt. Sein Begriff der 
rinascita umfaßt, wie wir sahen, zugleich die Wiedergeburt 
der italienischen Kunst und die Wiedergeburt der Antike. 

Bei der Autorität, die sich Vasaris Werk errang, wanderte 
der Begriff durch die ganze gebildete Welt, indem das Wort 
rinascita in die verschiedenen Sprachen übersetzt wurde. 



^) Ausführlich ist dieses ganze Thema behandelt bei Julius von 
Schlosser, Ghibertis Denkwürdigkeiten, Kunsthistor. Jahrbuch der 
k. k. Zentral- Kommission 1910, S. 122ff. und im 2. Bande seiner 
Ausgabe der Denkwürdigkeiten, Berlin 1912. 



m 



Renaissance als Stilbegriff. 263 

Bald wurde die eine, bald die andere der beiden Sinnüancen 
hervorgekehrt. Man trug auch kein Bedenken, die Wieder- 
geburt der italienischen Kunst als die Wiedergeburt der Kunst 
überhaupt aufzufassen. 

Als Beispiel, wie fest sich die Vorstellung einwurzelte, 
daß die Entdeckung der Überreste des Altertums in unmittel- 
barem Zusammenhang mit dem rinascere der Kunst stand, 
mag folgende Stelle in einem Briefe des genuesischen Malers 
Gio. Battista Paggi vom Jahre 1590 dienen: . . . . non si 
tosto si cominciarono in Roma a cavare dalla terra le sepolte 
Statue antiche, che Varte con esse a rinascere tornö, stante 
Vosservazione e studio, che gli uomini sopra d'esse a farne 
intrapresero. ^) 

Vasaris Gedanken des Auflebens der Kunst im Gegen- 
tz zu der vorhergehenden Barbarei sehen wir übernommen 
in Sandrarts „Teutscher Akademie". Der erste Abschnitt 
des Abrisses der italienischen Kunstgeschichte trägt die 
Überschrift: „Wiedergeburt der Mal-Kunst in Italien", 
und im Text heißt es von Cimabue: daß er sie gleichsam 
wiedergeboren habe — ohne daß hier irgendwie auf die An- 
tike angespielt würde. Als Programm für diesen Teil seines 
Werkes hat Sandrart auch am Ende der Vorrede hinge- 
stellt, daß er von den Künsten erzählen wolle, wie sie „aus 
dem Grabe einer verächtlichen Vergessenheit wieder hervor- 
gekrochen und je länger je höher kommen". Daß seine Kunst- 
betrachtung stark von Vasari abhängig und klassizistisch 
orientiert ist, ist ja zur Genüge bekannt. 

Bei Baldinucci finden wir das Wort risorgimento 
in demselben Sinne wie Vasaris rinascita gebraucht. Es 
sei auf seine „Letter a a Lor. Gualtieri Fiorentino sopra i 
pittori piü celebri del sec. XV T'^) verwiesen, wo er den Aus- 
druck auf die Malerei bezieht in dem Sinne ihres Auflebens 
in den modernen Zeiten. Er spricht dort von Andrea del 
Sarto als dem bedeutendsten Maler, ,,che giammai ne' 
moderni secoli, e dopo il suo risorgimento, avesse Varte 



1) Bottari, Lettere pittoriche VI, S. 90, Guhl-Rosenberg, Künstler- 
briefe II, S. 42. 

2) Opere Bd. 14, Mailand 1812, S. 275. 



264 Werner Weisbach, 

della pittura,** Auch der Ausdruck rinnovamento erhält 
den gleichen Sinn, so in Ticozzis Titel seines Maler-Lexikons: 
Dizionario dei pittori del rinnovamento delle belle arti fino al 
1800 (Mailand 1818). 

In Frankreich begegnet uns das Wort renaissance in 
der Bedeutung von Vasaris rinascita im 18. Jahrhundert. 
Voltaire im „Essai sur les moeurs et Vesprit des nations'* 
(1756) hat seine Auffassung von der ,y Renaissance des arts*' 
offenbar im Anschluß an die Vasari-Tradition gebildet; 
es heißt bei ihm: Brunelleschi commenga äreformer Varchi- 
tecture gothique.^) Barth^lemy, der Verfasser des .yVoyage 
du jeune Anacharsis en Grke'\ — neben Winckelmann ein 
Verkünder des neuen hellenischen Ideals und ein begeisterter 
Bewunderer Italiens — schreibt am 23. Oktober 1755 aus 
Florenz: „Nous voilä enfin ä Florence, la patrie de Dante, 
et de Michel'Ange, la capitale des arts dans leur renais- 
sance''. 

Im Deutschen bediente man sich verschiedener Umschrei- 
bungen für die Ausdrücke rinascita oder renaissance, 

Herder legte in seiner Schrift: „Auch eine Philosophie 
der Geschichte zur Bildung der Menschheit'* folgende hym- 
nische Paraphrase nieder: „Endlich folgte, wie wir sagen, 
die Auflösung, die Entwicklung; lange ewige Nacht klärte 
sich in Morgen auf; es ward Reformation, Wiedergeburt der 
Künste, Wissenschaften, Sitten! — die Hefen sanken; 
und es ward unser Denken! Kultur! Philosophie! On 
commengait ä penser comme nous pensons aujourd'fiui: on 
n'etait plus barbare/' 

Herder hatte keine starke sinnliche Anschauung von 
bildender Kunst, wie aus seinen Briefen aus Italien zur Ge- 
nüge hervorgeht. Was ihn im Süden am meisten bewegt, 
sind die Natureindrücke. In Rom fühlte sich sein vorwiegend 
reflektierender und forschender Geist durch die Vielheit 
der auf ihn einstürmenden Neuigkeiten erdrückt. „Es 
bleibt indessen auch für mich ein Grabmal, aus dem ich mich 
allmählich herauswünsche", schreibt er einmal. 



1) Vgl. Adolf Phiiippi. Begriff der Renaissance S. 88. 



Renaissance als Stilbegriff. 265 

Mit einem ganz andern Sinn und Vorsteilungsvermögen 
für Kunst ging Goetfie nach Italien. Er hatte eine bestimmte 
Anschauung von dem, was „Wiederherstellung" und 
„Auflebung** der Kunst bedeutete, die in Italien geklärt und 
befestigt wurde. „Am Anfang des 16. Jahrhunderts hatte 
sich der Geist der bildenden Kunst völlig aus der Barbarei 
des Mittelalters emporgehoben**, sagt er in der „Italienischen 
Reise** (am Ende der Betrachtung über Filippo Neri). Die 
beiden vorher genannten Umschreibungen von rinascita 
und renaissance kommen in demselben Werke vor. Als er 
von seinem Besuch bei D'Agincourt erzählt, heißt es, daß 
dieser „seine Zeit und sein Geld anwendet, eine Geschichte 
der Kunst von ihrem Verfall bis zur Auflebung zu schreiben** 
(Italienische Reise, Teil II, 27.7. 1787). 

Endlich sei noch die Äußerung eines bildenden Künst- 
lers angemerkt. Der junge Schinkel notierte 1803 in seinem 
italienischen Tagebuch i): „Man bemühte sich bisher, ent- 
weder die Momente griechischer und römischer Zeit, oder 
ein Gebäude aus den Zeiten des Wiederauflebens der 
Künste tausendfach zu bearbeiten** — dem er das Mittel- 
alterliche gegenüberstellt, für das er sich viel mehr inter- 
essieren will. 

Damit stehen wir schon mitten in der Romantik. 

Mit dem Begriff einer durch die Antike gespeisten 
Kunst der rinascita, renaissance, Wiedergeburt war nun 
von Anfang an der Begriff einer modernen Kunst verklam- 
mert. Wir haben Begriff und Wort schon bei Vasari auftreten 
sehen. Die Sinnbedeutung „modern** erscheint in einem 
doppelten Gegensatz: entweder zu der Antike oder zu der 
„barbarischen** und „gotischen** Kunst. So schreibt 
Michelangelo in jenem Briefe, in dem er sein abschätziges 
Urteil über Sangallos Modell von St. Peter fällt: „Teneva 
molto piü delV opera tedesca, che del buon modo antico, o della 
vaga e bella maniera moderna.'' Diese Antithese lebt fort 
bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts, wie durch ein paar 
Beispiele erläutert werden mag. Wenn Rubens in der Vor- 
rede zu seinen „Palazzi di Genova'' (1622) schreibt: „Wir sehen 



1) Ausgabe von Ziller S. 2Z 



266 Werner Weisbach, 

in unseren Gegenden den Baustil, den man barbarisch 
oder gotisch nennt, langsam verkümmern und verschwinden; 
wir sehen einige gebildete Geister zu größerer Ehre und Ver- 
schönerung unseres Vaterlandes die wahre Regelmäßigkeit 
einführen, welche die von den alten Griechen und Römern 
aufgestellten Regeln befolgt ..." so gibt das eine Vorstellung 
von dem, was er für seine Zeit als modern angesehen wissen 
will. In demselben Sinne gibt der holländische Architekt 
Salomon de Bray seiner Veröffentlichung von zeitgenössi- 
schen Bauwerken den Titel: „Architedura Moderna ofte 
Boüwinge van onsen tyV (1631) und bezeichnet die früher 
in seinem Vaterland gepflegte Architektur als eine sehr 
barbarische, von dem Räubervolk der Goten und Vandalen 
abstammende Erfindung. Und höchst bezeichnend ist es, 
daß uns diese Anschauung auch noch im Jahre 1811 entgegen- 
tritt in einer Eingabe, welche die italienischen Künstler 
unter Mitwirkung von Canova an Napoleon richteten, um 
Widerspruch gegen die Niederlegung des Palazzetto Venezia 
zu erheben, die geplant war, um den Corso bis zum Kapitol 
weiterzuführen. Der Palast wird hier genannt: Prezioso 
anello che lega il gusto barbaro col moderno.^) 

Durch die Romantik erhielt der Begriff „modern'*' 
eine neue Sinnüance. Zu den beiden großen Kunstkomplexen 
der Antike und der Wiederauflebung trat nun ein dritter: 
das neuentdeckte Mittelalter. Was bisher als barbarisch 
und gotisch verachtet war, gewann ein hohes, ja zum Teil 
ausschließliches Interesse und genoß eine enthusiastische 
Verehrung. Der einstmals gänzlich dunkle Zwischenraum 
wurde mehr und mehr mit Anschauungsbildern gefüllt. 
Der Begriff „modern** wurde auf das Mittelalterlich-Roman- 
tische bezogen. Wenn die romantische Kunstanschauung 
für die Malerei moderne Stoffe forderte, so verstand sie 
darunter mittelalterlich-romantische und christlich-mytho- 
logische. Damit nahm sie zugleich auch eine oppositionelle 
Stellung gegen die Kunst der Wiederauflebung ein, an welcher 
man ein seelisches Gefühl, wie man es zum Ausdruck ge- 
bracht zu sehen wünschte, und eine wahrhaft christliche 



1) Dengel, Palazzo di Venezia, Wien 1909, S. 139. 



I 



I Renaissance als Stilbegriff. 267 

Gesinnung vermißte. Die von der Antike berührte Kunst 
erschien in ihrer klassischen Vollendung als kalt und heid- 
nisch. Diese Auffassung war nicht nur in dem „romantischen" 
Deutschland, von wo die neue Bewegung ausging, sondern 
auch in Frankreich im Schwange. Der bekannte franzö- 
sische Politiker und Kunstfreund Montalembert schreibt 
in seinem Aufsatz: Du Vandalisme en France (1833)^): 
,yUn catholique doit deplorer plus qu'un autre le goüt faux, 
ridicule, paien, qui s'est introduit depuis la renaissance dans 

les constructions et restaurations ecclesiastiques'' womit 

die späteren klassischen Zutaten zu mittelalterlichen Bau- 
werken gemeint sind. Hatte man früher die Kunst der Re- 
naissance in ihrer Gegensätzlichkeit zu dem als barbarisch 
empfundenen Mittelalter gewertet und als höchsten Wert 
neben der Antike anerkannt, so verblaßte sie neben dem 
Mittelalter für die Romantik, die sich bemühte, alle ihre 
negativen Eigenschaften ans Licht zu ziehen. 

Aus den vorhergehenden Betrachtungen läßt sich nun 
eine wichtige Schlußfolgerung ziehen. Wenn Worte wie 
Renaissance oder Wiederauflebung anklangen, so löste das 
zweifellos in der Vorstellung von Künstlern, Kunstkennern 
und Kunstfreunden das Bild einer bestimmten Art von 
Kunst aus, deren Besonderheit in ihrer Berührung mit an- 
tikem Geiste lag. Durch das Vorhandensein eines reichen 
und allbekannten Monumentenschatzes konnte eine solche 
Anschauung immer lebendig gehalten werden. Man wußte, 
was gemeint war, wenn man jene Worte hörte oder las — 
so wie wenn heute von Empirestil oder Impressionismus 
gesprochen wird. Es war aber im wesentlichen die Kunst- 
form des Cinquecento, was man dem Begriff unterstellte. 

In der gelehrten und resümierenden Kunstschrift- 
stellerei läßt sich bis in das 19. Jahrhundert das Nachwirken 
der beiden in Vasaris Ausdruck rinascita zusammenfallenden 
Sinnüancen verfolgen. Wir sehen das bei D'Agincourt 
(1730 — 1814), der als der erste in seiner Kunstgeschichte 



1) Abgedruckt Oeuvres Bd. 6, S. 43. Vgl. über diesen merk- 
würdigen Aufsatz auch Weisbach, Expulsons les Barbares, Deutsche 
Politik 1916, Heft 12. 



268 Werner Weisbach, 

{Histoire de Vart parles monuments depuis sadecadence jusqu'au 
XV l^ steck] erschienen in Lieferungen von 1809 bis 1823) 
eine historische Periodisierung nach Stilphasen aufzustellen 
versucht und dabei auch das Wort Renaissance einführt, 
ohne aber zu einer eindeutigen Terminologie zu gelangen. 
Er wendet in den einzelnen Abschnitten über die verschie- 
denen Künste die Bezeichnungen renaissance und renou- 
vellement an, scheidet aber nicht nach einem bestimmten 
System. Renaissance bezieht sich bei ihm mehr auf das 
Aufleben der national-italienischen Kunst nach den bar- 
barischen Zeiten, renoüvellement legt den Nachdruck auf die 
Wiedergeburt der Antike, die das Wachstum der neuen 
Kunst gefördert hat. 

Um eine Klärung des Renaissancebegriffs auf einer 
objektiven wissenschaftlichen Grundlage hat sich dann 
Eduard Kolloff bemüht, der in Paris lebende feinsinnige 
deutsche Kunstforscher, dem wir auch den frühesten grund- 
legenden und einen der geistvollsten Essais über Rembrandt 
verdanken. Der in Raumers Historischem Taschenbuch 
(Neue Folge I.Jahrgang, 1840) erschienene Aufsatz, der das 
Thema behandelt, führt den Titel: ,,Die Entwicklung der 
modernen Kunst aus der antiken bis zur Epoche der Renais- 
sance." Das Wort Renaissance tritt hier also schon in der 
deutschen Sprache als Kunstbegriff auf. Die Abhandlung 
übt an den verschiedenen maßgebenden Kunstauffassungen 
der Vergangeheit und Gegenwart Kritik und hat dadurch 
den Charakter und den Reiz einer Aktualität. Kolloff 
kämpft gegen zwei Fronten : gegen die einseitige Überschät- 
zung des klassischen Altertums durch die Winckelmannsche 
Theorie und gegen die ebenso ausschließliche Wertung des 
Mittelalters durch die Romantik. Er rechtfertigt wohl noch 
das Mittelalter gegenüber den alten, längst überholten Vor- 
würfen des „Barbarischen*' und sucht es, mit der neuen 
Monumentenkenntnis ausgerüstet, objektiv zu würdigen, 
lehnt jedoch die romantische Verhimmelung gänzlich ab. 
Die Renaissance soll in der Absicht der Verteidigung in ihr 
kunstgeschichtliches Recht eingesetzt und zugleich auch 
gegen den ihr von der Romantik gemachten Vorwurf der 
Unfrömmigkeit in Schutz genommen werden. Ein Haupt- 



Renaissance als Stilbegriff. 269 

Problem ist aber für den Verfasser die Abgrenzung der Stil-- 
epoche der Renaissance gegen das Mittelalter. Da zeigt 
sich nun, daß er unter Renaissance den Vasarischen Begriff 
der rinascita versteht, in dem Sinn des Auflebens der national- 
italienischen Kunst, mit dem zugleich die Wiedererweckung 
der Antike erfolgt. Die Renaissance ist die „auf freie Nach- 
ahmung und Benutzung antiker Vorbilder und Materialien 
begründete neue Kunstweise", deren Beginn man aber nicht, 
wie das gewöhnlich geschieht, erst in das 16. Jahrhundert 
setzen, sondern an das Ende des 13. zurückverlegen müsse. 
Wird auch der Name Vasaris nicht genannt, so ist doch 
diese Konstruktion zweifellos unter seinem Einfluß vor- 
genommen. Es ist zugleich ein Schlag gegen die präraffae- 
litische Auffassung, die das Quattrocento noch für das 
Mittelalter in Anspruch nahm. 

Aus alledem ergibt sich, daß der Begriff Renaissance 
als Kunstbegriff längst sein Geltungsbereich hatte, ehe der 
Kulturbegriff geschaffen war. Als Burckhardt in seinem 
„Cicerone'' die Kunst der Renaissance charakterisierte, 
konnte er — wenn er auch die Anschauung in ganz neuer 
Weise belebt hat — mit Wort und Begriff an eine alte Tra- 
dition anknüpfen. Die historische Methode des 19. Jahr- 
hunderts stellte sich nun aber die Aufgabe, die künstlerischen 
und literarischen Erzeugnisse eines Volkes aus seinen natio- 
nalen und kulturellen Bedingungen heraus zu erklären. Es 
wurde Sitte, in den Kunstgeschichten den Schilderungen 
der künstlerischen Erscheinungen kulturhistorische Abschnitte 
voranzustellen. So wurde Burckhardt dazu geführt, seinem 
Aufbau der Kunst der Renaissance das kulturgeschichtliche 
Fundament zu geben und veröffentlichte einige Jahre nach 
dem Cicerone ,,die Kultur der Renaissance in Italien", nach- 
dem Michelet auf diesem Wege für die Geschichte Frank- 
reichs vorangegangen war. Dabei nimmt er nun, wie schon 
bemerkt, indem er von der Periodisierung Kolloffs abweicht, 
den Anfangstermin für beide Erscheinungen verschieden 
an. Während er den Kunststil da einsetzen läßt, wo bei 
Vasari mit dem zweiten Teil seiner Viten die ,,maniera 
moderna'' beginnt, datiert er die Kultur der Renaissance 
noch in das vorhergehende Jahrhundert zurück. Der Ein- 

Historische Zeitschriit (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 18 



270 Werner Weisbach, 

schnitt zwischen Gotik und Renaissance liegt um die Wende 
des 14. und 15. Jahrhunderts. 

Als Burckhardt seinen Cicerone verfaßte, war er sich 
bewußt, daß die Geschichte der Kunst eine Periodisierung 
nach immanenten stilistischen Prinzipien erforderte und nicht 
einer nach anderen Gesichtspunkten eingeteilten Historie 
einfach an- oder eingegliedert werden kann. So fällt bei ihm 
das erste Jahrhundert der Bildung der nationalen italienischen 
Kunst, mit dem Vasaris rinascita anhebt, die Zeit von Giotto 
bis zum Auftreten von Brunelleschi und Masaccio, unter 
den Begriff des gotischen Stils. Die Epoche der Renaissance 
gliedert er in Früh- und Hochrenaissance, was etwa der 
Zweiteilung entspricht, die auch Vasari für die Periode von 
1400 bis auf seine Zeit durchgeführt hatte. 

An die Formulierung dieses Stilbegriffs wurde nun 
wiederum die Sonde der Kritik gelegt und er wurde ebenso 
ins Wanken gebracht wie der Burckhardtsche Kulturbegriff. 
Wir haben schon anfangs gesehen, wie Thode und Neumann 
den Beginn der Renaissancekunst zurückdatierten und zu- 
gleich mit der Kultur aus anderen Wurzeln ableiteten. Es 
sprachen in den verschiedenen Ländern zum Teil auch 
nationale Motive und Vorurteile mit, die sich dagegen wehr- 
ten, in Italien das Ursprungsland des Phänomens zu sehen. 

Mit der Auffassung von Neumann berührte sich der fran- 
zösische Kunsthistoriker Louis Courajod in bezug auf das, 
was er als Renaissancestil verstanden wissen wollte. Auch 
er erkennt dem Einfluß der Antike keine wesentliche Bedeu- 
tung zu. „Le style gothique s'est regener e tout seul, par la 
conversion ä un naturalisme absolu, dont est sorti la Renais- 
sance/'^) Indem er das Aufkommen eines Realismus als 
treibende Kraft für die Renaissancebewegung ansieht, er- 
kennt er in dieser nicht eine von Italien ausgehende, sondern 
eine an verschiedenen Stellen Europas selbständig sich aus- 
wirkende Erscheinung. ,, Frankreich habe schon längst die 
Prinzipien der Renaissancekunst gekannt und besessen, 
bevor es die italienischen Formen übernommen.'' Die An- 



i) Legons professies ä VEcole du Louvre Bd. 2, 1901, S. 142. 



Renaissance als Stilbegriff. 271 

fange der Renaissance lägen im 14. Jahrhundert, in Frank- 
reich und Flandern so gut wie in Italien. 

In Deutschland suchte Schmarsow den Ursprung der 
Renaissance seiner Heimat zu vindizieren, indem er ihn 
an die Entstehung der Hallenkirche im 15. Jahrhundert 
knüpfte, mit einer von ihm selbst eingestandenen natio- 
nalistischen Tendenz, die gewiß nicht ganz einwandfrei ist. 
Seine Theorie wurde von Richard Streiter^) so ad absurdum 
geführt, daß dem kaum noch etwas hinzuzufügen ist. Ihr 
stellte er den für jeden nicht Voreingenommenen gewiß 
unanfechtbaren Satz entgegen: ,,Die Gotik gab der Norden 
dem Süden, später gab der Süden dem Norden die Re- 
naissance. Beide Stile waren nur in ihrer Heimat echt.** 
Ebenso wie Streiter erklärten sich Dehio^) und H. A. 
Schmid^) gegenüber Thode, Neumann, Schmarsow und Cou- 
rajod dafür, daß eine formale Einwirkung der Antike, wie 
sie zuerst auf italienischem Boden stattfand, als ein un- 
ausschaltbarer Faktor für das Zustandekommen des Re- 
naissancestils einzusetzen ist. 

Die Verwirrung gedieh also so weit, daß es bald über- 
haupt keinen eindeutigen Renaissancebegriff mehr gab und 
die einzelnen Forscher mit verschiedenen Begriffen arbeiteten. 
Und doch scheint es bei einer sachlichen Prüfung der Tat- 
bestände nicht so schwer, zu einer einheitlichen und präzisen 
Begriffsbestimmung zu gelangen. 

Daß Realismus nicht als stilbildendes Prinzip für eine 
als Renaissance zu bezeichnende Epoche genannt werden 
kann, bedarf eigentlich kaum noch einer Widerlegung, 
— wenn anders man nicht überhaupt darauf verzichtet, 
zu einer Verständigung über das, was Renaissancestil be- 
deutet, zu gelangen. Der Gotik gegenüber bildet gerade die 
I Tektonik und Proportionierung nach neuen harmonischen 



^) Gotik oder Renaissance? in „Ausgewählten Schriften", Mün- 
chen. 1913. 

2) Über die Grenze der Renaissance gegen die Gotik, Kunst- 
chronik N. F. 1900, XI, Sp. 247. Abgedruckt in „Kunsthistorische 
Aufsätze", München-Berlin 1914. 

3) Über den Gebrauch des Wortes Renaissance, Kunstchronik 
1900, Sp. 468 ff. 

18* 



272 Werner Weisbach, 






Gesetzen das wesentliche Fundament. Eine andersartige 
Organisierung bestimmt die Einteilung der bildlichen Ele- 
mente. Realismus ist doch auch immer nur relativ zu ver- 
stehen. Bald nach Entstehung der Gotik kam in Frankreich 
ein neuer Realismus auf, der sich aber ganz dem gotischen 
Stilgefühl anpaßte, ja aus ihm heraus geboren war. In 
Italien ist die Kunst des Niccolö und des Giovanni Pisano 
weit realistischer als alles was in der italienischen Plastik 
voranging. Giotto erschien seinen Zeitgenossen als der 
Gipfel einer wirklichkeitstreuen Darstellung, wie Boccaccio 
(Decam., Giorn. 6, Nov. 5) und Giovanni Villani (Storia 
Fior., Hb. XI, cap. XII) bezeugen. Hat aber das was an 
diesen künstlerischen Erscheinungen als realistisch gelten 
kann, einen neuen Stil bewirkt? Niccolö Pisano und seine 
apulischen Vorläufer sind auch die ersten gewesen, die sich 
an antiken Bildwerken inspiriert haben. Aber indem das 
Formgefühl dieser Bahnbrecher sich einer neuen Kunstwelle, 
der andringenden nordischen Gotik, einschmiegte, kam der 
Stil des Trecento zustande. Die Gotik war damals der mo- 
derne Stil der europäischen Welt, dem auch Italien seinen 
Tribut zollte. In dem Gotischen gingen alle Äußerungen 
des italienischen Kunstgeistes auf, mochte dieser auch seine 
besondere und dem Nordischen in manchem widersprechende 
Auffassung davon haben. Es bildet das Ferment für alle 
Formprobleme. Vergleicht man eine italienische Skulptur 
des Trecento mit einer gotisch-nordischen, so wird man mehr 
stilistische Berührungspunkte finden als etwa mit einem 
Donatello. 

Überblickt man aber die Entwicklung des italienischen 
Formgefühls in der kritischen Zeit von dem Ende des 13. 
bis zum 16. Jahrhundert, so kann man von der Wende des 
14. und 15. an eine Umstellung des gesamten künstlerischen 
Schaffens wahrnehmen. Durch die Entdeckung der linearen 
Perspektive wird der Raumsinn von Grund aus verändert. 
In der lebendigen Wirklichkeit findet man Wertmaßstäbe 
für körperliche Funktionen und Attitüden, deren sich der 
bildende Geist der Menschheit seit der Zeit der Antike nicht 
bewußt geworden war. Die Art und der Grad von Realis- 
mus, der nun erstrebt wird, ist etwas ganz anderes als in 



Renaissance als Stilbegriff. 273 

den Tagen eines Giovanni Pisano und Giotto. Das Verhält- 
nis zur Antike nimmt Formen an, die weitab leiten von den 
Tendenzen des Mittelalters. Von führenden Künstlern wer- 
den jetzt die noch vorhandenen Reste des Altertums syste- 
matisch durchforscht und aufgemessen, um für eigene 
produktive Arbeit verwertet zu werden. Man hat es nun 
aber nicht etwa so aufzufassen, als ob die Wiederentdeckung 
der Antike den Anstoß für die Veränderung des Formgefühls 
gab, wie jene alten Theorien meinten, — nein, weil die Ent- 
wicklung des Anschauungsvermögens einen Punkt erreicht 
hatte, wo man sich mit dem, was die Griechen und Römer 
geschaffen hatten, berührte, griff man auf ihre Formen 
zurück. Mit den völlig veränderten, die ganze Zeit bewegen- 
den Problemstellungen ringt sich ein neues Stilbewußtsein 
durch. 

Architektur, Ornamentik, Menschendarstellung, alles was 
zu Formen gestaltet wird, erfährt in Italien um die Wende 
des 14. und 15. Jahrhunderts Neubildungen, die auf anderen 
optischen und dekorativen Voraussetzungen beruhen als 
in der vorhergehenden Zeit. Das in der Baukunst sich aus- 
lebende tektonische Gefühl wendet sich bewußt und osten- 
tativ von der Gotik ab und stellt sich auf ein neues Form- 
system ein. Brunelleschi erschien schon der Zeit selbst als 
der Mann des Schicksals. Der Formenschatz der Antike 
wurde ihm nicht Gegenstand bloßer Nachahmung, sondern 
regte ihn zu eigener schöpferischer Tätigkeit an. So ver- 
wirklichte er für seine Epoche ein altes lateinisches Ideal, 
das mit Begeisterung aufgegriffen wurde, so daß man nun 
den Ring zwischen der antiken Vergangenheit und der mo- 
dernen Ära geschlossen glaubte. 

Die neue Tektonik gibt die Richtung an für alle künst- 
lerischen Erzeugnisse. Und mußte nicht auch ein Maler, 
der sich einem von Säulen oder Pilastern eingefaßten, mit 
einem klassischen Gebälk bekrönten Rahmen anzupassen 
hatte, schon eine ganz andere Disponierung und Füllung 
der Bildfläche vornehmen als bei einem mit Fialen und Kreuz- 
blumen besetzten gotischen Spitzbogenaufbau? 

Für die Darstellung des menschlichen Körpers wird 
eine zum Teil aus dem neuen Naturgefühl erwachsene, zum 



274 Werner Weisbach, 

Teil aus der Antike abgeleitete Ponderation bestimmend. 
Und die in dem Zeitideal so tief verwurzelte Proportions- 
lehre geht als Leitmotiv durch alle Künste. 

Es ist in der Tat ein neuer Stil, der am Anfang des 
15. Jahrhunderts die Gotik ablöst, und den man wohl be- 
rechtigt ist, Renaissance zu nennen, wenn sich auch gotische 
Nachwirkungen noch geraume Zeit bemerkbar machen. 
Für diesen Ausdruck ergab sich eine Schwierigkeit allerdings 
dadurch, daß er nicht wie „romanisch*' und ,, gotisch" 
eindeutig einer Stilbezeichnung dient, sondern auch zur 
Charakterisierung eines ganzen Kulturzeitalters verwandt 
wurde, dessen erstes Jahrhundert noch der Wirkung eines 
anderen Kunststils unterliegt. Läßt man den Begriff Re- 
naissance als Stilbezeichnung gelten, so folgt daraus, daß 
man von den in anderen und früheren Fassungen an ihn 
geknüpften Bedeutungen: Wiederaufleben der italienischen 
Kunst und der Kunst überhaupt und Wiedergeburt der 
Antike absehen muß. Man hat darunter dann den Stil 
zu verstehen, der, an die Stelle der Gotik tretend, auf Grund 
eines neuen Gefühls für Natur, Proportionen und Tektonik 
mit erweiterten optischen Fähigkeiten und unter mannig- 
facher Verwertung antiker Anregungen sein dekoratives Ge- 
staltungsideal verwirklicht. Dieser Stil ist tatsächlich nun 
aber auch der eigentliche und wahre Ausdruck für den gei- 
stigen Gehalt der Renaissancekultur. Erst durch ihn wird 
für eine neue Ideenwelt eine neue Formenwelt erobert. 
Er bringt die künstlerische Sehnsucht der ersten Generatio- 
nen des Renaissancezeitalters und des Humanismus zur Er- 
füllung. Das Ideal Dantes wie des Mittelalters verkörpert 
sich in der Gotik. Seine Auffassung von den letzten Dingen 
hat im Camposanto von Pisa und bei Orcagna eine wesens- 
verwandtere künstlerische Ausprägung erhalten als bei 
Signorelli und Michelangelo. Da alles bildnerische Schaffen 
aus formalem Schauen erwächst, so bedurfte es erst einer 
Ergänzung und Erweiterung der Anschauungsmethoden 
und durchgreifender Veränderungen in der Formensprache, 
ehe der Renaissancegeist in einer Renaissancekunst einen 
adäquaten Ausdruck fand. Durch den wissenschaftlich 
forschenden und kritischen Geist des Humanismus wurde 



Renaissance als Stilbegriff. 275 

auch die Kunst auf Methoden geführt, welche die Entdeckung 
der Linearperspektive, das anatomische Studium, die Kon- 
struktion menschlicher Körper nach mathematischen Ver- 
hältnissen begünstigten. Die unheilvollen Folgen des hu- 
manistischen Rationalismus griffen hauptsächlich erst im 
16. Jahrhundert um sich und treten am krassesten in dem 
sogenannten Manierismus zu Tage.^) Der Humanismus hat 
aber auch ein gefühlsmäßiges Element entwickelt, das sich 
die Kunst mit ihren formalen Mitteln zu eigen machte. 

Damit findet nun die Burckhardtsche Anwendung des 
Stilbegriffs und ihre Abgrenzung gegen den Kulturbegriff 
eine Rechtfertigung. Die heute übliche Einteilung in Früh- 
renaissance oder Quattrocento und in Hochrenaissance 
oder Cinquecento entspricht auch, wie wir an dem Beispiel 
Vasaris sahen, ungefähr der Vorstellung, die sich die Renais- 
sance selbst, als sie rückblickend zu reflektieren begann, 
von der Kunst ihrer Zeit machte. 

Man wird aber dem vielleicht nicht ganz glücklich 
Frührenaissance benannten Quattrocento nicht gerecht, 
wenn man es nur als Vorstufe zu der eigentlichen „goldenen 
Zeit" der Renaissance ansieht, wenn man es in seinem Ver- 
hältnis zur Hochrenaissance nur wie die Verheißung zur Er- 
füllung hinnimmt. Diese Auffassung wird heute namentlich 
durch Wölfflin vertreten, der in seinen ,, Grundbegriffen der 
Kunstwissenschaft** (S. 15) schreibt: ,,Die Vorstufen der 
Hochrenaissance dürfen nicht ignoriert werden, aber sie 
stellen eine altertümliche Kunst dar, eine Kunst der Primi- 
tiven, für die eine sichere Bildform noch nicht existiert." 
Weist man den Meisterwerken des Quattrocento diese Rolle 
zu, so verbaut man damit in historischer und ästhetischer 
Beziehung eine richtige Würdigung ihrer Qualitäten; denn 
sie tragen ihr Gesetz in sich, das nicht bloß mit den Maß- 
stäben der Hochrenaissance beurteilt sein will. Sie haben die 
Bildform, die den Empfindungsgehalt, auf den sie eingestellt 
sind, sinngemäß ausprägt. Das Quattrocento hat mit den 
ihm zu Gebote stehenden formalen Mitteln Werte geschaffen. 



Vgl, Weisbach, Der Manierismus. Zeitschrift für bildende 
Kunst, April 1919, S. 161 ff. 



276 Werner Weisbach, 

die ganz von der Art dieser Mittel abhängig sind, auf der 
Wahl dieser Mittel beruhen. Die wuchtige Monumentali- 
tät eines Piero della Francesca ist kaum je übertroffen wor- 
den. Wer möchte etwa seinen Kampf zwischen Persern 
und Christen in Arezzo für die Raffaelische Constantin- 
schlacht missen! Und die herbe eckige Grazie eines Lippi, 
Pesellino, Botticelli, die wie die junge Morgensonne am Him- 
mel der Renaissance aufging, mag doch immer neben den 
vollen, reifen, runden Formen des Cinquecento bestehen. 
Die rein klassischen Prinzipien zur Wertung der Frührenais- 
sance nach rückwärts zu übertragen, ist eine Vergewaltigung 
auf Kosten ihrer originalen Leistungen. Man hütet sich heute 
ja auch, die archaische griechische Kunst an den Phidiasi- 
schen Stilelementen zu messen. Der quattrocentistische 
Stil hat seine geschlossene und aus seiner Vorstellungs- 
welt deutbare und zu deutende Schönheit. Die Beschwörung 
des Namens Mantegna genügt wohl, um diesen Stil als ein 
in sich selbst Ruhendes und Vollendetes erscheinen zu lassen. 
Der Begriff der Primitivität läßt sich doch höchstens auf 
einige Erstlingswerke der Epoche anwenden und wäre jeden- 
falls genauer zu definieren. Was man als Primitivität an- 
spricht, das Jugendlich-Suchende, gewissen Hemmungen 
Unterworfene, in einen beschränkteren Formausdruck Ge- 
bannte, noch nicht aus dem Vollbesitz aller klassischen 
Mittel Schöpfende, hat seine Vorzüge wie seine Mängel. 
Wie man beide gegeneinander abwägt, das wird zum großen 
Teil von dem vertretenen Geschmacksstandpunkt und an- 
deren irrationalen Faktoren abhängen — wie schon aus der 
entgegengesetzten Stellungnahme verschiedener Zeiten und 
Individuen ersichtlich wird. Die Romantik hat die Hoch- 
renaissance gegen das Quattrocento herabgesetzt. Ruskin 
beklagte in dem klassischen Cinquecento einen ketzerischen 
Abfall. Die Klassik sieht in der Frührenaissance nur den 
Vorhof zu dem wahren Heiligtum. Es gibt kein einheitliches 
Vollkommenheitskriterium, dem sich die Erzeugnisse der 
beiden Jahrhunderte unterwerfen ließen. 

Wird es als einleuchtend hingenommen, daß am An- 
fang des 15. Jahrhunderts in Italien ein neuer Stil anhebt, 
der nicht ohne eine gewisse innere Berechtigung den Namen 



Renaissance als StUbegriff. 277 

Renaissance führt, so hat es nicht viel auf sich, wenn die 
mit demselben Namen bezeichnete Kulturepoche einen 
weiteren Zeitraum umspannt. Die Kunstgeschichte erfüllt 
ihre Aufgabe, wenn sie ihre Periodisierungen nach den 
immanenten Entwicklungsprinzipien der bildenden Kunst 
vornimmt. 

Es entsteht nun aber die weitere Frage: Läßt sich der 
Stilbegriff Renaissance mit der gleichen Berechtigung auf 
die Kunst diesseits der Alpen übertragen? Die Frage ist 
teils bejaht, teils verneint worden. ^Burckhardt wollte von 
den nicht italienischen Renaissancen nichts wissen und lehnte 
sie als Bastarderscheinungen ab. Geymüller, der Geschichts- 
schreiber der französischen Renaissance, nahm sie als einen 
Weltstil, der von Italien aus auf die anderen Länder übergriff. 

Für die in Deutschland der Gotik folgende Epoche 
hat sich der Name deutsche Renaissance eingebürgert. 
Man wird auch die Bezeichnung festhalten dürfen, wenn man 
darunter den Stil versteht, der die durch Italien vermittelte 
antike Formenwelt aufnimmt, verarbeitet und sich bis 
zu einem gewissen Grade assimiliert. Gewiß wirkt die go- 
tische Gewöhnung, die den Deutschen tiefer im Blute steckte 
als einem anderen Volk, noch lange nach. Aber wie der 
Humanismus dem geistigen Leben in Deutschland eine neue 
Wendung gibt, so wird durch die tektonischen Formen 
der Antike, die allerdings mehr dekorativ als monumental 
verwandt und teilweise bis zur Karikatur modifiziert wer- 
den und durch die nach dem Vorbild der italienischen 
Renaissance durchgeführte Ponderierung und Proportio- 
nierung des Figürlichen eine Auflösung des gotischen Sy- 
stems bewirkt. Man muß daran festhalten, daß die nor- 
dische Renaissance ein rezipierter Stil ist, der in sehr freier 
und willkürlicher Weise mit dem übernommenen Material 
schaltet und eine starke lokale Eigenart entwickelte. Ge- 
tragen wird dieser Stil von dem deutschen Bürgertum, das 
eine ganz andere Lebensart und andere Gewohnheiten be- 
saß als der italienische Süden. So weichen denn auch die 
formalen Ergebnisse hier und dort stark voneinander ab. 

Läßt sich der das geistige Leben revolutionierende 
Humanismus in Deutschland in seinen Anfängen schon 



278 Werner Weisbach, 

bis ins 14. Jahrhundert an den Hof Kaiser Karls IV., den 
ein Petrarca aufsuchte, zurückverfolgen, so setzt doch die 
Hochflut erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts ein, und diese 
Tendenz wird dann gleich teils aufgenommen, teils durch- 
kreuzt, teils gehemmt von der religiös-reformatorischen Be- 
wegung, die einen ganz anderen Interessenkomplex in den 
Vordergrund rückt und den Leidenschaften einen weiten 
Spielraum gibt. So tief wie in Italien hat der Humanismus 
nicht seine Furchen gezogen. Konnte er sich dort auf die 
römische Antike als auf die eigene nationale Vergangen- 
heit berufen, so war er in Deutschland Importgut und 
wurde von nicht wenigen als „wälsch" verdächtigt, wenn er 
hier auch aus sich selbst heraus eine Art nationaler Ge- 
sinnung entwickelte. Aber das humanistische, nach der 
Antike ausgerichtete Ideal war im Norden wie im Süden 
das gleiche. Was indessen in Deutschland fehlte, war die 
gestaltende Kraft, die dem Ideal die klare Anschaulichkeit 
und Reinheit der Form verUeh. Man übernahm alles Theo- 
retische aus der italienischen Renaissance, kam aber in 
praxi zu andersartigen Ergebnissen und Wirkungen. Be- 
zeichnend ist jener am Hofe Kaiser Maximilians gepflegte 
Humanismus und seine- künstlerischen Erzeugnisse. In- 
dem man den monströsen Riesenholzschnitt der „Triumph- 
pforte" in Angriff nahm, dachte man mit den Triumph- 
bögen der Antike und des modernen Italien zu konkurrieren. 
Eine mit der Spätgotik verwachsene, zum Überladenen, 
Krausen und Bizarren neigende Phantasie setzte der formalen 
Kultur der Renaissance Widerstände entgegen. Im Grunde 
fehlte es an einem Sinn für die Harmonie der Verhältnisse. 
So hat der Renaissancegeist in Deutschland nicht einen so 
adäquanten und stilreinen Ausdruck in der Kunst gefunden 
wie in Italien. Die ganze künstlerische Entwicklung war auch 
auf einen weit engeren Zeitraum zusammengedrängt und 
nahm infolge der starken Einwirkungen von außen und der 
lokalen Verhältnisse einen anderen Verlauf. Der deutschen 
Kunst fehlt die Einheitlichkeit der Entfaltung, indem spät- 
gotische und Renaissanceformen noch lange durcheinander 
fluten — aber das Renaissanceelement bestimmt doch als 
das fortschrittliche den Gang der Entwicklung. 



Renaissance als Stilbegriff. 279 

Es scheint mir deshalb auch keine Veranlassung vorzu- 
liegen, den Begriff deutsche Renaissance fallen zu lassen, 
wie von verschiedenen Seiten vorgeschlagen wurde, und die 
Stilepoche entweder der Spätgotik zuzurechnen (Carl Neu- 
mann) oder dem Barock einzuverleiben (Dehio). Gegen 
den ersteren Vorschlag sprechen bereits unsere vorhergehen- 
den Ausführungen. Eine Umstellung in der Auffassung 
des Körperlichen, wie sie das italienische Quattrocento 
zeigt, geht in Deutschland im 16, Jahrhundert vor sich und 
setzt sich siegreich durch. Dürer hat das ganze Renaissance- 
problem in sich durchgekämpft. Und auf Bauwerke, wie 
das Rathaus von Rothenburg an der Tauber, den Fürsten- 
hof in Wismar, den Otto-Heinrichsbau des Heidelberger 
Schlosses, die Höfe der Residenz von Landshut, des Schlosses 
von Dresden und des alten Schlosses von Stuttgart ist man 
wohl berechtigt, den Stilbegriff Renaissance in der von uns 
vertretenen Formulierung anzuwenden. Von einem deut- 
schen Barock sollte man aber erst von da an sprechen, wo 
die deutsche Kunst in den großen, von Italien ausgehenden 
Strom des Barockstils einbiegt. Bietet die deutsche Renais- 
sance, wie schon betont, einen stark lokalen und eigenbröd- 
lerischen Charakter, so kommt in den Barock durch die 
Einwirkung der Gegenreformation in den katholischen 
Ländern und durch das absolutistische Regime der Fürsten- 
höfe auch in Deutschland bei aller nationalen Besonder- 
heit ein kosmopolitischer Zug. In dem Ringen mit der reinen 
Renaissance ist die deutsche Kunst verblutet und wurde 
dann durch den Dreißigjährigen Krieg in ihrer Entfaltung 
völlig gehemmt. Jene ins Große gehende Freiheit des Form- 
gefühls, jene monumentale Gestaltungskraft wurde ihr durch 
den südlichen Barock mit seinen ins Barocke übergeführten 
klassischen Formen zugeleitet. Werke, wie das Schloß in 
Würzburg oder der Schlütersche Teil des Berliner Schlosses 
halten mit der allgemeinen europäischen Entwicklung 
Schritt. Die Epoche, die dieses Stadium vorbereitet hat, 
ist die deutsche Renaissance, mag auch ihr Bedeutungswert 
innerhalb der Gesamtentwicklung ein anderer sein als der 
der italienischen Renaissance. 



280 Werner Weisbach, Renaissance als Stilbegriff. 

Setzt man zu dem Wort Renaissance die Prädikate 
italienisch, deutsch, französisch usw. so läßt sich der Stil- 
begriff — bei gleichzeitiger Kennzeichnung des Gemein- 
samen und der lokalen Eigentümlichkeiten — auf die ver- 
schiedenen Länder anwenden und bewährt sich auch im 
praktischen Gebrauch, was ja eine Hauptbedingung für die 
Begriffsbildung ist. Wie die Renaissancekultur, so weist 
der Renaissancestil allenthalben verbindende Elemente auf 
und wird eine allgemein europäische Erscheinung. Werden 
die Formulierungen in dem dargelegten Sinne angewandt, 
so kommt der Stilbegriff ebenso wie der Kulturbegriff zu 
seinem Recht. 



I 



Literaturberidit. 



Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie 
der Weltgeschichte. Von Oswald Spengler. l.Bd.: Gestalt 
1^» und Wirklichkeit. Wien und Leipzig, Wilh. Braumüller. 
■K 1918. XVI u. 639 S. 

^^B Das Buch — es ist inzwischen in zwQ.iter Auflage bereits 
'^Tor Erscheinen vergriffen — hat sehr rasch Aufsehen gemacht, 
und mit Recht, denn es ist ein Buch von großer geistiger Selb- 
ständigkeit und von reichsten Kenntnissen, wenn auch der an 
sich nicht verwerfliche Dilettantismus in ihm mitunter an die 
Grenzen des groben Unfugs geht. Es ist im allgemeinen eines 
jener Produkte, die aus der Abneigung gegen den kühlen kri- 
tischen Rationalismus und die philologische Akribie geboren sind 
und, wie es die Stimmung der jüngeren Generation — freilich auch 
[ des für das Enzyklopädische begeisterten Journalismus — ver- 
I langt, sich der intuitiven Synthese zuwendet. Vorzüge und Gefahren 
dieser Wendung von der Kausalität der Einzelvorgänge zur kon- 
I struktiven und vergleichenden Zusammenschau der großen Zu- 
i sammenhänge sind durch es in der Tat lehrreich veranschaulicht. 
j Es ist insofern ein bedeutsames Kulturdokument aus der Zeit einer 
! geistigen Krisis der deutschen Wissenschaft, ein Zeugnis der über- 
all spürbaren Empörung gegen die exakte Philologie und gegen 
die schulmäßig-formalistische Philosophie der Katheder. Cha- 
rakteristisch ist dabei, daß Mathematik und Physik von dieser 
Krisis sehr viel weniger betroffen sind als die dem historischen 
Denken näher stehenden biologischen Disziplinen und insbe- 
sondere die Historie selbst. Gegen ihren bisherigen technischen 
Schulbetrieb und gegen die allerdings meist sehr trivialen und 
verworrenen Einbeziehungen der Historie in philosophische 



282 Liieraturbericht. 

Konventionen eines halbschlächtigen Naturalismus erhebt sich 
der eigentliche Kampf. Der Verfasser ist allem Anschein nach 
ein Philosoph, der von den Naturwissenschaften, vor allem 
Mathematik und Physik herkommend, zur Historie übergeht und 
dabei den tiefen Gegensatz zwischen unserem heutigen natur- 
wissenschaftlichen Denken und der Historie wie eine alles er- 
leuchtende Offenbarung entdeckt. Rasch entschlossen bildet er 
diese Entdeckung zu einem grundsätzlichen, nicht kausalen, 
sondern historisierenden und individualisierenden Relativismus 
um, womit er die letzte Phase der europäischen Philosophie zu 
eröffnen gedenkt, nachdem die anderen metaphysischen Mög- 
lichkeiten unseres Kulturkreises erschöpft seien. Freilich macht 
er damit eine Entdeckung, die schon manche andere vor ihm 
gemacht haben wie Dilthey, der ja auch seinerseits den grund- 
sätzlichen Skeptizismus daraus gefolgert hatte, oder wie Lotze, 
Windelband und Rickert, die freilich von einer religiösen oder 
ethischen Grundposition aus die skeptischen Konsequenzen zu 
entkräften suchten und in der Logik einen Einheitspunkt und 
Garanten der Erkenntnismöglichkeit festhielten. An Simmel 
und Bergson erinnert der Verfasser oft beinahe wörtlich und 
sachlich jedenfalls aufs stärkste, obwohl er bei der einzigen ge- 
legentlichen Erwähnung dieser Denker sehr despektierlich von 
ihnen spricht. Er selbst nennt als seine Meister lediglich Goethe 
und dessen antimathematische Konstruktion der Urphänomene 
und Tendenzen sowie Nietzsches Kulturpsychologie und kon- 
struktive Zusammenschau der europäischen Geschichte, bei der 
er freilich immer noch in dem eschatologischen Optimismus des 
Obermenschen eine romantisch-europäische Befangenheit im engen 
westeuropäischen Horizont feststellen zu müssen glaubt. Leider 
folgt nun aber doch Spengler von seinen beiden, allein erwähnten 
Meistern in Wahrheit mehr dem Manierismus und der Zarathustra- 
Pose Nietzsches als der Ruhe, Klarheit und Sachlichkeit Goethes, 
den er doch als den eigentlichen Meister zu verehren vorgibt, 
so wenig seine Skepsis und sein tragischer Pessimismus in Wahr- 
heit mit Goethes gläubiger Gesundheit zu tun hat. Der grund- 
sätzliche Größenwahn, das majestätische Einstoßen offener 
Türen, die feierliche Ankündigung von carmina non prius audita, 
das befehlsmäßige Pronunciamiento von Paradoxien und kecken 
Einfällen gehört offenbar zu den Stileigentümlichkeiten der 



Allgemeines. 283 

heutigen deutschen Literatur, auch wenn es sich um Dinge handelt, 
die auch ohne diesen Jargon ihrer Wirkung — wenigstens bei 
ernsten und sachlichen Denkern — sicher wären. Aber man 
nennt das heute „Persönlichkeit", und das deutsche Publikum 
verlangt das, so sehr eine feinere Humanität gerade von diesen 
schlechten Manieren sich reinigen müßte. 

Man muß das sich gefallen lassen und sich an das Tüchtige 
halten, an dem es wahrlich nicht fehlt. Der Verfasser hat unge- 
wöhnlich viel Geist, Scharfsinn, Wissen und Einfühlungsvermögen. 
Der Schwerpunkt liegt offenbar in seinen Forschungen über 
Mathematik, Physik und Erkenntnistheorie, wo er zu äußerst 
interessanten Ergebnissen kommt: zu einer Theorie der Er- 
kenntnisse als von Symbolen, in denen die physische und seelische 
Wirklichkeit allein erfaßt werden kann, und in denen das objek- 
tive und das anthropologische Element aller Erkenntnis schwer 
scheidbar zusammenfließen, deren Zusammendenkung dann aber 
den Makrokosmus, das philosophische Weltbild, als Ausdruck einer 
inneren logischen Notwendigkeit und einer individuellen Ein- 
stellung des Denkers zugleich ergibt. Aber das gehört mehr der 
eigentlichen Philosophie an und kann hier nur insofern angedeutet 
werden, als eine solche Erkenntnistheorie für die Schätzung des 
Individuellen auf dem Gebiete der eigentlichen Historie natur- 
gemäß sehr günstig disponiert; jedenfalls habe ich den Ein- 
druck, als ob diese Erkenntnistheorie und nicht die historische 
Anschauung vom Individuellen selber das Primäre in seinem Denken 
gewesen sei. Wo er sich der letzteren nähert, steht daher auch 
nicht das Persönlich- Individuelle einzelner Seelen, sondern das 
Sachlich- Individuelle großer Kulturkreise und ihrer jedes- 
maligen Gesamteinstellung auf Welt und Leben im Vorder- 
grunde. Die Einzelseele spielt von Haus aus keine Rolle in 
diesem Denken, sondern ist wie bei Hegel das Material, in dem 
sich die sachlichen Ideengehalte sozusagen um ihrer selbst 
willen ausprägen. Wir haben es insofern trotz aller Skepsis 
mit einem sehr starken Begriffsrealismus zu tun. Was nun 
aber diese großen Kulturindividualitäten anbetrifft, so stehen 
vor seinem Blick nicht weniger als Altertum, Westeuropa oder 
moderne, indische und arabische Kultur, wozu etwas in zweiter 
Linie chinesische, babylonische und ägyptische hinzukommen. 
Unter diesen Umständen fehlt mir natürlich das Wissen, um 



284 Literaturbericht. 

das Buch in dieser, dem Verfasser wichtigsten Hinsicht zu 
kritisieren. Ob er selbst es besaß um es zu schreiben, kann 
ich aus dem gleichen Grunde nicht sagen. Jedenfalls zeigt 
sich an diesem Punkte einer der erbitterndsten Charakterzüge 
des Buches. Eigene Forschungen können natürlich nur zum 
kleinsten Teile, wenn überhaupt, zugrunde liegen; es sind natür- 
lich Darstellungen und Verarbeitungen benutzt. Aber der 
Verfasser gibt keines dieser Werke an und macht damit jede 
Kontrolle unmöglich. Einige Quellen erkennt man natürlich: 
Strygowsky, Werner Weißbach, Alois Riegl, Worringer, auch 
Duhems Forschungen über den Zusammenhang von Mathematik 
und Kultur, vielleicht auch Albrecht Dieterichs religionsgeschicht- 
liche Studien. Es sind das zum Teil bereits sehr gewagte Syn- 
thesen, die der Verfasser noch übersynthesiert hat. Es über- 
wiegt kunstgeschichtliche und ästhetisierende Literatur, die 
ganz einseitige Neigung, aus Kunstwerken die Geistesgeschichte 
und damit die Geschichte überhaupt zu schreiben oder zu 
erraten. Ein Satz, wie der „die Seelengeschichte der Säule 
ist noch nie erzählt worden**, S. 302, erinnert an schHmmste 
Beispiele aus der modernen Kunstliteratur. Daneben stehen 
dann wieder sehr eindringende und treffende Analysen, nament- 
lich betreffs des Verhältnisses von Antike und Moderne, die 
letztere von Karl dem Großen ab gerechnet. Es scheint mir 
das Buch überhaupt einigermaßen rasch zusammengeschweißt 
zu sein, was glänzende Blicke nicht ausschließt. Die historischen 
Einzelbemerkungen erregen durch manchmal offenbare Falsch- 
heit oder bloße Behauptung immerhin einen gewissen Ver- 
dacht und Schrecken. Ich kann hier die vielen Einzelbeispiele 
nicht notieren und verzeichne nur ein paar Beispiele. S. 103 
heißt es zum Beweis des Zusammenhangs der modernen Mathe- 
matik mit der religiösen Metaphysik des Unendlichen: „Des- 
cartes, ein tiefer Geist aus dem Kreise von Port Royal, hat, 
einem inneren Bedürfnis folgend, anläßlich seiner philosophisch- 
mathematischen Unterweisungen die Pfalzgräfin Elisabeth und 
die Königin Christine wieder zum Katholizismus bekehrt"; 
hier ist jedes Wort einfach falsch. Gleich darauf, S. 107, heißt 
es von Alexandria zum Beweis gewisser Wandelungen in der 
Mathematik: „Es hört im 2. Jahrhundert n.Chr. auf Welt- 
stadt zu sein und wird eine aus der Zeit antiker Zivilisation 



Allgemeines. 285 

stehengebliebene Häusermasse, in der eine primitiv fühlende^ 
seelisch anders geartete Bevölkerung wohnt"; woher weiß 
der Verfasser das? S. 144: „die geheimnislose, zahlenmäßige 
Natur des Aristoteles und Kants, der Sophisten und Darwins, 
der modernen Physik gegenüber der erlebten, grenzenlosen, 
gefühlten Natur Homers, der Edda, des dorischen und gotischen 
Menschen"; das ist doch einfach Phantasie; von dem „zahlen- 
mäßigen" Aristoteles sagt er überdies an anderer Stelle, daß 
er keine Ahnung von moderner Kausalität gehabt habe! S. 177 
eine unmögliche Erklärung der Eleusinischen Mysterien. S. 210 
die Bezeichnung Rousseaus und Napoleons als Verwirklicher 
der englischen Ideenwelt, eine Behauptung, die dann Paul 
Lensch „Am Ausgang der deutschen Sozialdemokratie", 
1919, S. 79, mit geschichtsmateriahstischer Umdeutung und 
Vergröberung einfach abgeschrieben hat. S. 213 eine Cha- 
rakteristik Luthers, die niemand schreiben kann, der seine 
Briefe und Schriften einigermaßen kennt. Oder schließlich 
recht charakteristisch S. 238: „Als um das Jahr 1000 der Ge- 
danke an das Weltende im Abendland sich verbreitete, wurde 
die Faustische Seele dieser Landschaft geboren." Das mag 
als Beispiel genügen. Aus Kenntnis und Betätigung quellen- 
mäßiger Geschichtsforschung ist diese Geschichtstheorie jeden- 
falls nicht geboren. Es wimmelt von falschen Angaben, phantasie- 
reichen Behauptungen und schiefen Analogien, es fehlt fast 
alle kritische Sicherung der Tatsachen und jedes Bedürfnis 
danach. Aus diesem Grunde erscheint auch das Buch beim 
zweiten Lesen sehr viel unangenehmer, willkürlicher, phan- 
tastischer und widerspruchsvoller als beim ersten, wo eine Reihe 
bedeutender Gedanken blenden und man über die „Beweise" 
leicht hinwegliest. 

Mit alledem ist von dem sensationellen Haupttitel noch 
gar nicht die Rede gewesen. Er bezeichnet auch in der Tat 
nicht den Hauptgegenstand. Der Hauptgegenstand ist eine 
philosophische Theorie der Geschichte nach der formellen und 
inhaltlichen Seele, eine Methodik der Forschung und eine 
Werttheorie der geschichtlichen Gehalte. Aber mit diesen 
Untersuchungen beschäftigt, kam der Verfasser in die Atmo- 
sphäre des Weltkrieges und wollte ihn aus seiner Geschichts- 
philosophie deuten. Er sah in ihm den Übergang der europäi- 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 19 



286 Literaturbericht 

sehen Kultur zu ihrem letzten Stadium, zur Vereinigung eines 
rechnerisch-kühlen ImperiaHsmus und Kapitalismus mit sozialisti- 
scher Organisation, die Parallele zum römischen Imperialismus, 
die Ablösung der Kultur durch Zivilisation. Offenbar sah er 
in Preußen die Analogie des Römertums und die Überbietung 
des englischen Imperialismus zugleich, das dann nach dem 
Siege auch den Sozialismus organisieren werde: „die antike 
Wirtschaftsgesinnung verleugnet die Zeit, die Zukunft die 
Dauer; die abendländische bezieht sie, sei es in der flacheren 
englisch-jüdischen Fassung von Malthus, Marx, Bentham, sei 
es in der tiefen und zukunftsreichen des preußischen Staats- 
gedankens, dessen von Friedrich Wilhelm I. begründeter So- 
zialismus noch in diesem Jahrhundert den anderen in sich auf- 
nehmen wird*', S. 195. Die allgemeine Einsicht in eine gewisse 
geistige Erschöpfung und ökonomisch-rationale Veräußerlichung 
Europas hatte ihn — wie so viele vor ihm — mit dem Gedanken 
einer Untergangsperiode im allgemeinen vertraut gemacht; 
der Weltkrieg schien ihm in Preußen-Deutschland die staats- 
soziaHstische Endorganisation einer untergehenden, dem Römer- 
tum analogen Welt heraufzuführen, eine zweifellos geistreiche 
Idee, die durch den wirklichen Verlauf des Krieges doch nur 
teilweise widerlegt ist, wenn sie auch die Anfechtbarkeit der 
Theorie des Verfassers deutlich zeigt, daß man vermöge seiner 
Lehre die Zukunft endgültig konstruieren könne. Daß er in 
der Erarbeitung dieser Idee eine den Leistungen des deutschen 
Heeres einigermaßen ebenbürtige Leistung hervorgebracht zu 
haben meint, S. VIII, ist ein Teil dieser ganzen Konstruktion. 
Die deutsche Tat und der deutsche Geist, die Herbeiführung 
des Endzustandes und d^'e Erkenntnis des Endzustandes beides 
durch Deutsche: das ist der geheimste Stolz des Buches und 
dazu viel zu sagen ist heute nicht mehr nötig. Immerhin 
aber mag das zu defi „Zufällen" gehören, die der Verfasser kon- 
struiert und die in der Vollendung der großen Tendenzen sich 
auch verschieben können. Paul Lensch, der sich überhaupt 
auf Spengler ordentlich gestürzt und mit seltsamer Bereitwil- 
ligkeit die These von dem Kulturende im Sozialismus über- 
nommen hat, hat inzwischen den Spenglerschen Gedankengang 
auf einem anderen Wege zu Ende gedichtet, indem er die be- 
vorstehende Sozialisierung Englands zum Ausgangspunkt einer 



Allgemeines. 287 

Endperiode macht, die Amerika, England und Westeuropa als 
Abendland endlich vereinigt und beendet („Das Weltreich des 
Abendlandes", Neue Rundschau, Juli 1919). 

Genug, die wichtigste Erkenntnis und zweifeHos ein alter 
und ausgereifter Bestandteil im Denken des Verfassers ist der 
Gegensatz des naturwissenschaftlichen, d. h. mathe- 
matisch-physikalischen und des historischen Er- 
kennens, wie er im Gegensatz des Räumlich-Starren, 
Ausgedehnt-Meßbaren und Zeitlos-Allgemeingültigen gegen die 
Flüssigkeit, Verschmolzenheit und Einmaligkeit der kontinuier- 
hchen Werdezusammenhänge sich äußert. Sp. hebt hervor, 
daß das nicht einfach der Gegensatz von Sein und Bewegung 
ist, da die Bewegung ja voh der Mechanik räumlich und mathe- 
matisch behandelt werden kann. Es ist vielmehr der Gegensatz des 
Gewordenen, in räumliche Form und Starrheit Übergegangenen, 
zu dem immertätigen Werden selbst, das sich überhaupt nicht 
logisch, sondern nur sachlich oder intuitiv erfassen läßt. Somit 
tritt der Gegensatz hervor zwischen Gesetz und Gestalt, Kausali- 
tät und Originalität, Systematik und Physiognomik, Allgemein- 
gültigkeit und Individualität, Kausalerklärung und Schicksal, 
Einzelerklärung und Zusammenschau. Damit ist gegeben, 
daß die historischen Begriffe nicht ohne Einführung des Unter- 
schieds von Unterbewußtsein und wachem Bewußtsein und 
nicht ohne die Zugrundelegung eines Begriffes des historischen 
Sinnzusammenhanges oder Wertes durchführbar sind, welch 
letzterer freilich vom pragmatischen und bewußten ,, Zweck" 
sorgfältig unterschieden werden muß. Besonders interessant 
sind Sp.s Ausführungen über den Begriff der historischen Zeit, 
die nur Mißverständnis mit dem Raum als analoge apriorische 
Anschauung verkuppeln könne, die vielmehr durch den Begriff 
des Möglichen, der Gerichtetheit und Nicht- Umkehrbarkeit 
bestimmt sei und in Wahrheit nur erlebt, nicht begriffen, ge- 
messen und konstruiert werden könne. Es sind das heute viel- 
fach vertretene Ansichten von größter Bedeutung, die ich auch 
meinerseits für schlechthin entscheidend halte. Vieles bleibt 
bei Sp. offen oder widerspruchsvoll; bald ist die historische 
Erkenntnis völlig überlogisch und rein künstlerisch, bald 
spricht er von einer Logik des Organismus und von Gesetzen 
des Rhythmus, wie denn in der Tat eine genauere Beschreibung 

19* 



288 Literaturbericht. 

und Normierung des logischen Verfahrens hier möglich sein muß. 
Doch kann das hier nicht weiter verfolgt werden. 

Der hierbei zugrundegelegte Begriff der Individualität 
bezieht sich in erster Linie auf die Individualität der' kollek- 
tiven Kulturzusammenhänge. Sp. bestreitet daher jede Mensch- 
heitsgeschichte und jeden einheitlichen Fortschritt. Die Uni- 
versalgeschichte zerfällt ihm in 7 oder 8 große selbständige und 
völlig individuelle, sich gegenseitig kaum verstehende Kultur- 
zusammenhänge von jedesmal eigentümlichem „Seelentum" 
das sich vom originalen Ursprung bis zum Niedergang als 
Ausdruck seiner „Idee" entwickelt. Den Organisationspunkt 
jedes solchen Seelentums findet er wesentlich in ästhetisch- 
künstlerischen Grundvorstellungen, die ihm — das ist das 
Neue — mit dem jeweiligen mathematisch-naturwissenschaft- 
lichen Weltbild eng zusammenhängen. Diesen radikalen Unter- 
schied und die fast völlige gegenseitige Unverstehbarkeit über- 
trägt er auch auf das Verhältnis von Antike und Westeuropa; 
alle unsere Beziehungen auf die Antike seien äußerlich technisch 
und illusionär. Den Grundgedanken halte ich auch hier für rich- 
tig; die ästhetische Einseitigkeit der Konstruktion und den 
Gegensatz von Antike und Moderne halte ich — trotz einzel- 
ner ausgezeichneter Beobachtungen — für starke Übertreibun- 
gen. Im übrigen wäre die Kritik durch einen Mathematiker 
sehr erwünscht, soweit die Sätze über die Mathematik in Be- 
tracht kommen. Einer unserer bedeutendsten Mathematiker 
und Physiker lehnte freilich jede Lektüre ab, als wir ihn um 
ein Urteil baten und die Hauptsätze Spenglers andeuteten. 

Trotz der gegenseitigen Unverstehbarkeit und der angeb- 
lichen Unmöglichkeit logischer Begriffsbildung auf historischem 
Gebiet unternimmt nun aber doch Sp. zwischen diesen indi- 
viduellen Kulturverläufen einen vollständigen Parallelis- 
mus des Verlaufes herzustellen, ähnlich wie Lamprecht 
und Breysig, nur aber nicht auf Grund psychologischer Ge- 
setze, sondern auf Grund morphologischer Schau, wie man 
zoologische oder botanische Entwicklungsstammbäume neben- 
einander stellt und die Homologien feststellt. Diese Homologie 
wird bei ihnen geradezu zur strengen Gesetzmäßigkeit, gestattet 
Erschließung und Rekonstruktion vergessener Perioden und 
bei unvollendeten Kulturen die Vorausberechnung ihres Rest- 






Allgemeines. 289 



Verlaufes, wovon er ja gerade in bezug auf das Abendland 
die das Buch betitelnde Anwendung macht. Freilich ist die 
Tabelle dieser Stammbäume — ähnliche werden von dem 
Wiener „Institut für Kulturforschung" ausgearbeitet — das 
schwächste und verwegenste Stück des Buches. Sie ist nach 
Frühling, Sommer, Herbst und Winter des jeweiligen Seelen- 
tums gegliedert und in jedem dieser Abschnitte mit ziemlich 
willkürlichen Unterabschnitten versehen. Besonders auffallend 
ist die Behandlung von Spätantike, Christentum, Diokletian, 
Justinian, Mohammed usw. als arabisch-magische Kultur und 
die völlige Beseitigung der Mittlerstellung des Christentums 
zwischen Antike und Moderne, Dinge, die nur möglich sind, 
wenn man die spätantike und christliche Literatur nicht kennt 
und statt dessen sich an Mosaiken und Kuppelbauten hält. 
Aus dem radikalen Individualismus, der Zerteilung der 
menschlichen Vernunft in zahlreiche, gänzlich sich fremde 
Seelentümer, aus der Zuordnung vor allem auch der verschie- 
denen Mathematiken zu verschiedenen Kulturtypen folgt für 
Sp. als philosophische Gesamttheorie der Skeptizismus, die 
einzige echte Philosophie für tiefe Denker, vor allem für solche 
der völlig ausgereiften Verfallsperioden, wie unsere eine ist. 
Daß hiergegen alle Argumente gegen die Skepsis sprechen, und 
daß er selbst die Einheitlichkeit und Gleichartigkeit der Ver- 
nunft in allen seinen Argumentationen sowie in seinem Paral- 
lelismus der Entwicklungen voraussetzt, davon soll hier nicht 
die Rede sein. Ich hebe nur hervor, daß seine Geschichtsauf- 
fassung eben damit „tragisch" wird. „Im Gesetz liegt die Not- 
wendigkeit des Mathematischen, im historischen Schicksal die 
des Tragischen", S. 223. Man könnte in einem solchen Satze, 
mindestens im ersten Teil, die „Skepsis" vermissen. In der 
Tat stammt der tragische Charakter, wie einst bei Schelling, 
vor allem aus der Vernichtung und Vergleichgültigung des 
Einzelindividuums, das nur Material für die Realisation einer 
individuellen Kulturidee ist und selber nichts davon hat, um 
so mehr als die eigentliche Reife stets nur ganz kurz dauert. 
Hier ist der Gegensatz des sonst vielfach verwandten Lotze 
und vor allem Goethes selbst, der nicht tragisch sondern gläu- 
big war, außerordentlich lehrreich; auch Hegel hat doch die 
Persönlichkeit aus der Idee mit eigener innerer Seligkeit erfüllt 



290 Literaturbericht. 

und ihr sogar die Unsterblichkeit übriggelassen, womit die 
Tragik bei ihm ausgeschlossen war. Die Vorliebe für die tra- 
gische Weltanschauung ist erst mit Schopenhauer und Hebbel 
und dann mit dem modernen Ästhetentum in unser deutsches 
Denken gekommen. In Frankreich als sie dem Ausweichen vor 
dem Positivismus in den Ästhetizismus gefolgt. In England | 
und Amerika ist sie unbekannt. Insbesondere ist es ein inter- 
essanter Kontrast, daß das junge Frankreich auf einer Bergson- 
schen, Spengler nahe verwandten Grundlage Determinismus 
und Ästhetizismus und damit auch die Tragik verabschiedet 
hat, wie man aus dem äußerst interessanten Buche von E. R. 
Gurtius ,,Die geistigen Wegbereiter des heutigen Frankreich" 
1919 ersehen kann. Sie setzen sich auf der gleichen Grundlage 
intuitiven Denkens für Freiheit, Schöpfung und Glauben ein, 
auf der Sp. für Skepsis, Tragik und Beschaulichkeit plaidiert. 

Die Skepsis ihrerseits ist für Sp. das Ende und die Reife der 
Philosophie. Eine auf die historische Morphologie begründete ab- 
solute Skepsis wird die einzige uns noch übrigbleibende, übrigens 
spezifisch-abendländische Philosophie sein, die kein Grieche 
verstehen würde und kein Orientale heute versteht. Eben damit 
ist aber auch diese Philosophie der Skepsis ein neues Zeugnis 
dafür, daß das Abendland in seine letzte, seine Unter- 
gangsperiode eingetreten ist. Damit stehen wir wieder bei 
der schon berührten Theorie vom Untergang des Abendlandes, 
die in Wahrheit so locker begründet ist wie die Theorie der 
Skepsis selbst. Weitere Begründungen, wie die Parallele von 
Stoizismus, Buddhismus und Sozialismus sind geistreich aber 
völlig fragmentarisch. 

Ich wiederhole: das Buch ist äußerst interessant und blitzt 
von guten Gedanken; es zeigt eine gewisse Größe des Wurfes 
und auch der Gesinnung. Es erinnert an Hamann oder Herder, 
bisweilen freilich an Chamberlain, den Rembrandt-Deutschen 
und Lamprecht. Die Hauptsache an ihm ist aber doch die 
symptomatische Bedeutung, die Bezeugung der geistigen 
Revolution. Gegen sie ist im allgemeinen nichts einzuwenden, 
aber sie trä^t gefährliche Züge. Es wäre lediglich allerschwerster 
Verlust, wenn wir den mühsam errungenen kritischen Ratio- 
nalismus, das philologische Element, die empirische Exaktheit 
und nüchterne Kausalitätsforschung einfach preisgeben wollten. 



Allgemeines. 291 

um sie dann später mühsam wieder erobern zu müssen oder, 
wenn dazu Fähigkeit oder Wille fehlen sollten, in einer erst 
geistreichen und dann verworrenen Barbarei unterzugehen. 
I Dann wäre das Buch und die von ihm vertretenen Tendenzen 
selbst ein aktiver Beitrag zum Untergang des Abendlandes. 
Gelingt es dagegen, das Neue mit dem Alten zu verschmelzen, 
dann hätten wir wieder für einige Zeit große und frische Auf- 
gaben, über denen man die Untergangstheorie auf sich beruhen 
lassen und die Welt Gott anheimstellen könnte, wie es Sp.s 
Meister, Goethe, auch getan hat. 

Berlin. Troeltsch. 

I 

I^Bas geschichtliche Wesen und Recht der deutschen nationalen 
I^K Idee. Von Prof. Dr. Julius Kaerst, Würzburg. München, 
HL C. H. Beck. 1916. 61 S. 

^V Ich versuche, den Inhalt der kleinen Schrift kurz wiederzu- 
geben: der große Kampf, den das deutsche Volk jetzt zu führen 
hat, ist ein Kampf um sein geistiges Recht in der Welt (52). Der 
besondere geschichtliche Beruf, der dem deutschen Volke ge- 
wiesen ist, tritt vor allem in der entscheidenden Rolle zutage, 
die das deutsche Wesen in einzelnen schöpferischen Perioden 
der neuzeitlichen Kultur gespielt hat (37). Die moderne geschicht- 
liche Entwicklung beruht auf der gegenseitigen Durchdringung 
von Universalismus und Nationalismus (1). Für die deutsche 
Auffassung ist der universale Beruf des deutschen Wesens vor 
allem eine sittliche, geschichtliche Aufgabe (21). Die Höhe der 
universalen Tendenzen des modernen Europa bringt die Zeit 
der Aufklärung (8). Sie ist in ihrem Wesen vornehmlich englisch 
und französisch (36), individualistisch, eudämonistisch und, be- 
sonders in England, utilitaristisch und positivistisch. Sie wird 
überwunden durch den deutschen ethischen Individualismus (15). 
Wohl ist auch er weltbürgerlicher Herkunft (17). Aber aus der 
weltbürgerlichen Tiefe und Weite der deutschen Kultur ent- 
wickelt sich das kraftvolle Bewußtsein eines besonderen natio- 
nalen Berufs (20): der Universahsmus wird in inneriichster Weise 
mit den Kräften eigenartigen persönlichen und nationalen We- 
sens durchdrungen (43). 



292 Literaturbericht. 

Aus zwei tiefen Wurzeln ist die moderne Kultur erwachsen: 
Antike und Christentum. Zwischen ihnen steht das germanische 
Element (42), von beiden auf das stärkste beeinflußt. Aber die 
hohe Schätzung der Persönlichkeit, die die selbständige Entfal- 
tung des deutschen Geistes besonders charakterisiert, hat noch 
mehr im Christentum als in der Antike ihr Vorbild (46). Die 
Beziehung des modernen deutschen Wesens zur Antike ist durchaus 
innerlich (45), aber die Reformation in ihrer Entstehung und ihrer 
weiteren Geschichte vorwiegend deutsch (36). So ist es kein 
Zufall, daß für die Durchführung des aktiven Charakters der 
Religiosität in der Persönlichkeit gerade dem deutschen Geist 
eine führende Rolle zugefallen ist (47). Grundsätzlich wird ge- 
rade als religiöse Forderung schon in der deutschen Reformation 
der selbständige sittliche Beruf des weltlichen, insbesondere 
auch des staatlichen Lebens geltend gemacht (50). In dem eigen- 
tümlichen Persönlichkeitsideal und der Richtung auf die selb- 
ständige innere Entfaltung des nationalen Geistes findet das 
moderne deutsche Wesen einen charakteristischen Ausdruck (31). 
Dies neudeutsche Persönlichkeitsideal ist durchaus mit dem 
Gemeinschaftsgedanken verwachsen (51). Schöpferisches Han- 
deln aus dem eigenen Wesen heraus, Selbsttätigkeit und Selbst- 
verantwortlichkeit gegenüber den Aufgaben der Gemeinschaft 
ist Freiheit (27). Die Tätigkeit in der Welt erscheint uns als be- 
sonderer sittlicher Beruf (51), des Einzelnen und der Nation. 
Das Recht der Persönlichkeit, sich in voller Einheit und Tiefe 
ihres Wesens zu entfalten, wird zu einer Pflicht gegen die Gemein- 
schaft (23). 

Die Staatsauffassung unserer nationalen Erhebungszeit 
zeigt neben dem demokratischen Zug, der Aufklärung und 
Weltbürgertum eigen ist, ein entschieden aristokratisches Ele- 
ment: die Ausbildung der Persönlichkeit, die Selbständigkeit 
der einzelnen Lebenskreise (28). Für jeden wahren Fortschritt 
der modernen Menschheit erscheint auch der demokratische Ge- 
danke als notwendige Voraussetzung, aber diese Demokratie 
empfängt ihr Maß und ihre Regel durch die Idee des geschicht- 
lichen Staats und der geschichtlichen nationalen Kultur (59). 
Nur insoweit sie dieser Idee dient, hat sie ihr Recht und kann 
sie wohltätige Kraft unseres nationalen Lebens werden. Der 
demokratische Zug unseres Staatslebens hat sich zunächst in 



m 



Allgemeines. 293 

bestimmten aligemeinen Pflichten der Volksgenossen bezeugt, 
d. h. daß auch unsere demokratische Entwicklung von Anfang 
an in den Dienst einer starken Staatsidee gestellt ist (60). 

Weltweite und Welttiefe der Kultur auf der einen Seite, 
Festigkeit des nationalen Wesens anderseits stehen nicht in 
Gegensatz zueinander. Die Idee organisierter internationaler 
Vereinigung ist nicht bloß Utopie; sie führt zur Schwächung 
der geistigen Kraft und Sicherheit nationalen Lebens und ge- 
fährdet damit den inneren Reichtum und die Tiefe allgemein 
menschlicher Entwicklung (57). Gegenseitige Anpassung be- 
deutet einen die nationale Kraft abschließenden Internationalis- 
us und ist daher nicht Endzweck geschichtlichen Lebens (57). 
nsere Aufgabe ist, der Menschheit durch die Stärkung unseres 
eigenen Wesens zu dienen (57). Der schon von Justi verurteilte, 
in unsern Tagen des großen Kriegs wieder betonte Gleichgewichts- 
gedanke, der an sich etwas Berechtigtes hat, entspricht mehr 
einer entweder utopischen oder für bestimmte Machtinteressen 
ausgebeuteten Idee europäischer Solidarität, als daß er den ge- 
eignetsten Ausdruck der höchsten Bedürfnisse gerade nationaler 
Entwicklungen darstellen könnte. Der gegenwärtige Krieg 
zeigt die innere Unwahrheit der europäischen SoHdaritätsidee 
in greller Beleuchtung (54). Es steht mit den tiefsten Lebens- 
trieben unserer Geschichte in Zusammenhang, daß die stärkste 
Entfaltung der Machtpolitik im Bismarckschen Zeitalter den 
deutschen Staat in bewußter und absichtlicher Beschränkung 
auf die Lebensnotwendigkeiten der eigenen Nation gestellt hat 
(56). Was unserer Zeit not tut und in ihr sich bereits vollzieht, 
ist die innere Verbindung des Bismarckschen staatlichen Geistes 
mit dem Geist der vaterländischen Erhebung vor hundert Jahren, 
des friderizianisch-preußischen Machtgedankens mit unserer natio- 
nalen geistigen Bildung (58). 

(Tübingen. K. Jacob. 

iitfragen deutscher Nationalerziehung. Sechs Vorlesungen von 
Ernst Meumann, herausgegeben von G. Anschütz. Leipzig, 
Quelle & Meyer. 1917. 143 S. Geh. 2,60 M., geb. 3,20 M. 
Der bekannte verstorbene Begründer der experimentellen 
ädagogik hat im Spätjahr 1914 sechs Vorlesungen vor einer 
I großen Zuhörerschaft gehalten; jetzt, geraume Zeit nach seinem 



294 Literaturbericht. 

Tode, werden sie herausgegeben. Meumann beschränkt sich 
hier nicht auf Erziehung der Jugend; das ganze Volk vielmehr 
ist Gegenstand seiner Sorge, er schreibt über Volkserziehung und 
erklärt diese als planmäßige und systematische Organisation der 
inneren Kultur des Volkes. Dieses ungeheure Thema schränkt 
er dadurch ein, daß er nur von der Erziehung des National- 
bewußtseins handelt, nur vom deutschen Volke spricht. Die 
Vorlesungen sind durchaus Erzeugnisse der gehobenen und er- 
regten Stimmung zu Anfang des Krieges, sie haben damals sicher- 
lich gewirkt; es war ein Verdienst, den herrschenden Gefühlen 
Ausdruck zu geben und aus der Aufregung des Tages das ange- 
spannte Gemeingefühl zum Nachdenken über wichtige Fragen zu 
erhöhen. Daß aber diese Vorlesungen jetzt gedruckt werden, 
erscheint höchst überflüssig. Sie enthalten nirgends einen Ge- 
danken oder auch nur eine Prägung, die über das Bekannte und 
oft Gesagte hinausreicht, nirgends eine wissenschaftliche Klärung, 
deren doch Begriffe wie Nation, Nationalgefühl usf. gar sehr be- 
dürfen, nirgends auch einen großgedachten Vorschlag von be- 
sonderer Eigenart oder eine wirklich eingehende Kritik fremder 
Vorschläge. Nation und Staatsvolk scheinen sich für M. zu 
decken — man ist geradezu erschrocken über die enge Auffassung 
des Deutschtums, wenn man (S. 53) G. Keller und C. F. Meyer 
als fremdnationale Dichter angeführt liest. Was M. über die 
einzelnen Volkscharaktere sagt, geht nirgends über die land- 
läufigen Urteile und Vorurteile hinaus. Als Beispiel für seine 
Vorschläge sei angeführt, daß er als Mittel der Preßreform fordert, 
nur Journalisten, die eine bestimmte politische, nationalökonomi- 
sche und historische Vorbildung nachweisen können, sollen das 
Recht haben, in die Redaktionen großer Zeitungen einzutreten 
(119). Daß M. solche Einfälle in einem Vortrag improvisiert hat, 
setzt ihn nicht herab. Manches mag gelegenthch gesagt werden, 
was nicht gedruckt zu werden braucht. Die pädagogische Literatur 
zumal, überreich an breiten Bettelsuppen, sollte nicht durch solche 
Nachlaßpublikationen aufgeschwemmt werden. Die Verlags- 
buchhandlung hat dem Buche einen Waschzettel beigegeben, 
dessen bombastischen Ungeschmack man sich im Namen des 
verdienten Forschers Ernst Meumann verbitten muß. 

Frei bürg i. Br. Jonas Cohn. 



tf 



IT. 



Allgemeines. 295 

Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, herausgegeben 
von Bettelheim. 18. Bd. Vom 1. Januar bis 31. Dezember 
1913. Berlin, Georg Reimer. 1917. 

Unter den Toten dieses Bandes bilden die Maler eine be- 
sonders zahlreiche Gruppe, neben ihnen Journalisten und andere 
Schriftsteller. Unter diesen nehmen Wilhelm Jensen, Adolf 
ilbrandt, Ludwig Pietsch, Adolf L'Arronge und andere be- 
nnte Namen das Interesse stark in Anspruch und bieten dem 
chdenklichen Leser vielfach Gelegenheit zu tieferen Einblicken 
die Entwicklung unseres geistigen Lebens im Laufe des letzten 
ahrhunderts. Unter den Politikern ist dem Chefredakteur des 
ester Lloyd, Max Falk (geb. 1825, gest. 1908), ein sehr ausführ- 
her Artikel gewidmet S. 307 — 318. Eduard von Wertheimer 
hildert den großen Einfluß und die bedeutenden Verdienste 
ieses Mannes mit fast überschwenglichen Worten. „Mancher 
hef der jeweiligen ungarischen Regierung zitterte für seine 
tellung, wenn Falk ihn in einem geharnischten Artikel angriff, 
seiner Redaktion ging es oft wie in einem Ministerrate zu. 
ie Hintertür seines Zimmers war eigentlich das Hauptportal, 
urch das die ersten Männer Ungarns ein- und ausgingen, um 
n wichtigen Konferenzen im Salon neben seinem Bureautisch 
ilzunehmen." 

Ein breiter Raum wird Bebeis Andenken gewidmet, S. 215 
is 229, und der Zufall fügt es, daß seine Biographie zwischen 
ei der bedeutendsten Staatsmänner der Neuzeit gesetzt ward, 
ischen die österreichischen Minister Unger und Aehrenthal. 
ebel begann seine politische Tätigkeit als ein maßvoller Re- 
former, bekämpfte 1863 das allgemeine Wahlrecht, weil die Ar- 
beiter dafür noch nicht reif seien und im Sommer 1865 sammelte 
er noch mit und bei den Nationalliberalen Geld „zur Bekämpfung 
des Lassalleanismus**. Bebel wurde dann durch Marx' Schriften 
um Sozialisten, aber wer Marx „Kapital" gelesen hat, der wird 
verstehen, daß Bebel durch dies Werk mehr erregt und an- 
geregt als geklärt werden konnte, denn in diesem Werk ringt 
Marx selbst noch sehr mit Tatsachen und Vorurteilen. Unter 
em Einfluß dieser mit Hegeischen Schlagworten arbeitenden 
tarken Persönlichkeit hat Bebel dann im Strome des Lebens 
sein System gewonnen und im Kampf um die Grundgedanken 
und die ihm vom Leben und der Lebensnot der Arbeiter aufge- 



296 Literaturbericht. 

drängten Ansichten hat er dann die Probleme mit seiner Begeiste- 
rung und seinen reichen Gaben zu lösen versucht. Das Nürn- 
berger Programm von 1868 mit dem Satz: „Die soziale Frage ist 
. . . untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese be- 
dingt und nur möglich im demokratischen Staate", ist das Pro- 
gramm seines weiteren kampferfüllten Lebens geblieben, *obschon 
es gerade die Monarchie war, und zwar das deutsche Königtum, 
das die soziale Reform in großem Stile in Angriff nahm, während 
die demokratischen Republiken Frankreich, England und Nord- 
amerika darin weit zurückblieben. Die Ansichten Bebeis, sowie 
die begeisterte und begeisternde Rede des ganz nach Propheten- 
art wirkenden Mannes ist in dem Artikel votrefflich geschildert, 
in dessen Wesen sich „Revolutionär und Reformer ... in ganz 
eigenartiger wenn auch nicht in widerspruchsloser Weise ver- 
banden". Bebel erwartete einen Weltkrieg, dessen Elend die 
Massen zu der Frage nötigen werde: ,,für wen und für was 
denn das alles?" Dann komme der Untergang des Kapitalismus. 
Wenn er heute lebte und die Rote Garde wüten sähe, würde ihm 
vielleicht auch die Frage kommen, ob sich eine neue Ordnung 
auf die aufgelösten Massen des allgemeinen Stimmrechts und des 
von aller Zucht befreiten Egoismus werde gründen lassen. Der 
Artikel ist von P. Kampffmeyer mit vortrefflicher Kenntnis und 
ruhigem UrteU geschrieben. 

Voll Begeisterung für seinen Helden hat Egon Zweig den 
Artikel über Joseph Unger, den großen Juristen und so klugen 
wie hingebend wirkenden und tapfer für seine Überzeugung 
kämpfenden Politiker, geschrieben, S. 187 — 215, und doch hat 
man den Eindruck, daß dem bedeutenden Manne nur die Ehre 
gegeben wird, die ihm gebührt. Unger war 1828 in kleinen Ver- 
hältnissen geboren, aber sein Tod 1913 war ein Ereignis, das die 
kräftigsten Persönlichkeiten des österreichischen Staatswesens 
tief bewegte. Als Gelehrten preist man ihn als den Bahnbrecher 
für die neuen Wege, auf denen Österreich sein Rechtsleben von 
alten Fesseln befreite, und als Politiker kämpfte er um das hohe 
Ziel: „Österreichs Völker zu einem von den Ideen des Rechts 
und der Freiheit getragenen Staate zu einigen", wie es Unger 
in einer von ihm entworfenen Thronrede aussprach. Sein Kämpfen 
war vergebens, 1879 schied er aus dem Ministerium mit den 
bitteren Worten: „Das hätte eine Regierung nicht verdient. 



Allgemeines. 297 

die aus Männern bestand, welche sich nicht ans Portefeuille 
kiammern, sondern sehnsüchtig jenen Augenblick erwarten, wo 
sie von ihren schwierigen Posten endlich abgelöst werden, die sie 
in der Tat nur mit Selbstaufopferung noch inne haben." Wie 
haben sich seitdem die Zeiten gewandelt und Österreichs Nöte 
erhöht! Ein Programm, wie es Unger vorschwebte, wird jetzt 
kein Minister Österreichs mehr aufstellen können: Aber um so 
notweridiger ist es, sich die Kämpfe jener Tage und das Wirken 
solcher Männer in das Gedächtnis zurückzurufen. 

Von Graf Alois Aehrenthal sagt sein Biograph Molden (S. 230 
bis 243), er habe als österreichisch-ungarischer Minister vom 
24. Oktober 1906 bis zu seinem Tode, 17. Februar 1913, „zum 
ersten Male nach einer durch zerrüttende innere Kämpfe ange- 
füllten Pause die Monarchie wieder als selbständig handelnde 
Person in die Geschichte Europas eingeführt. Seine wichtigste 
Tat war die Annexion Bosniens und der Herzegowina, und auch 
die Gegner mußten anerkennen, daß er durch seine tapfere Durch- 
führung des viel bestrittenen Planes „das Selbstvertrauen (des 
Staates) weckte und stärkte, und die Zuversicht, die ihn erfüllte, 
auf viele Hunderttausende, die sie schon verloren hatten, über- 
trug". 

Von den übrigen Artikeln hebe ich noch den von Merkle 
verfaßten über den gelehrten und auf vielen Gebieten erfolgreich 
wirksamen Dominikaner Heinrich Denifle hervor, sodann die 
liebevolle Charakteristik des zuletzt auf den theologischen Kampf- 
platz tretenden Juristen Friedrich Thudichum von Professor 
Hartmann, 0. Redlichs reichen Artikel über Erzherzog Rainer 
von Österreich, den sorgsamen Kurator der Akademie der Wissen- 
schaften in Wien, und verweile noch bei den zu früh aus reicher 
Forscherarbeit Abberufenen, dem Theologen Kolde und dem 
Literarhistoriker Erich Schmidt. Kolde, geb. 1850, gest. 1913, 
stammte aus einer schlesischen Theologenfamilie und mußte sich 
schwer die wissenschaftliche Muße erkämpfen, um die Forschungen 
über Luther und die Reformationszeit durchzuführen, die den 
Mittelpunkt seiner Lebensarbeit bildeten. Die Universität Er- 
langen, an der Kolde von 1880 bis zu seinem Tode wirkte, hat in 
Kolde einen für alle Seiten des Universitätslebens eifrig bemühten 
und mit lebendiger Kraft wirkenden Lehrer gehabt. Gegen die 
mannigfaltigen Versuche katholischer Schriftsteller, von Majunke 



298 Literaturbericht. 

bis Denifie, Luthers Bild zu beschmutzen und sein Wirken zu 
verkleinern, war Kolde stets rüstig auf dem Kampfplatz. Von 
Erich Schmidt (geb. 1853, gest. 1913) entwirft sein begeisterter 
Schüler A. v. Weilen ein die Entwicklung des Menschen und des 
Gelehrten mit gründlicher Kenntnis gezeichnetes Bild. Führt 
aber auch die Liebe die Feder, so ist er doch ein zu getreuer Schüler 
des Verehrten, um nicht die Kritik zu üben an den Werken des 
Lehrers. Er ist sich dessen bewußt, daß er sonst gegen die ganze 
Anschauung Schmidts verstoßen würde. Schmidts Laufbahn 
ging im Fluge von Erfolg zu Erfolg, aber wie er über David Strauß, 
über Gervinus, über Haym und viele andere doch teilweise recht 
einseitige Urteile fällte, so wird schon jetzt seine Art zu urteilen 
von manchem guten Kenner verurteilt werden. Vor allem wird 
auch die philosophische Grundlage seines Urteils über Wesen und 
Bedeutung der literarischen Entwicklung eines Volkes heute von 
vielen bemängelt werden, wenn sie sich auch von dem dürftigen 
MateriaHsmus der in seines Lehrers Wilhelm Scherer Zeit herr- 
schenden Weltanschauung zu befreien begann. 

Breslau. G. Kaufmann. 

Karl Lampredit, Rektoratserinnerungen. Herausgegeben von 
Dr. Arthur Köhler. Gotha, Fr. Andr. Perthes, A.-G. 1917. 

Die Betrachtungen beginnen mit einer Schilderung der 
äußeren Vorgänge, die Lamprechts Rektoratsjahr einleiteten, 
und einiger Repräsentationsreisen nach Christiania und St. An- 
drews. Aber sie erheben sich sehr bald zu grundsätzlichen Er- 
örterungen von allgemeinen Hochschulfragen, die über den Rahmen 
von nur persönlichen Erinnerungen weit hinausgreifen. Der viel- 
seitig angeregte, nach organisatorischem Wirken verlangende 
Mann hatte Pläne aller Art in der Stille vorbereitet. „Ich trug", 
so bekennt er selbst, „in mir all die Sehnsucht, praktisch zu 
handeln, die den bis dahin theoretisch tätigen Mann der fünfziger 
Jahre kennzeichnen mag, und ich wußte mich im Anfang einer 
Amtstätigkeit, die mir nach so vielen Seiten freie Bewegung zu 
sichern schien." Ihm erschien das gesamte innere und äußere 
Leben der Universität hinter der Entwicklung Deutschlands 
zurückgeblieben, ihr geistiger Horizont zu eng geworden, ihre 
Organisation (namentlich bei den Geisteswissenschaften) durch 



Allgemeines. 299 

den arbeitsteiligen Betrieb, in dem keine Einheit oder Synthese 
mehr zu gewahren ist, bedroht. Diese Kritik hatte ihn schon 
lange zu bestimmten positiven Vorschlägen geführt, die er alsbald 
in Wirklichkeit umzusetzen unternahm; denn er faßte sein Amt 
nicht nur als einen Repräsentations- oder Verwaltungsposten auf, 
sondern hatte, wie er schreibt, „die entschiedene Absicht zu 
regieren". Er versuchte — nach seiner Darstellung — , den 
internationalen und universellen Zug durch Ausdehnung der 
zunächst für Berlin begründeten Einrichtung der Austausch- 
professur auf Leipzig zu stärken. Er schuf eine akademische 
Auskunftsstelle, er suchte die aus der übergroßen Frequenz sich 
ergebenden Universitätsnöte durch weitausholende Erwägungen, 
die sich bis zu der durchdachten Idee einer Universitätsstadt 
nach amerikanischem Muster erhoben, zu beheben; durch ihn 
erhielt die von ihm aufmerksam verfolgte Umbildung des studenti- 
schen Lebens in Leipzig eine neue Regelung. Das Wichtigste 
aber, was er anstrebte, war eine grundlegende Reform des inneren 
Betriebes der Universitäten. Allen Vertretern der Wissenschaft 
an den Universitäten, namentlich auch den jüngeren, volle Freiheit 
ihres Schaffens zu gewährleisten, um sich uneingezwängt von 
allen wissenschaftlichen Lebensgewohnheiten der absterbenden 
Generation den großen Aufgaben der Gegenwart zu widmen, 
und Mittel zu finden, um die Kluft zwischen dem praktischen 
und dem theoretischen Ideal der Universität, zwischen der 
Universität als Lehrstätte und als Forschungsstätte, auszufüllen 
und damit zugleich auch den Forderungen der Nichtordinarien- 
bewegung entgegenzukommen: so umschreibt Lamprecht das 
Ziel, das ihn bei seinen Bemühungen einer methodischen Fort- 
bildung der Institute im Sinne von Forschungsinstituten in Ver- 
bindung mit e'ner Staffelung der Übungen an ihnen geleitet habe. 
Offenbar schwebte ihm eine Erweiterung dessen vor, was er in 
seinem kultur- und universalgeschichtlichen Institut sich geschaffen 
hatte. Freilich ist das von ihm erstrebte einheitliche alle ge- 
schichtlichen Wissenschaften umfassende Institut nicht zustande 
gekommen. Zwar verstand Lamprecht, beträchtliche Geldmittel 
für diesen Zweck flüssig zu machen; aber die Idee des einen In- 
stitutes teilte sich in die zahlreicher selbständiger Institute und 
auch diese schrumpften schließlich auf die Berechtigung der 
Seminardirektoren zusammen, die zugleich als Leiter der ein- 



300 Literaturbericht. 

zelnen Foschungsinstitute figurieren, eine gewisse Quote der 
jährlich verfügbaren Mittel zur freien Unterstützung wissenschaft- 
licher Forschungen zu verwenden. 

NatürHch ist das Büchlein, das nicht nur Erinnerungen, 
sondern auch Zukunftsforderungen gibt, im einzelnen wie im 
ganzen stark subjektiv. Bei der Erwähnung von persönlichen 
Angelegenheiten hat der Herausgeber sogar eine „schonendere" 
Fassung gewählt. Das tatsächlich Berichtete dürfte gewiß der 
Ergänzung, vielleicht auch der Berichtigung durch andere Quellen 
bedürftig sein. So hat z. B. der Herausgeber eine eingehendere 
Schilderung der schweren Krisen, die das Projekt der Forschungs- 
institute durchzumachen hatte, im Druck weggelassen, da sie 
,,sich für die Veröffentlichung nicht eignet". Gleichwohl ist die 
kleine Schrift ein interessanter Beitrag zur deutschen Universitäts- 
geschichte und auch zur Würdigung von Lamprechts Persönlich- 
keit und Wirken. 

Halle a. d. Saale. Frischeisen- Köhler. 

Die Abkürzungen in den Kölner Handschriften der Karolingerzeit, 
von Hans Foerster. Inauguraldissertation zur Erlangung der 
Doktorwürde, genehmigt von der Philosophischen Fakultät 
der Friedrich -Wilhelms -Universität zu Bonn. Tübingen, 
Druck von H. Laupp jr. 1916. VIII u. 119 S. 

Die Untersuchungen, welche Ludwig Traube dem Kürzungs- 
wesen der ältesten lateinischen Buchschriften und im besonderen 
den Nomina sacra widmete, sind nach seinem Tode von eng- 
lischer, italienischer und schweizerischer Seite weitergeführt 
worden. Dabei war es namentlich W. M. Lindsay, Professor an 
der schottischen Universität St. Andrews, der seit 1908 in den 
Veröffentlichungen seiner Hochschule, in den Melanges offerts 
ä M. E. Chatelain, in der Revue des bibliotheques und in dem 
Zentralblatt für Bibliothekswesen die Entwicklung des Kürzungs- 
wesens an verschiedenen Schreibstellen des Festlandes und der 
britischen Inseln zunächst einzeln verfolgt und schließHch in 
einem eigenen Werke, Notae Latinae (Cambridge 1915), seine 
einschlägigen Beobachtungen und Ansichten zusammengefaßt hat. 
Auch Foersters Arbeit, die unter beratender Anteilnahme von 
W. Levison zustande kam, verdankt einer von Lindsay beein- 
flußten Anregung Aloys Schultes ihren Ursprung. 



Mittelalter. 301 

Die Erhaltung von 19 sicher beglaubigten Kölner Hand- 
schriften des 9. Jahrhunderts in der dortigen Dombibliothek 
schuf eine günstige Grundlage, von welcher der Verfasser mit 
großem Fleiß Gebrauch machte. Seine Mitteilungen über die in 
diesem Bestand angetroffenen Kürzungen gehen sehr ins Ein- 
zelne, sie beziehen sich z. B. bei dem Zahlwort secundus und 
seinen Nebenformen oder bei dem kleinen Wörtchen que (quae) 
jedesmal auf mehr als 30 verschiedene Kürzungsarten; und 
vielfach ist nicht bloß die Handschrift, in der diese oder jene 
Form vorkommt, angegeben, sondern auch die Fundstelle genauer 
durch die Blattzahl bezeichnet worden. Als Hauptziel dieser 
großen Sammelarbeit scheint dem Verfasser die Beurteilung des 
„insularen" Einflusses auf die Kölner Schreibschule vorgeschwebt 
zu haben. Er konnte feststellen, daß es nicht so sehr angelsächsi- 
scher als irischer Einschlag ist, der sich in den Kölner Hand- 
schriften da und dort bemerkbar macht. Die andere Frage, 
ob diese Erscheinung durch die benutzten Vorlagen oder durch 
die Herkunft der betreffenden Schreibkräfte zu erklären sei, 
bleibt offen. Um in dieser Hinsicht weiter zu gelangen, bedürfte 
es wohl hauptsächlich genauer Scheidung der Hände und sonstigen 
Entstehungsverhältnisse des cöd. 83 H, die man bei F. um so 
mehr vermißt, als er in einem anderen Fall, bei dem unter Erz- 
bischof Hildebald geschriebenen Psalmenkommentar Augustins, 
die Kürzungen aufs genaueste getrennt nach den zehn hieran 
beteiligten Schreiberinnen verzeichnet hat. 

Gewisse Bedenken erweckt die Einteilung, nach welcher F. 
den gesammelten Stoff gliedert. Was er in der ersten Abteilung 
unter der Überschrift ,, Zeichen aus den tironischen Noten** 
einreiht, berührt sich zwar mit der römischen Kurzschrift, weicht 
aber doch zumeist von den in den Commentarii notarum Tironia- 
narum überlieferten Formen ab; wollte man deshalb an eine 
verlorene Gestalt dieses Lexikons denken, wie ja aus anderen 
Gründen Chatelain, Introdudion ä la ledure des notes Tironiennes 
S. 117, für Bobbio ein besonderes System der tironischen Schrift 
annahm (s. jetzt Mentz im Archiv f. Urkundenforschung 4, 10 ff.; 
6, 17), dann ergibt sich vielleicht auch für einige von F. anderswo 
eingereihte Kürzungen die Möglichkeit tironischer Herkunft; 
in der Tat ist kürzlich Schiaparelli im Archivio storico lialiano, 
1914, dafür eingetreten, einige der q- und p-Kürzungen der 

Historische Zeitschriff (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 20 



302 Literaturberichl. 

gewöhnlichen Schrift aus tironischer Quelle abzuleiten. Zu 
einem Mißverständnis könnte auch die Benennung der zweiten 
von F. aufgestellten Gruppe „aus den Notae iuris stammende 
Kürzungen" führen. Lindsay hat schon im Zentralblatt 29, 
56 ff. die mißbräuchliche Verwendung des Ausdrucks Notae iuris 
bekämpft und Steffens, der ihn früher angewandt hatte, ist bei 
Behandlung des St. Qaller Materials im Zentralblatt 30, 477ff. 
mit Recht davon abgegangen. Den Kölner Schreibern selbst 
will F. Beeinflussung durch die Rechtshandschriften oder durch 
eines jener sog. Verzeichnisse der Notae iuris allerdings nicht 
zumuten; aber auch in bezug auf ihre irischen Lehrmeister, von 
denen noch Traube im Neuen Archiv 26, 234ff. annahm, sie 
hätten ihre Kürzungsweise mit Hilfe irgendwelcher Verzeichnisse 
solcher Art erfunden, bestreitet Lindsay diese Auffassung; nicht 
eine bewußte Neuschöpfung sondern nur ein stärkerer, auch auf 
Reinschriften ausgedehnter Gebrauch des vordem schon in 
Glossen und nichtkalligraphischen Werken vorhandenen Kürzungs- 
verfahrens sei ihnen zuzuschreiben. Da F. in diesen Fragen, 
deren Lösung ein tiefes Eindringen in Überlieferungsart und Zu- 
sammensetzung jener Nö/ö^- Verzeichnisse und in die neue For- 
schung über die not. Tir. erforderte, nicht Stellung nimmt, so 
würde eine einfachere Einteilung des Stoffes in Wortkürzungen 
und Silbenkürzungen und besondere Erörterung der Nomina 
Sacra, sowie der technischen und unregelmäßigen Kürzungen 
seinem Zweck besser entsprochen haben. 

Die Schwierigkeiten der richtigen Anordnung sind indes dem 
Verfasser, wie seine Einleitung zeigt, nicht ganz entgangen, und 
er hat ihnen durch die angehängte alphabetische Übersicht der 
besprochenen Kürzungen in dankenswerter Weise abzuhelfen 
gestrebt. Gerade dadurch und auch durch die sorgfältige Bezug- 
nahme auf vorangegangene Literatur ist seine Arbeit ein nütz- 
licher Behelf und Ausgangspunkt für weitere Studien über das 
Kürzungswesen geworden. Solche Untersuchungen liegen freilich 
weit ab von den großen Gegenwartsfragen, aber es ist zu begrüßen 
und zu wünschen, daß auch die deutsche Forschung an ihnen 
Anteil nimmt, und es ist ein denkwürdiges Zeugnis deutschen 
Geisteslebens, daß der Verfasser der hier gewürdigten Arbeit, 
die auf den Spuren jenes schottischen Gelehrten so ernstlich in 
die neuaufgeworfenen Fragen alter internationaler Kultur- 



MitteUlter. 303 

beziehungen eindringt, bei Versendung seiner Dissertation als 
deutscher Reserveoffizier an der Westfront stand. 

Graz. W, Erben. 

Die karolingische Klosterpolitik und der Niedergang des west- 
fränkischen Königtums. Laienäbte und Klosterinhaber. Von 
Karl Voigt. (Kirchenrechtliche Abhandlungen, herausg. von 

I Ulrich Stutz. 90 u. 91.) Stuttgart, F. Enke. 1917. XIV u. 
265 S. 
Pöschl (Bischofsgut und Mensa episcopalis 111) hatte bereits 
hervorgehoben, daß für die Erstarkung der Laienaristokratie der 
Übergang von Reichskirchen in den Besitz weltlicher Großer im 
9. Jahrhunderte eine bedeutende Rolle gespielt habe. Behandelte 
er vornehmlich die Mediatisierung von Bistümern, so will diese 
Arbeit zeigen, wie sich in dieser Hinsicht das Schicksal der Königs- 
klöster im westfränkisch-französischen Reiche gestaltet hat. 

Die Entwicklung hier geht ja der im ostfränkischen Reiche 
nicht nur voraus, sondern übertrifft sie auch an Ausmaß und poli- 
tischer Folgewirkung um ein Beträchtliches. Der Verfasser 
schildert das Verfahren der Karolinger bei der Besetzung und 
Verfügung über die königlichen Eigenklöster. Er meint (S. 60), 
auch während der Regierung Ludwigs d. Fr. könne man von 
einem wirklichen Überhandnehmen der Vergebung von Klöstern 
an weltliche Große nicht sprechen. Zu seiner Zeit hätten die 
Dinge im allgemeinen keinen für die kirchlichen Zustände wirk- 
lich bedrohlichen Charakter angenommen. Das sei erst unter 
Karl d. Kahlen dann eingetreten. 

Ich glaube nicht, daß diese Auffassung zutreffend ist. Ver- 
fasser stützt seine Anschauung hauptsächlich auf die Klagen der 
Synode zu Yütz (844) gegenüber den Söhnen Ludwigs, daß die 
Vergebung von Klöstern an Laien der Gewohnheit ,,patrum vestro- 
rum seu regum praecedentium" zuwiderlaufe. Ob dies so buch- 
stäblich zu nehmen und gerade auch auf Ludwig d. Fr. noch 
auszulegen ist? Verfasser muß selbst gestehen, diese günstige 
Schilderung des Zustandes in der früheren Zeit habe , »allerdings 
nicht ganz den wirklichen Verhältnissen entsprochen." (B. 62) 
Tatsächlich befürchtete man damals bereits in kirchlichen Krei- 
sen, daß die Laienaristokratie eine allgemeine Säkularisierung des 
Kirchengutes beabsichtige, wie der von V. allerdings übersehene 

20* 



304 Literaturbericht. 

Bericht der Vita Walae (11,4) beweist. Ist als Beweggrund für die 
Einziehung von Klöstern und ihre Vergebung an Laien, wie der 
Verfasser selbst konstatiert (S. 78), die Notwendigkeit anzu- 
sehen, den politischen Anhang zu belohnen, dann ist von vorn- 
herein sehr wahrscheinlich, daß gerade in der letzten Zeit Lud- 
wigs d. Fr., als die Streitigkeiten mit dessen Söhnen das Reich 
zerrissen und in Parteiungen spalteten, auch dieser Vorgang 
immer mehr in Übung kam. Und zwar nicht nur pro praeterito, 
sondern auch pro futuro, d. h. um die politische und militärische 
Unterstützung der Großen zu gewinnen, die eigene Partei zu 
verstärken. Bald hatten die Großen selbst damit ein Zwangs- 
mittel zur Erfüllung ihrer Aspirationen gefunden: sie drohten 
mit offenem Abfall, wenn sie die gewünschten Klöster nicht 
erhielten (S. 88). 

Nach dem Tode Karls d. K. wurde mit den Thronstreitig- 
keiten und dem Verfall der königlichen Macht die Zwangslage 
des Königs noch ärger (S. 105 f. u. 108 sowie 136). 

Im zweiten Teile seiner Untersuchung behandelt V. die 
Formen, in denen die westfränkische Laienaristokratie Königs- 
klöster besaß (S. 161 ff.). Er unterscheidet wesentlich zwei Arten: 
die Großen waren entweder Laienäbte oder aber Inhaber der 
Klöster, denen der Abt unterstand. Bei letzterer Form macht 
V. einen scharfen Unterschied zwischen der Vergebung zu Benefiz 
und der Schenkung zu Eigen auf Lebenszeit. Jedoch ist es nicht 
zutreffend, aus den in Königsurkunden gelegentlich auftretenden 
Wendungen, daß eine Vergebung y,per nostram largitionent' 
erfolgt sei, auf einen Gegensatz zu der ,yper beneficium'' geschehenen 
Verleihung zu schließen. Denn der Ausdruck largiri oder largitio 
principis ist nicht selten gerade ein terminus technicus für die 
Vergebung von königlichen Gütern zu Benefiz. (Vgl. Waitz,. 
VG. II, 13, 310 n. 1 u. 2; 311 n. 2; 318 n. 2 u. 3; 319 n. 2; 
320 n. 3.) 

Daß Übertragungen zu Benefiz gleich auf mehrere Personen 
und Generationen „in früherer Zeit nicht vorgekommen" sind, 
ist eine recht unbestimmte Behauptung. Was ist unter dieser 
„früheren Zeit" zu verstehen? Sollte eine im Vorworte (S. IX) 
gemachte Bemerkung, daß die Inhaberschaft des Klosterbesitzes 
um die Mitte des 10. Jahrhunderts an Ausbreitung gewann, vom 
Verfasser im Sinne jenes Gegensatzes gemeint sein, dann wäre 



Mittelalter. 305 

die „frühere Zeit" chronologisch entschieden zu weit gefaßt. 
Denn solche Benefizien kamen sicher auch im 9. Jahrhundert 
schon vor. 

Den Hauptwert des Buches erblicke ich in den fleißigen 
Zusammenstellungen von Quellenbelegen für die einzelnen 
Klöster, aus welchen sich nicht nur die gewaltige Bereicherung 
der Laienaristokratie am Kirchengute im westfränkischen Reiche 
sinnfällig ergibt, sondern zugleich- auch erklärt, weshalb gerade 
dort am Ausgang des 10. Jahrhunderts auf kirchlicher Seite der 
Ruf nach Reformen (Clugny!) so lebhaft rege wurde. 

Wien. A. Dopsch. 

Individuelle Persönlichkeitsschilderung in den deutschen Ge- 
schichtswerken des 10. und 11. Jahrhunderts. Von Rudolf 
Teuffei. (Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters. 

Bund der Renaissance. Herausgegeben von Walter Goetz. 
Heft 12.) Leipzig und Berlin, B. G. Teubner. 1914. 124 S. 
Der Verfasser will „die historischen Quellen des 10. und 
"11. Jahrhunderts auf ihren Gehalt an wirkHcher Persönlichkeits- 
schilderung durcharbeiten". Die Hauptfrage, die er sich stellt, 
ist: „Wieweit sind die deutschen Geschichtschreiber jenes Zeit- 
alters fähig gewesen, eine bestimmte Persönlichkeit in ihrer 
Eigenart aufzufassen und darzustellen?" Um diese Frage zu 
beantworten, will er alle Stellen, die nach seiner Meinung indivi- 
duelle Schilderung geben, „wenn auch nicht in absoluter, so doch 
in hinreichender Vollständigkeit" sammeln, dabei aber die eigent- 
lichen Heiligenlegenden ausschließen. Er teilt seinen Stoff in 
die drei großen Gruppen der Annalen (S. 6 — 31), der Bistums- 
und Klostergeschichten (S. 32—63) und der Viten (S. 64—123). Die 
Bezeichnung „Annalen" für die erste Gruppe, in der als „rein 
annalistische" Werke Hermann von Reichenau, Berthold, Bernold 
und Thietmar und als Werke „mehr biographischen Charakters" 
Widukind, Wipo und Lampert auftreten, ist wenig zutreffend, 
und die Anordnung (Thietmar nach Hermann, Berthold und 
Bernold, und nach diesen 4 wieder auf den noch älteren Widu- 
kind und auf Wipo zurückgreifend), wie auch die Abgrenzung 
gegen die beiden anderen Gruppen befriedigt nicht. Auch in- 
halthch ist gegen diesen Teil am meisteP einzuwenden. In der 
zweiten Gruppe wird mit Recht der Schilderung Adalberts von 



306 Literaturbericht. 

Hamburg-Bremen durch Adam der größte Raum zugewiesen 
(S. 47—57). Der größte und wertvollste Teil, ziemlich die Hälfte 
der Schrift, behandelt die eigentlichen Viten, und zwar zunächst 
„die Vita nach ihrem formalen Charakter" (wobei an dem Beispiel 
der Vita Heinrici IV. der rhetorische Charakter der mittelalter- 
lichen Vita und ihr Zusammenhang mit der antiken laudatio 
dargelegt und im besonderen sehr hübsch auf Hieronymus epist. 39 
Ad Paulam super obitu Blaesillae filiae als Vorbild hingewiesen 
wird), sodann „Viten ohne persönüche Züge" und schließlich 
„Viten mit persönlicher Färbung" (wobei zu Ruotgers Vita 
Brunonis der wichtige Aufsatz von Bernheim in der Zeitschrift 
der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 33, Kanonist. Abt. 2 
hätte herangezogen werden sollen). Wenn vieles auch in den 
„persönlichen" Viten stark „typisch" klingt, so schließt er (S. 123), 
dann „beruht das sicherlich in vielen Fällen nicht auf Idealisie- 
rung entgegen der Wahrheit, sondern hat seinen Grund in einer 
starken Einwirkung des Ideals auf das wirkliche Wesen und 
Handeln der betreffenden Persönlichkeiten". „Je weniger die 
einzelne Vita persönliche Züge zu berichten weiß, desto mehr 
ist Mißtrauen gegenüber ihren ,typischen* Schilderungen am 
Platz; und je mehr sich persönliche Züge unter typisch klingenden 
finden, desto eher sind auch diese letzteren glaubwürdig." Die 
weitverbreitete Meinung, die besonders Lamprecht aufs schärfste 
formuliert hat, daß die ganze Geistesverfassung und insbesondere 
die Geschichtschreibung des deutschen Mittelalters „typisch" 
und dieses gar nicht imstande gewesen sei, Individualitäten zu 
verstehen, ist durchaus abzulehnen. „Die Kunst der psychologi- 
schen Zergliederung ist naturgemäß noch längst nicht so ausge- 
arbeitet wie heutigentags. Ansätze dazu, oft recht achtungswerte, 
finden sich aber nicht wenige." „Ein geistig einigermaßen be- 
gabter Mann" war „bei genügender Kenntnis der zu schildernden 
Persönlichkeit auch in unserer Periode schon recht wohl imstande, 
das Wesen dieser Persönlichkeit zu kennzeichnen. Gut be- 
obachtete Einzelzüge vollends vermissen wir fast nur in dem 
Fall, daß dem Verfasser das nötige Tatsachenmaterial nicht zu 
Gebote stand" (S. 124). Teuffei versucht vorurteilsfrei ein 
zuverlässiges Bild von dem tatsächlichen Befund zu geben und 
hat dieses Ziel trotz Yflanches Schülermäßigen in Fragestellung 
und Urteil im ganzen erreicht.. Von den Verirrungen einer 



I 



l 



Mittelalter. 307 



tsachenfremden Systematisierung oder einer zum Selbstzweck 
gewordenen Quellenkritik gleich weit entfernt, läßt er in an- 
sprechender Darstellung die beste Überlieferung so zu uns sprechen, 
wie sie vorliegt. Methodisch bedenkUch, aber ohne wesentlichen 
Einfluß auf das Ergebnis ist, um von Einzelheiten zu schweigen, 
daß moderne Schilderungen von Persönlichkeiten als Bestätigung 
für den individuellen Charakter solcher Quellenzeugnisse herange- 
zogen werden, auf denen sie selber in der Hauptsache beruhen. 
Wesentliche Gesichtspunkte sind jedoch gut und treffend hervor- 
gehoben. Gewiß ist es zum guten Teil Selbstverständliches, 
das darum aber nicht weniger einmal wieder gesagt werden mußte, 
und das hat Teuffei nicht selten gut getan. Seine Arbeit bildet 
eine recht erfreuliche Bereicherung unserer quellenkundlichen 
Literatur. 

Berlin. Adolf Hofmeister. 



Deutsch-russische Handelsverträge des Mittelalters. (Abhand- 
lungen des Hamburgischen Kolonialinstituts. Bd. 37.) Von 
Leopold Carl Goetz. Hamburg, Friederichsen. 1916. XV 
u. 394 S. 

Von der Geschichte der deutsch-russischen Handels- 
beziehungen, deren Gesamtverlauf bis zum Handelsvertrag von 
1904 der Verfasser zwar in kühnem Abriß (Berlin 1917) als 
Einheit aufgefaßt hat, ist das vorliegende Werk nicht mehr 
als die Vorarbeit zum ersten, mittelalterlichen Teil. Schmerz- 
lich (besonders bei der gegenwärtigen Unabsehbarkeit größerer 
Reihenpublikationen) empfindet der Leser oft die strenge 
thematische Beschränkung auf die staatsvertraghchen Rechts- 
quellen und ihre textkritische Bereinigung, zumal diese überall 
sichtlich auf einer vertieften Erforschung des gesamten, be- 
sonders deutschen Urkundenstoffs ruht. Es ist ein im höchsten 
Sinn entsagungsvoller Fleiß, der hier auch die Gelegenheiten 
zusammenfassender und vergleichender inhaltlicher Übersicht 
nicht anders als zur knappsten, alle Farben verschmähenden 
Zeichnung benutzt. Diesen Plan einmal vorausgesetzt, scheint 
das Verfahren der vielfachen wörtlichen Textwiedergabe, so 
daß die Darstellung vollends zum paragraphenweisen Kommentar 
wird, durchaus angemessen und hätte vielleicht sogar noch 



^8 Literaturbericht. 

ausgedehnt werden können, z. B. auf die wichtigsten späteren 
Verträge. 

Das Buch gliedert sich einfach in die beiden großen Gebiete 
des deutsch-russischen Handelsverkehrs, das Novgoroder und 
das des Dünalands. Für jenes lieferte die allgemeine deutsche 
und russische Literatur zur Geschichte der Hanse und Novgorods, 
für das zweite namentlich die Stadtgeschichte des beherrschenden 
Riga wertvolle Bausteine, darunter auch editorisch so bedeutende 
wie Schlüters 1914 abgeschlossene große Ausgabe der Nov- 
goroder Schra, Napiersky-Kuniks Russisch-Livländische Ur- 
kunden und Vladimirskij-Budanovs Chrestomatie. Aus Goetzens 
Ausgabe der altrussischen Kirchenrechtsdenkmäler und der 
Rußkaja Pavda ist bekannt, wie er solchen Stoff zu sammeln 
und zu durchdringen weiß. Auch hier leistet ihm dabei die 
Rechtsvergleichung mit den verwandten deutschen und russi- 
schen Quellenkreisen, aber ebenso mit einzelnen nur sachlich 
übereinstimmenden Verhältnissen des hansischen Handels- 
rechts, in erster Reihe dem allgemeinen Gästerecht, die besten 
Dienste. Hauptabschnitte wie der über das Abkommen zwischen 
Riga und Smolensk 1229, den wichtigsten deutsch-russischen 
Handelsvertrag des Mittelalters (S. 304), zeigen die Fruchtbar- 
keit der Methode sowohl für das äußere und innere Entstehungs- 
bild der Urkunden als für ihr materielles Verständnis (s. etwa 
das scharfsinnige Kriterium für die Trennung der Einzelbestim- 
mungen, S. 236 n. 3). Etwas äußerlich-chronologisch erscheint 
mir nur die Unterscheidung der zwei zeitlich aufeinander folgen- 
den Gruppen von Grund- und Sonderverträgen in beiden 
Handelsgebieten. Einmal ging ja den ersten bekannten Grund- 
verträgen von 1189 und 1229 nicht nur wie in Novgorod ver- 
mutlich ein durch Übung gefestigter gewohnheitsrechtlicher 
Zustand voraus (auch ich möchte dem mir staryj, S. 16, diesen 
Sinn geben), sondern daneben wie in Novgorod fallweise eine 
Mehrheit zum Teil ganz besonderer Verabredungen (§ 37). 
Sodann aber ist es doch auch in den späteren Jahrhunderten 
trotz allen Widerstrebens der Russen gegen die ihre Handels- 
entwicklung hemmenden längeren und grundsätzlichen Bindun- 
gen hier wie dort zu so epochalen Neuregelungen gekommen 
wie denen des Nieburfriedens von Novgorod 1392 und des Ko- 
pussavertrags zwischen Riga und Polock 1406. 



Mittelalter. 309 

Jede Einzelkritik an einer solchen kommentatorischen Lei- 
stung läuft Gefahr in Kleinigkeiten zu kramen oder vom Ver- 
fasser schon bedachte Einwände zu wiederholen. Auf diese 
Gefahr hin möchte ich mir nur die folgenden wenigen Bemer- 
kungen erlauben. Ob wirklich die „Brücke" (Brügge, pons) 
vor dem gotischen Gildehof in Novgorod keine , »eigentliche 
Brücke" (S. 160), sondern nur ein Holzpflaster war? Ihre 
Zerstörung durch die Russen und deren strafbares Stehen 
darauf (S. 126) würde wohl auf mehr schließen lassen, jeden- 
falls auf eine zugleich für die Absonderung von und Verbindung 
mit der Umgebung wichtige Vorkehrung. Es wäre auch an 
die „Deutsche Brücke" in Bergen und den Ortsnamen Brügge 
zu erinnern (vgl. Häpke, Brügge 11 n.). Die „Älterleute aus der 
St. Michaelstraße" in Novgorod (S. 182) sind jedenfalls die des 
einen von den fünf „Vierteln" der Stadt (S. 193 n. 1). Die 
bemerkenswerte Bestimmung der Einfuhrfreiheit in Nr. 28 
bis 30 des Smolensker Vertrags von 1229 (S. 282f.) bezeichnet 
gegenüber den Novgoroder Einfuhrzöllen die typische Haltung 
des Ausfuhr- (Sombart würde sagen „Boden-") Landes, das 
den Handelsverkehr hauptsächlich noch in umgekehrter Rich- 
tung besteuern kann wie die Stadt oder das entwickeltere 
Territorium, die gerne aus- und ungern einführen; bei der Gold- 
und Silbereinfuhr ist natürlich (S. 284) deutsche Einfuhr nach 
Smolensk ganz besonders willkommen. Das 1189 und 1268f. 
in Novgorod, 1229 in Smolensk vorkommende Los zwischen 
entgegenstehenden nationalen Zeugengruppen (S. 39ff., 142f., 
250) ist ein sehr merkwürdiger Fall des Losordals, der auch 
mit der Vierzahl an anderweitig bekannte deutsch-rechtliche 
und altrussische Eideshilfen und Zeugnisse anklingt (vgl. Brink- 
mann, Hist. Vjs. 18, 64 n. 75). 

Der Vorbehalt bezüglich der Fürstenbrüder in Nr. 24 des 
Smolensker Erneuerungsvertrags von 1250 (S. 319f.) betrifft 
wohl weder Handels- noch Besuchsreisen, sondern die gewöhn- 
liche Gastung der ambulierenden mittelalterlichen Hofhalte 
und gibt einen seltenen Einblick in das Verhältnis dieser Tat- 
sächlichkeit zum Fürstenfrieden. Von Druckfehlern in den 
russischen Texten sind mir nur zwei störende aufgefallen: 
S. 235, Z. 12 und 11 v. u., muß mit Azbych'm ein neuer Ab- 
satz, mit Togo kein neuer Satz anfangen; S. 308, Z. 2 v. u., 



310 Literaturbericht. '■ 

steht ddlzen statt dlzen. In einem der russischen Forschung 
so nahestehenden Werk wären wohl russische Titel besser in 
russischer Sprache angeführt worden. 

Berlin. C. Brinkmann. 



Korrespondenzen österreichischer Herrscher. Die Korrespondenz 
Maximilians II. 1. Bd. : Familienkorrespondenz 1564 Juli 26 
bis 1566 August 11. Herausgegeben von Viktor Bibl. (Ver- 
öffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte 
Österreichs.) Wien, Holzhausen. 1916. XXXIX u. 643 S. 

Die Kommission für neuere Geschichte Österreichs hat be- 
schlossen, die Korrespondenzen der österreichischen Herrscher 
herauszugeben und unter diesen wieder mit einer gesonderten 
Abteilung Familienkorrespondenzen den Anfang gemacht. Man 
begreift diesen Entschluß. Die Politik der Habsburger war mit 
Ausnahme der großen Herrscher des 18. Jahrhunderts weit mehr 
eine dynastische als eine staatHche. Die Habsburger sind darin 
den anderen deutschen Dynastien sicherlich über gewesen. Daher 
haben sie es wohl verstanden eine Hausmacht, aber keinen 
Staat zusammenzuzimmern. Allerdings hat die ihnen zugefallene 
Aufgabe an Schwierigkeiten die in den anderen Territorien vor- 
handenen Probleme unvergleichbar überwogen und ist vielleicht 
überhaupt zuletzt unlösbar gewesen. Dieses dynastische Interesse 
hat auch lange die Forschung beherrscht, bis mit dem eingehen- 
deren Betrieb der österreichischen Reichsgeschichte die politische 
Anschauung in den Vordergrund getreten ist. Noch ein Beweg- 
grund war für die Kommission maßgebend. Sie begann mit der 
Ausgabe der Korrespondenzen Ferdinands I. Nun ist der Erz- 
herzog besonders in seinen Anfängen in der Tat nicht viel mehr 
als das Werkzeug Karls V. gewesen. Der Briefwechsel mit dem 
Kaiser, mit Ferdinands Tante Margarete und dann mit der 
Schwester Marie als Königin von Ungarn und in der Folge als 
Statthalterin der Niederlande ist nicht nur an Zahl der gewech- 
selten Briefe sehr ausgedehnt, er stellt auch in einem Ausschnitt 
die Wechselbeziehungen der kaiserlichen spanisch-niederländischen 
PoHtik mit der österreichischen Ferdinands und dessen Verhältnis 
zu Ungarn dar. Hier lagen zwei wohlgeschlossene Gruppen vor. 
Das alles trifft für Maximilian II. nicht zu. Der Umkreis seiner 



1 



16; Jahrhundert. 311 

Familie ist dank seiner drei Brüder und der zahlreichen Schwäger 
und Schwiegersöhne ein großer geworden. Aber eine regere Kor- 
respondenz entspann sich nur mit des Kaisers Brüdern und Her- 
zog Albrecht von Bayern. Wohl hat auch König Philipp von 
Spanien die gemeinsamen Interessen betont und den Kaiser für 
seine besonderen Ziele einspannen wollen. Aber vertraut waren 
die beiden nicht miteinander, ja Philipp hat nicht selten in seiner 
Art ein doppeltes Spiel auch mit Maximilian gespielt und des 
Kaisers Absichten und Interessen durchkreuzt. Zudem war 
dieser Briefwechsel kein reger. Ebensowenig der mit dem König 
von Polen, der sich im wesentlichen um die Eheirrungen des 
Königs mit Maximilians Schwester dreht. Die Briefe aber der 
italienischen Schwäger und Schwiegersöhne bestehen zum guten 
Teil aus schönen Phrasen, und Ferdinands Briefe an sie sind 
Pumpversuche, wie sie auch bei andern Fürsten und Städten 
gemacht wurden, von denen man nicht versteht, warum sie 
fehlen, bloß aus dem Grunde, weil die Empfänger mit dem Kaiser 
nicht verwandt oder verschwägert waren. So ist die Auswahl 
unter dem Gesichtspunkt der Verwandtschaft eine willkürliche 
und zufällige. Wie bereits der Herausgeber der Familienkorre- 
spondenz Ferdinands I. bemerkt hat, sind es selten vertrauliche 
Briefe, die zum Abdruck gelangen. Das gilt auch für diesen Band. 
Die Briefe zerfallen in zwei Gruppen: die meist eigenhändigen 
Handbriefe und die Kanzleibriefe, die sich schon durch die offi- 
ziellen Titulaturen als solche kennzeichnen. Jene sind in der 
Minderheit, diese weitaus in der Mehrheit. Oft wird berichtet, 
daß die Konzepte im geheimen Rate zustande gekommen sind. 
So manche stammen aus dem Hofkriegsrat oder anderen Be- 
hörden. Auch diese Kanzleibriefe sind Bestandteile der Korre- 
spondenz des Herrschers, denn diese ist damals noch sehr aus- 
gebreitet. Es ist nämlich üblich, daß z. B. die Gesandten oder 
Behörden ihre Berichte an den Herrscher senden und dieser wieder 
in seinem Namen Weisungen ergehen läßt. Aber einen persön- 
lichen Anteil hat der Herrscher daran nur insoweit, als er das 
Konzept biUigt oder ändern läßt und die Reinschrift unterschreibt. 
Die Handbriefe sind vertraulich und als eigene Meinungsäußerung 
des Herrschers zu betrachten. Dahin gehören die meisten Stücke 
des Briefwechsels mit Herzog Albrecht von Bayern, besonc'ers 
die so interessanten, allerdings schon gedruckten Nr. 470, 474, 



312 Literaturbericht. 1^ 

484 über die Haltung des Kaisers gegen die protestantischen 
Reichsstände. Bei den Kanzleibriefen fehlt jeder innere Grund, 
sie von der übrigen politischen Korrespondenz abzusondern, 
bloß weil sie an Verwandte gerichtet sind, oder davon einlaufen. 
Als roter Faden durchzieht den vorliegenden Band der drohende 
Türkenkrieg, für dessen Entstehung und Vorbereitung sehr wert- 
volles Material vorgelegt wird. Aber es kann nicht verschwiegen 
werden, daß die in den Anmerkungen hier und anderwärts mit- 
geteilten Auszüge aus den Gesandtenberichten und Briefen und 
Gutachten des Lazarus Schwendi und anderer an Interesse die 
langatmigen Paraphrasen des Kaisers und die Ratschläge seiner 
Brüder weit überragen. NatürHch ist dies nicht Schuld des Her- 
ausgebers, der sich an ein festes Programm zu halten hatte. Wir 
hoffen, daß die Kommission die Familienkorrespondenz mit 
Maximilian II. abschließen wird, dafür wünschen wir eine poli- 
tische Korrespondenz zu erhalten, die uns überall die ursprüng- 
lichsten Quellen, soweit sie von Bedeutung sind, in stark zusammen- 
gedrängter Form bietet. Daneben könnten vertrauliche Brief- 
wechsel sehr wohl zur Ausgabe gelangen. Aber dann geschlossen 
und nicht zerrissen. Briefwechsel sind nicht streng chronologisch 
aufgelöst ineinander zu schachteln, sie sind weder ein Regesten- 
werk, noch ein Urkundenbuch. Vielleicht wäre es rationeller 
gewesen, die so wichtigen Protokolle des geheimen Rates zur 
Grundlage zu nehmen, und um sie die Korrespondenzen zu 
gruppieren. 

In einem Punkte sind wir dem Herausgeber sehr zu Dank 
verpflichtet, er hat die meisten der unzähligen Empfehlungs- 
schreiben weggelassen und auch sonst stark gekürzt. Nur hätte 
er noch weiter gehen können. In leicht zugänglichen Samm- 
lungen Gedrucktes nochmals abzudrucken, ist Raumverschwen- 
dung. Mag der Wiederabdruck des Briefwechsels mit Herzog 
Albrecht von Bayern noch angehen, da der Druck bei Freiberg 
sehr fehlerhaft ist, so ist er kaum gerechtfertigt bei den von 
Weiß, Papiers d'Etat aus der Korrespondenz Granvella mit- 
geteilten Stücken. Hier würden Kollationen, wie dies Susta in 
seiner Ausgabe: Die römische Kurie und das Konzil von Trient 
gemacht hat, vollständig genügen. Auch sonst fehlt es nicht an 
Wiederholungen. Das Kanzleischreiben Nr. 173 z. B. setzt auf 
fast vier Druckseiten auseinander, was in Handbrief Nr. 175 



i 



18. Jahrhundert. 313 

auf etwas mehr wie einer halben Seite gesagt wird. Manches 
auch ist recht unbedeutend wie Nr. 35. 

Neben dem Türkenkrieg und den polnischen Ehewirren sind 
es die Heiratspläne Maximilians mit England und Frankreich, 
diese nicht ohne politische Bedeutung wegen der Absicht, die 
Bistümer Metz, Toul und Verdun zurückzugewinnen und Frank- 
reich vom Bündnis mit der Pforte abzuziehen, die Teilung der 
väterlichen Erbschaft, die Grumbachschen Händel und andere 
Wirrungen im Reiche, die Bewegung in den Niederlanden, die 
Streitigkeiten wegen Finale, die Papstwahl, das Verhältnis zu 
Venedig, das den Antrag stellte, Triest und Görz zu kaufen usw., 
die in unseren Briefen einen Niederschlag gefunden haben. 

Schließlich sei der Sorgfalt des Herausgebers alle Anerken- 
nung gezollt. Ein reiches Aktenmaterial ist in den Bemerkungen 
verarbeitet, die den einzelnen Stücken beigefügt sind. Es ist 
schon erwähnt worden, daß zum Teil der Hauptwert der Aus- 
gabe hierin gesucht werden muß. Und so schließen wir mit 
Dank für den Herausgeber und sehen mit Erwartung dem kom- 
menden Bande entgegen, für den der Herausgeber auch den Ab- 
druck des Tagebuches des Kaisers von seinem ungarischen Kriegs- 
zuge in Aussicht stellt. 

Wien. H. v. Voltelini. 

Dr. Johann Wilhelm von Archenholtz. Ein deutscher Schrift- 
steller zur Zeit der französischen Revolution und Napo- 
leons (1741— 1812). Von Friedrich Ruof. (Historische Studien, 
Heft 131.) Berlin, Emil Ehering. 1915. XVII u. 149 S. 

Archenholtz ist noch heute vor allem als Verfasser der Ge- 
schichte des Siebenjährigen Kriegs bekannt und gelesen. Viele 
von uns werden in ihrer Jugend aus diesem Buche in der Aus- 
gabe von Potthast ihre erste Kenntnis von jenem großen Kampfe 
und vom Großen König gewonnen haben. Ruof beschäftigt 
sich allerdings wie mit den meisten anderen Schriften Archenholtz' 
so auch mit diesem Werke nur nebenher, ohne auf die Quellen 
und den Wert der Darstellung kritisch einzugehen. Den wenig 
bekannten und zum Teil umstrittenen und unsicheren Lebens- 
verhältnissen Archenholtz' und seinen weitverzweigten persön- 
lichen Beziehungen, zum Teil zu bedeutenden Männern im literari- 
schen Leben jener Tage ist R. unter sorgfältiger Ausnutzung 



314 Litcraturbericht. 

von Archenholtz' Schriften, seiner erhaltenen Papiere und einer 
recht umfassenden Heranziehung meist gedruckter Literatur 
umsichtig nachgegangen. In der Hauptsache behandelt R. 
— seinem Plan gemäß — die schriftstellerische, speziell die 
politisch7publizistische Tätigkeit von Archenholtz. Dabei steht 
natürlich die „Minerva" in erster Linie. Denn auf die Darstel- 
lung der politischen Ansichten Archenholtz' seit dem Ausbruch 
der Revolution wollte R. das Hauptgewicht legen. Und die Schilde- 
rung von Archenholtz' Stellungnahme zu den großen Weltbegeben- 
heiten in ihrer Wandlung und Entwicklung ist ihm im großen und 
ganzen wohl gelungen. Auch in kritischen Einzelfragen zeigt 
sich ein verständiges Urteil. Erfreulich ist, daß R. sich der Grenze 
von Archenholtz' Bedeutung überall bewußt bleibt und von jeder 
übertriebenen biographischen Verherrlichung seiner Leistungen 
fernhält. Wenig befriedigend ist nur, schon in seiner Kürze, der 
zweite Abschnitt, der zwar eine Zusammenstellung von Archen- 
holtz' Werken gibt, aber nicht den Anspruch auf ihre Würdigung 
erheben kann. In dem reichen Literaturverzeichnis fällt auf, 
daß einige Bücher in älteren Auflagen benutzt sind, u. a. Goedeke. 
Es fehlt die Arbeit von Stroh (Hist. Studien 121), Das Verhältnis 
zwischen Frankreich und England in den Jahren 1801 — 1803 
im Urteil der pohtischen Literatur Deutschlands, das dem Ver- 
fasser vielleicht noch nicht vorgelegen hatte. Auch wäre wohl 
zu erwähnen gewesen, daß Clausewitz drei „Historische Briefe 
über die großen Kriegsereignisse 1806" in den Jahrgang 1807 
der Minerva geschrieben hat, s. Linnebach, Karl und Marie von 
Clausewitz 1916, S. 90, und Schwartz, Das Leben des Generals 
V. Clausewitz II, 461 ff. 

Tübingen. K. Jacob. 

Niederdeutsches Schulwesen zur Zeit der französisch-westfäli- 
schen Herrschaft 1803 — 1813. Von Karl Knoke. {Monu- 
menta Germaniae Paedagogica, Bd. LIV.) Berlin, Weid- 
mannsche Buchhandlung. 1915. 431 S. UM. 

Der erste Teil dieser aus archivalischen Quellen schöpfenden 
Arbeit beschäftigt sich mit den Universitäten des Königreichs 
Westfalen, vor allem mit Göttingen, daneben mit Halle, Mar- 
burg, Helmstedt, Rinteln; der zweite gilt dem Schulwesen aller 
Zweige und der Lehrerbildung. Der Verfasser kommt zu dem 



19. Jahrhundert. 315 

Ergebnis, daß diese Zeit, in der das Schulwesen der okkupierten 
westfälischen Landesteile erst unter der Generaldirektion von 
Johannes v. Müller, dann unter der des Barons v. Leist stand, 
erheblich günstiger beurteilt werden müsse, als es bisher ge- 
schehen ist. 

Die Georgia Augusta steht im Vordergrund. Ihre Einschrän- 
kung durch die konzentrierte napoleonische Staatsidee wird auf 
den einzelnen Gebieten verfolgt: Verlust des Steuerprivilegs, 
Einengung der akademischen Gerichtsbarkeit, Verbot der ge- 
heimen „Orden" und Landsmannschaften (hierbei eine Ver- 
ständigung einzelner Regierungen, die als ein Vorbote der Karls- 
bader Beschlüsse angesehen werden kann). Die politische Stel- 
lung der Professoren beleuchtet u. a. charakteristisch ein Pro- 
logium von Heyne 1807/08 über den rechten Kosmopolitismus 
(S. 127/8). Zum größeren Teile fanden sie sich mit Jerome ab, 
während die Studenten gelegentlich demonstrierten. Doch be- 
stand für Preußen und seinen Kampf noch 1812 keine Sympathie. 
— Der König stand zunächst auf dem Standpunkt: „Alle eure 
Universitäten taugen nichts; ich werde sie alle verbrennen; ich 
will nur Soldaten und Ignoranten." Doch wurde durch Job. 
v. Müller, Charles de Villers und Leist ein Umschwung bewirkt. 
Nur Helmstedt und Rinteln wurden durch das Dekret vom 
10. Dezember 1809 aufgehoben. Die andern drei blieben be- 
stehen, und besonders Göttingen hatte si?n infolgedessen größerer 
Pflege zu erfreuen, die auch in den Vorschlägen Leists für neue 
Berufungen (Savigny, Thibaut, Zachariae) zum Ausdruck kommt. 

Für das Schulwesen scheint Müller einen großen, einheit- 
lichen Plan ins Auge gefaßt zu haben, der aber infolge seines 
Todes nicht zustande kam. Leist nahm die Neuordnung in An- 
griff. Über den Zustand des öffentlichen höheren Schulwesens 
in Hannover gibt der wichtige, bisher zu wenig beachtete 
Bericht von Cuvier-Noel (13. Dezember 1810), ein Gegenstück 
zu der Schrift von Villers über die Universitäten, wertvolle Nach- 
richten. Zeitweise wurde von der französischen Regierung auch 
die Aufhebung einiger Gymnasien geplant. 1812 wurde in Kassel 
ein Lyzeum errichtet, offenbar nach dem Muster der stark realisti- 
schen französischen Anstalten dieses Namens. Aus den Mit- 
teilungen über das Volksschulwesen und über die Seminare, für 
die die Hannoversche Seminarschule Vorbild war, geht hervor, 



316 Literaturbericht. 

daß beide in großem Umfange schon von der Auf klärungspädagogilc 
durchdrungen waren. Doch hat die französische Regierung für 
dieses Gebiet wenig getan. Den Schluß bildet eine eingehende 
Darstellung des jüdischen Schulwesens mit Seitenblicken auf das 
Großherzogtum Frankfurt. 

Die Schrift bringt außerordentlich viel Wertvolles und 
Neues über einen politisch und pädagogisch höchst wichtigen 
Zeitabschnitt. Um so mehr ist zu bedauern, daß der verehrte 
Forscher die verfassungsgeschichtliche und ideengeschichtliche 
Einordnung nicht eigentlich vollzogen hat. Nicht einmal die 
Werke von Ernst v. Meier werden erwähnt. Im ersten Teil ver- 
mißt man ein Eingehen auf die Unterschiede der französischen 
und deutschen Auffassung von den Universitäten, wozu auch 
durch die Schrift von Villers und die vorangehende und folgende 
literarische Aussprache dringender Anlaß gegeben war. Aus den 
Forschungen von Heubaum ergibt sich, daß auch in Deutschland 
gewisse Kreise an die Aufhebung der Universitäten gedacht 
hatten, wodurch der Vorgang in Westfalen ein anderes Gesicht 
erhält. Im zweiten Teil werden zwar die Universite imperiale 
und die französischen Unterrichtsgesetze von 1802, 1808 und 
1811 (S. 208) berührt; aber der Einfluß des französischen Unter- 
richtswesens, das Louis Liard in seinem Buch „Venseignement 
superieur en France'*, 2 Bde., Paris 1888, so zugänglich darge- 
stellt hat, tritt nicht klar zutage. Sonst müßte z. B. bei der 
Begründung der Militärschule in Kassel auf die Ecole polytech- 
nique und die durch sie beeinflußten französischen Artillerie- 
schulen verwiesen werden, bei der Begründung des Kasseler 
Lyzeums der französische Realismus dem deutschen Neuhuma- 
nismus gegenüber gestellt werden. Auch Parallelen mit Preußen 
wären fruchtbar gewesen: Bei dem Brief des Generaldirektors 
Leist vom 13. Oktober 1812 über die geplante Einführung des 
Abiturientenexamens verweist der Verfasser zwar auf das preu- 
ßische Reglement von 1788, erwähnt aber mit keinem Wort das 
neuere preußische Edikt vom 25. Juni 1812, das gerade am 
12. Oktober Gesetzeskraft erhalten hatte. Endlich wären viel- 
leicht auch Selbstbiographien wie z. B. die von Steffens (für 
die Universität Halle) und von K. Ph. Moritz (für die Seminar- 
schule in Hannover) ergiebig gewesen. — Wennschon also im 
vorliegenden Falle noch einiges zu tun bleibt, um über die bis- 



19. Jahrhundert. 317 

her überwiegende philologische Methode der Erziehungsgeschichte 
hinauszukommen, so müssen wir doch für das neu erschlossene 
Material dankbar sein, das nicht zuletzt auch der Kenntnis der 
damals verbreiteten Schulbücher zugute kommt. 

Leipzig. Eduard Spranger, 

Clemens Brentano und die Brüder Grimm. Von Reinhold Steig. 
Mit Brentanos Bildnis. Stuttgart und Berlin, Cotta. 1914. 
291 S. 5 M. 

Reinhold Steig, der am 13. März 1918 60jährig verstorben 
ist, hat als Beauftragter und Erbe Herman Grimms ein gut Teil 
seines Lebens und seiner hingebenden Arbeit an das umfangreiche 
Briefwerk „Achim von Arnim und die ihm nahe standen" ge- 
wendet. Das Urteil darüber steht längst fest: das Material ist 
äußerst wertvoll, und es ist mit Sachkunde geordnet und erläutert, 
aber die Verarbeitung unterliegt schweren Bedenken; die Briefe 
sind nicht als zuverlässige Urkunden für sich gegeben, sondern 
in einer willkürlichen Redaktion der breitspurigen Paraphrase 
des Textes eingereiht, wo sie dann wieder in unschöner Weise 
durch eingeklammerte Anmerkungen unterbrochen werden. 
Das Bild Arnims und seines Freundeskreises stand für Herman 
Grimm von vornherein in der Form fest, in der es dem deutschen 
Volke „dokumentarisch" überliefert werden sollte, und nach dieser 
Richtschnur hat St. gehandelt. 

Nachdem das Arnim-Werk mit drei Bänden und über 1400 
engbedruckten Seiten (1913) abgeschlossen schien, wirkt die vor- 
liegende Publikation wie ein Nachtrag zu dem 1904 erschienenen 
Bd. II („Achim von Arnim und Jacob und Wilhelm Grimm"), 
der etwas gewaltsam und nicht ohne vielfältige Wiederholungen 
aus jenem zu Bandstärke aufgeschwellt ist. Denn die Beziehungen 
Brentanos zu Jakob und Wilhelm Grimm, obwohl sie sich über 
die Jahre 1803 — 1831 erstrecken (länger dauern die zu dem Maler 
und Radierer Ludwig Grimm), sind doch nur kurze Zeit anhaltend 
lebhaft gewesen: ihre Darstellung unter vollständiger Mitteilung 
der Briefurkunden würde ein bescheidenes Heft anmutig ausge- 
füllt haben, am besten und natürlichsten aber wäre sie mit dem 
Arnim- Grimm-Bande verbunden worden, da es sich vorwiegend um 
Dinge handelt, die auch Arnim angehen, wie das Wunderhorn, 
die Gräfin Dolores, die Märchen. Tatsächlich sind denn auch die 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 21 



318 Literaturbericht. 

meisten Briefe dort bereits verwertet oder auszugsweise mit- 
geteilt, anderes hat St. nebenher und inzwischen an verschiedenen 
Stellen bekanntgegeben, aber es bleiben doch immer als Ganzes 
eine Anzahl Prachtstücke von Briefen Brentanos an die „lieben 
Grimmigen", die „geliebten Doppelhaken" übrig, so S. 15 und 18 
(Heidelberg 1808), S. 25 (München und Landshut 1808), S. 32 
(Landshut 1808), S. 48 (München 1809) und vor allem die Berliner 
Briefe S. 84ff. (Februar 1810) und S. 123 ff. (November 1810). 
Die Briefe des hessischen Brüderpaars entfalten wieder ihre 
wohlbekannten und nie ermüdenden Reize, und mit besonderem 
Interesse begrüßt man die auf Clemens Brentanos Antrieb von 
Jacob 1811 abgefaßte „Aufforderung an die gesamten Freunde 
deutscher Poesie und Geschichte" zur Gewinnung von volks- 
tümlichen Oberlieferungen, die in einem „Altdeutschen Sammler" 
vereinigt werden sollten. Der Plan ist damals nicht zur Ausführung 
gelangt und das wertvolle Schriftstück erst neuerdings von St. 
hervorgezogen worden. 

Göttingen. Edward Schröder. 

Die Fraktion des Zentrums im Preußischen Abgeordnetenhause 
1859—1867. Von Dr. phil. Hermann Wendorf. (Leipziger 
histor. Abhandlungen, Heft 41.) Leipzig, Quelle & Meyer. 
1916. 139 S. 4,75 M. 

Wendorfs Arbeit knüpft naturgemäß an die 1909 erschienene 
Dissertation von H. Donner über „Die katholische Fraktion in 
Preußen von 1852 — 1858" an. In der Einleitung faßt er dessen 
Darstellung kurz zusammen. Doch lehnt er Donners Auffassung, 
wonach die Haltung der Fraktion auch in nichtkirchlichen Fragen 
durch ihre kirchenpolitische Tendenz bestimmt gewesen, als viel 
zu weitgehend ab. Für die Anfänge 1852 f. wäre jetzt auch das 
Buch von 0. Pfülf über Graf Joseph zu Stolberg-Stolberg heranzu- 
ziehen gewesen. Mit Recht wendet sich W. m. E. gegen die von 
Spahn, das deutsche Zentrum 13ff., und noch schärfer von Rach- 
fahl, Preuß. Jahrb. 135, 233 ausgesprochene Ansicht, diese kon- 
fessionelle Fraktionsbildung innerhalb Preußens sei aus partikula- 
ristischen oder gar preußenfeindlichen Tendenzen zu erklären. — 
Die eigene Darstellung zerlegt W. in zwei Abschnitte: 1. Die Zeit 
der neuen Ära, die aber mit den Anfängen des Kampfes um die 
Heeresreform in den 2.: die Zentrumsfraktion im Konflikt über- 



19. Jahrhundert. 319 

greift. W. hält sich im allgemeinen sehr eng an sein Thema: 
die parlamentarische Tätigkeit der Fraktion. Daher sind die 
stenographischen Sitzungsberichte weitaus überwiegend seine 
Quelle. Daneben Material, wie es Pastors A. Reichensperger 
und Pfülfs Mallinckrodt bieten. Zeitungen, auch der Partei- 
presse, sind nur in geringer Auswahl herangezogen, dazu einige 
Broschüren und Flugschriften, zumal solche, die von den Reichen- 
spergers herstammen. Übrigens ist nach Pastor I, 389 die Schrift 
über die Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus, die W. 
13 Peter R. zuschreibt, auch von beiden Brüdern. Im allge- 
meinen hält sich W. chronologisch an den Gang der Sessionen. 
Das ist, entgegen seiner eigenen Meinung (S. 34) nicht zum Vor- 
teil der Anschaulichkeit geworden. Es wäre vorteilhafter ge- 
wesen, wenn er innerhalb beider Hauptabschnitte, wie zum 
Teil im ersten geschehen, seine Darstellung nach zusammen- 
gehörigen Materien geordnet (wie die Ausführungen über die 
deutsche Frage in der neuen Ära) und am Schluß der Abschnitte 
zusammenfassende Würdigungen gegeben hätte. Auffassung und 
Beurteilung — wo sich solche findet — sind durchaus unparteiisch, 
meist ohne in die größeren Zusammenhänge klerikaler politischer 
Bestrebungen jener Tage, was nahe gelegen hätte, einzugehen. 
Selbstverständlich sieht W. in dem Zentrum trotz der Namens- 
änderung eine konfessionelle Parteibildung. Neue Aufschlüsse von 
Bedeutung darf man nicht erwarten. Indes auch die Vollständigkeit 
läßt zu wünschen übrig: u. a. fehlt die Haltung der Fraktion bei 
den Handelsverträgen mit Frankreich 1862 (von den 12 Opponenten 
gehören II der katholischen Fraktion an) und mit Österreich 1865 
und Marinekreditforderungen aus diesen Jahren. Auch vermißt 
man ein Eingehen auf die Wesensunterschiede der verschiedenen 
Richtungen, in die die Partei bei den Abstimmungen in der Kon- 
fliktszeit auseinander zu fallen pflegte. In diesen Jahren erscheint 
Peter Reichensperger in seiner mittleren, unbefangenen Stellung 
als Hauptwortführer und die hervorragendste Persönlichkeit in 
der Fraktion; sehr mit Recht. Es wäre längst erwünscht, eine 
eindringende Studie über die ganze lange politische Tätigkeit 
dieses bedeutenden Parlamentariers zu haben, der seinen Bruder 
August als Politiker weit überragt. — Ganz unzulässig und un- 
vollständig sind die wenigen Seiten über die letzte Phase der 
Fraktion in der Herbstsession 1866 und 1867. Unbefriedigend 

21* 



320 Literaturbericht. 

sind auch die wie bei Donner angelegten Mitgliederlisten im An- 
hang. Eine tabellarische Übersicht nach Wahlkreisen und Pro- 
vinzen mit Angabe von Stimmenzahlen, Gegenkandidaten und 
Mitabgeordneten anderer Richtung wäre das Richtige gewesen. 
Ebenso entbehrt man wenigstens kurze biographische Angaben, 
wie sie z. B. Parisius in seinem Buche über Hoverbeck — aller- 
dings auf die einzelnen Kapitel verstreut — in den Anmerkungen 
gegeben hat. 

Tübingen. /C. Jacob. 

Alois Graf Aehrenthal. Sechs Jahre äußere Politik Österreich- 
Ungarns. Von Berthold Melden. Stuttgart und Berlin, 
Deutsche Verlagsanstalt. 1917. 242 S. 

Das Buch hält, was der Titel verspricht. Nicht nur die 
Amtsführung des Grafen Aehrenthal als österr.-ungar. Minister des 
Auswärtigen, 1906 — 1912, sondern auch die gesamte äußere 
Politik der Monarchie in den kritischen Jahren der bosnischen 
Annexion werden uns in gewandter geistvoller Form geschildert. 
Daß man nicht eben viel Neues erfährt, liegt in der Natur der Sache 
begründet, aber man liest diese kluge, objektive Darstellung des 
Werdens der Dinge vor dem Weltkriege mit Spannung und freut 
sich des mannhaften und erfolgreichen Auftretens eines gewandten 
Diplomaten aus der alten Schule. Es ist möglich, daß eine 
spätere Kritik einmal die Gestalt Aehrenthals nicht so hellstrahlend 
finden wird, wie Molden: aber wozu uns die Genugtuung darüber 
beeinträchtigen, daß unter den vielen tüchtigen Männern, über 
die Österreich-Ungarn verfügen könnte, einmal einer auf dem 
richtigen Platze stand? Aus den wichtigsten Kapiteln des 
Buches scheint, wie Referent meint, klar dreierlei hervorzugehen. 
Einmal, daß die Politik des Donaustaates Serbien gegenüber 
nicht immer eine glückliche gewesen ist. Zweitens, daß der 
Russe Iswolski dem Deutschböhmen Aehrenthal an Schlauheit 
nicht gewachsen war. Endlich, daß Frankreich der Hauptwühler 
zum Weltkriege war: weil es 1909 noch nicht wollte, verlief die 
bosnische Krise harmlos, und weil es 1914 wollte, begann der 
blutige Waffengang. 

Für die Vorgeschichte des Weltkrieges ist M.s Buch ein 
wertvoller Beitrag. 

Prag. 0. Weber. 



Rechtsgeschichte. 321 

Gewerberechtliches in deutschen Rechtssprichwörtern. Erweiter- 
ter Sonderabdruck aus der Festschrift für Georg Cohn. 
Von Prof. Dr. Carl Koehne. Zürich 1915, 82 S., davon 
48 S. Text. 

Zu Beginn der Arbeit, sowie in einem besonderen Anhang 
(S. 49f.) versucht der Verfasser den Begriff des Rechtssprich- 
wortes zu definieren. Er unterscheidet Rechtsregel und Rechts- 
sprichwort. Rechtssprichwort ist ein Satz, in dem ein Volk, 
die Einwohner einer Landschaft oder eines Ortes oder einzelne 
gesellschaftliche Schichten eine in weiten Kreisen als zutreffend 
angesehene rechtliche Beurteilung bestimmter Tatsachen auszu- 
sprechen pflegen. Geht ein solcher Satz von einem einzelnen 
aus, so ist er bloße Rechtsregel. S. 13 wird an Hand dieser 
Definition die Norm (aus dem Rechtsbuche nach Distinktionen): 
„Wer leder im wichbilde gerwet, der sal nit schu machen und 
der Schumacher sal nicht gerwen," aus dem Bereiche der Rechts- 
sprichwörter verwiesen. Denn es fehle jeder Beweis dafür, daß 
gerade die Form, in der jenes Rechtsbuch diesen Gedanken 
bringt, dem Volksmunde entnommen sei oder allgemeine Ver- 
breitung gefunden habe. Die Probe aufs Exempel zeigt, 
daß Koehnes Begriffsbestimmung des Rechtssprich- 
worts nicht haltbar ist. Wie wollen wir beweisen, daß 
ein Rechtssprichwort dem „Volksmunde" entnommen sei? Ja, 
was bedeutet das überhaupt, „dem Volksmund entnommen"? 
Das ganze Volk wird nicht zusammengetreten sein um Rechts- 
sprichwörter zu beraten. Die Fassung wird vielmehr stets von 
einem einzelnen ausgegangen sein. Der Zweite und Dritte, der 
Fünfzigste und Hundertste mag weiter daran gefeilt habea, 
bis das Sprichwort die prägnante Form erhielt, in der es dann 
Jahrhunderte lang fortlebte. Aber noch mehr. Rechtssprich- 
wörter sind Sätze, die einen Rechtssatz enthalten. Sie müssen 
eine rechtliche Aussage machen, sonst zählen sie wohl zu. den 
Sprichwörtern, nicht aber zu den Rechtssprichwörtern. Die 
meisten der köstlichen Sprichwörter des Sancho Pansa enthalten 
keinen rechtlichen Inhalt. Recht aber geht nicht von einem 
einzelnen aus. Das Recht geht vom Volke aus. Das Recht ist 
Volksrecht, sei es eines größeren oder kleinern sozialen Kreises, 
einer Gerichtsgemeinde oder einer Zunftversammlung. Und das 
Recht zur Zeit der Rechtssprichwörter (13. bis 18. Jahrhundert) 



322 Literaturbericht. 

ist noch überwiegend Gewohnheitsrecht. Ich vermute, daß 
gerade das Bedürfnis, gewohnheitsrechtlichen Normen 
eine greifbare, der Erinnerung zugängliche Form zu 
geben, zum Rechtssprichwort geführt hat. Neben dieser 
Fähigkeit leichterer Einprägung der Norm, spielen der Wille nach 
poetischer und humorvoller Ausgestaltung des Rechts eine große 
Rolle. Jakob Grimm hat in seinem prächtigen Aufsatz, Die 
Poesie im Recht (Zeitschr. f. geschichtl. Rechtswissenschaft II, 
Heftl, 25 — 99) und Otto Gierke in seiner fein empfundenen 
Studie, Der Humor im deutschen Recht (Festgabe für Homeyer) 
deuthch gezeigt, wie eng Poesie und Humor mit dem Recht ver- 
knüpft waren, wie deutsche Gestaltungskraft und deutsches Volks- 
gemüt sich gerade auch im Rechtssprichwort auf das eindruck- 
vollste äußern. Daher glaube ich feststellen zu dürfen: Das 
Rechtssprichwort bietet seinem Inhalte nach Gewohnheitsrecht 
dar. Die prägnante Fassung rührt von einzelnen, formbegabten 
Personen her. Der Inhalt ist aus dem Volke geboren, die Form 
vom einzelnen gemacht. (Wobei ich noch einmal betone, daß 
oft viele einzelne daran gefeilt haben, bis das Wort die vulgäre 
Form erhielt und behielt.) Da nun diese Form in der Regel 
etwas Zündendes, Schlagwortartiges enthält, so läßt sich sagen: 
Rechtssprichwörter sind schlagwortartig gefaßtes Gewohnheits- 
recht. 

Als Kennzeichen tritt noch dazu, daß diese Sprichwörter 
nicht einzelne Rechtsfälle ordnen, sondern vielmehr Rechtsregeln 
allgemeiner Natur aufstellen. Sie sagen nicht, was einmal ge- 
schieht oder wofür ein Mensch oder eine Sache einmal angesehen 
werden soll, sondern wie sich diese Dinge dauernd verhalten, 
dauernd charakterisieren. Daher gelange ich zu der Begriffs- 
bestimmung: Rechtssprichwörter sind Rechtsregeln, 
welche Gewohnheitsrecht in schlagwortartiger Form 
enthalten. 

Zum Einzelnen der Studie habe ich wenig zu bemerken. 
Sie ist sehr gut gruppiert in die Sprichwörter, welche Hand- 
werk und Innung, Zwangs- und Bannrechte, die Unehrlichkeit ein- 
zelner Berufe und endlich noch eine Reihe anderer gewerblicher 
Verhältnisse (z. B. Markt- und Gästerecht) umfassen. Not- 
wendigerweise lehnt sie sich stark an die Zentren an, in denen 
das Gewerbe seinen eigentlichen Sitz hatte, an die Städte. Man 



i 



Rechtsgeschichte. 323 

darf sich aber nicht beirren lassen und annehmen, daß das Ge- 
wohnheitsrecht in diesen Rechtskreisen dem Gesetzesrecht be- 
reits den Platz geräumt hätte. Auch unser Handwerker- und 
Innungsrecht ist ganz überwiegend nur aufgezeichnetes Gewohn- 
heitsrecht. Gerade K.s Sammlung scheint mir einen neuen 
Beweis für diese Auffassung gebracht zu haben. Jeder romanisti- 
sche Einschlag in den Sprichwörtern fehlt. Das Recht wurde 
noch von innen heraus geboren, nicht von außen hereingetragen. 

K. bringt die Parömien nicht nur in einen natürlichen Zu- 
sammenhang, sondern er erklärt die meisten sehr treffsicher. 
Zur UnehrHchkeit der Weber, welche z. B. in dem Sprichwort 
auftritt: ,,Zehn Müller, zehn Schneider und zehn Weber sind 
dreißig Diebe" (a. a. 0. 38) möchte ich aufmerksam machen auf 
die Arbeit von Gustav Aubin, Die Leineweberzechen in Zittau, 
Bautzen und Görlitz. Conrads Jahrb. Bd. 104, S. 577—649. 
Aubin vermutet, daß die Leineweber vielfach auf dem Lande zu 
Hause und daher als Bauern slavischer Herkunft waren. Sie 
standen also ständisch tiefer als andere Arbeiter. Auch wurde die 
Leineweberei relativ spät als selbständiges Handwerk anerkannt. 
— Sehr einleuchtend ist des Verfassers Erklärung der bekannten 
Sachsenspiegelstelle II 59 § 4: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." 
Sachse hat unrecht, wenn er malen mit reden übersetzt. Es handelt 
sich nicht um eine prozessuale, sondern um eine materiell recht- 
liche Norm. Mahlen bedeutet Getreide mahlen. Der Ssp. 
gibt dem zuerst in der Mühle Erscheinenden das Recht der Priori- 
tät (30). Prozessual interessant ist dagegen zu beobachten, wie 
gewisse Sprichwörter auf den Schuldbeweis wirkten. Ich ver- 
weise auf S.41, wo die Erklärung von Pistorius (1715) angezogen 
wird: Falls man bei einem Schneider ein einzelnes Stück Tuch 
finde, so könne man präsumieren, daß es aus einem Diebstahl 
herrühre. So stark wirkte das Sprichwort nach : „Ist der Schneider 
kein Schelm, so geben fünf Ellen ein paar Handschuh." 

Die Sammlung K.s bietet eine schöne Ergänzung der Rechts- 
sprichwörtersammlung von Graf und Dietherr. Sie ist für den 
Juristen so beachtenswert, wie für den Wirtschafts- und Kultur- 
historiker. 

Heidelberg. Hans Fehr. 



324 Literaturbericht. 

Stadtverfassung nach Magdeburger Recht: Magdeburg und Halle, 
von Rudolf Sdiranil (Untersuchungen zur Deutschen Staats- 
und Rechtsgeschichte, herausg. von Otto v. Gierke, Heft 125). 
Breslau, Verlag von M. u. H. Marcus. 1915. XII und 379 S. 

Der Verfasser hatte ursprünglich den Plan, die Stadtverfassung 
in dem gesamten magdeburgischen Rechtskreise zu behandeln, 
ist jedoch dieses für eine Erstlingsarbeit wahrlich kühnen Unter- 
nehmens nicht Herr geworden und hat sich dann auf die Ver- 
fassung von Magdeburg und Halle beschränkt. Sonderbarerweise 
glaubte er, jenen Plan in dem Titel seines Buches zum Ausdrucke 
bringen zu sollen, als welchen er doch wohl besser einfach: 
„Stadtverfassung von Magdeburg und Halle** gewählt hätte. 
Übrigens steht keineswegs ohne weiteres fest, daß die Städte 
des magdeburgischen Rechtskreises samt und sonders schlechthin 
„Stadtverfassung nach Magdeburger Recht** hatten, wie es 
überhaupt noch der näheren Prüfung bedarf, in welchem Umfange 
das Recht der Mutterstadt in den Tochterstädten Geltung erlangte 
und behielt. Schon jetzt wird, wer in die verschiedenen Stadt- 
rechte tiefer eingedrungen ist, den Eindruck gewonnen haben, 
daß die Tochterstädte in nicht wenigen Beziehungen eigene 
Wege gegangen sind. Es ist gewiß an der Zeit, diese Frage zum 
eigentlichen Gegenstande von Untersuchungen zu machen ; nichts 
ist getan mit der Formel: im magdeburgischen Rechtskreise galt 
magdeburgisches Recht, am allerwenigsten hinsichtlich der Ver- 
fassung. 

Eine zusammenfassende auf der Höhe stehende Arbeit über 
die Verfassung von Magdeburg und Halle fehlte. Das Werk 
wäre also nach seinem Gegenstande geeignet, eine Lücke in der 
Literatur auszufüllen, die namentlich in Ansehung Magdeburgs 
recht fühlbar ist. Die Zahl der Einzeluntersuchungen ist nicht 
gering; mancherlei harrt indessen noch der Arbeit des Forschers. 
So bot sich dem Verfasser ein doppeltes Feld zur Betätigung: 
Literatur und Quellen. 

Er bevorzugt offensichtlich jenes, ohne jedoch hier — trotz 
den vielen von ihm angeführten und mehr oder minder eingehend 
benutzten Schriften — nach Art und Umfang den zu stellenden 
Anforderungen zu genügen (es sei hier auf die entsprechenden 
kritischen Bemerkungen Schmidt-Rimplers in der Zeitschrift 
der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte Bd. 36, Germanistische 



Rechtsgeschichte. 325 

Abteilung S. 526ff. verwiesen). Bezüglich der Verwertung der 
Quellen ist zu betonen, daß der Verfasser nach neuen, bisher 
nicht berücksichtigten (handschriftlichen) Quellen nicht Umschau 
gehalten, aber auch die veröffentlicht vorliegenden nicht immer 
in dem unbedingt erforderlichen Maße herangezogen hat; er 
verläßt sich nicht selten auf die Angaben der Schriftsteller über 
Quellenzeugnisse, statt aus erster Hand zu nehmen, und besonders 
ist zu rügen, daß er die Ausgabe der hallischen Schöffenbücher 
(von Hertel, in den Geschichtsquellen der Provinz Sachsen Bd. 14, 
1882 und 1887) nicht durchgearbeitet hat. Häufig muß man 
übrigens die Wahrnehmung machen, daß es der Verfasser gar 
nicht für nötig hält, für seine Behauptung — sei es aus der Lite- 
ratur, sei es aus den Quellen — Belege beizubringen. 

Nach dem Gesagten handelt es sich mehr um eine Darstellung 
als um eine Untersuchung mit neuen Ergebnissen. 

In zwei getrennten Teilen wird die Verfassung der beiden 
Städte nacheinander erörtert, und zwar nach dem völlig gleichen 
Schema: Machtbereich des Erzbischofs (die Bezirke der öffent- 
lichen Gewalt, das Gericht, die Handelsregalien, die sonstigen 
stadtherriichen Rechte, konkurrierende Machtfaktoren, Schicksal 
der stadtherriichen Gewalt), Machtbereich der Bürger (die Bürger, 
der Grund und Boden, der Gemeindeverband, die selbständigen 
Organe der Gemeinde, die abhängigen Organe der Gemeinde, 
Kriegsdienst und Steuern). Was die zeitlichen Grenzen betrifft, 
so bemüht sich der Verfasser, möglichst weit zurückzugelangen; 
nach oben schließt er bald mit dem 14., bald mit dem 15., bald 
mit dem 16. Jahrhundert ab. Wir vermögen die rein systematische 
•Ordnung nicht zu billigen. Denn sie verwischt vollkommen die 
geschichtliche Entwicklung, die deutlich verschiedene Phasen 
— zumal in der Ausdehnung der beiden „Machtbereiche" — er- 
kennen läßt. Besonders bezeichnend sind die Schlußkapitel der 
ersten Abschnitte in beiden Teilen über das „Schicksal der stadt- 
herriichen Gewalt" in der jüngeren Zeit; was hier ausgeführt wird, 
ist vielfach durchaus zum Verständnis der vorhergehenden Be- 
trachtungen nötig und auf der anderen Seite nicht immer recht 
verständlich, indem es die Kenntnis späterer Erörterungen in 
den zweiten Abschnitten („Machtbereich der Bürger") voraus- 
setzt, namentlich über das Emporkommen des Rates, — über- 
haupt werden die so interessanten Kompetenzkämpfe zwischen 



326 LiteraturberichU 






Rat und Schöffen nicht im entferntesten genügend gewürdigte 
Auch sonst fehlt der Darstellung meist das tiefere Eindringen 
in die vielen vorgeführten Einzelheiten, die zum nicht geringen 
Teile kaum mehr als gestreift werden. Aber sie ruht auch nicht 
auf dem breiten Boden der deutschen Stadtverfassung an sich. 

So ist das Buch weder grundlegend noch abschließend. In 
der Zusammenstellung, die es bietet, vermag es immerhin wohl 
gute Dienste zu leisten sowohl demjenigen, welcher sich über den 
Stand der Forschung unterrichten will als auch demjenigen, 
welcher über diese hinaus zu gelangen strebt. 

Halle. Paul Rehme, 

Entwicklung und Vollzug der Freiheitsstrafe in Brandenburg-Preu- 
ßen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, ein Beitrag zur 
Geschichte der Freiheitsstrafe von Dr. jur. Eberhard Schmidt 
(Abhandlungen des Kriminalistischen Instituts an der Uni- 
versität Berlin, herausgegeben von Franz v. Liszt und Ernst 
Delaquis, dritte Folge, zweiter Band, 2. Heft). Berlin 1915. 
J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung, G. m. b. H. 95 S. 

Wie die Geschichte des Strafrechtes überhaupt, so bedarf 
die Geschichte der Freiheitsstrafe insbesondere dringend ein- 
gehenderer Erforschung. Das vorliegende Werk kommt mithin 
einem Bedürfnis entgegen. Das Strafrecht ist ein Gradmesser 
der Kultur, und so bietet das Buch ein interessantes Stück Kultur- 
geschichte. Es ist in drei Abschnitte gegliedert: ,,Die Entwick- 
lung der Freiheitsstrafe zur Zentralstrafe des preußischen Strafen- 
systems," „Die Zustände in den einzelnen Arten der Strafanstalten 
bis zum Ausgange des 18. Jahrhunderts," „Ergebnisse"; in einem 
Anhange ist eine größere Zahl bisher ungedruckter „Urkunden 
aus der Geschichte des preußischen Zuchthauswesens" beigefügt. 
Das Buch will sich nur mit Brandenburg-Preußen beschäftigen, 
greift aber — bei dem Bestreben des Verfassers, das von ihm 
Ermittelte möglichst der allgemeinen Entwicklung einzugliedern — 
öfter über die Grenzen jenes Staates hinaus. Wenn auch die 
spärliche Literatur dem Verfasser manchen Fingerzeig gab (na- 
mentlich ein Aufsatz v. Hippels in der Zeitschrift für die gesamte 
Straf rechtswissenschaft Bd. 18 und Kriegsmanns Einführung in 
die Gefängniskunde, 1912), so war er doch hauptsächlich auf 
gedruckte Quellen und Archivalien angewiesen. Er hat in dem 



Wirtschaftsgeschichte. 327 

Geheimen Staatsarchiv in BerHn und im Hinblick auf das Zucht- 
haus zu Magdeburg, das eines der ersten brandenburgischen 
Zuchthäuser war, in dem dortigen Stadtarchiv gearbeitet; seine 
Absicht, auch die Verhältnisse der Zuchthäuser in Küstrin und 
Frankfurt a. d. 0. aus den alten Akten kennen zu lernen, mußte 
er aufgeben, da sich herausstellte, daß die Küstriner Akten während 
des Siebenjährigen Krieges verbrannt sind, der Frankfurter 
Magistrat aber eine entsprechende Eingabe unbeantwortet ließ 
(S. 21 Anm. 4), — daß Forscher derartige Erfahrungen machen, 
gehört heute wohl glücklicherweise zu den Seltenheiten. In dem 
ganzen Werke steht die Zuchthausstrafe durchaus im Vorder- 
grunde der Darstellung, und es ist dem Verfasser gelungen, 
unsere Kenntnis des preußischen Zuchthauswesens im 18. Jahr- 
hundert in erfreulichem Maße zu fördern. 

Breslau. Paul Rehme. 

Wirtschaftliche und soziale Grundlagen der europäischen Kultur- 
entwicklung aus der Zeit von Cäsar bis auf Karl d. Gr. 
Von Alfons Dopsch. I.Teil. Wien, L. W. Seidel & Sohn. 

^ 1918. XI u. 404 S. 27 M. 

" In einer Rezension, die F. Philippi in den Gott. Gel. Anzeigen 
1913, Nr. 4, S. 227ff., von Dopschs aufschlußreicher „Wirt- 
schaftsentwicklung der Karolingerzeit" Bd. I veröffentlicht hat, 
bedauert er es, daß D. die wirtschaftlichen Organisationen der 
Karolingerzeit nicht auf ihren römischen Ursprung hin ge- 
prüft habe. Obwohl man eher bei der Darstellung der Mero- 
wingerzeit als bei der der Karolingerzeit eine Prüfung der wirt- 
schaftlichen und sozialen Grundlagen auf ihren römischen 
Ursprung hin für angebracht halten wird, so scheint D. doch 
Philippis Forderung als berechtigt anerkannt zu haben. Er 
I legt jetzt eine Arbeit vor, die ihr entspricht. Natürlich ist eine 
I Untersuchung über den Zusammenhang der römischen und der 
germanischen Kultur stets lebhaft zu begrüßen. Wir fügen 
I sogleich hinzu, daß D.s gelehrtes Buch schon allein als zusammen- 
I fassende kritische Überschau über die Ergebnisse der bisherigen 
I Forschungen auf diesem Gebiet und wegen der Einordnung 
i derselben in die große Entwicklung der allgemeinen geschicht- 
I liehen Auffassung (er spricht darüber unter dem Titel „Die 
j Entstehung der Kulturgeschichtstheorien im Wandel der Zeit- 



328 Literaturbericht. 

richtungen" in einem einleitenden literargeschichtlichen Kapitel, 
wie er es auch seiner „Karolingerzeit" beigegeben hatte), die 
allgemeine Beachtung verdient. Allein wir haben den Eindruck, 
daß er in der Ableitung von Einrichtungen der Germanen aus 
dem Römertum oder in der Herstellung eines Zusammenhangs 
zwischen beiden zu weit geht, wie auch Philippis Sätze u. E. 
zu zuversichtlich lauteten. Die Zurückhaltung, die D. früher 
beobachtet hat, dürfte doch mehr am Platz sein. Den eingehen- 
den Nachweis für das, was ich hier andeute, zu erbringen, muß 
ich an dieser Stelle unterlassen. Aber ein paar Beweise möchte 
ich doch zur Verfügung stellen. 

D. will nachweisen (S. 346), daß die Germanen die Hufen- 
verfassung von den Römern „übernommen" haben. Er beruft 
sich darauf, daß die Gemengelage der Äcker hier wie da vor- 
handen sei. Indessen fehlt doch viel an dem Nachweis, daß 
die Römer genau unsere deutsche Gemengelage gehabt haben. 
Wenn aus dem römischen Gebiet erwähnt wird, daß jemand 
Besitzungen an verschiedenen Stellen habe, oder ähnliches, 
so ist damit noch nicht die Existenz unserer Gemengelage 
ausgesprochen. Es liegt in der Natur der Dinge, daß bei den 
verschiedensten Völkern, zumal in einer späteren Zeit, wo der 
Grundbesitz eine sehr lange Zeit starken Güterverkehrs hinter 
sich hat, Grundbesitzzersplitterungen vorhanden sind, bzw. 
Besitz getrenntliegender Stücke in einer Hand. D. führt weiter 
als Beweis für „die Übernahme der römischen Flureinteilung 
und Vermessung durch die germanische Zeit" aber nicht bloß 
die Gemengelage an, sondern auch, daß „die Besitzeinheiten 
hier und dort auffällig zusammenstimmen, die Hufen" (S. 341). 
Schon die Bezeichnung selbst sei dieselbe: sortes. Indessen 
sind doch sors und sortiri (im Sinn von erlangen) zu allgemeine 
Ausdrücke, als daß aus ihnen viel gefolgert werden könnte, 
und wenn sors das Sondereigen des einzelnen bedeutet, so gibt 
das Wort damit noch nicht ohne weiteres den Hufenbegriff 
wieder. In seiner „Karolingerzeit", Bd. I, S. 312, hebt D. 
übrigens hervor, sors werde in Italien mit Vorliebe für mansus 
gebraucht. D. führt jedoch noch einen andern entsprechenden 
römischen Ausdruck an, accepta, und von ihm meint er, daß 
„hoba*' wohl aus einer Übersetzung des lateinischen accepta 
entstanden sein könne (S. 343). Hierauf wäre erstens zu er- 



Wirtschaftsgeschichte. 329 

widern, daß accepta bei den Römern selten, bei den Germanen 
(d. h. in frühmittelalterlichen Quellen) ganz vereinzelt vor- 
kommt, zweitens, daß beide Ausdrücke auf verschiedenen 
Vorstellungen beruhen: accepta =: empfangen, d.h. von einem 
andern, Hufe (falls es, wie auch D. annimmt, mit haben zu- 
sammenhängt) = habend, d. h. aus eigenem Recht. Dieser 
Unterschied der Grundauffassung würde gerade in D.s System 
der Beweisführung wichtig sein, da nach ihm — wir kommen 
darauf zurück — die betreffenden Verhältnisse bei den Römern 
und Germanen grundherrschaftlich bestimmt sind, zu welcher 
Auffassung aber das deutsche Wort Hufe nicht ohne weiteres 
paßt. Wenn D. dann weiter (S. 343) selbst hervorhebt, die 
älteste fränkische Form für Hufe sei houa, welches Wort Stück 
bedeute, so würde das eben nicht der Sinn von accepta sein, 
und wenn er auf den schwedischen Ausdruck mantal (Manns- 
teil) hinweist, so würde das doch nur bedeuten, daß die Ger- 
manen Vorstellungen haben, die nicht durch accepta oder sors 
gedeckt sind. Sodann müßte noch viel mehr, als es D. ver- 
sucht, nachgewiesen werden, daß die allgemeinen Vorstellungen, 
auf denen die deutsche Hufenverfassung beruht, den Römern 
vertraut gewesen sind, von der Frage der Übereinstimmung 
im äußern Maß ganz abgesehen. Den Einwand, daß auch eine 
unabhängige Entstehung der Bezeichnungen hier wie dort 
stattgefunden haben kann, macht sich D. übrigens selbst (S. 343). 
Im übrigen würde die Benutzung eines römischen technischen 
Ausdrucks für eine deutsche Einrichtung noch nicht die sach- 
liche Übereinstimmung der beiden Einrichtungen beweisen, 
wie man sich ja an vielen Beispielen, z. B. an dem Wort princeps, 
vergegenwärtigen kann. 

D. will dann aber auch die Übereinstimmung zwischen 
den Römern und Germanen in der Einrichtung der Allmende 
oder die Herkunft der germanischen gemeinen Mark aus der 
römischen erweisen. Er operiert hier mit der römischen iunctio 
(S. 344): „es wurden behufs Aufbringung eines möglichst gün- 
stigen Steuererträgnisses die Kleinpächter durch die . . . Grund- 
herrschaften gezwungen, zugleich mit ihrem Ackerlos auch 
einen Zuschlag, ein Stück vom benachbarten Ödland mit zu 
übernehmen, dieses zu bebauen und zu versteuern." Im Blick 
darauf macht D. geltend, daß in der sog. Pertinenzklausel der 



330 Literaturbericht. 

frühfränkischen Formelsammlungen, bei den Formeln für 
Schenkungs- und Traditionsurkunden, häufig die Wendung 
„iunctis vel subiunctis'' begegne, daß allmählich neben „ad- 
iunctis'' „adiacenciis'' und „appendiciis" auftauche, um schließ- 
lich Worten wie „adiacenciis*' die Herrschaft zu überlassen. 
Wir wollen nicht fragen, wie man denn anders das Zubehör, 
den Anteil des Bauern an der gemeinen Mark, bezeichnen 
sollte als yjunctis'* oder „cum adiunctionibus ad memoratum 
locum pertinentibus'' usw.; setzen wir wirklich den Fall, daß 
das Wort „iunctis'' aus den römischen Formeln direkt über- 
nommen ist, so beweist das doch noch nichts für die Sache. 
Denn vor allem bezieht sich die „iunctio'' auf ein Zwangs- 
verhältnis, welches hingegen den deutschen Verhältnissen gänz- 
lich fremd ist. Oder hören wir in Deutschland einmal davon, 
daß Mitglieder einer deutschen Landgemeinde, bzw. Mark- 
genossenschaft gezwungen werden, ein Stück Ödland aus der 
Allmende zu bebauen, damit der Landesherr mehr Steuern 
erhält? Ganz abgesehen davon, daß auch in den spätem Jahr- 
hunderten der stärkeren Ausbildung der territorialen Steuer- 
verfassung etwas Derartiges nicht vorkommt, in die frühe deutsche 
Zeit paßt etwas Derartiges am wenigsten hinein. Es handelt 
sich hier um den allgemeinen Gegensatz zwischen den Organi- 
sationen der römischen Kaiserzeit und denen der Germanen: 
dort sind sie Zwangsanstalten und dienen außenstehenden 
Instanzen, insbesondere dem Staat; hier dienen sie den Zwecken 
der Mitglieder der Organisation. Ein Unterschied, der ja auch 
zwischen römischen und deutschen Zünften sehr greifbar uns 
entgegentritt: die deutsche Zunft schafft sich der Handwerker 
zur Wahrnehmung seiner Interessen; in der römischen leistet der 
Handwerker Frondienst für den Staat. Soweit es sich aber 
um Reste der alten römischen Dorfallmende handeln könnte, 
so sind sie in dem spätem „ager compascuus** nur noch in kümmer- 
lichen Resten erkennbar (Max Weber, Agrargeschichte des 
Altertums; Handw. der St., 3. Aufl., S. 144). 

Sollen diese Studien mit vollem Erfolg betrieben werden, 
so wird man grundsätzlich ins einzelne gehen, die Verhältnisse 
der Gegenden, die in Betracht kommen, ganz und gar im ein- 
zelnen erforschen, namentlich auch topographische, archäolo- 
gische Untersuchungen anstellen müssen. Wie dies Ad. Schulten 



Wirtschaftsgeschichte. 331 

^ür Italien und Afrika unternommen hat (Die römische Flur- 
teilung und ihre Rechte, Abhandlungen der Kgl. Ges. der 
Wissenschaften zu Göttingen, philol.-hist. Klasse, N. F. Bd. 2, 
Nr. 7, S. 11 ff.), so hat etwas Derartiges für den deutschen Boden 
soeben G. Wolff, Antike Klassikerstellen im Lichte der römisch- 
germanischen Altertumsforschung, Ilbergs Jahrbücher, Jahrg. 
1918, Bd. 42, S. 181 ff. in Angriff genommen (über die altern 
Arbeiten Wolffs s. D., S. 103). Vgl. S. 188 über die „Kombi- 
nation der antiken und mittelalterlichen Überlieferung mit den 
Ergebnissen der archäologischen Topographie und Boden- 
forschung", S. 193 über den Kulturfortschritt, der im Main- 
gebiet zwischen der Zeit des Tacitus und der Okkupation durch 
die Franken gemacht worden und römischem Einfluß zu ver- 
danken ist, ferner über die Steigerung der durch die römische 
Okkupation hier geschaffenen Kulturwerte durch dieses Ein- 
dringen der Franken, die ihrerseits durch die unmittelbare 
Berührung mit den Galloromanen Frankreichs römische Kultur 
in sich aufgenommen hatten, endlich über die Frage, worauf 
sich die Notiz des Ammianus Marcellinus über die nach römischer 
Art gebauten Häuser der Alemannen am Untermain bezieht. 
Als Gesamtresultat wird man einstweilen festzustellen haben, 
daß in der Anlage einer einzelnen Ortschaft (im Straßenzug) 
mancher römische Einfluß zu beobachten ist (bei dem Main- 
kastell Großkrotzenburg sind die Haupteingänge und Straßen 
des heutigen Dorfs durch die entsprechenden Teile des römischen 
Kastells in ihrer Lage bestimmt), daß im technischen viel 
Übernahme stattfindet (übrigens gehen die gallischen und ger- 
manischen Töpfereien, die Bailisten und Katapulten in den 
Limeskastellen, die Formen römischer Lager und Kolonien 
mehr auf griechische, hellenistische Vorbilder als auf römische 
zurück), daß aber in der Flureinteilung, wenn überhaupt, 
nur ganz ausnahmsweise etwas an römische Einrichtungen 
erinnert. 

D. wird erwidern, daß neben den Einzelstudien die zu- 
sammenfassende Arbeit auch ihren Platz habe. Allein es gibt 
Zeiten, in denen eine solche noch verfrüht ist oder wenigstens 
kaum mehr leisten kann als, wie vorhin bemerkt, eine kritische 
literarische Überschau zu Hefern. Von Einzelzügen ist noch so 
wenig festgestellt, daß die Gefahr unberechtigter Verallgemeine- 



332 Literaturbericht 

rung besonders nahe Hegt. Auch hinsichtUch der Städte, bei 
denen man schon etwas klarer sieht, besteht die Gefahr, daß 
aus einzelnen Tatsachen zu weitgehende Folgerungen gezogen 
werden. Was man hier sicher feststellen kann, ist: die Be- 
nutzung der alten baulichen Anlagen und die Fortwirkung des 
engeren Beisammenwohnens der Bevölkerung und ihrer damit 
in Zusammenhang stehenden gewerblichen Tätigkeit. Aber 
abzulehnen ist die Annahme irgendeines Zusammenhanges in 
der Verfassung zwischen den alten römischen und den deutschen 
mittelalterlichen Städten. D. scheint bei mir eine besondere 
Gegnerschaft gegen die Voraussetzung irgendeines Zusammen- 
hangs zwischen dem alten und dem mittelalterlichen Köln 
anzunehmen (S. 149). Indessen ich trete nur dafür ein, daß die 
mittelalterliche Stadt mitten aus den mittelalterlichen Ver- 
fassungseinrichtungen heraus erwachsen ist. Wenn D. durch 
die Bestreitung der Existenz einer Allmende beim mittel- 
alterlichen Köln die Bahn für die Auffassung von einer Fortdauer 
des alten Köln glaubt freimachen zu müssen, so weiß ich nicht, 
was er damit eigentlich beweisen will. Denn ob nun gerade 
eine Allmende vorhanden gewesen ist oder nicht, jedenfalls 
betrachtete man in Köln beim Aufkommen der Stadtverfassung 
die Verfassungseinrichtungen als die allgemein deutschen, wie 
schon aus der Bezeichnung der Sondergemeinden als Bur- 
schaften hervorgeht. Übrigens hat D. selbst am wenigsten 
Anlaß, das Fehlen einer Allmende zugunsten römischen Ur- 
sprungs der Verfassung zu deuten, da er ja Allmende und Mark- 
genossenschaft von den Römern durch die Germanen über- 
nommen werden läßt. Doch dies nur nebenbei. Meine Land- 
gemeindetheorie hindert mich anderseits gar nicht, die Be- 
deutung der römischen Stadt Köln für das Aufkommen der 
mittelalterlichen Stadt in wirtschaftlicher Hinsicht anzuer- 
kennen; ich habe ja vielmehr im Gegensatz zu Seeliger die 
Anknüpfung des mittelalterlichen Handwerks an das in den 
alten Römerstädten betriebene hervorgehoben und wiederholt 
betont, daß seit den Römerzeiten auf deutschem Boden das 
berufsmäßige Handwerk nie ausgestorben ist (Vierteljahr- 
schrift f. Soz.- u. Wirtschaftsgeschichte 1914, S. 10). Aber 
wenn es sich weiter entfaltete, so geschah es im Rahmen der 
deutschen Gemeindeverfassung, nicht in dem der alten römi- 



Wirtschaftsgeschichte. 333 

sehen Stadtverfassung. Die Form der deutschen Landgemeinde 
schloß es ja auch nicht aus, daß in ihr ein bescheidenes gewerb- 
liches Leben (um mehr handelte es sich nicht) fortbestand. 

D.s Neigung zur grundherrlichen Theorie in der Beurteilung 
der Siedlungsfragen habe ich schon erwähnt. Gerade bei diesem 
Punkt wären aber noch eindringende Einzelforschungen not- 
wendig. Wie ist das Verhältnis der römischen herrschaftlichen 
Höfe zu den mittelalterlichen Fronhöfen? Diese Frage müßte 
ganz planmäßig, insbesondere für das linke Rheinufer und das 
Donaugebiet, untersucht werden. Es läßt sich aber auch hierfür 
voraussehen, daß eine Fortdauer der römischen Gemeinde- 
verfassung nicht nachgewiesen werden wird. Der saltus Sumelo- 
cennensis hat, wie Schulten, Bonner Jahrbücher Bd. 103, 
S. 35, darlegt, in römischer Zeit eine römische Verfassung 
gehabt. Im Mittelalter ist nichts davon vorhanden. 

Um noch ein paar Einzelheiten zu berühren, so sind manche 
kritische Bemerkungen über Meitzens wenig kritische Art 
(vgl. H. Z. Bd. 78, S. 471) ebenso willkommen zu heißen wie 
die wiederholte Feststellung, wie oft Waitz den gesunden Sinn 
für das Richtige bewährt hat (s. m. „Deutschen Staat des 
Mittelalters" Bd. 1, S. 67ff.). Damit aber, daß man nachweist, 
daß Meitzen eine Auffassung unkritisch verteidigt hat, ist noch 
nicht erwiesen, daß sie an sich unrichtig ist. Die rechtshistorische 
Schule aus Eigenarten des ,, Zeitalters Darwins" zu erklären 
(S. 82) geht nicht an, da sie ja viel älter als Darwin ist. Die 
Benennung eines Orts nach einer bestimmten Person (S. 116) 
beweist nicht, daß der Ort erst zur Zeit der Benennung be- 
gründet worden ist. Bei ihrem Vordringen in Süddeutschland 
fanden die Germanen nicht bloß Römer (S. 122), sondern auch 
den homo alpinus, dessen D. wohl eingehender hätte gedenken 
können, vor. Wenn D. es als bemerkenswert anführt (S. 287), 
daß „schon im 5. Jahrhundert sächsische Edle oder Häuptlinge" 
einen Schatz haben, so dürfen wir den Besitz eines solchen, 
eines ,, Horts" auch schon für die älteste germanische Zeit an- 
nehmen. Aber der Häuptling, der über einen Hort verfügt, 
ist durchaus kein Beweis dafür, daß in seinem Gebiet die ,, Grund- 
herrschaft" eine maßgebende Rolle spielt; der Häuptling kann 
ja Häuptling über Gemeinfreie sein. Wenn Beda von villici 
spricht (S. 289), so versteht er darunter gewiß Vorsteher einer 

Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 22 



334 Literaturbericht. 

Gemeinde; an das später in Deutschland nachweisbare „Meier- 
recht" (ius villici) ist dabei gewiß nicht zu denken. 

Gegenüber der Abneigung von D. (S. 395), ein Umlegen 
von Fluren in besiedelten Gegenden zuzugeben, mag an die 
Vorgänge bei der Kolonisierung und Germanisierung des Slaven- 
landes erinnert werden: auch da wurden Fluren in Gewanne 
umgelegt, und hier war die Gegend zweifellos dichter besiedelt 
als im Dekumatenland beim Einzug der Germanen. 

Zum Schluß dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß D., 
wenn er den Zusammenhang der germanischen mit der römischen 
Kultur u. E. zu stark betont, doch dabei die Selbständigkeit 
der germanischen keineswegs bestreitet. Er macht vielmehr 
darüber sogar sehr treffende Bemerkungen. Indessen diese 
richtige Erkenntnis, die wir bei ihm finden, steht doch im Wider- 
spruch zu dem, was er sonst so sehr hervorheben zu müssen 
meint. 

Frei bürg i. B. G. v. Below. 

Das Bauerngut der alten Grundherrschait. Von Johannes Kfihn. 
(Leipziger Historische Abhandlungen, Heft 38.) Leipzig. 
Quelle & Meyer. 1912. IX u. 97 S. 

Johannes Kühn knüpft in seiner wohldurchdachten agrar- 
geschichtlichen Untersuchung an die Tatsache an, daß die Grund- 
herrschaft in Südwestdeutschland schon verhältnismäßig früh 
erstarrte. Gerade dadurch wurde hier die Bahn frei für die Ent- 
wicklung des bäuerlichen Gutes. Sie will Verfasser in ihrem Zu- 
sammenhang mit dem Auflösungsprozeß der Grundherrschaft ver- 
folgen. Als Untersuchungsgebiet dient ihm das Elsaß, die ba- 
dische Rheinebene und die anstoßenden Gegenden der Nordwest- 
schweiz; als Quellenmaterial die umfassenden Urkundensamm- 
lungen dieser Landesteile, in geringerem Grade die noch nicht 
hinreichend publizierten Urbare. Über die besonderen Verhält- 
nisse der Abtei Musbach vermag er auf Grund archivalischer 
Studien zu berichten. Er beginnt mit einer Schilderung der 
Grundherrschaft am Vorabend ihrer völligen Umbildung (um 
1100). Wir lernen die Villikation als betriebstechnische Einheit 
kennen, wobei der Eigenbetrieb auf Salland in seiner technischen 
Bedeutung wohl etwas überschätzt wird, da die Bewirtschaftung 
des Sallandes im wesentlichen parzellenweise von frondienst- 



Wirtschaftsgeschichte. 335 

Pflichtigen Bauern selbständig durchgeführt worden sein dürfte. 
Die Veränderungen des 12. und 13. Jahrhunderts erblickt K. in 
der Preisgabe dieses Sallandbetriebes, in der Unifizierung der 
Leistungen und Abgaben und in ihrer Ablösung durch feste 
Renten, womit die jüngere Villikation zur bloßen Rentenanstalt 
herabsinkt. Im Verlauf dieser Entwicklung nun macht sich die 
Erscheinung geltend, daß an die Stelle der älteren Maß- und Be- 
sitzeinheit der Hufe je länger je mehr kleinere Einzelheiten, die 
Schupposen, hervortreten, die sich als Teilgrößen jener (meist 
als ihr vierter, seltener als ihr dritter Teil) darstellen. Sie sind 
in ihrer Gleichförmigkeit nach Größe, Zins und Rechtsverhältnis 
das Produkt einer allmählichen Angleichung, durch ihre Regel- 
mäßigkeit von den Kleingütern der älteren Zeit unterschieden, 
entstanden als grundherrliche Schöpfung durch Aufteilung des 
Sallandes und Zerschlagung von Hufen. Aber die Entwicklung 
bleibt bei ihnen nicht stehen. Noch im 13. Jahrhundert fallen 
auch sie der Zersplitterung anheim, da die Grundherren jeden 
Einfluß auf die Wirtschaft verlieren und die Bauern in ihrem 
Streben nach Beseitigung der Schranken im Verkehr mit Grund 
und Boden keinen Widerstand mehr finden. In der zweiten 
Hälfte des 13. Jahrhunderts sind an der einzelnen Schuppose 
gerade so wie an der Hufe viele Besitzer beteiligt. Der Besitz- 
wechsel wird ein außerordentlich schneller. Verfasser glaubt fest- 
stellen zu können, daß an manchen Orten sämtliche Familien 
der bäuerlichen Besitzer schon nach zwei oder drei Menschen- 
alter gewechselt haben. Dazu kommt die fortwährende Abtren- 
nung von Parzellen. Das alles bewirkt, daß im 14. und 15. Jahr- 
hundert die Unterscheidung von Hufen und Schupposen Sinn 
und Verständlichkeit verloren hat. Das Schlußergebnis ist eine 
Herabminderung weniger der durchschnittlichen bäuerlichen Be- 
sitzgrößen als vielmehr der Parzellengrößen, aus denen die Bauern- 
güter sich zusammensetzen. Den Antrieb zu der ganzen Ent- 
wicklung bildet nur zum kleinsten Teil die wachsende Volkszahl; 
denn diese wird nach K.s Meinung durch die innere und äußere 
Kolonisation seit dem 13. Jahrhundert im wesentlichen absor- 
biert. Ihm scheint es sich mehr um die Landversorgung der 
mit dem Verfall der älteren Grundherrschaft überflüssig gewor- 
denen ländwirtschaftlichen Arbeiter zu handeln. Ein letzter 
Abschnitt ist dem Übergang des Eigentums von der Grundherr- 

22* 



336 Literaturbericht. 

Schaft auf die zwischen ihr und dem Bauern sich vielfach ein- 
schiebende neue Klasse der nichtbäuerlichen Hufner oder auf 
die Bauern selbst gewidmet. Bei der Beschränktheit des Mate- 
rials versteht es sich, daß die ganze Untersuchung mehr nur in 
ihren Grundzügen angedeutet als im einzelnen durchgeführt wird. 
Gerade dadurch aber gewinnt sie an Klarheit. Es wäre zu wün- 
schen, daß der Verfasser recht bald dazu kommt, sie fortzusetzen 
und seine Ergebnisse in die allgemeine deutsche Agrargeschichte 
einzuordnen. Dabei wäre der Möglichkeit, daß das arithmetische 
Verhältnis der Schuppose zur Hufe im Einzelfall ebensogut durch 
Zusammenfassung von je vier Kleingütern zur Rechnungs- oder 
Verwaltungseinheit der Hufe wie durch die Zerschlagung einer 
Hufe in vier Teile entstehen konnte, vielleicht etwas mehr Rech- 
nung zu tragen. 

Prag. P. Sander f. 

Das britische Weltreich. Von Dr. Eduard Meyer, Geh. Regie- 
rungsrat, ord. Professor der Universität Berlin. Berlin, 
Carl Heymann. 1918. 68 S. (Macht- und Wirtschaftsziele 
der Deutschland feindlichen Staaten. Herausg. von der 
Handelshochschule in Königsberg i. Pr. 2. Heft.) 

Aus einem Vortrage am 17. November 1917 erwachsen 
und am 8. Januar 1918 bevorwortet, bietet diese Abhandlung 
einen großartigen Reichtum von trefflich nach der Wichtigkeit 
ausgewählten Tatsachen, auch aus uns ferneren Gebieten, wie 
Irland, Kanada und Australien, in einer Kürze, eindrucksvollen 
Klarheit, durchsichtigen Anordnung und Urteilschärfe, die die 
Meisterhand des historischen Darstellers erkennen lassen. Dieses 
Heft spricht weit maßvoller und reifer als das oben Bd. 117, 
S. 327 angezeigte frühere Buch. Es führt vom britischen Welt- 
reich sowohl äußere Macht und Ausdehnung anschaulich vor, 
wie es auch dessen innere Grundlage aus Geschichte und Volks- 
charakter, besonders die politischen und sozialen Ideen, ein- 
gehend erörtert. Namentlich die Beziehungen zu Deutschland, 
etwa seit 1884, stellt es ausführlich dar. Der Wissenschaft neue 
Einzelheiten zu bringen oder verborgene Zusammenhänge auf- 
zuhellen, muß eine solche Skizze freilich verzichten; dennoch 
verbindet sie nicht etwa nur bekannte Züge zum wohlgetroffenen 
Bilde oder Vergangenes mit Heutigem, wie sie z. B. erinnert, 



England. 337 



daß schon im Krimkriege England die Propagandaphrase von 
seinem Kampf für die Zivilisation verwendete. Sondern Ver- 
I fasser verwertet hier, für die deutsche Literatur zum erstenmal, 
eine Reihe allerneuester Veröffentlichungen der Angelsachsen, 
neben allgemein Politischem auch Wirtschaftliches und Sozio- 
j logisches, neben den Zeitungen Times, Daily Chronicle, Outlook 
I die Aufsatzsammlungen, herausgegeben von Furniss {Industrial 
i Outlook) und Kirkaldy (Labour, finance und Credit, industry), 
die Schriften von D. W. Johnson (Prussianism), J. Jones (Tsing- 
tau), Morel (Truth), Peddie (Imports) und War on German trade. 
I Aus dem führenden Wirtschaftshistoriker Cunningham (Capita- 
\ lism) zitiert er das Geständnis, daß auch England, und zwar auch 
I kraft Freihandels, die anderen Völker selbstisch ausgebeutet hat. 
j Unter den Beweggründen des englischen Kriegswillens 

sieht M. mit Recht nicht den Handelsneid, dem der Kampf 
freilich zunächst diente, als den entscheidenden an, sondern den 
Imperialismus als den tiefsten. Daß die deutsche Volksmeinung 
England die Hauptschuld am Kriege mit Recht beimesse und 
dessen Vermittlung vom Juli 1914 als Komödie verachte, hat 
er aber nicht bewiesen. Es verketteten sich m. E. vielmehr 
ungewollte Schwierigkeiten, wie denn neuerdings ein englischer 
I Malthusianer auf die Übervölkerung in der Arbeiterklasse als 
; eine Kriegsursache hingedeutet hat. Statt die Schuld der Men- 
I sehen von 1914 anzuklagen, zeige der Historiker lieber bei den 
! Politikern des voraufgehenden Menschenalters die Urteilsfehler 
' und den Mangel an Voraussicht der wahrscheinlichen Folgen, 
zu denen rücksichtslose Machtgier fürs Vaterland und Völker- 
verhetzung führen müssen; letztere verübten auch bei uns Tages- 
I Schriftsteller ohne Verantwortungsgefühl. — Die Mißstimmung 
der Neutralen gegen uns folgte aus unserem Einmarsch in Belgien, 
' nicht aus dem freilich unpolitischen Bekenntnisse unseres Un- 
i rechts im buchstäblichen Sinne, das ein geschickterer Verteidiger 
! höchstens vielleicht als moralisches Recht erweisen konnte. 
I Klar hebt Verfasser die Überlegenheit des Weltreichs, das 

I klimatische Gegensätze vereint, hervor über die lokal gebundene 
j Wirtschaft jeder anderen Nation. Große Staatsmänner findet 
j er in England sehr selten: dann muß es, um nicht alles bhndem 
i Glücke zuzuschreiben, das ja wirklich Britannien viel in den Schoß 
; warf, drüben besonders zahlreiche helle, geschickte Opportu- 



338 Literaturbericht. 

nisten geben, oder die alleinige private Initiative heilsam und weit 
wirken. Letztere rühmt Verfasser mit Recht als die Grundlage 
von Britanniens Weltpolitik, sieht aber Deutschlands Handel 
und Gewerbe einseitig aus der Uniformierung staatlicher Er- 
ziehung erblüht. Der Gegensatz zwischen Staatsorganisation 
in Deutschland und jenem Individualismus in England, der in 
des einzelnen Selbstsucht das Heil auch des Ganzen erblickt, 
wird scharf herausgearbeitet; die Angst, England selbst könne 
jenem Systeme unterliegen, formte sich den Militarismus-Popanz. 
Zum Kriege aber, glaube ich, trug dieser tiefe Gegensatz schwer- 
lich bei. — M. bewundert auch am Todfeinde die zähe Willens- 
kraft, den freiwilligen Heerdienst, die Frauenarbeit, die kühne 
und grundstürzende und dennoch gesetzliche Umwälzung ge- 
heiligter Überlieferung, wodurch Frankreich von 1789 und Japan 
von 1869 übertroffen sei. Er führt davon im einzelnen aus die 
Wiederbelebung der Landwirtschaft, den Wehr- und Arbeits- 
zwang, die Verstaatlichung der Verkehrsmittel, die gesetzliche 
Anerkennung der Gewerkvereine, die Arb^itslosenfürsorge und 
das gleiche Wahlrecht, auch der Frauen, zum Unterhaus. Un- 
serer Finanz, die des Reiches Zukunft mit Anleihezinsen über- 
bürdet, hält M. in gerechtem Zorne als Beispiel die Riesenopfer 
des heutigen englischen Steuerzahlers vor. 

M. wägt Englands Vorteile im Kriege einsichtig ab: es ge- 
wann, wie auch Japan, durch die deutsche Zerstückelung Ruß- 
lands die Befreiung von einem gefährlichen Nachbar und errang, 
neben den Deutschland und der Türkei fortgenommenen Län- 
dern und Handelsmöglichkeiten, die Hegemonie über Bundes- 
genossen, Vasallen und Neutrale. Belgiens, Norwegens und Italiens 
Abhängigkeit bezeichnet Verfasser treffend; kraft zauberischer 
Einflußmacht erlaubt sich Britannien Gewaltmaßregeln gegen 
Neutrale, die kein Schwächerer wagt. Bis 1914 unterschätzten 
die Deutschen (aber nicht alle!) — wie sie das uns militärisch Mög- 
liche zu hoch anschlugen (und über Wirtschaftliches nachzudenken 
unterließen) — auf schnellen Sieg über Frankreich trauend, Bri- 
tanniens latente Macht und Staatsgesinnung sowie die innere 
Festigkeit des Imperiums. Das gibt M. zu und zeigt, wie letztere 
in der Not noch wuchs. (Erwächst aber, wie manche planen, 
ein Staatenbund daraus, so büßt der Londoner Mittelpunkt 
Macht ein.) Dennoch hält er es für möglich, daß dank Amerikas 



England. 339 

und Japans Aufstieg, den er großzügig klarlegt, und der Auto- 
nomie Indiens in einem Jahrhundert kein Europäer in Indien 
oder Australien leben werde (?). Der australische Premier Hughes, 
ober dessen Rücktritt das Vorwort frohlockt, verficht weiter den 
Ausschluß deutscher Kolonien und Marine vom Stillen Ozean 
am einflußreichsten. Australiens Gegensatz gegen den ihm von 
England bestellten Schützer Japan verdiente als schwacher 
Punkt des britischen Systems deutlicheren Hinweis, ebenso die 
wirtschaftliche Verselbständigung zweier Dominien kurz vor 
dem Kriege. 

Die Macht der öffentlichen Meinung bei den Angelsachsen 
begründet Verfasser (teilweise) mit Recht mit der geringeren 
Zwangsgewalt des Staates. Er sieht das eigene Gewissen gegen 
die konventionelle Moral seltener auftreten; ich erblicke darin 
allgemein die Schattenseite einer fest umzirkten Gesellschafts- 
ehre, die auch bei uns überall, wo Korpsgeist herrscht, den einzel- 
nen in Fesseln schlägt. Er tadelt, daß Britanniens Auslandspoli- 
tik und Tagespresse die Selbstsucht mit verlogenen Phrasen 
verhüllen: mir scheinen andere Länder höchstens gradweise 
verschieden und nur jugendlich ungeschickter zu verfahren. 

Richtig aber ist, daß drüben Staatsmänner, sogar amtlich, 
auch in der Innenpolitik aus Selbstsucht oder zum Parteizweck 
unehrlicher sprechen als bei uns. — Nicht den Premier wählt 
Britanniens Volk; es entscheidet nur bei der Wahl zum Unter- 
hause, welche der beiden Parteien herrschön solle; und deren 
Organisation bestimmt jenen. Lloyd Georges Diktatur bedeutet 
nur einen Staatsstreich in der Not der Zeit; keineswegs nähert 
sie oder die Wilsons die angelsächsische Staatsform der deutschen 
1 an: Herkunft, Amtsdauer sowie aristokratische, bureaukratische, 
militärische und landwirtschaftliche Beeinflussung gemäß ge- 
j schichtlicher Überlieferung scheiden die deutsche Monarchie 
von jener organisch. — Übertrieben klingt der Ausdruck, daß 
jeder Engländer schon seit etwa 1900 Überfall und Aushungerung 
durch die deutsche Flotte fürchtete, und daß die Baumwoll- 
einfuhr durchs U-Boot „völlig" stockte. 

Mit erfrischender Offenheit bekennt M. Parteifarbe. Er tadelt 
unsere Regierung, die Flaumacher förderte (?), wegen Verzöge- 
rung des rücksichtslosen U-Bootkrieges, erblickt in diesem unser 
Heil, in Amerikas Kriegserklärung, die ja England freilich nicht 



340 Literaturbericht. 

allseitig willkommen schien, unseren Vorteil. Im Gegensatz 
hierzu steht die Riesengefahr des Angelsachsenbundes S. 37 
richtig erklärt. Er mißbilligt die auf Verständigung mit England 
gerichtete Politik, da ja jenes unser Todfeind bleiben (?) müsse 
und unsere bedingungslose Unterwerfung und Zertrümmerung 
fordere, was für uns das Schicksal Irlands und Indiens bedeute (?). 
Durch einen Verzichtfrieden schädige der deutsche Arbeiter 
sich selbst, da ja Deutschlands Seehandel und Ausfuhr erst neu 
wieder aufbauen muß. Hinter unserem Friedensangebot wähne 
der Gegner nur unsere Schwäche. M. hofft auf den Waffensieg 
allein und auf deutsche Beherrschung der flandrischen Küste. 
Mich überzeugen diese Darlegungen nicht. — Verfasser empfiehlt, 
Irlands Autonomie, die sich deutscher Ausfuhr öffnen werde, 
zu unterstützen, besonders aber, in moralischer Propaganda an 
Irlands Beispiel zu zeigen, welches Kriegsziel England hinter 
angeblicher Völkerbefreiung verbirgt. Wenn M. meint, die deut- 
schen Verfechter des demokratisch-parlamentarischen Regi- 
mentes (genauer: einer Annäherung an solches) wünschten damit 
unsere Feinde zu versöhnen, untergrüben aber die Wurzeln un- 
serer Kraft, so leugnen fast alle jene Absicht und durchweg alle 
diesen Erfolg. 

Ein Halbjahr dieser gewaltigen Zeit bringt der Ereignisse 
zu viele, als daß diese Kriegsschrift noch den heutigen Tag spie- 
geln könnte. Dennoch bewahrt sie ihren hohen Wert, da sie die 
Anschauung eines »kenntnisreichen und weitblickenden Geistes 
zu einem bestimmten Zeitpunkte festhält. Und weitaus über- 
wiegend bleiben die Urteile, wie z. B. über Englands wirtschaft- 
lichen Verlust zugunsten Amerikas und Japans, als geschieht* 
liehe Wahrheiten bestehen, 

Berlin, Juli 1918. F. Liebermann. 

Ein deutscher Arzt am Hofe Kaiser Nikolaus' I. von Rußland. 
Lebenserinnerungen von Professor Martin Mandt. Heraus- 
gegeben von Veronika Luhe. Mit einer Einführung von 
Professor Theodor Schiemann. München und Leipzig, 
Duncker & Humblot. 1917. XVI u. 544 S. 

In seiner Einführung bezeichnet Schiemann, der bedeutendste 
Kenner der Epoche Nikolaus' I., die vorliegenden Lebens- 
erinnerungen rückhaltlos als eine der intimsten und wichtigsten 



j 



England. 341 

,||uellen zur Geschichte des Kaisers für die letzten zwanzig 
Jahre seiner Regierung. Mit vollem Recht. Höchst lebendig, 
mit dem durchdringenden Auge des Arztes und des Menschen- 
kenners gesehen, stehen nicht nur der Kaiser, sondern auch die 
Mitglieder seiner Familie und eine Menge anderer Personen 
in der nähern oder weitern Umgebung des Hofes dem Leser vor 
Augen. Obwohl der durchgehende Faden dieser Erinnerungen 
eigentlich aus einer Reihe von Krankheitsgeschichten besteht, 
wird man vom ersten bis zum letzten Wort des Buches ge- 
fesselt. Es ist der immer siegreiche Kampf eines bis zum äußer- 
sten aufrechten deutschen Charakters mit einer Welt von Lüge 
und Intrige und eines innerlich wahrhaft freien Mannes mit 
dem Tschinownikstaat, die einen ganz wesentlichen Reiz der 
Erinnerungen ausmachen. Dazu gesellen sich in diesen selbst 
wie in den angehängten tiefgrabenden Exkursen — über Adel, 
I Leibeigenschaft und Soldatenstand, über Höflingswirtschaft, 
j über Bildungs- und Erziehungswesen — Bilder aus der russi- 
schen Gesellschaft, die einen höchst schätzenswerten Beitrag 
i zur Kenntnis der Epoche und zum guten Teil des russischen 
I Wesens bis zum heutigen Tag hefern. 

I Das Hauptinteresse des historischen Lesers wird sich auf 

I den Kaiser konzentrieren. Mandt verehrt und liebt ihn als einen 
i großen Mann : er ergeht sich in Ausdrücken der Bewunderung, wie 
I sie ähnlich auch bei Nikolaus' preußischem Schwager Friedrich 
I Wilhelm IV. wiederkehren. In der Tat zeichneten den Kaiser 
I neben einer hervorragend schönen Erscheinung die männ- 
I liehen Eigenschaften des Mutes, der Kraft, und zwar einer 
suggestiven, von M. immer wieder betonten Kraft der Stimme 
; und des Auges, und eine ehrliche Überzeugungstreue aus. Aber 
I man weiß ja aus Schiemanns ausgezeichneter Schilderung, 
^ daß bei eintretendem Glückswechsel der Mut in Kleinmut, die 
1 anscheinend unerschütterliche Willenskraft in vöHige Nervosität 
! umschlagen konnten. Und nur der Unkundige wird sich durch 
I die vor allem der privaten Persönlichkeit gezollte Verehrung 
: zu allgemeineren Schlüssen verleiten lassen. Der Historiker 
1 dagegen wird zwar M.s helleren Farbenauftrag mit Dank akzep- 
I tieren und der Despotennatur des Herrschers sich rein mensch- 
I lieh näher fühlen, auch mit besonderem Interesse das Urteil 
: des Leibarztes über die Bauernbefreiungspläne des Kaisers 



342 Literaturbericht. 

vernehmen (S. 501 ff.), aber er wird bei dem allen seine An- 
schauung über die politische Gestalt Nikolaus' I. und sein poli- 
tisches Wirken doch kaum wesentlich zu revidieren brauchen. 
Zumal in M.s eigener Schilderung auch die tiefen Schatten 
nicht fehlen: ein logisch „wohlorganisierter Kopf", aber mit 
völlig mangelhafter wissenschaftlicher Vorbildung, rein mili- 
tärisch empfindend, keinen Widerspruch ertragend, mißtrauisch 
wegen häufig erfahrenen schamlosen Betrugs, aber trotz dieses 
Mißtrauens und einer bis ins einzelne gehenden Personalkenntnis 
in den Spezialgebieten der Verwaltung immer wieder jahrelanger 
völliger Täuschung ausgesetzt. 

Das System des Bureaukratismus und Absolutismus feiert 
bekanntlich in Nikolaus bei aller Ideenarmut infolge seiner 
Geschlossenheit die letzten uneingeschränkten Triumphe. Aber 
der Todeskeim ist längst vor dem Krimkrieg für den rück- 
schauenden Betrachter deutlich erkennbar, und auch jene 
kaiserlichen Maßnahmen zur Vorbereitung der bäuerlichen 
Reform erscheinen der Geschichtsforschung in anderem Licht, 
als sie M. uns darstellt, wenn er in dem vorzeitigen Tod des 
Herrschers den einzigen Grund für die Nichtvollendung des 
ganzen Werkes erblicken will. Gewiß ist ein innerer Zusammen- 
hang der einzelnen Gesetze nicht ganz zu verkennen, aber sie 
wurden auf dem reinen Kanzleiwege erlassen; es war obendrein 
nur ein schüchternes Tasten mit häufigen Unterbrechungen 
von Anfang an, bis ihm dann die Revolution von 1848 ein defini- 
tives Ende bereitete. Indem aber M. die nicht nur nach unten, 
sondern auch nach oben sittlich und kulturell verheerenden 
Wirkungen der Leibeigenschaft erkennt und brandmarkt, wie 
sie noch zur Zeit seines eigenen Todes (1858) fortbestanden, 
sieht er auch mit Sicherheit die Zeit voraus, „wo die gesäten 
Drachenzähne, gesät durch Jahrhunderte hindurch, eine all- 
gemeine Ernte der bösen Früchte herbeiführen". So wird er 
zum Propheten der Zukunft, und die Krankengeschichte seiner 
hohen Patienten wird zugleich zu einer solchen des zeitgenössi- 
schen Rußlands. 

Straßburg i. E. K. Stählin. 



Rußland. 343 

Rußland. Eine geographische Betrachtung von Volk, Staat und 
Kultur von Alfred Hettner. Zweite erweiterte Aullage des 
Werkes: Das europäische Rußland. Mit 23 Textkarten. 
Leipzig, Teubner. 1916. X u. 356 S. 

Die I.Auflage dieses Buches ist auf Grund von Reise- 
eindrücken und umfassendem Studium deutscher, französischer 
und englischer Literatur während des Russisch- Japanischen 
Krieges entstanden. Die vorliegende 2. Auflage, noch vor der 
jetzigen Revolution vollendet, an deren Eintritt währe'nd des 
Krieges der Verfasser übrigens nicht glaubte (S. 337), fügt der 
Betrachtung des Menschen und seiner Kultur im osteuropäischen 
Tiefland einen zweiten politisch-geographischen Teil den An- 
forderungen der Gegenwart gemäß hinzu; er umfaßt, indem er 
die Abschnitte der früheren Darstellung über Rußlands politische 
Stellung in sich aufnahm, das russische Reich in seiner Gesamt- 
heit. 

Die geographische Wissenschaft hat in den letzten Jahr- 
zehnten mehr und mehr die Einbeziehung auch der angrenzenden 
Gebiete in ihre Forschung und Darstellung als unerläßlich 
erkannt, ohne darüber das eigentlich geographische Moment, 
Raum und Natur, als Ausgangspunkt und Grundlage, aus den 
Augen zu verlieren. Und gerade für das Verständnis unseres 
östlichen Nachbars ist dieses ja von besonderer Bedeutung. 
Solcher Art ist auch Hettners Werk. Obwohl nicht auf russischer 
Literatur in der Originalsprache fußend, bildet es einen höchst 
schätzenswerten Beitrag zur tieferen Erkenntnis Rußlands und 
seines Wesens. 

Es sind in diesen Jahren Urteile über Rußland laut geworden, 
deren unduldsame Einseitigkeit wohl aus der Kampfstellung 
inmitten des ungeheuren Weltgeschehens eine gewisse Ent- 
schuldigung finden mag, die sich aber mit den Erfordernissen 
reiner Wissenschaft stellenweise in unleidlichen Konflikt setzen. 
Um so wohltuender berührt die Vorsicht und Objektivität, mit 
der H. den Fragen gegenübertritt. Auch der Hauptfrage, die sich 
ihm aus der Einwirkung der russischen Geschichte auf die 
innere Ausbildung des russischen Wesens ergibt: Was ist bloße 
Rückständigkeit, was ist Besonderheit der russischen Kultur? 
Unter Berücksichtigung dieser beiden Hauptgesichtspunkte und 
steter Bezugnahme auf die geographischen Bedingungen, vor 



344 Literäturbericht. 

allem den Unterschied zwischen Wald und Steppe, unternimmt 
es der erste Teil, die Völker, die Religionen, den Staat, die 
Besiedlung, den Verkehr, die Volkswirtschaft, die materielle 
und geistige Kultur zu analysieren. Alles in allem stellt sich 
uns die merkwürdige Erscheinung eines halborientalischen 
Landes in rauhem nordischem Klima und als Folge der späten 
und bisher immer noch oberflächlichen Europäisierung eine 
bloße ,,Misclikultur" vor Augen. Als zweite verhängnisvolle 
Tatsache wird mit Recht das Überwuchern der Eroberungs- 
politik über die Kulturpolitik bezeichnet. Erst die Umkehrung 
dieses Verhältnisses und die Ablösung des despotischen und 
korrupten Polizeistaates durch einen Verfassungsstaat wird in 
sicherer, wenn auch langsamer Entwicklung ein modernes 
Kulturvolk an unseren Ostgrenzen erstehen lassen. 

Kunst und Literatur sind, dem Rahmen des Werkes ent- 
sprechend, nur mit wenigen Sätzen behandelt. Immerhin 
wären statt des etwas vagen Hinweises auf „manche schöne 
Gemälde" der Tretjakowgalerie einige tiefergehende Andeu- 
tungen, so zumal über die Rolle am Platz gewesen, die nicht 
nur die Literatur — hier ist sie vom Verfasser erwähnt — , 
sondern auch die Kunst als Trägerin politisch-sozialer Forde- 
rungen in wohl einzigartiger Weise spielte. Der Rezensent darf 
dabei an seinen eigenen Versuch einer Darstellung der russischen 
Kunstentwicklung erinnern. 

Indem nun der zweite Teil Geschichte und Bestand des 
russischen Reiches, seine Eroberungspolitik, seinen inneren 
Zusammenhalt, seinen Macht- und Kulturwert behandelt, müssen 
sich freilich einzelne kleine Wiederholungen ergeben. Im ganzen 
bleiben dennoch die beiden Teile gleichwertig nebeneinander 
bestehen. Und es ist nur mit Dank zu begrüßen, daß H. die 
jüngst von Supan gegebene Definition der politischen Geographie 
mit Heranziehung auch der äußern Politik praktisch über- 
schreitet. 

Drei Wachstumsvorgänge werden im europäischen Ruß- 
land unterschieden: die erobernde Kolonisation gegenüber den 
Finnen im nördlichen und östlichen Waldland, das Vordringen 
in das südliche und südöstliche Steppenland, endlich die rein 
staatliche, nicht kolonisatorische Eroberung der westlichen 
Nachbarländer. Dazu tritt die Erweiterung in Asien mit teils 



Rußland. 345 

ähnlichen, teils andersartigen Erscheinungen. Bei dem allen ver- 
misse ich nur die Auseinandersetzung mit einer sehr wichtigen 
Einzelfrage: Woher kamen die Siedler an der obern Wolga 
und Oka? Erfolgte diese Kolonisation durch die Abwanderung 
des Hauptbevölkerungsteils der Kiewer Rus, wie es uns zuletzt 
noch Kljutschewskij so eindringlich vor Augen geführt hat, 
oder geschah sie, der vorwiegend baltischen Geschichtsauffassung 
entsprechend, im wesentlichen durch Nowgorod? 

Das Resultat ist ein Eroberungs- und Kolonialreich mit 
einverleibten Fremdvölkern im Westen, einer riesigen Siedlungs- 
kolonie im Osten, Wirtschaftskolonien im Norden, Herrschafts- 
kolonien im zentralen und östlichsten Asien. Besonders aktuell 
berührt uns der Inhalt des Kapitels über den inneren Zusammen- 
halt des russischen Reiches. Alle die seither mit immer größerer 
Heftigkeit umstrittenen Fragen der Randstaatenpolitik sind 
hier bereits aufgeworfen und mit der dem ganzen Buche inne- 
wohnenden Umsicht behandelt. Verfasser trifft vollständig mit 
der Ansicht des Rezensenten überein, wenn er die Abgliederung 
Livlands und Estlands als eine Maßnahme bezeichnet, die zur 
Voraussetzung hätte, daß wir auf lange Zeit bereit sein müßten, 
diese langgestreckte Grenze zu verteidigen, und wenn er ebenso 
die außerordentlichen Schwierigkeiten einer vollen und dauernden 
Abtrennung der Ukraine statt ihrer bloßen Autonomie hervor- 
hebt. In mehr oder weniger veränderter Gestalt leben diese 
Probleme bis heute ungelöst weiter. 

Zwei von H. schon anderwärts verfochtene Gedanken 
kommen in diesen und ähnlichen Zusammenhängen wieder 
zur Aussprache: die Unrichtigkeit einer Politik, die es unter- 
nehmen wollte, Rußland gegen England in Persien zum Meer 
zu verhelfen, da ein solches Vorrücken eine neue Umklammerung 
der Türkei bedeuten würde, und die Notwendigkeit für Rußland, 
ein autarktisches Wirtschaftsgebiet zu werden, statt weiterhin 
wie bisher die Ausgänge zu warmen Meeren zu erstreben. Die 
erste dieser Fragen ist durch die mittlerweile eingetretenen 
kriegerischen und politischen Entwicklungen überholt. Ob die 
Formulierung der zweiten These nicht allzu theoretischer 
Natur ist, das wird erst eine noch ferne Zukunft lehren. 

Wenn auch die Menge der in den Text gedruckten Kärtchen 
nicht selten zur guten Erläuterung dienen, so würde man doch 



346 Literaturbericht. 

häufig auch eine größere politisch-geographische Kartenbeilage 
gern zu Rate ziehen. Für beide Teile und ihre einzelnen Kapitel 
zusammengestellte Literaturangaben erhöhen den Wert des 
vortrefflichen Buches, das mit seiner allseitigen und tiefdringen- 
den Betrachtung immer einen ehrenvollen Platz unter den 
wissenschaftlichen Werken über Rußland einnehmen wird. 
Straßburg i. E. K. Stählin, 

Handbuch für Heer und Flotte. Enzyklopädie der Kriegswissen- 
schaften und verwandter Gebiete. Herausgegeben von 
Generalleutnant z. D. v. Alten, fortgeführt von Hauptmann 
a.D. v. Albert. 6. Bd. : Leissegues — Österreich-Ungarn. 
Mit 30 farbigen und schwarzen Tafeln und 227 Abbildungen 
im Text. Berlin, Deutsches Ve^lagshaus Bong & Co. 1914. 
932 S. 

Der vorliegende Band des hervorragenden, groß angelegten 
Werkes war noch vor Ausbruch des Krieges fertiggestellt worden 
und erschien bereits Ende 1914. Der gewaltige Band enthält 
eine Fülle von Material, dessen Reichhaltigkeit im Rahmen einer 
kurzen Besprechung nur angedeutet werden kann. Unter den 
Verfassern der einzelnen Aufsätze bemerken wir eine Reihe von 
Namen von gutem Klang, die auch im Laufe des Feldzuges 
hervortraten, wie v. Beseler, v. Zwehl, Frhr. v. Bissing, Litz- 
mann, Frhr. v. Falkenhausen sowie viele andere. 

Aus der Darstellung der einzelnen Staaten mit ihren Heeres- 
einrichtungen heben wir die Aufsätze über Österreich-Ungarn, 
Marokko, Niederlande, Mexiko hervor. Einen interessanten Auf- 
satz „Offizier" hat der Oberstleutnant Frhr. v. der Osten-Sacken 
verfaßt. Unter den militärgeographischen Aufsätzen sind die 
über „Maas", „Mosel", „Mittelmeer", „Narew-Niemen-Linie", 
„Neue holländische Wasserlinie", „Nordsee" besonders beachtens- 
wert. Sehr wertvoll und auf mühsamer, großer Arbeit beruhend 
ist der im Aufsatz „Literatur" von General v. Voß gegebene 
Überblick über die gesamte Militär- und Marineliteratur seit dem 
Altertum. Unter den Lebensbeschreibungen ragt der von General 
Frhr. v. Falkenhausen verfaßte Aufsatz „Moltke" besonders 
hervor. Um die außerordentliche Reichhaltigkeit des Inhaltes 
anzudeuten, seien z. B. die Aufsätze über „Nationalökonomie 
des Krieges", „Neutralität", „Linienschiff", „London", „Lilien- 



Heeresgeschichte. 347 





„Orden und Ehrenzeichen", ,,MacchiavelH" erwähnt. 

Leider sind die Aufsätze über Waffenwesen und Munition, 

Nahkampf, Nachrichtendienst und Nachrichtenmittel, Minenkrieg, 

Luftfahrt und manches andere durch die Erfahrungen des großen 

Krieges stark überholt. Dies trifft natürlich auch vielfach den 

Inhalt der bereits früher erschienenen Bände, ein Schicksal, das 

dieses ganze Werk mit der gesamten Militärliteratur, besonders 

in bezug auf die Technik, teilt. Wieweit sich dieser Nachteil für 

die bereits erschienenen Bände durch Nachträge beheben läßt, 

muß dahingestellt bleiben. Ob die Fortführung und Beendigung 

des Werkes unter den heutigen Verhältnissen möglich ist, läßt 

sich zurzeit nicht übersehen. Das ganze Werk war ursprünglich 

auf 9 Bände veranschlagt. Da außer den Bänden 1 — 6 der 9. Band 

I früher schon außer der Reihe erschienen war, so fehlen nur der 

j 7. und 8. Band. Es wäre sehr zu bedauern, wenn das so groß 

I angelegte und bisher durchgeführte Werk, das ein Denkmal 

I deutschen Fleißes und deutscher Gründlichkeit ist, unvollendet 

I bliebe. Wir möchten dem Verlagshaus, das sich so große Ver- 

I dienste damit erworben hat, sowie dem Herausgeber Major 

I V. Albert, der bis zum Schluß des Krieges im Felde gestanden 

j hat, wünschen, daß es ihnen vergönnt sein möge, ihrem Werk 

den Schlußstein anzufügen. x. 



Notizen und Nadiriditen. 



Die Herren Verfasser ersuchen wir, Sonderabzüge ihrer 
in Zeitschriften erschienenen Aufsätze, die sie an dieser Stelle 
berücksichtigt wünschen, uns freundlichst einzusenden. 

Die Redaktion. 

Allgemeines. 

Im Verlage von Kurt Schroeder, Leipzig, beginnen zu erscheinen: 
„Schriften zur europäischen Geschichte seit dem Mittel- 
alter", hrsgg. von Dr. Herbert Schönebaum. Die Schriftenreihe 
will die Bekanntschaft mit der außerdeutschen Geschichte fördern. 

Als Organ des Verbandes Deutschland-Spanien erscheint „Spa- 
nien. Zeitschrift für Auslandskunde", hrsgg. vom ibero-ameri- 
kanischen Institut Hamburg (Schriftleitung: B. Schädel; Verlag von 
W. Bangert, Hamburg), jährlich 4 Hefte (7,50 M.). Das 1. Heft ent- 
hält u. a. : Boelitz, Das Deutschtum in Spanien; Eugen Fischer, 
Rassenprobleme in Spanien; C. F. Seybold, Die Araber in Spanien. 

Kein Historiker sollte die ganz hervorragende Zeitschrift: „Der 
Neue Orient, Halbmonatsschrift für das politische, wirtschaftliche 
und geistige Leben im gesamten Osten", Verlag „Der Neue Orient", 
Berlin W. 50, übersehen, die soeben mit dem 4. Band ihren 2. Jahr- 
gang abschließt. Die überstürzten Ereignisse haben das hier ein- 
gehend verfolgte große orientalisc heDrama, in dem Deutschland zeit- 
weise mit im Mittelpunkt stand, schon zur Geschichte gemacht. Aber 
auch an der politischen Zeitschrift, an dieser ersten, glänzend gelun- 
genen und doch leider noch wenig beachteten deutschen Bestrebung, 
unser Volk aus seinen nur allzusehr erwiesenen provinzialen Inter- 
essen zu weltpolitischem Denken zu führen, sind wir Historiker leb- 
haft interessiert. Die stets sehr reichhaltigen Hefte beginnen mit 
einer politischen Rundschau im Orient. Hier berichten beste Sach- 



Allgemeines. 349 

kenner, denen auch reiches offiÄelles Material zur Verfügung steht, 
über die neuen Ereignisse in der Türkei, in Ägypten, Persien, Zentral- 
asien, Rußland, Indien, Ostasien (so im letzten Doppelheft auf 22 
inhaltreichen Spalten). Es folgen Aufsätze mehr gelegentlicher Mit- 
arbeiter, im letzten Doppelheft über die chinesische Frage und den 
Völkerbund, die japanische Administration in Korea, die Bewegung 
der japanischen Bevölkerung, den deutsch-chinesischen Verband, den 
Zionismus, das Größere Hedschas, die militärische Lage in Tripolis 
in italienischem Lichte (zusammen 33 Spalten). Die folgenden „kurzen 
Nachrichten aus den Ländern des Orients" bieten eine Fundgrube 
von stets sachkundig gesichteten Berichten zur Entwicklung der tür- 
kischen Gebiete, Nordafrikas, Arabiens, Britisch- Indiens, Niederlän- 
disch- Indiens, Ostasiens (25 kleingedruckte Spalten). Der wirtschaft- 
liche Teil des beispielsweise analysierten Heftes handelt über den 
Bergbau in den Vereinigten Malayenstaaten, die Wirtschaftslage von 
Korea, Sachalin und Kwantung, ausländische Handelsgesellschaften 
in Japan, den persischen Handel (16 Spalten), worauf wieder reiche 
wirtschaftliche Einzelnachrichten auf 27 enggedruckten Spalten folgen. 
Der Abschnitt über „Kultur und Geistesleben im Orient" enthält 
auf 28 Spalten Aufsätze über chinesische und japanische Kunst, die 
Religion im täglichen Leben der Hindus, die katholischen Missionen 
im Orient vor ihrer Neugestaltung sowie eine Zeitschriftenschau über 
orientalische Dinge. Bücherbesprechungen und Abdrucke von Ur- 
kunden schließen die Hefte. Die offiziellen Beziehungen der Zeit- 
schrift treten nur als fördernd hervor. Sie ermöglichen auch den 
unverhältnismäßig niedrigen Jahrespreis von 20 M. für die 24 Hefte 
mit reichlich 1000 Quartseiten. Das Abonnement ist besonders auch 
für Bibliotheken höherer Schulen zu empfehlen. 

Berlin. Andr. Walther. 

Oskar Walzels wertvolle Darstellung „Deutsche Romantik" 
ist in der 4. Auflage auf zwei Bändchen der Sammlung „Aus Natur 
und Geisteswelt" verteilt (I. Welt- und Kunstanschauung. VI u. 
116 S. II. Die Dichtung. IV u. 104 S. Leipzig u. Berlin 1918, Teub- 
ner). Die Bearbeitung, die sich allenthalben in der Nachtragung und 
Verwertung neuerer Literatur zeigt, ist aber nur im zweiten Teile zu- 
gleich Erweiterung; der Gegenstand des ersten Bändchens war in der 
einbändigen Ausgabe teilweise etwas eingehender behandelt. 

Aus der „Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unter- 
richts" 6 (1916), S. 225—280 erwähnen wir noch nachträglich S. 
Aschner, Der deutsche Unterricht und die Romantik. Der Aufsatz 
zeigt im einzelnen das rasche Eindringen der Romantik in die Schule 
und ihre allgemeine Bedeutung für den deutschen Unterricht. 
Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 23 



350 Notizen und Nachrichten. 

In hübschen Gedenkworten zur 100. Wiederkehr des Stiftungs- 
tages der Monumenta Germaniae gibt W. Erben den Lesern der Grazer 
Montagszeitung (1919, Januar 20) einen Begriff von den Aufgaben 
und der Arbeitsleistung des großen Unternehmens, dessen gemein- 
deutsche Bedeutung er besonders hervorhebt. 

„Hans Delbrück der Siebzigjährige" wird von Martin Hobohm 
in einer mit lebhafter Verehrung geschriebenen, vielfach gut charak- 
terisierenden Studie begrüßt. Ein Bild Delbrücks ist beigegeben. 
(Berlin W., 1918. Engelmann. 24 S. 1,25 M.) 

Der „Grundriß einer Geschichte des katholischen Kirchenrechts" 
von A. M. Koeniger (Köln, Bachem. 1918. 91 S. 3,20 M.) ist ein 
durch Anmerkungen bereicherter Sonderabdruck aus den „Monats- 
blättern für den kath. Religionsunterricht an höheren Lehranstalten" 
(1918, Mai- Juli). Diese Herkunft bezeichnet die besondere Aufgabe 
der Darstellung. Aber durch Sachkenntnis, pädagogisches Geschick 
und eine erfreuliche Leidenschaftslosigkeit des selbstverständlich kirch- 
lich gegründeten Urteils vermag der Verfasser dem Buche einen über 
den nächsten Zweck hinausweisenden Wert zu geben. Der Historiker 
wird diese kurze Darstellung, die bis zu dem von Pius X. geschaf- 
fenen, von Benedikt XV. veröffentlichten neuen Codex iuris canonici 
hinführt, mit Nutzen zur Hand nehmen. Die 23 Seiten starken An- 
merkungen bringen keinerlei Literaturangaben — diese hat der Ver- 
fasser leider „absichtlich vermieden" — , wohl aber neben kleinen 
Erläuterungen ausgewählte Quellenstellen, darunter manche weniger 
bekannte, gelegentlich sogar (S. 73, Anm. 137) eine aus einer Hand- 
schrift (12. Jahrhundert). Das eingehende Register zu dieser stoff- 
reichen, oft allzu stark zusammengepreßten Übersicht wäre noch will- 
kommener, wenn es auch den Inhalt der Anmerkungen berücksichtigt 
hätte. V. 

Robert Sieger, „Der österreichische Staatsgedanke und seine 
geographischen Grundlagen" (österr. Bücherei, geleitet von R. v. 
Wettstein, 9. Bändchen. Wien u. Leipzig, Fromme. 95 S. 0,80 M.) 
ist, wie der Verfasser selbst in einem Nachwort vom 3. November 
1918 noch bemerken konnte, in seinem gegenwartspolitischen Inhalt 
durch den Gang der Ereignisse überholt, behält aber mit der Ver- 
knüpfung geographischer, geschichtlicher und politischer Beobachtung 
und Beurteilung seinen besonderen Wert. 

Österreich-Ungarn als Verfassungsstaat. Von Fritz Härtung. 
(Auslandsstudien an der Universität Halle -Wittenberg. Heft 7.) 
(Halle, Niemeyer. 1918. 32 S.) — In diesem am 24. Januar 1918 
gehaltenen Vortrag gibt Härtung einen guten Überblick über die Pro- 
bleme des Habsburgerreiches, deren Unlösbarkeit sein Ende nach der 



I 



Allgemeines. 351 



Niederlage herbeigeführt haben. Wenn Härtung S. 27 sagt, daß nicht 
mehr der Dualismus, sondern die Auseinandersetzung mit den Natio- 
nalitäten das wichtigste Problem der Monarchie sei, so wird m. E. 
eine rückschauende Betrachtung der Epoche von 1867 — 1918 lehren, 
daß doch der Dualismus das Haupt- und Grundübel war und ge- 
blieben ist, insofern es alle anderen und gerade die unvereinbaren 
Ansprüche der anderen Nationalitäten im Gefolge hatte, schüßler 

Das von P. Seidel herausgegebene Hohenzollern- Jahrbuch, 
20. Jahrgang (1916. Giesecke & Devrient, Berlin-Leipzig. XXIV u. 
211 S.) enthält folgende Beiträge: O. Hintze, Der Weltkrieg im Jahre 
1916. — Schmitz, Schloß Charlottenhof (das Friedrich Wilhelm IV. 
als Kronprinz im engsten Einvernehmen mit Schinkel errichten ließ). 
— Volz, Zur literarischen Tätigkeit Friedrichs des Großen. 1. Die 
(1773 entstandene, 1775 und 1779 umgearbeitete) Urfassung der Dar- 
stellung der Teilung Polens. 2. Ein neuer Plan zur Verteidigung Schle- 
siens (aus der Zeit nach 1745). 3. Aus der poetischen Werkstatt (Kor- 
rekturen an Gedichten). 4. Der Eloge de M. de la Mettrie (Entstehungs- 
geschichte). 5. Der Eloge de M. Diihan (stammt nur teilweise von 
Friedrich). — Klinkenborg, Der Ort der Abendmahlsfeier Kurfürst 
Joachims II. am 1. November 1539 (tritt wieder und wohl mit Recht 
für Spandau ein). — Droysen, (Chronologische Zusammenstellung der 
Ereignisse am kronprinzlichen Hofe in) Rheinsberg 1736 — 1740. — 
Backschat, Beiträge zur Baugeschichte von Sanssouci (auf Grund 
neuen Aktenmaterials). — Seidel, Kammerherr Fr. H. v. Witzleben 
als Porträtzeichner am Hofe des Prinzen und der Prinzessin von 
Preußen. — Schuster, Aus dem Briefwechsel des Prinzen Wilhelm 
des Älteren von Preußen und seiner Gemahlin, der Prinzessin Marianne 
(Fortsetzung. Aus dem Frühjahr 1813, da der Prinz in Breslau und 
dem Hauptquartier Blüchers und seine Frau in Berlin weilte). — 
Tschirch, Der Fürst von Ligne und die Hohenzollern (Persönliche Be- 
ziehungen zu Friedrich dem Großen, Friedrich Wilhelm III. und dem 
Prinzen Louis Ferdinand). — Bailleu, Aus dem letzten Jahrzehnt 
Friedrich Wilhelms III. Briefe des Königs an seine Tochter Charlotte, 
Kaiserin von Rußland (Der König erscheint hier als Familienvater 
und ruhebedürftiger alter Herr in recht sympathischem Lichte). — 
Volz, Der Plan einer Mitregentschaft des Prinzen Heinrich (bei einer 
Thronbesteigung Friedrich Wilhelms II.) und Friedrichs des Großen 
Expose du gouvernement prussien (entstanden in der ersten Hälfte des 
Jahres 1776, wahrscheinlich im April). — Hintze, Die Hohenzollern 
und die wirtschaftliche Entwicklung ihres Staates (Jubiläumsrede). — 
Fischer, Die Kaiser-Wilhelm-Spende deutscher Frauen. — Droysen, 
Zum 31. Mai 1740. — Schuster, Ein Schicksalsring des Hauses Hohen- 

23* 



352 Notizen und Nachrichten. 

zollern. — Seidel, Eine Erinnerung an den Tod des Kurfürsten Johann- 
Sigismund. Ziekursch. 

In weiter gespanntem Rahmen und auf entschiedener fachmänni- 
schem Grunde als dem seiner Schrift über ,, Indien unter der eng- 
lischen Herrschaft" von 1915 handelt Sten Konow über Indien 
in der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt** (Leipzig, Teubner. 
1917). Die ältere Geschichte, die geistige, religiöse und soziale Kultur 
treten in den Vordergrund, auch in dem angehängten Literaturver- 
zeichnis. Ein Schlüssel für die Aussprache indischer Wörter wäre 
erwünscht. Andr. Walther. 

Die Mitteilungen des Instituts für österr. Geschichtsforschung 
28,2 enthalten einen lehrreichen Bericht von E. v. Ottenthai über 
Inhalt und wissenschaftliche Bedeutung der im Auftrage der Krakauer 
Akademie der Wissenschaften von Stanislaus Krzyzanowski ver- 
öffentlichten Monumenta Poloniae palaeographica, die in Deutschland 
kaum bekannt geworden sind. 

Neue Bücher: Weltgeschichte in gemeinverständlicher Darstel- 
lung. In Verbindung mit G. Bourgin hrsgg. von L. M. Hart mann. 
Bd. 1 u. 3. S. Alte Geschichte. — Moriz Ritter, Die Entwicklung 
der Geschichtswissenschaft an den führ. Werken betrachtet. (Mün- 
chen, Oldenbourg. 15 M.) — Thdr. Lessing, Geschichte als Sinn- 
gebung des Sinnlosen. (München, Beck. 6 M.) — Schwann, Vom 
Staate. Abhandlungen über den biologischen Aufbau, die naturgesetz- 
liche und geschichtliche Entwicklung von Volk und Staat. (Essen, 
Baedeker. 3 M.) — Schubert, Kultur und Volkswirtschaft. (Heidel- 
berg, Winter. 10 M.) — Wehberg, Neue Weltprobleme. Gesammelte 
Aufsätze über Weltwirtschaft und Völkerorganisation. (München, 
Duncker & Humblot. 8 M.) — Spahn, Die Großmächte. (Berlin, 
Ullstein <S Co. 5,50 M.) — Frdr. Curtius, Hindernisse und Möglich- 
keit einer ethischen Politik. (Leipzig, Verlag Naturwissenschaften, 
4,60 M.) — Freytag-Loringhoven, Politik und Kriegführung. 
(Berlin, Mittler & Sohn. 9,75 M.) — Brandi, Deutsche Geschichte. 
(Berlin, Mittler & Sohn. 10,50 M.)— Rachfahl, Preußen und Deutsch- 
land in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. (Tübingen, Mohr. 
2,40 M.) — Stückelberg, Der Münzsammler. Ein Handbuch für 
Kenner und Anfänger. 2. verb. und verm. Auflage. (Zürich, Grell 
Füßli. 16 M.) — Hubeny, Das Wappen und seine Bestandteile. 
(Graz, Moser. 4 M.) — Knetsch, Das Haus Brabant. Genealogie 
des Herzogs von Brabant und des Landgrafen von Hessen. (1. Teil.) 
(Darmstadt, Histor. Verein für das Großherzogtum Hessen. 12 M.) 



Alte Geschichte. 353 

Alte Geschichte. 

Sehr zu beachten ist Meisners Arbeit: Zur Geschichte des 
Chattireichs nach neuerschlossenen Urkunden des chattischen Staats- 
archivs im Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für vaterlän- 
dische Kultur 95 (1917), 1. 

In Klio 16, 1 — 2 sind folgende Arbeiten veröffentlicht: L. Weni- 
ger, Die monatliche Opferung in Olympia. 3: Die heilige Handlung; 
E. Stein, Beiträge zur Geschichte von Ravenna in spätrömischer 
und byzantinischer Zeit und: Des Tiberius Constantinus Novelle ns^i 
inißoXije und der Edidus domni Chilperici regis] A. G. Roos, Über 
einige Fragmente des Cassius Dio; O. Viedebantt, Poseidonios, Ma- 
rinos, Ptolemaios. Ein weiterer Beitrag zur Geschichte des Erdnies- 
sungsproblems im Altertum; H. Pomtow, Delphische Neufunde. 
4: Die Befreiung Delphis durch die Römer; C. F. Lehmann-Haupt, 
Berossos' Chronologie und die keilinschriftlichen Neufunde. 11: Zur 
achten und neunten Dynastie der babylonischen Königsliste; W. Göz, 
Die Zahl der atxofvkaxee in Athen. Zu Lysias 22 §8; H. Gummerus, 
Die Bauspekulation des Crassus (zu Plutarch, Crass. 2); C. F. Leh- 
mann-Haupt, Gesichertes und Strittiges. 5: Kad-aneg ol aUot Xakxi- 
Serjs, und: Zur ältesten ägyptischen Chronologie. 

Im Rheinischen Museum 72, 3 gehören hierher die Aufsätze von 
V. Gardthausen, Namen und Zensus der Römer; Fr. Wilhelm, 
Der Regentenspiegel des Sopatros (Stob. IV p. 212, 13); E. Schwyzer, 
Zu griechischen Inschriften. 1. Zur thessalischen Sotairosinschrift 
(Solmsen, Inscr. sel.^ Nr. 11); 2. Alwloi; H. Endres, Krateros, 
Perdikkas und die letzten Pläne Alexanders. Eine Studie zu Diod. 
XVIII 4,1 — 6, worin glücklich und richtig die eigentlichen Beweg- 
gründe für die Haltung des Perdikkas gegenüber den Plänen Alexan- 
ders auseinandergesetzt werden; A. W. de Groot, Ptolemaios, der 
Sohn, behandelt das oft erörterte Problem, wer der Mitregent des 
zweiten Ptolemaios gewesen sei und kommt zu dem Schluß, daß der 
spätere „Euergetes" als Mitregent zu betrachten sei. 

Im Hermes 54, 2 finden sich Aufsätze von A. Rosenberg, Zur 
Geschichte dts Latinerbundes; M. Bang, Caesaris servus, der lehr- 
reich den Unterschied zwischen Caesaris servus und Augusti libertus 
erörtert; F. Graefe, Taktische Flottenmanöver im Altertum. 

In den Wiener Studien 40,2 setzt E. Groag seine Studien zur 
Kaisergeschichte fort (3: Der Sturz der Julia). 

Die Abhandlungen der preußischen Akademie der Wissenschaften, 
philos.-histor. Kl., 1918, 17 u. 1919, 1 enthalten sehr wichtige und 
förderliche Arbeiten von G. Plaumann, Der Jdios logos, Untersuchung 



354 Notizen und Nachrichten. 

zur Finanzverwaltung Ägyptens in hellenistischer und römischer Zeit, 
und von Ed. Sachau, Zur Ausbreitung des Christentums in Asien. 

Nachdrücklich sei hingewiesen auf den fördernden Aufsatz von 
H. Lietzmann, Die Urform des apostolischen Glaubensbekenntnisses 
in Sitzungsberichten der preußischen Akademie 1919, 17. 

In der Zeitschrift für neutestamentliche Wissenschaft 18, 4 findet 
sich der Schluß des trefflichen Aufsatzes von P. Corssen, Das Marty- 
rium des Bischofs Cyprian. 

Aus der Theologischen Quartalschrift 99, 4 notieren wir S. Lan- 
dersdorf er, Zur Lage von Sephar-vajim (hat nichts mit dem baby- 
lonischen Sippar zu tun, ist in Syrien zu suchen und mit Sipri zwi- 
schen Euphrat und Libanon gleichzusetzen); R. Storr, Die Unecht- 
heit der Mesa- Inschrift; F. Haase, Der Adressat der Aristides-Apo- 
logie. 

Anschließend an das Buch von E. de Faye, Gnostiques et Gno- 
sticisme handelt P. Monceaux über: Les Gnostiques in Journal des 
savants 1918, 1 u. 2, 4, 5/6. 

Adolf Bauers kleine Schrift „Vom Judentum zum Christentum" 
(Leipzig, Quelle & Meyer. 1917) will das Entstehen der christlichen 
Weltchroniken erklären. Mit vollem Rechte sieht er in ihnen ein Erbe 
des Judentums, und in gedankenvollen Ausführungen knüpft er des- 
halb die Ideen eines Julius Africanus und Hippolytus an die jüdisch- 
hellenistische Apologetik einer- und an die jüdischen Prophetien ander- 
seits an. Bauers Verdienste um die Aufhellung der christlichen Chro- 
niken sind allbekannt, und es ist sehr erfreulich, aus seiner Feder diese 
zusammenfassende Darstellung zu erhalten, die auch auf die Nachwir- 
kung dieser eigentümlichen Literaturgattung bis in die neueste Zeit 
eingeht. Um so eigentümlicher berührt daher die Auffassung von der 
Art der Einwirkung der griechischen Historiographie. Bauer ist der 
Ansicht, daß zunächst einmal eine vorübergehende Berührung von 
Hellenentum und Judentum in der jüdisch-hellenistischei\ Apologetik 
stattgefunden habe, daß aber eine wirkliche Verbindung der israeli- 
tisch-jüdischen und der griechisch-römischen Literatur sich erst durch 
das Christentum vollzogen habe, durch „dessen Annahme die Ciriechen 
für das alte Testament als Religionsurkunde gewonnen worden wären". 
Dieser Auffassung entsprechend schildert Bauer in den drei ersten 
Kapiteln die jüdische Entwicklung bis einschließlich der hellenistisch- 
jüdischen Literatur, um in Kap. 4 — 7 die griechische Geschichtschrei- 
bung bis eben zu dieser Zeit zu behandeln. Aus beiden Zweigen wird 
dann in Kap. 8 die christliche Weltgeschichte entwickelt. Dieser Dar- 
legung kann ich nicht zustimmen; nicht erst in der christlichen Welt- 
geschichte vereinen sich Judentum und Griechentum, sondern bereits 



Frühes Mittelalter. 355 

im hellenistischen Judentum liegt die Verbindung fertig vor, und folge- 
richtig entwickelt sich aus dem hellenistischen Judentum die christ- 
liche Weltgeschichte dadurch, daß nach der Zerstörung Jerusalems 
sich das Judentum isolierte und die Christen das Erbe des hellenisti- 
schen Judentums antraten. Die gegenseitige Beeinflussung von Chri- 
stentum und Hellenentum tritt in christlicher Zeit nur an die Stelle 
der Durchsetzung von Judentum und Hellenentum. Es mußte also 
die ältere griechische Historiographie nicht nach der jüdisch-helleni- 
tischen Apologetik, sondern vor ihr behandelt werden; dann wäre 
die Kontinuität richtig herausgekommen, und es wäre nicht geschehen, 
daß eine für die ganze Entwicklung so bedeutsame Persönlichkeit wie 
Josephus in der Darstellung ausgefallen wäre. In der Behandlung der 
einzelnen Historiker zeigen sich bei Bauer die Vorzüge und Nachteile 
der bei uns nun immer noch üblichen Art der Betrachtung geschicht- 
licher Werke — die Vorzüge, indem Bauer unter liebevoller Vertiefung 
in zahlreiche Einzelheiten und unter voller Beherrschung der modernen 
Forschung ein festes Durchschnittsbild der wissenschaftlichen Eigenart 
der Persönlichkeiten entwirft, die Nachteile, indem er in den Histori- 
kern nichts anderes zu sehen vermag als Forscher und Schriftsteller 
mit einem von vornherein feststehenden Lebensprogramm und nichts 
weiß von einer geistigen Entwicklung und von einer ständig wirkenden 
politischen Leidenschaft, ohne welche Persönlichkeiten wie Thukydides 
und Polybius, um nur diese zu nennen, nie verstanden werden können. 

R. Laquear. 
Neue Bücher: E. Hanslik, E. Kohn und E. G. Klauber, Ein- 
leitung und Geschichte 'des alten Orients. (Weltgeschichte in gemein- 
verständlicher Darstellung. I.) (Gotha, Perthes. 5 M.) — v. Bis- 
sing, Die Kultur des alten Ägyptens. 2. verb. Aufl. (Leipzig, Quelle 
& Meyer. 1,25 M.) — L. M. Hartmann und J. Kromayer, Römische 
Geschichte. (Weltgeschichte in gemeinverständlicher Darstellung. III.) 
(Gotha, Perthes. 15 M.) — Wähle, Feldzugserinnerungen römischer 
Kameraden. Lagerstudien aus den Zeiten der Republik. (Berlin, 
Siegismund. 2,50 M.) 

Römisch-germanische Zeit und frühes Mittelalter bis 1250. 

Aus der Prähistorischen Zeitschrift 10 (1918) ist der ausführliche 
Bericht von Martin Jahn über „Die oberschlesischen Funde aus der 
römischen Kaiserzeit", aus dem „Mannus", Zeitschrift für Vorgeschichte 
9 (1917, erschienen 1919), Heft 3 und 4 der Bericht von G. Koßinna, 
„Meine Reise nach West- und Ostpreußen und meine Berufung zu 
Generalfeldmarschall von Hindenburg im August 1915", sowie die 
Abhandlung von Rud. Moschkau über „Beziehungen zwischen Form 



356 Notizen und Nachrichten. 

und Technik des vorgeschichtlichen, insbesondere slawischen Wellen- 
ornaments" zu erwähnen. 

Im 3. Heft der Neuen Jahrbücher für das klassische Altertum, 
Geschichte und deutsche Literatur und für Pädagogik, 22. Jahrgang, 
1919, Bd. 43 u. 44 gibt E. Mogk, ,, Altgermanische Spukgeschichten", 
auf Grund der isländischen Sagas und des Beowulf einen Einblick 
in den Glauben unserer Vorfahren vom Fortleben und -wirken einzelner 
Individuen nach dem Tode"; nicht der Seelenglaube oder Animismus 
ist die Wurzel der Religionen, sondern vor dem Seelenglauben war 
„der Glaube an die Macht der Wesen und Dinge einmal allen primitiven 
Völkern eigen". 

Quellensammlung zur Geschichte des Mittelalters und der Neu- 
zeit. Von Alfred v. Weissembach. 1. Bd.: Quellen zur Geschichte 
des Mittelalters bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. (Leipzig, K. F. 
Koehler. 1913. XII u. 235 S. Geb. 5,75 M.) — Dank dem sehr ver- 
späteten Versagen eines Rezensenten können wir jetzt erst auf dieses 
Buch hinweisen, das durch Vereinigung der wichtigsten Urkunden und 
ausgewählter Stellen aus Geschichtschreibern die quellenmäßige Be- 
schäftigung mit der mittelalterlichen Geschichte erleichtern möchte. 
Diesen Dienst wird es in der Tat leisten können. Es bringt in der 
Hauptsache nur Stücke, an denen ein ernsthaftes Studium der mittel- 
alterlichen Geschichte nicht vorübergehen darf, und bringt sie fast 
ausnahmslos nach dem besten Drucke (zu S. 92 Nr. 9 vgl. den bei 
Haller, Quellen zur Geschichte der Entstehung des Kirchenstaates 
S. 238 genannten Druckort). Aber leider fehft vieles Wichtige. Kon- 
rad II. ist nur vertreten durch das italienische Lehensgesetz von 1037 
(Eingangs- und Schlußprotokoll durften nicht weggelassen werden!); 
Wipo hätte um so weniger ganz ausfallen sollen, als dem Widukind 
neun Seiten eingeräumt sind. Der Friede von Venedig (S. 170) ist 
ohne den Vertrag von Anagni nicht zu verstehen; dennoch fehlt jeder 
Hinweis auf diesen. Außer dem Papstwahlgesetz von 1059 hätte das 
von 1179 berücksichtigt werden sollen. Zur Geschichte Heinrichs des 
Löwen mußte mindestens noch die Geinhäuser Urkunde von 1180 
abgedruckt werden. Ungern vermißt man das prachtvolle Bischofs- 
schreiben an Urban III. vom November 1186. Heinrich VI. tritt über- 
haupt nicht auf; der berühmte Brief vom 25. Juli 1196 und das sog. 
Testament hätten wenig Platz beansprucht. Die Goldbulle von Eger 
wird S. 187 Anm. 1 in irreführender Weise als Bestätigung des Ver- 
sprechens Ottos IV. von 1209 bezeichnet; es hätte sich empfohlen, 
die Goldbulle abzudrucken unter Hinweis auf die Urkunde von 1209. 
Von dem Mainzer Landfrieden von 1235 wird nur ein unvollständiger 
Abdruck des lateinischen Textes gebracht. Dem Rundschreiben Fried- 



Frühes Mittelalter. 357 

richs II. vom 20. April 1239 hätte die Exkommunikationsbulle Gre- 
gors IX. vorausgeschickt werden sollen. Zur Geschichte der ostdeut- 
schen Kolonisation des 12. und 13. Jahrhunderts werden lediglich 
Auszüge aus Helmold und der älteren Chronik von Oliva gegeben. 
Auch die Absicht des Herausgebers, besonders bedeutende Ereignisse 
durch Zusammenstellung der wichtigsten Quellen zu beleuchten, wird 
man nicht immer erreicht finden; das gilt namentlich für die Zeit 
Heinrichs IV. und Heinrichs V. Sollte in einer neuen Auflage, die 
dem nützlichen Buche zu wünschen wäre, der Umfang nicht vermehrt 
werden können, so müßte durch Weglassung alles dessen, was nicht 
zur mittelalterlichen Geschichte gehört, Raum geschaffen werden. 
V. Weissembach hat nämlich auch die Anfänge der christlichen Kirche 
und die altgermanische Zeit in sein Buch einbezogen. Wer aber wird 
in einer Quellensammlung zur Geschichte des Mittelalters Cäsar und 
Tacitus, Plutarch und Dio Cassius suchen? F. Vigener. 

Über „Die Vorlage der gotischen Bibel" Wulfilas handelt H. 
Lietzmann am Beispiel der paulinischen Briefe in der Zeitschrift 
für deutsches Altertum Bd. 56, 3. u. 4. Heft; die Rekonstruktion Streit- 
bergs ist unzureichend, da die ihnen zugrunde liegenden Arbeiten von 
Südens über die Textformen des Neuen Testaments „in der Haupt- 
sache ein Fehlschlag" sind. 

Im Jahrbuch der Münchener Orientalischen Gesellschaft 1916/17 
fordert Friedrich Freiherr Stromer von Reichenbach zur Mitarbeit 
an seinem „wissenschaftlichen Institut für Geschichtsdaten-Statistik 
und Historionomie" auf, mit dessen Hilfe er „aus der geschichtlichen 
Vergangenheit die Zukunft (bis zu einem gewissen Grade) voraus- 
zuberechnen" gedenkt. Seine Probe von Weltgeschichts-Tabellen um- 
faßt die Zeit von 600—650. 

Die „Bonifatiusf ragen" von M. Tan gl, Abhandlungen der Ber- 
liner Akademie der Wissenschaften 1919, Phil.-Hist. Kl. Nr. 2 dienen 
im 1. Teil der Auseinandersetzung mit Heinrich Böhmers Unter- 
suchungen (Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte 50, N. F. 
40, S. 171 ff.) und weisen in ihrer 2. Hälfte die ganz leichtfertigen 
Angriffe Bendels auf Eigils Vita Sturmi (vgl. H. Z. 120, S. 147) zurück. 
Besonders hinzuweisen ist auf die Ausführungen über die Nachrichten- 
und Reisegeschwindigkeit zwischen Rom und Deutschland im Mittel- 
alter, für die sich vom 9. bis zum 15. Jahrhundert dauernd eine (unter 
Umständen noch erheblich zu steigernde) tägliche Durchschnittsleistung 
von 30 — 40 km ergibt. 

In der „Ostsee" Heft 19 u. 20 (10. u. 25. Januar 1919) berichtet 
R. Hennig über „Neue Gesichtspunkte zur Vineta-Frage" ; er weist 
die Gleichsetzung von Jumme mit Julin zurück und sucht die nach 



358 Notizen und Nachrichten. | 

ihm 1098 oder 1115 — 19 von den Dänen verwüstete Stadt im Einklang 
mit der Volksüberlieferung auf der heute vom Meere überspülten Nord- 
westspitze der Insel Usedom, wo dann auch auf dem entsprechend weit 
ins Meer vorspringenden Streckelberg (bei Coserow) die 1041 oder 
1043 von den Dänen zerstörte Jomsburg gelegen haben möge. 

Die Untersuchung von F. J. Bendel über „Die Gründung der 
Abtei Amorbach nach Sage und Geschichte" in den Studien und Mit- 
teilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 
Bd. 39 (N. F. 8), 1.— 2. Quartalsheft erklärt die ganze- Geschichte der 
Abtei bis zum Ausgang des 10. Jahrhunderts (Gründung durch Pirmin, 
erster Abt Amor, Beziehungen zum Bistum Verden) für eine Erfindung 
des 16. — 18. Jahrhunderts; das Kloster sei erst nicht lange vor 993 
von Cluny aus gestiftet. 

Sehr wichtige Aufschlüsse über die älteste Geschichte Schlesiens 
und die Anfänge des böhmischen und des polnischen Staates bringt 
die Untersuchung von Robert Holtzmann über „Böhmen und Polen 
im 10. Jahrhundert" in der Zeitschrift des Vereins für Geschichte 
Schlesiens Bd. 52, in deren Mittelpunkt der Bericht Ibrahim-ibn- 
Jakubs über die Slawenländer von 965 und die von Holtzmann zu 990 
bis 992 gesetzte und auch von ihm Misica I. zugewiesene Schen- 
kung Polens (der civitas Schinesne, was doch lieber als „Stadt", nicht 
als „Reich" Gnesen wiederzugeben sein dürfte) an den römischen 
Stuhl durch Dagone (vgl. H.Z. 112, S.428f.) stehen. Einleuchtend wird 
Name und Gründung der Stadt Breslau auf den Böhmenherzog Wra- 
tislaw I. (t 921) zurückgeführt, dessen Nachfolger Schlesien links der 
Oder erst 990, das nachträglich gewonnene Oberschlesien und Krako- 
vien sogar wohl erst 999 an Polen verloren. Anderes bleibt mehr zweifel- 
haft, so die von Holtzmann ähnlich wie von P. L. Schulte angenom- 
mene normannische Abstammung des ersten Polenfürsten Misica I. 
Bemerkenswert erscheint mir das Fehlen nordischer oder nordisch 
anklingcider Namen bei seinen nächsten Nachkommen, bei denen 
etwaige Doppelnamen nicht nordisch-slawisch, sondern deutsch-sla- 
wisch erscheinen. Nordische Heiraten finden sich in gleicher Weise 
auch bei den benachbarten Ostsee-Wenden. A. H. 

In seinen „Beiträgen zur ältesten Geschichte Polens" in der 
Zeitschrift des Vereins für Geschichte Schlesiens Bd. 52 sucht P. Lam- 
bert Schulte O. F. M. aus dem Bericht Ibrahim-ibn-Jakubs und aus 
der Schenkung des Dagone iudex an den römischen Stuhl entgegen 
den späteren polnischen Sagen nachzuweisen, daß der Begründer des 
polnischen Staates, Misica, ein Nordmanne mit dem ursprünglichen 
Namen Dago gewesen sei, der „mit fremden Kriegern die slawischen 
Völkerschaften und Stämme östlich der Oder zu einem Reiche gewalt- 



i 



Frühes Mittelalter. 359 

sam zusammengeschweißt" habe, das erst unter seinem Sohn und 
Nachfolger Boleslaw zu einem polnischen Nationalstaate geworden sei. 
Ganz durchgreifende Beweise lassen sich freilich, trotz fördernder 
Kritik im einzelnen, für diese an sich diskutable Hypothese nicht 
beibringen. A. H. 

Die Nachrichten über den Aufenthalt von „Papst Eugen III. 
in Trier 1147 — 48" stellt P. Stephan Steffen in der Zisterzienser- 
chronik, 30. Jahrgang, Nr. 356 — 358 zusammen. 

Die „Studien zur Lebensbeschreibung der hl. Hildegard" (geb. 
1098/99, t 17. Sept. 1179) von F. W. E. Roth in den Studien und 
Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 
Bd. 39 (N. F. 8), 1.— 2. Quartalsheft, gehen auch auf ihre Schriften 
ein, zum Teil mit Heranziehung der hs. Überlieferung, und geben u. a. 
ine knappe Übersicht über ihre Briefe. 

In der Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 81 
18), S. 1—43 und 83 (1918), S. 189—276 hat K- Schambach 
„noch einmal die Geinhäuser Urkunde und den Prozeß Heinrichs des 
Löwen" behandelt; er sucht ,, die ursprüngliche Zweisätzigkeit" des 
Berichtes der Geinhäuser Urkunde, die Richtigkeit der Hallerschen 
Vermutung trina statt quia (die Urkunde hat hier im Grunde nur 
ein Loch), die Bedeutung des reatus maiestatis als contumacia u. a. zu 
erweisen und prüft dann die erzählenden Quellen, um die Verteilung 
der Gerichtstage zu ermitteln (im landrechtlichen Verfahren 1. Termin 
Worms 13. Januar 1179, letzter Termin und Acht Magdeburg Ende 
Juni 1179, dann noch Unterwerfungstermin, zuletzt in Kaina August 
1179, in dem darnach beginnenden lehnrechtlichen Verfahren 3. Termin 
und Urteil Würzburg Januar 1180; Oberacht Regensburg 29. Juni 
1180). Wenn diese umständlichen und Tüfteleien nicht vermeidenden 
Ausführungen wesentlich knapper zusammengefaßt wären, würde 
die in ihnen gebotene Übersicht über die früheren Lösungsversuche 
mehr Nutzen bringen, und richtige eigene Beobachtungen würden 
besser zur Geltung kommen. A. H. 

In der Zeitschrift für Deutsches Altertum Bd. 56, 3. u. 4. Heft 
legt G. Ehrl s mann eingehend und belehrend „die Grundlagen des 
ritterlichen Tugendsystems" dar; besonders werden Thomasin von 
Zirclaere, Walther von der Vogelweide, Hartmann, der „die Grund- 
lagen seiner moralischen Anschauungen am kräftigsten herausgearbeitet" 
hat, und kürzer Wolfram und Gottfried besprochen. — Ebenda gibt 
A. Bömer „Das Vagantenlied von Phyllis und Flora" nach der Ber- 
liner Hs. vom Ende des 12. Jahrhunderts neu heraus. 

„Die gefälschten Kaiserurkunden der Grafen von Arco" werden 
von Hans von Voltelini in den Mitteilungen des Instituts für öster- 



360 Notizen und Nachrichten. 

reichische Geschichtsforschung Bd. 38, 2. Heft besprochen und ab- 
gedruckt (falsch: Philipp von Schwaben 1208, Friedrich II. 27. Febr. 
1221; echt: Sigmund 4. Sept. 1413, 4. Okt. 1433, Friedrich III. 10. März 
1453). 

Im „Überall" 21. Jahrgang, Heft 3 (Dez. 1918) beendet Willy 
Cohn seine Darstellung der „Organisation und Verwaltung der Flotte 
Kaiser Friedrichs IL"; er hebt besonders das überall erkennbare „per- 
sönliche Interesse des Kaisers an seiner Schöpfung" hervor. 

In den Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichts- 
forschung Bd. 38, 2. Heft unterwirft B. Bretholz, „Zur böhmischen 
Kolonisationsfrage" die Quellen, die von der kolonisatorischen Tätig- 
keit König Ottokars II. sprechen, einer eingehenden Kritik und kommt 
mit sehr beachtenswerten Gründen wieder zu dem Ergebnis, daß das 
Deutschtum, wie in Böhmen überhaupt, so insbesondere in Glatz 
erheblich älter als das 13. Jahrhundert ist. Nicht ganz klar erscheint, 
ob er der Regierung Otakars II. in diesem Zusammenhange über- 
haupt noch eine Bedeutung beimißt; ganz leugnen läßt sie sich schon 
wegen Dalimil kaum. 

Willy Hoppe, Markgraf Konrad von Meißen, der Reichsfürst 
und der Gründer des wettinischen Staates. (Dresden. 1919. XII u. 
53 S.) — In dieser Arbeit, einem um Inhaltsverzeichnis und Literatur- 
übersicht vermehrten Abdruck aus dem Neuen Archiv für Sächsische 
Geschichte und Altertumskunde Bd. 40, Heft 1 u. 2, schildert der um 
die Kolonisationsgeschichte Nordostdeutschlands im Mittelalter bereits 
mehrfach verdiente Verfasser in den drei Abschnitten ,, Konrads An- 
fänge", „Die reichsfürstliche Tätigkeit" und „Konrad als Landes- 
fürst" das Leben eines Mannes, der neben dem vielleicht etwas jün- 
geren Albrecht dem Bären auf freilich nicht ganz so schwierigem Boden, 
aber für die Zukunft nicht weniger fruchtbar in bewegten Jahrzehnten 
die Verwaltung und den Schutz der deutschen Ostmarken geführt 
und die Stellung seines später entscheidend in die Geschicke unseres 
gesamten Volkes eingreifenden Hauses, der Wettiner, dauernd fest 
begründet hat. Die Darstellung ist durchweg wohl durchdacht und 
das oft recht spröde Quellenmaterial wohl vollständig herangezogen 
und gefällig verarbeitet. A. Hofmeister. 

Auf eine wichtige Aufgabe weist E. Hennecke mit seinem aller- 
dings sehr gemeinverständlich formulierten „Plan einer zusammen- 
fassenden Untersuchung" der mittelalterlichen Heiligen Niedersachsens 
hin; dankenswert ist auch die Anregung neben den jüngeren von 
Grotefend gegebenen Festkalendern jetzt auch die älteren des 12. und 
13. Jahrhunderts zu veröffentlichen und durch Heranziehung noch 
älterer Perikopenverzeichnisse aus Evangelienbüchern den rückwärtigen 



Frühes Mittelalter. 361 

Anschluß an das kirchliche Altertum auch für die hervorragenden 
Heiligentage zu gewinnen (Zeitschrift des Histor. Vereins für Nieder- 
sachsen 83, Heft 1/2). 

Otto Forst-Battaglia,Vom Herrenstande. Rechts- und Stände- 
geschichtliche Untersuchungen als Ergänzung zu den Genealogischen 
Tabellen zur Geschichte des Mittelalters. Heftl. (Leipzig, H. Degener. 
1916. 101 S.) — Dem zweiten, schon 1915 erschienenen Hefte (vgl. 
H. Z. 116, 178), das mit dem Katalog des westfälischen Hochadels 
den Anfang der erwünschten vollständigen Inventarisierung der Herren- 
klasse für ganz Deutschland („Dynastenkatalog") gebracht hatte, ist 
nach Jahresfrist das zweite Heft gefolgt. Nach einem Vorwort und 
einer ausführlichen Einleitung, die eine kritische Übersicht über die 
zur Aufklärung des Dynastenproblems in den letzten Jahrhunderten 
erschienene Literatur gibt und namentlich bei A. Schulte und v. Dun- 
gern verweilt, wendet sich Forst zum Thema selbst. Der „Herren- 
stand" wird nach Begriff, Erwerb, Verlust, Gliederung und Rechten 
genau definiert. Nach Festlegung der Grenzen des Hochadels gegen- 
über den anderen Ständen wird das Quellenmaterial besprochen, 
ebenso die daraus sich ergebenden Kriterien, die die Stellung einer 
Familie zu erkennen ermöglichen. Eine eingehende Würdigung kann 
erst erfolgen, wenn mit den noch zu erwartenden acht Heften die 
Belege zu den Aufstellungen des Verfassers gebracht worden sind. 

Marburg. C. Knetsch. 

Als 23. Heft der Schriften der Wissenschaftlichen Gesellschaft 

in Straßburg erschienen „Elsässische Urkundeu vornehmlich des 

13. Jahrhunderts, hrsgg. von Alfred Hesse 1" (Straßburg, Trübner. 

1915. 74 S. mit 1 Lichtdrucktafel). — Die aus den Vorarbeiten für 

den 2. Bd. der Straßburger Bischofsregesten entstandene Sammlung 

bringt aus den Jahren 1212 — 1308 etwa 50 Urkunden, die bisher un- 

1 gedruckt oder nur durch Regest bekannt waren, und im Anhang päpst- 

! liehe und bischöflich bambergische Urkunden für das Kloster Gengen- 

! bach aus den Jahren 1 139-46. Über die landesgeschichtliche Bedeutung 

• hinaus verdient die kleine Sammlung auch wegen einzelner rechts- 

j und verfassungsgeschichtlich wichtiger Stücke Beachtung. Gerade des- 

I halb ist zu bedauern, daß der Herausgeber, dem wir für vielfach förder- 

I liehe Anmerkungen (zu S. 9 Anm. 1 vgl. Stutz in der Zeitschrift der 

j Savigny-Stiftung, German. Abt. 36 [1915], 608) und ein Verzeichnis 

'. der geographischen und der Personennamen zu danken haben, nicht 

auch ein Wort- und Sachregister ausgearbeitet hat. 

Neue Bücher: Blümlein, Bilder aus dem römisch-germanischen 
Kulturleben. (München, Oldenbourg. 5 M.) — Muller, Regesten van 
het ar Chief der bisschoppen van Utrecht {722 — 1528). Dl. I. (Utrecht, 



362 Notizen und Nachrichten. 

Oosthoek. 3,5 FL) — Gaffrey, Die augustinische Geschichtsanschauung 
im über ad amicum des Bischofs Bonitho v. Sutri. (Langensalza, Wendt 
<S Klauwell. 3 M.) — Hoppe, Markgraf Konrad von Meißen, der 
Reichsfürst und der Gründer des wettinischen Staates. (Dresden, 
Buchdr. d. v. Baensch-Stiftung. 2 M.) — Peitz, Untersuchungen 
zu Urkundenfälschungen des Mittelalters. 1. Teil: Die Hamburger 
Fälschungen. (Freiburg i. B., Herder. 25 M.) — v. Gl eichen -Ruß- 
wurm, Der Ritterspiegel. Geschichte der vornehmen Welt im roma- 
nischen Mittelalter. (Stuttgart, Hoffmann. 11 M.) — Gosses, De 
rechterlijke organisatie van Zeeland in de middeleeuwen. {Groningen, 
Den Haag, Wolters, 5,25 Fl) 



Späteres Mittelalter (1250—1500). 

Andre Simon (Licencie en Theologie), Vordre des Penitentes de 
Ste. Marie-Madeleine en Allemagne au XI IP siede. (Fribourg, librairie 
de rOeuvre de Sainte Paul. 1918. XXV u. 289 S.) — Diese ausgezeich- 
nete theologische Doktorschrift eines Schülers des Dominikaners Man- 
donnet lehrt uns die Entwicklung und verfassungsmäßige Gestaltung 
des noch wenig bekannten, 1227 in Deutschland entstandenan Ordens 
der „Reuerinnen" (auch Magdalenerinnen, Weißfrauen), der es als die 
lebensvollste Organisation der büßenden gefallenen Frauen im 13. Jahr- 
hundert auf 49 Konvente brachte, besonders in Städten des Westens 
und Südens, aber auch in Thüringen, Böhmen und anderwärts. Die 
Wiederaufhebung der zeitweiligen Unterstellung unter den Domini- 
kanerorden (1286 — 88) durch Nikolaus IV. gereichte den Frauen nicht 
zum Besten. Der Anhang enthält auf 135 Seiten besonders die Satzung 
der Dominikanerinnen zu Rom von 1232 und die der Reuerinnen in 
kritischer Ausgabe, außerdem 194 Urkunden bzw. Regesten. 

K. Wenck. 

Hermann Krabbo veröffentlicht in den Forschungen zur Bran- 
denburgischen und Preußischen Geschichte 31,2 eine Untersuchung 
über die Erwerbung der Oberlausitz durch die askanischen Markgrafen 
von Brandenburg. Wenn man von der Zuweisung eines nicht näher 
bekannten Pfandbesitzes durch König Wenzel I. von Böhmen im 
Jahre 1233 absieht, der nur eine Mitgift sicherstellen sollte, so er- 
geben sich für den Übergang zwei entscheidende Jahre: 1262 und 1283. 
Im ersteren wird Markgraf Otto III. von Brandenburg durch Otto- 
kar II. mit der Oberlausitz belehnt, im Jahre 1283 verzichtet König 
Wenzel II. auf die lehnsherrliche Hoheit, so daß das brandenburgische 
Askaniergeschlecht die Oberlausitz nun bis zu seinem Aussterben als 
reichsunmittelbares Lehen besessen hat. 



späteres Mittelalter. 363 

Die mit einigen Urkundenbeilagen ausgestattete Untersuchung 
von Martin Wutte über die Erwerbung der Görzer Besitzungen durch 
das Haus Habsburg (Mitteilungen des Instituts für österr. Geschichts- 
forschung 28, 2) behandelt die schrittweise Verwirklichung dieser 
über nahezu anderthalb Jahrhunderte sich hinziehenden Pläne. Sie 
nehmen ihren Anfang von dem Zeitpunkt, da Herzog Albrecht II. 
von Österreich die Erwerbung Tirols ins Auge gefaßt hatte, weil die- 
selbe nur gelingen und von Dauer sein konnte, wenn durch den Görzer 
Besitz in Oberkärnten und im Pustertal eine unmittelbare Verbindung 
mit den habsburgischen Landen erzielt wurde, und sie nehmen greif- 
bare Gestalt an mit Rudolf IV., da unter ihm der erste Schritt zur 
Erwerbung eines Teiles vom Görzer Besitz getan wird. Die Erbeini- 
gung vom Juli 1394 schafft dann die Grundlage für den Gewinn des 
Hauptbesitzes, doch hat erst der Tod des Grafen Leonhard im April 
1500 die Frage endgültig zum Abschluß gebracht. 

In der Vierteljahrschrift für Geschichte und Landeskunde Vor- 
arlbergs N. F. 1, 1 u. 2 sucht A. Helbok ein schon von Laßberg und 
Liliencron veröffentlichtes Spottgedicht auf die vergebliche Belagerung 
Feldkirchs durch die Truppen Ludwigs des Baiern (1345 — 1346), das 
er nochmals zum Abdruck bringt, in den historischen Zusammenhang 
einzuordnen und die Frage der Verfasserschaft zu lösen. Als Verfasser 
betrachtet er einen vielleicht aus dem Rheintal stammenden Laien, 
der mit dem Gang der Reichspolitik wie auch mit dem Charakter des 
Kaisers und seinen Schwächen wohl vertraut ist. — In Heft 3 u. 4 
des Jahrgangs steuert noch Alois Reich einige dem Verständnis des 
Gerichts dienende Bemerkungen bei. 

Über die ortsgeschichtliche Bedeutung geht erheblich hinaus und 
ist deshalb an dieser Stelle zu erwähnen die auch ungedrucktes Material 
verwertende Abhandlung von Albrecht Schäfer über die Orden des 
hl. Franz in Württemberg von 1350 — 1517, eine Fortsetzung seiner 
Dissertation, die den Zeitraum bis zum Ausgang Ludwigs des Baiern 
behandelt. Bisher sind in den Blättern für württembergische Kirchen- 
geschichte 1919, 1 aus dem ersten Abschnitt, dem Jahrhundert der 
Barfüßer (1350 — 1445), zwei Kapitel behandelt, die sich mit dem 
Zerfall der Disziplin und Sittlichkeit und der Armutfrage beschäf- 
tigen. 

Die Darlegungen von Joseph Neuwirth über die Beziehungen 
des Graudenzer Altarwerks der Marienburg zur altböhmischen Malerei 
(Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen 
56, 3) liefern über das eigentliche Thema hinaus lehrreiche Zeugnisse 
für die mannigfaltigen, dem späteren Mittelalter angehörenden Be- 
ziehungen des Deutschen Ordens zu Böhmen. 



364 Notizen und Nachrichten. 

H. J. Smit veröffentlicht in den Bijdragen en mededeelingen van 
het historisch genootschap 38 (1917), 1 ff. die sehr viele Einzelheiten 
vermittelnden Einträge der im Reichsarchiv zu Haag erhaltenen Re- 
gister über die Erhebung des Bierzolls zu Amsterdam in den Jahren 
1352—54 und 1364—66, die sich für die Kenntnis der Schiffahrtsent- 
wicklung in Nordholland und Friesland und für die Handelsbeziehungen 
mit Hamburg als sehr belangreich erweisen. Gute Register erhöhen 
den Wert der umfangreichen Veröffentlichung. 

Einen hübschen kleinen Beitrag zur Kulturgeschichte des späteren 
Mittelalters bildet die von K. Sudhoff veröffentlichte Gesundheits- 
regel eines Magisters Henricus de Rodestock, die sich in einer etwa 
1360 entstandenen Handschrift der Breslauer Universitätsbibliothek 
findet (Mitteilungen für Geschichte der Medizin und der Naturwissen- 
schaften 18, 1—2). 

Unter eingehender Prüfung der urkundlichen Überlieferung und 
der Geschichtschreibung (Engelbert Wusterwitz!) schildert Julius 
V. Pflugk-Harttung in den Forschungen zur Brandenburgischen 
und Preußischen Geschichte 29,2 u. 31,2 die Umstände, unter denen 
die brandenburgische Markgrafen- und Kurfürstenwürde dem Hause 
Hohenzollern zugefallen ist. Die widerspruchsvolle, der Stetigkeit er- 
mangelnde Haltung König Sigmunds wie die entschlossene, selbstische 
Politik Friedrichs I. treten dabei in helles Licht. 

Aug. Neu mann stellt in den Franziskanischen Studien 1919, 
April die nicht eben reichlichen Nachrichten über Wilhelm von Cöln 
(1393 — 1482) zusammen. Prior des Augustinerklosters zu Brunn, dann 
nach längerem, mehr als ein Jahrzehnt dauernden römischen Aufent- 
halt Suffraganbischof von Olmütz, ist der Genannte namentlich als 
Freund und Dolmetsch des Johann von Capistrano zu erwähnen. 

Ignaz Zibermayr, Die Legation des Kardinals Nikolaus CusanuS 
und die Ordensreform in der Kirchenprovinz Salzburg (= Reforma- 
tionsgeschichtliche Studien und Texte, hrsgg. von Joseph Greving, 
Heft 29). (Münster i. W., Aschendorff. 1914. XVII u. 128 S. 3,75 M.) 
— Zibermayr baut seine Darstellung auf einer breiten Grundlage auf, 
indem er zuerst die gesamte Tätigkeit des Legaten, der ja in erster 
Linie als Verkündiger des Jubelablasses nach Deutschland kam, in 
der Kirchenprovirtz Salzburg schildert, und dann insbesondere seine 
ordensreformerische Tätigkeit in Zusammenhang mit den auf diesem 
Gebiete vorausgehenden und parallellaufenden Bestrebungen und mit 
der folgenden Entwicklung bis in die Zeit des Humanismus und der 
Reformation hinein bringt und so eine gerechte Würdigung ermöglicht. 
Für den Benediktinerorden ergibt sich als Ausgangspunkt die Neu- 
besetzung des Klosters Subiaco durch deutsche Mönche im Jahre 1364 



Späteres Mittelalter. 365 

und die Übertragung der dort erneuerten strengen Ordenszucht zu- 
nächst auf die Konvente von Melk und bei den Schotten in Wien, 
für die Augustinerchorherrn die Gründung des Klosters Raudnitz an 
der Elbe im Jahre 1333, an dessen Stelle dann Wittingau in Südböhmen 
trat, von wo aus die Reformbewegung nach dem Kloster Dürnstein 
an der Donau und St. Dorothea in Wien drang. Im Benediktiner- 
orden und bei den Augustinerchorherren fand Cusanus wohl vorberei- 
teten Boden. Er bezog aber auch die Zisterzienserklöster mit ein. 
Für die einzelnen Orden ernannte er Visitatoren, die die Klöster ein- 
zeln untersuchen und reformieren sollten. Zibermayr schildert ihr 
Vorgehen, die Zustände, die sie vorfanden, die Erfolge, die sie erzielten. 
Die Reform der Zisterzienserklöster kam bei der eigentümlichen Selb- 
ständigkeit und Abgeschlossenheit des Ordens nicht vorwärts. Ur- 
kundliche Beilagen und ein Itinerar des Legaten von seiner Abreise 
aus Rom am 31. Dez. 1451 an bis Ende 1452 beschließen die fleißige, 
sorgfältige und klare Arbeit. Es finden sich auch treffliche Einzel- 
bemerkungen, z. B. S. 3 u. 45 über die kluge Ausnutzung der nach 
dem Baseler Konzil in den reformerisch gerichteten Kreisen zurück- 
gebliebenen Stimmung. O. Giemen. 

Die Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte Tirols und 
Vorarlbergs 14, 3 u. 4 bringen aus dem Nachlaß von Ludwig 
Schön ach in zahlreichen Urkundenauszügen aus dem Zeitraum von 
1430 — 1488 neue Belege für das je länger je mehr zu einer ernsthaften 
Gefahr für die ordentliche Rechtsprechung sich entwickelnde Eingreifen 
der Femgerichte in weitabgelegenen Gebieten, in diesem Fall im tiro- 
lischen Hochgebirge. 

Ein Aufsatz von Georg Hertzog, Friedrich I. der Siegreiche, 
Kurfürst von der Pfalz, nach zeitgenössischen Schriften (Mitteilungen 
des Historischen Vereins der Pfalz 37 — 38, 1918) beschränkt sich auf 
lose aneinandergereihte Auszüge aus den Chroniken des Matthias von 
■ Kemnat, Michael Beheim und Eikhart Artzt. Der Versuch einer kriti- 
schen Würdigung ist nicht gemacht. 

Nach Aufzeichnungen im Posener Staatsarchiv veröffentlicht 
Adolf Kunkel — in freilich nicht ganz einwandfreier Form — Pro- 
tokolle über Gnesener Hussitenverhöre, die unter dem Vorsitz des 
1 bischöflichen Generalvikars, des dem polnischen Geschichtschreiber 
Dlugosz eng verbundenen Sedziwoj Czechelski, in den Jahren 1450 — 52 
i stattgefunden haben (Mitteilungen des Instituts für österreichische 
i Geschichtsforschung 28, 2). 

! Woldemar v. Seidlitz widmet in der Deutschen Rundschau 1919, 

j Mai Leonardo da Vinci einen zusammenfassenden Artikel, in dem vor- 
1 nehmlich die neuen Ergebnisse der in den letzten zehn Jahren ver- 

Historlsche Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 24 



366 Notizen und Nachrichten. 

öffentlichten Arbeiten hervorgehoben sind. Neben der vollständigen 
Ausgabe seiner Schriften wird eine kurze volkstümliche Auswahl ge- 
fordert, um die von ihm ausgehende anregende Kraft noch zu steigern. 
PI. Butler veröffentlicht und erläutert in den Mitteilungen zur 
Vaterländischen Geschichte, hrsgg. vom Historischen Verein in St, 
Gallen 34, 141 ff. die auf tagebuchartigen Aufzeichnungen beruhende 
Wiler Chronik des Schwaben kriegs, die seiner Ansicht nach von Ulrich 
Huber, gen. Rüegger, abgefaßt ist und sich durch unbedingte Zuver- 
lässigkeit auch der auf entfernterem Schauplatz stattgehabten Ereig- 
nisse auszeichnet. 

Reformation und Gegenreformation (1500—1648). 

Ein großer Geist ist es nicht, dem Fr. Zoepfl in Grevings „Re- 
formationsgeschichtlichen Studien und Texten" eine Monographie wid- 
met: Johannes Altenstaig, ein Gelehrtenleben aus der Zeit des Huma- 
nismus und der Reformation (VH u. 72 S. Münster, Aschendorff. 1917. 
2 M.). — Aus Mindelheim gebürtig, studierte Altenstaig in Tübingen, 
war Lehrer in Fölling, Kaplan in Mindelheim, wo er wahrscheinlich 
1525 starb. Sein Freundeskreis wird unter Beifügung dankenswerter 
biographischer Notizen gekennzeichnet, seine Schriften, darunter ein 
Vokabularius und ein Kommentar zu H. Bebeis „triumphus Veneris"' 
beschrieben. Zur Reformation stand er ablehnend. W. K. 

Die „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation 1500 bis 
1648" von A. Reimann (Berlin, G. Reimer. 1917. 343 S. 6 M., 
geb. 7,25 M.) ist eine gediegene Leistung, wohl speziell für den höheren 
Schulunterricht gearbeitet und dazu auch zweckdienlich. Verfasser 
hat die Literatur sorgfältig durchgearbeitet und stellt gut dar. Die 
Disposition ist die übliche, aber der Wert eines solchen Buches kann 
auch nicht in Neuem, sondern in selbständiger Verarbeitung des Alten 
liegen. Das wird geleistet. Daß das Politische stark hervortritt, ist 
keine Schade. Einige Unebenheiten auf theologischem Gebiete wird 
man verzeihen; z. B. die Darstellung des Nominalismus S. 31 ff. mit 
B. V. Clairvaux als „philosophischem Theologen" ist mißglückt; eine 
Aussöhnung des Wissens mit dem Glauben hat der Nominalismus 
gerade nicht erstrebt, sondern die Trennung. „Tat" (S. 48) darf man 
Erasmus nicht zuschreiben, die hat ihm gefehlt. Auch die Ablaßlehre 
(S. 77ff.) ist ungenau dargestellt: es ist nicht richtig, daß man die 
Fegefeuer- und Kirchenstrafen durch einen Ablaßbrief „einfach ab- 
kaufen" konnte. Daß Luther in der Frage der landgräflichen Doppel- 
ehe endlich einmal als Politiker habe handeln wollen, ist falsch (vgl. 
meine Schrift: Luther und die Lüge. 1912). Besondere Anerkennung 
verdient die eingehende Darstellung der Gegenreformation. W.Köhler. 



Reformation und Gegenretormation (1500 — 1648). 367 

Ein wenig schülerhaft behandelt H. Ernst „die Frömmigkeit 
des Erasmus". Er faßt ihn als Vertreter eines von der platonisch- 
stoischen Philosophie beeinflußten, biblisch begründeten, moralistisch 
gerichteten Christentums und führt das durch die Einzelpunkte der 
Dogmatik durch. Daß es aber „falsch" sei, die Frömmigkeit des Eras- 
mus als antisupranaturalistisch zu bezeichnen, ist eine bloße Behaup- 
tung, die Ernst nicht bewiesen hat. (Theol. Stud. u. Kritiken. 1919. 
Heft 1.) 

Einen sehr glücklichen Wurf hat das Bibliographische Institut 
in Leipzig mit seinen „Luthers Werken, hrsgg. von A. E. Berger", 
3 Bde. (361, 383, 408 S. 1917. Geb. 8,10 M.) getan. Der Philologe 
bietet den Originaltext in kräftiger, aber richtiger Polemik gegen „das 
Kauderwelsch der Erlanger Ausgabe", gibt aber in den Noten sehr 
reichliche Erklärungen bei und am Schluß ein Wörterverzeichnis. 
Dem Charakter der Klassikerausgaben entsprechend sind nur deutsche 
Schriften aufgenommen bis 1539 und in Auswahl, die aber eine vor- 
treffliche ist. Jede Schrift erhält ihre besondere Einleitung, und dem 
Ganzen ist eine Lutherbiographie vorausgeschickt. Leider ist sie und 
ebenso die an den Schluß des dritten Bandes — sie hätten besser unter 
den Text gehört — gestellte Sammlung sachlicher Anmerkungen stark 
persönlich gehalten. Die Reformation wird als „eine langsam sich 
vollendende Besinnung der deutschen Seele auf die ihr wesenseigen- 
tümlichen Gedanken von Gott, vom Menschen und vom Sinn des 
Lebens" gewertet. Das ist geschichtsphilosophisch mehr als anfechtbar, 
aber zum Glück hängt die Güte dieser dreibändigen Lutherausgabe 
nicht an dieser Konstruktion. W. Köhler. 

I Das Buch von A. V. Müller, „Luther und Tauler auf ihren 

theologischen Zusammenhang neu untersucht" (Bern, Wyss. 1918. 
168 S.) ist gedacht als Vorstudie zu einem größeren Werke über „den 
I Augustinismus des Mittelalters und Luther", das die Existenz einer 
I mittelalterlichen augustinischen Schule erweisen will, die die reforma- 
I torischen Gedanken, wie etwa das sola fide, schon geboten habe. Der 
' Mystiker Tauler soll nun zum großen Teile auch auf dem Boden jener 
i „alten Theologie" stehen, also wesentlich Augustinist sein und als 
! solcher auf Luther wirken. Müller sucht für die Hauptpunkte der 
I ältesten Theologie Luthers das Vorhandensein der Grundgedanken 
schon bei Tauler zu erweisen. Die reichliche Sammlung von Tauler- 
zitaten ist dabei von hohem Wert, sehr viel Augustinisches ist auch 
darin, oder wo wäre das im Mittelalter nicht? Damit kann die Grund- 
I Stimmung hüben und drüben doch eine andere sein und ist es auch 
gewesen, da Tauler seinen Augustinismus stark scholastisch (Thomas 
v. Aquino) umkleidet, Luther aber nicht. Auf alle Fälle geht es viel 

24* 



368 Notizen und Nachrichten. 

zu weit, wenn Müller die zweifellos vorhandenen Parallelen zwischen 
Luther und Tauler sofort in Abhängigkeit verwandelt. Um diese fest- 
zustellen, bedürfte es weit eingehenderer Begründung, vorab des Nach- 
weises, daß die betreffenden Gedanken Luther nicht schon vorher 
bekannt waren. Wenn die Lutherforschung gegenwärtig der Einfluß 
Taulers auf Luther nicht allzu hoch einschätzt, so hat sie nach Er- 
scheinen des Buches von Müller noch keine Ursache, ihr Urteil zu 
ändern; sie wird nur dankbar das beigebrachte Material nutzen. 

W. Köhler. 

Auf eine Ungenauigkeit in der Notiz Bd. 119, S. 339 (oben) 
macht uns Herr A. V. Müller aufmerksam. Daß das erzwungene 
Gelübde kirchenrechtlich gültig war, hat W. Köhler nicht 
schon vor Müller betont, vielmehr nur, daß es Luther moralisch 
verpflichtete. Scheel hatte die moralische und kirchenrechtliche 
Freiheit Luthers von dem Gelübde behauptet. 

Die Studie von N. Bonwetsch: „Rom. 7, 14ff. in der alten 
Kirche und in Luthers Vorlesungen über den Römerbrief" (Neue 
kirchl. Zeitschr. Bd. 30) gibt einen dankenswerten Beitrag zu der in 
der Theologie zurzeit viel verhandelten Frage, ob Paulus an jener 
Stelle seinen eigenen Christenstand schildere (was das Abendland und 
mit ihm Luther behauptete) oder nicht (so die griechischen Theo- 
logen). 

Zur Säkularfeier der Zürcher Reformation haben die ,,Zwing- 
liana" (Verlag Berichthaus Zürich, Redaktion: G. Meyer v. Knonau 
und W. Köhler) eine größere Festnummer herausgegeben, deren Auf- 
sätze zum Teil über den lokalen Rahmen hinausgehen. O. Farner 
gibt eine einleitende Charakteristik über „Zwingli und sein Werk", 
Abhängigkeit von Luther und Eigenart ihm gegenüber gut heraus- 
arbeitend; der kritische Punkt ist natürlich die beiderseitige Stellung 
zur Politik. A. Eekhof in Leiden handelt über „Zwingli in Holland" 
und überrascht durch die Fülle der Mitteilungen über die Wirkungen 
Zwingiis auf dieses Land. K. Gauß stellt die Beziehungen Zwingiis 
zu den Pfarrern des Baselgebiets zusammen, und Meyer v. Knonau 
referiert über die erste Lieferung der Aktensammlung zur Geschichte 
der Berner Reformation von Steck und Tobler. Ed. Bernoulli hat 
in einem medizinischen Bande der Zentralbibliothek Zürich zwei vier- 
stimmige Sätze des Kappeler-Liedes Zwingiis entdeckt. Man kannte 
den von Bullinger erwähnten vierstimmigen Satz bisher nicht; mög- 
licherweise ist Zwingli selbst der Komponist. W. Köhler macht auf- 
merksam auf eine Notiz des Konstanzers G. Mangold über einen Stu- 
dienaufenthalt Zwingiis in Paris, erörtert die Möglichkeit desselben 
und unterstreicht, daß Zwingli auf alle Fälle ein Schüler der Pariser 



Reformation und Gegenreformation (1500—1648). 369 

Schule, d. h. der via antiqua war. Das Glanzstück der Festnummer, 
I methodisch programmatisch wirkend, bildet der Aufsatz von Joh. 
Ficker über Zwingiis Bildnis. Es wird das im Winterthurer Museum 
befindliche Bild von Hans Asper als ältestes Zwingliporträt erwiesen. 
G. Anrieh und Th. Häring berichten über die Zwinglifeier in Straß- 
burg und Tübingen 1819, und Helen Wild schließt mit einer eingehen- 
den Darstellung des Zürcher Reformationsjubiläums von 1819. 

Die Studie von Rudolf Reuß, „La reforme ä Strasbourg 1525 — 
^550" {Bulletin de la societe de l'histoire du protestantisme frangais, 
Okt.-Dez. 1918) führt über den Bauernkrieg, den Abendmahlstreit und 
Augsburger Reichstag hinüber zu einer Darstellung des weitherzigen 
I und freien Geistes von Obrigkeit und Geistlichkeit. Das bekannte 
I Bild wird nicht wesentlich geändert, aber durch zahlreiche Einzelzüge 
j belebt. Daß gerade diese Studie das Heft eröffnet, ist natürlich Ab- 
i sieht; eine Ungezogenheit aber bleibt es, daß der Redakteur, N. Weiß, 
I in einer Fußnote den (streng sachlich verfahrenden) Verfasser öffent- 
i lieh beglückwünscht, daß er, der seine drei Söhne im Kriege verlor, 
endlich sehen durfte „le jour tant attendu de la justice et de la liberti, 
le retour de VAlsace ä la France''. Derartiges verbitten wir uns für 
ein wissenschaftliches Organ! — G. de Pourtales setzt ebenda seine 
Studie über Odet de la Noue fort und bietet am Schluß eine Biblio- 
graphie seiner Werke. W. K. 

Th. Trenkle hat im Münchener Reichsarchiv das Original des 
Lutherbriefes an den Rat von Regensburg vom 8. Mai 1528 (= Enders 
5, Nr. 922) wieder entdeckt. (Beiträge zur bayer. Kirchengeschichte 
25, 78.) 



Die Bibliothek des Petrus Martyr Vermigli kam nach seinem 
I Tode 1562 in den Besitz seines Landsmannes Giulio Santerenziano, 
: 1565 äußerte Th. Beza Bullinger gegenüber den Wunsch sie zu kaufen, 
( aber der schließliche Käufer wurde der Rat von Genf, der sie der 1560 
i von Calvin begründeten Bibliothek der Akademie einverleibte. Obwohl 
i einiges daraus verschleudert wurde, gelang es Fr. Gardy noch 170 
I Bücher zusammenzubringen, von denen einige ehedem dem Straßburger 
I Jak. Bedrotus gehörten. („Les livres de Pierre Martyr Vermigli con- 
j serves ä la bibliothtque de Geneve'\ Anzeiger für schweizer. Geschichte 
150, Nr. 1.) — Ebenda veröffentlicht M. Scherrer die verloren ge- 
glaubte Kampfschrift Thomas Murners, „Des alten christl. Bären 
Testament", von der jetzt vier Exemplare bekannt sind. Die gegen 
die Berner Disputation von 1528 gerichtete Schrift aus den Sommer- 
\ monaten dieses Jahres ist, wie ein beigegebener Kommentar und eine 
l^ute Einleitung erweisen, zwar formell nicht auf der Höhe Murner- 



370 Notizen und Nachrichten. 

sehen Schaffens, aber inhaltlich ein lebhafter Protest gegen die Glau- 
bensspaltung. 

Dem von K. Müller gleichsam wieder entdeckten Jak. Acontius 
widmet Ad. Matthaei in der Neuen kirchl. Zeitschr. 1919, H. 6 eine 
Studie, die aber noch der Vertiefung bedarf und nicht allenthalben 
überzeugend wirkt. Z. B. ist ein Verdacht auf Antitrinitarismus und 
Täufertum nicht abzuweisen, die von Acontius gebotenen Formeln 
schillern. Seine Toleranz will übrigens nur Toleranz, pax consensusque 
auf christlichem Boden, nicht die allgemeine bürgerliche Toleranz. 
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Wesentlichem und Unwesent- 
lichem in den Glaubensfragen; sie ist übrigens schon bei Bucer und 
Zwingli zu finden. Das Referat von Matthaei schließt sich an Acon- 
tius' Hauptwerk ,,Satanae Stratagemata" an. W. K. 

Unter Benutzung unbekannter Quellen handelt G. Castella in 
den ,, Annales Fribourgeoises'' 1919 Nr. 3 über „r Intervention de Fri^ 
bourg lors de la conquke du pays de Vaud, jouvier-jivrier 1536''. Frei- 
burg, das die Umklammerung durch das das Wallis erobernde Bern 
fürchtete, verhandelte nach beiden Seiten, mit Bern und Savoyen, 
um schließlich einige Walliser Orte zu okkupieren, die es auch 1577 
beim Bündnisse mit Savoyen nicht herausgab. 

Unter dem Titel „Some old unpublished letters" macht Preserved 
Smith Mitteilung von einigen unbekannten Reformatorenbriefen aus 
der Sammlung von F. A. Dreer, jetzt im Besitz der Pennsylvania Hi- 
storical Society in Philadelphia. Es befinden sich darunter ein Brief 
Hedios an Philipp v. Hessen über den Tod Luthers 1546, ein Brief 
Farels an Calvin 1551, Melanchthons an Joh. Petreius 1555. Der 
Verfasser verbindet damit Notizen über einige Bücher aus Luthers 
und Melanchthons Bibliothek (z. B. einen Homer, den Melanchthon 
1519 Luther schenkte), die sich im Besitze von G. A. Plimpton in 
New York befinden. (Harvard theolog. Review Bd. 12.) 

Der 7. Bd. der Augsburger Chroniken (= Die Chroniken 
der deutschen Städte vom 14.— 16. Jahrhundert, Bd. XXXIl) 
(Leipzig, Hirzel, 1917. CXLIV u. 589 S.) enthält in der gründlichen 
Bearbeitung von Friedrich Roth, dem kundigen Geschichtschreiber 
Augsburgs im Reformationszeitalter, die Veröffentlichung der von 
Paul Hektor Mair verfaßten Fortsetzung der Langenmantelschen 
Chronik für die Jahre 1548—1563 bzw. 1565. Unzweifelhaft das Inter- 
essanteste an dieser Publikation ist die biographische Einleitung, in 
der uns der Herausgeber ein auf breiter kultureller Grundlage auf- 
gebautes Lebensbild des Verfassers dieser Chronik entwirft: Mair, 
nach außen hin im Urteil seiner Mitbürger ein hochangesehener, all- 
gemein geachteter Bürger und Diener des Augsburger Rates, war in 



Reformation und Gegenreformation (1500—1648). 371 

AVahrheit ein gemeiner Betrüger, der, um seine Großmannssucht, seinen 
Hang zu prunkvollem, glänzendem Auftreten zu befriedigen, die ihm 
anvertraute Stadtkasse jahraus jahrein durch gefälschte Buchungen 
um große Summen geschädigt und deshalb nach mehr als vierzigjäh- 
riger Dienstzeit den schimpflichen Tod am Galgen gefunden hat. So 
sehr der Verfasser sich bemüht hat, die tiefen Widersprüche und Gegen- 
sätze im Charakter seines „Helden" klarzulegen, es bleibt doch noch 
manches Rätsel ungelöst: die salbungsvolle Art und Weise, wie Mair 
sich in seinen schriftlichen Aufzeichnungen über die Vergehen, welche 
er tagtäglich begeht, bei anderen aufs tiefste entrüstet, hat fast etwas 
Pathologisches. Merkwürdig ist auch das Verhalten des Rates nach 
der Entlarvung des Verbrechers: zunächst tut man nichts, um sein 
Entweichen zu verhindern, nach der Verhaftung jedoch kehrt man 
eine solch rücksichtslose und erbarmungslose Strenge hervor, daß fast 
der Verdacht auftaucht, gewisse Ratsmitglieder hätten hier mehr zu 
verbergen als bloße Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflichten; muß es 
doch billig in Erstaunen setzen, daß das verschwenderische Auftreten 
i des Stadtkassierers niemals den Verdacht seiner vorgesetzten Behörde 
i erregt hat, daß erst untergeordnete Organe auf die Veruntreuungen 
I aufmerksam gemacht haben. — Wenn Roths 4. Bd. von Augsburgs 
j Reformationsgeschichte (vgl. meine Besprechung in dieser Zeitschrift 
I Bd. 1 10 (1913) S. 590—592), der einen großen Teil der in Mairs Chronik 
I geschilderten Ereignisse behandelt, noch nicht erschienen gewesen 
wäre, würde unsere Publikation sehr viel mehr Neues bieten; aber 
gleichwohl bleibt die Veröffentlichung recht dankenswert, nicht nur 
; wegen der zahlreichen Einzelnachrichten, welche wir zu Augsburgs 
j Lokalgeschichte und zur Reichsgeschichte während jener entscheiden- 
I den Jahre erhalten, sondern auch wegen der interessanten, kultur- 
historisch bedeutsamen Beilagen, welche der Herausgeber aus Mairs 
i handschriftlichem Nachlaß im Anhang beisteuerte, und die er mit 
! seinen auf gründlichster Kenntnis aller einschlägigen Verhältnisse be- 
j ruhenden erläuternden Anmerkungen versehen hat; ich hebe nur her- 
I vor die dankenswerte biographische Zusammenstellung der Mitglieder 
' des kleinen und großen Rates, welche jedem Forscher zur Personal- 
geschichte jener Zeit unschätzbares Material liefert (Beilage Nr. III 
i und V); ich erinnere an Mairs Aufzeichnungen über das Zeremoniell 
j bei Reichstagen und Begrüßungen von Fürstlichkeiten (Beilage I 
I und VI) und besonders an die beiden auch literarisch und kultur- 
' historisch höchst bedeutsamen Stücke aus der Pamphletliteratur gegen 
den Mair aus recht persönlichen Gründen tief verhaßten Bürgermeister 
Jakob Herbrot; gegen die auf ein Ratsdekret vom 8. VI. 1553 sich 
: stützende Annahme von Roth, Nikolaus Mameranus sei der Verfasser 
dieses Pasquills, wendet sich, freilich ohne Namennennung Roths, 



372 Notizen und Nachrichten. 

mit guten Gründen Nikolaus Didier: „Nikolaus Mameranus (Freiburg 
1. Br. 1915) S. 84, Anm. 24, wo auch das Ratsdekret abgedruckt ist, 
wenngleich es ein arges Versehen von Didier ist, in Herbrot einen 
kaiserlichen Parteigänger zu erblicken. — Eine abschließende Würdi- 
gung von Mairs schriftstellerischer Tätigkeit kann erst gegeben wer- 
den, wenn in dem druckfertig vorliegenden Bd. 8 der Augsburger 
Chroniken seine weiteren historischen Arbeiten veröffentlicht wor- 
den sind. 

Halle a. S. Adolf Hasenclever. 

In der „Zeitschrift für französische Sprache und Literatur" 
Bd. 45, H. 5/6 setzt K. Glaser seine „Beiträge zur Geschichte der 
politischen Literatur Frankreichs in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts" 
fort und handelt über die politischen Theorien zur Zeit der Liga. Die 
Situation ist diese: „Für die Theoretiker der Liga ist der Gedanke 
maßgebend, die Macht ihrer Partei, der „Saincte Union'' auf Kosten 
der königlichen Gewalt zu heben und infolgedessen das Ansehen des 
Königs und der Monarchie nach Möglichkeit herabzusetzen. Dazu 
dient die Hervorkehrung der Rechte des Volkes nicht minder wie die 
Betonung der Rechte des Papstes gegenüber dem Herrscher (bei Bou- 
eher z. B. schließen Calvinismus und Kurialismus in der Hinsicht 
einen eigenartigen Bund). Im Gegensatz dazu treten die Protestanten 
für die Thronansprüche Heinrichs von Navara ein und suchen durch 
die Verteidigung der königlichen Rechte gegen Volk und Papst nur 
die zukünftige Stellung ihrer Thronkandidaten zu stärken." Das 
wird an Analyse der einzelnen Schriften erläutert. 

Neue Bücher: Kampinga, De opvattingen over onze oudere vader- 
landsche geschiedenis bij de Hollandsche historici der XVI en XV H 
eeuw. ('s-Gravenhage, Nijhoff. 3,20 Fl.) — Heiler, Luthers religions- 
geschichtliche Bedeutung. (München, Reinhardt. 1, 50 M.) — Bil- 
ling, 151J — 1521. EU bidrag tili fragan am Luthers religiösa och teolo- 
giska ütvecklingsgang. I. (Uppsala, Akad. bokh. 1,75 K.) — W. Köh- 
ler, Ulrich Zwingli und die Reformation in der Schweiz. (Tübingen, 
Mohr. 1,20 M.) — Hotzelt, Veit II. von Würzburg, Fürstbischof 
von Bamberg, 1561—1577. (Freiburg i. B., Herder. 7 M.) — Henner, 
Julius Echter von Mespelbrunn, Fürstbischof von Würtzburg und Her- 
zog von Ostfranken (1573 — 1617). (München, Duncker & Humblot. 
3,75 M.) — Briefe und Akten zur Geschichte des 30jährigen Krieges. 
Neue Folge. Die Politik Maximilians I. von Baiern und seiner Ver- 
bündeten 1618—1651. II. Tl. 2. Bd. 1625. Bearb. von Walter Goetz. 
(Leipzig, Teubner. 28 M.) 



Zeitalter des Absolutismus (1648—1789). 373 

Zeitalter des Absolutismus (1648—1789). 

Ausführlicher als kürzlich A. v. Ruville bespricht Wolfgang 
Michael aus aktuellem Interesse heraus ,, Englands Friedensschlüsse" 
(Berlin u. Leipzig, W. Rothschild. 1918. 48 S.). Die Darstellung 
geht aus von der neuen Vitalität des elisabethanischen England und 
ihrer Umschaltung in der Cromwellschen Zeit, behandelt eingehender 
das 18. Jahrhundert, und zwar mit Spezialisteninteresse seine erste 
Hälfte und schließt im allgemeinen mit 1815 ab. Von den Kolonial- 
kriegen werden nur der amerikanische und der Burenkrieg heran- 
gezogen. Die Art, wie Michael seine Ergebnisse klassifiziert, erweist 
I kaum entschieden Charakteristisches der englischen Politik gegenüber 
den üblichen Praktiken der Kabinettspolitik, der nur auf dem Fest- 
land die Hände viel mehr als auf der gesicherten Insel gebunden sind 
und das bewegliche Moment wechselnder Parlamentsmajoritäten 
! fehlt. Das Thema drängt eigentlich zu einer entschlosseneren Systema- 
I tisierung der politisch-soziologisch-nationalpsychologischen Grundlagen, 
j aus denen die Tendenzen der Haltung in jedem Einzelfall mit einem 
I gewissen inneren Zwang erwachsen. Michael berührt diese Grundlagen 
j teils in einem kurzen Anhang über die Psychologie des englischen 
! Volkes und besonders dessen eigentümliche Staatsauffassung und 
I Nationalidee, teils einzeln im Anschlüsse an die chronologische Dar- 
I legung; so, wenn er auf den Zwiespalt und die Mischung ausgreifen- 
j der Machtpolitik und religiösen Impulses, der sich zur Idee des aus- 
I erwählten Volkes steigert, unter und seit Cromwell verweist oder den 
1 Zeitpunkt der Durchbildung des nach außen hin gemeingefährlichen- 
I Typus John Bull andeutet, oder die konstitutionelle Abneigung gegen 
! ein stehendes Heer erwähnt, die zur Ausbildung der virtuosen Kunst, 
die anderen gegeneinander auszuspielen, mitwirkte. Andr. Walther. 

Als Nr. 5881 von Reclams Universalbibliothek erschien ,,Der 
allerchristlichste Kriegsgott (Mars christianissimus). Eine Spottschrift 
' wider alle Schwächen des Völkerrechts aus dem Jahre 1683 von Gottfr. 
I Wilh. Leibniz. Übersetzt und eingeleitet von Paul Ritter." In 
! der Einleitung ist nachgewiesen, daß die eigenhändige lateinische 
I Niederschrift des „Mars christianissimus" mit den zahlreichen, stark 
I eingreifenden Korrekturen jeden Zweifel an der Verfasserschaft Leib- 
I nizens ausschließt. 

I „Aus Österreichs Vergangenheit" Heft 15 (Leipzig, Schulwissen- 

i schaftlicher Verlag A. Haase. 1918) betrifft „Die Verteidigung Wiens 
I im Jahre 1683". Der Herausgeber B. Imendörffer gibt eine histo« 
rische Würdigung des Ereignisses, hätte aber wohl etwas mehr über 
, die Quellen sagen sollen. Aus diesen werden sodann eine lange Reihe 
1 interessanter Stücke zum Abdruck gebracht, Beschreibungen von der 



374 Notizen und Nachrichten. 

Flucht der Wiener Bevölkerung beim Herannahen der Türken, Schil- 
derungen der Zustände in Wien während der Belagerung und nach 
der Entsatzschlacht, aber auch ein paar Briefe Rüdigers von Starhem- 
berg an Karl von Lothringen, eine Schilderung der Schlacht, eine 
deutsche Übersetzung des Bündnisvertrages zwischen Leopold I. und 
Johann Sobieski; Militärisches und Kulturgeschichtliches nebeneinan- 
der. Aber das Kulturgeschichtliche überwiegt. W. M. 

Über „Johann Wilhelm", dem Herzog von Jülich und Berg und 
Kurfürsten von der Pfalz, hat R. A. Keller am 7. November 1916 
einen Vortrag im Düsseldorfer Geschichtsverein gehalten, der in er- 
weiterter Form im Jahrbuch dieses Vereins erschienen ist. Er will 
nur einen Begriff geben von der Aufgabe, die den künftigen Biographen 
dieses Fürsten erwartet. Keller stellt das Bild des in Düsseldorf als 
„Jan Wellem" so volkstümlichen Fürsten der wenig freundlichen Er- 
innerung gegenüber, die man ihm in pfälzischen Landen bewahrt 
und die z. B. in Häussers Geschichte der rheinischen Pfalz ihren Aus- 
druck gefunden hat. Aber er weist auch darauf hin, daß es sich dort 
um den vortrefflichen Landesvater handelt, der aus Düsseldorf ein 
Florenz am Rheine machen wollte, hier um den Katholiken, der einer 
wesentlich protestantischen Bevölkerung gegenüberstand, um den Ur- 
heber der berüchtigten Rijswijker Klausel. Er weist ferner auf das 
ungeheuer weit zerstreute archivalische Material hin, welches zu be- 
nutzen wäre und endlich auf die beste Lösung der Aufgabe, darin 
bestehend, daß ein Kunsthistoriker und ein Historiker sich hier die 
Hand reichten. Die damit gegebene Anregung soll inzwischen, wie 
er noch mitteilt, zu einem greifbaren Plan ausgewachsen sein. 

W. Michael. 

Im Neuen Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 
37, 3 u. 4 teilt O. Giemen Proben aus den Tagebüchern H. v. Offen- 
bergs mit, der in den Jahren 1784 und 1785 den Herzog von Kurland 
mit seiner Familie als Reisemarschall nach Italien begleitete. Auf 
der Hin- und Rückreise hielt sich die Reisegesellschaft in Leipzig 
auf. Die hier wiedergegebenen Aufzeichnungen zeigen, was das 
damalige Leipzig einer vornehmen Reisegesellschaft besonders an 
Kunstwerten zu bieten vermochte und was dieser sehenswürdig 
erschien. 

Neuere Geschichte von 1789 bis 1871. 

Ein kurzer Bericht E. Beckers über das Musee Napoleon im 
Louvre (Preuß. Jahrbücher Bd. 171, S. 106) frischt Erinnerungen auf 
an die „Kulturpolitik", wie sie die Franzosen während der napoleoni- 
schen Eroberungen befolgt haben. Anschaiüicher und eingehender 



Neuere Geschichte von 1789—1871. 375 

unterrichten auf diesem Gebiet die drei in der Internat. Monatschrift 
XI (1917) erschienenen Arbeiten von Degering, „Französischer Kunst- 
raub in Deutschland 1793—1807", Heft I; Steinmann, Die Plünde- 
rung Roms durch Bonaparte, Heft 6 und 7; Gronau, Die Verluste 
der Casseler Galerie in der Zeit der französischen Okkupation 1806 
bis 1813, Heft 9 und 10. 

Die seit 1918 in der Deutschen Rundschau durch mehrere Num- 
mern erscheinende anonyme Arbeit über Gentz wird erst später im 
I Zusammenhang zu besprechen sein (Gentz, ein europäischer Staats- 
I mann deutscher Nation). Ebenfalls von anonymem Herausgeber bringt 
i dieselbe Zeitschrift (Okt. 1918) den Abdruck von Gentz' sehr beach- 
tenswertem Aufsatz über „den ewigen Frieden" vom Dezember 1800. 

Als Nr. 16 der Quellensammlung „Aus Österreichs Vergangenheit" 
{Verlag A. Haase, Wien u. Leipzig. 1918) veröffentlicht Eugen Gug- 
I IIa das Vorwort zu Gentz' ,, Fragmenten aus der neuesten Geschichte 
': des politischen Gleichgewichts in Europa" von 1806. Einem knappen 
I und anschaulichen Lebensabriß als Einleitung ist eine kurze Über- 
1 sieht über die neueste Gentz-Literatur beigefügt. Es ist zu begrüßen 
I und von innerer sachlicher Notwendigkeit bedingt, daß sich das Augen- 
i merk der Historiker gerade jetzt diesem unter Deutschen selten be- 
gabten politischen Kopf und glänzendeu Stilisten wieder zuwendet. 

S. Kahler. 

Chr. Dettweiler, ein tapferer Pfälzer in französischen Kriegs- 
diensten, von Dr. Philipp Keiper (Pfälzische Studien, Heft 2) (Kai- 
serslautern, Herrn. Kayser. 1917. 66 S.). — Der Verfasser veröffent- 
I licht in dieser Studie eine Anzahl von nicht besonders interessanten 
I Aktenstücken zur Lebensgeschichte seines Helden, der von 1804 bis 
' 1814 im napoleonischen Heere diente und viele Schlachten mitmachte, 

und liefert eine Einleitung, Kommentare und Anhänge dazu. 
' Wahl. 

Adolf Hasenclever veröffentlicht in Bd. 30, Heft 3 der For- 
( schungen z. brandenb. u. preuß. Gesch. 16 Briefe Th. v. Schöns aus den 
I Jahren 1805 — 21 an den Hallenser Staatswissenschaftler L. G. v. Jakob. 
I Hervorzuheben sind unter diesen, meist in dem bekannten Ton Schön- 
i scher Polemik gehaltenen Briefen Nr. 9 mit einer interessanten Gegen- 
' überstellung der Systeme der „Staatskunst" Colberts und der ,,Staats- 
I Wirtschaft" A. Smiths: „Kraus jubelt im Grabe." Ferner Nr. 15; hier 
' versteigt Schön sich bei der Verteidigung des deutschen Kolonisations- 
I Werkes in der Ostmark — gegen „philanthropische" Angriffe, die aus 
i Kotzebues „Preußens ältere Geschichte" von Jakob entnommen zu 
I sein scheinen — zu der für diesen Kantianer bezeichnenden Geschichts- 
■ konstruktion, der Orden habe ,, durch das Leben in der Idee alle 



376 Notizen und Nachrichten. 

Gemeinheit entfernt"! — Derselbe Brief bringt eine beachtenswerte 
Auseinandersetzung mit Jakob über das Steuergesetz vom 30. V. 1820. 
Sonst steht noch manches bittere Urteil in diesen Briefen über die 
Berliner „Akten-Fabrikanten", welche zu Schöns Verzweiflung fern 
der „Wahrheit" im Dunkeln tappen. 

Der Vortrag von Th. Sommerlad, „Die alte und die neue Kon- 
tinentalsperre" (Auslandsstudien der Universität Halle-Wittenberg, 
Heft 12. Halle, Niemeyer. 1918. 30 S.) bietet eine für den Laien 
lehrreiche Darstellung der Entwicklung der Kontinentalsperre Napo- 
leons und eine Reihe von Hinweisen auf ihre Folgen für das Wirt- 
schaftsleben Mitteleuropas in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr- 
hunderts. 5. K. 

Bd. 31,2 der Forschungen zur Brandenburgisch-Preußischen Ge- 
schichte bringt auf S. 410 — 15 eine kurze Mitteilung K. Brinkmanns 
über „Das Krockowsche Freikorps" von 1807. Es ist lehrreich, sich 
daran zu erinnern, wie schon nach der Katastrophe von 1806, nach 
dem Zusammenbruch der eigentlichen Form des Heeres die aktive 
militärische Energie der Führer und national empfindender Volks- 
kreise sich eine dem Augenblick angepaßte Organisation zu schaffen 
wußte. — Die Überschrift des im gleichen Heft (S. 415 — 37) erschie- 
nenen Aufsatzes von Fr. Holtze, „Die Hundspost von Spandau nach 
Berlin" verrät nichts davon, daß dies Kabinettstück lokal-literarischer 
Kleinforschung mit seiner stupenden Belesenheit und intimen Kennt- 
nis auch der geistigen Niederungen Berlins nach 1800 in höchst er- 
götzlicher Weise allerlei verwirrte Fäden bloßlegt, welche sich auf 
dem Umweg journalistischer Afterliteratur um die Gestalten Jean 
Pauls und B. T. A. Hoffmanns schlingen konnten. 

In der Deutschen Revue, Jahrgang 44, Januar 1919 setzt W. 
Windelband seine Veröffentlichung der Korrespondenz von Fr. Eich- 
horn fort. Mit vier aus den Jahren 1809 und 1811 stammenden Num- 
mern beginnt die Mitteilung der Briefe Eichhorns an Gneisenau, soweit 
diese noch nicht bei Pertz und Pick veröffentlicht waren. 

Das 2. Heft des 30. Bd. (1918) der Forschungen zur branden- 
burg. und preuß. Geschichte bringt als einzigen Beitrag die vierte 
Fortsetzung der von P. Haake in Bd. 26 (1913) begonnenen Auf- 
satzreihe über „König Friedrich Wilhelm III., Hardenberg und die 
preußische Verfassungsfrage". Da Haake noch einen Schlußaufsatz 
in Aussicht stellt, ist eine abschließende Bewertung seiner Arbeit noch 
nicht angezeigt. Das Wesentliche an seiner Darstellung scheint dem 
Referenten bisher, daß das von Haake beigebrachte, reichhaltige Mate- 
rial an Denkschriften aus den Jahren 1817 — 19 erneut erkennen läßt, 
wie im Grunde aussichtslos der Kampf war, den Hardenbergs leicht- 



Neuere Geschichte von 1789—1871. 377 

herziger Optimismus in der Verfassungssache zu führen hatte mit dem 
glaubenslosen Mißtrauen des Königs gegen seinen ersten Minister 
wie gegen sein Volk. Die gänzliche Hoffnungslosigkeit dieses Kampfes 
war begründet in der engen Bundesgenossenschaft, welche der König 
eingegangen war mit dem harten Reaktionswillen des von Wittgen- 
stein und Ancillon geleiteten und von Metternich beeinflußten feudalen 
Konzerns am Hof und im Ministerium. Im übrigen sind wirklich neue 
Ergebnisse der Forschung auf diesem von den besten Köpfen der 
letzten Forschergeneration bearbeiteten Gebiet wohl kaum zu erwarten. 

Die noch nachträglich zu erwähnende Freiburger Dissertation 
(1914) von Siegfr. Kahler enthält nicht eigentlich das, was man nach 
ihrem Titel erwarten sollte: Beiträge zu W. v. Humboldts Entwurf 
einer ständischen Verfassung für Preußen vom Jahre 1819. Kahler 
bezeichnet den ,, Teildruck" selbst als biographische Einleitung zu 
einer Untersuchung über das Wahlrecht in Humboldts Verfassungs- 
entwurf von 1819, die in eine größere, für 1915 versprochene Arbeit 
über Humboldts Politik übergehen sollte. Doch ist das bisher unter- 
blieben und eben jene Untersuchung 1917 als Aufsatz in der Zeitschrift 
für Politik 10 (s. H. Z. 118, 176) erschienen. Die Dissertation erörtert 
Humboldts Stellung zum Staate, speziell zum preußischen Staate, 
die staatsbürgerliche Auffassung, die Humboldt nicht zuletzt unter 
der Einwirkung der Ereignisse von 1813 angenommen hat, die Auf- 
gaben, die er einer weitsichtigen und zukunftgestaltenden Staats- 
verwaltung und im Zusammenhang damit auch einer Verfassung zu- 
wies, deren Zustandekommen er als selbstverständlich ansah. Die 
aus Humboldts ganzem Wesen hervorgehende, zwischen politischem 

i Realismus und philosophischer Abstraktion sich bewegende Anschau- 
ungsweise ist klar hervorgehoben. In einem Exkurs weist Kahler die 
von Gentz und Haym, aber auch neuerdings von Gebhardt und ver- 
schärft von Ernst Meier und P. Lenel vertretene Auffassung, die 
Humboldt zum Gegner einer Repräsentativverfassung macht, zurück, 

i ohne das Problem nach der positiven Seite zu behandeln (s. dazu 
auch die H. Z. 119,354 angedeuteten Gedankengänge von E. Müse- 
beck). K- Jacob. 

E. Szabos (t) Aufsatz: „Aus den Parteien- und Klassenkämpfen 
in der ungarischen Revolution von 1848" in Grünbergs Archiv für 
die Geschichte des Sozialismus und die Arbeiterbewegung 8, 2/3 reicht 
j nur bis in den Juni 1848 und handelt vornehmlich von Presseäuße- 
I rungen und Arbeiterbewegung in Pest: Radikalismus und Republi- 
' kanismus waren anfänglich bedeutungslos; die Dynastie hat die Gelegen- 
: heit, sich ohne wesentliche Opfer an die Spitze der national-sozialen 
I Bewegung zu stellen, unbenutzt gelassen; die Demokratie, auch ihre 



378 Notizen und Nachrichten. . 

Wortführer, sind unreif und unklar und kommen über die Schlagworte 
von 1848 nicht hinaus; deutlich ist die Absage an jeden Kommunismus^ 
die ungarische Nationalidee überwiegt; sehr bald ist Ordnung das 
allgemeine Losungswort; die Arbeiterbewegung ist anfänglich ganz be- 
deutungslos, beschränkt sich in der Hauptsache auf Zunft- und Lohn- 
reformen, erst im April wird sie lebhafter, namentlich unter den Setzern; 
mit der Verhängung des Belagerungszustandes in Pest (Juni 1848> 
scheidet das städtische Proletariat aus der Revolution aus und räumt 
zunächst den Bauern den Platz. 

Eine eingehende und beachtenswerte Besprechung von K. Haufes 
Buch über „den deutschen Nationalstaat in den Flugschriften von 
1848/1849" (1915) von J. Hashagen steht in den Götting. Gel. An- 
zeigen 1919,3/4. 

Das 6. Heft von Jahrgang 1 der Zeitschrift „Österreich" ist 
ganz den Ereignissen von 1848 gewidmet. O. Weber gibt eine ein- 
leitende Würdigung. Dann handelt ein tschechischer, des Deutschen 
nicht völlig mächtiger Pseudonymus (Dr. Boemus) von der Entwick- 
lung des tschechischen staatsrechtlichen Programms 1848: das Kreuzen 
der verschiedenen Strömungen im tschechischen Lager, insbesondere 
der national gemäßigten, aber politisch radikalen Demokraten und 
der national-radikalen, aber politisch Gemäßigten (Richtung Palacky 
Havlicek); gegenüber dem Deutschtum zunächst die Forderung der 
Gleichberechtigung, sehr bald, infolge der scheinbaren Schwäche der 
Deutschen, das Verlangen politischer Vorherrschaft und staatsrecht- 
licher Selbständigkeit im Rahmen eines föderalistischen österreichi- 
schen Staates unter Führung von Palacky und Havliöek; zuerst der 
Prager Juniaufstand, sodann die Kremsierer Verfassung machen diese 
Pläne zunichte. — Weiter handelt M. Vangsa über Wenzel Messen- 
hauser, den am 16. November 1848 erschossenen Führer der Wiener 
Oktoberrevolution, als Schriftsteller: schon als k. k. Offizier in Wien 
und Galizien hat er nicht nur geschickte historische Kompilationen 
und weiterhin als Literat eine Menge phantasiereicher und schwül- 
stiger, aber unbedeutender Novellen, Romane und Dramen verfaßt. 
Schließlich gibt J. Loserth wertvolle Beiträge zur Abdankung Fer- 
dinands I. und zur Thronbesteigung Franz Josephs. Er weist darauf 
hin, daß wichtige Akten (so das Original der Adresse des Wiener Reichs- 
tags vom 11. Oktober 1848) noch heute in Privatbesitz sind, und 
macht an der Hand solcher Materialien darauf aufmerksam, daß an dem 
Abdankungsmanifest und der Thronbesteigungsproklamation noch im 
letzten Stadium Änderungen (in zentralistischem Sinne) vorgenommen 
sind; Entwürfe, die er mitteilt, sind aus Rücksicht auf Ferdinands 
Gattin in italienischer Sprache abgefaßt; ein bisher unbekanntes, eben- 



I 



Neuere Geschichte von 1789—1871. 379 

falls italienisch geschriebenes Gutachten über die Notwendigkeit der 
Abdankung rührt nach Loserths Vermutung vielleicht von Schwarzen- 
berg eigenhändig her. 

Über „Paul Heyse und die Politik mit unveröffentlichten Briefen 
aus dem Freundeskreis des Dichters" hat Erich Petzet in der Deut- 
schen Revue (1919, I u. II) gehandelt. Der junge Student war stark 
von der freiheitlichen Bewegung 1848 ergriffen. Aber schon 1849 
schreibt er (28. April): es gibt etwas Höheres als eine gute Ernte: 
die Ehre der Nation" und weiter (am 21. Mai): „Das Volk hat sich 
unfähig gezeigt, die Freiheit sich selbst zu geben und zu erhalten." 

Bei einer Gedenkfeier 1918 hat A. O. Meyer in einem Vortrag 
die Beziehungen von „Deutschland und Schleswig-Holstein vor der 
Erhebung" von 1848 kurz zusammengefaßt: langes deutsches Sonder- 
und Stilleben der einzelnen Landesteile unter dänischer Herrschaft, 
Vordringen deutscher Sprache und Kultur, besonders durch Kirche 
und Schule, aber politisch Zusammengehörigkeitsgefühl mit Dänemark 
bis ins 19. Jahrhundert, begreiflich auch bei der Geltung deutscher 
Kultur (und, was hinzuzufügen wäre, speziell schleswig-holsteinischer 
Politiker) in Kopenhagen; dann erst nach den Freiheitskriegen durch 
das dänische Vorgehen Aufwerfen der Verfassungsfrage: sie führt in 
den Herzogtümern erst nach der Julirevolution in Verbindung mit 
der Erbfolgefrage unter Zurückdrängung der Neuholsteiner (Olshausen) 
zur nationalen Frage: „Die Rechtsfragen werden aus Kampfzielen 
Kampfwaffen für das Deutschtum Schleswig-Holsteins"; Christrans VI IL 
Versuch, durch scheinbare Verfassungskonzessionen im Rahmen des 
Gesamtstaates die nationalen Separationstendenzen zu überwinden, 
scheitern; Februarrevolution und Kasinoministerium 1848 führen zur 
nationalen Erhebung vom Rechtsboden aus. K. Jacob. 

Im Aprilheft der Deutschen Rundschau gibt H. Fried jung ein 
kurzes Charakterbild von Kaiser Franz Joseph von Österreich, jetzt 
erweitert in den Histor. Aufsätzen (Stuttgart 1919). 

Dr. med. C. H. Alexander Pagenstecher, ein angesehener Arzt 
in Düsseldorf, bekannt durch seine vor einigen Jahren veröffent- 
lichten Jugenderinnerungen als Burschenschaftler und Denkwürdig- 
keiten von 1848, war Ende der fünfziger Jahre nach Heidelberg über- 
gesiedelt und hat sich dann am politischen und kirchenpolitischen 
Leben Badens in den sechziger Jahren lebhaft, auch als Abgeordneter, 
beteiligt. Aus seinen Aufzeichnungen für die Jahre 1860 — 66 (leider 
mit dem Kriege abbrechend) hat F. Schnabel in der Zeitschrift 
für die Geschichte des Oberrheins 34, 2 interessante Abschnitte ver- 
öffentlicht. Mit großer Anerkennung, aber sehr kurz, wird Mathys, 
mit hoher Wertschätzung des Großherzogs Friedrich gedacht. Eine 



380 Notizen und Nachrichten. 

Ergänzung, so bezüglich der Wahlagitation in Weinheini-Ladenburg, 
und Fortsetzung wäre erwünscht. 

Eugen Stamm kommt in einer Schrift „Konstantin Frantz und 
Bismarck" (Deutsche Verlagsanstalt 1917) auf Frantz zurück, über 
den er vor zehn Jahren ein verdienstliches Buch herausgegeben hat 
und der neuerdings wieder stärker beachtet wird. Die (etwas selbst- 
gefällige) Schrift ist ihrer Art nach am ehesten ein Feuilletonartikel, 
war zuerst auch als solcher gedacht. Besonders eindringend ist sie 
nicht. Rapp. 

Die Fortsetzung von E. Sc h ü ß 1 e rs S. 1 72 erwähnter Veröffentlichung 
aus den (zum Teil schon von E. Vogt, Hessische Politik 1863 — 1871, 
benutzten) Tagebüchern des hessischen Ministers Frhr. vonDalwigkzu 
Lichtenfels, die im April- bis Juliheft der Deutschen Revue 1919 zu- 
nächst bis zum Juni 1867 reicht, zeigt, daß uns hier eine überaus wertvolle 
Quelle zur Geschichte der Reichsgründung erschlossen wird; ihre Wür- 
digung wird dem angekündigten Erscheinen in Buchform vorbehalten 
bleiben müssen. Dalwigks Haß gegen Preußen und Bismarck spricht 
aus jeder Zeile und nimmt der Erklärung vom 14. April 1867 an den 
preußischen Gesandten (anläßlich der Luxemburger Frage; daß Hessen 
Preußen bis zum letzten Blutstropfen zur Seite stehen werde, wenn 
es sich darum handle, deutsches Gebiet und deutsche Ehre gegen 
Frankreich zu wahren, vgl. auch Vogt 147 f.), jeden Wert. Dalwigk 
erwartet (8. Februar 1867) einen großen europäischen Krieg: in diesem 
werde Hessen untergehen oder als ein bedeutendes Königreich aus 
ihm hervorgehen. — Bei der beabsichtigten Veröffentlichung als Buch 
ist ein umfassender kritischer und literarischer Kommentar für Laien 
und Fachgenossen dringend erwünscht. K. J. 

In Grünbergs Archiv für die Geschichte des Sozialismus 8, 2/3 
steht eine eingehende Besprechung der von N. Rjasanoff 1917 heraus- 
gegebenen beiden Bände von Engels' und Marx' Ges. Schriften durch 
O. Jenssen, der abweichend von Fr. Mehring (Marx 540) den Wert 
dieser Bände mit Recht hervorhebt. — Mehring selbst wehrt sich 
a. a. O. gegen die doch sehr berechtigten Kritiken an seiner Marxbio- 
graphie; seinerseits kritisiert er das Marxbüchlein von R. Wilbrandt, 
von dem er — durchaus zu Unrecht — sagt, daß Wilbrandt nicht 
auf dem Boden des Sozialismus, sondern auf dem der bürgerlichen 
Gesellschaft stehe; nach Kautsky (auch a. a. O.), wenn auch von an- 
derem Gesichtspunkt aus, ist es Wilbrandt ebensowenig wie M. Beer 
(Marx 1918) gelungen, Marxens Lehre richtig darzustellen. In den 
Marxanalekten will M. Nettlau aus Br. Bauers und Marxens Korre- 
spondenzen erweisen, daß nicht Marx, wie G. Mayer a. a. O. 7, 3 be- 
hauptet hatte, sondern Bauer selbst der Verfasser des 2. Teils der 
Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel usw. sei (s. H. Z. 117, 362). 



Neueste Geschichte seit 1871. 381 

Eine vortreffliche und eingehende, historisch orientierte Kritik 
der amtlichen Entwürfe zur neuen Reichsverfassung, insbesondere des 
von dem Staatsrechtslehrer, jetzigem Reichsminister Hugo Preuß her- 
rührenden Entwurfs bietet Heinr. Triepel in Schmollers Jahrbuch 
43, 2. 

Neue Bücher: Briefe aus der französischen Revolution, ausgew., 
übers, und erläut. von Gustav Landauer. 2 Bde. (Frankfurt a. M., 
I Rücken & Loening. 30 M.) — Konschak, Die Klöster und Stifter 
I des Bistums Hildesheim unter preußischer Herrschaft (1802 — 1806). 
! (Hildesheim, Lax. 4 M.) — Brandenburg, Die deutsche Revolution 
! 1848. 2. verb. Aufl. (Leipzig, Quelle & Meyer. 1,25 M.) — Reinöhl, 
i Revolution und Nationalversammlung 1848. Schwab. Urkunden. 
j (Stuttgart, Strecker & Schröder. 3,60 M.) — Ingwersen, Der Ar- 
I tikel V des Prager Friedens, seine Vorgeschichte, Entstehung und 
Geschichte bis zu seiner Aufhebung. (Flensburg, Soltau. 2,10 M.) 

^H Neueste Geschichte seit 1871. 

^^m Das neueste Zugangsverzeichnis der Bücherei des Britischen 
^useums ist als zeitgeschichtliches Hilfsmittel auch an dieser Stelle 
I zu erwähnen. Von den , .Titeldrucken" der Preußischen Staatsbiblio- 
thek unterscheidet es sich durch eine übersichtliche sachliche Anord- 
nung zu seinem Vorteile (Subjed Index of tht modern works added to 
ihe library of the British Museum in the years 1911/5. 1918). Nach- 
i ahmenswert ist ferner der vnn Edith E. Clarke 1919 herausge- 
I gebene Guide to the use of United States Government Publications. Die 
I Bibliographie der Kriegsliteratur wird durch das Werk von J. Vic 
bereichert: La litteraiure de guerre. Manuel methodique et critique 
de publications de langue frangaise (aoüt 1914 — aoüt 1916) mit Vor- 
wort von G. Lanson 1919. 

Perthes' Schriften zum Weltkrieg. 15. Heft: Hermann Oncken, 
Das alte und das neue Mitteleuropa. Historisch-politische Betrachtungen 
über deutsche Bündnispolitik im Zeitalter Bismarcks und im Zeitalter 
i des Weltkriegs. (Gotha, Perthes. 1917. 150 S.) — Der erste, auf die 
! Bismarcksche Politik bezügliche Teil dieser Arbeit ist eine glänzende 
I Leistung. Gehörte doch zu den „Errungenschaften der Revolution" 
: wenigstens die Öffnung der Archive, so daß ein Mann wie Oncken uns 
eine aktenmäßige Darstellung der auswärtigen Politik des Reichsgrün- 
' ders geben könnte! Daß der Ungar Wertheimer die wichtigsten Reichs- 
akten bearbeiten konnte, während deutsche Forscher vor den Türen 
I stehen mußten, ist nebenbei bemerkt, auch nur in Deutschland mög- 
1 lieh — gewesen. Wenn Onckens Schrift wegen dieser rein geschicht- 

I Historische Zeitschrift (120. Bd.) 3. Folge 24. Bd. 25 

f 
1 



382 Notizen und Nachrichten. 

liehen Partien ihren dauernden Wert behält, so ist der größte Teil, 
der sich auf die Einkreisungspolitik und das „neue Mitteluropa" be- 
zieht, so wie man es sich während des Krieges erhoffte, durch die Er- 
eignisse überholt. Kein Leser wird mehr in der Ablehnung des eng- 
lischen Bündnisangebots, in dem Schaukelspiel zwischen England und 
Rußland, schließlich in der Schaffung eines selbständigen König- 
reichs Polen durch die Mittelmächte auch nur Spuren von staats- 
männischer Weisheit erblicken. Haller hat mit seinen ebenso scharf- 
sinnigen wie glänzenden Ausführungen über die auswärtige Politik 
des Fürsten Bülow (Januarheft 1917 der Südd. Monatshefte), die 
Oncken 1917 noch ablehnen zu können glaubte, vollständig recht 
behalten. Schüßler. 

Die 14 letzten Bogen der 22. Auflage von Weber-Baldamus* 
Weltgeschichte IV sind gesondert, ohne Änderung der Seiten- und 
Paragraphenzahlen, erschienen unter dem Titel: Hellmuth Schmidt- 
Breitung, Weltgeschichte der neuesten Zeit 1902—1918 (Leipzig, 
Wilh. Engelmann. 1919. 4,80 M.). — Die Hälfte des Raumes gibt 
die Geschichte des Weltkrieges, im wesentlichen die militärische, gemäß 
der offiziellen deutschen Auffassung. Gesichtskreis und Stimmung 
sind die durchschnittlichen von Mitte 1918. Gerade in ihrer Anspruchs- 
losigkeit ist die präzise und durch ein Register aufgeschlossene Auf- 
reihung der Ereignisse nützlich. Andr. Walther. 

Dankenswert sind die jetzt in vier Heften vorliegenden biblio- 
graphischen Zusammenstellungen von W. v. Seidlitz über den „Kultur- 
krieg" (Flugschriften des Dürerbundes 150, 162, 175, 182). Über sozia- 
listische Kriegsschriften aus den Niederlanden wird im Archiv für 
Geschichte des Sozialismus (6, 1916) berichtet, über ähnliche russische 
Erzeugnisse in der auch sonst die Aufmerksamkeit des Historikers 
fesselnden Wiener sozialistischen Monatschrift „Der Kampf (9, 1916), 
über Dreibundliteratur von H. F. Helmolt in der Zeitschrift für 
Völkerrecht 11, 1919. 

An wissenschaftlichem Werte werden verschiedene Teilenthül- 
lungen über die Vorgeschichte des Krieges (zuletzt die des serbischen 
Gesandten in Paris, M. R. Vesnitsch, im Journal desDebais vom 13. März 
1919) durch das deutsche Weißbuch über die Verantwortlichkeit der 
Urheber des Krieges vom Juni 1919 weit in den Schatten gestellt. 
Man findet hier u. a. den feindlichen Rapport über die Schuldfrage 
vom 29, März nebst den amerikanischen Riserves vom 4. April und 
den deutschen „Bemerkungen", verfaßt von H. Delbrück, A. Mendels- 
sohn Bartholdy, Graf M. Montgelas, M. Weber. Der Hauptwert dieser 
amtlichen Veröffentlichung liegt jedoch in den elf Anlagen, die vor- 
nehmlich der Bedeutung der russischen Kriegsvorbereitungen und der 



Neueste Geschichte seit 1871. 383 

russoserbischen Aktionspolitik gewidmet sind. Im Gegensatze zu den 
feindlichen Farbbüchern wird hier zum ersten Male der historisch-? 
wissenschaftlich allein fruchtbare Standpunkt vertreten, daß die Frage 
der Schuld am Kriegsausbruch nur im breiten Rahmen der Vorge- 
schichte im weiteren Sinne erörtert werden kann. Wenigstens bis in 
die Zeit der bosnischen Annexionskrise reichen diese Dokumente 
zurück. 

Für die letzten Jahre der Vorgeschichte des Krieges verfügen 
die Franzosen jetzt über ein sechsbändiges Werk, das seiner Anlage 
nach als eine Art von Seitenstück zu Schiemanns Deutschland und 
die große Politik bezeichnet werden kann (A. Gauvain, VEurope 
au jour le jour, 1908—1914). 

Von deutschen Historikern ist als eifriger Kriegs- und Friedens- 
publizist R. Fester hervorgetreten. Wir notieren aus seiner Feder 
die vom Mai 1918 bis Februar 1919 in der Deutschen Rundschau er- 
schienenen Beiträge: Die Erben Bismarcks, Der amerikanische Kreuzzug 
und seine Weltwirkung, Auf neuen Wegen, Vom Weltkrieg zur Welt- 
revolution, Vom Bundesstaat zum Einheitsstaat, Das Selbstbestim- 
mungsrecht und der deutsche Einheitsstaat. In derselben Zeitschrift 
untersucht von einem abweichenden Standpunkte aus F. Meinecke 
die geschichtlichen Ursachen der deutschen Revolution. Äußerlich 
steht der Entschluß zum unbeschränkten U-Bootkrieg bei Meinecke 
an der Spitze der Unheilserscheinungen. Innerlich habe u. a. die Tat- 
sache, daß die Fehler des Preußentums seine Vorzüge überwucherten, 
schließlich revolutionär gewirkt. Doch stellt der Aufsatz noch weit 
mehr wichtige Fragen der neuesten Zeitgeschichte zur Diskussion. 

Die seit 1917 von Diederichs in Jena herausgegebene Broschüren- 
folge „Der Tag des Deutschen" enthält im 5. Hefte bemerkenswerte 
Ausführungen über den „Stufengang des deutsch-englischen Gegen- 
satzes" von L. Rieß, sowie im 2. Hefte abschreckende Zusammen- 
stellungen über die Kriegspsychose in Frankreich von J. Kühn (Fran- 
zösische Kulturträger im Dienste der Völkerverhetzung), 

Die 1918 bei Niemeyer in Halle veröffentlichten Schriften von 
E. V. Stern, Die russische Agrarfrage und die russische Revolution 
(Auslandsstudien 11), und von V.Löwe, Das neue Rußland und seine 
sittlichen Kräfte, entsprechen beide nicht ganz ihrem Titel. Jene legt 
den Schwerpunkt auf eine agrargeschichtliche Kritik der Bauernbefrei- 
ung, diese auf eine allgemeine Kritik der Schäden des alten Rußlands. 

Aus naheliegenden Gründen verdient die Haltung des Sozialis- 
mus vor dem Kriege und während des Krieges die besondere Aufmerk- 
samkeit des Historikers. Aus der Fülle der einschlägigen selbständigen 
und periodischen Literatur seien hier vier Zeitschriftenaufsätze ver- 

25* 



384 Notizen und Nachrichten. 

schiedener Parteirichtung hervorgehoben, die besonders geeignet sein 
dürften, Aufklärung und Anregung zu bieten: H. Herkner, Sozial- 
demokratie und Ausiandspolitik (Preußische Jahrbücher 161, 1915), 
E. Bernstein, L' Impirialisme iconomique et la „Soziaidemokratie'* 
(Revue Politique Internationale 6 , 1916), J. Rouge, Le socialisme alle- 
mand et la guerre (Revue Politique et Parlementaire 94, 1918) und 
namentlich G. Mayer, Der deutsche Marxismus und der Krieg (Ar- 
chiv für Sozialwissenschaft 43, 1917). Auch K. Emils Artikelserie über 
handelspolitische Fragen (Neue Zeit 35, I, 1917) gehört hierher. 

J. Hashagen. 
Neue Bücher: Friedr. Zahn, Bayern und die Reichseinheit. 
(München, Gerber. 2,50 M.) — Zur europäischen Politik 1897—1914. 
Unveröffentlichte Dokumente. In amtlichem Auftrag hrsgg. unter 
Leitung von Beruh. Schwertfeger. (5 Bde.) 1. — 4. Bd. (Berlin, 
Mobbing. Vollst. 20 M.) — Frdr. Curtius, Fürst Chlodwig zu Hohen- 
lohe-Schillingsfürst. Zu seinem 100. Geburtstag 31. III. 1919. (Stutt- 
gart, Deutsche Verlags-Anstalt. 2 M.) — Schmidt-Breitung, Welt- 
geschichte der neuesten Zeit 1902 — 1918. (Leipzig, Engelmann. 
4,80 M.) — Hal6vy, Präsident Wilson. Eine Studie über die ameri- 
kanische Demokratie. (Berecht. Übertr. aus dem Französischen von 
Hans Fritzsche.) (Zürich, Rascher & Cie. 7,20 M.) — Reventlow, 
Politische Vorgeschichte des großen Krieges. (Berlin, Mittler & Sohn. 
14 M.) — Graf Pourtal^s, Am Scheidewege zwischen Krieg und 
Frieden. Meine letzten Verhandlungen in Petersburg, Ende Juli 1914. 
(Charlottenburg, Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Ge- 
schichte. 3 M.) — G. V. Jagow, Ursachen und Ausbruch des Welt- 
krieges. (Berlin, Mobbing. 6 M.) — Dietr. Schäfer, Die Schuld am 
Kriege. (Oldenburg, Stalling. 2,25 M.) — Sauerbeck, Der Kriegs- 
ausbruch. Eine Darstellung von neutraler Seite an Mand des Akten- 
materials. (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt. 12 M.) — Melf- 
ferich. Der Weltkrieg. 1. Bd. (Berlin, Ullstein & Co. 5 M.) — Egli, 
Zwei Jahre Weltkrieg. 2. Aufl. (Zürich, Schultheß & Co. 8 M.) — 
Lambach, Ursachen des Zusammenbruchs. (Mamburg, Deutsch- 
nationale Verlagsanstalt. 2,40 M.) — Paul Graf v. Moensbroech, 
Wilhelms II. Abdankung und Flucht. (Berlin, Curtius. 2,50 M.) — 
Runkel, Die deutsche Revolution (bis zum Zusammentreten der 
Nationalversammlung). (Leipzig, Grunow. 6 M.) — Werminghoff, 
Weltkrieg, Papsttum und römische Frage. (Malle, Niemeyer. 3 M.) 

Deutsche Landschaften. 

Dem jungen Schweizer die Geschichte seines Landes in volks- 
tümlicher Gestalt zu vermitteln, ist der Zweck der von M. Corray 



Deutsche Landschaften. 385 

unter dem Titel „Tapfer und treu'* herausgegebenen Sammlung histo- 
rischer Materialien. (Frauenfeld und Leipzig, Huber & Co. 1916. 
X u. 324 S. Geb. 7,50 Fr.) — Sie bietet eine Auswahl von Erzäh- 
lungen und Schilderungen aus Chroniken, Urkunden und Briefen, läßt 
daneben aber auch moderne, besonders schweizerische Schriftsteller 
wie Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller zu Worte kommen. So 
ist sie dem Stoffe nach etwas mehr, wissenschaftlich betrachtet aber 
weniger als ein Quellenbuch zur Schweizer Geschichte. W. M. 

Karl Kiesel, Petershüttly. Ein Friedensziel in den Vogesen. 
(Berlin, Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). 1918. VIII u. 215 S. mit 
16 Textbildern und 10 Lichtdrucktafeln und Karten. Preis geb. 8 M.) 
— Ein kluger Laie legt hier ein prächtig ausgestattetes Buch vor, 
dessen geographische und geschichtliche Lehren weiterer Beachtung 
wert sind. Schon der Titel „Petershüttly", der einer der uralten deut- 
schen Melkereien unweit der „Schlucht" und des französischen Luft- 
kurorts Oerardmer entlehnt ist, soll daran erinnern, daß sich Jahr- 
hunderte lang rittlings des Grenzkamms eine Reihe einheitlicher deut- 
scher Herrschafts-, Rechts- und Wirtschaftsgebiete diesseits und jen- 
seits der Paßhöhen von Bussang und Ventron (Winterung der elsässi- 
schen Herden!) bis zu den flachen Übergängen von Saal und Schirmeck 
erstreckte. Leider liegen infolge der traurigen Verhältnisse, die seit 
Jahrzehnten im Colmarer Bezirksarchiv herrschen, bisher nur wenig 
ergiebige Quellen vor, eingehend und anschaulich das Werden und 
Wachsen der elsässischen Einwanderung in Oberlothringen zu schildern. 
Aber geschickt versteht es der Verfasser, auch geringfügige Notizen 
zu einzelnen lebensvollen Bildern zu vereinigen und alle die vielfältigen 
Beziehungen zum mindesten anzudeuten, die Herren und Bauern der 
Vogesentäler noch in einer Zeit aufrechterhalten, da die französische 
Ausdehnungspolitik selbst bereits den Boden der Rheinebene erreicht 
hat. Insbesondere die Geschichte der Hochweiden des Münstertales 
und der Reichsabtei Remiremont im 16. und 17. Jahrhundert bietet 
treffliche Beispiele für die wirtschaftliche Expansionskraft des deut- 
schen Volkes, die auch in den bösen Zeiten nationaler Schwäche un- 
gebrochen fortwirkt. Diese Schilderung auf die ganze Kette des 
„Grenz"- Gebirges auszudehnen, war ein außerordentlich dankbares 
Thema für die Forscher der Landesgeschichte, die eingehender und 
umfassender die Aktenschätze der elsässischen und vor allem die der 
oberlothringischen Städte und Herrschaften ausbeuten konnten, als es 
der Verfasser der vorliegenden Skizzen im Feldlager im Oberelsaß, 
in den Argonnen und in Nordfrankreich vermochte. Heute ist diese 
Anregung, die im Sommer 1918 niedergeschrieben wurde, ein from- 
mer Wunsch geworden. Der Gedanke selbst aber soll unvergessen 
bleiben; das eigentümliche geschichtliche und politische Denken der 

25** 



386 Notizen und Nachrichten. 

deutschen Nation läßt vielleicht in der Zukunft mehr Interesse am 
verlorenen Volksgut jenseits des Rheines erhoffen, als sich das 
schöne Land im letzten halben Jahrhundert leider erhalten konnte. 

P. Wentzcke. 
Die Entwicklung des seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in den 
Breisgaustädten Frei bürg und Waldkirch blühenden, jetzt fast ganz 
verschwundenen Kunsthandwerks der „Borer und Balierer" — 
Bearbeiter von Halbedelsteinen und Edelsteinen — behandelt, aus- 
schließlich auf Grund archivalischer Quellen, eine Monographie von 
E. Schragmüller (Volkswirtschaftliche Abhandlungen der badischen 
Hochschulen. Heft 30. Karlsruhe, Braun. 1914. 120 S.). K. 

Entstehung und Entwicklung, letztere vornehmlich im 19. Jahr- 
hundert, des Kultur- und Arrondierungswesens des Kraichgauer Niede- 
rungsgebietes, im besonderen der Domäne Insultheim im heutigen 
Baden, deren Verhältnisse manche Ähnlichkeiten aufweisen mit den- 
jenigen Nordostdeutschlands, ist Gegenstand einer umfassenden Unter- 
suchung von Fr. W. Zahn (Volkswirtschaftliche Untersuchungen der 
badischen Hochschulen. Heft 24). (Karlsruhe. 1914. VIII u. 229 S.) 

K. 

Nun bekommt auch Württemberg eine Biographiensammlung. 
Der um die württembergische Geschichte sehr verdiente Professor 
Dr. Karl Weller hat das Unternehmen, das ein entschiedenes Bedürf- 
nis war, angeregt und die Kommission für Landesgeschichte dafür 
gewonnen; mit Professor Dr. Viktor Ernst zusammen gibt er nunmehr 
den „Württembergischen Nekrolog" heraus, der je in einem 
Band die Lebensgeschichte und Charakteristik der Toten eines Jahres 
bringt, bei denen nach dem Urteil der Herausgeber solche Arbeit ein 
Bedürfnis sein kann. Es sind Männer aus allen Lebensgebieten; das 
Geistesleben ist, wie es sich gerade bei Württemberg gebührt und von 
selbst ergibt, erfreulich stark vertreten. Begonnen wurde mit dem 
Jahre 1913. („Württembergischer Nekrolog für das Jahr 1913". Im 
Auftrag der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte 
herausg. von Karl Weller und Viktor Ernst. Stuttgart, Kohlhammer. 
1916.) Der Band über 1914 schloß sich bald (1917) an, er bringt bereits 
mehrere im Krieg Gefallene, die wir schwer vermissen. Besonders her- 
vorgehoben und zum Lesen empfohlen seien aus eben diesem Band 
etwa die Biographien über Paul Buder, Hugo Faißt, K. B. Klun- 
zinger, Hermann Süskind. — Nachtrag vom Sommer 1919: Inzwischen 
ist auch der Nekrolog für 1915 erschienen. Rapp. 

Max von Rümelin, der Kanzler der Universität Tübingen, hat 
dort bei der Feier der 25jährigen Regierung des Königs eine Rede 
gehalten, die gedruckt vorliegt (Tübingen, Mohr. 1916. 1 M.): „Gei- 



Deutsche Landschaften. 387 

stiges Leben in Württemberg unter der Regierung König Wilhelms IL'* 
Sie beschäftigt sich einmal mit der öffentlichen Pflege der geistigen 
Güter unter einer Regierung, die alte Überlieferungen schonend im 
Sinne „besonnenen Fortschrittes" weiterzubilden strebt. Sodann 
spricht sie erneut von der vielerörterten schwäbischen Eigenart und 
ihren Veränderungen, wobei der Sohn Rümelin die Gedanken seines 
Vaters aufnimmt, der einst als Dozent und Kanzler von der gleichen 
Stelle aus über Württemberg und seine Art gesprochen hat. Rapp. 

Moritz V. Rauch läßt im Bericht des Historischen Vereins Heil- 
bronn über die Jahre 1915 — 1918 eine lesenswerte Abhandlung über 
das Leben des Heilbronner Großkaufmanns und Verkehrspolitikers 
Jakob Friedrich Gsell (1744 — 1805) erscheinen; wenn auch Gsells 
Straßenbaupläne, durch die er den Handel Heilbronns auf ganz andere 
Höhe zu bringen hoffte, Projekte geblieben sind, ist seine energische 
und rastlose Tätigkeit doch von großem Nutzen für die Stadt gewesen. 
Außerdem veröffentlicht v. Rauch ein achtundvierziger Lied aus Heil- 
bronn, das sich mit der Abführung des revoltierenden 8. Regiments aus 
der Stadt beschäftigt. Karl Stieler macht Mitteilungen über die Be- 
ziehungen seines Großvaters Franz Michael Stieler zu Adolf Goppelt. 
W. Nestle druckt Briefe von D. J. Strauß an Charles Ritter ab. 

Als 12. Neujahrsblatt der Gesellschaft für fränkische Geschichte 
erschien eine kurze zusammenfassende Darstellung von Max Kahn 
über „Die Stadtansicht von Würzburg im Wechsel der Jahrhunderte" 
(München und Leipzig, Duncker & Humblot. 1918. 49 S. 2 M.). — 
Die Werke graphischer Kunst, die Gesamtansichten Würzburgs geben, 
werden mit knapper Beschreibung vom Ende des 15. bis zur Mitte 
des 19. Jahrhunderts begleitet. Eine zeitlich geordnete Liste und 
zwölf treffliche Bildtafeln sind beigefügt. 

In der umstrittenen Frage der Entstehungszeit des Liber anna- 
lium iurium archiepiscopi et ecclesiae Trevirensis nimmt Albert Len- 
narz das Wort im Trierischen Archiv, Bd. 38/39; auf Grund genauester 
Analyse verlegt er sie zwischen den 25. Dez. 1211 und Ende 1217. 
Einen Beitrag zur Geschichte der Mystik liefert J. W. E. Roth mit 
dem Abdruck von dem Trierer Stadtarchiv entnommenen Visionen aus 
dem Kloster St. Thomas an der Kyll. F. Michel beschäftigt sich 
mit dem 1580 begründeten Jesuitenkolleg von Coblenz, speziell mit 
der Geschichte seiner Bauten. Schließlich ist der Schluß der an dieser 
Stelle schon erwähnten Arbeit von Lager über die Visitationsreisen 
des Bischofs Mannay in der Diözese Trier 1807 zu erwähnen. 

Einen Beitrag zur Geschichte der Erweckung in Minden-Ravens- 
berg und zur Familiengeschichte des gewesenen Reichskanzlers Michaelis 
will Cajus Fabricius liefern mit seiner Studie über Carl vonTschirschky- 



388 Notizen und Nachrichten. 

Boegendorff, der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts wegen 
seines Konfliktes in der Potsdamer Bibelgesellschaft mit Bischof Eylert 
und seiner Eidesverweigerung aus der Armee entlassen wurde, dann 
auch in Minden als Führer der Quäker in Konflikte mit der Regierung 
geriet (Jahrbuch des Vereins für die evangelische Kirchengeschichte 
Westfalens 1918). Kl. Löffler berichtet über die Versuche, die Refor- 
mation in der Stadt Münster einzuführen; sie haben zunächst vollen 
Erfolg gehabt, 1533 wurde Münster durch Übergabe sämtlicher Pfarr- 
kirchen rechtlich als evangelische Stadt anerkannt, aber schon ein. 
Jahr darauf begann das Regiment der Wiedertäufer, in dessen Konse- 
quenz die ausschließliche Herrschaft des Katholizismus wieder auf- 
gerichtet wurde. G. Schumacher schildert den Abbruch der Petri- 
kirche 1810 und den Verkauf der Marienkirche in Höxter 1812. 

Eine kurze und übersichtliche Zusammenfassung der Geschichte 
der Lande Braunschweig und Lüneburg seit der Teilung des Herzog- 
tums Sachsen im Jahre 1180 gibt O. Jürgens in den Hannoverschen 
Geschichtsblättern 22, 1. Das Heft enthält auch die Fortsetzung der 
in Bd. 19 begonnenen Übersicht über die Bestände des Hannoverschen 
Stadtarchivs; dieser Teil bringt das Verzeichnis der Stadtbücher und 
Register. 

Zur Feier seines 50jährigen Bestehens hat der Historische Verein 
Brandenburg (Havel) eine von Otto Tschirch herausgegebene Fest- 
schrift erscheinen lassen, aus deren Inhalt folgende Aufsätze genannt 
sein mögen: Georg Draeger, Verfassung und Verwaltung von Alt- 
und Neustadt Brandenburg bis zum Dreißigjährigen Kriege; Hermann 
Krabbo, Markgraf Heinrich ohne Land von Brandenburg (hingewiesen 
sei auf die beigefügte Ahnentafel Markgraf Heinrichs und seiner Gattin 
Agnes von Bayern); J. H. Gebauer, Die Ablagerpflicht des Branden- 
burger Domkapitels; Karl Schlottmann, Die Flurnamen der Bran- 
denburger Gegend, und schließlich von demselben Verfasser: Die 
Wüstungen der Brandenburger Gegend. Otto Tschirch schildert die 
Gründung des Vereins und seine Tätigkeit in den verflossenen fünfzig 
Jahren. 

Die Fortsetzung der hier schon erwähnten Arbeit von O. Utten- 
dörfer über Zinzendorf und das theologische Seminar der Bruderunität 
bringt die Zeitschrift für Brudergeschichte Jahrgang 12, 1918. Dieser 
Teil umfaßt die Arbeit Zinzendorfs am Seminar in der Wetterau in 
den Jahren 1743 — 1745. E. Teufel macht Mitteilungen über die Ge- 
schichte der Brüdergemeinde in Sorau (Nieder-Lausitz). 

„Aus Österreichs Vergangenheit" Heft 13 (Leipzig, Haase) bringt 
unter dem Titel „Das Werden unserer Volksschule*' Schulrat Anton 
Weiß eine Sammlung der wichtigsten Schulvorschriften für die öster- 



Deutsche Landschaften. 389 

reichische Volksschule von den Beschlüssen der Salzburger Synode 
1569 bis zu dem ersten österreichischen Reichsvolksschulgesetz vom 
6. Dezember 1774 und der es ergänzenden Leopoldinischen Studien- 
ordnung von 1791. Mit Recht hebt der Herausgeber es als eine be- 
merkenswerte Erscheinung hervor, daß in Österreich, wo so viele und 
tiefe Gegensätze geographischer, nationaler, wirtschaftlicher und reli- 
giöser Natur vorliegen, Reichsgesetze für das niedere Schulwesen seit 
fast 150 Jahren bestehen und sich entwickelt haben. 

Frischeisen- Köhler. 
Der elegant geschriebene Aufsatz von Emil Utitz über „Wien" 
(Kunst und Künstler, Heft 7, 1919) bietet auch dem Historiker eine 
Fülle kritisch abgestimmter, sehr anregender Betrachtungen über die 
alte Kaiserstadt, deren Vergangenheit einigermaßen selbstgefällig ihrer 
zeitgemäßen Entwicklung im Wege stand. Ihre Zukunft als großes 
Kulturzentrum macht Utitz nur von einem innigeren Zusammenwirken 
mit dem gesamtdeutschen Geistesleben abhängig. IV. Andreas. 

Neue Bücher: Balzer, Der Kanton Graubünden in der Media- 
tionszeit (1803—1813). (Chur, Schuler. 6 M.) — Beusch, Rechts- 
geschichte der Grafschaft Werdenberg. (St. Gallen, Fehr. 4,50 M.) — 
Mantel, Geschichte der Zürcher Stadtbefestigung. 1. Teil. (Zürich, 
Beer & Cie. 6 M.) — Wackernagel, Geschichte des Elsasses. (Basel, 
Frobenius A.-G. 20 M.) — Westfälisches Urkundenbuch. Bd. 7. (Re- 
gister, Nachträge usw.) (Münster, Regensburg. 20 M.) — Lenz, Ge- 
schichte der Kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. 2. Bd., 

2. Hälfte. (Halle, Buchh. d. Waisenhauses. 11 M.) — Diersch, Die 
geschichtliche Entwicklung des Landtagswahlrechts im Königreich 
Sachsen. (Leipzig, Glausch. 6,50 M.) — Salzburger Urkundenbuch. 

3. Bd. Urkunden von 1200 — 1246. Gesammelt und bearbeitet von 
Willib. Hauthaler und Franz Martin. (Salzburg, Höllrigl. 33 M.) 
— Montanus, Die nationale Entwicklung Tirols in den letzten Jahr- 
zehnten. (Innsbruck, Verlagsanstalt Tyrolia. 4,20 M.) 

Vermischtes. 

Dem (38.) Jahresbericht der Gesellschaft für rheinische 
Geschichtskunde über das Jahr 1918 entnehmen wir folgendes. 
Veröffentlicht wurden: 1. Die Behördenorganisasion der Rheinprovinz 
seit 1815. Von Max Bär (Publikation 35, 1919). 2. Köln im Mittel- 
alter. Topographie und Verfassung. Von Hermann Keussen (revi- 
dierter Sonderabdruck aus der 2. Preisschrift der v. Mevissen-Stiftung, 
1918). — Die Einleitung zu dem 3. (Schluß-) Band der Werdener Urbare 
(Kötzschke) ist im Druck. Der unterbrochene Druck des 3. Bandes 
(1589—1596) der Jülich-Berg. Landtagsakten, 1. Reihe (H. Gold- 



390 Notizen und Nachrichten. 

Schmidt) ist noch nicht wiederaufgenommen worden ; die Vollendung 
des Druckes des 1. Bandes (1624—1630) der 2. Reihe (Küch) wurde 
wegen der hohen Druckpreise vorläufig aufgegeben. Der im Drucke 
fast vollendete 2. Band der Matrikel der Universität Köln (Keussen) 
soll alsbald erscheinen ; bei Besserung der Verhältnisse soll auch mit dem 
Druck der 2. Auflage des 1. Bandes begonnen werden. — Mit p per- 
mann s Untersuchungen über die ältesten rheinischen Urkunden (bis 
1100) soll eine Reihe „Vorstudien zu dem rheinischen Urkundenbuch 
bis 1250" eröffnet werden. Von den Quellen zur Rechts- und Wirt- 
schaftsgeschichte der rheinischen Städte sind die Dürener Quellen 
(Schoop) bis auf Register, Einleitung und Stadtplan fertig gedruckt. 
Die schon beim vorjährigen Bericht abgeschlossen vorliegende Neu- 
bearbeitung der Kölner Reimchronik des Gottfried Hagen (E. Dorn- 
feld und Luise v. Winterfeld) konnte noch nicht gedruckt werden. 
Auch die Drucklegung des Verzeichnisses der Aufsätze zur rheinischen 
Geschichte in Zeitschriften und Sammelwerken bis zum Jahre 1915 
(Bär) stockt. Wenn die Schwierigkeiten im Druckgewerbe nachlassen, 
sollen die „Quellen zur inneren Geschichte des Territoriums Kleve" 
(Ilgen) unter die Presse kommen. Von den „Rheinischen Briefen 
und Akten zur Geschichte der politischen Bewegung in Preußen und 
Deutschland 1830—1850" ist der 1. Band (bis 1845) im Druck nahezu 
vollendet; -er enthält den politischen Briefwechsel, die Denkschriften, 
Tagebücher und andere Aufzeichnungen der rheinischen Führer in der 
Verfassungs- und nationalen Einheitsbewegung, ferner Akten über die 
Entstehung der politischen Presse in der Rheinprovinz sowie erläu- 
ternde Akten der Berliner Zentralbehörden und der rheinischen Regie- 
rungsbehörden. Der Druck des 2. Bandes, der sich insbesondere mit 
dem Vereinigten Landtag und dem Jahre 1848 befaßt, soll sich un- 
mittelbar anschließen. Das „Grundbuch des Kölner Judenviertels 
1135 — 1425" (A. Kober) soll demnächst erscheinen. — Aus dem Be- 
richte über das Jahr 1917 erwähnen wir noch, daß im 37. Berichtsjahre 
erschienen sind: Die Urbare der Abtei Werden an der Ruhr, hrsgg. 
von R. Kötzschke; B: Lagerbücher, Hebe- und Zinsregister vom 
14.^17. Jahrhundert (1917; Publikation 20); Quellen zur Geschichte 
des Kölner Handels und Verkehrs im Mittelalter, hrsgg. von B. Kuske; 
2. Bd.: 1450—1500 (1918; Publikation 33). 

Die Historische Kommission für Hannover, Oldenburg, 
Braunschweig, Schaumburg-Lippe und Bremen veröffent- 
licht ihren „8. und 9. Jahresbericht über die Geschäftsjahre 1917/18 
und 1918/19". Von dem Werke „Die Renaissanceschlösser Nieder- 
sachsens" liegt der Tafelband und die von B. Niemeyer verfaßte 
erste Hälfte des Textbandes „Anordnung und Einrichtung der Bauten" 
im Buchhandel vor; die Vollendung des Werkes ist demnächst zu er- 



Vermischtes* 391 

warten. Der Niedersächsische Städteatlas (P. J. Meier) steht vor 
der Drucklegung; ein kurzer Text soll beigegeben werden, die wissen- 
schaftlichen Untersuchungen werden später als besonderes Buch er- 
scheinen. Die fertig vorliegende Biographie des Herzogs Karl Wil- 
helm Ferdinand von Braunschweig von Selma Stern wird als Ver- 
öffentlichung der Kommission gedruckt werden. 

Dem 9. Bericht des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs 
in Basel 1918 (Basel, April 1919) ist eine Übersicht über den Katalog 
der Abteilung III (Volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Ab- 
teilung) beigegeben. Die Katalogisierung der Abteilung „Zeitungen** 
(II) ist abgeschlossen, die ganze Sammlung jetzt zugänglich. 

Preisaufgabe der Samsonstiftung bei der Bayerischen Aka- 
demie der Wissenschaften für das Jahr 1919. Die Bedeutung der 
moralischen Anschauungen und ihrer Wandlungen für die künstleri- 
schen Ausdrucksformen in der deutschen Dichtung der ersten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts. — Preis: 3000 M. Einlief erung: 1. Juni 1922. 

Rittergutsbesitzer F. Briest-Boltenhagen hat der Philosophi- 
schen Fakultät der Universität Greifswald 1500 M. zur Ausschreibung 
einer Preisaufgabe aus dem Gebiete der Ortsnamenforschung Pom- 
merns zur Verfügung gestellt. Näheres durch den Dekan der Fakultät. 
Bewerbungen mit Kennwort sind bis zum 15. Mai 1922 an diesen ein- 
zureichen. 

Preisaufgabe des Norwegischen Nobelinstituts: Darstellung 
der Geschichte der Freihandelsbewegung im 19. Jahrhundert und ihrer 
Bedeutung für die Friedensbestrebungen. Bearbeitung in deutscher, 
englischer oder französischer Sprache. Preis: 5000 norweg. Kronen. 
Die preisgekrönte Schrift bleibt Eigentum des Nobelinstituts. Die 
Beantwortungen müssen, von geschlossenen Namenszetteln begleitet, 
bis zum 1. Juli 1922 an das Norwegische Nobelinstitut, Drammensvei 19, 
Christiania, eingesandt werden. 

Am 4. Januar 1919 starb zu Ruhpolding bei Traunstein in Ober- 
bayern Georg Frhr. von Hertling (geb. in Darmstadt 31. August 
1843). Wir gedenken hier nur des Gelehrten, der ein charaktervoller 
Vertreter des der Wissenschaft zugewandten deutschen Katholizismus 
war und sich um dessen geistige Organisierung namentlich durch die 
Begründung der Görresgesellschaft (1876) bemüht hat. Seine grund- 
sätzlichen Erörterungen über „Das Prinzip des Katholizismus und 
die Wissenschaft** (1899) und viele seiner sozialpolitischen und zeit- 
geschichtlichen Aufsätze dürften für den Historiker wichtiger sein als 
seine Arbeiten zur Geschichte der Philosophie oder auch sein populäres 
Buch über Augustinus. 



392 Notizen und Nachrichten. 

Am 2. Mai 1919 starb im 53. Lebensjahre der a. o. Professor 
der Wirtschaftsgeschichte an der deutschen Universität Prag, Dr. 
Paul Sander, der sich vor allem durch sein gründliches Werk über 
den „Reichsstädtischen Haushalt Nürnbergs" (1902) einen dauernden 
Platz in der historischen Literatur gesichert hat. Aus erschöpfenden 
archivalischen Studien hat er hier auf beinahe 1000 Seiten ein sicheres 
Bild von Nürnbergs Haushalt im 15. Jahrhundert entworfen. In solcher 
gründlichen konkreten Forschung lag seine Stärke. Als Schüler Scheffer- 
Boichorsts und Breßlaus hatte er einst mit einer Arbeit über den 
„Kampf Heinrichs IV. mit Gregor VII. 1080 — 1084" promoviert, sich 
dann den wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen zugewandt — neben 
der Nürnberger Arbeit sind Aufsätze über das mittelalterliche Zunft- 
problem und zur Kritik Peter Harers zu nennen. Daneben galt sein 
Bemühen verfassungsrechtlichen Problemen: sein Buch von 1906 
„Feudalstaat und bürgerliche Verfassung" legt davon vor allem Zeugnis 
ab. Seit er an die deutsche Universität in Prag berufen war, wandte 
er sich besonders der böhmischen Wirtschaftsgeschichte zu; in kriti- 
schen Besprechungen und Gutachten hat er sich auf dem neuen Arbeits- 
gebiete noch betätigt, bis ihn der Krieg als freiwilligen Kämpfer aus 
der wissenschaftlichen Tätigkeit abrief. Vorwiegend in Belgien als 
Kompagnieführer im Besatzungsheere tätig hat er sich dort die Krank- 
heit geholt, die nun auch ihn dahingerafft hat. Um ihn, der zugleich 
der gewissenhafteste Gelehrte wie der treueste Freund und ein Mann 
von edelster Gesinnung war, werden alle schmerzlich trauern, die ihm 
nahe gestanden haben. Walter Goetz. 

Im Mai 1919 starb in Bonn der Professor der katholischen Theo- 
logie Joseph Greving (geb. 1868 in Aachen); er hat sich als Heraus- 
geber der „Reformationsgeschichtlichen Studien und Texte" und durch 
eigene Forschungen um die Geschichte der Reformationszeit verdient 
gemacht, aber auch auf dem Gebiete der mittelalterlichen Kirchen- 
geschichte, insbesondere der rheinländischen, nützliche Arbeit ge- 
leistet. 



1 



über den Begriff einer historisdien 
Dialektik. 

3. Der Marxismus. 

Von 

Ernst Troeltsdi. 



Im letzten Jahrzehnt des Vormärz zerbrach die All- 
macht des Hegeischen Systems, teils unter den Zerklüftungen, 
die aus ihm selber hervorgingen, teils und vor allem unter 
dem neuen Anprall westeuropäischen Denkens, der mathe- 
matisch-mechanischen Naturwissenschaften und politisch- 
praktischen Reformbestrebungen. Die veränderte Atmo- 
sphäre hat es erstickt, nicht die Logik von innen her über- 
wunden, so anfechtbar und einseitig seine Logik auch war, 
die dem modern naturwissenschaftlichen Denken eine sichere 
Stellung einzuräumen nicht imstande war und die Logik 
überhaupt wesentlich nur von der historischen Bewegung 
aus konstruierte. Von da ab bis heute heißt es, die Vernach- 
lässigung der Naturwissenschaften in der deutschen Philo- 
sophie nach Kant habe sich gerächt und zu deren Sturz 
für immer geführt; und in der Tat hat erst die neueste Zeit 
in dem Verhältnis einer historischen Bewegungslogik zu der 
mechanistischen Naturlogik wieder ein echtes und dauerndes 
Problem der Philosophie, ja das gegenwärtige Hauptproblem, 
wieder erkannt. i) Die mechanistisch-naturwissenschaftliche 

1) Hierzu s. man die mannigfachen vortrefflichen Ausführungen 
bei 0. Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918, der mit vollem 
Recht auf Goethes Scheidung von Verstand und Vernunft als bedeu- 
tendste Fassung des Problems hinweist und daher von Goethe statt 
von Hegel ausgeht. Es ist der alte Kampf Goethes gegen Newton, 
bei dem von der besonderen ,,Farbeolehre" ganz abgesehen werden kann. 
Historische Zeitschrift (120. ßd.) 3. Folge 24. Bd. 26 



394 Ernst Troeltsch, 

Logik wurde damit für lange Zeit auch in Deutschland zum 
Typus des logischen Denkens überhaupt und ihm die histo- 
rische und ethische Welt so gut es ging angepaßt. Die 
Dialektik verschwand oder wurde zu einem märchenhaften 
Ungeheuer, von dem man nur mit unbestimmtem Grausen 
oder lächelnder Überlegenheit sprach. Wenn in den geistes- 
geschichtlichen Wissenschaften, vor allem der Kunst-, 
Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, starke Nachwir- 
kungen der Dialektik lebendig blieben und auch in der 
Hegel so nahe benachbarten Historie vermöge der Fort- 
wirkungen Rankes und der Romantik starke Anklänge an 
sie fortdauerten, so war es doch nur ein Fortleben, wie das 
des Polypen, dem man die Hauptteile des Rumpfes abge- 
schnitten hatte. Sie hieß dann einfach „Entwicklung" und 
verstand sich ohne nähere Begründung von selbst, wurde 
zu einem besonderen Eigentum des historischen Denkens 
und Talentes, das sich um Philosophie nicht zu bekümmern 
braucht und einen ursprünglich philosophischen Gedanken 
unter diesem Rechtstitel von aller Philosophie emanzipiert. 
Die Historie lebte und lebt großenteils von einer Philosophie, 
die sie gegen die andersartige moderne Philosophie nur 
durch die Behauptung ihres unphilosophischen, einzelwissen- 
schaftlichen Charakters, d. h. durch Ablehnung aller Philo- 
sophie, zu rechtfertigen vermag. 

In ihrem eigentlichen logischen Sinne aufrecht erhalten 
und über Hegels Erkenntnisse hinaus bedeutsam und 
fruchtbar fortgebildet worden ist die Dialektik nur im 
Marxismus. Sie ist dabei gründlich verändert und vor 
allem in ihrer philosophischen Begründung und ihrem geisti- 
gen Sinne arg verbogen und verdorben worden, aber sie hat 
doch dabei den Grundgegensatz gegen die mechanistische 
Reflexionsphilosophie und die psychologistische Kausalität, 
ebendamit aber auch ihre konstruktive Kraft und ihre Ein- 
schmiegung in die grundsätzliche Bewegtheit des Wirklichen 
bewahrt. Das volle Verständnis für sie findet sich freilich 
nur bei dem Dioskurenpaar der Begründer, bei Marx und 
Engels, deren wissenschaftliche Geschichtstheorie eben des- 
halb so lange verborgen und einflußlos blieb, während 
ihre praktische Agitation und Organisation bereits die 



über den Begriff einer historischen Dialektik. 395 

Augen der Welt fesselte, und deren Epigonen bereits der 
Dialektik so ferne waren, daß sie sie nicht mehr recht ver- 
standen, aus Zeitverhältnissen entschuldigten und durch eine 
mechanistische Kausalitätstheorie ersetzten, schließlich den 
in der Dialektik verbundenen Zusammenhang von Sein, 
Bewegung und Ziel lösten und neben die Kausalität der 
Geschichte eine Kantische Richtung auf den ethischen End- 
zweck setzten. Das war unumgänglich, sobald man die 
Dialektik in Kausalität verwandelt hatte und für ihren Zweck 
und Sinn dann außerkausale, ethische Vernunftnotwendig- 
keiten einsetzen mußte. Dann konnte man über Kausalität 
und Teleologie, Determinismus und Freiheit disputieren, die 
— in Wahrheit nicht vorhandenen — Beziehungen Marxens 
zu Kant und Fichte aufsuchen und Marx zum Kantianer 
stempeln oder fortentwickeln. Man konnte weiterhin die von 
Marx im Stile Hegels und Feuerbachs konstruierte Urge- 
schichte aus Spencer oder Darwin oder ähnlichen Theorien 
ergänzen und ersetzen, um ihn auf die Höhe der Forschung 
und der rein kausalen Entwicklungserkenntnisse zu bringen. 
All das sind zweifellos Anpassungen an den modernen Stand 
der „Wissenschaft*', wie sie einer lebendig fortwirkenden 
Lehre unvermeidlich sind und vor allem zur scholastischen 
Umdeutung heilig gesprochener Mustertexte gehören. Aber 
der stärkste wissenschaftliche Gehalt und die eigentliche 
gedankliche Kraft ist damit zerbrochen oder zersplittert. i) 

^) Die Opposition gegen die Dialektik bei Masaryk, Die philos. 
u. soziologischen Grundlagen des Marxismus, 1899, und Peter v. Struve, 
Die Marxsche Theorie der sozialen Entwicklung, Braunsches Archiv 
XIV, 1899. Die Abbiegungen zum Kantianismus hinüber bei Woltmann, 
Der historische Materialismus, 1900, und Max Adler, Kausalität und 
Teleologie, 1904. Bemerkenswert ist, daß es sich dabei stets um einen 
positivistisch interpretierten Kantianismus oder um die Marburger 
Kantschule handelt; das letztere wohl deshalb, weil auch sie einen moni- 
stischen Determinismus mit einer naturrechtlich-absolutistischen Ethik 
verbindet; vgl. K. Vorländer, Kant und Marx, 1911, und Staudinger, 
Wirtschaftliche Grundlagen der Moral, 1907. Auch Stammlers „Über- 
windung" des Marxismus ist in den sehr starken Konzessionen an eine 
monistische Kausalitätserklärung und in der Entgegensetzung einer durch 
Freiheit erfolgenden Regelung von da aus bestimmt, s. Wirtschaft und 
Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung 2, 1906, wozu 
Max Webers später zu erwähnende grausame Kritik zu vergleichen ist. 

26* 



396 Ernst Troeltsch, 

Wendet man sich dagegen van der gegenwärtigen Marxi- 
stischen Literatur zu den Begründern zurück, so ist gerade 
die Dialektik das äußerUch am stärksten hervortretende und 
fremdartigste Merkmal, aber auch die wissenschaftlich, 
geschichtstheoretisch und geschichtsphilosophisch am meisten 
fesselnde Konzeption, die den Schlüssel zu den wichtigsten 
und fruchtbarsten Anschauungen dieser Denker über die 
historische Welt darbietet. 

Es kommt also darauf an, sowohl den festgehaltenen 
Sinn als auch die gleichzeitige Umbildung der Dialektik 
bei den Begründern des Marxismus richtig zu verstehen und 
deren Tragweite für die historische Methode und Erkenntnis 
zu erfassen, woneben die praktische Bedeutung und Ver- 
wertung für die sozialistische Parteibildung hier nicht näher 
in Betracht kommt. Das Letztere ist eine viel erörterte 
wichtige Frage für sich. Für die Sicherstellung der hohen 
wissenschaftlichen Fortschritte und Gewinne, die im Marxis- 
mus für alles historische Denken liegen, kommt sie nicht in 
Betracht ; ja, die wissenschaftlichen Gewinne sind schon bei 
den Begründern, unter denen Marx eine hohe und große 
Gelehrtengestalt, Engels ein überaus kombinationsreicher, 
lebendiger und scharfblickender Beobachter und Entdecker 
war, schon mehr Nebengewinne und sind in ihrer weiteren 



Für alle diese Leute existiert die Dialektik überhaupt nicht mehr. Struve 
versteht die Dialektik geradezu als Konstruktion der Revolution und 
Aufhebung der Kontinuität, wogegen er die Kantische Lehre von dem 
Zusammenhang des Kontinuitäts- und Kausalbegriffes ausspielt und 
eine realistische Kausalitätsforschung fordert. „Dieses Gesetz der Konti- 
nuität, welches die Hegelisch angehauchten Marxisten — nach dem 
Vorgange Hegels (1) — als sinnlose Tautologie hinstellen und so etwas wie 
reaktionären Blödsinn nennen, hat kein geringerer als Kant aufgestellt." 
Dabei ist aber der Sinn der Dialektik ganz entstellt, ebenso wie in dem 
Schema S. 664. Das ist der grundsätzliche Gegensatz eines statischen 
Denkens gegen das dynamische: „In der Starrheit des , Denkens' liegt 
aber nicht sowohl seine Stärke als die Bedingung seiner Möglichkeit 
eingeschlossen; ohne dieselbe kann es eben selbst nicht gedacht werden. 
Das Veränderliche sowohl wie das Unveränderliche der Welt wird durch 
konstante Begriffe der menschlichen Erkenntnis einverleibt". 687 f. 
Das ist in der Tat der eigentliche Gegensatz, um den es sich hier überall 
handelt. Im übrigen sind sachlich die realistischen Korrekturen Struves 
an der Dialektik wohl begründet und lehrreich. 



über den Begriff einer historischen Dialektik. 397 

Ausbeutung durch rein wissenschaftliche Forscher immer 
unabhängiger geworden von sozialdemokratischer Dogmatik 
und parteipohtischer Praxis. Hat man sie aber erst einmal 
in ihrer relativen Unabhängigkeit erkannt, so ist ihre Frucht- 
barkeit eine erstaunliche und die von ihnen geschaffene 
Problemstellung eine der allerlehrreichsten, die das Jahr- 
hundert hervorgebracht hat. 

An der Marxistischen Fassung der Dialektik haben frei- 
lich alle Mächte der Zeit, die wissenschaftlichen und prak- 
tischen, ihren Anteil. Sie ist insofern ein echtes Produkt 
des Zerfalles der Hegeischen Schule und, wie sich bei der 
immer stärkeren praktischen Einstellung von selbst ergibt, 
nicht entfernt so, wie die Lehre des Meisters, ein Erzeugnis 
einheitlichen, geschlossenen und rein aus der Folgerichtig- 
keit der philosophischen Grundkonzeption hervorgebildeten 
Denkens. Sie vereinigt die widersprechendsten Anregungen 
und stürmt auf den praktischen Zweck los, der ebensosehr 
die Rache an dem gehaßten feudal-bürgerlichen System als 
das Mitgefühl rhit den Enterbten und Opfern der modernen 
sozialen Entwicklung ist, der aber die Theorie als eine seiner 
wichtigsten Waffen schmiedet und bei dieser Arbeit von 
einem ungeheuren logischen und wissenschaftlichen Ver- 
mögen oft in rein objektive und äußerst interessante Unter- 
suchungen hineingerissen wird. Man kann also nicht erstaunt 
sein, sehr widerspruchsvolle Gedankenverbindungen, rein 
praktisch motivierte Theorien und gleichzeitig einen alles 
organisierenden Durchblick sowie eine außerordentliche Sach- 
kenntnis zu finden. Das eigentlich Bleibende oder besser 
bleibende Erkenntnisse Anregende ist dabei die neue Fas- 
sung der Dialektik. Aus ihr geht eine eigentümliche Sozio- 
logie und Geschichtsphilosophie, ein neuer Begriff vom 
inneren Zusammenhang aller Kulturgebilde und von der 
inneren Bewegung der Geschichte hervor; ja auch die größte 
Leistung des Marxismus, die Entdeckung und Analyse der 
modernen kapitalistischen Gesellschaft selbst, ist nur aus 
diesen Grundgedanken zu verstehen und hervorgewachsen, 
hat ihre wichtigste — wissenschaftliche — Bedeutung in 
diesem Zusammenhang mit einem grundsätzlichen histo- 
rischen Denken. 



398 Ernst Troeltsch, 

Es kommt also zunächst auf die Mischung der Motive 
an, die aus dem Zerfall der Schule an Marx und Engels 
herandrangen. Hier scheiden natürlich die orthodox-reak- 
tionären Gestaltungen des Hegelianismus ohne weiteres aus 
oder haben doch nur die Bedeutung, Marx gegen die theo- 
logische und religiöse Seite des Hegeischen Systems noch 
mehr zu erbittern, als es seine offenbar in der Naturanlage 
begründete, fast völlige Empfindungslosigkeit für das Reli- 
giöse auch ohne das mit sich gebracht hätte. Ebendeshalb 
hatte ihm auch Friedrich Straußens ,, Leben Jesu", das die 
Scheidung der kirchlich -dogmatischen Anpassungen des 
Systems von seinem eigentlichen kritisch-panentheistischen 
Geiste eröffnete und damit die Schule in dem wichtigsten 
Punkte der von ihr geschaffenen Synthese auflöste, wenig 
zu sagen; das war nur wichtig für den vom Wuppertaler 
Pietismus herkommenden und durch Schleiermacher hin- 
durch sich allmählich zur bedingungslosen Kritik hindurch- 
arbeitenden Engels, der als junger Kaufmann sich auf diesem 
Wege von den Traditionen seiner puritanischen Familie löste. 
Von grundlegender Bedeutung wurden dagegen die beiden 
anderen großen Haupttendenzen in der Auflösung der Schule: 
der Drang zur Unmittelbarkeit des sinnlich-konkreten Lebens 
im Gegensatze gegen die ganz verbegrifflichte Spiritualität 
des Systems und das Bedürfnis nach vernunftnotwendigen 
Zukunftszielen an Stelle der bloßen Beschauung und Durch- 
dringung des vollendeten Prozesses. Von da aus waren An- 
näherungen an Nominalismus, Empirismus, Irrationalismus 
und Fleischesverherrlichung ebenso möglich wie Annäherungen 
an Rationalismus, Demokratismus und Fortschrittsidee der 
Aufklärung. Der Marx nahe verbundene Heinrich Heine 
hat in seinen Pariser Berichten über diese Dinge den 
modernen Journalismus geschaffen, der ebenso wie das 
junge poetische Deutschland zu den Kontrastwirkungen 
gegen die schwer gerüstete philosophische Schulmeisterei 
des biedermeierischen Deutschland gehörte und dem Stil 
des Marxismus dauernd gewisse Züge aufgeprägt hat. 
Zwar von Max Stirners extremem Realismus und Indivi- 
dualismus, der die Allgemeinbegriffe und die Metaphysik des 
Begriffs überhaupt zugunsten eines radikalen Nominalismus 



über den Begriff einer historischen Dialektik. 399 

! auflöste und für die Ethik und Gesellschaftslehre nur den 
! völlig isolierten Einzelnen und seinen regellosen Lebens- 
anspruch übrig behielt, brauchten die Männer nichts zu 
lernen, die zwar auch nach Realismus dürsteten, aber gerade 
Wesen und Ideal der Gesellschaft, nicht den sich an deren 
Stelle setzenden, ins Unendliche aufgeblasenen intellek- 
tuellen Bürger suchten; sie haben, nachdem Engels vorüber- 
I gehend starken Eindruck von dem revolutionären Geist des 
! Buches empfangen hatte, den „heiligen Max" und seine un- 
; vermittelte Mischung von zufälligster Einzelexistenz mit 
j Hegelscher Unendlichkeit lediglich verspottet.^) Bedeutsamer 
wurde dagegen der Einfluß Bruno Bauers, der die dialektische 
Kritik auf das Hegeische System selbst anwandte und das 
sich entwickelnde, von Negation zu Negation fortschreitende 
Selbstbewußtsein zum Kern der Philosophie machte. Na- 
türlich äußerte sich diese Kritik auch bei Bauer vor allem 
als Zerstörung des religiösen Definitivums, das Hegel erreicht 
zu haben glaubte; sie wurde bei ihm anders als bei Strauß 
zu der berühmten Auflösung des Christentums in eine Er- 
scheinung der spätrömischen Decadence, der sich die fort- 
schreitende und aufstrebende Gegenwart völlig zu entziehen 
habe. Schon bei Bauer traf diese Kritik zugleich auch den 
bei Hegel mit der religiös-philosophischen Idee eng verbun- 
denen Staatsbegriff. Allein die Hauptsache war für Marx, 
den in den Junghegeischen Berliner Freundeskreis hineinge- 
zogenen rheinischen und damit auch antipreußischen 
Liberalen, die Idee einer kritischen Negation des Hegeli- 
anismus selbst, einer Fortbildung der Dialektik in die 
Zukunft hinein, die Aufhebung der lediglich kontemplativ 
die prinzipiell fertige Entwicklung durchdringenden Kon- 
struktion, ein Satz, dem er von da ab immer treu geblieben 
ist und dem er nur immer radikalere Konsequenzen entnahm. 

^) über Stirner siehe eine sehr gute demnächst erscheinende 
Berliner Dissertation von Sveinstrup. Nachwirkende Einflüsse Stimers 
erkennt jedoch Hammacher, Das philosophisch-ökonomische System 
des Marxismus, 1909, S. 342 f . in dem Kampfe gegen die Hyposta- 
sierungen der ökonomischen Begriffe „Kapital, Boden, Arbeit" aus 
Funktionen eines besonderen gesellschaftlichen Zusammenhanges zu 
wirkenden Kräften, ferner in der Terminologie von dem Fetisch- 
charakter der Ware, des Zinses usw. 



400 Ernst Troeltsch, 

Freilich war schon bei Bauer sehr fühlbar, daß man den 
Hegeischen Schlußstein nicht ohne die Gefahr der Zertrüm- 
merung des ganzen Gewölbes herausnehmen konnte, indem 
die Entwicklung nur von einem Zielgedanken aus rekonstruier- 
bar ist, bei Verlust des Zielgedankens aber auch ihre logische 
Strenge und Gliederung verliert, ganz abgesehen davon, 
daß aus ihr auf diesem Wege ein neuer Zielgedanke und 
wenigstens zukünftiger Ruhepunkt nicht konstruierbar ist. 
Das letztere zeigte sich denn auch in der Ziellosigkeit und 
bloßen Negativität der Bauerschen „Kritik der Kritik", 
mit der Marx wenig später von Paris aus in der seltsam 
romantischen Groteske „Die heilige Familie*' nicht ohne 
Achtung, aber mit großer Schärfe abgerechnet hat. Der 
theologische Radikalismus Bauers interessierte ihn nicht, 
seine unendlich progressive Kritik des Selbstbewußtseins 
und seiner Produktionen befriedigte ihn nicht. Er wollte 
über Hegel hinaus zu neuen Zielen, aber auch zu wirklichen 
praktischen Zielen. Solche boten sich ihm nun in der kurzen 
Zeit seiner Redaktionstätigkeit an der vormärzlichen Rhei- 
nischen Zeitung in scharf liberal-demokratischen Reform- 
ideen, deren Herleitung aus der Hegeischen Entwicklung 
ihn kurze Zeit mit Arnold Rüge und den Männern der 
„Hallischen Jahrbücher** verband, bis die Eikenntnis von 
der bloßen Gedankenhaftigkeit auch dieser „klassenlosen 
Doktrinäre" ihn zu viel realistischeren Begründungen und 
Formungen des kommenden Fortschrittes veranlaßte. Auch 
das blieb ihm alles von da an bloße Ideologie spintisierender 
Kleinbürger, unverträglich mit dem großen auf Gemeingeist 
gehenden Zug der Hegeischen Lehre und lächerlich ohn- 
mächtig gegenüber den wirklichen Verhältnissen. Er hun- 
gerte, wie übrigens Hegel selbst, nach Realität und wollte 
die Dialektik ebenso wie ihre Fortführung zur revolutionären 
Umgestaltung der Dinge lediglich aus der realen Lebens- 
bewegung selbst heraus gewinnen. In dieser Lage erfuhr er, 
während gleichzeitig in Paris ihn die realistische, die poli- 
tischen Ideenkämpfe auf Klassengegensätze zurückführende 
Historie der Franzosen erfüllte, die Einwirkung Ludwig 
Feuerbachs, der für ihn dauernd Epoche machte. Dieser 
Einfluß hat seinen Hegelianismus für immer in der rea- 



i 



über den Begriff einer historischen Dialektik. 401 

listischen Weise umgestülpt, die für die neue Auffassung 
der Dialektik ihm und Engels den unglücklichen Namen 
„Geschichtsmaterialismus" oder „materialistische Geschichts- 
philosophie** nahegelegt hat. 

Von dem Materialismus muß und kann nun aber dabei 
zunächst abgesehen werden, wenn man' die Hauptsache 
richtig verstehen will. Es handelt sich im Grunde, für Feuer- 
bach wie für Marx, um realistische Dialektik, nicht um 
Materialismus. Das lehrt fast jeder Blick in ihre Original- 
schriften hinein, die man freilich hier durchaus einsehen muß, 
wenn man nicht das Opfer herkömmlicher Mißdeutungen 
werden will, die sich von Buch zu Buch weiterschleppen. 
Feuerbach insbesondere wollte, wie die führenden Köpfe der 
Generation alle, los von verschwimmender Romantik, speku- 
lativer Übergeistigkeit, politischem Quietismus, abstrakten 
Spekulationen und hypostasierten Begriffen. Er wollte das 
Leben in seiner vollen Unmittelbarkeit und sinnlichen Kraft. 
Dabei aber blieb ihm die Dialektik und Entwicklungslehre des 
Meisters selbstverständlich. So bestritt er die spekulativen 
Voraussetzungen der Dialektik, die Entfaltung der konkreten 
Erlebniswirklichkeit aus jener parodoxen und chimärischen 
Selbstsetzung des Geistes, aus der Hegel die Selbstverwan- 
delung des Geistes in Natur und die Rückverwandelung der 
Natur in konkret erfüllten Geist abgeleitet hatte. Er nahm 
Welt und Wirklichkeit, wie sie eben sind, ohne die unbeant- 
wortbare Frage nach ihrem Grund und Ursprung. Aber 
ebenso gewiß blieb ihm, daß diese reale Welt von einem 
dialektisch-logischen Entwicklungsgesetz durchwaltet wird, 
das durch allerhand Gegensätze und Synthesen hindurch 
den menschlichen Geist aus sich mit logischer Notwendigkeit 
hervortreibt und von diesem, wenn er erst einmal als den- 
kendes Bewußtsein aus dem Unbewußten oder Materiellen 
hervorgebildet worden ist, dann einfach bei richtigem Denken 
erkannt und abgespiegelt wird. Die Selbsterhebung des dialek- 
tischen Weltproze'sses zum menschlichen Bewußtsein und 
die rekonstruierende „Abspiegelung'* dieses Prozesses in dem 
so entstandenen Bewußtsein: das ist seine Philosophie. Die 
Welt ist ihm nicht tote mechanische Materie, sondern dialek- 
tisch bewegte Realität und erzeugt im Bewußtsein den 



402 Ernst Troeltsch, 

Höhepunkt des Prozesses, der sich infolgedessen mit Recht 
als Inbegriff und Höhepunkt des Weltprozesses, als un- 
endlicher Wert der Vernunft — aber nun freilich nicht der 
mythischen göttlichen, sondern der allein realen menschlich- 
endlichen — empfinden darf. Das ist eine metaphysische 
Gedankenlosigkeit und eine sehr schlechte Erkenntnis- 
theorie der Abbildung, aber an sich kein Materialismus. Die 
Welt behält vielmehr in der Dialektik ein unsichtbares Ge- 
heimnis und der Mensch in seiner Vernunft einen absoluten 
Wert. Die einzige völlig radikale und antispiritualistische 
Konsequenz ist lediglich die Vernichtung der Gottesidee, der 
grundsätzliche Atheismus, die Beseitigung jeder transzen- 
denten Mystik. Die Gottesidee ist nichts als die aus prak- 
tischen Bedürfnissen leidender und Erlösung wünschender 
Ohnmacht aus dem Menschen hinaus in einen menschen- 
ähnlichen Weltgeist projizierte Vernunft, die phantastische 
Selbsterhöhung der endlichen Vernunft zu einer spukhaften 
Weltvernunft, des kranken Weltplans schlau erdachter 
Retter, den Menschenwitz des Menschen Notdurft leiht. 
Die aus dem dialektischen Weltprozeß verstandene Anthro- 
pologie — nicht etwa die moderne naturwissenschaftliche — 
ist das enthüllte Geheimnis der Theologie, und Feuerbachs 
Kritiker haben nicht mit Unrecht gemeint, daß es nicht 
allzu schwer sei, einen derart mit dem Weltgeheimnis bereits 
geladenen und die Absolutheit der Vernunft in sich tragenden 
Menschen für das Geheimnis der Gottesidee zu erklären, 
wie denn ja auch Engels später gefunden hat, daß der 
Feuerbachsche Mensch immer noch einen „theologischen 
Heiligenschein trage ".^) Aber indem Feuerbach diese seine 
Grundthese in einer historisch-systematischen Analyse des 
Christentums und später dann auch noch in einer solchen 
der — ihm übrigens nur sehr mangelhaft bekannten -- 
außer- und vorchristlichen Religionen stilistisch glänzend 
durchführte, hatte er doch die spiritualistische und mystische 
Seite der Hegeischen Lehre wenigstens für das Gefühl seiner 
begriffsmüden und der Romantik entwachsenen Zeitgenossen 

^) Briefwechsel zwischen E. und M., hg. von Bebel und Bern- 
stein, 1913 I 7; eine ganz ähnliche Bemerkung bei R. Haym, Feuer- 
bach und die Philosophie, 1847. 



über den Begriff einer historischen Dialektik. 403 

tödlich getroffen. Da nun aber die Theologie, wie Marx 
sagte^), das eigentliche Aroma der ganzen Welt überempiri- 
scher und mystischer Begriffe ist, so war mit ihr die ganze 
Philosophie der apriorischen Konstruktionen und der überem- 
pirischen Realitäten zugleich vernichtet und mit beiden zu- 
sammen vor allem die ganze Hegeische Staatsmystik und spe- 
kulative Rechtsphilosophie, von welchen beiden nur die ,, reale" 
bürgerliche Gesellschaft nebst ihren die Staatsgewalt und 
Rechtsidee bestimmenden materiellen Interessen übrig blieb. 
An Stelle aller Philosophie trat also lediglich ihr verbleibender 
Rest, die realistisch verstandene Dialektik^), die logisch 
nachkonstruierbare und im Bewußtsein abbildbare Selbst- 
bewegung der Erlebniswirklichkeit durch Antagonismen und 
Synthesen hindurch, die von jedem Punkte aus nach rück- 
wärts rekonstruiert und nach vorwärts mit Rücksicht auf 
ihren mutmaßlichen nächsten Ertrag konstruiert werden 
konnte. Diese Dialektik ging nicht mehr aus dem Geiste 
hervor und empfing nicht mehr von seiner logischen Selbst- 
entfaltung das Gesetz, sondern sie erzeugte umgekehrt in 
ihrem Verlaufe selbst den Geist und drückte sich diesem als 
Abbild ihres realen Geschehens ein. Wie der Mensch selbst 
das Erzeugnis des realen Prozesses ist, so sind auch alle seine 
politischen, ethischen, religiösen Schöpfungen lediglich Wir- 
kungen realster sinnlicher und interessenhafter Erlebnisse 
und, solange sie noch in eine transzendente Welt hinüber- 
projiziert werden, lediglich mystisch-phantastische Reflexe 
eines rein empirischen Geschehens und Erlebens. Damit ist 
der Gipfel des Antispiritualismus, der äußerste, ins Reale 
verliebte Tatsachensinn, erreicht, aber den Tatsachen selbst 
doch das dialektische Gesetz ihres Werdens, ihrer Entwick- 
lung und Verknüpfung als selbstverständlich unterlegt. 
Freilich ist damit dann nicht nur der metaphysisch-logische 
Gehalt der Dialektik vernichtet und schwebt diese sozusagen 
als bloße Selbstverständlichkeit in der Luft, sondern es ist 
ihr damit auch das Ziel genommen, das ja bei Hegel gerade 

*) In dem überhaupt sehr lehrreichen Fragment einer Kritik der 
Hegeischen Rechtsphilosophie, Aus dem lit. Nachlaß von Marx, Engels 
und Lassalle, hg. von Mehring I (1902), S. 384. 

*) So Engels ausdrücklich im Anti-Dühring. 



404 Ernst Troeltsch, 

nur durch das Zusammenfallen von Sein, Wert und Bewegung 
im sich entfaltenden Weltgeist behauptet werden konnte. 
Das macht sich auch bei Feuerbach sehr bemerkbar, indem 
er gezwungen ist, das Ziel lediglich aus dem rein empirischen 
Menschen und den in der Gegenwart beobachtbaren dialek- 
tischen Entwicklungstendenzen zu gewinnen. Er tut es, 
indem er gerade am empirischen M^enschen die gegenseitige 
Angewiesenheit der Individuen aufeinander, die Realisation 
der endlichen Vernunft nur durch gegenseitigen Austausch 
und Verkehr, die Absolutheit der Vernunft erst in der über- 
individuellen oder besser interindividuellen Gemeinschaft er- 
kennt und indem er zugleich die demokratischen und kom- 
munistischen Tendenzen der Zeit als auf dieses Entwicklungs- 
und Versöhnungsziel hin gerichtet aufgreift. Daraus ergibt 
sich ihm ein etwas sentimentaler Gefühlskommunismus, der 
immerhin mehr spekulativ begründet als aus den realen 
politischen Bewegungen der Zeit heraus entwickelt war. In 
dieser letzteren Hinsicht war daher Feuerbach dem viel prak- 
tischeren und gerade damals die sozialen Bewegungen der 
Zeit an der Quelle studierenden Marx von vornherein un- 
interessant, und er hat später darüber in seiner grimmigen 
Weise ziemlich bitter gehöhnt.^) Aber die Umkehrung der 
Dialektik, die Erzeugung des Geistes und aller Geistes- 
schöpfungen aus rein endlich-empirischen Entwicklungen, 
die Vernichtung aller philosophischen und staatlichen Be- 
griffsmystik gemeinsam mit dem Absterben ihres theolo- 
gischen Kopfes, die bloße Spiegelung des dialektischen 
Realprozesses in der endlichen menschlichen Vernunft, kurz 
die ganze Austreibung alles Spiritualismus und aller Mystik 
aus der Dialektik: das ist bei ihm für immer geblieben. 
Das ist der Kern seiner Philosophie gewesen, soweit er 
eine solche für nötig hielt, und das Mittel zu einer radikalen 
tatsachen mäßigen Erweiterung der Dialektik geworden, in- 
dem er in sie die ökonomisch-sozialen Prozesse als Unterlage 
aller geistigen und ideologischen Bewegungen einführte. 

In alledem ist nun aber so gut wie nichts von eigentlichem 
Materialismus enthalten. Es ist äußerster Realismus und 



1) Briefwechsel III, 370. 



J 



über den Begriff einer historischen Dialektik. 405 

Empirismus auf dialektischer Grundlage, d. h. auf Grund 
einer Logik, die nach Marxens eigener Äußerung nicht wie 
der französische, reflexionsmäßige, unvermittelte und ab- 
strakte MateriaHsmus aus materiellen Elementen und ihren 
Zusammensetzungen, sondern wie die konkrete, vermittelnde 
dialektische Philosophie aus dem Gesetze einer beständig 
zerteilenden und versöhnenden, alles Einzelne im Ganzen 
verschmelzenden Bewegung die Erlebniswirklichkeit erklärt. i) 
Auch die Herleitung der ideologisch-geistigen Welt aus 
sinnlich-konkreten Bedürfnissen und Gruppierungen der In- 
j teressen, die starke Betonung der ökonomisch-sozialen Unter- 
I lagen und Voraussetzungen ist an sich kein Materialismus, 
I sondern nur eine sehr einseitig und ausschließlich realistische 
I Erklärung, die aber den durch diese Interessen in Bewegung 
1 gesetzten Geist und Willen selbst nicht aus Materie erklärt. 
i Ja, die ganze Feuerbach-Marxsche Erkenntnistheorie der 
I Abbildung ist zwar äußerst roh, aber nicht materialistisch. 
j Der Materialismus beginnt erst, wo auch diese Abbildung 
i selbst als Fortsetzung materieller Gehirnprozesse bezeichnet 
} wird und wo die realen Interessen nicht nur auf Gefühl und 
I Willen, sondern Gefühl und Wille selber auf Bewegungen 
1 und Umformungen von Gehirnelementen begründet werden. 
Feuerbach hat sich allerdings zuletzt solchen Gedanken unter 
dem Druck der damaligen neuen Naturanschauungen genähert, 
im Grunde aber doch immer nur aus Enthusiasmus für alles 
echt Reale und Sinnlich-Lebendige, ohne daraus die philo- 
sophischen Konsequenzen für seinen ganzen Standpunkt, 
insbesondere für die Dialektik, zu ziehen. Auch Marx und 
Engels haben sich nicht ganz selten in diesem Sinne aus- 
gesprochen, aber auch sie, ohne daraus die die Dialektik 
zerstörenden Konsequenzen irgendwie zu ziehen; auch sie 
mehr aus dem Trieb nach möglichster Zerstörung aller 
Religions- und Staatsmystik und aus Freude an möglichst 
anschaulichem und überzeugendem Realismus. Nur aus 
diesem Grunde können sie aueh den so wenig passenden Aus- 
druck „Materialismus" für ihre Fassung der Dialektik ge- 
wählt haben. Der , »Materialismus**, den sie meinen, haftet an 



1) S. heilige Familie S. 231 ff. (Aus dem lit. Nachlaß Bd. II). 



I 

406 Ernst Troeltsch, | 

der Zertrümmerung aller selbständigen Ideologie und Begriffs- 
mystik sowie an der Herleitung aller geistigen Welten aus 
zugrunde liegenden ökonomisch-sozialen Prozessen. Es ist 
antiideologische, antispiritualistische und antimystische oder 
wesentlich ökonomisch-sozial begründete Geschichtsanschau- 
ung, aber keine materialistische Metaphysik, wie denn auch 
Marx die Wanderapostel des Materialismus, die Büchner, 
Vogt, Moleschott mit großer Verachtung behandelt hat. 
Die ökonomisch-sozial erweiterte und antiideologisch um- 
gestülpte Dialektik ist der Kern des Ganzen. Der Materia- 
lismus geht gelegentlich und inkonsequent mehr als ein 
Moment der polemischen Stimmung und der triumphierenden 
Verstärkung des Antiideologismus nebenher. Ökonomismus 
und Materialismus berühren sich erst da, wo das Übergewicht 
der ökonomischen Lebensgrundlagen, ihre Dauer und ihre 
alles bestimmende oder doch wenigstens beeinflussende Wir- 
kung auf das Grundinteresse des Menschen an Produktion 
und Reproduktion seiner physischen Existenz, also auf die 
unmittelbare Abhängigkeit von körperlich-materiellen Be- 
dürfnissen, begründet wird. Aber auch dieser Gedanke er- 
fordert nicht den metaphysischen Materialismus, wenn der 
letztere auch gegebenen Falls durch ihn sehr stark unter- 
strichen wird.i) 

So große Bedeutung also auch psychologisch und agita- 
torisch der eigentliche Materialismus für Marx und Engels be- 
sessen haben mag bei ihrer Neigung zur Übertrumpfung aller 
ideologischen Denkweise mit den stärksten und gröbsten 
Mitteln, so stark der in den Namen der Methode aufgenommene 
Materialismus als materialistische, antireligiöse Welterklärung 
und als materielle Zielsetzung in der sozialen Erlösung dann 
insbesondere auf die sozialdemokratischen Massen gewirkt und 
so sehr er dadurch den Sozialismus bis heute geradezu ver- 
giftet hat, dieser Geist gehört nicht notwendig zum System 

1) Zu dieser Materialismusfrage s. Benno Erdmann, Die philo- 
sophischen Voraussetzungen der materialistischen Geschichtsauffassung, 
in Schmollers Jahrbuch f. Gesetzgebung u. Verwaltung XXXI, 1907; 
richtig, aber mit Unterschätzung der Dialektik; Woltmann, Der histo- 
rische Materialismus, 1900, betont mit Recht die Unwesentlichkeit des 
Materialismus für die Wissenschaft Marxens, deutet ihn aber mit Un- 
recht in einem überdies recht verworrenen Kantischen Sinn. 



über den Begriff einer historischen Dialektik. 407 

und vor allem nicht zu der uns hier allein beschäftigenden 
grundsätzlichen Geschichtstheorie und ihrer Durchführung. 
Für diese kommt nur die realistisch gefaßte, ökonomisch 
H erweiterte und berichtigte Dialektik in Betracht. 
j Wie sehr diese das ganze Denken beherrscht, zeigt 
; jeder Blick auf die methodischen Auseinandersetzungen, 
auf das Ganze des geschichtsphilosophischen Systems und 
auf die Einzelheiten. Nichts springt hier aus den Schriften 
von Marx und Engels einem Betrachter, der den grundsätz- 
lichen Unterschied zwischen mechanistisch-psychologistischer 
Kausalität und Reihenbildung einerseits und dialektisch- 
intuitiver Zusammenfassung realer Gegensätze in einheit- 
lichen Entwicklungstendenzen andrerseits erfaßt hat, so 
sehr entgegen als die grundsätzlich dialektische Haltung 
beider, die ja auch bei den besten Köpfen der sozia- 
listischen Literatur sich als Fähigkeit zur Zusammenschau 
großer Entwicklungen behauptet hat. Die Studien von Lensch, 
1 Otto Bauer und Renner zum Weltkriege i) sind die geist- 
I vollsten Arbeiten, die er hervorgebracht hat, und Zeugnisse 
I dieser von der Dialektik herstammenden Kraft und Kunst. 
i Das alles stammt ganz spezifisch von Marx und durch Marx 
hindurch von Hegel. Die methodischen Betrachtungen, wie 
sie im Anti-Dühring, dem freilich reichlich dilettantischen, 
: philosophischen Hauptbuch der Schule, und in dem Brief- 
I Wechsel der beiden Häupter, einem ebenso menschlich fes- 
; selnden und erschütternden Dokument als sachlich frucht- 
I baren Ideen- und Beobachtungsschatze, massenhaft aus- 
gest eut sind, unte scheiden stets genau wie Hegel die Dia- 
' lektik als Bewegungslogik von der statischen Logik der ge- 
i wohnlichen naturwissenschaftlichen Kausalitätslehre. Ja, 
1 sie fordern die Zurückführung auch der Naturwissenschaften, 
j einschließlich des tieferen Verständnisses der Mathematik, 
auf diese Logik der Identität der Widersprüche und der ent- 
wickelnden Gegensätze und Synthesen. Sie erblicken bei 
Darwin und Huxley, Comte und Spencer trotz aller schätz- 
baren Erkenntnisse doch gerade im Mangel der Dialektik 



*) S. PI enge, Drei Jahre Weltrevolution, Schmollers Jahr- 
buch XL II 1919 und „Revolutionierung der Revolutionäre" 1918. 



408 Ernst Troeltsch, 

die wissenschaftliche Schranke, den Mangel der tieferen 
konstruktiven Zusammenschau. Des Unterschieds gegen 
Hegel sind sie sich dabei natürlich bewußt und vermeiden 
selten, ihn gleichzeitig hervorzuheben; seine Dialektik sei 
mystifizierter Realismus, müsse durch Kritik erst gereinigt 
werden, sei eine Verhimmelu