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Full text of "Indogermanische Forschungen; Zeitschrift für Indogermanistik und allgemeine Sprachwissenschaft"

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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

INDOGERMANISCHE SPRACH- UND ALTERTUMSKUNDE 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

KARL BRUGMANN und WILHELM STREITBERG 



EINÜNDDREISSIGSTER BAND 



FESTSCHRIFT FÜR BERTHOLD DELBRÜCK. ' 



STRASSBURG 

VERLAG VON KARL J. TRÜBNER 

1912/13. 



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501 
3/31 



BERTHOLD DELBRÜCK 

ZUM 

SIEBZIGSTEN GEBURTSTAG 

AM 26. JULI 1912 

VON 
FREUNDEN UND SCHÜLERN. 



Inhalt 



Seite 

H. Hirt Zur Bildung auf -i im Indogermanischen 1 

E. Hermann Über die primären Interjektionen 24 

Chr. Bartholomae Der indogermanische Name der PIejaden . . 35 

H. Oertel Über grammatische Perseverationserscheinungen ... 49 

F. Knauer Der russische Nationalname und die indogermanische 
Urheimat 67 

K. Brugmann Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indo- 
iranischen 89 

W. Galand Syntaktisch-exegetische Miszellen 105 

J. S. Speyer Ein syntaktisches Kleeblatt 108 

A. Meillet Des consonnes intervocaliques en vedique 120 

H. Oldenberg Rgveda X, 13 126 

J. Hertel rathaspfs oder rathasprh 143 

M. Bloom fiel d On the variable position of the finite verb in 

oldest Sanskrit 156 

L. V. Schroeder Der siebente Aditya 178 

H. Kern Deutung einer mißverstandenen Stelle im Mahävastu . . 194 

B. Liebich Das Datum des Kalidasa 198 

J. JoUy Lexikalisches aus dem Arthasästra 204 

H. Jacobi Über eine neue Sandhiregel im Päli und im Prakrit der 

Jainas und über die Betonung in diesen Sprachen 211 

A. Thumb Über die Behandlung der Lautgruppe -c9- in den nord- 
westgriechischen Dialekten 222 

W. Havers Zur 'Spaltung' des Genitivs im Griechischen .... 230 

G. N. Hatzidakis Analogiebildungen im pontischen Dialekt. . . 245 

J. Wacker na gel Lateinisch-Griechisches 251 

W. G. Haie Origin of the distinction of tenses in Latin prohibitions 272 

R. Thurneysen Zur Wortschöpfung im Lateinischen 276 

M. Pokrowskij Zur lateinischen Nominalkomposition 282 

J. Köhm Der ursprüngliche Sinn von animum despondere und die 

zugrunde liegende Vorstellung 286 

G. Goetz Sprachliche Bemerkungen zu Varro de re rustica . . . 298 

F. Scholl Zur lateinischen Wortforschung 309 

F. Kauffmann, Got. gatvairpi 321 



Inhalt. 



Seite 



W. Streitberg Gotica 323 

E. Sievers Zur nordischen Verbalnegation 335 

F. Sommer Zur deutschen Wortforschung 359 

0. Behaghel Fernstellung zusammengehöriger Wörter im Deutschen 377 

E. Berneker Kyrills Übersetzungskunst 399 

A. Leskien Zur Technik der serbokroatischen Volkspoesie . . . 413 

V. Porzezinski Der Dativ sg. der -i-Stämme im Litauischen . . 423 

C. Cappeller Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen . 427 

fF. Solmsen Zur griechischen Wortforschung 448 

E. Kuhn und W. Streitberg Berthold Delbrücks Schriften ... 507 

H, Hirt Sachregister 514 

H. Hirt Wortregister 517 



Zur Bildung auf -^ im Indogermanischen. 

Übereinstimmend bilden alle europäischen Sprachen das 
Fem. zu adj. o-Stämmen auf -ä. Man würde nicht zweifeln, 
daß diese Eigentümlichkeit idg. gewesen ist, wenn nicht das 
Indische in diesem Falle abwiche. Zwar treffen wir dort in 
der spätem Sprache ebenfalls das Fem. des Adjektivums auf -a, 
aber in der altern finden wir auch -t. Es wird dies freilich 
nicht unterschiedslos neben dem -ä gebraucht, sondern gewisse 
Adjektiva bilden das Fem. auf -ä, andere auf -z, doch sind 
die Bedingungen nicht klar, nach welchen sie sich verteilen. 
Es ist uns ferner ebenfalls durch die Übereinstimmung 
der idg. Sprachen bekannt, daß -^ als femininbildendes 
Element bei Adjektiven konsonantischer Stämme verwendet 
wird, und vor allem weiter bei der Bildung movierter Femi- 
nina Anwendung findet. Man kann daher fragen, ob nicht 
das Indische hier eine alte Verschiedenheit gegenüber dem 
Europäischen verwischt hat. Zwar würde dagegen schon 
sprechen, daß nach den Untersuchungen Streitbergs über 
die Dehnstufe die konsonantischen Stämme eigentlich o-Stämme 
waren, aber dieses Argument wird bei denen nicht durch- 
schlagen, die an diese Hypothese nicht glauben. Indessen 
läßt sich, wie bekannt, aus dem ludischen selbst der Nach- 
weis bringen, daß die Femininbildung auf -i in frühere Zeiten 
zurückgeht, denn in zahlreichen Fällen hat sich das Fem. 
auf -i in isolierten Bildungen, meistens substantivierten Adjek- 
tiven, erhalten. 

Im folgenden stelle ich eine Reihe von Beispielen aus 
dem Rgweda zusammen. 

1 . Fälle, wo nur ein Femininum auf -ä überliefert ist : anyäky 
anyä 'ein anderer, der andere'; ämdh, amä 'roh', griech. uj|uöc, 
dj|uri; isiräh^ifü'ä 'regsam', griech. lepöciepd; ugrdhjugrä\\'\xii\^\ 
uttamdh,uttamä 'höchste' \ üttarahj üttarä 'der höhre', uttändh, 
-ä 'ausgestreckt'; usrdhj -ä 'rötlich'; rtdhy -ä 'passend'; Tcatamdhy 

Indogermanische Forschungen XXXI. 1 



2 H. Hirt, 

-äj 'welcher', kataräh, -ä 'wer von beiden'; Jcanäh 'jung'^ Icanä 
f /Jungfrau'; ghrnäh 'Sonnenglut', glirnä 'Mitleid' — ; gJiördh^ 
-ä 'furchtbar'; citräh, -ä 'glänzend'; ßrdh, -ä 'rasch, munter'; 
tämisrä f. 'dunkle Nacht': 1. tenehrae, ai. tamisram 'Dunkel'; 
tigmdh, -ä 'scharf; dhruvdh, -ä 'fest'; dhvasrdh, -ä 'spritzend'; 
paJcvdhj -ä 'reif; pürvahj -a 'vorderer'; pratndh, -ä 'vormalig'; 
prathamdh, -ä 'erste'; priydh, -ä 'lieb'; hahuldh, -ä 'dick'; 
hhadrdlij -ä 'glänzend'; ?/dsöwä 'Mädchen'; vä^rdh, -ä 'brüllend'; 
vi-rüpah, -ä 'verschiedenfarbig'; msvah, -a 'all, jeder'; vltdh, 
-ä, 'gerade'; sröndhj srönä 'lahm'; sdnah^ -ä 'alt'; sidhrdhj -ä 
'rüstig fortschreitend'; sthdvirah, -d, 'fest stark'; sthirdh, 
'ä 'fest'. 

Man wird kaum daran zweifeln dürfen, daß in vielen 
dieser Fälle die Bildungsweise bis in das Indogermanische 
zurückgeht. 

2. Fem. auf -^ zu ä-Stämmen, sei es regelmäßig, sei 
es in isolierten Fällen, f. mdjasi 'die Rasche': mdjasah 'rasch'; 
letzteres im RV. nicht belegt ; dparah, -a 'hintere', aber apart 
'Zukunft'; dranak 'fremd', f. drajü] dräyah, dazu aräyt 
f. 'Bezeichnung eines weiblichen Dämons'; äyasdh, äyasl 
'ehern'; eni f. 'Hirschkuh', em 'eilend' neben etah 'eilend, 
Hirschari'; Jcrsndh 'schwarz', Jcrsnä 'die Schwarze, Nacht', aber 
auch Jcrsnt f. 'Nacht' ; gandharvdh 'Gandharve', gandharvi f. ; 
jdvani 'treibend' : Jdvanah'^ tdpanah 'quälend, plagend', tapant 
f. 'Glut'; tavisdh 'stark', dazu tdvisi f. 'Stärke'; devdh 'Gott', 
devt 'göttlich'; naddh 'Stier', eig. 'der Brüller', dazu 7iadi L 
'Fluss', eig. 'der Rauschende'; ^rt^^«/? 'schlecht', f. päpi; päva- 
mändh 'den rieselnden Soma betreffend'; davon pävamant 
f. 'Lied auf den rieselnden Soma'; prapharvt f. 'wollüstiges 
Mädchen'; hhdratah 'von bharatd stammend', hhäratl f. 'Göttin 
der Rede'; mänusah 'menschlich', f. mänusi\ mesdh 'Widder'^ 
mesi 'Schaf mutter'; yamdh 'veYhünden% yami f. 'verschwistert'; 
yahvdh 'schnell dahinschießend', f. yahvt 'rastlos'; rdthali 
m. 'Wagen', ratht- m. f. 'im Wagen fahrend, den Wagen 
lenkend'; rätrdm n. in ahö-rätrdm, rätrl 'Nachf; räindli, 
Tämdm 'Nacht', rämt f. 'Nacht'; vamrdh 'Ameise', vamri f. 
dss. ; vändh 'Musik'; väni f. 'Gesang, Musik'; vämdh, -/'herr- 
lich'; vfkah 'Wolf, vT'Mh f. 'Wölfin'; vrjdnam 'umschlossener 
Platz\ vrjant f. 'Bezeichnung der Kühe'; syävdh 'braun', f. -äf 
sydvi f. 'die Dunkelbraune'; syetdh 'hell, weiß', Fem. syem; 



Zur Bilduno' auf -l im Indogermanischen. 3 

svetarl 'weißlich'; smdgämanah 'ZusammenbriDger', -l f.; 
saptäthali 'siebenter', -^; sädhäranah, f. -^ 'gemeinsam'; sim- 
Jidh ^Löwe', simhi 'Löwin'; Mrmiydyahy f. -i 'golden'. Wir 
sehen also die «-Bildungen z. T. in isolierten Worten erhalten 
und besonders häufig substantiviert. Dass wir es mit einer 
idg. Eigentümlichkeit zu tun haben, beweisen vereinzelte Reste 
in den verwandten Sprachen. So entspricht dem Beispiel ai. 
vfJcah 'Wolf, vrMh 'Wölfin' das Verhältnis von got. wulfs 
'Wolf, an. ylgr 'Wölfin', abg. vlilJcü m., vUcica f., lit. 
vilkas, vilke f. ganz genau. Ebenso findet sich ai. devdh 
m., devt f. in lit. dievas m., deive f. wieder. Wir erkennen 
übrigens aus diesen Beispielen, daß die Nominative dieser 
Bildungen im Lit. z. T. auf -e ausgehen, was vielleicht auf 
einer Umbildung beruht, während bekanntlich im Griech. die 
Bildungen auf -la -ja entsprechen. 

Ich will nicht auf die Frage der Herkunft des «-Ele- 
mentes und auf seine Vertretung im Griech. und Lit. eingehen. 
So viel steht fest, wir haben es mit einem stammbildenden 
Element zu tun, das sich nicht nur bei konsonantischen 
Stämmen, sondern auch bei o-Stämmen in weitem Umfang 
findet. ' Ich behaupte nun nicht, daß etwa im Idg. zu jedem 
Wort eine Bildung auf -i auftrat — warum bald -ä, bald -l 
erscheint, bleibt noch unklar — , ich behaupte aber, daß wir in viel 
ausgedehnterm Maße, als wir bis jetzt annehmen, ^-Bildungen 
.vorauszusetzen haben. Denn nur bei dieser Annahme erklären 
sich die zahlreichen ^, die wir in allen Sprachen vor den Suf- 
fixen finden. 

In manchen Fällen ist der im folgenden angenommene 
Zusammenhang schon erkannt und ausgesprochen worden, er 
hat aber nicht immer Beifall gefunden, und so ist es an 
der Zeit, das ganze umfängliche Material vorzulegen, das, 
denke ich, durch seine Fülle und durch die Einfachheit, mit 
der es eine große Anzahl dunkler Bildungen aufklärt, über- 
raschen wird. 

Nur noch eine Vorbemerkung. Im Indischen finden wir 
neben Nominativen auf -^ auch solche auf ih, z. B. vfkih 
'Wölfin'. In diesem Falle gibt es auch m., so z. B. ist rathih 
'im Wagen fahrend' : rdthah 'Wagen' zu stellen, und es ist m. 
und f. zugleich ; drathih 'Nichtwagenlenker' ist nur m. Wes- 
halb das s angetreten ist, wissen wir ebensowenig wie in den 



4 H. Hirt, 

übrigen Fällen, wo Nom. mit und ohne s erscheinen. Ich 
sehe jedenfalls kein Hindernis, auch die Formen auf -zh zu 
verwenden. 

Ich schicke ferner voraus, daß ich in den Formen auf 
'l den Casus indefinitus oder bloßen Stamm sehe, an den 
weitere stammbildende Elemente treten konnten, und daß ich 
nicht an die Ursprünglichkeit der Femininbedeutung glaube. 
Das Suffix 'i bedeutete die Zugehörigkeit (s. u. S. 17). 

Was die Anordnung des folgenden Materials betrifft, so 
wäre es vielleicht richtiger, vom Sichern zum ünsichern fortzu- 
schreiten. Der Bequemlichkeit halber wähle ich aber die An- 
ordnung der Suffixe, wie sie Brugmann im Grundriß ange- 
nommen hat. 

1. Suffix -jo- hinter f-Bildungen. Ich finde das nur im 
Indischen, wo wir öfter -ti/a- antreffen. Der Ton ruht stets 
auf dem t. 

Zunächst kommen hier drei Zahlwörter in Betracht. Die 
merkwürdigen Bildungen dvitiyah, trtiyah, turiyah erklären 
sich als Ableitungen von *dviti, *trti, den alten, wenn auch 
nicht erhaltenen Femininformen. Tatsächlich sind im Ind. caturtM, 
sasthtj saptamt belegt. Diesen Weg zur Aufhellung der 
merkwürdigen Bildungen hat schon Bartholomae IF. 23, 51 
eingeschlagen, und ich freue mich, ihm beistimmen zu können. 
Hierher gehören auch lat. Qidntilis, Sextllis (s. u. S. 12) und viel- 
leicht auch lit. keturi PI. Vier', das dem ai. *tun genau ent- 
spräche. Hierher auch lat. quadri-duum'^ 

Auch die übrigen Bildungen auf -lyah gehören durchweg 
zu o-Stämmen und können deshalb unbedenklich von dazu 
gehörigen Bildungen auf -i abgeleitet werden. So ägnisömtyah 
""Agni und Soma angehörig' : agm-söma- 'Agni und Soma': 
ddhavaniyah 'ein Gefäß zum SehntteW : ädhavanain 'Schütteln, 
Rütteln' (Lex.) ; ämantraniyah 'des Rats kundig* : ämantranam 
'Anrede, Befragen^ Beratung' : ärjlktyah 'ein Somagefäß' : 
ärjlkäh 'Somagefäß'; ahavaniyah 'Op^erfener^ : ahdvanam 'Opfer- 
guß'; grha-medhiyah 'zum grha-medhah gehörig'; däksiniyah 
'zum Opfergeschenk passend' : ddksinah 'tüchtig, die Rechte', 
vgl. lit. desine 'die Rechte', abg. desni-ca; parvatiyah 'montanus' : 
pdrvatdh 'wuchtig, gewaltig'; upaßvaniyah 'Unterhalt ge- 
während' : iipajwanam 'Lebensunterhalt' ; sunä-siriyah 'zu den 
sunä-sira- gehörig'. 



Zur Bildung auf -i im Indogermanischen. 5 

Unbedenklich reihe ich hier auch die ai. Bildungen 
auf -antya- an, die im spätem Indischen als Gerundiva ge- 
braucht werden. Whitney Ai. Gr. sagt darüber § 965: „Das 
Suffix -aniya- ist das Ergebnis einer Sekundärbildung, die 
durch Anfügung des adjektivischen Suffixes -lya an ein mit 
dem gebräuchlichen Suffix -ana- gebildetes nomen actionis 
entstand." Nun ist aber -lya- im Indischen sehr selten, und 
wie wir sehen, sekundär entstanden; denselben Weg haben 
wir hier einzuschlagen. Tatsächlich bilden die Adjektiva auf 
-ana- ihr Fem. gewöhnlich auf -t (Whitney § 1150, 1, d.), 
so daß sich also die Bildung auf das einfachste erklärt, z. B. 
Jcarandh 'machend', F. *7ca7'ani, davon karam-yah ^). Daß die 
Bildung auf -i in diesem Falle alt ist, beweisen die ver- 
wandten Sprachen, abg. pisenica : ptseno, einem alten Par- 
tizipium ; Jcazeni-Jcü 'eiivoOxoc' zum Partizipium Jcazenüy pijani- 
ca '}ieQ\){uv' Yon pijanü und die germ. Bildungen vom Partizipium 
Perf. got. drugJcanei Trunkenheit', got. undiwanei 'Unsterb- 
lichkeit'. 

2. -wo- Auch das Suffix -wo- kann sekundäre Ableitungen 
bilden, Brugmann Grd.^ 2, 1, 204, vgl. ai. Jcesavdh 'lang- 
haarig' ; kesah 'Haar', lat. annuos : annus 'Jahr' usw. Trat dieses 
-wo- an Bildungen auf -i, so konnte eventuell ein Suffix -iwo- 
entstehen. Ganz deutlich ist im Ind. rajl-vah 'gestreift' : 
räji f. 'Streifen'. Aber es gehört auch dahin dmi-vä f. 'Drangsal, 
Plage, Dränger, Plagegeist' : dmah m. 'Andrang, Ungestüm'. 
Ein erweitertes Suffix liegt vor in krsi-vald-h 'Ackerbauer'. 
Es kommt dies scheinbar von krSi-h 'Ackerbau', in Wirklich- 
keit von einem *Jci'sij das zu Jcarsah 'Pflügen, Schleppen', griech. 
leXcov 'Ende, Grenze' gehört. 

Im Slavischen ist das Suffix auch sehr spärlich ver- 
treten. Man findet secivo 'Beil', womit man lat. secivum ver- 
gleicht, teßva 'Schnur' zu ai. tatdh 'gespannt', kladivo 'Hammer' 
unsicherer Herkunft, prqdivo 'vfjjua, f ilum' : prqzda. 

Im Litauischen ist -zva sehr selten. Leskien Nominal- 
bildung 353 führt nur temptiva an, das unter dem Verdacht 
steht, eine Umbildung des slav. tqtwa zu sein. Die Bildungen 
auf -ive dagegen gehören zu Verben auf -Ui. 



1) Die späteren Bildungen auf -lya-., wie maäiya- übergehe 
ich. Sie kommen weder im ßV. noch in den Brähmanas vor. 



6 H.Hirt, 

Zahlreicher sind die Adjektiva auf -iwo-. Im Slavischen 
gehören sie teils zu i-, teils zu o-Stämmen, Meillet Etudes sur 
r^tymologie et le vocabulaire du vieux slave 2, 365 ff. Ich 
halte das erstere für unursprünglich. Brugmann IF. 9, 370 
denkt auch an Ableitung von Verben auf -iü, wie analog 
die Ableitungen auf -avü zu Verben auf -ati gehören sollen. 
Aber isolierte Reste wie abg. grühavü 'bucklig' : abg. grübü 
*Eücken, Buckel', abg. grudavü 'rauh' : abg. gr-uda 'Erd- 
scholle', abg. Jcrüvavi 'blutig' : krüvt 'Blut' weisen wohl 
das ursprüngliche Verhältnis auf. Ebenso sind dann als 
alt anzusehen gladivü : gladi 'Hunger', qrodi-vü : qrodü 
'töricht'. 

Im Litauischen sind die Adjektiva auf -was selten, aber 
sehr instruktiv. Leskien 353 meint zwar, -was sei im Lit. 
vielleicht gar nicht ursprünglich, es sei vielmehr ein echt lit. 
'thas durch das slav. -ivü umgestaltet. Wie dem auch sein 
mag, jedenfalls liegen ganz reguläre Bildungen vor, so in 
aJcwas Szyrwid 'curiosus', daneben aJcilas : *aJä s. S. 19, anJc- 

stivas : anTcsü 'früh'. 

« 

Ihre größte Ausdehnung haben diese Bildung im Lat. 
gefunden, und zwar gehen sie hier in unendlicher Zahl (Paucker 
Materialien 1, 113) vom Part. Perf. Pass. aus, also von der 
vorauszusetzenden Bildung auf -i. So plaut. ahditl-vos, ad- 
scriptl-vos, captl-vosy subditi-vos usw. Aber wir haben auch 
isolierte Bildungen. Neben vacuos steht bei Plautus voclvos, 
neben nocuos nocivos. Die beiden Formen sind so zu ver- 
einigen, daß die erste, aus vaho-vos entstanden, aus dem 
o-Stamm abgeleitet ist, die andere von dem dazu gehörigen 
2-Stamm *voM. Vgl. ferner festt-vos neben festuSj statl-vos 
neben status, vöti-vos neben vötus. Für lascivos 'mutwillig' 
setzt Walde ein Adj. Haslcos an, von dem es abgeleitet ist; 
consiva 'Beiname der Ops' stammt von consiy der «-Bildung 
zu Consus. 

Auf die früheren Ansichten, die über die Herkunft des 
Suffixes -wos aufgestellt sind, will ich hier nicht eingehen. 
^ Brugmann (IF. 17, 369, wo auch die Literatur über die Frage) 
sieht in den Bildungen Zusammensetzungen mit einem ai. 
evah 'Gang, Weg, Gebaren, Handlungsweise' gebildeten 1. 
'ivos, -was m. E. an den Fällen wie vacuos vocwosj nocuos 
nocwos scheitert. 



Zur Bildung auf -l im Indogermanischen. 7 

Man kommt nun auch endlich mit einem Wort ins 
Reine, dessen Deutung anerkannt ist, nämlich mit griech. bepri 
'Nacken', das mit ai. grzvä 'Nacken', abg. griva 'Mähne' ver- 
glichen wird. Brugmann Grd.^ 2, 1, 207 geht zur Erklärung 
von einer Basis *g^^eräi aus, von der er grivd gewinnt, er 
muß aber bepr), das sicher auf bepFri zurückgeht (W. Schulze 
QE. 93 ff.) von einer andern Wurzel ableiten. Ich sehe dar- 
in eine Ableitung mit -ivci, einmal von einem konsonantischen 
(oder o-)Stamme *g'^er(o) (griech. bepFri), und anderseits von dem 
dazu gehörigen ^Stamme *g^7'i. Wir haben in vacuus und 
vocivus schon einen ähnlichen Fall gehabt und werden unten 
in ai. hasikä "Wiesel' : lit. seshas 'Iltis' einen andern finden. 
Verwandt ist mit bepr] ferner ahd. krago, und es gehört somit 
zur Basis, die in griech. ßißpiucKiJU steckt. 

Aus dem Griech. wüßte ich sonst nichts anzuführen. 

Eine Erweiterung des Suffixes liegt in ai. -vana- vor, mit 
dem Mrst-vana- Tflüger' gebildet ist. Über Mrsi s. o. S. 5. 

Ich schließe hier gleich die indischen Stämme auf -vant- 
an, zu denen die auf -mant- in engen Beziehungen stehen. 
Daher mag dieses gleich darauf folgen. Aus Lindner Ai. 
Nom. entnehme ich folgende Fälle: JcaTcsi-vant 'Beiname eines 
Sängers', wohl zu käJcsak "Gurtgegend' ; unklar ist hladi-vant-j 
vielleicht "feucht'; gTifiii-vant- 'mit Glut versehen' : ghrndh 
"Sonnenglut'; tdvisi-vant : tdvisi 'Ki-sift, Stärke'; dyäväprthivi- 
vant'.prthivi'^ pdtni-vant- \ pdtnl 'Herrin'; väßm-vant 'g^hen- 
reich' : vafini dem Fem. zu väjin- 'rasch, stark'; vrct-vant 
'glanzbegabt' : varc- 'Glanz'; sdkti-vmit 'kräftig' von saktih 
"Kraft'; sdptl-vant 'mit Rossen fahrend' von sapti-'^ svddhiti- 
vant 'mit Äxten versehen' von svädhiti- 'Axt', Tifsl-vant 
'freudevoll' von Urs-. 

Auch hier ist die Abteilung von o/2-Stämmen ganz klar, 
wenn auch gelegentlich, wie auch sonst öfter, eine Beziehung 
zu i-Stämmen hergestellt ist. 

Ähnlich steht es mit dem Suffix -mant-. Wir finden: 
ulkusi-mant Von feurigen Erscheinungen begleitet' von ulkufi 
'feurige Erscheinung'; osadhl-mant von 6§adhi 'Kraut, Pflanze'; 
jyötisi-mant neben jyotis-mant von jyotis 'Licht'; tdviH-mant 
'kräftig' s. 0. tavisi-vant\ dhrdfl-mant : dhraj- "Streichen des 
Windes'; väsi-mant 'mit Axt yqx^q\\qvl '. väsi 'Axt'; hin-mant 
"goldfarben' : *Äim- 'Gold'. 



3. Daß Suffix -mo an Stämme auf -i angetreten wäre, 
kann ich nicht mit Sicherheit belegen. Im Lit. kommt hälti- 
mas Mas Weiße im Auge' vor (von hdltas 'weiß') das man hier- 
her ziehen könnte ; dies bleibt aber doch sehr unsicher. Ebenso 
steht es mit lat. oplmus, das ohne weiteres zu ops gestellt 
werden könnte. Wäre es richtig erklärt, so würden sich auch 
vielleicht patrimus, matrimus (worüber Brugmann IF. 16, 504) 
hier anfügen lassen. 

Ich schließe hier an, daß sich im Indischen nicht selten 
ein unerklärtes t vor dem Suffix -man- findet, nämlich in 
ddn-man- 'Zerstörung', dhdn-man- 'Satzung', pdrl-man- Tülle', 
?>Äan-w2a?2- 'Tragen', vdn-man- 'Umfang', mri-man 'Dahinfahren', 
sdvt-man 'Geheiß', hdvi-man 'Anrufung', stdri-man- 'Streu'. 
Es sind im wesentlichen Bildungen von zweisilbigen schweren 
Basen, und es könnte darin z. T. die Schwundstufe zu einem 
Langdiphthong stecken. Zu erwägen ist aber, ob nicht das i 
durch einst vorhandene Bildungen auf -i mit hervorgerufen ist. 

4. Um so häufiger finden wir nun w-Suffixe. Schon Idg. 
Akzent 278 habe ich das Suffix -ino- dadurch erklärt, daß 
-no' an ^Stämmen angetreten sei. Bei der großen Ausdehnung, 
die das Suffix -mo- gewonnen hat, überrascht es eigentlich, 
daß man noch soviel regelmäßige Fälle nachweisen kann. 
Die indischen Beispiele sind folgende: cmjastnah 'geradeaus 
führend' gehört zu atdjast 'die Rasche'; satmdh 'wahrhaft' 
stellt sich zu ai. satt 'seiend'; pravrsinah zu prävfs 'Regen- 
zeit'. Zu parivatsardh 'ein volles Jahr' bildete man pari- 
vatsari-nah. Die meisten Bildungen des Indischen stammen 
von Adjektiven auf -aibc, z. B. adharäctnah 'nach unten ge- 
richtet' von adharäc-^ wozu wir unbedenklich ein F. ^adliaräci 
konstruieren können. 

Von den übrigen Sprachen kommen nur Griechisch, 
Litauisch und Umbrisch-Oskisch mit Sicherheit in Betracht, 
weil nur in ihnen das Suffix eindeutig ist. Indessen wird es 
sich auch in den übrigen Sprachen meist um -mo handeln. 
Im Griech. finden wir Bildungen wie 'Abpricilvri usw. 'Tochter 
des Adrestos', erweitert aus *'Abpr|CTi; dTXicTivoc : otTXicTOc; 
epu0pTvo<; 'rote Meerbarbe' : epuGpöi; und einige andere. In- 
teressant ist griech. ucjutvri 'Kampf. Daß dieses Wort zu ai. 
yudh 'Kämpfer' gehört, ist ganz sicher, aber die Bildungs- 
weise war unaufgeklärt. Ich habe sie schon IF. 17, 394 



Zur Bildung auf -^ im Indogermanischen. 9 

besprochen. Zu ai. yudhmäk 'Kämpfer' gehört eine Bildung 
auf -i, also *judhmi und daraus ist griech. uc|Lit-vr| erweitert. Bei 
der vollständigen Isoliertheit der Bildung scheint mir die Er- 
klärung schlagend zu sein; ähnlich wird piitilaiv- Telsenufer', 
zu einem priTluöc gehören, das von den Grammatikern tatsäch- 
lich überliefert wird. Wechsel von vokalischen und konsonan- 
tischen Stämmen finden wir auch sonst, wenngleich es mit 
diesem Fall vielleicht seine besondere Bewandtnis hat. In griech. 
bujTivTi 'Gabe' sehe ich ein *dötij das zu boTÖc oder zu lat. dös 
'Mitgift', sacer-dös 'Priester' zu stellen ist. TToXuTrobtvri 'kleine 
Polypenart' gehört zu ttouc. 

Im Litauischen hat sich -mas sehr ausgebreitet. Man 
wird daher gut tun, nur möglichst altertümliche Bildungen 
heranzuziehen. So gehört avinas 'Oheim' : lat. avus; haiminas 
'Nachbar' : Ä;am«s 'Dorf; feml/2a 'Erdgöttin' \ zerrte y 2i\)^, zem- 
Ija, griech. xötOv; JcregMlne 'Schöllkraut' : A;re^ic?e 'Schwalbe'. 
Das einzige Adjektivum mit unserm Suffix meUnas 'blau' setzt 
einen o-Stamm melo voraus. 

Ich stelle natürlich auch hierher die Adverbia auf -m 
zur Angabe einer Richtung, z. B. aukstin 'in die Höhe' ; 
äukstas 'hoch'; zemtn 'nach unten' : zemas 'niedrig'. Bei 
dieser Auffassung kommt auch der Akzent zu seinem Eecht, 
was bei den Ausführungen Bezzenbergers (fepac) nicht der 
Fall ist. Ich verzichte darauf, gegen die Annahmen Bezzen- 
bergers zu polemisieren. Keiner wird bezweifeln, daß seine 
Annahme eines Ablauts äi : i durchaus möglich ist. Aber 
ich versuche eben zu zeigen, daß man auch auf einem andern 
Wege zum Ziel kommen kann, und es muß andern und vor allem 
der Zukunft überlassen bleiben, zu entscheiden, wer recht hat. 

Von sonstigen Beispielen mache ich noch einige namhaft. 
Lat. ürlna gehört zu ai. vär 'Wasser'. Die 2-Bildung liegt 
vielleicht in lit. jures 'Meer', apreuß. jürin vor. Lat. pruina 
'Reif, Frost' hat J. Schmidt KZ. 27, 328 aus *prusvma erklärt. 
Es gehört somit, wie man lange erkannt hat, zu ai. prusvä 
'Tropfen, Reif, gefrorenes Wasser'. Das zugrunde liegende 
^pruswi ist die regelrechte Nebenform zu pruSvä, abgeleitet 
von dem in got. Dat. friusa 'Kälte' vorliegenden Wort. 

Nicht recht klar war auch got. fadrein 'Vaterschaft, 
Eltern, Vorfahren'. Es geht von einem idg. *patri aus, daß 
wir in griech. euTrareipa finden. Mit andrer Ableitung steckt es in 



10 H. Hirt, 

lat. patrltus und vielleicht in patrlmus. \^\. auch lat. con- 
sohrlniis. 

Lat. reglna 'Königin', galUna 'Huhn' gehen von *regz, *galli 
aus, den Femininbildungen von rex und gallus. Lat. dwinusj 
osk. deAvinais und daher sicher mit idg. ^, gehört zu ai. deviy 
lit. deive. Anzureihen sind noch lat. caprinus, umbr. cabriner 
und dementsprechend vulpinus^ vgl. abg. vlicica (s. u.), equinus 
usw. Eine alte Ableitung von einem s-Stamm liegt vor in 
lat. farma 'Mehl', got. harizeins. 

Neben -mo- gibt es eine Reihe von Beispielen, die nur 
mit -in- gebildet sind. Oben wurde schon griech. priTjuTv- erwähnt. 
Ich sehe analoge Beispiele in griech. beXcpTv- 'ßauchfisch' zu ai. 
gärhhah m. 'Mutterleib'; fXiuxiv- 'Spitze, Ende' gehört zweifel- 
los zu Y^ujcca 'Zunge' und weiter zu abg. glogü 'Dorn; irripTv- 
'Hodensack' stellt sich zu Tiripa 'ßeisesack'; unklar ist bis- 
her u)bTv- 'Schmerzen'. Es setzt ein Mask. *ödos voraus, 
das in lit. tiodas 'Mücke' vorliegen könnte. Man müßte von 
der Grundbedeutung 'stechen, beißen' ausgehen. dKiTv- 'Strahl' 
setzt ein aJct- oder akto- voraus. Man hat lit. anksü 'früh' 
verglichen, oder in dem a ein 7i gesehen, so daß das Wort 
zu *wo^^ 'Nacht' gehörte. Ich habe schon IF. 17, 934 aus- 
gesprochen, daß wir in dem n dieser Worte vielleicht 
nichts anderes als die Ausbreitung des im Gen. PI. des 
Aind. erscheinenden n zu sehen haben {devinäm). Ander- 
seits könnte die ganze w-Flexion vom Akk. Sg. auf -in aus- 
gegangen sein, wie dies bei Zr\va und bei Tvec der Fall ist. 
Ebendaher stammt das v von tivöc, tivi. Ich würde diese 
Erklärung jetzt vorziehen. 

Ich stelle auch das germ. -in-, das besonders Adjektiv- 
abstrakta bildet, hierher. Von Streitberg Btr. 14, 221, 
IF. 27, 158 unterscheide ich mich dadurch, daß ich -i^i- 
nicht als Schwundstufe zu -jen- und auch nicht zu -jön- be- 
trachten kann. Denn ein i tritt normalerweise in den kurz- 
vokalischen Reihen nicht auf. Streitberg hat aber schon 
ganz richtig auf den Nominativ auf -i und den Akk. auf 
-im der ^-Abstrakte hingewiesen. Wie der Ausgang -ö der 
^ femininen ä-Stämme sich zu -ön verhält, so stellt sich -in 
zu dem Nominativ auf -i. Wir haben also in den got. ein- 
stimmen sozusagen die idg. Bildungen auf -i noch vor uns. 
So gehört fcat^m 'Schwere' lai.^wm; weitwödei^Zeugnis^ griech. 



( 



Zur Bildung- auf -l im Indogermanischen. 11 

€ibuTa. Weitere unmittelbare Entsprechungen kann ich nicht 
nachweisen. Daß es sich hier um nichts anderes als um den 
Übergang" in die 72-Deklination handelt, folgt aus den andern 
Fällen, wo wir -in- finden. Wir treffen dies erstens im Fem. 
des starken Part. Präs., nimandei verhält sich zu griech. cpepouca, 
lit. sukanü usw., wie nimanda (schwach) : nimands. Da die 
Bildungen des Komparativs auf -ma, auJiuma 'höher', innuma 
'der innere', fruma 'prior', aftuma 'der letzte', iftuma Mer 
folgende', Tileiduma 'links' idg. Stämmen auf -mo entsprechen^ 
vgl. lit. pirmas, so ist zu schließen, daß die Fem. auf -m- 
idg". /-Stämmen gleichzusetzen sind. Im Indischen bildet 
zwar das Superlativsuffix -tama- das Fem. auf -ä, aber das 
Zahlwort solche auf -t, satatamt 'hundertste'. Beim Kom- 
parativ des Germanischen wird das Fem. auf -i mit dem abg. 
hoJjui, aind. gdrlyasi auf einer gleichartigen Neubildung 
beruhen. 

5. 'Mit ?'-Suffix kann ich keine Beispiele nachweisen, 
um so häufiger ist wieder l an /-Stämme getreten, -lo ist 
zweifellos auch ein Sekundärsuffix, wie aus den Zusammen- 
stellungen bei Brugmann Grd." 2, 1, 365 klar hervorgeht. 
Wie wir von ä-Stämmen finden griech. ciTn^oc 'schweigsam' : cifn 
'Schweigen', lat. animälis : anima, naturalis : natura, so haben 
wir von /-Stämmen ai. nahhilam 'Schamgegend, Nabelvertiefung' 
(allerdings nur bei Lexikographen belegt, aber gewiß alt). 
Es gehört zu einem "^onobhos, das wir in lat. umbo 'Schild- 
buckel', ahd. naba 'Nabe' finden. Ai. sdnram 'Körper, Leib' 
bezeichnet ühlenbeck als noch nicht genügend aufgeklärt. 
Ich sehe darin ein mri + Suffix -ra (oder -Za), und ersteres gehört 
zu ai. 8aräh 'Rohr, Pfeil', Die ursprüngliche Bedeutung müßte 
'Knochen' sein, dann der daraus hergestellte 'Pfeil' und 
schließlich 'Rohr. Vgl. übrigens auch sarl Tcar 'zum Pfeil 
machen'. 

Die litauischen Worte mit Suffix -Uas sind meist aus 
dem Slavischen entlehnt. Als alt ist nur äkilas 'aufmerksam' 
anzuführen, zu aMs 'Auge'. Siehe darüber S. 19. 

Auch im Lateinischen sind die Bildungen -il- nicht sehr 
zahlreich, vgl. Paucker KZ. 27, 139, Stolz Hist. Gram. 1, 513. 
Am altertümlichsten sind einige alte Ntr. So monlle 'Hals- 
band, Schmuck', abgeleitet von einem *moni, das mit etwas 
andrer Bildung in ai. 7r«a?2i/ä 'Nacken' vorliegt-, Äasf/Ze 'Schaft' : 



12 - H. Hirt, 

\athastaf goi.gazds\ Zi&nZe^ Wagebalken, Wage' : Z?*&ra'Wage% 
ferner agnlle, equile, haedilia, sulle, bomle, fenlle 'Heuboden'. 
Als Ableitung von i-Stämmen erscheint orhile 'Radkranz'^ aber 
man kann vielleicht bezweifeln, daß der z-Stamm alt ist. Es 
schließen sich an die andersgearteten QulnfMs, Sextilis, die 
mit den ai. dviti-ya-, trti-ya- (s. o. S. 4) zu vergleichen sind; 
dazu nach Cuny MSL. 14, 286 ff. lat. aprllh, eig. Mer zweite 
Monat' : ai. dparah 'hinterer, späterer, zweiter', Fem. ai. apart 
'Zukunft'. Vgl. auch Walde s. v. Aedi-lis hängt irgend- 
wie mit aedes 'Haus' zusammen, ist aber nicht davon ab- 
geleitet. Wir haben ein "^aidi vorauszusetzen, das zu ahd. eit 
'Scheiterhaufen' gehört, ai. edJiah 'Brennholz', currilis : currus, 
fahrllis : fahev^ juvenilis : ai. yurä, lit. jdunas ^jung', sozu- 
sagen von einem F. *juve7ii, das, wie Otto IF. 15, 49 bemerkt 
in plaut. iuvemx vorliegt; puerllis : puer\ senilis : lit. sene; 
sermlis : servos. Besonders deutlich zeigt sich die Ableitung in 
dem uralten Kompositum suovetaun-lia-^ taiivi ist die Kollektiv- 
bildung zu lat. taurus. 

Aus dem Griechischen gehört zunächst hierher TiebiXov 
'die Sohle, die unter den Fuß gebunden ward, wenn man 
ausgehen wollte', ^rrebi ist die regelrechte Nebenform zu 
ireZ^a 'Fuß, das Unterste, Äußerste eines jeden Körpers'. 
Und weiter stelle ich öjuiXoc 'Haufe, Versammlung' usw. unter 
unsere Bildungen. Sieht man sich die griechischen Worte 
ihrer Bedeutung nach an, hom. 6)LiiXaböv 'scharenweis', ojulXeuj', 
'zusammen sein, kommen, mit einem verkehren', ojulXia 'das 
Zusammensein, die Gemeinschaft', öjuiXoc 'jede versammelte 
Menschenmenge, zusammengekommene Schar, Versammlung, 
Schar der gemeinen Krieger', so wird man unbedingt auf 
Zusammenhang mit 6|liöc 'gemeinsam, gemeinschaftlich' geführt. 
Gegen die Ableitung wäre gar nichts einzuwenden, wenn uns 
nicht äolisch öjuiXXoc überliefert wäre. Aber die Form kommt 
nur bei Grammatikern vor, vgl. 0. Hoffmann Gr. Dial. 2, 488, 
bei denen auch an der gleichen Stelle irebiXXov überliefert ist. 
Man könnte nun das XX entweder auf -In oder auf -Is oder -sl 
zurückführen. Aber ich gestehe, daß mir weder eine Grund- 
V form *Tr6biX-vov noch *7TebicXov noch *TrebiXcov verständlich wäre. 
Alles löst sich leicht, wenn wir annehmen, daß TiebiXXov und 
ö|LiiXXoc Hyperäolismen sind, falsche Schlüsse auf Grund der Tat- 
sache, daß langem Vokal -j- einfachem Konsonant der übrigen 



j 



Zur Bildung auf -l im Indogermanischen. 13 

Dialekte kurzer Vokal + Doppelkonsonant im Äolischen gegen- 
übersteht^). 

6. Suffix -hho ist nur im Baltischen als -iba produktiv 
geworden, wie in dalihos Teilung', tikiba 'Hoffnung' usw. 
Es wird sich auch hier um den Ausgang von f-Stämmen handeln, 
vgl. aukstthe 'Höhe' : aukstas mit aukstin. Vielleicht ist auch 
griech. cKdpi-cpoc 'Stift, Griffel', wozu lat. scri-ho 'schreibe' gehört 
mit Suffix -bhos gebildet. Das zugrunde liegende Wort 
müßte'^sJceros,*sJco7'os lauten. Dazu könnte cKe'pacpoc 'Schmähung', 
eig. 'Kratzung' gehören. 

7. Das Suffix -to bildet auch sekundäre Ableitungen 
von Nominibus, indem es an den Casus indefinitus tritt, vgl. 
Brugmann Grd.^ 2, 1, 405. So lat. harhatusy lit. harzdötas, 
abg. hradatü usw. Dementsprechend finden wir -Uos an ^- 
Stämmen erwachsen. Hierher gehört vor allem lat. marttus, 
'verheiratet mit einer Frau', das man längst von einem *man, 
idg. *«^er^ abgeleitet hat, das zu ai. mdryah. 'Mann, junger 
Mann, Geliebter, Freier' gehört. Weiter dann lat. auritus 'mit 
Ohren versehen' nicht von auris, sondern von einem "^ausl 
(s. S. 19)*, lit. aJcitas 'äugig', abg. münogo-ocitü 'vieläugig' : idg. 
*oÄ:*'« (s. S. 18), lit. danUtas 'gezahnt' zu dem konsonantischen 
Stamme idg. ^dont-\ abg. srüditü 'zürnend' : griech. Kpabia; dazu 
lat. cordtcitus 'tief im Herzen'; abg. imenitü''m\t Namen versehen' 
von ime 'Name', abg. narocitü 'bestimmt' : narokü 'Bestimmung'. 

Eine weitere Ausdehnung hat das Suffix -Uä im Griechischen 
bekommen. Hier finden wir Bildungen wie obiTTic 'Wanderer' : 
oböc; ÖTiXtirjc 'Schwerbewaffneter' : öttXov 'Waffe'; epr]juiTr|c 



1) Nur unter Ansatz eines ursprünglichen 6)ui\oc kommt auch 
die Verg'leichung niit lat. Tnlles 'Soldat' zu ihrem Eecht. Die Worte 
sind längst zusammengestellt. Aber wenn sie Walde mit ai. mildti 
'kommt zusammen, vereinigt sich', melaJi 'Zusammenkunft, Verkehr' 
vereinigt, so nehme ich an dem kurzen i des indischen Wortes An- 
stoß. Kurzes und langes i gehören im allgemeinen nicht zusammen. 
Außerdem ist das indische Wort, zwar später recht gebräuchlich, 
weder bei Kalidasa noch im Epos belegt. Lat. mlles erklärt sich 
sehr einfach aus ■'smll-es, der Nebenform zu *somUos. In -es, -itis 
mag -it 'gehend' stecken, oder es ist pedes, eques nachgebildet. Die 
Stammform ^soml liegt übrigens auch in ai. samikäm n. 'Kampf, 
Schlacht' vor, mit der gleichen Bedeutungsentwicklung, die wir 
auch in griech. 6|aiXoc 'Schlachtgedränge' finden. 



14 H. Hirt, 

'Einsiedler'; ttoXittic 'Bürger' gehört nicht zu rröXic, sondern 
zu ai. pur f. 'fester Platz' uugI läßt ein *poli erschließen. 

Sehr häufig sind auch entsprechende feminine Bildungen 
auf -iTic f. : aiTiaXiTic 'am Ufer wohnend' : aiYiaXöc 'Meeresküste', 
bevbpiTic 'zum Baum gehörig' : bevbpov, KaXajuTiic 'Heuschrecke'. 

8. Suffixe mit Guttural. Auch das Suffix -ko fungiert 
als Sekundärsuffix und demzufolge finden wir wieder die 
Bildungen auf -iko-. So ai. ändi-'kah 'Eier tragend' : andäm 
'Ei'; süci-Tcah 'stechendes Gewürm' : süct 'Nadel'; ai. hasi-lid 
f. 'Wiesel' gehört zu Tcasa- 'ein bestimmtes kleines Tier'; lit. 
seskas ist dasselbe Wort, aber direkt von einem *JceJc abgeleitet, 
vgl. S. 6 griech. *bepFr| : ai. gri-vä und S. 14 ai. vamrakäh : 
lat. forrmca^ drsl-kä 'Aussehen' gehört zu drsy vgl. upadr.Sy 
griech. uTiöbpa; mr'di-hdm 'Gnade' : mrc?. 

Weiter hat Rozwadowski Quaestiones grammaticae 1, 27 ff. 
(Rozprawy der Krakauer Akademie) unter Zustimmung von 
H. Pedersen KZ. 38, 38.3 und Meillet Etudes sur Tetymo- 
logie et le vocabulaire du vieux slave 2, 346 das slavische 
Suffix -ica, das Feminina zu Maskulinen bildet, als eine Er- 
weiterung der Bildungen auf ^ um ca angesehen. Er setzt abg. 
vUcica 'Wölfin' direkt gleich ai. vrM-h, an. ylgr. Das ist 
durchaus schlagend und für mich überzeugend. Weitere Bei- 
spiele sind starica 'Trpecßuxepa' : ai. starl 'unfruchtbar, nicht 
gebärend' (auch wenn die Worte nicht zusammenhängen sollten, 
würde doch die Bildungsweise verglichen werden können); 
desni-ca 'die Rechte' setzt ein idg. ^deJcsnl voraus, das um- 
gebildet in lit. deHne vorliegt, müsica 'kuuvuuijj' entspricht lit. 
muse, griech. juuTa 'Fliege'; piseni-ca 'Weizen' liegt das F. zu 
piseno eig. 'das Zerstampfte' zugrunde. Von derartigen alten 
Bildungen hat sich dann das Suffix -ica abgelöst und weiter- 
verbreitet. 

Ein Beispiel, das Rozwadowskis Ansicht schlagend be- 
stätigt, finden wir im lateinischen Wort für 'Ameise'. Lat. 
formlca gehört, mag man das Wort erklären, wie man will, 
mit ai. vamrdh 'Ameise' zusammen. Dazu finden sich schon 
im RV. ein vamrakäh 'Ameischen' mit dem gleichen fc-Suffix 
wie im Lateinischen, und anderseits ebenso im RV. ein vamrl, 
vgl. auch ai. valmikah 'Ameisenhaufen'. Lat. formica ist also 
genau solche Bildung wie slav. vlüci-ca. Nach aller Analogie 
zu schließen muß es aber auch einen ä-Stamm gegeben haben, 



Zur Bildung auf -l im Indogermanischen. 15 

und den finden wir tatsächlich in griech. )uup)Lir|H mit der Schwund- 
stufe des Suffixes. J. Schmidt Kritik der Sonantentheorie 30 
wollte in juupjuriE und formica alten Ablaut sehen, was Solmsen 
Beiträge zur griech. Wortforsch. 129 mit Recht für einen 
geistreichen Trugschluß erklärt. Wir kommen auf unserm 
Weg leichter zum Ziel. Schwierigkeiten bereitet das bloße Ic^ 
aber wir wissen, daß sicher im lat. genetrix, meretrix usw. 
ein Ä;-Suffix an unser Suffix i getreten ist. Einen ganz pa- 
rallelen Fall bietet das Verhältnis von lat. coimix : u. curnäco. 
Wir müssen auch hier von zwei Bildungen des Femininums 
ausgehen, einer auf -ä, griech. Kopiuvri und einer auf -ij lat. cormx. 
Ebenso steht es mit lat. mendäx gegenüber mendlcus, iuvenäUs 
und iuvenilis (Otto IF. 15, 52) u. a. Vergleiche ferner griech. veaS 
'junger Kerl', abg. novakü 'Neuling' gegenüber lat. novidusy 
lat. fornäx 'Ofen' : ai. ghrnä, aber abg. grünilo 'Ofen'. Wir treffen 
auch sonst ein paar Fälle, wo ein einfacher Konsonant hinter 
unsern Bildungen auf -^ steht. So gehören ganz klärlich griech. 
KXriib- 'Schlüssel' und lat. clavl-cula zu lat. clavus 'Nagel'. In 
öpvic, öpvl-6oc, dor. öpvi-xoc steckt ein *orm, das die 2-Bildung 
zu ahd. aro 'Aar' repräsentiert. 

Kehren wir zu unserm Suffix -Tco zurück. Lat. umbiVi- 
ciis enthält die ^Form zu griech. ö^cpaXöc 'Nabel'. Aus dem 
Lateinischen lassen sich mit Suffix -ico- noch anführen: lecti-ca 
'Sänfte' : Zecfz^s 'Bett'-, ruhri-ca 'rote Erde' : r?t&er, vgl. griech. 
epu6pTvoc, lorica 'Kettenpanzer' : lörum. Das unerklärte urtica 
setzt ein *urtos voraus. Das sind alles Worte, zu denen ein 
Maskulinum auf -cus nicht vorkommt. W. Otto hat IF. 15, 10, 
die Bildungen ganz richtig aufgefaßt. Ferner führt Otto noch 
NastcaiNasus an. mrwci^^, 'Freund' hat Brugmann Grd.22, 1,496 
zu einem Lallwort *ami gestellt, das zu einem '^amos gehören 
würde. Eine ähnliche Bildung ist lit. anita. Lat. pudi-cus da- 
gegen könnte direkt zu pudere gehören. In cam-cula steckt 
die Entsprechung zu ai. mnt 'Hündin'. 

Auch im Gotischen liegt unser Suffix in Resten vor, so 
in waurstweigs 'wirksam' : waürstw 'Werk', idtödeigs 'gesetz- 
lich' : witöps 'Zeuge', piupeigs'gesegnet'' ipiup 'gut', sineigs'alV: 
lat. senilis^ lit. sene usw. 

9. Man wird nun auch daran denken dürfen, daß das 
Komparativsuffix -tjes- z. T. von solchen Bildungen auf -^ aus- 
gegangen ist. Freilich halte ich daran fest, daß t in einer Reihe 



16 H. Hirt, 

von Fällen Schwundstufe zu ei ist, aber alle Fälle kann man 
nicht so erklären. So kann man navz in ai. navi-yas- als Fem. 
zu navah 'neu' betrachten, vgl. auch lat. novicius, russ. novik^ 
ai. ttkini-yas- gehört sicher zu t'Mndh usw. 

Wir haben eine Fülle von Bildungen auf -i an uns vor- 
überziehen lassen, und ich denke, es ist klar geworden, daß 
das Suffix -i in der Stammbildung auch der o-Stämme eine 
viel größere Rolle gespielt hat, als man ihm bisher zugeschrieben 
hat. Ich habe mit meiner Ansicht auch nichts wesentlich 
Neues ausgesprochen, sondern von den meisten angeführten 
Bildungen ist eine derartige Herkunft, wie wir sie angenommen 
haben, schon gelegentlich behauptet worden. Erschöpft ist das 
Material noch lange nicht, aber ich kann in dem Rahmen 
dieses Aufsatzes nicht alles beibringen. Es ist ja nun auch 
leicht zu sammeln. Nur auf ein paar Fälle besonderer Art 
möchte ich noch aufmerksam machen. 

Auch bei den denominativen Verben spielt das Suffix -i 
eine große Rolle. Im Indischen werden sie von allen Stämmen 
gebildet, es gibt Verba auf -a-yati, -ä-yati, -asyati usw. Merk- 
würdigerweise finden wir aber von a-Stämmen häufig Ab- 
leitungen auf -lyati. Delbrück Ai. Verb. 205 führt an: von 
adhvard- 'Opfer' adhvariy- 'den Opferbrauch versehen', von 
cdrana- 'Nachgehen', caranly- 'nachgehen', von tavisd- 'kräftig' 
tavisiy- 'kräftig sein', vgl. tavisi 'Stärke', von putrd- 'Sohn', 
putrly- 'einen Sohn wünschen', von rdtha- 'Wagen', rathiy- 
'fahren', vgl. auch rathih. 

Allerdings gehören die Verben auf -ly- auch z. T. zu 
i-Stämmen, aber dies dürfte sekundär sein, da z im Ablaut 
der i-Stämme keinen Platz hat. Wir haben es demnach wieder 
mit Ableitungen von /-Stämmen zu tun, und einige liegen ja 
auch direkt zugrunde. 

Ihr Analogon findet diese Klasse zunächst deutlich im 
Litauischen, wo es eine gewisse Anzahl von Verben auf -ijuj 
■iti gibt. Zwar sind viele dieser Verben aus dem Slavischen 
entlehnt, und man könnte daran denken, daß die ganze Endung 
aus dem Slavischen stamme, doch möchte ich immerhin einige 
Verben als ursprünglich in Anspruch nehmen. Brugmann Grd.^ 
2, 2, 1 140 führt folgende an: lit. römiju, lett. i^ämiju 'kastriere' : 
romaSj- romüSj räms, 'ruhig, zahm, sanft'; lit. vaidljuos 'zanke 
mich':«?al(ias^Zank', gincijuo8'^ixQ\i&' : ^mc'as 'Streit' ; gaidrljes 



Zur Bildung- auf -l im Indogermanischen. 17 

*klärt sich divd" : gaidrüs 'wolkenlos, heiter', Tcrüvtju^\iii\xiQ^'.krüvä, 
'Haufe' u. a. Man wird annehmen dürfen, daß auch unter den 
slavisehen Verben auf -iti solche sind, die hierher gehören, 
wie das wohl sicher im Lateinischen der Fall ist. Hier finden 
wir untre lit. vienlju 'einige' : ünus, hlandlri : hlanduSj raucire : 
raucusy saevlre : saevos, lai^glri : largus, equlre 'rossen' : equosj 
cuttdlre 'brünstig sein' : catulus, cünlre : caenum 'Schmutz, Kot'. 
Schon Brugmann a.a.O. 1125 "erinnern diese bezüglich der Form 
und des Sinnes an die ai. desiderativen Verba wie putriyati'". 
Ganz zweiffellos liegt eine Ableitung von einem z Stamm in nütrire 
'nähren' vor, das von einem *nutri 'Nährerin' gebildet wurde, er- 
halten nur in dem umgestalteten nutrix (Pokrowsky KZ. 35, 227). 

Aber die ^-Verben gehören auch zu konsonantischen 
Stämmen. So custodzre : custos, fulgurire : fulgur, salire 
^salzen' : .saZ, dentire 'Zähne bekommen' zu lat. dens, lit. danttti. 
Besonders bemerkenswert sind hier die Ableitungen von pes, 
expedlre, compedire, impedtre. 

Die adjektivischen i-Stämme des Lateinischen sind sicher 
nicht ursprünglich, wenn wir auch noch nicht in allen Fällen 
wissen, w^as zugrunde liegt. Von der Bildung auf z, die ja 
bei diesen Adjektiven längst erschlossen ist, stammen nun 
erüdlre : rudis, grandlre, inänlrey lenlre, mollire^ potlre 'teil- 
haftig machen' (Plaut.), stabüire. 

Es fragt sich weiter, was ist und bedeutet denn unser 
i eigentlich. Ich muß nun offen bekennen, daß ich nicht ver- 
stehe, wie man mit einer P^emininbedeutung auskommen will. 
Es ist nicht einzusehen, weshalb in den Ableitungen so häufig 
das Fem. zugrunde gelegt sein sollte. Ich bekenne mich viel- 
mehr vollständig zu dem Gedanken, den V. Michels Germ. 36, 
133 ausgesprochen hat, ^ bezeichne die Zugehörigkeit. Got. 
frijöndi 'Freundin' ist 'wer zum Freund gehört', ai. vrMhj lit. 
vilke, an. ylgr, abg, vlücica 'wer oder was zum Wolf gehört', 
ai. devi-j lit. deive 'wer oder was zum Gott gehört'. Von hier 
aus sehe ich keine Schwierigkeit, das z des lat. Gen. Sg. in 
lupi-j wie Sommer Handbuch 371 getan hat, mit dem Feminin- 
suffix zu identifizieren. "Ein idg. *g"'ena deiuf\ sagt Sommer, 
"das zum Gott gehörige Weib, Götter weih', oder gntis ulk'i 'die 
zum Wolf gehörige Nachkommenschaft, die Wolfsfamilie' hatten 
dieselbe Bedeutung, wie 'Weib eines Gottes, Familie eines 
Wolfes', womit für einen Gebrauch der 2-Formen als Genitive 

Indogermanische Forschungen XXXI. 2 



18 H. Hirt, 

ZU deiuos 'Gott', ulk^^os 'Wolf usw. der Weg geebnet war." 
Man kann zahlreiche andere Fälle hinzufügen, z. B. equi caput 
'Roßhaupt', Marci puer 'der Markusknabe'. Man nehme 
weiter auch syntaktische Verbindungen wie Omnia quae mu- 
liei'is fuerunt viri fluni dotis nomine 'alles was der Frau ge- 
hörte, wird Mannesgut'. Wackernagel Melanges de Lingui- 
stique (1908) 125 ff. lehnt diesen Gedanken Sommers deön 
doch zu rasch und mit unzureichenden Gründen ab. Sonst 
aber kann ich seinen Anschauungen durchaus beistimmen. Er 
vergleicht den lat. Gen. auf -i mit ai. Bildungen auf -f, die 
in der periphrastischen Konjugation auftreten. "Jeder Substantiv- 
oder Adjektivstamm", sagt Whitney § 1094, "kann mit Verbal- 
formen oder Ableitungen der Wurzeln hr oder hhü (auch von 
der Wurzel as wird es angegeben) nach der Art eines Verbal- 
präfixes verbundeu werden. Wenn der Stammauslaut ein a- 
oder i- Vokal ist, so wird er in i verwandelt." Beispiele sind 
stamhM-hhavati 'er wird ein Pfosten', eTcacifti-hhüya- 'eines 
Sinnes geworden', upahanTiarösi 'du bringst eine Darbringung', 
sithili'hhavanti 'sie werden schlaff. Ich kann nun in diesen 
Verbindungen durchaus nichts Genitivisches entdecken. Es 
handelt sich einfach um einen Casus indefinitus, und wir haben 
hier zweifellos etwas Uraltes vor uns. Die Verwendung des 
^Kasus als Genitiv bleibt jetzt um so mehr eine Neuerung des 
lat.-kelt. Sprachstammes. 

Ist unsere Annahme richtig, so kann man erwarten, daß 
die Bildungsweise auf -l auch noch anderweitig Verwendung 
gefunden hat. Wenn wir es bei dem i mit einer Bedeutung 
der Zugehörigkeit zu tun haben, so kann man daran denken, daß 
damit auch zwei Dinge bezeichnet werden können, die zu- 
sammen gehören. Idg. *wlJc^l kann bedeuten 'die Wölfin', 'des 
Wolfs' und eventuell 'die beiden Wölfe'. In diesem Falle wird 
freilich eine solche Ausdrucksweise nicht gerade häufig sein, 
aber es könnte doch andere Fälle geben. So findet sich tatsäch- 
lich im EV. (neben rödasti.) rodasl in der Bedeutung 'des Rudra 
Gattin' und als Dual in der Bedeutung 'die beiden Welten', 
also eig. 'was zum rödah gehört'. Bekanntlich bilden die t- 
Stämme im Veda den N. Du. wie den Nom. Sg., eine sehr 
merkwürdige Erscheinung, die denn auch später beseitigt wurde. 
Aber sie ist jedenfalls alt, denn sie tritt im Lit., Slav. und 
Irischen auf, abg. vezqsti, lit. vezanti. Auf der angegebenen 



Zur Bildung auf -l im Indogermanischen. 19 

Grundlage ist das leicht zu verstehen. Es ist eben der Casus 
indefinitus, der noch nicht numeralisch differenziert war. 

Weiter bilden die Neutra der konsonantischen Stämme 
ihren Dual auf -i. Hier haben wir nun zwei Worte, die ent- 
schieden für uns in Betracht kommen, ai. akii 'die beiden 
Augen', abg. oci und abg. usi 'die beiden Ohren'. Von diesen 
und ähnlichen Fällen muß der Dual auf -^ ausgegangen 
sein. Die beiden Formen *ok^z und "^ousl sind uns aber 
schon oben verschiedentlich begegnet. So finden wir lit. aJcitas, 
abg. mnogo ocitü, lat. aurttus, lit. aMlas ^aufmerksam'. Ich 
füge dazu noch gr. irapGev-OTiiTTric ^ungfrauengaffer', ähn- 
lich Y^vaiKOTTiTTr|c, TTaiboTTiTrric, oivo7TiTrr,c. Der zweite Teil 
gehört zu ÖTTiTTTeuuu, ÖTTiTreuuu. Prellwitz zerlegt dies in otti- 
'nach', vgl. Ö7Ti-9ev und einer Schwundstufe von "^ok^ ^Auge', 
oder, wie Prell witz meint, ^öh^. Das Wort für 'Auge' lat. oculus, 
gr. öcce, lit. aTcls, abg. oko gehört aber zu einer kurzvokalischen 
Eeihe, und das auftretende ök^ ist Dehnstufe. Infolgedessen 
ist mir die angenommene Kontraktion von i mit 9 höchst 
zweifelhaft. Ich sehe daher in otti- eine Form, die dem slav. oci 
entspricht. Was das Suffix betrifft, so kann man kaum an 
idg. ^denken, da ^-Suffixe außerordentlich unsicher sind; man 
müßte also schon ein selbständiges Wort in dem p suchen. 
Man kann aber darin idg. h"^ annehmen, und es vergleicht 
sich ein omTiä 'das Anschauen' dem ai. dHiJcä 'Aussehen'. 
Von einem vorauszusehenden ottIttoc ist Ö7tT7T€ijuj gebildet, 
während das t von ÖTTiTTTeiJUJ, vielleicht von ÖTneiJiJu 'sehe' her- 
rührt, indem man das Verbum als ein reduplizierendes faßte. 

Es kann schließlich nicht wundernehmen, wenn wir das 
^Element auch als Plural finden. Der Nom. PI. M. ai. amü 
lautet ami. Schon ßrugmann bemerkt (Die Demonstrativ- 
pronomina S. 111) ami sehe wie ein (kollektives) Fem. Sg. 
aus. Ich halte es freilich nicht für ein Fem. Sg., sondern 
für die 2-Bildung zu dmah 'der hier, dieser. Anders jetzt 
Brugmann BSGW. 1908, 76. 

Anderseits wäre es verwunderlich, wenn wir die Formen 
auf -l, nachdem wir sie so oft in Ableitungen getroffen haben, 
nicht auch in der Komposition fänden. Klar und deutlich 
liegen sie in isolierten Resten des Litauischen yor. Es heißt 
därhas 'Arbeit', aber darbt -metis m. 'Arbeitszeit', vasarä 
'Sommer' aber vasari-metis 'die Sommerzeit', Jcdrstas 'heiß', 



20 . H. Hirt, 

aber Jcarsti-metis 'heiße Zeit' und ebenso in noch einigen 
andern Fällen, die bisher unerklärt sind. 

Sonst kann ich freilich die z-Forra nicht nachweisen. 
Zur Erwägung stellen möchte ich allerdings, ob das im Lat. in 
der Kompositionsfuge auftretende i nicht zum Teil auf -^ zurück- 
geht. Jedenfalls möchte ich altes l vermuten in quadriduum 
'Zeitraum von vier Tagen', coUi-die 'täglich', cottl : ai. katithdh. 

Ich hoffe, die vorhergehenden Ausführungen werden die 
hohe Bedeutung der Bildungen auf -i für die idg. Stamm - 
bildungslehre gezeigt haben. Es kann nun auch nicht wunder- 
nehmen, daß gerade im Lateinischen die Bildungen auf -l ver- 
hältnismäßig so häufig sind. Denn hier und im Keltischen muß 
ja der Casus indefinitus auf -z, da er sogar als Gen. Verwendung 
gefunden hat, besonders häufig gewesen sein. 

Man hat verschiedentlich angenommen, daß unser i mit 
den i-Stämmen in Zusammenhang zu bringen sei, z. B. Brug- 
mann Grd.^ 2, 1, 219. Ich halte das für einen Trugschluß. 
Für mich ist allein schon entscheidend, daß ein langes t in 
der Ablautsreihe i : ei: oi, wie wir sie ganz deutlich vor uns 
haben, keinen Platz hat. Ich halte t nach wie vor für eine 
Ablautsstufe zu einem Langdiphthong oder zu der Form eja. 
Anderseits mußte natürlich unter gewissen Akzentverhältnissen 
^ zu i werden, und so können wir auf diesem Wege eine 
Brücke zu den i-Stämmen schlagen. 

Weiter zweifle ich nicht daran, daß Job. Schmidt Ntr. 244 
recht hat, wenn er in manchem i eine angetretene Partikel sieht. 
Nur ist es nicht auf das Neutrum beschränkt, sondern findet 
sich auch anderswo. Es ist zu vergleichen mit dem indischen t 
in yaJcrt, dem b von griech. KXriTb-, dem Je von lat. datriXj 
deren Ursprung wir auch noch nicht kennen. 

In einem Fall ist der Zusammenhang zwischen i und 
2-Stämmen längst erkannt; man hat nämlich gewisse griech. 
Bildungen auf -ic, -iboc zu unsern Bildungen auf -l in Beziehung 
gesetzt, so GepaTTVic 'Dienerin' : 0epdTraiva, juepic 'Teil', juopic : 
luoipa. Ich möchte hier noch eine Kategorie erwähnen, bei 
der die Sache ganz klar liegt. Das sind die patronymischen 
Bildungen auf -ic, -iboc, wie hom. Bpicriic 'Tochter des Briseus', 
Nr|pr|ic 'Tochter des Nereus', Xpucrjic 'Tochter des Chryses', 
Aapbavic 'Nachkommin des Dardanos'. Scheinbar sind diese 
Bildungen ganz einfach zu erklären, indem sie eben von dem 



Zur Bildung auf -^ im Indogermanischen. 21 

Stamm Nripnl^- usw. abgeleitet sind. Aber das Problem liegt 
anders. Ich habe Handb. 286 die griech. Stämme auf -euc, 
-eFoc, soweit sie Personen und Völker bezeichnen, den indischen 
Bildungen auf -avas verglichen, und in der Tat decken sich 
Bildungen wie Aujpieec ganz mit ai. Tftsavah, BTifgavdhy 
YdJcsavah, Yddavah. Interessant ist ja, daß Nom. wie Nfjpuc, 
TObuc, Gfjcuc tatsächlich auf attischen Vasen vorkommen. Ich 
habe vermutet, was auch Kretschmer gesehen hat, daß der Nom. 
auf -e\jc eine Neubildung nach dem Vokativ ist. Griech. 'ArpeO 
vergleicht sich mit ai. Yadö. Um so mehr muß nun die Dehn- 
stufe in den Bildungen wie Nrjpnic auffallen. Aber auch hier 
hilft die Vergleichung. Im Arischen finden wir nämlich eine 
Femininbildung meist von Eigennamen, auf die E. Leumann 
KZ. 32, 294 ff. die Aufmerksamkeit gelenkt, und die Brug- 
mann IF. 12, 1 ff. zu erklären unternommen hat. Bei diesen 
Bildungen tritt i an den vriddhierten Wurzelauslaut. Von 
Manu- heißt es Manävi 'Gattin des Manu', jahnävl Tochter 
des jahnu'% von nar- 'Mann', näri 'Weib, Eheweib, Heldin'. 
Ich glaube nun, daß diese Bildungen den griech. Formen 
genau entsprechen. Ob freilich das t, wie Brugmann will, an 
alte Lokative angetreten ist, das scheint mir zweifelhaft zu sein, 
doch kann das Problem hier nicht weiter besprochen werden. 

Es dürfte am Schluß dieser Zusammenstellungen an- 
gebracht sein, die 2-Bildung nach den einzelnen Stämmen 
geordnet vorzuführen. Ich wähle hierzu das Material, das Brug- 
mann im Grd.2 2, 1, 130ff. anführt. Von zahlreichen Wurzel- 
nomina läßt sich tatsächlich die Form auf -^ entweder selb- 
ständig oder in Ableitungen belegen. 

ped 'Fuß' : TTeZ^a; TrebiXov, iToXuTTObivri ; lat. expedzre, 
impedlre. 

vok"^ 'Stimme'; griech. occa 'Gerede'; apreuß. wackitwei 
'rufen'; daneben lat. vocäre. 

nas' 'Nase'; lit. Dual, nösi; lat. Naslca'^ lat. Gen. nasi. 
Vielleicht hat dieses erst die o-Flexion hervorgerufen. 

ous 'Ohr'; aw. N. Du. usi^ abg. usi, lit. au8i\ lat. auritus 
'mit Ohren versehen' (Plautus). 

oJc^ 'Auge'; ai. N. Du. aJcM, aw. asi, abg. oci, lit. aki-^ 
abg. 7nnogoocitüy \it. aJcitas %u^\g% aÄ;^Za.*? 'aufmerksam', aMvas\ 
aMti 'porös werden', äklmoju 'augenblicklich', griech. OTitTtric; 
ßXocupujTTic 'mit grausigem Antlitz'. 



22 , H. Hirt, 

Tcerd 'Herz'; griech. Kpabia; lat. cordicitus; lit. sifditis 
'zürnen', abg. srüditü 'erzürnt'. 

sem 'eins'; griech. juia; mi in lat. mille? gr. ö|ulXoc, 
lat. miles. 

dhwer'TiXr'; 1. Gen. /"on; ahd. turi, eig. N. Dual, auf-«; 
abg. PI. dvh'i. 

djeus ^HimmeV; lat. Gen. divi'^ divinus\ ai. t^ew« 'Göttin', lit. 
deive 'Gespenst'. 

g^'^öus 'Rind'; lat. hovmm-, hovlle 'Ochsenstall'. 

g'dhem 'Erde'; griech. xöiwv; abg. zeralja, lit. zeme\ lat. 
Gen. humlj wozu Nom. humus; N. Du. abg. zemi, lit. zemv^ 
zemin 'nach unten', Zemtna 'Erdgöttin'. 

dem ^Haus' ; griech. Ajuia, Aa|uia 'Hausherrin'. 

ai. ^J^V 'Niederlassung' ; lat. Gen. vict; vlcinus» 

ai. ap 'Wasser' ; lit. äpe^ pr. ape 'Fluß'. 

idg. süs 'Schwein'; lat. sumus, ahd. swln, abg. svinija, 

idg. mÄs 'Maus'; griech. \x\3\0. 'Mücke', lit. muse 'Fliege', 
abg. müsica'^ daneben lat. musca vom einfachen Stamm. 

ai. var 'Wasser ; \\i. jüres\ 1. ürlna. 

lat. säl 'Salz'; lat. salire. 

idg. regs 'König'; lat. regma. 

ai. cZr.9 'Anblick'; ai. t^ra-M 'Aussehen'. 

ai. pur 'Burg'; griech. iroXiTric. 

lat. opes; lat. opimus. 

idg. dent- 'Zahn'; lit. dantUij lat. dentire 'zahnen'. 

idg.juwen 'jung'; Isii. jünix 'junge Kuh'; juvenilis, 

ai. .wä 'Hund' ; F. ai. sunt ; lat. caninus. 

idg. pdier\ griech. euTrareipa; lat. patrUus, patrimus\ 
got. fadrein. 

idg. swesör; lat. consobrlnus. 

griech. xeip 'Hand'; x^iplötuTÖc 'mit Ärmeln versehen'. 

Man sieht also, zu zahlreichen konsonantischen Stämmen 
sind die f-Bildungen belegt. 

Aber sie finden sich auch zu o-Stämmen, so z. B. bei 
den Ordinalia: 

ai. dvittyahy trtiyah, turiyah (lit. Jceturi), lat. quintzUSy 
sexttlisj ai. sastht. 

Auch zu andern Zahlwörtern darf man eine «- Bil- 
dung voraussetzen: zu oinos 'eins' erweist wohl die Überein- 
stimmung von lat. ümre, lit. vienlti ein idg. *oiw/. Zu 



Zur Bildung auf -l im Indogermanischen. 23 

Rmtöm UOO' gab es ein *Jcmti, das in ai. dvisatt, trisatt 
vorliegt. 

Weitere Beispiele haben wir ja schon oben kennen gelernt. 
Wenn nun im Idg. neben der Bildung auf -a auch die auf -l bei 
den o-Stämmen stand, so wird diese Doppelbildung nicht ohne 
Bedeutungsdifferenz gewesen sein. Ob wir diese freilich ermitteln 
können, ist eine andere Frage. Einen Versuch will ich 
wenigstens vorlegen. Wir wissen aus den Untersuchungen 
Job. Schmidts, daß die Fem. auf -a als Neutrum Plur. Verwen- 
dung fanden. Das setzt eine kollektive Bedeutung voraus, die 
ja auch noch hinreichend zu belegen ist. Für die Bildung 
auf 'l hatten wir dagegen die Bedeutung der Zugehörigkeit 
erschlossen. Von dieser Grundlage kommt man vielleicht zu 
einer Erkenntnis der Art, daß bei unbelebten Dingen das ä, 
bei belebten das i Verwendung fand. 

Leipzig-Gohlis. 

H. Hirt. 



24 Eduard Hermann 



Über die primären Interjektionen. 

Über kein Kapitel der Grammatik sind wir schlechter 
unterrichtet als über die Interjektionen. In den sprachwissen- 
schaftlichen Werken findet sich nur selten einmal eine not- 
dürftige Bemerkung darüber; die meisten Grammatiken über- 
gehen dieses Kapitel, das von jeher die Sprachphilosophen 
angezogen hat, ganz. Und doch gibt es Anlaß genug, sieb 
über die Interjektionen besonders genau zu informieren. Wenn 
ich mich nicht täusche, kann gerade erst das eingehende Stu- 
dium dieser Wörter Licht in das Dunkel einiger sehr wich- 
tiger Probleme bringen. 

Nach Sievers, Grundzüge der Phonetik* 143^), sind 
die Interjektionen, die wir durch lim zu umschreiben pflegen, 
nur durch die Wirkung von Trägheitsgesetzen aus Wörtern 
wie so, ja, ach usw. hervorgegangen. Wenn das richtig ist, 
dann sind diese hm ein Zeugnis eines höchst eigentümlichen 
Vorgangs, der alleine schon einer genauen Untersuchung wert 
ist. Dieses hm betonen wir je nach seiner Bedeutung ganz 
verschiedenartig. Stehen diese verschiedenen Nuancen in 
fester Beziehung zu der Betonung der Wörter, die hm ver- 
tritt? Weil hm sehr häufig im Affekt gebraucht wird, ist 
die genaue Bekanntschaft mit diesen Verschiedenheiten viel- 
leicht ein ausgezeichnetes Mittel, um festzustellen, welcher 
Betonung man sich überhaupt im Affekt bedient. Gibt es 
allgemein gültige Normen, die nicht nur für das Deutsch einer 
bestimmten Gegend, sondern für alle Sprachen gelten? Ist 
etwa in gewissen Grenzen ein bestimmter Tonfall allgemein 
menschlich? Und findet man da vielleicht gar Beziehungen 
zu der Sprache der Affen? — Andrerseits ist es doch sehr 
bemerkenswert, daß die Interjektion hm Laute enthalten kann, 
deren wir uns sonst in der Sprache gar nicht bedienen ! Das- 



1) Die 5. Auflage habe ich leider nicht einsehen können. 



t 



über die primären Interjektionen. 25 

selbe ist auch bei anderen Interjektionen zu finden. Da er- 
hebt sich die Frage: Sind denn die Laute der Interjektionen, 
die außerhalb, und die Laute, die innerhalb der sonstigen 
Artikulation liegen, dem Lautwandel unterworfen ? Kann sich 
also hm verändern? Wie wird es in späteren Jahrhunderten 
ausgesprochen werden? Aber vor allem, wie ist es in früheren 
Zeiten ausgesprochen worden? Wie sprach man, als die vollen 
Wörter noch gar nicht so, ja, ach usw. hießen? Denn wenn 
auch Sievers hm eine Verstümmelung von so, ja, ach usw. 
nennt, so behauptet er damit natürlich nichts über das Alter 
des hm. So zeigt also eine kurze Umschau, daß das Studium 
der Interjektionen recht lohnend sein kann. 

Welche Schritte haben wir nun zu tun, um an die 
Lösung der angedeuteten und ähnlicher Fragen allmählich 
heranzukommen? Das allererste ist natürlich das Sammeln. 
Dabei gilt es, die in der Schrift fixierten Formen früherer 
Zeiten zusammenzubringen und die heute üblichen genau zu 
beschreiben. Das letztere ist nicht ganz so einfach, wie es 
vielleicht scheinen könnte. Es ist uns damit nicht gedient, 
dass man etwa im phonetischen Laboratorium diese Inter- 
jektionen, wenigstens soweit die sogenannten primären in Be- 
tracht kommen, in das Kymographion oder in den Marbeschen 
Flammenapparat hineinspricht und dann die gewonnenen Bilder 
ausmißt und beschreibt. Denn kaum in irgendeinem anderen 
Falle wird man ebenso leicht wie hier Fehlerhaftes in die 
Apparate hineinsprechen und hineinsprechen lassen. Es kommt 
bei dieser Sammlung darauf an, daß die Interjektionen be- 
stimmter Mundarten und Sprachen aufgenommen werden. Da 
ist es nun für jeden, der mehrsprachig war oder ist, das ist 
aber fast jeder Gebildete, außerordentlich schwer festzustellen, 
welche Formen der Interjektionen zu der Muttersprache ge- 
hören. Ich hatte kürzlich die Absicht, primäre Interjektionen 
aus dem Finnischen aufzunehmen, als ich mir einen Finnen 
in das phonetische Laboratorium in Hamburg bestellt hatte. 
Ich mußte das aber sein lassen, weil der betreffende Herr 
zu Hause auch sehr viel schwedisch spricht und nicht in je- 
dem einzelnen Falle genau auseinanderhalten konnte, ob die 
Interjektion finnisch oder schwedisch war. Ich selber muß 
von mir auch gestehen, daß ich mir zumeist gar keine Rechen- 
schaft darüber geben kann, ob die Formen meiner Interjektionen 



26 Eduard Hermann, 

aus meinem Dialekt stammen oder ob ich sie erst später von 
fremder Umgebung angenommen habe. Will man sich nicht 
selber täuschen, so muß man also die Angehörigen einer Mund- 
art, sagen wir: vor allem die Bauern, beobachten. Es ist 
demnach in erster Linie einmal Sache der Mundartenforscher, 
das Material beizubringen. Daß bisher dieses auch nur für eine 
einzige Mundart gesammelt wäre, wüßte ich nicht zu sagen. 
Dabei wird es aber auch sehr mit darauf ankommen, nichts 
auszulassen, sondern vielmehr recht vollständig zu sammeln 
und es besonders zu bemerken, falls eine weithin verbreitete 
Form in der Mundart nicht gebraucht wird. Verkehrt würde 
es sein, wollte jemand die Interjektionen abfragen, wie man 
ja sonst zuweilen Aufnahmen über Mundarten macht; denn in 
unserem Falle würde man den Gefragten durch die Frage 
häufig geradezu hypnotisieren. Ich gebe deshalb auch nicht 
viel auf irgendwelche kurzen Angaben über Interjektionen in 
der mundartlichen Literatur, weil mir die Fehlerquellen zu 
groß zu sein scheinen. Wer über mundartliche Interjektionen 
etwas veröffentlicht, sollte daher hinzufügen, ob man sich be- 
stimmt auf die Dialektechtheit verlassen kann. 

Nun wäre es ja sicher sehr schön, wenn wir durch Be- 
schreibungen über den Gebrauch der Interjektionen in den 
Mundarten und Sprachen aufgeklärt wären, aber damit allein 
ist noch lange nicht das geleistet, was heutzutage für die 
primären Interjektionen geleistet werden kann. Erstens werden 
die meisten in Verbindung mit Gesten und Wörtern gebraucht. 
Zu der Beschreibung der Interjektionen muß also weiter 
noch hinzugefügt werden, ob sie für sich alleine stehen können 
oder nur in Verbindung mit Gebärden oder Wörtern; auch 
diese müssen genau angegeben werden. Zweitens ist es nötig, 
daß die Aussprache der Interjektionen experimentell fest- 
gestellt wird. Das ist allerdings etwas sehr Schwieriges, denn 
abgesehen von den Fehlern, die sich in jedes phonetische 
Experiment einschleichen können, hat man hier mit der 
Schwierigkeit zu kämpfen, daß der Sprecher sich in die 
Situation, in welcher die Interjektion gebraucht wird, erst 
richtig hineindenken, daß er also auch über ein gewisses 
schauspielerisches Talent verfügen muß. Es handelt sich ja 
bei den Interjektionen sehr oft um den sprachlichen Ausdruck 
eines Affekts. Am leichtesten wird man den Sprecher in die 



über die primären Interjektionen. 27 

richtige Situation hineinversetzen können, wenn man als Ex- 
perimentator vorher einen Satz spricht, auf den mit der Inter- 
jektion geantwortet werden kann. 

Neben dieser Sammlung aus den lebenden Sprachen hat 
die aus der Literatur einherzugehen. Ich denke mir die z. B. 
für das Griechische so angelegt, daß von Homer ab Schrift- 
steller für Schriftsteller vorgenommen und der Gebrauch genau 
gebucht wird. Hat man erst einmal für die einzelnen Sprachen 
eine aufsteigende Linie festgestellt, dann wird es vielleicht 
auch mit Erfolg möglich sein, die Interjektionen zunächst der 
indogermanischen Sprachen miteinander zu vergleichen, während 
wir vorläufig mit den paar Vergleichen, die sich bieten, nichts 
Rechtes anzufangen wissen. 

Im folgenden gebe ich einige mir geläufige Beispiele 
deutscher Interjektionen, ohne auf mundartlichen Gebrauch 
eingehen zu können; sie sollen nur ein Bild von der viel- 
gestaltigen Gebrauchsweise liefern. Mit die wichtigste Rolle 
unter den Interjektionen spielt ganz entschieden hm. Sievers 
hat a. a. 0. auf einige Arten des hm hingewiesen. 

1. Statt ja kann man ein gedehntes 'm sprechen, das 
ist ein stimmloser Nasal mit einem langen zweigipfligen m. 
Der stimmlose Nasal kann auch wegbleiben. Für m tritt 
dann oft n ein. Oft ist mit dem ^m, m oder n Nicken des 
Kopfes verbunden. 

2. Ist man in 'Gedanken versunken, so pflegt die Inter- 
jektion kürzer zu sein. Es ist ein gestoßenes ^m oder nur m, 
auch n oder rd kann dafür gebraucht werden. Eine Geste 
fehlt meist dabei. 

3. Wenn man zusammen mit einem anderen etwas über- 
legt und der andere hat einen Gedanken geäußert, so ant- 
wortet man ihm mit einem gedehnten, aber eingipfligen m, wohl 
auch n, gewöhnlich ohne vorausgehenden stimmlosen Nasal. 
Eine Geste fehlt wieder. An das m, n schließt sich aber 
regelmäßig noch ein Satz an, aus dem erst hervorgeht, ob das 
m, n eine Zustimmung enthält oder nicht. 

4. Erfährt man etwas Angenehmes, so antwortet man 
oft mit einem wm, bei dem das zweite m stärker betont ist 
als das erste. Oft wird dabei der Kopf erst gehoben, dann 
gesenkt. Am häufigsten begleitet die Geste das mm, wenn 
das zweite m gedehnt wird. Dann wird dieses zweite m 



28 ^ P^duard Hermann, 

zweigipflig: der zweite Gipfel ist aber oft nur ein ganz 
kurzer Stoß. 

5. Eine andere Form ist die Verdoppelung mit zwei 
stimmlosen Nasalen, also 'mm, oder auch nur mit einmaligem 
stimmlosem Nasal: 'mm. Beide m sind hier gestoßen, und die 
begleitende Geste fehlt. Dieses hm mit stimmlosem Nasal 
wird meist dann angewandt, wenn man ausdrücken will, daß 
einen eine Nachricht befremdet. 

6. Manchmal gebraucht man statt der Form 5 auch nur 
ein einfaches 'm oder m. Andererseits kann zum Ausdruck 
der Verwunderung das 'm oder m auch vier-, fünf-, sechs-, 
siebenfach hintereinander gestellt werden; dabei wird der 
Kopf mehrfach hin- und herbewegt. 

7. Der Zweifel kommt zum Ausdruck durch ein 'm in 
höherer Tonlage, das auch verdoppelt werden kann. Zur 
Verdeutlichung zuckt man dabei auch mit den Achseln. 

8. Statt dieses 'rn bedient man sich auch eines manch- 
mal etwas tiefer gesprochenen hm, das aus stimmlosem Nasal 
+ m + stimmlosem Nasal besteht, also : 'm\ Der zweite stimm- 
lose Nasal ist zuweilen auch nur schwach gehaucht, dann 
spricht man also 'm\ 

9. Mit einem kurzen gestoßenen m oder n, manchmal 
auch in Verbindung mit stimmlosem Nasal, der dann meist 
schwach gehaucht ist, also mit 'm oder ^n gibt man zu er- 
kennen, daß man den anderen nicht verstanden hat. Das 
m, n wird in hoher Tonlage gesprochen und kann um ein 
noch höheres verdoppelt werden, der Nachdruck liegt auf 
dem ersten Nasal. 

10. Durch langgezogenes, meist in hoher Tonlage ge- 
sprochenes m gibt man seine Verwunderung kund; es ist 
zweigipflig, der zweite Gipfel hat höhere Tonlage und ist 
nur kurz gestoßen. Oft wird bei m die Stirne in die Höhe 
gezogen. 

11. Kleinen Kindern gegenüber gebraucht man gerne, 
um zu zeigen, wie gut etwas schmeckt, ein ebenfalls lang- 
gezogenes zweigipfliges m, dessen zweiter Gipfel musikalisch 
tiefer liegt als der erste. Die begleitende Geste ist leichtes 
Klopfen auf die Brust. Zur Verstärkung wird m verdoppelt. 

12. Die Freude über eine Nachricht gibt man durch 
ein W bzw. W, W oder W in hoher Tonlage kund. 



über die primären Interjektionen. 29 

13. Abscheu bedeutet musikalisch sehr tiefes gestoßenes W. 

14. Verächtliches Lächeln unterscheidet sich von 13 vor 
allem durch die größere Stärke des anlautenden stimmlosen 
Nasals: 'm oder W. Oft wird es zwei-, dreimal wiederholt. 
Begleitende Geste ist dabei häufig ein Blick über die Schulter. 

1.5. Wird das 'm' von Nr. 13 überlang gedehnt und zwei- 
gipflig gesprochen, wobei der zweite Gipfel an Stärke ge- 
ringer, musikalisch tiefer und kürzer als der erste ist, so 
drückt das hm ein Bedauern aus, also W. Ist m in 'm kurz, 
dann wird der Absatz ' länger ausgehalten, es unterscheidet 
sich von Nr. 13 wohl durch höhere Lage. 

16. hm als Antwort statt nein ist ebenfalls zweigipflig, 
unterscheidet sich aber von Nr. 15 nicht nur durch Fehlen 
des Absatzes ' und meist auch des Einsatzes ', sondern auch in 
der musikalischen Betonung. Während 'in von Nr. 15 fast 
gesungen wird und dadurch den ersten Gipfel besonders her- 
vortreten läßt, wird das m von Nr. 16 mehr hart hervor- 
gestoßen. Statt m wird auch n gebraucht. Häufig wird da- 
bei der Kopf geschüttelt. 

17. Unserem Ärger machen wir manchmal durch ein 
gestoßenes, ganz kurzes m oder noch häufiger durch ein ge- 
stoßenes ebensolches w Luft. 

Ich breche hier mit den durch Nasal bezeichneten Inter- 
jektionen ab, obwohl sich noch andere Nuancen feststellen 
ließen, und wende mich zu einigen anderen, die ebenfalls 
sonst nicht gebräuchliche Laute enthalten. 

18. Der Schnalzlaut ?, den ich mit umgestürztem t be- 
zeichne, dient vor allem als Ausdruck der Verwunderung. 
Er wird aber auch gebraucht, wenn man an der Zweck- 
mäßigkeit eines Vorschlages zweifelt; da sagt man etwa h oh 
das so gut ist. t hat aber noch weitere Verwendung. 

19. Ein Zuruf für Hunde ist der am Gaumen gesprochene 
Saug- oder Schnalzlaut f. 

20. Dieselbe Bedeutung hat das inspirierte, gesaugte bila- 
biale Pj von mir ^f, mit umgestürztem p geschrieben. 

21 Statt c[ zu bilden, pressen wir auch die Zunge an 
die Zähne oder auch die Unterlippen und saugen bei ge- 
stülpter Oberlippe die Luft ein, um dann noch ein inspiriertes, 
nicht gesaugtes p anzuschließen. Dieses Lautkomplexes be- 
dienen sich besonders die Kutscher, um die Pferde anzutreiben. 



30 . Eduard Hermann, 

22. Einen leisen Pfiff stoßen wir aus oder bilden mit 
den Lippen einen sonst nicht gebräuchlichen Spiranten, dem 
ein t folgt, wenn wir z. B. jemand auf seine Frage, wie es 
mit den Vermögensverhältnissen eines Dritten steht, sagen 
wollen, daß er sein Vermögen durchgebracht habe. 

Andere Interjektionen halten sich im Rahmen der übrigen 
Laute und kommen daher häufiger auch schriftlich zum Ausdruck. 

23. Mit Jcs oder Jcs Jcs bzw. Jcs oder ks ks hetzen wir 
Hunde gegeneinander. 

24. Mit pst suchen wir in einer sprechenden Menge Ruhe 
zu gebieten. Winken wir zugleich mit dem Finger, dann 
rufen wir mit pst oder st jemand zu uns heran. 

25. Mit hrr drücken wir Schaudern und Abscheu aus; 
mit anderer Betonung dient es dem Zugvieh als Zeichen zu 
halten; letzterem wird oft olia vorausgesetzt. 

26. ae ist die Interjektion für die Freude, für das Er- 
staunen, für den Beifall usw. 

27. Für das Erstaunen läßt sich auch gestoßenes kurzes i 
gebrauchen; es macht also keinen Unterschied, ob wir i oder ae 
oder 'm oder m von Nr. 6 gebrauchen. Gleich aber ist bei 
allen die Betonung. Diese ist also wichtiger als der Laut. 

28. hd fragen wir, wenn wir einen anderen nicht ver- 
standen haben, während wir ihn mit he anrufen. 

Es liegt mir nicht daran, alle mir bekannten deutschen 
Interjektionen aufzuzählen, ich wollte nur an die eine und 
die andere von den sogenannten primären Interjektionen er- 
innern. Sehr verschiedenartig scheinen mir in Deutschland 
die Zurufe an die Zugtiere zu sein. Hier liegt gewiß allerlei 
interessantes Sprachgut verborgen. Denn in manchen der 
Interjektionen stecken verstümmelte Wortverbindungen, wie 
ja in herrje, jemine^ vgl. Paul Prinzipien* 180. Eine voll- 
ständige Sammlung auch nur der deutschen Interjektionen 
wird vermutlich einen ungeahnten Reichtum an den Tag 
bringen. 

Auch schon an dem unbedeutenden, von mir vorgebrachten 
Material lassen sich einige wichtige Beobachtungen machen. 
Erstens ist an den Interjektionen auffällig, in wie verschieden- 
artiger Weise sie gebraucht werden können, wobei sprachlich 
nur in der Betonung Unterschiede zu finden sind. Zweitens 
ist es eigentümlich, daß in ein und derselben Bedeutung ver- 



über die primären Interjektionen, 31 

schiedene Formen gebräuchlich sind, die aber in der Betonung 
tibereinstimmen, wie bei i, a, ?, 'm für das erstaunte so? 
Drittens ist zu beachten, daß viele der Interjektionen mit einer 
bestimmten Geste verbunden sind. Diese drei Merkmale schon 
lassen erkennen, daß die primären Interjektionen auf einer 
sehr niedrigen Stufe innerhalb der Vervollkommnung der 
menschlichen Sprache stehen. Ganz besonders aber erinnert 
an das Primitive ein viertes Merkmal. Sie sind nicht genau 
abgegrenzt wie andere Wörter unserer Sprache, sondern lassen 
dem subjektiven Empfinden einen gewissen Spielraum. Oft 
ist es z. B. dem einzelnen unbenommen, sie zu reduplizieren, 
durch vollständigere oder unvollständigere Aussprache (vgl. 
die verschiedenen hm) seinem Affekt deutlicher oder weniger 
deutlich Ausdruck zu verleihen. 

Auf der anderen Seite zeigt sich an ihnen doch wieder, 
daß sie nicht nur Kinder des Augenblicks sind, ihre Bedeu- 
tung und ihr Gebrauch ist traditionell. Man kann nicht 
vielleicht Interjektionen neu schaifen, ohne an den alten Be- 
stand anzuknüpfen: man würde ja nicht verstanden werden. 
Aber doch sind hier ganz neue Wörter möglich, die unmittel- 
bar Verständnis finden können. Wollte ich z. B. statt des 
fragenden m Nr. 9 ein in derselben Betonung gehaltenes l 
oder i gebrauchen, so würde jedermann verstehen, was ich 
meine. Die Neubildung von Wörtern muß also hier leichter 
vor sich gehen als sonst. Wenn Wundt, Die Sprache'^ 1, 307 f., 
die Ansicht äußert, daß die Zahl der primären Interjektionen 
mit der fortschreitenden Kultur geringer wird, möchte ich 
daher schon aus diesem Grunde nicht ohne weiteres bei- 
stimmen. Es fragt sich ja doch sehr, ob z. B. im Deutschen 
die Zahl der Interjektionen wirklich geringer ist als im Alt- 
griechischen oder Lateinischen. Darüber werden uns erst 
künftige Sammlungen belehren- die wenigen von Wundt- 
1, 308 genannten deutschen Interjektionen sind eben doch 
nur eine ganz kleine Auswahl des bei uns Gebräuchlichen. 

Besonders interessant aber wird auch die Feststellung 
sein, ob die primären Interjektionen den Lautwandel mit- 
machen. Ich muß sagen, daß ich keinen Grund sehe, warum 
das nicht der Fall sein sollte. Wenn sich z. B. herausstellte, 
daß unser ei die Fortsetzung von mhd. 2, nicht von ei ist, so 
hätten wir ein Beispiel für den Lautwandel. Aber auch wenn 



32 Eduard Hermann, 

das nicht der Fall sein sollte, könnten wir doch an eij eben- 
so wie an anderen Interjektionen ohne weiteres feststellen, 
daß sie in gewissem Sinn an die Lautgesetze gebunden sind. 
Im Munde eines Schwaben lautet ei ganz anders als in dem 
eines Franken oder eines Ostpreußen : jeder spricht die Inter- 
jektion so, wie er sonst das geschriebene ei zu sprechen pflegt. 
Ebenso wird .s-^ in Norddeutschland als ,st% im Ostfränkischen 
z. B. als sd gesprochen usw. 

Die Interjektionen hm sind aber offenbar auch noch 
besonderen Einwirkungen ausgesetzt. Sievers hat beobachtet, 
daß bei den Nuancen des hm, die wir oft als Verstümmelungen 
von Wörtern, wie ja usw. fühlen können, die Konsonanten 
mit merklichem Exspirationsstrom durch stimmlosen, die Vo- 
kale durch stimmhaften Nasal ersetzt werden. Ich gebe zu, 
daß die Beobachtung zum Teil richtig ist; der Parallelismus 
geht aber nicht überall durch. Für nein^ksmn ich auch ein 
n, also stimmhaften Nasal mit stimmlosem gebrauchen. Ja, 
bei manchen der obengenannten hm wird es schwerhalten, 
das Vollwort bestimmt zu nennen, dessen Substrat hm ist. 
Wenn ich für ja ein m mit deutlichem zweiten Gipfel spreche, 
kann ich mir allerdings vorstellen, daß dieses m nicht für ja, 
sondern für jawohl steht. Auch halte ich das für sehr wohl 
möglich, daß man eben dieses m mit deutlichem zweiten Gipfel 
erst spricht, seitdem es jawohl für ja gibt. Insofern bin ich 
damit einverstanden, wenn Sievers das hm als verschiedene 
Formen korrumpierter Wörter betrachtet. Aber daß über- 
haupt jedes hm von jeher, auch die älteste Form des hm 
nichts sein soll als ein korrumpiertes Wort, das durch die 
Wirkung von Trägheitsgesetzen entstanden ist, glaube ich 
nicht. Eben deswegen, weil die Trägheitsgesetze von jeher 
im Menschen gewirkt haben, kann das hm in verschiedener 
Bedeutung auch schon vor den Wörtern, die es scheinbar und 
wirklich vertritt, vorhanden gewesen sein. Dieselben Gesetze, 
die das Wort zu hm korrumpieren, lassen in primären Zu- 
ständen vermutlich die vollere Artikulation nicht so schnell 
aufkommen. Wenn eine der teilweise gewiß überhaupt sehr 
alten primären Interjektionen in die Zeiten der ältesten Sprach- 
zustände zurückgeht, darf man das nicht am ehesten von hm. 
vermuten, obwohl das hm in andern Sprache nicht genau 
dieselbe Rolle wie ])ei uns spielt? Denn keine andere Inter- 



über die primären Interjektionen. 33 

jektioii mehr dient in so starkem Umfang wie Tim als Ersatz 
für Vollwörter. 

Neben den bisher genannten Merkmalen, welche die 
Interjektionen als primäre Sprachformen erkennen lassen, ist 
es, worauf schon oft aufmerksam gemacht worden ist, die 
Tatsache, daß sie ganz außerhalb der Flexion und Wort- und 
Stammbildung stehen. Gerade dieser Umstand aber, daß sie so 
isoliert sind, läßt sie zunächst wenig geeignet erscheinen, die 
Grundlage für die Entstehung der menschlichen Sprache zu bilden. 
Sie können allerdings, wie Paul, Prinzipien* 179f., gezeigt 
hat, gleich anderen Wörtern aus fremden Sprachen entlehnt 
werden und aus anderen Wörtern entstehen, vgl. Jierrje aus 
Herr Jesun. Sie können auch einen Bedeutungswandel durch- 
machen, wie Paul an mhd. ouwe nachweist, sei es, daß der 
Bedeutungswandel selbständig oder auf dem Wege der Ana- 
logie erfolgt. Der umgekehrte Vorgang aber, daß aus der 
Interjektion ein anderes Wort wird, scheint nicht nachweisbar 
zu sein. Doch läßt sich der Fall ganz leicht ausdenken. 
Wenn sich zwar die primären Interjektionen auch nicht um- 
gekehrt, als sie aus Vollwörtern wie in lierrje entstehen, zu 
solchen Vollwörtern wieder erweitern können, so besteht doch 
die Möglichkeit, daß sie zu Vollwörtern überhaupt werden. 
Wenn ^, ä ebensoviel sagen können als ein erstauntes so, 
kann ich mir auch vorstellen, daß aus den Interjektionen «, ä 
ein Adverbium im Sinne von so wird; und wenn ha und lie 
fragend für icief was? gelten, so können sie auch zum Frage- 
pronomen werden. Mit diesem Gedankengang läßt sich er- 
weisen, daß die primären Interjektionen als ein sehr wichtiges 
Mittel für die Entwicklung der Sprache aus primitiven An- 
fängen heraus dienen können. 

Es läßt sich aber mit Hilfe der primären Interjektionen 
vielleicht auch dem Problem des Ursprungs der Sprache besser 
beikommen, als es bisher gelungen ist. Es liegt allerdings 
auf der Hand, daß die primären Interjektionen, die wir kennen, 
nicht vielleicht gleich die ältesten Gebilde der Sprache sind. 
Denn unsere Interjektionen beruhen auf Tradition; der Ur- 
sprung der Sprache kann dagegen nur aus unwillkürlichen 
Lauten herausgewachsen sein. Zu diesen gehört unter anderem 
auch das Stöhnen. Wenn z. B. ein Mensch in den Urzeiten 
verletzt wurde, wird er genau so wie wir mit der Hand nach 

Indogermanische Forschungen XXXI. 3 



34 Eduard Hermann, Über die primären Interjektionen. 

der Wunde gegriffen und gestöhnt haben. Beides, das Stöhnen 
und die Bewegung mit der Hand, sind unwillkürliche Be- 
wegungen. Beide aber können zur Sprache werden; sie können 
zusammen bedeuten 'es tut hier weh'. Wie man sieh das vor- 
zustellen hat, schildert Wundt am besten da, wo er von der 
Entstehung der Gebärden handelt, 1^, 242 f., Gebärden und 
Sprache haben sich ja wohl zusammen entwickelt. Das Stöhnen 
ist aber oft nichts als der Stimmton, der nicht als artikulierter 
Vokal vernehmbar ist. Stöhnt man mit geschlossenem Mund, 
dann erhält man ein m, dem manchmal auch noch ein stimm- 
loser Nasal nachfolgt, also m. Mit diesem gestöhnten m ist 
die oben besprochene vielseitige Interjektion Am, wie ich 
glaube, verwandt. Sie hat uns oben aus mancherlei Gründen 
als besonders altertümlich erscheinen müssen, ist es da zu ge- 
wagt, sie mit dem Naturlaut des Stöhnens in Verbindung zu 
bringen? Natürlich liegen viele Zwischenglieder dazwischen, 
die uns verloren gegangen sind. Ich will nicht den phan- 
tastischen Versuch machen, sie zu rekonstruieren. Ich will 
mir hier nur noch die Bemerkung erlauben, daß, wenn ge- 
stöhntes m zu den ältesten Wörtern der menschlichen Sprache 
gehört, die weitere Entwicklung der Sprache durchaus nicht 
nur an eine Fortentwicklung dieses m gebunden ist. W^ar 
der Mensch erst einmal so weit gekommen, bewußt durch 
Auflegen der Hand und Hervorstoßen von m einem an- 
deren die Mitteilung zu machen, daß es ihm da weh tue, 
so ahmte er sein eigenes stöhnendes m nach. Damit konnte 
er aber allmählich dazu kommen, auch andere Laute nach- 
zuahmen, sei es ein Geräusch oder einen Tierlaut. Eine 
solche Lautnachahmung, etwa ungefähr hums^ konnte dann all- 
mählich zu der Bedeutung eines Verburas des Fallens kommen 
usw., ohne daß etwa gerade die Naturlaute, wie das stöhnende m 
weiter entwickelt waren. 

Durch diese Beispiele hoffe ich gezeigt zu haben, wie 
lohnend auch schon eine flüchtige Betrachtung der verschie- 
denen Formen der Interjektionen sein kann. Genaue Durch- 
forschung verspricht daher reiche Früchte. 

Bergedorf. 

Eduard Hermann. 



Christian Bartholomae, Der indogerm. Name der Plejaden. 35 



Der indogermanische Name der Plejaden. i) 

1. Im Jahre 1868 hat deLagarde in seinem BeitrBaktr 
Lexikogr. 56 darauf hingewiesen, daß mit dem im Jüngern 
Awesta zu Yt. 8. 12 bezeugten Sternbildnamen, der in Wester- 
gaards Ausgabe paoiryenyas[ca geschrieben ist, das neuper- 
sische Wort für das Sternbild der Plejaden parvin zu ver- 
binden sei. Die Art freilich, wie er den Zusammenhang der 
Wörter herstellen will — ^^pawriin ist in parwin umgesetzt 
und zusammengezogen" — , kann nicht gebilligt werden, und 
es mag dieser Erläuterung zuzuschreiben sein, daß spätere 
Bearbeiter und Übersetzer des Tistr-Yast (Yt. 8) — Geiger^ 
Pizzi, Geldner — deLagardes Aufstellung mit Stillschweigen 
übergangen haben. Aber die Erkenntnis selber war richtig 
und hätte nicht vernachlässigt werden sollen. 

2. Die Westergaardsche Lesung paoiryenyas[ca hat in 
der Neuausgabe der von allen guten Handschriften gebotenen 
Lesung paoiryaeinyas[ca weichen müssen. Es ist das der 
Akk. Plur. eines Femininalstamms ^7ü-, der auf eine Vorform 
*pamiaim- (mit -ui-) oder *paruiiaim- (mit -mi-) zurückgeht, 
vgl. GIrPh. la. 157 unter 44, Die letztere aber konnte sich im 
Neupersischen nicht anders als zu parvin gestalten, und zwar 
ist dies zunächst aus ^paruen, weiter aber aus *paruiien her- 
vorgegangen 2). Zur "Zusammeuziehung" von *päruuen — die 
Zahl der übergesetzten Akzente soll die Stärkeverschiedenheit 
der Silbenakzente zum Ausdruck bringen — in *paruen ver- 



1) Meinem Heidelberger Kollegen BoU und meinem früheren 
Straßburger Kollegen Laudauer, die mich bei der Ausarbeitung 
dieses Aufsatzes mit Nachweisungen freundlichst unterstützt haben, 
spreche ich auch an dieser Stelle meinen besten Dank aus. 

2) Aus dem Mittelpersischen kann ich das Wort nicht nach- 
weisen. Daß es aber hier 'Spanien gelautet hat, — mit e, nicht 
mit i, — ergibt sich aus der daraus erwachsenen Namensform 
*paruez (mpB. parvez, np. parv^z)-^ s. unten § 26. 



36 Christian Bartholomae, 

gleiche man die von "^^ähnän 'Könige', worin sich der altiran. 
Gen. Plur. *xsäya'&iycmäm (ap. xmyadiyänäm) fortsetzt — auf 
indo-skythischen Münzen ist das Wort in seiner dreisilbigen 
Aussprache noch bezeugt als SAHIAN, s. Salemann GIrPh. la. 
269 — , zu sähän, sowie die des in Inschriften und auf Siegeln 
belegten yazatän 'Götter' (aus altiran. Hazatänäm) zu yazdün ; 
s. dazu Bartholomae ZumAirWb. 53 Note 1. 

3. Einen durchaus zwingenden Beweis für die angenom- 
mene lautliche Gleichheit des jAw. und des np. Worts vermag 
ich freilich nicht zu erbringen, insofern nicht etwa behauptet 
werden darf, daß das np. parvln gar keine andere Grundlage 
gehabt haben könne als die oben angesetzte. Aber bei allen 
etymologischen Fragen spielt doch eben auch die Augenschein- 
lichkeit eine recht erhebliche Rolle. Beide Wörter, das jAw. 
und das np. sind Sternbildnamen. Die Lautgesetze gestatten, 
sie einander gleichzustellen; also werden sie einander auch 
wirklich gleich sein. Wenn sich jemand dagegen sträube» 
sollte, die etymologische Gleichheit der Baumnamen lat. fägiis 
'Buche' und griech. qpäYÖc 'Speiseeiche' anzuerkennen, etwa 
unter Berufung auf die nicht ganz zusammenstimmende Be- 
deutung, so muß man ihn halt bei seinem Unglauben belassen; 
denn ein bindender Beweis für die Gleichheit der Wörter 
läßt sich nicht führen; die Anlautskonsonanten müssen eben 
einander nicht gleichwertig sein, insofern das lat. /*- idg. hh- 
(:ph-)\ dh- (th-); cjh- (M-)i), das griech. cp- idg. bh- (ph)'^ gh- 
(JdiY) fortsetzen kann.^) Die Zahl der Wortgleichungen, die 
gegen jede Zweifelsucht gefeit sind, ist nicht gar groß. 



\) Der labiovelaren Klasse. 

2) Ich benutze die Gelegenheit, die Frage öffentlich zu be- 
antworten, — privatim habe ich es sofort getan, — die OSchrader 
ZDW. 11. 7 (1909) oben an mich gerichtet hat. Schrader sieht nicht 
ein, weshalb es verwehrt sein solle, für den mukri-kurdischen Baum- 
namen öüz, den ich IF. 9. 271 f. mit lat. fägus^ ahd. buohha zusam- 
mengestellt habe, eine idg. Grundform mit uü- im Anlaut anzu- 
setzen, und er versteht es nicht, wie ich dazu gekommen bin, eine 
solche Grundform für "ausgeschlossen" zu erklären. Ich antworte 
darauf: Die Lautverbindung z^Ä ist nicht indogermanisch. 
Das hat schon Wackernagel ausgesprochen: AiGr. 1. 262. Ich 
begnüge mich hier mit dem Hinweis auf die Tatsache, ohne näher 
auf deren Ursache einzugehen, die mit dem Bau der indogerma- 
nischen Urwörter ("Wurzeln") zusammenhängt. Wenn das den Ver- 



Der indogermanische Name der Plejaden. 87 

4. Eine ganz erhebliche Unterstützung erhält nun aber 
die behauptete Etymologie des np. pamin durch den afgha- 
nischen Plejadennamen perüne. Vom jAw. Wort wissen wir 
nur, daß es ein Gestirn bezeichnet, nicht aber welches. Das 
at'gh. Wort hat genau die selbe Bedeutung, wie das np. Wort. 
Die Wahrscheinlichkeit, daß diese lautlich eng zusammen- 
gehören, ist somit an sich wesentlich größer. Aber die dort 
bestehende Möglichkeit — der Aufstellung einer gemeinsamen 
Vorform für das jAw. und das np. Wort — ist hier — für das 
np. und afgh. Wort — nicht vorhanden ^). Nichtsdestoweniger 
besitzt das afgh. Wort doch eine entscheidende Bedeutung. 

5. Wenn ich das Wort als afghanisch bezeichne, so will 
ich damit nicht mehr sagen, als daß es dem afghanischen 
Sprachschatz, und nur diesem, zugehört, nicht daß es ein 



fecVitern der osteuropäischen Urheimat der Indogermanen ungelegene 
kurd. büz aus dem Zusammenhang mit ahd. buohha usw., die auf 
idg. bho weisen, gelöst werden soll, so empfehle ich, für das b des 
kurdischen Worts eine Vorform mit bo (nicht bho) anzusetzen. Ein 
Beweis dafür, dass dieser Ansatz falsch sei, ist nicht zu erbringen. 

Und noch auf eine zweite Frage Schraders will ich hier ant- 
worten, die er Sprachvergl. und Urgesch.^ (1907) 2. 173 Hoops und mir 
vorgelegt hat: "Woher wissen die beiden Gelehrten, dass die ge- 
nannten Baumnamen' — nämlich griech. cpriyöc, ahd buohha usw. — 
'bei dem tatsächlichen Auseinandergehen ihrer Bedeutungen in der 
Ursprache den Sinn von 'Buche' gehabt haben ?" Hierauf antworte 
ich: Ich habe mein Wissen aus Schrader Sprachvergl. und Urgesch.* 
(1890) 395 und aus Schrader Reallex. (1901) 117 bezogen, Bücher, die 
dem Fragesteller doch nicht unbekannt sind. Dort habe ich gelesen: 
"Da . . . einerseits die ursprüngliche Bedeutung dieser Wortreihe . . . 
als 'Buche' feststeht, andererseits der griechische Bedeutungswechsel 
sich sehr einfach aus der Tatsache erklärt, daß . . .", hier: "Da . . . 
die vorhistorische Bedeutung dieser Wortreihe ... als 'Buche' fest- 
steht, so erhellt, daß die Griechen von ihr abgewichen sind". Jetzt 
lesen wirs freilich anders; jetzt schreibt Schrader Die Indoger- 
manen 157: ". . unsicher, weil ja die Urbedeutung 'Buche' wegen 
des griech. qpriTÖc 'Eiche' nicht feststeht". Es ist iedenfalls bemer- 
kenswert und auffällig, wie sehr sich bei dem selben Gelehrten die 
Wertung des griechischen Baumnamens qp^Yöc 'Speiseeiche' im Lauf 
der Jahre verschoben hat. Ich kann des Eindrucks nicht loswerden, 
daß es doch das kurd. büz gewesen ist, was den Umschlag herbei- 
geführt hat, für einen so "sehr unsicheren Kantonisten" (Schrader 
a. a. 0.) eine recht tüchtige Leistung. 

1) Von dem schließenden e des afgh. Worts, dem afgh. Femi- 
ninalausgang, sehe ich dabei selbstverständlich ganz ab. 



3rS Christian Bartholomae, 

afghanisches Echtwort sei. In der Tat scheint mir das höchst 
fraglich. Denn e in perüne ist doch offenbar durch i-Epen- 
these aus a — er aus ari ~ hervorgegangen. Diese Erschei- 
nung aber, im Neupersischen und in andern neuiranischen Dia- 
lekten ganz gewöhnlich, dürfte dem Afghanischen abzusprechen 
sein, Die "Spuren einer Vokalepenthese'', die Geiger GIrPh. Ih. 
210 für diesen Dialekt anführt, sind jedenfalls überaus unsicher. 

6. Wie dem nun auch sein mag, gleichviel ob das 
afgh. perüne echt oder entlehnt ist : auf alle Fälle verlangt es 
eine Vorform mit i in der zweiten Silbe, und zwar wegen des 
np. parvln eine solche mit rui (nicht mit r^), also *parui'^, 
worin das zwischen r und i eingepreßte u frühzeitig verloren 
ging; s. dazu Bartholomae WZKM. 25. 394. Dieser für afgh. 
perüne wegen np. parvin notwendige Ansatz leitet aber wieder 
hinüber zum jAw. paoiryaeinyas[ca, wofür — s. oben § 2 — 
eine Vorform "^paruii^ oder "^parui^ angenommen werden muß. 
So wird die in dem Beweis für die Zusammengehörigkeit der 
drei Wörter noch bestehende Lücke geschlossen. 

7. Das jAw. und das np. Wort gehen auf *paruiiam'^ 
zurück. Aber es ist nicht genau die Schnellform dazu — mit 
i statt ii — , die im afgh. Wort enthalten ist. Das afgh. -ün- 
weist vi^3lmehr auf altes -an- (vgl. Geiger GIrPh. Ih. 207). 
So erhalten wir für den Plejadennamen zwei im Ausgang von 
einander abweichende iranische Wörter: *paruiiain^ {*par- 
uiain^) und *paruian^. Wie erklärt sich dieseVerschiedenheit ? 

8. Wir finden im Jüngern Avesta neben paoiryaeini- 
noch einen zweiten Stern- oder Sternbildnamen gleichen Aus- 
gangs, nämlich tistri/aeinl-, enthalten im Akk. Plur. tistr- 
yaeinyas[caj der an der nämlichen Stelle wie jener, Yt. 8. 12, 
und außerdem Ny. 1. 8 bezeugt ist. 

9. aini- (jAw. aeinl) ist die femininale Stammform zu 
aina- {aSna-)j einem iranischen Adjektivsuffix von scharf aus- 
geprägter Bedeutung. Es bildet Adjektiva im Sinn von 'be- 
stehend aus — \ Stoffadjektiva wie 'steinern, silbern, hölzern, 
irden' usw.; vgl. die altiranischen Belege in meinem AirWb. 
1929/30a; dazu noch Hübschmann ZDMG. 41. 324. Ihnen 
gesellen sich nun noch die beiden als Sternnamen verwendeten 
femininalen Adjektiva zu, die AirWb. 1953/54 c unten verzeichnet 
sind: jAw. tistryaeim- und paoh'yaeim-. Bei beiden scheint 
dem Suffix eine durchaus abweichende Bedeutung zuzukommen. 



I 



Der indogermanische Name der Plejaden. 39 

10. Sicherlich beim ersteren. Denn tistryaena- (Fem. ^yaeint-) 
kann unmöglich 'aus tistrya- bestehend' bedeuten, da mit tistrya- 
ein bestimmter Stern, der Sirius, bezeichnet wird. So blieb denn 
nichts übrig, als das Wort im Sinn von 'zum Tistrya gehörig', 
im Femininum 'Gefährtin (od. dgl.) des Tistrya zu nehmen, 
also ganz so wie früher — mit Recht — bei der Wester- 
gaard sehen Lesung tistryenyas[ca\ darin durfte man das e auf 
altes ä zurückführen, so daß sich ein femininer Stamm auf äm- 
ergab, wie jAw. aÄ?^r^7ze-, 2a.varunänt-, aranyäni- usw., wegen 
deren Bedeutung man Pänini 4. 1.49, Benfey VollstGramm. 287 
§ 701. 5 und Whitney Gramm. ^ § 1223b, sowie unten § 13 ver- 
gleiche. Dadurch aber war es gegeben, auch den andern gleich- 
artigen Sternnamen (paoiryaeim-) in entsprechender Weise zu 
erklären, und da bot sich als bequeme Grundlage das Adjektiv 
paoirya- {= Sii. piirvyä-) 'der erste', das als Bezeichnung für 
den Sirius, der als hellster Fixstern in den iranischen Astral- 
mythen die hervorragendste Rolle spielt und zu Mx. 49. 5 tat- 
sächlich hinter den Sternen am Himmel der erste Stern' (hac 
stärahän i pa asmän fratoni stäraJc) genannt wird, vorzüg- 
lich zu passen schien. In Justis Hdb. 182 finden wir darum 
als Bedeutung des Worts verzeichnet: 'Genossin, des ersten 
Sternes (des Tistrya)\ Ich habe mich im AirWb. 876 dieser 
Herleitung angeschlossen, nicht zum wenigsten bestimmt durch 
das zu Yt. 8. 12 unmittelbar vorausgehende upa.paoirim, wo- 
mit ebenfalls ein Stern gemeint ist, und zwar, wie ich an- 
nahm, der Satavaesa als der 'auf den ersten — Tistrya — 
(dem Rang nach) folgende' Stern, AirWb. 390. Vgl. § 24. 

11. Wenn nun aber das jAw. paoiryaeinyas[ca richtig 
bezeugt ist — und dafür sprechen nicht nur die besten Hand- 
schriften, sondern auch, wie wir § 2f. gesehen haben, das 
np. parmn — , so kann die hergebrachte Erklärung des Worts, 
die Zurückführung auf paoirya- 'der erste', wegen der be- 
sondern Bedeutung des Adjektivsuffixes aina- nicht aufrecht- 
erhalten werden, außer unter einer Bedingung, nämlich, daß 
sich die Annahme begründen ließe, das Wort habe, nachdem 
sich seine eigentliche Bedeutung verdunkelt hatte, eine Ver- 
änderung seines ursprünglichen Ausgangs erfahren durch An- 
schluß an ein anderes Wort. Selbstverständlich nicht an ein 
beliebiges, sondern an ein zur selben Bedeutungsgruppe ge- 
höriges ; denn nur eben ein solches würde diesen Einfluß haben 



40 Christian Bartholomae, 

ausüben können. Daraus jedoch, daß die belegten Wörter 
für Tlejaden' zwei im Ausgang- verschiedene Grundlagen vor- 
aussetzen (s. oben § 7), ergibt sich, daß wir tatsächlich mit 
solcher Ausgleichung zu rechnen haben. 

1*2. Nun ist aber nur ein Wort nachgewiesen, dem das 
jAw. paoiryaeinl- seinen Ausgang verdanken könnte, das ist 
üstryaeini-. Dies jedoch kann ganz gewiß den fraglichen 
Ausgang nicht übertragen, es muß ihn selber vielmehr über- 
nommen haben ; s. § 9. Bei tistryaeim- steht die Bedeutung 
des dem abgeleiteten Adjektiv zugrunde liegenden Namens 
völlig fest; sie konnte auch den Iraniern selber niemals 
zweifelhaft sein. Für paoiryaeim- besteht diese Sicherheit 
keineswegs. Die hergebrachte Ableitung ist vielmehr als falsch 
aufzugeben. Da nun das Wort seinen Ausgang, der es als ein 
Stoffadjektiv bestimmt, nicht von andrer Seite her bezogen 
haben kann, so muß es eben auch, als es diesen Ausgang 
erhielt, wirklich als Stoff ad jektiv empfunden worden sein. 

13. Wir haben zwei im Ausgang verschiedene Stern- 
bildnamen anzusetzen, beide feminin und nur im Plural üblich : 
Histriiänl- und '^paru{i)iaini', ersteres eigentlich 'die Frauen 
des Tistria ^), letzteres 'die aus ^^ bestehenden' bedeutend. 
Die begrifflichen Beziehungen der beiden Wörter veranlaßten 
nun einen Ausgleich ihrer Ausgänge: so entstand einerseits 
jAw. tistryaeim-, anderseits afgh. perüne. 

14. Es war wohl das feste Vertrauen in die Richtigkeit 
der Deutung des jAw. paoiryaei7iyas[ca, die es verhindert 
hat, daß man nach etymologischen Verwandten in andern 
Sprachen Umschau hielt. Sonst hätte man sicher an den 
griechischen Namen des gleichen Sternbilds denken müssen, 
wenn schon er im Ausgang abweicht: TTXeidc, gewöhnlich im 
Plural gebraucht: TTXeidbec^). Sind doch die festen Bestand- 
teile des zugrund liegenden Nominalstamms — sofern man 
das iranische r gleich idg. l setzt, was ja ohne weiteres zu- 
lässig ist, — in beiden Sprachen bei gleicher Reihenfolge ge- 



1) Ob das jAw. tistrya- die uriranische Nainensform des Sterns 
unverändert fortsetzt oder nicht, darauf kommt es hier nicht an; 
vgl. dazu Bartholomae WZKM. 24. 149 Note. 

2) Das r\ des homerischen TTXriid6ec beruht nach WSchiilze 
Quaest. ep. 174 f. auf metrischen Gründen. — S. im übrigen GundeJ 
De Stellarum appeliatione 92 ff. 



I 



Der indogermanische Name der Plejaden. 41 

nau die gleichen: p, l, u, i. Der Unterschied besteht allein 
darin, daß das iranische Wort ein idg. ^paHuii (oder allen- 
falls *pluii^), das griechische dagegen *pleuii^ voraussetzt. 
Er ist bei weitem nicht so erheblich, daß er eine etymolo- 
gische Trennung der beiden Wörter erforderte. Solche Ver- 
schiedenheiten sind gerade bei w-Stämmen — und auf einem 
solchen beruhen doch wohl die Wörter im letzten Grund — 
keine Seltenheit; vgl. z. B. lat genu, griech. -f övu und goi. kiiiuy 
ferner griech. böpu und got. triu, die Walde LalEtWb.^ 243 
unter einer "Wurzel" dereuo- 'Baum' vereinigt. 

15. Im übrigen ist es gar wohl denkbar, daß die vor- 
handene Verschiedenheit erst dadurch entstanden ist, daß eins 
der beiden Wörter — allenfalls sogar alle beide — eine Um- 
gestaltung erfahren hat infolge einer volkstümlichen Zurecht- 
legung. Den überkommenen, aber unverständlich gewordenen 
Namen eines Sternbilds irgendwie auszudeuten: das mußte ja 
die Phantasie reizen. Neben dem homerischen ai TTXeidbec — 
Z 486, € 272; an beiden Stellen findet sich TTXr|idbac (am 
Versanfang); vgl. dazu § 14 Note — erscheint (schon bei 
Alkman) ai TTeXeidbec, d. i. 'die wilden Tauben'. Es liegt am 
nächsten, anzunehmen, daß sich der eine der beiden Namen 
auf dem angegebenen Weg aus dem andern herausgebildet 
hat. Ilberg bei Röscher LexGrßömMyth. 3. 2554 sieht in ai 
TTeXeidbec die ältere griechische Form des Plejadennamens. 
Das will mir nicht einleuchten. Das zeitliche Verhältnis der 
Wörter zueinander spricht doch eher gegen die Herkunft von 
TTXeidbec aus TTeXeidbec. Was sich mir aber besonders dagegen 
aufzulehnen scheint, das ist der Umstand, daß sich ja mit 
dem Namen ai TTeXeidbec eine ganz klare Vorstellung ver- 
band. Sollte man da nachträglich die Anschaulichkeit des 
Bilds durch Veränderung des Namens zerstört haben? Das 
wäre ein ganz ungewöhnlicher Entwicklungsgang. Anderseits 
ist es doch auch nicht angängig, TTXeidbec und TTeXeidbec als 
zwei ganz unabhängig voneinander vollzogene volksetymolo- 
gische Umgestaltungen einer dritten untergegangenen Wort- 
form zu fassen. Ich meine, das verbietet sich wegen des 
gemeinsamen Ausgangs, der bei diesem Wort doch gewiß nicht 
alt ist, vgl. § 17. Also wird eben doch die aus älterer Zeit 
bezeugte Namensform auch tatsächlich die ältere sein, wenn 
auch der Zeitunterschied kein großer ist. 



42 Christian Bartholomae, 

I6a. Aber auch dieses ältere TTXeidbec selber kann gar 
wohl erst auf einer Umformung beruhen. Der Name klingt 
an TiXeoc, TiXeToc Voir — das nach Prellwitz EtWbGrSpr.^ 369 
aus *Tr\r|Foc hervorgegangen ist — sowie an irXeuj 'schiffe' 
an. Beide Wörter könnten nach ihrer Bedeutung der Anlaß 
zur Umgestaltung einer früheren Namensform des Sternbilds 
gewesen sein. Die große Anzahl, die Fülle dicht zusammen- 
gedrängter Sterne ist ja ein bezeichnendes Merkmal der Ple- 
jaden: es bat, wie ich annehme (s. § 29), in jüngerer Zeit zu 
einer neuerlicben Umformung des Namens Anstoß gegeben. 
In der Tat führt ja eine der gangbaren Etymologien von 
TTXeidbec das Wort auf das Adjektiv TiXeToc zurück; vgl. Ideler 
Untersuchungen über den Ursprung und die Bedeutung der 
Sternnamen 144, wo diese Etymologie des Namens gebil- 
ligt wird, nach der "er einen gedrängten Sternhaufen (was 
Manilius IV. 523 unter glomerdbüe sidus versteht) be- 
zeichnen soll". Weiteres bei Gundel a. a. 0. 94. 

16b. Aber mindestens ebensogut kann TiXeiu für die 
Namensform der Plejaden verantwortlich sein. Die günstigste 
Zeit für die Seefahrt in den griechischen Gewässern ist die, 
solang die Plejaden am Himmel sichtbar sind. Ihr Aufgang 
kündigt den Beginn, ihr Untergang das Ende der Schiffahrt 
an. Und es hat ja ganz den Anschein, als ob der Zusammen- 
hang zwischen dem Plejadengestirn und der Schiffahrt im 
Namen des Sternbilds zum Ausdruck käme. Schon im Alter- 
tum hat man den Namen TTXeidbec zum Verbum TrXeiv 'navigare' 
gestellt, und B'roehde BB. 3. 6, WSchulze Quaest. ep. 174, 
Schrader Reallex. 827 u. a, sind neuerdings für diese Etymo- 
logie eingetreten. Ist aber nicht vielmehr das enge lautliche 
Zusammengehen der Wörter eine Folge des sachlichen Zu- 
sammenschlusses, eine Folge rationalistischer Volksetymologie? 
Man muß sich davor hüten, bei Wörtern solcher Art auf die 
etymologische Durchsichtigkeit zu bauen, da sie gar leicht 
durch jüngere Vorgänge vorgetäuscht sein kann. Ich meine, 
wir müssen bei methodisch richtigem Verfahren nicht nur mit 
der Möglichkeit, sondern mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, 
daß der griechische Plejadenname auf die nämliche Vorform 
zurückgeht — vom Ausgang sehe ich dabei selbstverständlich 
ab — wie der iranische. Diese gemeinsame Vorform aber 
dürfte dann mit *peluii^ anzusetzen sein ; vgl. unten § 23. 



r 



Der indogermanische Name der Plejaden. 43 

17. Was nun zunächst den Ausgang betrifft, so weise 
ich wegen des griechischen darauf hin, daß wir an der ein- 
zigen Iliasstelle, die den Namen der Plejaden enthält, Z 486 
TT\r|idbac 0'Tdbac le vorfinden, den Plejadennamen in un- 
mittelbarer Verbindung mit dem des Sternbilds der Hyaden. 
Diese Tatsache begünstigt die an sich schon naheliegende 
Vermutung in besonderem Maße, daß die bedeutungsverwandten 
Wörter im Ausgang einander angeglichen worden sind. 

18. Damit soll nun aber keineswegs etwa behauptet 
werden, daß der awestische Plejadenname den ursprachlichen 
Ausgang bewahrt habe im Gegensatz zum griechischen. Es 
ist vielmehr anzunehmen, daß der zugrund liegende gemein- 
same Name einfacherer Art gewesen und nachmals erst, da 
und dort in verschiedener Weise, ausgebaut worden ist. Da- 
für seheint mir, und zwar in entscheidender W^eise, eine weitere 
iranische Benennung des Plejadengestirns einzutreten. Im 
Neupersischen kommt neben dem gewöhnlichen parvln auch 
;parv vor. Wie das Metrum zeigt, ist das Wort einsilbig 
gesprochen worden, so daß als Vorform dafür ein zweisilbiges 
^paru^ (mit einem sonantischen Laut hinter u) anzusetzen ist; 
es genügt für die Echtheit des Worts und für die angegebene 
Aussprache auf den Sähnäma-Vers 164. 464 der Leidener Aus- 
gabe zu verweisen, den sowohl Asadi (Lughat- i- Fürs, ed. 
Hörn 114. 17) als ',Abdulkädir (Lughat-i-Sahnäma, ed. Sale- 
mann 50. 19 f.) als Beleg für das Vorkommen von paro im 
Sinn von parvln angeführt haben. ^) 

19. In engstem Zusammenhang mit dem np. parv steht 
meines Erachtens der Plejadenname bei den Balutschen, 
nbal. panvar, insofern ich annehme, daß dieser aus älterem 
*paru-an hervorgegangen ist. Die Verschiedenheit X und X-\-an 
bei gleicher Bedeutung ist nicht gerade selten; vgl. np. carm 
Teir : afgh. carman] nbal. daf 'Mund' : np. dahan; np. ha7id 
\Strick' : ooss.händän^), u.a.m.; vgl. noch Hörn GIrPh. 1 h. 103. 
Welches alte Paar dieser Art für *pa7'u — *paruan als Muster 



1) Zwei heimische Wörterbücher verzeichnen im gleichen Sinn 
auch parva, das die bekannte a(A:)-Erweiterung aufzeigt. 

2) Das erste und zweite Paar geht auf verschiedene Kasus- 
bildungen aus dem selben Nominalstamm, das dritte Paar auf ver- 
schiedene Nominalstammbildunffen aus der selben 'Wurzel' zurück. 



44 Christian Bar tholomae, 

diente, ist begreiflicherweise nicht festzustellen; s. noch unten 
§ 20. Wegen der "Metathese" von r und n könnte ich mich 
ja einfach auf rapB. kanäraJc, np. kanära 'Grenze' gegenüber 
jAw. Jcarana berufen; s. Salemann GIrPh. la. 269, Hörn 
GlrPh. 11). 98. Ich glaube aber, daß Umstellungen solcher Art 
doch eines besondern Anstoßes bedurften. Hier war er durch 
das Verbum mpB., np. Jcandan 'graben' gegeben; das Wort, 
das ursprünglich 'Grenze' überhaupt bedeutete, wurde als^Grenz- 
furche' gedeutet. Dort dürfte die Vertauschung von n und r 
durch einen andern auf -war ausgehenden Sternuamen ver- 
anlaßt sein; bei Jaba-Justi Dict. 90 wird nach Lerch als kur- 
discher Name eines Sterns — welcher damit gemeint ist, 
erfahren wir leider nicht — peivir verzeichnet. S. dazu 
oben § 11. 

20. Jenes für das nbal. panvar vorausgesetzte *paruan 
erschließt uns nun auch die Etymologie eines weiteren neu- 
persischen Plejadennamens, nämlich paran. Man kann die 
Gleichung aufstellen *paruan : paran = mpT. harv : mpB. har. 
Wie diese sind *paru {— np. parv) und *^«r Satzdoppelformen; 
vgl. Bartholomae WZKM. 25. 394. Das selbe Musterpaar aber, 
das *paru an erzeugte, hat auch par-an ins Leben gerufen; 
s, §19. 

21. Was bedeutet nun der indogermanische, im Iranischen 
und Griechischen bewahrte Plejadenname eigentlich? Oder, 
anders gesagt: Unter welchem Bild hat sich der auffällige 
Sternhaufen dem dargestellt, der den besondern Namen dafür 
geprägt hat? Denn daß auf diesem Weg, auf dem Weg 
naiver Vergleichung — "das sieht aus wie . ." — die ersten Stern- 
bildnamen erwachsen sind, gilt mir für zweifellos. So hat 
doch sicher auch das Sternbild Ursa maior seine verschie- 
denen Benennungen erhalten: Wagen, Bahre, Bär. 

22. Ich glaube nicht, daß es ungereimt ist, für den Ple- 
jadennamen an jene Wörter zu denken, die wir bei Solmsen 
KZ. 38. 443 f. zusammengetragen finden; s. auch Fick Vgl 
Wb.4 1. 83, 478 unter pelu, Brugmann Grdr.^ 2a. 201, Walde 

V LatEtWb.^ 595 unter pollen. Die Wörter, die ich im Auge 
habe, bedeuten 'Staub, Streu', weiter 'Mehl, Asche'. Mir scheint, 
es liegt ihnen als gemeinsame Anschauung die von wirr sich 
bewegenden kleinsten Körperchen zugrund. Nun vergegen- 
wärtige man sich einmal das Bild, das die Sonnenstäubchen 



Der indogermanische Name der Plejaden. 45 

gewähren. Ich meine, das unruhig glitzernde Bild der Ple- 
jaden mit den vielen engzusammenstehenden liehtschwachen 
Sternen steht dem recht nahe. Daß man aber in alter Zeit 
tatsächlich Sternhaufen mit wirbelndem Staub verglichen hat, 
dafür läßt sich aus Aratos Phainomena die Schilderung des 
Perseus anführen, von dem Vers 252 gesagt wird: 
i'xvia )ur|KiJV6i K€KOVi|uevoc ev Aü Trarpi, 
in Voss' Übersetzung: 'längt er den Schritt, hinstäubend in 
Zeus Lichthöhen, des Vaters'. Man nehme dazu die erläutern- 
den Bemerkungen des Scholiasten: K€KOVi|uevoc ' fixoi köviv ek 
Tfic CTToboO eTeipwv Kai "Ojuripoc Koviövxec Tiebioio Koviöjuevor 
Kai TOtp veqpeXoeibeTc eici Ttepi xouc Tiöbac auroO cucipoqpai Kai 
KOviopTuubeic äie xoO TciXaHiou kukXou yeiTviiuvTOc. Auf die 
darin vorkommende Verbindung veqpeXoeibeTc cucxpocpai Kai 
KOviopTuubeic, auf die cucxpocpai, die "aussehen wie" Nebel und 
wie Staubwolken, mache ich noch besonders aufmerksam. 
Und sollte nicht auch unser Ausdruck Heerstraße, der im 
Sinn des gewöhnlicheren Milchstraße gebraucht wird, auf dem 
Vergleich mit einem entfernten Straßenzug beruhen, der sich 
dem Beobachter als solcher durch wirbelnden Staub zu er- 
kennen gibt? Endlich mag noch darauf hingewiesen sein, 
daß nach von den Steinens Mitteilung, Unter den Naturvöl- 
kern Zentralbrasiliens 359, bei dem Volksstamm der Bakairi 
die Plejaden als "ein Haufen beiseite gefallener Mehlkörner" 
betrachtet werden. Die Plejaden als Staubkörner und die Ple- 
jaden als Mehlkörner — das ist gewiß kein großer Unterschied. 
Vgl. noch Gundel Pauly-Wissowa Realenzykl. 7. 562 unten. 

23. Alle bisher aufgezeigten indogermanischen Plejaden- 
namen lassen sich auf einen Nominalstamm *pelui- zurück- 
führen, der in lat. pulvis 'Staub' unversehrt erhalten sein kann ; 
-elu- wurde im" Lateinischen über -olu- zu -tdu-; der oft be- 
hauptete Übergang von -lu- in -U- ist nicht erweisbar; vgl. ins- 
besondere Solmsen KZ. 38. 437 ff. ; weitere Literatur bei Stolz 
LatGr.i 139 f. mit Note 7; dazu noch Walde LatEtWb.^ 783 ; 
zum ursprünglichen Stammausgang des lat. pulvis, pulveris 
s. Walde a. a. 0. 595. 

24. Auf idg. *pelui-s (oder eine andere zweisilbige Kasus- 
form aus jenem Stamm) geht das mp. "^paru zurück, das sich 
in np. pa7'v direkt fortgesetzt und zu ni^.paran und nbsil. pa^ivar 
die Grundlage abgegeben hat. Der selbe indogermanische Stamm 



46 Christian Bartholomae. 

ist aber auch weiter im jAw. upa.paoirmi enthalten (das wäre 
idg. *upopeluim), womit ein großer Fixstern 'in der Nähe des 
(himmlischen) Staubs' bezeichnet wird; ich vermute, der Alde- 
baran. 

25. Neben dem einfachen *parui.s wurde im Iranischen 
eine Ableitung daraus als Plejadenname üblich, das Stoff- 
adjektiv *paru{i)iaina-f eigentlich 'aus Staub bestehend', und 
zwar in dessen femininen Pluralformen, wie man aus dem 
Awestischen schließen darf, das eben allein die alten Aus- 
gänge bewahrt hat; so j Aw. paoiryaeinyas[caj mi^B. '^'pai'ven 
(bis jetzt noch nicht belegt), np. parvin'^ s. oben §4. Be- 
stimmend für Geschlecht und Zahl war ein anderer iranischer 
Sternbildname, das nur im Plural gebrauchte Femininum 
Histriiänl , s. § 13. Die beiden Sternbildnamen beeinflußten 
sich einander nicht nur in den Flexionsausgängen, sondern 
auch in der vorausgehenden Silbe, und zwar auf verschiedenen 
Sprachgebieten in verschiedener Richtung, wie einerseits das 
jAw. tistryaeinyas[ca, andererseits das afgh. perüne erkennen 
läßt; s. § 13. 

26. Auf einer volksetymologischen Umgestaltung des 
mitteliranischen Worts beruht mpB. parvez, np. parvez. Als 
man noch "^paruen sprach, mit e vor n, also in mitteliranischer 
Zeit, — das ^ in np. parvin gehört erst der neupersischen 
Periode an; vgl. Hübschmann PSt. 141; u. a., — stellte sich 
daneben *paruez (mpB. parvez, np. parvez) ein, weil man das 
Sternbild der Plejaden einem Sieb (vgl. np. parvezan) verglich. 
Dazu bedurfte es keiner ausschweifenden Phantasie^). 

27. Schwierig, aber nur wegen des Ausgangs, ist die 
Bestimmung des kurdischen Plejadennamens, der bei Jaba- 
Justi Dict. 86 verzeichnet und mit peirou umschrieben wird. 
Ein gleichartiges Lautbild gewährt das mukri-kurdische mertl 
bei Houtum-Schindler ZDMG. 38. 91 2). Das Wort bedeutet 
'Ameise', gehört also mit np. mör usw. zusammen; vgl. Bartho- 
lomae AirWb. 1152 mit der dort angeführten Literatur. Ich 



1) Bei den Bakairi (s. § 22 a.E.) sieht man im Sternbild der Zwil- 
linge die Löcher einer großen Flöte, und ebenso werden fünf 
Sterne im Perseus als Löcher gefaßt; s. vondenSteinen a. a. 0. 359 ff. 

2) In arabischer Schrift erscheinen für eirou und erü die 
gleichen Zeichen. Vgl. zur Aussprache des e OMann Mundart der 
Mukri-Kurden /. XLI. 



Der indogermanische Name der Plejaden. 47 

habe daselbst für das jAw. maoinm, Akk. Sing.^ 'Ameise' 
maurvay- als Stamoi angesetzt, dementsprechend würde jetzt 
für das jAw. upa.paoirim, gemäß der oben § 24 gegebenen 
Deutung, ein Stamm tipa.paurvay- anzusetzen sein. In beiden 
Wörtern hat man somit er {eir, er) über ari auf arui zurück- 
zuführen. Somit ist^er in kurd. perü Tlejaden' genau so wie 
im gleichbedeutenden ^.i^h. perüne entstanden; s. §5. Aber 
das ü des kurd. Namens kann keinesfalls mit dem ü des 
afgh. Worts in Beziehung gesetzt werden, das ja, wie wir 
oben sahen, auf altes ä zurückgeht. Man muß sich wohl die 
Entstehung von perü aus "^per ähnlich denken, wie die des 
w^. paran aus *j9ar; s. § 20. -ü ist im Kurdischen ein recht 
häufiger Nominalausgang. 

28. Der älteste griechische Name unseres Sternbilds 
TTXe(F)idbec (bei Homer TTXriidbec, s. § 14 Note) hat seine Um- 
gestaltung im Innern volksetymologischem Anschluß an das 
Adjektiv nXeoc oder wahrscheinlicher an das Verbum TrXeo) 
zu verdanken, während er den Ausgang von dem Sternbild- 
namen 'Ydbec geborgt haben wird; s. § 17. Ob dieser Name 
uralt ist oder nicht, ob er wirklich, wie man annimmt — 
doch siehe die Warnung in § 16 b — , etymologisch mit dem 
Verbum uei 'es regnet' oder aber mit dem Substantiv uc 
'Schwein' zusammengehört oder nicht, spielt dabei keine 
Avesentliche Rolle. Daß 'Ydbec hinsichtlich seiner Bildung 
einen altertümlicheren Eindruck erweckt als TTXeidbec, dürfte 
nicht zu bestreiten sein; man vergleiche die homerischen No- 
mina auf ab- bei LMeyer VglGramm.^ 2, 104 und 560. Und 
diese Tatsache genügt, die oben ausgesprochene Ansicht zu 
rechtfertigen. 

29. Daß man späterhin den Namen TTXeidbec, vom An- 
klang bestimmt, durch TTeXeidbec ersetzt und sich daran ge- 
wöhnt hat, im Sternbild einen Taubenschwarm zu sehen, 
wurde bereits oben § 15 erwähnt. Ein weiterer Name ist al 
TTeXeiai, der neben TTeXeidbec aufkam, im Anschluß an das mit 
TTeXeidbec gleichbedeutende TieXeiai, nur daß die Hochtonstelle 
des älteren Namens beibehalten wurde. Dieses ai TTeXemi ist 
meines Erachtens die Grundlage des neugriechischen \\ FTouXia, 
das von Hatzidakis EinlNeugrGr. 109 und von GMeyer Anal 
Graec. 20 (s. auch Thumb IF. 7. 36) verschieden gedeutet 
wird. Die von Hatzidakis befürwortete Annahme einer Vokal- 



48 Cliristian Barth oloinae, Der indogerm. Name der Plejaden. 

entfaltun^^ (ttouX- soll aus ttX- in TiXedc eiitstaüden sein) ist 
gewiß abzulehnen. Es scheint mir kaum zweifelhaft, daß die 
Lautgestalt des neugriechischen Worts ebenfalls wieder einer 
volksetymologischen Ausdeutung und Anlehnung zu danken 
ist. GMeyer verweist — allerdings in einem anderen Sinn, 
als ich es meine — auf id -rrouXid 'die Küchlein'. Diese Ver- 
knüpfung ist gewiß möglich. Bei uns wird Gluckhenne als 
Name der Plejaden verwendet, und das Bild einer Henne mit 
Küchlein schwebt auch den Plejadennamen anderer Völker 
vor; vgl. Ideler a. a. 0. (§ 16 a) 148, Grimm DMyth.^ 2. 607f. 
Man könnte aber bei der Fülle der im Sternbild der Plejaden 
zusammengefaßten Sterne auch an Anschluß an ttguXuc VieF 
denken. Auf der Einwirkung von ttouXuc beruht ganz selbst- 
verständlich die angebliche Anaptyxis eines ou in ngriech. ttouXi- 
OTEpoc neben uXiöiepoc (s. v. a. agriech. TiXeiüv) bei Hatzidakis 
a. a. 0. Wegen des Geschlechts — fi TToüXia 'die Plejaden', 
aber rd TiouXid Mie Küchlein' — scheint mir die letztere An- 
nahme doch noch überzeugender. Man vergleiche die Zu- 
sammenstellung femininer la-Nomina bei Thumb HdbNgrVolks- 
spr.2 50. Auf keinen Fall aber darf fi TiouXia vom agriech. nXeidc 
und von den gleichbedeutenden neugriechischen Wörtern OTiXeid^ 
dirXeid (bei Thumb IF. 7. 35) losgerissen werden, wie es Thumb 
a. a. 0. zu tun vorschlägt. Daß das fragliche neugriechische 
Wort, gerade wie die übrigen gleicher Bedeutung, die Laute 
p und l enthält, kann nicht einem bloßen Zufall zugeschrieben 
werden. 

30. Bei Schrader Reallex. 826 lesen wir: "Idg. Bezeich- 
nungen für einzelne Gestirne lassen sich, außer für Sonne 
und Mond (. . .) und vielleicht für den Bären . . . nicht nach- 
weisen". Das Ergebnis der vorstehenden Untersuchung dürfte 
sein, daß auch für die Plejaden bereits in indogermanischer 
Zeit ein fester Name geschaffen und verbreitet war. 

Heidelberg. 

Christian Bartholomae. 



Hanns Oertel, Über gTammat. Perseverationserscheiming-en. 49 



Über grammatische Perseverationserscheimmgeii. 

Unter grammatischen Perseverationserscheinungen sollen 
hier eine Gruppe von Aus- und Angleichungen verstanden 
werden, die rein äußerlich betrachtet unter die Kategorie der 
Analogiebildungen fallen. Es handelt sich bei ihnen erstens 
nicht um eine rein ideelle Verknüpfung zweier Vorstellungen 
und der sie begleitenden Wortbilder, wie sie so vielen Ana- 
logiebildungen zugrunde liegt, sondern um die tatsächliche 
Nebeneinanderstellung von Worten im Fluß der Rede^). 
Söderhjelm (Über einige Fälle sogenannter formaler Aus- 
gleichung, Mem. de la Soc. neo-philol. ä Helsingfors 1, 
1893, S. 339) nennt solche Analogiebildungen '^mechanische 
Ausgleichungen '. Zweitens zeigen sie die Eigentümlichkeit, 
daß ein schon gesprochenes Wort oder Wortelement ^) sich im 
weiteren Sprech verlaufe wieder so stark in den Brennpunkt 
des Bewußtseins vordrängt, daß es an Stelle des eigentlich 
zu sprechenden Elementes lautbar wird. Solche Fälle sind 



1) Auf diesen Unterschied hat Schuchardt Über die Laut- 
gesetze, 1885, S, 7 ('und wiederum beruhen die Analogiebildungen 
zum großen Teil nicht bloß auf ideellen, sondern auf einer tatsäch- 
lichen Nebeneinanderstellung von Wörtern; insofern können wir sie 
als eine höhere Ordnung von Assimilationen auffassen') und Literatur- 
blatt f. germ. und rom. Philol. 7, 1886, col. 81 ('ebenso ist der von 
mir erwähnte Unterschied zwischen faktischer und ideeller Neben- 
einanderstellung von Wichtigkeit') klar hingewiesen (vgl. auch seine 
Bemerkungen in Literaturbl. für germ. und rom. Philologie 23, 
1902, col. 396). Schon J. Grimm bemerkt 1857 (Über einige Fälle 
der Attraktion, Klein. Schrift. 3, S. 312 ff.): "Erscheinungen der 
Lautlehre sind denen der Syntax oft sehr ähnlich, gleich einzelnen 
Lauten . . . wirken auch einzelne Worte im Satz aufeinander hin, 
bald vor-, bald zurückgreifend." Vgl. auch Ziemer Junggramma- 
tische Streif Züge, 1883, S. 126. 

2) Unter 'Wortelement' verstehe ich hier nicht nur einen Laut- 
teil, sondern auch die dem Worte inhärierenden grammatischen 
Kategorien wie Kasus, Genus, Numerus, usw. 

IndogermaDische Forschungen XXXI. 4 



50 Hanns Oertel, 

von Mennger^)in seiner Klassifikation der von ihm gesammelten, 
für das Verständnis sprachlicher Vorgänge außerordentlich 
lehrreichen Sprachfehler sehr treffend als "'Nachklänge"-) be- 
zeichnet worden. Mit den regressiven Antizipationen haben sie das 
eine gemeinsam, daß sowohl hier wie da ein im Brennpunkte des Be- 
wußtseins stehendes Lautbild von einem nahe der Peripherie des 
Bewußtseinsfeldes liegenden Lautbild verdrängt wird, weil die 
Aufmerksamkeit vom fokalen Lautbild auf das periphere Lautbild 
abgelenkt wurde. Der Ablenkungsgrund aber ist den Perse- 
verationserscheinungen eigentümlich; er besteht nämlich bei 
ihnen in einer Hemmung, in einer Gebundenheit, in einem 
Haften und Kleben an einer einmal ausgeführten Tätigkeit 
oder Vorstellung. So stellen sich denn diese sprachlichen 
Nachklänge einer ganzen Reihe von ähnlichen Erscheinungen 
zur Seite ^), die von Psychiatern und Psychologen^) unter 
dem Namen 'Terseverationen" zusammengefaßt werden. In 
aphasischen Patienten zeigt sich diese abnormale Persevera- 
tionstendenz nicht nur in der Wiederholung vorher aus- 
gesprochener Wörter (Hughlings-Jackson's "temporary recurring 
utterance" Brain 2, 1879—80, S. 346), sondern auch bei nicht- 
sprachlichen motorischen Leistungen (Pick Areh. f. Psychiat. 
23, 1892, 896 — 902). Bei einem Patienten Sommers'^) 



1) Meringer und Mayer Versprechen und Verlesen, 1895, 
S. 44, 121; Meringer Aus dem Leben der Sprache, 1908, S. 54, 115, 
133, 139. 

2) Bawden A Study of Lapses, The Psychological Review, 
Series of Monograph Supplements, 3, Nr. 4, 1900, S. 99, 102 f., nennt 
Fälle wie classed hered (für classed here) "Persistent Transpositions", 
Fälle wie one of my one (für one ofmy own) "Persistent Substitutions". 

3) V. Södler Neurologisches Centralblatt 14, 1895, S. 958: 
"Bei Gehirnaffektionen verschiedener Art kommt es einzelne Male 
zu einer Störung im formalen Ablauf zerebraler Leistungen, die 
sich als Neigung kundgibt, eine eben vollzogene Funktion unmittel- 
bar oder kurz darai^f auch an g-anz unpassender Stelle zu wieder- 
holen. . . . Bei Gesunden gibt es eine gleichartige, nur quantitativ 
verschiedene Störung' bei einer bestimmten Art des sich Ver- 
sprechens." Vgl. auch W. Schaefer Über die Nachwirkung der 
Vorstellungen, 1904, S. 7. 

4) Vgl. die Literaturangaben bei Müller u. Pilzecker Ztschr. f. 
Psych, und Physiol. d, Sinnesorgane, Ergänzungsband 1, 1900, S. 60. 

" 5) Zur Lehre von der Hemmung geistiger Vorgänge, Allgem. 
Ztschr. f. Psychiatrie und psychisch-gerichtl. Medizin 50, 1894, S. 254. 



über grammatische Perseverationserscheiniingen. 51 

machte sich dieses Festhaften des einmal Vorgestellten in 
einer Neigung geltend, bei späterer Wiederholung einer 
Rechenaufgabe in der Antwort dieselben Fehler selbst noch 
nach mehreren Tagen zu wiederholen. Ähnliches hat Schneider ^) 
beim Altersblödsinn beobachtet. Aber auch die mit normalen 
Versuchspersonen angestellten psychologischen Experimente 
zeigen Beispiele derselben Perseverationstendenz. So bemerkte 
Aschaffenburg 2) in seinen Experimentellen Studien über Asso- 
ziationen Fälle, in denen bei einer Reihe von verschiedenen Reiz- 
worten das gleiche Reaktionswort mehrfach wiederholt wurde ^), 
und daß manchmal eine Reaktion nicht auf das dazu ge- 
hörige Reizwort, sondern auf ein anderes im Laufe des Ex- 
periments vorher vorgekommenes Wort erfolgte^). Gertrud 
Saling^) fand, daß manchmal das Festhalten am eben gehörten 
Reizwort eine Kontamination zwischen Reizwort und Reaktions- 
wort veranlaßte^). Eine ähnliche Kontamination erwähnt 
Kraepelin für die Traumsprache'). Müller und Pilzecker (Experi- 
mentelle Beiträge zur Lehre vom Gedächtnis, Ztschr. f. Psychol. 
und Physiol. d. Sinnesorgane, Ergänzungsband 1, 1900 S. 58 ff.), 
Schaefer (Über die Nachwirkung der Vorstellungen, Gießen 
1904) und Wreschner (Die Reproduktion und Association 
von Vorstellungen, Ztschr. f. Psychol. und Physiol. d. Sinnes- 
organe, L Abt., Ztschr. f. Psychol., Ergänzungsband 3, 
1907 — 09, S. 237 ff.) haben solche Wiederholungser- 
scheinungen eingehend besprochen; der zuletzt genannte 
Gelehrte gibt auch eine Klassifikation der von ihm beobachteten 



1) Über Auffassung und Merkfähigkeit beim Altersblödsinn, 
Kraepelins Psychol. Arbeiten 3, 1901, S. 467. 

2) Kraepelins Psychologische Arbeiten 1, 1896, S. 242—243. 

3) Z. B. wurde auf 'Heim', Track', 'Plüsch', 'Ohr' und 'Boot' 
mit 'Hut' reagiert. Vgl. Goett, Ztschr. f. Kinderheilk. 1, 1910, S. 253. 

4) Z. B. kamen in einem Versuche die Assoziationen 'Heer' — 
'Meer', 'Korn' — 'See' vor, wo 'See' nicht Reaktion auf das Reiz- 
wort 'Korn', sondern auf das perseverierende 'Meer' ist. 

5) Assoziative Massenversuche, Ztschr. f. Psychol. u. Physiol. 
d. Sinnesorgane, I. Abt., Ztschr. f. Psychologie 49, 1908, S. 253"(§7). 

6) Z. B, wurde auf das Reizwort 'Herz' mit 'Scharz' (anstatt 
'Schatz'), auf 'Mund' mit 'Mand' (anstatt 'Hand') geantwortet. 

7) Kraepelin Über Sprachstörungen im Traume, Kraepelins 
Psychol. Arbeiten 5, 1906, S. 13— 14. Anstatt 'im übrigen ist er noch 
mehrere Male eingeladen' sagte er ii 
noch mehrere Male erüberdernd'. 



52 Hanns Oertel, 

Perseverationen. An der Hand der von 0. Groß entwickelten 
Hypothese von der Sekundärfunktion i) kann man eine Er- 
klärung dieser Nachklänge versuchen. "Jedes nervöse Element", 
sagt Groß (S. 10), "dessen funktionelle Erregung (Primärfunktion) 
das Bestehen einer Vorstellung im Bewußtsein bedeutet, verharrt 
nach dem Austreten dieser Vorstellung aus der Bewußtseinsenge, 
also nach dem Ablauf seiner eigentlichen Funktion, noch längere 
Zeit im Zustand einer Nachfunktion (Sekundärfunktion) und diese 
Nachfunktion hat kein direktes Korrelat im Bewußtsein mehr". 
Groß führt dann aus, daß die Sekundärfunktion maßgebend 
für die weitere Richtung der Assoziationstätigkeit ist, d, h. 
für die Auswahl der fernerhin sich angliedernden Vorstellungs- 
reihen, und daß so die Gruppierung der Vorstellungen beim 
produktiven Denken und die Ordnung des eigentlichen Denkens 
(d. h. das Zustandekommen noch nicht vorgebildeter Vorstellungs- 
verbindungen) von der Sekundärfunktion beherrscht und ge- 
leitet wird 2). Wird daher die Sekundärfunktion an Intensität und 
Dauer herabgesesetzt, so wird dadurch die Fähigkeit des Indi- 
viduums, seine Gedanken in Abhängigkeit von der Ausgangs- 
vorstellung zu erhalten, reduziert, und das Resultat ist ein aberrie- 
render Gedankengang. Steigert sich hingegen die Intensität und 
Dauer der Sekundärfunktion, so hat dies eine Einengung in 
der Wahl der auf eine Anfangsvorstellung folgenden Asso- 
ziationsreihe zur Folge, wodurch die Elemente einer solchen 
Reihe in strikter Abhängigkeit von der Ausgangsvorstellung 
bleiben. Geht man nun einen Schritt weiter, so kann man an- 
nehmen, daß unter gewissen Umständen (z. B. durch Ermüdung) 
an einer oder der anderen Stelle eine Hemmung im Asso- 
ziationsprozeß eintritt. Diese Hemmung hindert dann die 
an dieser Stelle verlangte Vorstellung, die Schwelle des Bewußt- 
seins zu überschreiten, und an ihrer Stelle tritt die intensive 
Sekundärfunktion zum zweiten Male in die Bewußtseinsenge, 
d. h., mit Bezug auf Spracherscheinungen^ ein vorhergehendes 
Wortelement wird an falscher Stelle wiederholt. 

Die grammatischen Perseverationserscheinungen kann man 



1) Die Sekundärfunktion, Leipzig 1902. Vgl. K. Groos Das 
Seelenleben des Kindes, 1911, S. 112 ff. 

2) Vgl. A. Cook Unconscious Iterations, The Classical Review 
16, 1902, S. 146, 256. 



über grammatische Perseverationserscheinungen. 53 

in drei Gruppen^) sondern. Die erste Gruppe umfaßt die 
Masse der Momentanbildungen, wie sie die Sammlungen von 
Meringer bieten. Sie sind ganz individuelle Sprechfehler, 
Augenblicksbildungen, denen die sprachliche Permanenz gänz- 
lich abgeht, in denen man aber die Quelle und den Ursprung 
aller Perseverationserscheinungen sehen muß. Die zweite 
Gruppe bilden die auf Nachklänge zurückzuführenden Sprach- 
veränderungen, welche von der Sprachgenossenschaft voll- 
ständig akzeptiert worden sind und daher von der Grammatik 
einer bestimmten Periode als "regelmäßige" Bildungen registriert 
werden. Hierher gehört z. B. der Gebrauch der passiven Formen 
von coepi nach passivem Infinitiv^) und fürs Altlatein dieselbe 
Konstruktion bei den Hilfsverben 2:>0552^m, queo^ nequeo usw.; wahr- 
scheinlich auch der Gebrauch des Infinitivs an Stelle des Par- 
tizipiums im deutschen Typus 'es hat geschehen können' 3); 
weiter auch die Angleichungen des Kelativpronomens und 
andere von Ziemer*) unter dem Kamen ''formale Ausgleichungen" 
behandelte Erscheinungen ; ferner solche schon usuell gewordene 
Angleichungen wie die Attraktion in Vergleichen im Sanskrit 5) 
und eine Anzahl fest und usuell gewordener Modus- und Tempus- 
angleichungen. Im Gegensatz zu den Beispielen der ersten 
Gruppe sind die Fälle der zweiten Gruppe für eine be- 
stimmte Periode und Sprachgemeinschaft ganz usuell und 
bindend geworden. Zwischen diesen beiden Gruppen steht 
eine dritte. Sie umfaßt Fälle von Nachklangsangleichungen, 
die zwar nicht usuell geworden sind, andererseits aber aus 



,1) Natürlich sind die Grenzlinien zwischen zwei Gruppen nicht 
scharf gezogen, sondern mehr oder weniger fließend. 

2) Schmalz Syntax, 1900, §221 S. 338; Bennett, Syntax of 
Early Latin 1, 1910, S. 7. 

3) Ich folge der Erklärung Erdmanns (Grundzüge d. dtsch. 
Syntax, 1886, § 153, S. 110) und nehme als Ausgangspunkt dieser 
eigentümlichen Konstruktion eine wirkliche Angleichung des Par- 
tizips an. Die von Wunderlich (Der deutsche Satzbau 1, 1901, 
S. 240—247) und Ries (Anzeiger für deutsches Altertum 29, 1903, 
S. 29 — 30) besprochenen anderen Faktoren haben dann dieser An- 
gleichung Stabilität und allgemeine Annahme verschafft. Vgl. Söder- 
hjelm Mem. de la Soc. neo-phüol. a Helsingfors 1, 1893, S. 347—350. 

4) Junggrammatische Streifzüge, 1883, p. 67— 86. 

5) Pischel, Vedische Studien, I, 1888 p. 91—107 (vgl. Speyer, 
Vedische und Sanskr.-Syntax, p. 94 § 292; Keith, Journal Royal 
Asiat. Soc, April 1909, p. 432). 



54 Hanns Oertel, 

diesem oder jenem Grunde Lebenskraft genug besaßen, ihren 
Platz in der Überlieferung zu behaupten und sich in den 
Texten festzusetzen i). Diese dritte Gruppe bildet gewisser- 
maßen ein Übergangsstadium von den Augenblicksangleichungen 
der ersten Gruppe zu den fest fixierten und rezipierten Fällen 
der zweiten. Aber gerade deshalb sind sie nicht ohne Interesse 2), 
weil man an ihnen oft noch die Faktoren klar beobachten 
kann, die ihnen eine, wenn schon beschränkte Stabilität 
sicherten und sie gegen Normalisierung schützten. Im folgenden 
findet man einige derartige Fälle zusammengestellt^). 

Was zunächst Nachklänge von Deklinationsendungen an- 
geht, so hat kürzlich Oldenberg^) die von Wackernagel ^) 
monierte singulare Form sthatfn in dem RV. Verse I. 72. 6 
pagün ca sthätfn cdratham ca pähi ganz klar in diesem 
Sinne erklärt: "Der Dichter mag wohl in der Bahn des vor- 
angehenden pagün verharrt haben." Auch in gatruliatyäi 
der sakralen Formel (TA. VI. 5. 1) ürjäya jätyäi mama 
catruhatyäi sieht derselbe Gelehrte^) "eine der regellosen 
Augenblicksbildungen ; auf den Stamm qatruhatya ist ein dem 
vorangehenden jätyäi ähnlicher Ausgang gepfropft worden". 



1) Solche Fälle sind natürlich ganz verschieden von den 
Schreibfehlern der Handschriften oder der Inschriften, wie dYaGr) 
0uxr) (Nachmanson Athen. Mit. 32, 1907, S. 32); XPncTpr; (Wilhelm 
Beiträge zur griech. Inschriftenkunde, Sonderschrift des Österreich, 
archäol. Instit. 7, 1909, S. 309) ; oij K-xrwxa oü XPncou ßdpoc (Hermes 
40, 1905, S. 159); locis nach pravis interpretationibus im S. C. de 
sumpt. lud. glad. min. (Seelmann Vollmöllers u. Ottos Krit. Jahresb. 
üb. d. Fortschr. d. rom. Phil. 1, 1890, S. 45); öiaxeXoOiuev TroXuuüpoüvTec 
Kai {jjaOuv biet Tr*iv irpöc t6|u irardpa OiliAv (für f)|uuüv) ()7rdpxoucav Trpöc 
Töv i)|udTepov bniuGv Yvujciv (Athen. Mit. 30, 1905, S. 177). Vgl. L. 
Havet, Manuel de Critique Verbale, 1911, § 434, 484 ff., 495 f., 498 f. 
Derartige Versehen gehören der ersten Gruppe an. 

2) Auch für die Textkritik, die oft in Versuchung gerät, solche 
Unregelmäßigkeiten durch Emendation zu entfernen. 

3) Leider ist es fast unmöglich, solche Fälle systematisch zu 
sammeln; man muß sich auf 'Lesefrüchte' beschränken; anderen 
wird anderes aus der Lektüre einfallen. 

4) In seinem Rigvedakommentar, Abh. d. Gott. Ges. d. Wiss., 
N. F., 11, Nr. V, S. 76. 

• 5) KZ., 25, S. 287. 
6) ZDMG. 63, S. 293. 



über grammatische Perseverationserscheinungen. 55 

In der Appendix TA. X. 67. 1 und in fünf Handschriften i) 
der Mahän. Up. XIX. 2 (S. 20, 2) wird übereinstimmend der 
Text dhruväya hTiümäya sväha überliefert. In derselben 
Formel ließt PGS. II. 14. 10 hhäumäya, und das große Pet. 
Wb. scheint hliümäya als sekundäres Derivativum ohne Vrddhi 
(Whitney Skt. Gr. § 1209) aufzufassen. Leichter aber erklärt 
sich hhumäya aus Perseveration der vorhergehenden Dekli- 
nationsendung bei zwei eng verknüpften Wörtern (vgl. AV. 
XII. 1. 11 und 17 dhruvdm hhumimY). In der Brunnen- 
inschrift •^) '0 TTdv 6 Mr|V xaipeie Nuvcpai KaXai 1 ue Kue*) uTrepxvJe 
sieht Perdrizet im letzten Wort "sans doute une faute pour 
uTTEpKue" und emendiert dementsprechend. Dagegen hat 
üsener^) richtig geltend gemacht, daß 'fließe über' "wie ge- 
münzt für den Brunnen" ist. Aber anstatt mit üsener anzu- 
nehmen, "daß man für die Mystensprache dem Gleichklang 
mit üe zuliebe ein . . . x^€ wagte", wird man vielleicht lieber 
ursprünglich eine Perseverationsentgleisung annehmen. Diese 
wurde hier wie in den vorhergehenden Beispielen durch den 
Gleichklang ^) gegen Korrektur geschützt, wie sich z. B. das 



1) Die Hs. A hat dhruväya sväha ohne hhumäya. 

2) Die von Oldenberg (Abh. d. Gott. Ges. d. Wiss., N. F., 11, 
Nr. V, S. 415) akzeptierte Konjektur Aufrechts (KZ. 27, S. 610), der 
in RV. VI. 71. 6 {vämdsya hi ksäyasya deva) ksayasi zu lesen vor- 
schlug, setzt eine Nachklangsentgleisung voraus. 

3) Perdrizet, Bull, de Corresp. Hellen. 20, 1896, S. 79; vgl. 
auch Pottier in Darembergs und Saglios Dict. des Ant. 2, 1, S. 573, 
col 2, Anm. 682. 

4) In ue Kii€ hat schon Witte eine sakrale Formel der Eleusi- 
nischen Mysterien erkannt; vgl. Proclus in Timaeum (ed. Schneider) 
S. 293 c, S. 711, 24 und S. Hippolyti refutat. omnium haeresium (ed. 
Duncker und Schneidewin) V. 7, S. 146, 80. 

5) Rhein. Mus., N. F., 55, 1900, S.295f. 

6) Es ist bekannt, wie häufig Assonanz und Reim in den 
äcr]|aa Kai TroXucüXXaßa övö|uaTa (Luc. Menip. 9) der sogenannten 
'Eqp^cia YP^imuaxa und in anderen Zauberformeln sich findet, vgl. 
A. Dieterich in Fleckeisens Jahrbch., Supplementband 16, 1888, 
S. 769; Heim Ibid., Supplementband 19, 1893, S. 547; Audollent 
Defixionum Tabellae, 1904,. S. LXX. Über den Reim usw. in Zwil- 
lingsformeln R. M. Meyer Die altgermanische Poesie nach ihren 
formelhaften Elementen beschrieben, 1889, S. 240, § 12; K. Bruch- 
mann Psycholog. Stud. z. Sprachgesch., 1888, S. 140 ff.; Carolina 
Michaeli« de Vasconcellos Studien z. roman. Wortschöpfung, 1876, 



56 Hanns Oertel, 



alte Verbum nyllan im Neuenglisclien nur noch in der Reim 
formel 'will he, nill he' ('willy — nilly') erhalten hat^). Ob das 
singulare noltis in dem Verse actufum voltis empta est, 
noltls non empta est^) so aufzufassen ist, lasse ich dahin- 
g-eslellt. Aus Meringers Sammlung läßt sich am ehesten das 
Versprechen 'Mehreres Neucs'^) vergleichen ■*). 

Die von Meringer'^) aufgezeichneten Beispiele von nach- 
klingenden Suffixen zeigen alle Perseveration der Komparation 
wie 'etwas weniger länger'. Wenn Lessing (Laokoon IV. 2 
= S. 174, 7 ed. Blümner) 'die schmerzlichste, unheüharste 
Krankheit' schreibt, so erklärt Blümner (S. 529) den "an sich un- 
möglichen ^) Superlativ unheilbarst'' aus dem Bestreben Lessings, 
"den Begriff des schrecklichen Loses recht drastisch darzu- 
stellen"'}. So mögen solche Superlative gelegentlich entstanden 

S. 27. Parallelen aus der Kindersprache erörtert K. Groos Das Seelen- 
leben des Kindes, 1904, S. 86. 

1) 'It is quite possible for an expression to be started as a 
sub-conscioiis word-image but retained by a conscious appreciation 
of its jingle', A. Cook The Classical Review 16, 1902, S. 262. 

2) Zitiert von Diomed GLK. 1, S. 386, 19; vgl. Solmsen Stu- 
dien z. latein. Lautgesch., 1894, S. 54. 

3) Versprechen und Verlesen S. 51; vgl. 'Ah siehste wie de 
biste' (R Herzog Die vom Niederrhein, 1908, S. 388, 27). 

4) Wenn Johannes Schmidt (KZ. 36, 1900, S. 403) die kre- 
tischen Pluralnominative auf -6v aus Verbindungen wie äiuev 
^YvuuKÖTev herleitet, oder wenn Solmsen (Rh. Mus. 58, 1903, S. 602) 
vom Übergreifen der kontrahierten Form des Genitivs (tOuv) und 
der kurzen Dativ- pluralis-Form (toic) des Artikels auf das zugehö- 
rige Adjektivum spricht, so beruhen natürlich diese Erklärungen 
auf der Annahme von Nachklangsea'scheinun<^-en. 

5) Versprechen und Verlesen S. 51 ; Aus dem Leben der Sprache 
S. 71; ich füge zwei Verschreibungen zu: 'Two or three days ago 
the musical critical (für 'critic') of the Press' (New York Times, 
Jan. 24, 1909, S. 1, col. 1) und 'butchery and slaughtery (für 
'slaughter') at the battle of Cannae' in einer schriftlichen Examen- 
arbeit. 

6) Vgl. Tobler KZ. 9, 1860, S. 241. — Solche Bildungen sind 
von strikten Grammatikern oft gerügt worden, Servius ad Aen.II. 
642; XL 124; in The Gentleman's Magazine . . . for the year 1797, 
vol. 67, part II, S. 567 werden Gibbons und Blair wegen solcher 
'enormous solecisms' getadelt. 

7) Ganz ähnlich schreibt H. Miller in seinen First Impressions 
of England and its people 1, 1857 (zitiert im Oxford Dictionary) 
'the üreatest and most incurablv calamitous'. 



n 



über grammatische Perseverationserscheiniing-en. 57 

sein. Wo aber ein anderer Komparativ oder Superlativ un- 
mittelbar vorhergeht^), ist eine mechanische Nachklangsan- 
gleichung sehr ernstlich in Erwägung zu ziehen, zumal wenn 
man andere Suffixnachklänge vergleicht. So hat Wackernagel 
mit Bezug auf vmmvant in RV. VIII. 35. 14, dngirasvanta 
Uta visnuvantä martitvanta, darauf hingewiesen^), daß "bei 
der neuen Augenblicksbildung eines Adjektivs auf -vant aus 
visnu die benachbarten Adjektiva auf -vant von stärkerem 
Einfluß waren, als die sonst herrschende Gewohnheit hinter u 
die Suffixform -mant zu gebrauchen". In einer sakralen 
Formel liest TS. IV. 7. 2. 1 varimä ca me prathimä varsmä 
ca me dräghuyä, KS. XVIII. 7 varimä ca me prathimä var- 
smä ca me dräghvä, MS. II. 11. 2 (S. 141, 2) varimä ca 
me prathimä varsmä ca me dräghmä\ dagegen VS. XVIII. 4 
mit klarer Suffixwiederholung varimä ca me prathimä var- 
simä ca me dräghimä^). Das gleiche gilt von dem d-rrat 
\€YÖ)uevov hhagas statt hhaga in Ägv. GS. I. 23. 15 bhargo' 
me 'voco bhago me 'voco yaqo me 'vocah^). Hier ist jeden- 
falls hhagas durch Nachklang entstanden'^); konserviert wurde 
es einesteils des Gleichklangs wegen, andernteils weil Parallel- 
formen mit den Suffixen -as nnd -a nichts Unerhörtes sind^). 
ZweiniaH) gebraucht Sidonius ApoUinaris die Form Eeius^), 
aber in der Reihe Arelatensis Reiensis'^), AvenniocuSy Arau- 
sionensis quoque et Albensis (VI. 12. 8) wechselt das Suffix, 
und Reiejisis ist auch die Form in einer ähnlichen Aufzählung 
der civitates der Provincia Narbonensis in der Notitia Pro- 



i 



1) Vgl. Ziemer Junggramm. Streifzüge, 1883, S. 67; Söderhjelm 
Mem. de la Soc. neo-philol. ä Helsingfors 1, 1893, S. 340. 

2) KZ. 43, S. 280. 

3) Fay IF. 26, 1909, S. 38, Anm. 

4) In den Parallelstellen TMB., Äp.CS., MOS. und CCS. fehlt 
der Mittelstollen bhago me 'vocah. 

ö) Das P.W. erklärt: 'Einer Formel zu liebe gebildet.' 

6) Vgl. z. B. Äp.gS. XXI. 22. 6 bhargam te bhaksyämi mit 
MCS. VII, 2. 7, bhargas te bhaksyämi. 

7) Schulze Abh. d. Gott Ges. d. Wiss., N. F., 5, Nr. II, 1904, 
S. 7, Anm. 1. 

8) IX 9. 1 cum lieios advenerat und carm. XVI. 78 pridem 
lieios veniente. 

9) Luetjohanu in den Monum. Germ. Hist. schreibt im Texte 
Regensis, bemerkt aber im Index S. 445: 'Regensis (potius Rei- 
ensis)'. 



58 Hanns Oertel, 

vinciarum et Civitatum Galliae ^). Auch das unmittelbar auf 
luem folgende ruem. des Arvalliedes wäre man versucht hier- 
her zu stellen ^J, wenn die Wortteilung und Interpretation der 
ganzen Zeile klar wäre 3). Auch für die Wortschöpfung sind 
solche Perseverationen von Bedeutung. So ist augenscheinlich 
das von Gellius (III. 12) angemerkte hibosus des Laberius 
entstanden, denn der Vers lautet non mammosaj non annosa^ 
non hihosa, non rapax. Plautus bildet trahax in der Reihe 
procax, rapax y trahax (Fers. 410) und odiosicus, incommo- 
desticus^) in der Serie Molossici \ Odiosicique et multum in- 
commodestici\ Ben Jonson^) foolados in der Reihe 'your poets, 
and your potlings, your soldados and foolados'. Das anal Xetö- 
juevov patamgard in RV. IV. 40. 2 satyö dravö dravaräh 
patamgardh hat Oldenberg^) als Nachklangsbildung erklärt"^). 
Beispiele für die Perseveration des Genus hat Meringer^) 



1) Civitas Aqiiensium, c. Aptensium, c. Reiensium, c. Fori- 
uliensium, c. Vappincensium (Critica historico-chronologica in uni- 
versos annales ecclesiasticos . . . ßaronii . . . auctore R. P. Antonio 
Pagi, Antwerpen 1727, S. 537). 

2) Außer im Arvallied ist das Wort nur noch in sieben Glossen 
belegt. Wölfflin (Arch. f. lat. Lexikogr. 1, 1884, S. 355) denkt an 
absichtliche Angleichung, um eine Reiniformel zu erhalten. 

3) Es bleibt die Möglichkeit, daß gar nicht luem zu lesen ist, 
vgl. Bergk, Zeitschr. f. d. Altertumswissenschaft 14, 1856, col. 132; 
Buecheler Bonner Index schol. aest., 1876, S. 4 (in den Carm. epigr. 
1895 ist Buecheler freilich wieder zur alten Wortteilung zurück- 
gekehrt); Birt Arch. f. lat. Lexikogr. 11, 1900, S. 190; v. Grien- 
berger IF. 19, 1906, S. 156. 

4) Natürlich kann hier die Absicht des Dichters auch mit- 
gespielt haben. 

5) Every Man in his humour, Act. 4, sc. 1. 

6) Abh.'^d. Gott. Ges. d. Wiss., N. F., 11, Nr. V, S. 301. 

7) Es kann wohl nicht bezweifelt werden, daß der Ursprung 
für viele Beispiele des 'aplanissement de mots non apparentes qui 
offrent un sens oppose' (Nyrop Gramm, bist, de la langue fran- 
<?aise 1, 1904, S. 144, § 118, 4), die vollkommen und fest ins allgemeine 
Sprachgut ij bergegangen sind, nicht sowohl in der ideellen Ver- 
knüpfung der beiden Wörter, sondern in ihrer tatsächlichen luxta- 
position zu suchen ist; so daß z. B. romande für romane in der 
Phrase 'La Suisse allemande et romande' entstanden ist. Vgl. 
Wackernagel IF. 14, S. 374; Verf. American Journal of Philol. 
26, 1905, S. 94; Congress of Arts and Science, Univ. Expos. St. 
Loui« 1904, 3, 1906, S. 64. 

8) Versprechen und Verlesen S. 51 und Aus dem Leben der 



über grammatische Perseverationserscheinungen. 59 

in ziemlicher Anzahl aufgeführt. Hierher gehört wahrscheinlich 
das neutrale Diminutivum dcKepicKOv ^) vom femininen Grund- 
wort dcKe'pa, denn das Fragment (18) des Hipponax hat un- 
mittelbar davor zwei neutrale Diminutiva^) (böc x^^txTvav 'Ittttiü- 
vaKTi Kai KuirdcciKOV Kai cajußaXiCKa KdcKepicKa). Vielleicht 
erklärt sich so auch das eigentümliche feminine lasse in der 
erstarrten französischen Phrase de guerre lasse. Trotzdem 
das Adjektivum sich grammatisch nach dem Subjekte richten 
müßte, behält es hier ständig die feminine Form bei, z. B. Hls 
disaient non, mais apres de long discussions, de guerre lasse^ 
ils cederent ä mes instances'. Hatzfeld und Darmsteter in 
ihrem Dictionnaire General (s. v. guerre) sehen darin eine 
Hypallage, ähnlich scheint auch Littre in seinem Dictionnaire 
{^.Y. guerre) die Konstruktion aufzufassen: ^a locution repre- 
sente une figure hardie oü la lassitude est transportee de la 
personne ä la guerre: de guerre lasse^ la guerre etant lasse, 
c'est-ä-dire les gens qui fönt la guerre etant las de la faire". 
Mir scheint^) die Annahme einer Genusperseveration einfacher*). 
Das von Altenburg •'^) beigebrachte Beispiel aus Varro (L. L. 
V. 113), Purpura a purpurae maritumae colore, Poenicum, 



Sprache S. 70. Vgl. auch L. Frobenius Die Weltanschauung der 
Naturvölker, 1898, S. 391, 'als ob Schulze, Müller, Schmidt. X., Y., 
Z. denselben Sinn in das Wort gelegt hätten, das er darin 
suchen zu müssen glaubt'. 

1) Zum Genus der Diminutiva vgl. Brugmann IF. 19, 1906, 
S. 216—217. 

2) Vgl. W. Petersen Greek Diminutives in -lov, 1910, S. 202, 
Anm. 1. 

3) Eine andere Möglichkeit wäre die Annahme, daß sich in 
dieser erstarrten Formel die alte Aussprache des finalen s (wie in 
der Interjektion helas) erhalten habe, und daß lasse demnach nur 
orthographisch wäre; das ist Nyrops Ansicht (Grammaire Histo- 
rique 1, 1904, § 465, S. 414). 

4) In ganz ähnlicher Weise hat in dem französischen Orts- 
namen Beaune-la-Rolande das feminine Genus des ersten Teils 
des Kompositums auf den Namen des Besitzers Roland übergegriffen, 
"tombant naivement dans les filets du feminisme et ravalant ce beau 
vocable au niveau de Brive-la-GaiUarde" (A. Thomas, Nouveaux 
Essai de Philologie francjaise, 1904, S. 32). 

5) De sermone pedestri Italorum vetustissimo, Fleckeisens 
Jahrb., Supplementband 24, 1898, S. 514. 



60 Hanns Oertel, 

quod a Poenis primum dicitur allata zeigt gar keine An- 
gleichung, denn es heißt doch einfach Turpnr ist nach der 
Farbe der Purpurmuschel benannt, ein phönizisches Wort, weil 
die Phönizier sie zuerst gebracht haben sollen'. 

Für den Nachklang des Numerus gibt Meringer^) zwei 
Beispiele. Auch sorgsamen Schriftstellern laufen solche An- 
gleichungen unter und bleiben unbemerkt. So schreibt S. T. 
Coleridge^): 'How small the proportion of the defects are to 
the real beauties, I have repeatedly declared'; Macauly: 'The 
partition which the two ministers made of the powers of 
government were singularlj happy'; Mahaffy^): 'A careful 
study of the relätions of the Pergamene längs to their city 
and people disdose to me clearly'; Young'^): 'I do not believe 
that the verbal resemblance between the English lines and the 
Latin are sufficiently striking'. Aus Grimms Märchen notiert 
Steig (Herrigs Archiv 118, 1907, S. 26, 29) 'eure Pferde' für 
'euer Pferd' und 'ihnen ihre Rätsel' für 'ihr Rätsel'. Hierher 
gehört AV. XIX. 43. 7 äpo nayatii und Digha Nikäya IX. 7 
eka sannä uppajjanti (Lanman, Album Kern, 1903, S. 303). 
Fürs Lateinische ist der "Plural der Konzinnität"^) bekannt 
(Landes gratiasque hahemus). 

Perseverationen des Akzents finden sich in den von 
Meringer mitgeteilten Beispielen nicht. In der sakralen Formel 
ndmo yämyaya ca hsemyäya ca betonen alle vier Texte 
VS.XVI. 33; PS. IV. 5.' 6.1 (f); MS. IL 9. 6, S. 125,5; Käth. 
XVn. 14, S. 257,9) Icsemya (Whitney Skt. Gr. § 1212, d) für 
das gebräuchliche Jcsemyd (Whitney Skt. Gr. 1212, e), wofür 
schon das PW. das vorhergehende yämya verantwortlich ge- 
macht hat. In der Reihe reqisu meslsu väcisu (TS. III. 3. 3. 1) 



1) Versprechen imd Verlesen S. 51; Aus dem Leben der 
Sprache S. 70. 

2) Biographia Literaria, chap. XXII, dritter Absatz vom Ende. 
8) The Progress of Hellenism in Alexander's Empire, 1905, 

S. 100. 

4) The Origin and Development of the Story of Troilus and 
Chriseyde, 1908, Chaucer Society, S. 123. 

5) Draeger Hist. Syntax 1, 1878, S. 21, und die bei Sjögren 
Zum Gebrauch d. Fut. im Altlateinischen, Skrifter utg-. af K. Human. 
Vet.-S'amfiindet i Uppsala 9, Nr. V, 1904—6, S. 232, angeführte 
Literatur. 



r 



über grammatische Perseverationserscheiniingen. 61 

wird mesisu kaum etwas anderes als mesisu sein. In RV. 11. 
11. 15 trpdt sömam pälii drahydt zeigt drahydt (für drähyat) 
den perseverierenden Akzent von trpdt. So hat auch Leumann 
(KZ. 21, 1892, S. 23) den handschriftlichen Akzent von 
mmbTiavantah (QB. X. 4. 3. 10, pünaJi sdmhhavanti te sdm- 
bhavantah) aus dem vorangehenden sdmbhavanti erklärt, und 
Oldenberg (Abh. d. Gott. Ges. d. Wiss., N. F., 11, Nr. V, S. 145) 
weist auf die Möglichkeit hin, daß das zweite o.syd in RV. 
I. 143. 3 {asyd tvesä ajdrä asyd) "seinen Ton fälschlich vom 
ersten empfangen hat; vgl. etwa II. 4. 4; X. 14. 9". Ganz 
ähnliche Fälle sind AV. XIX. 9. 12 lohäs vedäs (für vedas)\ 
22. 8, 9, 10 pratJiamehliyas, dmtiyebhyas, trtiyebhyas (für 
-tiye-); 12, 13 uttamehhyas, uttarebhyas (für ütt-), vgl. Lan- 
man, Album Kern, 1903, S. 304 1). 

Der Nachklang eines Kasus kommt in Meringers Samm- 
lung einmal vor^). Ganz klar ist der von Altenburg^) an- 
gemerkte Fall im SC. de Bacchanalibus (21), neve inter ibei 
virei plous duobus muUeribus (für muUeres) plous tribus 
arfuise velent. WackernageH) hat so das Plautinische sed 
eccum Palaestrionem stat cum milite (Mil. 1290) gegenüber 
Plesidippus eccum adest (Rud. 844) erklärt. Analog ist ^B. 
IL 5. 1. 2 etä (nämlich praja) ha nv eva dvayir yajnavalkya 
uväca trayir u tu punar rcä, wo trayir grammatisch nicht 
wohl von uväca abhängen kann und eigentlich Nominativ sein 
müßte. Vergleicht man Stellen wie QB. IIL 1.3. 1, agnau hi 
sarväbhyo devatäbhyo juhvati mit QB. IL 3. 1. 19 yad agnäu 
('im Feuer') juTioti tad devesu ("den Göttern') juhoti, so wird 
man geneigt sein, den für einen Dativ vikarierenden Lokativ 



1) Man kann hier die Frage auf werfen, ob das usuell gewor- 
dene antamä (neben dntama\ das sich schon im RV. zweimal selb- 
ständig findet, nicht seinen Ursprung in einer faktischen Reihe (wie 
z. B. im CB. VI. 2. 1. 39 prathamdh . . . antamdh) hatte und dann 
erst durch die enge ideelle Verknüpfung mit prathamd, paramd, 
madhyamä fixiert wurde. Dasselbe gilt auch vielleicht für 'luthe- 
risch' (in der Reihe 'katholisch-lutherisch'; vgl. Vietor, Elem. d. Phon., 
1894, S. 280, Sütterlin, Die deut. Spr. d. Gegenwart, 1910, S. 95). 

2) Aus dem Leben der Sprache S. 70 : 'Es wird alles den 
Menschen, denen es angeht, viel ärger mitgeteilt'. 

3) Jahrb. für klass. Philol., Supplementband 24, 1898, S. 514. 

4) Vermischte Beiträge z. griech. Sprachk., 1897, S. 26. 



62 Hanns Oertel, 

devesu als NacbklangsangleichuDg anzusehen. Auch in QB. I. 
3. 3. 18 tasya hat 'väi 'te 'vaMpta hhavanü yasyäi 'tan 
anyän äliaranti paridhaya iti ist für den singulären Genitiv 
yasya mit Dativfuuktion bei ä-hr wohl das vorangehende 
tasya verantwortlich zu machen^). Aus dem Griechischen 
führe ich noch ein Beispiel an, das deshalb von Interesse ist^ 
weil es dem Dialog*-) seine Entstehung verdankt. In der 
Elektra des Sophokles 3) antwortet Chrysothemis auf Elektras 
dW ouv eTTicTUJ y' oi l^i' axiiLiiac d^eic (1035) mit diijuiac luev 
ou, TTpojuriÖiac b€ coO (1036) mit deutlich nachklingendem Ge- 
nitiv zunächst im wiederholten, dann auch im stark kontrastierten 
Worte ^). 

Dem Dialog gehören auch eine Anzahl von Modusnach- 
klängen •^) nach TTiuc ou, xi ou an, wo der erwartete Optativ 
mit av durch einen nachklingenden Indikativ verdrängt wird^). 
In 8oph. Elekt. 921 f. sagt Elektra: ouk oicG' öttoi ^r\Q oub' öttoi 
Tviujuric cpepr], worauf Chrysothemis antwortet, ttijuc b' ouk i^(xi 
KcxTOib' ä y' elbov ejucpavujc; ganz ähnlich Philoktetes (249 
■ — 250) ; ^Nestor : iJu tekvov ou yötp oTcGd ju' övtiv' eicopac ; 
Philoktes: ttOuc y^p Kdioib' öv y' eibov oubeTHJUTTOxe' ; bei 



1) Viel unsicherer ist CB. II. 5. 2. 41 tad yata eva sambhütä 
yatali samhhavanti tata (für tena) eväi 'tad uhhayato varunapägät 
präjäli pramuncatl 'tag co 'rdhvä itac cä 'väclh. Wenn man ^B. 
II. 5. 2. 7 etäir uhhayato varunapägät präjäh prämuncad itag co 
'rdhvä itag cä 'väclh vergleicht, ist man versucht an einen Nach- 
klang von yatah zu denken, vgl. aber CB. II. 5. 2. 16 mithunäd 
eväi 'tad varunapägät prajäh pramuncati mit ähnlichem instru- 
mentalem Ablativ. 

2) Über den Einfluß des Dialogs auf sprachliche Verände- 
rungen vgl. besonders Meringer Aus dem Leben der Sprache S. 55, 
59-61, 62—63; Jaberg Über die assoziativen Erscheinungen in der 
Verbalflexion einer südostfranzösischen Dialektgruppe, 1906, S. 106; 
Wunderlich Der deutsche Satzbau 1, 1901, S. 382. 

3) Vgl. Äzelius De assimilatione syntactica apud Sophoclem, 
Upsala 1897, S. 8, und die Herausgeber zur Elektrastelle. 

4) Vgl. 0. Weise Syntax der Altenburger Mundart, 1900, S. 60: 
A: 'Ist er bei euch gewesen?' — B: 'Ja, er ist bei euch (= uns) 
gewesen.' 

5) Für Modusperseverationen geben die Sammlungen von 
Meringer keine Beispiele. 

6) Vgl. Wilamowitz zu Eurip. Herakl. 280 (2, 1889, S. 106). 
Darauf und auf die folgende CatuUstelle hat mich Prof. Wacker- 
nagel aufmerksam gemacht. 



über grammatische Perseverationserscheinung-en. 63 



Euripides Phoeniss. (899 — 900): 'Tiresias: ßoOXei cu juevioi, 
Koux'i ßouXricei Tax«. Kreon : xai ttujc Traxpujav foiav ou ciücai 
6eXuj'; bei Xenophon, Oecou. XVIIl. 3, oukoöv, eqpri, toöto juev 
oTcöa ÖTi vTiolvjm dXoujci xöv cTtov, Ti b' ouk, ecpriv ifd), oTba; im 
Monolog findet sich dieselbe Angleiclmng in Euripides Herakles 
(280): i^Oj cpiXuL) |uev xeKva' ttüDc t^P oiJ 9i^u^- Catull schreibt 
LXI. 61 — 64: Nil potest sine fe, Venus j \ Fama quod bona 
comjjrohet, \ Commodi capere\ at potest \ Te volente, aber 
gleich darauf (71 — 74): Quae tuis careat sacris \ Non queat 
dare praesidis \ Terra finibus\ at queat \ Te volente. Ganz 
ungezwungen erklärt sich der Konjuktiv queat gegenüber dem 
parallelen potest als Perseveration; es wird ja nicht nur der 
Modus, sondern zugleich der ganze Verbalstamm des ersten 
queat wiederholt. Ganz derselben Art ist das von Friedrich 
in seinem Kommentar zitierte Beispiel aus Ovid (fast. VI. 41) 
tum me paeniteat posuisse fideliter iras \ In genus Electrae 
Dardaniamque domum [ .... (51) Sed neque paeniteat, nee 
gens mihi carior ulla est; auch hier ist mit der Wieder- 
belebung desselben Wortes der Konjunktiv zum zweite Male 
ins Bewußtsein gestiegen. Dasselbe gilt von Plaut. Mil. 370 
nunquam hercle deterrehor \ Quin viderim id quod viderim 
verglichen mit Mil. 345, volo scire utrum egon id quod vidi 
viderim und, mit Perseveration des Modus allein, von Ter. 
Adelph. 681, ita velim me promerentem ames, dum vivas, 
mi pater, wo Dziatzko-Kauer (1903) den Konjunktiv nach 
dum so erklären. Andere Beispiele geben Sjögren^) und 
Bennett 2). 



1) Zum Gebrauch d. Fut. im Altlat. S. 232—233 (Skrifter utg. 
af K. human. Vet.-Samf., Uppsala, 9, Nr. V). Aber in Cure. 484 
wird die von Leo und S. angenommene Angleichung des praebeant 
dadurch unsicher gemacht, daß die Hss. nicht vorsant, sondern vor- 
tant lesen. 

2) Syntax of Early Latin 1, 1910, S. 306— 311; auch S. 305 
g-ibt Bennett zu, daß manche Beispiele von dum c. coni. sich so 
erklären lassen; für Kud. 811 ni istunc istis invitassitis \ Usque 
adeo donec qua domum abeat nesciat i Peristis ambo hat Sjögren 
gewiß Recht. Dittmars extrem ablehnende Stellung gegen die 
'mechanische attractio modorum' als Erklärungsprinzip (Berliner 
Philol. Wochenschrift 25, 190.5, col. 919 ff.) kann ich ganz und 
gar nicht teilen; ich bin im Gegenteil davon überzeugt, daß man 
den Nachklangs- und Vorklangserscheinungen eine große Rolle zu- 



64 Hanns 0er tel, 

Für Tempusnachklänge ^) steht mir nur das von Ro- 
denbusch ^) angemerkte Beispiel aus Plautus Mil. 651, 
Plus dabo quam praedicaho ex me venastatis tibi, zur Ver- 
fügung^). 

Ein interessantes Beispiel für die Perseveration einer 
Wurzel ist die von Lanraan'*) besprochene var. lect. dreier 
Texte (PGS., MB., dazu noch Bhavadevjis Paddhati) in dem 
Verse AV. XIV. 1.45^). Alle drei lesen für abhito 'dadanta 
des AV. (mit unmöglichem sandhi) abhito tatantha. "We can 
see the probable occasion of the perversion, to wit, the oc- 
currence in the preceding päda of the words for 'spun , ^vove', 
'stretched web' (root tan)."^ In PGS. hat der Nachklang 
dieser Wurzel auch noch antän zu tantün umgestaltet. Ein 
ähnlicher Fall ist Adelph. prolog. 10 — 11: eum hie locum 
sumpsit sibi \ In Adelphos, verbum de verbo expressum ex- 
tulit: der Nachklang der Präposition in expressum hat das 
beabsichtigte^) transtuUt in extulit verändert^). Ähnlich ist 
in (JB. V. 4. 3. 23 net tarn loham anvavatisthäd yarii siisuväno 



zuweisen hat, anstatt bei jedem Falle prinzipiell eine innerliche, 
logische Interpretation des Modus zu fordern. Warum das einer 
'wissenschaftlichen Bankerotterklärnng' g-leichkommen soll, verstehe 
ich nicht. Psychologisch gerechtfertigt ist doch das eine Erklärungs- 
prinzip so gut wie das andere. 

1) Versprechen und Verlesen S. 51 ; Aus dem Leben der 
Sprache, p 71. 

2) De temporum usu Plaut, quaest. select., 1888, p. 47; Sjögren, 
S. 232; Bennett S. 45. 

3) In Ter. Adelph. 843 f., Pugnaveris \ eo pacto prorsum Uli 
adligaris filium, erklären Dziatzko-Kauer (1903) adligaris als dem 
pugnaveris angeglichen. Aber die Fälle, in denen das Futurum 
exactum auch außerhalb des Verschlusses (Schlossarek Temporum 
et Modorum Synt. Terent., 1908, S. 58) für das einfache Futurum 
gebraucht wird, sind doch zu zahlreich, um einen Nachklang hier 
irgendwie zu sichern (vgl. Bennett Syntax of Early Latin, 1910, 
S. 54 ff.). 

4) Harvard Oriental Series 8, 1905 (Whitneys Atharva Veda 
Translation), S. 794. 

5) Yö, äkrntann dvayan yäg ca tatnire \ yä devir äntän abhito 
^dadanta. 

6) Andria, prol., 14; Eunuch., prol., 32. 

7) Dziatzko-Kauer (1903) nehmen an, daß Terenz hier extulit 
wegen des Gleichklangs mit expressum wählte. 



über grammatische Persevorationserscheinungen. 65 

'nvamsfhclt die Praeposition anu vom ersten Verbum ins 
zweite versclüeppt worden. Hier handelt es sich um Verr 
änderungen, die durch Nachklänge hervorgerufen wurden. Daß 
aber auch die Wahl der folgenden Worte mitunter von den 
als Sekundärfunktion unter der Bewußtseinsschwelle fort- 
wirkenden vorhergehenden Worten oder Wortteilen beeinflußt 
wird, hat A. Cook in einem wenig beachteten, aber sehr an- 
regenden Aufsatz^) gezeigt. So wenn Homer (Od. XX. 56 — 57) 
unmittelbar nach dem Verse eure tov ottvoc €|uap7TT€, Xuiuv 
)Lie\ebrj)uaTa 0u|uoö den nächsten Vers mit dem Epitheton Xoci- 
lueXric beginnt. '^The use of the phrase Xuuuv jueXebii^aTa 
conjured up the [phonetic] ghost of itself — Xuci)LieXric — without 
conscious recognition on the part of the poet." 

Ein Beispiel für Perseveration der Wortfolge bietet die 
Endstellung des Verbums in dem mit je eingeleiteten Haupt- 
satze der parallelen Vergleichsätze mit je . . . je (= desto) j 
und zwar nicht nur in der dem Reimzwang unterliegenden Poesie, 
sondern auch im Dialekte, z. B. 'Was dr größer die Äpfel ge- 
rathen, was dr süßer sie schmecken'-) (Altenburger Mundart). 
Hier hat der Nachklang im engverbundenen, paralleln Satz- 
gefüge die alte Freiheit der verbalen Satzstellung ^) bewahrt. 

Zum Schluß will ich noch eine Art von Verschleppung 
berühren, die im Grunde zu den Perseverationserscheinungen 
gehört. Kemmer*) hat darauf hingewiesen, daß zwei antithetisch 
oft miteinander verbundene Worte die Tendenz haben, zu 
Zwillingspaaren zu verwachsen. Die Folge ist, daß manchmal, 
wo nur eins der beiden Worte am Platze ist, trotzdem das 
andere mit erscheint^). So in Soph. Antigone 1108 f.: iV it' 
ÖTtdovec, I o'i t' ovtec oi t' dTTÖviec, Elekt. 305: idc oucac xe 
)Lioi Kai TCic dTTOucac eXiTibac bieqpOopev, in AV. II. 15. 5^): ydthä 



1) The Classical Keview 16, 1902, S. 256—267. 

2) 0. Weise Syntax der Altenburger Mundart, 1900, S. 152. 

3) Erdmann Grundzüge d. deutschen Syntax, 1886, S. 104; 
Wunderlich Der deutsche Satzbau, 1901, S. 410. 

4) Die polare Ausdrucksweise in der giiech. Lit. (Schanz' 
Beiträge 15, 1903) S. 2, 45, 50, 57. 

5) Vgl. 0. Weise, Syntax d. Altenburger Mundart (Bremers 
Samml. K. Grammat. deutscher Mundarten 6), 1900, S. 59, § 87. 

6) Nachdem in Vers 1—4 die Zwillingspaare 'Himmel und 
Erde', 'Tag und Nacht', 'Sonne und Mond', 'hrdhman und ksaträ* 
aufgezählt worden sind. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 



66 Hanns Oertel, Über grammat. Perseverationserscheinungen. 

satydm cä'nrtarh ca nd hihhlfö nd risyatah. Im QB. I. 2. 4. 14 
liest man nun ya u eva yajamänaya 'rätiyati yag cai 'nam 
dvesti tarn eväi 'tad ebhic ca loJcäir ahhmidadhati. Das ca 
nach ehhic ist hier ganz überflüssig*^), auch von Eggeling in 
seiner Übersetzung weggelassen worden. Es stannnt aus den 
vorhergehenden drei Paragraphen (11 1 taut samruddhyäi 'bhig 
ca lokäir ahhinidhäsyämah; 12: tänt samruddhyäi 'bhig ca 
lokair ahMnyadadhuh\ 13: tänt samruddhyäi 'bhig ca lolcäir 
abhinidadhäti) wo es in satzverknüpfender Funktion ganz am 
Platze ist. So erklärt sich wohl auch eine in den Brähmana 
sehr häufige Iteration des Pronomens, z. B. QB. I. 1. 1. 11 
yad ahä 'sya te 'ksibhyäm iksante brähmanäh cugruvänsas 
tad ahä 'sya täir justam bhavati'^ III. 1.2. 19 yad evä 'syä 
'trä 'medhyä hrnatti vä väyati vä tad asya medhyam asat. 
Vgl. die Wiederholung des an ein Pronomen angelehnten hi, 
z. B. QB. I. 2. 5. 23 yad dhy asyäi Tcrüram abhüt tad dhy 
asyä etad ahärsit, I. 8. 1. 37 yad dhi devä havir jusante 
tena hi mahaj jayanti; des tathä in QB. III. 6. 2. 22 tathä 
yasmäl lokäd ägatäh smo divas tathä tarn loJcam prati- 
prajnäsyämah', und das redundierende dritte vä in QB. III. 
6. 2. 20 sa etesäm vyättam äpadyeta tam agnir vä 'bhidahed 
yo vä 'yam devah pagünäm iste sa vä häi 'nam abhimanyeta. 

New Haven, Conn. 

Hanns Oertel. 



1) Vgl. OB. I. 2. 4. 20 ebhi}' eväi 'nam etal lokäir abhini- 
dadhäti. 



F. K n a u e r , Der russische Nationalname u. die indogerm. Urlieimat. 67 



Der russische Natioiialname und die indogermanisclie 

Urheimat. 

Auf dem archäologischen Kongreß in Kiew 1899 habe 
ich einen Vortrag über den Ursprung des russischen National- 
namens gehalten, der in den Verhandlungen dieses Kongresses^ 
Bd. 2, Moskau 1901, in russischer Sprache gedruckt erschien. 
In dieser historisch-linguistischen Arbeit habe ich versucht 
den Nachweis zu liefern, daß der Volksname Rush rein sla- 
visch-russischen Ursprungs ist, auf den einstigen Wolgaoamen 
Rusa (Rush) zurückgeht und somit nichts anderes als 'Wolga- 
volk' bedeutet, woraus sich weiter ergab, daß die Wolga- 
gegend wohl auch die Urheimat der Indogermanen sei. Die 
Doppelgleichung daselbst, in die ich hier die griechischen 
Namen nebst russ. gen. Rsi von RhSh mit einfüge, nämlich 

idg. *rosä = skr. Rasa, altp. Raha, griech. 'Pä = russ. 7'osa 
Rosa Rosh {R^sh, gen. Rsi) 

idg. *ronsa = aw. Rafiha =■ russ. RusaRushy griech/Pujc, 
bedeutet 

a) linguistisch : Die Wurzelf orraen ros- und rus- in slavisch- 
russischen Wörtern, die irgendwelche Beziehung zu Wasser und 
Feuchtigkeit ausdrücken, gehören etymologisch zusammen und 
setzen die indogerm. Doppelwurzelformen *ros und '^rons vor- 
aus, also gleichwertige Wurzeln auf s mit und ohne vorher- 
gehenden Nasal. Weitere Beispiele und Andeutungen über 
ihre Vorgeschichte findet der Leser in der genannten Studie. 
Lassen sich also ros- und rus- etymologisch nicht trennen, so 
kann rus- nur einer idg. Wurzelform ^rons entsprechen, keiner 
anderen, da jede andere etwa im Ablautsverhältnis zu ros- 
stehende nasallose Wurzelform allenfalls nur bei einem u- 
Diphthongen ein u, dann aber sicher s vor einem dumpfen 
Vokal ein ch ergeben hätte, also nicht etwa Rusa, sondern 
-fRucha (vgl. ucha Tischsuppe', mucha 'Fliege' aus älteren 
fusa, fmusa gegenüber trus^ 'Feigling' aus frqsh, Hronso- 



68 F. Knauer, 

von Hrons aus Hroms- Hrom-s\ vgl. noch w. u.). Rusa (Rtish) 
und Eosa {Eosh, E^sh) sind an verschiedenen Orten des mitt- 
leren und nördlicheren europäischen Rußland vorkommende 
Flußnamen; es ist beachtenswert, daß sie weder im südlichen 
noch ganz nördlichen Rußland noch östlich vom Wolgagebiet 
auftreten. Es sind parallele Schwesternamen. Ihnen liegen 
parallele Wurzelformen *ros und "^rons zugrunde, die in der 
Urzeit bestanden, aber vielleicht schon in der indogermanischen 
Einheitszeit nicht mehr in Verbalformen voll lebendig waren. 
Sie standen in keinem Ablautsverhältnis zueinander, wohl 
aber konnte jede von ihnen eine Ablautsreihe für sich bilden, 
also etwa *ro5-, rös-, 7's einer- und *rons-, röns (Kontami- 
natiouswurzel aus *ro5- und *ron-Wurzeln) andererseits (resp. 
*ro5-, res , ron-j ren- usw.). Dabei ist Eosa, das, von ^ros 
abgeleitet, nach russischen Lautgesetzen hätte jEocha ergeben 
müsse», als von Etisa aus *rons, wo .s^ nach n lautgesetzlich 
ist, beeinflußt zu betrachten, so also, daß Eosa nicht etwa 
eine Rückbildung aus jEocha nach Eusa ist, vielmehr nur 
eine Parallelform neben letzterer aus urindogerm. Zeit dar- 
stellt, wo das s dank dem lautgesetzlichen s in Eusa erhalten 
blieb. Dasselbe Verhältnis läßt sich sogar für Wurzeln und 
Stämme auf s voraussetzen, für die in Einzelsprachen keine 
parallelen Formen mit vorhergehendem Nasal mehr nachweisbar 
sind, die jedoch unter der psychologischen Nachwirkung der 
letzteren ausgeschiedenen Schwesterformen ihr s bewahren 
konnten wie in slav. nehesa, ohne es überall zu müssen, vgl. Jiares 
neben nasus {y gl w.u.). Wie nun rusB.EosaiEosh) und skr. Easä, 
altp. Eaha ein idg. *rosä voraussetzen, so russ. Eusa {Eush) 
und aw. Eanha ein idg. *ronsa. Die Formen Eosh (daraus 
auch E^sh, Esi) und Eush (statt Eosa und Eusa) sind slavisch- 
russifizierte Formen einer späteren Zeit. Awest. nh hat seinen 
ursprünglichen Vollwert in ns oder msy in Eanha in ns'^ unter 
Analogiewirkung konnte später auch ein schlichtes s ein hh 
ergeben. Sind Eusa und Eanha nicht trennbar, so beweisen 
beide Formen, daß sie auf eine Wurzelform mit Nasal zu- 
rückgehen. 

b) geographisch : Die indoeranische Tradition spricht von 
einem Fluß skr. Easä, altp. Eaha, aw. Eanha, der sich im 
Urheimatsgebiet der Indoeranier befunden haben muß. Seine 
ursprünglich appellativische Bedeutung 'fließendes Wasser, 



Der russische Nationalname und die indogermanische Urheimat. 69 

Fluß' ist schon in Vorzeiten zu 'der Fluß', d. b. zum Eigen- 
namen eines bestimmten Flusses geworden. Dieser Fluß ist 
die Wolga. Darauf weisen das ptolemäiscbe 'Pä und das 
später bezeugte 'Piuc als Bezeichnungen der Wolga. Die F^rm 
'Pä entstammt dem persisch-eranischen Raha entweder direkt, 
oder, was vielleicht noch wahrscheinlicher ist, indirekt durch 
das wolgafinnische oder näher wordwinische Rhaw {Rhau, 
Rha oder Raw, Rem, Ra) hindurch, welches seinerseits als 
Lehnwort aus dem eranischen Raha zu gelten hat; gibt es 
doch überhaupt im Wolgafinnischen viele Lehnwörter aus dem 
Eranischen! In der uttotuttuücic YCuuTpaqpiac ev eTTiT0)ur|, deren 
Verfasser nach Ansicht einiger Agathemeros im III. Jahrhundert 
sein soll, deren Abfassungszeit aber jedenfalls nicht später als 
ins V. Jahrhundert n. Chr. fällt, steht der Wolganame Tuuc 
für 'Pä. Karl Müller, der Herausgeber dieser Verkürzten 
Geographie', hat nun gegen alle Handschriften dieses 'Püuc 
in 'Päc verwandelt und in seinen Text aufgenommen; Über- 
setzer wie Latyschew gaben es dann ohne Bemerkung ein- 
fach durch das ptolemäiscbe 'Pä wieder. Wie hätten aber der 
Verfasser oder die Abschreiber seines Werkchens 'Puuc neben 
dem allbekannten 'Pä resp. 'Pete schreiben können, wenn sie nicht 
aus einer anderen Quelle als Ptolemäus geschöpft hätten? 
Diese andere Quelle ist das Slavisch-Russische, 'Poic entspricht 
also der slav.-russ. Form Rush (aus Rusa, älter jRqsa = 
aw. Ranha = idg. ^ronsä ; über das byzantinische lu für altruss. 
nasaliertes q oder u vgl. noch w. u.). Auch arabische Schrift- 
steller kennen den Wolganamen Ros. Da sie vokallos schreiben, 
so läßt sich freilich nicht sicher bestimmen, ob sie i?o.s', Rös 
oder anders gesprochen haben; ich zweifle jedoch nicht, daß 
sie das slavisch-russische Rqsh oder Rush haben wiedergeben 
wollen. Durch die Wolganamen 'Pd eranisch-persischer und 
'Pu)c = arab. Ros slavisch-russischer Herkunft wäre also be- 
wiesen, dass L skr. Rasa, ap. Raha, aw. Ranha ursprüng- 
lich die Wolga bezeichneten und 2. die Wolga einst auch 
einen slavisch russischen Namen in Form von Rqsh, Rusb (aus 
Rqsa, idg. *ronsä) hatte. Die Form Rosh (aus Rosa, idg. *rosa) 
konnte daneben vorkommen, wäre aber den alten griechisch- 
römischen und arabischen Geographen unbekannt geblieben, 
wenn man nicht etwa annehmen will, daß gerade in dieser 
Form sich das arabische, nicht sicher lesbare Ros wider- 



70 F. Knauer, 

spiegele. Hieß die Wolga einst Rasa, Rusa, woraus später 
Rqsh, Rttsh, und Rosa, woraus sodann Rosh, R^sh wurde, so 
konnte bei weiterer Ausbreitung- des slaviscb-russischen Volkes 
dieser Name auch auf andere Flüsse übertragen werden, wie 
z. B. auf die Flüsse Rusa im Nowgorodseben und Rosh im 
Kiewschen Gebiete, wie ähnlich auch in Indien und Eran mit 
Rasa, Raha, Ranha geschehen ist. Eine solche Namens- 
übertragung von einem Prototyp ist schon darum anzunehmen, 
weil ja die appellativische Bedeutung des Wortes längst ver- 
gessen und das Wort zum Eigennamen geworden war, man 
also auch für weitere Flüsse Eigennamen brauchte und doch 
nicht immer bloss 'Fluß' sagen konnte. 

c) historisch: Hatte die Wolga einst den Namen Rusa, 
Rush, so konnte darnach sich auch ein Volk Rusy ('Russen') 
eigentlich 'Wolgabewohner' oder in Sammelnamenform Rush 
'Wolgavolk' nennen. Wie nun der Wolgafluß Rtish durch 
das 'Pujc der obenerwähnten 'verkürzten Geographie' und 
wohl auch durch das arabische Ros, so ist auch ein Wolga- 
volk Ros von arabischen Schriftstellern schon vor 713 nach 
Chr. bezeugt. Wie genauer der Vokal gelesen werden muß, 
läßt sich bei ihrer Schreibweise nicht sicher bestimmen (vgl. o.) ; 
kein Zweifel aber, daß ihr Ros als Volksname mit Tüuc und 
Rush als Volksnamen ebenso identisch ist, wie ihr Ros als 
Wolganame mit 'Poic (Po.) und Rush als Wolganamen. Den 
Wohnsitz des Wolgarussenvolkes verlegen die Araber, wie wir 
auch aus anderen allgemeinen Gründen erwarten konnten, 
näher an den oberen und mittleren Lauf der Wolga. Ihre 
Berichte über dieses Volk sind derart, daß sie, zum Teil 
wenigstens, auf Autopsie beruhen müssen. Offenbar haben sie 
da ein Volk vorgefunden, das sich Rush nach dem Wolga- 
namen Rusa, Rush nannte, wie sie etwas später auf das in- 
dische Volk Sindh am Indus stießen, das sich seinen Namen 
nach dem Fluß Indus geschaffen; wie also Sindh 'Indusvolk' 
bedeutet, so Rush 'Wolgavolk'. Über die Nationalität der 
Rush sagen die Araber nichts aus; sie scheiden bei nordischen 
Völkern nicht scharf, und so auch nicht zwischen Slaven und 
Germanen. Die Anhänger der skandinavischen Theorie, die 
sich kurz auch Normannisten nennen, wollen nun in dem 
Wolgarussenvolke, von dem die Araber reden, germanische 
Skandinavier erkennen, wie in dem Volke, das die Byzantiner 



Der russische Nationalname und die indog-ermanische Urheimat. 71 

als 'Puuc bezeichnen. Ist es höchst wahrscheinlich, dass Ger- 
manen nicht erst seit der Gründung des russischen Staates 
^übers Meer' aus Skandinavien kamen, sondern längst vorher 
auch schon im nördlichen Rußland bis zur Wolga hin, be- 
sonders durch Handel und Krieg, verbreitet waren, so stellten 
sie doch keine geschlossene Masse dar, weil sie sich sonst wohl 
bis auf den heutigen Tag daselbst erhalten oder wenigstens 
tiefere Spuren in der russischen Geschichte und Sprache hinter- 
lassen hätten. Will man daher sie im Wolgarussen volke ver- 
treten sein lassen, so haben sie jedenfalls nicht den Stamm 
desselben ausgemacht; diesen bildete vielmehr der slavische 
Teil, der noch jetzt seinen Namen Rush trägt. Ist dort an 
der Wolga die Wiege des von den Arabern überlieferten Volks- 
namens Ros zu suchen, so stammt von ebendaher auch das 
'Püuc der Byzantiner als slavisch-russischer Volksname, dann 
aber auch Rush als Nationalname der heutigen Russen. 

d) indogermanisch: Haben Inder, Eranier und Slaven 
einen gemeinsamen indogermanischen Namen für die Wolga 
gehabt, so haben sie einst auch an diesem Fluß gesessen, 
dann aber mit ihnen auch alle zum Satemkreis gehörigen 
Völker. Die östlichen Slaven, die ja heute noch der Wolga 
am nächsten stehen, hätten dann den idg. Flußnaraeu *Rosä 
oder *Ronsä in Flußnamenübertragungen wie die Inder und 
Eranier, außerdem aber noch in ihrem Nationalnamen Rush be- 
wahrt, weil sie, dem Zuge der übrigen Slaven nach Westen 
folgend, als letzte die urheimatliche Gegend des Wolgagebietes 
verließen- Ist damit die Urheimat der Satemvölker fixiert, 
so doch wohl auch die der Indogermanen überhaupt. Letztere 
Annahme, die ich ausgesprochen habe, ist zwar nicht not- 
wendig, hat aber doch mehr Wahrscheinlichkeit für sich als 
etwa die Voraussetzung, das Ursatemvolk könne von ander- 
wärtsher in die Wolgagegend gelangt und später von da nach 
vielfacher Verzweigung und Spaltung wieder verschwunden sein. 

Der Kühnheit meiner Kombinationen bewußt, hatte ich 
einen Sturm von Angrififen erwartet. Meiner Arbeit ist weit 
Schlimmeres widerfahren: man hat sie so gut wie ganz tot- 
geschwiegen, das bitterste Unrecht, das ihr angetan werden 
konnte und das sie in keinem Fall verdient hat. Nur die 
deutsche St. Petersburger Zeitung und der Globus haben mir 
Ehre erwiesen. Erstere brachte seinerzeit eine mit R. G, 



72 F. Knauer, 

gezeichnete Besprechung. Der Verfasser referiert in sichtlicher 
Freude über das Gebotene eingehend und trefflich, enthält 
sich aber aller Kritik und meint bloß, wie ich selbst geglaubt 
hatte, meine Darlegungen werden lebhafte Erörterungen für 
und wider hervorrufen, was leider nicht geschehen ist. Im 
Globus, Jahr 1901, Bd. 80, S. 245 ff, verhält sich der mit W. 
unterzeichnete Rezensent ablehnend. Er berichtet kurz, im 
allgemeinen gut, nicht aber überall ganz richtig; nebenbei be- 
schleicht ihn gute Laune, wie z. B. das in Klammern bei- 
gefügte 'Matuschka Wolga' beweist, das von ihm, nicht von 
mir stammt. Das ist nicht übel; schlimm für mich aber sind 
seine Mißverständnisse. So gleich im Einleitungssatz, wo er 
sagt: ''Die gegen die Anhänger der sogenannten 'skandinavi- 
schen Theorie' von russischen Gelehrten leidenschaftlich ver- 
fochtene Annahme von der slavischen Abstammung der Grün- 
der des russischen Reiches hat im Verfasser obiger Schrift 
einen neuen Vertreter gefunden" usw. Welch ein grausames 
Mißverständnis! Ich habe bloß die slavische Herkunft des 
russischen Nationalnamens zu erweisen gesucht, nicht aber auch 
die slavische Abstammung der Gründer des russischen Staates. 
Das ging aus der Überschrift, dem ganzen Inhalt meiner 
Arbeit und meiner Schlußbemerkung unzweideutig hervor. Die 
Gründer des russischen Reiches waren auch meiner Meinung 
nach zweifelsohne Germanen; daraus aber folgt noch lange 
nicht, daß dann auch der russische Volksname germanischen 
Ursprungs sein müsse. Das ist eben das Proton pseudos der 
Normannisten wie übrigens auch ihrer Gegner, die als Anti- 
normannisten im Sinne von Anhängern der slavischen Theorie 
bezeichnet werden, daß sie Namen und Person in Kausal- 
nexus bringen, statt sie als zwei verschiedene Dinge ausein- 
anderzuhalten (vgl. w. u.). Die sachlichen Einwände des Autors 
beschränken sich auf folgendes: "Durch die Ableitung des 
Namens Rasa, Raha, Ranha, 'Pä, Pmc sowie der in Rußland 
verbreiteten Rosa usw, von einer indogermanischen Wurzel 
ros, rons schwächt der Verfasser selbst die Beweiskraft seiner 
mit großem Aufwand von Gelehrsamkeit verfaßten Abhandlung 
ab. Die Häufigkeit dieser appellativischen Bezeichnung von 
einer )/, die auf Feuchtigkeit, Wasser hinweist, sowie die 
weite Verbreitung derselben von Indien bis zur Rus (,in Ost- 
preußen), Rhein, Rhone lassen die Zurückführung der ver- 



Der russische Nationalname und die indog^ermanische Urheimat. 73 

schiedenen Namen auf denjenigen eines einzelnen bekannten 
Stromes sowie die daran geknüpften Schlüsse nicht annehm- 
bar erscheinen. Welcher 'hehre Strom' hätte dann als erster 
von den zahllosen Achen, Auen usw., von den drei Aa in Liv- 
und Kurland bis zum Minnehaha (Lachendwasser) in Amerika 
diesen Namen von der ]/ ah 'VVassef angenommen und dann 
auf alle übrigen ^übertragen'?" Auch hier geht es nicht ohne 
Mißverständnisse und Schiefheiten ab. Lassen wir Minnehaha, 
Rhein, Rhone und selbst das ostpreußische Rus beiseite, deren 
Namen etymologisch und geschichtlich verschieden gedeutet 
werden können und deren Einbeziehung in unsere Rushhsi^Q 
der Verfasser allein verantworten mag, so bietet für Namen- 
übertragungen gerade Aha, Achen, Aa usw. keine unebene 
Parallele zu Rasa, Raha usw. Aa geht bekanntlich auf ahd. 
(westgerm.) aha (nicht etwa got. aha) zurück. Bei aha 
'Wasser, fließendes Wasser, Quell, Fluß' nach einer deutschen 
]/ ah^ zu fragen, wäre im Hinblick auf got. aha, lat. aqua in 
gleichen Bedeutungen überflüssig, ja falsch, da man allenfalls 
nur nach einer indogermanischen Wurzel forschen könnte. 
Doch das ist hier nicht wichtig; wichtig aber ist zu wissen, 
dass aha. einerseits häufig in Verbindung mit Ortsnamen zur 
Bildung von Fluß- oder Bachnamen (resp. darnach benannten 
Ortsnamen) auftrat und zuletzt zum reinen Suffix -ah (Salzaeh, 
Schwarzach), ja bloß -a (Schwarza, Fulda) herabsank, anderer- 
seits aber auch allein für sich als Fluß- oder Ortsname (Achen) 
erscheinen konnte (vgl. ähnlich lat. aqua, aquae). Hierdurch 
ging die appellativische Bedeutung verloren; aha wurde also 
zu Aha, d. h. zum Eigennamen und in Zusammensetzungen 
sogar zum bloßen Suffix. War aber einmal die appellativische 
Bedeutung des Namens vergessen, so konnte bei seiner weiteren 
Verbreitung nur noch Übertragung stattfinden. Welches nun 
die erste Aha war oder ob gleichzeitig mehrere auftauchten, 
läßt sich freilich schwer bestimmen; a priori müssen wir eine 
erste annehmen und wäre sie auch nur um einen Tag älter 
als eine andere; jede andere kann aber dann auf Nachahmung 
oder Übertragung beruhen. Doch nicht hierauf liegt das Ge- 
wicht, sondern darauf, daß die erste Aha im althochdeutschen 
oder westgermanischen Gebiete zu suchen ist, wodurch der 
Ausgangspunkt für alle ^Aha' geographisch genau fixiert wird. 
War aber der Typus Aha auf althochdeutschem Gebiet ge- 



74 F. Knauer, 

schaffen, so konnte daran sieh auch der Typus Aa (Ati, Auen) 
in Mittel- und Norddeutschland, in Liv- und Kurland, in 
Dänemark und sonstwo der dortigen Sprachformenentwicke- 
lung- gemäß anschließen; denn daß 'Aa^ sich parallel und 
unabhängig vom ahd. 'Ahä' gebildet haben soll, ist doch höchst 
unwahrscheinlich. Somit beruhen alle ^anamen auf Über- 
tragungen und können nicht auf appellativiseher Grundlage 
unabhängig voneinander ins Leben getreten sein. Eben das- 
selbe wollte ich auch für Rasa, Raha, Ranha, 'Pä, 'Pil'c, Rusa, 
Rush und Rosa, Rosh nachweisen, daß sie, die einst wie 
aqua und aha 'Wasser, fließendes Wasser, Fluß' bedeuteten, 
schon in Urzeiten zu Eigennamen geworden waren. Eines 
Wurzelansatzes bedurfte ich vor allem zur Erklärung der ver- 
schiedenen Formen dieses Flußnamens, weniger zur Feststel- 
lung seiner appellativischen Urbedeutung, die ja schon aus 
den Flußnamen Rasa, Raha, Ranha erkenntlich war. Es 
ist das von mir mit Nachdruck hervorgehoben worden und 
hätte den Verfasser abhalten sollen, mit dem Vergleich 'Aa' 
bis 'Minnehaha', den er hätte besser verwerten können, meine 
Folgerungen in Mißkredit zu bringen. 

Immerhin war auch der Olobusartikel eine Freude für 
mich; ist er doch ein Lebenszeichen! Warum hat man sonst 
über zehn Jahre geschwiegen? Man hat in dieser Zeit vieles 
Minderwertige angezogen und besprochen; enthält meine Ar- 
beit nichts Besseres, so hätte man das doch festlegen sollen. 
Dicke Bücher sind vorhanden, in denen die Urheimat der 
Indogermanen zum Gegenstand von Betrachtungen gemacht 
wird. Diese Betrachtungen kommen selten über Allgemein- 
heiten hinaus. Wenn es mir nun gelungen wäre, ein urindo- 
germanisches Flußgebiet genau zu bestimmen, hätte dann 
das nicht mehr Gewicht als alle anderen allgemeinen Argu- 
mente zusammengenommen? Pflegen doch geographische 
Namen feste Grenzpunkte darzustellen. Ein Ortsname ist 
übertragbar wie jeder andere Name; der Ort selbst aber 
bleibt natürlich an der alten Stelle und wandert nicht wie 
Pflanzen, Bäume, Früchte, Kornarten, Metalle, Vögel, Tiere 
und Menschen; er bildet also immer einen sicheren Ausgangs- 
punkt. So muß denn auch ein Flußbeweis, wenn er geführt 
werden kann, weit mehr in die Wagschale fallen, als z. B. 
der beliebte Buchenbeweis. Warum mußte 'Buche' von Haus 



Der russische Nationalname und die indogermanische Urheimat. 75 

aus die Buche sein, die wir kennen, warnm konnte es ur- 
sprünglich nicht Speiseeiche (qpriYÖc) bedeuten? Wenn letzteres 
möglich ist, und ich halte dafür, dass es das wahrscheinlichere 
ist^ so bedarf es keiner Linie zwischen Königsberg und der 
Krim, um die Buchenregion für die indogermanische Urhei- 
mat in Anspruch zu nehmen. Ist mein Nachweis für die 
Wolga nicht gelungen, so bezog er sich doch auf einen Land- 
strich, den auch andere Forscher aus anderen Gründen als 
indogermanische Urheimat betrachten, der innerhalb der mög- 
lichen engeren Grenzen des indogermanischen Gebietes liegt 
und der in physikalischer Hinsicht mindestens so gut wie Nord- 
deutschland und jedenfalls noch besser als Südrußland alle 
Bedingungen für einen urindogermanischen Kulturfortschritt 
erfüllen konnte. Schon darum hätte meine Abhandlung Beach- 
tung verdient. Enthält sie Utopisches, Dinge, die weder be- 
weisbar noch verweisbar sind, so steht sie nicht schlimmer 
da als Bücher, Abhandlungen, Artikel und Bemerkungen, die 
die indogermanische Urheimat, also etwas, was nach Ansicht 
mancher utopisch ist, fixieren wollen. Und doch werden sie 
viel und gern erwähnt, hervorgehoben und gepriesen; nur 
meine Arbeit sollte nicht einmal der Erwähnung wert sein? 
Das Schweigen muß äußere und innere Gründe haben. Zu 
den äußeren rechne ich z. B. den Umstand, daß meine Arbeit 
russisch gedruckt ist, sie also nur wenige Nichtrussen lesen 
können, sowie daß sie in einem sehr dicken Bande von Ab- 
handlungen erschienen ist, den nur Kongreßmitglieder, die 
Vorträge vorgelegt hatten, unentgeltlich erhielten, der aber 
anderen nur für teures Geld, also schwer zugänglich war und 
ist. Immerhin war ich in der Lage, eine Reihe von Abzügen 
an russische und solche nichtrussische Gelehrte, die mut- 
maßlich Russisches lesen, versenden zu können. Unter diesen 
Gelehrten waren Sprachforscher und Historiker, Vertreter der 
russischen Geschichte, Sprache und Literaturgeschichte, der 
slavischen und germanischen Philologie. Keiner von ihnen 
mit Namen hat öffentlich Notiz von meiner Arbeit genommen. 
Die meisten mögen keinen Anlaß dazu gehabt haben ; Privat- 
äußerungen, die mir hinterbracht worden sind, weisen aber 
doch auch auf innere Gründe, die zum Schweigen veranlaßten. 
Einige zeugen von Mißverständnis, einige von Unverstand; 
andere von Verständnis, aber Einseitigkeit, und wieder andere 



70 F. Knauer, 

von Unkenntnis der einschlägigen Grundfragen. Darnach ver- 
wechselt einer, wie der obenerwähnte W., Nationalnamen- 
und Reichsgründerursprnng. Ein Germanist und guter Linguist 
hält meine linguistische Beweisführung für 'tadellos', will aber 
als Normannist meinen historischen Resultaten nicht bei- 
pflichten. Ein russischer Historiker vermag den linguistischen 
Teil nicht zu beurteilen, kann sich aber persönlich mit meinen 
geschichtlichen Ergebnissen befreunden, seiner Meinung nach 
jedoch nicht die gegenwärtige russische Geschichtsforschung, 
die abendländisch gerichtet sei, d. h. die die Urheimat der 
Slaven in Zentraleuropa, womöglich im Herzen alter deutscher 
Lande sucht und dies trotz Tacitus! Ein Linguist macht 
Zugeständnisse, ohne die nötigen Konsequenzen daraus zu 
ziehen; ein anderer findet meine Auseinandersetzungen höchst 
interessant, weiß aber sonst nichts zu sagen. Auf dem letzten 
Orientalisten-Kongreß in Kopenhagen 1908 teilte mir ein 
Eranist gelegentlich mit, daß er in seinen Vorlesungen schon 
seit lange lehre, die Rasä^ Eaha, Ranha sei kein anderer 
Fluss als die Wolga. Meine Arbeit kannte er nicht. Da er 
russisch lese, erbat er sie sich von mir und versprach, mir 
seine Meinung otf'en zu sagen. Diese wäre mir um so wert- 
voller gewesen, als er sich mit Etymologien von eranischen 
Ortsnamen viel abgab. Ich habe vergeblich auf eine Antwort 
gewartet. Auch H. Hirt erhielt rechtzeitig einen Abzug. In 
seinen 'Indogermanen' verweist er bezüglich der verschiedenen 
Theorien über ihre Urheimat auf 0. Schrader; damit war 
er der Mühe enthoben, auf meinen Versuch, wenn er ihn über- 
haupt lesen konnte, aufmerksam zu machen. Am über- 
raschendsten für mich kam Schraders schweigsames Ver- 
halten. In der zweiten Auflage seiner 'Sprachvergleichung 
und Urgeschichte' hatte er die Urheimat der Indogermanen 
hart an die Wolga verlegt und in 'Pä sogar den indogerma- 
nischen Namen für diesen Fluß erkennen wollen, indem er 
ihn von si^ev, sru = peuj = skr. sru abzuleiten geneigt war. 
Freilich war diese Ableitung mehr als kühn, so daß selbst 
ein A. Weber, der es mit Etymologien nicht allzu genau zu 
nehmen pflegte, Anstoß daran nahm; aber zur Urheimat war 
er meiner Ansicht nach auf dem richtigen Wege. Da glaubte 
ich denn, ihm mit meiner Erklärung eine besondere Freude 
bereiten zu können. Er liest Russisch und erhielt meine Ab 



Der russische Nationalnaine und die indogermanische Urheimat. 77 

handlung. Darnach erschien die dritte Auflage seines Buches. 
Alle möglichen und unmöglichen Theorien über die urindo- 
germanische Heimat werden hier wie früher vorgeführt; nur 
meiner wird mit keinem Wort gedacht! 

Aus allem könnte man den Schluss ziehen, dass es nichts 
mit meiner Arbeit ist und ich unklug handele, wenn ich sie 
von neuem vorschiebe. Noch aber habe ich eine bessere 
Meinung von ihr. Man greife mich öffentlich an; ich werde 
mich verteidigen und erst dann ergeben, wenn ich unentrinnbar 
gefangen bin. Ich will behilflich sein mich zu fangen, indem 
ich im folgenden die wichtigsten Punkte anführe, w^o man 
einzusetzen hat; die Gelegenheit einer gewissen Vorverteidigung 
und Weiterführung lasse ich mir dabei freilich auch nicht ent- 
gehen. Da ist: 

1. Die linguistische Frage. Ich habe sie in meiner Arbeit 
eingehend behandelt; dort wolle man nachlesen und prüfen. 
Ein Beispiel wie Wz. es kann ich preisgeben. Steift man sich 
auf Nebendinge, so trifft man nicht die Hauptsache. 'Über 
das indogermanische s im Slavischen' belehrt uns Pedersen 
IF. 5, 33 ff. Seine Regeln über Verwandlung des inter voka- 
lischen s in dt erscheinen kompliziert, da er vom vorher- 
gehenden statt nachfolgenden Vokal ausgeht; doch verfolgt 
er damit Zwecke, die uns hier nicht berühren. Für erhaltenes 
intervokalisches s ergibt sich aus seinen Beispielen eine Haupt- 
regel, wonach s da erhalten blieb, wo ihm ein Konsonant vor- 
hergegangen war. Das gilt auch für ns und ms, wie denn 
selbst Pedersen hierauf bezüglich ausdrücklich hervorhebt: 
"Es kann nicht zweifelhaft sein, daß das antevokalische 5 nach 
n und m lautgesetzlich geblieben ist" (S. 57), auch, können wir 
hinzufügen, wenn n und m wie im Russischen geschwunden 
sind und eine Spur allenfalls nur im vorhergehenden Vokal 
gelassen haben, soweit dieser einer Veränderung unterliegen 
konnte. Erweitern wir aber den Satz dahin, daß dieses laut- 
gesetzliche s erhaltend auch auf das nasallose a der Schwester- 
und Verwandtschaftsformen wirken konnte, so bieten wir eine 
gute psychologische Erklärung für manche rätselhafte Fälle 
wie z. B. auch für nosh 'Nase' und das als typisch angeführte 
slovese. Bei ersterem kommt Pedersen S. 45 ff. in große 
Verlegenheit und mit letzterem weiß er S. 48 nichts anzufangen. 
Nehmen wir es aber mit dem Nasal in aw. nmh- ernst 



78 F. Knauer, 

und setzen wir für das Urindogermanisclie die Doppelformen 
7ias- und näs- einer- und na7is- und näns- andererseits, die nach 
Form und Bedeutung als Schwesterpaare bezeichnet werden 
können, so erklärt sich das s in nosr, als Folge des Einflusses 
des s in *nans-, auch wo letztere Form wie im Slavischen 
keine Verwendung erhielt. Und wenn bei s- und ?i-Stämmen, 
die wir als Verwandtschaftsformen ansehen dürfen, Konta- 
mination auf idg. ns in Frage kommen, woäu Awesta und 
Sanskrit besonderen Anlaß geben, so konnte das Urslavische 
die W6'-Formen zugunsten der reinen s-Formen aufgegeben, 
dafür aber das intervokalische s dieser Formen erhalten haben. 
Ähnlich konnte es so auch in anderen Sprachen geschehen, 
wenigstens anfänglich. Wenn hier s- und /^ Stämme Konta- 
minationstämme auf ns ergeben konnten, so auch s- und n- 
Wurzeln Kontaminationswurzeln auf ns (aus ns und ms). Wenn 
ich daher sage, dass solche 7is-Formen aus urindogerm. Zeit 
zur Erhaltung des s der reinen ^-Formen in Einzelsprachcn 
nachwirken konnten, so braucht das nicht mystisch zu klingen 
(vgl. zur Frage auch Johansson BB. 18, 1—55). Wem es 
gelingt, ros- und rus aus Ablautsverhältnissen ohne Nasal 
zu erklären, hat meinen Wurzelansatz *rons umgestoßen, nicht 
aber auch, was geographisch und historisch aus Rosh und Bush 
folgt. Wer die Flußnamen Eosa (Eosh) und Eusa [Eush] 
etymologisch zerreissen will, hat solches als berechtigt zu er- 
w^eisen; ebenso, wer den Nationalnamen Eush mit ihnen nicht 
in Verbindung bringen möchte. Hält einer sie gar nicht für 
indogermanisch und schreibt ihnen etwa finnischen Ursprung 
zu, so hat er das nicht bloß geographisch und historisch, 
sondern auch etymologisch darzutun. Gelingt es ihm, so fällt 
meine ganze Arbeit dahin. Die Flußnamen 'Pä und Tiuc be- 
trachte ich als Bindeglieder; wer sie nicht als solche aner- 
kennt, hat ein Anderes ebenfalls etymologisch, geographisch 
und historisch zu beweisen. In allen Fällen genügt es nicht 
bloß zu sagen, meine Darlegung sei nicht überzeugend; es 
muß überall der Gegenbeweis erbracht werden, soll ich mich 
für besiegt erklären. 

2. Die Warägerfrage. Sie ist in meiner Abhandlung 
bloß am Ende leicht gestreift worden, hatte aber ein ein- 
gehendes Vorstudium von mir verlangt. Auch der Angreifer 
muß mit ihr genügend vertraut sein. Sie hat eine grosse 



Der russische Natioiialiiame und die indogermanische Urheimat. 70 

Literatur gezeitigt und wogt noch immer. Kein Zweifel, die 
Waräger, die Gründer des russischen Staates, waren Germanen, 
näher Nordgermanen. Von historischen Zeugnissen abgesehen, 
spricht dafür allein schon ihr und ihrer Fürsten germanischer 
Name. Mit Recht fussen darauf die Normannisten, und man 
muß bloß staunen, dass die Antinormannisten diese Tatsache 
auf ganz vage Vermutungen hin bestreiten. Schon anders ge- 
staltet sich die Aufgabe, wenn man fragt, woher diese Waräger 
kamen und welchem nordgermanischen Stamme sie angehörten. 
Der russische Chronist Nestor läßt sie 'übers Meer' aus 
Skandinavien "berufen'. Sein Zeugnis, das die Normannisten 
allzu wörtlich ausschlachten und ihre Gegner mit noch größerem 
Unrecht ganz verwerfen, kann hier ebenso auf verschobener 
Tradition beruhen, wie sein Zeugnis über die skandinavische 
Herkunft des russischen Nationalnamens. Schon Vilh. Thomsen 
läßt in seinem berühmten Büchlein 'Der Ursprung des russischen 
Staates' 1879 Germanen am Finnischen Meerbusen und weiter 
ins Land hinein längst vor Gründung des russischen Staates 
ansässig sein. Weitere Forschung hat seine auf gewisse An- 
zeichen gegründete Vermutung bestätigt. Wie weit nach 
Osten diese Germanen sich ausgedehnt hatten, ob etwa bis 
ans Knie der Wolga bei Kasan, in welcher Dichtheit, ob sie 
ureingesessen waren und somit als östlichste Germanenreste 
aus indogermanischer Zeit zu betrachten sind, oder ob sie in 
Vorzeiten aus Skandinavien dahin gelangt waren: das sind 
andere Fragen, die uns hier nichts angehen. Es genügt fest- 
zustellen, daß die Waräger, die nach Nestor im Jahre 862 
den russischen Staat gegründet haben, unmittelbare alte Nach- 
barn und abwechselnd Freunde und Feinde der Slaven in Ruß 
land gewesen sein können und nicht erst 'übers Meer' zu 
kommen brauchten, um, wie Nestor charakteristisch sich aus- 
drückt, 'Ordnung' zu schaffen und den Grund zum festen 
russischen Staatswesen zu legen. Von wo aber auch die Waräger 
gekommen sein mögen, für uns hätte das hier keine besondere 
Bedeutung, wenn man damit nicht auch die Frage nach der 
Herkunft des russischen Nationalnamens in Verbindung brächte. 
3. Die Eushh'äge. Auch über sie ist gar viel geschrieben 
worden. Sie ist von der vorigen gesondert zu behandeln. 
Die Antinormannisten, die die Waräger nicht einmal als Ger- 
manen gelten lassen wollen, suchen den russischen National- 



80 F. Knauer, 

nanieii aus dem Slavischen zu erklären. Alle ihre dahin- 
zielenden Versuche, die freilich meist von linguistisch unge- 
bildeten Historikern herrühren, sind als gescheitert zu be- 
trachten. Darob brauchen dieNorniannisten nicht zu triumphieren; 
denn auch ihre Bemühungen, den Namen aus dem Germanischen 
herzuleiten^ sind als mißlungen anzusehen. Sie sind den 
ersteren gegenüber wohl etwas im Vorteil: sie haben für sich 
1. die Tatsache, daß Germanen es waren, die den Grund zum 
russischen Staate gelegt, und 2. das direkte Zeugnis Nestors, 
wonach es einen Warägerstamm Rush gab, dem die ersten 
Beherrscher des russischen Reiches entsprangen und von dem 
auch der russische Volksname herrühre. Auf diese Weise 
würde sich 'Rußland' erklären wie Trankreich' und 'England'. 
Diese Erklärung^ an sich möglich, ist aber nicht notwendig, 
wie z. B. Treußen' zeigt, ein Name offenbar litauischer Her- 
kunft (vgl. slav. Tommern); dennoch kann der Norddeutsche 
von Herzen singen: 'Ich bin ein Preuße, will ein Preuße 
sein." Es ist nun freilich ein Unterschied zwischen Volks- 
und Stammesname. Der letztere kann, ohne es gerade zu 
müssen, aus politischen Gründen fremden Ursprungs sein, wie 
im Einzelleben ja auch ein Iwan kein Russe und ein Rennenkampf 
kein Deutscher zu sein braucht; die Selbstbezeichnung eines 
Gesamt »^olkes dürfte aber stets nur der eigenen Sprache ent- 
springen. Um die Erklärung von 'Rus-b hat sich niemand so 
abgemüht wie der einstige Petersburger Akademiker Kunik; 
in seinen Bemühungen steckt eine Lebensarbeit. Im Nekrolog 
auf ihn stand in der St. Petersburger Zeitung von einem ihm 
offenbar nahestehenden und vertrauten Freunde zu lesen, 
daß er zuletzt an allen seinen Erklärungen zweifelhaft geworden 
sei. Kein W^under, da er sich schließlich im stillen sagen 
mußte, der germanische Ursprung des Namens dürfe nicht 
zum Axiom von vorneherein erhoben werden. Verleitet hatte 
ihn Nestor, dem er unbedingte Autorität zusprach, wenigstens 
jahrzehntelang. Nestor aber lebte Jahrhunderte nach der 
Gründung des russischen Reiches und hat für unsere Frage 
offenbar nur aus der mündlichen Tradition geschöpft. Eine 
solche Tradition pflegt Richtiges und Falsches zu mengen; 
man darf sie aber darob nicht völlig über Bord werfen, wie 
die Antinormannisten meist tun, doch auch nicht ohne Ein- 
schränkungen hinnehmen, wozu die Normannisten gewillt sind. 



Der russische Nationalname und die indogermanische Urheimat. 81 

Wenn die slavisch-russische Tradition dem russischen Staate 
einen germanischen, also gewissermaßen unnatürlichen Ursprung 
zuschreibt, so kann sie nicht aus der Luft gegriffen haben, und 
andere Umstände beweisen, dass sie im Rechte ist; wenn sie 
jedoch zwischen Waräger und Rush nicht scheidet, so kann 
das eine Folge des Volksbewußtseins sein, das überhaupt den 
Namen von der Person nicht zu trennen pflegt. Warum auch 
sollten die germanischen Waräger nicht einen slavischen 
Sammelnamen, der neben den Namen einzelner slavischer Volks- 
stämme bestehen konnte, vorgefunden und selbst angenommen 
haben, nachdem sie mit den Slaven ein Leben zu leben be- 
gonnen hatten? Waren doch auch 'deutsch' und ""Deutsche' 
längst vor der endgültigen staatlichen Festigung deutscher 
Stämme vorhanden! Für diesen Gedanken sprechen mehrere 
Anzeichen. Das undeklinierbare byzantinische Pojc kann seine 
gute Erklärung im älteren russischen ^Rqsh und späteren Bush 
finden, zumal wenn man bedenkt, dass die Byzantiner häufig 
russisches u resp. q durch geschlossenes lu wiedergeben; nicht 
wohl aber in einem germanischeu Namen, auf den weder Form 
noch Wurzel leiten. Noch schlimmer für die Normannisten 
ist, daß ein germanischer Stamm Rush nirgends nachweisbar 
ist. Kunik hat ihn überall aufs eifrigste gesucht und ihn 
trotz einiger vermeintlichen Spuren zuletzt weder in Schweden 
noch sonstwo entdeckt. Wäre es da unsinnig anzunehmen, 
die Tradition, die Nestor vertritt, habe den slavischen Volks- 
namen Rush auch auf die Waräger, ohne deren germanische 
Herkunft zu verkennen, allmählich übertragen und so un- 
bewußt einen g ermanisch- warägischen Stamm Rush geschaffen, 
der in Wirklichkeit niemals existiert hat? Weiter muß über- 
raschen, daß im heutigen Russisch wie auch im Altrussischen 
Wörter altskandinavischen Ursprungs, wenn überhaupt, so doch 
nur äußerst wenige, sicher nachweisbar sind ; wie anders steht's 
da im Französischen und Englischen ! Daraus folgt, daß die Wa- 
räger, die kulturell den Slaven jedenfalls überlegen waren, in nicht 
sehr großer Anzahl im slavisch-russischen Lande erschienen sein 
können, um da 'Ordnung' zu schaffen und den Grund zu einem 
Riesenreiche zu legen, wofür auch spricht, daß sie verhältnis- 
mässig bald russisch-slavisch wurden. Waren sie aber den Slaven 
gegenüber in unvergleichlicher Minderzahl und haben sie trotz 
ihrer kulturellen Überlegenheit jenen sprachlich fast so gut wie 

Indogermanische Forschungen XXXI. 6 



82 F. Knauer, 

nichts beizubringen verstanden, so ist es auch unwahrscheinlich, 
daß sie ihnen einen germanischen Volksnamen verschafft haben. 
Da wäre schon eher an die Goten zu denken, die in der 
russischen Sprache reiche Spuren hinterlassen haben. In der 
Tat hat schon Kunik wie zuletzt Budilowitsch versucht, 
den russischen Nationalnamen aus dem Gotischen abzuleiten. 
Von allem anderen abgesehen, sind aber ihre Versuche schon 
aus lautlichen Gründen fehlgeschlagen, wie F. Braun über- 
zeugend dargetan. Kuniks erste Ableitung aus dem Skan- 
dinavischen, an der er mindestens die Hälfte seines wissen- 
schaftlichen Lebens festhielt, hat weniger lautlich als sachlich 
Unglaubliches zur Voraussetzung. Ich brauche sie hier nicht 
zu widerlegen, da er sie selbst später aufgegeben hat. Nur 
das möchte ich noch im Anschluß daran bemerken, daß ein 
fremdes Volk einem Nachbarvolk einen Namen beilegen kann, 
der ihm gut dünkt; es dürfte jedoch beispiellos sein, daß das 
Nachbarvolk einen solchen Namen dann auch selbst annähme. 
Natürlich dagegen ist und läßt sich überall bestätigen, daß 
jedes Volk den Namen, den es sich als nationale Bezeichnung 
beilegt, aus seinem eigenen Sprachschatz schöpft, genau wie 
bei Stammesnamen; nur wo eine Mischung von möglichst 
gleich starken Nationalitäten stattfindet, kann der Name einer 
vom späteren Standpunkt aus fremden Nationalität das Über- 
gewicht erhalten. Von solch einer auch nur annähernd gleich- 
mäßigen Mischung zwischen Germanen und Slaven kann aber 
nirgends in Kußland die Rede sein. Auch von hier aus ge- 
winnt man ein weiteres Anzeichen für den slavischen Ursprung 
des russischen Nationalnamens. Und so wird nach allem na- 
türlicher und wahrscheinlicher sein, daß die Waräger keinen 
Stammnamen Rush mitgebracht, vielmehr den slavischen Volks- 
namen Rush vorgefunden und angenommen haben. Aber die 
abendländischen Ros der Araber, die 'Piuc an Ludwigs des 
Frommen Hofe und die 'Piuc der Byzantiner überhaupt? Das 
sind freilich alles Nordgermanen (Nordmänner, 'Normannen'), 
aber ursprünglich nur solche, die aus oder über Rußland ge- 
kommen waren. Von abendländischen Ros reden arabische 
Schriftsteller erst, nachdem sie von den byzantinischen 'Piuc 
etwas erfahren hatten. Ihre Angaben über sie sind so unbe- 
stimmt und nebelhaft, daß man mit Fug und Recht eine 
bloße Namensübertragung vermuten darf von den östlichen 



Der russische Nationalname und die indogermanische Urheimat. 83 

Wolga-i?o5, die sie früher und zum Teil wenigstens aus eigener 
Anschauung kennen gelernt haben, ohne dabei zwischen Ger- 
manen und Slaven national zu scheiden (vgl. o. und u.). Hätten 
die aus Konstantinopel an Ludwigs Hof gelangten 'Piuc, deren 
Sprache sie als Normannen verriet, sich nicht als aus Ruß- 
land stammende Nordmänner ausweisen können, so wären sie 
sicherlich als Spione der gefürchteten Westnormannen geköpft 
worden. Auch bei den byzantinischen 'Püuc zeigt sich, wenig- 
stens in den frühesten Zeiten, überall Beziehung zu Rußland. 
Das ist also das Land, wo dieses germanische Volk unter 
den Slaven eine historische Rolle spielte, nicht Skandinavien 
oder ein Abendland. Selbstverständlich ist aber mit alledem 
der germanische Ursprung des russischen Nationalnamens nicht 
erwiesen. Will man etwa noch an die berühmten und be- 
rüchtigten Dnjeprstromschnellen erinnern? Sie trugen einst 
Doppelnamen, 'russische' und 'slavische', die Vilh. Thomsen 
in seinem bereits erwähnten Werke eingehend behandelt hat. 
Die Namen, die der byzantinische Autor als 'russisch' bezeichnet, 
erweisen sich als nordgermanisch-skandinavische; die, die als 
'slavische' angeführt werden, als slavisch-russische. Die Namen 
klingen volkstümlich. Ankömmlinge pflegen nach Ort und 
Namen zu fragen. Es ist wahrscheinlich, dass das anwohnende 
slavische Volk die für die einzelnen Stromschnellen charakte- 
ristischen Namen erfunden hat, die dann die den Dnjepr zu 
Schiff passierenden germanischen Ankömmlinge in ihre Sprache 
übersetzt und in beiden Sprachen den Byzantinern übermittelt 
haben. Waren doch die Germanen in Mittel- und Südrußland 
stets nur eine Art von Wandervögeln. Da hatten sie die 
beste Gelegenheit, sich auch mit der einheimischen slavischen 
Volkssprache vertraut zu machen, wogegen für die slavische 
Grundbevölkerung keine Notwendigkeit vorlag germanisch zu 
lernen. Sie also konnten übersetzen, nicht das Slavenvolk; 
dieses muß daher die Stromschnellennamen erdacht haben, 
nicht jene. Daraus aber ergibt sich wiederum nur, was wir 
auch schon von anderwärts her wissen, daß eben die Tüuc, die 
'russisch' sprachen, Germanen waren, daß sie zur Zeit, wo 
die Dnjeprstromschnellen zweisprachige Namen führten, ihre 
Muttersprache noch hochschätzten und also noch nicht slavi- 
siert waren; nicht aber folgt daraus, daß dann auch ihr 
Name Tiuc germanisch sein muß. Wer so schließen wollte, 



84 F. Knauer, 

kann ebenso fehlgehen, wie einer, der Namen wie Treußen, 
Pommern, Bayern' für deutsch hielte, weil sie jetzt Deutsche 
bezeichnen. 

4. Die Wolgafrage. Ich habe mir von einem namhaften 
Arabisten sagen lassen, die Berichte der Araber seien so phan- 
tastisch, daß sie nicht historisch verwertet werden sollten. 
Für ihre abendländischen Bos will ich das gelten lassen, 
nicht aber auch, wenigstens nicht ganz, für ihre osteuropäi- 
schen an der Wolga. Handelsbeziehungen und Ausbreitung 
des Islams führten Perser und Araber dahin. Mit der Wolga 
müssen sie sehr vertraut gewesen sein; wie hätten sie sonst 
dem unteren Hauptarm derselben den arabischen Namen 'Athel' 
Cldel' usw.), d. h. appellativisch 'der Fluß', geben können? 
Was 'Wolga' oder ein anderer Name dieses Flusses zu ihrer 
Zeit appellativisch bedeutete, konnten sie doch nicht wissen. 
Legten sie also diesem Fluß einen Eigennamen ihrer Sprache 
bei, der in derselben appellativisch auch nur 'der Fluß' be- 
deutete, so haben sie nicht übersetzt, sondern sind selbständig 
verfahren, wie vor ihnen Finnen und Indogermanen; dann 
aber müssen sie die Wolga nicht bloß vom Hörensagen, sondern 
auch aus eigener Anschauung gekannt haben; und mächtig 
genug ist ja dieser vielerorts mehrere Kilometer breite Strom, 
um außerordentlichen Eindruck zu machen. Desgleichen müssen 
sie mit dem Wolgarussenvolke, von dem sie berichten, direkt 
in Berührung gekommen sein; wie hätten sie sonst dessen 
Sitten und Gebräuche, die ihren eigenen ganz fremd gegen- 
überstanden und in welchen man slavische Züge mit ger- 
manischem Einschlag erkennen kann, so anschaulich und na- 
turgetreu ausmalen können? Welche Beweise haben wir sonst 
noch für die Annahme, daß die heutigen Russen einst an 
der Wolga gesessen haben? Ja, lägen sie auf der Hand, so 
hätte es meines Nachweises nicht bedurft. Die gegenteilige 
Annahme kann jedenfalls weniger erhärtet werden als die 
meinige. Wenn Finnen und Tataren noch jetzt im Wolga- 
gebiet numerisch vorherrschen, muß das dann immer so ge- 
wesen sein? Sollten wenigstens daneben nicht auch Indo- 
germanen Platz gehabt haben, und wenn, warum dann nicht 
auch die Russen, die noch jetzt jenem Gebiet am nächsten 
stehen? Ist dieses doch so groß, daß es Deutschland und 
Österreich decken könnte! Die Abwanderung der Ostslaven 



Der russische Nationalname und die indog-ermanische Urheimat. 85 

von der Wolga vollzog sich schon in Vorzeiten; was die 
Araber von ihnen dort noch vorgefunden haben, ist als nach- 
gebliebener Rest zu betrachten. Prähistorische Anthropologie 
und Archäologie können in ethnologischen Fragen der Vorzeit 
kaum mitreden, geschweige entscheiden; auch sind Schädel- 
messungen und Ausgrabungen im Wolgagebiet systematisch 
noch gar nicht vorgenommen worden, und ob sie etwas 
Sicheres und was sie ethnologisch ergeben würden, läßt sich 
nicht zum voraus erraten. Wie nun allem auch sein mag, 
eins ist sicher, daß nämlich Finnen und lituslavische und 
eranische Indogermanen in uralten Zeiten unmittelbare Nach- 
barn waren: Sprache und andere Anzeichen unmittelbarster 
Beziehungen beweisen das. Sollte aber jemand schon aus 
aprioristischen Gründen für unwahrscheinlich, j a unmöglich halten, 
daß die Russen einst an der Wolga gesessen und von ihr ihren 
Namen erhalten haben, den kann ich wenigstens noch auf 
ein hübsches Analogon aufmerksam machen. Schischmanow, 
bekannter Professor in Sophia, sagte mir nach Anhörung 
meines Vortrags über Rush scherzhaft, ich möge nun auch 
die Herkunft des bulgarischen Nationalnamens klarlegen, 
worauf ich ihm erwiderte, das sei jetzt seine Aufgabe. Er 
hat sie ein Jahr später glänzend erfüllt in einer bulgarischen 
Zeitschrift, auf die mich mein Kollege Florinsky aufmerk- 
sam gemacht hat. Er weist da aufs überzeugendste nach, 
daß 'B^lgä' die bulgarische Form für finnisch 'Wolga' sei 
(bulg. b = wolgafinnisch w) und somit 'Bolgaren' (= Bulgaren) 
nichts anderes bedeute als 'Wolgavolk', wie sg. Bolgar (aus 
Bilga-ar) 'Wolgamann'. Wäre geschichtlich nicht bezeugt, 
daß die Balkanbulgaren einst an der Wolga gewohnt haben, 
so würde man an der gegebenen Ableitung zweifeln, weil es 
unwahrscheinlich erschiene, daß bei dem großen geographi- 
schen Abstand die heutigen Bulgaren noch eine Erinnerung 
an ihre einstige Heimstätte bewahrt hätten. Natürlich denkt 
jetzt kein Bulgare mehr daran, daß in seinem Namen eine 
Reminiszenz an die Wolga steckt, und nur die Wissenschaft 
sagt es ihm. Was mit den Bulgaren, die wohl mit den Finnen 
zusammen an der Wolga ein Mischreich gebildet hatten und 
darum auch einen finnischen Namen als Nationalnamen an- 
nehmen konnten, in historischer Zeit vor sich ging, konnte 
mit den Russen auch in vorgeschichtlicher Zeit geschehen, 



86 F. Knauer, 

zumal sie. wie schon oben bemerkt, der Wolgaheimat näher 
geblieben sind als erstere. Schon an sich hätte diese Paral- 
lele Bedeutung; dazu kommt für die Russen ja auch noch 
das historische Zeugnis arabischer Schriftsteller, das man 
nicht ohne weiteres in den Wind schlagen sollte. 

5. Die Frage der indogermanischen Urheimat. Bei ihr 
mag es dem Leser besonders unheimlich zu Mute werden. 
Wo hat sich sonst ein urindogermanischer Eigenname in Einzel- 
sprachen hinübergerettet? Nun, wenn es noch heute Hindu 
wie Russen und ein Hindustan, Sindh und Sindia in Indien 
gibt, wie in Rußland ein Rush, und ihre Namen auf den 
Namen eines bestimmten Flusses, des Sindhu (= Indus), der 
wenn nicht urindogermanisch, so doch indoeranisch ist, zurück- 
gehen wie Rush auf den Flußnamen jRonsä {-fRosä — Wolga) 
der Satemvölker, so haben wir eine durchaus gleichartige Er- 
scheinung, wobei es nichts verschlägt, daß das eine noch 
weiter in die Vergangenheit hineinreicht als das andere. Viel- 
leicht finden sich noch sonstige gemeinsame geographische 
Namen aus Urzeiten. In der Tat, wenn sich urindogermanische 
Volks- und Götternamen offenbaren, wie sie in 'Arier' und 
'Zeus' stecken, warum sollte sich dann nicht auch ein Fluß- 
name aus urindogermanischer Zeit herübergerettet haben, zu- 
mal der Name eines gewaltigen göttergleichen Stromes? Daß 
ein eranisches Volk und dann doch wohl die Eranier als Ein- 
heitsvolk überhaupt einst an der Wolga seßhaft waren, be- 
weisen schon allein die vielen eranischen Lehnwörter im Wolga- 
finnischen. Stoßen wir da auch auf litauische Lehnwörter, 
wie Tomaschek weiter behauptet, so mögen es Wörter litu- 
slavischen Ursprungs sein und würden dann dartun, daß auch 
die Lituslaven einst weiter östlich als gegenwärtig, d. h. in 
der Wolgagegend gelebt haben. Von da ist nur ein Schritt 
zu dem weiteren Schluß, daß diese Gegend dann auch die 
Urheimat aller Satemvölker ist. Daß sie dann auch die Ur- 
heimat aller Indogermanen sei, folgt daraus freilich noch 
nicht, da ja das Ursatemvolk von anderswo dahin gelangt 
sein könnte. Für letztere Annahme gibt es keinerlei Finger- 
zeige; sie bleibt ein bloßer Gedanke. Da liegt schon näher 
der Gedanke, daß, wenn die Wolgagegend als Urheimat der 
Satemvölker im Ernst in Betracht kommen kann, sie dann 
doch wohl auch die Urheimat aller Indogermanen sein kann, 



Der russische Nationalname und die indogermanische Urheimat. 87 

zumal sie nach Klima und Bodenverhältnisse alle Bedingungen 
erfüllt, die sonst an die urindogermanische Heimat geknüpft 
werden. Jetzt kann man noch das unlängst entdeckte Tocha- 
rische heranziehen. Aus Siegs und Siegelings allbekannter 
Schrift geht hervor, und Sieg bestätigt mir es noch brieflich, 
daß das Tocharische 'sicher eine Centum- und keine Satem- 
sprache' ist. Darum wieder die alte Hypothese vom asiati- 
schen Ursprung der Indogermanen geltend machen zu wollen, 
wie Ed. Meyer tut, liegt kein hinreichender Grund vor. Es 
konnten ja die Tocharer (Indoskythen) einst westlich von den 
Ostindogermanen gesessen und sich von den Westindogermanen 
(Centumsprache) schon losgelöst haben, als die Ostindoger - 
manen (Satemsprache) noch eine Einheit bildeten, und nach 
Asien durch das 'kaspische Tor' gedrungen sein, und zwar an 
letzteren vorbei, da sie beim Durchgang durch das ostindo- 
germanische Gebiet den Centumcharakter ihrer Sprache wohl 
nicht hätten bewahren können. Dann hätten wir weiteren 
Anlaß, die Urwestindogermanen möglichst weit nach Osten zu 
versetzen und sie, als sie von den Ostindogermanen noch nicht 
losgerissen waren, als Inhaber des westlichen Wolgagebietes 
zu betrachten. Ich muß aber gestehen, daß mir der Centum- 
charakter des Tocharischen noch nicht 'sicher' erwiesen zu 
sein scheint, und Sieg wird sich weiter anstrengen müssen, 
um ihn als solchen darzutun. Meine Zweifel kann ich hier 
nicht offenbaren. Erwiese sich aber das Tocharische als 
Satemsprache, nun dann wäre die Wanderung der Tocharer 
vom östlichen Wolgagebiet aus nördlich um das Kaspische 
Meer und den Aralsee herum nach Zentralasien, ein Weg, 
den gewiß auch die Indoeranier eingeschlagen haben, um so 
natürlicher; der übrige Satemteil konnte von eben da aus 
westlich durch das südliche Rußland ziehen. Ich füge noch 
hinzu, daß ich vom Wolgagebiet als urindogermanischem das 
südliche Wolgasteppengebiet ausschließe; denn berg-, wald- 
und fast grenzenlose Steppen sind keine geeigneten Länder 
für Ureinwohner oder Autochthonen und sind daher in alten 
staatenlosen Zeiten auch stets nur Durchgangsgebiete gewesen. 
Die vorstehenden Bemerkungen, die ich gar sehr ver- 
mehren, ja zu einem Buche erweitern könnte, mögen genügen, 
um die Frage nach der Herkunft des russischen Nationalnamens 
und in Verbindung damit die nach der Urheimat der Indo- 



88 F. K n a u e r , Der russische Nationalname u. d. indofferm Urheimat. 



ö' 



germanen von neuem anzuregen. In meiner eingangs er- 
wähnten Abhandlung tritt letztere in den Hintergrund; hier 
in diesem Artikel ist sie in den gleichen Vordergrund mit der 
ersteren gestellt. Das war um so nötiger, als Hirt sich be- 
reits an ein breites Publikum wendet, wodurch der von ihm 
selbst gewiß unbeabsichtigte Schein erweckt wird, als ob 
sein für die urindogermanische Heimat postuliertes Norddeutsch- 
land mehr für sich habe als ein anderer Himmelsstrich, der 
ernstlich noch in Betracht kommen kann. Aber auch Schraders 
Anschauung über Südrußland als indogermanische Urheimat 
ist schon so populär geworden, daß mancher keine ernste 
Kritik mehr daran üben möchte; und doch kommt auch sie 
über Vermutungen nicht hinaus. Steht es mit meiner Ansicht 
nicht besser, so immerhin 7auch nicht schlechter. Es ist also 
nicht überflüssig zu betonen, daß wir noch lange nicht so weit 
sind, wie diese Forscher und ihre Anhänger einen glauben 
machen könnten, zumal wenn sie manche Gegenansicht nur 
leichthin streifen oder gar ganz totschweigen. 

Kiew. 

F. Knauer. 



Karl Brugmann, Zu den reduplizierten Verbalbild. d. Indioran. 89 



Zu den reduplizierten Yerbalbildungen des Indoiranischen. 

1. Ai. ti-sthaU und aw. M-staHi. 

Auf Grund weitreichender Übereinstimmung zwischen den 
idg". Sprachen läßt sich behaupten und ist allgemein angenommen: 
bei AVurzeln, die mit s und einem Nasal, einer Liquida, i oder 
u anfangen, wurde, in derselben Weise wie bei Wurzeln mit 
sonstigem zweikonsonantischen Anlaut, in uridg. Zeit in die 
Reduplikation nur einer der beiden Konsonanten und zwar 
der erste aufgenommen, z. B. ai. Ha-smäraj griech. eijuaptai 
aus *c€-c)uapTai (vgl. Solmsen KZ. 29, 84, Beitr. z. griech. 
Wortf. 1, 40 f.), ai. sa-sväna, ir. -sephainn aus "^se-su- (vgl. 
Thurneysen Handb. des Air. 331), gleichwie z. B. zu Wz. Meu- 
ai. su-sräva, griech. Ke-KXute. An dieser Regel haben die ver- 
schiedenen Sprachen, soweit sie die Doppelkonsouanz im 
Wurzelanlaut überhaupt bewahrt und die Reduplikation als 
Silbe überhaupt beibehalten haben, im großen ganzen fest- 
gehalten. 

Anders steht es um die Frage der Gestaltung der Re- 
duplikation bei Wurzeln mit s + Verschlußlaut im Anlaut. 
Bei diesen bieten bekanntlich die verschiedenen idg. Sprachen 
im Beginn ihrer historischen Perioden ein recht buntes Bild. 
Zu jener in ai. sa-smära, su-sräva usw. sich zeigenden Anlaut- 
regel stimmen Formen des Altiranischen, Griechischen, 
Italischen, Keltischen, z. B. aw. M-staHi vi-m-star^ apers. 
a-H-statä, griech. i cirijui e-craiLiev, lat. si-sto umbr. se-stu, 
ir. -H-ssedar (zu sta- 'stehen'), aw. hispösdmna- (zu spas- 'sehen'), 
ir. -se-scaind (zu scinnirn 'springe heraus'). Dazu fügt man 
noch das Germanische wegen des ahd. se-stön 'disponere', 
doch ist dieses Verbum der Entlehnung aus dem Lateinischen 
dringend verdächtig (Streitberg Urgerm. Gramm. 320). Neben 
dem Typus. 9— 5f- erscheinen aber nun, über verschiedene Sprachen 
verteilt, noch st— st-, t — st- und st—t-. Das Altindische hat 



90 K a r 1 B r u g- m a n n , 

regelmäßig^— .s^ : -ti-sthati ta-sthaü (zu s f ha- 'fitehen'), ca-skdnda 
käniSkan cani-sJcadat (zu skand- 'springen'), pa-sprdhe (zu 
spardh- 'wetteifern'), ein Typus, der außerdem auch im 
Griechischen zuweilen bei Nomina vorkommt: KO-CKuX)udTia 
(über das mit diesem zusammenhängende lat. qui-squiliae 
s. Walde Lat. et. Wtb.^ 637), Ka-cKotvbiH u. a. (Fritzsche Curtius' 
Stud. 6, 319f.). Im Lateinischen st — t- (ohne Entsprechung 
in der Sprach Überlieferung des osk.-umbr. Gebiets, was Zufall 
sein kann): ste-ti sti-tf, sci-cidt, spo-pondi. Im Gotischen 
st — st-: stai-stald, skai-skaip. — Nach Osthoff u. a. wäre 
überdies noch st — s- hinzuzufügen, wenn es richtig sein sollte, 
daß ahd. sterö^ 'stieß' (Präs. stögan, got. staut an) ein urger- 
manisches *ste-sdute für "^ste-staute fortsetzte. Die Entwicklung 
dieser und der mit ihr verwandten r-Formationen, -skreröt 
usw., ist jedoch noch ziemlich unklar, s. zuletzt Loewe KZ. 
40, 343 ff.,' Feist PBrB. 32, 472. 488 ff. 

Es ist oft zu ermitteln versucht worden, wie sich diese 
Mannigfaltigkeit der Reduplikationsweise bei dem Wurzelanlaut 
s + Explosiva seit uridg. Zeit eingestellt hat. Sieh besonders 
OsthoffPßrB.8,513.540ff.,MeringerZtschr.f.österr.Gymn.l887 
S. 371 f., Meillet Melanges Havet 265 ff., Loewe KZ. 40, 279ff., 
Feist PBrB. 32, 471 ff. Von einer einmütigen Auffassung ist 
man noch weit entfernt. Die Mannigfaltigkeit läßt zunächst 
an zwei Entstehungsmöglichkeiten denken (wobei ich von dem 
schwierigen ahd. sterö^ absehe): 

1. fragt man: war in der Zeit der idg. Urgemeinschaft 
neben und gleichzeitig mit dem Typus s — sm-, s - su- u. dgl. 
nur st—st-^) vorhanden, und sind demnach die drei einzel- 
sprachlich hervortretenden Typen s—st-, t — st-, st — t- un- 
mittelbare oder mittelbare Fortsetzung von .s'^ — st-? t—st- und 
st—t- wären durch dissimilatorischen Schwund des einen der 
beiden Konsonanten entstanden (für t — st- vgl. z. B. ngriech. 
TracTpiKÖc aus CTracrpiKÖc, für st — t- vgl. z. B. lat. vestipica 
aus vestispica, Leo Melanges Boissier 355 ff.), s — st- aber 
entweder ebenfalls auf diesem Wege oder durch analogischen 
Anschluß an den Typus s — sm-, s—su- u. dgl. Hierzu käme 
noch im besondern die Frage: war das got. st — st- dieses 
uridg. st — st- in ununterbrochener Überlieferung, oder ist man 



1) Das t sei hier Zeichen für jede beliebige Tenuis. 



Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indoiranisehen. 91 

zuerst von diesem irgendwie abgewichen und später zu ihm 
zurückgekommen etwa so, wie das hd. t von vater nur mit 
verschiedenen Zwischenstufen das uridg. t von "Spater- ist? 

Oder galt 2. im Urindogermanischen einmal, in Über- 
einstimmung mit s — sm- usw., nur s — st-, und hat sich dieses 
im Aw., Griech., Ital. (sisto) und Kelt.. erhalten, während da- 
für — vielleicht zum Teil dialektisch schon in uridg. Zeit 
selbst — st — st- aufkam, woraus dissimilatorisch einerseits 
t — st-, anderseits st—t-? 

Mag man diese beiden Hauptfragen beantworten, wie 
man will, klar ist, daß das für früher oder später anzunehmende 
Aufkommen des Typus st — st- darauf beruht, daß die Lautung 
s + Verschlußlaut im Silbenanfang sich stark dem Charakter 
einer einfachen, einheitlichen Konsonanz nähern kann. Die 
Gruppen st, sJc, sp zeigen diese Ausnahmestellung gegenüber 
den andern Konsonantengruppen vielleicht am deutlichsten 
in der germanischen Alliterationspoesie : während in dieser alle 
gleichen Konsonanten untereinander alliterieren, mögen sie für 
sich allein vor einem Vokal oder im Anlaut einer Konsonanten- 
gruppe stehen, alliterieren die Verbindungen sty sJc, sp jede 
nur mit sich selbst, nicht mit andern 5-Gruppen oder einfachem s. 
Diesen Charakter einer einfachen Konsonanz können diese s- 
Verbindungen in der Reduplikationsgestaltung im Gegensatz 
zu den andern 5- Verbindungen und überhaupt zu allen andern 
Konsonantengruppen ebensogut schon in uridg. Zeit, als man 
unsre reduplizierte Formen zuallererst schuf, gehabt haben, 
als auch erst später in den einzelsprachlichen vorhistorischen 
Perioden. Die Art, wie die Gruppe s + Verschlußlaut bei der 
Silbenbildung behandelt wird, ist in verschiedenen Sprachen 
verschieden, und wir sehen die Behandlung auch in derselben 
Sprache im Lauf der Zeit wechseln: die Druckgrenze wird 
bald vor ,s', bald dahinter gelegt. War man also irgendeinmal, 
durch die Auffassung von s -f Verschlußlaut als einer unzerleg- 
baren Lautungseinheit, zu der Reduplikationsweise st— st- ge- 
kommen, so konnte man von diesem Typus auch wieder ab- 
gehen und den Anlaut des Reduplikanten nach dem sonst 
geltenden Prinzip, wonach in ihm nur ein Konsonant geduldet 
wurde, gestalten. Auch kann bei einem Übergang von st — st- 
zu s — st- oder zu t — st- Dissimilation im Spiel gewesen sein, 
ja t—st- ist kaum anders zu begreifen denn als dissimilatorische 



92 Karl Brugrnanri, 

Änderung von st — st-. Man vergleiche dazu den dissimila- 
toriscben Übergang von dh — dh- zu d — dh- im Indischen (z. B. 
dä-dhäti) und von th — th- zu t — th- im Griechischen (z. B. 
Ti-0Ti)m): bei diesen Lautungen galt in der Reduplikations- 
gestaltung zuerst und jedenfalls noch in uridg. Zeit ünzerleg- 
barkeit der aus zwei konsonantischen Elementen bestehenden 
Artikulation — denn es folgte, wie unsere schriftliche Dar- 
stellung richtig sehen läßt, der Öffnung des Verschlusses zu- 
nächst noch ein Hauch — , und erst in einzelsprachlicher Zeit 
wurde man der x\usführung der gleichen zweigliedrigen Arti- 
kulation im Anlaut der beiden aufeinander folgenden Silben 
überdrüssig. 

Ich möchte nun denen mich anschließen, welche an- 
genommen haben, der Typus s—st- habe schon in der 
Zeit der idg. Urgemeinschaft bestanden (ob er damals 
allein bestanden hat, wäre eine weitere Frage). Was für 
das uridg. Alter von s—st- spricht, hat Osthoff a. a. 0. zu- 
sammengestellt. Dabei hat er aber und haben diejenigen, die 
sich ihm angeschlossen haben, ein Argument außer acht ge- 
lassen, das mit zugunsten dieser Ansicht spricht und stärkstens 
ins Gewicht fällt. Daß nämlich der iranische Typus 
s — st- altertümlicher ist als der indische t — st- und 
schon in urarischer Zeit bestanden hat, läßt sich 
aus dem Arischen selbst heraus beweisen. 

Neben ai. chid- {chidyate, cichide) steht aw. sid-, Präs. 
sidyat und Perf. ava.Msiöyat. Die verwandten Wörter der 
andern Sprachzweige, griech. cxiZiiu, lat. scindo, got. slcaidan, 
weisen mit den ar. Formen zusammen auf uridg. skhid- oder 
Skid-. . Der Reduplikant hi- der genannten aw. Perfektform 
setzt nun notwendig uriranisches und auch schon urarisches *5i- 
voraus. Gleichwie die Formen M-spösdmna-, von Wz. spek- 
(ai. spas- aw. spas-), M-staHi, von Wz. stä- (vgl. das aw. Perfekt 
vi-sa-star^), M-smardnt-y von Wz. smer-, 7.\i dem Reduplikanten 
M- in einer Zeit gekommen sind, in der im Anlaut der Wurzel 
s noch unverändert bestand, muß dies auch bei M-sidyät der 
Fall gewesen sein. Ein s wurde aber in der uridg. Wurzel 
sk[h)id- weder mehr in der uriranischen Periode gesprochen, 
noch auch im Ausgang der urarischen Gemeinschaft. Denn 
uridg. skih) ist schon in urarischer Zeit über ssih) zu ss{h) 
assimiliert worden (Wackernagel Altind. Gramm. 1, 156, Thumb 



I 



Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indoiranischen. 93 

Handb. des Sanskr. 1, 113), um dann im üriranischen weiter 
in SS und s überzugehen. Hätte man erst in uriranischer Zeit 
zu sid- ein redupliziertes Perfekt geschaffen, so hätte sich 
ohne jeden Zweifel "^si-sid- ergeben: vgl. za-zustdma- ^sieg- 
reichst' statt ^}ia-zus-=ViY\d^. "^se-zgh-us-, Part. Perf. zum gthav. 
OptsLÜY zaema, von Wz. segh- zgh- (griech. e'xtu, e-cxov); Opt. 
su-suyqm ^ich möchte gehen' statt *cu-s{y)u-f zum Präsens 
s(y)avaHe, vgl. ai. cu-cyuve (Bartholomae Grundr. der iran. 
Phil. 1, 55). hi-sid- setzt mithin ein urarisches '^si-ss{h)id- 
voraus, und damit ist der iranische Reduplikationstypus bei 
den mit s -\- Verschlußlaut beginnenden Wurzeln überhaupt 
als urarisch erwiesen. Wenn auch nicht gerade als der einzig 
in urarischer Zeit vorhandene (vgl. griech. K0-CKuX)udTia neben 

i-cTniui). 

Und es gibt, wenn ich nicht irre, noch ein zweites Ar- 
gument dafür, daß aw. h — st- (aus s — st-) altertümlicher war 
als ai. t—st-, wenn es auch nicht so beweiskräftig ist wie das 
aw. Perf. hi-sid-. Ich meine die themavokalische Flexion von 
aw. hi-staHi, ai. ti stJia-ti. Sie muß jünger sein als die athe- 
matische Flexion von griech. i-ctti|ui und die gleichartige von 
ai. dddhätiy dä-däti und dgl. Der Übergang aber zur thema- 
vokalischen Abwandlung erfolgte durch Anschluß an die 
Präsensbildungen wie ji-ghnate von Wz. gvhen-, pi-bdate von 
Wz. ped-, in denen, wie bei unserer Präsensbildung von sta-, 
auf die Reduplikationssilbe eine zweifache Konsonanz folgte. 
Falls ai. stdati von Wz. sed- 'sedere' auf uridg. "^si-zdeti beruht 
(s. neuestens hierüber Walde Lat. etym. Wtb.^ 695), dürfte 
dieses Präsens zugleich wegen der Bedeutungsverwandtschaft 
eine ganz besondere Attraktionswirkung ausgeübt haben. Vgl. 
Meillet Melanges Havet 265. Da in diesen Ih-'^'&QniiQw ji-ghnate 
usw. der anlautende Konsonant des Reduplikanten der Anfangs- 
konsonant der Wurzel war, so war, wenn auch diese beiden Laute 
schon in nrarischer Zeit durch lautgesetzliche Behandlung 
artikulatorisch mehr oder weniger auseinandergekommen waren, 
von vornherein zwischen diesen themavokalischen Präsentien 
und dem Präsens von ,stä- eine erheblich größere Ähnlichkeit 
vorhanden, wenn dieses *ve-, als wenn es "^'sti- oder *^i- als 
Reduplikanten hatte. Nur auf ein *si-st{h)äti konnten also 
jene themavokalischen Präsensbildungen wie jighnate eine 
bedeutendere Anziehung ausüben. 



94 Karl Brug mann, 

Wenn hiernach der Typus s — st- als urariseh erwiesen 
ist, so fällt zugunsten der Annahme, daß er auch bereits 
urindogermanisch gewesen ist, der Umstand schwer ins Gewicht, 
daß er überdies in denjenigen zwei Sprachzweigen, in denen 
nächst dem arischen Zweig die Sprachüberlieferung uns am 
weitesten rückwärts ins Vorhistorische zu blicken erlaubt, als 
der ältesterreichbare sieh erweist. Denn erstlich auf griechischem 
Boden muß er, wie z. B. i-CTr||Lii, e-CTa)H€V zeigen, schon in der 
Zeit vorhanden gewesen sein, als überhaupt s- zu h- wurde, 
und dieser Wandel gehört zu den frühesten Lautveränderungen 
des ürgriechischen. Im Italischen aber ist zwar s — st- als ur- 
italisch verbürgt durch umbr. se-stu = lat. si-sto, aber nicht 
der Typus st—t- (lat. ste-ti). Wozu noch kommt, was schon 
Osthoff PBrB. 8, 544f. betont hat, daß auch bloß vom Stand- 
punkt des lat. Dialekts aus si-sto das Präjudiz einer alter- 
tümlicheren Formation für sich hat. Denn es war von Beginn 
der historischen Latinität an eine "isolierte" Form unter den 
Präsentien, darin mit sero aus *si-sö übereinstimmend, während 
stetty spe-pondz {spo-pondi), scecidi {sci-cidl) als gleichartig 
mit der ganzen Serie von Perfektformen wie de-di, pe-pigi 
müssen empfunden worden sein. 

2. Altindisch jahhära und babhära. 

Über den abnormen Anlaut der Reduplikationssilbe der 
ved. Formen jabhära (RV. AV.), jarbhrtäh (RV.) und jdrbhu- 
rlti (RV.) haben in neuerer Zeit v. Bradke ZDMG. 40, 665f., 
Hopkins Am. Journ. of Phil. 14,27, Osthoff Suppletivwesen lOf. 
und Gauthiot Melanges de Saussure 119 gehandelt. Die Formen 
jabhära, jarbhrfdh sollen durch Vermischung von bkar- und 
har- (uridg. bher- und gher-) entsprungen sein. Osthoff hat den 
Vorgang näher so zu bestimmen versucht: "Es ist wahr- 
scheinlich, daß jahära, indem es sich in der Rolle des Supple- 
ments zu dem Präsens bJidrati stellte, alsdann in dieser Funktion 
die partielle Annäherung an die Lautgestalt des Präsens mit 
bh- erfuhr, also zu ja-bhära sich umformte." Nach v. Bradke 
hätte darauf das öfter gebrauchte jabhära das nur einmal 
(RV. 1, 28, 7) vorkommende Intensivum jar-bhr- neben häufi- 
gerem bhari-bhr- erzeugt, und dem Intens, jar-bhr- sei vielleicht 
schließlich das vermutlich mit griech. iropcpfjpuj näher zu ver- 
bindende jäi'-bhurtti 'bewegt sich rasch hin und her' bezüg- 



Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indoiranischen. 95 

lieh der Gestaltung des Anlauts der Reduplikationssilbe 
gefolgt. 

Der Osthoffschen Ansieht ist das im RV. zwischen 
hahhära und jäbhära bestehende Bedeutungsverbältnis (dem 
AV. fehlt habhdra) günstig, hahhära kommt hier zweimal 
vor, beidemal ohne Präposition, und beidemal ist es rein 
durativ in Übereinstimmung mit dem häufigen und ebenfalls 
(bis auf eine Ausnahme) präpositionale Richtungswörter ver- 
schmähenden reduplizierten Präsens hihharti, bibhramäna-h : 
3,1,8 hahhränäh sünö sahasö vy ädyäut Mndem du, o Sohn 
der Kraft, genährt wurdest, erstrahltest du', 3, 1, 10 pitüs ca 
gdrbhq janitüs ca babhre Mes Vaters und Erzeugers Sproß 
nährte er'. Dagegen ist das 28 mal erscheinende jabhära 
(nebst ajabhartana) fast regelmäßig perfektiv (effektiv oder 
Ingressiv), wie z. B. 7, 18, 19 ajäsas ca sigravö ydksavas ca 
ball sir^äni jabhrur äsvyani 'die Aja, Sigru und Yaksu 
brachten Pferdehäupter als Tribut'. Daher auch die häufige 
Verbindung von jabhära mit Richtungswörtern wie ä, viy sdm. 
Wenn ich recht sehe, ist jabhära nur einmal rein durativ, 
4, 18, 4 hl sä rdhaJc krnavad yd sahäsram mäso jabhära 
sarddas ca pürvih 'wie sollte sie wohl den beiseite schaffen 
[so nach Oldenberg], den sie tausend Monate, den sie viele 
Jahre (als Leibesfrucht) trug?'. 

So weit erscheint also die Deutung von jabhära als einer 
auf Grundlage von jahära vollzogenen Neubildung nicht un- 
eben. Aber reduplizierte Perfekta mit Wiederholung des kon 
sonantischen Wurzelanlauts im Anlaut des Reduplikanten waren 
damals ein ganz lebendiger Typus, und ist es da wahrscheinlich, 
daß man eine Form aufgebracht und durchgeführt habe, die aus 
allem, was man bezüglich des konsonantischen Anlauts der zwei 
ersten Silben in reduplizierten Formen von jeher gewohnt war, 
herausfiel? Daß der Anlaut der Reduplikationssilbe und der An- 
laut der Wurzelsilbe, wenn sie genau übereinstimmen, durch 
Formassoziation auseinandergebracht werden, kommt ja vor, z. B. 
ai. ci-Mtuh trat ein für *cl-cituh (vgl. aw. ci-ci^wä) durch 
Herübernahme des k von ci-heta usw. Aber bei dieser Art 
von Ausgleichung handelt es sich um eine grammatische ana- 
logische Lautveränderung, eine Veränderung, durch welche 
innerhalb des Rahmens der grammatisch zusammengehörigen 
Formen ein bereits bestehendes Verhältnis von Reduplikations- 



96 Karl Briigmann, 

anlaut und Wurzelanlaut nur an andrer Stelle wiederholt wird. 
Durch die Umwandlung zu ci-kituh ging also die Empfindung 
dafür nicht verloren, daß die Silbe ci- und das nachfolgende 
mit 7c anfangende Wortstück desselben Fleisches und Blutes 
waren, jahhära dagegen als Umwandlung von jahära nach 
bahhära wäre eine auf Verwandtschaft der Wortbedeutung 
beruhende analogische Neuerung (wie z. B. lat. senexter für 
sinister nach dexter oder meridiönälis nach septentriönälis). 
Da wäre nun durch die Umbildung, indem zwar der Konsonant 
im Beginn der Wurzelsilbe in eine ganz andere Artikulationsstelle 
hinübergeführt, sein aufs engste mit ihm assoziiertes Ebenbild 
im Beginn des Reduplikanten aber in seiner alten Artikulations- 
stelle belassen wurde, etwas entsprungen, was den Sprechenden 
recht fremdartig erscheinen mußte und jedenfalls mit den im 
Indischen bis dahin üblich gewesenen Perfektformen wenig 
Ähnlichkeit mehr hatte. Daß durch bloßes Sichversprechen 
jemand einmal so zu einem jahhära kommen mochte, ist gut 
denkbar. Aber es will mir nicht einleuchten, daß diese 
Schöpfung in der Sprachgenossenschaft sollte allgemein An- 
klang gefunden haben. 

Verständlicher würde mir ja-hhära, wenn sein ja- ein 
verdunkeltes präpositionales Präfix gewesen sein sollte. Neben 
dem reduplizierten ha-bhdra stehend, h-dtte ja-bhära, nach Ver- 
blassen der ursprünglichen Bedeutung von ja-, weiterhin leicht 
dazu führen können, daß man für ^barbhr- ein jarblir- schuf, 
das sich in der Aktionsart von '%a7'bhr- nur so unterschied, 
wie jahhära von bahhära. Tatsächlich ist vi-jarbhrtdh wie 
jabhära und vi jabhära perfektiv, nur zugleich noch iterativ: 
1, 28, 7 ayajt vajasätamä tä hy üccä vijarbhrtdh harz wärt- 
dhqsi bdpsatä Mie beiden beim Opfer behilflichen [die Soma- 
Preßplatten], die reichlichst Kraft verleihenden greifen hoch 
aus (sperren sich weit auseinander), gleichwie Rosse, wenn sie 
Kräuter kauen'. 

Seit uridg. Zeit gab es neben den reduplizierten Per- 
fektformen unreduplizierte, und zwar nicht bloß in dem Part. 
Perf. Akt., für das sie in weiterem Umfang bezeugt sind, 
sondern auch im Kreis der sonstigen Perfektformen. Man darf 
wohl annehmen, daß, wo bei den letzteren Formen V^erlust 
der Reduplikation stattgefunden hat, Verbindungen mit Prä- 
positionen in besonders hohem Maße davon betroffen wurden. 



Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indoiranischen. 97 

Sie waren diesem Verlust erstlich auf Grund der Satzbetonungs- 
verhältnisse mehr ausgesetzt als die Simplizia. Dann waren 
sie es als die längeren, silbenreicheren Wortformen. Insbesondere 
waren sie auch einer haplologischen Kürzung, durch die die 
Reduplikationssilbe schwand, leichter zugänglich; denn dieser 
Lautungswandel betraf nicht die Anfangssilbe eines Satzes, 
sondern nur Binnensilben. Beispiele von Komposita mit Re- 
duplikationsverlust sind ai. nachved. upa-sarpa, ni-sidhuh, 
aw. apa-hara (das Bartholomae Wtb. 942 haplologisch gekürzt 
sein läßt), gortyn. KaTa-FeXjuevoc, got. ga-har. Vgl. dazu 
Thumb Handb. des Sanskr. 1, 354 Fußn. 1, Loewe KZ. 40, 284ff., 
Feist PßrB. 32, 459ff.i). 

Es ist hiernach sehr wohl möglich — mehr möchte ich 
nicht behaupten — , daß ja-bhära und got. ga-har sich ety- 
mologisch in beiden Teilen decken. Germ, ga- wird mit arm. z-j 
aksl. zay ostlit. a-zu zusammengebracht und läßt sich nicht nur 
lautlich, sondern auch der Bedeutung nach mit ihnen ver- 
einigen (vgl. Grundr.2 2, 2, 846 ff.). Im Indischen wäre "^jha 
bei häufiger Verbindung mit unserer Perfektform dissimila- 
torisch zu ja- geworden, und die so entstandene lautliche 
Isolierung trug dazu bei, die Präposition hier am Leben zu 
erhalten. Im übrigen mag ihre Konkurrenz mit der etymolo- 
gisch verschiedenen Partikel ha (neben gliä) in vorhistorischer 
Zeit dazu mitgewirkt haben, daß sie im allgemeinen abkam. Wie 
got. ga- schon in urgermanischer Zeit zu einem Hauptmittel 
der Perfektivierung der Handlung geworden war, so hätte 
diesem Zwecke auch *j{h)a- gedient, so daß sich im Perfekt 
die P^orm jabhära im Sinne des Bringens dem habhära im 
Sinne des Tragens an die Seite stellte. 

jabhära mußte, wenn es auch nicht geradezu als redu- 
plizierte Form empfunden wurde, seinem formalen Habitus 
nach doch als gleichartig mit habhära und jahära erscheinen. 
Und so ist nicht verwunderlich, wenn man nicht nur a-jahhartana 
(RV. 10, 72, 7) hinzuschuf, sondern auch jarbharü. Etwas 
kühner ist die Annahme, daß das letztere nun auch noch Vor- 



1) Wegen der aus der ved. Literatur in unsern Grammatiken, 
jetzt auch von Macdonell Vedic Gramraar S. 353 aufgeführten 
reduplikationslosen Formen s. Wackernagel Altind. Gramm. 1, 
S. XVf., Bartholomae IF. 7, 98 f. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 7 



98 Karl Brugraann, 

bild für das achtmal im RV. vorkommende jdr-hhuriti (zu 
bhurdti) gewesen sei. Jedenfalls aber ist man für die Er- 
klärung dieser Intensivbildung bei unserer Hypothese nicht 
ungünstiger gestellt als bei der bisherigen Auffassung von 
jahMra. Ja günstiger insofern, als es un verwehrt ist, anzu- 
nehmen, es habe, wie ja-hhära, ein *ja-bhur- in diesem oder 
jenem Tempus gegeben, an welches sich jdr-hhuriti ebenso 
angeschlossen habe, wie jarbharti an ja-hhära. 

3. Altind. iyäja, twäca und iyesa, iyäya, uvösa. 

Die Erklärung, die ich Grundr. 2^, 1220f. von dem ai. 
Perfekttypus iydja ijüh (yaj-), twdca ücüh {vac-) gegeben habe, 
ist bald darauf und unabhängig von mir auch von Bartholomae 
IF. 3, 38 f. (vgl. Grundr. der iran. Phil. 1, 54, IF. Anz. 8, 13. 17) 
gegeben worden. Danach war yeje, d. i. urar. *ia-izai, alter- 
tümlicher als iydja ije, vavdca (aw^ vavaca^ 1. Plur. gthaw. 
vaox^mä) altertümlicher als uvdca ücüh und sind die letzteren 
Formen mit den Reduplikationssilben i- und u- [ij- aus H-ij-^ 
üc- aus '^u-uc-) neu gebildet worden nach der Art der Perfekta 
von Wurzeln, die vollstufig mit urar. ai-, au- anlauteten, wie 
iy-esa zMh zu is- {-esati -isant-), uv-Ösa üMh zu us- {Ösati 
usndnt-), uv-öca ücise zu uc- (-öcana-m ucyati). Die Gelegen- 
heit zu dieser analogischen Nachbildung war dadurch gegeben, 
daß die Schwundstufenformen des Verbalsystems beiderseits 
von uridg. Zeit her ii- und i- hatten, z. B. ucydte zu vac- 
gleichwie ucyati zu- öc-. 

Daß die Reduplikationsweise ya-, va- bei den Verba 
wie yaj-, vac- die ursprünglichere war, wird namentlich da- 
durch erwiesen, daß nur sie zugleich im Iranischen auftritt; 
so im Awesta außer vavaca vaox^mä vaoce auch vaoze gegen- 
über ai. üM. Auch macht die iranische Gestaltung des schwachen 
Stammes, vaoc-, vaoz-, an sich durchaus den Eindruck einer 
bewahrten Altertümlichkeit. 

Was aber die ai. Gestaltung iydja, uvdca betrifft, so 
wird zwar ihre ünursprünglichkeit heute nicht mehr geleugnet, 
aber der soeben angegebene Entstehungsweg ist heute nicht 
allgemein anerkannt. Thumb Handb. des Skr. 1, 361 bemerkt, 
vermutlich durch Wackernagel Altind. Gramm. 1, 53. 262 be- 
einflußt: "Zur Erklärung dieser Reduplikationsformen ist die 
Annahme nötig, daß ursprüngliches vaväca zunächst zu '^vu- 



Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indoiranischen. 99 

väca, yayäja zu ^yiyäja umgestaltet sei, wie ja auch ein 
'^sasväpa zu svap- 'schlafen' in susväpa umgewandelt wurde 
(anders Brugmann Grundr. 2, 1220 f.). Aus ^vuväca, *yiyaja 
entstand weiterhin nach § 71 Anm. uväca, iyaja.''^) Dabei ist 
wohl stillschweigend vorausgesetzt, daß wenigstens üc- für 
*vauc- (aw. vaoce) und ij- für *yaij- (ai. yeje) in den Formen 
üsüh, isüh u. dgl. das Vorbild hatten, nach dem sie geformt 
worden sind, und zwar müßte diese Analogieschöpfung er- 
folgt sein, nachdem die angeblichen Neubildungen ^vuväca, 
^yiyäja weiter zu uväca, iyäja geworden und dadurch bezüg- 
lich der Eeduplikationsart äußerlich auf gleiche Linie mit 
uvosa, iyesa (d. i. uv-dsa^ iy-esä) gekommen waren. Denn 
ganz unglaublich wäre, daß der Inder, als er noch "^vuväca, 
*yiyäja sprach, im Gebiet der schwachstämmigen Perfekt- 
formen, entsprechend diesen ^vuväca, *yiyaja mit den Anlaut- 
silben *vu-, *yi-j von den einsilbigen "^vauc-, ^yaij- zu zwei- 
silbigen "^vuuc-y *yiij- übergegangen sei, um diese dann erst 
weiter zu wc-, ij- werden zu lassen- Man käme somit doch 
nicht darum herum, den Perfekttypus von us- ös-, is- es- zu 
Hilfe zu rufen. Ist dem aber so, dann ist keinerlei Grund, 
uväca itcüh usw. nicht in allen Teilen bezüglich der Redu- 
plikationsgestaltung dem Vorbild von twösa üsüh usw. gefolgt 
sein zu lassen. 

Wie alt ist nun und woher stammt die Eeduplikations- 
weise, die im Indischen die mit urar. «i-, au- anlautenden 
Verba im Perfekt zeigen? Dem iyesa steht im Awestischen 
yaesa gegenüber, das nach Bartholomaes gewiß richtiger An- 
sicht als iyaesa zu betrachten ist (s. auch Bartholomaes Alt- 
iran. Wtb. unter ^aes-). Wir dürfen demnach mit Hy-aisa zu- 
nächst bis ins ürarische hinaufgehen. Zu berücksichtigen ist 
aber weiter für die Entstehungsfrage die Tatsache, daß diesen 
Reduplikationstypus im Altindischen auch diejenigen mit ur- 
arischem ai, au beginnenden Wurzeln zeigen, welche hinter 
dem Diphthong nicht noch einen Geräuschlaut haben, nämlich 
ai- i- 'gehen' {etum, itä-) und au- u- 'weben' {öturriy utd-): 



1) Meillet Einführung S. 106 bemerkt von dem Typus uväca 
ücüh, diese Besonderheit könne kaum als indische Neuerung an- 
gesehen werden. Da von Meillet ein Grund hierfür nicht angegeben 
wird, so muß ich diesen Einwand auf sich beruhen lassen. 



100 Karl Bruginann, 

iyäya, iyi^tha ^), lyüh und üvuh. Diese Formationen müssen 
ebenso alt sein wie iyesa^ uvö§a. 

Wenden wir uns nun an die andern idg. Sprachen, um 
zu sehen, ob sie ein Urteil darüber erlauben, nach welcher 
von den verschiedenen Reduplikationsweisen die mit i- und 
2*-Diphthong beginnenden Wurzeln in uridg. Zeit im Perfekt 
redupliziert worden sind. Tatsächlich liegen für dieses Tempus 
in den idg. Sprachen drei Reduplikationstypen vor. 1. Der 
soeben besprochene ar. Typus, ai. iyesa, iyäya. 2. Got. af-aiaik 
{af-aikan 'verleugnen, absagen'), aiauJc aisl. iöJc (got. aukan 
aisl. auka Vermehren'}. 3. Griech. rjbecjuai zu aibeicGai, ujbriKa 
zu olbeTv, riuHriKa zu auHdveiv u. dgl. 

Daß die germanische Weise nicht altüberkommen ist, 
ist klar. Denn, wenn die Reduplikation in uridg. Zeit e- ge- 
wesen wäre, entsprechend der Weise von griech. Xe-Xoma, 
Ke-xujuai, so wäre sicher dieses e- damals mit dem folgenden 
Vokal ebenso kontrahiert worden, wie es bei den sonstigen 
vokalisch anlautenden Wurzeln ohne i, u Kontraktion erfahren 
hat, z. B. in ai. äsa aw. äidha griech. rjcGa, ai. äja griech. x\%o. 
aisl. ökj ai. ana got. -ön (vgl. Solmsen KZ. 39, 227 ff.). Es ist 
mithin anzunehmen, daß -aiaik, aiauk auf germanischem Boden 
nach dem Muster von skaiskaip usw. geschaffen worden sind ^). 

Ist nun die griechische Weise die urindogermanische ge- 
wesen? Dagegen spricht an sich nichts. Nur muß bedacht 
werden, daß man die uridg. Reduplikatiousweise aus dem 



1) Welche Bewandtnis es mit dem je einmal im RV. (8, 1, 7) 
und im AV. (8, 1, 10) vorkommenden iyätha für iyetha hat, ist 
schwer zu sagen. Die Form ist die einzige Form auf -tha mit a 
davor. Vielleicht ist sie aus iyayitha oder Hiaüha dissimilatorisch 
entstanden (vgl. S. 102, Anm. 1 über iradh-, iraj-). Osthol'f vermutet 
(Perf. 132), man habe zur 1. Sing. *iydya, indem man sie als *iyd-ya 
anschaute, iyd-tha nach dem Verhältnis von babhü-tha zu babhüva 
geschaffen. Man sieht hierbei nur nicht ein, was zu der Auffassung 
*iyd-ya den Anlaß sollte gegeben haben, da doch ay : e ein ganz 
geläufiger Wechsel in dem Formensystem des Verbums war. 

2) Ich folge hier, gleichwie neuerdings Feist PBrB. 32, 470 f., 
der alten Ansicht, daß got. ai aus ursprünglichem e vor h- und r-, 
z. B. in hai-hait, -rai-röp, lautgesetzlich entstanden und von da aus 
auf die Verba mit anderm Anlaut übertragen worden ist. Vgl. dazu 
Meillet. Mel. Havet 271, Wilmanns D. Gr. 3, 1, 23, Bezzenberger 



Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indoiranischen. 101 

Griechischen darum nicht irgend zuverlässig erschließen kann, 
weil die griechischen Formen alle leicht Neubildungen nach 
der Reduplikationsweise von Wurzeln ohne i, u sein könnten. 

Im Arischen ist bekanntlich seit urarischer Zeit bei den 
mit Geräuschlaut, Nasal, Liquida anlautenden und ein i, u ent- 
haltenden Wurzeln im Perfekt der alte,' aus uridg. e entstandene 
und ursprünglich allen konsonantisch anfangenden Wurzeln 
eigne Reduplikationsvokal a (vgl. z. B. ai. ja-ghäna ja-ghne 
Siw.Ja-ynvd, griech.Tre-cpaTai, ir. -ge-goin zu Wz. guhen- 'schlagen, 
töten') durch i, it ersetzt worden, wie ai. di-dvesa di-dvisüh 
aw. di-dvaesa di-dvisma, ai. ru-rödha avv. urü-raoda, ^i, ju- 
häua ju-huvuh (s. Bartholomae Grundr. der iran. Phil. 1, 53)^). 
Es liegt daher der Gedanke nahe, daß in ähnlicher Weise 
auch unsere ebenfalls mit i-, u- reduplizierenden iy-esa, iy-äya, 
uv-ösa, *uv-äva (dieses ist nach üvuh angesetzt) zu ihrem i-, 
u- gekommen seien. Es müßten dann aber dreisilbige Formen 
vorausgesetzt werden, aus denen iy-esa usw. umgebildet wurden, 
und die könnten nicht anders als "^a-aisa, *a-äya, '^a-ausa, 
*a-äva gelautet haben. Die schwachstämmigen Formen daneben 
müßten *a-is-, *a-i- (antesonantisch *a-iy-)j *a-us-^ *a-u- (ante- 
sonantisch *a-uv-) gehabt haben. Und das könnten nur wieder, 
gleichwie die germanischen Formen, einzelsprachliche (ur- 
arische) Neubildungen gewesen sein. Ich denke, es bedarf 
keiner näheren Begründung, um die Überzeugung zu schaffen, 
daß auf diesem Wege unsere ar. Perfekta nicht entsprungen sind. 

So kommt man schließlich noch auf die Frage, ob iyesa 
usw. nicht die sogenannte attische Reduplikation haben. 
Daß diese im Perfekt von uridg. Zeit her eine Rolle gespielt 
hat, zeigen ai. ändsa änasüh (air. t-änaic 'er kam') zu aß- as-, 
ändnja änaje zu anj- aj- u. dgl. in Verbindung mit den griech. 
Perfektbildungen wie apäpa, öpuupa, öXuuXa, öbuuba, eXrjXa^ai, 
6)Liuj|aojuai n»bst ihrem jüngeren Anhang, z. B. dXr|Xiqpa, öpuupux«; 
otTriY^Piuai usw. Diesem Typus glaube ich denn in der Tat 



I) Die im Vokal des Reduplikanten bestehende Übereinstim- 
mung zwischen ai. su-Sräva und ir. -cuala aus '*cuclou- und zwischen 
ai, tu-tude und lat. tu-tudl halte ich demnach trotz Meillet Bullet, 
de la Soc. de lingu. no. 5S9 (Sept. 1911) nicht für altüberkommen, 
sondern nehme an, daß jeder der drei Sprachzweige selbständig 
von e abgegangen ist. Auf nähere Begründung dieses Standpunkts 
kann ich mich hier nicht einlassen. 



102 Karl Brugmann, 

unsere Perfekta zurechnen zu müssen. In bezug darauf, daß 
in iy-esa die Redaplikationssiibe schwundstufig*, die Wurzel- 
silbe vollstufig ist, vergleicht sich die aw. Optativform isdidhaeta 
'er würde empfangen', die vermutlich urarisches Hs-äsaita 
(Wz. äs-) mit is- = *9s- war, vgl. ferner die Ablautverhältnisse 
von ai. as-äsyate zu as- 'essen', at-ätyaU (Gramm.), zu at- 'um- 
herschweifen' ^). 

Ich betrachte nun iyäya iyetha, 3. Plur. lyüh um so 
lieber als die unmittelbare Fortsetzung der uridg. Gestaltung 
des Perfekts zu der Wurzel ei- i-, als sich dadurch eine ver- 
hältnismäßig einfache Erklärung für das lat. Perfekt il ergibt, 
eine Tempusbildung, die augenscheinlich zunächst mit umbr. 
iust Fut. ex. 'ierit' und ier 'itum sit' oder 'itum est' (IF. 28, 387) 
zu verbinden, für deren Entstehungsart aber noch nichts Be- 
i'riedigendes bis jetzt vorgebracht worden ist. Im Verhältnis 
zu den andern lat. Perfekta zeigt, worauf Sommer Lat. Laut- 
u. Formenl. 628 f. hinweist, ü auffallend oft eine Länge des 
Vokals der zweiten Wortsilbe, welche auf einem ursprüng- 
lichen /-Diphthong beruhen muß: nicht nur in der 3. Sing, 
inschriftlich red-ieit, bei Ovid suh-ilt usw., sondern auch, was 
wichtiger ist, inschriftlich 2. Sing, inter-ieisti CIL. 1, 1202 und 
entsprechend adiesed -iesent -lese (mit e) CIL. 1, 196. Um 
dieser Tatsache gerecht zu werden, hat man (Sommer a. a. 0. 61 1, 
Verf. Das Wesen der lautl. Dissimilationen 157, IF. 28, 383 f.) 
für il eine Grundform ^eiai angesetzt, die bestehen soll aus 
e- als Reduplikationssilbe, i- als Wurzel und -ai als mediale 
Personalendung (vgl. tutudl = ai. tutude). Da müßte nun ent- 
weder das -ai dieser Grundform für das i des Elements ts- 
(2. Sing. Ind. '^-is-tai, 3. Sing. Konj. Plusqu. *-is-sed) ein- 
gedrungen sein (aus ai in unbetonter Silbe lautgesetzlich eij 
e, z), oder — was Sommers Ansicht ist — der Römer kon- 



1) Noch genauer entsprechen vielleicht in bezug auf die Ab- 
stufuugsverhältnisse der zwei ersten Wortsilben die öfters, z. B. von 
Bartholoniae Ar. Forsch. 2, 93 f. und Burchardi Bß. 19, 174, bespro- 
chenen ved. Formen iradhanta (zu ardh- rdh-, Desider. irtsati) und 
irajydti (zu arj- rj-). Sie weisen auf urar. '^rradh-, '^rraz- (vg'l. 
irasydti aus uridg. *rres-, Grundr.^ 2, 1, 192). Sind diese aber dis- 
siinilatorisch aus '*rrardh-, *rrarz- d. i. *rr-ardh-, *rr-arz- entstanden 
(vgl. iydtha aus Hiaitha'? S. 100 Fußnote 1), so entsprechen sie ab- 
lautlich genau den Formen ai. iy-es-, uv-ös-. 



Zu den reduplizierten Verbalbildungen des Indoiranischen. 103 

trahierte *e[i]ts- (2. Sing. *eistai usw.) zu *m-, und diesem 
wurde nach der Analogie der 1. und 3. Sing. Ind. Perf. i- vor- 
geschoben, worauf lautgesetzlich weiterhin Heste {-ieisti), ^iessed 
(-iesed) usw. entstanden. Das i- von it kann ja lautgesetzlich 
älteres e gewesen sein (vgl. z. B. den Nom. Plur. u neben eös usw.), 
und dasselbe gilt von dem i- der umbr, Schreibungen iusf, ier. 
Aber die angebliche Grundform *e^a^ selbst ist ein sehr frag- 
würdiges Gebilde; das Aktiv dazu müßte in der 3. Sing. *öie = 
*e-oie gewesen sein. Mit etwaigem Hinweis auf got. iddja 
ist nichts gewonnen; denn dessen Ursprungsart ist heute 
zweifelhafter als je, zumal da auch hier die Lautgesetze keine 
Entscheidung darüber bringen, ob das anlautende i- altes i 
oder altes e gewesen ist. Durch ai. iye-tha iyäy-a ist der 
als urlateinisch für die zweite Silbe des perfektischen Stammes 
ü- zu erschließende Diphthong jedenfalls am einfachsten er- 
klärt. Weiter aber darf jetzt das l- von lerant Tereut. Ad. 27 
(vgl. Sommer a. a. 0. 612) dem i- von ai. ty-üh ty-dthuh usw. 
gleichgesetzt werden, wie denn ja auch umbr. iust als tust 
zu dieser schwachen Stammform gezogen werden könnte, teram 
hat schon Osthoff Perf. 130. 225 mit ai. lyüh verglichen. Nur 
ist es aber natürlich verfehlt, wenn er in dem gemeinsamen 
li- ein uridg. Kontraktionsprodukt aus dem Reduplikations- 
vokal e- und der Wurzelsilbe ii- sieht. 

Was man bisher über das Verhältnis von ii zu ivl und 
von beiden zu den Perfektformen der Verba wie finio, audio 
geurteilt hat, bleibt bestehen : wie im Neubildung nach finlvi, 
audivl war, so sind umgekehrt finii -ieranij audü -ieram 
nach den perfektischen Formen der Komposita von Ire, wie 
adii -ieram, geschaffen worden, und insonderheit sind auch 
die Messungen wie audteräs, audlerit (Terenz) durch ieram 
hervorgerufen worden. 

Schließlich noch eine Bemerkung über das arische redu- 
plizierte Präsens zu Wz. ei- 'gehen', 3. Sing. Akt. Hi-ai-ti, Med. 
H-tai = *i'itai, belegt durch ai. 2. Sing. Imperf. äiyeh, 1. Plur. 
Präs. imahey Part, tyänd-h und durch die aw. (sekundär thema- 
vokalisch gewordene) 3. Plur. yeyenti, d. i. iy eyenti (Bartho- 
lomae Ar. Forsch. 2, 71 ff., Grundr. der iran. Phil. 1, 54. 191). 
Betrachtet man diese Tempusbildung an sich, ohne Rücksicht 
auf das Perfekt iyäya, so wird man darin keine Form mit 
attischer Reduplikation suchen, sondern den Typus, 6,er ver- 



104 Karl Brugmann, Zu den reduplizierten Verbalbild. d.Indoiran. 

treten ist durch Formengruppen wie ai. iy-oHi irte^ a\v. Kon- 
junktiv uz-yarät, d.i. -iy-arat, gthav. Imperativ iratü, zu ar-'in 
Bewegung setzen' (Perf. ara arüh), ai. hi-bharti hi-hhrmdh, ein 
Präsenstypus, der sicher aus uridg. Zeit mitgebracht war. Denn 
gleichartige Präsentia mit att. Reduplikation kennt das Arische 
nicht; ved. dl-arti, klass. ararti ist etwas anderer Art. Aber 
es wäre unnatürlich, dieses Hiaiti von iyäya zu trennen, und 
so möchte ich annehmen, bei der Bedeutungs Verwandtschaft 
von i- und ar- habe iy-arü den Anstoß dazu gegeben, daß 
man neben iyäya eine Präsensform Hi-aiti stellte. 

Leipzig. 

Karl Brugmann. 



W. Caland, Syntaktisch-exegetische Miszellen. 105 



Syntaktisch- exegetische Miszellen. 

1. Zum Gebrauch des Ablativs. 
a) Nachdem von mir selbst (in KZ. 31, 270) und 
später von F. N. Finck (in KZ. 40, 123), der meinen Auf- 
satz nicht gekannt zu haben scheint, Delbrücks Behauptung- 
(Vgl. Synt. 1, 201): "jedenfalls liegt (nl. in avestischen 
Ausdrücken wie zdmäda sayanam 'auf der Erde liegend') ein 
altertümlicher Gebrauch des Ablativs (also als Lokalis) nicht 
vor" widerlegt worden ist^), bin ich auf einige Stellen 
sowohl im Avesta wie in altindischen Texten gestoßen, wo 
nicht nur der Ablativ als Wo-Kasus, sondern als Wohin-Kasus 
angetroffen wird. Wer wird Bartholomae beistimmen, wenn er 
(Altir. Wörterb. Sp. 649) in fra ahmät parö inspe daeva 
anusö tarsta ndmante, tarsta tdmaTdhö dvardfiti (Vor ihm 
fliehen widerwillig alle Teufel erschreckt weg, erschreckt 
laufen sie ins Dunkel', Ys. 57. 18), tdmawhö als Genitiv fassen 
will ? Es ist vielmehr Ablativ, aber wie visäda und x^afnäda 
(KZ. 31, 270) mit der Bedeutung des 'wohin'. Derselbe 
Gebrauch findet sich im Altindischen an folgenden Stellen ; 
athäsyai . . . ojltäm osadhim nastah karoti' 'er tut . . . ein 
frisches Kraut in ihre Nase' (Äsv. grhs. I. 13. 5); adhyän- 
dämülam pesayitvä . . . nasto daksinato nisincet 'er 
stampfe eine Adhyändäwurzel und schütte sie . . . in ihr 
rechtes Nasenloch' (Sänkh. grhs. I. 19. 1, vgl. I. 20. 5). Der- 
selbe Gebrauch liegt auch im Käthaka vor: tarn pänitah prä- 
visat 'es drang ihm in die Hand' (VI. 2 : 50. 17), vgl. 
Maitr. S. (I. 8. 2: 116. 12): sd cd enam itd evd pünah p7'ä- 
visat, wobei der Vortragende (bei itah 'hierher') auf seine 
rechte Hand hinzuweisen hatte, vgl. TBr. 11. 1. 2. 5:,sa 
prajäpatim pünah prdvisat. Die Lokalis-Bedeutung hat der 



1) Reichelt, Av. Elernentarbuch § 484 findet diesen Ablativ 
noch immer auffallend. 



106 W. Caland, 

Ablativ noch an der folgenden Stelle im Käthaksi : muTchata 
eva yajnasya pränän pratidadhäti, tasmän muJchatah pranäh 
(XXX. 9: 115. l6), wozu man vergleiche Maitr. S. HL 8. 8: 
106. 4 : slrsdn vd im4 pränäh . . . antdr vä ini4 sirsdn 
pränäh. Schließlich erinnere ich noch an Ausdrücke wie 
ÖTTicGev epxeiai und besonders an das Homerische exT^öev fjXGe, 
€TT^Oev eivai rivi; exT^Oev, obschon mit Ablativ- Suffix gebildet, 
hat auch hier die Bedeutung eines Wo- oder Wohin-Kasus über- 
nommen. So scheint mir der Aufsatz Hatzidakis' (Glotta 2, 
113 ff.), der für die -0ev-Formen als ursprüngliche die -Ga- 
Bedeutung annimmt, sich nicht mit den Tatsachen der ver- 
gleichenden Syntax zu vertragen. 

b) InseinerVergl. Syntax (1. Teil, 330) sagt Delbrück: "nicht 
recht deutlich ist mir der Genitiv bei "verbrennen" und ''waschen". 
Es liegen vor: Tiupöc bei öepecGai, irpficai und ejUTTpficai, d\öc 
bei vii|iac0ai, TToiaiuoio und uJKeavoTo bei XouecGai. Vielleicht 
sind im Avesta Analoga vorhanden." Gewiß, und auch be- 
sonders im Altindischen. Aber diese Sprachen stellen klar, 
daß TTupöc, dXöc usw. nicht eigentliche Genitive, sondern Ab- 
lative sind-, der Genitiv hat ja bekanntlich im Griechischen 
auch die Funktion des Ablativs übernommen. Ohne Zweifel 
findet sich dieser Ablativ in avi dim aiwiraocayeiti äQrö 
(Vend. y. 2) : "er zündet ihn (den Baum) am Feuer an". 
Bartholomae s. v. raoc- und Reichelt ihm folgend (Av. Elemen- 
tarbuch § 491) nehmen hier äQrö als Genitiv. Daß es aber 
Ablativ ist, geht aus den folgenden Stellen aus altindischen 
Texten deutlich hervor: etad gärhapatyät paced athetarad 
grämägneh ; . . . yat kirn cestaJcoJctam grämägninä tat paced, 
dhaviruMam gärhapatyät "dieses backe er am Gärhapatya- 
feuer, das andere aber a m Dorffeuer (d. h. an nicht sakralem 
Feuer); . . . alles was als Ziegel bezeichnet ist, backe er 
vermittelst des Dorffeuers; was als Opfergabe bezeichnet ist, 
am Gärhapatya" (Baudh. dvaidhasutra III. 2). Bedeutsam ist 
hier der Instrumental neben dem Ablativ; gärhapatyäd dhü- 
panapacane hhavatah ''das Eäuchern und das Backen ge- 
schieht am Gärhapatyafeuer ' (Äp. srs. XVL 5. 7); trnamus- 
tim samädäya savitus tarn samädadhät : 'nachdem er eine 
Handvoll trockenes Gras genommen hatte, zündete er es an 
der Sonne an' (MBh. III. 75. 13 = Nalopakhyäna XXIII. 12; 
savituh sakasäd uddipitaväny Nllak.). Also wenn wir sagen: 



Syntaktisch-exegetische Miszellen. 107 

'ich wärme mich am Feuer, ich wasche mich im Strome, 
backe etwas am Feuer", so sagten die Alten: Mch wärme 
mich voQi Feuer her' usw., weil die Wirkung von dem Feuer, 
von dem Strome ausgeht. 

2. Zu Vendidäd I. 3. 

In seinem Aufsatz "Contributions to the critique and 
Interpretation of the Avesta" (Jamasp memorial volume, 
Bombay 1909, S. 215) will Eug. Wilhelm in der Stelle: c^asa 
avaQra mäidhö zayana dva hqmina; taeca hdnti sardta äpö 
savdta zdmö sardta urvarayä die Worte äpö, zamö, urvarö 
(so schlägt er zu lesen vor, unter den Varianten findet sich 
ja urvarä) als Accusativi partis, "Accusatives of relation" 
auffassen. Wilhelms urvarö^ was gar nichts ist, wird jeden- 
falls Lapsus statt urvarä sein. Bartholomae tibersetzt: ,,dort 
(gibt es) zehn Wintermonate, (nur) zwei Sommer(monate), und 
(auch) die sind (zu) kalt für das Wasser, (zu) kalt für die 
Erde, (zu) kalt für die Pflanzen'. Keine von diesen beiden 
Interpretationen ist befriedigend. Wie aber, wenn man so 
schreibt : 

taeca hdnti sardta. äpö 

sardta. Zdmö sardta. urvarä, 
d. h. 'und (auch) in diesen (Sommermonaten) ist das Wasser 
kalt, ist der Boden kalt, sind die Pflanzen kalt'? An der 
letzten Zutat: 'sind die Pflanzen kalt' wird niemand Anstoß 
nehmen, der bedenkt wie geläufig und beinahe unzertrennlich 
die Trias „Wasser, Erde, Kräuter'^ den Zoroastriern ist (vgl. 
Bartholomae, Altir. Wörterb. Spalte 1664). Wir haben es hier 
also mit Bahuvrihi-Zusammensetzungen zu tun. Prof. Kern, 
der sich vollständig mit meiner Auffassung der Vendidäd- 
Stelle vereinigt, macht mich noch darauf aufmerksam, daß 
diese Umschreibung vermittelst Bahuvrihi-Zusammensetzungen 
bekanntlich auch im Sanskrit eine sehr geläufige ist; er er- 
innert mich an Sak. I: 

suhhagasalilävagähäh pätalasamsargasurahhivanavätah \ 
pracchayasulahhanidra divasah parinamaramamyäh \\. 

Utrecht. W. Caland. 



108 J. S. Speyer, 



Ein syntaktisclies Kleeblatt. 

1. Prädikativer Nominativ im klassischen Sanskrit. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß im Altindischen der 
prädikative Nominativ bei Verben des Sich-Nennens, -Er- 
kennens, -Dtinkens, -Haltens für sich gerne einstellt. In 
Ihrer ausgezeichneten Altindischen Syntax haben Sie (S. 104) 
diese syntaktische Erklärung gehörig gewürdigt, wie ich meiner- 
seits einige Jahre früher sie in meiner Sanskrit-Syntax (§ 33) 
erwähnte. Damals schrieb ich noch: In classic Sanskrit 
this idiom seems to have antiquated. Zehn Jahre später, in 
der Vedischen und Sanskrit- Syntax (§ 99) nahm ich an, daß 
diese Konstruktion sich noch vereinzelt in der epischen Sprache 
vorfinde, und konnte wenigstens einen Beleg (aus dem Rämä- 
yana) dafür beibringen. Seitdem habe ich bei der Lektüre 
manche Fälle mir notiert, welche beweisen, daß der uralte 
prädikative Nom. sich viel länger behauptet hat, als ich 
damals vermutete. Hier sind einige Belege aus dem Ma- 
häbhärata: 

Mit Verben des Sich-Nennens: III, 133, 10^) Jcasmad 
hälah sthavira iva prabhäsase 'warum nennst du dich ein 
alter Mann? du bist doch ein Knabe'. — IV, 2, 1 Bhlma sagt, er 
wolle sich für einen Küchenmeister ausgeben, Bhallava mit 
l^Siinen paurogavo bruväno'ham Ballavo nama\ ähnliche Stellen 
IV, 3, 8; 5, 4; 18, 25;' 19, 2 und 4. 

Mit ava + hudh: II, 44, 29 sähasam cätmanätlva caranti 
nävabudhyate '[der Vogel Bhülihga] ist sich nicht bewußt, 
daß er selbst sieh waghalsig beträgt'-). 



1) Ich zitiere das Mhbhta nach der Bombay- Ausgabe. 

2) Die Stelle Räm. II, 8, 21, wo der Noniin. selbst mit ätmänam 



Ein syntaktisches Kleeblatt. 109 

Mit vid: TI, 66, 2 jprapäte tvam lambamäno na vetsi, 
ganz wie die griech. Parallele ouk oicGa ttpokutttuuv im Kpr||uvoö. 

Mit man: XV, 33, 9 menire paritosena 7irpah svarga- 
sado yatha 'vor Freude wähnteD die Fürsten sieh gleichsam 
in den Himmel A^ersetzt'. 

Für das Vorkommen des prädikativen Nominativs im Pali 
bei patijänati mag als Beweis dienen Majjh. Nik. I, 92, 6 
n'eva täva anävattl Jcämesu paccannäsim. Childers s. v. 
patijänati führt, ohne genauere Angabe des Belegs, an 
hassaho patijänäsi 'you profess to be a husbandman'. 

Nun es ist doch merkwürdig, daß ich unsern prädikativen 
Nominativ in einem relativ späten Texte, Sankara's Säriraka, dem 
Kommentar zu Bädaräyanas Brahmasütra, angetroffen habe. 
Man findet die Stelle S.'781, Z. 2 v. u. der Bibl. -Ind. Aus- 
gabe. Es hat jemanden geträumt, der in seinem Bette im 
Kurulande eingeschlafen ist, er begebe sich nach Pancäla, und 
als er erwacht, glaubt er noch im Pancälalande zu sein. 
Doch befindet er sich leibhaftig an dem Ort, wo ihn der 
Schlaf befangen hatte und die andren ihn jetzt sehen: yena 
cäyam deJiena desäntaram asnuväno manyate tarn anye pär^- 
svasthäh sayanadesa eva pasyanti. 

2. Bemerkung en zu dem sogenannten per iph ras tischen 
Futurum des Sanskrit. 

Über dieses Futurum und seinen Gebrauch haben Sie in 
Ihrer im Jahre 1878 erschienenen Abhandlung 'Die altindische 
Wortfolge aus dem Qatapathabrähmana' uns, soweit die 
Sprache der Brähmana anbelangt, Aufschluß gegeben. Für die 
klassische Sprache bestrebte ich mich, in meiner Sanskrit- 
Syntax §340ff. den Sachverhalt darzulegen, u. a. betonte ich, 
daß die beiden Typen Tiartä -j- aliam und kartdsmi gleichwertig 
sind und durcheinander gebraucht werden, wiewohl ersterer 
von Pänini, aus offenem Grunde, nicht gelehrt wird. Das 
relative Häufigkeitsverhältnis beider mag aus folgendem er- 
hellen. 



avabudhyase verbunden wird, ist unsicher. Ed. Bomb, und Schlegel 
haben majjmiti, ed. Calc. majjatlm. Es handelt sich eben um 
die richtige Stelle des anusvära. 



110 J. S. Speyer, 

Ich habe mir aus zwei Büchern des Mahäbhärata, Sabhä- 
und Vanaparva — zusammen 14 572 8'lokas — alle -ff-Futura 
zusammengestellt. Wenn ich gut gezählt habe, beträgt die 
Totalsumme 154. Fast alle betreffen den Singular, für den 
Plural fand ich nicht mehr als 5 Belege, für den Dual nur 1. 
Von den 148 Singularia kommen auf die erste Person 43, auf die 
zweite 40, auf die dritte 65. In betreff der letztgenannten, 
wo das Femininum auf -tri zweimal vertreten ist (III, 115,6 
und 282, 57, jedesmal hhavitrl), soll doch einmal darauf hin- 
gewiesen werden, wie unpassend die Benennung "periphrasti- 
sches Futurum" doch ist; der dritten Person haftet nichts 
Periphrastisches an, der bloße Nom. Sing, auf -tä ohne 
Auxiliare genügt zum Ausdruck des Futurums. Es wird auch 
nie hinzugefügt^). Holtzmann (Grammatisches aus dem Mahä- 
bhärata S. 31) irrt sich, wenn er Mhbhta III, 266, 2 vaktästi 
als Beispiel für ein -^f -Futurum mit asti anführt. Die Stelle 
paßt hier gar nicht ein. Zu Draupadi, welche sich ganz allein 
in der Hütte im Walde befindet, begibt sich Kotikäsya im 
Auftrag seines Herrn und überbringt ihr die Botschaft mitzu- 
gehen. Darauf antwortet sie: 'Eigentlich darf eine Frau wie 
ich mich gar nicht in ein Gespräch mit dir einlassen. Hier 
aber gibt es keinen andren, der mit dir reden könnte, weder 
Mann noch Weib', 7ia tveha vaktästi taveha väkyam anyo 
naro väpy athaväpi nari^)\ wie so oft, ist asti hier = frz. 'il y a'. 

Die 83 Fälle, wo 1. und 2. P. des Singulars vorkommen, 
sind so verteilt. Den regelrechten Typus kartäsmi, kartäsi 
traf ich 54mal an (30 für die erste, 24 für die zweite Person), 
die umgekehrte Folge asmi kartä nur 3 mal (II, 58, 15; III, 
167, 12; 216, 12). 

Anstatt von asmi, asi fand ich 18mal das Pronomen 



1) Ganz vereinzelt steht die Stelle aus Patafljalis Mahäbhäsya, 
welche ich § 344** meiner Sanskrit-Syntax anführe, vaktäro 
bhavanti, und da kann von einer futurischen Bedeutung kaum die 
Rede sein, v. bh ='one is likely to say', eiiroi Tic av. Eine Paral- 
lele aus dem Pali ist Majjh. Nik. 1,469. Z. 8 v.u. Sace ävuso äran- 

nako bhikkhu atikälena gnmam pavisati divä patikkamati 

tassa bhavanti vattäro usw. 

2) Daß die Stelle nicht ganz fehlerfrei ediert ist, tut nichts zur 
Sache. Ich halte taveha für verderbt und konstruiere na .tvä.iha. 
väkyam. vaktä. anyah. asti. 



Ein sjmtaktisches Kleeblatt. 111 

aham, tvam, und zwar 11 Fälle der ersten und 7 der 
zweiten Person i). Die Stellung- ist hier ganz frei; das Pro- 
nomen kann vorausgehen oder folgen, es kann mit dem futu- 
rischen -fa unmittelbar oder getrennt verbunden werden. Dazu 
kommen noch fünf weitere Stellen, wo das höfliche hhavän 
der Exponent der 2. S. ist: III, 59, p Nalam jeta hhavcm-^ 

174, 16 svah hhavän drasta\ 183, 28 karta hhavän 

Tcarma^ 260, 29 samriro hhavän gantä svargam. 

An zwei Stellen fand ich die beiden Typen kombiniert: 
III, 52, 39 hantä tvam asi Suyodhanam^ 26b, 17 yadä kro- 
dhahavir moktä Dhärtarästresu Pändavah \ ägantäham tadäs- 
miti. Die emphatische Ausdrucksweise paßt hier in den Zu- 
sammenhang und scheint beabsichtigt. 

Die sechs Belege des Duals und Plurals enthalten alle 
den Dual und Plural des -fr-Agens. Der aus der vedischen 
Prosa genügend belegte und von den Grammatikern als normal 
aufgestellte Typus kartäsvah und kartäsmah, kartästhah und 
kartästali scheint, soviel wir wissen, in dem klassischen 
Sanskrit außer Gebrauch gekommen zu sein. Ich entsinne 
mich keines Beispiels aus meiner Lektüre. Holtzmann fand 
keines im Mhbhta; in den (relativ wenigen) Fällen, welche 
er vom Dual und Plural anführt, ist der verwendete Typus 
immer vayam kartärah. In meinem aus Buch II und III 
zusammengebrachten Verzeichnis ist dieser einmal belegt: 

III, 86, 16 vayam drastärah^)\ zweimal wird nicht 

das Pronomen, sondern das verbum substantivum hinzugefügt : 
III, 249, 4 drastärah sma [episch = smah] sukhäd dhlnän 
sadärän Pändavän iti^), und III, 203, 25 datärau svo varam 
tuhhyam. Die drei übrigen Belege sind dritter Person. 

Da nun karfäsmi und kartäsi tiberall in der epischen 
und klassischen Sprache als zwei Worte empfunden werden, 



1) In dieser Siebenzahl sind zwei Stellen, wo läbdhvä ediert, 
jedoch zweifelsohne labdhä zu lesen ist; III, 68, 23 und 94, 23. 

2) Als Belege für die zweite P. führe ich an Mhbh. 1, 197, 25 

yüyam ägantärah, ibid. XVI, 2, 9 in der von den Herren 

T. R. Krishnacharya und T. R. Vyasacharya besorgten Mhbhta- 
Ausgabe nach südindischen Hss. yüyam ucchettärah. 

3) In der in der vorigen Anm. genannten Ausgabe finde ich 
die Variante (S. 399) dra§täsmi nihsukhän virän sadärän. Der 
Plural paßt aber besser. 



112 J. S. Speyer, 

wie aus ihrer beliebigen Trennung" und umgekehrten Folge 
klar ist, und die nur als ein Wort auffaßbaren Jcartäsvak 
usw. aus der nachvedischen Sprache verschwunden sind, so 
ist der Schluß berechtigt: im klassischen Sanskrit ist das -fr- 
Futurum kaum ein regelrechtes Tempus zu nennen. Wir 
haben hier den Fall einer in ihrer Entwicklung gehemmten 
Neubildung, welche von Pänini als normal anerkannt, jedoch 
von der nachpänineischen Generation gewissermaßen wieder 
rückgängig gemacht worden ist. Das Tempus lut ist bei den 
Späteren ein mehr rudimentäres, als es in Päninis Tagen ge- 
wesen war. Wäre es nicht, daß °fä sich für das gramma- 
tische Geschlecht als starr bezeugt — und selbst dies nicht 
immer — so würde man unser Tempus dem Typus des nomi- 
nalen Ausdrucks des Prädikats durch ein Verbale unterordnen 
müssen, wie die Partizipien auf °ta und °tavant und das so- 
genannte Gerundivum (Krtya)^). Hiermit steht in Einklang, 
daß es ja freisteht, das Pronomen der ersten oder zweiten 
Person auszulassen, wo es für das Verständnis ohne Schaden 

fehlen kann, wie Mhbhta III, 216, 5 siddhim aväpsyasi 

jätismards ca hhavitä svargam caiva gamisyasi (du wirst 
die Vollendung erreichen, dir deine früheren Existenzen er- 
innern und zum Himmel gehen). Da ich in meiner Sanskrit- 
Syntax diesen Fall nicht erwähne, füge ich ein paar weitere 
Belege hinzu: einen aus dem Mhbhta (I, 197, 27) agantärah 
(sc. vayam) nach Sätzen, wo das Subjekt eine 1 Plur. ist, 
einen aus Dandins Kävyädarsa (II, 145) gantä ced gaccha 
tvam ('wenn du fort mußt [Böhtlingk: wenn du reisen willst], 
so reise eiligst'). Vgl. Lacotes Anm. zu Budhasvämins Brhat- 
kathä Slokasamgraha V, 323. 

Bei der Beurteilung von Literaturstellen, wo Nominative 
des -fr-Agens sich vorfinden, soll man im Auge behalten, 
daß die Bedeutung von etwas Zukünftigem nur eine Seite 
der Bedeutungssphäre dieses nomen verbale bildet. An sich 
können die Agentia sich ebensogut auf Gegenwärtiges und 
Vergangenes beziehen. In den Sätzen: 'ich kann den Redner 
[der jetzt spricht] nicht gut verstehen', 'was hat der Redner 



1) darsayitähe Naish. V, 71 ist eine pedantisch dem Pänini 
nachgebildete Form und hat für uns keinen Wert. Vgl. Liebich 
Pänini S. 55. 



Ein syntaktisches Kleeblatt. 113 

schön gesprochen!' 'der Eedner bereitet sich jetzt auf seine 
Rede vor', inhäriert dem durch das Agens bezeichneten 
Begriffe bzw. die gegenwärtige, vergangene, zukünftige Zeit. 
Brutus und Cassius heißen 'Caesaris percussores' auch nach- 
dem sie die Tat begangen haben, Brahma heißt srasta 
(Schöpfer) mit Rücksicht auf Vergangenes. Die richtige 
Formel ist hier: den Agentia wohnt von Haus aus eine dyna- 
mische Bedeutung inne. Diese zeigt sich am reinsten, wenn 
sie Handwerk oder Beruf benennen. Auch mit dynamischer 
Bedeutung sind sie praedicative verwendbar. In der Pancatantra- 
Geschichte des Präptavyamartha sagt der Held zu der in Lebens- 
gefahr vor dem wütenden Elefanten verkehrenden, von ihrem 
Bräutigam und seinem Gefolge verlassenen Braut : mä hhaisir 
aham pariträtä (ed. Kielhorn II, 25, 1). Ob man diese Les- 
art für maßgebend hält oder vielmehr aham te pariträtä, wie 
in Pürnabhadras Rezension (ed. Hertel S. 150, 13) ist indifferent. 
Mag man übersetzen 'ich bin dein Beschützer' oder 'ich 
werde dich beschützen', ein eigentliches Futurum liegt hier 
nicht vor, sondern eine Bedeutungsschattierung, welche man 
mit Fug mit dem Namen 'dynamisches Präsens' bezeichnen 
dürfte, und zu deren Ausdruck man die Wahl hat zwischen 
mehreren morphologischen Gebilden: Präsens, Futurum, sub- 
junktivischem Tempus, Verbale. 

Von diesem Standpunkte aus ist es a priori leicht ein- 
zusehen, daß unserem -tä Nominativ, wenn Satzprädikat, auch 
eine mehr oder weniger ausgeprägte subjunktivische Färbung 
der Bedeutung anhaften kann. Das ist auch wirklich der Fall; 
Jcartä ist nicht nur = TTOirjcei, wie Jcarisyati kann es auch den 
Sinn haben von ttoioiti dv, Tioiriceiev dv. Es findet sich 
diese subjunktivische Verwendung bei weitem nicht so oft in 
der Literatur als beim Futurum auf -sj/ati, am meisten noch mit 
potentialer Bedeutung, wie Mhbhta III, 76, 38 na hy ekahnä 
bat am gantä tväm rte 'nyali pumän iha, wo gantä = 'ist im- 
stande zu gehen'. Selbst einen Irrealis kann das -f/'-Futurum 
ausdrücken: Mhbhta HI, 22, 43 sagt Krsna dem Yudhisthira: 
'wenn ich damals nach Hästinapura gekommen wäre, würde 
das Spiel nicht stattgefunden haben' mayy ägate 'thavä mra 
dyütam na bhavitä tathä. 

Gleichfalls ist die Möglichkeit gegeben, den Nominativ 
des -^r-Agens prädikativisch zur Bezeichnung von Vergangenes 

Indogermanische Forschungen XXXI. 8 



114 J. S.'Speyer, 

anzuwenden. Und diese Möglichkeit erzeigt sieb als Wirk- 
lichkeit, zwar nicht, soviel ich weiß, im Sanskrit, jedoch im 
Pali. Weil man an diese merkwürdige sprachliche Erscheinung 
bis jetzt fast unbeachtet vorbeigegangen ist, will ich sämt- 
liche Belege, welche ich vorfand, anführen. Überall ist der 
-ta Nominativ ein prädikativer, der sich dem Hauptprädikat 
zugesellt, und dieses Hauptprädikat ist immer ahhijänämi 'ich 
erinnere mich'. Als typisches Beispiel stelle ich voran Majjh. 
Nik. I, 79, Z. 3 v. u. na kho panäham Säriputta ahhijänämi 
tesu päpakaTYi cittam uppädetä (und wahrlich, ich erinnere 
mich nicht, Säriputta, eine schlechte Gesinnung wider diese 
in mir aufkommen haben lassen). Die buchstäbliche Über- 
setzung wäre: Mch erinnere mich nicht (als) einen In-sich- 

aufkommen-lasser'. Ibid. 72, 23 ahhijänämi upasam- 

Jcamitä); 11, 23 {ahhijänämi hrahmacariyam caritä)'^ 

80, 5 und 81, 2 {ahh ähäram äharitä); 246, 31 

{ahh viharitä); 249, 26 {ahh dham- 

mam desetä)\ 249, 36 ahhijänäti, fragt Aggivesana den 
Buddha, hhavam Gotamo divä supitä ti, und der Buddha 

antwortet : ahhijänäm' aham sato sampajäno niddam 

oTckamitä ; 250, 26 ahhijänäm' aham vädam samära- 

hhitä; Digha Nik. I, 51, 23 ahhijänäm' aham hhante imam 
panham anne samanahrähmane pucchitä ti (ich erinnere mich, 
daß ich andere Brahraanen und Asceten dasselbe gefragt habe) ^) ; 

I, 143, 21 ahhijänäti pana hhavam Gotamo sag- 

gam loTcam uppajjitä ti, in der Antwort auf diese Frage wird- 
das mit denselben Worten ausgesagt. 

Diese Redewendung wirft auch ein Streiflicht auf ein 
pänineisches Sütra, das sich schwierig erklären läßt. 

Pänini III, 2, 112 — 114 wird ein Fall erörtert, wo Ver- 
gangenes, und zwar Vergangenes-und-nicht-mehr- Aktuelles^) 



1) Selbstverständlich ist in der unmittelbar vorangehenden 
Frage, welche in denselben Worten gekleidet ist wie die Antwort, 
ebenso pucchitä zu lesen. Trenckner hat in seiner vorzüglichen 
Ausgabe von Majjh. Nik. I die richtige Form auf -tä überall in den 
Text gesetzt, ohne sich durch die Varianten, wo dieselbe verderbt 
überliefert ist, beirren zu lassen; siehe seine kritischen Anmer- 
kungen zu den angeführten Stellen. 

2) So übersetze ich den Terminus anadyatana, indem ich 
adyatana = Aktuelles, d. h. noch jetzt Aktualität habendes, auffasse. 



Ein syntaktisches Kleeblatt. 115 

anstatt durch das Tempus lan (das 'Imperfektum') seinen 
Ausdruck finden soll durch das Tempus Irt (das -,<?^^a-Futurum). 
Der Fall heißt ahhijiiavacane, d. h. nach der einheimischen 
Erklärung, in Verbindung mit einem Verbum des Erinnerns; 
Käsikä zu der Stelle : ahhijnä = smrü. Jenes Futurum ist 
obligatorisch bei der asyndetischen Anfügung, dagegen verboten, 
falls die Anfügung mit yad stattfindet; ist der angehängte Satz 
ein zusammengestellter, so hat die Vorschrift beliebige Gültig- 
keit, Als Beispiel für den einfachen^ asyndetisch angehängten 
Satz wird gegeben : ahhijänäsi Devadatta Kasmiresu vatsyämah, 
und ähnliches für die übrigen Fälle. Was soll das heißen? 
Ist es anzunehmen, daß um zu sagen 'erinnerst du dich^ daß 
wir (damals) die Nacht in Kasmir zubrachten?', das Sanskrit 
ein futurisches Tempus und nicht ein präteritales verlangt? 
Belege aus der Literatur für solch eine sonderbare und un- 
erklärliche Konstruktion fehlen gänzlich ! Vor fünfundzwanzig 
Jahren, als ich meine Sanskrit Syntax publizierte, sprach ich 
vermutungsweise die Meinung aus, (Anm. zu S. 261), ob nicht 
etwa eine Übersetzung wie 'erinnerst du dich, daß wir (da- 
mals) in Kasmir die Nacht zubringen würden' [= habitaturi 
eramus] den gemeinten Sinn richtig wiedergäbe, verhehlte mir 
aber nicht die mit dieser Erklärung verbundene Schwierigkeit, 
daß das essentiellste Element der Bedeutung, die Absicht 
(abhipräya), im Sütra gar nicht erwähnt wird. Böhtlingk \) 
äußerte sich dahin, daß s. E. die pänineische Eegel das -sya- 
Futurum vorschreibt, um auszudrücken, daß man seiner Sache 
nicht ganz gewiß ist, und übersetzt: 'Erinnerst du dich? 
Wir werden in Kasmir die Nacht zugebracht haben'. Allein 
da sollte man doch erwarten, daß der Wortlaut des Sütra den 
Begriff der Unsicherheit, des Zweifels {viciJcitsa, samdeha) mit 
einschließen müßte. 

Und auch dies paßt nicht, daß in unsrem Sütra zum 
Ausdruck des anadyatana ein Tempus angeordnet wird, das 



Die einheimischen Erklärer Päninis interpretieren hier eng und 
kleinlich, vo-l. die Anm. zu meiner Sanskrit-Syntax S. 259. 

1) ZDMG. 41, 186. Böhtlingk las damals aus der oben zi- 
tierten Anm. meiner Sanskrit-Syntax einen Sinn heraus, welchen 
ich nicht hineingelegt hatte; es fiel mir natürlich nie ein, abhiJTtä = 
abhipräya zu setzen. 



116 J. S. Speyer, 

an sich nicht für das anadyatana bestimmt ist. Wie lan für 
die Vergangenheit, so ist für die Zukunft lut [das 'periphras- 
tische Futurum'], aber nicht Zr^, der normale Exponent des anadya- 
tana: Pänini III, 2, 111 anadyatane lariy III, 3, 15 anadyatane 
lut. Dieser Umstand erhöht die Schwierigkeit der Erklärung. 

Nun ist es doch sehr sonderbar, daß in den von mir 
aus kanonischen, folglich alten Palitexten herangezogenen 
Belegen für den prädikativen Nominativ des Agens auf -tr 
zur Bezeichnung der vergangenen Handlung gerade das päni- 
neischeVerbuma&Äi+J^ä immer wiederkehrt, und tiberall Inder 
Bedeutung des Sich-Erinnerns. Sollte da nicht dem Verfasser 
des Astädhyäyi-sütra eben diese Redewendung vorgeschwebt 
haben, als er sein Sütra so formulierte als er tat? Allein, 
da würde es heißen müssen : abhijnävacane lut, nicht Irt. Hat 
Pänini dann vielleicht lut gemeint, und ist Irt eine aus ver- 
kehrter Auffassung seiner Absicht entstandene alte, falsche 
Variante, welche die ursprüngliche Fassung- unseres Sütra ver- 
drängt hat? So würde zugleich die abnormale Verwendung 
des Irt für das anadyatana hinwegfallen. 

In der Tat, so stelle ich mir den Sachverhalt vor. In 
Päninis Zeit und Umgebung waren Redewendungen • wie 
ahhijänämi Jcartä (= memini me facere) im Sanskrit noch 
gang und gäbe, gerade wie sie in den kanonischen Palitexten 
vorkommen. Diese meinte er, als er die Sütren III, 2, 112 
und 113 formulierte. In der Zeit zwischen Pänini und Kätyä- 
yana muß diese Wendung, wenigstens in der Sphäre des letzt- 
genannten, außer Gebrauch gekommen sein^). Man vergaß da 
die wahre Bedeutung der beiden Regeln und suchte ihren 
Sinn zu erraten, wobei man Irt für lut substituierte und auf 
eine falsche Fährte geriet. Die von den Grammatikern zu 
den Regeln beigegebenen Beispiele sind selbstverständlich gut 
sanskritisch, und ich halte fest an meiner früher gegebenen 
Interpretation, daß vatsyämah darin die in der Vergangenheit 
beabsichtigte Handlung bezeichnet; sie passen aber schlecht 
bei der Regel, welche sie illustrieren sollen. In III, 2, 114 
sehe ich ein ursprüngliches värttika des Kätyäyana. 



1) Daß zwischen Pänini und Kätyäyana ein beträchtlicher 
Zeitraum liegt, hat seinerzeit Kielhorn dargetan. S. Liebich Pänini 
S. « und 16. 



t 



Ein syntaktisches Kleeblatt. 117 

Daß es Päniüi von seinem Standpunkte aus in der 
Wendung* äbhijänämi Jcarta, kaum in den Sinn kommen möchte^ 
den Nominativ eines Agens, wie wir es tun^ anzuerkennen, 
sondern daß er geneigt sein mußte, karta als das Tempus lut 
anzusehen, ist einleuchtend und braucht nicht .näher erörtert 
zu werden. 

In meiner Sanskrit-Syntax S. 302, Anm. 1 erwähne ich 
das Vorkommen in einem Texte in buddhistischem Sanskrit, 
der Jätakamälä, von äbhijänämi mit einem Infinitiv kon- 
struiert. Außer äbhijänämi wird auch das gleichbedeutende 
smarämi so verbunden, s. Jätakamälä XIV, 30. XV, 8. XX, 33. 
XXXI. 62. Dieser Infinitiv findet sich auch in dem Lalita- 
vistara S. 255, 15 ed. Lefm. näbhijänämi bhiksava ekäm eva 
tiJäm ädvitlyam ahäväm ähäräyitum. Offenbar bildet dieser 
Infinitiv das Gegenstück des Nominativus agentis in °tä der 
kanonischen Palitexte, wie er in der Redaktion gleichen In- 
halts Majjh. I, 80, 5 und 81, 2 vorliegt. Bei der Sankriti- 
sierung machte man aus einem als sonderbar empfundenen 
Pali kättä ein verständliches Tcartum. An einer Stelle einer 

gäthä der Jätaka, IV, 142, 14, wo Fausböll äbhijänämi 

hirhfiitäm edierte, kommt in der varietas lectionis himsituih vor; 
vielleicht ist himsitä zu emendieren, vgl. die Note 10 ebendaselbst. 

3. Lateinisches agonef und Verwandtes. 

Wenn etwas in der lateinischen Syntax fest und sicher 
steht, ist es der Gebrauch des Konjunktivs in dubitativen 
Fragen. Es hat daher bei manchem Forscher Befremdung 
geweckt, daß in einer alten, sakralen Formel anstatt des Kon- 
junktivs der Indikativ des Präsens in einer dubitativen Frage 
vorkommt. Bevor er die victima tötet, fragt der popä erst 
agonef (soll ich?); wie die bekannte Stelle des Ovid besagt, 
semper agatne rogat, nee nisi iussus ägit. Der Indikativ 
läuft den Gepflogenheiten des Lateinischen wie der Logik 
schnurstracks zuwider. Jordan, der in 1881 die dritte Auflage 
von Prellers Römische Mythologie besorgte, äußerte darum" 
selbst seinen Zweifel an der Richtigkeit der überlieferten 
Formel, "die Frage hätte ja auch nur agamne lauten können." 
(I, 179 Anm.). Und dennoch war jener Zweifel unberechtigt, 
die Formel lautete agonef 



118 J. S. Speyer, 

Madvig hat in seiuen Opuscula altera S. 40 auf diese 
eigentümliche syntaktische Erscheinung aufmerksam gemacht. 
Er zeigte, daß die Formel agone/ nicht so ganz vereinzelt 
dasteht: es gibt, so bewies er mit Belegstellen, hier und da 
in unsern klassischen Autoren noch andere Vorkommnisse des 
Ind. Präs. anstatt des Konjunktivs in dubitativen Fragen. 
Natürlich sind es im ganzen doch recht wenige, eine ver- 
schwendend kleine Anzahl im Vergleich mit der Unmasse von 
Stellen, welche man sich für das faktische Vorkommen des 
dubitativen Konjunktivs Präs. aus der klassischen Literatur 
zusammenzählen könnte. Zum Teile mag man sie vielmehr 
als Präsens pro Futuro zum Ausdruck einer ganz nahen Zu- 
kunft auffassen, wie z. B. in der Plautusstelle Menaechmi 154: 
age sane igitur, quando aequom oras, quam mox incendo rogum? 

Nach Madvig haben auch andere diese Tatsache be- 
rücksichtigt. Blase hat sie in seiner systematischen Darstellung 
der lateinischen Syntax (Hist. Grammatik der lat. Sprache 
3, 1, 108 f.) registriert, eine befriedigende Erklärung scheint 
noch nicht gegeben zu sein. Was Brix zu Trinummus 1062 
bemerkt, wo er diese Form der Frage eine lebhaftere nennt 
und der Umgangssprache vindiziert, mag ja seine Eichtigkeit 
haben, zeigt uns aber nicht den Grund oder den Ausgangs- 
punkt dieses mit der Strenge, womit die Lateiner ihren Kon- 
junktiv in Hauptsätzen handhaben, kaum vereinigbaren Indi- 
kativs des Präsens. 

Hier ist zuerst zu bemerken, daß der dubitative Kon- 
junktiv fast immer nur bei der ersten Person verwendet wird, 
wo er seinen eigentlichen und ursprünglichen Sitz hat ; man vgl. 
Stahl Kritisch-historische Syntax des griechischen 
Verbums der klassischen Zeit S. 229, 2. 364, 3. Die 
Belege für den Typus quid agof (was soll ich machen?), welche 
Madvig und andere vorführen, betreffen ausschließlich die 
erste Person, und fast alle die erste Person des Singulars. 
Somit wird die Lösung des Problems leichter. Wie aus der 
Gleichung ero = euj, o) hervorgeht, muß auch im Latein, wie 
im Griechischen, der von Haus aus ihm angehörende idg. Kon- 
junktiv Präs. I. Sgl. auf -ö fortbestanden haben. In der 
thematischen Konjugation war diese Form, ebenso wie im 
Griechischen, mit der 1. Sgl. des Konjunktivs Präsentis zusammen- 
gefallen ; anders gesagt, ago war im Anfang Indik. und Konj. 



Ein syntaktisches Kleeblatt. 119 

zugleich. Als in vorhistorischer Zeit der altererbte idg. Kon- 
junktiv allmählich wegstarb und Neubildungen ihn sowie den 
altererbten idg. Optativ verdrängten, wird in dubitativen 
Fragen^ wo die homonyme Form des Indikativs das Fort- 
bestehen schützte, der Typus quid agof sich am längsten gehalten 
haben als ein Überlebsel aus einer fernen Vergangenheit. So rettete 
sich bis tief in das klassische Zeitalter dieser Rest des alten 
indogermanischen Konjunktivs, der von uns wie eine Anomalie 
empfunden wird. So versteht es sich auch, daß er gerade 
in einer sakralen Formel, dem alten agonef und in der Um- 
gangssprache — bei den Scenici und in den Briefen Ciceros — 
uns vorliegt. 

Leiden. 

J. S. Speyer. 



120 A. Meillet, 



Des consonnes intervocaliques eii vedique. 

La differeiice la plus essentielle qu'on observe entre le 
phonetisme sanskrit et le phonetisme iranien consiste en ceci 
que le sanskrit ignore les spirantes (il n'a que les sifflantes 
g, s et .9, Sans meme posseder les sonores correspondantes), 
tandis que les dialectes iraniens ont tous des spirantes; les 
spirantes oecupent meme iine Situation tout ä fait dominante 
dans TEst du domaine iranien; Fafghan suppose un etat oü 
les anciennes occlusives sonores etaient spirantes meme ä l'ini- 
tiale, et les vieux textes sogdiens recemment deeouverts pre- 
sentent aussi cet etat, ä en juger par leur graphie (v. Gauthiot 
Journal asiatique, 1911, 1, p. 81 et suiv.; et Journal of the 
Asiatic Society, avril 1911, p. 497 et suiv.). M. Andreas sup- 
pose, saus en apporter la preuve, il est vrai, que toutes les 
sonores de l'Avesta ä Tinitiale et ä Tintervocalique etaient 
spirantes dans la forme originale des textes (v. Andreas und 
Wackernagel, in Nachrichten d. k. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, 
Phil. hist. kl. 1911, p. 16 et suiv.). En tout cas, les anciennes 
sonores intervocaliques sont representees par des spirantes dans 
la graphie traditionnelle de TAvesta recent, type vaeöa; et 
cette prononciation est anterieure ä la fixation de la graphie 
traditionnelle, ä la vocalisation de l'Avesta; car on trouve 
aussi assez souvent dans l'Avesta recent la forme vaei^a, reste 
d'un temps oü le signe de ö n'existait pas et oü, voulant noter 
la prononciation spirante, on a recouru ä la spirante sourde 
comme ä la notation la plus approchee. L'etat qu'offre la 
notation de TAvesta recent: occlusives sonores ä Tinitiale, 
spirantes sonores ä l'intervocalique, est celui que suppose 
l'evolution ulterieure du parier de la Persis, Tevolution du 
persan, et repond manifestemeut ä la prononciation des vocali- 
sateuTs d'epoque sassanide. Les spirantes, sourdes et sonores, 
jouent dans tout Tiranien un role immense: partout Ict a passe 



Des consoimes intervocaliques en vedique. 121 

ä xt'^ partout /", d^ x repondent ä i.-e. ^Ä, ih^ kh, Le con- 
traste entre la prononciation sanskrite et la prononciation des 
anciens dialeetes iraniens, meme de eeux qui ont le moins de 
spirantes, est donc grand. 

La non existenee des spirantes a complique et sans doute 
retarde Talteration des consonnes intervocaliques dans les 
langues de Tlnde. On observe dans un tres grand nombre 
de langues tres diverses une tendance ä modifier, generalement 
ä ouvrir, les consonnes intervocaliques; on peut sans doute 
dire que cette tendance se manifeste ä peu pres partout oü 
les syliabes ne sont pas isolees les unes des autres^ comrae 
alles le sont en slave par exemple ou en Italien. Les langues 
de rinde presentent cette tendance ä un degre tres eleve: on 
sait que les präkrits litteraires du drame classique offrent- les 
anciennes occlusives intervocaliques dans un etat de dege- 
nerescence complete. Mais cette alteration avait ete longtemps 
retardee par le fait que l'alteration la plus aisee, celle de 
Tocelusive intervocalique en la spirante correspondante, celle 
de f en ^ ou de d en d par exemple, etait irapossible dans 
rinde oü il n'y avait ni p ni d. Les intervocaliques sont 
encore solides dans les inscriptions d'Agoka; elles le sont 
aussi en pali, et dans les premieres formes connues des präkrits 
dramatiques, comme l'a montre recemment M. Lüders, dans 
ses Bruchstücke buddhistischer Dramen; Tauteur grec du Peri- 
ple de la mer Erythree a trouve des sourdes intervoca- 
liques dejä sonorisees, mais des sonores encore intactes 
d'apres les observations de M. J. Bloch Melanges d'indianisme 
S. Levi p. 7 et suiv. Quand l'alteration des occlusives inter- 
vocaliques s'est manifestee, ce n'a ete que par sonorisation des 
sourdes, ou par passage des sonores, soit anciennes soit ainsi 
obtenues, a des sonantes telles que y, ou finalement par 
l'amuissement coraplet. Mais lä oü la spirantisation a ete pos- 
sible, eile s'est realisee et parfois au moyen de phonemes 
rares et non durables comme le v nasal issu de m (v. Pischel 
Gramm, der Präkrit-Sprachen § 251, p. 174 et suiv.). Si les 
occlusives sanskrites ne sont pas devenues des spirantes, c'est. 
que le Systeme phonetique general de la langue ne s'y pretait pas. 

D^s l'epoque la plus ancienne oü fasse remonter la tra- 
dition, la tendance ä ouvrir les occlusives intervocaliques se 
manifeste nettement par deux traits bien connus de la phone- 



122 A. Meillet, 

tique du Rgveda, doiic de la prononciation des parieis du 
Nord-Oucst: 

1. d et dh intervocaliques passent ä Ictlh: la position 
relevee de la poiiite de la langue pour la realisation des 
cacumiiiales rendait rocclusion relativement malaisee ä realiser. 
Dans ce cas favorable, rocclusion totale a ete remplacee par 
un coutact partiel, et Ton a eu l au lieu de d. On observe 
dejä ici la tendance k remplacer les occlusives par des sortes 
de sonantes. 

2. Les phonemes complexes qu'on a transcrits par bh 
et dh ont ete reduits k h k l'intervocalique. Ici encore, la 
tendance ä ouvrir les intervocaliques a pu aboutir de bonne 
heure gräce ä une circonstance favorable: l'occlusion des so- 
nores aspirees etait tres faible, comme le prouve la reduction 
de la mi-occlusive *jh k h des une epoque prehistorique, en 
regard du maintien de j. Mais, tandis que Ic passag-e de d 
k l est general, celui-ci n'est que sporadique. Dans Tarticle 
si riebe de faits et si prudent qu'il a consacre ä la question, 
ZDMG. 40, p. 657 et suiv., von Bradke etait arrive ä 
la conclusion que les formes qui presentent h au lieu de 
hh et dh intervocaliques etaient des präkritismes. Toutefois, 
M. Wackernagel Altindiscbe Grammatik 1, p. 252 et suiv., 
a fait reraarquer avec raison que plusieurs des cas qui offrent 
h sont des formes grammaticales ou des adverbes, donc des 
Clements essentiels de la langue; c'est d'abord la desinence 
de V^ plur. nioy. mähe = gätb. -maide^ -malii ~ gätb. -maidz, 
gr. -)Lie0a*, c'est, tres souvent, la desinence d'imperatif -Äi, 
en regard de -dhi de certaines formes en sanskrit meme, de 
-di en iranien, de -6i en grec; ce sont des adverbes tels que 
ihä (= pali et präkr. idha), Jcüha = gätb. Jcudä, v. sl. küde. 
Le bh de la desinence -bhih est toujours demeure, en partie 
parce que cette desinence forme un groupe avec -bhyah et 
■bhyäm oü le bh, place devant y ne s'alterait pas, en partie 
parce que le bh n'etait pas intervoealique dans certaines 
formes telles que brhädbhih. Mais dans son desir d'expliquer 
les nombreux cas oü bh et dh intervocaliques sont conserves 
Sans qu'aucune analogie ait agi, M. Wackernagel a sans doute 
eu tort de faire intervenir une action du ton, que rien ne 
demontre. M. Wackernagel admet que le passage de dh, bh 
k h aurait eu lieu seulement apres une syllabe atone; mais 



Des consonnes intervocaliqiies eii vedique. 123 

en sanskrit, le ton n'isole pas la syllabe toiiique de la suivante 
comme- en gree ou en germanique (v. Gauthiot, MSL., 11, 
193 et suiv.); et les faits ne justifient pas l'hypothese de 
M. Wackernagel : les desinences -mähe, -mahi sont souvent 
toniques et de la forme -mähe, -mdhi; Jcüha s'oppose ä iJid, 
et les mots isoles comme vadhüh ou nidhävä, d'une part^ et 
röhitah, ou surtout aha, ähüh en face de ättha (2^ pers.) et 
de zd ada, de Tautre, contredisent directement la formule. 
Les cas oü Ton observe un flottement entre bh et h par 
exemple ne sont pas conformes ä ce que la formule ferait 
attendre; le present grhhnäti suffit ä expliquer par analogie 
le maintien de h dans une forme teile (\\xq jagräbha, sans qu'on 
ait besoin de recourir ä Finfluence du ton; et des formes 
aussi importantes et aussi isolees que grhhäydti ou grhhUdh 
ne presentent que hh, bien que le r j soit constamment atone. 

En realite, il s'agit d'un phenomene historique: les par- 
lers du Nord-Ouest sur lesquels repose en principe la langue 
du Egveda ouvraient plus ou moins regulierement dh et bh 
intervocaliques en A*, mais cette langue religieuse a servi ä 
d'autres Hindous qui n'avaient pas — ou du moins n'avaient pas 
encore — la meme particularite de prouonciation, et il y a eu de 
leur part reaction contre cette prononciatioii qui leur semblait 
incomplete et barbare; les mots ont donc ete reintroduits en 
grande partie avec leur prouonciation occlusive, de meme que 
le sanskrit posterieur a reintroduit d et dh au lieu de l et Ih 
intervocaliques. Mais les formes grammaticales qui eta6. 4 mit devänäm eväydtane yatate Ts. II, 2. 6. 1. 
An der Rkstelle herrscht die Vorstellung von siegreichem Hel- 
dentum; in Ts. geht es weiter ^a«/«^?* tä^z) samgrämdm: man 
sieht, daß es sich um ein Stellungnehmen im Hinblick auf 
erstrebte Erfolge handelt. Weiter pärthive sddane yatasva 

I, 169. 6^): vgl. prthivy eva yasyäyatanam Brh. Ar. III, 9. 10, 
oder asmifil löka (d. h. auf der Erde) ayätayati Äit. Br. 

II, 34. 2. Ferner divi .wand yatate X, 75. 3, vgl. etasmifil 
löka (d. h. in der Himmelswelt) ayätayati Äit. Br. II, 34. 4; 
svarge löka ayätayati pratisthäpayati Sat. Br. XI, 5. 2. 10. 
Wenn wir im Rv. lesen sravasydm nd pftanäsu yetire I, 85. 8 
(s. auch VII, 93. 5), gehört das deutlich mit den früher an- 
geführten Brähmanastellen zusammen, die von der Aufstellung 
zur Schlacht handeln. 

Aus allem Gesagten ergibt sich die Beurteilung der 
großen Gruppe rgvedischer Stellen, an denen yatate^ sdm 
yatate sich mit Instr. verbindet, wofür mir aus den Bräh- 
manas Belege nicht bekannt sind. Es ist klar, daß dies sdm 
yatate von dem früher besprochenen sdm yatate nicht zu 
trennen ist; nur fehlt in den Belegen — gewiß zufällig — 
die an sich eben nicht wesentliche feindliche Nuance. Z. B. 
sdm bhänüna yatate suryasya V, 37. 1 wörtlich: er nimmt 
seine Aufstellung zusammen mit dem Licht der Sonne; er 
arrangiert seine Stellung im Einklang mit diesem. Ebenso 
von den Morgenröten ydtamänä rasmibhih suryasya I, 123. 12 
und öfter ähnlich (vgl. Geldner a. a. 0. 13). Natürlich kann 
dann leicht die Vorstellung des Wetteiferns — wie oben 
die des Kampfes — naheliegen; ursprünglich und wesentlich 



1) Nach Geldner a.a.O. 22 heißt das 'eile an deinen irdischen 
Platz'. Dagegen nach demselben S. 20 deväh svarge loke 'yatanta 
Sat. Br. XII, 2. 3. 1 'die Götter stritten um die Himmelswelt*. Ist 
diese Verschiedenheit der Auffassung motiviert? Wie rechtfertigt 
sich, kann man weiter fragen, die Wiedergabe der letzteren Stelle 
im Hinblick auf dasselbe Brähmana XI, 5. 2. 10? 



132 Hermann Oldenberg', 

ist, wie der ganze Gang unserer Untersuebung zeigt, diese 
doch nicht. Lesen wir IX, 97. 30 pitür nd pufrdh hrä- 
fubhir yatändh, ist es offenbar gezwungen, mit Geldner 
a. a. 0. 14 zu verstehen 'wie ein Sohn die Wünsche des 
Vaters zu übertreffen suchend'. Ich umschreibe: seine Stellung 
nehmend entsprechend den Wünschen des Vaters, d. h. sich 
nach ihnen richtend ; nicht weit ab liegt I, 68. 9. Bezeichnend 
ist, wie Vs. XXVII, 5 neben mitrena . . yatasva steht ksa- 
trena . . sdm rahhasva, beides in freundlichem Sinn, aber 
auch der Vorstellung von sam-rabli- kann ja Feindlichkeit 
beiwohnen. 

Nach alledem scheint mir auch über yatate, sofern es 
ohne Verbindung mit einem Kasus erscheint, kaum mehr Zweifel 
möglich. Beispielsweise visö nä yuktä usdsö yatante VII, 79. 2 
besagt nicht eigentlich, daß die Morgenröten eifern oder wett- 
eifern (obwohl es dann nahe liegt, die Vorstellung in dieser 
Weise auszuspinnen), sondern daß sie darauf bedacht sind, 
den ihnen zukommenden Platz einzunehmen. Jede steht an 
ihrer Stelle in der Reihe, wie die dem Alter nach geordneten 
Leidtragenden, zu denen X, 18. 6 gesagt wird anupürvdm 
ydtamänä ydti sthd: wo von Eifer, Wetteifer schwerlich die 
Rede sein kann^). Hierher auch die beiden oben S. 129 an- 
geführten Stellen von den Jiamsd (mit yat- bzw. sam-yat-)-, es 
handelt sich um deren richtige Stellung zu einander beim 
gemeinsamen Flug. Es ist aber selbstverständlich nicht auf- 
fallend, daß je nach dem Zusammenhang diesem Stellung- 
nehmen, wo es von mehreren rivalisierenden Parteien aus- 



1) Geldner a. a. 0. 22 bezieht den Satz auf die Reise ins Jen- 
seits. M. E. betrifft er vielmehr die Rückkehr der Hinterbliebenen 
aus der Sphäre der Todesunreinheit ins Leben; vgl. Caland, Ai. 
Toten- und Bestattungsgebräuche 118. Das ydtamänäh des in Rede 
stehenden Verses stellt G. zu der (nach ihm aus dem Grundbegriff 
'nacheifern, wetteifern' entwickelten) Bedeutung "sich vordrängen, 
stürmen, sich sputen, eilen, marschieren'; er übersetzt 'abmarschie- 
rend'. Der Weg von 'nacheifern' über 'eilen' zu 'abmarschieren' 
scheint mir etwas weit. Und von 'eilen' (nach G. u. A. I, 163. 10) 
kann ich, wie schon in Beziehung auf die Brähmanatexte bemerkt, 
nichts entdecken. Wie kommt es, daß in allen eigentlich charak- 
teristischen Zusammenhängen, in denen der Rv. vom Eilen zu spre- 
chen pflegt, — sofern für sie nicht statt des Eilens auch die hier 
angenommenen Bedeutungen passen — yat- nirgends erscheint? 



I 



Rgveda X, 13. 133 

gesagt wird, auch die Nuance feindlichen Sichgegeneinander- 
stellens nahe liegen kann. So wird zu verstehen sein VII, 76. 5 
säm jänate nä yatante mithds te\ ähnlich wohl VIII, 20. 12 
(dort bei yeüre, dessen Sinn kaum beeinflussend, Lok. tanüsu). 

Leicht erklären sich dem entsprechend die Stellen mit 
aktivischem yafatij gleichwertig mit yätayati: offenbar 'Je- 
mandem die (rechte) Stelle anweisen' i). Gern steht das von 
Mitra, dem yätaydjjana (anders Geldner Gloss. unter yat- über 
VII, 36. 2). Bezeichnend ist das Nebeneinander solches 
ydtathah (von Mitra -Varuna; mit Obj. jdnam) mit sdm ca 
nayathah V, 65. 6. Ferner die schon von Geldner Ved. Stud. 
III, 11 bemerkte Variante zu mitro jdnän yätayati III, 59. 1: 
m.j. kalpayati Tb. III, 7.2.3. Ähnlich verstehe ich ydtatam 
ca mitrinah VIII, 35. 12 (ganz anders Geldner 13). 

Wie über die Verbindungen mit Mitra, so genüge über 
yätayati mit Obj. mam und ähnlichem (BR. unter yat- Kaus. 4; 
Geldner a. a. 0. 23 ff.) ein kürzestes Wort. Mir scheint wört- 
lich gemeint: die Schuld an den rechten Ort stellen, sie 'arran- 
gieren' und so erledigen. Subjekt kann sein, wer für sich 
oder einen andern, als Gläubiger oder als Richter bzw. Exe- 
kutor, die Erledigung betreibt, aber auch der Schuldner oder 
Schuldige, der die Sache in der rechten Weise erledigt 2). 
Im letztbezeichneten Sinn scheint mir (abweichend von Geldner 
a. a. 0. 24) Ts. II, 6. 10. 2 zu verstehen ('er soll es mit 
einem Hundert bzw. einem Tausend büßen') ; entsprechend 
Käth. XXXVI, 5 (die Frau, die in einer bestimmten Sache 
lügt, priyatamena yätayet 'soll es mit dem Liebsten büßen'). 
Hierher auch das vieldiskutierte väira{iiir)yatanärtJiam Äpa- 
stamba Dharm. I, 24. 1 ; Bäudhäyana Dharm. I, 19. 1. 



1) Daneben das Akt. offenbar auch, wie Geldner a. a, 0. 11 
annimmt, im Sinn des Mediums; vgl. V. 74. 2; VI, 1. 10; 67. 10. 
Ebenso bei äyatantä II, 24. 5, oder ist dort aus d vayünä zu er- 
gänzen (vgl. meine Note zu der St.)? 

2) Ich kann mich daher Geldner (Gloss.) nicht anschließen, 
der für dies yätayati Wortbedeutung annimmt 'zu zahlen veran- 
lassen': das paßt nicht zum Schuldner als Subjekt, yateta . . rnam 
Manu VIII, 158 (wenn die Lesart richtig ist; vgl. Jolly ZDMG. 44, 339) 
übersehe ich nicht; es scheint mir dem hier Bemerkten nicht ent- 
gegenzustehen. Doch will ich hier das spätere Schicksal des Aus- 
drucks nicht verfolgen. 



134 Hermann Ol de 11 bei" g-, 

Für das yame iva ydtamäne, von dem diese Unter- 
suchung: ausging, scheint sich mir danach als die wahrschein- 
liche Auffassung zu ergeben : 'wie zwei Zwillingswesen (Neutr. 
wegen havirdhäne) eure Stellung (im Hinblick auf einander) 
einnehmend (innehaltend)' — etwa nach Art der oft erwähnten 
hamsdh sretiisö ydtänäh. Die Übersetzung 'wie Zwillings- 
kinder einander gleichend' (Geldner a. a. 0. 12) scheint mir 
eine fremde Nuance hineinzutragen. 

Ob das hier behandelte Verb in der Awestasprache eine 
eigene Bedeutungsentwicklung durchgemacht hat, oder ob die 
von Bartholomae Air. Wb. 1236 f. gegebenen Bedeutungen im 
Hinblick auf das Altindische zu modifizieren sind, untersuche 
ich hier nicht. 



Daß in äitam ä enthalten ist, woran Weber a. a. 0. 267 
und Whitney zu Av. XVIII, 3. 38 denken (gegen Padap.)^ 
ist möglich, kaum besonders wahrscheinlich. Mir scheint nicht 
gesagt: als ihr ankamt' (Geldner a. a. 0. 12), sondern 'als 
ihr (einher) gingt': typische Verbindung des Verbs i- mit Par- 
tizip (vgl. Delbrück Ai. Synt. 390). Mit Geldner aus Pän, 
III, 2. 111 zu schließen, daß die Wagen schon tags vorher 
angekommen (bzw. einhergefahren) sein müssen, halte ich für 
bedenklich. Das spätere Ritual, das für die Exegese des Rv. 
zwar nicht Gewißheit, aber immerhin Wahrscheinlichkeit ergibt, 
steht entgegen (Caland-Henry 80). Und Päninis äußerlich for- 
mulierte Regel über den Unterschied von Ipf. und Aor. sollten 
wir nicht in solcher Buchstäblichkeit anwenden; man ver- 
gleiche die überzeugenden Bemerkungen Delbrücks Synt. Forsch» 
II, 88. 

Natürlich ist ulöJcdm anzunehmen. 

Mit Recht geben BR. für sväsasthd zwei Bedeutungen: 
'auf gutem Sitz sitzend' und 'guten Sitz darbietend'. Die 
zweite ist, so viel ich sehe, die entschieden häufigere; die 
erste wird durch Tb. III, 7. 7. 9, Äpastamba .-^räut. X, 3. 8 
gesichert. Da in c die Rede davon ist, daß die Wagen die 
ihnen zukommende Stelle einnehmen sollen, könnte man geneigt 
sein zu verstehen 'auf gutem Sitz sitzend' (so in der Tat 
Caland-Henry 85). Doch neben der Häufigkeit der andern 
Bedeutung macht das dabeistehende indave diese wahrschein- 



Rgveda X, 13. 135 

lieber: die Wagen sollen für den Soma guten Sitz bilden. Es 
drängt sieb auf, daß dieselbe Ausdrucksweise vorliegt wie Vs. 

II, 2 (vgl. dazu Sat. Br. I, 3. 3. II), wo es von der Vedi 
beißt sväsasthäm devehhyah. Zum selben Ergebnis fübrt Vs. 
XXVIII, 21 (vom Barhis) sväsasthäm indrenäsannam\ ebenso 
Äsvaläyana Sräut. I, 4. 7. In diesem Sinn interpretiert unsere 
Stelle auch schon Äit. Br. I, 29. 7. 

Vers 3. 

Während die vage Mystik dieses Verses dem Erklärer 
der Hauptsache nach Resignation auflegt, scheint mir darüber, 
wie jener sich in den Ritus fügt, ein leidlich sicheres Urteil 
wohl möglich. Das spätere Ritual gibt folgendes (Caland- 
Henry 83. 84). Nachdem der Hotar, nach der Ordnung der 
Aitareyin, V. 1 gesprochen hat und die Wagen unter Rezi- 
tation von V. 2. 1 seitens des Brahman in Bewegung gesetzt 
sind, geht der Hotar ihnen nach : anusamyan heißt es davon 
Säfdlch. braut. V, 13. 5 {anuvrajanti Man. Sräut. II, 2. 2. 19). 
Mir scheint die Beziehung des dnv emi unsres Verses auf diese 
Situation unverkennbar. 

a dunkel wegen Dunkelheit von rüp. Für dieses sind 
die Parallelstellen bekanntlich IV, 5. 7, 8, vgl. III, 5. 5. Daß 

III, 5. 5 ripo in rupo zu ändern ist (so zuletzt Bloomfield 
JAOS. 27, 75), halte ich für recht fraglich (vgl. meine Note 
zu III, 5. 5 und s. X, 79. 3). Oft genug gehen zwei sonst 
identische Stellen in irgendeiner Einzelheit auseinander. Kein 
Grund, es unmöglich oder auch nur unw^ahrscheinlich zu finden, 
daß dasselbe Wesen rüp und — mit einer durch den Gleich- 
klang unterstützten Variante — rip (etwa 'Betrüger', 'Be- 
trug"? doch s. meine Note zu X, 79. 3) heißen konnte. Dem 
würde allerdings Bloomfields (a. a. 0.) Deutung von rüp 
'height, ascent' wenig günstig sein; es soll 'back-formation' 
vom Kausativ röpdyaü vorliegen, woran als möglich schon 
Weber a. a. 0. 267 A. 2 gedacht hat^). Mich überzeugt das 
nicht; ich kenne keine andre solche Bildung aus dem Kausativ- 
stamm, und das Kaus. von ruh- scheint erst in den Brähmanas 
röpdya-, vorher allein röhdya- zu heißen. Dagegen weist 
ärupitam IV, 5. 7 {dgre rupd ärupitam jdbciru), so dunkel 



1) Auch Säyana bringt rup mit aropayati in Verbindung. 



136 Hermann Oldenberg", 

es ist^), mit Wahrscheinlichkeit in andre Richtung als zu 
Wz. ruh-. Ist nicht an Wz. rup-, die mit lup- identisch ist 
oder ihm nahesteht, ungefähr 'heschädigen', zu denken? 
Dann könnte sich der Wechsel von rüp und rip — falls dieses 
'Betrüger' bedeutet — begreifen. Wer freilich der Beschä- 
diger oder die Beschädigerin (bzw. die Beschädigung) ist, 
bleibt dunkel. Ist an eine den fahrenden Wagen innewohnende 
schädliche Potenz gedacht, etwa indem ihre Räder das Erd- 
reich aufwühlen und es so verletzen? Ich verkenne nicht, 
daß das zu der Äquivalenz mit rip nicht sehr überzeugend 
paßt, und lege auf diesen Gedanken kein Gewicht. Wäre an 
die feindliche Macht zu denken, auf die sich das in diesem Zu- 
sammenhang auftretende janahhayäpanödanam (Caland-Henry 
85) bezieht? Hervorgehoben sei noch, daß es zu den hier er- 
wähnten padäni paßt, daß in den Yajurveden (so Ts. I, 2. 13. 1 ; 
vgl. Äpastamba Sr. XI, 6. 13) bei demselben Ritus das auf 
Visnu bezügliche Wort erscheint tredhä ni dadhe paddm. 
Spricht unser Vers zwar von fünf padäni (hat die Zahl etwas 
mit den fünf Versen des Liedes zu tun?), so ist bezeichnend, 
daß Av. 18, 3. 40 die Variante trini padäni rupäh (warum 
soll die das Richtige sein, vgl. Ludwig Über die Kritik des 
Rv.-Textes 52?) gibt und den Text damit jenem Visnuspiuch 
annähert. Weiter bemerke ich, daß das nnv) aröham viel- 
leicht damit iq^ Zusammenhang steht, daß in bezug auf die 
Stelle, an der die Wagen nach ihrer Fahrt stehenbleiben, 
zu diesen gesagt wird: dtra ramethäm vdrsman prthivyäh 
(Ts. 1,2. 13.2); auch das rupo dgram IV, 5. 7, 8 mag hierher 
gehören. 

In b liegt Beziehung von cdtuspadim auf die vier Zeilen 
des Verses nah, wozu das cdtuspada in dem unsrer Stelle 
verwandten (s. sogleich) Vers I, 164. 24 stimmt. Doch kann 
(neben jener Bedeutung?) es sich um andres handeln. Da 
zwei Wagen, jeder mit zwei Rädern, fahren, entstehen vier 
Radspuren; auf diese bzw. die Stellung der Priester zu ihnen 
legt das spätere Ritual besondres Gewicht (vgl. Satdkh. V, 
13. 2, 5; Äsv. IV, 9. 3; Äpast. XI, 6. 13 f.). Ist bei cdtus- 



. 1) An das ärupitam (so, nicht ärupitam) des Padapätha ist 
schwerlich zu glauben. Warum soll nicht ä- vorliegen? Vgl. zu 
der Frage Wackernagel Gramm. 2, 1. 131. 



Rgveda X, 13. 137 

padim an diese gewissermaßen vierfüßige Bewegung gedacht? 
Ist zu dem Adj. zu ergänzen rüpam'} 

c beruht offenbar auf I, 164. 24^^ gäyatreyia prdti 
mimite arlxdm; ahsdrena mimate saptd värnh (man beachte 
die charakteristische Gestalt, die man Av. XVIII, 3. 40 unserm 
Päda gegeben hat). Indem die dritte -Ps. der Vorlage in die 
erste umgesetzt wurde, ergab sich ünterzähligkeit, entsprechend 
dem von mir Prolegomena 68 f. beschriebenen Typus. Zu 
aksdrena vgl. meine Bemerkung ZDM6. 63, 293. 

d bezüglich auf Lustrierung der eine Verletzung der Erde 
bildenden Wagenspuren? Ist Äpast. XI, 6. 13 f. zu vergleichen? 

Vers 4. 

Ich bespreche zuerst die Einzelheiten, dann den Sinn des 
ganzen Verses, endlich seine Stellung im Zusammenhang des 
Sükta und des Ritus, zu dem dies gehört. 

In b gibt Av. XVIII, 3. 41 Mm für kdm. Mir ist un- 
verständlich, weshalb auf Grund davon in a und b kirn ge- 
lesen (Ludwig Über die Kritik des Rv.-Textes 46 f.; kirn nur 
in b: Foy IF. Anz. 8, 32) oder kam ^im Sinne von kirn 
gefaßt' werden soll (Weber a. a. 0. 2C8). Die Rktradition be- 
sitzt eine Autorität, die schon als solche gegenüber dem Av. 
entscheidet. Der Av. selbst aber gibt ja im ersten Päda kdm, 
und genaue Parallelität des zweiten mit dem ersten drängt 
sich auf. Mit Recht findet Whitney in den Atharvanlesarten 
des Verses ^corruptions only'. Man beachte weiter, daß kdm 
beidemal in der typischen Stellung hinter dem Dativ steht, 
so daß, könnte es an sich gleich kirn gesetzt sein — was es 
nicht kann — , doch eben hier ein starker Gru-nd vorläge, es 
so nicht zu verstehen. Offenbar: 'für die Götter erwählte er' 
usw.; nicht: 'im Interesse der Götter erwählte er für sich' usw. 
avrnita gewiß nicht 2. Pluralis. Daß in a und b erzählt, 
nicht gefragt wird, macht der weitere Verlauf nahezu gewiß. 

c: hrhaspdtir yajndm afanuta rsih Av. Nach Ludwig 
a. a. 0. ist atanuta 'sicher', da man dieses nicht einem akrn- 
vata substituiert hätte (aber hätte man denn eher dem atanuta 
ein akrnvata substituiert?); der Name des Brhaspati aber 
'kann nur (Väivasvatö oder) Väivasvatam verdrängt haben'. 
Das Nähere über diese erstaunliche Verdrängung möge man 
bei L. nachlesen. Mir scheint klar, daß der Av. für den 



138 

schwierigen Text des Kv. Deutlicheres zu geben sucht und so 
verflachende Glättung bietet, vermutlich unter Anlehnung an 
Vs. II, 13 b. Übrigens beachte man die normale metrische 
Gestalt des Verses im Rv. gegenüber dem Av. {akrnvata gegen- 
über atanuta). Daß Brhaspati mit dem Opfer identifiziert wird 
(ich übersetze: 'Brh. machten sie zum Opfer, den Rsi'; warum 
akrnvata für 3. Sg., vgl. Macdonell Gramm. 348 A. 4?), kann 
m. E. nicht befremden, insonderheit nicht in einem Text, der 
offenbar den jüngeren Partien des Rv. zugehört. Man er- 
innere sich, wie oft in den Brähmanas die Gleichsetzung von 
Prajäpati und andern Wesen mit dem Opfer begegnet (SBE. 
50, 431 f. 485; Deussen AUg. Gesch. der Philos. 1, P. 208; 
Levi La doctrine du sacrifice 15. 89. 141 usw.); im Rv. selbst 
(X, 100. 5c) wird allem Anschein nach einmal Manu mit dem 
yajnd identifiziert. In d ist offenbar nicht an Übersetzung 
^Yama hat (uns) das liebe Selbst gerettet' (Ludwig a. a. 0.) 
zu denken. Dem steht der Sinn von ric- entgegen. Man ver- 
gleiche IV, 24. 3 (dazu I, 72. 5) und namentlich X, 10. 7 der- 
selben Liedergruppe wie unsre Stelle angehörend und darum 
für diese besonders beweisend. Zu tibersetzen ist natürlich 
Tama hat den lieben Leib hingegeben'. 

Das Ganze scheint mir — schon frühere Ausleger sind 
dem mehr oder minder nahegekommen — etwa folgendes zu 
besagen. Während a und b zeigen, wie ein ungenannter Welt- 
ordner das Todesschicksal Göttern (a) und Menschen (b) zu- 
gewiesen oder von den letzteren w^enigstens es nicht fern- 
gehalten hat, spricht in genau symmetrischer Anordnung c, dem 
a entsprechend, davon, wie die Götter sich von jenem Ver- 
hängnis befreiten, während d, dem b entsprechend, an den 
Menschen sich das Geschick erfüllen läßt. Die Götter ver- 
wandeln einen der Ihren in das Opfer (nicht, wie man gemeint 
hat, in ein Opfertier); man wird zu verstehen haben: sie sichern 
sich so, jener Fügung zum Trotz, die Unsterblichkeit. Für 
die Menschen wird solche Rettung nicht gefunden. Yama als 
erster der Sterblichen und nach ihm sie alle müssen sterben. 
Ungewiß bleibt, wer in a b Subjekt von avrmta ist. Vivas- 
vant, so daß prajäyai auf dessen Sohn Yama (vgl. d) geht, 
der Repräsentant der sterblichen Menschen wäre ? Oder Yama, 
so daß von der Menschheit als dessen pi^ajä die Rede ist? 
Auch ein nicht zu ermittelnder Dritter kann gemeint, prajä 



Ro-veda X, 13. 13» 



."o 



ohne Beziehung- auf die Genealogie Vivasvant — Yama — 
Menschheit gesetzt sein (vgl. BR. unter prajä 2; X, 12. 9?). 
Sicheres Ergebnis ist hier wohl unerreichbar. — Vgl. zu allem 
außer dem Angeführten noch Scherman Visionsliteratur 146; 
Ehni Die ursprüngliche Gottheit des vedischen Yama 126 f.; 
Ludwig Über die neuesten Arbeiten usw. 110 f. 

Natürlich ist nun zu fragen: was haben diese Betrach- 
tungen über göttliche Unsterblichkeit und menschliche Sterb- 
lichkeit mit den Havirdhänawagen zu tun ? Oder anders aus- 
gedrückt: stehen diese Wagen, wie deutlichermaßen zum Götter- 
kult, so auch zum Totenkult in Beziehung? Die Materialien^ 
welche die Havirdhänas betreffen, lassen uns mit voller Sicher- 
heit diese Frage bejahen. 

An bestimmten Stellen des Somaopfers werden die camasa 
unter den südlichen — also den in der Himmelsgegend der 
Manen befindlichen — Havirdhänawagen auf den Boden — 
auch dieser Zug auf die Manen deutend — gestellt. Dann 
heißen sie närämmsa und sind fortan dem Naräsamsa und 
den pitarö näräsamsah geweiht. Es wird gesagt, daß dies^ 
ein Opfer für die pitarah darstellt, daß bei der Morgenpressung 
ein Anteil des Soma mnäih pitrbhih, bei den beiden folgen- 
den Pressungen ürväih bzw. Jcävyäih pitrhhih genossen wird. 
Am Abend, zu der den Vätern heiligen Zeit, verbindet sich 
mit der Näräsamsazeremonie ein reguläres Pindaopfer für die 
Väter (s. zu all dem die Belege in meinem Aufsatz ZDMG. 
54, 54 f., Hillebrandt Ved. Mythol. H, 98 f., Caland-Hemy 
220. 350). So bezeichnen die Havirdhänas, genauer der süd- 
liche der beiden Wagen, die Lokalität für einen dem Soma- 
opfer eingefügten Totenkult. Aus der Erdtiefe in der süd- 
lichen Himmelsgegend steigen die Toten auf und eignen sich 
von dem dort für sie niedergesetzten Soma ihr Teil an. Ist 
die Vermutung zu kühn, daß hierauf ursprünglich die Zwei- 
heit der Wagen beruht, der nördliche den Göttern, der süd- 
liche den Toten gehört? Man vergleiche mit dem nördlichen 
und südlichen Havirdhäna die nördliche und südliche Vedi 
einer andern Zeremonie: Satapatha Br. XH, 7.3.7 dve vedl 
hhavatah . . . uttaränyä bhacati dakslnänyöttarö väi deva- 
lökö daksinali pUrlökah. Blicken auf diese Doppelnatur der 
Havirdhänas nicht vielleicht auch die Worte hin itds ca ma- 
müfa6' cävatam, die im Av. (XVIII, 3. 38) den Havirdhäna- 



140 Hermann Oldenberg, 

versen vorgeschoben sind? Haben wir in alldem nicht den 
Schlüssel dafür, daß das Havirdhänalied, auf den ersten Blick 
so befremdend, in die Spekulationen unsres Verses ausbiegt V 
Vielleicht sodann schließlich auch dafür, daß der Verfasser 
dieser so augenfällig Yama und den Totenkult in den Vorder- 
grund stellenden Liedergruppe sich auch die Aufgabe stellte, 
eben die Havirdhänas zu bedichten? 

Vers 5. 

'Beide (Havirdhänas) herrschen über dies beides', heißt 
es in c. Da nun in a eine, in b eine zweite Situation oder 
Aktion beschrieben ist, scheint mir deutlich, daß eben diese 
beiden es sind, über welche die Havirdhänas herrschen. 

In a vereint sich das saptd mit ksaranti, um die Wasser, 
die Flüsse als Subjekt wahrscheinlich zu machen. Wegen 
marütvate wird der sim Indra sein. Man vergleiche IV, 18. 8 c, 
wo auch die Wasser in Beziehung zum sisu (Indra) gesetzt 
«ind. So scheint hier etwa dasselbe gemeint wie H, 30. 1 
indräyähighne nd ramanta äpah. 

Weniger deutlich ist der Sinn von b. Parallelität des 
Dativs mit simve marütvate drängt sich auf. Wird nicht das 
Thema von v. 4 weiter ausgeführt? Dort handelte es sich um 
die Zweiheit der Götterwelt und Manenwelt. Auch hier tritt 
das Leitmotiv der Zweiheit deutlichst hervor, und a macht 
eine besonders bedeutsame Situation aus der Götterwelt nam- 
haft. Ist nicht in b als Pendant dazu Hindeutung auf Manen- 
kult zu erwarten? Paßt dazu nicht piti^e puträsahl So daß 
im ganzen etwa, in der vedischen Dichtern gewohnten voll- 
tönenden Ausdrucksweise, gesagt wäre, daß die zwei Havir- 
dhänas die zwei Daseinssphären der Götter (a) und Manen (b) 
beherrschen (c)? 

Ich glaube in der Tat, daß das allgemeine Verhältnis 
von a und b dementsprechend aufzufassen ist. Mit b weiter 
zu kommen freilich gelingt mir nicht. Da dpi vatati etwa 
heißt: 'er faßt (geistig) auf (VII, 3. 10; 60. 6), wird man beim 
Kaus. zunächst Akkusativ der Person erwarten, die etwas auf- 
zufassen veranlaßt wird; so I, 128. 2 tdm yajnasädham dpi 
i'ätai/amasi. Doch ist es durchaus begreiflich, wenn sich an 
diese Stelle auch der Dativ geschoben hat; vgl. Gaedicke 
Akkusativ 276; Bartholomae Air. Wtb. unter vat- mit frä. 



I 



Eg-veda X, 13. 141 

So kann gesagt sein, daß die Söhne den Vater das Rta auf- 
fassen machen. Freilich andrerseits auch, daß sie irgendvven 
anders (wen?) für den Vater, im Interesse des Vaters es auf- 
fassen machen (im einen wie im andern Fall vergleiche man 
I, 165. 13, wo apivatäyantah und rtänäm einander angenähert 
ist). Weiter: ist ein bestimmter, etwa mythischer Vater samt 
seinen Söhnen gemeint? Der Aorist schließt das nicht aus, 
aber ich finde keinen Anhalt dafür, wer das sein könnte. 
Also Vater und Söhne im allgemeinen? Wie sich das auch 
verhalten mag, durchaus glaublich ist bei der ganzen Sach- 
lage, daß bei dem Tun der Söhne, die dem Vater das Rta 
nahebringen, an Totenkult gedacht ist. 

Noch wurde nicht erwähnt, daß Ludwig (Rv. V, 335; 
Über die Kritik des Rv.-Textes 47. 51) mit Av. VlI, 57. 2 für 
uhhäyasya in c wie in d uhM asya liest. Damit erhielte c 
ein Aussehen, das mit dem bisher Gesagten nicht in Einklang 
stände. Aber mir scheint diese Behandlung des Textes ab- 
solut willkürlich. Ich finde nichts, das die aus der Autorität 
der Rv.-Überlieferung gegenüber der des Av. sich ergebende 
Präsumtion abschwächt. Vielmehr wird in c die einleuchtende 
Konstruktion des Rktextes, die Gegenüberstellung des uhhe 
der herrschenden, des uhhäyasya der beherrschten Wesenheit, 
im Av. in störender Weise zerhackt und geradezu unverständ- 
lich gemacht. Halten wir so aber in c uhhäyasya fest, wird 
dadurch bei der offenbaren Parallelität beider Pädas dies 
Wort auch in d geschützt. Es kommt dazu, daß bei tihhe 
(Pragrhya) asya beidemal die zweite Silbe hinter der Cäsur 
lang wäre (vgl. über die Nichtverkürzung des dualischen -e 
vor folgendem Vokal meine Bemerkungen ZDMG. 44. 336). 
Das wären die einzigen Fälle solcher Länge in dem Sükta, 
um so befremdender, als die Cäsur beidemal nach der fünften 
Silbe steht, in welchem Fall Länge der zweiten auf sie folgen- 
den Silbe bekanntlich besonders unbeliebt ist; sie findet sich 
in der ganzen durch das Hervortreten Yamas charakterisierten 
Liedergruppe X, 10 — 18 (19) kein einziges Mal. 

Im Ausgang von d macht m. E. das Vorherrschen der 
Verbindung von pus- mit Akkusativ (z. B. uhhaü värnüu . . . 
pupösa 1, 179. 6; vayävantam sä pusyati kMyam VI, 2. 5) 
wahrscheinlich, daß uhhäyasya als den Akk. in partitivem 
Sinn vertretend zu verstehen ist; 'sie beide bringen (einem 



142 Hermann Oldenber*?, Rffveda X, 13. 



n > 



Stück von) jeDen beiden Wesenheiten Gedeihen' — der Götter- 
und der Totenverehrung. Daß auf die Setzung des Genetivs 
<ler Wortlaut von c Einfluß geübt hat (Graßm. Wörterb. 837), 
ist glaublich. 

Blickt man auf das Ganze zurück, werden hier wie sonst 
im Rgveda die ungelösten, vielleicht unlösbaren Rätsel den 
Exegeten vor dem Gefühl, daß er es 'so herrlich weit ge- 
bracht', hinlänglich bewahren. Aber haben nicht doch die 
rituellen Materialien es ermöglicht, in der Erfassung des Zu- 
sammenhangs dieses scheinbar zusammenhangslosen Liedes 
einen Schritt weiter zu kommen? 

Göttingen. 

Hermann Oldenberg. 



J oll an lies Hertel, rathaspfs oder rathaspfh. 143 



rathaspfs oder lathasprh. 

Den Anfang des so oft behandelten und noch immer zum 
Teil dunklen Dialo«is RV. X, 95 hat Ludwig- schon längst^) in 
evidenter Weise richtig erklärt, indem er jäije als 1. sg. med. 
faßte, während alle europäischen und indischen Erklärer vor 
und nach ihm in diesem Worte den Vokativ von jät/ä sahen. 
Daß Purüravas nach dem Verluste seiner geliebten Apsaras 
wahnsinnig wird oder wenigstens wie wahnsinnig umherirrt, 
berichten fast alle Quellen außer dem RV. und dem SBr., 
darunter das VP. und das BhP., obgleich beide in ihrem etwas 
geänderten Zitat von RV. X, 95. 1 jäye als Vokativ fassen. 
Die verballhornte Erzählung Mßh. I, 7ö nennt den König in 
Str. 22 nastasamjna und führt seinen Wahnsinn auf einen 
Fluch von ihm ungerecht behandelter Brahmanen zurück. 
Gerade diese Redaktion zeigt uns also, wie allgemein ver- 
breitet der Zug von dem W^ahnsinnigwerden des Königs in 
der Purüravas-Geschichte war. Es ist dabei natürlich gleich- 
gültig, ob man annimmt, daß hier ein von RV. X, 95. 1 unab- 
hängiger Zug der Sage vorliegt, oder daß dieser Zug erst 
aus RV. X, 95. 1 geschlossen ist. Handelt es sich um einen 
unabhängigen Zug, so bestätigt dieser Ludwigs an sich schon 
aus grammatischen und rhythmischen Gründen sofort ein- 
leuchtende Erklärung. Im anderen Falle haben wir es mit 
einer älteren und richtigeren Interpretation zu tun, als die- 
jenige ist, die Säyana uns bietet. 

Noch an einer anderen Stelle desselben Dialogs hat Lud- 
wig die bisherigen Erläuterungen mit Recht beanstandet. In 
Strophe 8 nämlich kann im letzten Päda von einem Wagen 
durchaus keine Rede sein. Um einen besseren Sinn zu ge- 
winnen, ändert Ludwig, wie es in anderer Weise schon Böht- 



1) Zuerst Rigveda Band 6, Seite 108 unter jan-. 



144 Johannes He rtel, 

lingk getan hatte, den Text. Ich halte den Text für richtig 
und glaube, der Irrtum der Erklärer ist hier ebenso durch 
den zufälligen Gleichklang zweier verschiedener Wörter ent- 
standen, wie bei jäye in Strophe 1. Und seltsam genug ist 
es, daß unsere Erklärung durch die Erklärung einer anderen 
vedischen Stelle im PW. bestätigt wird, welche ebenso evident 
ist und ebenso unbeachtet geblieben ist, wie die anfangs dieses 
Aufsatzes angeführte Erklärung Ludwigs. 

Da die Auffassung von rathasprs in Strophe 8 zum Teil 
von dem Zusammenhang abhängt, sei hier zunächst eine Über- 
sicht über den Gedankengang des Gesprächs gegeben, wie ihn 
Verfasser nach wiederholter Lektüre für richtig hält. Eine 
Übersetzung wird am Ende dieses Aufsatzes gegeben werden. 
Dabei weicht Verfasser von neueren und älteren Erklärern 
mehrfach in der Auffassung des Ganzen und seiner Teile ab. 
So glaubt er z. B. nicht, daß sich in diesem dramatischen 
Gedicht eine Animosität oder auch nur Gleichgültigkeit der 
Apsaras gegenüber Purüravas kundgibt; im GegenteiP)! Ferner 
hält er die überlieferte Reihenfolge der Strophen für vollkommen 
richtig, glaubt an keine Interpolationen ^) und nimmt mit der 
AnukramanI an, daß niemand (auch kein Erzähler!) außer 
Purüravas und ürvasT zu Worte kommt. Auch mit der Zu- 
teilung der Strophen an die beiden Personen scheint ihm die 
indische Überlieferung recht zu haben mit Ausnahme von 
Strophe 6, welche seines Erachtens UrvasI spricht, ürvasi 
wünscht selbst eine Wiedervereinigung mit Purüravas. Durch 
die Schuld des letzteren — das betont sie wiederholt — ist 
diese Vereinigung auf Erden unmöglich geworden. Nach Rück- 
sprache mit den Göttern aber kündet sie ihm in der letzten 
Strophe ein Mittel, durch welches er mit ihr wieder vereint 
werden wird; das Opfer nämlich, das seine Nachkommenschaft, 
d. h. sein Sohn, für ihn den Göttern darbringen wird. 

Der Gedankengang des Gesprächs ist folgender: 
P.: Bleib, Grausame, und rede mit mir! (1). 
ü. : Ich bin für dich verloren (2). 



1) Vgl. namentlich Str. 11. — Str. 15 soll wohl den König nur 
trösten. Str. 18 setzt voraus, daß Urvasi die Götter um Wiederver- 
einigung mit Purüravas gebeten hat. 

2) Vgl. WZKM. 23, 346 zu S. 289, wo 'nur' st. 'nun' zu lesen ist. 



rathaspfs oder rathaspfh. 145 

P.: Du bist von mir gegangen, aber ohne meine Schuld (3). 

U.: (Meine Schuld war's auch nicht. Ich war dir treu; 
denn) ich brachte meinem Schwiegervater Segen und war 
dir immer zu Willen^) (4): Du warst der König 
meines Leibes (5). Die andern Apsarasen flohen vor 
dir und wollten nichts von dir wissen, wenn du ihnen 
nahtest (6): ich dagegen bin sogar schwanger von dir 
und werde dir einen So ha gebären (7). 

P.: Die Flucht der andern Apsarasen war nur Schein (8). 
Denn alle Apsarasen sind lüstern auf sterbliche Männer (9). 
Du aber warst mir mehr als die andern. Du wirst 
mir einen Sohn gebären und mir dadurch langes Leben 
verleihen 2). Deshalb solltest du bei mir bleiben, wie es 
der Gattin geziemt (10). 

U. : Gewiß, ich bin deine Gattin und die Mutter deines Sohnes. 
Schreibe es deinem Ungehorsam zu, daß ich nicht bei 
dir bleiben konnte (11). 

P.: Denk' an unsern Sohn! Nicht durch meine, sondern durch 
fremde Schuld wurden wir einträchtiges Paar ge- 
trennt (12). 

ü. : Ich will deinen Sohn trösten und ihn dir senden; ich 
selbst kann nicht zu dir zurückkehren (13). 

P.: Wenn ich nun aber in den Tod gehe^) . . . (14). 

U. : Tu das nicht! (15). Ich esse keine Menschenspeise mehr 
(d. h. ich gehöre jetzt wieder der Welt der Götter an). 
(16). [Sie steigt zum Himmel empor.] 

P.: Selbst als erhabene Göttin will ich dich besitzen (17). 

ü.: [Wieder erscheinend und im Auftrage der Götter spre- 
chend:] Du bist ein Sterblicher, und darum bin ich dir 
jetzt unerreichbar. Wenn aber deine Nachkommenschaft 



I 



1) Die Angabe der Anukrainani, daß UrvasI diese Strophe 
spricht, und das fehlerhafte Metrum erfordern die Einsetzung von 
aharn für sä. sä ist vermutlich eine alte Glosse. Die Anukramani 
muß auf einen älteren Text zurückgehen, da sie auf Grund unseres 
Textes die Strophe allenfalls dem Purüravas, keinesfalls aber der 
Urvasi hätte zuweisen können. Dem Päda fehlt eine Silbe. Setzen 
wir aham statt sä ein, so erhalten wir den in diesem Sükta gewöhn- 
lichen Päda- Anfang ^- (noch 46 Fälle). Denkbar wäre auch sähmn. 

2) S. unten S. 153, Anm. 3. 

3) S. unten S. 154, Ancn. 4. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 10 



146 Johannes Hertel, 

(= dein Sohn) den Göttern opfert, so wirst du dadurch 
wieder mit mir im Himmel vereinigt werden (18). 

Wenn der eben gezeichnete Gedankengang- das Richtige 
trifft, so haben wir es mit einem das Opfer verherrlichenden, 
sehr lebhaften 1), wohlgefügten Dialog zu tun, in welchem 
keine Lücke klafft und für erzählende Prosa oder erzählende 
Verse kein Raum ist. Die Gegenreden knüpfen inhaltlieh 
stets an die vorhergehenden Reden an. Daß ürvasi die sechste 
Strophe spricht, ist aus der Entgegnung des Purüravas in 8 
und 9 klar. Auf Strophe 7 antwortet Purüravas mit Strophe 10. 
Strophe 8 und 9 aber führen nicht genau denselben Gedanken 
aus; vielmehr ist der Gedanke, den Strophe 8 enthält, in 
Strophe 9 gesteigert. 

In Strophe 6 sagt ürvasi: 'Die [Apsarasen] Sujürni^ 
Srenij Sumnaäpi, GranthinI und Caranyu ebenso wie Hrade- 
caksus zerrannen wie Schminke 2); sie schrien wie Milchkühe 
nach Schatz (um Hilfe) 3).' 

Darauf antwortet Purüravas mit Strophe 8 und 9. Strophe 8 
lautet: 

sacä yad äsu jahatlsu atJcam 
amänusisu mänuso niseve \ 
apa sma mat tarasanü na hhujyus 
tä atrasan rathasprso na asväh \\ 

Mit den beiden ersten Päda tritt Purüravas der Behaup- 
tung ürvasis entgegen, nur sie sei ihm genaht, während die 
andern vor ihm geflüchtet seien. 'Im Gegenteil' — sagt 
Purüravas — , 'sie haben sich nicht von mir ferngehalten. 
Ich habe mit ihnen verkehrt.' Und zwar jahatlsu afJcam. 
Faßt man mit Säyana und Pischel atka als 'Gestalt', so 
kann der Sinn nur sein: 'Sie nahmen Menschengestalt an 
wie du (vgl. Str. 16 virüpa und unten S. 152, Anm. 7), um 
ganz wie menschliche Frauen mit mir verkehren zu können.' 



1) S. Str. 3, in der Purüravas, die Worte Urvasis ergänzend, 
in dem von der Apsaras gesprochenen Satz fortfährt, Str. 10, in der 
er in der Erregung den begonnenen Satz nicht zu Ende führt, und 
Str. 14 f., wo Urvasi dem Purüravas ins Wort fällt. 

2) S. unten S. 152, Anm. 7. 

3) Säyana srayanäya und äsrayärtham. Das Bild vergleicht 
also den König Purüravas mit einem in die Herde einfallenden 
Löwen, vor dem sich die Kühe blökend flüchten. 



rathaspfi oder rathaspfh. 147 

Piscbel hat unsere Stelle mit Recht einen "Hauptbeweis für 
die Bedeutung 'Gestalt' von ätha' genannt, und Geldner 
folgt ihm darin in seinem 'Rigveda in Auswahr i). Die beiden 
letzten Päda räumen der UrvasI zwar Qm\apa atrasan, 'sie bebten 
7Airück', 'sie flüchteten'; aber die gezogenen Vergleiche sollen 
zeigen, daß es ihnen mit ihrer Flucht nicht ernst war. 

Der erste ist : tarasanti na hhvjyuh. Dies erklärt Säyana 
wie folgt: tarasannämamrgah \ tasya strl \ hhujyur hhoga- 
sädhanabhüta stri mrgi \ sä yathä vyädhäd hhitä paläyate |. 
Aus dieser Erklärung geht hervor, daß Säyana das Wort 
tarasant als Bezeichnung für eine bestimmte Gazellenart 
kannte: 'Die (bekannte) Gazellenart, welche tarasant heißt/ 
Darum erklärt er auch nicht tarasant selbst^), sondern viel- 
mehr das Femininum tarasanti als Ableitung von dem Masku- 
linum. Wir haben also hier keinen Grund, seine Erklärung 
zu beanstanden. Niemand wird z. B. bezweifeln, daß krkälika 
in Pürnabhadras Pancatantra der Name eines Vogels ist, nur 
weil kein indischer Lexikograph ihn uns aufbewahrt hat. Zu 
Pürnabhadras Zeiten war das Wort jedenfalls ebenso all- 
gemein verständlich, wie der uns ebenfalls rätselhafte Tier- 
name hütika oder kütiJcä^). Mit tarasant wird es sich ähn- 
lich verhalten. Nach Säyanas weiterer Erklärung aber er- 
scheint hhujyuh als bedeutungsloses Flickwort. Die Sachlage 
ändert sich indessen, wenn man nicht mit Säyana vyädhät, 
sondern tarasatah ergänzt: 'wie das Liebesgenuß ver- 
langende [brünstige] Tarasant -Weibchen vor dem Tarasant- 
Bock', d. h. nur zum Schein. 

Gerade der umstand, daß Säyanas Erklärung des Ver- 
gleichs nicht zu seiner weiteren Erklärung der Strophe paßt, 
beweist, daß die Interpretation von tarasanti na hhujyuh 
nicht von ihm stammt, sondern auf einen älteren Erklärer oder 
auf traditionelle Erklärung überhaupt zurückgeht. Säyana 
folgt dieser Erklärung, ohne daß ihm im übrigen der Sinn 
der Strophe klar ist. 



1) Ved. Stud. 2, 203. Abweichend von beiden Gelehrten be- 
ziehe ich atka auf die Wassergestalt der Apsarasen. 

2) Gegenüber der Ausdrucksweise tarasannämamrgah vgl. 
z. B. in demselben Abschnitt atka iti rüpanäma. 

3) HOS. 11, 292. 



148 Johannes Hertel, 

Der zweite Vergleich, den Purüravas verwendet, ist 
rathasprso na a^väh. Sicher ist Ludwig im Rechte, wenn 
er sich hier gegen Säyana und die europäischen Erklärer 
wendet. Er selbst will tä atrasann atJia sprso na asväh und 
neuerdings ^) für na asvah sogar na hamsäh lesen. Ich glaube, 
der richtig verstandene überlieferte Text gibt einen ausgezeich- 
neten Sinn und bedarf, wenn überhaupt, einer viel leichteren 
Korrektur, asväh muß, wenn unsere bisherigen Ausführungen 
richtig sind, der tarasanti entsprechen. Es wird also Plural 
zu asvä 'Stute' sein, wie ja überhaupt wahrscheinlich ist, 
daß der Dichter die Apsarasen mit weiblichen, nicht mit männ- 
lichen Wesen verglichen haben wird; s. Strophe 9. Aber 
was bedeutet rathasprs? 

Wie an unserer Stelle, so hat ratha in der Strophe AV. 
VI, 130, 1 den Erklärern Schwierigkeiten bereitet. Dieses 
Lied enthält das Gebet einer Hetäre an ihre Schutzpatroninnen^ 
die Götterhetären oder Apsarasen. Daß die Beterin eine 
Hetäre ist, ergibt sich klar aus dem Wortlaut der dritten 
Strophe : 

yathä mama smaräd asau 

nämusyäham Jcadä cana \ 

deväh pra hinuta smaram 

asau mäm anu socatu \\ 
Denn daß sich die Hetären nicht in ihre Kunden ver- 
lieben dürfen, weil sie sonst ihr Geschäft schädigen, ist ein 
oft wiederkehrender Zug in der indischen Erzählungsliteratur» 
Ich erinnere nur an die Lohajangha-Geschichte bei Somadeva 
und an die Dohanl-Geschichte in der älteren Rezension des 
Tanträkhyäyika (Sär. a)^). Den Inhalt des Hetärengebetes 
AV. VI, 130 bildet die Bitte, die Apsarasen möchten einen 
Jüngling in die Beterin wahnsinnig verliebt machen. 
Der 'Hymnus' beginnt: 

rathajitäm räthajiteylnäm 

apsarasäm ayam smarah \ 
Whitney bemerkt^) zu den ersten beiden Worten : 'The 



1) A Discovery and a Disappointment. Sitzungsb. d. kgl. 
böhm. Ges. d. W., bist. Kl. 1909, S. 13ff. 

2) Vgl. aueb R. Scbmidt Beiträge zur ind. Erotik S. 798 
und 803 ff. 

3) HOS. 7, 379. 



rathaspfs oder rathaspfh. 149 

two terms (of which one is an evident derivative of the otber) 
have so little applicability to the Apsarases that Grill resorts 
to the violent and unacceptable measure of substituting artha- 
jitäm ärthajitinäm. Perhaps nothing more is meant than to 
mark strongly the all-conquering power postulated for the 
Apsarases in this spell.' Aber nicht -auf die all- conquering, 
sondern nur auf die \oyq- conquering, 'Liebe erzwingende' 
Gewalt der Apsarasen kann es in diesem Hymnus überhaupt 
ankommen, und darum hat ohne jeden Zweifel schon Roth 
im PW. eine ans Richtige streifende Erklärung gegeben. Er 
tibersetzt rathaßt mit 'Zuneigung gewinnend, liebreizend' und 
erklärt rdthajiteyl als Metronymikon dazu. Auf den Lieb- 
reiz kommt es indessen hier nicht an. Wir müssen, wie der 
Inhalt des Hetärengebetes zeigt, wörtlich übersetzen: 'Liebe 
ersiegend', 'zur Liebe zwingend''). 

Dasselbe Wort bildet, wie gleichfalls schon das PW. an- 
nimmt, den zweiten Teil des Kompositums manoratha. Die 
Bildung von ratha aus ram ist einwandfrei. Vgl. samgatha 
zu gam, hatha zu han^). ratha verhält sich zu rata (surata) 
und rati wie samgatha zu samgata und samgati, wie uktha 
zu ukta (süJda) und ukti. Es steht neben ratha 'Wagen' wie 
pitha 'Trunk' neben pitha 'Schutz'. 

Dasselbe ratha nun steckt zweifellos in dem rathasprs 
unserer RV-Stelle. Wie es im AV. in Bezug auf die Apsarasen 
selbst gebraucht wird, so erscheint es hier im RV. in einem 
auf sie bezüglichen Vergleich, rathasprs heißt demnach 
'Liebesgenuß berührend', 'Liebesgenuß erwartend', 'Liebesgenuß 
heischend'. Es ist also ein Synonymon von bhujyu, und RV. 
X, 95. 8cd enthalten zwei vollständig parallele Ver- 
gleiche. Vielleicht ist statt rathaspHo geradezu zu schreiben 
rathaspfho. Dies würde den hier geforderten Sinn noch 
schärfer ausdrücken 3). Ich übersetze: 



1) Man denke an die vielen großen Asketen, denen alle Götter 
nichts anhaben konnten, bis in Brahmans oder Indras Auftra^^ irgend-' 
eine Urvasi oder Rambhä oder Tilottamä mit Leichtigkeit die Liebe 
der Unnahbaren durch ihr bloßes Erscheinen erzwang. Diese 
Göttinnen sind nach indischer Anschauung unwiderstehlich. 

2) Whitney Gr. § 1163 a b. 

3) Es kann aber auch eine Vermengung beider Formen vor- 
liegen, die leicht möglich war. So kann nispfk in der gleich fol- 



150 Joliaiint'H Hertel, 

'Als ich, der Menschliche, mit den Nichtmenschlichen 
verkehrte, die ihre [elementare] Gestalt i) ablegten, da flüch- 
teten sie vor mir, [aber nur so] wie die zum Genuß bereite 
Tarasant- Gazelle [vor dem Bock], wie Liebesgenuß heischende 
Stuten [vor dem Hengst]/ 

Es ist ihnen also mit ihrer Flucht so wenig ernst, wie 
es Licymnia mit ihrem Sträuben ernst ist, 

cum flagrantia (^etorquet ad oscula 
cervicem, aut facili saevitia negat 
quae poscentc magis gaudeat eripi, 
interdum rapere occupet^). 
Der letzten Zeile der eben angeführten horazischen Strophe 
entspricht ungefähr Strophe 9 unseres Dialogs. Sie führt aus, 
daß den Apsarasen der Liebesverkehr mit dem sterblichen 
Manne nicht nur nicht unangenehm ist, sondern daß sie ihn 
vielmehr dazu reizen, und daß sie sich beim Liebesspiel wie 
brünstige Stuten (und lüsterne Menschenweiber) gebärden. 
Der sterbliche Mann kann über sie alle verfügen, wie ein 
König über seine Kebsen^): 

yad äsu marto amrtäsu nisprk 
sam ksonlhhih kratuhhir na pi'nkte^) \ 
tä atayo na tanvah mmhhata sva 
a.wäso na hrilayo damdasänäh \\ 
'Wenn sich mit diesen, den unsterblichen Fluten (Apsa- 
rasen), der Sterbliche verlangend ganz nach seinem Willen 
vereinigt, da putzen sie ihre Leiber wie Enten und sind sehr 
bissig wie spielende Stuten [wie Stuten beim Liebesspiel].' 

Die letzten Worte enthalten eine x^nspielung auf das 
Beißen, ohne welches es ja dem Kämasästra zufolge keinen - 
Liebesgenuß gibt^). 

Daß ati, wie es die Etymologie wahrscheinlich macht, 
hier 'Ente' bedeutet, kann kaum einem Zweifel unterliegen, 

genden Strophe zu nisprh wie zu nisprs gehören. Das große PW 
zieht es zu letzterem, das kleinere zu ersterem. Daß in beiden 
Fällen die Bedeutung dieselbe sein muß, ergibt der Zusammenhang. 

1) S. unten S. 152, Anm. 7. 

2) Hör., Carm. II, 12. 24. Vgl. R. Schmidt Beiträge zur ind. 
Erotik S. 552 f. 

3) Vgl. den Schluß von Strophe 5. 

4) Pf ist zweisilbig. 

5) Vgl. R. Schmidt Beitr. zur ind. Erotik S. 479 u. 496ff. 



rathaspH oder rathaspfh. 



151 



da das Bild ein äußerst treffendes ist. Kaum ein anderer 
Wasservogel ist so eifrig im Glätten seines schillernden 
Gefieders^ wie diese. Das Schillernde an Hals und Flügeln 
aber entspricht dem Hals- und Armschmuck der Apsarasen, 
die hier wie in jenem Liede des AV. bereits deutlich als 
Götterhetären aufgefaßt werden. Hetären aber denkt sich der 
Inder immer mit schimmerndem Schmuck behangen, x^nderer- 
seits ist in unserem Samväda die ältere Auffassung der Ap- 
sarasen als Wassergöttinnen noch vollkommen deutlich: vgl. 
Str. 6, 7, 8, 9, 10, 16, 17. Und so kann, obwohl die RV- 
Fassung ein Analogon zur Thetis-Sage ist, immerhin in der 
Version des SBr. in der Entengestalt der Apsarasen eine 
ältere Schwanenjungfrauensage nachklingen^), wie sie ja 
auch den Indern nicht unbekannt ist. 

Im Anschluss an das eben Ausgeführte gebe ich nun 
noch eine vollständige 



Übersetzung. 
Purüravas : 

1. Ha! Ich komme zur Besinnung^)! Steh, Grausame! Laß 
uns jetzt Worte miteinander tauschen! Nicht ungesprochen 
waren uns [früher] solche trauliche Gespräche. Sie sollen 
uns auch in Zukunft erfreuen. 

ürvasi : 

2. Was soll ich mit dieser deiner Rede anfangen! Ich bin 
von dir gegangen [geschieden], wie die erste der Morgen- 
röten. Kehre [auch] du nach Hause zurück, Purüravas! 
Schwer einzuholen bin ich [; denn ich bin flüchtig] wie 
der Wind 

Purüravas : 

3. wie der Pfeil, das Geschoß, [das] aus dem Köcher [un- 
wiederbringlich verschossen ist] zum Glück 3), wie die 
Geschwindigkeit [des Pfeiles] *), die Rinder, die Hunderte 

1) V. Schroeder Mysterium und Mimus S. 244 f. 

2) So mit Ludwig-. S. oben S. 143. 

3) Oder: zum Reichtum, d. h. entweder zur Erwerbung des 
Siegespreises beim Wettsehießen oder wahrscheinlicher: im Kampfe 
zur Erlangung der Kriegsbeute. 

4) Oder mit Geidner: 'wie das Rennen' (konkret) oder 'das 
Rennpferd'. 



152 Johannes Hertel, 

[von Rindern] gewinnt^}! Bei dem unmännlichen Sinn 
[der Gandharven] schien es zu blitzen; die Spielleute 
[= die Gandharven] verstanden das Blöken wie ein Schaf-). 

ürvasi : 

4. Dem Schwiegervater gute Lebenskraft spendend^) kehrte 
ich*), wenn mein Buhle ^) es [oder: nach mir] begehrte, 
aus dem Nachbarhause heim [in das Haus des Gatten], 
wo er sich [an mir] erfreute, [und ward von ihm] Tag 
und Nacht mit der Rute gestochen. 

5; Dreimal des Tages stachst du mich mit der Rute und 
fülltest mir ein, indem du mich nicht durch andere Frauen 
ablösen ließest^). Ich kam deinem Wunsche nach, Purü- 
ravas! Damals, du Held, warst du [wirklich] meines 
Leibes König. 

6. Sujürni, Sreni, Sumnaäpi, GranthinI, Caranyu sowie Hra- 
decaksus, die rannen auseinander wie rötliche Schminken ; 
sie riefen nach Schutz ('um Hilfe') wie brüllende Kühe^). 

7. Wenn dieser^) geboren wird, sitzen die Götterfrauen 
[= die Apsarasen] dabei. Ihn stärkten [priesen^)] die 
selbstgepriesenen Flüsse, wie dich, Purüravas, zu gewaltigem 



1) Purüravas fügt hier in lebhafter Rede, Urvasis Satz weiter- 
führend, ein steigerndes Bild hinzu. Vgl. Str. 14f, wo in ähnlich 
lebhafter Weise Urvasi dem Purüravas ins Wort fällt. 

2) Die Gandharven entrissen dem Purüravas die Apsaras 
nicht im Kampf, sondern durch feige List. Vgl. Geldners Kom- 
mentar. 

3) Die Göttin verlängert ihm das Leben. Geldner denkt 
geradezu an Verabreichung eines Lebenselixirs. 

4) S. oben S. 145 Anm. 1. 

5) So nach Geldner. 

6) So nach Säyana. 

7) Die Apsarasen sind hier die personifizierten Flüsse; s. Geld- 
ners Kommentar. Daher werden sie mit zerlaufender Schminke 
verglichen, wie RV. II, 34. 3 die Somaströme: vgl. W. Foy KZ. 
N. F. 14, 2, S. 272. Die Vergleichung der Ströme mit brüllenden 
Kühen — das zweite oben verwendete Bild — ist dem Veda sehr 
geläufig. _ 

8) Ayu, der noch ungeborene Sohn des Paares. 

9) Es ist an Hymnen oder Segenisprüche zu denken, für deren 
Verwendung in der späteren Sprache das Kausativ von vrdh überaus 
häufig ist. Die stärkende Wirkung derartiger Hymnen ist allgemein 
bekannt. Vgl. z. B. Suparnädhyäya X, 19. 



rathaspfs oder rathaspfh. 153 

Kampfe die Götter stärkten [priesen] zur Tötung- der 
Dasyu [Dämonen] ^). 

Purüravas : 

8. Als ich, der Menschliche mit den Nichtmenschlichen ver- 
kehrte, die ihre [elementare] Gestalt ablegten, da flüchteten 
sie [freilich] vor mir, [aber nur so] wie die zum Genuß 
bereite Tarasant-Gazelle [vor dem Bock], wie Liebesgenuß 
heischende Stuten [vor dem Hengst]. 

9. Wenn sich mit diesen, den unsterblichen Fluten [d. i. 
Apsarasen], der Sterbliche verlangend ganz nach seinem 
Willen vereinigt, da putzen sie ihre Leiber wie Enten 
und sind sehr bissig wie spielende Stuten [wie Stuten 
beim Liebesspiel]. 

10. Sie, die wie ein niederzuckender Blitzstrahl aufleuchtete'^), 
die Wasserfrau, welche mir Liebesgenüsse bot — geboren 
werde aus dem Wasser [d. h. aus ihr] ein mannhafter, wohl- 
geborener [Sohn] ! UrvasT möge mein Leben verlängern^). 

ürvasi: 

11. Du bist hier [in meinem Leibe] entstanden, um Milch zu 
trinken*). Dazu [oder: damals] hast du, Purüravas, deine 
Stärke in mich gelegt. Als Wissende habe ich dich an 
jenem Tage belehrt. Du hörtest nicht auf mich. Was 
kannst du nun sagen [= wie könntest du dich jetzt be- 
schweren], da du den Genuß verloren hast? 

Purüravas : 

12. Wann wird der Sohn, geboren, nach seinem Vater ver- 
langen? Wie ein Gedenkender [sich Sehnender] wird er 
seine Träne fließen lassen, wenn er [alles] erfährt. Wer 



1) Vgl. die Siegeswünsche, mit denen die Marut Indra im 
Kampfe erfolgreich beistehen: Ait. Br. III, 16. 1; 20. 1—3. SBr. IV, 
3. 3. 6 ff.; ferner die Sage Käth. VII, 10 (S. 72,5) usw. 

2) Vgl. Säkuntala, ed. Böhtlingk S. 72, Str. 126, ed. Pischel 
S. 112, Str. 148. 

3) Durch die Geburt des Sohnes nämlich, der als der neu- 
geborene Vater gilt: putro hy ätmatva kathyate (Somadeva, KSS. 
XLIX, 194). SBr. XII, 4. 3. 1. Ait. Br. VII, 13. 9: patir jäyäm 
pravUati garhho bhütvä sa mätaram \ tasyäm punar navo bhütvä 
dämme mäsi jäyate ||; Manu IX, 8. 

4) Nämlich in Gestalt des zu erwartenden Säuglings. Vgl. 
die vorige Anmerkung. 



154 Johannes Hertel, 

hat die einträcbtigen Gatten getrennt zu einer Zeit, da bei 
den Schwiegereltern das Feuer noch flammt? 

ürvasi : 

13. Ich will ihm Rede stehen, wenn er seine Träne fließen 
läßt. Gedenkend soll er nicht weinen zu unheilvoller ^) 
Sorge. Ich will dir das zusenden, was bei uns [Göttern] 
dein ist [d. h. deinen Sohn]. Geh nun nach Hause! Mich, 
du Tor^), kannst du nicht erlangen. 

Purüravas: 

14. Wenn nun heute dein Gespiele ^j davon stürzt auf Nimmer- 
wiederkehr und in die weiteste Ferne geht, wenn er im 
Schöße des Verderbens ruht und ihn die reißenden Wölfe 
fressen ^) 

ürvasi [ihm ins Wort fallend]: 

15. Stirb nicht, Purüravas! Stürze nicht davon. Auch sollen 
dich nicht die unheilvollen Wölfe fressen. Nicht, wahr- 
lich, gibt es Freundschaften bei den Frauen ; diese sind 
Herzen der Hyänen-^). 

16. Als ich in veränderter Gestalt^') unter den Sterblichen 
weilte, vier Herbste lang [unter ihnen] die Nächte ver- 
brachte, da aß ich [nur] ein wenig Schmelzbutter [und 
zwar nur] einmal des Tags. Davon noch jetzt gesättigt 
gehe ich. 

[ürvasi, sich in Nebel auflösend, steigt zum Himmel empor.] 



1) Man lese asiväya. 

2) Diese Anrede soll offenbar nicht Verachtung, sondern Be- 
dauern ausdrücken und bezieht sich darauf, daß Purüravas die 
Warnung der Apsaras nicht befolgt hat. Vgl. Str. 11. 

3) Vgl. Geldner Ved. St. 1, 280f. 

4) So nach Lannian, der mit Recht auf die Akzentuierung 
sämtlicher Verba der Strophe hinweist (brieflich), die jetzt auch Geldner 
aufgefallen ist (s. seinen Kommentar). Lanman bemerkt: 'Alle Aus- 
leger haben den Akzent der Verba, so viel ich weiß, übersehen. 
Die Betonung steigert in hohem Maße den dramatischen Effekt.' 

5) Die Apsaras will Purüravas damit trösten, daß es treue 
Liebe bei Frauen überhaupt nicht gebe. Die Hast, mit welcher sie 
Purüravas ins Wort fällt, zeigt deutlich, wie sehr sie ihn noch liebt. 

6) S. oben S. 152, Anm. 7. 



rathaspfs oder rathaspfh. 



155 



Purüravas : 

17. Die den Luftraum Erfüllende*), die den Dunstkreis Durch- 
messende, ürvasi will ich, der beste Buhle ^) gewinnen. 
Der Lohn des guten Werkes [= die Opfergabe] soll dir 
zuteil werden. Kehre zurück! Mein Herz brennt! 

ürvasi [erscheint wieder und spricht im Auftrag der Götter]: 

18. So sagen zu dir die Götter, Sohn des Ila^): 'Wie es nun 
einmal ist: du bist an den Tod gefesselt. Deine Nach- 
kommenschaft [ = dein Sohn] verehre die Götter mit Opfer- 
gabe; dann sollst auch du dich im Himmel berauschen 
[= sollst auch du im Himmel schwelgen].' 

Großbauchlitz. 

J ohannes Hertel. 



1) Indem sie in Nebel zerfließt, 

2) Geldner Ved. St. 1, 270. 282 ff. 

3) Vgl. WZKM. 25, 1 82 ff. Zum schwarzen Yajur veda stimmt 
die alte Tradition des RV.: Sadgurusisya S. 157, 3. 



» 



156 Maurice Bloomfield, 



Oll the yariable position of the finite verb in 
oldest Sanskrit. 

One of the most captivating, and at the same time 
elusive problems of grammar is the order of words in the 
sentence^ a problem which happens at the present time to 
engage veiy extensively the interest of scholars in many 
quarters of Indo-European speech^). The texts of the Veda 
offer in this matter materials of quite a unique sort. The 
so-ealled Vedic mantras, consisting of both metrieal verses 
and prose liturgic formulas, make up a vast stock of sentences, 
handed down in very variable forms^ current in a large number 
of schools or branehes (gäkhäs) of the Sacred Learning. The 
tradition of these schools is unsteady or fallible^ so that what 
was originally and essentially one and the same mantra ap- 
pears in a given school in one form, but in another school in 
another form. The body of mantra variants as a whole is 
enormously large, and calls for a kind of treatment that will 
ultimately result in a Grammar of the Vedic Variants. Among 
these variations changes in the order of words are by no 
means unfrequent. These are a constant challenge to all 
doctrines that are advanced in behalf of a stable, or even an 
habitual order of words, because they show that, in this 
matter, stability is a mere manner of speaking; habit a more 
relative term than has been thought to be the case. For it 
is quite evident here that the order of words in a text which 
is older or better, and therefore may be supposed to contain 
the natural order of words, can be readily replaced by another 
order. That is, as far as these texts are concerned, the 



1) As regards Sanskrit it suffices to refer to Delbrück's larger 
works on Syntax, and more particularly to bis latest utterances on 
this. tlieme, Anzeiger für Deutsches Altertum 31, 65 ff. ; Germanische 
Syntax II. Zur Stellung des Verbums. Abhandlungen der Königl. 
Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, vol. 28, no. 7, p. 69 ff. 



On the variable position of the finite verb in oldest Sanskrit. 157 

thing Said in one way may also be said, intelligibly and in- 
telligently, in another way. It is important to remember 
tbat I am speaking of cases which involve no change of Situ- 
ation whatever. There is no call for a new order on account 
of tbe different connection of tbe sentences, or because tbey 
are modulated by the changeable rhetoric of new emotions. 
It is, every time, the same sentence employed in the same 
material Situation. If there is any psychological shift of atti- 
tude in a variant order, that shift is due solely to an arbi- 
trary new appraisal of what this order originally meant to 
express. There is no conceivable motive except a ehange in 
the subjective feeling of the repeater, or reciter of the second 
mouth.. To assume such ehange, as we are at times bound 
to do, is in the circumstances plainly argunientation in a circle. 

I need scarcely remark that conditions such as have 
been briefly sketched in the paragraph above happen to be 
unparalleled elsewhere in the history of recorded literature 
and Speech. 

The number of order variants is so large, as to over- 
flow the rims of a Single article. I have chosen for treat- 
ment in this place one phase, perhaps the most significant of 
all, namely, the position of the verb (predicate) in both prin- 
cipal and subordinate sentences. Before describing the circum- 
stances thereto appertaining, one or two Statements of general 
interest to the theme are called for. 

In the first place, instability in the order of words is 
not altogether restricted to transfer from one school to another. 
There is, perhaps, no larger Vedic text which does not it- 
self occasionally ehange the order of words in what is in 
effect one and the same Statement. To begin with, in the 
Rig-Veda, a metrical text, we may first exclude occasional 
instability of order, due to the hampering or confining influ- 
ence of metre. So, e. g., in the two hemistichs: 

5. 31. 6 a b, pra te pürväni haranäni vocarh 

pra nütanä maghavan yä cakartha. 

'Let me proclaim thy deeds of yore, and, too, the present 
deeds, which thou Maghavan (Indra) hast performed!' 

7. 98. 5 a b, prendrasya vocarh prathamä Jcrtäni 
pra nütanä maghava yä calcära. 



158 Maurice Bl omfield, 

'Let me proclaim Indra's deeds of yore^ and, too, the pre- 
sent deeds wliieh he, Maghavan, hatli performed!' 

The verb vocam is shifted in 7. 98. 5 from what we 
may regard as its habitual position at the end of the first 
line in 5. 31. 6: on account of the word changes in 7. 98. 5 
its Position at the end became raetrieally intolerable. The 
change resorts to the very frequent alternative position des- 
cribed belovv, p. 171, bottom. 

Sirailarly the transposition of the verb JcrdM is metrical 
in the foUowing pair: 
7. 44. 4 urvim gavyütim abJiayam JcrdM nah 
9. 78. 5 urvlm gavyütim ahhayarh ca nas Icrdhi. 
Trepare a broad pasture (or highway) and security for us!' 

In one and .the same text^ it is well to observe, varying 
degrees of emphasis, or kindred rhetorical touches do at times 
result in change of order. This operates certainly, to some 
extent, in two successive stanzas connected by a repeated 
linC; that is to say, in the wellknown rhetorical scheme of 
concatenation. So, e. g., in the two successive stanzas, 1. 163. 3 
and 4: 

1. 163. 3d ähus te trmi divi handhanäni, 
1. 163. 4 a tri7ii ta ahur divi handhanäni. 
^They say that thou hast three connections in heaven.' The 
first form, with opening verb, asserts with the emphasis that 
belongs to a novel statement; the second, with verb in the 
middle, repeats the same statement musingly or reflectively, 
as an introduction to a further development of the theme of 
the hymn. 

The same feeling accounts for the change in the order 
of words — this time conccrning the position of the relative 
pronoun — in the following hemistich, which is repeated in 
catenation in 9. 67. 31 and 32: 

yah pävamänir adhyety rsibhih sarhhhrtam rasam 
pavamänir yo adhyety rsibhih sambhrtarfi rasam. 
'He who reads the pävamäna-stsinzaSj essence (of the Veda) 
that they are, compiled by the Rishis (Seers).' 

In general we may be siire that change of order can 
have, tho it miist not have, rhetorical value. Thus VS. 38. 11, 
and MS. 4. 9. 9: 

divi dhä imarh yajfiam imarh yajnam divi dhäh. 



On the variable positiori of the finite verb in oldest Sanskrit. 159 

""In heaven place thou this sacrifice; this sacrifice in heaven 
place thou!\ The TA. 4. 9. 3 trcats this rhetorical pair so 
as to introduce yet one more change of order, to wit: 
divi dhä imam yajnam yajnam iniaih divi dhäh. 
Similarlv in one and the same litany (TB. 3. 7. 5. 7; 
gg. 4. 9. 2; ApQ. 4. 109) we have: 

digo me kalpantäm, and 
kalpantam me digah. 
'May the directions (of spa^e) arrange themselves for nie!\ 

Different order of words occurs also once in two suc- 
cessive stanzas vvhicli do not concatenate, but imitate one 
another in the fashion of the so-called Välakhilya hymns, to wit: 
8. 40. 10 gusnasyändäni hhedatl 
8.40. 11 ändä gusnasya bhedati. 
*He shall crush the testicles of the (demon) Qusna!' This Vari- 
ation, ag-ain, seems to be purely literary or aesthetic. 

But changes of order in repeated passages of the same 
text are not restricted to siiccessive stanzas. As if in a dice- 
box the words are shaken up, and then thrown out, in the 
following two RV. hemistichs which occur in places sufficiently 
far apart, naniely, RV. 9. 57. 1, and 9. 62. 28: 

pra te dhärci asaccato divo na yanti vrstayah 
pra te divo na vrstayo dhärä yanty asagcatah. 
*Thy streams (0 Soma) flow forth unchecked like rain from 
heaven.' 

The number of such variations in the RV., bearing in 
mind that they are odd and unexpected, is not so very small; 
sometimes they are attended by slight verbal changes as well. 
Thus: 

8. 73. 10 grnutarfi ma imani Jiavam 
8. 85. 2 imam me grnutark havam. 
*Hear ye this niy call!' 

1. 142. 7 sldatäm barhir ä sumat 
8. 87. 4 a barhir sidatam sumat. 
'Sit ye (or, they two shall sit) upon the sacrifical straw, 
content!' 

1. 188. 4 präclnam barhir ojasä . . . astfnan 
9. 5. 4 barhih präclnam ojasä . . . strnan. 
'The sacrificial straw in the east they have spread (or, spread- 
ing) with might.' 



160 Maurice Bloomfield, 

8. 78. 8 vigvä ca soma sciubhagä 

4. 55. 1 soma vigvä ca säuhhaga. 

'And (in thee are, or tlie like), Soma, all happinesses.' 

10. 24. 1 indra somam imam piha 

8. 17. 1 indra somam pihä imam. 

'0 Indra, drink this soma!' 

8. 23. 30 agne tvam yagä asi 
8. 90. 5 tvam indra yaga asi. 
'0 Agni (or, Indra), thou art distinguished.' 
1. 112. 20 bhujyum yähhir avatho yäbhir adhingum 
8. 22. 10 yäbhih paktham avatho yäbhir adhrigum. 
'(With the helpful deeds, or the like) with which ye did help 
Bhujyu (or Paktha), with which ye did help the liberal 
(sacrificer).' 

Similarly other texts indulge themselves at tiraes in 
repeating the same passage in different order. Thiis: 
AV. 8. 5. 4 so asmän pätu sarvatah 
AV. 4. 10. 5 so asmän sarvatah pätu. 
'May he protect us on all sides!' 

AV. 19. 38. 1 näinarh gapatho agnute 
AV. 4. 9. 5 näinarh präpnoti gapathah. 
The curse does not reach him.' 

TA. 3. 12. 7 nänyah panthä ayanäya vidyate 
TA. 3. 13. 1 nänyah panthä vidyate 'yanäya. 
'No other road is found to go upon.* 

There is one other consideration of general import, 
brought ont by these variants, which bears heavily upon the 
question of order of words. This, I believe, has been up to 
this time left entirely ont of sight. I mean, the distinction 
between long and short sentence. We may define as short 
sentence, as far as the present point of view is concerned, a 
sentence that consists of subject and predicate, either without 
any additional word, or with one other word that qualifies 
or defines either subject or predicate. The order in such 
sentences is remarkably unstable, suggesting the general prin- 
ciple, which is at first sight paradoxical, that stäbility is in 
inverse ratio to the number of words in a sentence, I refrain 
from attempting to illustrate this by parallels from other 
lauguages, or motivating it logically, content to take the piain 
but eloquent testimony of these variants. This seems to be, 



On the variable position of the finite verb in oMest Sanskrit. 161 

that Short sentences are so indifferent to definite order of 
words as to make order of words appear almost in the light 
of a negligible quantity. 

Thou, Agni, (art) earthy!' — this Statement is made by 
three texts of the Yajur-Veda in three different Orders, but 
in precisely the sarae connection ^) : 

agne tvarh purisyah VS. KS. 
purisyas tvam agne TS. 
tvam agne purisyah MS. 
Siniilarly the following cases: 

apätam agvinä gharmam VS. ^Q. LQ. 
gharmam apätam agvinä MS. ApQ. 
'0 Agvins, ye have drunk the bot milk.' 

digam Mptir asi TB. QQ. ApQ. 
Tdptir asi digäm AB. 
Thou art arrangement of the directions of space.' 
prthivim drnha VS. TS. MS. 
drnha prthivim PB. 
*Make firm the earth!' 

attu trnäni SMB. GG. 
trnanyattu TA. QQ. PG. HG. ApM. MG. 
*May (the cow) eat grass!' 

pränam amrte juhomi AQ. 
amrte pränam juhomi MQ. 
1 sacrifice life's breath in immortality!' 

rcam väcam prapadye VS. 
väcam rcam prapadye QQ. 
'Refuge do 1 take in Speech as Rk!' 

yogaksemo nah Jcalpatäm VS. TS. MS. KSA. 
Tcalpatärii me yogaJcsemah AB. 
'May business and possession arrange themselves f or me (or, us) !* 
sahasrasya pratisthäsi ApQ. 
pratisthäsi sahasrasya MS. 
*Thou art the foundation of thousand (-fold wealth)!* 
mayi rucam dhäh (KS. dehi) MS. KS. 
rucam mayi dhehi MS. TA. ApQ. 
Tut brilliancy into me!' 

1) I shall herealter indicate the texts with the abreviations 
of my Vedic Concordance. And I shall oniit the place citations to 
save Space. They can be readily supplied from the same work. 
Indogermanische Forschungen XXXI. 11 



162 Maurice Bloornf ield, 

ayät priyä dhämäni A(J. 
priyä dhämäny ayät AQ. 
He hath sacrificed favorite dainties/ 

adJivaryav äislr apah KB. QQ. 
adhvaryo 'ver apah TS. QB. ApQ. 
ave7- apo adhvaryo MS. AB. AQ. 
*0 Adhvaryu (priest)! hast thou gained the waters?' 
mrdho vy ästhat TB. 
vy ästhan mrdhah AV. 
*He hatb seattered the scorners.' 

yavayäsmad dvesah VS. TS. Käug. 
yavaya dveso asmat MS. 
'Ward off hatred from us!' 

prnalcsi rodasi uhhe RV. SV. VS. KS. 
ubhe prnalisi rodasi TS. 
*Thou joinest close the two cosmie hemispheres.' 
endram vagnunä vahata PB. 
vagnunendram hvayata TB. ApQ. 
'Bring hither (or, call) Indra by voice!' 

Additional ''short sentenees" with change of order will 
appear in the sequel. 

Short sentenees whose predieate is a sul)stanstive — the 
verb being understood, as we are in the habit of saying — 
sbow a still more surprising* instability of order. There is 
scarcely a Single forraula of the English type, 'Hail to the 
chieftain!' which fails to recur in a repeated passage in the 
form, 'To the chieftain hail!' Or, in the same way, clauses 
of the type 'The qayatrl (metre) belongs to the Vasus', is 
steadily repeated in the order, 'To the Vasns belongs the 
gayatri. 

Thus formulas of the following types^): 
indräya svähä : svähendräya. 
'Hail to Indra!' 

varunäya namah : namo varunäya. 
'Reverence to Varnna!' 

pitrhhyah svadhä : svadhä pitrhhyah. 
'Enjoyment to the Manes!' 



1) For a large assortment of them see my Vedic Concordance, 
uuder, namah (and its euphonic inodulatrons), sväJiä, and svadhä. 



On the variable position of the finite verb in oldest Sanskrit. 163 

agnaye Ixavyavahanäya svähä : svähägnaye TcavyaväJianäya. 
*To Agni who bears gifts to the Sages, hail!' 

As regards the seeond type of clause just mentioDed 
the texts say, indifferently : 

ägneyah hrsnagrivah VS. TS. KSA. 
JiTsnagrlvä ägneyah VS. MS. ApQ. 
'To Agni belongs (or belong) the black-necked victim (or victims).* 
nahhorüpäh pärjanyäh VS. MS. 
pärjanyä nahhorüpäh TS. KSA. 
'To Parjanya belong cloud-eolored (goats).' 

How indifferent to order the texts are in this particular 
regard may be seen at its best in two longer sentences, con- 
sisting of Short clauses with substantival predicates; in niost 
of these clauses one text inverts the order of the other. Thus, 
AV. 19. 60 readS; vän ma äsan, nasoh pränac, calcsur äksnoh, 
qrotram Icarnayoh^ etc. etc., "speech in my raouth, breath in 
my nostrils, sight in my eyes, etc.' TS. 5. 5. 4. 2 has the same 
formula in inverted order after the first two clauses, to wit: 
vän ma äsan, nasoh präno, ^Jcsyog caksuh, Jcarnayoh grotram 
etc. Similarly, in a catalog of the wives of the gods, TU. 
3.4. 1 reads: senendrasya, dhenährhaspateh, pathyä püsnahj 
vag väyohj diksä somasya^ prthivy agneh. At this point it 
changes order, and continues, vasünäm gäyatri, rudränäm 
trisfup, ädltyänäm jagatl, visnor anustup, etc. etc. 'Senä is 
(the wife) of Indra; Dhenä of Brhaspati; Pathyä of Füsan; 
Väc of Väyu; Diksä of Soma; Earth of Agni; GäyatrI (metre) 
of the Vasus', and so on. But in MS. the order continues 
throughout as at the beginning; senendrasya, dhenä hrhaspater, 
gäyatri vasünäm, tristup rudränäm, etc. Cf. also the Yajus 
in VS. 6. 10, 18 with the parallels in TS. 1. 3. 8. 1; 10. 1. 

Instances of the more fortuitous sort of sentences without 
finita verb are: 

upahütä däivyä adhvaryavah QB. 
däivyä adhvaryava upahütäh TS. 
*The divine Adhvaryu (priests) have been invoked.' 
amrtam äpah TA. 
äpo 'mrtani GB. 
'The waters are ambrosia.' 

ayam ah am bhoh ^G. 
ah am ayam hhoh VäDh. 



164 Maurice Bloomfield, 

'Here I am, Reverend Sir!' 

kämäitat te AV., et al. 
etat te Tcäma Mahän U. 
'0 Käma (Eros) this (belongs) to thee!' 

After these preliminaries we may turn now to the main 
theme of this article, namely, the position of the verb (pre- 
dicate) in the sentence. I assume for old Hindu speech, with 
most scholars, as habitual the type of sentence in which the 
subject Stands at the head; the verb (predicate) at the end; 
the varying mass of definitive material in between the two. 
The deviations from the habitual position of the verb 
at the end may be classified as follows: 

I. A light Word (enclitic, or the like) follows the verb. 

a) The light word comes from the interior of the sentence. 

b) The light word is added as an extra. 

IL One or more substantial words are transposed epex- 
egetically from the interior to a position after the verb. 

a) A Single epexegetical word. 

b) The noun-subject in end position. 

c) Two or more epexegetical words. 

d) Verb at the beginning and in the interior. 

III. Varying positions of verb, exclusive of end position. 

a) The verb at the beginning or at the end. 

b) The verb in two different interior positions. 

I. A light word (enclitiC; or the like) follows the verb. 

In this class the dement placed after the verb is sub- 
sidiary, often enclitic (pronoun, or vocative), so that the verb 
is still relatively at the end. The word after the verb trails 
in its wake. The Sensation produced by this Variation is 
that of slightly increased speed in the movement from the 
noun at the beginning to the verb, by reducing the less im- 
portant and less regularly assorted mass that Stands between 
noun and verb. It costs nothing, so to speak, to reserve a 
subsidiary dement to the time after the main thought has 
been enunciated. Or, again, some slight word, an enclitic, or 
a personal pronoun, which does not occur at all in the form 
with verb at the end, is passed on, as an unimportant extra, 
to the end of the sentence after the verb. We may present 
these cases under two heads, respectivdy a) and b). I would 



On the variable position of the finite verb in oldest Sanskrit. 165 

remark, as far as the historic relative ehronology of the Vedic 
texts is eoncerned^ that priority is in general, but not always, 
with the type that has the verb in the absolute ending; that 
the other type is at times demonstrably the original one; and^ 
finally, that it is not always possible to say which of the 
two represents the secondary Variation. 

a) The light word comes from the interior of 
the sentence. a) Here we may eite, first of all, a case of 
no less than five-fold Variation in a sentence which, notwith- 
standing its five words, may be regarded as belonging to the 
type of 'short sentence', discussed above, to v^it: 
a te yonirh garhha etu AV. 
ä te garbho yonim etu ApMB. 
ä te garbho yonim äitu AG. 
ä yonim garhha etu te AV. 
a garhha yonim etu te ApMB., HG. 
*May a foetus come to thy womb !' It may be observed that 
some of these variations occur in identical texts: I do not 
venture to point out the original form. 

The following is the list of these cases: ito (and tato) 
varuna no mufica VS. TS. MS. KS. AQ. QQ. LQ. : ito (and 
tato) varuna mufica nah AV., 'release us, o Varuna, out of 
this!' The second version is metrically preferable. 

sväveco anamlvo hhava nah (ApMB. hhuvä nah ; Käug. 
na edhi) ßV. TS. MS. KäUQ. SMB. PG. ApMB., 'make our 
access easy, and free us from disease!' The version with 
verb at the end is here obviously secondary (subjunctives hha- 
väh and hhuväh more archaic than imperative edhi). 

väcaspatir no adya väjam svadatu VSK.: väcaspatir 
väcarh nah svadatu VS. KS. 15. 11: väcaspatir väcam adya 
svadäti nah (TB. svadäti te; MS. svadatu nah) TS. MS. KS. 
13. 14; SMB., 'may the Lord of Speech to-day sweeten 
our Speech (or, our substance)!' 

druhah pägän (KS. TS. pägam) prati sa (KS. sü) muclsta 
(AV. prati muncatärh sah) RV. AV. TS. MS. KS., 'may he 
loosen the fetters of wile!', or the like. 

trigug gharmo vibhätu me TB. TU. AQ., 'may the thrice 
luminous gharma shine for me!': trigug gharmas sadam in 
me vibhäti KS., 'the thrice luminous gharma shines for me 
evermore'. 



166 Maurice Bloomfield, 

ahhayarh rniträvarunä mahyam astu AG., 'raay security, 
Mitra and Varuna, be to me!' : ahhayam miträvarunäv 
ihastu nah AV., 'may security, M. and V., be here to us!'. 
rticr hemanto visthayä nah pipartu (KS. visthayä pipartu 
nah) MS. KS. AQ., 'may tbe winter season with its exten t 
save us!' The form of KS. is metrically preferable. 

niä (sc. tamo vidat) yah somam imam pihät (K8. 
somam pihäd imam) TB. ApQ. KS. "(tlarkness shall) not 
(overtake) bim wbo driuks tbis soma!' 

vlrän nah (KäUQ. me)- pitaro dhatta Käug. ViDb.: 
vlram dhatta (AQ. vir am me dhatta; MC- vir am no dhatta) 
pitarah AQ. ApQ. MQ., 'bestow beroes (or, a bero) upon us 
(or, me), ye Fatbers!'. 

praty ajatän jätavedo nudasva AV. VSK. TS. MS. KS. 
TA.: praty ajätän nuda jatavedahVS., Mrive unborn (euemies) 
away, (Agni) Jätavedas!'. 

ag7ie devänäm ava heda iyaksva (KS. iksva) KS. ApQ. : 
ava devänäm yaja hedo agne AV., 'remove by sacrifice tbe 
anger of tbe gods, Agni!'. 

tad asmän pätu vigvatah AV. 19. 20. 3^^; so asmän 
pätu sarvatah AV. 8. 5. 4^: so asmän sarvatah pätu AV. 4. 
10. 5% 'may tbat (or, be) protect us on all sides!'. 

b) Tbe ligbt word is added as an extra. Tbe 
cases in wbieb a ligbt word is added as an extra to a clause 
after tbe final verb are not as numerous as tbose of tbe 
preceding subdivision. But tbey bring out, perbaps even 
more convincingly, tbe great liking for a sligbt trail word 
wbiob adds little to tbe sense; in tbe ligbt of tbe foUowing 
parallels it becomes even clearer tbat tbe trail type of sen- 
tence is a perfectly familiär and natural alternative to tbe 
type witb verb at tbe end. Tbus: 

syonam patye (AV. patibhyo) vahatum krnusva (AV. 
hrnu tvam) RV. AV. SMB. ApMB. MG. N., 'auspicious to tbe 
busband (or, to busbands) make tbou tbe wedding!'. Obviously 
tbe AV. form is secondary. 

tam (sc. dandam) aham punar ädade PG. : imam tarh 
punar adade 'yam HG. In tbe second passage 'yam is pro- 
bably for 'Äam, 'tbis staff again do I take up'. 

namo mahimna uta cahsuse te marutäm pitas tad aharh 
grnämi TS. : namo mahimne caJcsuse marutäm pitas tad aham 



On the variable position of the finite verb in oldest Sanskrit. 167 

grne te MS., 'obeisance to thy greatness, to thy eye; father 
of the Maruts, that do I praise!'. The sense of the two 
versions is about the same; the TS. is metrically sounder; 
cf. KS., namo mahimna uta caksuse te marutäm pitar uta 
tad grmmah. 

sa nahpito inadhumän ä vigeha (KäUQ. vivega) KS. KäUQ.; 
sa no mayobhüh pitav (or pito) ävigasva TS. et al.; na no 
mayohhüh pitav ävigeha AQ., Mo thou o food, honeyed (or 
delightiüg) enter (or, enter here)!' Käug. somewhat differently. 

ni no rayim suhhojasam yuvasva (TS. yuveha) RV. VS. 
TS. MS. KS., 'fasten upon us wealth that nourishes richly!'. 
The Version of TS. is evidently secondary. 

anu manyasva suyajä yajäma (MQ. suyaja yaje hi) 
TS. MQ. ""give consent ; may we we sacrifice effective offerings 
(or, for 1 sacrifice etc.')! 

vise visam aprkthäh AV. 7. 88. 1, 'in poison hast thou 
mixed poison' : vise visam apräg api AV. 10. 4. 26, 'in poison 
he hath even mixed poison.' 

In a case or two the features of classes a) and b) are 
combined interesting-Iy ; that is, a light word is transposed 
after the verb, and another light word added: 
anumate 'nu idam manyasva AV. 
anumate 'nu manayasva na idam KS. 
'0 Anumati, favor this (for as)!' The AV. version is primary. 

gatena pägäir varunähhi dhelii KS.; 

qatena pägäir abhi dhelii varunäinam AV. 
'with a hundred fetters, Varuna, Surround hini !'. The Päip- 
paläda version of AV. also omits enam: the hypermetric rea- 
ding of the Qäunaklya is obviously secondary. 

IL One or more substantial words are transposed 
e'pexegetically to a position after the verb. 

The second kind of interference or a large scale with 
the end position of the verb is the following: Out of the mass 
of qualificative or definitive matter between the noun and the 
verb some significant word or words are reserved for position 
after the verb. 

We may, with Delbrück, designate this form as epex- 
egetical. There is, of course, no hard and fast line between 
the present and the preceding class. The difference is, that 



168 Maurice Bloomfield, 

in the former the transposition of the word or words may be 
due to indifference or carelessness, and at any rate does not 
really change the general effect of tbe sentence, whereas in 
the second class change of value can scarcely be disassoeiated 
from the change of order. Tbe instinct for rearrangeraent in 
the second class is satisfied (more usually) by placing a Single 
word after the verb; or, by placing after tbe verb more than 
one word, but generally such, that the plurality of words is 
either a word with an attributive, or several coordinated words 
in precisely the same construction. 

The readiness and also the laxity of the epexegetical 
forms in their relation to the form with verb at the end is 
illustrated by the following two sets of parallels: 
priyam mä krnu devesu priyam räjasu mä krnu AV. 
priyam mä Tcuru devesu priyam, räjasu mä Jcuru RVKh. 
priyam mä Jcuru devesu priyam mä hrahmani kuru . . . priyam 

mä kuru räjasu HG. 
priyam mä devesu kuru priyam mä hrahmane kuru . . . 

priyam räjasu mä kuru Ap.MB. 
'Make me beloved with the gods, belowed with kings!', or 
the like. 

tarn mä hiranyavarcasam pürusu priyam kuru Ap.MB. 

tarn mä hiranyavarcasam karotu pürusü priyam HG. 

tena mäm süryatvacam akararh pürusu priyam RVKh. 
'Make me, (0 name) of golden lustre beloved among the Pürus !', 
or the like. 

The epexegetical forms, as indicated above, divide 
themselves into four sub-divisions: 

a) A Single epexegetical word. 

When the verb is followed by a Single epexegetical word 
the effect seems to me to be to heighten the emphasis of that 
word. These cases are especially numerous: 

indrasya nu vlryäni pra vocam RV. ArS. MS. TB. : in- 
drasya nu pra vocam viryäni AV., 'let me now teil forth the 
mighty deeds of Indra!'. Cf. RV. 2. 21. 3, indrasya vocam pra 
krtani viryä. The AV. version is secondary. 

ita indro akrnod vlryäni TS. : ita indro vlryam akrnot 
VS: KS., 'hence Indra wrought bis deeds of manly vigor'. Cf. 
MS. 1.1.13:8.8. 



On the variable position of the finite verb in oldest Sanskrit. 169 

asmadrätä madhumatir devatrü gachata MS. QQ. : as- 
madrätä devaträ gachata madhumatlh TS., 'g-iven by us do 
ye rieh iu honey go to the gods!'. 

hrahmanä ksatram vyapihat MS.; brahmanä vyapibat 
ksatram VS. KS. TB., 'by means of the Brahma he drank 
princely power (sc. out of the food)'. . In this 'short sentence' 
the Version of the naajority of texts is prior, and attended by 
intentional emphasis of ksatram. 

na tat prätah ksudho 'vati ApQ.; na tat prätar avati 
ksudhah HG., 'that (food) does not prevent hunger in the mor- 
ning'. The epexegetical form seems secondary on account of 
its inferior raetre. 

tayemam amum ämusyäyanam amusyäh putram anhaso 
mäuktam (or muncatam) KS. : tayemam amum amäuktam (or 
muncatam) anhasah MS., 'by means of that (form) free ye 
(or, ye have freed) N. N. from misfortune!'. 

yad ahnäpäpam akärsam TA. : yad ahnät kurute päpam 
l^kk.y 'what sin I have committed (or, he commits) by day'. 

daksinato vrsahho havya edhi MS. KS. idaksinato vrsabha 
edhi havyah TS., 'in the south be thou a bull worthy of in- 
voeation!'. Cf. daksinato vrsabha est havyah, AV. 

tä enam pravidvänsäu grapayatam MS. : täv imampagwrfi 
grapayatäm pravidvänsäu TS., 'do ye two (or, let them) have 
this (animal) skilfully cooked!'. 

adha sma (MS. smä) te vrajanam krsnam asti (MS. 
astu) RV. SV. TS. MS. : adha sma te vrajanam astu krsnam 
KS., 'then thy road is (or, shall be) black (0 Agni)!'. 

agne patho devayänän krnudhvam VS. TS. KS. : agne 
pathah kalpaya devayänän^ '0 Agni prepare the paths that 
lead to the gods!'. The plural verb is doubtful, or problematic; 
cf. MS. 2. 12.4: 148.1 and 4. 

brahma vä yah kriyamänam ninitsät RV. : brahma vä 
yo nindisat kriyamäfiam AV., 'or he who shall blaspheme 
our holy rite while it is being performed.' 

gandharvo dadad (SMB. PG. 'dadad) agnaye RV. AV. 
SMB. PG. ApMB. MG. : gandharvo 'gnaye 'dadät HG., 'the Gan- 
dharva gave (her) to Agni'. The epexegetical form is clearly 
primary. 

yena sahasram vahasi KS. : yena vahasi sahasram VS. 
MS., 'whereby thou bringest (wealth in) thousands'. 



170 Maurice Bloomfield, 

rdksohä tvd valagahä väisnaram Cistrnami ApQ. : ralc- 
soha im valagahüMrnami väimavam KS., 'As slayer of deraons, 
slayer of wizards, do I spread thee for Visriu'. 

pra pitämahän hihhavü (TA. '^maharii hihharat) pinva- 
tnclnäh AV. TA. : svarge lohe pinvamäno hibhartu ApQ., 'it 
Supports our gTeat-grandfatbers, swelling', (so AV., with coiisi- 
derable difference of meaning in the other versions). 

antas te dyäväprthivl dadhämi VS. MS. KS. : antas te dadh- 
ämi dyäväprthivl TS., 'heaveii and earth I lay within thee'. 

atra jalilmo ^givä ye äsan VS. : aträ jahdma (AV.jahita) 
ye asann ageväh (AV. 12. 2. 57 ^, agiväh; 12. 2. 26*', dureväh) 
RV. AV. TA., 'here we leave the inauspicious (powers)', or 
the like. 

sam inäm äyusä varcasa (TS. adds prajayä) srja (prose) 
TS. MS. KS. : tarii mä sam srja varcasa, (metrical) RV. AV. 
VS. TS. MS. KS., 'eudow me with spiritual strength!', or the 
like. Cf. sarii mägne varcasa srja RV. et al. 

agnili prathamah prägnätu TB. ApQ. PG. : agnih präg- 
natu prathamah KS. MQ. SMB. ApMB., 'raay Agni eat first!'. 
Clear case of 'short sentence'. 

ati dvesänsi tarema RV. et al. : ati gähemahi dvisah 
RV. et al., ^niay we get througb hostile designs!'. Clear case 
of 'short sentence'. 

nänyah panthä vidyate 'yanäya (TA. 3. 12. 7 d . . .panthä 
ayanäya vidyate) VS. TA. 3. 12. 7 ^^ 13. 1^; Qvetü., 'no other 
way to go is found'. 

sahasrasya pratisthäsi Ai^Q.ipratisthäsi sahasrasya MC, 
'thou art the foundation of a thousand-(fold wealth)'. Clear 
case of 'short sentence'. 

b) The noun-subject in end position. 

I have reserved for a special paragraph one particular 
phase of the form with a single word after the verb, namely 
the noun (subject). In a largish number of cases the noun, 
whether it Stands at the beginning, or in the middle of the 
nonepexegetical form is shifted into the epexegetical position 
at the end. This seems to me to indicate with extra clearness 
that the epexegetical position of a Single word is for emphasis' 
sake, and that final position of the noun, in distinction 
from initial or medial position, heightens the noun-subject, and 



On the variable position of the finite verb in oldest Sanskrit. 171 

thereby, perhaps, endows the eiitire seiitence with superior 
rhetorical stiess: 

ud asäu süryo agat RV. AV. : ud osav etu süryah TB., 
'yonder suu hath risen (or, shall rise)!'. 

svistirh tärk vicvakarmä karotu MS. : svistim nas tarn 
Jcrnavad (TS. Tcrnotu) vicvakarmä AV. TS., 'may the All- 
Worker raake that (for us) a good sacrifiee'! 

carh te sürya ä tapatu AV. 8. 2. 14c : cam nas tapatw 
süryah RV. AV. 8. 18. 9^, 'may the Sun bring well-being to us 
(or, to thee) with his warmth!'. 

maghabhir gävo grJiyante ApG. : aghäsu (AV. maghäsu) 
hanyante gävali RV. AV., ^in the constellation Maghäs (or 
Aghäs) the cows are slain'. Clear case of 'short sentence'. 

jayantam tvänu deväh madantu RV. AV. SV. VS. :jayan- 
tam tväm anu madantu deväh TS., 'may the gods cheer you 
on as conqueror!'. 

yäh päpis tä amnagam AV., '1 have destroyad the evil 
demons' : paräbhavantu yäh päplh ApQ. 'the evil (demons) 
shall pass away!'. 

yatah sürya udeti AV. : yataq codeti süryah QB., ^whence 
the sun rises'. 

giväs ta äpa osadhayah santu ApMß. : giväs te santv 
osadhayahAV .,'ma,j {the waters) andplants bepropitious to thee !', 

anu tvä vigve devä avantu TB. : anu tvä vigve avantn 
deväh KS., 'may the All-Gods aid thee!'. 

ä te rästram iha rohito 'härslt AV. : ähärsid rästram 
iha rohitah TB., 'Rohita hath brought hither thy kingdom', 
or the like. 

prthivlm pitfn yajno 'gät SB. : piffn prthivim agan 
yajnah VS., 'to the Fathers, to the earth, the sacrifiee hath 
gone'. Cf. prthivlm trtiyam manusyän yajno 'gät SB., and, 
prthivlm manusyäns frtlyarh yajno 'gät QQ. 

tvarh hi dhanadä asi VS., 'for thou art a giver of 
wealth' : dhanadä asi nas tvam RV. AV. TS. MS. KS., 'thou 
art for us a giver of wealth'. 

c) Two or more epexegetical words. 

Gases with more than one epexegetical word are very 
common. These words make up a Single phrase. This form 



172 Maurice Bloomfield, 

<loes not seem to nie to tend as effectively as the preceding 
to the emphasis of these words, but rather to betoken the 
greater haste frora the noun to the verb, deferring something 
that is not essential to a time after the completion of the 
sentence. On the other band, the larger the number of 
epexegetical words, the less marked is each one of them 
individually and the less marked are all of them collectively. 
The passage from noun to verb then becomes shorter and, 
it seems to me, more emphatic, imparting in the end to the 
«ntire epexegetic form a certain abruptness which is not devoid 
of rhetorieal effect. The texts themselves, in some cases, indi- 
cate the priority of the type with verb at the end: 

cldityäs tvä jägatena chandasä sammrjantu PB. : ädi- 
iyäs tva sammrja7itu jägatena chandasä JB., ^may the Ädi- 
tyas polish thee iip by means of the jagatI metre!'. The same 
texts have, rudräs tvä träistuhhena etc., and vasavas tvä 
gäyatrena etc., with corresponding variations. 

miträvarunähhyäm (and indrägnibhyärh) tvä devävyarh 
yajnasyäyuse grhnämi VS.; miträvarunähhyäm tvä deväyuvarh 
grhnämi yajnasyäyuse YSK., 'For Mitra-Varuna thee, the pro- 
tector of the ^ods, for the sacrifice's life, I take!', or the like. 

rudrävasrstä yuvä namäsi MQ. : rudrävasrstäsi yuvä 
nama TS., 'thou art hurled by Rudra, Youth being thy name'. 

ädityäs tvä jägatena chandasä punantu PB. : ädityäs tvä 
punantu jägatena chandasä suprajävatim räyasposavatim JB., 
'may the Ädityäs purify thee by means of the jagatI metre (etc.)!'. 
The same texts have, rudräs tvä träistuhhena etc., and va- 
4^avas tvä gäyatrena etc., with corresponding variations. 

vayam sarvesu yagaso syäma AV. : vayam syäma yaqaso 
janesu RY.y 'may we be honored among men (or, among all)!'. 
The RV. is probably primary. 

cam nag (TB. te) catasrah pradigo hhavantu RV. TB. : 
cam no (or, te) hhavantu pradigag catasrah AV., 'may the 
fom- directions be propitious to us (or, thee)!'. The first form 
is primary. 

väcaspatinä te hutasyese pränäya präcnämi AQ. : . . . 
hutasya prägnämlse präriäya QQ., 'of thee, offered by Vä- 
caspati (the Lord of Speech), I eat for strength and life'. Cf. . . . 
Jiutasyägnämy ürja udänäya QB. 

äpura stä mä prajayä paguhhih pürayata QQ. : äpürya 



On the variable Position of the finite verb in oldest Sanskrit. 175 

stha ma pürayata prajayä ca dhanena ca TS. AQ., Tillers 
are ye, fill me with off spring and cattle!', or the like. 

prthivi devayajany osadhyäs te mülam mä hinsisam 
VS. TS. KS. : prthivi devayajani ma hinsisam tä osadhinäm 
mülam MS., '0 earth wbereon men worship the gods, let me 
not do thy plants' roots any injury!'. . 

däivyäh gamitära uta (KS. KB. QQ. uta ca) manusyä 
ärahhadhvam MS. KS. TB. QQ.: däivyahgamitära ärahhadhvam 
Uta manusyäh AB. AQ., '0 ye butchers, divine and human, take 
ye hold!'.* 

dhämne-dhämne devebhyo yajuse-yajuse hhava TS. : 
dhämne-dhämne me hhava yajuse-yajuse VS. QQ., 'be thou 
(invoker) for the gods (or, for me) at every Station and at 
every sacrificial text!'. 

sahorjo bhägenopa mehi TA. ApQ. : upa mehi sahorjo 
hhagena MS., 'come to me with a share of foodT. 

uhha hi hastä vasuna prnasva VS. TS. : hastäu prnasva 
hahuhhir vasavyäih AV. TS. MS. KS., 'fill both hands with 
abundant goods!', or the like. 

indräya devehhyo havir hahu dugdhi MS. : hahu dug- 
dhindräya devehhyo havih TB. MQ., 'milk abundant havis for 
Indra (and) the gods!'. 

svättam sad dhavir äpo devih svadantu MS. : äpo devlh 
svadantu svättam dt sat devahavih VS., 'may the VVaters, the 
Goddesses, add sweetness to the oblation prepared for the 
Gods, which is already sweetened!' 

agne tato dravinoda na ehi KS., '0 Agni, eome to u& 
thence as giver of property!' : täbhir na ehi dravinoda ajasrah 
AV., 'with them come to us, a giver of property, unfailing!'. 

This type of interchange reaches its climax in a case 
where the verb is pushed to the front, across an intervening 
mass of eight words, to contact position with the noun: ädi- 
tyehhyah priyehhyah priyadhämahhyah priyavratehhyo mahah 
svasarasya patibhya uror antariJcsasyädhyaksehhyah presya 
MQ. : adityebhyah presya priyebhyah priyadhämahhyah pri- 
yavratehhyo mahasvasarasya patibhya uror antariksasyä- 
dhyaJcsebhyah QB., 'prompt (the Hotar- priest to recite the opening 
prayer) to the Ädityas, the beloved, law-loving, vow loving 
lords of the great abode, the rulers of the wide atmosphere!'. 



174 Maurice Bloomfield, 

d) Verb at tlie beginning and ad the end. 

The last example brings us pietty close to a kind of 
interchang-e in wbich the verb appears either at the end or 
at the beginning. In the latter case the entire body of the 
sentence trails after the verb, so that, as a whole, it loses pro- 
minenee and empliasis. Correspondingly the verb becoraes 
more emphatic. But, again, the word which becomes final 
after the verb is placed at the beginning is doubtless also feit, 
at tinies, tho not necessarily ahvays, to be more prominent 
in the new arrangement. It would seem, indeed, as tho this 
latter fact expresses the true mood of the reconstrueted sen- 
tence. Not only may the verb be made more emphatic, but 
also some word of the mass, and that too not always the one 
which immediately preceded the verb in its end position: 

chardis tohäya tanayäya yacJia TB. ApQ. : yacJiä toJcäya 
tanayäya qa7h yoh RV. MS. KS., 'give protection (or the like) 
to onr children and children's children!'. The real difference 
between the two types seems to be that cam yoh is in a more 
emphatic position than chardis. 

imam, agmänam ä roha AG. SMB. : ä rohemam aqma- 
nam PG. ; ä tisthemam acmänam ApMB., ^ascend upon this 
stone'. Cf. etam aqmänam atisthafam MG., and ehy agmänam 
ätistha AV. CG. Käug. MG. 

agnir iva JcaJcsam dahati SamhitopauigadB. : dahaty 
agnir yathä Jcalcsam VäDh., 'as fire consumes brtish-word'. 

asmä etaih pitaro loJcam dkran RV. AV. : äkrann imam 
pitaro loJcam asmäi VS. TS. MS. KS., 'they have prepared 
this heaven for him'. In the end position asmäi is enelitic, 
and therefore not emphatic. 

pfirusii priyarii Jcuru ApMB. : akaram pürusu priyam 
RVKh.; Icarotu pürusu priyam HG., 'make (me) beloved among 
the Pürus!', or the like. 

III. Varying positions of verb, exclusive 
of end position. 

The preceding discussions with their illustrations have 
been carried on from the point of view of the end position 
of tbe verb; the variations from that position have been treated 
as tho they were descendant forms. I would, however, once more 



On the variable positioii of the finite verb in oldest Sanskrit. ITö 

disavow tlie opinion that the final verb type was at any tirne the 
exclusive type of expression. The preceding- lists of variations 
at times vindicate the various other arrangements, at leastasfar 
as the relative chronology of these text fornis are concerned. The 
instability of the verb is ilhistrated further by parallels in neither 
of which the verb is at the end. Here also, as in the cases 
cited above (p. 157) metrical convenience may determinate: 

RV. 6. 7. 7 vi yo rajänsy amimlta sulcratuh 
RV. 1. 160. 4 vi i/o marne rajasl sukratüyayä 

'He who with sound wisdom established the heavenly Spaces.' 
The circumstance that determines the instability of the verb 
is tristubh metre (11 syllables) in the first ease, jagatz metre 
(12 syllables) in the second. 

But there are a considerable number of cases of instfi- 
bility of the verb, aside from end position, which are uninfluenced 
by metre, or any other tangible eonsideration. We raay di- 
vide these into two classes: a) verb at the beginning and verb 
in the interior; b) two medial positions of the verb. 

a) The verb at the beginning or in the interior. 

When the verb is at the beginning its position is emphatic, 
and on the whole^ this emphasis seems seeondary. At times, 
as may be seen below, liturgic formulas show both types in 
the same text, guaranteeing thus a certain rhetorical difference. 
The type with initial verb has more rhetorical swing: 

gundhadhvam däivyäya harmane devayajyäyai TS. TB. : 
daivyäya harmane gundhadhvam devayajyäyai VS., 'purify 
yourselves for the divine rite, for worship of the gods!'. The 
second arrangement, with verb and epexegetical word at the 
end, seems primary. 

ayäd devanäm äjyapanäm priya dhämäni VS. KS. MS. 
TB. : devändm äjyapanäm ayät priya dhämäni KS., 'he hath 
offered tbe favorite dainties of the ghee-drinking gods'. Si- 
milarly, agmsomayor ayät priyä dhämäni KS. : ayäd agnl- 
somayoh priyä dhämäni TB., 'he hath offered the favorite dain- 
ties of Agni and Soma'. 

krnotu so adhvarän (VS. TB. adhvarä) jätavedäh VS. 
MS. KS. TB. AQ. : so adhvarä karati jätavedäh AB. j 'let Jä- 
tavedas (Agni) perform the sacrifices!'. 



176 Maurice Bloomfield, 

badhasva düre (or, hädhethärh düram) nirrtirh paräcäih 
RV. AV. : äre badhasva (or, badhetham) nirrtirh paräcäih 
RV. TS. MS. KS., 'drive thou (or, drive ye two) Nirrti (Mis- 
fortune) far to a distance!' 

b) The verb in two different interior positions. 

When both forms show the verb in the niiddle of the 
sentence, the form with the verb nearest to the end is pre- 
sumably primary. For this is usually what we have treated 
above as the epexegetical form with one or more defining 
words in the trail of the verb. It will be observed that this 
view remains consistently in the bonds of the theory that the 
verb is normally final or nearly final. In quite a number of 
cases the form with verb nearest to the end is demonstrably 
prior : 

garman (MS. garmans) te syäma trivarütha udbhau MS. 
KS. TA. : tava syama garmans trivarütha udbhau VS., 'may 
we enjoy thy enduring thrice-guarding shelter!'. The first type 
is metrieally primary. 

te daksinäm duhate saptamätaram RV. : te duhrate 
daJcsinäm saptamätaram AV., 'they make flow the Daksinä 
(priestly fee) as as mother of seven (young)'. The RV. Version 
is primary. 

mä somarh pätv asomapah Käug. : mä pät somam aso- 
mapah LQ., 'may he not drink the soma that is not eutitled 
to drink soma!' 

yaTh gevadhim avahäj jätavedäh AV. : yam avahäc che- 
vadhim jätavedäh VS. TS. KS. MQ., 'whom Jätavedas (Agni) 
shall carry as a treasure'. 

tarn rodasi piprtam satyaväcam RV. : tarn piprtam ro- 
dasl satyaväcam Tß., him, the Speaker of truth, the two 
hemispheres promote'. The RV. version is prior. 

angirobhir ä gahi yajniyebhih RV. TS. MS. : angirobhir 
yajniyäir ä gahlha AV., 'come hither with the worshipful 
Aiigiras!'. The AV. version is certainly secondary. 

ägün iva suyamän ahva ütaye AV. : ägün huve suyamän 
ütaye TS. MS. KS., 'as swift, easily guided (horses) I have called 
(or, I call) upon them for aid'. The AV. version is metrieally 
preferable. 



On the variable position of the finite verb in oldest Sanskrit. 177 

täsäm tvam asy uttamä RV. TS. : täsäm asi tvam uttama 
VS., 'of these (plants) thou art the most excellent'. The first 
form is prior. 

tesäm tvam asy uttamah TS. JÜB. : tesäm asi tvam 
uttamah (AV. uttamam) AV. VS. KS. MQ.^ "of these thou art 
the Chief (or best)'. The first form js prior. 

a devä yantu sumanasyamänäh MS. KS. ; ä yantu deväh 
sumanasyamänäh TS., "may the gods comme hither, kindly 
disposed!'. The first form is prior. 

tarn mä priyam prajänäm Jcuru adhipatim pagünäm 
ApMB. : tarn mä kuru priyam prajänäm adhipatirh pacünäin 
HG., 'make me here beloved of (human) creatures, and over- 
lord of cattle!'. 

Johns Hopkins üniversity, Baltimore. 

Maurice Bloomfield. 



Indogermanische Forschungen XXXI. 12 



178 Leop. V. Schroeder 



Der siebente Aditya. 

Daß die Zahl der Ädityas, d. h. der rechtbürtigen Söhne 
der Göttin Aditi, sich nach Ansicht der Kigvedadichter auf 
sieben belief, dafür haben wir bekanntlich mehrere positive 
Zeugnisse. So heißt es in einem an Soma gerichteten Liede 
(RV 9, 114, 3): 'Die göttlichen Ädityas, welche sieben sind, 
mit denen beschütze du uns, o Soma!'^). Und in dem be- 
kannten Liede, das den Ursprung der Götter besingt, sagt der 
Dichter (RV 10, 72, 8. a, — es kann sich nur um 
Parjanya handeln. 

Sehen wir zu, ob und wie weit der Gott für die Rolle 
paßt, die wir ihm zumuten. 

Parjanya ist ein mythenloser Gott, der in Gewitter und 
Regen sich offenbart. Er tritt im RV hinter andern Göttern 
stark zurück — nur drei Lieder sind an ihn gerichtet — , 
dennoch hat man schon lange in ihm gerade einen uralt arischen 
Gott vermutet, auf Grund merkwürdiger Namensanklänge im 
Litauisch-Lettischen und Germanischen, sprachlicher und sach- 
licher Übereinstimmungen, die wir erst weiter unten näher 
berühren können. Hier müssen wir zunächst auf Grund des 



184 Leop. V. Schroeder, 

indischen Materials ein Bild von dem indischen Gotte zu ge- 
winnen suchen. 

Das Material ist nicht groß und daher leicht zu über- 
schauen. Von den drei RV- Hymnen, die dem Parjanya speziell 
gewidmet sind, ist die eine (7, 102) ganz kurz. Sie feiert ihn 
als den freigebigen, gnädigen, reichlich spendenden Sohn des 
Himmels (Dyäus), der den Pflanzen, Rindern und Rossen wie auch 
den Weibern der Menschen Fruchtbarkeit schenkt und gebeten 
wird, ununterbrochen dauernde Labung zu spenden. Ein andres 
Lied (7, 101) ist vielfach dunkel gehalten, trägt aber doch 
einige wichtige Züge zum Bilde des Gottes bei, deren wir 
später gedenken wollen. Das dritte endlich (5, 83) ist eine 
herrliche Dichtung die zu den schönsten Liedern des RV zählt- 
Hier entrollt sich uns ein groß gezeichnetes Bild des Parjanya, 
das alle wichtigen, charakteristischen Züge enthält. Diesem 
Liede des Atri gebührt darum hier der erste Platz. Obgleich 
dasselbe sehr bekannt und oft übersetzt ist, gebe ich es hier 
doch nochmals in deutscher Übersetzung, da wir den Eindruck, 
den es macht, bei unsrer Betrachtung nicht entbehren können. 
Es lautet: 

1. Begrüße den Mächtigen mit diesen Liedern, preise 
Parjanya, suche in Demut ihn zu gewinnen! Laut brüllend 
läßt der Stier die Tropfen rinnen und legt seinen Samen als 
Leibesfrucht in die Pflanzen. 

2. Die Bäume zerschmettert er und tötet die bösen Dä- 
monen, es bebt die ganze Welt vor seiner großen Waffe; vor 
dem Gewaltigen flüchtet selbst der schuldlose Mensch, wenn 
Parjanya donnernd die Übeltäter zu Boden schlägt. 

3. Wie ein Rosselenker, der mit der Peitsche seine Rosse 
trifft, so scheucht Parjanya seine Regenboten auf; es erhebt 
sich wie eines Löwen Gebrüll aus der Ferne, wenn Parjanya 
sein Regengewölk sammelt. 

4. Die Winde wehn, die Blitze schießen dahin, die Kräuter 
erheben sich, es schwillt der Himmel ; jedwedem Wesen wird 
ein Labetrunk zuteil, wenn Parjanya mit seinem Samen die 
Erde erquickt. 

5. Unter dessen Gebot die Erde sich beugt, unter dessen 
Gebot sich alles regt, was Hufe hat; unter dessen Gebot alle 
bunten Kräuter stehen — du, o Parjanya, sollst uns mächtigen 
Schutz verleihen. 



Der siebente Aditya. 185 

6. Spendet uns Regen, ihr Maruts, vom Himmel her, 
laßt schwellen die Ströme des starken Rosses! Komm herbei 
mit diesem Donner in unsre Nähe, die Wasser strömen lassend, 
unser Herr und Vater ^)! 

7. Brülle, donnere, befruchte du, fahr umher mit deinem 
Wagen, der von Wasser überströmt; den geöffneten Schlauch 
schlepp dahin, nach unten gekehrt, Tal und Hügel sollen gleich 
gemacht werden. 

8. Heb auf die große Kufe und gieß sie aus, es sollen 
die Bäche entfesselt vorwärts strömen ; benetze mit fruchtbarem 
Naß Erde und Himmel; eine gute Tränke soll es sein für 
unsre Kühe. 

9. Wenn du, o Parjanya, brüllend und donnernd die Übel- 
täter zu Boden schlägst, dann jauchzt alles lustig auf zu dir, 
was irgend hier auf Erden ist. 

10. Du ließest regnen den Regen, nun halte ein! Du 
ließest ihn gehen über die (dürren) Fluren^); du erzeugtest 
die Kräuter (uns) zur Speise und hast den Menschen erfüllt 
ihr Gebet. 

Das ist gewiß ein gewaltiges Lied — ein Gegenstück 
aus uralter Zeit zu jener erhabenen Ode Klopstocks, bei deren 
Erwähnung die Seelen Werthers und Lottens zuerst sich ver- 
ständnisvoll berühren. Hier liegt nicht nur eine kraftvoll schöne, 
hochpoetische Schilderung der gewaltigen Gewittererscheinungen 
vor, den eigentlichen Inhalt des Liedes bildet vielmehr die 
Offenbarung eines großen und heiligen Gottes in Gewitter und 
Regen. Den erhabenen Eindruck, den das Lied auf uns macht, 
vermag auch das naive, echt vedische Bild des brüllenden 
Stieres, der mit seinem Samen die Erde erquickt, die Pflanzen 
befruchtet, in keiner Weise zu stören und zu beeinträchtigen. 
Daß es nur ein Bild ist, und daß hier von einer theriomorphischen 



1) Oder genauer: (Du), der Herr, unser Vater ! (dsurah pitä' nah). 

2) So übersetze ich das akar dhAnväny ätyetavä' u, und 
glaube, daß nur so der Vers einen befriedigenden Sinn gibt; Objekt 
zu dkar ist natürlich varsham. Die 'Siebenzig Lieder' sagen : 'Du 
setztest unsre Fluren unter Wasser', Dagegen Graßmann: 'Die 
trocknen machtest du durchschreitbar', und Ludwig: 'Die wüsten 
Flächen hast du wieder gangbar gemacht*. — Daß erst der Regen 
ein dürres Land überschreitbar macht, wird sich wohl kaum auf- 
rechterhalten lassen. 



186 Leop. V. Schroeder, 

Grundlage im Wesen des Gottes nicht wohl geredet werden 
kann, das scheint mir aus dem Ganzen der Schilderung deutlich 
genug hervorzugehen. Das Bild des zeugungskräftigen Stieres 
liegt bei starken männlichen Göttern dem viehzüchtenden ve- 
dischen Inder bekanntlich ebenso nah, wie das der Kuh bei 
jeder gabenspendenden Göttin; und es sind für ihn edle, er- 
habene Bilder. Auch mit einem starken Roß wird Parjanya 
verglichen und sein Donnern mit dem Gebrüll eines Löwen. 
Im übrigen ist der Gott hier deutlich genug auf seinem Wagen 
dahinfahrend geschildert, einen geöffneten Schlauch mit Wasser 
hinter sich herschleppend, eine Kufe mit Wasser umstürzend 
und ausleerend. Ein erhabener Gott, unter dessen Gebot sich 
alles regt, was Hufe hat, unter dessen Gebot die Pflanzenwelt 
steht. Wichtig und bedeutsam ist vor allem der mehrmals 
wiederkehrende Zug, daß der Gott im Gewittergraus mit seiner 
gewaltigen Waffe die Bösen, die Übeltäter schlägt und tötet 
(hanti dushkrtah). Nicht nur böse Dämonen, sondern die Übel- 
täter unter den Menschen. Das geht aus dem Gegensatz 
deutlich hervor — auch der Schuldlose flüchtet vor ihm, wenn 
er im Gewitter daher braust. Wer ist auch ganz schuldlos? 
Und wir wissen es schon aus andern Stellen des RV, daß 
der vedi?che Inder sich dessen wohl bewußt ist, Tag um Tag 
das Gebot des heiligen Gottes nach Menschenart zu verletzen. 
Im Gewitter offenbart sich der zürnende Gott, und es ist nur 
menschlich, hier wie überall, daß einen Jeden Furcht ergreift, 
angesichts solcher Offenbarung. Es fürchtet sich die ganze 
Welt (oder jedes Wesen) ^), vor des Gottes großer Waffe. Er 
schlägt und tötet aber nur die Bösen, die Übeltäter, und ob 
solcher gerechten Rache und Straftat jauchzt ihm alles 
zu, was auf Erden ist — jauchzt ihm zu, denn in solchem 
Tun offenbart sich der gerechte Hüter einer sittlichen Welt- 
ordnung. Das ist der große ethische Zug im Bilde dieses 
Gottes, der nichts Kleines und Niedriges, nichts Rohes und 
Sinnliches an sich hat — ganz und gar nur ein großer, er- 
habener Gott. Und er zürnt und straft ja nicht nur, er segnet 
auch im Gewitter. Er tränkt die dürren Fluren, tränkt Himmel 
und Erde, gibt auch den Kühen eine gute Tränke, gibt jedem 



i) viQvam bhüvanam im Texte kann das eine wie das andere 
bedeuten. 



Der siebente Äditya. 187 

Wesen einen Labetriink, befruchtet die Erde und die Pflanzen, 
macht auch Vieh und Menschen fruchtbar, wie wir aus dem 
erstangeführten Liede ersehen (RV 1, 102). Er g'ibt den 
Menschen ihre Speise, indem er die Pflanzen wachsen läßt, und 
erfüllt so die frommen Gebete. Man fleht ihn an um seinen 
Schutz, ruft ihn herbei in Demut, begrüßt ihn mit Liedern und 
singt seinen Preis. 

Doch wir haben des wichtigsten Zuges in diesem Bilde 
noch nicht Erwähnung getan. Er findet sich in Vers 6: 
'Komm herbei mit diesem Donner in unsere Nähe, die Wasser 
strömen lassend, unser Herr und Vater!' oder noch genauer: 
XDu), der Herr, unser Vater', oder: 'als der Herr, unser Vater'. 

Diese Bezeichnung, Herr und Vater zugleich, Herr und 
unser Vater — asurah pitä'uah — sie vereinigt in sich die 
vornehmsten charakteristischen Epitheta des alten Himraels- 
gottes Dyäus, den wir als Dyäus Pitar und als Dyäus Asura 
kennen — in der letzteren Eigenschaft speziell durch Bradkes 
schöne Untersuchung^). Einmal wird Varuna im AV (5, 11, 1) 
der große Asura und der Vater genannt. Eine RV-Stelle, 
die man ebenfalls auf Varuna bezogen hat, ist schwieriger zu 
beurteilen 2). An unserer Stelle aber erhält ganz klar und deut- 
lich Parjanya jene beiden Epitheta. Und das ist auf jeden 
Fall sehr bedeutsam. Es vollendet den Eindruck, dem wir ohnehin 
uns schon kaum verschließen konnten: Hier handelt es sich 
nicht um die Schilderung eines Gottes zweiten oder dritten 
Ranges, wie man Parjanya gewöhnlich zu fassen pflegt, — 
auch nicht eines Gottes, der in seinem Wesenskern mit Indra 
verwandt wäre, obgleich sie beide im Gewitter walten — 
Parjanya ist nicht ein Gewitterriese wie Indra — hier haben 
wir nichts anderes vor uns als die Schilderung des großen 
heiligen Himmelsgottes, wie er zürnend und segnend im Ge- 



J) P. V. Bradke, Dyäus Asura, Ahura Ma/.dä und die Asuras, 
Halle 1885. 

2) RV 10, 124, 3. Graßmann wollte auch hier in dem Pitar 
Asura den Varuna sehen (vgl. die Übersetzung des RV, Bd. 2, S. 401« 
402), was aber schon Bradke energisch ablehnte (Dyäus Asura 
S. 99); auch Üldenberg sprach sich dagegen aus (Ztschr. d. dtsch. 
Morgenl. Ges. Bd. 39, S. 70). Ich habe an Rudra gedacht (Mysterium 
und Mimus im RV, S. 198. 199), doch bleibt die Entscheidung 
zweifelhaft. 



188 Leop. V. Schroeder, 

witter sich offenbart. Es ist derselbe Gott, den man ursprüng- 
lich Dyäus oder Dyäus Pitar, Asura oder Dyäus Asura nannte, 
der in einer anderen Hypostase als Varuna erscheint, aber 
auch noch in anderen Hypostasen mit anderen Namen — den 
Namen eben der zu einem höchsten Götterkreise brüderlich 
vereinigten Adityas^). Hier nennt man ihn Parjanya, was 
vielleicht den 'Regner' bedeutet 2). Man nennt ihn so in dieser 
besondern Form seiner Offenbarung-, man denkt gar nicht 
daran, sein Bild sonst noch persönlicher, individueller zu ge- 
stalten, irgendwelche Mythen und Märlein von ihm zu erzählen. 
Es geht alles an ihm auf in dem Bilde des himmlischen Gottes, 
der sich im Gewitter offenbart. Es ist eine Bildung ähnlicher 
Art, wie sie uns in dem 'greinenden Himmelvater' bekannt ist, 
von dem das deutsche Landvolk noch heute beim Gewitter redet. 

Und in der Tat, so wenig Parjanya in seinem Wesen 
bisher auch erfaßt ist, es konnte doch nicht fehlen, daß hier 
und da eine tiefere Erkenntnis aufblitzte. 

Eine solche liegt vor, wenn Hillebrandt in dem oben 
besprochenen Vers 6 unseres Liedes den alten Asura — den 
'Herrn' des Himmels — erkennt, als dessen Fortsetzung er 
ganz mit Recht den Varuna betrachtet, und wenn er dazu 
ganz kurz in Klammern bemerkt: Parjanya mit ihm identisch!^). 
Das ist er in der Tat, ursprünglich identisch mit jenem Asura 
wie mit Varuna, die beide von Hause aus eins sind. Iden- 
tisch ebenso mit Dyäus, der ja der alte Asura und Vater ist, 
obwohl er (Parjanya) an anderer Stelle der freigebige Sohn 
des Dyäus genannt wird (RV 7, 102, 1). Diese Wendung 
kann uns nicht stören, da oft die Hypostase eines Gottes 
später als dessen Sohn gefaßt wird. So sind ja auch die 
Ädityas Söhne des Dyäus, und es gelten ja alle Götter als 
seine Söhne. Mit Recht bemerkt A. Macdonell, daß 'Parjanya is 
used to explain Dyäus'*); daß als Parjanyas Weib die Erde 



1) Vgl. darüber meinen schon oben angeführten Aufsatz 'Über 
den Glauben an ein höchstes gutes Wesen bei den Ariern', in der 
WZKM., Bd. 19, namentlich S. 7-12. 

2) Vgl. darüber weiter unten. 

3) Vgl, Alfred Hillebrandt, Varuna und Mitra S. 156. 

4) VS 12, 6 enthält den bekannten Vers akrandad agni stana- 
yann iva dyäuh cet. Dazu heißt es im Komm, unter anderem: 
krandati visphürjati, kidrQah dyäur iva stanayan dyo^abdenätra 



Der siebente Aditya. 189 

genannt wird und daß er als Gatte der Erde, wie in seiner 
Auffassung als Stier, in seiner Beziehung zu Donner, Blitz 
und Regen, sich dem Charakter des Dyäus nähere, dessen 
Sohn er einmal genannt werde ^). Auch der Himmel, auch 
Dyäus donnert und regnet; vom donnernden Dyäus, vom Regen 
des Dyäus ist auch im RV die Reda (vgl. 10, 45, 4; 2, 27, 
15 u. ö.). Besonders wichtig aber ist es, daß die Erde als 
Gattin des Parjanya erscheint 2). Sehr natürlich, wenn wir 
uns der Schilderung des Liedes erinnern, wie Parjanya die 
Erde mit seinem Samen befruchtet. Sonst aber sind Himmel 
und Erde Mann und Weib, Vater und Mutter — eine zweifel- 
los uralte Vorstellung. Beide Auffassungen aber widersprechen 
sich keineswegs. Es bestätigt sich nur die Annahme, daß 
eben Parjanya im Grunde nichts ist als der Himmelsgott, 
insofern sich derselbe im Gewitter und Regen offenbart. 

Aus dem dritten, einigermaßen dunkel gehaltenen Liede 
an Parjanya (RV 7, 101), welches eingehend zu behandeln 
uns zu weit führen könnte, auch nicht hinreichenden Gewinn 
verspräche, wollen wir wenigstens einige wichtigere Züge für 
das Bild des Gottes herausheben. Da erscheint Parjanya als 
der Gott, der über die ganze Welt gebietet (V. 2), als Vater 
(V. 3), als Selbstherrscher (V. 5), als Schutzverleiher und Licht- 
verleiher (V. 2). Es heißt, daß in ihm alle Wesen oder Welten 
ruhen — in ihm auch die drei Himmel (V. 4) — ganz ähnlich 
wie RV 7, 87, 5 von Varuna gesagt wird, daß in ihm die 
drei Himmel und die drei Erden ruhen. 

Endlich heißt es da noch: 'In ihm ist der Odem (oder 
die Seele, ätmä) dessen, was sich bewegt und was feststeht' — 
eine Wendung, auf die ich nicht zu viel Gewicht legen will, 
denn auch die Sonne (Sürya) wird einmal 'die Seele dessen, 
was sich bewegt und was feststeht' genannt (RV 1, 115, 1); 
Parjanyas Stimme, die helle, gewaltige, die ein anderes Lied 
erwähnt (RV 5, 63, 6), ist natürlich der Donner. 

Alles in allem dürfte das Bild des Parjanya, wie wir 



parjanya uktah dyäur megha iva stanayan garjayan (;abdam kur- 
vänah usw. Der Kommentator sagt hier also ausdrücklich, daß mit 
dem Worte Dyäus der Gott Parjanya gemeint sei. 

1) Vgl. Macdonell, Vedic Mythology S. 83. 84. 

2) Vgl. RV 12, 1, 42, wo Bhiimi, die Erde, parjdnyapatni 
genannt wird; s. auch Macdonell a. a. 0. S. 84. 



190 Leop. V. Schroeder, 

es hier gewonnen haben, ganz wohl dazu angetan sein, es als 
möglich erscheinen zu lassen, daß dieser Gott einst dem Kreise 
der Adityas angehörte und nur durch das ungeheure Anwachsen 
der Gestalt des Indra, eines so ganz andersartigen Gewitter- 
gottes, in den Schatten gestellt, fast bedeutungslos gemacht 
und verdrängt wurde. Parjanya, der mit Dyäus und Varuna 
sich berührende hehre Gott, 'der Herr^ unser Vater', der im 
Gewitter und Regen zürnend und segnend sich offenbart, der 
im Donner redet; der mythenlose Gott, an dessen Bilde kein 
Makel, kein sinnlich gerichteter oder gar niedriger Zug stört; 
der erhabene Gott, der die Übeltäter zu Boden schlägt und 
selbst den Schuldlosen zittern macht bei der gewaltigen Offen- 
barung seines Zornes — dieser Gott paßte wohl in den hohen 
Rat der obersten Götter, die den Varuna umgeben und im 
Grunde nur Ausstrahlungen seines Wesens, persongewordenc 
Seiten seiner Göttlichkeit sind, während Indra bei aller seiner 
Macht und Stärke diesem Kreise doch ewig im Innersten 
fremd bleiben mußte. 

Daß Parjanya wirklich seinem Wesen nach ursprünglich 
in den Kreis der Adityas hinein gehörte und paßte, das wird 
uns noch deutlicher werden, wenn wir uns daran erinnern, 
wie Varuna allein und mit Mitra verbunden sich in ganz 
analoger Weise in der Eigenschaft eines Gewitter- und Regen- 
gottes offenbart. Dieser Zug ist in Varunas Wesen ja bekannt- 
lich sogar stark ausgeprägt. Darum wird er auch im Näi- 
ghantuka zu den Göttern der Atmosphäre wie der himmlischen 
Lichtwelt zugleich gezählt und gilt, wie Mitra, auch in den 
ßrähmanas als Regengott i). Varuna und Mitra werden in den 
Liedern oft als Spender des Regens gefaßt, um Regen gebeten. 
Der AV nennt Varuna den Oberherrn der Wasser, Varuna 
und Mitra die Oberherren des Regens (AV 5, 24, 4. 5). Von 
Varuna heißt es im RV, daß er die Wolkentonne umstürzt 
und sie in beide Welten, Himmel und Erde, und in den Luft- 
raum strömen läßt. Er, der König der ganzen Welt, netzt 
das Erdreich, tränkt Erde und Himmel. Dann hüllen sich die 
Berge in Gewölk und es werden schwach die starken Helden 
(RV 5, 85, 3. 4). 

Es fällt in die Augen, wie gerade der Zug des üm- 



1) Vgl. Macdonell a. a. O. S. 25; Hillebrandt a. a. 0. S. 67 Anm. 



Der siebente Aditya. 191 

stürzens der Wolkentonne bei Varuna an Parjanya mit seiner 
umgestürzten Kufe, seinem nach unten gekehrten, geöffneten 
Schlauch erinnert. Auch er flößt bei solchem Tun gewaltige 
Ehrfurcht ein. Das Bild der beiden Götter ist hier zum Ver- 
wechseln ähnlich — kein Wunder, denn Varuna ist der Him- 
melsgott, der hier sich im Regen offenbart, Parjanya aber ist 
überhaupt nichts anderes als der Herr und Vater da droben, 
wenn er in Gewitter und Regen seine göttliche Macht offenbart. 

Sehr merkwürdig tritt uns das Verhältnis Parjanyas zu 
Mitra und Varnna in einem Liede entgegen, das den beiden 
großen Adityas speziell als Gewitter- und Regengöttern ge- 
widmet ist. Sehr merkwürdig hebt sich in demselben Liede 
auch mehrmals noch Mes Herren Wundermacht' (Asurasya mäyä) 
hervor, wie etwas über ihnen allen Stehendes oder in ihnen 
allen Wirkendes, die Wundermacht des Himmelsherrn, in dessen 
Wesen sie alle ihre Wurzeln haben, aus dem all diese Götter 
hervorgewachsen oder abgezweigt sind. Auch Mitra und 
Varuna werden hier als gewaltige Stiere bezeichnet, wie vor- 
her Parjanya, zugleich aber als des Himmels Herren und die 
Herrscher der Welt. Auch von ihrer Wundermacht am 
Himmel ist die Rede (mäyä divi Qritä), die mit des Herren 
Wundermacht in eins verfließt und sich von ihr kaum scheiden 
läßt, wie auch Parjanya mit seinem Tun im Wesen und Wirken 
der beiden Adityas hier ununterscheidbar aufgeht und fast in 
eins mit ihnen verfließt. Es ist das Lied RV 5, 63, aus 
welchen ich doch einiges herausheben will : 

Der heiligen Ordnung Hüter beide besteigt ihr den Wagen*), 
feste Satzungen habt ihr am höchsten Himmel! Wem ihr 
günstig seid, dem schwillt der Regen süß vom Himmel her. 
Als Herrscher herrscht ihr beide über diese Welt — wir bitten 
euch um Regen als Geschenk, um Unsterblichkeit — durch 
Erd und Himmel wandeln die Donnerer 2). Herrscher beide, 
gewaltige Stiere, des Himmels Herren — durch leuchtende 
Wolken beginnt ihr den Donner und lasset den Himmel 
regnen durch des Herren Wundermacht. Eure Wunder- 



1) Auch dieser Zug erinnert an Parjanya, der ja im Gewitter 
als Wagenfahrer erscheint. 

2) tanyavah 'Donnerer', im Plural, geht wohl auf Mitra, Va- 
runa und Parjanva zusammen. 



192 Leop. V. Schroeder, 

macht, Mitra und Varuna, ruht am Himmel — da wandelt 
die Sonne, das Gestirn, ein strahlend Geräte; die hüllt ihr in 
Gewölk, in Regen ein; am Himmel, o Parjanya, regen sich die 
süßen Tropfen 1). Seine Stimme, o Mitra und Varuna, die 
erquickende, helle, mächtige, läßt Parjanya erschallen — es 
hüllen sich die Maruts in Wunderkraft — lasset den roten 
Himmel regnen, ihr beide! Nach fester Satzung schirmt ihr 
Klugen, Mitra und Varuna, die Gebote durch des Herren 
Wundermacht. Durch heilige Ordnung herrscht ihr über 
die ganze Welt und setzet die Sonne an den Himmel, den 
strahlenden Wagen. 

Varuna und Mitra, in Gewitter und Eegen sich offen- 
barend, erinnern durchaus an Parjanya, mit dem sie hier auch 
verbunden erscheinen, während Indra mit seiner Gestalt wie 
mit seinen Taten weit abliegt. Parjanya ist als ein wesens- 
gleicher Bruder dieser Adityas am Platze, Indra nimmermehr. 

Ich halte nach alledem die Vermutung, Parjanya sei in 
vorvedischer Zeit der siebente Aditya gewesen, für vollbe- 
rechtigt. Wenn schon der RV ihn nicht mehr so nennt, nicht 
zu den Adityas rechnet, so erklärt sich das wohl durch den 
Umstand, daß sein großer Rivale Indra ihn schon fast ganz 
verdrängt und verdunkelt hatte. Gibt doch eigentlich nur ein 
einziges Lied von Parjanyas alter Größe Zeugnis. Indra be- 
anspruchte seine Stelle. Aber ein richtiges Empfinden hielt 
die RV-Dichter ab, diesen Gott den Adityas einzureihen. Sie 
mochten sich um Indras willen scheuen, Parjanya noch seinen 
Platz unter den Adityas zu geben, aber ebenso scheuten sie 
sich wohl — abgesehen von jenem einen späteren Dichter 
von Väl. 4 — Indra an jene, wirklich unpassende Stelle zu 
setzen. Ebendarum blieb der Name des siebenten Adityas in 
den Liedern des RV ungenannt, sein Platz unbesetzt. 

Daß ich an der alten Gleichung Parjanya — Perkunas— 
Pehrkons — Fjörgynn festhalte, habe ich schon früher ange- 
deutet^). Ich gehe mit Graßmann von einer älteren, zu ver- 
mutenden Form Parcanya aus, die, von der Wurzel parc ab- 
geleitet, den reichlich spendenden, füllenden, sättigenden, den 



1) Man beachte, wie hier Mitra- Varuna und Parjanya, gemein- 
sam angerufen, ineinander verschwimmen. 

• 2) Vgl. meinen Aufsatz 'Über den Glauben an ein höchstes 
gutes Wesen bei den Ariern', WZKM. 19, 10. 



Der siebente Aditya. 193 

'Regner' bezeichnen mochte. Die Erweichung zu Parjanya 
ließe sich als praktisierende Bildung fassen, wie deren für den 
Veda bereits einige nachgewiesen sind. 

Auf jeden Fall kommt entsprechender Lautwandel vor. 
Neben der Form tue 'Nachkommenschaft, Kinder', finden wir 
im RV die gleichbedeutende Form tuj, in welcher das c zu j 
erweicht ist. Sehr möglich, daß auch eine Volksetymologie 
im vorliegenden Falle eine Rolle spielte, indem man die Wurzel 
Jan 'erzeugen' in den Namen dieses kraftvoll zeugerischen 
Gottes hinein deutete, der durch seinen Samen die Mutter 
Erde befruchtet, die Pflanzen wachsen macht, die Zeugungs- 
kraft der Menschen und Tiere fördert. 

Unter dieser Voraussetzung läßt sich gegen die Zusammen- 
stellung des Namens Parjanya mit Perkunas — Pehrkons und 
Fjörgynn kaum etwas Stichhaltiges einwenden. Diese Zu- 
sammenstellung bildet dann aber auch eine weitere Stütze 
unserer oben entwickelten Anschauung. Denn Perkunas — 
Pehrkons ist zweifellos der alte große Himmelsgott, der sich 
im Gewitter offenbart; und Fjörgynn, der präsumptive Vater 
und Vorgänger des Thörr, war ursprünglich wohl auch die 
gewitternde Hypostase des Himmelsgottes, nur daß er ebenso 
und stärker noch durch Thorr verdrängt ward, wie Parjanya 
durch den dem Thorr entsprechenden Indra. 



Mögen die obigen Darlegungen dem verehrten Manne, 
dem diese Blätter gewidmet sind, eine freundliche Erinnerung 
sein an die Zeit vor 35 Jahren, wo er hilfreich gütig den 
Verfasser dieser Zeilen in die Lektüre des Veda einführte. 

Wien. 

Leop. V. Schroeder. 



Indogermanische Forschungen XXXI. 13 



194 H. Kern, 



Deutung einer mifsverstandenen Stelle im Mahävastu. 

In der von Senart besorgten Ausgabe des Mahävastu 
findet man in II, S. 189— 195 unter dem Titel 'Kantbakasya 
vyäkaranarii' die Geschichte des Rosses Kanthaka, wie es 
nach der Trennung von seinem Herrn, dem Bodhisattva, mitChan- 
daka nach Kapilavastu zAirtickgekehrt, in tiefer Trauer den 
Genuß aller Nahrung verweigert und so den Hungertod starb. 
Zum Lohne für diese fromme Tat wurde er nach seinem Tode 
im Himmel der 33 Götter als 'devaputra' wiedergeboren. Nun 
traf es sich einmal, daß der ehrwürdige Mahä-maudgalyäyana 
einen Besuch bei den Göttern abstattete und dort den Deva- 
putra Kanthaka in dessen Herrlichkeit anschaute. Nachdem 
Maudgalyäyana, voll Entzückung, die Pracht der himmlischen 
Wohnung Kanthakas hervorgehoben hat^), fragt er: 
Mifh fvam harma Jcaritväna pürva anyäsu jätisu, 
kena kugalamülena träijastrimcopapadyatha ^) 
Tciih tvam karma karitväna pürve mänusake hhave, 
kena kugalamülena vipäkam anubhos' imam. 
kena tvayä ayam Idbdhko äyur varno^) yago balam, 
rddhim ca pariväram ca anuhhosi amänusarii. 
Es folgen noch einige Fragen desselben Inhaltes bis 
Zeile 10, w^o es heißt: 

so devaputro atmana Maudgalyayena prcchito, 
pragnam prsto viyäkarsi sthavirasyeti me grutarh. 
Aus der Antwort des Kanthaka seien hier nur einzelne 
Strophen angeführt: 

tasyaiva adarganena (^äJcyaputrasyo, gnmato, 
gurukdbädhanfi utpadye^) tato kälam karomy aham. 

1) Die Pälifassung- der Erzählung findet man in Vimäna- 
valthu S. 81 ff. 

2) So zu lesen statt odyatha. 

3) So zu lesen mit B.; vgl. S. 194, 15: tena mayä ayaih labdhaiii 
äyu. varna(m) yaQo balarii. 

4) So zu lesen für khuraäbädha utpadyet, das Päli hat alatthaih 
garukäbädham. 



i 



Deutuiio' einer mißverstandenen Stelle im Mahävastu. 195 



Etwas weiter: 

tarn Icarmam kugalam Tcrtvä yat tarn upacitam purd, 
tena Jcugalakarmena vipäkam anuhhomy^) aham. 
hhogä ca 7ue utpadyensu ye kecit manasi priyä, 
devä ca me namasyanti tesäm capacito^) aham. 

Nach diesem Schluß der Antwort Kanthakas, macht der 
Erzähler die folgende moralische Betrachtung, welche im 
gedruckten Texte also lautet: 

tasmim cittam prasädetha dalcsimyesu tädrgam, 
pacyati raksabhiitena karmam upacitam gubham. 

Die zweite Halbstrophe ist unverständlich infolge einer 
verkehrten Worttrennung. Richtig ist; 

pagya tiraksabhütena karmam upacitam gubham. 

Pagya ist ein Imperativ; tiraksabhüta ist eine mißlungene 
Sanskritisierung eines präk. tiracchabhüta 'tierisches Wesen, 
Tier'; Y^\.?h\\ tiracchüna, skx. tiryanc, tiryagyonaws'N. Die 
Übersetzung ist: 'Sieh ! (wie) ein Tier Lohn einer guten Handlung 
sich erworben (eig. gesammelt) hat'. Kurios ist die var. 1. 
in C: pagyantiratnacchatrabhütena. Man braucht nur die 
Silben tna, tra und das 7i in pagyanti zu streichen und sieht 
die ältere gute Lesart vor sich : pagya tiracchabhütena. Der 
Urheber der Lesart in C hat nicht erkannt, daß pagya ein 
Imperativ ist und dadurch wußte er mit 7*accha keinen Weg; 
gedankenlos hat er nun, unbekümmert um das Metrum, ein 
paar Silben eingefügt, so daß zwei an sich verständliche, aber 
hier ganz unpassende Wörter, ratna und chatra, zum Vor- 
schein kommen. 

Auch die erste Halbstrophe ist nicht in Ordnung. Für 
tasmim lese man tasmä. Tadrgam ist eine ungeschickte Sans- 
kritisierung, wohl von tadisu. Die Zeile läßt sich also über- 
setzen: 'Darum habe man im Geiste Wohlgefallen an solchen 
Verehrungswürdigen !' 

Über die im vorhergehenden gerügten Mißgriffe wird 
sich keiner wundern, dem es nicht unbekannt ist, wieviele 
fast unglaubliche Fehler die Zusammensteller der nordbud- 
dhistischen Schriften bei der Sanskritisierung ursprünglich 
präkrtischer Texte begangen haben. Ein merkwürdiges Bei- 



1) Der gedruckte Text hat anubhavämy aham. 

2) So zu lesen statt ca upacito. 



196 H. Kern, 

spiel ist valpancaniJca'ZeicheudeüteY'MsLhäLVSLStn I, 207; II, 12; 
vaipancamika Lalita-vistara 224; vaipancika Mahävyutpatti 
(s. Pet. Wtb.), Divyävadäna 474; alles hervorgegangen aus 
einem mißverstandenen Präkrtausdruck *vepanjanika, Päli 
veyyanjaniya, Jätaka IV, 233; var. 1. veyyancanika 235, mit 
unrichtigem nca für nja. Das Wort ist natürlich eine Ab- 
leitung aus vyanjana. Zufällig gibt es im Sanskrit ein Wort 
vaipancika in der Bedeutung 'Lautenspieler', gebildet von vipanci 
'die indische Laute' i), doch dies hat nichts zu schaffen mit dem 
buddhistischen vaipaüciTca. 

Bisweilen läßt es sich schwer entscheiden, welche Präkrt- 
form einem anscheinenden Sanskritausdruck zugrunde gelegen 
hat. So begegnet uns im gedruckten Text des Divyävadäna 
543 f. ein Wort papantiha und payantiJca. Wir dürfen an- 
nehmen, daß die wahre Lesung payattikä ist. Der Bedeutung 
nach entspricht es dem Päli päcittiyaj doch hieraus kann 
schwerlich päyattiJca entstanden sein ; es steht gewissermaßen 
dem skr. präyagitta näher. Jedenfalls ist es ein Beispiel 
einer verfehlten Sanskritisierung. 

Aus verschiedenen Gründen darf man es als sicher be- 
trachten, daß die älteren kanonischen Texte ursprünglich nicht 
alle in einem und demselben Dialekt verfaßt seien. Daher er- 
klären sich Differenzen in den sanskritisierten Formen. So 
findet man Mahävastu II, 44 bhramu (skr. hhrü), während 
297 hhrümukha hat. Bhramu stimmt zu Päli hhamu\ da- 
gegen geht hhrümuMia (mit falschem ü) zurück etwa auf 
humuha^ das dem Ardha-Mägadhi hhamuha und hhumayä^) 
nahesteht, ohne ganz damit identisch zu sein. 

Ein wunderlich entstelltes Wort ist anuragata in der 
formelhaften Verbindung svägatam anurägatam te Mahävastu 
II, 38; svägatam räjno Quddhodanasya, anurägatam räjno 
Quddhodanasya III, 181. Dies Ungeheuer ist einfach ein 
verhunztes adurägata, das im Päli häufig vorkommt, und zwar 
in derselben Verbindung, so Jätaka IV, 356: 'svägatan te ma- 
häräja, atho te adurägatam', so Huch 484; VI, 23; Therlgäthä 



1) Dies im PW. und CWK. fehlende Wort kommt vor im Drama 
Pradyumnäbhyudaya des Ravivarman S. 4 (Trivandrum Sanskrit 
Series No. VIII). 

2) Pischel, Grammatik der Prakritsprachen 124, 206,261. 



Deutung einer mißverstandenen Stelle im Mahävastu. 197 

337. Da alle Hss. in der Lesart anu übereinstimmen und die 
Silben du und nu graphisch ganz verschieden sind, dürfen wir 
die Bearbeiter der uns überlieferten Redaktion des Mhv. für 
die Entstellung verantwortlich stellen. 

Zu den ursprünglichen Präkrt-Ausdrücken, welche die Be- 
arbeiter wohl verstanden, aber nicht gehörig sanskritisiert haben, 
^thöxi uccagati (uccagitavantah Saddharma-pundarlka 382, 12). 
Dies geht zurück auf ujjdks-^ vgl. ved. jaksat ^lachend'; Päli 
ujjhaqghati, Therlgäthä 74 ^). Das cca statt jja kann dialek- 
tisch sein, aber auch ein Fehler. Die Wurzel ist natürlich Tias. 

Utrecht. 

H. Kern. 



1) Childers hat nur ujjhaggikä 'loud laughter'. 



198 B. Liebich, 



Das Datum des Kalidasa. 

Über Kalidasas Lebenszeit hat in den letzten Jahren ein 
lebhafter Meinungsaustausch stattgefunden. Ein Fortschritt in 
der Diskussion gegen früher zeigt sich hierbei schon äußerlich 
dadurch, daß die äußersten Ansätze nicht mehr wie zu Webers 
Zeit um ein volles Jahrtausend, sondern nur noch um etwa 
150 Jahre auseinander liegen. Da Kalidasa nach wie vor das 
wichtigste Datum in der Geschichte der eigentlichen Sanskrit- 
literatur bildet, und die hier in Betracht kommenden Arbeiten 
in verschiedenen, meist ausländischen Zeitschriften verstreut 
sind, so dürfte eine kurze Übersicht über den Stand der Frage 
nicht überflüssig und manchem Linguisten willkommen sein. 
Ich selbst hoffe nichts Wesentliches übersehen zu haben. 

Von Autoren, die sich zu der Frage äußerten, werden, 
soviel ich sehe, noch drei verschiedene Daten vertreten. 
MacdonelP), Bhandarkar^), Bloch ^), Keith*) setzen ihn um 
400 n. Chr., wobei das Datum nach oben nicht streng ab- 
gegrenzt wird. Monmohan Cakravarti'^) und der Schreiber 
dieses^) setzen seine literarische Tätigkeit etwa auf 450 — 480, 
Rud. Hoernle endlich in mehreren Artikeln"^) ins sechste 
Jahrhundert, um 530. Wir wollen diese Daten der Kürze 
halber mit I, II, III bezeichnen. Als Kalidasas Patron 
Vikramäditya kommt für Datum I Candragupta II. (375—413) 



1) History of Sanskrit Literature, 1900, S. 324. 

2) Journal of the Bombay Branch of the Royal Asiatic So- 
ciety, 1900. 

3) Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 
1908, S. 671. 

4) Journal of the Royal Asiatic Society, 1909, S. 433. 

5) JRAS., 1903, S. 183; 1904, S. 159. 

* 6) Das Datum Candragomins und Kalidasas (S.-A.), Breslau 
1903. 

7) Zuletzt JRAS., 1909, S. 89—144. 



Das Datum des Kalidasa. 199 

in Betracht, für Datum II Skandagupta (455 — 480), die beide 
erweislich den Titel Vikramäditya führten, für Datum III ein 
inschriftlich bezeugter Yasodharman, dem Hoernle gleichfalls 
diesen Titel zuschreibt, ohne daß derselbe für ihn tiber- 
liefert wäre. 

Der Argumente, die in den letzten Jahren zur Diskussion 
standen, sind gleichfalls 'wesentlich drei: wir wollen sie als 
Dasapura-, Hüna- und Diimäga-Argument unterscheiden und 
im folgenden kurz charakterisieren. Keines dieser Argumente 
ist wirklich zwingend; wer sie nicht akzeptiert, muß sich mit 
dem terminus ante quem 634 n. Chr. (Nennung in der Aihole- 
Inschrift) und mit dem allgemeinen Nachweis Bühlers i) be- 
gnügen, daß um 400 n. Chr. bereits eine hochentwickelte 
Kunstpoesie bestand. 

1. Das Dasapura- Argument wurde 1890 von Kielhorn^) 
aufgestellt, von Bühler und Hultzsch unterstützt. Es handelt 
sich um eine lange metrische Inschrift, ein wirkliches Kunst- 
gedicht, im Visnu-Tempel in Dasapura (heut Mandasor nördlich 
von UjjayinI), verfaßt von einem Vatsabhatti und sicher datiert 
auf 529 der Mälva-Ära = 472/3 n. Chr. Kielhorn glaubte 
zeigen zu können, daß Vers 31 dieser Inschrift eine Nach- 
ahmung von Kalidasas Rtusamhära V, 2. 3 sei. Bühler 3) stimmte 
ihm zu und wies außerdem auf Vers 10 und 11 der Inschrift 
hin, die eine ziemlich plumpe Nachbildung von Meghadüta 
65 seien. Hierdurch würde der terminus ante quem auf 472 
hinaufgertickt. Hoernle läßt, seinem Standpunkt gemäß, dieses 
Argument nicht gelten ; sein w^eitergehender Versuch, umgekehrt 
Abhängigkeit Kalidasas von Vatsabhatti glaubhaft zu machen*), 
braucht nicht ernsthaft diskutiert zu werden. 

2. Auf die Erwähnung der Hüna (Hunnen) im Epos 
Raghuvamsa IV, 68 wurde, gleichfalls seit 1890, von mehreren 
Seiten [G. Huth^), Pathak^), Cakravarti')] unabhängig von- 



1) Die indischen Inschriften und das Alter der indischen 
Kunstpoesie, Wiener Sitzungsberfchte 1890. 

2) Nachrichten der Göttinger Ges. 

3) a a. 0. S. 71. 

4) a. a. 0. S. 112 und Keiths Bemerkungen dazu S. 434. 

5) Die Zeit des Kalidasa, Berlin 1890. 

6) J. Bo. RAS., 1897, S. 41. 

7) JRAS., 1903. 



200 B. Liebich, 

einander hingewiesen, doch wurden von den beiden ersten 
irrige Schlüsse daraus gezogen, entsprechend unsrer damaligen 
Kenntnis der politischen Geschichte jener Epoche. Da Kalidasa 
die Hunnen im Norden und Nordwesten von Indien selbst, am 
Ufer des Indus und in Kasmlr^) ansässig sein läßt, diese Ge- 
biete aber tatsächlich von ihnen um 470 n. Chr. erobert wurden, 
so haben wir in dieser Erwähnung allerdings eine ziemlich 
sichere obere Grenze für die Abfassung des Raghuvaihsa. 
Die Vertreter des Datum I legen dieser Stelle wenig Wert 
bei: die Namen der Hüna wie der übrigen im Siegeszug des 
Raghu genannten fremden Völker habe Kalidasa den Puränas 
entnommen, ohne Anspielung auf Ereignisse seiner Zeit. Ver- 
gleicht man aber die dürren Namenlisten der Puränas mit der 
lebendigen Schilderung, die Kalidasa von diesen fremden 
Völkern gibt 2), so sieht man, daß jene jedenfalls nicht seine 
einzige Quelle gewesen sein können. Um 420 überschreiten 
die weißen Hunnen (Svetahüna, Ephthaliten) den Oxus und 
greifen das persische Reich an. Erst von diesem Zeitpunkt 
ab konnten sie die Aufmerksamkeit der Inder in höherem 
Grade erregen. Bis dahin waren sie für Indien eines der 
vielen Nomadenvölker oben im Norden, die man höchstens dem 
Namen ;iach kannte. Was wußte man in Europa von den 
Hunnen vor Beginn der Völkerwanderung? Und wie sollte 
um oder vor 400 ein indischer Schriftsteller darauf verfallen, 
die Haremsfrauen in KasmTr den Tod ihrer hunnischen Gatten 
beweinen zu lassen? 

Für Datum III besteht dieses Argument auch zurecht, 
da wir es, wie gesagt, wesentlich nur als terminus a quo be- 
werten dürfen. Aber auch hier findet sich ein Punkt, der 
für Hoernle nicht günstig ist. Man hat nicht ohne Grund in 
der Schilderung des Siegeszuges des Raghu im vierten Gesänge 
eine Anspielung auf die Kriegszüge von Kalidasas Patron 
Vikramäditya oder seiner Vorgänger zu finden geglaubt. Die 
Verwendung des Wortes vikrama in IV, 68 und noch wieder- 
holt in diesem Passus ist also vielleicht nicht ganz unabsichtlich. 



1) Die Erwähnung der Saffran-Plantagen weist mit Sicherheit 
auf Kasmlr; ob mit Sindhu der Indus oder ein gleichnamiger anderer 
Fluß in Kasmir gemeint ist, ist für unseren Zweck unerheblich. 

2) Vgl. dazu auch Bloch a. a. 0. S. 675. 



Das Datum des Kalidasa. 201 

Daneben aberfinden sich ebenso wahrscheinliche Hinweise speziell 
auf die Dynastie der Guptas, so gupta-müla-pratyantah IV, 26 
gleich als erstes Wort des digvijaya, vgl. ferner IV, 20; 1,21 
und Grierson JRAS., 1903, S. 363; Bloch a. a. 0. Diese Stellen 
sprechen also gegen Hoernle, denn Yasodharman war kein 
Gupta. Nehmen wir dazu die Wahl des Themas des Raghu- 
vamsa wie auch des Kumärasambhava : Ayodhyä, die Stadt 
des Räma, war die Residenz der späteren Gupta-Kaiser, und 
der Kriegsgott Kumära oder Skanda war ihre kuiadevatä, so 
scheint auch hier die Wahrscheinlichkeit im ganzen mehr auf 
Datum II hinzuweisen. 

3. Das Dinnäga-Argument wurde schon 1861 von dem 
trefflichen Bhäu Däji ^) in die Diskussion eingeführt und fand 
die Unterstützung Max Müllers in seinem bekannten Werke 
'India, what can it teach us?'. Der Kommentator Malliuätha 
teilt eine Überlieferung mit, nach der in Meghadüta Vers 14 
sich eine Anspielung auf den 'Äcärya Dinnäga' und auf einen 
poetischen Schul- oder Studienfreund (sahädhyäya) des Dichters 
findet, der den Beinamen Nicula 'Schilfrohr' trug. Mallinätha 
zitiert auch eine Strophe dieses Dichters, die ihm eben diesen 
Beinamen verschafft haben soll. Die indische Literatur- 
geschichte kennt nur einen Dinnäga^), den buddhistischen 
Logiker, und auch Nicula wird als Dichtername im Wörter- 
buch Sabdärnava bezeugt^). 

Die Vertreter von Datum I leugnen diese Beziehung, für 
Datum II bestand bisher eine Schwierigkeit in der Zeit des 
Dinnäga, der mit seinem Lehrer Asanga allgemein ins 6. Jahr- 
hundert gesetzt wurde (vgl. Kern Buddhism S. 128 und 129, 
Duff Chronology of India S. 39). Aber gerade hier haben die 
letzten Jahre eine überraschende Wendung gebracht. Wir be- 
sitzen jetzt in englischer Sprache die Biographie Asangas und 
seines Bruders Vasubandhu, die von dem Inder Paramärtha in 
chinesischer Sprache geschrieben wurde, der auch Werke von 
Dinnäga mit nach China brachte (zwischen 540 und 545, 



1) J. Bo. RAS. 

2) Diese Schreibung scheint der von Dignäga vorzuziehen 
nach der chinesischen Umschrift Mo-ho-tchen-na-kia = Mahä-Diimäga, 
vgl. Buüetin de l'ecole fran^aise d'Extreme-Orieiit, 1903, S. 22. 

3) Vgl. S. Goldschmidt ZDMG. 26, 808. 



202 B. Liebich, 

während Diimäga selbst noch von Kern auf 520 — 600 ange- 
setzt wurde, Asaiiga auf 485 — 560; vgl. die Übersetzung jener 
Biographie durch Takakusu im Toung-pao 1904 und seine 
Bemerkungen dazu JRAS 1905). Aus ihr ergibt sich das Datum 
Vasubandhus, der achtzigjährig starb und seinen Bruder um 
25 Jahre überlebt haben soll, auf spätestens 430 — 510, sein 
älterer Bruder Asaiiga, der ein Alter von 75 Jahren erreichte, 
muß ganz dem fünften Jahrhundert angehören (wahrscheinlichster 
Ansatz 410 — 485). Von dieser Seite steht also nichts im Wege, 
eine Feindschaft Kalidasas mit Diiinäga um 450 für möglich 
zu halten, wobei beide Gegner noch jung gewesen sein mögen, 
und auch die konfessionellen Gegensätze zwischen dem 
Buddhisten und dem glühend nationalen Dichter mitsprechen 
mochten. 

Andere Stellen in Paramärthas zeitgenössischem Bericht 
sprechen für die Glaubwürdigkeit von Hiuen-tsangs ausführ- 
licher Darstellung des Kampfes zwischen Bäläditya von Ma- 
gadha und dem Hunnen-König Mihiragula, und damit gegen 
Hoernles Theorie von einem nordindischen Kaiser Yasodharman- 
Slläditya-Vikramäditya im sechsten Jahrhundert, für den daneben 
kein Raum mehr bleibt. Dadurch wird das Datum III, das, 
soviel ich sehe, gegenwärtig von Hoernle allein verteidigt wird, 
noch weiter erschüttert. In eine Diskussion dieser Stellen, 
die tief in die politische Geschichte, die Inschriften- und Münz- 
kunde hineinführt, kann hier nicht eingetreten werden; aber 
die kühnen Konstruktionen Hoernles dürften dasselbe Schicksal 
erfahren wie Max Müllers jetzt längst verlassene Renaissance- 
Theorie. 

So scheinen in der Tat alle Argumente konzentrisch auf 
die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts hinzuweisen, und 
wir gewinnen im einzelnen ungefähr folgendes Bild: um 450, 
in UjjayinI, Rtusaihhära und Meghadüta, um 480, am kaiser- 
lichen Hofe in Ayodhyä, sein episches Meisterwerk Raghuvamsa, 
dazwischen Kumärasaihbhava und die Dramen. Mit dem Tode 
Skandaguptas, des letzten großen Gupta-Kaisers^ scheint auch 
Kalidasas Stern erloschen zu sein. Das Reich der Gupta erlag 
nach höchster Kulturblüte den äußeren und inneren Feinden, blieb 
bald auf Magadha beschränkt und mußte den Hunnen Tribut 
zahlen. Am Hofe des Nachfolgers, des bigotten Buddhisten 
Bäläditya, war des Dichters Stätte nicht mehr; der Raghu- 



Das Datum des Kalidasa. 203 

vamsa blieb unvollendet. Die ceylonesische Überlieferung^ nach 
der Kalidasa schließlich nach dieser Insel gelangte und dort 
von einer Hetäre ermordet wurde, mag immerhin eine Spur 
Wahrheit enthalten. 

Im indischen Volke aber verdichtete sich die Erinnerung 
an die glänzenden Gestalten eines Candragupta II. Vikramä- 
ditya, Kumäragupta I., Skandagupta Vikramäditya zum Bilde 
des Königs Bikram von üjjain, dessen Hof Kalidasa als schön- 
ster Edelstein zierte. 

Jena. 

B. Liebich. 



204 J. Jolly, 



Lexikalisches aus dem Artha^ästra. 

Von der Entdeckung eines ganzen bis dahin fast un- 
bekannten Sästra durfte man sich auch eine bedeutende lexi- 
kalische Ausbeute versprechen, nur wird bei dem Kautillya 
Arthasästra dieses Resultat etwas beeinträchtigt durch das 
Fehlen eines vollständigen alten Kommentars und durch die 
oft mangelhafte und unsichere Überlieferung des Textes. Im 
nachstehenden wird versucht, die wichtigeren neuen Wörter 
und Wortbedeutungen aus dem 3. adhikarana, genannt dhar- 
mastMya, zusammenzustellen, weil dieses Kapitel ^) am meisten 
Vergleichbares mit dem Dharmasästra bietet und daher die 
darin enthaltenen Neologismen leichter zu kontrollieren sind. 
Benutzt sind für die Textkonstitution außer der in Mysore 1909 
von R. Shama Sastri veröffentlichten Ausgabe (= M) auch 
die schon von Hillebrandt 2) verwerteten beiden Handschriften 
der Königl. Staatsbibliothek in München Nr. 334 (= A) und 
335 (= B), und für die Übersetzung besonders R. Shama 
Sastris englische Übertragung dieses Teils in 'Mysore Review' 
1908, 1909. 

1. akarada Adj. steuerfrei 171, 14, 18. 

2. anjana n. Stoßen (?) "thrusting' in pidanavestanänjana- 
prakarsanädhyäsanem 195, 6. Vielleicht ist hhanjana 
zu lesen. 

3. atiyäcna f. Zudringlichkeit 184, 11. 

4. adhikarana n. Örtlichkeit (?), in haranam adhikaranam 
149, 1 'the nature and place of the deed'; besser wohl 
'Gerichtshof, der die Urkunde ausfertigt, vgl. Visnusmrti 7,3. 

5. adhikarnagrähanam Adv. in Hörweite, vor Zeugen 147, 16. 

6. adhruva Adj. unbestimmt, ungenau aussagend (Zeuge) 



*1) Vgl. darüber Jacobi in Sitzb. d. Pr. Ak. d. Wiss. 1911, 963 f. 
2) Über das Kautiliyasästra und Verwandtes, Bresl. 1908. 



Lexikalisches aus dem Arthasästra. 205 

177, 7. Vorher kommt: dhruvam hi säksibJiih srotavyam. 
B liest abruvänäm {ahruvänänäm) Venn sie ihre Aus- 
sage verweigern'. 

7. anamsada Adj. sich nicht beteiligend (an einer öffent- 
lichen Veranstaltung) 173, 7. 

8. anafigavicesta f. Kokettieren, Bezeigen von Verliebtheit 
156, 6. 

9. anäbliisära Adj. wozu sich kein Eigentümer meldet 190,4. 

10. anigrahanasaksya n. ein nicht belastendes Zeugnis(?) 176, 5 
in cänigrahanasOksyam Tcurynli M A. Die Übersetzung 
liest: nigrahanasaksyam Jcuryuh 'On the side of prosecu- 
tion — can be witnesses'. B cänigrahena. 

11. anäyavrtti Adj. von verbotenem Erwerb lebend 162, 16, 
wohl verschrieben für anyäyavrtti, 

12. anuprakrti f. Auflage, Steuer 193, 4. 

13. anuyuj zurückfordern (ein von Fremden benutztes Haus) 
190, 19. 

14. anusaya m. Verwahrung, Aufbewahrung 189, 3. 

15. anusayin m. kVilXö^QY, Bez. der Sachverständigen (Icusalah), 
denen die Auflösung unstatthafter Verträge, bes. Schen- 
kungen, obliegt 189, 4. 

16. anusi in hhartäram anyayä saha sayänam anumylta 155, 8 
und dvisatstriyam ekäm anumylta 155, 11 sich hinlegen 
lassen, wohnen lassen, im Sinne des Kausativums. 

17. antarika f. Zwischenraum 166, 17. 19. 

18. anvädhi m. Vormund, Beschützer ('lawful guardians') 155,9 

19. apagrhita Adj. von einem bösen Geiste besessen 148, 13. 

20. apavyayana n. Ableugnung 191, 19. Die richtige Lesart 
apavyayane steht in B und wird durch die Parallelstelle 
Manu 8, 332 bestätigt. M A und die Übersetzung lesen 
apavyathane. 

21. apara m. n. eine andere Öffnung als das Schleusentor 170, 10. 

22. apitrdravya Adj. ohne väterliches Erbe 160, 8. 

23. aprativihita Adj. unversorgt (Frau) 158, 18. YgLpratwihita. 

24. apratisrävin Adj. nicht versprechend, in cäpratisrävinz 
175, 9 nach B {va pratisravani M A). 

25. aprattkara m. Vernachlässigung, Nachlässigkeit 170, 8. 

26. aprasara Adj. nicht erscheinend, ausbleibend (Zeuge) 177, 9. 

27. äbhayavanamrga m. das in einem Park (abhayavana) ge- 
haltene Wild 172, 18. 



20(5 J. Jolly, 

2S. ahhiyoga m. Streitsumme 176, 15. 

29. aräjamcya Adj. keinen Tadel seitens des Königs ver- 
dienend, unverdächtig- 180, 1. 

30. iwaMavyakara Adj. einen tadellosen Zweck verfolgend 
(Verträge) 147, 16. 

31. avaghätana n. Grube 166, 9. 

32. avamarsahhitti f. eine dichte Dachmauer? in avaniarm- 
hhittim va karayet 167, 3 nach B. M liest avamad- 
hhaMirriy A amadhhdktim. 

33. avira Adj. nicht leistungsfähig genug, unvermögend 176, 6. 

34. avyavahärya Adj. 1) unstatthaft, ungültig (Schenkung) 
189, 3. 2) prozeßunfähig 175, 16. 

35. asamkhyatadesakäla Adj. ohne Orts- und Zeitbestimmung 
(Darlehen) 175, 1. 

36. asära Adj. mittellos 174, 14. 

37. ahamvädin Adj. eingebildet, anmaßend 175, 17. 

38. ajwa m. Gewinn (aus^der Benutzung eines Pfandes) 179, 1. 

39. änidvära u. Vordertor ('front door') 166, 19. 

40. ätipätika Adj. raschem Verderben ausgesetzt, leicht ver- 
derblich (Waren) 187, 17. 

41. adätr Gläubiger 174, 12. 

42. adänam dvärasya n. an die Tür schleppen (oder die Tür 
weisen?) 156, 4. 

43. ädesa m. Wechsel Chili of exchange^ 148, 17; 179,3. 

44. ädhi m. Frist, Aufschub 185, 11. 

45. dhaddhya n. {äbadhya M) Schmuck 152, 4, 5. Vgl. ähad- 
dha 'Schmuck' P. W. 

46. ästhapya n. Ausstattung, Mitgift ('endowment') 152, 12. 
B liest cwasthäpyay vgl. avasthäpayet 153, 2 und sthäpya. 

AI. ähita n. Wiederverheiratungsgeschenk (= ädhivedanika) 
157, 2. MB lesen anzta. 

48. ahitaka m. verpfändeter Sklave 182, 17. 

49. ahitaka f. 182, 12, ahitika f. 182, 11 verpfändete Sklavin. 

50. utkrs in Besitz nehmen, sich aneignen 190, 3. 

51. udanjara n. Wasserfaß 166, 14, nach Sh. gleichbedeutend 
mit alinjaru {alinjara). 

52. udaradäsa m. ein geborener Sklave 181, 13; 182, 17 
(Näradas grhe jata). 

53. ^upadhva^ {^upädhva^?) m. Nebenpfad, in HcpadJivahho- 



Lexikalisches aus dem Arthasästra. • 207 

gaih 169, 14 'üiaking- use of a by-path' ist schlechte Les- 
art für upahliogaih ß, 

54. upcmipata m. Unfall 171, 11; 179, 9; 187, 10, 12; 188, 1. 

55. tipahhoga m. Aufbrauchung (eines Pfandes) 178, 7. 

56. upalingana n. 1) begleitende Umstände, Indizien 181, 5; 
196, 10. 2) Verabredung- (?) 184j 10. 

57. upaväsa m. Nachbar 171, 10, 19. 

58. upävartana n. Zurückweisung (einer Braut) 188, 3, An- 
nullierung (eines Kaufgeschäfts) 188, 11. 

59. ekamantra Adj. in geheimem Einverständnis, Komplott 
(Zeugen) 176, 14. 

60. aupaghäfika Adj. schädlich 189, 5. 

61. aupasäyika Adj. in verbotenem Umgang bestehend, sexuell 
(dosam) 189, 3, 5. In 188, 3 ist der Text in M ver- 
stümmelt, man lese mit ß : ^myo vikretur anusayena \ 
vivähänäm tu trayänäm pürvesäm varnänäm pänigrahanät 
siddham upävartanam \ mdränäm ca prakar7nanah (?) 
lyrttapänigralianayor api dosam aupasäyikmn drstvä. 

62. karmodaka n. Wasser zur Bewässerung der Felder 170, 17. 

63. kuttanl f. Mörser 166, 15. 

64. güdhajlvin m. ein verkappter Spion oder Dieb 197, 17. 

65. cora m. ein Dieb seiner Arbeit, heimlicher Faulenzer 186, 3. 

66. tlrtha n. Menstruation 153, 16, 17; 159, 5, 10 (bisher nur 
bei Lexikographen). 

67. darpadäna n. übermütiges Benehmen 189, 10. 

68. damhandha m. der zehnfache Betrag (?) 149, 12; 176,6; 
184, 5. In den Smrtis = Vio- ^ö^- pcincahandha. 

69. dhannasetu m. ein Gebäude zu frommen oder wohltätigen 
Zwecken 171, 1. 

70. dharmasthiya n. Gerichtswesen (Titel des 3. adhikarana) 
146, 9 u. a. 

71. dhäranika m. Schuldner 174, 7; 175, 15. 

72. nandin m. Stier 170, 6 (v. 1. ''nadi'' für ''nandi'^). 

73. nindu f. eine Frau, die ein totes Kind gebiert (bisher nur 
bei Lexikographen) 153, 10. 

74. nispatana n. Unfall 178, 3, 6 (hier M. nispatana). 
Ib. nispatita Adj. verbrecherisch, verurteilt 182, 3, 5. 

76. nispäka m. Vollendung 185, 12. 

77. nispäta m. 1) Entweichen, heimliche Flucht 149, 21 . 2) Unter- 
liegen 151, 4. 



208 J. Jolly, 

78. naivesanika n. Hochzeitskosten 161, 7. 

79. nyanga Adj. verkrüppelt 154, 17; 175, 15. 

80. paücahandha ni. der fünffache Betrag (?) 149, 12; 176, 6; 
184, 6. Sonst = ^/s. Vgl. dasäbandha. 

81. panika Adj. im Betrag eines Pana 156, 12. 

82. parigrha n. Nachbarhäuser 157, 11. 

83. pariväpa m. 1) Tod 162, 13, 16. 2) Einkommen 154, 12. 

84. pascätkära m. Verurteilung, Urteil 196, 11. Im Dharma- 
sästra ist pascätkära eine Art des jayapattram., cf. Vlra- 
mitrodaya: kvacit poJcätkäräkhyo 'pi jayapattrabheda 
uktas tenaiva \ anena vidhinä lekhyam pascätkäram 
vidur hudhäh |. 

85. pascima Adj. indirekt, von einem Dritten herrührend, in 
pascimam karanam 148, 17. 

86. pära n. Schleusentor 170, 11. Vgl. apära. 

87. pärancika n. Bruch, Verletzung 195, 16. 

88. purusabhrti f. Zeugengebtthr 149, 12. 

89. pürvahhuktika m. ein früherer Besitzer 168, 15. 

90. pürväpadäna n. die früheren Verhältnisse 180, 8. 

91. prakraya m. ein verabredeter Preis 170^ 7. 

92. praksepa m. Aufwand, Preis (für einen Sklaven) 182, 18. 

93. praghata m. Absturz, Ausfluß mit starkem Gefäll 166, 12. 

94. pratikrusta Adj. geboten auf, gesteigert (Haus) 16«, 10; 
oder n. Gebot. 

95. pratikrosa m. das Bieten (auf ein Haus) 168, 9. 

96. pratikrostr m. in vikrayapratikrostr der Bieter (auf ein 
Haus), Käufer 168, 8. 

97. pratipattr m. 1) Beschützer, Besitzer 152, 18. 2) An- 
stifter 192, 15. 

98. pratüoma Adj. gegenüberliegend, die Aussicht ver- 
sperrend 167, 5. 

99. pratimhita Adj. versorgt 158, 17. 

100. pratyamsa m. Präzipuum, besonderer Anteil 161, 12. 

101. pradatr m. Schuldner 174, 13. 

102. pradänika n. Mitgift 161, 8. 

103. prasna m. Aussage 149, 3. 

104. prahavana n. Opfer 173, 6, 13. 

105. präksiptaka Adj. vorspringend, vorgebaut 166, 17. 

106. präjjünaka m., v. 1. pränaka Name eines Volks 194, 5. 

107. pränäbädhika Adj. lebensgefährlich 195, 12. 



Lexikalisches aus dem Arthasästra. 209 

108. handha ni. 1) eine Geldsumme als Abfindung 169, 7. 
2) Streitsumme 174, 11. 3) Geldstrafe 176, 18. Vgl. auch 
dasabandha, pamahandha. 

109. handhana n. Klosett 166, 9. 

110. hrahmadeyika m. Besitzer von gestiftetem Land 171, 12, 13. 

111. hhuktakämsya n. Speisegeräte 162, 14. 

112. mahäJcacchavardharm n. Name einer religiösen Begehung 
191, 9. 

113. miikha n. Gesehwulst (oder Wunde?) 195, 12. 

114. moZ^^a m. Ehescheidung 155, 15, 17 (auch mamoksalbbyl^). 

115. räjadJiarmya Adj. dem König gebührend, zufallend {dra- 
vyam) 190, 2. 

116. rüpa n. Name einer gewissen Steuer 193, 1, 4. 

117. rocam f. Kornmühle 166, 15. 

118. valaya m. n. Hof ('courtyard') 172, 16. 

119. vägjivana m. Spaßmacher 194,4. 

120. vänalaU f. Dach 167, 3. 

121. vämana n. Ausleerung, Ausschöpfung (eines Teichs) 169,20. 

122. vähanakostha m. Pferdestall 169, 12. 

123. vicchinnapi7ida Adj. bei dem die Totenopfer aufhören, 
d. h. weiter als im vierten Grade verwandt 160, 6. 

124. vibhaktapitrdravya Adj. das väterliche Erbe schon ge- 
teilt habend 160, 8. 

125. vivrtti f. Ertrag von Grundstücken, Bodenrente, in mvrtti- 
vikraye 187, 15 'sale of the means of livelihood, i. e. 
lands'. 

126. visamvaday verwirren, verdächtig machen (einen Prozeß) 
177, *5. 

127. üa%äz;:r^^aÄ:aram.Detailverkäufer,Zwischenhändler 179,11. 

128. imiyävrtyavikraya m. Detailverkauf, Zwischenhandel 
179, 11. 

129. vyantara n. Dickicht, in ryantare mitten in einem 
Walde 158, 9. 

130. vyäji f. Name einer gewissen Steuer 193, 2, 4. 

131. sraddheya Adj. wohl in aktivem Sinne: gläubig, Zutrauen 
schenkend ('acceptors') 147, 15. 

132. .srotr in. Zeuge 147, 14; 171,2; 183,5. 

133. samghahhrta m. Arbeitergenossenschaft oder Arbeiter 
einer Genossenschaft ('guilds of workmen or workmen 
employed by corapanies') 185, 11, 16. 

Indogermanische Forschungen XXXf. 14 



210 J. JoUy, Lexikalisches aus dem Arthasästra. 

134. sanna Adj. vollendet, erledigt 185, 18, 20. 

135. samänatirthya m. Bewohner des gleichen Wallfahrtsortes 
(= ekatirthin der Smrtis) 191, 7. 

136. samupärüdha Adj. erweitert, verbessert (Gebäude) 170,4. 

137. sampradänakalika Adj. zur Zeit der Übergabe bestehend 
(Pi^is) 179, 15. 

138. samhhüt/asamutthatr m. Mitunternehmer, Partner 185, 16. 

139. sasyanispatti f. gute Ernte 174, 8. 

140. sahagrähin m. Mitschuldner, Teilhaber an einem Dar- 
lehen 174, 19. 

141. smnvyavahärika Adj. zu einer Gilde gehörig (Kaufleute) 
180, 1. 

142. sära m. n. Wertgegenstand 180, 20. 

143. simäpaharin m. wer sich Grenzgebiet gewaltsam an- 
eignet 168, 19. 

144. sühhävastha Adj. in guten Verhältnissen lebend, ver- 
mögend 157, 15; 159, 3. 

145. sütikaküpa m. Schuppen für Wöchnerinnen 166, 7. 

146. netubandha m. Gebäude 166, 2; 168, 4; 169, 15; 170, 1. 

147. seturüpa n. ein Gebäude religiösen Charakters 170, 19. 
Vgl. dharmasetu. 

148. sthäniya n. Stadt (bisher nur bei Lexikopraphen) 171, 8. 

149. sthapya n. Mitgift 155, 7; 158, 4. 

150. sphatlkr festlegen, vermachen (Eigentum) 153, 1. 

151. svakarana n. Eigentumsbeweis 190, 1, 6. 

152. svapratyaya m. Verwandter 186, 17. 

153. svayamvädin Adj. grundlose Behauptungen aufstellend 
149, 12. 

154. svämin m. Richter 177, 9. 

Schließlich möchte ich noch hervorheben, daß die Ter- 
minologie des Arthasästra von derjenigen des Dharmasästra 
bei aller sachlichen Übereinstimmung oft recht erheblich ab- 
weicht, ferner daß die oben im Anschluß an Shama Sastri, der 
sich aber selbst das Hypothetische vieler seiner Übertragungen 
nicht verhehlt, angesetzten Bedeutungen keineswegs durchaus 
gesichert sind. Es wäre sehr erwünscht, wenn der Search for 
Sanskrit Manuscripts uns aucli für diesen Teil des wichtigen 
Textes einen brauchbaren Kommentar bescheren würde. 

Wtirzburg. J. Jolly. 



Hermann Jacobi, Über eine neue Sandhiregel im Päli usw. 211 



Über eine neue Sandhiregel im Päli und im Prakrit der 
Jainas und über die Betonung in diesen Sprachen. 

Als ich den Text des Patimacariya, des ältesten Pra- 
krit Kävyas der Jainas, zur Herausgabe vorbereitete, fand ich 
eine bisher unbekannte Sandhiregel, wonach bei Kürze des 
An- und Auslautes nach langer Pän ultima kurzer Sandhi- 
vokal eintreten kann; also tassuvari, aber mamövari für und 
neben tassa uvari und tassövari. bzw. mama uvari. Diese Regel, 
die sowohl für den Sandhi im Satze als in der Komposition 
gilt, fand ich in der älteren Jaina MähärästrI sowie im 
Jaina Prakrit bestätigt. Die Anzahl der Belege, die ich zu- 
sammenbringen konnte, ist so groß, daß sie nicht nur die Ge- 
setzmäßigkeit der Erscheinung beweist, sondern auch dieselbe 
in den Einzelheiten ihres Auftretens zu untersuchen erlaubt. 
Nachdem ich die Gültigkeit der Regel für das ältere Prakrit 
der Jainas festgestellt hatte, prüfte ich das Päli und fand 
auch dort dasselbe Prinzip in Wirksamkeit. Es sei mir nun 
gestattet, meine Resultate in derselben Reihenfolge darzulegen, 
in welcher ich die Untersuchung geführt habe. 

Zunächst sei daran erinnert, daß der Sandhi im Päli und 
Prakrit arbiträr ist: im Satze ist er verhältnismäßig selten, 
im Kompositum dagegen, außer bei auslautendem i und «, 
fast die Regel. Die Grundregeln für den Sandhi im Prakrit 
der Jainas sind folgende: 1. Ist die Anlautssilbe offen, dann 
fließen a) gleiche Vokale zusammen in ihre Länge, h) a a 
mit ungleichen leichten Anlautsvokalen in den entsprechenden 
Gunavokal. 2. Ist die Anlautssilbe geschlossen (i. e. kurzer 
Vokal vor Doppelkonsonanz) oder besteht sie aus langem Vo 
kal (inkl. e, o), so fällt auslautendes a a ab. 3. Nach aus- 
lautendem langen Vokal, besonders ä, e und o, fällt im Satze 
häufig anlautendes a, seltener i und u ab. Dieselben Regeln 
gelten mit einigen Abänderungen auch für das Päli. Nr. 3 



212 Hermann Jacobi 



gilt allgemein für jeden langen Auslautsvokal inkl. am, und 
für alle kurzen Anlautsvokale, selbst zuweilen für positione 
langes a. Das Päli kennt aber noch eine andere, mit den 
vorerwähnten öfters konkurrierende Sandbiregel: 4. Kurzer 
auslautender Vokal (zuweilen selbst langerj wird elidiert und 
der kurze anlautende Vokal verlängert. Ich gebe einige Bei- 
spiele, um zu zeigen, daß dieser Sandhi unabhängig von der 
Quantität der Pänultima ist: bhav{a)-Upamta, sahh(ayüpadhi- 
narrij plmsissatii) äyam, sant{i) cmiccä, yes(u) tdha. Dies 
sind die Grundznge des Sandhi im Prakrit und Päli, die ich 
zur Orientierung vorausschicke. Manche Abweichungen von 
der Norm kommen vor, können aber für unsern Zweck 
unerörtert bleiben. Doch rauss hervorgehoben werden, daß im 
Prakrit die Endsilben am im um in lustr. Sing., Gen. Phir. 
und Instr. Plur. für den Sandhi als Kürzen gelten, da hier 
der Anusvära wandelbar ist ; ausnahmsweise wird auch so eine 
Endsilbe am behandelt, deren Anusvära fest ist. 

Ich gehe dazu über, die neue Sandbiregel im Prakrit 
der Jainas durch eine große Zahl von Belegen zu erweisen. 
Für das Jainaprakrit entnehme ich sie zum Teil aus Pischels 
Grammatik der Prakritsprachen § 173 ff., zu denen ich eine 
reichliche Nachlese aus Äcäräiiga, Sütrakrtäiiga, Uttarädhya- 
yana und Dasavaikälika hinzufügen konnte. Die Belege für 
die Jaina MähärästrI sind größtenteils dem Paümacariya des 
Vimalasüri (verfaßt 530 nach Vira = 4 n. Chr.) ^) entnommen; 
nur wenige finden sich in der Samaräicca Kahä des Haribha- 
drasüri (9 Jh. n. Chr.)^). Ich gebe die einzelnen Vorkommnisse, 
der Kürze halber ohne Stellenangabe, getrennt für Jainaprakrit 
(JP.) und Jaina MähärästrI (JM.), und zwar unter a) Satzsandhi 
und unter b) Sandhi im Kompositum. 

1. Auslautendes a fällt vor u ab. 

JP. a) jefiuvahammai, ten'uvägae, ten'uvaittho, tatth' 
uvasaggäj tatth'uvehäe, savvatth'uvahinä, esuvaittJio, jinava- 
renuvadesiyam, bhävass'uvagäritta. b) nisagg -uvaesarui. 

JM. a) etth'uvavayam, tass'uvayärassa, tass'uvasagge, 
pävass'udae, und oft vor uvarim : tass, tujjh', Paumass, 



• 1) Meine Ausgabe dieses 8744 Äryästrophen umfassenden Wer- 
kes wird jetzt in der Nirnaya Sagara Press gedruckt. 
2) Meine Ausgabe in der Bibliotheca Indica. 



über eine neue Sandhireg'el im Päli und im Prakrit usw. 213 

Kasivass', Lacchlharass y nagaräyass', dhammass\ thanän 
utarim usw. 

b) app'-udae, kam7n'-udae, vises'-uvaogo, so'-uvaogo, 
Jcijjanf-urayära, deK -uvagarana, bhand'-uvagarana, savv'- 
uvagarana, chatth'-uvaväsej ghor-uvasaggo, nisäs-iwasaggoy 
jhä?/-uvaogo, hhog'-uvahhogo. 

2. Auslautendes a fällt vor i ab (nur im Satzsandbi). 

JP. ten'iha, egantacärissHlia, Mcceniha, väm'iha, pcl- 
nass ihaloiyassaj tatth'imam {imäo), jassimey tavam cHmam, 
samkha imam ; tatth'iyarä. 

JM. jeti'imam, oft cHmam, c'imehim usw. (ca steht nur 
naeb Anusvära, folgt also immer auf eine lange Silbe) 1cu7ia- 
lenimam, vilaggenimena, eJcJcenimena, apattasimassaj pari- 
catta v'iha. 

Für zwei gleiche Vokale tritt der kurze ein. 

3. ä -i- ä zu ä, 

JP. a) jatth'agam, jatth' avasappantiy tatth'ahiyasae, 
itth'avarajjhai, savvatth'abhiroyaejja; caham, c'ahiyäsejja, 
c'ahhiroyaejja (siebe unter 2. JM.) vä n'alamkio, tarn n'aiJc- 
Jcamejja, jen'aham, tenasamano, tenahiyäro, tass'aJiigäro, 
imenavessai, es'anuphäse, rüvino cev'arüin, olcJchäy'aneMsamj 
gabbhcly' anantaso, päs ahiyäsiyam, papp akheyanne, egüna- 
vann'ahorattä, käen anautti, vuddhen anusäsie, pindenahiyä- 
saejja, udayass abhiyagame, aruyass' avarajjai, jivän avahena^ 
jivätf anantänam. 

b) devind'-abhivandienam, ciW-alainkara, tivv'-abhive - 
danäe, caäranV -ananta, taddavv -anissaro^ sunn-agare, gihi- 
matt'-asanam, räy-amaccä, räyados' abhibhüyappä, pijjados- 
anugayä, sävajf-anumoyanij asacc-amosä. 

JM. a) tass'avarähoy jam nanuhäyam, Dhanadattass* 
ai'aharium, anubandhen avahariOy kohen abhibhüo , anuhava- 
mänmi anegavarisäimy datthün avainnOy dämi'avaväo, sowi' 
anuddharOj tass' anuttaro, tass' Anurähäj tujjh'avuräho. 

b) karavatf-asivattay Sunand'-abhiha, ekk'-avarähaf 
sämanV'aneyaj vairadädh'-asanivegay äs*-avalaggesu. 

4. I -j- * zu I (nur im Satze). 
JP. jams'imej tesimam, jes'ime, sanfime., avakappanf 
imantj bliunjäh'imäim, paleimä, ke'ime, balavant'ihUy loyams 
ihüy kuto v'iha. 



14 Hermann Jacobi, 

JM. (nur vor iha belegbar): harem, pesem\ phälem\ 
lahhäm\ genham\ einte y jäyant\ hhtiüjant\ tavvelamm'iha. 

5. ü -\- üzuü. 
JP. Si) kules'udaggesu, hüyäs'urälam, pänisudagaleve^), 
b) savvann'uvaditthattä. 
JM. sah'-uvaesam. 

Bei auslautendem i und ü vor ungleichem Vokal ist 
teils jenes, teils dieser abgefallen. 

6. Auslautendes ^ fällt vor ä und ü ab. 
JP. jinäm'oham, ebenso daläm', nassäm\ ramäm\ nä- 
hhisamem\ növaläbhäm aham ; issanf anantasOj donnudaMy. 
tinn'udahtj kareh'uvaTckamamy kirne' uvakhamam, anne v'ane- 
garüve. 

7. Nach i fällt anlautendes ä ab. 

JP. giddhehi 'nantaso, ditthihi '^lantähim, handhanehi 
'negehim, huddhehi 'näinnä, vannäi 'negasOj esanti "nantaso, 
növälahhämi 'ham, jävanti ^vijjäpurisä, cattäri 'bhojjaim^ 
agu7iehi 'sahuj ^mm^anehi 'bhiddtijjä, citthanti ^hMtappämänäy 
sülähi 'bhitävat/antij slyanti 'bhikkhanam^ hammanti 'bliipä- 
tinlhim, ammäpiihi ^nunnäo. 

JM. jänämi "kam, vaccämi "ham. 

Beispiele für u sind selten. 8. Es fiel ab JP. savves agärisuy 
bhäsiyam fanubhäsae JM. kirn fiha. 9. Folgendes a fiel 
ab. JP. dsu 'bhitalle, gandavacchäsu 'negacittasuy dosu 
'bhiggaho. 

Das zwiefache Verbalten von auslautendem i und u, wie 
es in Nr. 7 — 9 sich zeigt, ist auffallend. Nach den in 1 — 6 
beobachteten Erscheinungen sollte man den Sandhi von 7. 
jinämaham und von 8. savves agärisu für den normalen 
halten. Dann würden die Erscheinungen in 7. növälahhämi 
'ham und 9. dosu 'bhiggaho auf einer etymologisierenden 
Restitution des Auslautes beruhen, die durch die größere 
Widerstandsfähigkeit des i und u bedingt zu sein scheint. 
Letztere läßt sich durch eine weitere von mir gefundene 
Sandhiregel erhärten, welche mit der bisher besprochenen aufs 
engste zusammengehört. Während nämlich auslautendes a vor 



1) Acärähga II, 1. 11. 7 in meiner Ausgabe steht pänts\ die 
Grammatik fordert pänUu. 



über eine neue Sandhireffel im Päli und im Prakrit usw. 215 



^ö 



schwerer Anfangssilbe im Kompositum regelmäßig und häufig 
im Satze ausfällt, tritt bei auslautendem i (und u) kein Sandhi 
im Kompositum ein (Pischel § 162), und im Satze nur dann, 
wenn die Pänultima lang ist. 

Ich führe nun sämtliche Belege an, die ich gefunden 
habe (zum Teil schon bei Pischel §173): JP. vayanfege, 
taranfegej sanf egaiyäj Jcilanfanne, hinfammäpiyaro, cattär^ 
antaradiväy cattär'itthiyäOy natth'ettha, tes^antie, tes^appat^ 
tiyam, Jcimc'üna, tinneva, huddheKeyam, keyävanti; öfters 
bei vi und pi nach schwerer Silbe: puttä v'ege, siyä vege^ 
je vanne, je yäcanne^ jahä (oder ahä) vegaiyäinij savve 
v'egaiOy do v^ee; evam pege, puvvam p'ege — JM. eh'ehi 
(auch e-ehi geschrieben), deJiänattiyam. 

Gegenbeispiele habeich nicht gefunden; also: bei leichter 
Pänultima bleibt die offene Form. Die Zahl der Belege 
scheint zu gentigen, um von Gesetzmäßigkeit, von einer Sandhi- 
regel zu reden. Man sieht also, daß die Widerstandsfähig- 
keit gegen Reduktion bei auslautenden i bedeutend größer ist 
als bei a. Im Kompositum bleibt i überhaupt erhalten, und 
im Satze muß noch der schwächende Einfluß schwerer Pänul- 
tima hinzutreten, damit Sandhi eintreten kann. Das ver- 
schiedene Verhalten im Satze und im Kompositum macht die 
Annahme nötig, daß der schwere Anfangsvokal des selbstän- 
digen Wortes einen intensiveren Akzent (den der Anfangssilbe) 
trug, als der eines hinteren Kompositionsgliedes. Jedenfalls 
dürfen wir annehmen, daß auslautendes i (und ii) durch den 
Einfluß schwerer Pänultima nicht gänzlich unterdrückt, son- 
dern zunächst nur soweit reduziert wurde, daß es einerseits 
elidiert, anderseits aber auch wieder zu voller Geltung ge- 
bracht werden konnte, vielleicht um charakteristische Endungen 
nicht zu verstümmeln. So finden sich neben den eben an- 
geführten Fällen kllant'anne und tesantie die Varianten 
Jcllanti'nne und tesi'mtie. — Eine andere Erklärung für den 
Sandhi vom Typus: vaccämi 'harn wäre denkbar, nämlich, 
daß aus vaccämiaham durch Samprasärana *vaccamiham ent- 
standen wäre. Wenn die eingangs unter 4. angeführte Sandhi- 
regel des Päli, wonach bei Abfall des auslautenden Vokals 
der folgende kurze Anlautsvokal verlängert wird (bhavüpanlta 
aus hhava-upanita), als eine Vorstufe für das Prakrit der 
Jainas angenommen werden dürfte, hätte diese zweite Er- 



216 Hermann Jacobi, 

klärung mehr Wahrscheinlichkeit. Aber nichts scheint für die 
Berechtigung einer solchen Annahme zu sprechen. 

Die Anzahl der für die neue Sandhiregel angeführten 
Belege beträgt gegen 180, erhöht sich aber noch dadurch, daß 
manche Fälle öfters vorkommen. Wir müssen nun die Aus- 
nahmen von der Regel betrachten, nämlich die Fälle, in denen 
der kurze Sandhivokal eintritt, trotzdem die Pänultima kurz 
ist. Es sind folgende (der elidierte Vokal steht in Klammern) : 

JP. : jäna{i) asäsayam, vindhai {a)bhiJckhana7n, sevdi 
{a)gärikammam ; kesäni vi {a)ham; saim{a)-nantapatte. — 
JM.: chinda{l) imam, hava{i) iha; jai{a)ham, Jcah{a) asi, a?i{a) 
ahomuhani, na y{a) aham, jah{a) anuhhüyäy manabhiräma 
(neben manähhiräma), divasa{a)vasä7ie ; caus{u) tidahimuJiesu, 
gur{u)uvaesa, gu7'{u)-uvaittha. 

Die Mehrzahl dieser Fälle ordnet sich in zwei Kate- 
gorien. 1. Der Sandhi tritt nach der 3. Sing, auf oM ein. 
Nach unserer Regel ist dieser Sandhi nach der 1. Sing, auf 
cwii oder enii, und der 3. Plur. auf anti berechtigt. Wenn 
er auch in der 3. S^ng. erscheint, so liegt wahrscheinlich nur 
eine falsche Übertragung vor, die sich die Autoren namentlich 
mit Rücksicht auf das Metrum erlaubt haben. 2. In der JM. 
findet die Reduktion mehrfach statt nach zweisilbigen Wörtern, 
wo also die Pänultima mit der Anfangssilbe zusammenfällt. 
Hier dürfte der Intensitätsakzent der Anfangssilbe trotz ihrer 
Kürze gleiche Wirkung wie derjenige einer schweren Pänul- 
tima gehabt haben: mdnäbMrama konnte so zu man' abhirü- 
ma werden. — Endlich in caus^udahhmchesu darf man die 
einsilbige Aussprache von caus annehmen, wie wir ja oft 
{coddasa usw. neben caüddasa usw.) finden. Nach Abzug dieser 
Fälle bleiben nur noch drei übrig, die einer Entgleisung oder 
metrischem Zwange^) ihre Entstehung verdanken mögen. 
Jedenfalls ist die Anzahl der Ausnahmen minimal. — Es findet 
sich aber auch noch eine andere Überschreitung unserer Regel, 



1) Letzteres ist sicher der Fall in Dasav. nir. 97: phäsuya- 
akaya-akäriy'-ananumay'-anuddittha-hhol] denn diese Zeile soll der 
gleich folgenden entsprechen, welche das Gegenteil der ersteren 
ausspricht: apphäsuya-kaya-käriya a7iu'maya-uddittha-bhoino. In 
solchen Fällen tun Jaina-Autoren ohne Bedenken der Sprache oder 
dem Mtitruni Gewalt an. — Ib. V, 194 lies ekkekkä vi aneyavihä für 
vir ya 'negavihä in Leuraanns Ausgabe ZDMG. 46, 452. 



über eine neue Sandhireffel im Päli und im Prakrit usw. 217 



^fc) 



insofern als zuweilen auch ein langer Endvokal, namentlich 
am (für am) nach langer Pänultima elidiert wird. Ich habe 
mir folgende Fälle notiert: pänaiväyaejja für päne ai^ ; am 
fällt ab in: vipariyäs'uvei und uventi, pavänc'uvei, dhamm' 
anuttaram, saram' anusäsayanti, carissaliam, pucchissaham. 
Diese Unregelmäßigkeit zeigt aber, wie stark die reduzierende 
Kraft langer Pänultima im Prakrit der Jainas ist, und ist also 
in dieser Hinsicht eine interessante Erweiterung unserer Regel. 
Ich gehe nun dazu über, die Gültigkeit unserer Regel, 
der zufolge kurzer Sandhivokal nach langer Pänultima stehen 
darf, auch für das Päli zu erweisen. Die Mehrzahl meiner 
Belege sind dem Sutta Nipäta, den Thera- und Therl-gäthäs 
entnommen, doch weisen auch die Prosatexte manche Fälle 
des fraglichen Sandhi auf. Die Gruppierung der Vorkomm- 
nisse ist dieselbe wie oben beim Prakrit der Jainas. Wenn 
die Handschriften zwischen Kürze und Länge des Sandhi- 
vokals schwanken, ist dies durch m angedeutet. 

1. a -\- u 7.U u. 

a) Stereotype Formel: Jena NN., teii'upasamkami. cit- 
tass'upasame, yass'iihJiayante, palckhassupavass'uposatliam, 
ajjuposatho, ass'uposatho, salcJcayass'uparodhanam^ tasito 
r'udakam^ lohitam n'upasussaye, hhojane n'upalippati, ten' 
upasohhati. 

b) ek'tiposathä, atthafig'-uposatM, culV-upatthäko, upa- 
vutth' - uposathOy gilän' - upatthäkanam, Buddh' - upatthänam , 
Tcäm'-upadänam, ditth' -upädänam, attaväd'-upädänam, sahh'- 
upädänam Jcänt-upajJatfi, domanass'-upäyäsä, äcariy'-upaj- 
jhdye, vimän - upasamä, vaggJi - usahho, paradatf - upajivi, 
pcln'-upetam, väs'-upagatam, nicc'-uyyuta, vann -üpasamhitam . 

2. a -\- i zu i. 

tatr^ime^ rammam cimam, vinnänam cidam (usw.), sahbe 
c'imej sabbe vime, evidha, evidam, henidlialogasml. 

3. a + a zu a. 
dhammass'akovidä, piyenaiittam, kamardgen' avassutä, 

pattasoke7i' aham^ sutvänaham, edhitth'ayam, jarayabhihatäj 
dwasassaharrij etain caham^ apäpikä casi. 

4. i -\- i zu i. 
täres'imam, nlyadayäJi Imam, kec'ime, punnam pimam 
(auch sonst pHme usw. nach langer Silbe), bahubhänidha. 



218 Hermann Jacobi, 

5. u -\- u zu u : ah'uposatham. 

6. i -\- azua; i -{- u zu u. 
vamäm ahayn, passäm aham^ mannäm aham, Jcarom^aharriy 
ohassayäm aharriy sädhayissäm aham ; virajfahanij nistd' aham, 
sampatwijjh'aham ; uccävaceh'upäyehi, nädiyissanfupajjhäyef 
äs'upasampadä. 

7. i -{- a zu i. 
cäri 'ham, bhunji 'ham, vicäri 'ham, asevi 'harrt, nirajji 
"kam, samatimanni 'ham. 

S. u -\- i zu i : yesldha. 

Die Anzahl der Belege (75) ist nicht halb so groß wie 
im Prakrit der Jainas, und wenn sie sich auch durch aus- 
gedehnteres Suchen vielleicht einigermaßen vermehren ließe, 
würde sie doch immer bedeutend hinter jener zurückbleiben. 
Die Ursache hiervon ist in der konkurrierenden Sandhiregel 
des Päli zu suchen, wonach anlautender kurzer Vokal ver- 
längert wird, wenn der auslautende Vokal abfällt. 

Unserer Regel fügen sich nicht folgende Fälle: pharus'- 
upaklcamci, hhijjatuyam^ pankena c'anuUtto, samsari "hamy 
tadah'-uposatha, sUabbaf-upädänam (zwischen vier gleichen 
Zusammensetzungen, in denen ü gesetzmäßig steht) Sclfimattiy- 
Upäli ca (in einer Inhaltsangabe). Die Anzahl dieser Gegen- 
beispiele ist auch hier so gering, daß die Richtigkeit der 
Regel dadurch nicht in Frage gestellt wird. 

Die im Prakrit der Jainas geltende Regel, daß vor 
schwerem Anfangsvokal auslautendes i nur nach schwerer 
Pänultima elidiert wird, hat für das Päli keine Gültigkeit, 
da daselbst die Elision ebensowohl nach leichter wie nach 
schwerer Pänultima eintritt. Langer Auslautsvokal ist wie 
kurzer nur in hahuhhänij,) idha behandelt; es läßt sich aber 
dasselbe in andern Sandhierscheinungen zuweilen beobachten, 
z. B. anuttar{o)äyam für anuttaro'yam (S. N. 690), was hier 
nebenbei angemerkt sei. 

Die sprachliche Erklärung der besprochenen Sandhiregel 
dürfte keine Schwierigkeit machen. Die Reduktionen, die im 
Nachlaute schwerer Pänultima eintreten, sind zweifellos durch 
einen. expiratorischen Akzent verursacht, der auf der vorletz- 
ten Silbe liegt. Und darin liegt die eigentliche Bedeutung der 



über eine neue Sandhiregel im Pali und im Prakrit usw. 21& 

von mir gemachten Beobachtungen, daß nunmehr der Charakter 
der Betonung im Päli und Prakrit der Jainas als Intensitäts- 
betonung (Iktusakzent), und ein Hauptprinzip derselben, näm- 
lich die Abhängigkeit dieses Iktusakzentes von der Quantität 
der vorletzten Silbe, unzweifelhaft festgestellt sind. 

Ich hatte schon in einem Vortrag auf der Generalversamm- 
lung der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft zu Bonn^ 
16. Sept. 1893 (ZDMG. 47, 574ff.), 'Die Betonung im klassischen 
Sanskrit und in den Prakritsprachen' auf Grund des von Bühler 
in der heutigen Aussprache des Sanskrit beobachteten Iktus- 
akzentes, der im allgemeinen dem des Lateinischen entspricht, 
durch eine größere Anzahl von Fällen, in denen Reduktion oder 
selbst Synkopierung von Silben erfolgt ist, nachzuweisen ver- 
sucht. Meine Resultate wurden bestätigt auf dem Gebiete der 
neuindischen Sprachen durch Grierson (ZDMG. 49, 395 ff.); 
dagegen versuchte Pischel (KZ. 34, 568ff. ; 35, 140ff.), die Nach- 
wirkung des vedischen Akzentes im Prakrit nachzuweisen. 
Doch waren die Annahmen, die er zur Durchführung seiner 
Idee machen mußte, so künstlich, daß ich sie leicht und m. E. 
gründlich widerlegen konnte, KZ. 35, 578 ff. In demselben 
Aufsatze wies ich nach, daß das sanskritische Akzentsystem, 
welches die Phit-sütras lehren, eine Übergangsstufe von dem 
alten Akzent zu dem neuen, von mir für die Prakritsprachen 
postulierten Betonungsgesetz darstellt. Trotzdem hat Pischel 
im Grundriß an seiner Behauptung festgehalten § 46 ; nur in- 
sofern hat er eine Konzession gemacht, als er zugibt, daß 'in 
Sauraseni, Mägadhi und Dhakkl auch der Akzent des klassischen 
Sanskrit nachweisbar ist, der mit dem des Latein meist überein- 
stimmt'. Aber er schließt ausdrücklich MähärästrI, Ardhamägadhi 
(= Jainaprakrit) und JainamähärästrI aus, auf die sich mein Nach- 
weis bezog. Nachdem durch die von mir im Päli und Prakrit 
der Jainas gefundene Sandhiregel für diese Sprachen eine Be- 
tonung festgestellt ist, die von der Quantität der vorletzten 
Silbe abhängig ist, darf Pischels Widerspruch gegen sie als 
endgültig beseitigt betrachtet werden^). 



1) Gewisse Synkopierungen, die ich auf das praktische Be- 
tonungsgesetz zurückgeführt hatte, sucht Pischel § 164 ff. durch 
Zusammenfließen sog. Udvrttavokale zu erklären, d. h. solcher Vo- 
kale, die nach Schwund des vorausgehenden Konsonanten silbe- 
anlautend wurden, z. B. andhära aus andhaära = andhakära. Einen 



220 Hermann Jacobi, 

Obgleich nun die Hauptfrage über das Wesen der pra- 
kritischen Betonung entschieden ist, bleiben doch noch manche 
näheren Bestimmungen des Akzentsystems im dunkeln. Meine 
Grundlage bildeten, wie gesagt, Btihlers Angaben über die 
jetzige Betonung des Sanskrit; aber es ist mir zweifelhaft, 
ob dieselben erschöpfend sind. Wenigstens habe ich von 
Indern aus verschiedenen Landesteilen, die mich hier besuchten, 
oft lange Endsilbe betonen hören, sehr bestimmt beim Abi. 
Sing, auf ät. Aber in welchen Fällen die Endsilbe betont ist, 
und in welchen nicht, konnte ich bisher nicht feststellen. Be- 
trachten wir nun von diesem Gesichtspunkte die Sandhi- 
erscheinungen, so finden wir in einzelnen Fällen im JP. kurzen 
Sandhivokal nach schwerer Pänultima trotz langen Endvokals 
(siehe oben 217); im Päli finde ich wenigstens einen Fall 
bahubhän'idha für ^bhänl idha. Hier also war die Pänultima 
und nicht die lange Endsilbe betont. Gewöhnlich aber muß 
daß Umgekehrte der Fall gewesen sein, namentlich im Päli; 
denn dort kann nach langem Endvokal kurzer anlautender 
Vokal elidiert werden: so ^ham, yo 'dha für yo idha, worin 
wir eine Wirkung des Akzentes im Nachlaut betonter Endsilbe 
sehen müssen. Im JP. kann anlautendes a nach ä e ö ab- 
fallen, in einzelnen Fällen nach ^ und am (Beispiele bei Pischel 
§ 175; nach ä nimmt P. Kontraktion an, § 172); ein Beleg für 
ü: camü 'mJcim (Paümacariya 56, 6). Beweisend ist aber die 
Verstümmelung zweisilbiger Enklitika iva zu va, ceva zu cia, 
api zu pi vi (auch khahi zu Jchu), die ja meist hinter langem 
Endvokal ihre Stelle haben (vgl. auch ZDMG. 47, 579f). — 
In anderer Beziehung bin ich über Bühlers Akzentregeln schon 
in meinem ersten Aufsatz hinausgegangen (S. 577), indem ich 
für die Anfangssilbe den Aufton in Anspruch nahm. Aus den 
Sandhierscheinungen läßt sich für denselben ein Anzeichen 



Schein von Berechtigung hat diese Hypothese nur für die klassische 
Mähärästii, in der die Konsonanten zwischen Vokalen gänzlich 
schwinden, nicht aher für JP. und JM., wo gewisse Konsonanten 
nicht ausfielen und trotzdem die Kontraktion eintrat, z. B. khandhära 
für khandhävära = skandhävära, satthäha für satthaväha = särtha- 
väha, cakkäya für cakkaväya = cakraväka, süyära für süvayära = 
süpakära. Um die Kontraktion über den trennenden Konsonanten 
zuwege zu bringen, bedurfte es eines Zwanges, für den es schwer 
sein wird, eine andere Ursache ausfindig zu machen als eine Akzent- 
wirkung;. 



über eine neue Sandhiregel im Päli und im Prakrit usw. 221 

entnehmen, insofern wir oben feststellen konnten, daß vor 
schwerem Anfangsvokal selbständiger Wörter das auf schwere 
Pänultima folgende i elidiert werden kann, nicht aber im 
Kompositum-, als Grund vermuteten wir, daß der Auf ton des 
selbständigen Wortes stärker ist und darum größere redu- 
zierende Kraft hat als der eines hinteren Gliedes im Kom- 
positum. Des weiteren fanden wir oben S. 216, daß in zwei- 
silbigen Wörtern der Auslaut im Sandhi schwinden kann, selbst 
bei leichter Anfangssilbe, indem offenbar hier der Aufton ebenso 
wirkte, wie der Akzent schwerer Pänultima in anderen Fällen. 
Es muß weiterer Untersuchung überlassen bleiben, die 
genaueren Bedingungen ausfindig zu machen, von denen die 
Stelle des Iktusakzentes im Päli und Prakrit abhing. 

Bonn. 

Hermann Jacobi. 



Nachtrag. In Jaina Erzählungen (Samaräicca Kahä, 
Ausgew. Erz. i. Mähärästri usw.), die sonst nur seltene Reste 
der oben besprochenen Erscheinungen enthalten, finden sich 
ungemein oft typische Wendungen von der Form : hhaniyam ca 
nena neben anena hhaniyam und hhaniyam anena^ ebenso mit 
cintiyam und andern Partizipien, sowie mit anäe miehhn ana- 
him. Es ist klar, daß hier ein Fall des oben erwiesenen 
Sandhigesetzes vorliegt und hhaniyam c'anenaj nicht ca nena 
zu trennen ist. Die Formen nena usw. sind alle durch Sandhi 
entstanden. Denn auch in Verbindungen wie dittho 7ienay nio 
nena ist das a nach langem Schlußvokal ausgefallen, cf. letzte 
Seite. Erhalten hat es sich in gleicher Stellung ebenfalls: 
püio anena\ dagegen fallen Wendungen wie hhanio y'anena^ 
nio y anena, änio yanehim unter unsere Sandhiregel. — Bei- 
läufig sei bemerkt, daß also yieria usw. nicht mit inam in 
Zusammenhang stehen, wie Pischcl, Gramm, d. Prakrit-Spr. 
§431 annahm. 



i?22 Albert Thumb, 



Über die Behandlung der Lautgruppe -oö- in den 
nordwestgriechischen Dialekten. 

Die bekannte Tatsache, daß in nordwestgriechiscben Dia- 
lekten cG in Fällen, wie z. B. (lokr.) eXecrai als ex erscheint, wird 
allgemein so gedeutet, daß hinter c in Tennis übergegangen 
sei, wie wir dies als Regel im Neugriechischen beobachten. 
Vgl. z. B. G. Meyer Griech. Gr. ^ 352, Brugmann Griech. Gr.^ 106, 
Bück Greek Dialects 55, Solmsen KZ. 42. 217. Man kombiniert 
mit den mundartlichen Formen ähnliche hellenistische Schrei- 
bungen, in denen man den Vorläufer des neugriechischen Zu- 
standes zu sehen berechtigt ist. Aber ich hege schon seit 
längerer Zeit ernste Zweifel, ob die übliche Auffassung der 
nordwestgriechischen Belege für ct = c6 richtig ist, und habe 
mich daher in meinem Handbuch der griechischen Dialekte 
(S. 60. 190 und sonst) vorsichtig ausgedrückt, d. h. mich begnügt, 
das Vorkommen von ct für c9 einfach zu verzeichnen. Schon 
der zeitliche Abstand zwischen dem Auftreten des ct im 
Nordwestgriechischen und in der Koivri macht nachdenklich. 
Denn da die Verwechslung von cG und ct in ägyptischen Papyri 
(s. W. Schmid Wschr. f. kl. Phil. 1899, 510, Mayser Gramm, 
der Papyri 179) und kleinasiatischen Koivri-Inschriften wegen 
der allgemeinen Vertauschung von Tennis und Aspirata (Thumb 
Hellenismus im Register, s. v. Konsonanten, und Mayser a. a. 0. 
177 ff.) für die Behandlung des nach c nichts beweist, so 
reduzieren sich die beweiskräftigen hellenistischen Belege für 
CT = c0 sehr und verschieben sich chronologisch in eine ziem- 
lich junge Epoche der Koivri. Und sie reduzieren sich noch 
mehr, wenn wir die Formengruppe außer acht lassen, in der 
nordwestgriechisches ct erscheint. Durchmustern wir unter 
diesen Gesichtspunkten die bei Jannaris Hist. Grammar § 177, 
K. Dieterich Untersuch. 101 f., Schwyzer Perg. Inschr. 129 
gesammelten Fälle, so ergeben sich lautgeschichtlich verwend- 



über d. Behandl. d. Lautgruppe -cG- i. d. nordwestg-r. Dialekten. 223 

bare Formen wie dcievric erst in spätgriechischen Glossaren. 
Das ist an sich gar nicht überraschend: denn der ngr. 
Wandel von c0 in ct (ccp ex in ctt ck) hängt jedenfalls mit 
dem Spirantischwerden der Aspiraten zusammen, und dieser 
Prozeß läßt sich in der Koivri erst seit der Kaiserzeit nach- 
weisen. 

Beschränken wir uns auf die mundartlichen Belege des 
Vorgangs, so sind auch da nicht alle Schreibungen gleichartig. 
So dürfen kret. (Vaxos) juicxo und djuictöc (zu juicGöc) und lak. 
dJiTOCTpuGecTai, xp^ciai deshalb nicht mit nordwestgriech. ct 
auf die gleiche Stufe gestellt werden, weil die jüngere 
Entwicklung der beiden Dialekte überhaupt einen Zusammen- 
fall von cG und ct in eine nicht sicher bestimmbare, aber 
wahrscheinlich einem tt" oder tp nahekommende Lautgruppe 
zeigt (Thumb Dial. 88. 89 f. 129): vermutlich ist ct zunächst 
aspiriert worden, und da im Lakon. zu s geworden war, so 
konnte f gar nicht anders (wenn auch in unvollkommener 
Weise) als durch t dargestellt werden^), und die Schreibung 
CT in Vaxos mag gewählt sein, um die lautliche Verschieden- 
heit von sonstigem kret. c0, das zu 00 geworden ist, recht 
deutlich zum Ausdruck zu bringen. Über böot. ct s. unten. 

Für die Beurteilung der nordwestgriechischen Fälle gibt 
die Ordnung der Belege nach chronologischen und morpho- 
logischen Gesichtspunkten einen Anhaltspunkt (die einfachen 
Nummern beziehen sich auf Collitz' Samml.). 

A. Lokris. 

Imperativ: Infinitiv: 

1478 (1. Hälfte des — XP^cTai (4mal), hapecTai 
5. Jahrb.) ^ (2 mal), iraiuaTOcpaTei- 

CTtti (2 mal) 

1479 (Anfang des XP^ctö, heXecTai 

pelop. Krieges) heXecTö 

Gegenbeispiele mit cG fehlen. Aus späterer Zeit dcqpdXeiav 
(1504 b). 



1) In diesem Sinn ist meine Bemerkung Dial. § 95, 1 Anm. zu 
modifizieren. Auch Solmsen Beitr. z. Wortforsch. 106 trennt die 
lakon. Formen ebenso wie äol. ^v[€x]^ctu) (S. 191) von den nord- 
westgr. Fällen. Er vermutet hier das Ergebnis einer Hauchdissi- 
milation, womit auch ich mich einverstanden erklären könnte. 



224 



Albert Thumb, 



B. Delphi und Phokis. 



Delplii. 
Leges sacrae 73 

(5. Jhd.) 
2561 (Labyaden-I., 

Anf. des 4. Jbd.) 
2501 (380 V. Chr.) 
2615 (270 bis 260 

V. Chr.) 
2733 (242 bis 230 

V. Chr.) 
2645 (230 bis 200) 
Bull. 26, 280 (um 

200) 
2642 (2. Jhd.) k 

Bull. 26, 85 
2135 (117 V. Chr.) 
2288 (150 bis 140 

V. Chr.) 
2172(140—100) Ktt 
2141 (140—100) 
2202 (140—100) 
2569 (140—100) 
Bull. 22, 76 (kurz 

nach Chr. G.) 



Imperativ: 

hiXaHdcTÖ 
XeXucOuj 



Infinitiv : 



aTa(p)x€CTUJV, 
Kaiaxpeicötucav 
dTToXeXvjCTuu 
•fivecTuj 



TabouXicdcTUJ 
(p[uXac]cecT(Juv 



dTToXeXucTO) 



beHfTc9ai 

dTToXeXucOai, eppucidc- 
Tai 
evTciXacTtti 

TTapafevecTai 
beböcGai 

KaxaxpeTcGai 

epY]dHac8ai 

dTTOboöcGai 



uiOTTOiricaccTai 
KaiaYUJviHacöai 



Vereinzelt TTpöcia = rrpöcGa in der Lab.-I. (C 4o). 

Die Belege aus Phokis lassen sich nicht so leicht chrono- 
logisch anordnen: sie gehören alle der hellenistischen Zeit an, 
einige der röaiischen Kaiserzeit. Formen mit ct und c6 gehen 
nebeneinander her. Der Imperativ auf -ctiu ist 7 mal belegt, 
nämlich KaTabouXiHd(c)cTUj 1523. 1546. 1555 b. c. e. f, 6ecTU)V 
1539 b gegenüber 3 maligem c0 in KaTabouXiHdcöuu 1545. 1555, 
eKbiKaHecGujcav 1552 b, der Infinitiv auf -ciai einmal, diTOTToXi- 
Teucacrai 1539 a, gegenüber 7 maligem Inf. auf -c9ai (1523. 
1532- a. b. c. 1539, Bull. 25, 235 24, Inschr. von Magnesia 
nr. 34). 



über d. Behandl. d. Lautgruppe -cG- i. d. nördwestgr. Dialekten. 225 



C. Elis. 
Imperativ : 

KeXoicTäv 
TijudcTöv 

XucdcTö, TreirdcTÖ 



Infinitiv 



1147 (Biistroph.) — XPeecxai 

1151 (6. Jahrb.) 
1159 (1. Hälfte d. 
5. Jhd.) 
1168 (arch.) 

Gegenbeispiele fehlen in älterer Zeit. Über irovriaccai (1172, 
Damokrates-I.) und dTroböccai (Solmsen Inser. 40, Amnestiegesetz) 
s. u., ebenso über irdcKOi 115"^ (arch.) und iröcxriv Solmsen nr. 40. 

Das von Meister Dial. 2, 54 angeführte TipocTiZiiüv (1157) ist so 
wenig gedeutet (TrpocGiöioc nach Meister), daß es nicht als Instanz für 
CT = c0 angeführt werden kann. Falls es zu -rrpöcöa gehört, ist es 
wie delph. -rrpöcTa zu beurteilen, s. unten. 

Das Auftreten des ex in einem engbegrenzten Bereicb 
der Verbalflexion spricht deutlich gegen eine lautliche und 
für eine analogische Erklärung: wir haben in den er- Formen 
das Gegenstück zu dem Vorgang, der im Thessal. zu eiXovOo, 
ßeWouvOeiv und dgl., im Boot, zu TrapYivuuuvGri, cuveßdXovöo, 
KaXeovOi, TTpoicidvOu) usw. geführt hat; auch im Phokischen 
sind solche Formen belegt (icTdvGuu und icTOtveiuv 1539). Ich 
vermutete Dial. 230, daß das zunächst in der 3. PI. -9ai, 
-Od entstanden und hier von -|Lie0a, -c6e übertragen sei. Um- 
gekehrt hat nun -xai, -to auf die 2. Sing. -c0€ und den Im- 
perativ auf cOuu eingewirkt. Die erstere Form ist vermutlich 
als 'Böotismus' in vulgär.-att. ßoXecTe (4. Jahrb.) erhalten 
(vgl. Thumb Dial. 378, Solmsen Beitr. z. gr. Wortf. 191), 
denn auch in Böotien erscheinen gelegentlich Infinitive wie 
KaTabouXiTTacTri eqpdTTTecTri (Meister Dial. 1, 261), die ihrer- 
seits aus dem nordwestgriechischen Dialektgebiet zu stammen 
scheinen. Daher ist es wahrscheinlich, daß auch die erst in 
der Kaiserzeit auftretenden att. Formen T^vecTU), dTroTpaqpecTUj, 
Ka0apic2;6CTa) und Ka0apicZ!ecTai (Meisterhans-Schwyzer Gramm. ^ 
80) auf demselben Weg nach Attika gelangt sind. Bei der 
Umgestaltung von -c0a) in -ctiu hat vermutlich der aktive 
Imperativ auf -eiiu, -diuj, -tiu (eciuj) begünstigend mitgewirkt. 
In phok. Inschriften begegnen diese aktive Formen zusammen 
mit der medialen auf -ctuj nicht selten (vgl. z.B. 1523. 1555). 

Vom Vcrbum finitum aus hat sich -ct-, das im Sprach- 
gefühl zum Charakteristikum des Mediums geworden war, auf 

Indogermanische Forschungen XXXI. 15 



226 Albert Thumb, 

den Infinitiv ausgedelint. Bei dem mangelhaften Belegmaterial 
kann man diesen Prozeß nicht mehr feststellen; doch scheint 
das delph. Material für die chronologische Folge -ctuj -ciai 
zu sprechen, und im Phokischen und Delphischen erweist sich 
der Imp. -ctuj als die festere F'orm. Daß ein Ausgleich 
zwischen Verbum finitum und Inf. im Sinn der mundart- 
lichen Entwicklung des Griechischen ist, zeigen am deut- 
lichsten die thess. F'ormen ßeXXeiiei, ßeXXouvGeiv und dgl. 
(Hoffmami Griech. Dial. 2, 567 f., Nacinovich Note sul voca- 
lismo dei dialetti di Larissa e dl Gortyna S. 3 ff., Thumb 
Dial. 243); das -€i statt -ai der finiten Endungen stammt offen- 
bar aus den Infinitiven eccecGeiv beböcGeiv usw., wie ich Dial. 
244 f. ausgeführt habe^). Und daher ist es nicht merkw^ürdig, 
daß auch das Verbum finitum seinerseits mit seinem t auf den 
Infinitiv -c6ai eingewirkt hat: im Thess. selbst sind eXecreiv, 
TreTreicieiv dafür Zeugen. Es ist endlich zu beachten, daß 
alle diese genannten Formen des Thessalischen auf das Gebiet 
von Larisa beschränkt sind, und so erhebt sich die Frage, 
ob das thess. ct ~ c0 zu den zentral- oder westgriechischen 
Elementen des thess. Dialekts gehört. Die Beantwortung 
dieser Frage hängt davon ab, wie wir die Herkunft der pho- 
kisch-lokrischen, elischen und evtl. böotischen Formen beant- 
worten. Mit dem böot. -cxai kann man sich als mit einem 
jüngeren Eindringling aus dem Phokisch-Lokrischen am leich- 
testen abfinden. Aber ob die phok.-lokr.-elische Formengruppe 
westgriechisch oder zentralgriechisch sei, wage ich ebensowenig 
zu entscheiden wie z. B. die Frage nach dem eigentlichen 
Heimatgebiet von ev c. Acc. (Dial. 180). Wenn die west- 
lichen Dialekte des nordwestgriechischen Gebiets (Epirus, Akar- 
nonien, Ätolien) nur -c0uu(v) und -c0ai bieten (s. Salonius De 
dial. Epir. usw. 109. 161. 166), so ist dieser Feststellung in 
anbetracht des Inschriftenmaterials (d. h. des Mangels dialekt- 
echter älterer Texte) kein erhebliches Gewicht beizumessen. 
So wüßte ich weder für west- noch zentralgriechischen Ur- 
sprung irgend ein entscheidendes Kriterium anzugeben. Daß 
aber (ältere) Dialektmischung in unserer Formenkategorie statt- 
gefunden hat, dafür sprechen außer dem thess. Befund die 



1) D. h. ich glaube nicht an eine lautliche Entwicklung von 
a\ zu ei, die z. B, von Hoffmann Dial. 2, 423 f. ano-enommen M-^ird. 



über d. Behandl. d. Lautgruppe cG- i. d. nordwestgr. Dialekten. 227 

schon angeführten elischen Nebenformen iroinaccai, diroböccai : 
in Elis stehen sich ein ^ct-' und ein ^cc-' Dialekt gegenüber 
(Dial. 175), denn vom ersteren ist zum letzteren keine Brücke 
zu schlagen, d. h. besteht eine grundsätzliche Verschiedenheit. 
Ei. -ccai ist wohl über -Oöai aus -cOai hervorgegangen: so- 
wohl die Spirantisierung des 9 (vgl. die el. Glosse ßopcov = 
6p66v), wie die vorauszusetzende Assimilation von c0 in 06 
weisen auf Beziehungen zum jüngeren Lakonisch (weiterhin 
zum Kretischen), wie ja auch der Rhotazismus des -c ein Merk- 
mal des jüngeren Lakonisch und Elisch ist. Da ferner der 
elische 'cc-' Dialekt auch die Verhauchung des intervokalischen 
c (dbeaXTcuhaie, TTOiriaxai gegenüber sonstigem Gucac eviKacav) 
mit dem Lakonischen teilt, so ist wenigstens zu vermuten, 
daß der ^ci-Dialekt' nicht identisch ist mit demjenigen Dia- 
lekte, dem die Verhauchung des -c- entstammt. Wenn nun 
meine Vermutung richtig ist, daß diese Erscheinung zentral- 
griechisch ist (Dial. 85), so ist immerhin mit einer gewissen 
Wahrscheinlichkeit daraus zu folgern, daß die ci-Formen zum 
westgriechischen Bestand des Elischen und Phokisch-Lokrischen 
gehören. 

Wo sich CT- Formen außerhalb des beschriebenen Be- 
reiches finden, liegt derselbe Vorgang vor, der auch den nord- 
westgriechischen Ausgang -oic der Konsonantstämme (xpr||ud- 
Toic und dgl.) über sein ürsprungsgebiet hinaus verbreitet hat. 
Einige Belege, die Böotien (Thess.) und Attika betreffen, 
wurden schon besprochen. Hierher gehört außerdem mess. 
dYeicTuu (4689 ss, Andania, neben Infin. -cGai) ; auch die oben 
angeführten lak. Belege können unter diesem Gesichtspunkt 
betrachtet werden. 

Ist meine analogische Erklärung richtig, so dürfen in 
der älteren Zeit keine Gegenbeispiele vorhanden sein, die nur 
durch Annahme einer rein lautlichen Entaspierierung der Laut- 
gruppe c + Aspirata verständlich werden. Soweit überhaupt 
eindeutige Belege sich finden, weisen sie regelrecht c0 auf; so 
begegnet z. B. )uic0öc in Delphi wiederholt, ferner Namen wie 
'Ettic06vtic, K\€oc0evTi(;. Doch scheinen irpöcTa in der Lab.-L 
und irdcKOi in Elis (1152, arch.) gegenüber Trdcxrjv im Amnestie- 
gesetz zu widersprechen. Auch delph. 'IcKea (2068 n, 194 
V. Chr.) gegenüber icxeTaov (2502 A. 7. 13, 4. Jh.), hoiricxo- 
)Liai (Lab.-I. A 11 u. 2501 n), Trapicxeiv (Bull. 26, 41), icxe- 



228 Albert Thumb, 

7T\iv[ea (ib. 63) und ZiraTpoc (1816 2, 150—140 v. Chr.) gegenüber 
dccpdXeiav (z. B. Bull. 2%, 270) können entgegengehalten werden. 
Daß jedoch IiraTpoc mit einer mundartlichen Entaspirierung nichts 
zu schaffen hat, lehren Doppelheiten wie cqpupic und CTiupic, ccpd- 
payoc und CTrapfn und die verwandten Fälle mit ex- ck- = uridg. 
shJi' (Meyer Gramm. ^ 279). Ob ferner der Name 'IcKeac nur 
eine lautlich-graphische Variante von Namen wie 'Icxe-vooc ist, 
bezweifle ich; denn es gibt zwei andere Erklärungsmöglich- 
keiten. Einmal kann 'IcKeac Kurzform eines 'IcKejuaxoc oder 
dgl. (mit Hauchdissimilation) sein. Zweitens darf man auch 
an das Verbum ickuu denken, und selbst wenn man von icxuu 
ausgeht, so ist eine analogische Umgestaltung nach jenem ickuu, 
bzw. nach Verben auf -ckuj nicht auszuschließen. Eine solche 
Umgestaltung liegt in el. irdcKUJ vor, wie Bück Greek Dia- 
lects 56 mit Recht vermutet. Dann bleibt aber nur rrpöcTa 
als Gegeninstanz übrig. Es ist bekannt, daß Adverbien reihen- 
weise analogischer Umbildung der Endung unterliegen. Gerade 
in Delphi haben wir genug Belege hierfür, so evböc und evbiu 
statt evbov nach exOöc (gkiöc) und eguu, ferner e'xOuj statt e'Huj 
nach exOöc, eHöc statt exOöc nach e'Huj; es fanden also recht ver- 
schiedene Kreuzungen statt. Nun kennen wir freilich immer 
noch zu wenig die Adverbien des delphischen Dialekts, um 
unter ihnen die Musterformen für irpöcTa zu finden. Aber die 
Annahme scheint mir nicht kühn, daß ein Trpöcia statt TtpöcGa 
durch den Ausgang der als äolisch überlieferten Adverbien 
TTOxa, öia, dWoia, eiepiuTa (Hoffmann Dial. 2, 273 f.) hervor- 
gerufen sei. Allerdings sind bis jetzt nur ÖKa, TOKa und -iroKa 
in wenigen Belegen bezeugt; aber daß jene äol. -la-Formen 
im delph. Dialekt möglich sind, ergibt sich aus sonstigem 
zentralgriechischen Einschlag (s. Thumb Dial. 188). Jedenfalls 
ist Tüpöcxa wenig geeignet, als Instanz für einen Lautwandel 
c0 in CT zu dienen. 

Einige attische Schreibungen von ct statt cG sind nach ^ 
Meisterhans-Schwyzer Gramm. ^ 80 zu unsicher, um etwas zu 
beweisen; selbst wenn man aber 'AXKicxevou, 'Ettictcvou als 
vollgiltige Belege für ct = cO ansieht (Wilhelm Österr. Jahresh. 
7, 103), beweisen sie doch nur etwas für das jüngere Attisch, 
nichts für das Nordwestgriechische. Was speziell megar. Ai- 
TÖcTeva betrifft, so ist das die alte echte Schreibung des Orts- 
namens, für die erst in jüngerer Zeit die Schreibung Aitö- 



über d. Behandl. d. Lautgruppe -cG i. d. nordwestgr. Dialekten. 229 

cOeva eingetreten ist — ob volksetymologisch (Solmsen Beitr. 
z. gr. Wortf. 106) oder durch eine sekundäre Aspirierung des 
T hinter c, lassen wir dahingestellt. 

Es fallen mithin alle Gründe weg, die für einen alt- 
dialektischen Lautwandel von c0 in ct zu sprechen scheinen; 
die nordwestgriechische und neugriechische Schreibung von ct 
haben nichts miteinander zu tun. Damit fällt auch die An- 
sicht Kretschmers (Entstehung der Koivri S. 13 f.), daß der 
neugriech. Wandel seinen Ursprung im Nordwestgriechischen 
habe — ganz abgesehen von dem, was sonst gegen Kretsch- 
mers Hypothese spricht. Die hellenistische Schreibung ct 
setzte erst ein, als qp x in Spiranten überzugehen anfingen, 
die nordwestgriechische ist ein morphologischer Prozeß und 
gehört überdies einer Zeit an, wo das c vielmehr die Ten- 
denz hatte, eine Tenuis zu aspirieren, wie sich aus den Schrei- 
bungen xc cpc für H \[) und aus Fällen wie Te'xvri aus "^TCKcva 
und dgl. ergibt. Vgl. ferner Dial. § 95. 4. Es spricht also auch 
der Gesamtcharakter der älteren griechischen Lautentwickelung 
gegen die herrschende Auffassung, die ich in den vorher- 
gehenden Zeilen bekämpft habe. 



Straßburg i. E. 



Albert Thumb. 



280 W. Havers, 



Zur 'Spaltung' des Genitivs im Griechischen. 

K. Meister kommt in seiner Dissertation 'Der syntaktische 
Gebrauch des Genetivs in den kretischen Dialektinschriften' 
IF. 18, 133 ff. unter anderem zu dem Resultate, daß sich der 
partitive Genitiv in Abhängigkeit von einem Nomen aus 
einem ursprünglich unabhängigen und adverbalen Genitiv her- 
ausgebildet habe. Die Stelle in der Inschrift von Gortyn bei 
Collitz-Bechtel 4991 VIII, 45 [T]äc [b' €7TiKap]Triac bia[X]a[vxd]v€v 
[T]dv ^jLiivav möchte er daher interpretieren 'von dem Ertrag 
(einen Teil) erhalten, die Hälfte (nämlich)', vgl. a. a. 0. S. 202 
und 178. Hiermit hat Meister den Beifall Brugmanns gefun- 
den, der auch Grdr/^ 2, 2 S. 614 und 596 die Ansicht vertritt, 
daß der adnominale Genitivus partitivus des Griechischen ein- 
mal eine selbständige Stellung im Satze gehabt habe, und daß 
erst durch eine Verschiebung der syntaktischen Gliederung 
TTic eTTiKapTTiac Xafxdveiv tö fiiuicu Von dem Ertrag (einen Teil) 
erhalten, (nämlich) die Hälfte* geworden sei zu 'die Hälfte 
des Ertrages erhalten'. Diese Deutung des griechischen Bei- 
spieles durch K. Meister und Brugmann kann ich nicht für 
richtig halten; tö fi^icu ist hier m. E. nicht erst durch eine 
Verschiebung des syntaktischen Gefüges zum Regens des 
Genitivs xf^c erriKapTriac geworden, beide Satzteile gehörten 
vielmehr von Haus aus als adnominale Fügung zusammen, 
und die in obiger Stelle vorliegende Trennung des Genitivs 
von seinem Regens durch das Verbum Xa^X^veiv erklärt sich 
aus der dem Griechischen wie auch einem Teile der übrigen 
indogermanischen Sprachen ^) eigentümlichen Gewohnheit, syn- 
taktisch eng zusammengehörige Glieder durch andere Worte 



1) Für das Altindische vgl. z. B. E. Thommen Die Wortstel- 
lung im nachvedischen Altindischen und im Mittelindischen (Gü- 
tersloh 1903) S, 54ff.5 für das Lateinische vgl. unten S. 243f. 



Zur 'Spaltung' des Genitivs im Griechischen. 231 

zu trennen. Die antiken Grammatiker haben für diese Stel- 
lung die Bezeichnung Hyperbaton geprägt (s. Kühner- Gerth 
Gramm, d. grieeh. Sprache ^ 2 §607), während neuerdings von 
Luise Lindhamer 'Zur Wortstellung im Griechischen. Eine Unter- 
suchung über die Spaltung syntaktisch eng zusammengehöriger 
Glieder durch das Verbum' (Borna-Leipzig 1908) S. 8 der t. t. 
'Spaltung' eingeführt worden ist. Wie Brugmann Grdr. - 2, '^ 
S. 6 14 f. bemerkt, fehlt noch für die meisten Sprachen eine 
zusammenfassende Behandlung der Genitivspaltung; und doch 
dürfte gerade eine solche Untersuchung geeignet sein, einiges 
Licht zu verbreiten über das Verhältnis des adnominalen 
Genitivs zum adverbaleu. Ich gebe im folgenden zunächst 
eine Übersicht über das Vorkommen der Genitivspaltuug in 
Homers llias. 

Ich zähle in der llias 482 Fälle, wo der Genitiv^ von 
seinem Regens durch andere Worte getrennt ist^). Fast ebenso 
zahlreich sind in den Büchern I — XII die Belege für den nicht 
gespaltenen Genitiv, so daß man annehmen darf, daß in der 
ganzen llias die Fälle des nicht gespaltenen Genitivs ungefähr 
doppelt so zahlreich sind wie diejenigen, wo die Spaltung 
eintritt. In weitaus den meisten Fällen, nämlich an rund 
430 Stellen, ist der Genitiv von seinem Regens durch eine 
Verbalform getrennt, z. B. K 517 Tpuuuuv KaiebuceTo ttouXuv öjui- 
Xov I, P 486 iTTTTUJ Tujb' ev6r]ca TTobuuKeoc AiaKibao |. Nur in 
52 Fällen wird die Spaltung durch andere Satzteile bewirkt, 
z. B. durch Substautiva in X 1 89 djc b' öxe veßpöv öpeccpi kuoiv 
eXdqpoio biriiai, Y 152 ev x^P^^'i kÖ|utiv eidpoio qpiXoio | GfiKev, 
oder durch ein Adverb (äXic O 352). 

Was zunächst die verbale Genitivspaltung betrifft, 
so scheiden sich die 430 Belege hierfür in zwei große Gruppen, 
je nachdem der Genitiv vor oder nach seinem Regens steht; 
auf die erste Gruppe entfallen rund 190 Stellen, auf die zweite 
rund 240. 

Bezüglich der 1. Gruppe ist im einzelnen folgendes zu 
bemerken: Der gespaltene Genitiv ist ganz überwiegend ein 

1) Nicht berücksichtigt sind die Fälle, wo ein an den Anfang 
des Satzes strebendes Enklitikon sich zwischen Regens und Genitiv 
schiebt, z. B. P 93 juri t(c |uoi AavaOüv veiaecrjcexai, K 215 tOuv irdvTUJV 
Ol ^KacToc öiv ötücouci. Keine Spaltung liegt auch m. E. vor in Fällen 
wie X 173 ÖCTU uepi rTpidjaoio, P 63 xf^c ö' k aux^v' laEe. 



232 W. Havers, 

sog. Genitiv der Zugehörigkeit (Gen. possessivus im 
weiteren Sinne, vgl. K. Meister a. a. 0. S. 180 und 182), er um- 
faßt also nicht nur Fälle wie M 372 TeuKpou qpepe KajLiTTuXa 
TÖHa I, wo ein reiner Geuitivus possessivus vorliegt, sondern auch 
Beispiele wie f 77 Tpiuujv dveepTe qpdXaTTac |, K 433 Tpiuujv 
KttiabOvai öjuiXov]. Von den 190 Stellen des vor dem Regens 
stehenden Genitivs, entfallen 160 auf diesen Genitiv der Zu- 
gehörigkeit. Wie in den oben zitierten Beispielen handelt es 
sich meist, nämlich an 68 Stellen, um den Genitiv eines Eigen- 
namens, es folgen die Appellati va mit 47 Belegen und. die 
Pronomina mit 45 Stellen. Die Spaltung erfolgt am häufigsten 
durch eine einfache Verbalform, seltener stehen bei ihr noch 
andere Satzteile, z. B. ein Nominativ (I 271), ein Dativ (O490j, 
ein Akkusativ (I 340) oder eine adverbiale Bestimmung (A 3, 
H 137). 

Bei der Spaltung des vorangestellten Genitivs der Zu- 
gehörigkeit ist das Regens am häufigsten, nämlich in etwa 
84 Fällen, ein Akkusativ. Die Stellung von Genitiv und 
Akkusativ weist hauptsächlich folgende Typen auf: a) Der 
Genitiv steht am Anfang und der Akkusativ am Ende des 
Verses, z. B. H 309 Aiavroc 7Tp09UYÖVTa juevoc Kai xeipac 
ddTTTOucI, 156 rdujv ev Kovirjci ßdXec öaXepouc TTapaKoiiac |, 
P 374 dXXriXuuv dXeeivovxec ßeXea ctovöevia |. b) Nur der Genitiv 
steht am Versanfang, z. B. I 369 'Hcpaicrou b' kave bö.uov, 
TT 621 TTdvTUJV dvÖpuuTTUJV cßeccai juevoc, f 411 Keivou Tiopcaveouca 
Xexoc. c) Nur der Akkusativ steht am Versende, z. B. Aiöc 
ö' eieXeiov ecperiudc |, N 757 eirei "EKtopoc exXuov aubriv 1, ib. 718 
Tpujujv priYVuvTO cpdXaYYac ]. Dieser Typus ist am häufigsten 
vertreten, d) Selten nimmt weder Genitiv noch Akkusativ 
Anfang oder Ende des Verses ein, z. B. Q 478 'AxiXXfjoc Xdße 
Yoovaia, 455 djucpoTepuüV dTtoXeipejuev ouaia. Der Genitiv 
und sein Regens stehen also ganz überwiegend an einer von 
den beiden Kraftstellen des Verses, d. h. entweder am Anfange 
oder am Ende. — In etwa 60 Fällen ist das Regens ein 
Nominativ, und es begegnen dann dieselben Stellungstypeu, 
wie in den vorher erwähnten Fällen, wo der Akkusativ Regens 
ist, vgl. für a) 123 toö b' auGi XuGr) vyuxn xe juevoc t€ 1, I 94 
ou Kttl TTpöcOev dpictr) (paivero ßouXrj |, für b) A 500 Tfj pa |ud- 
Xicia I dvbpüuv TTiTTie Kdpriva, I 595 xoO b' ujpivexo 6u)liöc, für c) A 5 
Aiöc b' exeXeiexo ßouXrj ], E591 Tpüüujv eiirovxo cpdXaTTec 1, A808 



Zur 'Spaltung-' des Genitivs im Griechischen. 233 

TT] hi] Kai C91 9eOuv eTereuxaTO ßuj|uoi j, 401 tiv oube Aiöc 
bdjuvrici KEpauvoc |. Dieser Typus ist auch hier am stärksten 
vertreten; für d) vgl. 383 eirei Edv9oio bdjuri juevoc, P 298 
Toö b' au0i XuBri |uevoc, TT 635 uüc tOuv ujpvuxo boOiroc. In der 
Eegel stehen also auch hier Genitiv und Regens an einer von 
den beiden Kraftstellen des Verses. -7- In etwa 10 Fällen ist 
das Regens ein Dativ, z. B. O 469 TraxpoKaciTvriToio |uiYri|U€vai 
ev TTa\d|ur]ci i^ Z 85 öte ce ßpoioö dvepoc e'jußaXov euvr] |, I 554 
XÖXoc, öc xe Kai dWuuv | oibdvei ev cxrjGecci. Nur an 3 Stellen 
steht weder der Genitiv noch der Dativ am Anfang oder am 
Ende des Verses. — Für den Genitiv als Regens finde ich 
bloß 6 Belege, vgl. z. B. E 263 Aiveiao b' eTrdiHai juejuvr^evoc 
iTTTTUJV I, Z 121 'Abprjcxoio b' eyriiue GuYaxpuJv (Versanfang). r406 
Geuüv b' diröeiKe KeXeuGou |. Wie in den beiden letzten Beispielen 
steht auch sonst einer der beiden Genitive am Anfange oder 
am Ende des Verses. 

Beim vorangestellten Genitivuspartitivus begegnet die 
Spaltung in 16 Fällen, z. B. T 247 xP^coO be cxricac . . beKa 
Trdvxa xdXavxa {, A 46 xduuv juoi Tiepi Kfjpi xiecKexo "IXioc ipr| |, 
r 274 KripuKEC Tpuuuuv Kai 'Axaiujv veTjuav dpicxoic |, Z 364 r\ 
cprijui öedujv eju|uev dpicxri ]. Nur in einem Pralle (Y 174) steht 
weder der Genitiv noch sein Regens am Anfange oder Ende 
des Verses. 

Für die Spaltung des vorangestellten Genitivus defi- 
nitivus finde ich 8 Belege, z. B. B 133 'IXiou eKTre'pcai euvaiö- 
jLievov TTXoXieBpov |, E 642 lXiou eHaXdiraHe ttöXiv (Versanfang), 
Z 148 eapoc b'eiriTivexai ujpri |. Der Genitiv oder sein Regens 
stehen stets entweder am Anfang oder am Ende des Verses. 

Der vorangestellte Genitivus objectivus endlich 
unterliegt in etwa 6 Fällen der Spaltung, vgl. A 542 Aiavxoc 
b' dXeeive ludxnv (V^ersanfang), X 243 jur^be xi boupiuv | ecxu) 
qpeibiuXr). Mit Ausnahme von T 221 steht der Genitiv stets 
entweder am Anfang oder am Ende des Verses. 

Was die 2. Gruppe des verbal gespaltenen Genitivs be- 
trifft, nämlich die Fälle, wo der Genitiv nach seinem Regens 
steht, so handelt es sich auch hier ganz überwiegend um den 
Genitiv der Zugehörigkeit: von den 240 Belegen für 
die 2. Gruppe entfallen volle 165 auf diesen Genitiv. Die 
Verteilung auf die Eigennamen, Appellativa und Pronomina 
ist bei diesen 165 Belegen aber eine andere als bei den ent- 



234 W. Havers, 

sprechenden Beispielen der 1. Gruppe. Während beim vor- 
angestellten Genitiv der Zugehörigkeit die Eigennamen um ein 
Beträchtliches zahlreicher waren als die Appellativa (68 : 47) 
sind beim nachgestellten Genitiv der Zugehörigkeit umgekehrt 
die Appellativa, wenn auch nur um ein geringes, zahlreicher 
als die Eigennamen (83 : 79). Dieser Unterschied erklärt sich 
daraus, daß im genitivischen Geftige die Eigennamen mit 
Vorliebe vor dem Regens stehen, vgl. Verfasser 'Untersuchungen 
zur Kasiissyntax der indogermanischen Sprachen (Straßburg 
1911) S. 324. Wenn den 45 pronominalen Belegen für den 
vorangestellten Genitiv der Zugehörigkeit bei dieser 2. Gruppe 
nur 3 Beispiele gegenüberstehen, so hat das seinen Grund 
darin, daß jene 45 Belege ganz überwiegend auf die Genitive 
des Demonstrativstammes Ho- entfallen, die als Verbinduugs- 
mittel mit dem Vorhergehenden naturgemäß an den Anfang 
des Satzes rücken, vgl. E. Kieckers Die Stellung des Verbs 
im Griechischen und in den verwandten Sprachen, Straßburg 
1911, S. 139 Anm. 4. Auch bei der 2. Gruppe erfolgt die 
Spaltung des Genitivs der Zugehörigkeit ganz überwiegend 
durch eine einfache Verbalform, nur in 16 Fällen trennen 
außer der Verbalform noch andere Satzteile den Genitiv von 
seinem Regens, vgl. z. B. Y 47 e-rrei |Lie0' öjuiXov 'OXujuttioi 
fiXoGov dvbpüuv I, A 309 uuc dpa TTUKvd KapriaG' ucp' "EKiopi bdju- 
varo Xaüav |. x\uf fallend ist O 504 x\ |uev xöHa XaßoOca ttöXiv 
Kie öuTaiepoc r\Q 1, vgl. Ameis-Hentze im Anhang zu der 
Stelle. 

Auch beim nachgestellten Genitiv der Zugehörigkeit ist 
das Regens am häufigsten, nämlich in etwa 100 Fällen, ein 
Akkusativ. Es lassen sich dann hauptsächlich 5 Stelluugs- 
typen unterscheiden: a) Der Akkusativ steht am Anfang und 
der Genitiv am Ende des Verses, z, B. A 1 Mriviv deibe, 9ed, 
TTr|Xr|idbeuj 'AxiXfjoc |, ib. 14 CTe)U|LiaT' e'xuuv ev x^P^W cKrißöXou 
'AttöXXuuvoc |, 363 KVicr|v lueXböjuevoc . . cidXoio |, Y 852 ictov 
b' eciricev vnöc Koavorrpujpoio [. b) Nur der Akkusativ steht am 
Versanfang, z. B. Z 33 x^ipac exujv 'AxiXfjoc, A 773 iriova furipia 
Kaie ßoöc. c) Nur der Genitiv steht am Versende, z. B. Y 87 
öie iraiba KaxeKiavov 'A)Liq)ibd)uavTOC j, M 266 juevoc oipuvovxec 
'Axaiujv I, I 71 Kdpri Xdße iraiböc doTo |. Dieser Typus ist bei 
weitem am stärksten vertreten, d) Der Genitiv steht am An- 
fang des folgenden Verses, z. B. V 130 iva GecKeXa epT« ibriai| 



Zur 'Spaltung-' des Genitivs im Griechischen. 235 

Tpuuuuv, A 3 ipuxac "Aibi irpoiaiiiev | fipojujv, N 443 oupiaxov 
TreXejuirev 1 e^xeoc. e) Weder der Akkusativ noch der Genitiv 
stehen am Anfang oder am Ende des Verses, z. B. P 89 oub' 
mov Xdöev 'ATpeoc, Z 297 öre vriöv iKavov 'AGr|vric, ib. 415 eK 
be TTÖXiv Trepccv KiXikujv. — Ist das Regens ein Nominativ, 
so erfolgt die Spaltung in der Regel durch ein intransitives 
Verbum, z. ß. A 323 tö t^p Te'potc ecTi Tepöviiuv |, N 428 Yotiußpöc 
b' fjv 'ATXicao 1, ib. 277 €v6a juciXict' otpeTf] biaeibexai dvbpüjv j, 
ib. 643 evGd oi uiöc eTrdXTO TTuXaijueveoc ßaciXfjoc |. Noch in 
weiteren 27 Fällen zeigt der Genitiv die Stellung am Versende. 
Von den 11 Beispielen^ wo diese Stellung nicht beobachtet 
ist, zeigen 4 den Genitiv im Anfang des folgenden Verses: 
TT 612 eiTi b' oupiaxoc TreXejuixOri j e'Txeoc, P 55 tö be xe irvoiai 
boveouci 1 TTavToiojv dvejuiuv, (ähnlich B 396), Q 213. — In 
14 Fällen ist das Regens des nachgestellten Genitivs der Zu- 
gehörigkeit ein Dativ, z.B. A 177 lujußuj eTTiGpujCKUJV Meve- 
Xdou KubaXi)noio j, 355 ttvoivj xeipöjuevoi TroXu)ur|Tioc 'Hcpaicroio 1, 
H' 878 icxuj e(peZ:o)Lievri vr|öc KuavoTTpujpoio |. Meist steht bloß 
der Genitiv am Versende, z. B. Z 368 f| fibri ju' uixö x^pci Oeoi 
bajuöuüciv 'Axaiujv 1, K 547 dKxivecciv eoiKÖxec i^eXioio |. Ein 
Beispiel zeigt den Genitiv am Anfang des folgenden Verses 
(0 64). — Für den Genitiv als Regens zähle ich 10 Belege. 
In 5 Fällen steht der regierende Genitiv am Anfang und der 
abhängige Genitiv am Ende des Verses, z. B. 378 dpdiuv 
diuuv NriXn^dbao T^povxoc I, I 582 ouboO eTrejußeßaübc uipripecpeoc 
eaXd|Lioio I, ebenso N 189, 635, Y 323. Die übrigen Belege 
zeigen meist bloß den abhängigen Genitiv am Versschluß, z. B. 
X 161 dXXd 7T€pi M^oxnc Geov "EKXopoc i7T7Tobd|uoio |. In einem 
Falle (Q 31 7 f.) steht der abhängige Genitiv am Anfang des 
folgenden Verses. 

Während sich für die Spaltung des vorangestellten 
Genitivus partitivus nur 16 Belege fanden, ist die Spaltung 
des nachgestellten Genitivus partitivus mit 60 Beispielen ver- 
treten. Man kann hier 5 Steliungstypen unterscheiden: a) Das 
Regens steht am Anfang und der partitive Genitiv am Ende 
des Verses, z. B. A 176 ^xöictoc be luoi kci Aioxpeqpeujv ßaci- 
Xrjujv I, Z 123 xic be cu ecci, cpepicxe, KaxaGvrjxiIjv dvGpuuTTuuv; |, 
E 373 xic vu ce xoidb' epeHe, qpiXov xeKOc, Oupaviuuvujv |. b) Nur 
das Regens steht am Versanfang, z. B. E 890 e'xGicxoc be |aoi 
ecci Geüjv, N 429 irpecßuxdxriv b'ujTtuie GuYotxpujv. c) Nur der 



236 W. Havers, 

partitive Genitiv steht am Versende, z. ß. V 606 ou fap Kev 
jue Totx' aWoc dvfip TuapeTreicev 'Axaiiuv |, H 153 Tevef] öe veuu- 
TttTOC ecKOV dTrdvTUJv |, Y 220 öc hr\ dqpveiÖTaTOC Tcvero Gvtitujv 
dvöpuuTTuuv. Dieser Typus ist bei weitem am häufigsten ver- 
treten, d) Der partitive Genitiv steht am Anfang des folgen- 
den Verses, z. B. Z 271 ttoXXouc be Kuvec Kai yöttec ebovxai ] 
Tpiuiüv, Y 173 fiv Tiva nicpvx} | dvbpüüv, M 333 ei tiv' iboiro ] 
fiYe)uövuuv. e) Weder Regens noch abhängiger Genitiv stehen 
am Anfang oder am Ende des Verses: Z 142 ei be xic ecci 
ßpoTuuv, TT 227 cuxe leuj cirevbecKe öeijuv. Was das Regens 
des partitiven Genitivs betrifft, so entfallen 32 Belege auf 
das indefinite Pronomen Tic, 11 auf einen Superlativ, 9 auf ein 
Substantivum, 6 auf verschiedene Adjektiva wie dXXoc (z. ß. 
Q 698j, eKttCTOc (K 166), ^louvoc (I 340), ttoXXöc (Z 271), 2 auf 
das Relativpronomen öc (A 232, Q 575). 

Für die Spaltung des nachgestellten Genitivus ob- 
jectivus zähle ich nur 11 Belege, z. B. A 284 öc ^eya ... I 
epKOC 'Axaioiciv TreXeiai TioXeiuoio KaKoTo |, E 491 dpxouc Xic- 
cojuevuj xriXeKXeiTuuv eTTiKOupuuv | (vgl. für Stellen dieser Art 
Delbrück Vgl. Synt 1, 351 f.); in 3 Fällen steht bloß der 
Genitiv am Versschluß, von den übrigen 6 Stellen zeigen 2 
den Genitiv am Anfang des folgenden Verses: f 139 y^^kuv 
i'iuepov e'iußaXe eujuiu | dvbpoc t6 irpoiepoio Kai dcxeoc und 661 
aibüu 9ec9' evi 0u|uuj | dXXuuv dvGpuuTiujv. 

Der Genitivus materiae ist mit 2 Belegen vertreten: 
M 28 eK b' dpa -rrdvia öejueiXia KUjuaci TuejUTre | 9iTpiJüv Kai Xduuv 
und Z 564 irepi b' epKOC eXacce 1 Kaccirepou, desgleichen der 
am Versschluß stehende Genitivus definitivus (N 271 und 
<D 128). 

Von den 52 Belegen für den nicht verbal gespaltenen 
Genitiv entfallen 25 auf den Genitivus partitivus, 24 auf 
den Genitiv der Zugehörigkeit und 3 auf den Genitivus ob- 
jectivus (0 181, Z 368, Q 539). Der Genitivus partitivus steht 
überwiegend, nämlich in 18 Fällen, nach dem Regens, vgl. A401 
oobe Tic auTUj | 'ApTciiuv irapejueivev, E 422 fj judXa br| Tiva 
KiJTrpic 'Axaudbuuv dvieica, £ 491 töv pa judXiCTa 1 'Ep|ueiac 
Tpujujv ecpiXei. Der Genitiv der Zugehörigkeit bietet dagegen 
17 Belege für die Voranstellung des Genitivs, was sich dar- 
aus erklärt, daß 14 Beispiele dieser Kategorie den Genitiv 
des Demonstrativstammes *to- aufweisen (vgl. oben S. 234), 



Zur 'Spaltung' des Genitivs im Griechischen. 237 

z. B. Y 99 Toö y' i0u ßeXoc 7TeTeT(ai), A 261 toio eir' 'l9ibd|uavTi 
Kdpri direKOHJe. 

Daß die Geoitivspaltung bei Homer nicht etwa bloß ein 
poetisches Kunstmittel ist^), daß sie vielmehr in der volks- 
tümlichen Sprache wurzelt, mögen folgende in schriftliche 
Belege zeigen. 

Beim Genitiv der Zugehörigkeit zeigt sich die 
Spaltung z. B. Wünsch Def. Tab. 51, 1 Ar|)UTi[T]piou Kaiabiju 
vjjuxiiv, ib. 87 a, 3 toutuuv TidvTUJV KaiabiJU vpux^v epTotciav x^ipcxc 
TTÖbac, ib. ()6a, 4 Kai Tf]v ipuxnv Kaiabo) 'lbi(uj)To(u), ib. 75a, 2 
Kai TÖ epYaciav Kaiabrivüuj a[u]To[ö]. Collitz-BechtclNr. 5315, 29 
(Euboia) Td be bepiuaia Xajußdveiv tujv lepeiuuv touc xd Kpixd 
TTapexoviac, ib. 5072 b, 2 (Knosos) ai Ka Kep[aTa KaxJdHei ßooc 
dvGpuuTTOC, ib. 4991 III, 1 (Gortyn) ai be xi dXXo cpe'poi xuj dvbpöc, 
ib. 5416, 12 (Mykonos) Ar||urixpi XXorii uec büo KaXXicxeuoucai, 
f] exepri eYKuju[(juv] • vüjxof Koirxexafi] xfic ef ^^l^ovoc, ib. 4689, 93 
(Mysterieninschrift von Andania) Kai eTO0evxuu KXdiKac, Kai xoO 
)uev TTapd xdi Kpdvai ex^^uu xdv dxepav KXdiKa Mvaci- 
cxpaxoc, xdv b' d[X]Xav oi lepoi, xoö be ev xüui vaüiji exövxuu 
xdv KXdiKa Ol lepoi, ib. 4706, 26 (Thera, Testament der 
Epikteta, 3./2. Jahrh. v. Chr.) x6 KOiveT<o>ov cuvaYafOxeia xOuv 
cuYYevüuv. Audollent Def. Tab. Nr. 29, 25 f. (Cypros, 3. Jahrh. 
n. Chr.) xf]v TrapaGrjKriv ujuiv TrapaxiGojue qpijuujxiKr]v xoO Tolo- 
juevoö, ähnlich ib. 22, 39 xf]v TiapaGriKriv u|uTv Traxi0o)uev cpijuuj- 
xiKfjv xoO 'Apiccxuj[voc]. Schließlich sind hier noch einige 
Stellen zu erwähnen, wo P^ormen des Verbs elvai sich zwischen 
Genitiv und Regens schieben, vgl. Wackernagel IF. 1, 432 f., 
Kieckers a. a. G. §47, z. B. Collitz-Bechtel 3119g (Korinth) 
[njoxEbdvöc 'E|u' dqoixic, ib. 5267 (Kyme) Taxairic eijui Xr|qu0oc, 
ib. 5579 (Theodosia in Kleinasien) EuGu^iric (el))ui r\ kuXiH, 
ib. 5513 (Milet) Mrixpobuupou ei)u[i] crijua, ib. 5352 (Amorgos) 
Ariiuaivexric ei|ui juvrijua xfjc AaiuTTcayöpeuj, ib. 5060, 59 (Itanos, 
2. Jahrh. v. Chr.) iLpoi b' eövxuuv auxoTc xdc x^po^c xoi[be], 
ib. 5028 B, 7 (Gortyn, 2. oder 1. Jahrh. v. Chr.) TrpöHevov [niujev 
fopxuviijuv, ähnlich ib. 5308, 13 (Euboia, um 400 v. Chr.) 'HpdKXei- 



1) Luise Lindhamer. in der oben S. 231 genannten Dissertation, 
betrachtet die Spaltung im Griechischen überhaupt als ein Produkt 
der Kunstsprache, vgl. hiergegen die Bemerkungen von E. Kieckers 
a. a. 0. S. 3. 



238 W. Havers, 

Tov TÖv TapavTivov TipöHevov eivai ^Epetpimv, vgl. auch 4532, 4 
und 5464, 4. 

FürdieSpaltung desGenitiv US partitivusvergleicheman 
folgende, bauptsächlieh aus Kreta stammenden Belege: Collitz- 
Bechtel 4991 (Gortyn) III, 35 dTTobö)Liev . . tüj KapTTuu ai k fji 
€C Tujv Fujv auiäc, xdv rijuivav, ib. V, 49 (oi eTnßdXXoviec) Tctv 
Ti)Lidv bia[X]axövTUJV idv eiraßoXdv FeKacrioc, vgl. K. Meister 
a. a. 0. S. 170 und Anm. 2.; 5011, 9 (Gortyn, 1. Hälfte des 
3. Jahrb.) xäc be veöiac öjuvuvTec KpivövTuuv oi eTTid kut' 
ctTopav Von der Neota sollen die Sieben auf dem Markte 
schwörend entscheiden' (K. Meister a. a. 0. S. 171); 5058, 14 
(Itanos, 3. Jahrb. v. Chr.) [oube] tüjv ttoXitciv -rrpobiucreuj 
[oubevja, 4991 (Gortyn) VIII, 11 idc cpuXdc 6TTui66[a]i ÖTijui 
Ktt Xfji, ebenso mit nachgestelltem Gen. ib. VIII, 26 [dXXJuji 
6TTuie0[uj xäjc (pu[X]ä[c], andere Beispiele für den nachgestellten 
Genitiv sind CoUitz-Bechtel 5177, 16 (Eieutherna) ouGev eXXei- 
TTuuv CTTTOubäc KQi (piXoTi|aiac, 5154, 13 (Gortyn-Knosos, 3. Jahrb.) 
Kai ou0ev uTieXeiTrovio qpiXoTijaiac, äbnlicb 5153, 24; 5178, 23 
(älteres teisches Dekret) ou9evöc dTrecTidTOuv tiuv cujuqpepöv- 
Tujv, ähnlich 5176, 23; 5183, 16 (jüngeres teisches Dekret) 
dir' ouGevoc direcTauev xiuv cujucpepövTuuv u|uiv, cf. 5185, 21; 
5146, 17 (koivöv der Kretäer, 3./2. Jahrb.) ei be Tic Ti[va dbi- 
Ki'ijcrii 'Avacpaiiuv; 4991 (Gortyn) V, 13 ai be K[a] )Lir|Tic fji 
TOUTiuv, ebenso ib. 17; 5039, 22 (Hierapytna, 2. Jahrb.) ai 
be Ti emopKricaiiui tüüv ujjaoca, 4706, 7 (Tbera, Testament der 
Epikteta, 3/2. Jahrb.) ei be xi Ka f^vrixai rrepi |ue tüüv dvOpiu- 
Tüivujv, 5339, 14 (Euboia) dv Tic ibiei dbiKr|6ei r\ tOuv Heviuv r) 
TÜJV br|)U0TeiJUv ev toT iepoi. Dittenberger Syll. 1, Nr. 17, 35 (Atben) 
TÖ Aiöc TÖ 'OXu)HTrio tö eiribeKaTOv iep6[v] ecTO töv xP^^dTOv. 

Beim Genitivusobjectivus begegnet die Spaltung z. B. 
Gortyn 4991 VIII, 42 tuuv be xpr|)udTuu[v KajpTcpövc fjjuev Tdc 
FepTa[c]ia[c xöc] TraTpuuavc, ib. IV, 25 töv iraTepa . . tuuv 
XpimdTiuv KapTepöv rj^ev Tab baicioc (vgl. über diese beiden 
Stellen unten S. 241 f.); 5040, 49 (Hierapytna, 2. Jahrb.) Ti)ua|ua 
emfpanidjuevov Tdc biKac. Für die Spaltung des Genitivus com- 
parationis endlich vgl. Gortyn 4991 VI, 41 Tdv bnrXeiav 
KaTacTdcai Tdc Ti)udc 'er soll das Doppelte des Wertes ent- 
richten' (Meister a. a. 0. S. 195). 

Diese Beispiele dürften genügen um zu beweisen, daß 
die Genitivspaltung bei Homer keineswegs ein Produkt der 



Zur 'Spaltung' des Genitivs im Griechischen. 239 

Kunstsprache war. Es handelte sich bei den oben S. 231 ff. an- 
geführten Belegen aus Homers Ilias ganz tiberwiegend um den 
Genitiv der Zugehörigkeit. Eine Verknüpfung dieses vor dem 
Regens stehenden Genitivs mit dem folgenden Verbum ist in 
den seltensten^) Fällen möglich; eine Stelle wie 593 Aiöc 
h' eieXeiov ecpeTjudc kann von Anfang an nur einen reinen ad- 
nominalen Genitiv enthalten haben. Daß wir es hier nicht 
mit einem aus einem älteren adverbalen Gefüge losgelösten 
sekundären adnominalen Genitiv zu tun haben, daß vielmehr 
Genitiv und Regens von Haus aus zusammengehörten, wird 
dadurch bewiesen, daß die Trennung des Attributs vom 
zugehörigen Nomen bei Homer eine genaue Parallele bietet 
zu der Spaltung des Genitivs der Zugehörigkeit ^). Eine Stelle 
wie A 254 Tru)LidTac öuipuve (pdXaYTctc | steht vollkommen auf 
gleicher Stufe mit H 55 Tpuuuuv dveepTe qpdXaYTO^c j. Wie Truiadtac 
nicht ohne (pdXayYac denkbar ist, so gehört auch der Genitiv 
Tpiuujv eng zu seinem Regens (pdXaYY«c. Man vgl, ferner 
folgende Stellen: 

B 55 TTUKivfjv ^pTuv€T0 ßouXr|v 1 und 370 Geriboc b' eHn- 
vuce ßouXdc \. 

Z 374 ujc ouK evbov d)uu)Liova leTjuev oikoitiv | und f 53 
oiou cpuuTÖc e'xeic GaXeprjV TtapdKOiTiv ]. 

44 TTttTpuuiov keio biujua | und Q 265 Traipoc uirobei- 
cavxec öjuoKXrjv ]. 

B 675 Traupoc be oi eiTreio Xaöc \ und A 344 djua be 
Tpuuuuv eiTTOVTO cpdXaYT^c \. 

A 187 ifiv xaXKfjec Kdjuov otvbpec | und E 48 töv juev dp* 
'lbo)U€vf|oc ecuXeuov GepdTTOviec i. 

Dieselbe Parallelität besteht zwischen der Spaltung des 
nachgestellten Adjektivs und der Spaltung des nachgestellten 
Genitivs der Zugehörigkeit, vgl. 

E 737 k TToXejuov 0uupr|cceTO baKpuöevia | und H 36 ttujc 
jueiuovac TröXejaov KaraTrauceiuev dvbpüuv; |. 



1) Über das von Brugmann Griech. Gramm. ^ S. 392 angeführte 
Beispiel N 757 "Ektopoc ^kXdov a\)br\v vgl. unten S. 243. 

2) Manchmal ist die Genitivspaltung mit der Spaltung des 
Attributs verbunden, z. B. I 216 inrixpöc fäp TTUKivr]v üjiriZieT' ^qpexiuT^v |, 
N 624 ovbi Ti eujiiu) I Zrivöc . . . x^Xeirriv ^öbeicaTe lufiviv |, vgl. ib. 336, 
A 142 usw. 



240 W. Havers, 

Z 4]b TTÖXiv irepceiv . . euvaieioujcav | und <t> 584 rröXiv 
Tre'pceiv Tpwuuv dTepuuxuuv |. 

B 165 ixY]he ea vfiac ciXa b' eXKe'iLiev dju(pieXiccac j und 
Q 295 öcppa . . ctti vfiac irjc Aavaujv TaxuTTiuXiuv |. 

Man beachte schließlicli auch noch Stellen wie N 349 
ou be Ti Trd|U7T(xv | fjOeXe Xaov oXecGai 'AxotiiKÖv und O 296 
rrplv Kaid 'IXiöcpi kXutoi xeixea Xaöv eeXcai j TpiuiKÖv wo die 
Vertretung- des Genitivs durch das Adjektiv evident ist. Wie 
die Genitivspaltung, so erfolgt auch die Spaltung des Attri- 
buts bei Homer überwiegend durch eine Verbalforni, seltener 
trennt ein Nomen, z. B, in f 329 'EXevric ttöcic tiuköjuoio |, 
E 742 Aiöc Tepac aiTiöxoio I, oder eine Präposition z.B. A454 
koiXtic evTOcGexapdbpric \. Daß auch die Spaltung des Attributs bei 
Homer kein Produkt der epischen Kunstsprache war, zeigen 
inschriftliche Belege wie GIG. 7806 'AmjuavTic evka qpuXn 
(Wackernagel IF. 1, 433), CIA 2, 445 cpuXri eviKa 'AiiaXic 
(Kieckers a. a. 0. S. 83;, Collitz-ßechtel 3315, 3 (Mykene) 
dXiai eboHe xeXeiai tiüv MuKaveuuv (Kieckers a. a. 0. S. 13). 

Wenn nun bei der großen Masse der Genitive der Zu- 
gehörigkeit Regens und abhängiger Genitiv trotz der Spaltung 
durch das Verbum von Haus aus als adnomiuale Fügung zu- 
sammengehören, so sind die übrigen Genitivspaltungen bei 
Homer, insbesondere diejenigen des vorangestellten Genitivus 
partitivus, naturgemäß ebenso zu beurteilen. In einem Verse 
wie T 247 xp^^oö be cxricac . . . beKa Tudvxa laXavia stand 
demnach der partitive Genitiv xP^^oö von Anfang an in Ab- 
hängigkeit von dem den Teil bezeichnenden Ausdruck bexa rrdvia 
idXavia. K. Meister a. a. 0. S. 177 sieht vor allem in der 
Voranstellung des partitiven Genitivs der kretischen Dialekt- 
inschriften einen Hinweis darauf, ''daß diese Stellungs weisen in 
einer Zeit entstanden sind, wo der partitive Genitiv noch nicht 
als abhängig von dem den Teil bezeichnenden Nomen emp- 
funden wurde, sondern als zum Verbum als Subjekt oder 
Objekt gehörig, während die Teilbestimmung ihm als Appo- 
sition zugefügt war". Aber wie Meister selbst a. a. 0. S. 174 
richtig bemerkt, ist die Voranstellung des partitiven Genitivs 
in den meisten altgortynischen Beispielen rein okkasioneller 
und nicht habitueller Natur, vgl. auch P. Rüttgers De accu- 
sativi, genitivi, dativi usu in inscriptionibus archaicis creten- 
sibus (Bonn 1905) S. 27. So erklärt sich auch in dem oben- 






Zur 'Spaltung' des Genitivs im Griechischen. 241 

angeführten homerischen Beispiel T 247 die Voranstellung des 
partitiven Genitivs xP^coO dadurch, daß die Abgabe an Gold 
den übrigen Geschenken (ipiTTobac, Xeßnrac, ittttouc, f^vaiKac 
ib. V. 243 ff.), die dem Achilleus gebracht wurden, gegenüber- 
gestellt wird. Der Vers xP^coO be cirjcac . . bexa rrdivTa rd- 
XavTtt und der altgortynische Satz [ijäc- [b' eTriKapjTiiac bia[\]a[v- 
Xd]vev [T]dv rijuivav zeigen — nur in umgekehrter Ordnung — 
dasselbe Stellungsprinzip wie der erste Vers der Ilias: Mfiviv 
deibe, 0ed, TTr|Xr|idbeiJU 'AxiXr|oc: Die betonten Wörter rücken 
an den Anfang und das Ende des Satzes bzw. Verses, weil 
diese Stellen den meisten Nachdruck haben ^j. Das Verbum 
kommt dadurch in die Mitte des Satzes, wie denn überhaupt 
für das griechische Verbum die Mittelstellung als Regel gilt, 
wenigstens im Hauptsatze, vgl. Kieckers a. a. 0. S. 5. Daß 
es sich bei der Genitivspaltung tatsächlich um die Hervor- 
hebung betonter Begriffe handelt, geht auch schon daraus 
hervor, daß bei Homer Genitiv und Regens ganz überwiegend 
an einer von den beiden Kraftstellen des Verses stehen, näm- 
lich am Anfang oder am Ende. Man beachte schließlich auch 
die oben S. 237 zitierten inschriftlichen Belege aus Mykonos 
und aus der Mysterieninschrift von Andania, aus denen klar 
ersichtlich ist, daß die Spaltung des Genitivs wegen seiner 
Betonung erfolgt ist. 

K. Meister möchte a. a. 0. S. 202 auch für den objek- 
tiven Genitiv eine Entstehung aus älterer adverbaler Ver- 
bindung annehmen. So faßt er S. 192 in der Stelle Gortyn 
4991 VIII, 42 Tujv he xpnM«TUj[v Kajprepovc fjiuev rdc Fep- 
Ya[c]ia[c toc] Traxpujavc den Genitiv idc FepTaciac nicht als 
Regens des Genitivs tujv xPW^'^^^y sondern als Apposition, 
und übersetzt demnach mit Bücheier: 'Über das Vermögen 
aber sollen Macht haben über die Bewirtschaftung'. Aber 
auch hier liegt eine reine Spaltung des objektiven Genitivs 
tOuv xPnMotfuuv von seinem Regens idc FepTaciac durch die 
Verbalform vor, wodurch die Aufeinanderfolge der beiden 
Genitive vermieden wurde. Baunack übersetzt daher richtig: 
'Die Befugnis aber, das Vermögen zu bewirtschaften, sollen die 



1) Das hat schon C. Roeren Bemerkungen über griechische 
Wort- und Satzgliederstellung (Brilon 1867) erkannt, vgl. auch 
Kühner-Gerth Gramm, d. griech. Spr.2 2 § 606, 2 u. 3. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 16 



242 W. Havers, 

Verwandten väterlicherseits haben'. Ebenso ist zu beurteilen 
Gortyn 4991 IV, 25 tov iraiepa . . . tiuv xpim^Tiuv Kapiepöv 
fjfLiev Tctb baicioc 'der Vater soll über die Teilung des Ver- 
mögens befugt sein', anders Meister a. a. 0. S. 165, der hier 
den Genitiv läb baicioc wieder als Apposition faßt. 

Die Tatsache der Genitivspaltung wirft auch einiges 
Licht auf das Verhältnis des adnominalen Genitivs zum adver- 
balen. Die Mehrzahl der Forscher ist heute geneigt, den 
adverbalen Genitiv für den ursprünglicheren zu halten; wie 
aus ihm der ad nominale Genitiv hervorgehen konnte, zeigt 
Delbrück Vgl. Synt. 1, 333 an Hand des Beispieles, 'er ißt 
des Brodes, einen Bissen', woraus sich durch eine Verschiebung 
des syntaktischen Gefüges der Satz 'er ißt des Brodes einen 
Bissen' entwickelt hätte. An den so entstandenen partitiven 
Genitiv neben Substantiven hätten sich dann die übrigen Typen 
des adnominalen Genitivs 'auf dem Wege fortgesetzter Nach- 
ahmung und leiser Veränderung' angeschlossen, vgl. auch ib. 
S. 308. Mit Delbrück stimmt Brugmaim in der 3. Aufl. seiner 
Griech. Gramm. (1900) S. 391 darin überein, "daß der 
Genitiv in Abhängigkeit von Substantiva das Sekundäre war", 
vgl. auch K. Meister a. a. 0. S. 180 Nach Wackernagel 
Genitiv und Adjektiv^) S. 146 und 147 ist im Genitivus adver- 
balis "die eigentliche und ursprüngliche und zur Zeit der 
Sprachtrennung wohl noch durchaus vorwiegende Funktion 
der sogenannten Genitivformen zu sehen", während der Genitivus 
adnominalis in der Grundsprache auf ein sehr kleines Gebiet 
eingeschränkt war. Man beachte schließlich auch noch Brug- 
manns Darstellung in der Neubearbeitung des Grundrisses 2, 2, 
wo es z. B. S. 596 f. klar ausgesprochen wird, daß man theo- 
retisch die ganze adnominale Verwendung des Genitivs aus 
dem älteren adverbalen Gebrauch dieses Kasus herleiten könne. 
Brugmann macht hier diese Bemerkung im Anschluß an das 
schon häufiger genannte Beispiel ific eTTiKapiriac Xafxaveiv xö 
fiiLiicu. Nun liegt aber hier, wie oben zu zeigen versucht 
wurde, von Haus aus ein rein adnominaler Genitiv vor. Der 
Prozeß dürfte sich daher gerade umgekehrt abgespielt haben : 
TÖ fiiuico entwickelte sich nicht aus einer Apposition des ur- 



1) In Melanges De Linguistique offerts ä F. de Saussure 
(Paris 1908) S. 125 ff. 



Zur 'Spaltung* des Genitive im Griechischen. 243 

sprünglich adverbalen Genitivs rrjc eTTiKapTiiac \aTX«V€iv zum 
Regens des Genitivs Tfjc emKapTriac, sondern aus dem durch 
das Verbum gespaltenen adnominalen Gefüge konnte sich der 
sekundäre adverbale Genitiv rfic eTriKapiriac Xa^xaveiv loslösen. 
Ebenso ist zu beurteilen das von Brugmann Griech. Gramm. ^ 
§ 446 (S. 392) als Ausgangspunkt für den adnominalen 
Genitiv genannte Beispiel N 757 eirei "EKxopoc €k\uov aubrjv ], 
insofern es uns die Entstehung des Genitivs bei den Verben 
des "Hörens" veranschaulicht. Schon W. Schulze hat in seiner 
Besprechung der Delbrückschen Syntax, Berl. phil. Wochenschr. 
1896 Sp. 1363, darauf hingewiesen, daß dKOueiv xivöc einen,- 
richtigen adnominalen Genitiv enthält, allerdings mit Unter- 
drückung des den Genitiv regierenden Nomens. Desgleichen 
konnte sich aus einem Beispiele wie tujv KajuriXuuv ujcqppovio 
ir\v 6b}ir\v der scheinbar adverbale Genitiv tujv Ka)ur|XuJv 
ujccppovTO loslösen (vgl. Herodot 1, 80 und W. Schulze a. a. 0.) 
usw. Berücksichtigt man ferner, daß Denominativa die Kon- 
struktion des zugrunde liegenden Nomens beibehalten, daß 
man also z. B. bindZieiv KaKUJceuuc sagt nach biKT] KaKuuceiuc 
(vgl. W. Schulze a. a. 0. ; anders Brugmann Griech. Gramm. ^ 
S. 390 f., Grdr. ^ 2, 2 S. 655), so kann man im Gegensatz zu 
Brugmann behaupten, daß sich theoretisch der ganze adver- 
bale Gebrauch des Genitivs aus dem älteren adnominalen her- 
leiten läßt. 

Der Gebrauch des adverbalen Genitivs hat nach Delbrück 
Vgl. Synt. 1, 309 (s. auch Synt. Forsch 4, 42 f.) im Griechischen 
einen größeren Umfang als in den übrigen idg. Sprachen und 
er meint, es ließe sich nicht entscheiden, "ob wir darin eine 
Alterttimlichkeit oder eine Neuerung des Griechischen zu er- 
kennen haben". Wenn sich aber nachweisen läßt, daß die 
Genitivspaltung im Griechischen gebräuchlicher war als in den 
übrigen idg. Sprachen, dann kann man wohl mit ziemlicher 
Sicherheit behaupten, daß auch die umfangreichere Ver- 
wendung des adverbalen Genitivs im Griechischen nichts Ur- 
sprüngliches ist. Hier können also noch Untersuchungen über 
die Spaltung des Genitivs in den einzelnen idg. Sprachen Licht 
verbreiten. Dem Lateinischen war sie nach Ausweis der 
Stücke des Plautus ganz geläufig ; vgl. z. B. Bacch. 900 abiit 
aedem uisere ] Mineruae; Amph. 450 Quadrigas si nunc in- 
scendas louis; Epid. 185 cultrum habeo senis; Mil. gl. 1265 



244 W. Havers, Zur 'Spaltung' des Genitivs im Griechischen. 

nepos sum Veneris, cf. Homer A 739 fciiußpöc b' r\v AuYeiao, 
ebenso beim vorangestellten Genitiv, z. B. Epid. 717 Ain tu 
te illius inuenisse filiam?i Most. 664 Eas emisse aedis huiius 
dicam filium; Aul. arg. II, 3 Lyconides istius uitiat filiam; 
Aul. 289 Quoius ducit filiam?; vgl. auch Andollent Def. Tab. 
270, 11 (Hadrumetum, 2. Jahrb. n. Chr.) aniraa et cor uratur 
Sextili sowie das bei Kieckers a. a. 0. § 73 genannte Beispiel 
Dessau 7212, 25/26 si quis . . . dixerit . . ei multa esto 
HS. XII nummum. 

Straßburg i. E. W. Havers. 



G. N. Hatzi dakis, Analogiebildungen im pontischen Dialekt. 245 



Analogiebildungen im pontischen Dialekt. 

In keinem anderen griech. Dialekt hat die Analogie so stark 
gewuchert und so viele und eigenartige Neubildungen hervor- 
gebracht wie im Pontischen. Man denke, daß die erste Person 
Plural aktiven Generis auf -o\)\i statt auf -o)Liev endigt; daß 
die femin. Form des Parti cipium perfecti passivi auf -luevTca 
st. auf -ju€vr| ausgeht; daß die Medialformen der Verba con- 
tracta auf -eiu -auu auf -iou|uai st. auf -oO|uai, -uj)Liai, und die 
erste Person Pluralis auf -)uec st. auf -jueGa ausgehen, koijuoO- 
)Li€c st. Koi)uo\j)Lie9a-KOijLiiu)Li€6a ; daß die Verba auf -euuj ihre 
Medialformen auf -€\JK0U)uai, d. i. -eO-cKOjLiai, bilden usw. usw. 
Da nun alle diese Umwandlungen nicht lautgesetzlich sind, so 
müssen wir annehmen, daß sie auf dem Wege der Analogie 
entstanden sind. Im Folgenden werde ich versuchen, die 
Art und Weise, wodurch diese Analogien stattgefunden haben, 
nachzuweisen. 

So sagt man TpuuTOuiu, eTTaGaju, eqpaYaju, dTTo6dvou|u neben 
€Tra0a|ue ecpa^aixe (vgl. Ökonomides, Lautlehre des Pontischen 
S. 99). Das auslautende e kann nicht lautgesetzlich aus- 
gefallen sein, da es anderswo nicht ausfällt. Auch der 
parallele Gebrauch von Formen mit und ohne e beweist, daß 
dies nicht lautgesetzlich, sondern analogisch weggeblieben ist. 
So meine ich, daß man nach der Analogie von dTToGdvouv i), 
TpuÜTOuv, eTiaGav, eipiUTav, eqpaTav usw^ auch dTToGdvoujLi, rpiu- 
T0U)Li, €TraGa|Li, ecpaTaiu gesagt hat. Dazu ist man auch deshalb 
gelangt, weil man auch die dritte Pers. Plur. sowohl mit als 
auch ohne € gebrauchte, d. h. man sowohl TpiuYOuve, GeXouve, 
XeTOuve, eiraGave, ecpaTave usw. als auch TpiuYOuv, GeXouv, eira- 
Gav, ecpayttv usw. sagte ^). Der m-Laut war für die erste 
Person charakteristisch wie der n-Laut für die dritte, er ge- 
nügte, um diese von jener deutlich zu unterscheiden, TpuüfoujLi- 
TpiuYOuv, e'TTaGaju-eTraGav. 

1) Über das Präsens diroedviu vgl. meine Einleitung in die 
ngr. Grammatik S. 125. 

2) Über dieses bewegliehe e vgl. A. Kuhn in seiner Zeitschrift 
18, 332 und meine Einleitung S. HO ff. 



246 G. N. Hatzidakis, 

Die Betonung der Priiteiita auf der ersten Silbe ^cpa- 
Yaja(6) eTTa0a|Li(€) usw. erklärt sich leicht durch Analogie der 
Singularformen; d. h. man hat den Plural auf derselben Silbe 
wie auch den Singular betont, eXe^a '^Xe^ec IXe^e, ^cpaya eqpa- 
Y€c €cpaT€ usw., darnach auch eXeTa|u(6) eXe-feie ^XeTOtv, eVa- 
va)a(e) cKaveie CKavcxv usw. Diese Erscheinung findet sich 
auch in anderen Idiomen des Nordgriechischen. Vgl. 'AxiXXeuc 
TtdpTZ^avoc, TTepi xfic cuYXPOVOu GeccaXiKfic biaXcKTOu S. 20 — 22. 

Die Participia perf. pass. weiblichen Geschlechts hat man 
im Pontos nach den von Alters her ererbten Fem. auf -icca 
umgestaltet, und so ganz wie ^HrreipiuTicca, YCiTÖvicca, dpxöv- 
Ticca usw., auch dTToOajuevicca, woraus durch Synkope des 
i-Lautes und Entwicklung eines t zwischen v und c, diroGa- 
lnevTca, ßa9Tic|uevTca, Koupejuevxca, juaGejuevxca, TTOvejue'vxca usw., 
gesagt. Vgl. Ökonomides a.a.O. S. 217. 

Auch die Pluralformen auf -juec st. auf -jueGa sind eben- 
falls durch Analogie zu erklären. Man sagt nämlich qpaivou- 
juec, Koi|uou]U€c, XeYOUjLiec usw. neben den volleren Formen 
cpaivoujuecxiv, XeTou)Liecxiv, KOi|uoij|uecxiv. Die letzte Silbe -xiv 
wird aber ebenfalls in der II. Pers. Plur. gesagt, nämlich qpai- 
voucxiv, XeYO^cxiv, KOi)uoO(Txiv == (paivec9e, XeTecGe, KOijudcGe, 
d. h. diese Silbe ist sowohl der ersten wie der zweiten Pers. 
Plur. gemeinsam, mithin war sie durchaus nicht zur Unter- 
scheidung dieser Personen nötig; die erste Person war aber 
außerdem durch ihr |uec[xiv], KOijuoOjuec, (paivou|U€C der ersten 
Pers. Plur. aktiven Generis ähnlich, und deshalb ganz klar; 
-XIV durfte also ausbleiben und das übriggebliebene -juec das 
Verhältnis der ganzen Endung ausdrücken, d. h. qpaivoujuec 
st. qpaivouiLiecxiv, X€you)U€c st. XeT0U)Li€cxiv (neben der II. Pers. 
Plur. cpaivoucxiv, Xetoucxiv) nach XeTOujue, cpepouiue, GeXou)ue usw. 
Wie Kouses in TTXdxuJv 5, 399 sagt, ist diese Endung -juec vom 
Medium in das Aktivum in einem Orte, TpiTioXic, übergegangen; 
deshalb braucht man daselbst auch eXGajuec, ecpdYaiaec, exopeipaiuec. 

Auch der Ausfall des auslautenden -v in diesen letzten 
Formen GeXouiue qpepouiue, xpiuYOUjue, eTraGajue usw. ist nicht 
lautgesetzlich, sondern analogisch zu erklären; denn das aus- 
lautende V wird im Pontischen immer ganz deutlich aus- 
gesprochen. Es ist also einerseits nach XcTCxe, qpepexe, e'xexe usw., 
andererseits nach den mittelalterl. Formen dYevexov neben e^i- 
v€xo, fjxov neben fjxo usw. ausgeblieben. Vgl. Einl. S. 111 Anm. 



Analogiebildung-en im pontischen Dialekt. 247 

Die zweite Pers. Plur. endigt auf -ctiv, worin das ct 
st. cG lautgesetzlich, das auslautende -v aber analogiseh nach 
der III. Person Plur. hinzugefügt ist, d. h. man sagte ecpai- 
vovTOV^ eY^vovTOV neben eY^vovTO^ ecpaivovxo usw., wonach auch 
XeTOuviaiv, qpaivouvTaiv, KdOouvTaiv usw. und Imperativ bäßd- 
lejev, TTOuXricTev, dTopdZ;eTev nur vor Vokal und im Satzende, 
allein bäßdZiexe, TT0uXr|CTe, dTopdZieTe vor Konsonanten gesagt 
wird (vgl. Ökonomides 102—103 und 214—215). 

Auch der u-Laut in der II. Person twouctiv, koijuoOctiv usw. 
stammt von der III. Pers. her, Xe^ouvrai, epxouviai, KOijuoOviai st. 
Xe^oviai, epxoviai, Koijuujviai. Von den kontrahierten Verbal- 
formen epuuToOjuev, epujTOuci, KOi|uoö|uai, KOijuoövxai, KOi)uoij|U€0a 
usw. ist in Einl. S. 121 die Rede gewesen. Die unkontrahierten 
aber epxouvxai, KdGoovxai, Xe'TOuvxai, bexo^vxai usw. sind wohl 
nach Analogie der III. Person Plur. aktiven Generis Xefouv, 
cpepouv, nailovy/ usw. entstanden. Dieselbe Person hat ihren 
Einfluß auch auf die erste Person Plur. wie qpepouiue, XeTOUjue, 
e'xoujae (so auf Kerkyra und selbst in Athen) und weiter qpe- 
pouxe, XeTOuxe, e'xouxe usw. (so auf Kyzikos) ausgeübt. Auf 
Kreta und den anderen Inseln des Ägäischen Meeres, die das 
Stidgr. gebrauchen, spricht man Xe^ouv, Kdvoov, qpepouv und 
danach Xefouvxai, xdGouvxai, epxouvxai usw., allein stets äx^- 
)ue(v), 0eXo)Li€(v), 7TXeK0|ue(v), e'xexe, OeXexe, TrXeKexe, naileje usw. 

Die Medialformen der Verba auf -euu und -aiu gehen, 
wie oben gesagt worden ist, auf-ioujuai aus: dpvioujuai, ßor|0iou|Liai, 
(ejHojaoXoYioujaai, xevxioujuai, Kpaxiou|uai, XeixoupYioujuai, Traxiou- 
)Liai, TTpoHevioujuai, Tcovioujuai, TrooXioujuai, xaXaiTriüpiou|uai, xepi- 
oujiai, qpiXioujuai^ XTUTTioijjuai und viKiou)Liai (= viKdo|Liai), ireXe- 
Kioujuai, 7TXaviou|Liai, xi)uiou|uai, qpucioujuai, ipeXaiyiouiuai; vgl. 
Kouses, TTXdxujv 8, 270 ff. Man schreibt den i-Laut dieser 
Endung mit i, indem man einen Wandel des e in i annimmt. 
Dieser scheint aber im Pontischen unmöglich zu sein. Denn 
prüft man die Beispiele dieses Lautwandels, die Ökonomides 
S. 21 gesammelt hat, etwas genauer, so begreift man leicht, 
daß es in Wahrheit um diesen Wandel sehr schwach bestellt 
ist. Zwei von diesen kann man leicht volksetymologisch er- 
klären, ich meine Triirepi, welches allgemein ngr. ist, nach der 
Präposition [e]m (vgl. Einl. S. 375 und MNE. 2, 311 ff.), 
und diTÖipi nach irpiui, evujpi[c], wonach auch ocxepic, crijuepic 
und auf Chios xiupi st. xiupqt aus rrj üjpqi. Andere Beispiele 



248 G. N. Hatzidakis, 

lassen sich leicht durch Assimilation verstehen, wie ^piEi = öpe- 
Hic, dvi)uiba = dve)uiba, idbi ti = TÖbe ti. Es bleiben nur drei, 
nämlich ivrepi = dviepiov-eviepov, KiqpdX = KecpdXiov und die 
oben erwähnten Medialendungen auf -ctiv. Wie diese Formen 
entstanden sind, vermag ich nicht bestimmt zu sagen. Jeden- 
falls genügen sie aber doch nicht, einen phonetischen Wandel 
des e in i im Pontischen nachzuweisen. Deshalb meine ich, 
daß diese pontischen Formen der Verba Kontrakta auf -lou^ai 
mit den mittelalterl. und ngr. Verbalformen auf -eioöjuai-eieTai, 
wie TTOuXeieTai, qpopeieiai, dYaireiouiuai usw. in Zusammenhang 
zu bringen und auf gleiche Weise zu erklären sind, wie ich 
vor Jahren in Einl. S. 133 getan habe. Im Pontischen sind uns 
eben die älteren, die unkontrahierten Formen erhalten, was 
mit dem altertümlichen, mittelalterl. Charakter dieses Dialektes 
sehr gut übereinstimmt. 

Über die Personalendungen des Passivaoristes im Pon- 
tischen habe ich in Einleit. S. 53 gehandelt; hier will ich 
einiges über seinen Stammcharakter sagen. Man vgl. 1. die 
Aoriste, in welchen bloß die Passivendungen auf -riv -r\(; n 
usw. verändert worden sind, wie exda, evETida (aus dem mittel- 
alterl. dv€TTdr|v, ecdiTa, ec7TdTa = ec(pdYr|V, €(c)juiYa, i\\)\)^a, eijjpuYa, 
eXXdYa, eprrdYa usw. 2. Die Aoriste, die ihren G-Charakter 
intakt bewahrt haben, wie ecrdXOa, ecirdpGa, exieOa, eiijueOa, 
eYbdpGa, e9dv6a (cpaivojuai), eHepdÖa usw.; ist der Verbal- 
charakter ein c oder eine Spirans cp, x oder au, eu (zu spr. 
af, ef), so wird lautgesetzlich in x verwandelt, wie eje- 
Xdcia, ixaXdcTa, eYpdqpia, ebeixxa, exXaiJTa, eiraibeoTa usw. 

Da nun ferner, wie Kouses in der Zeitschr. TlXaiiuv 
5, 406 bemerkt "Tö y TTpoi^jepexai Xiav x^^otpOuc Kai bid xoOxo 
TToXXaxoö juexaHu buo cpoivrievxuuv öv eEripe0ri", und nach ()ko- 
nomides S. 119 y regelmäßig zwischen zwei vokalischen Lauten 
ausfällt, so sind beide Klassen von Aoristen, d. h. sowohl 
die einen vokalischen als die einen Y-Eaut als Charakter ge- 
habt haben, zusammengefallen, eKdot, eveirda und eXXdY«, eprrd- 
Ya, ecTtdYa, ecjaiYa usw. So ist geschehen, daß einige Verba 
V sowohl mit y als auch ohne dasselbe ihren Passivaorist, 
andere ihn aber stets ohne dasselbe bilden. Vgl. everrdYa und 
eveirda, eOepiYa und eGepia, exxeviYa und exxevia, eXua und 
eXoYa, .e£ua und e^uYa usw. (vgl. Ökonomides S. 22 Anm. und 
Kouses, TTXdxuuv VIII S. 283), und ipevuj evpea (ev|ju>), Kpe^dvu) 



Analogiebildmig-eii im politischen Dialekt. 249 

€Kp€|uda, x«^ot^^2; exaXda, [ai])uaTOKuXiou|uai - aijuaiOKuXia, ß2:r|- 
vo) = cßriviu - i^lr\a usw. Ebenda lehrt Koiises ausdrück- 
lich, daß "ev ToT^ TiXeicioic dTTOßaXXexai 6 x^paKirip tujv fra- 
er]TiKUJV aopiCTUJV, Kai eviaxoö juexaHu tujv buo qpujvrievTOV rra- 
peviOeiai köi t"- Ökonomides spricht ebenfalls S. 119 über 
den Ausfall des t, und S. 112—3 über eine Epenthese des- 
selben. Daß all dies nicht lautgesetzlich stattfindet, begreift 
jedermann, wenn er sieht, daß auch die älteren Formen 
auf Qa-j -CTtt neben den jüngeren des öfteren gebraucht werden: 
vgl. eiii60a und eipecra neben eipea, eHucia neben eHua, eKpejudcTa 
exaXdcTTa neben eKp€|uda exotXda, eOepiaia neben e66pi(Y)(x usw. 

Auf diese Weise ist ein gewisses Schwanken sowohl 
in bezug auf die Bildung des Passivaorists, als auch den 
Gebrauch des T-Lautes in diesem Aorist entstanden, und des- 
halb haben auch viele Medialpräsentia, die früher auf Vokale 
oder auf -Z^ojuai ausgingen, dies f bekommen. Nach dem 
Schema nämlich ec|uiT0i-C)uifOU)uai, ecppUY0i-(ppuTOU)Liai, eipuYCt- 
ip\JY0U)uai usw. hat man von eXXdY«, epTüdya, ecTidYCc usw. ein 
Präsens dXXdTOUjuai, dpirdTOuiaai, CTrdYOojuai = ccpdZ;o|uai gebildet. 
Danach ist man weitergegangen, vgl. dveTTda-dveiraYOuiuai, dveXu- 
Y« dveXuY0U|uai, eppvJYa-piJYOUjLiai (= epporiv, peoj) (das Medium 
peovTtti auch bei Alex. Konnenos 23) und weiter eöepiYot-Oe- 
pi(Y)ou)uai, erivdYa-TivdYOujuai, exxeviYa-XTeviYOUjuai, ebeXäY«- 
beXdYOuiuai (beXedZ^ojuai), ecKETrdYa-CKeTrdYOuiuai, ecTXOfY^fa-cno^- 
YiYOuiuai, exTrapdYa-dxTrapdYOUjLiai (= eKCTrapdccu|uai) usw. Daß 
es sich hier um lauter Analogiebildungen handelt, sieht ein jeder, 
wenn er einerseits auch die älteren Formen wie OepicKOUfiai 
XT€viaK0U|uai usw. andererseits sogar das Medium von eupicKU) 
in der Gestalt von ei»piou)Liai kennen lernt. (Die im gewöhn- 
lichen Ngr. üblichen Präsentia auf -yuj, -Y0|Liai, wie xivdYuu, 
qpuXdYUü, TuXiYOJ usw. sind nicht auf ähnliche Weise entstanden, 
da hier Passivaoriste auf -y« fehlen. Außerdem werden sie 
sowohl im Medium als im Aktivum gebraucht, was im Pon- 
tischen nicht der Fall ist. Beide Klassen sind also ganz ver- 
schiedenen Ursprungs. Vgl. Einleit. S. 402 und Anm.) 

Nach eqpxaca-cpTdvuu, ecxr|ca-(i)cxdvuj usw. hat man eine 
große Masse Präsentia auf -vuu neben Aoristen auf -ca ge- 
schaffen, ebeca-beviu, e'KXaca-KXdviu, dqprjca-dqpivuu, uj)Lioca-ö|n6vu> 
usw., vgl. Einl. S. 406 ff. Im Pontos hat man nun auch um- 
gekehrt von Präsentia auf -vuu einige Aoriste auf -ca st. auf 



250 G. N. Hatzidakis, Aiialoo'iebildungen im politischen Dialekt. 

-va gebildet; so von Kpivuu, kXivuj, ttXijviu, Trep)uevujeiiieKpica,6KXica, 
^TiXuca, eTtepiLieca (neben tveiuva, erreiLiva = dve|U€iva, dTreiueiva), 
vgl. Kouses in TTXdTuJv VIII 282 — 3. Vom Verb xTtcKoujuai = 
KTÜJiuai bildet man sowohl exxeGa = eKTr|8riv, als auch durch 
Kontamination vom Präs. XTecKOUjuai und Aor. exteOa einen 
neuen Aorist exjecKiQa. 

Wie man im gewöhnlichen Ngr. manchen Passivaorist 
mit oder ohne c bildet, z. B. evpriOri, e\ujBr], auf Kreta aber 
eipricxri, ix^CTH] usw., so sagt man auch im Pontos eipeöa und 
eipecTa, weiter ebecia st. ebe0r|, ucpacra st. uqpdvGri (auf Kreta 
€(pd0riK6), ja sogar eßöcxa von ßöcKOUjuai, wie Xo\JCKOU|uai : 
eXoucTa, Z!a)CK0U)uai : e^üücxa usw. 

Die Verba auf olu bewahren im Pontos ihre alten Me- 
dialformen, man sagt also dXeupoöjuai, dTrXoOjuai, bnrXoO^ai, 
eEairXoOiuai, dTToHevoOjuai, favoöiuai, YOiuoOjuai, Y^|Livoö)Liai, biop- 
Ooujuai, eXeuTepoOjuai, GoXoöjLiai, K6VoO)Liai, KX€iboö|uai, KUJcpoOjuai, 
[ai]|uaT0Öjuai, [e]Hrmepoöjaai, opKOÖjuai, TriccoO|uai, TrXepoöjuai ( = 
dTraubuj), CKOTOÖjuai, c(r))KoO)uai, CTaupoO|uai, cxepeoOiuai, cxeqpa- 
voOjaai, q)avepoO|uai, q)ap|uaKoOjuai, xoOjuai usw.-, die Aktiv- 
formen sind aber nach mittelalterl. und ngr. Weise in die 
Barytona auf -viu übergegangen (vgl. Einleit. S. 408 ff.). 

Das Verbalsuffix -cKOjaai hat sowohl im Pontischen als 
auch in anderen Dialekten, z. B. im Kappadokischen, Ky pri- 
schen, Makedonischen, Thrakischen usw. eine große Entwick- 
lung gehabt, wie schon in Einleit. S. 164—5 und 416 — 8 ge- 
zeigt worden ist. Diese Entwicklung ist aber doch nicht 
überall ganz ähnlich gewesen, denn im Pontos sind nur Me- 
dialformen auf -CKOUjuai zu finden, nicht aber auch Aktiv- 
formen auf -CKUJ, wie in den übrigen Dialekten. Ferner ist 
diese Endung -CKOUjuai, wie auch die -(T)ou|uai analogisch stark 
verbreitet, so daß fast jedes pontische Verb auf -cK0U|uai aus- 
gehen kann. Daß das c nach Konsonanten ausgestoßen wird, 
und daß daraus allerlei Lautveränderungen entspringen, ist 
klar; vgl. dvOpiuTreuKOU|aai st. dv0piUTreiJCKOii|uai, dpbeuKOUjuai, 
cu|ußouXeiJKOu|Liai, ejLATTicxeuKOujuai usw. (vgl. Kouses, nxdxiuv VIII 
276 — 7), dann cirixKOujuai = crcpiTTO^ciij KpiCKOUjuai = Kpivojuai, 
buüXKOu^ai = biuiKOjLiai usw. Einl. S. 476. 

Athen. G. N. Hatzidakis. 



J. Wackernagel, Lateinisch-Griechisches. 251 



Lateinisch-Griechisches. 

1. Dissimilationserscheinungen. 
a) Lautschwund im Wortinnern. 

Gegen die herkömmliche Deutung- von meridie als einem 
auf *mediei-die zurückgehenden Lokativ hat Jacobsohn Philo- 
logus 67, 526 einen schlagenden Einwand erhoben: meridie 
ist seit Plautus viersilbig, aber im Lokativ von -io-Stämmen 
ist für die plautinische Zeit zweisilbiges -iei nicht bloß zu 
postulieren, weil um 200 a. Ch. ei noch nicht völlig zu ^ geworden 
war, sondern bekanntermaßen auch durch Brundisii bei Ennius 
(Var. 5, 37) und Sunii bei Terenz gewährleistet. Hiegegen ist 
nicht aufzukommen. Aber wenn nun Jacobsohn, weil der Genetiv 
der io-Stämme seit der Grundsprache auf einsilbiges -^ aas- 
geht, meri-die als alten Genetiv in temporaler Funktion an- 
setzt, kann ich ihm unmöglich folgen. 

Ob Jacobsohn die gemeinhin mit mey*idie zusammengestellten 
und als Lokative gefaßten Ausdrücke, die aus die und einem 
auf -l ausgehenden Attributwort bestehen, wie postndie, die 
quinti usw., nun ebenfalls für den Genetiv in Anspruch nehmen 
will, weiß ich nicht. Jedenfalls stände ein temporaler Genetiv 
'i die im Latein ganz singulär da. Entsprechend griechischem 
vuKTÖc, deutschem nachts usw. hat zwar das älteste Latein 
noch nox 'nachts'. Aber eben nur als Überbleibsel aus vor- 
lateinischem Sprachgebrauch. Wäre es als Genetiv empfunden 
worden und hätte es sinnverwandte Genetive neben sich gehabt, 
so wäre es gewiß durch noctis ersetzt worden. Natürlich 
darf man nicht darum, weil nox ursprünglich Genetiv ist, Lu- 
cilius' hinc media remis Palinurum pervenis nox (III, 127) 
zugunsten eines genetivischen ^medi die verwerten. Das 
ablativische media zeigt, daß der Dichter nox als eine alte 
Ersatzform von nocte betrachtete. Wir haben hier einfach 
einen archaistischen Scherz vor uns; vgl. Marx zu der Stelle. 



252 J. Wackernagel, 

Man mag dius 'bei Tage' daneben stellen (Solmsen, Stiid. 
S. 192); aber gesetzt, diese Auffassung sei richtig, so ist jeden- 
falls auch dieses nicht bloß früh außer Gebrauch gekommen, 
sondern wo es vorliegt nur noch als Adverb empfunden 
worden ^). 

Auch das Griechische, wo doch der temporale Genetiv 
nicht bloß lebendig geblieben, sondern sich im Lauf der Jahr- 
hunderte sichtlich ausgebreitet hat, spricht nicht für Jacobsohns 
Deutung 2). Wohl sagt Herodot III 104, 6 H. |U€ca|ußpiric (pa- 
rallel mit t6 euüöivöv 'während des Vormittags') gegenüber 
III 104, 8 H. Tfj juecajußpiri (parallel mit toötov töv xpövov) und 
ebenso Aristophanes öfters xfic juecruußpiac, was beides ohne 
weiteres mit meridie wiedergegeben werden kann. Aber diese 
Ausdrucksmöglichkeit gab es im Griechischen nur insoweit 
und seitdem es für den Begriff 'Mittag' ein einheitliches Wort 
gab : da konnte juecajaßpiric, juecriiußpiac dem Muster von Homers 
iioöc, Hesiods öpGpou, Pindars ecirepac folgen. Ein *juecoi> 



1) Brugmann IF. 27, 239 setzt auch echt lateinische Adverbia 
perdius uw^pernox an, die dann allmählich zu Adjektiven geworden 
wären. Aber weder hat es jene Adverbia wirklich gegeben noch 
in lebendiger Sprache eine Adjektivierung stattgefunden. Das 
klassische Latein kennt nur adjektivisches pernox in der Verbin- 
dung luna pernox=per noctern lucens, also analog etwa mit perennis. 
Neben dieses stellten dann die Archaisten nach Maßgabe des ar- 
chaischen Paares dius : nox ein perdius, vielleicht zunächst als 
Adverb Gell. 2, 1, 2 stare Socrates dicitur perdius atque j^eriiox. 
Darüber hinaus künstelnd Apul. Met. 5,6 (107, 12 ff.) et perdia et 
pernox nee inter amplexus coniugales desinis cruciatum, gegen- 
über 8,6 (206, 16 ff.) pernox et per diem (Schulze perc^ea) nervös 
meos contorqueo. Ebenso dann perdia pernoxque bei Mart. Capeila 
2, 124. 

2) Belehrend die Wendung xai -rroXeiaou xal eiprivr|c, die sich 
vom 4. Jahrhundert ab über die ganze griechische Welt ausbreitet 
und in dialektischen Texten der hellenistischen Zeit sehr beliebt ist. 
Wo sie zuerst aufgekommen ist, weiß ich nicht. Das älteste datier- 
bare Beispiel, das ich kenne, findet sich in dem erythräischen Ehren- 
beschluß für Konon von 394 a. Ch. (Collitz-Bechtel 5686 [=Dittenb. 
Syll.2 165], 9). Alt und ursprünglich ist es kaum: Homer sagt eu' 
€ipr]vric, und z. B. in Arkadien ist das stymphalische (Bull. Corr. hell. 
7, 491) etvai hk auxci dccpdXeiav Kai dcuXiav Kai Tro\€|uuj Kaipdvac 
sichtlich jünger als das tegeatische (Coli. 1233 = Hoffmann 31) fjvai 

hk auToi iviraciv Kai iv Tro\^|uoi Kai ^v ipdvai. Archaisch in 

Thessalien (IG. IX 2, 257, 6) kev Taxdi k^v dTayiai. Ganz anders. 
Meister IF. 18, 138 ff. 



Lateinisch-Griechisches. 253 

rijuaioc oder ^juecrjc fi|uepr|c an Stelle von jue'cuj fj|uaTi (Hy. 
Apoll. 441 und Hermes 17) wäre in der altern Sprache, die 
abgesehen von den ganz anders gearteten, partitiv gefärbten 
Tujv TTpoiepuuv exeujv A 691 und Toöb' aiiroO XuKdßavTOC ("inner- 
halb eben dieses Jahres' wie )uiäc djuepac 'innerhalb eines ein- 
zigen Tages' auf der Damononinschrift usw.) nur eingliedrige 
Genetive der Zeit kennt, ganz undenkber^). Ja man fragt 
sich trotz dem gotischen dagis und dem vielleicht genetivischen 
lateinischen dius, ob überhaupt der temporale Genetiv beim 
Worte für Tag' nicht erst dem Genetiv des Worts für 'Nacht' 
nachgebildet sei. Daß bei Homer bloß vuktöc belegt ist, kein 
Tljue'pric oder fijuaToc, kann angesichts der jungen und vereinzelten 
Bezeugung von vuktöc (v 278) auf Rechnung des Zufalls gesetzt 
werden. Aber lehrreich sind Stellen wie Herodot II 150, 16 
ou VUKTÖC, dWd |U6t' ti|U€priv. Plato Phaedr. 251 E outc vuktöc 
ouTe |ue9' f]|U6pav. Xenophon Anab. VII 3, 37 vuktöc . . . jueG' 
fijuepav und Memor. III 11,8 Tfic vuktöc . . . jueG' fi|uepav. Epiktet 
III 24, 24 |Lie6' fijuepav vuktöc. Plutarch bei Lobeck Paralip. 62 
(dem ich einige der obigen Stellen verdanke) vuktöc Kai lueG' 
fijue'pav. Verwandt hiermit ist das kretische ev vukti (vutti): 
Tteb' djLiepav, belegt in Gortys (4991 II, 13 f. Collitz-Blaß) und 
in Dreros (4952 A 40 f.), das hellenistische vuKTuup Kai |ueG' 
fi)uepav (im Anschluß an Thomas Mag. 250, 6 mehrfach belegt 
von Lobeck Paralip. 62 f. 2), der das auch hergehörige jueG' 
fiiuepav Kai vuKTa aus Pausanias IV 4, 6 anführt), Euripides 
Ion. 1049 f. Tuuv vuktittöXujv eqpöbiuv dvdcceic Kai jueGajue- 
piujv, Plato Soph. 220 D tö |uev vuKTcpivö v . . . tö be fe 
lueGiTjuepivöv. Dazu weiterhin Aeschyl. Choeph. 817 vuktöc 
Trpou|U|udTiJuv (so Wilamowitz für handschriftliches vuKTa irpö 
t' ö)U)LidTUJv) CKÖTOV q)e'p6i, KaG' fijuepav b' oubev e)uq)avecT6poc, 
wozu Lobeck Paralip. 63 Parallelen aus spätem Texten bei- 
bringt. — Erst allmählich vollzieht sich die Ausgleichung: bei 
Herodot II 133, 15 oütc tiiuepric outc vuktöc und V 23, 13 Kai 
TijuepTic Kai VUKTÖC, bei Sophokles Akris. fr. 62 N.^ Td TToXXd 



1) Auch das Attische ist noch ziemlich zurückhaltend; Aus- 
drücke wie das ÖTruupiväc iruXaiac delphischer Urkunden, oder wie 
luu0ivfjc qpuXaKflc oder vuktöc dceXrjvou bei Diodor kennt es nicht (doch 
z. B. Tro\\f]c VUKTÖC, ÄKpac vuktöc). 

2) Bei Lobeck fehlt der für uns hier besonders interessante 
Beleg Epiktet IV 4, 39 Kai öpepou Kai |ae0' 'twxipa.v koI vÜKTOjp. 



254 J. Wackernagel, 

TUJV beiviuv övap TTveucavia vuktöc fijaepac |aaXdcc€Tai, bei 
Epiktet III 24, 113 Tauia vuktoc raOta fi)uepac irpoxeipa 
ktu) (weiteres aus Plutarch und Libanius Lobeck Paralip. 
62 f.). 

Beacbtenswert in diesem Zusammenhang ist das alt- 
lateinische Wortpaar lud : nox, also dort Lokativ, hier Genetiv. 
Und eine direkte Parallele zu ev vukti : ireb' djuepav, vuKTiup : 
jieG' fmepav ist noctu : interdiu. Der lateinische Ausdruck hilft 
die kindliche Deutung von jueG' fmepav mit 'nach Tagesanbruch' 
(so zuletzt wieder Kühner-Gerth 1, 508) wiederlegen; natürlich 
gehört es mit dem ebenfalls akkusativischen juexd x^ipac zu- 
sammen. Außerhalb der Verbindung mit fnuepa findet sich tem- 
porales |Li€Td in lebendiger Rede nicht; Pindars eqpaiuepiav 
ouK eiböiec oube jueid vuKxa d|U)Lie ttötjuoc dviiv' e'fpaipe bpa- 
)ae)Li6v TTOTi CTd6|Liav (Nem. 6, 6) stellt eine gewollte Abweichung 
vom Gemeinüblichen dar. 

Also kann meri- nicht einen alten Genetiv *medi dar- 
stellen; wir werden auf die lokativische Interpretation zurück- 
geworfen. Es bleibt zunächst die von Jacobsohn hervorgehobene 
phonetische Schwierigkeit. Aber wir brauchen das für iei 
eingetretene l gar nicht auf Kontraktion zurückzuführen. Viel- 
mehr ist einfach '^-dieidie durch Dissimilation zu *-deidie ge- 
worden. Zweimaliges di vor e-Vokal war unbequem, daher 
die partielle Haplologie. Ganz gleich sentenüa, wofür Curtius 
unnötig auf einen alten Aorist rekurriert, aus *sentientia. Ähn- 
lich äol. ßaGöevTi e[ß]a9ör| für ßoäö- : Kontraktion ist, zumal 
und ä einst durch F getrennt waren, wenig wahrschein- 
lich. Dissimilatorischen Ausfall des zweiten o wäre man viel- 
leicht geneigt für ßoriGeiv neben Homers ßor|06oc (und eben 
äol. ßa86r|)Lii) anzunehmen, wenn nicht öuocKeic (Aeschyl. Ag. 87) 
zu GoocKÖoc vielleicht einen anderen Weg wiese. (Vgl. Solmsen 
IF. Anz. 6, 54.) 

Ich wage zwei weitere Fälle von Dissimilation im Latein 
anzuschließen. Vom zweiten Jahrhundert p. Chr. ab ist alter- 
utrum in reziprokem Sinne belegt (zuletzt darüber Löfstedt 
in seinem meisterhaften Kommentar zur Peregrinatio Aetherifie 
337). Mir ist völlig unverständlich, wie alteruter 'der eine 
von beiden' die Bedeutung 'einander' annehmen konnte. Hat 
es einst in volkstümlicher Redeweise ein ^alter-ulterum mit 
normalem ul gegeben und ist dies dann nach dissimilatorischem 



Lateinisch-Griechisches. 255 

Schwund des zweiten l in die literarische Sprache empor- 
gestiegen? 

Ebenfalls mit Vorbehalt bringe ich das zweite Beispiel. 
marltus heißt bekanntlich ursprünglich 'beweibt' im Gegensatz zu 
caelebs. Besonders schlagend ist, worauf mich H.Lommel hinweist, 
Plautus Epid. 180 pulcra edepol dos pecuniast : quae qtiidem 
pol non maritastj wo man das Wort übersetzen muß 'mit 
einer Frau verbunden'. Dahin gehören auch trotz des femiui- 
nalen Geschlechts die arbores maritae des Cato (agr. 32, 2). 
Erst nachträglich gelangte maritus zur Bedeutung 'Gatte', also 
zur Stellung eines mit einem Genetiv oder einem Possessivum 
verbindbaren Beziehungswortes (vgl. Koehra Altlat. Forschungen 
87); Cic. de invent. I 31, 32 ut maritus sis quam optimae 
(oder wenn diese Worte unecht sind Cic. Rabir. 8 cariorem 
huic sororis maritum quam filium fuisse) ist hierfür wohl 
der älteste literarische, CIL. I 1007, 4 suom mareitum wohl der 
älteste inschriftliche Beleg. Es ist bemerkenswert, daß das zu 
Ciceros Zeit neu geprägte bimaritus (Cic. Plane. 30) 'doppelt- 
beweibt' heißt, nicht etwa 'zwei Gatten habend'; hierfür dient 
im alten Latein biuira. Entsprechend heißt maritare zwar 
bei Varro (r. r. 2, 9, 1 1 ) 'mit einem Gatten versehen', aber bei Horaz 
(Epod. 2, 10) und in dem Titel des bekannten augusteischen 
Gesetzes de maritandis ordinibus 'beweibt machen'. Und 
marita 'Gattin' ist bekanntlich erst nachciceronisch. 

Demgemäß und gemäß dem Parallelismus mit aurltus : 
auris muß maritus ein auf -is ausgehendes Wort zur Grund- 
lage haben. Die heutigen Etymologen (zusammenfassend Walde 
s. V.) weisen einerseits auf ved. mdrya- 'Jüngling, Liebhaber', 
griech. jueTpaH jueipotKiov hin, andererseits auf marti- 'Braut, 
Jungfer', das in mehreren baltischen Belegen erhalten ist und 
wohl auch in kretisch BpiTO-(BpiTa-)|LiapTic steckt. Die erstere 
Kombination ist falsch: mdrya- jueipaK- liefern nicht einen i- 
Stamm und sind trotz der femininalen Verwendung von jueTpaH 
keine spezifischen Bezeichnungen des Weibes. Dagegen marti- 
paßt formal und semasiologisch ausgezeichnet. Legt man es 
demnach wie billig zugrunde, so ist maritus aus "^martitus 
dissimiliert; ähnlich wie segestrum obsetrix aus CTeYacipov, 
obstetrix, spätgriech. dqpeviric ireviivTa aus dcpGeviric Trevinvia 
(Schulze GGA. 1896. 248). 

Daß sich die entstellte Form gegenüber der ursprünglichen 



256 J. Wackernagel, 

durchsetzte, während die ebenfalls auf postkonsonantisches 
-tUus ausgehenden partUus, sortitusy vestltus stets fortfuhren 
mit zweimaligem t gesprochen zu werden, ist ganz normal. 
Bei diesen ließ das zugehörige verbale System den Sprecli- 
fehler nicht aufkommen; marti- dagegen kam den Lateinern 
schon in vorgeschichtlicher Zeit abhanden, daher war '^'martitus 
schutzlos. 

b) Dissimilation im Satzzusammenhang. 

Bekanntlich sind im Latein die gleichwertigen Aus- 
gänge -aris und -alis in der Weise abgegrenzt, daß -aris in 
Wörtern, die in ihrem "Vorstück' ein l enthalten, auftritt, sonst 
überall -alisy dieses also, wo kein lautliches Hindernis vorliegt, 
die einzig berechtigte Form des Suffixes ist. Somit ist extalis 
(in der Kaiserzeit Bez. des Mastdarms) die normale Ableitung 
aus exta, das plautinische extaris durchaus abnorm. Man 
darf nicht auf jenes andere -aris hinweisen, das als Neben- 
form von -arius eintritt. (Vgl. Neue Formenl.^ 2, 158 ff.). 
Denn abgesehen davon, daß ein extarius nicht belegt zu sein 
scheint, gehört die Substitution von -aris für -arius erst 
späterer Zeit an, und außer Varro (Satur. Menipp. fr. 197 Buch.) 
cultro coquinari^ wo sehr leicht coquinai'i^o} geschrieben 
werden kann, entsprechend dem sonst üblichen Gebrauch des 
Wortes, scheint sich auch solches -aris nur in Worten mit l 
zu finden, z. B. alaris ridicularis. Bei Plautus wäre -aris 
für -arius doppelt unwahrscheinlich. Er liebt ja gerade das 
Umgekehrte: gradihus militariis, catenas singularias, feles 
virginaria (Lindsay zu Plaut. Capt. 96). Das Rätsel löst sich, 
wenn man die ganze Stelle, wo extaris steht, ansieht: Rudens 
135 aut aulam extarem. Auch Plautus sprach im allgemeinen 
gewiß extalis. Aber hinter atila kam ihm und seinen Zeit- 
genossen von selbst extaris auf die Zunge. Es reiht sich also 
extaris den zuletzt von Brugmann (Das Wesen der lautlichen 
Dissimilation 148 f.) besprochenen Fällen an, in denen der 
Dissimilationstrieb an der Wortgrenze nicht haltgemacht hat^). 



1) Ich erinnere hier auch an die Nachweise über einmalige 
Setzung eines eigentlich zweimal zu denkenden Wortes, die Bekker 
Hom. Bl. 1, 315 und Wright Harvard Stud. in Class. Philol. 12 (1901), 
187 gegeben haben. 



Lateinisch-Griechisches. 257 

Den (z. T. freilich sehr fragliehen) Fällen von Haplologie 
im Satzzusammenhang, die Schwyzer IF. 28, 300 teils aus Ar- 
beiten der letzten Jahre zitiert, teils selbst neu beibringt, sei 
eine bekannte Homerstelle beigefügt: Z 396 GuTairip jU6T(xXr|Topoc 
'HeTiuuvcc 'Heiiojv oc evaiev uttö TTXdKuu u\r|eccr]. Seit Bekker 
Homer. Blätter 1, 314f. pflegt man den wunderlichen Nominativ 
durch attractio inversa zu erklären : 'HeTiuuv st. 'Heriiuvoc wegen 
des folgenden öc. Bekker bringt eine ganze Anzahl von Belegen 
dieser Erscheinung aus Homer bei; K416. E 75. £371 können 
als sicher gelten, dazu A 433 TpOuec b' ujct' öiec . . . eciiiKaciv . . . 
u)c Tpuuiuv dXa\r|TÖc dvct cipaiöv eupuv opuupei (während H 186. 
X 122, weil hier das angeglichene Substantiv folgt, anderer Art 
ist, und 177. 74 überhaupt nicht hergehören). Aber man 
darf nicht übersehen, daß an diesen Stellen der Satz, wozu 
das assimilierte Wort gehört und mit dessen Konstruktion es 
durch die Assimilation in Widerspruch geraten ist, erst auf 
den die Störung bewirkenden Relativ- oder Vergleichungssatz 
folgt, daß also im vorausgehenden gar nichts gegeben ist, was auf 
die Konstruktion des Wortes Einfluß üben könnte. Das ist 
keine zufällige Eigentümlichkeit der paar homerischen Beispiele, 
sondern trifft auch die große Mehrzahl der Beispiele, die es 
für attractio inversa überhaupt gibt, zu. In lichtvoller Dar- 
legung hat Linskog (Eranos 1, 54ff.)^) gezeigt, daß bei solchem 
Aufbau des Satzes die attractio inversa am verständlichsten 
und natürlichsten ist, und mit dem in gleichem Fall häufig 
eintretenden Nominativus absolutus in Parallele steht. Wenn 
ein Wort von den Worten, wozu es begrifflich gehört, getrennt 
und die Beziehung, in der es zu ihnen steht, noch nicht fixiert 
ist, kann der Sprechende leicht darauf verfallen es dem nächst- 
folgenden Worte des Zwischensatzes, mit dem es begrifflich 
zusammengehört, gleich zu gestalten. 

Nun sind freilich vereinzelte Fälle von anders bedingter 
attractio inversa nachgewiesen (so z. B. von Jespersen Progress in 
language 186 ff. aus dem Englischen): die auffälligsten wohl 
bei Adverbien, z. B. in dem berufenen ßflvai K€T6ev Ö8ev irep 
TiKEi des Sophokles (Oc. 1227). Höchst seltsam hat sich in 
TToXXaxoO Kai dXXoce, örroi dv dqpiKr], dYairricouci ce (Plato 



1) Vgl. auch die vorzüg:lichen Ausführungen von Löfstedt 
Peregrinatio Silviae 222 f., der Kroll Glotta 3, 13 f. widerlegt. 
Indogermanische Forachungen XXXI. 17 



258 J. Wackernagel, 

Kriton 45 B) das erste Adverbium rational nach oiYaTTrjcouci, 
das zweite irrational nach dem Zwischensatz gerichtet, und 
ist so zwischen den Adverbien selbst eine wunderliche Inkon- 
gruenz entstanden^). Aber für Homer bliebe das so interpretierte 
'HeTiujv öc doch eine Abnormität, und es kommt hier ein be- 
sondrer Grund dagegen hinzu. Die Epanalepse, die dazu dient, 
den Hörer bei einem Begriff länger festzuhalten, und Gelegen- 
heit schaffen soll, noch weiteres von ihm auszusagen, fordert 
ihrem Wesen nach Identität der Form. So Homer sonst stets : 

B 671 ff. Nipeijc aö Zu)Lir]G€V d^ev xpeTc vfjac eicac, Ni- 
peuc 'AfXairic oiöc XapÖTTOiö x' dvaKxoc, Nipeuc öc KdXXicxoc 
dvf]p iiTTÖ "IXiov fjXGev. B 837 f. xujv aOx' TpxaKibrjc fjpx' 
"Acioc öpxa|Lioc dvbpüiiv "Acioc TpxaKibr|c, öv 'Apicßr|0ev 
cpe'pov iTTTTOi. B 849 ff. = 157 f. 'AHioO eupu peovxoc, 'ASioO, 
ou KdXXicxov üboip eTTiKibvaxai aiav resp. im foiav ir]ci. Z 158 f. 
evGa be Xicucpoc ecKev, ö Kepbicxoc T^vex' dvbpAv, Zicocpoc 
AioXibr|c. M 95 f. xpixoc b' rj 'Acioc fipujc, "Acioc TpxaKibric, 
ov 'ApicßrjGev cpepov ittttoi. 85 f. GuYdxrjp "AXxao Y^povxoc 
"AXxeuu (lies "AXxa') oc /\e\lfecci qpiXoirxoXejuoiciv dvdccei. 
X 127 f. xuj oapiZieiuevai dxe TiapGevoc i^iGeöc xe, irapGevoc 
^iGeoc x' 6apiZ;exov dXXriXoüv. a 23 f. dXX' ö juev AiGioTtac 
luexeKiaGe xr|XöG' eövxac, AlGiorrac, xoi bixGd bebaiaxm. (a 51 
ist natürlich nicht Epanalepse, sondern davor stark zu inter- 
pungieren.) 

Bentiey, der die Unmöglichkeit des 'Hexiujv empfand, 
wollte durch die Schreibung 'Hexiujvoc, ö vaiev helfen. Aber 
warum hat sich dies nicht gehalten, wenn es ursprünglich da- 
stand? So scheint nichts anderes übrig zu bleiben, als daß wir 
'Hexiuuv öc für 'Hexiujvoc öc gesetzt sein lassen und annehmen, 
daß die Hörer aus dem oc zugleich die Genitivendung und 
das Relativum heraushörten. 

2. optare. 

Zur Sippe von optare (innerhalb deren besonders praed- 
opiont optio und umbr. upetu upetuta^) zu beachten sind), 

1) Vgl. auch Jeremias 2, 32 ohlitus est mei dieriim. (LXX 
i^lLi^pac, Hieronymus diebus) quorum non est numerus in der altlat. 
Bibelübersetzung. Auch cIl. IX 5438 bei Löfstedt 226. 

2) Umbr. -to als Endung des H. Plur. habe ich KZ. 41, 318 If. 



Lateinisch-Griechisches. 259 

sind bis jetzt keine außeritalischen Verwandte nachgewiesen. 
Denn durch Ficks evidente Zusammenstellung von opinari mit 
aksl. za-ap^ za-japi ^Vermutung' und dessen slavischer Zu- 



I 



auf idg. -to zurückgeführt, in der Annahme, daß in der Grundsprache 
neben -t{h)e der IL Plur. ebensogut eine Form mit auslautendem -o 
gestanden haben könne, wie die Endung der L Plur. anerkannter- 
maßen sowohl -mos^ -mo als -Tnes, -me gelautet hat und hier die o-Form 
gerade auch auf italischem Boden vertreten ist. Brugmann IF. 29, 
243 ff. verteidigt dem gegenüber seine Erklärung, daß im Umbrischen 
die durch das Baltoslavische bezeugte Endung* -tä der IL Dualis 
die Geltung einer IL Plur. erhalten habe. Phonetisch ist diese Er- 
klärung natürlich berechtigt. Aber meine anderweitigen Bedenken 
sind durch Brugmanns Bemerkungen nicht gehoben. Er beanstandet 
meinen Satz, daß Ersetzung einer ursprünglichen Pluralendung 
durch eine dualische nirgends unwahrscheinlicher sei, als im Im- 
perativ. Nun gibt aber Brugmann a, a. 0. 244 selbst zu, daß in 
Sprachen, die den Dual verloren haben, sich nur unter besonderen 
Umständen eine Dualform erhalten und mit pluralischer Geltung 
ausgestattet werden konnte. Beim Nomen sind solche besonderen 
Umstände leicht zu denken. Genug Sachbegriffe sind paarweis 
vorhanden, und deren dualische Weiterbezeichnung auch nach dem 
Verlust des Duals und ein Weiter wandern solcher Dualendung auf 
begrifflich und formal verwandte Nomina wohl begreiflich. So im 
russischen Nom. pl. auf -a gewisser Maskulina. Ob es beim Nomen 
weitere sichere Fälle gibt, darüber gibt ein Kundiger vielleicht 
einmal Belehrung. Jedenfalls sind die meisten Versuche, generelle 
(nicht auf einzelne Wortkategorien beschränkte) Pluralendungen 
des Nomens für den Dual in Anspruch zu nehmen, gescheitert. Daß 
griech. -ai der 1. Deklination nicht mit ai. -e im Nom. du. der ä- 
Stämme zusammengehört, sondern dem -oi der 2. Deklination nach- 
geformt ist, weiß man längst. Ebenso sind entsprechende Erklärungen, 
die man etwa für mittelindische Pluralformen gegeben hat, abzu- 
lehnen. Das -f, -ü im Nom. pl. der i- und t^-Stämnie des Päli und 
Präkrit stammt nicht aus dem altindischen Dual, sondern aus dem 
mittelindischen Akk. plur.; vgl. Pischel Präkritgr. S. 265 unten (§380). 
Wenn Pischel selbst S. 257 (§ 369) die Apabhramsa-Endung -ahum 
des Abi. plur. der a-Stämme mit ai. -äbhyäm gleichsetzt, so paßt 
dazu das ä und die ausschließlich ablativische Bedeutung des -ahurri 
schlecht; insbesondere aber kann das pluralische -ahum von -ahe, 
-ahu als Apabbramsa-Endung des Ablativ sing, der a-Stämme nicht 
getrennt werden, und von diesem -he, -hu sagt Pischel S. 251 (§ 365) 
selbst, daß seine Herkunft dunkel sei. 

Anders als beim Nomen liegen die Dinge beim Verbum. Wie- 
viel Verba gab es wohl, die von Haus aus auf den Gebrauch im 
Dual beschränkt waren, und bei denen es nahe lag, auch nach 
sonstigem Untergang des Duals die dualischen Personalendungen 



260 J. Wackernagel, 

behör (Bernecker Slav. Etymol. Wörterb. 29 f.) ist für optare, 
dessen Begriff von dem von opinari weit abliegt, nichts ge- 
holfen. 



festzuhalten? und das erst noch mit solcher Energie, daß auch be- 
liebige sonstige Verba an der Dualendung partizipierten ? Es bedarf 
sehr zwingender Beweise, bevor man glauben darf, daß etwas so 
Unwahrscheinliches wirklich wurde. So ist es m. E. unzulässig, da sich 
lat. legitis aus legite nach legis -.lege vollauf erklärt, die imaginäre 
Möglichkeit alten Zusammenhangs von 4is mit ai. -thas daneben be- 
stehen zu lassen. Das scheinbarere baltische -ta kann ich auch 
nicht anerkennen, obwohl es mich als Laien Überwindung kostet, 
mit den Baltisten in Widerspruch zu treten. Im Lettischen und 
im Litauischen hat die 2. Plur. -ta eine 1. Plur. auf -ma neben 
sich, die wenigstens im Litauischen bedeutend häufiger war als -ta 
(Porzezinskij Kz> istorii form* sprjazenija \^ baltijskichz. jazykach» 
[1901] 53 f., auf den Trautmann Altpreuß. Sprache 274 verweist). 
Ich mache besonders auf die Übereinstimmung in lett. eima : eita 
aufmerksam (Bielenstein II 119 f. 126). Das Gegebene ist, -ta aus 
dem Einflüsse von -ma herzuleiten, womit das ganz vereinzelte» 
vielleicht fehlerhafte segglta des Altpreußischen nicht in Wider- 
spruch steht. Daß -ma selbst sein -a aus der 1. Dualis haben mag, 
und diese das ihrige wieder vielleicht aus der 2. Dualis, somit das 
-a von -ta auf einem Umweg doch vielleicht aus dem Dual stammt, ist 
ganz etwps anderes, als wenn man -ta selbst zur Dualform stempelt. 

Noch weniger als beim übrigen Verbum schien mir alte Dual- 
endung beim Imperativ darum wahrscheinlich [obwohl ich gerade 
hierauf kein Gewicht lege und für die -^o-Frage kein Gewicht zu 
legen brauche], weil dem Imperativ auch außerhalb von -töd stets 
eine gewisse Indifferenz gegen den Numerus eignet, wie sich z. B. 
aus griech. äye, qpe'pe, \hi, öpa, eiir^, lat. viden, deutsch halt, siehe, 
wart einmal bei Anrede an eine Vielheit von Personen ergibt. Diese 
Indifferenz macht sich in allen Sprachperioden immer wieder geltend; 
die morphologische Beschaffenheit des Imperativs auf -e läßt darauf 
schließen, daß sie ihm von Haus aus eigen war. Also war grund- 
sprachlich scharf dualischer Imperativgebrauch kaum ausgebildet. 
(Übrigens zeigt z. B. griech. iraöe als Imperativ nicht bloß von iraOuu. 
sondern auch von irauoiuai auffällige Indifferenz des Imperativs auf € 
auch gegen die Diathesis. Ferner beachte man die Fälle, wo -e st. 
-e'TUJ gesetzt ist, z. B. Eurip. Iph. A. 1598 Tiäc Tic Gdpcoc aipe vaußdiric, 
Xujpei xe TTpöc vaöv. Bacch. 173 ituu tic, eicäffeWe. Ähnlich Eur. 
Bacch. 346. Kratin Fr. 144 [I 58 K.J. Aristoph. Frieden 301. 510. Vögel 
1186. 191, Rhesos 687 ff. Ferner wo -e gesetzt ist, ohne daß eine 
bestimmte Person angeredet wird: Aesch. Ag. 1125. Eurip. Kykl. 203. 
Tro. 308. Bacch. 427, worüber Blaß im Rhein. Mus. 62, 265 f.) 

So ganz gedankenlos war also meine Äußerung nicht. Daß 
Brugmann nunmehr mit Bücheier umbr. etato als präsentische, nicht 



Lateinisch-Griechisches. 261 

Italisch op- heißt 'auswählen, den Vorzug geben', wo- 
raus sich innerhalb des Latein sekundär die Bedeutung des 
Wünschens entwickelt hat. Nun liegt eTTi-OTi- ^vählen, aus- 
lesen" in homerischem und attischem Gebrauch vor: I 167 
ei h' äfe touc av ifihv eTnöii;o)Liai, oi be mGecGiuv. ß 294 
Tdujv (d. h. 'der Schiffe') |uev lor €yujv €7Tiöi|i0)uai, fixic 
dpicir). Plato Leg. XII 947 C ouc äv oi rrpocriKOViec toö 
TeXeutricavToc eTriöipiuvTai. (Die Handschriften ettoiij-, ver- 
bessert von Buttmann Sprachlehre^ 2, 259 A.) CIA. II 938, 1 
(330/29 a. Chr.) Toöcbe eTnajiij[aT]o 6 lepoqpdvTric. 949,2 
(ca. 300 a. Chr.) touc eTrio(p[eevTac]. Zitat bei Suidas. I 2, 
441, 4, Beruh, und im Etym. M. 362,38 ö ßaciXeijc eiri- 
lüijjaTO dppriqpöpouc. (Vgl. Köhler Hermes 6, 206 ff. und zu 
CIA. II 948). Seit Aristophanes von Byz. (Nauck Aristo- 
phanis Byz. Fragm. S. 22 f.), der die homerischen Belege mit 
eTTOTTieucuj paraphrasiert, ist man gewohnt, dieses eTri-oir- an 
oipojuai 'videbo' usw. anzuknüpfen. Aber schon für das 
Sprachgefühl der homerischen Zeit gehört es nicht dazu; bei 
den OTT-Formen von ecpopdv ist bei Homer im Unterschied von 
€7Tiöi|;o)Liai die Elision durchgeführt: eTTÖvyeai E 145. u 233, 
eTTOVjJÖjuevoc ti 324. t 260. 597. ip 19; vgl. eTTÖi|;aT0 bei Pindar 
Fr. 88, 7. Daß ferner die Bedeutungen auseinanderliegen, 
hat schon Buttmann (Sprachlehre- 2, 258) bemerkt; auch hier, 
wie zumeist, hat er richtiger gesehen, als alle anderen. Keiner 



futurische Imperativform anerkennt, gereicht mir zur Genugtuung. 
Aber wenn er die allgemeine Möglichkeit präsentischen Gebrauchs 
der Endung -töd unter Verweisung auf Schmalz und Hentze mit 
lat. scito u. dergl. und homerisch -tuj verteidigt, so berufe ich mich 
für scito auf Göttinger Nachr. 1906, 180 f.; und was -tuj betrifft, so 
kann eine dritte Person des Imperativs nie mit einer zweiten auf 
Eine Linie gestellt werden. Für das Griechische gab es überdies 
nach dem Untergang desinjunktivs und der nur im Eleischen bewahrten 
voluntativen Bedeutung des 3. Sing, des Konjunktivs keine Befehls- 
form dritter Person außer -tuj (und dem ursprünglich in der Person 
unbestimmten Infinitiv, der indes schon bei Homer fast völlig auf 
die zweite Person beschränkt ist). 

Meiner eignen Deutung von umbr. -to aus idg. -to liält Brug- 
mann entgegen, daß ich ad hoc ein Lautgesetz konstruieren müsse, 
nirgends sonst idg'. -o durch iimbr. -o reflektiert sei. Aber wo ist 
denn idg. -o im Umbrischen nicht durch -o reflektiert? und was 
anders sollte man dafür erwarten ? Im übrigen verweise ich noch- 
mals auf V. Planta 1, 567. 



262 J. Wackernagel, 

Form von e9opäv kommt je eine Funktion zu, die sich der 
Bedeutung des Wählens auch nur näherte. Man darf den 
Unterschied nicht mit der Übersetzung 'ausersehen' ver- 
kleistern. 

So schlecht £7Tiuji|jaT0 zu ecpopäv stimmt, so gut stimmt 
es zu optare, bis in Spezialitäten hinein: gleichermaßen wird 
das attische eTriöi|iacOai und das lateinische cooptare von der 
Wahl von Mitgliedern sakraler Genossenschaften gebraucht. 
Sehr früh, in demselben Sinn wie Xi-^x) : eTriXeT^J (womit das 
homerische eTriöipouai glossiert wird), wurde dieses op- im 
Griechischen mit im komponiert, und dann auf diese Verbin- 
dung beschränkt; eTTioir-, ohne ein Simplex ott- daneben, war 
bereits fest, als die Elision des i bei einzelnen Präpositionen 
Mode wurde. (Vgl. Schulze Qu. ep. 421 A 2. Meister Sachs. 
Berichte 1904, 32. Jacobsohn Philol. 67, 482.) 



3. parabola. 

Gemeinromanisch ist das klassisch-lateinische verbum 
durch parahola, loqui durch fabulari ersetzt, an dessen Stelle 
schon früh auch die Ableitung aus parahola erscheint, die in 
frz. parier erhalten ist. Der Sieg von fabulari über loqui 
ist verständlich; er hat in hellenistisch XaXeTv 'loqui' aus att. 
XaXeiv 'schwatzen' seine genaueste Parallele, ausser daß die 
weitere Bedeutung von fabulari im Latein verhältnismäßig 
weiter zurückreicht, als die von XaXeTv im Griechischen. Aber 
woher stammt die Beliebtheit von parahola und wie kommt 
es selbst zur Bedeutung 'Wort', da doch das literarische 
Latein (von Seneca und Quintilian an) parabola nur in der 
Bedeutung 'Gleichnis' kennt? 

Auch wenn wir auf das griechische Original von para- 
bola zurückgehen, kommen wir zunächst nicht weiter. Das 
Griechiche der Handwörterbücher, d. h. das Ionisch-Attische 
und die gewöhnliche hellenistische und spätere Sprache, kennen 
TrapaßoXri gerade in dieser Bedeutung 'Wort' nicht, sondern 
(außer in anderen uns hier nichts angehenden Funktionen) 
auch wieder nur in der Bedeutung 'Vergleichung, Gleichnis', 
die zu TTapaßdXXeiv Vergleichen' eigentlich 'nebeneinander- 
stellen' trefflich stimmt. 



Lateinisch-Griechisches. 263 

Um so ei§:entümlicher ist der Gebrauch einer außerhalb 
der gewöhnlichen Literatur stehenden Textgruppe, der Über- 
setzungstexte der Septuaginta. Hier kann zwar das Wort 
die klassische Bedeutung haben, z. B. Ezech. 17,2 eiirov 
TrapaßoXfiv irpoc töv oTkov toO 'lcpar|X 'rede ein Gleichnis 
zum Hause Israel'. Daneben aber und viel häufiger hat es 
die klassisch unbekannten Bedeutungen, 1) "Sprichwort' z. B. 
I Eeg. (= I Sam.) 10, 12 bid toöto efevriGri eic TrapaßoXriv 
''H Kai laouX ev irpocpriTaic' ; "daraus ist die sprichwörtliche 
Redensart entstanden: 'Gehört denn Saul auch zu den Pro- 
pheten'; 2) "(liedartiger) Spruch'; so Num. 23, 7 ff. (auch 
Renoch 1, 2) wiederholt von Bileam Kai dvaXaßdbv rfiv ira- 
paßoXfjv auToO emev "da trug er seinen Spruch vor und 
sprach'; 3) 'Gnome', z. B. III Reg. (= I Kön.) 5, 12 Kai eXd- 
Xr|C€v XaXuujuüjv rpicxiXiac irapaßoXdc "und S. redete drei- 
tausend Sprüche" ; 4) „Gerede, Gespött" z. B. II Chron. 7, 20 
buucoj aoTÖv eic TrapaßoXriv "ich will ihn zu einem Gegen- 
stande des Spottes machen'. 

Daß ein Wort von der Bedeutung 'Gleichnis' auf dem 
Wege normaler semasiologischer Entwickeluug zu diesen 
anderen Bedeutungen gelangen konnte, ist völlig ausgeschlossen. 
Hier hilft nur ein Einblick in die Übersetzungspraxis der Re- 
daktoren der Septuaginta weiter. Überaus oft haben sie ein 
griechisches Wort, dessen Funktion sich mit einem Teile des 
Gebrauchs des hebräischen Wortes deckte, zur Wiedergabe des 
hebräischen Wortes auch in seinem sonstigen Gebrauch ver- 
wendet, und so vielen griechischen Wörtern zu Bedeutungen 
verholfen, die ihnen sonst völlig fremd w^aren, und zu denen sie 
von sich aus nie gelangen konnten ^). Die Wurzel rtVt» wird nor- 
mal durch diTOCTeXXeiv wiedergegeben: demgemäß gibt dtro- 
CToXr) die zu der Wurzel gehörigen Substantiva nicht nur 
seinem attischen Gebrauch gemäß in der Bedeutung 'Ent- 
lassung' wieder, sondern auch in den zum sonstigen Gebrauch 
des griechischen Wortes gar nicht passenden Bedeutungen 
Tieschenk(sendung)', 'Geschoss' und 'Schößling; — eiprjvrj 



1) Einen großen Teil der folgenden Beispiele verdanke ich 
teils Thiersch De Pentateuchi versione Alexandrina 118, der meines 
Wissens zuerst auf diese eigentümliche Gewohnheit der Übersetzer 
aufmerksam gemacht hat, teils den Mitteilungen vonRahlfs undSmend. 



264 J. Wackernagel, 

entspricht dem hebräisclien Ts-hv in der Bedeutung 'Frieden', 
aber wird nun auch gesetzt, wo dieses 'Heil', 'Wohl- 
befinden' oder „Heilwünschen, Begrüßen" bedeutet, z. B. 
11 Reg. (= 11 Sam.) 11,7 eirripiüTricev Aaueib eic elprivriv 
'lujdß Ktti eic eiprjvriv toö XaoO Kai eic eipr|vr|v xoO TroXe|uou 
'David erkundigte sich nach dem Ergehen Joabs und nach 
dem Ergehen des Heeres und wie es im Kriege stehe' oder 
IV Eeg. (= II Kön.) 10, 13 Kaießrmev eic eipr|vr|v tüüv vidjv 
TOÖ ßaciXeujc 'wir sind herabgekommen, um die Söhne des 
Königs zu begrüßen'; — eiTaKOueiv ist an mehrern Stellen die 
normale Wiedergabe von rrjy in der Bedeutung 'erhören', aber 
weil dieses Verbum auch 'Zeugnis ablegen' bedeutet, heißt es 
z. B. Gen. 30, 33 xai eiraKoOceTai juoi r\ biKaiocuvr) )uoi> 
'und darin wird sich meine Redlichkeit erweisen'. — Ebenso 
bedeutet eTTicKeTTTOjLiai als Wiedergabe von -ps auch 'gnädig 
ansehen'; — eToi)LidZ!eiv als die von -^s auch 'befestigen'; — 
icxupöc als die von ciiü? auch 'zahlreich'; — Kpicic als die 
von t2£'r^ auch 'Gebot, Recht'; — )uavTeTov als die von a?];. 
auch 'Wahrsagerlohn'; — voccid als die von ip. auch 'Woh- 
nung'; — irpöcuJTTOV als die von a-^?? auch 'Oberfläche' (wo- 
zu irpocojTTOV Xa)ußdveiv oder rrpocbexecGai 'freundlich auf- 
nehmen', 'begünstigen' als wörtliche Wiedergabe einer mit =-?2 
gebildeten Phrase); — cdpH als die von ^bn auch 'lebende 
Geschöpfe'; — x^^^oc als die von nrb auch 'Sprache'; [ — iciiov 
als die von yVp, das nach Zeugnis der andern semitischen 
Sprachen auch 'Segel' bedeutet haben muß, Exod. 27, 9 
'Vorhang']. 

Sind unter den letztgenannten einige, bei denen die Be- 
deutungserweiterung vielleicht natürlich und ohne Einfluß des 
Hebräischen erklärbar scheint ^j, so ist wieder sehr kraß der 
Gebrauch von irapaKaXeiv. Weil es sich im Sinne von 
'trösten' zur Übersetzung gewisser Formen von arra eignete, 
wurde es nun auch in Wiedergabe anderer Formen dieser Wurzel 
verwendet und öfters 7TapeKXr|0riv, TrapaKXr|9r|cojuai, TrapaKeKXr)- 
)uai gesagt im Sinne von 'Mitleid empfinden' oder von 'Reu€ 
empfinden'. Der allerstärkste Fall ist aber der von dYXicTeuuu^ 
eigentlich 'nah verwandt sein' und als solches Wiedere^abe 



1) Z. B. upöcujTTOv Tfic YHC h''it im neupersischen röl zemi seine 
genaue Parallele. 



Lateinisch-Griechisches. 265 

von Vk;; aus seiner ursprünglichen Bedeutung folgt für das Ver- 
bum ganz natürlich die Bedeutung 'die Pflichtehe vollziehen* und 
für das Partizip mit ai|Lia die Bedeutung 'Bluträcher'. Weil 
aber weiterhin eine Form eines homonymen hm 'für unrein 
erklärt werden, ausgeschlossen werden' bedeutet, scheut sich 
der Übersetzer von Esr. 2,62 und Neh. 7,64 nicht, dies mit 
dTXiCTei3o)uai wiederzugeben ! 

Ganz wie diese künstlichen Bedeutungserweiterungen ist 
die von TiapaßoXri zu verstehen. Es bedeutet einfach darum 
auch 'Sprichwort, Spruch, Gnome, Spott', weil Vtytt außer der 
Bedeutung 'Gleichnis', in der es normalerweise durch ira- 
paßoXri wiederzugeben war, auch alle jene anderen Bedeu- 
tungen besitzt, und die älteren Übersetzer für diese anderen 
Bedeutungen das gleiche griechische Wort verwenden wollten. 
Ob dabei die Vorstellung mitspielte, daß bei Vü»2 'Vergleichung' 
die Kardinalbedeutung sei, ist für uns hier gleichgültig. Das 
Besondere bei TtapaßoXri ist nur, daß bei ihm die Bedeutungs- 
erweiterung nicht wie bei den vorbesprochenen Wörtern auf 
den übersetzten Bibeltext beschränkt blieb, sondern ihm auch 
in seiner weiteren Verwendung anhaftete. Das Neue Testa- 
ment kennt irapaßoXri zwar vorwiegend in der Bedeutung 
'Gleichnis, Gleichniserzählung (Fabel)', die allenfalls als 
Nuancierung der klassisch-griechischen Bedeutung gefaßt wer- 
den kann. Aber Luc. 4, 23 ttcxvtujc epeire juoi iriv -rrapaßo- 
\r\v laoiriv laipe GepotTreucov ceauxöv ist die Septuaginta- 
bedeutung 'Sprichwort' unverkennbar. Ebenda 12, 16 und 
18, 9 ist der Ausdruck in ebenfalls starker Annäherung an 
den Septuagintagebrauch auf die 'Beispielserzählungen' (um 
Jülichers Ausdruck zu brauchen) vom törichten Reichen und 
vom Pharisäer und Zöllner angew^andt. und daß man die 
Bedeutung 'Gleichnis(erzählung)' überhaupt nicht von dem 
umfassenderen Septuagintagebrauch sonderte, scheint aus Matth. 
13, 35 zu folgen, wo auf die TiapaßoXai Jesu das Psalmwort 
bezogen wird (18,2): dvoiHua ev rrapaßoXaic tö CTÖjua |uou 
'ich will meinen Mund zu Sprüchen auf tun'. (Vgl. Jülicher, 
Die Gleichnisreden Jesu 2 1,32 f., der indes die ganze Bedeu- 
tungsgeschichte von TTapaßoXri unter anderem Gesichtswinkel 
betrachtet^).) 

1) Das vierte Evangelium meidet auch in der Bedeutung- 
'Gleichnis' das den Synoptikern hierfür geläufige irapaßoXr), setzt 



266 J. Wackernagel, 

Sodann hat das christliche Latein das Wort ganz in der 
erweiterten Bedeutung übernommen. Der lateinischen Bibel 
ist parabola in dem Sinne des irapaßoXri der Septuaginta sehr 
geläufig. Wohl hat Hieronymus an einigen Stellen des Alten Testa- 
ments, wo die Septuaginta irapaßoXri im Sinne vom 'Sprichwort' 
bietet, das gut lateinische proverhium verwandt, und auch sonst 
nicht ganz tiberall, wo dort TrapaßoXri steht, parabola gesetzt. 
Aber doch geht es meist in der Setzung dieses Wortes mit der 
Septuaginta zusammen. Und besonders bemerkenswert ist, daß 
er es ein paarmal für V^'^y setzt, wo der griechische Text ein 
andres Wort bietet. So nennt er die Sprüche Salomos, die 
bei dem Griechen Trapoi)uiai XaXiu)Liujvoc heißen, paraholae 
SalomonU. Ähnlich Hiob 27, 1. 29, 1. Jes. 14, 4. So sehr 
hatte sich das Wort in diesem Sinne eingebürgert. Aus der 
Bibel dix^w^ parabola 'Spruch' usw. zw^ar nicht in die Sprache 
der christlichen Schriftsteller: diese verwenden parabola nur 
im Sinne von Tarabel', etwa auch von ""metaphorischem Aus- 
druck', gehen also (wie die griechischen Kirchenschriftsteller 
bei TiapaßoXri) nicht über den im Neuen Testament vorherr- 
schenden Sprachgebrauch hinaus. Wohl aber drang es in die 



vielmehr in diesem Sinne ganz gegen antiken Gebrauch irapotiuia 
(lü, 6. 16, 25 zweimal. 16, 29), was der lateinische Übersetzer und 
Luther zu den falschen Übertragungen proverbium, Spruch, Sprich- 
wort verführt hat, während Wulfila hier richtig trapoiiaia durch das- 
selbe gajuko wiedergibt, das ihm als Übersetzung von uapaßoXf] der 
Synoptiker dient. In diesem seltsamen johanneischen rrapoiiuia liegt, 
wenn ich recht sehe, ein indirektes Zeugnis für das Vorhandensein, 
aber zugleich für die Vulgarität von irapaßoXri 'Spruch, Sprichwort' 
Schon die jüngeren Septuagintaübersetzer (die der Sprüche Sal. 
und Sirach) beginnen für h^^, wo es 'Spruch, Sprüchwort' bedeutet, 
irapoijuia neben irapaßoXri zu verwenden (vgl. Jülicher Gleichnisreden 
Jesu2 1, 33; er verweist auf die nach der Septuaginta kommenden 
Übersetzer, die ebenfalls beide Wörter, nur mit anderer Verteilung 
auf den Text verwenden). Offenbar war es den griechisch-jüdischen 
Kreisen allmählich klar geworden, daß in jenen Bedeutungen irapüijuia 
korrekter als irapaßoXi^ sei. Dieselbe Anschauung- muß in den Sprach- 
kreisen geherrscht haben, denen der Verfasser jener Stellen des 
vierten Evangeliums angehört. Nur von ihr aus kann er dazu 
gelangt sein, Trapoijiiia für überhaupt richtiger und vornehmer als 
irapaßoXri anzusehen, und es in irregeleitetem Streben nach Korrekt- 
heit auch da anzuwenden, wo gerade klassisch-griechischer Sprach- 
gebrauch irapaßoXri gefordert hätte (anders, wenn ich recht ver- 
stehe, Jülicher a. a. 0. 44). 



Lateinisch-Griechisches. 267 

alltägliche Rede des christlichen Volkes, vgl. Gloss. bei Pitra 
Spicileg. Solesmense I 504 (Rönsch Semasiolog. Beiträge 54) : 
nee non qiii dicitur in riistica parabola. 

Somit basiert das Dasein einer in der ganzen romanischen 
Sprachwelt lebendigen und vielverzweigten, auch in unserem 
Fremdwortschatz vertretenen Wortsippe auf einer Besonderheit 
jüdisch-griechischer Übersetzungstechnik: ein Beleg dafür, daß 
es im Leben der Sprache gar nicht immer so natürlich zugeht, 
und willkürliche Kreuzungen darin sehr weitreichende Wir- 
kungen ausüben können. 'Im geschichtlichen Leben ist alles 
voll Bastardtum.' 

Eine Analogie zu parabola bilden die bekannten Fälle, 
wo zwar nicht das Septuagintawort selbst, aber die Modifi- 
kation der Bedeutung, die ein griechisches Wort von Seiten 
der Übersetzer erfahren hat, durch dessen lateinische Wieder- 
gabe noch heute fortlebt. euXoYeiv heißt in der gewöhnlichen 
Gräzität 'gut von einem sprechen', 'preisen'. So war es für 
die alten Bibelübersetzer die gegebene Wiedergabe von -!:?. 
XGott) loben, preisen'; wurde nun aber von ihnen auch an- 
gewandt, wo -::= 'Segenswünsche aussprechen' und (mit Gott 
als Subjekt) 'mit Glücksgütern ausstatten' bedeutet. Ent- 
sprechend euXoTia. Und diese Bedeutungserweiterung hat sich 
samt der transitiven Konstruktion (worüber man Wöfflin Rhein. 
Mus. 37, 11 7 f. vergleiche) auf den biblisch-kirchlichen und 
von da aus auch auf den sich in den romanischen Sprachen 
fortsetzenden volkstümlichen Gebrauch des lateinischen lene- 
dicere vererbt. Ähnlich die in englisch gentile 'Heide, heidnisch' 
fortlebende Begriffsänderung von gentüis, die durch eGviKÖc 
hindurch auf -i; beruht. 

4. quia 

muß wegen des archaischen quianam? ursprünglich die Be- 
deutung 'warum?' gehabt haben-, zu seiner von Plautus an be- 
legten tatsächlichen Funktion 'weil' ist es auf demselben Wege 
gelangt, auf dem sich quare f zu frz. ca7* entwickelt hat, d. h. 
indem es an den folgenden Begründungssatz, den es in Frage- 
form ankündigen sollte, anwuchs. Passend vergleicht Löfstedt 
Peregrinatio Aetheriae 324 spätlat. cur 'weil', das aus Satz- 
gefügen wie das ennianische Nemo me dacrumis deceret nee 
fuiiera fletu faxit. cur? volito vivus per ora virum her- 



268 J. Wackerriagel, 

ausgewachsen ist. Weiterhin sei dem, was Verm. Beiträge 
zur griech. Sprachk. 22 ans andern Sprachen beigebracht ist, 
hier etwa noch beigefügt altind. Mm iti 'warum', das bei 
Asoka in der Form kimti die Bedeutung 'damit, daß nämlich' 
erhalten hat, wobei daran zu erinnern ist, daß Ankündigung 
einer Begründung durch eine Frage im Indischen überhaupt 
sehr beliebt ist, und derartige Wendungen öfters geradezu mit 
'denn' übersetzt werden könnten. Dazu ahd. as. hwanda 
'denn' aus hwanda Varum?' (Behaghel Gebrauch der Zeit- 
formen 161). 

Dieses quia Varum?' ist ererbt. Laut für Laut ent- 
sprechen ihm megar. cd ()udv) 'wieso' und böot. id Svarum' 
(Find. Ol. I 82), deren Identität schon Koen zu Greg. Cor. 
212. 236 erkannt hat. quianam : quidnam kann man mit dem 
Synonymenpaar cdjudv : xi |ur|v parallelisieren. 

Seit Herodian (I 541, 31) hat man aus der Gleichwertig- 
keit von cd jxav mit ti )Lir|v gefolgert, daß cd und somit auch 
id den dorischen mid böotischen Nom. Akk. pl. ntr. des Frage- 
pronomens darstelle (zuletzt so Solmsen Beiträge zur griech. 
Wortforschung 1, 112). Das ist wegen homer. a-cca att. 
ä-Txa d-Tia formal möglich. Aber schon Abrens Dial. 2, 277 
hat das Bedenken erhoben, daß der Plural des Neutrums in 
solchem Sinn ungebräuchlich sei; niemals kommt xive/. st. ti 
'warum?' vor. — Wiederum vom Standpunkt des Latein aus 
hat Skutsch Glotta 1,305 quia für den Plural in Anspruch ge- 
nommen; das ist formell gleich untadelig, wie die ent- 
sprechende Erklärung von cd, xd, und semasiologisch gleich 
unwahrscheinlich: wo heißt quae Svarum?'? 

Es scheint am richtigsten, sich vorerst mit der Tatsache 
der Identität von quia mit cd, xd zu begnügen und ein indo- 
germanisches (oder graeco-italisches ?) qia 'warum?' anzusetzen. 

5. Die Genetive auf -ius. 
Sommer in seiner Lateinischen Laut- und Formenlehre 471 f. 
hatte die Genetive auf -ins mit den indischen auf -sya unter 
der Annahme zusammengebracht^), daß urlat. -{s)io durch An- 

1) Sommer 471 meint quoius wegen der gut bezeugten Schrei- 
bung mit n zunächst auf *quoisios zurückführen^ zu müssen: aber 
vgl. ihn selbst S. 233 über aiio maiior, wo doch auch die erste 
Silbe nie diphthongiert war. 



Lateinisch-Griechisches. 269 

fügung von -s den Genetiven der III. Deklination angeglichen 
worden sei^ dagegen das possessive Adjektiv quoius quola 
quoium als -/o-Bildung aus quoi- gefaßt. Jetzt ist ßüchelers 
Ansicht herrschend geworden (Archiv, lat. Lex. 1, 105), daß 
der Genetiv quoius einfach der erstarrte Nom. sg. mask. des 
possessiven Adjektivs sei, wobei dann eius huius entweder 
gleich beurteilt oder als Nachbilduugen von quoius gefaßt 
werden; zuletzt in diesem Sinn Solmsen KZ. 44, 177 A. Hier- 
in ist gewiß richtig, daß die beiden quoius nicht so, wie 
Sommer es tut, auseinandergerissen werden können. Aber die 
Annahme einer Erstarrung eines ursprünglichen Nom. sg. mask. 
quoius ist völlig unwahrscheinlich. 

Nominative erstarren außer im Falle der Zusammen- 
rückung und außer bei den kardinalen Numeralia im ganzen 
nur dann, wenn sie als prädikative Attribute dem Adverb 
ähnlich gebraucht werden, es also naheliegt, sie mit der Un- 
veränderlichkeit des Adverbs auszustatten. Gesetzt z. B. mor- 
dicus sei, wie Bücheier annimmt, ein alter Nom. sg. mask., 
so lag es nahe, nach ille mordicus tenuit auch illa mordicus 
tenuit zu sagen, weil m. nur als Bestimmung zum Verb 
empfunden wurde, auf seine Kongruenz mit dem Subjekt 
nichts ankam. Was hätte dazu führen sollen, das in enger 
attributiver Verbindung stehende quoia vox, quoium pecus 
nach quoius grex in quoius vox, quoius pecus zu verwandeln, 
und danach erst noch alle andern Kasusformen, zumal der 
Gebrauch possessiver Adjektiva im Latein so lange lebendig 
geblieben ist ? Aus Ausdrücken wie spätlat. 7ni Paula, franz. 
mon amie u. dgl. nach mi Patde, mon ami folgt für quoius 
nichts, weil in diesen Fällen eben nur das Genus, nicht Kasus 
und Numerus vernachlässigt ist und weil die Vernachlässigung 
des Genus wesentliche Dienste leistet; in mi Paula hilft sie 
eine fehlende Kasusform ersetzen, in mon amie eine lautliche 
Unbequemlichkeit umgehen. 

Es kommt hinzu, daß die Erklärung von quoius mit 
seiner langen ersten Silbe als eines aus dem Interrogativum- 
gebildeten Adjektivs auch formale Schwierigkeit bereitet. 
Bucks Vergleichung mit ttoToc fällt durch Schulzes Kombi- 
nation des letztern mit got. haiwa dahin. Brugmanns Meinung, 
daß ein [gar nh'gends nachweisbarer] Lokativ idg. q\ioi zu- 
grunde liege, hat schon Solmsen a. a. 0. abgelehnt. Seine 



270 J. Wackernagel, 

eigene Ableitung aus dem Nominativ sg. böte eine völlige 
Singularität. 

Im Anschluß an Sommer lege ich dem eius idg. esio: 
ai. asijüj aw. a^hyOj dem quoius idg. q^osio q^esio: ai. 
Jcdsya, aw. ca^hyo zugrunde; vgl. auch griech. xeo, das 
indes auch mit ksl. ceso zusammengehören könnte. Sofort 
schwinden bei dieser Annahme die aus der Doppelnatur von 
quoius hervorgehenden Bedenken, ürlateinisch *eu*o *quoiia 
waren zu isoliert, um sich halten zu können. Einesteils wurden 
sie nach Analogie der ihnen durch das o ähnlichen Genetive 
auf -OS um -s erweitert ; anderseits war das Muster der gerade 
im Latein so beliebten possessiven Adjektiva auf -ius maß- 
gebend. Daß diese zweite Art der Umgestaltung nur beim 
Interrogativum Platz griff, erklärt sich leicht. Nur bei diesem ^ 
nicht bei is, hie, ille, war man adjektivische Weiterbildungen 
gewohnt. 

Kraft ihrer Messung wie der für die klassische Zeit be- 
zeugten Schreibung mit ii gehören eius quoius mit maior pelor 
und den andern Wortformen zusammen, wo ursprünglich 
zwischen Vokalen eine aus Konsonant plus Jod bestehende 
Gruppe gestanden hat. Dafür, daß si gleich behandelt worden 
sei wie qi di, hat Sommer 225 allerdings keine ganz sichern 
Belege beigebracht; di-iungo dl-iudico sind, weil die Präverbien 
auch sonst Sonderbehandlung erleiden (z. B. ad in arrigere), 
nicht voll beweiskräftig, und was die Sippe von Maius be- 
trifft, so fällt es schwer Maja von ai. mahi- 'magna, Erde' 
zu trennen. Aber nichts widerspricht der Annahme des Laut- 
übergangs. Das -ms der dreisilbigen Genetive auf -his mit 
seiner so wunderlich schwankenden Quantität erklärt sich aus 
nachtonigem -eiios. Und wenn osk. püiieh (Capua 164 a 
Planta) und piiiiu (Saepinum 182 PI.) wirklich mit lat. quoius 
zusammengehören, was noch niemand bewiesen hat^), so reicht 
der Übergang von si in ii in die uritalische Periode zurück, 
ganz entsprechend dem, was von Planta 1, 446 f. für ii aus hi 
angenommen hat. 

Ist diese Auffassung richtig, so setzt das Latein die 
Genetivendung -sio für das geschlechtige Pronomen, aber nicht 



l) So gewagt die Vermutung scheint: wer Bürgt dafür, da(i 
püiiu nicht einfach das etruskische puia 'uxor' ist? 



Lateinisch-Griechisches. 271 

für das Nomen voraus und sondert sich durch diese Be- 
schränkung* der Endung vom Griechischen und der indo- 
iranischen Gruppe gerade so, wie in der Beschränkung der 
Komparativendung -tero- auf Bildungen aus pronominalen und 
adverbialen ^) Wörtern. 



1) An die sonstig-en sich an die Sippe des lateinischen Inter- 
rogativums knüpfenden Fragen will ich hier nicht rühren. Gegen- 
über der in manchen Punkten fördernden Abhandlung von Kroll 
Glotta 3, 1 ff. möchte ich immerhin daran erinnern, daß die sema- 
siolooische Scheidung zwischen qui- und quo- gemeinitalisch ist, 
wie das Oskische zei^-t, und daß lat. quis wie osk. pis, auch wenn 
relativ, dem qui nicht völlig gleich, sondern ausschließlich indefinit 
relativ ist. 

Göttingen. J. Wackernagel. 



272 W. G. Haie, 



Origiii of the distinction of tenses in Latin 
prohibitions. 

It will be remembered that Professor Eimer of Cornell 
ÜDiversity, in 1894 (American Journal of Pliilology) attacked 
the doctrine of Madvig that the perfect subjunctiv^e in prohi- 
bitions was iised where a definite individual was addressed, 
the present where the prohibition was generaP). Eimer ad- 
vanced the theory that the perfect expressed a prohibition 
with greater energy^ the present with less. The theory was 
reached; as it seemed to most critics, by the forcing of many 
examples, and the exclusion of others which should properly 
have been included. After a few advocates had come to its 
Support, general opinion seemed to settle back again upon 
the older view^ 

But a problem still remained unsolved; namely, How^ 
could such a distinction in the forces of the tenses have 
originated ? 

Delbrück, V. S. 2, p. 380 seq. (1897), explained the 
raeaning of the perfect in prohibitions as 'punktuell', that of 
the present being 'durativ' 2). The force thus attributed to 
the former tense he explained as belonging to it through des- 
cent from the old injunctive aorist. Brugmann Gr. Gramm, 
p. 501 (1900) gives the same explanation, referring to Delbrück. 

The Solution does not seem to me to promise to be final, 
for several reasons. 

1. The aorist force in Greek prohibitions is simply the 



1) References to most of the literature upon the subject are 
given by Lebreton Etudes sur la langue et la grammaire de Ciceron, 
1901, pp. 293 seqq. 

2) Grotefend's explanation Grammatik, 460, is similar. But he 
does not attempt to account for the origin of the supposed force 
of the perfect. 



Origin of the distinction of tenses in Latin prohibitions. 273 

force which this tense everywhere has in Greek. The Latin 
perfect subjunctive, on the other hand, is only in part of 
aorist origin, and is not, in fact, confined to aorist forces. 
ßepeatedly, for example, it represents an 'exaetum in futuro' 
in oratio obliqua. 

2. The Latin present subjunetiv.e is freely used where 
the idea is 'punktuell*. It would be hard if we where forced 
to explain such examples as ne attigas, Epid. 723, as expres- 
sing the 'durativ' idea. 

3. The use of the perfect in prohibitions is only one of 
the uses of the perfect tense for which we have to seek a 
special explanation. The other uses are: the perfect sub- 
junctive in commands and in wishes; the future perfect indi- 
cative, and even the perfect indicative, in place of the future 
indicative; and the perfect infinitive in place of the present 
Infinitive. For these, the only possible explanation is that, out 
of the original force of completeness has arisen a secondary 
force of despatchj thoroughness, or finality^ the total effect 
being one of energy or emphasis. Thus^): 

Ad fratrem, quo ire dixeram, mox ivero, TU go at 
once', Capt. 194. (Suggests an original force like 1 shall 
soon have completed my going', out of which the new one grew.) 

Rape me: quid cessas? GE. Fecero, TU do it at once', 
Phorm. 882. 

Periimus, 'we are dead and buried'. Trin. 515. (Instead 
of perihimus, 'we shall be ruined'). 

Perieris, 'may you perish utterly*, Men. 295. 

Sit inscriptum in fronte uniuscuiusque, quid de re 
publica sentiat, 'be it written once for all on every man's 
forehead*, Cic. Cat. 1, 13, 32. 

Illos monitos voloy 'I want them to understand thoroughly', 
Cic. Cat. 2, 12, 27. 

Te interfectum esse convenit, 'you ought to be killed, 
and have done with it', Cic. Cat. 1, 3, 4. 

To reject, for the perfect in prohibitions, an explanation 
which we should have to accept for these other uses of the 



1) Most of these examples are from my treatment in the Syn- 
tax of the Haie and Bück Latin Grammar, under the head of Ener- 
getic or Emphatic Perfect, § 490. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 18 



274 W. G. Haie 



perfect, would seem less attractive than to endeavor to find, 
for the perfect in tiie prohibitive, a starting-point in this same 
force. 

3. The explanation does not account for tlie iineven 
distribution of the tenses in prohibitions in Cicero (two pre- 
sents, and not less than forty-seven perfects^), or the actiial 
faet that at least nearly all of the perfects are addressed to 
individuals. 

In my teaching at Cornell, I used to employ, to illiistrate 
the force of the perfect in commands or prohibitions, the Eng- 
lish expression 'begone' (more energetic), as against 'go' (less 
energetic), an illustration which Eimer found serviceable in 
setting forth his view. In one of the parts of my first publi- 
shed paper, in which I was attacking the prevailing view of 
the mechanical character of the 'sequence of tenses', American 
Journal of Philology, Vol. 9, No. 2 (1888), I said "the feeling 
of the finished tense (of the subjunctive) in the independent 
jussive is that of peremptoriness. The Speaker, using it, ex- 
presses himself with a certain araount of authoritative impa- 
tience"^). I also used the phrase 'the be-it-done-and-done-with 
perfect'. The context shows that I was thinking of positive 
and negptive expressions alike. A little later, speaking of the 
prohibitive, I said, "we have no light upon the peculiar feeling^ 
which led to the distinction between the finished and the un- 
finished tense. But at least it is clear that the dependent 
negative final clause had got its established form long before 
the development of the sharp difference between the tense& 
in the present subjunctive in prohibitions addressed to a parti- 
cular person". Elmer's subsequent interpretation of all the 
perfects through a long ränge of the literature as expressing 
an energetic idea, and all the presents as being without the 



1) Lebreton g'ives forty-three. Clement has added three. Of 
these, the three in Cic. Mur. 31, 65 might be g-eneral, but need not 
be. Of the presents, the one in De Sen. 10, 33 is g-eneral, and the 
one in Att. 9, 18, 3 looks like a quotation of a proverb (general). 

2) Gildersleeve had expressed siibstantially the same view of 
the power of the perfect, in saying", in a previous argument against 
my Position, "exceptions (i. e. to the steady use of the present or 
the imperfect in clauses of purpose) oceur under the influence of 
passion, perhaps under the influence ot Greek, in which" etc 



Origin of the distinction of tenses in Latin prohibitions. 275 

idea, failed to convince me. It still seemed to me that the 
facts for the Ciceronian period, and for some time later, were 
as Madvig had thought. 

I was therefore forced to the conviction that a change 
t'rom the earlier differentiation had taken place, and that a 
new association for each tense had arisen. This could have 
come about only if the energetic feeling were more likely to 
oeeur in a prohibition addressed to an individual than in a 
general maxim. Biit precisely this seems altogether natural. 
In actual situations, our interlocutor's interests or our own 
interests may strongly demand that a certain thing should not 
be done, and this strength of the negative demand would be 
expressed by the perfect. Where no one in partieular is 
thought of, intensity of feeling would be far less frequent. 
It seems to me probable that the frequent oecurrence of the 
perfect in prohibitions addressed to individuals, and the in- 
frequent oecurrence of it in general prohibitions, led to the 
association of the former tense with the idea of individual 
prohibition, and of the latter with the idea of general prohi- 
bition. The process had been completed by Cicero's time. 

Stranger associations of meanings have taken place. 
Thus the active and passive endings -e and -i of the Latin 
Infinitive of course had nothing to do with tense when they 
were still respectively locative and dative nounendings. We 
have no clue to the way in which, after they had ceased to 
be feit as case- endings, they came to serve as differentiations 
of voice. But the fact remains. 

üniversity of Chicago. 

W. G. Haie. 



276 K. Thurneysen, 



Zur Wortschöpfung im Lateinischen. 

I. I^argare, 

Die Bildung der Verben auf -igare — die auf -igare 
lasse ich hier als ein Kapitel oder wohl mehrere Kapitel für 
sich bei Seite — scheint mir ein noch ungelöstes Problem zu 
enthalten, dessen auch Leo Meyer, der letzte, der sich ein- 
gehend mit der Frage beschäftigt hat ^), nicht Herr geworden 
ist. Die Verben sind zusammengestellt bei von Paucker KZ. 
26, 269 Anm. 35 und bei Job Le present et ses derives dans 
la conjugaison latine S. 311 f. 

Die Ableitung von Substantiven bietet keine Schwierig- 
keit. Das glücklicherweise erhaltene remex, deutlich zu re- 
mus und age^^e gehörend, zeigt uns, welches der Ausgangs- 
punkt für 7'emigare, remigmm gewesen ist; und nauigare, 
nauigium konnte sich leicht anschließen. Denselben Weg 
weisen litem oder Ute agere für Utigare, litigium und iur{i)- 
gare, iurgiunij wenn auch fraglich bleibt, ob man auch hier 
einen vermittelnden Nominalstamm annehmen soll, oder ob 
das verbale Kompositum auf -are nun direkt gebildet werden 
konnte. Auf andere komme ich unten zu sprechen. 

Aber wie steht es mit den Ableitungen von Adjektiven? 
Es leuchtet ohne weiteres ein, daß Leo Meyers Hinweis auf 
praecipitem agere zu ihrer Erklärung nicht genügt, da hier 
agere einen ganz anderen Sinn hat als in den ältesten der- 
artigen Bildungen pur{i)gare und eventuell clarigare, dem 
alten Fetialen-Ausdruck, dem vielleicht Livius Andronicus sein 
gnarigare (Paul. ep. 95) nachgebildet hat. An pur{i)gare 
schließen sich mitigarej commitigare (seit Terenz und Tur- 
pilius belegt; beachte den Reim mit litigare) und leuigare 
(seit Varro) an, das die Spätlateiner weiter zu leuigare er- 
mutigte. Endlich tritt mit Apuleius uariegare hinzu, gleich- 



1) Bezzenbergers Beitr. 6, 130 ff. 



Zur Wortschöpfung im Lateinischen. 277 

falls wohl in Anlehnung an leuigare, indem beides sich auf 
technische Behandlung von Flächen bezieht. 

Daß man, um purigare zu verstehen, mit einem ehe- 
maligen purum agere oder pure agere nicht auskommt, ist 
klar. Aber vielleicht darf die Erklärung an eine Vermutung 
von Skutsch^) anknüpfen, die in der dortigen Formulierung 
freilich mit Recht allseitige Zurückweisung erfahren hat. Er 
faßte lat. ptirus 'rein' als eine retrograde Bildung aus dem 
schwach belegten Verb purare (häufiger ist inpuratus) und 
dieses als ein Denominativ von idg. pur- Teuer'. Nun wird 
ihm gewiß niemand das Recht bestreiten, mit einem urlatei- 
nischen "^pür = gr. TTup (ahd. füir usw.) zu operieren, da es 
in den Schwesterdialekten völlig lebendig geblieben ist, vgl. 
umbr. pir Abi. pure usw., osk. aasai purasiai. Ebenso- 
wenig wird jemand für unmöglich erklären, daß von einer 
Bezeichnung des Feuers, das so häufig als Lustrationsmittel 
bezeugt ist, ein Verb mit der Bedeutung ""reinigen' herstammen 
könnte. Aber sein Umweg zur Erklärung von purus war 
darum ganz unwahrscheinlich, weil die Wurzel auch in vielen 
anderen Bildungen, die nicht vom Substantiv "^pür herleitbar 
sind, dieselbe Bedeutung 'rein, reinigen, läutern' zeigt, z. B. 
in lat. putusj ind. punäti, pdvate, pütdh usw. (vgl. Walde 
s. V. purus), diese also altindogermanisch ist, und weil die 
Herleitung des Adjektivs direkt aus dieser Verbalwurzel formell 
keinerlei Schwierigkeit macht. 

Anders steht es aber mit dem Verb purigare, dessen 
Form in der Tat erst verständlich wird, wenn wir es auf das 
alte *pür 'Feuer* zurückführen und als Schwesterbildung zu 
fumigare von fumus fassen. Fumigare bedeutet bei den 
Schriftstellern über Landbau (Varro, Columella) 'räuchern, 
einräuchern, ausräuchern' (Ställe, Tiere usw.), also 'etwas mit 
Rauch behandeln'. Ähnlich, läßt sich denken, hatte purigare 
einst die Bedeutung 'mit Feuer behandeln, durch Feuer rein 
machen' imd hatte sich so der Bedeutung des alten Adjektivs 
purm 'rein' genähert 2). Als *pür 'Feuer' im Lateinischen 



1) Bezzenbergers Beitr. 21, 88 f. 

2) Ob das indogermanische Substantiv ursprünglich mit 
dem Verb für 'reinigen* zusammenhing, ist eine Frage für sich, die 
für unser Problem gleichgültig ist. 



278 R. Thurneysen, 

untergegangen war, empfand man purigare als zu purus ge- 
hörig und zog es vielleicht schon deshalb der einfachen Bil- 
dung purare vor, weil so der unangenehme Gleichklang mit 
purare 'eitern' {suppurare, depurare) vermieden wurde. 

Wie fumigare und purigare zu ihrer wirklichen oder 
vorausgesetzten Bedeutung gekommen sind, läßt sich aller- 
dings nicht mehr deutlich ersehen, da es in eine längst ver- 
gangene Zeit fällt. Daß fumigare nicht an ein konstruiertes 
"^fumum agere 'Rauch treiben' anknüpft, wie Leo Meyer a. a. 0. 
133 annimmt, geht schon daraus hervor, daß es zunächst nur 
transitiv 'mit Rauch behandeln, beräuchern', dann schlechthin 
'räuchern' heißt. Erst bei Gellius 19,1,3 treten fumigantes 
glohi 'rauchende' oder 'rauchartige ( Wolken- )Klumpen' auf, 
und erst im Bibellatein scheint diese Vermischung von fumi- 
gare mit dem alten fumare 'rauchen' völlig vollzogen. Gellius 
hat dann — in der Wiedergabe von Favorinus (17^ 10, 11) — 
flammigare 'flammen' in Anlehnung an dieses umgedeutete 
fumigare gewagt^). Ebenso jung ist die Bedeutung 'in Rauch 
aufgehen lassen' {fumiganda aromata Paralip. II, 2, 4). 

Vielleicht bestand in der Vorzeit ein Nomen pür-ag- 'der 
Feuer führt, der Feuer in Bewegung setzt' oder eher 'der ins 
Feuer treibt' (zunächst das zu lustrierende Vieh), und purigare 
hat zunächst bedeutet 'wie ein pür-ag- handeln', wie remigare 
heißt 'wie ein remex handeln'. Der transitive Gebrauch wär6 
sekundär (wie der nur poetische von remigare)^ und nur erst 
nach diesem Muster wäre fumigare geschaffen worden. Das 
lange u von pür{i)gäre, das gegenüber gr. Tiup- umbr. pür-e 
im Kompositum zunächst auffällt, spricht nicht entscheidend 
gegen unsere Erklärung. Denn das Lateinische mag den quan- 
titativen Ablaut früh aufgegeben haben (vgl. müs mür-is), 
oder die Bildung kann sich an das selbständige ^pür agö an- 
geschlossen oder das ü sich erst sekundär, nach der begriff- 
lichen Vereinigung mit pürus eingestellt haben. 

Ist der Terminus technicus clarigare, clarigatio mit den 
Alten von clarus abzuleiten, so wäre er wohl eine erste An- 



1) übrigens versteckt die Inkongruenz des Ausdrucks: inter- 
dius fumare Aetnam, noctu flammigar'e das Vorbild geschickt. 
Auch scheint die Stelle zu zeigen, daß das Streben nach klin- 
gendem Satzschluß der Antrieb zur Neubildung war. 



Zur Wortschöpfung im Lateinischen. 279 

bilduiig an das umgedeutete purigare. Aber bei der kaum 
mehr festzulegenden Bedeutung des früh veralteten Wortes 
bleibt das ganz unsicher. Hat ferner Apuleius, de Mundo 15, 
ignes . . clarigantes geschrieben, wie die Glosse CGL. V 179, 16 
gegenüber dem handschriftlichen clarkantes als möglich erschei- 
nen läßt, so hat er dem alten Wort einen neuen Sinn untergelegt. 
Für mitigare und seine Nachfolger hat dagegen sicher pur{i)' 
gare{:purus) das Muster abgegeben. 

Das späte 7'umigare, Umbildung des älteren ruminarej 
ist durch den Gleichklang von fumigare veranlaßt. Ebenso 
ist das dritte Reimwort, humigare 'befeuchten', soweit es 
textkritisch gesichert ist, von humor abgeleitet nach dem 
Muster fumigare von fumus. Fustigare im Cod. Theod. setzt 
man wohl mit Recht mit i an, so daß es als Anbildung an 
castlgare aus unserem Kapitel herausfällt. 

Eigentümlich ist uentrigare für uentrem exonerarej das 
aus dem sog. Plinius Valerianus 1 , 2 zitiert wird. Hat der 
Ausdruck alimm leuigare (Gell. 4, 11, 4) diese Bildung vor- 
bereitet? Doch kann es in einem solchen Text auch auf 
Verwechslung von schriftlateinisch -icare und -igare beruhen 
oder gar ein populäres -idiare (-izare) wiedergeben. 

II. leuigare — leuigare. 

Oben wurde bemerkt, daß die Spätlateiner (von Apu- 
leius an) leuigare 'erleichtern' gebrauchen in deutlicher An- 
lehnung an das gleichgeschriebene ältere leuigare 'glätten'. 
Diese Art neue Wörter zu gewinnen, für die schon 0. Keller, 
Lat. Volksetymologie 151 ff. eine Reihe — zum Teil sehr un- 
sichere — Beispiele bringt, ist in der späteren Schriftsprache 
überaus häufig. Seit der kurzen Zeit, daß ich bei Korrek- 
turen des Thesaurus darauf achte, ist mir eine grosse Anzahl 
aufgestoßen, die sich gewiß leicht vermehren läßt. 

Wackernagel hat KZ. 33, 53 ff. gezeigt, wie Virgil die 
Wörter praepes als 'vorwärtsfliegend, rasch' statt 'günstig' und 
ilicet im Sinne des alten ilico in die Dichtersprache eingeführt 
hat, während das Spätlatein ilicet für scilicet verwendet. Aber 
hier handelt es sich wohl um wirkliche Mißverständnisse, 
während die Fälle, die ich im Auge habe, offenbar einer Art 
Sport entspringen, altes Sprachgut umzudeuten. 



280 R. Thurneysen, 

deliquium ist das alte Wort für 'Sonnen-' oder 'Mond- 
finsternis', von delinquere. Aber die kirchlichen Schriftsteller 
brauchen es für 'Schmelzen', indem sie es zu deliquare 
ziehen. 

depaläre heißt 'abpfählen', von palus. Aber Cassiodor, 
Fulgentius u. a. haben ein depaläre 'öffentlich machen', wie 
von pälam. 

desidia 'Faulheit' ist das alte Abstraktum zu deses; aber 
Apuleius braucht es für 'Nachlassen' (dvaxu)pr|cic), verknüpft 
es also mit desidere (Keller S. 152). 

desolatus 'vereinsamt', desolare 'einsam lassen' von sölus 
verwandelt sich seit Apuleius (Flor. 17 p. 81) in ein desolatus^ 
desölare 'vom Boden (sölum) entfernen', Gl. desolo 'eKTOiriZluj', 
desolatio 'eKTÖincic'. 

detestatio 'Verabscheuen' usw. (von detestari) ist ein 
altes Wort; aber bei Apuleius findet sich detestatio 'Kastrieren' 
von testes 'Hoden'. 

discerniculum 'Haarnadel der römischen Matronen' (Lu- 
cilius, Varro) wird bei Gellius und Ambrosius zu discernicu- 
lum 'Unterschied', beides freilich zu discernere. 

Neben compilare 'plündern' stellt sich spät ein compilo 
'cuvpo7TaX'Z;uj (cuvbpuj 7TaKiZ;uu Hs)' Dositheus (K. VII 4.35, 28), 
zuerst bei Apuleius so für 'durchbläuen' gebraucht, wohl wegen 
pilum 'Mörserkeule, Stämpfel'. 

Claudius Mamertinus hat ein Adjektiv cordax 'beherzt' 
(statt cordatus) ; offenbar klang ihm cordax aus gr. KÖpbaH 
im Ohr (Keller a. a. 0.). 

fatuari 'Blech reden' (von fätuus) bei Seneca, Apoeol. 7, 
leitet Justinus 43, 1 von der Göttin Fatua her und gibt ihm 
die Bedeutung 'inspirart, vgl. Serv. ad Verg. Aen. 3, 443. 

feminalia 'Schenkelbinden' (von femur, feminis) erscheint 
bei Apuleius als feminal 'weibliches Glied' (zu femina). 

forensisj ursprünglich 'zum forum gehörig', wird von 
Apuleius und von Späteren wie Ambrosius und Hegesipp für 
'äußerer, auswärtig' gebraucht, also auf foris, foras bezogen. 

Beruht dieser Bedeutungswechsel in Anlehnung an ähn- 
lich klingende Wörter gewiß meistens auf absichtlicher Neue- 
rung, so ist es etwas anderes und wohl unwillkürlich, wenn 
anklingende Formen die äußere Bildung, nicht die Bedeutung 
der älteren Wörter beeinflussen. 



Zur Wortschöpfung im Lateinischen. 281 

So tritt bei Seneca und Sueton adlicefacio 'ich locke 
an' an Stelle des älteren adlicio, natürlich durch das ähnliche 
liquefacio beding:t. Bellicare hat die Itala Is. 2, 4 für das 
gewöhnliche hellare; das Muster war uellicare 'rupfen'. Und 
auch die Nebenform Imh'e 'beschmieren' neben Unere in der 
Kaiserzeit wird sich nach lenire 'sanft machen' gerichtet 
haben. Dieser Vorgang ist aber keine Besonderheit des Spät- 
lateins, sondern kommt in allen Sprachen und Perioden vor. 

Freiburg i. B. 

R. Thurneysen. 



282 Michael Pokrowskij, 



Zur lateinischen Nominalkomposition. 

1. Benignus. Anläßlich dieser Bildung* schreibt Thiir- 
neysen ThLL. s. v. : "cf. honus hene et gigner e genus, vel, si 
factum sit ex heningnuSy mgenium. 

Die zweite Erklärung ist kaum nötig: morphologisch ist 
benignus ebenso wie malignus schwerlich von privignu^ 
(eigentlich 'separat geboren') zu trennen, vgl. veoTvöc 'neuge- 
boren'. Auch alle Bedeutungsnuancen der beiden (z. T. vom 
soziologischen Standpunkt aus interessanten) Wörter lassen sich 
aus der Grundbedeutung 'gut *x* schlecht geboren' ganz gut 
erklären: so bedeutet benignus u. a. 'freigebig' (vom Boden 
'fruchtbar' — vgl. \\iipo. Tevvaia, Yn euyevric) — eine Eigen- 
schaft eines noblen, freigeborenen Mannes (vgl. liberalis, eXeu- 
Oepioc); malignus — ''karg, neidisch' (vom Boden 'dürftig, un- 
fruchtbar') — eine Eigenschaft niedriger Leute, denn invidia 
(= malignitas) ist bekanntlich ein vorzugsweise demokratisches 
Oefühl — vgl. illiheralisy dveXeijOepoc. 

2. Consemina. Dieses Unikum kommt bei Plinius h. n. 
XIV 16 {consemina vitis) im Sinne eines Partizipium vor (etwa 
'zusammengesäet, -gepflanzt'), d. h. mit einer nicht nominalen, 
sondern verbalen Bedeutung; dieselbe Schattierung haben auch 
die verwandten consemineus conseminaUs bei Columella 'diversis 
geueribus consitus' — s. ThLL. s. v. 

Morphologisch erinnert consemineus an collacteus con- 
sanguineus; aber wenn consanguineus unbedingt = eiusdem 
^sanguinis ist, dürfen wir scheinbar nicht yon consemineus 
diversis generibus consitus' sagen, daß es = eiusdem seminis 
sei. Nur aber scheinbar. Man muß sich zur Regel machen, 
abgeleitete Wörter im Zusammenhange mit denen, von welchen 
sie abgeleitet sind, zu studieren. 

Nun aber kann das konkrete Nomen semen (vgl. russ. 



Zur lateinischen Nominalkomposition. 283 

sema) manchmal wie ein Nomen actionis, etwa im Sinne ^satio, 
Pflanzung' gebraucht werden. 

Vgl. Ovid. Met. I 107: natos sine semine flores, wo sine 
semine = dciropoc, non satus, non seminatus ist ; Yqv^, Ge. I 22 
ist eine ähnliche Redensart sogar direkt mit dem Partizipium 
perf. pass. satus zusammengestellt: quique novas alitis non ullo 
semine fruges quique satls longum caelo demittitis imbrem. 

Aus der russischen Umgangssprache kann ich zitieren : subst. 
heZ'Seman-Jca — eine samenlose Frucht (z. B. Kartoffeln), die 
selbst wächst, ohne gesät, gepflanzt worden zu sein; ein 
Oppositum ist säzenyj plod 'eine gesäte, gepflanzte Frucht'; 
semennöj ogurec ""Saat-, Samengurke' ist u. a. 'zur Saat passend 
(sationi aptus); morphologisch ist das denominative Adjektivum 
semennöj (mittels des idg. Suff, -ino- gebildet) mit einem se- 
minalis verwandt, semasiologisch erinnert es an ein sationalis. 

Daß aber denominative Bildungen von Nomina actionis 
(der Herkunft oder dem Gebrauch nach) im Bewußtsein des 
Sprechenden den deverbalen gleichgestellt werden können 
z.B. ht consiliarius von consilium = t'onsiliator von consiliari), 
habe ich bereits in meinen russisch geschriebenen 'Materialien 
zur historischen Grammatik der lateinischen Sprache' (Moskau 
1898) ausführlich erörtert. 

3. Armifer u. dgl. In anderen Sprachen, wie in der 
griechischen und in den slavischen, ist bekanntlich ein älterer, 
schon indogermanischer Kompositionstypus erhalten und z. T. 
weiterentwickelt, wie 6iTXo-9Öpoc, vodo-vozil 'Wasserführer', 
— mit einem ö im zweiten Kompositionsgliede ebenso wie in 
den unkomponierten Nomina cpöpoc, horil vozü, lat. pi'ocus 
foga und in den Rückbildungen von verbis compositis wie 
aiTO-cpopd (diTO-qpepiu), po-tokü 'Strom' (po-teJcq). 

Zur Erhaltung dieser Typen in den genannten Sprachen 
trug die Erhaltung des entsprechenden indogermanischen Typus 
der Verba intensiva und causativa (wie q)opeuj : cpepiu, q)oßeaj : 
<peßo|uai, nositi 'tragen' : nestij voziti 'fahren, führen' : vezti) 
natürlich nicht wenig bei; und speziell für die Entwicklung ent- 
sprechender Zusammensetzungen war das Vorhandensein von 
Zusammenrückungen wie ÖTiXa q)opeTv vodq voziti 'Wasser 
führen' sehr wichtig. 

Nun aber sind alle diese Typen auf dem lateinischen 



284 Michael Pokrowskij, 

Boden schon vor dem Anfang der historischen Periode fast 
völlig versehwunden: Rückbildungen wie dTcocpopd, potokü 
existieren nicht mehr; einfache Bildungen auf ö-, a- mit einem 
ö in der Wurzel, wie procus toga, sind ziemlich selten; uralte 
Typen der Verba intensiva und causativa wie cpopeuj cpoßeuu sind 
von Typen auf -färe (wie dictare — Verba intensiva-frequentativa) 
und auf -facere (wie calefacere — Verba causativa) verdrängt ; 
wenige alte Überreste wie spondeo tondeo moneo bildeten im 
Bewußtsein der Sprechenden schwerlich eine selbständige Kate- 
gorie, schon deshalb, weil neben ihnen einfache Verba wie 
"^spendo-, ^tendo u. dgl. nicht mehr vorhanden waren. 

Demgemäß verschwand auch der Typus ÖTiXocpöpoc vodo- 
vozü aus der lateinischen Sprache: die historische Periode 
kannte nur Zusammenrückungen wie avnia ferre und, folglich, 
die ihnen entsprechenden Zusammensetzungen wie armifer. 

Der Prozeß der Verdrängung eines alten nominalen Typus 
durch einen neuen (im Zusammenhange mit der Geschichte der 
entsprechenden Verba) läßt sich in unserm Falle durch die 
Angaben der slavischen Sprachen besonders schön beleuchten: 
vgl. aksl. tokü, po-tohü neben u-tekii 'cursus' (russ. utek), russ. 
potök und potek, aksl. rokü ^fatum', pro-rokü Trophet', aber 
dobro-rekii'evXaXoc'-^ aksl. za-klopil'Q\eii\sin\ni — russ. za-klep'^ 
russ. o-tök und o-tek 'tumor', z. T. 'insula', tor Via trita' (von 
teret' 'reiben', aber ruko-ter 'Handtuch' ('Handreiber'), plof 'Floß' 
{\ ou plesti 'flechten') : pere-plet 'Einband'; do-dör prodör raz- 
dör, dor (Substantiva zu -drat 'reißen') neben der, zivo-der 
'Abdecker', grom 'Donner' und griim das 'Klappern', kolo-iiorot 
(von ^-vortos) und kolo-vert 'Windelbohrer', vy-vorot und vy- 
vert Umkehrung u. dgl. mehr. 

4. I*lusscia. Dieses Unikum kommt bei Petron c. 63 
iplussciae = Hexen) in einem Kontexte vor, der uns in das 
ländliche, teils moderne, wenigstens russische Leben lebhaft 
versetzt. 

Grammatisch ist das Wort am ehesten eine Ableitung 
von einer Zusammenrückung plus scire, vgl. etwa mamimissor 
neben manu mittere und entsprechende Rückbildungen wie 
praescius : praescire, nescius : nescire, conscius : consGire, oder 
composita, wie multiscius : multa scire (Ps. Apul. Ap. 31 — 
von den Magen). 



Zur lateinischen Nominalkomposition. 285 

Kulturhistorisch ist aber interessant, daß man auf einer 
gewissen Kulturstufe geneigt ist, den Zauberern und den Hexen 
die Fähigkeit zuzuschreiben, vieles oder alles oder wenigstens 
mehr als andere zu wissen: vgl. z. B. russ. znächar znatöJc 
znachdrka vedün ve'dma u. dgl. von den Wurzeln gnö- und 
uoid- 'wissen, kennen'. 

Die literarische Sprache unterscheidet zwischen einem 
znatöJc 'Kenner' und einem znächar 'Zauberer', das Volk ver- 
wechselt beide Wörter: z. B. pflegt man von einem klugen 
Bauer zu sagen: 'was für ein znatök (Kenner) ist er, er weiß 
mehr als andere, er soll ein koldün (Zauberer) sein'; oder man 
sagt einem zu flotten Buben, der sich in ein allgemeines so- 
lides Gespräch einmischt: 'genug zu plaudern; was für ein 
znächar (Kenner) bist du; du weißt alles wie ein Jcoldtin 
(Zauberer)'. Vgl. Cic. De div. 1 65 (wo gerade Volksaberglauben 
analysiert werden): sagae anus, quae multa scire volunt. 

Moskau. 

Michael Pokrowskij. 



286 Joseph Köhm 



Der ursprüngliche Sinn von animtim äesponiJere 
und die zugrunde liegende Yorstellung. 

Ein Beitrag" zur Geschichte der Geisteskrankheiten im Altertum^ 
insbesondere bei Plantus. 

Es ist das Verdienst und der Ruhm führender Geister^ 
daß ihre Gedanken befruchtend weiterwirken und stets zu 
neuem Denken und Forsehen anregen. Auf Delbrücks In- 
dogermanische Verwandtschaftsnamen^) einmal hin- 
gewiesen, haben mich die darin enthaltenen Fragen nicht mehr 
ruhen lassen; sie haben meine Quaestiones Plautinae 
Terentianaeque^) hervorgerufen, sie haben meine Alt- 
lateinischen Forschungen^) veranlaßt. Und wie sehr 
seine bahnbrechende Schrift noch heute, wenn auch in etwas 
anderer Richtung, meine Arbeiten beeinflußt, das mögen dem 
hochverdienten und hochverehrten Gelehrten an seinem Jubel- 
feste die nachfolgenden Blätter bezeugen. 

Altl. Forsch. S. 30 f. hatte ich die Bezeichnungen für 
Verloben' zusammengestellt, den Unterschied zwischen ^pon- 
dere und despondere dargetan und (S. 44) bei Erklärung der 
Varrostelle de ling. Lat. VI, 71 Belege für den Ausdruck 
animum despondere gesammelt. Daß Varros Ableitung 
quod suae spontis statuerat finem falsch und nur dem Be- 
dürfnis seiner etymologischen Deutung entsprungen ist, war 
mir natürlich schon damals klar. Wie aber animum despon- 
dere zur Bedeutung 'die Besinnung verlieren, ohnmächtig 
werden' gekommen ist, vermochte ich nicht zu erklären. Und 



1) Berthold Delbrück Die indogermanischen Verwandtschafts- 
namen, ein Beitrag zur vergleichenden Altertumskunde. Leipzig 1889. 
Abhandl. der Königl. Sachs. Gesellsch. der Wissensch. 25, Phil, bist 
Klasse 11 Nr. 5, 378. 

2) Gießen 1897. 

3) Leipzig 1905. 



Der ursprüngliche Sinn von animum despondere usw. 287 

doch ist der Zusammenhang einfach und gewährt einen lehr- 
reichen Einblick in die Vorstellungsweise des Altertums. 

Spondere ist nicht zu trennen von griech. cTiovbri 'Trank- 
opfer, Weiheguß'. Den Göttern zu Ehren pflegte man bei 
Verträgen und sonstigen wichtigen Abmachungen aus einer 
Schale ungemischten Wein auszugießen; danach heißt CTiovbai 
die durch solche Weihegüsse geheiligten Abmachungen, der 
Bund, Vertrag, Waffenstillstand usw. Auch nachdem die alte 
Sitte abgekommen war, wurde der Name beibehalten. Wie 
oft mußte so in der Sprachentwicklung ein veraltetes, oft 
längst vergessenes Symbol sich zur Bezeichnung der tatsäch- 
lichen Handlung weiter benutzen lassen und mit ganz neuen 
Vorstellungsinhalten erfüllen! Im Deutschen ließe sich der 
winkuf (nhd. Weinkauf) mancher Gegenden vergleichen; die 
heute fast erloschene Sitte, Abmachungen wie Hausverkauf, 
Verlobung usw. durch gemeinsamen Genuß von Wein zu be- 
kräftigen, geht wohl auf ähnliche religiöse Vorstellungen und 
Gebräuche wie die erwähnten griechischen zurück. Ebenso 
bedeutet CTtevbeiv, CTrevbecöai ursprünglich 'ein Trankopfer 
bringen, mit dem üblichen Opfer eine Vereinbarung treffen', 
dann überhaupt 'Vertrag, Bündnis, Frieden oder Waffenstill- 
stand schließen'. Dem entspricht genau der Gebrauch des 
lat. spondeo bei Verbalkontrakten (vgl. Altl. Forsch. S. 31 f.). 
Wer bei Kauf und Verkauf, Vertrag und Vereinbarung spon- 
deo sagte, knüpfte an die alte Sitte an, daß die Worte erst 
durch die Anrufung der Gottheit und das ihr dargebrachte 
Opfer geheiligt wurden und Rechtskraft erhielten. Wer eine 
Tochter verlobte, benutzte das nämliche Mittel und die näm- 
liche Ausdrucksweise: zu dem Aussprechen des spondeo wer- 
den ursprünglich auch hier die der Gottheit geweihten Trank- 
opfer als äußerliche Förmlichkeiten hinzugekommen sein. 
Nach der vollzogenen Feierlichkeit konnte dann der Vater 
erzählen: despondi ßlimn (Altl. Forsch. S. 30). So bedeutet 
auch respondere ursprünglich: bei solchen Abmachungen auf 
die Fvsl^q' SpondesneT das 'Spondeo" zurückgeben, das Gegen- 
versprechen leisten; erst hieraus entwickelte sich das all- 
gemeinere 'antworten'. 

Religiöse Vorstellungen, gottesdienstliche Beziehungen 
liegen also überall dem spondere zugrunde, sie müssen zwei- 
fellos auch bei animum despondere gewaltet haben. Der die 



288 Joseph Köhm, 

Besinnimg verlierende, in Ohnmacht fallende Mensch gibt sein 
Bewußtsein wie ein Opfer der Gottheit hin, die ihn ergreift 
und seinen Geist beherrscht. 

Diese nach der Ableitung geforderte Auffassung steht 
aber durchaus im Einklang mit der Gedankenwelt des 
Altertums, sowie auch der Naturvölker. Dem natürlichen 
Denken der Menschen in der ältesten Zeit, die noch wenig 
ausgeprägte Charaktere und nur ein geringes Maß von eigen- 
artig sich auslebender Persönlichkeit kennt, erscheinen die 
über das Durchschnittsmaß hinausgehenden Hemmungen des 
geistigen Lebens ebenso sonderbar wie seine Förderungen. 
Daß ein Mensch, dem der klare Blick für die Wirklichkeit in 
krankhafter Aufregung verloren gegangen ist, in Wahnsinn 
und Raserei verfällt, erscheint dem Naturmensehen ebenso 
seltsam und wunderbar wie die Erscheinung, daß ein anderer 
in übernatürlicher Verzückung, erhaben über den Lärm des 
Alltags, sich zum Liede begeistert oder anderen Betätigungen 
überragender Begabung hingibt. Für alles aber, was er nicht 
erklären kann, bringt der Mensch dieser Bildungsstufe das 
Eingreifen der Götter als Erklärungspunkt herbei. Auch die 
Sprache bezeichnet oft beide Erscheinungen, die sie auf den- 
selben Ursprung zurückführt, mit verwandten Wörtern. Mavia 
juaivecGai bedeutet 'Rasen, toben', ludvTic aber ist der gott- 
begnadete Sänger und Seher. Der Römer bezeichnet den 
gottbegeisterten Sänger als uates\ damit ist aber urverwandt 
das gotische wöds 'besessen, geisteskrank', das nhd. Wut^ 
wüten entspricht. Beide Wörter gehen auf skr. vat zurück, 
das 'geistig beleben' bedeutet. Nicht unerwähnt sei auch das 
hebräische meschugä Verrückt', das 2. Kön. 9, 11 und Jerem, 
29, 26 der Bedeutung 'Prophet' nahesteht. 

Dem entspricht denn auch die Tatsache, daß es die 
Geisteskranken bei vielen Naturvölkern heute noch weit 
besser haben, als an den Pflanzstätten der Kultur. Sie wer- 
den meist gut gepflegt und versorgt, oft sogar heilig gehalten, 
und man tut ihnen alles zu Willen^). 

Es wäre eine reizvolle Aufgabe, die Auffassung der 



1) Max Bartels in: Handbuch der Geschichte der Medizin, be- 
gründet von Th. Puschmann, herausgegeben von M. Neuburger 
und J. Pagel, Band 1, Jena 1902, S. 16 f. 



Der ursprüngliche Sinn von animum despondere usw. 289 

Geisteskrankheiten im griechischen und römischen 
Altertum von Homer an ausführlich zu behandeln; aber die 
Rücksicht auf den zur Verfügung stehenden Raum zwingt 
mich, nur einzelne Züge des überaus fesselnden Bildes her- 
vorzuheben. 

Die Art, wie Homer ^) den ersten in der Literatur vor- 
kommenden Fall von Melancholie darstellt, ist ein vorzüg- 
liches Beispiel. Bellerophontes (Ilias 6, 200 f.) hat Schick- 
salsschläge erlitten, wie sie wohl einen Menschen schwermütig 
oder geisteskrank machen könnten; der Dichter aber glaubt 
in Verkennung der seelischen Beziehungen, das Leiden dem 
ganz unbegründeten Hasse aller Götter zuschreiben zu müssen. 
Wenn die Kyklopen (Od. 9, 410 f.) dem Polyphem, der vom 
Niemand verletzt zu sein erklärt, für verrückt halten und ihm 
antworten, das sei eine vom großen Zeus gesendete Krank- 
heit, die man nicht heilen könne, so folgen sie dieser näm- 
lichen Auffassung. Auch Herodot^) schließt sich in der 
Beurteilung des seines Verstandes nicht mehr mächtigen 
Königs Kleomenes, der an Säuferwahnsinn litt, der Meinung 
derer an, die darin eine gerechte Strafe des Königs für seine 
Frevel gegen die Götter sahen (VI 84). Auch den ersten 
Fall von sexueller Psychopathie, den Herodot von den Enarern 
(I, 105) erzählt, erklärt er aus einem gegen die Götter be- 
gangenen Frevel: sie hätten den Tempel der Aphrodite ou- 
paviri geplündert. 

Besonders deutlich zeigt sich diese Auffassung in den 
Tragödien^) des Aischylos und Sophokles. Stets ist hier 
eine Gottheit die Ursache des Wahnsinns; irgend ein Frevel, 
eine übermütige Handlung hat den Zorn des Gottes erregt. 
Die Kranken selbst sind sich ihres Leidens bewußt und reden 
mit völliger Klarheit darüber; die wirklichen Symptome der 
Krankheit treten ganz zurück. Ob jemand wie Orestes und 
lo von andern verfolgt zu sein glaubt, oder wie Aias andere 
zu töten beabsichtigt, macht in der Darstellung des Leidenden 



1) Otto Körner Wesen und Wert der homerischen Heilkunde, 
Wiesbaden 1904. 

2) Carl Moeller Die Medizin im Herodot, Berlin 1903. 

3) Hermann Harries Tragici Graeci qua arte usi sint in descri- 
benda insania, Kiel 1891. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 19 



290 Joseph Köhni, 

kaum einen Unterschied. Im 'Gefesselten Prometheus' des 
Aischylos befindet sich lo, wie sie uns erzählt, in wildem 
Wahnsinn, kann uns aber klar und ausführlich ihr Unglück 
und dessen Ursache erzählen. Nur durch die etwas unge- 
wöhnliche Ausdrucksweise und den besonderen Reichtum an 
poetischen Bildern will der Dichter ihre Erzählung unter- 
stützen. Ebenso fehlt jede Spur eines wirklichen Wahnsinns 
bei Orestes. In den Choephoren fühlt er deutlich, wie der 
Wagen der Seele aus seiner Bahn fährt, die Zügel der Be- 
sinnung ihm aus der Hand fallen-, er betont dabei aber die 
Berechtigung seiner Tat und deutet das Mittel ihrer Sühnung* 
an. Dann schildert er die Schreckensbilder, die er sieht; 
aber die Erkenntnis, daß er allein sie sieht, die andern nicht, 
pflegt sonst bei Menschen, die an Sinnbeirrungen leiden, nicht 
vorhanden zu sein. In den Eumeniden verfährt Aischylos 
anders, indem er die Erinnyeu selbst als Chor auftreten läßt, 
Pythia beschreibt uns die Ekelscheusale, die den Jüngling am 
Nabelsteine umlagern, dann sehen sie die Zuschauer selbst 
vor sich. Damit ist aber die Darstellung des Wahnsinns ab- 
getan; Orestes selbst erscheint dagegen, wo er auftritt, als 
völlig gesund, selbst ohne Reue, ohne Gewissensbisse wegen 
des Muttermordes. Klaren Sinnes spricht er den Eumeniden 
geradezu das Recht ab, ihn zu verfolgen. So hat der fromme 
Dichter, der alle Erscheinungen auf den Willen der Götter 
bezog, die Schilderung des Wahnsinns, den er nur durch 
Äußerlichkeiten bezeichnet, von der Person, die im Reden 
und Handeln als normal erscheint, völlig getrennt. 

Ganz ähnlich beurteilt Sophokles den Wahnsinn des 
Aias. Athene hat die Raserei über den Helden verhängt, weil 
er durch Stolz und überschwengliche Worte den Zorn der 
Götter erregt hat (V. 127 f.). Wo Aias dagegen auftritt, ist 
er völlig zum Bewußtsein gekommen. Während sonst ein 
Kranker nach dem Tobsuchtanfall kaum noch etwas davon zu 
wissen pflegt, beklagt er laut die unselige Tat, von der er 
wohl weiß, daß sie nur dem Zorn seiner Feindin Athene ent- 
sprungen ist. Da er den Göttern sichtbarlich verhaßt ist, 
kommt er zu dem Entschlüsse, sich selbst zu töten. Mit 
klarem Urteil und ruhiger Überlegung beschließt und vollführt 
er den Selbstmord. 

Dieser mehr symbolischen Darstellung des Wahnsinns durch 



Der ursprüngliche Sinn von animum despondei^e usw. 291 

eine außerhalb des Kranken stehende, den Wahnsinn sendende 
Person sind vielfach auch die bildenden Künstler gefolgt; 
ich erinnere nur an die bekannten Vasenbilder von Medea, 
Lykurg, Orestes. Auch auf der Dareiosvase reizt Ate die be- 
törte Asia zum Kampf gegen Hellas auf. 

Im Volksglauben 1) senden Pan und Dämonen wie 
Ephialtes, Pnigalion, die Sirenen, Empusen, Lamien und Mor- 
molykien Schrecken, Alpdrücken und beängstigende Träume. 
Die im Altertum recht häufige Epilepsie war erst recht rätsel- 
haft ^ man nannte sie allgemein lepr] vöcoc und hielt sie für 
eine von den Göttern verhängte Raserei. Der Unterschied 
zwischen Epilepsie und Geisteskrankheit war den Alten natür- 
lich ebensowenig bekannt, als sie Delirium und ähnliche Fieber- 
symptome reinlich zu trennen vermochten. 

Gegen diese Auffassung wendet sich zum erstenmal mit 
aller Kraft der Arzt Hippokrates^) in einer besonderen 
Schrift TTepi lepfjc vöcou und zeigt, daß die Fallsucht eben- 
sowenig göttlichen Ursprungs ist, wie irgendeine andere 
Krankheit. Nur Sühnepriester und Aufschneider hätten dies 
ersonnen, weil ihre Anweisungen meist erfolglos waren; aber 
schon die natürlichen Heilmittel bewiesen, daß von göttlichem 
Ursprünge keine Rede sein könne. Dabei hat Hippokrates 
alle Krankheitsanzeichen sowie die Heilmittel genau ge- 
schildert. 

Die Lehre des Hippokrates und seiner Schule wirkte 
mächtig ein auf die gesamte griechische Aufklärung, als deren 
beredtesten Jünger wir den dritten großen Tragiker, Euri- 
pides^), bezeichnen können. Im Gegensatz zu der allgemein 
gehaltenen, mythisch eingekleideten, typisch stilisierten Wahn- 
sinnsdarstellung des Aischylos und Sophokles finden wir bei 
Euripides geradezu die Fachkenntnisse eines Arztes oder Na- 
turforschers; die Geisteskrankheit wird mit großer Sachkennt- 
nis und Wahrheitstreue in allen ihren Äußerungen deutlich 
veranschaulicht. Nachdem im 'Rasenden Herakles* soeben der 



1) Robert Fuchs in Puschmanns Handbuch 1, 165, 

2) Robert Fuchs ebenda 1, 222. 

3) H. Harries Tragici Graeci qua arte usi sint in describenda 
insania, Kiel 1891. — W. Nestle Euripides, der Dichter der griechi- 
schen Aufklärung, Stuttgart 1901. — Joh. Schmidt Euripides' Ver- 
hältnis zu Komik und Komödie, Progr. Grimma 1905. 



292 Joseph Köhra, 

Chor des zurückkehrenden Helden Ruhm gepriesen hat, er- 
scheinen Iris und Lyssa, die Personifikationen des Wahnsinns 
auf der Schwebemaschine (V. 822) ; Iris erzählt dem er- 
schreckten Chore, daß die erzürnte Juno Herakles sogleich in 
Wahnsinn versetzen werde, und ermahnt Lyssa, seinen Geist 
zu stören und auf alle Art zu quälen. Sofort bemerkt man 
die ersten Zeichen des Wahnsinns an Herakles. Kaum hat 
der Chor in einem neuen Liede des Helden Unglück beklagt, 
da verkündet ein Bote das geschehene Unheil (V. 922 — 1015). 
In durchaus realistischer Art wird erzählt, wie Herakles auf 
einen Wagen zu steigen und zur Bestrafung des Eurystheus 
nach Mykenae zu fahren glaubt, seine eigenen Kinder, die er 
für die des Feindes hält, tötet und zuletzt in der Erschöpfung 
des Tobsuchtsanfalles bewußtlos niedersinkt. Als er von der 
Ohnmacht erwacht, weiß er von dem ganzen Vorgange nichts 
(V. 1089—1108), erst Amphitryon erzählt ihm seine schreck- 
lichen Taten (V. 1112 — 1145). Auch Herakles denkt an 
Selbstmord, beschließt aber auf des Theseus Zureden, den 
schweren Kampf mit dem Leben von neuem aufzunehmen. 
Da Herakles erst im Stücke selbst wahnsinnig wird, so zer- 
fällt das Drama in zwei durchaus verschiedene Teile; durch 
den plötzlichen Umschwung soll der Zuschauer erschüttert 
werden. Der Übergang wird durch das Auftreten von Iris 
und Lyssa dargestellt. Während aber bei Aischylos die Eu- 
raeniden, bei Sophokles Athena einen notwendigen Bestand- 
teil des Stückes bilden, sind die Wahnsinnsdämonen des 
Euripides ohne organische Verbindung nur äußerlich an- 
geklebt^ so daß die ganze Szene ohne Schaden für die Hand- 
lung fehlen könnte. Aber trotz seiner aufgeklärten An- 
schauungen von den Göttern konnte Euripides die Überliefe- 
rung nicht ändern, Heras Feindschaft mußte die Schuld des 
Wahnsinns sein. Daher teilt er die Beschreibung der Krank- 
heit in zwei verschiedene Teile: im ersten kam er der my- 
thischen Darstellung der Alten entgegen, im zweiten gab er 
seine geläuterte Auffassung. So berücksichtigte er das Gött- 
liche, ohne sich dadurch in der Handlung stören zu lassen; 
keine Gottheit redet mit einem Menschen, alles Göttliche ist 
für sich, alles Menschliche ebenso. Auch davon, daß der 
Wahnsinn als Strafe empfunden würde, ist bei Euripides keine 
Spur. Herakles schüttelt vielmehr jede Schuld von sich ab 



Der ursprüngliche Sinn von animum despondere usw. 293 

und erklärt, er sei der Krankheit unterlegen, nicht dem Zorne 
der Götter, an deren Macht er sogar zweifelt. Sein Wahn- 
sinn selbst hat durchaus realistische Züge, ja man kann leicht 
die einzelnen Äußerungen seines Leidens mit den Stellen des 
Hippokrates vergleichend zusammenfassen. 

Die Gedanken der Aufklärung," wie Euripides sie ver- 
breitet hat, wurden von der Komödie gern übernommen, 
sei es, um sie durch possenhafte ümdichtung ins Lächerliche 
zu verzerren, was besonders zur Zeit der mittleren Komödie 
mit Vorliebe geschah, oder um sie für die eigenen Stücke 
vertiefend zu verwerten, wodurch die neuere Komödie ihre 
größten Triumphe feierte. Bei der verhältnismäßig geringen 
Zahl von Bruchstücken der mittleren und neueren Komödie 
und der traurigen Tatsache, daß uns auch die neueren Pa- 
pyrusfunde kein vollständiges Stück wiedergegeben haben, 
sind wir immer noch in der Hauptsache auf die Übertragungen 
des Plautus und Terentius angewiesen. In den Plautinischen 
Komödien finden wir nun tatsächlich eine ganze Reihe von 
Wahnsinnsszenen, die der Römer um so mehr beibehalten konnte, 
als die Auffassung des Wahnsinns bei den römischen Zu- 
schauern der griechischen nahe verwandt war. 

In Rom^) waren Geisteskrankheiten offenbar sehr ver- 
breitet, wie es bei einem Volke mit so ungewöhnlich starker 
Ausbildung des Willens nicht zu verwundern ist. Schon das 
Zwölftafelgesetz mußte besondere Bestimmungen über die ver- 
mögensrechtlichen Verhältnisse Geisteskranker aufnehmen (5, 7). 
Von den staatlichen Gewalten wurden Krankheiten und Epi- 
demien gern als Schickungen der Götter für politische Zwecke 
und zur Stärkung der Autorität ausgenutzt. Eine selbständige 
Wissenschaft der Medizin war noch nicht aufgekommen. So 
galt denn auch bei den Römern die Epilepsie als morbus 
diuinusy morbus sacer, auch morbus comitialis, weil ein 
solcher Krankheitsfall an den Komitialtagen als unheilkündend 
die Beratung aufhob. Welche Furcht der Römer überhaupt vor 
Erkrankung hatte, beweist wohl am besten sein Segenswunsch 
beim Kommen und Gehen: Salue! uale! Auch die ältesten 
römischen Gebete und Bittgesänge erflehen von den Göttern 



1) Iwan Bloch Altrömische Medizin, in Puschmanns Handbuch 
], 402 f. 



294 Joseph Köhm, 

die Abwendung schlimmer Krankheiten. Und so verstehen 
wir jetzt um so leichter die im Anfang- vermutete Tatsache, 
daß man von dem, der in Ohnmacht fiel oder das Bewußtsein 
verlor, sagte, er habe der Gottheit seine Besinnung als Opfer 
dargebracht. 

Kein Wunder also, daß auch bei Plautus die Geistes- 
krankheiten eine große Rolle spielen. Wo jemand irgend 
etwas spricht, was nicht sofort klar ist oder unmöglich zu 
sein scheint, da heißt es sofort: Hie homo sanus non est 
(Amph. 402), Sanan es? (Amph. 929, Cist. 666, Cure. 654, 
Men. 394, 738), Sanun es? (Asin. 385, Bacch. 566, Gas. 232, 
Men. 818, Merc. 292, 489 usw.), Sanus tu non eSj qui furem 
me uoces (Aul. 769), Nam tu quidem hercle certo non sanus 
satis (Men. 312) usw. in allen möglichen Variationen bis zu 
den scherzhaften Umschreibungen: lubeas, si sapias, porcu- 
liim adferri tibi (Men. 314), Ellehorum hisce hominihus opus 
est (Pseud. 1185), Laruae hunc atque intemperiae insaniae- 
que agitant senem (Aul. 642). Dem Sklaven Sosia erscheint 
seine Herrin Alcumena, die ihm so unbegreifliche Dinge er- 
zählt, als wahnsinnig (Amph. 696 f.), wie Merkur ihn selbst 
dafür gehalten hat (Amph. 402 f.). Den Euclio erklärt die 
Magd Staphyla (Aul. 68), dann auch Strobilus (V. 642) für 
verrückt. Als Phaedromus (Cure. 17) die Tür der Geliebten 
apostrophiert, zweifelt der Sklave an seinem Verstand: Ca- 
ruitne febris te heri uel nudiustertius Et heri cenauistinef 
Die Pseudo-Casina (Chalinus) wird (Gas. 629) als rasend ge- 
schildert, wie sie mit dem Schwerte in der Hand jeden an- 
greift. Die Liebesleidenschaft des Alcesimarchus (Cist. 206 f.) 
steigert sich (V. 284 f., 521 f.) zu immer stärkeren Ausbrüchen 
mit Androhung von Mord und Selbstmord. 

Doch sind das alles mehr Einzelheiten, nebensächliche 
Bemerkungen ohne Einfluß auf den Gang der Handlung. Weit 
stärkere humoristische Wirkungen werden erzielt, wo der 
Dichter den Wahnsinn, zum Teil in recht realistischer Dar- 
stellung, in die Handlung des Stückes selbst ver- 
flicht. In den Captiui (547 ff.) sucht Tyndarus den Ari- 
stophontes als geisteskrank zu verdächtigen, um sein Zeugnis 
zu entkräften und so die Entdeckung der List zu verhindern. 
Denn der treue Sklave hat die Rolle mit seinem Herrn Phi- 
locrates, der mit ihm in die Kriegsgefangenschaft der Ätoler 



Der ursprüng'liche Sinn von animum despondere usw. 295 

geraten war, vertauscht, damit dieser als Bote zur Beschaffung 
des Lösegeldes in die Heimat geschickt werde. In der freu- 
digen Erwartung, so auch seinen eigenen, von den Eleern 
gefangenen Sohn zurückzuerhalten, hatte Regio die beiden 
elischen Kriegsgefangenen gekauft und den vermeintlichen 
Sklaven zu der Herrschaft entsandt; zu seiner großen Freude 
hat er unter den Gefangenen seines Bruders in Aristophontes 
einen Landsmann und Freund des Philokrates entdeckt, ihn 
will er jetzt zu diesem führen. Da kann nur die größte 
Schlauheit aus der Verlegenheit helfen: Tyndarus erzählt dem 
bestürzten Regio, Aristophontes habe in der Heimat als tob- 
süchtig gegolten, er leide an Epilepsie und habe schon Vater 
und Mutter mit Lanzen bedroht. So hofft er den Alten in 
Furcht zu versetzen und von dem gefährlichen Aristophontes 
zu entfernen. 'Siehst du nicht seine ergrimmte Miene? Jetzt 
heißt es, sich aus dem Staube machen; schon geht es los, die 
Tobsucht bricht aus; nimm dich in acht!' Tatsächlich ge- 
lingt es ihm auch eine Zeitlang, den Alten zu betören, als er 
ihm erklärt, dieser Mensch sei ebensowenig sein Freund wie 
Alkmaion, Orestes, Lykurg oder andere Narren. Und als 
Aristophontes über das unverschämte Lügenspiel des Sklaven 
entrüstet ausruft: Enim iam nequeo contineri, da sucht Tyn- 
darus den Alten glauben zu machen, jetzt breche der Anfall 
aus: 'Hörst du's? Rasch zur Flucht! Schon verfolgt er uns 
mit Steinwürfen, wenn du ihn nicht ergreifen läßt. Seine 
Augen glühen, siehst du nicht, wie sein Körper sich mit fahlen 
Flecken bedeckt? Schwarze Galle beunruhigt ihn. Schon 
redet er irr, die bösen Geister (laruae) quälen ihn.' Aber 
durch ruhiges Zureden überzeugt Aristophontes den Regio 
von der Unwahrheit der ganzen Erfindung des verschmitzten 
Sklaven, so daß er, obwohl dieser ihm wieder die Erschei- 
nung des rasenden Aias in Aristophontes zu zeigen sucht, sich 
über den ihm gespielten Betrug aufklären läßt. Sicherlich 
hat der Dichter dieses Stückes den Gedanken, eine Person 
seines Stückes fälschlich als geisteskrank erklären zu lassen, 
nicht erst neu erfunden, dazu sind die Motive schon zu sehr 
abgeleitet, und wir gewinnen den Eindruck, daß manch an- 
deres Stück mit ähnlichem Stoff vorausgegangen sein müsse. 
Weit urwüchsiger ist die Darstellung des Wahnsinns in 
den Menaechmi. Als der eben erst angekommene Menaech- 



296 Joseph Köhin, 

iims von der Frau seines verschollenen, ihm aber aufs Haar 
gleichenden und auch gleichnamigen Bruders als ihr Mann 
angesehen und wegen der von jenem angestellten Streiche zur 
Rede gestellt wird, weiß er keinen anderen Rat, als daß er 
auf eine Bemerkung der Frau, daß grünliche Farbe seine 
Augen, Stirn und Schläfe entstelle, eingeht und sich wahn- 
sinnig stellt, um sie und ihren eben hinzukommenden Vater 
zurückzuschrecken. Er ruft die Gottheit an, fragt, wohin sie 
ihn schicke; er könne nicht fort, ihn bewache eine wütende 
Hündin und ein meineidiger Kerl. Apollo befehle ihm im 
Orakel, ihr die Augen mit glühenden Fackeln auszubrennen. 
Und als nun der Alte Sklaven holen will, um ihn zu binden, 
da ruft er unter den nötigen Grimassen: 'Apoll, du heißest 
mich, diesem Menschen die Fäuste ins Gesicht zu schlagen! 
Viel befiehlst du mir, Apoll! Jetzt soll ich die Pferde an- 
spannen, jetzt auf den Wagen steigen, um den alten Kerl zu 
zermalmen. Schon steh ich da, schon halte ich die Zügel, 
schon die Peitsche. Auf, Pferde, laßt euren Hufschlag er- 
tönen, von schneller Fahrt sei er zerschmettert! Sieh! wieder 
heißest du mich auf ihn losgehen, ihm, wie er dasteht, den 
Schädel zu spalten. — Aber wer reißt mich von hinten vom 
Wagen und hemmt dein Gebot, Apoll?' Mit diesen Worten 
stellt er sich, als falle er vom Toben erschöpft, zu Boden; 
als jetzt der Alte, der keine Besorgnis vor weiteren Wutaus- 
brüchen mehr zu haben braucht, einen Arzt holt, macht sieh 
der verstellte Kranke eiligst davon. Sehr spaßig wird auch 
die folgende Szene, wo der herbeigeholte Arzt mit dem rich- 
tigen Menaechmus zusammentrifft und neue ergötzliche Ver- 
wicklungen entstehen. 

Merkwürdigerweise hat noch niemand auf die ungeheure 
Ähnlichkeit dieser Stelle mit dem Botenbericht aus Euripides' 
'Herakles furens' hingewiesen. Und doch ist für jeden, der 
beide Stücke miteinander vergleicht, kein Zweifel, daß dem 
Dichter der griechischen Vorlage der Menaechmi dieEuripides- 
stelle vorschwebte, ja, daß er sie mit Absicht travestierte: so 
sehr stimmen beide Szenen in Inhalt und Ausdruck überein. 
Irren wir uns aber in dieser Vermutung nicht, so haben wir 
darin eine neue wichtige Zeitbestimmung für das Ori- 
ginal der Menaechmi; es gehört der besonders mit dem 
Mittel der Travestie arbeitenden, mittleren, griechischen Komödie 



Der ursprüngliche Sinn von animum despondere usw. 297 

an und ist so mit der Vorlage des Persa^) das älteste grie- 
chische Original lateinischer Komödien. 

Auch im Mercator kommen Stellen ähnlichen Inhalts 
vor. Der Greis Deniipho (Merc. 325 hie homo ex amore in- 
sanit) führt seinen Liebeswahnsinn auf göttliche Einwirkung 
zurück (V. 319: Humanuni mnarest atqiie id uei optingit 
deum). Aber auch der Sohn Charinus hat dasselbe Leiden. 
Er stellt sich (V. 921 ff.), als fahre er im Wagen umher, habe 
die Zügel in der Hand, um nach Zypern in die Verbannung 
zu fahren; dann kehrt er ebenso wieder zurück. Erinnert 
auch diese Szene in leisen Anklängen an die Stelle in Euri- 
pides' Herakles, so fehlt doch das Hauptmotiv, ein Wutanfall 
bricht nicht aus ; viel näher liegt ein Vergleich des Gedankens 
mit andern Stellen, in denen ein unglücklich verliebter Jüng- 
ling den Plan gefaßt hat, ins Ausland zu gehen und in der 
Fremde Kriegsdienste zu leisten. Auch könnte man anneh- 
men, daß dem Dichter des Originals des Mercator (Philemon) 
die oben behandelte Szene der Menaechmi vorschwebte; aber 
eine unmittelbare Einwirkung des Euripideischen Herakles 
können wir in diesen untergeordneten und abgeleiteten Motiven 
des Mercator nicht feststellen. 

Zahlreiche weitere Probleme eröffnen sich hier: 
Wie werden die Symptome des Wahnsinns im einzelnen dar- 
gestellt? Welche Arten der Geisteskrankheiten werden unter- 
schieden (vgl. Amph. 776 cerrita, Im^uarum plena, auch 
Fragm. XII; Men. 890 Num laruatus aut cerritus usw.)? 
Wie werden die Kranken behandelt und welche Heilmittel 
werden angegeben? Wie ist die Auffassung des Wahnsinns 
in der späteren römischen Literatur? Welche Einflüsse zeigen 
sich bei neueren Dichtern ^) ? Doch wir haben uns von unserem 
Ausgangspunkt so weit entfernt, daß schon die Rücksicht 
auf den Umfang dieses Festgrußes uns ein gebieterisches Halt 
zuruft, und so möge denn die Vertiefung der behandelten, 
wie die Bearbeitung der eben aufgeworfenen Fragen einer 
späteren Gelegenheit vorbehalten sein. 

1) Nach der g-eistvollen Vermutung von U. v. Wilamowitz- 
Moellendorff De tribus carminibus latinis (Ind. lect. Göttingen 1893/94). 

2) Vgl. Lessing Emilia Galotti IV 6 mit Plautus Capt. 547 ff. 

Mainz. Joseph Köhm. 



298 Georg- Goetz, 



Sprachliche Bemerkungen zu Yarro de re ruslica. 

OBAERARIVS. 

VaiTO de re rust. I 17, 2 (S. 33, 15 ff.) lautet nach der 
Überlieferung: iique quos ohaerarios nostri vocitarunt et etiam 
nunc sunt in Asia atque Aegypto et in Illyrico complures. 
Es handelt sich dort um drei Arten von freien Feldbauern. 
Die einen sind die Besitzer, die ihre Felder mit ihren Kindern 
selber bebauen; die andern sind Lohnarbeiter (mercennarii), 
die dritten — nach Varros Worten offenbar eine Rarität, die 
der gelehrte Antiquar aufgestöbert hat — sind die ohaerarii. 
Der Zusatz iique . . . complures ist etwas frei angeschlossen, 
wie Keil im Kommentar bemerkt ; erwarten sollte man aut iis 
quos ohaerarios nostri vocitarunt usw. Mit dieser Stelle 
verknüpft man gewöhnlieh eine andere Varrostelle, de 1. lat. 
VII 105 in dem vielbehandelten Passus über nexum\ dort 
heißt es: liber qui suas operas in servitutem pro pecunia 
quam dehehat (dafür dehet dat Schwegler) du77i solverety nexus 
vocatur, ut ah aere obaeratus. Indem man ohaeratus auf de 
re rust. I 17,2 tibertrug, schrieb man für ohaerarios seit alter 
Zeit ohaeratos. Wie dies sachlich aufzufassen sei, erörtert 
unter Verweisung auf die sonstige Literatur Gummerus Der 
röm. Gutsbetrieb S. 62 ff. Für den Kritiker wie für den 
Grammatiker könnte hiermit die Stelle als erledigt gelten. Ich 
habe trotzdem nicht gewagt, in meiner Neubearbeitung der 
Keuschen Ausgabe das überlieferte ohaerarios zu beseitigen, 
und will meine Bedenken gegen jede Änderung im nach- 
stehenden begründen. 

Ohaerarios ist die Überlieferung der maßgebenden Hand- 
schrift. Dieser Überlieferung steht noch eine zweite zur Seite, 
eine Glosse im größeren Abavusglossar. Dort findet sich 
(Corp. gloss. V 630,15): ohaerarius oh aes ohligatus. Dieses 



Sprachliche Bemerkungen zu Varro de re rustica, 299 

obaerarms ist um so höher zu bewerten, als es sich unmittel- 
bar an folgende Glosse anschließt: obaeratus ut plus dicat 
quam quod habet, d. h. doch wohl qui plus debet quam quod 
habet. Es sieht fast so aus, als habe der Zusammensteller 
des Abavus die beiden Glossen gewissermaßen wie differentiae 
sich gegenüberstellen wollen. Freilich könnte man allenfalls 
auch hier au obaeratus für obaerärius denken. Es existiert 
aber noch ein weiteres Zeugnis, das nicht übergangen werden 
darf. Bei Pseudophiloxenus findet sich II 12, 19 folgende 
Überlieferung: aerarius uTTÖxpeiuc. Es folgt aerarius xa^KO- 
TUTTOC usw., dann aerarium, aereus. Dafür aeratus zu 
schreiben hat an und für sich wenig Sinn; denn aeratus ist 
in dieser Bedeutung ebenso singulär wie aerarius. Wollte 
man etwa obaerärius als Grundform hinstellen, woraus durch 
Entstellung aerarius geworden wäre, so wäre das weder 
methodisch noch wahrscheinlich. Das wertvolle Glossar hat 
ja doch auch andere Singularitäten, an denen es niemand ein- 
fallen wird zu rütteln. Es stehen somit aerarius und obae- 
rärius nebeneinander wie nubilus und obnubiluSy wobei obae- 
ratus seinen Einfluß ausgeübt haben könnte. Unter diesen 
Umständen fragt es sich doch, ob die Stelle aus de 1. lat. 
hierher gehört. Was Varro berichtet, stammt aus alter Über- 
lieferung, die Stelle d. 1. lat. sicher aus juristischer Quelle; 
ob die Angabe in der landwirtschaftlichen Schrift eben daher 
genommen ist, darf bezweifelt werden. Es wäre denkbar, 
daß obaeratus die juristische Form darstelle, während das 
bäuerliche Latein auch obaerärius kannte. Wie man sich 
aber auch in dieser Hinsicht entscheidet, daß aerarius in der 
bilinguen Glosse zu aeratus, weiter aber sowohl bei Varro 
wie im Abavusglossar obaerärius zu obaeratus zu ändern sei, 
halte ich aus methodischen Gründen für bedenklich; deshalb 
habe ich die Überlieferung im Texte belassen. Bietet doch 
der Text noch viele andere Raritäten, von denen im folgen- 
den teils im Vorübergehen, teils ausführlicher die Rede sein wird. 

DELITVS. 

Walde hat im Wörterbuch S. 227 folgenden Artikel: 

delicus Von der Mutterbrust entwöhnt' aus *de-läc-os zu lac 

*Milch' (z. B. Prellwitz Gr. Wb.^ s. v. Toi^a), obwohl man die 

im Nom. entwickelte Mose Form lac statt des Stammes lact- 



300 Georg- Goetz, 

zugrunde legen muß; nicht zu linquere (Vanicek 238). — 
Das klingt bezüglich der Form des Wortes so bestimmt wie 
möglich. Mit der Etymologie, die nicht ganz ohne Bedenken 
ist, stimmt sehr gut die einzige vorhandene Belegstelle Varra 
de re rust. II 4, 16: cum porci depulsi sunt a mamma, a 
quibusdam delici appellantur. Wer die quidam sind, ob 
etwa Grammatiker, wissen wir nicht; quidam steht genau 
so I 8, 4: quos traduces quidam rumpos appellant; vgl. ferner 
114,3; 119,9; 11116,12. Doch findet es sich auch für 
landwirtschaftliche Autoren oder sonstige Gewährsmänner. 
Das Wort selber existiert nur noch in der uralten Pseudo- 
philoxenusglosse, die ihrerseits auf irgendeinen Text zurück- 
geht; es wäre sogar möglich und an sich gar nicht unwahr- 
scheinlich, daß beide Überlieferungen sich auf dieselbe Glossen- 
oder Grammatikerstelle bezögen, ein Verhältnis, das durch 
Analogien gestützt wird. Die Glossenstelle (II 42, 9) schreibt 
man : delicum diroYaXaKTicGev. dtTroYOtXaKTicGev verträgt sich 
vorzüglich mit a mamma depulsi: merkwüdig ist dabei nur 
das eine, daß in beiden Fällen, d. h. sowohl bei Varro wie 
in der Glosse, die alte maßgebende Überlieferung nicht delic-y 
sondern delit- bietet. Doch ist damit das Material noch nicht 
erschöpft. Die Glossen geben IV 329, 27 noch einen weiteren 
Beleg: depulsus delictus\ diese Glosse ist aber nur eine Um- 
drehung einer andern (IV 328, 52): delicfus depulsus {vel 
uerruclatus quod dicitur). Hier sind offenbar zwei Glossen 
kontaminiert: delictus deptdsus und delictus. verruclatus qui 
dicitur; ist doch die letztere Glosse noch besonders über- 
liefert. Es liegt natürlich nahe, auch dieses delictus mit der 
sonstigen Überlieferung zu verknüpfen; allein das Interpreta: 
ment ist noch nicht geklärt. Der Versuch von Ehrlich in 
seiner Schrift 'Zur indogermanischen Wortgeschichte' (Königs- 
berg 1810) S. 65 hat auch nur ein sehr problematisches 
Resultat erzielt. Für die Frage, die zur Erörterung steht, ist 
die Entscheidung über diese Glosse belanglos, insofern ja die 
Glosse delictus depulsus an sich ausreichenden Halt in der 
Überlieferung hat. Wir haben also delitus und delictus, 
nirgends delicus; delicus hat lediglich konjekturale Existenz. 
Zur Stütze von delicus weist Keil im Kommentar allerdings 
auf Cato 2, 7 hin, wo armenta delicula und oves deliculae 
erwähnt werden. Allein der Zusammenhang bei Cato schließt^ 



Sprachliche Bernerkung-en zu Varro de re rustica. 301 

wie Ehrlich S. 67 mit Recht hervorhebt, die Ableitung des 
Wortes deliculuH von dem vermuteten delicus aus; armenta 
delicula müssen Tiere sein, die mit irgendeinem Mangel be- 
haftet sind und die man deshalb wie die hoves vetuli, wie 
plostrum vetus, ferramenta vetera, den servus senex ver- 
kauft; delica = depulsa würde in diesen Zusammenhang nicht 
hinein passen. Unter solchen Umständen ist der Versuch 
Loewes Gl. N. 115, dem Keil folgt, in allen diesen Über- 
lieferungen ein delicus zu finden, nichts weniger als wahr- 
scheinlich; es fehlt dafür jegliche Stütze. Unter den sonstigen 
Versuchen, die Überlieferung ins reine zu bringen, erwähne 
ich zunächst den von Ehrlich a. a. 0., der delictus für richtig 
hält; es sei soviel wie 'ermangelnd' (nämlich der Muttermilch, 
ein intransitiv-aktivisches Partizip nach Art von tacitus). Sehr 
einleuchtend ist diese Erklärung nicht; auch von selten der 
Methode wird sie nicht empfohlen, da die ältere Überlieferung 
an zwei voneinander unabhängigen Stellen preisgegeben wird. 
Zur Konjektur nimmt auch Francken seine Zuflucht in der 
Mnemos. XXVIII (1900), S. 285: deicli = deicidi, gebildet wie 
reiculae (II 1,24; 115, 17): düectus quotannis habendus et 
reiculae i^eiciundae)-^ deiculus von deicere^ das synonym mit 
depeUere wäre. Aber gerade dieses deicere = otTroTaXaKTiZieiv 
ist unbelegt; dadurch wird der Vermutung der Boden ent- 
zogen, wenn sie auch Mras Jahresber. 143, S. 67 für gesichert 
hält. Aber wir bedürfen vielleicht gar keiner Konjektur; 
darin stimme ich Ehrlich zu. Nur scheint es methodisch 
richtiger zu sein, von dem doppelt überlieferten delitus aus- 
zugehen, das wegen seiner Singularität zu delictus geworden 
ist. Delitus würde bedeuten 'getilgt', 'gestrichen', 'ausgelöscht'; 
nämlich aus dem Verzeichnis der Sauglämmer, das der Schäfer 
hatte. Dieses delitus {delitae litterae ist für Varro bei Dio- 
medes 376, 1 bezeugt) ist eben so mit verengter Bedeutung 
zu einem terminus geworden wie das häufigere depulsus. In 
der Ausgabe habe ich delicus vorläufig festgehalten; aber 
schon in der praefatio habe ich meinen Dissensus angedeutet. 
In diesem Falle führen uns also die Glossen zu dem 
Ursprünglichen. In anderen Beispielen singulärer Formen 
bietet uns das Romanische einen Anhalt, so z. B. bei pulUtris 
III 9, 9 ; das Wort stammt, wie längst erkannt wurde, von 
pullusj wie porcetra von porcus'^ vgl. Niedermann Contrib. 



302 Georg Goetz, 

ä la critique et ä rexplication des glosses latines S. 30 Anni. 3 
und das italienische puledro. Bisweilen aber fehlt es der 
Überlieferung an jeder anderweitigen Stütze. Ein solches 
Beispiel möge zunächst folgen. 

VELLIMNA. 

Varro de re rust. II 11, 9 ist von der Wollbereitung in 
folgender Weise die Rede: quam (i. e. lanam) demptani ac 
conglohatam alii vellera alii vellimna appellant. So, d. h. 
uelUmna, hat Poliziano notiert; ebenso hat der cod. Lauren- 
tianus. Auch Victorius, der zweite Benutzer des uralten 
Florentinus, kennt nur uellimna (in antiquioribus ueUimnd) : 
unter diesen Umständen kann die Überlieferung des cod. 
Parisinus {uellam mina) nicht in Betracht kommen. Wenn 
man also seit Scaliger in der Regel velmnina schreibt, so 
müßte sich dieses auf uellimna stützen, nicht auf uellam mina. 
Daß dies aber nur ein Versuch ist, neben dem auch andere 
möglich sind, ist selbstverständlich. So vermutet Francken 
Mnemos. XXVIII (1900), S. ^85 uelmina\ Ellis Hermath. X 
(1899), S. 290 denkt unter anderem an uellernina. Demgegenüber 
habe ich mir schon längst angemerkt, daß die Überlieferung 
richtig sei, und finde jetzt, daß auch Mras S. 66 (vgl. Ellis 
a. a. 0.) diese Ansicht vertritt. Freilich sollte man nach alum- 
nus eher uellumnus erwarten, wie schon Ellis bemerkt. 

Mit den Worten, von denen wir ausgingen, bringt man 
gelegentlich eine Stelle der Schrift de 1. lat. in Verbindung, 
nämlich S. 18, 8 ff.: Veliae unde essent plures accepi causas, 
in quis quod ihi pastores Polatini ex ovihus ante tonsuram 
inventam uellere lanam sint solitiy a quo uelle[ine]ra dicuntur. 
An sich vermißt man nichts, wenn man uellera schreibt; wie 
aber daraus uelleinera geworden sein soll, bleibt dunkel. Es 
ist ganz natürlich, daß sich dabei die Gedanken auf unsere 
Stelle lenken; so haben wir in der Ausgabe uellera vel nela- 
mina vorgeschlagen. Aber velamina fällt, um von anderen 
Bedenken zu schweigen, schon nach meinen Ausführungen zu- 
sammen. Wenn wir iiellimna festhalten (= uellina)^ so ist 
uelleinera eine Kontamination von uellera und uellimna. Das 
ist zwar, wie ich gern zugebe, an sich problematisch, verträgt 
sich aber am besten mit der Überlieferung. So glaubte ich 
denn in der Ausgabe uellimna festhalten zu sollen. Es ist 



Sprachliche Bemerkungen zu Varro de re rustica. 308 

eine so singulare Form nicht auffallender wie f alere III 5, 14 
und 16; wie peminosa 151, 1 (nicht, wie Walde sagt, unsicher 
beglaubigt; bezeugt doch auch Nonius das rätselhafte Wort^ 
dessen eiuiLiov noch nicht gefunden ist; nur zwischen paem- 
und pem- schwankt, wie üblich, die Überlieferung) ; wie tehae 
III 1, 6; cordi corda cordo II 1, 19 (wo die varronische Ety- 
mologie durch eine Lücke weggenommen ist); II 3, 1 (wo EUis 
ändert, schwerlich mit Recht); rumpos I 8, 4; apicae II 2, 3 
(daher Plin. N. H. VIII 198; vgl. Fest. Pauli 25); meliu7n 
II 9, 15 (wofür viele, z. B. Francken Mnemos. XXVIII a. 1900, 
S. 284 nach Fest. Pauli 151, 4, inellum schreiben; so steht 
miUario für mellario III 16, 30). Ein andres Beispiel soll im 
folgenden behandelt werden. 

VRRV. 

Walde bringt im Wörterb. S. 861 folgenden Artikel: 
urruncum 'der unterste Teil der Ähre', wohl zu griech. oöpaxoc 
'spitzes Ende', bei Aelian de an. nat. 6, 43 'die Spitzen der 
Halme, woran die Ähren sitzen', und vermutlich als u^rs-on-co- 
weiter zur Sippe von Verruca usw. Wer das liest, muß 
glauben, urruncum sei ein gut bezeugtes, übliches Wort. In 
Wirklichkeit verdankt es seine Existenz in den Lexicis ledig- 
lich einer uralten Konjektur in der editio princeps, wie ein 
Blick in den Keuschen Kommentar zeigen konnte. Die Stelle 
lautet so (I 48, 3): iUut autem summa m spica iam mafura^ 
quod est minus quam granum, vocatur frit ; quod in (^in}fima 
spica ad culmum stramenti summum item minus quam gra- 
num est, appellatur urrucum conticuisset usw. Aus dem 
handschriftlichen urrucum ist jenes urruncum entnommen 
und von Schneider dem griechischen öpoTKOc gleichgesetzt 
worden; seitdem liest man es auch in den Lexicis. Die Be- 
ziehung zu öpoTKOc gab man später auf und wies auf das 
gleichbedeutende oupaxoc bei Aelian und weiter auf oupd hin 
(Lobeck proleg. pathol. gr. S. 333). Allein Keil hat ohne 
Zweifel richtig gesehen, daß cum zum Folgenden gehört. 
Damit ist urruncum erledigt. Dafür etwa oupd zu schreiben, 
verbietet das voraufgehende frit: es kann sich nur um ein 
lateinisches Wort handeln. Wenn Rothstein (vgl. Keil) uruca 
einsetzt, so ist diese Form zwar neben eruca in den Glossen 
gut bezeugt: allein die Bedeutung paßt nicht; denn uruca 



304 Georg- Goetz, 

bedeutet die Spannraupe. Ich vermute, daß urru ein Wort 
für sich ist^ wie vorher frit^ über dessen exujuov uns die vor- 
handene Literatur keinen Aufschluß bietet. Jedenfalls muß 
urruncum aus dem Wörterbuche gestrichen weren; denn 
nicht einmal als Konjektur hat es irgendwelche Wahrschein- 
lichkeit. Was Francken Mnemos. 28, 286 vorschlägt (suspitio 
mihi subnata est urru esse öppoc, frit cpopuTÖc), schwebt 
völlig in der Luft. Ich füge noch einige wichtigere Singu- 
laritäten bei: conditaneam I 24, 1 (Non., Glossen); digitahulis 
155, 1 (Glossen), foriculis 159, 1; porculationem II 4, 13; 
expartae II 5, 7 (Glossen); seclusorium III 5, 5. Zu diesen 
würde sich frit und m'vu gesellen, falls nicht darin doch etwas 
anderes zu suchen ist. Übrigens ist diese Fülle von ander- 
weit nicht belegten Wörtern charakteristisch für Varros land- 
wirtschaftliche Schrift. Die mangelnde Bezeugung mag zum 
Teil Zufall sein. Aber auch das verdient bemerkt zu werden, 
daß die vorhandene landwirtschaftliche Literatur in dieser 
Hinsicht so wenig von Varro berührt ist. In der Quellenfrage 
wird sowohl für Varro selber wie etwa Columella darauf Rück- 
sicht zu nehmen sein. Nicht uninteressant sind dabei Stellen 
wie I 2, 8, wo bei Columella (I 3, 4) statt des eigenartigen 
varronischen Ausdrucks decolat lieber deesset gesetzt wird, 
ebenso wie für adque = et ad lieber atqiie ad. 

Im folgenden mögen einige varronische Etymologien be- 
sprochen werden, dergleichen, wie in den meisten varronischen 
Schriften, so auch in diesen Büchern nicht selten sind. 

FARRAGO. FERRAGO. 
1 31, 5 lauten nach der Fassung von Keil: ocinum dic- 
ttim a graeco verho ojkewq, quod valet cito, similiter quod 
ocimum in horto, hoc amplius dictum ocinum, quod citat 
alvom hubus et adeo iis datm% ut purgentur. id est {ex} 
fahali segete viride sectum antequam genat siliquas'^ contra 
ex segete, uhi sata admixta hordeum et vicia et legumina, 
pahuli causa viride ah eo quod [fart] ferro caesa ferrago 
dicta, aut inde {farrago}, quod primiim in farracia segete 
fieri coepta. Wer diese Worte liest, wird glauben, Varro 
bezeuge eine doppelte Form, ferrago von ferrum und farrago 
von far. Die Form ferrago ist ja auch sonst belegt. Sie 
steht z. B. in den Hermeneum. Monac. III 200, 6 (choli ferrago 



Sprachliche Bemerkungen zu Varro de re rustica. 305 

= X^o^ ?) ; ferner IV 342, 20. Ich füge hinzu aus dem über 
glossarura (neben farrago): ferrago fruges in herbae colore. 
Wie diese Form aber aufzufassen ist, zeigt keine Glosse deut- 
licher als diese (V 199, 28): ferra veteres ferre vivebant [uel 
cymhri], unde et ferrago dicta, wo farra, farre und farrago 
zugrunde liegen. Falls die Schreibung ferrago nicht gerade- 
zu aus Varro in letzter Linie stammt, repräsentiert sie eine 
späte, romanische Form (cf. Schuchardt I, S. 202). unter 
diesen Umständen ist die Keilsche Ergänzung farrago nach 
aut inde zu verwerfen; farrago muß vorher ausgefallen sein. 
Ich habe deshalb der Stelle folgende Fassung gegeben: od- 
num . . . id est (^ex} fahali segete viride sectum antequam 
genat siliquas ; (^farrago} contra ex segete, ubi sata admixta 
hordeum et vicia et legumina pabuli causa viride aut quod 
ferro caesa^ ferrago, dicta aut inde quod primum in farra- 
cia segete seri coepta. Dem vorausgehenden Adjektiv fabali 
entspricht der Relativsatz ubi-pahuli causa. Nun ist es klar, 
daß lediglich zwei Etymologien, nicht zwei Wortformen 
bezeugt werden, wie es Varro gewollt hat. 

BALARE. BELARE. 

Die euhemeristische Fassung der Hesperidensage, nach 
der die ^f|\a nicht sowohl Äpfel als vielmehr Schafe bedeuten, 
die Herkules aus Afrika nach Griechenland gebracht habe, 
hat ihren Weg auch in die landwirtschaftliche Schrift Varros 
gefunden. Dort heißt es II 1, 6: ut in Libya ad Hesperidas, 
unde aurea mala, id est secundum antiquam consuetudinem 
capras et oves, [quas] Hercules ex Africa in Graeciam ex- 
portavit. ea enim (a) sua voce Graeci appellarunt mela. 
Darauf folgt eine lateinische Etymologie, die aber auch ihrer- 
seits an Griechisches anknüpft: nee multo secus nostri ab 
eadem voce, sed ab alia littera {vox enim earum non me, 
sed be sonare videtur) oves balare vocem efferentes, e quo 
post balare dicunt extrita littera, ut in multis. Daß der 
Naturlaut der Schafe be sei, notieren auch die griechischen 
Lexica (ßn* t6 |ai)ur|TiK6v rrjc tüjv Trpoßdxujv (piuvf|c, oiixi ßai 
XeTeiai 'Attikuuc heißt es im Etym. Magn.); sie berufen sich 
auf die bekannte Stelle des Kratinus. Mit ßf| bringen sie 
dann ßXrixäcGai in Verbindung. Das Lateinische kennt nun 
weder bela noch mela: aber es kennt balare und daneben 

Indogermanische Forschungen XXXI. 20 



306 Georg Goetz, 

helare'^ vgl. Paulus Festi S. 30, 7; Quint. I 5, 72 u. a. (das 
weitere Material bietet der Thesaurus). Beiare ist die roma- 
nische Grundform. Daran knüpft Varro an. Freilich ist die 
Überlieferung, so wie ich sie oben gegeben habe, unmöglich 
in Ordnung; aus balare kann nicht extrita littera das näm- 
liche hälare werden. Wohl konnte aus halare belare werden 
oder aus helare halare, aber extrita littera'^ Wie ist das 
möglich? Und doch wird sich extrita littera jedem Versuche 
einer Änderung widersetzen; es ist echt lateinisch ulid echt 
varronisch; vgl. z. B. de 1. lat. S. 119, 9 = VII 97; 191, 1 = 
X 81. Extrita littera schließt aber auch die Schreibung 
helare an erster Stelle aus, an die man schon längst gedacht 
hat. Keil schreibt im Kommentar: Tarro . . . si halare a 
sono ovium he extrita littera dictum esse volebat, bealare scri- 
bere debebat.' Das ist in den Thesaurus übergegangen. Gleich- 
wohl kann es nur äußerlich befriedigen. Gewiß fingiert Varro 
mehrfach Formen zur Erklärung grammatischer Tatsachen; 
aber man versteht dann die ratio. So konnte er zur Not an- 
nehmen, es habe ein mit he zusammenhängendes heia = mela 
existiert: daraus sei helare geworden i^ah eade7n voce, sed 
ah alia littera') ; wie er aber zu healare gekommen sein soll, 
um helare zu erklären, ist unverständlich. Den Weg, den 
Friedrich und Scholl in meiner Ausgabe zur Erledigung der 
Schwierigkeit gegangen sind, habe ich natürlich anfangs auch 
versucht, ihn aber wieder verworfen ; schließlich habe ich mich 
überzeugen lassen, daß er doch der richtige sei. Für die im 
folgenden gegebene Begründung bin ich allein verantwortlich. 
Daß für griechisches r| lateinisch ae eintritt, bezeugt Varro 
de 1. lat. VII 96. So wird für CKrivri .scaena gesagt; so steht 
scaeptrum neben sceptrum. Daß auch in rein lateinischen 
Wörtern ae neben e steht, beweisen die von Varro an der- 
selben Stelle angeführten Schreibungen Faeneratricem und 
Feneratricenij faenisicia und fenisicia; zwei weitere Beispiele 
in Eigennamen werden als rustik bezeichnet: Mesium für 
Maesium, Cecilius für Caecilius. Die Zahl der Beispiele läßt 
sich leicht vermehren; ich erwähne nur heto neben haeto. 
Weiter aber war der Grammatiker gewöhnt, in ae sowohl a 
wie e als besonderen Bestandteil zu rechnen; so sagt Varro 
an der angeführten Stelle : in plurihus verhis a ante e alil 
ponuntj alii non^ ut quod partim dicunt {scaeptrum, partmi} 



Sprachliche Bemerkungen zu Varro de re rustica. 307 

sceptrum usw. Vgl. Gell. XVI 12, 7: idcirco et M. Catonem 
et ceteros aetatis eins feneratorem sine a littera pronun- 
tiasse tradit (seil. Varro). Demgemäß konnte Varro ohne 
Bedenken sagen: halare sei extrita littera aas haelare = 
helare hervorgegangen. Daß man weiter vorher für he auch 
hae sehreiben müsse, halte ich nicht für ausgemacht. Varro 
behandelt he und hae trotz lautlicher Differenz als gleich- 
wertig und durfte darauf rechnen, verstanden zu werden. 
Wie er halare aus haelare entstanden sein läßt, so leitet er 
umgekehrt laena aus lana ab (V 133: laena, quod de lana 
multa) und laetari von latus (VI 50: laetari ah eo quod 
latlus gaudium . . . diffusum) ; diese Formen sind also nach 
Varro addita e littera entstanden. 

Den Schluß dieser Bemerkungen möge eine rein ortho- 
graphische Frage bilden. 

TREMELIVS. TREMELLIVS. 
Daß die richtige Namensform Tremelius sei, nicht Tre- 
mellius, wie noch in den Literaturwerken zu lesen ist, hat 
Heraeus Arch. XIV, S. 466 Anm. im Anschluß an Schulze 
Lat. Eigenn. S. 375. 445. 593 (= TpejurjXioc) hervorgehoben und 
durch weitere Belege bekräftigt. Zwar ist bei Varro die Über- 
lieferung nicht einhellig; Tremelius bietet der Archetypus 
S. 12, 2; 14; 48, 11. Nur 85, 6 könnte man ihm Tremellius 
zuschreiben, obwohl der cod. Paris, tremellis hat, was aus 
tremeliis abgeleitet werden kann, und 84, 23 ff. steht tre- 
hellius, wofür mv tremellius schreiben. Zur Erklärung dieser 
Überlieferung dient erstens der Eigenname Trehellius, der ja 
ganz geläufig ist (er steht z. B. bei Columella V praef.), so- 
dann der Übergang von m zu v und h, der auch sonst durch 
zahlreiche Beispiele zu belegen ist. Das interessanteste ist 
vielleicht primilegium für Privilegium, das auch in den Glossen 
in eigenartiger Weise vertreten ist. So steht II 590, 4 primi- 
legium Privilegium in den sog. Glossae Nominum, die aus 
bilinguen Glossen entstanden sind; die Grundform war also 
vielleicht primilegium Trpi)LiiX€Yiov (cf. die Nebenform irpi- 
)ai[T]TiXiujv im Lexikon des Suidas, die der im Corpus glossari- 
orum II 421, 1 überlieferten Form privigelium entspricht). Die 
nämliche Form (primilegium) steht übrigens auch bei Gallee 364 
(vgl. Thes. gl. S. 131). Interessant ist besonders IV 553, 50: 



308 Georg-Goetz, Sprachliche Bemerkungen zu Varro de re rustica. 

primüegium primus honor, wo auch die Erklärung durch diese 
Form beeinflußt wird. Auch Caper de verbiis dubiis kennt 
die Form Gr. L. VII, 111 {privüegium quod privet lege, non 
primüegium). Vgl. Schuchardt Vokalism. I, S. 38. 182. Die 
ganze Frage wird an anderer Stelle im größeren Zusammen- 
hange eingehender behandelt werden. Tremelius wurde also, 
um wieder zu Varro zurückzukommen, zu TreheliuSy dieses 
weiterhin unter dem Einfluß des verbreiteten Namens zu Tre- 
bellius. So ordnet sich alles der Schreibung Tremelius unter. 

Jena. 

Georg Goetz. 



Fritz Scholl, Zur lateinischen Wortforschung. 309 



Zur lateinischen Wortforschung. 
1. senecta-iuventa. 

Mit einem Exkurs zu den Briefen der Cornelia und des C. Gracchus. 

Den fünfzehnten und letzten Band von Wölfflins Archiv 
für lateinische Lexikographie und Grammatik (1906 — 1908), 
der Franz Bücheier zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum dar- 
gebracht wurde, eröffnete der Herausgeber dieser Zeitschrift, 
K. Brugmann, sinnig mit einem Aufsatz SENEX IVVENIS 
und begrüßte zum Schluß den Jubilar als solchen. Bei dem 
ähnlichen Anlaß, dem dieser Band der Indogermanischen For- 
schungen seine Gestaltung verdankt, und bei der gleichen 
Berechtigung von einer SENECTA IVVENTA des durch 
ihn Gefeierten zu sprechen, sei es vergönnt, eine kleine — den 
Hauptinhalt nicht verrückende — Berichtigung zu jenen Dar- 
legungen zu geben. 

A. a. 0. S. 7 lesen wir: "Von den beiden Formenpaaren 
senecta : iuventa und senectus : iuventus war nur je die zweite 
Form aus voritalischer Zeit überkommen, iuventa ist das got. 
junda 'Jugend', urgerm. ^iuuundoy uridg. *iuun-tä, iuventus 
das ir. öitiu (Dat. öitid) 'Jugend' aus uririschem *[i\ouintu[t]-Sy 
uridg. St. *iuuntüt{i)-. Für die erst auf römischem Boden ge- 
schaffenen senectüy senectus aber können nur iuventa, iuventus 
das Vorbild gewesen sein." 

Während Brugmann vorher S. 1 die Erklärung für sen- 
statt seno- bei Lindsay Die lat. Spr. S. 406 erwähnt und be- 
kämpft hatte, hat er hier nicht berührt, daß derselbe Gelehrte 
S. 382 Anm. in vollem Gegensatz gesagt hatte: ''Lat. iuventa 
scheint Analogiebildung nach senecta (sc. aetas) zu sein, da 
die von den ältesten Schriftstellern sowohl in der Bedeutung 
'Jugendzeit' als auch 'Anzahl junger Leute' gebrauchte Form 
iuventus ist (Fleckeisens Jahrb. Suppl. 1891 [S. 176 ff., Hey]). 



310 Fritz Scholl, 

aetate iuventa auf einer Inschrift CIL. I 1202." und doch ist 
hier Lindsay unzweifelhaft im Recht, und die Sprachgeschichte 
erweist dies unwiderleglich. 

Bei Plautus findet sich iuventus zehnmal, senectus fünf- 
mal; senecta aetas siebenmal (Amph. 1032, Aul. 251, Capt. 240. 
259, Merc. 985, Most. 217, Trin. 13), senecta substantivisch 
einmal (Mil. 623); bei Terenz iuventus gar nicht, senectus 
sechsmal, senecta einmal (Ad. 954) ^). In den Fragmenten 
des Ennius ist viermal iuventus überliefert, einmal senectus^ 
wo es Bothe und Lachmann in senecta verwandelten, während 
Ribbeck (298) und Vahlen (348) zweifeln. In den Fragmenten 
des Caecilius und Pacuvius findet sich je zweimal senectus (bei 
Afranius einmal); an einer dritten Stelle des Caecilius (28 Rib- 
beck) haben die Handschriften des Nonius in senectute, dagegen 
die des Cicero richtiger in senecta. In den Fragmenten des 
Lucilius kommt einmal iuventus, einmal senecta vor (1211. 
743 Marx). In den Fragmenten einer Rede des C. Gracchus 
kommt senectus, eines Briefes seiner Mutter Cornelia senecta vor. 

Demgegenüber ist der erste sichere Beleg für iuventa 
entweder der Schlußvers von Catulls Hochzeitsgedicht auf Man- 
lius Torquatus und Vinia Aurunculeia (um das Jahr 60 v. Chr.) 
LXI 235 ^Munere assiduo valentem Exercete iuventani (CatuU 
hat daneben einmal iuventus und ebenso je einmal senectus 
und senecta) oder die von Lindsay angeführte Inschrift I 1202 
= X 4362, die Bücheier in den Carm. epigr. lat. Nr. 362, 
S. 170 nach dem apex in fdto mit Recht der ^aetas Lucre- 
tiana" zuweist : ^sed cum te decuit florere aetate iuventa inter- 
ieistr. Etwas später, im Jahre 46 v. Chr., gebraucht Laberius 
in dem berühmten Prologe seines Altersstückes in iuventa und 
in senecta unmittelbar nebeneinander v. 103 f. Ribb. Ganz 
unsicher ist eine Stelle, die schon dem alten Cato den Gebrauch 
von iuventa zuführen würde. Plinius Nat. bist. VII 51, 171 
gibt in indirekter Form eine Sentenz aus Catos 'praecepta ad 
fiUum wieder: ''senilem iuventam praematurae mortis esse 
signurn. Eine solche Fassung gibt für den Wortlaut und den 
Gebrauch des Wortes iuventa nicht die geringste Gewähr. 
Zum Beispiel braucht Gellius X 28, 2 von Servius TuUius nach 

1) Dazu bemerkt Dziatzko-Kauer: 'bei Ter. nur hier, Plautus 
gebraucht es oft in Verbindung mit aetas' — aber einmal doch, wie 
hier! Richtiger, aber auch nicht ganz genau, A. Spengel z. d. St. 



Zur lateinischen Wortforschung. 311 

Tubero Hn historiarum prima' iuventa — senecta, während vorher 
richtiger luniores — senior es gesagt worden war u. ä. m. 

Den weiteren Gebrauch der Formen senecta iuventa zu 
verfolgen verlohnt für unsere Zwecke nicht. Denn aus der 
obigen Zusammenstellung ergibt sich ganz klar, daß aus dem 
ursprünglich, und auch weiterhin noch vielfach, adjektivisch 
gebrauchten senectusy a, um zunächst senecta aetas, dann 
senecta substantivisch ohne aetas und weit später erst nach 
diesem Vorbild iuventa, einmal mit, sonst ohne aetas — und 
ohne sonstige adjektivische Verwendung — in Gebrauch kam 
und blieb, daß es also lediglich Zufall ist, wenn das durch 
Analogiebildung in der lateinischen Sondersprache gewonnene 
iuventa sich mit got. junda berührt. Es ergibt sich ferner, 
daß Stolz in der Histor. Gramm. 1, 134 zur Erklärung des e 
in iuvenis sich mit Unrecht auf iuventa^ iuventas, iuventus 
berufen hat: denn die beiden ersten Wortformen sind erst 
entstanden, als das e in iuvenis längst fest war. Aber auch 
ßrugmann in seiner Gegenbemerkung a. a. 0. S. 7 f. hätte iu- 
venta(s) völlig aus dem Spiele lassen und auch nicht uridg. 
*iuuntä erschliessen sollen. 



Wir haben uns oben ohne weiteres auf die Fragmente 
aus Briefen der Cornelia als Zeugnisse der älteren Zeit be- 
zogen : und die Zweifel an diesen kostbaren Stücken, die nach 
Nipperdeys glänzender Widerlegung der Früheren, von Zeit zu Zeit 
immer wieder — durch Sörgel, Ed. Meyer, Wölfflin, üsener — 
aufgefrischt wurden, werden ja wohl nun endlich verstummen, 
nachdem Ed. Meyer seine Verdächtigung selbst wieder auf- 
gegeben hat. Doch sei es gestattet, auf eine äußere Beglaubi- 
gung hinzuweisen, die bisher nicht verwertet worden ist, und 
damit zugleich eine viel verkannte und in ihrem überlieferten 
Wortlaut beanstandete Stelle eines lateinischen Grammatikers 
zu erklären und zu sichern. 

Charisius S. 102, 20 K. lehrt: 'heres parens homo etsi 
in communi sexu intelleguntur, tarnen masculino genere semper 
dicuntur. nemo enim aut secundam heredem dicit aut bonam 
parentem aut malam hominem, sed masculine tametsi de 
femina sermo haheatur\ Dabei sagt der Grammatiker in 
Bezug auf das mittelste Wort zuviel aus und übertreibt, was 
Verrius Flaccus richtiger eingeschränkt hatte nach dem Aus- 



312 Fritz Scholl, 

zug des Paulus aus Festus' epitome 8. 151, 11 Müll.: 'mascuJino 
genere parentem appeUabant antiqui etiam matrem'. Bei 
Charisius aber folgt nach je einem Beleg zur Bestätigung des 
Gesagten bei heres^) und parens weiterhin: '"sed Gracchus 
'suos parentes amaf cum dicit in significatione matris et in 
alia epistiäa 'tuus parens surrt ait, cum de se loqueretur et 
apud Vergilium sie legimus (Aen. III 341) 'ecqua tarnen 
puero est amissae cura parentisT\ Hier hat Keil nach ^matris^ 
eine 'deutliche' Lücke angesetzt und die Beziehung oder Ver- 
besserung des dann Folgenden für unsicher erklärt, nachdem 
Nipperdey im 'Spicilegium criticum in Cornelio Nepote 8. 85 f. 
(= Opusc. 8. 97 f.), die Ansichten Lindemanns, Mercklins und 
Meyers richtig ablehnend, auch seinerseits die Verderbnis für 
unzweifelhaft erklärt hatte, für 'dicit in significatione matris* 
die Worte des Gracchus verlangte und auch die Partikeln 
sed — et nicht recht am Platze fand. Allein deutlich führt 
Charisius mit sed Ausnahmen der vorhergehenden 'Reger ein, 
am deutlichsten an letzter 8telle, in dem femininen parens 
bei Virgil (wo freilich so viele Belege zu Gebote stehen, daß 
Priscian II 168, 1. 354, 27 H. richtiger sagt 'hie et haecparenSy 
quando nomen est, duum est genenira). Aber ebenso deut- 
lich ist doch zuerst, daß Gracchus im Plural parentes sagte, 
wo er nur die Mutter meinte, da der Vater tot war und er 
sich an Cornelia richtete: denn das folgende 'in alia ejnstula^ 
zeigt, daß schon vorher eine Briefstelle vorschwebte. Und 
nun an dieser Stelle 'tuus parens sum\ und zwar 'cum de se 
loqueretur, also vom 8ohn gegenüber der Mutter — darin sah 
Charisius erst recht eine 'Ausnahme*! Aber beides wird leicht 
klar durch die Beziehung auf die erhaltenen Brieffragmente 
der Cornelia (in Halms Ausgabe des Cornelius Nepos und in 
Peters Histor. Rom. fragm. 8. 222, reliquiae II 8. 38). 'tuus 
parens sum' konnte zu ihr Gaius nur in dem 8inne sagen, in 



1) Hier sind die Worte 'nam Marcus ait heredes ipsus secun- 
dus' in doppelter Hinsicht unverständlich und lückenhaft. Denn 
einmal geben die zitierten Worte keinen Beleg für die Beziehung 
voi\'{heres) secundus' auf ein weibliches Wesen und dann ist 'Marcus' 
an sich keine mögliche Bezeichnung eines Autors, Wohl aber hat 
Varro in seinen menippeischen Satiren sich so bezeichnet und so 
anreden lassen; ich vermute daher "nam {apud Varronem in *> 
Marcus ait 'heredes ipsus {primus filia) secundus". 



Zur lateinischen Wortforschung. 313 

dem Cicero dreimal (pro Sest. 144; post red. in sen. 8, apud 
quir. 11) den P. Cornelius Lentulus. der in seinem Konsulat — 
sechs Jahre nach dem Ciceronischen — sein Rächer, Retter, 
Rückberufer war, seinen parens nennt. Und zu jenen Worten 
wurde Gaius deutlich herausgefordert durch die Worte der 
Mutter im zweiten Fragment: ^uhi mortua ero, parentabis 
mihi et invocäbis deum parentem. in eo tempore non pudet 
te eorum deum preces expetessere, quos vivos atque prae- 
sentes relictos atque desertos hahuerisf Die Schlußworte 
dieser Sätze zeigen — wie Nipperdey u. a. gesehen haben — 
den Gebrauch des 'plu7'alis generalis': und ähnlich ist es, w^enn 
Gaius 'in significatione matris' seine Liebe zu 'seinen Eltern* 
beteuerte. Und auch dazu mochte er herausgefordert sein, 
sei es durch einen verlorenen Brief, sei es durch die Stelle 
der erhaltenen Fragmente, wo die Mutter ihm vorwirft, er 
habe die Pflicht gehabt, sie für den Verlust ihrer übrigen 
Kinder zu entschädigen, ihr Alter zu erleichtern,, \itique quae- 
cumque ageres, ea velles maxime mihi placere: statt dessen 
habe — abgesehen von den Mördern ihres Tiberius — keiner 
mehr als er ihr zu schaffen gemacht usw. 

So erhält die Charisiusstelle Licht und Kraft aus den 
Fragmenten der Briefe Cornelias und umgekehrt erhalten die 
letzteren urkundliche Bestätigung durch ihr Zusammentreffen 
mit den an anderer Stelle und in ganz anderem Zusammen- 
hang erhaltenen Brief resten des Gaius: und damit ist der letzte 
Zweifel an der Verwendung jener historisch und sprachlieh 
gleich wertvollen Dokumente aus dem Wege geräumt. 

2. Zwei angeblich spanisch-lateinische Wörter 
(gurdus. cantusj. 

Über das Wort gurdus ist schon oft mehr oder weniger 
ausführlich gehandelt worden, und noch jüngst von zwei Seiten 
in sehr verschiedenem Sinne. Zuletzt hat Einar Löfstedt, der 
treffliche Kenner des Spätlateinischen, im 'Eranos' 10 (Göte- 
borg 1910), 164 einiges zusammengestellt^) und dabei eine 



1) Sehr merkwürdig- ist, daß er für die glossographische Lite- 
ratur nur auf Rönsch Itala und Vulgata S. 140 verweist und aus 
ihm als einziges Beispiel die unabtreiblichen 'Glossae Isidori' an- 
führt (gurdus : lentus inutilis)\ Beiläufig-, wenn in denselben Zu- 



314 Fritz Scholl, 

neue und gute Bemerkung gemacht. Zwar daß in gurdoni- 
cus bei Sulpicius Severus Dial. I 27, 2 {audietis me tarnen 
ut giirdonicum hominem) eine Weiterbildung von gurdus vor- 
liege, hatte längst R. Fisch in Wölfflins Archiv für lat. Lexi- 
kogr. u. Gramm. 5 (1888), 12 verzeichnet und hinzugefügt, daß 
wir nur zufällig von gurdo gurdonis neben gurdus nichts er- 
führen (freilich konnte wohl auch ohne das wirkliche Vor- 
handensein von gurdo nach Worten wie histrionicuSy mulio- 
nicus, murmillonicusy hurdonicus ein gurdonicus gebildet 
werden). Sehr gut und richtig aber verteidigt Löfstedt bei 
Lucifer Calar., Mor. esse pro fil. VIII (p. 301, 20 H.) : et tarnen 
plumho gurdior esse nobis videtur (seil, gladii tut acies 
parata Christianorum neci) das überlieferte gurdior gegen 
curvior in der ed. princ. und crudior bei Hartel (cf. praef. 
XXXVII) aus dem Doppelsinn von hehes, obtusus (wofür er 
die unten zu erwähnenden Glossen hätte heranziehen können) 
und aus der konkreten Bedeutung der romanischen Ableger 
des Wortes (portug. gordOj cat. gortj span. gordo 'dick, fett', 
prov. gort 'steif, altfranz. gord *gesch wollen, erfroren', neufranz. 
gourd 'starr, steif usw.). Durch diese dialektischen west- 
lichen Ableger und durch Sulpicius Severus (aus Aquitanien), 
Lucifer (aus Sardinien) findet er zugleich wenigstens im 
wesentlichen bestätigt die Bemerkung 'Quintilians' über den 
spanischen Ursprung, wie schon seine Quelle, Gröber in Wölff- 
lins Archiv 2, 443 hervorgehoben hatte, ^nur in Spanien und 
Gallien'. 

Bevor wir über den letzteren Punkt urteilen, haben wir 
eine Meinung kurz zu erörtern, die über dies Quintilianeische 

sammenstellungen S. 171 f. Löfstedt richtig zu Büchelers Carm.Epigr. 
104 (CIL. XI 6246) den Gebrauch von obtinere = sich halten, sich 
behaupten (siegen, ja bisweilen besiegen) erläutert, so hätte er da- 
bei erwähnen können die analoge Bedeutung von continere in 
continens terra, sowie von retinere, wo wir ein klassisches Beispiel 
haben bei Catull. c. LXII, v. 22: complexu matris retinentem avel- 
lere natam. Hier wollen manche, z. B. Riese matrem aus matris 
ergänzen, wenigstens besser als H. Weber u. a. complexum matris. 
Frühere nahmen die Ellipse von se an (so noch neuerdings C. Jacoby), 
von unnützen Konjekturen zu schweigen, während es sich auch 
hier um eine lateinische Ersatzbildung für das verlorene Medium 
handelt. Ich erinnere an Useners lichtvolle Ausführungen in Fleck- 
eisens Jahrbüchern 117 (1878) = Kl. Sehr. 1 (1912) S. 228 ff. und Elter 
im Rhein. Mus. 41 (1888), 538 ff. 



Zur lateinischen Wortforschung". 315 

Zeugnis schon früher verfochten ist und mit besonderer Ener- 
gie 1904 von G. F. Gamurrini 'Della patria di Quintiliano' in 
den 'Rendiconti d. r. Accad. dei Lincei' Roma Ser. V, Vol. 
XIII, S. 77 f. Den Hauptteil dieses Aufsatzes, in dem Gamur- 
rini eine früher schon 1896 in den 'Notizie deg-li Scavi' S. 323 
angefangene Hypothese weiterführt, dürfen und brauchen wir 
in dieser Zeitschrift nicht besprechen: es handelt sich um die 
Ergänzung und Ausbeutung einer ganz lückenhaften Inschrift 
aus Volsinii (Bolsena), in der er einen Q. Fabius Quintilianus 
als municeps jenes Ortes nachweisen und danach die ganze 
Familie, auch des Rhetors, dahin versetzen will. Dagegen 
sein und anderer größtes Bedenken hat auch der Verfasser 
des letzten Jahresberichtes über Quintilian, G. Ammon (Bur- 
sian-KroU Jb. 148 [1910], 175 Anm.), triftig gefunden, und 
während er jene Hirngespinste ablehnt, lobt er, daß Gamur- 
rini wieder in den Vordergrund gerückt habe, was gegen die 
Herkunft Quintilians aus Spanien und für seine Abstammung 
aus Roms Nachbarschaft spreche^). Das wirksamste Motiv 
soll eben wieder, wie bei dem Abbe Gedoyn (1718), Heumann 
u. a. jene Stelle über gurdus sein, inst. or. I 5, 57 : gurdos 
quos pro stoUdis accipit vulgus ex Hispania duxisse originem 
audivi. Gamurrini sagt: ^acutamente e stato osservato, che 
uno spagnuolo non si sarebhe espresso in tal guisa. Nun 
zunächst: daß Quintilian aus Calagurris in Spanien stammte, 
steht durchaus fest. Die Zeugnisse dafür 'di etä assai tarda, 
sebhene dl scrittori autorevoU\ nämlich des Hieronymus in 
der Chronik des Eusebius Ol. 211. 216 und des Ausonius Prof. 
Burdig. I V. 7, sind ja längst und sicher auf Sueton zurück- 
geführt 2) und damit haben wir eine zeitgenössische Gewähr; aber 
selbst davon abgesehen — wie sollten auch Spätere ohne An- 
halt darauf kommen, Quintilian gerade nach Calagurris zu 



1) Was Gamurrini dafür anführt, ist derart, daß man mit 
solchen Mitteln auch 'wahrscheinlich' machen könnte, daß die beiden 
Seneca nicht aus Corduba stammten u. ä. m. Und daß Gamurrini 
sich auf die Humanistenvita beruft, deren Verfasser wir kennen, 
ist vorsintflutlich. Kroll hat in der Neubearbeitung von Teuffels 
Literaturgeschichte Gamurrinis Hypothese gar nicht erwähnt, ob mit 
Absicht, weiß ich nicht, würde es aber verstehen. 

2) Wie so oft kommt zu den durchschlagenden allgemeinen 
Gründen auch hier noch eine spezielle Bestätigung hinzu durch die 
Übereinstimmung mit Suet. Vesp. 18. 



316 Fritz Scholl, 

verweisen? Und nun 'dagegen* jene Worte! Meint man^ 
Quintilian habe aus Lokalpatriotismus gerade das Wort gurdus 
mit anderen seiner Heimat vindizieren müssen zu Ehren der 
dortigen Tölpel und Dummköpfe? Oder meint man — und 
man meint es wirklich — als Spanier habe er die Herkunft 
sicher wissen müssen? Dann meint man wohl auch, jeder 
beliebige Deutsche müsse mit Sicherheit die schwierige Frage 
entscheiden können, ob die Slaven das Wort für 1000 von 
uns haben u. ä. m.? gurdus war ja in Rom mindestens meh- 
rere Generationen vor Quintilian schon eingebürgert und schon 
von dem römischen Ritter Decimus Laberius in einem seiner 
Mimen gebraucht worden: wäre es also wirklich aus Spanien 
gekommen, Quintilian konnte nicht dabei sein^). Er wußte 
nur bestimmt, daß das Wort vulgär sei {pro stoUdis vnlgus 
accipit) und hatte gehört, es solle spanisch sein: und wenn 
er sich nicht selbst für das letztere entschied, so tat er sehr 
wohl daran. Wir wollen nicht betonen, daß Körting, im Latein. 
Roman. Lex.^ s. v., ital. incordare in der Bedeutung 'steif 
werden' zu gurdus zieht; denn das ist sehr möglich, aber 
kaum sicher. Allein bei der ersten Autorität für das Wort, 
Laberius im Cacomnemon {hie est^) \ Ille gurdus quem ega 
me abhinc menses duos ex Äfrica \ Venientem excepisse tibi 
narrdvi) führt Gellius Noct. Att. XVI 7, 5 gurdus unter den 
Beispielen an, in denen der Mimograph ohsoleta et maculantia 
ex sordidiore vulgi usu verwendet habe, und ein Galli- 
zismus oder Hispanismus liegt für diese Bezeichnung eines 
Afrikaners so fern wie möglich. Ferner können wir aber 
auch die Glossen in diesem Sinn heranziehen, für die ich ein 
für allemal auf Götz' Thesaurus glossarum emendatarum ver- 
weise. Aus welchem Schriftsteller die Form gurda genommen 
ist (mit inutilis und inepta stulta erklärt), wissen wir nicht. 
Außer den entsprechenden Erklärungen finden sich für gurdus 



1) Damit sind zugleich die sonstigen Erklärungen beseitigt, 
die seltsame des trefflichen Gesner, Quintilian habe damit Unkemitnis 
des Spanischen simuliert, um desto römischer zu erscheinen, und 
die von Fierville (1890) wieder aufgenommene von Driesen (1845), 
Quintilian habe sein Spanisch beim frühen Aufenthalt in Rom ver- 
gessen. 

2) Sobald wir mit Bothe Mc est als passenden Versschliiß ab- 
sondern^ fallen Ribbecks weitere Änderungsvorschläge weg. 



Zur lateinischen Wortforsch iing". 



317 



nur noch zwei unbrauchbare griechische Übersetzungen fo^ß^oc 
(woraus Vossius d|ußXiJc, Bücheier qpaOXoc machen wollte) und 
dTupxric, was wohl einer ähnlichen Verwechselung entstammt, 
wie bei rullus : mendicus dT^jpxric (wo man Kontamination aus 
rullus : dTpÖTTic und mendicus : dTupTr|c annimmt), wenn nicht 
etwa gar wegen des Gleichklangs gur : yi^P eine etymologische 
Spielerei zugrunde liegt, um so bemerkenswerter ist in diesem 
Falle, daß das Wort nicht nur als Glosse, sondern auch als 
Interpretament vorkommt, und zwar in brutus : gurdus und 
hrutus : insipiens vel gurdus, gravis ^), ferner hebes : gurdus 
und endlich obtunsus : obcaecatus, clusus, gurdus sowie obtunsa : 
gurda und gurda seu turgida. Diese Interpretamente mit 
gurdus sind nicht nur für die weitere Entwicklung und die 
Bedeutung des Wortes (s. o.), sondern auch für die Bedeutung 
der romanischen Abkömmlinge verwendbar; zugleich aber 
sprechen auch sie für den allgemein vulgären Gebrauch des 
Wortes, um so mehr als es sich hier nicht um 'umgekehrte 
Glossen' handeln kann. Es ist also — wie so oft — als zu- 
fällig anzusehen, daß nur der westliche Teil der Romanen das 
Wort erhalten zu haben scheint. 



Etwas bestimmter spricht Quintilian in demselben Sinne 
Kapitel I ö § 8 über ein anderes, angeblich spanisches Wort : 
si quis afrum vel hispanum nomen Inserat, ut ferrum quo 
rotae vinciuntur dici solet cantus, quamquam eo tamquam 
recepto utitur Persius [sat. V 71], Indessen kann man doch 
nicht mit dem Erklärer des ersten Buches Fierville (1890) 
behaupten: 'Quintilien dit qiie cantus est un mot espagnoV, 
während Spalding schrieb: 'Afrum an Hispanum hoc credi- 
derit vocabulum Qu. vix dicas' (um es dann für deutsch zu 
erklären = Kante!). Höchstens kann man sagen, daß die 
Beziehung auf hispanum näher liegt als auf afrum, und das 
will vielleicht auch Thurneysen andeuten, wenn er gegenüber 
den zitierten Worten des Quintilian in seiner Bemerkung im 
Thesaurus a. a. 0. 'üoa? peregrina esse videtur ab Hispanis 



1) Wenn in einer anderen hrutus QrlossQ stupidus vel fauis, 
insipiens überliefert ist, so kann das g-ewiß, wie Götz will, aus 
(gr)auis entstellt sein, aber ebensogut oder noch leichter aus ams = 
amens, vgl. hebes : stupidus vel amens. 



318 Fritz Scholl, 

aut Afris tracta Spanien voranstellt. Die überwiegende Mei- 
nung der Neueren geht dahin, daß es griechisch sei = xavööc 
(so auch Walde in der ersten Auflage seines Etymologischen 
Wörterbuchs, während er in der zweiten zweifelhaft geworden 
ist): und damit hängt auch die Vorliebe für die Schreibung 
canthus zusammen, der zufolge auch B. Maurenbrecher im 
Thesaurus das Wort als 1 canthus gegeben hat, statt als 2 can- 
tus^)f und sehr mit Unrecht behauptet er: 'ca7it- vel canth- 
promiscue in codd. scribitur. Das ist ein Etickschritt gegen 
Georges' Lexikon der lateinischen Wortformen, der schon be- 
tont hatte, daß in den besseren Handschriften — er hätte 
schlechtweg sagen können in den Handschriften — bei Quintilian 
und Persius^) a. a. 0. sowie bei Augustin. dial. 6 extr. p 12,. 
6 Crec.3) cantus steht. Dasselbe gilt aber für Martial XIV 168*); 
ebenso haben die drei Handschriften — allerdings nur saec. XV 
— bei Probus in Verg. Georg. I 163^), ebenso die Überliefe- 
rung bei Diomedes Gr. 1. I 478, 6 K.*^) sowie Isidor or. III 3, 5, 
der centum von cantus quod est circidum ableitet'). Wie bei 
Hieron. in Ezech. 70, 3 S. 103 und Vulg. III reg. 7, 33 die 
Überlieferung steht, weiß ich nicht; aber trotzdem kann ich 
behaupten, daß Maurenbrechers 'promiscue scribitur und damit 
auch seine Einstellung des Wortes eine grobe Irreführung der 
Benutzer des Thesaurus darstellt. Daß die neuerdings üblich 
gewordene Schreibung lediglich durch KavGöc beeinflußt ist^ 
bestätigen auch die Glossen. In den lateinisch-griechischen 
Glossen findet sich einmal canthi : eTTicuuipov, 6 xavOöc und 



1) Deshalb schrieb Walde ^ cant{h)us, während er vorher richtig 
cantus hatte. 

2) Trotzdem haben noch Bücheier, Leo, Nemethy u. a. canthus 
in den Text gesetzt. 

3) Auch hier haben die Herausgeber, und mit ihnen auch 
Götz und ich in Varro de 1. 1. S. 244, 16 cant{h)us geändert. 

4) So schreibt auch Friedländer cantus, während Lindsay — 
ohne Bemerkung — nach Schneidewin und einer einzigen Hand- 
schrift des 15. Jahrhunderts canthus druckt und ebenso Gilbert mit 
(und trotz) der Note 'cantus recte ex libris Frdl.\ 

5) Die Herausgeber Keil und Hagen canthus mit der ed. princ. 
des Egnatius, die allerdings 'instar codicis' ist, aber doch nicht in 
solchen Dingen! 

6) Keil auch hier canthus. 

7) Trotzdem schreibt Lindsay in der neuen Ausgabe cantho. 



Zur lateinischen Wortforschung. 319 

einmal epizostra: canthu^): dagegen ist selbst hier — was im 
Thesaurus glossarum nicht hervorgehoben ist — einmal cantus : 
eTTiciuTpov und einmal epizostra : cantus überliefert; und ebenso 
im lateinisch-angelsächsischen canti : feige und in den althoch- 
deutschen Glossen III 297, 34 Steinmeyer: camites vel cajiti : 
felga circa rotas. Vgl. auch Wright-Wülcker an vielen Stellen. 
Wenn wir nun nachgewiesen haben, daß im lebendigen 
Gebrauch sich nur cantus nachweisen läßt, und bedenken, daß 
das Wort überhaupt erst in der Zeit auftritt, in der griechi- 
sches unbedingt durch th wiedergegeben worden wäre, wenn 
wir dann dagegen halten, daß KavGöc im entsprechenden Sinn 
überhaupt nicht in lebendigem Gebrauch erscheint, sondern 
lediglich schol. Hom. IL E 724 bezeugt wird als eiriciJUTpa . . . 
Ol KaXoujuevoi kcxvGoi (dazu Kav9oi im Etym. M. 361, 29 und 
bei Eustath. S. 598, 10), dann schlägt wohl in die Augen, daß 
nicht — wie man so oft gemeint und in der modernen Ortho- 
graphie angezeigt hat — cantus von Kav9öc stammt, sondern 
umgekehrt KavGöc in diesem Sinne aus dem lateinischen 
cantus entlehnt ist. Und das bestätigt sich noch in doppelter 
Weise: vom Standpunkt des Griechischen, weil von der leben- 
digen Verwendung und Bedeutung von Kav9öc = 'Augenwinkel, 
Auge' doch kaum zu dem 'Radreif' direkt zu gelangen ist; 
ferner daß Loring und Blümner im Edictum Diocletiani ebenso 
Tpoxoijc diTÖ ßiTOu (bzw. ßiTiuTOiJc) sichcr mit Recht auf latei- 
nisch vitus (bzw. vitutus) zurückgeführt haben 2); vom Stand- 
punkt des Lateinischen, weil die Bezeichnungen für 'Wagen' 
und Zubehör in Rom nicht — wie in so hohem Maße das 
Schiffswesen — griechischen Einfluß zeigt (abgesehen von 
tympana), wohl aber in allerweitestem Umfange keltischen. 
Danach zweifle ich keinen Augenblick, daß kymr. cantj bret. 
kant keineswegs — wie Dieffenbach Orig. Eur. S. 279 und 
Thurneysen Keltoroman. S. 53 annahmen — aus dem lateini- 
schen cantus entlehnt sind, sondern daß — woran früher auch 
Walde dachte^) — das umgekehrte Verhältnis anzunehmen ist. 



1) Wenn W. Heraus in Wölfflins Archiv 9, 595 die Glosse 
carchus : vitus richtig' als canthus emendiert hat, so ist hier cantus 
paläographisch auch denkbar. 

2) Vgl. auch W. Heraus in Fleckeisens Jahrbüchern 155 (1897), 
361 ff. 

3) In der zweiten Auflage hat er sich Dieffenbach und Thur- 



320 Fritz Scholl, Zur lateinischen Wortforschung. 

Daran braucht uns Quintilians afrum vel hispanum nicht im 
geringsten irre zu machen, da wir uns in solchen Dingen an 
die Alten nicht ohne weiteres binden können und brauchen. 
Die schlagendste Parallele dazu, gleichfalls aus dem Wagen- 
gebiet, haben wir an dem Wort petorritum. Dies ist un- 
zweifelhaft und unbezweifelt gallisch : das hat man auch schon 
im Altertum erkannt; aber Verrius Flaccus, der selbst diese 
Meinung voranstellte, berichtete von anderen, die das Wort 
auf das Oskische oder Äolische zurückführen wollten (Festus 
S. 206, 30 M.: ... alii osce, quod Jii quoque petora quatttior 
vocentj alii graece, sed oioXikujc dictum). In Bezug auf pe- 
torritum hat auch Quintilian I 5, 57 das Richtige {plurima 
gallica evaluerunty ut raeda ac petorritum^), quorum altero 
tarnen Cicero [pro Mil. § 28] altero Horatius [sat. I 6, 104. 
Ep. II 1, 192] utitur); bei cantus entspricht sein afrum vel 
hispanum dem osce aut graece anderer bei petorritum. 



neysen angeschlossen (unter. Erwähnung der Zweifel von Loth Mots 
latins S. 144) und die Worte aus der ersten, 'andernfalls wäre auch 
die Entlehnung von cantus aus kelt. cant zu erwägen', gestrichen. 
1) Quintilian hätte aus dem gleichen Gebiet noch als Gallica 
benna, carrum, cisiu7n, covinnus, essedum u. a. anführen können 
und führt an der erstgenannten Stelle § 8 schon an: "CatuUus ploxe- 
num circa Padum invenit' . 

Heidelberg. 

Fritz Scholl. 



Friedrich Ka uff mann, Got gawairpi. 321 



Got. gawairpi. 

In den altgermanischen Sprachen gibt es zwei koordinierte 
Reihen von neutralen kollektiven Ja-Stämmen ; die Neutra der 
einen Reihe sind mit, die der andern Reihe ohne das Präfix ga- 
gebildet: dem Typus got. gawairpi steht der Typus got. arhi, 
icadi gegenüber und dasselbe Verhältnis kehrt bei den masku- 
linen Jrtw-Stämraen wieder (got. gaarhja : arbja). Daraus folgt, 
daß die Funktion der Kollektivierung bei dem Suffix, nicht bei 
dem Präfix gelegen ist, und daß diesem sein besonderer mor- 
phologischer Wert zukommt. Der besteht bekanntlich darin, 
daß die Vergesellschaftung gleichartiger Größen zu einem ho- 
mogenen Konglomerat (größeren oder kleineren Umfangs) durch 
die Zusammensetzung der neutralen Ja-Stämme mit dem Präfix 
ga- anschaulich ausgedrückt wird. Die neutralen ^«-Kollektiva 
sind darum auch stets von Substantiven, konkreter oder ab- 
strakter Natur, abgeleitet; vgl. galeiJci : JeiJc^\ galigri : ligrsy 
gaminpi (: lat. mens), garuni : runa, gaskalki : sJcalTcSj ga- 
sJcohi : skohs, gapagM : pagJc, gawaurdi : waurd, gawatirki : waurTc. 
Folglich ist gawairpi nicht mit dem Adjekt. wairps, sondern 
mit dem Substantivum wairp in Verbindung zu halten. Da 
wairp in seiner Bedeutung der von lat. preüum entspricht 
und einen Wertgegenstand bezeichnet, der als Kaufpreis oder 
Tauschwert hingegeben wird (1. Cor. 7, 23) 2), bezeichnet das 
von wairp abgeleitete Kompositum gawairpi eine kleinere oder 



1) Dies Beispiel halte ich für zweifelhaft, weil die Bedeutung 
ö|uoiuu^a darauf hinzuweisen scheint, daß galeiki zu einer andern 
Gruppe neutraler ja-Stämme gehört, die nicht Kollektiva, sondern 
Abstraktiva umfaßt, die von korrespondierenden Adjektiven ab- 
stammen {galeiki : galeiks wie gariudi: gariuds). 

2) Ware (Zahlungsmittel) und Wert sind wohl mit Recht von 
Kluge etymologisch vereinigt worden; vgl. auch Zeitschr. f. d. Wort- 
forsch. 9, 18. 

IiulogeriEaniäche Forschungen XXXI. 21 



322 Friedrich Kauffmaun, Got. gawairpi. 

größere Summe von Wertgegenständen, also ungefähr dasselbe, 
was wir durch das Kollektivum 'Geld' ausdrücken. 

In dem uns allein bekannten biblischen Sprachgebrauch 
ist aber got. gawairpi die Entsprechung von griech. eiprivri 
{gawairpi habariy taujan : eipriveueiv). 

Folglich hatte gawairpi im volkstümlichen Sprachgebrauch 
nicht mehr die allgemeine Bedeutung 'Geld', sondern Triedens- 
geld' oder 'Friedenspfand' und gehörte der Sprache des öffent- 
lichen Rechts an, wo Geld oder vielmehr Zahlungsmittel ver- 
schiedener Art ('Waren') in dem sog. Kompositionssystem als 
Äquivalent {satisf actio) des öffentlichen Friedens galten. Got. 
gagawairpjariy bzw. gagawairpnan heißt soviel als 'das Friedens- 
geld über eine Streitsache vereinbaren' und konnte darum 
schicklicherweise in der gotischen Bibel für 'sich versöhnen' 
gebraucht werden. Die gotische Terminologie liefert also einen 
schönen Beleg für die Aussage des Tacitus: nee implacabiles 
(inimicitiae) durant: luitur enim etiam homicidium certo ar- 
mentorum ac pecorum nmnero recipitque satisfactionem uni' 
uersa domus Germ. c. 21. equorum pecorumque numero con- 
uicti mulctantur; pars mulctae regi uel ciuitati, pars ipsi 
qui uindicatur uel propinquis eins exsoluitur c. 12. In den 
Volksrechten der Völkerwanderungszeit heißt dies Friedensgeld 
fredus (pax, poena pacis)^) und dieser Sprachgebrauch be- 
kundet aufs neue, wie nahe es für den Übersetzer der gotischen 
Bibel lag, das Abstraktum eiprivri durch das seinen Volks- 
genossen vertraute und anschauliche Wort gawairpi (Friedens- 
geld) wiederzugeben. 



1) Brunner Rechtsgeschichte, 1^, 230 f.; v. Amira Pauls Grundr. 
32, 199; V. Helten PBBeitr. 25, 507 f. 

Kiel. 

Friedrich Kauffmann. 



Wilhelm Streitberg, Gotica. 323 



Gotica. 

1. sahhato. 

In die Wirrnis der gotischen Formen, die dem griechi- 
schen cdßßaiov entsprechen, versucht Schulze Griech. Lehn- 
worte S. 19 größere Ordnung zu bringen. Trotz mancher Förde- 
rung im einzelnen trifft jedoch seine Auseinandersetzung nicht 
den Kern der Frage. Wo dieser zu suchen sei, hoffe ich im 
folgenden dartun zu können. 

Bekannt ist, daß in verschiedenen Fällen — unabhängig 
von der Vorlage — eine Form von dags zu sahhato hinzu- 
gefügt wird. Die Bedingungen, unter denen der Zusatz er- 
scheint, formuliert Schulze folgendermaßen: "Da haben wir 
ein maskulinisch behandeltes indeklinables sahhato, das in der 
Verbindung mit flektiertem dags alle Kasus, ohne diesen Zu- 
satz aber nur den Nominativ und Dativ Singularis, nicht auch 
den Genetiv vertreten kann: tö cdßßarov bid tov dvGpiuTrov 

€T€V€T0, OUX 6 dvGpUJTTOC blOl TO cdßßttTOV, UJCTE KUplÖC ecTiv 6 

möc ToO dvGpuuTTOu Kai toö caßßdtou sahhato in maus warp 
gasJcapanSf ni manna in sahhato dagisy swaei frauja ist sa 
sunus mans jah pamma sahhato Mc 2, 21 f. (dafür pamma 
sahhato daga L 6, 5). Daß die schon ganz geläufige, wenn auch 
noch nicht obligatorisch gewordene Verbindung sahhato dags 
mit dem festgefügten ahd. samhaztag .... in Zusammenhang 
steht, scheint mir ohne Weiteres einleuchtend zu sein'* (S. 20). 

Gegen diese Formulierung lassen sich nicht unerhebliche 
Bedenken geltend machen. 

Vorerst ist zu bemerken, daß die Sonderstellung des 
Nominativs nicht nach Gebühr hervorgehoben ist. Ein Nomi- 
nativ sahhato dags erscheint nämlich überhaupt nicht in 
der gotischen Bibel. Daß dies kein Zufall ist, lehren die 
vier Belege des Nominativs sahhato (ohne dags !), vgl. J 9, 14 
Mc 2, 27 6, 2 15, 42. Es ist leicht verständlich, daß von allen 



324 ^ Wilhelm Streitberg, 

Kasus grade der Nominativ am ehesten eines Zusatzes ent- 
raten kann: auch ohne besondere Charakterisierung ist er in 
seiner grammatischen Funktion unmittelbar verständlich, im 
ausgesprochenen Gegensatz zu den obliquen Kasus. 

Ist also die Verbindung sabhato dags im Nominativ 
offenbar nicht gebräuchlich gewesen, so soll doch durch die 
Feststellung dieser Tatsache keineswegs bestritten werden, 
daß dem Redenden ein unausgesprochenes dags vor- 
schwebte, so oft er das Fremdwort sahbato anwandte. Denn 
nur unter dieser Voraussetzung erklärt sich das maskuline 
Oeschlecht der erstarrten, indeklinabeln Form im Gegensatz 
zum neutralen Genus des Griechischen, vgl. fruma sahbato ' 
TTpocdßßaTOV Mc 15, 42 und sabbato warp gaskapans Mc 2, 27. 

Da der Nominativ einen Zusatz von dags überhaupt nicht 
kennt, muß er in diesem Zusammenhang beiseite bleiben. 
Das ganze Problem spitzt sich daher zu der Frage zu : Warum 
verlangt der Genetiv immer den Zusatz von dagsj während 
der Dativ bald mit, bald ohne dags erscheint? Schulze 
stellt nur die Tatsache fest, ohne auf die Ursache der Ver- 
schiedenheit einzugehn. 

Daß der Unterschied weder in der Form noch in der 
Funktion der beiden Kasus begründet sein kann, scheint sich 
von selbst zu verstehn. Zwar könnte man behaupten, da 
der gotische Dativ sabbato mit dem griechischen Dativ caß- 
ßdiuj identisch sei, habe man im Gotischen die Form auch 
ohne jeden Zusatz leicht als Dativ verstanden. Aber eine 
solche Erklärung ist vom Standpunkt des gotischen Sprach- 
gefühls nicht berechtigt: im Gotischen ist ein Dativ auf -o 
ebenso unerhört, wie ein Genetiv auf -o. Dazu kommt noch, 
daß die Form sabbato ohne jeden Zusatz auch als Nominativ 
in Geltung ist: eine genauere Charakterisierung des Dativs 
ist daher a priori nicht minder eine Forderung der Deutlich- 
keit als die Charakterisierung des Genetivs. 

Können aber weder Form noch Funktion beider Kasus 
die Verschiedenheit ihrer Behandlung erklären, so ergibt sich 
die zwingende Folgerung: Es müssen bisher nicht erkannte 
Bedingungen vorhanden sein, nach denen sich Verwendung 
oder NichtVerwendung von dags in den obliquen Kasus von 
sabbato regeln. 

Ehe ich diese Bedingungen festzustellen suche, empfiehlt 



Gotica. 325 

es sich, die dreimal belegte Fügung in sahbato (J 7, 22. 23) 
auszuscheiden : Wie schon Bernhardt (zu J 7, 22) gesehn hat, 
ist sie nichts weiter als die mechanische Umschrift des grie- 
chischen ev caßßdTUJ, kommt also für die Beurteilung des 
lebendigen Sprachgebrauchs nicht in Betracht^). 

Auch der Dativ Plur. sabbatim muß beiseite bleiben ; 
denn die Form ist klärlich nur eine oberflächliche Gotisierung 
des griechischen Dativs, vgl. ev toTc cdßßaciv* in sabbatim 
L 4, 31 Mc 3, 4; xoTc cdßßaciv* sabbatim Mc 2, 24. 

Schließlich sei noch erwähnt, daß für die Anwendung 
des ctTraH eipriiaevov sabbataas' caßßdrou L 18, 12 ein ganz 
besonderer Grund maßgebend ist. In dem Satz: vrjCTeOuj bic 
Toö caßßdiou* fasta twaim sinpam s abbat aus 'ich faste zwei- 
mal wöchentlich' liegt ein adverbieller Genetiv der Zeit vor, 
dem allgemeine Bedeutung zukommt. Die Neuschöpfung 
sabbataus, auf Grund von caßßdxou, machte es möglich, die 
griechische Konstruktion genau nachzubilden; ohne sie hätte 
der Plural gewählt werden müssen, da sabbato daga, sabbate 
dagis nur von einem bestimmten Tage gebraucht werden 2). 

Hiervon abgesehen, liegen die Dinge folgendermaßen : 

1. Nur in einem einzigen Falle stimmt der gotische 
Text mit seinem daga neben sabbato zum Wortlaut der Vor- 
lage: in daga sabbato — ev xrj f]|Liepa tüuv caßßdiujv L 4, 16. 
Es ist gewiß kein Zufall, daß nur an dieser Stelle die Kasus- 
form von dags dem indeklinabeln ,9a&&afo vorausgeht; denn 
mit L 6, 6 in anparamma daga sabbato ' ev eiepLu caßßdxtu 
hat es eine besondere Bewandtnis, wie sich später ergeben 
wird. Die singulare Stellung von daga in L 4, 16 ist offen- 
bar durch die Stellung des griech. fmepa veranlaßt. 

2. In allen andern Fällen hat nach sahbato, sabbate 
weder der Dativ daga{m) noch der Genetiv dagis ein Gegen- 
stück in der griechischen Vorlage: 

a) Dativ. I. ei dv tuj caßßdtuj 0€pa7Teucei * ja-u in sab- 
bato daga leiJcinodedi L 6, 7. — eiiGeuuc xoic cdßßaciv eiceX- 
Gihv eic xfiv cova-fuJTnv ebibacKev suns sabbato daga galei- 



1) Genau das gleiche Verhältnis wie zwischen k.v caßßdxLu und 
in sabbato besteht zwischen ^v tOu Yci^ocpuXaKiuj und in gazauficlakio 
J 8, 20. 

2) Mc 2, 27 ist vom Sabbat als Institution die Rede. 



326 Wilhelm Streitberg, 

pands in swnagogen laisida ins Mcl,21^). — Kai ef^veto 
TtapaTTOpeuecGai aiiiöv ev toTc cdßßaciv biet tiuv C7T0pi|Liujv JaÄ 
warp pairhgaggan imma sahhato dag a pairh atish Mc 2, 23. — 
ei ToTc cdßßaciv GepaTreOcei aiiiöv hailidediu sahhato daga 
Mc 3, 2. 

II. ÖTi TÖ cdßßarov ovj xripeT' pande sahhafe daga ni 
witaip J 9, 16. 

b) Genetiv. I. oux 6 av9piJU7TOC bid tö cdßßarov ni 
manna in sahhato dagis Mc 2, 27. 

II. biaYevo)Lievou toO caßßdxou- inwisandins sahhate 
dagis Mc 16, 1. 

Nicht in diesen Zusammenhang gehört die Stelle Mc 16, 2 
Tfic )Liidc caßßdiujv pis dagis afarsahhate 'an diesem Tage 
des Nachsabbats'; denn schon der griechische Genetiv Fem. 
Tflc |LAidc fordert die Ergänzung fiinepac. Die Nachbildung der 
griechischen Ellipse wäre im Gotischen unverständlich ge- 
wesen. 

c) Dativ Plur. ö ouk ^Heciiv TTOieTv ev toTc cdßßaciv 
patei ni sTculd ist taujan in sahhato dag am L 6, 2 2). — xi 
e'HecTiv, xoTc cdßßaciv, dYaBoTTOificai r| KaKOTTOirjcar ha sJculd ist 
sahhato dagam^ piup taujan pau unpiup taujan L 6, 9. 

Überblickt man diese Beispiele, so erkennt man bald, 
daß ein Zug allen gemeinsam ist: sie bedürfen alle des Da- 
tivs dagüy dagam oder des Genetivs dagisy soll die gramma- 
tische Konstruktion durchsichtig, dem Hörer sofort verständ- 
lich sein. Der Zusatz ist hier also unentbehrlich. 

Wo aber durch eine leichte Umgestaltung der griechi- 
schen Kasusform auch im Gotischen eine unmittelbar verständ- 
liche Kasusform geschaffen worden ist, da ist ein Zusatz tiber- 
flüssig, vgl. Mc2, 24 3,4 und L4, 31. 

Nun vergleiche man mit den bisher angeführten Belegen 
die folgenden Stellen: ev caßßdruj beurepOTTpiüTLu • in sahhato 
anparamma f rumin L 6, 1. — Kupiöc ecriv 6 möc toO dv- 



1) Es handelt sich hier und in den beiden folgenden Bei- 
spielen um einen bestimmten Sabbat (Schulze S. 19); daher ist 
der Dat. PI. sahhatim unmöglich. Ist jedoch vom Sabbat überhaupt 
die Rede, so entspricht dem griech. cdßßaciv natürlich auch im Goti- 
schen der Plural. 

2) Vgl. Mc 2, 24 Ti TroioOciv toIc cdßßaciv o ouk ^SecTiv * Iva tau- 
jand [siponeis peinai] sahhatim patei ni skuld ist. 



Gotica. 327 

GpiuTTOu Ktti ToO caßßdxou* frauja ist sa sunus mans jah 
pamma sahhato Mc 2, 28 ^). 

Ich meine, der Unterschied zwischen beiden Gruppen 
springt in die Augen: in der zweiten Kategorie bedarf es 
deshalb keines Zusatzes, weil die grammatische Geltung von 
sdbhato durch die flektierten Formen anparamma frumin und 
pamma gegen jeden Zweifel geschützt ist. Der gewissenhafte 
Übersetzer hatte daher keinen Anlaß, vom Wortlaut der Vor- 
lage abzuweichen. 

Nun versteht man auch, warum es in der von Schulze 
zitierten Stelle Mc 2, 27 f. heißt: 

1. Nominativ sabbato. 

2. Genetiv in sabbato dagis. 

3. Dativ ^ 05 mma sabbato. 

Diese auf den ersten Blick befremdliche Verschiedenheit 
ist kein Ausfluß der Laune, der Freude an Abwechslung, 
sondern das unmittelbare Ergebnis syntaktischer Verhältnisse, 
Das Rätsel, das die Buntheit des Ausdrucks aufgab, ist so- 
mit gelöst. 

Doch ich höre schon einen Einwand: Deine syntaktische 
Regel — so hält man mir entgegen -~ ist falsch, denn Du 
hast zwei ihr widerstreitende Beispiele vergessen, nämlich 
L 6, 5 und 6,6. Hier heißt es: öti Kupiöc ecriv 6 uiöc toö 
dvGpuuTTOu Kai toO caßßdxou • patei frauja ist sa sunus mans 
jah pamma sabbato daga\ und V. 6: eY^veio be Kai ev Ire- 
puj caßßdiuu eiceX0€iv auiöv eic xfiv cuvaYUJYr|v Kai bibdcKCiv 
[jah] warp pan in anparamma daga sabbato galeipan 
imma in swnagogein jah laisjan. 

1) Auch die Stelle Mc 16, 9 usstandänds pan in maurgin 
frumin sdbhato ataugida (sik) frumist Marjin könnte dem über- 
lieferten Wortlaut nach den beiden obengenannten Beispielen an- 
gereiht werden; jedoch darf man nicht vergessen, daß frumin sab- 
bato nicht dem upüjTri caßßdTou der Vorlage entspricht; frum^a 
sabbato ist vielmehr die Übersetzung von irpocdßßaTov, wie Mc 15, 42 
lehrt. Anderseits wird das mit irpuÜTri (sc. i^iu^ptjt) caßßdxou 'am ersten 
Tage der Woche' gleichbedeutende i\ |u(a (sc. fiiu^pa) caßßdxuuv un- 
mittelbar vorher richtig übertragen, vgl. air pis dagis afar'sabbate 
Mc 16, 2. Es muß daher als ausgeschlossen gelten, daß derselbe 
Übersetzer, der Vers 2 richtig übertragen hat, sieben Verse später 
der genau entsprechenden Wendung ratlos gegenüber gestanden 
habe. Folglich ist frumin sabbato V. 9 unter allen Umständen als 
jüngere Verderbnis zu betrachten. 



328 Wilholm Streitberg, 

In der Tat, die beiden Beispiele scheinen vernichtend; 
aber sie scheinen auch nur so. 

Jeder, der von sprachmelodischen Dingen Kenntnis hat, 
— ich rechne zu diesen Kennern nicht die Herren Jülicher 
und Bäsecke, deren kritische Überlegenheit in Sachen der 
Sprachmelodie nur der vollendeten Unkenntnis alles dessen 
entspringt, was Methode, Aufgabe und Leistung sprachmelo- 
discher Forschung angeht i), — jeder, wiederhole ich, der sich 
ernstlich mit den Problemen der Sprachmelodie (Intonation) 
beschäftigt hat, wird sofort erkennen, daß die Satzmelodie 
sowohl in L 6, 5 als auch in L 6, 6 gestört ist. 

Wessen Ohr für die Auffassung der Tonhöhen geschult 
ist, wird finden, daß im sechsten Lukaskapitel bei nieder- 
deutscher Intonation^) das Niveau aller Hebungen mäßig tief 
ist; daher schließen auch alle Sätze mit einem tiefen Wort- 
ton: V. 1 raüpidedun ähsa siponjos is jah mätidedun hnäuan- 
dans händum\ 2 säbhato dägam'^ 3 wesun-^ 4 güdjam. 

Liest man nun Vers 5, so wird der überlieferte Ausgang 
pammasahbato daga den Norddeutschen stark in die Höhe führen, 
das normale Verhältnis also geradezu umkehren: patei fräuja 
ist sa sünus mänsjah pamma sdhhato ddga. Die Intonations- 
kurve wird aber auch beim Schlüsse von Vers 5 sofort auf 
das normale Niveau sinken, wenn man daga streicht: sünus 
mäns jah pamma säbhato. 

Nicht anders liegen die Dinge beim folgenden Vers. In 
der überlieferten Form zeigt er eine ganz unregelmäßige In- 
tonationskurve: [jah] wärp pan in dnparamma ddga säbbato 
galeipan imma in swnagogein jah läisjan. Die Worte dii- 
paramma ddga sdbbato steigen also (für den Norddeutschen) 
stark über das Niveau empor; erst mit galeipan kehrt die 
Intonation zur normalen Lage zurück und verharrt darin bis 



1) Vgl. das Urteil von Sievers über Bäsecke in den Rhyth- 
misch-melodischen Studien (Heidelberg 1912) S. 84 ^ 

2) Über das Verhältnis der nd. Intonation zur hd. vgl. Sievers 
a.a.O. S. 86^. Von bestimmten Ausnahmen abgesehn, besteht der 
Unterschied beider Intonationssysteme darin, "daß . . . alles, was 
beim Niederdeutschen hoch liegt, beim Hochdeutschen tief erscheint 
und daß wo der Niederdeutsche von Silbe zu Silbe, von Wort zu 
Wort usw. mit der Stimme steigt, der Hochdeutsche einen Fall- 
schritt macht, und umgekehrt". Sievers S. 87. 



Gotiea. 329 

zum Schlüsse. Streicht man jedoch daga^ so ist jede Störung 
verschwunden und die Kurve ist regelmäßig : [jah] wärp pan 
in änparamma säbbato galeipan imma in swnagogein jah 
läisjan. 

Da ich jede Möglichkeit einer Autosuggestion auszu- 
schalten wünschte, habe ich Sievers die Verse vorgelegt, mit 
der Bitte, ihre Intonation zu prüfen. Es versteht sich von 
selbst, daß ich ihm weder von dem Gang noch von dem Ziel 
meiner Untersuchung Mitteilung gemacht habe, damit jede 
Störung seiner Unbefangenheit vermieden werde. Sein völlig 
unbeeinflußtes Urteil deckt sich durchaus mit meiner Auf- 
fassung, so daß ein Zweifel an der Richtigkeit des Ergeb- 
nisses für keinen Unbefangenen bestehn kann. 

In Vers 5 wie in Vers 6 ist daher daga als Inter- 
polation zu streichen. 

Dann stimmen L 6, 5 und Mc 2, 28 wörtlich überein : 
frauja ist sa sunus mans jah pamma sabbato. 

Lesen wir V. 6 in anparamma sabbato, so entspricht 
die Konstruktion der von L 6, 1 : in sabbato anparamma 
frumin^ stimmt also zu der aus den übrigen Beispielen ge- 
zogenen Regel. 

Außerdem wird noch ein anderer Anstoß durch die 
Emendation vermieden. Ich habe schon darauf hingewiesen, 
daß die Kasusformen von dags stets auf sabbato isabbate) 
folgen; das einzige sichere Beispiel einer Ausnahme: in daga 
sabbato L 4, 16, ist durch den Wortlaut des griechischen Textes 
hervorgerufen; denn dieser bietet ausdrücklich ev Trj fmepqL 
Tujv caßßdiujv. 

Es ist nun ohne Weiteres klar, daß der erläuternde Zu- 
satz 'Tag' dem voll betonten Hauptbegriff schwächer betont 
nachfolgen muß, ihm normalerweise nicht vollbetont voran- 
gehn darf. Das lehrt schon unser samstag. Der Umstand, 
daß die überlieferte Fassung von L 6, 6 ohne jeden Grund 
der sonst stets beobachteten Stellungsregel widerspricht, be- 
stätigt das auf ganz andern Erwägungen beruhende Urteil 
über ihre Unursprünglichkeit. 

Die Interpolation von daga L 6, 5. 6 ist sehr leicht er- 
klärlich: in den Versen 2 und 9, also in nächster Nachbar- 
schaft, liest man syntaktisch wie sprachmelodisch korrekt {in) 



330 Wilhelm Streitberg, 

sabhato dagam, Vers 7 ebenso in sahbato daga. Die Durch- 
führung der Gleichförmigkeit lag also nahe genug. 

Vielleicht darf ich zum Schlüsse noch ein anderes Bei- 
spiel für die Interpolation eines obliquen Kasus von dags an- 
führen, obwohl es sich nicht um die Ergänzung von sabhato 
handelt. 

Kol 2, 16 lesen wir: \x\\ oöv Tic ujuäc Kpivexu) ev ßpOucei 
r| ev TTÖcei r| dv luepei eoprfic r| voujur|viac f| caßßdTiuv ni 
manna nu izwis bidomjai in mata aippau in draggha aip- 
pau in dalai dagis dulpais aippau fullipe aippau sab- 
batum ^). 

Man sieht, dagis hat keinen Anhalt am griechischen 
Text; es liegt auch keine syntaktische Notwendigkeit vor, 
die das überschüssige und überflüssige dagis neben dtdpais 
rechtfertigen könnte. 

Nun bietet aber die lateinische Bibel die festi de und 
diei festi f g vg : es ist für jeden, der die Entwicklungs- 
geschichte der gotischen Bibel kennt, zweifellos, daß man in 
dagis dulpais eine Einwirkung des lateinischen dieii) festi 
zu erblicken hat. 

Daß aber diese Einwirkung nicht ursprünglich ist, d. h. 
daß nicht etwa der Übersetzer selbst die altlateinische Bibel 
neben der griechischen bei der Übertragung zu Rate gezogen 
hat, das beweist für jeden Sachkenner der Umstand, daß 
dagis die Satzmelodie zerreißt. Beseitigt man es, so ist die 
Tonbewegung normal. Daraus folgt, daß dagis in den fer- 
tigen Text nachträglich eingefügt worden ist. 

2. Abeileni, 

KZ. 41, 167^ schreibt Schulze: "So steht auch Abeileni 
für Abeilene L 3, 1 und reflektiert einen griechischen Dativ 
'AßeiXr|vfi so gut wie das unmittelbar vorausgehende ludaia 
griechischem 'loubaiqt .... entspricht." 

Aber das erste Satzglied mit seinem Dativ ludaia geht 
dem Schlußglied mit Abeileni keineswegs so unmittelbar vor- 
aus, wie es nach Schulzes Worten scheinen könnte, vielmehr 



1) Von dem schwierigen sabhatum und seinem Verhältnis zu 
den Lesarten der Vorlage sehe ich hier ab. Richtig scheint sdbbate. 



Gotica. 331 

sind beide durch zwei andere Satzglieder getrennt. Außer- 
dem entspricht die Konstruktion des Schlußgliedes gar nicht 
der des Anfangsgliedes ; sie ist vielmehr — bis auf den Dativ 
Aheüeni — der Konstruktion der beiden Mittelglieder gleich. 
Die Dative ludaia und Aheüeni können daher syntaktisch 
nicht auf eine Linie gestellt werden. 

Man urteile selbst. Der Satz lautet: 

1. f]Y€juov€iiovTOC TTovTiou TTeiXarou Tf|c 'loubaiac, 

2. Kai TeTpapxoOvTOC ttic faXiXaiac 'Hpiubou, 

3. OiXiTTTTOu be ToO dbeXcpoö auroO xeTpapxoOvxoc inc 
'lioupaiac Kai Tpaxujvixiboc x^poic, 

4. Ktti Aucaviou xfic 'AßiXr|vfjc xexpapxoOvxoc • 

1. raginondin Puntiau Peüatau ludaia, 

2. jah fidurraginja pis Galeilaias Herodeis, 

3. Filippauzuh pan broprs is fidurraginja pis Ituraias 
jah TraJcauneitidaus landis, 

4. jah Lwsaniaiis Aheileni fidurraginja. 

Man erkennt sofort, daß der Übersetzer die Konstruk- 
tion d«r Vorlage stilistisch frei behandelt hat: den ersten 
Genetiv absolutus tiberträgt er durch den gleichwertigen Dativ 
absolutus, im folgenden aber ändert er. Und zwar ersetzt er 
dreimal den absoluten Genetiv durch den Dativ eines Nomens. 
Dem temporalen Dativ fidurraginja (EB.^-* §257), zu dem 
ein neutraler Nominativ *fidurragini anzusetzen ist, hat man 
etwa ^zur Zeit der Tetrarchie' zu übersetzen. Von diesem 
dreimal wiederkehrenden Dativ hängen drei subjektive Gene- 
tive ab: Herodeis, Filippaus und Lwsaniaus sowie die ob- 
jektiven Genetive pis Galeilaias (sc. landis) und pis Ituraias 
jah TraJcauneitidaus landis. Im letzten Satzglied aber fehlt 
der zu erwartende objektive Genetiv, an seiner Stelle erscheint 
ganz unvermittelt der 'Dativ' Aheileni. 

Daß der 'Dativ' Aheileni mit dem in ganz anderm 
Satzzusammenhang stehenden Dativ ludaia syntaktisch nicht 
vergleichbar ist, liegt auf der Hand. Denn ludaia hängt von 
dem Partizip raginondin ab, raginon aber regiert den Dativ, 
vgl. raginondin Saurim h 2,2 und garaginoda ludaium 
J 18, 14. Aheileni dagegen ist von dem Substantiv fidurra- 
ginja abhängig, das in den beiden unmittelbar vorausgehenden 
Satzgliedern mit dem Genetiv verbunden ist. 

Es bleibt auch nicht die bequeme Ausflucht, der 'Dativ' 



332 Wilhelm Streitberg-, 

Abeileni sei 'der Abwechslung halber' an Stelle des Genetivs 
getreten. Wer das behaupten wollte, hätte den Beweis zu 
erbringen, daß bei einem gotischen Substantiv vom Typus 
fidurragini Genetivus objectivus und Dativ miteinander wechseln 
könnten. Dieser Beweis dürfte nicht ganz leicht zu führen 
sein^ da es an jeder Parallele im Gotischen fehlt. 

Nach allem kann die überlieferte Form Äbeüeni nicht 
als korrekt anerkannt werden. Wenn von fidurragini in den 
Satzgliedern 2 und 3 der Genetivus objectivus abhängig ist, 
muß von ihm auch in dem vollkommen gleich gebauten Schluß- 
glied ein solcher abhängig sein. Wenn vorher die griechischen 
Genetive faXiXaiac, 'lioupaiac und TpaxojviTiboc in den gotischen 
Text einfach hinübergenommen sind, so darf und muß man 
erwarten, daß der Übersetzer mit dem vierten Genetiv, mit 
'AßiXrivfjc, nicht anders verfahren sei. Man hat daher *Abei- 
lenes (in nachwulfilanischer Form * Aheilen{e)is) in den Text 
einzusetzen. 

Daß einmaliges swnagogeis L 8, 49 für älteres *sw7ia- 
goges stehe, wie Schulze Lehnworte S. 15^ annimmt, und 
demnach in der Bildungsweise mit dem eben erschlossenen 
Genetiv Aheilenes übereinstimme, vermag ich freilich nicht zu 
glauben ; denn wenige Verse vorher, L 8, 41, lesen wir faurama- 
pleis swnagogais, nicht fauramaplels sionagogeis wie in Vers 49. 
Eine der beiden Formen muß sekundären Ursprungs sein; denn 
es ist nicht anzunehmen, daß der Übersetzer selbst bei der- 
selben Wortgruppe innerhalb weniger Verse also geschwankt habe. 

Welche der beiden Genetivformen unursprünglich sei, ist 
leicht zu bestimmen: es kann nur swnagogeis sein; denn 
swnagogais ist auch J 9, 22 belegt. Die Erklärung ist ein- 
fach genug: der Ausgang -eis des vorhergehenden faurama- 
plels hat den Schreiber beeinflußt, so daß er die Endung des 
zweiten Wortes der des ersten anglich i). 

Ein Seitenstück zu der Entstehung von Abeileni aus 
*Abeilenie)is, *Abeilenes ist laJcoba aus *Iakobaus (Mc 6, 3). 
Die Stelle lautet: oux oijtöc eciiv 6 tektiuv, 6 oiöc Mapiac, 
dbeXcpoc be NaKuußou Kai 'lujcfi Kai'louba Kai Cijuujvoc* niu pata 
ist sa timrja, sa sunus Mar j ins ^ ip bropar lakoba jah luse 

1) Eine Erörterung des Verhältnisses von sivnagogai L 4, 38 
zu swnagogen {-ein) Mc 1, 23. 29; L 4, 20. 28. 33 und stvnagoge J 6, 59; 
Mc 6, 2 würde zu weit abführen ; ich verspare sie mir auf ein andermal. 



Gotica. 333 

jah ludins jah Seimonis. Syntaktisch wäre hier ein Dativ 
nicht unmöglich; daß aber Dativ- und Genetivformen beliebig 
miteinander wechseln, wie der annehmen muß, der die Über- 
lieferung nicht anzutasten wagt, ist nicht bloß 'auffallender*, 
wie Bernhardt ^zu M 9, 30) meint, sondern unerhört. Dazu 
kommt, daß von Idkohus ein Dativ auf -a nur durch Ana- 
logiebildung nach lakoh erklärt werden kann. Alle Schwierig- 
keiten verschwinden, wenn man laJcoha zu ^laJcohaus und 
luse (für lose) zu ^lusezis ergänzt. 

Schon in meinem gotischen Wörterbuch habe ich S. 65 
s. V. lakobus die Änderung von Idkoba in lakobaus vor- 
geschlagen; auch Havers Untersuchungen zur Kasussyntax der 
indogermanischen Sprachen S. 265 spricht sich für den Ersatz 
des Dativs durch den Genetiv aus. 

Schließlich sei noch bemerkt, daß an allen drei Stellen 
(L 3, 1 8, 49 Mc 6, 3) die Störung der Satzmelodie einen Ein- 
griff in den Text erweist, und daß durch die Einsetzung des 
Richtigen diese Störung sofort behoben wird. Das haben 
meine Untersuchungen und deren Nachprüfung durch Sievers 
mit Sicherheit ergeben. Da aber der ganze Beweisgang von 
diesen Feststellungen unabhängig ist, versage ich mir für 
heute, auf die Intonationsverhältnisse näher einzugehen, behalte 
mir jedoch vor, in anderm Zusammenhang darauf zurück- 
zukommen. 

3. gadaila. 

Es ist bekannt, daß gadaila 'Genosse, Teilnehmer' mit 
Genetiv wie Dativ verbunden erscheint. Soviel ich sehn 
kann, ist aber noch nicht erkannt, daß die zwiefache Kon- 
struktion nach einem bestimmten Grundsatz geregelt ist. Und 
zwar steht der Dativ bei Personen, deren Genosse man ist, 
der Genetiv dagegen, als Genetivus partitivus, bei Sachen, 
an denen man teil hat. 

Man vergleiche die Belege für den Dativ: o'i fjcav koi- 
voivoi Tuj Cijuuuvi* paiei wesun gadailans Seimona L5, 10 — 
ou GeXuj be iijuäc koiviuvouc tüuv baijuoviuuv YivecGai* ni wiljau 
auk izwis sJcohslam gadailans ivairpan K 10, 20 (zur Um- 
stellung vgl. defg). — nx] ouv YivecGe cu)U|ueT0X0i aoTÜuv ni 
walrpalp nu gadailans im (d. i. den Hurern, Unreinen, Götzen- 
dienern) E 5, 7. 



334 Wilhelm Streitberg, Gotica. 

Die Beispiele für den Genetiv sind: toOto b^ iroiOü bid 
t6 euaTT^Xiov, iva cuykoivujvöc aiiioO Yevuj^ai* ei gadaila is 
wairpau K 9, 23. — öti ujcrrep koivujvoi ecxe tujv Tra0r|)udTiuv * 
patei sicaswe gadailans pulaine sijup k 1, 7. — eivai rd 
eOvr) cuYKXTipov6)Lia Kai cuccuj)Lia Kai cu|LA|aeToxa t^c iiia-^^eXiac 
aiJToO* jah gadailans gahaitis is E 3, 6. — oi rfic eöepfe- 
ciac dvTiXa)Lißavö)Li€vor paiei wailadedais gadailans sind 
T 6,2. 

Man sieht, die Gebrauchssphären beider Kasus sind 
scharf gegeneinander abgegrenzt; es wäre daher ganz unmög- 
lich, Dativ und Genetiv an irgendeiner Stelle miteinander zu 
vertauschen. 

München. 

Wilhelm Streitberg. 



E. Sievers, Zur nordischen Verbalnegation. ^i 



Zur nordischen Yerbalnegation^). 

1. In den Havamal Str. 36 und 37 lesen wir zweimal 
den verderbten Text 

bü es betra, pött litit se: 

halr es heima hverr, 

ohne Alliteration in der zweiten Halbzeile des Langverses. 
Zur Beseitigung dieses Fehlers hatte Bugge vorgeschlagen 
pött bükot se, Finnur Jönsson en hidja se. Beide Vorschläge 
verwirft neuerdings Rolf Nordenstreng im Arkiv f. nord. fil. 
25, 190 f., indem er seinerseits J)ött breitt set lesen will. Das 
kommt nun zwar dem Überlieferten sehr nahe, hat mich aber 
doch auch nicht überzeugen können. 

2. Zunächst ist mir schon der Ansatz von bü — ""Haus 
nicht unbedenklich; auch scheint mir die Annahme, das Ad- 
jektivum breidr könne schlechtweg im Sinne von 'groß' von 
einem 'Hause' gebraucht werden, durch die angeführte Parallele 
des Ortsnamens Breidibölstadr (Island) = Bredbollsta (Nyland) 
doch nur eine schwache Stütze zu bekommen. Sehe ich aber 
einmal von diesen Bedenken ab, so muß ich zugestehen, 
daß die Halbzeile in metrischer Beziehung schematisch 
korrekt ist, sobald man nur die Form set in der üblichen 
Weise in seit auflöst. Aber wenn man nun den so entstan- 
denen Vers pött breitt seit sich vorspricht, so klingt er 
wenigstens dem einigermaßen geübten Ohre, innerhalb seines 
Zusammenhangs melodisch 'falsch' (d. h. er geht höher aus, 
als er sollte). Ich denke, das werden die meisten Leser ohne 
Mühe nachempfinden, wenn sie einmal darauf aufmerksam 
gemacht worden sind. Ich möchte auch weiter glauben, daß 



1) Dieser Aufsatz war, obwohl bis auf die Schluß bemerkung- 
schon vorher geschrieben, ursprünglich dazu bestimmt, den zweiten 
Teil zu meiner Abhandlung 'Zur Technik der Wortstellung in den 
Eddaliedern' in den Abhandlungen der Kgl. Sachs. Gesellschaft der 
Wissenschaften 27 (1909), 515 ff. zu bilden. 



33^ E. Sievers, 

die meisten Leser wiederum gleich mir den Ausdruck pött 
hreitt seit als stilistisch 'ungewöhnlich', vielleicht gar als 'hart' 
oder dgl. empfinden werden, wenn sie sich genaue Rechen- 
schaft über den Eindruck geben, den die Worte auf sie 
machen. So verbinden sich denn mit diesem Wortlaut, wie 
es scheint, zwei weitere Anstöße formeller Natur. Beide ver- 
schwinden aber für mich, wenn ich die von Nordenstreng hin- 
zukorrigierte Negation -t wieder streiche: d. h. ich empfinde 
eine Halbzeile wie 'pött hreitt se'i an sich als formell untadlig 
(nur daß der Sinn dieser Worte an unsere Stelle der Ha- 
vamal nicht passen würde). War demgegenüber hin pött 
hreitt se'i-t anstößig, so mußte der Anstoß doch wohl in der 
zugesetzten Negation liegen, und so ergab sich denn die Frage, 
warum die Negation -t hier einen Anstoß hervorbringen 
könne. Um diese Frage beantworten zu können, habe ich die 
in Betracht kommenden eddischen Verse mit Verbum + Verbal- 
negation statistisch durchmustert, und diese Durchprüfung hat 
auch wirklich meine zunächst nur instinktiv empfundenen 
Bedenken wesentlich verstärkt, dergestalt, daß ich mich nun 
zu behaupten getraue, ein Vers wie pött hreitt seit sei in sti- 
listischer wie in metrisch-melodischer Beziehung so ungewöhnlich, 
daß man ihn nicht auf dem Wege der Konjektur herstellen 
dürfe. Dabei scheint mir weiterhin die ganze Frage so viel 
praktisches wie theoretisches Interesse zu haben, daß ich es 
für erlaubt halte, hier das einschlägige Material geordnet vor- 
zulegen. 

3. Von den nordischen Verbalnegationen (d.h. von 
den Negationen des einfachen Verbum finitum) kommen dabei 
für den besondern Zweck, den ich hier im Auge habe, nur 
zwei in Betracht, nämlich einerseits das suffigierte a, -at, -t (es 
sei gestattet, diese drei Formen als eine Einheit zusammen- 
zufassen), andrerseits das vorausstehende ne = einfachem 'nicht', 
d. h. ne mit Ausschluß aller derjenigen Stellen, wo es dem 
Sinne nach deutlich dem got. ni-h = 'und nicht' u. ä. ent- 
spricht. 

4. Zwischen diesen beiden Negationen besteht nun ein 
nicht unwesentlicher Gebrauchsunterschied, den man, soviel mir 
bekannt geworden ist, bisher nicht beobachtet hat. Das Be- 
legmaterial läßt nämlich erkennen, daß das nur mit -a, -at, 
•t negierte Verbum in Satz und Vers zur Eingangsstellung 



Zur nordischen Verbalnegation. 337 

hinneigt, während das mit einfachem ne oder mit ne -f- -«^(0 
usw. negierte Verbum die Eud Stellung bevorzugt. Im ein- 
zelnen stellt sich die Sache folgendermaßen^): 

A. Die einfache Negation -a^ -at, -f. 

5. Weitaus am häufigsten (150mal) stehen die mit -a, 
'{a)t negierten Verbalformen am Eingang selbständiger 
Sätze, und (da solche Sätze meist mit einer neuen Lang- 
oder Vollzeile einsetzen) zugleich am Eingang einer Lang- 
oder Voll z eile. Es sei gestattet, diese Stellungsart als 
volle (d. h. hier zugleich sprachliche und metrische) Ein- 
gangs Stellung zu bezeichnen. Die Belege sind: 

a) Indikativsätze (130 Belege): 

a) Praes. ind. sing. 3 (43 Belege): 

es-a svä gott, \ sem gott kveda \\ Hav. 12 

veit-a madr \ hinns vcetki veit\\ Hav. 27 (vgl. 75) 

veit-a gorla \ säs uin verdi glissir \\ Hav. 31 

es-at madr alls vesall, \ pött hann se illa heul \\ Hav. 69 

es-a sä vinr odrum \ es vilt eitt segir\\ Hav. 124 (123) 

es-at madr svä gödr | at galli m fylgi \\ Hav. 133 (132) 

flygr-a hann svä stinnt, \ at ek stodvigak \\ Hav. 150 

brennr-at svä hreitt, \ at ek hönum bjargigak || Hav. 152 

mun-at hann falla^ \ pött hann i folk komi \\ Hav. 158 

es-a m,er gulls vant \ i gqröum, Gymis \\ Sk. 22 (?) 

es-a sä nü hyrr \ es ör holti ferr \\ Vkv. 16 (17) 

es-at svä madr hör \ at pik af hesti taki || Vkv. 37 (39) 

es-a mer ervcent, | ncer öru kemr || skassupp undskipi \\ HHj.23 

mun-a nü Helgi \ hjqrping dvala \\ HHu. 1, 50 (52) 

es-a pat karls cett | es ä kvermum stendr \\ HHu. 2, 2 

mun-a per, Sigrün, \ frä Sevafjollum || . . . HHu. 2, 25 (17) 

es-at per at gllu, \ alvitr, gefit \\ HHu. 2,26 (18; 

es-a pat svik ein \ es pü sea pykkisk \\ HHu. 2, 41 (40) 

skal-a fremr enn svä \ fregna Grlpi\\ Grip. 19 

es-a med Igstum \ logd cevi per || Grip. 23 



1) Ich zitiere in erster Linie nach Bugges Numerierung 
der Strophen, gebe aber die abweichenden Strophenzahlen von 
Sijmons daneben in Klammern, damit man die Beleglisten in Gerings 
Vollständigem Wörterbuch bequemer vergleichen könne. — Mit | be- 
zeichne ich das Ende einer vordem Halbzeile, mit || das Ende einer 
Langzeile sowie das einer Vollzeile beim LjööahAttr. — Im übrigen 
folge ich dem handschriftlich überlieferten Text, soweit es geht, 
abgesehen davon, dalJ ich der Bequemlichkeit halber die Ortho- 
graphie etwas normalisiere. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 22 



888 E. Sievers, 

mun-at mcetri madr \ ä mold koma \\ Grip. 52 

es-a pat hoßft \ at pü hjorvi skylir \\ . .. Reg. 12 

es-at svä hör skr \ hüdimeidr || . . . Fafn. 3G 

es-a konunglikt \ kvida 7norgu || Fafn. 40 

mä-at Sigrdrifar | svefni hregda \\ Fafn. 44 

es-a svä brattr breki, \ ne svä hläar unnir || . . . Sigrdr. 10 (9; 

fallat Vs.) 
skal-at ulf ala | ungan lengi \\ Sig. 12 
kann-at hann firrask \ ör fiandgardi \\ Sig. 26 
ridr-a peim sidan I . . . I| . . . | slikr at pingi \\ Sig. 27 
fryr-a madr per, Gunnarr, \ hefr pü fullvegit \\ Sig. 33 
mun-a ydvart far \ allt l sundi \\ Sig. 53 (52) 
mun-at at vilja \ verscel gefin \\ Sig. 56 (55) 
kemr-a nü Gunnarr, \ kalligak Hqgna \\ Guör. 3,8 (6) 
pykki-a mer fridr \ l farar hroddi \\ HHu. 2, 19 
lifir-a svä lengi, | loskr mun [hann] ce heitinn\\ Am. 61 (57) 

hlyr-at henni borkr ne 6ötrr || Hav. 50 

hnlgr-a sä halr fyr hjoruTn\\ll-A\. 158 

verdr-at iss ä ö || Vaf J)r. 16 

knä-at sü veig vanask\\GY\mi\. 25 

es-a per vamma vant \\ Lok. 30 

kann-at ser vid viti varask\\ Reg. 1 

kann-at hann vid sllku at sea 1| Fafn. 37 
ß) Praes. ind. sing. 2 (14 Belege): 
gär-a-pü manna, \ nema pü mey seir\\ Grip. 29 
hlcer-a pü af pvi, \ heiptgjgrn kona, \\ Sig. 31 
ser-a pü sldan \ i seti midju || . . . Akv. 37 (40) 
kallar-a-pü sldan \ til knea pinna \\ Akv. 37 
est-attu Vegtamr, | sem ek hugda \\ Vegt. 13 
est-at-tu vglva | 7ie vis kona \\ Vegt. 13 
est-at-tu, Hjorvardr, \ heilrädr konungr\\ HHj. 10 
mant-at-tu horska | Heimis föstru\\ Grip. 31 
mant-at-tu^ Gunnarr, | til gerva pat\\livot 17 (18) 
skal-at-u leyna, \ pött Ijött sei\\ Grip. 22 
man-a pü, Gunnarr, \ gulls um njöta \\ Guör. 1,21 (20) 
mun-at-pü halda \ Hleidrar stöH\\ Grott. 20 

veizt-a pü pä, vesall, hve pü vegr \\ Lok. 42 

est-at-tu til brüdar borinn\\ AW. 2 
y) Praes. ind. sing. 1 (22 Belege mit einsilbiger, 2 mit mehr- 
silbiger Verbalform, zusammen 24): 

emk-at ek alfa \ ne äsa sona \\ Sk. 18 

emk-at ek svä hcelbitr \ sem hüdskör forn ä vär \\ Heub. 35 (97) 

knäk-at ek segja \ aptr cevagi || . . . Hym. 32 (33) 

vilk-at ek mar m,inn \ mcetan hloeda \\ Hyndl. 5 

vilk-at ek reidi \ rlks pjödkonungs \\ . . . Grip. 26 

vilk-at ek man traudan \ ne torboenan \\ Sig. 51 (50) 

munk-at ek letta, \ ädr llfshvatan \\ ... Guör. 2,31 (35) 

veitk-at ek hvärt verd launid \ at vilja ossum \\ Am. 32 (29) 



Zur nordischen Verbalneffation. 339 



vilk-at ek vid mödur \ mölum skipta \\ HamÖ. 9 

vilk-at ek at it vreidir vegizkWLoli. 18 
sekk-a ek pann Volundi \ tu smidju borinn \\ Vkv. 18 (19) 
bidk-a ek pess bot | Vkv. 19 (Parenthese) 
munk-a ek ganga^ \ ädr gumnar vakna \\ HHj. 23 
sitk-a ek svä scel \ ä Sevafjollum \\ HHu. 2,36 (35) 
munk-a ek floeja, | pött mik feigan vitir \\ SigTdr. 21 {munkat 

ek Vs.) 
mäk-a ek, Grimüdr, \ glaumi fteZia || Guör. 2,29 (30) 
sekk-a ek sidan | sväsa broedi' \\ Gubv. 3,8 (6) 
vilk-a ek Ices leita, \ nema launa eigim || Am. 13 
kannk-a ek sllks synja, I se ek tu räd annat || Am. 70 (66) 
emk-a ek litt leikinn^ \ llfs iel ek von enga || Am. 90 (85) 

m.unk-a tk pvi leyna lengr\\\aO\i. 36 

emk-a ek med bleydi borinn \\ Sigrdr. 21 {emkat ek Vs.) 
porig- a ek at segja \ nema per einum || Vkv. 26 (27) 
fordumk-a for pö, | alls pö es fara cetlat \\ Am. 29 (26) 
b) Praes. ind. plur. 3 (9 Belege): 

pykkja-tmergödir \ Granmars synir \\ HHu. 1,46 (48). 2,24(27) 
mun-at (?) vägmarar \ vind um standask\\ Reg. 16 
verda-t svä rik skop, \ at Beginn skyli || . . . Fafn. 39 
verda-(t) salkonur \ scemd at vinna \\ Sig. 50 (49) 

blta-t peim vöpn ne velir \\ Hav. 148 

knegu-t oss fölur fara \\ HHj. 13 

vinna- 1 skjqldungar skqpum\\Hllu. 2,29 (21) 

eigu-t pcer cett saman \\ Fafn. 13 
e) Praes. ind. plur. 1 (2 Belege) : 
vitum-a vit ä moldit \ menn in scelli \\ Sig. 18 
erum-a varmar \ l valdreyra \\ Grott. 20 

t) Praet. ind. sing. 3 (17 Belege mit einsilbiger, 3 mit mehr- 
silbiger Verbalform, zusammen 20): 

vas-a sandr ne scer | ne svalar unnir \\ Vsp. 3 
bad-at kann hlennimann fiytja \ eda hrossapjöfa \\ Harb. 8 (17) 
kvaö-at mann ramman, \ pött röa kynni || . . . Hym. 28 
let-at buölungr | bötir uppi \\ HHu. 1, 12 
vard-at hrqnnum \ hqfn pingloga \\ HHu. 1,29 (30) 
nam-a Hogna w.cer \ of hug mcela \\ HHu. 2, 17 (14) 
vas-at kann i augu \ ydr um llkr || Sig. 39 (36) 
bjö-at um hverfan \ hug menskqgul \\ Sig. 40 
iSt-a mann sik letja \ langrar gqngu \\ Sig. 43 (44) 
sä-at madr armlikt \ hverr es pat säat || Guör. 3, 11 (10) 
kvad-a kann inn oedri \ alna myndu \\ Oddr. 16 (15) 
vas-a langt af pvl, \ heldr välltit \\ Oddr. 18 (17) 
fellsk-at sadr svidri, \ systi um pqrf gesta \\ Am. 6 
för-a foßlt peygi, | ok fagnadi komnum \\ Am. 47 (44) 
vard-a vqn lygi, \ es ver um reyndum \\ Am. 93 (87) 
vas-a pat nü \ ne l gcer \\ Hämo. 2 
vas-a kyrrseta, | ädr Knüi felli \\ Grott. 14 



340 E. Sievers, 

sagdi-t hönum \ hugr vel päs [kann] sä || Hym. 14 
gerdi-t hon hjüfra \ ne hondum slä \\Guhr. 1, 1 
skipti-t skapliga, | skar [hön] ä hals bäda\\ Am. 79 (74) 
Y]) Praet. ind. sing*. 2 (4 Belege mit einsilbiger, 1 mit mehr- 
silbiger Verbalform, zusammen 5): 

fannt-a-pü mann inn hardara \ at Hrungni daudan \\ Harb. 

14 (32) 
vant-at-tu vigi, \ vas per pat skapat || . . . HHu. 2, 28 (20) 
komt-a-pu af pvi pingi, \ es ver pat frcegim \\ Am. 101 (95) 

gaft-at-tu af heilum hug || Reg. 7 
mceltir-a pü pat mal \ es mik meirr tregi \\ Vkv. 37 (39) 
0) Praet. ind. sing. 1 (7 Belege mit einsilbiger, 2 mit mehr- 
silbiger Verbalform, zusammen 9): 

fannk-a ek müdan mann \ eda svä mafar gödan || Hav. 39 (40) 
säk-a ek hrüdir | hita hreidara\\^Y. 25 
vask-a ek heima \ päs per heitit vas \\ Alv. 4 
vask-a ek fjarri, \ folks oc^dmYi |1 HHu. 2, 12 (11) 
fannk-a ek l hug heilum \ hjöna vcetr sidan\\ Am. 96 (90; 
lies fannk mit der Korrektur von R?) 
fannk-a ek (svä) marga mggu\\Fa.fn. 16 
hnek-at ek af pvl \ tu hjalpar per \\ Oddr. 10 (9) 
g erdig -a ek hjüfra \ ne hondum slä \\ Guör. 2, 11 
mättig-a-k bolva \ hoetr um vinna || Ghv. 12 
i) Praet. ind. plur. 3 (3 Belege): 
föru'(t) lengi, \ ädr Uta nam \\ . . . Hym. 35 (36) 
föru-t lengi, | ädr liggja nam || . . . Hym. 37 (38) 
gerdu-t far festa^ \ ädr peir frä hyrfi, \\ Am. 37 (34) 
k) Praet. ind. plur. 2 (1 Beleg): 
uröu-a it gllkir \ peim Gunnari \\ Ghv. 3 

b) Imperativsätze (10 Belege): 

a) Imp. sing. (9 Belege): 

pegj-at-tu, volva: \ pik vil ek fregna\\Yegt. 8. 10. 12 
kjös-at-tu Hjorvard | ne hans sowm || HHj. 3 
grät-a-pu, Gudrun, \ svä grimmliga \\ Sig. 25 
hird-a-pu hqldum \ heiptir gjaldaWOwjbv. 2, 28 (29) 
hird-a-pu bjöda | bglvafullar | ... Guör. 2, 31 (32) 
hird- a pü oss hrceda, | hafdu pat fram gjalda || Am. 40 (37) 
teygj-at-tu per at kossi konur \\ Sigrdr. 28 

ß) Imp. plur. (1 Beleg): 

segid-a meyjum \ ne salpjödum || Vkv. 22 

c) Optativsätze (10 Belege): 

a) Praes. opt. sing. 3 (6 Belege): 

haldi-t madr ä keri, \ drekki pö at höfi mjod \\ Hav. 19 

verdi-t madr svä tryggr | at pessu trüi gllu || Hav. 89 (88) 

skridi-at pat skip \ es und per skridi^ II • • • II > 

renni-a sä marr | es und per rennt, || . . . || , 



Zur nordischen Verbalneffation. 341 



hlti-a per pat sverd | es pu bregdir \\ HHu. 2, 32 (31) f. 
skyli-t pann fvitka v<ir |j Ha v. 75 (74) 

ß) Praet. opt. sing-. 3 (3 Belege): 

vceri-a pat soemt | at kann svä redi || . . . Brot 9 

koemi-a Grotti \ ör grla fjalli\\ Grott. 10; 
dazu mit abhängig gedachtem Satze (in einer Folge von Optativ- 
sätzen) : 

ö hugdak her inn renna \ at endlqngu hüsi, \\ . . . 

gerdi-t vatn vcegja: \ vesa mun pat fyr nekkvi \\ Am. 26 (24) 

Y) Praet. opt. sing. 1 (1 Beleg): 

myndig-a ek lostig \ at lidinn fylki || . . . HHj. 42 

6. Nur eine unwesentliche Abart dieses ersten Stellungs- 
typus ist der zweite, bei dem das negierte Verbum einen 
selbständigen Satz eröffnet, der mit dem zweiten Halbvers 
einer Langzeile einsetzt. Auch hier kann man noch ohne 
weiteres von voller Eingangsstellung reden. Daß diese 
Stellungsform (mit 20 Belegen) seltener ist als die erste (mit 
50 Belegen), hat nichts zu bedeuten : es ist einfach die Folge 
der bekannten Neigung der meisten Eddalieder, selbständige 
Sätze mit dem Beginn einer Langzeile anzuheben. — Es 
kommen hier nur Indikativsätze vor: 

a) Praes. ind. sing. 3 (3 Belege): 

rneis hefk ä baki: \ verdr-a matr ifin betri \\ Harb. 3 (4) 
skiljumk heilir: | mun-at skopum vinna \\ Grip. 53 (52) 
... II hodd Niflunga: | lifir-a nü Hogni \\ Akv. 26 (28) 

ß) Praes. ind. sing. 2 (3 Belege): 
ärligurn verkum hrösar pü verdinum: | veizt-at-u fyrir gorla |j 

Harb. 4 (7)i) 
snjallr estu l sessi: | skal-at-u svä gera, \\ Lok. 15 
lett es per, Loki: \ mun-at-tu lengi svä \\ .. . Lok. 49 

TJ Praes. ind. sing. 1 (5 Belege): 

kemra nü Gunnarr, \ kallig -a ek Hqgna \\ Gu5r. 3, 8 (6) 

eitt ek mest undrumk: \ mäk-at ek enn hyggja || . . . Am. 12 

allar*ö illüdgar: | äkk-a ek pess kynni, \\ Am. 13 

mcegd gat ek mikla: \ mäk-a-k pvi leyna, || 

kona väliga: | knäk-a ek pess njöta || Am. 56 (51; 

b) Praet. ind. sing. 3 (5 Belege): 
gullbrynju smö: \ vas-a gott i hug \\ Sig. 47 

hrceddr vas hvergcetir, \ helt-a in lengr rüw.i\\ Am. 62 (58) 
üt gekk hön sidan, \ ypdi-t litt hurdum \\ Am. 47 (44) 



1) Dieser Vers ist so unregelmäßig-, daß sich über seine Ab- 
teilung kaum etwas Bestimmtes sagen läßt. Ich stelle also den 
Beleg nur schematisch hierher. 



342 E. Sievers, 

gröftu svä undir, \ ggrdi-t Mut piggja (?) || Am. 96 (90) 
väpn hafdi kann ekki, \ varnadi-t [kann] vid Gudrünu \\ Akv. 

40 (43) 
€) Praet. ind. sing. 2 (1 Beleg): 
gjafar pü gaft, \ gaft-attu ästgjafar \\ Reg. 7 
Z) Praet. ind. plur. 3 (3 Belege): 
skgp cextu skjoldunga: | skyldu-at feigir\\ Am. 2 
Iqttu ävalt Ijösar, \ letu-at heldr segjask\\ Am. 31 (28) 
hengdu ä sülu, | hugdu-t pat varda \\ Am. 5 

Volle Eingangsstellung (Nr. 5 + 6) ist hiernach 150 
+ 20 = 170 mal belegt. 

7. Das negierte Verbum rückt zwar in das Innere des 
Satzes, bleibt aber doch am Eingang eines Verses (einer 
Halbzeile oder einer Vollzeile) stehen. Man kann das etwa 
als halbe (d. h. hier 'bloß metrische', nicht zugleich auch 
sprachliche) Eingangsstellung bezeichnen, im Gegensatz zu 
der 'vollen Eingangsstellung' von Nr. 5 und 6. 

Dieser Fall begegnet 29 mal, und zwar 26 mal im Ljööa- 
hättr, 3 mal im FornyrÖislag (der Mälahattr weist nichts hierher 
Gehöriges auf). Er scheint also im LjöÖahattr mehr beliebt 
gewesen zu sein, als in den andern Metren. Ich scheide da- 
her hier nach den Versmassen. 

a) Ljöbahattr. 

a) Indikativsätze (die weiteren Unterabteilungen, soweit 
vorhanden, in derselben Folge wie oben): 18 Belege: 

hyrdi hetri \ herr-at rnadr brautu at \\ Hav. 10. 11 
vegnest verra \ vegr-a hann velli «^ || Hav. 11 
at augahragdi \ skal-a rnadr annann hafa \\ Hav. 30 
ganga skal, \ skal-a gestr vesa \\ ey l einum stad \\ Hav. 35 
vöpnum sinum \ skal-a rnadr velli ä\\feti ganga framarr\\ 

Hav. 38 
mikit eitt \ skal-a manni gefa \\ Hav. 52 

meyjar östum \ mun-a per veröa, \\ visi gestr, of varit \\ Alv. 8 
syni pinum \ verör-a scela skgpiid \\ Reg. 6 
fjolkunnigri konu \ skal-at-u l fadmi sofa \\ Hav. 113 (112) 
primr ordum senna \ skal-at-u per vid verra mann \\ Hav. 125 

(124) 
upp Uta I skal-at-tu i orrostu \ Hav. 129 (128) 
at ösätt minni | skal-at-tu pat it unga man \\ hafa . . . Alv. 6^) 
drukkna deila \ skal-at-tu vid dolgvidu \\ Sigrdv. 29 
muni pina \ hykk-a ek svä mikla vesa \\ Sk. 5 
la7igt lif \ pykkjumk-a-k lofdungs vzYa || Sigrdr. 37 



1) So ist abzuteilen. 



Zur nordischen Verbalnegation. 843 

ökynjan meira \ kom-a med äsa sonum \\ Lok. 56 
pvlt allir menn \ urdu-t jafnspakir \\Hslv. 53 

ß) 3 Imperativsätze: 

sifja Sil fr \ lät-a-pu pinum svefni räda \\ Sigrdr. 28 
sakar ok heiptir \ Tiyggj-at svefngar vesa || Sigrdr. 36 
fiat rceö ek per pridja, | at pü pingi ä || deili-t viö heimska 

hali II Sigrdr. 24 

•f) S Optativsätze: 

at hyggjandi sinnt \ skyli-t maör hrcesinn vesa \\ Hav. 6 
hrcevakuldi \ megi-t plnu holdi fara jj Grog. 12 
at pü Loka \ kvedir-a lastastqfum \\ Lok. 16 
fearsms, | es fengit heßr, \\ skyli-t madrpqrfpola || Hav. 40(39) 
olrünar skaltu kunna, j ef pü vill {at) annars kvcen \\ veli-t 
pik i trygö, ef pü trüir \\ Sigrdr. 7 

b) FornyrÖislag. 

Nur 3 Indikativsätze: 

pvl pü, Gripir, pat | gerr-a segja \\ Grip. 20 
svärra sära \ säk-at ek ne kunno {?) Ghv. IP) 
ok tu gota ekki \ gerdu-t heyra \\ Hämo. 18 

8. Das negierte Verbum steht (22 mal) im iDnern eines 
Satzes und zugleich im Innern einer einheitlichen Vers- 
zeile. Man kann das als volle (d. h. hier sowohl sprach- 
liche wie metrische) Binnenstellung bezeichnen. Ich 
scheide wieder nach Metren. 

a) Das Verbum steht im Innern einer Ljöbahattr- 
VoUzeile: 13 Belege: 

a) 8 Indikativsätze^): 

at kann es-a vamma vanr jj Hav. 22 
ok es-a pö vönu verr jj Lok. 36 
heima skal-at hvlld nema || Alv. 1 
es kann hafdi-t gygjar gaman\\ VafJ)r. 32 
ok vard at kann ösum a^mri 1| Vaf J)r. 38 (vasat A) 
ok pöttisk-a pü pä pörr vesa || Harb. 26 (78). Lok. 60 
ok 7nättir-a pü pä nesti nä jj Lok. 62 
ß) 1 Imperativsatz: 

ok gef-at plnum fjondum frid \\ Hav. 127 (126) 
•f) 4 Optativsätze: 

ok standi-t per mein fyr munum jj Grog. 15 
pött kann se'i-t vceddr til t;e^ || Hav. 61 



1) Ganz unsicherer Vers. Einen neuen Heilungsversuch von 
Björn Magnüsson Olsen s. in der Festskrift til Ludv. F. A. Wimmer, 
Kebenhavn 1909, S. 156 f. 

2) Als verderbt lasse ich dabei die Zeile pats menn doemi 
vissu-t til \\ Am. 86 (81) beiseite. 



344 E. Sievers, 

pött Kann hafi-t gödan\\B.2iV. 61 

ef per kvcemi-t l pverst pvari \\ HHj. 18 

b) Das Verblira steht im Innern einer Ljobabattr- 
Halbzeile: 2 Belege: 

Ijöd ek pau kann | es kann-at pjödans kona \\ Hav. 146 
pö hafdak pat cetlat i at mynda-k aldrigi \\ unna vaningja 

vel II Sk. 37 (38) 

c) 2 Belege für den Malahattr: 

hceg vas-at {at} hjaldri, \ hvars hon hendr festi\\ Am. 49 (46) 
vadit hefr pü at vigi, \ pött vceri-t skaplikt \\ Am. 92 (86) 

d) 5 Belege für das Fornyrbislag^): 
hvl tregr-at ydr | teiti at mcela \\ Ghv. 2 

nü mun-a hqndum \ hvlld vel gefa || Grott. 17 
ef pü getr-at son \ vid siklingi \\ Reg*. 11 
... II snarlynd sofitf \ sliks eru-t doßmi \\ Grip. 42 
t7'ytti (B ftravno hvot: | tltt vas-at btda\\ HamÖ. 17 

Auf die Halbzeilen aller drei Metra zusammen ent- 
fallen somit nur 9 Belege gegenüber 13 Belegen für die Voll- 
zeilen des Ljööahättr allein. Die Häufigkeit der Binnenstellung 
wächst also mit der Durchschnittslänge der einzelnen Vers- 
zeilenart. — Außerdem ist zu beachten, daß auch bei diesem 
Stellungstypus das Verbum meist soweit nach vorn rückt, als 
überhaupt möglich: denn unter 22 Belegen hat es 16 mal vor 
sich nur eines der an sich schwachtonigen satzverbindenden 
Wörter, die notwendig an die Spitze treten, 2 mal ein solches 
Wort + Personalpronomen {at kann Hav. 22, es hann Vaf})r. 32 : 
die Stellung ist ebenfalls syntaktisch gebunden), und nur 4 mal 
ein an sich starktoniges Wort, das auch an späterer Stelle 
des Verses oder Satzes stehen könnte {heima Alv. 1, hoeg 
Am. 49, sUks Grip. 42, tut Hamb. 17; vgl. jedoch auch unten 
die Fußnote). 



1) Hierzu würden nocli 2 weitere kommen, wenn Bj. M. Olsen 
in der Festskrift til Ludv. F.A. Wimmer S. 153 ff. im Brot 13 mit Recht 
föt nam-at hrcßra, | fjqld nam-at spjalla \\ liest. Ich bin aber nicht 
sicher, daß mit diesem Vorschlage schon alle Schwierigkeiten ge- 
hoben sind. Der Sinn wäre ja vortrefflich, aber sobald man nam-at 
als negiertes Verbum zusammennimmt, werden die beiden Zeilen 
durch den durch den negativen Sinn hervorgerufenen Kontrastakzent 
aus dem Tonniveau der Strophe herausgedrängt (sie werden höher 
als der Rest der Strophe, während sie bei getrenntem nam at im 
Niveau liegen). Auch macht die Voranstellung der starktonigen 
föt und fjold mir immerhin eine kleine Schwierigkeit, nach dem was 
oben am Schluß bemerkt ist. 



Zur nordischen Verbalnegation. 345 

9. Das negierte Verbum (hier und im folgenden ein- 
gerechnet die Formen mit angeschleiftem Pronomen, wie 
pikh-a-lc oder grät-at-tUj die streng genommen hinter dem 
Terbum' noch ein Pronomen haben) tritt an den Schluß 
einer vordem Halbzeile, während der Satz in die nächste 
Halbzeile hinein weiterläuft. Dies, ist der leichteste Fall 
eines Stellungstypus, der sich als halbe (d. h. hier 'bloß 
metrische', nicht zugleich auch 'sprachliche') Endstellung 
bezeichnen läßt^). Der Belege sind es 10. 

a) 4: für den Ljööahättr: 

mat pü vill-at \ ne manskis gaman \\ Hav. 114 (113) 

Loka ek kvedk-a | lastastqfum || Lok. 18 

fodur ek äkk-a \ sem fira synir \\ Fafn. 2 

mey pü teygj-at \ ne manskis konu \\ Sigrdr. 32 

b) 1 für den Malahattr (?): 

pats vit cettim-a I annat slikt \\ Akv. 6 

c) 5 für das Fornyröislag: 

fadir vas-at-tu \ Fenrisulfa \\ HHu. 1,40 (42) 
isllks dcemi kvad-at-tu \ sldan mundu \\ . . . Oddr. 12 (11) 
päs ek vildig-a-k \ vaxna lata \\ Guör. 2,40 (41) 
svät ek inättig-a-k \ mcerum hjarga || Oddr. 32 (30) 
at pü kvelj-at \ kvön Vqlundar\\ Vkv. 33 (35) 

10. Einmal findet sich dieser Stellungstypus auch beim 
Übergang des Satzes von der Langzeile des Ljöbahättr zur 
Vollzeile: 

ek pvl red \ es pü rida ser-at\\ 

Sldan Baldr at sglum | Lok. 28 2) 

11. Als nächste Parallele schließt sich hieran der weitere 
Fall an, daß das negierte Verbum an den Schluß einer 
Halbzeile tritt, mit dem zugleich der betreffende Satz gram- 
matisch zu Ende geht, während der Sinn weiterläuft. 
Durch dies letztere Moment kommt doch eine gewisse psy- 
chische Bindung des fraglichen Satzes mit dem folgenden zu- 
stande, die den Eindruck der Endstellung des betreffenden 



1) Von einem anderen Gesichtspunkte aus könnte man hier 
natürlich ebensogut von 'halber Mittelstellung' reden: aber das, 
worauf es praktisch ankommt, ist hier nicht sowohl die Stellung im 
Innern des Satzes, als die Stellung zu P^nde der Halbzeile. 

2) Der Sinn der Stelle (s. Detter-Heinzel 2, 256) wie die Vers- 
melodie scheinen mir hier doch das Präteritum red zu fordern, 
nicht das Präsens rced. 



346 E. Sievers, 

Verbums schwächt. Man kann danach diesen Typus etwa als 
gemilderte Endstellung bezeichnen. Er findet sich 9 mal: 

a) 2mal beim Übergang von einer ersten zu einer zweiten 
Hai bz eile beim LjööaliAttr: 

haug ek pikk-a-ky \ pött hrendr seiHSk. 22 

nött pü rls-at, \ neina ä njösn seVr || Hav. 112 (111) 

b) Sinnesfortgang über den Schluß einer Langzeile 
hinweg; 

a) 3mal beim Ljööahattr: 

margr pä frödr pykkisk, \ ef kann freginn es-at,\\ 

ok näi kann purrfjallr pruma \\ Hav. 30 
flygra kann svä stinnt, \ at ek stodvig-a-k, \\ 

ef ek kann sjönum of sek \\ Hav. 150 
hrennrat svä breitt, \ at ek hönum hjargig-a-k:\\ 

pann kann ek galdr at gala \\ Hav. 152 
ß) Imal beim Mälahättr: 
annann red hön hqggva, \ svät sä upp 7'eis-at:\\i helju hön 

pann hafdi: \ peygi henni hendr skulfu || Am. 51 (47) 
Y) 3mal beim Fornyröislag: 
Saat inadr armlikt \ hverr es pat sä-at,\\ 

hve par ä Herkju \ hendr svidnudu \\ Guör. 3, 11 (10) 
pä vard ek pess vis \ es ek vildig-a-k,\\ 

at pau veltu mik \ i verfangi \\ Helr. 13 
blök pik, Sväva \ {brüdr, grät-at-tü!), 

ef pü vill minu \ mäli hlyda \\ HHj. 41 
Nicht mitgerechnet ist dabei die Steile 

opt pü gaft I peims pü gefa skyldir-a, || 
enum slcevnrum sigr \\ Lok. 22, 
denn hier ist (wie schon in meinen Proben einer metrischen Her- 
stellung der Eddalieder S. 68 bemerkt wurde; vgl. auch Gering 
Die Rhythmik des Ljööahattr § 75, Anm. 4 = ZfdPh. 34, 201) wegen 
des unmöglichen Versausgangs nach der Parallelstrophe 23 unzweifel- 
haft ... ne skyldir \\ zu lesen. Die Zeile gehört dann nicht hierher, 
sondern zu der Gruppe von Versen, die unten in Nr. 18b besprochen 
wird. 

12. Volle Endstellung, bei der das negierte Verbum 
zugleich an den Schluß von Satz (bzw. Gedanken) und Vers 
tritt, ist nur Imal belegt, und zwar in einem jungen Texte: 

ef meinti'egar \ mer angradi-t. \\ Grip. 34 

13. Anhangsweise sei gleich hier noch eines sehr sonder- 
baren Unterschiedes gedacht, der die Fälle mit Eiugangs- 
oder Binnenstellung (Nr. 5— 8) von denen mit End Stellung 
irgendwelcher Form (Nr. 9 — 12) trennt. In den ersteren herrscht 
nämlich durchaus die dritte Person vor, wie das die folgende 
Übersicht erkennen läßt: 



Zur nordischen Verbalnegation. 347 



3. Pers. 
Volle Eiugangsstellung 95 
Halbe Eingangsstellung 23 
Binnenstellung 17 



2. Pers. 

2V) 
4 
4t 



321) 



1. Pers. 

41 

2 

1 



44 



135 

Bei Endstellung tritt dagegen die dritte Person ganz auf- 
fällig hinter der ersten und zweiten zurück. Für die erste 
Person ergeben nämlich die Listen von Nr. 9 ff. 9 Belege, 
für die zweite Person 8, für die dritte Person aber nur noch 
4, nämlich 

a) ef hann f reginn eÄ-a^,l|Hav. 30 (Nr. 11 ba) 
svät sä upp reis- at : \\ Am. 51 (Nr. llbß) 
hve7^r es pat sä-at^\\ Guör. 3, 11 (Nr. 11 by) 

b) mer angradi-t.\\(jx\^. 34 (Nr. 12). 

B. Die Doppelnegation ne + -af ~at, -t. 

14. Man könnte gegen das eben Gesagte einwenden, das 
Zahlenmaterial sei nicht groß genug, um einigermaßen bin- 
dende Schlüsse daraus ableiten zu lassen. Dieser Einwand 
läßt sich aber, wie mir scheint, durch Beiziehung der Verba 
mit Doppelnegation widerlegen, die so ziemlich in allem das 
Widerspiel zu denen mit einfacher Negation darstellen. So 
gleich in Beziehung auf die verschiedene Häufigkeit der drei 
Personen des Verbums. Die negierten dritten Personen 
auf -üj -{a)t, die, wie eben ausgeführt wurde, in Endstellung 
irgendwelcher Art so sehr hinter den ersten und zweiten Per- 
sonen zurücktraten, sobald die Negation lediglich in den an- 
gehängten -a, '{a)t besteht, finden sich nämlich in Endstellung 
in recht großer Anzahl, wenn dem Verbum noch die Partikel 
ne vorausgeht: 

a) Volle Eudstellung (vgl. Nr. 12): 

a) Imal beim Ljööahättr: 

hveim es sina mcelgi ne man-at.\\ Lok. 47 

ß) 5mal beim M|alahattr: 

gamna greystödi, | ef Gunnarr ne kemr-at. \\ Akv. 11 
skyldu um sce sigla, \ en sjqlf ne komsk-at. \\ Am. 3 
sea ek pat mcetta, \ at hön ser ne yndi-t. \\ Am. 58 (54) 
settum pann scelan \ es ser ne ätti-t.\\ Am. 99 (93) 
sverdi särbeitu, \ at ser ne strlddi-t.\\ Hämo. 8 

1) Die Zahlen 24 und 32 erhöhen sich auf 34 und 42, wenn 
man die in der Tabelle nicht mitberechneten 10 Imperativsätze 
(oben Nr. 5 b) einbezieht. 



848 E. Sievers, 

Y) Imal beim Fornyröislag: 
jör pat vissi: | eigendr ne lifdu-t.\\ Guör. 2,5 
b) Gemilderte und halbe Endstellung (vgl. Nr. 11 und 9): 
je Imal im Fornyröislag: 

a) ok peir kömu \ pars [peir] koma ne skyldu-t,\\ 

pars hreiddu vit | blceju eina. \\ Oddr. 25 (23) 
ß) sofa peir ne raöttu-t \ ne of sakar do&ma \\ Gu5r. 2,3 

15. Diesen 9 Belegen für die dritte Person mit Doppel- 
negation stehen ferner wieder nur 3 Belege für die zweite 
Person gegenüber, die sämtlich dem Ljöbahattr angehören; 
die erste Person fehlt vollständig: 

a) Volle Endstellung (vgl. Nr. 12): 

es pü at gräti ne f<zr-at\\ Hämo. 9 

b) Halbe Endstellung (vgl. Nr. 9): 

gest pü ne geyj-a \ ne ä grind hrekkvirW Hav. 135 (134) 
veiztu ef fodur ne ätt-at \ sem fira synir, \\ Fafn. 3 

Der letzte Beleg scheint, trotz seiner Isoliertheit, besonders 
wichtig zu sein, denn die Zeile nimmt die Parallelworte 

fgdur ek äkk-a | sem fira synir, \\ Fafn. 2 (Nr. 9a) 
auf, mit Umsetzung aus der ersten in die zweite Person. Wenn 
dabei der zweiten Person das ne beigesetzt wird, das der ersten 
fehlt (sie hat an dessen Stelle das Pronomen ek), so darf man 
doch wohl vermuten, daß auch das nicht ohne Grund ge- 
schehen ist. 

16. Noch schärfer markiert ist der Gegensatz zwischen 
der Behandlung des einfach und des doppelt negierten Verbums 
bezüglich der andern Stellungstypen. Während einfach negiertes 
Verbum 170 + 29 = 199 mal in Spitzenstellung auftrat (Nr. 5 f. 
und 7), ist Eingangsstellung von Verbum -f- Doppel- 
negation in der Edda überhaupt nicht belegt (auch nicht 
einfaches we-h Verbum, s. unten Nr. 18a); in Binnenstellung 
endlich (die bei einfacher Negation 22 mal vorkam, s. Nr. 8) 
begegnet doppelt negiertes Verbum nur Imal in einer Voll- 
zeile des Ljöbahattr: 

hvi ne lezk-a-pu, Loki^ \\hok. 60 

17. Hiernach läßt sich denn wohl auch nicht bezweifeln, 
daß Endstellung irgendwelcher Art bei der dritten Person mit 
Doppelnegation (soweit diese Kombination überhaupt vorkam) 
ebenso typisch war, wie sie bei der Verbindung von dritter 
Person mit bloßem Negativsuffix numerisch zurücktrat, daß 
also hier wirklich ein ausgesprochenes Wechselprinzip bestand. 



Zur nordischen Verbalnegation. 349 

0. Die einfache Negation ne, 
18. Auch für die Behandlung von einfachem ne -|- 
Verbum hat eine bestimmbare Praxis gegolten. 

a) Eingangsstellung und Binnenstellung kommen 
nicht vor (vgl. oben Nr. 16). 

Anm. Gering führt zwar im Vollständigen Wörterbuch S. 719 
drei eddische Belege für einfaches ne in Spitzenstellung an, diese 
gehören aber, wie mir scheint, nach dem ganzen Zusammenhang 
der Stellen vielmehr zu den 7ie = 'und nicht' (vgl. oben Nr. 3). Es 
sind die Stellen ^e pät möttu \ mcerir tivar || . . . Hym. 4 ('aber 
nicht . . .'), Ne ek vilda pat \ at mik verr cetti \\ Sig. 35 ('und ich 
wollte nicht .. .'), endlich ärliga verdar \ skyli madr opt fäa,\\ne 
an tu kynnis fcom^ || Hav. 33, falls die Konjektur ne an für nea K 
(d. h. nemo) richtig ist: auch hier ist dann wieder mit 'und nicht* 
zu übersetzen. Somit bleibt von Gerings Belegen höchstens noch 
ein Beispiel aus der Gylfaginning Kap. 35 übrig (Bugge S. 330, 
Sijmons S. 216, Hildebrand-Gering S. 473): Ne ek flyg, \ pö ek fer\\ 
ok ä lopti lld. II Aber auch da hat ja ne nicht die gewöhnliche Be- 
deutung, sondern die von ahd. nalles u. ä., d. h. es negiert nicht 
den Inhalt des Satzes, sondern nur den einen Wortbegriff 'fliegen'. 
Überdies wird das ne hier nur von Wr geboten: U liest dafür eigi. 

Für ne = 'und nicht' ist allerdings die Eingangsstellung nur 
ganz normal, da dieses ne ja in der Regel einen neuen Satz ein- 
leitet, der üblicherweise mit dem Versanfang zu beginnen hat. 
Ausnahmen wie sat kann ne kann svaf ävalt || Vkv. 20, höfu rnik ne 
drekdu \ hövar börur || Ghv. 13 sind nicht häufig zu finden (wegen 
Ghv. 11 vgl. oben S. 343, Fußnote). 

b) Dagegen ist auch hier wieder Endstellung im 
weitesten Sinne typisch, doch so, daß hier die halbe und 
namentlich die gemilderte Endstellung (Nr. 9 und 11) über- 
wiegen, volle Endstellung aber zurücktritt. 

a) 3 mal halbe Endstellung am Schluß einer ersten Halb- 
zeile, nur im Ljööahättr belegt: 

üt pü ne kenir \ örum hollum frä || Vafpr. 7 
iit pü ne kvcemir \ frä äsa sonum \\ Lok. 27 
mey kann ne grcetir \ ne manns konu \\ Lok. 37 
ß) 2mal desgl. am Schlüsse einer Langzeile, ebenfalls im 
Ljööahättr: 

sorg etr hjarta, \ ef pü segja ne näir\\ 

einhverju7n allan hug \\ Hav. 121 (120) 
margr es sä hvatr \ es hjqr ne rydr\\ 

annars brjöstum l \\ Fafn. 24 
Y) 8mal gemilderte Endstellung, am Schlüsse einer ersten 
Halbzeile: 2mal im Ljööahättr: 

ef ek Gunnladar ne nytak, \ ennar gödu konu || Hav. 108 (107) 
ef pü sverds ne nytir, | pess es ek sjalfr gerdak \\ Fafn. 29 (27) 



860 E. Sievers, 

Imal im Mälahdttr: 

glyja pü ne gädir: \ Guiinarr per svä vildi \\ Hamb. 7; 
ömal im Foniy r 5islag: 

söl pat ne vissi, \ hvar hon sali ätti^\\ 
mäni pat ne vissi, \ hvat hann megins öfti, \\ 
stjqrnur pat ne vissu, \ hvar pcer stadi öttu || Vsp. 5 
ondpau ne öttu, \ öd pau ne hofdu, \\ Vsp. 16 (18; vgl. unten 6) 
svefn pü ne sefr^ \ ne um sakar doemir \\ Grip. 29 
6) 11 mal desg-l. am Schluß einer Langzeile, 7 mal im 
Ljööahattr: 

opt fä ä horskan, \ es ä heimskan n e fä, \\ 

lostfagrir litir \\ Hav. 93 (92) 
esat madr svä gödr, \ at galli ne fylgi-, \\ 

ne svä illr at einugi dugi \\ Hav. 133 (132) 
öumk ek of Hugin, \ at hann aptr ne komi^): \\ 

pö seumk meirr um Munin. \\ Grimn. 20 
veiztu ef ek gaf \ peims ek gefa ne skylda, \\ 

enum slcevunim sigr: || Lok. 23 ''^j 
ok pik i flets sträi | finna 7ie möttu,\\ 

par es vögu verar \\ Lok. 46 
gneggja myndir pü, Atli, \ ef pü geldr ne vcerir: \\ 

brettir sinn Hrlmgerdr hala. \\ HHj. 20 
pat rcßd ek per annat, \ at pü eid ne sverir, \\ 

nema panns sadr sei. || Sigrdr. 23 ; 
Imal im Mdlahattr: 

grytid er ä gumna, | alls geirar ne hita,\\ 

eggjar ne Isarn, | Jönakrs sonu \\ HamÖ. 25 (26); 
3 mal im Fornyröisl ag: 

gnd pau ne öttu, \ öd pau ne hofdu, \\ 

lä ne Iceti \ ne litu göda \\ Vsp. 16 (18; vgl. oben t) 

hön ser at lifi | lost ne vissi, \\ 

ok at aldrlagi j ekki grand || Sig. 5 

vöru l horni \ hvers kyns stafir \\ 

ristnir ok rodnir \ {räda ek ne mättak): 

lyngfiskr lagar, \ lands Haddingja || . . . Guör. 2, 22 (23) 

€) Imal desgl. am Schlüsse einer Ljöbahättr-Vollzeile: 

svät mer mangi mat ne haud,\\ 
nema einn Agnarr, \ es einn skal räda || . . . Grimn. 2 
Z) 3mal volle Endstellung im Ljööahattr: 
ok vid pat itpridja, \ at (pik)pjöfar neleiki. \\ Hav. 131 (130)3) 
muni plna \ hykka ek svä mikla vesa \\ 

at pü mer, seggr, ne segir',\\ Sk. 5*) 



1) So AWr, kemr U, gegen komit R: die Versmelodie ent- 
scheidet gegen die Doppelnegation. 

2) Über Lok. 22 s. oben Nr. llbr. 

3) Anomale Strophen form. 

4) Schluß der ersten Halbstrophe mit ziemlich starker Pause, 



Zur nordischen Verbalnegation. 351 

hvi pegid er svä, | pritngin god, \\ 

at per mcela ne megud? || Lok. 7 

19. Was das Verhältnis der beiden zuletzt besprochenen 
Alisdruckstypen, d. h. der Formel ne -f- Verbum + -a, '{a)t 
und ne + Verbura allein, anlangt, so besteht auch da ein 
Gebrauchsunterschied ; d. h. die eine tritt mit Vorliebe in den- 
jenigen Stellungen auf, die bei der "andern weniger beliebt 
sind, und umgekehrt. Die Verhältniszahlen sind nämlich für 



Doppelnegation 
bei voller Endstellung 8 

„ halber „ 2 

y, gemilderter „ 2 



einfaches ne 

5 

20 



D. Weitere Besonderheiten. 

20. Die oben vorgeführten Listen weisen 242 Belege 
für einfach suffixal (d. h. nur mit -a, -at, -t) negiertes 
Verbum auf. Davon stehen 199 (oder ca. 82^/o) in metrischer 
Eingangsstellung, 22 (oder ca. 9^/o) in metrischer Binnen- 
stellung, und 21 (oder ebenfalls ca. 9^/o) in metrischer End- 
stellung. Metrische Eingangsstellung ist also hier geradezu 
typisch. Umgekehrt erscheinen von 13 Belegen für doppelt 
negiertes Verbum nicht weniger als 12 in metrischer End- 
stellung, nur 1 in metrischer Binnenstellung. Einfaches ne 
+ Verbum endlich steht ausnahmslos (28 mal) in metrischer 
Endstellung. 

Schon diese Zahlen sprechen nicht sehr zugunsten von 
Nordenstrengs Ergänzungsvorschlag pött hreitt sei{'f) (oben 
Nr. 1). Noch ungünstiger aber gestaltet sieb für diesen die 
Sachlage, wenn man noch die Besonderheit der Satzart und 
der Wortform mit in Rechnung stellt, d. h. wenn man 
berücksichtigt, daß es sich hier um einen optativischen 
Nebensatz mit einleitendem Kennwort^) bzw. um eine 
zweisilbige Verbalform handelt. 



daher doch vermutlich hierher zu stellen, obwohl die zweite Halb- 
strophe mit pvtt cesir vitu usw. anknüpft. Eventuell gehört sonst 
der Beleg zur gemilderten Endstellung. 

1) Darunter ein etwas zweifelhafter Fall (Sk. 5), der vielleicht 
zur gemilderten Endstellung zu schlagen ist (s. die vorige Fußnote); 
diese bekäme dann 21 Belege. 

2) Über den Begriff 'Kennwort' vgl. die oben S. 335 zitierte 
Abhandlung S. 517 Nr. 6. Ich bemerke ausdrücklich, daß bei den 



852 E. Sievers, 

21. Sätze der bezeichneten Art (d. h. Optativsätze mit 
Kennwort) habe ich mir aus der Edda (bei Ausschluß von 
Harbarbsljöb und Fjolsvinnsmql) im ganzen 369 notiert; davon 
entfallen 18 auf Negativsätze mit den uns hier allein be- 
schäftigenden Negationen -«, -{a)t oder ne, die übrigen 351 
sind entweder Positivsätze oder enthalten andere Negativ- 
ausdrücke als die genannten (z. B. die Konjunktionen nema 
Venn nicht', stör "damit nicht', oder Bildungen mit -gi ein- 
schließlich eigi u. dgl.). Diese letztere Gruppe noch einmal 
zu spalten, je nachdem der Inhalt der Sätze positiv oder 
negativ ist, sehe ich keinen Grund, da ich keinerlei Gebrauchs- 
unterschied zu entdecken vermag, der auf diesem Gegensatz 
beruhte. Ich begnüge mich also damit, nur jene zwei Haupt- 
gruppen zu unterscheiden und stelle aus praktischen Gründen 
die weit umfangreichere zweite voraus, die ja in der Haupt- 
sache allerdings aus Positivsätzen besteht. 

Für diese Gruppe nun ergibt sich bezüglich der Stellung 
des Verbums folgendes: 

22. Metrische Eingangsstellung des Verbums ist 
möglich (wenn nämlich Kennwort und Verbum in verschiedene 
Verszeilen treten), aber nicht sehr beliebt (10 Belege). 

a) Ljööahattr: hve ek at andspilli | komumk ens unga 
man*' II Sk. 11; ähnlich kvedi Lok. 10, lätir Lok. 53 und hverr...\ 
...\\yrdi... Vaft>r. 28. — b) Mälahättr: heldr enn ä hqndum 
gull I skini Hüna boriium \\ Akv. 27. — c) Fornyröislag: ef ek 
minn hamar \ mcettak hitta\\Pi\ 3; ähnlich syngvi HHu. 2,33, 
gerdi Sig. 58, svcefak Helr. 13, gcefi Ghv. 18 (dazu vgl. noch 2 Fort- 
setzungen : eda . . . festir . . . Hym. 26, eda . . . || vildi . . . Guör. 2, 17). 

23. Viel häufiger ist schon metrische Binnenstellung 
des Verbums mit 77 Belegen. Es finden sich folgende Unter- 
arten der Stellung: 

a) Das Verbum tritt (34 mal) unmittelbar hinter das 
Kennwort, das mit Ausnahme der Zeile vardar (bzw. vorumsTc) 
at viti sva Hyndl. 17. 18. 31. 36. 39 stets den Vers eröffnet. 



folgenden Zahlangaben, wo nicht das Gegenteil angemerkt ist, nur 
Sätze berechnet sind, welche direkt durch ein Kennwort (Konjunk- 
tion, Relativ- oder Fragepronomen) eingeleitet sind, nicht aber deren 
etwa mit ok, eda, ne oder auch asyndetisch angeschlossenen Fort- 
setzungen. Auch habe ich die Relativsätze ausgeschlossen, deren 
Optativ nicht nur Zeichen der Satzabhängigkeit ist, sondern selb- 
ständige Bedeutung ('mögen' u. ä.) hat. 



Zur nordischen Verbalnegation. 353 

a) Ljööahättr: z. B. ädr gangi fram.\\ll2iV. 1 in b*); so noch 
in b (für a fehlen Belege) se{i) Hav. 72. 124. Fafn. 30. 31 (2), v(zri 
VafJ)r. 29. 35, myndak Sk. 37 (9 Belege); in c se{i) Hav. 10. 11 (2), 
pyrptak Hav. 67, reisi Hav. 72 (5 Belege ; dazu die Fortsetzung eda 
hefdi . . . Hav. 109); — ß) Malahättr: enn se allra Hüna Akv. 7; 
ähnlich se{i) Hav, 145 (2), kv(Bmi Am. 2, vceri Am, 19, munim Am. 29, 
mundu Am. 48, klekkvi Am. 58, skylim Hamb. 30: zusammen 9 Be- 
lege für b; für a nur Imal sem aki jö öbryddum | ... mit der 
Fortsetzung eda skyli . . . Hav. 90; — y) Fornyröislag, wie in 
hverr skyldi dverga \ . . . Vsp. 9 in a; desgl. ebenda skyldu Vsp. 24, 
hefdi Vsp. 26, fmri Pr. 8, voeri Vegt. 1. Guör. 1, 18. 2, 2. Ghv. 15, 
se{i) HHu. 1, 34. 45, hafi Grip. 42, vcßrak Sig. 28, vissi (?) Grott. 10 
13 Belege, dazu di e 4 Fortsetzungen eda skyldi Vsp. 23, eda vceri 
(Guör. l, 18, eda cetti Sig. 61, eda hrendi Guör. 2, 12). — Weiterhin 
das obenerwähnte... at viti svä der Hyndluljöö (5 mal). — Für b 
nur 1 Beleg: ok pö selja | at vceri ör silfri\\^Y. 4. 

b) Zwischen Kennwort und Verbum tritt (37mal) 
ein schwacbtoniger 'Keil' (s. darüber Abhandlungen 27, 520 f. 
Nr. 12: wieweit etwa solche 'Keile' zu streichen sind, unter- 
suche ich hier nicht). 

a) Ljööahättr, wie at ek vcera enn kominnW'H.Siv. 108 in b; 
ebenda noch vceri Hav. 109, gäir Hav. 114, verpir Sk. 40, vcera 
Fafn. 8, trüir Sigrdr. 35 (6 Belege); in c gangir Hav. 19, mcBli 
Hav. 27(2), se{i) Hav. 34. 69, lyki Hav. 113, heilli Hav. 129, hyggi 
Grimn. 34, rida Sk. 38, hoßtir Lok. 62, haßr HHj. 20, skylda Reg. 2, 
vissa Reig. 7, frydir Fafn. 26, mynim Hämo. 29 (15 Belege, dazu 
2 Fortsetzungen: eda pü leitir . . . Hav. 112, ok pü stlgir . . . Sk. 40); 
— ß) Malahättr: at kann vceri grimmr Atla\\ Am. 88 in b; desgl. 
ef pü hefdir... Hämo. 27 (2 Belege); — t) Fornyröislag, wie e/* 
pcer vildi heim | . . . HHu. 1, 16 in a; desgl. vcerir HHu. 2, 33, skylda 
Sig. 37, fcerdi Helr. 10, cetta GuÖr. 2, 3, leti Guör. 2, 12, vcera Guör. 
2,17, mcetti Guör. 2,20, vcerir Oddr. 10, myndir Ghv. 19 (10 Belege); 
in b moettir Grip. 53, vitir Guör. 2, 9, lifi ib. 28, vilir ib. 30 (4 Be- 
lege, zusammen in a und b 14). 

c) Eine stärkere Trennung von Kennwort und Verbum 
findet sich bei metrischer Binnenstellung des Verbums nur 
selten (6 mal). 

Die Belege sind: at ei vceri piggja pegit Hav. 39, at leid 
sei laun, ef pegi Hav. 39, nema okkr vceri bödum borit Lok. 7, 
und, bei Verteilung von Kennwort und Verbum auf verschiedene 
Zeilen, svät pü einugi\\feti gangir framar \\ hok. 1, pött ser 
vardir\\vers fä'i, höss eda hvärs \\ Liok. SS (?), ef pü vilt at mangi 
per\\heiptum gjalcli Äarm || Sigrdr. 12. Das Verbum steht hier 
überall in der Vollzeüe von LjööahAttr-Strophen. 

1) Mit a und b bezeichne ich die erste bzw. zweite Halbzeile 
der Langverse, mit c die Vollzeile des Ljööahättr. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 23 



354 E. Sievcrs, 

24. Weitaus am geläufigsten aber ist die metrische 
Endstellung des Verbums, mit nicht weniger als 264 Belegen. 

a) LjöÖahättr: 101 Belege: a) 7 mal steht das Verbum am 
Schlüsse von a, in halber oder gemilderter Endstellung, wie 
veiztu ef ek inni cettak \ ^gis hollum l\\ . . . Lok. 27 oder sidr pü 
hefnir \ pött peir sakar gervi \\ Sdr. 22. So noch eigi Hav, 36, vcarak 
Lok. 14, cettak Lok. 43, Jioßdir Fafn. 7, skjötir Grog. 6. — ß) 23 mal 
am Schlüsse von b in halber Endstellun^, wie ne7na einir viti\\ 
sllkan lost saman Hav. 98. So noch mynda Hav. 99, se{i) Sk. 1. 2. 
13. 16. 22. Sigrdr. 31, beri Sk. 8, vegisk Sk. 8, kvedir Sk. 19, gefi 
Lok. 6. viti Lok. 21, telja Lok. 28, myni Lok. 31, skylir Reg. 12, 
seak Fafn. 8, skyldak Fafn. 26, skyli Fafn. 39, seir Sigrdr. 28. 37, 
fari Sigrdr. 29, bcBÖir Grog. 1; — t) 31mal desgl. in gemilderter 
Endstellung, wie in grödugr halr, | nema geds viti, \\ etr ser aldr- 
trega || Hav. 20. Der Satz umfaßt dabei 23 mal gerade eine zweite 
Halbzeile oder weniger, 8 mal (an den besternten Stellen) das Satz- 
schema a + bi). Vgl. moetti Hav. 4, pyrpti Hav. 22, lest Hav. 24, 
eigi Hav. 29, se{i) Hav. 33. 71. HHj. 20*. Fafn. 13*. Sigrdr. 26, moeti 
Hav. 89, hafi Hav. 110*, seir Hav. 112. Vafl)r. 6. Lok. 15, komiRiiv. 
158, viti Vafl^r. 9. Lok. 29*, stigi Vafl3r. 54, bei^ak Grimn. 1, vita 
Grimn. 24, beri Grimn. 36*, gjaldir Lok. 12*, pegir Lok. 41, vcerir 
Lok. 54, vissi Reg. 20, myni Fafn. 22*, vitir Sigrdr. 21, gervi Sigrdr. 
22, bjargir Sigrdr. 33, muna Grog. 5*. — b) 39mal am Schlüsse 
von c in voller Endstellung, wie pött hönum geirar gefi. \\ Hav. 16. 
So noch pegi Hav. 27. 39, komi Hav. 30. 33, glami Hav. 31, seir 
Hav. 126. Vafl^r. 7, dugi Hav. 133. se{i) Vafljr. 3. Sk. 26, Sigrdr. 23, 
vitir Vaf{)r. 42. Alv. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 25. 27. 29. 31. 33, 
fari Vaf})r. 47, viti Grimn. 35 Sigrdr. 24, Grog". 11, megir Grimn. 53, 
seim Sk. 7, segir Sk. 23, tidi Sk. 24 (anomale Strophenform), vegizk 
Lok. 18, segi Lok. 29, haß Fafn. 19, vesir Sigrdr. 22, geti Sigrdr. 25 
(anomale Strophenform), nemi Sigrdr. 26. 

b) Mälahättr: 32 Belege, alle am Schlüsse von b: a) 4 mal 
in halber Endstelluug, wie ef fjqr vildi\\ Gotna pjödann \ gulli 
kaupa II Akv. 20. So noch koemid Akv. 3, kvcemi Akv. 14, vce?^ 
Am. 12; — ß) 5mal in gemilderter Endstellung, wie es ver pat 
frcegim, \\ at pü sqk söttir | . . . Am. 101. Ähnlich noch foerir Akv. 
16 (?; Fortsetzung des Textes verderbt), lygi Am. 33. Vceri Am. 96, 
lifdi Hämo. 28; — y) 23 mal in voller Endstellung- (die sich aller- 
dings hier bei der eigentümlichen Stilart des Mälahättr nicht überall 
scharf von der gemilderten abhebt), wie hygg ek at hon vgrnud 
bydi\\ Akv. 8. So noch seldi Am. 4, foeri^ gcedi, vildi Am. 7, kvcemid 
Am. 12, eigim, fregnim Am 13, yrdim Am. 17, vceri Am. 22. 39. 51. 
83, hygdi Am. 83, hyrfi Am. 36. 37, retti Am. 63, deyja Am. 69, gcedi 
Am. 74, skyldi Am. 77. 97, skyldir Am. 82, rcekja Am. 97. 

c) Fornyröislag: 131 Belege: a) 20 mal am Schlüsse von a 

1) Einige der letzteren Stellen sind vielleicht besser zur 
vollen Endstellung zu rechnen: Hav. 10. Fafn. 13. 22. Grog. 5. 



Zur nordischen Verbalnegation. 355 

in halber Endstellung, wie nema hönum foeri | Freyju at kvön\\ 
Pr. 11. So noch hafi Hyndl. 9, heti Hyndl. 13, mitni Hyndl. 45, hefdi 
Vkv. 10, eigim HHu. 1,17, vlsii^ HHn. 1,19, hafim HHu. 2,46, se{i) 
'videat' Grip. 22, se{i) 'sit' Grip. 28, mceffi Brot 4, vceri Sig\ 13, meini 
Sig. 44, Äa/« Sig. 53, gcefi Sig'. 61, vcerak Helr. 3, frcegak Giiör. 2,6, 
CE^id Ghv. 3, gcEfak Ghv. 16, heyrdi (Tnd.?) Grott. 2; — ß) 7 mal 
desg'l. in gemilderter Endstellung, wie pött ver kvön eigitn \ päs 
per kunnid \\ Vkv. 33. Ähnlich noch alkunna Vegt. 8. 10. 12, sei 
Grip. 3, vceri Sig. 5, ynceltir Guör. 3,1. — y) 23 mal am Schlüsse von 
b in kurzen Sätzen, die gerade nur (wie bei dem Ausgangssatze 
pött hreitt sei) eine zweite Halbzeile (oder noch weniger) umfassen, 
in gemilderter Endstellung, wie ät sifjar verr, \ ädr sofa gengi,\\ 
einn med ollu | exn tvä Hymis \\ Hym, 15. Ähnlich noch yrdi Hym. 1, 
vceri^r. 4, tregi, taki, skjöti Ykv. 37, muna HHu. 1,40, prumillYiw. 
2,4, se[i) HHu. 2,11. Grip. 22. 26, skridi, renni HHu. 2,32, bregdir 
HHu. 2,33, litir HHu. 2,41, hygdi HHu. 2,50, spyrja Grip. 8, rydi 
Eeg. 26, seir Guör. 1, 12, alir Sig. 27, cetti Sig. 35, letak Sig. 36, 
skyldak Sig. 58; — h) 23 mal desgl. bei voller Endstellung, wie enn 
pü kyrr sitir. \\ Hym. 19. So noch hryti Hym. 28, foeri Hyndl. 24, 
fyndid Vkv. 22, doema Vkv. 31, hafa HHj. 7, seir 'sis' HHj. 10. Sig. 31. 
Guör. 2,39, seir 'videas' Grip. 29, koma HHj. 33, seak HHu. 1,20, 
spryngir HHu. 2,33, gangir HHu. 2,45, se Grip. 41. mcettir Fafn. 40, 
kncetti Sig. 3, hyggir Sig. 54, reöa Guör. 2, 38, hjalpir Oddr. 4, 5?/?^i 
Oddr. 15, spilti Oddr. 16, vildi Oddr. 21; — g) 11 mal am Schlüsse 
des ersten b in längeren Sätzen des Satzschemas b4-a(+b) bei 
halber Endstellung, wie in efkoma mcettid \\üt ör öru \ olkjöl hofi\\ 
Hym, 33 oder pött röa kynni\\krqpturligan, \ Hym. 28. So noch 
myni Hym. 18, vceri HHj. 34, mundi HHj. 35, farir HHu. 2, 51, 
kynni Fafn. 35, skyldi Brot 2, redi Brot 9, sei Guör. 1, 19, vUdi 
Guör. 2,18; — Z) 11 mal bei Satzschema a -}- b. bei gemilderter 
Endstellung, wie in munk, ef mik hudlungr \ hlöta vildi, \\ ok kys 
ek . . . HHj. 2. Ähnlich noch telja Vsp. 1 (?), gervir HHj. 41, bregdi 
HHu. 2, 36, keyrim HHu. 2, 41, mundak Fafn. 36, lätir Sig. 11, 
hjeggini Sig. 32, sei Sig. 65, svcefid Guör. 3,2, skyldak Oddr. 10: — 
ri) 35mal desgl. bei vo Her Endstellung, wie in ef ballr jotunn \ 
beitur gcefi. || Hym. 17. So noch heita Hym. 3, scetti f*r. 14, heimtir 
fr. 18,' läti Hyndl. 4, fari Hyndl. 46. 47, heitir Hyndl. 50, gerdi 
Vkv. 5, gjaldir HHj. 6, ^^r^cZi HHj. 37, vceri HHj. 39. Ghv. 21, mundi 
HHu. 1, ii8, deili HHu. 1,45. 2,23, kunni HHu. 1,51, leggisk, eigir 
HHu. 2, 32, sA:2/Zcie> HHu. 2, 42, kastir HHu. 2, 44, llti HHu. 2, 46, 
myndak HHu. 2, 47, ^;efc^ HHu. 2, 49, ver^i Grip. 16, ceti Fafn. 32, 
ÄeZc^i Brot 8, gengi Sig. 14, Ä:o7?ii Sig. 44, gcefi Sig 71, kynni Helr. 9, 
6•Z^<^■ Guör. 2,10, vcerim Oddr. 11, «e.f^'d» Oddr. 27, finni Grott. 6; — 
9) Imal im ersten b des Satzschemas ab -+- ab bei halber Eiidstel- 
lung: sem fyr ulß \ ödar rynni\\ geitr af fjalli \ geiskafullar \\ 
HHu. 2,37. 

25. Zweierlei tritt bei diesen Belegen charakteristisch 
hervor. Einmal das Hindrängen der Optativformen nach dem 



356 E. Sievers 



Versschluß (Eingangs-, Binnen- und Endstellung sind 10:77 : 263), 
sodann der vollständige Mangel von mehr als zweisilbigen 
Wortformen ^). Denn auch die beiden einzigen einschlagenden 
Stellen, wo man allenfalls an den Opt. denken könnte, hvat 
pü arnadir \ i jotunheima || Sk. 40 und adr sik midladi \ 
mcekis eggjum \\ Sig. 47 sind gewiß (z. B. mit Gering im Vollst. 
Wb.) in Wirklichkeit indikativisch zu fassen: wie es denn 
überhaupt auch in der Edda durchaus nicht an Belegen für 
(nicht negierte) dreisilbige Indikativformen fehlt (bei etwas 
flüchtiger Durchsicht habe ich deren einige 70 notiert), speziell 
auch nicht an Belegen für die Verwendung solche Formen in 
abhängigen Sätzen (vgl. außer den beiden oben gegebenen 
Zitaten noch 

päs minn Sigurdr \ sedladi Grana \\ Guör. 1,22 
vreidr vas pä Vingpörr \ es kann vaknadi\\ 
{ok slns hamars \ um saknadi \\ ) Pr. 1. 
sat kann svä lengi \ at kann vaknadi\\ Vkv. 11 
svät hon l sessi \ um sofnadi \\ Vkv. 28 
päs hroßdr plnum \ brjöst raufadir || HHu. 1,41 
päs pü Gullnis \ geitr molkadir \\ HHu. 1,43 
es vaknadi \ vif ör svefni \\ Grip. 16 
peirs Eylima \ aldrs synjudu\\ Reg. 15 
svät mer mangi \ munar leitadi\\ Guör. 1,8 
sem pü halsadir | heilan stilli \\ Guör. 1, 13 
hve pcer ä Herkju \ hendr svidnudu\\ Guör. 3. 11). 
26. Stellt man sich andrerseits die optativischen Neben- 
sätze zusammen, welche eine der Negationen -a {-a, -t) bzw. 
ne oder beide enthalten, so ergibt sich folgendes Bild: 
a) für die einfache Negation -ß, -at, -t: 

a) Mit Binnenstellung: 

pött kann se'i-t vceddr tu vel || Hav. 61 
pött kann hafi-t gödan \\ Hav. 61 
ef per kvcemi-t i pverst pvari \\ HHj. 18 (Nr. 8aY) 
pött vceri-t skaplikt\\ Am. 92 (Nr. 8c) 
ß) Mit Endstellung (über Lok. 22 s. Nr. llbT): 
at ek stadvig-a-kWUnv. 150 
at ek hönum bjargig-a-k\\Ila,v. 152 (Nr. llba) 
ef meintregar \ mer angradi-t II Grip. 34 (Nr. 12) 
pats Vit (ßttim-a \ annat slikt \\ Akv. 6 (Nr. 9 b) 

b) für die einfache Negation ne (nur mit Endstelluiig, 
s. Nr. 20): 



1) Daß auch einsilbige Formen fehlen^ abgesehen von dem 
gelegentlichen se usw. neben sei usw., liegt in der Natur der Sache. 



Zur nordischen Verbalnegation. 357 

ef ek Gunnladar ne nytak^ \ Hav. 108 

ef pü sverds ne nytir\\ Fafn. 7 (Nr. ISby) 

at galli ne fylgi, | Hav. 133 

at hann aptr ne komi || Grimn. 20 

ef pio geldr ne vcerir\\ HHj. 20 

at pü eid ne sverir\\Sigrdr. 23 (Nr. 18b5) 

at pik pjöfar ne leiki\\ Hav. 131 . 

at pü mer, seggr, ne segir\\Sk. 5 (Nr. ISbC) 

c) für Doppelnegation mit Endstellung: 

at hön ser ne yndi-t \\ Am. 58 

at ser ne striddi-t\\'H.ai.n\b. 8 (Nr. 14aa) 

27. Gewiß handelt es sich hier — leider — nur um 
sehr kleine Zahlenreihen, und das eine oder andere mag hier 
wirklieh auf Zufall beruhen : aber es bleibt doch die Tatsache, 
daß hier (unter a) relativ viele dreisilbigen Optativformen 
auftreten, während sie unter der viel größeren Zahl anderer 
Optativsätze ganz fehlen (Nr. 25), und daß zweisilbige 
Formen bei bloß einfacher Negation -t nur im Versinnern er- 
scheinen, am Versschluß aber nur dann, wenn sie vor sich ein 
ne haben, einerlei ob ihnen noch ein -t folgt oder nicht. 
Metrisch-rhythmische Gründe im gewöhnlichen Sinne des Wortes 
können dabei jedenfalls nicht für alle die angeführten Beispiele 
maßgebend gewesen sein, denn z. B. Verse wie *af galli 
fylgi-t (zu Hav. 133), "^at hann aptr komi-t (zu Grimm. 20), 
^at pik pjöfar leiki-t (zu Hav. 131) u. dgl. wären nach dem 
üblichen metrisch-rhythmischen Schema durchaus zulässig ge- 
wesen, und doch begegnet in der Edda nirgend ihresgleichen. 
Man wird also tatsächlich auch nicht einen, solchen Vers wie 
pött hreitt se'i-t konstruieren dürfen. Mindestens müßte es 
nach dem Vorgetragenen pött hreitt ne se'i{-t) heißen. 

E. Schlufsbemerkung. 

28. Zum Schlüsse sollte ich von Rechts wegen noch auf 
die Frage eingehen, welche Ursachen den oben vorgeführten 
Erscheinungen zugrunde liegen und sie damit verständlich 
machen. Dazu bin ich aber gegenwärtig außerstande, da ich 
dabei auf eine Reihe verwandter Fragen eingehen müßte, zu 
deren Erörterung ich das nötige Material noch nicht zusammen 
habe. Ich muß mich also darauf beschränken, wie zum Schluß 
meiner ersten Abhandlung zur eddischen Wortstellung (oben 
S. 335, Fußnote 1) so auch hier hervorzuheben, daß ich den 



358 E. Sievers, Zur nordischen Verbalnegation. 

Schlüssel zum Verständnis der geschilderten Sachlage in den 
satz- und versraelodischen Verhältnissen der behandelten Texte 
suche. Der Beweis für die Richtigkeit der damit aus- 
gesprochenen These wird meines Erachtens mit Hilfe der in- 
direkten Methode zu führen sein, die auf meine Anregung 
hin E. Klemm in Paul-Braunes Beiträgen 37, Iff. für all- 
gemeinere Fragen der Sa^zbildungslehre bei einer Untersuchung 
des ahd. Isidortexts zur Anwendung gebracht hat. 

Leipzig. 

E. Sievers. 



Ferdinand Sommer, Zur deutschen Wortforschung. 359 



Zur deutschen Wortforschung. 

1. JDachs. 

Für den deutschen Namen des Raubtieres — dazu norw. 
svin-toJcs 'Dachs' (Falk-Torp, Norw.-dän. et. Wb. s. v. svin) 
— kenne ich als einzig diskutable Verknüpfung die auf 
Grimm Gramm. 2, 40 zurückgehende (von Kluge Et. Wb. 
und anderen verzeichnete) mit der idg. Wurzel tekp 'behauen', 
wonach die Benennung von dem charakteristischen Dachsbau 
ausgegangen wäre. Man könnte sich sachlich anschließen, 
wenn besagte Wurzel nicht nach Ausweis der Einzelsprachen 
ursprünglich speziell das Bearbeiten, Behauen des Holzes 
und, auf den Bau angewendet, das Zimmern bezeichnet hätte 
(ai. taks 'behauen, schneiden, schnitzen', av. tasa- 'Axt', abg, 
tesati 'hauen' usw. ; die Zugehörigkeit von lat. texo muß ich 
stark bezweifeln, s. noch Miller, IF. 21, 331, Walde ^ 778). 
Daß auch fürs Germanische diese engere Bedeutung gilt, er- 
hellt aus ahd. dehsa^ dehsala 'Beil' (mhd. dehsen Tlachs 
brechen'). Von einem Übertritt in die erweiterte Sphäre des 
'Bauens' ist innerhalb des Germanischen nichts zu merken, 
auf den Dachs als 'Zimmermann' aber wird man gern ver- 
zichten. So bezeichnet Palander Ahd. Tiern. 57 die Zu- 
sammenstellung als sehr unwahrscheinlich i), Hirt übergeht sie 
wenigstens in seiner 'Etymologie der nhd. Spr.' mit Still- 
schweigen. 

Gael. taghan 'Marder', das Förstemann bei Diefen- 
bach-WüIcker, Hoch- und niederdeutsches Wörterb. S. 331 



1) Neuerdings betrachtet Palander M6m. soc. neophil. $i 
Helsingfors 2, 99 — nach Hirts gütiger Mitteilung — das -.s* von 
Dachs als ableitend und stellt den wurzelhaften Teil zu lat. tegOy 
also auch das 'bauende Tier'; die Bedeutung der idg. Wurzel liegt 
aber doch ziemlich weit ab. 



360 Ferdinand Sommer, 

mit Dachs vergleicht, ist wohl auch fernzuhalten. Begrifflich 
würde es gut zu dem bei Stokes-Fick, ürkelt. Sprachsch. 
S. 121 erwähnten taghut 'Dieb' passen. Über die wunderliche 
Schreibung taoghan und die Bedeutung 'Dachs' (Diefenbach- 
Wülcker a. a. 0.) habe ich auch mit Thurneysens Beistand 
nichts feststellen können. — 

Zu den hervorstechendsten körperlichen Eigenschaften, die 
für die Benennung des Dachses maßgebend gewesen sein 
könnten, gehört seine Wohlbeleibtheit. Tett wie ein Dachs' 
ist eine (auch bei Heyne gebuchte) sprichwörtliche Redens- 
art, und der Volksmund sagt dem Dachs gar nach, daß er im 
Winter von seinem eignen Fette zehrt. Hier läßt sich gut 
anknüpfen : Dachs gehört zu dick aus *tegus (air. tiug, kymr. 
tew) und weist seinerseits auf eine Grundform Hog-s-oSy deren 
'S- mit dem von Luchs und Fuchs identisch ist; ja, man wird 
sogar behaupten dürfen, daß es von diesen Wörtern aus 
analogisch auf Dachs übertragen wurde. Dann kommt man 
im letzten Grunde auf einen ö-Stamm Hogos 'dick, Dickling', 
mit ö-Stufe der Wurzel wie in har — abg. hos^J lit. häsas^ nass aus 
*nodos, vgl. armen, nay 'naß, flüssig' (Scheftelowitz BB. 29, 
46) und griech. voxoc, für dessen Sippe sich die alte Bedeutung 
'feucht' aus den Ableitungen vötioc, vötiov usw. ergibt. — 
Ob die n-Flexion, l^.'^pahsö, auf die das entlehnte franz. taisson, 
span. texon und die taxonina adeps des Marcellus Empiricus 
(Palander Ahd. Tiern. 57) weisen, noch eine mittelbare Hin- 
deutung auf ursprüngliche Adjektivfunktion ('schwaches' *pahsan- 
neben dem starken a-Stamm *pahsa-) enthält, scheint mir mehr 
als zweifelhaft. 

Eine alte ^-lose Stammform etwa noch in Dackel (Teckel) 
'Dachsbund' zu suchen, geht natürlich nicht an; denn das 
ist offenbar eine sekundäre Bildung: da Dachs auch für 
'Dachshund' gebraucht wird (klassischer Beleg aus Schiller bei 
Heyne s. v.)^), wird man zu Dachs ein Dackel gebildet haben 
nach dem Nebeneinander Mojps — Moppel. Die Neuschöpfung 
mußte so auf die Bezeichnung des Dachshundes beschränkt 
bleiben. Dächsei ist wohl einfach regelmäßiges Deminutiv zu 



1) Auch in unserem modernen Kompositum 'Frechdachs' ent- 
halten, das jedenfalls besser auf den vorwitzig'en Hund als auf seinen 
durch Trägheit ausgezeichneten und nur im gereizten Zustand der 
Gegenwehr temperamentvollen Feind paßt. 



Zur deutschen Wortforschung. 361 

Dachs oder höchstens eine Kompromißbildung zwischen dem 
Grundwort und seiner Umformung Dackel. 

2. eben. 

Die mir bekannten Deutungen befriedigen in keiner Weise: 
die von Johansson PBB. 15, 229 (ühlenbeck ib. 26, 294^ — 
aus *im-no-s zu lat. ae^nulus, imitari — leuchtet wenig ein, 
auch wenn man die Möglichkeit eines ursprünglichen i-Voka- 
lismus zugeben wollte (dazu Trautmann German. Lautgesetze 
65); ebensowenig Wiedemanns Zusammenstellung mit Abend 
unter einer angenommenen Grundbedeutung 'fallen' (BB. 28, 73.). 
— Bedenkt man, daß das Germanische aus proethnischer Zeit 
ein Suffix -no- zur Ableitung von Adjektiven aus lokalen 
oder zeitlichen Adverbien bzw. Präpositionen (Brug- 
raann Grdr.^ 2, 1 S. 270) geerbt hatte, wie sich aus dem Typus 
vorn, fern (Vorjährig', vgl. Kluge Et. Wb. s. v. fern^), inne, 
innen usw. ergibt, so steht lautlich nichts im Wege, für eben, 
got. ibns von einem *ep-nö-s auszugehen, dessen Grundwort 
das bekannte idg. *epi 'bei' ist. Der Ansatz ist jetzt um so 
eher zu wagen, als wir wissen, daß das germanische Nasal- 
assimilationsgesetz jedenfalls nicht als allgemeine Regel für 
die Behandlung von Verschlußlaut -f n gegolten hat : Trautmann 
German. Lautgesetze 62 ff. hat eine Reihe von Beispielen zu- 
sammengestellt, von denen ein Teil sicher einwandsfrei genug 
ist, um zu zeigen, daß diese Konsonantengruppen in weitem 
Umfang auch vor dem Hauptton erhalten geblieben sind; das 
entgegenstehende Material, das nach der bisherigen Vulgat- 
ansicht den lautgesetzlicbcn Zustand repräsentiert, hat T. aller- 
dings nicht befriedigend eliminiert. Es handelt sich offenbar 
hier um Wirkung besonderer Bedingungen, die uns noch ver- 
borgen sind. 

Daß *epi ""bei' im Germanischen vorhanden war, ergibt 
sich aus got. ißuma- = *ep-tmmo , belegt nur in iftumin daga 
'am nächsten Tage'; zugleich ein Beweis, daß beim Antritt von 
Ableitungssuffixen das -i der Präpositionen vom Schlage des 
*epi nicht als 'stammhaft' galt; also auch formal ist ^ep-nö-s 
in Ordnung. 

Und die Bedeutung? — 'So, jetzt bin ich dir wieder bei, 
sagt der, der bei gemeinsamem Weg oder gemeinsamer Arbeit 
hinter einem anderen zurückgeblieben ist und ihn wieder ein- 



362 Ferdinand Sommer, 

geholt hat. — ""Es kommt bei" im Sinne von 'kommt gleich, 
ist gleich' läßt sich auch schriftsprachlich genugsam belegen; 
so Goethe in seinem Gedicht 'der Misanthrop' (zitiert bei 
Grimm DWb. s. v. beiJcommen): 

"Auf einmal kommt in Eile 
Sein ganz Gesicht der Eule 
Verzerrtem Ernste hei." 

Es bietet also das Deutsche selbst die geeignete Hand- 
habe für die bedeutungsgeschichtliche Seite der Etymologie. Wie 
in den genannten Fällen unser hei nicht bloß den Sinn von 
'nahe', sondern direkt den von 'gleich' hat, so versteht sich 
got. ihns aus '^epnös 'beiseiend, beikommend, aequalis', auch 
dem Sinne nach gut harmonierend mit iftuma-, ursprüngl. 'am 
nächsten dabei'. (Man kann eventuell ihiis als 'Positiv' zu 
iftuma- bezeichnen ähnlich wie beim "primären' Superlativsuffix: 
lat. mag-nus zu maximus, ir. tren aus Hreks-no-s zu tressam.) 

Anm. Wer aus ai. ahlii Adv. 'herbei';, Präp. 'nach-hin', als 
Verbalpräfix oft = deutsch he-, abg\ o&t» 'an, (um), be-' das Recht 
auf ein idg. *ehhi 'bei' entnimmt, kann dies in ihns (und iftuma-) 
erkennen; in dem Falle bestände zwischen eben und öe^ nicht nur 
semasiologische, sondern auch etymologische Verwandtschaft. 

3. Gaul^), 

ßernekers Vergleichung von Gaul, mhd. gül (IF. 10, 159) 
mit lit. kuilys 'Eber' ist von Charpentier KZ. 40, 441 f. mit 
Recht abgelehnt worden; wenig einleuchtend setzt ferner Wood 
PBS. Btr. 24, 529 das Wort (als Benennung des männlichen 
Tieres) dem griech. xöXöc 'Saft' gleich (Wurzel glieu 'gießen'), 
wenn auch im semantischen Teil dieser Etymologie ein 
richtiger Kern steckt (s. u.). — Charpentier selbst a. a. 0. zieht 
m^. ghota-, ^AofaÄ:a- 'Pferd' heran, zunächst recht verlockend: 
die Lautgesetze würden dessen Herleitung aus einem *ghoul-t- 
ohne weiteres gestatten, die Bedeutungsgleichheit ist so konkret 
wie nur möglich. — Und doch stehen der Verknüpfung die 
ernstesten Bedenken entgegen. Sie liegen einmal auf dem 
Gebiet der Stammbildung: daß *ghota- nicht direkt Fortsetzer 



1) Hertel hatte die Liebenswürdigkeit, einige Indica, die ich 
hier nicht einsehen konnte, für mich zu kontrollieren, Golther und 
von Kraus habe ich für freundliche Auskunft über einzelne Fragen 
auf mhd. Gebiet zu danken. 



Zur deutschen Wortforschung. 363 

eines alten *gheulto- oder ^ghoulto- sein kann, sieht Ch. selbst — 
ein solcher Bildungstypus ist in der Tat unerhört. Er ver- 
sucht nun den Ausweg, darin eine Weiterbildung von ^ghola- 
'mit dem in Tiernamen gewöhnlichen -f-' zu erblicken, und das 
scheint mir verfehlt. Sein Hinweis auf KZ. 40, 430 ff. könnte 
gerade eher dartun, daß ein Element -ta- mit a-Flexion, wie er es 
tatsächlich braucht, als Tiernamensuffix im Altindischen über- 
haupt nicht existierte, geschweige denn produktiv war, und 
die Belege dafür, die bei Brugmann Grdr.^ 2, 1 S. 421 f. ver- 
zeichnet sind, kommen gleichfalls nicht in Betracht: Krebse, 
Hähne, Schlangen oder auch Affen für die Namengebung des 
Pferdes zu Gevatter zu bitten, geht nicht an, bei eta- 'Hirschart' 
( = adj. eta- 'bunt') ist die Identität mit dem Farbadjektiv viel 
zu lebendig, um von dort ein zur Weiterschöpfung geeignetes 
Tiernamensuffix ausgehen zu lassen, und das etymologisch dunkle 
hasta- 'Bock', das ich mir noch angemerkt habe, genügt doch 
wohl auch nicht. Übrigens, wenn wirklich auf solcher Grund- 
lage ein *ghola- vermittels -ta- 'weitergebildet' worden wäre, 
hätte das im Indischen nicht vielmehr *gholata- ergeben sollen? 
Schwerer als diese morphologische Unebenheit wiegt, daß 
das Auftreten des Wortes im Indischen selbst Zweifel an 
seiner etymologischen Brauchbarkeit erwecken muß : Dem Veda, 
der ältesten Prosa und dem Epos fehlt es, und so viel ich mit 
den mir zu Gebote stehenden Hilfsmitteln (wesentlich PW und 
pw) feststellen konnte, kommt ghota(kay ganz überwiegend in 
gelehrten Werken lexikographischer Art vor (das f. ghotikä 
auch als Pflanzenname). Ist das schon geeignet, einen etwas 
mißtrauisch zu machen, so tut der älteste literarische 
Beleg (Äpastamba Srauta-sütra XV, 3. 12) das Seine dazu: 
ghota- gehört hier zu den zahlreichen lexikalischen Novitäten 
der Sprache Äpastambas, auf die im allgemeinen Winternitz 
Wiener Denkschr. Bd. 40, Abhandl. 1 S. 16 gebührend hin- 
weist. Daß darunter sich ein starker nichtsanskritischer 
Einschlag befindet, zeigt schon ein Blick auf die kurze bei W. 
gegebene Liste, und ich meine, auch die Lautgestalt von 
ghota- erweckt von vornherein den Verdacht, daß wir es mit 
einem Fremdling in der klassischen Literatursprache zu tun 
haben. Wie berechtigt ein solcher Argwohn ist, zeigt die 
evidente Identifizierung unsres Wortes mit hindl ghorä durch 
Garbe (Gurupüjäkauraudi S. 35). — Das weitere Vorkommen 



364 Ferdinand Sommer, 

in der Literatur ist nunmehr von untergeordnetem Interesse: 
ghotakah Pancat. S. 279» Hertel (Harv. Orient. Series 11 = 
S. 25423 Kosegarten)*); ghotäkat in der erst aus dem Volks- 
dialekt sanskritisierten Simhäsanadvätrimsikä (Weber Ind. 
Stud. 15, 378)2); ygj^ xxoQ\i den Eigennamen GhotakamukJia- im 
Pravarädhyäya, das f. Ghotakamukhl im Viracaritra (Ind. Stud. 
14, 114, 116; spät). Außerdem tritt ghotaka-, wie mir Hertel 
noch mitteilt, in der nordvvestindisehen Jaina-Literatur auf. — 
Als 'Sanskrit'wort kommt ghota{Tca)' also in Wegfall, ja, man 
hat sogar daran gedacht, ihm den indogermanischen 
Charakter abzusprechen und es als drävidisches Lehnwort 
zu betrachten, so Gundert ZDMG. 23, 520. Dazu Caldwell 
Compar. Gramm, of the Dravid. lang. S. 464, 470, s. auch 
Kittel Kannada-Engl. Dict. pref. S. XX, Nr. 54 (einen Auszug 
der Stelle verdanke ich K. Meister). Das dürfte nun freilich, 
wie ich einer freundlichst erteilten Auskunft von Kirste ent- 
nehme, daran scheitern, daß die von Gundert a. a. 0. un- 
mittelbar herangezogene Form göram (in mehreren lautlichen 
Varianten) durch alle indo-arischen Volkssprachen Indiens 
(auch im Himälaya, Nepal und nördlichen Assam) sich findet 
und, wie schon Caldwell vermutete, umgekehrt aus diesen ins 
Drävidische herübergenommen worden ist; die weitere Gleich- 
setzung aber mit einem dräv. Jcudirei Tferd' (zu Jcudi 'springen') 
geht nach Kirste lautgesetzlich nicht an. und da die An- 
nahme einer frühen Entlehnung nicht aus dem Drävidischen 
im engeren Sinne, sondern etwa aus einer nördlichen autochthonen 
Sprache völlig in der Luft schwebt, wird ghota(ka)- immer- 
hin als legitimes Eigentum der indo-arischen Volkssprachen 
zu betrachten sein. Aber eben der Volkssprachen! Damit 
ist klar, daß man seine Analyse nicht nach Maßgabe der alt- 
indischen Lautverhältnisse vornehmen und in dieser Richtung 
frisch drauf los etymologisieren darf. Mir wenigstens ist der 
Mut dazu vergangen^). — 



1) Sonst gebraucht die betreffende Erzählung immer asva- für 
Tferd'; die Handschriftenklasse, der der Text der Kielhorn-Bühler- 
schen Ausgabe angehört, hat auch an unserer Stelle asväh. 

2) Durch die meisten Handschriften beglaubigt; eine hat a^utS^, 
eine turamgät. 

3) Kirste denkt an die Möglichkeit eines *ghalt, *ghlt als 
Basis. Stößt auch seine unter allem Vorbehalt gegebene Zusammen- 



Zur deutschen Wortforschung. 365 

Wie schon im Grimmschen W^b. s. v. Gaul (4, 1 
S. 1566 ff.) bemerkt und gezeig-t wird, schillert die Anwendung 
des nhd. Wortes in so mannigfachen und zum Teil stark 
kontrastierenden Farben, daß der Versuch zu einer Ermittelung 
der 'Grundbedeutung' ganz außerordentlich ersehwert ist. So 
viel steht fest, daß von vornherein nichts berechtigt, etwa von 
dem in unserer modernen Hochsprache wohl vorwiegenden 
verächtlichen Sinn 'plumpes oder schlechtes Pferd' und 
dgl. auszugehen. Ob die semantische Entwicklung vom Engeren 
zum Weiteren verlaufen ist oder umgekehrt, muß erst noch 
untersucht werden. Auskunft könnte hier nur das Zeugnis 
früherer Sprachperioden oder eine besonders charakteristische 
Anwendung in den gesprochenen Mundarten geben. Das erste 
Hilfsmittel versagt wenigstens insoweit, als es das Unglück 
will, daß die mhd. Belege unser Wort stets in einer Situation 
gebraucht zeigen, die der Fixierung eines spezielleren Sinnes 
nicht günstig ist. 

Wenn in dem falschen Neidhard (MSH. 3, 260b) von 
beim Tanz schwerfällig dahinstapf enden Bauern gesagt wird: 
glich reht eime güle 
den mürmum trätens über den anger^)y 
so deutet freilich dies Gleichnis ohne Zweifel auf die uns 
geläufige ßegriffsschattierung 'plumpes Pferd'. 

Aber weiter: in der Gothaer Handschrift der Heidin 
(Redaktion HI [B], v. 1499, Palaestra 108, S. 423) heißt es von 
einem Drachen: 

der välant also sere gram 
als ein wilder urgül, 
also auch hier wieder eine Vergleichung, die zunächst 
keinen weiteren Schluß gestattet als den, daß unter dem Kom- 
positum ur-gül (zur Bildung vgl. Grimm, Gr. 2, 7 89 f.) irgend- 



stellung mit deutsch Gold wegen des durch abg. zlato usw. gesicher- 
ten idg. gh-An\a.uts auf Schwierigkeiten, so halte ich doch ihren 
Grundgedanken, in dem ind. Wort eine etwa unserem Tuchs' analoge 
Benennung nach der Farbe zu suchen, im Hinblick auf das be- 
kannte hari- ansprechend genug, um meinerseits an lit. geltas 
'fahlgelb' und Sippe (idg. *gUhel-) zu erinnern. 

1) Im mhd. Wörterbuch von Müller-Zarncke ist durch ver- 
kehrte Interpunktion die klare Bedeutung von gül bis zur Unkennt- 
lichkeit entstellt. 



36G Ferdinand Sommer, 

ein tobendes Tier, und zwar vermutlich kein Pferd, sondern 
ein Eber oder etwas Ähnliches zu verstehen ist^). 

Je weiter man zurückgeht, ein desto verschwommeneres 
Bild scheinen die Quellen zu zeichnen. Im Heiligen Georg 
Keinbots von Durne (v. 3530 v. Kraus) wird der Götze 
Apollo geschimpft: 

^du verschämter güP), 
erlösez trügevazf 

und endlich lesen wir in der mhd. Genesis (Joseph) 
gelegentlich der Besiegung des Teufels durch Christus, wie es 
''deme selben güle' ergeht. 

Man hat im Anschluß au die beiden letzten, ältesten 
Belegstellen daran gedacht, einen ursprünglichen Grundbegriff 
wie 'monstrum, Ungetüm' unterzulegen, aus dem sich über 
Tieh, Tier' im allgemeinen nachher Tferd' ergeben hätte: vgl. 
Grimm Gr.-^ 1, 180, jetzt Weigand-Hirt Deutsches Wörterbuch 
S. 631, Hirt, Etym. d. uhd. Spr. S. 134 und vor allem das 
Grimmsche DWb. 4, 1 S. 1571, wo auf einen ähnlichen Ent- 
wicklungsgang beim Wort Runter verwiesen wird (s. 5, 2742). 
Vorangestellt ist aber — und wie wir sehen werden, mit Reclit — 
im DWb. die Vermutung, daß es sich zufällig bei den 
ältesten Zeugnissen einfach um eine übertragene Anwendung 
der Tierbezeichnung als Schimpfname handelt. Bedenkt 
man, daß derartiges seinen ganz realen Grund in der mittel- 
alterlichen Vorstellung und Darstellung der Teufelsgestalt mit 
tierischen Attributen findet (vgl. Wessely Die Gestalten des 
Todes und des Teufels 8. 86 ff., mit Pferdefuß S. 89, als Eber 
S. 90, weiteres über tierische Benennungen und Erscheinungen 
des bösen Feindes (auch in Pferdegestalt) bei Grimm Mythol. 
S. 946 ff.), so erscheint die Annahme einer 'Metapher' schon 
an sich als mindestens ebenso naheliegend wie die ein 
wenig farblose Abstraktion 'Ungetüm'. 

Und für die Genesis läßt sich, glaube ich, durch eine 



1) Ziemann Mhd. Wörterb. zitiert aus dem Schwabenspiegel: 
"urgawl heizt ein persicin\ Worauf die Lesung beruht, habe ich 
nicht ermitteln können. Die LalSbergsche Ausgabe hat S. 98 in 
dem betreffenden Passus urful\ dazu s. Grimm Gr. 2, 633 und 
Mythol. S. 948. Unter den bei Wackernagel (S. 286) angegebenen 
Varianten weist keine unmittelbar auf urgul oder urgaid. 

2) So, nicht güle (Vetter 3520), nach v. Kraus. 



Zur deutschen Wortforschung. o67 

genauere Betrachtung der Belegstelle das gül in der speziellen 
Bedeutung 'Gaul' sehr wahrscheinlich machen. Ich muß aller- 
dings zu diesem Zwecke den Passus ausschreiben (s. Hoffmann, 
Fundgruben Bd. 2, S. 78 32 ff., Piper ZZ. 20, 460, v. 5607 ff., 
dessen Text ich hier gebe). Von Christi Höllenfahrt heißt es: 
Do er zuene tage 

girüwöt in deme graben 
an deme drittin morgin 
5610 malit der tiefel sorgen, 
er irstünt uon deme töde 
mit Übe iöch mit sele. 
er für mit leuchrefte 
die helle brechen, 
5615 den tiefel er gibant, 

icarf in einen boch in den munt, 
daz deme selben güle 

alzane ste offen daz müle ^), 
so wir uone sunten 
5620 chomen in sine slunten, 
daz er ubil hunt 

ni mege zu luchin den munt, 
daz er durch piht unte püzze 
sines undanches unsich uz läzze. 
Wie V. 5621 der Teufel als ubil hunt^) bezeichnet wird, 
ein animalischer Kraftausdruck, den die Genesis schon in der 
Partie vom Sündenfall bietet (Hoff mann a. a. 0. S. 18 29. 19 13, 
s. Joachim Zur altdeutschen Genesis S. 20), so auch als gül, 
und zwar stehen gerade hier die Tiernamen nicht ohne be- 
stimmte Absicht: 

Vorher heißt es im Segen Jakobs an Juda (v. 5504 ff.) : 
deme leun gilich du gibärist, 
der unter tieren nimit 
al des in gizimit, 

1) Ganz ähnlich Ava in der aus der Genesis geschöpften 
Stelle (Piper ZZ. 19, 276 f. (1731 ff.), 1752: 

er leit ime einen bouch in sinen munt, 

daz dem selben gule 

allezane offen stunte daz mule. 

2) Ava gibt 1746: do gesigt er an dem helle hunde, 

1757 f.: daz der freisliche hunt 

niht geluchen mege den munt. 



368 Ferdinand Sommer, 

den elliu tier furhtent, 
so er darunter' chumit. 

Es ist klar, daß 5613 ff. einfach die auf Christus bezogene 
Auslegung zu diesen Worten darstellen; das tierische 
Gleichnis erscheint somit am letztgenannten Platz als der 
natürliche Ausfluß seiner Quelle im Jakobssegen. Wie Juda der 
Löwe ist, den die Tiere fürchten, so fährt Christus mit 
leuchrefte hernieder i), und das höllische Tier, der ubil hunt 
und gül, unterliegt ihm. 

Aber es heißt die Kreise noch enger ziehen! Auch 
gül als 'GauT ist vom Dichter ganz bewußt zu äußerst 
drastischer Wirkung gewählt : die Art und Weise, wie Christus 
mit dem güle umgeht, indem er ihm mit einem 'bouch' das 
Maul aufsperrt, stellt eine Prozedur dar, die ihre Rolle speziell 
bei der Behandlung des Pferdes spielt, eine Art der 'Kne- 
belung'; und zwar handelt es sich nicht um eine Knebelung 
in dem Sinne, daß dem Tier einfach ein Knebel gewissermaßen als 
hölzernes Gebiß eingelegt wird (Jahns Koß und Reiter 1, 168), 
sondern um das Verfahren mit der sogenannten 'Bremse', die 
gelegentlich auch einfach 'Knebel' genannt wird [aus älterer Zeit 
belegt bei Steinbach Vollständiges deutsches Wörterbuch (1734) 
s. V. Knebel j Diefenbach Glossar, lat.-germ. s. v. postomis^)]. 

Das 'Bremsen' besteht im Einschnüren der Oberlippe 
durch eine Schlinge, die mit einem Knebel zusammengedreht 
wird, um das Tier mit dem Gebiß wehrlos zu machen und 



1) über den Löwen als Tiersymbol Christi s. noch Lauchert 
Geschichte des Physiologus S. 4 f., speziell für den 'Segen Jakobs* 
S. 117 f. 

2) bouch stellt sich hier also in der Bedeutung weniger nahe 
zu dem gewöhnlichen ahd. und mhd. bouc = Eing oder Kette als 
Schmuckstück (poMCÄ 'Halskette' auch in der Genesis, Fdgr. 2, 61 u) 
als zu dem in ahd. Prudentiusglossen vorkommenden PI. bouga 
'Fesseln, Ketten' {bojae bzw. bacae). Belege bei Graff Ahd. Sprach- 
schatz 3, 38. Steinmeyer, der die Güte hatte mich darüber genauer zu 
informieren, sieht darin vielleicht mit Eecht ein unter dem Einfluß 
des deutschen biogan, bouc umgemodeltes lat. boja. — An Stelle des 
weiteren Zeugnisses für ein mhd. boug- 'Kette, Fesseln' im Wille- 
halm des Ulrich von dem Türlin, zitiert bei Müller-Zarncke 1, 177 
nach dem Casparsonschen Druck, bietet die Neuausgabe von Singer 
(Bibliothek d. mhd. Literat, in Böhmen 4, 279) freilich po 2/ ^^ (X>- PI )• 
— bouch hat auch Ava nach der Vorauer Handschrift. In der spä- 
teren Görlitzer ist es durch zol 'Klotz, Knebel' ersetzt. 



Zur deutschen Wortforschung. 36 

durch den starken Schmerz zum Stillhalten zu zwingen. Der 
Effekt dabei ist zunächst der, daß, wie ich selbst beobachten 
konnte, bei den ersten Drehungen des Knebels das Maul 
sich öffnet. Will man es in diesem Zustand für längere Zeit 
festhalten, ein Zuschnappen und Schließen des Maules ver- 
hindern, so fügt man noch eine sog. 'Maulsperre' ein^). Wie 
schlagend das alles auf die Situation der Genesisstelle zutrifft, 
bedarf keiner Erörterung. Und zumal warum diese Knebe- 
lung mit anschließender Maulsperre dem Teufelsrachen appli- 
ziert wird, erhellt aus den letzten Versen unsrer Stelle mit 
vollster Deutlichkeit 2). 

Nebenbei: Auch bei den Hunden spielt der Knebel 
eine Rolle; wenn sie sich fest gebissen haben, wird ihnen das 
Maul damit aufgebrochen, und Frau Ava hat das in der 
Vorlage gegebene Bild mit dem Knebel noch weiter aus- 
gebaut, wenn sie v. 1746 f. einfügt: 

do gesigt er an dem helle hunde, 

sine cht wen er im brach. — 

Im Heiligen Georg ist von dieser ganz materiellen 
Unterlage für die spezielle Anwendung von gül als Schimpf- 
name für den Teufel nichts zu spüren, es erscheint hier ver- 
blaßt als bloße Verbalinjurie beliebten Genres, die der Held 



1) Ich verdanke meine Kenntnisse einem mir persönlich be- 
kannten Pferdeliebhaber und -besitzer und dessen fachmännischem 
Personal. Als ich meinen Gewährsmann mit dem Passus aus der 
Genesis vertraut machte, erklärte er mir: Für einen, der je mit der 
Behandlung von Pferden etwas näher zu tun gehabt habe, sei es 
überhaupt selbstverständlich, die Sachlage so aufzufassen, daß der 
Teufel hier wie ein 'Gaul' behandelt werde, und der Vergleich mit 
dem 'Bremsen' würde sich auch dann aufdrängen müssen, wenn im 
Text irgendein beliebiges anderes Wort stünde und man nicht 
durch das gül direkt darauf gestoßen würde. Ich lege Wert darauf, 
dies Urteil eines philologisch durchaus Unbescholtenen wieder- 
zugeben. — Im deutschen Mittelalter war noch der Umgang mit 
Pferden soweit 'Gemeingut aller Gebildeten', daß das Publikum so- 
fort verstehen mußte, was der Dichter mit seinem Gleichnis meinte. 

2) Auch sonst scheint, was ich hier nicht weiter verfolgen 
kann und mag, eine ähnHche Praxis in der christlichen Legende 
vorzukommen. Man vergleiche z. B , was nach dem bei Vetter in 
der Einleitung zum Heiligen Georg S. LXXVI Mitgeteilten der heilige 
Hypatius mit dem Drachen anstellt. (Die dort zitierte Schrift von 
Kirpicnikov ist mir nicht zugänglich.) 

Indogermanische Forschungen XXXI. 24 



370 Ferdinand Sommer, 

dem Götzen Apollo an den Kopf wirft; das ist nicht weiter 
auffallend, wenn man dazu hält, daß Rcinbot sich auch an 
anderer Stelle, wo er seinen Götzen mit schmeichelhaften 
zoologischen Kosenamen belegt, fast wörtlich der gleichen 
bewährten Requisiten bedient wie Genesis und Ava für den 
Teufel: der 'wurm ungehiure der Genesis (Fdgr. 2, 18 39) 
findet sein Korrelat in Reinbots trache ungehiure v. 5195 v. K., 
dem 'helle hunde^ der Ava entspricht der hellehufit von v. 5199 ^). 

Also: gül ist bei seinem frühesten Auftreten bereits ein 
Gaul und kein Ungetüm. Aber für eine engere 'Grund- 
bedeutung, an die die Etymologie anknüpfen könnte, ergibt 
sich daraus noch nichts Wesentliches. 

Da ist es geboten, aus der lebendig fließenden Quelle 
der Dialekte zu schöpfen, die so oft einen ursprünglichen, 
konkreteren Begriff unverfälscht dort erhalten haben, wo die 
Schriftsprache ihn verwässerte. Und hier tritt denn auch 
eine pointierte Anwendung scharf hervor unter Umständen, die 
auf höhere Altertümlichkeit schließen lassen: im Bayrischen 
wird heute Gaul ganz speziell vom Schellhengst gesagt; 
daß zunächst auch diese Bedeutung nichts ganz junges ist, 
zeigt ihr Vorkommen im 14. Jahrhundert. Findet sich in 
älterer Zeit das Wort mit stutphert, stuthengist u. dgl. glossiert, 
so erhält das ein besonderes Gewicht dadurch, daß im Nieder- 
ländischen das Femininum guil bedeutet 'eine Stute, die 
noch nicht geworfen hat'. Um das mit dem deutschen Masku- 
linum zu vereinigen, bedarf es keines lucus a non lucendo: 
guil ist offenbar in der Sprache des Pf erdeztichters ur- 
sprünglich die Stute, die vom Körhengst erst noch gedeckt 
werden soll. Für höheres Alter dieser aufs sexuelle Ge- 
biet weisenden Begriffsnuance bürgt^ daß sie in zwei weit 
voneinander entfernt liegenden Dialekten auftritt, und zwar 
wieder mit einer leichten formalen und semantischen Diffe- 
renzierung, die bei aller Ähnlichkeit im Begriffskern doch 
die schon an sich unwahrscheinliche Annahme einer Wande- 
rung von einem Gebiet ins andere ausschließt. 

Wir gelangen mit Hilfe der bayrischen und nieder- 



1) Obwohl Reinbot die eigentliche tierische Gestalt des Apollo 
ganz anders schildert (v. 0503 f.). 



Zur deutschen Wortforschung. 371 

ländischen Gebrauchsweise dazu, die Bezeichnung des zur 
Geschlechtsfunktion bestimmten Tieres als Ausgangspunkt 
zu betrachten; dazu stimmt das mhd. ur-gül, falls es, wie sehr 
wahrscheinlich, 'Eber' bedeutet. Fügen wir hinzu, daß im 
Schweizerischen gül 'Hahn' heißt (auch 'Hengst', neben 
der weiteren Verwendung im Sinne unseres 'Gaul'), so erscheint 
der Wert des mundartlichen Bew^eismaterials ausreichend, um 
die Richtung anzugeben, in der gesucht werden muß. — (Wie 
man von 'Hengst' frühe zu 'starkes, großes Pferd' und w^eiter 
zu 'Pferd' im allgemeinen mit all den Begriffsvarietäten ge- 
langen konnte, die der Gebrauch der Schriftsprache seit mhd. 
Zeit aufweist, brauche ich nicht auszuführen.) 

Nun eröffnet sich denn auch eine Perspektive für die 
Etymologie; Wörter, die der Bedeutung und Form nach 
gleich gut zu Gaul 'Schellhengst' usw. passen, liefert das 
Slavische: es ist die Sippe von russ. gul'ath s'a 'läufisch 
sein' (Reflexiv zu gul'ath 'ludern, ausschweifendes Leben führen'); 
s. Berneker Sl. EW. 361 s. v. guh 'dumpfer Ton. [Zweifelhaft 
ist mir, ob alles, was dort zusammengestellt wird, ohne wei- 
teres hierhergehört; mit Recht trennt B. selbst w^ohl sl. gülja 
'Schindmähre' (362 s. v. gul'o 'schinde') ab; die vom Stand- 
punkt des Deutschen auf den ersten Blick frappante Bedeu- 
tung wird man indes vielleicht dem von außen wirkenden 
Einfluß unseres gül zuzuschreiben haben.] 

Welchen ursprachlichen Vokalismus das u von slav. gul- 
repräsentiert, ist nicht genauer zu bestimmen. Ein *ghdul- 
gegentiber germ. *ghül- wird den strengsten Anforderungen 
in Sachen des Ablauts gerecht, doch kann auch ^ghoul- vorliegen 
und gül altes ü haben, das gerade im Germanischen nicht 
selten in den 'leichten' Ablautsreihen als Tiefstufe auftritt 
(vgl. noch unten über Jceusch). 

Anm. Nur erwähnen, nicht erwägen möchte ich, ob der 
gemeinsame slavisch-deutsche Stamm im letzten Grunde nichts an- 
deres ist als ein dissimiliertes *ghlou-lO', *ghlü-lo-, d. h. regelrechte 
Zo-Ableitung zu der Sippe von gr. x\^\ir\ 'Scherz', ae. gUo 'Freude', 
lett. glaudas, glaudi 'Karessen, Liebkosungen', glaust 'sich 
schmiegen, schmeicheln, scherzen', ap-glaust 'karessieren', ksi. 
gluma 'impudicitia'. Dazu griech. hom. x^ouvric 'Beiwort des 
Ebers'? 

Den Ansatz einer neuen 'Wurzel' würde man auf diese Weise 
sparen, und das wäre nicht unvorteilhaft. 



372 Ferdinand Sommer, 

4. keusch. 

Die beiden mir bekannten neueren Ableitungsversuche 
des Adjektivs — zu lit. ziaulcsoti 'mäßig sein* Berneker 
IF. 10, 161, und zu ae. cyme 'zart, fein, schön' (vgl. Brug- 
mann Grdr.^ 2, 1 S. 480) — scheitern an der Bedeutung, keusch 
heißt ursprünglich, w^ie die Zusammenstellung im Grimmschen 
Wörterbuche (vgl. namentlich s. v. Nr. 4 und 5) und bei Kluge 
EW. "^ s.v. ergibt, 'rein' im Gegensatz zu 'unrein'; das schließt 
die Zusammenstellung mit dem lit. Wort bei dessen deutlicher 
Beziehung auf die Mäßigung, wohl vorzugsweise im Essen 
und Trinken, ebenso aus wie die mit dem ae. Adjektiv, für 
das der Begriff des Kläglichen, Schwächlichen zugrunde zu 
legen ist. 

Der gelegentliche Einfall, den ich hier bringe, deckt sich, 
wie ich beim Ausarbeiten bemerkte, mit einem in nuce schon 
bei Grimm Gr. 2, 986 (Neudr. 960) angedeuteten Gedanken 
(vgl. das DWb. s. v. S. 654). Es rechtfertigt sich da wohl 
von selbst, wenn ich ihn etwas auszubauen und aufzufrischen 
versuche, um ihn einer, wie ich glaube, unverdienten Ver- 
gessenheit zu entreißen, der er in unseren heutigen etymo- 
logischen Spezialhandbüchern anheimgefallen zu sein scheint: 
Die Erkenntnis, daß unser rem von Haus aus 'gesiebt, ge- 
sichtet' bedeutet hat, läßt für keusch eine ähnliche Sinnes- 
entwicklung erschließen, wenn man die germanische Wurzel 
keuSf idg. geus 'kosten, prüfen' zugrunde legt, die, worauf 
mit Nachdruck hingewiesen werden muß, ganz speziell im 
Germanischen zur Bedeutung 'auserwählen' gelangt ist. 
keusch war ursprünglich 'auserlesen, von allem Minder- 
wertigen und Unreinen gesäubert', und das Grimmsche Wb. 
wie Kluge gehen wohl ganz mit Recht vom Opferritual als 
dem ältesten Anwendungsgebiet des Adjektivs aus. Ahd. 
chüski, dessen Ja-Form für die Vorgeschichte nicht von Be- 
lang ist — sie kann gerade in unserem Fall als unmittelbare 
Übertragung von hreini her gefaßt werden — , erlaubt den 
Ansatz eines *güs-sko-y mit dem im Germanischen weiter ver- 
breiteten Adjektivsuffix -sko- (vgl. als in der Bedeutung nahe- 
stehend etwa frisch). Das ü stellt sich zu den Ablauts- 
beispielen, die langen Vokal auch in der Schwundstufe 
'leichter' Basen zeigen, z. B. in lautj ahd. Mut (av. srü- 



Zur deutschen Wortforschung. 873 

neben srii-, abg. slytije *Name' zu Wz. Jcleu), ae. hügan 'biegen, 
fliehen' (lit. hukti, hügau 'in Schrecken geraten' zu lat. fügiOj 
griech. qpeuYuu), aisl. sküfa, skyfa (zu 'schieben') etc. Bekenne 
ich mich auch in vielen und wichtigen Punkten zu den von 
Hirt vertretenen Ablautstheorien, so halte ich es doch nicht 
für gerechtfertigt, derartige Fälle, wie das Hirt gelegentlich 
tut (vgl. z.B. Ablaut §744, 748), ohne viel Federlesens bloß 
darum beiseite zu schieben, weil sie nicht ins System passen 
wollen. Gerade in Sachen, die ursprachliche Lautverhältnisse 
angehen, ist es gefährlich, alles über einen Kamm zu scheren. 
Wissen wir denn überhaupt, ob alle idg. eu^ ü oder ü von 
jeher gleichen Wesens und eines Ursprungs waren? — Mit 
dem Prädikat 'sekundär' oder dergleichen für die wider- 
spenstigen Beispiele ist für deren letzte Deutung nichts getan. 
— Als Tatsache ist ein Ablaut eu-ü in dem historisch 
vorliegenden Material nun einmal nicht aus der Welt zu 
schaffen, wie ja auch Hirt a. a. 0. § 25 zugeben muß. So 
hat der Etymologe ein Recht, damit zu operieren. 

5. Quarz. 

Das erst im späteren Mhd. (14. Jahrhundert, vgl. Pfeiffers 
Germania 1, 364 ff., Vers 162) belegte Wort wird im Anschluß 
an das Grimmsche DWb. bei Weigand-Hirt Dtsch. Wb. 
und Falk-Torp (Norw. dän. et. Wb. s. v. Kvarts) zweifelnd 
als ursprüngliche Bezeichnung eines Berggeistes mit Zwerg 
verbunden (unter Hinweis auf ähnlichen Ursprung der Metall- 
namen Nickel und Kobalt). — Ich glaube vielmehr, es steckt 
darin eine wirkliche alte Steinbezeichnung. — Das anlautende 
Qii' läßt sich der historischen Sachlage nach auf ursprüng- 
lichen Dental + u zurückführen, wie das auch bei dem er- 
wähnten Deutungsversuch geschehen ist, und eine Grundform 
HuardO' deckt sich nach Laut und Begriff so gut wie völlig 
mit griech. cdpbiov 'eine häufige Quarzart (Sarder, Karneol)'. 

Diesem griechischen Wort gegenüber steht allerdings 
die Etymologie noch heute unter dem Zwang einer aus dem 
Altertum ererbten Suggestion: das Mineral cdpbiov soll nach 
der Stadt Sardes benannt sein. Es ist, hoffe ich, nicht all- 
zu schwer, den Bann zu brechen; die sachlichen Argumente 
sprechen zum mindesten nicht für die Erklärung, sprach- 
geschichtliche, wie mir scheint, direkt dagegen. 



874 Ferdinand Sommer, 

Plinius NH. 31, 7, 31 meldet freilich von der sarda: 
'primum Sardlbus reperta\ Das besagt aber gar nichts. So 
wie die Notiz dasteht, ist sie lediglich der Niederschlag einer 
etymologischen Erklärung des Steinnamens, einer Er- 
klärung, die ihrem ganzen herzerfrischend simplen und be- 
quemen Gedankengang nach für die antike Wortdeutungskunst 
so selbstverständlich war, daß man sich wundern müßte, wenn 
sie nicht aufgestellt worden wäre. Liest und forscht man 
weiter, so verschwimmt dieser sich so positiv gebende An- 
haltspunkt bald im Nebel. Der 'Sarder' war, wie Plinius so- 
fort weiter angibt, nicht auf bestimmte Fundstellen beschränkt, 
sondern in allen möglichen Gegenden (außer in Persien) ein 
häufig vorkommendes Mineral (volgaris); und zwar erfreuten 
sich nicht einmal in Sardes gefundene Steine irgendwelcher 
besonderen Berühmtheit, die das Aufkommen einer Benennung 
vom Fundort aus hätte begünstigen können, sondern die von 
Babylon. Ausgeschlossen ist natürlich auch, daß man etwa 
die Lyderstadt ad hoc zu einem Zentrum der Steinschneidekunst 
macht, von dem das verarbeitete Material den Namen auf- 
geprägt erhalten hätte. — 'Nee fuit alia gemma apiid anti- 
quos itsu frequentior' — das wird durch die Funde bestätigt: 
die Quarzvarietäten vom Schlage des cdpbiov sind während 
der Blütezeit und weiter hinauf auch in der archaischen bis 
in die my kenische Periode hinein das häufigste und ge- 
meinste Material zur Herstellung von Gemmen usw. gewesen, 
und der Karneol speziell gerade in der älteren Zeit (Furt- 
wängler, Antike Gemmen 3, 29, 92, 134). Da sollen des 
Plinius Gewährsmänner noch gewußt hab^n, daß die erste 
Fundstätte in Sardes zu suchen sei? — 

Zweitens das Sprachliche: Man würde sich die Her- 
leitung gefallen lassen können, wenn wirklich ein Zdpbioc 
Xieoc, das im Thesaurus an der Spitze des Artikels marschiert, 
die alte Form der Benennung wäre (vgl. TTapia XiGoc bei 
StraboX7); sie ist aber gerade die späteste, offenbar erst 
durch die gelehrte Etymologie verschuldet: Sardius lapis 
findet sich (als Bibelzitat Ez. 28. 13) bei Tertullian adv. 
Marcion. II, 10 [vgl. Vulg. ex. 28, 17 (39, 10)], von Idpbioi 
Xi0oi spricht der Aristoteleskommentator loannes Philoponos 
(6. Jahrhundert) zu de anima 11, 2 (vgl. Suidas s. v.). 



Zur deutschen Wortforschung. 375 



Die früheren Zeiten kennen ein Zdpbioc XiOoc überhaupt 
nicht, sondern: 

1. cdpbiov (Aristophanes, Plato, Theophrast, 
Menander; so auch in der Septuag-inta, was im Hinblick 
auf die erwähnten lateinischen Belege aus dem AT. vermerkt 
werden muß; die Stellen s. in der Konkordanz von Hatch 
und Redpath s. v.)^). 

2. capbuü (= cqppaTic) in der Pasiphae des Komikers 
Alkaios bei Hesych; Lukian de dom. 15. Endlich 

3. sarda bei Plinius. 

Daß diese Formen zusammengenommen einer Herleitung 
von der Stadt Zdpbeic nicht günstig sind^ sieht man sofort, 
mag auch ihr gegenseitiges morphologisches Verhältnis noch 
nicht in allen Punkten klarliegen. Als Derivat von der 
Namensform Zdpbeic unmöglich ist der in capbiu, sa7'da und 
im Kompositum capbövuH deutlich hervortretende kürzere 
Stamm ohne das ableitende lo-, zu dem sich cdpbiov ähn- 
lich verhalten wird wie dp^upiov zu dpTupoc^). Ob nun Plinius 
in seinem sarda uns noch die ursprünglichste und kürzeste 
griechische Form unverändert überliefert, ist unsicher. Mög- 
lich ist es trotz der späteren Zeit, aber Plinius nennt vorher 
(NH. 35, 17, 57) noch ein anderes Mineral sarda '(sardinische) 
Kreide', und dieser Name könnte ihm bei der Bezeichnung 
des Karneols in die Quere gekommen sein. — Am auf- 
fallendsten bleibt capbu), denn Appellativa dieser Art gehören 
nicht gerade zu den geläufigen Bildungen des Griechischen. 
Auch dies ist wohl Umformung eines *capbo- oder *capbä-: 
Die bei Hesych erwähnte Bedeutung cqppafic 'Siegel, Siegel- 
bild' gestattet der Vermutung Raum, daß capbuj nichts weiter 
als ein in dieser Anwendung des Wortes zuerst aufgekommenes 



1) Auch NT. Apoc. 4, 3: \i6uj iacuibi Kai capbitfj liegt der Dativ 
des Substantivs cdpbiov vor, das ebd. 21, 20 im Nominativ auftritt. 

2) Auch lapöuü 'Sardinien' ist aus formalen Gründen als Stamm- 
wort von cdpbiov usw. im Griechischen ausg'eschlossen, der Gleich- 
klang des Appellativums capbuu mit dem geographischen Namen 
bleibt ein ebenso äußerlicher wie der scheinbare Parallelismus des 
um mehrere Jahrhunderte jüngeren xa^Kribuuv als Bezeichnung eines 
Edelsteins nach der Stadt XaXKnbuüv NT. Apoc. 21, 19. — xa^»«n^u^v 
in dieser Form einfach als Appellativum zu verwenden, ist die spä- 
tere Zeit wohl durch vorhandene Wörter auf -ribujv wie Xainirribtüv 
Tunke, Glanz', OYpri^ujv 'Nässe' mit veranlaßt worden. 



376 Ferdinand Sommer, Zur deutschen Wortforschung. 

Analogieprodiikt Dach eku) 'Bild' darstellt. Dann wird auch 
das TÖ capböviov f] ccppaYic eipriiai (ebendort) unangetastet 
bleiben dürfen und nicht der Änderung in cdpbiov verfallen, 
denn capböviov kann regelrechtes Deminutiv sein wie eiKÖviov 

zu €iKUj(v). 

Ist es mit dem 'Stein von Sardes' jedenfalls nichts, so 
hat cdpbiov nunmehr ein Anrecht darauf, als gut einheimisches 
Appellativum zu gelten und als solches seine etymologische 
Interpretation zu erhalten, die in einer Stammform *TFapbo- 
'Quarz', der genauen Entsprechung des deutschen Wortes, sich 
ohne weiteres ergibt (c- = *tu- wie in cdKoc = ai. tvacas-y 
c€ aus Hue usw.). Auch an einer weiteren Anknüpfung, die 
die Benennung als solche begrifflich aufhellt, fehlt es nicht: 
ganz nahe steht abg. tvr^d^ 'hart, fest' aus Hurdos, das heißt, 
der Quarz hat nach seiner spezifischen Eigenschaft den Namen 
'Hartstein' bekommen. 

Rostock. 

Ferdinand Sommer. 



Otto B eh agil el, Fernstellung zusammengehöriger Wörter usw. 377 



Fernstelliing ziisanimengehöi iger Wörter im Deutschen i). 

In der Zeitschrift für deutsches Altertum 3, 134 hat 
Jakob Grimm 1843 einen Aufsatz veröffentlicht ^zur Syntax 
der Eigennamen' (mit zahlreichen Zusätzen wieder abgedruckt 
in den Kleineren Schriften 7, 130). Er zeigt hier, daß in 
Wortgruppen, au deren Bildung Eigennamen beteiligt sind, 
sehr oft "und so in unzählichen anderen Fällen' die zusammen- 
gehörigen Gliedern durch andere Wörter auseinander gehalten 
werden: z. B. uf sente Andreas ahent des heiigen aposteln^ 
hertoghen Albertes sone van Brunswic. In einzelnen Bei- 
spielen wird die Trennung auch für solche Fälle belegt, in 
denen "Orts- oder Eigennamen nicht im Spiele sind'. J. Grimm 
hat ferner festgestellt, daß diese Trennung nicht notwendig 
geschieht. Ob die Berührung oder die Trennung des Zu- 
sammengehörigen die eigentliche ßegel bilde, ist aus seinen 
Ausführungen nicht zu ersehen. 

Man hat dann erkannt, daß es sich in den von J. Grimm 
zusammengetragenen Beispielen nur um einen besonderen Fall 
einer allgemeineren Erscheinung handelt. Über deren Auf- 
treten heißt es bei Paul, Mhd. Gramm. § 195: "Auseinander- 
reißung der näher zusammengehörigen Wörter durch Da- 
zwischenschiebung von ferner stehenden kommt im allgemeinen 
nur ausnahmsweise vor.' 

Dem möchte ich den bis zu einem gewissen Grad ent- 
gegengesetzten Satz gegenüberstellen : In bestimmten Fällen 
ist das Altdeutsche abgeneigt, die zusammengehörigen 
Wörter nebeneinander zu stellen. 

Wenn ein Nomen durch ein anderes bestimmt wird und 
das bestimmende Nomen selbst wieder eine Ergänzung oder 
Erweiterung erfährt, so legen sich zwei Arten der Wortstellung 
nahe: wir stellen die bestimmende Gruppe entweder vor oder 
hinter das regierende Wort, z. B. Alexander von Humboldts 



1) Vgl. meine Bemerkungen im Magyar Nyelvör 41,18. 



378 Otto Behaghel, 

Werke, reiche und vornehme Leute; die Eroberung der 
Kleinseite von Prag, ein Mägdlein schön von Angesicht. 
Von diesen beiden Möglichkeiten ist die Nachstellung zu allen 
Zeiten uuanstößig, vorausgesetzt natürlich, daß das regierende 
Glied der bestimmenden Gruppe an sich der Nachstellung 
fähig ist. 

Dagegen besteht im Altdeutschen ein starker Widerwille 
dagegen, ein Nomen durch eine vorangehende Gruppe (Be- 
stimmungsgruppe oder Erweiterungsgruppe) bestimmen zu lassen. 

Das ist der Grund, weshalb schon im Heliand und dann 
in der ganzen altdeutschen Zeit die Adjektiva von relativer 
Bedeutung und der Ergänzung bedürftige Partizipia mit wenigen 
Ausnahmen nur prädikativ verwendet werden (Syntax des He- 
liand S. 31)^). Denn schon frühzeitig zeigt sich bei dem 
Adjektiv die Neigung, die Stellung vor dem Substantiv ein- 
zunehmen; es müßte also beim relativen Adjektiv sich Be- 
stimmung durch eine vorstehende Gruppe ergeben, und was 
für den Heliand gilt, dürfte noch heute für die Mundart und 
die Umgangssprache zutreffend sein. 

Soll aber dennoch der Bestimmung noch eine Ergänzung 
beigegeben werden, so steht dem Altdeutschen ein Ausweg 
zur Verfügung, der uns fremd geworden ist: die zusammen- 
gehörigen Glieder werden getrennt, so daß das eine von ihnen 
vor das beherrschende Nomen, das andere dahinter zu 
stehen kommt. Und dieser Fall ist nichts weniger als selten. 
Allerdings werden die verschiedenen Arten von Gruppen nicht 
durchaus übereinstimmend behandelt. Wir haben zu unter- 
scheiden: 1. attributive Gruppen, 2. Gruppen mit Ergänzung 
durch andere Kasus oder durch präpositionale Bestimmungen, 
3. Erweiterungsgruppen (mit und, oder gebildet). 

A. Attributive Gruppen. 
I. Die Gruppe Adjektiv + Substantiv versagt sich der 
Trennung; Beispiele wie etwa eines riehen sun kilniges sind 
mir nicht aufgestoßen. Wohl aber ist es möglich, eine ad- 
jektivische Ergänzung des vorausgehenden Substantivs nach 



1) Damit hängt es wohl auch zusammen, daß die Partizipia re- 
flexiver Verba mehrfach des Reflexivpronomens entbehren: vgl. z. B. 
anmassend, ausnehmend, herablassend, hingebend, ivohlhabend. 



Fernstellunff zusammenj?ehöriffer Wörter im Deutschen. 379 



•ö 



dem beherrschenden Substantiv in Begleitung des Artikels nach- 
zubringen: Höfer, Auswahl der ältesten Urkunden deutscher 
Sprache S. 29 (1275) unser vroioen dage der laszive, Pupi- 
kover, Gesch. des Thurgaus I, erste Beil. S. 24(1282) ze unser 
vrouwe tult der jungerun, Mon. Zoll. III, 40 (1337) in unsers 
lieben swagers und pruders burchgraven JoTians hant des 
vorgenanten, Basler ürkundenb. IV, 17, 10 (1310) nachunserre 
frouwen mes der e?^5^ew, IV, 109 (1348) nach unserr frouwen 
tag der verhohlen {= S. 211, von 1356, S. 225, von 1359), 
Detmar, herausgeg. von Grautoff I, 210 vor unser vrowen 
avende der lateren. 

IL Die Gruppe Substantiv + Eigenname wird anders be- 
handelt als die Gruppe Eigenname + Substantiv. 

Die Gruppe Substantiv + Eig-enname bleibt überwiegend 
ungetrennt, vgl. z. B. Nib. 228, 4 des Jcünec Sigemundes Jcint, 
523, 4 des Jcünec Günther es hant, Sigenot 3, 5 mins neven 
Grinen heim. Die Beispiele der Trennung sind nicht häufig, 
z. B. Notk. I, 5, 11 pi des cheiseres ziten Zenonis, I, 298, 32 
umbe des chuninges willen Aristei, Wiener Genesis 1921 zuo 
sines bruoder hus Nachor, ürkundenbuch des Klosters Arns- 
berg 424 (1336) in unsir vrauwin ere Marien, Basl. ürkb. V, 
234, 24 (1396) vor der zweier heiiger tage Viti et Modesti, 
Spiegel deutscher Leute 1 1 legten in in sines vater grap Isaac, 
Myst. I, 60, 17 des grozen heiligen tac sente Äntonis, 189, 14 
sines bruder wip Phylippes, Steinhöwel, de claris mulieribus 
100, 13 Cephalo, des küniges sun Eoli, Ztschr. des bist. 
Vereins für Marienwerder 48, 25 (1484) hyr hebet sich an der 
Stadt icylkor Marienwerder, Archivalische Zeitschrift N. F. 
17, 140 (Anfang des 16. Jahrh.) des franzosen botschaft 
BocJcobertin. 

Die Gruppe Eigenname + Substantiv wird fast regel- 
mäßig getrennt: z. B. Mystiker I, 36 (Überschrift) sente Jo- 
hannes tag ewangelisten, Detmar 2, 294 by sunte lohaniies 
daghe baptisten, Monum. Germ., deutsche Chroniken IV, 1, 53, 
27 umb sente lohans misse baptisten, Basl. Urkb. VI, 8 (1409) 
vor sant Bartholomeus tag apostoli, Frankfurts ßeichskorresp. 
II, 217 (1462) nach sant lohans tag baptisten (— 233, von 
1463). — Tatian 79, 9 lohannis houbit des toufares, Züricher 
ürkb. IV, 19 (1261) an sante lacobes dult des zicelfbotten, 
Basl. Urkb. 111,261, 4 (1299) by Albrechtes gute dez loechs. 



380 Otto Behaghel, 

lerSj IV, 277 (1366) nach sant lohans tag des toffers, Schönb. 
Pred. I, 27, 30 von kern Ezechiels munde des propheten, Wetzl. 
Urkb. 283 (1307) timme Mengozis Idnt des schüiwerten, Karl 
Meinet 108, 41 in Karlles pauwelon des heren, Myst. I, 95, 8 
sa7ict Matthias tag des aposteln, K. von Megenberg, Buch der 
Natur 218, 20 wider Samuelis ler des weissagen, — Basl. 
ürkb. III, 260, 7 (1299) vor sant Bartholomeus tag des hei- 
ligen zwelffhote7iy Friedberger ürkb. 253 (1367) an sent Lu- 
cyen tag der heyligen jongfrauwenj 548 (1405) vor sant Pauls 
tag des heiligen zwolf'boten, Myst. I, 56, 5 sente Paulus tag 
des ersten einsidels, Basl. Urkb. VII, 38, 2 (1443) nach sand 
Lucas tag des heiligen evangelisten, ebda. VIII, 102, 7 (1460) 
nach sant Thomas tag des heiligen zwölffboten, Frankfurts 
Reichskorr. II, 126 (1454) nach Symon und lüde tag der hey- 
ligen aposteln. Friedberger Urkb. 573 (1409) of sant 

Barbaren tage der heiligen jung fr auwen und mertlerin, Basl. 
Urkb. III, 242, 39 (1299) an mins hern Peters stat des Schalers 
eins ritters von Basti. Einige weitere Belege bei Kosegarten, 
Ztsebr. f. d. Wissenschaft der Sprache 1 (1846), 356, Strauch, 
Glossar zu den deutschen Chroniken II, 707 unter Wortstellung, 
derselbe, Offenbarungen der Adelh. Langmann XLII. In den 
gesamten Schlußdatierungen von Bd. IV und V des Basler 
Urkundenbuchs, also in der Zeit von 1301 bis 1408 findet sich 
ein einziges Beispiel, in dem sich die Apposition dem voraus- 
gestellten Eigennamen unmittelbar anschließt: V, 312, 25 (1401) 
off sant Johans baptisten tag, und auch sonst sind derartige 
Ausnahmen ziemlich vereinzelt, wie Schönbach, Pred. I, 8, 31 
von der ewigen magt sente Marien liebe, Wetzlarer Urkb. 
413 (1323) des Römscliin kuniges Ludowiges canceler, Basl. 
Urkb. III, 243, 18 (1299) mins hern Peters des Schalers in- 
gesigel, IV, 226 (1359) an sant Bartholomeus des heiligen 
zwelffboten abent, Mitt. des Archivs für Niederösterreich II, 
17 (1356) Jacobs des Chrenstruck hausfraw, Closener 23 
noch Honorius ün Celestinus, der zweier bobste, tot. Ist der 
regierende Begriff selbst erweitert, so unterbleibt die Spal- 
tung: Fried bg. Urkb. 289 (1367) unser s gnedigen herren dez 
keisers keiser Karies briffe und bestegunge. 

Ein vereinzeltes Beispiel hat Goethe aufzuweisen: Wei- 
marer Ausgabe 3, 47 um Mitteryiacht ging ich zu Vaters 
Haus, des Pfarrers. 



I 



Fernstellung zusammengehörig-er Wörter im Deutschen. 381 

Zwei Beispiele stehen mir zu Gebote, wo der Artikel 
von seinem Substantiv getrennt wird: Helbl. 5, 34 des swester 
kern von Helfenstein j Closener IS bi des ziten sancte Jos. 



B. Gruppen, in denen ein Nomen durch einen nicht im 
gleichen Kasus stehenden nominalen Ausdruck be- 
stimmt wird. 
1. Das in dieser Weise bestimmte Nomen ist ein Adjektiv 
oder Partizip: hier ist wieder die Fernstellung die weitaus 
tiberwiegende Regel: z. B. Notk. 1, 11, 24 tise gewenete7i huorra 
ze theatro, I, 28, 7 ter nu lango verstozeno Basilius aha des 
chiminges ambahttieneste (vgl. Göcking, Partizipium b. Notker 
S. 44), I, 262, 7 iro geiceneten ougen dero finstri, II, 4, 3 
ter ist pirig poum guotero wercho, Gregor 3596 ich was ein 
voUez vaz süntlicher schänden, Pz. 114,4 ein hahendiu zange 
minen zorn, 551, 27 gestrichen varwe ufez vel, Tit. 96, 1 du 
herndez saf minnen hlüete, Tit. 103, 3 so liuhtec bluome uf 
heide, in walde, uf velde, Tristan 6538 der unversuochte 
Tristan ze notlichen dingen^ Barlaam und Josaphat 63, 40 
ein urabevangen künigin mit waehelicher richeit, Engelh. 226 
ein schoenez wip er haete an herzen und an Übe, Pseudo- 
Gottfr. Lobges. 64, 2 du brinndiu minne über elliu lant, 
Cersne, Minneregel 1295 doch was her ein unschuldiger man 
al der hosin falschin tichty Btiheler, Diocletians Leben 28 die 
schoe7ie frowe als der morgenstern, Reinolt von Montelban 559 
eyn scharff schwert von snyden, Hans Sachs 25, 355 den farent 
schueler ins Paradeis, Gryphius Lyr. Ged. 188, 1 holdseligstes 
geschlecht an treffligkeit und sinnen, Rtickert 10, 36 die Longo- 
bürden sind ein edleres Geschlecht von Ursprung. — Sachsensp. 
I, 2, 4 ghetogene swert up enes andern schaden, Schwabensp. 
219, 1 swer einen beklageten man umbe ungerihte dem ge- 
rihte mit gewalt nimet, Jostes, Eckhart 47, 90 du verwenter 
got in den eiclichen vereinten gemut und du ingegeister geist 
in die einung gotz, Taulers Predigten (Deutsche Texte des 
Ma. XI) 142, 6 das du habest ein undergeworffen gemüete 
under got, Von geistlicher Armut 8, 19 armut ist ein ab- 
gescheiden ivesen von allen creaturen, German. IX, 270, 6 
(Korner) des jungen greven na siner staltnisse, Stretlinger 
Chronik 109, 6 ein grosser gerader man von üb und person. 



382 Otto Behaghel, 

Steinhüwel, Vita Aesopi 217, XI, 4 die Jw?nenden ochsen von 
der waid, 251, IX ein senfftmütiger vogel über alles ander 
gefiügelj ülenspiegel, hrsg. von Lappenberg, 8. 92 den selt- 
samen gast von cleidung, Luther An den christl. Adel S. 8 
einen geweyheten priest er von einem Bischof, Luthers Werke 
XXVI, 336, 18 er ist ein unzertrennete Person mit Gotte^ 
vgl. noch C. Franke, Neues Lausitzisches Magazin LXIV, 227, 
Musculus, Hosenteufel, 19 seinen erzeigeten zorn mit der Sund- 
fluty Philomusen Verdeutschter Suetonius, Kopenhagen 1664, 
467 getriebene Ehebrüche mit vielen vornehmen Frauen, Don 
Gusman von Alfarasche S. 36 dein geführte Klag wider die 
Menscheii, Klopstock Messias XIV, 645 Ihr Unweisen! und 
langsamen harten Herzen zu glauben, dem zu glauben, icas 
euch die Propheten verJcündiget haben, Hamann (hrsg. von 
Petri) II, 196 es gehört also ein wachsames Auge auf sein 
eigen Herz sowohl als die Gegenstände, mit denen man zw 
tun hat, II, 215 wodurch Hiobs Gestalt verdunkelt und der 
Leser einer gleichen Prüfung der Geduld mit diesem Helden 
ausgesetzt wird, Goethes Werke (Weimarer Ausg.) LI, 16, 4 
die aufgehäuften Schätze übereinander, Raabe, Altershausen 
124 voll in Hast aufgerissener Fenster bis zu den höchsten 
StocTcwerken. Einige weitere Beispiele MSD 2, 205. 

Dieser Art und Weise, wie das attributive Adjektiv und 
Partizip bestimmt wird, entspricht es, daß auch dann, wenn 
dem Adjektiv oder Partizip kein Substantiv nachfolgt, die 
Ergänzung nicht zwischen Artikel und Adjektiv oder Partizip 
tritt: z. B. Notk. I, 308, 26 ter begrabento daz Jcold, 327, 7 
dero erratenten dia questionem, II, 21, 1 die weiche an dero 
geloubo, Wiener Serv. 389 der geborne von Armenige, Roth. 
1765 die gerouften mit dem hare, Pz. 165,6 si funden Par- 
zivaln den icunden von eime sper, Wh. 56, 2 von den ho- 
menden von dem mer, Lilie 2, 13 die nesten an godes minnen, 
Myst. II, 536, 39 als der gewandelten in dem, grabe, Jakob 
Boehnie, Dreifaches Leben 13 der gefassete im Willen, Arndts 
Geist der Zeit IV, 497 sie sind die Versöhnten in Liebe. 

Die Ausnahmen sind nicht gerade selten, aber sie ge- 
hören bezeichnenderweise fast ausschließlich der gelehrten 
Schriftstellerei an; von poetischen Beispielen kenne ich nur 
die folgenden: Otfr. II, 7, 13 ih scal thir sagen, min kind, 
then hion filu hebig thing, Petruslied 2 ze imo dingenten 



Fernstellung zusammengehöriger Wörter im Deutschen. 883 

man, Summa theol. 5, 10 mit den volgintin imo ginozzin^ 
Erec 6973 wie ich han vernomen von im mir leidiu maere, 
Pz. 738, 24 mit sper zer ender koste, Barlaam 313, 18 ein 
viur regenender nebel, 318, 22 der viur giezende schür, Tit. 
105, 1 Kiot der pris bejagende, Heil. Georg 141 ein mile 
breiter walt. Prosaische Beispiele: Notk. I, 178, 22 die in 
hinderoren mennisJcen, l, 699, 14 unde in resti ligentemo 
magetine teta si prunnoda, 1, 796, 9 tisiu föne naturis 
ketanen sang, II, 12, 14 der unrecht wellento got (deiis volens 
iniquitatem), II, 101, 11 dih furhtenten (timentibus te), 102, 26 
alle in Got kedingente (omnes qui speratis in domino) und 
öfters bei Notker, vgl. Gramm. 4, 475 (Ndr.) und W. Göcking 
Das Partizipium bei Notker S. 42 ff.; Tauler 136, 32 nach 
einer ewigen, vernünftigen, nach Got gebildeten formen, Nie. 
von Basel 111 mit eime gotte icol getrouwenden herzen, 
Schürebrand 3, 2 zweien got minnenden jungen jungfrouwen, 
Joh. von Olmtitz 47, 2 sein in schefeinem gewande raubende 
wolfe, Friedbg. ürkb. 258 (1369) dem erwirdigen in gote 
fatere und herren, — MSD 268, 53 alla in untertana-^ vgl. 
noch Th. Matthias, Ztschr. f. d. deutsch. Unterr. 11, 682. 

Treten mehrere Bestimmungen zu dem relativen Begriff, 
so können sie zum Teil vorstehen, zum Teil nachfolgen: Notk. 
I, 142, 23.tie mit iiote aide mit undriwon genomenen scazza 
neivellenten, 

II. Das in der angegebenen Weise bestimmte Nomen ist 
ein Substantiv: 

a) Seine Ergänzung geschieht durch den Genitiv, der 
seinerseits wieder durch einen Genitiv näher bestimmt wird. 

Die Trennung der beiden Genitive ist das übliche, und 
zwar kann der regierende oder der regierte Genitiv nach- 
gestellt werden. 

1. Der regierende Genitiv steht nach (es sind ausschließ- 
lich Datumsangaben, die diese Stellung gewähren): Myst. I, 
76, 3 uf unser frowen abent Uhtwihe, I, 109, Überschrift: 
unser vrowen tac cliben, Adelh. Langm. 37, 25 an sant Peters 
abent kathedra, 47, 6 an unser frawen tag assumpcio, Chron. 
deutscher Städte 19, 345, 5 in sunte Johannis dage de- 
collationis, Leben des heil. Ludwig 59, 19 an unser lieben 
frouwen tage wurzewie, 88, \1 an unsir liebin frouwen abinde 
icurzewie, Ott Rulands Handlungsbuch 29 vor unser lieben 



384 Otto Behaghel, 

frawen tag tcürzweihin, Basl. Urkb. IV, 281 (1366) an des 
heiligen cruces tag exaltatio, IV, 299 (1368) nach unser frowen 
tag lichtmesse, Friedbg. ürkb. 401 (1389) vor unser frauwen 
tage lichtwihe, 560 (1405) of unser framein tag conceptionis 
{= Basl. ürkb. VI, 105, von 1418), 543 nach unser frotven 
tag assumpcionis, Basl. Urkb. VI, 122 (1421) vor des heiligen 
Jcrücz tag exaltationisy 303 (1432) nach unser frawen tag 
lichtmesz, Frankf. Reichskorresp. II, 1 (1439) nach unsern (so) 
frawen tag conceptionis, 6 (1440) nach sant Pauels tag con- 
versionis, II, 62 (1444) vor unser lieben frauwen tag as- 
sumpcionis, = 122(1452), 200(1461: uff unser liehen frauwen 
ahent concepcionis), 205 (1471), Basl. ürkb. VIII, 109, 39 (146) 
nach sant Paulus tag conversionis (keine derartigen Beispiele 
bei Grimm). 

2. Der regierte Genitiv wird nachgestellt: z. B. Basl. 
ürkb. VIII, 87, 18 (1459) daz wir von bette und begerunge 
ivegen der strengen und furnemen herrn Turings von Halwüer, 
Friedbg. ürkb. 302 (1377) von manunge icegen der vorsich- 
tigen wisin lüde der burgermeister und bürgere dez rades, 
x4ristot. Proplemata 4, 6 durch der grossen feüchtikeit loillen 
des hierns, Chroniken deutscher Städte VII, 43, 25 van ge- 
settes wegen heiser BeinriJces, Tetzel, Rozraital 157 darin was 
der fusetritt einer JKu xpi. Eine größere Zahl von Fällen 
mit wegen und willen steht bei J. Grimm. 

Daß ein durch Genitiv bestimmter Genitiv einem regieren- 
den Substantiv vorausgeht, ist im heutigen Nhd. so gut wie 
ausgeschlossen (vgl. Daniel Sauders, Wörterbuch der Haupt- 
schwierigkeiten der deutschen Sprache *^, 240 b, Behaghel, Ztschr. 
des AUg. dtsch. Sprachvereins 1905, 39 und 247; vereinzelte 
Ausnahmen bei Dichtern, wie Rückert 10, 21 ich bin des 
Königs Kämmerers Braut, Grillparzer [Cotta 1872] 5, 205 
dessen Zunge Schmeichellaut ich, ein Törichter, vertraut). 
und auch in der älteren Sprache ist diese Fügung im ganzen 
selten. In den Datiei'ungen begegnet öfters an unsers herren 
fronlichams ahent oder tag, z. B. Basl. ürkb. V, 75, 9 (1386). 
Dann hat Wolfram eine Vorliebe für solche Genitivfügungen: 
z. B. Pz. 23, 7 der minnen geltes Ion, 116, 30 der fröuden 
mangels last, Wh. 62, 12 des breiten mers salzes smac, 444, 2 
Terram.ers tohter sun, vgl. Kraus, Deutsche Gedichte des 
12. Jahrh. S. 236, Martin Zu Pz. 23, 30. In den beiden Bei- 



Fern Stellung- zusammengehöriger Wörter im Deutsehen. 385 

spielen aus Wh. schließen sich übrigens die zweiten Genitive 
bereits nahezu mit dem regierenden Substantiv zum Kompo- 
situm zusammen. 

b) Die Ergänzung des Nomens geschieht durch einen 
praepositionalen Ausdruck. Die Belege sind ungemein zahlreich ; 
z. B. Heliand 66 thuru thes kesures thanc fem Eumuburgj 
Lanz. 5079 ze der herzogin Jius vom Wizen se, Pz. 30, 23 
des kimiges man von Äzagouc, Walth. 21, 1 des fürsten mute 
uz Oster riche, Wigal. 206, 39 eines vil edlen fürsten tot von 
Meran^ Karlmeinet 8, 40 Pippyns schenke van Vrankrich, 
Myst. I, 67, 15 des richters sun von Eome, I, 242, 13 si 
icas des kuninges tochter von Ungern, Wetzlarer ürkb. 303 
(1309) mit der stad ingesigele von Wetflar, Friedbg. ürkb. 
289 (1376) von buwez wegen ußwendig der muren graben, 
Basl. ürkb. IV, 404 (1377) an des rates stat zer minren 
Basel, Friedbg. ürkb. 304 (1378) über der hurgir gut zu 
Fredeberg, Basl. ürkb. V, 82 (1386) sand Peters tag ad vincula, 
Friedbg. ürkb. 552 (1405) vor sant Peters tag ad kathedram, 
ebda 560 (1405) der stede schriber zu Franckinfurd, Mitt. 
des Musealvereins v. Krain 20, 170 (1406) von der czwayer 
dorffer icegen ze Stocheinsdorf und ze Dorleiten, Closener 36 
mit des hertzogen helfe von Lutringen, Basl. ürkb. VII, 36, 
35 (1443) von des geleits wegen ze Otmarsheim, 37, 10 
von des vischzolls wegen ze Seckingen, Stretlinger Chronik 153, 1 1 
ein Schüler mit dem namen Nicolaus, eins manns sun mit 
dem nameu Cünrats Aprisoten (= 154, 3), Tetzel, Rozmital 
147 des Grafen geleit von Katzenelboge, 161 an des herzogen 
hof von Britanien, Hansen, Geschichte des Hexen wahns 601 
(1512) der hexen halb von Eschental und Ihurn, Pauli, Schimpf 
und Ernst 1555, cap. 222 des rentmeisters son von Elffeldt (von 
Grimm angeführt), Simplic. ed. Keller S. 277 des comman- 
danten kalb zu Hanau, Bürger (hsg. v. Berger) 198 des 
Pfarrers Tochter von Taubenhain. Sehr zahlreiche Belege 
bei Grimm, vgl. auch Gramm. IV (Neudruck), 554; weiteres bei 
Kosegarten, Ztschr. f. d. Wissenschaft der Sprache 1, 353, Martin 
zu Wolframs Pz. 30, 23, Socin, Mhd. Namenbuch 344, R. Koenig, 
Stilist. Untersuchungen zur Braunschweigischen Reimchronik, 
Diss. von Halle 1911, S. 12. 

In einzelnen Beispielen wird der Artikel vor dem adver- 
bialen Ausdruck gebraucht: Neidh. 58, 5 in des hant von Riu- 

Indogermanische Forschungen XXXI. 25 



386 Otto Behaghel, 

wentalj Schreiber, Frei burger ürkb. I, 142 (1296) von der 
tüegen von Basele, von der wegen von Freiburg. 

Wenn diese Fälle der P^'ernstellung; besonders zahlreich 
sind, so hängt es zum Teil vielleicht damit zusammen, daß 
die adverbiale Ergänzung unter Umständen auch für das 
regierende Wort in Betracht kommt; des Königs Tochter von 
Ungarn ist so gut 'von Ungarn' wie der König selbst. 

Ausnahmen sind vor dem 15. Jahrhundert ziemlich selten an- 
zutreffen: z. B. Tit. 10, 4 Urrepanse de schoyen lop, Windecke 
102 des herzogen von Heidelberg volg, Chroniken deutscher 
Städte 19,' 278, 23 des Jconinghes Hildefunsi van Castellen 
dochter, Basl. Urkb. IV, 185 (1350) des capittels und der 
stette von Basel ingesigeln, Friedbg. Urkb. 289 (1376) mit 
der von Fridherg und von Franlienfurt ingesigil, 295 (1376) 
uff der burgmanne zu Frydeberg schuldegunge, 297 (1377) 
der brudir von dem Dutschin husz meister in Dutschin und 
in Welschin landin, Closener 28 des graven von Kiburg 
tohter. 

Natürlich können zu einem Eigennamen auch gleichzeitig 
attributive und präpositiouale Ergänzungen hinzutreten. Dann 
folgt die präpositionale Ergänzung unmittelbar dem regieren- 
den Wort, und das eine Glied der attributiven Gruppe 
bildet den Eingang, das andere dem Schluß der ganzen Ver- 
bindung, und zwar kann der Eigenname am Anfang stehen: 
Basl. Urkb. III, 242, 43 (1299) [zwischent Jacobes schüren 
zem Girn vn] CMinratz huse von Loufen des gratüchers, IV, 
404 (1377) Hans huse von Zell des sniders, oder er tritt an 
das Ende: Repkos Chronik 27° des konincz dogter van Lam- 
barden Desiderii (von Grimm angeführt), Chron. dtsch. Städte 
19, 489, 7 des koninghes broder van DenemarJcen Wolde- 
meres. 

0. Erweiterungsgruppen. 

I. Adjektivische: die Trennung ist die Regel: Hei. 1707 
hard trio endi hebig, 1774 wid strata endibred, Lanz. 2627 
nach guoten ritern unde fromen, 2768 zwei stolziu ros 
unde guot, Iwein 2698 bescheiden loille unde guot, Nibel. 
2088, 2 die bluotvarwen helde unde harnaschvar, Flore 1773 
der tüirsten pine und der meisten, Wälscher Gast 1213 ge- 
zaubert und betwungen minne und gehouft sint unminne, 



Fernstellung zusammengehöriger Wörter im Deutschen. 387 

2239 der boese wec und der unreht, 2216 unrehtiu dinc und 
hoesliche, 7127 senfte leiten unde reine, Secreta C, 4 durch 
sein grosse tat und wunderleich, Sanct Caecilia (Zs. f. d. Alt. XVI) 
1379 einen dorren acker unde einen hosen, Afra 742 ain 
flus ains killen prunnen unde guot, Karlmeinet 29, 27 schone 
geber ind gut, Theophil. H 625 der unreine sage unde twas. — 
Isid. 7, 1 dher aerloso man endi dher heidheno abgudim 
gheldendo, Tat. 133, 36 guot man inti reht, Notk. I, 9, 11 
micheles magenes unde ungebrostenes, MSD I, 265, 9, 2 hebet 
vile wassiu hören unde vile langiu, Berth. II, 127, 10 val- 
sehen vride und unreinen^ II, 158, 19 arme Hute und dürf- 
tige, Schönbach, Pred. I, 29, 3 böse crut und unnutze, II, 
13, 37 die guten Iceut und die erwaerigen, Myst. I, 201, 1 
der ist ein irschreclich tir unde vorchtsam, Lilie 1, 24 has 
du sconen lif inde starc inde sunt, 3, 30 die güden willen 
hadden inde rechten, Nd. Jahrb. 30, 146, 66 Aristoteles, de 
loyse meyster unde MoJce, Röhricht und Meißner, Deutsche 
Pilgerreisen S. 268 II wysse steyn und breyt, Closener 29 sie 
werent ungewefent lute un unstritbaere, Stolle Thür. Chronik 4 
der aide herre was gar eyn cluger furste vnnd wise. Augs- 
burger Chroniken I, 67, 14 do chom ain grozz wetter und 
gar zornig, Aristoteles Proplemata 1 sl sy haben ein kleine 
langen vn ein trtickne, Wigand Gerstenberg 20 gülden und 
silbern kelche oder aus zin gemacht, Schade, Satiren und Pas- 
quille, III, 9, 11, die viert urkunt und vast stark, stat ge- 
schriben Matthei XXIII. Zahlreiche weitere, namentlich nd. 
und nfr. Beispiele in meiner Ausgabe der Eneide S. CX; 
siehe ferner Hellwig, Die Stellung des attributiven Adjektivs 
im Deutschen S. 61. 68. 87. 106, Manthey, Syntakt. Beob- 
achtungen an Notkers Übersetzung des Martianus Capeila 
S. 14, Artur Müller, Das niederrheinische Marienlob, Berliner 
Diss., S. 38, Dornfeld, Reimchrou. der Stadt Köln, S. 282. 

Gegentiber dieser Fülle von Beispielen für die Trennung 
sind die Belege für die Nebeneinanderstellung stark in der Minder- 
heit, abgesehen von Notker, der auch hier seine eigenen 
Wege geht, z. B. I, 749, 22 tien wizen unde ebenmichelen 
zweln sternon, 827, 5 tribildig unde missefarewer warb, 
s. ferner Manthey, Syntaktische Beobachtungen S. 15. Verein- 
zeltes andere: MsF 123, 10 min erste und ouch min teste fröide, 
Wälscher Gast 6905 alte und wise liute\ Lilie 3, 23 die 



388 Otto Behaghel, 

wise, schinende inde senße wurcele havent, St. Georgener 
Prediger 50, 16 ain vil meru und vollekomen tugent, 53, 3 
7nit ordenlichen und guten gedmiken, 302, 5 du hohen und 
du werden marc, Schönbach, Predigten 1, 6, 41 ein listich 
und ein angestlich vient, Closener 1 der ey'ste und der ohe- 
riste bähest, 21 vil verdorbene un verhergete Moster. Bei 
Hellwig sind bloß drei Beispiele verzeichnet: Engelhard 910 
ein reine unde ein schoene saelic wip, Berth. 1, 13, 2 der 
edele und der frie herre, 13, 19 deii guoten und reinen ge- 
denJcen; im Ndrh. Marienlob findet sich kein Beispiel. Asyn- 
detisch angeschlossene Adjektive werden allerdings unbedenk- 
lich vorgestellt, z. B. Walther 18, 36 wider den jungen süezen 
man, vgl. Hellwig S. 87. 91. 96. 98. 

II. Erweiterungsgruppen mit substantivischen Bestand- 
teilen: ich kann für Trennung wie für Berührung nur wenige 
Beispiele anführen. 

Trennung: Notk. I, 14, 7 dero sunnun verte unde 
des manen, II, 14, 22 den furhtendo unde daz Judicium, 11^ 
20, 26 uzer dero chindo munde unde dero sugenton (ex ore 
infantium et lactentium), Mystiker I, 261, 8 sunt Johannes 
muoter und sant Jacohes, Myst. I, 152, Überschrift: sancte 
KyUa7is tac und siner gesellen, Urkundenbuch des^ Landes 
ob der Enns V, 25 (1309) mit miner hausvrowen guotem 
willen und aller miner kinde, Jahresber. der histor. Gesellsch. 
von Graubünden 27, 12 (1410) in gottes namen amen und 
siner lieben muoter Maria, vgl. noch Myst. II, 544, 38. 

Berührung : Tit. 62, 1 du bist landes unde Hute groziu 
frouwe, Myst. I, 205, Überschrift: sancte Cosmas und Da- 
mianus tac, Friedbg. ürkb. 252 (1367) uwer und des riches 
vyer stede, 307 (1378) durch frides der lande und ewirs 
selbis nutzes willen, Basl. ürkb. IV, 433 (1379) noch sant 
Symionis und Jude tage, Closener 6/7 in unsrer frouwen 
ün aller heiigen ere. 

Ein besonderer Fall ist Friedbg. ürkb. 289 (1376) an 
des burggreven, dez riches amptman, und der seßer rat und 
wißen, bei dem die bestimmende Größe wie die bestimmte 
durch eine mit und verknüpfte Erweiterungsgruppe gebildet 
wird und die Fernstellung ganz unklare Verhältnisse ergeben 
hätte. In zwei anderen Fällen stehen die durch unde ver- 
bundenen Substantiva voraus, aber eine präpositionale Er- 



Feriistellung zusammengehöriger Wörter im Deutschen. 389 

gänzung des zweiten Substantivs ist nachgestellt: Friedbg. 
ürkb. 253 (1367) von der vorgnanten burgermeistere unde 
dez ratis ivegen zu Frideherg, Frankf. Reichskorresp. II, 45 
(1442) von des habstes und des concilii wegen zu Basel, 
Eigentümlich ist ein Fall, wo Bestimmungsgruppe und Er- 
weiterungsgruppe einander ins Gehega kommen: MsF. 50, 35 
ndn lip icas ie unbetwungen und hochgemuot von allen 
wiben. 

Man sieht, die so zahlreichen Beispiele für die Fern- 
stellung erstrecken sich bis zur neuhochdeutschen Zeit und 
reichen vereinzelt in diese hinein. Das allmähliche Zurück- 
treten der Trennung kann man deutlich verfolgen an den 
Datumsangaben der Urkunden. 

In den am Schluß der Urkunden stehenden Datierungen 
von Bd. IV und V des Basler Urkundenbuchs findet sich, wie 
oben S. 380 bemerkt, ein einziger Fall, wo keine Fernstellung 
vorliegt. In Bd. VI, der die Jahre 1409 — 40 umfaßt, be- 
gegnen vier Belege der nicht gespaltenen Datierung: S. 24 
(1410) nach sant Jörgen des heiligen mertlers tage (Urkunde 
König Ruprechts), 120 (1421) nach sant Johans Baptisten 
tag (Urk. König Sigmunds), 373 (1434) an sant Johannis 
apostoli und evangeliste tag (ebenso), 398 (1436) vor saiit 
Michels des heiligen ei^czengels tag. In Bd. VII sind 32 der 
Datierungen gespalten; je 1 von 1441 und 1443, 2 von 1444, 
5 von 1445, 4 von 1446, 2 von 1447, 3 von 1448, 2 von 
1449, je 2 von 1451 und 1452, 3 von 1453, 5 von 1454; 
18 nicht gespalten: 3 von 1443, 3 von 1447, 5 von 1449, 
2 von 1450, je 1 von 1451 und 1452, 2 von 1453, 1 von 
1454. Bd. VIII und IX zeigen von 1455—70 Belege der 
Spaltung: 17, nicht gespalten: 10, von 1471 — 80: gespalten 
13, nicht gespalten 8, von 1481 — 90: gespalten 3, nicht ge- 
spalten 5, von 1491 — 1500: gespalten 2, nicht gespalten 7, von 
1501 — 10: gespalten 5, nicht gespalten 9, 1510 — 22: gespalten 
9, nicht gespalten 12 1). In Bd. X begegnen bis S. 300 (1543) 
nur noch Belege der nicht gespaltenen Datierung 2). 



1) IX, 113 (1491) ist die eine Bestimmung gespalten, die andere 
nicht: nach sant Johans tag des tou/fers, als man zalt von Christi 
unsers herren gehurt, ebenso IX, 141 (1494). 

2) Die Datierung nach den Heiligentagen ist wegen des Ein- 
dringens der Reformation hier sehr bald geschwunden. 



390 Otto Behaghel, 

Man wird allerdings mit der Möglichkeit zu rechnen 
haben, daß gerade in den formelhaften Datierungen das Alte 
sich länger erhalten haben mag, als anderswo. Dafür, daß die 
Spaltung seit dem 15. Jahrhundert etwas Fremdartiges wird, 
scheinen auch folgende höchst merkwürdige Ausdrucksweisen zu 
sprechen: Basler ürkb. VI, 47 (1411) vor unsei' lieben frowen 
tag der lichtmeSj = 106, 110, 436, Detmar, hsg. von 
Grautoff, II, 356 hy unser vrowen dage der krutwiginge, Frank- 
furts Reichskorresp. II, 45 (1442) von der andern stede wegen 
wer rereingunge, Basl. ürkb. VII, 392 (1449) unser liehen 
frowen tag der gehurt , 520 (1454) nach sant Pauls tag der 
heherungy VIII, 123 (1461) an mentag unser liehen frowen 
ahent der verkündung, 306 (1471) vor sent Paulus tag siner 
hekerung, 404 (1476) nach unser lieher frouwen tag der 
liechtmesse, IX, 244 (1503) nach des heiigen crutz tag siner 
findung f 260 (1504) vor des heiigen crutz tag siner erhohung^ 
347 (1511) frytagSy was sant Peters tag siner handen, IX, 
349 (1511) an dess heiligen crutzes tag siner erhehung, IX, 

391 (1515) vor des heiligen cruztag siner ei^höhung (= 448, 
1520), IX, 409 (1518) vor unnser liehenn frauwen tag der 
lichtmes. 

In solchen Fällen hat man durch Einschaltung des Ar- 
tikels oder des Possessivpronomens eine Art von äußerlicher 
Beziehung zwischen dem in der Mitte stehenden regierenden 
Wort und dem schließenden Genitiv hergestellt. Zuletzt hat 
man aus dieser seltsamen Ausdrucksweise das regierende Wort 
herausgenommen und an den Anfang gestellt: Detmar II, 509 
des achten dages unser vrouioen der vandinge (am Tage der 
Heimsuchung Maria), wo, rein äußerlich betrachtet, vrouwe 
und vandinge, der regierte und der regierende Genitiv, ihre 
Stellung vertauscht haben. Aus dem gleichen unbehaglichen 
Empfinden gegenüber der überlieferten Fügung ist auch diese 
Wendung entstanden: Basl. ürkb. IX, 380 (1410) nach sannt 
Michels tag des heiligen erzengels tag. 

So sind denn außerhalb der Datierung um die Mitte des 
15. Jahrhunderts die ungespaltenen Formen schon etwas Ge- 
wöhnliches: z. B. Basl. ürkb. VII, 7, 34 (1441) von siner 
swester frowe Violin von Rather g wegen, VII, 17, 2 (1442) 
nehent desselben her Arnolts von Ratperg huse, VII, 41, 37 
(1444) von des egedachten Peters zem Blechhette wegen. 



Fernstellung zusammengehöriger Wörter im Deutschen. 391 

Fraiikf. Reichskorresp. II, 68 (1444) ist dem frömden volke 
unsei^er hern von Osterrich slosz umh uns offen, II, 87 (1445) 
mynes herrn von Kaczenelnbogen schribere, II, 92 (1446) 
ayidern des concilii zu Costentz decreten, Basl. Urkb. VII, 
20, 19 (1443) mi sayit Niclaus des heiligen hischoffs abend, 
VIII, 24, 35 (1456) zwüschent dem^ obern Birsich und der 
frowen von Gnodental matten, VIII, 2Q, 3 (1456) nebent 
Heinrich Davids des metziger s schüren, VIII, 28, 42 (1456) in 
Clewin von Tunseis hus, VIII, 45, 12 (1458) in des benanten 
herrn von BlancJcenberg lant'^ ähnlich 45, 15; 45, 2^] 90, 
24; 91, 10; VIII, 103 (1460) der selben frowen zu Clingen- 
tal zinszmeister. Weiter hinauf reicht ein Beispiel aus den 
Mitteil, des Archivs f. Niederösterreich 2, 14 (1352) an der 
heiligen jungfrawn sand Dorotheen tag. 



Neben der Trennung von Wortgruppen durch ein regie- 
rendes Nomen spielt die Spaltung durch andere Satzglieder 
eine untergeordnete Rolle, und die Belege bilden gegenüber 
den nicht getrennten nur eine geringe Anzahl. Ich verzeichne 
Beispiele, wieder nach der Art der gespaltenen Gruppen. Es 
handelt sich in weitaus den meisten Fällen um Trennung durch 
das Verbum*): 

A. Attributive Gruppen. 

I. Adjektiv und Substantiv: 

a) Das Adjektiv geht dem Substantiv voraus: Meister 
Stephan 1841 do he den schonen hadde vorslaghen Abso- 
lonen. 

b) Das Adjektiv folgt nach: Tit. 26, 2 der het ouch 
Herzelöuden \ ze Mu7itsalvatsch, die claren, erworben, wo 
freilich die claren auch als eine Art Nachtrag gefaßt wer- 
den kann. 



1) Auch Ulfilas liefert Beispiele, der sonst so selten in der 
Wortstellung seine eigenen Wege geht (vgl. Kapteijn, J. M. N., Über- 
setzungstechnik der got. Bibel in den Paulinischen Briefen, IF. 
29, 335, der jedoch das Wesen der Erscheinung nicht erkannt hat): 
2. Kor. II, 15 dauns sijum wopi (euuübia ^c|li^v), Gal. IV, 22 twans 
aihta sununs (buo uloOc ?cx€v), Phil. IV, 3 Jmk lüalisa bidja gajuko 
(IpiuTU) Kai c^, Yvricie cu^uy^). Für die Skeireins vgl, Dietrich in der 
Einleitung seiner Ausgabe, LXVII. 



392 Otto ßehaj^hel, 

II. Eigenname und Substantiv: 

a) Das Substantiv gebt voraus: Myst. I, 66, 33 do daz 
der keiser vernam Dyoclecianus. 

b) Es folgt naeb: Wh. 72, 30 Schoiusen er do niht ver- 
gas z, sins swerts. 

B. Gruppen, in denen ein Nomen durch ein nicht im 
gleichen Kasus stehendes Nomen bestimmt wird. 
I. Durcb einen Genitiv: Otfr. I, 8, 6 nam thes huares 
thana (hinweg) ican ^), Himral. Jerusalem 45 den namen sah 
er dar obe stan der himeliscen Jerusalem, 322 den wirt diu 
haimüt gegeben der himeliscen Jerusalem, Hartmann, Vom 
Glauben 2661 di räche ist dort der missetat, Litanei 2l3 
dan abe uns die frowede quam allir gnaden, 294 uze dir 
der rinne floz allir gnade, Ecke 172, 12 wirt er des todes 
innan Ecken, Afra 196 die vinsterin her nachten der nacht, 
Gundaeker von Judenburg 3691 do ich dich nach dem ole 
dar der barmunge hete gesant, Hellwig, Maere vom Kreuz 27 
und em gebe met heile daz ölet zu teile siner gotlichin barm- 
herzekeit, Lohenstein, Sopbonisbe I, 15 Europa schlaget ihre 
dis Fessel ab der Mohren, Grillparzer (Stuttg. 1872) III, 49 
in der Gesellschaft nur der Wildniss, Hermann u. Dorothea 
1, 95 der geschwinde die Spuren tilget des schmerzlichen 
Übels. — Notk. II, 56, 2 sie in einemo fuoze gant veteris tes- 
tamenti, II, 79, 22 manigfalte bina sint mines herzeii (tribu- 
lationes cordis mei multiplicatae sunt). Willer. 51, 17 diu der 
gemahela ist veri Salomonis, 60, 4 die mir daz opfer brin- 
gent des diemuotigen unte des reinen gebetes, 126, 11 sie so 
pervigiles doctores sin dinero Ecclesiae, Berth. I, 388 ein 
übergülde ist ez aller der saelikeit, St. Georgener Prediger 
25, 35 swer zu dem tisch sol gan tinsers herren gnade, 
Schwabenspiegel 215, 12 so diu fümf buoch dir helfen des 
herren Moysi, Scbönbach Pred. I, 10, 21 hetten wir hoffe- 
nunge von gotes gelubede siner uferstandunge, II, 1, 3 do 
diu zeit chom siner hiligen marter, II, 10, 24 do der vor cM- 
lich tag chom unsers herrn, Myst. I, 64, 6 sluc vil hundert 



1) Dazu bemerkt Erdmann: 'Wortstellung wohl nur um des 
Verses willen verschoben; oder etwa nach lateinischem adulterii 
abstulit opinionem'. 



Fernstellung zusammengeliöriger Wörter im Deutschen. 393 

zu tode der Tieiden, I, 291, 16 daz Kristus ein fürste icas 
unmeziger wirdiJceit, II, 381, 5 a7i einer waren offenbarunge 
in dem geiste zuoJcünßiger dinge, II, 398, 21 sol si im gang 
in die ewiJceit haben irs wesens, Leben des heiligen Ludwig 
88, 15 wie wol daz der tufil der vater ist der logene, Tauler 
140, 30 nun und minzig hundert lies er e der Jclehrohten 
lüte in der wueste, Von geistl. Armut 12, 17 sol kein ge- 
horsam an sehen des menschen, Leben des heiligen Hiero- 
nymus 10, 18 icie wol ich in geselschaft wer der wilden 
tire, Friedberger Urkb. 250 (1367) anbiete?! dem burger- 
meisterj dem rate und den burgern gemeinlich der stat zu 
Fri/dberg, 250 (1367) daz ich heybtman und diener icorden 
bi7i der stat zu Frideberg eyn gancz jar, Closener 8 der 
vormals ein pfleger was des riches, Stolle, Thür. Chronik 8 
der eyn hofemeister was des jungen hern, 9 der eyn meteer- 
beling 7ioch ome loere des landes, 14 das sy des jungen hern 
vn7id or hetten macht genomen, Tucher, Baumeisterbuch der 
Stadt Nürnberg 227, 17 was auch Schadens an dem mauer- 
werk geschieht des statgraben, Stretlinger Chronik 17, 14 
kein ander Mich in dem seihen land loas des mindern Bur- 
gunn, 79, 6 einem kilchherren daselbs des Paradis, 117, 17 
der ouch uf die selben zit patron und schirmer was der 
kilchen des Paradises, Mnd. Evangel. in Kopenhag. S. 5: 
wor is de koning geboren der jode^i (ubi est, qui natus est 
rex ludaeorum), Murner, Journ. of Engl, and German. Philol. 
5, 299 das ist der gröst fürnemeji gewesen meiner ler (hie 
fuit scopus lucubrationum mearum), Satiren der Reformations- 
zeit, hsg. von 0. Schade III, 4, 14 uns widerumb miterben 
machet sins richs, Insomnis cura parentum 7 das ist fast 
nur der anfang gewesen meines Jammers, 9 Gott wolle das 
Seuffzen erhören cnd die Thränen ansehen seiner Gemeine, 
Böhme, Dreifaches Leben 6 wie Gott der Vater ist alles, 
Simplic. (hsg. von Kurz) II, 112 welches lauter Präludia 
ware7i meiries abermaligen gänzlichen Verderbens (Einiges 
bei Kehrein, Gramm, der Spr. d. 15.-17. Jahrh. III, § 499, 1), 
Walther Bloem, Das eiserne Jahr 34, dass im Herzen Ahnung 
wach wurde der erdentrückten Freude, sein Leben lassen zu 
dürfen für Heimat und Heldenehre, 

II. Durch einen Akkusativ: Iwein 531 daz ich suochende 
rite einefi man, der mit mir strite. 



394 Otto Behag'hel, 

III. Durch einen praepositionalen Ausdruck : Nib. 1003, 2 
do hiez Hagene tragen Sifriden also toten von Nihelunge 
lantj W. Titurel77, 2 sus wü ich iemer wünschende sin nach 
dem gewinne, Dietr. Flucht 5125 her Dietrich sprach von 
JBerne, Reinmar von Zweier 222, 4 des mac diu Tcünigin wol 
jehen von üngerlant, Suchenwirt XVIll, 295 der des chüniges 
panyr truog von Franchreich, Lilie 2, 25 dat ich otmüdich 
hin van herce, Mitt. des Archivs f. Niederösterreich, II, 7 
(a. 1365) Nyclas, Dyetreich, Leupolt prüder von DroJcken- 
dorf, Closener 28 die zu dem hertzogentum hortent zu Öster- 
rieh, Chron. dtsch. Städte 19, 342, 8 de en swager was des 
Jconinghes von Armenieii, 346, 3 dar ivart oc de koninghinne 
bracht van Denemarken, 346, 8 loart deme marcgreven ant- 
wordet von Brandenhorch. 

0. Erweiterungsgruppen. 

I. Aus Substantiven: Notk. II, 4, 25 er geuuerdet sie wizzen 
unde iro werch, 21, 16 sieho ouh mih selhtm darana unde 
minu chint, MSD I, 288, 35 sewie min tac mich hegrife unte 
min ente, Roth. 345 daz ir nie nichein de sunnen gesach 
noch den mane7i so Hecht, 785 mit golde ivaren sie geladen 
unde mit grozer zirheit, Nibel. 1005, 3 ein lieht hot si ir 
bringen und ouch ir gewant, Tit. 26, 3 Kanvoleiz gap er der 
frouwen schone und Kingrivals, 50, 1 sit daz man den rehten 
münch in der minne und ouch den waren klosenaere wol 
heswert, 108, 3 die Kiots kint truoc unde Schoysianen, 
W. Gast 7544 unser vint uns ziehen kan unde unser glust 
zaller stunde, 7573 swer gotes vorht hat und sin vriuntschaft , 
7653 oh uns güete dar hrlngen sol unde gotes genade lool, 
Schwabenspiegel (hrg. von Wackernagel) 93, 9 dar nacli daz 
laster si unde der schade, 211, 3 wa7i da wurde ein schoene 
sele verlorn unde ein lip, Lilie 2, 4 dat sie erde sint inde 
esche, Myst. I, 8, 32 wan her ein furste was der Christenheit 
und ein houhet, I, 70, 17 daz ivir gotis sullen verloukenen 
und unses glouhen, 1, 71, 27 daz in die vögele ezzen und di 
tir, I, 73, 12 daz her alle sunde vorsmehe und allez gut vo7i 
ertziche, I, 77, 15 wie vil si hir inne harmherzikeit tete imd 
werg der lihe, I, 321, 33 si machet den menschen gote wider- 
zaeme unde den Muten, St. Georgener Prediger 16, 27 swaz 
da Got guotes hat und all sin haiigen. Richtsteig Landrechtes 



Fernstellung zusammengehöriger Wörter im Deutschen. 395 

12, 9 de miit wedde geven unde hüte, Stretlinger Chron. 191, 25 
waz si für ir eigen hüser lassen erhenken und an die zinnen, 
Tetzel, Rozmital 149 hot im die Tiand und all seinen erhern 
dienern, Niclaus Manuel 217, 1 der tilfel hat sie di^üher tragen 
und sin muter, ülenspiegel (hsg. v. Lappenberg) 117 daz in 
ein todter wolf und alle gesind verfürt het, Gessners Schriften, 
Carlsruhe 1775, I, 177 wenn der Mittag harn und der Abend, 
Goethes Iphig. erste Fassung, Werke 39, 333, 3 das Gesetz ver- 
hietets und die Noth, Schiller XIII, 192, 613 so lang es Gott 
gefällt und Talhots Schwert, Halm, Fechter von Ravenna S. 204 
was Lehen ist und Freude, 249 Gesang ericache rings und 
Becher schall^), Vest Appenzeller Mundarten S. 45 weil er zu 
viel Geissen habi und BöcJc. 

II. Aus Adjektiven oder Partizipien: Schönbach, Pred. 
I, 7, 7 daz der mensche othmüntich si und nicht Imntich, 
I, 26, 23 der gar arme was worden und ser suchtig, Schüre- 
brand 14, 11 die gotte lohelichen sige und üch fruchtherer, Clo- 
sener 1 iw denselben joren getan hant un begangen, 26 lidig 
stunt un ostiur, Schiller IV, 78, 31 sah aber blass aus und 
schmächtig. Zweifelhaft kann man sein gegenüber Fällen wie 
Myst. I, 70, 11 wan her ein alt man was unde ungespraeche ; 
hier kann ungespraeche parallel zu alt sein, aber auch zu 
dem ganzen Ausdruck ein alt man. 

III. Aus Infinitiven: Schönbach, Predigten I, 7, 5 silher 
und golt und ander getregete zu haben iz ist nicht sünde 
und zu hesitzenne mit der gotes minnen, II, 3, 2 mit der wir 
uns err einten sidn und bereiten zu den grozen hohziten. 

Die Erscheinungen, die wir im vorstehenden für das 
Deutsche nachgewiesen haben, sind auch den Nachbarsprachen 
nicht fremd (an. Tristrams saga oJc Isondar, Heimskringla 
44, 8 med storum sMpum oh smdrn, Anglosaxon Chronicle, 
ed. Thorpe I, 296 Eadwine Leofrices brodor eorles, Early 
English Text Society 36, 381, 3 this Banyn was a holde 
squyer and hardy, Chrestien, Erec 506 de tant povre rohe 



1) Dazu bemerkt G. Boden, Der Stil in den Dramen Friedrichs 
von Halm, Greifswalder Diss., 1911, S. 71: 'warum diese Konstruk- 
tionsdurchbrechung? Nun, der Ton wird gesammelt durch diese 
Einschübe und kommt den nächstfolgenden wichtigeren Begriffen 
zugute*. 



396 Otto Behaghel, 

et si vily 738 la sele fu mise et U frains). Daß sie allgemein 
indogermanisch sind, hat W. Schulze erkannt, Zur Geschichte 
lateinischer Eigennamen S. 128, Anm. 4. Daß das Litauische 
(z. B. bei Donalaitis) und der Avesta daran teilnimmt, weiß 
ich aus mündlicher Belehrung durch W. Schulze. Wenig 
hierher Gehöriges steht bei Ed. Thommen, Die Wortstellung 
im nachvedischen Altindischen und im Mittelindischen, Kuhns 
Zs. 38, 557. Für das Griechische und Lateinische vgl. H. Boldt 
De liberiore linguae Graecae et Latinae collocatione verborum 
capita selecta, Göttinger Diss. 1907^ für das Griechische ins- 
besondere Kühners Grammatik ^ 2, 1, 623 d, 624 e (z. B. Hell. 
III, 2, 30 xfiv ineiaHu ttoXiv 'Hpaiac xai MaKicxou, Aeschylus, ed. 
Wecklein, Prom. 329 töv vöv x6\o\ rrapövia), L. Lindhamer, 
Zur Wortstellung im Griechischen; eine Untersuchung über die 
Spaltung syntaktisch eng zusammengehöriger Glieder durch das 
Verbum ; Diss. von München, 1907, für das Lateinische — 
trajectio nennt Quintilian instit. or. 8, 14 die Erscheinung — 
Axel W. Ahlberg, De trajectionis figura in antiquissimis inscrip- 
tionibus Italicis adhibita, Festschrift f. C. J. Johansson, Göteborg 
1910, S. 39; derselbe De trajectionis figura ab antiquissimis 
prosae scriptoribus latinis adhibita, Eranos 11, 88. 

Aber von einer irgendwie genügenden Erforschung der 
Tatsachen auch nur für die beiden klassischen Sprachen kann 
keine Rede sein. Die Kühnersche Grammatik bringt es noch 
fertig, sie unter dem Kapitel vom Artikel zu behandeln. Ich 
selber kann an dieser Stelle nicht daran denken, mit meinen 
Nachweisen über die Grenzen des Deutschen hinauszugehen. 
Immerhin ist so viel klar, daß wir es mit einer weit ver- 
breiteten Erscheinung zu tun haben, und daß ihre Ursachen 
in Eigenschaften der menschlichen Rede gesucht werden müssen, 
deren Ausbreitung mindestens die gleiche ist. 

Die Seite 391 — 395 aufgeführten Beispiele der Trennung 
erscheinen fast durchweg am Schluß des Satzes, und es kann 
keinem Zweifel unterliegen, daß für die Trennung rhythmische 
Gründe bestimmend gewesen sind. Ich habe schon bemerkt, 
daß es fast überall das Verbum ist, das sich vor das zweite 
Glied der Gruppe schiebt. Stände es am Ende, so würde der 
Ausgang durch ein schwach betontes Wort gebildet sein: die 
Trennung verhilft zu einem volleren Ausklang des Satzes. 

Jakob Grimm hat nun alle von ihm besprochenen Er- 



Fernstellung zusammengehöriger Wörter im Deutschen. 397 

scheinungeii der Fernstellung in dieser Weise aufgefaßt; in- 
dem die heutige Sprache die altdeutsche Freiheit hat fahren 
lassen, hat ^sie sich um einen nachdrücklichen Schluß des 
Satzes gebracht' (Kl. Schriften 7, 138). 

Es geht jedoch nicht an, die beiden verschiedenen Arten 
der Fernstellung ohne weiteres auf dieselbe Ursache zurück- 
zuführen. Denn erstens haben sie vei'schiedenes Verbreitungs- 
gebiet: die Trennung durch das Verbum ist noch der neueren 
Sprache durchaus möglich. Zweitens handelt es sich bei der 
Trennung durch das regierende Nomen keineswegs immer um 
Satzschlüsse. Endlich drittens würde das Streben nach vollem 
Ausklingen nur die positive Erscheinung der Fernstellung er- 
klären, nicht die negative, daß Adjektive und Partizipien mit 
relativer Bedeutung im allgemeinen nicht attributiv verwendet 
werden. Es muß also in der Vorstellung der Gruppen vor 
das regierende Wort an sich etwas sein, was störend, was an- 
stößig wirkte. Der Grund kann darin liegen, daß eine unan- 
genehme Spannung entstand, wenn eine größere Wortgruppe so- 
zusagen in der Luft schwebte, wenn man längere Zeit auf 
den Hauptbegriff warten mußte. Aber das kann kaum der 
einzige Grund gewesen sein, denn durch die Spaltung enstand 
eine neue unangenehme Spannung, namentlich dann, wenn das 
vorausgestellte Glied ein relativer Begriff war (z. B. ein haben- 
diu zange minen zorn). Es ist vielmehr zweifellos auch hier 
das rhythmische Gefühl wirksam gewesen. Ich habe IF. 
25, 110 einen besonderen Fall der allgemeinen Erscheinung 
erörtert, daß in der Anwendung der Satzglieder danach ge- 
strebt wird, das umfangreichere Satzglied hinter das kürzere 
treten zu lassen. In unserem Fall kann man negativ sagen: 
es besteht die Abneigung, ein umfangreicheres Glied vor ein 
kürzeres zu stellen. Auch in den Fällen der Fernstellung, die 
S. 391 if. erörtert sind, die nicht die Einschaltung des regierenden 
Nomens zeigen, würde die Endstellung des eingeschalteten 
Worts, insonderheit des Verbums, meist die unerwünschte 
Vorausstellung des umfangreicheren Gliedes bedeuten; es wirkt 
also bei der Fernstellung neben der Rücksicht auf den kräftigen 
Schlußton auch jenes allgemeinste Stellungsgesetz, und so hat 
schließlich J. Grimm doch nicht so sehr unrecht mit seinem 
Empfinden, daß die ganze Erscheinung einheitlich zu be- 
urteilen sei. 



398 Otto Behaghel, Fernstellung zusammengehöriger Wörter usw. 

Wenn im Laufe des 15. Jahrhunderts die Abneigung 
gegen die Vorstellung der Gruppen immer mehr abnimmt, so 
hat hier die logische Schulung den Sieg über das rhythmische 
Empfinden davongetragen. Man hat einerseits gelernt, jene 
unangenehme Spannung zu ertragen, und ist anderseits zu der 
grammatischen Forderung gelangt, daß das logisch Zusammen- 
gehörige auch äußerlich zusammengestellt werde. Diese logische 
Schulung steht in engem Zusammenhang mit der Ausbildung 
des Kanzleistils, und es ist vielleicht kein Zufall, daß die 
älteren Belege für die ungespaltene Datierung (s. oben S. 389) 
aus der königlichen Kanzlei stammen, die für die Ausbildung 
jenes Stils besondere Bedeutung gehabt hat. 

Aber es kommt noch etwas anderes in Betracht. Die 
Zeit, in der der Kanzleistil sich zu seiner vollen Blüte aus- 
bildet, ist zugleich die Zeit, in der der Buchdruck aufkommt 
und der Humanismus Macht gewinnt. Alle diese Umstände 
bewirken, daß jetzt unendlich viel mehr gelesen wird als früher, 
daß man für den Leser schreibt, daß das Hören und Sprechen 
zurücktritt. Daraus ergibt sich naturgemäß eine Abstum- 
pfung des rhythmischen Empfindens, und um so leichter wird 
man logischen Forderungen in der Wortstellung Raum geben. 
In gewissem Umfang konnten sich solche Einwirkungen auch 
schon früher geltend machen, und so finden wir in der ge- 
lehrten Literatur der älteren Zeit, insbesondere bei Notker, 
die Abneigung gegen die Vorstellung des größeren Gliedes nicht 
selten überwunden. Man kann sagen: es handelt sich um 
einen Kampf des Geistes der Logik und des Geistes des Rhyth- 
mus, bei dem bald die eine, bald die andere Macht die Ober- 
hand gewinnt. 

Das Empfinden für die logische Zusammengehörigkeit 
ist natürlich am wenigsten stark bei den Erweiterungsgruppen; 
sie werden nicht durch relative Bedeutung der Glieder zusammen- 
gehalten. So kommt es, daß hier die rhythmischen Forderungen 
sich besonders leicht durchsetzen und zum Teil bis hinein in 
die Sprache der Gegenwart wirksam bleiben (vgl. S. 395). 

Gießen. Otto Behaghel. 



E. Bern ek er, Kyrills Übersetzungskunst. 399 



Kyrills Übersetzungskimst. 

Von Kyrills Werk, der altkircheiislavischen Evangelien- 
übersetzung-, hat jüngst (GGA. 1911, Nr. 10, S. 607) Brückner 
gesagt: 'Seine Größe, zumal als philologische Leistung, wird 
durch nichts geschmälert, mag uns auch seine Sprache etwas 
farblos anmuten, als eine nur erlernte, nicht als eine an- 
geborene.' Während man über den einschränkenden Teil des 
Urteils wohl auch anderer Meinung sein kann, wird man dem 
Lob gern beipflichten, namentlich seit man durch Grünenthals 
emsige und förderliche Untersuchung (ASlPh. Bd. 31 und 32) 
eine feste Grundlage für die Würdigung der Übersetzungs- 
technik gewonnen hat. 

Im folgenden sollen die Feinheiten und die Genauigkeit 
der Übersetzung in der Wortwahl betrachtet werden. Um 
Kyrills Verdienste hier richtig zu werten, muß man sich zuvor 
erinnern, was spätere Autoren, wie etwa der Übersetzer des 
Suprasliensis oder der Exarch, an Fehlern und Mißverständ- 
nissen leisten (vgl. Leskien Die Übersetzungskunst des Exarchen 
Johannes ASlPh. 25, 48 ff.; Zur Kritik des aksl. Codex Su- 
prasliensis, Abb. d. phil.-hist. Kl. d. K. Sachs. Ges. d, Wiss. 
Bd. 27, Nr. 13; Bd. 28, Nr. 1). Es sei nur erinnert, daß 
eböHaZ^ov 'waren der Meinung' durch proslaviti übersetzt wird ; 
TpÖTTOC ^Art und Weise' durch prevraU ; Kaxd juepoc durch sh 
stranij] dvuuGev in der Bedeutung 'olim' durch s^ go7'y; xd 
dbuia fdas Hochheilige') durch nezachodqstaja u. a. mehr. 
Auf diesem dunklen Hintergrunde strahlt Kyrills Können im 
hellsten Licht, was jetzt im einzelnen gezeigt werden solP). 

Zunächst: wenn das griechische Wort verschiedene Be- 
deutungen hat, so ist der Unterschied im Slavischen richtig 
beobachtet, biupedv heißt 'umsonst', sowohl im Sinne von 
gratis wie von frustra. Im ersteren Fall wird es durch tuiie 



1) Zitiert wird nach Jagics Ausgabe des Codex Marianus. 



400 E. Berneker, 

wiedergegeben: buüpedv eXdßere, biupedv böte Mt 10 s ttme 
prijqste, tune dadite, im letzteren durch spyti (Ostr. v. hez 
uma): ÖTi e|Liicr|cdv jue biupedv J 15 25 eko vhznenavides^ rti^ 
spyti. fiXiKia ist 'Lebensalter' und 'Körpergröße'; dies 
scheidet auch die Übersetzung als v^z{d)rast^ und telo: 
z. B. fiXiKiav e'xei, auxoc irepi eauioö XaXricei J 9 21 v^zdrast^ 
imathj sarm sehe da glagoFet^ (so auch J 9 23 ; Lc 2 52) ; 
aber ir] f]XiKia juiKpöc fjv Lc 19 3 telorm mah he; Tic . . . 
buvaiai TTpocOeTvai eiri xrjv fiXiKiav auxoö Trfjxi'v eva Mt 6 27 
(Lc 1225) kto., . mozeth priloziti telese svoemhlakoth edim. X'Jup a 
"Land, Landstrich, Gegend, Territorium' gibt strana wieder 
(z. B. dTrebr|jur|cev eic x^po^v juaxpdv Lc 15 13 otide na stranq 
dale6e\ eic Tf]V x^poiv tOuv fepTecrivOüV Mt 828 v^ stranq 
ger'gesinskq u. ö.); x^po' 'Feld' jedoch niva: dvöpiuTTou tivöc 
ttXouciou eiicpöpricev fi x^bpa Lc 12 ig cloveku edinomu hogatu 
ogohhdzi sq niva] öedcacGe xdc x^po^c, öti XeuKai eiciv rrpöc 
Gepicjuöv J4 35 vhzvedete oci vasi i vidite nivy^). cu|uttvi- 
Yeiv heißt 'ersticken' und 'drängen'; im Slavischen entspricht 
podavitiy podavl'ati und ugnetatij das sonst cuvBXißeiv 
übersetzt-, z. B. dveßrjcav ai dKavOai Kai cuveirviEav aurö Mc4 7 
vhzide tr^nie i podavi e (ähnlich Mc 4 19 ; Mt 1822; Lc 814); 
aber ev be tuj uirdTeiv auiöv 01 öxXoi cuverrviTOV autöv 
Lc8 42 egda idease, narodi ugnetaachq i. Ebenso Trvifiu, 
TTViTOjuai; 'ersticken, würgen' ist daviti, podaviti (Mt 18 28. 
13 7); aber Meöis eTrvifovTO ev tt] 0aXdccr], wo TTViTOjuai 'er- 
saufen' (von Schweinen) bedeutet, wird utapati gebraucht: 
utapaachq vi mori. 

Weiterhin hat schon Grünenthal (ASlPh. 32, 41 if.) darauf 
aufmerksam gemacht, daß die griechischen Verba 'häufig nicht 
wörtlich, sondern freier wiedergegeben werden gemäß sla- 
vischer Sprachweise' und eine Anzahl Beispiele angeführt; 
die Mannigfaltigkeit der Übersetzung von ßdXXeiv und seinen 
Kompositen (a. a. 0. 43) verdiente eine eigene kleine Unter- 
suchung. Auch sonst läßt sich eine Menge von Fällen an- 
führen, in denen durch die verschiedene Wiedergabe eines 
und desselben griechischen Verbums die slavische Übersetzung 



1) An der Stelle xal Troi|u^vec i^cav ^v xr) x^P« Tfj auTf) ... Lc 2 8 
ist xiwpa als atrana gefaßt, was sich rechtfertigen läßt; auch bei 
Lc 21 21 Kai Ol ^v rate xiwpaic |ui^ eicepxecGuucav eic a\iTr\v gibt die Über- 



setzung v^ stranachh einen Sinn. 



Kyrills Übersetzungskunst. 401 

mehr idiomatisch, saftiger und anschaulicher wird (es werden 
hier nur solche Beispiele gegeben, die sich bei Grünenthal 
nicht finden oder nur gestreift werden). 

Die regelmäßige Entsprechung von eKieiviu Tf)v x^ipa 
(tcic x^ipoic) ist prosthrq rqkq (so Mt 8 3. 12 13. 12 49. 14 31. 
26 51; Mc 1 41. 35; Lc 5 13. 2253). Nur an einer Stelle ist es 
anders übersetzt öxav be yripdcric, eKieveic idc x^ipdc cou, Kai 
dXXoc Z!iucei ce xai oicei öttou ou GeXeic J 21 is egda ze shsta- 
reeH sq, vhzdezdesi rqce tvoi i im tq poeset^ i vedeth emoze 
ne chostesi. Denn hier ist das Ausstrecken der Hände ge- 
meint, um sich auf jemand zu stützen und v^zdeti (sonst 
aipeiv, eiraipeiv) paßt trefflich. TraTdcciü wird durch uda- 
riti gegeben, wenn der Sinn ist 'mit einer Waffe schlagen': 
Kopie, ei TTaidHüjuev ev juaxaipr); Kai eirdraHev eic Tic eH auiiuv 
ToO dpxtepeujc töv boöXov Lc 22 50 gospodi. aste udarirm 
nozeinvb\ i udari edim ne]c^i otz nichh archiereova raba (ähn- 
lich Mt26 5i); aber durch porazitij w^eun es 'niederschlagen, 
erschlagen' ausdrücken soll: TraidHuj töv TTOijueva, Kai Ta irpö- 
ßaTa biacKop7Tic9r|covTai Mc 14 27 porazq pastyre i ov^cq raz- 
hegnqti sq (so auch Mt 2631). pr|"fVO)ni wird durch vier ver- 
schiedene Verba wiedergegeben. Wenn der Wein die Schläuche 
sprengt, steht prosaditi (ei be jurife, priHei 6 oTvoc ö veoc 
Tooc dcKOuc Lc 5 37 aste li ze ni, prosadith vino novoe mechy ; 
so auch Mc 2 22, und prosqdqth sq mesi für pritvuvTai 01 dcKoi 
Mt9i7)-, vom Zerreißen durch wilde Tiere wird rastvhg- 

nqti gebraucht (jur) iroTe CTpaqpevTec priHiuciv \}\xäc 

Mt 1 6 da ne vrasthse sq rastr^gnqt^ vy *, es ist die 

Rede von Schweinen). Schwierigkeiten scheint die Über- 
setzung zu machen, wenn es sich um das Hin- und Herreißen 
eines Kranken durch einen Dämon handelt. Denn hier ist 
einmal povresti gewählt (eigentlich piiTTeiv, ßdXXeiv): eppriHev 
auTÖv TÖ baijudviov Kai covecirdpaHev Lc 9 42 povr^ze i bes^ i 
sdtrqse i] das andere Mal razbivati, razhiti (sonst Xueiv, 
KaTaXoeiv, KXdv): Kai öttou edv aoTÖv KaTaXdßr], pr|ccei aoTÖv 
Mc 9 18 i ize aste koliz^do imet^ i, razhivaat^ i. Je nach dem 
Objekt wird KaTdTvojLii verschieden gegeben: 'brechen, 
knicken' (das Rohr) heißt prelomiti (Zogr. v. prüomiti) : KdXa- 
)i0v cuvTeTpijujLievov 00 KaTedHei Mt 12 20 tvhsti shkruseny ne 
prelomith\ 'brechen, zerbrechen' (die Schenkel) ist 'prehiti: 
npujTricav TÖV TTeiXdTOv iva KaTeaTUJCiv aoTÜJV Td CKeXn J 193iflf. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 26 



402 E. Berneker, 

moHsq pilata, da prehijqtr, goleni ichh. Bemerkenswert ist 
die dreifache Überset'/nng von expiZ^ouv. Das genau ent- 
sprechende iskorenlti findet sich da, wo von einer ganzen 
Pflanzung die Rede ist: Träca cpuieia fiv ouk eq)iJTeucev 6 rra- 
TTip juou ö oupdvioc eKpiZ[uj6r|ceTai Mt 15 13 vbsekh sad^ egoäe 
ne sadi othc^ moi neheshskdi LskoreniH sq. Vom Weizen 
heißt es einfach v^str^gnqti ('ausreißen'): \xr\ ttotc cuXXe- 
YOVT€C TCi 2;iZ!dvia eKpiZ^oJCTiTe a)ua auToTc töv cTtov Mt 13 2» 
eda v^strhgajgste pleveh v^str^gnete kupdno .v» nimh i pse- 
nicq. Beides schien dem Übersetzer nicht zu passen für das 
zum Maulbeerbaum gesprochene eKpi^iuBriTi Kai 9UTeu0riTi ev 
Tri GaXdccr] Lc 17 g; hier wählte er, nicht übel, vhzderi se i 
rhsadi sq vi, more ('reiße dich heraus' ; Sav. bietet die blassere 
Variante vhzhmi sq 'erhebe dich'). Auch Erip aivojuai er- 
scheint in dreierlei Weise übersetzt. 'Dürr, trocken werden (von 
Pflanzen)' ist Ishchnoti: ttuüc Trapaxp^liua eHripdvÖri fi cuKfi; 
Mt 21 20 kako ahhe isdse smokovhnica\ (ähnlich Mt 13 «; 
Jlöe); 'trocken werden (von Flüssigkeiten)' ist is qknoti: 
Ktti eu9uc eHripdvOri x] nrifi] tou aijuaioc auific Mc 5 29 i ahie 
isqkno istochnikd kr^ve e;^; endlich 'abzehren, mager werden 
(von einem Kranken)' ist ocepeneti (sonst vapKdv): Tpxlei 
Touc öböviac Kai Hripaiverai Mc 9 is skrhZ'bstet^ zqhy svoimi i 
ocepeneaU. Weiter Kaxecöiiu. Die gewöhnliche Übersetzung 
ist s^nesti, s^nedati. So edv |ufi qpdfriTe xfiv cdpKa xoO 
uioO Toö dvGpiuTTOu J 6 53 aste ne s^neste phti syna clovech- 
skaago . . Dasselbe Wort wird auch in übertragener Bedeu- 
tung gebraucht; vom verzehrenden Eifer: ö Z^fiXoc toO oikou 
cou KaTacpdYexai )li€ J 2 17 zalosth domu ivoego sdnest7> me ; 
vom Ansichreißen der Häuser der Witwen : o'i KaiecOiouciv xac 
oiKiac Tujv xiipu^v Lc 20 47 ize shnedajqti> domy v^dovic^. Doch 
Ostr. hat hier die Variante izedajqth^ und in der Tat scheint 
bei bildlicher Verwendung der Übersetzer eine andere Präpo- 
sition vorzuziehen: Mc 12 40 findet msm poedajqsticM domy 
v^dovic^ und Lc 15 30 für 6 KatacpaToJV cou tov ßiov fueid 
TTOpvuiv, 'der dein Vermögen verpraßt, durchgebracht hat', 
ized^i tvoe imenie s^ Ijuhodeicami. Endlich, wenn KaxecGiiu 
von Vögeln gesagt wird, so tritt regelmäßig, slavischem 
Sprachgebrauch gemäß, pozohati ein: Kai eXeövra rd Treieivd 
KaieqpaYev auid Mt 13 4 i pridq pticq nebeshskyjq i pozohasq e 
(ebenso Mc4 4; Lc 8 5). KaGapiZ^iu wird regelmäßig durch 



Kyrills Übersetzungskunst. 403 

ociütiti, ististiti gegeben; nur an einer Stelle durch 
istrebJ'ati: öti ouk eicTTOpeueTm auTOÖ eic Tf]v Kapbiav dXX' 
eic TTiv KOiXiav, Kai eic xöv dcpebpuuva eKTropeuerai, KaöapiZluJV 
TrdvTa id ßpuujuaTa Mc 7 19 eko ne mchodith emu v^ S7'zdcey 
m m crevo i shvoze afedrom ischodiU^ istrebUjq vise hrahna. 
Der Übersetzer hat an dieser nicht .ganz leichten Stelle (vgl. 
H. J. Holtzmann Synoptiker^ 143) Ka0api^iuv auf dcpebpuuva be- 
zogen; und vom ^Abort, der das Reinigungsgeschäft von selbst 
besorgt', konnte ocistiti nicht gut gesagt werden (Luther: Mer 
alle Speise ausfeget'). Kiveuj ist dvignqti: ou GeXouciv ki- 
vficai auxd (sc. qpopiia ßapea) Mt 23 \ ne chotqU dvignqti ich^ 
(sc. hremena t^zhka)] aber KiveTv xrjv xeqpaXriv (idc KecpaXdc) 
'den Kopf schütteln, mit dem Kopf wackeln' wird gut sla- 
visch an den beiden Stellen, da es vorkommt, Mt 27 39 und 
Mc 15 2dj durch pokyvati glavami ausgedrückt. eKX€UJ 
entspricht prolhjati (so Mt 9 n); an der einen Stelle jedoch, 
wo es nicht von Flüssigkeiten, sondern von festen Körpern 
gebraucht wird, vom Verstreuen der Münzen, steht rasypati: 
Kai Tüuv KoXXußicTÜJv eHex^ev xd Kepjuara J 2 15 i tirbZhnikoTm 
rasypa penqdzy. qpopxiZluj übersetzt ohremeniti: kottiojv- 
T6C Kai TreqpopTiCjuevoi Mt 11 28 truzdajqstei sq i ohremenenii. 
Da dieses jedoch offenbar nur mit einem Objekt der Person, 
nicht der Sache verbunden werden kann, so findet man 
Lcll46 nakladati ('auflegen'): cpopTiZ^ete tooc dvepuuTTOuc 
(popTia bucßdcTiaKTa nakladaate na cloveky hremena ne udohh 
nosi7ua. dfTOiptuu) wird da, wo erzählt wird, daß man Simon 
preßt, Christi Kreuz zu tragen, durch 2« c?e7z gegeben (eigent- 
lich eiTiTiGriiLii, wie auch Lc 23 26 steht eireOriKav aÖTUj töv 
CTaupöv qpepeiv), also z. B. Mt 27 32 toOtov riYTdpeucav iva dpr] 
TÖV CTaupöv auToO semu zadesq ponesti kvhsU ego (so auch 
Mc 10 21). Doch dieses Verbum hätte weniger gepaßt Mt 5 4i 
Kai öcTic ce dTYoipeucei fiiiXiov ev, wo es bedeutet 'zu einem 
Frongang von bestimmter Entfernung nötigen'. Wie treffend 
wirkt da der gewählte Ausdruck i aste kdto poimet^ tq po 
sile pophviste edinol Auch sonst beobachtet man, daß wört- 
liche Übersetzung gemieden wird, um größere Verständlich- 
keit zu erreichen. dvdKeijuai, cuvavdK€i|aai in der Be- 
deutung 'zu Tische liegen, miteinander zu Tische liegen' wird 
in der Regel durch v^zlezatiJ vizlezati sh, also wörtlich, 
ausgedrückt. Doch einmal ist der Versuch gemacht, denen, 



404 E. Berneker, 

die von dieser verschwundenen Sitte etwa nichts mehr wußten, 
zu Hilfe zu kommen, wenn es Lc 14 lo für cuvavaKei)nevoi coi 
einfach heißt sed^stiimi (IPl.) s^ tohojo (Zogr. Ass. v. 
zhvanymi 'Geladene'). 

Bisweilen veranlassen grammatische Gründe die Wahl 
verschiedener Ausdrücke für dasselbe griechische Verbum. 
€\ TT 1^6 IV ist nadejati sq, doch nur, wenn ein Inf. oder 
ein daß-Satz davon abhängt: Kai fjXTriZiev ti criiLieTov ibeiv utt" 
auTOÖ f ivöjuevov Lc 23 s i nadease sq znamenie etero mdeti 
oth nego hyvaemo\ oder iijueic be T^X-rriZ^ouev, öti auiöc eciiv ö 
ILieXXujv XuTpoöcGai töv 'lcpar|X Lc 24 21 my ze nadeerm sq 
(Zogr. Ostr. Ass. Nik. v. besser nadeachorm sq), eko sh esth 
chotei izdraile izbaviti. Dagegen wird eXiriZieiv xivi, eic riva, 
also bei Angabe des Grundes der Hoffnung, mit up'bvati 
(sonst TTeiTOiGa) gegeben: Kai tuj ovöjuaTi auToO e0vr| eXTTioöciv 
Mt 12 21 i na imq ego jqzyci up^vajot^; Moiücrjc, eic öv 
ujLieTc nXTiiKaTe J 5 45 Mosi, na negoze vy upivaste'^ vermutlich 
doch, weil die später häufig begegnende Konstruktion von 
nadejati sq mit dem Dat. oder na mit dem Akk. dem Über- 
setzer noch ungewohnt war. Sicher semasiologische Gründe 
hat die Wiedergabe durch cajati (sonst Trpocbexojuai, rrpoc- 
boKdiu): Kai edv bavicrjTe irap' u)v iXmleTe XaßeTv, Tuoia ij)uTv 
Xdpic ecTiv Lc 6 34 i aste v^ zaimh daate otd nicMze caate 
v^sprijqti, kae vanm chvala esth ? (so auch Lc 6 35 cajati für 
dTreXTri^eiv). Denn hier handelt es sich in der Tat mehr um 
ein Erwarten als um ein Hoffen. Oft leiten den Übersetzer 
stilistische Gründe. 0r|caupi2iü wird ausgedrückt durch 
s^birat^ 'sammeln'; so oütuuc ö 6r|caupi2ujv auTUJ Kai juf] eic 
0eöv ttXoutujv Lc 12 21 tako sihirajqi sehe a ne vh bogh ho- 
gatejq. Wenn aber Mt 6 19. 20 \xy] OrjcaupiZieTe ujuiv 9ricaupouc 
durch ne s^kryva^te sehe shkrovista wiedergegeben wird, 
so hat der Übersetzer offensichtlich den Wunsch gehabt, den 
Akkusativ des Inhalts im Original nachzubilden. 

Metaphern, die im Slavischen nicht möglich oder doch 
nicht üblich sein würden, vermeidet der Übersetzer, öbrif €Tv 
ist voditi: TuqpXöq bk TuqpXöv edv obriYrj Mt 15 u slepech ze 
sUphca aste voditi. Aber J I613 tö TiveOjaa xfic dXr|0eiac 
obriTncei ufiidc eic ifiv dXr|0eiav irdcav, wo öbriTeiv bedeutet 
'einführen in, lehren', wird es bewundernswert richtig durch 
nastaviti ausgedrückt: duch^ istimmi nastavith vy na 



Kyrills Übersetzungskunst. 405 

vhseJco istino. xripeiv ^bewachen' wird durch stresti tiber- 
setzt: Ktti Ka6r|)U€V0i eiripouv auiöv eKei Mt 27 36 i sed^se stre- 
zaachq i tu (die Kriegskneebte Christus; so auch Mt 27 54. 
28 4). Aber in der Bedeutung- 'Forderungen wahrnehmen, be- 
obachten, erfüllen' entspricht bTusti, s^hVudati (auch in 
der Bedeutung 'aufbewahren' J 2 10. 12?) oder chraniti, 
s^chraniti: bibdcKOviec auxoijc iripEiv Travia öca evexeiXotjuriv 
u|uTv Mt 28 20 tiefste je bljusti. vhse eliko zapovedacM varm 
(so auch Mt 23 3) oder tö cdßßaiov ov TTipei J 9 le sohoty ne 
chi'anit^; töv Xöyov cou lexripriKav J 17 6 z slovo tvoe swhra- 
nisq. Auch bei KpOiTTiu wird die eigentliche und die über- 
tragene Bedeutung in der Übersetzung geschieden, 'verbergen 
= verstecken' ist s^kryti (shkryvati)'^ so eKpuijja t6 laXaviöv 
cou ev xrj f\] Mt 25 25 s^krych^ talant^ tvoi vh zemi (so auch 
Mt 13 44. 25 18; Lc 13 20; Mt 13 es); 'IricoOc be eKpußn Kai 
eHfiXGev €k toO lepoö J 8 59 ^sus^ ze s^kry sq i izide i-cr^Jcve 
(so auch J 12 3<;). Aber Verbergen' = 'verheimlichen' ist uta- 
jiti: ÖTi 6Kpuvjjac laöia dirö coqpujv Kai cuveiOuv Mt 11 25 eko 
utaih esi se oU premqdrycM i razum^nych^ (so auch Lc 817. 
10 21. Doch ist zu bemerken, daß das PtPfPass. s^kr^vem 
auch im übertragenen Sinn vorkommt; vgl. LCI834; Mt 13 35.) 
Manchmal reiciit das Material nicht aus, um eine sichere 
Entscheidung zu ermöglichen, warum ein griechisches Wort 
verschieden übersetzt wird. So wird ccppa^ilöj einmal wört- 
lich mit zap ecathleti (J 3 33), ein andermal freier durch 
znamenati {5 Q> 27) wiedergegeben; wo vom Versiegeln des 
Steines die Rede ist (Mt 27 ee) geht die Überlieferung aus- 
einander: Mar. hat znamenav^se, aber Ass. Ostr. Nik. zape- 
cathUvhse. Oder bei KaracKrivöuj 'sich niederlassen, nisten 
(von Vögeln)' erscheinen vitati (Mt 13 32; Mc 4 32) und 
v^seliti sq (sonst KaroiKeuu) Lc 13 19 als synonym. Bisweilen 
läßt sich der Bedeutungsunterschied zwar nicht sicher er- 
weisen, aber doch vermuten. So wird 0au|ud^iju sowohl durch 
diviti sq wie durch cuditi sq übersetzt. Es hat den An- 
schein, als wenn ersteres der stärkere, letzteres der schwächere 
Ausdruck war. Auf eine Besprechung aller sehr zahlreicher 
Belegstellen muß hier verzichtet werden. Doch halte man 
nebeneinander einerseits ujcxe töv öxXov Gaujudcai ßXeTTovxac 
KiuqpoOc XaXoOvrac, kuXXoOc uYieTc ... Mt 15 31 eko narodu 
diviti sq vidqste nemy glagoJjostq, hed7>nyjq shdravy . . . ; (und 



406 E. Berneker, 

SO gewöhnlich diviti s^, wenn ein Wunder vorher<>eg'angcn 
ist), andererseits xai im toutuj fjXOav oi juaGriTai aOioO, Kai 
iQayj^alov oti luerd f^vaiKÖc eXdXei J 4 27 i Ugdazde prido 
iLcenici ego i cuzdaajq sq eko s^ zenojq qlagolaase\ oder 
Lc 1 63 Kai €0au|Liacav irdviec i cjudise (se) vhsi, als Zacharias 
ein Täfelchen fordert. Für diese Auffassung würde auch 
sprechen^ daß divHi sq auch für eHicxaiuai (Mc 2 12. 6 m ; 
Mt 1223) und eK7T\r|cco|uai (Mt 7 28. 13 54. 19 25. 22 33; Mc 1 22. 
62. 7 37. 10 26. 11 18; Lc 2 48. 9 43) gebraucht wird (was bei 
Jagi6 Index zum Marianus S. 503 nachzutragen wäre). 

Ebenso wde beim Verbum, zeigt sich auch bei anderen 
Wortklassen die Kunst des Übersetzers. Für die Adverbia 
nur wenige Beispiele. KaGeHfjc ist po rqdu^): KaGeHfjc tp«- 
ipai Lc 1 3 ^0 rqdu puati\ aber ev tuj KaGeHfjc 'in der Folge- 
zeit' Lc8 1 ^0 tonih. OTTicGev wird gewöhnlich durch s^ 
zadi (zadi) wiedergegeben , so eXOoOca ev tuj öxXuj ÖTricGev 
fiMJaTO ToO i)LiaTiou aiiToö Mc 5 27 prised^si vh narode s^ zadi 
prikosnq sq rize ego (so auch Mt 9 2o; Lc 7 38. 844 sh sleda, 
Ostr. Ass. V. s^zadi)'^ aber KpdZ^eiv öiricGev 'nachschreien' Mt 15 23 
treffend durch v^p^ti v^ sled^, ebenso wie 'nachtragen', q)e- 
peiv ÖTTicGev toO Mr|cou, Lc 23 26, einfach durch nositi p isuse 
übersetzt wird. opGÜJC iat pravo, prave {pravh): bibdc- 
KttXe, oibafiiev öti opGÜJC XeTeic Lc 20 21 ucitelju, vemh eko 
praco (Zogr. y. pravh) glagoVesi (ähnlich Lc 7 43. 10 28). Aber 
gut slavisch heißt es cisto, wenn der Taubstumme die Sprache 
wiedergewinnt: Kai euGuc eXuGii 6 becjaöc Tfjc f^iuccric auioö, 
Kai eXdXei opGujc Mc 7 .3.5 i razdresi sq qza jqzyka egOj i gla- 
golaase cisto. 

Bei den Nomina läßt sich öfters infolge zu seltenen Vor- 
kommens der Grund der verschiedenen Wiedergabe nicht er- 
sehen. So etwa wenn Xoiiuöc durch paguba (Mt24 7) und 
mor^ (Lc 21 n) übersetzt wird; cxdcic durch kovh (Mcl5 7) 
und kramola (Lc 23 19. 25) ; dcGeveia durch nedqg^ und 
holezuh'^ KiuiLATi gewöhnlich durch vhshj bisweilen durch 
gradbch; oiKTipiLiujv durch milosr^d^ und milostiv^. 
Begreiflich ist es, wenn bei einem Kleidungsstück wiexiTuüv 
die Wiedergabe schwankt; einmal bleibt das Fremdwort 



1) Nicht is-prbva, wonach Jagic Mar. 564 zu berichtigen ist. 
Dieses übersetzt 189 7 ävujeev; 3819 ^H öpxnc. 



Kyrills Übersetzungskunst. 407 

chitom (J 19 23), gewöhnlich heißt es riza (Mt 5 4o. 10 lo; 
Mc 6 9. 14 63; Lc 3 n. 6 29. 9 3) ; einmal muß sracica aus- 
helfen, weil riza unmittelbar vorher für ijuomov vergeben ist: 
TÖ i)LidTiov Ktti TÖv x^Tuiva ... Lc 6 29 rizg i sracicq . . . irripa 
bleibt gewöhnlieh als Fremdwort ^ i r «^ (Mc 6 s; Lc9 3. 2235. sb); 
einmal steht mosbna (Mt lOio), einmal vretiite (Lc 10 4; 
sonst cdKKOc). ttXoiov ist gewöhnlich JcorabVh; warum es 
in selteneren Fällen (Mc 4 se; J 617; Mc 1 19. 20) ladhji heißt, 
ist nicht auszumachen, hlag^ und dobr^ geben beide ä-^a- 
66 c wieder (ersteres daneben auch xp^I^töc, letzteres KaXöc) 
und scheinen völlig synonym zu sein. 

Doch demgegenüber gibt es auch hier genug Fälle, iu 
denen sich der Grund für die verschiedene Übersetzung klar 
erkennen läßt. Mit den slavischen Verwandtschaftsnamen war 
der Übersetzer wohl vertraut. irevGepd gibt er durch sve- 
Tcry wieder, wenn die Schwiegermutter der Frau gemeint ist 
(rjXGov fcip bixdcai . . . vujuqprjv Kaxd ific TrevGepdc aiiific 
Mt 10 35 pridh ho razlgcit^ . . . nevestq na svekrovh svojq\ 
ebenso Lc 12 53); durch thsta, wenn es sich um die Schwie- 
germutter des Mannes handelt (\\ be TrevGepd Zifbiiuvoc Kare- 
KeiTO TTupeccouca Mc 1 30 t^sta ze aimonova lezase ognemh 
zegoma-^ so auch Lc 4 38; Mt 8 14). In gleicher Weise wird 
der 7T€vGepöc des Kaiphas J 18 13 richtig thsth genannt. 
Man beachte auch: iraibiov ist otrocq; aber wo es 
(Mc 5 39 ff. 7 30) von einem Mädchen gesagt wird, otr 0- 
kovica. 

Fein weiß der Übersetzer den Gefühlswert der slavischen 
Deminutiva abzuschätzen, x^pct wird durch v^dova aus- 
gedrückt : i ta he vhdova Lc 7 12 (so auch Lc 2 37 u. ö,) Aber 
f] x^pa otüiri f] TTTLUxn Mc 12 42. 43 ist vhdovica si uhogaja 
(so auch Lc 21 2. 3); so wird man auch sonst, wenn XHPo^ 
durch vbdovica übersetzt wird (wie Mc 12 4o; Lc20 47; Mt23i3 
u. ö.) den Sinn 'arme Witwe' herausfühlen. Einen analogen 
Fall bietet Trpößaxov. Dieses wird ganz gewöhnlich durch 
ovhca gegeben. Aber Mt 12 11. 12 dvGpiuTroc öc eHei TipößaTov 
^v durch cloveJci ize imat^ ovhc^ edino, also etwa 'nur ein 
armseliges Schäflein'. 

Bisweilen verursachen grammatische Gründe die ver- 
schiedene Wortwahl, tttujxöc als Substantiv wird stets durch 
nisthf nistbjh übersetzt (Lc 16 20; Mtöa. 11 5; Lcöai. 722; 



408 E. Berneker, 

J 13 2i)U. ö.); als Adjektivum dagegen durch ubogi^ (Mc 1242. 
43 u. ö.), das substantivisch gebraucht (außer Lc 16 20 v. Ass.) 
überhaupt nicht begegnet. Wenn ^TTiGuiuia immer poch oth 
heißt (Mc4i9; J844; Mt 5 23), nur einmal zeleuhje: e7ri6u|uia 
dTT€9u)urica toOto tö Trdcxa cpayeiv |ue9' iijuiuv Lc 22 15 zeUniemh 
se v^zdelech^ pascha esti s^ vami, so sicherlich deswegen, 
weil der Übersetzer die Figura etymologica nachbilden wollte. 
Mehrere Male bemerkt man, wie der Übersetzer den (in 
späterer Sprache möglichen) Gebrauch eines Abstraktums als 
Konkretum meidet. eHoucia wird unzählige Male durch vlasth 
oder ohlasth gegeben (die nahezu synonym zu sein scheinen; 
letzteres bedeutet auch einmal Lc 23 7 'Herrschaftsgebiet'). 
Aber wenn der Hauptmann von Kapernaum sagt: eTUj av8puj- 
TTÖc eijui UTTO eHouciav (TaccöjLievoc) Mt 89; Lc 78, so steht da- 
für im Slavischen ]j(^(^^ vladykojq bzw. pod^ vlastely 
(nicht pod^ vlasthjq). Während etwa im heutigen Russisch 
tvorenie "Schaffen' und 'Geschöpf heißen kann, findet man 
bei KTicic verschiedene Wiedergabe. 'areRtio' ist s^z^d an hje 
(otTTÖ be dpxrjc kticeujc Mc IOg a ot^ nacqla s^z^damju)'^ 
'creatura' ist tvarh (KripuHate xö euaYT^Xiov Tidcr] xr) Kxicei 
Mc16i5 propovedite evangelie vhsei tvari). Doch beachte 
man auch den entgegengesetzten Vorgang. Für i)uaxic|uöc, 
das Lc 7 ?5 durch odezda tibersetzt wird, steht Lc 9 29, wo 
von den Gewändern Christi bei der Verklärung die Rede ist, 
odenie (Zogr. v. odeanhe) (J 19 24 behält das Fremdwort 
matizim, ebenfalls von Christi Kleidung). Ebenso liest man 
für cpoic, das unzählige Male durch svetd gegeben wird 
(vgl. z. B. — namentlich als Gegensatz zu thtna — 6 Xaoc 
6 Ka9r|)U€V0C ev CKOxia cpüuc eibev iLieya Mt 4 le Ijudije sedejüi 
i^^ tme videsq svetT» velii), an einer Stelle, wo es den Vor- 
gang des Leuchtens bezeichnet, svhtenhje: eKeivoc fjv 6 Xu- 
Xvoc 6 Kaiö)Lievoc Kai qpaivujv, öjueTc be Ti0e\r|caxe dYaXXiaOfivai 
Tipoc ujpav ev xuj cpujxi aoxoO J 5 35 om he svetilwiik^ gor^ i 
svhtq, vy ze choteste vizdy^adovati sq v^ godino svhtenie ego. 
Bei diesem Wort ist auch die Übersetzung svesta (sonst 
XajLiTTdc) anzumerken Mc 14 54 0epjuaivö|uevoc rrpoc x6 qpujc 
grejq sq pri svesti, wo ein brennender Holzstoß gemeint ist. 
6 ciJTT€vr|c ist ozika (Lc Ise; J 1820); dieses Wort wird 
jedoch nicht im PI. gebraucht, sondern für coYTeveTc tritt ein- 
mal (Lc 21 ig) rod^^ öfter (Lc 1 58. 244. 14i2; Mcßs) roz. 



Kyrills Übersetzung-skunst. 409 

derihje ein. Ein besonderer Fall ist ireipaciuöc. Ursprüng- 
lich scheint iskusenhj e dafür nur im aktiven Sinne gebraucht 
worden zu sein, die V^ersnchung, die jemand ausübt, wie 
Lc 4 13 Ktti cuvxeXecac irdvia Tieipacjuov 6 bidßoXoc UTrecxri dir' 
auTOÖ dxpi Kttipoö i .nkonhcavi vhseko iskusenie dievoh otide 
otT} nego do vremene. Versuchung, die man erfährt, ist jedoch 
napasth] z. B. irpoceuxecGe ixr\ eiceXöeiv eic ireipacjuöv Lc224o 
molite sq da ne v^nidete vb napasth (ebenso Lc 22 4g; Mt264i; 
Mc 1438); oder ev Kaipuj 7T€ipac)uoö dcpicTaviai Lc 813 v^ vremq 
napasti ostopajgt^; u)aeic he ecre 01 bia|Lie|uevr|KÖTec juex' ejuoO 
ev ToTc TTeipac|uoTc )uoo Lc 22 28 vy ze este prebyv^sei s^ rm- 
nojq v^ napastech^ moichd. Nun schwankt aber die Über- 
lieferung bei der Wiedergabe von Treipacjuöc in der sechsten 
Bitte des Vaterunsers, Kai ixx] eicevexKric fijadc eic Treipacjuöv. 
Mt 6 13 steht i ne vhvedi nas7> v^ napasth^ nur Ass. v. isku- 
senie ; Lc 11 4 hingegen i ne vhvedi nas^ m iskusenie, während 
Ostr. Sav. v. napasth bieten. Es scheint nach dem An- 
geführten, daß man napasth für das Ältere und Ursprüng- 
lichere halten muß. 

Auch hier beobachtet man den Zug, daß der Übersetzer 
die wörtliche Wiedergabe von Metaphern des Originals meidet, 
ciefri übersetzt pokrovb: dTrecreYacav xfiv ciefriv Mc 2 4 
oUkrys^ pokrovh (dieses auch Ostr. v. für bid tuuv Kepdjuuuv 
Lc 5 19). Aber in übertragener Bedeutung 'Haus', Mt 8 s ouk 
ei|LAi iKttvöc iva |uoo ijttö xfiv creyriv eiceXGric, wird dom^ ge- 
braucht: nesrm dostoim da vz doim moi vhnidesi (Ostr. Sav. 
Nik. V. pod^ krov^, was auch an der gleichen Stelle Lc 7 « 
die Überlieferung einhellig bietet. Auch dieses krovh für 
pokrovb wird kein Zufall sein). iir]^r] ist studenhCh bzw. 
kladqdzh (sonst qppeap): f]v be eKei TTriYn toö 'laKiuß J46 
he ze tu studenec^ iekovh (Zogr. v. kladqzh). Aber J 4 i4 
wird von dem 'Brunnen des Wassers, das in das ewige Leben 
quillef, irriTr] ubaroc dXXojuevou eic l[x)r]V aiuuviov, istochnik'b 
gebraucht, istochniki vody vbchod^stq v^ zivoth vechmi, eben- 
so vom Blutfluß, TrriYri toö aijuaroc Mc 5 29 istochnik^ krbve. 

Im folgenden seien noch ein paar Fälle betrachtet, in 
denen der Übersetzer bei der Wiedergabe griechischer No- 
mina feine semasiologische Unterschiede macht. oTkoc, oiKia 
werden teils durch chram^, chramina teils durch donih 
übersetzt. Es fehlt hier an Raum, alle Beispiele aufzuführen. 



410 E. Berneker, 

Doch wer sie in ihrer Gesamtheit betrachtet, erkennt leicht, 
daß dorm 'Haus als Heim, Inneres des Hauses, Haus mit 
seinen Bewohnern, Bewohner des Hauses' bedeutet, während 
chrarm, chramina 'Haus als Gebäude' ist (so bedeutet im 
heutigen Bg. dorn vorwiegend 'Familie; Hausrat'; domd, u 
domd 'zu^ nach Hause', während 'Haus' Icista heißt). Dafür 
nun ein paar Belege. Es heißt regelmäßig idi v^ dorm tv)o't\ 
pridq v^ dorm; sgstei s^ nejg vd domu\ mm domu semu; 
domu stroiti; ne prechodite iz domu v^ dorm; gospodh domu. 
Aber chramina ze isphni sq oU vonq chrizm^nyjq J 12 3 das 
Haus aber ward voll vom Geruch der Salbe; ne . . . pometeU 
chraminy Lc lös sie wird das Haus nicht auskehren; ize 
sozida chraming .wojg na kamene Mt 7 u der sein Haus auf 
Stein baute; mzUztsa na cliram-b Lc 5 19 aufs Haus steigend; 
i ne hi ostavih pod^ryti chrama svoego Mt 24 43 xai ouk av 
eiacev biopuxOrjvoci xfjv oiKiav autoO. Die Abweichungen sind 
ganz unwesentlich. Daß oTkoc toö GeoO 'Haus Gottes' mit 
chramT) bozbjh gegeben wird (Mc 2 20: Mtl2<t), ebenso oTkoc 
TTpoceuxfic 'Bethaus' mit chram^ molitve (Mc 11 17; Mt21i3; 
Lcl949) ist verständlich. aifiaXöc wird mit pomovhje 
übersetzt, wenn der Strand, das Land am Ufer gemeint ist: 
Kai TTcic 6 öxXoc eiri töv aiYiaXov eicTrjKei Mt 13 2 ivesh narodh 
na pornori stojase. Das (hohe) Ufer vom Wasser gesehen ist 
hregi); so J 21 4 (die Jünger sind in ihren Booten und Christus 
erscheint ihnen am Ufer) ecxri 'IrjcoOc eic töv aiYiaXöv sta 
isush pri hredze. 'Das feste Land' ist krajb: r\v (i. e. caTn- 
vr|v) öie eirXripiAJÖri dvaßißdcaviec eiri tov aiYiaXöv Mt 13 48 
ize egda isphni sq izvhk^se i na hrai (Ass. v. na sucho). 
GeXriiua wird unzählige Male durch voVa gegeben; aber öe- 
\x\\xa capKÖc 'fleischliches Gelüst' J 1 13 durch pochoth (sonst 
= €Tn6u)Liia). judxaipa ist nozh, wenn die übliche Waffe ge- 
meint ist: CTracd|uevoc iriv )udxaipav ^rraicev töv boOXov toO 
dpxiepeujc Mc 14 47 izvlhkh noz^ udari raha archiereova (vgl. 
auch die Stellen Mt26 5i. .«is; Lc 22 36. 38; JI810. u); ineTd 
)Liaxaipu)v heißt stets (Mt 26 47. 55; Mc 14 43.48; Lc 22 52) sd 
or gzhj emh fbzw. PI. s^ orgzhji) aus nicht recht klaren 
Gründen, mech scheint ein Wort des höheren Stiles gewesen 
zu sein; vgl. ouk fjXOov ßaXeiv €ipr|vr|v dXXd ludxaipav Mt IO34 
ne prid^ v^vrest^ mira m mecb : Kai TrecoövTai CTÖjuaTi luaxai- 
pr|c Lc 21 24 i padgth vh ostrii meca. TiOTripiov ist casa, 



Kyrills Übersetzungskunst, 411 

wenn ein Trinkbecher gemeint ist: Troiripiov ijjuxpoö übaioc 
Mt 10 42 casq studeny vody (es wird auch vom Abendmahls- 
nnd vom Leidenskelch gesagt; Mt 20 22. 23. 20 39. 42; Lc 22 20). 
Doch überall da, wo von der peinlichen Kasuistik der phari 
säischen Reinigungsgesetze die Rede ist, wird TTOiripiov durch 
sthJclhnica 'Glasgetaß' gegeben (so Mt2325. 2t>; Mc7 4. s; 
Lclls!)). qppaYjuöc als der Zaun um den Weinberg ist 
oploth (Mcl2i; Mt2l33); aber als Gartenzaun, Hecke cha- 
loga: eEeX0e eic idc öboOc köi cppaTluouc Lc 14 2a izidi na 
poti i chalqgy, TroXixric als 'Einwohner eines Landes' wird 
durch ziteV-b gegeben (tüjv ttoXitujv rfic x^potc exeivric Lc 15 15 
ziteh tojq strany) : aber als 'Bürger, Untertan' durch graz- 
danim (01 he TroXTrai auxoö djuicouv auiöv Lc 19 u grazdane 
ze ego nenavideacho ego). kXivti übersetzt oc^r?» (dasLcTu 
auch für copöc 'Sarg' begegnet und oftmals für Kpdßßaioc) 
und loze. Ersteres meint offenbar 'ßettgestell'; vgl. 6 Xux- 
voc . . . UTTÖ irjv KXivriv Mc 4 21 svetihniM . . . pod^ odromh 
(so auch Lc 8 le) ; so wird odr^ für KXivri gebraucht, wenn 
jemand darauf getragen wird: Kai ibou dvbpec cpepoviec im 
KXivric avGpuuTTOV Lc 5 is i se mqzi na odre noseste cloveka 
(ebenso Mt 9 2). Letzteres bedeutet "Lager' : so rauTr] tri vukti 
^coviai bOo em KXivric )uiäc Lc 14 34 v^ tq nosth bqdete d^va 
na lozi edinomh. Die Überlieferung schwankt bei dem Be- 
fehl an den Gichtbrtichigen apöv coo xfiv kXiviiv. Mt 96 steht 
vozhmi loze tvoe, Lc 5 24 vhzhmi odi% tvoi (Zogr. Ass. v. loze 
tvoe): hier läßt sich eine verschiedene Auffassung rechtfertigen. 
fiTeiniwv als Türst' (Mt 2 e) oder 'legatus, kaiserlicher Statt- 
balter' ist vladyJca (Mt 10 is; Lc 21 12) oder voevoda 
(Mcl3 9; Lc20 2o); aber fiTejuiuv Mc 27 und 28 (wiederholt) 
'der Landpfleger, Pilatus' bleibt als Fremdwort igemonh. 
Endlich noch ein paar Beispiele von Adjektiven, x^i- 
pujv ist gofhjh. Aber vom Riß, der ärger wird, heißt es 
Mt 9 it; (Kai x^Tpov c\ic}ia Y^vexai) i holhsi dira hqdeth (ein- 
fach 'größer'), uyinc ist shdrav^ (auch KaXüuc exu)v, icxuujv, 
ufiotiviuv) : ßXeiTOvxac Kuucpouc XaXoövxac, kuXXouc ufi^ic . . . 
Mt 15 31 videste nemy glagoljqstq, hed^nyjq s^dravy . . . (es 
begegnet auch J 5 4. 723); wenn jedoch eine Heilung erfolgt 
ist (oder erfolgen soll), so tritt ceH ein: Kai euGeujc ^Tevexo 
vfx^c 6 dcv0piu7TOC J 5 9 i abhe ceh bysf^ cloveM (vgl. auch 
J5ii. 14. 15); l'c0i iJTific dTTÖ xfic ludcxiTÖc cou Mc ö 34 i hqdi 



412 E. Berneker, Kyrills Übersetzungskunst. 

cela ot^ rany tvoejq] Kai dTreKaTecidGri r\ xeip auioO Mc 3 5 
i utvrbdi s^ rqka ego cela eko i drugae (so auch Mt 12 13). 
XeuKÖc wird durch heH wiederg-egeben (Mt 5 3«. 17 2. 284; 
Mc 9 3. 16 f.; J 20 12). Nur an einer Stelle 9>iQ\\i plav^: xai 
6edcacGe rdc X'Si^o.c^ öti XeuKai eiciv irpöc Gepicjaöv J 4 35 i vi- 
dite nivy eko plavy sgt^ k^ zetve juze. plav7> aber heißt 
nicht 'weiß'; sondern 'gelblich, falb'. Der Übersetzer mochte 
eben für das Gold der reifen Ährenfelder nicht den 
Ausdruck gebrauchen, mit dem er die Farbe des greisen 
Haares, des Schnees und der himmlischen Gewänder nannte; 
so wählte er plav^, wie Lermontov von der zeltejuscaja niva 
{zoltyj 'gelb') singt. 

Dies letzte Beispiel lehrt, daß der Lexikograph, der 
den Wortschatz solcher Übersetzungsliteratur verzeichnet, 
immer erst feststellen muß, was der Übersetzer mit seiner Wieder- 
gabe ausdrücken wollte. Wenn man in Miklosichs Lexicon 
palaeoslovenico-graeco-latinum S. 568 findet: plam 'XeuKÖc, 
albus', so ist das eine irreführende Angabe, weil sie an Stelle 
der usuellen Bedeutung eine lediglich okkasionelle anführt. 

Die vorstehenden Zeilen erschöpfen das Thema keines- 
wegs; es lohnte immer noch eine systematische Untersuchung. 
Gleichwohl dürfte sich aus ihnen ergeben haben, daß man 
bei Kyrill wirklich von Übersetzungs kunst sprechen darf. 
Das wunderliche (in seiner Allgemeinheit gewiß nicht richtige) 
Wort, das die Vita S. Methodii (c. V) dem Kaiser Michael III 
in den Mund legt: selunjane vhsi cisto slovenhsky hesedujuth 
'thessalonicenses omnes pure sloveniee loquuntur' — für die 
Slavenapostel scheint es zutreffend. 

München. 

E. Berneker. 



A. Leskien, Zur Technik der serbokroatischen Volkspoesie. 413 



Zur Technik der serbokroatischen Yolkspoesie. 

Die folgende Betrachtung ist eine Ergänzung und Weiter- 
führung meiner Abhandlung ^Über Dialektmischung in der 
serbischen Volkspoesie' (Berichte der Kgl. Sachs. G. der W., 
Bd. 62 [1910], S. 129), aus einem anders gearteten Material. Ich 
untersuchte dort, worauf eigentlich ein Dialektgemisch, wie es 
oft in den Liedern des serbokroatischen Sprachgebiets erscheint, 
beruht. Die Untersuchung hielt sich wesentlich an die sehr 
reiche Überlieferung aus der bosnischen Krajina, besonders 
aus dem Landstrich nördlich und südlich von Bihac, im 3. und 
4. Band (L 3, 4) der von der Matica hrvatska herausgegebenen 
Narodne pjesme (Agram 1899); die ersten vier Bände (L 1 — 4) 
bringen im engeren Sinne epische Lieder (junaöke pjesme). 
Es ergab sich mir, daß nicht zugrunde liegt eine von den 
Dichtern oder Sängern in ihrer täglichen Rede gebrauchte 
Mischung der Laute und Formen verschiedener Mundarten, 
sondern daß es sich um eine künstliche poetische Sprache 
handelt, die so nirgends gesprochen wird. Die Sänger oder 
Dichter haben aus Liedern, die in einer andern als der ihnen 
heimischen Mundart gedichtet waren, einen gewissen Vorrat 
von Wendungen, meist formelhaften, beständig wiederkehrenden, 
übernommen und wenden ihn an, wo und wann er ihnen in 
Rhythmus und Vers paßt; oder sie lassen bei Übernahme von 
Liedern aus ihnen fremder Mundart unverändert, was bei Um- 
setzung in ihre eigne den Vers zerstören würde, und verwandeln 
in die ihnen geläufige Form nur was den Vers nicht berührt. 

Damals war mir der 5. Bd. (IL 1; Agram 1909) noch 
nicht bekannt, der sog. Frauenlieder (zenske pjesme) enthält. 
Das Material ist besonders geeignet zu erweisen, was ich er- 
weisen wollte. Ich beschränke mich aber hier wie in der 
früheren Untersuchung wesentlich auf einen, auch dem der nicht 
serbisch versteht, leicht verständlichen dialektischen Unterschied, 



414 A. Leskien, 

die Vertretung des alten e\ | zu Je, I zu ie ije (jekavisclie 
Mundart); I zu ^, ^ zu t (ikavische Mundart); e zw e, e zu e 
(ekaviscbe Mundart; kommt hier nicht in Betracht); z. R. ded^ : 
djed, d'id ; Isph : ITep lijep, lip. Den Ausdruck Frauenlieder 
darf man nicht ohne weiteres durch lyrische Gedichte über- 
setzen; es gibt deren zwar zahllose, namentlich Liebeslieder, 
die meist von Frauen gesungen werden, aber zu den zenske 
pjesnie rechnet man auch eine große Menge Lieder, die man 
etwa als Balladen oder Romanzen bezeichnen kann. Vuk 
(Narodne srpske pjesme 1, Leipzig 1824) sagt S. XIX darüber: 
""Bisweilen stehen die Lieder so an der Grenze zwischen Frauen- 
und Heldenliedern [d. h. im engeren Sinne epischen], daß man 
nicht weiß, wohin man sie rechnen soll. Derartige Lieder 
sind den Heldenliedern ähnlicher als den [eigentlichen] Frauen- 
liedern, aber man möchte schwerlich hören, daß auch Männer 
sie zur Gusle singen, und wegen ihrer Länge werden sie auch 
nicht wie die Frauenlieder gesungen, sondern nur hergesagt.' 
Der Herausgeber des obengenannten fünften Bandes fügt S. XH 
aus dem Manuskript eines älteren Sammlers hinzu, daß diesem 
ein junges Mädchen nur kurze Liebeslieder vorgesungen habe, 
'w^e sie beim Kolotanz und vor dem Hause bei den Zusammen- 
künften der jungen Leute [posijela] gesungen werden', dagegen 
eine alte Frau die längeren. Dieser Band enthält nun 219 
solche mehr balladenartige Lieder, die allermeisten aus dem 
dalmatinischen Küstenland und den vorliegenden Inseln. Eine 
Anzahl stammt aus dem südlichsten Teil dieses Gebietes, den 
Inseln Giupana (Sipan) und Meleda (Mljet); deren Mundart ist 
jekavisch. Wenige sind aus Bosnien und der Herzegowina, teils 
jekavisch, teils ikavisch. Die Überzahl gehört dem nördlichen 
und mittlem Teil der Festlandsküste und den sie begleitenden 
Inseln an; die dort gesprochenen Mundarten sind ikavisch. 

Beim Lesen dieser zuletzt genannten Gruppe ergab sich 
mir eine überraschende Bestätigung der oben ausgesprochenen 
Ansicht vom Wesen der sogenannten Dialektmischung. Die 
Lieder verwenden jekavische Fozmen, aber beinahe ausschließ- 
lich einen kleinen Kreis bestimmter Wörter in formelhaften 
Wendungen, und zwar beschränkt sich das auf Wortformen, 
in denen das jekavische -ije- steht, während das -je- fast aus- 
nahmslos in der normalen ikavischen Gestalt, als i erscheint. 
Davon will ich hier Belege geben aus den Liedern von den 



Zur Technik der serbokroatischen Volkspoesie. 415 

Inseln Lesina (Hvai), Brazza (Brac), Curzola (Kurcula), wo 
die I-Mundart (Ikavstina) am reinsten ist. 

Auf Lesina sind aufgezeichnet die Nummern 32, 56, 57, 
12, Hl, 87, 174, 187, 212 mit zusammen 500 Versen (Zehn- 
silblern). Obwohl sicher keines dieser Lieder auf der Insel 
entstanden ist, sondern alle vom Festland stammen, ist alles 
rein ikavisch mit Ausnahme zweier Verse, 56. 35 (die erste 
Zahl bedeutet die Nummer des Liedes, die zweite den Vers): 
ni hijelu kula zagradila (auch hat sie nicht das weiße Turm- 
haus erbaut), und 212. 18, 55: posrid Skadra grada hijeloga 
(inmitten Skutaris der weißen Burg); hijela Jcula und bijeli 
grad sind stehende Formeln der epischen Lieder jekaviseher 
Mundart und aus dieser unverändert von den ikavisch 
Redenden aufgenommen. 

Von der Insel Brazza stammen Nr. 25, 38, 99, 158, 
178, 198, zusammen 493 Verse. Jekavische Formen stehen 
158. 32 ter bijelim rukam besidila (und zu den weißen Hän- 
den sprach sie); 158. 37 ter bijelim nogam besidila (und zu 
den weißen Füßen sprach sie); 178. 47 kad su dosli prid 
bijele dvore (als sie kamen vor die weißen Höfe). 

Auf der Insel Curzola sind aufgezeichnet Nr. 97, 108, 
156, 201, 218, zusammen 630 Verse, ikavisch bis auf die 
formelhaften Wendungen mit bijeli: 97. 137 ne bih dosla u 
bijele dvore (ich würde nicht kommen in die weißen Höfe); 
97. 149 da mi dojde u bijele dvore (daß sie mir kommen in 
die weißen Höfe); 218. 105 igrat kolo za bijele dvore (zu 
tanzen Kolo hinter den weißen Höfen); 218. 11 igrati ga za 
bijele dvore (ihn zu tanzen hinter den weißen Höfen). An 
einer gleichen Stelle 218. 137 ist die jekavische Form aus- 
gemerzt durch Anwendung von uza statt za: s kolom igrat 
uza bile dvore. 

In den reichlich 1600 Versen von diesen Inseln haben 
also nur formelhafte Wendungen mit dem einzigen Wort bijeli 
die jekavische Lautgestalt -ije-. Außerdem sind einige ver- 
einzelte Fälle mit e (= dem jekavischen -je-j -e-) vorhanden: 
158. 7 sreca, sonst aber in allen Liedern regelmäßig srica; 
ebenda Vers 21, 26, 31, 36 celiva, celivala {cjelivati 'küssen'), 
wohl nur in der e-Form stehengeblieben, weil dem Vor- 
tragenden das Wort nicht geläufig war, das gewöhnliche ist 
poljubiti; 2b. 35 ispred statt -prid, 38. 55 prevrci statt pri- 



416 A. Leskien, 

Man kann also sagen, im Punkte des Ikavismns sind 
diese Lieder dialektisch rein mit Ausnahme bestimmter Formeln. 
Diese sind entweder an den betretenden Versstellen stehen 
geblieben, weil eine Änderung ins Ikavische, durch die das 
Wort eine Silbe verlieren muß, für die Versbildung unbequem 
war, oder sie sind als poetischer Schmuck empfunden und ab- 
sichtlich so gelassen worden, wie sie in den epischen Liedern 
jekavischer Mundart überliefert waren. Ganz anders wird das 
Bild, wenn man andere Dialektunterschiede, solche zwischen 
den Stokavisch und den Cakavisch genannten Mundarten ins 
Auge faßt. Zu den öakavischen gehören die oben behandelten 
Inseln. Da sieht man ein sehr buntes Bild: die stokavischen 
Formen mit o für silbenauslautendes älteres l stehen neben 
den Öakavischen mit diesem Z, z. B. 81. (Lesina) 26, 27: 
to je zacul na loznici Ive 
i bratu je s vorne govorio 
(das hörte auf dem Lager Ive und sprach zu seinem Bruder) 
81. 36 — 40: kako Stipe brata razumio 

ogrni ga zelenom dolamom, 

vezal ga je na ple6a junadka, 

odvel ga je u goru zelenu, 

Mal ga sesti pod jelu visoku 
(als Stipe den Bruder vernommen hatte, hüllte er ihn in die 
grüne Dolama, band (sich) ihn auf den Heldenrücken, führte 
ihn fort in den grünen Wald, legte ihn zum Sitzen unter eine 
hohe Tanne). Die stokavischen Formen ließen sich leicht her- 
stellen, man braucht nur zu lesen vezao ga, odveo ga, denn 
das je ist überflüßig, und statt Mal einzusetzen Mao, da das 
ga entbehrt werden kann. Es kann also sehr wohl sein, daß 
ein ßakavischer Vortragender durch Einsetzung von je, ga seine 
mundartlichen Formen eingeführt hat, während an den Vers- 
enden 27, 36 das govorio, razumio nicht verwandelt werden 
konnte. Bemerkenswert ist, daß der Verszwang zuweilen zu 
ünformen geführt hat: 81. 30 steht: vezi glavu sviolnom ma- 
ramom (binde den Kopf mit dem seidenen Tuche); 'seiden' 
heißt stokavisch svioni, Fem. sviona usw. aus älterem svilni, 
svihia {= urspr. svihnyjh, svihnaja), cakavisch svilni^ svioni 
war überliefert, der Vortragende konnte sein cak. svilni nicht 
brauchen, weil es den Vers stört, er setzte also in das svionom 
das l seines Dialekts ein und kommt so zu sviolnom. 



Zur Technik der serbokroatischen Volkspoesie. 417 

Eine Eigentümlichkeit auch der Inselmundarten ist die 
Ersetzung von Ij il') durch J; natürlich kann überall ohne 
Störung des Verses so gesprochen werden, und in den Liedern 
aus Brazza ist das fast durchgeführt, z. B. jute statt Ijute, 
posje statt poslje (er schickt), Icoji statt T{^olji (stich), zemja 
statt zemlja, poje statt polje usw. Statt des gewöhnlichen 
stokavischen Gen. -ogüj Dat. -omUj Lok. -om (-omu) des be- 
stimmten Adjektivs heißt es in jenen cakavischen Gegenden 
-egtty -emu, -em; das kann unbeschadet der 8ilbenzahl des 
Verses überall eingesetzt werden und es ist oft geschehen, 
z. B. 201 (Curzola). 31 zarJcemu, 41 malega, 101 svilenem. 

Man kann das in Nr. 218 dialektische vazmi (nimm), 
vazme (er nimmt), vazest (nehmen) ebensogut anwenden wie 
die gewöhnlichen stokavischen Formen uzmi, uzme, uzetii). 

Was eben ausgeführt ist, darf natürlich nicht so ver- 
standen werden, als habe gerade die Frau, aus deren Munde 
ein solches Lied aufgezeichnet ist, eine Umsetzung einer 
Mundart in die andere vorgenommen; das ist vielmehr all- 
mählich im Lauf einer vielleicht langen Überlieferung geschehen, 
und innerhalb dieser können Verse im Lokaldialekt in den 
alten Bestand hineingedichtet sein, oder es sind Verse in einer 
schon sprachlichen Mischform, die ja überall begegnete, ein- 
gefügt worden. 

Die an den Liedern aus den obengenannten Inseln ge- 
zeigte rein formelhafte Verwendung der jekavischen -i/e-Formen 
wiederholt sich bei allen, die aus ikavischen Gegenden stammen. 
Auch davon möge ein Beispiel gegeben werden. Aus der 
Gegend von Makarska an der dalmatinischen Küste rühren 
her Nr. 5, 11, 21, 30, 75, 103, 106, 112, 139, zusammen 
494 Verse. Das kurze Lied 5 (28 Verse) ist rein jekavisch 
wiedergegeben, muß also hier außer Betracht bleiben; die 
andern ikavisch mit ganz vereinzelten Ausnahmen: 75. 1^ pred 
statt prid, ispred 103. 46 statt -prid^ hesjedi 139. 15, 54 
statt besidi, osjetio 139. 45 statt ositio. Aber in diesen ika- 
vischen Liedern steht das jekavische -ije- in dem einzigen 
Worte bio bij^la usw. in stehenden Formeln: 
11. 6 Stade bizat dvoru bijelomu 
(sie fing an zu laufen zum weißen Gehöft) 

11. 23 zmaj je pus6a dvoru bijelomu 
(der Drache entläßt sie zum weißen Gehöft) 

Indogermanische Forschungen XXXI. 27 



418 A. Leskien, 

11. 30 idje Mara dvoru hijelomu 
(Mara ging zum weißen Gehöft) 

11. 39 pak uteße dvoru hijelomu 
(dann entlief sie zum weißen Gehöft) 

21. 15 prije zore i hijela danka 
(vor der Morgenröte und dem weißen Tage) 

75. 35 kad su dosli dvoru hijelomu 
(als sie kamen zu dem weißen Gehöft) 

75. 42 pak je vodi prid hijele dvore 
(dann führt er sie vor die weißen Höfe) 

75. 75 pak on ode dvoru hijelome 
(dann ging er zum weißen Gehöft) 

75. 77 hvata Jelu za hijelu ruku 
(faßt Jela an der weißen Hand) 

75. 79 opet idje pred hijele dvore 
(wieder ging er zu den weißen Höfen) 

75. 80 hvata Mandu za hijelu ruku 
(faßte Manda an der weißen Hand) 

103. 22 pa otidje k dvoru hijelomu 
(dann ging sie zum weißen Gehöft) 

103. 37 ode cvilec dvoru hijelomu 
(sie ging klagend zum weißen Gehöft) 

106. 60 pa on idje dvoru hijelomu 
(dann ging er zum weißen Gehöft) 

106. 63 pak useta u hijele dvore 
(dann schritt er in die weißen Höfe) 

106. 76 isetao iz hijela dvora 
(trat heraus aus dem weißen Gehöft) 

106. 82 pa je hvata za hijele ruke 
(dann faßt er sie an den weißen Händen) 

139. 27 ona ide svom hijelu dvoru 
(sie ging zu ihrem weißen Gehöft) 

139. 43 da on dodje do hijele kule 
(daß er komme zu dem weißen Turmhaus). 
Wie stark die Bindung an die Formel ist, erkennt man 
hier besonders deutlich; von den 19 Beispielen enthalten 14 
das gleiche hijeli dvor, einmal steht das dem ganz gleichartige 
hijela Jcula, dreimal das außerordentlich häufig gebrauchte 
hijela ruJca (weiße Hand), und ebenso formelhaft ist hijeli dan 
{danak der weiße Tag). 



l 



Zur Technik der serbokroatischen Volkspoesie. 419 

Nicht verwunderlich ist es, wenn in ikavischen Gegenden 
ein ursprüngliches i, das ja dort von dem i=e lautlich nicht 
geschieden ist, mißverständlich in -ije- umgesetzt wird, sogar 
ein kurzes z, so 213. 57 trze jemu hrijetlcinju 6ordu (sie ent- 
reißt ihm den scharfen Säbel), richtig ist nur hritkinja; 199. 
6, 12, 36 (aus Vinodol an der kroatischen Küste) mijeli 
brajne (lieber Bruder) statt mtli. Man muß freilich hinzufügen, 
daß derartige vereinzelte Willkürlichkeiten auch in jekavischen 
Liedern begegnen, -ije- statt -je-^e, so öfter einmal das 
auch von Vuk im Wörterbuch angemerkte vijerna Ijuba (treue 
Gattin), das hier in einem ikavisch-jekavisch gemischten Liede 
aus Bukovica in Dalmatien vorkommt, 40. 53, 60 previjerna 
Ijuba, und in dem jekavischen aus Meleda 166. 10 vijerna 
Ijubovca. 

Merkwürdig ist es nun, daß die bisher in ikavischen 
Gegenden beobachtete formelhafte Anwendung des -ije- auch 
in jekavischen vorkommt. Man kann das hier beobachten an 
den Liedern der beiden Inseln Giupana und Meleda. Aus 
Giupana sind Nr. 12, 14, 17, 24, 47, 66, 74, 78, 84, 85, 110, 
151, 171, 189, 196, 203, 204, 219, zusammen 1834 Verse; 
aus Meleda Nr. 102, 166, 209 (186 Verse). Es muß aber 
eine Betrachtung über die Aussprache der Vertretungen des 
alten e in dieser Mundart vorangehen. Bekanntlich schreibt 
Vuk die Vertretung des e als je, was auch lautlich überall 
zutrifft (e für je nach r), dagegen die von e als tje, also zwei- 
silbig, einerlei wie die betreffende Silbe betont ist. Die Aus- 
sprache ist aber nicht in allen jekavischen Gegenden durch- 
gängig so. Maßgebend sind dafür die Ausführungen Resetars 
(Der stokavische Dialekt = Schriften der Balkankommission, 
ling. Abteilung VIII, Wien 1907, S. 87 = § 31): ^Ich habe in 
einem kleinen Aufsatze (Zur Aussprache und Schreibung des 
e im Serbokroatischen, Arch. f. slav. Phil. 13) die Frage 
aufgeworfen, wie man in den jekavischen Dialekten das nach 
Vuks Orthographie einem langen e entsprechende ije eigentlich 
ausspreche, und dabei die Ansicht vertreten, daß in allen 
jekavischen Mundarten dieses ije, wenn es unter fallendem 
Akzente steht oder nicht akzentuiert ist, also in den Fällen 
wie vtjek, kdlijevka, entweder zweisilbig mit kurzem e (so 
wie es geschrieben wird) oder aber einsilbig mit langem e 
(also wie viek, kölievka, mit diphthongischem ie), daß dagegen 



420 A. Leskien, 

das ije unter steigendem Akzente, also in Fällen wie rijeka 
regelmäßig auf diese Weise (also wie rieka) ausgesprochen 
werde . . . Ich habe dann auf meinen Reisen auf die Aus- 
sprache des langen e selbstverständlich besonders achtgegeben, 
aber weder in Süddalmatien noch in Montenegro, noch in Bos- 
nien, noch in Kroatien habe ich eine Mundart finden können, 
deren Aussprache genau der Schreibung Vuks entsprechen 
würde, fand vielmehr im großen und ganzen die von mir 
vertretene Ansicht bestätigt. Nur in den ehemals zu der Her- 
cegovina, jetzt zu Montenegro gehörenden Bezirken Niksiö, 
Banjani, Drobnjaci hörte ich auch unter steigendem Akzente 
eine zweisilbige Aussprache des langen e, aber so, daß das e 
des ije mittellang, jedenfalls eher lang als kurz war.' Dazu 
füge ich noch Resetars Bemerkung über das ije in der Poesie 
(Arch. 13, 594): 'bestreite ich auch für die Poesie die Aus- 
sprache rijeka, lijepa usw. [also mit kurzem e] ; wie ich wenig- 
stens immer hörte, wird hier, wo ein schwach [d. h. steigend] 
akzentuiertes langes e als zwei Silben fungiert, das i zwar 
vom e getrennt, das letztere bleibt jedoch lang; beim Rezi- 
tieren (oder Singen) von Liedern spricht man also in diesem 
Falle rijeka, lijepa usw.' Das Wesentliche für uns ist hier, 
daß ein altes langes e entweder einsilbig diphthongisch ie oder 
zweisilbig i-e, ije lauten kann. Die Inseln Giupana und Meleda 
fallen nun in das Dialektgebiet, wo die diphthongisch-einsilbige 
Aussprache ie herrscht. Die Lieder haben sie in allen Fällen, 
einerlei ob die Intonation fallend oder steigend ist oder die 
Silbe überhaupt nicht den Hochton trägt, z. B. biela (Vuk 
hijela, hieli (Vuk Mjeli) prölieva (Vuk prölijeva). Der Heraus- 
geber schreibt in solchen Fällen Vjepa, bjela, snjeg, prol'jevüy 
als wäre ein i elidiert, was natürlich nicht der Fall ist. 

Man könnte nun nach den obigen Auseinandersetzungen 
Resetars eigentlich erwarten, daß häufig auch zweisilbige 
Aussprache, namentlich unter dem bestimmten Betonungsver- 
hältnis vorkommen müßte, aber es ist ganz merkwürdig, daß 
diese Zweisilbigkeit (in der Ausgabe ije geschrieben) regel- 
mäßig nur erscheint in den bekannten formelhaften Wendungen, 
die mit -ije- auch in den ikavischen Liedern stehen. Als ein 
besonders deutliches Beispiel nehme ich voran Nr. 196 (163 
Verse), aus Giupana: elfmal kommt zweifellos -ije- vor, davon 
acht Fälle der Formeln mit dem Worte für 'weiß' 



Zur Technik der serbokroatischen Volkspoesie. 421 

8 da si poso Senja iz hijela 
(daß du gegangen bist aus dem weißen Senj) 

24 u nasemu Senju hijelome 
(in unserm weißen Senj) 

30 Grgur podje Senja iz Mjela 
(Georg ging aus dem weißen Senj) 

41 vi podjite Senju hijelome 
(ihr sollt gehen zu dem weißen Senj) 

49 sa prozora od hijela dvora 
(vom Fenster des weißen Gehöftes aus) 

110 obijala tri hijela dana 
(sie irrte umher drei weiße Tage) 

129 bjezi s njome Senju hijelome 
(lauf mit ihr zum weißen Senj) 

149 da ja Senju podjem hijelome 
(daß ich gehe zum weißen Senj). 
Die drei andern Fälle enthalten das gleiche Wort naprijeda: 

123 setaj Marge malo naprijeda 
(schreite Marge ein wenig vorwärts) 

138 tako ide jadna naprijeda 
(so ging die Kummervolle vorwärts) 

139 kad je doSla malo naprijeda 

(als sie ein wenig vorwärts gegangen war). 
In dem Liede 219 (346 Verse) begegnen 10 Fälle von 
ije, darunter wieder 7 formelhafte Wendungen mit hijeli, 
2 enthalten das sprichwörtliche svijeüo oruzje (vgl. Vuk, Po- 
slovice 21 : boj ne bije svijetlo oruzje, ve(5 boj bije srce od 
junaka, Kampf kämpft nicht die glänzende Waffe, sondern 
Kampf kämpft das Herz des Helden): 

127 i uzme mu svijetlo oruzje 
(und nimmt ihm die glänzenden Waffen) 

155 sobom nosi svijetlo oruzje 
(mit sich trägt er die glänzenden Waffen). 
Dazu kommt noch 

77 neg te molim, dijete Nenade 
(sondern ich bitte dich, Kind Nenad) 

87 knjign lega dijete Nenade 
(den Brief liest Kind Nenad). 
Das Lied Nr. 47 (120 Verse) bietet 22 Beispiele des 
alten langen e, davon sind 17 diphthongisch-einsilbig, z. B. 



422 A. Leskien, Zur Technik der serbokroatischen Volkspoesie. 

ev'jece, djetej hjela, 5 zweisilbig {ije), lauter Formeln, vier- 
mal mit bijeli, einmal mit lijepi: 

22 ne vila se [zmija] drva ni kamena nego tvoga grla hijeloga 
(sie [die Schlange] wickelt sich nicht um Baum noch Stein, 
sondern um deinen weißen Hals), vgl. dazu 34: ne vije se 
drva ni kamena, nego b'jela grla Ivanova. 

41 sto s' ne vijes drva ni kamena nego moga grla hijeloga 
(was wickelst du dich nicht um Baum noch Stein, sondern 
um meinen weißen Hals) 

46 ja sam sreöa lijepe djevojke 
(ich bin das Schicksal [d. h. hier der Schutzengel] des 
schönen Mädchens) 

56 vi podjite dvoru bijelomu 
(ihr sollt gehn zum weißen Gehöft) 

106 i nosi ga dvoru bijelomu 
(und trägt ihn zum weißen Gehöft). 

Weitere Einzelheiten will ich nicht anführen, nur im 
allgemeinen angeben, daß in den Liedern aus Giupana und 
Meleda, zusammen 2020 Verse, im ganzen 69 Beispiele mit ije 
vorkommen, davon 53 in formelhaften Wendungen (40 mit bijeliy 
11 mit lijepj 2 mit svijetlo), 16 sind vereinzelte Fälle. 

Leipzig. 

A. Leskien. 



V. Porzezinski, Der Dativ sg. der -i Stämme im Litauischen. 423 



Der Dativ sg. der -i-Stäniine im Litauischen. 

Der altlitauische Dat. sg. der i-Stämme {veszpaty zum 
Stamm vesz-pati- 'souveräner Herr') könnte nach Brugmann 
(Gr.2 2, 2, S. 170) auf eine urindogernianische Bildung zurück- 
geführt werden, die in ved. üttj ion. ßacl, ir. fäith vorliegt und 
eine Nebenform zu dem Typus ai. pdtye und ai. matdye zu sein 
scheint. Dieser Erklärungsversuch, der bereits in der 1. Auf- 
lage des Grundrisses steht (2, 602. 604), stützt sich auf 
die Annahme, daß alit. veszpaty mit langem i (lit. y) bezeugt 
ist. Zwar liest man bei Bezzenberger Gesch. 128: ^wieszpati^ 
smertij deren -i man noch als lang wird betrachten müssen 
(vgl. lett. sirdi)% jedoch kann diese Lehre nicht aufrecht- 
erhalten werden. Die S. 127 angeführten Beispiele lauten: wiesz- 
patii, -iy, ischmintiy, wieszpati, smerti (über prapultie vgl. 
weiter unten); neben -ij findet man also im Ausgang ein -i, 
das in alten Texten keineswegs stets einen kurzen Vokal be- 
zeichnet, sondern proraiscue mit y gebraucht wird, trotzdem 
haben wir kein Recht wieszpati, smerti (aus ostlitauischen 
Drucken^)) mit langem i {y) zu lesen: es sind die bis jetzt 
im Ostlitauischen geltenden Dativbildungen der i-Stämme auf 
kurzes i, (vgl. z. B. Kurschat Gramm. § 660) ^j. Auch in den 
Memeler Texten steht neben dem -i;, das Bezzenberger ver- 
zeichnet, ein dem ostlitauischen paralleles -i (Willent hat neben 
Wieschpatiy 4 mal, Wieschpaty 1 mal, vgl. Mitt. der lit. litt. 
Ges. 5, 125); zu den Formen auf -i vgl. noch die Belege aus 
der Postillenhandschrift aus dem J. 1573 (Mitt. 5, 124). Das 



1) Vgl, noch Dauksza, Kat. Krikszcziöni, Wieszpati (Mitt. der 
lit litt. Ges. 4, 372); Szyrwid, PS. Wieszpati und Wieszpat (z. B. 
66,9, 14,2). 

2) Merecz ist ostlitauisch und lieji"t in dem Strich, der alte t 
und d vor i (auch in 'dem Misch vokal' e) in c und dz verwandelt 
hat, vgl. meine 3aMiTKH ÜO AiaiCKTOJIoriH JiHTOBCKaro ä3., 40 = 
MSBicmiü OtA. p. ^3. H CJIOB. 3, 1121. 



424 V. Porzezinski, 

ostlitauische -i hat ebenfalls einen Doppelg^änger in -ij (vgl. 
bei Chylinski smertiy^ Mitt. 5, 125). 

Trautmann (Altpr. Sprachdenkm. 236) sieht in den alt- 
litauischen Dativen auf -i ebenfalls eine auf kurzes i aus- 
gehende Bildung, die er den pr. Maustweniki 'Beichtiger' und 
preisiki 'Feind' gleichsetzt: 'ich sehe darin den echten Dativ 
deri-Stämme, wie er im Litauischen bezeugt ist: alit. wieszpatij, 
-pati, ischminti, smerti, krikszcziöni\ Wenn ich diese Worte 
richtig verstehe, so wird hier -ij als eine dem -i gleichwertige 
Schreibung aufgefaßt, es ist aber kaum daran zu zweifeln, daß 
die altlit. -iy und -ij ein -ij ausdrücken. 

Den oben behandelten Dativen entsprechen im Zemaiti- 
schen Formen mit eigentümlichen Endungen: -ei und -^; dieser 
Unterschied ist dialektisch: im NW des zemaitischen Gebiets 
findet man -ei^ im SO dagegen -^. Da nun dem mittellitaui- 
schen e im Zemaitischen im NO -ei^), im SO ein ^ entspricht 
(vgl. genau dieselbe Verteilung von ou und ü = nilit. ü), so 
würden die zem. vagei, vagl ins Mittellitauische-) übertragen 
"^vag'e lauten, vgl. Jaunis ^JI,iaj[eKTHTOCKiH oco6eHHOCTH .iHTOBCKaro 
m. B'B PoccieHCKOMTb yts^i' 34 (der wertvolle Aufsatz des vor 
einigen Jahren verstorbenen ausgezeichneten Kenners seiner 
Muttersprache ist in einer schwer zugänglichen Publikation 
erschienen: IlaMaTHaÄ KHnatKa KoBencKOH ryöepniH, 1893; ich 
zitiere nach dem Sonderabdruck) ^). 

Das in Memeler Texten gelegentlich auftretende -ei, vgl. 
smertei Post. 1573, Mitt. 5, 124 ist höchstwahrscheinlich eine 
Schreibart für -ij, da hier besonders häufig ein i durch ein e 
ausgedrückt wird; prapultie bei Bezzenberger Gesch. 127 wird 



1) Das e ist in dem zem. ei überall ein geschlossener kurzer 
e-Laut. 

2) Mittellitauisch nenne ich, Fortunatovs Beispiel folgend, das 
Hochlitauische ohne die ostlitauischen Dialekte, die ein Ganzes für 
sich sind; vgl. Verfasser in Rocznik Slawistyczny 4, 13. 20. 

3) Gelegentlich sei bemerkt, daß im Zem. auch ein e vorkommt, 
das sind aber Wörter, die entweder aus dem Slavischen entlehnt 
sind oder, wie DSvas, aus anderen litauischen Dialekten stammen: 
neben D'evas hat man dialektisch auch die regelrechten Deivs und 
Dlvs {v ist gleich u); svetas ist demnach ein Lehnwort, da es zem. 
>>vets lautet, dagegen lautet snegas hier sneigas und snlgas, vgl. 
Jaunis 22. Das gewöhnliche zem. e entspricht dagegen einem 
mlit. e, vgl. zem. ü = o. 



Der Dativ sg*. der -^-Stämme im Litauischen. 425 



ebenfalls mit den zeni. ei nichts zu tun haben und für pra- 
pultij stehen. 

Das Verhältnis von zem. -ei, -i (d. h. altem e) zu den 
andersw^o vorkommenden -ij und -i im Dativ der f Stämme er- 
innert an das Nebeneinander von zem. -ou (o ist ein kurzes 
geschlossenes o, vgl. daß im zem. ei = e das e geschlossen ist), 
-ü und mlit. -ui, u im Dativ der" lit. a- (idg. o-Stämme) 
und w-Stämnie; vgl. zem. nw. pönou, so. pönü und mlit. 
pönui. Die zem. Form würde ins Mittellitauische übertragen 
*pönü lauten. 

Vergegenwärtigen wir uns nun den Umstand, daß die 
litauischen Kurzdiphthonge (d. h. in unbetonter Silbe oder auch 
geschleift betonte) den unsilbischen Teil für gewöhnlich nie 
verlieren, so werden wir die lit. -i und -u neben den -ij und ui 
im Ausgange der Dative wohl kaum aus ij resp. -ui ableiten 
dürfen. Im Einklang damit befindet sich auch der Umstand, 
daß diese -i und -u auch fehlen können, vgl. mdn aus mani, 
tarn aus tämu. Daraus ließe sich aber der Schluß nicht 
ziehen, daß diese -i und -u auch ursprüngliche -i und ~u sind, 
denn außer den alten kurzen Vokalen werden ebenfalls solche 
kurze Vokale abgeworfen, die urlitauische Kürzungsprodukte 
sind, ja sogar teilweise betont auftreten, vgl. z. B. taTfi aus 
tarne, das nach Ausweis des Zem. und Ostlit. (tami) urlitauisch 
aus Hame mit fallendem Ton gekürzt wurde, vgl. den Tnstr. 
der weiblichen Stämme rankä — runku (in gewissen ostlitaui- 
schen Dialekten ranka, nämlich im westlichen Strich, da- 
gegen im Kreise Poniewiez ronJco'^ den Akzent lasse ich un- 
bezeichnet, da er z. T. verschoben ist), wo im Urlitauischen 
der auslautende Nasalvokal gekürzt wurde, vgl. in der zu- 
sammengesetzten Deklination geräja bei Kurschat, daß gerqja 
zu schreiben ist, vgl. in den Dialekten, wo die alten Nasal- 
vokale erhalten sind, gerqja mit einem Nasal vokal. Das Ab- 
werfen solcher Vokale kann nicht rein phonetisch sein im 
Gegensatz zum Ab- und Auswerfen der alten Kürzen und be- 
ruht auf dem Streben, die Zahl der Silben in den verschie- 
denen Formen desselben Stammes in der Deklination und Konju- 
gation auszugleichen, vgl. MsB-fecuiiÄ Ot;i,. p. äs. h cjiob. l,478f., 
wo ich diese Erscheinung Fortunatov folgend behandelt habe. 

Die in den Memeler Texten erscheinenden Dative in der 
Art von pirmamüiem (Bezzenberger, Gesch. 128) enthalten 



426 V. Porzezinski, Der Dativ sg. der -«-Stämme im Litauischen, 

höchstwalirsclieinlich, wie Fortimatov Id seinen Vorlesungen 
vermutet hat, dasselbe tl, das im Zem. in der Gestalt von -ou 
resp. 'ü uns vorliegt. Dazu würde auch das pr. -u stimmen, 
wenn Trautmann, 217 recht hat. 

Was den Dativ der idg. o-Stämme im Litauischen be- 
trifft, so ist es ziemlieh klar, daß wir von einem idg. -öi aus- 
zugehen haben, wobei höchstwahrscheinlich auch eine Neben- 
form auf -ö anzunehmen ist. Wie die einzeldialektischen litaui- 
schen Bildungen entstanden sind, ist nicht klar genug; es 
handelt sich nämlich um das Verhalten von urzem. -ü zum -u, 
und andererseits des -u zum -ui. Im Bereiche der i-Stämme 
ist dagegen der Ausgangspunkt noch in Dunkel gehüllt. Ich 
erinnere daran, daß trotz aller Versuche auch der slavische 
Dativ Jcosti usw. noch immer rätselhaft bleibt. Jedenfalls 
könnte man im Litauischen die Reihen -ü -u, u -ui den Reihen 
■e -i, -i ij gleichzusetzen versuchen, woher würde aber ein 
urlit. *ei stammen? Nur eins ist klar: das lit. -i kann nicht 
dem ved. -i parallel sein. Zwar könnte man versuchen, diese 
Zusammenstellung zu retten, indem man das lit. -i aus -? nach 
Leskiens Gesetz entstanden dächte, dagegen würden aber die 
Betonungsverhältnisse sprechen: es wäre ein *mani und in 
der Nöminaldeklination im Ostlitauischen, wo die Formen auf 
•i lebendig sind, z. T. ebenfalls Endbetonung zu erwarten, 
was nicht der Fall ist. 

Moskau. 

V. Porzezinski. 



C. Cappeller, Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 427 



Zwölf Pasakos aus dem preufsischen Südlitauen. 

Die naclistehendeii Erzäblungen habe ich vor vielen 
Jahren in meinem Heimatskreise Stallupönen gesammelt, und 
zwar 1 — 3 in Oblauken, 7 und 8 in Jiicknischken, die tibrigeiv 
in Do7Aihnen. Ob es der Mühe wert war, sie (zumal an dieser 
Stelle) zu veröffentlichen, könnte manchem zweifelhaft er- 
scheinen. Es kann ja niemand entgehen, daß der Dialekt des 
südlichen preußischen Litauens, w^elcher einst die Grundlage 
der litauischen Schriftsprache biklete, und in welchem Dona- 
litius dichtete, hier schon in völliger Entartung und Zersetzung 
begriffen ist. Aber ich bin der Meinung, daß die Sprache 
auch in diesem Stadium, trotz oder vielleicht gar wegen ihres 
verkümmerten Vokabulars, ihrer zerrütteten Syntax und ihrer 
krassen Germanismen, der Aufmerksamkeit des Forschers wür- 
dig ist. 

Der Stil in diesen Erzählungen (soweit von einem solchen 
überhaupt die Rede sein kann) zeigt eine größere Ähnlich- 
keit mit der in der Brugmann-Leskienschen Sammlung vor- 
liegenden Sprache als mit der bei Schleicher und Jurkschat. 
Die Sätze sind sehr kurz und entweder gar nicht oder durch 
0, er, alcy dahär, teip u. s. verbunden-, Nebensätze kommen 
fast nirgends vor außer den Relativsätzen und denen mit 
kaip und kad, welches letztere die Stelle fast sämtlicher Kon- 
junktionen vertritt. Die Partizipialkonstruktionen finden sich 
nur selten; ganz fehlt hier wie dort das Partizipium in De- 
klarativsätzen mit oder ohne Jcad. Dazu kommen noch einige 
andere Eigentümlichkeiten der Formlehre und Syntax, die in 
den Fußnoten angedeutet sind, und gewisse Wörter, denen in 
den nördlichen Dialekten andere gegenüberstehen, z. B. cze- 
bdtas, küzne, peskos, vägis : sopdgas, kalvinycze, smiltys, 
gemhe. Auch auf andere, in den Wörterbüchern von Nessel- 
mann und Kurschat gar nicht vorkommende oder als nicht 
geraeinliblich bezeichnete Wörter ist in den Anmerkungen 



428 C. Cappeller, 

aufmerksam gemacht worden, in denen ich aucli einige offen- 
bare Verstöße gegen die Grammatik hervorgehoben habe, die 
mir nicht individuell zu sein, sondern zu der Signatur der zer- 
setzten, Sprache zu gehören scheinen. In manchen Fällen 
habe ich Herrn Professor Leskien für freundliche Auskunft 
zu danken. 

Die in den Anmerkungen gebrauchten Abkürzungen S, 
BL, J; N, K, L werden sich nach dem eben Gesagten von 
selbst verstehen. Mit C habe ich auf meine eigene Schrift 
Kaip seneji Letüvininkai gyveno verwiesen. 

1. Kdlvis ir szneideris. 

Büvo mergä, ta turejo hälvi per jaunik\. hüvo tarn 
paczem kerne szneideris, fas ir tos mergös per gvöltq norejo, 
ta mergä tik Tcälvio norejo. Tas szneideris nuejqs pas tq 
mergq sdke: 'Tu tik mink, juk tas spängas^)] kad jis kq 
dlrba, tai jis daugiaüs ant prekdlo müsza nekaip a7it ge- 
lezes.^ Dahär ta mergä to szneiderio paklüso o tik sznei- 
deri eme, o ne kdlvi. kaip dahär svothä hüvo, kad jüdu 
vinczevotis ddvesi, tai nuejo tas kdlvis ( küznq ir issikaitino 
stukeli gelezes. kaip jüdu presz devstali stovejo, prlejo 
tas kdlvis isz üzpakalio ir jem ta. kdrsztq gelez\ % czehdto 
aülq imete. Kaip dahär tarn szneideriui pradejo degti, tai 
jis pradejo mindzot; jau kaip perdege, tai szneideris isz 
hazni/czos iszhego. Dahär tas kdlvis su ta mergä susikabino, 
Kaip künigs \ haznyczq {ejOj tai jis tq mergq tik su kdlviu 
suvmczevojoy o ne su szneideriu, 

2. Mergä ir razhdininks. 

Büvo vens lahai hagöts güdiszkas gaspadörius\ tas 
turejo venq sünu ir venq dükter{. Tüdu zemq vakarais 
lahai ilgai sededavo ir verpdavo. Venq vdkarq jüdu iki 
zegoriaus dvylika sedejo. Pasl^ui töji dukte issirede o ejo 
% kleti gülti. Kaip ji ( lövq lipo, ir szUüres po löva stüme, 
tai ji pajüto kad kas po löva güli. O ji vakarais gült ei- 
damä vis kdtq pas save dränge eme. Dahär ji, isz häimes 



1) Bei K nur spangys, bei N auch ein Adj. spangius 'schie- 
lend, ein Schielender'. Übers, 'hühnerblind'. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 429 

uezinödama kq ji gdl dar^ti, pradejo tq Icdtq glamonet^), 
ji vis teip jüdinosi buk ji tq kdtq teip myli'^ nes ji zinöjo, 
kad Jos hrölis Mertyns da nemegti. Ji vis sdke: 'Katineli 
melas, kad tu bütuni mäno vyraSy kaip asz tave myleczau^ 
kaip asz tave glohöczau; tai asz ir sakyczau: 'Mertynai, re- 
tavök ^) man§ ; Mertynai, retavök mane !' Kad ji tq pasku- 
tini zöd\ säkßy tai ji labai dikczei reke. Ale tas razbdininks 
mislyjOy kad ji su ta kate teip dzaügesi. Kaip ji treczqsyk 
reke, tai Mertyns drklius szerdams iszgirdo. Kaip jis ant 
klets-aükszto ') prihego, tai jis tüjaü duris (musze o sdke : 
'Sesyte melöji, kas tau kenkT Töji tüjaü suriko: 'Cze po 
löva güli vens.' Dahär je tüjaü visi suszüko o tq razhäininkq 
suriszo. Tas razbdininks sdke: ''Na, kad asz tai büczau 
zinöjqs, tai tu ne i lövq bütum gdvus (lipti. Asz jau dabär 
ir mäno^) mislls issipaz\siu. Asz tau büczau gdlvq nuemqs, 
geridusius skdrbus issineszqs o paskui namüs büczau uzdegqs.' 
Je tq razbdininkq nugabeno % kalejimq o Upe sujürh daryti 
kq je tik nor. 

3. Vena toke kaip kitä. 

LenJcüs büvo baüdzeva; zmönes turejo i baüdzevq eiti. 
Pons siünte sävo stüczu{?) pasteliüti zmönes i gtrq sztdngu 
vaziüt. Jis sdke: 'Mytö ant zegoriaus devyniü tur visi gas- 
padörei vaziüti girio büti.^ Vens gaspadörius rdszesi Kumpys, 
tas büvo labai pavdrgqs; jis visai drkliu neturejo. Tas 
pasikinke jduczus ; iszvazevo ( girq. Jis büvo kitq denq ant 
devyniü girio. Pons atjöjo pats \ gir^. Jis sdke \ sävo 
vyf'us: 'Uzkrdukit szitäs sztdngas.^ Kumpys uzkröve sävo 
vezimq. Jis iszvazevo isz girios pirmä tu kur su arkleis 
büvo: jis mislyjo, kol jis parvarys, jem tik ilgai durüs. 
Kaip Kumpys ant dvdro parvaz4vo, sdkö te bernai, kur ant 



1) Nach L 'umarmen, liebkosen' (fehlt bei N und K). 

2) Das Wort retavöti, iszretavöti auch BL 244, 246, 263; hier 
sogar retünkas 'Rettung-* 262. 

3) Dies Kompositum erscheint auch C 9. E^ ist ähnlich ge- 
bildet wie bütsange S 214. 220 (Gramm. S. 135). Ob das verbin- 
dende s im letzteren Worte aus dem Nominativ stammt, ist mir sehr 
zweifelhaft; vielleicht ist es unter deutschem Einfluß entstanden. 

4) Mäno für sävo ist ein Germanismus, der sich im Verlauf 
noch mehrfach findet. 



430 C. Cappeller, 

düdro llkq biwo: 'Tai Kunipys jau su sävo jduczeis; tai, 
bräce hröli. tai eina gerat vaziüt.' ziupöne per Idngq ziu- 
rejo. Kumpys sdko { bernus: 'Kad asz syk\ ziupöne gduczu 
loszt^), tai äbüdu jduczu paliJcczau.' Ziupöne laukan ejus^) 
isz hüto sdko: 'Kumpyy kq jus cze sznekejotT — T neko, 
Muponüte, asz tik sztukavöjau.' Ziupöne sdko: "Kumpy, kq 
jus cze sznekejot, tai gdlit gduti.' Jiji Kümpi \ stiiba \siva- 
dino', jüdu atsiliko kq ziupöne norejo. Kumpys iszeina lau- 
kan ziupöne pdskui j\. Ji sdko i sävo hernq: ' Iszkinkyk 
Kiimpio jduczus? Dabär atejo bernas, ^Endrius vardü, ir 
iszklnke Kümpio jduczus. Dabär ale mäno Kumpys akis 
atddre ; jau jis nuliüd^s ape vezimq vdiksczojo. I tq czesq 
pons parjöjo; sdko pons: 'Na Kumpy^ ar jau tu nameT 
Kumpys sdko: 'Jiß, pon\ ale szlektai mdn eina. Jus man 
pdtys parödet tas kdrtis.' — 'Na, je, asz pats jes parödzau.^ 
— 'Na, ziupöne sdko: "Kreivos kdrtys\ asz jes i sävo 
gyvenimq negaliü sudlrbt." Tai ji mdn ddve abüdu jduczu 
iszjüngt!' — 'Ne, mäno mels Kumpy, asz jums pats tas 
kdrtis parödzau.^ Pons sdko i sävo bernq: 'Endriau, atvesk 
ir pajiingk Kümpio jduczus." — 'Ale tai ddr geriaü, pon\ 
bile asz tik sävo jduczus vel gdunu^ Kaip jis ddr stiklel\ 
hrangvyno iszgere, sdko Kumpys f pönq : 'Asz mislyjau v'enä 
geresne; o v'enä toke kaip kitä? Dabär ziupöne klaüso. 
Pons tai suprdtqs labai uzpyko. Eina Kumpys per duris, 
ziupöne visai nezinöjOy kaip ji j% galetu uzkldust^). Ji 
sdko: ' Kumpy y ar mazii jus visztos nor peret.^ — Ve, ziu- 
poniite." Ji sdko: ^ Asz jums kiauszlniu düsiu\ ar türit \ kq 
\detT Jis laukan iszejqs atsinesze kaszelq, kur jis sävo 
peius büvo (sidej^s. Kaszele büvo didele. Ziupöne jem pri- 
kröve pilnq kaszMq kiauszlniu'^ sdko: 'Tik Kumpy uztüpdikit 
visüs kiausziüs. Kad bus jaunikei iszejq, tai atvaziükit pas 
mane, asz jum maisto düsiu.' Dabär mäno Kumpys kepiirq 
ant auses, kaszü^ ant petes, pre sävo vezimo priejo. Kaszele 
ant rüngo uzmöv^s, dabär 'Zdli\ MdrgiV^) jis parvazevqs 



1) Diese obszöne Bedeutung* findet sich für löszti weder bei 
N noch bei K, wohl aber bei beiden für das svnonj^rae zäisti. 

2) Das Fem. dieses Partiz. erscheint auch bei uns wie bei 
BL stets ohne i. 

3) Weder bei K noch bei N bedeutet 'ausfrag-en, ausholen'. L. 

4) Die schon aus Donalitius bekannten Ochsennamen. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 431 

namö, sdJco i säco pdczq : 'Dahär tik virk ir kepk.^ Durüje 
tris nedeles, Kunipys tur maisto vaziüt. Jem ziupöne ddve 
kiausziü ir varszkes'^ ji sdko: 'Ddr venq zigi gdlite daryt 
ir maisto atvaziüt\ ale ar daug visztiiku iszejoT Sdko 
Kumpys'. 'Je^ ziuponüte; jus turejot gerq gaidi, visi iszejo.^ 
Perejo kellos denos; Kumpys pasijunge sävo jduczus, nuva- 
zevo i dvdrq pas ziupönq. Ji ddve jem du ketvlrczu mezu\ 
dabär ji sdko : 'Atgabenkit visüs visztuküs.' 'Je, asz atga- 
besiu; ale visi gaidzei; jau je ir visi geda^ je vis reke: Kum- 
jpys ziupönq löszo.^ Ziupöne sdko: 'Y, tai tik palaikykit 
visüs sau\ tai asz 7ie veno 7ienöriu.' Kas daugiaüs dzaügesi 
kaip Kumpys? Jis dabär sdke { sävo pdczq: ^Tai dabär asz 
vlsko gavaü, mezu, kiaüsziu ir varszkes.^ 



4. Letiiviszkas pregalvis. 

Biivo gaspadörius Syjönas Bütgereitis; tas labai var- 
gingai gyveno ir nekad neturejo pin%gü. Venqsyk reikejo 
jem krivüle pin\gü moketi\ tai jis bedö büdams sdke \ sävo 
pdczq: 'Mötyn, kq dabär miidu pradesim? Rytö Knäkavas 
vel krivülq pales^)', kur asz dabär ale gdusiu pinigü uzmo- 
ketT Moteriszke sdke: 'Ar tu zinai kq? asz dar turiü venq 
letiiviszkq pregalvis ^ pr'egalv\ pasiülyk, asz tau sakysiu 
ir kur. Nueik ant naümesczo pas Szveiger{, tas perka viskq.'* 
Mäno Syjöns nueina patesiög pas Szveigery, 'Pon Szveigeris, 
ar jus plrktumet ilgq letiiviszkq pregalv\T — 'Y je, tik at- 
gabekV Syjöns pareina namö, sdko { sävo gaspadinq: ^Mö- 
tyn, dabär tik sujeszkök tq pregalv\, Szveigeris j\ plrks. 
Ale mötyn, kek stmru galetu tarn pregalvy but? kad manq 
neprigdutu. Bezmeno netiirim, begk pas Szätner^ cze netoU, 
tas tur bezmenq, asz tikrai zinaü.' Ta greitai nubego, pär- 
nesze bezmenq. Päsvere, tai .were asztünis svarüs. Jis niinesze 
tas pliinksnas, ir jem taipjaü .svere kaip ir name. Tai jis 
parejqs .m ketureis dölereis: 'Mötyn\ sdke, 'dabär asz galiu, 
döleri dd ir kitdm pazyczyt.' 



1) 'Das Krummholz herumschicken (wörtlich loslassen)', näm- 
lich zur Einberufung- der (ebenfalls krivüle genannten) Dorfver- 



sammlung- 



482 C. Cappeller, 

5. Kün\gH ir Jonühs» 

Asz nü mäno ^) senüczo tevo girdejou teip kad jo tes 
hüvo Bilderveczüs pas künigq'^) per hernq. Jis büvo tikras 
katüliks Güdas. Pas-lcui jis venq syk\ per üzgavenes ^) vaiküs 
hüvo vazinet { vdz\ su venu drkliu ; tat jis pakeliui pärverte 
tq vdz\. Arklys visüs paliko, ir hernq ir vaiküs; tai je visi 
parhego. stäldas hüvo ätdars; tai tas arklys su tu vaziü 
norejo i stäldq zeit, ale vdzis ne {ejo. Kün%gs sdke (güdiszkai) : 
'Jonük, kq tu padareiT — ^Na ka^ Ar asz kdltsy kad ar- 
klys pasihaide ir mus pärverte'^ Teip mes turejom pesti 
pareit." Künigs ant to neko nesake, jis ejo ( sävo rasztinyczq. 
Vakare jis vel sdke: ^Jonük, kq tu szende padareiT — "Na, 
pon künigs, ar asz kqlts? Kam tek avizü düdat arklems? 
Jis teip sznekejo su kün%gq, kaip kad su jüm dückylkes^) 
hütu vdlgqs. 

Antrasyk tai hüvo Kaiedos. Künigs miszq laike haz- 
nyczo. Jons turejo *) pasirüpinqs kdtinq ir püslq nü kiaüles 
iszpustq, SU zirneis pripütq. Tai Jons eme tq kdtinq po 
pdzaste ir atsiddre haznyczos duris ir paleido tq kdtinq i 
haznyczq. Tas kdtins kuleis auksztyn ir kuleis zemyn. Tai 
künigs paliöve miszq laikyt ir sdke : ''Mäno parapijönai, tai 
neks nepaddre kaip mäno Jonüks.^ Dabär künigs pareina 
namö: 'Jonük, ale kq tu padareiT — '^Ak pon künigs, jus 
vis manq gündot; dahär asz nelekü daugiaüs pas jus.'' — 
'Ale Jonüky hük tik pakajings.^ — '0 ne, pon künigs, dahär 
asz einü szalln nü jus' — "Ale Jonük, asz •tau pridesiu 
algös ; tik hük pas manq." — "0 ne." Tai jis susiriszo pin- 
deli ateina pas küniga: "Llkit sveiki, pon künigs." Jis 
eina per tiltq; künigs da ji szaük: 'Sugrizk, Jonük, sugr(zkl 
Ale jis jem sdke : "Pabuczük sühinq% ir ejo sävo keliü. 



1) Ganz ähnlich: kad asz nü mäno senüczu gird'ejau, C 34. 

2) Vgl. C 24. 

3) 'Als ob er mit dem Pfarrer Dutzkeilchen gegessen hätte', 
eine in Ostpreußen gebräuchliche scherzhafte Redensart, die soviel 
bedeutet wie 'Brüderschaft trinken'. — Der Pfarrer (und zwar so- 
wohl der katholische wie der protestantische) gilt zwar in den litaui- 
schen Märchen als eine gewaltige Respektsperson, erscheint aber 
doch gewöhnlich als der Gefoppte und Geprellte (vgl. Nr. 6, S. 155 ff., 
BL 232. 

4) Über diese Konstruktion von tur'^ti mit dem Partiz. Prät. (wie 
griech ixoinev /ipiraKÖrec) s. BL 324 (Gramm. § 115). 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 433 

6. Vag IS. 
Venäm kerne büvo liüsininJcas, tas turejo drTd\ ir venq 
sünu^. Tai jüdu vazevo % girq szaJcü vogt. Jüdu priJcirto 
szaJcü vezimq. Mäno sunüs paUJco teva. ir pabego i glrq. 
Jis ture^) sTcrdnda apsivUJcqs. Kaip jis \ girq ibegqs büvOy 
tat jis skrdndq iiusimlko ir lazdiiiiii eme miiszt ant tos 
sJcrdndos. ^Ne asz vens vogiaü', sdke; 'ir tevas dränge biivo.^ 
Ale jis dabär paszol paddre \ girq ^). Dabär jis uztröpyjo 
razbdininku butel\ vidui girioje. Jis ten nuejo, rddo vena. 
senq moteriszlcq. Kaip ta moteriszhe j\ pamdte, tai sdke : 
'Eik tu szaUn\ mäno sünus yrä razbdininkai, te tave uz- 
miisz.' '0 ne\ sdke jis, ^asz vagis esü ir padesiu jems dik- 
czei razbajdut." Vakare pareina penki sünus ; tai je j\ preme 
kai bröli. Rytmety iszeis visi ant razbajystes, köznas sävo 
keliii. Mäno vagis isz namü Ima szöblq ir prieina veszkeli. 
Dabär ant veszkelio jisai pämete szeidq, o jis ejo tolyn Ugq 
gdlq pämete ir klingq. Dabär jis i krümq ilindqs ziür. 
Atvaziuje karStä, pons su kiiczere. Pons sdko: "Eik tu at- 
galiö ir atneszk tq klinge-, cze ir szeide gul.'' labai toli 
bicvo szpicbuks (taisqs. Pönui labai prailgo. Jis ir nü ka- 
retos nulipqs bernui preszae. Mäno szpicbuks ussisedo ant 
karetos ir 7iuvazevo szalin kitii keliii. Szüdu du, kiiczere 
ir pons, liko pesti. Dabär jis parvazevo su dvem arkleis ir 
karetä. Vakare pareina ir kiti jöjo draugai; vens tur kq, 
ir kits tur neko nenurazbajdvqs ^), ale mäno szpicbuks tas du 
drkliu ir karetq. "Sztai, vyrai, kq asz laimejau," Jeji mis- 
lyjo: ^ Dabär bus viskas gerat."* 'Äntrq rytq visi vel prisi- 
taise eit ant razbajystes, o jis apslrgti malddvos. Kai viskas 
büvo szalin, tai jis pasikinke sävo du drkliu ir ( karetq 
isikröve kas cze dd biivo nu rubavötu daiktü. Dabär jis 
parvazevo pas tevq. Tes nusigändo ir sdke: 'Vaike, kur 
tu issimokinal teip vogt?' Sunüs sdke^): ^Asz ämtmonui isz 
stäldo drkl\ pavögslu, kad ir szeszl vyrai vektüje ir vens 
ant jo sed.' Dabär jis nuejo ir nusipirko szlöpdrunko ber- 



1) Vgl. S. 432, Anm. 4. 

2) 'Kiß aus, machte sich aus dem Staube.' Das russische 
paszol wird auch von den Deutschen in jener Gegend und wohl 
in ganz Norddeutschland vielfach so gebraucht. 

3) Von hier ab vgl. BL 231 ff. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 28 



434 C. Cap peller, 

cziikq^) ir krepszi pyrägu, ir tüs visüs i hrangvynq {mer- 
Icino. Dahär jis prisitaise teip böbiszJcai ir teip skudürnisz- 
Tcai, kad jau szlekczaüs negalejo büt kaip ta ubage. Tai ji 
nuejo ant dvdro. Du szünes büvo paleisti, ale jiji tm py- 
ragüs tems szunims m4te, kad je apsigere. Paskui ji suriszo 
tüdveju szunü üdegas ir permete jus per tvörq. Dahär ta 
böba eina i stäldq ir prdszo nakvynes. ten trys vyrai 
pre erzilo yrä\ vens ant erzilo sed, ir du pas duris vektq 
laiko. ^Lahs vdkars\ sdko ta moterele. 'Dekuiy dekui, mäno 
mutter, isz kur pareini?'' — ^Tai türguje buvaü; ar nepri- 
imtumet manq szicze perguletT Vens nenör, kits sdko: ^Aky 
priimsim.' — 'Vyryczei, asz turiii bercziikq brangvynOy asz 
jus patrakterüsiu, tik priimkit.^ Tas gere, ir kitdm ddve ir 
treczem; ta böba turejo visüs tris apgirdit. Vens dabärjau 
apvirto. Böba dairosi, anträsis dar nenör megöt; ale ne 
ilgai durüje, tai ir tas susmüko. Kq jis dabär darysl Jis 
eina pre to kurs ant erzilo sed\ jis tq nüeme nü erzilo ir 
ussodino ji ant sztäntos o ddve jein szaudü ryszi i rankäs , 
lyg kad jis kämanas laiko. Aber mäno böba dabär eme 
sävo ei'zila. ir vedasi namö. Tes sdko: 'Vaike, ar tu diir- 
nas? Kaip tu ta drkli pävogeiT — ^Ak\ sdke, 'kad ne 
daugiaüs? Rytmety ämtmons ateina % stäldq ziuret-, vens 
cze giili, kits cze giili, o tas treczesis ant sztäntos sedi. Pons 
sdko: 'Ky'isjonl' Szits tüs rysziüs braüke, lyg kad jis kä- 
manas tur. Däbar mäno ale ämtmons labai biivo supykqs. 
kiinigs tarn kerne biivo, tas iszjüke ämtmonq. Dabär mäno 
ämtmons sdko \ tq vdg% : 'Kad tu tq künigq pavögsi^ tai asz 
tau düsiu du szimtic döleriu' Vagis sdko: 'Pon ämtmons, 
tai greitai neeina, ale asz j( pavögsiu.' Jis nuejo i mestq 
ir nusiplrko dvi kapäs gy vü veziü ; tas parsmesze pas tevq 
ir paddre tökius likteliiis nü väszko ir vis'ems ant nügaros 
uzlipino. Pinigü jis turejo, ale kq jis dabär prades? Baz- 
nycze uzrakita. Jis zinöjo kur klekneris gyvena ; % tq jis 
sdke: 'Asz tau penkis dölerius düsiu, atrakik baznyczq.^ 
jis turejo dldeli giirbq. Klekneris atraklno baznycze, ir 
jis SU sävo vezeis { baznyczq {ej^s visüs gänkose paleido. 
Klekneriui sdke: 'Paszaük künigq'^ asz esü ängelas Gabrije- 



1) Nicht in den Wörterbüchern ; muß wohl Täßchen' bedeuten 
und ist vielleicht mit bertainis verwandt. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 43 5 

las'^ Tcur nor gys i dängu^ oteit, sävo visüs ptnigus tur atsi- 
neszt." Klekneris primalddvo Jcünigui. Kün\gs lahai dzaü- 
gesij Tcad jis gys i dängu pareis. Jis apsitaise sävo ser- 
megq ir eme Jcq jis käse turejo pinigü. Kai jis i haznyczq 
iejOj tai jis haisei nusigändo. Gabrijelas ant altöriaus stovejo 
ir Jcünigq priejqs pasveikino: 'Äsz esü ängelas Gabrijelas j 
Devo sitistas; kad tu dabär i. dängu nöri eit, tai eik su 
manlm.^ jis turejo dldel( sziksznlni zdkq. 'Na,^ sdko, 
''dahär cze türit ieit i tq zdka\ Kün\gs vos {sirdnge ( tq 
zdkq, ale turejo ilist. Mäno vagis uzriszo drüczei ^) ir j\ 
da patrdnke hiski, saJcydams: 'Be müku ir he kanczü neks 
negdl { dangaüs karalyste nueit.' Dabär jis ji eme ant 
peczü ir nünesze i ämtmono kürku stäldq, ir uzrakmo tq 
stäldq. Rytmety ateina ämtmons pas tq vdgi ir klduse : 
^Kur künigq türit?' — 'Nanä, pon ämtmons '^ sztai yrä 
rdktas'^ eikity jüsu kürku stalde yrä künigs.^ Dabär vagis 
eina drauge, Atraklna kürku stäldq^ kün\gs zake. 'Ämt- 
mons priejqs su köje spire i zdka. W«/ sdko künigs, 'ar 
jau dabär ir danguje pakdjaus nebüsT Atriszo zdkq ämt- 
mons ir paleido künigq eit. 

7. Kyträsis Mikelis. 
Mlkelis toks zmogüs büvo, tökio vargingo büro sunüSj 
jis teip verwarlost pasiddre; tai jo tevas ji pagüijo isz 
jöjo teviszkes. Jis nezin kq pradete, pagüitas büdams. Pas 
teva jem daugiaü nebüvo vdlios nueite. Jis daug denü diko. 
Jis ale paskui trümpq ddrbq eme. Jis mislyjo: ''Imsiu 
spilkü bei adatü; eisiu pas büru galvijüs; jenis i köjes ikdl 
siu ; je isz to szlubüti prades ; o kad asz paskui pas tq bürq 
po pöro denü nueisiu, asz sakysiu : "Asz esü galviju ddk- 
tars" ; tai jis säkys : "Mäno galvijems feliije ; mazü galetum 
jus daktarilt.'^ — "0 je, kodel asz negalesiu\ asz vtskq 
galiüP Tai jis zinöjo, kur te feierei yrä ; jis spilkäs bei 
ddatas iszträuke\ tai galvijei daugiaüs neszlübdvo. Dabär 
jis szitq szpösq daugiaüs kaip metq furtferdvo. Ale venq 
syk\ zemö jem szlektai ejo, Jis daugiaüs daktarüt negalejo\ 
visi galvijei stalde stovejo. Tai jem pasitröpyjo g4rs giz4- 



1) Die den Wörterbüchern unbekannte Form findet sieh auch 
unten S. 440 und C 5. 



436 C. Cappeller, 

7es^); tas klduse, Jcas jis per ländsmans hütu. Jis sdJco jis 
yra ddJctars galvijüs gyd\t. 'AU mq dabär eina szlektai\ 
galvijei neserga visai, o asz neturiü kq vdlgyt. Na, sakyk 
mq syh\, Tcas tu per vens." — 'Äsz esü ir ddhtars, asz 
zmönes gydau." — 'iVa, tat tu güiiiki turi] asz zinaü szlcze 
venq küpezaus sünu lahai dikczei sergant-, o kad müdu ji 
galetumbim sveikq padaryt, tai müdu dikczei pin\gü gdii- 
tuva.' — ^Na dahär ale müdu eisiva.^ 'Kaip jüdu nuejo, 
tai jüdu rddo to küpezaus sünu jau numirus%. Tai szitas 
Mikelis sdko: 'Iszkadä müdveju ztgio; jau küpezaus sunüs 
nümireJ' Tai ale szitas atsilepe jo draügas' 'Asz ji galiü 
gyvq padaryt." Mikelis sdko: "Tai gerat Mit; dabär tik 
daryk kad müdu tüjaü nueisiva^).^ Dabär jüdu pas tq 
küpczu^ nuejo ; maldüjesi kad je daktarai yrä ; je nor küp- 
ezaus numirusi sunu^ gyvq padaryt. Küpezus dzaüges\ jis 
jus gerai priima\ jems apdi't stübq düda, Ddktars prdszo 
negyvqji sünu^ pas jus i stübq ir kdtilq vandens ir mdlkos. 
prdszo kad jus ( tris stündus ne vens zmogüs neszterütu. 
Tai je eme tq numirusi zmögu^, supiduste j\ per visüs jo 
gilenkius o imete ji i kdtilq verdanti, kol visä mesä nu jo 
kdulu nüvire. Paskui jis iszeme tüs kdulus, mesq nusküto 
ir gyslas; paskui jis ant stdlo tüs kdulus teip grazei sudejo 
ir köznq sutdike, kaip visas zmogüs dugqs yrä. O paskui 
atejo Mikelio draügas, rankäs ant jo kdulu uzdejo, eme 
murmet, o tai tüjaus visi kdulai pastöjo künq apdugq. 
tai nilgai trüko, jis da murmejo syki, tai szis jauns zmogüs 
gyvs pastöjo. tai jüdu jo tevdms ji sveikq ir grdzu jdunq 
sünu^ ätdave. Tas pons to sunaüs tevas labai dzaüges, kad 
jo sunüs, kur nümire, dabär ale vel gyvas yr. Jis Mäuse 
kq^) jis jems kdlts yrä. T'as ddktars sdko: 'Neko ne kdlts, 
ale bükit taip geri o dükit mümdvem venq hämeli, dabär 
müdu eisiva toliaüs.^ Dabär jüdu ejo i girq ; dabär sdke 
Mikelio draügas: 'Papiduk tu tq hämeli o iszvirk tu ji visa^, 
ale neko nevdlgyk, kol asz ateisiu.'' Mikelis sdke: 'Je, asz 
nevdlgysiu." Ale jis iszvire ji, tai ale jem didelis bddas 
uzejo ; jis mislyjo jis tur vdlgyt, o jis mislyjo : ' Uzdrausta 

1) Zum Folgenden vgl. BL 189 

2) Derselbe Germanisinus auch S. 441 sowie bei S 130. 140. 159. 

3) Müßte ko sein; vol. das Folgende und jis vis hüvo pin\gn 
kdlts . C 13. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 437 

yrä man vdlgyt, kol mäno gizelis neateis." Ale jis vel 
mlslyjo : "Asz imsiu hämelio szh'di, tai mäno gizelis nezinös," 
Mikelis szlrdi, hösJcq^) hüvo suvdlgqs, tai jo gizelis cze biivo. 
Tas sdko: 'Ar jau tu iszmreiT — Ve, hruder, jau vlskq Isz- 
viriauJ' Jo gizelis sdJco: "Asz neko nenöriu^ tiJc duk mdn 
szirdij Dahär Mikelis nusigändo. Jis kriimöje mesq szen 
ir ten\ szirdes jeszko, ale nerända. Jis säko: " Bruder j 
hämelis szirdes netürJ aiü to ir leka, kad hämelis szirdes 
netiir. Dabär jüdu tolyn eina. Tröpyjes jemdvem vandü. 
Jo draügas pereina, Mikeliui die vandü didyn eina, kad jis 
ant prigerimo sto (tämpa). Jo draügas j\ klduse: 'Ar hä- 
melis szirdi tiirT Jis sako: We.' Jo draügas mdto kad 
jis jau prigert'^) hevek tur-^ tai jis jem ränkq Isztese o j\ 
isztrduke. Dahär jüdu ejo venq püsq myliös', tai ale jis 
sdke \ szitq Mlkeli jo draügas'^)-. ^Ar tu zinai kas asz esü? 
Asz esü Petras, vens nü dvylika inokitiniu, asz mataü, 
tu labai Mikel kytras vyrs est, Dahär tu vinczükis venq 
ddiktq nü manqs, paskui asz tave paliksiu^ Mikelis ilgal 
mlslyjo kq jis galetu vinczütis. Jis ale susimlslyjo lederq 
tdszq^ kq jis i tq tdszq nor, tai jis gdl {vinczevüt. Dahär 
Petras nu jo atsisveikino o sdke kad jis daugiaüs neko ne 
daktarütu. Mikelis pasizada jem tai daugiaüs ne daryt. 

Dahär Mikelis vandrüje. Jis {eina \ venq kemq pas 
venq szinkoriu. Ziupöne nesza dvi zasü peczenkas { kdkal\ 
kepti. Mikelis misly: 'Tösdvi zasü peczenkos i tävo sziks- 
nini krepsz% galetu pareit,^ Jis Iduke vdlandq kol jis misly 
kad tos peczenkos jau iszkepusios hütu, Dahär jis vinczüjes 
täsdvi peczenkas isz to peczaus ijo^) sziksznin\ krepsz\. Jis 
ir pasijünta, kad jis jes jau vidui tur. Dahär jis eina 
toliaüs. Jis rända grdhe du väiiderhurszu iihagus dünq 
vdlgant. Mikelis misly: "Tüdu uhagai dünq vdlgo, o asz 
turiü dvi zasü peczenkas. Asz jems düsiu venq peczenkq^ 
jüdu mq gdl düt hiski dünos\ tai m4s visi gerai gdlini 
pasivdlgyt! Tüdu uhagai dzaügesi lahai, kaip jüdu tq pe- 



1) Vgl. vislabkq J 86. 

2) Prigdrti in der Bed. 'ertrinken' ungewöhnlich für nuskqsti, 
niclit bei K, doch bei N (vgl. C 36). 

3) Von hier ab vgl. S. 214 ff. 

4) Gegen die Grammatik statt sävo. So auch einigemale bei 
BL (vgl. S. 323, § 109). 



438 C. Cappeller, 

cz4nJcq gävo] jüdu eina \ plrmq kemq i Jcät'czemq, imasi 
sävo kvaferJcq hraiigvyno, pasideda sävo peczenkq ant stdlo. 
Kaip je nor pradet vdlgyt, tas szmkorius ziüri { tq peczen- 
Jcq. Tas sdko i sävo pdczq: 'EiJcj mutter, iszlmk ir müs 
peczenkq ; jau ji mazii hus geräJ' Kaip ziupöne eina % peczu^ 
sävo dvi peczenkas iszlmt, tat ji nerända ne venös. Ji pönui 
sdko: ^Mäno peczenkas iszvoge.'' Ponslahai supyko'^ jis sdko: 
'N'eks ne iszvoge kaip tüdu ubagai] te dahär müs peczenko, 
vdlgo." Pons eme känczii, o jis tüs iibagus dikczei pyle, kad 
je jem tur sakyt, kad je tas peczenkas isz jo peczaus isz- 
voge. Szite^) vargmgi zmönes nezinöjo ka, sakyte\ je hüvo 
dikczei nü pöno muszami ir i kalejimq {mestv^ ale je dau- 
giaüs tik negalejo saJcyt, kaip kad je tas peczenkas ne- 
bütu emq. 

Dahär Mikelis toliaüs keliduje venq denq ir kitq\ jis 
negduna nakvynes. Jis venq vdkarq prikeliduje pre didelio 
dvdro. Jis eina ant dväro, präszo pöno nakvynes. Pönas 
jem sdko: "Pas mus tu 7iegali gulete\ mes visi türim kas- 
väkarq kitur guleti, o kas pas mus giili, tas rytmety negy- 
vas." Ale Mikelis sdko: ^Asz szicze liksiu guleti; tik dükit 
ma. gerq vakarenq." Pönas jem ir tat pazadejo, kad jis tur 
gerq vakarene ir gerq lövq gduti. Pönai visi isz szito dväro 
iszkelevo-, Mikelis liko visai vens ndkti. Ant kokiü zegoriaus 
dvylika^) atejo pas ji visökiu pahastünu, kure ji isz lövos 
verte, jem pldukus pesze\ ale jis jus paeilium { sävo sziksz- 
nin\ kr4psz{ isivinczevo, kur( jis hüvo nü Petro gdvqs. Ryt- 
Tnety pönai atvazevo, mislyje kad szis vargingäsis Mikelis 
jau senei negyvs hus\ ale je rända Mikeli grazei atsikelius, 
cigdrq herükant, geridusio stuhö szpacerüjent. Pönui labai 
hüvo dyvaij kad Mikelis da gyvas hüvo. Mikelis Mäuse 
pöno: 'Pon, jus tik türit küzne; kek vyru dirha küznioT 
Pons atsilepe : "Deszimt vyru.'' Mikelis sdko : ' Tai lahai 
geraij pon\ eimekit dränge i küznq o pavelykit terns kdlvems 
visems deszimtj kad je manqs venq stündq klausytu. Asz 
turiü mäno szikszninem krepszy dvylika velniü ; asz jus ant 
prekdlo uzdesiu, o szite deszimt kdlvei tur su posekeleis ant 
to szikszninio krepszio müszte, kad tüs dvylika velnius uz- 



1) So gehört und nach S § 92; K szite (§ 986). 

2) Vgl. S 177 und 187. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Stidlitauen. 439 

müsztu." tat vens velnes isztrtiJco jems-, tas pahego, \ töJci 
plyszi Tcüznio %lindo\ ale jau tik lahai melynq dk\ hüi'O 
gdvqs. 

Dabär Mikelis ale apslrgo ir nilgai früJco Mikelis nü- 
mire. Jis nueina pas dängu. Petras jo paz\stams jem 
atddro duris, klduse kq jis noretu. Mikelis sdko : 'Asz nö- 
riu szicze sävo vetqj Petras j4m die sdko • "Asz tdv daviaü 
vinczütis kq tu nöri, o tu nenorejei dängu, tik sziksznmi 
krepszi." Mikelis apsisiikqs eina i peklq. Ale szUas velnes^ 
kur to küznio nü Mikelio pavelytus hypus su posekeliu hiivo 
gdvqs ir da melynq dki venq turejo, tas Mlkeli jau lahai 
isz tölo mdte\ jis sdke visems velnems: 'Ne i.leskit Mikeli i 
peklq pas mus, szeip jis mus visus uzmüsz.^ Mikelis apsi- 
siikqs szalin eina pas Petra,. Petras jem sdko: 'Tu manqs 
Mikel nekad dangaüs nepraszei.' ^Mikelis sdko: 'Atdaryk 
mq nors hiski dangaüs duris \ asz nöriu syki (ziuret, kaip 
tai grazil hütu.'' Petras hiski atddro, kad Mikelis galetu 
{ziuret. Mikelis ima sävo sziksznin% krepszi, imeta per duris 
i dängi{ o vinczüjes i. sävo sziksznini krepszi. Per tq szik- 
sznini krepszi Mikelis i dängu parejo. 

8. Szneideris ir princese. 

Büvo szneideriSj ale gizelis tik hüvo» Jis pas venq 
mistrq ilgaidirho. Jis büvo ussipelnqs szimtq döleriu. Mistras 
turejo venq dükteri. Mistras mislyjo jem tq diikteii, düt ir 
Ui) P^'^ zentq palaikyt. Venq nedeldenq ejo mistrai { haz- 
nyczq ir dukte drauge. jis atsigule ant söfos pas stdlq, 
kloppeczq ränko laiko. Ir ant stdlo tek daug musiü hüvo'^ 
tai jis SU klöppecze su venu sykiü dvylika musiü üzmusze. 
Dabär kq jis ale darys ? Jis atsikele, eme pöperos ir tintos 
ir rdsze tök\ cedel\, kad jis ränkq kele, tai dvylika asdbu^) 
püla. Dabär mistrai isz baznyczos pareina : 'Gizel, kas tau 
ddrosT jis stubö auksztyn ir zemyn szpacerüje. "Atdükit 
mäno szimtq döleriu' — ^Ale gizel\ tik bükit pakajingi.' 
'Ale ne' Szneideris turejo jem szimtq döleriu parüp^t. 

Dabär jis iszkelevo. Tq cedel\ jis pre müczes {büvo) 
prisisegqs, Dabär jis teip toll ejo iki kardliszko mesto. 
Bev4k ir \ zirnius atsigule. Ir büvo kardliszka medzükle. 



1) Asabä 'Person' (russ. osobä) auch BL 160. 



440 C. Cappeller, 

Vens nü tu Jcardliszku medzütoju prajöje pro szdli. Ziür 
ir skaito tq cMeli. Tas ale apsisüTcqs taip bego ; jis hijöjoSf 
kad jis ränkq pakdls, tat jis bus 7iegys. Tas primaldävo 
kardUui: ^Tas yrä toks drüts; kad jis ränkq päkele, tai dvy- 
lika asdbu pilla." Dabär atjöje vel tas pats ir szaüke isz 
tölo ji, kad jis ateitu pas kardliu. Y>,' säko, Icardliiii teip 
toll pas mane kaip ir ma. pas kardliu.' Tas atsikreipqs 
nujöjo pas kardliu^ ir malddvo kaip jis sdke: 'Teip toll 
kardliui pas mane kaip ir mq pas kardliu.'' Paskui jis sdke, 
{ piisq kelio jis ateis kardliui preszais. Kardlius paklduse 
ji ar jis toks drüts yrä. Sdko : 'Szlcze mäno glrio yrä pills, 
ten yrä penkl milzinai. Kad tu tüs nuzudysi, tai asz tau 
mäno^) diikteri per pdczq dilsiu." Dabär mäno kardlius 
venq sävo tarnü siincze; tas ji tur vesti ant to kelio kur te 
milzinai vdlkiojes. Dabär jis eina; sutlnka visiis penkls. 
Milzinai tik didell zmönes, o szits kap zvirblis presz jus. 
Vyriausesis ziüri i cedel( pre miiczes; tas pabilgo. "Na, sdko, 
'kad tu taip drüts esl, tai gall büt müs kamaröts." "0 jo, 
sdko. Te penkl milzinai iszröve störq duzülq. Dabär te 
penkl milzinai { szneideri sdko: \Jiis gdlit neszte plöngali!' 
'Ei kürglT ju atsllepe^ 'asz nesziu störgali." Islsege \ szakäs\ 
ryzai j\ vllko ir drauge. Vdkars preina, dabär visl szeszl 
namö i plli. Vakarenq visl vdlgo; szneideris tas mlslyje: 'Kas 
cze bus; kaip tau eisT Pavdlgius vakarenes tas vyriau- 
sesis sdko : 'Milzinai te stubö taip iszllgai gul, kad je labai 
didell zmönes.^ Llkt\ Ima vens ir veda szneideri i kltq stiibq. 
Cze stöve dvi lövos. 'I kökq giilsiT (venä biivo medlne o venä 
gelezlne.) — 'F, kur asz giilslu? i gelezlnq, mane medlne 
nelaiko.' Dabär jis i gelezlnq atslgule. Kaip atsitrduke viskas, 
da Uktijis pasilaike; kytras jis labai büvo. Ziür po löva] 
güli negys zmogiis, levöns. Dabär jis tq eme ir i lövq (dejo, 
ojispolövapallndo. Dabär ateina vens okrdpszto po pädals, ar 
drüczei megti. Kodeljis ne drüczei megs, kad negys? Dabär tas 
eina szallrij szits mlslyje: 'Bus gerat. Ateina visl penkl su 
kardaisirsustöjo pas lövq, ir antsykvisi klrto. Na, dabär je sävo 
ddrbq atllkq ejo, (sigerq dlkczei. Atslgule visl isztisl. Mäno 
szneideris atsikele, eis ( stüba, o te megt kai galvljei, o jü 
kardai kdba pre senos. Dabär jis bändo venq kdrdq ir 



1) Man erwartet hier wie unten sävo. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 441 

Mta^ die negäl nuimt. Tai jaunidusiojo kdrdq tiJc jis nüetne 
nü vdgio. Tai jis isztrduke szöhlq, o je gulejo teip dukszty- 
ninki. Tai jis pradejo su ta szohle per kaMüs vllkte. Kai 
pasJcutlnem ale parejo ir tdm nupiöve gdlvq, tai tas müsze 
SU rankä \ mürq^ Icad müras iszteszkejo. Kad jis j\ büt 
tröpyjqs, tai jo hüt ir smdgens ^) isztiszkq. Paskui jis msü 
iszpiöve lezuviüs ir i dldeli krepszi (sidejo. Kaip jis nuejo 
pas kardliu^ su tais leziiveisy tai kardlius sdke jem: 'Kad tu 
mdn ta venrdgi^) nuzudysi, tai asz tau düsiu szimtq döleriu! 
Dahär je turejo szneideri vest ant to kelio kur venrdgis 
t'dlkiojes. Szneideris milsyje: T", tegid eina venrdgis, ar asz 
eisiu sävo keliü." Ant veno sykio tai venrdgis ant szneiderio 
niigaros hevek. Dahär szneideris netür kq daryt ir hego 
pre veno lahai störo duzülo. Dahär venrdgis vis nor sznei- 
deri pavyt o vis i riindq hega aplink tq duzülq. Venrdgis 
atsihegqs kaip ale ir düs su ragii \ tq duzülq^ tai jo rdgas 
\lindo { duzülq^ jis negalejo ji isztrdukt. Mäno szneideris 
teip greits ir isseme'^) peilükq isz delmöno ir nupiöve ven- 
rdgiui gdlvq. Paskui jis ejo pas kardliq ir sdke kad jis 
venrdgi nuziide. Kardlius tai visai neveryjo. 'Na,' sdke, 
Hai asz eisiu drauge\ ir visi ejo\ tikrai nor ejo matyti ar 
tesä ar ne. Ale kai je ten nukelevo, taihiivo tesä. Dahär 
kardlius j^m däve szimtq döleriu ir sdke jem: 'Dd venq 
milzinq asz turiii\ kad ta. mq isz zemes iszvarysi, tai asz 
tau mäno diikter\ princesq per pdcz^ düsiu^)^ Szneideris nuejo 
ir nusipirko zuik\ ir pauksztyt%, ir nü avininko \ krepszi 
kezü. Dahär jis nueina pas mllzina.. Milzinas ziüri i jo 
müczq i tq cedeli; tas pahügo. Jis mislyjo: 'Kad tos sznei- 
deris ränkq pakeis, tai asz negys hiisiu." 'Na\ sdko, 'dahär 
tik daryk, kad szalin pareis^^). Milzinas sdko: 'Asz dideli 
södq turiii\ tai asz nöriu pasiski^ti kells ohülüs i mäno 
krepszelf. Ale tai hiivo krepszelis mazii nü dvideszimt ket- 
vtrczu. Dahär jüdu skyne, szneideris ir milzinas, kol tq 
zdkq priskyne. Kaip milzinas nutvere medi, pälenke iki 
zemei. Tai jüdu skyne abitdu. Ale venasyk szneideriui jau 

1) Bei K und N smägeneSj f. pl., bei N auch smdgenei, niasc. 

2) Das Einhorn erscheint auch in den Dainos und bei BL 187. 

3) Vgl. BL Gramm. § 36. 

4) Zum Folgenden vgl. J 102. 

5) 'Mach daß du fortkommst' (vgl. S. 436, Anm. 2). 



442 C. Cap peller, 

hüt szleMai ejq. Milzinas shyne ir szneideris {siseges \ 
szdJcq, Mäno milzinas paleldo ale tq szdkq\ tai mäno sznei- 
der\ teip duTcsztai iszmete hevek kaip tas medis duksztas hüvo. 
Ale jis nupüle gerai ant Jcöju, pas milzinq vlsai m-ti. ^Bvr^^ 
sdJco szneideris, ^kad venq nuzudyt nöri, tai tep turi auksztai 
szökt.' Dahär milzinas teip rustüs ant szneiderio, sdko: 
''Eisim mudu lenktyn hegt.'' Szneideris sdko: ' Asz tik mäno 
vaikq paleisiu\ tai tu galt su mäno vaikü lenktyn hegt'. 
Tas szneideris isseme isz krepszio zuiki; sdko i milzinq: 
Dähar hegk su mäno vaikü lenktyn^). 'Na,^ sdko, "asz dkmeni 
mesiu auksztyn; tas llgq czesq nenupüls\ Szneideris sdko: 
'i/o, kad asz mesiu, tai visai nenupüls! Tai jis isseme isz 
krepszio pauksztyti ir tq auksztyn mpte\ tas nüleke kazin 
kur. Milzinas mdto kad jem szlektai jau eis; da venq misli 
jem uzdüs. Jis eme dkmeni ir sutrüpino i smülkius miltus. 
Szneideris sdko: 'Ho, kas tai? Kad asz ale dkmeni nu- 
tversiu, tai tur vandil hegf. nü avininko hiwo fokiü szla- 
piü kezü nusipirkqs; kai jis isseme isz krepszio kezq, tai 
milzinui po akiü suspdude, kad vandü per jo pirsztus hego. 
Dahär milzins sdko: 'Dahär asz turiü iszeit zemes i kitq 
svetq." Jis turejo dideli gyvenimq; tarn sode dldelq pili; tai 
jis paliko daug geryhes. Szneideris nueina pas kardliii ir 
sdko: 'Jau jis szalin! Kardlius nenör veryti, ir tüjaü prin- 
cese, kardlius ir daug auksztü pönu tm nuvaz4vo i tq pili. 
Daug geryhes 7'ddo tenai. Dahär mäno kardlius i 8zneider\ 
sdko : 'Asz tau düsiu mäno diikterj per pdcze.^ — 'Na,"* sdko, 
'kad jus malöne hus, tai asz ir apstmsiu.^ Tai jis hiivo 
suvinczevotas. Paskui svothä hüvo didele, ir asz ten huvaü^). 
Vdlgiau ir geriau, ale hurnö neko neturejau. Tai päeme vens 
mane ir ikimszo i kanünq. Ale kai paleido, tai tiktai pirr 
pirr pükszt, tai asz ant müs laüko nupüliau ant galvös, ir 
su köjoms auksztyn stovejau. Tai dvi vdrnos % mäno tärp- 
kojq lizdq susikröve ir pörq pautüku pasidejo. Paskui 
Rederio kuilys ateina ir knlsa, kol manq iszkniso. Dahär 
asz einii namö. Asz turejau stikliniüs czehatüs; kaip asz pare- 
jaü ant kemo pas hütq, pasitreplenaü; tai te czehdtai tik 



1) Der Ausgang des ersten Wettkampfes wird nicht angegeben, 
ist aber leicht hinzuzudenken. 

2) Ähnliche Schlüsse bei S 171, J 13—14, 38. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 443 

suskambejo. Tai 'paskui msi Daucünu langai nü tu stiklü 
yrä padaryti. 

9. Mazükas^). 

Büvo du seni zmönes, o tai je turejo t6k% mäzq vai- 
Tceli, o tas vaikelis lahai moJcejo szvüpit ir dainüt. Teip 
atvazevo haretä pönu, o fe sdko ( jo tevq: 'Kas cze teip 
grazei szvilpina o dainüjeT O lahai dyvyjosi. Teip v'ens 
pons tq vaiJclnqnusiplrJco isztosenojo tevo. O niötyna lahai nusi- 
smütnyjo ir verke'. 'Ak teviik, ko tu müs vaikyti, pärdavei? 
Kq mes dahär darysimeT Tes atsllepe: ^Ak mötyn, tu neverk; 
juk mq ir gaila.^ Teip tas pons uzmokejo tems senems 
zmonems szeszis tüksfanczus dölerius^), o lepe nenusimite'^ je 
sävo süm{ nematys. tevas jükesi ant to zödzo, sdko: 
'KazinoV Teip jis pörq jduczu pasijunge ir ejo drt. Dahär 
atvaziüje tas pons\ sdko tas vaiks: ^Asz nöriu szlkf. Tep 
tas vaiks iszejo isz karetos ir jis prapüle tarn pönui. Tep 
tas pons heldukdams jöjo klaüso, kad jis szvilpina ; sdko 
küczere: ^Klausykit, pon, j au jis szilpina jduczo ausyje. Sdko 
pons: 'Ei kürgiV Teip tas pons issilipo isz karetos, o jis 
tikrai klaüso ir sdke: "Je, teisyhe\ Dahär jis nueina pas 
tq senükq: 'Veryk\ sdko^ 'tävo sunüs jduczo ausyje 'tupi ir 
szvilpina'^ kaip tai gdl htitf Teip tas tevs to vaiko sdke: 
'Pon, je, asz nekdlts\ ko jus ji atUidzet? Jis tep kap pauk- 
sztytis, jis cze yr ir ner\ tai jus negiliükis' — 'Ale mäno 
tev^, sdke tas pons, Hai jus mazü gdlite mönyt, kad jus mq 
ta vaikq prisiviliöjot'^ didesniü dyvu negdl hüt' 

10. Dvi sesers. 

Tai hüvo du tevai naszlei. Mötyna turejo dükter{, ir 
tevs turejo dükteri. O tevo dukte hüvo lahai grazi, o mötynos 
hüvo lahai hiauri. tösdvi mergos gerejosi, kad lahai gra- 
ziös, venä uz kitq. Teip ta graziöji ejo ant szülinio verpte, 
o teipjaü jiji ipüle % szülini su sävo vindü. Teip jiji sutiko 



1) Vgl. S 121, J 23. Da der Name Nyksztis in unserer Ge- 
schichte nicht vorkommt, habe ich ihn auch in der Überschrift ver- 
mieden. 

2) Gegen die Grammatik für döleriu. 



444 C. Cappeller, 

töhi senq zalnenu^, tat tas hüvo da uzsilikqs nu Francüzu ^). 
Seiko: 'DtiJcte, Icur tu eist?' 'Asz nezinaü kur asz galiü detis\ 
asz labai esü negiliukmga. Asz pülus esü i .sziiUnj^ o mäno 
mötyna neko iiezlno' Teipjaü sdko tas zalnerius: 'Mäno 
duktej eik tu szitü zaliüjü keliü\ ussitiksi grdze ohelditq, 
Siülyk jei czesq ^); teipjaü ji tave mels, kad tu Jos nuskitum 
oMdüs\ tai tu daryk.^ Teip ji nuejo ir nuskyne. Teip ji 
gdlq vel nuejo, tai sutiko gruszditq, teip melde ji: 'Labs 
ryts, sesü, 7iusk(k tu mq mäno geryh^J Teip ji nuejo ir 
nuskyne. Teip ji sdke: 'Dekui sesü, kad tu mäno gerybq 
nuskynei' Teip sdko szits zmogüs: 'Mä7io mela dukte, eik 
vel gdla, tu zaliüjü keliü o inelskis devq, teip tu preisi pre 
sävo mötynos' Teip ji nuejo gdlq ir nesutlko mötynq, bet 
sutiko plümu medeli.'^ tas melde: 'Mäno mela sesü, sk^k tu 
mq ir mäno gerybq, asz negaliü paneszte.' jiji labai 
graüdzei verke o dejevo, kad jiji negalejo pre sävo mötynos 
prieit\ sdko jiji: 'Deve, kur asz pasidesiu?' Teip tas zal- 
nerius seke vis dränge sujeje. Sutiko peczq, sdko tas peczus: 
'Mäno mela sesyte, iszlmk nm mäno pyragüs isz to kdkalio ^)/ 
Teip ji sdko : 'Asz nöriu gerin ^) isz szirdes keliduti pre sävo 
tevü.' T'eip ji ale Iszeme pyragüs o prisikröve pünq zitrsztq. 
Pareja ji namö, dzaügesi ji labai ir gerejosi, kad jiji teip 
giliukinga o szitek gerybes gdvo per sävo negiliüki. Teip 
ji parejo vel i sävo vetq, sdko: 'Meleji tevai, asz jums daug 
gerybiu pärnesziau.' Tai mötyna labai dzaügesi, o tevas ir 
dränge. Teip sdke i, mötynq: 'Tegül tävo dukte teip daug 
gerybiu pärnesza kaip mäno ; tai mes visi galesime maitytis^ 
Tai mötyna labai verke, atsilepe: 'Ko mq devas nedave tq 
giliüki, ko asz tökq biaürq dükteri turiüT jiji visai ir 
Jos neklaüse, teip tevas atsilepe : 'Melq mütere, tu turl (je)- 



1) Der alte Soldat im Brunnen erscheint auch BL 248. Der 
damaligen Generation in Litauen lag es besonders nahe, an einem von 
dem Rückzuge aus Rußland zurückgebliebenen Franzosen zu denken, 
der hier an Stelle der Frau Holle in dem Grimmschen Märchen ge> 
treten ist. 

2) 'Biete ihm die Zeit' (Germanismus). 

3) Der Ofen fällt hier aus der Rolle, da er es doch selbst ist^ 
aus dem etwas herausgenommen werden soll. 

4) Ist nicht aus geryn verschrieben, sondern das deutsche 
'gern'. Also g'erin isz szirdes 'von Herzen gern'. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 445 

geriaü vadzö ^) laikytiy tat bus teip gerat Icaip su mä7io yr.' 
''Ak mels teve, ar asz Tcaltä Jcad ma devs tokq hiaürq dükteri 
ddveT Teip ta dukte ejo ir ant szülinio verpte. Teip ji 
ne ipüle, ale jiji pati (simete su vindü. Teip gdlq jiji ejo, 
teip tq pdt% zalneriu sutiko. Teip tas zalnerius { jq sdke 
ir kap and seser(: 'Dukte, eik gdlq ir neverk; tai tu sutiksi 
grazil kelq, o melskis devöp." Teip jiji gdlq ejo. Kaip ji 
sutiko ohülü medel{, tai jiji sdko: 'Labs ryts, mäno mela 
obeldite !' Obeldite sdke : 'Labs ryts, sesü ; nuskik tu ma, mäno 
gerybq, obtllukiis-, asz jau negaliü paneszte. Teipo sdke jiji: 
'Asz tau kq pasziksiu.' Teip ji ne nuskyne. Dabär ji gdlq 
ejo, ji labai smutnä biivo, o tas zalnerius jq graudeno: 
'Ko tu verki? Daryk tep kap tävo sesü ddre, tai labai büsi 
gilitiklnga.' Eime syki gdlq ; asz pats eisiu su tavirn.' Teip 
sutiko tq pdczq gruszditq^ teip ji melde velei jos, kad jiji 
nuskitu Jos gruszes: 'Mä7io szakiites nor nuliiszte,^ Teip ji 
vel sdke : 'Asz tau ka, pasziksiu ; teip ji buvo labai tiksz ^) 
ir piktä. Ale jau jiji dabär atsimine viso sävo piktiimo o 
skiindesi % tq zalneriu o labai ver'ke Ve. mäno duhte, sdko 
tas zalnerius, 'asz nekdlts, kad tu toke est, tu turi Devöp 
verstis, szeip tu ne prieisi pre sävo tevü' Teip ji kelevo ir 
kelevo siaurü keliü; parkelevo ji namö o verke o nusismütnyjo. 
teip sudriskus parejo, tai tevai labai didelei bdresi del 
tos dukters, 'Sisf ^), sdko tevs % mötynq, 'kaip tai eina pik- 
tdni zmögui' Ale mötyna tevui nedave geliilte *), uz tai kad 
jildu du naszlei biivo, o vens sävo gyre o kits da labiaüs. 
Uz tai labai tevai nesutiko ir bdresi per sävo dükteris. 

11. Cze szpuküje! 
^aktigonys ^) gdne vakarais paeiliumis d7'klius. Dabär 
vens isz jü sdke: 'Asz cze daugiaüs negisiu i ta, peva.; juk 
cze szpuküje.^ Kits sdke: 'Tu dürniau, asz jau teip senei 
ganaü o dd nekäd neko negirdejaw, sz{ vdkarq asz tüjaü 
eisiu klausyty ar asz ir kq girdesiii.' Kaip jis drklius isz- 

1) 'Besser an der Leine halten'. Da aber vadze gewöhnlich 
als Plural gebraucht wird, ist vielleicht valdzö richtig. 

2) 'Tückisch', eigensinnig. 

3) Das deutsche 'siehst'. 

4) 'Ließ es nicht gelten' (Germanismus). 

5) Die erste Geschichte abgekürzt C 9. 



446 C. Cappeller, 

ginCy tai jis i visüs Jcampüs dairesi, ale jis neko nemäte. 
Kaip jau zegorius dvylika hüvo, tai j\ pradejo bdime Tcilti. 
Tai jis paskui pagävo dairytis\, tai jis pamdte ant venös 
Jcüpetos Jcad cze Jcas tüpi. Dahär jis bütu i?- priej^s ziureti, 
ale jis tik bijöjosi. Kita, vdJcarq jis sähe: 'Äsz ir daugiaüs 
cze neginu; mane vdhar vdkarq perdaüg \baugino.'' Dabär 
te naktigonys visl susitare o visi ejo ganyti. Kaip dabär 
vel zegorius dvylika büvo, tai vel kas ant küpetos tupejo. 
Dabär je visi ejo ziureti; ale je tik bijöjosi visai artyn 
prieiti. Tai je isz tölo mate kad cze sziisteris dirba. Dabär 
je j\ ir uszsznekinOy ale tas szüsteris visai neatsllepe. Kad 
te naktigonys i ji ziurejo, tai jis vis { paddnges dairesi o 
sdke : 

Kad tu menesel neszvesai, 
Tai asz kurpdit' vel nesiuvai ^). 
Dabär je ale visi pabego; dahär je ir to pirmutinio veryjo, 
kad to pevo szpuküje. Kitq vdkarq je vel visi ejoj ale je 
vel tq pdfi girdejo. Vens isz jü sdke: 'Mes visl susitdrq 
eisim, tä sziisteri uzmiiszimV Kaip je artyn priejo, tai tas 
szüsteris je ms po akiü prapüle. Ale je tik ant tos küpetos 
toi müsze, kol jems toks mdzas jtlds grumulelis pasiddre ; 
dabär je visi veryjo kad cze velniüks tupejo. 

Kitäm szpükui szlekczaüs ejo. Venäm kerne büvo du 
jegerei, kur vens kitäm medzilklq pavydejo. Vena popet 
vens jegeriu iszeina ant medzükles, o kits lekt name. Vakare 
tas kur name liko ir zino kad ans dar ant medzükles yrä, 
ir kad pro kdpines jis tur pargrizt, tai jis eme bältq paklöde 
po pdzaste ir eje^s ant kapijiiü ta. paklödq apsisaute per 
gdlvq. Kaip ans jegere isz laüko parejo, tur pro kdpines 
preit. Tai jis mdto ant kapiniü kq bältq stövint. Jis savyje 
mislyjo : 'Ähä, tai tu mane baidyt nöri, ir püczkq nü peczü 
emqs jem tesiög { blauzdäs szrötais {szöve. Tai jis pradejo 
rdiczotis] ale szits ji paliko ir ejo sävo keliü namö. 

12. Dobüpe. 

Dobüpe p7'e Pilupenu susibega isz keliü mazü szakü. 
Pirmuczdu ji tur duksztus krantüs ir labai didel^ srövq ; ml 



1) Die beiden Verbalformeu sind wohl des Reimes wegen 
entstellt. 



Zwölf Pasakos aus dem preußischen Südlitauen. 447 

Dopenu ji teJca placzei ir pusetinai tesei. Közno püse pevos 
arbä länkos yrä. Teip ji teka per Geritüs, AleJcsJcemi, 
SJcrudzüs ir Puplauküs, iki FakalniszTciw, cze ji susivenyje 
SU Pisa. Pre Alekskemio ji ätima Daucünu grdhq arhä 
lydeku üpq, teip vadlnamq, kad isz tos dideses üpes presz 
vdndeni pavdsary Jydekos nerszta. ßenüs czesüs tarp Geritü 
ir Skrudzü, kad dikczei lijo ir kad snegas tirpo, vlsos pevos 
büvo imndeniu üzdengtos. Pavdsary te uzplaukimai büvo 
lahai geri, tai je äpkrete pevas\ ale kad tvdnas büvo vdsarq 
arbä rüdeni, tai tdnkei visa. szenq nünesze. 

Pirm ilgü metti vens zmogüs norejo PUupenüs pabu- 
davöti vandens malünq. Jis isz Karaliduczaus biwo atejqs 
ir daug pin{gü atsinesze Jis duksztq rölq ddve padaryt, 
vdndeni atlaikyt \ tai darbinlnkai gdvo dldeli pelnq. Rudeny 
biivo malüns gdtavas, ir jis ddve baznyczose apsakyt, kad 
zmönes atgabqtu mdlt. Tai atejo didelis tvdnas snego ir 
lytaüSy tas viskq nüverte ir sudrdske. Vandü teip auksztai 
buvo uzllpqs, kad vens Gildas., kursai jöjo per üpe^j biivo 
iiztiMs ir prigere^)\ arklys pabego. Kell medzei nü to ma- 
lüno ätplauke iki i Daucünu plynq. Da po keliü metu 
biivo bdlkei isz pesku iszkastl, Ir Dopenüs i tq czesq daug 
galviju prigere. 

Paskutiniüs metüse zmönes nü Dopenu iki Pakalniszkiu 
Dopüpq platesnq ir gilesnq iszkase ir paddre tökius mediniüs 
voliis vadlnamus kaskddus, kad vandü nei per greitai nei 
per pamazi teketu, kaip pirmä biwo. Dabär mes tikim, kad 
tokiü dideliü uzplaukimu daugiaüs nebüs\ kad tik pevos 
nebiis per ^aiisos ir pames zoles augimq. 

Jena. C. Cappeller. 



1) Vo-l. S. 437, Anm. 2. 



448 fFelix Solmsen 



Zur griechischen Wortforschung i). 

1. Ion. ec ou. 

Dem homerischen eic ö k6 (mit Konjunktiv) steht bei 
Herodot nicht nur ec ö (mit wechselnden Modi), sondern auch 
ec ou gegenüber. Diese Schreibung ist allerdings erheblich 
seltener als jene, immerhin aber doch unter 64 Stellen, die 
überhaupt die Konjunktion bieten, an 10 (1, 67. 3, 31. 4, 12. 
30. 160. 166. 181. 196. 5, 51. 86) gut bezeugt, und zwar an 8 
in beiden Handschriftenklassen, 4, 12 und 166 in Klasse a 
(4, 12 ecx' ß ec ö P, 166 ec o ß P)^). Ein Grund sie zu 
beseitigen, wie Stein in der großen kritischen Ausgabe, Holder 
und Fritsch haben ^), liegt um so weniger vor als sie sich 
ohne Mühe neben der anderen als Nachahmung von lue'xpi ou 
und axpi ou verstehen lässt. Das hat schon Brugmann Gr. 
Gr.^ 563 ausgesprochen, daneben oder richtiger davor aber 
der Auffassung von ou als lokal-partitiven Genetivs wie in 
eic "Aibou neben eic "Aibr|v das Wort geredet. Ich will davon 
absehen, daß Brugmann den Bereich dieses Genetivs meines 
Dafürhaltens überhaupt zu weit ausdehnt und daß für eic 



1) Die Aufforderung, an der Festschrift mitzuwirken, hatte 
Solmsen zustimmend beantwortet; die Erfüllung des Versprechens 
vereitelte sein jäher Tod. Nun haben sich neuerdings in seinem 
Nachlaß weitere Bruchstücke des zweiten Bandes seiner Beiträge 
zur griechischen Wortforschung^ gefunden: die Herausgeber glauben 
im Sinne des Toten zu handeln, wenn sie diese Blätter in der Fest- 
schrift abdrucken und so das Versprechen, das der Lebende ge- 
geben hatte, einlösen helfen. 

2) Die Zahl der Belege nach Struve Quaest. de dial. Herod, 
specimen (Königsb. 1828) 41 f. Stein zu 1, 67. W. Brandt Griech. 
Temporalpartikeln vornehmlich im ion. und dor. Dialekt, Straßb. 
Diss. Göttingen 1908 S. 85. 

3) In der erklärenden Ausgabe hat Stein ^c ou beibehalten, 
desgleichen Hude. 



Zur griechischen Wortforschung. 449 

"Aibou kein Anlaß besteht von der alten Ellipsentheorie abzu- 
gehen (vgl. Verf. Rhein. Mus. 61, 496 f. Anm. Waekernagel 
Melanges de Saussure 138): wäre seine Ansicht über ec ou 
zutreifend, so müßte die Wendung etwas recht altes sein, und 
es wäre dann sehr verwunderlich, sie bei Homer niemals neben 
50 maligem eic ö k€ zu finden, wiewohl sie doch den Dichtern 
eine im Interesse metrischer Bequemlichkeit jedenfalls nicht 
unerwünschte Möglichkeit zu wechseln geboten hätte. Auf 
der anderen Seite wird fortzeiigende Wirkung von juexpi ou, 
axpi ou erwiesen durch eoic ou, das in jüngerer Zeit neben 
eiuc tritt. Kühner-Gerth 1, 346. 2, 445 und Brandt a. a. 0. 95 
belegen es schon mit einer Stelle aus Herodot 2, 143, die 
fortschreitende Erschließung der Handschriftenklasse ß durch 
Holder und Hude^) — a hat den Passus ausfallen lassen — 
hat indes gelehrt, daß hier vielmehr ec ou das echte ist: ec 
ou VS, eiuc ou R nach Holder; ec ou alle drei Codizes, euuc 
ou nur der minderwertige P nach Hude, der R selbst neu 
verglichen hat, während Holder dafür auf die Kollation Steins 
angewiesen war 2). Somit ist eiuc ou erst in der Koine neu- 
geschaffen (Belege bei Brandt 98), d. h. in derselben Epoche, 
in der euuc nach dem Vorbilde von |uexpi und axpi zur Prä- 
position umgewandelt und mit dem Genetiv konstruiert worden 
ist (eujc ecTiepac, Gavaiou, ciabiiuv be'xa; Beispiele, die mit 
Aristoteles beginnen, bei Kühner-Gerth 1, 346. Dittenberger 
Or. graec. Ind. S. 730). 

Die Geschichte der vier uns beschäftigenden Ausdrücke 
in ihrer Gesamtheit aber stellt sich folgendermaßen dar. Homer 
hat als Konjunktion ^bis' elc ö kc neben eujc, dagegen |uexpi(c) 
dxpi(c) lediglich als Präpositionen wie auch lue'cqpa^). Bei 
Herodot sind an die Seite von ec 6 auch in konjunktio- 



1) Holders Nachweise hätte auch Brandt schon ausnützen 
können und sollen. 

2) Die Stelle ist demnach als elfte den oben genannten hin- 
zuzufügen. 

3) äxpi ist übrigens Präposition erst in der Odyssee (ö 370). 
In der Ilias erscheint es dreimal (A 522. TT 324. P 599) als Adverb 
im Sinne 'völlig, durch und durch'. Schon aus diesem Grunde 
zweifle ich an der von Fick BB. 5, 168 aufgebrachten, noch von 
Brugmann Gr. Gr.^ 548 vertretenen Annahme, ÖXPKO sei eigentlich 
identisch mit |u^xpi(0> "^it « aus in. Dies letztere ist Präposition 
•bis' schon N 143. Q 128. 

Indojjermanische Forschungen XXXI. 29 



450 fFelix Solrnsen, 

lialer Geltung )nexpi und juexpi ou, axpi ou getreten i); wie sehr 
die Formen mit und ohne ou als identisch im Sinne 'bis', 
nicht 'bis daß' oder 'bis wo* empfunden wurden, geht daraus 
hervor, daß auch in präpositionaler Verwendung |uexpi(c) ou 
neben |u€xpi steht (luexpic ou oktüu ttupyujv 1, 181 u. ö.)^). So 
lebendig nun auch bei dem Halikarnassier noch ec ö ist, so 
ist es doch der erste Schritt zu seinem Untergange, daß es 
nach dem Vorbilde der neu aufgekommenen juexpi ou, ctxpi oij 
auch k ou neben sich genommen hat. Schon in den hippo- 
kratischen Schriften ist es völlig durch jene verdrängt, des- 
gleichen bei den Attikern seit Thukydides^). Erhalten hat es 
sich nur auf Thera (Testament der Epikteta, Ende 3. bis An- 
fang 2. Jh., Coll.-Becht. 4706, 164. 177. 218. 237. 284); mit 
Recht erblickt Brandt darin einen lonismus, wie solche in 
dem frühzeitigen Verlust des Digamma, der Ersatzdehnung 
bei Verlust von Digamma hinter Liquida u. a. auf dieser Insel 
erscheinen (s. Blass bei Collitz-Bechtel III 2 S. 148f.). Die 
Gemeinsprache endlich hat zu juexpi ov, ötou und axpi ou die 
Formen eiuc ou, ötou hinzugesellt, und sie leben bis auf den 
heutigen Tag in ujcou ujctou fort (Brandt 99). So aufgefaßt, 
ergibt sich die Entwicklung als von einem einheitlichen Zuge 



1) iLi^xpi öcou, das Brandt S. 89 aus 8, 3 anführt, ist nicht genü- 
gend gesichert: es steht nur in Klasse a, in ß ju^xpic ou. Verdächtig 
wird es auch dadurch, daß als Präposition neben .ue'xpi ou lu^xpi öt€u 
2, 173 auftritt, die Form die als |uexpi ötou in konjunktionaler Gel- 
tun<>' bei Hippokrates, Aristoteles, Diodor und in einer samischen 
Inschrift des beginnenden 2. Jh. begegnet (Brandt 89. 91 f.) und ihr 
Seitenstück in späterer Zeit in ^ujc ötou findet. 

2) S. Wackernagel KZ. 28, 117. Brug-mann Gr. Gr.^ 563. 

3) Thuk. 5, 66, 2 ludXiCTa bk AaKebai|uöoioi kc 6 dju^iuvrivTO ^v 
ToÜTUJi TUüi Kaipuji ^EGTrXdYricav hat €C ö mit der uns hier allein an- 
stehenden Bedeutung 'bis' nichts zu schaffen. Vielmehr steht es dem 
'limitierenden' Gebrauch 'so weit als' näher, der bei Herodot gleich- 
falls ein paar mal, wenn auch unvergleichlich seltener als jene 
belegt ist: 4, 56 xaTci touto xfic x^Plc ec ö YivoiCKerai 6 BopucGevric 
4, 71 Taqpal bk tOuv ßaciX^iuv ev f^ppoici €ici, k o ö BupucGdvric ^ctI 
TrpocrrXujTÖc (wo die Echtheit des Relativsatzes von Stein z. St. be- 
stritten wird). 7, 50 öpäic xa TTepc^uuv irpiiYiLiaTa ic ö &uvd|uioc upo- 
K€xuupriK€. Doch unterscheidet es sich auch von diesem, insofern als 
es auf die Zeit geht. Demnach hat Brandts Vermutung (S.86), es 
sei lonismus, kaum etwas für sich. Übrigens gibt die ganze Stelle 
zu Bedenken Anlaß, s. Classens und Stahls Adnot. crit. 



Zur «riechischen Wortforschung. 451 



&• 



bestimmt; darum ist mir für ec ou die vorgetragene Erklärung 
wahrscheinlicher als die an sich ebenfalls nicht unmögliche, 
daß ec 6 ""bis' in ec ou umgebildet worden sei nach dem Muster 
des gegensätzlichen eH ou 'seitdem, seit' ; das wäre eine Ände- 
rung analog der schon im vordorischen Peloponnes vorgenom- 
menen von eH cum Genetivo zu eH cum Dativo-Locativo nach 
dem Beispiel von ev, die im Arkadischen und Kyprischen 
fortlebt. 

Wie man aber auch darüber urteilen mag, in jedem Falle 
erlaubt das Nebeneinander von ec ö und ec ou im Herodottext 
einen Schluß auf die Geschichte dieses Textes, der einer ge- 
wissen Bedeutung nicht entbehrt. Ich vermag es nämlich nur 
zu verstehen, wenn es schon von Herodot selbst herrührt. 
Unzweifelhaft ist der Text des Historikers im Laufe seiner 
Überlieferungsgeschichte einer Modernisierung unterlegen ; das 
beweisen, um nur eines zu nennen, die von den Hss. einhellig 
gebotenen Xd|ui|;o)uai eXdjuq)9r|v -XaiUTTTOc gegenüber den echt 
ionischen XdijJOjuai eXacpGriv -XaTrioc seiner Zeit (s. Bechtel In- 
schr. ion. Dial. S. 69. W. Schulze Orthographica [Marburg 
1894] Xff. Hoffmann Dial. 3, 239ff.i). Die Annahme aber, 
daß auch ec ou erst das Ergebnis dieser Modernisierung sei, 
würde jeder Grundlage entbehren; denn nach Herodot ist, wie 
insbesondere das Hippokratische Corpus zeigt, die Konjunk- 
tion in keiner von beiden Formen mehr vorhanden gewesen. 
Und wollte man voraussetzen, das ou für ö sei erst durch 
irgend welche grammatische Doktrin, die sich an |uexpi dxpi 
eujc ou ein Muster nahm, eingeschmuggelt worden, so würde 
man vergebens fragen, warum es denn nur an 11 von den 
65 Stellen eingesetzt worden sei-), wollte man zu Schreiber- 



1) Zu den beiden aus Inschriften von Milet und dessen Tochter- 
stadt Zeleia von Hoffmann verzeichneten Belegen für diese Formen 
sind jetzt weitere hinzugekommen für Ephesos (\ai|;ö,ue9a Coll.- 
Becht. 5597, 11 287-281 v. Chr.), Erythrai (XaiyeTai v. Wilamowitz 
Nordion. Steine [Abh. Berl. Akad. 1909] S. 32 f. Nr 8, 10 4. Jh.) und 
Milet selbst aus älterer Zeit (Xaqpe^uuciv Berl. Stzber. 1906, 254 Z. 8 
5. Jh.). 

2) Ich habe natürlich geprüft, ob für das Eintreten von oO 
ein besonderer Grund zu erkennen sei, habe aber nur an einer der 
11 Stellen etwas gefunden, was in diesem Sinne geltend gemacht 
werden könnte, 3, 31 oi bk biKacxai K€KpiM^voi ävbpec Y^vovTai TTepc^uiv, 
^c QU dTToGdvujci r\ cqpi iiapeupeGfii xi äbiKov, la^xP^ toOtou. 



452 fFelix Solmsen, 

Irrtum seine Zuflucht nehDien ^), warum es an diesen 1 1 oder 
zum mindesten an 9 (8) von ihnen so fest sitzt. Hat aber 
schon Herodot selbst zwischen ec ö und k ou gewechselt, so 
folgt daraus, daß er das 'unechte' ov bereits mit OY ge- 
schrieben hat. Das ist an sich nichts befremdliches. Zwar 
haben die Steininschriften in lonien so gut wie in Attika 
während des 5. Jahrhunderts im allgemeinen an durchaus 
festgehalten; so in Milet das Original der Satzungen der Sänger- 
gilde, das man jetzt auf Grund der Aisymneten-(Stephane- 
phoren-)Liste ins Jahr 448 zu setzen in der Lage ist (s. Wie- 
gand-Rehm Sitzungsber. d. Berl. Ak. 1905, 543), also grade 
in die Zeit, in der Herodot etwa die Niederschrift seines 
Werkes begonnen haben mag, und die von Wiegand Sitzungsber. 
d. Berl. Akad. 1904, 254 veröffentlichte, nach Rehm ziemlich 
hoch hinauf in jenes Jahrhundert reichende Blutschuldurkunde ^), 
in Halikarnaß die sogen. Lygdamisinschrift Coll.-Becht. 5726, 
die kurz vor 454/3 eingehauen ist. Aber das den letzten 
Jahrzehnten dieses Jahrhunderts angehörende Kaufdokument 
aus Halikarnaß ib. 5727 hat schon und OY in buntem 
Wechsel, vereinzelte Beispiele für OY begegnen auf beiden 
Dialektgebieten noch viel früher, seit dem Ende des 6. und 
Anfang des 5. Jahrhunderts (Blaß Ausspr.^ 31), und daß die 
Orthographie des Privatlebens der offiziellen der Steinurkunden 
auch in diesem Punkte voran war, beweisen die Vasen 
(Kretschmer S. 108 f.). Ob Herodot OY ausschließlich oder 
nach Belieben neben gebraucht hat, können wir nicht sagen, 
und wenn jemand behaupten wollte, er habe auch mit EZO 
in Wahrheit ec 5 gemeint, so wüßte ich nichts stichhaltiges 
zu erwidern. In jedem Falle aber wird hinfort die Lehre, 
die uns ec ou erteilt, auch bei der Würdigung von ouvojua, 
wie im Gegensatze zu övojud^u) 'OvojudKpiTOc die Überlieferung 
bietet, und weiter von eipucai eiXiccuu eiXiHac eiXeujuevoc usw. 
zu beherzigen sein. 



1) Wie das Struve tat a. a. O. 44. 

2) Von den Belegen, die die letztere bietet, verdient einer 
herausgehoben zu werden: f|v b^ ^r) KaTa[KT]e(vociv 8 f. gegenüber 
^Xeujciv Z. 5, d. h. der kurzvokalische Konjunktiv des sigmatischen 
Aorists, den zuerst W. Schulze Hermes 20, 491 ff. für Chios Teos 
Ephesos nachgewiesen hat, hat, wie zu erwarten, auch in Milet 
existiert. 



Zur griechischen Wortforschung. 453 

2. Idnebov und ZidtKopoc. 

Rhein. Mus. 60, 500 f. habe ich eine, wie ich hoffe, ein- 
leuchtende Erklärung- des Verhältnisses gegeben, in dem das 
von ionischen Elegikern des 6. Jahrhunderts, Xenophanes von 
Kolophon Fgm. 1, 1 D. und dem Verfasser eines parischen Epi- 
gramms IG. XII 5, 215 = Coll.-Becht. 5430, 5, gebrauchte lanebov 
zu dem bei Homer, in ionischer Prosa und auf argivischen In- 
schriften (Beitr.z.gr. Wf. S.74) vorliegenden bdirebov steht: weil 
den hexametrischen Dichtern jüngerer Zeit aus dem alten Epos 
von Fällen wie öd-CKioc ba-CTrXfjTic neben IdQeoc la kotoc la- 
xpecpric Z^a-qpXeYilc u. a. her bei dem verstärkenden Präfix ein 
Wechsel zwischen ba- und Z;a- geläufig war, formten sie auch 
bdtTTebov, dessen erste Silbe für sie keine greifbare Bedeutung 
mehr enthielt, sondern lediglich als Verstärkung vor das ein- 
fache TTebov getreten zu sein schien, in Idixebov um und glaubten 
damit eine für die gehobene Sprache des epischen Verses 
besser passende Form im Gegensatz zu derjenigen der Alltags- 
rede gewonnen zu haben ^). In Wahrheit hat das ba- von 
bdirebov nichts mit der in bd-CKioc ba-crrXfiTic ba-90iv6c er- 
scheinenden Nebenform von la- gemein, sondern geht, wie 
zuerst Ebel KZ. 6, 79 f. erkannt hat und heute wohl ziemlich 
alle Sachkundigen annehmen, auf dm- zurück, d. h. es enthält 
die schwächste Gestalt des konsonantischen Stammes dem- 
'Haus', der in voller Flexion in arm. tun bewahrt ist und von 
dessen Paradigma weitere Bruchstücke im Griechischen vor- 
liegen in buj Nom., bec-Tröxric aus *be|uc-TTÖTr|c Gen. eigentlich 
^Hausherr', ev-bov für *ev-bo^ Loc. ursprünglich 'im Hause', 
in den arischen Sprachen in ai. päth' ddn, awest. ddiig patis 
Gen. 'gebietender Herr , eigentlich "Herr des Hauses', awest. 
dqm dem Loc. 'im Hause' und ai. ddm-patis 'gebietender Herr', 
ursprünglich vielleicht 'Herr im Hause' Loc. (nach Wacker- 
nagel Ai. Gramm. II 1, 249). Die erste Bedeutung von bd- 
irebov war somit 'Hausboden, Zimmerboden'; aus ihr hat sich 
die allgemeinere 'Erdboden' erst nachträglich entwickelt, wenn 
sie auch schon in der Odyssee begegnet. 

Nicht ohne Wahrscheinlichkeit hat man den Stamm dm- 
in schwacher Gestalt im Einklang mit der indogermanischen 
Regel — auch anderweitig in Europa als Vorderglied ver- 



1) Ebenso jetzt Prellwitz Et. Wtb. 2 167. 



454 t Felix Solmsen, 

dunkelte!" Composita wiedergefunden. Bugge hat PBrBeitr. 
21, 425 f. anorw. topt toft, seliwed.-dän. torrit Tlatz worauf 
ein Gebäude steht, gestanden hat oder stehen soll', neunorw. 
Lehmboden' aus urgerm. *tum-fetiz hergeleitet, also bis auf 
die Endung mit bdiTrebov identifiziert. Und in lit. dimstis 
'Hof, Gut, Hofraum', das Nesselmann als am Haf und in Lau- 
kischken gebräuchlich anführt und Bretken in dem zuletzt 
genannten Sinne verwendet (Bezzenberger Beitr. z. Gesch. d. 
lit. Spr. 270 s. v. aiJcfchte), haben Mikkola BB. 25, 75 in 
dim- idg. dm- 'Haus' und Bezzenberger ib. 26, 167 in -stis 
die Wzl. stä ^stehen' erkannt. Ob letzterer ganz im recht ist, 
wenn er meint, dimstis vertrete, entsprechend den litauischen 
Kompositionsgesetzen, urspr. ^dm-sto- 'Hausstelle' = aisl. nau-st 
Neutr. %Schiffschuppen', ahd. ewist Mask. "Schafstall', ai. gösthä- 
Mask. Neutr. 'Kuhstall, Stall', ist mir allerdings wegen des 
femininen Geschlechts des Wortes zweifelhaft. Ich möchte 
sein -stts darum vielmehr dem zwischen männlichem und weib- 
lichem Geschlecht wechselnden -stts gleichsetzen, das sich 
bereits in einer stattlichen Reihe von Wörtern als Schlußteil 
einer einstigen Zusammensetzung entpuppt hat : ai. prati-sthis 
unbestimmbaren Geschlechts 'Widerstand'; Rwest. par-stis Fem. 
'Rücken', ae. fierst fyrst first Fem. ahd. first Fem. Masc. mnl. 
mnd. vorst Fem. 'Spitze, Dachfirst, Giebel' aus urgerm. ^fir-stiz 
*fu7'stiz, lat. postis Masc. 'Pfosten' aus *porstis neben ai.^r- 
sthdm 'Rücken, obere Seite, oberstes' awest. par-sta- Masc. 
'Rücken', lit. pifsztas abulg. prüstü pristü 'Finger' aus "^pr- 
stos, die sich allesamt in der Urbedeutung 'das (Darüber)- 
herausstehen. Hervorragen' bzw. 'herausstehend, hervorragend' 
vereinigen (vgl. Pott EF. P, 528f. Brugmann Grdr. 2\ 8. 
IF. 11, 285. Franck Et. Woordenb. 1108. Osthoff IF. 8, Iff.); 
gr. e'HacTic Fem. 'aus einem Gewebe herausstehender Faden, 
Franse, Saum' aus *eH-av-CTic (J. Schmidt Kritik 90 Anm. 1)^). 



1) Vgl. zu dieser Deutung' des ionischen Wortes (Hippokr. II 37, 
10 K., wo der Acc. Plur. unrichtig ^HacTiac statt ^Sdcxiac betont ist, 
und Inschrift aus dem Heraion von Samos Coll.-Becht. 5702, 13 ff. 
KiSiIJvec ^HacTiv uaKiv9ivriv, aXopyriv, AeuKr^v cet. e'xovxec) einerseits eHavi- 
craceai Arist. Probl. 8, 12 888a 39 von Haaren, die sich am Körper 
emporrichten, und Aretaios XXIV 182 K. von Geschwüren, die auf- 
schwellen, andererseits xiTuuvicKov IHicxuuv KTevujxöv in zwei attischen 
Urkunden über das Inventar der Artemis von Brauron IG. II 754, 



Zur gTiechischen Wortforsclning. 455 

Soweit diese Bildungen sicher auf indogermanische Feminina 
zurückgehen, wird man ihr -stts am einfachsten mit Brugmann 
Grdr. 2^, 280 als -st-tts deuten, d. h. als Verkürzung des 
Abstraktums *stätt- (ai. sthitis, gr. cxdcic, lat. stäti-m stäti-Oj 
got. staffs) im Schlußglied der Zusammensetzung gemäß der 
von J. Schmidt entdeckten RegeP). Auf Grund der Bedeu- 
tung von lat. stätioy got. staps, Sih\.' stadr, ae. stede Masc. 
as. stediy ahd. stat Fem. dürfen wir auch bei dieser Auffas- 
sung von dimstis von ^(Hausstand), Hausstelle' ausgehen. 

Ich glaube, auch das Griechische besitzt wenigstens noch 
ein weiteres Exemplar der Komposita mit dm-, dem wir mit 
Hilfe der neu gewonnenen Erkenntnis von dem Ursprünge der 
Form Z;d7T€bov neben baTiebov beikommen können. Ich meine 
TaKÖpoc oder, wie man jetzt meistens akzentuiert, ZidtKopoc 
^Tempeldiener, Tempeldienerin'. Seit dem Altertum ist es 
herkömmlich diesen Ausdruck als *öia-KOpoc aufzufassen. Aber 
trotz bid-KOvoc öidKTOpoc (IF. 3, 96 ff.), die man etwa als Par- 
allelen für eine solche Bildungsweise beibringen könnte, 
scheint mir Leo Meyer im recht, wenn er Hdb. d. gr. Et. 
3, 265 Zweifel an der Gleichheit seines la- mit dem von lä- 
öeoc Z;dK0T0c usw. äußert. vao-KÖpoc veuu-KÖpoc 'wer den Tempel 
fegt, Tempelaufseher, Küster' und criKO-KÖpoc 'wer die Hürde, 
den Stall fegt' p 224, auch Tempelaufseher' nach Zonaras 
s. V. ^) lassen von vornherein auch in dem Anfangsgliede von 



29 f. 756, 9 (s. schon Böckh zu CIG. 155 = IG. 11 754). ^Hictujv ver- 
mutlich aus *^gicTaov wie att. deivujv, dYHpuiv aus deivaov dYrjpaov. 
Ob dieses ^Hictuuv 'befranst' oder 'besäumt' oder 'ausgefasert' (so 
Hicks Alle. j4r. inscr. I 34) bedeutet, lässt sich so wenig mit Sicher- 
heit feststellen wie sich für ^Hacric eine ganz bestimmte Wahl unter 
den drei genannten Mög-lichkeiten treffen lässt. 

1) Wenn auch maskuline Bildungen dieser Art aus der Ur- 
sprache stammen, so sind sie neben die ai. maskulinen Nomina 
actionis mit dhis und -dis von den Wurzeln dhä und da wie api- 
dhis 'Bedeckung', ud-dhis 'Aufsatz, Untersatz', ädis 'Anfang' zu 
stel'len (Osthoff IF. 8, 8). 

2) Bei Hesych ist noch, zwischen ciöav und ciojuaXiöai, ciOKÖpoc* 
veujKÖpoc. eeoKÖpoc. Gepaireuri^c GeOuv überliefert, und durch Photios 
erfahren wir, dass die Glosse aus Eupolis stammt. Wäre sie richtig, 
so könnten die Lakonier, denen sie durch cio- zugewiesen wird, 
das Wort erst gebildet haben, als va(o)KÖpoc nicht mehr in seinem 
ursprünglichen Sinne 'wer den Tempel fegt, reinigt', sondern nur 
noch in dem weiterentwickelten 'Tempelaufseher, Tempelpfleger' 



456 fFelix Solmscn, 

2;d-Kopoc eher ein Substantiviim erwarten. Und wie soll mau 
es begreifen, daß gerade bei diesem Ausdruck die spezifisch 
äoliscbe Wortgestallt panhellenische Geltung erlangt hat? Hier 
wie tiberall muß einer Etymologie, die Anspruch auf Vertrauen 
erheben will, zum mindesten der Versuch vorangehen die Ge- 
schichte des Wortes, dem sie gilt, festzustellen, soweit unsere 
meist freilich ja recht dürftigen Mittel das zulassen. 

In der Atthis kommt Z^dKOpoc verhältnismässig spät auf: 
Piaton (Leg. 759 B. 953 A) und Xenophon (Anab. 5, 3, 6) 
sagen veujKÖpoc, und erst Hypereides (Fgm. 178 Bl.^ = Athen. 
XIII 590 E) oder, da bei ihm nicht ausgemacht ist, ob sich 
Athenaeus genau an den Wortlaut seiner Rede für Phryne 
hält, sicher sogar erst Menander (Fgm. 126 III 36. 311 III 
89 K.) brauchen Z;dKOpoc, das dann bei Nikander Alex. 217 
wiederkehrt. Das zeitliche Verhältnis, das somit zwischen den 
beiden Termini obwaltet, wird bestätigt durch die Inschriften. 
Die des 4. Jahrhunderts haben ausschließlich veiuKopoc : IG. 
II 751 ß b 18 (345/4, unsicher). 834 b I 46 (329/8). 762, 6. 
597 d 6 (Ende 4. Jh.) und veiuKÖpiov: 834 b II 2S. 45. 65. 72 
(329/8). 827, 9, aus dem dritten fehlen Belege, im zweiten 
stellt sich ^dKopoc ZlaKOpeuuu ein: II 624, 16 (erste Hälfte 
2. Jh.), wenn da, wie wahrscheinlich, die Ergänzung pdKoJpov 
zutrifft. 624, 24 (Mitte 2. Jh.). 404, 46 (Ende 2. Jh.). 1612i). 
Ein gleiches Bild gewähren die delischen Urkunden: in der 
Zeit der ersten attischen Oberhoheit und der freien Insel haben 



verstanden wurde. Indes hat die Handschrift des Photios nach 
Naber ciiukoXXoc, und da leicht zu verstehen ist, wie bei Hesych 
unter dem Einfluss des allgeläufigen veoJKÖpoc die weniger bekannten 
cioKÖXoc im Lemma und 6eoKÖXoc in der Erklärung entstellt worden 
sind, so zweifle ich nicht, dass diese Formen einzusetzen sind. Mit 
anderen Worten, eeoKÖXoc, von dem Unters, z. gr. Laut- u. Versl. 24 
Anm. 1 o*ezeig*t ist, dass es bei nordwestgriechischen Stämmen von 
Lokris über Atollen und Achaja bis Elis zu Hause ist, war einst 
auch in Lakonien nicht unbekannt (vgl. dazu Rhein. Mus. 61, 492 ff. 
62, 331 ff.). — YuioKÖpouc lueXebuuvac Hes. Op. 66, das Rzach noch in 
der neuen Ausgabe beibehalten hat, ist nichts; das richtige y^ioßopouc 
steht bei Julianus Misopon. 347 c. 

1) Wenn Foucart Associations relig. 193 schrieb: le premier 
decret etablissant une 2:dKopoc annuelle est de l'annee 317, so beruht 
das auf irriger Datierung des betreffenden Textes; es ist der jetzt 
in IG. II unter 624, 4 ff. stehende. 



Zur griechischen Wortforschung. 457 

sie veuuKÖpoc, aber mit dem Wiedereintritt von Athens Herr- 
schaft, 166 V. Chr., ziehen auch ZidtKopoc des Zeijc Kuvöioc, 
des Sarapis und der 'Aqppobixri Zupia oder 'AidpYaTic ein; man 
sehe die Belege für beides — der älteste für veiuKÖpoc ent- 
stammt dem Jahre 410 v. Chr. — bei V. v. Schöffer De Deli 
insulae rebus 151 f. 213 f. 242. In der Kaiserzeit herrscht in 
Athen Z;dKopoc; der Index zu IG. III bringt 2, 313 Sp. IV 
und 314 Sp. II zahlreiche Stellen dafür, aber keine einzige 
für veoiKÖpoc. Kein Wunder, daß auch Schriftsteller wie Plu- 
tarch (Cam. 30. Sulla 7) und Hierokles (Stob. Flor. 79, 53) 
sich des Wortes bedienen. Es ist klar, daß es in Athen nicht 
von Anfang an heimisch gewesen, sondern erst nachträglich 
eingeführt worden ist. Aus welchem Anlaß, können wir nicht 
sagen, aber woher, läßt die einzige Stelle der älteren Literatur 
erkennen, in der es auf uns gekommen ist, Herodots Bericht 
von dem Unternehmen des Miltiades gegen Faros 6, 132 ff. 
Da wird die Parierin Timo, die sich erbietet dem athenischen 
Feldherrn einen Weg zu weisen, wie er in die belagerte Stadt 
gelangen könne, wiederholt als uTToZ^dKOpoc tüuv xöoviuuv Beujv 
bezeichnet, und die ausdrückliche Angabe des Schriftstellers, 
daß er die Geschichte aus parischer Quelle schöpfe, läßt keinem 
Zweifel Raum, daß die Benennung des von dem Weibe be- 
kleideten Kultamtes echt parisch ist. Es beweist nichts da- 
gegen, wenn parische Inschriften veujKÖpoc bieten: IG. XII 

5, 108, 6 (= Coll.-Becht. 5434. Dittenb. Syll.^' 569; nach 
dem Schriftgebrauch wohl vom Ende des 5. Jh.). 126, 7 
(2. Jh.). 186, 3 CHetären'inschrift, nicht jünger als 2. Jh.). 
Auch für andere Teile des ionischen Dialektgebiets ist uns 
nur dieser Ausdruck bezeugt: für Euböa durch die zwischen 
411—402 oder 386 — 377 entstandene Tempelordnung des 
Amphiaraions von Oropos IG. VII 235 = Coll.-Becht. 5339, 

6. 24. 41, für Amorgos durch Dittenb. Syll.^ 565, 5 Clitterae 
volgares'), für Kleinasien durch den verschiedenen Gemeinden 
wie den 'Ecpecioi, Ijuupvaioi, TpaWiavoi laut ihren Münzen und 
Steinen beigelegten Titel veuuKÖpoc tüuv ceßacxüjv, der zwar 
erst seit Trajan begegnet, aber einen Rückschluß doch wohl 
insofern gestattet als bei den archaisierenden Tendenzen der 
Zeit gewiß eher Z;dKopoc gewählt worden wäre, wenn noch 
eine Erinnerung an dieses Wort bestanden hätte. Des wei- 
teren findet sich veujKÖpoc bei Herodas (4, 41. 45. 90), in 



458 fFelix Solmseii, 

Magnesia (v. xfic 'Apieiuiboc ific AeuKoqppunvfic Kern No. 93 a 
30. 100a 21. 28. 105 [S. 94] = Mus. ital. III 570fif. N. 3, 3 
[sämtlich 2. Jh. v. Chr.]. 156, 12 [1. Jh. n. Chr.]), in der in 
ihrem Wortschatz so viel Ionisches bergenden alexandrinischen 
Koine (v. xoO juefaXou ZapcxTriboc Berl. Urk. II 455, 1. III 
477, 1. 729, 2 [1.— 2. Jh. n. Chr.]. v. Tuxric Oxyrh. Pap. 
III 507, 5 [169 n. Chr.]. xfiv 'Eqpeciuuv ttöXiv v. ttic jueTaXrjc 
Geäc 'ApTCjuiboc Act. ap. 19, 357) und nicht minder in der 
Gemeinsprache anderer Gegenden: Kleinasiens (Belege bei 
Schweizer Gramm, d. pergam. Inschr. 142. Nachmanson Magn. 
Inschr. 124), Theras (IG. XII 3, 514; 1. Jh. v. Chr.), Delphis 
(Belege bei Wendel im Eegisterband zu Collitz-Bechtel 201), 
Thessaliens (Ditt. Syll.^ 790, 78; 1. Jh. v. Chr.), Italiens (Be- 
lege im Index zu IG. XIV S. 740 Sp. 3); in den ursprünglich 
dorischen Gebieten hat es älteres va(o))cöpoc abgelöst, das sich 
stellenweise lange, z. B. in Epidauros (Ditt. Syll.^ 581, 3. 
IG. IV 1547, 3. 1549, 3) bis weit in die Kaiserzeit hinein, 
erhalten hat. Erst in der eben genannten Epoche tritt dann 
Z;dKOpoc auch außerhalb Attikas (und Delos) auf, zumeist in 
Epigrammen, z. B. IG. VII 1883, 4. 1884, 1 Thespiae. XII 
1, 33, 2 Rhodos. XIV 993, 1. 1026 a 9 Rom, gelegentlich 
auch in Prosainschriften: XII 2, 484, 21 ager Mytilenaeus 
trans Euripum. IV 1513. 1547, 7 Epidauros, in der letztan- 
geführten neben vaoKÖpoc und, wie M. Fränkel richtig aus- 
führt, in deutlich davon verschiedenem Sinne. Wie hier in 
Epidauros in später, so können in Paros in alter Zeit tdiKOpoc 
und veiuKopoc verschiedene Funktionäre bezeichnet haben, etwa 
solche ungleichen Ranges im Dienste derselben Gottheit oder 
ersteres einen Diener, eine Dienerin der xöovioi 6eoi, letzteres 
anderer Götter, die näher zu bestimmen leider der verstüm- 
melte Zustand der ältesten Inschrift mit veiuKopoc nicht er- 
laubt. Möglich ist aber weiter, daß in den Menschenaltern 
zwischen dem Kriegszug des Miltiades und der Aufzeichnung 
von IG. XII 5, 108 das in seinem ersten Element unverständ- 
liche Z;dKOpoc zu gunsten des durchsichtigen veuuKÖpoc aufge- 
geben worden ist. Wie dem auch sei, der vorgelegte Tat- 
bestand führt in jedem Falle zu dem recht merkwürdigen 
Ergebnis, daß ZidtKopoc in lonien, wo es anfänglich in Gebrauch 
gewesen ist, im Laufe der Zeit gänzlich vor veuuKÖpoc zurück- 
gewichen ist, in Attika hingegen seinerseits seit dem Ende 



Zur o-riechischen Wortforschiinof. 459 



»• 



des 4. Jahrhunderts dieses verdrängt hat. Wenn wir annehmen, 
es sei hierhin aus lonien verpflanzt worden, so steht das im 
Einklang mit dem Einströmen ionischen Sprachg-uts nach Attika 
in jenem Jahrhundert im ganzen und mit den lonismen der 
attischen Kultsprache im besonderen, auf die schon Beitr. S.23 mit 
Anm. 1. 73 im Anschluß an 'AiraTOupia die Rede gekommen ist. 
Ist aber Faros und allgemein lonien die Heimat von 
Z^dKopoc, so sind wir in den Gegenden, in denen lauehov für 
botTTcbov geschmiedet worden und in denen überhaupt diese 
uralte Zusammensetzung mit ha- lebendig geblieben ist. Da- 
nach dürfen wir annehmen, daß auch ^otKOpoc für *ba-Kopoc 
'Haus-, Tempelkehrer' (vgl. böjuoc 'Haus eines Gottes') steht 
und zunächst im Verse gesagt worden ist. Anlaß dazu war 
in der äußeren Form des Wortes hinlänglich gegeben: *utto- 
bttKopoc mit seinen vier Kürzen war in den daktylischen Massen 
ohne Umgestaltung nicht unterzubringen, und auch bei dem 
einfachen Worte mochte angesichts der Silbenfolge ^^m posi- 
tionsbildender Anlaut oft genug wünschenswert sein (vgl. 
ce|uvuji evi ^aTrebuui in dem parischen Epigramm). Dafür aber 
daß ein Kultausdruck in der umgestalteten Form, die er in 
hieratischer Poesie erhalten hat — denn um solche handelt 
es sich natürlich in erster Linie — , auch in der Prosa, offi- 
zieller wie nicht offizieller, Bürgerrecht empfängt, sei an 9er|- 
KÖXoc erinnert, das in Olympia für GeoKÖXoc ( ^w^) ^^nf- 
gekommen und von da nach Athen und anderswohin übertragen 
worden ist (Unters. 24 Anm. 1). Bei Thomas Mag. 168, 3 R. 
heißt es: ZidKopoc Kai veuuKÖpoc biacpeper 6 ydp Z;dKOpoc cejuvö- 
Tepov Toö veujKopou; man sieht, wie gut das zu unserer Auf- 
fassung von der Herkunft des Wortes paßt. Stimmt man 
dieser Autfassung bei, so wird man gemäß veuu-criKO-KÖpoc 
auch Z;a-KÖpoc als ursprüngliche Betonung ansetzen müssen. 
Bedenken hat das nicht, selbst wenn es der Gepflogenheit der 
Handschriften widerspricht: bei dem Fehlen des Ausdrucks in 
den klassischen Traten ist die Frage, ob sein Akzent über- 
haupt von den alexandrinischen Grammatikern auf Grund der 
Tradition fixiert worden ist, und selbst wenn das der Fall 
sein sollte, kann er bei den eigenartigen Schicksalen des 
Wortes — etwa bei der Wanderung von lonien nach Attika 
oder bei der Wiederauferstehung aus poetischen Texten älterer 
Zeit — seinen Platz gewechselt haben. 



460 fFelix Solmsen, 

WeDn es veuu- cr|KO- *ba-KÖp-oc gegeben hat, so liegt die 
Annahme nahe, es habe irgendwo und wann einmal auch 
*oiKO-KÖpoc bestanden. Belegt ist diese Bildung nicht. Aber 
vielleicht gewinnen wir, wenn wir sie voraussetzen, eine ein- 
fache Erklärung für einen vielversuchten und doch bisher nicht 
auf das reine gebrachten Pindarvers. Pyth. 9, 19 (35) gibt 
0. Schröder auf Grund der handschriftlichen Überlieferung aus 
der antiken Paraphrase in der Gestalt : ouie beiTrvuuv oiKOupiäv 
)ne9' eiaipäv repipiac und setzt in der Adnotatio und der Prae- 
fatio S. 21 überzeugend auseinander, daß okoupiäv 'das Haus 
hütend' dem geforderten Sinne am besten entspricht. Aber 
das Wort ist metrisch anstößig: alle anderen Epoden weisen 
an der Stelle der zweiten Silbe Kürze auf. Schröder nimmt 
diese Unregelmäßigkeit in den Kauf und sucht sie in der 
metrischen Appendix (S. 507), obwohl er sie selbst als rechtes 
Wagnis des Dichters bezeichnet, aus dem Inhalt des V^erses 
zu entschuldigen. Andere seit Moschopulos hatten okopiäv 
eingesetzt und vom Standpunkt der Überlieferungsgeschichte 
ist diese 'Konjektur' ja tatsächlich gar keine Konjektur. 
Schröder selbst hatte sie Berl. phil. Wochenschr. 1896, 221 
abgelehnt, da er die Kürze sprachgeschichtlich nicht zu be- 
greifen vermochte; daß für die 'Hyphaeresis' hier kein Platz 
sei, betonte er mit gutem Grunde. Aber eine andere Recht- 
fertigung ist denkbar: ^FoiKOKÖpoc 'das Haus reinigend, des 
Hauses wartend' konnte im Dorischen oder Böotischen nach 
allbekannten Analogien durch Silbendissimilation zu *FoiKÖpoc 
werden und dies bei der überaus nahen Berührung der Bedeu- 
tungen als einfache Wechselform von *FoiKuupöc 'das Haus 
hütend' empfunden werden und völlig damit zusammenfließen. 

Hält man Umschau, ob nicht unter den anderen Wörtern, 
die mit ba- beginnen, noch Composita mit urspr *c?w- stecken, 
so wird man bei zweien von ihnen Halt machen. bacrcXfiTic, 
das o 234 als Epitheton von epivuc, Simonides Fgm. 38 B.* 
von Xdpußbic steht und von den Alexandrinern als 'schreck- 
lich, furchtbar' verstanden wurde, habe ich Rhein. Mus. 60, 497 f. 
in gleiche Reihe mit bd-CKioc ba-cpoivöc gestellt, d. h. ba- als 
Nebenform des verstärkenden la- gefaßt und das ganze durch 
'sehr, mit Macht reißend, zerrend* übersetzt; vgl. TeixecmXfiTa 
(T€ixec-C7T\iiTa ?) von Ares E 31. 455 'Mauern (ein)reißend'. 
Man kann aber, da Simonides den Ausdruck wohl schwerlich 



Zur griechischen Wortforschung. 461 

mehr aus lebendiger Rede, sondern ebenso wie die späteren 
nur noch als epische Glosse gekannt hat, für Homer, eben 
um TEixeciTrXfiTa willen, auch ^das Haus (ein)reißend' deuten. 
Darauf hat mich Wackernagel nach Erscheinen jenes Aufsatzes 
aufmerksam gemacht. 

Ich selbst habe daran gedacht, . ob nicht bavjiiXrjc 'ver- 
schwenderisch, üppig, reichlich' eigentlich 'das Haus kahl 
machend' ist, d. h. ipiXöc enthält, trotz der verschiedenen Quan- 
tität des i, die sich aus dem Antritt des ursprünglich Schwä- 
chung der Wurzelsilbe fordernden Suffixes -r|c (s. J. Schmidt 
Pluralb. d. Neutr. 147 f.) begreiflich machen ließe. Gegen die 
übliche Herleitung dieses Adjektivs samt dem Substantiv baTrdvri 
von bdiTTeiv 'zerreißen, zerfleischen, zernagen' nämlich machten 
mich bedenklich die völlige Singularität des Ausgangs -ciX/ic 
und die Bedeutung, die ich in keinem der W^örterbücher, die 
jene alte (Athen. VHI 363 A) Etymologie weitergeben (Cur- 
tius Grdz.ö 232 f. Leo Meyer Hdb. d. gr. Et. 3, 198 f. 
Prell wiz Et. Wtb.^ 105 f.), erklärt fand. Ich habe mich indes 
bald davon überzeugt, daß diese alte Etymologie zu recht 
besteht. Den Schlüssel für das semasiologische Verständnis 
von baTrdvri und baipiXrjc bieten die beiden Homerverse, in 
denen von den Freiern gesagt wird: 

H 92 KTrijuaTa bapbdiTTOuciv u-rrepßiov, oub' ein 96ibaj 
TT 315 xP^^otta bapbdTTTOuciv oTiepßiov, oub' eiri cpeibiu. 
Sie zeigen, daß in der volkstümlichen Rede jüngerer homeri- 
scher Zeit das Verbum in der mit Intensivreduplikation ver- 
sehenen Gestalt vom Verprassen, Verschleudern des Vermögens 
gebraucht wurde. Diese reduplizierte Form scheint allein über 
Homer hinaus lebendig geblieben zu sein (Ar. Ran. 66. Nub. 
711. Fgm. 409 I 497 K. i), die kürzere tindet sich bloß in 
Literaturgattungen, die in ihrem Wortschatz vom Epos ab- 
hängig sind: Empedokles 136, 2 D. Pindar Nem. 8, 23. Fgm. 
222 Sehr. Bacchylides 15, 14 ßl. Tragiker. An ihre Stelle 
aber ist die von baTrdvri ausgegangene Neubildung baTravdv 
getreten, die ihren Zusammenhang mit bdirieiv bap-bdirieiv 



1) Auch an der letzten Stelle ist bei Athen. III 91 C bapödir- 
Tovxa überliefert, und Kaibel hat das mit Recht nicht angetastet, 
während Bergk und Kock die Änderung Porsons in ödirTovra ange- 
nommen haben. 



462 fFelix Solmsen, 

noch durch zwei Gebrauchsweisen deutlich bekundet: 1. an 
die beiden Homerverse schließen sich Wendungen an, in denen 
sie grade bei den ersten Schriftstellernj die sich ihrer bedienen, 
vorkommt: Hdt. 2, 37 ouie ti y«P tujv oiKriiujv Tpißouci ouie 
ba-rravüuvTai. 5, 34 rd xP^o^^ct KaTCibebaTrdvriTai. Thuc, 
6, 47 Tr|T TTÖXei ba-rravOuvTac id okeTa |ur] Kivbuveueiv. 7, 47 
Xprunaia iroWd baTiavOuvTac ; zu bdirieiv in seiner nicht über- 
tragenen Geltung stellt sich die sogen, 'faktitive' Verwendung, 
die einmal bei Thukydides 4, 3, 3 ifiv ttöXiv baTtavctv 'zu 
Grunde richten', alsdann sehr häufig seit der Alexandriuerzeit 
begegnet: Pyrrhon von Elis Ath. X 419 E iva juriie ifuj ce 
dribüüc opuL) KaTabttTravuujuevov ouk dvaYKaiuuc. Sotades Stob. 
Flor. 98, 9 tov "Ojuripov Xijuöc KaxebaTrdvricev. LXX Sap. 5, 13 
ev be Tfii KttKiai fijuujv KaxebaTravriGriiuev. Dion. Hai. A. E. 
4, 81 ev Taprdpoic Kai ßapdGpoic ba7TavLU)uevoc. Plut. Galb. 17 
UTTÖ qpeivdboc vöcou baTTav(ju)uevoc. Cyprian Samn. 9, 2 xpicac 
ToTc KaTttKaiouci Kai bairavujci . . . dTreviviiaTO be Kai eupe xouc 
oqpGaXjuouc bebaTravrnnevouc. Civ. 1, 94 dv6)Lioc ttoXuc ejuTrecdiv 
Tf]v TTÖXiv ebaTidvrice. 4, 108 uttö XijaoO xfic x^pac bebairavri- 
juevnc; wir werden die letztere Gebrauchsweise aus dem Ioni- 
schen herleiten dürfen ^). 

Für das morphologische Verständnis von baipiXr|c aber ist 
entscheidend, daß an der frühesten Stelle, wo das Adjektivum 
begegnet, baipiXöc steht: Empedokles 39, 1 eiTiep d-rreipova -ffjc 
xe ßdGri Kai baipiXöc al0r|p 'wenn wirklich die Tiefen der Erde 



1) Im Lateinischen haben die Abkömmlinge von 'Wurzel' *dap 
ihre Bedeutung ebenfalls nach der Eichtung 'Schädigung des Ver- 
mögens, Aufwand, wie er insbesondere durch Bewirtung anderer 
erfordert wird' entwickelt: damnum aus *dap-nom urspr. 'Geldbusse, 
Vermögensverlust', damnösus 'verschwenderisch, wer durch Auf- 
wand in seinem Vermögen geschädigt ist, wer einen anderen zum 
Aufwand verleitet'; daps 'Gastmahl, Opferinahl'. Für das letzte 
Wort ist wichtig, dass auch gr. baTidvri mit Vorliebe von den Aus- 
gaben gebraucht wird;, die durch Bewirtung verursacht werden; so 
gleich an der ältesten Belegstelle, Hes. Op. 722 f. 

\)ir[hk -rroXuHeivou baiTÖc bi.'CTr^,aqpe\oc elvai 

^K KOivoö- uXeiCTT] h^ Xapic, baTrdvri b'öXiTiCTTi. 

Man lese auch den bei Athen. VIII 364 B angeführten Abschnitt aus 
den grossen Eöen, um den naiven Bauernstandpunkt gegenüber 
diesen Dingen zu erkennen. 



Zur griechischen Wortforschung". 463 

iiDendlieb und der Äther in Überfülle vorhanden wäre' (Diels)^). 
Dieses baipiXöc hat schon Lobeck Path. prol. 114 richtig mit 
beiciXoc • beiXöc Hes. (beiciXoc L. Dindorf Thes. II 965 A) und 
EuciXoc Sophron 55 K. (Et. gen. töv dvaKpivöjuevov ^epovia 
HiJCiXov TiaiZiuJv €ipr|K€V oittö toö Kvdcöai kqi Hueiv xö bepjua) 
zusaramengestcllt, aber freilich das c der drei Wörter mit der 
Annahme, es sei das des Futurums, nicht aufgeklärt. Offenbar 
liegen Bildungen auf -coc zu Grunde, und zwar bei beiciXoc 
HuciXoc baijJiXoc im Sinne 'verschwenderisch' von Personen 
aktive Nomina agentis *beicoc *Hi3coc *bdi|Joc in der Art der 
ßeitr. S. 232 ff. kurz besprochenen wie iraXiv opcoc iroXii-xecoc 
lueGucoc KÖiLiTTacoc *Tpdccoc, bei baipiXöc im Sinne ^üppig, reich- 
lich' ein passivisches Adjektivum ('Partizipium') *bai|jöc in der 
Art von XoHöc 'seitwärts gebogen' zu Xexpioc, Ka)ui|JÖc 'gebogen' 
zu KotjUTTTuu,. pa|Livp6c 'gebogen' zu pajuqpri 'gebogenes Messer', 
pd)Li(poc 'krummer SchnabeF, pöcöc 'zusammengezogen, zusammen- 
geschrumpft' zu püTÖc 'gezogen', cppiEöc 'emporstarrend' (vom 
Haar) zu cppiiTuu u. a. bei Brugmann Sachs. Ber. 1899, 215 f. 
Das angetretene -iXoc aber ist die aus öpTiXoc opxiXoc xpoxiXoc 
cppuTiXoc AicxiXoc 'EpYiXoc ZuuiXoc GepciXoc KupciXoc OiviXoc 
ZocpiXoc u. a. bekannte Form des Deminutivsuffixes, hier jeden- 
falls mit deteriorierender Färbung. ciXoc und -iXoc liegen 
ohne fühlbaren Bedeutungsunterschied neben einander wie cuuv 
und -uüv (cekujv — qpeibuav Beitr. S. 232. ^45), -cäc und -de 
(xpecdc x^cdc — qpaydc baKvdc a. 0. S. 233). Die mit -r|C 
weiter gebildete Form banJiXr|c, die von Herodot (3, 130) und 
Hippokrates (tu. biair. oH. 65 I 142, 20 K.) abwärts herrscht, 
werden wir mit ojuaXrjc zusammenzustellen haben, das seit 
Xenophon und Piaton neben das vorher allein zu belegende 
ö)uaXöc tritt, ohne es freilich so vollständig zu verdrängen, 
wie das baipiXric mit baipiXöc gelungen ist: b\xa\6c allein findet 
sich bei Homer (i 327), Aischylos (Prom. 899 K.), Tlmkydides 
(oft; s. V. Essens Index), ofiiaXric neben 6|uaXöc bei Xenophon 
(jenes Hell 4, 6, 7 u. ö., dies Anab. 4, 2, 16), Piaton (jenes 
Grit. 118 A, dies Tim. 34 B. 57 E. 59 B. 67 B. 77 D. Leg. 
773 A. 918 B), Aristoteles (s. Bonitz' Index S. 506), in dem 
Pseudoxenophontischen Kynegetikos (jenes 2, 7, dies 5, 17), 



1) öavjiiXr]' TToWri hat auch Hesych ('forte öai|)iXfi' iroWi^v' M. 
Schmidt). 



464 fFelix Solmsen, 

6)aa\r|c weitaus überwiegend bei Theophrast (s. Wimmers In- 
dices)^ der ebenso wie Aristoteles auch dvuj|ua\ric neben dem 
sonst allein üblichen dvuj|uaXoc hat; daß die Bildungsweise auf 
-r|c wirklich bestanden hat, bestätigen die Inschriften; 6)Lia\ec 
IG. II 1054, 63 (347 v. Chr.). 6)LiaXouc 'Ecp. dpx. 1900, 91 ff. = 
Frickenhaus Athens Mauern im 4. Jh. v. Chr. (F^onner Diss. 
1905) S. 20 A 51 (337 v. Chr.). In der Folgezeit setzt sich 
das Schwanken fort, öjuaXoc z. B. bei Polyb (Schweighäusers 
Lexikon S. 406) und auf einer Inschrift aus Smyrna Ditt. 
Syll.2 583, 32 (v. Chr. Geb.), o^aXric bei Epikur (49, 14. 
53, 7 Us.), und die späteren Grammatiker suchten nach Ge- 
wohnheit einen Sinnesunterschied der beiden Wortgestalten 
ausfindig zu- machen (ö)naXec im toO rrpaYinaTOc, ö)LiaXöv eiri 
TÖTTOu* 0ouKubibr|c* Kai 7TpoeX0övT€C eic t6 ojnaXöv usw. Photios). 
Als die jüngeren Formen kennzeichnen sich bai|;iXric und b\xa\r\c 
schon durch die ganze Konstitution: Adjektiva auf -rjc haben, 
so weit sie nicht Zusammensetzungen sind, nur zwei Silben 
bis auf ubaprjc Xmapric (Wackernagel Dehnungsgesetz 4), und 
auch die letztgenannten beiden, von denen jenes seit Aisch. 
Ag. 762, dieses seit Soph. EI. 1378. Oed.'c. 1119 nachzu- 
weisen ist, werden wir als Erweiterungen aus ubapöc "^XiTrapöc 
zu verstehen haben i). Man möchte vermuten, daß den An- 
stoß zu dieser Umbildung die Komparative und Superlative 
auf eciepoc -ecxaTOc gegeben haben, die ja bei einer beträcht- 
lichen Anzahl von Adjektiven auf -oc im Ionischen und Atti- 



1) Das belegte Obapöc scheint freilich erst sehr jungen Zeit- 
läuften anzug-ehören (s. Thes. VIII 39 s. v.), und für *XiTrapöc ist 
Herodots (9, 21. 70) Xmapiri nur eine sehr schwache Stütze (vgl. 
A. Fritsch Zum Vokalisnuis des Herodotischen Dialekts Progr. Ham- 
burg 1888 S.21). Aber kommt das Verbum Xitrapeiv, das seit Ai- 
schjMos Prom. 522. 1003 K. und Herodot 1, 94 u. ö. im Gebrauch ist, 
von Xmapric oder *XTTrapöc? Bei der Schöpfung bzw. Durchführung 
von XiTtapfic könnte übrigens auch der Wunsch mitgespielt haben 
dies Adjektiv von Xitrapöc 'glänzend' noch stärker zu scheiden. — 
Ein weiteres nicht zusammengesetztes Adjektiv dreier Silben auf -ric, 
TTiiueXric. ist, soweit unsere Belege ein Urteil gestatten (Joseph. A. I. 
6, 7, 4. Appian Mac. Fgm. 14. Mend. Aquila Psalm. 117, 27 [Field 
Origenis Hexapla II 270]. Lukian Conv. 43), erst in der Kaiserzeit 
aus dem seit Sophokles (Ant. 1011) gangbaren iriiLieXri neugebildet: 
in älterer Zeit sagte man jriiaeXuubric (z. B. Aristoteles nach Bonitz' 
Index 594). Unklar in seiner Formation ist mir das homerische 

dipT€|LUflC. 



Zur griechischen Wortforschung-. 465 

sehen auftreten (s. Wackernagel Verm. Beitr. 12 f., der frei- 
lieh mit der Erscheinung nicht ganz fertig geworden ist); 
denn wenn diese Gradationsformen auch im ganzen nicht auf 
die Positive eingewirkt haben, so kann es doch bei ein paar 
Adjektiven geschehen sein. Allerdings sind gerade 6|uaXa)T€poc 
ojuaXuuxaTOc, so viel ich sehe, fest, aber es fragt sich, ob das 
auch im Ionischen der Fall gewesen ist, in dem wir vielleicht 
überhaupt den Ausgangspunkt, wie für die unregelmäßigen 
Komparative und Superlative auf -ectepoc -ecxaxoc, so für die 
Ersetzung von -oc durch -r|c in den genannten vier Adjektiven 
zu suchen haben. 

In jedem Falle gibt sich bav|;i\r|c, um das es uns hier 
ja in erster Linie zu tun ist, als ionisches Wort nicht nur 
durch die ältesten Fundstellen (Empedokles, Herodot, Hippo- 
krates) zu erkennen, sondern auch durch sein weiteres Vor- 
kommen in den Texten. Den strengen Attikern ist es fremd, 
es steht nur bei Xenophon (Rutherford Phrynichus 167) und 
an zwei Stellen der mittleren Komödie, Antiphanes Fgm. 286 
II 126 K. und Sophilos Fgm. 6, 1 II 446 K., die zeigen, daß 
es mit dem Fortgang des 4. Jahrhunderts auch in das ge- 
sprochene Attische Einlaß gefunden hat. Seine eigentliche 
Blütezeit aber tritt mit der Gemeinsprache ein: Aristoteles 
und Theophrast haben es; unter den alexandrinischen Dichtern 
Lykophron (Alex. 957. Mevebrnuoc Zdiupoi Fgm. 2, 3 Nauck 
Tr.2 817), Theokrit (7, 145), Kallimachos (Hymn. 4, 125), 
Sositheos (Fgm. 2, 17, Nauck Tr.^ 822), dazu Pseudepicharm 
(Fgm. 139, 4 Ahr.; Axiopistos? Chrysogonos?) und Herodas 
(7, 84), der noch einmal ionische Herkunft sicherstellt; des 
weiteren Steine aus Ägypten, vom Pontos (Istropolis Ditt. 
Syll.^ 325, 34) und aus Kleinasien (Kyzikos ib. 366, 16. Se- 
bastopolis Ditt. Or. graec. inscr. 529, 19) und von Prosa- 
schriftstellern die Septuaginta nebst Aristeas, Polybios, Diodor, 
Plutarch, Dion von Prusa, Alkiphron (vgl. Mayser Gramm, 
d. gr. Pap. 31, der das Wort ohne Grund zu den 'poetischen' 
Bestandteilen der Koine rechnet). Wie gebräuchlich es seit 
dem 3. Jahrhundert war, bezeugt auch die Tatsache, daß es 
der lateinischen Umgangssprache von Plautus an ganz geläufig 
ist, und zwar, wozu die damalige griechische Aussprache des 
Ti genügenden Anlaß bot, an die Bildungen wie facilis similis 
angelehnt als dapsilis. 

Indogermanische Forschungen XXXI. 30 



466 fFelix Solmsen, 

3. Kpoiöc. 
Das Adjektivum Kpoiöc war bisher nur durch die glosso- 
graphisch-grammatische Literatur bekannt: Kpoiöc* vocuubric. 
dcGevric Hesych; cecrjjueiuuTai tö Kpoiöv im tou KoXoßou Theo- 
gnost. Anecd. Ox. II 21, 6; Kpoiöc KoXoßöc Zonaras 1253. 
Seit kurzem aber ist seine Richtigkeit auch durch ein inschrift- 
liches Zeugnis verbürgt: in einem attischen Gesetz über den 
Bau von Mauern aus dem Jahre 337 v. Chr.^ das Dragatsis 
'Ecp. dpx- 1900, 91 ff. erstmals veröffentlicht und das A. P>icken- 
haus in seiner Dissertation ^Athens Mauern im 4. Jh. v. Chr.' 
(Bonn 1905) S. 14 ff. eingehender besprochen hat, heißt es 
A 63ff. : edv be Tic XiGoc e'xei ti Kpoiöv juf] \ieilov f\ fmi- 
TTobiou, )ufi ecxai qpavepöv Keijuevou toö XiGou, eciai bÖKijuoc. 
Diese Bestimmung mildert eine vorhergehende : oi juicGiucdjuevoi 
Totc TO)adc TÜuv XiGuuv im m Teixr) t6)liouciv Treipac ÖTiöGev dv 
€KacTOC |aic6iucr|Tai 6)uaXoiiC Kai ufioöc Kai TreXeKricouciv 
öpGoOc TiavTaxTii ^ai euYUJviouc usvr. Der erste Heraus- 
geber hatte KpOiov gelesen und das zu Kp(ij)q)iov ergänzt, was 
trotz seiner Versicherung des Gegenteils keinen Sinn ergibt. 
Daß Kpoiöv zu lesen ist, steht nach der von Frickenhaus S. 20 
mitgeteilten Kollation Washburns außer Zweifel, und Fr. hat 
denn auch richtig die oben aufgeführten Glossen herangezogen 
und den Ausdruck auf eine fehlerhafte Beschaffenheit des 
Steines gedeutet, die, wenn sie ein bestimmtes Maß nicht über- 
schreitet und bei der Vermauerung verdeckt werden kann, 
seine Benutzung nicht hindern soll. Über die Etymologie des 
Wortes hat sich, soviel ich sehe, noch niemand geäußert, 
und doch liegt eine solche nicht allzu fern. Nehmen wir 
Kpoiöc als *KpoiFöc, so bieten sich zum Vergleiche lit. krelvas 
'schief = abulg. Icrivil 'schief, krumm, lahm', osllit. kraivas 
'krumm, schief, apy-kraivis 'gekrümmt'; Belege für die letz- 
teren, mit denen sich Kpoiöc in der Wurzelstufe deckt, bei 
Leskien Ablaut der Wurzelsilben 276. Bild. d. Nom. 344. 
Daß das -uo- suffixal ist, folgt aus lett. kraus 'gebogen, ge- 
krümmt'. Der Übergang von 'schief, krumm' zu 'verstümmelt' 
einer-, 'schwach, kränklich' andererseits macht keine Schwie- 
rigkeiten; in der Bauinschrift kann Kpoiöv noch geradezu 
'schief oder 'krumm' besagen. Woher die Glossographen das 
Wort kennen, läßt sich nicht ausmachen. Im Attischen hat 
es sich allem Anscheine nach nur in der technischen Sprache 



Zur griechischen Wortforschung*. 467 

der Bauhandvverker gehalten; daß Standessprachen allein ur- 
altes Sprachgut fortführen, ist, wie man weiß, keine Seltenheit. 
Hält man sich an die bei Hesych verzeiclinete Bedeu- 
tungsnuance vocuubric, dc0evr|c, so fühlt man sich versucht, an 
Kpoiöc auch das germanische ^hraiwa- 'Leichnam' in aisl. hrce, 
ae. hrd{w), as. ahd. hreo und in got. hraiwa-dübö Turtel-', 
d. i. 'Leichentaube' anzuschließen, das noch keine etymolo- 
gische Deutung gefunden hat. Doch ist das natürlich bei 
weitem unsicherer als der Vergleich mit den lituslavischen 
Wörtern. 

4. 6|uixeuj. 

Gr. ojuixeo) unterscheidet sich von den auswärtigen Ver- 
tretern der idg. Wortfamilie in doppeltem Betracht in recht 
auffallender Weise: in seiner Präsensbildung und in seinem 
Wurzel vokal. Die anderen Sprachen haben entweder ein 
themavokalisches Präsens in der Weise der ai. I.Klasse: ai.me- 
hati^ aw. maezaHi, arm. mizem, aisl. miga, ae. mi^an oder eines 
mit Nasalinfix: lat. mingo, lit. mezu aus *menzu für *minzu 
(s. Leskien Ablaut d. Wurzelsilben 279) oder endlich eines 
mit zo-Suffix: lat. meiio aus *meighio, serh. mlzäm mlzati s^ns 
urslav. *mizq (für *mizjq) ^mizati (s. wegen der letzten Bil- 
dungsweise KZ. 39, 218f. Anm. 1)^); eine Formation auf -ei'ö 
begegnet nirgends, und sie ist bei einem primären Verbum 
seltsam genug. Als schwundstufige Gestalt der Wurzel meigh 



1) Ich ziehe die Erklärung von lat. meiio aus *meighiö der- 
jenigen aus *meiho (Lindsay, Brugmann u. a ) deshalb vor, weil die 
Lautbehandlung im ersten Falle Analogien in aiio aus *agio, maiior 
aus *magiös, baiiulus aus *bagiolos (KZ. 37, 23) hat, im zweiten aber 
solcher entbehrt und das Schicksal von deiuos : deus, ^oleiuom aus 
gr. ^Xaiov : oleum auch für *meiho eher Entwicklung zu *meo er- 
warten ließe. — Ich benutze die Gelegenheit, noch einen anderen 
Fall mit intervokalischem -ii- zur Sprache zu bringen, der bisher 
nicht ganz richtig beurteilt ist. W. Meyer-Lübke Gramm, d. rom. 
Spr. 1, 32 setzt für it. paggio, das man schon längst aus dem gr. 
iraibiov herleitet, ein volkslat. *pddium an und vergleicht das mit 
cräpula gegenüber KpanrdXr]. Diese Annahme ist jedoch unnötig. 
Wie it. maggiore peggiore aus maiiörem peiiörem zeigen, kann 
paggio auf *paiium zurückgehen, und das ist die Form, zu der sich 
uaibiov entwickeln mußte, sobald es lateinischen Akzent *paidiom 
annahm; vgl. caiia aus *caidia (Thurneysen KZ. 32, 566. Verf. 
Stud. 59 Anm. 1). 



468 fFelix Solmsen, 

moigh (in gr. luoixöc) aber kennen die übrigen Spraehzweige 
nur mtgh mit kurzem t: ai. mih mihe mihya memihat, ae. 
■mic^a mi^ody got. maihstus, ahd. mist, lit. miziüs mizia, sla- 
viscli vielleicht slov. mzi mzeti 'sprudeln' aus '^miz-\ wo % 
erseheint, ist es erst durch einzelsprachliche Ersatzdehnung 
aus t hervorgegangen: ai. midhd- 'Kot' aus "^mtzdha-, lit. myzau 
myzti myzalaiy lett. mifu mift aus '^minz- (s. Leskien a. a. 0.). 
Für 6|uTxeu) aber wird heute niemand mehr Entstehung aus 
*6juiTXtiAJ vertreten wollen, wie sie J. Schmidt Voc. 1, 128 
annahm. Tatsächlich sind nun aber die beiden anstößigen 
Eigenheiten in keiner Weise gesichert. Wirklich belegt sind 
aus lebendigem Gebrauche ojuixeiv Hesiod Op. 121 (so in allen 
Hss.). XojußoXa des Pythagoras Diog. Laert. 8, 17. 6juix|uaTa 
Aischylos Fgm. 435 N.^ aus Hesych und Photios (bei letzterem 
verderbt). ujjuiHev Hipponax 55 A B> aus Choiroboskos Schol. 
zu den Kavövec des Theodosios II 109, 8 ff. H. (hier ojurixiJu 
uj)uriH€v der Coislinianus), Etym. M. 624, 4 ff., Gramer Anecd. 
Ox. 4, 416, 8, Eustath. zu E 531. djuTHar oupficai ri 6|u THai 
Hesych. Man sieht, nur die ältere Literatur, die über natür- 
liche Dinge naiv dachte und sprach, braucht das Verbum, die 
jüngere seit dem 5. Jahrhundert vermeidet es zugunsten des 
milderen oupeiu (Wackernagel KZ. 29, 129). Aus der Rede 
des Tags braucht es darum nicht geschwunden zu sein, und 
es ist sehr möglich, daß die Aussprache i für echtes ei, die 
in dieser im Ablauf der Jahrhunderte eintreten mußte, wie 
in tausend anderen Fällen auch in die alten Texte ge- 
drungen ist, ohne bei dem seltenen Vorkommen des Verbums 
in diesen eine Korrektur zu finden. Es ist weiter möglich, 
daß die spätere Sprache das Präsens ojuixuJ und Futurum 
6juixr|cuu, das die genannten grammatischen Traktate — und 
nach ihnen unsere Hilfsmittel seit der Renaissance — geben, nach 
dem Muster eben von oupiu oupr|cuu neugebildet hat, möglich 
freilich auch, daß das nur der Grammatiker (alexandrinischer 
Zeit?) getan hat, auf den die Angaben jener Traktate zurück- 
gehen. In jedem Falle widerspricht es keiner Regel gesunder 
Kritik, wenn wir bei Hesiod und Pythagoras noch öjueixeiv, 
bei Hipponax ujjueiHe, bei Aischylos öjueixiuaTa schreiben. 

Beispiele von gegenseitiger Beeinflussung zwischen Verben, 
die dieses Gebiet beschlagen, finden sich auch sonst. Ich 
habe KZ. 39, 21 8 f. Anm. 1 die Flexion und das durch- 



Zur griechischen Wortforschung. 469 

stehende z des serb. mlzam mlzati aus der Einwirkung* des 
gleichbedeutenden pisäm pisati, das seinerseits auf ital. pisciare 
zurückgeht, erklärt. Zwei weitere Fälle bietet das Lateinische. 
Der Übertritt von meliere in die erste Konjugation, der durch 
das Zeugnis des Diomedes GLK. I 369, 11, des Priscian 
II 495, 5, des Pelagonius Vet. 8, 139 ff. Ihm, des Pseudo- 
plinius bei Heim Incantamenta magica Fleckeis. Jhb. Suppl. 
19, 560 und der Inschrift aus Salonae CIL. III 1966 beglau- 
bigt und durch das Zusammenstimmen von sard. meare, span. 
meavy port. mijar in verhältnismäßig alte Zeit hinaufgerückt 
wird, wird nach dem Vorbilde von cacare erfolgt sein (vgl. 
Pelagon. 24, 308 qui sanguinem meiant aut cacant. CIL. 
a. a. 0. aut non cacaverit aut non miaverit). Die Philoxenus- 
glossen überliefern sonst nicht bezeugte siat oupeT im ßpe- 
cpouc CGL. II, 183, 29. sissiat KdGriiai em ßpeq)ouc ib. 185, 14. 
Hat Bücheier, der als erster Rhein. Mus. 43, 480 diesen Wör- 
tern Aufmerksamkeit geschenkt hat, recht mit der Annahme, 
wir hätten in ihnen die Entsprechung des abulg. slcati und 
ahd. seihherij ndd. sehen vor uns, so wird der Verlust des 
inlautenden Gutturals durch den Einfluß von miare, wie nach 
Ausweis der angeführten Inschrift das Volk sagte, verschuldet 
sein^). Sind sie erst innerhalb des Lateinischen aus dem Laute 
heraus gebildet, mit dem die Wärterin in der Kinderstube die 
Verrichtung zu begleiten pflegt, so werden sie die ganze En- 
dung, die sie zum Verbum macht, von dieser Form über- 
nommen haben ^). 



1) Bücheier selbst, dem Heraeus Archiv f. lat. Lex. 13, 166 f. 
und W. Meyer-Lübke Grdr. d. rem. Phil. 1^, 477 f. folgen, nimmt 
umgekehrt an, miare habe sich nach siare gerichtet. Dabei bleibt 
indes der Wegfall des Gutturals unerklärt. Walde Et. lat. Wtb. 569 
leitet darum siat aus *sijat und dies aus sigat her mit der Stufe 
des Konsonanten, die ahd. seihhen, ndd. seke7i und nhd. sickern 
gegenüber ahd. sthan 'seihen' aufweisen. Aber sollte diese Stufe, 
die nur im Germanischen gegenüber der einhelligen Tenuis aller 
anderen Sprachen (J. Schmidt Voc. 1, 63. Zupitza Gutt. 68) erscheint, 
nicht erst im Sonderdasein dieses Zweiges durch irgendwelche Ana- 
logie ins Leben gerufen sein? 

2) In wie starkem Masse übrigens meiio ein Spielball der Ana- 
logie gewesen ist — was bei einem so viel gebrauchten Worte des 
Lebens nicht wundernehmen liann — , zeigen die verscliiedenen 
Formen seines Perfekts. Die altererbte ist mixi = gY. üj|u(€)i2a. Sie 



470 t Fei ix So Im seil, 

5. Kypr. äül, TTaib- aus iraFib- und die Sippe von TtaTc. 
Daß Traib- in iraiböc usw. aus TraFib- entstanden ist, wird 
durch das Traue der attischen Vasen (Kretschmer 188 ff.) höchst 
wahrscheinlich gemacht, durch -rraFibi eines Gefäßes aus dem 
thebanischen Kabirion IG. VII 3989 ^) zur Sicherheit erhoben. 
Merkwürdig ist nun aber, daß dieser Stamm wenigstens in 
einem Teile des griechischen Sprachgebiets sein F ungewöhnlich 
früh verloren hat: die